Die Günderode. Erster Theil. Grünberg und Leipzig, bei W. Levysohn. 1840 . Briefe aus den Jahren 1804 — 1806. Den Studenten . Die Ihr gleich goldnen Blumen auf zertret¬ nem Feld, wieder aufsprosset zuerst! In fröhlichen Zukunftsträumen der Muttererde huldigt, harrend voll heiligem Glauben daß endlich Eurer Ahnung Gebild vollende der Genius, und Fesseln der Liebe Euch umlege und großer Männer Unsterblichkeit in den Busen Euch säe. — Die Ihr immer rege, von Geschlecht zu Ge¬ schlecht, in der Noth wie in des Glückes Tagen auf Begeistrungspfaden schweift; in Germanias Hainen, auf ihren Ebnen und stolzen Bergen, am gemeinsamen Kelch heiligkühner Gedanken Euch be¬ rauschend, die Brust erschließt, und mit glühender Thräne im Aug, Bruderliebe schwört einander, Euch schenk ich dies Buch. Euch Irrenden Suchenden ! die Ihr hin¬ anjubelt den Parnassos, zu Kastalias Quell; reich¬ lich der aufbrausenden Fluth zu schöpfen den He¬ roen der Zeit, und auch den Schlafenden im schwei¬ genden Thal, schweigend, feierlichen Ernstes die Schale ergießt. Die Ihr Hermanns Geschlecht Euch nennt, Deutschlands Jüngerschaft ! — Dem Recht zur Seite, Klingenwetzend der Gnade trotzt; mit Schwerdterklirren und der Begeistrung Zuversicht, der Burschen Hochgesang anstimmt: „ Landesvater, Schutz und Rather !“ mit flammender Fackel, donnernd ein dreifach Hoch dem Herrscher, dem Vaterland, dem Bruderbunde jauchzt, und: „ Strömen gleich, zusammenrauschet in ein gewaltig Heldenlied .“ Ihr die mit Trug noch nicht nach nichtiger Hoff¬ nung jagtet! — Wenn der Philister Thorenge¬ schlecht den Stab Euch bricht, so gedenket Musen¬ söhne ! daß ihre Lärmtrommel, des leuchtenden Py¬ thiers Geist nicht betäubt; keine Lüge haftet an ihm, keine That, kein Gedanke! Er ist wissend! — und lenkt, daß unberührt von des Gesetzes Zwang, schnellen feurigen Wachsthums, das Göttliche er¬ blühe und in der Zeiten Wechsel, ein milder Ge¬ stirn schützend über Euch hinleuchte. An die Günderode. Der Plaudergeist in meiner Brust hat immer fort geschwäzt mit Dir, durch den ganzen holperigen Wald bis auf den Trages, wo Alles schon schlief, sie wachten auf und sagten, es wäre schon 1 Uhr vorbei, auf dem Land blasen sie Abends die Zeit aus, wie eine Kerz, die man sparen will. Wie ich erzählte, daß Du mit¬ gefahren warst bis Hanau, da hätten sie Dich All gern hier haben wollen, ein Jeder für sich allein, da wär ich doch um Dich gekommen. Durch Dich feuert der Geist wie die Sonn durchs frische Laub feuert, und mir gehts wie dem Keim, der in der Sonn brütet, wenn ich an Dich denken will, es wärmt mich und ich werd freudig und stolz und streck meine Blätter aus, und oft bin ich unruhig und kann nicht auf einem Platz blei¬ ben, ich muß fort ins Feld, in den Wald; — in freier Luft kann ich alles denken, was im Zimmer unmöglich war, da schwärmen die Gedanken über die Berg und ich seh ihnen nach. 1 Alles ist heut nach Meerholz gefahren zum Vetter mit der zu großen Nas, ich bin allein zu Haus, ich hab gesagt, ich wollt schreiben, aber die Hauptursach war die Nas. Eben komm ich aus der Lindenallee, ich hab das ganze Gewitter mitgemacht, die Bäum geben gut Bei¬ spiel, wie man soll standhaft sein im Ungewitter, Blitz und Donner hinter einander her, bis sie außer Athem waren, nun ruhen alle Wälder. Ich war gleich naß, und so warm der Regen, hätt's nur stärker noch reg¬ nen wollen, aber bald wars schön Wetter. und der Re¬ genbogen auf dem Saatfeld, ich war wohl eine halbe Stund weit gelaufen und ihm doch nicht näher ge¬ kommen, da fiel mir ein, daß man oft denkt, es wär so nah alles, was man gern erreichen möcht, und wie man mit allem Eifer doch nicht näher rückt. Wenn nicht die Schönheit vom Himmel herab uns überstrahlt, von selbst, ihr entgegenlaufen ist umsonst, — ich hab den ganzen Nachmittag verlaufen, eben kommen sie schon angefahren. Sonntag. Gestern ging ich noch allein in der Dunkelheit durchs Feld. Da fiel mir wieder ein, alles was wir am Sonntag von Frankfurt bis Hanau im Wa¬ gen zusammen geredet haben; — wer von uns bei¬ den zuerst sterben wird. Jetzt bin ich schon acht Tag hier, unser Gespräch klingt noch immer nach in mir. „Es giebt ja noch Raum außer dieser klei¬ nen Tags- und Weltgeschichte, in dem die Seel ih¬ ren Durst, selbst etwas zu sein, löschen dürfe,“ sag¬ test Du. — Da hab ich aber gefühlt, und fühls eben wieder und immer: wenn Du nicht wärst, was wär mir die ganze Welt? — kein Urtheil, kein Mensch ver¬ mag über mich, aber Du! — auch bin ich gestorben schon jetzt, wenn Du mich nicht auferstehen heißest und willst mit mir leben immerfort; ich fühls recht, mein Leben ist blos aufgewacht, weil Du mir riefst, und wird sterben müssen, wenn es nicht in Dir kann fort¬ gedeihen. — Frei sein willst Du, hast Du gesagt? — ich will nicht frei sein, ich will Wurzel fassen in Dir — eine Waldrose, die im eignen Duft sich erquicke, will die der Sonne sich schon öffnen und der Boden löst sich von ihrer Wurzel, dann ists aus. — Ja mein Le¬ ben ist unsicher; ohne Deine Liebe, in die es einge¬ pflanzt ist, wirds gewiß nicht aufblühen und mir ists eben so durch den Kopf gefahren, als ob Du mich ver¬ gessen könntest, es ist aber vielleicht nur weils Wetter 1* leuchtet so blaß und kalt, und wenn ich denk an die feurigen Strahlen, mit denen Du oft meine Seele durchleuchtest! — bleib mir doch. — Bettine. An die Bettine. Ich habe die Zeit über recht oft an Dich gedacht, liebe Bettine. Vor einigen Nächten träumte mir, Du seist gestorben, ich weinte sehr darüber und hatte den ganzen Tag einen traurigen Nachklang davon in mei¬ ner Seele. Als ich den Abend nach Hause kam, fand ich Deinen Brief; ich freute mich und wunderte mich, weil ich glaubte, einen gewissen Zusammenhang zwi¬ schen meinen Träumen und Deinen Gedanken zu finden. Gestern Abend ist Clemens hier angekommen, ich wollte Du wärst hier, es würde ihm viel behaglicher und heimlicher sein, ich glaube, wenn Du nicht bald hierher kömmst, so geht er nach Trages. In diesem ganzen Brief ist wohl noch kein einzi¬ ges Wort, was Dich erfreut? Du drehst das Blatt herum und siehest ob nicht eine Art von russischem Ca¬ briolet gefahren kommt; aber es will nichts kommen; weißt Du warum? weil ich Ihn in der ganzen Zeit nur zwei Minuten gesehen habe; weil Er geritten kam, und weil er kein vernünftiges Wort gesprochen hat. Sei lustig Bettine, und laß Dir nicht mit Cabriolets im Herzen herum fahren. Grüße den Savigny recht freundlich von mir, er¬ innere ihn doch zuweilen an mich, ich habe ihn sehr lieb, aber nach Trages komme ich doch nicht. Thue mir den Gefallen und frage die Sanchen, ob ich nicht einen Chignonkamm und eine Kette in Trages hätte liegen lassen? — Wenn Du noch nicht bald wie¬ der zu uns kommst, so schreibe mir wieder, denn ich habe Dich lieb, sage mir auch wie Ihr lebt. Karoline. Grüße doch auch die Gundel von mir. Auf mei¬ ner Heimfahrt von Hanau hab ich das Gespräch ge¬ dichtet, es ist ein bischen vom Zaun gebrochen. — Ich wollt die Prosa wär edler, daß heißt: ich wollt sie wär musikalischer; es enthält viel, was wir im Gespräch berührt haben. Du schreibst mit mehr Musik Deine Briefe, ich wollt ich könnt das lernen. Die Manen. Schüle r. Weiser Meister! ich war in den Kata¬ komben der Schwedenkönige, ich nahte mich dem Sarg des Gustav Adolph mit sonderbarem schmerzlichem Ge¬ fühl, seine Thaten gingen an meinem Geist vorüber, ich sah zugleich sein Leben und seinen Tod, seine über¬ schwengliche Thatkraft und die tiefe Ruhe, in der er schon dem zweiten Jahrhundert entgegenschlummert; ich rief mir die grausenvolle Zeit zurück, in der er lebte, mein Gemüth glich einer Gruft, aus der die schwan¬ kenden Schatten der Vergangenheit heraufsteigen. Ich weinte so heiße Thränen seinem Tod, als sei er heute erst gefallen. Dahin! Verloren! Vergangen! sagte ich mir, sind dies des großen Lebens Früchte alle? — Ach! — ich mußte die Gruft verlassen, ich suchte Zer¬ streuung, ich suchte andre Schmerzen, aber der unterir¬ dische trübe Geist verfolgt mich, ich kann die Wehmuth nicht los werden, die wie ein Trauerflor über meine Gegen¬ wart sich legt, dies Zeitalter ist mir nichtig und leer, sehn¬ lich und gewaltig zieht michs in die Vergangenheit dahin! Vergangen, so ruft mein Geist. O möcht ich mit vergan¬ gen sein und diese schlechte Zeit nie gesehen haben, in der die Vorwelt vergeht, an der ihre Größe verloren ist. — Lehrer . Verloren ist nichts, junger Schüler, und in keiner Weise, nur das Auge vermag nicht des Grun¬ des unendliche Folgenkette zu übersehen. Aber willst Du auch dies nicht bedenken, Du kannst doch nicht verloren nennen und dahin, was so mächtig auf Dich wirkt; — Dein eigen Geschick, die Gegenwart bewegen Dich so heftig nicht, wie das Andenken des großen Kö¬ nigs, lebt er da nicht jetzt noch mächtiger in Dir als die Gegenwart, oder neunst Du nur Leben was im Fleisch und im Sichtbaren fortlebt, und ist Dir dahin und verloren was noch in Gedanken wirkt und da ist? — Schüler . Wenn es Leben ist, so ist es doch nicht mehr als Schattenleben, dann ist die Erinnerung des Gewesenen mehr als die bleiche Schattenwirklichkeit. Lehrer . Gegenwart ist ein flüchtiger Augenblick, sie vergeht indem Du sie erlebst, des Lebens Bewußt¬ sein liegt in der Erinnerung, in diesem Sinn nur kannst Du Vergangnes betrachten, gleichviel ob es längst oder eben nur vorging. Schüler . Du sprichst wahr! — So lebt denn ein großer Mensch nicht nach seiner Weise in mir fort, sondern nach der meinen. Wie ich ihn aufnehme, wie und ob ich mich seiner erinnern mag? — Lehrer . Freilich lebt das nur fort in Dir, was Dein Sinn befähigt ist aufzunehmen, insofern es Gleich¬ artiges mit Dir hat, das Fremdartige in Dir tritt nicht mit ihm in Verbindung, darauf kann er nicht wir¬ ken und mit dieser Einschränkung nur wirken alle Dinge. Wofür Du keinen Sinn hast, das geht Dir verloren, wie die Farbenwelt dem Blinden. Schüler . So muß ich glauben nichts gehe ver¬ loren, da alle Ursachen in ihren Folgen fortleben, daß sie aber nur wirken auf das, was Empfänglichkeit oder Sinn für sie hat. — Der Welt mag genügen an die¬ sem Nichtverlorensein , an dieser Art fortzuleben, mir ist es nicht genug, ich möchte zurück in der Ver¬ gangenheit Schooß, ich sehne mich nach unmittelbarer Verbindung mit den Manen der großen Vorzeit. Lehrer . Hältst Du es denn für möglich? — Schüler . Ich hielt es für unmöglich als noch kein Sehnen mich dahin zog, gestern hätte ich noch jede Frage danach für thöricht gehalten, heute wünsche ich schon die Verbindung mit der Geisterwelt wäre mög¬ lich, ja mir deucht ich wäre geneigt sie glaublich zu finden. Lehrer . Mir deucht die Manen des großen Gu¬ stav Adolph haben deinem innern Auge zum Lichte ver¬ holfen. So vernehme mich denn. So gewiß alles Har¬ monische in Verbindung stehet, es mag sichtbar oder unsichtbar sein, so gewiß sind auch wir in Verbindung mit dem Theil der Geisterwelt, der mit uns harmonirt. Ähnliche Gedanken verschiedener Menschen, auch wenn sie nie von einander wußten, ist in geistigem Sinn schon Verbindung, der Tod eines Menschen, der in sol¬ cher Berührung mit mir stehet, hebt sie nicht auf; der Tod ist ein chemischer Prozeß, eine Scheidung der Kräfte, aber kein Vernichter, er zerreißt das Band zwischen mir und ähnlichen Seelen nicht, aber das Fortschreiten des Einen und das Zurückbleiben des Andern kann wohl diese Gemeinschaft aufheben, wie Einer, der in allem Trefflichen fortgeschritten ist, mit dem unwissend gebliebnen Jugendfreund nicht mehr zusammen stimmen wird. Du wirst dies leicht ganz allgemein und ganz aufs besondere anwenden können. Schüler . Vollkommen! — Du sagst Harmonie der Kräfte ist Verbindung, der Tod hebt diese Verbin¬ dung nicht auf, da er nur scheidet und nicht vernichtet. Lehrer . Ich fügte hinzu, das Aufheben dessen, was diese Harmonie bedingt, müßte auch nothwendig diese Verbindung aufheben — eine Verbindung mit Verstorbenen kann also Statt haben, insofern sie nicht aufgehört haben, mit uns zu harmoniren. 1** Schüler . Ich kann es fassen. Lehrer . Es kommt nur darauf an, diese Verbin¬ dung gewahr zu werden. Blos geistige Kräfte können unsern äußern Sinnen nicht offenbar werden, sie wir¬ ken nicht durch Aug und Ohr, sondern durch das Or¬ gan, durch das allein eine Verbindung mit ihnen mög¬ lich ist; durch den innern Sinn, auf ihn wirken sie un¬ mittelbar. Dieser innere Sinn, das tiefste und feinste Seelenorgan, ist bei fast allen Menschen unentwickelt und nur dem Keim nach da. — Das Weltgeräusch, der Menschheit Handel und Wandel, der nur ober¬ flächlich und nur die Oberfläche berührt, lassen es zu keiner Ausbildung, zu keinem Bewußtsein kommen, so wird es nicht erkannt, und was sich zu allen Zeiten in ihm offenbarte, hat viele Zweifler und Schmäher ge¬ funden, und bis jetzt ist sein Empfangen und Wirken nur in seltnen Menschen, die individuellste Seltenheit. — Ich will nicht ungeistigen Gesichten und Geistererschei¬ nungen das Wort reden, aber ich fühle deutlich, daß der innere Sinn so hoch angeregt werden kann, daß die innere Erscheinung vor das körperliche Auge treten kann, wie auch umgekehrt die äußere Erscheinung vor das geistige Auge tritt; so brauch ich nicht durch Be¬ trug oder Sinnentäuschung alles Wunderbare zu er¬ klären, doch weiß ich, man nennt in der Weltsprache diese innere Entwicklung der Sinne, Einbildung. Wessen Geistesauge Licht auffängt, der sieht dem Andern unsichtbare, mit ihm verbundene Dinge. Aus diesem innern Sinn sind die Religionen hervorgegan¬ gen, und so manche Apokalipsen alter und neuer Zeit. Aus dieser Sinnenfähigkeit, Verbindungen wahrzunehmen, die andere, deren Geistesauge verschlossen ist, nicht fassen, entsteht die prophetische Gabe, Gegenwart und Ver¬ gangenheit mit der Zukunft zu verbinden, den noth¬ wendigen Zusammenhang der Ursachen und Wirkungen zu sehen, Prophezeihung ist Sinn für die Zukunft. Man kann die Wahrsagerkunst nicht erlernen, der Sinn für sie ist geheimnißvoll, er entwickelt sich ge¬ heimnißvoller Art; er offenbart sich oft nur wie ein schneller Blitz, der dann von dunkler Nacht wieder be¬ graben wird. Man kann Geister nicht durch Beschwö¬ rung rufen, aber sie können dem Geist sich offenbaren, das Empfängliche kann sie empfangen, dem inneren Sinn können sie erscheinen. — Der Lehrer schwieg und sein Zuhörer verließ ihn. Mancherlei Gedanken bewegten sein Inneres, und seine ganze Seele strebte, sich das Gehörte zum Eigenthum zu machen. An die Günderode. Du weißt, daß der Bostel hier ist, — der läuft mir immer nach und sagt: „Bettine warum sind Sie so unliebenswürdig?“ — ich frag, wie soll ichs machen, um liebenswürdig zu sein? — „Sein Sie wie Ihre Schwester Loulou, sprechen Sie ruhig mit Einem und bezeigen Sie doch nur ein klein wenig Theilnahme an, was man Ihnen sagt, aber wenn man Sie auch aus Mitleid wie ein Mädchen, das schon was bedeutet, be¬ handlen wollt, es ist nicht möglich, Sie haben nicht weniger Unruh als eine junge Katz, die einer Maus nachläuft, derweil man Ihnen die Ehre anthut, mit Ihnen zu sprechen. Klettern Sie auf Tisch und Schrän¬ ken herum, Sie steigen zu den alten Familienportraiten und scheinen weit mehr Antheil an deren Gesichter zu nehmen als an uns Lebenden.“ — Ja Herr von Bo¬ stel das ist blos weil die dort so ganz übersehen und vergessen sind, weil kein Mensch mit denen spricht, da gehts mir grade wie es Ihnen mit mir geht. Aus Mit¬ leid, weil ich übersehen bin, sprechen Sie mit mir jun¬ gem Gelbschnabel und das steckt mich an, daß ich das¬ selbe Mitleid mit den alten gemalten Perücken haben muß. — „Aber sagen Sie, sind Sie gescheut? — Wie wollen sie Mitleid haben mit gemalten Bildern?“ — Ei Sie habens ja auch mit mir! — „Nun ja, aber die Bilder empfinden's doch nicht.“ — Ei ich empfind's auch nicht. — „Aber bei Gott ich bemitleide Sie,— — Sie sind auf dem Weg närrisch zu werden.“ — Ich hätt Dir die Dummheiten nicht erzählt, wenns nicht einen großen Lärm gegeben hätt, der Clemens wollte das vom guten Bostel nicht haben, sie redeten so heftig hin und her von Schelmufsky und dem Gro߬ mogul, und im kleinen Häuschen, wo sie zusammen hingegangen waren, ward es so laut, daß es sich von Weitem wie Streit anhörte, ich ging hinunter und wartete bis der Bostel herauskam, der war ganz er¬ hitzt, ich nahm alles auf mich, und bat um Verzeihung, daß ich so unartig gewesen sei, und was weiß ich, was ich alles sagte, bis er endlich versprach, mit dem Cle¬ mens nicht mehr bös zu sein, und wenn ich meine Un¬ art eingestehe, so wolle er mir verzeihen. — Ich ge¬ stand alles zu, dachte aber doch heimlich, was der vor ein possierlicher Kerl wär; der Clemens kam dazu, da ward von beiden Seiten die Schuld auf mich gescho¬ ben; ich ließ es ohne Widerspruch geschehen und be¬ sänftigte beide, sie gaben einander die Hand und mir gute Lehren. Die Menschen sind gut, ich bin es ihnen von Her¬ zen, aber wie das kommt, daß ich mit Niemand spre¬ chen kann? — Das hat nun Gott gewollt, daß ich nur mit Dir zu Haus bin. — Die Manen les ich im¬ mer wieder, sie wecken mich recht zum Nachdenken. Du meinst daß Dir die Sprache nicht drinn gefällt? — Ich glaub, daß große Gedanken, die man zum ersten¬ mal denkt, die sind so überraschend, da scheinen einem die Worte zu nichtig, mit denen man sie aufnimmt, die suchen sich ihren Ausdruck, das ist man als zu zag¬ haft einen zu gebrauchen, der noch nicht gebräuchlich ist, aber was liegt doch dran? ich wollt immer so re¬ den wie es nicht statthaft ist, wenn es mir näher da¬ durch kommt in der Seel, ich glaub gewiß, Musik muß in der Seele walten, Stimmung ohne Melodie ist nicht fließend zu denken; es muß etwas der Seele so recht angebornes geben, worin der Gedankenstrom fließt. — Dein Brief ist ganz melodisch zu mir, vielmehr wie Dein Gespräch. „ Wenn Du noch nicht bald wie ¬ der zu uns kommst , so schreibe mir wieder , denn ich habe Dich lieb .“ Diese Worte haben ei¬ nen melodischen Gang, und dann: „ Ich habe die Zeit über recht oft an Dich gedacht liebe Bet¬ tine ! vor einigen Nächten träumte mir , Du seiest gestorben , ich weinte sehr darüber und hatte den ganzen Tag einen traurigen Nach¬ klang davon in meiner Seele .“ Ich auch lieb¬ stes Günderödchen würde sehr weinen, wenn ich Dich sollt hier lassen müssen und in eine andre Welt gehen, ich kann mir nicht denken, daß ich irgendwo ohne Dich zu mir selber kommen möcht. Der musikalische Klang jener Worte äußert sich wie der Pulsschlag Deiner Empfindung, das ist lebendige Liebe, die fühlst Du für mich. Ich bin recht glücklich; ich glaub auch daß nichts ohne Musik im Geist bestehen kann, und daß nur der Geist sich frei empfindet, dem die Stimmung treu bleibt. — Ich kanns auch noch nicht so deutlich sagen, ich meine man kann kein Buch lesen, keins verstehen, oder seinen Geist aufnehmen, wenn die angeborne Melodie es nicht trägt, ich glaub, daß alles müßt gleich be¬ greiflich oder fühlbar sein, wenn es in seiner Melodie dahinfließt. Ja weil ich das so denke, so fällt mir ein, ob nicht alles, so lang es nicht melodisch ist, wohl auch noch nicht wahr sein mag. Dein Schelling und Dein Fichte und Dein Kant sind mir ganz unmögliche Kerle. Was hab ich mir für Mühe geben und ich bin eigentlich nur davon gelaufen hierher, weil ich eine Pause machen wollt. Repulsion, Atraction, höchste Potenz. — — Weißt Du wie mirs wird? — Dreherig — Schwin¬ del krieg ich in den Kopf und dann weißt Du noch? — ich schäm mich, — ja ich schäm mich, so mit Hacken und Brecheisen in die Sprach hinein zu fahren, um etwas da heraus zu bohren, und daß ein Mensch, der gesund geboren ist, sich ordentliche Beulen an den Kopf denken muß, und allerlei physische Krankheiten dem Geist anbilden. — Glaubst Du ein Philosoph sey nicht fürchterlich hoffärtig? — Oder wenn er auch einen Ge¬ danken hat, davon wär er klug? — O nein, so ein Gedanke fällt ihm wie ein Hobelspahn von der Drech¬ selbank, davon ist so ein weiser Meister nicht klug. Die Weisheit muß natürlich sein, was braucht sie doch solcher widerlicher Werkzeuge, um in Gang zu kommen, sie ist ja lebendig? — sie wird sich das nicht gefallen lassen. — Der Mann des Geistes muß die Natur lie¬ ben über alles, mit wahrer Lieb, dann blüht er, — dann pflanzt die Natur Geist in ihn. Aber ein Philo¬ soph scheint mir so einer nicht, der ihr am Busen liegt, und ihr vertraut und mit allen Kräften ihr geweiht ist. — Mir deucht vielmehr er geht auf Raub, was er ihr abluchsen kann, das vermanscht er in seine ge¬ heime Fabrik, und da hat er seine Noth, daß sie nicht stockt, hier ein Rad, dort ein Gewicht, eine Maschine greift in die andere, und da zeigt er den Schülern, wie sein Perpetuum Mobile geht, und schwitzt sehr da¬ bei, und die Schüler staunen das an und werden sehr dumm davon. — Verzeih mirs, daß ich so fabelig Zeug red, Du weißt ich Habs mit meinem Abscheu nie weiter gebracht als daß ich erhitzt und schwindelig geworden bin davon, und wenn die großen Gedanken Deines Gesprächs vor mir auftreten, die doch philosophisch sind, so weiß ich wohl das nichts Geist ist als nur Philo¬ sophie, aber wends herum und sag: es ist nichts Phi¬ losophie als nur ewig lebendiger Geist, der sich nicht fangen, nicht beschauen noch überschauen läßt, nur em¬ pfinden, der in jedem neu und ideal wirkt, und kurz; der ist wie der Äther über uns. Du kannst ihn auch nicht fassen mit dem Aug, Du kannst Dich nur von ihm überleuchtet, umfangen fühlen, Du kannst von ihm leben, nicht ihn für Dich erzeugen. Ist denn der Schöpfernatur ihr Geist, nicht gewaltiger als der Philosoph mit seinem Dreieck, wo er die Schöpfungs¬ kraft drinn hin und her stößt, was will er doch? — meint er diese Gedankenaufführung sei eine unwider¬ stehliche Art, dem Naturgeist nahzukommen? Ich glaub einmal nicht, daß die Natur einen solchen, der sich zum Philosophen eingezwickt hat, gut leiden kann. „ Wie ist Natur so hold und gut , die mich am Busen hält .“ — so was lautet wie Spott auf einen Philo¬ sophen. Du aber bist ein Dichter und alles was Du sagst ist die Wahrheit und heilig. „ Man kann Gei ¬ ster nicht durch Beschwörung rufen , aber sie können sich dem Geist offenbaren , das Em ¬ pfängliche kann sie empfangen , dem innern Sinn können sie erscheinen .“ Nun ja! wenn es auch die ganze heutige Welt nicht faßt, was Du da aussprichst, wie ich gewiß glaub, daß es umsonst der Welt gesagt ist, so bin ich aber der Schüler, dessen ganze Seele strebt, sich das Gehörte zum Eigenthum zu machen. — und aus dieser Lehre wird mein künftig Glück erblühn, nicht weil ich's gelernt hab, aber weil ich's empfind; es ist ein Keim in mir geworden und wurzelt tief, ja ich muß sagen, es spricht meine Natur aus, oder vielmehr, es ist das heilige Wort „Es Werde“ was Du über mich aussprichst. — Ich habs jetzt jede Nacht gelesen im Bett, und empfind mich nicht mehr allein und für nichts in der Welt; ich denk, da die Geister sich dem Geist offenbaren können, so möchten sie zu meinem doch sprechen; und was die Welt „über¬ spannte Einbildung“ nennt, dem will ich still opfern, und gewiß meinen Sinn vor jedem bewahren, was mich unfähig dazu machen könnte, denn ich empfinde in mir ein Gewissen, was mich heimlich warnt dies und jenes zu meiden. — Und wie ich mit Dir red heute, da fühl ich, daß es eine bewußtlose Bewußtheit gebe, das ist Gefühl, und daß der Geist bewußtlos erregt wird. — so wirds wohl sein mit den Geistern. Aber still davon, durch Deinen Geist haucht mich die Natur an, daß ich erwach wie wenn die Keime zu Blättern werden. — Ach eben ist ein großer Vogel wider mein Fenster ge¬ flogen und hat mich so erschreckt, es ist schon nach Mitternach , gute Nacht. Bettine. An die Bettine. Es kömmt mir bald zu närrisch vor liebe Bettine, daß Du Dich so feierlich für meinen Schüler erklärst, eben so könnte ich mich für den Deinen halten wollen, doch macht es mir viele Freude, und es ist auch etwas Wahres daran, wenn ein Lehrer durch den Schüler an¬ geregt wird, so kann ich mit Fug mich den Deinen nennen. Gar viele Ansichten strömen mir aus Deinen Behauptungen zu, und aus Deinen Ahnungen, denen ich vertraue, und wenn Du so herzlich bist, mein Schü¬ ler sein zu wollen, so werd ich mich einst wundern, was ich da für einen Vogel ausgebrütet habe. Deine Erzählung vom Bostel ist ganz artig, nichts lieber thust Du als die Sünden der Welt auf Dich nehmen, Du trägst keine Last an ihnen, sie beflügeln Dich vielmehr zu Heiterkeit und Muthwillen, man könnte denken, Gott habe selber sein Vergnügen an Dir. Aber dahin wirst Du es nicht bringen, daß die Men¬ schen Dich als etwas Bessers achten als sie selber sind. Doch wie auch Genie sich Luft und Licht mache, es ist immer ätherischer Weise, und wär es selbst den Ballast des Philisterthums auf den Flügeln tragend. In sol¬ chen Dingen bist Du gebornes Genie, darin kann ich nur Dein Schüler sein, und trachte auch mit großem Fleiß Dir nachzukommen, es ist ein spaßiges In die Runde laufen, daß während Dich jedermann so oft über Deine sogenannte Inconsequenzen verklagt, ich heimlich mir Vorwürfe mache, daß mein Genie hierzu nicht ausreicht. — „Sorglos über die Fläche weg, wo vom kühnsten Wager die Bahn Dir nicht vorgegraben Du siehst.“ — immerhin nur das einzige thue mir, und fange nicht alles unter einander an, in Deinem Zim¬ mer sah es aus wie am Ufer, wo eine Flotte gestran¬ det war. Schlosser wollte zwei große Folianten, die er für Dich von der Stadtbibliothek geliehen hat und die Du schon ein viertel Jahr hast, ohne drinn zu lesen. Der Homer lag aufgeschlagen an der Erde, dein Kana¬ rienvogel hatte ihn nicht geschont, deine schöne er¬ fundne Reisekarte des Odisseus lag daneben und der Muschelkasten mit dem umgeworfnen Sepianäpfchen und allen Farbenmuscheln drum her, das hat einen brau¬ nen Fleck auf Deinen schönen Strohteppich gemacht, ich habe mich bemüht alles wieder in Ordnung zu brin¬ gen. Dein Flageolet was Du mitnehmen wolltest und vergeblich suchtest, rath wo ichs gefunden habe? — im Orangen-Kübel auf dem Altan war es bis ans Mund¬ stück in die Erde vergraben, du hofftest wahrscheinlich einen Flageoletbaum da bei Deiner Rückkunft aufkei¬ men zu sehen, die Liesbet hat den Baum übermäßig begossen, das Instrument ist angequollen, ich hab es an einen kühlen Ort gelegt, damit es gemächlich wieder eintrocknen kann und nicht berstet, was ich aber mit den Noten anfange die daneben lagen das weiß ich nicht, ich hab sie einstweilen in die Sonne gelegt, vor menschlichen Augen darfst Du sie nicht mehr sehen las¬ sen, ein sauberes Ansehen erhalten sie nicht wieder. — Dann flattert das blaue Band an Deiner Guitarre, nun schon seitdem Du weg bist, zum großen Gau¬ dium der Schulkinder gegenüber, so lang es ist zum Fenster hinaus, hat Regen und Sonnenschein ausge¬ halten und ist sehr abgeblaßt, dabei ist die Guitarre auch nicht geschont worden, ich hab die Liesbet ein we¬ nig vorgenommen, daß sie nicht so gescheut war das Fenster zuzumachen hinter den dunklen Plänen, sie entschuldigte sich weils hinter den grünseidnen Vorhän¬ gen versteckt war, da doch so oft die Thüre aufgeht, die Fenster vom Zugwind sich bewegen. Dein Riesen¬ schilf am Spiegel ist noch grün, ich hab ihm frisch Wasser geben lassen. Dein Kasten mit Hafer und was sonst noch drein gesäet ist, ist alles durch einander em¬ porgewachsen, es deucht mir viel Unkraut drunter zu sein, da ich es aber nicht genau unterscheiden kann, so hab ich nicht gewagt etwas auszureißen, von Büchern hab ich gefunden auf der Erde, den Ossian, die Sa¬ contala, die Frankfurter Kronik, den zweiten Band Hemsterhuis, den ich zu mir genommen habe, weil ich den ersten Band von Dir habe, im Hemsterhuis lag bei¬ folgender philosophischer Aufsatz, den ich mir zu schenken bitte wenn Du keinen besondern Werth darauf legst, ich hab mehr dergleichen von Dir, und da Dein Wi¬ derwille gegen Philosophie dich hindert ihrer zu achten, so möchte ich diese Bruchstücke Deiner Studien wider Willen , beisammen bewahren, vielleicht werden sie Dir mit der Zeit interessanter. Siegwart, ein Roman der Vergangenheit fand ich auf dem Klavier das Tintenfaß draufliegend, ein Glück daß es nur wenig Tinte mehr enthielt, doch wirst Du Deine Mondschein-Composition über die es seine Fluth ergoß, schwerlich mehr entziffern. Es rappelte was in einer kleinen Schachtel auf dem Fensterbrett, ich war neugierig sie aufzumachen, da flo¬ gen zwei Schmetterlinge heraus die Du als Puppen hineingesetzt hattest, ich hab sie mit der Liesbet auf den Altan gejagt, wo sie in den blühenden Bohnen ihren ersten Hunger stillten. Unter Deinem Bett fegte die Liesbet Karl den Zwölften und die Bibel hervor, und auch — einen Lederhandschuh, der an keiner Dame Hand gehört, mit einem französischen Gedicht darin, dieser Handschuh scheint unter Deinem Kopfkissen gelegen zu haben, ich wüßte nicht daß Du Dich damit abgiebst französische Gedichte im alten Styl zu machen, der Par¬ füm des Handschuh ist sehr angenehm und erinnert mich, und macht mir immer heller im Kopf, und jeden Au¬ genblick sollte mir einfallen, wo des Handschuh Gegen¬ stück sein mag; indeß sei ruhig über seinen Besitz, ich hab ihn hinter des Kranachs Lukretia geklemmt, da wirst Du ihn finden; wenn Du zurückkommst; zwei Briefe hab ich auch unter den vielen beschriebenen Pa¬ pieren gefunden noch versiegelt der eine aus Darmstadt also vom jungen Lichtenberg, der andre aus Wien. Was hast Du denn da für Bekanntschaft? — und wie ists möglich wo Du so selten Briefe empfängst, daß Du nicht neugieriger bist, oder vielmehr so zerstreut. — Die Briefe hab ich auf Deinen Tisch gelegt. Alles ist jetzt hübsch ordentlich, so daß Du fleißig und mit Be¬ hagen in Deinen Studien fortfahren kannst. Ich habe mit wahrem Vergnügen Dir Dein Zim¬ mer dargestellt weil es wie ein optischer Spiegel Deine apparte Art zu seyn ausdrückt, weil es Deinen ganzen Charakter zusammenfaßt; Du trägst allerlei wunderlich Zeug zusammen um eine Opferflamme dran zu zünden, sie verzehrt sich, ob die Götter davon erbaut sind das ist mir unbekannt. Karoline. Wenn Du Muse findest, so schreib bald wieder. Bei ¬ Beilage zum Brief der Günderode . (Ein apokaliptisches Fragment.) 1. Auf hohem Fels im Mittelmeer stand ich, vor mir der Ost, hinter mir der West, und der Wind ruhte auf der See. 2. Die Sonne sank, kaum war sie verhüllt im Niedergang, enthüllte im Aufgang sich das Morgen¬ roth; Morgen, Mittag, Abend und Nacht jagten in schwindlender Eile um des Himmels Bogen. 3. Ich sah staunend sie sich drehen, mein Blut, meine Gedanken bewegten sich nicht rascher; die Zeit, indeß sie außer mir nach neuen Gesetzen sich bewegte, ging in mir den gewohnten Gang. 4. Ich wollte ins Morgenroth mich stürzen oder mich tauchen in die Schatten der Nacht, eilend mit ihr dahin strömend um nicht so langsam zu leben, aber im Schauen versunken ward ich müde und entschlief. 5. Da sah ich ein Meer vor mir von keinem Ufer umgeben, nicht im Ost, noch Süd, noch West, noch im Nord; kein Windstoß bewegte die Wellen, aber in ihren Tiefen bewegte sich, wie von innerer Gährung gereizt, die unermeßliche See. 2 6. Und mancherlei Gestalten stiegen auf aus dem tiefen Meeresschooß, und Nebel stiegen auf, und senk¬ ten sich in Wolken, und in zuckenden Blitzen berührten sie die gebärenden Wogen. 7. Und immer mannichfaltiger entstiegen der Tiefe Gestalten, mich ergriff Schwindel und Bangheit, meine Gedanken wurden hiehin und dorthin getrieben, wie eine Fackel vom Sturmwind, bis meine Erinnerung erlosch. 8. Als ich wieder erwachte und von mir zu wissen anfing, da besann ich mich nicht, ob ich Jahrhunderte oder Minuten geschlafen, denn in den dumpfen, verworrenen Träumen war mir nichts begegnet, was mich an die Zeit erinnert hatte. 9. Es war dunkel in mir, als habe ich geruht in dieses Meeres Schooß und sei wie andere Gestal¬ ten ihm entstiegen. — Ich schien mir ein Tropfen Thaues, ich bewegte mich lustig in der Luft hin und wieder, und freute mich, und mein Leben war, daß die Sonne sich in mir spiegle und die Sterne mich be¬ schauten. 10. Ich ließ von den Lüften mich dahin tragen in raschen Zügen, ich gesellte mich zum Abendroth, zu des Regenbogens siebenfarbigen Tropfen, ich reihte mit meinen Gespielen mich um den Mond, wenn er sich bergen wollte, und begleitete seine Bahn. 11. Die Vergangenheit war mir dahin, nur der Gegenwart gehörte ich an, eine Sehnsucht war in mir, die ihr Begehren nicht kannte, ich suchte immer, und was ich fand, war nicht das Gesuchte, und seh¬ nend trieb ich mich umher im Unendlichen. 12. Einst ward ich gewahr, daß alle die Wesen, die dem Meer entstiegen waren, wieder zu ihm zurück¬ kehrten, und in wechslenden Formen sich wieder er¬ zeugten. Mich befremdete diese Erscheinung, denn ich hatte von keinem Ende gewußt. Da dachte ich, meine Sehnsucht sei auch zurückzukehren zu der Quelle des Lebens. 13. Und da ich dies dachte und lebendiger fühlte als all mein Bewußtsein, ward plötzlich mein Gemüth wie mit betäubenden Nebeln umfangen. Aber sie schwanden bald, ich schien mir nicht mehr ich, meine Gränzen konnte ich nicht mehr finden, mein Bewußt¬ sein hatte ich überschritten, es war größer, anders, und doch fühlte ich mich in ihm. 14. Erlöset war ich von den engen Schranken meines Wesens und kein einzelner Tropfen mehr, ich war allem wiedergegeben und alles gehörte mir mit an, 2* ich dachte und fühlte, wogte im Meer, glänzte in der der Sonne, kreiste mit den Sternen; ich fühlte mich in allem und genoß alles in mir. 15. Drum wer Ohren hat zu hören, der höre! Es ist nicht zwei, nicht drei, nicht tausende, es ist Eins und Alles; es ist nicht Leib und Geist geschieden, daß das eine der Zeit, das andere der Ewigkeit angehöre, es ist Eins, gehört sich selbst, und ist Zeit und Ewig¬ keit zugleich, und sichtbar und unsichtbar, bleibend im Wandel, ein unendliches Leben. An die Günderode. Wie wir hier leben das will ich Dir erzählen. Mor¬ gens kommen wir alle im Schlafzimmer von Savigny's zusammen. Da wird gegalert und als ein bischen Krieg mit Kopfkissen und Rouleaux geführt, und im Neben¬ zimmer wird gefrühstückt dabei. Wir nehmen uns zwar sehr in Acht den großen Savigny zu treffen, aber er ist gescheut wenns Gefecht heiß wird da zieht er sich zurück. Später zerstreut sich Alles. Wir sind auch jetzt schon zweimal geritten, ich bin beidemal herunter ge¬ fallen, einmal wie wir bergauf ritten und einmal vor Lachen. Nachmittags gehen wir manchmal in den Wald und Savigny liest vor, da hab ich meine Noth mit dem Zuhören, auf dem Wald-Rasen hab ich gar zu viel Zerstreung , alle Augenblick ist ein Kräutchen oder ein Spinnchen oder ein Räupchen oder ein Sandsteinchen, oder ich bohr ein Löchelchen in die Erd und find aller¬ lei da, der Savigny sagt ich sei hoffärtig und wollt nicht zuhören, er kanns nicht leiden, drum setz ich mich hinter seinen Kopf, da merkt ers als nicht. Wir gehen auch als auf die Jagd und ich nehm die kleine Flint, ich schieß aber immer was Du wohl weißt, wo¬ nach ich immer auf die Jagd geh, Hirngespinnste aus der Luft, gestern wollte mir der Bostel lehren nach den Vögelchen zielen, ich schoß und das Vögelchen fiel her¬ unter, ich dacht gar nicht daß ichs treffen würde, ich war sehr erschrocken aber der Bostel machte so großen Lärm von meinem scharfen Blick, und die Andern lob¬ ten mich alle daß ich so gut ziele, daß ich meine Reue über diesen ersten Mord nicht merken ließ. Ich nahm das Vögelchen in die Hand wo es vollends erkaltete, in der Nachtstille hab ichs begraben unter dem Fenster von Deiner Schlafkammer und nicht ohne schwere Nach¬ gedanken; wahrlich ich hab es nicht mit Willen gethan, aber doch mit Leichtsinn. Was liegt am Vogel, alle Jäger schießen ihn ja! — Aber ich nicht, ich hätt es niemals gethan, aus dem Laub, in seiner heiteren Le¬ benszeit den Vogel herunter zu schießen, den Gott mit der Freiheit des Flugs begabt hat. Gott schenkt ihm die Flügel und ich schieß ihn herunter, o nein das stimmt nicht! Eben kommt Dein Brief an, Deinen Kamm und die Kette hast Du wohl erhalten? ich hab sie an Mienchen geschickt in einer kleinen Schachtel, Clemens hat einen kleinen Brief beigeschlossen an Deine Schwester, und ein paar Zeilen an Dich; mein Zimmer gefällt mir wohl in seiner Unordnung, und ich gefall mir also auch wohl da Du meinst es stelle meinen Charakter vollkommen dar. Am liebsten ist mir daß Du zur rechten Zeit kamst um die Schmetterlinge zu befreien. Du kommst immer zur rechten Zeit um meine Dummheiten gut zu machen. Den philosophischen Aufsatz wie Du ihn zu nennen beliebst schenk ich Dir, ich nenne ihn einen steifstelligen verschnippel¬ ten buchsbaumernen Zwerg, ein fataler grüner Würgen¬ gel von supperklugem Gewälsch, ohne Sprach ohne Mu¬ sik, es sei denn das hölzerne Gelächter; dem gleichts ganz im Ton und Inhalt; mach mich nicht närrisch, — ich will nichts mehr davon wissen. Dein apokaliptisch Frag¬ ment macht mich auch schwindlen; bin ich zu unreif, oder was ist es daß ich so fiebrich werd und daß Deine Fanta¬ sieen mich schmerzlich kränken. „ Meine Gedanken wurden hie hin und dort hin getrieben wie eine Fackel vom Sturmwind bis meine Erinnerung erlosch .“ Warum schreibst Du mir so was? — das sind mir bittere Gedanken! es macht mich unzufrieden und voll Bangigkeit daß Du Deinen Geist in eine Un¬ bewußtheit hinein versetzest. Ich weiß nicht, wie ich im¬ mer empfinde als sei alles Leben inner mir und nichts außer mir, Du aber suchest in höheren Regionen nach Antwort auf Deine Sehnsucht, willst „ mit Deinen Gespielinnen den Mond umwallen ,“ wo ich keine Möglichkeit mir denken kann mitzutanzen, willst „ erlöst sein von den engen Schranken Deines Wesens “ und mein ganz Glück ist doch, daß Gott Dich in Deiner Eigenthümlichkeit geschaffen hat; — und dann sagst Du noch so was trauriges: „ Ich schien mir nicht mehr Ich , und doch mehr als sonst Ich .“ Meinst Du damit wär mir gedient? — „ Meine Gränzen konnte ich nicht mehr finden , mein Bewußtsein hatte sie überschritten , es war anders .“ Mit dem allem ist mein Urtheil gesprochen, mich quält Ei¬ fersucht, mir scheint Dein Denken außer den Kreisen zu schweifen, wo ich Dir begegne. Du bist herablassend daß Du vor mir solche Dinge aussprichst, die ich nicht nachempfinden kann und auch nicht mag weil sie un¬ sern engen Lebenskreis überschreiten, in dem allein mir nur lieb zu denken ist. Straf mich nun mit Worten wie Du willst, daß ich so dumm bin, aber der Eifersucht Brand tobt in mir, wenn Du mir nicht am Boden bleibst, wo auch ich bin. In diesem Fragment lese ich, daß Du nur im Vorübergehen mit mir bist, ich aber wollte immer mit Dir sein, jetzt und immer, und unge¬ mischt mit andern; erst hast Du geweint im Traum um mich, und nachher im Wachen vergißt Du alles Dasein mit mir, ich kann mir nichts denken als nur ein Leben wie es grad dicht vor mir liegt, mit Dir auf der Gar¬ tentreppe, oder am Ofen, ich kann keine Fragmente schreiben, ich kann nur an Dich schreiben, aber innerlich weite Wege, große Aussicht, aber nicht dem Mond nach¬ laufen und im Thau vergehen und im Regenbogen ver¬ schwimmen. Zeit und Ewigkeit, das ist mir alles so weit¬ läuftig, da fürcht ich Dich aus den Augen zu verlieren, was ist mir „ Ein unendliches Leben bleibend im Wandel ,“ jeder Augenblick den ich leb ist ganz Dein, und ich kanns auch gar nicht ändern daß meine Sinne nur blos auf Dich gerichtet sind, Du wirfst mich aus der Wiege, die Du auf dem großen Ocean schwimmend vor Dir hergetrieben hast, hinaus in die Wellen, weil Du in die Sonne fahren willst, unter die Sterne und im Meer zerrinnen. — Mir ist schwindelig, taumelig. — So ist einem der vom Feuer verzehrt wird, und kann doch kein Wasser dulden das es lösche. Du verstehst mich nicht, und wenn Du noch so klug bist und alles verstehst, das Kind in Deine Brust geboren, das ver¬ stehst Du nicht. — Ich weiß wohl wie mirs gehen wird mein ganzes Leben, ich weiß es wohl. Leb wohl. Bettine. Heut haben wir den 19. Mai, am 7. Mai hats zum erstenmal gedonnert in diesem Jahr, das wird grad gewesen sein wo Du das verdammte apokaliptische Fie¬ ber hattest. Noch vierzehn Tag bleiben wir, alles blüht, ein Ab¬ hang voll Kirschbäume, so dunkelrothe Stämmchen so jung wie unser eins, ich geh alle Morgen früh hinaus, und such die Raupennester dort ab, so viel ich hinan reichen kann bieg ich die Zweige herab und brech die boshaften Raupennester heraus, sie sollen sich freuen dies Jahr, die Bäume, und nicht mit kahlen Häuptern da stehen vor dem Herbst. — Ich thus auch, weil ich mich gegen Dich zu¬ 2** sammen nehmen will, hast Du Deine Regenbogenkränzchen und Deine Mondcoterieen, wo Du übers Bewußtsein hin¬ ausspazierst, und das Heimkehren vergißst , mit Deiner Hai¬ den, mit Deiner Nees, mit Deiner Lotte Serviere Reigen im Sternen-Nebel tanzest, so hab ich meine einsame Un¬ terredungen mit den jungen Erbskeimen und mit den Mirabellen und Reine claude und Kirschbäumen in der Blüthe, und gestern war ich mit dem Gingerich drauß am Goldweiher, da haben wir eine Hütte gemacht von Moos, da haben die zwei jungen Wiedertäufer gehol¬ fen, der mit dem braunrothen Bart der so stolz drauf ist; der schöne Hans und der blonde Georg; sie ließen beide ihre Pflüge stehen und kamen heran mir zu hel¬ fen, und schnitten mir Tannenäste herunter, und alles was ich Loses an mir hatte, damit hab ich die Äste festgebunden, mit meiner hellblauen Schärpe und mit dem rosa Halstuch, wovon Du die andre Hälfte hast hab ich sie zusammengeknüpft, und am Nachmittag kam der Savigny heraus und legte sich in die Hütte, sehr vergnügt, und ich las vor, Gedichte vom Bruder Anton, eine Wasserreise nach den verschiedenen Sauerbrünnchen und ein Gedicht auf Euphrosine Maximiliane, und eine philosophische Abhandlung von einem gläsernen Esel, der auf einer blumenreichen Wiese sich satt gefressen hatte, und dem die seltensten Blumen durch den Bauch schim¬ mern, und ihn so verschönen daß er die Bewunderung aller Laubfrösche ist, die alle auf ihn hinaufhüpfen und sich vergebens abmühen in diesem schönen Blumen-La¬ byrinth herum zu hüpfen, so müssen sie sichs vergehen lassen, weil der gläserne Bauch es umschließt, und dann die Moral ist von dieser wunderbaren Fabel: „Streben nach unmöglichen Genüssen hilft zu nichts und verdirbt die Zeit,“ denn einmal hatte Gott schon früher diese schöne Blumenweide zur Verschönerung des Esels be¬ stimmt und nicht zur Schwelgerei der Frösche, und zwei¬ tens war der vornehme Esel auch zu ganz was anderem bestimmt als zum Belustigungsort gemeiner Frösche, denn als ihn zwei verständige Philosophen und Gelehrte aus der an schönen Naturseltenheiten reichen Stadt Frank¬ furt begegneten, so führten beide diesen wunderschönen Esel an einem grünseidnen Band durch die Stadt. Am Gal¬ len-Thor wo sie einpassirten, präsentirte die Stadtwache das Gewehr vor ihm und auf dem Roßmarkt (also grade vor Deinem Stift) versammelten sich alle Bürger und begleiteten ihn mit Siegsgeschrei auf den Römer, allwo der Herr Bürgermeister mit allen Rathsherrn versammelt war, und die Herrn von der ersten Bank wie auch von der zweiten und dritten stimmten alle ein in das Lob der Wunder Gottes, als sie in dem Bauch des Esels die schönen Tulibanen, Levkoyen, Narcissen, Hyazinthen, Schwertlilien, Kaiserkronen und vor allem die schönen Rosen herum floriren sahen. Als sie dessen sattsam sich erfreut hatten, so ließ der Herr Bürgermeister fortfahren in den angefangenen Rathschlägen, und den gläsernen Blumenesel einstweilen auf einem erhabenen Platz auf¬ stellen, wie nun der Rath vollendet war, welcher wegen wichtigen Angelegenheiten etwas lange gedauert hatte, und man den Esel in die Raritätskammer führen wollte, so hatte dieser unterdessen seine Nothdurft verrichtet, und es war keine einzige Blume in seinem Bauch ge¬ blieben, sondern war alles zu Mist geworden, und der Bauch des Esels sah nicht anders aus als eine schmutzige ranzige Ölflasche. Die Stadtmusikanten, welche auf Befehl des Rathes herbeigekommen waren, um diese schöne Naturseltenheit Gottes mit Trommeln und Pfei¬ fen durch die löbliche freie Reichsstadt zu geleiten, wur¬ den zum großen Leidwesen der Gassenbuben verabschie¬ det, die aus Rache den armen Esel mit Steinen war¬ fen, daß sein gläserner Bauch in tausend Stücken ging und er elendiglich sich auf dem Scherbelhaufen vom Dippenmarkt am Pfarreisen zum Verscheiden hinlegte, wo er unter dem Gespött und boshaften Zwicken seiner langen Ohren mit lautem Gestöhn den Geist aufgab. Die Moral und große weise Lehre von dieser Fabel ist: Brüste dich nicht vor deinem Ende; wenn das falsche Glück dir den Bauch voll der schönsten Blumen stopft, so zwingt Dich oft die Nothdurft, alles worauf Du einst so stolz sein konntest, als stinkenden Mist wieder von dir zu geben, und jene so dir früher schmeichelten um deiner seltnen Gaben willen, sind dann grade die, welche dich am unbarmherzigsten verfolgen. Hättest du Esel, dich nicht von ein paar überspannten hochtrabenden Gelehr¬ ten verführen lassen, deine Blumenschönheit in der Stadt Frankfurt, als eine bewundernswürdige Seltenheit zu zeigen, sondern wärst du ruhig in deinen Stall gewan¬ dert, so konntest du ruhig deine Verdauung abwarten, und jeden Tag in der Blumenzeit aufs neue deinen Bauch mit lieblichen würzigen Speisen füllen, und dein Ruhm würde auch nicht ausgeblieben sein, denn man würde zu dir hinausgekommen sein ins Feld um dich zu bewundern. Die dritte Moral ist die, daß doch ein hochweiser Rath es sich zur warnenden Lehre nehme, alles womit ein Esel in seinem Bauche prahlt, ja nicht hoch anzuschlagen, da es nach kurzer Zeit doch immer zu Mist werden muß. — Den Savigny und alle hat die Geschichte des An¬ ton höchlich amüsirt, es wurde noch viel gelacht und zuletzt unter Gesang beim Untergehen der Sonne nach Hause gewandert. Ich wollte zwar früher zurückkommen und mein Gewissen mahnt mich auch, nicht alles was ich dort angefangen, so lang aus den Augen zu lassen; aber es schleicht ein Tag nach dem andern so anmuthig vor¬ über, und der Savigny ist so anmuthig und kin¬ disch, daß wir ihn nicht verlassen können, alle Augen¬ blick hat eins ihm ein Geheimniß anzuvertrauen, der führt ihn in den Wald, der andre in die Laube und die Gundel muß sichs gefallen lassen, und Gescheutsein ist gar nicht Mode, der Clemens hat ihm schon ein paar Wände mit abentheuerlichen Figuren vollgemalt, und Verse und Gedichte werden mit schwarzer Farbe an alle Wände groß geschrieben. Der Clemens hat Wieland, Herder, Göthe und die Prinzessin Amalie grau in grau gemalt und den dir bekannten Vers dazu. —Heut muß ich aufhören, ich schick dir eine Schachtel mit dem großen Maiblumenstrauß, schmücke Dein Haus¬ altar und verrichte eine Andacht für mich, es ist meine liebste Blum. Geh in Dich und frag Dich, wer Dir am nächsten steht von allen Menschen; und frag Dich recht deutlich, wer sich am liebsten an Dein Herz schmiegt ohne große Anforderungen an ein hyperboräi¬ sches Glück, und da wirst Du sagen müssen, daß ichs bin, die allein das Recht hat, Dir nah zu stehen, und wenn Du das nicht einsiehst, so ist der Schade mein, aber Dein auch. Bettine. Beilage zum Brief der Bettine. Der Aufsatz, der im Hemsterhuis lag. Es sind aber drei Dinge, aus diesen entspringt der Mensch, nicht nur ein Theil oder eine Erscheinung von ihm, sondern er selber mit allen Erscheinungen in ihm, und sein Saame und Keim liegt in diesen drei Dingen, diese aber sind die Elemente, aus welchen die ganze erschaffne Natur sich in dem Menschen wieder bildet. Das erste ist der Glaube, aus diesem entspringt der gewisse Theil des Menschen, nemlich der Leib, oder das Kleid des Geistes; der Gedanke; dieser ist die Ge¬ burt, und sichtliche Erscheinung des Geistes, und eine Befestigung seines Daseins. Der Glaube aber ist Be¬ festigung und ohne diesen schwebt alles und gewinnt keine Gestalt, und verfliegt, in tausend Auswegen, die die erschaffende Natur noch nicht unter sich gebracht hat, so wie der Natur Eigenschaft aber ist, den ewigen Stoff, die Zeit zu bearbeiten, so ist jener ihre Eigen¬ schaft, die Gestalt von sich abzustoßen und nicht anzu¬ nehmen, bis sie von der Natur in seligem Kampf be¬ siegt ist. Der Glaube aber ist die Erscheinung Gottes in der Zeit, der Glaube ist Gewißheit und Ewigkeit. Die Er¬ scheinung Gottes ist immer ewig, in jedem Augenblick, und so ist der Mensch ewig, denn sein Sein ist Gottes Erscheinung. Gott aber ist Alles, das das Gute ist als Gegensatz gegen Nichts, das das Böse ist. Daher ist auch alles in dem Menschen, der die Er¬ scheinung Gottes ist; daher begreift er einzig in sich Gott, und den Glauben an ihn, weil sein Sein der Glaube ist, sein Wesen aber Gott. Was also der Mensch erblickt mit seinen Augen außer sich, das ist Gottes Blick in ihm, was er aber hört mit seinen Ohren außer sich, das ist Gottes Stimme in ihm, was er aber fühlt mit seinem ganzen Leib und Geist außer sich, das ist Gottes Berührung, der Funke der Begeisterung in ihm, was aber in ihm ist, das erschafft und bildet aus ihm, was aber er¬ schaffen und außer ihm ist, das spricht ihn an und bil¬ det sich wieder in ihn hinein, in ihm aber liegt auch die Zeit, und es ist das Werk des Erschaffens nichts anders, als die Zeit umwandlen in die Ewigkeit, wer aber die Zeit nicht umwandelt in die Ewigkeit, oder die Ewigkeit herabziehet in die Zeit, der wirkt böses, denn alles was ein Ende nimmt, das ist böse. Die Ewigkeit in die Zeit herabziehen, aber heißt wenn die Zeit der Ewigkeit mächtig wird, wenn die Nichtigkeit mächtiger wird, als die Gewalt des Schaf¬ fens, wenn der Stoff des Meisters sich bemeistert, der ihn behandelt. Böse ist also der Selbstmord, denn der Willen der Vernichtung ist zeitlich, und der Gedanke geht in sich selbst zu Grund, weil er ein Kleid der Zeitlichkeit ist, nicht aber eine sichtbare Erscheinung des ewigen Gei¬ stes, und hier lehnt sich der Stoff — die Zeit, gegen seinen Meister (das Schicksal der Ewigkeit) auf. Wenn man aber sagt, der Mensch ist im Guten geboren, so ist dieses wahr, weil er im Glauben gebo¬ ren ist; wenn man aber sagt, er hat das Böse nicht, sondern er zieht es nur an, so ist dieses nicht wahr, denn er hat die Kraft, das Böse von sich zu stoßen, nicht aber es an sich zu ziehen, denn das Böse ist die Zeit, und sie dient zur Nahrung für das Göttliche und Ewige, die Zeit aber frißt die Ewigkeit und den Geist, der ewig sein soll, wenn er sich nicht ihrer bemächtigt und sich zur Nahrung nimmt; denn das ist das Böse, daß das Zeitliche, Irdische, das ewige Himmlische ver¬ schlingt, das Gute aber ist, wenn das ewige Himm¬ lische das Irdische in sich umwandelt, und alles zu Gott in ihm macht. Gott aber hat das Zeitliche nicht in sich, denn sein Sein ist die Umwandlung des Zeitlichen ins Himm¬ lische, weil er aber ist, so ist die Ewigkeit. Die Vernunft aber ist eine Säule, festgepflanzt in dem Menschen, sie ist aber ewig, und also eine Stütze des Himmels, und wie sie eingegraben ist in uns und mit uns eins ist, so geht ihr Haupt in die Wolken, und in ihrer Wurzel liegt die Zeit, aber wie sich aus dem Stoff der Geist entwickelt, so entwickelt sich die Ewigkeit aus dieser Zeit, und steigt in der Vernunft zur Ewigkeit, und der Mensch wird durch die Vernunft aus einem Irdischen ein Himmlisches. An die Bettine. Frankfurt. Melonen, Ananas, Feigen, Trauben und Pfirsich und die Fülle südlicher Blüthen, die eben in eurem Hause sorglich verpackt werden, haben mir Lust gemacht, Dir das Violen- und Narcissensträußchen (Wan¬ del und Treue) beizulegen, ich hätte mich gern selbst mit hineingelegt. Der Heliotrop mit den Nelken und Jasmin zusammen ist ein aparter Strauß vom Gontard für Dich, er trug mir auf, es Dir zu melden. Es ist mir jetzt recht traurig, da Du fort bist. — Das Schick¬ sal fröhnt Deiner Zerstreutheit, bei Euch auch ist ein ewiges Wandern , Kommen , Gehen . Ich bitte Dich, schreib wie lange Ihr bleibt, oder zu bleiben ge¬ denkt. Erst wollt ich nicht, daß Du hier bliebst, und wärst Du nun schon wieder da! — Es ist keine heitere Zeit in mir, viel Muse und keine Begeistrung für sie; man hängt von manchem ab, dem man gar keinen Ein¬ fluß zugestehen würde, die Gewohnheit, Dich zu erwarten am Nachmittag, hängt mir wie ein zerrißner Glocken¬ strang in den Kopf! — Und doch muß ich immer in die Ferne lauschen, ob ich Deinen Tritt nicht höre. Der Sommer in der Stadt, — es bedroht mich ganz dämonisch, den hellen Himmel zu versäumen. — Meine Spaziergänge um das Eschenheimer Thor ertödten mich gänzlich. Auch die Engländer wollen Euch diese Woche noch besuchen, alles geht fort. Schreib mir viel, auch über meine Sachen, ich schicke dann mehr. Daß ich als Narciß mich gegen Dich verschanze, besser wie im Gespräch, wo Du immer recht behältst, mußt Du Dir gefallen lassen, so mein ichs, und so hab ich Recht und Du hast Unrecht; und ich meine, Du könntest immer zufrieden sein damit, so empfunden zu sein durch Deine eigne frische Natur, daß Du meiner sicher bist. Wer im Ganzen etwas sein kann, der wird sich auch fühlbar zu machen wissen, und so wird der Wandel nirgend anders als bei der Treue heimkehren, denn sie ist die Heimath. Du bist ja auch heute nicht was Du gestern gewesen, und doch bist Du eine ewige Folge Deiner selbst. Mir scheint es noch außerdem höchst verkehrt durch selbstisches Be¬ stehen auf dem, was nur wie Sonnenschein vorüberge¬ hendes Geschenk der Götter ist, dem Geist die Freiheit zu verkümmern. Treue wächst in dem Geist auf der liebt, gedeiht sie zu einem starken Baum, so wird kein Eisen so scharf sein, ihn auszurotten, aber ehe die Treue von selbst stark geworden, kann man ihr nichts zumuthen, sie würde nur bei einer Anforderung ihr auf¬ keimendes Leben einbüßen, wenn sie aber einmal voll¬ kommen ausgebildet ist, dann ist sie kein Verdienst mehr, dann ist sie Bedürfniß geworden, Lebensathem; — sie hat keine Rechte mehr zu befriedigen, weil sie ganz organisches Leben geworden ist. — Das sei unsre Sorge, daß jede Lebensregung eigenthümliches, organisches Le¬ ben werde, das sei unsre Fundamental-Treue, durch die wir in allem Erhabenen mit den Göttern uns vermäh¬ len. Bis dahin laß uns einander treffen in ihrem Tem¬ pel, die Gewohnheit, uns da zu finden, einander die Hand zu bieten in gleicher Absicht, die wird den Baum der Treue in uns pflegen, daß er als selbstständiges Leben von uns beiden ausgehe und stark werde. Ich habe mich mit dem Gedanken oft herumgetra¬ gen, ob nicht alles, was sich vollkommen und also le¬ bendig in der Seele ausbilde, ein selbstständiges Leben gewinnen müsse, das dann, als willenskräftige Macht, (wie jene Treue, mit der Du mich magnetisirst) Men¬ schengeister durchdringt, und sie zu höherem Dasein in¬ spirirt. — Was sich im Geist ereignet ist Vorbereitung einer sich ausbildenden Zukunft, und diese Zukunft sind wir selber. — Du sagst, alles gehe ins Innere herein und Du empfändest die Welt nicht von außen. Aber ist denn die äußere Welt nicht Dein Inneres? — oder soll sie es nicht werden? — von innen heraus lernt man Sehen, Hören, Fühlen, um das Äußere ins In¬ nere zu verwandlen, das ist nicht anders als wie wenn die Bienen den Blumenstaub in die Kelche vertragen, die für die Zukunft sich befruchten sollen. In der Seele liegt die Zukunft in vielfältigen Knospen, da muß aus reiner Geistesblüthe der lebendige Staub hinein getra¬ gen werden. Das scheint mir Zukunft zu sein. — Jahre vergehen gleich einem tiefen Schlaf, wo wir nicht vor¬ wärts und nicht zurück uns bewegen, und wirkliche Zeitschritte sind nur die, in denen der Geist die Seele befruchtet, in der Zeiten Raum geht das wirkliche Le¬ ben aus solchen einzelnen befruchtenden Momenten wie die Blüthenperlen dicht an einander auf. — Was ist auch Zeit in der nichts vorgeht? — die nicht vom Geist befruchtet ist? — Pause, bewußtloses Nichts! — Raum, den wir durchschreiten, der noch unerfüllt ist. — Aber jene Momente müssen noch so dicht gesäet werden, daß der ganze Raum ein ewiges Blüthenmeer von befruch¬ tenden Lebensmomenten sei. — Alle Anreizung in selbst¬ ständiges Leben entwicklen, das Geist-bewaffnet nach eigenthümlicher Weise die Zukunftsblüthen erweckt, das allein ist lebendige Zeit, aber uns selbst für abgeschlossen halten, und einer Zukunft entgegenschreiten, die nicht wir selbst sind, das scheint mir Unsinn und eben so wenig wahr, als wenn unsere Einsicht nicht Folge un¬ seres Begriffs wäre. Ich habe mich zusammengenommen, um deutlich zu sein, allein das ist das schwerste, man empfindet etwas unwidersprechlich und kanns dennoch nicht aussprechen. — Deine Eifersucht um mich, die ich wahrhaftig erst für Laune hielt, später aber ihr Ge¬ rechtigkeit widerfahren ließ, obschon ich sie nicht billi¬ gen kann, leitete mich zu diesen Betrachtungen. Ich bin Dir nicht entgegen Bettine, daß Du mit Ernst und auch mit besonderem und vielleicht auch mit mehr Recht Theil an mir habest, wie alle die andern; denn da wir so unwillkührlich manchem lebendigen Begriff, nur ge¬ genseitiger Berührung zu danken haben, und ich mehr Dir, als Du mir, so sollte dies organische Ineinander¬ greifen, uns auch frei machen von jeder kleinlichen Ei¬ gensucht, und wir sollten wie die Jünglinge, während sie nach dem Ziel laufen, nicht uns Zeit gönnen, an was anders zu denken, als im schwebenden Lauf aus¬ zuharren. Und was habe ich auch am Ende von allen Andern? — Du kannst Dir das selbst wohl beantwor¬ ten, und Deiner Seele darüber den höchsten Frieden, gönnen. — Schreibe, wenn Du antwortest, auch einen Brief für den Clemens, er mahnt in seinem Schreiben an mich darum, es wird ihm sehr überraschend sein, wenn er Deinen Aufenthalt im Schlangenbad erfährt. Adieu! schreib bald. Karoline. Beilage zum Brief der Günderode. Wandel und Treue . Violetta . Ja. du bist treulos! laß mich von dir eilen; Gleich Fäden kannst du die Empfindung theilen. Wen liebst du denn? und wem gehörst du an? Narziß . Es hat Natur mich also lieben lehren: Dem Schönen werd' ich immer angehören Und nimmer weich ich von der Schönheit Bahn. Violetta . So ist dein Lieben wie dein Leben, wandern! Von einem Schönen eilest du zum Andern, Berauschest dich in seinem Taumelkelch, Bis Neues schöner dir entgegen winket — Nar¬ Narziß . In höh'rem Reiz Betrachtung dann versinket Wie Bienenlippen in der Blume Kelch. Violetta . Und traurig wird die Blume dann vergehen, Muß sie sich so von dir verlassen sehen! Narziß. O Nein! es hat die Sonne sie geküßt. Die Sonne sank, und Abendnebel thauen. Kann sie die Strahlende nicht mehr erschauen, Wird ihre Nacht durch Sternenschein versüßt. Sah sie den Tag nicht oft im Ost verglühen? Sah sie die Nacht nicht thränend still entfliehen? Und Tag und Nacht sind schöner doch als ich. Doch flieht ein Tag, ein Andrer kehret wieder; Stirbt eine Nacht, sinkt eine Neue nieder, Denn Tröstung gab Natur in jedem Schönen sich. Violetta . Was ist denn Liebe, hat sie kein Bestehen? Narziß . Die Liebe will nur wandlen, nicht vergehen; Betrachten will sie alles Treffliche. Hat sie dies Licht in einem Bild erkennet, Eilt sie zu Andern, wo es schöner brennet, Erjagen will sie das Vortreffliche? 3 Violetta. So will ich deine Lieb' als Gast empfangen; Da sie entfliehet wie ein satt Verlangen, Vergönnt mein Herz Ihr keine Heimath mehr. Narziß. O sieh den Frühling! gleicht er nicht der Liebe? Er lächelt wonnig, freundlich, und das trübe Gewölk des Winters, niemand schaut es mehr! Er ist nicht Gast, er herrscht in allen Dingen, Er küßt sie Alle, und ein neues Ringen Und Regen wird in allen Wesen wach. Und dennoch reißt er sich aus Tellas Armen, Auch andre Zonen soll sein Hauch erwärmen, Auch Andern bringt er neuen, schönen Tag. Violetta. Hast du die heil'ge Treue nie gekennet? Narziß. Mir ist nicht Treue was ihr also nennet, Mir ist nicht treulos was euch treulos ist! — Wer den Moment des höchsten Lebens theilet, Vergessend nicht, in Liebe selig weilet; Beurtheilt noch, und noch berechnend, mißt; Den nenn' ich treulos, — ihm ist nicht zu trauen, Sein kalt Bewußtsein wird dich klar durchschauen Und deines Selbstvergessens Richter sein. Doch ich bin treu! Erfüllt vom Gegenstande Dem ich mich gebe in der Liebe Bande Wird Alles, wird mein ganzes Wesen sein. Violetta . Giebt's keine Liebe denn, die dich bezwinge? Narziß . Ich liebe Menschen nicht, und nicht die Dinge, Ihr Schönes nur, — und bin mir so getreu. Ja Untreu' an mir selbst wär andre Treue, Bereitete mir Unmuth, Zwist und Reue, Mir bleibt nur so die Neigung immer frei. Die Harmonie der inneren Gestalten Zerstören nie die ordnenden Gewalten Die für Verderbniß nur die Noth erfand. — Drum laß mich, wie mich der Moment geboren. In ew'gen Kreisen drehen sich die Horen; Die Sterne wandeln ohne festen Stand, Der Bach enteilt der Quelle, kehrt nicht wieder, Des Lebens Strom, er woget auf und nieder Und reißet mich in seinen Wirbeln fort. Sieh alles Leben! es hat kein Bestehen, Es ist ein ew'ges Wandern, Kommen, Gehen, Lebend'ger Wandel! buntes, reges Streben! O Strom! in dich ergießt sich all mein Leben! Dir stürz ich zu! vergesse Land und Port! 3* An die Günderode. Den ersten Tag als wir ankamen wars so heiß, daß es mehr wie unerträglich war; wir warfen unsere Nankin-Reise-Jacken aus, und legten uns in den Un¬ terkleidern, in Hemdsärmel, auf dem Gang vor unserer Zimmerthür ins Fenster, von da kann man versteckt hinter Bäumen, auf eine Terrasse sehen, wo sich die Ge¬ sellschaft zum Thee bei der Kurprinzessin von Hessen versammelt, die grade unter uns wohnt. Das machte mir Spaß, man konnte Manches verstehen, und ein Wort aus der Ferne, wenns auch an sich unbedeutend ist, ist immer anregend wie eine Comödie. Doch hat das Vergnügen dran nicht lang gedauert; ein krebsro¬ ther Kammerherr, der mir im Anfang Vergnügen machte zu sehen, wie er hin und wieder lief, und den Frauen allerlei in die Ohren zischelte, und dann ein Herzog von Gotha mit langen Beinen, rothem Haar und sehr melancholischen Gesichtszügen und ein großes weißes Windspiel zwischen den Knieen, der trägt einen le¬ berfarbnen Rock; dann viele Damen mit überflüssigem Putz, die Hauben auf hatten, als wärs die Flotte vom Nelson mit aufgeschwellten Segeln, und dann fran¬ zösische Schiffe, wenn so zwei mit einander parlierten, das war grad als ob einzelne Schiffe handgemein wür¬ den, bald brüstete sich das Schiff, dann thronte es wie¬ der, dann streckte es seinen Schnabel in die Höh, und Herren und Damen von besonderer Affection gegen ein¬ ander; bald zerstreuten sie sich auf der Promenade, und plötzlich stand der rothe Kammerherr hinter uns auf dem Gang. Die Tonie entsetzte sich, und ging ins Zim¬ mer, ich aber war gar nicht erschrocken und fragte, was er wünsche; er war verlegen und sagte, er wünschte der Dame Bekanntschaft zu machen; ich fragte: warum werden sie denn so roth, er ward noch rother und wollte mich bei der Hand nehmen, ich sagte: Nein! und ging ins Zimmer, er drängte sich mir nach, ich rief: Tonie helf mir den Mann bezwingen, sie war aber so voll Angst, daß sie sich nicht vom Platz regte, denk Dir nur, und ich lehnte mich mit aller Gewalt wider die Thür und der rothe Mann dazwischen, der durch wollte; ich rief: Tonie zieh an der Schelle, denn unsre Bedien¬ ten waren alle noch am Packwagen beschäftigt, aber die Tonie fand den Schellenzug nicht; — der unartige Mann, immer wollte er doch noch herein, wo er doch sah, daß man ihn nicht wollte, ich konnt gar nicht be¬ greifen, was er wollte, ich dachte einen Augenblick er wolle uns umbringen, ich erwischte einen Sonnenschirm, der an der Thür stand, und stach mit dem nach seiner Lunge oder Leber, ich weiß nicht — er zog sich zu¬ rück und die Thüre fiel ins Schloß, da stand ich wie einer, der über Berg und Thal gejagt war von einem Gespenst, ich konnte eine viertel Stunde keinen Athem kriegen; ich dachte wirklich er sei ein Mörder, ich hatte schon allerlei Anschläge im Kopf, wie ich ihn erwürgen wollte. Die Tonie lachte und sagte, geh doch, ein Kam¬ merherr und ein Mörder; sie meinte, er sei nur ein boshafter und gemeiner Schelm, wies deren am Hof die meisten seien. — Wir haben aber den Bedienten die Nacht vor der Schlafzimmerthür schlafen lassen und die Lisette zu uns ins Zimmer genommen, ich konnte aber die ganze Nacht nicht schlafen, mich störte es, daß der Diener vor der Thür lag. Es ist doch zum ersten Mal in meinem Leben, daß ich Angst hatte, aber denk doch nur, am andern Tag meldet uns der Bediente den rothen Herrn, er komme von der Fr. Kurprinzessin mit einem Auftrag und ließ sehr bitten, ihn anzunehmen, ich rufe Nein! wir wollen von keiner Kurprinzessin was wissen, die Tonie aber sagt, das geht nicht an, wir müssen ihn annehmen. Ich bewaffnete mich mit dem Sonnenschirm als er eintrat und uns zur Frau Kur¬ prinzessin zum Thee auf die Terrasse einlud, zugleich machte er viele Entschuldigungen, er habe gar nicht ge¬ ahnt, wer wir seien, weil wir in Hemdsärmel im Fen¬ ster gelegen haben; ich war still, aber ich war sehr er¬ grimmt über den rothen Mann. Als wir bei der Kur¬ prinzessin vorgestellt waren, die mich bei der Hand nahm und ins Gesicht küßte, da saßen wir alle in ei¬ nem Kreis, und der Rothe stellte sich hinter mich, daß ich seinen Athem fühlte, das kränkte mich sehr, ich sagte, gehen Sie fort hinter mir Sie garstiger Mann, da lief er weg, aber die Tonie sah mich sehr ernsthaft an, und wie wir wieder oben waren, da schmälte sie, daß ich so laut gesprochen habe, das ist mir aber einer¬ lei, ich kann ihn nicht in meiner Nähe leiden, was liegt mir dran, obs die Kurprinzessin merkt, wenn sie frägt, so sag ich, er hat uns wollen ermorden in unserem Zimmer, und dann kann er sich nachher vertheidigen, wenns nicht wahr ist, und kann sagen warum er uns so mörderischer Weise angefallen hat. — Die Tonie will auch nicht, daß ich Abends allein spazieren gehe, sie sagt der Kammerherr könnte mir begegnen, so muß ich immer einen hinter mir drein laufen haben. — Es ist nichts schöner als so ein Spaziergang im Nebel, mit dem sich, wenn die Nacht kommt, alle Schluchten füllen und in tausenderlei Gestalten im Thal herum¬ tanzt und an den Felsen hinauf. — Aber einen hinter mir drein laufen zu haben das ist mir verdrießlich. — Ich kann nicht dichten wie Du Günderode, aber ich kann sprechen mit der Natur, wenn ich allein mit ihr bin, aber es darf niemand hinter mir sein, denn grad das Alleinsein macht, daß ich mit ihr bin. Auf der grünen Burg im Graben, im Nachtthau, da war es auch schön mit Dir, es sind mir meine liebste Stunden von meinem ganzen Leben, und so wie ich zurückkomm, so wollen wir noch acht Tage zusammen dort wohnen, da stellen wir unsere Betten dicht neben einander und plaudern die ganze Nacht zusammen, und dann geht als der Wind und klappert in dem rappeligen Dach, und dann kommen die Mäuschen und saufen uns das Öl aus der Lampe und wir beiden Philosophen halten, von diesen Zwischenscenen lieblich unterbrochen, große tiefsinnige Speculationen, wovon die alte Welt in ih¬ ren eingerosteten Angeln kracht, wenn sie sich nicht gar umdreht davon. — Weißt Du was, Du bist der Pla¬ ton und Du bist dort auf die Burg verbannt, und ich bin Dein liebster Freund und Schüler Dion, wir lieben uns zärtlich und lassen das Leben für einander, wenns gilt, und wenns doch nur wollt gelten, denn ich möcht nichts lieber als mein Leben für Dich einsetzen. Es ist ein Glück — ein unermeßliches, zu großen heroischen Tha¬ ten aufgefordert sein. Für meinen Platon, den großen Lehrer der Welt, den himmlichen Jünglingsgeist mit breiter Stirn und Brust, mit meinem Leben einstehen! Ja so will ich Dich nennen künftig, Platon! — und einen Schmeichelnamen will ich Dir geben, Schwan will ich Dir rufen, wie Dich der Socrates genannt hat, und Du ruf mir Dion. — Es wächst hier viel Schierling in dem feuchten Moorgrund, ich fürchte es aber nicht, obschon's Gift ist; es ist mir ein geheiligt Kraut, ich breche es ab im Vor¬ übergehn und berühre es mit meinen Lippen, weil der Socrates den Schierlingsbecher getrunken. Lieber Pla¬ ton, es ist meine Reliquie, die mich von bösen Schwä¬ chen heilen soll, daß ich vor dem Tod nicht verzagen muß, wenn es gilt. — Gute Nacht mein Schwan, gehe dort schlafen auf dem Altar des Eros. — Am Sonntag. — Schlangenbad. Hier ist auch eine Kapelle, und eine kleine Orgel, die hängt an der Wand, die Kapelle ist rund, ein mäch¬ tiger Altar nimmt fast den ganzen Platz ein, ein gro¬ ßer goldener Pelikan krönt ihn, der einem dutzend Jun¬ 3** gen sein Blut zu trinken giebt. Das Ende der Predigt hörte ich aus als ich hineinkam, ich weiß nicht, wars der goldne Pelikan, die mit vielen Spinnweben über¬ florten Zierrathen und Kränze von Golddrath, die fri¬ schen Sträußer daneben, von Rosen und gelben Lilien und die düsteren Scheiben, wo oben grad über dem Pelikan die dunkelrothen und gelben Scheiben die Son¬ nenstrahlen färben. Der Geistliche war ein Franziska¬ ner aus dem Kloster bei Rauenthal. „Wenn ich jetzt von Unglück sprechen höre, so fallen mir immer die Worte Jesu ein, der zu einem Jüngling sagte, der un¬ ter seine Jünger wollte aufgenommen werden: die Füchse haben Gruben, die Vögel des Himmels haben ihre Ne¬ ster, aber des Menschen Sohn hat keinen Stein, da er sein Haupt hinlege. — Ich frage Euch, ob durch diese Worte allein, nicht schon alles Unglück gebannt ist? — Er hatte keinen Stein, um auszuruhen, viel weniger einen Gefährten, der ihm sein irdisch Leben heimathlich gemacht hätte, und doch wollen wir klagen, wenn uns ein geliebter Freund verloren geht, wollen uns nicht wieder aufrichten, finden es nicht der Mühe werth, ins Leben uns zu wagen, werden matt wie ein Schlaf¬ trunkner. Sollten wir nicht gern die Gefährten Jesu sein wollen, wenn die Noth uns trifft? sollten wir nicht Helden sein wollen neben diesem großen Überwin¬ der, der ein so weiches Herz hatte, daß er aus lieben¬ dem Herzen die Kinder zu sich berief, daß er den Jo¬ hannes an seiner Brust liegen hieß? Er war menschlich, wie wir menschlich sind, was uns zu höheren Wesen bildet, nemlich das Bedürfniß der Liebe, und zu selbstverläug¬ nenden Opfern befähigt, das war die Grundlage seiner göttlichen Natur, er liebte und wollte geliebt sein, be¬ durfte der Liebe; weil nun die Liebe auf Erden nicht zu Hause war, so fand er keinen Stein, da er sein Haupt ruhen konnte, da verwandelte sich dieses reine Bedürfniß der Liebe in das göttliche Feuer der Selbst¬ verläugnung, er brachte sich dar, ein Opfer für die ge¬ liebte Menschheit, sein Geist strahlte wieder himmel¬ wärts, von wo er in seine Seele eingeboren war, wie die Opferflamme hinaufsteigt ein Gebet für den Ge¬ liebten, und dies Gebet ist erhört worden, denn wir fühlen uns allzumal durch diese Liebe geläutert, und wenn wir uns ihrer Betrachtung weihen, so werden wir göttlich durch ihr Feuer, und dieses ist wie der Odem Gottes, der alles ins Leben ruft, jeden Keim des Frühling, so auch ruft nun die Liebe Jesu, die auf Er¬ den nicht begnügt und beglückt konnte werden, zu sich, alle die mühselig und beladen sind, sie sind verschlossne thränenschwere Knospen, die mächtige Sonne der gött¬ lichen Liebe wird sie zum ewigen Leben der Liebe wecken, denn dies ist alles Lebens, alles Strebens Ziel auf Er¬ den. Amen.“ Diese schönen Worte waren die einzigen, welche ich von der Predigt hörte, aber sie waren mir genügend, um mich den ganzen Tag zu begleiten, sie klangen wie ein himmlisch Geläut in mein Ohr, wie ein schöner Sonntag-Morgen; als Alles zum Tempel hinaus war, ging ich von der Emporkirche herab in die runde Kapelle, ein andrer Priester hatte eben die Messe gelesen, es kam ein alt Mütterchen, die löschte die Kerzen und räumte auf; ich frug ob sie Sacristan sei, sie sagte ihr Sohn sei Küster, aber der sei heut über Land, ich frug wo sie die vielen Blumen hernehme, da ich doch nirgend einen Blumengarten gesehen, sie sagte die Blumen sind aus unserem Garten, mein Sohn pflegt sie alle; ich hatte eine rechte Lust mit in den Garten zu gehen, das war sie zufrieden; das ist ein Garten, so groß wie der Hof von unserem Haus, an der weißen Wand des Hauses wachsen Trauben und ein paar hohe Rosenbüsche sind dazwischen verflochten, Rosen und Trauben, ich kann mir keine schönere Ver¬ mählung denken, Ariadne und Bacchus. Ein hölzern Bänkchen war da an der Mauer, ich setzte mich ganz ans End, und die Frau neben mich, es war kaum groß genug, daß wir Platz hatten, ich mußte recht dicht an die Frau heranrücken, ich legte meine Hand in ihre auf ihren Schooß, sie halte eine so harte Hand, sie sagt das sind Schwülen vom Graben im Land, denn hier ist ein felsiger Boden. Du glaubst nicht, wie schön der Garten in der Sonne lag, denn jetzt ist grade die reichste Blumenzeit, alles ist doch so schön; wenn die Natur mit Ordnung bedient wird, gleich ists ein Tem¬ pel, wo ihre Geschöpfe als Gebete aufsteigen, gleich ists ein Altar, der voll kindlicher Opfergeschenke bela¬ den ist. — So ist das Gärtchen mir seinen reinlichen Kieswegen und buchsbaumnen Feldertheilchen; der Buchs¬ baum ist so ein rechter Lebensfreund, von Jahr zu Jahr umfaßt und schützt er was der Frühling bringt, es keimt und welkt in seiner Umzäunung und er bleibt immer der grüne Treue, auch unterm Schnee, das sagt ich der alten Frau, die sagte, ja das ist wohl wahr, der Buchsbaum muß alles Schicksal mitmachen. — Aber stell Dir doch das hübsche Gärtchen vor, links vom traubenbewachsnen Haus die Mauer mit Jasmin; ge¬ genüber im Schatten eine recht dichte Laube von Geis¬ blatt, der Eingang zum Haus von beiden Seiten mit hohen Lilien besetzt. So viel Levkoyen, so viel Ranun¬ keln, so viel Ehrenpreiß und Rittersporn und Lavendel, ein Beet mit Nelken, ein Maulbeerbaum in der einen Ecke und in der andern geschützt gegen die kalten Winde, zwei Feigenbäume mit ihren lieben rein gefalteten Blät¬ tern, ich war ganz erfreut Kameraden von meinem Baum zu finden, unter denen springt ein Quellchen her¬ vor in einen Steintrog, da kann die Frau gleich ihre Blumen begießen, und in den offnen Fenstern hing ein Käfig mit Kanarienvögel, die schmetterten so laut. Ach es war recht Sonntagswetter, und Sonntagslaune in der Luft, und Sonntagsgefühl in meinem Herzen. Ich bitte Dich, sorg das mein Baum von der Lisbet nicht versäumt werde, er muß bald reife Früchte haben, wenn er so weit ist wie die im Küstergärtchen, die brech Dir ab. — Die Frau schüttelte mir Maulbeeren ab, die sam¬ melte ich auf einem Blatt und einen Strauß von Nel¬ ken und Ehrenpreiß und Rittersporn hatte ich mir auch gepflückt; und wie ich so da steh ganz still in der Sonn, da kommt der geistliche Herr aus der Thür, er hatte da sein Frühstück genossen, was die Küsterfrau immer nach der Kirche bereit hält. — Der Geistliche ist ein schöner ganz stiller Kopf, und sanfte Augen, und noch jung. Mich strahlten die schönen Worte, die ich von ihm ge¬ hört hatte, noch einmal aus seinem Gesicht an, ich konnte auch aus Ehrfurcht ihm nichts sagen, er sah mich aber freundlich an und sagte: Ei wie! schon reife Maulbeeren; ich reichte ihm die Maulbeeren, er nahm auch welche davon, und den Strauß nahm er mir auch ab und steckte ihn in seinen Ärmel, denn ich war so überrascht, als ich ihn kommen sah, daß ich nicht wußte was ich that, und ihm beide Hände entgegenstreckte, ich wußte gar nicht, daß ich ihm den Strauß geboten hatte, und erst als er mir ihn mit einem Dank abnahm, merkte ichs. Nun ging er weg und ich blieb betäubt stehen, der Spitzhund aber begleitete ihn sehr höflich vor die Gartenthür, ich hörte ihn noch vor der Thür freundlich mit dem Hund sprechen: Geh nach Haus Lelaps sagte er. — Ich war recht vergnügt, und mehr als all die Tage über auf der Terrasse, mit meinem Sonntagmorgen. Wie ich nach Haus kam waren alle bei Leonhardi versammelt und tranken Chocolade; sie fragten wo ich geblieben war nach der Kirche, ich erzählte daß ich im Küstergärtchen gewesen und hätte den lieben Prediger gesehen. Da war aber schon die Kritik drüber her ge¬ wesen und hatte die Unmöglichkeiten von unchristlicher Gesinnung drin gefunden; der Mann ist berühmt und Leonhardis waren aus Neugierde auch drin gewesen und die Engländer und die Lotte und der Voigt, und noch ein paar Stiftsfräulein die Leonhardis ken¬ nen, der Fritz lag auf dem Bett ganz blauschwarz von seinem Stahlbad, aus dem er eben gekommen war, wenn das noch lange dauert so wird er ein Mohr. Du hättest diesen Schnattermarkt mit anhören sollen, und der Niklas Voigt der im Mainzer Dialekt sie alle aus¬ lachte und die Lotte mit der besten Weisheit versehen und der Christian Schlosser, was jeder sagte oder viel¬ mehr über die andern hinausschrie, das verstand ich nicht, also noch weniger was jeder meinte, aber der Nik¬ las Voigt, dem Lotte in Ermanglung eines besseren Au¬ ditoriums ihre Weisheit übermachte, taumelte wie ein Betrunkener um den geschlossenen Zirkel der Disputiren¬ den, bejahte alles was sie sagten, und dann rief er wie¬ der: „in meinem Leben hab ich kein ärger Kauderwälsch gehört als die Narren da durcheinander schreien, hören sie doch Bettine was die vor Zeug schwätzen,“ und dann schrie er wieder drein sie hätten ganz recht, so ein Pre¬ diger wär ein eitler Narr, ich sagte: Ei Voigt! — „Nun was wollen Sie denn machen wenn Sie mitten unter den Wölfen sind so müssen Sie mit heulen, daß dich, daß dich, was vor kapitale Narren sinds! Ei freilich ist ein Prediger ein Narr, der seine himmlische Weisheit so vor die Narren giebt,“ — und so zerrte er mich zum Zimmer hinaus auf die Terrasse, war ganz begeistert von der Predigt, „ein Mann ists wies unter hunderttausenden keinen wieder giebt! ein Mann der seine individuelle Natur von Gott durchdringen läßt! ein lebendiger Mann der leider die Weisheit den hölzernen Maulaffen vor¬ predigt. Kein Mensch hat Andacht, Geistes-Andacht hat kein Mensch! — Maulandacht, und eine Zucht und eine Sitte, wie man Hunde dressirt: so dressirt die ganze Menschheit ihr eigen Gewissen, sie verstehens nicht bes¬ ser, sie wissen nichts davon, daß der ganze Mensch gar kein Richter mehr über sich selber sein soll, sondern ein lebendiger Anger wo kein Urtheil mehr Statt findet, son¬ dern lauter Seelennahrung, lauter Himmelsspeis der Weisheit; wahre Weisheit die kann nur genossen wer¬ den, nicht beurtheilt, denn die ist größer als daß der geringe Verstand sie durchschaut, — aber so gehts! — was hilft mich die christliche Religion, die Menschen sind Narren und werdens bleiben, und da hats dem Herrn Christus auch nicht besser geglückt, daß er da herunter gekommen ist. Ein Narr der sich Christ nennt ist halt eben auch einer! — wenn er hundertmal vom Him¬ melsthron herunter gekommen ist, er hat tauben Ohren gepredigt wie unser geistlicher Herr, oder Narren hat er gepredigt, die es nach ihrem Behagen ausgelegt haben. — Wäsch mir den Pelz und mach mir ihn nicht naß, das ist die ganze Geschicht mit der Frömmigkeit. Thu die Augen auf und werd gescheut, denn unser Herrgott kann keine Esel brauchen, aber Ihr werd' Esel bleiben, und so tragt nur Euer schwere Säck von Vorurtheil auf Euerm Buckel bis in alle Ewigkeit, Ihr seid doch zu nichts tauglich als die Mühl zu treiben, in der Euch der Kopf immer dusseliger wird.“ — Aber das war nicht al¬ les was der Voigt sagte, und dabei machte er Sätze links und rechts. Jetzt erzähl ich Dir wieder weiter wie's noch mit dem rothen Kammerherrn weiter gegan¬ gen ist, alle Tage sind wir auf der Terrasse, da giebt bald eine Dame bald die andre ein Gout é e, und dann wieder die Prinzeß, aber der Krebs ist immer wieder hinter mich gekommen, da hab ich mir eine Schawell aus unserm Zimmer geholt und dicht neben die Kurprinzeß gestellt, und mich drauf gesetzt; und nun ist das alle Tag mein Platz, und da darf er nicht mehr an mich streifen, und wenn wir spazieren gehen über die Bergrücken nach dem Thee, da nimmt mich die Kurprinzeß immer bei der Hand; sie hat ein klein Blondchen weiß und roth, dem fliegen die Sonnenhaare so flammig um den Kopf, dem lieben Hessenkind, ich könnt recht gut mit ihm spie¬ len, sie halten mich ja doch für ein Kind, weil ich keine Gesellschaftsmanieren hab; Ball werfen, um die Wett laufen; — aber so einem Prinzeßchen ist nicht beizu¬ kommen; da ist eine Frau von Gundlach die führt das Regiment, und Kammerfrauen die begleiten es. Dann ist mirs auch nicht möglich mit einem Kind Komödie zu spielen, ich muß mit ihm sein können unter Gottes Schutz, nicht unter Menschenaufsicht. — Prinzeßchen, in Gold und Silber angethan, — zu ihrer Geburt kommen gute Feen die sie beschenken, — das erfährt man in Feen¬ märchen. Was mögen sie dem feinen Kind alles ge¬ schenkt haben? — Gaben die es noch nicht zu brauchen weiß, wer wirds ihm lehren? — Scheu! — aber keine schein¬ heilige, — ich hab sie vor allem Kinderschicksal, unent¬ faltet noch in so süßer Knospe verschlossen, man hat auch Scheu eine junge Knospe zu berühren die der Früh¬ ling schwellt. Ein Wiegenkindchen lallt so berührsam wie kein Gespräch mit Menschen. Nur allein mit dir ist Sprechen lebendig, wo wir ohne Vor- und Nachurtheil, den Gedanken uns auf die Schwingen werfen, und jauch¬ zen, und gen Himmel fahren. Um so ein Kinderschicksal möcht ich einen Kreis ziehn, das Erdenschicksal wollt ich aufheben von ihm, daß es ganz gleichgültig wär ob ihm dies oder jenes zu Theil werde, und nur sein himm¬ lisch Weisheitsschicksal darf gelten. Lautere Güte, das ist der Erfrischungsquell für die Kindernatur aus dem sie Gesundheit trinkt — und Abends wenns schlummert, da haucht es Segen, wie die schlummernden Sträucher auch Segen duften, an denen man hingeht in der Däm¬ merung. — Ein Kindchen einwiegen bei Mondenschein, dazu würden mir gewiß schöne Melodieen einfallen, was geht einem die Welt an, die verkehrt ist. Alles was ich seh wie man mit Kindern umgeht, ist Ungerechtigkeit. Nicht Großmuth, nicht Wahrhaftigkeit, nicht freier Wille sind die Nahrung ihrer Seele, es liegt ein Sclavendruck auf ihnen. Ach wenn ein Kind nicht innerlich eine Welt hätte, wo wollt es sich hinretten vor dem Sündenun¬ verstand, der bald den keimenden Wiesenteppich über¬ schwemmt. — Da sagen die Leute, ein Kind darf nicht alles wissen. — Wie dumm! — Was es fassen kann, das darfs auch wissen, für was hätte es die Macht zu begreifen? — Der Geist langt wie eine Pflanze mit jungen Ranken hinaus in die Lüfte und will was fassen, und da kommt der Unverstand, an den kann er sich freilich nicht ansaugen, da muß der Kindergeist abster¬ ben; sonst, wie bald würde die Weisheit der Unschuld, den Aberwitz der Unverschämtheit beschämen. Ungeduld und Zorn und Mißstimmung werden ihnen wie Autori¬ täten entgegengestellt, man schämt sich vor ihnen keiner bösen Regung, vor Andern hütet man sich wohl, da versteckt man die böse Natur, aber vor Kindern nicht, man denkt sie begreifens noch nicht, man sollte doch lie¬ ber auf ihre Reinheit bauen, die das Böse nicht gewahr wird, oder auf ihre Großmuth, sie verzeihen viel und rechnen es einem nicht an. Deswegen sind sie aber nicht witzlos und untüchtig für den höchsten Begriff. Aber die Menschen sind über sich selber so dumm, sie glauben in ihrem schmäligen Unrecht noch an ihre eigne Weisheit wie an einen Ölgötzen, dem sie Opfer bringen aller Art, nur die eigne Bosheit erwischen sie nicht bei den Ohren, um sie einmal zu schlachten. Der knospenvolle Lebenstrieb wird nichts geachtet, der soll nicht aufgehen, aus dem die Natur, hervor ans Licht sich drängen will; da wird ein Netz gestrickt wo jede Ma¬ sche ein Vorurtheil ist, — keinen Gedanken aus freier Luft greifen und dem vertrauen, — alles aus Philisterthum beweisen und erfordern, das ist die Lebensstraße die ih¬ nen gepflastert wird, und wo statt der lebendigen Na¬ tur lauter verkehrte Grundsätze und Gewohnheiten es umstricken. Der Voigt sagte, ihm sei das Lachen und Weinen nah gewesen beim Examen in der Musterschule, wo der Molitor mit so großem Eifer die Judenkinder examinirt habe über die Großthaten der Römer und Griechen, wenn er dächte welchen schmutzigen Lebenspfad sie wandern müßten, „Zieh Schimmel zieh, im Koth bis an die Knie,“ ja da mag einer noch so ein weißer Schimmel sein, er muß im Morast stecken bleiben; und das ganze Lehrgebäude ist blos wie Fabelwerk, alles lehrt man durch Exempel, aber große Thaten die zeigt man nur wie die Chimära aus dem Bilderbuch, da dreht jedermann um und läßt sie stehen ohne weitere Ge¬ brauchsanweisung. Diese Bemerkungen sind alle aus Gesprächen mit dem Voigt, der mir gern seine Weisheit bringt aus dem Grund weil ihn kein Mensch sonst an¬ hört, er sagte ich bin jedermann langweilig, aber ich kann Ihnen versichern die Leute sagen Sie wären auch langweilig; er sagte: aus einem Kind sollte lauter Weis¬ heit hervorblühen, daß alles Denken freudige Religion in ihm würde ohne ihm das Kreuzschlagen zu lehren, oder Heiden und Christen zu unterscheiden, und seine Seele müßte aufblühen am Lebensstamm ohne zu fragen nach Gutem und Bösem. — Weißt Du was, — heut hat sich das zarte Kind in der Thür den Finger sehr arg ge¬ klemmt, und die Kurprinzeß war sehr erschrocken, und ganz hinfällig geworden, denn es hat ihm sehr arg weh gethan, mich hats auch geängstigt, es hatte Fieber, jetzt liegts im Bett und schläft, als es beruhigt war ging die Kurprinzeß zur Erholung spazieren, sie nahm mich mit, ich lief von ihrer Seite um ihr Blumen zu holen die ich in der Ferne sah, die nimmt sie mir immer freund¬ lich ab und zeigt mir wohl selbst, welche ich pflücken soll, ich brach aber so viele und kletterte jede steile Seite hinan; die Damen wunderten sich über meine großen weiten Sprünge, und sagten ich beschwere die Hoheit mit den vielen Blumen, ich band einen Strauß mit mei¬ nem Hutband und gab ihn ihr zu tragen, ich sagte er sei fürs kranke Kind zum Spielen, nicht ins Wasser zu stellen; sie trug den großen Strauß und wollte nicht daß man ihr ihn abnahm. Die Gesellschaft wunderte, sich über meine naive Art , damit meinen sie Unart , ich merkte es; sie halten mich für einen halben Wilden, weil ich wenig oder nie mit ihnen spreche, weil ich mich durchdränge wohin ich will, weil ich mich ohne Erlaub¬ niß an der Prinzeß Seite setze, als ob ich den Platz gepachtet habe, sagt Frau von B. R., weil ich so leise geschlichen komm daß mich keiner merkt, weil ich davon laufe und nur das Windspiel vom Herzog von Gotha sich mit mir zu schaffen macht, das mir nachsetzt und bellt wenn ich ins Gebüsch spring; der L. H. sagte mir daß man sich über meine Unart aufgehalten, den Hund so laut bellen zu machen; er erzählte mir aber nicht was ich von der Tonie hernach hörte, daß die Kurprinzeß sagte: sie ist ein liebes Kind, und daß der Herzog von Gotha sagte: ein allerliebstes Kind. — Nun, ich gefall mir selbst gut. — Lieb Günderödchen, über allen Wechsel und Zer¬ streuung von heute hinweg klingen noch immer die Worte der Predigt in mich hinein, als wär heut ein feierlicher Tag gewesen. — Es ist ja wahr, Du und ich sind bis jetzt noch die zwei einzigen die mit einander denken, wir haben noch keinen Dritten gefunden der mit uns denken wollt; oder dem wir vertraut hätten was wir denken, Du nicht und ich nicht; Niemand weiß was wir mit einander vorhaben, und wir lassen jetzt schon ein ganzes Jahr die Leute sich wundern warum ich doch alle Tag ins Stift lauf. — Aber den Geist¬ lichen, — wärs in Frankfurt gewesen, den hätt ich ange¬ redet daß er mit mir zu Dir gegangen wär. — Der hat gewiß keinen Freund — sein Geist wird sein Freund sein müssen, der wird ihm antworten. Ich denk, ob ei¬ ner mit seinem eignen Geist reden kann? — Der Dämon des Cocrates wo ist der geblieben?— Ich glaub jeder Mensch könnte einen Dämon haben der mit ihm spre¬ chen würde, aber worauf der Dämon antworten kann, das das muß unverletztes Forschen nach Wahrheit sein; da mein ich mit, es darf sich kein andrer Wille drein mi¬ schen, als blos die Begierde zur Antwort. — Frage ist Liebe, und Antwort Gegenliebe. Wo die Frage blos Liebe zum Dämon ist, da antwortet er, der Lieb kann Geist nicht widerstehen, wie ich nicht und Du nicht. So lang ich vom Socrates weiß, geh ich dem Gedan¬ ken nach, wie Er einen Dämon zu haben; er hatte wohl ein inneres Heiligthum, ein Asyl wo der Dämon zu ihm kommen mochte, ich hab in mir gesucht nach dieser Thüre zum Alleinsein, wo ich diesem Weisheitsgeist ins Gesicht sehen könnt, stehend um Lieb. Aber Du hast recht, ein muthwilliger Wind jagt meine Gedanken wie Spreu auseinander, ich werd fortgerissen von einem zum andern von meiner Zerstreutheit, dann ists so nüchtern in mir, und so beschämend öde wenn ich mich sammeln will, wie soll da der Geist sich einfinden, wo es so leer ist, der Socrates hatte wohl große Thaten gethan vor¬ her, und nie seinen Genius verleugnet, dann kam er zu ihm. — Ich sag als zu mir, laß nur ab, der Geist würde von selber kommen, könnt deine Natur ihn her¬ bergen. Ich denk als der Geist muß entspringen aus vereinigten Naturkräften und ich hab so keine Feuer¬ natur die sich so concentriren kann daß der Geist aus 4 ihr entspringe, aber ich wollt es doch, ich sehne mich nach ihm. Ich hab ihn nicht, ich denk mir ihn aber, und trag ihm alles vor in meinen Nachtgedanken, und manchmal schreib ich an Dich als wärst Du sein Bote, und er würde durch Dich alles erfahren von mir. Manchmal wenn wir zusammen schwätzten im Dunkel bei dem verglommenen Feuer in Deinem Öfchen, wo der März¬ schnee vom Baum vor Deinem Fenster herunter fiel, da dacht ich, was schüttelt doch den Baum? — und da war ich gleich so begeistert, als lausche was und reize mich an, und Du sagtest es fülle sich unser Gespräch mit Gas, ein Gedanke nach dem andern stieg in die Wolken, und verglichst sie mit romanischen Lichtern die hoch über uns sich in sanften Leuchtkugeln ausbreiten. Das Rasseln im beschneiten Baum, an der Wand das neugierige Mondlicht, das aufflammende Feuerchen, Du, und ich die mit Deinen Fingern spielte beim Sprechen, das war als so, daß ich dacht der Geist wär nah bei uns und trenne uns von allem Unsinn; und das Leben war auch so weit ab, auf der Straße wenn ich nach Haus ging, wenn mir da Menschen begegneten, so wars wie eine Scheidewand zwischen mir und ihnen und zwi¬ schen allem was in der Welt vorgehe. — Ja die Welt, die auch von Begeistrung leben sollte wie der Baum vom Thau, die strömt so viel Stickluft aus (Lange¬ weile), daß der Geist nicht erathmen kann. Heut sind die Früchte angekommen und die Blu¬ men all noch frisch, Dein Brief duftet mit dem Helio¬ trop und gelben Jasmin in meiner Brust, wo ich ihn hingesteckt hab. — Was Du mir sagst scheint mir auch vom Dämon durch Dich gemeldet, Du kleidest seine Weisheit in Balsam hauchende Redeblüthen — ich soll und muß Dir Recht geben, nicht wahr? — Meinst Du es wird den Dämon verdrießen wenn ich ihm nicht nachgebe mit der Eifersucht? — und daß meine Leiden¬ schaft in so stolzen Flammen aufsprüht, und will ihn gefangen nehmen wo er sich verborgen hat in Dir? — Eifersucht fährt heraus aus dem Geist der Liebe als wärs der Dämon selber, sie ist eine starke bewegende Kraft, ich weiß was ich ihr zu danken hab; — ja viel¬ leicht ist sie eine Gestalt, in die sich der Dämon klei¬ det; wenn ich eifersüchtig bin ist mirs immer göttlich zu Muth, alles muß ich verachten, alles seh ich unter mir, weil es so hell in mir leuchtet und nichts scheint mir unerreichbar, ich fliege wo andre mühselig kriechen; und während mirs im Herzen ängstlich pocht, da rauschts im Geist so übermüthig, ich biete Trotz, so arg Trotz, daß ich ohnmächtig werden muß, aber mein Muth sinkt 4* nicht, der ist noch stärker wenn ich mich erhole, nach was verlang ich denn? — was will ich mir erzwin¬ gen? — Ja es ist gewiß der Dämon den ich wittere; als ich Dir in die Hand biß und an zu weinen fing, so war es doch der Dämon der mich neckte, nicht Deine Geheimnisse die Du mit andern hast die mich nichts an¬ gehen, ich weiß daß die nicht zwischen uns treten, und Du, wo willst Du hin? — Ich und Du, uns berührt nichts in unserer Eigenthümlichkeit mit einander. Aber es schlägt Feuer aus mir daß ich Ihn fassen will und will mich an ihn klammern, denn er war gewiß oft zwischen uns beiden, meine Ahnung war nicht falsch, und ich wollt ihn gern an mich reißen als ich von Dir ging, drum biß ich Dich und schrie. — Ja es ist Eifer¬ sucht — wie soll ich aber nicht eifersüchtig sein, es ist ja die einzige Möglichkeit meines Gefühls, schmeichlen kann ich ihm nicht, ihm vertrauen wie kann ich das, ich weiß ja nicht, ob er mir lauscht. Aber daß meine Eifersucht rege wird, wo ich ihn ahne, daß ich da mäch¬ tig mit den Flügeln schlage um ihn, der mich selber dazu reizt, das ist die Stimme der Wahrheit heißer Liebe. Ja! ja! ja! — da brauch ich mich nicht zu erschöpfen in Vorbereitungen, da bin ich nicht mehr zerstreut, und zaghaft gar nicht. Ach Günderode! und nun antwor¬ tet er mir so sanft in Deinem Brief, Du bist ganz mit¬ leidig geworden durch ihn, er hat Dich so gestimmt und verkündet mir in Deinen Worten, wie der Baum der Treue zwischen uns erwachsen und erstarken werde und daß ich nicht verzage. — Ja ich glaubs daß er mir alles sagt, was Du mir schreibst, er versüßt mir die Pausen mit Träumen von ihm, und verheißt mir daß er allen Raum ausfüllen werde mit Geistesblüthen, wie das Meer mit Wellen ausgefüllt ist. Ewigkeit ist all¬ umfassendes Empfinden, nicht wahr, das sagt die Nar¬ cisse zur Viole, und die senkt den Blick in den eignen Busen und beschränkt sich in die Unumkränztheit der Liebe, die sie da ahnt und fassen lernt. — Nicht alles ist der Liebe fähig, aber wenn ich dem nachgehe, was ihrer fähig ist, dann werd ichs durchdringen. Wo soll mein Geist den Fuß aufsetzen, überall ist er fremd, wenn es nicht selbst erobertes Eigenthum der Liebe ist. — Versteh ich mich? — ich weiß selbst nicht. — Die Au¬ gen sind mir vor Schlaf zugefallen so plötzlich über dem Besinnen, ich muß morgen früh um sieben Uhr den Brief dem Bothen mitgeben, überdies brennt mein Licht so dü¬ ster, es wird bald ausgehen, gute Nacht Brief! Der Mond scheint so hell in meine Stube, daß sie ganz klingend aussieht — die Berge gegenüber sind präch¬ tig, sie dampfen Nebel in den Mond. Alleweil will das Licht den Abschied nehmen, ich will aber sehen, ob ich nicht im Mondschein schreiben kann. — Ich bin so vergnügt, wie die Blätter wenn sie ganz beregnet sind vom Gewitter in der Nacht und der Himmel wird wie¬ der hell, und sie schlafen dann ruhig ein, weils Gewit¬ ter vorbei ist. — Da hör ich schon die ganze Zeit einen fremdartigen Vogel schreien, sollte das ein Käuzchen sein, das die Frau Hoch einen Todtenvogel nennt, er schreit ganz dicht vor meinem Fenster; ach Günderöd¬ chen ich schäm mich ein wenig, weil ich mich ein we¬ nig fürchte. Meine Stube ist so düster, das Licht wird gleich ausgehn, die Berge da üben sind so grausend, man sieht sonderbare Gestalten, die kleine Quell unter meinem Fenster ruschelt so leis und bedächtig wie ein alt Hausgespenst. Was bin ich so dumm? — Da fällt mir der Dämon ein, und sollt mich fürchten vor dem Käuzchen, siehst Du so albern bin ich, und doch macht die inwendig Seel solchen Anspruch, der Geist soll sie heimsuchen, und fürcht mich vor dem Käuz¬ chen! — gleich mach ichs Fenster auf und seh nach ihm, da fliegts weg, die Sterne funklen zu tausenden am Himmel, da unter meinem Fenster steht meine alte In¬ validenschildwach und paßt vermuthlich auf ein Ständ¬ chen von meiner Guitarre, was er gewohnt ist alle Nacht zu hören, ich werd ihm ein Lied von der heili¬ gen Jungfrau Maria singen, denn es ist heut Maria Himmelfahrt und nicht Sonntag, wie ich irriger Weise sagte, ich hab diese Seite im Mondschein geschrieben, Du wirst nicht lesen können, nun es schad nichts, es steht auch nichts drauf, was Du nothwendig wissen müßtest, es ist mir doch so wohl seit dem kleinen Schauer¬ chen von Furcht, ich hab auch keinen Schlaf mehr. Der Mond schwimmt so eilig hinter den weißen Wölkchen hervor, daß es mir ordentlich im Herzen Gewalt an¬ thut. Ich muß singen, sonst muß ich weinen. Gute Nacht. Bettine. Günderödchen. Die Engländer sind recht närrische Passagiere, sie brachten mir einen Brief vom L'ange mit, der mich warnt mich nicht in sie zu verlieben. — Der mit dem gepuderten Haupte, Mr. Haise ließ sich gestern in einem Nanquin-Morgenrock auf der Terrasse sehen und gelben Pantoffeln, die Tonie sah zum Fenster hin¬ aus, sie wollte nicht hinunter, sie schämte sich vor den Leuten, wenn er mit ihr spreche, weil er so absonderlich aussieht. — Ich sah aber wie er herauflugte nach un¬ sern Fenstern, und wie er die Tonie erblickte, da rief er sie an, bei dem herrlichen Wetter herunter zu kom¬ men, ich mußte mit; er spannte einen grünen Para¬ plüie über ihr auf um sie vor der Sonne zu schützen, so mußte sie mit ihm die Terrasse auf und ab wandlen, ich lief herauf und machte eine Zeichnung davon, die ich der Tonie ins Arbeitskästchen legte, was sie immer mit nimmt auf die Terrasse zum Thee, und freute mich schon auf die Bewundrung, wenn es erblickt würde. Aber sie legte das Papier schnell zusammen und wickelte Seide drauf; sie wollte nachher schmälen, ich hatte ihr aber einen so schönen Kranz gemacht von Farrenkraut, der ihr so gut stand und ihre Wunderschönheit noch erhöhte, daß wir ganz content auf den Ball kamen, der beinah aus so viel Karrikaturen bestand als Men¬ schen da waren. Der Clemens hat mir aus Weimar geschrieben und mich gewarnt vor dem Verlieben, — überflüssig! — wär er doch auf dem Ball gewesen — höchstens daß man einem Rippenstoß ausgesetzt ist, sonst ist keine Gefahr. — L. H. war auch da mit seinen Schwestern, wird alle Tage blauschwärzer von seinen Stahlbädern; sein extra weißer Jabot und Halsbinde machten dies in die Augen fallend, er war sehr fein und elegant gekleidet, denn da er eine diplomatische Ambition hat, so versäumt er keine Gelegenheit sich standesmäßig auszuzeichnen. So lange wir am Ein¬ gang saßen, wo viele Menschen sich drängten, merkte keiner was, als L. H. aber vortrat um irgend wem sein Compliment zu machen, entdeckte man und Franz der an meiner Seite saß zuerst, daß er statt eines Fracks einen Joppel an hatte ohnen Schößen, rund wie ein Fleischerwams, dies sah gar zu närrisch aus, mit schwarzseidnen Beinkleidern, weißseidnen Strümpfen und Schnallenschuh, kurz vollkommne Hofetikette und Feder¬ claque unterm Arm. — Er hatte, während die Familie sich zum Ball fertig machte, den Überrock angezogen, dann lief er in sein Zimmer, wo ihm der Wind das Licht auslöschte, um den Frack anzuziehen, und ergriff statt dessen einen englischen Halbrock, den die Herrn nach neuster Mode bei kühler Witterung über den Frack anziehen. — Er hatte sich bis jetzt noch nicht von hinten dem großen Publikum präsentirt, und noch mit dem Rücken gegen uns gewendet; es wurde in Eile Concilium gehalten und beschlossen, zwei Damen, Lotte und die B. sollten ihn gesprächsweise sanft rückwärts schreiten machen, ohne ihm das verfänglich Dilemma, in welchem er sich befinde, zu entdecken bis er gerettet sei; dabei sollten Tonie, Franz und Voigt eine kleine Hin¬ 4** tertruppe bilden, um seinen Rückzug zu decken; ich wurde ausgemerzt von dieser Expedition, weil ich vor Lachen über die unerschöpflichen Witze von Franz un¬ tauglich dazu war. Der Zug rückte aus und drängte sich schon zwischen manchen verwunderten Blick, der auf dem schößlosen Rücken haftete, sie schlichen immer behutsamer heran je näher sie kamen, so schleicht man sacht hinter einem Vogel her, dem man Salz auf dem Schwanz streuen will um ihn fangen zu können, aber er fliegt weg ehe man nah genug kommt; so kam es auch hier, als sie schon ganz nah waren und eben ihn zu haschen meinten, wendete er sich plötzlich um. Ach! ich sprang hinter den Vorhang am Fenster und wickelte mich hinein, und biß in den Vorhang vor Lachvergnü¬ gen, und ging nachher auch fort, denn mir wars zu übermüthig für den Gesellschaftssaal; der Voigt beglei¬ tete mich und erzählte mir, daß die Arrieregarde ihn durchpassiren lassen, sich dann dicht angeschlossen und wie einen vornehmen Staatsgefangenen transportirt bis zum Eingang, dort habe er sich nieder gelassen wo man ihm seine ästhetische Fatalität mittheilte und er sich umgeben von seinen Getreuen zurückzog; jetzt würden sie wohl die ganze Nacht kein Auge zuthun, denn da er bei dem hessischen Hof angestellt sein möchte, so ist ihm gewiß bange sein Schicksal untergraben zu haben durch den zipfellosen Aufzug. Voigt ging noch eine Weile mit mir auf der Terrasse wo es so still war, man hörte die Violinen vom Ball; die Wolken überzogen prophezeihend (ein Gewitter nemlich) das Sternenheer, und senkten sich auf unsere Berge, die Bäume standen so ehrfurchtsvoll still den Gewittersegen erwartend; die ganze Gegend sah aus als ob sie sich zu ihrem Schö¬ pfer wende, Voigt vergaß darüber seine unzähligen Witze, mit denen er mich überschwemmt hatte, die ent¬ fernten Lichter und Feuer, die in den umliegenden Hüt¬ ten brennten, funkelten durch das Grün der Bäume, wie Opferfeuer zum Allliebenden, so weit man sehen konnte sah die Welt aus als ob sie unsern Herrgott um eine sanfte Nacht bitten wolle für Alle; für Dich und für mich, für unser ganz Leben, bis an die letzte Nacht. — So ist die Natur süße Fürbitterin, immerdar; alle Seufzer wiegt sie ein, so wollen wir ihr denn dan¬ ken dafür und ihr vertrauen bis an die letzte Nacht. Der Clemens mit seinen Warnungen? — Ich hab ihm heut geschrieben. Die Linden blühen wohl noch und hauchen einem süß an, aber keine Menschen, und die Natur ist schöner und gütiger und größer als alle Weisheit dieser Welt. Was einer mit mir spricht dar¬ auf möcht ich ihm antworten mit einem Tannenzapfen, den ich ihm in die Hand drücke, oder eine Schnecke die am Weg kriecht, oder einen angebissnen Holzapfel, es wär im¬ mer noch gescheuter als die Antwort, die mir einfällt. Mich geht kein Erdenschicksal was an, weil ich doch nicht Freiheit es zu lenken hab; — Wär ich auf dem Thron so wollt ich die Welt mit lachendem Muth um¬ wälzen, sagte ich gestern Abend zum Voigt. „Meinet¬ wegen,“ sagte er, „Schad ists nicht drum, auf der neuen Seite kann sie nicht verkehrter liegen als auf der alten. Alle die mühseligen Personagen, die etwas unter Narren bedeuten, sind ein absurdes Zeugniß von ihrer lächerlichen Autorität, solche haben so großen Re¬ spekt vor ihrer hohen Tendenz, daß sie sich nicht ge¬ trauen sich ins Gewissen zu reden, sie meinen was durch sie geschähe wär der Schicksalsschlüssel, der durch sie die Zukunft aufschließt die schon fertig da läge und nicht erst durch ihren Unsinn verkehrt gemacht wird, sie würden sich nicht getrauen vollkommne Menschen aus sich zu bilden und allenfalls die Bedürfnisse der höheren Menschenrechte vor sich selber zu vertreten; O nein! je dringender die Forderungen der Zeit ihnen auf den Hals rücken, je mehr glauben sie sich mit Philisterthum verschanzen zu müssen und suchen sich Nothstützen an alten wurmstichigen Vorurtheilslasten, und erschaffen Räthe aller Art, geheime und öffentliche, die weder heim¬ lich noch öffentlich anders als verkehrt sind; — denn das rechte Wahre ist so unerhört einfach, daß schon deswegen es nie an die Reihe kommt. Wenn alle Pharisäer an der Regierungsmaschine auf einmal die Staarsucht bekämen, es würde der Welt nichts ab¬ gehen an ihrer Gesundheit, nicht einmal verschnupfen würde sie.“ — So politisirt mir der Voigt gewöhn¬ lich unterm Sternenhimmel noch eine Stunde vor, wo ich bei schönem Wetter auf der menschenleeren Terrasse mit ihm wandle; er sagt: hören Sie mir immer zu, Sie sind noch jung und haben mehr Energie im Judi¬ rium vor den andern Allen, oder vielmehr: wo ists ge¬ blieben könnte man die andern fragen, denen die Oh¬ ren nach Fablen jücken, und die sich von der Wahr¬ heit abwenden oder sie nach eignem Gelüst auslegen, daß sie ihnen zur Fabel wird. — Den Voigt will kein Mensch anhören, jedermann schreit über ihn, ich aber fühl mich sehr geehrt, daß er mir gern das ernste Große seines Geistes darlegt, ich hör ihm begierig zu. Er ist so kurz und entschieden zwischen Recht und Unrecht, daß man keine Zeit im Schwanken verliert und daß man einen Heldencharakter bedarf ihm zu folgen. „Für einen Freund muß man in den Tod gehen können. — Wer nicht Alles hingiebt, den eignen Genuß, die selbst¬ erworbne Größe um den Freund zu stützen, gehört nicht zu der Gattung Geschöpfe, die Freundschaft empfinden. — Was ist Gefühl? — Farbe, die nicht lebendig ist als nur im Lichtstrahl, der ist die Liebe — also braucht man vor keinem Sentiment Respekt zu haben, es ist lauter eingebildet Zeug. — Es giebt tausend Handlun¬ gen die man niemand verargen kann, wer aber Hoch¬ sinn hat der wird selbst aus Demuth solche Handlungen tödten, zum Beispiel: einer der seinem Freund alles Böse was in seiner Natur ihm widerspricht offenbarte, tödtet der nicht auf der Stelle alle Pharisäer?“ — Das war noch gestern Abend, was ich von seinem Ge¬ spräch behielt, nicht der zehnte Theil, denn er ist rasch wie ein Schmied beim glühenden Eisen; ich frug ihn warum er vor andern nicht auch so spreche, er sagte wenn ich, mit einem Wein will trinken, so muß ich ei¬ nen Becher haben, in den ich ihn eingieße, Ihre Seele ist ein Becher. Montag Zwei-, dreimal zwischen Eichen und Buchen und jungem lichten Gebüsch, Berg auf Berg ab — da kommt man an einen Fels, glatte glänzende Basalt¬ fläche, die die Sonnenstrahlen wie ein dunkler Zauber¬ spiegel auffängt, dazwischen grüne Moossitze, heute Morgen war ich hierher gegangen, es ist mein gewöhn¬ licher Spaziergang wenn ich allein bin, nicht zu weit und doch versteckt, — da sah ich noch den Nebel wie jungen Flaum zwischen den Felsspalten hin und her schwimmen, und über mir wards immer goldner, die Morgenschatten zogen ab, die Sonne krönte mich, sie prallte scharf vom schwarzen Stein zurück, sie brennte sehr stark, sie drückte doch nicht meine Stirn, ich wollte eine Krone schon tragen, wenn sie nicht schärfer drückt als die heiße Augustsonne, so saß ich und sang gegen die Felsen hin und hörte aufs Echo, und die Regie¬ rungsgedanken stiegen mir in den Kopf. So nach Grundsätzen die Welt regieren, die in innerster Werk¬ stätte meiner Empfindung erzeugt wären, und alles Philisterthum um und um stoßen, das sind solche Wünsche die an einem so heißen Sonnenmorgen mir in den Kopf steigen und wozu Voigts Sternengespräche einen star¬ ken Reiz geben; er sagte, alles Gefühl, aller Begriff werde zu einem Vermögen, es ziehe sich wohl zurück, aber zur unerwarteten Stunde trete es wieder hervor, — und da setze ich mich an einsame Orte und simulire so ins Blaue hinein und komme zu nichts, zu keinem hellen Augenblick, nur daß mir oft das Herz unbändig klopft wenn ich dran denke daß ich das Geschrei der Philister, die des Geistes Stimme mit Grundsätzen be¬ drängen, durch das bloße Regiment meiner Empfindung ersticken wolle; ja es wär eine himmlische Satis¬ faction für die Ruthenstreiche womit sie blind alle Be¬ geistrung verfolgen. Günderode, ich wollt Du wärst ein regierender Herr und ich Dein Kobold, das wär meine Sach, da weiß ich gewiß daß ich gescheut würde vor lauter Lebensflamme. Aber so! — ist es ein Wun¬ der daß man dumm ist? — Und so war ich bald im Sonnenbrand ganz träumerisch versunken, und jagte im Traum auf einem Renner wie der Wind, nach allen Weltgegenden, und richtete mit hoher übertragner Be¬ geistrung von Dir, die Welt ein, und kommandirte wohl auch hier und da mit einem Fußtritt mit einem Fluch dazwischen damit es geschwind gehe, — aber Dein Dra¬ molet zu lesen was ich mitgenommen hatte, mich recht hinein zu studiren, das hab ich versäumt durch die vie¬ len heftigen Bewegungen meiner Seele, ich mußte mich beschwichtigen mit Schlafen was mich immer befällt, wenn mir die Schläfe so brennen vor heißem Eifer in die Zukunft. O Seelenbecher, wie kunstreich und gött¬ lich begabt ist Dein Rand geformt, daß er die brausen¬ den Lebensfluthen faßt, wie unrettbar wär ich sonst über dich hinausgebraust. — Mein Freund das Wind¬ spiel hatte mich aufgespürt, es weckte mich mit seinem Bellen und wollte mit mir spielen, es bellte daß alle Felsen dröhnten und echoten, es war als wenn eine ganze Jagd los wär, ich mußte jauchzen vor Vergnügen und Lust mit dem Thier; es hatte mir meinen Strohhut apportirt den ich dem steilen Fels hinabgeworfen hatte, mit so zierlichen langhalsigen Sprüngen — so ists wenn man einem gut ist, da mißt man nicht die Gefahr des Abgrunds, man vertraut in die eignen Kräfte und es gelingt. — Ach Günderode, es wär viel, wenn der Mensch nur erst so weit wär seinem eignen Genie zu trauen wie so ein Windspiel, es legte mir seine Pfoten um den Hals wie es mir meinen Hut gebracht hatte ohne ihn zu verderben; ich nannte es zum Scherz Ero¬ dion, und dachte so müsse der an der Göttin Imortalita hinauf gesehen haben, denn es ist so edel und schön und kühn, und Menschen sehen nicht leicht so einfach groß und ungestört aus in ihrer Weise, wie Thiere es oft sind. Der Herzog war dem Bellen seines Hundes nach¬ gegangen und kam hinter den Bäumen hervor, er fragte warum ich den Hund so nenne dem er Cales ruft, und sagte es sei der Name eines Wagenführers vor Troja den der Diomedes erschlagen, ich zeigte ihm Dein Ge¬ dicht um zu erklären wo mir der Name Erodion her¬ komme, er setzte sich auf den Fels und las es theilweis laut und machte mit dem Bleistift Bemerkungen, die send ich Dir, Du siehst, er hat es mit Sammlung ge¬ lesen und dann sogar mit Liebe. Ich weiß nicht wie oft Dich der Zufall begünstigen wird die feineren Saiten der Seele zu rühren, so wirds Dich freuen. — Er frug mich ob ich denn das Gedicht verstehe? — ich sagte Nein! aber ich lese es gern, weil Du meine Freundin seiest und mich erziehst. Er sagte eine Knospe ist dieses kleine sorgsam vor jeder fremden Einwirkung geschützte Erzeugniß, die die große Seele der Freundin umschließt, und in diesen sanft gefalteten Keimen einer noch un¬ entwickelten Sprache schlummern Riesenkräfte. Die In¬ spiration der Wiedergeburt hebe ahnungsvoll die Schwin¬ gen in Dir; und weil die Welt zu schmutzig sei für so kindlich reine Versuche, Deine Ahnungen auszusprechen, so werde sie diesen anspruchlosen Schleier der Deine weit ausgreifende Phantasie und Deinen hohen philo¬ sophischen Geist umschlinge, nicht entfalten. — Ich ließ mir dieses Lob verwundert gefallen; er begleitete mich, ich mußte ihm auf dem Weg von Dir erzählen, von unserm Umgang, von Deinem Wesen, von Deiner Ge¬ stalt, da hab ich mich zum erstenmal besonnen wie schön Du bist, wir sahen eine vollsaftige weiße Silberbirke in der Ferne mit hängenden Zweigen die mitten am Fels aus einer Spalte aufgewachsen ist und vom Wind sanft bewegt gegen das Thal sich neigt; unwillkührlich deu¬ tete ich hin wie ich von Deinem Geist sprach und auch von Deiner Gestalt, der Herzog fragte, die Freundin werde wohl jener Birke gleich sein auf die ich hinweise? — Ich sagte, Ja. So wollte er mit mir zusammen hin und Dich von nahem beschauen, aber es war so glatt und steil da hinan, ich meinte nicht daß wir hin kom¬ men würden, — er vertraute auf den Cales der werde uns schon einen Weg ausfinden. „Was hat sie denn für Haar?“ — Schwärzlich glänzend braunes Haar, das in freien weichen Locken wie sie wollen sich um ihre Schultern legt. — „Was für Augen?“ — Pallas¬ augen blau von Farbe, ganz voll Feuer, aber schwim¬ mend auch und ruhig. — „Und die Stirn?“ — Sanft und weiß wie Elfenbein, stark gewölbt und frei, doch klein, aber breit wie Platon's Stirn; Wimpern die sich lächelnd kräuseln, Brauen wie zwei schwarze Drachen die mit scharfen Blick sich messend, nicht sich fassend und nicht lassend, ihre Mähnen trotzig sträuben, doch aus Furcht sie wieder glätten. So bewachet jede Braue, auf¬ geregt in Trotz und Zagheit ihres Auges sanfte Blicke. — „Und die Nase, und die Wange?“ — Stolz ein wenig und verächtlich, wirft man ihrer Nase vor, doch das ist weil alle Regung, gleich in ihren Nüstern bebet, weil den Athem sie kaum bändigt, wenn Gedanken auf¬ wärts steigen von der Lippe, die sich wölbet frisch und kräftig, überdacht und sanft gebändigt von der feinen Oberlippe. — Auch das Kinn mußt ich beschreiben, wahrlich, ich hab nicht vergessen daß Erodion dort ge¬ sessen und ein Dellchen drinn gelassen das der Finger eingedrückt, während weisheitsvolle Dichtung füllet ihres Geistes Räume; und die Birke stand so prächtig, so durchgoldet, so durchlispelt von der Sonne, von den Lüftchen, war so willig sich zu beugen, hold dem Strom der Morgenwinde, wogte ihre grünen Wellen freudig in den blauen Himmel, daß ich nicht entscheiden konnte was noch zwischen beiden liege, jenem zukömmt und dem andern nicht. — Cales fand mit manchen Sprüngen erst den Weg zur Birke, dann der Herzog, ich blieb zu¬ rück, ich hätte leicht nachkommen können, aber ich wollte nicht in seiner Gegenwart. Er schnitt dort Buchstaben in die Rinde ganz unten am Fuß und sagte, er wolle sie solle die Freundschaftsbirke heißen; und er wolle auch unser Freund sein. Ich war bereitwillig dazu, Ach laß ihn, er kommt den Winter nach Frankfurt, erstlich ver¬ gißt ein Prinz leicht so was über vielen andern Zer¬ streuungen, denn der glaubt gar nicht daß es möglich wär, daß wenn man sich ganz an etwas hingäbe, daß dadurch grade allein der Scharfblick die Wägungskraft der Allseitigkeit entspringe, nach der sie alle jagen und sich drin verflattern und dann ist er auch krank und hat wenig gesunde Tage, einem solchen muß man alle heilende Quellen zuströmen. — Adieu. Morgen Nach¬ mittag ist eine große Parthie zu Esel und morgen Vor¬ mittag geht die gute Kurprinzessin weg. — Und in aller Früh um drei Uhr wollen die Engländer mit uns einen Berg ersteigen und die Sonne aufgehen sehen, die andern wollten den Voigt nicht mit haben, ich habs ihm aber doch gesteckt, sonst langeweile ich mich, so wie die andern behaupten, daß er sie langeweilt. Morgen früh kommt die Bothenfrau, ich schicke diesen Brief mit, obschon er noch nicht so gefährlich lang ist wie mein erster, aber du bist maulhängolisch und da will ich Dich ein bischen kitzeln, mit der unmuthigen Geschichte vom Herzog, daß Du mit Gewalt lachen mußt wenn Du auch noch so sehr den Mund zusammenziehst. Gelt es macht Dir doch Plaisir? Ich hab mir seine Liebeserklärung abgeschrieben an Deine Immortalita, die von seiner Hand gehört Dein — er hats geschrieben für Dich, Du kannst Werth darauf legen, ich hör daß er sehr berühmt ist, großartig, witzig, und sehr gefürchtet deswegen von manchen Menschen, er wär aber auch sehr großmüthig und gutmüthig, aber viele wollen doch nicht gern mit ihm zu thun haben aus Furcht seine beste Freundlich¬ keit wär doch ein heimlicher Witz. Was das für eine Narrheit ist, über mich möcht einer sich lustig machen so viel er wollt, es wär mir recht angenehm wenns ihm Plaisir macht. Bettine. Beilage zum Brief an die Günderode. Immortalita . Personen . Immortalita , eine Göttin. Erodion . Charon . Hekate . Erste Scene . Eine offene schwarze Höhle am Eingang der Unterwelt, im Hintergrunde der Höhle sieht man den Stir und Charons Nachen der hin und her fährt, im Vordergrund der Höhle ein schwarzer Altar worauf ein Feuer brennt. Die Bäume und Pflanzen am Eingang der Höhle sind alle Feuerfarb und schwarz, so wie die ganze Dekoration, Hekate und Charon sind schwarz und Feuer¬ farb, die Schatten hellgrau, Immortalita weiß, Erodion wie ein römischer Jüngling gekleidet. Eine große feurige Schlange die sich in den Schwanz beißt, bildet einen großen Kreis, dessen Raum Immortalita nie überschreitet. Immortalita (aus der Betäubung erwachend). Cha¬ ron! Charon. Charon (seinen Kahn inne haltend). Was rufst du mich? Immortalita . Wann kommt die Zeit? Charon . Sieh die Schlange zu deinen Füßen, noch ist sie fest geschlossen, der Zauber dauert so lange dieser Kreis dich umschließt, du weißt es, warum fragst du mich? Immortalita . Ungütiger Greis, wenn es mich nun tröstet, die Verheißung einer bessern Zukunft noch einmal zu vernehmen, warum versagst du mir ein freundlich Wort? Charon . Wir sind im Land des Schweigens. Immortalita . Wahrsage mir noch einmal. Charon . Ich hasse die Rede. Immortalita . Rede! Rede! Charon . Frage Hekate (er fährt hinweg). Immortalita (streut Weihrauch auf den Altar). He¬ kate! der Mitternacht Göttin! der Zukunft Enthüllerin die schläft in des Nichtseins dunklem Schooß! Geheim¬ nißvolle Hekate! Hekate! erscheine. Hekate . Mächtige Beschwörerin! Was rufst du mich aus den Höhlen ewiger Mitternacht; dies Ufer ist mir verhaßt, sein Dunkel zu helle, ja mir däucht ein niedrer Schein aus des Lebens Lande habe hierher sich verirrt. Immortalita . O vergieb Hekate! und erhöre meine Bitte. He¬ Hekate . Bitte nicht, du bist hier Königin, du herrschest hier und weist es nicht. Immortalita . Ich weiß es nicht! warum kenn' ich mich nicht? Hekate . Weil du nicht dich selber sehen kannst. Immortalita . Wer wird mir einen Spiegel zeigen, daß ich mich schaue? — Hekate . Die Liebe. Immortalita . Warum die Liebe? Hekate . Weil ihre Unendlichkeit nur ein Maas für deine ist. Immortalita . Wie weit erstreckt sich mein Reich? Hekate . Über jenseit einst, über Alles. Immortalita . Wie? — die undurchdringliche Scheidewand, die mein Reich scheidet von der Oberwelt, wird sie einst zerfallen? Hekate . Sie wird zerfallen! Du wirst wohnen im Licht! — alle werden dich finden. Immortalita . O wann wird dies sein? — Hekate . Wenn gläubige Liebe dich der Nacht entführt. Immortalita . Wann? — in Stunden? — in Jahren? 5 Hekate . Zähle nicht die Stunden, bei dir ist keine Zeit. Siehe zur Erde! — die Schlange, die ängstlich sich windet, — fester beißt sie sich ein, vergeblich möcht in ihrem engen Kreis sie dich gefangen halten, vergeblich ist ihr Widerstand; — des Unglaubens Herrschaft, der Barbarei und der Nacht sinkt dahin. (Sie verschwindet.) Immortalita . O Zukunft wirst du ihr gleichen? — jener seligen fernen Vergangenheit, wo ich mit Göttern in ewiger Klarheit wohnte. Ich lächelte sie Alle an, und ihre Stirnen verklärten mein Lächeln wie kein Nektar sie verklären konnte, und Hebe dankte ihre Jugend mir, und immer blühender Aphrodite ihre Reize. Aber durch der Zeiten Finsterniß getrennt von mir, noch ehe mein Hauch ihnen Dauer verliehen, stürz¬ ten von ihren Thronen die seligen Götter, und gingen zurück in die Lebenselemente; Jupiter in des Urhimmels Kräfte, Eros in die Herzen der Menschen, Minerva in die Sinne der Weisen, die Musen in der Dichter Ge¬ sänge; und ich Unseligste von Allen wand nicht des unverwelklichen Lorbeers um die Stirne dem Helden, dem Dichter. Verbannt in dies Reich der Nacht, der Schatten Land, dies düstere Jenseit. muß ich der Zu¬ kunft nun entgegen leben. Charon (fährt mit Schatten vorüber). Neigt euch Schatten, der Königin des Erebos, daß ihr noch lebt nach eurem Leben, ist ihr Werk. Chor der Schatten. Stille führet uns der Nachen Nach dem unbekannten Land, Wo die Sonne nicht wird tagen An dem ewig finstern Strand. — Zagend sehen wir ihn eilen, Denn der Blick möcht noch verweilen An des Lebens buntem Rand. (Sie fahren weg.) Die vorige Scene . Charons Nachen landend. Erodion springt ans Ufer. Im¬ mortalita im Hintergrund. Erodion . Zurück Charon, von diesem Ufer, das kein Schatten darf betreten! Was siehst du mich an? — Ich bin kein Schatten wie ihr; eine frohe Hoffnung, ein träumerischer Glaube haben meines Lebens Funken zur Flamme angefacht. Charon (für sich). Gewiß ist dieser der Jüngling der die goldne Zukunft in sich trägt (er fährt ab mit seinem Nachen). Immortalita Ja du bists von dem Hekate mir weissagte, bei deinem Anblick werde des Tages Strahl 5* durch diese alte Hallen, durch diese erebische Nacht her¬ einbrechen. Erodion Wenn ich der Mann bin deiner Weissa¬ gungen, Mädchen oder Göttin! wie ich dich nennen soll, so glaube, du bist die innerste Ahnung des Her¬ zens mir. Immortalita . Sage, wer bist du, wie heißest du, und wo fandst du den Weg zum pfadlosen Ge¬ stade hierher? — wo Schatten nicht, noch Menschen wandlen dürfen, nur unterirdische Götter. Erodion . Ungern möcht' ich zu dir von an¬ derm reden, als nur von meiner Liebe. Aber red ich dir von meiner Liebe so ists ja mein Leben. Höre mich denn: Eros Sohn bin ich und seiner Mutter Aphro¬ dite, der Liebe und Schönheit Doppelverein hatte in mein Dasein schon die Idee jenes Genusses gelegt, den ich nirgend fand, und überall doch ahnete und suchte. Lange war ich ein Fremdling auf Erden, von ihren Schattengütern mocht ich nichts genießen, bis träumend mir durch deine Eingebung eine dunkle Vorstellung von dir in die Seele kam. Überall geleitete mich dieser Idee Abglanz von dir, überall verfolgte ich ihre ge¬ liebte Spur, auch wenn sie mir untertauchte im Land der Träume, und so führte sie mich zu den Thoren der Unterwelt, aber nie konnt ich zu dir durchdringen; ein unselig Geschick rief mich immer wieder zu der Oberwelt. Immortalita . Wie Knabe! — so hast du mich geliebt, daß lieber den Hälios und das Morgenroth du nicht mehr sehen wolltest, als mich nicht finden? Erodion . So hab ich dich geliebt, und ohne dich, konnte die Erde nicht mehr mich ergötzen, nicht mehr der blumige Frühling, der sonnige Tag, die thauige Nacht, die zu besitzen der finstere Pluto gern sein Zepter hätt vertauscht. Aber wie eine größere Liebe in meiner Eltern Umarmungen sich vereint hatte, als alle andre Liebe, — denn sie waren die Liebe selbst, — so die Sehnsucht auch, die zu dir mich trieb, war die mächtigste, und über alle Hindernisse siegreich war mein Glaube dich zu finden; denn meine Eltern wußten, daß der aus Lieb und Schönheit entsprungen, nichts höheres auf Erden finde, als sich selbst, und hatten diesen Glauben zu dir, mir gegeben, daß meine Kraft nicht sollt ermüden, nach Höherem zu streben außer mir. Immortalita . Aber wie kamst du endlich zu mir? unwillig nimmt Charon Lebende in das morsche Fahrzeug, für Schatten nur erbaut. Erodion . Einst war mein Sehnen dich zu schauen so groß, daß alles was die Menschen erdacht dich ungewiß zu machen, mir klein erschien und nichtig. Muth begeisterte mein ganzes Wesen: ich will nichts, nichts als sie besitzen, so dacht ich, und kühn warf ich dieser Erde Güter alle, weg von mir, und führte mein Fahrzeug hin zu dem gefahrvollen Fels, wo alles Irdische scheitern sollte. Noch einmal dacht ich: wenn du alles verlörst um nichts zu finden? — aber hohe Zuversicht verdrängte den Zweifel, fröhlich sagt' ich der Oberwelt das letzte Lebewohl, die Nacht verschlang mich, — eine gräßliche Pause! — ich fand mich bei dir. — Die Fackel meines Lebens flammt noch jenseit der stygischen Wasser. Immortalita . Die Heroen der Vorwelt ha¬ ben diesen Pfad schon betreten, der Muth hat her¬ über zu streifen gewagt, aber der Liebe nur war vor¬ behalten, ein dauernd Reich hier zu gründen. Die Be¬ wohner des Orkus sagen, mein Dasein hauche ihnen unsterbliches Leben ein; so sei denn auch du unsterb¬ lich; denn du hast Unnennbares in mir bewirkt, ich lebte ein Mumienleben, aber du hast mir eine Seele eingehaucht. Ja, theurer Jüngling! in deiner Liebe er¬ blicke ich mich verklärt; ich weiß nun wer ich bin, weiß, daß ein sonniger Tag diese alten Hallen beglän¬ zen wird. Hekate tritt hinter dem Altar hervor. Hekate . Erodion! trete in den Kreis der Schlange. (Er thut es: die Schlange verschwindet.) Zu lange, Immor¬ talita, warst du, durch die Macht des Unglaubens und der Barbarei, von Wenigen gekannt, von Vielen be¬ zweifelt, in diesen engen Kreis gebannt. Ein Orakel, so alt als die Welt, sagt, der glaubigen Liebe werde gelingen, dich selbst in dem erebischen Dunkel zu finden, dich hervorzuziehen und deinen Thron in ewiger Klarheit, zu gründen, zugänglich für Alle. Diese Zeit ist nun gekommen, dir, Erodion, bleibt nur noch etwas zu thun übrig. Der Schauplatz verwandelt sich in einen Theil der elisaischen Gärten, die Scene ist matt erleuchtet, man sieht Schatten hin und wieder irren. Zur Seite ein Fels, im Hintergrund der Styx und Charons Nachen. Die Vorigen . Hekate . Sieh Erodion, diesen Einsturzdrohen¬ den Fels, er ist die unübersteigliche Scheidewand, der des sterblichen Lebens Reich von dem deiner Gebie¬ terin scheidet, er verwehrt der Sonne ihre Strah¬ len her zu senden, und getrennten Lieben sich wie¬ der zu begegnen. Erodion! versuche es, diesen Fel¬ sen einzustürzen, daß deine Geliebte auf seinen Trüm¬ mern aus der engen Unterwelt steigen möge; daß fer¬ ner nichts Unübersteigliches das Land der Todten von dem der Lebenden mag trennen. Erodion schlägt an den Felsen, er stürzt ein, es wird plötz¬ lich helle. Immortalita . Triumph! der Fels ist gesunken, von nun an sei den Gedanken der Liebe, den Träu¬ men der Sehnsucht, der Begeisterung der Dichter ver¬ gönnt, aus dem Lebenslande in das Schattenreich her¬ abzusteigen und wieder zurück zu gehen auch. Hekate . Heil! dreifaches, unsterbliches Leben, wird dies blasse Schattenreich beseelen, nun dein Reich gegründet ist. Immortalita . Komm Erodion, steige mit mir auf, in ewige Klarheit; und alle Liebe, alles Hohe soll meines Reiches theilhaftig werden. Du Cha¬ ron, entfalte deine Stirn, sei freundlicher Geleiter de¬ nen, die mein Reich betreten wollen. Erodion . Wohl mir, daß ich die heilige Ahnung meines Herzens, wie der Vesta Feuer, treu bewahrte; wohl mir, daß ich, der Sterblichkeit zu sterben, der Unsterblichkeit zu leben, das Sichtbare dem Unsichtbaren zu opfern, Muth hatte. Von der Hand des Herzogs Emil August von Gotha auf das Manuscript der Immortalita geschrieben. Es ist eine Kleinigkeit, die deiner Aufmerksamkeit nicht werth ist, daß ich es ein Geschenk des Himmels achte, dich zu verstehen, du edles Leben. Siehst du zur Erde nieder, giebst gleich der Sonne du, ihr einen schö¬ nen Tag, doch auf zum Himmel wirst du vergeblich schauen, suchst deines Gleichen du unter den Sternen. Wie frische Blüthenstengel so schmückt deiner Ge¬ danken sorglos Leben den bezwungenen Mann; sein Busen bebt von tiefen Athemzügen, wenn dein Geist gleich aufgelösten Locken, die jetzt dem Band entfallen, ihn umspielt. Er sieht dich an, ein Liebender! wie stille Rosen und schwankende Lilien schweben deiner segnenden Ge¬ danken Blicke ihm zu. Vertraute, nahe dem Herzen sind sie. Wahrhaftiger, heller und schöner beleuchten sein Ziel sie ihm und seinen Beruf, und auf schweigen¬ dem Pfade der Nacht, sind hochschauende Sterne, Zeu¬ gen seiner Gelübde dir. 5** Doch ist eine Kleinigkeit nur, die deiner Aufmerk¬ samkeit nicht werth ist, daß ich als ein Geschenk des Himmels es achte, dich zu verstehen, du edles Leben. Emil August. An die Bettine. Dein Brief liebe Bettine ist wie der Eingang zu einem lieblichen Roman, ich habe ihn genippt wie den Becher des Lyäus der ein Sorgenbrecher ist, es that mir auch sehr wohl, mich bewegten grade Sorgen um Dinge, die eine nothwendige Folge des Lebens und daher nicht unerwartet sind; die ich Dir nicht mittheile weil sie in Deinen Lebensgang nicht einstimmen Ihr war eine Schwester gestorben. . Du bist mein Eckchen Sonne das mich erwärmt wenn überall sonst der Frost mich befällt. Ich werde die Stadt auf ein paar Wochen verlassen, ein Brief wird mich am Donnerstag noch treffen, dann aber, den nächsten find ich wenn ich zurückkomme, und dann sind wir bald wieder ganz bei¬ sammen. Lasse Deine Briefe recht heiter sein ohne schwer¬ müthigen Nachklang, Deiner Natur ist eine freie unge¬ hemmte Lebenslust gemäß; die trüben mißmuthigen Re¬ gungen mit denen Du zuweilen prahlst, sind nur Zeichen geheimnißvoller Gährungen denen der Raum zu eng ist sich zu läutern, das muß ich glauben wenn ich Deine jetzige natürliche Stimmung vergleiche mit jener gereizten, die Dich zuletzt hier befiel, wo mir ganz bange um Dich war. Es war Dir nichts weiter nöthig, als die been¬ gende Stadtluft nicht mehr zu athmen. Du bist wie eine Pflanze, ein bischen Regen erfrischt Dich, die Luft begeistert Dich und die Sonne verklärt Dich. — Die Tonie schreibt hierher daß Du gesund aussähest und keine Spur von der interressanten Blässe übrig sei; — rathe wer darüber seinen Ärger nicht verhehlen kann? — „ Elle ne sera plus ce quelle a été “ gab er mir auf alle Trostgründe zur Antwort. Indessen hoffe ich daß unsereins auch noch bei Dir gilt, und mir ists lieber daß Du auf Kosten jener interressanten Blässe zunimmst, als daß ich immer hören muß Deine Lebendigkeit werde Dich noch tödten, was komisch klingt und auf mich gestichelt ist. Ich habe mir selber die Vorwürfe nicht erspart. — Was Du Schlaftrunkenheit nenntest, das war nach Sömmering Nervenfieber, er sagt Du habest keinen Sinn für Krankheitszustände, Du habest die Kinder¬ krankheiten wie lustige Spiele durchgemacht, diesmal sei es von überspanntem Studiren gekommen. Die phi¬ losophischen Ausdrücke Absolutismus, Dualismus, höchste Potenz ꝛc. mit denen Du in Deine Fieberphantasien spieltest zeugten wider mich. Ich habe mir fest vorgenommen, diesen Winter nur solche Sachen mit Dir zu treiben, die Dir recht von Herzen zusagen. — Ich bin zwar nicht so ganz allein an diesem Mißgriff schuld, Andre denen ich vertraue, die wie mir schien nicht mit Unrecht Dir viel philosophischen Sinn zusprechen, meinten er müsse entwickelt werden, ich folgte unschuldig diesen Weisungen und nahm Deinen Widerspruch für die ge¬ wohnte Unbequemheit, Dich etwas Ernstem zu fügen. Der Hohenfeld sagte mir, Ebel erzähle Du habest aus überreiztem Widerwillen gegen die Philosophie starkes Erbrechen gehabt, daraus sich ein galliges Nervenfieber gebildet habe; er warnte mich und sagte Du seiest ein unbedeutendes Mädchen und kein philosophischer Kopf, der Deine könne zwar übermüthig und überspannt, weiser aber nicht werden ꝛc. — Ich errieth daß er ein diplomatischer Abgesandter sei von klugen Leuten, die viel von einem wissen und von denen man nichts weiß; seine Citatio¬ nen von überspannten Reden und absurden Behaup¬ tungen die hier unter den Philistern im Umlauf sind, ergötzten mich: Dein eigner Brief der wie der junge Strauch das kränkelnde Laub abwirft und in frischen Trieben ergrünt, macht mich mit dem guten Hohenfeld einverstanden über Deine Unbedeutenheit, auch gefällt sie mir besser, als was ich an Gelahrtheit Dir zuschan¬ zen könnte, Du bist gefühlig für die Alltäglichkeit der Natur, Morgendämmerung, Mittagschein und Abend¬ wolken sind Deine lieben Gesellen mit denen Du Dich verträgst wenn kein Mensch mit Dir auskommt. — Wenn Du willst so können wir umtauschen und ich Dein Jünger werden in der Unbedeutenheit, so wie Du Dich für meinen Schüler hieltest als ich einen starken Geist aus Dir bilden wollte. Jetzt wo es rückwärts geht muß Du mein Lehrer sein, ein Zaghafter kann sicherer bergauf gehen, aber einen steilen Weg hinab, dazu gehört Entschlossenheit, die hast Du, Du schwindelst nicht und hast Dich noch nie besonnen über Hecken und Gräben zu setzen. Es dämmern mir schon ganz glück¬ liche Spekulationen über den Geist der Unbedeutenheit auf; ich hatte unsägliche Lust de m Domdechant, der mich so hoch stellt, als Überläufer ein paar Dummhei¬ ten zu sagen, die ihm Zweifel in sein Urtheil gäben, ich habe ihm auch eine gesagt worüber er die Hände zusammenschlug, und meine Behauptung, daß ich viel von Dir empfange und Dein Umgang mich belehre, auf mein Unvermögen mich selbst zu schätzen schob, das mir da einen absurden Streich spiele, alle Welt wundere sich daß ich meine Zeit mit dem Sausewind verbringe und ihm vor andern solche köstliche Minuten schenke. — Nun es wird mir nicht fehlen daß mir nächstens die ergötzliche Unbedeutenheit aus diesen meinen Verkehrt¬ heiten zuerkannt werde, um die mich keiner beneiden wird weil man eben das Bedeutende nicht zu schätzen weiß. Ich ahne sehr hell, daß wenn in dem bescheide¬ nen Knospenzustand Unbedeutenheit verborgen, nicht der volle innere Lebenstrieb wirkte, das Bedeutende nie ans Licht blühen würde, am wenigsten wenn diebischer Eigennutz sich der Zeit vordrängt blos um auf der Höhe zu stehen, wo die Andern zu seinen schimmernden Phan¬ tomen aufsehen müssen. Wie die Titanen mit großem Gepolter ihre Treppe zu der Götter Burgen aufthürm¬ ten, und die stillen Gipfel des Olympos als unbedeutend hinabstürzten. Eins empfinde ich in Dir, daß die Na¬ tur das Ideal des Menschengeistes, gleichwie das Pflan¬ zenglück unter warmer, nährender Decke vorbereiten muß, sonst werden die Menschen davon nicht wachsen und reifen und im Sonnenglanze grünen. Deine Begebenheiten, Deine Bemerkungen, alles macht mir Freude, sorge daß mir nichts verloren gehe, wenns nur Deiner Gesundheit nicht schadet, so schreibe doch jeden Abend, darum bittet der Dämon der mirs zuflüstert und gern alles von Dir bewahren will. Wo soll ich mit Deinem Kanarienvogel hin? Ich nehme ihn mit in fremde Lande, es wird nicht viel Mühe machen, ich kann ihn niemand anvertrauen so wenig wie Dich. — Apropos! Wenn ich nun auch eifersüch¬ tig sein wollte auf die Prinzeß mit der Du immer Hand in Hand gehst? Hast Du Dich je von mir an der Hand führen lassen, wenn wir draußen waren? — summtest umher wie eine wilde Hummel durch alle Gebüsche und ließst mich allein nachsteigen? Was vermag doch diese Fürstlichkeit über Dich daß Du Dich so zahm an der Hand führen läßt im Freien? — Dein Vogel ist mir eben so zahm geworden, daß er mir in den Mund pickt, das ist nicht anders als Liebe zu mir, ich weiß nicht, ob er mir jetzt nicht mehr zuthunlich ist wie Dir, grad wie Du mit der Kurprinzeß. — Ich war in Sor¬ gen um ihn, denn wie ich einmal zur Gartenthür hin¬ ausging flog er mir nach in den Garten, aber wie er eine Weile unter den Bäumen herum geflattert war, setzte er sich mir auf den Kopf und ließ sich ruhig wie¬ der hinein tragen, ich war recht froh, denn ich hätte nicht gewußt wie ich bestehen solle, wenn Du ihn nicht wiederfandst. — Der Feigen waren eilf an Deinem Baum, ich habe am Montag Ernte gehalten, drei da¬ von habe ich vom Baum verspeist, drei habe ich in Ge¬ sellschaft verzehrt mit dem Jemand, der mich in der Thür begegnete, er begleitete mich nach Haus und schien sich zu freuen, daß der Baum der von ihm stammt so süße Früchte bringt. Nun liegen noch fünf Früchte, die noch etwas härtlich waren, unter der Glasglocke beim Apoll die ich in die Sonne gestellt habe, sie haben auch schon nachgereift, ich werde sie vor meiner Abreise in Kom¬ pagnie verzehren, aber mit Niemand der sie allenfalls wie eine unbedeutende Frucht mit Stumpf und Stiel hinunter schluckte, sondern mit Jemand der Deiner Pflege für den Baum die Süßigkeit der Frucht zuschreibt, und sie dankbar genießt. — Karoline. Eine Merkwürdigkeit muß ich Dir noch melden von Deiner Altan, die Spinnen haben eine große Braban¬ ter Spitze gewoben von einem Ende zum andern, von der kleinen Edeltanne über den Orangenbaum, über die Bohnenlaube in die man nicht hinein kann wenn man dies Kunstwerk nicht durchbrechen will, dann über den Granatbaum zum Feigenbaum; ich habe alles ge¬ schont beim Brechen der Früchte. Dein Bruder Domi¬ nikus kam herunter und sprüzte im Kreis sie alle an mit der kleinen Gießkanne, die Mittagssonne schien sehr hell. Da spiegelten die cristallnen Tropfen allerliebst in den Netzen, Dein Bruder meinte, wenn die Netze noch weiter gingen so könne das eine Voliere für Schmet¬ terlinge sein, die er vergeblich sich bemüht als Raupen zu zähmen, denn wenn sie aus der Puppe ausflögen so hätten sie aller Pflege und Nahrungssorgen die er für sie als Raupen getragen vergessen. — Mich amüsirte sehr seine ernsthafte Behauptung bei der Raupe und Puppe auf die Seele des Schmetterlings wirken zu wollen. — Ich meine die ungeheuren Spinnen würden wohl alle Dankbaren und Undankbaren verzehren die in dieser Voliere eingefangen wären. — Noch soll ich Dir sagen von ihm, daß der Hopfen übers Dach hinauf gewachsen ist in die offnen Fenster herein. — Du hörst gern von Deinem kleinen Paradiesgarten in dem alles so schön ist und kein Baum von dem man die Äpfel nicht essen darf. An die Günderode. Mit der einen Hand hab ich meinen Brief dem Both gereicht, mit der andern Deinen genommen, wir kamen eben von unserm Sonnenaufgang zurück, so sah ich den Both überm Thal am Berg hersteigen, ich wollt mit ihm zusammen ankommen, ich lief, die andern wußten nicht warum, sie riefen mir nach, ich galopirte als an der Bergwand hin und schlug mit dem Stecken an die Äst, das regnete im heißen Lauf kühlen Thau auf mich, dann schoß ich Berg ab ins Thal und konnt nicht einhalten, der gut Both stellte sich gegenüber und fing mich auf; oben stand die ganz Gesellschaft, ein Kopf über dem andern, der Mstr. Haise in der Mitt und guckt durchs Perspektiv, ich legt mich ins Gras und schnaufte aus. — Potztausend wie viel Hämmerchen pochten in meinem Kopf, lauter Goldschmied, und der große Hammer in meiner Brust das war ein Grob¬ schmied; die andern kamen herbei, wie ich im hohen Gras verschwand glaubten sie, ich sei ohnmächtig oder sonst was, der Voigt schrie, Gott bewahr, solche Ein¬ bildungen hat sie nicht; ich guckte aus dem Gras her¬ vor und lachte sie aus, aber da schrie alles: ich hätt können den Hals abstürzen, ich hätt können Arm und Bein brechen, mich hätt können der Schlag rühren, unvorsichtig, tollkühn, sinnlos schrieen sie. — Was Guckuck, ich wollts nicht mehr hören, ich setzt mich wie¬ der in Galopp, der Badepeter hatte grad die Bäder angelassen, ich rief ihm zu: sagt nicht, wo ich geblie¬ ben bin, und sprang ins Wasser mit Schuh und Strümpf, und allen Kleidern; da unterm Wasser warf ich die Kleider ab, und dacht nicht gleich, daß ich Dei¬ nen Brief im Busen stecken hatt, bis er auf dem Was¬ ser schwamm, ich hab ihn gleich aus einander gelegt und an dem Strick festgemacht in der Mitte vom Ba¬ degewölb, womit man die Klapp aufzieht wenns zu heiß ist, er flatterte im Luftzug über mir, und drehte sich hin und her, ich bin ihm immer nachgeschwommen, links und rechts, und hab ihn buchstabiert, hier ein Theil und dort wieder, wie der Wind das Blatt drehte, das hat mich ergötzt und auch hab ich mich gefreut, wenn ich aus dem Bad käm ihn zu lesen, und dann stimmt ich an: „O du der Götter Höchster, der über Olympia mächtiglich waltet, laß beim Laufe der Flur günstige Winde in den Schläfe-beschattenden Kränzen mir wehen.“ — Da wußten sie auf einmal, wo ich ge¬ blieben war, denn alles war in den Bädern und meine Stimme schallte laut am Gewölb; und da hört ich sie rufen: La voila ! — und: wieder eine Tollheit, so er¬ hitzt ins Wasser zu springen. — Wollt ich nicht von allen Seiten schreien hören, so mußt ich wieder singen: „Laß o Jupiter mit leichten Füßen mich hingleiten dem schnellfüßigen Tage zuvor, der mich sieggekrönt am Abend begrüße mit der Unsterblichkeit süß hallendem Ruf.“ — Da kam die Lisett als Gesandtschaft von den andern, was war die verwundert, als sie die Klei¬ der unter Wasser sah, und die Schuh auf der untersten Treppe, zwei volle Becher. — Ich sah ihr die Be¬ stürzung an, sie glaubte ich sei toll geworden, sie reichte mir verstummt ein Zettelchen, darauf stand: „Wohlan Füllenbändiger, opfere einen feisten Stier der Rossebe¬ zähmerin Pallas Athene und ihren goldgewürkten Zü¬ gel wirf schnell um den jungfräulichen Hals.“ — Ich frag wer ihr den Zettel gab, sie sagt der Badpeter, ich frag den Badpeter, der sagt sein Sohn Lipps, ich frag den Lipps, der sagt am Röhrbrünnchen ein Herr in Schlappschuhen, eine Zigarre im Mund. — Was hatte er an, wie sah er aus? — Weißer Mantel, graue Sammetmütze. — Ich hielt fürs beste zu schwei¬ gen und niemand was vom Zettel zu sagen, den Zettel legt ich zu meiner merkwürdigen Naturaliensammlung, worunter ist ein goldglänzendes Horn von einem Wein¬ schröter, das hohl ist und so zierlich, daß es sehr gut als Trinkhorn könnt passen für ein Elfchen, das ein Jäger wär, ich habs deswegen aufgehoben, wenn mir einmal eins begegnet, ferner mehrere durchsichtige Steine, die sehr gut Edelsteine sein könnten, wenn die Sonn nur noch ein bischen besser durchschien, und eine Puppe, aus der ich selbst den Schmetterling hab auskriechen sehen, die thut sich auf und entläßt den Schmetterling und schließt sich wieder, sie hat inwendig wie kleine Stahlfedern, an die rührt der Schmetterling, wenn er reif ist, und dann öffnet sie sich, außen ist die Puppe ganz hart, daß man sie nicht verletzen kann. — Ich hab mirs expreß aufgehoben für Dich, ich will Dirs zeigen und über die Unsterblichkeit mit Dir nachdenken dabei. — Wenn ich so was seh in der Natur, wovor gesorgt ist, daß alles geschützt ist so sorgsam, daß es nicht gestört wird bis es reif ist, das schauert mich an, und gewiß ist nichts so traurig, als sie stören, denn so zärtlich wie sie ist, muß es ihr durch die Seele gehen. Ich mag mich nicht an ihr versündigen, nicht mich empor drängen und was sein wollen vor der Zeit, mag nicht ein starker Kopf werden, sie wills nicht, die Na¬ tur, sie sagt ich soll laufen und springen und Überle¬ gung soll ich gar nicht haben, und in Deinem Brief stehts nun auch geschrieben, was mich so sehr freut, Unbedeutend! — Da bin ich von Herzen dabei, wenn Du nur auch so dumm sein willst und mich den bedeu¬ tenden Leuten vorziehen. Du mußt allen Leuten zuge¬ ben, daß nichts ist mit mir, da wird sichs bald geben; eigentlich wer schuld ist, das ist der Clemens, der hat aus großer Lieb zu mir, sich immer an allem gefreut, was ich gethan hab, und hat meine unbedachtsame Re¬ den als wunderschön gefunden. Nun was liegt dran? — Aber auf die Burg kommst Du doch noch? — Nicht wahr? da sind wir zwei mit dem Dämon zusammen und fragen nach sonst Niemand. — Ich freu mich so drauf, daß mir manchmal das Herz klopft, und wenn ich mich besinn, was es ist, so sind es die acht Tage, wo wir zwei zusammen in einer Stube schlafen, und der Herbstwird geht dann schon, und schüttelt das Laub ab von den Platanen, und Nachts wecken wir uns, wenn wir einen Gedanken haben, und schlafen dann gleich wieder. Ich kann Dir auch viel hier erzäh¬ len, ich hab eine Menge Gedanken, die ich nicht auf¬ schreiben kann, manchmal spring ich auf als müßt ich zu Dir und Dir gleich was ganz neu gedachtes sagen. — Aber ich hab Dir ja noch nicht erzählt, was heut noch vorgefallen ist. Um zwölf Uhr sind wir hinunter, blos ich und die Tonie zur Kurprinzessin, um Abschied von ihr zu nehmen, die Tonie hatte ihr auf den Tisch im Vorsaal all die schönen Früchte aufgestellt und die Blumen dazwischen, sie nahm sehr freundlich von allen und sagte so viel herzlich gutes zur Tonie, daß ich zum erstenmal empfand, als wenn es wahr wär, was ich bei andern nie glaub, wenn sie höflich sind. Du frägst: wenn Du nun auch eifersüchtig sein wolltest auf die Kurprinzeß. Ei warum bist du's nicht? — Das ist eben, was mir leid ist, wenn ich Dir heut sagte, sie wollt mich mitnehmen und ganz bei sich behalten, da würdest Du am End ganz kalt schreiben: Liebe Bettine, es thut mir zwar leid, daß unser Umgang hierdurch unterbrochen wird, aber ich rathe Dir sehr, laß Dich dadurch nicht abhalten. — Und ich würde das aber nicht thun, selbst wenn ich mir denk, daß Du mir so kalt antworten könntest und könntest es leicht verschmer¬ zen, obschon mir die Kurprinzeß am liebsten ist von al¬ len, die ich gesehen hab, denn außer der Großmama und Dir hab ich nie Frauen gesehen, die mir edel vor¬ kamen, denn ich häng innerlich mit Dir zusammen, das weiß ich, und der Dämon hält mich auch fest bei Dir; und wo sollt ich noch einmal fühlen so vertraulich? — kann man so bei Prinzessinnen simuliren, so im Mond¬ schein im Zimmer an der Erde liegen und ihm nachrücken und Geschichten erfinden wie wir den Winter, und wenn ich Dein Haar flechten wollt, da hast Du michs lassen aufflechten und wieder flechten, und erfandest Ossians- Gesänge, während ich es kämmte. Deine Locken gleich den Raben düster, Deine Stimme wie des Schilfs Geflüster, Wenn der Mittagswind sich leise wiegt. Weißt Du noch, wie ichs Dir still nachsang, was Du so schauerlich mir vorsagtest, und weißt Du wohl, daß da mein Herz ganz voll Thränen war, mehr wie einmal, und heimlich stritt ich mit mir, daß ich stark sein wollt und meine Schmerzen bezwingen? — Ich wollt Dirs nicht zeigen, wie tief das in mich ging: Denn mein Schwert umgiebt wie Blitzes Flügel Dich du liebliche, du schönes Licht. — Wie oft hab ich das gesungen für mich, und war ein Held. — Collas Tochter sank zum Schlafe nieder O! wann grüßest du den Morgen wieder? Schöngelockte wirst du lange ruhn? — Ach! die Sonne tritt nicht an dein Bette Spricht, erwach aus deiner Ruhestätte, Collas Collas schöne Tochter steig herauf! — Junges Grün entkeimet schon dem Hügel Frühlingslüfte stiegen drüber her. Sonne birg in Wolken deinen Schimmer! Denn sie schläft, der Frauen Erste! — nimmer Kehret sie in ihrer Schönheit mehr. Das hab ich so oft gesungen, und auch am Fels vorgestern, und ich kann so schöne Melodieen drauf, die mir alle durchs Herz gehen, und wenn wir auf der Burg sind den Herbst, dann wollt ich Dirs vorsingen wenns dunkel ist, eh das Licht kommt; wie kannst Du denn nur denken, daß ich die Kurprinzeß lieber haben könnt? — aber Du denkst es auch nicht, du stellst Dich nur so, denn sonst wärs gar zu traurig für mich, daß Du nicht betrübt darüber wärst. — Ich kann mir un¬ ter Collas Tochter immer nur Dich denken; denn sie schläft der Frauen Erste! — und so hab ich in man¬ cher Stunde mit Thränen Dich besungen, denn ich kann das nicht singen ohne daß es mein Herz so stark be¬ wegt, Abends wenn ich allein bin, daß ich oft meinen Kopf in die Kopfkissen stecke und will alle Wehmuth ersticken, weil sie mich gar zu schmerzlich befällt. — Aber was soll ich doch hier so fern von Dir, Dir von meinen bitteren Stunden sagen, das kann Dich nur traurig machen, und Du bist jetzt so betrübt. — Aber 6 laß dichs nicht betrüben von mir, das ist nur so vor¬ übergehend, wie eben die Schlossen, die hier fielen, ich will Dir, lieber noch weiter erzählen von der Kurprin¬ zeß, du weißt, daß ich traue in Deine Lieb und gar nicht denk, daß ich Dir gleichgültig bin und auch nicht, daß Du an mir zweifelst. Die Kurprinzeß verlangte heut morgen, ich sollte ihr noch ein Lied singen zur Guitarre, das sie als zuweilen vom Fenster gehört habe, das erschreckte mich sehr, denn der Herzog stand dabei und zog den Mund so kurios zusammen, und sagte, er hab auch meine Stimme gehört, sie sei sehr schön; ich hätt gern ausgewichen, aber ich fühlte, daß es unschick¬ lich war, ich holte also meine Guitarre und unterwegs bezwang ich meine Angst vor dem Herzog, vor der Prinzeß hätt ich mich auch nicht gefürcht, denn ich hatte schon oft die Abende in dem Laubgang vor ihrem Fen¬ ster allerlei Melodieen improvisirt, weil mich einmal eine geheime Neigung zu ihr anregte, daß ich als recht zärtliche Melodieen erfand. Vor dem Herzog hätt ich mich auch nicht gefürcht, aber weil ich den Morgen im Bad gesungen hatte, so dacht ich, er hätts gehört und möcht wohl gar davon anfangen, und an den Zettel dacht ich auch. — Aber da kam mir mit einmal ein Gedanke, der half mir drüber hinaus, ich nahm dein Darthulagedicht Anhang 1. aus meiner Brieftasche mit und sang draus was ich da oben Dir hingeschrieben aus dem Kopf in eine Melodie hinein, im Anfang wars ein we¬ nig steif, aber bald gings recht wie ich manchmal selbst überrascht bin, und tief erschüttert, wie die Melodie so viel gewaltiger es ausdrückt, und erst das Herz empfin¬ den lehrt, und ich wiederholte es, da wars so schön, ach wenn ichs doch noch einmal so singen könnt vor Dir; — der Herzog verlangte, ich sollte noch fortsingen, da war ich nicht mehr bang, ich sang gleich: „Laß zehntausend Schwerter sich empören Usnoth sollt von meiner Flucht nicht hören Ardan! sag ihm rühmlich war mein Fall. Winde! warum brausen eure Flügel? Wogen warum rauscht ihr so dahin? — Wellen! Stürme! denkt ihr mich zu halten? Nein ihr könnts nicht, stürmische Gewalten! Meine Seele läßt mich nicht entfliehn. Wenn des Herbstes Schatten wiederkehren, Mädchen, und du bist in Sicherheit, Dann versammle um dich Ethas Schönen Laß für Nathos deine Harfe tönen Meinem Ruhme sei dein Lied geweiht.“ — Und dies zweite Mal sang ich noch besser, mit tieferer Stimme und war selbstfühliger; es sind die zwei Stellen, die ich aus Deinem Lied auswendig weiß, weil Du sie in meiner Gegenwart gemacht hast, im Dunkel, und sagtest zu mir: behalt es auswendig bis Licht kommt, 6* ich will unterdeß weiter dichten, und ich wiederholte immer vier Verse bis noch vier dazu fertig waren, die Du auch meinem Gedächtniß vertrautest und immer weiter schifftest im Ocean, Günderode, wie schön war doch das? — wie werd ich je schöneres erleben als mit Dir? — Dem Herzog hab ich Dein Gedicht gegeben und gesagt, es sei von Dir, und auch den Don Juan Anhang 2. hab ich ihm geschenkt, er lag dabei, ich dacht du giebst mirs wieder; ich wollt ihm es so gern geben, weil ich sah, daß er große Freude dran hatte. Du giebst mirs wieder. — Die Kurprinzeß verlangte, ich soll ihr die Melodie abschreiben lassen von dem Lied, ich sagte ja, aber wo ist die hin? ich weiß nicht mehr, — sie hat mich auch noch herzlich geküßt auf beide Wangen; und der Tonie sagte sie sehr freundlich, wenn sie es erlaube, so wolle sie den Strauß aus der Ananas mitnehmen und zum Andenken in ihrem Treibhaus pflanzen lassen. — Gelt das war so freundlich, und ich will dirs nur gestehen, daß mir heimlich recht leid gethan hat, wie sie fort war und alles kam mir so leer vor, daß ich doch drüber weinen mußte, obschon ich nicht wollt, ich hielt mich auch gar nicht dabei auf, eben weil ich an Dich dachte und Dir keine Untreue wollte begehen. — Wir begleiteten sie bis zum Wagen und sie sagte mir noch, wo ich sie begegnete, da sollte ich immer zu ihr kommen, ich küßte ihre Hand und ging zurück, denn der Herzog sprach noch mit ihr. — Sein Wagen war auch vorgefahren, er legte mir die Hand auf den Kopf und sagte, auf Wiedersehen, — und lachte mich an, und ich dachte: Ach Gott, am End hat er den Zettel dem Lipps gegeben. Er stieg in den Wagen im leberfarb¬ nen Rock, und wie das Windspiel nachsprang und sich zu seinen Füßen legte, da sah ich wohl so etwas auf dem Rücksitz liegen, wie einen weißen Mantel, der hell¬ blau gefüttert war, aber er sah doch nicht ganz weiß aus, sondern mehr hellgrau, aber die graue Mütze sah ich, wie mich deucht, auch. — Ja ich sah sie gewiß, ich wollt sie nur nicht erkennen, weil ich mich schämte; — aber das dauerte noch eine Weile, daß ich mich gar nicht trösten konnte, und so oft mirs einfällt werd ich aufs Neue roth vor mir selber. — Aber ich denk nur immer, ein Prinz hat kein lang Gedächtniß, er wirds bald vergessen. Ach wenn ers nur recht bald vergäße! — Gute Nacht. Morgen erzähl ich Dir noch mehr von heut, von unserm Sonnenaufgang hab ich Dir noch gar nichts erzählt, daß wir den gar nicht gesehen haben, und daß die Sonne hinter uns aufging, — und daß alles über die in der Ferne liegenden Berge sah und meinte, sie sollt dort hervorkommen, und daß sie hinter der Felswand in unserm Rücken aufstieg und der Mstr. Haise mit dem Perspektiv bewaffnet, und der Voigt, der mir immer ins Ohr sagte: geben Sie acht was passiren wird, sie werden sich alle bald verwundern, kein Mensch achtete seiner Reden. — Es ward hell und hell und die Sonn kam nicht, und auf einmal war sie hinter uns, ganz mäßig und vernünftig, ohne Aufwand, wie wir sie beim Frühstück auf der Terrasse auch hätten sehen können, aber der große Streit, der vorfiel, keiner wollte der sein, der es nicht gleich gedacht hatte, jeder sollt den andern verführt haben, es war wirklich ein wun¬ derlicher Streit und der Mstr. Haise mit dem Perspektiv, mit dem er die Sonn zuerst hatte entdecken wollen! — der Voigt wurde am meisten gezankt und er sollte zu¬ letzt allein dran schuld gewesen sein, er hätt sie mit Fleiß all herum gewendet, und er hätte davon gespro¬ chen zuerst, daß dort gen Morgen läg. Er sagt aber, nein, er hätt sie nicht verführt, er hätt es aber wohl gewußt, drum hätt er auch gesagt: sie würden sich bald alle sehr verwundern, aber er wüßt, er stände in so schlech¬ tem Kredit bei ihnen, daß er sich nicht getraut hab es ihnen zu sagen, denn sie hättens doch nicht geglaubt. Am Samstag — Den Kanarienvogel schenk ich Dir, Du sollst ihn behalten, er hat Dich lieber wie mich, und ich bin ihm gut, was soll ich ihm seine eingesperrte Lebensfreud verketzern. Ich bin aber kein Kanarienvogel und Du kannst mich nicht hingeben wollen, denn ich schenk Dir alles, Du sollst mich nicht hergeben. — Meine Altan ist doch schön, nicht wahr? — als Kinder hat uns da der Herr Schwab die biblische Geschichten vorerzählt, Abends, eh wir zu Bett gingen, da hab' ich den Mond zum erstenmal scheinen sehen. Wie wunderlich wars doch, und die Fenster von den Stuben nebenan, wenn da Abends Licht drinn war, die malten den Schatten von den Sträuchern auf den Boden, da saß ich so gern allein auf dem Boden und sah den Schatten rund um mich sich bewegen. Ich hab mich wohl immer gefürch¬ tet als Kind, aber mehr bei Tag, wenn ich allein war, und im Zimmer, wo alles so nüchtern aussah, aber in der Nacht war was vertrauliches, was mich lockte, und noch eh ich was von Geistern gehört hatte, war die Empfindung in mir, daß etwas Lebendiges in der Um¬ gebung sei, dessen Schutz ich vertraute; so war mirs auf der Altan als Kind von drei oder vier Jahren, wo beim Sonnenuntergang immer alle Glocken den Tod des Kaisers einläuteten, und wies da immer nächter ward und kühler, und es waren keine Leute um mich und als ob die Luft lauter Gelänte sei, was mich um¬ fing; da kam eine Traurigkeit über mein kleines Herz¬ chen, und dann wieder so rasches Zusammennehmen, ich fühls noch, wie wenn der Schutzengel mich auf den Arm nähm. Jetzt muß ich aber sagen: Was ist doch das Leben für ein groß Geheimniß, das so dicht die Seel umschließt, wie die Puppe den Schmetterling, kein Licht strahlt durch den Sarg, aber die Sonnenwärme empfindet die inwendige Seele und wächst und wächst unter schweren Ahnungen, unter Thränen. Ach ver¬ zeihs, daß ich gleich traurig war, aber die Altan! — Dort hab ich ganz sehnsüchtige Augenblicke schon ge¬ habt, die mir wie Schwerter durchs Herz gingen und ich wußte nicht was es war, und weiß es noch nicht. — Grad in der schönen blühenden Zeit war mirs immer so traurig, grad am hellen Mittag, wenn da so ein Bienchen eine Weile herumschwärmte. — Ach was! — ich will lieber was anders denken. — Du bist recht gut, daß Du allerlei so sub rosa hervorleuchten läßt, was mich heimlich freut. — Was mir doch noch wird? — ob ich je aus dem Licht heraustrete, was Dein lebendig Aug auf mich strahlt? — denn Du kommst mir vor wie ein ewig lebender Blick— und als wenn von ihm mein Leben abhing. — Aber davon will ich auch nicht reden. — Von der Eselsparthie gestern nach Rauhen¬ thal, sie ist zu Wasser geworden aber erst am End, es kam ein ungeheurer Platzregen wie wir noch eine halbe Stunde von der Heimkehr entfernt waren, das zusam¬ menlaufende Wasser von den Bergen herab ins Thal gab ordentlich Seen, die der Wind wellig kräuselte. — Und wie die Esel mitten durchs Wasser pfatschten mit uns, kam ein ungeheurer Donnerschlag, die meisten schrieen auf, die Esel schrieen nicht, aber sie warfen uns alle mit einemmal herunter in die Pfützen und da konnt keiner sich halten, nur der Engländer wollte es zwingen mit seinen langen Beinen, der Esel warf sich nieder und bäumte sich, und so galopirten alle Esel fort, daß sie im Nu aus den Augen waren, die Eseltreiber hinterdrein, denen nachgerufen wurde, uns Laternen zu schicken. Der ganze Haufe consultirte in der Pfütze, setzte sich nach wieder erlangter Besinnung in Bewegung, auf das verwirrte Untereinanderschreien folgte bald Stille, der Weg war zu beschwerlich als daß man auf etwas anders denken konnte als nur wie man den Fuß mit sammt dem Schuh wieder aus dem Morast heben wolle, dies aber war nicht möglich, die 6** meisten Schuhe blieben stecken, die Laternen kamen uns bald entgegen, die beschwichtigten Esel wurden wieder heran geführt, und so kamen wir zwar beritten an, aber in welchem Zustand? — Alle Strohhüte hatten im Mo¬ rast gelegen. Die Schuhe fehlten, die Damengewande so naß, als sollten sie zu Statuen Modell stehen, und die Herren nicht minder; man verfügte sich in die Bä¬ der und kam neugeboren und neugestrählt heraus, ein Gesammt-Abendthee in Pantoffel und Schlafröcken und Pudermäntel eingenommen, machte den Beschluß, alles beschrie des Unfalls Jammer und lachte sich halb todt drüber. Mstr. Haise, dessen natürliche Haarfarbe jetzt zu Tag kam, war nicht mehr zu erkennen, aber seine Schönheit wurde allgemein bewundert, sein braunrothes Haar stand ihm so viel schöner als der Puder, womit ers hatte verbergen wollen, daß man schrie: jetzt könne er erst interessiren, was man vorher für unmöglich hielt. Wer war vergnügter wie Er, der feierlich dem Puder abschwor und mit himmlischer Selbstzufriedenheit bei den Frauen herumspazierte, sich bewundern zu las¬ sen. — Ich und die Lisett haben noch bis Mitternacht die Strohhüte renovirt, ich schlug sie alle auf der einen Seite mit einer Kokarde auf, wenn man nun im Schat¬ ten sein will, so setzt man die Schippe nach vornen, wo die Sonn nicht scheint dreht man sie herum; die Verwandlung fand allgemeinen Beifall und sieht nach Voigt malerisch aus. Heut morgen kamen die Eseltreiber mit den verlornen Schuhen auf ihren Stek¬ ken in Prozession angerückt; sie hofften ein Trinkgeld, es mußte auch bezahlt werden, obschon die Schuhe bes¬ ser wären geblieben wo sie begraben waren; man war ärgerlich, daß sie die beschmutzten Schuhe so öffentlich zur Schau trugen. Das war die gestrige Geschichte. Voigt hatte schon lange drum gebeten, die ganze Ge¬ sellschaft zu Esel in sein Skitzenbuch zeichnen zu dürfen, heut Morgen war ein schöner heller Himmel und doch wars abgekühlt vom Gewitter, wir machten uns so ma¬ lerisch wie möglich, ließen Bänder flattern, Schleier wehen, die Herrn steckten Sträucher auf den Hut, ga¬ ben sich nachlässige Posituren, schaukelten mit den Bei¬ nen, so gings langsam vorwärts, Voigt war voran mit seinem Malkasten, hatte die Palette aufgesetzt, saß auf einem Zeltstuhl vor der Höhe, wo wir herabkamen und beobachtete den Zug mit dem Fernglas, auf einmal rief er halt, ich war voran mit einer grünseidenen Fahne, die ich mir gemacht hatte, die stemmt ich in die Seite und hielt recht feierlich still, die Guitarre hing auch am Sattel Voigt malte eifrig auf ein Stück Wachslein¬ wand, das auf ein Brett genagelt war. Es dauerte ein Weilchen, die Esel hingen die Ohren und waren eingeschlafen, die Sonne brannte, die Mücken stachen, die Schleier und Bänder hingen schlaff, sie glaubten alle, sie könntens nicht länger aushalten, ich hätte doch dem guten Voigt so gern das Plaisir gegönnt, daß seine Skitze fertig wurde; ich nahm meine Guitarre und stimmte den Kosiusko an, Crothwith begleitete mich auf dem Flageolett, mehrere Maultrommeln der Eseltreiber¬ jungen fielen ein, es erhob die Stimme Baß und Dis¬ cant, andere pfiffen, Haise neben mir an gab einen Ton von sich mit dem er eine Pauke nachmachte, die mit einer Ruthe und einem Klöppel geschlagen wird, pfitsch pfitsch, bum bum. Die Esel wachten auf und spitzten die Ohren wieder, die Lüftchen regten sich wieder in den flatternden Bändern, alles war be¬ geistert und Voigt malte schneller als eine Wind¬ mühle in die der Sturmwind bläst; die Eseljungen hatten sich auch in nachlässigen Stellungen postirt, bald wars so weit, daß wir umwenden konnten, Voigt be¬ stieg seinen Esel und wir zogen vergnügt und singend zurück. Die Skitze ist allerliebst kräftig, er will sie zu Frankfurt fertig malen, wärst Du doch auch dabei ge¬ wesen. — Im Nachhausereiten sah ich die Birke von fern, die so leise wehte, in der ich ohne daran zu den¬ ken wie eine Vision Dein Bild gesehen hatte. Ich dachte daran, ob ichs doch versuchen wollte, Dich hier zu besuchen, wenn man allein ist, da kann man viel besser klettern, und wie heut Nachmittag alles Siesta hielt, bin ich hierher gekommen und hab gesehen, was der Herzog für Buchstaben in den Baum geschnitten hat: Z D F und seinen Namen drunter, ich weiß was es heißt, grade was er unter Dein Manuscript von der Immortalita geschrieben hat. — Der Voigt sagt mir, sein Buch sei sehr witzig und hat mir noch man¬ ches Schöne erzählt von ihm und auch Sonderbares. — Das Buch müssen wir zusammen lesen den Winter. Heut Nachmittag war alles versammelt beim Thee auf der Terrasse. Die Lust auf weite Parthieen ist gedämpft, wir spielten Federball, und machten Seifenblasen, die flogen zwischen die Bäum und bald hier oder dort hin, auch eine auf dem Haise seine Nas glaub ich. Sonntag. Heut Morgen war man zum letzten Frühstück ver¬ sammelt, denn morgen geht alles fort, der ganze Vor¬ mittag verging mit Spaziergängen von Paar und Paar im Wald, ich schlenderte mit dem Voigt nach einem grünen Platz und las ihm vor aus deiner Brieftasche, ich las ihm die Manen vor, und knüpfte allerlei Ideen dran, die ich nicht recht aussprechen konnt, ich kann vor niemand sprechen wie vor Dir, ich fühl auch die Lust und das Feuer nicht dazu als nur bei Dir, und was ich Dir auch sag oder wie es herauskommt, so spür ich, daß etwas sich in mir regt als ob meine Seele wachse und wenn ichs auch selbst nicht einmal versteh, so bin ich doch gestärkt durch Deine ruhigen klugen Au¬ gen, die mich ansehen, erwartend als verständen sie mich und als wüßten sie, was noch kommen wird, Du zauberst dadurch Gedanken aus mir, deren ich vorher nicht bewußt war, die mich selbst verwundern, andre Leut haben mit mir keine Geduld, auch der Voigt nicht, der sagt: ich weiß schon was Sie wollen, und sagt etwas was ich gar nicht gewollt hab. — Dann mach ichs aber wie Du und hör ihm zu, und da hör ich al¬ lemal was Kluges, Gutes. — Heut sagte er: die Ver¬ nunft sei von den Philosophen als ihr Gott umtanzt und angebetet wie jeder seinen Gott anbete, nemlich als ein Götze, der zu allem gelogen werde was man nur in der Einbildung für wahr halte, Dinge, die man auf dem Weg des Menschensinnes und der Empfindung al¬ lein finden könne und solle; die würden zu Sätzen, die auf keiner empfundenen Wirklichkeit beruhen, nur als willkührliche Einbildungen gelten und wirken. — Phi¬ losophie müsse nur durch die Empfindung begriffen wer¬ den, sonst sei es leeres Stroh was man dresche, man sage zwar Philosophie solle erst noch zur Poesie werden, da könne man aber lange warten, man könne aus dürrem getheertem Holz keinen grünen Hain erwarten, und da möge man Stecken bei Stecken pflanzen, und den besten Frühlingsregen erbitten, er werde dürr blei¬ ben, während die wahre Philosophie nur als die jüngste und schönste Tochter der geistigen Kirche aus der Poesie selbst hervorgehe, dies sagte er dem Mstr. Haise, der studirter Philosoph ist, der war darüber so aufgebracht, daß Voigt die Poesie die Religion der Seele nenne, daß er mit beiden Füßen zugleich in die Höhe sprang — und nachher mir allein sagte: ich möge dem Voigt nicht so sehr trauen, denn seine Weisheit sei ungesund und könne leicht ein junges Herz verfüh¬ ren, sonst war alles ganz gut, wir tranken Nachmittag auf dem Musenfels Kaffee und machten ein lustig Feuer im Wald an und tanzten zuletzt einen Ringelreihen drum, bis die letzten Flammen aus waren, und alle wa¬ ren wie die Kinder so vergnügt, und mir kam vor als wenn gar kein Falsch oder versteckte Gesinnung mehr unter allen wär. Ein freies Gemüth ist doch wohl das höchste im Menschen. Nie eine Periode des Menschen¬ lebens verlassen so wie sie rein erschaffen ist, um in eine andre überzugehen, dabei nie eine derselben vermissen, ewig Kind sein, als Kind schon Mann, und Sclave des Guten sein, Gott anbeten in Ehrfurcht und mit ihm scherzen und spielen in seinen Werken, die selbst ein Spiel seiner Weisheit, seiner Liebe sind, sagte Voigt auf dem Heimweg zum Mstr. Haise und der war zu¬ frieden und reichte ihm die Hand. — Gute Nacht. Am Montag. Gestern hätt ich nun rechte Zeit gehabt Dir zu schreiben, alles ist fort, aber ich war müde. Tonie liegt auf dem Bett und schläft, man war bis spät in der Nacht auf gewesen, ich ging noch auf die Terrasse um Abschied zu nehmen, weil am Morgen alles vor Tag abreiste; nur der Voigt blieb da bis Mittag, weil er nur bis Mainz ging. Er ging mit mir in die kleine Kapelle zur Messe, da war eben die Predigt wieder am Ende, es war unser Franziskaner. „Warum hat Je¬ sus, da er ans Kreuz geschlagen ist und die bittersten Schmerzen leidet, zugleich eine himmlische Glorie um sein Haupt, die allen Anwesenden das Mitleid verbie¬ tet, die zugleich das seligste ruhmvollste Entzücken an¬ deutet mit dem menschlichen Kampfe im Elend? — Warum liegt in jedem seiner Thaten, seiner Worte, das Irrdische mit dem Ewigen so eng verbunden? — Er hat seine Leiden nicht mit Freuden vertauscht da er es wohl vermochte. — Also Mensch hab dein Schicksal lieb, wenn es dir auch Schmerz bringt, denn nicht dein Schicksal ist traurig, wenn es dir auch noch so viel Menschenunglück zuführt, aber daß du es verschmä¬ hest, das ist eigentlich das große Unglück, und so schließ ich wovon ich ausging, daß allemal das Schicksal des Menschen, das höchste Kleinod sei, das nicht wegwer¬ fend zu behandlen ist, sondern es soll mit Ehrfurcht ge¬ pflegt und sich ihm unterworfen werden.“ — Der Voigt bereuete sehr, daß er die Predigt nicht ganz gehört habe und meint, da er in wenig Worte so viel zusam¬ mendränge, so müsse er in der Entwickelung sehr geist¬ reich sein. Ich aber war froh, daß wir zu spät gekom¬ men waren, denn mir schien das Thema sehr traurig, Leiden im Voraus zu ahnen und sich darauf vorzube¬ reiten, das will mir nicht in Sinn. — Am Abend wa¬ ren wir ganz einsam, die Tonie und ich, es ist gar nie¬ mand mehr hier, ich wär so gern noch hinaus spazie¬ ren gegangen, und ließ mir den Lelaps holen, den Hund von der Küstersfrau, der mich kennt, weil ich schon oft ihn mitgenommen habe auf dem Spaziergang, der kam mit einem Laternchen am Hals mit einem brennenden Lämpchen, womit er immer bei neblichem Wetter seinen Herrn begleitet; das machte mir groß Plaisir, ich nahm meinen guten Stock, der zusammengeflochten ist von drei guten spanischen Rohren, und den mir der Savigny geschenkt hat und ging mit meinem guten Lelaps als fort zwischen die Schluchten, in denen der Nebel hin und her wogte und sein klein Lichtchen verschwand oft, daß ich ihn nicht mehr sah, aber wenn ich rief, da kam er durch den dicken Nebel herbei gelaufen, da wurde das Lichtchen wieder sichtbar, was mir das für Spaß gemacht hat, der Hund und ich allein, und die Nebel, die herum flankirten wie Geister, herüber und hinüber, aufstiegen und hinabkletterten, es war eine Geschäftig¬ keit in diesen Felsritzen und an den Bergwänden hinab, wo man einen freien Blick ins Thal hatte, ich konnt mir gar nicht denken, daß es nicht Geister wären, und ich glaubs noch, und ich war innerlich recht glücklich und froh, daß ich dazu gekommen war, und daß ich und der Hund von den Geistern so gut gelitten war, denn Du glaubst nicht wie gut der Nebel thut, wie sanft, wie weich er sich einem anschmiegt, mein Gesicht war ganz glatt davon, und wir sind auch glücklich wieder nach Haus gekommen. — Ich bin so froh, daß ich unbedeutend bin, da brauch ich keine gescheute Ge¬ danken mehr aufzugablen, wenn ich Dir schreib, ich brauch nur zu erzählen, sonst meint ich, ich dürfte nicht schreiben ohne ein bischen Moral oder sonst was Klu¬ ges, womit man den Briefinhalt ein bischen beschwert, jetzt denk ich nicht mehr dran einen Gedanken zurecht zu meislen oder zusammen zu leimen, das müssen jetzt andre thun, wenn ichs schreiben soll, ich selbst denk nicht mehr. Ach von dem Einfältigsten, Ungelehrtesten ver¬ standen und gefühlt zu werden ist auch was werth; und dann dem Einzigen, der mich versteht, der für mich klug ist, keine Langeweile zu machen, das kommt auf Dich an. Wir waren am Rhein und sind wieder den andern Tag zurück spät Abends, so ist heut schon Donnerstag, es war schön in Rüdesheim, die Tonie hatte dort über Jemand zu sprechen, der als Geistlicher in unser Haus soll, ich guckte indeß auf der Bremserin aus dem großen schwarzen Gewölb auf die Wiese im Abendschein, es flogen als die Schmetterlinge über mich hinaus, denn da oben auf der Burg wächst so viel Tymian und Gin¬ ster und wilde Rosen und alles hat der Wind hinauf¬ getragen; man meint als, der fliegende Blumensamen müßt eine Seel haben und hätt sich nicht weiter wollen treiben lassen vom Wind, und wär am liebsten da ge¬ blieben, alles blüht und grünt, so viel Glockenblumen und Steinnelken und Balsam, ich dacht wie ists doch möglich, daß das alte Gemäuer so überblüht ist. — Blum an Blum! Unten in der Ruine wohnt ein Bet¬ telmann mit der Frau und zwei Kindern, sie haben eine Ziege, die bringen sie hinauf, die grast den duftenden Teppich mir nichts dir nichts ab. — Ich war eine ganze Stunde allein da und hab hinaus auf dem Rhein die Schiffe fahren sehen, da ist mirs doch recht sehnsüchtig geworden, daß ich wieder zu Dir will, und wenns noch so schön ist, es ist doch traurig ohne Widerhall in der lebendigen Brust, der Mensch ist doch nichts als Begeh¬ ren sich zu fühlen im Andern. Du lieber Gott! eh ich Dich gesehen hatt da wußt ich nichts, da hatt ich schon oft gelesen und gehört, Freund und Freundin, und nicht gedacht, daß das ein ganz neu Leben wär, was dacht ich doch vorher von Menschen? — gar nichts! — Der Hund im Hof, den holt ich mir immer um in Gesell¬ schaft zu sein; aber nachher wie ich eine Weile mit Dir gewesen war, und hatte so manches von Dir gehört, da sah ich jed Gesicht an wie ein Räthsel, und hätt auch manches gern errathen oder ich habs errathen, denn ich bin gar scharfsinnig. Der Mensch drückt wirk¬ lich sein Sein aus, wenn mans nur recht zusammen¬ nimmt und nicht zersteut ist und nichts von der eignen Einbildung dazuthut, aber man ist immer blind wenn man dem Andern gefallen will und will was vor ihm scheinen, das hab ich an mir gemerkt. Wenn man je¬ mand lieb hat, da sollt man sich lieber recht fassen, um ihn zu verstehen, und ganz sich selbst vergessen und ihn nur ansehen, ich glaub, man kann den ganz verborgnen Menschen aus seinem äußern Wesen heraus erkennen. Das hab ich so plötzlich erkennt, wie ich Menschen sah, die ich nicht verstand, was sie mir sollten, und nun sind mir die meisten, daß ich sie nicht lang überlegen mag, weil ich nichts merk, was mir gefällt oder mit mir stimmt, aber mit Dir hab ich wie eine Musik em¬ pfunden, so daheim war ich gleich; ich war wie ein Kind, das noch ungeboren aus seinem Heimathland entfrem¬ det, in einem fremden Land geboren war, und nun auf einmal von weit her übers Meer wieder herüber getragen von einem fremden Vogel, wo alles neu ist, aber viel näher verwandt und heimlicher, und so ist mirs immer seit dem gewesen, wenn ich in Dein Stüb¬ chen eintrat; und so wars auch auf den alten Burg¬ trümmern gestern: so lachend wie die Wiesen wa¬ ren und die lustigen Mädchen die sangen, und der Abendschein und die Schiffe und die Schmetterlinge, alles war mir nichts, ich sehnt mich nach Dir, nur nach Deinem Stübchen, ich sehnt mich nach dem Winter, daß doch draus Schnee sein möcht und recht früh dun¬ kel und drinn brennt Feuer; der Sonnenschein und's Blühen und Jauchzen zerreißt mirs Herz. — Ich war recht froh wie die Tonie mit dem Wagen vorfuhr, wie ich unten hin kam waren dem Bettelmann seine zwei hübschen Kinder blos im Hemdchen, und kugelten mit Lachen über einander und hatten sich so umfaßt; ich sagt, wie heißt Ihr denn? — Röschen und Bien¬ chen. — Das Röschen ist blond mit rothen Wängelchen, und das Bienchen ist braun mit schwarzen stechenden Augen. Das Bienchen und Röschen hatten sich so recht in einander gewühlt. — Um Mitternacht heimgekehrt — höchst angenehmer Schlaf beim Rauschen vom Spring¬ brunnen. Am Montag. Ich hab Deinen letzten Brief noch oft gelesen, er kommt mir ganz besonders vor, wenn ich ihn mit an¬ dern vergleiche, die ich auch hier in derselben Zeit erhalten hab, so muß ich denken, daß es Schick¬ sale giebt im Geist, die so entfernt sind von einander und so verschieden, wie im gewöhnlichen Tagesleben, der eine wird sichs nicht einbilden vom andern, was der denkt und träumt, und was er fühlt beim Träu¬ men und Denken. — Dein ganz Sein mit Andern ist träumerisch, ich weiß auch warum; wach könntest Du nicht unter ihnen sein und dabei so nachgebend, nein sie hätten Dich gewiß verschüchtert, wenn Du ganz wach wärst, dann würden Dich die gräßlichen Gesichter, die sie schneiden, in die Flucht jagen. — Ich hab ein¬ mal im Traum das selbst gesehen, ich war erst zwei Jahr alt, aber der Traum fällt mir noch oft plötzlich ein, daß ich denke, die Menschen sind lauter schreckliche Larven, von denen ich umgeben bin, und die wollen mir die Sinne nehmen, und wie ich auch damals im Traum die Augen zumachte, ums nicht zu sehen und vor Angst zu vergehen, so machst Du auch im Leben aus Großmuth die Augen zu, magst nicht sehen wies bestellt ist um die Menschen, Du willst keinen Abscheu in Dir aufkommen lassen gegen sie, die nicht Deine Brüder sind, denn Absurdes ist nicht Schwester und nicht Bruder; aber Du willst doch ihr Geschwister sein und so stehst Du unter ihnen mit träumendem Haupt, und lächelst im Schlaf, denn Du träumst Dir alles blos als dahin schweifenden grotesken Maskentanz. — Das lese ich heute wieder in Deinem Brief, denn es ist jetzt so still hier und da kann man denken, — Du bist zu gut, für mich auch, weil Du unter allen Menschen gegen mich bist als wärst du mehr wach; als machtest Du die Augen auf, und trautest wirklich mich anzuse¬ hen, O ich hab auch schon oft dran gedacht, wie ich Deinen Blick nie verscheuchen wollte, daß Du nicht auch am End nachsichtig die Augen zumachst und mich nur anblinzelst, damit Du alles Böse und Schlechte in mir nicht gewahr werdest. Du sagst: „Wir wollen unbedeutend zusammen sein!“ — Weißt Du wie ich mir das ausleg? — wie das was Du dem Clemens letzt in meinem Brief schriebst: „ immer neu und lebendig ist die Sehnsucht in mir , mein Leben in einer bleibenden Form auszusprechen , in einer Gestalt , die würdig sei , zu den Vortrefflichsten hinzuzutreten , sie zu zu grüßen und Gemeinschaft mit ihnen zu haben . Ja nach dieser Gemeinschaft hat mir stets gelüstet , dies ist die Kirche , nach der mein Geist stets wallfahrtet auf Erden .“ — Du sagst aber jetzt, wir wollen unbedeutend zusammen sein, — weil Du lieber unberührt sein willst, weil Du keine Gemeinschaft findest; — und Du glaubst wohl jetzt noch, daß irgend wo eine Höhe wär, wo die Luft so rein weht und ein ersehnt Gewitter auf die Seele niederregnet, wovon man freier und stärker wird? — Aber gewiß ists nicht in der Philosophie; es ist nicht der Voigt, dem ichs nachspreche, aber er giebt mir Zeug¬ niß für meine eigne Empfindung. Menschen, die ge¬ sund athmen, die können nicht sich so beengen, stell Dir einen Philosophen vor, der ganz allein auf einer In¬ sel wohnte, wo's so schön wär, wie der Frühling nur sein kann, daß alles frei und lebendig blühte und die Vögel sängen dann, und alles, was die Natur geboren hätt wär vollkommen schön, aber es wären keine Ge¬ schöpfe da, denen der Philosoph was weiß machen könnt, glaubst Du, daß er da auf solche Sprünge käm wie die sind, die ich bei Dir nicht erzwingen konnt. — Hör, ich glaub, er biß lieber in einen schönen Apfel, aber so eine hölzerne Kuriosität von Gedanken-Sparrwerk würde 7 er wohl nicht zu eigener Erbauung aus den hohen Ze¬ dern des Libanon zurecht zimmern; so verbindet und versetzt, und verändert, und überlegt, und vereinigt der Philosoph also nur sein Denkwerk, nicht um sich selbst zu verstehen, da würde er nicht solchen Aufwand machen, sondern um den andern von oben herab, den ersten Gedanken beizubringen wie hoch er geklettert sei, und er will auch nicht die Weisheit seinen untenste¬ henden Gefährten mittheilen, er will nur das Hokuspo¬ kus seiner Maschine Superlativa vortragen, das Dreieck, das alle Parallelkreise verbindet, die gleichschenklichen und verschobenen Winkel, wie die in einander greifen und seinen Geist nun auf jener Höhe schwebend tragen, das will er, es ist aber nur der müßige Mensch, der noch sich selber unempfundne, der davon gefangen wird; ein andrer lügt, wenn er die Natur verleugnet und die¬ sem Sparrwerk anhängt und auch hinaufklettert, es ist Eitelkeit, und oben wirds Hoffart, und der haucht Schwefeldampf auf den Geist herab, da kriegen die Menschen in dem blauen Dunst eine Eingebildtheit als nähmen sie den hohen Beweggrund des Seins wahr; ich bin aber um dies Wissen gar nicht bang, daß es mir entgehen könnt, denn in der Natur ist nichts, aus dem der Funke der Unsterblichkeit nicht in Dich hinein¬ fährt, sobald Du's berührst; erfüll Deine Seele mit dem was Deine Augen schöpfen auf jener seegensreichen Insel, so wird alle Weisheit Dich elektrisch durchströmen, ja ich glaub, wenn man nur unter dem blühenden Baum der Großmuth seine Stätte nimmt, der alle Tugenden in seinem Wipfel trägt, so ist die Weisheit Gottes nä¬ her als auf der höchsten Thurmspitze, die man sich selbst aufgerichtet hat. Alle Früchte fallen zur Erde, daß wir sie genießen, sie haben keine Flügel, daß sie davon flie¬ gen, und die Blüthen schwenken ihren Duft herab zu uns. Der Mensch kann nicht über den Apfel hinaus, der für ihn am Baum wächst, steigt er hinauf in den Wipfel, so nimmt er ihn sich, steht er unterm Baum und wartet, so fällt der Apfel ihm zu und giebt sich ihm, aber außer am Baum wird er sich keine Früchte erziehen. — Du sprichst von Titanen, die die Berge mit großem Gepolter auf einander thürmen, und dann die stillen Gipfel der Unsterblichkeit hinabstürzen, da meinst Du doch wohl die Philosophen, wenn Du von ihnen sagst, daß ihr diebischer Eigennutz sich der Zeit vordrängt und sie mit schimmernden Phantomen blendet. — Ach aller Eigennutz ist schändliche Dieberei, wer mit dem Geist geizt, mit ihm prahlt, wer ihn aufschichtet oder ihm einen Stempel einbrennt, der ist der eigennützigst e 7* Schelm, und was thun denn die Philosophen, als daß sie sich um ihre Einbildungen zanken, wer zuerst dies gedacht hat; — hast Du's gedacht oder gesagt, so war es doch ohne Dich wahr, oder besser: so ists eine Chi¬ märe, die Deine Eitelkeit geboren hat. Was geitzest Du mit Münze, die nur dem elenden Erdenleben ange¬ hört, nicht den himmlischen Sphären. Ich möcht doch wissen, ob Christus besorgt war drum, daß seine Weis¬ heit ihm Nachruhm bringe? — Wenn das wär, so war er nicht göttlich. Aber doch haben die Menschen ihm nur einen Götzendienst eingerichtet, weil sie so drauf halten, ihn äußerlich zu bekennen, aber innerlich nicht; äußerlich dürfte er immer vergessen sein, und nicht er¬ kannt, wenn die Lieb im Herzen keimte. — Ich will Dir was sagen, mag der Geist auch noch so schöne er¬ habene Gewande zuschneiden und anlegen und damit auf dem Theater herumstolziren, was wills anders als blos eine Vorstellung, die wir wie ein Heldenstück de¬ klamiren, aber nicht zu wirklichen Helden werden da¬ durch. Du schriebst an den Clemens: „Sagen Sie nicht, mein Wesen sei Reflexion oder gar, ich sei mistrauisch, — das Mistrauen ist eine Harpye, die sich gierig über das Göttermal der Begeistrung wirft und es besudelt mit unreiner Erfahrung und gemeiner Klugheit, die ich stets jedem Würdigen gegenüber verschmäht habe.„Diese Worte hab ich oft hingestellt wie vor einen Spiegel Deiner Seele und da hab ich immer ein Gebet empfun¬ den, daß Gott einen so großen Instinkt in Dich gelegt hat, der einem aus den Angeln der Gemeinheit heraus¬ hebt, wo alles klappt und schließt; und wenns sich nicht passen wollt, zurecht gerichtet wird fürs Leben, ach nein, Du bist ein Geist ohne Thür und Riegel, und wenn ich zu Dir mein Sehnen ausspreche nach etwas Großem und Wahrem, da siehst Du Dich nicht scheu um, Du sagst: Nun ich hoff es zu finden mit Dir. Am Montag. So ernsthaft hab ich geschrieben, ich weiß selbst nicht wie ich darzu komme, doch ists der Nachklang von vor Mitternacht. Ich weiß selbst nicht, wenn ichs an¬ sehe, warums dasteht. Du gehst weit über mich hinaus im reinen Schauen, denn Du bist ein Seher, ich be¬ trachte nur die Schatten des Geistertanzes in den Lüf¬ ten, die Dich umschweben. Was soll das alles vor Dir, ich fühl, daß ich von einer viel niederen Stufe, zu Dir hinanrufe, ob dies und das so ist; ich ahne auch, daß Du mit einem leisen Zauberschlag mich strafen kannst, daß ich bei solchen Nachgedanken mich aufhalte. Ich weiß und weiß nicht. — Im Thau baden, in den Mond schauen bei nächtlicher Weile ist schöner als sich wenden und den Schatten messen, den man in die beleuchtete Ebne wirft; ja ich war auch traurig wie ich gestern schrieb, und aus der Traurigkeit steigt mir immer solcher Qualm von Hyperklugheit auf, Philistergeist! — Ich schäme mich — es ist eine schlechte Sonate, deren Thema man bald auswendig kann und die einem abgeleiert vorkommt, wenn man sie wiederholen wollt, das kommt vom Einsamsein her, da meint man, man müsse was bessers vorstellen, wenn man mit sich selber spricht. Ich merkt es als beim Schreiben das selbstgefällige Geschwätz, was sich so schön fügte, mich verführte, und nun auf einmal bin ichs satt. Wie anmuthig und scherzend hast Du alles ausgesprochen und mit Deinem Zauberstab Dir spielend einen Kreis gemacht, mit mir drin zu scherzen, und ich hab mit Dornen und Nessel und Disteln um mich gepeitscht; ach ich fühl einen Widerwillen gegen meine Schreiberei von gestern. — Hätt ich Dir nicht bes¬ ser den wunderlichen Abend beschrieben, Die seltsame Nacht, die ich mit der Tonie erlebt habe. — So eine Wundernacht vergeht nicht, sie besteht ewig mit ihren leisen Schattenbildern, mit ihren Lichtdämmerungen und eiligen Luftzügen und wie sie den Schlummer Woge auf Woge wälzt; gewiß wie die Welt geboren wurde, da war es Nacht und da stiegen die Gipfel der Unsterb¬ lichkeit, die stillen von denen Du sagst, zuerst auf aus den Wassern und da drängte sich die Welt ihnen nach und liegt nun, und über ihr strömen die Sprachen jener Einsamen durch den Nachthimmel. — Ja ich find mich nicht zurecht, wenn in einer solchen Nacht alles schläft weit und breit, und der Geist mächtig mit seinen Flü¬ geln die Luft durchsegelt. — Und alle die Philosophen, die die Menschheit erwecken wollen, schlafen doch so fest und fühlens nicht. — Und ob blos, wenns einem ge¬ gönnt wär in jeder Nacht die Augen zu öffnen, und ihren tiefen Faltenmantel zu durchschauen, den sie über die Natur ausbreitet und dann ihre heimlichen Geister umher¬ schweifen, anhauchen — alles Lebende; ob der nicht hierdurch ein Seher würde himmlischem Wissen. Es ist doch so Seltsames in der Nacht, man sollte meinen, der Tag sei einmal schon in Beschlag genommen von der Verkehrtheit, aber die Nacht sei noch ganz frei da¬ von; man fühlt sich in der lautlosen silbernen Mond¬ zeit aufgezogen wie die rankende Pflanze, die hinaus¬ strebt in die Lüfte, — den vorüberschweifenden Geistern sich anzuhängen und hier und dort von ihrem Hauch zu trinken. — Aber was steig ich und schwindel ich denn immer noch, als lief ich am Waldrand hin? — ja in der Nacht wars so klar in meinem Sinn, daß ich laut lachte, und nun schweifts von Berg zu Thal und betastet die Erinnerung. — Und all mein Denken sol¬ cher Nachhall wie wär ich in eine Kluft gefallen. Wir waren am Nachmittag zum weiten Spaziergang fort¬ gewandert und wußten wohl nicht genau die Zeit, die später war als wir glaubten, und weil überall der Pfad an etwas Neugierigem sich hinzog, bald ein brausend Bächlein zwischen Klippen, bald sonnenhelles Grün und Hügel und Gemäuer und dann ein Wald mit mächti¬ gen Kronen, da kamen noch Schaaren von Vögel über uns hingezogen, denen wir nachsahen, da wars bald gar aus, wir wußten nicht wo wir hergekommen waren und wo wir hinwollten, gern wären wir wieder umge¬ wendet, wenn wir nur ahnen konnten wo der Heimweg war. Wir machten einander Muth durch den Wald auf einem breitern Weg, der quer lief, fortzuwandern; weil frische Spuren da waren, so mußte er dort zu Men¬ schen führen, noch hielten wir den Wind, die allmälig sinkende Helle für vorüberziehende Wolken, aber es war der Abendwind, der das Laub vor uns her wehte, wir sagten es einander nicht, aber merkten es bald, schrit¬ ten immer fort und sahen bald zwischen den hohen Wipfeln durch, den rothen Himmel glänzen, und wie der sich verzog in ein dämmerndes Gold, aber ohne Schein und endlich ein Blau, schweigende Sternchen glitzerten, und der Pfad lief immer fort im Wald und die Sterne sahen hoch herab, und keins wagte die Stille zu unter¬ brechen, schweigend, ein Tritt nach dem andern raschelte durchs Laub. — Ach, sagt ich, laß uns einen Augen¬ blick ausruhen, Du wirst sehen, dann wird der Wald auf einmal sich aufthun; ach, sagte die Tonie leise, was wird das werden, wo kommen wir hin? — statt zu klagen, mußte ich laut lachen; — „um Gotteswillen wie kannst Du so schaurig lachen, schweig still, es können böse Leute in der Nähe sein, die uns hören. „Ich meint aber, wenn wir so sacht redeten und wanderten, das könnt noch viel gefährlicher sein, und die Tonie ließ sich überreden, daß ich ein Lied sang. — Das schallte! — Das machte mich so glücklich, und der schweigende Wald, — und dann ich wieder, und dann er wieder. Die Tonie hatte sich auf dem Pfad so gesetzt, um die Richtung nicht zu verlieren, der wir schon die ganze Zeit gefolgt waren, ich aber lag rückwärts und sah in die Höh, auf ein¬ mal entdeckte ich, daß der Wald links lichter ward, und daß der Himmel ganz frei war; ich sagte, dort müssen wir hin, da sind wir gleich aus dem Wald. 7** „Um Gotteswillen verlaß den Pfad nicht, denn so im Dickicht herum zu stolpern in der Nacht, da können wir in Gruben fallen, laß uns ruhig auf dem Weg fortgehen,“ ich war aber schon vorwärts geschritten und stolperte wirklich und raffte mich auf und fiel wieder, und kletterte über Stock und Stein, und die Tonie rief von Zeit zu Zeit, ich antwortete, und da war ich plötzlich im Freien auf der Höhe, die sich abflachte in eine weite Ebne, die ich nicht ermessen konnt, aber ganz in der Ferne sah ichs glänzen, ich rief: hier steh ich und seh den Rhein, Du mußt aus dem Wald heraus, denn auf dem Waldpfad kannst Du noch Stunden lang unnütz fortwandern. Wir kamen uns entgegen mit Rufen durch die Nacht, doch rückt ich nicht weit herein, aus Furcht, den Weg zu verlieren, endlich reich¬ ten wir einander die Hand und nun zog ich sie hinter mir her. Es ist ein dumm klein Abenteuerchen, aber es machte mich doch so froh, so aus dem finstern Wald heraus gefunden zu haben. Da standen wir und guck¬ ten uns um — ob das dort ein Dorf ist; oder dort, ob das ein Licht ist? — Wir setzten uns am Waldrand hin und lugten, es ließ sich nichts hören, kein Vögel¬ chen, es war gewiß schon spät, vielleicht bald elf Uhr, und da brennte auch kein Licht mehr in den Örtern, drum konnten wir sie in der Ferne nicht sehen; wir ruhten gelassen ein Weilchen, und da war es so groß um uns her, und das that so wohl, und dann ward es heller, der Mond mußte bald kommen, da wußten wir, daß es um elf Uhr war. — Jetzt sah die Tonie einen Ort für ganz gewiß, sie sah das Kirchdach deut¬ lich glänzen, wir schlenderten, rutschten, kletterten und kamen in die Ebene. Die Tonie behielt das Kirchdach im Aug, ich war zu kurzsichtig, aber ich lief voran, denn einen Weg zu bahnen, das kann ich besser. — Links! — rechts! — rief sie, und so gings über abgemähte Felder, endlich an einen Graben mit Wasser, den wir glücklich übersprangen, dann über Zäune, dann Wiesen, dann Gärten, und der Mond war auf, beleuchtet einen brei¬ ten Weg, der nach dem Ort führt, aber ein großes festes Thor schließt diese verwünschte Stadt, die in ihrem Mondschein in Todtenstille versunken liegt, daß nicht ein Hund bellt, nicht eine Katz mauzt. Da stehen wir mit unsern Stecken in der Hand und gucken das Thor an, das war mir schon sehr lächerlich, ich sag: ob ich versuch hinüber zu klettern? — denn es war oben offen, aber unmöglich, denn es war sehr hoch, von eichnen Bohlen in ein Paar glatte dicke Pfähle die An¬ geln eingefügt. Da seh mal, sagt die Tonie, da ist zwischen dem Pfahl und der Stadtmauer ein Ritz, — Hand breit — wenn ich die Oberkleider abwerf und den Athem anhalt, so kann ich durch, und nun ge¬ schwind alles, was mich hinderte, an die Erd geworfen und durch war ich, da setzte ich mich aber erst auf den Eckstein am Thor und lachte, und das schallte die Straße hinab und fand ein Echo und schallte wieder herauf. — Ach ich bitte Dich, lach nicht, Du weckst alle Leute auf und die können uns wer weiß was thun, flehte sie durch den Ritz, — ich nahm mich zusammen, besichtigte das Thor, fand daß es mit zwei starken ei¬ sernen Riegeln zugebummst war, nahm einen Stein und klopfte die Riegel zurück. „Mach keinen Lärm, poltere nicht so,“ — aber das half nicht, ich war im hei¬ ßen Eifer, das Thor mußte weichen, auf einmal gingen beide Flügel aus einander, und da stand sie vor mir und hielt ihren Einzug; jetzt wanderten wir schweigend durch die Straßen und musterten die Häuser, wir klopf¬ ten an den Thüren, an den Laden, kein Laut gab Ant¬ wort, endlich öffnet sich ein Giebelfensterchen, ein Männ¬ chen guckt heraus mit einem brennenden Kienspahn in die Luft leuchtend, bei dessen Flamme wir ein bebarte¬ tes Kinn entdecken, und also auf ein ungetauftes Mit¬ glied der Menschheit schließen, welches seine Stimme auch nicht läugnet. „Wir sind Kurgäste aus Schlan¬ genbad, die sich verirrt haben und hätten gern einen Führer.“ — Er bedeutet, daß gegenüber der Thorwächter wohnt. Wir klopfen an, — eine Weile dauert es, auf einmal thut sich ein Loch am Boden auf und un¬ ter der Erde kommt herauf ein in braunem Pelz ein¬ gehüllter Riese mit einem Baum in der Hand, ein Stock wars nicht, dazu wars zu groß, er setzt sich in Trapp und treibt uns vor sich her zum Thor hinaus, immer zu, den Pfad am Berg hinauf, — bald aber sagte mir die Tonie ins Ohr, „wenn der gewaltige Mann dahinter uns mit seinem Kolben einen Schlag gäbe, es ist mir recht bang,“ — nun wir lassen den Mann vor uns gehen, da sehen wir doch wenn er uns was thun will. So marschierte denn der Goliath vor uns her, ach wie rauschten die Birken neben uns her und malten ihren Schatten uns unter die Füße, wie quoll das Dunkel aus dem Wald dem Mondlicht entgegen, und die kleinen Wässer rauschten von den Bergen nie¬ der und wallten zwischen Weiden fort, und an manchem schlafenden Dorf gings vorüber, und dann auf der Höh, noch einmal mußt ich mich noch umsehen nach dem Silberstreifen des Rheins im Mondglanz, und Berge in der Ferne sanken und stiegen, aber am meisten war doch das Regen in der Luft, was umherschwirrte und flüsterte in den Zweigen, und Träume, kindische, die mir das Herz beben machten, und dunkle Bilder, die aus dem Wald nebenan hervortraten, das hielt mir die Seele wach und doch wars als schlummre ich sorglos und wandle nur im Traum, und die Himmelssterne er¬ blaßten allmählig — und die einzelnen Hütten im Thal waren noch unbewußt des Tags, der sich ahnen ließ, aber die Wachteln schlugen im Feld und kündeten ihn an, da sahen wir Schlangenbad. Wer war froher wie wir, ich aber über alles, mich freut die herrliche Nacht. Die Schatten am Weg, die unsern beleuchteten Weg still umstanden, und der Abschied der Nacht, wie sie noch einmal die Wipfel schüttelte, das alles ist mir lieb, es ist ein Geschenk von den Göttern, wie so manche andre Stunden, wo's war als wollten sie mich beschenken mit süßem schwärmerischem Gefühl von in¬ nerlicher Kraft des Entzückens. — Das wars, was ich Dir erzählen wollt und was viel schöner ist, wie alles Denken und Urtheilen: sich dem Leben der Natur na¬ hen und still und stumm ihre Vorbereitungen mit an¬ sehen und wie sie weiht und reinigt in feierlicher Nachtstille. An die Günderode. Offenbach. Mai 1805. Sorg nicht um meine Gesundheit; im Dachstübchen bin ich ganz fidel; ich muß mit meinem Schatten an der Wand lachen. Drei Sätz die Trepp herauf, und die Flügel gespreizt und herunter hinter die Pappel¬ wand, wo was weißes flattert. — Da, wo wir vorm Jahr den Spitz begraben haben, spielte der Wind im Mondschein mit einem Papier; es flog aber gleich über die Gartenwand, wie ichs haschen wollt. Mit dem gu¬ ten Spitz fürchtete ich mich nicht in der Nacht; er bellte nur als immer die Geister aus dem Weg. Der Kla¬ vierhofmann ist noch immer unser Nachbar; heut Nacht wie ich im Bett lag, da jagte er wieder wie sonst seine enharmonischen Läufe im gestreckten Galopp auf und ab; ich gab meinen Schlaf auf, und meine Sinne freudig drein, die jagten mit. — Mit dem Verstand Musik fassen, wie die musikalischen Philister, das geht nicht, — ich muß empfinden. — Sinne-gewiegt von der Musik — mich hingeben wie schlummernd, dann hab ich Gedanken, schnell — wie die Sterne dahin fah¬ ren, oft — am Himmel. Ich bekümmre mich als, daß ich nicht denken kann was ich will, und muß von allem mich irren lassen, wie auf dem Markt, wo man hin und her läuft vom Guckkasten zum Puppenspiel, zum Bär der tanzt, oder mit den Zigeunern mich er¬ götzen am Mainufer, wenns Marktschiff Philister aus¬ speit, und die betrunknen Musikanten schmettern sie hinaus. Allerlei geht mir im Kopf herum, aber wenn ich schreiben will, ist die Luft leer von Gedanken, und die meisten Worte sind überflüssig, ich muß sie wieder wegstreichen, wie hier im Brief. Bei Musik bin ich gesammelt, die Gedanken fahren nicht herum, sie sind still und schauen innerlich Ding, was mich vergnügt. Die Seel wächst, die Knosp springt auf und saugt Mondlicht. — Eine Weil hört ich zu im Bett, wies Ge¬ witter kam sprang ich heraus und setzte mich aufs Fen¬ ster. — Musik bringt alles in Einklang, sie donnert durch die hellsternige Nacht ihren gewaltigen Strom, dann tanzt sie hin und grüßt mit jeder Well die Blum, die da heimlich blüht am Ufer. Wenn dann die Wol¬ ken vom Windsturm daher gejagt kommen, dann wer¬ den sie als gleich, als von ihrem Hauch bezaubert; der Regen rollt Perlen unter ihren tanzenden Schritt, beim leuchtenden Blitz vom Donner durch die schwarze Nacht geschnellt, die er mit schallenden Schwingen durchrast, das ist alles ein Hymnus mit der Musik; — nichts widerspricht, noch störts das stille Brüten der Sinne. So hab ich die halbe Nacht verlebt, ein Leben, wies nicht besser ist noch sein wird mit der Zeit. — Jetzt steh ich in der Blüth, Honig bis an Rand voll, alles aus dem Innern. Mit den Andern hab ich kein Verstehen, ich schäm mich, vor ihnen anders zu sein wie sie. Du bist mir gut, und der Clemens, mit dem kann ich doch nicht sein wie ich bin, er fürchtet sich und kann nicht ver¬ tragen, daß ich mich ausström, bald ists zu feurig, bald zu wehmüthig, wo ich doch gar nicht traurig bin, aber weil er schön ist wie ein Gedanke aus meiner Seel, so muß ich liebvoll zu ihm sein. — Das weiß er nicht, daß es Musik ist in mir, die ihn liebt, ich muß es so gehn lassen, alles muß reifen mit der Zeit. — Mit Dir ungestört sein, da fühl ich das junge Grün, wie das aus mir hervorkeimt, Du machst kein Wesen davon, daß im Frühjahr die frischen Grashalme und Kräuter duften; — so bin ich zufrieden und blüh all meine Ge¬ danken heraus vor Dir. 20. Mai. Gestern war Sonntag, heut Morgen war ich gar nicht ärgerlich, wie mich die Hühner aus dem besten Traum gegagst haben, wie als in Frankfurt, wo die Lisbet als grad Holz in Ofen geworfen hat, wie eben ein goldner Vogel mir wollt aus die Hand fliegen. Die Acacien im Hof sind recht gewachsen, sie schneien im Sonnenschein ihr letzt Silber aufs Grün. Der Gar¬ ten lag so Morgentrunken vorm Fenster, ich ging hinab, meinen alten Weg nach der Bretterwand hinter den Pappeln, und kletterte herüber ins Boskett, wo ich Dir hier schreib. — Daß doch immer meine Kleider reißen, wenn ich recht jauchzend bin. Zank nur nicht, daß ich mein Gewand nicht geschont habe . Dornen- Röschen hat mir ein Fetzchen davon behalten, wie ich versucht hab, ob ich noch zwischen dem Eisengeländer vom Boskett durchwitschen kann; es geht noch, ich hab noch nicht zugenommen an Erdenballast, — da sitz ich auf der Terraß am Main, auf dem die Wasserspinnen lustig in der Frühsonne herumfahren. Käm der Genius doch daher gewandelt; — ich könnt ihm mehr nicht sagen, als was die Bienen summen. — Ist mir doch als ge¬ hör ich zu dem blühenden Zitronenbaum; ist so still alles — wie am Feiertag, und der reinliche Kies mir unter den Füßen klirrt schüchtern, — Alles voll Schauer und Harren, daß Er komme, Der , auf den auch Ich harre, oder war er schon hier? — und hat es früher so geordnet für mich, daß ich merke, Er sei's gewesen, dem die sonnebelasteten Äste sich gebeugt, und die Welle nachmurmelt zu meinen Füßen. Ich wollts be¬ singen, abers Lüftchen, das nach ihm sucht im Gebüsch, kehrt wieder und hat ihn nicht gefunden und schweigt, und regt sich nicht mehr, so muß ich auch stumm sein. An die Bettine. Dein Brief macht mir Freude, es ist ein gesundes, munteres Leben darin, das ich immer lieb in Dir ge¬ habt habe. Du führst eine Sprache, die man Styl nen¬ nen könnte, wenn sie nicht gegen allen herkömmlichen Takt war. Poesie ist immer echter Styl, da sie nur in harmonischen Wellen dem Geist entströmt, was dessen unwürdig ist, dürfte gar nicht gedacht werden, oder viel¬ mehr darf alles Ereigniß den Geist nur poetisch berüh¬ ren, sonst leidet er Abbruch, wie ich das heute Morgen habe erfahren müssen, wo mir von Hanau eine veraltete Familien-Schuhmacher-Rechnung 17 Flr. zugeschickt wurde, die ich nicht bezahlen kann, meine Verlegenheit poetisch aufzulösen schicke ich Dir den kleinen Apoll als Geißel sammt Türkheims Lorbeerkranz, gieb mir das Geld. Wenn Du einige Stunden in der Geschichte genom¬ men hast, so schreibe doch darüber; besonders in wel¬ cher Art Dein Lehrmeister unterrichtet, und ob Du auch rechte Freude dran hast. — An dem Mährchen hab ich die Zeit sehr fleißig geschrieben, aber etwas so leichtes, buntcs , wie mein erster Plan war, kann ich wohl jetzt nicht hervorbringen; es ist mir oft schwer zu Muth und ich habe nicht recht Gewalt über diese Stimmung. Grüße den Clemens wenn Du schreibst, ich denke daran, ihm zu schreiben, und warte nur den Moment ab, wo mirs wieder leichter ist, damit ich ihm mit gu¬ tem Gewissen seinen Unmuth und seine Launen vor¬ werfen kann. Karoline. An die Günderode. Geld liegt im Pult am großen Spiegel, in der dritten Schublad links, in den andern Schubladen liegt aber auch vielleicht noch, zieh alle Schubladen ganz heraus, ob etwas dahinter gefallen ist. Der Schlüssel liegt unter dem Blumenkasten auf der Altan, wo die Kapuzinerblumen stehn, den Apoll halt rein vom Staub, und daß ihn die Fliegen nicht bedippeln mit sammt dem Lorberkranz; und vom Styl weiß ich nichts als von Dir, nichts überflüssiges, nur was zur Sach ge¬ hört sollt ich schreiben. Ich hab meinen Brief verputzt, wie beim Apfelbaum, alle Raupennester und Zweige ohne Fruchtkeime ausgebrochen, bis er ganz kahl war. — Man soll von jedem unnützen Wort Rechenschaft geben, geschrieben kann man nicht abläugnen, so muß man sich zusammennehmen. Der Mensch empfängt den Geist mit Gedanken und Worten, es sind die Gemächer, in denen er ihn herbergt, die Ehrengewande, die er ihm umlegt, aber die müssen durchsichtig sein und knapp anliegen, und die Räume einfach, denn was er nicht ausfüllt, das verbaut ihn. Ich merk als daß die Men¬ schen sehr dumm sind, und fürchterliche Umwege ma¬ chen ums Zentrum, ja mir scheint jede Wahrheit ein Zentrum zu sein, das wir nur umkreisen, nie berühren. Gestern mußt ich der Großmutter aus dem Hemsterhuis vorlesen, sie sagte, „das ist ein herrlicher Gedanke,“ und legte mir eine Pfeffernuß drauf, da kam mir dieser, Gedanke. Am Montag. Der Geschichtslehrer kommt dreimal die Woch, Dienstag, Mittwoch und Donnerstag, eingeklammert hinten und vorn in zwei Faulenzer, Freitag Samstag am End, Sonntag Montag am Anfang. — Er un¬ terrichtet mich so, daß ich wahrscheinlich der Zukunft ewig den Rücken drehen werde, und so auch um die liebe Gegenwart geprellt wär, wenn die unreifen Apri¬ kosen in der Großmutter Garten nicht meinen Diebssinn weckten, mit dem ich doch für meinen Verstand etwas handgreiflicheres zu erbeuten gedenke, als: „Die Ge¬ schichte Ägyptens ist in den ersten Zeiten dunkel und ungewiß.“ Das ist ein Glück, sonst müßten wir uns auch noch da rum bekümmern; — „Menes ist der erste König, von dem wir wissen,“ — mir auch recht, wenn wir nur was gescheutes von ihm erfahren haben. — „Er erbaute Memphis und leitete den Nil in ein siche¬ res Bett. Möris grub den See Möris, die schädlichen Überschwemmungen des Nils zu hindern. — Dann folgt Sesotris der Eroberer, der sich selbst entleibte.“ — Warum? — War er schön?— hat er geliebt?— war er jung? — war er melancholisch? — auf all dies er¬ folgt vom Lehrer keine Antwort, nur die Bemerkung, er möge wohl eher alt zu denken sein. — Ich demon¬ strire ihm vor, daß er jung war, blos um das Rad der Zeit in Schwung zu bringen, das im Geschichtskoth der Langenweil immer stecken bleibt. — Es rumpelte auch noch über den Busiris, der Thebä erbaute, Psamtichus, der die getheilten Staaten unter seine Flügel nahm, dann die Kriege mit Babylonien, Nebucadnezar, dems der Cambyses Cyrus Sohn wieder abnimmt. Die Ägyp¬ ter vereinen sich mit Lybien, machen sich wieder frei, kriegen mit den Persern, bis Alexander dem Streit und zu meinem Vergnügen dieser Geschichte ein End macht. — Das ist der Inhalt der ersten Stunde, Du siehst, daß ich aufgepaßt hab. Hätt ich aber den Sporn nicht gehabt, Jagd auf die Langeweile zu machen, und Dir zu zeigen, wie unnütz es ist, die Asche, von der die Natur nicht einmal das Salz verbrauchen kann, wieder anzufachen, es giebt doch keine Gluth mehr; ich dächte wir ließen einstweilen die alten Herrscher in ihren Py¬ ramiden fortschimmeln. — Frühling schwellet die Erde, ringsum drängt er die Keime — und grünt in entfal¬ tenen Blättern — drängt auch wohl meinen Sinn, be¬ rauschet mir schwellend die Lippe, daß in erneuerter Sonne die spröden Hüllen und Knospen meiner Gedan¬ ken zerbersten. — Ich war heut Morgen im Wald, an der Chaussee schon mit der Morgenröth, die eine Saf¬ franbinde um seine Wipfel legte, der feuchte Grund wechselte die blauen Vergißmeinnichtbeete mit den gold¬ nen Butterblumen, es war so feucht, so warm, so moosig, es war so brennend im Gesicht, und so kühlig am Boden. Der Thau war so stark, ich war ganz naß gewor¬ den; als ich nach Hause kam, da trat mir der Lehrer schon mit dem achtzehnhundertsten Jahr der Welt entgegen, wo Nimrod Babylonien gestiftet. Ich wollte nicht fragen, wer der Nimrod war, aus Furcht er möcht mirs sagen, und es wär eben auch unnütz, es zu wissen. Wenn nun der Nimrod ein guter Kerl war, um den es schad wär und der mir besser gefallen könnt, als die jetzigen Menschen, so wollt ich ihm wohl die Dauer der Unsterblichkeit gönnen, aber der Lehrer jagte gleich den Assyrer Ninus hinter drein, der das Reich erobert, von wo er Mittelasien beherrscht, ich jagte also ohne Auf¬ Aufenthalt mit, bis das Reich wieder befreit wird durch Nabopolasar, von dem ich auch nicht weiß, woher er geflogen kam. — Nebucadnezar erobert Ägypten; Ba¬ bylonier, Assyrer, Meder führen Krieg — bis Cyrus der Perser alle Reiche wieder erobert. — Babilonische Ge¬ schichte umfaßt 1600 Jahr, hat um elf Uhr angefangen und Glockenschlag zwölf Uhr aus, ich spring in Garten. Freitag. Heut Morgen war der Geschichtskerl nicht da, da hab ich Generalbaß studiert, von dem könnte ich eher sagen, daß ich was gelernt hab, über den hab ich Ge¬ danken, er spricht mich an wie Geheimniß, obschon der Hofmann sagt: Alles ist klar wie der Tag — ich gebs zu — deswegen ist der klare Tag mir auch ein Ge¬ heimniß, so gut wie der einfache Harmoniensprung, von dem Hofmann heut sagte: „Betrachtet man die Tonika nicht allein als solche, sondern auch in Bezug auf jede andre Tonika, als eine ihr verwandte Tonart, wo sie vermöge, und in dem Grade ihrer Verwandtschaft wie¬ der Beziehung hat auf alle Seitenverwandtschaften, und daher immer wieder als solche sich geltend machen kann; so sieht man leicht, wie alle möglichen Gattun¬ gen von Dreiklängen vermittelst einfacher Harmonien¬ 8 sprünge auf einander folgen können. Ich glaubs, aber begreifs nicht; — betrachten? — kann man denn alles betrachten, wie man will? — kann ich die Wolken da oben betrachten wie mein Daunenbett, so werden sie doch nicht herunter kommen, mich zudecken. Der kleine Hofmann sieht mich an, erstaunt über meine Dummheit und wird selbst ganz dumm, denn er verstummt. End¬ lich sagt er ganz freundlich, das nächstemal werde er gewiß eine Form gefunden haben, um mirs begreiflich zu machen, er ging in die Musikprobe, wo er tausend Har¬ moniensprünge mitspringen wird. Käm doch bald die nächste Stund, am Tanz der Dreiklänge möcht ich er¬ proben, ob mein Geist auch einen kühnen Sprung thun kann, oder ob ich geboren bin, kriechend zu lernen wie die Raupe. — Wahrlich, ich möchte gern wissen; — nicht wie mit der alten raupenfräßigen Geschichte. — Ach Gott! — ich hab keine Aussicht! — Gestern Abend ging ich noch nach dem Nachtessen hier im Garten; da hört ich ordentlich das Gras wachsen, aber so was gilt nicht für Gescheutheit oder Verstand. Die grünen Äpfel am Spalier unterm grauen Laub, die bepelzten Pfirsich muß ich respektiren, die kommen vorwärts, aber ich — da wollt ich mich besinnen auf was ich von je an gelernt hab, da kann ich doch nicht die Gebetchen mehr, die ich vier Jahr lang jeden Tag hersagte. Das Vaterunser, den Glauben, den englischen Gruß kann ich nur noch bruchstückweis; den ganzen Sommerabend, auf den ich so lüstern war, hab ich versimulirt, um den Glauben wieder zusammen zu flicken: „Aufgefah¬ ren zu den Himmeln“ — so weit, — schreibe mirs im nächsten Brief, was folgt. — Aber im Grund: — Auf¬ gefahren zu den Himmeln, wär ein gut End, wenn Du's also auch vergessen hast, so schad's nichts, so brau¬ chen wir beide es nicht zu wissen; aber nachkommen thut noch was, das weiß ich. — Samstag. Ach gestern war ein Tag voll Sonnenschein, die Mückchen und Käfer haben ihn vertanzt und versummt, die verstehn das Schwelgen im Genuß; ich hab sie be¬ lauscht, im hohen Gras überbaut von der Leinwand, die da auf der Bleiche liegt. Die alte Cousine begoß sie ein paarmal in der Mittagsgluth, es dauerte eine Weile bis die einzelnen Tropfen durchkamen und mich benez¬ ten, ich hörte da unten der Musikprobe zu von den Symphonien, die aus dem Boskett herüberschallten in mein ungebildet Ohr, und es in Erstaunen setzten über alles was es nicht fassen konnt. Musik, — in Tönen da¬ 8* her getragen, durch die Lüfte, die ganze Gewalt der Of¬ fenbarung über uns ausströmend, und dann verschwe¬ bend; — wer kann sie wieder wecken, wenn sie verhallt ist; ich bin so närrisch, mir deucht ich müßt verzweifeln, daß sie verklungen ist, und hab ihr nichts abgewinnen können. So wirds noch manchmal gehen, es wird klingen und ich werds nicht fassen . Gestern sprach ich mit der Großmutter, die sagte: was der Ver¬ stand nicht faßt, das begreift das Herz. — Ich begreif das wieder nicht. Heut Morgen sagt der Hoffmann: „Der einfache Harmoniensprung ist, wenn zwischen zwei auf einander folgenden Accorden eine Harmonie im Verstande gehört wird.“ — Ich hör nicht im Verstand diese Harmonie, ich bin ganz durchdrungen von dem was ich fühle, nicht was ich versteh. — Glaubs, Musik wirkt, begeistert, entzückt, nicht dadurch, daß wir sie hören, sondern durch die Macht der übergangnen dazwischenliegenden Har¬ monien, diese halten den hörbaren körperlichen Geist der Musik durch ihre unhörbare geistige Macht verbun¬ den mit sich. — Das ist das ungeheure Einwirken auf uns, daß wir durchs Gehörte gereizt werden zum Un¬ gehörten; denn wir sind durch Einen Ton mit allen verwandt und durch Alle mit jedem einzelnen besonders; allein ich kanns sagen, — gewiß ich bin während der Musikprobe auf einen Gedanken gefallen wie Gott die Welt erschaffen hat. — Das große Wort: Es werde , leuchtet mir ein. Ohne das Eine ist Alles nichts; Ohne Alles ist nicht das Eine. Im Athemzug wallt die ganze Schöpfung: Feuer, Erde, Luft und Wasser, und alles Leben und alles Sein ist Vermählung dieser vier Geister, die das Leben des Weltalls sind. Diese Vier schaffen und erzeugen auch sich selbst im Geist, den sie in einan¬ der vereinigen. Musik ist Selbsterzeugung dieser vier Elemente in einander. In jedem Wesen das lebt, er¬ zeugen sich die Elemente; das ist Geist der ist Musik. Auch das Thier hat Musik, es ist sinnlich durchdrungen von Wasser, Luft, Erde und Feuer, von ihrem Geist, der in ihm sich erzeugt, darum wirds so aufgeregt durch Musik, weil seine Sinne in ihr schlummern, träumen, und alles hat gleiche Rechte an die Gottheit, was durch Selbsterzeugung der Elemente in ihm, zu Geist erhoben wird. — Ich habs aufgeschrieben, ich starr diese Zeilen an, und weiß nicht was ich sagen wollte. — Am lichten Tag zerstiebt das Geisterheer der Ge¬ danken, aber dort unter der Leinwand, wo die Sonne durch die gesammelten Wassertropfen auf mich tropfte, wo ich im Netz gefangen lag all der blühenden Gräser, dort war mirs klar: Nicht was wir mit den Sinnen vernehmen ist wahre Wollust, nein! — vielmehr das was unsere Sinne bewegt — zum Mitleben, Mitschaf¬ fen, das ist Leben, das ist Wollust, — Wirkend sein! — Genug, die Geister waren mächtig in mir während der Musik; deutlich riefen sie mir zu: Eine Geige nimm und fall ein, so wie du fühlst, daß du zur Entfaltung des Harmonienstroms mitwirken kannst, und kannst ihn heben und dich geltend machen im Verbrausen deiner Begeistrung; — und dort auf der Höhe dich ausdeh¬ nen, dich fühlen in jedem Ton durch die Verwandtschaft deiner Stimme mit. — Sollte Einer Harmonielehre ver¬ stehen und mit Verstand anwenden, er müßte heimlich die Welt beherrschen, ohne daß es einer merkt, und das ganze Universum kläng ihm wie eine Symphonie und die ganze Weltgeschichte trommelte und pfiff und schal¬ meiete zu seinem großen Weltplaisir. Ja ich verstehs, dem Hoffmann werd ichs zwar so nicht sagen, dem werd ich den ersten, zweiten und drit¬ ten Grad aller Verwandtschaften darlegen, und wie al¬ les mir unterworfen ist zu dienen, wie ich jedem die Herrschaft übertragen kann, und wieder abnehmen und wie ich also immer herrsche, so lang ich im Strom gött¬ licher Harmonie mitschwimme. Adieu! ich strecke wie ein Krebs meine Scheeren aus dem seichten Grund meiner Wahrnehmungen und packe was ich zuerst erwische um mich aus dem eignen Unverstand loszuwinden. An die Bettine. Halte doch noch eine Weile aus, mit Deinem Ge¬ schichtslehrer; daß er Dir möglichst kurz die Physiogno¬ mien der Völkerschaften umschreibt, ist ganz wesentlich. Du weißt jetzt, daß Ägypten mit Babylonien, Medien und Assirien im Wechselkrieg war, fortan wird dieses Volk kein stehender Sumpf mehr in Deiner Einbildung sein Regsam und zu jeder Aufgabe kräftig — waren ihre Unternehmungen für unsre Fassungsgabe beinah zu gewaltig; sie zagten nicht, bei dem Beginn das Ende nicht zu erreichen, ihr Leben verarbeitete sich als Tag¬ werk in die Bauten ihrer Städte, ihrer Tempel, ihre Herrscher waren sinnvoll und umfassend heroisch in ih¬ ren Plänen, das Wenige, was wir von ihnen wissen, giebt uns den Vergleich von der Gewalt ihrer Willens¬ kraft, die stärker war, als die jetzige Zeit zugiebt, und leitet zu dem Begriff hin, was die menschliche Seele sein könnte, wenn sie fort und fort wüchse, im einfachen Dienst ihrer selbst. Es ist mit der Seelennatur wohl wie mit der irdischen, ein Rebgarten auf einen öden Berg gepflanzt, wird die Kraft des Bodens bald durch den Wein auf Deine Sinne wirken lassen; so auch wird die Seele auf Deine Sinne wirken, die vom Geist durch¬ drungen den Wein Dir spendet der Kunst oder der Dich¬ tung oder auch höherer Offenbarung. Die Seele ist gleich einem steinigten Acker, der dem Reben vielleicht grade das eigenthümliche Feuer giebt, verborgne Kräfte zu wecken; und zu erreichen, zu was wir vielleicht uns kein Genie zutrauen dürften. Du stehst aber wie ein läs¬ siger Knabe vor seinem Tagwerk, Du entmuthigst Dich selbst, indem Du Dir den steinigten Boden, über den Dorn und Distel ihren Flügelsamen hin und her jagen, nicht urbar zu machen getraust. Unterdeß hat der Wind manch edlen Keim in diese verwilderte Steppe gebettet, der aufgeht um tausendfältig zu prangen. — Dein scheuer Blick wagt nicht den Geist in Dir selber aufzufassen. Du gehst trutzig an Deiner eignen Natur vorüber, Du dämpfst ihre üppige Kraft mit muthwilliger Verschwörung gegen ihren Wahrnehmungsgeist, der Dirs dann doch wieder über dem Kopf wegnimmt, denn mitten in Dei¬ ner Desolationslitanei sprühst Du Feuer, wo kommt es her? — haben Dich die Erdgeister angehaucht? — fällt Dirs vom Himmel? — schlürfst Du's mit der Luft in Dich? — ich weiß es nicht, soll ich Dich mahnen, soll ich Dich stillschweigend gewähren lassen? — und ver¬ trauen auf den, der Dirs ins Gesicht geschrieben hat? ich weiß es wieder nicht. — Ich möchte wohl, aber dann wird mir zuweilen so bange, wenn ich, wie in Deinem letzten Brief, das Vermögen in Dir gewahr werde, wie das lässig in sich verschränkt keinen Mucks thut, als ob der Schlaf es in Banden halte, und wenn's sich regt, dann ists wie im Traum, nur Du selber schläfst um so fester, nach solchen Explosionen! — Ob ich recht thue, Dir so was zu sagen? — das quält mich auch, man soll den nicht wecken, der während dem Gewitter schläft! — Du kommst mir nun immer vor, als entlüden sich elek¬ trische Wolken über Deinem verschlafenen Haupt in die träge Luft, der Blitz fährt Dir in die gesunkne Wimper, erhellt Deinen eignen Traum, durchkreuzt ihn mit Be¬ geisterung, die Du laut aussprichst, ohne zu wissen was Du sagst, und schläfst weiter. — Ja so ists. Denn Deine Neugierde müßte aufs Höchste gespannt sein auf alles, 8** was Dir Dein Genius sagt, trotz dem, daß Du ihn oft nicht zu verstehen wagst. Denn Du bist feige — seine Eingebungen fordern Dich auf zum Denken; das willst Du nicht, Du willst nicht geweckt sein, Du willst schla¬ fen. Es wird sich rächen an Dir — magst Du den Lie¬ benden so abweisen? — der sich Dir feurig nähert? — ist das nicht Sünde? — ich meine nicht mich, nicht den Clemens, der mit Besorgniß Deinen Bewegungen lauscht, ich meine Dich selbst, — Deinen eignen Geist, der so treu über Dir wacht und den Du so bockig zurückstößt. — Je näher die Berge, je größer ihr Schatten, vielleicht daß Dich die Gegenwart nicht befriedigt, was uns nä¬ her liegt wirft Schatten in unsre Anschauung, und da¬ her ist gut, daß der Vergangenheit Licht die dunkle Ge¬ genwart beleuchte. Darum schien mir die Geschichte we¬ sentlich, um das träge Pflanzenleben Deiner Gedanken aufzufrischen, in ihr liegt die starke Gewalt aller Bil¬ dung, — die Vergangenheit treibt vorwärts, alle Keime der Entwicklung in uns sind von ihrer Hand gesäet. Sie ist die eine der beiden Welten der Ewigkeit, die in dem Menschengeist wogt, die andere ist die Zukunft, daher kömmt jede Gedankenwelle, und dorthin eilt sie! Wär der Gedanke blos der Moment, in uns geboren? — Dies ist nicht. Dein Genius ist von Ewigkeit zwar, doch schreitet er zu Dir heran durch die Vergangenheit, die eilt in die Zukunft hinüber sie zu befruchten; das ist Gegenwart, das eigentliche Leben; jeder Moment, der nicht von ihr durchdrungen in die Zukunft hinein¬ wächst, ist verlorne Zeit von der wir Rechenschaft zu geben haben. Rechenschaft ist nichts anders als Zurück¬ holen des Vergangenen, ein Mittel das Verlorne wieder einzubringen, denn mit dem Erkennen des Versäumten fällt der Thau auf den vernachlässigten Acker der Ver¬ gangenheit, und belebt die Keime noch in die Zukunft zu wachsen. — Hast Du's nicht selbst letzten Herbst im Stiftsgarten gesagt, wie der Distelbusch an der Treppe, den wir im Frühling so viele Bienen und Hummeln hatten umschwärmen sehen, seine Samenflocken aus¬ streute: „Da führt der Wind, der Vergangenheit Sa¬ men in die Zukunft.“ Und auf der grünen Burg in der Nacht, wo wir vor dem Sturm nicht schlafen konnten, — sagtest Du damals nicht, der Wind komme aus der Ferne, seine Stimme töne herüber aus der Vergangen¬ heit, und sein feines Pfeifen sei der Drang in die Zu¬ kunft hinüber zu eilen. — Unter dem Vielen, was Du in jener Nacht schwäztest, lachtest, ja freveltest, hab ich dies behalten, und kann Dir nun auch zum Dessert mit Deinen eignen großen Rosinen aufwarten, deren Du so weidlich in Deinen musikalischen Abstraktionen umher¬ streust. — Du gemahnst mich an die Fabel vom Storch und Fuchs, nur daß ich armes Füchslein ganz unschul¬ dig die flache Schüssel Geschichte Dir anbot, Du aber Langschnabel, hast Dir mit Fleiß die langhalsige Flasche der Mystik im Generalbaß und Harmonielehre er¬ wählt, wo ich denn freilich nüchtern und heißhungrig dabei stehe. Den Blumenstrauß hat der Jude Ein Briefbote, der alle Tage von Offenbach nach Frank¬ furt ging. abge¬ geben, den Wachholderstrauch hab ich hinter dem Apoll aufgepflanzt, sie umduften ihn, die blauen Perlen, und die feinen Nadlen stichlen auf ihn. — Wenn Du kommst, so verbrennen wir sie im Windöfchen in meiner Kam¬ mer, und alle böse Omen mit, drum sei nicht ungehal¬ ten, wenn ich Dir manchmal ein wenig einheitze, ich freu mich aufs lustige Feuerchen. Karoline. Sei mir ein bischen standhaft, trau mir, daß der Geschichtsboden für Deine Phantasien, Deine Begriffe ganz geeignet, ja nothwendig ist. — Wo willst Du Dich selber fassen, wenn Du keinen Boden unter Dir hast? — Kannst Du Dich nicht sammeln, ihre Einwir¬ kung in Dich aufzunehmen? — Vielleicht weil, was Du zu fassen hast gewaltig ist, wie Du nicht bist. — Viel¬ leicht weil der in den Abgrund springt freudigen Her¬ zens für sein Volk, so sehr hatte ihn Vergangenheit für Zukunft begeistert, während Du keinen Respekt für Va¬ terlandsliebe hast, — vielleicht weil der die Hand ins Feuer legt für die Wahrheit, während Du Deine phan¬ tastischen Abweichungen zu unterstützen nicht genug der Lügen aufbringen kannst, denen Du allein die Ehre giebst, und nicht den vollen süßen Trauben der Offenba¬ rung, die über Deinen Lippen reifen. Ob Hofmann Deine musikalischen Erleuchtungen unter der nassen Leinwand begreifen wird bin ich be¬ gierig zu erfahren. — Wenn er verstehen soll, ob Du recht verstanden hast, so wirst Du ihm wenigstens in deut¬ licheren Modulationen Deinen enharmonischen Schwindel vortragen wie mir. — Das ist es eben, — die heilige Deutlichkeit, — die doch allein die Versicherung uns ge¬ währt, ob uns die Geister liebend umfangen. — Wenns nur nicht bald einmal aus wird sein mit der Musik wie mit Deinen Sprachstudien, mit Deinen physikali¬ schen Eruptionen und Deinen philosophischen Aufsätzen, und dies alles als erstarrte Grillen in Dein Dasein hineinragt; wo Du vor Hochmuth nicht mehr auf ebnem Boden wirst gehen können, ohne jeden Augen¬ blick einen Purzelbaum wider Willen zu machen. — Karoline. An die Günderode. Du strahlst mich an mit Deinem Geist, Du Muse, und kommst wo ich am Weg sitze, und streust mir Salz auf mein trocken Brod. — Ich hab Dich lieb! pfeif in der schwarzen Mitternacht vor meinem Fenster und ich reiß mich aus meinem mondhellen Traum auf, und geh mit Dir. — Deine Schellingsphilosophie ist mir zwar ein Abgrund, es schwindelt mir da hinab zu sehen wo ich noch den Hals brechen werd, eh ich mich zurecht find in dem finstern Schlund, aber Dir zu lieb will ich durchkriechen auf allen Vieren. — Und die lü¬ neburger Haid der Vergangenheit, die kein End nimmt, mit jedem Schritte breiter wird; — Du sagst im Brief, der mir zu Lieb so lang geschrieben ist, sie sei mir noth¬ wendig zum Nachdenken, zur Selbsterkenntniß zu kom¬ men; ich will nicht widersprechen! — Könntest Du doch die neckenden grausenerregenden Gespenster gewahr werden, die mich in dieser Geschichts-Einöde verfolgen und mir den heiligen Weg zum Tempel der Begeistrung vertreten, auf dem Du so ruhig dahin wallest, und mir die Zaubergärten der Phantasie unsicher und unheimlich machen, die Dich in ihre tausendfarbigen Schatten auf¬ nehmen. — Thut der Lehrer den Mund auf, so sehe ich hinein wie in einen unabsehbaren Schlund, der die Mam¬ muthsknochen der Vergangenheit ausspeit, und allerlei versteinert Zeug, das nicht keimen, nicht blühen mehr will, wo Sonn und Regen nicht lohnt. — Indeß brennt mir der Boden unter den Füßen, um die Gegenwart, um die ich mich bewerben möcht, ohne mich grad erst der Vergangenheit auf den Amboß zu legen und da plattschlagen zu lassen. Du sprichst von meinem Wahr¬ nehmungsvermögen mit Respekt; hab ichs aus der Ver¬ gangenheit empfangen wie Du meinst, — wenn ich Dich nämlich recht versteh, so weiß ichs doch nicht wies zu¬ ging. — Ists der Genius, der dort herüber gewallt kommt? — das willst Du mir weiß machen! — fei¬ ner Schelm! — Mein Genius, der blonde, dem der Bart noch nicht keimt, — sollte aus dem Schimmel herausgewachsen sein wie ein Erdschwamm! — Wahr¬ lich, es giebt Geister, die drehen sich um sich selber wie Sonnen; sie kommen nicht woher und gehen nicht wo¬ hin, sie tanzen auf dem Platz, Taumeln ist ihr Ver¬ gnügen, der meinige ist ganz berauscht davon, ich lasse mich taumelnd dahin tragen. Der Rausch giebt Dop¬ pelkraft, er schwingt mich auf, und wenn er mich auch aus Übermuth den vier Winden preis giebt, es macht mir nicht Furcht, es macht mich selig wie sie Ball mit mir spielen, die Geister der Luft! — und dann komm ich doch wieder auf gleiche Füße zu stehen, mein Ge¬ nius setzt mich sanft nieder — das nennst Du schlafen in träger Luft, das nennst Du feige? — ich bin nicht feige; seine Eingebungen fordern mich auf zum Denken, meinst Du, — und daß ich dann lieber schlafe meinst Du, — Ach Gott! — Denken, das hab ich verschwo¬ ren, aber wach und feurig im Geist, das bin ich. — Was soll ich denken, wenn meine Augen schauen jene Vergangenheit hinter mir im Dunklen, wie kann ich sie an den Morgen knüpfen, der mit mir vorwärts eilt. — Das ist die Gegenwart, die mich mit sich fortreißt ins ungewisse Blaue, ja ins Ungewisse; aber ins himmli¬ sche, blonde, goldstrahlende Antlitz des Sonnengotts schauen, der die Rosse gewaltig antreibt, und weiter nichts. Der Abend fängt mich auf in seinem Schooß, sinnend lieg ich ein Weilchen, lausch in die Ferne! grö¬ ßere Helden deucht mir da auf der vollen Heerstraße der Geschichte, am heutigen Tage ihre muthigen Rosse tummeln zu hören; ja ich will, ich möcht hin, das Banner vor ihnen hertragen, wie wollt ich mich des Lüftchens freun das drinn flattert, wie wollt ich mich der eignen Locken freun, die getragen im jauchzenden Galopp mich umspielen mit leisem Schlag auf meine Wangen, wie kühn ins Leben hinein gejagt, wie rasch hinter Ihm drein, über die Haid! — Wie lustig! aufwärts, vorwärts, hinab durch den Dampf. — Der auf dem Berg winkt, sein Aug ruht auf mir, seine Trommeln lenken, seine Trompete ruft! — und dann in der Nacht — vor seinem Zelt! — und schlaf fest, denn Er, der Zeiten Genius, weckt zur rechten Stund, und im Schutze seines Gefieders, schau ich die Gefilde, Ihn überwallen, die Völker wecken, sie anglühn mit seinem Feuerblick, daß sie freudig Hoch¬ zeit machen mit dem Tod, auf Lorbeerumsproßtem Bett; — nun Kamerad willst Du mit? Heute hat die Vergangenheit ausgespieen, so kurz wie möglich, denn ich saß ihr auf dem Dach, das assyrische Reich von Asser gleich nach dem babylo¬ nischen Reich gestiftet; das Wort „gestiftet“ macht mir immer Zerstreuung, vom Kloster her noch, wo ich so oft hab vorlesen müssen, der heilige Bonifacius stiftete den heiligen Orden der Benediktiner, oder der Antonius von Padua oder Franziscus ꝛc., es gemahnt mich an jene Kämpfe, die diese heiligen Feldherrn mit der Legion Teufel zu bestehen hatten, und da denk ich mir gleich alle Völker, mit denen sie im Kampf waren, gehörnt mit Bocksfüßen, feuerspeiend und pestilenzialischen Gestank verbreitend, den mir die Vergangenheit herüberweht. — Die heiligen Assyrer aber in Kutten, die ihnen das Kämpfen erschweren. — Ich denk, ich denk — alle Teu¬ fel, unterdeß Ninus der Eroberer von Mittelasien her¬ überwitscht, Ninive die Hauptstadt von Assyrien er¬ baut, mit Tod abgeht, seinem kriegs- und baulustigen Weib Semiramis noch ein Stück Babylon zu bauen übrig läßt, worauf sie glänzende Feldzüge macht; — das alles versäumt über dem Kloster und Waldteufel sammt heiligen Ordensmännern. — Durch Winkelzüge und Fragen kriegt ichs aus dem Lehrer noch heraus, daß weiter nichts passirt war . Über der Geschichte der Semiramis hat Vergangenheit so dicken Schimmel wachsen lassen, daß sie noch eben mit dem blauen Aug der Unsterblichkeit ihres Namens davon kommt, sonst wüßten wir gar nichts. In der Folge beherrschten die Meder Assyrien, es machte sich wieder frei, bis der ba¬ byloner König Nabopolasar, (unter welchem ich mir einen Centaur denk, der Cylbenfall seines Namens hat etwas Ähnliches mit dem Galopp eines leichten arabischen Renners) es erobert und mit den Persern theilt. — Damit hat die Vergangenheit für heute noch nicht ge¬ nug, sondern meldet ferner: „Die älteste Geschichte der Meder ist unbekannt, Arbazes, ihr Statthalter, befreit durch Überwindung des Sardanapals vom assyrischen Joch im Jahr der Welt 3108, genau gemessen, des Leh¬ rers Phantasie erstreckt sich lediglich aufs Jahr der Welt. Dejozes erbaut Eckbatana (lies Tians Offenba¬ rungen über diese herrliche Stadt). — Astyaches (wo kommt der her?) vermählt seine Tochter dem Perserkö¬ nig Cambyses, dessen Sohn Cyrus seinen Großvater vom Thron stieß, (der also zu lang sitzen geblieben war), — er vereinigt Medien, Assyrien und Persien und stiftet das große Medopersische Reich, der Jud Hirsch vom Geschlecht Esau streckt seine rauhe Hand herein, es in Besitz zu nehmen, er wirds unterjocht hal¬ ten in seinem alten Sack, bis Du's befreiest, schmeißt Du's ins Ofenloch mit dem alten Papier, so bringst Du mich um einige schwer eroberte Vergangenheit. — Schreib vom Mährchen. — Schreib dem Clemens nichts von mir, sag ihm nur nichts von meiner Ausgelassenheit, er meint gleich, ich wär besessen, er thut mir tausend Fragen, er ist ganz verwundert, daß ich so bin, er forscht, er sucht eine Ur¬ sach und frägt andre Leut, ob ich verliebt sei, wo ich doch nur im heiligen Orden meiner eignen Natur lebe. Zum Beispiel wenn er wüßte, daß ich Abends auf dem Dach vom Taubenschlag sitz und der untergehenden Sonne auf dem Flageolett vorblase, würde ers gut hei¬ ßen? — Mein arm jung Leben liegt mir am Herzen, ich kann ihm nichts versagen. — Red nichts von mir, laß die Leute bei ihrer herzlich schlechten Meinung von mir, es ist meine beste Freud, ich geh mit meinem Dä¬ mon um, der sagt: Du sollst Dich nicht verthei¬ digen . — Ich thu was er will, alles andre ist mir ei¬ nerlei; einmal hab ich Visionen von ihm, so gut wards der Psyche nicht, sie sah doch nicht seinen Wiederschein, denn es war stockfinstre Nacht um sie, ich aber, wenn ichs im Herzen fühl, so seh ichs auch was mich ent¬ zückt, warum ich leben mag, himmlisch feucht Leben im Jugendstrahl, vortretend, ein Bischen auf die Seit ge¬ neigt, steht er immer vor mir, nicht den Blick mir grade zuwendend, nein bescheiden zeigt er sich in meiner Brust, der Gott, dem ich mich einschmeichle, mit süßen Thrä¬ nen, der mich Morgens vom Lager schüttelt, wo's kaum tagt, ich soll mich aufmachen, vielleicht begegne ich ihn bei Tagesanbruch, so eil ich flüchtig vorwärts, ich fühl mich schön im Herzen, ich fühl meine Schönheit, mein Geist ist ein Spiegel, der ist voll himmlischem Reiz, — jeder Thautropfen am Weg sagt mir, ich gefalle mei¬ nem — ihm, was brauchts mehr, wem sollt ich noch gefallen wollen außer ihm? — Nein glaubs doch nur, er ist wirklich! er schreitet so leicht, er entschwindet mit jedem Tritt, aber er ist gleich wieder da! — Wie sich das Licht im Auge spiegelt, mich blendend deckt es sich im Schatten, dann faßt es wieder Licht, dann schwin¬ delts, es sieht den Strahl verschweben, doch leuchtet der fernhin wieder auf, das Auge sucht ihn, es hat ihn schon gefunden, dann schließt sichs und siehet innerlich, das ist ein still Genießen. — O ich weiß alles! — ich weiß zu lieben, aber nur den Genius. — Keiner darf wissen das Geheimniß, was sich im Feuerkreis um mich schwingt. — Wenn ich so da steh, still — mit geschlosse¬ nen Armen. — Und der Blick, den nennt die Gro߬ mama starr; — Mädele was starrst, — sollt man glauben. Du wärst außer der Welt entrückt. — Ich fuhr auf — da lacht sie. — „Gutes Kind wo bischt? — bischt beim Schutzengel?“ — und zieht meine Hand an ihre Brust, — „so sagen die Schwaben, wenn einer so in sich verstummt.“ — Ich wollts bejahen und konnt doch nicht. — Der ruft mir: Schweig! — und sollt ich einen Laut thun? — ? — Nein er sagt: Schweig! das schließt mir den Mund auf ewig. — Ewig, Günderod. — Du bist der Widerhall nur, durch den mein irdisch Leben den Geist vernimmt, der in mir lebt, sonst hätt ichs nicht, sonst wüßt ichs nicht, wenn ichs vor Dir nicht ausspräch. — Dem Clemens sag nichts als daß ich brav studier wies vom Himmel regnet, und daß nichts dabei herauskommt, das sage auch, aber von mir — von Uns sag nichts. Er brauchts nicht zu wissen, daß wir so himmlische Kerle sind, heimlich mit einander, wo er nicht dabei ist und keiner. Schau auf, Günderod, gleich wird ein himmlischer Tänzer aus den Coulissen hervor schweben. Tanz ist der Schlüssel meiner Ahnun¬ gen von der andern Welt. Er weckt die Seel, sie redt irr wie ein Kind, was in Blumen-Labyrinthen sich verliert, da schwankts Kindchen und die Ärmchen streckts aus, nach blühenden Zweigen, weils taumelt, weils so lang im Kreise sich drehte;— schauts auf, da steht der Mond über ihm und sänftigt den Schwindel — mit an¬ gehaltnem, stillem Blick, an dem erholt's sich wieder. — Was meinst Du was ich Dir da vorschwindel und muß die Thränen verbeißen. — Ich mein als, ich könnt die ganz Welt auf die Welt bringen mit meinem Mund, wenn der nur sprechen wollt wies Gott ihm auf die Zung legt, aber wenn sie heraus damit soll, dann stockt sie. Aber dabei bleibts, wir mögen stammeln oder lallen oder auch nur seufzen, wir wollens einan¬ der alles still verborgen abhören, nicht wahr? — wie auf der grünen Burg im Abendroth, wo wir im Feld¬ graben lagen, da war ich freudig mit der Zung, da wars immer als wär einer hinter mir der mirs ein¬ flüstre, Du frugst, was ich mich denn umdreh so oft? — ich sagt: hinter mir tanzt's — denn ich wollt nicht sa¬ gen: sprichts , denn es war mehr so getanzt, und flüchtig geschwungen im Kreis, Nymphen die sich bei der Hand hielten hinter den drei großen Cypressen her¬ vor, schmiegten sich anmuthig, die Füßchen zusammen, und die Köpfchen, Du gucktst mich an und sagtest: sei kein Narr! — haha, ich muß lachen — das war zu spät, freilich bin ich ein Narr! — denn was ich Dir da vorplaudre, das ist eine Weise, nach der wird ge¬ tanzt hinter mir, und so war unser tiefer Philosophen¬ text in die Luft gesprengt, was wars doch? — von der innerlichen Wahrnehmung und von der Anschauung im Geist, ob die verschieden wären und wo sie herkämen, aus der Empfindung oder aus dem Gefühl, und wo diese Quellen sich herleiten, ob links ob rechts; das alles wolltest Du da im zunehmenden Dämmerlicht aus mir herauspumpen. Schwernoth! — das war zu arg, ich möcht Dir heut noch eine Ohrfeig geben drüber, — aber das war grad mein himmlischstes, daß Du nicht bös gewor¬ den bist, und hast die geschlagne Wange sanft an mich gelehnt, und hast gegirrt wie eine Taube, und sagtest: „ja“ wie ich fragte, thuts weh, „aber es thut nichts.“ — Hier hab ichs hingeschrieben, denn wenn so viel un¬ nütz Zeug geschrieben steht, so kann auch geschrieben stehen, daß ich Dir eine Ohrfeig gab. — Aber die große schöne Versöhnungsstille über uns, — die Dämmerung, die immer breiter ward und größer, und der Nebel¬ vorhang vor dem Weidengang vom Feldberg herab, — und der Feuersaum längs dem ganzen Horizont, wie werd ichs vergessen? — erst hingen wir einander im Arm, ganz still, und dann lag ich quer über Deinen Füßen, so dacht ich Du schläfst, weil ich Dich hart ath¬ men hörte, und wollt eben auch einschlafen. — Da fingst Du an zu reden (da hast Du's in Musik gesetzt): Liebst du das Dunkel Thauigter Nächte Graut dir der Morgen? Starrst du ins Spätroth Seufzest beim Mahle Stößest den Becher Weg von den Lippen Liebst du nicht Jagdlust Reizet dich Ruhm nicht Schlach- Schlachtengetümmel Welken dir Blumen Schneller am Busen Als sie sonst welkten, Drängt sich das Blut dir Pochend zum Herzen — Ach Du stocktest. Das hab ich meiner Ungeduld zu danken — zu hören, nein zu fühlen Deinen süßen Wör¬ tertanz, wie er sich mit vollem Busen sanft hinablehnte zu den Wellen, die ihn umfassen wollten und kühlen. — Ich konnts nicht erwarten, daß Du weiter tanztest Dei¬ ner Seele Tanz. — Und da wars vorbei; da macht ich einen Vers dazwischen um Dich in Trapp zu bringen, Du sagtest: „geh Du Esel“ — da wars aus. — Ach wie viel Melodien hab ich auf diesen Vers gesungen, alle Stimmungen hat er müssen aufnehmen, heut noch längs der Gartenwand schlug ich mit einem Stock ans Eisen¬ gitter, das dröhnte mir im Herzen wieder als als wärs Herzpochen, und sang dazu so kühn, so laut, so schreivoll, als stünd mein Herz mitten in Flammen und eilte sich mit Pochen über alle Maßen. Weißt Du nicht weiter zu singen, was passirt, wenn sich das Blut pochend zum Herzen drängt? — oder willst mirs nicht sagen? — bin ich Dir dazu auch noch zu jung? — wenn Du das meinst, dann will ich Dir beweisen, daß ich weit drüber 9 hinausgreif und daß ich mehr weiß als viele denen das Herz schon gepocht hat wie mir nicht. — Einmal erregt sich das Herzpochen durch Anlächeln — das hab ich aus eigner Wahrnehmung, gestern Abend erst auf der Bank vor der Hofthür, da saß ich — es war elf Uhr, alles schlief, beim Nachbar brannte ein Nachtlämpchen. Adieu, schlaf recht wohl, denn es ist elf Uhr, alles schläft wieder, ich will wieder mich auf die Bank setzen vor die Hofthür, es ist Vollmond, geht gleich auf, ich will ihn steigen sehen. Gute Nacht. An die Bettine. Dein buntes Füllhorn fröhlicher Verschwendung er¬ löst mich vom Übel. — Gedanken sind mir oft lästig in der Nacht, die mir am Tage einen trüben Nachklang geben, so wars heute! — Dein jung frisch Leben, das Schmettern und Tosen Deiner Begeisterung und beson¬ ders Dein Naturgenuß sind Balsamhauch für mich, laß mirs gedeihen und schreib fort, auch Deine Dithyrambi¬ schen Ausschweifungen, die so plötzlich der Flamme be¬ raubt verkohlen, als habe sie ein muthwilliger Zugwind ausgeblasen, sind mir gar lieb. — — Bleib mir zu Lieb noch eine Weile bei der Geschichte, so wie Du es jetzt treibst kann es Dir nicht lästig fallen, wenn sie auch jetzt Dir noch nicht viel Ausbeute giebt, so weißt Du sie doch ins Kunstgeflecht Deines Tags zu verwen¬ den, ich seh Dich bald, George hat mir versprochen, mich im Gick mit hinauszunehmen, verbring Deine Nächte nicht ohne Schlaf, klettre nicht auf die Dächer und Bäume, daß Du den Hals nicht brichst, und denk, daß dies der Weg nicht ist, Deine Gesundheit zu stär¬ ken. Was sagt denn die Großmama dazu, ist sie da¬ mit zufrieden? — Dem Clemens will ich gern von Deinen Briefen an mich nichts sagen, weil Du es nicht willst, und ich fühl auch, das es nicht sein kann, es wär Störung ohne Gewinn, er sieht Dich so ganz anders, ohne daß er Dich falsch beurtheilt, nur sieht er in jedem Farbenstrahl Deines Wesens, wie Diamanten, die er meint fassen zu müssen und doch nicht erfassen kann, weil es eben nur Strahlenbrechen Deiner Phantasie ist, die ihn und jeden verwirrt. Glaubst Du denn, daß ich ruhig bin, wenn Du so mit mir sprichst, von einem zum andern springst, daß ich Dich jeden Augenblick aus dem Auge verliere. Du hebst mich aus den Angeln mit Deinen Wunder¬ lichkeiten! — Doch ich will nicht freveln! — Dein La¬ 9* chen, das mich oft außer mir gebracht hat, womit Du mich beschwichtigen wolltest — nun ich muß mir es ge¬ fallen lassen, daß Du mit allen Pfeilen wie ein armes Wild mich hetzest. — Und der Clemens, der mich immer spornt mit Dir zu lernen, der immer von mir wissen will, was und wie Du es treibst. Dem es leid thut um jeden Athemzug, der von Dir verloren geht, der hinge¬ rissen ist von Deinen kleinen Briefen an ihn, wo Du ganz anders, wie ein Kind schreibst, so fromm, und an mich so ausgelassen, was soll ich dem nur sagen? — Das Eine thu mir nur, und rappel mir nicht einmal vom Dach herunter mit Deinem Flageolett; hätt ich nicht Vertrauen in Gott, daß der weiß, zu was alles in Dir so ist und nicht anders, und daß es ja doch nur ihn angeht, da es sein Belieben war. Deine Seele so zu bilden. — Was sollt ich von Dir denken? — Clemens schreibt, Du müßtest fortwährend dichten und nichts dürfe Dich berühren als nur was Deine Kräfte weckt, es ist mir ordentlich rührend, daß während er selber sorglos leichtsinnig, ja vernichtend über sich und alles hin¬ ausgeht was ihm in den Weg kommt, er mit solcher An¬ dacht vor Dir verweilt, es ist als ob Du die einzige Seele wärst, die ihm unantastbar ist. Du bist ihm ein Heiligthum, wenn er manchmal von Offenbach herüber¬ kam, da war er ganz still in sich vertieft, wo sonst seine Koketterie fortwährend gespannt war, kleine Kritze¬ leien von Dir hat er oft sorgfältig aufgehoben, es wäre traurig wenn Du keinen liebenden Willen zu ihm hät¬ test; schreib doch nicht mehr „ passirt “, das Wort ist nicht deutsch, hat einen gemeinen Charakter und ist ohne Klang, kannst Du nicht lieber in den rei¬ chen deutschen Ausdrücken wählen wie es der reine Ausdruck fordert. Vorgehet, ereignet, begiebt, geschieht, wird, kömmt; das alles kannst Du anwenden aber nicht: passirt. Ich muß Dir aber doch antworten, weiter pas¬ sirt nichts. — Und Du weißts ja schon alles besser wie Du schreibst, da Du in der Nacht auf der Hofbank so große Abenteuer erfahren haben willst, die Dein Herz bewegten. Ich bin nicht bange, daß Du mir es nicht sagen solltest, wenns wirklich was Erlebtes ist und Du Deine Lügen bis zum nächsten Brief nicht ver¬ gessen hast. — Dann auch bitt ich, daß Du nicht mehr fluchst, Deine Briefe sind mir so lieb, und Deine Extra¬ vaganzen alle sind mir verständlich und lieb, aber Worte, die Du blos um zu prahlen hinzufügst, wie Schwere¬ noth, und die keine Bedeutung haben in Deinem Mund, die kannst Du ungesagt lassen, denn sonst glaub ich nicht, daß der Wohllautenheit und des Tanzes Genius Deine innern Erlebnisse begleiten. — Zweitens schieb mir nichts zu, was ich nicht verschuldet habe; des Abends auf der Burg erinnere ich mich deutlich, grade wie Du ihn beschreibst, ich war auch sehr heimlich und bewußt, und bis zum andern Tag war die Stimmung mir geblieben von den Worten, die Du mit mir wechseltest, aber Esel hab ich Dich nicht geschimpft, das ist wieder eine von Deinen ungeeigneten Erfundenheiten, — laß nichts der¬ gleichen wieder auf mir belasten, ich bin empfindlich; im Anfang Deines Briefes nennst Du mich Muse und am End läßt Du Deine Muse Dich Esel schimpfen, es wär zum Lachen, wenns nicht zum Weinen wär, daß Du Deine eigene Muse so zu beschimpfen wagst. — Karoline. An die Günderode. Drei Uhr Morgens! — Hier bin ich — auf der Terrasse am Main, ich wollt als immer einmal hergehn in der Früh wenn der Tag noch nicht auf den Beinen ist und Lärm macht, am Tag bin ich zerstreut, was mir immer wie Sünde deucht, daß ich Antheil nehm an was mich nichts angeht. — Aber in der Früh, da hab ich ein ganz lauter Herz; und schäm mich nicht die Natur zu fragen, und ich versteh sie auch, gestern Abend war mir so wohl hier, wie Bernhards Schiff mit der Harmonie hin und her fuhr auf dem Main, die meisten Leut waren nachgefahren auf Nachen, wir blieben am Ufer, ich hatt mich ganz in die Ecke gesetzt, da steht ein großer Zitronenbaum, es war Wetterleuchten, aber die Hitz war doch nicht abgekühlt, und die Blüthen vom Baum wetterleuchteten auch, oder sollt ich mich getäuscht haben? — denn ich war eingeschlafen über der Musik, und wie ich aufwachte, da sah ich ganz ver¬ wundert wie der Zitronenbaum Flammen hauchte aus den Blüthen. — Ich kanns doch nicht geträumt haben? — Denn ich guckte eine ganze Weile zu, bis ein leiser Regen kam, da gingen wir nach Haus. Wer weiß, was doch alles vorgeht in der Natur, was sie uns verbirgt. Der Mensch hat ja auch als Gefühle, die er nimmer wollt belauscht haben. Daß aber der Baum über mir fortleuchtete, wie ich mich besann und ihm zuschaute, das ist mir so lieb, — ich konnt nicht schlafen im Bett, es war mir zu wohl dort gestern, wo ich den Herzschlag der Natur fühlte und wo sie mit ihren Blumen mich anflammte. Im Dunkel haucht man die Lieb aus, und schämt sich nicht vor dem Schatz, weils dunkel ist. — Nun bin ich mit Zagen hergeschlichen, heimlich, daß es nicht gewußt sei, wie auch jenes Leuchten nicht gewußt ist. — Erst greinte die Hofthür, aber heut Abend will ich sie salben, wie der Properz, wenn er einen Liebesweg vor hat; dann krachte die Gartenthür, dann schurrte der Kies unter den Füßen. — Man scheut das Gebüsch zu wecken, so still ist alles mit Ruh gedeckt. Die verschlafnen Federnelk¬ chen schuckern zusammen im frühen Thau, und mich schauert auch das stille Wirken der Natur, hier über der schlafenden Welt, obschon der Wind nicht so scharf ist der den Tag heraufweht. Heut ist doch ganz milde, gestern Abend war der Himmel grün und mischte sich mit dem Roth, das vom Untergang heraufzog, unten waren Purpurstreifen und Violett mit Feuer umsäumt, dann kam die Nacht herauf. — Heut früh schlagen die Morgenwolken ihre Feuerflügel um Euern schwarzen Dom, man denkt als, sie wollten ihn in der Gluth ver¬ zehren; dazu schmettern die Nachtigallen, und das blaue Gebirg drüben, so stolz und kühl! — das alles freut mich besser als Weisheit, — hier unter dem Zitronen¬ baum, der gestern Flammen und heut Thränen über mich schüttelt. Und jetzt geh ich, Dir hab ich alles eingeprägt, das ist nicht ausgeplaudert, mich lockts, damit es nicht ver¬ gessen sein soll, daß ich Dirs vertraut hab. Nr. 2. Am Abend. Heut ist der Jud erst um sieben Uhr kommen. Mit der Großmama bin ich im besten Vernehmen, so lang die Tante im Bad ist bleib ich hier, es gefällt ihr, daß ich gern bei ihr bleib, ich hab aber noch so manch andres was mich anzieht, wovon sie nichts weiß. Heut Morgen kam ich dazu wie der Bernhards Gärt¬ ner mit einem Nelkenheber die dunkelrothen Nelken in einen Kreis um einen Berg von weißen Lilien versetzte, in der Mitte stand ein Rosenbusch. Diese Früharbeit gefiel mir wohl und hab mit Andacht dabei geholfen, der Dienst der Natur, der ist wie Tempeldienst. Wenn der Knabe Jon vor die Tempelhalle tritt, und die zie¬ henden Störche bedeutet, daß sie ihm die Zinne des Tempels nicht verunreinigen sollen, wenn er dann die Schwelle mit kühler Fluth besprengt, die Halle fegt und schmückt, so fühl ich in diesem einsamen Tagwerk ein hohes Geschick, vor dem ich Ehrfurcht habe. Ach ich möcht ein Knab sein, Wasser holen in der Morgenfrische, wenn alles noch schläft, den Marmor poliren von den Säulen, meine Götterbilder still bedeutsam waschen, und 9** alles reinigen vom Staub, daß es leuchte im Dämmer¬ licht; dann, nach der Arbeit die heiße Stirn auf die küh¬ len Stufen legen und ruhen, in heimlichem Genügen; ruhen die Brust, die schwillt von Thränen, daß es so schön ist in der dämmrigen Stille im Tempel; so scheint mir auch die heutige Arbeit ein Tempeldienst der Natur; dann ihre Blumen in Kreisen schön verschlingen, ist das nicht ihr gedient? — Die Blumen, die ihren Duft un¬ ter einander schwenken in so dichter Fülle, ist denen nicht ein schönerer Frühling bereitet? — denn was uns schöner ist in der Natur, ist das nicht auch ihr selber schöner? — Und ihre Bäume vom Moos reinigen, in nachbarliche Reihen pflanzen, ihre Blumenkelche fül¬ len, ist das nicht ihrem Willen sich hingeben? — Läßt sie die Sorge nicht gedeihen, und giebt der Früchte vom gepropften Reiß mehr und schöner und süßer da¬ für? — Tempel und Natur, friedliche Nachbarn, Freunde! wie ich und Du, theilen ihre Gaben wie ich und Du. — Vom Frühling bis zum Winter — (da hast Du mein Gelübde) theil ich mit Dir, wie mit dem Tempel der Naturgarten der ihn umzieht — im Frühling hast Du meine Keime, die alle dicht um Dich her aufwachen. Im Sommer wilder Vögelgesang, der anschlägt in ein¬ samer Nacht an deinen verschlossnen Pforten, und dann in der Ferne auch, wenn die Pilger heimziehen, die am Tag deinen Göttern huldigten, da glühen die Blumen, am Weg von mir zu Dir. — Im Herbst da roll ich meine Früchte zu Dir hin, leg sie auf Deinen Altar, und den Honig meiner Bienen die Dich umsummen, be¬ wahr ich in Deinen Opferschalen. Dann rausch ich die fal¬ ben Blätter herab auf Deine Stufen, die umtanzen Dich im Winterwind, begraben sich unterm Schnee, den meine belasteten Äste auf Dich niederstürzen, dann braust es draußen und stürmt, aber meine Seele wohnt in Dir und pflegt Dich, giebt der Lampe reines Öl zu, die Deine stille Halle erleuchtet, und die Sterne vom hohen Fir¬ mament herab, leuchten über Deiner Zinne. Still ists dann und verlassen von allen Menschen sind wir, die gebahnten Wege verschneit, allein in Dir zu woh¬ nen, wenn wir des Lebens Grenzen mit einander ermes¬ sen haben. — Wie die Natur eingeht zum Tempel im Winter und ruht da im Gottfühlen aus, das nennen die Men¬ schen Winterschlaf, dann kehrt sie wieder mit neuer Blüthekraft, und thaut und duftet den eingesognen Him¬ melsathem, und ewig ist der Tempel Gottes angehaucht von der Liebe der Natur. Ich schreibs dahin, daß mirs so wohl ist heut weil die Sonn mir aufs Papier scheint und meine Gedanken beleuchtet, da lese ich so deutlich in meinem Herzen. — Der Gärtner ist so gut, er suchte mir aus allen Büschen die schönsten Blumen heraus, der Strauß ragte mir über den Kopf mit schönem Bandgras, auch frisches Laub dabei, und vom Lerchenbaum und von der Schar¬ lach-Eiche. Dieser Baum ist, was man schön gewachsen nennt, er streckt sein scharlachroth Laub in die blaue Luft hinaus zum Tanzen, der leiseste Wind bewegt ihn. — Im Heimgehn hatt ich Gedanken, die mich ergözten, an denen mir gelegen ist, daß sie wahr sein möchten, sie waren nicht in mich gepflanzt, sie wuchsen von selbst auf wie jene Blumen auf der Haide. — Morgenstund hat Gold im Mund — wär ich nicht früh draus gewe¬ sen, so hätt ich sie nicht denken können. — Natur ist lehrsam, wer ihre Lehrstund nicht versäumt, der hat zu denken genug, er kriegt die trocknen Lebenswege gar nicht unter die Füße, auf denen andern die Sohlen brennen. Was hast Du zu sorgen um mein Nacht¬ wachen? — So viel Blumen, die nur des Nachts duf¬ ten! — Müssen denn alle Menschen in der Nacht schla¬ fen? — können sie nicht auch wie der Nachtschatten und Viola matronalis am Tag schlafen und Nachts ihren Duft aushauchen? — Warum sind manche Menschen so unaufgeweckt und können nicht zu sich selbst kom¬ men am Tag, als weil es Nachtblüthen sind, aber die leidige Tagsordnung hat sie aus den Angeln gerückt, daß sie kein Gefühl haben von ihrem Naturwillen. — Drum verlieben sie sich auch verkehrt. weil ihre Sinne ganz verwirrt sind. — Manche Leut sind nur gescheut zwischen Licht und Dunkel, am Abend verstehen sie al¬ les, Morgens haben sie lebhafte Träume, am Tag sind sie wie die Schaaf, so geht mirs, mein Wachen ist früh, ich muß dem Sonnengott zuvorkommen, wie jener Tem¬ pelknabe seinen, Tempel reinigen — dann kehrt er ein bei mir und lehrt mir Orakelsprüche — alles paßt, — fügt sich wollt ich sagen — auch daß ich immer so unaufgeweckt bin wenn der Geschichtslehrer kommt in der Mittagsstund, das ist grad meine verschlafenste Zeit. — Du bist auch keine Tagsnatur, Dein Wachen deucht mir anzufangen, wenn der Taggott sich neigt, und nicht mehr so hoch am Himmel steht — Dir neigt er sich herab, und wandelst anmuthig mit Ihm die Bahn vom späten Nachmittag zum späten Untergang, und winkt Euch noch mit Eurer Gewande Saum fern hin, dann leuchtet der Abendstern zu Deinen Nachgedanken von ihm, und wogst einsam in der Erinnerung wie die Meereswelle am Fels wogt zur Zeit der Fluth, und ihn abspühlt von den Gluthen die ihm der Tagesgott ein¬ gebrannt hat zur Zeit der Ebbe. Der Jud kommt, Adieu. Was hast Du denn, daß Dich so unmuthig macht, laß Dich anhauchen von meinem Brief. Sa¬ vignys sind noch drei Wochen auf dem Trages, geh doch hin. Aber, „Teufel, Donnerwetter“ ist das auch geflucht. Darf ich das auch nicht sagen? — Vom Clemens glaub doch nicht, daß ich ihn be¬ lüg, ich bin anders mit ihm in meinen Briefen, weil ich so sein muß. In Bürgel die kleine Orgel hat elf Register, groß und kleine Choralstimm, Harfenstimm, Trompetenstimm, Posaunen-Ton, schnarrende Engels¬ stimm, was weiß ichs alles — und vox humana , der Hofmann hat mir gestern eine halbe Stund lang davon erzählt, und daß es Orgeln giebt die dreißig Register ha¬ ben, er sagt meine Kehl wär wie so eine Orgel, ich zög allemal ein ander Register wenn ich sanft oder be¬ geistert sing, oder schmetternd wenn ich tob, oder be¬ wegt wenns zum Seufzen stimmt in meiner Brust, oder gewaltig wenn mirs ist als ob ichs allein alles zwingen müßt. — Das hat der kleine Kerl alles ge¬ wußt, er hat mir zugehört gestern Abend wie ich einen homerischen Hymnus an die Diana ableierte aus dem Dach weils Vollmond ist. Das deuchte mir so schön dieser Göttin einen vollen strömenden Gottesdienst aus meiner Brust zu halten, daß ich nicht dran dachte ans Belauschen und hab recht geschmettert. — Der Hof¬ mann sagt es war zum Verwundern. — Nun ich mein der Clemens zieht immer das Register der Kinderstimm aus meiner Brust. — In Frankfurt, in der Gesellschaft beim Primas, da prädominirt die quarrende Engels¬ stimm. Bei dir da muß ich immer das Gewalts-Po¬ saunenregister mit Gewalt mit der sanften vox humana unterdrücken. An die Bettine. Mit dem Clemens versteh ich Dich, oder ahne doch wie es zusammenhängt, ich hab auch gar nicht die Idee, daß es anders sein solle, nur über das was er von Dir sagt, wie er Dich ausspricht, und das ge¬ schieht oft, ist mir manchmal so wunderlich zu Muth, weil er ganz prophetisch Dich durchsieht, andre Leute sagen er schneide auf, und das ist auch eigentlich so, aber er trifft die Wahrheit wie ich unter allen allein es am Besten weiß. — Dann um seine Extravaganz zu beweisen, fällt wohl alles hinter seinem Rücken über Dich her, was in seiner Gegenwart man nie wagt, wo man immer stillschweigt, mir ists oft peinlich gewe¬ sen über Dich urtheilen zu hören, jetzt aber hab ich diese kleinliche Ängstlichkeit überwunden. Gestern war Ebel, St. Clair, Link, die Lotte und ich im kleinen Cabinett bei der Tonie, da ich weiß, wie weit die Pfeile vom Ziele ablenken, die man gegen Dich schnellt, so hat ich keine Furcht um Dich, Ebel ist nicht aus persönlichem Wider¬ willen, sondern aus Abgeneigtheit seiner Natur, wider Dich. Und weil er während dem Hiersein von Cle¬ mens immer am meisten erdulden mußte, da er aus Zaghaftigkeit seinem Eifer nie auszuweichen wagte, so ists ihm nicht zu verdenken, daß er jetzt mit vollem Ge¬ nuß sich schadlos halte. St. Clair schüttelte mit dem Kopf und sah mich an, weil die Lotte perorirte: gänzli¬ cher Mangel an historischem Sinn und gar keine Logik beweise, daß du ein Narr seist. Er sagte: Gebt ihr eine Fahne in die Hand und laßt sie uns voranschreiten, so führt sie uns sicher, trotz ihrem Mangel an historischem Sinn, zu einem gesunden Wendepunkt der Geschichte. Möcht Ihr mit Eurer Logik in Gefahr schweben, so wird sie ihr entgehen lehren, so unlogisch sie's nach Eu¬ rer Weise auch anfangen würde. Und geht doch, sagte er, mit Eurem Weisheitsurtheil über ein Naturkind, das von ihr nicht stiefmütterlich behandelt ist, es ist ihr an der Stirne geschrieben, daß ihr keine Sorge zuge¬ messen ist. Er reichte mir die Hand, er sah mirs an, daß es mich freute auf der Lotte ihre breite Rede, die nun mit verdoppeltem Eifer sich durchdrängte mit ih¬ rer Weisheit, sagte er nichts weiter, und keiner; das Gespräch ging aus wie ein Licht das ein starker Wind¬ zug ausgeblasen. — Um so mehr bin ich geneigt Dich vor allen zu verschweigen. — Der Clemens — er wird Dich einst nach hundert Jahren auf dem Berge Arafat finden, — wie Adam, als er nach seiner Verbannung aus dem Paradiese die Eva aus den Augen verlor, die in der Nähe von Mekka auf jenem Berge weilte, er aber auf Serendib oder die Insel Ceylon verschlagen war, er kannte sie wohl, ihre Seele war in seine Seele eingeprägt, und suchte sie fleißig; oft auch redete er die wilden Thiere an, und die Gewitter auf den Ber¬ gen und die Vögel, daß wenn sie hinziehen und ihr begegnen, sie sollen sie ehren; und so suchte er nach ihr, und sprach von ihr zu dem Gevögel und den Pflanzen und Thieren des Waldes, bis der Engel Gabriel den Adam auf den Gipfel jenes Berges bei Mekka führte, wovon der Berg seinen Namen Arafat, heißt auf ara¬ bisch: Erkennen, erhielt. — Auf welchem die Pilgrimme von Mekka am Tage Arafah, dem neunten im letzten Monat des arabischen Jahres, ihre Andacht auf diesem Berge verrichten. Mag denn Clemens wie Adam den Unthieren und Bergklüften von Dir vorpredigen, ich bin zufrieden unterdeß, daß Du mich zum Hüter Deiner ver¬ borgnen Wohnung bestellt hast und mich zum Kerbholz Deiner heimlichen Seligkeiten machst; ich möchte Dir immer still halten, so anmuthig fühle ich mich bemalt und beschrieben von Deinen Erlebnissen, versäume nichts, schreib mir alles, wie wenn es gesungen wär, wo Du auch keinen Ton auslassen darfst, ohne die Harmonie zu zerstücklen, ich werd gewiß still halten und still schweigen. Und die Gedanken „die Dich er¬ götzen, von denen Du wünschest, daß sie wahr sein mö¬ gen, und die von selbst in Dir aufwachsen“, willst Du sie nicht auch aufzeichnen für mich? — Ich warte alle Tage auf Deine Briefe, mir bangt immer du mögest einen Tag überschlagen, bis jetzt warst Du sehr gütig gegen mich — ich geh mit Zuversicht wenn ich Abends nach Hause komme und fasse den Brief auf meinem Kopfkissen, wo er hingelegt wird von der Magd, im Dunklen, und halt ihn bis Licht kommt — im Bett lese ich ihn noch einmal, das macht mir gute Gedan¬ ken, ich bin auch jetzt ganz heiter, nur kann ich selbst nichts thun. — Deine Erzählungen und Ahnungen be¬ schäftigen mich, ich träum mich in den Schlaf, in dem ich Dir alles nachfühle und nachdenke. Ich hab einen innerlichen Glauben an Deine Schwindeleien von mir, ich ging heut hinaus vors Gallenthor, als der Sonnen¬ gott hinabstieg, weil du meinst es sei meine Zeit mit ihm, ich war auch da ganz durchdrungen von seiner großen Gegenwart, allein beim Nachhausegehen verdar¬ ben mir zwei frankfurter Philister die Andacht, die hinter mir gingen und von Dir und mir sprachen; die Frau sagte zum Mann: Im Stift wird dem Mädchen noch ganz das Conzept verdorben, daß sie am End gar närrisch wird, sie ist so schon zu allen Tollheiten auf¬ gelegt, sie soll im Stiftsgarten immer aufs Dach stei¬ gen, vom Gartenhaus oder auf einen Baum, und von da herunterpredigen — und die lange G...s, die Gün¬ derode, steht unten und hört zu. — Jetzt gingen sie an mir vorüber, ich erkannte die Frau Euler mit ihrer Tochter Salome und den Doktor Lehr, der erkannte mich in der Dämmerung und sagte es ihr, sie blieb ste¬ hen und sah mich an bis ich wieder an ihr vorbei ge¬ gangen war, was doch gewiß noch dummer war als wenn ich unterm Baum stehen blieb, wo du predigst. — Teufel , und Donnerwetter ist auch zum Fluchen üb¬ lich, hat aber einen anregenden kriegerischen Geist, also unter gewissen Bedingungen, wenn zum Beispiel Du jenes Banner wehen liesest, das St. Clair, Dir Glück und Heil vertrauend, überantworten wollte, allen Phili¬ stern zum Trotz; dann magst Du Deiner Zunge den Zü¬ gel schießen lassen, bis dann aber, lasse Deinen Muth nicht in vergeblichen Ausbrüchen verrauchen. Adieu! Am Märchen schreib ich nicht. — Der ver¬ gißt mit dem Pflug umzudrehen; über den Sternen die er im Wasser blinken sieht. Leb wohl und gedenke meiner Karoline. Die Ursache, warum der Streit angegangen war über Dich, war ein Brief von Dir, den Du im achten oder neunten Jahr, kurz vor Deines Vaters Tod aus dem Kloster an ihn geschrieben hattest, und der Deinen Va¬ ter sehr gefreut haben soll, so daß er ihn in seiner Krankheit oft gelesen, St. Clair hatte ihn vom Cle¬ mens, der ihn aufbewahrt, abgeschrieben, und sagte in diesem Brief läge Deiner ganzen Anmuth Keim. Das wollte die Lotte nicht zugeben, und meinte es sei lächer¬ lich nur ihn als Brief zu rühmen, der Clemens verdrehe Dir den Kopf. Der Brief lautete wie folgt, da magst Du selbst Dich beurtheilen: Lieber Papa! Nix — die Link (da war eine Hand mit der Feder gezeichnet) durch den Jabot gewitscht auf dem Papa sein Herz, die Recht (wieder eine Hand gemalt) um den Papa sein Hals. Wenn ich keine Händ hab kann ich nit schreiben Ihre liebe Tochter Bettine . Fritzlar 1796 am 4ten April. Was mich verstimmte, war, daß die Lotte den Brief fortwährend mit gellender Stimme vortrug, und die Dummheit eines achtjährigen Kindes und die Liebe des verstorbenen Vaters nicht schonte, ich warf dem St. Clair vor, daß er ihn herausgegeben hatte, ach! sagte er, ich habs schon hundertmal bereut. — Man kann ihr auch einst zurufen wie dem Simson: Bettine Phili¬ ster über Dir, zum Glück liegt ihre Stärke nicht in den Locken, die man abschneiden kann, sondern im Geist, und der wird sich nicht gefangen geben. Gelt, das ist ein gut Geschichtchen, ich glaub der St. Clair liebt Dich, die Lotte meinte, Du habest letzt auf der Gerbermühl eine so lange Unterhaltung heimlich mit ihm gepflogen. An die Günderode. Vor ein paar Jahren wohnte hier neben an in dem jetzt leerstehenden Haus ein Mann der war aus der Fremde gekommen, ich glaub es war die Schweiz, der that Wunder mit seiner Willenskraft, bei Tisch war viel die Rede, er könne mit seinem Blick die kranken Menschen zum Schlafen bringen, daß die ihm dann über ihre Krankheit im Schlaf mittheilen, wie man sie heilen könne, und daß sie auch hellsehen in die Zukunft und in die Vergangenheit, beim Erwachen aber nichts mehr davon wissen, — dieser Mann hatte mir was ge¬ heimnißvolles, da die Leute so unheimlich von ihm spra¬ chen. Auf einer Rasenbank an der Gartenwand konnt ich in seinen Garten sehen, wo er im Mondschein auf und ab wandelte, er kam auf mich zu und reichte mir ein paar Erdbeeren über die Wand und sagte: Esse sie mit Bedacht und koste sie recht, so hast Du mehr da¬ von als wenn Du einen ganzen Korb voll, unbedacht¬ sam ißt. — Ich stieg von der Bank mit meinen Erd¬ beeren und aß eine nach der andern, verwundert über den freundlichen Mann. Und am andern Tag, wie ich ihn im Garten wandlen sah, ging ich wieder hin, er kam und reichte mir die Hand, die hielt ich fest und sagte: die Erdbeeren hab ich geschmeckt . „So? — Nach was schmeckten sie denn?“ — Nach schönem Wet¬ ter und ganz fruchtbarem Erdboden. — Dem Mann gefiel die Antwort, er sagte: „jetzt ists zu dunkel, aber Morgen bei Tag nehme ein Blatt von einem Baum oder sonst von einer Blume und halte es so, daß die Sonnenstrahlen durchschimmern, da wirst Du eine Menge Gefäße drin erkennen die vom Licht durchströmt sind; so ist es auch mit Deinen kleinen Kopf, er ist geeignet, daß das Licht leichtlich durchströme und Dich reife, daß Du auch dann schmeckst wie die Erdbeere, nach schönem Wetter, nach Sonnen- und Mondstrahlen“ — ich sagte ihm, daß ich gehört habe, er schaue mit seinem Willen in die Menschen, daß sie denken müssen was er wolle. — Er sagte: „Ja ich will immer, daß sie die Wahrheit denken von sich — und da folgen sie ganz leicht, weil es ihrer Natur gemäß ist; von Dir will ich auch, daß Du die Wahrheit denkst die Dir gemäß ist, wenn Du dem folgst, wirst Du so manches in Dir erleben, was Dir vollauf genügt.“ — Ich redete noch mehr mit ihm — er sagte ein paarmal: „Du thust recht wunderliche Fragen, aber ich muß immer Ja dazu sagen, denn sie sind wahr.“ Er ehrte mich noch mit manchen freundli¬ chen Lehren, ich hab ihn nicht mehr gesehen und hab auch nichts mehr von ihm gehört, er war wenige Tage darauf weggezogen, man wußte nicht wohin. — Es wurde noch mancherlei von ihm gesprochen, als sei er ein Betrüger, ich nahm mir das nicht an, ich hielt am Wort was er mir gesagt hatte, daß die Sonne und Mond mich wollten wohlschmeckend machen, obschon es mir beinah so ging wie den Andern, die beim Erwa¬ chen nichts mehr wissen; ich konnte mich nicht mehr auf das besinnen, was ich mir doch gewiß vorgenom¬ men hatte, nicht zu vergessen. Aber wenn mir so Ge¬ danken kommen, die mich belehren, da denk ich manch¬ mal auf den Mann zurück, ich möchte sie zwar gern behalten oder aufschreiben, aber sie ziehen mich immer weiter, und um den nächsten nicht zu versäumen, muß ich den früheren aufgeben, so ists daß ich nicht anders kann; es muß doch so in der Natur des Lichts liegen was den Menschen durchströmt und ihn nährt, wie die Sonnenstrahlen die Pflanze — daß das frische Licht immer das frühere verdrängt, wie im Strom eine Welle die andere, so mag es denn hingehen, daß ich kein Buch schreiben kann wie der Clemens will, ich müßt ein Herbarium machen und sie trocknen, daß ich sie könnt neben einander hinlegen, unterdessen würden so man¬ manche Blumen verblühen, das will ich nicht, weil ich aber auf Dich gerichtet bin, fliegen so manche Gedan¬ ken auf zu Dir von selbst. Ja sie kommen sogar zwi¬ schen uns wenn ich mit Dir bin. Du bist eben gar nicht wie ein Mensch der mich fassen und halten will, Du bist wie die Luft, der Sonnenstrahl fährt nieder durch Dich in meinen Geist, so hell bist Du. Die Eule, die Jungfer Salome, der weise Mei¬ ster im Abendschein, eine Vision des Philisterthums, in dessen Geist sie versammelt waren. In der Bibliothek hab ich heute einen geschnittnen Stein gefunden, der blecherne lackirte Kerl, der heut aus Homburg herüber kam, der G. r. g., der die Welt durchs Perspektiv beguckt um alles zu durchschauen, (zu¬ fällig passirt nichts vorm Guckloch), erklärt den Stein für antik, sonst wollt die Großmama mir ihn schon schenken für Dich. — Daphnis vom Apoll verfolgt, wur¬ zelt fest mit der flüchtigen Sohle und sprießt in Lor¬ beer auf. Das paßt so schön auf Dich. Dein Schick¬ sal, du siehst's vor Augen, Geliebt, verfolgt, umfan¬ gen vom Gott der Musen, und dann, ewig immerdar goldne Keime aufschossend, und der Dichter reiner Or¬ den der Dich umwandelt mit Dir sich zu berühren, das ist kein Philisterthum, solche Geschicke wie heilige Ge¬ 10 fäße, umfaßten ein Menschenleben zur Zeit der Griechen. (Ist mir doch als spräch ich mit Deinen Lippen.) Aber heut! aber ich — Mein Kopf ein Feld das brach liegt, — ich wandle zwischen Hecken, seh jede Erdscholle benutzt, der Sallatkopf in der Mitt, die Bohnenstangen oben drü¬ ber, und mir bangt daß ich nicht angepflanzt bin, ich denk daß Du dir Müh giebst mit mir, daß es nichts hilft. Nachts denk ich als, wenn die Sonn aufgeht will ich lernen, am Tag wollt ich, die Nacht käm doch daß ich allein wär und könnt mich selbst verstehen, ich armes Käuzlein kleine. Und stiftete das große Medopersische Reich. — Da sind wir geblieben, da hab ich ein groß Medusenhaupt in mein Geschichtbuch gezeichnet mit aufgesperrtem Rachen, fräß es doch die ganze alte Geschichte mit sammt dem Arenswald auf. Ich war so froh über die Pfingsttage — eine ganze Woche war er ausgeblieben, ich hatte mich so schön entwöhnt! — Die Perser, von den Grie¬ chen Cephonen genannt, von Cepheo dem Sohne Belli, dessen Tochter Andromeda, Perseus der Sohn Jupiters und der Danae geehelicht, ich glaub der Kerl hat ge¬ faukelt, ich mein den Geschichtslehrer. Wird ein Göt¬ terjüngling ein Philister sein und eheligen. Indeß mel¬ det Arenswald einen Sprößling dieser Ehe der das Ce¬ phonenland beherrscht unter dem Namen Persien, Cy¬ rus vereints mit Medien, erobert Babylon, Klein Asien, bleibt in der Schlacht gegen die Königin der Masage¬ ten. Ich frag gar nicht mehr wer und woher — wer kann das Volk all im Kopf behalten. — 3458, Camby¬ ses erobert Ägypten, bekriegt die Ethioper, der Magier Smerdis schwingt sich auf den Thron und hätt das Land bezaubern können, die Großen des Reichs zu esel¬ haft von einem Zauberer sich beherrschen zu lassen, ent¬ thronten ihn durch Mord. — 3462, Darius Hystaspis bezwingt Babylon im Aufruhr, erobert Thrazien, Ma¬ cedonien, Indien. — Sein Sohn Xerxes bezwingt Ägyp¬ ten im Aufruhr, zieht gen Griechenland, wird besiegt — heimkehrend ermordet. Artaxerxes schließt Frieden, sein Feldherr kehrt die Waffen gegen ihn, wird vom II Xer¬ xes unterjocht, Sogdian aber mordet seinen Bruder Xerxem, Ochus aber mordet seinen Bruder Sogdian, be¬ herrscht als II Darius Persien, der zweite Artaxerxes aber mordet seinen Bruder Ochus, zerstört das Reich, der dritte Artaxerxes aber mordet seine Brüder alle, er¬ obert Ägypten, Togoas aber ermordet den III Artaxer¬ xem. — Togoas aber mordet dessen Sohn Aëstes und den größten Theil der königlichen Familie, damits gleich in einem hingeht (Bemerkung des Lehrers), der Stadt¬ 10* halter aber mordet den letzten Königssprößling Darius Codomanus. Zweihundert fünf und zwanzig Jahr be¬ stand die Fürstenschlachtbank von Persien. Alexander kommt und beherrscht's 3654. — Der Lehrer sieht mir den Ärger über seine lederne Geschichte an, reißt aus, Gott weiß wies zuging, daß die Thür seine Hosen faßte, es blieb ein Fetzen dran hängen, jetzt muß ich ihm für seine Mordlitaney noch eine Gratification ge¬ ben, damit er sich ein paar neue kaufen kann. — Cle¬ mens verfolgt mich mit Bitten, daß ich Bücher oder Verse, oder Erlebnisse und Erinnerungen aus dem Klo¬ ster aufschreiben soll. — Da hast Du seinen Brief. — Der Abgrund der vermoderten Geschichte unter mir, der unerreichbare Sternenhimmel über mir — und Nachts Gedanken die mir den Kopf zerbrechen. (Am 10.) Heut morgen hab ich Deinen Brief beim Früh¬ stück der Großmama vorgelesen, sie ist schon so alt, sie nimmts all mit ins Grab, sie hat Dich so lieb, sie sagt Du wärst die edelste Kreatur die sie je gesehen, und dann sprach sie von Deiner Anmuth; sie spricht im¬ mer schwäbisch wenn sie recht heiter ist. „Siehst Mädele wie anmuthig und doch gar bequem deine Freundin ist.“ — Sie ist wirklich liebreizend, und da las ich ihr auch meinen Brief vor, sie sagt „Du bischt halter e verkerts Dingele,“ und dann hat sie mir den Stein mit der Daphnis doch geschenkt für Dich, ich lasse ihn fassen, du mußt ihn tra¬ gen und mußt nicht sagen von wem er ist. — Was ist Dein Brief voll schöner Geschichten, nur der Clemens ist doch mein Adam nicht, das prophezeihst du schlecht daß er mich erst nach hundert Jahren auf dem Berg der Erkenntniß treffen werde. Ich hab ihn so lieb, so lang kann ich nicht Versteckelches mit ihm spielen, und doch hast Du vielleicht recht, im nächsten Brief will ichs sagen, aber dem Clemens fall ich um den Hals und küß ihn, da hat er mich wie ich bin. Aber! — es geht ein Weg — der führt in die Alleinigkeit. — Ist der Mensch in sein eignen Leib allein geboren, so muß er auch in seinen Geist allein geboren sein. — Der St. Clair ist gut, voll Herz, er wollt ja zum kranken Höl¬ derlin reisen — er soll doch hin! nach Homburg — ich möcht wohl auch hin. — Er sagt es würde dem Höl¬ derlin gesund gewesen sein, ich möcht wohl, ich darf nicht. — Der Franz sagte: „Du bist nicht recht ge¬ scheut, was willst Du bei einem Wahnsinnigen? willst Du auch ein Narr werden? — — Aber wenn ich wüßt wie ichs anfing, so ging ich hin, wenn Du mitgingst, Günderode, und wir sagtens Niemand, wir sagten wir gingen nach Hanau. Der Großmama dürften wirs sagen, die litts, ich hab heute auch mit ihr von ihm gesprochen, und ihr erzählt daß er dort an einem Bach in einer Bauernhütte wohnt, bei offnen Thüren schläft, und daß er Stunden lang beim Gemurmel des Bachs griechische Oden hersagt, die Prinzeß von Homburg hat ihm einen Flügel geschenkt, da hat er die Saiten entzwei geschnitten, aber nicht alle, so das mehrere Kla¬ ves klappen, da fantasirt er drauf, ach ich möcht wohl hin, mir kommt dieser Wahnsinn so mild und so groß vor. Ich weiß nicht wie die Welt ist, wär das so was unerhörtes zu ihm zu gehen und ihn zu pflegen. Der St. Clair sagte mir, „ja wenn Sie das könnten, er würde gesund werden, denn es ist doch ge¬ wiß, daß er der größte elegische Dichter ist, und ists nicht traurig, daß nicht ein solcher behandelt werde und geschützt als ein heiliges Pfand Gottes von der Na¬ tion, sagte er, aber es fehlt der Geist, der Begriff, kei¬ ner ahnt ihn und weiß was für ein Heiligthum in dem Mann steckt, ich darf ihn hier in Frankfurt gar nicht nennen, da schreit man die fürchterlichsten Dinge über ihn aus, blos weil er eine Frau geliebt hat um den Hyperion zu schreiben, die Leute nennen hier Lieben, heirathen wollen, aber ein so großer Dichter verklärt sich in seiner Anschauung, er hebt die Welt dahin, wo sie von Rechtswegen stehen sollte, in ewiger dichterischer Fermentation; sonst werden wir nie die Geheimnisse ge¬ wahr werden die für den Geist bereitet sind. Und glau¬ ben Sie, daß Hölderlins ganzer Wahnsinn aus einer zu feinen Organisation entstanden, wie der indische Vo¬ gel in einer Blume ausgebrütet, so ist seine Seele, und nun ist es die härteste rauhe Kalkwand die ihn umgiebt, wo man ihn mit den Uhus zusammensperrt, wie soll er da wieder gesund werden. Dieses Klavier, wo er die Saiten zerrissen, das ist ein wahrer Seelenabdruck von ihm, ich hab auch den Arzt darauf aufmerksam machen wollen, aber einem Dummen kann man noch weniger begreiflich machen als einem Wahnsinnigen.“ — Er sagte mir noch so viel über ihn, was mir tief durch die Seele ging, über den Hölderlin, was ich nicht wieder sag, und ich hab mehre Nächte nicht schlafen können vor Sehnsucht hinüber nach Homburg, ja wollt ich ein Gelübde thun ins Kloster zu gehen, das könnt doch niemand wehren, gleich wollt ich das Gelübde thun diesen Wahnsinnigen zu umgeben, zu lenken, das wär noch keine Aufopferung, ich wollt schon Gespräche mit ihm führen, die mich tiefer orientiren in dem was meine Seele begehrt, ja gewiß weiß ich daß die zerbrochnen unbesaiteten Tasten seiner Seele dann wieder anklingen würden. — Aber ich weiß daß es mir nicht erlaubt würde. So ist es, das natürliche Gefühl was jedem aus der Seele tönt, wenn er nur drauf hören wollte (denn in jeder Brust, auch in der härtesten, ist die Stimme die ruft hilf Deinem Bruder), diese Stimme wird nicht allein unterdrückt, sondern auch noch als der größte Unsinn gestraft, in denen sie sich vernehmlich macht. Ich mag gar von Religion und von Christen¬ thum nichts mehr hören, sie sind Christen geworden um die Lehre Christi zu verfälschen. — Brocken hinwerfen und den nackten Leib decken, das nennt man Werke der Barmherzigkeit — aber Christus in die Wüste folgen und seine Weisheit lernen, das weiß Keiner anzufan¬ gen. — Bildungsflicken hängt man einem auf, mit de¬ nen man nichts anzufangen weiß, aber die Tiefe und Gewalt eines einzigen Seelengrunds zu erforschen, da hat kein Mensch Zeit dazu, glaubst Du denn nicht daß ich statt dem Geschichtsgerümpel, wohl mit der größten Sammlung, mit der tiefsten Andacht hätte Je¬ nem folgen wollen, wenn er mir gelehrt hätte wie er an¬ dern lehren mußte um sein Leben zu gewinnen, und wahn¬ sinnig drüber werden mußte. Wenn ich bedenk — wel¬ cher Anklang in seiner Sprache! — Die Gedichte die mir St. Clair von ihm vorlas — zerstreut in einzelnen Ka¬ lendern — ach was ist doch die Sprache für ein heilig Wesen. Er war mit ihr verbündet, sie hat ihm ihren heimlichsten innigsten Reiz geschenkt, nicht wie dem Goethe durch die unangetastete Innigkeit des Gefühls, sondern durch ihren persönlichen Umgang. So wahr! er muß die Sprache geküßt haben. — Ja so gehts, wer mit den Göttern zu nah verkehrt, dem wenden sies zum Elend. St. Clair gab mir den Oedipus den Hölderlin aus dem Griechischen übersetzt hat, er sagte man könne ihn so wenig verstehen oder wolle ihn so übel verstehen daß man die Sprache für Spuren von Verrücktheit erklärt, so wenig verstehen die Deutschen was ihre Sprache Herr¬ liches hat. — Ich hab nun auf seine Veranlassung die¬ sen Oedipus studirt; ich sag Dir, gewiß, auf Spuren hat er mich geleitet, nicht der Sprache, die schreitet so tönend, so alles Leiden, jeden Gewaltausdruck in ihr Organ aufnehmend, sie und sie allein bewegt die Seele daß wir mit dem Oedipus klagen müssen, tief tief. — Ja es geht mir durch die Seele, sie muß mittönen wie die Sprache tönt, Aber wie mir das Schmerzliche im Leben zu kränkend auf die Seele fällt, daß ich fühl 10** wie meine Natur schwach ist. So fühl ich in diesem Mit¬ erleiden eines Vergangnen Verlebten, was erst im griechi¬ schen Dichter in seinen schärfsten Regungen durch den Geist zum Lichte trat, und jetzt durch diesen schmerzlichen Übersetzer zum zweitenmal in die Muttersprache getragen, mit Schmerzen hineingetragen — dies Heiligthum des Wehthums, — über den Dornenpfad trug er es schmerzlich durchdrungen. Geweihtes Blut tränkt die Spur der ver¬ letzten Seele und stark als Held trug er es herüber. — Und das nährt mich, stärkt mich, wenn ich Abends schlafen gehe dann schlag ichs auf und lese es, lese hier dem Päan gesungen, den Klaggesang, den sing ich Abends auf dem Dach vom Taubenschlag aus dem Steg¬ reif, und da weiß ich, daß auch ich von der Muße be¬ rührt bin und daß sie mich tröstet, selbst tröstet. O was frag ich nach den Menschen, ob die den Mangel an historischem Sinn und der Logik an mir rügen, ich weiß den Teufel was Logik ist. — Und daß mir St. Clair so viel zutraut, daß ich die Fahne glücklich schwingen werde und sicher, und die Besseren und Hohen unter ihr sammlen. — Sag ihm von mir ich werde nicht feh¬ len, was mir einer zutraut, alle Kräfte dran zu setzen. Den kleinen Brief vom Papa hab ich ihm selbst ge¬ schenkt, er wollte ein Andenken von mir zum Gegenge¬ schenk für den Oedipus, da hab ich ihn wählen lassen unter meinen Papieren, da hat er den hervorgezogen. Lese hier den Klaggesang dem Päan geweiht, obs Dir nicht durch die Seele weint. Weh! Weh! Weh! Weh! Ach! wohin auf Erden? Jo! Dämon! wo reissest du hin? Jo! Nachtwolke mein! du furchtbare, Umwogend, unbezähmt, unüberwältigt! O mir! wie fährt in mich Mit diesen Stacheln Ein Treiben der Übel! Apollon wars, Apollon, o ihr Lieben. Der das Wehe vollbracht, Hier meine, meine Leiden. Ich Leidender Was sollt ich sehn, Dem zu schauen nichts süß war. Was hab ich noch zu sehen und zu lieben, Was Freundliches za hören?— ihr Lieben! Führt aus dem Orte geschwind mich, Führt, o ihr Lieben! den ganz Elenden, Den Verfluchtesten und auch Den Göttern verhaßt am meisten unter den Menschen. so hab ich mir die Zeilen zusammengerückt sie zu singen, diese Leidensprache, und sie fesselt mich an seine Ferse, der sich Frevler nennt. Wirf aus dem Lande mich, so schnell du kannst, Wo ich mit Menschen ins Gespräch nicht komme. In die Ferne sehend, nach dem Taunus still getränkt im Abendschein, der die Nebel durchlichtet, die flüchten¬ den die ihn umschweifen; — da denk ich mir das Grab¬ mal selber ihm erkoren von Vater und Mutter, sein Kithäron. Da sing ich meinen Gesang hinüber, und der Wind spielt mich an, und gewiß, er bringt mein Lied hinüber zum Grab; mir ists eins, ob der Zeiten Last sich drüber gewälzt, doch dringt die Thrän hinab das Grab zu netzen, drang doch sein Weh herauf zu mir; und heute nur stiegs auf mir im Herzen, als ich die Laute dem Gott — die jammernden, der ganzen Welt geschrieen — zaghaft in Musik verwandelte. — Und dort wohnt auch Er, der die noch lebenswarme Brust voll Wehe, und gesäet voll der Keime des Dichtergottes, jetzt zermalmt im Busen die Saat, — in aufseufzenden Tönen herübertrug ins Mutterland, und wärmte — das Jammergeschick des Zwillingsbruders — in der Liebe, die aus der Verzweiflung Abgrund ihn mit heißer Begierde heraufrief, das müde jammervolle Haupt sanft zu lehnen, zusammen mit dem Geschick, das ausgeblutet hat. Ja wer mit Gräbern sich vermählt, der kann leicht wahnsinnig werden den Lebenden, — denn er träumt nur hier am Tag, wie wir träumen in der Nacht, aber drunten im Schlaf wacht er und geht mit jenen mitleidsvoll Hand in Hand, die längst verschollen der geschäftigen Eile des Tags sind. Dort fällt der Thau auf die Seele ihm, die hier nicht Feuchtung in der Kehle mehr hatte zum Seufzen. Dort grünen die Saaten und blühen, die hier der Dumm¬ heit Pflug — die Wurzel umstürzend, wie Unkraut der Luft preis gab, und die thauvolle Blüthe rein vom Staube, stürzt in der Erde Grab. — Denn irgendwie muß die Saat der Götter lebendig werden, sie können Ewiges nicht verdorren lassen. Seine Seele wächst, die hier unten schläft und verwirrte Träume hat, hinauf als himmlisches Grün, die schwebende Ferse der Götterjüng¬ linge umspielend, wie der frische Rasen hier seine tanzenden Blumen an meinem flüchtigen Lauf hinbewegt. — Ach Poesie! heilig Grabmal, das still den Staub des Gei¬ stes sammelt und ihn birgt vor Verletzung. — O du läßt ihn auferstehen wieder, laß mich hinabsteigen zu ihm und die Hand ihm reichen im Traum, daß er mit heiligem Finger die goldnen Saatkörner mir auf die offne Lippe streue und mich anblase mit dem Odem, den er nach dem Willen der Götter aus ihrem Busen trinkt. Denn ich begehr sehnsüchtig, mit zu tragen gemeinsam Weh des Tags, und gemeinsam Tröstung zu empfangen in den Träumen der Nacht. — Was willst Du? halte mirs zu gut Günderode, daß ich so spreche, verfolg den Faden meiner Gedanken, so wirst Du sehen es geht nicht anders. Du trägst ja auch mit mir, daß sie Dich meiner Narrheit beschuldigen. Mangel an historischem Sinn — ist es doch, das Weh was in der Fabelwelt begraben liegt, mit dem zu mi¬ schen des heutigen Tages. — Sie haben Recht mir keine Logik zuzusprechen, da müßt ich ja den dort verlassen, der aufgegeben ist, da müßt ich mich aufgeben, was doch nichts fruchtet. — Sei nicht bang um mich, ich bin nicht alle Tage so, aber ich komm eben vom Tauben¬ schlag, wo die Sonne mir die blauen Berge anglänzte, wo Hölderlin schläft über dem Grabe des Oedipus, und hab ihnen den Gesang gesungen, mit Tönen unzurech¬ nungsfähig der Kunst, auffassend was sie vermochten an scharfem Wehe und es besänftigend mit dem Schmelz der Liebe, den ich durch die Stimme hinzugoß aus dem Herzen, daß der durch die Wolken dringe,— hinab am Ho¬ rizont, hinauf,— wo die gewaltigen Geschicke immer auch weilen, — und sich mische mit ihren bitteren, salzigen Fluthen. Was wären doch die Dichter, wären sie es nicht, die das schauervolle ins Göttliche verwandlen. — Wo der Gesang doch allein aus meinen Sinnen hervor¬ dringt, nicht aus dem Bewußtsein, da sprichts nachher so aus mir, daß Stimmen aus mir reden die mit kei¬ nem andern im Einklang sind, der Ton der Rhythmus, den ich übe, ist es auch nicht; keiner würde zuhören wollen, aber jene denen ich singe die müssens doch wohl hören, nicht wahr? — Es ahnt mir schon, Du wirst wieder bange werden um mich wie vorm Jahr! — aber Du weißt ja, es ist nichts, ich rase nicht, wie die andern mich beschuldigen, und mir die Hand auf den Mund legen wenn ich spre¬ chen will. Sei nicht dumm, lasse Dir nicht von den Philistern bange machen um meine Gesundheit, wo sie mir schon den Verstand absprechen; wer seinen Bruder einen Narren schilt ist des Todes schuldig, sie sind un¬ schuldig, ich bin ihr Bruder nicht, Du bist mein Bruder. Noch einmal, ich bin nicht krank, störe mich nicht da¬ mit daß Du mir das Geringste sagst, denn ich will Dir noch mehr sagen wenns möglich ist, was hättest Du an mir, wenn ich nicht lernte Dir meine Seele geben, nackt und blos. Freundschaft! das ist Umgang der Geister, nackt und blos. — An die Bettine. Liebe Bettine! — Du drückst mir die Schreibefinger zusammen, daß ich kaum athme noch weniger aber es wage zu denken, denn aus Furcht, ich könne willkühr¬ liche Gedanken haben, denke ich lieber gar nicht, magst Du am Ende meines Briefes fühlen, ob ich in den en¬ gen Grenzen meiner geistigen Richtungen Dich nicht ver¬ letzte, so daß Dein Vertrauen ohne Hinderniß hinab¬ ströme zu mir, ja hinab, denn ich bin nichts. So lasse mich denn gesund mit Dir sprechen, da nichts mir fremd ist in Dir, denn in Deine Töne eingehen, das wäre Deinen Lauf stören. In Dein Lamento über Deine Geschichtsmisere stimme ich ein, sie macht mich mit caput, kauf in Gottes Na¬ men ein paar Beinkleider als Sühnopfer, und entlasse Deinen Arenswald in Gnaden. Clemens schreibt, daß ich ihm Antwort schuldig sei, ich wußte nicht daß er in Marburg ist, wenn Du ihm schreibst so gieb ihm die Einlage, er ist mehr wie unendlich gut gegen Dich, und es ist ein eigen Schicksal daß unser beider Bemühung Dich zu einer innern Bildung zu leiten oder vielmehr sie Dir zu erleichtern nicht gelingen will, so schreibt er mir heute. Unter vielen Witzfaseleien, träumerischem Ge¬ seufze und Betheuerungen, daß er gar nicht mehr der¬ selbe sei, ist es das Einzige was auf Dich Beziehung hat. Weil er Dich immer auffordert, Deine phantasti¬ schen Ahnungen zu sammlen, diese Fabelbruchstücke Dei¬ ner Vergleiche, Deine Weltanschauung in irgend einer Form niederzulegen, so meinte ich wie ein guter Bienen¬ vater Deinen Gedankenschwärmen eine Blumenwiese um¬ her zu bauen, wo Deine Gedanken nur hin und her summen dürfen Honig zu sammlen. Ein glücklicher Schif¬ fer muß guten Fahrwind haben; ich dachte Deine Stu¬ dien sollten wie frischer Morgenwind Dir in die Segel blasen. — Ich schrieb heute an Clemens, es werde sich nicht thun lassen Deinen Geist wie Most zu keltern und und ihn auf Krüge zu füllen, daß er klarer trinkbarer Wein werde. Wer nicht die Trauben vom Stock ge¬ nießen will, wie Lyaeus der Berauscher, der Sohn zweier Mütter, der aus der Luna geborne, endlich sie reifen lasse, der Vorfechter der Götter, der Rasende; — und hei¬ lige Bäume pflanzte, heilige Wahrsagungen aussprach. Der Naturschmelz, der Deinen Briefen und Wesen eingehaucht ist, der meint Clemens, solle in Gedichten oder Märchen aufgefaßt werden können von Dir; — ich glaubs nicht. In Dich hinein bist Du nicht selbstthätig, sondern vielmehr ganz hingegeben bewußtlos, aus Dir heraus, zerfließt alle Wirklichkeit wie Nebel, menschlich Thun, menschlich Fühlen in das bist Du nicht hineingebo¬ ren, und doch bist Du immer bereit, unbekümmert alles zu beherrschen, Dich allem anzueignen. Da war der Icarus ein vorsichtiger, überlegter, prüfender Knabe gegen Dich, er versuchte doch das Durchschiffen des Sonnenoceans, mit Flügeln, aber Du brauchst nicht Deine Füße zum Schreiten, Deinen Begriff nicht zum Fassen, Dein Ge¬ dächtniß nicht zur Erfahrung, und diese nicht zum Fol¬ gern. Deine gepanzerte Phantasie die im Sturm alle Wirklichkeit zerstiebt, bleibt bei einer Schwarzwurzel in Verzückung stocken. Der Strahlenbündel im Blu¬ menkelch, der Dir am Sonntag im Feldweg in die Quer kam, wie Du dem rückwärts gehenden Philosophen Ebel Deine Philosophie eintrichtern wolltest, ist eine blü¬ hende Scorza nera , so sagt Lehr der weise Meister. — Ich werd eingeschüchtert von Deinen Behauptungen, ins Feuer gehalten von Deiner Überschwenglichkeit. Hier am Schreibtisch verlier ich die Geduld über das Farblose meiner poetischen Versuche, wenn ich Deines Hölderlin gedenke. Du kannst nicht dichten, weil Du das bist was die Dichter poetisch nennen, der Stoff bildet sich nicht selber, er wird gebildet, Du deuchst mir der Lehm zu sein den ein Gott bildend mit Füßen tritt, und was ich in Dir gewahr werde ist das gährende Feuer was seine übersinnliche Berührung stark in Dich einknetet. Lassen wir Dich also jenem über, der Dich bereitet wird Dich auch bilden. — Ich muß mich selber bilden und machen so gut ichs kann. Das kleine Ge¬ dicht, was ich hier für Clemens sende hab ich mit inner¬ lichem Schauen gemacht, es giebt eine Wahrheit der Dichtung, an die hab ich bisher geglaubt. Diese irdische Welt, die uns verdrießlich ist, von uns zu stoßen wie den alten Sauerteig, in ein neues Leben aufzu¬ streben, in dem die Seele ihre höheren Eigenschaften nicht mehr verläugnen darf, dazu hielt ich die Poesie geeignet; denn liebliche Begebenheiten, reinere An¬ schauungen vom Alltagsleben scheiden, das ist nicht ihr letztes Ziel; wir bedürfen der Form, unsere sinnliche Natur einem gewaltigen Organismus zuzubilden, eine Harmonie zu begründen in der der Geist ungehindert einst ein höheres Thatenleben führt, wozu er jetzt nur gleichsam gelockt wird durch Poesie, denn schöne und große Thaten sind auch Poesie, und Offenbarung ist auch Poesie, ich fühle und bekenne alles mit Dir was Du dem Ebel auf der Spazierfahrt entgegnetest und ich begreife es in Dir als Dein nothwendigstes Element, weil ich Deine Strömungen kenne und oft von ihnen mitgerissen bin worden, und noch täglich empfinde ich Deinen gewaltigen Wellenschlag. Du bist die wilde Brandung und ich bin kein guter Steuermann glücklich durchzuschiffen, ich will Dich gern schirmen gegen die Forderungen und ewigen Versuche des Clemens, aber wenn auch in der Mitte meines Herzens das feste Ver¬ trauen zu Dir und Deinen guten Sternen innewohnt, so zittert und erbebt doch alles rings umher furchtsam in mir vor Menschensatzung und Ordnung bestehender Dinge, und noch mehr erbebe ich vor Deiner eignen Natur. Ja schelte mich nur, aber Dir mein Bekenntniß unverholen zu machen: mein einziger Gedanke ist, wo wird das hinführen? — Du lachst mich aus, und kannst es auch, weil eine elektrische Kraft Dich so durchdringt, daß Du im Feuer ohne Rauch keine Ahnung vom Ersticken hast. — Aber ich habe nichts was mich von jenem Lebenerdrückenden Vorläufer des Feuers rette, ich fühle mich ohnmächtig in meinem Wil¬ len, so wie Du ihn anregst, obschon ich empfinde, daß Deine Natur so und nicht anders sein dürfte, denn sonst wär sie gar nicht, denn Du bist nur blos das was außer den Grenzen, dem Gewöhnlichen unsichtbar, uner¬ reichbar ist; sonst bist Du unwahr, nicht Du selber, und kannst nur mit Ironie durchs Leben gehen. Manchmal deucht mir zu träumen, wenn ich Dich unter den an¬ dern sehe, alle halten Dich für ein Kind das seiner selbst nicht mächtig, keiner glaubt, keiner ahnt was in Dir, und Du thust nichts als auf Tisch und Stühle springen, Dich verstecken, in kleine Eckchen zusammenkauern, auf euren langen Hausgängen im Mondschein herumspa¬ zieren, über die alten Boden im Dunklen klettern, dann kommst Du wieder herein, träumerisch in Dich versunken, und doch hörst Du gleich alles, will einer was, so bist Du die Treppe schon hinab es zu holen, ruft man Dei¬ nen Namen, so bist Du da und wärst Du in dem ent¬ ferntesten Winkel; sie nennen Dich den Hauskobold, das alles erzählte mir Marie gestern, ich war zu ihr gegangen um sie zu fragen, ob es thunlich sein möchte, daß ich mit Dir nach Homburg reise, sie ist gut, sie hätte es Dir gern gegönnt und ich war Dir zu Gefallen gerne mit Dir hingereist; St. Clair hatte uns begleiten wollen, und ich sagte auch der Marie nichts als, ich möchte wohl nach Homburg reisen und Dich mitnehmen, dort den kranken Hölderlin zu sehen, das war aber leider grad das verkehrte, sie meinte im Gegentheil dahin solle ich Dich nicht mitnehmen, sie glaube man müsse Dich hüten vor jeder Überspannung — ich mußte doch lachen über diese wohlgemeinte Be¬ merkung, nun kam Tonie, der es Marie mittheilte, sie meinten Du seist so blaß gewesen im Frühjahr und auch letzt habest Du noch krankhaft ausgesehen, nein, sagt Tonie, nicht krank, sondern geisterhaft, und wenn ich nicht wüßte, daß sie das natürlichste Mäd¬ chen wär, die immer noch ist wie ein unentwickeltes Kind, was noch gar nichts vom Leben weiß, so müßte man fürchten sie habe eine geheime Leidenschaft, aber hier in der Stadt befindet sie sich nur wohl in der Kinderstube, sie schleicht immer weg aus der Ge¬ sellschaft und vom Tisch, und geht an die Wiege, nimmt die kleine Max heraus, hält sie wohl eine Stunde auf dem Schooß und freut sich an jedem Ge¬ sicht das sie schneidet. Das Kind hatte die Röthen, niemand kam zu mir. Sie allein saß Stunden lang beim Kinde, es hat ihr nicht geschadet; sie kann alles aushalten, noch nie hab ich sie klagen hören über Kopf¬ weh oder sonst etwas, wie lange hat sie bei der Clau¬ dine gewacht, kein Mensch könnte das, ich glaub sie ist vierzehn Tage nicht ins Bett gekommen, sie ist wie zu Haus in jeder Krankenstube, und amüsirt sich köstlich wo andre sich langeweilen. Aber ihr ganzer Geist besteht in ihrem Sein, denn ein gescheutes Wort hab ich noch nie von ihr gehört, ihr liebstes ist den Franz zu erschrecken, alle Augenblick sucht sie sich einen andern Ort wo sie ihn überraschen kann, letzt hat sie sich sogar auf den einen Bettpfosten gehockt, ich dachte sie könne keine Minute da aushalten, nun dauerte es eine Viertelstunde bis Franz kam, als der im Bett lag, schwang sie sich herunter, ich dachte sie bricht den Hals, wir konnten sie die ganze Nacht nicht aus dem Zimmer bringen. — Über dieser Erzählung war Lotte gekommen, die be¬ hauptete ernsthaft, Du hättest Anlage zum Veitztanz. Deine Blässe deute darauf, du klettertest auch beim Spazierengehen immer an so gefährliche Orte, und letzt wärt Ihr im Mondschein noch um die Thore gegangen mit dem Domherrn von Hohenfeld und da seist Du oben auf dem Glacis gelaufen bald hin, bald her Dich wen¬ dend ohne nur ein einzigmal zu fallen, und der Hohenfeld auch, habe gesagt das ging nicht mit natürlichen Dingen zu. Kaum hatte Lotte ihre Geschichte, wo immer der Re¬ frain war, Mangel an historischem Sinn und keine Lo¬ gik, geendet, so trat Ebel ein, er wurde auch consultirt wegen der Fahrt nach Homburg (ach hätt ich doch nicht in dies Wespennest geschlagen), der fing erst recht an zu peroriren, der wußte alles: „um Gottes Willen nicht,“ Lotte saß im Sessel und secundirte; nein um Gottes Willen nicht, man muß logisch sein. Ebel sagte: Wahn¬ sinn steckt an, ja sagt L.: besonders wenn man so viel Anlage hat. Nun Lotte Du machst's zu arg, sie kann wohl dumm sein, und das ist noch die Frage, denn sie ist eigentlich weder dumm noch gescheut, oder vielmehr ist sie beides, dumm und gescheut. — Ebel aber sagte: ich muß hier als Naturphilosoph sprechen, sie ist ein ganz appartes Wesen, das von der Natur zu viel elek¬ trischen Stoff mit bekommen, sie ist wie ein Blitzableiter, wer ihr nahe ist beim Gewitter, der kanns empfinden, er war nämlich letzt aus der Spazierfahrt mitten im Gewitter unter Donner und Blitz im stärksten Platzregen trotz Schuh und Strümpfen blos wegen Dir aus dem Wagen und im kurzermelichen Rock querfeldein nach Hause gesprungen. Die Tonie sagte ihm dies und er gestand es ein, es sei Furcht gewesen, das Gewitter könne durch Deine elektrische Natur angezogen werden, er glaubt steif und fest, der Schlag sei so dicht vor den Pferden niedergefahren, weil Du in Deiner Begeistrung zu viel Elektricität ausströmtest. — Der arme Freund, seine Rockermel sind vom Regen noch mehr verkürzt. — Lotte Lotte behauptete es sei unlogisch von Ebel zu sagen, Be¬ geisterung, denn dazu müsse ein logischer Grund sein und der sei in Deiner Seele nicht zu finden. — Dabei kam St. Claire auch zur Theestunde, ich hatte ihn hin bestellt, um zu hören wie der Versuch ausfallen werde, wärs gelungen, so hätten wir Dich heute überrascht und Dich gleich mit dem Wagen abgeholt, aber Franz kam herauf und George, denen wurde es vorgetragen. Lotte behauptete fort und fort, es würde das unlogischste der Welt sein Dich hingehen zu lassen, denn trotz Deiner Unweisheit, Faselei und gänzlichem Mangel ꝛc. seist Du doch sehr exentrisch und es wurde einmüthig beschlossen, Du sollest nicht mit; Tonie behauptete noch, Du seist ihr von Clemens noch mehr auf die Seele gebunden und der würde ihr ein unangenehmes Conzert machen, wenn sie ihren Beifall dazu gäbe. — Ich weiß einen, der ihnen allen gern die Hälse herumgedreht hätte, das war St. Clair, er war so ernst, er that den Mund nicht auf, aber ich sah seine Lippen beben, kein Mensch wußte, welchen Antheil er daran nahm, er nahm ohne ein Wort zu sagen seinen Huth und ging, und ich sah daß ihm die Thränen in den Augen standen, Deinem Ritter. 11 An Clemens. Die Hirten lagen auf der Erde Und schlummerten um Mitternacht, Da kam mit freundlicher Geberde Ein Engel in der Himmelspracht. Mit Sonnenglanz war er umgeben. Und zu den Hirten neigt er sich, Er sprach geboren ist das Leben, Euch offenbart der Himmel sich. — Auch ich lag träumend auf der Erde, Ihr dunkler Geist war schwer auf mir, Da trat mit freundlicher Geberde Die heil’ge Poesie zu mir, In ihrem Glanz warst Du verkläret, Vertrauet mit der Geisterwelt, Den Becher hattest Du geleeret. Der Dich zu ihrem Chor gesellt. Dein Lied war eine Strahlenkrone, Die sich um Deine Stirne wand, Die Töne eine Lebenssonne Erleuchtend der Verheißung Land. Der Liebe Reich hab ich gesehen In Deiner Dichtung Abendroth; Wie Moses auf des Berges Höhen, Als ihm der Herr zu schaun gebot; Er sah das Ziel der Erdenwallen Und mochte fürder nichts mehr sehn. Wohin, wohin soll ich noch wallen, Da ich das Heilige gesehn? — An die Günderode. Ich hab mirs nicht gedacht, daß ich so sein könnt in diesen schönen Tagen. In Deinem Brief, Zeile für Zeile, lese ich nichts Trauriges und doch macht er mich schwer. — Du redest von Dir als seist Du anders wie ich, ganz anders, ach und stehst mir doch allein unter allen Menschen gegenüber, und alles was wir mit einan¬ der besprachen, da waren wir nicht eins, Du warst an¬ ders gesinnt und ich anders, und doch hast Du mich immer vertreten, ja gewißlich ich bin anders wie Du, ich fühls auch heut aus jeder Zeile Deines Briefs, die mir doch so wahr sind und den tiefen Grund Deiner Seele beleuchten. Wie ist doch jeder Mensch ein groß Geheimniß, und bis alles ins Himmlische sich verwan¬ delt, wie viel bleibt da unverstanden. Aber ganz ver¬ standen sein, das deucht mir die wahre alleinige Meta¬ morphose, die einzige Himmelfahrt. — Im Gartenhäus¬ chen, wo wir vorm Jahr um die Zeit uns zum ersten¬ mal gesehen haben — also ein ganz Jahr sind wir schon gut Freund mit einander ? ? ? ! ! ! — — — und so könnt ich fortfahren Zeichen zu machen der Verwun¬ derung, des Stummseins, des Denkens — Seufzens, ja 11* wenn ich ein Zeichen des Schauderns, der Thränen zu machen wüßte, so könnte ich die Blätter voll der merk¬ würdigsten Gefühle bezeichnen, denen ich keine Namen zu geben weiß. — Das Geisblatt, das da herabschwankt über die Latten, blüht dies Jahr viel üppiger. Weißt Du, das war unser erst Wort, ich sagte zu Dir: es war ein recht kalter Winter dies Jahr, der Hanenfuß hat seine meisten Zweige erfroren, die Laube giebt wenig Schatten; da sagtest Du: die Sonne giebt und die Laube nimmt, was sie nicht fassen kann vom Licht das muß sie durchlassen zu uns, und dann sagtest Du diese Pflanze sei schöner benannt Geisblatt als Hahnenfuß, weil man dabei eine schöne Ziege sich denke, die mit Anmuth gewürzige Blumen fresse, und daß die Natur für jedes Geschöpf ein idealisch Leben darbiete. — Und wie die Elemente in ungestörter Wirkung das Leben er¬ zeugen, tragen, nähren und vollenden, so bereite sich im Genuß einer ungestörten Entwickelung abermal ein Ele¬ ment, in dem das Ideal des Geistes blühen, gedeihen und sich vollenden könne. — Und dann sagtest Du, ich solle mich doch weiß kleiden der Natur zu Lieb, die rund um uns her so herrliche Blumen aufsprieße, dabei ein Kleid tragen zu wollen mit gedruckten Blumen, das sei geschmacklos und man müsse im Einklang leben wollen mit der Natur, sonst könne die Knospe des Menschen¬ geistes nicht aufblühen. — Ich dachte ein Weilchen über Deine Reden, so waren wir beide still' — die Antwort war an mir — ich getraute mich gar nicht, Du kamst mir so weisheitsvoll vor, es schien mir Dein Denken wirklich mit der Natur übereinzustimmen, und Dein Geist rage über die Menschen hinaus, wie die Wipfel voll duftiger Blüthen im Sonnenschein, im Regen und Wind, Nacht und Tag immer fort streben in die Lüfte. Ja Du kamst mir vor wie ein hoher Baum von den Naturgeistern bewohnt und genährt. Und wie ich meine Stimme hörte, die Dir antworten wollte, da schämte ich mich als sei ihr Ton nicht edel genug für Dich. — Ich konnts nicht heraussagen, Du wolltst mir helfen und sagtest, „der Geist strömt in die Empfindung, und die geht aus allem hervor was die Natur erzeugt, der Mensch habe Ehrfurcht vor der Natur, weil sie die Mutter ist die den Geist nährt mit dem, was sie ihm zu empfinden giebt.“ — Wie sehr hab ich an Dich ge¬ dacht, und Deine Worte, und an Deine schwarzen Au¬ genwimpern die Dein blau Aug decken, wie ich Dich gesehen hatt zum allererstenmal, und Dein freundlich Mienenspiel und Deine Hand, die mein Haar streichelte. Ich schrieb auf: Heut hab ich die Günderode gesehen, es war ein Geschenk von Gott, — Heut lese ich das wieder, und ich möcht Dir alles zu Lieb thun, und sags mirs lieber nicht, wenn Du mit andern Menschen auch gut bist. Das heißt: sei mit andern was Du willst, nur laß das uns nichts angehen. Wir müssen uns mit einan¬ der abschließen, in der Natur, da müssen wir Hand in Hand gehen und mit einander sprechen nicht von Din¬ gen, sondern eine große Sprache. Mit dem Lernen wirds nichts, ich kanns nicht brauchen, was soll ich ler¬ nen was andere schon wissen, das geht ja doch nicht verloren, aber das was grad nur uns zu Lieb geschieht, das möcht ich nicht versäumen mit Dir auch zu erleben, und dann möcht ich auch mit Dir all das überflüssige Weltzeugs abstreifen, denn eigentlich ist doch nur alles comme il faut eine himmelschreiende Ungerechtigkeit ge¬ gen die große Stimme der Poesie in uns, die weist die Seele auf alles Rechte an. Einmal ist mir die Höflich¬ keit zuwider die sich immer neigt vor andern und doch keinen Verkehr mit einem hat, als ob das unhöflich wär, dem auszuweichen der einem nichts angeht; — wär die Natur so verkehrt, so intrigant und unsinnig wie die Menschen sind, es könnte kein Erdapfel reifen, viel weniger denn ein Baum blühen, alles ist die reine Folge der Großmuth in der Natur, jede Kornähre die den Samen doppelt spendet, giebt Zeugniß. Engherzig¬ keit wird nimmer ihren Samen spalten zum Licht, sie verkeimt. Jetzt fang ich an zu fühlen zu was ich da bin. Alle Morgen bet ich wenn ich aufwache: „Lieber Gott, warum bin ich geboren,“ und jetzt weiß ichs, — darum daß ich nicht so unsinnig sein soll wie die an¬ dern sind, daß ich den reinen Pfad wandle in meinem Herzen bezeichnet, für was hätt ihn der Finger Gottes mir eingeprägt und meine fünf Sinne in die Schule ge¬ nommen, daß ein jeder ihn buchstabiren lerne, wenn es nicht wär diesen Weg zu bekennen. — Ja man muß dem Menschen Weisheit zumuthen und sie ihm als den einfachen Weg der Natur vorschreiben, aber das Ver¬ läugnen eines großen mächtigen Weltsinnes in uns, ist immer Folge unseres Sittenlebens mit andern, das hängt sich einem an, daß man keinen freien Athemzug mehr thun kann, nicht groß denken, nicht groß fühlen aus lauter Höflichkeit und Sittlichkeit. Groß handlen, das dank einem der Teufel, das müßte von selbst ge¬ schehen wenn alles natürlich im Leben zuging. Es ist eine Schande, was die Menschen alles mit dem Namen Großmuth belegen, als ob nicht ein rasches selbstthätiges Leben, immer das als elektrisches Feuer ausströmen müsse was man große Handlung nennt. — Das mühselige Menschengeschlecht plappert wie die Elstern, es versteht nicht das Stöhnen der Liebe, das muß ich sagen weil die Nachtigallen so süß stöh¬ nen über mir. Vier Nachtigallen sinds, auch im vori¬ gen Jahr warens Vier. Ja lieben werd ich wohl nie, ich müßt mich vor den Nachtigallen schämen daß ichs nicht könnt wie die. — Wie hauchen sie doch ihre Seel in die Kunst der Wollust, in die Musik — und in ei¬ nen Ton hinein, so rein, so unschuldig — so wahr und tief— was keine Menschenseele weder durch die Stimme noch durch das Instrument hervorbringen kann. War¬ um doch der Mensch erst singen lernen muß, während die Nachtigall es so rein, so ganz ohne Fehl versteht tief ins Herz zu singen, ich hab noch gar keinen Ge¬ sang gehört von Menschen, der mich so berührt wie die Nachtigall — eben dacht ich, weil ich ihnen so tief zu¬ hör, ob sie mir wohl auch zuhören wollten, wie sie eine Pause machten, kaum heb ich die Stimm, da schmettern sie alle vier zusammen los, als wollten sie sagen, lasse uns unser Reich. Arien, Operngesänge sind wie lauter falsche Tendenzen der sittlichen Welt, es ist die Decla¬ mation einer falschen Begeisterung. Doch ist der Mensch hingerissen von erhabner Musik, Warum nur, wenn er nicht selbst erhaben ist? — Ja, es ist doch ein geheimer Wille in der Seele groß zu sein. Das er¬ quickt wie Thau, den eignen Genius die Ursprache füh¬ ren zu hören, — Nicht wahr? — O wir möchten auch so sein wie diese Töne, die rasch ihrem Ziele zuschrei¬ ten ohne zu wanken. Da umfassen sie die Fülle, und dann, in jedem Rhythmus ein tief Geheimniß inner¬ licher Gestaltung, aber der Mensch nicht. Gewiß, Melodien sind gottgeschaffne Wesen, die in sich fort¬ leben, jeder Gedanke aus der Seele hervor leben¬ dig, der Mensch erzeugt die Gedanken nicht, sie er¬ zeugen den Menschen. — Ach! Ach! Ach! — da fällt nur ein Lindenblüthchen auf die Nas — und da regnets ein Bischen; was schreib ich doch hier dumm Zeug hin, und kanns kaum mehr lesen, jetzt dämmerts schon stark — wie schön doch die Natur ihren Schleier ausbreitet — so licht, so durchsichtig — jetzt fangen die Pflanzen¬ seelen an umher zu schweifen, und die Orangen im Boskett. Und der Lindenduft — es kommt Well auf Well herüber geströmt — es wird schon dunkel — Nachtigallen werden so eifrig — sie schmettern recht in die Mondstille, — ach wir wollen was recht großes thun — wir wollen nicht umsonst zusammen getroffen haben in dieser Welt — laß uns eine Religion stiften für die Menschheit, bei ders ihr wieder wohl wird — 11** ein Sein mit Gott — dein Mahomet hats mit ein paar Ritt in den Himmel auch zu Wege gebracht. — Ein bischen Spazierenreiten in den Himmel. An die Günderode. Gestern hab ich vergessen Dir zu schreiben, daß ich Dein Gedicht an den Clemens geschickt hab nach Mar¬ burg, ich hab mirs aber erst abgeschrieben, ich wollt Dir auch sagen wie schön ichs find. Aber vor Dank¬ barkeit daß ich Dich als Freundin hab, hab ichs ver¬ säumt. Aber Du siehsts doch im Brief gespiegelt, daß es Dein groß Herz ist, das mich rührt, und daß ich mich unwerth halt Deine Schuriemen zu lösen. — Du wählst Dir einen schönen Gedanken und fügst ihn in Reime zu einem Ehrenmantel für den Clemens, ach was hast Du da für eine schöne Tugend, hebst den Geist heraus aus dem Erdenleben. — Gott schuf die Welt aus Nichts, predigten immer die Nonnen, — da wollt ich immer wissen wie das war — das konnten sie mir nicht sagen und hießen mich schweigen, aber ich ging umher und schaute alle Kräuter an, als müßte ich finden aus was sie geschaffen seien. — Jetzt weiß ichs, er hat sie nicht aus nichts geschaffen, er hat sie aus dem Geist geschaffen, das lern ich vom Dichter, von Dir, Gott ist Poet, — ja — so begreif ich ihn — heut las ich bei der Großmama aus dem Hemstruis vor: der Choi¬ seil sagte, il faut que Dieu ait la figure de l'homme comme il l'a créé d'après son immage , der d'Allaris meinte: C'est fort singulier monsieur de se figurer la figure de Dieu avec un visage humain, comme celui la est fait pour des besoin et des fonctions terrestres au¬ quelles dieu ne doit avoir aucun raport, en raison de sa force et de son grand courage le monde entier de¬ vrait s'en aller en poussière si par exemble le bon Dieu s'amusait une seule foix a eternuer de bon coeur . — Wenn Gott den Menschen nach seinem Ebenbild geschaffen, so begreife ich dies so, Gott hat eine Per¬ sönlichkeit die kann aber er selbst nur fassen, denn er steht sich selbst allein gegenüber, aber als Poet ver¬ schwindet ihm seine Persönlichkeit, sie löst sich auf in die Erfindung seiner Erzeugung. So ist Gott persön¬ lich und auch nicht. Der Dichter stellt dies dar — der ist persönlich und auch nicht, eben ganz nach Gottes Ebenbild, denn er erschafft mit dem Geist was ganz außer dem sinnlichen Dasein liegt, und doch ist es sinn¬ lich da es die Sinne fassen, und sich hierdurch gewiegt fühlen und genährt, und da doch Nahrung der Sinne nur ihre höhere Entwicklung ist, so löst der Dichter, wie Gott, seine Persönlichkeit auf, durch sein Denken in eine höhere Form, und bildet sich selbst in eine höhere Entwicklung hinüber. — Was sag ich Dir da? — Ach ich habs einen Augenblick verstanden was Gott ist, als könnt ichs in den Wolken lesen, und da sah ich am Himmel wie der Mond hervorschwippt, und zerstreut mir die Gedanken, daß ich eben gar nichts mehr lesen kann, alles ist zerflossen, und die Worte da oben, in denen ichs festhalten wollt, die sind verschwommen, ich habs mit andern Worten müssen reden, es ist nicht recht wie ichs gemeint hab. Ja, Gott läßt sich nicht fangen, ich dacht ich hätt ihn schon. — Aber das eine hab ich behalten, daß Gott die Poesie ist, daß der Mensch nach seinem Ebenbild geschaffen ist, daß er also geborner Dichter ist, daß aber alle berufen sind und wenige auserwählt, das muß ich leider an mir sel¬ ber erfahren, aber doch bin ich Dichter, obschon ich kei¬ nen Reim machen kann, ich fühls wenn ich gehe in der freien Luft, im Wald oder an Bergen hinauf, da liegt ein Rhythmus in meiner Seele, nach dem muß ich den¬ ken, und meine Stimmung ändert sich im Takt. — Und denn, wenn ich unter Menschen bin, und lasse mich von ihrem Takt oder Metrum, was ganz auf den gemeinen Gassenhauer geht, mit fortreißen, da fühl ich mich er¬ bärmlich und weiß nichts mehr als lauter dumm Zeug, fühlst Du das auch, daß dumme Menschen einem noch viel dummer machen als sie selber sind, — die haben nicht so unrecht, wenn sie sagen ich sei dumm. Aber Herz was mich versteht komme nur und ich will Dir ein Gastmahl geben was Dich ehrt. — Aber hör doch nur weiter: — Alle große Handlung ist Dichtung, ist Verwandlung der Persönlichkeit in Gottheit, und welche Handlung nicht Dichtung ist, die ist nicht groß, aber groß ist alles was mit dem Licht der Vernunft gefaßt wird — das heißt: alles was Du in seinem wahren Sinn fassest das muß groß sein, und gewiß ist es, daß jeder solcher Gedanke eine Wurzel muß haben die in den Boden der Weisheit gepflanzt ist, und eine Blume die blüht im göttlichen Licht. Hervorgehen aus dem See¬ lengrund, nach Gottes Ebenbild, hinüber, hinauf in un¬ sern Ursprung. Gelt, ich hab recht? — Und wenn es wahr ist, daß der Mensch so sein kann, warum soll er anders sein? — ich begreifs nicht, alle Menschen sind anders als wie es so leicht wär zu sein; — sie hän¬ gen an dem was sie nicht achten sollten, und verachten das an dem sie hängen sollten. Ach ich hab eine Sehnsucht rein zu sein von die¬ sen Fehlen . Ins Bad steigen, und mich abwaschen von allen Verkehrtheiten. Die ganze Welt kommt mir vor wie verrückt, und ich schußbartele immer so mit, und doch ist in mir eine Stimme, die mich besser belehrt. — Lasse uns doch eine Religion stiften, ich und Du, und lasse uns einstweilen Priester und Laie darin sein, ganz im Stillen, und streng danach leben, und ihre Gesetze entwickeln, wie sich ein junger Königssohn entwickelt der einst der größte Herrscher sollt werden der ganzen Welt. — So muß es sein, daß er ein Held sei, und durch seinen Willen alle Gebrechen abweise und die ganze Welt umfasse, und daß sie müsse sich bessern. Ich glaub auch, daß Gott nur hat Königsstämme wer¬ den lassen, damit sie dem Auge, den Menschen so erhaben hinstellen, um ihn nach allen Seiten zu erkennen. Der König hat Macht über alles, also erkennt der Mensch, der seinem öffentlichen Thun zusieht, wie schlecht er es anfängt, oder auch wenn ers gut macht, wie groß er selber sein könne. Dann, steht grade der König so, daß ihm allein gelinge, was kein andrer vermag, ein genia¬ ler Herrscher reißt mit Gewalt sein Volk auf die Stufe, wohin es nie ohne ihn kommen würde. Also müssen wir unsere Religion ganz für den jungen Herrscher bil¬ den, — O wart nur, das hat mich ganz orientirt, jetzt will ich schon fertig werden. Ach ich bitt dich, nehm ein bischen Herzensantheil dran, das macht mich frisch so aus reinem Nichts alles zu erdenken wie Gott, dann bin ich auch Dichter. Ich denke mirs so schön alles mit Dir zu überlegen, wir gehen dann zusammen hier in der Großmama ihren Garten auf und ab, in den herrlichen Sommertagen, oder im Boskett, wos so dunkle Laubgänge giebt, wenn wir simuliren so gehen wir dort hin und entfalten alles im Gespräch, dann schreib ichs Abends alles auf und schick Dirs mit dem Jud in die Stadt, und Du bringst es nachher in eine dichterische Form, damit wenns die Menschen einst fin¬ den, sie um so mehr Ehrfurcht und Glauben dran ha¬ ben, es ist ein schöner Scherz, aber nehms nur nicht für Scherz, es ist mein Ernst denn warum sollten wir nicht zusammen denken über das Wohl und Bedürfniß der Menschheit. Warum haben wir denn so manches zusammen schon bedacht was andere nicht überlegen, als weils der Menschheit fruchten soll, denn alles was als Keim hervortreibt, aus der Erde wie aus dem Geist, von dem steht zu erwarten daß es endlich Frucht bringe, ich wüßte also daher nicht, warum wir nicht mit ziem¬ licher Gewißheit auf eine gute Ernte rechnen könnten, die der Menschheit gedeihen soll. Die Menschheit, die arme Menschheit, sie ist wie ein Irrlicht in einem Netz gefangen, sie ist ganz matt und schlammig. — Ach Gott ich schlaf gar nicht mehr, gute Nacht, alleweil fällt mir ein, unsre Religion muß die Schwebe-Re¬ ligion heißen, das sag ich Dir Morgen. Aber ein Gesetz in unserer Religion muß ich Dir hier gleich zur Beurtheilung vorschlagen, und zwar ein erstes Grundgesetz. Nämlich: Der Mensch soll immer die größte Handlung thun und nie eine andre, und da will ich Dir gleich zuvorkommen und sagen, daß jede Handlung eine größte sein kann und soll. — Ach hör! — ich sehs schon im Geist, wenn wir erst ins Rath¬ schlagen kommen, was wird das für Staubwolken geben. — Wer nit bet, kan nit denken, das laß ich auf eine erdne Schüssel malen und da essen unsre Jünger Suppe draus. — Oder wir könnten auch auf die andre Schüssel malen: Wer nit denkt, lernt nit beten. Der Jud kommt, ich muß ihm eilig unsere Welt¬ umwälzung in den Sack schieben, auch wir werden einst sagen können, was doch Gott für wunderbare Werk¬ zeuge zum Mittel seiner Zwecke macht, wie die alt Nonn in Fritzlar. Siehst Du den St. Clair? — grüß ihn. An die Bettine. Oder am besten können wir sagen: Denken ist Beten , damit ist gleich was gutes ausgerichtet, wir gewinnen Zeit, das Denken mit dem Beten, und das Beten mit dem Denken. Du willst ungereimtes Zeug vorbringen. Du bist ungeheuer listig, und meinst ich soll es reimen. Deine Projekte sind immer ungemein waghalsig, wie eines Seiltänzers, der sich darauf ver¬ läßt, daß er balanciren kann, oder einer der Flügel hat, und weiß, er kann sie ausbreiten, wenn der Wind¬ sturm ihn von der Höhe mit fortnimmt. Übrigens hab ich Dich wohl verstanden, trotz der vielen süßen Lobe, die Du einstreust wie Opfergras, daß ich das Opfer bin was Du geschechtet hast, um mit dem Jud zu reden. Ich fühls, daß Du recht hast, und weiß, daß ich zu furchtsam bin, und kann nicht, was ich inner¬ lich für recht halte, äußerlich gegen die aus der Lüge hergeholten Gründe vertheidigen, ich verstumme und bin beschämt grade wo Andre sich schämen müßten, und das geht so weit in mir, daß ich die Leute um Verzei¬ hung bitte, die mir unrecht gethan haben, aus Furcht sie möchtens merken. So kann ich durchaus nicht ertra¬ gen, daß einer glaube, ich könne Zweifel in ihn setzen, ich lache lieber kindisch zu allem was man mir entgeg¬ net, ich mag nicht dulden, daß die, welche ich doch nicht eines Bessern überzeugen kann, noch den Wahn von mir hegen, ich sei gescheuter als sie. Wenn sich zwei verstehen sollen, dazu gehört lebenvolles Wirken von einem dritten Göttlichen. So nehm ich auch un¬ ser Seyn an, als ein Geschenk von den Göttern, in dem sie selber die vergnüglichste Rolle spielen; aber meine innere Fühlungen, folgelosen Behauptungen aus¬ stellen, dazu leiht mir weder die blauäugige Minerva, noch Areus der Streitbare Dem die Jungfrauen einen Widder opferten, wenn sie öf¬ fentlich einen Wettlauf hielten. Beistand. Ich gebe Dir aber recht, es wäre besser ich könnte mich mann¬ hafter betragen, und dürfte diesen großmächtigen Weltsinn in dem Sittenleben mit andern nicht mir untergehen lassen. Aber was willst Du mit einer so Zaghaften aufstellen, die sich immer noch fürchtet im Stift das Tischgebet laut genug herzusagen. — Lasse mich und vertrage mich wie ich bin, hab ich das Herz nicht meine Stimme zu erheben gegen allen Unsinn, so hab ich auch dafür an diesem harten Fels keine kleinste Welle Deiner brausenden Lebensfluthen sich brechen las¬ sen. Er steht trocken und unbeschäumt von Deinen hei¬ ligen Begeisterungen, so kannst Du auch unbekümmert darum, Dein Leben dahin fließen. — Ich weiß, daß es Dir weh thut, weil wir den Hölderlin nicht besuchten. St. Clair ist gestern abgereist, er war noch vorher bei mir, er sah Deinen dicken Brief, er war so sehnsüchtig etwas daraus zu vernehmen, und die Zaghafte war kühn genug auf ihr richtiges Gefühl hin, ihm die Stelle zu lesen, wo die Bettine über den Oedipus spricht. — Er wollte es abschreiben, er mußte es abschreiben, seine Seele wär sonst vergangen, und die Zaghafte war zu muthlos es ihm abzuschlagen. Er sagte, „ich lese es ihm vor, vielleicht wirkt es wie Balsam auf seine Seele, und wo nicht, so muß es doch so sein, daß die höchste Erregung durch seine Dichternatur erzeugt, auch wie¬ der an ihm verhalle, so wie er verhallte. Ich muß es ihm lesen, es wird doch zum wenigsten ihm ein Lächeln abgewinnen.“ — Nun sieh mich schon wieder voll Zag¬ heit, daß Dir meine Kühnheit mißfalle, aber doch — be¬ trog mich mein Ohr nicht, so war jener Hymnus auf dem Taubenschlag dem armen Dichter gesungen, daß er solle dort mit in sein zerrissnes Saitenspiel ein¬ tönen. Ich hab jetzt so viele Gesellschaftsnoth, ich muß diese Woche schon zum zweitenmal in den schwarzen Stiftstalar kriechen, auch dahinein verfolgt mich meine närrische Feigheit, ich komme mir so fremd drinn vor, es ist mir so ungewöhnlich eine angelehnte Würde öf¬ fentlich zu behaupten, daß ich immer den Kopf hängen muß und muß auf die Seite sehen, wenn ich angeredet werde. Gestern haben wir in Corpore beim Primas zu Mittag gespeist, da verlor ich mein Ordenskreuz, es lag unterm Stuhl, ich fühlte es mit der Fußspitze, das machte mich so confus, und denk nur der Primas selbst hat es aufgehoben, und bat um Erlaubniß es anzuheften auf die Schulter, dazu kam unsere Duenna und nahm die Mühe auf sich, Gott sei Dank, — ich konnte doch die ganze Nacht nicht vor der Geschichte schlafen, ich muß roth werden, wenn ich dran denke, — dann war ich bei der Haiden — der Moritz im Cabriolet ist mir begeg¬ net, von da in der Comödie in Eurer Loge, George führte mich hinein. Die Geschwister. — Es war sehr leer wegen der Hitze, George war fortgegangen, die Frau Ruth saß ganz allein auf meiner Seite, sie rief aufs Theater: „Herr Verdy spielen Sie nur tüchtig, Ich bin da“, es machte mich recht verlegen, hätte er geantwortet, so wär ein Gespräch draus geworden, indem ich am Ende noch eine Rolle hätte übernehmen müssen. — Im Parterre saßen keine funfzig Menschen. Verdy spielte recht gut und die Rath klatschte bei jeder Scene, daß es widerhallte, Verdy verbeugte sich tief gegen sie, es war gar wunderlich, das leere Haus und die offnen Logenthüren wegen der Hitze, durch die der Tag herein¬ schien, dann kam Zugwind und spielte mit den lumpig¬ ten Decorationen, da rief die Goethe dem Verdy zu, „Ah das Windchen ist herrlich“ und fächelte sich, es war doch grad als spiele sie mit, und die Zwei auf dem Theater, so gut als wären sie allein in vertraulich häus¬ lichem Gespräch, dabei mußt ich an den größten Dichter denken, der nicht verschmähte so prunklos seine tiefe Na¬ tur auszusprechen. — Ja Du magst recht haben, es ist was Großes darin, und es ist schauerlich, und daher tra¬ gisch gewesen diese Leere, diese Stille, die offnen Thüren, die einzige Mutter voll Ergötzen als habe ihr der Sohn den Thron gebaut, auf dem sie weit erhaben über den Erdenstaub sich die Huldigung der Kunst gefallen läßt. — Sie spielten auch recht brav, ja begeistert, blos wegen der Fr. Rath, sie weiß einem in Respekt zu setzen. Sie schrie auch am Ende ganz laut, sie bedanke sich und wolle es ihrem Sohn schreiben. Darüber fing eine Un¬ terhaltung an, wobei das Publicum eben so aufmerk¬ sam war, die ich aber nicht mit anhörte, weil ich ab¬ geholt wurde. Morgen wird sie wohl in der ganzen Stadt herumkommen. Ich bin nicht wohl, sonst wär ich heut hinausge¬ kommen — so sehr interressirt mich Dein Brief, Du hängst Dich an die Gipfel der Lebenshöhen, wie das junge Gefieder, und siehst Dich gleich um, wie am be¬ sten nach der Sonne zu steuern sei, dann zerstreuest Du Dich eben so leicht wieder. Wenn ich wohl bin, so komme ich die Woche noch, ich glaube die Angst vor dem Aderlassen macht mich krank, ich kann mich nicht drein finden, wenn ich denk daß ich Blut vergießen soll so wird mir übel. — Schreibe mir doch heute noch von der Schwebe-Religion was das heißen soll, daß ich was zu denken und zu faslen hab, weil ich nichts anfangen kann und das Zimmer hüten muß. Caroline. An die Günderode. Ach lasse doch ja nicht zur Ader, aus tausend Grün¬ den, denn (vielleicht): wenn einer nur einmal zur Ader gelassen hat, so kann er kein Soldat mehr sein, kein Held! man kann gar nicht wissen was so ein Eingriff in die Natur für Verändrung im menschlichen Geist macht, und wozu er als die Fähigkeit verlieren kann. Ich bitte Dich, lasse nicht zur Ader, im Kloster, da, wenn der Tag kam wo das Aderlaßmännchen im Ka¬ lender steht, ich glaub es war grad in der heißen Zeit wie jetzt, da ließen die Nonnen alle am linken Fuß zur Ader, da kam ein Chirurg, ich war immer im Anstau¬ nen seiner Häßlichkeit verloren, er hieß Herr Has. — Eine alte Nonne sagte einmal, man könne in seine Pok¬ kengruben, in denen sehr viel erdiger Schmutz war, Kresse säen, so würde er einen grünen Bart bekommen, ich hielt also immer Kresse bereit und paßte auf die Gele¬ genheit ihm den Samen einzustreuen, und habe auch einen Augenblick wo er über dem Warten auf die Non¬ nen eingeschlafen war, benutzt, und Du magsts glauben oder nicht, die Kresse hatte einen sehr günstigen Boden, sie begann mit Macht emporzuschießen, man brauchte ihn nur mit Essig und Öl einzuseifen, so hatte man den trefflichsten Salat von seinem Bartschabsel. Aber gelt Du gläubest nicht? — Aber hör, da fällt mir ein, esse doch eine recht tüchtige Schüssel voll Salat, das kühlt das Blut ab, aber wenn Du bei einer Entzündung noch Blut verlierst, so wird natürlich diese verstärkt, denn wenn Du ein Dippen mit Wasser kochend hast, und schüttst einen Theil davon weg, so kochts viel stär¬ ker. — Die Hahnen krähen es ist schon nach Mitter¬ nacht, und nun will ich Dir fortschreiben bis morgen früh, daß Du recht viel zu lesen hast auf Deinem Kran¬ kenlagerchen, gleich fang ich von der neu Religion an, aber erst will ich Dir noch was erzählen, wie der Jud kam mit Deinem Brief, das war vier Uhr, da dacht ich auf was, was Dir recht gut wär, da dacht ich gleich die Aprikosen in der Großmama ihrem Garten müßten Dir gesund sein, da ging ich um die Bäum herum und erspähte die besten, und lernte sie alle auswendig wo sie hingen, und so spazierte ich in einem Wiederholen meiner Lection, bis die Sonne unterging, denn bei Tag konnt ich sie nicht stehlen, ich mußte warten bis alles am Spieltisch saß, es war Dir das schönste Plaisir, diese Aprikosen zu stehlen, erstens die Angst ist ein wah¬ rer Spaß, das Herz klopfte mir so, ich mußte so lachen vor vor Freud; Herzklopfen ist so was angenehmes, und denn wars grad als ließen sie sich recht gern stehlen, sie fielen mir in die Hand, ich hatte mir ein Tuch um den Hals gebunden da warf ich sie hinein, zwanzig! — ich war recht froh wie ich sie all hatte, und glücklich auf meiner Stube war, da hab ich sie alle in die jungen Weinblätter gepackt, die sind vom zweiten Schuß und haben einen so weichen Sammt auf der linken Seite. Da liegen sie in der Schachtel und gucken mich an als hätten sie Appetit auf einen Biß von meinem Mund, aber da wird nichts draus, sie sind all für Dich, sie müssen sichs vergehn lassen von mir gespeist zu wer¬ den. Esse sie Günderod, sie sind gut, Gott hat sie ge¬ schaffen für Entzündungen, damit die aus dem Blut wieder in den Geist zurückgehen soll, aus dem sie ei¬ gentlich nur ausgetreten war ins Blut. Laß nur nicht zur Ader, denn wie gesagt, es ahnt mir, daß dadurch etwas im Menschen zu Grunde gehen könne, vielleicht das echte Heldenthum; wer weiß, ob nicht einer, der einmal Ader gelassen hat, hierdurch nicht seine ganze Nachkommen um die Tapferkeit gebracht hat, und daß diese Tugend eben darum jetzt so rar ist. — Das Ader¬ laßmännchen ist der Teufel, der hat sich so ganz sachte in den Kalender geschlichen, um die Menschen um das 12 einzige zu betrügen was ihm Widerstand leisten kann, um den Stahl im Blut, der übergeht in den Geist, und den fest macht daß er thun kann was er will. Weis¬ heit und Tapferkeit! der Mensch will immer die Weis¬ heit, er hat aber den Muth nicht sie durchzusetzen. Eins bedingt das Andere, denn wenn der Muth dazu wäre, so wär auch die Weisheit da. Denn es ist nicht möglich, daß wenn Kraft in der Seele ist das Höchste zu thun, daß in ihr nicht auch der Same der Weisheit aufblühen sollte, der das höchste Thun lehrt. Wer zum Beispiel Muth hat das Geld zu verachten, der wird bald auch Weisheit haben zu erkennen welch fürchterlicher Wahnsinn aus diesem grausamen Vorur¬ theil hervorschießt, und wie Reichthum und Macht so sehr sehr arm sind. Weisheit und Tapferkeit müssen einander unterstützen. Ach in unserer Religion soll die Tapfer¬ keit obenan stehen, — denn wenn wir nur darüber wa¬ chen daß wir kühn genug sind das Große zu thun und die Vorurtheile nicht zu achten, so wird aus jeder That immer eine höhere Erkenntniß steigen die uns zur nächsten That vorbereitet, und wir werden bald Dinge beweisen die kein Mensch noch glaubt. Zum Beispiel man kann nicht von der Luft leben! — Ei das könnt doch sehr möglich sein, und es ist eine sehr dumme Behaup¬ tung, die der Teufel gemacht hat um den Menschen an die Sclavenkette zu legen des Erwerbs, daß man nicht von der Luft leben könne, daß er nur recht viel habe. Wer viel hat der kann vor lauter Arbeit nicht zur Hoch¬ zeit kommen; und von der Luft lebt man doch allein, denn alles was uns nährt ist durch die Luft genährt und auch unsere erste Bedingung zum Leben ist das Athemholen. Und Gott sagt damit: du theilst die Luft mit allen so theile auch das Leben mit allen, und wer weiß denn wie sehr die Natur sich noch ändern kann, und kann sich dem Geist anschmiegen, wenn der einmal die Seele mehr regiert, ob dann der Leib nicht auch mehr Luft bedarf und weniger andere Nahrung. Alle al¬ berne Gedanken, Begierden und verkehrte Einbildungen die machen so hungrig nach thierischer Nahrung, ich weiß an mir daß wenn mir etwas durch den Geist fährt dem ich nachgehen muß, aus Ahnung daß es Lebensluft enthalte, so hab ich gar keinen Hunger, und die Fran¬ zosen, wenn sie witzig sind, so haben sie immer auf was petillantes oder gewürztes Appetit, es käme also sehr auf den Geist an, daß wir am End gern von der Luft leben. — Und unser Tischgebet soll heißen: Herr ich esse im Vertrauen, daß es mich nähre, und die alten Küchenzettel und Bratspieß und Backgeschichten all dem 12* Teufel in die Garküch geschmissen, daß er den Hals drüber bricht, wir haben keine Zeit uns dabei aufzu¬ halten, geh zum Nachbar und nehm Brod von ihm und nehme die Frucht vom Baum dazu, und vom Opfer¬ mal ein Weniges, und dulde nicht, daß sich Bedürfnisse des Mahls bei Dir einnisten, zu dieser oder jener Stunde; oder sonst Dinge, die den Leib abhängig machen. Da fällt mir noch etwas ein, mit dem verdammten Zugwind, oder mit der Nachtluft, alle Augenblick heißts, „hier ziehts!“ — und dann reißen die Leute aus als ob ihnen der Tod im Nacken säß, oder der Nachtwind hindert sie die nächtliche Natur zu genießen, oder der Abendthau ist ihnen gefährlich, und doch — hat man je bei einem Ge¬ fecht in der Schlacht gesehen daß ein Held vor dem Nachtthau ausreiße? — also auch, über die Verkältung hin¬ weg im Nachtwind wie im Sonnenschein sein eigner Herr bleiben, das muß ein Gesetz unserer schwebenden Religion sein. — Ich weiß nicht, es duftet mir ordentlich im Geist, als würden wir auf sehr wunderbare Entdeckungen kom¬ men. Jetzt haben wir schon entdeckt, daß man nicht Aderlassen muß, damit der Stahl im Blute nicht abge¬ lassen werde der die Begeisterung der Tapferkeit erzeugt, — da könnte einer sagen durch eine Wunde im Krieg könne denn auch dieser Geist des Stahls entfliehen, so daß ein Tapferer könne zu einem Feigen werden, — dem ist aber nicht so, denn bei einer Wunde die in der Be¬ geistrung selbst empfangen wird, da haucht das Blut selbst Unsterblichkeit aus. Wenn nämlich die Tugend (die Tapferkeit) wach ist in dem Menschen, das heißt: wenn der Genius in sein Blut gestiegen ist und kämpft, und er geht auf die Wunde los die er empfangen soll, da ist die Kühnheit so Herr, daß keine sclavische Ent¬ weichung stattfinden könne, denn dann ist grad aller Stahl im Blut in den Geist übergegangen, — denn wie Gott immerdar in jedem Hauch erzeugt weil er ganz Weisheit ist, so erzeugt auch das Genie weil es mit Gottes elektrischer Kette verbunden ist, ewig seine Schläge empfängt und wieder einschlägt ins Blut. — Ich bitte Dich, wie willst Du denn die elektrische Kraft erklären, anders, als daß durch Gottes Geist die Natur zuckt und bis ins Blut geht, wo sie im Menschen wieder den Weg in die Begeistrung findet, weil der Geist hat. — Und siehe da! — die Kraft empfängt den Blitzstrahl, und so erzeu¬ gen Weisheit und Tapferkeit sich in einander. — Was hab ich im vorigen Brief gesagt: — Gott sei die Poesie, und heute, daß er die Weisheit ist, — das ist schon eine alte Geschichte, das haben glaub ich die Kirchenväter herausgestellt, und haben deswegen großen Respekt vor Gott, aber heute haben wir herausgekriegt, daß Gott die große elektrische Kraft ist die durch die Natur fährt und ins Blut des Menschen, und von da sich als Ge¬ nius in den Geist des Menschen hinüber bildet. Der Ge¬ nius steigt aus dem Stahl auf im Blut, und dort dringt er auch wieder ein, wenn er wirkend ist in den Sinnen. Wer keinen Stahl im Blut hat kann auf die Weise Gott nicht empfangen. Es ist schon drei Uhr, wenn ich so fortschreib, ich glaub ich brächt allerlei kuriose Sachen heraus, die mich selbst verwundern. — Ich wittre schon den Tag, mein Licht brennt ganz nüchtern. Ich sollt schlafen gehen, aber ich will Dir doch für einen ganzen Tag zu denken geben weil Du allein bist. — Aber jetzt muß ich erst von der Religion abspringen und Dir was dazwischen erzählen. — Du schreibst, der Moritz hat Dich im Kabriolet begegnet, ich bedanke mich, aber ich hab grad auf vierzehn Tag wo ich noch hier bin ein Gelübd gethan, und kann also Deiner Mahnung kein Gehör geben, sags ihm wenn Du ihn siehst. — Der Bernhards Gärtner ist ein junger schlanker Mann, er hat eine feingebogne Nase, blaue Augen, schwarze Wim¬ pern, schwarze Haare und hat eine sanfte Stimme — zum wenigsten gegen mich, denn wie er letzt den Hund wollt zurückhalten der mich anbellte, da hatte er eine sehr kräftige Stimme. — Dem Moritz wird das wun¬ derlich vorkommen, aber mir ist es keine Scheidewand, weil er von der gebildeten Klasse übersehen wird. Ein Mensch von Race müßte seine Race auch unter der Sclaventracht wittern, aber das ist die Unechtheit des Adels, denn gewiß ist daß das echte Blut zerstreut ist in der Welt und viel ungestempelt herumläuft, und doch will man nur das gelten lassen was gestempelt ist, aber das sag ich Dir, ich halte alle Menschen für unadelich die ihre Race nicht erkennen auch im Kittel. — Der Gärtner also, der mir immer Arbeit giebt Morgens früh, Du weißt, — ich hab ihm die abgeblühten Federnelken von den Rabatten geschnitten, ich hab die Erdbeeren umge¬ setzt, ich hab die Reben ausgelaubt, ich hab das Geis¬ blatt binden helfen, ich hab die Pfirsich spaliert, ich hab die Nelken gestengelt, ich hab die Melonenräuber aus¬ gebrochen, und noch mancherlei anders hab ich immer Morgens früh thun helfen wenn ich in der Früh zum Mainufer lief, weil ich schreiben wollt oder dichten für den Clemens, und es wollt nicht gehn, weil mir nichts einfiel, weil die Natur zu groß ist, als daß man in ih¬ rer Gegenwart sich erlaubte zu denken, da hab ich denn mit dem Gärtner lieber Erbsen gepflückt, als auf der Lauer nach großen Gedanken — da hat mir der Gärt¬ ner als immer einen Strauß verehrt, erst recht schön voll, und seltne Blumen, dann weniger und einfacher, ich denk weil ich alle Tag kam es wär ihm zu viel, aber zuletzt — es war grad am Tag wo ich Zuckererb¬ sen brach, da gab er mir blos eine Rose und — — — Morgens. Da hab ich so nachgedacht und bin drüber einge¬ schlafen. Die Rose hab ich mit ins Bett genommen. — Was soll sie im Glas langsam welken — überall sollt man ein Heiligthum der Natur mit herumtragen, das frei macht vom Bösen, wer kann in Gegenwart einer Rose nicht mit edlen Gedanken erfüllt sein, ich habs lieb das Röschen mit dem ich geschlafen hab, — es war matt, nun hab ichs ins Wasser gestellt, es erholt sich. — Ich bin so dumm, ich schreib so einfältig Zeug — der arme Gärtner. — An die Günderode. Der Jud kommt heut um fünf Uhr und sagt er hatt den Brief heut Morgen im Stift abgegeben und hat nichts von Dir gehört, der ungeheure Esel mußte heute wie ein Windspiel herumlaufen, er hätt müssen Paradiesäpfel zum Lauberhüttenfest einkaufen, da hätt er nicht warten können, der Kerl sah so närrisch aus, aus seinem Sack guckten lange Palmzweige über seinen Kopf, mit der einen Hand hielt er seinen langen Bart fest, mit der andern stellt er seinen langen Stab weit von sich und schwört immer bei seinem Bart, und keuchte unter der Last; ich ließ ihn eine Weile stehen, so gut gefiels mir ihn anzusehen, ein Bild, wers verstünd zu malen. Diesmal haben also meine Religionsdepeschen wegen der Lauberhüttenangelegenheit nicht können be¬ fördert werden; — wenn Du nur gesund bist, wie¬ der. — Heut Abend mußt ich mit der Großmama spazieren gehen, am Kanal im Mondschein. Sie er¬ zählte mir aus ihrer Jugendzeit, wie sie noch mit dem Großpapa in Warthausen beim alten Stadion wohnte, und wie der den Großpapa weit lieber gehabt als die andern Söhne, und wie der ihn erzogen hat, gar wun¬ 12** derlich mit großer Sorgfalt, er ließ ihn als Jüngling von nicht achtzehn Jahren schon eine große und aus¬ gebreitete politische Correspondenz führen, er gab ihm Briefe von Kaiser und König, von allen Reichsverwesern und Staatsbeamten aller Art zu beantworten, es kamen Verhandlungen über alle mögliche Staatsangelegenhei¬ ten vor, Handel, Schiffahrt, alte Anrechte, neue For¬ derungen, Ländertheilung, Verräthereien, Umtriebe, Ge¬ fangennehmung großer Personen, Mönchs-Sachen, klö¬ sterliche Stiftungen, Geldangelegenheiten, kurz alles, was einem großen Staatsminister obliegt zu untersu¬ chen und zu ordnen, dies alles besprach der Stadion mit ihm, ließ ihm seine Meinung drüber darstellen — Aufsätze darüber machen, dann mit eignem Beifügen von Bemerkungen ließ er diese von ihm ins Reine schreiben, Briefe an verschiedne Potentaten schreiben, namentlich führte er die Correspondenz mit Maria Theresia, zuför¬ derst über Thronbesteigung, über Mitregentschaft ihres Gemals, dann über die leere Schatzkammer, dann über die Heereskraft des Landes, über Mißvergnügen des Volks, über die Ansprüche von Baiern an die östrei¬ chischen Erblande, und wie die Kurfürsten wollten die Erbfolge der Theresia nicht anerkennen, über den Krieg mit Friedrich dem Zweiten, mit England, Anträge um Hülfsgelder; Briefe an einen französischen General Belle-isle, dann ein Briefwechsel mit Karl von Lothrin¬ gen, mit dem Kardinal Fleuri, mit dem östreichischen Feldherrn Fürsten Lobkowitz, dann endlich einen Brief¬ wechsel mit der Marquise de Pompadour, immer im In¬ teresse der Kaiserin, diese letzte Correspondenz war erst ins Galante und endlich ganz ins Zärtliche übergegan¬ gen, es kamen Briefe mit Madrigalen als Antwort worauf der Großpapa im Namen Stadions wieder in französischer Poesie antworten mußte, da habe der Gro߬ papa manche Feder zerkaut, und der Stadion habe ihm gelehrt die Politik mit einfließen zu lassen, und hat Anspielungen machen müssen auf Reize, auf blonde und braune Locken, — und dem Stadion ists häufig nicht zärtlich genug gewesen. Die Antworten sind dann mit großer Freude vom Stadion ihm mitgetheilt worden, besonders wenn sie Empfindlichkeit für des Großpapas Galantrieen hatten spüren lassen, da hat der Stadion so gelacht und ihn angewiesen wie die feinste Delica¬ tesse zu beobachten sei. — Und endlich einmal, als nach der Thronbesteigung der Maria Theresia und ihrer Krö¬ nung als Kaiserin, die Gratulationen abgefertigt waren, an seinem einundzwanzigsten Geburtstage, da schenkte Stadion dem Laroche einen Schreibtisch worin er alle seine Briefe in drei Jahren geschrieben, die er über Land und Meer gegangen wähnte, noch versiegelt wiederge¬ funden, und die Antworten, welche von Stadion selbst erfunden waren und von verschiedenen Secretairen ab¬ geschrieben, dazu, und er sagte ihm daß er ihn so habe zum Staatsmann bilden wollen. Dies hat den Gro߬ papa erst sehr bestürzt gemacht, dann aber ihn tief ge¬ rührt, und hat diese Briefe als ein heilig Merkmal von Stadions großem liebevollem Geist sich aufbewahrt. Die Großmama hat diese Briefe noch alle und will mir sie schenken. — Sie war gesprächisch heut, sie wird alle Tage liebevoller zu mir, sie sagt, mir erzähle sie gern, obschon manches in die Erinnerung zu wecken ihr schwer werde; sie sprach viel von der Mama, von ihrer Anmuth und feinem Herzen, sie sagte: Alles was Ihr Kinder an Schönheit und Geist theilt das hat Eure Mutter in sich vereint; und dann hat sie zu sehr geweint um von ihr weiter zu sprechen, die Thränen erstickten ihre Stimme. — Sie legte die Hand auf meinen Kopf wäh¬ rend sie sprach, und als der Mond hinter den Wolken hervorkam da sagte sie — wie schön Dich der Mond beleuchtet, das wär ein schönes Bild zum malen. — Und ich hatte in demselben Augenblick auch den Gedan¬ ken von der Großmama, es war gar wunderlich wie sie unter einem großen Kastanienbaum mir gegenüber¬ stand, am Kanal, in dem der Mond sich spiegelte, mit ihren großen silberweißen Locken ihr ums Gesicht spie¬ lend, in dem langen schwarzen Grosdetourkleid mit langer Schleppe, noch nach dem früheren Schnitt der in ihrer Jugendzeit Mode war, lange Taille mit einem breiten Gurt. Ei wie fein ist doch die Großmama, alle Menschen sehen gemein aus ihr gegenüber, die Leute werfen ihr vor sie sei empfindsam, das stört mich nicht, im Gegentheil findet es Anklang in nur und obschon ich manchmal über gar zu Seltsames hab mit den andern lachen müssen, so fühl ich doch eine Wahrheit meistens in Allem. — Wenn sie im Garten geht, da biegt sie alle Ranken wo sie gerne hinmöchten, sie kann keine Unordnung leiden, kein verdorbenes Blatt, ich muß ihr alle Tage die absterbenden Blumen ausschneiden, gestern war sie lange bei der Geisblattlaube beschäftigt, und sprach mit jedem Trieb: „Ei kleins Ästele wo willst du hin,“ und da flocht sie alles zart in einander und bands mit rothen Seidenfaden ganz lose zusammen und da darf kein Blatt gedrückt sein, „alles muß fein schnaufen können“ sagte sie — und da brachte ich ihr heute Morgen weiße Bohnenblüthen und rothe, weil ich ihr gestern eine Scene aus ihrem Roman vorgelesen hatte, worin die eine Rolle spielen, sie fand sie auf ihrer Frühstückstasse. Sie ließ sich aus über das frische Rubinroth der Blüthe, hielts gegens Licht und war ergötzt über die Gluth — mir ists lieb wenn sie so schwäzt — ich sagt ihr, sie komme mir vor wie ein Kind, das alles zum erstenmal sehe. — „Was soll ich anders als nur ein Kind werden, sind doch alle Lebenszerstreuungen jetzt entschwunden die dem Kindersinn früher in den Weg traten, so beschreibt das Menschenleben einen Kreis und bezeichnet schon hier daß es auf die Ewigkeit angewie¬ sen ist, sagte sie, jetzt wo mein Leben vollendet so gut als mirs der Himmel hat werden lassen — so viel der schönen Blüthen sind mir abgeblüht, so viel Früchte gereift, jetzt wo das Laub abfällt da bereitet sich der Geist vor auf frische Triebe im nächsten Lebenskreislauf, und da magst Du ganz recht ahnen.“ — Ach Günde¬ rode, ich will auch erst wieder ein Kind werden eh ich sterb, ich will einen Kreis bilden, nicht wie Du willst, recht früh sterben, nein, das will ich nicht, wo ists schö¬ ner als auf der schönen Erde, und dann als Kind, wos am schönsten ist, wieder hinüber wo die Sonne untergeht. Die Großmama erzählte auch noch eine schöne Geschichte die ich dir hierher schreiben will, weil ich sie nicht gern vergessen, möchte, von dem Vater des Stadion, der habe einen Löwen gehabt der sey zahm gewesen, der habe Nachts an seinem Bett geschlafen, da sei er eines Morgens aufgewacht weil ihn der Löwe gar hart an der Hand leckte, da war er von seiner rauhen Zunge bis aufs Blut geleckt, und dem Löwen hat das Blut sehr gut geschmeckt, der Stadion hat sich nicht getraut die Hand zurückzuziehen und hat, mit der andern Hand nach einer geladnen Pistol ge¬ griffen die am Bett hing, und dem Löwen vor dem Kopf abgedrückt. — Und als die Leut auf den Lärm hereingedrungen waren zu ihrem Herrn, da hat der Stadion über dem todten Löwen gelegen und ihn um¬ halst und ihn ganz starr angesehn, und hat einen großen Schrei gethan, „ich hab meinen besten Freund gemordet,“ und da hat er sich mehrere Tage in sein Zimmer eingeschlossen, weil es ihn so sehr gekränkt hatte. — Ach ich hätte dies Thier lieber nicht umgebracht, und hätt auf seine Großmuth gebaut, ob der Löwe mich gefressen hätt, ich glaubs noch nicht, und mir wär lie¬ ber gewesen die Geschicht wär nicht so ausgegangen. — Sie erzählte noch manches von ihm, was seine große Gegenwart des Geistes bewieß, und sprach so weise über diese große Eigenschaft, daß ich ganz versunken war im Zuhören; sie sagte, daß die Menschen als lang sich abmühen was Genie sei, sie kenne kein größeres Genie als in dieser Macht über sich selber, und daß die endlich über alles sich ausbreite, da man alles be¬ herrschen könne wenn man sich selber nicht mit Zaum und Gebiß durchgehe, „wie Du, kleines Mädele“, sagte sie zu mir, „so steil hinansprengst mit den Füßen wie mit dem Geist und der Großmama Schwindel machst“; — und wenn je große Herrscher gewesen, so wären sie durch diese Geisteskraft allein hervorgebildet worden, die sie in einem früheren Leben genöthigt waren zu üben. — Die Großmama glaubt, die Seele, das We¬ sen des Menschen gehe aus einem Geistessamen in ein ander Leben über, dieser Same sei was er wäh¬ rend einem Leben in sich reife, und dann sich durch all¬ mählige Erkenntniß, durch geübtere Fähigkeiten immer in höhere Sphären erzeuge. Dann erzählte sie mir von dem Ahnherrn unseres Großvaters, der im dreißigjähri¬ gen Krieg sei auf dem Schlachtfeld gefunden, bei Dutt¬ lingen, wo die Franzosen eine große Niederlage erlit¬ ten, als Fahnenjunker die Fahne um den Leib gewik¬ kelt, und die Stange durch Brust und Leib gestoßen und eingehauen, und sein Bruder auch todt über ihm gelegen, der hat die Fahne schützen wollen, und mit seinem Leben bezahlt; sie waren in französischen Diensten, das hat der große Cond é gesehen und gesagt: ferme comme une roche , da sie sonst Frank von Frankenstein geheißen, so haben sie jetzt sich ge¬ nannt Laroche, weil der König der Wittwe seines Bruders der auch in jenem Gefecht geblieben, ein Landgut im Elsaß geschenkt hat und ihnen drei Fah¬ nen zu dem Fels ins Wappen gegeben, über diese letzte Geschichte hab ich meine eigne Betrachtungen angestellt, eine so einfache und doch so große Handlung hab ich mir im Geist dargelegt, er war Fahnenjunker dieser Ahne von mir, und haben eine unsterbliche That ge¬ than, beide Brüder, indem sie die Fahne zu der sie ge¬ schworen treu vertheidigten, und ließen ihr Leben dafür, da der Junker die Fahne sich um den Leib gebogen und so den Tod fand, so schützte sie sein Bruder der Wacht¬ meister war, noch im Tod mit seinem Leib, und retteten dem Heer die Fahne des Cond é , daß sie nicht als Siegeszeichen in die Hände des kaiserlichen Tilly komme, obschon sie von Geburt Deutsche waren. — Ein Schwur muß doch Erwecker einer großen Kraft im Menschen sein, und die gewaltiger ist wie das irdische Leben. — Ich glaub, alles was gewaltiger ist wie das irdische Leben, macht den Geist unsterblich. — Ein Schwur ist wohl eine Verpflichtung, eine Gelobung das Zeitliche ans Geistige ans Unsterbliche zu setzen — da hab ichs gefunden was ich mein was der innerste Kern unserer schwebenden Religion sein müßt. — Ein jeder muß ein inneres Heiligthum haben dem er schwört, und wie jener Fahnenjunker sich als Opfer in ihm unsterblich machen — denn Unsterblichkeit muß das Ziel sein, nicht der Himmel, den mag ich denken wie ich will so macht er mir Langeweile, und seine Herrlichkeit und Genuß lockt mich nicht, denn die wird man satt, aber Aufopfe¬ rung und Noth die wird man nicht müde. — Und im Glück, im Genuß wird der Mensch nicht wachsen, in dem will er immer stille stehen. Und was ist denn das wahre das einzige Fünklein Glück was von dem gro¬ ßen Götterheerd herüber sprüht ins Leben? — Das ist Gefühl, daß Bedrängniß das Feuer ans dem Stahl im Blut schlägt, ja das ists allein; — die geheime innerliche Überzeugung der lebendigen Mitwirkung aller Kräfte, daß alles thätig und rasch sei in uns, einzugreifen mit dem Geist, und die eigne irdische Natur wie ihr Besitz¬ thum und Alles dran zu setzen. — Nun wohl, geistige Kraft die die irdische zum eignen Dienst verwendet, die ist das einzige menschliche Glück. — Ja ich glaub Besitz ist nur insofern Glücksgüter zu nennen, als sie uns gegeben sind damit wir sie verläugnen können um der höheren Bedürfnisse der inneren Menschheit willen. — Dies Verläugnen, dies Dahingeben, daß es durch jene Glücksgüter in die Hand gegeben ist, uns über sie hinaus zu schwingen, das deucht mir göttliche Gabe, ach ! ach ! die lassen wir aber fallen; wir lassen die Begeisterung, die im Göttertrank des Glücks unsre Sinne durchrauschen dürfte — und fürchten uns davor, und wenn wir schon lüstern wären, doch deucht es ge¬ fährlich wie ein Gott trunken den Becher in die Weite hinzuschleudern wenn er ausgetrunken ist. — Merks, zu unserer schwebenden Religion gehört das auch daß wir den Wein den Göttern trinken und trunken die Neige mit sammt dem Becher in den Strom der Zeiten schleudern. — So ists, sonst weiß ich nichts was glück¬ lich wär zu preisen als nur Thatenfroh immer Neues schaffen, und nimmer mit Argusaugen Altes bewachen. — Außerdem wüßt ich nichts was mich anfechte, was ich möcht sein oder haben als nur mit meinem Geist durchdringen. — Von mir soll niemand hören ich sei unglücklich, mags gehen wies will, und was mir begeg¬ net im Lebensweg das nehm ich auf mich als seis von Gott mir auferlegt. Merks wieder, das gehört auch noch zu unserer schwebenden Religion — und mein in¬ neres Glück das mach ich mit den Göttern ab. Diese Momente, wo ein Gefühl: Göttertriebe seien in uns wach, dem Stolz das Gefieder aufblättert, daß die Ge¬ danken Respekt vor uns haben, die Gemeinen, — und uns aus dem Weg gehen. Ach das ists — dann steigt man allein auf die Berggipfel und athmet die Lüfte ein im Nachtwind, in denen der Genius uns anhaucht vor Lust und Dank daß er ohne Sünde, ohne Verläugnung wiedergeboren ward in uns; und dann weiht man aufs neue sich ihm und verschwistert sich mit sich selber, al¬ les zu tragen, zu dulden. Nichts ist zu klein was solche große Seelenkräfte in Anspruch nimmt, denn eben diese zu üben ist ja das Große; und versäumen kann man nicht das Höhere um das Geringere, denn eben daß an das Geringe alle Seelenkraft gewendet werde, mit Fürsorge gleich der des Lebenspenders, das ist das wahre Opfer was uns göttlich macht. „Man muß al¬ les dem lieben Gott überlassen“ sagen die guten Chri¬ sten — ja wohl, von ihm nehme ich an was er mir zuerst entgegensendet, wozu die erste Regung meines Geistes mich mahnt, und laß aus dem Zeitenstrom mich dahinschwimmen den er mir geschenkt, und ob ich da früheres versäume oder größeres, das kann ich nicht wissen, und wenns ein Bienchen wär daß ohne meine Hülfe ertrinken müßte so reich ich erst den Zweig ihm sich zu retten, das ist das Fundament von meinem in¬ nerlichen Glück, überhaupt was sollt ich doch um irdisch Glück für Noth haben, es ficht mich nicht an. Soll sich einer glücklich preisen, ich müßt ihn auslachen. — Sagt mir einer dir geschieht nichts, die Tage gehen vorbei, und kannst dein Wirken nicht vereinen mit der Zeit, sie will nichts von dir, und läuft ihren Weg, sie hat taube Ohren im Gebrause aller deren jeder einer für sich sorgend seine Stimme will geltend machen und sich durchfechten. Nun das ist mir nichts. — Ob han¬ delnd oder fühlend, tiefempfindend mit dem Genius um¬ gehen, das ist dasselbe, was ist denn Handlen anders als fühlbar werden das Rechte, und es thun. Handlen ist nur der Buchstabe des Geistes, es ist noch nicht so süße als die heimliche himmlische Schule des Geistes. Wo ich auch hinaus denk, mir deucht nichts glücklicher als im Schatten liegen jener großen Linde unter ihren fallenden Blüthen, und durch ihr rauschend Gezweig dem Geliebten entgegen lauschen, dem heiligen Geist. Der ist mein Geliebter, der kommt und besucht mich jetzt in der heißen Jahreszeit, wenn ich im Boskett lunze, und es regnet Lindenblüthen auf mich mit jedem leisen Lüftchen. Ach er macht kein Wesen von der Weisheit, von Gottesgelahrtheit, von Tugend, von Re¬ ligion. — Ich bin ihm recht wie ich bin, er lacht mich aus wenn ich belehrt sein will und bläst mich an; — da hast du Weisheit, sagt er. — Dann spring ich auf und glüh im Gesicht von seinem Hauch — ich lauf ins Haus, ich denk, wie bin ich doch glücklich! — ich werf mich auf die Erd mit dem Angesicht und küß die Erde. Das ist mein Gebet — wie soll ich ihn umfas¬ sen als blos wenn ich die Erde küß? — Einsam — bin ich nicht — ist der Schatz überall, — die dritte Person in der Gottheit überall; auch im Blumenstrauß vom Gärtner der an meinem Bett steht vom Mond beleuchtet in der Nacht, wenns alles still ist und tief schläft alles, und kein Licht mehr brennt in den Nach¬ barhäusern, da fangen diese bunten Farben das Mond¬ licht auf; — wenn ich den anseh, dann sag ich: „gelt das ist deine Rede zu mir heiliger Geist, dies Farben¬ spiel in den Blumen?“ — das läugnet er nicht daß ich ihn versteh. Dir kann ichs alles sagen denn durch Dich hab ich ihn fassen gelernt, wenn ich Dir gegen¬ über saß und Du lasest mir vor am Morgen was Du am Abend gedichtet hattest, da sah ich mich immer nach Dem um der Dirs wohl vorbuchstabirt hätt, der Klang der riß mich hin, ich ahnte es war der Geist der auch mir begegnet draus wenn ich auf der Höhe steh, und er braußt von Ferne daher, beugt die Wipfel auf und nieder, und kommt näher und näher und fährt grad auf mich zu — umschlingt mich! wer solls sein? — wer kanns wehren? — ich fühl seine Weisheit, seine Liebe ist Rhythmus. — Was ist Rhythmus? — Wi¬ derhall der Gefühle am großen Himmelsbogen, daß es schallt! — zurück! macht sich uns hörbar, was wir fühlten, daß es zärtlich anschlägt ans Ohr der Seele bis tief ins Herz, das ist Rhythmus, das ist der heilige Geist, aus der eignen Gedankenkelter giebt er uns zu trinken, süßen Most, der süße heilige Geist. Am Mittag. Ach Günderode, ich weiß was das ist, die Welt¬ seele, ich hab oft gedacht, was doch so braußt wenn ich ganz allein sitze in der Mittagssonne, denn da ist das Brausen am stärksten: das ist mein Geliebter der unter der Linde mit mir ist und im Abendwind. — Der heilige Geist ist die Weltseele. — Er berührt alles, er weckt von den Todten auf, und hätt ich ihn nicht, so wär alles todt. — Und Leben ist Leben wecken, ich war verwundert als der Geist mirs sagte. — Ich besann mich ob ich Leben wecke oder ob ich todt sei. — Und da fiel mir ein, daß Gott sprach: Es werde , und daß die Sprach Gottes ein Erschaffen sei; — und das wollt ich nachahmen. Ich ging am Mainufer am Abend, ich sah in der Ferne den blauen Taunus, und sah ihn drauf an daß er lebendig solle werden. Wie bald war mein Wille erfüllt! Du hättest sehen sollen und fühlen den Strom lebendigen Athems der herüberwallte von ihm auf mich, wo ich saß. Die Schwalben kamen vorausgeflogen, die Nebel stiegen herab, die Abendstrah¬ len überleuchteten ihn flüchtig und die Wiesen am Ab¬ hang, die Blumengärten alles strömte er hinab aus seinem Thalschooß mir zu, und enthüllte sich vor mir daß der Blick ihn deutlich fassen konnt, wie sah mein Aug gewaltig. — Aha ! — sonst hab ich weiter nichts gedacht, er war mir der langerwartete, innigbekannte Geliebte! — so wandelt sich denn der Geist in alles was ich mit Leben- weckendem Blick anseh. Und keiner wird mir begegnen mich zu lieben, es ist der heilige Geist der aus ihm zu mir spricht. — Ach ja! — ich kann von Glück sagen! — Seelenlauschen! himmlische Grazie! Du trägst mich ins Liebesbett, auf den grünen Rasen. — Was du weckst, das weckt dich wieder, — und was uns weckt, das ist der heilige Geist, der an ferne Gi¬ Gipfel über den Nebeln mir aufstieg, denn weil ich gern mit Augen ihn sehen wollt. — Wie vertiefte sich doch mein Blick in ihn, und merkte nichts vom Abenddun¬ kel und daß er mich im Schleier fing der Nacht und ganz drinn einwickelte. Ja wecke Du das Leben so ists gleich selbstständig und überrumpelt Dich. Und Du gehörst ihm statt das es dein gehöre. — Ich hab aber noch was ganz anders im Schild, das will ich Dir hier sagen: stärker die Gewalt je lebendiger ist sie, drum ist Schönheit der lebendige Geist, denn sie weckt allein Leben, — alles andre weckt den Geist nicht. Ach wie schmachtet doch die Seele nach Schönheit, nach Leben, — die Schönheit ist Lebensnahrung der Seele. Das ganze Unglück ist wenn nicht alles Schönheit um uns ist, da stirbt alles ab, und auch für die Ewigkeit ist alles verloren was nicht Keim der Schönheit ist. Sehnsucht ist Schönheitskeim der sich entfaltet. — Sehnsucht ist inbrünstige Schönheitsliebe. Heute Nachmittag brachte der Büri der Gro߬ mama ein Buch für mich — Schillers Ästetik — ich sollts lesen meinen Geist zu bilden; ich war ganz erschrocken wie er mirs in die Hand gab als könnts mir schaden, ich schleuderts von mir. — meinen Geist 13 bilden! — ich hab keinen Geist, — ich will keinen eig¬ nen Geist; — am Ende könnt ich den heiligen Geist nicht mehr verstehen, — Wer kann mich bilden außer ihm. — Was ist alle Politik gegen den Silberblick der Natur! — Nicht wahr das soll auch ein Hauptprin¬ zip der schwebenden Religion sein daß wir keine Bil¬ dung gestatten, — Das heißt kein angebildet Wesen, jeder soll neugierig sein auf sich selber, und soll sich zu Tage fördern wie aus der Tiefe ein Stück Erz oder ein Quell, die ganze Bildung soll darauf ausgehen daß wir den Geist ans Licht hervorlassen. Mir deucht mit den fünf Sinnen die uns Gott gegeben hat könnten wir alles erreichen ohne dem Witz durch Bildung zu nahe zu kommen. Gebildete Menschen sind die witzlo¬ seste Erscheinung unter der Sonne. Echte Bildung geht hervor aus Übung der Kräfte die in uns liegen, nicht wahr? — Ach könnt ich doch alle Ketten sprengen die uns daran hindern jeder innern Forderung Genüge zu leisten; — denn dadurch allein würden die Sinne in ihre volle Blüthe aufbrechen. — Ich lese eben meinen Brief durch und wundre mich über den Paradegaul von prahlerischen Gedanken der drinn an der Leine im Kreis läuft. — Ein philosophi¬ scher Harttraber, ich fühl mich nicht bequem wenn ich ihn reite, was kommt mir doch so viel in den Kopf was ich selbst gar nicht wissen mag, — könnt ich nur immer von der Himmelsleiter des Übermuths herab un¬ ter die Philister speien. — Gute Nacht — das ist der vierte Tag wo ich nichts von Dir weiß, jetzt wenn Mor¬ gen kein Brief kommt so frag Dich doch selber was ich dann denken soll. — An die Bettine. Gestern Abend kam ich von Hanau, wo ich drei Tage in prosaischen Geschäftsaufträgen verbrachte, Deine zwei Briefe lagen auf meinem Kopfkissen, und einer von Clemens der nach Dir frägt, weil er die ganze Zeit nichts von Dir gehört habe, keine Antwort auf mehrere Briefe. Er meint Du könntest krank sein, hast Du ihm denn gar nicht geschrieben? — versäume doch nicht gleich zu schreiben, er frägt nach Deinen Studien und meint Dein Generalbaß-Eifer von dem Du mit so viel Begeistrung ihm geschrieben, sei wohl auch wieder ins Stocken gerathen. Ich soll Dein faselig Wesen 13* zur Besonnenheit bringen, und schilt mich einen Fa¬ selhans, und klagt mich an ich versäume Dich, ich mache mir selber Vorwürfe und kann doch nach al¬ lem Überlegen zu keinem besseren Resultat kommen als eben Dich ganz Dir selber überlassen. — Der Clemens meint Du habest ein enormes Talent zu jeder Kunst, und es müsse die Steine am Wege erbarmen Dich so dahin schlampen zu lassen, Deine Selbstzufriedenheit hänge davon ab daß Du Dich mit Leib und Seel ein¬ mal dran gebest, es sei der Schlüssel Deines ganzen Lebens. — Ich darf ihm nicht sagen daß Du ein Reli¬ gionsstifter bist, und die ganze Menschheit auf Dich genommen hast, und willst sie lassen von der Luft le¬ ben, und bildungslos dahertappen, und willst nichts Gekochtes mehr essen, von lauter rohen Moorüben und Zwiebel leben, und die Bratspieße alle zum Teufel wer¬ fen, und Dir das ganze Taunusgebirg zur Gesellschaft bitten und daß Deine Religion schweben solle, und daß Du in dem Gärtner einen adeligen Herrn entdeckt hast, das darf ich ihm doch alles nicht sagen. Was soll ich ihm denn sagen? — Da helf mir doch einmal ein bischen drauf. —Der rasche Wechsel von Anregungen in Deinen Briefen würden dem Clemens die Haare zu Berge ste¬ hen machen, und Dein zärtlicher Umgang mit dem hei¬ ligen Geist, wie Du das nennst, den Du gleich einem Jagdhund witterst, das würde ihm unsägliche Sorgen machen. Er frägt mich was Du mir schreibst, denn er wisse, daß ich enorm lange Briefe von Dir bekomme. Wo er das her weiß das ist mir ein Räthsel, ich hab mit Niemand davon gesprochen. Ich mein daß der Cle¬ mens recht hat, denn wenn du auch ein neues Leben ausgefunden hast indem Du mit Dir selber zusammen¬ triffst, wie Du sagst, so mußt Du doch auch füh¬ len: so gut wie in jenen Naturerscheinungen, die Dein Genius, wie Du meinst, benutzt, um zu Dir zu gelan¬ gen, so würde er jede Kunst wohl auch benutzen dazu, wenn Du ihm nur die Pforte öffnen wolltest, aber der Arme! ich glaube Du würdest ihn eher zerquetschen ehe Du ihn da durch ließest. — Was Dich einen Augenblick anregt, wozu sich wirklich Dein Feuer sammelt, das zerstreuest Du mit allem Fleiß wieder, und giebst es den vier Winden preiß. Du kannst nicht läugnen daß die Musik mit allem was Anregung in Dir bedurfte übereinstimmt. Du hast mir selber geschrie¬ ben, Dein eigner Lebensgeist rufe Dir immer zu, eine Geige nimm, und verstärke den Strom der Harmonieen, sonst kannst Du nimmer glücklich werden. Dies wars oder doch was ganz ähnliches, was Du mir vor vier Wochen geschrieben, und daß Du fühlest die Musik sei der Urgeist aller Elemente, und sie allein wecke den Geist im Menschen, und Geist könne nur Musik sein, und was dergleichen prahlerische Gedanken mehr wa¬ ren die wie ich sehe aber gänzlich aus Deinen Kopf verschwunden sind. — Wo ist nun Dein musikalischer Urgeist jetzt hin? — ich will Deinem Lebensweg gar nicht in den Weg treten, aber daß Du dem Geist der Dir auf geheimen Wegen entgegen kommt, den Du so liebst daß Du meinst in allem sei nur Er es den Du je lieben werdest, daß Du dem zu Lieb nicht einmal eine Kunst üben willst, Dich zu nichts anstrengen, kein Buch lesen; nur spazieren gehen, auf Dächer klettern und über die Hecken auf Nebelpfaden umherschweifen, schwe¬ bende Religionen zu erfinden, das ist ein wahrer Jam¬ mer! wie gerne wollte ich alles an Dir versuchen was Clemens als meine Pflicht mir vorhält, aber Du stehst mir ja doch nicht Rede, und haspelst wie ein Schmet¬ terling über Dich selber hinaus. — Wie lang bleibst Du noch draußen. — Die Tonie läßt Dir sagen, sie werde Dich am Mittwoch abholen Abends um halb neun Uhr, auf einen Ball den der Moritz in Nieder¬ rath giebt, sie consultirte mit Marie und Claudine über Deine Kleidung, weil Du keinen Ballanzug in Offenbach hast, eine weiße Krepp-Tunika eine breite blaue Schärpe und blaue Achselschärpe, meinte Clau¬ dine, und was auf den Kopf? — Du trügest nichts auf dem Kopf, meint die Marie — ich will aber doch diesmal Dich auffordern daß Du Dir einen Kranz von Aschenkraut aufsetzest, das muß gar gut stehen, der Moritz will Dir einen Strauß schicken. Heut ha¬ ben wir Samstag, am Mittwoch also wenn Du nicht abschreibst. An die Günderode. Ich schreib nicht den Ball ab, ich freu mich recht drauf, ich bin jetzt schon vier Wochen recht vergnügt hier, und will auch durchaus noch bei der Großmama bleiben bis die Tante aus dem Bad kömmt, wir haben uns gar sehr ineinander gewöhnt die Großmama und ich, ich hab sie um Erlaubniß gefragt ob es ihr nicht unlieb sei wenn ich auf den Ball gehe. Sie sagt nein gut Mäuschen, hast lang genug hier ausgehalten, wann kommst Du wieder? — Denn Du wirst doch wohl den andern Tag in Fr. bleiben? — ich sagte ich wolle noch in der Nacht wieder herauskommen, denn ich sah ihr an das sie fürchtete ich möchte in der Stadt bleiben, und das könnt leicht kommen: daß die Brü¬ der mich dann nicht wieder herauslassen, und ich will doch nicht eher fort bis die Großmama selber will und nicht mehr allein ist, richte es also mit Tonie und Ma¬ rie so ein daß die zusammen fahren und ich mit dem George seinem Gick herausfahren kann, denn ich fürcht mich nicht vor der Nachtluft, das weißt Du ja daß das ein Gesetz ist in unserer schwebenden Religion. — Und Dein fürchterlich Gebrummel, davor fürcht ich mich gar nicht, denn ich weiß doch daß es Dir grad so ge¬ fällt, und mach dem Clemens weis was Du willst aber sag ihm nichts wieder aus meinen Briefen; wers ihm gesagt hat daß ich Dir so lange Briefe schreib, das war der St. Clair, dem hast Du ein Stück aus meinem längsten Brief gezeigt und abgeschrieben, wenn er ihm nur nicht auch vom Inhalt gesprochen oder ihm gar mitgetheilt hat, dann weiß ich gewiß daß mich der Clemens lang ansehen wird, und wird mit Fragen hin¬ ten herum kommen, ich weiß gewiß er wird allerlei Ku¬ riosigkeiten fragen, und so lang über mich hinausfah¬ ren ins Kreuz mit Segensprüchen, um mich von der Behexung los zu machen. Wie ich Dir sag, mit dem Clemens führ ich ein ganz ander Leben, es ist ein an¬ der Register das da aufgezogen ist wenn ich an ihn schreib, es hat gar denselben Ton nicht wie mit Dir. Es ist noch nicht aus mit der Musik, es sind noch keine erstarrten Grillen. Ich bin aufrichtig, und die einzige Tugend der Wahrheit geht durch mein Nerven¬ system, alles ist in ihr aneinander gereiht wies mensch¬ liche häusliche Leben in meinem Geist. Wenn ich Dir den großen Einfluß den die Musik auf mich hat zu verschiedenenmalen mitgetheilt hab, so kannst du den¬ ken daß ich dabei nicht stehen blieb, allein wenn man Wege betritt die noch zu keinem Ziel geführt haben, wo alles noch wüste ist, noch keine Lösung hat, noch selber mir nicht einleuchtet, was kann ich da viel spre¬ chen. — Die Bekanntschaft mit dem innern Leben ei¬ ner Musik wird von den Virtuosen ganz auf eine Weise gemacht die bloß auf Auseinandersetzung ih¬ rer einzelnen Theile geht, und sie wissen sich recht viel mit ihrer gelehrten Unterhaltung darüber; sie wirbelt mir 13** auch nicht, wie ein blauer Dunst durch den Kopf, — mir geht noch zugleich ein romantisch oder geistig Bild da¬ bei auf, das eine giebt mir Stimmungen, das andre wohl Offenbarungen, — erst gestern wurde im Bosket unter verschiedener neuer Musik die mich gar nicht anregte, eine Symphonie aufgeführt von Friedrich dem Zweiten. Gleich vorne steigt er mit klirrenden Sporen in Steifstie¬ feln muthig auf, von allen Seiten her tönts ihm wieder er müsse keck über die schüchterne Menschheit weggalo¬ piren, und bald macht er sich kein Gewissen mehr draus; nur die einzige Muse, die Tonkunst, tritt ihm fest ent¬ gegen, sein Roß hat ihn in die einsamste Öde getra¬ gen, fern von den Menschen die er wie eine Koppel Hunde mit einem Pfiff lenkt. Hier sinkt er vor der einzig Übermächtigen nieder, hier bekennt er die weite Leere seines Gemüths, hier will er Balsam auf alle Wunden gelegt haben, ungeduldig und zärtlich, de¬ muthsvoll küßt er die Spuren ihres Wandels, und mit Vertrauen beugt das gekrönte Haupt sich unter ihrem Segen. — Gereinigt, getröstet, wie wenn nichts gesche¬ hen wär mit ihm, kehrt er aus diesem Flöten-Adagio wieder zu den Seinigen in das brillante Geklirre der Violinen und Hoboen zurück. — Ich aber spürs was die Kunst für Weisheit übt. Wo keine Hand hinreicht, wo keine Lippe sich öffnet, kein Gedanke sich hinwagt, da tritt sie als Priesterin auf, und das Herz bricht vor ihr, legt flehend seine Bekenntnisse dar, will jedes Fehls sich zeihen, will ganz im Busen ihr aufgenommen sein. Ja Musik — sie schrotet Gold und Stahl, kein Helm sitzt so fest auf dem Haupt, und kein Harnisch auf der Brust, sie dringt durch, und es gelobet sich Ihr der König wie der Vasall. Wie aber ists mit der Symphonie von Beethoven die gleich drauf folgte? — Willst Du mit hinüber un¬ ter jenes Ölwalds gleiche Stämme mit Laub wie Sammt, schwimmend im Wind der Wellen schlägt in ihren grünen Schleiern, und sanft auf flockigem Rasen den einsam lautlosen Tritt Dir umflüstert! — Komm! — schau die Sonne im Feuerpanzer ihre Pfeilstrahlen vom Bogen strömend ins ewige Blau. — Bald vom Wechsel der Wogen getragen schwankt unter Dir das unendliche Meer. Der Wind fährt daher zwischen thür¬ menden Wellen — bahnt Weg silbernen Göttern die aufrauschend, sich umschlingen mit Dir nach himmlischen Rhythmen Dir aus der Brust geboren. So nah ist alles verwandt Dir. — Doch ohne End wechselnd dies Meer, fährt es dahin, in seiner Launen-Verzückung durchschlüpft Färbung auf Färbung sein Wellenspiel, fesselt Dein Schauen — durchdringt Deine Sinne, schmach¬ tend und dann feurig, lächlend, weinend, blendend und verhüllt wieder — so rasch vorüber streifts wie von ge¬ liebten Augen der Begeistrung Blick; kannst ihn nicht fassen, nicht lassen von ihm. — — Rein von Gewölk der Himmel, sein Hauch sanft jagt vor sich her Wellchen — unzählige — eins ums andere, und sterben am Ufer alle mit leisem Geseufz. — Ach! — süßer Moment herrschend über der Leidenschaften Meer! — Da stockt Dein Athem, und mögtest halten — ganz und immer was jeden Augenblick ohne Aufhören Dir alles ent¬ schwindet. — Was ists, die Seele im Meer der Musik? — fühlt sie Schmerzen? — Hat sie Wonnen, die wunderbar Bewegliche? — Kein Gedanke mag ihr folgen — fühlt sie mit durch Rückwirkung alle Regungen? — Liebt sie wenn wir lieben? — Schmeichelts ihrem Schäumen wenn unsre Thränen hinein sich mischen. — O ich möcht hinein mich werfen in die schmaragdnen Lagu¬ nen, über die leise hingetragen durchs ungeheure Meer bis zu seiner Höhe, uns zwei verwandte Seelen har¬ monisch der Kahn wiegt bis zum letzte Ton, — und dann — dieselbe Luftstille, dieselbe Himmelsreinheit, der¬ selbe Athem, süß — unberührt, — dasselbe Sonnenlicht im Geist, — trunken von süßem Schwanken der Töne die durch den Busen wühlen. Doch bald erhebt sichs! Der große Geist des Erschaffens — Du hörst im Brau¬ sen seine Stimme, der alles sich schmiegt, verathmen — dann hebt im Schauer Deiner Brust ihr Hauch sich wieder — und jetzt — gewaltig — in unermüdlichem Steigen und Sinken strömt sie schäumend den Winden entgegen, die dröhnen — in Abgrund sich wühlend — sie — Ja das ist Beethovens Meer der Musik, von Himmel zu Himmel steigen die Töne und kühner je öfter hinab sie wieder strömen, und fühlst hoch über diesem Doppel¬ schall Dich geborgen auf freiem Fels, umkreist von jenen wüthenden Orkanen, jenen Wogen, die ohne Ende Dir ans Herz steigen und ohne Ende zurückgeworfen, ohne Aufhören wiederkehren mit erneuter Macht, Dich umschmettern einander überwogend und doch sich wieder theilend im Sonnenocean der Harmonie. Und endlich die sehnenden Stimmen all, tummlend in fröhlicher Ver¬ wirrung des Jauchzens der Wehmuth, und der tausend Gefühle die von seiner Meisterhand ein einzig lei¬ ses Zeichen — alle zugleich einstimmen: jetzt ists ge¬ nug! — Ach wie ists doch da in der Brust? — ja gesteh! — ist sie nicht das Meer, die Musik? — und Er, der Bee¬ thoven, ist Er es nicht der ihm gebietet? — Und fühlst nicht auch hier: das Göttliche, was den Geist des Erschaf¬ fens giebt, sei die ungebändigte Leidenschaft? — Und glaubst nicht, daß Gottes Geist sei nur lauter Leiden¬ schaft? — Was ist Leidenschaft, als erhöhtes Leben durchs Gefühl das Göttliche sei Dir nah, Du könnest es erreichen, Du könnest zusammenströmen mit ihm? — Was ist Dein Glück, Dein Seelenleben, als Leidenschaft, und wie erhöht sich Deines Wirkens Kraft, welche Of¬ fenbarungen thun sich auf in Deiner Brust, von denen Du vorher noch nicht geträumt hattest? Was ist Dir zu schwer? — welches Deiner Glieder würde sich nicht re¬ gen in ihrem Dienst, — wo bleibt Dein Durst, Dein Hun¬ ger? — siehst Du wohl, da fängst Du schon an von der Luft zu leben; leicht wie ein Vogel übersteigst Du, Unersteigliches, und in die Ferne hinüber sendest Du Deiner Unsterblichkeit Flammen, und sie entzünden Ewi¬ ges, und es weiht sich Deinem Dienst, ergießt sich auch in Leidenschaftsströmen, in den großen Ocean über dem die ewigen Sterne Dir leuchten und die Nacht in ih¬ rem Glanz erbleicht und die Morgenröthen freudig auf¬ wachen. — Ja drum! — der Irrthum der Kirchen¬ väter, Gott sei die Weisheit, hat gar manchen An¬ stoß gegeben; denn Gott ist die Leidenschaft . — Groß, allumfassend im Busen der alles Leben spiegelt wie der Ocean, und alle Leidenschaft ergießt sich in ihn wie Lebensströme. Und sie alle umfassend ist Leiden¬ schaft die höchste Ruhe. Jetzt will ich Dir was sagen: ich will nicht mehr haben daß Du voll Angst seufzest um mein Nichtsthun! ich weiß wohl — und wenn ichs beim Licht betracht so konnt ich meine Zeit besser zubringen als sie zu dem verdammen was mein Herz nicht erfüllt, so hätt ich mir selbst mehr gewonnen, und meine Liebe zum Besten, zum Höchsten hätt die Ungerechtigkeit nicht zur Stütze gehabt, ich weiß wohl daß ich im Eifer allem was mir nicht unmittelbar Lebensnahrung war unrecht gethan hab. Ich hab mich immer im Voraus gewaffnet, da ich nicht wußt ob es Streit geben werde; ich hab hundertmal die Wahrheit selbst über die Klinge springen lassen wenn ich sagte dieses oder jenes rege meinen Geist nicht an, denn alles regt ihn an, ja alles, und ich fühle Deinen Beruf mich zu leiten mich zu lehren mit einer innern Stimme zusammentönend, die mich eben mahnt wie Du; aber der Drang mich meiner Leidenschaft zu überlassen ist so mächtig in mir daß ich glaub eine so starke Stimme überwinden zu wollen ist Unsinn! Nicht möglich, — nein nicht möglich ist mirs auf irgend etwas auch nur mehr acht zu geben als nur im Vorüberschif¬ fen, so wie man die Ufer kommen und schwinden sieht; — mein Blick fängt sie auf und fasset sie scharf daß ich sie fest mir einpräge, aber im innern Gefühl nur vorüberstreifend. Das Weiterziehen liegt mir im Herzen, das Abschiednehmen wo ich kaum anlange, liegt schon im Willkomm; und das geringste was meine Fahrt belangt seis nur ein Schiffsseil theeren, thu ich mit mehr Genuß als an jenen Ufern der Kunst und des Wissens mich aufhalten; sollte ihr Sand auch lauter Gold sein, ihre Felsen Diamant und ihr Thau Perlen. — Und wo will ich hin? — auf die Insel, wos Äpfel und Birn giebt hätt ich bald gesagt. — Aber ja freilich — dorthin wos Moos duftet, wos Blüthen reg¬ net, wo die Himmelslüfte sprechen, wo der Sommerwind die Äste schüttelt, wo die Wälder die Nacht in ihren Schatten hüten, daß sie sich gefangen giebt so lange der Tag weilt, wo auf blühender Wiese die Adler nie¬ derfahren und holen die Jünglinge hinan zum Allvater daß er ihnen kose einen Augenblick und wieder sie ent¬ lasse zum Spiel am Bach. — Wo die Bienenschaa¬ ren von Dichterlippen und in seinen blumensprossenden Tritten Honig sammlen, und wo Geister, lichte Berg¬ gipfel umtanzen, wo die Seele sich aufschließt leis wie eine Knospe und des Geistes Strahlen in ihrem Kelch eingebettet, wie die goldnen Staubfäden in der Rose, ihr Leben entwicklen und auch beenden. Dort will ich hin, das liegt mir im Sinn, nichts wie Blü¬ thenmeer, Duft einathmen, Birn speisen und reife Trau¬ ben und süße Pfirsig getheilt mit mir von Doppellip¬ pen, ich die Hälfte , und die Er der heute noch am Scheideweg meiner harrte als die Sonne hinunter war. Was ists? — es wird mich schon erziehen, Thränen wirds geben, das weiß ich, aber auch Lust, so ists immer wo Schönheit reifen soll, und das ist alles was ich ver¬ lang vom Schicksal, es soll mich scheiden vom Schlechten, es soll keine Sünde in mir dulden, — in mei¬ nen unaufhörlichen Träumen nur möcht ich eine Vollen¬ dung empfinden — der Liebe, der Schönheit — das ist mein Ziel, und mein Geist strebt eine Natur da heraus zu finden in dem ich dem Schönen fortwährend begegne. Das ists und nichts anders. Und alles was ich erfahre von der Kunst, von Poesie und Wissen, das schlägt an wie Echo in den unbekannten Tiefen meiner Brust, da erschreck ich daß es doch wohl wahr sein möge was manchmal nur wie Traum in mir wogt, da toben alle Pulse vor Hoffnung es sei ein Doppelleben was wirk¬ lich auch Doppelliebe kann haben, und daß wenn ich heiß mich sehne verstanden zu sein daß ich dann verstan¬ den sei, wo? — wie — ach was weiß ichs! — vom Nebel der dort flattert, vom Wind in der Ferne, vom letzten Lichtstreif wenn die Nachtkuppel schon sich senkt über mir, — kurz ich weiß nicht, alles was ich anseh das müßte Geist haben, liebenden Geist, — wahrlich sonst thut mirs Unrecht. Welche Wege übernehme ich doch? — Welche Gefahren besteh ich im Geist?— — da schwimm ich im Dunkel in uferlosen Fluthen, eine Woge stürzt mich auf die andre, aber ich vertrau, und eine Stimme in mir daß ich dem Genius zu Lieb so kühn bin! — o das lebendige Feuer, und trotz dem Stürmen halt ich die Palme hoch, und eile dem leisen Schein des Morgen¬ roths entgegen, weil das Er selber ist. — Gott sei die Poesie hab ich in meinem letzten Brief gesagt, und die Weisheit, sagen die Kirchenväter, ich habs geläugnet und gesagt, Gott sei die Leidenschaft, die Weisheit, die kommt ihm zu gut das Leidenschaftsall zu bestehen, aber sie ist nicht er selber; meine Gründe: was sollte Gott mit aller Weisheit, wenn er sie nicht anbringen kann. Wenn aus allem was geschaffen ist, sich Neues erzeugt, wenn keine Gewalt, keine Kraft überflüssig ist, sondern grad um ihrer höchsten Entwicke¬ lung willen sich ewig selbst anregend steigern muß, so kann die Weisheit Gottes nicht selbst die Händ in den Schooß legen wollen. — Himmel und Erde regieren wo Sonn und Mond und alle Stern schon für die Ewig¬ keit angepapt sind, das kann der Weisheit kein Reiz sein; sich in Menschenangelegenheit mischen, ihre Gebete erhören die alle verkehrt sind, das muß bei himmlischer Hofhaltung doch wohl von selber gehen. Sollte Gott sich des Dings selber annehmen, — es wäre unweise,— denn der Hauch Gottes überwiegt alles geistige Wehen der Mensch¬ heit, so würde diese denn nimmer der eignen Weisheit Keim lösen können in sich. Unser Geist ist feuermächtig, er soll sich selbst anfachen; wir haben die Leidenschaft, sie soll im Geistesfeuer gen Himmel steigen zum ewigen Erzeuger, in seiner Leidenschaften Gluth mit allem über¬ gehen; nicht umsonst steigt in der Leidenschaft der mächtige Geist der Unsterblichkeit auf, jeder Hauch, jeder Blick soll ewig währen, das sagt eine innere Stimme. Alles was mich entzückt in der Natur, dem schwör ich ewige Treue, der Lüfte Liebkosungen, wie könnt ich ihnen den heißen Athem weigern, der heiß nur ist um in der Lüfte Liebe sich zu kühlen. Die klaren schwankenden Wässer, wie sollt ich ihnen nicht vertrauen die mich tragen, ruhig gebettet, auf ewig re¬ gem Leben wie die Liebe das Geliebte trägt, und die sanfte weiche Erde, wie sollten die Sinne ihr sich ab¬ wenden die keine Regung ungeboren lässet, jeden Keim in die Lüfte trägt, und Flügel giebt, heimlich in die Wiege alles Geschaffnen, die der Geist mächtig zum Himmel einst entfalte wenn er gereift ist durch ihre Spende — sie die himmlische Erde, — auf der frohlockend sich alles Leben tummelt und alles trägt im Busen und über ihm, — die sie auf sich herumtrapplen läßt all die Leben¬ digen, — und giebt ihnen die Milch ihrer Kräuter und Früchte die in so großer Fülle aus dem Busen ihr springen, — ja wie sollt ich nicht mit heißer Liebe sie lieben die Doppelliebige? — Und dann, — das Licht das nie¬ dersteigt ins Dunkel einsam drinn zu spielen; — und der Einsamkeit Odem einbläset, und der Erde Kräfte nährt und tränkt, die dann den Geist umspielen daß er im verschlossenen Dunkel seiner Selbst, des Lichtes Leidenschaft für ihn sich erinnere und auch ihm zuwachse sich mit ihm zu küssen. Wenn Ihr alle dichtet von jenen Wahrheiten, so mächtig so selbstlebend daß sie dem Dichter den Busen bewegen daß er ihr Element werde, und sie ewig ausspreche, o so lasset sie für mich geboren sein daß ich ihnen traue, daß ich mich ihnen hingebe und sie genieße, für was drängten sie sich ewig in Eu¬ ren Geist, für was rührten sie Eure Lippen die Ihr sie aussprecht, wenn sie nicht wahrhaft lebendig Leben wä¬ ren das durch Euch wiedergeboren soll werden in die Sinne der Menschen. Nun meine Sinne sind frucht¬ barer Acker, sie haben Euren Samen aufgenommen, o denket daß nichts von Euch geahnet war, nichts, was Ihr nur in den Wolken gelesen, was mir nicht lebendig geworden. Das ists! — Und was wollt ich doch sa¬ gen? — Ach wie weit hab ich mich verlaufen, und wollte doch nur sagen von dem Gott, und daß er nicht die Weisheit könne sein, sondern die Leidenschaft, die der Weisheit bedürfe um kühn und tapfer zu Stande zu bringen was in ihr gährt. — Wie sag ich Dirs doch wenn Du's nicht von selbst verstehst, wenn Du nicht verstehst daß alles Wesen durch Leidenschaft ausgespro¬ chen sein wolle, ja selbst die Ruhe nichts anders sei als nur Leidenschaft, daß der Mensch nur mit einem Göt¬ terbusen geschaffen sei, in dem die Leidenschaften ihren Heerd haben, dem Göttlichen ewig lebendige Gluth zu opfern. — Wenn Du nicht dazu ja sagst, wie kann ichs Dir abdringen. — Drum komm und lasse uns Weisheit sammlen, um unserer Leidenschaften Gluth da¬ mit zu schüren. — Das Gott die Weisheit sei, das haben wir prote¬ stirt, aber daß Weisheit und Tapferkeit in einander verliebt seien, — aber nicht die der Kirchenväter, — das ist unsere Lehre; sie sind der Heerd auf dem die Leiden¬ schaften flammen, ohne sie kann Leidenschaft nicht ath¬ men. — Und wenn es keine brennenden Leidenschaften zwischen der Kraft und dem Geist gäbe wo sollt ihr Feuer herkommen? denn um nichts ist wieder nichts, — sie würden sich schlafen legen und absterben, die Kräfte und der Geist — aber der heiße Trieb in einan¬ der zu schwelgen, einander zu besitzen, die schüren das Lebensfeuer in ihnen, da ist fortwährend innerlich Be¬ wegen zu einander. Gefühl in jeder Regung sie sei empfunden von der andern, — das ist das innere le¬ bendige Leben und alles andre ist nicht lebendig in uns. Für was würde man sich vor sich selber schämen, wär nicht diese innerliche Liebesdespotin die das Gefühl zur Re¬ chenschaft forderte daß man einem inneren Mächtigen die Treue gebrochen, oder einer Schwäche sich hingege¬ ben vor dem Geliebten. Was ist das Gewissen anders als der Minnehof des Geistes mit den Sinnen — wo sie sich einander hingeben, und Opfer, Heldenthaten für einander thun, und innerlichen Minnesold empfan¬ gen. Und dann jene Stimme, die jegliche Stimmung prüft; je tiefer und weiter sich dies Leben ausbildet, je fester gründet sie die Ansprüche und Berechtigungen, je leichter verletzbar. Ach ich sag Dir, es liegt ein Adel, ein steigernder Trieb in der Seele der auf die Aussen¬ seite des Lebens zurückstrahlt, alles aus leidenschaftlicher Berührung der Sinne mit dem Geist; wenn Du schrei¬ test, wenn Du Dich wendest, wenn Du die Stimme er¬ hebst — was auch des geringsten nur, Dich einen Au¬ genblick aus der Gegenwart (Einwirkung) jener Lebens¬ regungen entfernt, fühlst Du nicht Vorwürfe? — ein Stocken, eine Ohnmacht in Dir? — schlägt nicht Dein Herz in Pein als müsse es rückkehren? — dahin wo die Sinne sich geliebt wähnen vom Geist, sich zärtlich um¬ armen mit ihm. —Ach ich muß solchen Unsinn reden — mit Thränen, denn ich bin so tief bewegt von etwas, wie soll ich Dir das sagen? — Der edle Mensch ein Tummelplatz von Leidenschaften, lauter Kräfte die auf¬ streben ins Leben durch die Liebe unter einander! — Die regt jene auf, zärtlich oder feurig alle mitsammt glühen für einander durch den Geist, und da glühts und da sprühts, und da scheint endlich der Alletagstag so nüchtern hinein, und reißt die Feuer auseinander, und löscht die Brände und macht den Alltagsmenschen aus einem; das ist eure Noth um mich, und diese Schicksale schweben mir in der Brust indessen, und fordern Ant¬ wort jeden Augenblick. Ach da giebts Streit, Versöh¬ nung, heimlich Glückspenden, und dies alles ist wie der laue Abendwind der von selbst herübergeklettert kommt, ich hör ihn schleichen, sacht an mich heran, und mir am Herzen flattern, und dann bin ich schmerzzerrissen; von was? — ich kanns nichts sagen; — mein Herz — zu schwach ists. — Daß es geliebt wär von einer höhern Macht, süß begehrend! es kanns nicht tragen. — Den Geist außer mir, in der Luftwelle oder im Mondglanz, oder sonst — spricht der mit mir, das ertrag ich nicht — dann bitt ich laß mich schlafen — Dir im Schooß. Denn ich kann ihm nicht ins Antlitz schauen, und sag ihm ich wolle sterben, er soll mich zudecken — mit grünen Zweigen, Er der neben mir steht, oder über mir, und mich ansieht so still. Was ist vernichtendes in der Liebe? — daß ich sag ich wolle sterben? — denn ich hab hab nichts anders in der Seel als diese Sprache; denn meine Hände können nicht hinlangen. Wollt ich in die Luft reichen? — nein ich darf nicht er verschwindet, und mein Blick, der sieht nur auf wenns Nacht ist, nicht bei hellem Tag. — Aber in der Nacht im Finstern, da geh ich ihm entgegen da treibt michs oft eilig in die dunklen Laubgänge, und ganz am End da seh ich wie wenn ich überzeugt sein dürfte Er sei es. — Nicht freu¬ dig, nicht traurig — tiefe Stille in mir, manchmal schlägts Herz bang, dann seh ich den Schatten vor ihm herstreifen über den Rasen. Dann ruf ich mich auf: laß mich doch denken können! — und sammle meine Sinne, und immer so vorwärts schreit ich, eilig, und im¬ mer näher, dann am Baum leg ich mich nieder auf die Wurzeln, die küß ich diese Wurzeln — es sind die Füße des Dichtergeistes über mir. — Aber ich muß schlafen gehen, zu müde bin ich, — schon zweimal eingeschlafen während dem Schreiben. Heut seh ich daß ich Dir von nichts geschrieben hab was Du mich frägst und bin aus Mangel an Logik ins Geschwärm gerathen. Und doch wollt ich Dir nur sagen, ich studier noch Geschichte fort, nur wollt ich Dir keine trocknen Auszüge mehr davon in meinen Briefen machen, dafür zeichne ich Landkarten und hab andre 14 Speculationen, so studier ich die Woche zweimal mit Hofmann Musik, nicht mehr Generalbaß, er meint ich werd den von selbst in mich kriegen, ich soll lie¬ ber meine Melodieen aufschreiben, auf die er einen Werth legt, und mir gern zuhört wenn ich Abends sing, auch hat er mehrere Gänge mir abgehört und sie aufgeschrieben, und letzt hat er im Conzert phan¬ tasirt blos auf Thema die er von mir erlauschte, drum, es war nur auch so wunderlich, es stand mir die ganze Musik so spöttisch gegenüber, ich wußt gar nicht was ich dazu sagen sollt, ich hatte es nicht errathen, am Morgen frug er wie mirs gefallen hätt, ich sagt es sei mir gewesen als müsse ich ihm immer voranlau¬ fen, und wisse schon alles wies kommen werde; es sei gewesen als haben seine Phantasieen einen Ver¬ stand den ich begreife. — „Ja das war weil es Ihre eignen Wege waren, die Sie gegangen sind;“ und seitdem will er daß ich aufschreiben lerne, das ist mir viel schwerer als alles andre, kein Gedanke hält eine Minute fest, und gelingt mirs an einem Ende ihn zu fassen, dann reißt er mitten entzwei und ich kann das andre nicht dazu finden so wie es an¬ fänglich aus meinem Geist hervorgegangen war, dann sind ich wohl ein ander End, aber weil es nicht das erste war was von selbst aus meinen Sinnen hervorge¬ gangen, dann bin ich unruhig als sei es falsch, und den Takt zu finden das ist mir ganz unmöglich — der Hof¬ mann will mir oft Takttheile zusammenrücken, das kann ich nicht wollen, oft geb ichs zu, dann wills mein Gefühl wieder anders, der Hofmann hat eine unsägliche Ge¬ duld mit mir, und meint dies alles werd sich finden, so wie ich erst gewohnt sei aufzuschreiben da werde ich der Sache schon Meister werden; wenn er mir das sagt das macht mich ganz traurig— ich mag nicht Meister wer¬ den ich will mich bemeistern lassen von diesen Musik¬ fluthen von denen ich nicht weiß ob sie Werth haben können für ein ander Ohr, das schadet nicht, sie reden mit mir, und sagen mir volle Lebensaccorde die ich er¬ kenne als Eins mich machend mit der Natur, das ists was mich hindert. Es ist mir als wolle ich in Weis¬ sagungen pfuschen. — — Ja es wird schwer gehen mit dem Lernen. Und doch! — ich hab den Willen und thue das mögliche in dieser Einöde von Talentlosigkeit; — und von dem Geist der Leben in mir ist da muß ich Abschied nehmen wenn ich lernen will, da sag ich mir es sei nur auf Zeiten, er werde wiederkehren der Geist, 14* und dann fühl ich mich reif zum Abschied und sterb wenn ich lernen will. Jetzt will ich Dir auch noch auf Deine letzte Frage antworten von der gemeinen Frau, das war kurz ehe ich von Frankfurt hier herauskam, da war ich allein von dem Bockenheimer Thor aus dem Garten wo die Tonie wohnt hereingegangen in die Stadt. Da begeg¬ nete mir eine Frau der war das Band aufgegangen am Schuh, und sie konnte sich nicht bücken denn sie ging mit einem Kinde und seufzte sehr unter ihrer Last, ich ließ sie ihren Fuß auf mein Knie stellen um das Schuh¬ band ihr zuzubinden, dann aber führte ich sie nach ihrer Wohnung weil sie so sehr jammerte über Schmer¬ zen, es war schon dämmerig, als wir in die Stadt ka¬ men da begegnete mir eben auch die Frau Euler welche unser beider böser Dämon zu sein scheint, ich machte ihr eine tiefe Verbeugung zu meinem Plaisir, und schleppte die Frau weiter, die fing aber an mir bang zu machen denn sie seufzte so schwer und ward so blaß und der Schweiß trat ihr auf die Stirn, da kam der gute Dok¬ tor Neville, dem übergab ich die Frau, und als ich auf den Roßmarkt kam da begegnete mir der Moritz der sagte: ach wie blaß sehen Sie aus, es fehlt Ihnen was, ich habe so großen Hunger, sagte ich — und es war auch wahr, die Angst mit der Frau hatte mir Hunger gemacht, der Moritz griff in die Tasche die hatte er voll getrockneter Oliven, die esse ich gern, er leerte seine Tasche in meinen Handschuh aus, den ich ausgezogen hatte um sie hineinzufüllen, da führt der Gukuk die Lotte vorbei; der Moritz ging, die Lotte kam an mich heran und fragte wie kannst du nur auf offner Straße mit dem Moritz Hand in Hand stehen, das ärgerte mich, ich ging ins Stift zu Dir herein wo ich meine Oliven speiste und die Kerne alle in eine Reihe legte aufs Fen¬ sterbrett, Du standst neben mir und warst ganz still versunken in die Dämmerung und „endlich sagtest Du, warum bist du heute so schweigsam? ich sagte: ich esse meine Oliven das beschäftigt mich, aber Du bist doch auch stille, warum bist Du still?— „Es giebt ein Ver¬ stummen der Seele“ sagtest Du „wo alles tod ist in der Brust.“ — Ist es so in Dir, fragte ich — Du schwiegst eine Weile, dann sagtest Du: „es ist grade so in mir wie da draußen im Garten, die Dämmerung liegt auf meiner Seele wie auf jenen Büschen, sie ist farblos aber sie erkennt sich, — aber sie ist farblos,“ sagtest Du noch einmal, und dies letztemal so klanglos auch, daß ich Dich im Nachtschimmer ansah verwundert und verschüchtert, denn ich traute mich nicht mehr zu reden, ich sann auf Worte wie ich mit Dir anheben sollt; — ich suchte in weiten Kreisen umher, nichts schien mir geeignet diese Stille zu unterbrechen, die immer tie¬ fer und tiefer sich wurzelte und mir wie einen Schlum¬ mer durch den Kopf strömte, dem ich nicht mehr wider¬ stand — ich legte mich träumend auf die Fensterbank mit dem Kopf, und so wer weiß wie viel Zeit verging, da kam Licht ins Zimmer, und als ich aufsah da standst Du über mir gebeugt und sahst auf mich, und als ich Dich fragend ansah, da gabst Du zur Antwort: — „Ja ich fühle oft wie eine Lücke hier in der Brust, die kann ich nicht berühren, sie schmerzt;“ ich sagte kann ich sie nicht ausfüllen diese Lücke? — „Auch das würde schmerzen sagtest Du; da reicht ich Dir die Hand und ging, und lang verfolgte mich Dein Blick der so still war und so innerlich und doch nur wie über mir hinstreifte. O ich hatte Dich im Heimgehen so lieb, ich schlang meine Arme um Dich so fest in Gedanken, ich dacht ich wollte Dich tragen auf meinen Armen ans End der Welt, und dort Dich an einen schönen moos¬ reichen Platz niedersetzen, da wollt ich Dir dienen und nichts Dich berühren lassen was Dir weh thun könne; ja so wars in meinem kindischen Herzen, mit Gewalt wollt ich Dich fröhlich machen und dachte einen Augen¬ blick es solle mir gelingen, aber ich weiß wohl daß mir so was nicht gelingen kann und daß es nur Verwechs¬ len ist von meinen Sinnen, die wie Kinder Fernes und Nahes nicht unterscheiden können, die auch meinen sie können den Mond herablangen mit der Hand und kön¬ nen den Spielkamerad damit trösten wenn er stumm und traurig ist. — Als ich nach Hause kam, da waren alle beim Thee versammelt und ich war stumm weil ich an Dich dachte, und setzte mich auf einen Schemel am Ofen, und da ging ich tief in mein Herz hinein wie ich doch ein inneres Leben aus meinem Geist wek¬ ken wolle, das Dich ein bischen berühre, da Du mir bisher alles allein gegeben hast und ich hab nie die Stimme in meiner Brust können vor Dir laut werden lassen; da dacht ich wenn ich fern von Dir wär da würd ich in Briefen wohl eher zu mir selber kommen, weil das vielfältige ja das tausendfältige Getümmel in mir mich verstummen macht daß ich nicht zu Wort komme vor mir selber. — Und ich erinnerte mich daß wie wir einmal von den Monologen des Schleiermacher sprachen, die mir nicht gefielen, so warst Du andrer Meinung und sagtest zu mir: „und wenn er auch nur das einzige Wort gesagt hätte: der Mensch solle alles Innerliche ans Taglicht fördern was ihm im Geist innewohne, damit er sich selber kennen lerne, so wär Schleiermacher ewig göttlich und der erste größte Geist.“ — da dacht ich wenn ich von Dir fern wär da würd ich in Briefen wohl Dir die ganze Tiefe meiner Natur offenbaren können — Dir und mir; und ganz in ihrer un¬ gestörten Wahrheit wie ich sie vielleicht noch nicht kenne, und wenn ich will daß Du mich liebst, wie soll ich das anders anfangen als mit meinen, innersten Selbst, — sonst hab ich gar nichts anders, — und von Stund an ging ich mir nach wie einem Geist, den ich Dir ins Netz locken wollt. Am Abend hatte mir der Franz noch ein paar freund¬ liche aber doch mahnende Worte darüber gesagt daß ich mit dem Moritz aus der Straß gestanden hatte und geplau¬ dert; — die Lotte hatte es der Schwägerin gesagt; — ich antwortete ihm nicht darauf, denn vertheidigen schien mir nicht passend, wie denn das meiner Seele ohnedem nicht einverleibt ist daß ich solche Irrthümer aufklären möchte und am Ende schien mir der Moritz doch werth daß man freundlich mit ihm Hand in Hand stehe, obschon er mir bei jener Vermahnung sehr schwarz gemacht wurde, er begegnete mir am andern Morgen auf dem Vorplatz und ich sah mich um ob niemand mich erspä¬ hen könne und zog ihn in die Ecke wo die Wendel¬ treppe hinaufführt zu meinem Zimmer, da küßte ich ihn auf seinen Mund zwei dreimal, und daß er meine Thränen auf seinem Gesicht fühlte, denn er wischte sie mit der Hand ab, und sagte was ist das? — „was fehlt Dir Kind, was ist Dir?“ ich riß mich los und sprang hinauf auf die Altan hinter die Bohnen — und war sehr schnell oben daß ers nicht sah, er glaubte mich in meinem Zimmer und kam herauf und klopfte an, und weil er keine Antwort bekam, so machte er leise auf und weilte einen Augenblick im Zimmer, als er herauskam sah er nach der Altan, mir war recht bang er würde mein weiß Kleid erblicken denn das schimmerte durch das dünne Bohnenlaub. Ich weiß nicht ob er mich sah und mein Verbergen achtete, aber ich glaubs, und das gefiel mir so wohl von ihm; als ich ins Zim¬ mer kam fand ich auf meinem Tisch im Cabinett am Bett ein Fläschchen in zierlichem Brasilienholz mit Rosenöl; — am Abend auf dem Ball bei seiner Mutter sprach er nichts zu mir — wie sonst — aber er kam in meine Nähe und weil das Fläschchen so süß duftete hinter dem Strauß von Aschenkraut und Rosen, da lächelte er mich an und ich lächelte mit, aber ich fühlte daß gleich mir die Thränen kommen wollten, ich mußte mich abwenden, er merkte 14** es und ging zurück und stellte sich unter die andern, er mußte auch tanzen mit den Prinzessinnen und hatte viel Geschäfte und mußte eine Weile mit dem König von Preußen sprechen, aber ich sah doch daß er mich im Aug behielt den ganzen Abend, und selbst während er mit dem König sprach sah er herüber, sehr ernsthaft immer, ich war heimlich vergnügt aber doch hätt ich jeden Augenblick weinen mögen, als wir weggingen flüsterte er mir ins Ohr, Du gleichst der So¬ phie. Was war das alles was mir durch die Seele ging? — ich weiß es nicht. Am andern Tag wo ich nicht wie gewöhnlich zu Dir kam, da hatte Moritz am Morgen seinen Gärtner geschickt mit einem Wagen voll schöner seltner Blumen die stellte er ohne mein Wissen hinter der Bohnenwand auf — und als ich sie sah, war ich erst gar erschrocken, und verstand nicht wie die Blu¬ men daher gekommen waren, aber bald verstand ich, er müßte mich doch wohl gesehen haben hinter der Boh¬ nenwand am vorigen Tag. — — Ach ich war während diesen Stunden so wunderlich bewegt gewesen: von Dir, von Kränkungen, von Mitleid daß er verläumdet war; von seinem feinen Wesen zu mir, und dann daß er mir gesagt hatte so leise, Du gleichst der Sophie, die ihm doch gestorben war, — daß ich nicht mehr wußte was ich wollte. Am Nachmittag kam Christian Schlosser, vom Neville geschickt der der Frau beigestanden hatte bei der Geburt von einem kleinen Mädchen, denn das war gleich in der Stunde auf die Welt gekommen, der ließ mich fragen ob ich nicht wolle zur armen Frau kommen, die sei sehr krank und auch das Kindchen, und ich solle es aus der Tauf heben, der Christian Schlosser wolle mit Taufzeuge sein, ich ging mit, da war der Pfarrer, der taufte das Kind, und die Frau war sehr krank, wie der Pfarrer weg war, so nahm die Wartfrau das Kindchen auf den Arm und sagte „es wird gleich sterben,“ da war mir so bang, ich hatte nie¬ mals jemand sterben sehen, und die kranke Frau im Bett weinte so sehr ums Kind, die Hebamme sagte, eben stirbts; und schüttelte es, da wars plötzlich todt. — Ach wie ich nach Hause kam war ich so traurig — der Franz sagte: Du siehst seit einiger Zeit so blaß aus, Deine Gesundheit scheint mir gar nicht fest, und als am Abend wieder das Gespräch auf den Moritz kam wobei er gar nicht geschont wurde, da schrieb ich an die Großmama sie solle mich vom Franz zu sich begeh¬ ren nach Offenbach. Das war Allen recht und mir auch, so war ich ihrer Meinung nach dem Moritz aus dem Weg geschafft, und ich meiner Meinung nach, brauchte doch nichts Böses von ihm zu hören, denn ich will nichts Böses von ihm hören, nein nimmermehr will ich was Böses von ihm hören. Aber hier in Offenbach war ich gleich wieder ruhig, und da ward mir mein Ge¬ lübde gleich wieder klar das ich an jenem Abend vor Deiner Thür noch aussprach als Du so kalt warst und so traurig, — daß ich eine Gabe Dir wollt geben von meiner Seele, daß ich mein Innerstes wollt Dir zu Lieb zu Tage fördern, weil Du das so hochschätzest wie jener Schleiermacher. Und da hab ich in meinem In¬ nersten Wege geschritten, und bin dahin gerathen wo Du jetzt stockst, und willst nicht weiter und fürchtest Dich mich anzuhören; denn ich habs wohl gemerkt an Deinem Brief, Du fürchtest Dich vor meinen Abwegen. O fürcht Dich nicht, ich gab Dir treulich wies Echo, was wiederhallte aus mir. Ach! — Ich bin jetzt glücklich, sei Dus auch! — schöne Träume hab ich und das ist ein Zeichen das die Götter mit mir zufrieden sind. — Im Herzen ist mirs wenn ich erwache am Morgen als ob ich von Dichterlippen geküßt sei, ja merk Dirs von Dichterlippen. Nein ich fürchte mich nicht mehr vor der Zukunft! — ich weiß durch was ich sie mir zum Freund mache, ja ich weiß es. Ich will auch wie die Großmama einen Ewig¬ keitskreis mit meinem Leben schließen, nicht wie Du ge¬ sagt hast, jung sterben. Viel wissen, viel lernen, sagtest Du, und dann jung sterben, warum sagst Du das? — mit jedem Schritt im Leben begegnet Dir einer der was zu fordern hat an Dich, wie willst Du sie alle befriedi¬ gen? — Ja sage, willst Du einen ungespeißt von Dir lassen der von Deinen Brosamen fordert? — nein das willst Du nicht! — Drum lebe mit mir, ich hab jeden Tag an Dich zu fordern. Ach! — wo sollt ich hin wenn Du nicht mehr wärst? — Ja dann, gewiß vom Glück wollt ich die Spur nimmer suchen. Hingehen wollt ich mich lassen ohne zu fragen nach mir, denn nur um Deinetwillen frag ich nach mir, und ich will alles thun was Du willst. — Nur um Deinetwillen leb ich — hörst Dus? — Mir ist so bang — Du bist groß, ich weiß es — nicht Du bists — nein so laut will ich Dich nicht anreden — nein Du bists nicht. Du bist ein sanftes Kind, und weils den Schmerz nicht tra¬ gen kann so verläugnet es ihn ganz und gar — das weiß ich, so hast Du Dir gar manchen Verlust ver¬ schleiert. Aber in Deiner Nähe, in Deiner Geistesat¬ mosphäre deucht mir die Welt groß; Du nicht — fürchte Dich nicht, — aber weil alles Leben so rein ist in Dir, jede Spur so einfach von Dir aufgenommen, da muß der Geist wohl Platz gewinnen sich auszudeh¬ nen und groß zu werden. — Verzeih mirs heut, ein Spiegel ist vor meinen Augen, als hätte einer den Schleier vor ihm weggezogen, und so traurig ist mirs, lauter Gewölk seh ich im Spiegel, und klagende Winde — als müßt ich ewig weinen weil ich an Dich denk — ich war draus heut Abend am Main, da rauschte das Schilf so wunderlich — und weil ich in der Einsamkeit immer mit Dir allein bin, da fragt ich Dich in meinem Geist, „was ist das? redet das Schilf mit Dir “, hab ich gefragt. Denn ich will Dirs gestehen, denn ich möchte nicht so angeredet sein, so klagvoll, so jammervoll, ich wollts von mir wegschieben! — Ach Günderode so trau¬ rig bin ich, war das nicht feige von mir das ich die Klagen der Natur abwenden wollt von mir, und schobs auf Dich — als hätte sie mit Dir geredet wie sie so wehmuthsvoll aufschrie im Schilf. — Ich will ja doch gern alles mit Dir theilen, es ist mir Genuß, großer Genuß Deine Schmerzen auf mich zu nehmen, ich bin stark, ich bin hart, ich spürs nicht so leicht, mir sind Thränen zu ertragen, und dann sprießt die Hoffnung so leicht in mir auf, als könnt wieder alles werden und besser noch als was die Seele verlangt. — Verlaß Dich auf mich! — wenns Dich ergreift — als woll es Dich in den Abgrund stoßen, ich werde Dich begleiten überall hin — kein Weg ist mir zu düster — wenn Dein Aug das Licht scheut wenn es so traurig ist. — Ich bin gern im Dunkel liebe Günderode — ich bin da nicht allein, ich bin voll von neuem was in der Seele Tag schaffet — grade im Dunkel da steigt mir der lichte hellglänzende Friede auf. — O verzweifle an mir nicht, denn ich war in meinen Briefen auf einsamen Wegen gegangen, ja, zu sehr als such ich nur mich selbst, das wollt ich doch nicht, ich wollte Dich suchen, ich wollt vertraut mit Dir werden, nur um mit Dir die Lebensquellen zu trinken, die da rieseln in unserm Weg. — Ich fühls wohl an Deinem Brief Du willst Dich mir entziehen — das kann ich nicht zugeben die Feder kann ich nicht niederlegen — ich denk Du müssest aus der Wand springen ganz geharnischt wie die Minerva und müßtest mir schwö¬ ren, meiner Freundschaft schwören, die nichts ist als nur in Dir — Du wollest fortan im blauen Äther schwim¬ men, große Schritte thun, wie sie, behelmt im Sonnen¬ licht wie sie, und nicht mehr im Schatten traurig wei¬ len. Adieu ich geh zu Bett ich geh von Dir, obschon ich könnt die ganze Nacht warten auf Dich daß Du Dich mir zeigst, schön wie Du bist und im Frieden, und Freiheit athmend wies Deinem Geist geziemt der das Beste das Schönste vermag. Eine Ruhestätte Dir auf Erden das sei Dir meine Brust. — Gute Nacht! — sei mir gut — ein weniges nur. — Montag. Jetzt hab ich schon drei Tage an diesem Brief ge¬ schrieben und heute will ich ihn abschicken, ach ich mag ihn nicht überlesen, geschrieben ist er, wahrheitsvoll ist er auch, wenn Du die augenblickliche Stimmung der Wahrheit würdigest, wie ich sie deren würdige und nur sie allein, obschon die Philister sagen sie sei die Wahr¬ heit nicht, nur was nach reiflichem Überlegen und wohlgeprüft vom Menschengeist sie angenommen, das sei Wahrheit. Ach diese Stimmungen, sie bauen das Feld, und was uns zukommt als sei die Seele mit im Abendroth zerschmolzen oder als löse sie sich frei vom Gewölk, und thue sich auf im weiten Äther — das bringt uns auch wie das fruchtbare Wetter Gedeihen. Ist mirs doch, da ich meinen Brief schließen will als ob das schönste Leben uns bevorstehe wenn Du nur willst, und willst so viel mich würdigen daß Du ruhig Deine Hand in der meinen liegen lässest wenn ich sie fasse. — Ich war heut Morgen draus und hab mir den Aschenkranz zum Ball bestellt — wie Dus gesagt hast — aber gelt der Moritz hat Dirs gesagt ich soll den Kranz aufsetzen? — Ich kam hin zum Gärtner er stand zwischen der Thür vom Bosket und dem Blu¬ mengarten gelehnt, gewiß er hat auf mich gewartet denn ich war schon zwei Tage nicht da gewesen. Aber gestern Abend wie ich schlafen ging da hat ich mir fest vorgenommen ich wollt gewiß keinen Menschen unglück¬ lich machen, oder besser ich wollt gewiß jedem geben an Glück was ich kann. — Und mir solls nichts zu gering sein und was ist ehrender als wenn Du mit einem Blick oder Wort wohl thun kannst. — Nun hör nur mein lieb Gespräch mit dem Gärtner an. — Weil ich kam so sagt ich: ich hätt wohl eine Bitte an den Anton. (Denn ich rede ihn nicht anders an, denn ich mag ihn nicht Er nennen.) Ich geh auf den Ball heut und da möcht ich einen Kranz, und weil ich gar nicht vergnügt bin daß ich zum Tanz soll gehen, so wollt ich einen traurigen Kranz gern haben von Aschenkraut, und keine Blumen wollt ich gar nicht. Ist wohl so viel Aschenkraut da daß wir einen Kranz kön¬ nen machen ohne die Büsche zu verderben? — da ging er voran und brach mir eins nach dem andern und ich bands am Draht fest. Er hatte mir doch noch kein Wort gesagt und legte mir die Sprossen nach einan¬ der auf den Schooß, ich saß auf der Blumenbank am Treibhaus, er rückte die Blumen über mir und um mich her zusammen während ich meinen Kranz flocht, und holte noch mehrere aus dem Treibhaus, daß ich wohl merkt ich war ganz eingerahmt, und da war eine große purpurrothe Passionsblume die hing herab an meiner Seite, er schnitt sie ab und legte sie schweigend an das Geflecht, ich band sie auch schweigend mit ein, ich pro¬ bierte ihn auf, er war weit genug, er nahm ihn mir aus der Hand, streifte sich den Ermel auf, maß am Arm die Länge vom Kranz und band ihn selber fest, schnitt die überflüssigen Stiele und Blätter ab, und gab ihn mir. Das alles war schweigend geschehen, es es ist heut so schönes Wetter sagte ich — find ich Euch Morgen im Garten — wenn ich früh komme? — „O das werden Sie wohl verschlafen weil Sie die Nacht durch tanzen.“ O nein, um halber zwölf fahr ich schon wieder zurück, und Ihr könnt mich heimfahren hören an Eurer Wohnung vorbei — ich fahr im Cabriolet, nur mit einem Pferd hier vorbei, da könnt Ihr hören ob ich Euch nicht Wort halt, da! ich geb Euch meine Hand drauf. — Er ward roth, der Gärtner, als ich ihm die Hand reichte und's Schnupftuch fallen lies das er mit der andern Hand auffing und mir reichte, ich sah es an nahms ihm aber nicht ab. — Ich sagte der Kranz ist unbezahlbar. Ihr habt ihn aus der Mitte von jedem Busch geschnitten — wie werd ichs Euch loh¬ nen, ich werd ihn Euch wiedergeben müssen! — ja sagt er plötzlich, — der Kranz gehört mein. Nun, sagt ich, verlaßt Euch drauf ich bring ihn wieder. Gestern um halb acht Uhr fuhr ich mit der Tonie auf den Ball, auf dem Weg nach dem Forsthaus wa¬ ren die Leute vom Moritz mit Fackeln zu Pferd und begleiteten die Wagen, von weitem wars ergötzlich all die Fackeln galoppirend durch den hochstämmi¬ gen Weg im Wald. Das Wäldchen war mit bun¬ ten Lampen erleuchtet. Ach wie schön wars! — und dazu lächelten die unendlichen Sterne! — der Moritz empfing uns, — ich sagte ach wie schön ists hier! — „ja? — gefällt Dirs? — Du bist auch schön!“ — und so ging er wieder. — Ach ich war so ver¬ gnügt — ich mußte lächeln mit mir, — es weckte mich aus dem Traum als ich tanzen mußte, und der Traum war so schmeichelig selbstvergessen — mitten im Getümmel ein Wonnegrab, da kamen die Grabesschauer mir nachgeflogen, und weckten Ge¬ dankenseelen in der Brust begraben, die gaukelten über mir im Blauen, und der Tag heut, spiegelt die Nacht, und die Nacht wieder den Tag die ist so helle¬ glänzend daß die Sterne erblassen und der Tag so schattig so kühl daß die Sonne nichts vermag. — Beim Nachtessen kam der Moritz, wir saßen an kleinen Tischen, ich am allerletzten mit der Pauline Cha¬ meau und Willig. Der Moritz setzte sich neben mich, er fragte: „Wer hat heut Ihre Toilette besorgt, so ein¬ fach, so originell! — die blaue Schärpe! — was bedeu¬ ten die blaue Bänder? — und der graue Kranz! — wer hat den aschgrauen Kranz besorgt?“ — ich sagte, der Widerhall. — „ Gris de cendre , joyeux et tendre , so muß denn der Widerhall freudiger Zärtlichkeit an Ihr Ohr geschlagen haben?“ — er ging. — So ein Liebesgespräch, mitten an offner Tafel, von keinem ver¬ standen, nur von mir, so leicht — so luftig — wie nimmst Dus? — ists nicht Blüthenstaub vom lauen Westwind Dir ins Gesicht geweht! — ja alles müssen wir der Natur vergleichen was voll heiteren Entzückens uns durchdringt, nichts anders kanns aussprechen noch wiedergeben im Bild. Will ich mir von jenen Worten die Regung im Herzen lebhaft wieder in die Sinne rufen so muß ich doch an Blüthenbäume denken die ihre Geschenke dem Morgenwind auf die Flügel laden für mich, und dann schauerts mich so frühlingsmäßig wenn ich das denke. — Als wir alle wegfuhren, die Schwägerinnen im Stadt¬ wagen zuerst, und ich ins hohe luftige Gick vom George, da ließ der Moritz seinen Mantel holen mir auf die Füße zu werfen weils kühl sei, er fragte ob ich froh gewesen sei? — ja! sagte ich, alles war schön und stimmte in einander, der Rasenteppich und die bunten Lichter, und die Sterne am Himmel, rauschende Bäume und die Musik der Geigen und Flöten, und auch die der süßen Reden. — Er drückte mich an sich und sagte „Du warst die Königin vom Fest, Dir hab ich die Lichter angezündet und die Flöten rufen lassen, es schmeichelt mir unendlich daß Du Gefallen hattest dran, und schenk mir was zum Lohn und zur Erinnerung der schönen Nacht.“ — Ich hab nichts, was soll ich Ihnen geben? — „Der Kranz steht Dir zu gut den will ich nicht, gieb mir die blaue Schärpe ich will sie heut Nacht um den Hals schlingen.“ Ich gab sie ihm, — er hob mich ins Gick warf mir seinen Mantel über, vier Reiter jagten mit Facklen voran durch den Wald. Wie war mirs doch? ein Zauber — so schnell die Schatten der Bäume — im Flammenschein verschwindend, — und wieder da gleich, im stillen Nachthimmel; ich freute mich — es dauerte so eine Weile daß die Sterne mit den Fackeln um die Wette mich auffingen, und als wir vor den Wald kamen da war der Mond aufgegangen, da wa¬ ren die Reiter eben so schnell wieder in den Wald zu¬ rück und jagten wie die Pfeile, ich sah ihnen nach, mein Blick war ganz trunken vom Flammenwind der da durchbrauste. Schreib dirs ins Herz sagt ich mir heimlich, das ist dein Leben, wie ein fliegender Feuer¬ drache ist dein Geist, er leuchtet die heilige Natur an, ihre dunklen Räume; mit heißer durstiger Zunge leckt er an ihr hinauf, aber er versehrt sie nicht — der Drache ist nicht wild und giftig, nein! zahm und sanft auch; er schwingt sich in zärtlicher Unruh im Kreis und strömt seine Feuer in sanften Laven in die Bäche am Weg und sein glühender Athem erlischt in den Nacht¬ nebeln. Ja der Drache ist zärtlich und liebend auch, nicht giftig und tödtend, nur will ihn keiner verstehn, und alle fürchten sich vor ihm, aber nicht Du meine Günderode, Du scheust den Drachen nicht, Du kosest ihm und legst seinen Flammenrachen zärtlich in Dei¬ nen Schooß. — Jetzt war ich aufgewacht aus meinen Träumen, ich nahm dem Reitknecht an meiner Seite, die Zügel und jagte durch die breite Ebne ganz im Mondlicht schwimmend. — Ach wie lustig! — allerlei Glücksempfindung! — Mit Dir hab ich den Pindar ge¬ lesen, Du hast auf Deinen Lippen die Begeistrung auf¬ gefangen und mir auf die Seele geträufelt. Wenn der Sänger mit sausenden Schwingen dahin flog, an uns vorüber! — Weißt Du's noch? — „dahin raste der hei߬ brausende Hymnensturm Latonens Sohn zum Preis!“ — Weißt Du's Günderode noch? — das Licht war ausgebrannt. Du lagst auf dem Bett, die Seele voll Klang, und wiederholtest die Verse in festerprägenden Rhythmen wo ich das Versmaß sinken ließ, und bei der Nachtlampe las ich weiter: Hört mich Ihr Söhne stolzer Helden und bei Götter — Denn ich verkünde diesem meergepeitschen Land, Einst werde Epaphus Tochter eine Städtewurzel pflanzen Auf des harmmoniers Boden, den Sterblichen zur Wonne, Die kurzbefiederten Delphine vertauschen alsdann Mit schnellen Rossen werden sie, die Ruder mit Zügeln, — Und fahren auf sturmfüßigen Wagen dahin. Ich nahm diese letzten Zeilen zwischen die Lippen von Zeit zu Zeit und stieß sie im Gesang hinausrufend in die weit schlafende einsame Weite, und der Mond eilte mit hinter leichtem Gewölk hervor. Hörst Du auch wieder die alten Hymnen Latone, deinen Söhnen ge¬ sungen, rief ich, — und so füllten sich allmählig meine Sinne und rauschten auf als seien sie von einem Har¬ fenrührer erschüttert mit goldnem Plecktrum und jugend¬ brausenden Muth. — Glückliche Nacht wo die Gedan¬ ken wie Blüthen im Südwind sich aufthun fröhlicher Hoffnung voll, — und ein Gefühl heitern Geschickes wie glänzende Strahlen aus den feurigen Blitzen sich ergießt die der Drache in die kühlen Mondlüfte spie! So kamen wir nach Offenbach, ich wendete links ab statt in die Domstraße zu fahren, der Reitknecht wollt mir in die Zügel greifen weil ich den Weg ver¬ fehle, ich wehrte ihm und so fuhr ich rasch am Bosket vorüber, wo die Pappeln so anmuthig sich neigten so schüchtern rauschten als wollten sie mich grüßen. Ich lenkte in den engen Weg nach des Gärtners Haus, ich hatte gesagt um halb zwölf Uhr, es war drei Uhr in der Nacht der Tag war im Aufwachen, der Gärtner stand vor seiner Thür und nahm die Mütze ab als er mich kommen hörte. Guten Morgen sagte ich, heut werd ich nicht in den Garten kommen ich will ausschla¬ fen, da ist Euer Kranz, und lenkte wieder um voll Vergnügen daß ichs durchgeführt hatt mit dem Kranz denn ich war unterwegs voll Zweifel ob ichs thun solle oder nicht. — Dem Moritz den Gürtel dem Gärtner den Kranz sagte ich mir immer; aber eine innere Stimme sagte mir, warum soll der Gärtner den Kranz entbehren er gehört doch sein, und er war ihm früher versprochen und dann fühlt ich wie weh es ihm thun werde wenn ich ich mein Versprechen nicht halten würde und wie das ohne Lüge nicht abgehen könne, ich müsse ihm sagen der Kranz sei verloren oder zerrissen und das wär eine doppelte Unachtsamkeit und müsse ihn doppelt verletzen, nein ich mußt ihn ihm geben. Meine Seele war or¬ dentlich leicht als er hingeworfen war und er ihn mit der Hand auffing, er erröthete so freundlich, grad mit der Morgenröthe! — die aufstieg. — Dem Moritz den Gürtel, ihm den Kranz! ja beiden gehörts. — Denn beide sind freundlich gesandt vom Dichter-Genius, der in der lautlosen Stille, wenns von Menschen nicht ge¬ wußt oder nicht bedacht, mir durchs Labyrinth der Brust schweifet in der Nacht. — Zu Haus im Bett wie war mirs da? — Letzt sah ich dem Franz sein Kindchen an der Amme trinken da mußte es so schnell schlucken, es konnt nicht eifrig genug trinken so strömte ihm die Milch zu. Grad so war mirs im Herzen, ich schluckte süße Milch, alle süße Erinnerung strömte, so wie meine Gedanken nur einen Augenblick wollten an ihr saugen, und wies Kindchen sich von einer Brust zur andern wen¬ det weil sie zu voll strömen bis es vor Ermüdung des Saugens einschläft, so wendete ich mich von einer Seite zur andern, und schlief auch endlich 15 vor Ermüdung des Genießens ein. — So hab ich geschlafen bis Mittag, da brachten sie mir einen Strauß der war mir aus dem Bosket geschickt worden. — Hör nur was das für ein Strauß war, und wie witzig der Gärtner ist; und wie gebunden, und was das bedeuten mag, — in der Mitte eine Moosrosenknospe, da her¬ um Vergißmeinnicht und Heidekraut die einen Kranz bil¬ den, dann rund herum höher herauf Wachholderzweige und Nesseln, die schirmt wieder allerlei Dornwerk und Laub was höher steigt, so zierlich gebunden wie ein Kelch in dessen tiefster Mitte die Moosrose glüht. Das lese ich so: Die Moosrose ist mein Geschenk, der Kranz; das Heidekraut was die Rose schirmt das ist der be¬ scheidne Gärtner, eine Blume wie sie unzählig sich auf dem Feld ausbreitet, die Vergißmeinnicht, das ist das ewige Andenken; er wirds nimmer vergessen daß ich ihm den Kranz geschenkt hab, der Wachholder ist der schlichte Weihrauch den er meiner Gabe als Opferrauch duftet, die Nesseln bedeuten daß es ihm im Herzen brennt und schmerzt, das Dornwerk und das Laub was rundum in Kelchform aufsteigt die Rose zu verbergen, die sagen daß es in seinem Herzen soll geheim blei¬ ben, und daß er es im Herzenskelch vor aller Au¬ gen still bewahren wolle. — Der St. Clair ist wieder zurück hat mir die Tonie gesagt. War er bei Dir? — Was hat er vom Hölderlin erzählt? — An die Bettine. Der St. Clair war bei mir, er kam von Mainz, heut erst geht er nach Homburg, bleibt acht Tage oder länger dort, wenn er zurückkommt das wird am Sonn¬ tag sein, will er nach Offenbach kommen, er glaubt Du werdest dann am Morgen wohl ein paarmal mit ihm im Garten auf und abgehen da will er Dir vom Höl¬ derlin alles erzählen. Am Mittwoch reise ich auf drei Wochen zur Nees auf ihr Gut bei Würzburg; von dort will ich Dir deut¬ licher schreiben, hier im Augenblick von kleinen Reise¬ angelegenheiten gestört, kann ich nicht, wie ich wohl möchte, antworten auf Deine Liebe, der ich eben auch vertrau wie dem untadelichen Grund Deiner Seele. Schon fühl ich mich bewogen Deine Empfindungen Dein Thun, ohne Einwurf gelten zu lassen, thue wie Dirs der Geist eingiebt, weil es das beste und einzige ist wo keines Menschen Rath auslangt; und auch weil Du, so nur den unberufnen Vorkehrungen und Rath¬ 15* gebern kannst ausweichen; das ist was hier zu befahren ist; — nicht Dein kühner Sinn; Dein sicher abwägendes Gefühl haben wir nicht zu befahren, aber das Mes¬ sen mit dem Maaßstab der nirgendwie mit Dir zu¬ sammenstimmt. Ich selber weiß oft nicht mit wel¬ chem Winde ich steuern soll, und überlasse mich allen. Hab Geduld mit mir da Du mich kennst, und denke daß es nicht eine einzelne Stimme ist der ich zu wider¬ sprechen habe, aber eine allgemeine die wie die lernaeische Schlange immer neue Köpfe erzeugt. Was Du sagst und treibst und schreibst geht mir aus der Seele oder in die Seele; ich fühle zu nichts Neignng was die Welt behauptet; und mustere ich gelassen ihre Forde¬ rungen ihre Gesetze und Zwecke, so kommen sie alle¬ sammt mir so verkehrt vor wie Dir, — aber Deine ab¬ surdesten Demonstrationen wie sie Deine Gegner nen¬ nen, habe ich noch nie in Zweifel gezogen, ich hab Dich verstanden wie meinen eignen Glauben, ich hab Dich geahnt und begriffen zugleich, und doch muß ich in die Sünde verfallen Dich zu verläugnen; es ist mir nicht gleichgültig daß ich diese Schwäche habe, kannst Du sie mir ausrotten helfen so bin ich willig zur Buße. Das sei Dir genug zum Fühlen wie die Vorwürfe, die Du Dir um mich machst mich nur drücken können. Das Produkt jener Stunde, wo Deine Liebe dieser gewaltsa¬ men Stimmung in mir so streng entgegentrat leg ich Dir hier bei. — Dichten in jedem Herzensdrang hat mich immer neu erfrischt, ich war nicht länger gedrückt wenn ich mein Verstummen konnt erklingen lassen. Des Wandrers Niederfahrt . Wandrer . Dies ist, hat mich der Meister nicht betrogen Des Westes Meer in dem der Nachtwind braußt. Dies ist der Untergang von Gold umzogen, Und dies die Grotte, wo mein Führer haußt. — Bist du es nicht, den Tag und Nacht geboren Des Scheitel freundlich Abendröthe küßt! In dem sein Leben Hälios verloren Und dessen Gürtel schon die Nacht umfließt. Herold der Nacht! bist du's der zu ihr führet Der Sohn den sie dem Sonnengott gebieret? Führer . Ja, du bist an dessen Grotte, Der dem starken Sonnengotte In die Zügel fiel. Der die Rosse westwärts lenket, Daß sich hin der Wagen senket, An des Tages Ziel. Und es sendet mir noch Blicke, Liebevoll der Gott zurücke Scheidend küßt er mich; Und ich seh es, weine Thränen Und ein süßes stilles Sehnen Färbet bleicher mich; Bleicher, bis mich hat umschlungen, Sie, aus der ich halb entsprungen, Die verhüllte Nacht. In ihre Tiefen führt mich ein Verlangen Mein Auge schauet noch der Sonne Pracht, Doch tief im Thale hat sie mich umpfangen Den Dämmerschein verschlingt schon Mitternacht. Wandrer . O führe mich! du kennest wohl die Pfade Ins alte Reich der dunklen Mitternacht; Hinab will ich ans finstere Gestade Wo nie der Morgen, nie der Mittag lacht. Entsagen will ich jenem Tagesschimmer Der ungern nur der Erde sich vermählt, Geblendet hat mich trüg'risch, nur der Flimmer, Der Ird'sches nie zur Heimath sich erwählt. Vergebens wollt' den Flüchtigen ich fassen, Er kann doch nie vom steten Wandel lassen, Drum führe mich zum Kreis der stillen Mächte, In deren tiefem Schooß das Chaos schlief, Eh, aus dem Dunkel ew'ger Mitternächte, Der Lichtgeist es herauf zum Leben rief. Dort, wo der Erde Schooß noch unbezwungen In dunkle Schleier züchtig sich verhüllt, Wo er, vom frechen Lichte nicht durchdrungen, Noch nicht erzeugt dies schwankende Gebild Der Dinge Ordnung, dies Geschlecht der Erde! Dem Schmerz und Irrsal ewig bleibt Gefährte. Führer . Willst du die Götter befragen, Die des Erdballs Stützen tragen, Lieben der Erde Geschlecht. Die in seliger Eintracht wohnen, Ungeblendet von irdischen Sonnen, Ewig streng und gerecht; So komm, eh ich mein Leben ganz verhauchet, Eh mich die Nacht in ihre Schatten tauchet. Horch! es heulen laut die Winde, Und es engt sich das Gewinde Meines Wegs durch Klüfte hin. Die verschloß'nen Ströme brausen, Und ich seh mit kaltem Grausen Daß ich ohne Führer bin. Ich sah ihn blässer, immer blässer werden, Und es begrub die Nacht mir den Gefährten. In Wasserfluthen hör ich Feuer zischen Seh wie sich brausend Elemente mischen, Wie, was die Ordnung trennet, sich vereint. Ich seh, wie Ost und West sich hier umpfangen, Der laue Süd spielt um Boreas Wangen, Das Feindliche umarmet seinen Feind Und reißt ihn fort in seinen starken Armen: Das Kalte muß in Feuersgluth erwarmen. Tiefer führen noch die Pfade Mich hinab, zu dem Gestade Wo die Ruhe wohnt, Wo des Lebens Farben bleichen, Wo die Elemente schweigen Und der Friede thront. Erdgeister . Wer hieß herab dich in die Tiefe steigen Und unterbrechen unser ewig Schweigen? Wandrer . Der rege Trieb: die Wahrheit zu ergründen! Erdgeister . So wolltest in der Nacht das Licht du finden? Wandrer . Nicht jenes Licht das auf der Erde gastet Und trügerisch dem Forscher nur entflieht, Nein, jenes Ursein das hier unten rastet Und rein nur in der Lebensquelle glüht. Die unvermischten Schätze wollt' ich heben Die nicht der Schein der Oberwelt berührt Die Urkraft, die, der Perle gleich, vom Leben Des Daseins Meer in seinen Tiefen führt. Das Leben in dem Schooß des Lebens schauen, Wie es sich kindlich an die Mutter schlingt In ihrer Werkstatt die Natur erschauen, Sehn, wie die Schöpfung ihr am Busen liegt. Erdgeister . So wiss! es ruht die ew'ge Lebensfülle Gebunden hier noch in des Schlafes Hülle Und lebt und regt sich kaum, Sie hat nicht Lippen um sich auszusprechen, Noch kann sie nicht des Schweigens Siegel brechen, Ihr Dasein ist noch Traum — Und wir, wir sorgen daß noch Schlaf sie decke Daß sie nicht wache, eh' die Zeit sie wecke. 15** Wandrer . O ihr! die in der Erde waltet, Der Dinge Tiefe habt gestaltet, Enthüllt, enthüllt euch mir! Erdgeister . Opfer nicht und Zauberworte Dringen durch der Erde Pforte, Erhörung ist nicht hier. Das Ungeborne ruhet hier verhüllet Geheimnißvoll, bis seine Zeit erfüllet. Wandrer . So nehmt mich auf, geheimnißvolle Mächte, O wieget mich in tiefem Schlummer ein. Verhüllet mich in eure Mitternächte, Ich trete freudig aus des Lebensreihn. Laßt wieder mich zum Mutterschooße sinken, Vergessenheit und neues Dasein trinken. Erdgeister . Umsonst! an dir ist uns're Macht verloren, Zu spät! du bist dem Tage schon geboren; Geschieden aus dem Lebenselement. Dem Werden können wir, und nicht dem Seyn ge¬ bieten Und du bist schon vom Mutterschooß geschieden Durch dein Bewußtsein schon von Traum getrennt. Doch schau hinab, in deiner Seele Gründen, Was du hier suchest wirst du dorten finden. Des Weltalls seh'nder Spiegel bist du nur. Auch dort sind Mitternächte die einst tagen. Auch dort sind Kräfte, die vom Schlaf erwachen Auch dort ist eine Werkstatt der Natur. Der Tonie hat Clemens geschrieben er komme in wenig Tagen — er hofft mich hier zu finden, ich kanns nicht ändern daß ich fortgehe grade wie er kommt, es thut mir leid, wie gern ich ihn gesprochen hätte, — Du sags ihm doch, in drei Wochen bin ich zurück, bitte ihn daß er so lange bleibe ich werde gewiß um keinen Tag zögern, es liegt mir daran ihn zu sehen, das einliegende Blatt gieb ihm er hats von mir ver¬ langt, es ist ein Gedicht was ich schon früher gemacht habe. Clemens wird zu Dir hinauskommen, ich glaube Du thust wohl noch so lang in Offenbach zu bleiben bis ich wieder zurück bin, Du bist vergnügt dort und niemand legt Dir was in den Weg, hier würden Sit¬ len- und Splitterrichter Dich verdrießlich machen, Cle¬ mens würde dabei manche Frage an Dich thun die Dir unlieb sein dürfte, und mir ists unangenehm wenn er Dich ins Gebet nimmt. Du schreibst mir doch! — schicke Deine Briefe ins Stift, dort ist am Samstag und den Donnerstag drauf Gelegenheit etwas an mich zu schicken. — Ich wäre gern noch hinaus gekommen, glaubst Du daß George mich im Cabriolet hinausfahren ließe? — Wolltest Du wohl bei ihm drum fragen? — Was Dir die Großmama aus ihrem Leben erzählt das merk Dir doch alles wenns auch nur mit wenig Zeilen ist, später ist es einem gar interessant. Adieu und bleib mir gut, ich will Dirs abzuverdienen suchen. Karoline. Ist alles stumm und leer, Nichts macht mir Freude mehr, Düfte sie düften nicht, Lüfte sie lüften nicht, Mein Herz so schwer! Ist alles öd und hin, Bange mein Geist und Sinn, Wollte, nicht weiß ich was Jagt mich ohn Unterlaß Wüßt ich wohin? — Ein Bild von Meisterhand Hat mir den Sinn gebannt Seit ich das Holde sah Ists fern und ewig nah Mir anverwandt. — Ein Klang im Herzen ruht, Der noch erfüllt den Muth Wie Flötenhauch ein Wort, Tönet noch leise fort, Stillt Thränenfluth. Frühlinges Blumen treu, Kommen zurück aufs Neu, Nicht so der Liebe Glück Ach es kommt nicht zurück Schön doch nicht treu. Kann lieb so unlieb sein, Von mir so fern was mein? — Kann Lust so schmerzlich sein Untreu so herzlich sein? — O Wonn' o Pein. Phönix der Lieblichkeit Dich trägt dein Fittig weit Hin zu der Sonne Strahl — Ach was ist dir zumal Mein einsam Leid? An die Günderode. Warum Du aufs Landgut grade gehst wie wir im besten Verkehr sind, das begreif ich nicht, es war schon als hätt ich Wurzel gefaßt in diesem schönen Briefle¬ ben, wie die Erdbeeren beim Erröthen fühlt ich einen aromatischen Duft in mir wenn ich mich heiß geschrie¬ ben hatte, Du bist immer unterwegs, ich begreif nicht wo Du Zeit hernimmst zu Allem! — Dies schöne Ge¬ dicht! — Wann hast Dus geschrieben? — Es dreht sich im Tanz und spielt sich selbst dazu auf — so leicht, als ob sichs so nur aus Deiner Brust athme ohne An¬ stoß. — Dein Gedicht was Du in der klanglosen Stunde geschrieben ist doch klangreich, es schöpft die Töne aus der Brust und stimmt sie zu Melodieen. — Doch weile ich lieber bei dem ersteren, denn das hast Du doch spä¬ ter gemacht nicht wahr? und fühlst auch wie ich daß die Schmerzen im Geist immer mit auf die Pein der Langeweile gegründet sind. — Denn nehms wie Du willst; bräche das Leben sich mit einmal eine neue Bahn und wär sie auch noch so uneben und holperig, die Verzweiflung hätt ein Ende. Denn alles Schmerz¬ gefühl, alle Sehnsucht kommt doch nur daher weil die grade Bahn des Lebens gehemmt ist. — Besinn Dich doch auf unsere Reise-Abentheuer die wir den Winter mit einander durchmachten, keiner von uns hatte eine trübe Minute den ganzen Winter nicht, Deine Sehn¬ sucht ins Innere von Asien hinein brachte uns immer unter die wilden Thiere. Tieger und Löwen und Ele¬ phanten haben uns Schabernack gespielt. Was haben wir für Sonnenhitz ausgestanden mitten im Eis; erst später merkte ich wie sehr wir uns in dies Leben ver¬ tieft hatten, da alle Leute diesen Winter als einen der kältesten durchgehustet haben. Weißt Du am Neujahrs¬ tag kam ich zu Dir! alle Räder pfiffen an den vielen Staatswagen, die gepuderten Kutscher mit den rothge¬ frornen Gesichtern! — da kam ich zu Dir in die Stube herein und sagte Gott es ist so heiß hier in Asien daß wir nur so hinschmachten und drauß vor der Thür in Frankfurt da hängen dem Kutscher die Eiszapfen am Knebelbart. — Was haben wir gelacht Günderode; — und haben unter Zimmetbäumen eine Tasse Chokolade getrunken die wir in Deinem Öfchen kochten mit wohl¬ riechendem Sandelholz; und da kam ein Salamander ins Feuer und färbte sich da in allerlei Farben und warf die Chokoladenkanne um, und wir melkten die weiße Elephantin die ihr junges in unserer Nähe säugte und machten Elephantenbutter, ich wollt als immer Löwenbutter machen das littest Du nicht denn Du warst sehr vorsichtig. Du meintest es sei zu viel Gefahr da¬ bei, die Löwin könne mir einmal wild werden über dem Melken — Und die Erlebnisse am Ganges und Indus. die schönen Knaben die uns da begegneten wo wir uns versteckten und sahen sie vorübergehen und sich waschen in den heiligen Fluthen und Gebete thun, da sagtest Du es müssen wohl Tempelknaben sein, wir müssen nach dem Tempel hier in der Gegend suchen. Da führte eine Allee von großen Tulipanen hin, die hab ich ent¬ deckt, wir brachten Stundenlang hin mit der Bewun¬ drung der Blumen, und da waren Goldfruchtbäume und Trauben und Melonen, alles das wuchs in schön¬ ster Fülle rund um die Säulen der Tempel zu denen wir fremde Völkerstämme hinwallen sahen, da sagtest Du einen Hymnus her den hätten sie gesungen beim Sonnenaufgang: Ätherwüste! — so fing Dein Hym¬ nus an, und ich machte eine Melodie drauf, die ließest Du Dir vorsingen zur Zitter von mir, — und Du hör¬ test zu, so still als wär es indischer Tempelgesang; Abends im Mondschein das war unsre beste Zeit wo wir phantasirten, und hielten uns einander bei den Händen wenn wir die Berge hinanstiegen und ruhten unter Dattelbäumen aus, Du machtest immer die Reise¬ route weil Du die Kenntnisse des Landes hattest, und da stiegen wir auf einen Berg der hieß Bogdo, von da aus, sagtest Du, könne man alle Gebirgsketten über¬ sehen, da eilte ich mich voran zu kommen um zuerst oben zu sein, und da schrie ich Dir entgegen ich sähe das rothe Korallenmeer mit der Todespforte. Da hatte ich mich aber geirrt, denn Du bewiesest mir daß man es von da aus nicht sehen könne da es an der Grenze von Afrika liege, und der Bogdo liege in der Mitte von Hochasien. — Wir waren doch so glücklich, wie schwärmte mein Kopf von brennenden Farben der Blü¬ thenwelt, wie waren wir entzückt vom Duft, der uns umwallte! — das dauerte den ganzen Winter, und kein Mensch wußte daß wir in einer südlichen Welt lebten, wir gingen grade in den Gärten von Damas¬ kus spazieren ganz entzückt von dem Blumenparadies und trunken von ihrem Duft, da kam der alte Herr von Hohenfeld und brachte Dir das erste Veilchen was er auf seinen Spaziergang im Stadtgraben gefunden hatte. Ach da verließen wir Damaskus und ließen uns von Hohenfeld hinausführen wo er das Veilchen ge¬ funden hatte und suchten noch mehrere; und von da an war der Zauber aufgehoben, und wir lachten recht daß uns das Veilchen so schnell aus Asien herüber ge¬ zaubert hatte nach Frankfurt auf die alten Festungs¬ wälle, denn wir gingen von nun an in den schönen Frühlingstagen jeden Mittag hinaus, — und machten uns Kränze die standen Dir so schön, so war die ge¬ ringste Wirklichkeit schon wieder ein Paradies für uns. Sieben Spaziergänge haben wir so gemacht, Günde¬ rode, ich hab mir sie gezählt, sie kamen mir wie das köstlichste im Leben vor. Du saßest immer unter der großen Eiche und bedauertest Deinen arabischen Ren¬ ner, daß Du den nicht mit aus Asien herüber gebracht hattest; während ich am Abhang nieder kletterte wo Du immer Furcht hattest daß ich hinunter falle; am Neu¬ jahrstag war ich wirklich da hinunter gekollert, ich war mit George da spazieren gegangen es war Glatteis, ich glitt aus und Er den Augenblick ohne sich zu besinnen mir nach, da faßte er mich und hielt sich mit der an¬ dern Hand an einer Wurzel fest. Er war ganz blaß und wankte denn er konnte schwer das Gleichgewicht halten. Oben sagte er: jetzt wären wir Beide zerschmet¬ tern hätte Gott mir nicht beigestanden denn ich hätte mich Dir nachgestürzt. — Ich war bis dahin gar nicht erschrocken gewesen, denn ich bin so faselig und merk nie Gefahr. — Aber das erschütterte mich daß des Bru¬ ders Leben an dem meinen hing wie an einem Haar, und daß es Gott nicht reißen ließ. — Wie Geschwister doch aneinander hängen, wie Glieder eines Leibes, eins stürzt dem andern nach in den Abgrund; eins rettet das andere. Möge ichs doch nie vergessen das Vater und Mutter mir den Bruder geschenkt haben. — Was wollt ich Dir doch sagen! — ja, daß damals mir zuerst der Gedanke kam wie das Leben nur als Nothbehelf vernutzt werde. Ich dachte daß wir Ge¬ danken haben so rasch, und daß die Zeit hinten nach¬ kommt und mag nichts erfüllen, und daß die Melan¬ cholie allein aus dieser Quelle des Lebensdrang fließt, der sich nirgend ergießen kann. — Die Welt muß voll dessen sein was unser Leben entwickelt, kämen die Tha¬ ten und überflügelten unsere Sehnsucht daß wir nicht immer ans Herz schlagen müßten über den trägen Le¬ bensgang — Nicht wahr Du fühlst es auch — das wär die wahre Gesundheit, und wir würden dann schei¬ den lernen von dem was wir lieben und würden ler¬ nen die Welt bauen, und das würde die Tiefen der Seele beglücken. So müßte es sein, denn es ist viel Arbeit in der Welt, mir zum wenigsten deucht nichts am rechten Platz. — Und was ich niemand sage wie nur Dir, ich mein immer ich müsse die ganze Welt um¬ wenden, ja ich sage Dir, es liegt mir so nah daß ich oft in Träumen mich nach dem Scepter umsehe, wo Gott den für mich hingelegt hat, und würde gewiß die Verwirrung lichten. Nur ein einzig Ding am rechten Ende angefaßt zieht eine Menge andere nach sich die von selbst dann ins rechte Geschick kommen würden. Die Menschen lernen dann allmählig auch das Rechte denken, wenn sie erst eine Weile das Rechte haben thun müssen. Denn ich sage nur immer so: konnten sie so fest in der Unnatur sich einwurzeln, wie viel fe¬ ster und kräftiger dann im Boden der ihre höhere Na¬ tur erzieht. Sollt ich irren? — Menschengeist horcht auf Göttergebot in der eignen Stimme; horcht auf jene heilige Urphilosophie die ohne Lehre als Offen¬ barung jedem sich giebt der mit reinem Willen zur Wahrheit betet . — Das hast Du selber gesagt, es sind Deine eignen Worte. Wie oft hab ich doch einsam um Wahrheit gefleht! — und wie unermeßlich ist doch Vol¬ lendung über die Sterne hinauf, — Und die Zeit darf nicht mehr sein da wo wir sie gegenwärtig fühlen. — O bessere Tage wo seid ihr? O kommt uns entgegen, laßt nicht immer nur harren auf euch daß nicht auch wir nur wie Schattenbilder an euch vorübergehen. Las¬ set euch dienen ihr Tage die ihr den Geist der Liebe sollt hinüberschiffen; still und heimlich euch landen helfen, und den Genius aufnehmen, lehren die Menschen, daß sie ihn nimmer verschmähen der in allem allein nur darf gelten! — so red ich das Morgenlicht an das mich weckt, und denke dabei Dei¬ ner und meiner. — Was sind Freundschaftsbande? — Was ist Zusammenleben, und Austausch der Gedanken wenn der Dritte nicht niedersteigt, der Göttliche — der herab sich läßt um das Leben genesen zu machen? — Ach — so deutlich steht es geschrieben in meiner Brust! — gefaßt und b sonnen muß der Geist sein, — das weiß ich — und das Herz ist oft ein ungeduldiger Kran¬ ker, aber der Geist wird auch alles für es aufbieten, und eine Höhe muß es geben wo grade durch den Geist es mit allem Leiden versöhnt werde. — Das denke, wenn es zu hart Dich bedroht, lasse Dir nicht schwin¬ deln und denk daß Begeistrung immer das höchste Er¬ denschicksal ist, und daß die aus dem Schmerz sich er¬ zeuge wie aus der Freude. — Und mags kommen wies will so sollen zu Helden wir uns bilden, mit der Freude wie mit dem Schmerz unsre Freiheit erkaufen. — O kommt mir das Feld der Schicksale doch vor wie der Blumengarten Gottes, wo jede Knospe in ihren ei¬ genthümlichen Farben sich erschließt, der weise Gärtner giebt Schatten den einen und Kühle und harten Boden, den andern Sonne und fruchtbare Erde, so wie jedes be¬ darf zum Blühen. — Und das Blühen ist ja die Erfül¬ lung aller Sehnsucht. Drum lasse uns das Leben lieben, weil es uns, zu dieser Blüthe bringt, und denken, die Wolke über uns, schütte sich aus den Staub von uns abzuwaschen und daß dann die Sonne aufs neue uns anglänzt. Ich bin traurig, — ich kann nicht von Dir los — Dein Lied schmerzt mich — ja es weckt Melodieen — aber so schmerzliche — daß ich in ihrem Gesang den Widerhall Deines Weh's empfinde, und mich schäme daß ich so heiter war diese Zeit über, an jedem Weg mir Blumen sammelte und Dir zuwarf in Scherz und Übermuth, und das war schlecht lieben gelernt von mir, wo ich doch herausgezogen war um dieser Schule mich ganz zu widmen. Was werd ich dem Clemens sagen wenn er auf meine Bildung zu sprechen kommt? — Ich freu mich sehr auf den Clemens das wird mich für Dein Fortlau¬ fen trösten, ich mag gar nicht dran denken daß Du mit so viel Menschen umgehen kannst mit denen ich kein ungescheut Wort zu sprechen vermag. — Wie ist mir doch Hören und Sehen vrrkürzt durch Dein Weggehen! — Gestern Abend noch blies mir die hundertjährige Cousine das Licht aus, ich solle nicht die ganze Nacht durch schreiben meinte sie, oder sie wolle es der Gro߬ mama sagen daß ich meine Gesundheit verderbe, ich hatte einen Schachteldeckel vors Licht gestellt daß sies nicht sehen sollt durchs Schlüsselloch, aber sie bemerkte den Widerschein; — ich sagte Sie alte Hundertjährige was will Sie mit mir auf der Welt. Sie kann doch unmöglich noch einmal hundert Jahr leben, dann gehen wir zusammen, — „nein wenn Dus so machst dann kannst Du mir nit e mal Quartier bestellen ich überleb Dich hun¬ dertmal.“ Ich mußt mirs gefallen lassen, das Licht war aus, ich nahm sie aber dafür auf den Arm und trug sie mit sammt ihrem Laternchen hinunter auf ihren Le¬ dersessel. Sie schrie erst, ich werde sie der Treppe herun¬ terwerfen, aber mitten in der Todesgefahr war sie vor Angst ganz still, unten auf dem Sessel wollte sie anfan¬ gen zu zanken, ich nahm aber ihr Federbett und warfs ihr auf den Kopf und lief fort. — Jetzt kommt sie ge¬ wiß nicht wieder. — Obschon ich müde war hätt gern noch geschrieben was ich jetzt nicht mehr weiß, heut schwärmt mirs nur vor Augen und Ohren daß Du nicht mehr auf Deinem alten Plätzchen meine Briefe bekom¬ men sollst. Die Großmama hatte gestern einen Anfall von Schwindel, ich mag nicht nach Frankfurt verlangen, und auch mag ich nicht hin, was soll ich dort wenn Deine Haiden Deine Holzhausen Deine Nees Dich in Beschlag nehmen! — Ich glaubte, ja wahrhaftig ich glaubte ich wär Dir lieber wie die andern und es wär Dir Ernst mit unsrer religiösen Weltumwälzung wies auch mir ist, und so wars auch recht von Gott angeordnet daß wir beide nicht beisammen und doch so nah waren daß jeden Tag unsere Briefe sich erreichten so kam es doch zu Papier, sonst hätten wirs verschwätzt. Was hilfts! — übermorgen gehst Du bis Würzburg, das liegt außer der Welt, und läßt mich hier auf dem Dach vom Taubenschlag schmachten. — Wenn Du gut sein willst so komm morgen früh um sieben Uhr auf die Gerbermühl; hierher komme nicht, weil die Großmama unwohl ist, da ich jetzt immer in ihrem Vorzimmer bin, aber bis morgen um zehn Uhr wo ich erst zu ihr gehe, kann ich mit Dir sein, um sechs Uhr geh ich auf die Gerbermühl, der George läßt Dich hinfahren ich habs ihm geschrieben. Hinter der Mühl in dem langen Heckengang auf dem Stein am Kreuz wollen wir uns ein bischen hinsetzen zusammen. Du kannst nach der Stadt zurückfahren, Du kannst auch das Ca¬ briolet zurückschicken und zu Wasser heimfahren, das wär mir lieber damit Du nicht ängstlich sein sollst ums Cabriolet halten zu lassen so lang mir beliebt. Ach am Sonntag hab ich auch eine Wasserfahrt gemacht mit Jeannot und Dorwille auf Bernhards Nachen hin¬ ter dem Schiff mit der Harmonie, alles war in Scherz und Liebesreden begriffen wenn die Musik pausirte, ich aber hatte keinen Antheil dran, der Gärtner saß am Steuer dem wollt ich nicht leid thun, er hatte schöne feine feine Hemdärmel und mein Schnupftuch um den Hals geknüpft. — An die Günderode nach Würzburg. Weil ich jetzt weiß, daß Du außer der Welt bist so hab ich ein ganz ander Leben angefangen und mein Sinn hat sich ganz geändert. — Ich möcht auch fort in die Welt, ja ich möcht fort! — Ich bin doch in mei¬ nem Leben noch auf keinen Berg gestiegen, von wo aus man die ganze Welt übersieht, und in meiner Seel überseh ich doch die Welt. — Du zankst daß ich alles besser wissen will, und ich weiß doch alles besser, und ich kann doch nichts davor daß mirs anders und besser einfällt. — Ja mir kömmt vor als sei mein Bewußt¬ sein ein Gesang meiner Seele dem ich mit Vergnügen zuhör, denn wenn ich einmal etwas nicht weiß, so ist es nur als hätt ichs vergessen gehabt, aber ich hatte es doch schon einmal gewußt. — Nur bei kleinen Dingen steht mir manchmal der Verstand still, zum Beispiel ge¬ stern bei einer wilden Kastanie die ich aus ihrer grünen Hülfe losmachte, da lagen drei Kastanien in einander 16 gefügt, noch unreif, blendend weiß, da mein ich immer, ich müßt mit Gewalt wissen lernen was alle diese Formen sprechen, denn gewiß ists, alles geschaffene ist durch den heiligen Geist erzeugt. Es ist unmöglich daß eine Form sei, sie ist denn durch Gottes Wort, Es Werde, hervorgegangen. Nun, was durch den ewi¬ gen Erzeugungswillen hervorgeht das muß doch eine Selbstsprache haben, das muß sich nemlich aussprechen und sich auch beantworten. Dein Leben muß doch eine Sprache führen, denn sonst ist es ja nichts. Also wen Gott liebt mit dem führt er Gespräche, also blos Liebes¬ gespräche, — ja was ist auch Gespräch als blos die Liebe, — so ist denn alle Form in der Natur ein Aus¬ druck der Liebe. Die Sprach der Lieb ist also Sprach Gottes. Gott ist der Liebende — ist denn Gott persön¬ lich? — hat er ein Antlitz? — kann ich ihm die Hand reichen? — wo find ich ihn, daß ich Liebesgespräch mit ihm führ. — Meine Lieb zu Menschen ist Mitleid, ich muß um sie trauren daß es so und nicht anders ist. — Liebe ist glaub ich nur Göttergespräch. — Weil ich weiß daß ich alles weiß, nur kann ichs nicht finden, so such ich alles in mir, das ist ein Gespräch mit Gott. Das ist also Liebesgespräch, wenn ich mich aufs Gesicht leg im Schatten und hör den Bach rauschen neben mir, was der redet alles, und Antwort drauf geben muß! und streck die Ärm aus im kühlen Gras überm Kopf, und frag in meine Seel hinein alles was ich wissen will. Da wird mir Antwort, ich kann sie aber nicht gleich in Worte übertragen. Aber es giebt auch ein Gespräch ohne Worte. Aber Liebe ist doch wohl blos Gottheits¬ gespräch? — Ja was soll sie anders sein? — Frage und süße Antwort; könnt ich aufhören danach mich ewig zu sehnen? — ich wär mir selber gestorben. Und die Seele die mich am tiefsten versteht — mir am sehn¬ süchtigsten Antwort giebt, mich wieder frägt um Antwort, die muß ich lieben. — Wissen wollen, ist ja schon Wis¬ sen, es ist Anschauen; und wenn ich anschaue so nehm ich ein Bild in mich auf, und das ist Wissen. Wie kann sich doch der Mensch nicht enthalten irgend was anders sein zu wollen als ein Liebender? — Wie komm ich doch darauf? — das ist von heut früh auf der Ger¬ bermühl unser Gespräch; — ich sag Dir wenn ich ge¬ schwiegen hab so ist das weil mir die Worte nicht wohl¬ tönend genug vorkamen, ich seh mich im Geist um nach Klang, wenn ich etwas sagen will da find ich keinen Ton der stimmt, und Du kannst mirs glauben manches 16* laß ich ungesagt, weil ichs nicht edel genug auszuspre¬ chen vermag, durch Musik hab ichs herausgefühlt daß aller Geist im Menschen liegt, daß er aber nicht die Melodie dazu findet ihn auszusprechen. Denn jeder Gedanke hat eine Verklärung, das ist Musik, die muß Sprache sein, alle Sprache muß Musik sein, die erst ist der Geist, nicht der Inhalt, der wird nur Liebesge¬ spräch durch die Musik der Sprache. — Geist ist grö¬ ßer wie der Mensch, immer will der an ihm hinaufra¬ gen, spricht er ihn aus, so hat er selber sich in den Geist übersetzt, Geist ist Musik, so muß auch die Sprache durch die er uns in sich aufnimmt Musik sein. Wie könnten wir ihn begreifen mit den Sinnen zugleich, in unwürdiger Gestalt! — Nein! — Geist ist verinnigt mit Schönheit, er ist nur dann Geist wenn er Schön¬ heit ist. — Durch den Dichter spricht er sich aus, denn der hats Gefühl daß Geist nur Schönheit ist. Alle schöne Handlung, alles Große ist ein Gedicht des Gei¬ stes. — Ach ich streck die Händ zum Himmel und möcht was anders als was die Menschen thun. Denn ich fühl wohl mein Nichtsthun ist Sünde. — Aber was soll ich thun was mich weckt. — Die Kunst meint der Clemens! — so ists blos weil er mich innerlich nicht kennt, mit was ich alles zu thun hab. — Denn das muß wohl meine größte Anlage sein was mich am schnellsten aufregt und mich ganz mit sich fortnimmt. — Nun, obschon ich keine Weltgeschicht studiren mag, und bei dem Zeitunglesen vor Ungeduld mich kaum zusam¬ mennehmen kann, so ists doch die Welt die ich regieren möcht und mich reißts hin darüber nachzudenken. Wenn Du an den Clemens schreibst so sag ihms, das scheine mir mein entschiedenstes Talent, die Welt regieren; weiß er Gelegenheit mich darin zu üben so will ich fleißig sein Tag und Nacht. Schon jetzt nehmen mir die Re¬ gierungsgedanken den Schlaf, von allen Seiten wo ich die Welt anseh möcht ich sie umdrehen. Eine Zeitlang hat alles was ich im Leben erfahren hab wie eine hölzerne Maschine auf mich gewirkt. So der ganze Religions¬ unterricht, der machte mich völlig dumm. — Z. B. die Lehre, mit welchen Waffen die Ketzer zu bekämpfen, mit welchen Grundsätzen sie bekämpfen? — da kam mir Ketzer und Waffe und Glaube alles wie ein Unsinn vor, und hätt ich nicht meine Zuflucht dazu genommen gar nicht zu denken so wär ich ein Narr geworden. — Wie denn wirklich alle Menschen Narren sind, mein großer Courage dies zu glauben und ohne viel Speranzien sie auch danach zu respektiren das hat mich frei gemacht von der Narrheit. — Und wie sollt doch einer aus dem Schlamm des Philisterthums herauskommen als von fri¬ schem sich in die Hände Gottes geben, der hat nicht um¬ sonst den Menschen aus Lehm gemacht, da er ihn nur anzuspeien braucht daß er wieder feucht wird um ihn von Grund auf neu durchzukneten und seine erste reine Gestalt wiederzugeben. — Woran erkennt man einen katholischen Christen? — am Zeichen des heiligen Kreu¬ zes! — dies schlug mir den ersten widerspenstigen Funken aus dem Geist. Denn was braucht doch der natürliche Mensch ein katholischer Christ zu sein und sich bekreu¬ zigen? — ist das der nächste Weg Gott ähnlich zu werden? — ist Gott ein katholischer Christ? — oder ist er wie Du ein Ketzer? — und warum machen wir doch das Kreuz, als blos um wie die Hunde dem Ketzer die Zähne zu fletschen. — Als wir aus dem Kloster zurück¬ geholt wurden ins väterliche Haus, da ließ uns die Frau Priorin vor sich kommen und schärfte uns ein, ja nicht den katholischen Glauben zu verlassen; wenn wir zuunsrer Großmutter kommen, die eine lutherische Dame sei, sondern wir sollten alles dran wenden sie zu be¬ kehren. Sie sagte das mit so viel Herzenswärme, ich hätte ihr die Hand drauf geben wollen, aber ich wußte nicht was katholisch sei — ich half mir; alles was nicht lu¬ therisch ist, das sei katholisch. Alles was man lernen muß hüllt den Verstand in eine Nebelkappe daß die Wahrheit uns nicht einleuchte. Alles was wir zu thun bewogen sind ist Eselei. — Meinungen von geistreichen Männern zu hören was der Großmama ihre Passion ist, das scheint mir leeres Stroh, liebe Großmama — Du kannst doch nicht läugnen liebes Kind daß sie die Welt verstehen und dazu berufen sind sie zu leiten? sagte sie gestern. — Nein liebe Großmama mir scheint vielmehr daß ich dazu berufen bin. „Geh schlaf aus Du bist e närrisch's Dingle.“ Bei der Großmama wird jetzt Abends allerlei Politisches unter den Emigranten verhandelt da wird die Umwälzung des großen Weltkürbiß von allen Seiten versucht, er deucht ihnen angefault. Außer Choiseil, Ducailas, D'Allaris die immer das Wort führen, kamen gestern noch ein Herr von Marcelange und Varicourt, dieser letztere besonders schön von edler Haltung, ritterlich, ich könnt keinen Augenblick glauben daß ihm je etwas Unebenes in den Sinn komme; er wendete sich immer zu mir als ob er um meinen Beifall werbe— ai-je raison ? seine Reden machten mir Eindruck, er war in Begleitung einer Herzogin von Bouillon (Hes¬ sen-Rothenburg) und einer Prinzeß Biron die Mittags auch die Großmama besucht hatten, durch Frankfurt ge¬ kommen, ein Graf Catälan hat ihn zur Großmama ge¬ führt, die litt nicht, daß die Emigranten wie gewöhn¬ lich Politik sprachen weil sie meistens getheilter Gesin¬ nung sind, später erzählte sie daß sein Bruder jener Va¬ ricourt sei der als garde du roi am 6. October 1790 in Versailles an der Thür der Königin ermordet wurde als er ihr zurief: Königinn! retten Sie sich, es ist der letzte Dienst den ich Ihnen leiste, die Großmama erzählte mir von seiner Mutter die sie kurz nachher in der Schweiz auf einem verfallenen Landsitz bei Nyon getroffen hatte in einer düstern großen Vorhalle die zugleich Küche war mit alten wollnen Tapeten so faltig be¬ hangen, ein altes Ruhebett auf dem der Hut ihres Sohns mit weißer Cocarde lag, ein paar Strohstühl¬ chen ein ungeheuer großer Camin mit einem kleinen Feuer von einigen Rebenreiser wo ein Kesselchen mit Theewasser für die kranke alte Frau kochte, eine schla¬ fende Katze zu ihren Füßen, ein einziges schmales hohes Fenster in diesem zerfallenen Wohnsitz einer ausgestor¬ benen Familie, da habe die Frau den Hut ihr gezeigt und gesagt es war eine Zeit wo das weiße Band ganz Frankreich zum Gehorsam für seinen König aufrief ꝛc. — Ich hörte der Großmutter gern zu so lang sie dies erzählte, dabei brachte sie aber noch so manches andre vor was keinen Zusammenhang damit hatte, so sprach sie von einer Heerde mehrerer hundert Kühe die man damals an einem Ort zusammengetrieben, wo sie wegen einer Seuche alle todtgeschossen wurden; — sie jammer¬ ten und tobten bei den ersten Schüssen, als aber der Bulle niedergeschossen war, hat keine Kuh sich mehr ge¬ wehrt, alle haben ruhig den Tod erwartet, vergleiche: Emigranten und ihren König — dann hat die Gro߬ mama noch Unendliches von unschätzbaren Leuten erzählt; von Seidespinnerei, von 360 Coccons eine Unze Seide, von 2893 ein Pfund, so viel Simmer Sei¬ denwürmer spinnen an 5 Pfund Seide — fraßen zu viel Maulbeerblätter, man gab ihnen Latuk, Spinat, und Blätter von Johannistrauben welches sie mit Vergnü¬ gen fraßen recht gut Seide spannen nur daß sie etwas grüngelb wurde, zuletzt erzählte sie mir noch aus dem Leben der heil. Jutta welche Naturgeschichte und See¬ lenlehre studirt hatte und dies führte sie auf den Mi¬ 16** rabeau, als ich zu Bett ging war ich ganz verwirrt und konnt an nichts Liebes mehr denken, ich mußt gleich einschlafen. — Wies doch in der Großmama ihrem Kopf aussehen mag? — so viel an einander gehängt wozu kein Mensch die Lösung fände, ob ich wohl auch so bin! — Das Haus wird jetzt nicht leer an merkwürdi¬ gen Leuten, alle französische Journale werden gelesen und besprochen, ich muß wider Willen Antheil nehmen an ihren Witzen über Hof und Hofstaat, Kostüm, Li¬ vreen, Uniformen, Schmuck und Spitzenbehänge des weiblichen Personals, alles wird durchgemustert, dann die allgemeine große Ablaßanonce von dreißig Tagen um die Franzosen aus des Teufels Sclaverei zu befreien. Ich stehe unter den Disputirenden wie unter einer Traufe; Protestant, Philosoph, Enciclopedist, Illuminat, Demo¬ krat, Jacobiner, Terrorist, homme de sang , alles regnet auf mich herab, worunter man immer dasselbe versteht. „Von oben herab verkennen sie alles“ sagte der Vari¬ court, „von unten ist alles Bosheit und Lüge der hinan¬ klimmenden“, und sprach noch über die ungeheuren Schmeicheleien die Bonaparte einschlucke: „ ce n'est pas du bon style que d'avaler de si gros mensonges, l a véracité est le seul moyen de cultiver la nature hu¬ maine; pour la grandeur il y fait faute, il n'a point le sens céleste pour l'avenir pour lequel seul s'immo¬ lera un grand coeur; il est le grand monstre de la médiocrité encombrant un monde qui s'ignore soi même .“ Die Emigranten hörten ihm feierlich zu, als spreche er von der Kanzel herab. „ Nous n'avons que trop bien pa comprendre ce que c'est que l'esprit régé¬ nérateur, ce n'est que lâcheté que de nous soumettre à une tyranie, qui a recours aux moyens puérils dont se sert Buonaparte pour captiver une nation qui a sa¬ crifié son meilleur sang pour la liberté. C'est une ju¬ ste punition pour avoir attenté au sang inviolablement sacré des rois, que de n'avoir pas reconnu ce que le grand génie de Mirabeau nous avait prophétisé. La revolution faite, la première des lois était d'honorer la loi, mais point cet expédient des têtes bornées, qui pour maintenir leur pouvoir, ne font que faire trem¬ bler; il faut gagner les coeurs, et puis c'est si facile! — le peuple est déja reconnaissant si ses supérieurs ne lui font pas tout le mal qui est en leur pouvoir; ce n'est que la bêtise qui punit, la véritable grandeur prévient les fautes; c'est abuser du pouvoir que d'a¬ gir autrement, il est maladroit de ne point se servir des hommes tels qu'ils sont, c'est la sagesse qui est souveraine, elle exploite le bien du mal, mais non pas en tranchant les têtes!! — Les lois doivent être tracées par le génie de l'humanité, ce que Buonaparte ne sera jamais . — Und ich möchte auch über allen Plunder von menschlichen Zurüstungen hin¬ ausstieflen können, ihre Zankäpfel ihnen aus den Hän¬ den winden, und ihnen dafür Selbstbeschauung, Selbst¬ erzeugung empfehlen. Ja! ists nicht der einzige Zweck der menschlichen Natur daß sie lerne sich selbst erzeu¬ gen? — Und ist die Wahrheit nicht das Geheimniß aus der die Selbsterzeugung hervorgeht? — Und wenn ein Herrscher aus sich hervorgehen könnte ins reine Licht der Wahrheit, würde er nicht die ganze Menschheit re¬ generiren? — Ich frag Dich! — Besinn Dich — hab ich nicht recht, es schwebt mir so dunkel vor als ob aus dem Geist des Einen die Wiedergeburt Aller hervorge¬ hen müsse. — Ach ich würde gar nicht drum verlegen sein dies keck anzugreifen denn verderben kann man nichts, alles was noch grünt und zu blühen scheint steckt doch im Sumpf der Dummheit und ist es eine so große Sache klüger zu sein. — Wie soll einem da nicht der Verstand aufgehen, wenn man rund um sich her sieht wie alles Narrheit ist. — Und liegt es nicht in der gesunden Menschennatur die Idee einer göttlichen Menschheit in sich zu entwicklen? — Und was ist doch alles Denken als blos diese ideale Richtung? — Und ist doch ein Mensch geboren, dessen Aufgabe es nicht wär sein eignes Ideal zu erzeugen? — Und wenn das ist, wie soll mir da nicht jeder unschuldige Mensch wich¬ tig sein, ihm meine Gedanken mitzutheilen? — Man braucht mich auch nicht zu beschuldigen daß ich alles durch einander werfe, und von einem zum andern spring, es giebt etwas was andre gar nicht fassen von dem spring ich eben nicht ab, mein Geist bildet sich selbst seine Übergänge. — Sobald der reine Wille in uns liegt das Göttliche zu suchen, so ist die Religion da von der ich meine daß sie den Menschen allein ent¬ wicklen könne, denn ohne sein Zuthun ist es der ihn er¬ füllende Gott der aus ihm redet, und dies eine ist es allein was mir Religion deucht; und wie aus einem ed¬ len Samen alles sich bildet, wie es organisch muß, so bin ich gewiß daß aus einem Geist, der blos das gött¬ liche denkt um sein selbstwillen, auch alles folgerecht sich entwickelt, und in der menschlichen Handlung nichts mir ein Anstoß sein würde. Denn gegen Denken ist das Handlen nichts, denn der Gedanke selbst ist Gott, hingegen Handlen ist nur sich nach Gott richten, wenn ich also Gott durch mein Denken suche, empfinde erlebe, wie sollt ich da verlegen sein ums Handlen, ums Re¬ gieren?— Ei nein! das ging ganz von selbst, ich würd mich auch keinen Augenblick besinnen, denn wer den Geist der Wahrheit einathmet wie sollte der ihn nicht auch aushauchen? — Nebenabsichten muß der Menschen¬ geist gar nicht haben, er muß eine heilige Richtung ha¬ ben. — Der Mensch ist sich immer eine Hauptnebenab¬ sicht, drum muß er sich ganz verläugnen sonst erreicht er sich selber nicht, das lautet zwar ganz verkehrt und ist doch wahr. Das wahrhafte Ideal des Menschen ist die lautere Selbstverläugnung, aus ihr auch allein kann alle Weisheit hervorgehen in allen Handlungen die das Schicksal erheischt; zu derselben Selbstverläugnung sind wir berechtigt alle Menschen aufzufordern, denn sei das Resultat eines solchen Thun was es wolle — sie hand¬ len in Gott und das ist Religion, und da machs Kreuz, oder sei Ketzer oder Heid oder Jud. — — — Himmli¬ scher Sinn fürs Unsichtbare Unendliche aus dem allein die wahre Religion hervorgeht weil dies allein zur Gottheit führt. — Das alles fällt mir so ein wenn ich meine Gespräche mit dem Franzosen in Gedanken wei¬ ter führe. — Ich brauch nur auf eine Natur zu treffen die mir liebreitzend scheint so bin ich gleich voller Ge¬ danken die mich belehren, als seien sie geweckt von je¬ nem; so jagt der Franzose in seinem adeligen Wesen jetzt eine Begeistrung nach der andern in mir auf, und ich glaub: keine Frage die ich nicht beantworten könnte sobald ich mir innerlich denke er höre mir zu, keine Hand¬ lung die ich nicht kühn genug wäre zu vollbringen wenn er mir zusähe, und was das auch sein möge was mich so anreizt — gewiß ist es was großes was ganz göttliches daß der Mensch wo er das göttliche ahnt, das Schöne und Große gewahr wird, gleich harmonisch mit einstimmt und alle Feuer in ihm aufflammen. Ach ich denk mich schon in eine Schlacht auf einem Schim¬ mel neben ihm herreitend zwischen allem Donner der Geschütze, Rauch und Pulverdampf, in der Verwirrung großer entscheidender Momente, wie seinem sicheren Blick vertrauend ich alles glücklich vollende, ich denk noch mehr, alles was glühender Ehrgeiz nur zu unter¬ nehmen wagt das fährt durch meine Seele, ich erleb's — ich bin glücklich, freudig, jauchze im Gelingen, und alles Volk umringt mich mitjauchzend und harrt mei¬ ner daß ich ihm Labung zutröpfle heiliger Freiheit. All dies erleb ich mit dem Franzosen der sich vor meinen Augen zum Heros entwickelt. — Ich möchte doch wis¬ sen wenn man alle Erlebnisse sich zusammen rechnet ob da nicht diese eingebildeten auch gelten, sie glühen und damasziren doch die Seele durch diesen feinen Stahl der Begeistrung der mit ihr zusammen geschweißt, ge¬ beizt und geäzt wird, und mir edler deucht wie jede an¬ dre Politur, und besser zu benützen, zäher fester, der Kraft des Willens nachgebend und ihr folgend. Kühne feste Handlung, Thatkraft muß doch auch einen Samen haben in die Seele geborgen, ist dies nicht Same? mich deucht etwas gedacht zu haben ist Samen im Boden der Seele der ans Licht dringt und sich erschließt, heute oder morgen. Da ging die Thür auf, Clemens kam herein, große Freud! — sie stärkt — es blitzt innerlich. — Ist mein Verstand mir verloren und such ihn an der leeren weißen Wand und find ihn nicht, aber in dem schönen großen Aug vom Clemens find ich ihn. Du sagst Du kannst ihm nicht in die Augen sehen weil er einen verzehrenden Blick habe, ich nicht, ich schöpf Freud drinn uud ich weiß nicht was, von lebendiger Nahrung unübersetzbares. — Vor allem möcht ich Herr werden über mein Denken; daß ich nämlich die Zeit ausfülle mit lebendigem (lebengebendem) Denken. Es giebt ein Denken was verlebt und eins was erlebt. — Wie mich sammlen daß ich meinen Geist immer auf das Erleben richte? — Dies Eine nur! und das Auf¬ fahren gen Himmel ist mir gewiß. Das Schlafen kann mit dem Denken im Rapport gesetzt werden, das Schlafen was aus dem Denken ent¬ springt, erzeugt wieder Denkkraft. — so kann sich der denkbeflissne Geist erschaffen. — Überall mit Geist durchdringen so ist das Schlechte gesprengt, denn es hat keinen Platz mehr, denn es ist zu schwach und zu eng um Geist zu fassen. Ich wundre mich über meine Gedanken! — Dinge über die ich nie etwas erfahren, die ich nie gelernt, oder vielleicht grade das Gegentheil davon, stehen hell und deutlich in meinem Geist. — Kann ich denn wissen ob ich nicht vielleicht von einem Geist besessen bin? — und ist Besessensein nicht vielleicht ein Aufgeben der Indivi¬ dualität, und sind die Widerspenstigen die sich dem Geist widersetzen nicht vielleicht individuell stärker, als die vom Geist durchdrungnen? — Ach liegt wohl die Stärke im Hingeben? — Ist nicht manches im Geist und in der Seele Wirkung anderer Welten? — Die Liebe, die Leidenschaft, ist die nicht Anziehungskraft von der Sonne? — Wir saßen auf der Hoftreppe ich und der Clemens in der Dämmerung, und schwätzten allerlei. — „Es ist alles recht lieblich was Du da vorbringst“, sagte er — „aber werd nur nicht faselig, manchmal ängstigt michs was aus Dir werden soll, Du zersplitterst Deinen Geist, mit dem Du dir eine so herrliche Freiheit erringen könn¬ test. — Ach kannst Du Dich denn nicht auf Eins hin¬ wenden mit Deinen fünf Sinnen, und das ganz auf¬ fassen? — Wenn Du sprichst bist Du gescheut, und giebst manchen Aufschluß von dem die Philosophen noch nichts wissen. — Schreib doch was! — hast Du mir nicht Kindermärchen versprochen? — schreib doch alles auf was Du im Kloster erlebt hast, Du kannst so schön davon erzählen. — Was treibst Du denn mit der Gün¬ derode? — Lernst Du mit ihr? — Ich hab so große Sorge um Dich ich muß manchmal die Hände ringen, daß alle Anmuth Deines Geistes den vier Winden preis¬ gegeben ist.“ — Der liebste Clemens! — ich mußte ihn küssen in der stillen Nachtdämmerung auf seine leuch¬ tende Stirn unter den schwarzen Locken für seine Liebe. Es ward windig da saßen wir beide in seinen Mantel ge¬ wickelt, und sahen den Wolken zu wie sie sich eilten, da sagte der Clemens so viel von Dir was Dich gewiß freut, Du seist so hell wie der Mond. — Das flüchtige un¬ stete Wesen was Dich oft befalle sei nur wie Wolken die über den Mond hinziehen und verdunklen — aber Du selber seist reines poetisches Licht und Du drängest tief ins Gehör, der Klang Deiner Gedichte sei Geistes¬ musik, — und dies sei jetzt nur der Eingang zum Gei¬ stesconzert indem sich immer und nach allen Seiten Me¬ lodieen entfalten; und es sei so edel sich innerlich einem solchen Leben hingeben, und so könnte und sollte ich auch mich sammeln, daß ich meinen Geist nicht weg¬ werfe und ein Leben führe das würdig sei. — Was meinst Du daß ich zu all diesem gesagt hab? — Nichts! — mir wird bang einen Augenblick, daß ich so selbst¬ verlassen bin, und daß sich mein Geist nichts um mich bekümmern will, in die Weite hinausschweift, wo eine Biene sich unscheinbare Blüthen sucht, von denen nippt — aber Honig will er nicht machen, er verzehrt alles selber. — Da nun die Biene aus Instinkt Honig macht, mein Geist aber nicht, so wird der wohl nicht überwin¬ tern wo er dann keinen Vorrath braucht, — er gehört, wohl ins Land wo ewiger Frühling ist. Der Cle¬ mens ist eben wieder in die Stadt, der ganze Himmel ist überzogen — da regnets schon so gewaltig — ob er wol schon in der Stadt ist? — er geht in ein paar Tagen zu Schiff nach Mainz und Coblenz und bleibt drei Wochen am Rhein, also wirst Du ihn sehen. Bettine. Ich hab ihm versprechen müssen, daß ich bei seiner Rückkehr was wollt geschrieben haben, ich werde nie besser verstehen lernen wie die Welt mit Brettern zuge¬ nagelt ist, als wenn ich versuche ein Buch zu schreiben, und wenn nun gar der Clemens von einer freien Zu¬ kunft spricht und daß ich ohne ein Buch zu schreiben nie meine Zukunft werde genießen! — Ein Buch ist dick und hat viel leere Seiten, die alle voll zu schreiben kann ich doch nicht aus der Luft greifen, mir deucht dies erst recht eine Fessel meiner Freiheit. — Wenn ich mich an den kiehnernen Schreibtisch setze und es fällt mir gar nichts Extraes ein, und ich schneide mit dem Federmesser eine dumme Fratze nach der andern in den Tisch, die mich alle auslachen daß mir nichts einfällt, da werf ich mein Buch weg wo lauter Versanfänge drinn stehen und kein Reim drauf. — Es ist wirklich eine Unmöglichkeit. Ich möcht dem Clemens alles zu Lieb thun was er will, aber ich hab einmal keine Gedanken; andre Leute waren schon vor mir da, ich bin zuletzt ge¬ kommen, also was ich auch vorbringen könnt, so habens andre schon früher erlebt; ich ging einmal mit dem Cle¬ mens dies Frühjahr spazieren, da waren allerlei neu auf¬ geblühte Kräuter, die ich nicht kannte, die wollt ich bre¬ chen; er sagte: wenn Du bei jedem Mauseöhrchen oder Vergißmeinnicht hocken bleibst, so werden wir nicht weit kommen, daran denke ich jetzt immer wenn ich was neues in mir selber erfahr, daß andre dies alles wohl schon wissen und nichts Neues mehr für sie mehr sein mag, wie jene Violen und Gänseblümchen am Weg die ich mir sammlen wollte. So schreib ichs denn nicht auf, und auch weil die Gedanken sich an mich hängen wie Schmetterlinge an die Blumen, wer soll sie haschen? — sie merkens gleich und fliegen davon, und fasse ich einen so hab ich bald seine schöne Farbe abgewischt mit dem Schreibefinger, oder seine Flügel erlahmen. Und so ein Gedanke in der Luft flattert so lustig, aber auf dem Papier kann er sich nicht wiegen wie auf der Blume; und kann sich nicht auf die Rosen setzen von einer zur andern, er sitzt da wie angespießt. Ich sehs ja an de¬ nen paar die ich so erwischt und aufgeschrieben hab. — Da war ich grad am End vom Garten, ich lief eilig hinein weil ich ihn geschwind ins Buch schreiben wollt eh ich ihn vergesse, und jetzt, so oft ich das Buch auf¬ mache lacht mich der Gedanke aus und sagt: Du bist recht dumm. Jetzt will ich Dir nur gleich das Blatt herausreißen, und da les die Gedanken die ich wie Haa¬ sen auf einer dürftigen Jagd hab zusammenschießen müs¬ sen, und bin mit jedem einzelnen aus meinem Gedanken¬ wäldchen nach Haus gelaufen um ihn aufzuschreiben, und immer die drei Treppen hinauf. — Weißt Du was? — die drei Treppen waren mir nicht zu hoch, aber ich hab mich geschämt vor den drei Treppen, wahrhaftig ich hab die Augen zugedrückt, weil ich dacht sie merkens daß ich so eine kümmerliche Natur hab, und bring da die armen nackten Gedanken-Pfeilmuther an; so hei¬ ßen im Tyrol die Schmetterlinge, ich habs vorm Jahr auf der Messe gelernt bei dem Tyroler, der im Braun¬ fels Handschuh verkauft, der mit dem schönen schwarzen Bart, Du weißt, Du sagtest der habe ein Antlitz und kein Gesicht, ich fragte: was ist das ein Antlitz? — Du belehrtest mich, das sei noch aus der Form Gottes, nach seinem Ebenbild geschaffen, aber Gesichter, die seien nur so nachgepetert, wo die Natur nicht hat wollen mit da¬ bei sein, und die Philister allein sich erzeugen lassen; und da hab ich Dich gefragt: hab ich ein Antlitz? — da hast Du gelacht und gesagt: „es stickt noch zu tief in der Knospe ich kanns nicht erkennen.“ Noch an je¬ nem Abend hab ich mich vor den Spiegel gestellt und gebetet Gott soll mich doch aus der Knospe herauslassen mit einem Antlitz, und nicht mit einem Gesicht; denn wenn ich kein Antlitz hab wie kann ich da einem Antlitz gefallen. Noch an jenem Abend fragte ich die Frau Hoch, weil Wartfrauen von Schönheitsmitteln manches wissen, sie meinte wenn man keine Sünde thue, so könne man nicht unschön werden und wenn es darauf ankomme so werde ich gewiß mich vor allen Sünden hüten; wie aber die Frau Hoch draus war um den Kindchen die Suppe zu kochen, da kletterte ich vors Fenster auf das Blumenbrett und hockte mich ganz klein zusammen, wie sie wieder hereinkam wars ganz still, es war dunkel und noch kein Licht angezündet, da meinte die Hoch sie wär allein und wollte ihr Abendgebet hersagen weil das Kindchen noch schlief. — „Jetzt geh ich ins ewige Leben, sprach er mit freudiger Seele neigte das Haupt und er¬ bleichte.“ Das hörte ich auf dem Blumenbrett vom Ge¬ bet der Frau Hoch. Ich dachte, ob es wohl unrecht sein möge sie zu belauschen und da fiel mir meine Ant¬ litzknospe ein, ob die vom Meelthau der Sünde hier¬ durch könne angegriffen werden, denn so gescheut war ich wohl daß dies keine Kapitalsünde sei, aber weil ich absolut wollt wunderschön sein, und ohne den geringsten Tadel, so hielt ich mir die Ohren mit beiden Händen zu um nichts zu hören, da ließ ich die Stange los vom Brett und wär schier in den Hof gefallen. Ich konnt mir die Ohren nicht versperrren wenn ich nicht fallen wollt, und da hört ich sie noch singen: Wenn der güldne Morgen blinkt; Der zu dieser Hochzeit winkt, Wo die reinen Seraphinen Bei der hohen Tafel dienen. — Da sang ich die zweite Stimme, die Hoch sieht sich in allen Ecken um, holt Licht, sucht oben auf dem Ofen, auf dem Vorhanggestell, und überall und kann mich nicht finden. Ich pflückte eine Nelke vom Stock und stellte mich in den Fensterrahm, den stieß ich auf und reicht ihr die Nelke. Da stand sie mit ihrem kleinen Wachsstock und beleuchtet mich und meint ich wär eine Erscheinung. Ich bin ihr aber um den Hals gefallen, denn denn ich hab die Frau sehr lieb. Ich fragte obs eine Sünde sei daß ich ihr zugehört hab, sie sagte: das ist grad keine Sünde, aber Sie hätten können in den Hof fallen, und da wollen wir lieber ein Danklied singen daß Sie nicht gefallen sind. — Hier hast Du das Lied, zu dem ich eine Melodie gemacht hab. Der du das Land mit Dunkel pflegst zu decken, Ach reine mich von jedem leisen Flecken. Reich mir der Schönheit Kleid Daß ich an jedem Morgen meiner Blüthe Erkennen mag wie Deine Gnad sie hüte. — Obschon die Sonne entzogen ihre Wangen, Obschon ihr Gold der Erde ist entgangen Das kränket mich nicht sehr. Erleucht' in mir nur deines Geistes Licht, Dadurch der Schönheit Geist wird aufgerecht. Kann ich des Nachts gleich nicht zum Schlafen kommen, So mag dies meiner Schönheit dennoch frommen, Das endet wenn man stirbt. Gieb nur o Gott daß ich so Nacht wie Tag Der Schönheit Ruhe mir erhalten mag. Wenn du mich willst, o Schöpfer, cinst genießen, Muß über mich der Born der Schönheit stießen, Wie wollt ich fröhlich sein! — Sonst acht ich nichts was Muth und Blut beliebt, Noch was die Welt, noch was der Himmel giebt. 17 Die Hoch sagte: Sie haben das Lied schön verketzert, kein Mensch wirds für ein Andachtslied erkennen — Ich hab es doch mit wahrer Andacht gesungen, ist es eine Sünde, so wollen wir lieber ein Bußlied singen damit mir nicht gar noch ein Bart davon wächst. Die Hoch sagte: Ach gehn Sie doch, das wär Ihnen grad recht wenn Ihnen ein Bart wüchse. Am andern Morgen ging die Tonie zum Tyroler und ich ging mit um mir sein Antlitz einzuprägen, ich dachte wenn man sich so was tief in die Seel schreibt, so blühts am End mit einem auf, und weil die Tonie Handschuh aussuchte setzte sich ein Schmetterling der vom Main herübergeflogen kam auf den Strauß an seinem Hut. Ach guck den Schmetterling, den haben die Blu¬ men an Deinem Hut herbeigelockt! — Der Tyroler fragte: „Was ist das für ein Ding ein Schmetterling?“ und sieht ihn fliegen und ruft: „Ei was, das ist ja ein Pfeilmuther und kein Schmetterling. Du bist ein Schmetterling, und kriegt mich um den Hals und küßt mich auf den Mund. Die Tonie macht ein bös Gesicht und kauft gleich keine Handschuh mehr bei ihm und geht fort, „na“ ruft er ihr nach, „nem Sies nit übel das Madel nimts ja auch nit übel auf,“ und die Tonie mußt lachen und die Handschuh kaufen. Die Geschicht wollt ich als immer aufschreiben weil sie mir gefällt, aber zu einem Buch paßt sie nicht, denn sie ist ja gleich aus, und was soll dann weiter passiren? — Der Clemens meint ich soll alles schreiben was mir durch den Kopf geht, er denkt es wär Markt da; er schreibt ich soll aus dem Kloster alles aufschreiben, aber nun les nur erst die dummen Gedanken die in meinem Buch stehen ob man da was vernünftiges dran schreiben kann, und habs noch dazu auf den Deckrl inwendig geschrieben weil ich meint, ich wollts recht voll schreiben, ja hat sich was, ich bin schon über vier Wochen noch immer am Deckel. Du steht erstens oben an: Ob Tugend nicht auch Genialität sein möchte, Und ob wir vielleicht nur deswegen so müh¬ selig hinanklettern zum Erhabenen, weil wir kein Genie haben. Das war auf der Pappel an der ich so bequem hinauf¬ klettern kann, ich sah die Vögel geflogen kommen und dacht in mir du hast kein Genie du mußt mühselig zu allem hinanklettern und dann kannst du dich nicht oben erhalten mußt immer wieder hinunter. — Und da fühlt 17* ich recht in mir wie alles in mir schwankt nichts errei¬ chen kann, wie ein Feuer in mir braust, jede Kunst liegt in mir so nah ich mein ich hätte sie schon in mir, die Wangen glühn mir gleich so hoch, sie brennen mir wenn ich nur in die Ferne denk, da liegen mir goldne Berge. Ich steh da als hätt ich nur den Zauberstab in der Hand, alles inwendig im Geist, aber wenns heraus soll, da bleib ich beim Buchdeckel und muß mühselig Sandkörnchen für Sandkörnchen zusammentragen. Wie ich von der Pappel herunter der Trepp herauf war und hatt meinen ersten papiernen Gedanken aufgeschrieben, der mich noch immer anlachte — so wollt ich doch noch ein bischen im Abendschein mich wiegen, denn beim Wie¬ gen kommen mir Gedanken. Kaum war ich der halben Pappel hinaufgeklettert so fiel mir schon wieder was ein, ich klettert also gleich wieder herunter und wieder die Trepp hinauf und schrieb auf: Der ganze Mensch muß in sich einverstanden sein nämlich Herz und Kopf und Hand und Mund. Da stand ich noch so eine Weile vor dem Gedanken still und dacht vor dem hätt ich immer auf der Pappel können sitzen bleiben und es that mir schon leid daß ich das Buch mit bekleckst hatte, aber weil der Clemens gesagt hatte ich soll alles schreiben was mir durch den Kopf geht, so wollt ichs durchsetzen. Jetzt gefällt mir aber doch etwas in dem Gedanken, ich kann ihn ja zu was Großem machen wenn ich einen großen Sinn hineinlege, und wenn ich alles was ich so schreib ohne zu wissen warum mit Gewalt wahr mache. — Ja ich fühl es hängt mit dem ersten Gedanken zusammen, es ist die Genialität der Tugend wenn der ganze Mensch in sich einverstanden ist, und es ist gewiß was die mei¬ sten nicht thun. Ach nun kommt mir gar die Moral in Weg, laß mich nur lieber die Gedanken weiter ab¬ schreiben, dann kleb ich den Deckel zu vom Buch daß ich sie nicht mehr seh. — Dann fallen mir vielleicht bes¬ sere Sachen ein die nicht so steifstellig sind. Ich bin also wieder auf meine Pappel geklettert, denn es ist mir grad als kämen mir nur da oben Gedanken, aber kaum war ich droben so mußt ich auch schon wieder herunter, und der kam mir ganz begeisternd vor so daß ich mit großen Freuden meine drei Treppen heraufgesprungen kam. Den Gei s t nähren , das ist Religion . Ja wenn ich das könnt, dacht ich wie ich wieder auf meiner Pappel saß und jetzt micht mehr herunter wollt, denn es war so schön geworden der ganze Himmel, Abendroth, und der Luftkrystalle unendlich viele die schnell im Purpur anschossen, was hab ich alles gesehn von Farben und von wogenden Wipfeln, die sich ein¬ schmelzenden Farben und Lichtglanz in der Ferne und wie war die Natur so gütig gegen mich grad als ob ich sie nicht verläugnet hätt gehabt mit meinem Aber¬ witz auf dem Papier. Alles Selbstdenken kommt mir wie Sünde vor wenn ich in der Natur bin; könnt man ihr nicht lieber zuhören? — ja Du meinst, davon denkt man ja daß man ihr zuhört, nein das ist doch noch ein Unterschied. Wenn ich der Natur lausche, Zuhören will ichs nicht nennen, denn es ist mehr als man mit dem Ohr fassen kann, aber lauschen das thut die Seele. — Siehst Du da fühl ich alles was in ihr vorgeht, ich fühl den Saft der in die Bäume hinaufsteigt bis zum Wipfel in meinem Blut aufsteigen, ich steh so da und lausch — und dann — da empfind ich — ich denk aber nicht grad, oder doch nicht daß ichs wüßt, aber wart nur einmal wies weiter geht. — Alles was ich anseh — ja das empfind ich plötzlich ganz — grad als wär ich die Natur selber, oder vielmehr alles was sie erzeugt, Grashalme wie sie jung aus der Erd heraustreiben, dies fühl ich bis zur Wurzel und alle Blumen und alle Knospen alles fühl ich verschieden. — Seh ich den gro¬ ßen Rosenstrauch an da auf dem Inselberg, er hatte beinah schon abgeblüht, jetzt ist ein Nachschuß da, das betracht ich alles, das dringt mir alles mit etwas ins Herz, soll ichs Sprach nennen? — mit was berührt man denn die Seel, ist die Sprach nicht die Lieb die die Seel berührt, wie der Kuß den Menschen berührt? — Vielleicht doch, nun so ist das was ich in der Natur er¬ fahr gewiß Sprache denn sie küßt meinen Geist, — jetzt weiß ich auch was küssen ist, denn sonst wärs nichts wenns das nicht wär, jetzt geb acht: Küssen ist die Form und den Geist der Form in uns aufnehmen die wir berühren, das ist der Kuß, ja die Form wird in uns geboren. und darum ist die Sprache auch küssen, es küßt uns jedes Wort im Gedicht, alles aber was nicht gedichtet ist das ist nicht gesprochen das ist nur gegautzt wie die Hunde. Ja was willst Du denn anders mit der Sprache als die Seele berühren, und was will der Kuß anders, er will die Form in sich saugen und die Seele berühren, alles das ist eins, ich habs von der Natur gelernt, sie küßt mich beständig ich mag gehn und stehn wo ich will, sie küßt mich und ich bin auch schon so ganz dran ge¬ wöhnt daß ich ihr gleich mit den Augen entgegen komme denn die Augen sind der Mund den die Natur küßt, siehst Du, so fühl ich auch daß mich eine Knospe an¬ ders küßt als eine Blume, denn warum sie sind verschie¬ den in der Form, dies Küssen ist aber sprechen, ich könnt sagen: Natur dein Kuß spricht in meine Seele hinein, — ja das ist auch ein Gedanke den ich ins Buch ge¬ schrieben hab, aber den wollt ich stehen lassen, an ihn kann ich noch weiteres anknüpfen. Ach wenn ich mich so umseh, wie sich alle Zweige gegen mich strecken und reden mit mir das heißt küssen meine Seele, und alles spricht, alles was ich anseh hängt sich mit seinen Lip¬ pen an meine Seelenlippen, und dann die Farbe, die Gestalt, der Duft alles will sich geltend machen in der Sprache, nun ja die Farbe ist der Ton die Gestalt ist das Wort und der Duft ist der Geist, so kann ich wohl sagen die ganze Natur spricht in mich hinein das heißt sie küßt meine Seele, davon muß die Seele wachsen, es ist ihr Element, denn alles hat sein Element in der Natur was Leben hat. Der Seele ihr Element ist also das Schauen, das ist das Lauschen, sie saugt alle Form das ist Sprache der Natur. Aber die Natur hat nun auch selbst eine Seele, und diese Seele will auch geküßt sein und genährt, grad wie meine Seele von ihrer Sprache genährt wird, wenn ich so durchdrungen war von ihr, (denn es giebt Augenblicke wo die Seele wie ein Feuer ist von Leben, wo sie ganz und gar nur das ist was sie in sich aufgenommen, nämlich Selbstsprache der Natur, da erkennt sie die Natur wieder als nah¬ rungbedürftig,) so hab ich vor ihr gestanden und hab mich wieder in sie hineingesprochen, ich hab sie geküßt mit meinen Seelenlippen. Sieh das war Geist, der war nicht gedacht der war ursprünglicher Lebensgeist ohne Erdform, Gedanken ist die Erdform des Geistes — aber mein Geist hat diese Form nicht angenommen als er mit ihr sprach, es war nicht Gedanke, es war nicht Ge¬ fühl oder Empfindung, denn das deucht mir auch noch verschieden, es war Wille — ja Wille wars, der sah so rasch und fest die Natur an als wolle er ihr nun wie¬ der schenken alles was sie ihm gab, nämlich Leben. — Das ists, alles ist ein Wechselwirken, alles was lebt, giebt Leben und muß Leben empfangen. — Und glaub nur nicht daß alle Menschen leben, die sind zwar leben¬ dig aber sie leben nicht, das fühl ich an mir, ich leb nur wenn mein Geist mit der Natur in dieser Wechsel¬ wirkung steht. — Da weiß ich auch daß Thränen noch gar keine Folgen von Schmerz zu sein brauchen oder von Lust — sie können auch eine natürliche Folge sein, wie auch Schlaf die Folge ist vom aufgeregten Geist. — Denn ich muß oft plötzlich weinen ohne vorher gerührt zu sein, das ist also gewiß wenn die Natur mich so er¬ 17** faßt heimlich meine Seele erschüttert daß sie weinen muß. Und oft leg ich mich auch am Boden auf die sammet¬ schwarze aufgepflügte Erde die so warm von untenauf dampft, und das wärmt mich weil ich dann frier — ja der Geist friert in mir, da leg ich mich am Boden hin, da wird gleich der ganze Geist wieder warm, da fühl ichs wies durch den Kopf zieht und durch die Brust und da muß ich gleich die Hände betend zusammenhalten. Siehst Du, das ist alles nicht gedacht und ist doch Geist. — Geist der mit der Natur in Wechselwirkung ist — ich bin ordentlich froh daß ich heut das Wort gefun¬ den hab, ich hätt schon früher mit Dir davon gespro¬ chen aber ich fand die Worte nicht — aber ich könnt Dir noch ganz andere Sachen sagen — ach nein ich fürcht mich gar nicht vor Dir daß Du mich schelten solltest, Du wirst wohl auch mit mir einverstanden sein daß so weit der Geist seinen Flug erheben mag so weit darf er auch, warum hat ihm Gott Flügel gege¬ ben, Geist ist ja eigentlich Fliegen. — So muß ich lachen über die Lotte wenn die von Consequenz spricht, das ist kein Geist — Inconsequenz ist Geist — im Flug hin und her schweben, alles was er berührt gleich mit ihm zusammenfließen, das ist Geist daß er gleich sich verwandle in das was er berührt, so verwan¬ delt der wahre Geist sich in die Natur, weil die ihm begegnet all überall, weil ihr Berühren mit ihm allein Geist ist, er wär nicht, wär die Natur nicht leidenschaft¬ lich seiner bedürftig, das eben ruft ihn jeden Augenblick ins Leben, Geist ist fortwährendes Lebendigwerden um die Natur zu küssen, seine Formen in sie prägen; die Natur saugt die Geistesformen in sich, davon lebt sie, und Geist fließt durch alle Gestalten mit ihr zusammen, so faßt die Natur sich selber in ihren Formen, das ist eben der ganz göttliche Reiz in ihr, Reiz ist Zauber, wo kann Zauber her entstehen als durch das Sichselbst¬ erfassen? — ja das ist schon wieder was neues das wollen wir morgen besprechen. Heute Abend thut mir der Nacken weh vom schreiben, — das wollt ich nur noch sagen: mein Geist, oder durch mich spricht der Geist mit ihr, und dabei bin ich ganz unregsam, ich besinn mich nicht, ich denk nichts, ich hab keine Betrachtung, aber nachher kann ich davon erzählen wie Du siehst, heut zum erstenmal, also erzeugt das Ineinanderfließen des Geistes mit der Natur doch Gedanken, die man nachher hat. — Was sind das aber vor Gedanken, ei¬ ner könnt sagen es sind Lügen, oder Dummheiten Fabe¬ leien und also keine Gedanken, denn was kann ichs be¬ weisen oder zu was frommen und führen diese Gedan¬ ken. Ja das ist es eben, Geistesgedanken berühren nichts was schon da ist, sie erzeugen neu, da siehst Du wieder daß ich recht hab; weil der Geist und die Natur sich einander berühren so sind sie fortwährend lebendig und erzeugen fortwährend neu, denn wir sol¬ len übergehen in ein neu Leben nach diesem Leben, wie sollen wirs aber anfangen wenn der Geist sich nicht selber hinüber erzeugt in die andre Welt? — er muß sich also selbst wie ein klein Kind im Mutterleib tragen, er muß mit sich gesegnet (guter Hoffnung) sein und muß sich nähren bis er selbst als Frucht in sich reif wird, dann bringt er sich zur Welt, wo wie und wann, — das ist alles einerlei; eine reife Frucht kommt allemal zur Welt, die Welt ist da vor der Frucht, sie kann nicht aus jener Welt in das ihr Leben überstrebt, herausfallen, sie kann nur in sie geboren werden. Der Geist also der fortwährend mit der Natur sich küßt, das heißt der ihre Sprache trinkt der nährt sich selbst in ihr um sich zu gebähren, die Natur thut das auch, sie reift sich für die künftige Frucht des Geistes, in ihrem Berühren mit ihm, und so wird die neugeborne Frucht des Geistes in die Welt einer höher gereiften Natur übergehen, denn Gott läßt nie von der Natur, überall ist sie es die der neugebornen Seele wieder begegnet, wieder ihre Formen ihr zu küs¬ sen giebt, das heißt ihre Sprache die ihr in die Seele spricht, wovon die Seele sich nährt, so ist es gewiß mit allen lebenden Kreaturen die so weit sind daß der Geist schon gelöst ist und selbst denken kann. — Alle Men¬ schen erleiden dieselbe Berührung von der Natur, sie wissens nur nicht, ich bin grade wie sie, uur der Unter¬ schied ist, daß ich bewußt bin, denn ich hab das Herz gehabt dringend, und mit leidenschaftlicher Liebe zu fragen, andre Menschen lesens wohl als poetische Fabel daß die Natur um Erlösung bitte, andre Menschen empfinden wohl eine Unheimlichkeit wenn sie so in der lautlosen stillen Natur dastehen, es bedrängt ihr Herz, sie wissen weder den Geist zu wecken in sich, noch zu bezwingen, da gehen sie ihr fühllos aus dem Weg, ihr Inneres sagt ihnen wohl, hier geht was vor, du solltest dich dem hingeben, dann überkommt sie eine Angst, und sie ziehen sich wieder ins Gewohnheitsleben, wo eine Mahlzeit die andere verabschiedet, bis der Schlaf oben drauf sich einstellt und dann ist der Tag und die Nacht herum; und dafür hätte man gelebt? — Nein das ist nimmermehr wahr! — der Gedanke hat mich schon lang verfolgt „warum lebst du doch“ — besonders eben wenn ich so manchmal bei Sonnenun¬ tergang spazieren ging — im Wald auf der Hombur¬ ger Chaussee, da stand ist als still und fragte mich das, da hörte ich diese traurige Stille der Natur, da lag eine Scheidewand zwischen mir und ihr, das fühlt ich deutlich daß ich nicht bis zu ihr drang; da dacht ich wenns nicht eine lebendige nähere Beziehung gäb zu ihr so würdest du das nicht so deutlich empfinden, du fühlst ja ordentlich in deiner Seele wie sie traurig ist, also geht sie doch lebendig an dich heran und du fühlst daß sie einen Geist hat der ihr allein angehört, und der sich mittheilen will, da faßt ich mir einmal ein Herz und wollte sprechen, da wußt ich nicht sollt ich laut mit ihr sprechen wie mit den Menschen, denn ans Küssen ihrer Form und so mit ihr sprechen das war mir nicht deutlich, obschon gewiß ich es unbewußt im Kloster gethan, denn vom Kloster da kann ich Dir gar wunderliche Dinge sagen. — Ich dachte an einem Sonn¬ tag Morgen als wir den Weg von Bürgel aus der Kirche zurückkamen, heut wollt ich am Nachmittag mir einen recht einsamen Platz suchen, und wollt da mit ihr sprechen ganz laut wie man mit den Menschen spricht, und es war mir ganz schauerlich als ich aus ei¬ nem großen Garten, wo wir zusammen mit andern wa¬ ren, heraus schlich und längs der Chaussee am Wald ging, dann den Bach verfolgte der mir entgegen ge¬ rauscht kam und so kam ich an eine Stelle wo Fels¬ steine liegen, und der Bach theilt sich und muß Umwege machen und schäumt und braust, da blieb ich eine Weil stehen, das Brausen war mir grad so ein Seufzen, das lautete mir als wärs von einem Kind, da redete ich auch zu ihr wie zu einem Kind. „Du! — Liebchen — was fehlt Dir?“ — und als ichs ausgesagt hatte da befiel mich ein Schauer, und ich war beschämt wie wenn ich einen angeredet hätte der weit über mir stehe, und da legt ich mich plötzlich nieder und versteckte mein Gesicht ins Gras, und im Anfang war ich ganz betäubt, daß ich gar nicht wußte warum ich daher gekommen war, aber nach und nach besann ich mich, und nun wo ich an der Erde lag mit verborgnem Gesicht, da war ich einmal zärtlich, ach! ich sag Dir — — tausend süße Dinge drängten sich aus meinem Seelen¬ mund, ein Begehren sie zu lieben ich weiß nicht wies nachher gewesen ist, ich konnt ungern vom Platz auf¬ stehen, aber da ward mir so heiß auf dem Kopf, und wie ich ihn aufhob schien die Sonne so kräftig, und nichts war mehr düster und traurig, alles lebendig, ich war in der Seele als hab ich ein neu Leben empfan¬ gen, und die Wellen im Bach die über die Steine sich theilten schienen mir voller zu rieseln und lauter und ich mußte alles so tief ansehen, und da lernt ich gleich ihre Formen fassen ich sah sie viel kräftiger an, und ich hatte unter zwei Tannen gelegen, die ihre Äste noch bis am Erdboden hängen hatten, und guckte die feinen Nadeln an wie sie so gleichmäßig gereiht waren, und wie sie die klebrigen Knospen so schützend in ihrer Mitte tragen. Da dacht ich, ist doch kein Gedanke so kräf¬ tig und so wahr wie dieser Baum und ich hab noch nichts gehört von Menschen sagen, wo der Gedanke gleich schon seine Knospe der Zukunft in sich bewahrte; und drum ist auch alles platt und kein Leben drinn, denn alles was lebendig ist das muß die ganze Zukunft in sich tragen sonst ist es nichts, und alles Thun der Menschen muß so sein sonst ists Sünde, und da dacht ich, wie ist es möglich daß jede Handlung gleich den Keim der Zukunft in sich fasse? aber da wußt ichs gleich, nämlich jede Handlung muß den höchsten Zweck haben, und ein hoher Zweck ist ja doch die Knospe der Zukunft. O ich wollt gleich die Welt regieren, und die Leute sollten sich verwundern, das hab ich in jenem er¬ sten Moment gelernt von der Natur, wie ich das ma¬ chen soll, und glaub nur, ich würde nie fehl gehen, im Anfang würde es viel Staub setzen, wenn ich gegen das alte Gemäuer anrennen ließ, wenn aber erst die Staubwolken sich gelegt hätten dann um so schönerer hellerer Himmel. — Aber als ich am Boden lag, da mischten sich auch meine Thränen mit dem Erdreich, aber der Nacken thut mir so weh, ich kann nicht mehr schreiben und ich wollt Dir doch noch so viel sagen! — Es ist schon Morgen die Sonn kommt schon, gute Nacht. Montag. Ich hab heut im Schlaf gedacht ich bin doch recht glücklich, alles was ich Dir gestern aufgeschrieben hab das war in meinem Buch mit folgendem ledernen Ge¬ danken bezeichnet: Alle Form ist Buchstabe wisse die Formen zu¬ sammen zu setzen so hast Du das Wort (Kuß), und durch dieses den Sinn (Gedanken) Lie¬ besnahrung des Geistes. — Nein daraus würde wohl keiner klug werden! — und auch keiner sich drum kümmern, so ein Gedanke den man aufbewahrt, ist wie eine gedürrte Pflaume ganz verhutzelt und verkohlt. Nein es ist eine Unmög¬ lichkeit ein Buch zu machen aus dem was mir durch den Kopf geht es ist ungehobeltes Zeug was sich sperrt wenns in Gedanken soll gefaßt werden. — Und kein Mensch kanns brauchen, selbst der Clemens würde fürch¬ ten daß ich übergeschnappt sei, von Dir erwart ich daß Du mich ungestört anhörst, es ist doch einmal nicht zu ändern, Ihr gebt Euch Mühe meine Gedanken zu con¬ zentriren (auf etwas fest richten soll das glaub ich heißen) das ist aber grad was nie geschehen wird, denn ich selbst kanns nicht erzwingen von mir, ich sag mir oft, nur jeden Tag eine halbe Stunde Geduld, so wirst du gewiß Herr über Alles was du lernen magst. — Aber wenn ich das denk so schauderts mich, als ob ich gesündigt hätt mit dem Gedanken. Gestern nahm mich die Großmama ins Gebet über meine vermöglichen Fä¬ higkeiten, sie sagt wer den Most nicht fassen kann in Gefäße der kann ihn nicht bewahren, da hielt sie mich mit beiden Händen und sah mich so groß an, da ver¬ sprach ich ihr alles, da sagte sie: lern doch Latein, und ich versprachs ihr aber gleich befiel mich eine freveliche Angst, und mir klopfte das Herz vor Ungeduld daß sie mich loslassen solle, aber aus Ehrfurcht bleib ich vor ihr stehen, und wie sie sah daß meine Wangen so brenn¬ ten, da sagt sie geh hinaus liebs Mädele in die Luft und morgen wollen wir weiter sprechen. — Gleich klet¬ tert ich aufs Dach von der Waschküch und erwischte so einen Acacienzweig und kletterte hinüber auf den Acacienbaum und hab ihn umhalst und wieder abge¬ beten daß ich gesagt hab ich wollt Latein lernen. Bettine. An die Bettine. Ich habe Deine Briefe erhalten die Du seit meiner Abreise mir schreibst. Ich muß mich kalt machen daß Dein Flammen mich nicht angreifen, doch such ich Dir nachzuempfinden und meine Mühe ist nicht ganz um¬ sonst — doch staun ich wie gewaltig Dich alles ergreift und daß dies alles nicht Deine Gesundheit aufreibt, denn wie mir einleuchtet so kannst Du unmöglich viel schlafen? — und dabei dies unruhige Leben wo jeder Augenblick Dich aufs neue reizt — ich glaub selber daß Du einen Dämon hast der Dich wieder stärkt, wie könn¬ test Du sonst alles fassen? — und Dein Herz, ist es nicht voll zum Überlaufen, der Gärtner, der Moritz, der Franzose, der Clemens und ich doch auch, — und Deine frühen Wanderungen im Bosket, Du schläfst nicht aus, es wird nicht lange so fortdauern können, — ich selbst fühl mich hier anders, wie sonst. — Die Zukunft leuch¬ tet mir nicht helle, und ich hab so große Lust nicht mehr am Lebendigen, an der Mährchenwelt die unsre Einbil¬ dung uns damals so üppig aufgehen ließ daß sie die Wirklichkeit verschlang, doch wird sichs ändern, gewiß, wenn wir wieder zusammen sind, diesen Winter denk ich ernstlich mich zu überwinden, ich hab mir einen Plan gemacht zu einer Tragödie, die hohen spartani¬ schen Frauen studiere ich jetzt. Wenn ich nicht helden¬ müthig sein kann, und immer krank bin an Zagen und Zaudern, so will ich zum wenigsten meine Seele ganz mit jenem Heroismus erfüllen und meinen Geist mit jener Lebenskraft nähren die jetzt mir so schmerzhaft oft mangelt, und wo her sich alles melancholische doch wohl in mir erzeugt. — Doch fürchte nichts für mich, es sind nur Minuten wo michs überfällt wie starker Frost, doch Deinen frühlingsheißen Briefen widersteht er nicht. — Heut und gestern war ein Grünen und Blü¬ hen in mir, — und ich lese sie gern wieder, dann bin ich immer wieder glücklicher gestimmt, ich danke Dir dafür. — Auch von Clemens sagst Du mir was mich freute. — Lebe wohl. — Dein Naturbrief, besonders hat mir Freude gemacht, er ist wie das Zwitschern junger Vögel die sich noch im Nest der Ätzung freuen, — die die Mutter in Fülle ihnen giebt, sind sie erst flücke, dann werden vielleicht auch da Geistesgesetze herausflie¬ gen von der Natur gegründet für den Geist der sie als göttlich zu fassen vermag, aber sie werden wohl nimmer im Buchstaben können gefaßt werden zum wenigsten nicht in unserm Jahrhundert. — Ist denn das alles von Gedanken was Du in Dein Buch aufgeschrieben, o verliere nichts. Hier sende ich Dir ein paar Lieder, lese sie wie man Gedichte ließt ohne zu großen Affect. Denk daß der Reim auch die Stimmung leitet und glaub nicht gleich ich sei zu trau¬ rig. — Gedichte sind Balsam auf unerfüllbares im Le¬ ben; nach und nach verharrscht es, und aus der Wunde deren Blut den Seelenboden tränkte hat der Geist schöne rothe Blumen gezogen die wieder einen Tag blühen, an dem es süß ist der Erinnerung Duft aus ihnen zu saugen. Die Pilger hab ich vor acht Tagen geschrieben, auf das letzte: Der Lethe Fluß, hatte Dein Emigrantenver¬ kehr Einfluß; ich weiß nicht wie. Ist St. Clair noch nicht zurückgekehrt? war er bei Dir? — Beilage. Die Pilger. Der eine Pilger. Ich bin erkranket An Liebespein, Möcht nur genesen Wolltst mein Du sein. Dein liebreich Wesen Dein Lippenroth, Hält mich gefangen Bis an den Tod. Mein Aug ist trübe Meine Jugend verdorrt, Muß Heilung suchen An heil'gem Ort. Ich greif zum Stabe Ich walle zum Meer, Es brausen die Winde Es tobet das Meer. Die Vöglein fliegen So lustig voran, Sie suchen den Frühling Und treffen ihn an. Es hält mich die Liebe Ich bliebe so gern, Doch ziehet mich Wehmuth Zum Grabe des Herrn. Mich sehnet o füße Geliebte nach Dir Doch wähl ich das Grab mit Des Heilands dafür. Da knie ich nieder Voll bitterem Schmerz, Da kann ich Dich lassen Da bricht mirs Herz. Lebt wohl denn ihr Augen Voll freundlichem Schein, Mein Blick soll zum Himmel Gerichtet nur sein. Die Heilung ist bitter Der Weg ist wohl weit Doch greif ich zum Stabe Und ende mein Leid. Der andre Pilger. Ich scheide froh vom Vaterland, Und suche den geliebten Strand Wo Jesus Christus wallte. Wo er in Demuth angethan Des Erdenlebens schwere Bahn Mit stillem Sinne wallte. Was ist die Herrlichkeit der Welt Und alles was dem Sinn gefällt? — Ich will ihm froh entsagen. Dir irrd'sche Kette fällt von mir Und Jesu! — nur zu Dir! zu Dir! — Will ich mein Sehnen tragen. Die Märterkrone windet mir Und Seligkeit wohl für und für Wenn ich, vollendet habe. O süße Buße! himmlisch Leid! In frommer Einfalt, Seligkeit Ihr wohnt am heiligen Grabe. Lethe . Du rollst o Bach mit stillem Stolz die Fluth Und düstergrün umhüllen dich Gesträuche, In deiner Well erstirbt die Rosengluth Die lieblich glänzt vom fernen Geisterreiche. Dir schmeichelt nicht die Gunst der Gegenwart Mit Blüthenduft, mit Zephyrs kühlem Säuseln, Kein Glück das in der Zukunft Schleier harrt Wird deine Wog in holden Spielen kräuseln. Erbebend schaut es die Vergangenheit Wann deine Fluth der Schatten Heer umweben, Wie die Gebilde der entflohnen Zeit Zum öden Nichts auf deiner Well entschweben. Du wallest stolz! — des Helden Lorbeerkranz, Die Myrte durch Cytherens Hauch erzogen, Der Tugend Palm' in des Olympos Glanz Verlieren sich in deinen düstern Wogen. Entführt durch sie, dahin wo Zeit und Raum Verschwinden, wo in trüber Nebelferne Dein dumpfer Fall ertönt, dein weißer Schaum Im Chaos strahlt, statt lichtbegabter Sterne. Hin¬ Hinweg von dir! — die blüthenreiche Luft, Der Zauber in Elysiums Gefilden Verführ mich nicht, der rosenfarbne Duft Mag sich umsonst an deinem Ufer bilden. Vergebens weht hier magisch süß ein Ton Zu mir herab aus seliger Geister-Chören, Erschiene selbst Latones großer Sohn, Sein Phöbusauge wird mich nicht bethören. Für Seligkeit die ich noch nie genoß Sollt ich in Lethe meine Lust versenken? Und Schmerzen die ich lang in mir verschloß Für unbekannte Freuden hinzuschenken. Nein! jed Gefühl, zur Qual und auch zur Lust, Vom Hauch der Erdenluft in mich geboren, Die Leidenschaft bekämpft in meiner Brust — Den Siegerstolz! — ich geb ihn nie verloren. Es drückt das Herz wenn eine fremde Macht Ihm Gottheit giebt, es sträubt sich dieser Würde, Mit höherem Stolz entsagt es dieser Pracht Und schmiegt sich liebend seiner Erdenbürde. Kann ich die Seligkeit aus jener Flur Nur durch den Tod von diesem Ich erringen, So leite fern von ihrer Zauberspur Mich die Erinnerung auf ihren zarten Schwingen. Ich trag im Busen mein Elysium Und dieses blühe mir auf Blumenmatten Elysischer Gefild! ich bringe stumm Es sonst zum Styx, zu ungeweihten Schatten. 18 Dich aber fleh' ich an, Erinnerung! O Göttin! die den Gram um Freuden tauschet, Und wie ein Lilienduft mit leisem Schwung Durch die Verzweiflungsnacht zum Troste rauschet. Nimm deinen Wanderstab und schlage kühn Der stolzen Lethe Fluth, daß ihre Wellen In Nichts verdürstend, ewig schüchtern fliehn, Elysiums Strand nicht spottend mehr umschwellen. Die Schatten jauchzen dann, im Götterglanz Der Tugend Traum entfaltend, wie der Fehler Bürde, Wo Lethe floß; umschwebt vom ewigen Tanz Der Anmuthschwestern, in ihrer Selbstheit Würde. Der Kuß im Traum. Es hat ein Kuß mir Leben eingehaucht, Gestillet meines Busens tiefes Schmachten, Komm Dunkelheit mich traulich zu umnachten Daß neue Wonne meine Lippe saugt. In Träume war solch Leben eingetaucht, Drum leb ich ewig Träume zu betrachten, Kann aller andern Freuden Glanz verachten Weil mir die Nacht so süßen Balsam haucht. Der Tag ist karg an liebesüßen Wonnen, Es schmerzt mich seines Lichtes eitles Prangen Und mich verzehren diese heißen Gluthen. Drum birg dich Tag, dem Leuchten irrd'scher Sonnen, Hüll dich in Nacht, sie stillet dein Verlangen Und heilt den Schmerz, wie Lethes kühle Fluthen. An die Günderode. Schon zehn Tage bist Du fort alle Tag kommt der Jud mit dem leeren Sack, ich ließ ihn heut den Sack um und um kehren weil ich dacht es müsse sich Dein Brief drinn finden den ich so sicher erwartete, aber es war nichts herausgefallen als Brodkrümel, und kein Krümelchen Deiner Feder für mich, — wonach ich gar nicht so hungrig bin wenn ich nur weiß daß alles noch beim Alten ist und daß Du gesund bist. — Weißt Du mir nichts zu schreiben, so such mir aus meinen Brie¬ fen meine Religionsprinzipien zusammen, ich hab noch allerlei Nachgedanken berauschender Quellen der Natur hervorströmen und mir deucht ich sollte sie auch noch zu schöpfen versuchen. — Bei der Großmama ist ewiger Besuch, heute spa¬ zierte man zu siebzehen Fürstlichkeiten im Garten auf und ab, die Großmama zum Bewundern in Anmuth und Würde alle überstrahlend, Isenburg, Reus Erbach, und etliche Hessische Durchlauchten, und nebenbei noch der Herzog von Gotha, der schon längere Zeit täglich 18* Brod ist, im Haus, nemlich alle Mittag um drei Uhr kommt er herausgefahren und läßt sich von mir die Depeschen vorlesen und Journale, dann geht er in den Garten wo er Bohnen gepflanzt hat, die muß ich ihm begießen helfen. Die Großmama spricht von seinem Ge¬ nie, mir gefällt daß er mit mir umgeht wie mit einem Kind, er nennt mich Du ! frägt mich nie nach was an¬ derm als was ich mit Ja oder Nein beantworten kann, weiter hab ich ihm nichts gesagt bis jetzt, — im Gar¬ ten läßt er mich in der Sonnenhitze den Regenschirm tragen und er trägt die Gießkanne, letzt war er so matt daß er sie hinstellen mußte, ich sagte er solle den Para¬ plui tragen ich wolle die Gießkanne nehmen, er meinte die sei wohl zu schwer für mich, als er aber sah daß ich sie mit ausgestrecktem Arm weit ab durch die Luft trug um mein Kleid nicht naß zu machen so nennt er mich seitdem die starke Magd. — Seine rothen Haare die einen verzweiflungsvollen Schwung haben, wie ein schweres Ährenfeld das der Hagel verwüstet hat und sein blasses Angesicht, geben ihm in der Abenddämme¬ rung das Ansehen von einem Geist; ich hab mich vor ihm gefürchtet wie er mich Abends durchs Bosket be¬ gleitete. Die Großmama hatte alle Fürstlichkeiten an der Wagenthüre begrüßt und dagegen protestirt daß sie unter das Dach ihrer Grillenhütte kommen, sie wollten aber absolut in die Grillenhütte herein und so ward diese bald zu eng. — Im Garten machte der Herzog selbst eine Weinkaltschale mit Pfirsich, denn er panscht gern, ich mußte dazu alles herbei holen in die Geis¬ blattlaube, da er mich nun immer starke Magd nannte, so passirte ich bei der hohen Gesellschaft für ein so seltnes Monstrum; zuletzt sagte er noch: geh an un¬ sern Bohnenstangen und sorge daß die breitfüßigen und krumbeinigen Spaziergänger sie nicht umtreten, ich holte mir die Schawell und setzte mich mitten ins Bohnenfeld wo ich nicht mehr bemerkt wurde, es war mir eine La¬ bung denn ich war betäubt und müde, alles kann ich ertragen nur nicht das Brausen der Menschenreden, die kein Feuer keinen Zweck haben und immer in der Luft herumgreifen und nichts fragen und nichts anregen; besser wärs, Schweigen. Bis das Ton wird, was unend¬ lichen Vortheil bringen mag, da kann noch viel Wasser dem Main hinunterfließen, am Abend ging alles ins Bosket die Musik zu hören, es war mit bunten Lam¬ pen erleuchtet, die Orangerie auf der Terrasse am Main jetzt in ihrem schönsten Flor, ach ich war so müde und betäubt — was ich geträumt habe weiß ich nicht mehr, es war schön, denn ich wachte auf, wie trunken von Behagen, aber doch so schwindlich daß sich die starke Magd an der Hand vom Herzog nach Haus führen ließ, er fuhr in die Stadt, er rief mir noch aus dem Wagen zu: leg Dich zu Bett starke Magd Du siehst ganz blaß aus. — 17ten St. Clair war heute hier, zwischen zehn und ein Uhr, ich lag noch zu Bett, ich hatte die Großmama um Erlaubniß fragen lassen auszuschlafen, weil mich am Abend der Duft der Orangerie ganz betäubt hatte, er wartete auf mich hinter der Pappelwand. — Es giebt Weh darüber muß man verstummen; die Seele möchte sich mit begraben um es nicht mehr empfinden zu müs¬ sen daß solcher Jammer sich über einem Haupte sam¬ meln könne, und wie konnte es auch? — O ich frage! und da ist die Antwort: weil keine heilende Liebe mehr da ist, die Erlösung könnte gewähren. O werden wirs endlich inne werden daß alle Jammergeschicke unser eig¬ nes Geschick sind? — daß alle von der Liebe geheilt müssen werden um uns selber zu heilen. Aber wir sind uns der eignen Krankheit nicht mehr bewußt, nicht der erstarrten Sinne; daß das Krankheit ist, das fühlen wir nicht, — und daß wir so wahnsinnig sind und mehr noch als jener, dessen Geistesflamme seinem Vaterland aufleuchten sollte — daß die erlöschen muß im trüben Regenbach zusammengelaufner Alltäglichkeit, der lang¬ weilig dahinsikert. — Hat doch die Natur Allem den Geist der Heilung eingeboren, aber wir sind so ver¬ standlos daß selbst der harte Stein für uns ihn in sich entbinden lässet, aber wir nicht, — nein wir können nicht heilen, wir lassen den Geist der Heilung nicht in uns entbinden, und das ist unser Wahnsinn. Gewiß ist mir doch bei diesem Hölderlin als müsse eine göttliche Gewalt wie mit Fluthen ihn überströmt haben, und zwar die Sprache, in übergewaltigem raschen Sturz seine Sinne überfluthend, und diese darinn ertränkend; und als die Strömungen verlaufen sich hatten, da wa¬ ren die Sinne geschwächt und die Gewalt des Geistes überwältigt und ertödtet. — Und St. Clair sagt: ja so ists, — und er sagt noch: aber ihm zuhören, sei grade als wenn man es dem Tosen des Windes vergleiche, denn er brause immer in Hymnen dahin die abbrechen wie wenn der Wind sich dreht, — und dann ergreife ihn wie ein tieferes Wissen, wobei einem die Idee daß er wahnsinnig sei ganz verschwinde, und daß sich an¬ höre was er über die Verse und über die Sprache sage, wie wenn er nah dran sei das göttliche Geheimniß der Sprache zu erleuchten, und dann verschwinde ihm wieder alles im Dunkel, und dann ermatte er in der Verwirrung, und meine es werde ihm nicht gelingen begreiflich sich zu machen; und die Sprache bilde alles Denken, denn sie sei größer wie der Menschengeist, der sei ein S c lave nur der Sprache, und so lange sei der Geist im Menschen noch nicht der vollkommne, als die Sprache ihn nicht alleinig hervorrufe. Die Gesetze des Geistes aber seien metrisch, das fühle sich in der Sprache, sie werfe das Netz über den Geist, in dem gefangen, er das Göttliche aussprechen müsse, und so lange der Dich¬ ter noch den Versaccent suche und nicht vom Rhyth¬ mus fortgerissen werde, so lange habe seine Poesie noch keine Wahrheit, denn Poesie sei nicht das alberne sinnlose Reimen, an dem kein tieferer Geist Gefallen haben könne, sondern das sei Poesie: daß eben der Geist nur sich rhythmisch ausdrücken könne, daß nur im Rhythmus seine Sprache liege, während das poesielose auch geistlos, mithin unrhythmisch sei — und ob es denn der Mühe lohne mit so sprachgeistarmen Worten Gefühle in Reime zwingen zu wollen, wo nichts mehr übrig bleibe, als das mühselig gesuchte Kunststück zu zu reimen, das dem Geist die Kehle zuschnüre. Nur der Geist sei Poesie der das Geheimniß eines ihm eingebor¬ nen Rhythmus in sich trage, und nur mit diesem Rhyth¬ mus könne er lebendig und sichtbar werden, denn die¬ ser sei seine Seele, aber die Gedichte seien lauter Sche¬ men, keine Geister mit Seelen. — Es gebe höhere Gesetze für die Poesie, jede Gefühls¬ regung entwickle sich neuen Gesetzen die sich nicht an¬ wenden lassen auf andre, denn alles Wahre sei pro¬ phetisch und überströme seine Zeit mit Licht, und der Poesie allein sei anheimgegeben dies Licht zu verbreiten, drum müsse der Geist, und könne nur, durch sie hervor¬ gehen. Geist gehe nur durch Begeistrung hervor. — Nur allein Dem füge sich der Rhythmus, in dem der Geist lebendig werde! — wieder: — „Wer erzogen werde zur Poesie in göttlichem Sinn, der müsse den Geist des Höchsten für gesetzlos anerkennen über sich, und müsse das Gesetz ihm preis¬ geben; Nicht wie ich will , sondern wie du willt ! — und so müsse er sich kein Gesetz bauen, denn die Poesie werde sich nimmer einzwängen las¬ sen, sondern der Versbau werde ewig ein leeres Haus bleiben, in dem nur Poltergeister sich aufhalten. Weil aber der Mensch der Begeisterung nie vertraue, könne 18** er die Poesie als Gott nicht fassen. — Gesetz sei in der Poesie Ideengestalt, der Geist müsse sich in dieser bewegen, und nicht ihr in den Weg treten, Gesetz was der Mensch dem Göttlichen anbilden wolle, ertödte die Ideengestalt, und so könne das Göttliche sich nicht durch den Menschengeist in seinen Leib bil¬ den. Der Leib sei die Poesie, die Ideengestalt, und dieser, sei er ergriffen vom tragischen, werde tödtlich factisch, denn das Göttliche ströme den Mord aus Worten, die Ideengestalt, die der Leib sei der Poesie, die morde, — so sei aber ein Tragisches was Leben ausströme in der Ideengestalt, — (Poesie) denn alles sei Tragisch. — Denn das Leben im Wort (im Leib) sei Auferstehung, (lebendig factisch) die blos aus dem Gemordeten hervorgehe. — Der Tod sei der Ursprung des Lebendigen. — Die Poesie gefangen nehmen wollen im Gesetz, das sei nur damit der Geist sich schaukle an zwei Seilen sich haltend, und gebe die Anschauung als ob er fliege. Aber ein Adler der seinen Flug nicht ab¬ messe — obschon die eifersüchtige Sonne ihn nieder¬ drücke— mit geheim arbeitender Seele im höchsten Be¬ wußtsein dem Bewußtsein ausweiche, und so die hei¬ lige lebende Möglichkeit des Geistes erhalte, in dem brüte der Geist sich selber aus, und fliege — vom hei¬ ligen Rhythmus hingerissen oft, dann getragen dann geschwungen sich auf und ab in heiligem Wahnsinn, dem Göttlichen hingegeben, denn innerlich sei dies Eine nur: die Bewegung zur Sonne, die halte am Rhyth¬ mus sich fest. — Denn sagte er am andern Tag wieder: Es seien zwei Kunstgestalten oder zu berechnende Gesetze, die eine zeige sich auf der gottgleichen Höhe im Anfang eines Kunstwerks, und neige sich gegen das Ende; die andre, wie ein freier Sonnenstrahl, der vom göttlichen Licht ab, sich einen Ruhepunkt auf dem menschlichen Geist gewähre, neige ihr Gleichgewicht vom Ende zum Anfang. Da steige der Geist hinauf aus der Verzweiflung in den heiligen Wahnsinn, in¬ sofern Der höchste menschliche Erscheinung sei, wo die Seele alle Sprachäußerung übertreffe, und führe der dichtende Gott sie ins Licht; die sei geblendet dann, und ganz getränkt vom Licht, und es erdürre ihre ur¬ sprüngliche üppige Fruchtbarkeit vom starken Sonnen¬ licht; aber ein so durchgebrannter Boden sei im Aufer¬ stehen begriffen, er sei eine Vorbereitung zum Übermensch¬ lichen. Und nur die Poesie verwandle aus einem Leben ins andre, die freie nemlich. — Und es sei Schicksal der schuldlo¬ sen Geistesnatur, sich ins Organische zu bilden, im regsam Heroischen, wie im leidenden Verhalten. — Und jedes Kunst¬ werk sei Ein Rhythmus nur, wo die Cäsur einen Mo¬ ment des Besinnens gebe, des Widerstemmens im Geist, und dann schnell vom Göttlichen dahingerissen, sich zum End schwinge. So offenbare sich der dichtende Gott. Die Cäsur sei eben jener lebendige Schwebepunkt des Men¬ schengeistes, auf dem der göttliche Strahl ruhe. — Die Begeistrung welche durch Berührung mit dem Strahl ent¬ stehe, bewege ihn, bringe ihn ins Schwanken; und das sei die Poesie die aus dem Urlicht schöpfe und hinabströme den ganzen Rhythmus in Übermacht über den Geist der Zeit und Natur, der ihm das Sinnliche— den Gegenstand — entgegentrage, wo dann die Begeistrung bei der Berüh¬ rung des Himmlischen mächtig erwache im Schwebepunkt, (Menschengeist), und diesen Augenblick müsse der Dichter¬ geist festhalten und müsse ganz offen, ohne Hinterhalt seines Karakters sich ihm hingeben, — und so begleite diesen Hauptstrahl des göttlichen Dichtens immer noch die eigenthümliche Menschennatur des Dichters, bald das tragisch Ermattende, bald das von göttlichem Heroismus angeregte Feuer schonungslos durchzugreifen, wie die ewig noch ungeschriebene Todtenwelt, die durch das innere Gesetz des Geistes ihren Umschwung erhalte, bald auch eine träumerisch naive Hingebung an den göttlichen Dichtergeist, oder die liebenswürdige Gefaßtheit im Un¬ glück; — und dies objectivire die Originalnatur des Dichters mit in das Superlative der heroischen Virtuo¬ sität des Göttlichen hinein. — So könnt ich Dir noch Bogen voll schreiben aus dem was sich St. Clair in den acht Tagen aus den Reden des Hölderlin aufgeschrieben hat in abgebrochnen Sätzen, denn ich lese dies alles darin, mit dem zusam¬ men was St. Clair noch mündlich hinzufügte. Einmal sagte Hölderlin, Alles sei Rhythmus, das ganze Schick¬ sal des Menschen sei Ein himmlischer Rhythmus, wie auch jedes Kunstwerk ein einziger Rhythmus sei, und alles schwinge sich von den Dichterlippen des Gottes, und wo der Menschengeist dem sich füge, das seien die verklärten Schicksale, in denen der Genius sich zeige, und das Dichten sei ein Streiten um die Wahrheit, und bald sei es in plastischem Geist, bald in athletischem, wo das Wort den Körper (Dichtungsform) ergreife, bald auch im hesperischen, das sei der Geist der Beobachtun¬ gen und erzeuge die Dichterwonnen, wo unter freudiger Sohle der Dichterklang erschalle, während die Sinne ver¬ sunken seien in die nothwendigen Ideengestaltungen der Geistesgewalt die in der Zeit sei. — Diese letzte Dich¬ tungsform sei eine hochzeitliche feierliche Vermählungs¬ begeistrung, und bald tauche sie sich in die Nacht und werde im Dunkel hellsehend, bald auch ströme sie im Tageslicht über alles was dieses beleuchte. — Der ge¬ genüber, als der humanen Zeit, stehe die furchtbare Muse der tragischen Zeit; — und wer dies nicht verstehe meinte er, der könne nimmer zum Verständniß der ho¬ hen griechischen Kunstwerke kommen, deren Bau ein göttlich organischer sei, der nicht könne aus des Men¬ schen Verstand hervorgehen, sondern der habe sich Un¬ denkbarem geweiht. — Und so habe den Dichter der Gott gebraucht als Pfeil seinen Rhythmus vom Bogen zu schnellen, und wer dies nicht empfinde und sich dem schmiege, der werde nie, weder Geschick noch Athletentu¬ gend haben zum Dichter, und zu schwach sei ein solcher, als daß er sich fassen könne, weder im Stoff, noch in der Weltansicht der früheren, noch in der späteren Vorstellungsart unsrer Tendenzen, und keine poetischen Formen werden sich ihm offenbaren. Dichter die sich in gegebene Formen einstudiren, die können auch nur den einmal gegebenen Geist wiederholen, sie setzen sich wie Vögel auf einen Ast des Sprachbaumes und wiegen sich auf dem, nach dem Urrhythmus der in seiner Wurzel liege, nicht aber fliege ein solcher auf als der Geistes¬ adler von dem lebendigen Geist der Sprache ausgebrütet. Ich verstehe alles, obschon mir vieles fremd drinn ist was die Dichtkunst belangt, wovon ich keine klare oder auch gar keine Vorstellung habe, aber ich hab besser durch diese Anschauungen des Hölderlin den Geist gefaßt, als durch das wie mich St. Clair darüber belehrte. — Dir muß dies alles heilig und wichtig sein. — Ach einem solchen wie Hölderlin, der im labyrinthischen Suchen lei¬ denschaftlich hingerissen ist, dem müssen wir irgendwie begegnen, wenn auch wir das Götttliche verfolgen mit so reinem Heroismus wie er. — Mir sind seine Sprüche wie Orakelsprüche, die er als der Priester des Gottes im Wahnsinn ausruft, und gewiß ist alles Weltleben ihm gegenüber wahnsinnig, denn es begreift ihn nicht. Und wie ist doch das Geisteswesen jener beschaffen die nicht wahnsinnig sich deuchten? — ist es nicht Wahnsinn auch, aber an dem kein Gott Antheil hat? — Wahnsinn, merk ich, nennt man das was keinen Widerhall hat im Geist der andern, aber in mir hat dies alles Wider¬ hall, und ich fühle in noch tieferen Tiefen des Geistes, Antwort daraus hallen, als blos im Begriff. Ists doch in meiner Seele wie im Donnergebirg, ein Wider¬ hall weckt den andern, und so wird dies Gesagte vom Wahnsinnigen, ewig mir in der Seele widerhallen. Günderode weil Du schreibst daß Dir mein Denken und Schreiben und Treiben die Seele ausfülle, so will ich nicht aufhören, wie es auch kommen mag, und einst wird sich Dir alles offenbaren, und ich selber werde dann, wie Hölderlin sagt, mich in den Leib des Dichter¬ gottes verwandlen, denn wenn ich nur Fassungskraft habe! — denn gewiß, Feuer hab ich, — aber in meiner Seele ist es so, daß ich ein Schicksal in mir fühle das ganz nur Rhythmus des Gottes ist was er vom Bogen schnellt, und ich auch will mich bei der Cäsur wo er mir ins eigne widerstrebende Urtheil mein göttlich Werden giebt, schnell losreißen und in seinem Rythmus in die Himmel mich schwingen. Denn wie vermöcht ich sonst es? — nimmer! ich fiel zur Erde, wie alles Schick¬ sallose. — Und Du Günderode so adelig wie Du bist in Deinen poetischen Schwingungen! Klirrt da nicht die Sehne des Bogens des Dichtergottes? und lässet die Schauer uns fühlen auch in diesen leisen träumentappenden Liedern: — Drum laß mich wie mich der Moment geboren In ewgen Kreisen drehen sich die Horen, Die Sterne wandlen ohne festen Stand. sagst Du nicht dasselbe hier? — klingt nicht so der Widerhall aus der Öde in Hölderlins Seele. — Ach ich weiß nicht zu fassen, wie man dies Höchste nicht heilig scheuen sollte, dies Gewaltige, und wenn auch kein Echo in unseren Begriff es übertrage, doch wissen wir daß der entfesselte Geist über Leiden die so mit Göt¬ terhand ihm auferlegt waren, im Triumph in die Hal¬ len des Lichts sich schwinge, aber wir! — Wissen wir Ungeprüften, ob je uns Hellung werde? — jetzt weiß ichs, ich werd ihm noch viel müssen nachgehen, doch ge¬ nug zwischen uns davon; eine Erscheinung ist er in in meinen Sinnen, und in mein Denken strömt es Licht. — Anhang. Gedichte der Günderode . I. Darthula nach Ossian. Nathos schiffet durch den Sturm der Wogen, Ardan, Althos, seine Brüder mit, Caibars, Erins König, Zorn zu meiden, In geheimnißvolle Schatten kleiden Dunkle Wolken ihren fliehnden Schritt. Wer? o Nathos! ist an deiner Seite! Traurig seufzt im Wind ihr braunes Haar, Lieblich ist sie, wie der Geist der Lüfte, Eingehüllt in leichte Nebeldüfte; Schön vor allen Collas Tochter war. Ach Darthula! deine irren Segel Eilen nicht dem wald'gen Etha zu. Seine Berge heben nicht die Rücken Und die Seeumwogten Küsten bücken Turas Felsen schon dem Meere zu. Wo verweiltet ihr des Südes Winde? Schwelltet Nathos weiße Segel nicht? Trugt ihn nicht zum heimathlichen Strande? Lange blieb er in dem fremden Lande Und der Tag der Rückkehr glänzt ihm nicht. Schön, o König Ethas! warst du in der Fremde; Wie des Morgens Strahl dem Angesicht. Deine Locken, gleich dem Raben, düster Deine Stimme, wie des Schilfs Geflüster Wenn der Mittagswind sich leise wiegt. Deine Seele glich der Sonne Scheiden, Doch im Kampfe warst du fürchterlich. Brausend wie die ungestümen Wogen Wenn vom Nord die stürm'schen Winde zogen, Stürztest du auf Caibars Krieger dich. Auf Selamas grau bemoosten Mauern Sah dich Collas Tochter, und sie sprach: Warum eilst du so zum Kampf der Speere! Zahlreich sind des düstern Caibars Heere. Ach! und meiner Liebe Furcht ist wach. Freuen wollt ich dein mich, deiner Siege Aber Caibars Liebe läßt mich nicht. So sprachst du. Jetzt haben dich die Wogen Mädchen! und die Stürme dich betrogen, Nacht umringt dein schönes Angesicht. Aber schweiget noch ein wenig Winde! Überbraust Darthulas Stimme nicht! Fürst von Etha! sind dies Usnoths Hallen? Jene Ströme die von Felsen fallen Sind es Ethas blaue Ströme nicht? Hier empöret Erin seine Berge, Ethas Felsenströme brüllen nicht. Dennoch ruh hier an des Ufers Hügel Denn mein Schwert umgiebt wie Blitzes Flügel Dich du Liebliche, du schönes Licht. Nathos: sagt das braun gelockte Mädchen, Niemand hat Darthula außer dich, Denn die Freunde sind mir früh gefallen, Laß um sie noch meine Klage schallen Hör der Trauer Stimme, höre mich. Abend ward einst, in der Wehmuth Schatten Bargen meines Landes Eb'nen sich, Über hoher Wälder Wipfel schritten Einzle Lüfte, die aus Wolken glitten, Da umgaben Trauerschatten mich. Die Gestalten meiner Freunde gingen Traurig. Geistern gleich, an mir dahin. Da kam Colla mit gesenktem Schwerte, Seinen Blick geheftet an die Erde, Brennend glühte noch die Schlacht darin. „Collas letzte einz'ge Hoffnung sprach er; Braungelocktes Mädchen! Truthil fiel. Siegreich kehrt dir nicht der Bruder wieder, Zu Selama naht Erins Gebieter, Mit ihm Tausende im Schlachtgewühl.“ Ist des Kampfes Sohn gefallen? seufzt' ich! Hat der lange Schlaf sein Aug' verhüllt? O! so schütze mich der Jagden Bogen, Glücklich oftmals meine Pfeile flogen, Tödlich für das dunkelbraune Wild. Freud umstrahlt den Greisen. Ja Darthula! Deine Seele brennt in Truthils Glut, Geh', ergreif das Schwert vergangner Schlachten! Also Colla: seine Worte fachten, Höher noch in mir des Kampfes Muth. Wehmuthsvoll vergieng die Nacht, am Morgen Schimmerte im Stahl der Schlachten ich. — Caibar saß zum Mahl in Lonas Wüste, Als Celamas Waffenklang ihn grüßte; Seine Führer rief er da zum Krieg. Warum soll ich, Nathos! dir erzählen Von des Kampfes schwankendem Geschick? Ach! umsonst bedeckt von meinem Schilde, Sank der Vater mir im Schlachtgefilde, Und in heißen Thränen schwamm mein Blick. Treulos zeigte da des Mädchens Busen, Caibar mein zerrissenes Gewand; Freundlich naht er, sprach der Liebe Worte, Führte mich zu meiner Väter Pforte, Aber Trauer meine Stirn umwand. Da erschienst du Nathos! meinen Augen, Freundlich wie ein abendlich Gestirn. Caibar schwand vor deines Stahles Sprühen Wie der Nachtgeist vor des Morgens Glühen, Doch es wölbte Trauer deine Stirn? Meine Seele glänzte in Gefahren Eh' ich dich, du schönes Licht! gesehn. Aber unsre Segel sind betrogen, Wolken kommen gegen dich gezogen. Und du wirst in ihrer Nacht vergehn. Oscar weilet noch an Celmas Küste! Oscar schiffe durch das dunkle Meer! O daß Winde deine Segel schwellten! Zittern würden dann Temoras Helden. Friede wäre um Darthula her. Wo wird Nathos deinen Frieden finden? Wo Darthula! wo ist für dich Ruh? Geister der Gefallnen! sprach Darthula: Truthil! Colla! Führer von Selama! Winkt ihr mir aus euren Wolken zu! Nathos! reiche mir das Schwert der Tapfern, Vater! ich will deiner würdig seyn, In des Stahles Treffen werd' ich gehen, Nimmer Caibars düstre Hallen sehen, Nein! ihr Geister meiner Liebe! nein! Freude glänzt in Nathos bei den Worten, Die das schöngelockte Mädchen sprach: Caibar, meine Stärke kehret wieder! Komm mit Tausenden Erins Gebieter! Komm zum Kampfe! meine Kraft ist wach! Ja er kömmt mit Tausenden! rief Ardan; Schreckbar tönet ihrer Schwerter Schall. — „Laß zehntausend Schwerter sich empören: Usnoth soll von Nathos Flucht nicht hören, Ardan! sag ihm; rühmlich war mein Fall. Winde! warum brausen eure Flügel? Wogen! warum rauscht ihr so dahin? Wellen! Stürme! denkt ihr mich zu halten? Nein, ihr könnts nicht, stürmische Gewalten, Meine Seele läßt mich nicht entfliehn. Wenn des Herbstes Schallen wieder kehren, Mädchen! und du bist in Sicherheit, Dann versammle um dich Ethas Schönen, Laß für Nathos deine Harfe tönen, Meinem Ruhme sei dein Lied geweiht. — Nathos blieb gestützt auf seinem Speere; Schaurig pfiff der Nachtwind um ihn her Aber bei des Morgens erstem Strahle, Drang er vorwärts mit gezücktem Stahle, Mit dem Führer eilt Darthula her. Komm zum Zweikampf! ruft er, Fürst Temoras! Für Selamas Mädchen! — Caibar spricht: Stolzer, du entflohst mir mit der Schönen, Wähnst du, Caibar kämpf mit Usnoths Söhnen? Nein, er kämpft mit Unberühmten nicht. In des königlichen Nathos Augen Glänzen Thränen; und er wendet sich Zu den Brüdern, ihre Speere fliegen Rache dürstend und gewiß zu siegen, Erins Reihn verwirren schwankend sich. Da ergrimmet Caibars finstre Seele, Und er winket, tausend Speere fliehn, Usnoths Söhne sinken wie drei Eichen, Die zur Erde ihre Wipfel neigen, Wenn des Nordens Stürme sie umziehn. Gestern sah sie noch der Wandrer blühen Ihre stolze Schönheit freute ihn, Heute beugte sie der Sturm der Wüste, Sie, die gestern noch die Sonne grüßte. Sprachlos starret Collas Tochter hin. Höh¬ Höhnend naht ihr Caibar: „Mädchen sahst du Nathos Land, in feines Blau gehüllt? Oder Fingals dunkelbraune Hügel? Ha! entrannst du auch des Sturmes Flügel, Über Selma hätte meine Schlacht gebrüllt.“ Caibar sprachs. Da rauscht ein Pfeil, getroffen Sinkt sie, und ihr Schild stürzt vor sie hin. Wie des Schnees Säule sank sie nieder, Über Ethas schlummernden Gebieter Spreiten sich die dunklen Locken hin. Da versammelten die hundert Barden Caibars, um Darthulas Grabmal sich, Ihre Harfen rauschten um den Hügel, Und es schwang sich des Gesanges Flügel, Für der Mädchen Erins Schönste! dich! Trauer schreitet an Selamas Strömen, Schweigen wohnet in den Hallen nun. Collas Tochter sank zum Schlafe nieder, O wann grüßest du den Morgen wieder? Schöngelockte! wirst du lange ruhn? Weit entfernet ist dein Morgen, nimmer Stehst du mehr in deiner Schönheit auf; Ach die Sonne tritt nicht an dein Bette, Spricht: „erwach aus deiner Ruhestätte! Collas schöne Tochter! steig herauf!“ 19 Junges Grün entkeimet schon dem Hügel, Frühlingslüfte fliegen drüber her. Sonne birg in Wolken deinen Schimmer! Denn sie schläft, der Frauen Erste! nimmer Kehret sie in ihrer Schönheit mehr. II. Don Juan . Es ist der Festtag nun erschienen Geschmücket ist die ganze Stadt. Und die Balkone alle grünen, In Blumen blüht der Fürstin Pfad. Da kommt sie, schön in Gold und Seide Im königlichen Prunkgeschmeide An ihres neu Vermählten Seite. Erstaunet siehet sie die Menge Und preiset ihre Schönheit hoch! Doch Einer, Einer im Gedränge Fühlt tiefer ihre Schönheit noch. Er mögt in ihrem Blick vergehen Da er sie einmal erst gesehen, Und fühlt im Herzen tiefe Wehen. Sein Blick folgt ihr zum Hochzeitstanze Durch all der Tänzer bunte Reihn, Erstirbet bald in ihrem Glanze Lebt auf im milden Augenschein. So wird er seines Schauens Beute, Und seiner Augen süße Weide Bringt bald dem Herzen bittres Leiden. So hat er Monde sich verzehret, In seines eignen Herzens Gluth; Hat Töne seinem Schmerz verwehret, Gestählt in der Entsagung Muth; Dann könnt er vor'gen Muth verachten Und leben nur im tiefen Schmachten, Die Anmuthsvolle zu betrachten. Mit Philipp war, an heil'ger Stätte, Am Tag den Seelen fromm geweiht, Sein Hof versammelt zum Gebete Das Seelen aus der Qual befreit; Da flehen Juans heiße Blicke: Daß sie ihn einmal nur beglücke! Erzwingen will ers vom Geschicke. Sie senkt das Haupt mit stillen Sinnen Und hebt es dann zum Himmel auf; Da flammt in ihm ein kühn Beginnen, Er steigt voll Muth zum Altar auf. 19* Laut will er seinen Schmerz ihr nennen, Und seines Herzens heißes Brennen, In heil'ger Gegenwart bekennen. Laut spricht er: Priester! lasset schweigen Für Todte die Gebete all. Für mich laßt heiße Bitten steigen; Denn größer ist der Liebe Qual, Von der ich wen'ger kann genesen. Als jene unglücksel'gen Wesen Zur Qual des Feuers auserlesen. Und staunend siehet ihn die Menge So schön verklärt in Liebesmuth. „Wo ist, im festlichen Gepränge?“ Denkt Manche still, „die solche Gluth Und solches Wort jetzt hat gemeinet?“ Sie ist's, die heimlich Thränen weinet, Die Juans heiße Liebe meinet. War's Mitleid, ist es Lieb' gewesen, Was diese Thränen ihr erpreßt? Vom Gram kann Liebe nicht genesen, Wenn Zweifelmuth sie nicht verläßt. Er kann sich Friede nicht erjagen; Denn nimmer darf's die Lippe wagen, Der Liebe Schmerz ihr mehr zu klagen. Nur einen Tag will er erblicken Der trüb ihm nicht vorüber flieht, Nur eine Stunde voll Entzücken Wo süße Liebe ihm erblüht, Nur einen Tag der Nacht erwecken, Es mag ihn dann, mit ihren Schrecken Auf ewig, Todesnacht bedecken. Es liebt die Königin die Bühne, Erschien oft selbst im bunten Spiel. Daß er dem kleinsten Wunsche diene Ist jetzt nur seines Lebens-Ziel. Er läßt ihr ein Theater bauen, Dort will, die reizendste der Frauen, Er noch in neuer Anmuth schauen. Der Hof sich einst zum Spiel vereinet, Die Königin in Schäfertracht, Mit holder Anmuth nur erscheinet Den Blumenkranz in Lockennacht. Und Juans Seele sieht verwegen Mit ungestümen wildem Regen, Dem kommenden Moment entgegen. Er winkt, und Flamm und Dampf erfüllen Entsetzlich jetzt das Schauspielhaus; Der Liebe Glück will er verhüllen In Dampf, und Nacht und Schreck und Graus; Er jauchzet daß es ihm gelungen, Des Schicksals Macht hat er bezwungen Der Liebe süßen Lohn errungen. Gekommen ist die schöne Stunde; Er trägt sie durch des Feuers Wuth, Raubt manchen Kuß dem schönen Munde, Weckt ihres Busens tiefste Gluth. Möcht sterben jetzt in ihren Armen, Möcht alles geben ihr! — verarmen Zu anderm Leben nie erwarmen. Die eilenden Minuten fliehen, Er merket die Gefahren nicht Und fühlt nur ihre Wange glühen; Doch sie, sie träumet länger nicht, Sie reißt sich von ihm los mit Beben, Er sieht sie durch die Hallen schweben — Verhaucht ist der Minute Leben. Mit sehnsuchtsvollem, krankem Herzen Eilt Juan durch die Hallen hin. In Wonne Gram und süße Schmerzen Versinket ganz sein irrer Sinn, Er wirft sich auf sein Lager nieder, Und holde Träume zeigen wieder Ihm, ihr geliebtes, holdes Bild. Die Sonne steiget auf und nieder; Doch Abend bleibt's in seiner Brust. Es sank der Tag ihm, kehrt nicht wieder, Und sie, nur sie ist ihm bewußt, Und ewig, ewig ist gefangen Sein Geist im quälenden Verlangen Sie, wachend träumend, anzuschaun. Und da, erwacht aus seinem Schlummer Ists ihm, als stieg' er aus der Gruft, So fremd und todt: und aller Kummer Der mit ihm schlief erwacht und ruft: O weine! sie ist dir verloren Die deine Liebe hat erkoren, Ein Abgrund trennet sie und dich! Er rafft sich auf mit trüber Seele Und eilt des Schlosses Gärten zu; Da sieht er, bei des Mondeshelle, Ein Mädchen auf ihn eilen zu. Sie reicht ein Blatt ihm und verschwindet Eh er zu fragen Worte findet, Er bricht die Siegel aus und liest: „Entfliehe! wenn dies Blatt gelesen Du hast, und rette so dich mir. Mir ist als sei ich einst gewesen, Die Gegenwart erstirbt in mir, Und lebend ist nur jene Stunde, Sie spricht mir mit so süßem Munde Von dir, von dir, und stets von dir.“ Er liest das Blatt mit leisem Beben Und liebt's und drückt es an sein Herz. Gewaltsam theilet sich sein Leben In große Wonne — tiefen Schmerz. Sollt er die Theuerste nun meiden? Kann sie dies Trauern ihm bereiten! Soll er sie nimmer wieder sehn? Er geht nun, wie sie ihm geboten; Da trifft ein Mörderdolch die Brust. Doch steigt er freudig zu den Todten, Denn der Erinnerung süße Lust Ruft ihm herauf die schönste Stunde, Er hänget noch an ihrem Munde — Entschlummert sanft in ihrem Arm. Gedruckt bei Trowitzsch und Sohn in Berlin.