Johann Reinhold Forster’s Doctor der Rechte; Mitgl. der Gesellsch. der Wissensch. und der Antiq. zu London ; der Wissensch. zu Madrid , zu Goͤttingen , Upsal , der Naturf. Gesellsch. zu Danzig und zu Berlin ; correspond. Mitgl. der Academie der Wiss. und auch der Inseript. und schoͤnen Wissensch. zu Paris Reise um die Welt waͤhrend den Jahren 1772 bis 1775 in dem von Seiner itztregierenden Großbrittannischen Majestaͤt auf Entdeckungen ausgeschickten und durch den Capitain Cook gefuͤhrten Schiffe the Resolution unternommen. Beschrieben und herausgegeben von dessen Sohn und Reisegefaͤhrten George Forster Professor der Naturgeschichte in Cassel ; der Gesellsch. der Wissensch. zu London und zu Madrid , der Roͤmisch Kays. Acad. der Naturf. imgl. der Naturf. Gesells. zu Berlin Mitglied; auch corresp. Mitgl. der Gesellsch. der Wiss. zu Goͤttingen . Vom Verfasser selbst aus dem Englischen uͤbersetzt, mit dem Wesentlichsten aus des Capitain Cooks Tagebuͤchern und andern Zusaͤtzen fuͤr den deutschen Leser vermehrt und durch Kupfer erlaͤutert. Zweeter Band. Mit allergnaͤdigsten Freyheiten. Berlin bey Haude und Spener. 1780. Dr. Johann Reinhold Forster’s und seines Sohnes Georg Forster’s Reise um die Welt auf Kosten der Grosbrittannischen Regierung zu Erweiterung der Naturkenntniß unternommen und waͤhrend den Jahren 1772 bis 1775. in dem vom Capitain J. Cook commandirten Schiffe the Resolution ausgefuͤhrt. Forsters Reise u. d. W. zweyter Th. A Anzeige einiger Druckfehler welche bey Abwesenheit des gewoͤhnlichen Correctors in den letzteren Bogen dieses zweeten Theils uͤbersehen worden, und folgendergestalt zu verbessern sind. Seite 382 zu Ende der 14ten Zeile von unten auf gerechnet, statt gewaltigen, lies: gewaltiger. 388 zu Anfang der 2ten Zeile von oben statt den, lies: dem. 391 zu Ende der 3ten Zeile von oben statt Gaͤnsenfang, lies: Gaͤnsefang. 393 in der 16ten Zeile von oben statt Glas, Corallen, lies: Glas-Corallen. 397 in der ersten Zeile statt an der, lies: an den. in der fuͤnften Zeile, statt wuͤrklichen, lies: wuͤrklichem, und statt Lebensmittel, lies: Lebensmitteln. 400 in der 12ten Zeile statt Cook’s, lies: Cook . 401 in der dritten Zeile von unten statt Fernandey, lies: Fernandez . 402 in der vierten Zeile statt Flintenschluͤßen , lies: Flintenschuͤßen. 404 in der Note statt Gonin, lies: Gouin . 407 zu Ende der siebenten Zeile statt Verfechter, lies: Vorfechter. 412 zu Ende der vierten Zeile statt Seegefluͤgel, liessen sich, lies: Seegefluͤgel; sie liessen sich ꝛc. 414 zu Anfang der sechsten Zeile statt Sanguisorbae, lies: Sanguisorba. 415 zu Ende der zwoͤlften Zeile von unten statt Anblick: lies: Augenblick. 417 zu Ende der neunten Zeile von unten statt noͤthigten, lies: noͤthigte. 418 in der 10ten Zeile von oben statt in, lies: an. in der folgenden Zeile statt beath, lies: beat. wiederum in der folgenden Zeile statt Thaws, lies: thaws. nochmahls statt amient, lies ancient. 420 in der 15ten Zeile von unten statt Cresalina, lies: Cressalina . 430 zu Ende der siebenten Zeile von unten statt Japanischen, lies: Javanischen. 432 zu Anfang der neunten Zeile statt Rien, lies: Rice . ebendaselbst in der 21sten Zeile statt Maduren , lies: Madure . 436 zu Ende der siebenten Zeile von oben statt Es, lies: Er. 445 in der Note statt Aquitus, lies: Aquilus. 451 in der neunten Zeile statt um von geringer, lies: um von der geringsten. 452 zu Anfang der neunten Zeile von oben statt auch, lies: auf. 455 in der 18ten Zeile statt foya , lies: faya. 460 in der ersten Zeile statt doch, lies: dort. 461 in der 11ten Zeile von unten statt Staat-Point, lies: Start-Point. An den Buchbinder. D ie große Charte, welche bey diesem zweeten Theile befindlich ist, gehoͤrt zum ersten Bande und muß daselbst dem Tittel gegenuͤber eingefuͤgt werden. Die Anzeige einiger Druckfehler kommt in diesen zweeten Theil, unmit- telbar nach dem Tittel, gerade vor dem ersten Capitel, Der Inhalt beyder Theile aber ganz zu Ende gegenwaͤrtigen Bandes gleichsam statt Registers zu stehen, welche Ordnung, nebst gehoͤriger Einfuͤgung der durchschnittenen und umgedruckten zween Quartblaͤtter genau zu beobachten ist. — Da auch dieses Werk mit zweyerley Titteln, als Geschichte der See-Reisen vierter und fuͤnfter oder Forsters Reise um die Welt erster und zweeter Theil versehn ist; so muß bey jedem Besitzer angefragt werden, welcher von diesen bey- den Titteln beybehalten und welcher weggeworfen werden solle, indem beyde nicht zusammen bleiben koͤnnen. — Erstes Hauptstuͤck . Reise von Oster-Eyland nach den Marquesas . — Auf- enthalt im Haven Madre de Dios auf der Insel Waitahu . — Reise von da uͤber die flachen Inseln nach Tahiti . B ey der Abfahrt von Oster-Eyland war das Wetter sehr schwuͤl und der 1774. Maͤrz. Wind so schwach, daß wir uns am folgenden Mittage noch im Ange- sicht der Insel, kaum 15 Meilen weit vom Ufer befanden. Capitain Cook bekam ein Recidiv seines Gallenfiebers, weil er in den Stunden der hef- tigsten Mittags-Hitze sich am Lande zu stark angegriffen hatte, und diejenigen, welche den langen beschwerlichen Marsch, queer uͤber die Insel, mitgemacht, hatten von der Sonnen-Hitze Blasen im Gesicht bekommen, die taͤglich em- pfindlicher wurden, je mehr die Haut sich abschaͤlte. Ohnerachtet unser Auf- enthalt am Lande nur kurze Zeit gedauert und wir auch nur wenig frische Ge- waͤchse da genossen; so fanden sich unsre scorbutische Kranken dennoch ziemlich hergestellt, und klagten zum Theil nur noch uͤber Mattigkeit. Je weniger Erfri- schungen in Oster-Eyland zu haben gewesen, desto begieriger waren wir auf die Inseln des Marquese de Mendoza , nach denen jetzt hingesteuert ward. Zum Gluͤck stellte sich am folgenden Tage (den 18 Maͤrz) starker und anhalten- der Wind ein, und das gab uns neue Hoffnung und frischen Muth, der seit ei- nigen Monathen sehr gesunken war. Die Freude dauerte indeß nicht lange, denn ein Paar Tage nachher fiengen verschiedene unsrer Leute von neuem an zu kraͤnkeln und besonders uͤber Verstopfungen und Gallenfieber zu klagen, welches, in heißen Himmelsstrichen, gemeiniglich toͤdtliche Krankheiten sind. Zum Un- gluͤck war unser Wundarzt selbst mit unter den Kranken, und das vermehrte die Noth. Auch war es verdrießlich, daß die Patienten die suͤßen Kartoffeln, als die einzige Erfrischung welche wir erhalten, ihres schwachen Magens wegen nicht genießen durften. A 2 Forster’s Reise um die Welt 1774. Maͤrz. Eine Windstille, von der wir am 24sten unterm 17ten Grade suͤdlicher Breite uͤberfallen wurden, schien das Uebel zu vermehren. Die Kranken ver- schlimmerten sich dabey augenscheinlich; unter andern mußte auch Capitain Cook , einiger hoͤchst gefaͤhrlichen Zufaͤlle wegen, von neuem das Bett huͤten. Indes- sen stellte sich schon am Nachmittag wieder guter Wind ein, und weil er bin- nen ein Paar Tagen immer frischer wurde; so ward auch die Luft sehr ange- nehm abgekuͤhlet. Das bekam denen die am Gallenfieber darnieder lagen un- gemein! Sie erschienen halb aufgelebt wieder auf dem Verdeck, und suchten, so viel die erlittne Entkraͤftung es gestatten wollte, von neuem herum zu gehen oder vielmehr zu schleichen. Mein Vater ließ seinen Tahitischen Hund, den einzigen, der noch am Boord war, abschlachten, um dem Capitain Cook , wenigstens einige Tage lang, Bruͤhe und frisches Fleisch zu verschaffen, denn von dem gewoͤhnlichen Schiffs- proviant durfte er nicht essen, und wir hielten uns fuͤr sehr gluͤcklich, daß wir zur Wiederherstellung eines Mannes etwas beytragen konnten, auf den alles fer- nere Gluͤck der Reise zu beruhen schien. Seitdem wir Oster-Eyland verlassen hatten, sahen wir taͤglich Tropi- sche- und Sturmvoͤgel ( Shearwaters or Puffins of the Isle of Man Procellaria Puffinus. ) scheuchten auch manchen Schwarm fliegender Fische zum Wasser heraus. Letz- tere zeigten sich am 27sten außerordentlich haͤufig; sie waren aber alle klein, der groͤßte nicht uͤber Fingers lang, und die kleinsten hatten kaum die Laͤnge von ein- oder anderthalb Zoll. Wir befanden uns damals zu Mittag unter 13°. 13′. suͤdlicher Breite. Auf die Meeresstille vom 24sten, folgte ein anhaltender starker Ostwind, der unsern Lauf sehr beguͤnstigte. Das Wetter war zugleich so klar, daß das Seewasser, welches mit der Heiterkeit der Luft in genauem Ver- haͤltniß zu stehen pflegt, eine schoͤne, hochblaue Farbe hatte. Wir sa- hen von Zeit zu Zeit Doraden, Bonniten und Hayfische; und mancherley Voͤgel, die auf die fliegenden Fische Jagd machten, belebten die Aussicht. in den Jahren 1772 bis 1775. Ein großer Vortheil war es, daß die Sonnenhitze durch die schnelle Be- 1774. Maͤrz. wegung der Luft gemaͤßigt und ertraͤglich gemacht wurde, so daß man mit Ver- gnuͤgen auf dem Verdecke herumgehen konnte. Dies staͤrkte wenigstens eini- germaßen unsern Muth, und unsre Kranken, die jetzt im eigentlichen Verstande von Wind und Hoffnung lebten; denn sie hatten sonst nichts woran sie sich haͤt- ten laben koͤnnen. Der Vorrath von Pflanzen- und Kraͤuterwerk, den wir auf Oster-Eyland hatten einlegen koͤnnen, war verzehrt, und also mußte man, ent- weder von neuem mit dem elenden Poͤckelfleisch vorlieb zu nehmen, das waͤh- rend der dreyjaͤhrigen Reise Saft und Kraft verloren hatte, oder, sich entschlies- sen, bey schmalen Portionen von trocknem Brod, Hunger und Kummer zu leiden. Wir wuͤnschten daher recht sehnlich, von allen diesen Unannehmlichkeiten so bald als moͤglich befreyet zu werden, und das Thermometer unsrer Erwartungen stieg und fiel nach den Graden des ab- oder zunehmenden Windes. Alle vorraͤ- thige Nachrichten von Mendanna’s Reisen wurden sorgfaͤltig zu Rathe gezo- gen. In sofern die darinn angegebne unbestimmte Entfernung der Marquesas von der Peruanischen Kuͤste einem jeden Freyheit ließ, seinen Hoffnungen, Wuͤn- schen und Vermuthungen nachzuhaͤngen, hatten wir auch sicher alle Tage, we- nigftens eine neue Berechnung ihrer Laͤnge vor uns. Fuͤnf Tage hintereinander durchseegelten wir die unterschiednen Lagen, die unsre neuen Geographen diesen Inseln angewiesen. Einige unsrer Reisegefaͤhrten, die entweder schlau genug gewesen waren, ihre eigne Meynungen heimlich zu halten, oder auch freymuͤthig gestanden, daß der Innhalt jener Nachrichten viel zu unbestimmt waͤre, eine Hypothese darauf bauen zu koͤnnen, schienen sich daruͤber lustig zu machen, daß von unsren, auf dergleichen Muthmaßungen gegruͤndeten Hoffnungen eine nach der andern zu Wasser wurde. Waͤhrend dieser Fahrt hatten wir einige schoͤne Abende, vornemlich bemerkten wir am 3ten April, bey untergehender Sonne, daß Himmel und Wolken in mannigfaltig spielendem Gruͤn erschienen. Eine gleiche Bemerkung hatte Fre- zier schon vorher gemachet, und im Grunde sind Erscheinungen dieser Art nichts Außerordentliches, wenn die Luft mit haͤufigen Duͤnsten erfuͤllet ist, welches zwi- schen den Wendezirkeln oft sich zu ereignen pfleget. An demselbigen Tage fien- gen wir einen kleinen Saugefisch, ( Echineis Remora ) der an einem fliegen- A 3 Forster’s Reise um die Welt 1774. April. den Fische hieng, womit eine Angel gekoͤdert worden war. Es ist also ein Irr- thum, wenn man glaubt, daß diese kleinen Thierchen sich blos an die Hayfische haͤn- gen. Um eben die Zeit bemerkten wir einen großen Fisch von der Rochen-Art, die von einigen Schriftstellern See-Teufel genannt werden. Er glich demjenigen vollkommen, den wir am 1sten September 1772. im atlantischen Meere wahrge- nommen hatten. (Siehe im ersten Bande pag. 37) Die Meerschwalben, Fre- gatten- und tropischen Voͤgel wurden taͤglich haͤufiger, je weiter wir gegen We- sten liefen und uns den Inseln naͤherten, die wir zu finden gedachten. Endlich erblickten wir am 6ten April Nachmittags eine kleine steile Insel; sie war aber zum Theil in Nebel gehuͤllet, welche sich verstaͤrkten, je weiter wir heran kamen. Man konnte also das Land vorlaͤufig noch nicht naͤher betrach- ten, oder aus dem Ansehn desselben urtheilen, ob vielleicht Erfrischungen dar- auf anzutreffen seyn moͤchten. Quiros , den man fuͤr den Verfasser der im Jahr 1595. unternommenen Reise des Spanischen Adelantado oder General- Capitains Don Alvaro Mendanna de Neyra ansiehet, giebt von der Gruppe von Inseln, die damals entdeckt worden, eine vortheilhafte Beschreibung. Sie wurden zur selbigen Zeit die Inseln des Marquese de Mendoza genannt, zu Eh- ren des Vice-Koͤnigs von Peru , Don Garcia Hurtado de Mendoza , Mar- quis von Cagnete , als welcher jene Expedition veranstaltet hatte. Wir stu- dierten diese Reisebeschreibung auf das sorgfaͤltigste, um uns von dem Lande, das nun vor uns lag und unsre ganze Aufmerksamkeit auf sich zog, einen, so viel moͤglich deutlichen Begriff zu machen. Am folgenden Morgen ließen wir es uns eifrigst angelegen seyn, auf das Land loszuseegeln; die Luft war zwar voller Duͤnste, wir konnten aber dennoch die verschiedenen Inseln bald unterscheiden, welche von den Spaniern Domi- nica , S. Pedro und S. Christina genennet worden. Wir wurden zugleich uͤberfuͤhret, daß die steile Insel, auf die wir zuerst gestoßen, von Mendanna nicht war bemerket worden. Capitain Cook nannte sie also Hoods-Eyland , dem jungen Seemanne zum Andenken, der sie von unserm Schiffe aus zuerst wahr- genommen hatte. Dominica , eine hohe bergichte Insel, deren nordoͤstliche Spitze ungemein steil und unfruchtbar ist, war uns am naͤchsten. Auf der Nordseite der- selben gab es einige waldichte Thaͤler und hin und wieder einzelne Huͤtten. in den Jahren 1772 bis 1775. Gleich nach Verschwindung der Nebel entdeckten wir viel thurmaͤhnliche spitzige Fel- 1774. April. sen, auch mitten in der Insel einige hohle Bergspitzen, die zu beweisen schienen, daß feuerspeyende Berge und Erdbeben an der jetzigen Gestalt und Beschaffenheit des Landes vielen Antheil haben. Der ganze oͤstliche Theil besteht aus einer fuͤrchterlich steilen, hohen Felsenwand, die dem Auge wechselsweise schroffe Bergspitzen und aufgerissene Abgruͤnde zeigt. S. Pedro ist eine kleine Insel von mindrer Hoͤhe; sie kam uns aber we- der sonderlich fruchtbar, noch stark bewohnt vor. S. Christina hingegen, die am weitesten gegen Westen liegt, schien unter allen das meiste zu verspre- chen. Ob sie gleich hoch und steil ist, so findet man doch unterschiedne Thaͤler, die gegen die See hin sich erweitern und die Waͤlder reichten bis an die Spitze der Berge hinauf. Um 3 Uhr kamen wir zwischen dem suͤdlichen Ende von Dominica und dem nordoͤstlichen Theile von S. Christina , in die Straße, die hier ohngefaͤhr zwo Meilen weit ist. Wir entdeckten auf beyden Inseln, zwischen den Bergen, einige angenehme Thaͤler; solche Ebnen aber, dergleichen die So- cietaͤts-Inseln verschoͤnern, suchte man hier vergebens. Bey alledem sahe die Kuͤste von S. Christina doch so anmuthig aus, daß sie uns, wie jeden andern eben so ausgemergelten Seefahrer, mit neuer Hoffnung belebte. Wir fuhren bey unterschiednen kleinen Buchten voruͤber, auf deren Strande die See eine hohe Brandung schlug. Die beyden vorspringenden Spitzen dieser Buchten, schlossen ein Thal ein, das uns, seiner schoͤnen Waͤlder, und Pflanzungen und des lebhaft gruͤnen Bodens wegen ungemein gut gefiel. Auf dem Strande sahen wir einige Einwohner hin und her laufen, welche das Schiff neugierig angafften. Einige brachten ihre Canots ins Wasser und versuch- ten uns nachzukommen; der starke Wind aber trieb das Schiff so schnell fort, daß sie weit zuruͤckbleiben mußten. An der Westseite der Insel fan- den wir einen reizenden Haven, und wuͤnschten sehnlich, darinn Anker wer- fen zu koͤnnen. Als wir uns aber eben drehten, um darinn einzulau- fen, saußte ein starker Windstos uͤber die hohen Berge mit solcher Ge- walt herab, daß das Schiff ganz auf die Seite zu liegen kam, die mittlere Bram-Stange verloren gieng, und wir selbst mit genauer Noth der Gefahr entkamen, an der suͤdlichen Spitze des Havens zu stranden. Nach- Forster’s Reise um die Welt 1774. April. dem wir die Seegel wieder gerichtet hatten, lavirten wir gluͤcklich hinein, und ankerten ohngefaͤhr um 5 Uhr im Eingange des Havens. Bey dem Wind- stoße waren ohngefaͤhr funfzehn Canots von unterschiednen Gegenden des Ufers abgegangen und ganz nahe an unser Schiff getrieben worden. Einige derselben waren doppelt und mit funfzehn Ruderern; andre kleinere hingegen mit etwa drey bis zu sieben Mann besetzt. So bald die Anker ausgeworfen waren, luden wir die Einwohner unter aller- ley Freundschafts-Zeichen, vermittelst einer Anrede in Tahitischer Sprache ein, zu uns an Bord zu kommen. Sie wagten es aber ehe nicht, als bis sie dicht am Schiff von ihren Canots aus, uns einige Pfefferwurzeln, zum Zeichen des Friedens, wie auf den Societaͤts- und freundschaftlichen Inseln , dargeboten hatten. Capitain Cook will bemerkt haben, daß in jedem Kahn ein Haufen Steine gelegen, und alle, die darinne saßen, eine Schleuder um den Kopf gebunden hatten. Sobald wir solche an das Tauwerk befestigt, verkauften sie uns fuͤr Naͤgel, einige frische Fische und große, voͤllig reife Brodfruͤchte, deren An- blick bey unsrer Schiffs-Gesellschaft allgemeine Freude erweckte. Die Eingebohrnen waren wohlgemachte, schoͤne Leute von gelbli- cher oder hellbrauner Farbe; die aber der vielen Puncturen wegen, womit sie am ganzen Leibe geziert waren, ins schwaͤrzliche zu fallen schien. Sie giengen voͤllig nackend, und hatten bloß ein klein Stuͤck Zeug, eben der Art, als das Tahitische um die Huͤften; Bart und Haare sind glaͤnzend und schwarz, und ihre Sprache der Tahitischen aͤhnlicher als andre Suͤdsee-Dialecte, jedoch mit dem Unter- schiede, daß sie kein R. aussprechen konnten. Ihre Boote waren sehr schmal und bestanden aus leicht zusammengenaͤheten Brettern. Die Ruderschaufeln waren den Tahitischen aͤhnlich und oberhalb mit einem runden Knopf versehen. Wir fragten hauptsaͤchlich nach Schweinen, und bathen, daß man uns einige bringen moͤgte. Gegen Abend hatten wir auch das Vergnuͤgen, eines neben dem Schiffe zu sehen, und man uͤberließ es uns fuͤr ein Messer. Sobald es dun- kel ward, verloren sich die Canots, nach dem allgemeinen Gebrauche der Suͤd- see-Voͤker, die sogar durch den außerordentlichen Anblick eines europaͤischen Schiffes niemals in Versuchung gerathen, eine Nacht schlaflos hinzubringen. Die in den Jahren 1772 bis 1775. Die Thaͤler um unsern Haven waren voller Baͤume, und alles schien die Ver- 1774. April. muthung, die wir aus der spanischen Beschreibung geschoͤpft hatten, zu bestaͤ- tigen, daß wir im Haven Madre de Dios geankert haͤtten. Dalrymples Collection Vol. I. p. 66. Nach astro- nomischen Beobachtungen liegt er im 9°, 55′. suͤdlicher Breite und 139°. 8′. westlicher Laͤnge. Da wir durch die Baͤume, weit ins Land hin, wahrnahmen, daß viele Feuer die Gegend erleuchteten; so schlossen wir daraus mit Rechte, daß die Insel stark bewohnt seyn muͤßte. Am folgenden Morgen genossen wir den reitzen- den Anblick des Landes besser als gestern, da die Wolken es unsern Augen entzogen hatten. An der Suͤdseite siehet man einen schroffen unzugaͤnglichen Pik empor steigen. Die ganze Nordseite ist ein schwarzer verbrannter Berg, dessen Fels laͤngst der Seekuͤste gewoͤlbt und ausgewaschen scheint, bis zur Spitze aber mit Casuarina-Buschwerk bedeckt ist. Im Hintergrunde des Havens liegt ein hoher Berg, der seines flachen Gipfels wegen dem Tafelberg am Vorgebirge der guten Hoffnung aͤhnlich siehet. Einige waldichte Thaͤler fuͤhren vom Strande zu beyden Seiten nach diesem Berge hin, der sehr steil zu seyn scheint. Auf dem Gi- pfel bemerkten wir eine Reihe von Stangen oder Pallisaden, die als eine Befesti- gung aussahen und sehr genau untereinander verbunden waren; innerhalb dersel- bigen beobachteten wir mit den Fernglaͤsern etwas, das uns Wohnhuͤtten der Ein- wohner zu seyn duͤnkten. Die Spanier scheinen dies Verschanzungen genannt zu haben; sie waren aber den Neu-Seelaͤndischen Hippahs ungemein aͤhnlich, als welche eben so auf hohen Felsen angelegt und mit Pallisaden umgeben sind. Kurz nach Aufgang der Sonne zeigten sich, durch den gestrigen Handel gelockt, verschiedne Canots, die uns eine Menge Brodfrucht gegen kleine Naͤgel verhandelten. Die Leute brachten auch Pisangs zum Verkauf und bewiesen anfaͤnglich bey ihrem Handel viel Ehrlichkeit; doch hatte keiner Muth genug, sich an Bord zu wagen. Bald nachher fanden wir, daß ihre Den- kungsart mit der Tahitischen vollkommen uͤbereinstimmte. Einige fiengen an, uns offenbar zu betruͤgen, und Naͤgel, wofuͤr sie Brodfruͤchte angebothen, zu sich zunehmen, ohne die Fruͤchte hernach abzuliefern. Der Capitain hielt es daher fuͤr nothwendig, sich und seine Leute bey diesem Volk in Ansehen, die Betruͤger aber in Furcht zu setzen! Zu dem Ende ließ er eine Mus- B Forster’s Reise um die Welt 1774. April. kete uͤber ihren Kopf abfeuern. Der unerwartete Knall that die erwuͤnschteste Wuͤr- kung, sie reichten uns nemlich ganz bestuͤrzt die Brodfruͤchte entgegen, um welche sie uns zuvor hatten betruͤgen wollen. Einige kamen, nach dem Verkaufe ihrer Waaren an Bord, um zu gaffen und begafft zu werden. Als der Capitain An- stalt machte, mit meinem Vater ins Boot zu gehen, bemerkte der eine von ih- nen, daß die große eiserne Stange, woran das Tau zum Aus- und Einsteigen befestigt ist, los war. Auf einmal erhaschte er sie, sprang mit seiner Beute uͤber Bord und schwamm, ihrer Schwere ohnerachtet, mit großer Leichtigkeit, nach seinem Canot, um sie da in Sicherheit zu bringen. So bald Capitain Cook , der eben ins Boot steigen wollte, diesen Diebesstreich erfuhr, befahl er, sogleich eine Muskete uͤber den Kerl hinzufeuern, indeß er selbst mit dem Boote um das Schiff herumzukommen und sich der Stange wieder zu bemaͤchtigen suchen wollte. Der Schuß geschah, der Wilde aber gerieth dadurch nicht aus seiner Fassung, sondern sahe vielmehr ganz unbesorgt um sich her. Der Capitain ließ also, indem er selbst vom Schiff absties, den zweeten Schuß, wiewohl mit eben so wenig Erfolge thun. Ein Officier, der in diesem Augenblick aufs Verdeck kam, ward uͤber die Verwegenheit des Indianers so aufgebracht, daß er nach einem Gewehre grif, und den Ungluͤcklichen auf der Stelle todt schoß. Sobald er fiel, warf sein erschrockner Gefaͤhrte die eiserne Stange, durch welche dies Ungluͤck veranlaßt worden, un- verzuͤglich in die See; und der Capitain, der eben jetzt mit seinem Boote anlangte, kam in aller Absicht zu spaͤt. Er mußte mit Betruͤbniß sehen, wie der andre Wilde das Blut seines erschoßnen Cameraden aus dem Canot in die See schoͤpfte, und hierauf mit den uͤbrigen Canots dem Strande zu eilte. Die Wilden hatten uns nunmehr allesammt verlassen, und waren am Strande beschaͤfftigt, das Canot durch die Brandung, den todten Coͤrper aber ins Holz zu schleppen. Gleich nachher hoͤrten wir trommeln und erblickten eine große Menge von Wilden, mit Speeren und Keulen bewaffnet, welcher Anblick uns vielmehr Gefahr zu dro- hen, denn Hoffnung zu Erfrischungen zu gestatten schien. Es war allerdings sehr zu bedauern, daß der ungluͤckliche Jaͤhzorn eines unsrer Mitreisenden, der noch dazu von dem wahren Verlauf der Sache nicht einmal recht unterrichtet war, dem Indianer unbilligerweise das Leben kostete. Die ersten Entdecker und Ero- berer von Amerika , haben oft und mit Recht den Vorwurf der Grau- in den Jahren 1772 bis 1775. samkeit uͤber sich ergehen lassen muͤssen, weil sie die ungluͤcklichen Voͤlker 1774. April. dieses Welttheils nicht als ihre Bruͤder, sondern als unvernuͤnftige Thiere be- handelten, die man gleichsam zur Lust niederzuschießen berechtigt zu seyn glaubt. Aber wer haͤtte es von unsern erleuchteten Zeiten erwarten sollen, daß Vorurtheil und Uebereilung den Einwohnern der Suͤdsee fast eben so nachtheilig werden wuͤr- den? Maheine konnte sich der Thraͤnen nicht erwehren, da er sahe, daß ein Mensch den andern wegen einer so geringen Veranlassung ums Leben brachte. Seine Empfindlichkeit ist fuͤr gesittete Europaͤer, die so viel Menschenliebe im Munde und so wenig im Herzen haben, warlich, eine demuͤthigende Beschaͤmung. Das Bewußtseyn, wie elend es um die Gesundheits-Umstaͤnde seiner Leute stand, verstattete dem Capitain Cook nicht, die Hoffnung aufzugeben, hier einige Erfrischungen zu erhalten. Er ließ also das Schiff tiefer in den Haven legen und landete mit einer ausgesuchten Anzahl von See-Soldaten und Matro- sen unter dem gewoͤlbten Felsen gegen Norden, von Dr. Sparrman , Maheine , meinem Vater und mir begleitet. Ein Haufe von Wilden, der aus mehr als hundert Koͤpfen bestand, empfieng uns auf diesem Felsen, mit Speeren und Keu- len bewaffnet, ohne jedoch davon Gebrauch gegen uns zu machen. Wir gien- gen ihnen mit vielen Freundschafts-Bezeugungen entgegen, welche sie nach ih- rer Art zu erwiedern schienen. Wir verlangten, sie moͤgten sich niedersetzen, und sie waren folgsam. Nunmehro suchte man ihnen das Vergangne auf der besten Seite vorzustellen; wir gaben ihnen nemlich zu verstehen, daß wir nach einem ihrer Landsleute geschossen, blos weil er sich an unserm Eigenthume vergriffen; wir waͤren aber gesonnen, als Freunde mit ihnen zu leben, und hauptsaͤchlich in der Absicht hieher gekommen, Wasser, Holz und Erfrischungen einzunehmen; dafuͤr haͤtten wir Naͤgel, Beile und andre gute Waaren ihnen zum Tausch anzubiethen. Un- sre Gruͤnde fielen in die Augen und die Einwohner wurden damit beruhigt. Sie schienen zu glauben, ihr Landsmann habe sein Schicksal verdient. In dieser Ueberzeugung brachten sie uns ganz treuherzig laͤngst dem Strande zu einem Ba- che, wo wir unsre Wasserleute ansetzten und Gelegenheit fanden, einige wenige Fruͤchte einzukaufen. Mehrerer Sicherheit wegen mußten die See-Soldaten eine Linie formiren, und unter den Waffen bleiben um uns die Ruͤckkehr zum Wasser zu sichern. Alle diese Vorsicht haͤtten wir ersparen koͤnnen. B 2 Forster’s Reise um die Welt 1774. April. Die Leute, mit denen wir zu thun hatten, waren zu ehrlich, als daß sie den gemachten Frieden haͤtten brechen, und zu leutselig, als daß sie den Tod eines Mannes haͤtten raͤchen sollen, den sie von Verschuldung nicht ganz freysprechen konnten. In kurzer Zeit fieng der Handel an sehr gut von statten zu gehen, und die Einwohner kamen von den Bergen her mit ganzen Ladungen von Plantanen, Pisangs- und Brodfrucht, welche sie gegen lauter Kleinigkeiten von Eisen- werk verhandelten. Frauenspersonen hatten sich bisher noch gar nicht sehen lassen, denn sie mochten vermuthlich gleich bey dem ersten Lermen auf die Berge gefluͤchtet seyn. Einige Mannsleute waren besser geputzt und bewaffnet als die uͤbrigen, weshalb wir sie fuͤr Befehlshaber ansahen. Sie giengen alle unbekleidet und hatten nur ein kleines Stuͤck Zeug um die Huͤften geschlagen. Von Statur waren sie durchgehends groß und wohlgebildet; kein einziger war unbehuͤlflich, oder so dick als die vornehmern Tahitier; auch keiner so mager, oder abgezehrt als die Oster-Eylaͤnder. Die Punctirungen, welche bey Leuten von mittlerm Alter fast den ganzen Coͤrper bedeckten, machten es schwer, die Schoͤnheiten ihrer Gestalt ent- wickeln zu koͤnnen. Unter den jungen Leuten aber, die noch nicht punctirt oder tato- wirt waren, bemerkte man außerordentliche Schoͤnheiten, deren Regelmaͤßig- keit unsre Bewundrung erregte. Manche haͤtte man fuͤglich neben die Meister- stuͤcke der alten Kunst stellen koͤnnen, sie wuͤrden bey der Vergleichung gewiß nichts verloren haben: Qualis aut Nireus fuit, aut aquosa Raptus ab Ida. Horat. Die natuͤrliche Farbe dieser jungen Leute war nicht voͤllig so dunkel, als der gemeine Mann auf den Societaͤts-Inseln zu seyn pflegt; Erwachsenere schie- nen aber, der Punctirungen wegen die vom Kopf bis auf die Fuͤße reichten, weit schwaͤrzer zu seyn. Diese taͤttowirte Zierrathen waren so regelmaͤßig angelegt, daß man die Figuren auf den Beinen, Armen und Wangen vollkommen uͤbereinstimmend antraf. Sie stellten aber nie bestimmte Formen von Thieren oder Pflanzen vor, sondern bestanden aus einer Menge von Flecken, krummen Linien, Wuͤrfeln und in den Jahren 1772 bis 1775. Sparren, die zusammen ein sehr buntes und sonderbares Ansehen hatten. Die 1774. April. Gesichtsbildungen waren durchgehends gefaͤllig, offen und voller Lebhaftigkeit, wozu ihre große schwarze Augen nicht wenig beytrugen. Capitain Cook ist der Meynung, daß ihre Zaͤhne nicht so gut, und ihre Augen minder lebhaft als bey andern Voͤlkern in der Suͤd-See sind. Der Unterschied, wenn ja einer statt findet, kann aber gewiß nicht betraͤchtlich seyn, sonst waͤr er mehr bemerkt worden. Das Haar ist ebenfalls schwarz, gekraͤuselt und stark, nur bey einigen einzelnen Personen sahe es heller und blonder aus. Der Bart war gemeiniglich duͤnne, wegen der vielen Narben von Punctirungen, die um das Kinn her am haͤufigsten zu seyn pflegten. Diese Punctirung und andre Zierrathen scheinen gewissermaßen die Stelle der Kleidung zu vertreten. Manche hatten eine Art von Diadem um den Kopf, welches aus einer flachen Binde von geflochtenen Cocos-Fasern bestand. An der Außenseite die- ses Stirnbands sahe man zwey runde, ziemlich große Stuͤcken Perlmutter, deren mittlerer Theil mit einer Platte von durchbrochner Schildkroͤten-Schale ausgelegt war. Hinter diesen schildfoͤrmigen Zierrathen ragten zween Buͤsche von schwarzen, glaͤnzenden Hahnenfedern hoch empor, die diesem Kopfputz wirklich ein schoͤnes, edles Ansehn ertheilten. (Man sehe die Fig. 1.) Einige trugen runde Kronen von kleinen zusammenverbundnen Fregatten-Federn; andre hingegen einen Reif, von wel- chem verschiedne Reihen geflochtner Cocos-Nußfasern, ohngefaͤhr zween Zolle lang und zum Theil schwarz gefaͤrbt, um den Kopf herum standen. (Fig. 2) In den Ohren hatten sie bisweilen zwey flache, ovale Stuͤcke von leichtem Holz, 3 Zoll lang, die das ganze Ohr bedeckten und mehrentheils mit Kalk weiß gefaͤrbet waren. Die Befehlshaber trugen eine Art von Ringkragen, der als eine Zierde vorn auf der Brust herabhieng. Er bestand aus kleinen Stuͤcken eines leichten korkarti- gen Holzes, die mit Harz zusammengeleimt waren und einen halben Zirkel aus- machten. Eine Menge rother Bohnen ( Abrus precatorius Linn. ) waren in vielen, 2 bis 3 Zoll langen, Reihen ebenfalls mit Harze darauf befestigt. (Fig. 3.) Manche, denen es an diesem prahlenden Zierrath fehlte, trugen we- nigstens eine Schnur um den Hals und an selbiger ein Stuͤck Muschel-Schaale, das in die Form eines großen Zahnes geschnitten und abgeglaͤttet worden. Sie hielten auch sehr viel auf Buͤsche von Menschenhaaren, die mit Schnuͤren B 3 Forster’s Reise um die Welt 1774. April. um den Leib, um die Arme, Knie und an die Schenkel gebunden waren. Allen andern Schmuck vertauschten sie gegen Kleinigkeiten, aber nicht leicht diesen Haar- schmuck, den sie ungemein hoch schaͤtzten, so sehr er auch gemeiniglich von Ungeziefer bevoͤlkert war. Sie trugen selbigen vermuthlich zum Andenken ihrer verstorbnen Verwandten, und hielten ihn daher so sehr, als diese, in Ehren. Vielleicht sind es auch Siegeszeichen von ihren Feinden. Indeß vergaßen sie doch alle diese Bedenklichkeit, um eines großen Nagels, oder ei- ner andern Kleinigkeit willen, deren Anblick ihrer Neubegierde zu schmeicheln schien. Nach diesen Betrachtungen uͤber die Leute, die uns am Strand umga- ben, giengen wir ins Gehoͤlz nach dem Platze hin, den Capitain Cook zu seinem Standort gewaͤhlet hatte. Wir fanden hier verschiedne Pflanzen, die uns groͤß- tentheils schon auf den Societaͤts-Inseln vorgekommen waren. Da es uns aber nicht rathsam duͤnkte, sogleich tief ins Land zu gehen; so blieben wir in den nie- drigen, ganz unbewohnten Gegenden, nahe am Strande. Hier fanden wir zwischen den Baͤumen eine Menge viereckigter Abtheilungen, aus nebeneinander gelegten, mehrentheils viereckigten Steinen, die, wie uns hernach erzaͤhlt wurde, Grundlagen von Haͤusern waren. Es ist also zu vermuthen, daß diese Gegenden wegen einer oder der andern Unbequemlichkeit verlassen worden, oder daß man sie nur zu gewissen Zeiten des Jahres bewohnet. Wir sahen hier zwar keine Pflanzungen, dagegen war alles mit Holz und zum Theil mit gutem Zim- merholz uͤberwachsen. Die Einwohner ließen uns allenthalben ungestoͤhrt und ungehindert gehen, wohin wir wollten. Ein Huͤgel, der mit Gras von halber Mannshoͤhe uͤberwachsen ist, und an der See eine steile, senk- rechte Felsenwand ausmacht, theilt die Bucht von einer andern die weiter gen Suͤden liegt. An der Nordseite dieser Anhoͤhe fanden wir schoͤnes, klares Springwasser, an eben derselben Stelle, wo es, nach der Beschreibung der Spanier haͤtte gesucht werden muͤssen. Es stuͤrzt sich aus dem Felsen in ein kleines Becken, und aus diesem in die See. Nahe dabey ergießt sich ein Bach von den hoͤheren Bergen, und noch ein staͤrkerer in der Mitte der Bucht. Letzterer duͤnkte uns zu Anfuͤllung der Wasserfaͤsser am vortheilhaftesten gelegen. Einen drit- ten entdeckten wir in der noͤrdlichen Ecke. Es hat also diese Insel ziemlich in den Jahren 1772 bis 1775. reichlichen Vorrath an Wasser, zum groͤßten Vortheil der Gewaͤchse und Ein- 1774. April. wohner dieses heißen Himmelsstrichs. Kurz nachher kehrten wir mit unsrer bota- nischen Ausbeute wieder zum Handlungsplatze zuruͤck und ließen uns mit den Ein- wohnern in Unterredung ein, die nun ihr Mißtrauen so gaͤnzlich bey Seite ge- setzt hatten, daß sie sogar ihre Waffen gegen Eisengeraͤth vertauschten. Sie waren alle von Casuarina-Holz Die Tahitier nennen dies Holz Toa, d. i. Krieg, weil es zur Verfertigung ihrer Waf- fen gebraucht wird. verfertigt, und bestanden entweder aus hoͤlzernen Wurfspießen 8 bis 10 Fus lang, oder aus Keulen, die an einem Ende mit einer dicken Kolbe versehen waren. (Man sehe auf der vorhergehenden Kupfertafel die Fig. 4.) Capitain Cook war in unsrer Abwesenheit so gluͤcklich gewesen, etliche Schweine, und eine Menge von Fruͤchten einzukaufen, die wir gegen Mittag zu Schiffe brachten. Am Lande hatten wir die Luft heiß gefunden: Am Bord war sie kuͤhler; denn von den Bergen kam dann und wann ein starker Windsttoß herab, der zuweilen etwas Regen mitbrachte. Nachmittags blieb ich am Schiff, mein Vater aber gieng mit dem Ca- pitain wieder aus Land, wo er auf einer Anhoͤhe eine schlechte Huͤtte antraf. Die Einwohner waren vermuthlich daraus entflohen, weil beyde schon einigemal nach Voͤgeln geschossen hatten. Er legte daher auf einige Stuͤcke Brodfruͤchte, die sich neben der Huͤtte fanden, ein Paar Naͤgel, und eilte sodann mit etlichen neuen Pflanzen wieder ans Schiff zuruͤck. Am folgenden Morgen sahen wir sieben Canots von Dominica neben dem Schiff eintreffen, indeß verschiedne andre von S. Christina , die Straße hin- auf ruderten. Erstere schienen von eben der Nation zu seyn, mit der wir schon be- kannt geworden waren. Sie brachten uns dergleichen Fruͤchte zu Verkauf, als wir bereits eingehandelt hatten. Nach dem Fruͤhstuͤck giengen wir an Land, und fanden unsre guten Freunde, die Einwohner, bereits am Strande. Wir entdeckten einen Befehlshaber unter ihnen, der einen, gleich Tahitischem Zeuge aus Maulbeer-Rinde, zubereiteten Mantel anhatte, und dabey mit dem Dia- dem, dem Ringkragen, den hoͤlzernen Ohrgehaͤngen und Haarbuͤschen geputzet war. Man berichtet uns, er sey Koͤnig der ganzen Insel; doch wurden ihm, so viel wir sa- hen, keine sonderlichen Ehrenbezeugungen erwiesen. Er schenkte dem Capitain Cook einige Fruͤchte und Schweine, blieb den ganzen Tag in der Naͤhe unsers Han- Forster’s Reise um die Welt 1774. April. delsplatzes, und sagte uns, er hieße Honu Honu bedeutet im Tahitischen eine Schildkroͤte ; es scheinen also die Namen der Ein- wohner oft von Thieren hergenommen zu seyn, wie es auch bey nordamericanischen Wil- den gebraͤuchlich ist. Auf gleiche Weise bedeutet Otuh , des Tahitischen Koͤnigs Name, einen Reyher. , er selbst sey H è - K à - A ï , wel- ches ohne Zweifel so viel, als Eri zu Tahiti , und Erikih, auf den freund- schaftlichen Inseln , bedeuten mogte. Er schien ein gutherziger, verstaͤndiger Mann zu seyn, und sein Character war so stark in seinen Gesichtszuͤgen ausge- druckt, daß Herr Hodges , der sein Portrait zeichnete, nicht fehlen konnte, ihn sehr wohl zu treffen; der Kupferstich davon ist der Nachricht des Capitain Cook von dieser Reise beygefuͤgt. Als wir uns nach dem Namen dieser und der benachbarten Inseln erkundigten, erfuhren wir, daß S. Christina , Waitahu , Dominica , Hiwarea und S. Pedro Onateyo genannt wuͤr- den. Maheine fand wegen der Aehnlichkeit der Sitten, Sprache und Bil- dung mit seinen Landsleuten, ein großes Wohlgefallen an den Einwohnern und war also bestaͤndig in Unterredung mit ihnen: Er kaufte auch viel von ihrem Putz und ihren Zierrathen, und zeigte ihnen verschiedne Gebraͤuche seines Landes, wovon sie hier nichts wußten; als unter andern, wie man zu Tahiti durch Reiben einiger trocknen Stuͤcke Holz vom hibiscus tiliaceus Feuer anmachen koͤnne u. d. m. Sie waren ungemein aufmerksam, wenn er sie auf solche Weise belehrte. Ca- pitan Cook fand auf dem Handelsplatz einen großen Vorrath von Kraͤuterwerk, einige Huͤhner und Schweine, die er insgesammt gegen kleine Naͤgel, Messer und Stuͤcke von Zeug einkaufte. Die rothen Federn von Tongatabu oder Amsterdam waren auch hier in hohem Werthe, und es ward viel Kopf-Schmuck und andre Zierrathen dagegen vertauscht. Heute bekamen wir endlich eine Weibs- person zu sehen. Sie setzte sich innerhalb des Zirkels ihrer Landsleute nieder und eben so wie die Weiber auf den Societaͤts-Inseln , in ein Stuͤck Zeug von Baumrinde gekleidet war. Sie war aͤltlich und von einer Tahitierinn fast nicht zu unter- scheiden. Wir marschirten an der Suͤdseite des Baches fast anderthalb Mei- len weit. Nachdem wir einen offnen Platz paßiret, von daher man den ganzen Haven uͤbersehen konnte, kamen wir in einen dicken Wald, der aus einigen schoͤnen Brodfrucht-Baͤumen, vornemlich aber aus Ratta- oder Tahitischen Nuß- in den Jahren 1772 bis 1775. Nußbaͤumen ( Inocarpus S. Forster’s Nova Genera Plantarum. bestand. Die Nußbaͤume wuchsen hier zu einer 1774. April. ansehnlichen Dicke und Hoͤhe. Zu Tahiti pflanzt man beyde Arten von Baͤu- men auf den flachen Feldern, weil die Hitze daselbst gelinder ist, als auf diesen Inseln. — Endlich erreichten wir eine Art von Wohnung, die aber, in Verglei- chung mit den hohen Haͤusern auf den Societaͤts-Inseln , nur eine elende Huͤt- te vorstellte. Sie stand auf einer erhoͤheten Platteforme von Steinen, die den innern Fußboden ausmachten, jedoch weder glatt, noch eben genug gelegt waren, ein gutes Ruhelager abzugeben, ohnerachtet man sie, um es weicher und be- quemer zu machen, mit Matten bedeckt hatte. Die Wand rund umher bestand aus Bamburohr, das auf der vorbeschriebenen Grundlage in die Hoͤhe gerichtet, und dicht mit einander verbunden war. An der Menge des Rohrs hatten es die Leute nicht fehlen lassen; die Hoͤhe aber betrug nur 5 bis 6 Fus. Das Dach bestand aus duͤnnen Stoͤcken, die mit Blaͤttern vom Brodfrucht- und Ratta-Baum bedeckt, und so gelegt waren, daß es die Form eines spitzen Vierecks bekam, denn die Laͤnge der Huͤtte betrug ohngefaͤhr 15 und die Breite nur 8 bis 10 Schuh. Daraus daß die Grundlage von Steinen und erhoͤhet war, laͤßt sich vermu- then, daß das Land zu gewissen Zeiten von heftigen Regen und Ueberschwemmun- gen heimgesucht wird. Der Hausrath den wir sahen, bestand aus großen hoͤl- zernen Troͤgen, worinn einige Stuͤcke von Brodfrucht lagen, die mit Wasser angefeuchtet waren. Ohnweit der Huͤtte zeigten sich drey von den Einwohnern, die uns, auf Verlangen, aus dem vorbeyfließenden Bach frisches Wasser zu trin- ken brachten. Wir gaben ihnen etwas fuͤr ihre Dienstfertigkeit und kehrten darauf wieder nach dem Schiffe zuruͤck. Beym Einsteigen waͤre das Boot bey- nahe umzuschlagen, indem sich die Brandung sehr heftig an den Felsen brach; doch kamen wir bloß mit nasser Haut davon. Maheine , der sich noch et- was am Lande verweilt hatte, sprang ins Wasser und schwamm zum Boote, damit wir uns nicht noch einmal, seinetwegen, einer aͤhnlichen Gefahr aussetzen moͤgten. Dr. Sparrmann blieb den Nachmittag uͤber an Bord, um mir eini- ge Pflanzen, die wir des Morgens gesammlet hatten, abzeichnen und beschrei- ben zu helfen. Mein Vater aber gieng mit dem Capitain nach dem suͤdlichen Forsters Reise u. d. W. zweyter Th. C Forster’s Reise um die Welt 1774. April. Strande, wo sie, ohnweit dem Ufer, etliche Huͤtten und verschiedne Maͤn- ner antrafen, von Frauensleuten aber, ließ sich nicht eine einzige sehen. In dieser Gegend hatten die Indianer den todten Coͤrper ihres erschossenen Lands- mannes gebracht, und man fuͤhrte die unsrigen in das Haus, welches ihm gehoͤret hatte. Sie fanden daselbst einige Schweine, die nun seinem funfzehn- jaͤhrigen Sohne zugefallen waren, und diesem schenkten sie allerley Kleinigkeiten, um den Verlust seines Vaters einigermaßen wieder gut zu machen. Als man ihn fragte, wo seine weiblichen Verwandten waͤren, gab er zu verstehen, sie waͤren noch auf den Bergen, um den Todten zu beweinen und zu betrauren. Dies brachte uns auf die Vermuthung, daß die Verzaͤunungen die wir auf der Spitze des Felsen wahrgenommen hatten, vielleicht die Begraͤbniß-Plaͤtze der Einwohner enthalten moͤgten. Der Capitain kaufte hier eine Menge Fruͤchte und verschiedne Schweine, und ob er gleich mitten unter den Verwandten eines Mannes war, den wir umgebracht hatten, so ließ doch keiner von ihnen den geringsten Widerwillen, geschweige den Rachbegierde gegen ihn blicken. Am folgenden Morgen gieng Dr. Sparrmann mit mir nach dem Wasser- Platze, wo ein ziemlicher Handel mit Lebensmitteln getrieben wurde. Aber un- sre Eisenwaare hatte, seitdem wir in dem Haven geankert, wenigstens 200 Pro- cent an ihrem vorigen Werthe verloren. Unsre kleinen Naͤgel, die sie anfaͤng- lich so gern genommen, schienen keine Liebhaber mehr zu finden. Selbst nach den großen ward nicht mehr sonderlich gefraget, und Glas-Corallen mochte vol- lends gar niemand. Baͤnder aber, Zeug und andre Kleinigkeiten, waren desto angenehmer; und gegen Stuͤcke von Maulbeer-Zeug mit rothen Federn von Tongatabu , ließen sie uns gar einige große Schweine zukommen. Das Wetter war heut außerordentlich heiß: Daher hatten viele von den Einwohnern Faͤcher bey sich, um sich damit abzukuͤhlen und sie verkauften uns eine große Menge derselben. Sie waren ziemlich groß und bestanden aus einer zaͤhen Rinde oder einer Art von Gras, welche sehr fest und kuͤnstlich in einander geflochten und zum Theil mit Muschelkalk weiß gefaͤrbet war. Von ihrer Gestalt und aͤußerm Ansehen giebt die Abbildung, welche auf der vorhergehenden Kupfertafel ( pag. 13. Fig. 5.) befindlich ist, den deutlichsten Begriff. Einige hatten auch, statt eines Sonnenschirms, große Blaͤtter mit Federn besetzt, und in den Jahren 1772 bis 1775. und bey genauerer Untersuchung fand man, daß diese von der Corypha um- 1774. April. bra entifera Linnaei, einer gewissen Palmenart waren. Der unertraͤglichen Hitze ohnerachtet, wollten wir doch den hohen Berg besteigen, in Hoffnung, daß wir da manche Entdeckung machen und fuͤr unsre Muͤhe reichlich wuͤrden belohnt werden. Hauptsaͤchlich war es uns um die Pallisaden an der Spitze desselben zu thun. Herr Patton und zween andre Herren, waren unsre Begleiter. Wir setzten hurtig uͤber den Bach, wo unsre Leute Wasser einnahmen, und folgten dem nordwaͤrts fuͤhrenden Fussteige, denn von da her hatten wir die mehresten Einwohner herunter kommen gesehen. Anfaͤnglich war der Aufgang nicht sehr muͤhsam, weil der Vorgrund aus unterschiednen klei- nen Huͤgeln bestand, die oben fast flach und mit großen, gut gepflegten Pisang- Pflanzungen besetzt waren. Dergleichen Plaͤtze fielen uns oft ganz unerwartet in die Augen, denn eigentlich gieng der Weg durch einen dicken Wald von Frucht- und andern Baͤumen, den wir, des kuͤhlen Schattens wegen, sehr angenehm fanden. Zuweilen erblickten wir einzeln stehende Coconuß-Pal- men ; anstatt aber, daß sie sich mit der ihnen sonst eignen Pracht uͤber die an- dern Baͤume erheben sollten, waren sie hier weit niedriger, als alle uͤbrigen. Ueberhaupt wachsen sie nicht gut auf den Bergen. Ein niedriger Boden ist ihnen angenehmer. Das geht so weit, daß man sie auf den Coral-Felsen, wo kaum Erdreich genug zu seyn scheinet, daß sie Wurzel darinn schlagen koͤnnten, dennoch haͤufig antrift. Einige von den Einwohnern begleiteten uns; andre be- gegneten uns mit Fruͤchten, die sie zu dem Handlungs-Platze bringen wollten. Je hoͤher wir kamen, je mehr Haͤuser fanden wir. Sie standen alle auf einem erhoͤheten Stein-Grunde, und waren saͤmmtlich wie die obenbeschriebne Huͤtte be- schaffen. Einige schienen ganz neu erbauet und hatten inwendig ein ungemein reinliches Ansehen; Aber die vielen Ruhe-Lager, wovon die Spanier reden, konnten wir nicht darinn finden; Wir vermuthen also, daß sie darunter die Matten auf dem Fusboden verstanden haben. Der Weg ward allmaͤhlig immer steiler und rauher, und die Ufer des Bachs, neben welchem der Fussteig hin- lief, waren an manchen Orten so hoch und steil, daß wir mehrmalen die gefaͤhr- lichsten Abgruͤnde dicht neben uns sahen. Auch mußten wir den Bach einigemale paßiren. Die Anzahl der Haͤuser ward nun immer betraͤchtlicher, und so oft C 2 Forster’s Reise um die Welt 1774. April. wir ausruheten, welches verschiedenemal geschahe, brachten uns die Einwohner gemeiniglich Fruͤchte und etwas Wasser zu. Ihre Aehnlichkeit mit den Tahitiern, war in vielen andern Stuͤcken zu groß, als daß sie ihnen nicht auch in der Gast- freyheit haͤtten gleichen sollen. Wir fanden keinen einzigen kruͤplichten oder uͤbel- gestalteten Menschen unter ihnen; sie waren alle stark, groß, wohlgebildet und außerordentlich hurtig. Diese coͤrperlichen Vorzuͤge ruͤhren zum Theil mit von der Beschaffenheit ihres Landes her, denn da selbiges sehr bergig, und auch außerdem, muͤhsam zu bearbeiten ist; so muͤssen sie einer Seits oͤfters klettern, und andrer Seits beym Feldbau ihre Gliedmaaßen anstrengen. Das erstere aber macht die Leute natuͤrlicherweise gelenkig, und das letztere erhaͤlt sie stets bey schlanker, proportionirter Leibesgestalt. Als wir ohngefaͤhr drey Meilen von der See ins Land hinaufgegangen waren, sahen wir, ohngefaͤhr dreyßig Schritt weit vor uns, eine junge Frauensperson aus einem Hause herauskommen. So viel sich in vorbesagter Entfernung erkennen ließ, war sie, der Gesichtsbildung nach, einer Tahitierin ziemlich aͤhnlich, uͤbrigens von mittlerer Groͤße, und in ein Stuͤck Maulbeerzeug gekleidet, das ihr bis auf die Knie herabreichte. Wir konnten nicht naͤher an sie herankommen, denn sie floh vor uns den Berg hin- auf, und ihre Landesleute gaben uns durch allerhand Zeichen zu verstehen, daß wir umkehren moͤgten, schienen auch sehr unruhig und mißvergnuͤgt, als wir solches nicht thaten. Zwar giengen Dr. Sparrmann und ich, mit unsern eingesammelten Pflanzen, von hier aus wuͤrklich zuruͤck; Herr Patton aber marschierte, nebst den uͤbrigen, ohngefaͤhr noch zwo Meilen weiter. Indessen fanden sie nichts anders als wir gesehen hatten, erreichten auch den Gipfel des Berges eben so wenig; denn von der Stelle wo wir umkehrten, schien er wenigstens noch 3 Mei- len entfernt, und der Weg dahin, noch steiler als unterhalb zu seyn. So weit wir gekommen waren, duͤnkte uns der Boden fett und fruchtbar, welches auch die haͤufig angelegten Pflanzungen der Einwohner und mancherley Frucht- baͤume bezeugten, die alle vortreflich darinn fortkamen. An den hohen Bach- Ufern aber entdeckte man, daß dieser gute Boden nur die obere Schicht des Erd- reichs ausmachte; unter demselben kamen die bloßen Felsen zum Vorschein, die theils aus Laven -Arten bestanden, zum Theil auch voller weißen und gruͤnli- chen Schoͤrl-Koͤrner waren. Diese Inseln sind also, in Ansehung ihrer Stein- in den Jahren 1772 bis 1775. arten, den Societaͤts-Inseln aͤhnlich, und scheinen, gleich denselben durch feuer- 1774. April. speyende Berge entstanden zu seyn. Um die Haͤuser herum sahen wir oft Schweine , große Huͤhner , mit unter auch Ratten , und auf den Baͤumen wohnten allerhand kleine Voͤgel, die denen auf Tahiti und auf den Societaͤts-In- seln aͤhnlich, jedoch weder so haͤufig noch so mannigfaltig waren. Die Marque- sas sind, im Ganzen genommen, mit den Societaͤts-Inseln von einerley Be- schaffenheit, nur daß ihnen die schoͤnen Ebnen und die Corall-Riefe fehlen, wel- che letztere, bey jenen, so sichre Haͤven hervorbringen. Auch die Bewohner die- ser Inseln, gleichen den Einwohnern der Societaͤts-Eylande an Gestalt, Ge- braͤuchen und Sprache, mehr dann irgend ein andres Volk in der Suͤdsee . Der groͤßte Unterschied den wir zwischen beyden finden konnten, bestand darinn, daß die Leute hier nicht so reinlich waren als dort. Die Tahitier und ihre Nach- baren auf den Societaͤts-Inseln , sind vielleicht das reinlichste Volk auf Erden. Sie baden sich taͤglich zwey bis dreymal; und waschen Hand und Gesicht so- wohl vor als nach jeder Mahlzeit. Die Leute auf den Marquesas aber wu- schen und badeten sich nicht so oft, waren auch in der Bereitung ihrer Mahlzei- ten weit nachlaͤßiger. Hingegen thaten sie es den Bewohnern der Societaͤts- Inseln , in einem andern Punkt, an Reinlichkeit zuvor; denn, anstatt daß man zu Tahiti die Fußsteige uͤberall mit Zeichen einer gesunden Verdauung besetzt fand, wurde hier der Unflath, nach Katzen-Art, sorgfaͤltig verscharret. Zwar ver- ließ man sich zu Tahiti auf die guten Dienste der Ratten, die dergleichen Unrath begierig verschlingen, doch schien man es, auch ausserdem, nicht fuͤr unan- staͤndig, noch fuͤr schmutzig zu halten, daß der Koth uͤberall umher lag; vielmehr meynte Tupia , (der doch gewiß einer der gescheutesten Leute von Tahiti war) als er zu Batavia , in jedem Hause ein besonderes Gemach zum Behuf der Cloa- cina gewahr ward, “wir Europaͤer moͤgten wohl eben nicht sonderlich ekel seyn!” Es giebt auf den Marquesas eben so mancherley Fruͤchte und Wur- zeln als zu Tahiti , den Tahitischen Apfel ( spondias ) allein ausgenommen; dafuͤr aber ist die Brodfrucht hier groͤßer und wohlschmeckender als irgend sonst wo, und, wenn sie ihre voͤllige Reife erlangt hat, so weich als Eyer-Kaͤ- se, auch so uͤbersuͤß, daß wir sie kaum genießen konnten. Diese Frucht macht das vornehmste Nahrungsmittel der Einwohner aus. Sie pflegen sie gemei- C 3 Forster’s Reise um die Welt 1774. April. niglich uͤber dem Feuer zu braten, selten aber unter der Erde zu backen. Wenn sie gar ist, schuͤtten sie solche in einen hoͤlzernen Trog, der sonst zum Schweine- Futter dient, lassen sie darinn im Wasser aufweichen, und schoͤpfen hernach die- sen Brey oder diese Bruͤhe mit den Haͤnden heraus. Sie pflegen auch wohl ge- gohrnen Teig von der Brodfrucht zu machen, und wissen aus derselben eben die saͤuerliche Speise zu bereiten, welche fuͤr die vornehmen Leute in Tahiti , einen so großen Leckerbissen ausmacht. Sie essen fast nichts als vegetabilische Speisen, ob sie gleich Schweine und Huͤhner haben, zuweilen auch viel Fische fangen. Ihr Getraͤnk ist Wasser, denn Cocos-Nuͤsse sind selten, wenigstens in denen Ge- genden, die wir besuchten: Da sie aber die Pfefferwurzel haben, (deren sie sich unter andern zum Friedens-Zeichen bedienen,) so ist zu vermuthen, daß sie aus selbiger das auf den andern Inseln uͤbliche, berauschende Getraͤnk eben- falls zu verfertigen wissen. Als wir an das Schiff zuruͤck kamen, fanden wir es mit vielen Canots umgeben, in denen, aus unterschiednen Gegenden, Schweine und eine Menge Pi- sangs zum Verkauf gebracht wurden. Das Schrecken uͤber die von uns ver- uͤbte Gewaltthaͤtigkeit war nun vergessen, und die Leute kamen in großer Men- ge an Bord, plauderten sehr vertraut mit den unsrigen, und waren uͤber alles, was sie auf dem Schiffe sahen, ausnehmend zufrieden. Sie hatten jenen Vorfall schon so gaͤnzlich vergessen, daß einige sogar wieder anfiengen zu mausen, so oft sich eine Gelegenheit hierzu darboth; wenn sie aber entdeckt wurden, so saͤumten sie niemals, das Gestohlne ohne die geringste Weigerung wieder zu- ruͤck zu geben. Oft tanzten sie, den Matrosen zu gefallen, auf dem Verdeck, und ihre Taͤnze kamen mit den Tahitischen genau uͤberein. Auch zeigte sich, daß ihre Music ohngefaͤhr eben dieselbige sey, besonders, weil sie eben solche Trom- meln schlugen als wir zu Tahiti gesehen und eingekauft hatten. Ihre Canots waren klein, sonst aber den Tahitischen aͤhnlich. Auf dem Vordertheil der- selben sahe man gemeiniglich ein aufrechtstehendes Holz mit einem grobgeschnitz- ten Menschengesicht verziert. Ihre Seegel waren von Matten, dreyeckigt und oben breit; die Ruderschaufeln bestanden aus harten Holz, waren kurz, unten spitzig und oben mit einem Knopfe versehen. in den Jahren 1772 bis 1775. Ich blieb Nachmittags an Bord, um unsre bisher gemachten Samm- 1774. April. lungen in Ordnung zu bringen. Abends kamen auch die uͤbrigen Herren zuruͤck. Sie hatten den Nachmittag zu Untersuchung zwoer, suͤdwaͤrts von unserm Haven gelegenen Buchten zugebracht, aber gefunden, daß an beyden Orten ein Schiff nicht fuͤglich vor Anker gehen koͤnnte, weil es, bey stuͤrmischer See nicht Schutz genug gegen die Wellen haben wuͤrde, auch das Anlanden und Einschiffen, der hohen Brandung wegen, sehr gefaͤhrlich ist. Indessen war ihnen ihre Muͤhe durch eine Menge von Erfrischungen und durch den vortheilhaften Einkauf unter- schiedner Schweine belohnet worden. Die Einwohner thaten daselbst weniger zuruͤckhaltend als in unserm Haven; auch befand sich unter denselben eine Anzahl Frauensleute, mit denen die Matrosen bald Bekanntschaft machten, weil verschiedne sich eben so gefaͤllig bewiesen, als die auf den andern Suͤd- see-Inseln. Sie waren kleiner als die Mannsleute, aber von sehr proportionir- tem Gliederbau. Einige glichen, in der Form und den Zuͤgen des Gesichtes, dem schoͤn gebildeten vornehmern Frauenzimmer auf Tahiti . Ihre Far- be war im Ganzen genommen, wie die Farbe des gemeinen Volks auf den So- cietaͤts-Inseln : Sie hatten aber keine Puncturen, sondern die waren nur un- ter den Mannsleuten uͤblich und entstellten solche ganz. Eines der artigsten Maͤdchen ließ sich von Herrn Hodges zeichnen, und ein getreuer Kupferstich davon findet sich in Capitain Cooks Nachricht von dieser Reise. Sie waren alle in Kleidungen von Maulbeer-Rinde gehuͤllet. Der Unterschied im Zeuge war aber, gegen die große Mannigfaltigkeit, die wir auf Tahiti bemerkt hat- ten, hier nur sehr gering. Auch schien es nicht so haͤufig als dort zu seyn, weil man hier, anstatt viele Stuͤcken um sich zu schlagen, wie die uͤppigern Vorneh- men auf Tahiti zu thun pflegen, nur einen einzigen Ahau oder Mantel um- hieng, der von den Schultern bis auf die Knie reichte. Um den Hals hatten sie zuweilen einige lose Schnuͤre, die keinen sonderlichen Putz machten. Außer diesen sahe man eben keine andre Zierrathen. Als unsre Leute sich wieder ein- schiffen wollten, war einer von den Matrosen so saumselig in seiner Schuldig- keit, daß er dafuͤr vom Capitain einige Schlaͤge bekam: Diese Kleinigkeit wuͤr- de nicht verdienen hier angemerkt zu werden, wenn sie nicht die Einwohner ver- anlaßt haͤtte, sehr aufmerksam darauf zu seyn, und dabey auszurufen: Tape-a- Forster’s Reise um die Welt 1774. April. hai te teina , d. i. er schlaͤgt seinen Bruder ! Wir wußten aus andern Um- staͤnden, daß ihnen der Unterschied zwischen dem Capitain und seinem untergeb- nen Volk nicht unbekannt sey; wir konnten aber hieraus schließen, daß sie uns alle fuͤr Bruͤder hielten. Die natuͤrlichste Folgerung hieraus scheint zu seyn, daß sie selbst sich untereinander fuͤr Bruͤder, mithin ihr ganzes Volk fuͤr eine einzige Familie und den Koͤnig gleichsam nur fuͤr den aͤltesten halten. Da sie noch nicht so weit civilisirt sind, als die Einwohner auf Tahiti , so wissen sie auch noch nichts vom Unterschied der Staͤnde und vom Range. Ihre politi- sche Verfassung hat noch keine bestimmte monarchische Form erhalten. Der Anbau des Landes erfordert hier mehr Arbeit als zu Tahiti , und daher ruͤhrt den auch der Unterschied den wir zwischen der buͤrgerlichen Verfassung dieser bey- den Voͤlker antrafen. In so fern nemlich die Lebensmittel hier nicht so leicht zu erhalten sind als dort, in so fern koͤnnen auch Bevoͤlkerung und Luxus hier nicht so merklich seyn und es muß eine groͤßere Gleichheit unter den Leuten bleiben. Mit dieser Bemerkung stimmt es sehr gut uͤberein, daß, so viel wir sahen, dem Koͤnig Honu eben keine besondre Ehre oder vorzuͤgliche Achtung bewiesen wur- de. Er kam am zweyten Tage unsers Aufenthalts allhier, einigemal zu uns. Sein ganzer Vorzug schien in seiner Kleidung zu bestehen; denn diese war voll- staͤndiger, als sie von vielen andern Leuten getragen wurde, die, entweder aus Neigung oder aus Faulheit, in diesem gluͤcklichen, tropischen Clima nackend gien- gen, in welchem man der Kleidung auch fuͤglich entbehren kann. Am folgenden Morgen gieng der Capitain abermals nach der zuvorge- dachten Bucht; er war aber im Handel nicht so gluͤcklich. Die Einwohner kannten die Vortreflichkeit und Dauerhaftigkeit unsrer Eisenwaaren noch nicht genugsam. Sie wollten sie folglich nicht mehr nehmen, und verlangten man- cherley Dinge, die wir nicht fuͤglich entbehren konnten. Also lichteten wir Nachmittags den Anker und verließen den Haven Madre de Dios , nach einem beynahe viertaͤgigen Aufenthalt. Waͤhrend dieser Zeit hatten wir eine ansehnli- che Menge frisches, vortrefliches Wasser eingenommen, auch von diesem freund- schaftlichen und guten Volk einen sehr heilsamen Vorrath von Erfrischungen er- halten. In der Natur-Geschichte hingegen hatten wir nicht sonderlich viel Neues entdeckt, weil unser Aufenthalt nur sehr kurz, und weil diese Ey- lande in den Jahren 1772 bis 1775. lande der Insel Tahiti und dem dazu gehoͤrenden Archipel gar zu aͤhnlich waren. 1774. April. Der Mangel an Zeit hatte uns auch verhindert mit den Einwohnern genauer bekannt zu werden; sie haͤtten sonst gar wohl verdient, von Reisenden, mit philosophischen Augen etwas naͤher betrachtet zu werden. Besonders that es uns leid, daß wir nicht im Stande gewesen waren, die Verzaͤunungen auf den Bergen in Augenschein zu nehmen; denn ich bin immer noch der Meynung, daß diese mit ihren Religions-Gebraͤuchen in einiger Verbindung stehen. Die Spanier erwaͤhnen eines Orakels, S. Dalrymples Sammlung Vol. I. pag. 68. welches, der Beschreibung nach, ein sol- cher Begraͤbniß-Platz gewesen zu seyn scheinet, dergleichen man auf den So- cietaͤts-Inseln antrift. Die Zahl dieses guten Volks kann sich, wegen des kleinen Umfanges dieser Inseln, wohl nicht hoch belaufen. Waitahu oder S. Christina , hat ohngefaͤhr 8 See-Meilen im Umfange; Ohiwaroa Es verdient angemerkt zu werden, daß sich dieser Name auf der Liste von Inseln findet, welche Tupia und andre Bewohner der Societaͤts-Inseln den englischen Seefahrern mitgetheilt haben. Da aber die Leute auf den Marquesas kein R. aussprechen koͤnnen, so nannten sie diese Insel, anstatt daß sie bey den Tahitiern Ohiwaroa heißt, immer Ohiwaoa . oder Dominica funfzehn; Onateyo oder S. Pedro drey; und Magdalena , wel- che wir nur in einer großen Entfernung sahen, den spanischen Berichten zufolge, fuͤnfe. So wie die Bewohner von Tahiti und den uͤbrigen Societaͤts-Inseln , Leute von einerley Art zu seyn scheinen; eben so kommen, meines Erachtens, auch alle Einwohner der Marquesas von gemeinschaftlichen Stamm-Eltern her. Von denen auf S. Christina und Dominica koͤnnen wir es wenigstens versichern, denn mit diesen haben wir gesprochen und Umgang gepflogen. Ohnerachtet die Bevoͤlkerung auf den Marquesas , an denen Stellen wo der Boden nur einigermaaßen angebauet werden kann, sehr betraͤchtlich ist; so giebt es in diesen Inseln doch uͤberall so viel duͤrre und unzugaͤngliche Felsen, daß die Zahl der Einwohner, zusammen genommen, sich wohl kaum auf funfzig tausend erstrecken duͤrfte. Vorzuͤglich hat Dominica , die dem Umfang nach unter al- len die groͤßte ist, so viel unwirthbare gebuͤrgige Gegenden, daß sie verhaͤltniß- weise nicht so volkreich seyn kann, als das minder große Eyland S. Christina . Forster’s Reise u. d. W. zweyter Th. D Forster’s Reise um die Welt 1774. April. Die Spanier, welche diese Inseln zuerst entdeckten, fanden die Bewohner dersel- ben gutherzig, leutselig und friedfertig, eine kleine Schlaͤgerey auf Magdalena ausgenommen, die aber vermuthlich aus einem Mißverstaͤndniß oder von der ge- woͤhnlichen Heftigkeit der Matrosen herruͤhren mochte. Auch wir wurden bey unsrer Ankunft mit allen Zeichen der Freundschaft von ihnen aufgenommen. Sie uͤber- reichten uns Pfeffer-Wurzeln und Zweige vom Tamannuh ( calophyllum inophyllum Linn. ) als Merkmale des Friedens; verkauften uns ihre Lebens- mittel; und fuhren, ob wir gleich einen der ihrigen ums Leben brachten, den- noch unausgesetzt fort, sich freundschaftlich zu betragen, gestatteten uns auch, ohngehindert, nach unserm eigenen Wohlgefalllen, im Lande herum zu streifen. Dies Betragen, ihre Gebraͤuche, ihre schoͤne Leibes-Gestalt, Kleidung, Lebens- mittel, Schifffahrt und Sprache, alles beweiset, daß sie gleichen Ursprung mit den Tahitiern haben und wenn sie in einigen Umstaͤnden von denselben abweichen; so ruͤhrt solches blos von der verschiedenen Beschaffenheit des Landes auf beyden Inseln her. Den Bewohnern der Marquesas entgehet dadurch aller- dings ein großer Vortheil, daß es auf ihren Inseln keine so weitlaͤuftige Ebenen giebt als zu Tahiti , und den uͤbrigen Societaͤts-Eylanden . Sie haben gleichsam nicht mehr Land als zu Hervorbringung der nothwendigsten Lebensmittel gehoͤrt, mithin fallen hier schon die betraͤchtlichen Maulbeerpflanzungen weg, die man zu Tahiti so haͤufig antrifft. Wenn es ihnen aber auch nicht an dem dazu erfor- derlichen Grund und Boden fehlte, so wuͤrden sie doch, zur Wartung solcher Plantagen, nicht Zeit genug eruͤbrigen koͤnnen, weil der Feldbau hier ungleich muͤhsamer und langwieriger ist als dort. Der Ueberfluß an Lebensmit- teln und an mancherley Kleidungszeuge, der in Tahiti herrscht, und fuͤr die Einwohner eine Hauptquelle des Wohlstandes, so wie einen Haupt-Anlaß zur Ueppigkeit ausmacht, der ist freylich auf den Marquesas-Inseln nicht an- zutreffen. Indessen haben die Einwohner dieser letzteren doch keinen Mangel an den nothwendigsten Beduͤrfnissen und, zu Ersetzung dessen, was jene vor ih- nen voraus haben, herrscht unter diesen mehr natuͤrliche Gleichheit; sie haben mit nichts zu kaͤmpfen, was ihre Gluͤckseligkeit stoͤren, oder ihnen hinderlich seyn koͤnnte, der Stimme der Natur zu folgen. Sie sind gesund, munter und von s choͤner Leibesgestalt. Wenn also die Tahitier , einer Seits mehrere Bequem- in den Jahren 1772 bis 1775. lichkeiten des Lebens, auch vielleicht eine hoͤhere Geschicklichkeit in den Kuͤnsten 1774. April. besitzen, und sich von dieser Seite das Leben angenehmer machen koͤnnen; so ist doch andern Theils die urspruͤngliche Gleichheit der Staͤnde bey ihnen schon mehr in Verfall gerathen, die Vornehmern der Nation leben schon auf Kosten der Geringern, und Hohe und Niedere buͤßen bereits die Strafen ihrer Ausschwei- fungen, durch Krankheiten, und andere sichtbare Gebrechen — Scilicet improbae Crescunt divitiae, tamen Curtae nescio quid semper abest rei. Hor. Nach einem Kreuzzuge von fuͤnftehalb Monathen, in denen wir den ge- frornen Erdstrich bis unter dem 71sten, und den heißen, bis unter dem 9½ Grad suͤdlicher Breite besucht hatten, waren die Marquesas -Inseln gewissermaßen der erste Ort, wo wir an Fleisch und Fruͤchten wieder einige Erfrischungen und Staͤrkungen erhielten. Der kleine Vorrath suͤßer Kartoffeln, den wir auf Oster-Eyland bekommen hatten, wuͤrkte zwar, unter goͤttlichem Beystand, so viel, daß die mancherley Krankheiten, die uns damals droheten, nicht gleich zum Ausbruch kamen; allein dies waͤhrete doch nur so lange, bis wir das heiße Clima wieder erreichten. Alsdann gerieth unser Blut, das bis dahin stockend und scharf geworden war, in eine nachtheilige Gaͤhrung, und, bey dem blassen, ausgemergelten Ansehen der ganzen Schiffsgesellschaft, war es gewiß die hoͤchste Zeit, daß wir die Marquesas -Inseln erreichten; sonst wuͤrde der Schaarbock und andere Zufaͤlle, ohnfehlbar, eine erschreckliche Niederlage unter uns ange- richtet haben. Bey dieser Gelegenheit muͤssen wir, zur Ehre des Herrn Patton , unsres wuͤrdigen Schiffswundarztes, oͤffentlich ruͤhmen, daß er, so weit mensch- liche Vorsorge, Kunst und ein wohlthaͤtiges, mitleidiges Herz reichen koͤnnen, die besten Mittel ergriffen, uns alle so gesund als moͤglich zu erhalten, indem er dem Capitain nicht allein die dienlichsten Methoden zu Erreichung dieses End- zwecks vorschlug, sondern auch selbst mit unablaͤßigem Fleis uͤber uns wachte. Ich kann mit Grund der Wahrheit behaupten, daß, naͤchst Gottes Huͤlfe, viele unter uns, ihm das Leben zu verdanken haben; und daß England , die D 2 Forster’s Reise um die Welt 1774. April. Erhaltung vieler wichtigen und brauchbaren Maͤnner, welche auf diese gefaͤhrliche Expedition ausgesendet worden, lediglich Ihm schuldig sey. Auch verdient Capitain Cook in sofern alles Lob, daß er keinen Vorschlag unversucht ließ, der nur ei- nigen guten Erfolg zu versprechen schien. Das Schicksal der ganzen Reise hieng von der Gesundheit des Seevolks ab, und sein Verdienst, diesem vorzuͤglichen Gesichtspuncte gemaͤß gehandelt zu haben, ist um so viel groͤßer, als nicht zu laͤugnen stehet, daß selbiger, von andern Befehlshabern zur See, nicht oft ver- nachlaͤßiget, ja fast gaͤnzlich aus den Augen gesetzt zu werden pflegt. Die Kuͤrze unsers Aufenthalts auf den Marquesas , gestattete unsern Kranken hier nicht, vollkommen geheilt zu werden; vielmehr verschlimmerten sich diejenigen die an der Gallen-Colick darnieder lagen, weil sie es gewagt hat- ten, blaͤhende Fruͤchte, die einem schwachen Magen sehr schaͤdlich sind, zu ge- nießen. Capitain Cook selbst war nichts weniger als hergestellt. Ob er gleich zu seinem Schaden erfahren hatte, wie uͤbel es ihm bekommen war, daß er auf Oster-Eyland sich den brennenden Stralen der Sonne ausgesetzt; so hat- te er sich dennoch waͤhrend der ganzen Zeit unsers Hierseyns nicht geschont, son- dern im Einkauf der Lebensmittel, und in der Sorge fuͤr das Seevolk ganz un- ermuͤdet bewiesen. Auch ich mußte gewahr werden, daß mir bey meiner Schwaͤche das beschwerliche Klettern nicht zutraͤglich gewesen war. Ich bekam eine heftige Gallen-Krankheit davon, die mir desto unangenehmer war, da sie mich eben zu einer Zeit befiel, in welcher mir viel Geschaͤffte bevorstanden. — Wir steuerten von S. Christina nach Suͤd-Suͤdwest, hernach aber nach Suͤd-West und West halb Suͤd, und legten des Nachts bey, weil wir jetzt dem Archipelago der flachen Inseln nahe waren, der von je her als eine sehr gefaͤhrliche Gegend der Suͤd-See angesehen worden ist. Vornemlich haben die Hollaͤnder unguͤnstige Nachrichten davon gegeben; denn Schouten hat diesen Theil des Suͤdmeers die boͤse See , und Roggewein , das Labyrinth genennet. Letzterer verlohr eins seiner Schiffe, die africanische Galley, an einer von diesen flachen Inseln, und legte ihr, dieses ungluͤcklichen Zufalls wegen, den Namen der gefaͤhrlichen Insel bey. Da sich dies in einem nicht ganz entfernten Zeit- punct, sondern erst bey Menschengedenken zugetragen, so haben auch die Ein- wohner der Societaͤts-Inseln davon reden gehoͤrt, und es scheint hieraus zu in den Jahren 1772 bis 1775. folgen, daß die sogenannte gefaͤhrliche Insel nicht weit von jenen entfernt seyn 1774. April. koͤnne. Am 17ten entdeckten wir die erste dieser flachen Inseln, erreich- ten sie um Mittag, und wurden durch Byrons deutliche Beschreibung uͤber- zeugt, daß es die oͤstlichste der Koͤnig- Georgs -Inseln sey. Davon hatten wir gegen Abend noch einen andern Beweis; denn wir erblickten auch die zwote Insel dieses Namens. Die erstere war sehr niedrig und sandig. Sie bestehet aus einem ellyptischen Felsen-Rief , dessen laͤngster Durch- schnitt von Norden nach Suͤden uͤber 6 See-Meilen ausmacht, und liegt un- term 14ten Grad 28 Minuten suͤdlicher Breite, und im 144sten Grade 56 Minuten westlicher Laͤnge. Hin und wieder war sie mit viel Cocos-Nußbaͤu- men besetzt, die ihr ein angenehmes Ansehn ertheilten. Die Staͤmme dieser Palmen waren oft bis zu einer großen Hoͤhe durch andere Baͤume und Busch- werk versteckt; ihre schoͤnen Kronen aber sahe man allenthalben uͤber die andern empor steigen. An denen Stellen wo keine Baͤume standen, war das Erd- reich, oder vielmehr der Felsen, so niedrig, daß die See uͤber selbigen in den in- nern Landsee hineinschlug. Das ruhige Gewaͤsser dieses letztern und die Milch- farbe desselben an den seichten Stellen, contrastirte sehr schoͤn mit den unruhig- schaͤumenden Fluthen des darum her brausenden, berylfarbnen Oceans! Wir seegelten Nachmittags dicht unter der Westseite der Insel hin, und bemerk- ten, daß die Felsen an vielen Stellen scharlach-roth aussahen, wie auch By- ron sie gefunden hatte. Auf dem Land-See fuhren einige Canots mit Seegeln umher, zwischen den Baͤumen stieg hin und wieder Rauch auf, und am Stran- de sahe man bewaffnete Schwarze herum laufen. Das alles verschoͤnerte den an sich schon malerischen Anblick. Auch bemerkten wir, daß einige Frauensleute, mit Buͤndeln auf dem Ruͤcken, nach den entlegnern Gegenden des Felsen-Riefs fluͤchteten. Sie mußten uns also wohl nicht viel Gutes zutrauen, und das war auch kein Wunder. Sie hatten ehemals, da sie sich einem von Byrons Boo- ten widersetzten, das Ungluͤck gehabt, einige von ihren Leuten zu verlieren, und die englischen Matrosen hatten sie einen ganzen Tag uͤber aus ihren Woh- nungen verscheucht und von ihren Cocos-Nuͤssen auf Discretion gelebt. — Am suͤdwestlichen Ende der Insel entdeckten wir eine Einfahrt in den Landsee, de- D 3 Forster’s Reise um die Welt 1774. April. ren auch Byron erwaͤhnt; wir setzten deshalb ein Boot aus, sie zu sondiren; denn wir wußten damals noch nicht, daß ers, wiewohl ohne gehoften Erfolg, schon gethan hatte. Unsre Leute fanden, daß der Grund aus scharfen Corallen be- steht, und daß es unmoͤglich ist, auf selbigem zu ankern. Mittlerweile hatten die Einwohner sich auf der Nordseite der Einfahrt versammlet und die Waffen ergriffen; sie bezeigten sich aber dieses kriegerischen Aufzuges ohnerachtet sehr friedfertig, und brachten einige Cocos-Nuͤsse, die man gegen Naͤgel eintauschte. Sobald wir hievon Nachricht bekamen, ward noch ein zweytes Boot ausgesetzt und ans Land geschickt, um mit den Leuten zu handeln, auch ihnen die fal- schen, uͤblen Begriffe zu benehmen, die sie sich anfaͤnglich von uns gemacht zu haben schienen. Mein Vater, Doctor Sparrman und ich, waren von die- ser Parthie, ob ich wohl an meiner Gallen-Krankheit noch viel auszustehen hatte. Wir landeten ohne Widerstand und mischten uns sogleich unter die Einwohner, deren hier ohngefaͤhr funfzig bis sechzig beysammen waren, lauter starke, große Leute von schwarzbrauner Farbe. Sie hatten einige Puncturen auf der Brust, auf dem Bauche und auf den Haͤnden, die gemeiniglich Fische vorstellten, als woraus ihre vorzuͤglichste Nahrung zu bestehen scheint. Ihre Gesichtszuͤge wa- ren gar nicht unangenehm, und sanfter noch, als bey den Einwohnern der be- nachbarten hoͤhern Inseln. Sie giengen ganz nackt und hatten nur ein klein Stuͤck Zeug um die Huͤften gewickelt. Ihre Frauensleute wagten sich nicht zu uns heran; diejenigen aber, die wir von Ferne sahen, waren von gleicher Farbe mit den Mannsleuten, ihre Kleidung hingegen etwas laͤnger, indem sie, in Form einer Schuͤrze, bis auf die Knie herabreichte. Haar und Bart waren gekraͤu- selt, zum Theil gestutzt und gemeiniglich schwarz; doch bemerkte ich auch einen Mann, dessen Haar an den Spitzen gelblich aussahe. So bald wir lan- deten, umarmten sie uns, wie die Neu-Seelaͤnder, durch gegenseitige Beruͤh- rung der Nasen, und fiengen sogleich an, Cocos-Nuͤsse und Hunde zum Verkauf an die Boote zu bringen. Maheine kaufte einige Hunde fuͤr kleine Naͤgel und reife Pisangs , die er von den Marquesas mitgenommen hatte. Diese Frucht war ihnen gar nicht fremd, aber sehr angenehm und schaͤtzbar. Sie muͤssen also wohl mit hoͤheren Inseln Verkehr haben, denn die Pisangs wachsen nicht auf ihren unfruchtbaren Corallen-Riefen . Die Hunde glichen denen in den Jahren 1772 bis 1775. auf den Societaͤts-Inseln , hatten aber besonders feines, weißes und langes Haar. 1774. April. Maheine ließ sichs daher sehr angelegen seyn, welche einzukaufen, weil eben dergleichen Haare in seinem Lande zur Auszierung der Brustschilder gebraucht werden. Wir versuchten es gerade nach ihren Huͤtten hinzugehen, die wir unter den Baͤumen liegen sahen; da sie es aber nicht gestatten wollten, so begnuͤgten wir uns, laͤngst der Landspitze allerhand Pflanzen einzusam- meln, vornemlich eine Kressen-Art ( Lepidium, ) die sehr haͤufig vorhanden war, und ein gutes Blutreinigungs-Mittel zu seyn schien. Die Einwoh- ner zeigten uns, daß sie diese Pflanze quetschten, mit Fleisch der Muscheln vermischten, und so in die See wuͤrfen, da wo sie einen Zug von Fischen be- merkten. Die Fische werden dadurch auf einige Zeit betaͤubt und lassen sich auf der Oberflaͤche des Wassers fangen ohne andre Muͤhe, als daß man sie auf- nimmt. Sie nennen diese nuͤtzliche Pflanze e-Nau . Wir fanden auch vie- len Portulack , der der gewoͤhnlichen Art aͤhnlich ist und von den Einwohnern E-Turi genannt wird. Dieses Kraut, welches auch auf den Societaͤts-Inseln waͤchst, wird daselbst unter der Erde gestobet und gegessen. Es gab hier noch andre Baͤume und Pflanzen, die auch auf den Societaͤts-Inseln wachsen; doch fanden wir auch einige noch ganz unbekannte Kraͤuter. Der Boden bestand uͤberall aus Corallen-Felsen, die nur um ein sehr weniges uͤber die Oberflaͤche des Wassers erhoͤhet waren. Auf diesen lag zuerst eine Schicht grober, weißer Sand, mit Corallen und Muscheln vermischt, und druͤberher eine sehr duͤnne Lage von Garten-Erde . Unter waͤhrendem Botanisiren waren wir um die Landspitze herum und bis jenseits der Wohnungen gekommen. Hier ent- deckten wir eine andre hervorspringende Landspitze innerhalb des Sees, welche darinn eine Art von Bay hervorbrachte, deren ganzer Strand mit Buschwerk und Baͤumen besetzt war. Zwischen den beyden Land-Spitzen mußte das Was- ser sehr seicht seyn, denn wir sahen, daß eine große Menge Wilden von jener Seite der Bay durchwadeten und ihre Speere hinter sich herschleppten. Dieser Anblick machte, daß wir sogleich den Ruͤckweg, durch das Buschwerk antraten. Der Weg brachte uns neben den Huͤtten vorbey, die nur klein und niedrig und mit einem von Cocos-Nußzweigen geflochtnen Dach bedecket waren. Sie stan- den alle leer, indem sich die Bewohner saͤmmtlich am Strande versammlet und Forster’s Reise um die Welt 1774. April. nur etliche Hunde darinn zuruͤckgelassen hatten. Die Wetter-Daͤcher fuͤr ihre Canots waren von gleichen Materialien und aͤhnlicher Bauart, wiewohl et- was groͤßer; die Canots selbst aber nur kurz, jedoch stark, an beyden Enden zugespitzt, auch mit einem scharfen Kiel versehen. Sobald wir den Strand erreicht hatten, mischten wir uns wieder unter die Wilden, die einige Befrem- dung daruͤber bezengten, daß wir von ihrem Dorfe herkamen. Wir gaben dem Lieutenant, der unsre Boote commandirte, Nachricht von den feindlichen An- stalten, die wir bemerket; worauf unsre Leute sogleich Vorkehrungen machten, wieder an Bord zu gehen. Unterdessen war uns Maheine behuͤlflich, mit den Wilden zu reden. Sie sagten uns: sie haͤtten einen Befehlshaber oder Eriki , und ihre Insel heiße Te-aukea . Ihre Sprache hatte eine große Aehnlichkeit mit dem tahitischen Dialect, außer daß ihre Aussprache haͤrter war und durch die Gurgel geschahe. Nunmehro sahe man die andern Wilden, die diesen gleich- sam zum Succurs durch die Bay gewadet waren, in den Buͤschen herankommen. Sie hatten sich theils mit langen Keulen, theils mit runden, kurzen Knuͤppeln, und Speeren bewaffnet, die oft 14 Fus lang und oben mit dem Schwanz-Stachel des Stech-Rochens versehen waren. Wir traten also in unsre Boote; die Einwohner eilten aber in großen Haufen zu selbigen herbey, und schienen zweifelhaft, ob sie uns den Abzug wehren oder verstatten sollten? Indessen ließen sie das letztere geschehen, vielleicht, weil wir fruͤher auf unsre Sicherheit gedacht hatten als sie es vermuthet haben mochten. Einige waren uns sogar behuͤlfllich, unsre Boote abzustoßen. Andre hingegen warfen Steine neben uns ins Was- ser, und schienen sich etwas darauf einzubilden, daß sie uns gleichsam vom Strande weggescheucht hatten. Nach unserm Abzuge plauderten sie sehr laut un- tereinander, setzten sich aber endlich im Schatten der Baͤume am Ufer nieder. So bald wir an Bord waren, lies der Capitain vier oder fuͤnf Canonen, theils uͤber ihre Koͤpfe hinaus, theils vor ihnen ins Wasser abfeuern, damit sie sehen sollten, was er zu thun im Stande sey. Die Kugeln, besonders aber die ins Wasser geschoßnen, jagten ihnen ein solches Schrecken ein, daß der ganze Haufe mit groͤßter Eil davon rannte. Wir hatten von ihnen mehr nicht als dreyßig Cocos-Nuͤsse und fuͤnf Hunde eingetauschet. Byron entdeckte hier auch Quel- len, und ob diese gleich nur wenig Wasser gaben, so mag es doch wohl hinreichend seyn, in den Jahren 1772 bis 1775. seyn, die wenigen Einwohner mit diesem unentbehrlichen Elemente zu versehen. 1774. April. Auch traf er im Gebuͤsch ein steinernes Grabmahl an, welches mit den Tahi- tischen Marai’s ungemein viel Aehnlichkeit hatte. Die Opfer, von Fleisch und Fruͤchten hiengen an den nahestehenden Baͤumen. Sowohl hieraus, als aus der Bildung, den Gebraͤuchen und der Sprache laͤßt sich mit Grunde schließen, daß dies Volk mit den gluͤcklichern Bewohnern der benachbarten bergichten Inseln nahe verwandt sey. Die großen Landseen in diesen zirkel- foͤrmigen Inseln, sind, allem Ansehen nach, sehr fischreich, und Fische scheinen auch ihre bestaͤndige Nahrung auszumachen. Die sandichten Gegenden der Coral- len-Riefe sind gute Stellen fuͤr Schildkroͤten , ihre Eyer darauf zu legen; und aus den Stuͤcken von Schildkroͤten-Schaalen, welche die Leute vom Dolphin hier antrafen, erhellet sehr deutlich, daß die Einwohner diese großen Thiere zu fangen wissen, deren nahrhaftes Fleisch ein herrlicher Leckerbissen fuͤr sie seyn muß. Die wenigen hier wachsenden Pflanzen sind alle sehr nutzbar und zum Fischfange dienlich. Einige Baͤume sind so dick, daß die Staͤmme zu Canots, die Aeste hingegen zu Waffen und anderem Geraͤthe gebraucht werden koͤnnen, und die Cocos-Palme , die so manchen Voͤlkern des Erdbodens Unterhalt giebt, leistet auch diesen hier unendlichen Nutzen, weil von derselben fast alles und jedes zu brauchen ist. Die Nuß enthaͤlt, so lange sie gruͤn ist, bisweilen eine Pinte, zuweilen ein ganzes Quart Wasser, das eine angenehme Suͤßigkeit und besonders lieblichen Geschmack hat. Seine kuͤhlende Eigenschaft und an- dren Bestandtheile, machen es zu einem herrlichen Labetrunk, der in diesen heis- sen Himmelsgegenden den Durst ohne Zweifel besser, als jedes andre Getraͤnk loͤschet. Wenn die Nuß aͤlter wird, so bildet sich in selbiger ein Kern, der anfaͤnglich fetten Milch-Rahm gleicht, hernachmals aber so fest und oͤhligt wird, als Mandeln. Er ist sehr nahrhaft. Das Oehl wird zuweilen herausgepreßt und zur Salbung der Haare und des Coͤrpers gebrauchet. Aus der harten Schaa- le machen sie Trink-Geschirre, und allerhand andre Geraͤthschaften, und die fa- srichte Rinde giebt gutes, starkes, elastisches und dauerhaftes Tauwerk, imglei- chen mancherley Putz. Mit den obersten, langen Blaͤttern oder Schoͤßlingen de- cken sie ihre Huͤtten, oder flechten Koͤrbe daraus. Aus der inneren Schaa- le wird eine Art von Zeug bereitet, das in diesen heißen Laͤndern zur Kleidung hinreichend ist; und der Stamm des Baumes selbst, wenn er Forster’s Reise u. d. W. zweyter Th. E Forster’s Reise um die Welt 1774. April. zu alt wird, um Fruͤchte zu tragen, taugt wenigstens noch zum Bau einer Huͤtte oder zum Maste eines Cauots. Außer Fischen und Fruͤchten haben sie auch Hunde, die mit Fischen gefuͤttert und von den Einwohnern der Societaͤts-Inseln fuͤr die schmack- hafteste Fleisch-Speise gehalten werden. Solchergestalt hat die Vorsehung, nach ihrer Weisheit, sogar diese unbedeutende schmale Felsen-Riefe, fuͤr ein ganzes Geschlecht von Menschen, hinreichend mit Lebensmitteln versehen! Die Entstehungsart dieser Corallen-Felsen giebt uns ein nicht minder bewunderungs- wuͤrdiges Beyspiel von der Allmacht des Schoͤpfers, der so oft große, wichtige Endzwecke durch die geringsten Mittel zu erreichen weiß. Die Koralle ist, bekann- termaaßen, das Gebaͤude eines kleinen Wurms, der sein Haus, in eben dem fort- schreitenden Maaße als er selbst waͤchset, vergroͤßert. Kaum bemerkt man an diesem kleinen Thierchen Empfindung genug, um es in dieser Absicht von den Pflanzen unterscheiden zu koͤnnen: Gleichwohl bauet es, aus der unergruͤndlich- sten Tiefe der See, ein Felsenwerk, bis an die Oberflaͤche des Meers, in die Hoͤhe, um unzaͤhligen Menschen einen vesten Boden zum Wohnplatz zu ver- schaffen! — Die Zahl der auf solche Art entstandenen flachen Inseln ist sehr betraͤchtlich, und wir kennen sie gleichwohl bey weiten noch nicht alle. In der Suͤdsee sind ihrer zwischen den Wendezirkeln am mehresten, vorzuͤglich aber trift man sie ostwaͤrts von den Societaͤts-Inseln , in einer Strecke von 10 bis 15 Graden, an. Quiros , Schouten , Roggewein , Byron , Wallis , Car- teret , Bougainville und Cook haben insgesammt, ein jeder verschiedene neue Eylande von der Art entdeckt, und, was das merkwuͤrdigste ist, sie haben sie 250 Seemeilen ostwaͤrts von Tahiti , mit Menschen bewohnt gefunden! Es ist sehr wahrscheinlich, daß man in der Folge, auf jedem neuen Striche, zwi- schen dem 16ten und 17ten Grad der suͤdlichen Breite, noch andere von eben dieser Gattung entdecken werde. Bis jetzt aber ist noch kein Seefahrer, in dieser Parallele, nach den Societaͤts-Inseln geseegelt. Uebrigens ver- diente es auch gar wohl einer naͤheren Untersuchung, warum sie sich ostwaͤrts von den Societaͤts-Inseln so haͤufig finden, und besonders da ei- nen so großen Archipelagus ausmachen, indeß man sie jenseits, oder westwaͤrts von den Societaͤts-Inseln , nur ganz einzeln antrift? Zwar giebt es weiter ge- gen Westen hin, noch einen andern Archipelagus von Koral-Rieffen, nemlich in den Jahren 1772 bis 1775. die sogenannten freundschaftlichen-Inseln : Diese sind aber von jener Art in 1774. April. manchen Stuͤcken sehr unterschieden. Sie scheinen nemlich nicht nur ungleich aͤlter zu seyn, sondern sie sind auch mehrentheils von groͤßerm Umfang, und haben mehr Erdreich, so daß daselbst alle Pflanzen gezogen werden, die nur immer in den bergigten Inseln fortkommen. Nachdem wir von Te-Aukea abgeseegelt waren, lavirten wir die ganze Nacht und steuerten bey einer nicht weit davon gelegenen Insel vorbey, die, nach Byron’s Bestimmung, mit zu den Koͤnig Georgs-Inseln gehoͤrt. Sie scheint viel aͤhnliches mit Te-Aukea zu haben, aber von groͤßerm Umfange zu seyn. Ihre Laͤnge von Norden gegen Suͤden, betraͤgt etwa 8 Seemeilen, die Breite des innern Landsees aber 5 bis 6 solcher Meilen. Sie war auch haͤu- fig mit Buͤschen, Baͤumen und Cocos-Palmen besetzt. Um 8 Uhr des folgenden Morgens, entdeckten wir wiederum eine In- sel, von eben der Art, die, allem Anschein nach, noch keinem andern Seefahrer zu Gesicht gekommen ist, wenigstens erinnern wir uns nicht, eine Anzeige davon, irgendwo gefunden zu haben. Um Mittag zeigte sich noch eine andere, gegen Westen, an der wir Nachmittags hinunter fuhren. Sie erstreckte sich ungefaͤhr auf 8 Seemeilen: Am Strande lief eine Menge der Eingebohrnen, mit langen Speeren bewaffnet, herum, und auf dem innern Landsee, der sehr groß war, sahen wir verschiedene Canots auf- und ab seegeln. So viel ich be- merkt habe, sind diese Corall-Riefen, mehrentheils an der Seite, auf welche der Wind nicht gewoͤhnlich hin blaͤset, am hoͤchsten und am fruchtbarsten, ver- muthlich, weil sie da mehr Schutz vor der Gewalt der Wellen haben. Doch giebt es auf dieser See uͤberhaupt nur selten so heftige Stuͤrme, daß man, um derselben willen, diese Inseln fuͤr mißliche oder unangenehme Wohnplaͤtze halten sollte. Bey gutem Wetter muß es sich vielmehr uͤberaus angenehm auf den spiegelglatten Seen herumfahren lassen, wenn auch gleich der Ocean noch so stuͤr- misch und unruhig seyn sollte. Noch denselben Abend erblickten wir eine dritte neue Insel, verloren sie aber, als wir am folgenden Morgen weiter seegelten, bald wieder aus dem Ge- sicht. Capitain Cook nannte diesen Haufen Inseln, Pallisers-Eylande . Sie liegen im 15ten Grad 36 Minuten suͤdlicher Breite und im 146sten Grad 30 E 2 Forster’s Reise um die Welt 1774. April. Minuten westlicher Laͤnge. Die noͤrdlichste derselben scheint Roggeweins ge- faͤhrliche Insel zu seyn, an deren Kuͤsten er die afrikanische Galley verlor. Diese Vermuthung wird unter andern dadurch bestaͤtigt, daß Byron nicht weit von hier, nemlich zu Te-Aukea , ein Bootsruder fand. S. Hawkesworths Geschichte der Englischen See-Reisen, in 4. Th. I. Seite 99. Wir steuerten nun Suͤdwestwaͤrts. Schon waren auf beyden Seiten die flachen Inseln hinter uns, und nun gieng zu jedermanns groͤßter Freude die Fahrt gerade nach Tahiti . Da wir auf den guten Willen der dortigen Ein- wohner sicher Rechnung machen, und uns die beste Aufnahme von ihnen ver- sprechen konnten; so sahen wir diese Insel gleichsam fuͤr unsre zwote Heimath an. Unsere Kranke fiengen nun auch an, neue Hoffnung zu schoͤpfen; denn sie wuß- ten, daß sie dort wenigstens im Kuͤhlen ruhen, oder, wenn ihre Umstaͤnde es litten, sich Bewegung machen koͤnnten und uͤberdem weit gesundere Nahrungs- mittel zu gewarten haͤtten. Die uͤbrigen freuten sich nicht minder, dort gleichsam neue Kraͤfte zu sammlen, um alle Gefahren und Beschwerlichkeiten, die uns noch ferner bevorstanden, mit gestaͤrktem Muthe uͤbernehmen zu koͤnnen. Der Capi- tain versprach sich einen reichlichen Borrath an frischen Lebensmitteln, und diese Beyhuͤlfe ließ uns desto sicherer eine gluͤckliche Beendigung der ganzen Seereise hoffen. Unser Astronom war aͤußerst begierig eine Sternwarte zu errichten, und darnach zu bestimmen, wie unsere Laͤngen-Uhr gegangen sey, welches seit der Abreise von Neu-Seeland nicht hatte untersucht werden koͤnnen. Ueber- dem sehnten auch wir als Naturforscher uns sehr nach dieser Insel, um unsre Kraͤuter-Sammlungen, die natuͤrlicherweise sehr unvollstaͤndig seyn mußten, weil unser voriger Aufenthalt in die Wintermonathe gefallen war, etwas reich- haltiger zu machen. Aber gewiß noch eyfriger als wir alle, wuͤnschte unser Freund, Ma- heine , nach Tahiti zu kommen, weil viele seiner Verwandten sich daselbst nie- dergelassen, er fuͤr seine Person aber noch nie da gewesen war. Ueberdem hatte er, nicht nur von den Einwohnern der anderen Societaͤts-Inseln , die Ta- hiti fuͤr die reichste und maͤchtigste von allen hatten, sondern auch von uns , taͤg- lich so viel schoͤnes von diesem Lande erzaͤhlen hoͤren, daß er fuͤr Begierde brann- in den Jahren 1772 bis 1775. te, es mit eignen Augen zu sehen. Er wußte, daß die Menge auslaͤndischer 1774. April. Curiositaͤten die er auf der Reise eingesammlet hatte, ihm bey den dortigen Insulanern ein großes Ansehen verschaffen, und daß die vielen seltnen Kenntnisse die er sich durch den Umgang mit uns und andern entfernten Voͤlkern erworben hatte, in Tahiti allgemeine Aufmerksamkeit erregen wuͤrden. Er that sich also schon im Voraus was darauf zu gute, daß ihm jedermann mit Achtung und Freundschaft begegnen, daß seine Bekanntschaft mit uns, und unsre Lebensart, die er angenommen, ihm noch mehr Bewunderung zuziehen, und daß man vornemlich fuͤr das Schießge- wehr, dessen Gebrauch wir ihm erlaubt hatten, nicht wenig Respect bezeigen wuͤrde. Auch bin ich, seines guten Herzens wegen, uͤberzeugt, daß er sich dar- auf freute, uns Europaͤern auf diese oder jene Weise, bey seinen Landsleuten nuͤtz- lich zu werden; denn er war uns allen herzlich gut, und ward auch unsrer Seits durchgehends aufrichtig geliebt. Am folgenden Morgen, um 10 Uhr, erblickten wir Land, und erkann- ten wenige Stunden darauf, daß es ein Theil von Tahiti sey. Aber ungeach- tet aller Muͤhe, die wir anwendeten um noch denselben Tag da anzulanden, wußten wir doch, der einbrechenden Dunkelheit wegen, noch einmal Anker werfen, und die Nacht in See zubringen. So lange es noch helle blieb, hatte je- dermann die Augen, fest auf diese Koͤniginn der tropischen Inseln hingerichtet. Ich, so schwach auch meine Kraͤfte waren, kroch ebenfalls mit aufs Verdeck, um mich wenigstens an dem Anblick der Gegend zu laben, die mir zu Herstel- lung meiner Kraͤfte und meiner Gesundheit endlich Hoffnung gab. Den Mor- gen war ich fruͤh erwacht, und welch Entzuͤcken gewaͤhrte mir da die herrliche Aus- sicht! Es war, als haͤtte ich die reizende Gegend, die vor mir lag, noch nie gesehen; doch war sie jetzt auch in der That weit schoͤner, als vor acht Mona- then, da ich sie zu einer ganz andern Jahreszeit gesehen hatte. Die Waͤlder auf den Bergen waren mit frischem Gruͤn bekleidet, das in mannigfaltigen Far- ben durcheinander spielte; die kleinen Huͤgel, hie und da, gruͤnten ebenfalls im neuen Fruͤhlingskleide, und verschoͤnerten an manchen Orten, die reizende Aus- sicht. Besonders aber prangten die Ebnen mit allem Schmuck der jungen E 3 Forster’s Reise um die Welt 1774. April. Wiesen. Kurz, alles erinnerte mich an die Beschreibungen von Ca- lypso’s bezauberter Insel. Man kann leicht denken, daß wir diese vor uns liegende Landschaft nicht viel aus den Augen ließen. Im Vorbeyseegeln hatten wir uͤberdem noch das Vergnuͤgen, jede bey unserm vormaligen Aufenthalt besuchte Gegend gleich wie- der zu kennen. Endlich zeigte sich die Pracht von Matavai-Bay in ihrem gan- zen Umfange, und nun konnten wir es kaum erwarten, nach einer acht monath- lichen Abwesenheit, wieder hier anzulanden. Zwey- in den Jahren 1772 bis 1775. Zweytes Hauptstuͤck . Nachricht vom zweeten Besuch auf der Insel Tahiti . Ille terrarum mihi præter omnes Angulus ridet . Horat. K aum hatten die guten Leute das Schiff vom Lande her wahrgenommen, so 1774. April. kamen auch schon verschiedene Canots, um uns mit Geschenken von Fruͤchten zu bewillkommen. Unter den ersten, die uns an Bord besuchten, wa- ren zween junge Leute, die, dem Range nach, etwas mehr als die uͤbrigen seyn mußten: Diese baten wir, in die Cajuͤtte zu kommen, und hier wurde sogleich mit Maheinen Bekanntschaft gemacht. Der Landes-Sitte nach, mußten sie ihm ein Geschenk von Kleidungsstuͤcken machen: Sie zogen also ihre Oberklei- der, die vom feinsten hiesigen Zeuge verfertigt waren, aus, und gaben sie ihm anzuziehen. Er hingegen zeigte ihnen seine Merkwuͤrdigkeiten, und beschenkte sie mit ein Paar rothen Federn, die sie, als eine große Seltenheit, sehr hoch aufnahmen. Etwa um 8 Uhr des Morgens, ließen wir in Matavai-Bay den An- ker fallen, und sogleich war auch eine ganze Flotte von Canots um uns her, in welchen unsere alte Bekannten, Fische, Brodfrucht, Aepfel, Cocosnuͤsse und Pisangs zu Markte brachten, und fuͤr sehr geringe Preise uͤberliessen. Die Fi- sche waren groͤßtentheils sogenannte Dikkoͤpfe , ( mullets oder mugiles ) und Boniten . Sie fuͤhrten sie uns lebendig, in einem Troge zu, der zwischen den doppelten Canots unter dem Wasser befestigt und, damit dieses frey hindurch konnte, vorn und hinten mit einem Flechtwerk von Baumzweigen vermacht war. Wir liessen nun, wie ehemals, auf der Landspitze Venus wieder eini- ge Zelte aufschlagen, sowohl zum Behuf astronomischer Beobachtungen, als zu Erleichterung des Handels, Holzhauens und Wassereinnehmens. Der Capitain, D. Sparrmann und mein Vater giengen ans Land. Ich aber mußte noch am Bord bleiben; denn ich war so matt und elend, daß ich kaum stehen konnte. Indessen machte ich mir die kleine Veraͤndrung, vom Cajuͤtten-Fenster aus, zu Forster’s Reise um die Welt April. 1774. handeln, und brachte auf die Art wenigstens etliche neue Arten Fische an mich, da hingegen jene Herren, bey ihrer Zuruͤckkunft, nichts neues aufzuweisen hatten. Was sie uns vom Lande erzehlten, lantete sehr reizend und vortheilhaft: Sie hatten alles, was sie diesmal gesehen, in weit bessern Umstaͤnden gefunden als bey unfrer ersten Anwesenheit; das Gruͤn in voller Pracht; viele Baͤume noch mit Fruͤchten beladen; die Baͤche wasserreich, und eine Menge ganz neuerbau- ter Haͤuser. Maheine , der mit ihnen gegangen war, kam die Nacht nicht wieder an Bord. Er hatte sogleich einige von seinen Verwandten angetroffen, vornehmlich eine leibliche Schwester, Namens Te-i-oa , die eine der schoͤnsten Frauenspersonen auf der ganzen Insel, und an einen großen, ansehnlichen und vornehmen Mann, von Raietea , Namens Nuna , verheyrathet war. Sein Haus, das sich wegen der ungewoͤhnlichen Groͤße vor vielen der uͤbri- gen ausnahm, stand ganz nahe bey unseren Zelten; es lag nemlich kaum 200 Schritt, jenseit des Flusses. Ehe Maheine ans Land gieng, hatte er seine Europaͤische Kleidung abgelegt und dafuͤr die schoͤnen neuen Kleider, womit er von seinen Landslenten beschenkt worden war, angezogen. Die Freude, welche er uͤber diese Vertauschung der Tracht aͤusserte, bewies, daß ihm seine vaterlaͤndische Sitte, doch uͤber alles wohl gefallen muͤsse. Indessen ist das um so weniger zu verwundern, weil man unter den mehresten Voͤlkern, die noch nicht gehoͤriger maaßen civilisirt sind, besonders aber unter den ganz wilden, dergleichen Beyspiele von der Macht der Gewohnheit vielfaͤltig wahrgenommen hat. In der That war es auch ganz natuͤrlich, daß ein Mensch von den So- cietaͤts-Inseln , (wie Z. B. Maheine , der beydes kannte,) das gluͤckliche Le- ben, die gesunde Nahrung und die einfache Tracht seiner Landsleute, — der bestaͤndigen Unruhe, den ekelhaften Speisen, und den groben engen Kleidungen Europaͤischer Seeleute vorziehen mußte. Haben wir doch sogar gesehen, daß Esquimaux , mit der groͤßten Begierde in ihr wuͤstes Vaterland, zu ihren schmierigen Seehundsfellen und zu ihrem ranzigen Thran-Oele zuruͤckgekehrt sind, ohnerachtet sie eine Zeitlang, die Europaͤische Kuͤche, den Europaͤischen Klei- der-Prunck und alle Herrlichkeit von London , gesehen und genossen hatten! Was Maheinen betrifft, so fand er in Tahiti alle Gluͤckseligkeit und Freude, die er nur je erwarten konnte: Ein jeder begegnete ihm mit aus- serordent- in den Jahren 1772 bis 1775. serordentlicher Achtung, und sah ihn in mehr denn einer Absicht, fuͤr ein rech- 1774. April. tes Meerwunder an; man bewirthete ihn mit den ausgesuchtesten Speisen; er bekam unterschiedliche Kleider geschenkt, und indem er unter den Nym- phen des Landes herumschwaͤrmte, fand er nicht selten Gelegenheit, auch jene Art des Vergnuͤgens zu schmecken, die er zur See schlechterdings hatte ent- behren muͤssen. Empfindlich fuͤr jede sinnliche Lust, wie alle Kinder der Natur, aber lange des Anblicks seiner huͤbschen Landsmaͤnninnen beraubt, und durch den Umgang mit unsern Seeleuten vielleicht noch etwas mehr, als sonst, zur Sinnlichkeit gestimmt, mußte ihm die Gelegenheit, sich auch hierinnen einmal ein gewisses Genuͤge zu thun, natuͤrlicher Weise sehr will- kommen seyn. Er hatte also von allen Seiten Ursach, sichs auf dieser rei- zenden Insel ganz wohl gefallen, und durch den Umgang mit seinen schoͤnen Landsmaͤnninnen sich fesseln zu lassen. Ueberdem konnte in einem so war- men Clima das Schiff freylich kein angenehmes Nachtquartier fuͤr ihn seyn; warum haͤtte er sich in eine enge, vielleicht auch uͤbel riechende Cajuͤtte ein- sperren sollen, da er am Lande die reinste Luft, den Wohlgeruch der Blu- men einathmen konnte, und uͤberdies von dem sanften Abendwinde die an- genehmste Kuͤhlung zu gewarten hatte? — — So gluͤcklich aber auch, in Ruͤcksicht auf diese Umstaͤnde, Maheinens Loos, am Lande seyn mog- te, so gab es doch auch an Bord , Leute, die sich in ihrer Lage fuͤr recht beneidenswerth hielten! Gleich am ersten Abend kamen nemlich unterschied- liche Frauenspersonen aufs Schiff, mit welchen die ganze Nacht hindurch, alle moͤgliche Ausschweiffungen getrieben wurden. Ich habe schon bey einer andern Gelegenheit angemerkt, daß die hiesigen liederlichen Weibspersonen von der gemeinsten oder niedrigsten Classe sind; das bestaͤtigte sich jetzt noch augenscheinlicher, weil diese Personen gerade dieselbigen waren, die sich be- reits bey unserm ersten Aufenthalt zu Tahiti , in so ausgelassene Sittenlo- sigkeiten, mit unsern Seeleuten einliessen. Dies beweiset meines Er- achtens offenbar, daß die H. … hier zu Lande ebenfalls eine beson- dere Classe ausmachen. Sie ist jedoch bey weitem so zahlreich, und das Sittenverderben lange so allgemein nicht, als unsre Vorgaͤnger solches viel- leicht zu verstehen geben. Mich duͤnkt, sie haben dabey zu wenig auf Ort Forster’s Reise u. d. W. zweyter Th. F Forster’s Reise um die Welt 1774. April. und Umstaͤnde, Ruͤcksicht genommen. Es wuͤrde abgeschmackt seyn, wenn etwa O-Mai seinen Landsleuten erzaͤhlen wollte: in England wisse man we- nig oder nichts von Zucht und Ehrbarkeit, weil er dergleichen unter den gefaͤlligen Nymphen in Covent-Garden, Drurylane und im Strande nicht angetroffen. Den Tag nach unsrer Ankunft hatten wir uͤberaus trefliches Wetter. Es kamen daher viele von den Eingebohrnen zu uns an Bord. Ich fuhr ans Land und versuchte es nach den Zelten zu gehen, war aber kaum 50 Schritte fortgekrochen, als ich umkehren und mich niedersetzen mußte, um nicht ohnmaͤchtig zu werden. An dem Ort, wo ich saß, brachte man unter an- dern auch Aepfel zum Verkauf: diese sahen so reizend aus, daß ich, dem aus- druͤcklichen Verbot meines Arztes zuwider, es auf die Gefahr ankommen ließ, und einen zu mir nahm. Hierauf gieng ich wieder an Bord. Waͤhrend dieser Zeit hatten unsre Leute, gegen Naͤgel, Messer und andere Kleinigkeiten, funfzig Stuͤck große Bonniten, imgleichen eine Menge von Fruͤchten eingetauscht, so daß recht reich- liche Portionen davon, unter die Mannschaft ausgetheilt werden konnten. Einem von unsern Tahitischen Gaͤsten war mittlerweile die Lust angekommen, etliche Naͤgel vom Schiffe zu stehlen. Diesen fand ich bey meiner Zuruͤckkunft in Ketten; weil aber viele angesehene Personen Fuͤrbitten fuͤr ihn einlegten, und eine ziemlich betraͤchtliche Anzahl Bonniten zu geben versprachen, wenn man ihn loslassen wollte, so wurde er bald wieder in Freyheit gesetzt, jedoch mit der Verwarnung, daß er sich inskuͤnftige, fuͤr dergleichen Diebereyen, in Acht nehmen moͤgte. Das liederliche Gesindel, welches die vorige Nacht am Bord zugebracht hatte, war diesen Abend zeitig wieder da, und hatte noch so viel andere von eben dem Gelichter mit sich gebracht, daß jeder Matrose seine eigne Dirne haben konnte. Das war ihnen eben recht; sie hatten gerade heut das St. Georgen- Fest, nach altem Brauch gefeyert, das heißt, dem Schutzheiligen ihres Landes zu Ehren, sich tapfer bezecht. Nach Endigung der Bachanalien brachten sie nun noch die ganze, schoͤne, mondenhelle Nacht im Dienst Cytherens hin! Dr. Sparrmann und mein Vater kamen erst nach Sonnen-Untergang vom Lande an Bord zuruͤck. Sie waren uͤber One-Tree-hill nach Parre gegangen, hatten daselbst Tutahah’s Mutter, nebst Happai , des Koͤniges Vater, angetroffen und beyde mit einigen Geschenken bewillkommt. Einer in den Jahren 1772 bis 1775. von den Eingebohrnen, der sie von dort aus begleitete, leistete ihnen, vornemlich 1774. April. dadurch manchen sehr guten Dienst, daß er weit in einen Teich hinein schwamm, auf welchem sie einige wilde Endten geschossen hatten. Er lud sie auch nach seiner Wohnung ein, die wohl 10 Meilen westwaͤrts von Point Venus ent- fernt war. Daselbst bewirthete er sie mit einer guten Mahlzeit von Fruͤchten, und unter andern, mit einem vortreflichen Pudding, der von geschabten Cocos-Nuß- Kernen und Pfeilwurzeln ( arum esculentum ) gemacht war, versorgte sie auch reichlich mit Cocos-Nuͤssen. Die Baͤume um seine Huͤtte, lieferten ihm diese Frucht, ihrer Erzaͤhlung nach, in großer Menge. Nach dem Essen beschenkte er sie noch mit einer wohlriechend gemachten Kleidung, vom feinsten Zeuge, und auf dem Ruͤckwege trug er ihnen eine große Tracht von Fruͤchten nach, die bey der Mahlzeit nicht waren verzehrt worden. Unterwegens fanden sie die beyden Ziegen, die Capitain Fourneaux dem Koͤnige geschenkt hatte, ohnweit dem Hause ihres hohen Eigenthuͤmers. Sie hatten seit unsrer Abwesenheit ein feines, sanftes, seidenartiges Haar bekommen, auch hatte die Ziege bereits zween Junge ge- worfen, die beynahe voͤllig ausgewachsen, eben so gut bey Leibe und so mun- ter waren, als die beyden Alten. Wenn die Einwohner noch eine Zeitlang fortfahren, diese Thiere so sorgfaͤltig zu warten; so werden sie solche bald koͤnnen wild gehen lassen, und denn haben sie, von der schnellen Vermehrung derselben, einen neuen Artikel des Unterhalts zu gewarten, der ihnen ohne Zweifel sehr will- kommen seyn wird. Der gastfreye Begleiter meines Vaters kam mit an Bord, schlief die Nacht bey uns, und gieng am folgenden Morgen, hoͤchst vergnuͤgt uͤber einige Messer, Naͤgel und Corallen, die er zum Gegengeschenk bekom- men hatte, wieder nach Hause. Des folgenden Morgens, den 24sten, fand ich mich, durch den verbo- tenen Apfel den ich den Tag vorher genossen hatte, ganz außerordentlich erquickt, und Capitain Cook , der noch immer einige Zeichen seiner Gallenkrankheit an sich warnahm, hatte gleiche Wuͤrkung von dieser herrlichen Frucht gespuͤrt. Wir fuhren also fort, uns nach unserm Appetit, von Zeit zu Zeit, damit zu la- ben und empfohlen sie allen aͤhnlichen Patienten. Unsere Besserung wurde da- durch uͤber alle Erwartung beschleunigt, und in wenig Tagen war die ganze F 2 Forster’s Reise um die Welt 1774 April. Krankheit, bis auf eine geringe Schwaͤche gehoben, die in dergleichen Faͤllen gemeiniglich noch eine Zeitlang zuruͤckzubleiben pflegt. Um Mittag aus besuchte uns, ohnerachtet es kaum aufgehoͤrt hatte zu regnen, der Koͤnig Tu mit seiner Schwester Taurai und mit seinem Bruder. Sie brachten dem Capitain Cook etliche Schweine zum Geschenk, und der Koͤ- nig schien jetzt bey weitem nicht mehr so mißtrauisch und so schuͤchtern als ehemals zu seyn. Man belohnte seine Freygebigkeit durch ein Paar Beile; allein, es mußte ihm und seiner Gesellschaft wohl hauptsaͤchlich um rothe Papagayen-Fe- den zu thun seyn, denn nach diesen fragten sie, unter der Beneunung Ura , sehr eifrig. Ohne Zweifel hatten Maheinens Erzaͤhlungen und die Geschenke von dergleichen Federn, die er hier bereits ausgetheilt, dem Koͤnige Anlaß gegeben, sich bey uns darnach zu erkundigen. Wir suchten also den ganzen Vorrath von Merkwuͤrdigkeiten, den wir von den freundschaftlichen Inseln mitgebracht hatten, durch, und fanden darunter eine Menge solcher Federn. Indessen hiel- ten wir nicht fuͤr rathsam, sie ihnen alle auf einmal sehen zu lassen, sondern es ward dem Koͤnige und seiner Schwester nur ein Theil dieser Kostbarkeiten gezeigt, deren Anblick jedoch schon hinreichend war, sie in frohes Erstaunen zu setzen. Ich habe weiter oben, als ich des Einkaufs dieser Federn erwaͤhnte, an- gemerkt, daß einige davon auf Maulbeerzeug geheftet, andre aber auf Sternen von Cocosfasern befestigt waren. Von dem damit ausstafierten Zeuge, bekamen unsre hohen Gaͤste ein Stuͤckchen, nicht viel uͤber zween Finger breit, und von den Sternen ebenfalls nur einen oder zween. So klein auch diese Portion war, so schienen sie doch kaum so viel erwartet zu haben, und giengen sehr vergnuͤgt da- mit fort. Man braucht diese Art Federn, hier zu Lande, vornemlich zu Aus- schmuͤckung der Kriegskleider, und wer weiß bey wie viel andern feyerlichen Gelegenheiten sie ebenfalls sonst noch Dienste leisten muͤssen. Der ungemein hohe Werth aber, den man darauf setzt, beweiset sattsam, wie hoch unter diesem Volke der Luxus schon gestiegen ist. Am folgenden Tage besuchten uns unterschiedliche Befehlshaber der In- sel, unter andern auch unser alter Freund Potatau , nebst seinen zwoen Gemah- linnen Whainiau und Polatehera . Auch diese mußten schon von unserm in den Jahren 1772 bis 1775. großen Reichthum an rothen Federn gehoͤrt haben, denn sie brachten eine Menge 1774. April. Schweine mit sich, und vertauschten solche mit großer Begierde gegen die kleinsten Laͤppchen mehrbemeldeten Federzeuges. Es war ganz auffallend, wie sich die Umstaͤnde der Einwohner, seit unsrer achtmonatlichen Abwesenheit, verbessert hat- ten. Das erstemal konnten wir mit genauer Noth, nur einige wenige Schweine von ihnen bekommen, und mußtens als eine ganz besondre Gefaͤlligkeit anse- hen, wenn uns der Koͤnig und etwa noch einer oder der andere von den Vorneh- mern der Insel, eins dieser Thiere zukommen ließ; diesmal aber waren unsere Verdecke so voll davon, daß wir uns genoͤthiget sahen, einen eignen Stall zu ih- rer Beherbergung am Lande zu erbauen. Solchergestalt hatten sich die Leute von ihrem letzten ungluͤcklichen Kriege mit der andern Halb-Insel, dessen trau- rige Folgen sie bey unsrer ersten Anwesenheit, im August 1773, noch sehr druͤckend zu empfinden schienen, jetzt ohne Zweifel schon voͤllig wiederum erhohlt. Regen und Ungewitter hielten diesen ganzen Vormittag uͤber an, und die Blitze waren so heftig, daß wir, Sicherheitswegen, eine kupferne Kette an die Spitze des mitleren Mastes befestigen und zum Schiff hinaus haͤngen ließen. Das untere Ende verwickelte sich ins Tauwerk, und kaum hatte es der Matrose losgemacht und uͤber Bord herunter geworfen, als ein erschrecklicher Blitz aus- brach, der an der ganzen Kette sichtbar hinab lief, und unmittelbar von einem fuͤrchterlichen Donnerschlage begleitet wurde. Das ganze Schiff erbebte davon dermaaßen, daß nicht nur alle am Bord befindlichen Tahitier, sondern auch wir andern, aͤußerst erschracken. Der Blitz hatte jedoch nicht den geringsten Schaden gethan, und das uͤberzeugte uns nun zum andernmal von dem großen Nutzen der electrischen Kette, davon Capitain Cook , als er in dem Schiffe Endeav o ur zu Batavia vor Anker lag, bereits ein aͤhnliches Beyspiel erlebt hatte. S. Hawkesworths Samml. der engl. See-Reisen, in 4. Th. III. Seite 321. Der Regen sieng erst gegen Abend an, etwas nachzulassen; doch kamen von Zeit zu Zeit noch einige Guͤsse; den andern Morgen aber, hatte es ganz auf- gehoͤrt. Die erste Nachricht, welche wir heute von unserer am Lande campiren- den Mannschaft erhielten, lautete dahin, daß verschiedene Camisoͤler und einige F 3 Forster’s Reise um die Welt 1774. April wollene Bettdecken, die dem Capitain zugehoͤrten, und gewaschen werden sollten, aus den Zelten gestohlen waͤren. Der Capitain fuhr also gegen zehn Uhr ans Land, um dem Koͤnige seinen Besuch abzustatten, und ihn, zu Wiedererlangung des Entwendeten, um seine Vermittlung anzusprechen. Dr. Sparrmann , mein Vater, nebst noch einigen andern Herren, begleiteten ihn, und ich meines Theils, war auch wieder so weit hergestellt, daß ich mit von der Gesellschaft seyn konnte. Bey unsrer Ankunft auf der Kuͤste von O-Parre , wurden wir durch einen Anblick uͤberrascht, den in der Suͤd-See gewiß niemand von uns erwar- tet hatte. Laͤngst dem Ufer lag nemlich eine zahlreiche Flotte von großen Krie- ges-Canots vor Anker, mit Ruderern und Streitern bemannet, die in ihrer voͤlligen Ruͤstung mit Brustschilden und hohen Helmen versehen waren. Der ganze Strand wimmelte von Menschen, doch herrschte unter der ganzen Menge ein allgemeines, feyerliches Stillschweigen. Wir hatten kaum das Ufer erreicht, als uns einer von des Koͤnigs Vettern, Namens Tih , entgegen kam, um den Capitain mit sich ins Land hinauf zu nehmen. Aber in demselben Au- genblick trat auch der Oberbefehlshaber der Flotte ans Ufer und eilte, uns aufs hoͤflichste zu bewillkommen. Bey seiner Annaͤherung rief das gemeine Volk aus, Tohah koͤmmt! und machte ihm mit einer Ehrfurcht, die uns in Ver- wundrung setzte, Platz. Er gieng gerade auf den Capitain Cook zu, gab ihm die Hand, nannte ihn seinen Freund! und bat, daß er in sein Canot treten moͤg- te. Mit diesem Antrag aber schien Tih nicht so ganz zufrieden, sondern viel- mehr in Verlegenheit zu seyn, daß Capitain Cook ihn verlassen und dagegen mit Tohah gehen wollte. Unterdessen waren wir bis an das Canot des Admirals ge- kommen, und der Capitain war fast im Begriff hineinzusteigen, als er sich eines andern besann und die Einladung ablehnte. Tohah , der sich dadurch beleidi- get fand, verließ uns darauf mit offenbarem Kaltsinn und stieg allein in sein Canot; wir aber, ohne uns weiter um ihn zu bekuͤmmern, nahmen die Schiffe, die in gerader Linie, und alle mit dem Vordertheil gegen das Land gekehrt lagen, eins nach dem andern, in naͤheren Augenschein. Der Anblick dieser Flotte setzte uns mit Recht in Erstaunen, weil er in der That alles, was wir uns bisher von der Macht und dem Reichthum dieser Insel vorgestellt hatten, bey weitem uͤbertraf. Es waren nicht weniger als hundert und neun und funfzig große, doppelte Kriegs- in den Jahren 1772 bis 1775. Canots, von 50 bis 90 Fuß lang, hier beysammen. Wenn man be- 1774. April. denkt, mit was vor unvollkommenem Handwerkszeuge die Leute hier zu Lande, versehen sind, so kann man sich uͤber die Geduld, womit sie an Ver- fertigung dieser Schiffe muͤssen gearbeitet haben, nicht genug verwundern. Denn um erstlich, die dazu erforderlichen Baͤume zu faͤllen, Planken daraus zu schneiden, diese dann glatt und eben zu machen, sie aneinander zu fuͤgen, und endlich in die Form großer und lastbarer Schiffe zusammen zu setzen, dazu haben sie weiter nichts, als ein Beil und einen Meißel von Stein, ein Stuͤck- chen Coralle und etwas scharfes Rochenfell, welches letztere sie vornemlich zur Abglaͤttung oder Abhoblung der Oberflaͤche gebrauchen. Alle ihre Canots sind doppelt, oder je zwey und zwey, durch funfzehn bis achtzehn starke Queer- balken, neben einander befestigt. Die Queerbalken liegen gemeiniglich viertehalb Fuß weit einer von dem andern, und sind von 12 bis 24 Fuß lang. Im letztern Fall ragen sie weit uͤber die beyden Schiffsseiten weg, und machen als- denn, vermoͤge ihrer betraͤchtlichen Laͤnge, uͤber das ganze Fahrzeug eine Art von Verdeck aus, das oft 50 bis 70 Fuß lang ist. Damit aber diese Menge von Queerbalken unter einander eine Art von Haͤltniß habe; so befestigen sie, an den Außenseiten, desgleichen in der Mitte, zwischen beyden zusammenge- fuͤgten Canots, zwey bis drey Sparren, der Laͤnge nach daruͤber her. Vor- der- und Hintertheile stehen etliche Fuß hoch uͤber dem Wasser, und das Hintertheil zuweilen wohl zwanzig Fuß. Letzteres hat die Gestalt eines krumm gebogenen Vogelschnabels, und pflegt auf unterschiedliche Art ausge- schnitzt zu seyn. An den doppelten Canots war, zwischen den beyden hohen Hintertheilen, gemeiniglich ein Stuͤck weisses Zeug, statt eines Wimpels, ausge- spannt, welches der Wind oft als ein Seegel aufblies. Einige fuͤhrten gestreifte Wimpel mit rothen Feldern, und diese dienten, wie wir nachmals er- fuhren, den einzelnen Divisionen in welche die Flotte eingetheilt ist, zu Un- terscheidungs-Zeichen. Oben auf dem schnabelfoͤrmigen Hintertheil stand ein hoher Pfosten von geschnitzter Arbeit aufgerichtet, dessen aͤußerstes Ende eine kruͤppliche Menschen-Figur vorstellte, deren Gesicht gemeiniglich durch einen Bretter-Rand, als mit einem niedergeklapten Hut, bedeckt, zuweilen auch wohl mit Oker-Erde roth angestrichen war. Die Pfosten oder Pfeiler waren ge- Forster’s Reise um die Welt 1774. April. meiniglich mit schwarzen Federbuͤschen ausgeziert und lange Streifen von aufgereiheten Federn hingen von selbigen herunter. Der niedrigste Bord der Canots, das ist, die Mitte der aͤußeren Seitenwaͤnde, ( gunwale ) stand etwa zween bis drey Fuß uͤber Wasser; allein sie waren nicht immer auf glei- che Weise gebauet; denn einige hatten platte Boͤden mit senkrecht darauf emporstehenden Seiten; andre hingegen waren gewoͤlbt und hatten einen schar- fen Kiel, wie in dem Profil in Capitain Cooks ersten Reise zu sehen ist. S. Hawkesworths Geschichte der engl. Seereisen in 4. Theil II. Seite 220. Gegen das Vordertheil des Canots waren, fuͤr die Kriegesleute, auf vier bis sechs Fuß hohen und gemeiniglich mit Schnitzwerk gezierten Pfosten, Geruͤste aufgerichtet. Diese pflegten ziemlich weit uͤber das ganze Canot hinaus zu ragen, indem sie zwanzig bis vier und zwanzig Fuß lang, und ohngefaͤhr acht bis zehn Fuß breit waren. Unter diesem Geruͤst befand sich jenes platte Verdeck, das vorbeschriebener maaßen aus Querbalken und langen Sparren bestand; da nun diese creutzweise uͤber einander gelegt waren, so entstanden uͤberall vier- eckige Zwischenraͤume, und in diesen saßen die Ruderer. Die Canots welche achtzehn Queerbalken und drey lange Seitensparren, nebst einem dergleichen Sparren in der Mitte hatten, fuͤhrten solchergestalt nicht weniger, als einhundert vier und vierzig Ruderer, außer acht Steuerleuten, davon viere in jedem Hin- tertheile standen. Von dieser Bau-Art und Beschaffenheit aber waren die wenigsten der hier versammleten Canots; denn der groͤßte Theil hatte keine uͤberragende Platteformen und alsdenn saßen die Ruderer unmittelbar in der Vertieffung des Schiffsbauches. Die Streiter hatten ihren Stand auf dem Geruͤste, und es mogten deren in jedem Fahrzeuge ohngefaͤhr funfzehn bis zwanzig Mann seyn. Ihre Kleidung war sonderbar, und machte bey diesem Schauspiel das mehreste Gepraͤnge. Sie hatten drey große Stuͤcken Zeug, vermittelst eines Lochs, das in die Mitte eingeschnitten war um den Kopf hin- durchzustecken, angezogen. Das unterste und laͤngste war weiß, das zweyte roth, das oberste und kuͤrzeste, braun. Ihre Brustschilder waren von geflochtner Arbeit, mit Federn und Hayfisch-Zaͤhnen zierlich besetzt. Fast keine einzigen Krie- ger sahe man ohne dergleichen Brustschild; mit Helmen aber waren nur sehr we- nige in den Jahren 1772 bis 1775. einige versehen. Diese Helme sind von außerordentlicher Groͤße. Sie haben 1774. April. nemlich beynahe fuͤnf Fuß in der Hoͤhe, und bestehen aus einem langen, walzen- foͤrmigen Korbe, dessen Vorderseite durch ein Schild von dichterm Flechtwerk verstaͤrkt ist. Dieser Schild, oder diese Vorderplatte, die gegen das obere Ende des Helms breiter wird, und etwas gekruͤmmt vorne uͤberhaͤngt, ist ganz dicht mit glaͤnzenden, blaugruͤnen Tauben-Federn besetzt, und diese sind mit weißen Federn eingefaßt. Vom Raude aus verbreitete sich rund umher, strahlenweise, eine Menge langer Schwanzfedern vom Tropischen Vogel , so daß es von fern aussahe, als ob eine Licht-Glorie, dergleichen unsre Mahler den Engel- oder Heiligen-Koͤpfen zu geben pflegen, um das Haupt der Krieger herstrahlte. Damit diese hohe schwerfaͤllige Maschine den Kopf nicht druͤcken und doch fest- sitzen moͤgte; so ward ein großer Turban von Zeug darunter getragen. Weil aber ein solcher Aufsatz nicht zur Vertheidigung, sondern blos zum Staat die- net, so pflegten ihn die Kriegesleute mehrentheils abzunehmen und neben sich auf die platten Verdecke hinzusetzen. Die vornehmsten Befehlshaber trugen noch ein anderes Unterscheidungs-Zeichen, das mit den Roßschweiffen der Tuͤrkischen Baschahs einige Aehnlichkeit hatte. Es bestand nemlich aus lan- gen runden Schwaͤnzen, die von gruͤnen und gelben Federn verfertigt waren, und auf dem Ruͤcken herunter hiengen. Tohah , der Admiral, hatte auf dem Hintertheil seiner Kleidung fuͤnf solcher Federschwaͤnze, an deren unterm Ende noch uͤberdies einige Schnuͤre von Cocos-Fasern mit einzelnen rothen Feder-Puͤ- scheln befestiget waren. Er trug keinen Helm, sondern statt dessen einen schoͤnen Turban, der ihm sehr wohl kleidete. Dem Ansehen nach schien er ein Mann von sechzig Jahren zu seyn, war aber noch sehr munter, dabey sehr groß, und hatte in seinem ganzen Bezeigen etwas ungemein gefaͤlliges und edles. Bishero hatten wir die Flotte nur vom Lande aus betrachtet, um sie aber auch von der See-Seite in Augenschein zu nehmen, setzten wir uns in unser Boot und ruderten, unter den Hintertheilen der Canots, laͤngs der ganzen Linie hin. In jedem Canot sahen wir große Buͤndel von Speeren und lange Keulen, oder Streit-Aexte, die gegen die Platteformen angelehnt waren; auch hielt jeder Krie- ger eine Keule oder ein Speer in der Hand. Außerdem lag in jedem Fahrzeug noch ein Haufen von großen Steinen; dies ist die einzige Art Waffen, mit wel- Forster’s Reise u. d. W. zweyter Th. G Forster’s Reise um die Welt 1774. April. chen sie ihren Feind in der Ferne zu erreichen wissen. Naͤchst den hundert und neun und funfzig doppelten Krieges-Canots zaͤhlten wir, ausserhalb der Linie, noch siebenzig kleinere, die auch mehrentheils doppelt und mit einem Dach auf dem Hintertheil versehen waren, theils um den Befehlshabern zum Nachtlager, theils aber auch, um als Proviant-Schiffe zu dienen. Noch andre lagen vol- ler Pisang-Blaͤtter , und nach der Aussage der Insulaner waren diese fuͤr die Todten bestimmt. Sie nannten dieselben E-wa-no t’ Eatua , d. i. Canots der Gottheit . Die große Menge der hier versammleten Leute war ungleich mehr zu bewundern, als die Pracht des Aufzuges. Nach einem sehr maͤßigen Anschlage mußte die Bemannung der Flotte, wenigstens aus funfzehnhundert Kriegern und viertausend Ruderern bestehen, diejenigen ungerechnet, welche sich in den Proviant-Booten und am Strande befanden. Wir haͤtten die Absicht einer so großen Zuruͤstung gern wißen moͤgen, konnten aber vor der Hand nichts davon erfahren. Da der Koͤnig den Distrikt O-Parre verlassen und nach Matavai-Bay gegangen war; so kehrten wir, ohne ihn gesprochen zu haben, gegen Mittag an Bord zuruͤck. Hier fanden wir viel Befehlshaber, unter andern auch Potatau , der mit uns speißte und uͤber Tische erzaͤhlte: die ganze Ruͤstung sey auf die Insel Eimeo gemuͤnzt, de- ren Befehlshaber ein Vasal von O-Tuh sey, aber sich empoͤrt habe. Zugleich hoͤrten wir, zu unserer noch groͤßern Verwunderung, die Flotte, die wir gesehen, sey bloß das Contingent des Districts Atahuru , und alle uͤbrigen Districte, koͤnnten, nach Maaßgabe ihrer Groͤße, eine verhaͤltnißmaͤßige Anzahl von Schif- fen in See stellen. Dies gab uns uͤber die wahre Volksmenge der Insel einen neuen Aufschluß, und uͤberzeugte uns augenscheinlich, daß sie ungleich ansehnlicher sey, als wir bisher geglaubet hatten. Nach dem maͤßigsten Anschlage muͤssen auf den beyden Halb-Inseln von Tahiti ein hundert und zwanzig tausend Menschen wohnen. Auch dieser Anschlag ist immer noch zu gering. Wir sahen nemlich in der Folge, daß die Flotte des kleinsten Districts aus nicht weniger denn vier und vierzig Kriegs-Canots, nebst zwanzig bis fuͤnf und zwanzig kleinern Fahrzeugen bestand, mithin mußte das Contingent des Districts Atahuru , welches wir bey obiger Berechnung zum Grunde gelegt hatten, nicht vollzaͤhlig gewesen seyn. in den Jahren 1772 bis 1775. Beyde Halb-Inseln sind in drey und vierzig Districte eingetheilt. Wir 1774. April. nahmen im Durchschnitt an, daß jeder District zwanzig Krieges-Canots ausruͤsten koͤnne, und daß jedes nur mit 35 Mann besetzt sey. Die Bemannung der ganzen Flotte, die dazu gehoͤrenden Boote nicht mitgerechnet, wuͤrde folglich nicht we- niger als 30,000 Mann betragen; und diese lassen sich fuͤr den vierten Theil der ganzen Nation annehmen. Vorstehende Berechnung ist in aller Absicht sehr ge- ring, denn ich setze dabey Voraus, daß es außer jenen 30,000 Maͤnnern gar keine andre wehrhafte Leute auf der Insel gebe, welches doch nicht wahrscheinlich ist; andrer Seits schlage ich das Verhaͤltniß der Wehrhaften gegen die Unwehr- haften, nur wie eins zu vier an, da gleichwohl, in allen europaͤischen Laͤndern die Zahl der letzteren, gegen jene gerechnet, weit betraͤchtlicher ist. Capitain Cook gieng des Nachmittages abermals mit uns nach O-Parre : Die Flotte war aber schon abgefahren und die Canots hatten sich zerstreuet; da- gegen trafen wir den Koͤnig O-Tu an und wurden sehr wohl von ihm aufgenom- men. Er fuͤhrte uns nach einigen seiner Haͤuser, dahin der Weg durch eine Landschaft gieng, die uͤberall einem Garten aͤhnlich sahe. Schattige Fruchtbaͤume, wohlriechendes bluͤhendes Buschwerk und Baͤche, deren jeder ein Crystallspie- gel zu seyn schien, wechselten in dieser angenehmen Gegend mit einander ab. Die Haͤuser waren alle in der besten Ordnung. Einige hatten Seitenwaͤnde von Rohr; andre waren, gleich den Wohnungen des gemeinen Mannes, rund herum offen. Wir brachten einige Stunden in des Koͤnigs Gesellschaft zu, und seine Verwandten und vornehmsten Bedienten thaten alles Moͤgliche, uns ihre Freundschaft zu bezeigen. Obgleich die Unterredung noch nicht viel Zusammenhang hatte, ward sie doch sehr lebhaft unterhalten; vornemlich lach- ten und plauderten die Damen mit ausnehmend guter Laune. Oft neckten und unterhielten sie sich mit Wortspielen; zuweilen mit wirklich witzigen und drolligen Einfaͤllen. Unter diesem Zeitvertreibe verstrich der Nachmittag so unvermerkt, daß wir erst bey Untergang der Sonne an Bord zuruͤckkehrten. Diesmal hatten nun auch wir etwas von der eigenthuͤmlichen Gluͤckseligkeit genossen, welche die Natur den Bewohnern dieser Insel hat zu Theil werden lassen. Der ruhige vergnuͤgte Zustand dieser guten Leute, ihre einfache Lebensart, die Schoͤnheit der Landschaft, das vortrefliche Clima, die Menge gesunder wohlschmeckender G 2 Forster’s Reise um die Welt 1774. April. Fruͤchte — alles war bezaubernd und erfuͤllte uns mit theilnehmender Freude. Und wie suͤß ist nicht das Vergnuͤgen, das ein Mensch von unverdorbnem Her- zen bey dem Gluͤck seines Nebenmenschen fuͤhlt! Es ist ohnfehlbar eine der schoͤnsten Empfindungen, welche uns vor andern Geschoͤpfen adelt. Am folgenden Morgen statteten der Capitain und mein Vater, dem Koͤnige O-Tu , zu Parre , abermals einen Besuch ab. Sie fanden Tohah , den Ad- miral der Flotte, bey ihm, und der Koͤnig uͤbernahm es selbst, sie mit einander bekannt zu machen. Der Capitain lud sie ein, zu ihm an Bord zu kommen, und das thaten sie auch noch desselben Vormittages. Sowohl uͤber, als unter dem Ver- deck wurden alle Winkel des Schiffs besichtigt, hauptsaͤchlich dem Admiral Tohah zu gefallen, weil dieser noch nie auf einem europaͤischen Schiffe gewesen war. Er betrachtete die Menge neuer Gegenstaͤnde, besonders die Staͤrke und Groͤße der inneren Balken, der Maste und der Taue, mit mehr Aufmerksamkeit als bis da- hin andre Tahitier gethan hatten. Unser Takelwerk gefiel ihm so ausnehmend, daß er sich verschiedne Artikel, als Taue und Anker, ausbat. Er war jetzt um nichts besser als andre Bewohner dieser gluͤcklichen Insel gekleidet, und gieng, der Anwesenheit des Koͤnigs wegen, bis auf die Huͤften nackt. Sein Ansehen war in dieser Absicht vom gestrigen so sehr verschieden, daß ich Muͤhe hatte, ihn wieder zu kennen. Er kam mir heute sehr dickbaͤuchicht vor, welches ich gestern unter dem weiten und langen Krieges-Kleide, nicht wahrgenommen hatte. Sein Haar war silbergrau, und in seinen Minen fand ich etwas der- maaßen Gefaͤlliges und Gutherziges, als ich noch nirgends auf diesen Inseln an- getroffen hatte. Der Koͤnig sowohl als sein Admiral blieben bey uns zu Mit- tage, und aßen, von allem was ihnen vorgesetzt ward, mit herzlichem Appetite. O-Tu war nicht mehr der schuͤchterne, mistrauische Mann, der er sonst gewe- sen. Er schien bey uns zu Hause zu seyn, und machte sich ein Vergnuͤgen dar- aus, Tohah in unsern Gebraͤuchen Unterricht zu geben. Er zeigte ihm, wie er Salz zum Fleische nehmen und Wein trinken muͤsse, trug auch kein Be- denken, ihm zum Exempel ein Glas voll auszuleeren, und scherzte sehr lebhaft mit seinem Admiral, den er gern uͤberredet haͤtte, den rothen Wein fuͤr Blut anzusehn. Tohah kostete von unserm Grog , (einem Gemische von Branndtwein und Wasser,) verlangte aber bald Brandtewein allein zu haben, den er E-Wai no in den Jahren 1772 bis 1775. Bretanni , d. i. brittisches Wasser nannte, und davon er ein Glaͤschen voll her- 1774. April. unterschluckte, ohne eine Mine zu verziehen. Er sowohl als Se. Tahitische Maje- staͤt waren außerordentlich lustig und schienen an unsrer Art zu leben und zu ko- chen viel Geschmack zu finden. Sie erzaͤhlten, ihre Flotte sey gegen die Rebel- len auf Eimeo , oder York-Eyland , und den Befehlshaber derselben Te-Eri- Tabonui bestimmt; und der erste Angrif sollte auf dem District Morea vor sich gehen. Zum Spas erbot sich Capitain Cook , sie mit seinem Schiffe zu beglei- ten und die Landung durch Kanonen-Feuer zu unterstuͤtzen. Anfaͤnglich lachten sie daruͤber und waren es zufrieden. Gleich nachher aber sprachen sie unter sich, spannten andre Saiten auf, und sagten: sie koͤnnten von unsrer Huͤlfe keinen Gebrauch machen, indem sie gesonnen waͤren, erst fuͤnf Tage nach un- srer Abreise auf Eimeo loszugehen. Ohnerachtet dies wohl nicht die wahre Ursach seyn mogte, warum sie unser Anerbieten ablehnten; so war es doch ihren Verhaͤltnissen nach, allerdings der Klugheit sehr gemaͤß. Unsere allzu- große Uebermacht mußte hier zu Lande selbst unsern Bundesgenossen bedenklich seyn; auch wuͤrde es den Einwohnern von Eimeo ein gar zu wichtiges Ansehn ge- geben haben, wenn man sich unsrer unuͤberwindlichen Vierpfuͤnder gegen sie bedient haͤtte! Die Ueberwundnen wuͤrden ihre Niederlage lediglich unserm Geschuͤtze zugeschrieben, die Sieger hingegen, wuͤrden gleich nach unsrer Entfernung, viel von dem Ansehn verlohren haben, dessen sie zuvor genossen, und die daraus entstehende Verachtung haͤtte ihnen in der Folge noch nachtheiliger werden koͤnnen. Mein Vater und Dr. Sparrmann , giengen am folgenden Nachmit- tage, in Begleitung eines Matrosen und eines Seesoldaten, ans Land, um die Berge hinauf zu steigen. Die Zufuhr an Lebensmitteln und andern Handlungs- Artickeln war seit einigen Tagen sehr betraͤchtlich. Das Schiff war bestaͤndig mit Canots umringt, in welchen die Befehlshaber der benachbarten Districte, ihre Schweine und andere schaͤtzbare Sachen selbst zu Markt brachten, um rothe Fe- dern dagegen einzutauschen, die bey ihnen in so hohem Werthe standen. Eben diese Federn brachten in den Verbindungen der Frauensleute mit unsern Matro- sen eine große Veraͤnderung zu Wege. Gluͤcklich war derjenige, der von dieser kostbaren Waare auf den freundschaftlichen Inseln Vorrath gesammlet hatte. Ihn allein umringten die Maͤdchen, nur er allein, hatte unter den Schoͤnsten G 3 Forster’s Reise um die Welt 1774. April. die Wahl. Wie allgemein und unwiderstehlich unter diesem Volke das Ver- langen nach rothen Federn seyn mußte; davon erlebten wir heut einen sehr uͤber- zeugenden Beweis. Ich habe im ersten Theile dieser Reise schon angemerkt, daß die Weiber der Vornehmen nie Besuch von Europaͤern annahmen; und daß, bey aller Freyheit die den unverheiratheten Maͤdchen gestattet wurde, die Ver- heiratheten dennoch sich immer rein und unbefleckt erhielten. Allein die Begierde nach rothen Federn warf auch diesen Unterschied uͤbern Haufen. Ein Befehls- haber ließ sich durch sie verleiten, dem Capitain Cook seine Frau anzubieten, und die Dame wandte auf ihres Mannes Geheiß, alles moͤgliche an, um den Capitain in Versuchung zu fuͤhren. Sie wußte ihre Reize unvermerkt so kuͤnst- lich sichtbar und geltend zu machen, daß manche europaͤische Dame von Stande sie darinn nicht haͤtte uͤbertreffen koͤnnen. Es that mir fuͤr die Ehre der Menschheit leid, daß ich einen solchen Antrag von einem Manne hoͤren mußte, dessen Character sich sonst in allen Stuͤcken so untadelhaft gezeigt hatte. Pota- tau war es, der sich von seiner gewoͤtznlichen Hoͤhe so sehr erniedrigen konnte. Wir verwiesen ihm seine Schwachheit, und bezeugten unsern Unwillen daruͤber. Es war fuͤr ein Gluͤck anzusehen, daß die Matrosen schon eine große Menge ro- ther Federn auf den Marquesas gegen andre Merkwuͤrdigkeiten vertauscht hat- ten, ehe sie wußten, in wie hohem Werthe dieselben auf Tahiti staͤnden; denn, waͤren alle diese Reichthuͤmer auf einmal hiehergekommen, so wuͤrden die Lebens- mittel ohne Zweifel so hoch im Preise gestiegen seyn, daß wir diesmal vielleicht uͤbler, als bey unserm ersten Aufenthalt daran gewesen waͤren. Die kleinste Fe- der ward weit hoͤher geachtet, als eine Coralle oder als ein Nagel; und ein Stuͤckchen Zeug mit solchen Federn bedeckt, erregte bey demjenigen, der es em- pfing, ein solches Entzuͤcken, als ein Europaͤer vielleicht kaum empfinden duͤrfte, wenn er unverhofter Weise den Diamanten des großen Mogols faͤnde. Potatau brachte seinen großen, 5 Fus hohen Kriegeshelm an Bord und verkaufte ihn — fuͤr rothe Federn. Andre folgten seinem Beyspiel und Brustschilder ohne Zahl wurden von den Matrosen eingehandelt. Noch mehr zu verwundern war es, daß die Einwohner sogar die sonderbaren Trauerkleider zum Verkauf brachten, deren in Capitain Cooks ersten Reise gedacht worden, S. Hawkesworth Sammlung Theil II. Seite 144. 145 und 233. nebst der Figur auf dem Kupfer Nro. 32. und welche man damals um in den Jahren 1772 bis 1775. keinen Preiß weggeben wollte. Da sie aus den kostbarsten Producten, wel- 1774. April. che das Land und die See liefern, bestehen, auch mit großem Fleiß und vieler Kunst verfertigt sind; so ist es ganz natuͤrlich, daß sie einen sehr hohen Werth darauf setzen mußten. Gleichwohl wurden nicht weniger, als zehn solcher Trauer- kleider, von unterschiednen Leuten an Bord, aufgekauft und nach Europa gebracht. Capitain Cook hat dem brittischen Musaͤum eines geschenkt, mein Vater aber die Ehre gehabt, ein aͤhnliches an die Universitaͤt Oxford zu uͤberreichen, wo es in dem Aschmolischen Musaͤo niedergelegt ist. Der Obertheil dieses sonderba- ren Anzuges besteht aus einem flachen duͤnnen Brett, das, in Gestalt eines hal- ben Mondes, 2 Fus lang und 4 bis 5 Zoll breit ist. Auf selbigem sind vier bis fuͤnf ausgesuchte Perlenmutter-Schaalen, durch die in den Rand derselben und auch ins Holz gebohrten Loͤcher, mit Cocos-Fasern fest gebunden. Eine groͤßere Muschel von vorgedachter Art, mit blaugruͤnen Taubenfedern eingefaßt, befin- det sich an den beyden aͤußersten Enden des Brettes, die vorbeschriebenermaßen, wie die Hoͤrner des halben Mondes, aufwaͤrts gerichtet sind. Mitten auf dem Brette sind zwo große Muscheln, die einen Zirkel von ohngefaͤhr 6 Zoll im Durchschnitt ausmachen, befestiget; und uͤber diese ragt ein großes Stuͤck Perlen- mutter-Schaale hervor, das gemeiniglich noch seine aͤußere purpurfarbne Beklei- dung zu haben pflegt. Es ist von laͤnglichter Gestalt, etwa 9 bis 10 Zoll hoch, oberhalb breiter als unten, und, rings umher, mit einem strahlen-aͤhnlichen Zirkel von weißen Federn, aus dem Schwanze des tropischen Vogels, umgeben. Vom unteren Rande jenes halbzirkelfoͤrmigen Brettes, haͤngt eine Art von Schuͤrze herab. Diese besteht aus zehn bis funfzehn parallel herunterlaufen- den Reihen kleiner Perlenmutter-Stuͤckchen, deren jedes ohngefaͤhr 1 ½ Zoll lang, an beyden Enden durchbohrt und, vermittelst Cocosfasern, an das zunaͤchst darauf folgende festgebunden ist. Diese Schnuͤre sind zwar saͤmmtlich von gleicher Laͤnge, weil aber die aͤußersten, wegen der zirkelfoͤrmigen Gestalt des Brettes, hoͤher haͤngen als die mittleren; so reichen sie nicht so weit herab als diese, und folg- lich wird die Schuͤrze unten schmaͤler als oben. An das Schluß-Ende einer jeden solchen Schnur ist noch ein Faden mit aufgereiheten Schneckendeckeln, zu- weilen auch mit europaͤischen Glas-Corallen, angeknuͤpft, und von den bey- den obersten Enden des Brettes, faͤllt, auf jeder Seite der Schuͤrze, ein langer Forster’s Reise um die Welt 1774. April. runder Schwanz von gruͤnen und gelben Federn herab, der an der ganzen Klei- dung den groͤßten Staat ausmacht. Vermittelst zweyer starken Schnuͤre, wel- che an den Seiten jener beyden Muscheln, (die auf der Mitte des halben- mondfoͤrmigen Brettes stehen) angebracht sind, wird die ganze seltsame Decora- tion an den Kopf des Leidtragenden festgemacht, so, daß sie voͤllig senkrecht vor ihm herunter haͤngt. Die Schuͤrze bedeckt Brust und Unterleib, das Brett koͤmmt vor den Hals und die Schultern, und das erste Paar Muscheln gerade vors Gesicht. In einer derselben ist ein kleines Loch, damit der Trauernde se- hen koͤnne. Die obersten Muscheln, mit Innbegrif der rund darum her verbrei- teten langen Federn, sind wenigstens zwey Fus hoͤher als der Mann, welcher den Anzug traͤgt. Die uͤbrigen Stuͤcke seiner Kleidung sind nicht weniger son- derbar. Er zieht eine Matte oder ein Stuͤck Zeug an, das, nach hiesigem Landesbrauch, in der Mitte ein Loch hat, wo man den Kopf hindurch- steckt. Ueber dieses zieht er noch ein zweytes von gleicher Art, wovon aber das Vordertheil fast bis auf die Fuͤße herabhaͤngt, und reihenweise mit Knoͤpfen von Cocosnuß-Schaale besetzt ist. Ein rund-gedrehter Guͤrtel, von braunem und weißem Zeuge, schuͤrzt diese Kleidung um die Huͤften zusammen. Laͤngst dem Ruͤcken haͤngt ein netzfoͤrmig geflochtner Mantel herunter, der mit großen, blauen Federn dicht besetzt ist; und auf dem Kopfe traͤgt er einen braun und gelben Turban, der mit einer Menge aus braun und weißem Zeuge zu- sammen geflochtner Schnuͤre festgebunden ist. Eine weite Kappe, die aus gleichlaufenden Streiffen, wechselsweise von braunem, gelbem und weißem Zeuge besteht, faͤllt hinterwaͤrts vom Turban uͤber Hals und Schultern weg, damit von der Gestalt des Mannes so wenig als moͤglich sichtbar bleibe. Gemei- niglich pflegt der naͤchste Verwandte des Verstorbnen diese wunderliche Tracht anzuziehen; dabey hat er in der einen Hand ein Paar große Perlmutter-Schaa- leu, womit er bestaͤndig klappert, in der andern Hand aber fuͤhrt er einen Stock, mit Hayfisch-Zaͤhnen besetzt, und mit diesem verwundet er alle Tahi- tier, die ihm zufaͤlligerweise in den Wurf kommen. S. Hawkesworths Geschichte der engl. See-Reisen in 4. Th. II. Seite 233. Woher diese sonderbare Gewohn- in den Jahren 1772 bis 1775. Gewohnheit entstanden sey, koͤnnen wir nicht ergruͤnden. Indessen kommt 1774. April. mir’s vor, als gehe die ganze Absicht bloß dahin, Schrecken zu erregen. Die fantastische Tracht ist wenigstens der fuͤrchterlichen Gestalt, welche unsre Rocken-Philosophie den Gespenstern und Nachtgeistern beylegt, so aͤhnlich, daß ich fast geneigt waͤre, zu glauben, es sey ein thoͤrigter Aberglaube darunter verborgen. Vielleicht soll der vermummte Trauermann den Geist des Verstorb- nen vorstellen, der von seinen zuruͤckgelaßnen Verwandten, Wehklagen und Thraͤ- nen fordert, und sie desfalls mit den Hayfisch-Zaͤhnen verwundet. Bey einem noch so wenig aufgeklaͤrten Volke, als die Tahitier , kann eine solche Vorstel- lung wohl Eingang gefunden haben, so ungereimt sie an und fuͤr sich auch seyn mag. Doch will ich deshalb nicht behaupten, daß ich mit dieser Muth- maßung die wahre Absicht jenes Gebrauchs getroffen, weil wir, aller Nachfrage ohnerachtet, von den Einwohnern keine Auskunft daruͤber erhalten konnten. Sie beschrieben uns zwar die ganze Trauer-Ceremonie, und nannten die einzelnen Stuͤcke der dazu erforderlichen Kleidung namentlich her; warum aber das alles so und nicht anders sey? war eine Frage die wir ihnen nie ver- staͤndlich genug ausdruͤcken konnten. Das allersonderbarste erfuhren wir noch von Maheinen , daß nemlich bey des Mannes Tode, die Frau die Trauer-Ceremo- nie verrichte, hingegen, wenn die Frau stirbt, der Mann den Popanz ma- chen muß. Bey unster Ruͤckkunft nach England waren die Liebhaber aus- laͤndischer Seltenheiten auf dergleichen Trauer-Kleider so neugierig, daß unter andern ein Matrose fuͤnf und zwanzig Guineen fuͤr die seinige bekam! Aber frey- lich sind die Tahitier , in Ansehung der Neugierde, eben so arg, als die civilisir- teren Voͤlker. Kaum hatte sich Maheine von seinen Ebentheuern, hie und da etwas verlauten, und, von seinen mitgebrachten auslaͤndischen Schaͤtzen etwas se- hen lassen; so plagten uns die Vornehmen unablaͤßig um Seltenheiten von Tongatabu , Waihu und Waitahu , Amsterdam , Oster-Eyland und S. Christina . und nahmen dergleichen Kleinigkeiten, fuͤr die Lebensmittel und andre Sachen, welche sie zu Markte brachten, lieber als die nutzbarsten europaͤischen Waaren. Am angenehmsten waren ihnen die befiederten Kopftrachten von den beyden letzten Inseln; imgleichen die Koͤrbe und gemahlten Zeuge der ersteren; ja sie setzten sogar einen besondern Werth auf die Forsters Reise u. d. W. zweyter Th. H Forster’s Reise um die Welt 1774. April. Matten von Tongatabu , die doch im Grunde den ihrigen voͤllig aͤhnlich waren. Un- sre Matrosen machten sich das zu Nutze und hintergiengen sie oft, indem sie ih- nen unter einem andern Nahmen, Matten verkauften, die entweder hier auf der Stelle, oder hoͤchstens auf den andern Societaͤts-Inseln , eingehandelt waren. Es herrscht also eine große Aehnlichkeit unter den Neigungen der Menschen, vor- nemlich aber bey denenjenigen Voͤlkern, die nicht zu den ganz ungesitteten gehoͤren, Diese Aehnlichkeit aͤußerte sich noch deutlicher durch die Begierde, womit sie die Erzaͤhlungen ihres jungen gereiseten Landsmannes anhoͤrten. Wo er sich nur bli- cken ließ, da draͤngten sich die Leute haufenweise um ihn her. Die Aeltesten schaͤtz- ten ihn am mehresten und die Vornehmen, selbst die von der koͤniglichen Familie, be- warben sich um seine Gesellschaft. Außer dem Vergnuͤgen ihn zu hoͤren, hatten sie auch den Vortheil, allerhand artige Geschenke zu bekommen, die ihnen selten mehr, als ein Paar gute Worte kosteten. Auf diese Art brachte er seine Zeit am Lande so vergnuͤgt hin, daß wir ihn fast gar nicht am Bord zu sehen bekamen, ausgenommen, wenn er sich etwa dies oder jenes ausbitten, oder das Schiff seinen Bekannten zeigen, und sie bey dem Capitain und anderen von unserer Schiffsgesellschaft einfuͤhren wollte. Mit unter kamen seine Erzaͤhlungen den Zuhoͤrern so wunderbar vor, daß sie nicht sel- ten fuͤr noͤthig erachteten, sich der Bestaͤtigung wegen, an uns zu wenden. Der versteinerte Regen , die dichten weißen Felsen und Berge, die in suͤßes Wasser zerschmolzen, und der immerwaͤhrende Tag in der Gegend um den Pol, waren Ar- tikel, von deren Glaubwuͤrdigkeit wir selbst sie nicht genugsam uͤberzeugen konnten. Daß es in Neu-Seeland Menschenfresser gebe, fand eher Glauben; doch konn- ten sie nie anders als mit Furcht und Grausen davon sprechen hoͤren. Zu dieser Beobachtung gab mir Maheine Anlaß, indem er heute, eine ganze Par- thie Leute an Bord brachte, die blos in der Absicht kamen, den Kopf des Neu-Seelaͤndischen Juͤnglings zu sehen, den Herr Pickersgill in Weingeist aufbewahrt hatte. Er ward ihnen in meiner Gegenwart vorgezeigt, und es schien mir sonderbar, daß sie fuͤr diesen Kopf eine eigne Benennung hatten. Sie nannten ihn durchgaͤngig Te-Tae-ai , welches so viel, als Mann-Esser , zu bedeuten scheint. Durch Nachfragen bey den vornehmsten und verstaͤndigsten Leuten erfuhr ich, es sey eine alte Sage unter ihnen, daß vor undenklichen Zeiten sich Menschenfresser auf der Insel gefunden, die unter den Einwohnern in den Jahren 1772 bis 1775. eine große Niederlage angerichtet haͤtten und sehr starke Leute gewesen; daß aber 1774. April. diese schon seit langer Zeit gaͤnzlich ausgestorben waͤren. O-Mai , mit dem ich nach unsrer Zuruͤcktunft in England hievon sprach, bekraͤftigte die Aussage seiner Landsleute in den staͤrksten Ausdruͤcken. Mir duͤnkt dieser Umstand in der alten Geschichte von Tahiti gegruͤndet zu seyn; nicht als wollte ich daraus fol- gern, daß nur zufaͤlligerweise einige Cannibalen auf der Insel gelandet und die Einwohner mit ihren Streifereyen geplagt haͤtten; sondern ich glaube vielmehr, daß der urspruͤngliche Zustand des ganzen Volks in dieser Tradition verborgen liegt, und daß alle Tahitier Menschenfresser gewesen sind, ehe sie durch die Vortref- lichkeit des Landes und des Clima, imgleichen durch den Ueberfluß guter Nah- rungsmittel gesitteter geworden. So sonderbar es scheinen mag, so gewiß ist es doch, daß fast alle Voͤlker, in den alleraͤltesten Zeiten, Cannibalen gewesen sind. Auf Tahiti trist man noch heut zu Tage Spuren davon. Capitain Cook fand bey seiner ersten Reise hieher, in einem Hause funfzehn frische Kinnladen aufge- hangen. S Hawkesworths Gesch. der engl. See-Reisen in 4. Th. II. S. 159. Sollten dieses nicht Siegeszeichen von ihren Feinden gewesen seyn? Am folgenden Morgen ward ein Tahitier , der bey den Zelten ein Wasserfaß stehlen wollen, ertappt und gefangen gesetzt. O-Tuh und Tohah die etwas fruͤh an Bord kamen, und hoͤrten, was vorgegangen war, begleiteten den Capitain Cook ans Land, um die Bestrafung des Diebes mit anzusehn. Er ward an einen Pfahl gebunden und bekam mit ihrer Genehmigung vier und zwanzig tuͤchtige Hiebe. Diese Execution jagte den haͤufig dabey versamleten Indianern ein solches Schrecken ein, daß sie anfiengen davon zu laufen. Tohah aber rief sie zuruͤck und zeigte ihnen in einer Anrede, die 4 bis 5 Minuten dauerte, daß unsre Bestrafung des Diebstahls billig und nothwendig sey. Er stellte ih- nen vor, daß wir bey aller unsrer Macht weder stoͤhlen, noch Gewalt brauchten; daß wir vielmehr alles und jedes ehrlich bezahlten und oft Ge- schenke machten, wo wir nichts dagegen erwarten duͤrften; daß wir uns endlich uͤberall als ihre besten Freunde bezeugt haͤtten, und Freunde zu bestehlen sey schaͤnd- lich und verdiene gestraft zu werden. Die gesunde Vernunft und Rechtschaffenheit, welche der vortrefliche Alte bey dieser Gelegenheit bewies, machte uns denselben noch H 2 Forster’s Reise um die Welt 1774. April. schaͤtzbarer, und seine Zuhoͤrer schienen durch die Buͤndigkeit seiner Rede uͤberzeuge zu seyn. Nachmittags kam eben dieser Tohah mit seiner Frau an das Schiff; sie war schon bey gewissen Jahren, und duͤnkte uns, dem aͤussern Ansehen nach zu urtheilen, von eben so gutem Character als er. Ihr Fahrzeug bestand aus einem großen dop- pelten Canot, welches ein Verdeck auf dem Hintertheil und acht Ruderer hatte. Die beyden alten Leute baten Herrn Hodges und mich sie am Lande zu besu- chen, also stiegen wir in ihr Canot und fuhren gleich mit nach Parre . Unter- wegens erkundigte sich Tohah sehr umstaͤndlich nach der Beschaffenheit und Ver- fassung des Landes aus dem wir kamen. Da Herr Banks und Capitain Cook die Vornehmsten unter den Europaͤern waren, die er gesehen hatte; so glaubte er, jener koͤnne wohl nichts geringers als des Koͤnigs Bruder, und dieser muͤsse zum wenigsten Groß-Admiral von England seyn. Was wir auf seine Fragen antworteten, hoͤrte er mit Aufmerksamkeit und Verwundrung an: Als wir ihm aber sagten, es gaͤbe bey uns weder Cocos-Nuͤße , noch Brodfruchtbaͤume; so schien er England , bey allen seinen uͤbrigen Vorzuͤgen, doch nur fuͤr ein schlech- tes Land anzusehen. So bald wir bey seiner Wohnung angelangt waren, ließ er Fische und Fruͤchte auftragen, und noͤthigte uns zu essen. Ob wir gleich erst eben zu Mittag gespeiset hatten, so wollten wir seine Einladung doch nicht gern abschlagen; wir setzten uns also, und fanden die Speisen vortreflich. War- lich! wir haͤtten dies herrliche Land mit Mahomets Paradiese vergleichen moͤgen, wo der Appetit selbst nach dem Genuß noch ungesaͤttigt bleibt! Die Speisen standen vor uns, und wir waren schon im Begriffzuzugreifen, als Tohah uns bat, noch einen Augenblick zu verziehen. Die Absicht davon zeigte sich bald, denn einer seiner Bedienten kam mit einem großen europaͤischen Kuͤchenmesser und statt der Gabeln, mit ein Paar Bambustoͤcker aufgezogen. Nun schnitt Tohah selbst vor und gab jedem von uns einen Bambustock mit dem Zusatze, daß er auf englische Manier essen wolle. Anstatt also, wie andre Indianer, eine ganze Handvoll Brodfrucht auf einmal in den Mund zu stecken, schnitt er sie ganz manierlich in kleine Stuͤcken und aß wechselsweise ein Stuͤckchen Fisch und einen Bissen Brodfrucht, damit wir se- hen sollten, wie genau er sich unsre Art zu essen gemerkt hatte. Die gute Dame speißte nachher, der unabaͤnderlichen Gewohnheit des Landes gemaͤß, in einiger Entfernung. Nach der Mahlzeit giengen wir mit ihnen spatzieren und plauderten zusammen bis in den Jahren 1772 bis 1775. gegen Untergang der Sonnen, da sie in ihrem Canot nach dem District Ata- 1774. April. huru abgiengen, der zum Theil Tohah eigenthuͤmlich zugehoͤrte. Sie nah- men ganz vertraulich von uns Abschied, und versprachen in wenig Tagen wieder ans Schiff zu kommen; wir aber mietheten fuͤr einen Nagel ein doppeltes Canot und langten vor Einbruch der Nacht am Borde an. Doctor Sparrmann und mein Vater waren nicht laͤngst erst von ihrer botanischen Bergreise zuruͤckge- kommen. Nuna , der lebhafte Bursch, dessen ich im ersten Theil dieser Ge- schichte schon erwaͤhnt, Siehe im ersten Theil, S. 257. war ihr Begleiter gewesen. Da sie (am 28sten) ihre Wanderschaft erst des Nachmittags angetreten, und, gleich zu Anfang derselben, zwey tiefe Thaͤler und zween steile Berge zu paßiren gehabt hatten, wo der Weg vom Regen uͤberaus schluͤpfrig geworden war; so konnten sie gedachten Tages nicht weiter, als bis auf die zwote Reihe von Bergen kommen. In dieser ein- samen Gegend gab es nur eine einzige Huͤtte, darinn ein Mann mit seiner Frau und dreyen Kindern wohnte. Bey dieser Familie nahmen sie das Nachtquartier. Der Mann verlaͤngerte, zu ihrer Beherbergung, das Dach seiner Huͤtte vermittelst einiger Baumzweige, richtete ihnen ein Abendbrod zu, und zuͤndete alsdenn ein Feuer an, bey welchem sie die Nacht hindurch wechselsweise wachten. Wir konnten dieses Feuer vom Schiffe aus sehen, und sie, ihrer Seits, hoͤrten dagegen um Mit- ternacht die Schiffsglocke ganz deutlich, ohnerachtet der Ort ihres Aufenthalts, uͤber eine halbe deutsche Meile von uns entfernt war. Die Nacht war schoͤn und so angenehm kuͤhl, daß sie gut genug wuͤrden geschlafen haben, wenn sie nicht ihr Wirth, der Tahea hieß, durch seinen heftigen Husten so oft gestoͤhrt haͤtte. Bey Tages Anbruch marschirten sie weiter Berg an, und Tahea gieng, mit einer großen Ladung von Cocosnuͤßen, vor ihnen her. Je weiter sie kamen, desto beschwerlicher ward der Weg, oft mußten sie auf einem schmalen Fußsteige schroffe Huͤgel paßiren, wo zu beyden Seiten die steilsten Abgruͤnde vorhanden waren, und die von dem gestrigen Regen verursachte Schluͤpfrigkeit des Bo- dens, machte ihnen den Gang doppelt muͤhsam und gefaͤhrlich. Auf einer ziemlich betraͤchtlichen Hoͤhe des Berges fanden sie alles, sogar die steilsten Orte mit dickem Gebuͤsch und hoher Waldung bewachsen. Aber auch die unwegsamsten Gegenden liessen sie, aus Begierde neue Pflanzen zu entdecken, nicht undurchsucht, bis etwa H 3 Forster’s Reise um die Welt 1774. April. der ploͤtzliche Anblick einer nahen Felsenkluft sie zuruͤck schreckte. Noch hoͤ- her hinauf erstreckte sich der Wald uͤber den ganzen Berg, und da gab es Pflan- zen, dergleichen ihnen in den niedrigern Gegenden nirgends vorgekommen warm. Als sie die naͤchste Bergspitze erstiegen hatten, fanden sie eine sehr gefaͤhrliche Stelle vor sich, und zu gleicher Zeit brach ein heftiger Regen ein; Tahea nahm diese Gelegenheit wahr, und gab ihnen zu verstehen, daß sie nicht fuͤglich wei- ter kommen koͤnnten. Um es jedoch nicht unversucht zu lassen, legten sie ihre schweren Saͤcke mit Pflanzen und Lebensmitteln an dieser Stelle ab, nahmen nichts als ein Gewehr mit sich, und erreichten auf solche Art, in Zeit von einer halben Stunde, wuͤrklich den obersten Gipfel des Berges. Da nun mittlerweile der Regen nachgelassen, und die Wolken sich zertheilt hatten, so konnten sie weit ins Meer, und bis nach den Inseln Huaheine , Tethuroa , und Tabbua- mann hinsehen. Die unter ihren Fuͤßen liegende fruchtbare Ebene und das Thal Matavai , von einem Fluß durchschlaͤngelt, gewaͤhreten ihnen den reitzend- sten Anblick. Hingegen, war auf der Suͤdseite der Insel, der vielen Wolken halber, nicht das Geringste zu unterscheiden. In wenig Augenblicken ward auch das Uebrige des Horizonts wieder bedeckt, und es fiel ein dicker Nebel ein, davon sie bis auf die Haut naß wurden. Beym Heruntersteigen hatte mein Va- ter das Ungluͤck, auf einer felsichten Stelle zu fallen, und ein Bein so schmerz- haft zu verwunden, daß er daruͤber fast in Ohnmacht gesunken waͤre. Indessen erhohlte er sich wieder, und versuchte weiter zu gehen, fand aber, daß der Schmerz am Fuße nur das kleinste Uebel sey, und daß er bey diesem Fall leyder noch einen andern Schaden erlitten hatte, um dessenwillen er bis auf den heutigen Tag eine Bandage tragen muß! Im Herabsteigen stuͤtzte er sich auf seinen treuen Fuͤhrer Tahea , und um vier Uhr Nachmittags waren sie alle wieder an Bord. Die obersten Berge bestehen, ihrer Aussage nach aus einer sehr festen und zaͤhen Thon-Erde, in welcher die Pflanzen vortreflich gedeihen, und in den Waͤldern giebt es aller- hand unbekannte Kraͤuter- und Holz-Arten. Unter den letzteren suchten sie die wohlriechende Gattung ausfindig zu machen, womit die Tahitier ihr Oel parfuͤmiren. Tahea zeigte ihnen auch unterschiedne Gewaͤchse, deren sie sich zu diesem Endzweck bedienen; die kostbarste Art aber konnte oder wollte er in den Jahren 1772 bis 1775. sie nicht kennen lehren. O-Mai hat mir gesagt, daß auf Tahiti mehr als 1774. April. vierzehn unterschiedene Pflanzen zum parfuͤmiren gebraucht wuͤrden; man kann sich daraus leicht vorstellen, wie viel die Tahitier auf Wohl-Geruͤche und bal- samische Duͤfte halten muͤssen. Seit dem Handel mit rothen Federn, hatte sich die Anzahl der ge- meinen Frauenspersonen am Bord ungemein vermehret, und heute waren sie, vorzuͤglich, in solcher Menge gekommen, daß manche, die keinen Gespann hat- ten finden koͤnnen, sich auf dem obern Verdeck als uͤberzaͤhlig herumtrieben. Naͤchst den rothen Federn mochte auch das Verlangen nach Schweinefleisch sie herbey locken. Denn da es die geringern Leute selten zu eßen bekommen; so pflegten sich diese Dirnen bey unsern Matrosen, die Ueberfluß daran hatten, gern zu Gaste zu bitten. Oft aber liessen sie sichs so gut schmecken, daß die Staͤrke ihrer Verdauungs-Kraͤfte dem Uebermaaß ihres Appetits nicht gleich kam, und dann mußten sie es durch unruhige Naͤchte buͤßen, welches auch ihre Gesell- schafter oft im Schlafe stoͤhrte. Bey gewissen dringenden Gelegenheiten verlangten sie von ihren Liebhabern begleitet zu werden; da aber diese nicht immer so galant wa- ren; so sah es am Morgen auf den Verdecken fast eben so, wie auf den Fußsteigen, am Lande aus. Siehe weiter zuvor, Seite 21. Des Abends sich pflegten diese Frauenspersonen in unterschiede ne Haufen zu theilen, und auf dem Vorder- Mittel- und Hinterdek zu tanzen. Ihre Lustigkeit gieng oft bis zur Ausschweifung und gemeiniglich waren sie sehr laut dabey. Mit unter fehlte es ihnen aber auch wuͤrklich nicht an drolligten und originalen Einfaͤllen. Wir hatten z. E. einen s c orbutischen Patienten der bey unse- rer Ankunft allhier sehr schwach gewesen, aber durch den Genuß des frischen Kraͤu- terwerks gar bald wieder besser geworden war, und daher kein Bedenken fand, dem Beyspiele seiner Cameraden zu folgen. In dieser Absicht wandte er sich an eines von jenen Maͤdchen und brachte sie, beym Einbruch der Dunkelheit, nach seiner Schlaf- stelle, wo er ein Licht anzuͤndete. Nun sahe sie ihrem Liebhaber ins Gesicht, und da sie gewahr ward, daß er nur ein Auge hatte; so faßte sie ihn stillschweigend bey der Hand, fuͤhrte ihn wieder aufs Verdeck und zu einem Maͤdchen, dem ebenfalls ein Auge fehlts, mit dem Beyfuͤgen, daß diese sich recht gut fuͤr ihn schicke, Sie aber mit keinem Blinden oder Einaͤugigen etwas zu thun haben wolle. Forster’s Reise um die Welt 1774. May. d. 1sten. Als sich mein Vater zween Tage lang von den Beschwerlichkeiten seiner letzten Bergreise und von dem dabey erlittenen Fall wieder etwas erhohlt hatte, gieng er ans Land und traf daselbst O-Retti , den Befehlshaber von O-Hiddea , an, welches der District und Haven ist, allwo Herr von Bougainville ehemals vor Anker gelegen hatte. Dieser Mann fragte den Capitain Cook , ob er, bey seiner Zuruͤckkunft nach England , den Hrn. von Bougainville , den er Potawi- ri nannte, zu sehen bekommen wuͤrde? und da Capitain Cook mit Nein dar- auf antwortete, wandte er sich mit eben dieser Frage an meinen Vater. Die- ser erwiederte ihm, es sey nicht unmoͤglich, obgleich gedachter Herr sich in einem ganz andern Lande aufhalte. Gut, „sagte O-Retti , wenn du meinen Freund „siehest, so erzaͤhle ihm, daß ich sein Freund bin, und herzlich wuͤnsche, ihn wieder „hier zu sehen; und damit du es nicht vergessen moͤgest, so will ich dir ein Schwein „aus meinem Districte schicken, wohin ich eben im Begrif bin abzugehen. Mein Vater ist seitdem in Paris gewesen, und hat diesen Auftrag des O-Retti beym Herren von Bougainville ausgerichtet, demselben auch ein Portrait des O-Retti , von Herren Hodges verfertiget, zugestellet. „Hier- auf fieng er an zu erzaͤhlen, sein Freund Bougainville habe zwey Schiffe, und am Bord des einen, ein Frauenzimmer gehabt, welches aber gar nicht schoͤn von Person gewesen sey. Er konnte nicht aufhoͤren davon zu sprechen, denn es schien ihm gar zu sonderbar, daß eine einzige Frauensperson, sich unter so vielen Mannsleuten auf eine so weite Reise gewagt hatte. Als der Herr von Bougainville im April 1768 hier vor Anker lag, entdeckten die Ta- hitier , blos am Gange, daß der Bediente des Hrn. Commerson , (eines Naturforschers, der mit auf dem Schiffe war) eine verkleidete Frauensperson seyn muͤsse, welches, waͤh- rend der ganzen Reise, niemand an Bord gewahr worden war. Diese Person war durch fruͤhe Ungluͤcksfaͤlle zu Verlaͤugnung ihres Geschlechts bewogen worden, hatte schon in Paris als Livree-Bediente gedient, und war alsdenn, aus Neugier, mit zu Schiffe gegan- gen, weil sie gehoͤrt, daß die Reise um die Welt gehen sollte. Herr von Bougainville Er bestaͤtigte auch die Nachricht, welche wir schon bey unserm ersten Hierseyn vernommen hatten, daß ein spanisches Schiff hier gewesen; versicherte uns aber, daß er und seine Landsleute nicht viel auf die Spanier hielten. O-Retti in den Jahren 1772 bis 1775. O-Retti ist das wahre Ebenbild eines lebhaften, frohen, edelmuͤthigen 1774. May. Greises, und seines grauen Kopfes ohnerachtet noch so gesund und frisch, als die alten Leute auf Tahiti gemeiniglich zu seyn pflegen. Er erzaͤhlte, daß er man- cher Schlacht beygewohnt, und mehr denn eine Wunde aufzuweisen habe; vor- nemlich war von einem Steinwurf, der ihn in den Schlaf getroffen hatte noch eine tiefe Narbe zu sehen. Er hatte auch damals auf Tutahahs Seite ge- fochten, als dieser das Leben verloren. Am folgenden Morgen gieng Doctor Sparrmann mit mir ins That Matavai herauf, welches von den Einwohnern Tua-uru genannt wird. Seit unserm Hierseyn hatte ich mich, meiner Schwaͤche wegen, so weit noch nicht gewagt; der Anblick des Pflanzenreichs kam mir daher als ein neues Schauspiel vor, das desto praͤchtiger war, weil der Fruͤhling alles verjuͤngt, und Flur und Wald neu bekleidet hatte. Ueber die großen Verbesserungen, die man in dem ganzen District bemerkte, gerieth ich in Erstaunen. Allenthalben waren neue und weitlaͤuftige Plantagen angelegt, welche in der vortreflichsten Ordnung standen. Die Zahl der neu erbauten Haͤuser war betraͤchtlich und an vielen Orten fand man Canots auf dem Stapel. Alles dies bewies, daß der Krieg, der ehemals zwischen den beyden Halb-Inseln obgewaltet hatte, vornemlich diesem Theile der groͤßern, sehr hart gefallen seyn mußte. Allein, so verwuͤstet derselbe auch bey unserm ersten Hierseyn noch ausgesehen hatte; so war doch jetzt nirgends mehr eine Spur davon zu entdecken. Das ganze Land schien eine reichlich ange- fuͤllte Vorrathskammer zu seyn; bey jedem Hause fanden wir Schweine im Grase, die niemand vor uns zu verbergen suchte, wie wohl ehemals geschehen war. Auch bemerkte ich mit Vergnuͤgen, daß der jetzige Wohlstand der Ein- wohner eine vortheilhafte Aenderung in ihrem Betragen hervorgebracht hatte. Jetzt fiel uns niemand mehr mit Betteleyen um Corallen und Naͤgel beschwerlich, und, anstatt daß sie sonst die Lebensmittel an sich zuhalten pflegten, beeiferten sie sich nun vielmehr es an Gastfreyheit und Freygebigkeit einander zuvor zu thun. giebt ihr das Zeugniß, sie habe sich, sowohl vor als nach ihrer Entdeckung, uͤberall untade- lich aufgefuͤhrt, und sey damals 27 Jahr alt gewesen. So viel zu Befriedigung derer Leser, die des franzoͤsischen Seefahrers Reisebeschreibung nicht zur Hand haben. A. d. H. Forster’s Reise u. d. W. zweyter Th. J Forster’s Reise um die Welt 1774. May. Wir kamen nicht leicht bey einer Huͤtte vorbey, wo man uns nicht genoͤthigt haͤtte, einzusprechen und etwas von Erfrischungen anzunehmen; und die frohe Bereitwilligkeit, womit sie das angebotene wuͤrklich hergaben, war in der That allemal sehr ruͤhrend. Gegen 10 Uhr erreichten wir die Wohnung des gastfreyen Insulaners, der uns ehedessen so gut bey sich aufgenommen hatte, als wir eines Tages sehr ermuͤdet von den Bergen herabkamen. S. im ersten Theil dieses Werks Seite 266. Auch diesmal empfieng er uns mit ein Paar Cocos-Nuͤssen, und bath, daß wir auf dem Ruͤckwege das Mit- tagsmal in seiner Wohnung einnehmen moͤgten. Sobald wir es zugesagt, be- fahl er, daß unverzuͤglich Anstalten dazu gemacht wuͤrden, und gieng unter- dessen mit uns das Thal hinauf. Hinter seinem Hause gab es keine Wohnun- gen mehr, weil in dieser Gegend die Berge schon uͤberaus steil wurden und sehr dicht zusammen liefen. Ohngefaͤhr eine Meile weiter hin, bestand der gegen Osten liegende Berg, auf eine Hoͤhe von wenigstens vierzig Fuß, aus einer senkrechten Felsen-Wand. Oberhalb dieser Felsen-Masse ward er wiederum abhaͤn- gig, und war von da aus, bis weit hinauf, mit Gebuͤsch bewachsen. Eine schoͤne Cascade stuͤrzte sich vom Gipfel, laͤngst der Felsenwand in den Fluß herab, und be- lebte diese sonst schauervolle, finstere und romantisch-wilde Aussicht. Schon von fern her konnte man an der Felsenwand viele, der Laͤnge nach herablaufende, scharf hervorspringende Ecken unterscheiden, und als wir, zu naͤherer Unter- suchung derselben, durchs Wasser heranwadeten, zeigte sich, daß der ganze Fel- sen aus lauter schwarzen, dichten Basalt-Saͤulen bestand, aus welcher Stein- art die Einwohner ihr Handwerkszeug zu verfertigen pflegen. Diese Saͤulen mochten etwa funfzehn bis achtzehn Zoll im Durchschnitt haben; sie standen auf- recht, parallel und dicht an einander, und von einer jeden ragten eine, hoͤchstens zwey scharfe Ecken aus der Oberflaͤche des Felsen hervor. Da man jetzt durchge- hends annimmt, daß Basalt eine volcanische Steinart sey, so haben wir hier ei- nen neuen starken Beweis vor uns, daß Tahiti von unterirdischem Feuer große Veraͤnderungen muͤsse erlitten haben. Ueber diese Saͤulen hinaus wird das Thal, der naͤher zusammentretenden Berge wegen, immer enger, und ist hoͤchstens nur noch bis auf 2 oder 3 Meilen weit zu paßiren. Nachdem wir diese Strecke auf sehr beschwerlichen Wegen zuruͤckgelegt, und den Fluß, der sich hier von einer in den Jahren 1772 bis 1775. Seite des Thals queer nach der andern heruͤberschlaͤngelt, wenigstens funfzig 1774. May. mal durchgewadet hatten; so befanden wir uns an eben dem Orte, den Herr Banks als das aͤußerste Ziel seiner Wanderschaft angiebt. S. Hawkesworths Gesch. der engl. See-Reisen in 4. zweyter Band Seite 171. Auch wir fan- den es ohnmoͤglich weiter vorzudringen, und kehrten also ganz muͤde und matt wieder um. Auf dem Ruͤckwege trafen wir, hie und da, noch einige neue Pflanzen, und erreichten innerhalb zweyer Stunden das Haus unsers freund- schaftlichen Begleiters. Allda ließen wir uns die reichlich aufgetragenen Fruͤchte und Kraͤuter wohl schmecken, und gaben unserm Wirth an rothen Federn was sein Herz begehrte; doch unterließen wir auch nicht, ihm allerhand Eisen- geraͤthe mitzutheilen, damit, wenn jene Federn laͤngst verlohren oder ver- braucht waͤren, von unserer Anwesenheit wenigstens noch ein nutzbares Andenken uͤbrig seyn moͤchte. Seine Tochter, welche wir bey unserm vorigen Hier- seyn gesehen, war seitdem an einen vornehmen Mann verheyrathet, denn un- sre damaligen Geschenke hatten sie zu einer der reichsten Parthien im ganzen Lande gemacht; sie wohnte aber jetzt ziemlich weit von hier. Capitain Cook , mein Vater und einige Officier waren nach O-Par- re gewesen um O-Tuh zu besuchen. Bey dieser Gelegenheit hatte man sie an einen Ort hingefuͤhrt, wo eben ein Krieges-Canot gebauet ward, welches der Koͤnig O-Tahiti nennen wollte. Capitain Cook aber, der dem Fahrzeuge lieber den Namen Brittannia beyzulegen wuͤnschte, schenkte dem Koͤnige in die- ser Absicht eine kleine englische Flagge, einen kleinen Anker und das dazu gehoͤ- rende Tau. Da nun Se. Majestaͤt zu der Veraͤnderung des Nahmens sogleich ihre Einwilligung gaben; so ward die Flagge aufgesetzt und das Volk be- zeugte nach Art unsrer Matrosen, durch ein dreymaliges Freudengeschrey, sein Wohlgefallen daruͤber. Ich hatte Herrn Hodges angerathen, die Cascade, die wir im Thal angetroffen, ihres mahlerischen Anblicks wegen, zu besuchen; er gieng also am folgenden Tage in Begleitung unterschiedner Herren dahin, und fertigte, so wohl von dem Wasserfall als von den darunter stehenden Basalt-Saͤulen, eine Zeichnung an. In seiner Abwesenheit liessen wir uns eine große Al- J 2 Forster’s Reise um die Welt 1774. May. becore ( Scomber thynnus Linnæi ) gut schmecken, die aber keinem, der da- von gegessen hatte, gut bekam. Sie verursachte uns eine fliegende Hitze im Gesicht nebst heftigem Kopfweh, zum Theil auch Durchlauf; und ein Be- dienter, der seine ganze Mahlzeit davon gehalten hatte, ward mit heftigem Bre- chen und Durchlauf befallen. Bermuthlich war der Fisch mit einer betaͤu- benden Pflanze gefangen, von deren schaͤdlichen Eigenschaft das Fleisch er- was angenommen haben mogte. Um diese Zeit erfuhren wir, daß Maheine die Tochter eines im Thal Matava ï wohnhaften Befehlshabers, Namens Toparre , geheyrathet habe. Einer unsrer jungen See-Officiers, von dem sich diese Nachricht herschrieb, ruͤhmte uns, daß er bey der Verheyrathung zugegen gewesen, und die da- bey vorgefallnen Ceremonien mit angesehen habe; als wir ihn aber um die Beschreibung derselben ersuchten, gestand er, „daß sie zwar sehr sonder- „bar gewesen waͤren, doch koͤnne er sich keiner insbesondre erinnern, wisse „auch nicht wie er sie erzaͤhlen solle„ Auf solche Art entgieng uns eine merkwuͤr- dige Entdeckung, die wir bey dieser Gelegenheit uͤber die Gebraͤuche dieses Volks haͤtten machen koͤnnen; und es war zu bedauern, daß kein verstaͤndigerer Beobachter zugegen gewesen, der wenigstens das was er gesehen , auch haͤtte erzaͤhlen koͤn- nen. Indessen kam Maheine mit seiner Neuvermaͤhlten an Bord. Sie war noch ein sehr junges Maͤdchen, klein von Statur, und nicht sonderlich schoͤn von Ansehen. Aber aufs Betteln verstand sie sich vortreflich. Sie gieng durchs ganze Schiff um sich Geschenke auszubitten, und da ihr Mann allgemein beliebt war; so bekam sie Corallen, Naͤgel, Hemden, und rothe Federn die Menge. Der neue Ehemann erzaͤhlte uns, seine Absicht sey, sich auf Tahiti niederzulassen, denn seine Freunde haͤtten ihm allhier Land, Haus und alle Arten von Eigenthum angeboten. Er war in die Familie eines Eri aufgenommen, vom Koͤnige selbst geachtet, und stand durchgehends in großen Ehren; ja einer seiner Freunde hatte ihm bereits einen Tautau , oder Leibeigenen zugegeben, welches ein Knabe war, der ihn bedienen, ihm allemhalben nachtreten und jederzeit zu Gebot seyn mußte. Obgleich Maheine den Gedanken, mit uns nach England zu gehen, aufgegeben hatte; so war doch der muntre Nuna , dessen ich einigemal er- in den Jahren 1772 bis 1775. waͤhnet, von seinem ehemals geaͤußerten, aͤhnlichen Vorhaben noch nicht abge- 1774. May. gangen, sondern lag meinem Vater und andern Herren noch immer dringend an, daß sie ihn mit an Bord nehmen moͤgten. Mein Vater, dem er von je her wohlgefallen hatte, war gesonnen, ihn ganz auf seine Kosten mitzunehmen, und unter dieser Bedingung gab auch der Capitain sogleich seine Einwilligung dazu. Man sagte dem Knaben zwar, er duͤrffe nicht hoffen, dereinst nach seinem Va- terlande zuruͤckzukehren, indem es zweifelhaft sey, ob jemals wieder ein Schiff nach Tahiti geschickt werden moͤgte. Allein, er war viel zu sehr fuͤr diese Reise eingenommen, als daß irgend eine Vorstellung ihn haͤtte auf andre Ge- danken bringen sollen; er entfagte der Hoffnung, sein Vaterland wieder zu sehen ganz willig, damit er nur das Vergnuͤgen haben moͤgte, das unsrige kennen zu lernen. Indessen war seine Freude nur von kurzer Dauer, denn gegen Abend besann sich der Capitain anders und nahm sein gegebnes Wort wieder zu- ruͤck, so daß der arme Nuna zu seiner großen Betruͤbniß da bleiben mußte. Mein Vater hatte die Absicht, ihm das Zimmer- und Schmiede-Handwerk ler- nen zu lassen; mit Huͤlfe dieser Kenntnisse wuͤrde er bey seiner Zuruͤckkunft, meines Erachtens, ein etwas nuͤtzlicheres Mitglied der Gesellschaft geworden seyn als sein Landsmann O-Ma ï , der von einem fast zweyjaͤhrigen Aufent- halt in England , nichts mit nach Hause bringt, als die Geschicklichkeit, den Insulanern auf seinem Leyerkasten etwas vorzuorgeln, oder, ihnen ein Mario- netten-Spiel vorzumachen! Wir brachten verschiedne Tage damit zu, in den Gefilden von Mata- wa ï und in dem großen Thal Ahonnu , welches das fruchtbarste und zugleich das schoͤnste auf der ganzen Insel ist, unsre botanischen Untersuchungen fortzu- setzen. Nachdem wir auf solche Art die Flora der Ebenen gaͤnzlich erschoͤpft zu haben glaubten, giengen mein Vater, Dr. Sparrmann und ich am 6ten, des Nachmittags, abermals nach den Bergen aus, um dort noch eine kleine Nachlese zu halten. Die gute Bewirthung, welche Tahea meinem Vater das vorige mahl hatte wiederfahren lassen, bewog uns wieder bey ihm einzukehren, doch duͤnkte es uns diesmal nicht mehr noͤthig, die Nacht hindurch ein Feuer zu unterhalten, und wechselsweise dabey zu wachen. Tahea war ein lustiger drolligter Bursche; er verlangte un- J 3 Forster’s Reise um die Welt 1774. May. ter andern, wir sollten ihn Medua „Vater„ und seine Frau O-Pat- tea Pattea ist ein Liebkosungs-Wort, so viel als bey uns Mama; auch gebrauchen die Ta- hitier das Wort Mama in eben dem Sinn, als wir. Mutter nennen. Ohnerachtet wir nicht die Absicht hatten bis auf die hoͤchsten Berggipfel zu klettern, so machten wir uns doch schon vor Sonnen-Aufgang auf den Weg. Die Voͤgel schliefen noch ruhig auf den Buͤschen, so daß unsere Begleiter, Tahea und sein Bruder, etliche Meerschwalben ( Sterna ) mit der Hand griffen. Sie sagten uns, daß auf diesen Bergen viel Wasservoͤgel zu uͤbernachten, und daß vornemlich die tropischen Voͤgel ( Phæton æthereus Linnæi ) hier zu ni- sten pflegten. Daher sind auch die langen Schwanzfedern, welche sie alle Jahr abwerfen, in diesen Berggegenden am haͤufigsten zu finden und werden daselbst von den Einwohnern fleißig aufgesucht. Wir schossen eine Schwalbe und fan- den allerhand neue Kraͤuter, da sich aber der Horizont, in unsrer Nachbarschaft zu bewoͤlken anfing, so eilten wir, um unsre Pflanzen trocken zu behalten, nach dem Schiff zuruͤck, und kamen um 4 Uhr des Nachmittags wieder an Bord. Die ganze koͤnigliche Familie war daselbst versammlet, und O-Tuhs aͤlteste Schwester, Nihaurai , die an T’Eri-Derre , Ammo’s Sohn S. Hawkesworths Geschichte der englischen See-Reisen, in 4. Th. II. Seite 151. 152. und dieser Reise Th. I. S. 270. verheyrathet war, befand sich auch mit darunter. Des Koͤnigs zweetem Bruder, T’Eri Watau gefiel es sowohl bey uns, daß er, ohngeachtet die uͤbrigen alle weggiengen, die ganze Nacht hindurch an Bord blieb. Um ihm eine Veraͤnderung zu ma- chen, ließen wir vom Mastbaume Raketen und andre kleine Kunstfeuer abbren- nen, woruͤber er ungemein viel Vergnuͤgen bezeigte. Beym Abendessen rech- nete er uns alle seine Verwandten vor, erzaͤhlte uns auch manches aus der neue- ren Geschichte von Tahiti , welches mir bey meiner Zuruͤckkunft nach England , durch O-Ma ï ’ s uͤbereinstimmende Aussage bestaͤtigt ward. Von jenem erfuh- ren wir, daß Ammo , Happai und Tutahah drey Bruͤder waͤren, davon der aͤlteste, Ammo , Koͤnig von ganz Tahiti gewesen sey. Dieser verheyra- thete sich mit O-Purea ( Oberea ) einer Prinzeßinn aus koͤniglichem Gebluͤte, und erzeugte mit ihr T’Eri-Derre , dem sogleich der Titel Eri-Rahai oder in den Jahren 1772 bis 1775. Koͤnig von Tahiti beygelegt wurde. Zu der Zeit, als Capitain Wallis diese 1774. May. Insel besuchte, fuͤhrte Ammo noch die Regierung, und mit ihm herrschte O- Purea (oder Oberea ,) als Koͤniginn. Allein, ein Jahr nachher (nemlich 1768) brach zwischen Ammo und seinem Vasallen Aheatua , dem Regenten der kleinern Halb-Insel von Tahiti , ein Krieg aus. Aheatua landete zu Paparra , wo Ammo gewoͤhnlich residirte, richtete unter dem Heer desselben eine große Niederlage an, steckte die Haͤuser und Pflanzungen in Brand, und fuͤhrte, was er an Schweinen und Huͤhnern habhaft werden konnte, mit sich weg. Ammo und Purea mit ihrem ganzen Gefolge, zu welchem auch, seinem eignen Gestaͤndniß nach, O-Mai gehoͤrte, fluͤchteten damals, (im December gedach- ten Jahres) in die Gebirge. Endlich machte der Sieger unter der Bedingung Friede, daß Ammo die Regierung niederlegen, sein Sohn aber das Recht der Nachfolge willig an O-Tuh , den aͤltesten Sohn seines Bruders Happai , abtreten sollte Dies ließen sich die Ueberwundenen gefallen, und, waͤhrend der Minderjaͤhrigkeit des O-Tuh , ward Tutahah , der juͤngere Bruder des ehe- maligen Regenten, zum Administrator bestellt. Diese Revolution hat viel Aehn- liches mit denenjenigen, die in den despotischen Staaten Asiens so oft vorfallen. Selten wagts allda der Sieger, die eroberten Laͤnder selbst zu beherrschen. Ge- meiniglich begnuͤgt er sich, sie rein auszupluͤndern, und setzt als denn, aus der koͤnig- lichen Familie des Landes, einen andern zum Regenten ein. Nicht lange nach obgedachtem Vorfall veruneinigte sich O-Purea mit ihrem Gemahl, und von Worten kam es zu Thaͤtlichkeiten. Also hielten sie es fuͤrs Beste, von einander zu scheiden. Er nahm sich zur Schadloshaltung eine sehr huͤbsche junge Person als Beyschlaͤferin, und Sie theilte ihre Gunstbezeugungen einem gewissen Obadi , und noch andern Liebhabern mit. Ammo scheint jedoch an diesen Zwi- stigkeiten am mehresten Schuld zu seyn, und zwar durch eheliche Untreue; denn ob gleich diese hier nicht so haͤufig als in England vorfaͤllt, so ist sie doch eben nichts ganz Unerhoͤrtes, vornemlich, wenn die Dame bey zunehmenden Jahren und abnehmenden Reitzen noch immer eitel genug ist, von ihrem Manne die zaͤrtliche Aufmerksamkeit eines Braͤutigams zu erwarten. Am Bord unsers eigenen Schiffes, trug sich ein Vorfall dieser Art zu. Polatehera , die ehemals mit Po- tatau verheyrathet gewesen, seit einiger Zeit aber von ihm geschieden war, hatte Forster’s Reise um die Welt 1774. May. sich, sobald ihr voriger Mann anderweitig versorgt war, auch ihrer Seits einen juͤngern Mann oder Liebhaber angeschafft. Dieser lebte aber mit einem andern Maͤdchen in gutem Vernehmen und hatte unser Schiff zum Ort seiner Zusammen- kunft mit ihr gewaͤhlt. Unmoͤglich konnte dies geheime Verstaͤndniß ganz unbemerkt bleiben. Die handveste Polatehera , Wenn sich die Leser nicht mehr erinnern sollten, woher Polatehera diesen Zunahmen ver- dient; so duͤrfen sie nur im ersten Theil dieses Werks pag. 273. nachsehen. ertappte sie also einmal des Morgens, und ließ ihrer Mitbuhlerin den Ausbruch ihres Zorns ganz thaͤtig, dem betroffnen Liebhaber hingegen die bittersten Vorwuͤrfe wegen seiner Untreue empfinden. Zu der Zeit da Capitain Cook in der Endeavour hier ankam, war die Regierung der Insel in Tutahahs Haͤnden. Nicht lange nach der Abreise desselben suchte Tutahah , der den Schimpf, welchen Aheatua seiner Familie zugefuͤgt hatte noch immer nicht vergessen konnte, die Vornehmern auf O- Tahiti-nue , oder der groͤßern Halb-Insel, zu uͤberreden, daß sie sich zu ei- nem neuen Kriege gegen den Aheatua mit ihm vereinigen moͤgten. Viel- leicht verließ er sich hiebey auf die Reichthuͤmer, die er von den Europaͤern ge- schenkt bekommen, vielleicht wandte er auch einen Theil derselben an um die Großen der Insel in sein Interesse zu ziehen. Genug es ward eine Flot- te ausgeruͤstet, und mit dieser seegelte er nach Teiarrabu . Aheatua hatte sich zwar in gute Verfassung gesetzt seinen Feind zu empfangen, da er je- doch schon bey Jahren war, Siehe Hawkesworths Gesch. der engl. See-Reisen, in 4. Th. II. S. 156. und seine Tage lieber in Frieden zu beschlies- sen, als einen neuen Krieg anzufangen wuͤnschte; so schickte er dem Tuta- hah Abgeordnete entgegen, und ließ ihm versichern, daß er sein Freund, und bereit sey, es immer zu bleiben; er baͤthe ihn also friedlich nach seinem Lande zuruͤckzukehren, und ein Volk, das keine Feindschaft gegen ihn hegte, nicht feindselig zu behandeln. Tohah war aber nicht von seinem Vorhaben abzubringen sondern gab vielmehr gleich Befehl zum Angriff. Der Verlust hielt auf beyden Seiten so ziemlich das Gleichgewicht: doch zog sich Tutahah zuruͤck, wiewohl aus keiner andren Absicht als um seinen Feind zu Lande anzugreifen. Happai mißbil- ligte in den Jahren 1772 bis 1775. ligte diesen Schritt und blieb daher mit seiner ganzen Familie zu O-Parre zu- 1774. May. ruͤck. Tutahah kehrte sich aber daran nicht, sondern gieng in Begleitung O- Tuh’s auf die Erdenge los, welche die beyden Halb-Inseln mit einander verbindet. Hier kam es zwischen ihm und Aheatua zu einer Schlacht, in welcher Tutahahs ganze Armee auseinander gesprengt wurde, und er selbst das Leben einbuͤßte. Ei- nige Leute versicherten, er sey gefangen und nachher , auf Befehl des Siegers, ums Leben gebracht worden; andre aber, unter denen auch O-Ma ï war, be- haupteten, er sey wuͤrklich auf dem Schlachtfelde geblieben. O-Tuh fluͤchtete mit einigen vertrauten Freunden auf die Berge, indeß Aheatua sein siegreiches Heer nach Matavai und O-Parre fuͤhrte. Bey Annaͤherung des Ueberwin- ders floh auch Happai in die Gebuͤrge, Aheatua aber ließ ihm durch einen Boten sicheres Geleit versprechen und ausdruͤcklich andeuten, er habe gegen ihn und seine Familie im geringsten keine Absichten, sondern sey noch jetzt, so wie von je her, zum Frieden geneigt. Durch eben diesen Bothen erfuhren die Fluͤchtlinge auch, daß Tutahah auf dem Platz geblieben sey, O-Tuh aber ver- mißt werde, ohne daß man sagen koͤnne, wo er hingekommen. Happai wagte es also, im Vertrauen auf Aheatua’s Wort, aus seinem Schlupfwinkel her- vorzukommen, und bald darauf langte auch O-Tuh , durch ungebahnte und sehr beschwerliche Wege, mit seinen wenigen Gefaͤhrten wiederum bey seinem Vater an. Hierauf ward sofort ein allgemeiner Friede geschlossen, und O-Tuh uͤbernahm von Stund an die Regierung selbst. Nach den betraͤcht- lichen Landes-Verbesserungen zu urtheilen, die er seit dem Antritt seines Regi- ments, waͤhrend unsrer acht monatlichen Abwesenheit, zu Stande gebracht, muß O-Tuh ein Mann von ganz guten Einsichten seyn, und das allgemeine Beste seiner Unterthanen durch schickliche Mittel zu befoͤrdern wissen. Aheatua starb bald nach geschlossenem Frieden, und sein Sohn, gleiches Namens, den wir im August 1773 zu Aitepiha antrafen, folgte ihm in der Regierung von Teiarrabu . Te-Eri Watau , dem wir die vorstehenden Nachrichten zu verdanken hatten, gab uns zugleich uͤber die Genealogie der Koͤniglichen Familie folgende Auskunft. Sein Vater, sagte er, habe acht Kinder. 1. Tedua Ueber die Bedeutung dieses Titels sehe man im ersten Theil pag. 304. nach. d.i. die Prinzeßin, Nihaurai Forster’s Reise u. d. W. zweyter Th. K Forster’s Reise um die Welt 1774. May. waͤre die aͤlteste von allen, ohngefaͤhr dreyßig Jahre alt, und an Am- mo’s Sohn Namens T’Eri-Derre , verheirathet; 2.) Die zweyte Tedua (Prinzeßin) heiße Taura ï , sey unverheirathet, und ohngefaͤhr sieben und zwanzig Jahr alt; diese schien bey dem hiesigen Frauenzimmer fast in eben so allgemeinem Ansehen zu stehen, als der Koͤnig auf der ganzen Insel. 3.) O-Tuh , der Eri-Rahai , oder Koͤnig von Tahiti , ohngefaͤhr 26 Jahr alt: ich habe bereits weiter oben gedacht, daß jedermann zum Zeichen der Ehrfurcht in seiner Gegenwart die Schultern entbloͤßen mußte, und unser Tahitischer Hi- storiograph sagte mir heute, daß auch Aheatua , ohngeachtet er Regent der klei- neren Halb-Insel sey, dennoch, als Vasal des Koͤniges, zu eben dieser Ehrenbe- zeugung sich bequemen muͤsse. 4.) Tedua Tehamai , oder Prinzeßinn Tehamai , die dem Alter nach auf O-Tuh folgt, starb in der Jugend. 5.) T’Eri-Watau selbst (von dem sich alle diese Nachrichten herschreiben,) ist der naͤchste in der Ordnung , und schien ohngefaͤhr 16 Jahr alt zu seyn; er sagte, daß er noch ei- nen andern Namen habe, der mir aber entfallen ist, und ich vermuthe, daß es nur sein Ehrentitel gewesen. 6.) Sein naͤchster Bruder Tubua ï terai , auch Mayorro genannt, ist ein Knabe von 10 oder 11 Jahren. 7.) Erreretua , ein kleines Maͤdchen von 7 Jahren, und 8.) Tepaau , ein Knabe von 4 bis 5 Jah- ren, sind die juͤngsten. Eine gesunde, keinesweges aber corpulente Leibesbe- schaffenheit, und ein dicker buschichter Kopf von Haaren, schien das eigenthuͤm- liche Merkmal der ganzen Familie zu seyn. Ihre Gesichtszuͤge waren meisten- theils gefaͤllig; ihre Farbe aber sehr braun, Nihaurai und O-Tu ausgenommen. Die ganze Familie schien bey dem Volke sehr beliebt zu seyn, so wie uͤberhaupt die Zuneigung gegen die Befehlshaber, einen Zug im National-Character der Ta- hitier ausmacht. Wirklich verdiente auch die koͤnigliche Familie, ihres durchgaͤn- gig leutseligen und gutherzigen Betragens wegen, mit Recht allgemeine Liebe. Te- dua Taurai begleitete den Koͤnig fast jedesmal, wenn er zu uns ans Schiff kam; und dann hielt sie es ihrem Range im geringsten nicht zuwider, von den gemein- sten Matrosen, gegen Zeug und andre Merkwuͤrdigkeiten, rothe Federn einzuhan- deln. Einstmals war sie mit O-Tu , dem Capitain und meinem Vater in der Cajuͤtte, um unsern Vorrath von Eisengeraͤth und andern Handlungs-Artikeln durchzusehen. Zufaͤlligerweise ward der Capitain herausgerufen, und kaum in den Jahren 1772 bis 1775. hatte er den Ruͤcken gewandt, so fluͤsterte sie ihrem Bruder etwas ins Ohr. Die- 1774. May. ser ließ sichs darauf sehr angelegen seyn, meines Vaters Aufmerksamkeit durch allerley Fragen an sich zu ziehen. Mein Vater merkte, worauf es abgesehen sey. Da nun die gute Prinzeßinn meynte, daß man ihr nicht auf die Finger saͤhe, so nahm sie ganz behende ein Paar Sparren-Naͤgel fort, und verbarg solche in den Falten ihrer Kleidung. Als Capitain Cook wieder herein kam, erzaͤhlte ihm zwar mein Vater den schlauen Streich, den Ihro Durchlaucht aus- gefuͤhrt hatten: Allein sie hielten es beyde fuͤrs beste, sich anzustellen, als waͤren sie nichts davon gewahr worden. Sie hatte schon bey mehreren Gelegenheiten eine unwiderstehliche Neigung blicken lassen, eins und das andre heimlich zu entwenden. Gleichwohl hatte man ihr noch nie etwas abgeschlagen; sondern ihr fast allezeit mehr geschenkt, als sie gefordert. Es war also seltsam genug, daß sie darauf verfiel, das zu entwenden, was sie auf eine weit anstaͤndigere Weise haͤtte er- langen koͤnnen; vielleicht fand sie aber deshalb ein besonders Wohlgefallen an gestohlnen Sachen, weil sie diese blos ihrer eignen Geschicklichkeit zu ver- danken zu haben glaubte. Wenn ihr die Tahitischen Maͤdchen nicht zu viel nachgeredet; so muß sie uͤberhaupt sehr viel auf verstohlne Freuden halten, denn sie gaben ihr Schuld, daß sie sich des Nachts wider Wissen ihres Bruders, mit den gemeinsten Tautaus zu thun machte. Verhaͤlt sich’s wuͤrklich also, so waͤre es sonderbar genug, wenn hier zu Lande, wo jedermann den Trieben der Natur ohne Bedenken folgt, gerade bey Prinzeßinnen und Vornehmen darinn eine Ausnahme statt finden sollte, da diese doch sonst gemeiniglich vor allen an- dern gewohnt sind, ihrem Willen ohne Einschraͤnkung zu folgen. Aber so ist es: die menschlichen Leidenschaften sind allenthalben dieselben. Sclaven und Fuͤrsten haben einerley Instincte; folglich muß die Geschichte ihrer Wirkungen auch uͤberall, in jedem Lande, eine und eben dieselbige bleiben. Am andern Morgen kam O-Tuh in aller Fruͤhe nach Point Ve- nus , und gab dem Serjeanten der allda campirenden See-Soldaten Nach- richt, daß jemand seiner Unterthanen unsrer Schildwacht die Muskete ge- stohlen und mit selbiger entlaufen sey; zu gleicher Zeit fertigte er an seinen Bruder T’ Erih-Watau , der seit gestern Abend noch bey uns am Bord war, einen Boten ab und ließ ihn abrufen, worauf uns dieser auch, gleich nach dem K 2 Forster’s Reise um die Welt 1774. May. Fruͤhstuͤck verlies. Der Koͤnig erwartete ihn schon am Strande, und so bald er ankam, fluͤchteten beyde nebst den uͤbrigen Koͤnigl. Herrschaften nach Westen, aus Furcht, man moͤgte die gestohlne Muskete von Ihnen fordern. Um sie nun demohn- erachtet wieder zu bekommen, brauchte Capitain Cook , wie er in dergleichen Faͤllen schon mehrmalen mit gutem Erfolg gethan hatte, Repressalien, und nahm einige doppelte Reise-Canots in Beschlag, die unterschiednen vornehmen Leuten, und vornemlich einem gewissen Maratata angehoͤrten, als welchem man Schuld gab, er habe einem seiner Leute anbefohlen, die Muskete zu entwenden. Maratata befand sich eben in seinem Canot und suchte dem Embargo durch die Flucht zu entge- hen. Als aber Capitain Cook auf das Fahrzeug einige Schuͤsse thun ließ, sprang er mit sammt seinen Ruderern in die See, und schwamm nach dem Ufer zu, wir aber nahmen das Canot an uns. Gegen Abend kam Tih an Bord, und zeigte an, der Dieb sey nach der kleinen Halb-Insel, oder nach Teiarrabu gefluͤchtet; es wurden also die angehaltnen Canots, das von Maratata ausgenommen, wieder frey gegeben. Indessen hatte diese Verdrießlichkeit die Insulaner ziemlich verscheucht; am Bord waren nur sehr wenige, und Frauenspersonen gar nicht. Als Capitain Cook endlich gegen Abend aus Land gieng, kamen ihm etliche Tahitier ganz außer Athem und von Schweiß triefend entgegen, und brachten nicht nur die Muskete, sondern auch ein Buͤndel Kleider und ein doppeltes Stunden-Glas, mit sich, welches alles zu gleicher Zeit war entwendet wor- den. Sie erzaͤhlten dabey, daß sie den Dieb eingehohlt, ihn tuͤchtig abge- pruͤgelt, und gezwungen haͤtten, ihnen den Ort anzuzeigen, wo er die gestohlnen Sachen im Sande verscharret gehabt. So treuherzig sie sich aber auch dabey an- stellten, so mogte es mit ihrer Erzaͤhlung doch wohl nicht so ganz klar seyn, wenigstens war der eine dieser Gesellen vor kurzer Zeit noch bey den Zelten ge- wesen, dergestalt, daß er unterdessen ohnmoͤglich so weit gelauffen seyn konnte, als sie vorgaben. Indessen stellten wir uns, als ob wir nichts argwohnten, sondern machten ihnen vielmehr allerhand Geschenke, damit sie sehen sollten, daß wir jederzeit geneigt waͤren, ihren Diensteifer zu belohnen. Am fol- genden Tage war der bisherige Handel gaͤnzlich eingestellt, es zeigte sich niemand der etwas zum Verkauf gebracht haͤtte. Tih war der einzige, der an Bord kam; Er bath wir moͤchten den Koͤnig zu Parre aufsuchen in den Jahren 1772 bis 1775. und wieder besaͤnftigen, denn er sey Matau , eine zweydeutige Redensart 1774. May. aus der Hofsprache, die so viel sagen wollte, der Koͤnig sey ungehalten und in Besorgniß, deshalb man ihn durch einige Geschenke wieder zufrieden stellen und guten Muthes machen muͤsse. Zu Erreichung dieser Absicht verfuͤgte sich der Capitain nebst meinem Vater zu ihm, Dr. Sparrmann aber und ich bega- ben uns nach den Zelten. Wir fanden die Tahitier uͤber den gestrigen Vor- fall, und besonders daruͤber, daß wir selbst uns hatten Recht verschaffen wol- len, nicht wenig betreten. Der Koͤnig hatte ihnen ausdruͤcklich untersagt, uns keine Lebensmittel zu verkaufen; gleichwohl konnten sie es, ihrer angebohr- nen Gastfreyheit nach, ohnmoͤglich uͤbers Herz bringen, uns nicht mit Co- cos-Nuͤssen und andern Erfrischungen zu bewirthen. Gegen Mittag kamen wir wieder an Bord zuruͤck, und fanden daselbst den Capitain, der in der Zwischenzeit bey dem Koͤnige schon alles wieder gut gemacht hatte. Diese Nacht mußten sich die Matrosen ohne ihre gewoͤhnliche Gesellschaft behelfen. Der Koͤnig hatte es den Frauensleuten, fuͤr heute, ausdruͤcklich untersagt, damit durch die Diebereyen derselben nicht neue Haͤndel entstehen moͤgten. Am folgenden Tage hingegen hatten sie sich vermuthlich schon wieder Erlaubniß ausgewuͤrker, an Bord zu kommen; und naͤchst ihnen langten auch von neuem eine Menge Canots mit Lebensmitteln und frischen Fischen an. Capitain Cook schickte Maheinen nach dem District Atahuru ab, um dem daselbst wohnenden Admiral To- hah , fuͤr einige Schweine die er uns zugeschickt hatte, allerhand Gegenge- schenke zu uͤberbringen. In seiner Abwesenheit kam Opurea ( Oberea ) an Bord, und brachte dem Capitain Cook ebenfalls zwey Schweine. Das Geruͤcht von unsern rothen Federn hatte sich bis nach ihrem Wohnsitz, in die Ebnen von Paparra , verbreitet, und sie machte gar kein Geheimniß daraus, daß sie blos in der Absicht hergekommen sey, sich einige davon aus- zubitten. Dem Ansehen nach mochte sie jetzt zwischen vierzig und funfzig Jahren seyn; sie war groß und stark von Coͤrper; und ihre Gesichtszuͤge, die vielleicht vor Zeiten angenehmer gewesen, hatten nunmehro ein ziemlich maͤnnli- ches Ansehen bekommen. Doch bemerkte man in ihrer Physiognomie noch immer Spuren von ehemaliger Majestaͤt. Ihr Blick schien immer noch befeh- lerisch und in ihrem Betragen war etwas freies und edles. Sie blieb nicht K 3 Forster’s Reise um die Welt 1774. May. lange bey uns, vielleicht weil es ihr wehe that, in unsern Augen nicht mehr so viel als vormals zu bedeuten. Sie begnuͤgte sich nach einigen ihrer Freunde, die vor etlichen Jahren auf dem Schiffe Endeavour hier gewesen waren, zu fragen, und ließ sich sodann in ihrem Canot wieder ans Land brin- gen. Um eben die Zeit besuchte uns auch ihr voriger Gemahl O-Ammo ; diesem wiederfuhr aber noch weniger Achtung, als der O-Purea . Da ihn die Matrosen nicht kannten, so hatte man ihm, als einem ganz unbe- deutenden Mann, so gar den Zutritt in des Capitains Cajuͤtte verweigert, und es ward ihm auch ziemlich schwer gemacht, nur seine Schweine anzubrin- gen, denn wir hatten deren jetzt fast mehr am Borde als wir bergen konn- ten. Ammo und O-Purea , die sich noch vor weniger Zeit auf dem hoͤch- sten Gipfel der Ehre befanden, waren jetzt tief herabgesunken und duͤrftig; mit einem Wort lebendige Beyspiele von der Unbestaͤndigkeit aller irrdischen Groͤße! Am 12ten suchten wir dem Koͤnige mancherley Veraͤnderungen zu ma- chen. Wir feuerten unsre scharf geladenen Canonen ab, so daß die Kugeln und Kartetschen uͤber das Rief ins Meer schlugen, welches fuͤr ihn und einige Tau- send andere Zuschauer ein sehr angenehmes und bewundrungswuͤrdiges Schau- spiel war. Bey Einbruch der Nacht ließen wir Raketen und Luftkugeln steigen, woruͤber sie noch mehr Vergnuͤgen und Erstaunen bezeigten. Sie hielten uns fuͤr ganz außerordentliche Leute, und wußten nicht, was sie dazu sagen sollten, daß wir Blitze und Sterne nach Belieben hervorbringen koͤnnten. Unsern Feuerwerken gaben sie den hochtoͤnenden Namen: Hiwa Bretanni , das brittische Fest . Am folgenden Tage war der Zulauf von Menschen, die an Bord kamen, ungewoͤhnlich groß. Sie hatten bemerkt, daß wir uns zur Abreise anschickten, und daher brachten sie, statt Lebensmittel, lauter Zeug und andre Seltenheiten, die alsdenn gemeiniglich noch am theuersten bezahlt wurden. Nachmittags giengen wir mit dem Capitain Cook nach O-Parre und fanden daselbst unsern wuͤrdigen Freund Tohah nebst Maheinen . Tohah war an einer Art von Gicht sehr krank gewesen, und klagte noch uͤber Schmerz und Geschwulst an den Fuͤßen. Dem ohngeachtet hatte er sich auf den Weg gemacht, um Abschied von uns zu in den Jahren 1772 bis 1775. nehmen, und versprach morgen noch an Bord zu kommen. O-Tuh war gleich- 1774. May. falls da, und ließ sich verlauten, daß er uns einen Vorrath von Brodfrucht zu- gedacht habe, womit uns damals, mehr als mit Schweinen, gedient war. Des folgenden Morgens (am 14.) bekamen wir von vielen Vornehmen aus der gan- zen Insel Besuch. Happai und alle seine Kinder, O-Tu ausgenommen, waren mit unter dieser Zahl. Um 8 Uhr langte auch Tohah mit seiner Frau an, und hatte eine ganze Bootsladung von allerhand Geschenken bey sich. Der gute alte Admiral befand sich so uͤbel, daß er nicht auf den Beinen stehen konn- te; gleichwohl wuͤnschte er herzlich, aufs Verdeck zu steigen; da er aber zu schwach dazu war, so ließen wir ihn, in einem an Tauen befestigten Tragesessel, in die Hoͤhe winden, woruͤber er so viel Vergnuͤgen, als seine Landsleute Erstaunen bezeigte. Wir nahmen Gelegenheit das Gespraͤch auf die be- vorstehende Expedition nach der Insel Eimeo zu lenken, da er uns denn versi- cherte, daß sie bald nach unsrer Abfahrt vor sich gehen wuͤrde, und daß ihn seine Unpaͤßlichkeit nicht abhalten sollte, die Flotte in Person zu commandiren. Es wuͤrde ja, setzte er hinzu, wohl nicht viel daran gelegen seyn, wenn ein so alter Mann, als er, das Leben dabey verliehren sollte, weil er in der Welt doch nicht viel Nutzen mehr stiften koͤnnte. Seiner Krankheit ohnerachtet fanden wir ihn uͤberaus heiter und lustig. Ueberhaupt war seine Denkungsart edel, uneigennuͤtzig und schien wahrhaft heroisch zu seyn. Er nahm mit so vollem Herzen und einer so sichtbaren Ruͤhrung von uns Abschied, daß es in jeder fuͤhlenden Seele Weh- muth erregte, und einen Misanthropen wieder mit der Welt haͤtte aussoͤhnen koͤn- nen. Maheine , der ihn an Bord begleitet hatte, entschloß sich kurz und gut mit uns nach Raietea zu gehen, von da aus wollte er seine Verwandten und Freunde in den Societaͤts-Inseln nach der Reihe besuchen, und dann, so bald er Gelegenheit finden wuͤrde, wieder nach Tahiti zuruͤckkehren. Dieser Gedanke war so un- recht nicht. Er hatte in unterschiednen von diesen Inseln eigenthuͤmliche Besi- tzungen, die er vortheilhaft los zu schlagen wuͤnschte, um alle das seinige in Ta- hiti beysammen zu haben. Ein solcher Plan war einer Reise werth. Er hatte sich verschiedne Gesellschafter mitgebracht, die aus Borabora gebuͤrtig waren, diese stellte er dem Capitain Cook vor, und erklaͤrte dabey, daß der eine davon sein leiblicher Bruder sey. Sie baten um Erlaubniß, auf unserm Schiffe nach Forster’s Reise um die Welt 1774. May. den Societaͤts-Inseln gehen zu duͤrfen, und Capitain Cook bewilligte es ihnen ohne Bedenken. Maheine eroͤffnete uns mit einer Art von Prahlerey, jedoch im Ver- trauen, daß er vorige Nacht bey O-Purea die Aufwartung gehabt habe, und sahe es als eine große Ehre und als einen besonderen Vorzug an; er zeigte uns auch einige Stuͤcke sehr feinen Zeuges, welche sie ihm zur Belohnung der treu gelei- steten Dienste geschenket haͤtte. O-Purea war also fuͤr die Freuden der Sinn- lichkeit noch immer nicht zu alt, ohnerachtet in diesem so warmen Clima die Wei- ber fruͤher reifen, und folglich auch, verhaͤltnißweise, fruͤher alt und stumpf werden sollten als bey uns zu Laude. Da O-Tuh nicht an Bord gekommen war, so statteten wir bey ihm noch einen Besuch ab, und sahen bey dieser Gelegenheit eine Anzahl Krieges-Canots, am Gestade von O-Parre vor Anker. Es waren ihrer vier und vierzig, die insgesammt nach Tittahah gehoͤrten, welches der kleinste District in der nordwestlichen Halbinsel von Tahiti ist. O-Tuh lies in unsrer Gegenwart einige Kriegs-Manoͤvres machen, die zu unsrer Verwundrung mit der groͤßten Fertigkeit ausgefuͤhrt wurden. Die Befehlshaber waren alle in ihren Kriegsruͤ- stungen mit Brustschildern; aber ohne Helme. Wir fanden auch einige noch ganz junge Knaben dabey, die gleichfals als Krieger gekleidet waren, und mit dem Speer eben so geschickt umzugehen wußten, als die Erwachsenen. Um die Wurfspieße der Feinde auszupariren, hatten sie eine besondre Methode. Sie ließen nemlich die Spitze eines Speers oder einer langen Streitaxt gerade vor sich auf dem Boden ruhen, und hoben das andre Ende mit einer Hand so weit in die Hoͤhe, daß die Linie des herabgesenkten Speeres, gegen ihren Koͤrper zu, einen Winkel von ohngefaͤhr 25 bis 30 Grad ausmachte. In dieser Richtung bewegten sie den Speer, dessen Spitze immer auf ihrem Ruhepunkte blieb und folglich gerade vor ihnen aus stand, je nach- dem der Wurf ihres Gegners es noͤthig machte, bald auf diese, bald auf jene Seite. Durch diese einfache Bewegung ward der Speer des Feindes allemal ausparirt und prallte ohne Schaden zu thun, an dem vorgelehnten Wurfspieß ab. Etliche Canots mußten auch im Rudern Evolutionen machen. Sie paßirten eines nach dem andern durch die schmale Einfahrt des Felsenriefs; und sobald sie innerhalb hinein waren, formirten sie eine Linie und schlossen dicht an einander. Auf dem mittelsten Canot stand ein Mann hinter dem Streit-Geruͤste, der den Ruderern mit einem gruͤnen Zweige Signale gab, sich links oder rechts zu wenden. Auf diese Art ruderten sie wie nach in den Jahren 1772 bis 1775. nach dem Tact und so gleichfoͤrmig, daß man haͤtte glauben sollen, die vielen hundert 1774. May. Ruder wuͤrden alle nur durch ein mechanisches Triebwerk in Bewegung gesetzt. Der Oberaufseher uͤber die Ruderknechte laͤßt sich gewissermaßen mit dem Κελευζης der alten Griechen vergleichen. Ueberhaupt fiel uns bey dem Anblick der Tahl- tischen Flotte die Seemacht jener alten Republicaner ein, und wir nahmen in der Folge Anlaß, beyde noch naͤher mit einander zu vergleichen. Das einzige ab- gerechnet, daß die Griechen Metalle hatten, mochten ihre Waffen sonst wohl eben so einfach, und ihre Art zu fechten, eben so unregelmaͤßig seyn als die Tahitischen, was auch Vater Homer , als Dichter, nur immer daran verschoͤnern mag. Die vereinte Macht von ganz Griechenland, die ehemals gegen Troja in See gieng, konnte nicht viel betraͤchtlicher seyn, als die Flotte, mit welcher O-Tu die Insel Eimeo anzugreifen gedachte; und ich kann mir die mille carinœ eben nicht viel furchtbarer vorstellen, als eine Flotte Tahitischer Kriegs-Canots, deren eins von funfzig bis zu einhundert und zwanzig Ruderer erfordert. Die Schiffarth der alten Griechen erstreckte sich nicht viel weiter, als heut zu Tage die Tahitische. Von einer Insel stach man zur andern heruͤber, das war alles. Die damaligen Seefahrer im Archipelagus richteten bey der Nacht ihren Lauf nach den Sternen; und so machen es die auf der Suͤdsee noch jetzt ebenfalls. Die Griechen waren brav; und daß es die Tahitier nicht minder seyn muͤssen, beweisen die vielen Narben ihrer Befehlshaber. Auch duͤnkt es mir sehr wahrscheinlich, daß man sich hier zu Lande, wenn es zur Schlacht kommen soll, in eine Art von Raserey zu versetzen sucht, dergestalt, daß die Bravour der Tahitier blos eine Art von kuͤnstlich erregtem Grimm ist. Und, so wie uns Homer die Schlachten der Griechen beschreibt, scheint es, daß jener Heroismus, der alle die von ihm besungnen Wunder hervorbrachte, im Grunde eben auch nichts anders war. Wir wollen einmal diese Parallele weiter ver- folgen. Homers Helden werden als uͤbernatuͤrlich große und starke Leute ge- schildert; auf eben die Art haben die Tahitischen Befehlshaber, der Statur und schoͤnen Bildung nach, so viel vor dem gemeinen Mann voraus, daß sie fast eine ganz andere Art von Menschen zu seyn scheinen. Herr von Bougainville wurde durch diesen aͤußern Anschein verleitet, die Befehlsha- ber und das gemeine Volk wirklich fuͤr zwey unterschiedne Staͤmme anzusehen. Natuͤrlicherweise Forster’s Reise u. d. W. zweyter Th. L Forster’s Reise um die Welt 1774. May. wird eine mehr als gewoͤhnliehe Menge von Speise dazu erfordert, um einen mehr als gewoͤhnlich großen Magen zu fuͤllen. Daher ruͤhmt der griechische Dichter von seinen trojanischen Helden, daß sie gar stattliche Mahlzeit gethan, und eben das laͤßt sich auch von den Tahitischen Befehlshabern sagen. Ueberdem haben es beyde Nationen mit einander gemein, daß sie, eine wie die andere, am Schweinefleisch Geschmack finden. Beyde kommen in der Einfalt der Sitten uͤberein und ihre eigenthuͤmlichen Charactere sind durch Gastfreyheit, Menschenfreundschaft und Gutherzigkeit, fast in gleichem Grade, vor andern ausgezeichnet. Sogar in ihrer politischen Verfassung findet sich eine Aehnlichkeit. Die Eigenthuͤmer der Tahitischen Districte sind maͤchtige Herren, die gegen O-Tuh nicht mehr Ehr- erbiethung haben, als die griechischen Helden gegen ihren Agamemnon ; und vom gemeinen Mann ist in der Iliade so wenig die Rede, daß er unter den Grie- chen von keiner groͤßeren Bedeutung gewesen zu seyn scheint, als die Tautaus in der Suͤdsee . Die Aehnlichkeit beyder Voͤlker ließe sich meines Erachtens noch wohl in mehreren Stuͤcken sichtbar machen; allein es war mir blos darum zu thun, sie durch einen Wink anzudeuten, und nicht durch eine lang gedehnte Ver- gleichung die Geduld der Leser zu mißbrauchen. Das Angefuͤhrte ist wohl Be- weis genug, daß Menschen, bey einem gleichen Grade von Cultur, auch in den entferntesten Welttheilen einander aͤhnlich seyn koͤnnen. Indessen wuͤrde es mir sehr leyd thun, wenn diese fluͤchtigen Anmerkungen ungluͤcklicherweise einen oder den andern gelehrten Projectmacher auf eine unrechte Spur brin- gen sollten. Die Thorheit, Stammbaͤume der Nationen zu entwerfen, hat noch kuͤrzlich viel Unheil in der Geschichte veranlaßt und die Egypter und Chi- neser auf eine wunderbare Art zu Verwandten machen wollen. Es waͤre daher wohl zu wuͤnschen, daß sie nicht ansteckend werden und weiter um sich greifen moͤgte. O-Tuh kam zu uns an Bord, um noch zu guter letzt bey uns zu speisen. Er schlug meinem Vater und Herrn Hodges vor, sie sollten zu Tahiti bleiben, und versprach ihnen, im rechten Ernste, sie in den reichen Districten von O-Par- re und Matavai , zu Eris zu machen. Ob er eigennuͤtzige Absichten dabey hatte oder ob dies Anerbieten bloß aus der Fuͤlle des Herzens kam, will ich nicht ent- scheiten, doch kann man sich wohl vorstellen, daß kein Gebrauch davon gemacht in den Jahren 1772 bis 1775. wurde, so gut es uͤbrigens gemeynet war. Unmittelbar nach dem Mit- 1774. May. tags-Essen hoben wir den Anker und giengen unter Seegel. O-Tuh bat den Capitain, daß er einige Kanonen abfeuern moͤgte und hielt bis auf den letzten Mann bey uns aus. Als seine Unterthanen alle fort waren, nahm auch Er Abschied, und umarmte uns, einen nach dem andern, recht herzlich. Das be- taͤubende Getoͤse der Kanonen hinderte uns gewissermaßen in jene Art von Trau- rigkeit zu sinken, die bey solchen Gelegenheiten wohl zu erfolgen pflegt, oder der sanften Wehmuth nachzuhaͤngen, zu der wir, bey der Trennung von diesem unschuldigen, gutgesinnten, sanften Volke berechtigt waren. Einer unserer Seeleute suchte sich diese unruhigen Augenblicke zu Nutze zu machen, um un- bemerkt nach der Insel zu entwischen. Man ward ihn aber gewahr, als er darnach hinschwamm und sahe zugleich einige Canots herbeyrudern, die ihn vermuthlich aufnehmen wollten; der Capitain ließ ihm also gleich durch eins von unsern Booten nachsetzen, ihn mit Gewalt zuruͤckbringen und zur Strafe fuͤr diesen Ver- such vierzehn Tage lang in Ketten legen. Allem Anschein nach, war die Sache zwischen ihm und den Insulanern foͤrmlich verabredet; denn sie haͤtten vielleicht eben so viel Nutzen davon gehabt, einen Europaͤer unter sich zu be- halten, als dieser gefunden haben wuͤrde, unter ihnen zu bleiben. Wenn man erwaͤgt, wie groß der Unterschied ist, der zwischen der Lebensart eines gemeinen Matrosen am Bord unsers Schiffes, und dem Zustande eines Be- wohners dieser Insel statt findet; so laͤßt sich leicht einsehen, daß es jenem nicht zu verdenken war, wenn er einen Versuch wagte, den unzaͤhlbaren Muͤh- seligkeiten einer Reise um die Welt zu entgehen, und wenn er, statt der mancher- ley Ungluͤcksfaͤlle die ihm zur See droheten, ein gemaͤchliches, sorgenfreyes Leben in dem herrlichsten Clima von der Welt, zu ergreifen wuͤnschte. Das hoͤchste Gluͤck, welches er vielleicht in Engelland haͤtte erreichen koͤnnen, ver- sprach ihm lange nicht so viel Annehmlichkeiten, als er, bey der bescheidenen Hoffnung, nur so gluͤcklich als ein ganz gemeiner Tahitier zu leben, vor sich sahe. Er durfte sich nicht schmeicheln, bey seiner Zuruͤckkunft nach England von den Muͤhseligkeiten der Reise um die Welt in Frieden ausruhen zu koͤnnen, sondern mußte sich vielmehr gefaßt machen, sogleich wieder auf ein andres Schiff abgegeben zu werden, und bey eben so ungesunder, elender Kost, eben L 2 Forster’s Reise um die Welt 1774. May. solchen Muͤhseligkeiten, eben solchen Nachtwachen und Gefahren, als er kaum uͤberstanden hatte, von neuem wieder entgegen zu gehen. Sollte es ihm aber auch wirklich gegluͤckt seyn, auf eine oder die andere Art zum ruhigen Genuß des Lebens zu gelangen; so mußte er doch immer besorgen, mitten in seinen Freuden, gewaltsamer weise zum Dienst geworben, und wider sei- nen Willen zum Streit fuͤrs Vaterland gezwungen zu werden, mithin, ent- weder sein Leben in der Bluͤthe seiner Jahre zu verlieren, oder das trau- rige Schicksal eines elenden Kruͤppels zu haben. Gesetzt aber, er haͤtte das alles vermeiden koͤnnen, so mußte er sich in England doch wenigstens dahin bequemen, sein taͤgliches Brod im Schweiß seines Angesichts zu verdie- nen, und die Wuͤrkung jenes allgemeinen Fluches zu empfinden, die Tahiti nicht erreicht zu haben scheint, oder wenigstens fast gar nicht daselbst gefuͤhlet wird. Unser gemeines Volk ist nun einmal zu lauter Plackereyen und zu bestaͤndigen Arbeiten bestimmt. Ehe man den geringsten Gebrauch vom Kor- ne machen kann, muß erst gepfluͤgt, geerndtet, gedroschen und gemahlen, ja es muß hundertmal mehr davon gebauet werden, als der Ackersmann selbst verbrauchen kann, theils um das Vieh zu erhalten, ohne dessen Huͤlfe kein Feldbau bestehet, theils auch, um das Ackergeraͤth und viel andre Dinge da- fuͤr anzuschaffen, die jeder Landwirth selbst verfertigen koͤnnte, wenn die Weit- laͤuftigkeit des Feldbaues ihm Zeit und Muße dazu uͤbrig ließe. Der Kaufmann, der Handwerksmann, der Kuͤnstler, muͤssen alle eben so arbeitsam seyn, um dem Landmanne das Korn und Brod wieder abzuverdienen. Wie ist hingegen beym Tahitier das alles so ganz anders! wie gluͤcklich, wie ruhig lebt nicht der! Zwey oder drey Brodfruchtbaͤume, die beynahe ohne alle Handanlegung fortkommen, und fast eben so lange tragen, als der, welcher sie gepflanzt hat, le- ben kann; drey solche Baͤume sind hinreichend, ihm drey Viertheile des Jah- res hindurch, Brod und Unterhalt zu geben! Was er davon nicht frisch weg essen kann, wird gesaͤuert, und als ein gesundes, wohlschmeckendes Nah- rungsmittel, fuͤr die uͤbrigen Monathe aufbewahret. Selbst diejenigen Pflan- zen, welche auf Tahiti die mehreste Cultur erfordern, naͤmlich der Papyr- Maulbeerbaum und die Arumwurzeln, kosten einem Tahitier nicht mehr Arbeit, als uns unser Kohl- oder andrer Gartenbau. Die ganze in den Jahren 1772 bis 1775. Kunst und Muͤhe, einen Brodfruchtbaum anzuziehen, besteht darin, daß man 1774. May. einen gefunden Zweig abschneidet und in die Erde steckt! Der Pisang sproßt alle Jahr frisch aus der Wurzel auf; die koͤnigliche Palme, diese Zierde der Ebenen, und das nuͤtzlichste Geschenk, womit die guͤtige Natur ihre Schooßkinder, die hiesigen Einwohner bedacht hat; der goldne Apfel, von dessen heilsamen Eigen- schaften wir eine so erwuͤnschte Erfahrung gemacht haben, und eine Menge noch andrer Pflanzen, die alle schießen von selbst auf, und erfordern so wenig War- tung, daß ich sie fast als gaͤnzlich wild wachsend ansehen moͤgte! Die Zuberei- tung des Kleidungszeuges, womit sich die Frauenspersonen allein abgeben, ist mehr fuͤr ein Zeitvertreib, als fuͤr eine wuͤrkliche Arbeit anzusehen; und so muͤhsam der Haus- und Schiff-Bau, imgleichen die Verfertigung des Handwerks- zeugs und der Waffen, auch immer seyn moͤgen, so verliehren alle diese Ge- schaͤfte doch dadurch viel von ihrer Beschwerlichkeit, daß sie ein jeder freywillig, und nur zu seinem eigenen unmittelbaren Nutzen uͤbernimmt. Auf solche Art fließt das Leben der Tahitier, in einem bestaͤndigen Zirkel von mancherley reizendem Gennsse hin. Sie bewohnen ein Land wo die Natur mit schoͤ- nen Gegenden sehr freygebig gewesen, wo die Luft bestaͤndig warm, aber von erfrischenden See-Winden stets gemaͤßigt, und der Himmel fast bestaͤndig heiter ist. Ein solches Clima und die gesunden Fruͤchte verschaffen den Ein- wohnern Staͤrke und Schoͤnheit des Coͤrpers. Sie sind alle wohlgestaltet und von so schoͤnem Wuchs, daß Phidias und Praxiteles manchen zum Modell maͤnnlicher Schoͤnheit wuͤrden gewaͤhlt haben. Ihre Gesichtsbildungen sind angenehm und heiter, frey von allem Eindruck irgend einer heftigen Leiden- schaft. Große Augen, gewoͤlbte Augenbraunen und eine hervorstehende Stirn geben ihnen ein edles Ansehen, welches durch einen starken Bart und Haarwuchs noch mehr erhoͤhet wird. Andre Seefahrer haben berichtet, daß sie sich die Haare von der Oberlippe, der Brust und unter den Armen ausrauffen Das ist aber gewiß nicht allgemein. Die Vornehmen und der Koͤnig behalten ihre Lippen-Baͤrthe. Alles das, und die Schoͤnheit ihrer Zaͤhne, sind redende Kennzeichen ihrer Gesundheit und Staͤrke. Das andre Geschlecht ist nicht minder wohl gebildet. Man kann zwar die hiesigen Weiber nicht L 3 Forster’s Reise um die Welt 1774. May. regelmaͤßige Schoͤnheiten nennen, sie wissen aber doch das Herz der Maͤnner zu gewinnen, und erwarben sich durch ungezwungne, natuͤrliche Freundlichkeit, und durch ihr stetes Bestreben zu gefallen, die Zuneigung und Liebe unse- res Geschlechts. In der Lebensart der Tahitier herrscht durchgehends eine gluͤck- liche Einfoͤrmigkeit. Mit Aufgang der Sonne stehen sie auf, und eilen sogleich zu Baͤchen und Quellen, um sich zu waschen und zu erfrischen. Alsdenn arbei- ten sie, oder gehen umher, bis die Hitze des Tages sie noͤthigt in ihren Huͤtten, oder in dem Schatten der Baͤume, auszuruhen. In diesen Erholungs-Stunden bringen sie ihren Kopfputz in Ordnung, das heißt: sie streichen sich das Haar glatt und salben es mit wohlriechendem Oel; zuweilen blasen sie auch die Floͤte, sin- gen dazu, oder ergoͤtzen sich, im Grase hingestreckt, am Gesange der Voͤgel. Um Mittag, oder auch wohl etwas spaͤter, ist ihre Tischzeit, und nach der Mahl- zeit gehen sie wieder an haͤusliche Arbeiten oder an ihren Zeitvertreib. Bey allem, was sie thun, zeigt sich gegenseitiges Wohlwollen, und eben so sieht man auch die Jugend in Liebe untereinander, und in Zaͤrtlichkeit zu den ihrigen aufwachsen. Mun- trer Scherz ohne Bitterkeit, ungekuͤnstelte Erzaͤhlungen, froͤhlicher Tanz und ein maͤs- ges Abendessen bringen die Nacht heran; und dann wird der Tag durch aberma- liges Baden im Flusse beschlossen. Zufrieden mit dieser einfachen Art zu leben, wissen diese Bewohner eines so gluͤcklichen Clima, nichts von Kummer und Sorgen, und sind bey aller ihrer uͤbrigen Unwissenheit gluͤcklich zu preisen Ihr Leben fließet verborgen, Wie klare Baͤche, durch Blumen dahin. Kleist . Das alles sind freylich in den Augen solcher Leute, die nur an das Vergnuͤgen der Sinnlichkeit denken, sehr wesentliche Vortheile, und es war daher kein Wun- der, daß ein Matrose, der vielleicht noch weniger Ueberlegung haben mogte, als seine Cameraden, nur auf die Freuden des gegenwaͤrtigen Augenblickes dachte. Freylich, mit etwas mehr Beurtheilungskraft, wuͤrde er eingesehen haben, daß ein Mensch von seiner Art, der zu einem thaͤtigen Leben gebohren, mit tausend Gegenstaͤnden bekannt, wovon die Tahitier nichts wissen, und gewohnt ist, an das Vergangne und Zukuͤnftige zu denken, daß der einer so ununterbrochnen Ruhe in den Jahren 1772 bis 1775. und eines bestaͤndigen Einerley, bald uͤberdruͤßig werden muͤsse, und daß eine 1774. May. solche Lage nur einem Volk ertraͤglich seyn koͤnne, dessen Begriffe so einfach und eingeschraͤnkt sind, als wir sie bey den Tahitiern fanden. Indessen sind die Vorstellungen, die man sich von der Gluͤckseligkeit macht, bey unterschiednen Voͤlkern eben so sehr verschieden, als die Grundfaͤtze, Cultur und Sitten derselben; und da die Natur, in den verschiednen Gegenden der Welt, ihre Guͤter bald freygebig, bald sparsam ausgetheilt hat; so ist jene Verschiedenheit in den Begriffen vom Gluͤck ein uͤberzeugender Beweis von der erhabenen Weisheit und Vaterliebe des Schoͤpfers, der in dem Entwurf des Ganzen, zugleich auf das Gluͤck aller einzelnen Geschoͤpfe, sowohl in den heis- sen als kalten Himmelsstrichen, Ruͤcksicht nahm. Fix ’d to no spot is happiness sincere ’Tis no where to be found or ev’ry where. Pope . Drit- Forster’s Reise um die Welt Drittes Hauptstuͤck . Zweeter Aufenthalt auf den Societaͤts-Inseln . 1774. May. E in rascher Wind fuͤhrte uns schnell von Tahiti weg. Roch betrachteten wir die schoͤnen Aussichten dieser Insel, als sich auf unserm eigenen Verdeck ein unerwarteter Anblick zeigte, der eines jeden Aufmerksamkeit an sich zog. Es war nichts geringeres, als eins der schoͤnsten Maͤdchen, welches den Vor- satz gefaßt hatte, mit uns nach ihrem Vaterlande, der Insel Raietea , zuruͤck- zugehen. Ihre Eltern, welchen sie, vor ein Paar Jahren, ein gluͤcklicher Liebhaber, nach Tahiti entfuͤhrt hatte, waren noch am Leben; und sie konnte der Sehnsucht, dieselben wieder zu sehen, jetzt nicht laͤnger widerstehen. Ihren Unwillen fuͤrchtete sie also nicht, vielmehr hoffte sie eine guͤtige Auf- nahme, und in der That muß auch da, wo Eigennutz und Ehrgeitz nur so wenig Herrschaft haben als hier, ein jugendlicher Fehltritt des Herzens leicht Verzeitzung finden. Sie hatte sich, bey O-Tuh’s letzter Anwe- senheit auf dem Schiff, versteckt gehalten; weil er es ausdruͤcklich verboten, daß keine Frauensleute mit uns von der Insel weggehen sollten, und kam auch nicht ehe zum Vorschein, bis wir in offner See waren. Naͤchst ihr gieng auch Maheine , nebst seinem Bedienten und noch zwo andern Leuten von Borabora , in dem festen Zutrauen mit, daß sie bey uns eben so gut aufgehoben seyn wuͤrden, als ihr Landsmann Maheine waͤhrend der vorigen Reise. Ihre Gesellschaft half uns, waͤhrend der Ueberfahrt von Tahiti nach Huaheine , die Zeit ver- kuͤrzen. Das Maͤdchen hatte eines Officiers Kleider angezogen, und gefiel sich in dieser Tracht so wohl, daß sie solche gar nicht wieder ablegen wollte. Sie trug kein Bedenken, in Gesellschaft der Officiers zu speisen, und lachte nur uͤber das Vorurtheil, welches ihre Landsmaͤnninnen abhielt, ein gleiches zu thun. Ueber- haupt zeigt sie viel gesunde Vernunft, und wuͤrde sich mit Huͤlfe einer guten Er- ziehung selbst unter den europaͤischen Damen vortheilhaft ausgezeichnet haben; denn auch ohne alle Bildung ihres Verstandes gefiel sie einem jeden, schon durch ihre natuͤrliche Lebhaftigkeit und Freundlichkeit. Nach- in den Jahren 1772 bis 1775. Nachdem wir die ganze Nacht hindurch fortgesegelt waren, lag am fol- 1774. May. genden Morgen die Insel Huaheine vor uns, und des Nachmittags kamen wir, in dem noͤrdlichen Arme des Havens Warre , ohngefaͤhr 50 Schritt weit vom Ufer vor Anker. Dieser geringen Entfernung vom Lande hatten wir manchen Besuch zu verdanken. Die Insulaner brachten zum Theil Schweine zum Ver- kauf, forderten aber Beile dafuͤr, die nun schon so selten bey uns waren, daß wir sie fuͤr wichtigere Gelegenheiten aufsparen mußten. Ori , der Befehlshaber der Insel, kam vor Untergang der Sonnen in einem kleinen Canot ebenfalls zu uns, und brachte dem Capitain ein Schwein und einen Krieges-Brustschild, wofuͤr ihm die- ser ein schickliches Gegengeschenk machte. Er uͤberreichte auch noch einige Pfefferwurzeln, ohne jedoch die Ceremonien zu beobachten, die zur Zeit unsrer vormaligen Anwesenheit dabey statt gefunden hatten. S. im ersten Theil dieses Werks Seite 284. Abends ward es gaͤnz- lich windstill, und da das Schiff uͤberaus nahe am Ufer lag; so konnten wir an dem haͤuslichen Abendzeitvertreib der Einwohner vom Bord her Antheil nehmen. Wir sahen mit Vergnuͤgen zu, wie sie in den naͤchsten Huͤtten, um ihre Lich- ter, die aus oͤhligten, auf einen duͤnnen Stock gespießten Nuͤssen bestehen, ver- traulich her saßen und mit einander plauderten. Einer der ersten, der am folgen- den Tage an Bord kam, war Porea , der junge Bursche von Tahiti , welcher vor einigen Monathen mit uns gereiset und wieder Vermuthen zu Raietea geblie- ben war Siehe ebendaselbst, Seite 309. . Er gestand uns, daß es blos zufaͤlligerweise und ganz wieder seine Absicht geschehen sey. Ein huͤbsches Maͤdchen, mit welchem er sich in ein Liebes- verstaͤndniß eingelassen, habe ihn, gerade um die Zeit als er dem Capitain Cook das Pulverhorn so eilfertig abgeliefert, an einen gewissen Ort hin bestellt. Als er sich aber daselbst eingefunden, habe ihn, statt seiner Geliebten, der Vater dieser Schoͤne mit einigen handfesten Kerls erwartet, ihn derb abgepruͤgelt, seiner euro- paͤischen Kleider beraubt, und bis nach unsrer Abreise gefangen behalten. So bald er hierauf wieder in Freyheit gesetzt worden, sey er mit der ersten Gelegenheit hieher nach Huaheine gegangen. Die Gastfreyheit seiner hiesigen Freunde, mußte ihm ganz gut behagen, denn er war dick und fett davon geworden. Aus der klaͤglichen Ge- schichte des armen Porea , laͤßt sich meines Erachtens so viel abnehmen, daß die Toͤch- ter hier zu Lande, bey ihren Liebeshaͤndeln, nicht immer nach eignem Wohlgefallen zu Forster’s Reise u. d. W. zweyter Th. M Forster’s Reise um die Welt 1774. May. Werke gehen duͤrfen. Doch weiß ich nicht, ob der Vater dieser Schoͤne sich deshalb fuͤr befugt halten konnte, den ehrlichen Porea bis auf die Haut auszuziehen. Wir giengen diesen Morgen ziemlich fruͤh aus Land, nach den salzigen Seen hin, die man nordwaͤrts ohnweit des Havens antrifft. Vom Meere sind sie blos durch einen schmalen Felsen-Rief getrennt, der uͤberall mit Cocos-Palmen bewachsen ist, ohnetachtet er nur um ein ganz weniges uͤber die Oberflaͤche des Meeres hervorragt, auch mit Sande kaum recht bedeckt ist. Unmittelbar von diesem Felsen-Damm an, wird der Boden, rings um den ganzen See her, mo- rastig, und vertieft sich schraͤg gegen das Ufer herab, welches aus bloßem Schlamm besteht, der, sowohl dem aͤußern Ansehen als dem uͤblen Geruche nach, eine Art von Schwefel-Leber enthalten muß. In den aͤußersten Suͤmpfen wachsen aller- hand Ost-Indianische Pflanzen, und auf dem See gab es ganze Schaaren von wilden Enten, denen aber nicht fuͤglich beyzukommen war, weil man befuͤrch- ten mußte, in dem Morast zu versinken. Diese Unannehmlichkeit ausgenom- men, ist die Gegend hier herum in der That recht mahlerisch schoͤn, jedoch nur wenig bewohnt, vielleicht, weil die Eingebohrnen die Ausduͤnstungen des schlammigen Ufers fuͤr ungesund halten. Einer von den Insulanern bewir- thete uns auf diesem Spaziergange mit Cocos-Nuͤssen, die um jetzige Jahreszeit hier etwas seltnes waren. Auf dem Ruͤckwege ward unser Bediente, der ei- nen Sack mit Pflanzen, nebst einem andern voll kleinem Eisengeraͤthe trug, we- nige Schritte hinter uns, von etlichen Indianern angefallen und zu Boden ge- worfen. Ohne Zweifel wollte man ihn seiner Habseligkeiten berauben, da wir es aber gerade noch zu rechter Zeit gewahr wurden; so machten sich die Raͤuber eilfertigst aus dem Staube. Dies war das zweytemal, daß unsre Leute auf dieser Insel so kuͤhn und freventlich waren angegriffen worden; uͤber- haupt schienen auch die hiesigen Einwohner, unter der schlaͤfrigen Regierung des alten Ori ausschweifender zu seyn als ihre Nachbaren, die Tahitier und andre Voͤlker der Societaͤts-Inseln . Der vorgedachte Befehlshaber kam uns diesmal noch weit unthaͤtiger und abgelebter vor, als bey unserm ersten Besuche. Seine Verstandes- und See- lenkraͤfte schienen merklich abgenommen zu haben. Seine Augen waren ganz roth und entzuͤndet; und der ganze Coͤrper mager und schaͤbicht. Die Ursach in den Jahren 1772 bis 1775. blieb uns nicht lange verborgen. Wir bemerkten nemlich, daß er jetzt dem Trunk sehr 1774. May. ergeben war, und von der staͤrksten Art des berauschenden Pfeffergetraͤnkes, große Portionen zu sich zu nehmen pflegte. Maheine hatte die Ehre, einige Naͤchte hintereinander mit ihm zu zechen, und ließ sich’s jedesmal so gut schmecken, daß er des Morgens gemeiniglich mit gewaltigem Kopfweh erwachte. Am andern Morgen machten wir von neuem einen Spatziergang nach den Landseen und brachten eine Menge Corallen, Muscheln und Meer-Igel ( echinos ) von daher zuruͤck, welche die Eingebohrnen an der Kuͤste fuͤr uns auf- gelesen hatten. Von unterschiednen Befehlshabern erhielten wir Schweine und Brustschilder zum Geschenk. Sie kamen bloß in der Absicht, ihre alte Bekann- ten zu besuchen, und wollten daher auch, das was sie mitbrachten, nicht eher verkaufen oder abgeben, bis sie vorgelassen wurden und die Freunde selbst zu sehen bekamen, denen sie ein Geschenk zugedacht hatten. Den Tag nachher bestie- gen wir einen Berg, der ganz mit Brodfrucht-Pfeffer- und Maulbeerbaͤu- men, imgleichen mit Ignamen und Arums-Wurzeln bepflanzt war. Die Maulbeerbaͤume waren mit besonderem Fleis gewartet; sie hatten den Boden zwi- schen selbigen sorgfaͤltig gejaͤthet, und theils mit zerbrochnen Muscheln, theils mit Corallen geduͤnget. Ueberdem war die ganze Plantage mit einem tiefen Rain oder Graben umzogen, damit das Wasser ablaufen moͤgte. An manchen Stellen hatte man auch das Farrnkraut und andres Gestraͤuch niedergebrannt, um den Boden von neuem zu bestellen. Ziemlich weit den Berg hinauf fanden wir ein Haus, dessen Bewohner, eine alte Frau und ihre Tochter, uns ungemein gast- frey bewirtheten. Wir gaben ihnen etliche Glas-Corallen, Naͤgel und rothe Federn, welche letztere sie nicht sowohl als brauchbar, sondern vielmehr nur als eine Seltenheit annahmen. Ueberhaupt urtheilte man von dieser Waare hier weit richtiger als zu Tahiti . Man hielt sie nemlich fuͤr bloßen Flitterstaat, dem es an inneren Werth gaͤnzlich fehle, und wollte daher auch nichts wahrhaft nutz- bares dafuͤr hergeben, sondern verlangte, fuͤr Schweine und andre Lebensmittel, Beile und kleineres Eisengeraͤth. Diese Forderung war gar nicht unbillig, wir hatten sie uns auch ehemals schon gefallen lassen, bey unsrer diesmaligen Anwe- senheit aber giengen wir sie nicht ein, weil es uns jetzt an frischem Fleische nicht fehlte, der Vorrath von Eisenwerk hingegen schon merklich abgenommen hatte. M 2 Forster’s Reise um die Welt 1774. May. Daß die Bewohner von Huaheine und von Tahiti , uͤber den Werth der rothen Federn, so verschiedener Meynung waren, ruͤhrt angenscheinlich von der natuͤr- lichen Verschiedenheit dieser beyden Inseln her, und beweiset, daß das Volk dort wohlhabender seyn muͤsse als hier. Die Ursach davon war auch leicht ausfin- dig zu machen, denn es giebt hier in Huaheine nur wenig ebenes Land, und folglich muͤssen die Einwohner bey der Bestellung des Feldes die Berge mit zu Huͤlfe nehmen, um den noͤthigen Unterhalt zu gewinnen. Da es ihnen auf solche Art um ein gutes saurer wird, als den Tahitiern, sich Lebensmittel zu verschaffen; so setzen sie auch einen hoͤheren Werth auf dieselben und koͤnnen dem Luxus nicht so nachhaͤngen, als jene. In den folgenden Tagen wurden wir verschiedentlich, und zum Theil auf eine sehr verwegne Art bestohlen, ohne daß wir im Stande waren, uns dafuͤr Ersatz zu verschaffen. Wen man indessen auf der That ertappte, der ward exem- plarisch bestraft. Eine Gesellschaft von Subaltern-Officiers war nach einem Berge hin aufs Vogelschießen ausgegangen und hatte einen Seesoldaten mitge- nommen, um sich ein Paar Beile und andere kleine Eisengeraͤthschaften nach- tragen zu lassen. Unterwegens versagten ihnen die Flinten einigemale: Dies mogte einem Indianer, der ihnen nachschlich, Muth machen, eins zu wagen. Als daher der Soldat den Beutel einmal niederlegte, hatte ihn der Insulaner angenblicklich erhascht und rannte mit selbigem davon. Am folgenden Tage wohnten eben diese Herren einem Hiwa oder oͤffentlichen Tanze bey. Gluͤcklicherweise trafen sie den Dieb unter den Zuschauern an. Er ge- stand sein Vergehen, und versprach, wenn sie ihm verzeihen wollten, zur Ver- guͤtung des Entwendeten etliche Brustschilder zu bringen, die mit den Beilen fast immer in gleichem Werth standen. Dieses Anerbieten ließen sie sich gefallen, und am folgenden Tage stellte sich der Mann, seiner Zusage nach, richtig ein; er gehoͤrte folglich noch nicht zu unsern verhaͤrteten Boͤsewichtern, bey denen al- les Gefuͤhl erstorben ist, sondern wußte die Großmuth, welche man ihm er- wiesen hatte, dankbar zu schaͤtzen. Ein andrer, der ein Pulverhorn zu stehlen suchte, ward ertappt und bekam eine volle Ladung Schlaͤge. Die Insulaner ließen sogar ihre eigne Landsmaͤnnin, die von Tahiti aus mit uns hieher ge- kommen war, nicht unangetastet. Als sie sichs einst am wenigsten versahe, ward sie in einem Hause uͤberfallen, und sollte die europaͤische Kleidung, die sie seit in den Jahren 1772 bis 1775. ihrem Hierseyn bestaͤndig trug, mit Gewalt hergeben. Zum Gluͤck kamen noch 1714. May. einige von unsern Leuten dazu und verjagten die Raͤuber. Dieser Vorfall hatte aber das arme Maͤdchen in solche Furcht gesetzt, daß sie sich nachher nie wieder ohne Gesellschaft aus Land wagte. Indessen waren das die Drangsale, welche unsre Schoͤne hier erleben mußte, noch nicht alle, und gerade heute Abend wiederfuhr ihr ein recht schmaͤh- liger Schimpf. Sie wohnte nemlich, in Gesellschaft etlicher Officiers, einem Hiwa, oder dramatischen Tanze bey; aber ungluͤcklicherweise hatte man ihre eigene Geschichte zum Gegenstand des Stuͤcks gewaͤhlt, und suchte ihre ehemalige, romauhafte Entweichung von der Insel laͤcherlich zu machen. Sie wollte vor Schaam und Thraͤnen vergehen, und es kostete ihren Ge- sellschaftern den Officiers, nicht wenig Zureden, daß sie bis an das Ende des Stuͤckes aushielt. Die letzte Scene, worinn die Aufnahme vorgestollt ward, welche sie bey ihren Eltern wuͤrde zu gewarten haben, fiel, so wie es die Comoͤdianten eingerich- tet hatten, gar nicht schmeichelhaft fuͤr das troftlose Maͤdchen aus. Es wird dieser Nation leicht, solche kleine Stuͤcken aus dem Stegereif aufzufuͤhren, und nichts ist wahrscheinlicher, als daß dieses hier eine Satyre gegen das Maͤdchen seyn, und andre vor ihrem Beyspiel warnen sollte. Diese Erzaͤhlung ist aus Capitain Cooks Reise gezogen. Vol. I. p. 356. Am 19ten machten wir einen Spatziergang nach dem langen Seearm, wo Dr. Sparrmann , bey unsrer ehemaligen Anwesenheit, vor ohngefaͤhr acht Monathen, war angefallen und beraubt worden. Siehe im ersten Theil dieser Geschichte pag. 290. Das Wetter ließ sich zum Regen an, und die ersten Guͤsse wurden so heftig, daß wir in einer kleinen Huͤtte unter Dach traten, um nicht bis auf die Haut durchnaͤsset zu werden. In dieser Huͤtte wohnte eine Familie, die uns sehr freundschaftlich aufnahm, und sogleich Fische, nebst frischer Brodfrucht vorsetzte, denn Essen und Trinken ist bey den Voͤlkern der Suͤdsee allemal die erste Probe der Gastfreyheit. Eine aͤltliche Frau von einigem Ansehen und Stande, hatte nebst ihrem Knecht, der ein Schwein nach ihrem Hause bringen sollte, hier ebenfalls Obdach gesucht. Als der Regen voruͤber war und wir gemeinschaftlich mit einander fort giengen, bot M 3 Forster’s Reise um die Welt 1774. May. uns die gute Frau nicht nur das Schwein zum Geschenk an, sondern bat zugleich, daß wir mit nach ihrer Wohnung kommen moͤgten, die ziemlich weit von hier liegen sollte. Da wir uns bey diesem Spatziergange eben keinen bestimmten Plan gemacht hatten, so war es uns ziemlich gleichguͤltig, hie oder da hinzuge- rathen, und also folgten wir ihr. Der Regen hatte den Weg so schluͤpfrig ge- macht, daß man sehr behutsam gehen mußte: doch wurden wir, fuͤr diese Unan- nehmlichkeit, durch die Menge neuer Pflanzen, welche hier anzutreffen wa- ren, vollkommen schadlos gehalten. Unsere Fuͤhrerin brachte uns, von dem Berge, nach der andern Seite der Insel, gegen das Meer zu, herab, und ehe wir noch die Ebene erreichten, hatte sich das Wetter schon voͤllig wieder auf- geklaͤrt. Das Gestade machte in dieser Gegend eine angenehme Bay aus, die durch einen weit ins Meer laufenden Corallen-Rief gedeckt war, und inner- halb desselben lag eine kleine Insel, auf welcher sich ganze Heerden von wilden Enten, Brachhuͤhnern und Schnepfen aufhielten. Indeß wir hier eine Weile auf der Jagd zubrachten, sorgte unsre gutherzige Freundin dafuͤr, daß die an- wesenden Indianer allerhand Erfrischungen herbeyschaffen mußten, und nachdem wir Wildpret genug geschossen, so folgten wir ihr von neuem uͤber einen seitwaͤrts gelegnen Berg, und kamen endlich, durch ein schoͤnes, angebautes Thal, zu ihrer Wohnung, die am Ufer des Meetes lag. Hier trafen wir einen Alten, der ihr Ehemann war, und eine zahlreiche, zum Theil schon erwachsene Familie an; Sie bewirtheten uns recht herrlich mit gestobten Huͤhnern, Brodfrucht und Cocos-Nuͤssen, und ließen uns nach der Mahlzeit in ihrem Canot wieder aus Schiff bringen, welches zur See 5 Meilen, aber dem Landwege nach, wohl noch einmal so weit von hier entfernet lag. In dem Betragen dieser guten alten Frau, war etwas so sorgsames, als ich, selbst an den gastfreyesten Personen, deren mir in diesen Inseln doch so viele vorgekommen waren, nicht leicht bemerkt hatte. Und wie herzlich freute es mich, hier einen abermaligen Beweis von der ur- spruͤnglichen Guͤte des menschlichen Herzens vor mir zu sehen, das in dem sich selbst uͤberlaßnen Stande der Einfalt, von Ehrgeiz, Wollust und andern Leiden- schaften noch unverdorben, gewiß nicht boͤse ist. Am folgenden Tage (den 20sten) blieben wir den ganzen Vormittag uͤber am Bord; nach Tische aber giengen wir mit Capitain Cook aus Land, und nach in den Jahren 1772 bis 1775. einem großen Hause, welches, gleich einem Carawanserai, von unterschiednen Fa- 1774. May. milien bewohnt wurde, die hieher gekommen waren, um uns naͤher zu seyn. Es befanden sich einige Befehlshaber von geringern Range darunter; Ori aber war nach einer andern Gegend der Insel hingegangen. Wir hatten uns noch nicht lange mit ihnen unterhalten, als verschiedne Indianer die Nachricht brachten, daß der erste und zweete Lieutenant, nebst einem von unsern Lootsen, durch eine Parthey Raͤuber voͤllig ausgepluͤndert worden waͤren. Diese Bothschaft verbrei- tete unter den anwesenden Indianern ein allgemeines Schrecken, und die meh- resten suchten sich, aus Furcht fuͤr unserer Ahndung, sogleich mit der Flucht zu retten. Wir selbst waren uͤber das Schicksahl unsrer Gefaͤhrten nicht wenig verlegen, weil das Tahitische Wort Matte, so wohl pruͤgeln, als wuͤrklich todt- schlagen bedeutet, und man, alles Nachfragens ohnerachtet, nicht ausfuͤndig ma- chen konnte, in welchem Sinn es hier gemeynet sey. Unsre Besorgniß dauerte jedoch nicht lange, denn wir sahen die fuͤr verlohren gehaltnen Herren, un- beschaͤdigt, in ihrer voͤlligen Kleidung und Jaͤger-Ruͤstung wieder kom- men. Sie erzaͤhlten, daß, als sie bey den Landseen auf der Jagd gewesen, man sie unversehens uͤberfallen, und, ihrer Vogelflinten, die sie gutwillig nicht abgeben wollten, mit Gewalt beraubt, auch mit Schlaͤgen sehr gemißhandelt haͤtte. Endlich sey noch ein Befehlshaber dazu gekommen, durch des- sen Vermittelung ihnen die Raͤuber ihre Flinten und andre abgenommne Sachen wieder zuruͤckgegeben haͤtten. Ganz vergnuͤgt, daß die Geschichte einen bessern Ausgang gewonnen, als zu besorgen stand, kehrten wir allerseits an Bord zuruͤck, bemerkten aber, daß die Einwohner sich aus dieser Gegend groͤßtentheils verliefen. Am folgenden Morgen ließ Orih dem Capitain durch Maheinen , der am Lande geschlafen hatte, wissen, daß die gestrige That durch dreyzehn Mann begangen worden, daß er aber ohne Capitain Cooks Huͤlfe nicht im Stande seyn wuͤrde, diese Boͤsewichter zur Strafe zu ziehen; er moͤgte ihm also zwey und zwanzig be- waffnete Leute zuschicken, (welche Anzahl er durch eben so viel Stoͤckchen andeu- ten ließ) alsdann wolle er noch einige seiner Krieger dazu nehmen und gegen die Rebellen marschiren. Capitain Cook zweifelte, ob er Orihs Bothschaft recht verstanden habe, er kehrte also mit Maheinen nach dem Lande zuruͤck, um den Befehlshaber selbst daruͤber zu befragen, konnte aber, in Ermangelung genugsa- Forster’s Reise um die Welt 1774. May. mer Sprachkenntniß, nicht naͤhere Erkundigung einziehen. In dieser Ungewißheit berief er bey seiner Ruͤckkunft die Officiere zusammen, und uͤberlegte die Sache mit ihnen: Da gestand denn der zweyte Lieutenant offenherzig, daß von ihrer Seite der erste Angriff geschehen sey, und daß sie selbst sich ihren Unstern zugezogen haͤtten. Es habe nemlich einer von ihnen, auf dem See ein Paar wilde End- ten geschossen, und einen von den Indianern gebeten, sie aus dem Was- ser zu hohlen; dieser aber, ob ers wohl vorher schon mehrmalen gethan, habe sich nicht laͤnger als Pudel wollen gebrauchen lassen; dies habe der Officier unbilligerweise uͤbel genommen, und den armen Kerl so lange gepruͤgelt, bis er sich dazu bequemet. Er sey hierauf mit ganz eigenthuͤmlicher Fertigkeit, halb schwimmend und halb gehend, durch den dicken Schlamm bis nach dem Wasser hin durchgedrungen, als er aber die wilden Endten, die weit vom Ufer entfernt ge- legen, erreicht gehabt, sey er damit nach den jenseitigen Strand zu geschwommen, vielleicht in der Ueberzeugung, daß ihm, zur Entschaͤdigung fuͤr die erlittne Miß- handlung und angewandte Muͤhe, dieses Wildpret mit Recht gebuͤhre. Unser Seemann hingegen, der keinesweges gleicher Meynung gewesen, habe sein Ge- wehr mit einer Kugel geladen und nach dem Indianer geschossen, zum Gluͤck aber nicht getroffen. Hierauf habe er zum zweytenmal laden wollen, allein die Anwe- senden Indianer, die ihren Landsmann einer so unbedeutenden Ursach wegen in Lebensgefahr gesehen, haͤtten dem Schuͤtzen das Gewehr abgenommen; er habe zwar um Huͤlfe gerufen, sie waͤren aber saͤmmtlich eben so wie jener, umringt gewesen. Gleichwohl habe einer von ihnen Mittel gefunden sein Gewehr abzufeuern und einem Indianer eine Ladung Schroot ins Bein zu schießen, dadurch waͤren jedoch die uͤbrigen nur immer mehr erbittert worden, und haͤtten diese neue Gewaltthaͤtigkeit durch unbarmherzige Pruͤgel geraͤchet. Maheinens Knecht, ein starker untersetzter junger Kerl, der bey diesem Vorfall mit zugegen gewesen, habe fuͤr unsre Herren ganz verzweifelt gefochten, sey aber von der Menge uͤberwaͤltigt worden. Durch dieses Gestaͤndniß bekam die Sache ein ganz andres Ansehen; dem ohnerachtet wollte der Capitain den Befehlshaber nochmals um seine Meynung fragen, und bat zu dem Ende, daß ihn mein Vater begleiten moͤgte, weil dieser von der Landes- Sprache mehr verstand, denn sonst irgend jemand am Bord. Orih eroͤfnete ihnen, seine Absicht sey, wir sollten auf die Haͤuser der Leuthe losgehen, die sich selbst in den Jahren 1772 bis 1775. selbst Recht verschafft hatten, und die vermuthlich auch gegen ihn sich auf- 1774. May. gelehnet haben mogten; er wolle alsdann ihre Schweine und alle uͤbrige Habselig- keiten wegnehmen und sie uns zur Schadloshaltung preiß geben. Mit dieser Er- klaͤrung kam Capitain Cook aus Schiff zuruͤck und beorderte eine Parthey ausge- suchter Mannschaft, die mit Inbegriff der Officiere, Dr. Sparrmanns , meines Vaters und nebst mir, aus sieben und vierzig Mann bestand, ihn zu begleiten. Es konnte des Capitains Absicht hierbey wohl gewiß nicht seyn, dem alten Ori , Beystand gegen seine rebellische Unterthanen zu leisten, zumal da diese so viel Ursach hatten, sich uͤber die von den unsrigen erlittne Mißhandlung zu beschwe- ten; sondern er wollte vermuthlich den Insulanern nur uͤberhaupt zeigen, daß ihr eigenmaͤchtiges Verfahren ihm nicht gefalle. Dem sey wie ihm wolle, wir landeten und marschirten mit Ori und einigen wenigen Indianern nach der Ge- gend hin, wo die Gewaltthaͤtigkeit vorgegangen war. Je weiter wir vorruͤck- ten, desto groͤßer ward der Zulauf von Indianern. Die Zahl unsrer Begleiter belief sich in kurzem auf etliche hundert Mann, und sie fiengen zum Theil schon an, aus den naͤchstgelegnen Haͤusern Waffen zu holen. Ori selbst schleppte einen 10 Fuß langen Speer mit sich, dessen Spitze aus dem zackigten Stachel eines Rochen bestand. Nachdem wir zwo Meilen weit vorgedrungen waren, ward Halte gemacht, und wir erfuhren durch Maheinen , daß die Indianer uns ein- zuschließen und vom Schiff abzuschneiden gedaͤchten. Capitain Cook ließ sich aber dadurch nicht abschrecken, sondern befahl nur, daß der Haufen, der uns nach- folgte, nicht weiter vorruͤcken sollte, damit wir, im Fall eines Angriffes, Freund und Feind desto besser unterscheiden koͤnnten: Ori hingegen, der nebst etlichen an- dern Befehlshabern bey seinen Leuten bleiben wollte, mußte weiter mit uns fort. Von hier aus stießen wir nach einem Marsche von 3 Meilen, auf einen Scheideweg. Der eine dieser beyden Wege gieng uͤber einen steilen Felsen, der andre hingegen schlaͤngelte sich am Fuß des Berges herum. Der Capitain waͤhlte den ersteren; das Heraufsteigen war sehr muͤhsam, auf der andern Seite aber fan- den wir Tritte in den Felsen gehauen, vermittelst deren man ungleich bequemer nach der Ebene herab kommen konnte. Dieser Paß war fuͤr die Sicherheit unsrer Ruͤckkehr so wichtig, daß ihn der Capitain durch einen Theil sei- ner Leute wollte besetzen lassen; da er aber sahe, daß, Oris ausdruͤckli- Forster’s Reise u. d. W. zweyter Th. N Forster’s Reise um die Welt 1774. May. chem Befehl zuwider, der große Haufe von Indianern, der zuruͤck- bleiben sollte, dennoch langsam nachkam; so duͤnkte es ihm der Klugheit ge- maͤß, den ganzen Operations-Plan aufzugeben und geraden Weges wieder um- zukehren und die Indianer ließen sich leicht bereden, es geschehe aus kei- ner andern Ursach, als weil der Feind schon zu weit entfernt sey und man ihn nicht weiter verfolgen moͤgte. Auf der Haͤlfte des Ruͤckweges, kamen wir bey einem geraͤumlichen Hause voruͤber, darinn uns Ori Cocos-Nuͤsse vor- setzen ließ. Waͤhrend daß wir diese Erfrischungen verzehrten, brachten einige Indianer junge Pisang-Sprossen, nebst zween Hunden, und einem Ferken herbey. Alles dieses uͤberreichten sie dem Capitain nach einer langen Rede, da- von wir zwar herzlich wenig verstanden, die sich aber, allen Umstaͤnden nach, auf die Veranlassung unseres Feldzuges beziehen mußte. Außerdem ward uns noch ein großes Schwein vorgezeigt, aber auch wieder weggetrieben. So bald diese Ceremonie voruͤber war, eilten wir nach dem Strande hin und kamen da- selbst um Mittagszeit an. Der Capitain ließ die Mannschaft, dem Schiffe gegen uͤber, ihre Gewehre Plotton-weise in die See feuern, und wir vergnuͤgten uns an dem Erstaunen der Indianer, die nicht vermuthet hatten, daß die Kugeln so weit reichten, und daß wir mit unsern Flinten ein bestaͤndiges Feuer unterhalten koͤnnten. Solchergestalt lief die vorgehabte Kriegs-Expedition ohne Blut- vergießen ab, so wie es alle diejenigen unter uns gewuͤnscht hatten, denen das Le- ben ihrer Mitmenschen keine geringschaͤtzige Kleinigkeit zu seyn duͤnkte. Andere hingegen schienen ganz unzufrieden damit, daß es nicht zum Todschlagen gekommen war. An die schrecklichen Auftritte des Krieges und Blutvergießens gewoͤhnt, thaten sie, als ob es gleich viel sey, nach Menschen, oder nach einem Ziele zu schießen. Unser militaͤrischer Kreuzzug mogte die Insulaner abgeschreckt haben, an Bord zu kommen, wenigstens wurden diesen Nachmittag nur wenig Fruͤchte zum Verkauf gebracht. Den andern Morgen aber erhielten wir von unsern Bekannten mancherley Geschenke, zum Zeichen, daß nun alles wieder beygelegt sey. Unter andern besuchte uns auch ein Befehlshaber, Namens Morurua , der eine besondre Zu- neigung gegen meinen Vater gefaßt hatte, in Begleitung seiner Frau und allen Angehoͤrigen. Keiner kam mit leeren Haͤnden, und daher ließen auch wir niemand in den Jahren 1772 bis 1775. unbeschenkt von uns. Morurua aber hielt sich durch das, was wir ihm 1774. May. gaben, weit uͤber sein Verdienst belohnt, und gab uns durch redende Blicke, seine Freude und Dankbarkeit dafuͤr zu erkennen. Am folgenden Morgen, als wir eben von der Insel abseegeln wollten, kam er nochmals an Bord, brachte uns wiederum Geschenke und nahm endlich mit vielen Thraͤnen Abschied. Maheinens drey Freunde blieben bey unserer Abreise allhier zuruͤck, dagegen nahmen wir einen andern Indianer an Bord, den Ori mit einer Both- schaft an O-Puni , den Koͤnig von Borabora abschickte. Dieser Abgesand- te schien ein sehr einfaͤltiger Tropf zu seyn; doch ließ er sich das Geheimniß sei- nes Auftrages nicht abfragen, woran uns auch, im Grunde so gar viel nicht gelegen war. Sein Name schickte sich ungemein gut zu seinem jetzigen Ge- schaͤfft, denn er hieß Hurry-Hurry , welches im Englischen so viel als Eile, Eile ! bedeutet. Am naͤchsten Mittage (den 24) ankerten wir bey der Insel Raietea , und zwar in. Haven Hamaneno , brachten aber bis Abends zu, ehe wir das Schiff mitten in den Haven hereinbugsieren konnten. Der Befehlshaber O- Rea kam an Bord und schien hoͤchst vergnuͤgt uͤber unsre Wiederkunft. Ohne Zweifel mußte es uns auch durchgehends zur großen Empfehlung gerei- chen, daß Maheine und Hurry-Hurry sich uns anvertrauet hatten. Am folgenden Morgen begleiteten wir den Capitain nach Orea’s Hause, wo- selbst wir seine Frau und seine Tochter Poyadua antrafen. Bey un- serm Eintritt in die Huͤtte waren diese beyde Frauenspersonen in vollem Weinen begriffen, und die Mutter verwundete sich den Kopf mit einem Hayfischzahne, und fieng die Blutstropfen mit einem Stuͤckchen Zeug auf. Es dauerte jedoch nicht lange, so wurden sie beyde wiederum so lustig, als wenn gar nichts vorge- fallen waͤre. Des heftigen Regens wegen konnten wir, erst um Mittag wieder nach dem Schiffe zuruͤckkehren, welches unterdessen in eine enge Bucht nahe ans Land war gebracht worden, um bequemer Wasser einzunehmen. Nachmittags machten wir, so weit das Regenwetter es zulassen wollte, an dieser Bucht einen Spatziergang. Laͤngst dem Strande war eine unzaͤhlige Menge von Canots aufs Land gezogen, und jedes Haus und jede Huͤtte war ge- pfropft voll Menschen. Sie schickten sich zum Theil zu gesellschaftlichen Mahl- N 2 Forster’s Reise um die Welt 1774. May. zeiten an, bey denen es gewiß an nichts fehlen sollte, denn uͤberall lagen große Vorraͤthe von den ausgesuchtesten Lebensmitteln dazu in Bereitschaft. Wir wußten, daß es auf diesen Inseln eine besondre Gesellschaft oder Classe von Leuten bey- derley Geschlechts gaͤbe, die Errioys genannt werden, und daß sie sich zuweilen, weit und breit her, versammleten, eine Insel nach der andern besuchten, und uͤberall bis zur Ausschweifung schmaußten und schwelgten. Als wir zu Huaheine vor Anker lagen, hielt sich daselbst eine dergleichen Caravane von mehr als sieben- hundert solcher Errioys auf, und eben diese waren es, die wir jetzt hier antrafen. Sie hatten sich eines Morgens, mit etlichen siebenzig Canots, von Huaheine nach Raietea uͤbersetzen lassen, und nachdem sie einige Tage an der oͤstlichen Kuͤste dieser Insel zugebracht, nunmehro hier auf der Westseite ihr Quartier genommen. Es waren lauter Leute von gewissem Ansehen, und schienen alle zu dem Stande der Befehlshaber zu gehoͤren. Einige hatten große punctirte Flecken auf der Haut; dies sollten, Maheinens Aussage nach, die an- gesehensten Mitglieder der Gesellschaft, und zwar in eben dem Verhaͤltnisse vor- nehmer seyn, als man staͤrkere und mehrere Puncturen an ihnen wahrnaͤhme. Sie waren fast durchgehends stark, wohlgebauet und nannten sich Kriegesleute. Maheine bezeigte viel Achtung fuͤr diese Gesellschaft, und versicherte uns, daß auch er in dieselbe aufgenommen sey. Die Mitglieder sind alle durch die eng- sten Bande der Freundschaft unter einander verbunden, und uͤben unter sich die Gesetze der Gastfreyheit im weitlaͤuftigsten Verstande. Sobald ein Errioy ei- nen andern besucht, kann er darauf rechnen, mit allem, was sowohl zur Noth- durft als zur Bequemlichkeit gehoͤrt, reichlich versehen zu werden. Persoͤnliche Bekanntschaft oder Unbekanntschaft macht hierinn keinen Unterschieb. Er wird sogleich den uͤbrigen Mitgliedern des Ordens vorgestellt, und alle wett- eifern, wer es dem andern an Gefaͤlligkeit, Freundschaftsbezeugungen und Geschenken zuvorthun koͤnne. Maheine behauptete, daß alle Vortheile welche er in Tahiti gefunden, ihm blos “als Mitglied dieser Gesellschaft” waͤren zu Theil geworden. Die beyden jungen Leute, welche ihn daselbst auf unserm Schiff zuerst ansichtig wurden, waren, seiner Aussage nach, Errioys , und in dieser Qualitaͤt schenkten sie ihm ihre Kleidungen, weil er selbst damals keine andre als europaͤische hatte. Es scheint fast, daß von jeder vornehmen Familie durch- in den Jahren 1772 bis 1775. gehends eine oder mehrere Personen in diese Gesellschaft treten, deren unabaͤn- 1774. May. derliches Grundgesetz ist, daß keines ihrer Mitglieder Kinder haben duͤrfe. So viel wir aus den Berichten der verstaͤndigsten Indianer abnehmen konnten, mußten die Errioys , der ersten Einrichtung nach, underheirathet bleiben; da aber in diesem heißen Lande der Trieb zur Fortpflanzung sehr stark seyn muß, so hat man sich nach und nach von jener Einrichtung entfernt, und die Heira- then zugelassen. Um aber doch die Absicht des ledigen Standes beyzubehalten, so ist man darauf verfallen, die ungluͤcklichen Kinder gleich nach der Geburt umzubringen. Die Errioys genießen mancherley Vorrechte, und werden in allen Societaͤts-Inseln sehr hoch geachtet. Das sonderbarste ist, daß sie selbst ihre groͤßte Ehre darinn setzen, keine Kinder zu haben. Als Tupaya hoͤrte, daß der Koͤnig von England eine zahlreiche Familie habe, duͤnkte er sich weit vor- nehmer als der Koͤnig zu seyn, blos weil auch er, als ein Errioy , keine Kinder hatte. Capitain Cook hat uns diese Anecdote mehrmalen selbst erzaͤhlt. Fast in allen andern Laͤndern ists eine Ehre, Vater zu heißen; wenn aber zu Tahiti ein Errioy jemanden den Vater-Namen beylegt, so hat er es als einen veraͤchtlichen Schimpf-Namen und Vorwurf anzusehen. Zu gewissen Zeiten halten sie große Versammlungen und reisen von einer Insel zur andern. Denn schmausen sie die besten Fruͤchte und verzehren eine Menge von Schwei- nen, Hunden, Fischen und Huͤhnern, welche die Tautaus , oder die geringste Classe, zu Bewirthung dieser Schwelger herbeyschaffen muß. An einer guten Portion des berauschenden Pfefferwurzel-Trankes, darf es bey solchen Gelegen- heiten nicht fehlen, denn diese Herren zechen saͤmmtlich gern. Ueberhaupt hal- ten sie es mit allen Arten von sinnlichen Freuden; und daher ist Musik und Tanz allenthalben ihr Zeitvertreib. Diese Taͤnze sollen des Nachts ungebuͤhrlich ausschweifend seyn, doch wird keinem, als blos den Mitgliedern der Gesell- schast , der Zutritt verstattet. In einem Lande, das so weit, als Tahiti , sich der Barbarey entrissen, wuͤrde man eine Gesellschaft, welche dem ganzen Volke so nachtheilig zu seyn scheint, gewiß nicht bis jetzt haben fortdauern lassen, wenn nicht die Nation, auf ei- ner andern Seite, wichtige Vortheile davon haͤtte. Die vornehmste Ursach, N 3 Forster’s Reise um die Welt 1774. May. warum man sie beybehaͤlt, mag vielleicht diese seyn, daß bestaͤndig eine gewisse Anzahl von Kriegsleuten, zur Vertheidigung des Landes da sey; (denn alle Er- rioys sind Kriegesleute;) und da man vielleicht befuͤrchtete, daß Liebe und Fa- milien-Bande sie feige und muthlos machen wuͤrden; so hat man ihnen den ehe- losen Stand vorgeschrieben, den sie aber in der Folge vermuthlich zu laͤstig gefun- den haben. Naͤchst dieser Absicht, mag man durch Errichtung dieser Er- rioys Gesellschaft, auch wohl der gar zu schnellen Vermehrung der Befehls- haber und der Vornehmen uͤberhaupt, haben Schranken setzen wollen. Vielleicht sah ein alter vernuͤnftiger Gesetzgeber zu Tahiti Voraus, daß wenn jene Classe klei- ner Tyrannen allzu zahlreich wuͤrde, der gemeine Mann unter dem Joche derselben bald wuͤrde erliegen muͤssen. Man erinnere sich hiebey, was schon im ersten Theile dieses Werks, pag. 278. hievon ge- aͤußert worden ist. Zu Verhuͤtung dieses Uebels, gab es ohne Zwei- fel kein wuͤrksameres Mittel, als jene Verordnung, daß sie unverheyrathet blei- ben sollten; dagegen mußten ihnen aber zu Versuͤßung dieses Zwanges freylich ge- wisse glaͤnzende Vorzuͤge eingeraͤumet werden. Hieher rechne ich die große Achtung, die man dem gemeinen Volk fuͤr die Errioys beybrachte, und die Mit- tel, die man ihnen verschaffte, sich guͤtlich zu thun, tapfer zu schmausen und alle Tage in Freuden zu leben, als welches von jeher das Vorrecht der Krieger war, ehe sie zu hungerleidenden Soͤldnern, der alles selbst verschlin- genden Tyrannen ausarteten. Ehemals moͤgen sie freylich die Achtung, welche man ihnen bezeigt, durch ein unstraͤfliches Betragen, mehr als heut zu Tage, ver- dienet haben. Wenn sie sich aber einmal, in Betracht der Ehe, uͤber die Grundregeln ihres Instituts hinweggesetzt hatten, so ist leichtlich zu begreifen, daß nach und nach der urspruͤngliche Geist dieser Gesellschaft, auch in den uͤbrigen Stuͤ- cken verloren gehen, und daß Ausschweifung und Voͤllerey an die Stelle der ehe- maligen Keuschheit und Maͤßigkeit treten mußten. Gegenwaͤrtig sind die Errioys unter ihren uͤbrigen Landsleuten ohnlaͤugbar die groͤßten Wolluͤstlinge; daß sie aber, zu Befriedigung der Sinnlichkeit, auf neue Erfindungen verfallen waͤren, bin ich nicht gewahr worden Man hat ihnen zwar die haͤßlichste Art von wol- luͤstiger Ausschweisung Schuld geben und behaupten wollen, daß ihre Weiber in den Jahren 1772 bis 1775. allen Mitgliedern des Ordens gemeinschaftlich zugehoͤrten: S. Hawkesworths Gesch. der engl. See-Reisen in 4. zweyter Theil , Seite 205. Allein, nicht zu 1774. May. gedenken, daß eine solche Einrichtung, an und fuͤr sich schon, dem Character dieser Nation widerstreitet, so ist uns auch, bey genauerer Nachfrage, ausdruͤck- lich das Gegentheil davon versichert worden. Man muß also diese Erzaͤhlung fuͤr eine bloße Grille von gewissen, lustigen und kurzsichtigen Reisenden oder Reise- beschreibern ansehen, die das liebe Publicum wohl mit noch andern aben- theuerlichen Maͤhrchen unterhalten haben. Die Errioys sind zum Theil eben so verheyrathet, als Maheine sich mit Topiri Durch einen Druckfehler, heißt der Name dieses Maͤdchens, oder vielmehr ihres Vaters, weiter oben, Seite 68 irrigerweise Toparre , wofuͤr der Leser Topiri setzen wolle. verehligt hatte; andre pflegen sich Beyschlaͤferinnen zu halten. Manche moͤgen sich freylich auch mit gemeinen Huren abgeben, deren auf allen diesen Inseln, so viele vorhanden sind: Diese Art von Ausschweifung ist aber nichts so unerhoͤrtes, sondern vielmehr unter den civilisirtern Europaͤern, weit herrschender als hier. Sollte man also, blos daher Anlaß genommen haben, die Errioys zu beschuldigen, daß sie einander ihre Weiber wechselsweise Preiß gaͤben; so wuͤrde das ohngefaͤhr eben so herauskommen, als wenn man, we- gen der luͤderlichen Lebensart einzelner Europaͤer, behaupten wollte, daß es in Europa eine Classe von Leuten beyderley Geschlechts gaͤbe, die ihre Tage in einer steten Befriedigung sinnlicher Luͤste zubraͤchte! Von dem Vorwurf des Kindermordes hingegen sind die Tahitier nicht freyzusprechen, so unerklaͤrbar es auch beym ersten Anblick scheinen mag, daß eine Nation von so sanftem, mitleidigem, und zur Freundschaft gestimmten Herzen, zu- gleich der aͤußersten Grausamkeit faͤhig seyn soll. Wenn die Unmenschlichkeit der Vaͤter hier schon Schaudern erregt, was soll man von den Muͤttern sagen, deren Herzen von Natur und durch Instinct sonst uͤberall so zaͤrtlich sorgsam und zum Erbarmen geneigt sind? Die Wege und Stimme der Tugend sind freylich nur gar zu leicht zu verfehlen; Aber bey alle dem bleibt es immer noch unbegreiflich, wie ein Volk, das in den uͤbrigen Stuͤcken so sehr der Natur getreu blieb, gerade dem ersten Forster’s Reise um die Welt 1774. May. Grundgesetz derselben zuwider handeln und gegen eine so tief gepflanzte Em- pfindung sich habe verhaͤrten koͤnnen? Doch — die leidige Gewohnheit That monster custom, who all sense doth eat Of habits evil Shakespeare . entkraͤftet nach und nach alles Gefuͤhl und uͤbertaͤubt zuletzt gar die Vorwuͤrfe des Gewissens. — So bald wir ohnlaͤugbare Gewißheit davon hatten, daß eine so widernatuͤrliche Barbarey unter den Errioys wuͤrklich ausgeuͤbet werde, ver- wiesen wir es unserm jungen Freunde Maheine , daß er sichs zur Ehre rechne, einer so verabscheuungswuͤrdigen Gesellschaft anzugehoͤren. Wir suchten ihm die Grausamkeit dieses Verfahrens begreiflich zu machen, und ließen kei- nen Grund dawider ungenutzt, der uns nur beyfiel, oder vielmehr, den wir nur in seiner Sprache auszudrucken wußten. Auch gelang es uns, ihn zu uͤberzeu- gen, daß es Unrecht sey, und er versprach, seine Kinder nicht umzubrin- gen, ja sich von der Gesellschaft uͤberhaupt gaͤnzlich loszumachen, sobald er Va- ter seyn wuͤrde. Es gereichte uns einigermaßen zum Trost bey dieser Ge- legenheit von ihm zu vernehmen, daß die Errioys selten Kinder bekaͤmen. Sie muͤssen also ihre Weiber und Beyschlaͤferinnen wohl aus der Classe der gemeinsten luͤderlichen Dirnen hernehmen, und, sowohl aus diesem Grunde, als wegen ih- rer ausgelaßnen Wollust, selten in den Fall gerathen, ein ungluͤckliches Kind aufzuopfern. Ich hatte bey meiner Zuruͤckkunft nach England Gelegenheit, mich uͤber die Errioys mit O-Mai zu besprechen. Ich stellte ihm vor, wie sehr es dem ganzen Volke zur Schande gereiche, eine Gesellschaft von Kindermoͤr- dern unter sich zu dulden. Allein, er versicherte mich, daß der groͤßere Theil der Nation keinesweges Antheil an dieser Grausamkeit naͤhme. Die Kinder muͤßten zwar, den einmal eingefuͤhrten Gesetzen nach, ums Leben gebracht wer- den, und zur Entschaͤdigung fuͤr diesen bittern Zwang, habe man den Mitgliedern dieser Gesellschaft, besondere Ehrenbezeugungen und große Vorrechte zugestanden: Demohnerachtet gaͤben die Muͤtter nie ihre Einwilligung zu dem Mord ihrer Kinder. Die Maͤnner und andre Errioys uͤberredeten sie daher, die Kinder wegzugeben; wenn aber Bitten nicht helfen wollten, so wuͤrde zuweilen Gewalt gebraucht. Vor in den Jahren 1772 bis 1775. Vor allen Dingen aber, setzte er hinzu, wuͤrden dergleichen Mordthaten so 1774. May. ganz insgeheim veruͤbt, daß auch nicht einmal die Tautaus , oder Bedienten des Hauses, etwas davon erfuͤhren; weil, wenn es ruchtbar wuͤrde; der Moͤrder mit dem Leben dafuͤr buͤßen muͤßte. Auf solche Art koͤnnte denn freylich den Ta- hitiern und ihren Nachbaren, in diesem Punkte, nicht mehr zur Last gelegt werden, als was sich leyder, von jedem anderen Volke sagen laͤßt, nemlich daß es einzelne Boͤsewichter unter ihnen giebt, die barbarisch genug sind, ihre eigne Kinder umzubringen. Und folglich duͤrfen auch diejenigen, die das menschliche Herz bey allen Gelegenheiten zu verketzern suchen, nicht laͤnger frohlockend waͤhnen, als ob es eine ganze Nation gebe, die Mord und Todtschlag begehen koͤnne, ohne zu fuͤhlen, daß sie daran Unrecht thue. Wie groß die Verderbniß der Sitten in Europa sey, kann man unter andern daraus abneh- men, daß es zu London Buben giebt, die sich ihrer Geschicklichkeit, in der Kunst Abortantia zu praͤpariren, oͤffentlich ruͤhmen, und in diesem Fach ihre Dienste anbieten. Avertissements von solchem Innhalt werden auf den Straßen ohne Scheu ausgetheilt und finden sich auch fast in allen Zeitungen. Bey aller ihrer Schwelgerey vergaßen die hier versammleten Errioys doch der Gastfreyheit nicht; sondern ladeten uns fleißig ein, an ihrem Mahle Theil zu nehmen; da wir selbst aber eben von Tisch aufgestanden waren, so giengen wir statt dessen lieber spatzieren, und kehrten erst gegen Sonnen-Untergang wieder nach dem Schiffe zuruͤck, welches Maheine , das Maͤdchen, und die uͤbrigen indianischen Passagiers in der Zwischenzeit verlassen hatten. Am folgenden Morgen besuchten uns viele von den Insulanern in ihren Canots, und die Frauensleute kamen nicht nur in Menge an Bord, sondern lies- sen sichs zum Theil auch die Nacht uͤber bey unsern Matrosen gefallen. Zu Hua- heine waren dergleichen Besuche ungleich sparsamer gewesen; wenigstens hatten sich dort mehrentheils nur solche Frauenspersonen dazu verstanden, die auf der In- sel selbst fremd waren. Die Matrosen fiengen also, nach einer kleinen Pause, ihre Tahitische Lebensart hier mit desto groͤßerer Begierde wiederum an. Wir nahmen heut einen Spatziergang nach dem Nord-Ende der Insel vor, schossen daselbst etli- che wilde Endten, und wurden in verschiednen Gegenden sehr gastfrey aufgenommen. Des naͤchsten Tages war das Wetter uͤberaus angenehm, zumal da ein starker Ost-Wind die gewoͤhnliche Hitze um vieles maͤßigte. Wir hatten vor- Forsters Reise u. d. W. zweyter Th. O Forster’s Reise um die Welt 1774. May. nehmen Besuch auf dem Schiffe. Orea und seine Familie, Boba , der Vice- Koͤnig dieser Insel, O-Taha , und Teina-Mai die schoͤne Taͤnzerin, deren ich schon im ersten Theile S. 303. gedacht habe, machten unsre Gesellschaft aus. Boba ist ein langer, wohlgebildeter junger Mann, von Borabora gebuͤrtig, und mit Punie , dem dasigen Koͤnige und Eroberer der Inseln Raietea und Taha , verwandt. Maheine hatte uns oft erzaͤhlt, daß Punie sich diesen jungen Menschen zum Nachfolger ausersehen, und ihm seine einzige Tochter Maiwe- rua zugedacht habe, die ungemein schoͤn und erst 12 Jahre alt seyn soll. Boba war damals ein Errioy und hielt sich die schoͤne Taͤnzerin Teina zur Beyschlaͤ- ferin. Da sie uns schwanger zu seyn duͤnkte, so unterredeten wir uns mit ihr uͤber die Gewohnheit, wonach die Kinder der Errioys umgebracht werden muͤssen. Das Gespraͤch war aber nur sehr kurz und ziemlich abgebrochen, theils, weil es Muͤhe kostet, diese Insulaner uͤberhaupt, und besonders die Frauenzim- mer aufmerksam zu erhalten, theils, weil wir noch nicht genug von ihrer Spra- che wußten, um moralische und philosophische Begriffe darinn auszudruͤ- cken. Daher sahe es auch mit unsrer Beredsamkeit ein wenig mißlich aus, und alles, was wir damit von Teina-Mai herauslocken konnten, war dieses: „daß „unser Eatua (Gott) in England vielleicht uͤber die Gewohnheiten der Errioys „boͤse seyn moͤgte, daß der ihrige aber kein Mißfallen daran habe. Indessen ver- „sprach sie, daß, wenn wir aus England kommen, und ihr Kind abholen wollten, „sie solches am Leben zu erhalten suchen wuͤrde; doch verstaͤnde sichs, daß wir „ihr ein Beil, ein Hemd und einige rothe Federn dafuͤr geben muͤßten.„ Alles das sagte sie aber in einem so lachenden Tone, daß wir kaum hoffen durften, es sey ihr Ernst. Auch war es umsonst, laͤnger mit ihr davon zu sprechen; denn sie verfiel unaufhaltsam von einen Gegenstand auf den andern, und wir mußten froh seyn, daß sie uns nur so lange hatte anhoͤren wollen. Nachmittags giengen wir ans Land, um einem Dramatischen Tanze bey- zuwohnen, in welchem Poyadua , Orea’s Tochter, sich sollte sehen lassen. Die Anzahl der versammleten Zuschauer war sehr betraͤchtlich; denn auf dieses Schauspiel wird hier viel gehalten. Die Taͤnzerin legte bey dieser Gelegenheit von ihrer schon bekannten Geschicklichkeit einen neuen Beweis ab, und fand bey allen Europaͤern den groͤßten Beyfall. Die Zwischenspiele wurden durch Mannspersonen in den Jahren 1772 bis 1775. vorgestellt, und waren, ihrem Innhalt nach, fuͤr uns von ganz neuer Composition. 1774. May. Ohnerachtet wir nicht alles von Wort zu Wort verstanden, so konnten wir doch so viel unterscheiden, daß die Namen des Capitain Cook und andrer Herren von unserer Gesellschaft in den Gesaͤngen vorkamen. Die ganze Handlung schien eine von denen Raͤubergeschichten vorzustellen, dergleichen uns in diesen Inseln so viele be- gegnet waren. Ein andres Intermezzo stellte den Angriff der Krieger von Bo- rabora vor, wobey derbe Schlaͤge mit einem Riemen ausgetheilt wurden, daß es nur so klatschte. Das dritte Zwischenspiel war seltsamer als die uͤbrigen alle. Es stellte eine Frau in Kindeswehen vor, und erregte bey der Versammlung ein uͤber- lautes Gelaͤchter. Der Kerl, der diese Rolle hatte, machte alle Posituren, welche die Griechen in den Haynen der Venus Ariadne bey Amathus bewunderten, und die im Monath Gorpiaͤus , zum Andenken der im Kindbette gestorbenen Ari- adne , feyerlich vorgestellt zu werden pflegten. Plutarch im Leben des Theseus. Ein andrer großer und starker Kerl, in Tahitisches Zeug gekleidet, stellte das neugebohrne Kind vor, und ge- behrdete sich dazu so possierlich, daß wir herzlich mitlachen mußten. Das Costume war so genau beobachtet, daß selbst ein Accoucheur oder jeder andre Sachverstaͤndige an diesem großen Jungen keines von den wesentlichen Kennzeichen eines neugebornen Kindes wuͤrde vermißt haben; denen indianischen Zuschauern aber gefiel das vorzuͤg- lich, daß er, unmittelbar nach seinem Eintritt in die Welt, so drell auf dem Theater herum lief, daß die Taͤnzer ihn kaum wieder haschen konnten. Capitain Cook hatte bey dieser Gelegenheit bemerkt, daß, sobald die andern Kerls den großen Jungen wieder eingeholt, sie ihm die Nase, oben zwischen den Augen, platt gedruͤckt haͤtten. Hieraus schließt er ganz richtig, daß diese Gewohnheit wuͤrk- lich bey neugebohrnen Kindern allhier statt finde, wie sie denn auch fast durchge- hends eingedruͤckte Nasen haben. Diese Bemerkung ist aus des Capitain Cooks Reisebeschreibung entlehnt. Unter allen schien diese Vorstellung den Damen das mehreste Vergnuͤgen zu machen. Auch konnten sie sich dem Ein- druck desselben ohne Bedenken uͤberlassen, weil nach hiesiger Landes-Sitte gar nichts darinn vorkam, welches sie in Verlegenheit haͤtte setzen koͤnnen, wie es wohl unsern europaͤischen Schoͤnen geht, die in den Schauspielen oft nur durch den Faͤcher schielen duͤrfen. O 2 Forster’s Reise um die Welt 1774. May. Am folgenden Morgen nahmen wir einen Spatziergang nach Suͤden vor, und fanden daselbst sehr fruchtbare Gegenden und sehr gastfreye Leute. Der Weg fuͤhrte uns zu einem großen steinernen Gebaͤude, das Marai no Parua, Parua’s Begraͤbnißplatz , genannt ward. Ich habe bereits erwaͤhnt, daß Tu- paya , der sich bey Capitain Cooks erstern Reise, auf der Endeavour mit ein- geschifft hatte, eben auch diesen Namen fuͤhrte; ob aber dies Grabmal ihm zum Andenken errichtet worden sey? kann ich nicht sagen. Sonst pflegen derglei- chen Mara ï s gemeiniglich nach lebenden Befehlshabern benannt zu wer- den; und also mag noch wohl jetzt einer, Namens Parua , allhier vor- handen seyn. Wenigstens versicherten die hier herum wohnenden Indianer, daß der Parua dem dies Grabmal zugehoͤre, ein Erisey , welchen Titel man jedoch dem Tupaya nicht durchgehends zugestehen wollte. Dies Gebaͤude war 60 Fus lang und 5 Fus breit. Die Mauern bestanden aus großen Steinen und hatten ohngefaͤhr 6 bis 8 Fus Hoͤhe. Wir kletterten daruͤber weg, fanden aber den in- nern Bezirk oder Hof blos mit einem Haufen kleiner Corallen-Steine angefuͤllt. Etliche Meilen weiter gelangten wir an eine geraͤumige Bay, wo inner- halb des Riefs drey kleine Inseln vorhanden sind. Die Bay war uͤberall mit Sumpf umgeben, darinn eine Menge von wilden Endten ihren Auͤfenthalt ge- nommen hatte. Diese Gelegenheit zur Jagd ließen wir nicht ungenutzt und fuhren alsdann, in zwey kleinen Canots, nach einer von den vorgedachten Inseln hinuͤber, um zu sehen, ob die See dort etwa Muscheln an den Strand geworfenhaͤtte? Allein, diese Hoffnung schlug uns fehl; denn außer einer einzigen Huͤtte, welche, wie man aus denen darinn aufbewahrten Netzen und andren Fischer-Geraͤthschaften schließen konnte, blos zum Behuf des Fischfanges angelegt zu seyn schien, war nichts als etliche Cocos-Palmen und niedriges Gebuͤsch daselbst zu finden. Wir kehrten also mit leeren Haͤnden zuruͤck, speißten bey einem Indianer, der uns eingeladen hatte und langten erst gegen Sonnen-Untergang wieder auf dem Schiffe an. Orea hatte sich in unsrer Abwesenheit bey Capitain Cook zu Gast gebeten und eine ganze Bouteille Wein getrunken, ohne davon im mindesten berauscht zu scheinen. Doch war er, wie immer, sehr gespraͤchig gewesen, und hatte sich hauptsaͤchlich uͤber die Merkwuͤrdigkeiten der Laͤnder unterhalten, welche wir auf unsrer Reife be- sucht, und wovon ihm sein Landsmann Maheine so manches erzaͤhlt hatte. in den Jahren 1772 bis 1775. Nachdem er das, was ihm der Capitain davon zu sagen wußte, eine Weile mit 1774. May. angehoͤrt, fieng er an: Wir haͤtten allerdings viel gesehen, doch koͤnne er uns von einer Insel Nachricht geben, von der wir bey alle dem wohl noch nichts wissen moͤgten. Sie liegt, sagte er, nur wenige Tagereisen von hier, wird aber von ungeheuern Riesen bewohnt, die so groß sind als der hoͤchste Mast, und so dick im Leibe, als das Obertheil eurer Schiffswinde. Es sind ganz gute Leute, aber wenn man sie boͤse macht, so ist kein Auskommens mit ihnen. Sie sind gleich im Stande, einen Mann beym Leibe zu nehmen und ihn so weit in die See zu schleudern, als ich mit einem Stein thun wuͤrde. Solltet ihr auf eurer Reise etwa noch dahin kommen; so nehmt euch nur in Acht, daß sie nicht in die See zu euch heranwa- den, das Schiff auf die Schultern nehmen und es so ans Land tragen. Er setzte noch andre laͤcherliche Umstaͤnde hinzu, und, um seiner Erzaͤhlung desto mehr Glauben zu verschaffen, so vergaß er nicht dieser wunderbaren Insel auch einen Na- men zu geben. Er sagte nemlich, sie werde Mirro-Mirro genannt. Die Art, mit welcher er dies Maͤhrchen vorbrachte, bewies offenbar, daß es eine Ironie auf diejenigen Stellen unsrer Erzaͤhlungen seyn sollte, die er entweder fuͤr erdichtet halten mogte, oder wovon er sich keinen Begriff machen konnte, und die schalkhaft witzige Einkleidung welche er seiuer Spoͤtterey zu geben wußte, war in der That bewundernswerth. Herr von Bougainville hat wohl allerdings Recht, wenn er die Ursach von den lebhaften Verstandes-Faͤhigkeiten dieser Insulaner in der Fruchtbarkeit ihres Landes sucht, denn Ueberfluß und sorgenfreye Tage brin- gen uͤberall Froͤhlichkeit und muͤntres Wesen hervor. S. seine Reise um die Welt. In der Nacht wurden aus den Booten, die an dem Anker-Waͤchter ( buoy ) befestiget waren, einige Ruder, Bootshaken und kleine Anker gestohlen. So bald man sie am Morgen vermißte, ließ der Capitain den Befehlshaber Orea davon benachrichtigen. Dieser fand sich auch ungesaͤumt bey uns ein und holte den Capitain in seinem Boote ab, um die Diebe aufzusuchen. Nachdem sie ohnge- faͤhr eine Stunde weit gerudert waren, gieng er in dem suͤdlichsten Theil der In- sel ans Land und brachte das Gestohlne von dorther alles wieder zuruͤck. Ich war un- terdessen auch am Lande gewesen und hatte ohnweit der Bucht von zwo kleinen Maͤd- O 3 Forster’s Reise um die Welt 1774. May. chen einen Hiwa oder Tanz auffuͤhren sehen. Sie waren aber weder so reich ge- kleidet, noch in ihrer Kunst so geschickt als Poyadua . Ihr Tamau , oder Kopf- putz von geflochtnen Haaren, war nicht in Form eines Turbans aufgesetzt, son- dern machte verschiedne große Locken aus, die eine gute Wuͤrkung auf das Auge thaten und gewissermaaßen den hohen Frisuren unserer neumodischen Damen aͤhnlich sahen. Nachmittags tanzte Poyadua wiederum, und es schien fast als ob sie ihre uͤbrigen Gespielen diesmal ausstechen wollte, wenigstens hatte sie sich mehr als gewoͤhnlich ausgeputzt und mit einer Menge von allerhand Europaͤi- schen Glas-Corallen behangen. Ihre bewundernswuͤrdige Gelenkigkeit, die reizende Bewegung ihrer Arme, und das schnelle zitternde Spiel der Finger, wurden von den Indianern eben so sehr, als die Kuͤnste der Opern-Taͤnzerinnen von uns bewundert. Doch verdiente Poyadua auch unsern Beyfall, wenig- stens um deswillen, daß sie ihre Geschicklichkeit nicht einem Lehrer, sondern blos der eigenen Ausbildung ihres natuͤrlichen Talentes zu verdanken hatte. Nur dar- inn konnten wir dem Nationalgeschmack nicht beystimmen, daß die außer- ordentlichen Verzerrungen des Mundes schoͤn seyn sollten! unserm Urtheil nach, waren sie vielmehr recht haͤßlich und so gar abscheulich. Zu diesen oͤfteren dra- matischen Vorstellungen gab blos die Anwesenheit der Errioys Anlaß. Ihre Gegenwart schien die ganze Insel zu beleben, und jedermann froͤlich zu machen, auch giengen sie selbst hierinn den uͤbrigen mit gutem Exempel vor. Sie putzten sich aufs beste heraus und erschienen fast alle Tage in einem andern Kleide. Der ganze Tag ward in Wohlleben und Muͤßiggang zugebracht: Sie salbten sich die Haare mit wohlriechendem Oel, sangen, oder spielten die Floͤte, kurz ein Vergnuͤgen wechselte mit dem andern ab, und keine derer Gluͤckseligkeiten, die man hier zu Lande haben kann, blieb ungenossen. Dies erinnerte mich an je- nes gluͤckliche, im Schooß des Ueberflusses gewiegte Volk, das Ulysses in Phaͤacien antraf, und von dem Pope sagt: To dress, to dance, to sing, their sole delight The feast or bath by day and love by night. Pope’s Homer. in den Jahren 1772 bis 1775. Unser Freund Maheine war vielleicht der einzige seines Standes, der nicht so 1774. May. ganz vergnuͤgt seyn mogte als die uͤbrigen, und das um deswillen, weil man ihm hier nicht so viel Gunstbezeugungen erwies, als er zu Tahiti genossen hatte. Es scheint auch hier in der Suͤdsee , wie bey uns, wahr zu seyn, daß ein Prophet nirgends weniger gilt, als in seinem Vaterlande. Er hatte allhier eine zahl- reiche Verwandtschaft; aber das nuͤtzte ihm zu nichts weiter, als daß alle, die dazu gehoͤrten, Geschenke von ihm erwarteten, und zwar nicht als eine Guͤtigkeit, sondern beynahe als Pflicht. Zu Tahiti hingegen, ward ihm jedes, noch so geringe Geschenk als eine Freygebigkeit angerechnet, wodurch er sich Freunde und andre Vortheile zuwege brachte. So lange dem gutherzigen Jun- gen noch das geringste von denen Seltenheiten uͤbrig blieb, die er auf unserer be- schwerlichen und zum Theil wuͤrklich gefaͤhrlichen Reise mit Gefahr seines Lebens gesammlet hatte; so lange nahm auch das Quaͤlen kein Ende; und ob er gleich nach und nach alle seine Schaͤtze ohne Ruͤckhaltung dahin gegeben, so schienen dennoch einige seiner Verwandten laut uͤber seinen Geitz zu klagen. Er, der ehemals im Stande gewesen war, andern mitzutheilen, mußte nun selbst wieder bey seinen europaͤischen Freunden, um ein und anderes bitten, denn die Habsucht seiner Verwandten hatte ihm kaum noch ein Paar rothe Federn und an- dre Kleinigkeiten, zum Geschenk fuͤr seinen hohen Anverwandten O-Puni , den Koͤnig auf Borabora , uͤbrig gelassen. Auf solche Art war es denn kein Wun- der, daß er sehnlich nach Tahiti zuruͤckzukehren wuͤnschte; er sagte uns auch, daß, sobald er nur O-Puni und seine uͤbrigen Verwandten auf Borabora be- suchet haben wuͤrde, ihn gewiß nichts abhalten solle, eiligst nach Tahiti und nie wieder von dannen zu gehen. Dennoch aber wuͤrde er gern mit uns nach England gekommen seyn, wenn wir ihm nur die geringste Hoffnung haͤtten ma- chen koͤnnen, daß wir jemals wieder nach der Suͤdsee zuruͤckkehren wuͤrden: Al- lein, da ihm Capitain Cook ausdruͤcklich das Gegentheil versichert hatte; so wollte er dem Vergnuͤgen, unsern Welttheil zu sehen, lieber entsagen, als sich auf immer von seinem geliebten Vaterlande trennen. Und in Wahrheit, wenn man bedenkt, was sein Landsmann O-Mai bey uns gelernt hat, so war es fuͤr das Herz und die Sitten unsres unverdorbenen Freundes gewiß am zutraͤglichsten, daß er zuruͤckblieb. Die Pracht von London hat er nun freylich nicht kennen Forster’s Reise um die Welt 1774. May. lernen, aber dafuͤr sind ihm auch alle die Graͤuel der Sittenlosigkeit unbekannt geblieben, welche die groͤßeren Hauptstaͤdte Europens fast durchgehends mit einan- der gemein haben. Als der Tanz zu Ende war, noͤthigte uns Maheine , daß wir ihn mor- gen auf seinem eignen Grund und Boden besuchen moͤchten. Er hatte uns schon oft erzaͤhlt, daß er auf dieser Insel Land-Eigenthum besitze, und wollte die gegenwaͤrtige Gelegenheit, sein Vorgeben zu bestaͤtigen, um desto weniger ungenutzt lassen, als verschiedene von unserer Schiffsgesellschaft bisher noch im- mer daran gezweifelt hatten. Seiner Einladung gemaͤß giengen wir also, des folgenden Tages fruͤhe, in zwey Booten nach dem nord-oͤstlichen Ende der Insel unter Seegel, allwo der ihm zustaͤndige District, Wharai-te-wah , liegen sollte. Orea begleitete uns nebst seiner Familie, und in Zeit von zwo Stun- den langten wir gluͤcklich daselbst an. Maheine bewillkommte uns nebst zween seiner aͤlteren Bruͤder, und brachte uns zu einem geraͤumlichen Hause. Hier ließ er gleich Anstalten zur Mahlzeit machen. Waͤhrend dieser Zubereitun- gen giengen mein Vater, Dr. Sparrmann , und ich, zum Botanisiren auf die benachbarten Berge, wir fanden aber nicht eine einzige neue Pflanze. Nach Verlauf zwoer Stunden kamen wir wieder, und unterdessen, daß das Essen auf- getragen ward, erzaͤhlte uns Capitain Cook ganz umstaͤndlich, wie es bey der Zurichtung hergegangen war. Er hatte alles selbst mit angesehen, und da wir uns uͤber diesen Gegenstand noch nirgends ausfuͤhrlich erklaͤrt haben; so will ich, zum Besten meiner Leser, des Capitains Beschreibung hier woͤrtlich einruͤcken. Aus Capitain Cooks gedruckter Reisebeschr. gezogen. Drey Kerls ergriffen ein Schwein, das ohngefaͤhr 50 Pfund schwer seyn mochte, legten es auf den Ruͤcken, und erstickten es, indem sie ihm queer uͤber den Hals einen dicken Stock druͤckten, so, daß an jeder Seite einer mit sei- nem ganzen Koͤrper darauf ruhte. Der dritte hielt die Hinterbeine, und, um alle Luft im Leibe zu verschließen, stopfte er dem Schwein ein Buͤschel Gras in den Hintern. Nach Verlauf von 10 Minuten war das Schwein todt. Waͤhrend dieser Zeit hatten zween andre ein Feuer angemacht, um den sogenannten Ofen durchzuheitzen, der aus einer Grube unter der Erde bestand, darinn eine Menge Steine in den Jahren 1772 bis 1775. Steine aufgepackt waren. An diesem Feuer ward das todte Schwein gesengt, und 1774. May. zwar so gut als haͤtten wirs in heißem Wasser gebruͤhet. Um es vollends rein zu ma- chen, trugen sie es an das See-Ufer, rieben es dort mit Sand und Kieseln, und spuͤlten es hernach wiederum sauber ab. Darauf ward es an den vorigen Ort zuruͤckgebracht und auf frische Blaͤtter gelegt, um auch von innen rein gemacht zu werden. Indieser Absicht ward der Bauch geoͤffnet, hiernaͤchst der aͤußere Speck abgeloͤset, auf gruͤne Blaͤtter bey Seite gelegt, und dann das Eingeweide herausgeschnitten; letzteres wurde sogleich in einem Korbe weggetragen und auch nicht wieder zum Vorschein gebracht; doch bin ich uͤberzeugt, daß sie es nicht weggeworfen haben. Zuletzt nahmen sie das Blut und das innere Fett heraus, jenes ward auf gruͤne Blaͤtter, dieses aber zu dem vorher schon abgesonderten Speck geschuͤttet. Nachdem hierauf das Schwein nochmals, von außen und innen, mit frischem Wasser abgewaschen war, steckten sie etliche heiße Steine in den Bauch, und ließen solche in die Hoͤhlung der Brust hinunter fallen, stopften auch eine Anzahl frischer Blaͤtter dazwischen ein. Mittlerweile war der Ofen, der aus einer mit Steinen ausgefuͤllten Grube oder Vertiefung in der Erde bestand, sattsam durchgeheitzt; man nahm also das Feuer und die Steine, bis auf die unterste Schicht, weg, die so eben als gepfla- stert war. Auf diese ward das Schwein mit dem Bauch zu unterst gelegt; das Fett und Speck aber, nachdem es sorgfaͤltig abgewaschen, ward in einem langen Troge, der aus einem jungen Pisangstamm ausdruͤcklich dazu ausge- hoͤhlet worden, neben das Schwein gestellt. In das Blut warf man einen heißen Stein, damit es sich verdicken oder gerinnen moͤgte, alsdenn wurden kleine Portionen davon in Blaͤtter gewickelt, und auch diese, nebst einer Menge Brod- frucht und Pisangs in den Ofen gebracht. Hierauf bedeckten sie alles mit fri- schem Laube, und dann mit dem Rest der geheitzten Steine. Ueber diese wurde wieder eine Schicht Blaͤtter hingestreuet und zuletzt noch allerhand Steine und Erde, hoch daruͤber aufgehaͤufet. Waͤhrend der Zeit, daß dies Gericht unter der Erde stobte, deckten die Leute den Tisch; das heißt, sie breiteten an einem Ende des Hauses eine Menge gruͤne Blaͤtter auf die Erde. Nach Verlauf zwoer Stunden und zehn Minuten ward der Ofen geoͤffnet und alles herausgezogen. Die Gaͤste setzten sich rund um die Blaͤtter, die Eingebohrnen an das eine und wir an das andere Ende. Da wo wir saßen, ward das Schwein aufgetragen; an Forster’s Reise u. d. W. zweyter Th. P Forster’s Reise um die Welt 1774. Junius. jener Seite aber, welche die Indianer eingenommen hatten, ward das Fett und das Blut hingesetzt, welches beydes sie auch allein verzehrten und fuͤr ungemein schmackhaft ausgaben. Dagegen ließen wir uns das Fleisch nicht minder gut schme- cken, weil es in der That ganz vortreflich zubereitet war, auch die Leute, welche die Kuͤche besorgten, in allen Stuͤcken eine nachahmenswerthe Reinlichkeit beobachtet hatten. So weit Capitain Cook . — Kaum war das Schwein zerlegt, als die angesehensten Befehlshaber und Errioys gemeinschaftlich daruͤber herfielen und ganze Haͤnde voll davon auf einmal verschlangen. Ueberhaupt aßen alle unsre Tischgenossen mit ungewoͤhnlicher Gierigkeit, indeß die armen Tautaus , die in großer Menge um uns her standen, sich an dem bloßen Zusehen genuͤgen lassen mußten, denn fuͤr sie blieb auch nicht ein Bissen uͤbrig. Unter allen Zuschauern waren Orea’s Frau und Tochter die einzigen die etwas bekamen, und beyde wickelten ihre Por- tionen sorgfaͤltig in Blaͤtter, um sie an einem abgesonderten Platze zu verzehren. Hier schien es, daß die Frauensleute essen duͤrfen, was durch Maͤnner zubereitet und ausgetheilt wird; bey andern Gelegenheiten aber war es uns vor- gekommen, als ob gewisse Leute nicht essen duͤrften, was von dieser oder jener Person in der Familie war beruͤhret worden. Siehe Hawkesworths Gesch. der engl. See-Reisen, in 4. II. Th. S. 151. Doch koͤnnen wir nicht eigent- lich bestimmen, nach was fuͤr Regeln sie sich in diesem Stuͤck richten moͤgen. Zwar sind die Tahitier nicht das einzige Volk, wo die Maͤnner von den Wei- bern abgesondert speisen; vielmehr ist diese Gewohnheit auch bey einigen Na- tionen unter den Negern , imgleichen bey den Einwohnern auf Labrador einge- fuͤhrt. Allein, so wohl jene Neger , als auch die Eskimaux , bezeigen uͤberhaupt eine ganz ungewoͤhnliche Verachtung fuͤr das andre Geschlecht, und eben diese mag denn auch Schuld daran seyn, daß sie nicht gemeinschaftlich mit ihren Frauen essen wol- len. Bey den Tahitiern hingegen, wo den Weibern in allen uͤbrigen Stuͤcken so gut und artig begegnet wird, muß jene befremdliche Ungeselligkeit noch eine andre Ursach zum Grunde haben, die sich vielleicht kuͤnftig einmal, vermittelst genauer Beobachtungen wird entdecken lassen. Der Capitain hatte die Vorsorge gehabt, einige Flaschen Brandtewein mitzunehmen, der mit Wasser verduͤnnt, das Lieblingsgetraͤnk der Seeleute, den sogenannten Grog , ausmacht. Die Errioys und einige andre vornehme India- ner fanden dies Gemische stark und fast eben so sehr nach ihrem Geschmack als in den Jahren 1772 bis 1775. das hiesige berauschende Pfefferwasser; sie tranken also tapfer herum, und setzten 1774. Junins. gar noch etliche Spitzglaͤser Brandtwein oben drauf, welches ihnen dann sowohl behagte, daß sie sich bald nach einem Ruheplaͤtzchen umsehen und eins ausschla- fen mußten. Um 5 Uhr Nachmittags kehrten wir nach dem Schiff zuruͤck, ba- deten aber zuvor, des heißen Wetters wegen, in einer schoͤnen Quelle, deren wir uns zu diesem Behuf schon mehrmalen bedient hatten. Sie ist durch wohlrie- chendes Gebuͤsch vor den Sonnenstrahlen geschuͤtzt, und wird auch von den Ein- gebohrnen, welche alle diese Stellen genau kennen, ihres stets gemaͤßigt kuͤhlen Wassers halber, vorzuͤglich gern besucht. Man findet dergleichen Bade-Plaͤtze auf diesen Inseln sehr haͤufig; und ohne Zweifel tragen sie eben so viel zur Er- haltung der Gesundheit als zur Verschoͤnerung des Landes bey. Die folgenden Tage suchten wir auf den Bergen umher nach Pflanzen und fanden auch hin und wieder einige noch unbekannte Arten. An und fuͤr sich sind die hiesigen Berge mit denen zu Tahiti von gleicher Art, nur etwas niedriger als jene. Auf diesem Spatziergange entdeckten wir unter andern ein recht romantisches Thal; es war mit dicker Waldung umgeben, und ward von einem schoͤnen Bach durchschlaͤngelt, der sich von jener Seite, aus hohen Berggegen- den her uͤber gebrochne Felsen-Massen in stuffenfoͤrmigen Cascaden herabstuͤrzte. Bey unserer Zuruͤckkunst von der letzten botanischen Excursion erfuhren wir eine sehr wichtige Neuigkeit; es hatte naͤmlich einer von den Indianern, der eben aus Huaheine zuruͤckkam, die Nachricht mitgebracht, daß allda zwey Schiffe vor Anker laͤgen, davon eins groͤßer waͤre als das unsrige. Capitain Cook ließ die- sen Mann in die Cajuͤtte kommen, um ihn deshalb genauer zu befragen. Der Indianer wiederholte, was er bereits auf dem Verdeck ausgesagt hatte, und fuͤhrte zur Bestaͤtigung noch den Umstand an, daß er selbst am Bord des kleinern Schif- fes gewesen, und von den Leuten trunken gemacht worden waͤre. Wir erkun- digten uns nach den Namen der Capitains, worauf er zur Antwort gab, der Be- fehlshaber des groͤßern sey Tabane , der aber in dem kleineren heiße Tonno . Da dies nun gerade dieselbigen Namen waren, welche die Indianer Herrn Banks und Fourneaux beygelegt hatten; so stutzte Capitain Cook nicht wenig, und fragte weiter, von welcher Statur diese Herren waͤren? Der Indianer versetzte alsbald, Tabane sey groß, Tonno aber kleiner von Statur; auch dies stimmte P 2 Forster’s Reise um die Welt 1774. Junius. stimmte mit der uns bekannten Gestalt dieser beyden Herren genau uͤberein. Gleichwohl hatten wir in manchem andern Betracht wieder eben so sehr Ursach, die ganze Erzaͤhlung in Zweifel zu setzen: denn, wenn Capitain Fourneaux wuͤrklich zu Huaheine war, so mußte er auch von den dortigen Einwohnern ohnfehlbar erfahren haben, daß Capitain Cook noch in der Nachbarschaft sey, und da er unter den Befehlen desselben von England ausgeseegelt war; so erfor- derte es auch jetzt seine Pflicht ihn aufzusuchen. Weil aber dies nicht erfolgte, so blieb uns am Ende keine andre Vermuthung uͤbrig, als daß, wenn uͤberhaupt europaͤische Schiffe an jener Insel laͤgen, es doch nicht englische seyn koͤnnten. Bey unsrer Zuruͤckkunft nach dem Cap erfuhren wir auch, daß Capitain Four- neaux lange vor der Zeit, da ihn die Indianer zu Huaheine gesehen haben woll- ten, aus der Tafel-Bay abgefeegelt, Herr Banks aber gar nicht aus Europa gekommen waͤre. Seitdem haben wir in Erfahrung gebracht, daß Herr St. Denis , ein franzoͤsischer See-Officier, ohngefaͤhr zu eben dieser Zeit mit zwey Schiffen in der Suͤd-See gewesen ist. Anfaͤnglich bestaͤtigte Orea die Aussage des Indianers, weil ihm aber einfallen mochte, daß wir vielleicht unsre Abreise deshalb beschleunigen wuͤrden; so wollte er sich nachher nicht weiter daruͤber auslassen, sondern stellte sich, als ob er selbst nicht recht wuͤßte, was davon zu halten sey, und suchte immer kurz abzubrechen, wenn wir das Gespraͤch darauf hinlenkten. Mit einem Wort, ein europaͤischer Staatsmann haͤtte einer verfaͤnglichen Frage nicht besser und schlauer ausweichen koͤnnen. Am folgenden Tage kamen die Indianer haufenweise an das Schif, und brachten große Vorraͤthe von Lebensmitteln zum Verkauf, weil sie hoͤrten, daß wir morgen (den 4ten Junius) schon wieder absegeln wollten. Ohngeachtet sie alles sehr wohlfeil ausboten; so war doch unser Vorrath von Beilen und Messern bereits dermaaßen erschoͤpft, daß der Buͤchsenschmidt neue Waare dieser Art anfertigen mußte, die aber ungestaltet und wenig nutze war. Das galt vornaͤmlich von den Messern, als zu welchen die Klingen aus eisernen Tonnenbaͤnden zusammenge- stuͤmpert wurden. Die guten einfaͤltigen Leute waren aber doch damit zufrieden, weil sie die innere Guͤte noch nicht nach dem bloßen Ansehen zu beurtheilen wußten. Dafuͤr also, daß sie uns bisweilen die Taschen ausgeleeret, oder manches heimlich in den Jahren 1772 bis 1775. entwendet hatten, was wir nicht genug bewachten; machten wirs jetzt doppelt so 1774. Junius. arg mit ihnen, denn wir hintergiengen sie gar bey offnen Augen. — Unter den Bewohnern der Societaͤts-Inseln giebt es hie und da gewisse Personen, die von den Traditionen, von der Mythologie und von der Sternkunde ihrer Nation Kenntniß haben. Maheine hatte sie uns oft als die Gelehrtesten seiner Landesleute geruͤhmet und sie Tata-o-Rerro genannt, welches man ohn- gefaͤhr durch Lehrer uͤbersetzen koͤnnte. Nachdem wir lange darauf ausgewe- sen, einen solchen Mann kennen zu lernen, so fanden wir endlich hier im Di- strict Hamaneno , einen Befehlshaber, der Tutawa ï hieß, und den Beyna- men eines Tata-o-Rerro fuͤhrte. Es that uns um desto mehr leyd, ihn nicht ehe ausgeforscht zu haben, weil unsre Abreise jetzt schon so nahe vor der Thuͤre war. Indessen verwendete mein Vater wenigstens noch die letzten Augenblicke unsers Hierseyns auf die Untersuchung eines so wichtigen Gegenstandes. Dem hochgelahrten Tutawa ï schien damit gedient zu seyn, daß er Gele- genheit fand, seine Wissenschaft auszukramen. Es schmeichelte seiner Eigenliebe, daß wir ihm so aufmerksam zuhoͤrten; und dies vermogte ihn auch sich uͤber diese Materie mit mehr Geduld und Beharrlichkeit herauszuͤlassen, als wir sonst von den fluͤchtigen und lebhaften Einwohnern dieser Inseln gewohnt wa- ren. Im Ganzen scheint die Religion aller dieser Insulaner das sonderbarste System von Vielgoͤtterey zu seyn, das jemals erdacht worden. Nur wenig Voͤlker sind so elend und so ganz mit den Beduͤrfnissen der Selbsterhaltung be- schaͤfftiget, daß sie daruͤber gar nicht an den Schoͤpfer denken, und versuchen soll- ten, sich einen, wenn gleich noch so unvollstaͤndigen Begriff von ihm zu machen. Diese Begriffe scheinen vielmehr seit jenen Zeiten, da sich Gott den Men- schen unmittelbar offenbarte, durch muͤndliche Erzaͤhlungen unter allen Natio- nen verblieben, und aufbehalten zu seyn. Vermittelst einer solchen Fort- pflanzung der ehemaligen goͤttlichen Offenbarung, hat sich denn auch zu Tahiti und auf den uͤbrigen Societaͤts-Inseln , noch ein Funken davon erhalten, die- ser nemlich, daß sie ein hoͤchstes Wesen glauben, durch welches alles Sicht- bare und Unsichtbare erschaffen und hervorgebracht worden. Die Geschichte zeigt aber, daß alle Nationen, wenn sie die Eigenschaften dieses allgemeinen und unbegreiflichen Geistes naͤher untersuchen wollten, die Schranken, welche P 3 Forster’s Reise um die Welt 1774. Junius. der Schoͤpfer unsern Sinnes- und Verslandes - Kraͤften vorgeschrieben, bald mehr hald minder uͤberschritten, und dadurch gemeiniglich zu den thoͤrigten Mey- nungen verleitet wurden. Daher geschahe es, daß die Eigenschaften der Gott- heit durch eingeschraͤnkte Koͤpfe, die sich von der hoͤchsten Vollkommenheit kei- nen Begriff machen konnten, gar bald personificirt oder als besondere Wesen vorgestellet wurden. Auf diese Art entstand jene ungeheure Zahl von Goͤttern und Goͤttinnen; ein Irrthum gebahr den andern, und da jeder Mensch ein angebohrnes Verlangen hegt, von Gott sich einen Begriff zu machen; so brachte der Vater, das, was er davou wußte, in der ersten Erziehung auch seinen Kindern bey. Indessen vermehrte sich das Geschlecht der Menschen, und fieng gar bald an, sich in unterschiedne Staͤnde zu theilen. Durch die- sen eingefuͤhrten Unterschied in den Staͤnden ward verhaͤltnißweise die Befrie- digung der Sinnlichkeit einigen erleichtert, andern aber erschweret. Wenn nun unter denenjenigen, welchen sie erschweret wurde, ein Mann von beson- dern Faͤhigkeiten war, der den allgemeinen Hang seiner Mitbruͤder zu Anbetung eines hoͤheren Wesens bemerkte; so geschah es oft, (und ich moͤchte fast sagen, immer) daß er diese herrschende Neigung mißbrauchte. Zu dem Ende suchte der Betruͤger die Verstandeskraͤfte des großen Haufens zu fesseln und sich densel- ben zinsbar zu machen. Die Vorstellungen, welche er ihnen von der Gottheit beybrachte, mußten seinen Absichten behuͤlflich seyn, und deshalb pflanzte er dem Volke, das bisher von Natur eine kindliche Liebe zu Gott als seinem Wohlthaͤter fuͤhlte, nun Furcht und Schrecken vor dem Zorn desselben ein. Eben so duͤnkt mich, ists auch auf den Societaͤts-Inseln zugegangen. Man verehret da- selbst Gottheiten von allerhand Art und Eigenschaften; und, was vornemlich be- fremdend ist, jede Insel hat eine besondre Theogonie oder Goͤtter-Geschichte. Dies wird sich bey Vergleichung dieser Nachrichten, mit denen die in Capitain Cooks ersterer Reise enthalten sind, deutlich ergeben. S. Hawkesworths Samml. der engl. Seereisen in 4. 2ter Band, Seite 220. Tutawa ï fieng da- mit an, daß er uns sagte, der hoͤchste Gott oder der Schoͤpfer des Himmels und der Erden habe auf jeder Insel einen besondern Namen; oder, um es deutlicher auszudruͤcken, sie glaubten auf jeder Insel an ein besonderes hoͤchstes Wesen, dem sie, uͤber alle andere Gottheiten, den Rang zugestaͤnden. Auf Tahiti in den Jahren 1772 bis 1775. und Eimeo sagen sie, der hoͤchste Gott sey O-Ruahattu ; auf Huaheine be- 1774. Junius. haupten sie, es sey Tane ; zu Raietea es sey O-Ru ; auf O-Taha es sey Orra ; zu Borabora er heiße Tautu ; zu Maurua heißt er O-Tu ; und auf Tabua-mannu (oder Sir Charles Saunders Eyland ) wird er Taroaͤ genennet. Die See wird ihrer Meynung nach von dreyzehn Goͤttern beherrscht. 1) Uruhaddu , 2) Tama-ui , 3) Ta-api , 4) O-Tuarionu , 5) Taniea , 6) Tahu-meonna , 7) Otah-mauwe , 8) O-Wha ï , 9) O-Whatta , 10) Tahua , 11) Ti-uteia , 12) O-Mahuru , 13) O-Whaddu . Aller dieser See-Gottheiten ohnerachtet, soll doch noch ein andrer, Namens U-marreo die See erschaffen haben. Eben so ists mit der Sonne; diese soll von O-Mau- we einem maͤchtigen Gott, der die Erdbeben verursacht, erschaffen seyn, aber von einer andern Gottheit, Namens Tutoomo-sovorirri bewohnt und regieret werden. Zu eben diesem Gott, der eine schoͤne menschliche Gestalt haben und mit Haaren versehen seyn soll, die ihm bis auf die Fuͤße reichen, gehen, ihrer Meynung nach, die Verstorbenen, wohnen daselbst und schmausen Brodfrucht und Schwei- nefleisch, das nicht erst am Feuer gahr gemacht werden darf. Sie glauben auch, daß jeder Mensch ein besonderes Wesen in sich habe, welches nach dem Eindruck der Sin- ne handelt und aus einzelnen Begriffen Gedanken zusammensetzt. Gedanken heißen parau no te obu , das ist nach dem buchstaͤblichen Verstande: Worte im Bauche . Dies Wesen neunen sie Tih , so wie wir es Seele heißen; ihrer Vorstellung zufolge, bleibt es nach dem Tode uͤbrig, und wohnt in den hoͤlzernen Bildern, die um die Begraͤbnisse gestellt, und daher auch Tih genannt werden. Die Begriffe von einer kuͤnftigen Fort- dauer und von der Verbindung zwischen Geist und Materie haben sich folglich bis in die entferntesten Inseln der Erde fortgepflanzt! Ob man aber auch von kuͤnftigen Strafen und Belohnungen hier etwas wisse? Das konnten wir, so wahrscheinlich mirs auch duͤnkt, dennoch nicht mit Fragen erforschen. Der Mond soll durch eine weibliche Gottheit erschaffen seyn. Diese heißt O-Hima ; sie regiert jenen Welt- koͤrper und wohnt daselbst in den sichtbaren, wolken-aͤhnlichen Flecken dieses Pla- neten. Die Frauensleute pflegen oft ein kurzes Lied zu singen, welches auf die Verehrung jener Gottheit sich zu beziehen scheint; vielleicht schreiben sie dersel- ben auch einen unmittelbaren Einfluß auf ihre Natur zu. Das Lied lautete also: Forster’s Reise um die Welt 1774. Junius. Te-Uwa no te malama Te-Uwa te hin à rro. Das ist: Das Woͤlkchen in dem Monde Das Woͤlkchen liebe ich! Daß uͤbrigens die tahitische Goͤttin des Mondes nicht die keusche Diana der Alten, sondern vielmehr die phoͤnicische Astarte seyn muͤsse, werden meine Leser wohl nicht in Abrede seyn. Die Sterne sind durch eine Goͤttin hervorge- bracht, welche Tetu-matarau genannt wird, und die Winde stehen unter der Bothmaͤßigkeit des Gottes Orri-Orri . Außer diesen groͤßern Gottheiten haben sie noch eine ansehnliche Menge von geringerem Range. Einige derselben sollen Unheil stiften und Leute im Schlafe toͤdten. Diese werden bey den vornehmsten Marais , oder steinernen Denkmaͤ- lern, oͤffentlich durch den Tahowa-rahai , oder den Hohenpriester der Insel ver- ehret. An die wohlthaͤtigen Goͤtter richtet man Gebethe, die aber nicht laut ausgesprochen, sondern bloß durch die Bewegung der Lippen angedeutet werden. Der Priester sieht dabey gen Himmel, und man glaubt, der Eatua oder Gott komme zu ihm herab und rede mit ihm, bleibe aber dem Volk unsichtbar, und werde nur ganz allein von dem Priester gehoͤrt und verstanden. Dies ist ein deutlicher Beweis von Pfaffenlist, deren großer Endzweck uͤberall darauf hinaus lief, die Religion in Geheimnisse zu huͤllen. Daher liegt auch meines Erachtens, der deutlichste Beweis von dem wahrhaft goͤttlichen Ursprunge der christlichen Religion darinn, daß sie in diesem Punkt gerade das Widerspiel aller uͤbrigen Religionen ist, in so fern sie alle betruͤgerische Menschensatzungen ver- wirft und dem Verstande freye Pruͤfung gestattet. Ihre urspruͤngliche Reinigkeit vertraͤgt sich nicht mit absichtvollen Zierrathen, und sie ist nicht in Geheimnisse ge- huͤllt, die gemeiniglich nur zu Beguͤnstigung gewisser Dunkelheiten dienen muͤssen, sondern sie laͤßt vielmehr aus eigner innerer Kraft ein reines, bestaͤndiges Licht um sich her leuchten. Die aͤchten, wuͤrdigen Diener derselben, haben uns auch zu allen Zeiten versichert und bewiesen, daß ihnen keine besondre eigenthuͤmliche Wissenschaft mitgetheilt waͤre, sondern daß allen denen, die vor dem Herrn die Knie beugen, ohne Unterschied, ein gleiches Maaß von Erkenntniß freystehe, weil alle ihn kennen sollen, vom Groͤßten bis zum Geringsten. Ebraͤer VIII. 11. Die in den Jahren 1772 bis 1775. Die Opfer, welche den Goͤttern dieser Inseln dargebracht werden, be- 1774. Junius. stehen in gahr gemachten Schweinen und Huͤhnern, wie auch allerhand Arten von andern Lebensmitteln. Die niedrigern, besonders aber die boͤsen Geister, werden bloß durch eine Art von Gezisch verehrt. Einige derselben sollen des Nachts in die Haͤuser kommen und die Einwohner ums Leben bringen; andre sollen sich auf einer gewissen unbewohnten Insel, Namens Mannua , in Gestalt starker, großer Maͤnner aufhalten, schrecklich funkelnde Augen haben und einen jeden verschlingen, der ihrer Kuͤste zu nahe koͤmmt. Diese Fabel scheint indessen nicht sowohl zu ihrer Goͤtterlehre zu gehoͤren, als vielmehr eine Anspielung auf Men- schenfresser zu seyn, deren es, wie ich oben schon bemerkt, vor undenklichen Zeiten, auf diesen Inseln mag gegeben haben. Capitain Cook hat uͤber die Religionsverfassung dieser Insulaner eine wichtige Entdeckung gemacht, davon mir aber bey unserm Aufenthalt in der Suͤdsee nichts bekannt geworden. Ich will daher nicht Anstand nehmen, sie zum Besten meiner Leser, mit des Verfassers eignen Worten hier einzuruͤcken: „Da ich (sagt Capitain Cook ) nicht ohne Grund vermuthete, daß die „ Tahitische Religion in manchen Faͤllen Menschen-Opfer vorschreibe, so gieng „ich einmal mit Capitain Fourneaux nach einem Marai oder Begraͤbnißplatz in „ Matava ï , und nahm, wie ich bey aͤhnlichen Gelegenheiten immer zu thun „pflegte, einen meiner Leute mit, der die Landessprache ziemlich gut verstand. „Etliche Eingebohrne, darunter einer ein ganz gescheuter Mann zu seyn schien, „folgten uns. Auf dem Platze stand ein Tupapau , oder Geruͤst, worauf ein „Todter, nebst einigen Speisen lag; welches alles meiner Wißbegierde zu statten „zu kommen schien. Ich sing an, kurze Fragen zu thun; z. B. ob die Pisangs- „und andre Fruͤchte, dem Eatua (der Gottheit) dargebracht waͤren? Ob man „dem Eatua Schweine, Hunde, Huͤhner u. s. f. opferte? Auf alle diese Fra- „gen wurde bejahend geantwortet. Nun fragte ich, ob man dem Eatua denn „auch “Menschen” opferte ? Mein Tahitier antwortete gleich Taata-ino , „d. i. boͤse Menschen wuͤrden geopfert, nachdem sie erst ( Tiparraha ï ) d. i. zu „Tode gepruͤgelt worden. Ich fragte weiter, ob man nicht auch zuweilen gute, „rechtschaffne Leute auf diese Art umbraͤchte? Nein, nur Taata-ino . Wer- „den auch Erihs jemals geopfert? Er antwortete, die haben ja Schweine, dem Forster’s Reise n. d. W. zweyter Th. Q Forster’s Reise um die Welt 1774. Junius. „ Eatua hinzugeben, und blieb bey seinem Taata-ino . Um gewisser zu seyn, „verlangte ich noch zu erfahren, ob ein ehrlicher, unbescholtner Tautau , d. i. „Kerl vom gemeinen Volk der weder Schweine, noch Hunde, noch Huͤhner „hat, dem Eatua geopfert wuͤrde? Ich bekam aber immer die erste Aussage „zu hoͤren, man opfere nur Boͤsewichter. Nach einigen andern Fragen, die „ich noch an ihn that, glaubte ich endlich so viel verstanden zu haben, daß Men- „schen, fuͤr gewisse Uebelthaten und Laster, den Goͤttern zum Opfer verurtheilt „werden, wenn sie nemlich nicht im Stande sind, sich durch irgend etwas aus- „zuloͤsen oder loszukaufen, dergleichen Leute aber wohl nur in der niedrigsten „Klasse des Volks anzutreffen seyn. „Der Mann, den ich hieruͤber befragte, gab sich Muͤhe, die ganze Ce- „remonie zu beschreiben; allein wir waren der Sprache noch nicht kundig genug, „um ihn durchaus zu verstehen. Nachher habe ich von Omai erfahren, daß „sie dem hoͤchsten Wesen wirklich Menschen-Opfer darbringen. Seiner Aus- „sage zufolge, kommt es aber blos auf den Hohenpriester an, wen er zum „Opfer waͤhlen will. Wenn das Volk versammelt ist, geht er allein in das „Haus Gottes, und bleibt da eine Zeitlang. So bald er wieder heraustritt, „erzaͤhlt er, daß er den großen Gott gesehn und gesprochen (ein Vorrecht, das „dem Hohenpriester nur allein zusteht) und daß dieser einen Menschen zum Opfer „verlangt habe. Er sagt ihnen hierauf namentlich, wen dies traurige Loos „getroffen habe, vermuthlich aber faͤllt diese Wahl allemal auf jemand, der dem „Priester gehaͤßig ist. Der wird dann sogleich erschlagen, und wenn es allen- „falls noͤthig seyn sollte, so wird der Priester wohl so viel Verschlagenheit be- „sitzen, um dem Volk einzureden, der Kerl sey ein Boͤsewicht gewesen.„ Ich habe bey dieser Erzaͤhlung des Capitain Cook nichts zu erinnern, als daß der Ausdruck, der Hohepriester habe Gott gesehen , mit der Tahitischen Goͤtter- lehre nicht genau uͤbereinstimmt, als wornach die Gottheit unsichtbar ist; doch mag wohl dieser Ausdruck nur nicht recht von ihm verstanden worden seyn. Uebrigens stimmt diese Bemerkung uͤber die Opfer sehr gut mit der Vermuthung uͤberein, die ich weiter oben p. 58. u. f. geaͤußert habe, daß die Tahitier wohl ehemals Menschenfresser gewesen seyn koͤnnen. Denn es ist bekannt, daß diese Art von Bar- barey bey allen Nationen in den Gebrauch uͤbergegangen sey, Menschen zu in den Jahren 1772 bis 1775. opfern, und daß sich diese gottesdienstliche Ceremonie selbst bey zunehmender 1774. Junius. Cultur und Verbesserung der Sitten, noch lange erhalten hat. So opferten die Griechen, Carthaginenset und Roͤmer , ihren Goͤttern noch immer Men- schen, als ihre Cultur schon den hoͤchsten Gipfel erreicht hatte. Außer den Opfern sind den Gottheiten auch noch gewisse Pflanzen beson- ders geweihet. Daher findet man z. B. den Casuarina-Baum , die Cocos- Palme und den Pisang oft neben den Marais gepflanzt. Eine Art von cra- tæva, die Pfefferwurzel , der hibiscus populneus, die Dracæna termina- lis, und das Calophillum finden sich eben daselbst und werden insgesammt als Friedens- und Freundschaftszeichen angesehen. Verschiedne Voͤgel, nemlich eine Reiger-Art, der Eisvogel und der Kuckuk , sind gleichfalls der Gottheit geweihet. Ich habe aber schon erwaͤhnt, daß sie nicht von allen Leuten auf gleiche Weise in Eh- ren gehalten werden; auch ist zu merken, daß in den unterschiednen Inseln auch unterschiedne Arten von Voͤgeln fuͤr heilig geachtet werden. Die Priester dieses Volkes bleiben Lebenslang in ihrem Amt, und ihre Wuͤrde ist erblich. Der Hohepriester jeder Insel ist allemal ein Erih , und hat den naͤchsten Rang nach dem Koͤnige. Sie werden bey wichtigen Angele- genheiten zu Rathe gezogen, haben reichlichen Antheil an allen Herrlichkeiten des Landes, kurz, sie haben Mittel gefunden, sich nothwendig zu machen. Außer den Priestern giebt es noch in jedem District einen oder zween Lehrer, oder Tata- orrero’s , (dergleichen Tutawai einer war) welche sich auf die Theogenie und Cosmogenie verstehen und zu gewissen Zeiten dem Volk Unterricht darinn geben. Eben diese Leute sorgen auch dafuͤr, daß die National-Kenntnisse von der Geo- graphie, Astronomie und Zeitrechnung nicht verlohren gehen. Sie zaͤhlen vier- zehn Monathe und nennen solche, in folgender Ordnung, also: 1) O-Pororo- mua , 2) O-Pororo-murih , 3) Murehah , 4) Uhi-eiya , 5) O-Whirre- amm à , 6) Taowa , 7) O-Whirre-erre-erre , 8) O-Te à rre , 9) Ote-t àï , 10) Warehu , 11) Wahau , 12) Pippirri , 13) E-Ununu , 14) Uman- nu . Die ersten sieben Monathe zusammengenommen, heißen Uru oder die Brodfrucht-Zeit ; wie sie aber diese Monathe berechnen, um genau ein Jahr daraus zu machen? das ist bis jetzt fuͤr uns noch ein Geheimniß. Fast sollte man auf die Vermuthung gerathen, daß einige, als z. B. der zweyte und sie- Q 2 Forster’s Reise um die Welt 1774. Junius. bende, Schalt-Monathe seyn moͤgten, weil die Namen derselben eine so besondre Aehnlichkeit mit dem ersten und fuͤnften haben. Wenn dem also waͤre, so wuͤrden sie jedesmal nach Verlauf eines gewissen Zeitraums eingeschoben werden muͤssen. Jeder Monath besteht aus neun und zwanzig Tagen; waͤhrend der beyden letzten sagen sie, der Mond sey todt, weil er alsdenn nicht zu sehen ist. Hieraus folgt, daß sie den Anfang des Monaths, nicht von der wahren Zeit der Conjunction, sondern von der ersten Erscheinung des Mondes anrechnen. Der fuͤnf und zwan- zigste ihres dreyzehnten Monathes E-Ununu , traf auf unsern dritten Junius, als den Tag, da wir diese Nachricht einzogen. Der tahitische Name eines Lehrers, Tahowa , wird auch denen beyge- legt, welche sich auf die Heilkraͤfte solcher Kraͤuter verstehen, die hier zu Lande als Mittel gegen mancherley Krankheiten angewendet werden. Doch ist leicht zu erachten, daß diese Wissenschaft nur von geringem Umfange seyn koͤnne, weil sie nur von wenig Krankheiten wissen, folglich auch nur wenig und sehr einfache Arzneymittel beduͤrfen. Kaum war unser gelehrter Tutawai in seinem Unterricht so weit gekom- men, als die Anker gelichtet wurden, und wir verließen diese Insel am 4ten Junius des Morgens um 10 Uhr. Der Koͤnig von Raietea , Uuru , welchem der Eroberer O-Puni den Titel und die aͤußeren Vorzuͤge der koͤniglichen Wuͤrde gelassen hatte, besuchte uns noch mit einigen seiner Verwandten, da wir eben im Begrif waren abzugehen. O-Rea war mit seiner Familie gleichfalls am Bord, und auch Maheine stellte sich mit den Seinigen ein, um Abschied zu nehmen. Der Auftritt war ungemein ruͤhrend. Die guten Leute weinten allerseits recht herzlich, am meisten aber der arme Maheine , der unter der Heftigkeit seines Schmerzes gleichsam zu erliegen schien. Er lief von einer Cajuͤtte zur andern, und umar- mete einen jeden, ohne ein Wort sprechen zu koͤnnen. Sein schluchzendes Seufzen, seine Blicke und seine Thraͤnen lassen sich nicht beschreiben. Als das Schiff endlich anfieng zu seegeln, mußte er sich von uns losreißen, und in sein Boot herabsteigen, doch bleib er, da alle feine Landslente sich bereits niedergesetzt hat- ten, noch immer aufrecht stehen und sahe uns mit unverwandten Augen nach; endlich aber ließ er das Haupt sinken und verhuͤllte sein Gesicht in seine Kleidung. Wir waren schon weit uͤber den Felsen-Rief hinaus, als er die Haͤnde noch immer in den Jahren 1772 bis 1775. nach uns ausstreckte, und das dauerte fort, bis man ihn nicht laͤnger unterschei- 1774. Junius. den konnte. So verließen wir denn ein liebenswuͤrdiges Volk, welches bey allen seinen Unvollkommenheiten, vielleicht unschuldigern und reinern Herzens ist, als manche andre, die es in der Verfeinerung der Sitten weiter gebracht und bessern Un- terricht genossen haben. Sie kennen die geselligen Tugenden und Pflichten und uͤben sie auch getreulich aus. Die Gutherzigkeit, welche der ehrliche Maheine bey jeder Gelegenheit bewies, ist ein ziemlich richtiger Maasstab, nach welchem sich der Character dieses Volkes uͤberhaupt beurtheilen laͤßt. Wie oft habe ich gesehen, daß eine Menge von ihnen sich recht bruͤderlich in eine einzige Brod- frucht oder in ein Paar Cocos-Nuͤsse theilte, und daß sie mit den geringsten Por- tionen zufrieden waren, damit nur keiner leer ausgehen moͤgte! Auch schraͤnkte sich diese huͤlfreiche Eintraͤchtigkeit keinesweges auf bloße Kleinigkeiten ein; son- dern, so bereitwillig sie waren einander mit Lebensmitteln auszuhelfen, eben so gern und uneigennuͤtzig theilten sie einander auch Kleidungsstuͤcke und Sachen von betraͤchtlicherem Werthe mit. Selbst mit uns , die wir Fremdlinge in ihrem Lande waren, giengen sie auf das liebreichste um: Wenn wir aus den Booten ans Land, oder vom Ufer wieder in die Boote steigen wollten, so erboten sie sich jederzeit uns auf dem Ruͤcken hinuͤber zu bringen, damit wir uns die Fuͤße nicht naß machen soll- ten. Oft haben sie uns die Seltenheiten, die wir eingekauft, nachgetragen; und gemeiniglich waren sie auch gutwillig genug, wie die Huͤhnerhunde ins Was- ser zu gehen, um die Voͤgel herauszuholen, die wir geschossen hatten. Wenn uns Regenwetter uͤberfiel, oder wenn wir fuͤr Hitze und Muͤdigkeit oft nicht mehr fort konnten, so bathen sie uns, in ihren Huͤtten auszuruhen und bewirtheten uns mit ihren besten Vorraͤthen. Der gastfreye Hauswirth stand in solchen Faͤllen ganz bescheiden von fern und wollte nicht eher vor sich selbst etwas nehmen, als bis wir ihn ausdruͤcklich dazu einluden; andre von den Hausgenossen faͤcherten uns indeß mit Baumblaͤttern oder buschigten Zweigen, Kuͤhlung zu, und beym Abschiede wurden wir gemeiniglich in die Familie, nach Maasgabe unsers Alters, entweder als Vater, oder Bruder, oder als Soͤhne, aufgenommen. Dies thaten sie in der Meynung, daß unsre Officiers und alle die sich zu denselben Q 3 Forster’s Reise um die Welt 1774. Junius. hielten, auf eben solche Art untereinander verwandt seyn muͤßten, als bie Be- fehlshaber und uͤberhaupt die vornehmern Leute in allen Societaͤts-Inseln gleich- falls nur eine einzige Familie ausmachen. Dieser Irrthum verleitete sie auch Capitain Cook und meinen Vater fuͤr Bruͤder anzusehen, denn bey aller ihrer uͤbrigen Faͤhigkeit sind sie doch nur schlechte Physionomiker. Was uͤbrigens ihren Tugenden, als der Gastfreyheit, der Gutherzigkeit und der Uneigennuͤtzig- keit, einen doppelten Werth giebt, ist dieses, daß sie selbst sich derselben nicht einmal bewußt sind, und es gleichsam den Fremdlingen, die zu ihnen kom- men, uͤberlassen aus dankbarer Erkenntlichkeit, ihren Tugenden Denkmaͤler zu stiften. Viertes in den Jahren 1772 bis 1775. Viertes Hauptstuͤck . Reise von den Societaͤts- nach den freundschaftlichen Inseln . B ey unsrer Abfahrt von Raietea , feuerten wir, dem Geburtstage Sr. Ma- 1774. Junius. jestaͤt des Koͤnigs zu Ehren, einige Kanonen ab, welches fuͤr die hiesigen Einwohner ein neues und sehr angenehmes Schauspiel zu seyn schien. Waͤhrend der sechs Wochen, die wir zu Tahiti und auf den Societaͤts-Inseln zugebracht, hatten wir uns sehr erquickt und vom Scorbut und Gallenkrankheiten voͤllig wie- der erholt. Dagegen kamen nun bey denenjenigen Who with unbashfull forehead woo’d The means of sickness and debility. Shakespeare . venerische Zufaͤlle zum Vorschein. Fast die Haͤlfte der Matrosen ward von die- ser haͤßlichen Krankheit angesteckt befunden; doch war sie, im Ganzen genommen, nicht so boͤsartig, als in Europa . Maheine hatte uns oft versichert, daß sie auf Tahiti und den Societaͤts-Inseln schon eingerissen gewesen, ehe noch Ca- pitain Wallis im Jahr 1768. dahin kam, und er behauptete ausdruͤcklich, daß seine eigene Mutter verschiedne Jahre zuvor, auf Borabora , an dieser Krank- heit gestorben sey. Auf solche Art waͤre dann der Ausbruch derselben in verschied- nen Theilen der Welt, bisher durchgehends einer ganz unrichtigen Ursach bey- gemessen worden. Seit fast dreyhundert Jahren haben unsre Moralisten auf die Spanier geschimpft, weil die Aerzte ihnen Schuld gegeben, daß sie diese Seuche aus Amerika zu uns gebracht; und gleichwohl ist jetzt unlaͤugbar erwie- sen, daß wir sie in Europa kannten, ehe Amerika entdeckt war! Petr. Martyr ab Angleria Decad. Americ. Dissertation sur l’origine de la maladie Venerienne par Mr. Sanchez . Paris 1752. und Examen historique sur l’apparition de la maladie Venerienne en Europe . Lisbonne . 1774. Eben so uͤbereilt haben sich’s auch die englischen und franzoͤsischen Seefahrer einander wechselsweise vorgeworfen, daß jene fuͤrchterliche Krankheit durch einen von ihnen unter die gut- Forster’s Reise um die Welt 1774. Junius. herzigen Tahitier gebracht worden sey, da diese doch schon lange zuvor davon an- gesteckt gewesen sind und sie sogar zu heilen wissen. S. Hawkesworths Geschichte der engl. See-Reisen, in 4. Th. II. Seite 230. Ja was noch mehr ist; das, Gift derselben scheint hier bereits eben so sehr entkraͤftet und gemildert zu seyn als es dermalen in Suͤd-Amerika ist. Dies pflegt aber bey dergleichen Seuchen nicht ehe zu erfolgen, als bis sie schon eine geraume Zeit gewuͤthet haben, doch koͤnnen hieran das gesunde Clima und die einfache Kost dieser Insulaner allerdings mit Ursach seyn. Uebrigens bin ich weit entfernt zu glauben, daß diese Pest aus Europa nach Amerika gekommen sey. Nein! eben die Ursachen, welche sie in einem Welttheile veranlaßten, konnten sie auch in jedem andern hervorbringen. — Die Ausschweifungen unsrer Ma- trosen mit den Weibern auf Tongatabu und den Marquesas-Inseln , ja selbst ihr Verkehr mit den unzuͤchtigen Dirnen auf Oster-Eyland , hatten keine uͤblen Folgen. Daraus laͤßt sich vielleicht schließen, daß diese Inseln zur Zeit noch nicht angesteckt sind; ich sage vielleicht , denn, so viel Anschein derglei- chen Folgerungen auch vor sich haben, so koͤnnen sie dennoch wohl truͤgen. Siehe oben Theil I. S. 279. Dies beweißt Capitain Wallis Beyspiel. Er verließ Tahiti , ohne einen einzigen venerischen Patienten an Bord zu haben, und gleichwohl war daselbst die Krank- heit schon zuvor eingerissen! Daß endlich auch unter den Neu-Seelaͤndern diese Krankheit bereits vorhanden gewesen sey, ehe noch die Europaͤer Umgang mit ihnen gehabt haben, ist wohl ebenfalls außer allen Zweifel. Siehe Theil I. S. 179. Nachmittags paßirten wir die Insel Maurua und steuerten mit einem guten Passatwinde nach Westen. Um 6 Uhr des Morgens entdeckten wir die Insel, welche Capitain Wallis , Lord Howe’s-Eyland genannt hat. Sie be- stehet aus niedrigen Coral-Riefen, und hat einen Landsee in der Mitte. Der Lage nach muß es eben dieselbe seyn, welche bey den Bewohnern der Socie- taͤts-Inseln unter dem Namen Mopihah bekannt ist. Unsern Beobachtun- gen zufolge, liegt sie im 16ten Grad 46 Secunden suͤdlicher Breite und unterm 154sten Grad 8 Secunden westlicher Laͤnge. In der Nachbarschaft derselben hielten sich einige Pelecane und Doͤlpel ( boobies ) auf; von Menschen aber schien sie gaͤnzlich unbewohnt zu seyn. Am in den Jahren 1772 bis 1775. Am folgenden Tage, gegen Mittag, aͤnderte sich der Wind und ward 1774. Junius. uns zuwieder. Den ganzen Nachmittag hatten wir Donner, Blitz und zum Theil heftige Regenguͤsse. In der Nacht ward es windstill; weil aber das Wetter- leuchten noch immer anhielt; so ließen wir, vorsichtshalber, die electrische Kette an der Spitze des Mastes befestigen. Die naͤchsten drey Tage war der Wind so schwach und zuweilen so ganz unmerklich, daß wir fast gar nicht aus der Stelle kamen. Waͤhrend dieser Windstillen gereichte es uns einigermaaßen zum Zeit- vertreib, eine Menge von tropischen Voͤgeln und Guͤmpeln ( sterna solida ) um das Schiff her zu sehen. Die Matrosen fiengen in dieser Zwischenzeit auch einen großen Hayfisch an der Angel; allein zu ihrem groͤßten Herzeleyd, ent- gieng er ihnen wieder, ohnerachtet sie ihm, zu Verhuͤtung dieses Unsterns, drey Kugeln durch den Leib geschossen hatten. Am 11ten des Morgens ward der Wind frischer und brachte uns gen West-Suͤd-West wiederum vorwaͤrts. Allein nach Verlauf zweyer Tage hatten wir von neuem, bald mit Windstillen, bald mit widrigem Winde zu kaͤmpfen, und des Nachts pflegte es haͤufig zu blitzen. Sowohl in der Luft als im Wasser war es die ganze Zeit uͤber sehr lebhaft, denn Seevoͤgel, von allerhand Art, schwaͤrmten, und Boniten, Doraden, Hayfische und Nord-Caper , schwammen um uns her. Am 16ten fruͤh um 8 Uhr entdeckten wir eine andre niedrige Insel. Gegen 3 Uhr Nachmittags kamen wir dicht heran und seegelten rund her- um, fanden aber nirgends einen Landungsplatz oder Haven. Sie bestand aus mehreren kleinen Eylanden, die durch Riefe untereinander zusammenhien- gen, und mit Baͤumen, vornemlich mit Cocos-Palmen bewachsen waren, wel- ches diesem kleinen Fleck Landes ein sehr reitzendes Ansehn gab. Die Wasser- Voͤgel schwaͤrmten in solcher Menge um diese Insel her, daß wir sie mit Recht fuͤr gaͤnzlich unbewohnt halten mußten. An manchen Stellen war das Ufer sandig, nnd das sind gerade solche Stellen, wo die Schildkroͤten gern ihre Eyer zu legen pflegen. Auch war die See hier voll schmackhafter Fische. Wir nann- ten diese angenehme kleine Insel, Palmerston-Eyland ; sie liegt unterm 18- ten Grad 4 Secunden suͤdlicher Breite und im 165sten Grad 10 Secun- den westlicher Laͤnge. Forster’s Reise u. d. W. zweyter Th. R Forster’s Reise um die Welt 1774. Junius. Nachdem wir von hier aus vier Tage lang W. S. Westwaͤrts gesteuert hatten, so kam uns am 20sten des Nachmittags eine etwas bergigte Insel zu Ge- sicht, auf welcher man, noch vor Untergang der Sonnen, Baͤume unterscheiden konnte. Weil das Land so nahe war; so lavirten wir die ganze Nacht uͤber gegen den Wind, wendeten uns erst bey Anbruch des Tages wieder nach der Kuͤste, und seegelten in einer Entfernung von zwo Meilen laͤngst derselben herunter. Das Ufer war durchaus steil und selsigt, doch gab es am Fuße der Klippen hin und wieder auch einen schmalen sandichten Strand. Die Insel duͤnkte uns allenthalben gleich niedrig zu seyn, und ragte an den hoͤchsten Stellen kaum vier- zig Fuß uͤber die Oberflaͤche des Meers hervor, sie war aber bey alledem mit Wal- dung und kleinern Gestraͤuchen versehen. Um zehn Uhr wurden wir sieben bis acht Leute gewahr, die am Gestade herumliefen. Sie schienen von schwaͤrzli- cher Farbe zu seyn, und giengen nackend; blos um den Kopf und die Huͤften, sahe man etwas weisses umgewickelt, und jeder hielt einen Spies, eine Keule oder eine Ruderschaufel in der Hand. In den Kluͤften die an manchen Stellen zwischen den Felsen befindlich waren, sahen wir eine Menge kleiner Canots auf den Strand gezogen, und auf dem Abhange der Felsen standen etliche niedrige Cocos-Palmen . Das war schon Einladung genug hier anzulanden. Also wurden gleich zwey Boote in See gesetzt, bewafnet und bemannet, und in sel- bigen giengen, unter guter Begleitung, der Capitain, Dr. Sparrmann , Herr Hodges , mein Vater und ich nach dem Ufer ab. Ein Coralley-Rief laͤuft dicht vor der ganzen Kuͤste her; doch fand sich eine Oefnung, wo die Brandung nicht so gefaͤhrlich war. Hier stiegen wir aus, kletterten auf die naͤchste Felsen-Klippe , und ließen daselbst einige Matrosen und See-Soldaten Posto fassen. Dieser Felsen bestand ganz aus scharfen und gebrochenen Corallen, und war mit einer Menge kleinen Gestraͤuchs bewachsen, dergleichen man auf den niedrigen Inseln gemeiniglich antrifft. Außer verschiedenen schon bekann- ten Gattungen fanden wir auch noch einige neue Pflanzen, die alle aus den Ris- sen des Coral-Felsen hervorsproßten, ohnerachtet man auch da nirgends ein Staͤubehen von Erdreich sahe. An Voͤgeln fanden sich hier Brachhuͤner ( curlews ) Schnepfen und Reiger , saͤmmtlich von eben der Art, wie die Ta- hitischen . Wir mochten ungefaͤhr hundert und funfzig Schritt weit durch das in den Jahren 1772 bis 1775. Gestraͤuch Landwaͤrts fortgegangen seyn, als man die Einwohner laut rufen hoͤrte. 1774. Junius. Dies bewog uns ohnverzuͤglich nach der Felsenklippe umzukehren, allwo die Ma- trosen postirt standen. Hier erfuhren wir vom Capitain Cook daß er selbst an dem Geschrey Schuld gewesen. Er waͤre naͤmlich laͤngst einem tiefen aber trocknen Erdriß, der ehemals durch das Bergwasser verursacht worden, ins Land hinauf gegangen, haͤtte aber kaum den Wald erreicht, so sey ein Geraͤusch entstanden, als ob jemand von einem Baume herunter fiele. In der Meynung, es sey einer von uns, habe er durch Rufen zu erkennen geben wollen, daß er in der Naͤhe sey, da aber statt der erwarteten Antwort ein Indianer seine Stimme hoͤren lassen; so habe er seinen Irrthum erkannt, und fuͤr dienlich erachtet, umzukehren. Von hier aus riefen wir nun den Indianern in allen uns be- kannten Suͤd-See-Sprachen zu, daß wir Freunde waͤren, und daß sie zu uns an den Strand herab kommen moͤgten. Nachdem man sie eine Zeitlang unter sich sprechen und einander hatte zurufen hoͤren, kam endlich am Eingange des Bachbettes oder Erdrisses einer von ihnen zum Vorschein. Er hatte sich den Ober-Leib bis auf die Huͤften schwarz gefaͤrbt, trug einen Kopfputz von aufrecht stehenden Federbuͤschen, und hielt einen Speer in der Hand. Hinter ihm hoͤr- ten wir viele Stimmen in dem hohlen Wege, die Leute selbst aber konnte man, der Baͤume wegen, nicht ansichtig werden. Es waͤhrete nicht lange, so sprang ein zweyter, dem Ansehen nach noch ganz junger, unbaͤrtiger Kerl zu dem erstern hervor, der eben so schwarz aussahe als sein Camerad, und in der rechten Hand einen langen Bogen hielt, dergleichen wir wohl auf Tongatabu gese- hen hatten. In demselben Augenblick, da wir ihn ansichtig wurden, warf er auch schon mit der linken Hand einen großen Stein nach uns, und zielte so gut, daß Dr. Sparrmann eine sehr empfindliche Contusion am Arme davon trug, ohnerachtet er wenigstens 50 Schritt von dem Indianer entfernt stand. Mein Freund ließ sich durch den heftigen Schmerz, den ihm der Stein verursacht hat- te, zu einer Uebereilung verleiten und feuerte in der ersten Hitze der Empfin- dung auf seinen Gegner, einen Schuß Hagel ab, der aber zum Gluͤck nicht traf. Darauf verschwanden die beyden Eingebohrnen und kamen auch nicht mehr zum Vorschein, ob wir uns gleich, wegen des eitlen Gepraͤnges der Besitzneh- mung, noch eine Zeitlang allhier verweilten. Endlich setzten wir uns wieder R 2 Forster’s Reise um die Welt 1774. Junius. in die Boote, und ruderten laͤngst dem Strande hin, kehrten uns auch weiter nicht daran, daß die Einwohner, so bald wir fort waren, sich auf der Felsen- klippe, die wir zuvor besetzt gehabt hatten, wieder einfanden. Die Kuͤste war uͤberall von gleicher Beschaffenheit, daher es uns nicht wenig Muͤhe kostete, ei- nen andern Landungs-Ort ausfindig zu machen. Doch waren wir auch da kaum ausgestiegen, als uns die im Boote zuruͤckgebliebenen Leute zuriefen, daß sie oben auf dem Felsen-Ufer, welches wir hinauf klettern wollten, bewaffnete Wilden saͤhen. Wir mußten also noch weiter rudern, und kamen endlich an einen Ort, wo in der steilen Felsen-Kuͤste eine ziemlich breite Oeffnung vorhan- den, mithin der Aufgang ins Land hinein etwas freyer war. Ohngefaͤhr hun- dert und funfzig Fuß weit vom Gestade lief ein flaches Rief vor der Kuͤste her, welches an mehreren Stellen eine Durchfahrt fuͤr das Boot hatte. Auf diesem Riefe mußten die See-Soldaten zu unserer Bedeckung eine Linie formiren, indeß wir mit dem Capitain durch den vor uns liegenden hohlen Weg marschiren woll- ten! Wir fanden daselbst vier Canots auf den Strand gezogen, die mit denen von Tongatabu fast von einerley Bauart, auch mit etwas Schnitzwerk geziert, im Ganzen aber doch einfach und nicht so sauber gearbeitet waren, als jene. Sie hatten Gegengewichte ( Outriggers ) von dicken Stangen und zum Theil Daͤcher von Matten, darunter Fisch-Angeln, Speere und Stuͤckchen Holz lagen, die bey der Nachtfischerey statt der Fakeln gedient zu haben schienen. In jedes dieser Fahr- zeuge legte der Capitain etliche Glas Corallen, Naͤgel und Medaillen zum Ge- schenk fuͤr die Eigenthuͤmer; indem er aber noch damit beschaͤftigt war, sahe ich einen Trup Indianer den hohlen Weg herunter kommen, worauf wir uns alsbald einige Schritte weit zuruͤckzogen. Zween derselben, die gleich den zuvorerwaͤhnten schwarz angemahlt und mit einem Kopfputz von Federbuͤschen versehen waren, liefen unter wuͤtendem Geschrey auf uns los und schwenkten da- bey ihre fuͤrchterlichen Speere. Umsonst riefen wir ihnen in einem freundlichen Tone zu. Der Capitain wollte auf sie feuern, aber das Gewehr versagte ihm. Er bat also, daß wir der dringenden Gefahr wegen, ebenfalls Feuer geben moͤgten; allein es gieng uns wie ihm. Die Indianer, die durch unsre an- scheinende Wehrlosigkeit noch mehr Muth bekommen mogten, warfen zween Speere nach uns; der eine davon haͤtte den Capitain Cook um ein Haar breit getroffen, zum Gluͤck aber buͤckte er sich noch zu rechter Zeit; und der andre in den Jahren 1772 bis 1775. fuhr mir so dicht neben der Lende vorbey, daß die schwarze Farbe, womit er 1774. Junius. beschmiert war, mir das Kleid beschmutzte. Nachdem wir noch ein Paarmal versucht hatten, Feuer zu geben, gieng endlich mein Gewehr los. Ich hatte zwar nur mit Schroot geladen, traf aber meinen Mann richtig, indeß Herrn Hodges Schuß mit einer Kugel, ohne Wuͤrkung blieb. Auf dieses Signal fieng die hinter uns auf dem Felsen-Rief postirte Mannschaft ein foͤrmliches Plotton-Feuer an. Sie hatten bemerkt, daß waͤhrend unseres Ruͤckzuges ein zweyter Haufen von Indianer, durch einen andern Weg uns in den Ruͤcken zu kommen und den Paß abzuschneiden suchte. Diesen Plan aber vereitelte die Ladung Hagel, welche ich unter die beyden Vorfechter schickte, indem die uͤbrigen sich als- denn nicht getrauten, weiter auf uns einzudringen, und wir auf die Art Zeit gewan- nen, wieder zu den unsrigen zu stoßen. So lange noch einer von den Indianern zu sehen war, ward auch das Feuer lebhaft fortgesetzt. Zween derselben hielten beson- ders lange Stand. Sie hatten sich hinter einen Busch postirt und schwenkten ihre Speere noch unablaͤßig, als ihre Landsleute schon laͤngst fort waren. Endlich mußte, auch von diesen einer, verwundet worden seyn, denn sie ergriffen ploͤtz- lich, unter einem graͤßlichen Geheul die Flucht. Nun giengen wir wieder in die Boote, und wollten mit diesen Leuten nichts mehr zu schaffen haben, da wir sie durch kein Bitten zu einer freundschaftlichen Aufnahme hatten bewegen koͤnnen. Die Natur selbst scheint diese Nation, schon dadurch, daß sie ihr Land fast unzugaͤnglich bildete, zur Ungeselligkeit verurtheilt zu haben. Die ganze In- sel besteht, so wie uͤberhaupt alle niedrigen Inseln, aus einem Coral-Felsen, worauf, so viel wir sahen, nur einige wenige Cocos-Palmen , andre Frucht- baͤume aber gar nicht vorhanden waren. Indessen vermuthe ich, daß die in- nern Gegenden nicht so oͤde sind, sondern vielmehr nahrhafte Pflanzen hervor- bringen moͤgen, und es duͤnkt mich gar nicht unwahrscheinlich, daß sich in der Mitten eine fruchtbare Ebene befinden duͤrfte, die aus einem nach und nach vertrockneten Landsee entstanden seyn kann. Ob es aber durch ein Erdbeben oder durch sonst eine gewaltsame Veraͤnderung unsers Erdkoͤrpers geschehen, daß ein so großer Coral-Felsen 40 Fus hoch uͤber die Meeresflaͤche empor gehoben worden? ist eine Frage, welche ich den Weltweisen kuͤnftiger Zeiten zur Entscheidung uͤberlasse. Die Boote und Waffen der Eingebohrnen R 3 Forster’s Reise um die Welt 1774. Junius. gleichen denen auf Tongatabu ; es scheinen also die Bewohner dieser beyden Inseln einerley Ursprungs zu seyn; doch ist die Anzahl der hiesigen nur gering und sie sind auch noch sehr ungesittet, wild, und gehen nackend. Die ganze Insel mag ohngefaͤhr 3 Meilen lang seyn; sie liegt unterm 19ten Grade, 1 Secunde suͤdlicher Breite und dem 169sten Grad 37 Secunden westlicher Laͤnge, und be- kam von uns den Namen, das wilde Eyland ( Savage Island . ) Sobald wir wiederum an das Schiff gelangten, wurden die Boote einge- nommen, und am folgenden Morgen seegelten wir weiter gen Westen. Ein großer Wallfisch schnaubte mit vielem Getoͤse das Wasser nahe beym Schiff in die Hoͤhe; und Voͤgel und Fische machten, wie gewoͤhnlich, unsre taͤgliche Beglei- tung aus. Da wir um diese Zeit nicht weit von A-Namoka oder der Insel Rot- terdam zu seyn glaubten, (die zu den freundschaftlichen Inseln gehoͤrt und von Tasmann im Jahr 1643 entdeckt worden,) so ließ der Capitain in der Nacht vom 23. auf den 24sten die Seegel einnehmen. Die Zeit war ungemein gut ab- gepaßt, denn schon um zwey Uhr des Morgens hoͤrte man das Geraͤusch der Wellen, als wenn sie sich an einer Kuͤste brechen, und bey Anbruch des Tages lag das Land auch wuͤrklich vor uns. Wir steuerten also darnach hin. Es bestand aus mehreren niedrigen Inseln, die zusammen von einem großen Rief umgeben waren. Ein anderes dergleichen Rief lag gegen Norden, und zwischen diesen beyden seegelten wir mitten durch. Um 11 Uhr da wir noch uͤber eine See- meile weit von der Kuͤste waren, kam uns schon ein Canot vom Lande her ent- gegen. Ohnerachtet nur zwey Leute darin saßen, so ruderten sie doch ganz getrost auf uns zu; da sie aber merkten, daß das Schiff ungleich schneller fort- trieb als ihr Boot, so kehrten sie wieder nach dem Lande zuruͤck. Der Unter- schied zwischen dem Betragen dieser Insulaner und jener ungeselligen Wilden die wir kurz vorher hatten kennen lernen, war ungemein auffallend, und wir sahen jetzt augenscheinlich, daß diese Inseln hier, den Namen der Freundschaftli- chen Inseln mit Recht verdienen. Nachmittags ward der Wind schwaͤcher, und in der Nacht erfolgte eine gaͤnzliche Stille. Waͤhrend dieser Zeit brachte uns die See-Stroͤhmung einem Rief so nahe, daß wir Gefahr liefen dar- an zu scheitern; als sich aber gegen Morgen ein Luͤftchen erhob, kamen wir bald wieder außer aller Besorgniß. in den Jahren 1772 bis 1775. Des folgenden Tages seegelten wir zwischen den Riefen und niedrigen Inseln 1774. Junius. durch, in deren Bezirk die See ganz still und eben war. Diese Eylande ragten aber um etwas hoͤher, als die gewoͤhnlichen Coral-Inseln, aus dem Meer empor, waren auch mit Gruppen von Baͤumen, ja mit ganzen Waldungen versehen, welches ihnen ein reizendes Ansehen gab. Sie schienen uͤberhaupt an nichts Mangel zu leiden, und mußten auch gut bewohnt seyn, denn man entdeckte schon am Strande eine Menge Haͤuser unter den Baͤumen. Am oͤstlichen Ende ei- ner von diesen Inseln befand sich eine weiße senkrechte Klippe, welche horizontale Schichten zu haben schien. Von fern sahe sie der Bastey eines verfallnen Kastels aͤhnlich, und hatte ein um so mehr mahlerisches Ansehen, weil sie oben mit niederm Gestraͤuch und hohen Palmen bewachsen war. Gegen Mittag ließ der Wind nach; und dieß machten sich die Insulaner zu Nutze. Sie brachten von unterschiedenen dieser Eylande ihre Canots ins Wasser, um zu uns heruͤber zu kommen, und, ohnerachtet das Schiff noch eine starke Seemeile weit von ih- nen entfernt lag, ruderten doch einige so scharf, daß sie binnen einer Stunde heran waren. Als sie ohngefaͤhr noch einen Flinten-Schuß vom Schiffe seyn mochten, fiengen sie an uns von Zeit zu Zeit zuzurufen, und kamen unter die- sem Zuruf immer naͤher. In dem ersten Fahrzeuge befanden sich drey Per- sonen, die dem aͤußern Ansehn nach den Einwohnern von Ea-Uwhe und Ton- gatabu (welche beyde Inseln wir im October 1773 besucht hatten,) vollkom- men aͤhnlich waren. So baͤld sie das Schiff erreicht hatten, wurden ihnen ei- nige Glas-Corallen und Naͤgel an einer Leine herabgelassen, wogegen sie uns unverzuͤglich einige Buͤschel Pisangs und etliche uͤberaus schmackhafte Pom- pelmuße ( Shaddocks oder Citrus decumanus ) aufs Verdeck schickten. Die- sem Gegengeschenk fuͤgten sie auch einen Stengel voller rothen Palm-Ruß- Fruͤchte oder Pandangs ( athrodactylis ) bey, als welche hier fuͤr Freund- schafts-Zeichen gelten. Sobald dadurch gleichsam die Praͤliminarien unterzeichnet waren, verkauften sie uns ihren ganzen Vorrath von Pompelmußen und andern Fruͤchten, und kamen darauf selbst an Bord. Mittlerweile lang- ten die uͤbrigen Canots ebenfalls an, und uͤberließen uns ihre Waaren mit so gutem Zutrauen, als ob wir einander schon lange gekannt haͤtten. Sie sag- ten uns die Namen aller benachbarten Inseln her. Die mit der hohen Klippe hies Forster’s Reise um die Welt 1774. Junius. Terre fetschea ; die andre, deren Anblick wir so malerisch gefunden, nann- ten sie Tonumea . Beyde lagen uns gegen Osten. Mango-nue und Mango-iti (d. i. Gros und Klein- Mango ,) lagen westlich; und seit- waͤrts derselben in Suͤdwesten lag Namoka-nue und Namocka-iti , d. i. groß und klein Namocka . Die erstere hat Tasmann , naͤchst ihrem urspruͤng- lichen Namen Anamocka , auch Rotterdam genannt. Sobald sich Nachmittags der Wind wiederum erhob, seegelten wir nach Namocka , als der groͤßten von allen diesen Inseln, und je naͤher wir heran kamen, desto groͤßer ward die Anzahl der Canots die uns bewillkommten; sie eilten von den herumliegenden Inseln mit Fruͤchten, Fischen und Ferken herbey, und ver- tauschten alles gegen Naͤgel und alte Lumpen. Zwischen diesen Inseln war die Tiefe der See uͤberall zu ergruͤnden, und das Senkbley hatte heute anfaͤnglich 45 bis 50, hernach als wir naͤher kamen, 9. 12. 14. und 20. Faden Tiefe angezeigt. Um 4 Uhr gelangten wir um das suͤdliche Ende von Namoka , an die Westseite dieser Insel, wo ehemals auch Tasmann vor Anker gelegen hatte. Hier mochten wir etwa eine Meile weit vom Ufer seyn. Die Kuͤste ragte in dieser Gegend ohngefaͤhr 15 bis 20 Fuß senkrecht aus dem Wasser empor, und verlief sich oben in eine ganz flache Ebene, die nur in der Mitte eine kleine Erhoͤhung hatte. Dies steile Ufer sahe fast so aus als die Felsen-Kuͤste von Savage-Eyland , von welcher wir herkamen, der Wald aber war hier groͤßer, und prangte vornehmlich mit einer unzaͤhli- gen Menge Cocos-Palmen , die ihre stolzen Gipfel weit uͤber die andern Baͤu- me hinaus streckten. Indem wir den Anker auswarfen, erhaschte ein Indianer das Senkbley, und riß es mit einem Stuͤck der daran befestigten Leine ab. Man bat ihn, es wieder heraus zu geben, er hoͤrte aber nicht auf den Capitain, der ihn durch guͤtliches Zureden zu gewinnen suchte. Es ward also eine Kugel durch sein Ca- not geschossen; allein das ließ er sich nicht anfechten, sondern ruderte ganz gelassen auf die andere Seite des Schiffs. Wir wiederholten ihm unser voriges Verlangen; da indessen auch dieses nicht fruchten wollte; so wurde die Forde- rung etwas nachdruͤcklicher, nemlich durch eine Ladung Hagel unterstuͤtzt. Nun ward er auf einmal folgsam; er ruderte nach dem Vordertheil des Schiffes hin, wo in den Jahren 1772 bis 1775. hieng, und an dieses knuͤpfte er die Leine nebst dem Bley fest. Mit diesem Er- 1774. Junius. satz waren aber seine besser denkenden Landsleute noch nicht zufrieden; sondern sie warfen ihn zur Strafe aus seinem Canot, so daß er sich mit Schwimmen ans Land retten mußte, und der begangenen Dieberey wegen von den Vortheilen des Tauschhandels ausgeschlossen blieb, welchen die uͤbrigen, nach wie vor, fortsetz- ten. Die Lebensmittel, welche wir von ihnen bekamen, waren Cocos-Nuͤsse , vor- trefliche Yams, Brodfrucht, Pisangs, Pompelmuße und andre Fruͤchte; auch brachten sie lebendige, purpurfarbige Ried Huͤhner ( Rallus Porphyrio ) imgleichen etliche schon zubereitete Gerichte zum Verkauf, als, einen See- Brachsen ( sparus ) der, in Blaͤtter gewickelt, unter der Erde gestobt war, und eine eben so zugerichtete Art von fastichten Wurzeln, deren nahrhaftes, schwammichtes Fleisch so suͤß schmeckte, als wenn es in Zucker eingemacht ge- wesen waͤre. Alles das ward ihnen mit Naͤgeln von unterschiedlicher Groͤße und mit Stuͤcken Zeug bezahlt. Die Canots dieser Indianer, die Leute selbst, ihre Tracht, Gebraͤuche und Sprache, kurz, was man nur an ihnen fand, war hier eben so beschaffen, als bey den Einwohnern von Tongatabu . Vielleicht mogten auch wir diesen Insulanern schon einigermaaßen bekannt seyn, denn Tongatabu liegt so nahe, daß sie von unserer dortigen Anwe- senheit, im October vorigen Jahres, wohl schon etwas gehoͤrt haben konnten. Am folgenden Morgen gieng Capitain Cook in aller Fruͤhe nach eben der sandigten Bucht aus Land, die Tasmann so genau beschrieben hat. Sie ist durch einen Rief eingeschlossen, an dessen Suͤd-Ende sich eine schmale Durchfahrt fuͤr Boote befindet, welche aber des seichten Wassers halber, allemal die Fluthzeit abwarten muͤssen, um hindurch zu kommen. Der Capitain erkun- digte sich unverzuͤglich, ob in dieser Gegend Trinkwasser zu finden sey, worauf man ihn ohnweit des Strandes, nach eben demselben Teiche hinbrachte, aus dem auch Tasmann Wasser eingenommen hatte. Unterwegens kaufte er ein junges Schwein, und hatte zugleich Gelegenheit die Gastfreyheit der Ein- wohner von einer besonderen Seite kennen zu lernen, indem eines der schoͤn- sten Maͤdchens ihm, zum freundlichen Willkommen, galante Antraͤge machte. Er verbat sie aber ganz hoͤflich, und eilte, so bald er eine, zu Anfuͤllung der Wasserfaͤsser bequeme Stelle aussuͤndig gemacht hatte, nach dem Schiffe zu- Forsters Reise u. d. W. zweyter Th. S Forster’s Reise um die Welt 1774. Junius. ruͤck. Um dieses hatten sich, in der Zwischenzeit, eine Menge Canots, voller Frauensleute versammlet, die zur naͤhern Bekanntschaft mit unsern Matrosen, allerseits große Lust bezeigten. Da aber der Capitain auf das strengste verord- net hatte, daß keiner, der mit venerischen Krankheiten behaftet oder erst vor kurzem davon geheilt war, ans Land gehen, auch schlechterdings keine Frauensperson auf das Schiff gelassen werden sollte: So mußten all- diese Dirnen, nachdem sie, lange genug vergebens, hin und her gerudert waren, ganz unverrichteter Sachen wieder abziehen. Unmittelbar nach dem Fruͤhstuͤck, gieng der Capitain Cook , Dr. Sparrmann , mein Vater und ich, ans Land, wo die Einwohner große Vorraͤthe von Pompelmußen und Yamwurzeln zu Markte brachten. Pisangs und Cocos-Nuͤsse waren sparsamer vorhanden, und Brodfrucht noch seltner, ohnerachtet wir viel dergleichen Baͤume antrafen. Die Mannspersonen giengen hier fast gaͤnzlich nackend; ein schmaler Streifen Zeug um die Huͤften, machte mehreutheils ihre ganze Kleidung aus, nur etli- che wenige trugen, so wie durchgehends die Frauenspersonen, eine Art von Wei- berrock, nemlich ein Stuͤck gefaͤrbtes, steifes Zeug von Baumrinde, welches in der Gegend der Huͤften einigemal um den Leib herumgeschlagen war und von da bis auf die Fuͤße reichte. Kaum merkten die Insulaner, daß uns mit Lebensmitteln gedient sey, so draͤngten sich ganze Schaaren von Verkaͤufern herbey, und uͤberschrieen einan- der beym Ausbieten ihrer Waaren dermaaßen, daß wir uns dem Getuͤmmel des Marktplatzes entzogen, und weiter ins Land hinauf zukommen suchten, dessen fruchtbares Ansehen ungemein viel erwarten ließ. Das Erdreich brachte von selbst eine Menge wilder Kraͤuter hervor, und die haͤufig angelegten Baumpflan- zungen machten die ganze Insel durchaus einem Garten aͤhnlich. Die Plan- tagen waren hier nicht so wie zu Tongatabu , auf allen Seiten, sondern nur allein nach der oͤffentlichen Straße hin, eingehegt, mithin die Aussicht ungleich freyer. Die inneren Gegenden der Insel sind durch verschiedene, mit Hecken und Gestraͤuch bepflanzte Huͤgel verschoͤnert, sonst aber macht der Boden aller Orten eine gerade Ebene aus. Der Weg gieng uͤber Wiesengrund, und war zum Theil auf beyden Seiten mit hohen Baͤumen besetzt, die ziemlich weit aus- einander standen, zum Theil mit bluͤhenden, schattichten und wohlriechenden in den Jahren 1772 bis 1775. Gebuͤschen uͤberwoͤlbet. Zur Rechten und Linken wechselten Baumgaͤrten und 1774. Junius. Haiden miteinander ab. Die Haͤuser waren hoͤchstens 30 Fuß lang, sieben bis 8 Fuß breit und ohngefaͤhr 9 Fß hoch; in so fern aber von seltsamer Bau- art, daß die aus Rohr geflochtnen Waͤnde, oder Außenseiten, nicht senkrecht standen, sondern unterwaͤrts gegen den Boden enger zusammen liefen, auch sel- ten uͤber 3 bis 4 Fus Hoͤhe hatten. Das mit Stroh gedeckte Dach ragte un- terhalb uͤber die Seitenwaͤnde hervor und stieß oberhalb schraͤg zusammen, da- her denn der Durchschnitt eines solchen Hauses die Gestalt eines Fuͤnfecks hatte. In einer von den langen Seitenwaͤnden befand sich, etwa 18 Zoll hoch uͤber der Erde, eine Oeffnung, die 2 Fus ins Gevierte haben mogte, und dies einzige Loch mußte die Stelle der Thuͤr und Fenster vertreten. Es schienen gleichsam lauter Vorrathshaͤuser zu seyn, denn in jedem fanden wir eine Menge großer Yamwurzeln , worinn die taͤgliche Kost dieser Insulaner zu bestehen scheint, auf dem Fusboden hingeschuͤttet. So unbequem dies in aller Absicht fuͤr die Bewohner seyn muß; so ließen sie sichs doch nicht anfechten, sondern schlie- fen sogar auf diesem holperichten Lager ohne andere Zubereitung, als daß ein Paar Matten uͤber die Wurzeln hingebreitet wurden. Gewohnheit vermag alles! Die kleinen schmalen Stuͤhle oder Fustritte von Holz, welche die Tahi- tier des Nachts unter den Kopf zu legen pflegen, sind auch hier bekannt, und werden ebenfalls statt Kopfkuͤssen gebraucht. Naͤchst vorgedachten Wohnhuͤtten gab es noch andre freystehende Daͤcher, die blos auf Pfaͤhlen ruhen, derglei- chen wir auch zu Tongatabu angetroffen hatten. Unter diesen schienen sich die Leute blos den Tag uͤber aufzuhalten, doch war in selbigen der Fußboden, so wie in den verschloßnen Huͤtten, allemal mit Matten ausgelegt. Auf unserm Wege kamen wir bey einer Menge solcher Wohnungen vorbey; fanden aber nur selten Leute darinn, weil die mehresten sich nach dem Marktplatze begeben hatten. Diejenigen aber, die wir antrafen, waren durchgehends sehr hoͤflich; sie pflegten eine Verbeugung mit dem Kopf zu machen, und dabey zur Bezeigung ihrer freundschaftlichen Gesinnung, Lelei woa , (d. i. gut Freund!) oder sonst etwas aͤhnliches zu sagen. Nach Beschaffenheit der Umstaͤnde leisteten sie uns auch wuͤrkliche Dienste; sie fuͤhrten uns als Wegweiser in der Insel herum, kletterten auf die hoͤchsten Baͤume, um uns Bluͤthen zu verschaffen und holten S 2 Forster’s Reise um die Welt 1774. Junius. uns die Voͤgel aus dem Wasser die wir geschossen hatten. Oft wiesen sie uns die schoͤnsten Pflanzen nach, und lehrten uns die Namen derselben. Wenn wir ihnen ein Kraut zeigten, von dessen Gattung wir gern mehr zu haben wuͤnschten, so ließen sie sich die Muͤhe nicht verdrießen, es selbst aus den entferntesten Gegenden herbeyzuschaffen. Mit Cocosnuͤssen und Pompelmußen bewirtheten sie uns vielfaͤltig; erboten sich auch oft von freyen Stuͤcken, uns das, was wir einsammelten, nachzutragen, es mogte so viel und so schwer seyn als es wollte, und hielten sich fuͤr sehr reichlich belohnt, wenn wir ihnen am Ende einen Nagel, eine Coralle oder ein Stuͤckchen Zeug schenkten. Kurz, sie be- wiesen sich bey allen Gelegenheiten uͤberaus dienstfertig gegen uns. Auf diesem ersten Spatziergange kamen wir unter andern auch an einen großen Salzsee, der nicht weit von dem noͤrdlichen Ende der Insel, und an einer Stelle nur um wenig Schritte vom Meere entfernt lag. Er mogte im Durchschnitt ohngefaͤhr eine Meile breit, hingegen wohl drey Meilen lang seyn, und hatte rund umher sehr anmuthige Ufer; was aber dieses Baßin noch mah- lerischer machte, war, daß in der Mitte desselben drey mit Waldung bewachsne kleine Inseln lagen. Wir betrachteten diese herrliche Landschaft von einer Anhoͤhe her und vergnuͤgten uns an den Schoͤnheiten derselben, die der glatte Wasser- Spiegel zum Theil verdoppelt darstellte. Keine von allen denen Inseln, die wir bisher besucht, hatte in einem so geringen Umfang weder so viel angenehme Aussichten, noch eine solche Man- nigfaltigkeit schoͤner und wohlriechender Blumen aufzuweisen gehabt! Der See war voll wilder Endten und an dem waldigten Ufer desselben hielten sich eine Menge Tauben, Papagayen, Riedhuͤhner , ( Rallus ) und kleine Voͤ- gel auf, deren uns die Einwohner sehr viele zum Verkauf brachten. Gegen Mittag kamen wir wieder nach dem Marktplatze zuruͤck, wo Capitain Cook unterdessen einen großen Vorrath von Fruͤchten und Wurzeln, etliche Huͤhner und ein Paar Ferken eingekauft hatte. Am Bord des Schifss waren unsre Leute im Handel eben so gluͤcklich gewesen. Das ganze Hinterver- deck war voller Pompelmuße gepackt, die wir von vortreflichem Geschmack fanden; und an Yams war ein solcher Vorrath beysammen, daß wir statt des gewoͤhnlichen Schiffs-Zwiebacks etliche Wochen lang genug daran hatten. in den Jahren 1772 bis 1775. Auch von Waffen und Hausrath wurden uns, vornaͤmlich durch einige Indianer, die 1774. Junius. in doppelten Canots von den benachbarten Inseln herbeygeseegelt kamen, ganze Bootsladungen zugefuͤhrt. Beym Mittags-Essen bemerkten wir, daß einer von den unfrigen am Ufer zuruͤckgeblieben und von allen Seiten mit Indianern umringt war. Er schien in Verlegenheit zu seyn, denn er gab durch Zei- chen zu erkennen, daß ihn ein Boot abhohlen moͤchte. Gleichwohl nahm sichs niemand zu Herzen, bis endlich nach der Mahlzeit einige von den Matro- sen, des Einkaufs wegen, nach dem Lande giengen. Als diese unterwegens bey dem Orte voruͤber kamen, wo sich der arme Verlaßne befand, so sahen sie, daß es unser Wundarzt Herr Patton war, und nahmen ihn sogleich an Bord. Die Zeit uͤber, daß man ihn, ohne den geringsten Beystand am Lande gelas- sen, hatte er mit Gefahr seines Lebens inne werden muͤssen, daß es unter die- sem sonst gutherzigen, dienstfertigen Volke, eben so gut als unter den gesitte- tern Nationen, einzelne Boͤsewichter und Stoͤhrer der oͤffentlichen Sicherheit gab. Fuͤr ein paar Corallen hatte ihn ein Indianer, vom Landungsplatze aus, auf der Insel herumgefuͤhrt, und er war so gluͤcklich gewesen, unterwegens eilf Stuͤck Enten zu schießen, die ihm sein Begleiter getreulich nachtrug. Als er nach dem Marktplatze zuruͤckkam, waren unsre Leute, der Mittagszeit we- gen, schon saͤmmtlich nach dem Schiffe abgegangen, welches ihn einiger- maßen beunruhigte. Die Indianer mußten seine Verlegenheit bemerken, denn sie siengen gleich darauf an, sich um ihn her zu draͤngen, als ob sie sich seine Lage zu Nutze machen wollten. Er stieg also auf die Felsen-Klippe am Ufer, die dem Schiffe gerade gegen uͤber lag, und eben da war es, wo wir ihn vom Bord aus erblickten. Mittlerweile wollte sein bisheriger Fuͤhrer unvermerkt einige Enten von sich werfen; als aber Herr Patton sich darnach umsahe, nahm er sie wieder auf. Nunmehr draͤngten die Indianer immer dichter auf ihn los, und einige droheten ihm sogar mit ihren Speeren; doch hielt der An- blick seines Gewehrs sie noch einigermaaßen in Respect. Um nun durch Lift zu erlangen was durch offenbare Gewalt nicht thunlich schien; so schickten sie einige Weiber ab, die ihn durch allerhand wolluͤstige Stellungen und Gebehr- den zu zerstreuen und an sich zu locken suchen sollten; seine Lage war aber viel zu gefaͤhrlich, als daß mit diesem Kunstgriff nur das geringste waͤre aus- S 3 Forster’s Reise um die Welt 1774. Junius. zurichten gewesen. Unter dieser Zeit sahe Herr Patton ein Canot vom Schiffe zuruͤck kommen; er rief also dem Eigenthuͤmer desselben zu, und bot seinen letzten Nagel dafuͤr, wenn jener ihn zu uns an Bord uͤbersetzen wollte. Schon war er im Begriff ins Canot zu treten, als man ihm seine Vogelflinte aus den Haͤnden riß, die Endten selbst bis auf drey Stuͤck abnahm, und das Canot fortschickte. Man kann leicht denken, wie bestuͤrzt und besorgt ihn diese Begegnung machte. Nun blieb ihm, nichts anders uͤbrig, als wieder nach der Felsen-Klippe umzukehren, und sich damit zu troͤsten, daß man ihn dort, vom Schiffe aus, bemerken und zu seiner Befreyung herbey eilen wuͤrde. Da ihn aber die Indianer nun gaͤnzlich wehrlos sahen, so hielten sie auch nicht laͤnger zuruͤck, sondern fiengen sogleich an, ihn bey den Kleidern zu zupfen, und ehe er sichs versah, war Halstuch und Schnupftuch fort. Das haͤtte er gern verschmerzt, aber nun sollte die Reihe auch an den Rock kommen, und einige von den Raͤubern droheten ihm aufs neue mit ihren Waffen. Er erwartete also jeden Augenblick den Tod als sein unvermeidliches Schicksal, fuͤhlete aber doch in der groͤßten Angst noch in allen Taschen herum, ob ihm nicht ein Messer oder sonst etwas zu seiner Vertheidigung uͤbrig sey; es fand sich aber nichts, als ein elendes Zahnstocher-Etui . Dies machte er auf, und hielt es sogleich als ein Terzerol dem ganzen Trupp entgegen, der sich auch aus Besorgniß vor dem unbekannten Dinge alsbald ein paar Schritte weit zuruͤck zog. Man kann leicht glauben, daß er bey der geringsten Bewegung seiner Feinde gewiß nicht unterlassen haben wird, ihnen dies fuͤrchterliche Mordge- wehr jedesmal mit Drohen entgegen zu halten; da er aber keine Austalten zu seiner Rettung gewahr ward, und sich vor Hitze, Muͤdigkeit und Abmattung nicht mehr zu lassen wußte, so fieng er bereits, in Verzweiflung auf die fernern Dienste seines getreuen Zahnstocher-Etuis, an, sein Leben aufzugeben, als eine wohlgebildete junge Frauensperson ihn in Schutz nahm. Mit fliegendem Haar trat sie aus dem Gedraͤnge zu ihm. Unschuld, Guͤte und zaͤrtliches Mitleid waren so deutlich in ihren Mienen zu lesen, daß er sich alles Guten zu ihr versehen durfte. Sie reichte ihm ein Stuͤck von einer Pompelmuß ; und weil er es mit Begierde und Dank annahm, so gab sie ihm immer mehr, bis er die ganze Frucht verzehret hatte. Endlich stießen die Boote vom Schif- in den Jahren 1772 bis 1775. fe ab, und so bald die Indianer dies gewahr wurden, staͤubten sie eilfertigst 1774. Junius. auseinander. Nur seine großmuͤthige Beschuͤtzerin und ein alter Mann, ihr Vater, blieben unbekuͤmmert und unbesorgt, in voͤlligem Bewußtseyn ihres guten rechtschaffnen Betragens, bey ihm sitzen. Sie fragte nach seinem Na- men, und als er sich, dem tahitischen Dialekt gemaͤß, Patini genannt hatte; so versprach sie ihm, diesen Namen kuͤnftig zu fuͤhren, veraͤnderte ihn aber in Patsini . Beym Abschiede beschenkte er sie und ihren Vater mit allerhand Klei- nigkeiten, die er von den Matrosen zusammen borgte, und damit kehrten die beyden guten Leute hoͤchstvergnuͤgt nach ihrer Heimath zuruͤck. Herr Patton stattete bey seiner Ruͤckkunft dem Capitain Cook sogleich Bericht ab, was ihm, in Ermangelung gehoͤrigen Beystandes, begegnet war; er bekam aber keinen andern Bescheid, als diesen, es sey ihm ganz Recht geschehen, daß er sein Gewehr eingebuͤßt habe; er haͤtte den Eingebohrnen nicht trauen, sondern vorsichtiger seyn sollen. Gleichwohl bestand seine ganze Unvorsich- tigkeit darinn, daß er sich auf der Jagd etwas verspaͤtet hatte, und das war manchem andern von uns mehr als einmal begegnet, ohne daß etwas daruͤber gesagt worden waͤre. Den Nachmittag giengen wir verschiedent- lich am Ufer spatzieren. Mein Vater aber streifte in Begleitung eines einzigen Matrosen uͤberall im Lande herum, ohne von den Indianern im geringsten belaͤ- stigt zu werden, und kam am Abend mit einer Menge neuer Pflanzen zuruͤck. Es entstand auch sonst keine Klage mehr gegen die Einwohner, ausgenommen, daß sie einige kleine Diebereyen veruͤbt hatten, worinn sie eben so geschickt waren, als ihre Bruͤder auf Tongatabu und auf den Societaͤts-Inseln . Am folgenden Morgen fruͤh entdeckten wir in Nordwest einige Inseln, die wegen des nebligten Wetters bisher nicht zu sehen gewesen waren. Die beyden westlichsten schienen bergigt und spitz; die dritte aber, dem Umfange nach, am groͤßten zu seyn. Von dieser letztern stieg ein dicker Dampf em- por; und waͤhrend der vergangnen Nacht hatten wir in eben derselben Ge- gend ein Feuer bemerkt. Die Indianer berichteten uns, dies Feuer sey be- staͤndig zu sehen; wir vermutheten also, daß es von einem Volcan herruͤhren muͤsse. Sie nannten dies Eyland Tofua Tasman nennt es Ama-Tofoa . Ama oder Kama bedeutet vermuthlich einen Berg. und die dabey liegende Insel mit Forster’s Reise um die Welt 1774. Junius. dem spitzen Berge, E-Ghao . Tasman nennt sie auf seiner Karte Kaybay . Nordwaͤrts von diesen beyden Inseln, konnten wir dreyzehn flache Eylande unterscheiden, deren Namen uns die Ein- wohner, der Reihe nach, herzusagen wußten. Nach dem Fruͤhstuͤck eilten wir zu Fortsetzung unserer Untersuchungen von neuem ans Land, blieben aber nicht lange am Strande, wo sich wieder eine Menge von Leuten beyderley Geschlechts versammlet hatte. Die erste Pflanze, welche uns aufsties, war eine schoͤne Art von Lilien ( Crinum asiaticum ) und dergleichen schaͤtzbare Blumen trafen wir bald noch mehrere an. Der Weg den wir genommen hatten, brachte uns an den Ort, wo die Wasserfaͤsser gefuͤllet wurden. Dies geschahe an einem stillstehenden, ohngefaͤhr ein hun- dert, bis hundert und funfzig Schritte langen, und funfzig Schritte breiten Teiche. Das Wasser desselben ist von ziemlich salzigem Geschmack, daher es fast scheint, daß dieser Teich, unter der Erde, mit dem nahegelegenen Salz-See Gemeinschaft haben muͤsse. Lieutenant Clerke , der hier bey den Wasserleuten auf Commando war, erzaͤhlte uns im Vorbeygehen, daß ihm ein Indianer, mit großer Behendigkeit, seine Muskete weggeschnappt habe, und damit entronnen sey. Von hier aus botanisirten wir in dem schattenreichen Walde von Mangle-Baͤumen , der die Ufer des Salz-Sees einfaßt. Die- se Baͤume nehmen sehr viel Land ein, und wachsen je laͤnger je mehr in ein- ander. Sie lassen ihren Saamen nicht, wie andre Baum-Arten, ausfallen, sondern die befruchteten Spitzen der Aeste neigen sich gegen die Erde herab, schlagen daselbst eine neue Wurzel und werden solchergestalt zu neuen Staͤm- men, die wiederum frische Zweige treiben. Waͤhrend daß wir hier nach Kraͤutern suchten, duͤnkte es uns, als ob drey Canonen-Schuͤsse abgefeuert wuͤrden; weil indessen der Schall, zwischen den Baͤumen, sehr gedaͤm- pfet wurde; so dachten wir, es koͤnnten auch wohl nur uͤberladene Flinten- Schuͤsse seyn, dergleichen, bey der Unerfahrenheit unsrer jungen ungeuͤbten Schuͤ- tzen, eben nichts neues waren. Auf dem Ruͤckwege von diesem Salz-See kamen wir durch einen Baumgarten, wo uns die Indianer, unter freundlicher Begruͤs- sung, in den Jahren 1772 bis 1775. sung zum Riedersetzen einluden; wir mochten uns aber nicht aufhalten, son- 1774. Junius. dern eilten der Enten-Jagd wegen nach dem Platz zuruͤck, wo unsre Wasserfaͤs- ser angefuͤllet wurden. Dort kam uns der Loots Herr Gilbert , mit der Nach- richt entgegen, daß die drey Canonen-Schuͤsse, imgleichen eine Salve aus dem kleinen Gewehre, blos als Signale waͤren abgefeuert worden, dadurch man uns, wegen eines mit den Indianern entstandenen Streits, haͤtte zuruͤck ru- fen wollen. Der Capitain stand auch schon, an der Spitze eines Commando See-Soldaten, in der Nachbarschaft, und zween von den Eingebohrnen die sich seitwaͤrts niedergehuckt hatten, riefen uns ganz schuͤchtern, einmal uͤber das andre Wòa , d. i. Freund! zu. Anfaͤnglich vermutheten wir, daß die Entwendung von Herrn Clerk’s Gewehr zu dieser Mißhelligkeit Anlaß gegeben habe, und wunderten uns, daß man deshalb so fuͤrchterliche Anstalten gemacht hatte: Gleichwohl kam es im Grunde auf eine noch weit unbedeutende- re Kleinigkeit an. Unser Boͤtticher war nemlich, bey Ausbesserung der Was- serfaͤsser, nicht achtsam genug auf sein Handbeil gewesen; also hatte ein In- dianer die Gelegenheit ersehen und war damit entlaufen. Um nun dies kost- bare Instrument, wovon gleichwohl noch zwoͤlf Stuͤck auf dem Schiffe vorraͤ- thig waͤren, wiederum herbeyzuschaffen, ließ der Capitain, sogleich einige doppelte große Canots in Beschlag nehmen, ohnerachtet diese Fahr- zeuge gar nicht einmal hiesigen Insulanern zugehoͤrten, s o ndern blos des Handels wegen von den benachbarten Inseln herbey gekommen waren, und fol- glich an dem ganzen Vorfall unschuldig seyn mußten. So befremdend in- dessen den Indianern dies Verfahren auch vorkommen mogte, so hatte es doch den Nutzen, daß sie Herrn Clerk’s Gewehr auf der Stelle zuruͤck brachten. Um nun auch noch das Boͤtticher-Beil wieder zu bekommen, mußte noch ein Canot confisciret werden. Der Eigenthuͤmer, der selbst in diesem Fahr- zeuge und keines Vergehens sich bewußt war, machte Miene sein an- gefochtnes Eigenthum zu vertheidigen, indem er einen Speer ergrif, und da- mit nach dem Capitain zielte. Dieser legte aber sein Gewehr an, geboth dem Indianer den Wurfspieß von sich zu werfen, und schoß ihm, weil er nicht gleich Lust dazu bezeigte, ohne weitere Umstaͤnde eine Ladung Hagel durch die Faust und durchs dicke Bein, daß er, wegen der geringen Entfernung des Forster’s Reise u. d. W. zweyter Th. T Forster’s Reise um die Welt 1774. Junius. Schusses, vor Schmerz zu Boden stuͤrzte. Damit noch nicht zufrieden, ward Befehl gegeben, daß vom Schiffe aus drey Canonen, eine nach der andern, gegen die hoͤchste Spitze der Insel hin, abgefeuert werden sollten. Nun, dachte man, wuͤrden die Indianer sich eiligst entfernen; allein, in vollem Vertrauen auf ihre Unschuld blieben sie zum Theil noch immer am Stran- de, ja einige Canots ruderten, nach wie vor, um das Schiff herum. Einer von den Indianern betrug sich bey dieser Gelegenheit, vor allen seinen uͤbrigen Lan- desleuten, ganz besonders stoisch. Er hatte ein kleines Canot, in welchem er den andern Canots, die vom Lande her kamen, immer entgegen fuhr, um aus denselben, fuͤr Corallen und Naͤgel die er von uns geloͤset hatte, das, was ihm am besten anstand, aufzukaufen, und dergleichen ausgesuchte neue Ladun- gen mit desto groͤßerm Vortheil bey uns anzubringen Da er nicht leicht ein Canot an das Schiff heran ließ, bevor ers nicht durchsucht hatte, so nannten ihn die Matrosen nur den Zollhaus-Visitator. Dieser Kerl lag eben dicht an der Seite unseres Schiffes und schoͤpfte das eingedrungene Wasser aus seinem Canot, als die Kanonen, kaum 6 Fuß hoch uͤber seinem Kopfe, abgefeuert wurden. Man haͤtte also wohl vermuthen koͤnnen, daß das ploͤtzliche Krachen des Geschuͤtzes ihn gewaltig erschreckt, ja gleichsam betaͤubt haben wuͤrde. Allein von alle dem erfolgte nicht das geringste; er sahe nicht einmal darnach in die Hoͤhe, sondern blieb, nach wie vor, bey seinem Wasserschoͤpfen, und trieb unmittelbar darauf seinen Handel wiederum fort gleichsam als ob gar nichts vorgefallen waͤre. Wir waren noch nicht lange zu dem Capitain und seinem Commando ge- stoßen, als die ungluͤckliche Veranlassung alles Unheils, das Boͤttcher-Beil, wieder abgeliefert wurde. Eine Frauensperson von mittlerm Alter, die einiges Ansehen zu haben schien, hatte etliche ihrer Leute darnach ausgeschickt, und diese schafften nicht nur dies eine Stuͤck, sondern auch eine Patrontasche und Herrn Pattons Vogelflinte wieder herbey, welche, dem Anschein nach, im Wasser ver- steckt gewesen seyn mußte. Es waͤhrete nicht lange, so brachten ein paar In- dianer ihren verwundeten Landsmann, der fast keine Besinnung mehr zu haben schien, auf einem Brette zu uns hergetragen. Man schickte deshalb gleich nach dem Wundarzt Herrn Patton , und ließ den armen Schelm unterdessen in den Jahren 1772 bis 1775. auf den Boden niedersetzen. Die Eingebohrnen kamen nun nach gerade 1774. Junius. wieder, und die Frauensleute ließen sichs vorzuͤglich angelegen seyn, Friede und Ruhe wieder herzustellen; doch schienen ihre schuͤchternen Blicke uns anzu- klagen, daß wir grausam mit ihnen umgegangen waͤren. Endlich setzten sich ihrer funfzig oder mehrere auf einen schoͤnen gruͤnen Rasen, und winkten, daß wir neben ihnen Platz nehmen moͤchten. Jede dieser Schoͤnen hatte ein Paar Pompelmuße mitgebracht, welche sie mit freundlich liebkosender Gebehrde bissenweise unter uns austheilte. Herrn Pattons Freundin, zeichnete sich, durch ihre jugendliche Schoͤnheit, vor allen uͤbrigen Frauenzimmern aus. Sie war von hellerer Farbe als das gemeine Volk, dabey wohl gewachsen, von sehr proportionirtem Gliederbau, und von uͤberaus regelmaͤßiger, gefaͤlliger Gesichts- bildung. Feuer strahlte aus den lebhaften schwarzen Augen, und den schoͤnen Hals umflossen schwarze lockigte Haare. Ihre Kleidung bestand aus einem Stuͤck braunen Zeuges, das unter der Brust dicht an den Leib anschloß, aber von den Huͤften herab weiter ward, und dieses ungekuͤnstelte Gewand stand ihr besser als die zierlichste europaͤische Tracht sie geputzt haben wuͤrde. Unterdessen war Herr Patton mit den noͤthigen Instrumenten ange- langt, und verband nun den verwundeten Indianer. Als er mit der Ban- dage fertig war, schlugen die Eingebohrnen noch Pisangblaͤtter daruͤber her, und so uͤberliessen wir ihn ihrer eigenen Curmethode; doch ward dem Kranken eine Flasche Brandtewein, mit der Vorschrift, gegeben, daß er von Zeit zu Zeit die Wunden damit moͤgte waschen lassen. Der arme Kerl mußte viel Schmer- zen ausgestanden haben, denn da der Schuß nur in einer Entfernung von wenig Schritt auf ihn abgefeuert worden, so waren die Theile, wo das Schroot einge- drungen, gleichsahm zerschmettert; sonst hatte es eben keine Gefahr, weil die Wunden nur im dicken Fleische waren. Um die Sache vollends wieder gut zu machen, theilten wir eine Menge Corallen unter die Leute aus, und kehrten alsdann, mit gegenseitigen Freundschaftsversicherungen, wiederum nach dem Schiffe zuruͤck. Das Volk war auf dieser Insel eben so friedfertig, und dabey eben so gewinnsuͤchtig, als auf Tongatabu . Sie trugen uns unsre Ueberei- lung nicht nach, sondern fuhren ungestoͤrt fort, am Schiffe Handel zu treiben. Die ganze Nation schien zur Kaufmannschaft gebohren zu seyn, denn ein jeder T 2 Forster’s Reise um die Welt 1774. Junius. ließ sichs eifrigst angelegen seyn, etwas von unsern Waaren oder Merk- wuͤrdigkeiten einzutauschen. Unter andern fanden sie ein besonderes Wohlgefal- len an jungen Hunden, davon wir auf den Societaͤts-Eylanden eine große An- zahl an Bord genommen hatten, um sie allenfalls auf denen Inseln einzufuͤh- ren, wo diese Art von Thieren noch nicht vorhanden seyn wuͤrde. Zwey Paare davon uͤberliessen wir den hiesigen Einwohnern, und sie versprachen uns sorg- faͤltig damit umzugehen. Zu den coͤrperlichen Geschicklichkeiten dieser Insulaner gehoͤrt vornemlich, daß sie ihre Canots sehr gut zu regieren, und auch vortreflich zu schwimmen wissen. Die gewoͤhnlichen Fahrzeuge darinn sie Waaren an das Schiff brachten waren nur klein, aber sauber gearbeitet und sehr gut abge- glaͤttet, wie ich weiter oben schon angemerkt habe. Diejenigen Canots hingegen, die von den benachbarten Inseln her zu uns kamen, waren ansehnlicher, und je zwey derselben durch eine Anzahl Queerbalken zusammengekoppelt, so daß in man- chem wohl funfzig Mann Platz hatten. In der Mitte war gemeiniglich eine Huͤtte aufgerichtet, damit die Leute im Schatten seyn und ihre Waaren, Waffen und andere noͤthige Geraͤthschaften im Trocknen aufbewahren konnten. In dem Fusboden dieser Huͤtte, der aus den queer uͤber die Canots gelegten Bret- tern bestand, waren Oeffnungen gelassen, vermittelst deren man in den Bauch der Canots herabstieg. Die Maste bestanden aus starken Baͤumen, die nach Gefallen niedergelegt werden konnten. Die Seegel waren groß und dreyeckigt, taugten aber nicht gut zum Laviren. Ihr Tauwerk hingegen war vortref- lich; und statt der Anker hatten sie an dem untern Ende eines starken Kabel- Taues etliche große Steine befestigt, die vermoͤge ihrer Schwere das Schiff anhielten. Da der Capitain schon am folgenden Tage von hier abseegeln wollte, so giengen wir, gleich nach Tische wieder ans Land, um die noch uͤbrige Zeit so gut als moͤglich zu nutzen. In dieser Absicht strichen wir durch Felder und Ge- huͤsche, und sammleten eine Menge schaͤtzbarer Pflanzen. Auch kauften wir einen Vorrath von Kenlen, Speeren und allerhand Hausrath, als, kleine Stuͤhle, große hoͤlzerne Schuͤsseln und Schaalen, imgleichen etliche irdene Toͤpfe, die lange im Gebrauch gewesen zu seyn schienen. Wozu die Leute eine solche Menge Waffen haben? ist bey ihrem gutherzigen und vertraͤglichen Cha- in den Jahren 1772 bis 1775. racter nicht leicht abzusehen. Zwar koͤnnten sie wohl, so gut als die Tahitier, 1774 Junius mit ihren Nachbaren in Uneinigkeit leben; allein, die Streit-Kolben waren so sehr mit Schnitzwerk und andern Zierrathen ausgeschmuͤckt, daß sie, allem Anschein nach, nicht oft Gebrauch davon machen muͤssen. Am folgenden Morgen lichteten wir bey Anbruch des Tages die Anker, und steuerten nach dem Eyland Tofua hin, auf welchem wir, auch in dieser Nacht, das Feuer des Volcans wiederum wahrgenommen hatten. Eine ganze Flotte von Canots begleitete uns etliche Meilen weit, um noch Kleider, Haus- rath und Putzwerk anzubringen. Einige fuͤhrten uns auch, als Proviant-Boote, mancherley Fische nach, die hier durchgehends von sehr wohlschmeckender Art waren. Die Insel Namocka , auf welcher wir uns nur zween Tage verweilt hatten, liegt unter 20°. 17′. suͤdlicher Breite, im 1740. 32′. westlicher Laͤnge, und haͤlt nicht uͤber funfzehn Meilen im Umkreise, ist aber ungemein volkreich. Sie schien die ansehnlichste unter allen umliegenden Inseln, welche uͤberhaupt haͤufig bewohnt und an Pflanzen und Gewaͤchsen ausnehmend fruchtbar sind. Sie liegen allesammt auf einer Art von Bank, wo das Meer von neun, bis zu sechzig und siebenzig Faden Tiefe hat. Der Boden ist auf diesen Inseln vermuthlich durchgehends von einerley Beschaffenheit. Namocka besteht, gleich Tongatabu , aus einem Coral-Felsen, der mit einer Schicht von sehr fettem und allerhand Pflanzen hervorbringendem Erdreich bedeckt ist. Aus Mangel genugsamer Zeit konnten wir den mitten auf der Insel befindlichen Huͤgel nicht gehoͤrig untersuchen; sonst waͤre es freylich der Muͤhe werth gewesen, nachzuspuͤren, ob er nicht etwa andern Ursprungs als der Rest des Landes, und, wenn gleich itzt mit Gestraͤuch bewachsen, dennoch wohl durch einen feuerspeyenden Berg hervorgebracht seyn moͤchte, indeß der uͤbrige Theil der Insel aus Corall-Felsen besteht. Daß die hiesigen Einwohner, vermittelst des Teiches Ueberfluß an suͤßem Wasser haben, ist ein großer Vortheil, und sind sie in dem Stuͤck weit besser dran, als die Bewohner von Tongatabu . Demohnge- achtet scheinet das Baden hier nicht so allgemein eingefuͤhrt, als zu Tahiti ; aber freylich badet sichs in dem dortigen fließenden Wasser besser und angenehmer, als hier in dem stillstehenden See. Uebrigens wissen sie vollkommen, was gutes Trinkwasser fuͤr eine schaͤtzbare Sache sey, denn sie brachten uns, wie auch T 3 Forster’s Reise um die Welt 1774. Junius. zu Tasmanns Zeiten geschehen war, ganze Calabassen voll ans Schiff, als ob es ein ordentlicher Handelsartikel waͤre. Naͤchst der Guͤte des Erdreichs ist dieser Ueberfluß an Wasser ohne Zweifel Ursach, daß Brodfrucht und Pompel- muß-Baͤume hier haͤufiger, und uͤberhaupt alle Pflanzen weit besser in die Hoͤhe wachsen, als zu Tongatabu . Diese Fruchtbarkeit erleichtert ihnen den Feldbau in manchen Stuͤcken; sie brauchen z. B. nicht so viel Verzaͤnnun- gen zu machen, als ihre Nachbaren, doch sind solche deshalb nicht gaͤnzlich abge- schafft. Die langen Alleen von Brodfruchtbaͤumen, und der vortrefliche gruͤne Rasen unter denselben, kommen den fruchtbarsten Gegenden auf Ea-Uwhe oder der Insel Middelburg , an Schoͤnheit gleich. Man sehe hievon im ersten Theil dieser Geschichte Seite 318. 322. u. 332, nach. Die hochranken- den Pflanzen, welche sich an manchen Stellen wie die dicksten Lauben uͤber die Fußsteige hergewoͤlbt hatten, trugen zum Theil schoͤne, wohlriechende Blumen. Hin und wieder ein anmuthiger Huͤgel, wechselsweise eine Gruppe von Haͤu- sern oder Baͤumen, und an manchen Stellen ein Landsee, — machten zusam- mengenommen, ungemein schoͤne Prospecte aus, die durch den aͤußeren uͤberall sichtbaren Wohlstand der Einwohner, noch mehr erheitert und belebt wurden. Bey den Haͤusern liefen Huͤhner und Schweine umher. Pompelmusse waren so haͤufig, daß sie niemand einsammlete, ohnerachtet fast unter jedem Baume eine betraͤchtliche Anzahl, aus Ueberreife abgefallen, auf dem Boden lag. Die Huͤtten waren durchgehends mit Yam-Wurzeln angefuͤllet, kurz, wo man nur hinsahe, da fanden sich Spuren des Ueberflusses, vor dessen erfreuli- chem Anblick Kummer und Sorgen entfliehen. Fuͤr uns hatten dergleichen an- genehme Scenen auch deshalb einen besondern Werth, weil wir sie gemeinig- lich erst durch die Beschwerlichkeiten der Seefahrt erkaufen mußten; je unange- nehmer diese gewesen waren, desto schoͤner kamen uns natuͤrlicherweise jene vor. Man wird mirs daher auch zu gut halten, wenn ich nicht muͤde werde, den Ein- druck den der Anblick einer solchen Gegend in mir hervorbrachte, jedesmal von neuem zu beschreiben. Wer spricht nicht gern und oft von Gegenstaͤnden, die ihm wohlgefallen? Herr Hodges hat eine Aussicht auf dieser Insel abgezeichnet, die zum Behuf von Capitain Cooks Reise in Kupfer gestochen ist, und einen Bauerhof, nebst der umliegenden Gegend, sehr richtig abbildet. in den Jahren 1772 bis 1775. Die Bewohner dieses reizenden Aufenthalts, schienen mir in keinem 1774. Junius. Stuͤck von den Einwohnern der Inseln Tongatabu und Ea-Uwhe unterschie- den zu seyn. Sie sind von mittlerer Groͤße, sehr wohl proportionirt, fleischig, aber keinesweges schwerfaͤllig, und von castanienbrauner Farbe. Ihre Sprache, die Fahrzeuge, Waffen, Hausrath, Kleidung, Puncturen, die Art den Bart zu stutzen, das Einpudern des Haares; kurz, ihr ganzes Wesen und alle ihre Gebraͤuche stimmten mit dem, was wir hievon auf Tongatabu gesehen hatten, genau uͤberein. Nur konnten wir, in der kurzen Zeit unsers Hier- seyns, keine Art von Subordination unter ihnen gewahr werden, wel- che hingegen zu Tongatabu sehr auffallend war, und, in den Ehren- bezeugungen fuͤr den Koͤnig, fast bis zur aͤussersten Sclaverey gieng. Hier auf Namocka fanden wir Niemand, der ein ausdruͤckliches Ansehn oder Herrschaft uͤber die andern gehabt haͤtte, es muͤßte denn der Mann gewesen seyn, den unsre Matrosen den Zollhaus-Visitator nannten, in so fern dieser alle an Bord kommende Canots durchsuchte. Die Frau, welche nach den ge- stohlnen Sachen schickte, mochte auch wohl etwas zu sagen haben. Herrn Patton’s wohlthaͤtige Beschuͤtzerin war unseres Wissens auf der ganzen In- sel die einzige Frauensperson, welche das Haar nicht gestutzt trug; und da wir durchgehends bemerkt zu haben glauben, daß es, in den Inseln der Suͤd- See , nur Frauenzimmern von gewissem Range als ein besonderes Vorrecht ge- stattet wird, die Haare wachsen zu lassen, Man sehe hiervon im ersten Theil dieser Geschichte Seite 248 nach. so koͤnnte, auch diese hier, wohl zu einer vornehmern Classe gehoͤrt haben, welches ihr aͤußerer Anstand ohnehin zu verrathen schien. Indessen will ich dadurch, daß wir den Unterschied der Staͤnde hier nicht recht gewahr wurden, keinesweges zu verstehen geben, als ob diese Insulaner keine bestimmte Regierungsform unter sich haͤtten; im Gegentheil laͤßt sich vermoͤge der Aehnlichkeit mit ihren Nachbaren, welche durch- gehends unter einer Monarchischen Verfassung leben, ja aus dem Beyspiel al- ler bisher bekannt gewordnen Suͤdsee-Inseln schließen, daß eine gleiche Regierungsart auch hier statt finden muͤsse. Ihre ungemeine Aehnlichkeit mit den Einwohnern auf Tongatabu ist beynahe Buͤrge dafuͤr, daß sie gleichen Ursprung, vielleicht auch gleiche Religions-Begriffe mit jenen haben; obschon Forster’s Reise um die Welt 1774. Junius. weder ich noch meine Reise Gesellschafter, auf allen unsern Spatziergaͤngen in dieser Insel, nirgends ein Fayetuka , noch sonst einen Fleck antrafen, der die mindeste Aehnlichkeit mit einem Begraͤbnißplatz gehabt haͤtte, derglei- chen man doch auf Tongatabu verschiedene findet. Man sehe hievon im ersten Theil dieser Geschichte S. 340. nach. Die Nachrichten aͤlterer Reisenden bezeugen, daß zwischen dem 170 und 180sten Grad oͤstlicher Laͤnge von Greenwich , und innerhalb des 10ten bis zum 22sten Grade suͤdlicher Breite, eine große Menge Inseln liegen. So viel wir bis jetzt von denselben wissen, scheinen sie allesammt durch einerley Art von Leuten bewohnt zu seyn, die denselbigen Dialect der Suͤdsee-Sprache re- den, alle in gleichem Grade gesellig und alle zum Handel geneigt sind. Diese Eylande koͤnnte man also insgesammt zu den sogenannten freundschaftli- chen Inseln rechnen. Sie sind durchgehends sehr stark bewohnt, vornem- lich diejenigen, die wir besucht haben. Tongatabu ist gleichsam von einem En- de zum andern als ein einziger großer Garten anzusehen. Ea-Uwhe , Na- mocka und die zunaͤchst gelegnen Inseln, gehoͤren ebenfalls zu den frucht- barsten Landflecken der ganzen Suͤdsee . Wir koͤnnen also ohne Unwahr- scheinlichkeit annehmen, daß die Zahl der Einwohner auf allen diesen In- seln sich wenigstens gegen 200,000. erstrecken muͤsse. Das gesunde Clima und die vortreflichen Fruͤchte desselben, machen, daß sie von den mannigfaltigen Krankheiten, die uns Europaͤer so leicht hinwegraffen, gar nichts wissen; und die Einfalt ihrer Begriffe steht mit dem geringen Maaß ihrer Beduͤrfnisse in vollkomnem Gleichgewicht. In den Kuͤnsten haben sie es weiter gebracht als andre Voͤlker der Suͤdsee ; die Schnitzkunst und andre nuͤtzliche Handarbei- ten machen ihren Zeitvertreib aus, dem eine wohlklingende Music noch meh- rern Reiz giebt. Die groͤßere Ausbildung ihres Geschmacks bringt ihnen auch noch den Vortheil zuwege, daß sie mehr Begriff und Gefuͤhl vom Werth der coͤrperlichen Schoͤnheit haben, und eben dieses Gefuͤhl ist es, welches die zaͤrtlichsten Verbindungen in der menschlichen Gesellschaft, die gegen- seitige Neigung beyder Geschlechter, so angenehm als dauerhaft macht. Ueber- haupt genommen sind sie arbeitsam; ihr Betragen gegen die Fremden aber duͤnk- te in den Jahren 1772 bis 1775. te uns mehr hoͤflich, als aufrichtig zu seyn, so wie auch der allgemeine Hang 1774. Junius. zum Wucher, die wahre Herzensfreundschaft bey der Nation uͤberhaupt verdrun- gen, und an deren statt eine steife Hoͤflichkeit hervorgebracht zu haben scheint. Dies alles ist dem Character der Tahitier gerade entgegen gesetzt, denn diese finden am unthaͤtigen Leben Wohlgefallen; sind aber viel zu aufrichtig, als daß sie sich bey ihrem Betragen um den aͤußern Schein gewisser Manieren bewerben sollten. Dagegen giebt es auf Tahiti und den Societaͤts-Inseln viele in Wol- lust versunkne Errioys , deren moralischer Character etwas abgewuͤrdigt zu seyn scheint; indeß auf den freundschaftlichen Inseln alle jene Laster, die der uͤber- maͤßige Reichthum zu veranlassen pflegt, dem Ansehen nach, noch ziemlich unbe- lannt sind. Gegen Mittag verließen uns die Canots, welche von Namocka aus, unsre Begleitung ausgemacht hatten, und kehreten wieder nach den unter- schiedenen niedrigen Inseln zuruͤck, die hier in der Nachbarschaft und insge- sammt als eben so viel fruchtbare und schoͤne Gaͤrten umher lagen. Nach- mittags ließ der Wind nach und drehete sich, so daß wir mehr ruͤck- als vorwaͤrts kamen. Dies machten sich unterschiedne Indianer zu Nutze und ruderten von nenem herbey; denn sie ließen sich keine Muͤhe verdrießen, um eiserne Naͤ- gel, und Stuͤcken von Zeug einzuhandeln. Gegen Abend hatte die Anzahl der Canots so zugenommen, daß sie, wie heute Morgen, eine kleine Flotte aus- machten und der Tauschhandel von beyden Seiten so lebhaft als je betrieben ward. Am folgenden Morgen fanden sich die Canots von neuem und zwar schon bey Anbruch des Tages ein; es war ein Vergnuͤgen, sie aus allen Gegenden hin und her seegeln zu sehen. Wenn sie den Wind hinter sich hatten, so gieng es sehr schnell, denn dazu waren die Fahrzeuge recht gut eingerichtet; und die großen dreyeckigten Seegel gaben ihnen, zumal in einer gewissen Entfernung, ein schoͤnes mahlerisches Ansehen. Es waͤhrete indessen nicht lange; so erhob sich der Wind und machte dem Handel ein Ende, denn nun verließen wir sie und seegelten nach den beyden hohen Inseln, die wir von unserm vorigen Anker- platz aus entdeckt hatten. Nachmittags holten uns abermals drey Canots ein; das eine derselben war mit funfzig Mann besetzt, und verkaufte uns, waͤhrend daß wir den engen Canal zwischen beyden Inseln paßirten, allerhand Waaren. Forster’s Reise u. d. W. zweyter Th. U Forster’s Reise um die Welt 1774. Junius. Die groͤßere dieser beyden Inseln, hatten wir gegen Suͤden. In der Landes- sprache heißt sie Tofua , und scheint bewohnt zu seyn. Einige Indianer, die bey uns an Bord waren, erzaͤhlten, daß suͤßes Wasser, Cocos-Nuͤsse, Pi- sang- und Brodfruchtbaͤume haͤufig darauf zu finden waͤren. Man konnte auch schon von weitem eine Anzahl Palmen und eine große Menge Casuarina- Baͤume unterscheiden. Im Ganzen genommen, schien das Land zwar sehr steil und bergigt zu seyn, doch fehlte es auch nicht an fruchtbaren Stellen, die mit allerhand Kraͤutern und Gebuͤsch bewachsen waren. An der See, besonders nach jener Insel hin, sahen die Felsen Laven-artig und das Ufer wie mit schwar- zem Sande bedeckt aus. Wir steuerten zwar bis auf Cabels-Laͤnge heran, konnten aber dennoch nirgends einen Ankerplatz finden, weil das Wasser uͤberall, achtzig und mehr Faden tief war. Die Durchfahrt mogte kaum eine Meile breit seyn, und das felsige Ufer der Insel, welches man jenseits derselben erblick- te, war voller Loͤcher und Hoͤhlen, an manchen Stellen auch, wenn gleich auf eine ziemlich unfoͤrmliche Art, Saͤulen-aͤhnlich gestaltet. Des nebligten Wetters wegen konnte man den eigentlichen Gipfel der Insel nicht deutlich erkennen; doch sahe man einen betraͤchtlichen Dampf davon empor steigen. Dis- seits des Canals oder der Durchfahrt, schien es, als ob dieser Rauch auf der anderen Seite des Berges ausbraͤche; jenseits aber duͤnkte es uns hinwiederum, als ob er von der Seite herkaͤme, auf welcher wir zuvor gewesen waren! Aus diesem Blendwerk ließ sich abnehmen, daß die Spitze des Berges hohl seyn oder einen Crater ausmachen, und aus diesem der Dampf hervorkommen muͤsse. An der Nordwest-Seite des Gipfels fand sich, unterhalb der rauchenden Stelle, ein Fleck, der nicht laͤngst erst vom Feuer verheeret seyn mogte, wenigstens sahe man daselbst nicht das geringste Gruͤn, dahingegen die uͤbrigen Seiten des Ber- ges mit allerhand Kraͤutern bewachsen waren. Als wir uns in dem Striche be- fanden, nach welchem der Wind den Rauch hintrieb, fiel ein Regenschauer ein, und verschiedene unter uns bemerkten, daß das Wasser, wenn es ihnen in die Augen kam, beißend und scharf war. Vermuthlich hatten sich mit diesem Regen einige Theilchen vermischt, die der Vulcan ausgeworfen oder ausgedun- stet hatte. Der Suͤd- Suͤd-Ostwind, der ziemlich frisch zu wehen anfieng, fuͤhrte uns so schnell von dieser Insel weg, daß wir, in Ermangelung eines ge- in den Jahren 1772 bis 1775. hoͤrigen Ankerplatzes, auch nicht von fern her, mehrere Beobachtungen uͤber den 1774. Julius. Volcan anstellen konnten. Dies war aber um desto mehr zu bedauern, weil eben dieses Phoͤnomen auf die Figur der Erde und ihre Veraͤnderung großen Einfluß hat. Nun seegelten wir nach W. S. W. Auf diesem Striche entdeckten wir des folgenden Tages, als den 1sten Julius, ohngefaͤhr um Mittagszeit Land, welches, nach der Richtung unsers Laufes zu urtheilen, noch von keinem Seefahrer bemerkt worden war. Desto begieriger steuerten wir also darnach hin, und kamen auch vor Einbruch der Nacht ziemlich nahe heran, mußten aber, der vor uns befindlichen Brandung wegen, die ganze Nacht uͤber gegen den Wind laviren, um nicht in Gefahr zu gerathen. Kaum war es dunkel gewor- den, als wir unterschiedene Lichter am Lande wahrnahmen, ein untruͤgliches Zeichen daß die Insel bewohnt sey. Am folgenden Morgen naͤherten wir uns der Kuͤste wieder, und kamen um die oͤstliche Ecke herum. Das Land schien ohngefaͤhr sieben Meilen lang, und enthielt zwey sanft anlaufende Huͤgel, die, gleich der ganzen uͤbri- gen Insel, mit Holz bewachsen waren. Ein Ende dehnte sich in eine flache Landspitze aus, und auf dieser bemerkten wir ein angenehmes Gehoͤlz von Co- cos-Palmen und Brodfruchtbaͤumen , in deren Schatten Haͤuser lagen. Ein sandiger Strand machte die aͤußerste Seekuͤste aus, und diese war an der Ostseite von einem Coral-Rief gedeckt, der eine halbe Meile vor dem Ufer herablief, an beyden Enden aber fast zwey Meilen weit in die See hinaus reichte. Es waͤhrete nicht lange, so kamen auf dem Riefe fuͤnf schwarzbrau- ne Maͤnner zum Vorschein, die, mit Keulen bewaffnet, scharf nach uns hin sahen. Als wir aber ein Boot aussetzten, um durch unsern Lootsen die Einfahrt in den Rief untersuchen zu lassen, so ruderten sie in ihrem Ca- not eilfertig nach der Insel zuruͤck. Indessen paßirte der Loots die Durch- fahrt, und folgte den Indianern nach der Kuͤste hin, wo ohngefaͤhr ihrer drey- ßig beysammen seyn mochten. Zehn oder zwoͤlfe derselben waren mit Speeren bewaffnet, dennoch zogen sie ihr kleines Fahrzeug, aus Vorsorge, in den Wald hinein, und sobald der Loots an Land stieg, liefen sie alle davon. Er legte ih- nen etliche Naͤgel, ein Messer und ein paar Medaillen auf den Strand hin, und U 2 Forster’s Reise um die Welt 1774. Julius. kam hierauf mit dem Berichte ans Schiff zuruͤck, daß, in der Durchfahrt des Riefs, die See unergruͤndlich tief, innerhalb aber allzu seicht sey. In dem Haven hatte er mehr denn ein Dutzend große Schildkroͤten herum schwimmen gesehen; da es ihm aber an Harpunen und anderem noͤthigen Geraͤthe fehlte, so konnte er nicht eine einzige davon habhaft werden. Solchergestalt mußten wir das Boot wieder einnehmen, und alle Hoffnung fahren lassen, auf dieser Insel botanisiren zu gehen. Bey der Abfahrt bemerkten wir auf dem Riefe unter- schiedene große Corallen-Felsen, die ohngefaͤhr funfzehn Fuß uͤber Wasser stan- den, unten spitz, oberhalb aber breit waren. Ob ein Erdbeben sie so weit uͤber die See empor gebracht, (in deren Schoos sie doch entstanden seyn muͤssen.) oder ob dies besondere Phoͤnomen einer andern Ursache zuzuschreiben sey? kann ich nicht entscheiden. Einige Meilen westwaͤrts von dieser Insel fanden wir ein großes zirkel- foͤrmiges Corallen-Rief, und innerhalb desselben einen See. Die Aussage des Lootsen, daß er an jener Insel so viel Schildkroͤten angetroffen habe, brachte uns auf die Vermuthung, daß sich vielleicht auch hier dergleichen aufhalten moͤgten; es wurden also Nachmittags zwey Boote auf den Schildkroͤtenfang ausgeschickt, der aber ganz fruchtlos ablief, weil man auch nicht eine zu Gesicht bekommen hatte. Die Boote wurden folglich unverrichteter Sa- che wiederum eingehoben, und wir verließen dies neuentdeckte Land noch vor Abends wieder. Es ward Turtle-Eyland von uns genannt, und liegt im 19°, 48′. Suͤdlicher Breite und dem 178°, 2′. Westlicher Laͤnge. Von hier aus steuerten wir, bey einem frischen Passat-Winde, des Tages un- ablaͤßig West Suͤd West, des Nachts aber legten wir bey. Auf diesem Stri- che blieb unsre sonst gewoͤhnliche Begleitung von Voͤgeln aus; nur dann und wann ließ sich ein Toͤlpel ( Booby ) oder ein Fregatten-Vogel sehen. Das schoͤne Wetter, die Yams von Namocka , und die Hoffnung in diesem unbe- fahrnen Theile der Suͤd-See neue Entdeckungen zu machen, erhielten uns in- dessen munter und vergnuͤgt. Am 9ten Julius, da wir ohngefaͤhr 176°. oͤstlicher Laͤnge im 20sten Grad Suͤdlicher Breite erreicht hatten, aͤnderten wir unsern Lauf und steuerten nach Nord-West. Bis zum 12ten dauerte der frische, gute Wind ohne Abaͤn- in den Jahren 1772 bis 1775. derung fort; am 13ten aber, da er etwas nachzulassen anfieng, fielen, sowohl 1774. Julius. Morgens als Abends, einzelne Regentropfen. Es waren heute gerade zwey Jahr, seit unserer Abreise aus England , verflossen; die Matrosen unterließen daher nicht diesen Tag, nach ihrer gewoͤhnlichen Art, das heißt, bey vollen Glaͤ- sern zu feyern. Zu dem Ende hatten sie von ihrem taͤglichen Deputat an Brandt- wein ausdruͤcklich etwas gespart, und sichs vorgenommen, allen Kummer und Verdruß in Grog , dem wahren Lethe des Seemannes, zu ersaͤufen. Einer von ihnen, der ein halber Schwaͤrmer war, hatte, wie im vorigen Jahr also auch diesmal wieder ein geistliches Lied auf diesen Tag gemacht, und hielt nach Absingung desselben seinen Cameraden eine ernstliche Buspredigt; alsdenn aber setzte er sich auch zu ihnen hin, und ließ sich die Flasche eben so kraͤftig, als die Buße empfohlen seyn; indessen gieng es ihm dabey, wie den andern mit der Suͤnde, sie uͤberwaͤltigte ihn. Die beyden folgenden Tage bekamen wir frischen Wind, am dritten aber, nebligtes und mit Regenguͤssen begleitetes Wetter. Eine Calabasse , die am 16ten neben dem Schiff in der See vorbey trieb, schien uns anzukuͤndigen, daß wir nicht mehr weit von einer Kuͤste seyn koͤnnten, und wenige Stunden darauf, Nachmittages um 2 Uhr, sahen wir auch wuͤrklich eine hohe Insel von ziem- lichen Umfange vor uns. Gegen die Nacht verstaͤrkte sich der Wind, und die Wellen warfen das Schiff von einer Seite zur andern. Ungluͤcklicherweise regnete es dabey so heftig, daß der Regen durchs Verdeck in unsre Cajuͤtten eindrang, und Buͤcher, Kleider und Betten dermaaßen naß machte, daß an kei- ne Ruhe noch Schlaf zu denken war. Dieser heftige Sturm sowohl als auch die unfreundliche Witterung, hielten den ganzen folgenden Tag an, und der Dunstkreis war dermaaßen mit Wolken angefuͤllt, daß wir das Land kaum dafuͤr unterscheiden konnten, mithin nur ab- und zu laviren mußten. Dies Wetter war desto unangenehmer, weil wir es in dieser Gegend der See, welche immer das stille Meer genannt worden ist, gar nicht erwartet hatten. Man siehet hier- aus, wie wenig dergleichen allgemeinen Benennungen zu trauen sey, und daß wenn Stuͤrme und Orcane in diesem Meer gleich selten, sie dennoch nichts ganz ungewoͤhnliches oder gar unerhoͤrtes sind. Vornemlich scheinen in dem westlichen Theil desselben heftige Winde zu herrschen. Als Capitain Pedro U 3 Forster’s Reise um die Welt 1774. Julius. Fernandez de Quiros seine Tierra del Espiritu Santo verließ; als Herr von Bougainville auf der Kuͤste von Luisiada war, und Capitain Cook in der Endeavour die oͤstliche Kuͤste von Neu-Holland untersuchte, fanden sie alle stuͤrmisches Wetter. Vielleicht ruͤhrt solches von den großen Laͤndern her, welche in dieser Gegend des Oceans liegen; so viel ist wenigstens gewiß, daß, in der Nachbarschaft irgend eines bergigen und großen Landes, sogar die Passat- winde, die im heißen Himmelsstrich unverruͤckt nach einerley Richtung wehen, diese Eigenschaft verlieren, unbestaͤndig und veraͤnderlich werden. Am folgenden Tage klaͤrte sich das Wetter in so weit auf, daß wir’s wa- gen durften, nach der Kuͤste hinzusteuern. Man konnte nunmehro zwo Inseln unterscheiden; es waren die Pfingst- und die Aurora-Insel des Herrn von Bougainville , und wir liefen auf das Nord-Ende der letztern zu. Nachdem wir solchergestalt zween Jahre damit zugebracht hatten, lauter schon entdeckte Inseln aufzusuchen, die mancherley Fehler unsrer Vorgaͤnger zu be- richtigen und alte Irrthuͤmer zu widerlegen; so fiengen wir nun das dritte, mit Un- tersuchung eines Archipelagus von Inseln an, welche der franzoͤsische Seefah- rer, wegen unzulaͤnglicher Ausruͤstung seiner Schiffe und bey gaͤnzlichem Man- gel an Proviant, kaum fluͤchtig hatte ansehen koͤnnen. Diesem letztern Jahr un- srer Reise war das Gluͤck vorbehalten, an neuen Entdeckungen besonders frucht- bar zu seyn, und uns fuͤr die beyden ersteren Jahre zu entschaͤdigen. Zwar durften wir uns, auch in Absicht dieser , nicht beschweren, denn bey den mehresten Laͤndern, die wir bisher besucht, hatten unsere Vorgaͤnger uns noch allerhand neues zu sagen uͤbrig gelassen, und an Menschen und Sitten, als worauf der vornehmste Endzweck eines jeden philosophischen Reisenden vorzuͤglich gerichtet seyn soll, noch immer manches uͤbersehen. Da aber das Neue gemeiniglich am mehresten geschaͤtzt zu werden pflegt; so duͤrfte denn auch die folgende Geschichte von dem letzteren Theil unsrer Reise, in diesem Betracht, die angenehmste und unterhaltendste fuͤr den Leser seyn. Fuͤnf- in den Jahren 1772 bis 1775. Fuͤnftes Hauptstuͤck . In der englischen Urschrift gehet hier ein neuer Abschnitt, nemlich das dritte Buch an, weil wir aber im ersten Theil, pag. 315. diese Ordnung abgeaͤndert haben; so hat sie auch in gegenwaͤrtigem Fall nicht beybehalten werden koͤnnen. A. d. V. Nachricht von unserm Aufenthalt auf Mallicolo und Ent- deckung der neuen Hebridischen-Inseln . A m 18ten Julius, fruͤh um 8 Uhr, hatten wir das Nord-Ende von Au- 1774. Julius. rora-Cyland erreicht, und erblickten bereits allenthalben, selbst auf den hoͤchsten Bergen, eine große Menge von Cocos-Nuß-Palmen . Ueberhaupt war das ganze Land, so viel man des Nebels wegen unterscheiden konnte, durchaus mit Waldung bedeckt, die ein wildes, ungebautes, aber demohner- achtet angenehmes Ansehen hatte. Als sich der Nebel an einer Stelle etwas verzog, ward mein Vater den kleinen felsigten Pik gewahr, den Herr von Bougainville Pic de l’étoile , oder Pic d’ Averdi genannt hat, wir wuß- ten also um desto genauer, in welcher Gegend wir eigentlich waren. Mit Huͤlfe der Fernglaͤser entdeckte man auch Leute auf der Insel Aurora , und hoͤr- ten sie bey unsrer Annaͤherung einander zurufen. Als wir um das Nord-Ende herumgekommen waren, steuerten wir, so weit es der Suͤdwind zulassen wollte, laͤngst der westlichen Kuͤste gen Suͤden herab. Der Sturm dauerte zwar noch immer fort; doch hatten wir auf dieser Seite des Landes den Vortheil, daß we- nigstens die See nicht so unruhig war, weil nach allen Gegenden hin Inseln umher lagen. Gerade vor uns befand sich die Isle des Lepreux des Herrn von Bougainville , und zwischen dieser und Aurora -Eyland lavirten wir, den ganzen Tag uͤber, ab- und zu. Um 4 Uhr Nachmittags, waren wir bis auf anderthalb Meilen an die erstere herangekommen; von den Bergen konnte man, der Wolken halber, nichts sehen, das flache Land hingegen war deutlich zu erkennen, und so viel sich nach diefem urtheilen ließ, schien die Insel ganz fruchtbar zu seyn. Das unmittelbar vor uns liegende Ufer war sehr steil, und die See in dieser Gegend auch so tief, daß wir mit hundert und zwanzig Faden keinen Grund finden konnten; das nord- Forster’s Reise um die Welt 1774. Julius. oͤstliche Ende der Insel war dagegen flach und mit allerhand Baͤumen besetzt. Besonders erblickten wir die Palmen in unzaͤhlbarer Menge, und sahen sie zu unsrer Verwunderung auf den Bergen wachsen, welches uns noch auf keiner an- dern Insel vorgekommen war. Von dem steilen und mit allerhand Ge- straͤuch bewachsnem Ufer, stuͤrzten sich betraͤchtliche Cascaden in die See herab, welches diese Gegend dem romantischen Ufer von Dusky-Bay , ungemein aͤhnlich machte. Auf dem Wasser wurden wir eine schlafende Schildkroͤte gewahr, welche des heftigen Windes ohnerachtet, ganz geruhig fort schlief. Um zwischen der Isle des Lepreux und Aurora-Insel hindurch zu kommen, lavirten wir die ganze Nacht uͤber gen Suͤden, und befanden uns am Morgen um 8 Uhr dicht an der ersteren. In dieser Gegend wagte sich ein einziger Indianer mit seinem klei- nen Canot in See, und bald nachher wurden wir noch drey andere gewahr, die ihr Canot ebenfalls flott machten, um zu uns heran zu kommen. Noch andre sa- ßen auf den Felsen und gafften von dort her das Schiff an. Sie waren zum Theil vom Kopfe bis auf die Brust schwarz gemacht; giengen aber sonst ganz nackend, außer daß sie einen Strick um den Unterleib und etwas Weißes auf dem Kopfe trugen. Nur ein einziger von allen hatte ein Stuͤck Zeug, das, wie ein Ordens- band, von der einen Schulter bis auf die gegenuͤber stehende Huͤfte reichte, und von da, in Gestalt einer Scherffe, um die Lenden geschlagen war. Es schien von weißer Farbe, aber ziemlich schmutzig und mit einem rothen Rande versehen zu seyn. Die Leute selbst waren durchgehends von dunkelbrauner Farbe, mit Bogen und langen Pfeilen bewaffnet. Die in den Canots, ruderten dicht zu uns heran, und redeten eine ganze Weile sehr laut und deutlich, ihre Sprache aber war uns gaͤnzlich unbekannt; wir konnten sie auch nicht naͤher untersuchen, weil die Leute schlechterdings nicht an Bord kommen wollten. Als wir, im Laviren, das Schiff wiederum seewaͤrts wendeten, verließen sie uns und kehrten nach dem Lande zuruͤck. Zwischen den Felsen waren hin und wieder Rohrhuͤrden aufge- stellt, vermuthlich, um darinn auf eben die Art als mit Reusen Fische zu fangen. Mittlerweile kamen wir der Aurora -Insel ganz nahe, und fanden sie uͤberall mit einer herrlich gruͤnenden Waldung bedeckt, auch rings herum mit ei- nem schoͤnen Strande versehen. Eine Menge von Schlingpflanzen hatte sich um die hoͤchsten Staͤmme und von einem Baum nach dem andern hingerankt, so daß in den Jahren 1772 bis 1775. daß die Waͤlder durch natuͤrliche Girlanden und Festons verschoͤnert waren. Auf 1774. Julius. dem Abhange des Huͤgels lag eine umzaͤunte Plantage, und unterhalb derselben stuͤrzte sich schaͤumend ein Wasserfall durch das Gebuͤsch herab. Um 2 Uhr stachen zween Canots in See, kehrten aber alsbald wieder nach der Kuͤste zuruͤck, weil sie sahen, daß wir eben eine Wendung mit dem Schiff mach- ten, um abwaͤrts zu laviren. Die Insel Aurora bestehet, von einem Ende zum andern, aus einem schmalen, von Norden nach Suͤden hin gestreckten, langen Berge, der ziemlich hoch und oberhalb scharf ist. Sie mag ohngefaͤhr 36 Mei- len lang, aber nirgends mehr als 5 Meilen breit seyn; die Mitte derselben liegt unter 15 Grad 6 Secunden suͤdlicher Breite und im 168sten Grade 24 Se- cunden oͤstlicher Laͤnge. Pfingst -Eyland ist auf eben dem Striche, etwa 4 Mei- len weiter gegen Suͤden gelegen, und scheint fast eben so lang, an der noͤrdlichen Ecke, aber noch etwas breiter zu seyn als jenes. Die Mitte dieser Insel befin- det sich in 15 Grad 45 Secunden suͤdlicher Breite und 168 Grad 28 Secun- den oͤstlicher Laͤnge. Die Isle des Lepreux , oder Insel der Aussaͤtzigen , duͤnkte uns von gleicher Groͤße als Aurora -Eyland , jedoch breiter, zu seyn und streckt sich von Osten nach Westen; ihr mittlerer Theil liegt in 15 Grad 20 Se- cunden suͤdlicher Breite und 168 Grad 3 Minuten oͤstlicher Laͤnge. Sowohl auf Pfingst-Eyland , als auf der Isle des Lepreux ist das Land, nach der Seekuͤste hin, ebener als auf den uͤbrigen, weshalb diese beyden Inseln am besten angebauet seyn, und die mehresten Einwohner enthalten koͤnnen. Wir sahen auch wuͤrklich, so bald es dunkel ward, eine Menge von Huͤtten-Feuern auf denselben, und auf Pfingst-Eyland erblickte man deren sogar bis zu den hoͤchsten Berggipfeln hin. Aus diesem letztern Umstande folgre ich, daß die Einwohner groͤßtentheils vom Ackerbau leben, mit der Fischerey hingegen sich nicht viel abgeben muͤssen, wie sie denn auch nur wenig Canots und, der steilen Kuͤ- sten wegen, vermuthlich auch nicht oft Gelegenheit haben, etwas zu fangen. Die Insel, welche in des Herrn von Bougainville Charte suͤdwaͤrts von Pfingst-Eyland angegeben ist, kam uns am folgenden Morgen zu Gesicht, war aber so sehr in Wolken verhuͤllet, daß sich weder ihre Gestalt, noch Hoͤhe unterscheiden ließ. Diesen ganzen Tag uͤber mußten wir gegen den Wind ar- beiten, doch hatte der Sturm nun schon etwas nachgelassen. Forster’s Reise u. d. W. zweyter Th. X Forster’s Reise um die Welt 1774. Julius. Am naͤchsten Morgen war das Wetter wiederum gelind und hell, daher wir des Herrn von Bougainville suͤdlichste Insel sehr deutlich sehen konnten. Zwischen dieser und dem suͤdlichen Ende von Pfingst-Eyland ist eine Durch- fahrt, ohngefaͤhr sechs Meilen breit, vorhanden. Von der suͤdlichen Insel laͤuft eine lange, flache Landspitze gegen Osten in die See hinaus; die noͤrdliche Kuͤste hingegen ist unmittelbar am Meere sehr steil, doch dehnt sie sich obenher ganz sanft und allmaͤhlig gegen die Landeinwaͤrts gelegenen Berge hin. Unter den Wolken, womit die Gipfel derselben eingehuͤllet waren, bemerkten wir einige dickere Massen, die aus Rauch zu bestehen, und von einem brennenden Berge herzukommen schie- nen. Diese Insel ist ohngefaͤhr sieben See-Meilen lang; die Mitte derselben liegt in 16°. 15'. Suͤder-Breite, und in 168°. 20'. Oestlicher Laͤnge. Noch desselben Tages entdeckten wir, auch gegen Westen hin, Land, wel- ches der Lage nach, die suͤdwestlichste derer vom Herrn von Bougainville all- hier aufgefundenen Inseln zu seyn schien. Der Anblick so vieler und mannigfal- tiger neuen Eylande war uns sehr erfreulich, und wir steuerten mit der groͤßten Begierde darnach hin. Als wir das nordwestliche Ende jener Insel, auf der wir einen Volcan vermutheten, erreicht hatten, blieb uns uͤber die Richtigkeit dieser Meynung gar kein Zweifel uͤbrig, denn nunmehro konnte man von dem Gipfel eines tief im Lande gelegenen Berges, ganz deutlich, weiße Dampfsaͤulen mit Ungestuͤm in die Hoͤhe steigen sehen. Die suͤdwestliche Kuͤste dieser In- sel bestand aus einer großen flachen Ebne, auf welcher zwischen den Baͤumen, die wir seit unsrer Abreise von Tahiti nirgends so schoͤn gefunden hatten, unzaͤh- lige Huͤtten-Feuer hervorblinkten. Das war ein doppelter Beweis von der Fruchtbarkeit und der ansehnlichen Bevoͤlkerung dieses Landes. Nachdem wir das West-Ende desselben paßirt hatten, kamen gegen Suͤd-Osten wiederum zwo andre Inseln zum Vorschein. Die eine davon bestand aus einem sehr ho- hen Berge, der ebenfalls einem Volcane gleich sahe; und weit gegen Suͤden hin, zeigte sich noch eine andre Insel mit drey hohen Bergen. Das westliche Land, auf welches wir zuseegelten, war eben so schoͤn, als dasjenige, welches wir jetzt hinter uns liessen. Die Waͤlder prangten mit dem vortreflichsten Gruͤn, und Cocos-Palmen zeigten sich uͤberall in großer Menge. Die Berge lagen ziemlich tief im Lande, daher es zwischen denselben und dem Ufer flache Eb- in den Jahren 1772 bis 1775. nen gab, die mit Waldung reichlich bedeckt und an der See mit einem schoͤnen 1774. Julius. Strande umgeben waren. Gegen Mittag kamen wir der Kuͤste ziemlich nahe, und sahen, daß viel Indianer bis mitten an den Leib ins Wasser wadeten. Zween derselben hatten, der eine ein Speer, der andre Bogen und Pfeil in den Haͤnden; die uͤbrigen waren alle mit Keulen bewaffnet. Doch winkten sie uns, dieses kriegerischen Aufzuges ohnerachtet, mit gruͤnen Zweigen, welche durchgehends fuͤr Friedenszeichen angesehen werden. Allein, wider ihre Erwar- tung und vielleicht auch wider ihre Wuͤnsche, mußten wir in diesem Augenblick, des Lavirens wegen, umlenken. Nach Tische machten wir endlich zum Landen An- stalt, und schickten zu dem Ende zween Boote ab, um einen Haven zu sondiren, den wir vom Schiffe aus bemerkt hatten. Auf dem Suͤd-Ende dieser kleinen Bay, die durch einen Corall-Rief gedeckt ist, waren etliche hundert Indianer versammelt. Einige derselben kamen in ihren Canots unsern voraufgeschickten Booten entgegen; bis an das Schiff aber getrauten sie sich nicht, weil es noch weit in See war. Endlich gab man uns von den Booten aus durch Zeichen zu erkennen, daß innerhalb der Bay guter Anker-Grund vorhanden sey; wir liefen also, ihrer Anweisung gemaͤß, in einen engen Haven ein, der beym Eingang Corallen-Riefe hatte und tief ins Land hinein zu reichen schien. Darauf kamen unsre Lootsen an Bord zuruͤck, und der Officier berich- tete, die Indianer waͤren in ihren Canots dicht an das Boot herangekommen, ohne die geringste boͤse Absicht blicken zu lassen; vielmehr haͤtten sie mit gruͤnen Zwei- gen gewinkt, in der hohlen Hand Wasser aus der See geschoͤpft und sich’s aufs die Koͤpfe gegossen, und weil der Officier diese Ceremonie fuͤr ein Freundschafts- Zeichen angesehen; so habe er solche in gleicher Maaße erwiedert, woruͤber sie sehr zufrieden geschienen. So bald wir in die Bay eingelaufen waren, naͤherten sie sich dem Schiff und winkten uns mit gruͤnen Zweigen, vornemlich von der Dracæna ternuna- lis, und einem schoͤnen Croton variegatum . Dabey wiederholten sie ohne Unterlaß das Wort, Tomarr oder Tomarro, welches mit dem Tahitischen Tayo, oder Freund, vermuthlich einerley Bedeutung haben mogte. Bey alle dem, waren sie aber doch groͤßtentheils mit Bogen und Pfeilen, einige auch mit Speeren bewaffnet, und schienen folglich auf beydes, auf Krieg und Frieden X 2 Forster’s Reise um die Welt 1774. Julius. vorbereitet zu seyn. Als sie uns nahe genug waren, ließen wir ihnen ein Paar Stuͤcke Tahitisches Zeug herab, welches sie uͤberaus begierig annahmen, aber auch sogleich etliche Pfeile zum Gegengeschenk ins Schiff reichten. Die erstern hatten nur hoͤlzerne Spitzen, bald hernach aber gaben sie uns auch einige, die mit Knochen zu- gespitzt und mit einer schwarzen, Gummi-aͤhnlichen Materie beschmieret waren, welche wir fuͤr eine Art von Gift ansahen. Um Gewißheit daruͤber zu bekom- men, brachten wir einem jungen tahitischen Hunde mit einem solchen Pfeile am Schenkel eine Wunde bey; es erfolgten aber keine gefaͤhrlichen Zufaͤlle darnach. Die Sprache dieses Volkes war von allen uns bekannten Suͤd-See- Dialecten dermaßen unterschieden, daß wir auch nicht ein einziges Wort davon verstehen konnten. Sie lautete ungleich haͤrter, indem das R. S. Ch. und an- dere Consonanten sehr haͤufig darinn vorkamen. Auch der coͤrperlichen Bil- dung nach, fanden wir diese Leute ganz eigenthuͤmlich ausgezeichnet. Sie wa- ren von außerordentlich schlaukem Wuchs, nicht leicht uͤber 5 Fuß 4 Zoll groß, und den Gliedmaaßen fehlte es an Ebenmaaß. Arme und Beine waren gemei- niglich lang und sehr duͤnn, die Farbe der Haut schwarzbraun und die Haare ebenfalls schwarz und woll-artig gekraͤuselt. Das allersonderbarste lag in der Gesichtsbildung. Sie hatten, gleich den Negers, flache, breite Nasen und hervorstehende Backenknochen; dabey eine kurze Stirn, die zuweilen seltsam gestaltet war und platter als bey andern wohlgebildeten Menschen zu seyn schien. Hiezu kam noch, daß sich manche das Gesicht und die Brust schwarz gefaͤrbt hatten, welches sie denn um ein gutes Theil haͤßlicher machte. Einige wenige trugen kleine, aus Matten verfertigte Muͤtzen auf dem Kopfe; sonst aber giengen sie insgesammt gaͤnzlich nackend. Ein Strick war das einzige, was sie um den Unterleib gebunden hatten, und zwar so fest, daß er einen tiefen Ein- schnitt machte. Fast alle andre Voͤlker haben aus einem Gefuͤhl von Schaam- haftigkeit, zur Bedeckung des Coͤrpers, Kleidungen erfunden; hier aber waren die Geschlechtstheile der Maͤnner blos mit Zeug umwickelt, und so, in ihrer natuͤrlichen Form, aufwaͤrts an den Strick oder Guͤrtel festgebunden, mithin nicht sowohl verhuͤllt, als vielmehr sichtbar gemacht, und zwar, nach unsern Begriffen, in einer hoͤchst unanstaͤndigen Lage sichtbar gemacht. in den Jahren 1772 bis 1775. Seit unserer Ankunft im Haven, hatten die Indianer das Schiff von 1774. Julius. allen Seiten umringt, und schwatzten so lebhaft und aufgeraͤumt untereinander, daß es eine Frende war. Kaum sahen wir einem ins Gesicht, so plauderte er uns ohne Ende und Aufhoͤren etwas vor, fletschte auch wohl, aus Freundlich- keit, obgleich nicht viel besser als Miltons Tod, die Zaͤhne dazu. Dieser Um- stand, nebst ihrer schlanken Gestalt, Haͤßlichkeit und schwarzen Farbe, machte, daß sie uns beynahe als ein Affen-Geschlecht vorkamen. Doch sollte es mir herzlich leid thun, Herrn Rousseau und den seichten Koͤpfen die ihm nachbe- ten, durch diesen Gedanken auch nur einen Schattengrund fuͤr sein Orang- Outang-System angegeben zu haben; ich halte vielmehr den Mann fuͤr beklagens- werth, der sich und seine Verstandes-Kraͤfte so sehr vergessen und sich selbst bis zu den Pavianen herabsetzen konnte. Als es dunkel wurde, kehrten die Indianer nach dem Lande zuruͤck, und zuͤndeten daselbst eine Menge von Feuern an, neben welchen man sie noch im- mer, so laut als zuvor, fortschwatzen hoͤrte. Es war auch als ob sie des Redens gar nicht satt werden koͤnnten, denn am spaͤten Abend kamen sie in ihren Canots mit brennenden Feuerbraͤnden schon wieder ans Schiff, um sich von neuem mit uns ins Gespraͤch einzulassen. Ihrer Seits fehlte es dazu freylich nicht an Worten und gutem Willen; desto mißlicher aber sahe es bey uns mit den Antworten aus. Der Abend war indessen sehr schoͤn und windstill, auch blickte der Mond zuweilen aus den Wolken hervor. Da sie nun fanden, daß wir nicht so schwatzhaft wa- ren, als sie selbst, so bothen sie ihre Pfeile und andre Kleinigkeiten zum Ver- kauf aus; allein der Capitain befahl, daß, um ihrer los zu werden, platterdings nichts eingekauft werden sollte. Es war uns ganz etwas ungewoͤhnliches und neues, so spaͤt noch einen Indianer munter und auf dem Wasser zu sehen. Unterschiedne von uns meynten, daß sie bey diesem naͤchtlichen Besuch nur ausforschen wollten, ob wir auf unsrer Hut waͤren: Gleichwohl hatten sie durch ihr bisheriges Betragen zu einem solchen Verdacht gar nicht Anlaß gegeben. Als sie endlich merkten, daß wir eben so wenig zum Handel als zum Schwatzen auf- gelegt waren; so giengen sie gegen Mitternacht wieder ans Land, jedoch nicht der Ruhe wegen, denn man hoͤrte sie die ganze Nacht uͤber singen und trommmeln X 3 Forster’s Reise um die Welt 1774. Julius. und bisweilen tanzten sie auch dazu. Beweise genug, wie sehr sie von Natur zur Froͤhlichkeit und zum Vergnuͤgen aufgelegt sind. Am folgenden Morgen hatten wir eben so wenig Ruhe vor ihnen; schon bey Anbruch des Tages kamen sie in ihren Canots herbey, fiengen an uns zuzu- rufen, und ließen, mit uͤberlautem Geschrey, das Wort Tomarr! einmal nach dem andern erschallen. Vier oder fuͤnfe von ihnen wagten sich ganz unbewaff- net aufs Schiff und giengen darinn uͤberall dreist und unbesorgt herum, stie- gen auch mit der groͤßten Hurtigkeit in dem stehenden Tauwerk bis zum obersten Mastkorb hinauf. Als sie wieder herunter kamen fuͤhrte sie der Capitain in seine Cajuͤtte, und schenkte ihnen Medaillen, Baͤnder, Naͤgel, und Stuͤcken von rothem Boy. Hier lernten wir sie als das verstaͤndigste und gescheuteste Volk kennen, das wir noch bis jetzt in der Suͤd-See angetroffen hatten. Sie begriffen unsre Zeichen und Gebehrden so schnell und richtig, als ob sie schon wer weiß wie lange mit uns umgegangen waͤren; und in Zeit von etlichen Minuten lehrten auch sie uns eine Menge Woͤrter aus ihrer Sprache verste- hen. Diese war, wie wir gleich anfaͤnglich vermuthet hatten, von der allgemeinen Sprache, welche auf den Societaͤts-Inseln , auf den Marquesas , den freundschaftli- chen Inseln , den niedrigen Eylanden, auf Oster-Eyland und Neu-Seeland durch- gehends, ob schon nach verschiednen Mundarten, uͤblich ist, ganz und gar verschie- den. Der sonderbarste Laut der darinn vorkam, bestand in einer gleichsam wirbelu- den Aussprache der Mitlauter Brrr , welche sie mit den Lippen hervorbrachten. So hieß z. E. einer unsrer Indianischen Freunde Mambrrum, und der andre Bonombrrua ï . Wenn sie uͤber irgend etwas ihre Verwundrung ausdrucken woll- ten, so gaben sie einen zischenden Laut von sich, dergleichen wohl die Gaͤnse hoͤren lassen, wenn sie boͤse gemacht werden. Diese Bernerkung gehoͤrt dem Capitain Cook zu, aus dessen Reisebeschrelbung ich sie hier entlehne. Was sie nur sahen, das wuͤnschten sie auch zu haben, doch ließen sie sich eine abschlaͤgige Antwort nicht verdrießen. Die kleinen Spiegel, welche wir ihnen schenkten, gefielen ihnen vorzuͤglich; sie fanden viel Vergnuͤgen daran sich selbst zu begaffen, und verriethen also, bey aller ihrer Haͤßlichkeit, vielleicht noch mehr Eigenduͤnkel als die schoͤneren Na- tionen auf Tahiti und den Societaͤts -Inseln . Sie hatten Loͤcher in den in den Jahren 1772 bis 1775. Ohrlappen und in dem Nasenknorpel, ( septum narium ) durch welche sie, zur Zier- 1774. Julius. rath, ein Stuͤck von einem duͤnnen Stock, oder auch zwey kleine Stuͤcke von weis- sen Selenit oder Alabaster gesteckt hatten, die in Form eines stumpfen Winkels zusammengebunden waren. Dieser Schmuck ist auf nebenstehender Platte Fig. 1. abgebildet. Am Obertheil des Arms trugen sie, von aufgereiheten kleinen Stuͤcken schwarz und weißer Muscheln, artig zusammengeflochtne Armbaͤnder, die so fest anschlossen, daß sie schon in der Kindheit mußten angelegt worden seyn, denn jetzo haͤtte man sie unmoͤglich uͤber die Ellenbogen abstreifen koͤnnen. Ihre Haut war weich und glatt, von rußigter oder schwarzbrauner Farbe, und ward im Gesicht durch ein schwarzes Geschmier noch dunkler gemacht. Das Haar war gekraͤuselt und wolligt, aber nicht sein anzufuͤhlen; der Bart stark und da- bey gekraͤuselt aber nicht wolligt; Puncturen hatten sie gar nicht auf dem Leibe, auch wuͤrde man sie, bey der schwarzen Farbe ihrer Haut, in einer gewis- sen Entfernung gar nicht bemerkt haben. Herr Hodges nahm die Gelegenheit wahr, verschiedene Portraͤts von diesen Leuten zu zeichnen, und eins derselben ist zum Behuf von Capitain Cooks Reisebeschreibung in Kupfer gestochen. Das Characteristische in der Gesichtsbildung dieser Nation ist darinn uͤberaus gut ge- troffen, nur Schade daß ein Fehler in der Zeichnung es nothwendig gemacht hat, dem hiesigen Costume zuwider, uͤber die Schulter eine Drapperie anzulegen, da doch diese Leute von gar keiner Kleidung wissen. Sie liessen sich leicht bere- den, still zu sitzen, wenn Herr Hodges Lust hatte sie abzuzeichnen, und schie- nen auch zu begreifen, was die Abbildungen vorstellen sollten. Wir waren in voller Unterredung, und die guten Leute dem Ansehen nach aͤußerst vergnuͤgt, als der erste Lieutenant in die Cajuͤtte trat und dem Capitain berichtete, daß einer von den Indianern verlangt habe, ins Schiff gelassen zu werden; daß es ihm aber verweigert worden, weil es schon gedraͤngt voll gewesen. Der Indianer habe darauf seinen Pfeil gegen den Matrosen gerichtet, der, vom Boote aus, das Canot zuruͤckgestoßen. Ob die anwesenden Insulaner aus des Lieutenants und aus unsern Mienen den Inhalt seines Anbringens er- rathen, oder, ob sie durch ein einzelnes Wort ihrer Kameraden außerhalb dem Schiff, gewarnt werden mochten? will ich nicht entscheiden: Genug, der Lieu- tenant hatte noch nicht ausgeredet, als einer von den Indianern schon aus dem Forster’s Reise um die Welt 1774. Julius. offenstehenden Cajuͤtten-Fenster hinaussprang, und nach seinem aufgebrachten Landsmann hinschwamm, um ihn zu besaͤnftigen. Der Capitain gieng unter- dessen mit einer geladenen Flinte aufs Verdeck und schlug auf den Indianer an, der wider Willen seiner Landsleute immer noch fortfuhr nach dem Matrosen zu zielen. So bald der Kerl bemerkte, daß der Capitain ihm eines beybringen wollte, richtete er seinen Pfeil auf diesen. Nun riefen die Indianer, die sich um das Schiff her befanden, denen in der Cajuͤtte zu, und da diese von der Widersetzlich- keit ihres Landsmannes die schlimmsten Folgen besorgen mogten, so stuͤrzten sie sich, einer nach dem andern, zum Cajuͤttenfenster heraus, ohnerachtet wir alles anwandten, ihre Besorgnisse zu stillen. Mittlerweile hoͤrten wir einen Flin- tenschuß losgehen und eilten deshalb aufs Verdeck. Der Capitain hatte den Kerl eine Ladung Hagel abgefeuert, und ihn mit etlichen Koͤrnern getroffen. Dieser ließ sich da- durch nicht abschrecken, sondern legte seinen Pfeil, der nur eine hoͤlzerne Spitze hatte, ganz bedaͤchtlich auf die Seite, und suchte dagegen einen andern hervor, der vergiftet zu seyn schien. So bald er mit diesem von neuem zu zielen anfieng, schoß ihm der dritte Lieutnant das Gesicht voll Hagel, worauf er mit einmal alle Lust verlohr, weiter zu fechten, und hurtig ans Land zuruͤck ruderte. An seiner statt schoß ein andrer Indianer, von jener Seite des Schiffes, einen Pfeil aufs Verdeck, der im Tauwerk des mittelsten Mastes stecken blieb. Auf diesen feuerte man eine Kugel ab, die jedoch zum Gluͤck nicht traf. Nunmehro ruderten alle Canots nach und nach ans Land, und die Indianer die noch an Bord waren, stuͤrzten sich in die See, um in der Flucht ihr Heil zu suchen. Einer besonders, der sich eben auf dem Mastkorb befand, und gewiß nichts weniger als einen solchen Lerm besorgte, kam beym Abfeuern der beyden Schuͤsse hoͤchst erschrocken und mit unbeschreiblicher Geschwindigkeit vom Mast herunter. Um ihr Schrecken zu vergroͤßern und von unserer Gewalt eine Probe zu geben, ward eine Canonenkugel uͤber sie weg und zwischen die Baͤume nach dem Lande hin, gefeuert, welches ihre Flucht vollends beschleunigte. Die uns am naͤchsten waren, sprangen vor Angst aus den Canots in die See, und alle retteten sich in der groͤßten Verwirrung nach dem Ufer. Kaum hatten sie dasselbe ereicht, so hoͤrte man in unterschiednen Gegenden Lermtrommeln, und sahe die armen Schelme theils hin und her laufen, theils unter dem Buschwerk truppweise beysammen hucken, ohne in den Jahren 1772 bis 1775. ohne Zweifel um Rath zu halten, was bey so critischen Zeitlaͤuften zu thun sey? 1774. Julius. Wir unsers Theils setzten uns indessen ganz ruhig zum Fruͤhstuͤck nieder. Um 9. Uhr ließen sich wiederum einige Canots sehen; sie ruderten rund um das Schiff her, thaten aber noch sehr schuͤchtern und besorgt. Wir winkten ihnen daher mit einem Zweige der dracaena terminalis, den sie selbst uns gestern als ein Friedenszeichen uͤberreicht hatten. Sobald sie dies gewahr wurden, tauchten sie ihre Haͤnde in die See, legten sie alsdenn auf die Koͤpfe und kamen naͤher heran, um einige Geschenke in Empfang zu nehmen, die ih- nen der Capitain aus dem Schiff herab ließ, und womit sie sich ans Land zuruͤck- begaben. Wir folgten ihnen in zweyen von unsern Booten, darinn der Capi- tain, mein Vater, der Dr. Sparrmann , ich und noch einige andere, nebst einem Detaschement von See-Soldaten befindlich waren. Ohngefaͤhr 30. Schrit- te weit vor dem Ufer lief ein Rief laͤngst der Kuͤste hin, innerhalb dessen das Wasser so seichte ward, daß wir aussteigen und bis an den Strand waden mußten. Unsere See-Soldaten formirten sich daselbst im Angesicht von wenigstens 300. Indianern, die zwar alle bewaffnet waren, sich aber ganz friedfertig und freundlich gegen uns bezeugten. Ein Mann von mittlerm Alter, der von groͤßerer Sta- tur als die uͤbrigen, und dem Ansehen nach ein Befehlshaber war, gab seinen Bogen und Koͤcher einem andern in Verwahrung, kam sodann unbewafnet an den Strand herab, und reichte uns zum Zeichen der Freundschaft und Aussoͤh- nung, die Hand. Darauf ließ er ein Ferken herbey bringen, und uͤberreichte es dem Capitain zum Geschenk, vielleicht um das Vergehen seines Landsman- nes dadurch wieder gut zu machen; vielleicht aber auch, um die Erneuerung des Friedens zu bestaͤtigen. Dieser Auftritt ist von Herrn Hodges gezeichnet und zu Capitain Cooks Reise sehr schoͤn in Kupfer gestochen. Nach Endigung dieses Geschaͤfts, gaben wir ihnen zu verstehen, daß es uns an Brennholz fehle. Diesem Mangel abzuhelfen, wiesen sie uns dicht am Strande einige Baͤume an, die wir auch gleich auf der Stelle umhauen und in Stuͤcken saͤgen ließen. Der Strand war in dieser Gegend nicht uͤber 15 Schritte breit; daher wir uns, im Fall eines Angriffs, in einer sehr gefaͤhrlichen Lage wuͤrden befunden haben. Um also einigermaßen gedeckt zu seyn, ließ der Capitain eine Linie vor der Fronte ziehen, und den Indianern andeuten, daß sie jenseits derselben bleiben Forster’s Reise u. d. W. zweyter Th. Y Forster’s Reise um die Welt 1774. Julius. muͤßten. Dies beobachteten sie genau; doch vermehrte sich ihre Anzahl von allen Seiten. Ein jeder fuͤhrte einen gespannten Bogen bey sich, der aus dunkelbraunem Holz, zaͤher und schoͤner als Mahogany , verfertigt war. (S. pag. 167. Fig. 2.) Die Pfeile steckten in runden, von Blaͤttern geflochtenen Koͤchern, und bestan- den aus zween Fuß langen Rohrstaͤben, die mehrentheils mit einer zwoͤlf Zoll langen Spitze von Ebenholz , oder einem aͤhnlichen, glaͤnzeud, schwarzen und sproͤ- den Holz versehen waren. Andre, hatten eine kuͤrzere, nur zween bis drey Zoll lange, aber von Knochen verfertigte Spitze, die vermittelst einer Spalte in das Rohr eingefuͤgt war, und ausserhalb durch umgewickelte Cocos-Fasern festgehalten ward. Da die Faden durchaus kreuzweis uͤber einander wegliefen, so machten die Zwi- schenraͤume lauter kleine verschobene Vierecke aus, und diese hatten sie bunt- farbig, wechselsweise mit rother, gruͤner und weißer Oker-Erde ausgefuͤllt. Die knoͤchernen Spitzen waren sehr scharf, und mit einer schwarzen harzichten Substanz, als mit einem Firniß, uͤberzogen. (Auf eben dieser Platte Fig. 3 und 4.) In gutem Zutrauen auf das neugeschloßne Friedensbuͤndniß, wagten wir uns jenseit der gezogenen Graͤnzlinie, mitten unter die Wilden. Bey ihrer angebohrnen Neigung zum Plaudern, geriethen wir gleich ins Gespraͤch mit ein- ander und ließen nus in ihrer Sprache Unterricht geben. Sie wunderten sich, daß wir die Woͤrter so schnell ins Gedaͤchtniß faßten, und schienen eine Weile nachzudenken, wie es zugehen moͤgte, daß man den Klang der Worte durch Bleystift und Papier ausdruͤcken koͤnne. So emsig sie einer Seits waren, uns ihre Sprache zu lehren; so neugierig waren sie anderer Seits auch, etwas von der unsrigen zu lernen, und sprachen alles was wir ihnen davon vorsagten, mit bewundrungswuͤrdiger Fertigkeit ganz genau nach. Um die Biegsamkeit ihrer Organe noch mehr auf die Probe zu setzen; versuchten wirs, ihnen die schwer- sten Toͤne aus allen uns bekannten europaͤischen Sprachen, z. B. das zusam- mengesetzte rußische schtsch anzugeben; aber auch da blieben sie nicht stecken, sondern sprachen es, gleich aufs erstemal, ohne Muͤhe und ohne Fehl nach. Kaum hatten wir ihnen die Namen unsrer Zahlen vorgesagt, als sie solche sehr schnell an den Fingern wiederholten; kurz: was ihnen an coͤrperlichen Vorzuͤgen abgieng, wurde durch ihren Scharfsinn voͤllig ersetzt. Wir wuͤnschten verschie- dene von ihren Waffen einzukaufen, fanden sie aber nicht geneigt uns welche in den Jahren 1772 bis 1775. abzulassen; doch hoͤrten alle ihre Bedenklichkeiten auf, sobald wir ihnen 1774. Julius. Schnupftuͤcher, Stuͤcken tahitischen Zeuges, oder englischen Frieses dafuͤr an- bothen. Gegen diese Waaren, die in ihren Augen sehr viel werth seyn muß- ten, vertauschten sie bald die gewoͤhnlichen und endlich auch die vergifteten Pfeile, warnten uns aber, die Spitzen dieser letzteren ja nicht an den Fingern zu probi- ren, indem die geringste Verwundung mit denselben toͤdtlich sey; dahingegen man mit den andern allenfalls durch den Arm geschossen werden koͤnne, ohne in Lebensgefahr zu gerathen. Wenn wir, dieser Warnung ohnerachtet, Mine mach- ten, die Spitzen zu betasten, und mit dem Finger zu untersuchen, ob sie scharf waͤren; so zogen sie uns aus gutherziger Besorglichkeit allemal den Arm zuruͤck, als ob sie uns von einer unausbleiblichen Gefahr retten muͤßten. Außer den Bogen und Pfeilen hatten sie auch Keulen von Casuarina-Holz , an einem dicken, aus Gras zusammengedrehten Strick, uͤber die rechte Schulter haͤngen. (Man sehe auf der vorhergebenden Platte die Figur 5. nach). Diese waren, so wie alle ihre hoͤlzerne Geraͤthschaften, sehr sauber gearbeitet und schoͤn geglaͤttet, am untersten Ende gemeiniglich knotigt, aber nicht uͤber drittehalb Fus lang, da- her sie woͤhl nur erst beym wuͤrklichen Handgemenge, wenn die Pfeile gaͤnzlich verschossen sind, moͤgen gebraucht werden. An der linken Hand trugen sie ein rundgeschnittnes Stuͤckchen von einem Brett, das mit Stroh artig uͤberzogen und auf dem Knoͤchel fest gebunden war. Dieses hatte ohngefaͤhr 5 Zoll im Durchmesser und diente dazu, die Hand, beym Abschießen des Pfeils, vor dem Schlage der zuruͤckschnellenden Bogensehne zu schuͤtzen. Diese hoͤlzerne Manschette, wie ichs nennen moͤgte, und die wenigen Zierrathen, deren ich vorher schon gedacht habe, als die Armbaͤnder von Muschelschaalen, der Stein, den sie durch den Nasenknorpel stecken, und die Muschelschaale, welche sie auf der Brust tragen; waren ihnen, fuͤr diesmal, zum vertauschen noch zu schaͤtzbar. Ohnweit dem Strande, wo unsre Leute Holz faͤlleten, gab es keine neue Pflanzen; die innern Gegenden des Landes schienen aber desto mehrere zu versprechen, denn da sahe die Insel uͤberall wie ein einziger großer Wald aus. Dr. Sparrmann und ich entdeckten einen Fussteig, vermittelst dessen man, unter Beguͤnstigung einiger Buͤsche, ziemlich unbemerkt dahin kommen konn e . Y 2 Forster’s Reise um die Welt 1774. Julius. Wir machten uns also auf, und fanden innerhalb der ersten 20 Schritte schon zwo schoͤne neue Pflanzen, hatten aber diese botanische Ausbeute kaum in Sicherheit gebracht, als einige Indianer den Wald herab kamen, und uns durch wiederholte Zeichen zu verstehen gaben, daß wir nach dem Strande zuruͤck- kehren moͤgten. Wir zeigten ihnen die abgepfluͤckten Pflanzen, und gaben durch Gebehrden so gut als moͤglich zu verstehen, daß wir blos nach Kraͤutern suchten. Damit war aber nichts ausgerichtet. Sie fuhren fort, uns aus dem Walde wegzuweisen, und also mußten wir, zu Vermeidung aller Ungelegenheit, ge- raden Weges umkehren. In dieser Gegend des Waldes standen die Baͤume noch sehr dicht und waren mit niedrigem Gestraͤuch durchwachsen, aber wei- ter hin schien der Wald heller zu werden, und eine Plantage oder Wohnung dar- inn angelegt zu seyn, zumal da auch Stimmen von Weibern und Kindern von dort her schalleten. Es that uns deshalb doppelt leid, daß wir zu so ungelegner Zeit waren entdeckt worden. Unter den Baͤumen des Waldes fanden wir keine neue Arten; von dem sogenannten Unterholz aber schien manche Gattung noch unbe- kannt zu seyn. Daß es Cocos-Palmen, Pisangs, Brodtfrucht - und an- dere schaͤtzbare Baͤume allhier gebe, hatten wir schon vom Schiffe aus bemerkt, auch die Namen, welche sie in der Landessprache fuͤhren, bereits erfahren. Waͤhrend unsrer kurzen Abwesenheit hatte Capitain Cook von dem ver- meynten Befehlshaber frisches Wasser verlangt, und auf dessen Veranstaltung auch sogleich eine Calebasse voll bekommen. Es war sehr hell und rein und ward dem Capitain nebst einer Cocosnus uͤberreichet. Aber, mehr als diese kleine Por- tion, war auch, alles Forderns ohnerachtet, nicht zu erlangen. Einige dieser In- sulaner hatten kleine Buͤndel von einem gewissen Kraut am Arme haͤngen, das zu dem neuen Geschlecht Evodia Siehe Forsteri Characteres generum plantarum novorum, in insulis maris australis nuperrime detectorum, c. 76. tabb. æneis, 4. maj. Londini \& Berolini apud Haude \& Spener. 8 Rthlr. gehoͤrt und wohlriechende Bluͤthen traͤgt. Um diese Pflanze zu untersuchen, nahmen wir einigen die Buͤndel vom Ar- me, welches sie auch zum Theil unweigerlich geschehen ließen; andre hingegen rissen sie uns wieder aus den Haͤnden, und warfen sie mit einem unwilligen Blick von sich, als ob etwas verdaͤchtiges oder uͤbelbedeutendes dahinter stecke. Wir in den Jahren 1772 bis 1775. hatten die Saamenkoͤrner davon oft gekostet, und von angenehm aromatischem 1774. Julius. Geschmack befunden, auch nie Ungelegenheit davon verspuͤrt, so daß diese Pflanze ohnmoͤglich giftig, noch sonst der Gesundheit nachtheilig seyn konnte. War- um sie uns also von verschiedenen Indianern mit solchem Ungestuͤm wieder aus den Haͤnden gerissen wurde? ist nicht leicht zu begreifen, dafern dieses Kraut nicht etwa auf eben die Art fuͤr ein Zeichen der Feindschaft oder der Herausforderung angesehen wird, als man gewisse andere Pflanzen fuͤr Freund- schafts- und Friedens-Zeichen gelten laͤßt. Mittlerweile war die Ebbezeit eingefallen und das Wasser so weit vom Ufer zuruͤckgetreten, daß man trocknes Fußes bis nach dem Riefe hinkommen konnte, woselbst die Indianer, des Handels wegen, haufenweise um unsre Boote herstanden. Wir fanden uns also gewissermaaßen eingeschlossen und ließen deshalb einen Theil der Seesoldaten gegen das Land, den anderen Theil aber gegen die See, Fronte machen, wenn gleich die Einwohner eben keine keind- selige Absichten gegen uns zu haben schienen. Wir fuhren auch ganz unbesorgt in un- srer Unterredung fort; und sie ihrer Seits plauderten ebenfalls unablaͤßig mit einander, so daß es um uns her so laut war als auf dem groͤßten volkreichsten Jahrmarkt. Aber mit einemmale hoͤrte dies laute Gemurmel auf und verwan- delte sich in eine todte Stille. Wir blickten einander voll Bestuͤrzung an, sahen aͤngstlich umher und schlossen uns, vorsichtshalber, an die Soldaten. Die Wilden waren in nicht minderer Verlegenheit, und schienen, so gut als wir, ein Ungluͤck zu besorgen; da sie aber sahen, daß wir uns ganz ruhig verhielten, so fiengen sie wieder an zu plaudern und in wenig Minuten war von beyden Seiten alle Besorgniß verschwunden. Der geringfuͤgige Umstand, der diese bedenkliche Stille veranlaßt hatte, gab zu gleicher Zeit einen redenden Beweis, wie gut diese Leute gegen uns gesinnet waren. Es hatte nemlich ein Matrose von einem Indianer verlangt, daß er einen Pfeil, so hoch als moͤglich in die Luft schießen moͤgte. Dieser war auch gleich dazu erboͤtig, und spannte schon den Bogen, als unterschiedne seiner Landsleute, aus Furcht, daß wir die Absicht dieses Schusses mißdeuten moͤgten, ihn inne zu halten baten, und zugleich den Rest der Versammlung durch einen lauten Ausruf warnten, auf guter Hut zu seyn. Dadurch entstand ploͤtzlich jene allgemeine Stille, und uͤberhaupt eine Scene, Y 3 Forster’s Reise um die Welt 1774. Julius. die so wohl dem Dichter als dem Mahler zu einer treflichen Zeichnung haͤtte Stoff geben koͤnnen. Die aͤngstliche Erwartung die auf allen Gesichtern schwebte, wilde argwoͤhnische Blicke, finstre drohende Minen, hie und da ein heldenmaͤßig-fun- kelndes Auge; eine unendliche Mannigfaltigkeit von Stellungen; die characte- ristische Verschiedenheit in den Anstalten die ein jeder mit seinen Waffen vor- nahm; die Landschaft an und fuͤr sich; die unterschiednen Gruppen von India- nern — kurz, alles vereinigte sich, ein trefliches historisches Gemaͤhlde auszu- machen. So bald dieser Laͤrm voruͤber war, giengen unsre Holzhauer wieder an die Arbeit, und wurden, ihrer Geschicklichkeit wegen, von den Indianern gar sehr bewundert. Es kamen auch einige Weiber zum Vorschein; hielten sich aber noch immer in einiger Entfernung von der abgesteckten Graͤnzlinie. Sie wa- ren von kleiner Statur und dabey von der unangenehmsten Bildung, die uns nur je in der Suͤdsee vorgekommen. Die erwachsenern, welches vermuthlich Ver- heirathete seyn mogten, hatten kurze Stuͤcken von Zeug oder Mattenwerk, die von den Huͤften bis auf die Knie reichten. Die andern trugen bloß eine Schnur um den Leib, daran ein Strohwisch gebunden war, der statt einer Schuͤrze, we- nigstens das Nothwendigste bedecken sollte. Die Kinder hingegen giengen, ohne Unterschied des Geschlechts, bis ins zehnte Jahr voͤllig nackend. Von diesen Frauenspersonen hatten sich einige das Haar mit gelben Curcuma-Puder be- streuet; andre hatten sich das Gesicht, und noch andre den ganzen Coͤrper damit bestrichen, welches, gegen die dunkle Farbe ihrer Haut, einen haͤßlichen Contrast machte. Hier zu Lande mag es freylich wohl fuͤr etwas Schoͤnes gehalten werden, denn der Geschmack der Menschen ist unendlich verschieden. Diese gelbe Schmin- ke, wenn ich es so nennen darf, machte den ganzen Staat des Frauenzimmers aus, wenigstens sahen wir nicht eine einzige, die Ohrringe, oder Hals- oder Armbaͤnder gehabt haͤtte; sondern nur den Maͤnnern allein schien dergleichen Putzwerk vergoͤnnt zu seyn. Wo aber das der Fall ist, da sind die Weiber gemei- niglich verachtet und leben in der groͤßten Sclaverey. Dies schien auch hier ein- zutreffen; sie trugen zum Beyspiel große Buͤndel auf dem Ruͤcken, und schlepp- ten auf diese Art oft mehr denn eines von ihren Kindern mit sich herum, welches, in Betracht ihrer ohnehin schwaͤchlichen Gestalt, klaͤglich aussahe. Die Maͤnner schie- in den Jahren 1772 bis 1775. nen nicht die mindeste Achtung fuͤr sie zu haben, wollten ihnen auch nicht erlau- 1774. Julius. ben, naͤher zu kommen; und die Weiber waren sich dieses Zwanges so gut be- wußt, daß sie von selbst entliefen, wenn wir uns ihnen naͤherten. Gegen Mittag verlohr sich der groͤßte Theil des Haufens; vermuthlich um zu essen. Der Befehlshaber lud den Capitain nach seiner im Walde gele- genen Wohnung ein, welches dieser aber nicht annahm, sondern, nach einigem Verweilen, gegen 1 Uhr mit uns an Bord zuruͤckkehrte. Die Eingebohrnen ließen uns ruhig gehen, blieben aber am Strande beysammen, bis wir das Schiff erreicht hatten. So gut war es dem Herrn von Bo u gainville auf der Isle des Lepreux nicht ergangen; dort hatten die Indianer sich nur so lange freundlich gestellt, bis seine Leute wieder in das Boot getreten waren; alsdenn aber hatten sie eine Menge Pfeile hinter sie hergeschossen, welches diese mit einer Salve aus dem kleinen Gewehre erwiederten, und dadurch etliche Indianer zu Boden streckten. Da diese Inseln sehr nahe beysammen liegen und Herr von Bougainville erst vor wenig Jahren auf jener gewesen war, so mogten vielleicht auch die hiesigen Einwohner schon von der Uebermacht der Europaͤer etwas ge- hoͤrt haben, und blos deswegen sich so vorsichtig gegen uns betragen. Gleich nach Tische giengen Capitain Cook und mein Vater nach der Nordseite des Havens ans Land, um unsern Ankerwaͤchter ( buoy ) wieder zu- holen, den die Eingebohrnen weggestohlen, und, wie wir vermittelst unsrer Fernglaͤ- ser entdeckten, dorthin geschleppt hatten. Diese ganze Zeit uͤber ließ sich auf dem suͤdlichen Strande des Havens, wo wir am Morgen gelandet waren, nicht ein einziger Indianer sehen: in den Waͤldern aber hoͤrte man oft Schweine qui- ken und folglich mußte die Insel mit dergleichen Vieh ziemlich versehen seyn. Gleich nach Abgang unsers Bootes kamen unterschiedne Insulaner in ih- ren Canots ans Schiff, um Handel zu treiben. Sie brachten bis zum spaͤten Abend hin, Bogen, Pfeile, Keulen und Spieße zum Verkauf und uͤberließen uns solche gegen kleine Stuͤcken Zeug. Ihre Canots waren nicht uͤber 20 Fuß lang, auch schlecht gearbeitet und ohne Zierrathen, aber doch mit Auslegern oder Gegen- gewichten ( outriggers ) versehen. Wir zaͤhlten ihrer in allem nicht mehr als Forster’s Reise um die Welt 1774. Junius. vierzehn, woraus sich abnehmen laͤßt, daß dieses Volk sich eben nicht sonder- lich mit dem Fischfang abgeben mag. Der Capitain und mein Vater kamen noch vor Untergang dee Sonne an Bord zuruͤck. Die Einwohner hatten ihnen den Ankerwaͤchter ruhig wieder an Bord nehmen lassen. Einige dazu gehoͤrende Stuͤcke waren zwar verloren gegangen; konnten aber leicht ersetzt werden. Die Indianer hatten sich in der dortigen Gegend des Havens mit den unsrigen alsbald in Handel eingelassen, aber nichts als Waffen und Zierrathen verkaufen wollen, doch bekamen sie auch nur lauter unbedeutende Kleinigkeiten dagegen. Ein altes Weib uͤberließ ih- nen den Zierrath, den man hier zu Lande in dem Knotpel der Nase zu tragen pflegt. Er bestand aus zwey halbdurchsichtigen, keilfoͤrmig geschnittenen und an beyden spitzigen Enden, mit zaͤhen Grashalmen zusammengebundenen Stuͤ- cken Selenit -Stein. Das dickere Ende derselben hatte ohngefaͤhr einen halben Zoll im Durchmesser und jedes dreyviertel Zoll in der Laͤnge. Sie beraubte sich dieses kost- baren Stuͤcks, ohnerachtet es bis dahin ihrer Nase zum Schmuck gedient hatte, die, an und fuͤr sich, breit und mit einer schwarzen Farbe beschmiert, mithin in aller Absicht haͤßlich zu nennen war. Unsre Leute ließen sich angelegen seyn, Lebensmittel und Erfrischungen zu erhalten; aber aller angewandten Bemuͤhungen ohner- achtet, wollten die Indianer nichts von der Art zu Markte bringen. Unsre Waaren mogten ihnen nicht annehmlich genug duͤnken, um Lebensmittel dafuͤr wegzuge- ben, die im Grunde uͤberall den wahren Reichthum eines Volkes ausmachen. Dafuͤr ließen auch alle Nationen der Suͤdsee sie bey ihrem Tauschhandel gelten, und man konnte den Reichthum einer Nation, imgleichen die Fruchtbarkeit ihres Landes, aus dem groͤßern oder geringern Maas von Lebensmitteln, womit sie unsere Waaren, nach Verhaͤltniß ihrer Brauchbarkeit bezahlten, fast durch- gehends ziemlich genau beurtheilen. Bey dieser Gelegenheit giengen unsre Leute nach der Landspitze des Havens hinauf, woselbst sie eine verzaͤunte Pflanzung von Pisangs-Brodfruchtbaͤumen, Cocos-Palmen , nebst andern Pflan- zen, und nicht weit davon, ein Paar elende kleine Huͤtten antrafen. Es wa- ren bloße Strohdaͤcher von Palmblaͤttern, die auf etlichen Pfosten ruheten, aber so niedrig, daß man nicht aufrecht darunter stehen konnte. In der Nachbarschaft derselben liefen Schweine und etwas zahmes Federvieh im Grase herum. Die Ein- in den Jahren 1772 bis 1775. Einwohner schienen uͤber den unvermutheten Besuch so fremder Gaͤste gar 1774. Julius. nicht unruhig zu seyn; bezeigten auch weniger Neugierde, als ihre Lands- leute, mit denen wir am Morgen zu thun gehabt hatten. Es waren ih- rer nur wenige; und ob sie gleich nicht voͤllig damit zufrieden seyn mog- ten, daß Capitain Cook bis zu ihren Haͤusern hingekommen, so ließen sie ihren Unwillen doch wenigstens nicht in offenbare Widersetzlichkeit aus- brechen. Von diesen Huͤtten giengen unsre Herren nach dem aͤußersten Ende der Landspitze, von da aus gegen Osten hin, drey Eylande zu sehen waren. Sie erkundigten sich bey ihren indianischen Begleitern nach den Namen jener Inseln, und erfuhren, daß die groͤßte, auf welcher wir einen Volcan bemerkt hatten, Ambrrym , die andere mit dem hohen, Zuckerhut-foͤrmigen Berge, Pa-uhm , und die suͤdlichste, Apih genannt werde. Nunmehro deuteten sie auch auf die Landspitze, auf welcher sie selbst standen, und fragten die Indianer, wie diese ihre eigene Insel in der Landessprache hieße? Mallicolo , war die Antwort. Diese Benennung hat mit dem Namen Manicolo , den Capitain Quiros in sei- ner vor 160 Jahren aufgesetzten Reisebeschreibung einer Insel beylegt, so ungemein viel Aehnlichkeit, daß er ohne Zweifel keine andere als eben diese darunter verstanden haben kann. Der geringe Unterschied der sich in Quiros Angabe ihres Namens findet, mag vornehmlich daher ruͤhren, weil er, seinem eignen Gestaͤndniß nach, nicht selbst hier gewesen, sondern dieses Land nur von den Indianern hatte nennen hoͤren. Dem sey indessen wie ihm wolle, so laͤßt sich wenigstens aus der Geschichte seiner Reise so viel abnehmen, daß das Land, welches er Tierradel Espiritu Santo genannt hat, nichts anders als eine zu eben derjenigen Gruppe von Eylanden gehoͤrige Insel seyn muß, an welcher wir uns jetzt befanden. Von dieser Seite betrachtet, war also die Entdeckung des Namens Mallicolo , fuͤr uns von großer Wichtigkeit. Auf dem Ruͤckwege aus dieser Gegend fand jemand von der Gesellschaft eine Orange am Strande; dies war ein deutlicher Beweis, daß die Nachrichten, welche Quiros von den Producten, der durch ihn entdeckten Laͤnder mittheilt; eben so viel Glauben verdie- nen als alles uͤbrige was er anfuͤhrt. In dem Fall durften wir uns aber von Mallicolo einen sehr hohen Begriff machen, weil er von allen diesen Inseln ruͤhmt, daß sie an mannichfaltigen Naturguͤtern uͤberaus reich waͤren. Un- Forsters Reise u. d. W. zweyter Th. Z Forster’s Reise um die Welt 1774. Julius. sre Leute zeigten diese Frucht den Indianern, welche ihnen gleich den Namen der- selben anzugeben wußten. Auf den freundschaftlichen Inseln hatten wir Pom- pelmuße ( Shaddocks ) gefunden, Orangen aber bisher noch in keiner Suͤdsee- Insel . Der Capitain ließ das Boot ohngefaͤhr zwo Meilen weit in den Haven hinaufrudern; am innersten Ende war der Strand mit Mangle-Baͤumen be- setzt, frisches Wasser aber nirgends anzutreffen, ohnerachtet es wahrscheinlich ist, daß zwischen diesen Manglebaͤumen ein Strom aus dem Lande nach der See her- ablaͤuft. Entdecken konnte man ihn nur deshalb nicht, weil es platter- dings unmoͤglich war, einen Weg durch diese Art von Baͤumen zu finden, de- ren niederhangende Aeste uͤberall neue Wurzeln schlagen, und auf solche Art zu neuen Staͤmmen werden, ohne sich von dem Mutterstamm zu trennen. Bey der bis auf den Abend anhaltenden Hitze dieses Tages, kamen unsre Leute aͤußerst ermuͤdet an Bord zuruͤck; unterwegens hoͤrten sie trommeln, und sa- hen die Indianer bey ihren Feuern auf dem Strande dazu tanzen. Diese Music, so wie diejenige, welche wir in der vorigen Nacht gehoͤrt, war eben nicht wohl- klingend, auch nicht abwechselnd; dagegen schien sie lebhafter zu seyn, als auf den freundschaftlichen Inseln . Des Nachts versuchten es unsre Leute zu fischen, und zwar mit ziemlichen Gluͤck. Unter andern war uns ein neun Fuß langer Hay sehr willkommen, weil wir von frischen Lebensmitteln nichts als noch einige wenige Yams uͤbrig hatten, die statt Brodtes gegessen wurden. Ein zweyter Matrose hatte einen indianischen Saugefisch ( echeneis naucrates ) von beynahe zween Fuß, und ein dritter, zween große rothe See-Brachsen gefangen, die von der Art zu seyn schienen, welche Linn é Sparus erythrinus nennet. Mit einem dieser Fische bewir- thete der Matrose seine Tisch-Cameraden, den andern schenkte er den Lieute- nants. Der Capitain bekam einen Theil des Hayes, womit wir uns am folgenden Tag etwas zu Gute thaten. Unsre ganze Mannschaft hatte durch diesen Fang einmahl etwas frisches zu essen bekommen. Das Fleisch der Hay- Fische ist zwar eben kein Leckerbissen, doch wars immer besser, als unser gewoͤhn- liches Poͤkelfleisch, und die Noth lehrte uns, es schmackhaft zu finden. Macht doch dieser strenge Zuchtmeister dem Groͤnlaͤnder seinen Wallfisch Speck und dem Hottentotten die unreinlich ekelhaften Caldaunen zu einer wohlschmeckenden Speise. in den Jahren 1772 bis 1775. Als der Hay geoͤfnet ward, fand sich die knoͤcherne Spitze eines vergifteten 1774. Julius. Pfeiles, tief im Kopfe stecken. Sie war ganz durch den Hirn-Schaͤdel durchgedrungen; die Wunde aber demohngeachtet so vollkommen ausgeheilet, daß man aͤußerlich nicht mehr die geringste Spur einer Verletzung entdeckte. An dieser Pfeil-Spitze war zu gleicher Zeit noch etwas Holz und Cocosfasern befindlich; beydes aber dermaaßen verfault, daß es bey der geringsten Be- ruͤhrung zerbroͤckelte. Den Fischen scheinet also das angebliche Gift dieser Pfeile, keineswegs toͤdtlich zu seyn. Am folgenden Morgen lichteten wir die Anker und verließen diese Insel, von deren Haven, wir in der kurzen Zeit, kaum hatten einen Riß aufnehmen koͤn- nen; astronomischen Beobachtungen zufolge liegt er unterm 16ten Grad 28 Se- cunden suͤdlicher Breite und in 167 Grad 56 Secunden oͤstlicher Laͤnge, und ward Port Sandwich genannt. Ehe wir noch zum Rief hinaus kamen, ent- stand eine Windstille. Wir mußten also unsre Boote aussetzen und uns hinaus bogsieren lassen, welches endlich nach vieler angewandten Zeit und Muͤhe bewerk- stelligt wurde. Die Indianer machten sich diesen zufaͤlligen Aufschub zu Nutze und fuͤhrten uns, mit allen ihren vierzehn Canots, noch eine Menge von Waffen zu, um tahitisches Zeug dagegen einzutauschen, welches ihnen sehr wohl behagen mußte. Wir forderten auch heute wieder Lebensmittel; sie wollten aber, so wenig als gestern, darauf hoͤren, und nichts als solche Sachen weg geben, die sie leichter entbeh- nen oder doch mit geringerer Muͤhe wieder schaffen konnten. Gegen Mittag waren wir endlich zum Haven hinaus und entfernten uns von Mallicollo , mit Huͤlfe eines aufsteigenden Seewindes. Nun gieng die Fahrt nach Ambrrym , das ist, nach eben der Insel, auf welcher wir einen feuerspeyenden Berg wahrgenommen hatten. Ob wir bey laͤngerem Aufenthalt und mehrerer Bekanntschaft mit den Ein- wohnern, Lebensmittel erhalten haben moͤgten? laͤßt sich wohl nicht leicht ent- scheiden, doch ist es kaum zu vermuthen, weil sie von der Brauchbarkeit unseres Eisengeraͤths keinen Begriff, und wir hingegen fuͤr ihre Lebensmittel keine andre Waaren anzubieten hatten. Die Insel Mallicollo ist von Norden gegen Suͤden ohngefaͤhr 20 See- Meilen lang; und der Haven, in welchem wir uns aufgehalten, an der suͤd- oͤstlichen Spitze befindlich. Im inneren des Landes liegen sehr hohe und mit Z 2 Forster’s Reise um die Welt 1774. Julius. Waldung bedeckte Berge, aus denen gute Quellen und Baͤche entspringen moͤgen; ob wir gleich den Lauf derselben, wegen des allzusehr verwachsenen Mangle-Wal- des nicht ausspuͤren konnten. Das Erdreich ist, in den Gegenden, die wir un- tersucht haben, fett, und eben so fruchtbar als auf den Societaͤts-Inseln ; und da sich auf dem benachbarten Eyland Ambrrym ein feuerspeyender Berg befin- det; so laͤßt sich wohl vermuthen, daß auch hier zu Mallicollo Spuren von Volcanen vorhanden seyn werden. Die Pflanzen scheinen im hiesigen Boden und Clima außerordentlich gut zu gedeihen, dabey sehr mannigfaltig, und der nutzbaren Ge- waͤchse nicht weniger zu seyn, als auf den andern Suͤdsee-Inseln . Cocosnuͤsse, Brodfrucht, Pisangs, Ignamen, Arumwurzeln, Curcuma und Orangen haben wir selbst allhier eingekauft, auch die Namen aller dieser Fruͤchte von den Einwohnern erfahren. Ihr zahmes oder Schlacht-Vieh bestehet in Schweinen und Huͤhnern , doch ist durch unsre Anwesenheit diese Classe erweitert worden, indem wir ein Paar junge Hunde von den Societaͤts-Inseln zu Zucht hier gelassen. Sie bezeugten ungemein viel Freude daruͤber, gaben aber diesen Thieren eben den Namen, der sonst in ihrer Sprache ein Schwein andeutet, ( brooàs ) und folglich mußten ihnen die Hunde noch ganz neue, unbekannte Geschoͤpfe seyn. Andre vier- fuͤßige Thiere entdeckten wir waͤhrend unsers kurzen Hierseyns nirgends; es ist auch nicht wahrscheinlich, daß auf dieser so weit vom festen Lande gelegenen Insel der- gleichen vorhanden seyn sollten. Dagegen gab es in den Waͤldern viele und man- cherley Voͤgel, die zum Theil den Naturforschern wohl noch unbekannt seyn moͤ- gen. Eine genauere Untersuchung des Thier- und Pflanzen-Reichs, wollte die Kuͤrze unseres Aufenthalts nicht gestatten, denn wir brachten nur einen einzigen Tag und diesen noch dazu groͤßtentheils auf dem unfruchtbaren Strande der Insel zu. Die natuͤrlichen Producte dieses Landes sind indessen beym ersten Anblick lange nicht so auffallend fremd gestaltet, als die Einwohner selbst. Wann ich nach der Menge derer die wir im Port-Sandwich antrafen, urtheilen soll, so muß ihre Anzahl, im Ganzen ziemlich betraͤchtlich seyn; doch ist, in Ruͤcksicht auf die Groͤße der Insel, die Bevoͤlkerung immer noch nicht ansehnlich zu nen- nen. Funfzigtausend duͤrfte meines Erachtens die hoͤchste Zahl seyn, die man an- nehmen koͤnnte; und diese wohnen nicht wie zu Tahiti nur allein in den niedri- gen Gegenden des Landes, sondern sie sind uͤber eine Oberflaͤche von mehr als in den Jahren 1772 bis 1775. 600 Quadrat-Meilen verbreitet. Ueberhaupt muß man sich Mallicollo als einen 1774. Julius. einzigen großen Wald vorstellen; davon erst einige wenige Flecke ausgerodet und zu bebauen angefangen sind; dergleichen wohnbare Plaͤtze liegen folglich in die- sem ungeheuren Walde, ohngefaͤhr so als die kleinen Inseln in der weiten Suͤdsee , zerstreuet umher. Koͤnnten wir jemals durch die Dunkelheit dringen, worinn die Geschichte dieses Volks eingehuͤllet ist; so wuͤrde sich vermuthlich finden, daß sie spaͤter in die Suͤd-See gekommen sind, als die Bewohner der freundschaftlichen und der Societaͤts-Inseln . So viel ist wenigstens gewiß, daß sie von ganz andrer Abkunft seyn muͤssen, denn das beweisen ihre Bildung, Sprache und Sitten. In unterschiednen Stuͤcken scheinen sie mit den Einwohner von Neu- Guinea und Papua Aehnlichkeit zu haben, wenigstens sind sie von eben so schwar- zer Farbe und haben eben so wolligtes Haar. Wenn also der Einfluß des Clima in der That so wirksam ist, als der Graf Buͤffon behauptet; so kann es auch um des- willen noch so lange nicht her seyn, daß Mallicollo bevoͤlkert worden Es faͤllt von selbst in die Augen, daß wir hier nur Vergleichungsweise sprechen. ; weil sich bey den Einwohnern, seit ihrer Ankunft in diesem mildern Himmelsstrich, weder die urspruͤngliche Schwaͤrze der Haut, noch die wollichte Kraͤuselung des Haares vermindert hat. Ich meines Theils gestehe aber dem Clima bey weitem keinen so allgemeinen und allwuͤrksamen Einfluß zu, sondern fuͤhre obigen Grund blos vermuthungsweise an, werde ihn auch fuͤr irgend eine andere wahrscheinlichere Meynung gern wieder zuruͤcknehmen. Leider sind uns Neu-Guinea und die be- nachbarten Inseln, als die einzigen Laͤnder aus deren Untersuchung sich hier- uͤber einiges Licht erwarten ließe, kaum ihrer geographischen Lage nach, in Betracht ihrer Einwohner hingegen, fast noch gar nicht bekannt. Die weni- gen Reisenden, welche dahin gekommen Dampier , Carteret , Bougainville . , melden nur so viel, daß Neu-Guinea von mehr denn einer Nation bewohnt wird, und was das merkwuͤrdigste ist, daß unter denselben außer den Negern, auch Leute von hellerer Leibesfarbe vor- handen sind, die, nach ihren Gebraͤuchen zu urtheilen, mit den Einwohnern der Societaͤts - und freundschaftlichen Inseln nahe verwandt seyn duͤrften. Noch Z 3 Forster’s Reise um die Welt 1774. Julius. soll es eine dritte Gattung daselbst geben, die vielleicht aus einer Vermischung der Negern mit den minder schwarzen entstanden seyn kann. Der schlanken Leibesgestalt nach, lassen sich die Mallicoleser auch mit den Einwohnern von Neu-Holland vergleichen, sonst aber sind sie gaͤnzlich von denselben unterschieden. Es ist eine seltsame und meines Wissens ganz ei- genthuͤmliche Gewohnheit dieses Volkes, sich den Unterleib mit einem Stricke so fest einzuschnuͤren, daß jemand, der nicht von Kindesbeinen an diese Mode gewohnt ist, sich die aͤußerste Ungemaͤchlichkeit, ja vielleicht gar Nachtheil der Gesundheit da- durch zuziehen wuͤrde. Der Strick, den sie dazu gebrauchen, ist ohngefaͤhr Fingers dick und macht oberhalb dem Nabel einen sehr tiefen Einschnitt, derge- stalt, daß der Unterleib gleichsam aus zweyen unterschiedenen, auf einander gesetzten Stuͤcken zu bestehen scheint. Der obere Theil des Arms ist durch ein sehr enges Armband, in seiner Art eben so fest und vermuthlich auch aus eben der Absicht, eingeschnuͤrt, als der Unterleib. Dergleichen Armbaͤnder muͤssen sie, ohne Zweifel, schon in der Jugend anlegen, und so damit aufwachsen. Ihre Gesichtszuͤge sind zwar ungemein haͤßlich, doch ist viel Munterkeit, Leben und der Ausdruck einer schnellen Gelehrigkeit darinn vorhanden. Dem Unter- theile des Gesichts und namentlich den Lippen nach, sind sie von den africani- schen Negern ganz unterschieden; der Obertheil des Gesichts hingegen, besonders die Nase, ist eben so gestaltet, das Haar auch eben so wolligt und kraus. Die eingedruͤckte Stirn ist vielleicht nicht von Natur, sondern durch die Hand der Muͤtter so geformet, weil der Kopf eines neugebohrnen Kindes bekanntermaaßen alle beliebige Figuren annimmt. So giebt es z. B. auf dem festen Lande von Amerika einige Voͤlkerschaften, welche die Koͤpfe ihrer Kinder der Gestalt der Sonne, des Mondes oder andrer Koͤrper aͤhnlich zu machen suchen. In Malli- collo gehet indessen dies Eindruͤcken des Vorkopfes nicht so weit, daß die natuͤrli- che Haͤßlichkeit der Gesichtsbildung dadurch noch auffallender wuͤrde. Das Clima ist auf dieser und den benachbarten Inseln sehr warm, mag aber nicht immer so gemaͤßigt seyn als zu Tahiti , weil Mallicollo von weit groͤßerm Umfange ist. Doch hatten wie uns, waͤhrend unseres kurzen Aufenthalts allhier, eben nicht uͤber ausnehmende Hitze zu beschweren. Das Thermometer stand auf 76. und 78. Grad, welches im heißen Himmelsstrich noch sehr leidlich ist. In in den Jahren 1772 bis 1775. einem folchen Clima bedarf man keiner Kleidung, und es wuͤrde bloßer Luxus seyn, 1774. Julius. wenn man welche truͤge, dazu sind aber die Einwohner noch nicht reich und wohl- habend genug. Die dicke Waldung, womit das Land fast uͤberall bedeckt ist, schuͤtzt sie genugsam eben sowohl gegen die Hitze der senkrecht fallenden Sonnen- strahlen, als gegen jede rauhe Witterung. Die Geschlechtstheile sind das einzige, was sie bedecken, und zwar meines Erachtens blos aus Vorsorge, um diese em- pfindlichen Theile des Koͤrpers, in ihren Waͤldern voll Dornen und Gestraͤuch, vor Verletzung sicher zu stellen. Daß dies die vornehmste Absicht jener Huͤlle sey, laͤßt sich schon aus ihrer aufwaͤrts gekehrten Form errathen (S. oben S. 165.) Schamhaftigkeit scheint wenigstens nicht Antheil daran zu haben, denn diese so wohl als die Keuschheit, sind bloße Folgen unserer Erziehung, nicht aber ange- bohrne Begriffe, wofuͤr wir sie mit eben so wenig Recht zu halten pflegen als wir manches andre moralische Gefuͤhl fuͤr natuͤrliche Instincte auslegen. Bey allen rohen ungebildeten Voͤlkern findet man augenscheinliche Beweise, daß Schaam und Keuschheit, im Stande der Natur ganz unbekannte Tugenden sind. Daher kommt es auch, daß sie, als bloße Conventions-Tugenden, nach Maas- gabe des Unterschiedes in der Sittenverseinerung, uͤberall verschiedentlich modi- ficirt sind. Nach unsern Begriffen von Zucht und Ehrbahrkeit koͤnnen die Maͤn- ner zu Mallicollo bey Erfindung der angefuͤhrten Tracht und Huͤlle ohnmoͤglich die Absicht gehabt haben, unzuͤchtigen Gedanken vorzubeugen; indem sie durch die Form jener Bekleidung mehr befoͤrdert als verhindert werden. Eben also kaͤme es auch bey den Weibern noch auf die Frage an, ob sie den elenden Stroh- wisch, der ihnen statt Schuͤrze dient, nicht vielmehr aus Begierde zu gefallen, als aus Gefuͤhl von Schaamhaftigkeit tragen? Weit allgemeiner und inniger scheinen dagegen die Begriffe von Schoͤn- heit dem Menschen eingeimpft zu seyn, so sehr sie auch bey unterschiednen Voͤl- kern von einander abweichen moͤgen. Der Mallicolese glaubt, durch einen Stein in der Nase, durch ein Armband, eine Halsschnur und eine schwarze glaͤn- zende Schminke sich ungemein verschoͤnern zu koͤnnen; seiner Frau hingegen ver- stattet er gar kein Putzwerk. So viel wir sahen, mußten diese, im Ganzen ge- nommen, sich begnuͤgen, den Leib mit gelber Curcuma-Farbe zu bestreichen, die einen besondern aromatischen Geruch von sich giebt. Auf den freundschaftli- Forster’s Reise um die Welt 1774. Julius. chen Inseln brauchte man diese Farbe statt Haarpuder, und auf Oster-Eyland bemahlten sich die Weiber das Gesicht und die Kleider damit. Indessen mag das nicht so wohl zum Staat, als vielmehr wegen ein oder anderer guten Eigenschaft geschehen, welche man dieser Ingredienz vielleicht zuschreibt. Das Punktiren oder Taͤttowiren der Haut, welches bey den uͤbrigen Nationen der Suͤdsee , die hellerer Farbe sind, durchgehends eingefuͤhret ist, scheint den Mallicollesern gaͤnzlich unbekannt zu seyn. Ihre Nahrungsmittel muͤssen groͤßtentheils aus Vegetabilien bestehen, denn sie treiben foͤrmlichen Landbau. Zuweilen werden sie sich wohl mit einem Schweine oder Huhn etwas zu Gute thun, und auch die See wird ihnen Un- terhalt liefern muͤssen, denn ob wir gleich kein Fischergeraͤth bey ihnen sahen, so ist doch der Canots wegen zu vermuthen, daß sie den Fischfang nicht unge- nutzt lassen. Ihr Handwerkszeug konnten wir aus Mangel eines laͤngeren Aufenthalts nicht untersuchen. Doch koͤnnen sie, so viel sich aus der Bauart ihrer Boote und Haͤuser urtheilen ließ, eben nicht sonderlich geschickte Arbeiter seyn. Der Boden duͤnkte uns gut und fruchtbar; da aber die Insel ganz mit Waldung uͤberwachsen ist, so muß es uͤberaus viel Muͤhe kosten, auch nur so viel Land zu bearbeiten, als zu ihrem nothwendigen Unterhalt gehoͤret, zumal da das Fortkommen der angebaueten Pflanzen durch die Menge des vorhandenen Unkrauts, noch uͤberdem sehr erschweret wird. Wer weiß also, ob sie sich nicht blos deshalb mit Stricken und Armbaͤndern ꝛc. einschnuͤren, um den Wachsthum des Coͤrpers dadurch zu hindern, und auf solche Art desto weniger Nahrung noͤthig zu haben? Wenigstens sollte ich denken, daß nur Nothwendigkeit allein zu einem so wiedernatuͤrlichen Gebrauch habe Anlaß geben koͤnnen, in der Folge mag er aus Gewohnheit vielleicht beybehalten worden seyn und jetzo gar als eine Zierde angesehen werden. Die Zeit, welche sie auf den Ackerbau verwenden muͤssen, scheint ihnen zur Verfertigung ordentlicher Kleidungen keine Muße zu lassen; sie beduͤr- fen derselben ohnedies nicht sonderlich, und man weiß schon, daß Liebe zur Ruhe und zum Muͤßigang die gewoͤhnlichen Fehler aller kleiner ungesitteten Voͤlkerschaf- ten sind. Sie pflegen nicht leicht zu arbeiten, bis die Noth sie dazu zwingt. Wir haben angemerkt, daß die Mallicoleser einen Theil ihrer Zeit mit Musik und Tanz hinbringen. Ihre Instrumente sind, wie man sich vorstellen kann, sehr in den Jahren 1772 bis 1775. sehr einfach. Wir hoͤrten weiter nichts als Trommeln; diese sind aber, so 1774. Julius. wohl als Pfeifen, gemeiniglich das erste dieser Art, worauf die Erfindungskraft zu verfallen pflegt. In dem gewoͤhnlichen Cirkel der haͤuslichen Geschaͤfte herrscht so viel Einfoͤrmigkeit, daß der Mensch zu seiner Erholung wuͤrklich etwas excentrisches bedarf, und es scheint fast als ob man diesen Endzweck, uͤberall, durch starke und außerordentliche Bewegungen des Coͤrpers, durch kuͤnstliche Toͤne und Anstrengung der Sprach- und Sing-Organe zu erreichen suchte. Die Trommeln dienen aber den Mallicolesern nicht nur zum Zeit vertreibe, sondern auch im Fall der Noth, zum Laͤrm schlagen. Wir koͤnnen mit Wahr- scheinlichkeit annehmen, daß sie mit den benachbarten Insulanern oft in Strei- tigkeiten gerathen, und es ist auch wohl zu vermuthen, daß unter ihnen selbst Uneinigkeiten vorfallen, weil sie, als lauter einzelne Familien, zerstreuet auf der Insel umher wohnen. Sie pflegten ihre Waffen stets bey sich zu fuͤhren und solche nie aus den Haͤnden zu legen, indem nur allein diejenigen, die zu dem Capitain in die Cajuͤtte kamen, unbewaffnet waren. Auch scheinen sie an die Verfertigung derselben mehr Fleiß und Kunst zu wenden, als an ihre uͤbrigen Geraͤthschaften. Die Bogen sind stark, von sehr elastischem Holz gemacht und sauber abgeglaͤttet. Die Pfeile waren schoͤn gearbeitet, besonders die vergifteten mit artigen kleinen Zierrathen versehen. Eben dies Vergiften der Pfeile ist ein Beweis ihres Verstandes. Rachsucht und Furcht vor Unterdruͤckung moͤgen sie zu diesem Kunstgriff verleitet haben. Es ist auch wohl noͤthig, daß sie durch derglei- chen Huͤlfsmittel das ersetzen, was ihnen, bey ihrer kleinen schwaͤchlichen Statur, an eigentlichen Leibeskraͤften abgeht; doch koͤnnen wir nicht einmal mit Gewißheit entscheiden, ob die Pfeile wirklich vergiftet sind oder nicht. Der Hund, an dem wir gleich bey unsrer Ankunft einen Versuch damit anstellten, ward von selbst wieder besser, ohnerachtet er gerade zu der Zeitauch von einem giftigen Fische etwas zu fressen bekommen hatte. In der Folge machten wir noch an einem an- dern Hunde die Probe. Diesem ward mit einer Lanzette ein Einschnitt in die Lende gemacht, das abgeschabte Gummi, welches wir fuͤr Gift hielten, in die Wunde gestraͤuet und solche alsdann verbunden. Ein Paar Tage lang war er, der Geschwulst und des festen Berbandes wegen, lahm, dies legte sich aber bald, und nach und nach ward er, gleich dem ersten, wiederum voͤllig besser. Die Forster’s Reise u. d. W. zweyter Th. A a Forster’s Reise um die Welt 1774. Julius. Einwohner auf Santa Cruz oder Egmont’s-Insel , die von des Capitain Carteret’s Equipage verschiedene Leute umbrachten, scheinen, nach der Beschrei- bung, die man in Hawkesworth’s Geschichte der englischen See-Reisen ꝛc. (im ersten Theil, Seite 351 ꝛc. und 363.) von ihnen findet, den Mallicolesern in meh- reren Stuͤcken aͤhnlich zu seyn. Nach Carterets Zeugniß sind zwar die Bogen und Pfeile bey jenen laͤnger als bey diesen, Die Bogen waren 6 Fus 5 Zoll; die Pfeile 4 Fus 4 Zoll lang. und die Spitzen der Pfeile dort nicht aus Knochen, sondern aus Feuersteinen gemacht: Allein, den Hauptumstand, nem- lich das Vergiften derselben, haben doch beyde Nationen mit einander gemein. Von jenen versichert es wenigstens Quiros , Mendanna in Dalrymples collection. Vol. I. p. 78. (als der erste Entdecker der Insel Santa Cruz ) so wie er auch behauptet, daß die Einwohner der St. Philipps- Bay , auf St. Jago , ihre Pfeile ebenfalls zu vergiften pflegten. Dalrymples collection. Vol. I. p. 135. Indessen muß ich gestehen, daß die Beyspiele, die er zu Bestaͤtigung dieses Vorgebens anfuͤhrt, meines Erachtens, fuͤr die Wuͤrklichkeit der Sache eben so wenig entscheiden, als die Versuche, welche wir an unsern Hunden vornahmen. Ich habe weiter oben angemerkt, daß die Mallicoleser sich vor dem Zu- ruͤckschnellen der Bogen-Sehne durch eine Art von hoͤlzerner Manschette zu schuͤtzen suchen; da sie solche niemals ablegen, so muͤssen sie, duͤnkt mich, fleißig mit dem Bogen umgehen. Außerdem fuͤhren sie auch noch Speere oder Wurf- spieße, und kurze Streit-Kolben, die vermuthlich nur beym Handgemenge dienen. Der vielen Waffen halber, haͤtte man in ihnen eine kriegerische Ge- muͤthsart vermuthen sollen; gleichwohl bezeigten sie sich gegen uns, im Ganzen ge- nommen, friedfertig, jedoch vorsichtig. Hin und wieder sahe man wohl etwas feind- seliges und boshaftes in den Physiognomien; doch konnte das vielleicht auch bloße Besorgniß oder Mißtrauen seyn. Freylich baten sie uns nicht laͤnger hier zu bleiben, allein das war ihnen auch nicht zu verdenken, denn sie hatten uns als furchtbare und maͤchtige Gaͤste kennen lernen, mit deren Rachbarschaft ihnen allerdings nicht gedient seyn mogte. Von der Regierungsform eines Volks, laͤßt sich, beym ersten Anblick desselben, nicht fuͤglich urtheilen, ich kann daher auch von der hiesigen nicht viel mehr als Muthmaßungen angeben. Sie scheinen be- in den Jahren 1772 bis 1775. staͤndig auf ihrer Hut zu seyn, und muͤssen folglich oft Krieg und Streit haben. 1774. Julius. Dazu brauchen sie aber Anfuͤhrer, und diesen moͤgen sie, wie es die Neu- Seelaͤnder machen, wenigstens zur Zeit eines Treffens gehorchen. Der einzige Mann, den wir fuͤr einen Befehlshaber halten konnten, war der, auf dessen Geheiß man uns etwas Wasser zubrachte; bey dieser Gelegenheit allein zeigte sichs, daß er einiges Ansehen uͤber seine Landsleute haben mußte, im Aeußern war er sonst durch nichts von ihnen unterschieden. Ihre Religion ist uns gaͤnzlich unbekannt ge- blieben; so auch ihr haͤusliches oder Privatleben. Ob sie mit Krankheiten be- haftet sind? konnten wir ebenfalls nicht ausfindig machen. Uns selbst ist nicht ein einziger Kranke vorgekommen; doch sollen, nach Herrn von Bougainvilles Bericht, die Einwohner einer benachbarten Insel dem Aussatz so sehr unter- worfen seyn, daß er ihr Land desfalls Isle des Lépreux oder die Insel der Aus- saͤtzigen gennannt hat. Den National-Character der Mallicolleser muß man mit Ruͤcksicht auf den Grad ihrer Cultur beurtheilen. Sie wohnen, in viele kleine Staͤmme und ein- zelne Familien getheilt, zerstreuet auf der Infel umher, und moͤgen daher wohl oft Streit mit einander haben; es ist also kein Wunder, wenn sie bey allen Ge- legenheiten vorsichtig, ja selbst mißtrauisch zu Werke giengen. Doch sind sie darum keinesweges zu Zank und losen Haͤndeln aufgelegt, sondern bewiesen viel- mehr durch ihr Betragen gegen uns, daß sie gern allen Streit vermeiden woll- ten; thaten auch sehr ungehalten, wenn einer oder der andere von ihren Landsleu- ten etwas vornahm, wodurch das gegenseitige gute Vernehmen allenfalls gestoͤrt werden konnte. Oft reichten sie uns gruͤne Zweige zu, die uͤberall fuͤr Freund- schafts-Zeichen angesehen werden. Die Ceremonie, Wasser auf den Kopf zu gies- sen, hat allem Ansehn nach eine aͤhnliche Bedeutung; zugleich bestaͤtigt sie unsre Ver- muthung, daß diese Nation mit der auf Neu-Guinea wohnenden Aehnlich- keit haben muͤsse. Dampier fand nemlich eben diese Mode auch zu Pulo-Sa- buda , auf der westlichen Kuͤste von Neu-Guinea , eingefuͤhrt. Siehe Dampiers Reisen. Im Umgange zeigten sie viel Gelehrigkeit. Sie sind scharfsinnig, und haben so wohl Nei- gung als Faͤhigkeit ihren Verstand auszubilden. Sie scheinen große Liebhaber A a 2 Forster’s Reise um die Welt 1774. Julius. vom Tanz, mithin lustigen und aufgeraͤumten Temperaments zu seyn. Es wuͤrde nicht schwer halten, sie ungleich civilisirter zu machen; ein ehrgeiziger Mann aus ihren eigenen Mitteln, koͤnnte es, meines Erachtens, bald dahin brin- gen. — Doch ich kehre zu der Geschichte unsrer Reise zuruͤck. Sobald wir aus dem Rief von Port-Sandwich heraus waren, und auf Ambrrym zusteuerten, bekamen wir nach und nach das Suͤdoͤstliche Ende von Mallicollo zu Gesicht, woselbst vier oder fuͤnf kleine Inseln eine Art von Bay bilden. Ambrrym , auf welcher der feuerspeyende Berg vorhanden ist, scheint gegen zwanzig See-Meilen im Umkreise zu haben. Das Mittel dieser Insel liegt unter 16°. 15′. Suͤdlicher Breite und 168°. 20′ Oestlicher Laͤnge. Am Suͤdlichen Ende derselben ist das mit einem hohen Berge versehene Eyland Pa-uhm gelegen. Dieses scheint eben nicht von sonderlichem Umfange zu seyn, doch wußten wir nicht ob das westwaͤrts davon befindliche und dem Ansehen nach ziemlich flache Land nicht vielleicht damit zusammenhienge? Wenn aber auch beydes nur eine einzige Insel ausmacht, so kann sie doch nicht uͤber 5 Seemei- len im Umfange betragen. Der vorgedachte Pic liegt, unseren Beobachtun- gen nach, in 16°. 25′. Suͤdlicher Breite, 168°. 30′. Oestlicher Laͤnge. Suͤdwaͤrts von diesem hohen Berge trifft man die Insel Apih . Sie ist groß, bergigt, und mit Ambrrym von gleichem Umfang, nemlich ohngefaͤhr 7 Mei- len lang. Der mittlere Theil derselben liegt in 16°. 42′ Suͤdlicher Breite und 168°. 36′. Oestlicher Laͤnge. Der Rauch den wir von allen diesen Eylanden haͤufig emporsteigen sahen, brachte uns auf die Vermuthung, daß die Einwohner ihre Speisen, an einem Feuer in freyer Luft zubereiten muͤßten, denn auf den Societaͤts - und freundschaftlichen Inseln , wo alle Lebensmittel unter der Erde, vermittelst durchgehitzter Steine gar gemacht werden, hatten wir selten Rauch oder Feuer wahrgenommen. Die Mahlzeit von frischen Fischen, daran sich unsre saͤmmtliche Mannschaft heut etwas zu Gute gethan, haͤtte einigen beynahe den Tod zuwege gebracht. Alle Lieutenants nebst ihren Tischgenossen, imgleichen ein Unter-Pilote ( mate ) unter- schiedne Cadetten, und der Schiffs-Zimmermann hatten zween rothe See-Brach- sen ( Sparus erythrinus ) mit einander verzehrt. Allein, wenige Stunden nach- her, zeigten sich die heftigsten Symptomen einer Vergiftung. Das Uebel, was in den Jahren 1772 bis 1775. sie davon verspuͤrten, fieng mit einer gewaltigen Hitze im Gesichte an, darauf erfolgte 1774. Julius. unertraͤgliches Kopfweh, Brechen und Durchlauf. In allen Gliedern, vorzuͤglich in den Armen, Knieen, und Beinen fand sich eine solche Betaͤubung ein, daß sie kaum stehen, geschweige gehen konnten. Die Speichel-Druͤsen liefen an, und gaben eine Menge Schleim von sich. Endlich so war auch der Unterleib nicht frey von Schmerzen und von Zeit zu Zeit klagten sie uͤber Kraͤmpfe in den Gedaͤrmen. Ein Schwein, das vom Eingeweide dieser Fische gefressen hatte, be- kam dieselben Zufaͤlle, dabey schwoll es erstaunlich auf, und ward am folgenden Mor- gen gefunden, todt im Stalle. Den Rest des Eingeweides und auch etwas vom ge- kochten, hatten einige Hunde verzehrt, die auf eben diese Art dafuͤr buͤßen mußten. Sie heulten und winselten erbaͤrmlich, hatten bestaͤndig Neigung zum Brechen, und konnten vor Mattigkeit kaum kriechen. So gar ein kleiner Papagoy, von den freund- schaftlichen Eylanden , der bey Tische ganz vertraut auf seines Herrn Schulter zu sitzen pflegte, starb ungluͤcklicherweise, ohnerachtet er nur einen kleinen Bissen davon bekommen. Mit einem Worte, die Freude uͤber dies Gericht frischgefange- ner Fische, ward ploͤtzlich in Schmerz und Wehklagen verwandelt. Zum Gluͤck war der Wundarzt dem Schicksal seiner Tischgenossen dadurch entgangen, daß er diesen Mittag an unserm Tische gespeiset hatte, und also konnte er den Kranken die erforderliche Huͤlfe leisten. Den andern Morgen blieben wir noch in der Naͤhe von Mallicollo , Ambrrymm , Apih und Pa-uhm ; steuerten aber auf das suͤdliche Eyland, wel- ches am 21sten entdeckt und, seiner drey Berge wegen, Three-hills-island ( drey Huͤgel Eyland ) genannt worden war. Diesem naͤherten wir uns bis auf eine halbe Meile, und sanden es mit den vorigen von gleicher Art. Es hatte viel Waldung, und schien auch stark bevoͤlkert zu seyn. Einige von den Einwoh- nern kamen ans Ufer herab; sie waren mit Bogen und Pfeilen bewaffnet, und sahen uͤbrigens den Mallicolesern ungemein aͤhnlich. Am suͤdlichen Ende die- ser Insel findet man einen großen Rief und verschiedne einzelne Klippen in der See. Die ganze Insel mogte etwa 5 gute See-Meilen im Umkreise haben, und lag von Nord-Ost gen Suͤd-Westen. Nach astronomischen Beobachtun- gen befindet sie sich unterm 17°. 4′. Suͤder Breite und im 168°. 32′. oͤstlicher Laͤnge. Um Mittag wandten wir das Schiff und liefen nordostwaͤrts, um A a 3 Forster’s Reise um die Welt 1774. Julius. an der suͤdlichen Spitze von Apih , verschiedne kleine Eylande naͤher in Augenschein zu nehmen. Bey dieser Gelegenheit erblickten wir in Suͤd-Osten einen hohen Berg und hinter demselben einen ziemlich weitlaͤuftigen Strich Landes. Nach gerade fingen wir an, uns uͤber die große Zahl der Eylande, die hier auf einem Haufen beysammen lagen, zu verwundern und ihrer suͤdoͤstlichen Richtung wegen, zu vermuthen, daß sie bis nach Neu-Seeland reichen, mithin noch eine ganze Kette von Entdeckungen uns gewaͤhren duͤrften. Nachmittags gelangten wir auf unserm Laufe an die nordoͤstlichsten unter die- sen Eylanden. Sie waren durchgehends weit kleiner als Mallicollo , Ambrrymm und Apih , ja nicht einmal so groß als Three-Hills Eyland und Pa-uhm . Demohngeachtet fanden wir die meisten bewohnt; dies konnte man vorzuͤglich des Abends bemerken, indem, so bald es dunkel ward, so gar auf den steilsten Felsen, de- nen wir bey Tage alle Einwohner abgesprochen hatten, Feuer zu sehen waren. Nach Sonnen-Untergang fiel eine Windstille ein, die etliche Stunden lang dauerte. Die Nacht war ausnehmend dunkel, welches, bey den vielen einzelnen Klippen die sich auf allen Seiten um uns her befanden, unsre Lage doppelt gefaͤhrlich machte. Und wahrlich! der Seemann, der neue Inseln entdecken, und ihre Lage genau bestimmen will, muß fast alle Augenblick zu scheitern befuͤrchten. Um die Kuͤ- sten eines unbekannten Landes gehoͤrig zu untersuchen, muß er dicht an denselben hinseegeln und es gleichsam auf gut Gluͤck ankommen lassen, ob nicht ein ploͤtz- licher Sturm, verborgne Klippen, oder reißende Stroͤmungen der See, alle seine ruhmsuͤchtigen Hofnungen auf einmal zernichten werden? Klugheit und Vorsicht werden zwar zu jeder großen Unternehmung erfordert; aber bey Entde- ckungen zur See, und fast in allen andern wichtigen Faͤllen, scheint ein gewisser Grad von Verwegenheit, und unbedingtes Zutrauen auf einen guten Ausgang, der rechte Weg zum Ruhme zu seyn, der von dieser Seite betrachtet, oft mit groͤße- ren Belohnungen gekroͤnet wird, als er im Grunde verdienen mag. Diese gefaͤhrlichen Eylande wurden, dem Professor der Sternkunde in Cambridge Dr. Anton Shepherd zu Ehren, Shepherds-Eylande ge- nannt. In der Nacht verstaͤrkte sich der Wind, und wir lavirten bis zu Tages Anbruch ab und zu. Mit Sonnen-Aufgang seegelten wir von der suͤdlichsten der Shepherds-Inseln ab, und richteten unsern Lauf nach dem Lande hin, wel- in den Jahren 1772 bis 1775. ches wir am vorigen Tage gegen Suͤden entdeckt hatten. Unterwegens kamen wir 1774. Julius. bey Drey-Huͤgel-Eyland voruͤber und auf ein Paar andre Eylande zu, die nur wenige See-Meilen davon gen Suͤden lagen. Sie waren ungleich kleiner, den- noch aber, so gut als jenes, mit Waldung und anmuthigem Gruͤn bekleidet. Zwi- schen einer von diesen Inseln und einem hohen, saͤulenfoͤrmigen Felsen, seegelten wir mitten durch und nannten den Felsen, seiner Figur wegen, das Monu- ment . Die Saͤule, die in London zum Andenken des großen Brandes errichtet ist, heißt κατ· ἐξοχην das Monument . Dieser Umstand gab zur Benennung des oeben erwaͤhnten Fel- sen Anlaß. Die Wellen, die stets mit Ungestuͤm dagegen anprallten, hatten viele tiefe Furchen darinn gemacht. Der ganze Felsen ragte ohngefaͤhr 300 Fus hoch aus der See hervor, war schwaͤrzlich anzusehen und nicht ganz ohne alle Pflanzen. Toͤlpel und Meerschwalben flogen haͤufig darum her, und schienen darauf genistet zu haben. Das Eyland, welchem dies Monument nahe lag, nannte Capitain Cook Two-Hills-Island , Zween Huͤgel-Eyland , weil nur zwo Anhoͤhen von merklicher Groͤße darauf befindlich waren. Von hier aus steuerten wir Suͤdwaͤrts, auf das in dortiger Gegend, am 24sten, entdeckte große Land zu. Von Suͤdwesten sahen wir ein Canot mit auf- gespanntem dreyeckigen Seegel, ziemlich weit von der Drey-Huͤgel-Insel , hinfahren. Es ist also wahrscheinlich, daß die Bewohner dieser Gruppe von Eylanden, so gut als die Leute auf den Societaͤts - und freundschaftli- chen Eylanden , Verkehr und Umgang mit einander haben. Nachmittags waren wir fast bis an die suͤdliche Insel gekommen, welche jetzt aus zwoen zu beste- hen schien, und wollten eben daran vorbey laufen, als der Wind mit einemmale aufhoͤrte, und dagegen die Fluth oder See-Stroͤmung, das Schiff unaufhaltsam gen Westen forttrieb. Solchergestalt befanden wir uns diese Nacht, wie in der vorigen, wiederum in einer gefaͤhrlichen Lage; doch mit dem Unterschiede, daß der Mond sehr helle schien, und wir also deutlich sehen konnten, wie schnell uns die Fluth auf das westliche Eyland zufuͤhrte. Wir mußten befuͤrchten, an dem Nord-Ende desselben zu scheitern, und desto schrecklicher zu schei- tern, da es aus schwarzen, hohen und beynahe senkrechten Felsen bestand, an deren Fuß ein schmaler, mit Klippen besaͤeter Strand befindlich war. Bis gegen Forster’s Reise um die Welt 1774. Julius. 10 Uhr blieben wir in der fuͤrchterlichsten Ungewißheit uͤber unser Schicksal! Die Boote in See zu setzen und das Schiff boogsiren zu lassen, waͤre bey der Heftig- keit der Stroͤmung verlohrne Muͤhe gewesen. Die Wellen tummelten das Schiff wie im Kreise herum, so daß es bald der Queere, bald mit dem Vorder- dann wie- der mit dem Hinter-Theile nach dem Ufer zugekehret wurde. Wie hallte das Ge- raͤusch der tobenden Wellen so fuͤrchterlich vom Felsen zuruͤck! Schrecklicher war uns das Getoͤse der Brandung noch nie vorgekommen, denn noch nie hatte sie uns mit so augenscheinlicher Gefahr bedrohet. Endlich trieb uns die Stroͤmung, zwar knapp genug, doch ohne Schaden bey dem Lande voruͤber. Sobald es Tag wurde erhob sich der Wind wieder, worauf wir zwi- schen den beyden Inseln hindurch seegelten. Die oͤstlichste, mochte kaum acht oder neun Meilen im Umfange haben, war aber dennoch bewohnet. Eine Menge von Leuten kamen mit Bogen, Pfeilen und Wurfspießen bewaffnet an den Strand herab, um uns anzugaffen. Das Eyland hatte einen ziemlich ho- hen Huͤgel in der Mitte, der mehrentheils von Waldung entbloͤßt war. Am Fuße, so wie auch unterhalb desselben, entdeckte man bearbeitetes Land, imgleichen ein Gebuͤsch von Cocos-Palmen, Pisangs , und mancherley andern Baͤumen, in deren Schatten wir etliche Huͤtten, am Ufer aber, verschiedene auf den Strand gezogene Canots gewahr wurden. Die andere Insel lag dieser gerade gegen uͤber, vier bis fuͤnf Seemeilen weiter gegen Westen. Es zeigte sich aber, daß auch dieser Fleck Landes aus zwo Inseln bestand. Die nordwaͤrts gelege- ne, war eben diejenige, daran wir beynahe gescheitert waͤren. Sie hatte nicht uͤber zwoͤlf bis funfzehn Meilen im Umfange, war mit der oͤstlichen von einer- ley Hoͤhe, und gleichfoͤrmigen Ansehen. Das groͤßte Eiland lag weiter gen Suͤden, und erstreckte sich wenigstens zehn gute Seemeilen weit von Nordwest gegen Suͤdosten. Es war, so wie die beyden vorigen, ziemlich bergigt, aber nirgends steil, und ergoͤtzte das Auge durch eine Menge herrlicher Aussichten. Finstre Waͤlder wechselten, sehr angenehm, mit großen freyen Strecken ab, die, ihrer schoͤnen goldgelben Farbe wegen, den europaͤischen reifen Kornfeldern aͤhnlich sahen. Ueberhaupt duͤnkte uns dies Eyland von der ganzen bisher entdeck- ten Gruppe eines der schoͤnsten und zu einer europaͤischen Kolonie besonders wohl gelegen zu seyn. Wir seegelten ziemlich weit von der Kuͤste voruͤber, und fan- in den Jahren 1772 bis 1775. fanden es dem Ansehen nach nicht so stark bewohnt, als die noͤrdlichen Ey- 1774. Julius. lande, die wir nun hinter uns gelassen hatten. Dieser Umstand wuͤrde die Anle- gung eines Pflanzorts um ein Großes erleichtern und wenn sich jemalen bey Kolo- nisten menschenfreundliche Gesinnungen vermuthen ließen, so koͤnnten sie hier mit geringer Muͤhe wahrhafte Wohlthaͤter der Einwohner werden; denn letztere sind mit den Mallicollesern von einer Nation, das ist, so viel wir bemerkt ha- ben, eine sehr verstaͤndige Art von Leuten; welche leicht zu bewegen seyn wuͤrden, die Verbesserungen des civilisirten Lebens anzunehmen. Am nordwestlichen Ende der Insel war, dem Anschein nach, eine weit ins Land hinauf reichende Bay vorhanden, wir konnten sie aber nicht genauer untersuchen, weil an der Ostseite einige Riefe und kleine Eylande den Zugang versperrten. Von der West- seite moͤgte man vermuthlich besser haben einlaufen koͤnnen. Capitain Cook nannte diese große Insel Sandwich ; die gegen Norden gelegene, Hinching- brook , und die oͤstliche Montague , dem ersten Lord des Admiralitaͤts-Colle- gii und seinen beyden Soͤhnen zu Ehren. Der mittlere Theil der Insel Sandwich liegt unterm 17°. 40′. S. Br. und im 168°. 30′. Oestl. Laͤnge. Den Nachmittag und die ganze Nacht hindurch steuerten wir gegen Suͤd-Osten . Bey Tages Anbruch befanden wir uns ohngefaͤhr vierzehen See- meilen von der Insel Sandwich , und fast eben so weit von einem vor uns lie- genden neuen Eylande. Jetzt sahe es auf unserm Schiffe nicht viel besser aus, als in einem Hospitale. Die vergifteten Patienten waren immer noch uͤbel dran; das Bauch- weh und die Schmerzen in den Knochen wollten gar nicht nachlassen; außer- halb dem Bette konnten sie vor Schwindel kaum den Kopf aufrecht halten, und wenn sie sich niederlegten, so vermehrte die Bettwaͤrme das Glieder-Reißen der- maaßen, daß sie kein Auge dafuͤr schließen konnten. Auch der Speichelfluß hielt noch bestaͤndig an; dabey schaͤlte sich die aͤußere Haut am ganzen Coͤrper, und auf den Haͤnden kam eine Menge kleiner Geschwuͤre zum Vorschein. Manche klagten nicht so sehr uͤber Schmerzen, als vielmehr uͤber Mattigkeit, und krochen blaß und abgezehrt wie die Schatten umher. Von den Lieutenants war nicht ein einziger im Stande Wache zu thun; und weil ein Unter-Pilote, nebst meh- reren Cadetten ebenfalls von diesem ungluͤcklichen Fisch gegessen hatten, so mußte das Commando bey der Schiffswacht, wechselsweise dem Constabel und den Forster’s Reise u. d. W. zweyter Th. B b Forster’s Reise um die Welt 1774. Julius. zween Unter-Piloten anvertrauet werden. Auch die Hunde, welche an dieser Mahlzeit Theil genommen hatten, waren noch nicht hergestellt, und litten desto mehr, weil man ihnen keine Huͤlfe leisten konnte. Ihr unaufhoͤrliches Gewin- sel und bestaͤndiges Wassertrinken bewies, daß sie naͤchst den heftigsten Schmer- zen auch einen brennenden Durst ausstehen mußten; und diejenigen, die vom Eingeweide gefressen, waren am uͤbelsten dran. Eines dieser armen Thiere schien zum Maͤrterthum gleichsam ausersehen zu seyn, denn zuvor hatte es mit dem an- geblich vergifteten Pfeile schon eine Probe aushalten muͤssen. Indessen uͤber- stand es gluͤcklich diese beyden Zufaͤlle, und kam gesund nach Engelland . Qui- ros erzaͤhlet in feiner Reise-Beschreibung, daß es dem groͤßten Theil seiner Leute, in der Bay St. Philipp auf St. Jago , mit einem Seefisch, den er pargos nennt, eben so uͤbel ergangen sey, als uns im gegenwaͤrtigen Fall. Allem Ansehen nach ist es dieselbe Art von Fischen gewesen, denn pargos bedeutet im Spanischen einen See-Brachsen ( pagrus. ) Gleichwohl mag diese Gattung nicht allemal, sondern nur alsdann eine vergiftende Eigenschaft haben, wenn sie von giftigen Pflanzen fressen, welches in den Ost- und Westindischen Gewaͤssern oftmals geschiehet. Was mich in dieser Vermuthung bestaͤrkt, ist der Um- stand, daß das Eingeweide vergiftender war, als jeder andre Theil des Fisches. Ohne Zweifel mogte das Wuͤrksamste des Gifts in den ersten Wegen zuruͤckge- blieben, hingegen nur schwaͤchere Partikeln durch den Milchsaft, imgleichen durchs Blut, in das Fleisch uͤbergegangen seyn. Seit der Abreise von Mallicollo hatten wir gelindes Wetter und von Zeit zu Zeit recht frischen Passatwind gehabt. So bald wir aber nicht weit mehr von der letzten neuen Insel waren, ließ der Wind merklich nach. Den folgenden Tag ward es gaͤnzlich windstill; doch schwankte das Schiff von der noch fortdauernden Bewegung des Wassers, sehr unangenehm hin und her, auch trieb uns die Stroͤmung etliche See-Meilen weit gegen Norden. Am Abend bekamen wir in der Ferne, gegen Suͤd-Osten, abermals eine Insel zu Gesicht, auf die wir jedoch vor der Hand nicht sonderlich achteten. Mit Beyhuͤlfe des Windes, der sich am 29sten, wiederum erhob, befanden wir uns am folgenden 30sten nur noch 6 Seemeilen weit vom Lande. Nachmittags nahmen wir einen Hund vor, der sich schon vollkommen erholt hatte, um die Wuͤrkung der Mal- in den Jahren 1772 bis 1775. licollesischen Pfeile nochmals zu versuchen. Zu dem Ende ward ihm mit der Lan- 1774. Julius. zette ein Einschnitt in die Lende gemacht, und nicht nur das Gummi, welches an der knoͤchernen Spitze des Pfeils geklebt, sondern auch die gruͤne erdigte Sub- stanz, die zwischen den herumgewundnen Cocos-Fibern gesessen hatte, in die Wunde gestreuet und ein Heft-Pflaster daruͤber gelegt, damit das Experiment ja nicht fehl schlagen moͤgte. Der Hund ward aber so geschwind gesund, als ob gar nichts fremdes in die Wunde gekommen waͤre. Die Anzeige dieses Versuche und seines Resultats, ist bereits weiter oben pag. 185. vorge kommen. Des andern Morgens hatten wir wieder eine gaͤnzliche Windstille, daher die Matrosen beynahe anfiengen zu glauben, daß das Eiland behext seyn muͤsse, weil wir aller Bemuͤhung ohnerachtet, gar nicht heran kommen konnten. Die andre suͤdoͤstliche Insel, welche am 28sten Abends entdeckt worden, war heute ungleich deutlicher zu erkennen. Die naͤher gelegene Insel sahe unfrucht- barer und lange nicht so angenehm aus, als die zuvor entdeckten Eylande; doch schien sie wenigstens bewohnt zu seyn, denn es stieg ein großer Rauch davon em- por. Hoͤchst verdrieslich war es in der That, die Kuͤste so nahe vor sich zu se- hen, und doch nicht naͤher heran zu koͤnnen! Auf dem Schiffe eingesperrt zu seyn und doch Menschen in der Naͤhe zu wissen, deren Meynungen und Lebens- art vielleicht manches Neue an sich haben mogten! Ihren Umgang zu entbehren, und doch zur Mittheilung so geneigt seyn! Hindernisse pflegen die Begierden oft- mals nur noch heftiger zu machen, und das mogte auch hier der Fall seyn; denn im Grunde war es eben kein so großer Schade, daß wir nicht anlanden konn- ten, weil die anscheinende Unfruchtbarkeit der Insel, schwerlich Lebensmittel er- warten ließ. Nachmittags wurden zween Hayfische gefangen, die mit Pilot - und Sauge-Fischen , als ihren gewoͤhnlichen Begleitern, um das Schiff herum schwammen. Eins dieser großen gefraͤßigen Thiere schien in seiner Art ein rechter Epicuraͤer zu seyn, denn wir fanden in seinem Magen nicht weniger als vier junge Schildkroͤten, von achtzehn Zoll im Durchmesser, nebst der Haut und den Federn eines sogenannten Toͤlpels ( Booby; Pelecanus Sula Linn. ) und gleiche B b 2 Forster’s Reise um die Welt 1774. August. hatte er, bey allen diesen Leckerbissen, sich nicht enthalten koͤnnen, auch das fette Schweinfleisch noch zu kosten, welches an den Angelhaken gesteckt worden. Kaum war er aufs Verdeck gezogen, so suchte jeder seine Portion davon zu bekommen, und in wenigen Minuten war er zerstuͤckt, gebraten und verzehret. Der andre wollte sich losreissen, ward aber von den Officieren mit ein Paar Kugeln todt geschossen, denn ihnen war so viel als den gemeinen Matrosen daran gelegen, daß er nicht entkaͤme. Auf die Art raͤchten wir also die saͤmmtlichen Bewoh- ner des Meeres, an diesen beyden gefraͤßigen Tyrannen. In heißen Gegenden wird einem das Poͤkelfleisch am ersten zuwieder, vermuthlich deshalb, weil es den Durst, der dort ohnehin sehr groß zu seyn pflegt, noch immer groͤßer macht. Wir hatten aber seit unsrer Abreise von Namoka nichts anders genossen; daher man wohl glauben wird, daß uns nicht leicht ein Hay so gut als dieser geschmeckt habe. Waͤhrend der Nacht erhob sich ein schwaches Luͤftgen, mit dessen Huͤlfe wir nochmals dem Lande zusegelten. Am folgenden Morgen, als den 1sten August, entdeckten wir einen einzelnen Felsen der etliche Seemeilen weit vom Lande lag; und je naͤher wir kamen, desto weniger Ursach fanden wir, die In- sel fuͤr so unfruchtbar zu halten, als sie anfaͤnglich geschienen hatte. Gegen 10 Uhr entstand Laͤrm, daß das Schiff in Brand gerathen sey! Eine so fuͤrchterliche Nachricht verbreitete ploͤtzlich ein allgemeines Schrecken; uͤberall sahe man verstoͤrte Gesichter, und es dauerte eine gute Weile, ehe die geringste Anstalt zum Loͤschen gemacht wurde. Der unvermuthete Anblick einer drohenden Gefahr laͤßt uns zu schneller Ueberlegung und thaͤtiger Wuͤrksamkeit gemeiniglich nicht Staͤrke genug uͤbrig. Gegenwart des Geistes und Entschlossenheit sind dann sehr schaͤtzbare, aber eben so seltne Eigenschaften, und es war also kein Wunder, wenn sie unter der kleinen Anzahl von Personen, denen die Fuͤhrung des Schiffes oblag, den mehreften fehlten. Doch kann es auch wohl fuͤr den Standhaftesten nicht leicht eine haͤrtere Pruͤfung geben, als diese: sich in einem brennenden Schiffe zu be- finden! Ein Sturm, selbst in der Nachbarschaft der gefaͤhrlichsten Kuͤste, ist lange so schreckenvoll nicht, weil man da noch immer Hoffnung hat, wenigstens das Le- ben zu retten. Bey dem heutigen Feuerlaͤrm war indessen der Schreck das meiste. In der ersten Bestuͤrzung glaubten wir, daß es in einer Kammer, die in den Jahren 1772 bis 1775. voll Segeltuch lag, ausgekommen waͤre; es zeigte sich aber, daß in des Pro- 1774. August. viantmeisters Cajuͤtte die Lampe nur ein Stuͤckchen Tahitischen Zeuges ergriffen, und daß man, blos des entstandenen Dampfes wegen, ein groͤßeres Ungluͤck befuͤrch- tet hatte. Bey unsrer Annaͤherung gegen das Land entdeckten wir immer mehrere Waͤlder, mit dazwischen liegenden freyen Gruͤnden, und Pflanzungen, die bis auf die Gipfel der Berge reichten. Man konnte auch bereits eine Menge Cocos- Palmen unterscheiden, doch hatten sie hier kein so stattliches Ansehen, als wohl in andern Laͤndern. Nachmittags gelangten wir an die West-Seite der Insel, und liefen laͤngs der Kuͤste herunter. Zwischen den Bergen und dem Strande gab es hin und wieder kleine Ebenen, die groͤßtentheils mit Pisang-Baͤumen bepflanzt und mit zierlichen Hecken umzaͤunt waren. Neben diesen standen Huͤtten oder vielmehr bloße, auf Pfaͤhlen ruhende Daͤcher aufgebauet, und laͤngst dem Strande liefen dreyßig bis vierzig Einwohner mit Bogen, Pfeilen und Speeren bewaffnet herum. In der Entfernung sahen sie schwarz aus, und schie- nen uͤberhaupt den Bewohnern von Mallicollo ziemlich aͤhnlich zu seyn. Es befanden sich auch etliche Frauenspersonen dabey, die eine Art Unterroͤcke von Stroh und Blaͤttern trugen, welche bis an die Waden, manchmal auch bis an die Knoͤchel reichten. Die Maͤnner hingegen giengen, so wie die Mallicoleser, gaͤnzlich nackend. Mittlerweile seegelten wir in eine offene Bay hinein, von deren Ufer mehrere Personen beyderley Geschlechts sich ins Wasser wagten, und uns mit freundlichen Geberden zuriefen: der Capitain fand aber nicht fuͤr gut, hier vor Anker zu gehen, sondern ließ vorbeysteuern. Als wir die suͤdliche Spitze der Insel erblickten, von welcher sich die Kuͤste gegen Osten hinstrecket, fieng es bereis an dunkel zu werden, und da zugleich der Wind nachließ; so wandten wir uns Seewaͤrts, um nicht waͤhrend der Nacht, durch irgend eine Seestroͤmung, so leicht an die Kuͤste zu gerathen. Auch mußten die Matrosen, unter andern alle Morgen und Abend das Verdeck waschen, damit es bey der großen Hitze nicht zusammen trocknen und leck werden sollte. Ein Seesoldat, der zu diesem Be- huf heute Abend Wasser aus der See ziehen wollte, hatte das Ungluͤck uͤber Bord zu fallen. Er konnte nicht schwimmen; und wuͤrde also ohne Rettung verloren gewesen seyn, wenn nicht das Schiff augenblicklich in den Wind gerichtet und B b 3 Forster’s Reise um die Welt 1774. August. eine Menge von Stricken ausgeworfen worden waͤre. Gluͤcklicherweise hatte er noch so viel Besinnung, eins dieser Taue zu ergreifen, da er denn bald herausgezo- ben ward. Die Furcht vor dem Tode, und die Anstrengung demselben zu entgehen, hatten ihn so abgemattet, daß er sich kaum auf den Fuͤßen halten konnte, als er aufs Verdeck kam. Seine Cameraden handelten bey dieser Gelegenheit recht redlich an ihm; sie brachten ihn nach dem Schlafraum, zogen ihm trockne Kleider an, und gaben ihm ein Paar Schlucke Brandtwein, worauf er sich bald wieder erholte. So bruͤderlich pflegen die Soldaten einander fast durchgehends beyzustehen. Un- ter den Matrosen hingegen, ist das schon ungleich seltener. Die Windstillen, die unsre Geduld bisher auf die Probe gesetzt hatten, nahmen noch immer kein Ende. Auch diese Nacht lag das Schiff wieder so unbe- weglich, als ein Klotz auf dem Wasser, und den andern Tag wurde es von der Stroͤhmung allgemach in die Bay zuruͤckgetrieben, bey welcher wir am vergan- gnen Abend voruͤbergefahren. Es wurden also Boote ausgeschickt, um einen Ankerplatz aufzusuchen. Die Tiefe war nicht eher als ohngefaͤhr fuͤnfhundert Schritt vom Ufer zu ergruͤnden, woselbst sie ohngefaͤhr zwanzig Faden betrug. Die Einwohner kamen wieder an den Strand herab; unsre Leute konnten sich aber nicht in Unterredung mit ihnen einlassen; weil der Capitain eben einen Wind aufsteigen sah, und deshalb einen Signal-Schuß thun ließ, daß die Boote zuruͤckkommen sollten. So viel wir bemerken konnten, machte der Knall dieses Canonenschusses eben keinen besondern Eindruck auf die Insulaner, ver- muthlich deshalb, weil sie, aus Mangel von Kenntniß, sich weder Gutes noch Boͤfes dabey vorstellen und uͤberhaupt noch keine Europaͤer gesehen haben mochten. Nunmehro seegelten wir um das nordwestliche Ende der Insel, und naͤ- herten uns am andern Morgen dem einzelnen Felsen, den wir vorher schon bemerkt hatten. Demselben gerade gegen uͤber, war auf der Insel ein Berg gelegen, dessen Gipfel aus zwo Spitzen bestand, und in dieser Ab- sicht einem Sattel nicht unaͤhnlich, auch dem Ansehn nach ziemlich hoch war. Auf dem einzelnen Felsen gab es eine Menge Gestraͤuchs, und da wir an Brennholz Mangel litten, so schickte der Capitain zwey Boote aus, um wo moͤglich von dort etwas zu holen. Die Hoffnung einige botanische Ent- deckungen zu machen, verleitete uns mit dahin zu gehen. Vom Schiffe aus in den Jahren 1772 bis 1775. hatte uns dieser Felsen ganz nahe geduͤnkt, allein wir mußten wenigstens 1774. August. fuͤnf Meilen rudern, ehe wir heran kamen; und als das endlich uͤberstanden war, so fanden wir uns dennoch in allen unsern Erwartungen getaͤuscht. Die See schlug nemlich an dieser Klippe so schrecklich hohe Wellen, daß es nicht moͤglich war an- zulanden. Umsonst ruderten wir rund herum, und sahen das Gebuͤsch und die Baͤume mit Sehnsucht an. Eine große Fledermaus, und einige kleine Voͤgel, die im Gehoͤlz herumflatterten, und Fische, die in großer Menge zwischen den Klip- pen umher schwammen, reizten unsre Neugierde nur noch mehr; allein jene ka- men uns nicht zum Schuß, und diese wollten gar nicht anbeißen. Doch fiengen wir noch auf der Ruͤckkehr nach dem Schiffe eine Wasserschlange ( Coluber laticaudatus Linn. ) von eben der Art, als zu Tongatabu , einem von den niedrigen Eylanden in Marien-Bay , so haͤufig waren anzutreffen gewe- sen. (S. im ersten Theil, pag. 361.) Unmittelbar nach unserer Ruͤckkunft an Bord steuerten wir bey gelinderm Winde, dicht an der Westseite des sattelfoͤrmi- gen Piks, nach einer Bay zu. Gegen Abend kamen wir hinein, und fanden daß sie uͤber acht Meilen breit, aber nicht mehr als 2 Meilen tief war. Der sogenannte Sattelberg , macht an der Ost-Seite dieser Bay eine Halbinsel, und schuͤtzt die Rhede vor dem Passatwinde. Am aͤußersten Ende der Bay ist eben dieser Berg sehr steil, aber gegen die Mitte derselben wird er schraͤger und theilt sich in unterschiedne, sanft abhaͤngende Huͤgel. Zwischen dem wilden Gehoͤlze war, laͤngst dem ganzen Ufer, jedes freye Plaͤtzchen zu einer Baumpflanzung genutzt, und eben so wie auf den freundschaftlichen Eilanden allemahl mit Rohr-Zaͤunen eingehegt. In dieser Gegend seegelten wir ungefaͤhr eine Meile weit vom Ufer, nach einer flachen Landspitze, jenseits welcher uns ein Hafen zu seyn duͤnkte. Die Einwohner standen Haufenweise am Ufer; einige schwam- men uns entgegen und kamen so nahe, daß wir ihr Zurufen deutlich hoͤren konn- ten, aber bis ans Schiff wollte sich keiner wagen. Sie waren gleich den Mallicollesern, mit denen sie im Aeußern uͤberhaupt viel Aehnlichkeit hatten, von schwaͤrzlicher Farbe; doch bemerkten wir auch einen von hellerer Haut und roͤthlichem Haar. Es kam uns sehr seltsam vor, daß nirgends, weder auf dem Wasser, noch am Strande, ein Canot zu sehen war, da doch nicht fuͤglich zu glauben ist, daß auf einem so angenehmen Eiland ganz und gar keine Kaͤhne Forster’s Reise um die Welt 1774. August. vorhanden seyn sollten! Sobald es dunkel ward, schwammen die Einwohner ans Land zuruͤck, und zuͤndeten in ihren Pflanzungen Feuer an. Weil unser Trink- Wasser beynahe zu Ende, und dasjenige, welches wir auf Namoka eingenom- men hatten, von uͤblem Geschmack war; so freuten wir uns nicht wenig, an einer Insel, die nicht nur mit suͤßen Wasser, sondern auch mit mancherley andern Le- bensmitteln im Ueberfluß versehen zu seyn schien, einen Ankerplatz gefunden zu haben. Diejenigen von unsern Leuten, die zu Mallicollo vom rothen Seebrach- sen vergiftet worden, waren noch immer nicht voͤllig hergestellt, sondern fuͤhlten noch jede Nacht Schmerzen in den Gliedern; klagten uͤber wankende Zaͤhne und uͤber schmerzhaftes Abschaͤlen der Haut am Gaumen und am Schlunde. Indessen troͤsteten sie sich mit der Hofnung, diese langwierige Krankheit waͤhrend ihres hiesigen Aufenthalts, vermittelst besserer Diaͤt, als sie bisher beobach- ten koͤnnen, gaͤnzlich loß zu werden. Aber alle diese Aussichten wurden uns vereitelt. Am naͤchsten Morgen gieng der Capitain mit zwey wohl bemannten Boo- ten nach dem Lande ab. In dem einen commandirte er selbst, in dem andern der Lootse; beyde wollten einen bequemen Platz zum Anfuͤllen der Was- serfaͤsser aufsuchen. Zu dem Ende fuhren sie dem Schiff gerade gegenuͤber ans Land, woselbst wenigstens sechzig Einwohner am Strande versammlet waren. So bald sie sich dem Ufer einigermaaßen naͤherten, wadeten die Einwohner ins Wasser, und stellten sich rund um die Boote. Der Capitain theilte zu ihrem großen Vergnuͤgen, Naͤgel, Medaillen und tahitisches Zeug unter sie aus, gieng aber bald wieder ab, um jenseits der vorerwaͤhnten flachen Landspitze zu kommen. Als die Einwohner in der Bay dieses sahen, liefen sie am Lande nach eben der Gegend hin. Nachdem die Boote um die Spitze herum gerudert waren, blie- ben sie fast eine Stunde lang hinter derselben, ohne daß wir etwas von ihnen ge- wahr wurden. Die Einwohner hingegen sahe man von allen Seiten nach jener Bay zusammen laufen, indeß andere sich dem Schiff gegen uͤber setzten, und es mit groͤßter Aufmerksamkeit zu betrachten schienen. Ehe wir es uns versahen, gescha- hen etliche Flintenschuͤsse, und hinter drein ein unordentliches einzelnes Feuern, welches eine Zeitlang anhielt. Man saͤumte also nicht den beyden Booten so- gleich ein drittes zu Huͤlfe zu schicken, und feuerte zugleich aus einer Dreh-Basse (oder in den Jahren 1772 bis 1775. (oder halbpfuͤndigen Stuͤck) eine Kugel gegen die Landspitze hin. Hier- 1774. August. naͤchst ward auch eine Kanone auf das Vordertheil gebracht und ge- gen die Berge losgebrannt. Der Knall erschreckte alle Einwohner die wir sehen konnten, dermaaßen, daß sie eilfertigst nach dem Gebuͤsch rannten. Ei- nige kamen voll Verwunderung aus ihren Plantagen, kehrten aber, da sie ihre Landsleute auf der Flucht erblickten, alsbald wieder um; andre brachten, aus der Gegend, wo der erste Flintenschuß geschehen war, einen Todten oder Verwundeten den Berg hinangeschleppt. Endlich kam der Capitain in seinem Boote zuruͤck. Ei- ner von den Matrosen war an zweyen Orten, nemlich in der Backe und in der Hand verwundet, und Capitain Cook erzaͤhlte uns den Verlauf dieses ungluͤcklichen Vorfalls folgendermaßen: Kaum waren die Boote um die Spitze herumgekom- men, als sie einen bequemen Landungs-Ort antrafen. Auf diesem stieg der Ca- pitain mit noch Einem aus, und fand etliche hundert Einwohner, mit Bogen, Pfeilen, Streitkolben und langen Speeren bewaffnet, vor sich. Sie waren von nußbrauner Farbe und von mittelmaͤßiger, jedoch weit groͤßerer Statur als die Mallicolleser, auch weit schoͤner von Gliedmaaßen und Gesichtsbildung, erschienen aber nach europaͤischen Sitten zu urtheilen, in einem eben so unanstaͤndigen Aufzuge als jene, das ist, voͤllig so nackend, bloß mit einem Strick um den Leib; Manche hatten sich das Gesicht mit schwarz und rother Farbe ange- mahlt. Haupthaar und Bart waren kraus und dick, bald mehr, bald minder wolligt, aber fast durchgehends schwarz; nur einige wenige hatten roͤthliches Haar. Um sich das Zutrauen seiner neuen Bekannten zu erwerben, theilte der Capitain allerhand Kleinigkeiten unter sie aus, und beschenkte vorzuͤglich ei- nen Mann, der, dem Ansehen nach, uͤber die andern etwas zu sagen hatte. Eben diesem gab er auch durch Zeichen zu verstehen, daß wir Wasser und andre Lebensmittel noͤthig haͤtten. So bald der Befehlshaber merkte, worauf es an- gesehen sey, schickte er augenblicklich etliche von den Indianern fort, und unter- hielt sich waͤhrend ihrer Abwesenheit mit dem Capitain. Die abgesandten Bo- ten kamen auch bald zuruͤck und brachten ein hohles Bambu-Rohr voll fri- schen Wassers, ein Paar Cocos-Nuͤsse und eine Yamwurzel mit sich. Ihren Zeichen nach zu urtheilen, mußten sie das Wasser irgendwo aus der Nachbar- Forster’s Reise u. d. W. zweyter Th. C c Forster’s Reise um die Welt 1774. August. schaft geholt haben, schienen es aber auf alle Weise verhindern zu wollen, daß unsre Leute nicht selbst darnach hingehen und den Ort untersuchen sollten. Da nun uͤberdem ihre Zahl bestaͤndig zunahm, so hielt es der Capitain der Klugheit gemaͤß, sich wieder einzuschiffen. Allein sein Ruͤckzug war gleichsam das Signal zum Angrif; denn, ehe noch das Boot vom Lande abgestoßen werden konnte, so hatte schon einer von den Indianern mit Gewalt ein Ruder weggenommen. Zwar riß es ihm ein anderer wiederum aus der Hand, und warf es den unsrigen zuruͤck, dagegen aber suchten andre das Brett, worauf unsre Matrosen ins Boot gegan- gen waren, mit Gewalt ans Ufer zu ziehen; noch andre wadeten ins Wasser, bemaͤchtigten sich zweyer Ruder, und packten das Boot selbst an, um es auf den Strand zu schleppen. Da ihr Befehlshaber den ganzen Angrif zu com- mandiren schien, so wollte Capitain Cook Feuer auf ihn geben; es gieng ihm aber hier wie in Savage-Eyland , (S. 132.) die Flinte versagte. Die Einwohner sahen ihn zielen, und da sie natuͤrlicher Weise vermuthen konn- ten, daß er ein Gewehr in der Hand hielt; so saͤumten sie nicht das Boot von allen Seiten mit Pfeilen und Speeren zu beschießen. Eines von den Wurf- spießen, welches ein bloßer noch dazu ganz stumpfer Stecken war, fuhr einem Matro- sen in die Backe. Der Capitain ließ also die Mannschaft, aus wuͤrklicher Noth- wehr, auf die Indianer feuern. Es dauerte zwar eine geraume Zeit, ehe eine einzige Flinte losgehn wollte; doch wurden endlich durch die ersten Schuͤsse gleich zween Wilde, dicht am Boote erlegt. Die uͤbrigen ließen sich dadurch nicht abschrecken; sie rannten bloß einige Schritte zuruͤck, kamen aber herzhaft wieder und erneuerten den Angrif mit Steinen und Pfeilen. Nun fieng das zweyte Boot ebenfalls an zu feuern; allein auch da waren nur zwo bis drey Flinten brauchbar, doch wurden noch etliche Einwohner mehr verwun- det. Ohnerachtet in Engelland die besten Feuersteine vorhanden sind, und fuͤr die Lieferung derselben, von Seiten der Regierung, ein Ansehnliches bezahlt wird, so werden doch die Truppen mit den schlechtesten Flintensteinen von der Welt versehen. Es ist unerhoͤrt, wie hier zu Lande die Lieferanten bey allen Gelegenheiten, auf Kosten des gemeinen Wesens, Reichthuͤmer zusammen zu scharren fuchen! Meines Erachtens sollte aber, wo nicht durchgehends, wenigstens bey einem solchen Artikel als dieser ist, schaͤrfere Aufsicht gehalten werden, weil diese einzige Sorglosigkeit vielen in den Jahren 1772 bis 1775. Tausend Unterthanen das Leben kosten, ja zuweilen gar den gluͤcklichen oder un- 1774. August. gluͤcklichen Ausgang eines Treffens entscheiden kann. Auslaͤnder, die den Krieges-Uebungen, in Engelland sowohl als in andern Laͤndern beyge- wohnt, haben vielfaͤltig bemerkt, daß wenn eine Compagnie englischer Soldaten bey einer Revuͤe etlichemal abgefeuert hat, wenigstens sechs Gemeine hinter die Fronte gehn, und den Schuß aus der Flinte ziehn muͤssen. Die Ursach dieses fuͤr einen Soldaten schimpfli- chen Fehlers, liegt nicht an den Schloͤssern, sondern blos an den schlechten Flintensteinen. Alle fremde Truppen sind in diesem Stuͤck besser versorgt, als die englischen. Ein Rohrpfeil, der eine lange, an beyden Seiten ausgezackte Spitze von schwarzem Holz hatte, traf dem Lootsen auf die Brust, verursachte ihm aber, weil es ein matter Schuß war, nur eine Contusion. Die verwundeten Indianer, krochen auf allen Vieren ins Gebuͤsch, und so bald das grobe Geschuͤtz zu spielen aufieng, lief der ganze Trupp eilfertigst davon. Nur etliche wenige hatten das Herz hinter einem Sandhuͤgel wiederum Posto zu fassen, und unter Beguͤnstigung dieser Brustwehr die unsrigen noch ferner zu beunruhigen; sie konnten aber auch da nicht lange Stand halten, weil man tapfer nach ihnen schoß, so oft nur ein Kopf uͤber dem Sandhuͤgel zum Vorschein kam. Als der Capitain, das ihm zu Huͤlfe geschickte dritte Boot ankommen sah, kehrte er an das Schiff zuruͤck, und ließ durch die beyden andern, die Bay aller Orten sondiren. — Ich mei- nes Theils kann mich noch immer nicht uͤberreden, daß diese Wilden, als sie unser Boot aufhielten, die geringste Feindseligkeit sollten im Sinne gehabt ha- ben! Nur das mogte sie aufbringen, daß auf sie, oder vielmehr auf ihren Anfuͤhrer, mit einem Gewehr gezielt ward. Gleichwohl war das den unsrigen auch nicht zu verdenken, und so scheint es denn schon ein unvermeidliches Uebel zu seyn, daß wir Europaͤer bey unsern Entdeckungs-Reisen den armen Wilden allemal hart fallen muͤssen. Nach dem Fruͤhstuͤck lichteten wir den Anker, um tiefer in die Bay zu gehn, weil unsre Boote nicht weit vom Strande einen bequemeren Ankerplatz ge- funden hatten. Die ganze westliche Kuͤste der Bay war mit viel Tausend Pal- men bedeckt, welches einen herrlichen Anblick ausmachte; doch schienen diese Baͤume von den Cocos-Palmen unterschieden zu seyn. Unterwegens kamen wir bey dem Orte voruͤber, wo das Gefecht vorgegangen war. Es hielten sich C c 2 Forster’s Reise um die Welt 1774. August. daselbst noch etliche Indianer auf, allein, so bald sie das Schiff gewahr wurden, entflohen sie in die Waͤlder. Die beyden Ruder, welche wir eingebuͤßt hatten, standen noch, gegen die Buͤsche gelehnt, da; man hielt es aber nicht der Muͤhe werth, sie durch ein Boot zuruͤck holen zu lassen. Schon freuten wir uns darauf, hier vor Ancker zu kommen, als der Capitain das Schiffunvermuthet wenden und ostwaͤrts um den Sattel-Berg steuern ließ. Dieses Vorgebuͤrge nannten wir, wegen des von den Indianern dabey erlittenen haͤmischen Angrifs Traitors-head , d. i. Verraͤthers-Haupt . Es ward 3 Uhr Nachmit- tags, ehe wir dasselbe paßirt hatten. Als wir an der Ostseite herum kamen, lag eine Bay vor uns, die weit ins Land hinaufzureichen, und verschiedene bequeme Buchten oder Haven zu enthalten schien. An beyden Ufern war das Land mit dichtem Ge- hoͤlze bedeckt, so ein vortrefliches, fuͤr Botaniker aͤußerst einladendes Ansehen hatte. Gegen Suͤden lief die Landschaft sanft Berg an, und zeigte dem Auge eine weitlaͤuftige, fast uͤberall bebaute Gegend, wo sich ein großer Reich- thum an Pflanzen-Producten vermuthen ließ. So reizend dieser Anblick war, so schien der Capitain doch noch anzustehen, ob er in die Bay hereinlau- fen solle, oder nicht. Mittlerweile kam gerade jene Insel, welche wir schon am 28sten Julius entdeckt hatten, in Suͤden wieder zum Vorschein; und nun entschloß sich der Capitain kurz und gut, aus der Bay heraus, und nach der entferntern Insel hinzuseegeln, um so viel als moͤglich, alle zu dieser Gruppe gehoͤrenden Eylande, in Augenschein zu nehmen. Die In- sel, welche wir nunmehro verließen, liegt unterm 18°. 48′ suͤdlicher Breite und im 169°. 20′ oͤstlicher Laͤnge. Sie ist beynahe viereckigt und hat wenigstens 30 starke Seemeilen im Umkreise. Daß diese Insel in der Sprache ihrer Bewohner Irromanga genannt werde, erfuhren wir nachmals auf einer benachbarten Insel, wie im folgenden Hauptstuͤck zu ersehen seyn wird. Ein frischer guͤnstiger Wind beschleunigte unsre Fahrt gegen das neue Eyland hin, auf welchem wir des Nachts unterschiedne Feuer gewahr wurden, darunter das eine stosweise in die Hoͤhe schlug, wie die Flamme eines feuerspeyenden Berges zu thun pflegt. Bey Tages Anbruch zeigte sich, daß wir in der Nacht dicht neben einem nord-ostwaͤrts gelegenen, niedrigen und mit Cocos-Palmen bewachsenen in den Jahren 1772 bis 1775. Eylande vorbeygekommen waren. Ob es aber, so wie diemehresten solcher niedrigen 1774. August. Inseln, aus einem Corallen-Rief bestaͤnde? konnten wir nicht unterscheiden. Nunmehro sahe man auch, 8 bis 9 Seemeilen gegen Osten hin, eine neue, ziem- lich bergigte Insel liegen. Das groͤßere Eiland, dahin wir eigentlich unsern Lauf rich- teten, streckte sich von Nordwest gegen Suͤdosten, und hatte eine Kette hoher Berge. Vor dieser her lag eine Reihe niedriger Huͤgel, davon der aͤußerste, am Suͤd- Ost-Ende der Insel, ein Volcan war, wie wir’s in der abgewichnen Nacht, dem Feuer nach, vermuthet hatten. Er bestand aus einem ausgebrannten und daher voͤllig unfruchtbaren Steinklumpen von braun-roͤthlicher Farbe und kegelfoͤrmi- ger Gestalt, und hatte in der Mitte einen Crater oder Brandbecher, war aber der niedrigste von allen. Aus seinem Schlunde sahe man von Zeit zu Zeit eine Saͤule von dickem Rauch, gleich, einem großen Baum empor steigen der seine dickbelaubte Krone allmaͤhlig ausbreitet. So oft eine neue Rauch-Saͤule zum Vorschein kam, hoͤrte man ein dumpfes Geprassel, wie von einem fernen Donner, und die Saͤulen folgten ziemlich hurtig aufeinander. Die Farbe des Rauchs blieb nicht immer einerley; gemeiniglich war sie weiß und gelbligt, zuwei- len aber grau-roͤthlich; welches letztere von dem Wiederschein des inneren Feuers herruͤhren mogte. Die ganze Insel, der Volcan allein ausgenommen, ist uͤberall mit Baͤumen, vornemlich mit Cocos-Palmen bewachsen und das Laub war selbst zu dieser Jahrszeit, die doch den Winter vorstellte, sehr hell und frisch von Ansehen. Nach 8 Uhr wurden die Boote ausgesetzt, und der Loots abgeschickt, einen Haven, der ostwaͤrts vom Volcane vor uns lag, zu sondiren. Unterdessen daß sie mit Huͤlfe eines guͤnstigen Windes hineinliefen, sahe man zwey Canots mit Einwohnern, aus unterschiednen Gegenden von der Kuͤste abstoßen um den un- srigen nachzufolgen, und ein drittes Canot seegelte in der Ferne laͤngs dem Ufer. Unsre Leute winkten, daß wir ihnen mit dem Schiff folgen moͤgten. Wir steuer- ten also in den Haven, der eine enge Einfahrt hatte, erschracken aber nicht wenig, als das Senkbley, welches unablaͤßig ausgeworfen wurde, von sechs Faden auf einmal nur viertehalb angab; indeß vertiefte sich das Wasser gleich darauf wieder bis auf vier, fuͤnf und mehrere Faden. Man fand nachher, daß an der seichten Stelle eine verborgene Felsen-Klippe vorhanden war, an der wir C c 3 Forster’s Reise um die Welt 1774. August. bey der ohnehin engen Einfahrt, gar leicht haͤtten scheitern koͤnnen. Der Ha- ven an sich war rund und klein, aber sicher und bequem; und hatte auf der Stelle, wo wir die Anker auswarfen, vier Faden Tiefe. Unter allen den in dieser Gegend entdeckten Eylanden, war dies das einzige, wo wir uns einige Zeit aufhielten. Wir nahmen an demselben Brennholz und frisches Wasser ein; andere Lebensmittel hingegen wollten uns die Einwohner nicht zukommen lassen, ohnerachtet es ihnen gar nicht daran fehl- te. In diesem Stuͤck hatten wir von unserm Aufenthalt allhier nur wenig Nu- tzen, dagegen verschafte er uns die schaͤtzbare Gelegenheit, eine Nation, oder viel- mehr einen besonderen Stamm von Menschen kennen zu lernen, der von allen die uns bisher bekannt geworden voͤllig unterschieden, mithin besonders merk- wuͤrdig und der aufmerksamsten Untersuchung werth war. Sech- in den Jahren 1772 bis 1775. Sechstes Hauptstuͤck . Nachrichten von unserm Aufenthalt zu Tanna , und Ab- reise von den neuen Hebridischen-Inseln . S obald das Schiff vor Anker lag, sahen wir mit vielem Vergnuͤgen die 1774. August. Einwohner aus allen Gegenden der Bay in ihren Canots herankommen, und in einiger Entfernung rund ums Schiff herum rudern. Sie waren durchge- hends mit Speeren, Kenlen , Bogen und Pfeilen bewaffnet, schienen aber un- schluͤssig, ob sie uns fuͤr Freunde oder fuͤr Feinde halten sollten? Endlich wagte sich doch hie und da einer heran, und reichte uns eine Yam-Wurzel, oder eine Cocosnuß aufs Verdeck, wofuͤr er dann ein Gegengeschenk bekam. In kurzer Zeit belief sich die Anzahl der Canots auf siebzehn; davon einige mit zwey und zwanzig, andre mit zehn, sieben, fuͤnf, und die kleinsten nur mit zwey Mann be- setzt waren; so daß sich in allem mehr als zweyhundert Indianer um uns her befan- den. Mit unter ließen sie einzelne Worte von sich hoͤren, als ob sie uns um et- was befragten. Wenn wir aber in Tahitischer, oder Mallicolesischer Sprache antworteten; so widerhohlten sie diese Worte, ohne das Geringste davon zu ver- stehen. Nach und nach verlohr sich der erste Eindruck, den unsre Gegenwart auf sie gemacht zu haben schien, und sie kamen endlich ganz unbesorgt dicht ans Schiff heran. Vom Hintertheil desselben hatten wir in einem kleinen Hand-Netze ein Stuͤck Poͤkelfleisch in die See herabgelassen, welches unsre gewoͤhnliche Art war es auszuwaͤssern. An dieses Netz machte sich ein alter Kerl von den Einwoh- nern, und wuͤrde es los geknuͤpft haben, wenn wir ihm nicht ernstlich zugerufen haͤtten, da er denn augenblicklich davon abstand. Dafuͤr drohte uns aber ein andrer mit seinem Speer, und ein dritter legte einen Pfeil auf seinem Bogen zurecht, und zielte damit nach unterschiednen Personen auf dem Verdecke. Capitain Cook hielt dafuͤr, daß es jetzt die rechte Zeit seyn wuͤrde, eine Kanone abzufeuern, um den Insulanern einen Begriff von unsrer Uebermacht beyzubringen, und al- len Feindseligkeiten auf einmal vorzubeugen. Er winkte ihnen deshalb zu, daß sie, ihrer eigenen Sicherheit wegen, auf die Seite rudern sollten. Ich besorgte, daß die Wilden diesen gebieterisch scheinenden Wink uͤbel auslegen, oder Forster’s Reise um die Welt 1774. August. wenigstens unbefolgt lassen wuͤrden, sahe aber zu meiner Verwunde- rung, daß sie sich alsbald dicht am Hintertheil des Schiffes versammel- ten. Die Canonen wurden also gegen das Ufer gefeuert, und in dem- selben Augenblick sprangen die zweyhundert Kerle, aus ihren Canots, auf einmal in die See. Nur ein einziger, wohlgestalteter junger Mann, von offener, einnehmender Gesichtsbildung, blieb dreist in dem seinigen stehen, und laͤchelte mit einer Art von Verachtung uͤber seine furchtsamen Landsleute. Das Schrecken gieng indessen bald voruͤber; da sie fanden, daß der Knall keine uͤble Folgen gehabt, so schwungen sie sich bald wieder in ihre Canots, sprachen seht laut unter einander, und schienen uͤber ihre eigene Furcht zu lachen. Demohngeachtet hielten sie sich in einer gewissen Entfer- nung, wiewohl ohne die geringsten feindlichen Gesinnungen zu aͤußern. Capitain Cook war mit der Lage des Schiffs nicht zufrieden, sondern wuͤnschte es tiefer in die Bay ziehen zu lassen. In dieser Absicht schickte er ein stark bemanntes Boot vorauf, welches auch von Seiten der Indianer kei- nen Widerstand fand. Sie hatten vielmehr alle ihre Aufmerksamkeit auf den Buoy gerichtet, der zum ersten Anker gehoͤrte, und betrachteten denselben mit be- gierigen Blicken, bis endlich ein alter Kahlkopf sich nicht laͤnger erwehren konnte, einen Versuch darauf zu wagen. Er kam in seinem Canot herangerudert, und wollte ihn fortschleppen. Anfaͤnglich zog er am Stricke, und als das nicht ge- hen wollte, versuchte ers, ihn loszumachen. Sobald wir gewahr wurden, daß es ihm Ernst damit sey, winkte ihm Capitain Cook , davon zu bleiben; woran er sich aber im geringsten nicht kehrte. Der Capitain schoß al- so mit Schroot nach ihm; sobald er sich verwundet fuͤhlte, warf er den Buoy sogleich ins Wasser; kaum aber war der erste Schmerz voruͤber, so kehrte er zuruͤck, um in der Unternehmung fortzufahren. Nun ward eine Flintenkugel dichte vor ihm ins Wasser geschossen, wor- auf er den Buoy abermals fahren ließ, und mit einer Cocosnuß zum Ge- schenk ans Schiff kam. In diesem Betragen war meines Erachtens etwas kuͤh- nes und großes; es schien gleichsam, als boͤte er uns seine Freundschaft, zur Belohnung unsrer Tapferkeit an. Mittlerweile hatte das ausgeschick- te Boot den andern Anker ausgelegt, und wir fiengen nun an, mit Huͤlfe des- selben in den Jahren 1772 bis 1775. selben, das Schiff in den Haven zu ziehen. Ohnerachtet es dem Indianer, 1774. August. der sich an jenem Anker-Boy hatte vergreifen wollen, nicht ungestraft hingegan- gen war; so ließ sich doch ein anderer dadurch nicht abhalten, auf den Boy des zweyten Ankers einen aͤhnlichen Versuch zu wagen. Nachdem er, ziemlich un- entschlossen, bald darnach hin, bald wieder zuruͤckgefahren war, siegte die Ver- suchung uͤber alle seine Bedenklichkeiten, und er fing an, den Boy getrost in sein Canot zu ziehen. Diesem Unfug zu steuern, ward ein Musketon derge- stalt abgefeuert, daß die Kugel dicht bey ihm niederschlug, alsdann noch ein paar mahl vom Wasser absetzte, und endlich auf den Strand fiel. Eine so un- erwartete Erscheinung jagte alle dort versammelte Indianer augenblicklich aus einander; nur die Hauptperson, der Thaͤter, kehrte mit seinem Canot, ganz unerschrocken nach dem Boy zuruͤck. Man ließ deshalb von neuem einen Musketon, und da auch dieses noch nicht helfen wollte, eine Dreh-Basse, endlich gar eine Kanone abfeuern, wodurch denn sowohl er, als alle uͤbri- gen Indianer, auf dem Lande und auf dem Wasser, mit einem mahle verscheucht, jedoch niemand beschaͤdiget wurde. Nach dieser kleinen Unruhe brachten wir das Schiff an seinen be- stimmten Ort. Beym Hereinboogsiren gerieth es etliche mahl auf den Grund, weil man damit, auf einer Seite, etwas zu nah ans Ufer kam, doch war zum Gluͤck das Wasser hier so ruhig, und der Grund so weich, daß es ohne Muͤhe und Schaden, wieder flot wurde. Sobald dies Ge- schaͤft voruͤber war, setzten wir uns ruhig zu Tische, und futzren nachher, in- drey gut bemannten Boͤten, darinn unter andern alle unsere See-Soldaten be- findlich waren, nach dem Lande hin. Der Anschein ließ uns eine ganz ruhige Landung hoffen, denn die Zahl der an der Kuͤste befindlichen Einwohner war zu gering, um uns dieselbe streitig zu machen. Sie hatten sich, nicht weit von der See, ins Gras gelagert, und liefen auch wuͤrklich fort, als sie uns aus dem Boote steigen sahen; da wir ihnen aber freundlich zu- winkten, so kehrten sie wieder zuruͤck. Von Westen kam ein Haufen von etwa 150 Wilden her, die allesammt, in der einen Hand Waffen, in der an- dern aber gruͤne Palm-Zweige trugen. Diese uͤberreichten sie uns als Friedens- zeichen, und wir beschenkten sie dagegen mit Medaillen, Tahitischem Zeug und Forsters Reise u. d. W. Zweyter Th. D d Forster’s Reise um die Welt 1774. August. Eisenwerk, tauschten auch fuͤr dergleichen Waaren etliche Cocosnuͤsse ein, nachdem es eine ganze Weile gedauert hatte, ehe sie, aus unserm Hindeuten auf die Cocos- Palmen und aus andern Gebehrden, begreifen konnten, daß wir von diesen Baͤumen die Fruͤchte zu haben wuͤnschten. Hierauf verlangten wir, daß sie sich alle nieder- setzen moͤgten, welches auch zum Theil geschahe und alsdann ward ihnen an- gedeutet, daß sie eine in den Sand gezogene Linie nicht uͤberschreiten sollten, womit sie ebenfalls zufrieden waren. Ein Teich von wohlschmeckendem frischem Wasser, der sich in der Naͤhe befand, verschaffte uns Gelegenheit ihnen zu verstehen zu geben, daß wir blos in der Absicht hieher gekommen waͤren, uns mit einem Vorrath von Trinkwasser, imgleichen mit etwas Brennholz zu versorgen. Sie wiesen uns zu dem Ende verschiedene wilde Baͤume an, und baten nur, daß wir keine Cocos-Palmen, die in unzaͤhliger Menge laͤngst dem Ufer standen, umhauen moͤchten. Damit sie sehen sollten, auf was fuͤr Art wir beym Wasserschoͤpfen und Holzfaͤllen zu Werke giengen, wurde mit beydem, sogleich in ihrer Gegenwart, der Anfang gemacht, welches sie auch ruhig ge- schehen ließen. Waͤhrend dieser Zeit hatten die Soldaten sich in Ordnung gestellt, und die Indianer bezeigten so viel Furcht fuͤr ihnen, daß sie, bey der geringsten Bewegung derselben, allemal eine Ecke fort liefen; nur etliche alte Maͤnner wa- ren so herzhaft sich dadurch nicht erschrecken zu lassen. Wir verlangten, daß sie ihre Waffen von sich legen sollten, welcher Forderung, so unbillig sie an sich auch seyn mochte, dennoch von den mehresten Genuͤge geleistet wurde. Sie waren von castanien oder vielmehr schwarzbrauner Leibes-Farbe, von mittler Groͤße, aber weit staͤrker gebaut und besser proportionirt, als die Mallicoleser. Gleich diesen giengen sie voͤllig nackend, trugen auch auf eben die Art einen Strick um den Leib, doch mit dem Unterschiede, daß der Bauch dadurch nicht so gewaltig eingeschnuͤrt war. Die Frauenspersonen, deren sich etliche in der Ferne sehen ließen, wa- ren in Roͤcke gekleidet die bis uͤbers Knie reichten, und duͤnkten uns nicht so haͤßlich zu seyn, als die Mallicoleserinnen. Ein paar Maͤdchen hatten lange Speere in den Haͤnden, kamen aber deshalb nicht naͤher, als die uͤbrigen. Wir lernten, gleich bey dieser ersten Unterredung, eine ziemliche Anzahl Woͤrter von der hiesigen Landessprache; die mehresten waren uns ganz neu und unbekannt zuweilen aber hatten sie fuͤr einerley Gegenstand zween unterschiedne Ausdruͤ- in den Jahren 1772 bis 1775. cke, davon der eine fremd, der andre aber, mit einem eben so viel bedeuten- 1774. August. den Worte aus der Sprache die auf den freundschaftlichen Inseln geredet wird, gleichlautend war. Es muͤssen folglich hier in der Nachbarschaft noch andere Inseln vorhanden, und mit Leuten von eben der Nation, welche auf den Societaͤts- und freundschaftlichen Eylanden wohnet, bevoͤlkert seyn. Unter andern brachten wir auch von unsern neuen Bekannten heraus, daß ihre eigene Insel Tanna genannt werde, welches Wort in der Malayischen Spra- che soviel als Erde bedeutet. Ich muß bey dieser Gelegenheit anmerken, daß wir es uns zur Regel gemacht hatten, von allen fremden Laͤndern die wir besuchen wuͤrden, allemal die eigenthuͤmlichen Namen welche sie in der Landessprache fuͤh- ren, auszukundschaften, denn die allein sind selbststaͤndig und nicht so haͤufiger Ber- aͤnderung unterworffen als die willkuͤhrlichen Benennungen, welche jeder Seefah- rer seinen eignen und andern Entdeckungen beyzulegen das Recht hat. Sobald die Faͤsser gefuͤllt waren, kehrten wir ans Schiff zuruͤck, ganz erfreut, daß der erste Schritt zur Bekanntschaft mit den Eingebohrnen gluͤcklich geschehen und so ruhig abgelaufen sey. Am folgenden Morgen zeigte sich aber, daß die Insulaner nur in Ermangelung einer groͤßern Anzahl so friedlich gegen uns verfahren, im Grunde aber keinesweges gesonnen waren, uns freyen Zugang in ihre Insel zu gestatten. Sie befuͤrchteten, daß wir, auf ihr Land und anderes Eigenthum, Absichten haͤtten, und machten daher Anstalt, beydes zu vertheidigen. Um den Faden dieser Erzaͤhlung nicht zu unterbrechen, habe ich von ei- nem merkwuͤrdigen Phoͤnomen, dem auf dieser Insel vorhandenen Volcan, bis- her noch nichts erwaͤhnen koͤnnen. Er war zur Zeit unsers Hierseyns gerade in vollem Ausbruch und lag 5 bis 6 Meilen weit im Lande, so daß man, verschie- dener dazwischen befindlicher Huͤgel wegen, vom Schiffe aus, nichts als den ranchenden Gipfel desselben sehen konnte. Dieser war an mehreren Stellen ge- borsten und am aͤußeren Rande gleichsam ausgezackt. Von 5 zu 5 Minuten fuhr, mit donnergleichem Krachen, ein Flammenstos daraus empor, wobey das unterirdische Getoͤse oft eine halbe Minute lang waͤhrete. Zu gleicher Zeit war die Luft durchaus mit Rauch und schwarzer Schoͤrl-Asche angefuͤllt, die, wenn sie ins Auge kam, einen beißenden Schmerz verursachte. Sie fiel in solcher Menge herab, daß, in Zeit von wenig Stunden, das ganze Schiff da- D d 2 Forster’s Reise um die Welt 1774. August. mit bedeckt war, und auch der Strand lag uͤberall voll kleiner Bimssteine und ausgebrannter Kohlen. Am naͤchsten Morgen brachten wir das Schiff in eine noch bequemere Lage, naͤher aus Ufer, indeß die Einwohner, so bald es nur Tag wurde, aus ih- ren Waͤldern hervorkamen und am Strande sich mit einander zu berathschlagen schienen. Um der Folge willen ist es nothwendig, daß ich hier die Gegend um den Haven etwas genauer beschreibe. Sie ist, sowohl nach Osten als nach Suͤden und nach Westen hin, uͤberall von verschiedener Gestalt und Beschaffen- heit. An der Ostseite bildet nemlich das Ufer der Bay eine hervorragende Landspitze, deren ziemlich breiter Strand von Corallsteinen und Schnecken- Sand, mit einem ohngefaͤhr vierzig Schritt tiefen Palm-Hain eingefaßt ist. Hinter diesem kleinen Walde wird das Erdreich, wie ein Wall, um 40 bis 50 Fus hoͤher. Obenher ist dieser Wall flach und macht, queer uͤber die Land- spitze weg bis jenseits nach der offnen See hin, eine Flaͤche aus, die zwo Mei- len breit ist, und der Laͤnge nach, auf eine Strecke von 3 Meilen, bis an die Suͤdseite des Havens reicht. Allda verlaͤuft sie sich in eine schoͤne, angebaute Niederung, die man beym Einfahren in die Bay gerade vor sich hat und die, hinterwaͤrts, an eine Reihe sanft abhaͤngender Huͤgel stoͤßt, vorn aber mit einem breiten Gestade, von festem schwarzen Sande, umgeben ist, auf welchem wir Holz und Wasser einnahmen. Endlich die linke, oder Westseite des Havens, bestehet aus einem, ohngefaͤhr 800 Fus hohen und vom Gipfel bis auf 90 Fus weit von der Erde, fast uͤberall senkrecht steilen Berge. Dieser macht zugleich die westliche Graͤnze der vorgedachten angebaueten Niederung aus, unter- bricht den schoͤnen breiten Strand derselben, und hat bis zur aͤußersten Land- Ecke gegen Westen, nur ein schmales, aus Schieferstein bestehendes Ufer. An der suͤdoͤstlichen Ecke des Havens, ist ein flaches Corallen-Rief befindlich, das selbst waͤhrend der Ebbe unter Wasser bleibt, und die See in dortiger Gegend ungemein seicht macht. Hin und wieder stießen die Indianer ihre Canots einzeln vom Ufer, und brachten je eine oder zwo Cocosnuͤsse und Pisangs zum Verkauf. Sie vertauschten solche gegen Tahitisches Zeug, und kehrten, so bald sie ihre Waaren angebracht hatten, nach dem Ufer zuruͤck, um mehrere zu hohlen. Ei- in den Jahren 1772 bis 1775. ner both dem Capitain auch seine Keule zum Verkauf; dieser zeigte ihm ein 1774. August. Stuͤck Zeug dagegen, und so wurden sie Handels einig. Als man dem India- ner das Zeug an einem Stricke ins Canot herabließ, knuͤpfte ers unverzuͤglich los, machte aber gar nicht Anstalt die Keule dafuͤr abzuliefern. Der Capitain versuchte es daher ihn, durch allerhand Zeichen, an sein gegebenes Wort zu erin- nern, welches jener auch wohl zu verstehen schien, aber doch nicht im mindesten darauf achtete. Der Capitain schoß ihm also eine Ladung Schroot ins Gesicht, worauf der Indianer, mit den beyden andern die in seinem Canot waren, eiligst fort ruderte. Nun wurde vom Verdeck aus mit einem Musketon ein paar mahl hinter ihnen drein gefeuert, bis sie, vor großem Schreck uͤber eine Ku- gel die dicht neben ihr Canot fiel und etliche mahl vom Wasser abprellte, in die See sprangen, und vollends nach dem Ufer hin schwammen. In der Ge- gend wo sie ans Land stiegen, entstand alsbald ein großer Zusammenlauf von Menschen, die vermuthlich zu erfahren suchten, was ihren Landsleuten begeg- net waͤre. Ein paar Minuten nachher kam ein kleiner alter Mann, mit einem Canot voll Zuckerrohr, Cocosnuͤssen und Yamwurzeln, ganz allein an das Schiff. Schon gestern Nachmittag hatte er sich Muͤhe gegeben, zwischen uns und den seinigen, Frieden zu erhalten, und seine freundliche, treuherzige Miene ließ uns hoffen, daß er auch jetzt wieder in einer so loͤblichen Absicht kommen muͤße. In dieser Ueberzeugung schenkte ihm Capitain Cook einen vollstaͤndi- gen Anzug vom besten rothen Tahitischen Zeuge, woruͤber der Alte ungemein vergnuͤgt zu seyn schien. Gleich seinen uͤbrigen Landsleuten, die niemals ohne Waffen gehen, hatte auch dieser zwo große Keulen bey sich. Capitain Cook , der sich in einem unsrer Boote befand, ergriff diese Keulen, warf sie in die See, und gab dem Alten zu verstehen, daß alle Insulaner ihre Waffen von sich legen sollten. Mit diesem Anbringen ruderte der ehrliche Greiß, ohne sich uͤber den Verlust seiner Keulen zu beklagen, ans Ufer zuruͤck, und spatzierte da- selbst eine Zeitlang in seinem neuen Staat herum. Nunmehro kam, aus al- len Gegenden der Insel, hauptsaͤchlich von dem steilen Berge an der Westseite des Havens, eine unzaͤhlige Menge von Menschen an den Strand herab, so daß es, in den Gebuͤschen und Waldungen auf der Ebene, uͤberall von Menschen wimmelte, deren keiner unbewaffnet war. Mittlerweile hatten wir das Schiff, D d 3 Forster’s Reise um die Welt 1774. August. der Queere nach, gegen das Ufer gekehrt, damit die Kanonen das Land bestrei- chen koͤnnten, und nach dieser Vorsicht bereiteten wir uns, in dem großen und zwey kleineren Boͤten, mit allen See-Soldaten und einer wohlbewaffneten Par- they Matrosen, eine Landung zu versuchen. So bald die Wilden uns kommen sahen, eilten sie alle aus den Waͤldern ins Freye an den Strand, und stellten sich daselbst in zween großen Haufen zu beyden Seiten des Wasserplatzes. Der west- liche Haufe war der betraͤchtlichste, indem er wenigstens aus siebenhundert Mann bestand, die, in einem geschloßnen Trupp, zum Angrif nur das Signal zu erwarten schienen. An der Ostseite mogten ohngefaͤhr zweyhundert Mann stehen, die zwar ebenfalls bewaffnet waren, aber gleichwohl zu Feindseligkeiten nicht so offenbar Miene machten. Mitten zwischen diesen beyden Haufen, hatte sich der kleine Alte, der eben bey uns gewesen, nebst noch zween andern unbewaffnet hingestellt, und eine Menge Pisangs, Yamwur- zeln, u. d. gl. vor sich aufgehaͤuft. Als wir ohngefaͤhr noch zwanzig Schritte weit vom Ufer waren, rief Capitain Cook den Einwohnern zu, und gab ihnen durch Zeichen zu verstehen, daß sie die Waffen niederlegen und sich vom Strande zuruͤckziehen sollten. Auf diese Forderung achteten sie nicht; und vielleicht kam es ihnen gar unbillig und laͤcherlich vor, daß eine Handvoll Fremde sich’s beygehen ließ, ihnen, in ihrem eigenen Lande, Gesetze vorzuschrei- ben. Es wuͤrde eine Unvorsichtigkeit gewesen seyn, zwischen jenen beyden Hau- fen zu landen, weil wir uns auf solche Art zu dreist einem Angrif ausgesetzt haͤtten, bey welchem viele dieser unschuldigen Leute, und wohl gewiß auch mancher von uns das Leben duͤrfte eingebuͤßt haben. Um sie also, wo moͤglich, im Voraus davon abzuschrecken, ließ der Capitain Cook eine Flintenkugel uͤber ihre Koͤpfe hinfeuern. Der unvermuthete Knall brachte auch wuͤrklich den ganzen Haufen in Bewegung; so bald aber das erste Erstau- nen voruͤber war, blieben sie fast alle wieder stehen. Einer, der dicht ans Ufer kam, hatte sogar die Verwegenheit, uns den Hintern zu zeigen und mit der Hand drauf zu klatschen, welches, unter allen Voͤlkern im Suͤd-Meer , das ge- woͤhnliche Zeichen zur Herausforderung ist. Dieses Großsprechers wegen, ließ der Capitain noch einen Flintenschuß in die Luft thun; und da man dieses auf dem Schiffe fuͤr ein Signal hielt, so ward alles grobe Geschuͤtz, welches aus 5 vierpfuͤn- in den Jahren 1772 bis 1775. digen Kanonen, zwey halbpfuͤndigen Dreh-Bassen, und vier Musketons bestand, mit 1774. August. einem mahle abgefeuert. Die Kugeln pfiffen uͤber die Indianer weg, und kappten et- liche Palmbaͤume; dadurch erreichten wir unsern Zweck, daß nemlich in wenig Au- genblicken nicht ein Mann mehr auf dem Strande zu sehen war. Nur allein der alte Friedensstifter und seine beyden Freunde, waren unerschrocken bey ihren Fruͤchten stehen geblieben. So bald wir ans Land traten, schenkte der Alte diese Lebensmittel dem Capitain, und bat ihn zugleich, nicht laͤnger zu schießen. Herr Hodges hat diese Landungs-Scene, sehr genau und mit vielem Geschmack gezeichnet. Wir ließen es nunmehro unsre erste Sorge seyn, zu Bedeckung der Ar- beitsleute, die See-Soldaten in zwo Linien zu stellen. An beyden Seiten schlug man Pfaͤhle in die Erde, und zog einen Strick dazwischen, so daß die Wasserschoͤpfer einen Platz von wenigstens 150 Fus breit inne hatten, wo sie ihre Arbeit ohngestoͤrt vornehmen konnten. Nach und nach kamen die Einwoh- ner, aus dem Gebuͤsch, auf den Strand; wir winkten ihnen aber jenseits unserer Linien zu bleiben, welches sie auch allerseits beobachteten. Der Capitain wieder- holte nun seine vorige Zumuthung, daß sie ihre Waffen niederlegten moͤgten. Der groͤßere Haufen, an der Westseite, kehrte sich nicht daran; die andre Parthey hingegen, die mit dem friedlichen Alten einerley Sinnes zu seyn schien, ließ sich groͤßtentheils dazu bewegen. Diesem Alten, der Pao-vjangom hieß, hatten wir, als einen Beweis unsers Zutrauens, vorzugsweise die Erlaubniß gegeben, sich innerhalb der abgesteckten Linien aufhalten zu duͤrfen. Nach und nach fiengen wir an, uns in die Waͤlder zu wagen, um Pflan- zen zu suchen; wir waren aber kaum zwanzig Schritte weit gegangen, als wir hinter dem Gestraͤuch uͤberall Indianer gewahr wurden, die zwischen den beyden Haufen am Strande, wechselsweise hin und her liefen. Es duͤnkte uns also nicht rathsam weit vorzudringen. Wir ließen uns vielmehr an zwo bis drey neuen Arten von Kraͤutern genuͤgen, und kehrten mit dieser kleinen Ausbeute nach dem offnen Strand zuruͤck. Bey dem friedlichem Anschein des kleinern, nach Osten hin postirten Haufens, versuchten wirs mit den Leuten desselben ins Gespraͤch zu kommen. Es war uns um die Kenntniß ihrer Sprache zu thun, und wir lernten auch wuͤrk- lich eine Menge neuer Woͤrter; mit dem Handel aber gluͤckte es uns nicht so Forster’s Reise um die Welt 1774 August. gut, denn aller Anfrage ohnerachtet wollten sie uns von ihren Waffen nicht das mindeste uͤberlassen. Ein cylindrisches zwey Zoll langes Stuͤckgen Alaba- ster, welches als ein Zierrath in der Nase getragen wird, war alles, was wir eintauschen konnten. Ehe der Eigenthuͤmer es ablieferte, wusch ers in der See; ob dies aber aus Reinlichkeit, oder aus irgend einem andern Bewegungs- grund geschahe? kann ich nicht entscheiden. Die ganze Zeit uͤber, die wir am Lande zubrachten, machten die Einwohner nicht im geringsten Mine, uns angrei- fen zu wollen, oder in der Arbeit stoͤhren; die kleinere Parthey schien vielmehr ganz gut gegen uns gesinnt zu seyn, so daß wir bald auf einen freundschaftlichen Fus mit ihnen umgehen zu koͤnnen hoften. Die große Anzahl von Eingebohr- nen, die aus allen Gegenden der Insel hier beysammen waren, gab uns zu Un- tersuchung ihrer Bildung, Kleidung und Waffen, die beste Gelegenheit. Im Ganzen genommen, sind sie von mittlerer Statur, doch giebts auch manche von mehr als gewoͤhnlicher Groͤße darunter. Sie haben wohlgebildete, aber meh- rentheils schlanke Gliedmaaßen, wiewohl es auch an einzeln recht starken Kerln nicht fehlt. So schoͤn gebaute Leute, als man unter den Bewohnern der So- cietaͤts- und freundschaftlichen Inseln und den Marquesas ziemlich haͤufig antrifft, giebt es in Tanna nur sehr wenige. Dagegen ist mir, in dieser letz- tern Insel, nicht ein einziger dicker, oder fetter Mann vorgekommen; sie sind alle von beruͤhriger Complexion und lebhaftem Temperament, ihre Gesichtszuͤge stark, die Nase breit, die Augen fast durchgehends groß und mehrentheils sanft. Sie haben ein maͤnnliches, offnes, gutherziges Ansehen; doch findet man frey- lich, hier so gut als unter jedem andern Volk, einzelne Physionomien, die nicht viel Gutes vermuthen lassen. Die Farbe ihres Haars ist schwarz, bey manchem auch braun oder gelblich an den Spitzen. Es waͤchst sehr dick, strau- bigt und ist mehrentheils kraus, hat auch zuweilen etwas wollartiges an sich. Der Bart ist ebenfalls stark, schwarz und gekraͤuselt; die Leibes-Farbe dunkel- braun und zum Theil schwaͤrzligt, so daß man beym ersten Anblick glauben moͤg- te, sie haͤtten sich mit Ruß beschmutzt: Die Haut an sich, ist, wie bey den Ne- gern, sehr sanft anzufuͤhlen. Sie gehen fast ganz nackend; tragen aber, nach dem allgemeinen Hang des menschlichen Geschlechts, mancherley Zierrathe. Das Seltsamste ist ihre Frisur. Diese bestehet nemlich aus lauter kleinen Zoͤpfen, die von in den Jahren 1772 bis 1775. kaum so dick als die Spule einer Taubenfeder und, statt eines Bandes, mit dem 1774. August. zaͤhen Stengel einer Glockenwinde dergestalt bewickelt sind, daß am untern Ende nur ein kleines Buͤschgen hervorragt. Wer einigermaaßen starkes Haar hat, muß wenigstens etliche Hundert solcher kleinen steifen Zoͤpfchen am Kopfe haben, und da diese mehrentheils nur 3 bis 4 Zoll lang sind, so pflegen sie, wie die Bor- sten eines Stachel-Schweins, gemeiniglich aufrecht und auseinander zu stehen Like quills upon the fretful porcupine. Shakespear . Ist aber das Haar etwas laͤnger, z. B. zwischen fuͤnf und neun Zoll, so fal- len die Zoͤpfchen, an beyden Seiten des Kopfs, gerade herunter, und dann sehen die Leute aus wie die Flußgoͤtter mit ihrem von Naͤsse triefenden Bin- senhaar. Einige, besonders diejenigen die wolligtes Haar haben, lassen es entweder so wie es von Natur gewachsen ist, oder sie binden es hoͤch- stens, vermittelst eines zaͤhen Blattes, auf dem Scheitel in einen Schopf zu- sammen. Fast durchgehends tragen sie ein Rohr oder ein duͤnnes Stoͤckchen, etwa neun Zoll lang, in den Haaren, um sich von Zeit zu Zeit vor dem Un- geziefer Ruhe zu schaffen, welches auf ihren Koͤpfen in großer Anzahl vor- handen ist. Sie stecken auch wohl einen kleinen Rohrstab, mit Hahnen- oder Eulenfedern ausgeziert, ins Haar. Zu Bedeckung des Kopfes wickeln sich manche ein frisches Pifangblatt, schraͤg, um den Scheitel, Herr Hodges hat zu Capitain Cooks Beschreibung dieser Reise eine Tanneserin mit diesem Kopfputz abgezeichnet. oder sie tra- gen eine ordentliche Muͤtze von geflochtenen Matten; doch ist keines von beyden allgemein. Den Bart lassen die mehresten, in seiner natuͤrlichen Gestalt, lang wachsen, andre flechten ihn in einen Zopf. Der Nasenknorpel ist fast bey allen durchbohrt, und durch die Oefnung ein duͤnner Rohrstab, oder ein Stein von aͤhnlicher Figur, hindurch gesteckt. Statt der Ohrgehaͤnge tragen sie eine Menge Ringe von Schildkroͤten-Schaale oder von weissen Muscheln, ent- weder einen neben dem andern, oder, in Form einer Kette, einen in den an- dern gehaͤngt. In beyden Faͤllen macht dieser Zierrath das Loch im Ohrlaͤpp- Forsters Reise u. d. W. Zweyter Th. E e Forster’s Reise um die Welt 1774. August. chen ungemein weit, indem jeder einzelne Ring nicht weniger als einen halben Zoll breit und ¾ Zoll dick ist. An eben dieser Figur vorgestellt. Um den Hals binden sie zuweilen eine Schnur, von welcher eine Muschel, oder, statt dessen, ein kleines langrundes Stuͤckchen von gruͤnem, dem Neu-Seelaͤndischen gleichkommenden Talkstein, vorn auf der Brust herabhaͤngt. Am Obertheil des linken Arms, zwischen der Schulter und dem Ellbogen, tragen sie mehrentheils ein Arm- band, welches aus einem Stuͤck Cocos-Schaale besteht, und entweder kuͤnst- lich geschnitzt, oder auch nur ganz glatt, aber allemahl schoͤn polirt ist. Um diesem noch mehr Ansehn zu geben, pflegen sie wohl etwas Gruͤnes dazwi- schen zu stecken, als z. B. das Kraut der Evodia hortensis, das Croton va- riegatum, lycopodium phlegmaria, vitex trifolia oder auch eine Art Epidendrum . Forsteri Nova Genera Plantarum in insulis maris australis detectorum. 4. Londini , \& Berolini 1775. 8 Thlr. Einige gehen mit einer Binde von grobem Zeuge umguͤr- tet, das aus der inneren Rinde eines Baums verfertigt, und gemeiniglich dunkel Zimmetbraun ist. Andre begnuͤgen sich mit einer duͤnnen Schnur um den Leib; beydes geschiehet um die maͤnnlichen Geburtsglieder, die hier mit den Blaͤttern einer Ingwer aͤhnlichen Pflanze Aus dem Geschlecht der Scitamina . bewickelt werden, nach Art der Mallicoleser , in die Hoͤhe zu ziehen und in der Gegend des Nabels an den Guͤrtel fest zu knuͤpfen. Sobald ein Knabe sechs Jahr alt ist, muß er schon in dieser Tracht einhergehen; sie kann folglich, wie ich bereits in Ansehung der Mallicoleser gemuthmaßt habe, wohl nicht aus einer Art von Schaamhaf- tigkeit entstanden seyn, denn auf diese wird bey uncivilisirten Voͤlkern, waͤh- rend den Kinderjahren, gerade am wenigsten Ruͤcksicht genommen. In unsern Augen erregte sie, ihrer Form wegen, vollends ganz entgegenstehende Begrif- fe, so daß wir an jedem Tanneser oder Mallicoleser , statt einer ehrbaren Verschleyerung, vielmehr eine leibhafte Vorstellung jener furchtbaren Gott- heit zu sehen glaubten, welcher bey den Alten die Gaͤrten geweyhet waren. — Zu den Zierrathen dieser Nation gehoͤren ferner noch verschiedene Arten von Schminken, und allerhand Figuren welche sie sich in die Haut einritzen. in den Jahren 1772 bis 1775. Die Schminken sind blos fuͤrs Gesicht, und bestehen entweder aus rother 1774. August. Ocker-Erde, oder aus weißem Kalk, oder aus einer schwarzen, wie Bley- stift glaͤnzenden Farbe. Diese werden mit Cocos-Oehl angemacht, und in schraͤgen, 2 bis 3 Zoll breiten Streifen aufgetragen. Die weiße Schmin- ke ist nicht viel im Gebrauch, die rothe und die schwarze hingegen desto haͤu- figer, und mit jeder findet man oft das halbe Gesicht bedeckt. Das Aufri- tzen der Haut geschiehet vorzuͤglich am Obertheil des Arms, und auf dem Bau- che, und vertritt die Stelle des Punktirens oder Taͤttowirens, welches unter den Bewohnern Neu-Seelands , Oster-Eylands , der freundschaftlichen , der Societaͤts- und der Marquesas -Inseln , (als welche saͤmmtlich von helle- rer Leibesfarbe sind,) eingefuͤhret ist. Die Tanneser nehmen ein Bamburohr oder eine scharfe Muschel zu dieser Operation; mit einem oder dem andern ma- chen sie, nach allerhand willkuͤhrlichen Zeichnungen, ziemlich tiefe Einschnitte in die haut, und legen alsdenn ein besonderes Kraut drauf, welches die Ei- genschaft hat, beym Heilen, eine erhabne Narbe zuwege zu bringen. Diese Narben, auf welche sich die guten Leute nicht wenig einbilden, stellen Blumen oder andre seltsame Figuren vor. Die Methode dergleichen mit einem spi- tzigen Instrument in die Haut zu punktiren , scheint hier gaͤnzlich unbekannt zu seyn, wenigstens habe ich nur einen einzigen Mann angetroffen, der eine solche, nach tahitischer Manier taͤttowirte Figur auf der Brust hatte. Die Waffen der Tanneser , ohne welche sie sich niemals sehen lassen, bestehen in Bogen und Pfeilen, in Keulen, Wurfspießen oder Speeren, und in Schleudern. Auf den Bogen und die Schleuder verstehen sich die jungen Leute am besten, die Aelteren hingegen wissen den Speer und die Streitkolbe vorzuͤglich gut zu fuͤhren. Die Bogen sind sehr stark, vom schoͤnsten elasti- schen Casuarina-Holz gemacht und treflich geglaͤttet, werden auch vermuthlich von Zeit zu Zeit mit Oel eingeschmiert, damit sie stets glaͤnzend und biegsam bleiben. Die Pfeile bestehen aus einem beynahe vier Fuß langen Rohrstab, und die Spitze aus eben der Art von schwarzem Holze, welche von den Mallico- lesern zu gleichem Endzweck gebraucht wird. Doch sind die Spitzen hier anders geformt als dort, nemlich dreyeckigt, zum Theil uͤber zwoͤlf Zoll lang, und auf zwo, oftmals auch auf allen drey Seiten eingekerbt, oder mit Widerhaken verse- E e 2 Forster’s Reise um die Welt 1774. August. hen. Zur Vogeljagd und zum Fischen gebrauchen sie Pfeile die drey Spitzen haben. Die Schlendern werden aus Cocos-Fasern, und zwar in der Mitte wo der Stein zu liegen kommt, etwas breiter gemacht als an den Enden. Sie pfle- gen solche um den Arm oder um den Leib, die Steine aber besonders in ein großes Blatt gewickelt, mit sich herum zu tragen. Die dritte Art von Wurf- Gewehren sind die Spieße oder Speere. Gemeiniglich nehmen sie dazu knotige ungestaltete Stecken, kaum eines halben Zolls dick, aber neun bis zehn Fuß lang; das dickste Ende derselben macht eine dreyeckigte Spitze von sechs bis acht Zoll aus, die auf allen dreyen Seiten ohngefaͤhr zehn Einschnitte oder Wiederha- ken hat. Mit einem dergleichen Speere verfehlt der Tanneser, zumal wenn die Entfernung gering ist, nicht leicht sein Ziel. Hiezu ist ihm ein vier bis fuͤnf Zoll langes, aus Baumrinde geflochtnes Stuͤck von einem Stricke behuͤlflich, das an einem Ende einen Knoten, an dem andern aber eine Schleife hat, und auf fol- gende Art gebraucht wird. Durch die Schleife steckt man den Zeigefinger, ergreift hierauf mit diesem Finger und dem Daume das Spieß, und wickelt das andre Ende jenes Strickes, oberhalb der Hand, einmal um den Schaft des Speers herum; wird nun der Speer abgeworfen, so kann er aus der Richtung die man ihm gegeben, wenigstens nicht ehe weichen, als bis er die Schlinge mit Gewalt auseinander getrieben hat, und diese bleibt dann, in ihrer urspruͤngli- chen Form, an dem Zeigefinger des Schuͤtzen, woran sie befestigt ist, zuruͤck. Ich habe mehr als einen solchen Wurf gesehen, wo auf eine Entfernung von dreyßig bis vierzig Fuß, die zackigte Spitze des Speeres durch einen vier Zoll dicken Pfahl glatt hindurch gieng. Capit. Cook fuͤhrt an dem Orte seiner Reisebeschreibung, wo er von diesen Speeren re- det, ( Vol. II. pag. 82.) eine Stelle aus des Hrn. Wales Tagebuch an, die der Ueber- setzung werth ist. „Ich gestehe,” sagt dieser gelehrte Astronom, „daß ich oft geglaubt, „ Homer habe in den Thaten, welche er seine Helden mit dem Speer verrichten laͤßt, „zu sehr das Wunderbare gesucht: wenigstens duͤnkte es mir, nach den strengen Regeln „des Aristoteles , in einem epischen Gedichte etwas zu auffallend. Selbst Pope , der „eifrigste Vertheidiger Homers , gesteht, daß ihm diese Helden-Thaten verdaͤchtig „vorgekommen waͤren. Allein, seitdem ich die Tanneser kennen gelernt, und gesehen „habe, wie viel sie mit ihren hoͤlzernen, stumpfen und nicht gar harten Speeren ausrich- „ten, finde ich gegen alle diese Stellen Homers nicht das geringste mehr einzuwenden. So gehet es auch mit ihren in den Jahren 1772 bis 1775. Pfeilen; auf acht bis zehn Schritte treffen sie mit voller Kraft; in einer groͤs- 1774. August. sern Entfernung aber, z. B. auf fuͤnf und zwanzig bis dreyßig Schritte weit? hat man gar nichts davon zu befuͤrchten, denn aus Furcht die Bogen zu zerbrechen, spannen sie solche nie stark genug um so weit damit zu reichen. Ausser diesen Wurfgewehren, davon die Erwachsenen bald die eine bald die andre Art fuͤhren, hat auch ein jeder eine Keule bey sich, und die werden beym Handgemenge ge- braucht. Es giebt derselben fuͤnf unterschiedne Formen: Die besten sind aus Casuarina-Holz, vier Fuß lang, gerade, sauber abgeglaͤttet und an beydeu Enden, so wohl oben als unten, mit einem Knopf versehen. Der oberste der zum Handgriff gehoͤrt ist rund; der andere hingegen, welcher die eigent- liche Keule ausmacht, hat mehrere hervorragende Spitzen oder Zacken in Fi- gur eines Sterns. Zu der zweyten Gattung von Keulen, die sechs Fuß lang sind, wird eine graue, harte Holzart und zwar vermuthlich nur das Stamm- Ende des Baums genommen, denn am Untertheil dieser Keulen findet man, auf der einen Seite, allemahl einen ansehnlichen Hoͤcker der ein Stuͤck von der Wur- zel zu seyn scheint. Die dritte, beynahe fuͤnf Fuß lange Sorte, ist am un- tern Ende mit einem acht bis zehn Zoll langen Zapfen versehen, der vom Schaft der Keule rechtwinklicht absteht, und fast wie die Lanzetten, deren sich die Roßaͤrzte bedienen, aussieht, auch gleich denselben eine scharfe Ecke oder Schneide hat. Die vierte Art von Keulen ist der vorhergehenden ganz aͤhnlich, nur daß sie auf jeder Seite, folglich uͤberhaupt vier solche scharf hervorragen- de Zapfen hat. Endlich die fuͤnfte Art bestehet aus einem rundgeformten Stuͤck Corallen-Felsen, welches ohngefaͤhr anderthalb Fuß lang, im Durchmesser aber nur zween Zoll dick ist, und nicht blos zum Hauen, sondern auch zum Werfen gebraucht zu werden pflegt. „Im Gegentheil entdecke ich nun da, wo ich sonst etwas tadelnswerthes zu bemerken „glaubte, neue, unerkannte Schoͤnheiten. Wie malerisch und wie richtig hat er nicht „alles, bis auf die kleinste Bewegung des Speeres und dessen der ihn abwirft, zu beschrei- „ben gewußt! In Tanna hab ich dies Bild bis auf das geringste Detail realisirt gefun- „den. Z. B. das Schuͤtteln in der Hand, das Schwingen ums Haupt, das Zielen eh „der Wurf geschieht, das Rauschen des Speeres im Fluge, sein Wancken und Zittern „wenn er in die Erde faͤhrt.” E e 3 Forster’s Reise um die Welt 1774. August. Es ließen sich heute wenig Frauenspersonen und auch diese nur in einer ziemlichen Entfernung sehen. So viel man erkennen konnte, waren sie allesammt haͤßlich und kleiner als die Maͤnner. Die jungen Maͤdchen hat- ten blos einen Strick um den Leib, von welchem vorn und hinten ein kleiner Buͤschel Gras herabhieng; die aͤlteren hingegen trugen einen kurzen Rock von Blaͤttern gemacht. Ihre Ohrgehaͤnge bestanden aus einer Anzahl Rin- gen von Schildkroͤten-Schale, und die Halsbaͤnder aus allerhand aufgereiheten Muscheln. Etliche alte Weiber hatten sich ein frisches Pisangblatt um den Kopf gewickelt, andre hingegen trugen eine Muͤtze von Mattenwerk, doch war beydes nur selten. Gegen Mittag verließen die mehresten Einwohner, ver- muthlich der großen Hitze und der Essenszeit wegen, den Strand. Auch uns noͤthigten diese beyde Ursachen mit den angefuͤllten Faͤssern, nach dem Schiff zuruͤck zu kehren. Nach Tische, ohngefaͤhr um drey Uhr, verfuͤgten wir uns wiederum ans Land, fanden aber nicht eine Seele am Strande. Nur ziemlich weit gegen Osten sahe man, im Schatten der Palmen, einen Trupp von etwa dreyßig Indianern sitzen, die nicht im mindesten auf uns zu achten schienen. Wir machten uns also die Gelegenheit zu Nutze, um unbemerkt ein paar hundert Schritt weit in den Wald zu gehen, allwo es unterschiedene neue Pflanzen gab. Die am Fuß der flachen Anhoͤhe befindliche Niederung war zum Theil unange- bauet, und reizte unsre Neugier durch allerhand wilde Baumarten und niedri- ges Gestraͤuch: wir durften uns aber, auf gerathe wohl, nicht weit vom Strande wagen, denn noch wußte man nicht ob den Wilden so ganz sicher zu trauen sey. Waͤhrend des Botanisirens naͤherten wir uns den Indianern, die noch immer so ruhig als zuvor im Grase sitzen blieben. Allein, eine gute Strecke disseits derselben begegnete uns der alte Pao-vjangom , und brachte meinem Va- ter ein Ferken zum Geschenk. Dieser gab ihm dafuͤr was er bey sich hatte, einen langen Nagel nebst einem Stuͤck Tahitischen Zeuges, und so kehrten wir gemeinschaftlich nach den Booten zuruͤck, um das Schwein daselbst abzuliefern. Unsere Leute waren eben beschaͤftigt, mit dem großen Netze zu fischen; dies muß- ten die in der Ferne sitzenden Indianer bemerken, denn sie kamen bald auch her- bey, und hatten nicht nur, ganz wider ihre bisherige Art, ihre Waffen zuruͤck in den Jahren 1772 bis 1775. gelassen; sondern sie unterhielten sich auch mit uns so gut es gehen wollte, ganz 1774. August. vertraut. Der Fischfang fiel so reichlich aus, daß wir in kurzer Zeit drey Centner von unterschiedlichen schmackhaften Fischen beysammen hatten. Besonders eine Art Mugil , und einen Fisch, ( Esox argenteus N. 5.) der in den West- indischen Inseln haͤufig ist, und den Namen ( ten pounder ) Zehnpfuͤnder bekommen hat, weil er nicht selten so viel zu wiegen pflegt. Pao- vjangom bezeigte großes Verlangen gleichfalls Antheil an der Ausbeute zu ha- ben, und war sehr erfreut, als ihm ein paar Fische zugestanden wurden. Gegen Sonnen-Untergang kehrten wir an Bord zuruͤck, und verursachten, durch den mitgebrachten Vorrath, bey der ganzen Schiffs-Gesellschaft desto groͤßere Freude, je laͤnger sich schon jedermann nach einer Mahlzeit von frischen Le- bensmitteln gesehnt hatte. Der Volkan, der sich gestern fruͤh noch dann und wann hoͤren lassen, ward Nachmittag ganz still. In der Nacht regnete es zu verschiedenen malen, und nun fieng der Berg am folgenden Morgen von neuem an unruhig zu werden. Das aufbrennende Feuer desselben verschaffte uns jedesmahl ein angenehmes und zugleich praͤchtiges Schauspiel. Es theilte dem Rauche, der in dicken Wol- ken kraͤuselnd empor stieg, wechselsweise, die glaͤnzendsten Schattirungen von gel- ber, Orange- Scharlach- und Purpurfarbe mit, welche endlich in ein roͤthliches Grau und dunkleres Braun verloschen. So oft ein solcher Flammen-Auswurf erfolgte, so oft ward auch die ganze waldigte Gegend des Berges ploͤtzlich durch ein golb und purpurfarbnes Licht erhellet, welches die verschiedenen Gruppen von Baͤumen, nach Maaßgabe ihrer Entfernung, bald lebhafter, bald sanster colorirte. Nach dem Fruͤhstuͤck giengen wir ans Land, woselbst die Einwohner ganz zahlreich, doch nicht in solcher Menge, als gestern, versammlet waren. Sie liessen uns nicht nur ruhig aussteigen, sondern machten auch von selbst Platz, daß wir gemaͤchlich nach dem Ort hingehen konnten, wo wir die Wasserfaͤsser anzufuͤllen pflegten. Der Capitain fand aber dennoch fuͤr gut, zu unserer Si- cherheit, Stricke ziehen zu lassen. Von Seiten der Insulaner schien das Miß- trauen noch nicht ganz verschwunden zu seyn, wenigstens wollten sich die mehre- sten noch nicht bewegen lassen, ihre Waffen zu verkaufen; einige hielten indessen Forster’s Reise um die Welt 1774. August. nicht mehr so genau darauf, sondern vertauschen beydes, Keulen und Speere. Mein Vater gab Pao-vjangom fuͤr das Schwein, welches dieser ihm gestern geschenkt hatte, ein Beil, und zeigte ihm zugleich wie es gebraucht werden muͤsse. Das gefiel ihm so wohl, daß ers unter seinen Landsleuten sogleich weiter bekannt machte. Nun entstand bald haͤufig Nachfrage nach Beilen. Wir versprachen ihnen auch welche, wenn sie uns Schweine dafuͤr bringen wuͤrden, das erfolgte aber nicht. Zum Behuf astronomischer Beobachtungen ließ der Capitain fuͤr Herrn Wales heut ein Zelt aufschlagen. Unter denen Wilden die sich bey dieser Gelegenheit versammleten, gab es einige die ziemlich uͤbermuͤ- thig waren, herum tanzten, und dabey mit ihren Speeren droheten. Zu Thaͤt- lichkeiten kam es indessen nicht, und gegen Mittag giengen wir in Gesellschaft des Capitains ruhig an Bord zuruͤck. Kaum waren wir daselbst angelangt, als von einem See-Soldaten, deren etliche unter Commando des Lieutenants am Lande geblieben waren, ein Schuß geschahe, weshalb man die Einwoh- ner in ziemlicher Verwirrung untereinander herumlaufen sahe. Sie wurden jedoch bald wieder ruhig, und fanden sich von neuen auf dem Strande ein. Bey der Ruͤckkunft unsrer Leute, die gegen drey Uhr zum Essen an Bord kamen, vernahmen wir, daß die Indianer selbst an jenem Lerm Schuld gewesen waͤren, indem einer von ihnen den Officier durch die unartige Gebehrde, wodurch man einander hier zu Lande herausfordert, boͤs gemacht habe. Eben das war auch uns gestern begegnet, und der Lieutenant hatte diesmal, so wie der Capitain am vorigen Tage, mit einer Ladung Schroot darauf geantwortet; der Wil- de war dadurch in den Fuß verwundet worden und hatte sich ins Gebuͤsch ver- krochen, seine Landsleute waren ihm dahin gefolgt, und wuͤrden vermuthlich zu den Waffen gegriffen haben, wenn sie nicht von einigen friedfertiger gesinnten Alten noch zu rechter Zeit waͤren besaͤnftigt worden. Gegen Abend liessen wir uns wieder nach dem Strande uͤbersetzen und warfen unterwegens das Netz aus, in Hoffnung abermals einen gluͤcklichen Zug zu thun. Er gab aber nicht mehr als ohngefaͤhr einen halben Centner Fische. Auf dem Landungsplatze, wo wir anfaͤnglich nur wenig Leute antrafen, versam- melten sich bald mehrere, doch kamen sie groͤßtentheils unbewaffnet, oder leg- ten uns zu gefallen ihre Waffen von sich ins Gebuͤsch. Bey Sonnen-Unter- gang in den Jahren 1772 bis 1775. gang verlohren sie sich wieder bis auf einige wenige, die, zu unserer Verwunde- 1774. August. rung noch immer bey uns aushielten. Endlich aber bezeugten auch diese, daß sie entlassen zu werden wuͤnschten, und kaum hatten wir ihnen zugewinkt, daß sie unserntwegen nicht einen Augenblick laͤnger da bleiben duͤrften; so giengen sie auch gleich bis auf den letzten Mann fort. In diesem Betragen scheint etwas ceremonioͤses zu seyn, als hielten sie es gleichsam fuͤr unhoͤflich, auf ihrem eignen Grund und Boden, den Fremden nicht Gesellschaft zu leisten? Eine solche Auslegung wuͤrde aber freylich gewisse Begriffe von Lebensart und aͤusserem An- stand voraus setzen, die sich doch mit dem in allen uͤbrigen Stuͤcken noch sehr uncivilisirten Zustand dieser Nation, nicht fuͤglich reimen lassen. Am folgenden Morgen fuhren Dr. Sparrmann , mein Vater und ich wieder nach dem Lande, und stiegen, auf der Westseite des Havens am Fußdes steilen Berges, aus, allwo eine Parthey Matrosen Ballast laden sollte. In die- ser Gegend schlugen die Wellen so heftig gegen das Ufer, daß wir mit den Boo- ten nicht ganz herankommen konnten, sondern durch die Brandung waden muß- ten. Es ließ sich auch auf dieser Stelle nicht gut botanisiren, denn, um etli- che neue Pflanzen zu erjagen, lief man Gefahr den Hals zu brechen, wie wir denn wuͤrklich den jaͤhen Abschuß des Berges mehr als einmal herunter gleiteten. Indessen waren doch, naͤchst allerhand Kraͤutern, auch verschiedne Arten von Mine- ralien allhier anzutreffen. Der Berg bestand groͤßtentheils aus Schichten von Thonerde, die sehr weich ist, und an der Luft verwittert. In derselben findet man eine Art schwarzen Sand -Stein, imgleichen eine dem Stinckstein ( lapis suillus ) aͤhnliche Substanz, und Stuͤcken von Kreide , die oft ganz rein, oft auch mit Eisen-Theilchen vermengt sind. Etliche hundert Schritt weit gegen die westliche Spitze des Havens, entdeckten wir einen Fußpfad, der auf den Berg hinauffuͤhrte; diesem giengen wir nach, weil aber ein Haufen bewaffne- ter Indianer eben von dort herabkam, so kehrten wir, unverrichteter Sa- che, zu unsern Leuten zuruͤck, und handelten von denen allda versammleten Ein- gebohrnen, Zuckerrohr und Cocosnuͤsse ein. Sie setzten sich auf den Felsen um uns her, und einer, dem die andern mit gewisser Achtung zu begegnen schie- nen, nahm meines Vaters Namen an, indem er ihm dafuͤr den seinigen bey- legte. Er hieß Umbjegan . Dieser Gebrauch, durch gegenseitige Vertau- Forster’s Reise u. d. W. zweyter Th. F f Forster’s Reise um die Welt 1774. August schung der Namen, Freundschaft mit einem andern zu errichten, ist auf allen Inseln des Suͤd-Meeres , so viel wir deren bisher besucht hatten, eingefuͤhrt, und hat wirklich etwas verbindliches und zaͤrtliches an sich. Da uns die Tanneser auf solche Art gleichsahm unter sich aufgenommen hatten, so glaubten wir auch weit vertraulicher als bisher mit ihnen umgehen zu duͤrfen, und benutzten ih- re freundschaftliche Gesinnung hauptsaͤchlich zu Erweiterung unserer Kenntniß von der Landessprache. Sie bewirtheten uns bey dieser Gelegenheit mit einer Art Feigen-Blaͤtter die, in Pisang-Laub gewickelt, vermittelst hei- ßer Steine unter der Erde gebacken oder vielmehr gedaͤmpft waren, und gar nicht uͤbel, ohngefaͤhr wie Spinat schmeckten. Hiernaͤchst bekamen wir zwo große Pisang-Fruͤchte , von der wilden Art, und wurden also mit Ver- gnuͤgen inne, daß auch bey diesem Volke die Gastfreyheit eben keine unbe- kannte Tugend sey. Es waren Weiber und Kinder, die uns mit dergleichen Leckerbissen beschenkten. So nahe hatten sie sich bisher noch nicht heran ge- wagt. Zwar thaten sie auch jetzt noch, außerordentlich furchtsam, denn wenn wir sie nur scharf ansahen, so liefen sie schon davon, woruͤber denn die Maͤn- ner jedesmal herzlich lachten: Indessen war es uns vor der Hand vollkommen genug, ihre bisherige Schuͤchternheit wenigstens so weit besiegt zu haben. Manche von diesen Frauenspersonen sahen wohl etwas freundlich, die mehre- sten aber finster und traurig aus. Gleich den Maͤnnern waren sie mit Ohr- ringen und Halsbaͤndern geputzt, und die verheyratheten Weiber trugen Muͤ- tzen von geflochtenem Grase zubereitet. Die mehresten hatten sich ein lang- rundes Stuͤck von einem weißen Steine, zum Zierrath, durch den Nasen- knorpel gesteckt. Wenn wir ihnen etwas schenkten, es mochte eine Glascoralle, ein Nagel, ein Band, oder irgend sonst etwas seyn; so wollten sie es nie mit der bloßen Hand anruͤhren, sondern verlangten, daß wir es hinlegen sollten, und pflegten es dann, vermittelst eines gruͤnen Blattes, aufzunehmen. Ob dies aus irgend einer aberglaͤubischen Grille, oder aus vermeynter Reinlichkeit, oder gar aus besondrer Hoͤflichkeit geschah? kann ich nicht entscheiden. Gegen Mit- tag verfuͤgten sie sich allerseits nach ihren Wohnungen, die groͤßtentheils auf dem Berge befindlich zu seyn schienen, und auch wir begaben uns mit den Ma- trosen an Bord zuruͤck. Nachmittags wurde wieder gefischt, aber ohne beson- in den Jahren 1772 bis 1775. dern Erfolg, denn mit allen unsern vielfaͤltigen Zuͤgen bekamen wir nicht mehr als 1774. August. ein paar Dutzend Fische. Darauf stiegen wir am Ufer aus, wagten es aber, der anwesenden Indianer wegen, nicht, in den Wald zu gehen; sondern begnuͤgten uns am aͤussersten Rande desselben nach Kraͤutern zu suchen, und ge- legentlich etwas von der Landessprache zu erlernen. Am folgenden Morgen kehrten wir nach demselben Ort zuruͤck, wo unsre Leute gestern Ballast geladen hatten. Hier kletterten wir, der Hitze ohnerach- tet, etliche Stunden lang auf dem Felsen herum, fanden jedoch nicht viel Neues, und mußten den hoͤher gelegenen, dickeren Wald, mit vergeblicher Sehnsucht ansehen, weil man es aus Besorgniß fuͤr den Indianern noch nicht wagen durfte, den botanischen Schaͤtzen desselben nachzuspuͤhren. Auf dem Ruͤckwege ent- deckten wir eine heiße Quelle, die aus dem Felsen, dicht am Strande des Meeres, hervorsprudelte. Wir hatten eben kein Thermometer zur Hand, konnten aber schon dem bloßen Gefuͤhl nach abnehmen, daß der Grad von Hitze ziemlich groß seyn muͤsse, denn ich war nicht vermoͤgend, den Finger nur eine Secunde lang darin zu leiden. Kaum hatten wir am Mittage das Schiff erreicht, so kam auch der Capitain vom Wasserplatz zuruͤck, und brachte einen Indianer mit an Bord. Dies war eben der junge Mann, der, gleich bey unsrer Ankunft, so viel kaltbluͤtigen, ruhigen Muth gezeigt hatte, indem er, unter mehr als zweyhundert Leuten von seiner Nation, der einzige war, der bey Abfeu- rung einer Canone in seinem Canot stehen blieb, indeß alle uͤbrigen fuͤr Schreck in die See sprangen. Er sagte, sein Name sey Fanokko , verlangte dagegen die unsrigen zu wissen, und suchte sie, so gut es ihm moͤglich war, nachzusprechen und auswendig zu behalten. Es fehlte ihm aber, so wie allen seinen uͤbrigen Landsleuten, gar sehr an jener Biegsamkeit der Sprach-Orga- ne, die den Mallicolesern in so bewundernswuͤrdiger Maaße eigen war. Wir mußten ihm deshalb unsre Namen nach der sanfteren Modification angeben, welche sie von den Tahitiern bekommen hatten. Er war von angenehmer Ge- sichtsbildung; die Augen groß und lebhaft; und sein ganzes Ansehen verrieth Froͤhlichkeit, Munterkeit und Scharfsinn. Von letzterem will ich unter andern nur folgendes Beyspiel anfuͤhren. Mein Vater und Capitain Cook hatten, in ihren Woͤrtersammlungen aus der hiesigen Sprache, jeder einen ganz unterschie- F f 2 Forster’s Reise um die Welt 1774. August. denen Ausdruck aufgezeichnet, die beyde so viel als Himmel bedeuten sollten. Um nun zu erfahren, welches eigentlich die wahre Benennung sey, wandten sie sich an Fanokko . Dieser war der Erklaͤrung wegen nicht einen Augenblick verle- gen; sondern streckte sogleich seine rechte Hand aus, und legte ihr das eine Wort bey, darnach bewegte er, unterhalb der ersteren, die andere hin und her, nennte sie mit dem zweyten streitigen Worte, und gab dabey zu verstehen, die oberste Hand bedeute eigentlich den Himmel , die andre hingegen die Wolken , die drunter wegziehen. Auf eine eben so einfache und deutliche Weise, lehrte er uns auch die Namen unterschiedner Eilande die hier umher liegen. Dasjenige wo Capitain Cook ungluͤcklicherweise mit den Einwohnern Haͤndel bekam, und von da wir gerade hieher geseegelt waren, nannte er Irromanga . Das nie- drige Eiland, bey dem wir auf dieser Fahrt voruͤber gekommen, hieß Imm è r , ein hohes Eiland, welches wir, zu eben der Zeit, ostwaͤrts von Tanna erblickt, Irronam , und ein drittes gen Suͤden liegendes, welches wir noch nicht wahr- genommen hatten, Anattom . Die Insulaner mußten uͤber das Aussenblei- ben des guten Fanokko unruhig werden, denn er war noch nicht lange bey uns an Bord, als etliche derselben in einem Canot an das Schiff kamen, und ganz aͤngstlich nach ihm fragten. Sobald dieser es hoͤrte zeigte er sich am Cajuͤtten-Fenster, rief ihnen ein paar Worte zu, und schickte sie auf die Art nach dem Lande zuruͤck. Es waͤhrete aber nicht lange so kamen sie wieder, und brachten ihm einen Hahn, etwas Zuckerrohr und Cocosnuͤsse, womit er, als ein dankbarer Gast, seinem Wirthe, dem Capitain ein Geschenk machte. Nun setzten wir uns mit einander zu Tisch; Fanokko kostete von dem gepoͤkelten Schweinefleisch, hatte aber schon am ersten Bissen genug. Gebratene oder ge- kochte Yams waren mehr nach seinem Geschmack, doch aß er uͤberhaupt sehr maͤßig, und schloß seine Mahlzeit mit einer Art von Torte, die ihm sehr gut schmeckte, ohnerachtet sie nur aus gebacknen und uͤberdem wurmstichig geworde- nen Aepfeln zubereitet war. Wir setzten ihm auch ein Glas Wein vor, dies trank er zwar ohne Widerwillen, wollte aber doch das zweyte nicht annehmen. Er betrug sich bey Tische uͤberaus artig und anstaͤndig; das Einzige was uns von seinen Manieren nicht ganz gefiel, war, daß er den Rohrstab, den er im Haare stecken hatte, anstatt einer Gabel brauchte, und sich dann bey Gelegen- in den Jahren 1772 bis 1775. heit wieder damit im Kopfe kratzte. Da er, nach der Landes-Mode, aufs zier- 1774. August. lichste, à la porc-epic, frisirt, und der Kopf mit Oel und allerhand Farben beschmiert war, so kam es uns sehr ekelhaft vor, den Rohrstecken bald auf dem Teller, bald in dem Haar herumfahren zu sehen. Dem ehrlichen Fanokko mogte es aber freylich wohl nicht einkommen, daß so etwas unschicklich seyn koͤnnte. Nach Tische fuͤhrten wir ihn im ganzen Schiffe umher und zeigten ihm alles Merckwuͤrdige. Ein Tahitischer Hund, welchen er gewahr wurde, machte seine ganze Aufmerksamkeit rege. Ohne Zweifel mußte ihm diese Art von Thie- ren noch gar nicht bekannt seyn, denn er nennte es buga, (welches in der hie- sigen Landessprache eigentlich ein Schwein bedeutet) und bat sehr angelegentlich, daß man es ihm schenken moͤchte. Der Capitain gab ihm also nicht nur den Hund, sondern auch eine Huͤndin dazu. Hiernaͤchst bekam er noch ein Beil, ein großes Stuͤck Tahitisches Zeug, etliche lange Naͤgel, Medaillen, nebst aller- hand andern Kleinigkeiten von geringerem Werthe, und alsdann brachten wir ihn, der fuͤr Freuden uͤber alle diese Geschenke gleichsam ausser sich war, ans Land zuruͤck. Sobald wir daselbst ausgestiegen waren, nahmen Fanokko und seine Freunde den Capitain bey der Hand, als wollten sie ihn nach ihren Wohnungen fuͤhren. Dies mogte ihnen aber bald wieder leid werden, denn an statt weiter zu gehen, fertigten sie blos einen der ihrigen ab, um das Geschenk welches sie gemeinschaftlich hatten holen wollen, von diesem allein herbeyschaffen zu lassen. Mittlerweile kam der alte Paovjangom , und brachte dem Capitain einen kleinen Vorrath von Yams und Cocosnuͤßen, den er, wie zur Schau, durch zwanzig Mann tragen ließ, ohnerachtet ihrer zwey denselben gemaͤchlich haͤtten fortbringen koͤnnen; es schien aber daß der Alte seinem Geschenk durch diesen Auf- zug nur ein desto stattlicheres Ansehen geben wollte. Fanokko und seine Freun- de warteten noch immer mit Ungeduld auf die Ruͤckkunft ihres Bothen, da es indessen schon anfieng finster zu werden, ohne daß von diesem etwas zu sehen gewe- sen waͤre, so verließ der Capitain die guten Leute, die nicht wenig betreten zu seyn schienen, daß sie seine Geschenke unerwiedert lassen sollten. Wir hatten in der Zwischenzeit laͤngs dem Ufer der Bay einen Spatzier- gang gemacht, und am Fuße der flachen Anhoͤhe, in den Waͤldern, nach Pflan- zen umher gesucht. Die Waldung bestand groͤßtentheils aus Palmen und un- F f 3 Forster’s Reise um die Welt 1774. August. terschiednen Arten von Feigenbaͤumen , deren Fruͤchte eßbar, und so gros, als gewoͤhnliche Feigen waren. In eben dieser Gegend trafen wir auch etliche Schober an, worunter die Canots aufs trockne gezogen, fuͤr Sonne und Regen bedeckt lagen; Wohnhuͤtten aber, sahe man nirgends als an der aͤusser- ften Spitze des Havens, gen Osten. Wir waren eben im Begriff dahin zu ge- hen, als uns, ohngefaͤhr dreyhundert Schritte weit davon, eine Menge Indianer entgegen kamen, und zuruͤck zu gehen bathen. Andre liefen zum Cap. Cook , zeigten auf uns, und verlangten, er solle uns zurufen, daß wir umkehren moͤchten. Dies thaten wir auch, um nicht zu Haͤndeln Gelegen- heit zu geben, versuchten es aber dagegen auf einer andern Seite, nemlich vom Wasserplatz aus, mit guter Manier ins Land zu dringen. In dieser Absicht folg- ten wir einem Fußsteig, der nach der hohen Flaͤche hinfuͤhrte, und uns bald durch dickes Gebuͤsch bald uͤber freye Plaͤtze brachte, die so gut als unsre besten Graswiesen, mit dem schoͤnsten Rasen bewachsen, und rings umher mit Waldung eingefaßt waren. Indem wir die Anhoͤhe heranstiegen, kamen drey Einwohner davon herunter, und wollten uns bereden, daß wir wieder um- kehren moͤchten. Da sie aber sahen, daß wir gar nicht Lust dazu bezeigten, so fanden sie fuͤr gut uns wenigstens zu begleiten, vermuthlich damit wir nicht zu weit gehen sollten. Nach und nach gelangten wir durch ein kleines luftiges Waͤldchen, an große Pisang-Gaͤrten , die, auf eine ziemliche Strecke, mit Yam- und Arums-Feldern, imgleichen mit Pflanzungen von Feigenbaͤumen abwechselten, und zum Theil steinerne, zween Fuß hohe, Einfassungen hatten. Wir wurden bald inne, daß dieser Weg queer uͤber die suͤdoͤstliche schmale Land- spitze des Havens fuͤhren muͤsse, denn das Geraͤusch der Wellen schallte bereits ganz laut vom jenseitigen Ufer her; unsre indianischen Begleiter wurden auch schon unruhig, daß wir noch immer weiter giengen: Da wir sie aber versicherten, daß es uns bloß um eine freye Aussicht nach dem Meere zu thun sey, so brach- ten sie uns auf eine kleine Anhoͤhe, von dannen die offene See und, in einer Entfernung von acht bis zehn Meilen, auch das Eiland, welches Fanokko , Anattom genannt hatte, zu sehen war. Es schien voll hoher Berge, und, wenn gleich kleiner als Tanna , doch wenigstens zehn bis zwoͤlf Meilen im Um- kreise zu seyn. Als wir uns in dieser Gegend eine Zeitlang umgesehen, kehr- in den Jahren 1772 bis 1775. ten wir, auf demselben Wege wo wir hergekommen waren, wiederum zuruͤck. 1774. August. So ernstlich uns die Indianer zuvor abgerathen hatten, daß wir nicht tiefer ins Land dringen moͤchten, eben so eifrig luden sie uns jetzt dazu ein, und erboten sich zu Fuͤhrern. Ich will sie zwar nicht gerade zu einer boͤsen Absicht beschul- digen, allein wir durften uns doch nicht darauf einlassen, denn kurz zuvor hatten sie einen von den ihrigen vorauf geschickt, und das sah allerdings ein wenig ver- daͤchtig aus. Wir wanderten also geraden Weges nach dem Strande zuruͤck, ohnerachtet wir erst eine einzige neue Pflanze gefunden, und dieser kleine Vor- schmack uns nur noch luͤsterner darnach gemacht hatte, die Insel weiter zu untersuchen. Die Matrosen waren bey unsrer Ruͤckkunft gerade mit dem Fischfange beschaͤftigt, hatten aber bey weiten keinen so guten Zug gethan, als das erstemal. Eine Menge von Indianern sahe ihnen sehr aufmerksam zu, und gaben durch Gebehrden zu erkennen, daß diese Art zu fischen ein ganz neues, Schauspiel fuͤr sie sey, indem man hier zu Lande die Fische nicht anders als wenn sie sich an der Oberflaͤche des Wassers zeigen, mit Pfeilen oder Speeren (wie bey uns mit Harpunen) zu schießen wisse. So oft sie etwas unbekanntes sahen, entfuhr ihnen der Ausruf: Hibau ! Eben dies Wort liessen sie auch fuͤr Schreck, imgleichen aus Bewunderung, aus Abscheu, und selbst aus Begierde nach einer Sache von sich hoͤren. Welche von diesen Bedeutungen es jedesmal haben sollte, das konnte man, theils aus den Gebehrden, theils aus dem Ton, und der Art wie es, bald ge- dehnt, bald etliche mahl schnell hintereinander, ausgestoßen ward, sehr gut unterscheiden. Sie pflegten auch wohl mit den Fingern dabey zu schnappen, zumal, wenn es Bewunderung andeuten sollte. Am folgenden Tage verfuͤgten wir uns, gleich nach dem Fruͤhstuͤck, auf den Wasserplatz. Unsre Leute, die, ihres Geschaͤftes wegen, schon seit Tages An- bruch da gewesen waren, erzaͤhlten uns, sie haͤtten von der oͤstlichen Spitze viele Einwohner mit Buͤndeln beladen voruͤber, und tiefer ins Land ziehen gese- hen. Sie hielten es fuͤr eine foͤrmliche Auswanderung, und glaubten, daß die Indianer die Gegend um den Haven ausdruͤcklich verließen, um in einem abgelegenen District der Insel ungestoͤrt, und fuͤr unserm Feuergewehr sicher, wohnen zu koͤnnen. Ich aber erklaͤre mir die Sache anders. Mei- Forster’s Reise um die Welt 1774. August. nes Erachtens hatten sich die Einwohner, auf den ersten Lerm, den unsre Anhe- rokunft veranlaßte, von allen Enden und Orten hier am Haven versammlet, um noͤthigen Falls ihre Insel mit vereinten Kraͤften vertheidigen zu koͤnnen. Ehe sichs entschied ob wir Freunde oder Feinde waͤren, blieb der ganze Trupp bey- sammen, und die von fern gekommen, mußten diese Zeit uͤber, des Nachts, in den Waͤldern campiren. Jetzt aber, da sie von uns nichts mehr befuͤrchten mochten, gieng ein jeder wieder nach seiner Heimath zuruͤck. Diese Mey- nung war auch um deswillen wahrscheinlich, weil hier herum nirgends als gegen die oͤstliche Landspitze hin, und selbst dort nur einige wenige Wohnhuͤtten standen. Wir suchten ihrem Mistrauen gegen uns bey allen Gelegenheiten zu steuern, und da wuͤrkte nichts augenscheinlicher, als wenn wir ihnen an den Fingern vorzaͤhlten, daß wir uns nur eine gewisse Anzahl von Tagen allhier auf- zuhalten gedaͤchten. Bey ihrer heutigen zahlreichen Wanderung hatte man un- ter andern bemerkt, daß alle die, welche Buͤndel trugen, Weibsleute waren, indeß die Maͤnner, ohne alle Buͤrde gemaͤchlich neben her giengen. Aus die- sem einzigen Umstande laͤßt sich schon abnehmen, daß die Tanneser noch nicht so civilisirt sind, als die Bewohner der Societaͤts - und freundschaftlichen Inseln , denn es zeigt immer eine rohe und ungebildete Nation an, wenn die Maͤn- ner hart mit den Weibern umgehen, und ihnen die niedrigsten und schwersten Arbeiten auflegen. — Daß die Eingebohrnen wuͤrklich von hier weg, und nach andern Gegenden der Insel hingewandert seyn mußten, spuͤrte man auch dadurch, daß jetzt nur sehr wenige am Strande zu sehen wa- ren. Wir glaubten daher die Ebene hinter dem Wasserplatz ganz un- besorgt, durchstreichen zu duͤrfen, und fanden auf derselben mehrere große Pfuͤtzen darinn Arum -Wurzeln angepflanzt waren; auch trafen wir ganze Waͤlder von Cocos-Palmen an, in welchen man aber, des uͤberall verwachsenen Gestraͤuches wegen, fast nirgends fortkommen konnte. Eine Menge von Voͤgeln machte es in diesem Gehoͤlz sehr lebhast, vornemlich bemerkten wir Fliegenschnapper, Spechte ( creepers ) und Papagoyen . Auch gab es hier eine Art großer Nußbaͤume Inocarpus von uns benannt, Siehe Forsteri nova genera plantarnm \&c. \&c cum 76. tabb. an. gr. 4. Berolini 1776. 8 thlr. , die uns schon von Tahiti aus in den Jahren 1772 bis 1775. aus bekannt waren, wo die Fruͤchte derselben verspeiset werden. Auf die- 1774. August. sen Baͤumen hielten sich allerley Tauben , vornemlich jene Art, welche auf den freundschaftlichen Eilanden haͤufig gefangen, und zahm gemacht zu werden pflegt. Eben dies scheint auch unter den Tannesern uͤblich zu seyn; denn einer von den Officieren schoß heut eine solche Taube, an deren Schwantze man zwo lange weiße Federn befestigt fand, um deren willen er sie auch beym ersten Anblick fuͤr eine ganz unbekannte Art gehalten hatte. Einige Indianer, denen wir begegneten, erzaͤhlten uns, daß einer unsrer Leute zwo Tauben geschossen haͤtte; so unerheblich diese Nachricht an und fuͤr sich seyn mochte, so wichtig war es, daß die Indianer uns selbige nicht in der hiesigen Mundart, sondern, von Wort zu Wort, in jener Sprache mit- theilten, die auf den freundschaftlichen Eilanden geredet wird. Ohne Zwei- fel mußten sie bemerkt haben, daß wir uns in der Unterredung oft mit Woͤrtern aus dieser Sprache zu helfen pflegten, und also bedienten sie sich derselben blos, um uns verstaͤndlicher zu werden. Als wir ihnen unsre Verwundrung bezeig- ten, sie in einer fremden Sprache reden zu hoͤren, wiederhohlten sie das zuvor gesagte auf Tannesisch, als ihrer Muttersprache, die von jener himmelweit unter- schieden ist, und setzten hinzu, daß die erstere zu Irronan , Diese Insel wird auch bisweilen Futtuna genannt. einer, ohngefaͤhr acht Meilen von hier, gegen Osten gelegenen Insel uͤblich sey. Mit dieser Ueber- einstimmung der Sprache auf so entfernten Inseln, kann es zweyerley Be- wandniß haben. Entweder ist von dem Stammvolk, welches die freundschaft- lichen , und uͤberhaupt alle oͤstlichen Inseln des Suͤdmeeres bevoͤlkert hat, eine Colonie nach Irronan ausgewandert; oder, die Einwohner dieser letztern In- sel stehen mit den Bewohnern der freundschaftlichen Eylande in Verkehr, wozu ihnen einige zwischen inne liegende, wenn gleich uns noch nicht bekannt gewordene Eilande behuͤlflich seyn moͤgen. Nachmittage giengen wir von neuem aus, und trafen auch jetzo nur eine geringe Anzahl von Einwohnern, ohnerachtet wir die Ebene bis auf drey Meilen weit von der See durchstrichen. Wenn uns je einer begegnete, so sagten wir ihm, es sey uns nur ums Vogelschießen zu thun, denn unter die- sem Vorwande ließen sie uns gemeiniglich ungehindert gehen. Wir schossen Forsters Reise u. d. W. Zweyter Th. G g Forster’s Reise um die Welt 1774. August. auch in der That die Menge solcher kleinen Voͤgel, bekamen aber dennoch sel- ten einen, weil sie gemeiniglich ins Gras fielen, welches so hoch und dicht stand, daß man sie nicht wieder heraus finden konnte. Pifang und Zuckerrohr waren in dieser Gegend foͤrmlich angepflanzt, Wohnhuͤtten hingegen nirgends zu sehen, indem der groͤste Theil der Ebene unangebaut, und theils mit hoher Waldung, theils mit niedrigem Gebuͤsch uͤberwachsen ist. Im Hintergrunde ka- men wir an ein langes und sehr geraͤumiges Thal, aus welchem an vielen Or- ten Rauch empor stieg und von mehr als einer Gegend Menschen-Stimmen heraufschallten. Die Leute selbst konnten wir aber, so wenig als ihre Huͤt- ten ansichtig werden, weil der Pfad in dem wir uns befanden an beyden Sei- ten mit dickem Gebuͤsch umgeben, und das Thal selbst voller Waldung war. Da auch uͤberdem der Tag sich schon zu neigen anfieng; so begnuͤgten wir uns dieses Thal ausgespuͤrt zu haben, und kehrten, mit dem Vorsatz bey einer an- dern Gelegenheit mehr davon zu entdecken, in aller Stille nach dem Strande zuruͤck. Die Nacht uͤber regnete es sehr heftig und fast ohne Unterlaß. Je dunkler dieses die Finsterniß machte, desto mahlerischer war es anzusehen, wie das Feuer des Volcans, den aus dem Gipfel emporsteigenden dicken Rauch vergoldete. Der Answurf hatte gaͤnzlich nachgelassen, und von dem unterirrdischen Getoͤse war seit mehrerern Tagen ebenfalls nichts mehr zu hoͤren gewesen. Am Morgen klaͤrte sich das Wetter wiederum auf und verstattete uns ans Land zu gehen, wo, eben so wie gestern, nur wenig Ein- wohner zum Vorschein kamen. Wir suchten daselbst, an der West-Seite, nach einem Fußsteige, vermittelst dessen wir bereits vor ein paar Tagen ange- fangen hatten den dortigen Berg hinauf zu klettern. Er war so steil nicht, als wir es uns vorgestellt, und gieng uͤberdem durch die schoͤnste Waldung von wilden Baͤumen und Straͤuchen, deren Bluͤthe dem Wanderer uͤberall Wohl- geruch entgegen duftete. Blumen von verschiedener Art zierten das schattichte Laub und mancherley Glockenwinden rankten sich, in blau und purpurfarbnen Kraͤnzen, wie Epheu, die hoͤchsten Baͤume hinan. Um uns her zwitscherten die Voͤgel ihren wilden Gesang und belebten eine Gegend, der es an allen an- dren Arten von lebendigen Bewohnern zu fehlen schien. In der That war in den Jahren 1772 bis 1775. weder von Menschen noch von Pflanzungen die geringste Spur zu finden. Dem- 1774. August. ohnerachtet folgten wir dem schlaͤngelnden Pfade immer hoͤher und gelangten nach Verlauf einer Viertel-Stunde, an einen kleinen freyen Platz, der mit dem feinsten Rasen bewachsen und rings umher von schoͤnen wilden Baͤumen eingeschlossen war. Außerdem daß die Sonnenstrahlen hier um desto kraͤftiger wuͤrkten, weil der Wind nirgends Zugang finden konnte, ward die Hitze noch durch einen heißen Dampf vermehrt, dessen durchdringender Schwefel-Ge- ruch uns bald seinen unterirdischen Ursprung verrieth. Wir fanden ihn nem- lich zwischen den Aesten der Feigenbaͤume, die in vortreflichem Wuchse stan- den, von einem kleinen Haufen weislichter Erde empor steigen. Diese war nicht, wie sie beym ersten Anblick zu seyn schien, eine Art von Kalk, sondern ein wirklicher Ton mit gediegenem Schwefel vermischt, und hatte, gleich dem Alaun, einen caustischen, oder zusammenziehenden Geschmack. Wenn man mit einem Stocke darinn scharrte, so kam der Rauch haͤufiger hervor und fuͤr Hitze konnte man die Fuͤße kaum auf dem Boden leiden. Als wir noch eine gute Ecke hoͤher stiegen, brachte uns der Weg wiederum auf einen solchen freyen Platz, der etwas abhaͤngig war, aber weder Gras noch andre Pflanzen trug. An einer Stelle desselben bestand das Erdreich aus rothem Bolus oder Ocker, womit die Einwohner sich zu schminken pflegen, und an zween andern Flecken stieg von einem Haͤufgen Erde, hier eben solcher Schwefeldampf empor, jedoch nicht so haͤufig auch nicht von so starkem Geruch als unten. Der Ton sahe hier etwas gruͤnlicher aus, welches ohne Zweifel von dem darinn enthaltenen Schwefel herruͤhren mochte. Mittlerweile war der Vulcan unruhiger geworden als jemals, und bey jeder Explosion desselben, stieg aus diesen unterirrdischen Schwefelgruben der Dampf in groͤßerer Menge als sonst, gleich einer dicken weißen Wolke, hervor. Dieser Umstand schien anzuzeigen, daß zwischen beyden Oertern, entweder eine foͤrmliche Gemein- schaft vorhanden seyn, oder, daß die inneren gewaltsamen Erschuͤtterungen des feuerspeyenden Berges, sich auf irgend eine andre, mittelbare Weise, bis nach diesen Schwefel-Behaͤltern fortpflanzen muͤßten. Was den Vulcan selbst betrifft, so bemerkten wir heute zum zweytenmal, daß er nach Regenguͤssen am un- ruhigsten zu werden pflegte; vermuthlich bringt also der Regen dergleichen G g 2 Forster’s Reise um die Welt 1774. August. Ausbruͤche, auf eine oder die andre Art, zuwege, es sey nun, daß er die Gaͤhrung der brennbaren Mineralien im Berge wuͤrklich verursacht, oder die- selbe nur befoͤrdert und vermehrt. Nachdem wir die rauchenden Oefnungen dieser Solfatara lange genug betrachtet hatten, stiegen wir noch hoͤher, und entdeckten bald, an unterschiedenen Orten des Waldes, eine Menge von Pflan- zungen. Zwischen dick belaubten Baͤumen brachte uns, in sanfter Kruͤm- mung, der Fußpfad ganz bequem bis zum Gipfel, von welchem ein schmaler, in zwo Rohrzaͤunen eingehaͤgter Weg, der freye Aussicht nach dem nordoͤst- lichen See-Ufer hatte, an der andern Seite des Berges hinab lief. Auf die- sem Wege bekamen wir in kurzer Zeit den Volcan zu Gesicht, und konnten das Auswerfen desselben schon sehr deutlich wahrnehmen, ohnerachtet uns noch man- cher Huͤgel und manches Thal wohl zwey Seemeilen weit davon trennen moch- te. Die Gewalt des unterirrdischen Feuers setzte uns am mehresten in Erstaunen, denn Felsen-Klumpen, zum Theil so groß als unser groͤßtes Boot, wurden aus dem Innersten des Berges hoch empor geschleudert, als ob es gleichsam nur Kiesel waͤren. Durch den bisherigen guten Fortgang unserer Wanderung, und durch die Einsamkeit dieser Gegend beherzt gemacht, waren wir im Begriff weiter vorzudringen, als ploͤtzlich der Schall von einer oder zween großen Trompeten-Muscheln ertoͤnte. Da dieses Instrument bey allen wilden Nationen, und vorzuͤglich in der Suͤd-See , zum Lermblasen gebraucht zu werden pflegt; so mußten wir uns durch allzu lautes Reden verra- then, und auf solche Art die Einwohner in Allarm gesetzt haben. Nun durf- ten wir folglich dem Landfrieden nicht laͤnger trauen, und kehrten also unver- zuͤglich zuruͤck, erreichten auch die oberste Solfatara, ohne von den India- nern entdeckt zu werden. Erst dort begegneten uns etliche die vom Wasser- platz herauf kamen, und sich zu wundern schienen, daß wir so weit im Lande um- herschweiften. Wir halfen uns, wie gewoͤhnlich, mit dem Vorwand durch, daß wir bloß aufs Vogelschießen ausgegangen waͤren, und bathen sie zugleich um etwas zu trinken. Gegen das erste fanden sie nichts einzuwenden, achte- ten aber, dem Anschein nach, auch auf das zweyte nicht, denn sie setzten ihren Weg den Berg hinauf ganz gleichguͤltig fort. Jedoch, als wir auf demselben Fleck ohngefaͤhr noch eine Viertelstunde lang nach Kraͤutern gesucht hatten, und in den Jahren 1772 bis 1775. eben weiter gehen wollten, kam eine ganze Familie, Maͤnner, Weiber und Kin- 1714. August. der herab, und beschenkten uns mit vielem Zuckerrohr , auch zwo bis drey Co- cosnuͤssen . Wir belohnten sie fuͤr diese unerwartete Erquickung, so gut es uns moͤglich war, worauf sie sehr zufrieden nach ihren Wohnungen, wir aber, mit unsren botanischen Reichthuͤmern, an den Strand zuruͤck kehrten, woselbst die Boote eben nach dem Schiffe uͤberfahren wollten. Die Indianer hatten waͤhrend unserer Abwesenheit angefangen, Yams, Zuckerrohr, Cocosnuͤsse und Pisangs zu Markt zu bringen, zwar vor der Hand noch sehr sparsam, doch zum Anfange schon genug um fuͤr die Folge ein mehreres hoffen zu lassen. Unser Eisengeraͤth stand bey ihnen, aus Mangel gehoͤriger Kenntniß, noch in gar keinem Werth; statt dessen nahmen sie lieber Tahitisches Zeug, kleine Stuͤcken von Neu-Seelaͤndischen gruͤnen Nephritischen Stein , Perlen- Mutter, und vor allen Dingen, Schildkroͤten-Schaale . Gegen letztere vertauschten sie was ihnen das liebste war, ihre Waffen, zuerst nur Speere und Pfeile, bald nachher aber auch Bogen und Keulen. Gleich nach der Mahlzeit fuhren wir wiederum ans Land und eilten, laͤngs dem Strande, nach der oͤstlichen Spitze des Havens, von welcher uns die Einwohner vor einigen Tagen zuruͤckgewiesen hatten. Unterwegens begegneten wir einigen die stehen blieben, um mit uns zu sprechen, ein andrer Indianer aber, huckte sich hinter einem Baume nieder, spannte seinen Bogen, und rich- tete einen Pfeil auf uns. Dies wurden wir nicht sobald gewahr, als einer von uns gleich mit der Flinte nach ihm zielte, worauf der Kerl angenblick- lich den Bogen von sich warf, und ganz demuͤthig zu uns hervor gekrochen kam. Es mag seyn, daß er keine boͤse Absicht gehabt, doch ist dergleichen Spaß nicht immer zu trauen. Ohnweit der oͤstlichen Landspitze, die wir bald nachher erreichten, fand sich eine Art schoͤner Blumen, die man vermittelst ihrer brennend rothen Farbe schon beym Einlaufen in den Haven, vom Schiffe aus, bemerkt hatte. Jetzt zeigte sich, daß es die Bluͤthe einer Eugenia oder Art von Jambos-Baum war. Indem wir uͤber die Landspitze weg und laͤngs dem jenseitigen Ufer fortgehen wollten, stellten sich mit einmal funfzehen bis zwanzig Indianer in den Weg und baten uns, sehr ernstlich, umzukehren. Als sie sahen, daß wir nicht die geringste Lust dazu bezeigten, so wie- G g 3 Forster’s Reise um die Welt 1774. August. derhohlten sie ihre Bitte, und gaben endlich durch allerhand Gebehrden zu verstehen, daß ihre Landsleute uns ohnfehlbar todtschlagen und fressen wuͤrden, wenn wir noch weiter vordringen wollten. Es befremdete uns, daß diese Insulaner, die wir nimmermehr fuͤr Menschenfresser gehalten haͤtten, sich auf solche Art selbst dafuͤr ausgaben. Zwar hatten sie sich schon bey andern Gele- genheiten etwas aͤhnliches merken lassen; da es aber lieblos gewesen waͤre sie auf eine bloße Vermuthung einer solchen Barbarey zu beschuldigen, so stellten wir uns, als haͤtten wir ihre Zeichen dahin verstanden, daß sie uns etwas zu essen anboͤten, giengen also immer weiter fort und winkten ihnen zu, daß wir’s uns recht gut wuͤrden schmecken lassen. Nun gaben sie sich alle Muͤhe uns aus dem Irrthum zu reißen, und deuteten uns durch Zeichen sehr verstaͤndlich an, daß sie einen Menschen zuerst todtschluͤgen, hierauf die Glieder einzeln abloͤse- ten, und dann das Fleisch von den Knochen schabten. Endlich setzten sie die Zaͤhne an den Arm, damit uns gar kein Zweifel uͤbrig bleiben sollte, daß sie wuͤrklich Menschenfleisch aͤßen. Auf diese Warnung kehrten wir von der Land- spitze zuruͤck, und giengen nach einer Wohnhuͤtte hin, die, ohngefaͤhr funfzig Schritt davon, auf einer Anhoͤhe lag. Sobald uns die Bewohner derselben herauf kommen sahen, liefen sie hinein und hohlten sich Waffen heraus, vermuthlich um uns zuruͤck zu treiben, weil sie glauben mochten, daß wir, als Feinde, ihnen das ihrige rauben wollten. Zu Steurung dieses Argwohns, mußten wir einer Wißbegierde Schranken setzen, die uns sonst gewiß nachtheilig geworden seyn wuͤrde. Gleichwohl lief sie keineswe- ges auf eine Kleinigkeit heraus: Es pflegten nehmlich die Indianer auf die- ser Landspitze an jedem Morgen, bey Tages Anbruch, einen langsamen feyerli- chen Gesang anzustimmen, der gemeiniglich uͤber eine Viertelstunde dauerte, und wie ein Todtenlied klang. Dies duͤnkte uns eine religioͤse Ceremonie zu seyn, und ließ vermuthen, daß dort irgendwo ein geheiligter Ort verborgen seyn muͤsse, zumahl da die Einwohner uns auch immer so geflissentlich von dieser Gegend abzuleiten suchten. Nachdem wir einige Schritte zuruͤckgegangen, stiegen wir auf die hohe Ebene, in Hoffnung von da aus etwas entdecken zu koͤnnen, weil sie we- nigstens um vierzig bis funfzig Fuß niedriger liegt als die Landspitze. Wir in den Jahren 1772 bis 1775. fanden aber eine weitlaͤuftige Pflanzung vor uns, die aus unzaͤhligen Pisangs , 1774. August. zum Theil auch aus Cocos-Palmen und andern hohen Baͤumen bestand, welche uns nirgends freye Aussicht gestatteten. Ueberdem war diese Plantage rings umher, so wie es zu Tonga-Tabbu und Namocka gebraͤuchlich ist, mit dichten Hecken von Rohr umzaͤunt. Die Indianer folgten uns noch immer auf dem Fuße nach, fiengen an uns von neuem zu warnen, und endlich ganz offenbar zu drohen, daß sie uns schlachten und fressen wuͤrden, wofern wir dar- auf beharreten, weiter zn gehen. Mit dem alten Vorwand, daß es uns le- diglich um die Jagd zu thun sey, war diesmahl nichts auszurichten, vielmehr schien unsre heutige Beharrlichkeit sie von neuem so mißtrauisch gemacht zu ha- ben, daß wir wohl nicht ganz friedlich auseinander gekommen seyn moͤchten, wenn uns nicht der alte Pao-vjangom begegnet waͤre. Mit diesem ließen sie uns geruhig laͤngs der ganzen Anhoͤhe gegen das West-Ende des Havens fortgehen. Diese Gegend war durchgehends mit Feigen-Baͤumen besetzt, die wegen ihrer eßbaren Blaͤtter und Fruͤchte ordentlich angepflanzt werden. Sie sind von dreyerley Arten; die eine traͤgt Fruͤchte von eben der Groͤße als bey uns zu Lande, nur daß sie von aussen wollicht wie Pfirsichen, und inwendig blutroth wie Granataͤpfel sind. Der Saft ist suͤß, sonst aber eben nicht schmackhaft. Auf einer andern Art großer Baͤume wuchs die Jambu sehr haͤufig; diese Frucht ist ohngefaͤhr so groß als eine kleine Birne, und ihres angenehm saͤuerlichen Saftes wegen sehr kuͤhlend. Ausserdem gab es hier auch noch schoͤne Kohl-Palmen , ( areca oleracea Linn .) Jenseits dieser Plantage kamen wir in ein kleines Waͤldchen von allerhand bluͤhenden Straͤu- chen, welches einen anmuthigen freyen Platz enthielt, der wenigstens hundert Ellen im Gevierte hatte, und auf allen Seiten mit hohen, so dick belaubten Baͤumen eingeschlossen war, daß man kaum hindurch sehen konnte. Am Rande desselben lagen drey Wohnhuͤtten, und in einer Ecke stand ein wilder, ungewoͤhnlich großer Feigenbaum, der ohnweit der Wurzel wenigstens drey El- len im Durchmesser hielt, und seine Aeste, auf eine mahlerifche Art, wohl vier- zig Ellen weit, nach allen Seiten ausbreitete. Unter diesem stattlichen Bau- me, der noch im besten Wuchse war, saß eine kleine Familie bey einem Feuer, an welchem sie Yams und Pisangs brateten. Sobald sie uns gewahr wur- Forster’s Reise um die Welt 1774. August. den, liefen sie fort, sich in den Huͤtten zu verbergen; allein Pao-vjangom rief ihnen zu, daß sie nichts zu befuͤrchten haͤtten, und auf diese Versicherung kamen sie wieder zum Vorschein. Die Weiber und Maͤdchen blieben jedoch in einer ziemlichen Entfernung, und sahen nur dann und wann schuͤchtern hinter den Buͤschen hervor. Wir thaten als ob wir sie gar nicht bemerkten, und setzten uns indessen bey den Maͤnnern nieder, die uns mit eben der gastfreyen Gemuͤthsart, welche wir fast in allen diesen Inseln angetroffen hatten, an ihrer Mahlzeit Theil zu nehmen baten. Die Huͤtten sind eigentlich nur große Daͤcher die auf der Erde ruhen, und oberhalb schraͤg zusam- menstoßen. An beyden Enden standen sie offen, ausser daß ein kleines Ge- laͤnder, von Rohr und Stecken geflochten, ohngefaͤhr 18 Zolle hoch davor ge- setzt war. An den groͤßten Huͤtten betrug die Hoͤhe des Dachs neun bis zehn Fuß, und die Breite zwischen beyden Dach-Waͤnden, unten am Boden, ohn- gefaͤhr eben so viel. Die Laͤnge hingegen war betraͤchtlicher, indem sie sich zuweilen wohl auf 35 bis 40 Fuß erstreckte. Nichts kann einfacher seyn, als der Bau dieser Wohnungen. Zwo Reihen Pfaͤhle werden schraͤg in die Erde gesteckt, so daß sie mit den obern Enden zusammen stoßen. In dieser Richtung werden, von den gegen uͤber stehenden, je zween und zween an einander festgebunden, und das ganze Sparrwerk mit Matten belegt, bis das Dach dicht genug ist, um weder Wind noch Regen durchzulassen. In- wendig fanden wir nicht das geringste Geschirr oder Hausgeraͤth, sondern blos etliche aus Palm-Blaͤttern geflochtne Matten hin und wieder ausgebrei- tet, und den Rest des Fußbodens mit trocknem Grase bestreuet. In jeder Huͤtte war an mehr denn einer Stelle Feuer angemacht gewesen, welches auch die Sei- tenwaͤnde bezeugten, in so fern sie uͤber und uͤber von Ruß glaͤnzten. Mitten auf dem freyen Platze standen drey hohe Stangen neben einander, die aus Cocos- staͤmmen gemacht und durch kleine Latten unter sich verbunden waren. Von der Spitze an bis zehn Fuß von der Erde herab hatte man viele kurze Stecken, der Queere nach, an diese Stangen befestigt, und eine Menge alter Cocos- Nuͤsse daran aufgehangen. Da die Einwohner das Oel dieser Frucht zum Salben und die Schaale zu Armbaͤndern und andern solchen Zierrathen ge- brauchen; so mag dies Aufhaͤngen derselben in freyer Luft wohl eine Art von noth- in den Jahren 1772 bis 1775. nothwendiger Zubereitung seyn; aus bloßer Wirthschaftlichkeit kann es we- 1774. August. nigstens nicht geschehen, denn sonst wuͤrden sie in dem großen Hayn von wilden Cocos-Palmen, der laͤngst dieser bebauten Anhoͤhe ohnweit dem Ufer stand, nicht so viel Nuͤsse unter den Baͤumen haben liegen und verderben lassen. Rund um den gruͤnen Platz hiengen, auf den Gebuͤschchen, kleine Lappen von dem Zeuge welches sie aus der Rinde eines Feigenbaumes machen und in Form eines Guͤrtels oder einer Scherpe zu tragen pflegen. Die Geschenke die Pao- vjangom von uns erhalten, worunter sich auch ein Tressen-Huth befand, waren auf eben diese Art, gleichsam als Ehrenzeichen, zur Schau gestellet. Dies sorglose Verfahren duͤnkt mir ein unleugbarer Beweis von der allgemeinen Ehrlichkeit der Tanneser unter sich. In Tahlti muß jeder Eigenthuͤmer schon seine kleine Haabe ans Dach haͤngen, und die Leiter des Nachts statt eines Kissens unter den Kopf legen, um vor Dieben sicher zu seyn; hier hingegen ist alles auf dem ersten besten Strauch in Sicherheit. Daher kam es auch, daß wir waͤhrend unsers Aufenthalts unter diesen Insulanern (von Tanna ,) nicht das geringste durch Diebstahl eingebuͤßt haben. Sobald die Bewohner vorgedachter Huͤtten sahen, daß wir in ihren Wohnungen keinen Unfug anrichte- ten, nichts wegnahmen, oder auch nur verschoben, so ließen sie sich unsere Gegen- wart ganz gern gefallen. Die Jugend die, mit Mistrauen und Argwohn noch unbekannt, gemeiniglich die ganze Welt fuͤr so offenherzig und ehrlich haͤlt als sie es selbst ist, gewann bald Zutrauen zu uns. Jungen von sechs bis vierzehn Jah- ren, die anfaͤnglich in einiger Entfernung geblieben waren, kamen unvermerkt naͤher, und ließen sich bey der Hand nehmen. Wir theilten Medaillen an seid- nen Baͤndern imgleichen Stuͤcken von Tahitischen Zeug unter sie aus, wel- ches ihnen denn vollends alle Furcht und Schuͤchternheit benahm. Wir fragten auch nach ihren Namen, und suchten sie auswendig zu behalten. Die- ser kleine Kunstgriff brachte uns ihr ganzes Vertrauen zuwege. Sie freuten sich unbeschreiblich sehr, daß wir ihre Namen zu nennen wußten, und liefen sich schier ausser Athem, wenn wir sie herbey riefen. Endlich standen wir auf, um nach dem Strande zuruͤck zu kehren. Unser gewoͤhnlicher Begleiter, der alte Pao- vjangom , wollte diesmahl nicht mitgehen, weil es schon Abend zu werden anfieng, dagegen gab er uns drey von seinen Landsleuten zu Fuͤhrern, und trug ihnen ausdruͤck- Forsters Reise u. d. W. Zweyter Th. H h Forster’s Reise um die Welt 1774. August lich auf, den naͤchsten Fußsteig zu waͤhlen. Beym Weggehen beschenkten wir ihn, fuͤr seine geleisteten Dienste, aufs neue und schieden vergnuͤgt von einander. Unsre Fuͤhrer waren gutwillige junge Leute. Als wir unterweges uͤber Durst klagten, und von den Cocos-Palmen, die am Strande in großer Menge wuch- sen, etliche Nuͤsse verlangten, schlugen sie alsbald einen andern Pfad ein, der nach einer Pflanzung zufuͤhrte. Hier stand eine Parthey Cocosbaͤume in der Mitte der Plantage, und von diesen pfluͤckten sie uns einige Nuͤsse. Sobald wir sie kosteten, zeigte sich, warum die guten Jungen so weit darnach gegangen, da ihnen doch die Palmen am Strande weit naͤher zur Hand gewesen waͤren. Es trugen nemlich diese hier ungleich wohlschmeckendere Fruͤchte als jene. Am Strande wuchsen sie sich selbst uͤberlassen und wild, indeß die in den Plantagen durch Verpflanzung und sorgfaͤltige Wartung um vieles verbessert waren. Daß die Cocos-Palmen, gleich andern Frucht-Baͤumen, durch gehoͤrige Cultur sehr veredelt werden koͤnnen, siehet man nirgends deutlicher als in Japan , denn dort hat der Fleiß der Einwohner, blos durch verschiedne Behandlung, unterschie- dene Sorten von dergleichen Nuͤssen hervorgebracht, die saͤmmtlich wohlschme- ckender sind als die wilde Gattung. Siehe Hawkesworths Sammlung der neuesten englischen Seereisen in 4. Dritter Band Seite 346. Auf den Societaͤts -Inseln giebt es auch eine sehr gute Sorte, die ihre Vorzuͤge ebenfalls nichts anderm als der guten Pflege zu verdanken hat. Die wilde Palme hingegen, habe ich nir- gends als in Tanna und den neuen Cycladischen Inseln uͤberhaupt angetrof- fen. Von den besseren Sorten unterscheidet sie sich auch in dem Stuͤck, daß sie nicht blos in der Ebene, sondern auch auf Bergen fortkommt. Nachdem uns unsre gutherzigen Fuͤhrer genugsam erquickt, brachten sie uns auf dem kuͤrzesten Wege nach den Strand herab, so daß wir in wenig Minuten wieder bey unsern Wasserleuten ankamen. Hier belohnten wir sie, so gut es in un- serm Vermoͤgen stand, und eilten, der einbrechenden Nacht wegen, an Bord. Die Solfatara auf dem westwaͤrts gelegenen Berge duͤnkte uns in al- ler Absicht einer naͤheren Untersuchung werth zu seyn. In dieser Absicht ver- fuͤgten wir uns am naͤchsten Morgen, und zwar in Begleitung des Mahlers Herrn Hodges , wiederum dahin. Der Volkan donnerte heut den ganzen Tag in den Jahren 1772 bis 1775. uͤber, und warf eine Menge feiner schwarzer Asche aus, die bey genauer Be- 1774. August. sichtigung aus lauter langen, nadelfoͤrmigen, halb durchsichtigen Schoͤrl- koͤrnern bestand. Mit solchem Schoͤrl-Sand war das Erdreich auf der gan- zen Insel, ja alles Kraut und Laub, dermaaßen bestreuet, daß wir beym Bo- tanisiren, die Blaͤtter ungemein behutsam abbrechen mußten, wenn uns jene Asche nicht ins Auge staͤuben, und Schmerzen verursachen sollte. Diese ge- ringe Unannehmlichkeit wird aber den Insulanern, von dem Vulkan auf an- dre Art reichlich verguͤtet. Es geben nemlich die Schlacken, welche er aus- wirft, zumal wenn sie erst verwittert sind, einen treflichen Duͤnger fuͤr den Bo- den ab, und veranlassen den vorzuͤglichen Flor, worinn sich hier das Pflanzen- reich befindet. Kraͤuter und Stauden werden fast noch einmal so hoch, be- kommen ungleich breitere Blaͤtter, groͤßere Blumen, und einen weit staͤrkeren Geruch, als in andern Laͤndern. So verhaͤlt sich’s, bald mehr bald minder, uͤberall, wo Vulkane vorhanden sind. In Italien z. B. wird die Gegend um den Vesuv fuͤr eine der fruchtbarsten gehalten, auch bringt sie in der That die besten italiaͤnischen Weine hervor. Der Etna in Sicilien steht ebenfalls in dem Ruf der Fruchtbarkeit, und in Hessen ist das vulkanische Erdreich des Ha- bichtswalds , ob es gleich mitten in einer hohen, nackten und daher kalten Gegend liegt, uͤberaus fruchtbar. Die daselbst angelegten Lustgaͤrten des Landgrafen bezeugen dieses indem sie zu jedermanns Bewunderung, mit allen moͤglichen Arten fremder und einheimischer Gewaͤchse prangen. Was wir selbst, uͤber diesen Punkt, in den verschiedenen Inseln der Suͤd -See bemerkt haben, bestaͤtiget die Richtigkeit jener Beobachtung vollkommen. Die So- cietaͤts-Inseln , die Marquesas , und einige der Freundschaftlichen-Eylan- de , woselbst Spuren von ehemaligen Vulcanen, imgleichen Ambrym und Tanna , wo noch wirklich brennende Berge vorhanden sind, alle diese In- seln haben fetten fruchtbaren Boden, darinn die Pflanzen zu einem koͤnigli- chen Wuchs, und zu den glaͤnzendsten Farben gelangen. Selbst in dem von spaͤtern vulkanischen Ausbruͤchen noch ganz verheerten Oster-Eiland , wachsen schon allerhand Kraͤuter und eßbare Wurzeln, ohnerachtet der Boden mehr aus Schlacken, verbrannten Steinen und Bimssteinen, denn aus eigentlicher trag- barer Erde bestehet, die Sonnenhitze auch uͤberdem so unertraͤglich ist, daß H h 2 Forster’s Reise um die Welt 1774. August. man denken sollte, es muͤßte bey dem gaͤnzlichen Mangel an Schatten, schon deshalb allein, jedes Grashaͤlmchen verdorren und absterben. Unter diesen Betrachtungen kamen wir an die unterste von den rauchen- den Oefnungen der Solfatara, hielten uns aber nicht lange dabey auf, weil sich etwas weiter aufwaͤrts schon einige Indianer zeigten. Wir erkannten sie bald fuͤr eben dieselben, die uns gestern so gut aufgenommen hatten und sahen, daß sie auch jetzt wieder einige von den ihrigen abschickten, vermuthlich um Erfrischungen holen zu lassen. Herr Hodges setzte sich hin und zeichnete un- terschiedene Aussichten, indeß wir botanisiren giengen, und die Hitze der Sol- fatara mit einem Fahrenheitischen Thermometer untersuchten. Dieses hatte um halb neun Uhr als wir vom Schiff abfuhren, auf 78° gestanden, und war, indem es den Berg heraufgetragen wurde, durch die Waͤrme der Hand bis auf 87° gestiegen, nachdem es aber, fuͤnf Minuten lang, etwa 60 Fuß weit von der Solfatara in freyer Luft an einem Baume gehangen hatte, bis auf 80° zuruͤck gefallen. In der Zwischenzeit gruben wir ein Loch in die Thon-Erde, und hiengen das Thermometer, an einem queeruͤber liegenden Stocke, hinein. In Zeit von dreyßig Secunden war es bis auf 170° gestie- gen, und blieb waͤhrend der vier Minuten, welche wir es darinnen ließen, un veraͤndert also stehen. Sobald es aber wiederum herausgenommen ward, fiel es gleich bis auf 160°, und nach Verlauf weniger Minuten allmaͤhlig bis auf 80°. Nach dieser Angabe kann man sich vorstellen, wie ausserordentlich heiß der Dampf, oder vielmehr Dunst, seyn muͤsse, welcher aus dem Schwefel- behaͤlter aufsteigt. Als uns die Indianer zum Behuf dieses Versuchs die Erde aufgraben sahen, baten sie uns, davon abzulassen, weil sonst die Flamme her- ausschlagen, und ein Assuhr entstehen moͤchte, (welcher Name in ihrer Spra- che dem Volcan beygelegt wird.) Sie mußten dieses auch in allem Ernst be- fuͤrchten, denn so oft wir von neuem in der Erde scharrten, wurden sie jederzeit sehr unruhig. Endlich giengen wir den Berg weiter hinauf und fanden, an mehreren Orten, solche dampfende Stellen als die zuvor beschriebenen. Die ab- geschickten Indianer waren unterdessen zuruͤckgekommen, und brachten Zucker- rohr nebst Cocos-Nuͤssen, womit sie uns, wie am vorigen Morgen, bewirthe- ten. Auf diese Erfrischung setzten wir unsern Weg nach einen benachbar- in den Jahren 1772 bis 1775. ten Berg fort, von dessen Gipfel man den Volkan etwas genauer zu betrachten 1774. August. hoffen konnte. Wir hatten noch eine gute Strecke weit zu steigen, als uns aus einer Plantage etliche Einwohner entgegen kamen und einen Pfad an- wiesen der, ihrem Vorgeben nach, gerade auf den Assuhr oder Vulcan hin- fuͤhren sollte. Wir folgten ihnen etliche Meilen weit, konnten aber, weil sich der Pfad bestaͤndig im Walde herumzog, an keiner Seite frey umher sehen, bis wir uns wider alles Vermuthen auf einmal am Strande befanden, von da wir hergekommen waren. Vermuthlich hatten sich die Indianer dieser List be- dient, um uns mit guter Manier von ihren Wohnhuͤtten zu entfernen, in de- ren Nachbarschaft sie durchaus nicht gern Fremde leiden moͤgen. Einer un- ter ihnen war ein sehr verstaͤndiger Mann; diesen fragten wir, ob nicht hier in der Nachbarschaft Inseln laͤgen, und wie sie hießen? worauf er uns unter- schiedene nahmhaft machte, die aber, seinen Zeichen nach, in solchen Gegen- den lagen, wo wir noch nicht gewesen waren. Bey dergleichen Erkundigun- gen konnte man sich kaum sorgfaͤltig genug fuͤr Mißverstaͤndnissen huͤten. Der Capitain Cook hatte z. B. eine Menge Nahmen, die ein Indianer ihm gestern angegeben, fuͤr lauter Nahmen von benachbarten Inseln angenommen, da sich doch nachher zeigte, daß es nur die Benennungen der einzelnen Districte waren, in welche die Eingebohrnen ihre eigne Insel ( Tanna ) eintheilen. Um nicht zu einem aͤhnlichen Irrthum verleitet zu werden, fragten wir den vor uns habenden Indianer, ob es mit den Nahmen die er uns jetzt angezeigt, vielleicht eben sol- che Bewandniß habe? das verneinte er aber, und setzte ausdruͤcklich hinzu, tassi (das Meer) trenne alle diese Laͤnder von einander, und als wir ihm auf einem Pappier einige Zirkel hinzeichneten, um dadurch einzelne Inseln anzudeuten, gab er zu verstehen, daß wir seine Meynung ganz recht begriffen haͤtten. Nachmittags stellten wir auf der Suͤd-Seite der flachen Anhoͤhe einen Spaziergang an, der uns verschiedene neue Pflanzen einbrachte. Einige India- ner erboten sich, uns queer uͤber die Anhoͤhe nach das jenseitige See-Ufer hin- zufuͤhren. Allein, aus dem Wege den sie dazu vorschlugen merkten wir bald, daß sie uns, so wie es ihre Landslente am Vormittage gemacht, gerade wieder nach den Wasserplatz zuruͤckbringen wollten; wir verließen sie also, um zwischen den Pflanzungen, die in dieser Gegend zum theil mit fuͤnf Fuß hohen Rohr- H h 3 Forster’s Reise um die Welt 1774. August. hecken umzaͤunt waren, allein fortzugehen. Unterwegs gesellete sich ein andrer Indianer zu uns, der aufrichtiger war, und uns getreulich nach den jenseitigen Strand brachte. Hier sahen wir die Insel Annatom zum zweyten mahle, und etwas weiter gen Norden sollte, nach Aussage dieses Indianers, noch eine andre Insel, Itonga genannt, liegen, man konnte aber der allzugroßen Ent- fernung wegen nichts davon gewahr werden. Diese Angabe bestaͤrkte mich in der Vermuthung, welche ich schon vorhet geaͤußert, daß nehmlich, vermittelst einiger uns noch unbekannten Inseln, die Einwohner von Tanna mit den Be- wohnern der freundschaftlichen Eylande Verkehr und Umgang haben. Der Na- me Itonga hat viel aͤhnliches mit Tonga-Tabbu ; ja was noch mehr ist, die Einwohner von Middelburg oder Ea-Uwhe pflegten wohl selbst diese Insel Itonga-Tabbu zu nennen. Tabbu ist uͤberhaupt nur ein Zusatz zum Namen, der mehrern Inseln in der Suͤd-See beygefuͤgt wird, z. B. Tabbua-manu ; ( Saunders-Eiland ) und Tabbu-Ai Eine Insel, davon die Tahitier gegen uns Erwaͤhnung gethan. . Bey alle dem will ich nicht behaup- ten, daß die Tanneser , unter ihrem Itonga schlechterdings keine andre Insel, als Tonga-Tabbu verstehen, aber so viel duͤnkt mir wenigstens wahrscheinlich, daß irgend sonst ein Eiland eben dieses Namens zwischen Tanna und den freund- schaftlichen Inseln mitten inne liegen, und den Bewohnern zu gegenseitigem Umgang Gelegenheit geben mag. Nachdem unsre Neugier gestillt war, ver- fuͤgten wir uns wieder auf den Wasserplatz, wo die Matrosen in der Zwischen- zeit bey drittehalb Centner Fische gefangen hatten. Ein so gluͤcklicher Zug setzte den Capitain im Stand, der ganzen Mannschaft wieder eine frische Mahlzeit zu geben, die mit der groͤßten Begierde verzehrt wurde. Der Haven war ungemein fischreich, und wer die Nacht dazu anwenden wollte, konnte sichre Rechnung machen, daß ihm die Angel etwas einbringen wuͤrde, vornemlich Al- bekoren und Cavalhas . Eines Tages wurden unter andern auch ein paar Fi- sche von eben der Art gefangen, durch welche, in den Gewaͤssern von Mallicollo , so viele unter uns waren vergiftet worden. Ich haͤtte sehr gewuͤnscht, diese Sorte, zur Warnung fuͤr die Seefahrer, abzeichnen und beschreiben zu koͤnnen; allein, die Matrosen waren auf frische Lebensmittel viel zu heißhungrig, als in den Jahren 1772 bis 1775. daß sie mir die Zeit dazu verstattet haͤtten. Ohne sich, weder an meine gute 1774. August. Absicht, noch an das was uns mit diesen Fischen ehedem begegnet war, zu keh- ren, schnitten sie solche alsbald in Stuͤcken, rieben sie mit Salz und Pfeffer und wanderten damit nach dem Kessel. Gluͤcklicherweise bekamen sie ihnen auch diesmal ganz wohl. Ein neuer Beweis, daß jene, die einem Theil unsrer Gesellschaft so uͤble Zufaͤlle verursacht, sich damals gerade von giftigen Pflanzen oder Insekten genaͤhrt, und dadurch eine schaͤdliche Eigenschaft bekom- men haben mußten, welche ihrer Natur sonst nicht eigen war. Unsre Matro- sen hatten sich bey diesem zweifelhaften Gericht auf das Experiment verlassen, daß ein silberner Loͤffel, den sie mit in den Kessel geworfen, ohne alle Flecken geblieben war. Im Grunde ist dies aber eine sehr unzulaͤngliche Probe, denn bekanntermaaßen haben nur gewisse Arten Gift die Eigenschaft, das Metall anzugreifen. Die Einwohner fuhren zwar noch immer fort, uns Yams zu verkaufen, doch kam im ganzen nur wenig zu Markte. Schildkroͤtenschaale war die einzige Waare, die ihnen gefiel, allein zum Ungluͤck fanden sich im ganzen Schiff nicht mehr als etliche kleine Stuͤcken vorraͤthig, die in Tonga-Tadbu zufaͤlliger weise eingetauscht, und uͤberdem nicht in die besten Haͤnde gekommen waren. Sie gehoͤrten Matrosen zu, die unuͤberlegter weise Bogen und Pfeile dafuͤr einkauf- ten, anstatt daß sie, zur Verbesserung ihrer Kost die aus herzlich schlechtem Poͤckelfleisch bestand, sich und uns einen Vorrath von Yams haͤtten anschaf- fen sollen. Mit dem Botanisiren wollte es ebenfalls nicht recht fort; so viel Muͤhe wir auch daran gewendet; so hatten wir doch noch nicht so viel neue Kraͤuter gefunden, daß wir zu Abzeichnung und Beschreibung derselben einen ganzen Tag haͤtten an Bord bleiben muͤssen. Wir giengen also taͤglich ohne Ausnah- me ans Land, und suchten, bald hier bald dort, Stoff zu neuen Bemerkungen. Am 13ten verfuͤgten wir uns nach der ostwaͤrts gelegenen Anhoͤhe, um unsere Freunde, die beym alten Pao-vjangom wohnten, zu besuchen. So- wohl die Neugier als auch das Mißtrauen der Insulaner gegen uns, hatten jetzt schon so weit nachgelassen, daß sie weder so oft, noch so zahlreich als sonst an den Strand herab kamen. Daher geschah es, daß uns auf unserm heuti- Forster’s Reise um die Welt 1774. August. gen Spatziergange, vom Wasserplatz an bis innerhalb der ersten Pflanzungen nicht ein einziger Indianer zu Gesicht kam. Statt dessen hoͤrten wir im Wal- de Holz faͤllen, und entdeckten durchs Gebuͤsch einen von den Eingebohrnen, der beschaͤftigt war, mit einer Axt von Stein, einen Baum umzuhauen. Ohner- achtet der Stamm im Durchmesser kaum acht Zoll dick seyn mochte, so schien es doch mit einem so unzulaͤnglichen Instrument ein sehr muͤhsames Unternehmen zu seyn. Nachdem wir dem Manne eine Zeitlang unbemerkt zugesehen, giengen wir naͤher heran, da er denn mit der Arbeit inne hielt, um sich mit uns zu be- sprechen. Die Knaben, welche uns von dem letzten Besuche her kannten, ka- men herbeygelaufen, riefen uns mit Nahmen, und brachten jeder eine Hand- voll Feigen und Jambos zum Geschenk. Auch die Weiber wagten es, her- vorzukommen und uns in Augenschein zu nehmen. Die Axt, mit welcher der Mann arbeitete, war voͤllig so gestaltet wie jene, die auf den freundschaftli- chen und Societaͤts-Inseln im Gebrauch sind, auch der Stein, der die Klin- ge ausmacht, war hier eben so wie dort, schwarz und dem Basalt aͤhnlich. Der Besitzer sagte uns, diese Steinart kaͤme von der benachbarten Insel Anat- tom . Er zeigte uns auch noch eine zweyte Axt daran, statt des Steins, ein scharf gemachtes Stuͤck von einer Muschel befestigt war Cap. Cook (in seiner Reisebeschreibung Vol II. p. 188.) sagt: die Einwohner von Tanna haben auch Aexte, die den europaͤischen aͤhnlich sind; in so fern nehmlich der Stein in den Stiel so eingepaßt wird, daß die scharfe Kante beym Arbeiten nicht waag- recht, sondern senkrecht, also: zu stehen kommt. Ich meines Theils habe aber dergleichen nicht gesehen. . Dieses schien von dem sogenannten Bischofshut ( Voluta Mitrá Linnei ) genommen zu seyn, und sollte nach der Aussage unsers Indianers von dem niedrigen Eiland Immer (welches etliche Meilen weiter gen Norden liegt) hieher nach Tanna gebracht werden. Der Mann wollte das Stuͤck Land, auf welchem wir ihn trafen, eben von Baͤumen und Gebuͤsch reinigen, um alsdann Yams darauf zu pflanzen. In dieser Absicht hatte er schon vieles Gestraͤuch umgehauen und in Haufen gelegt, die nachmals verbrannt werden sollten. Als wir von ihm giengen, begleiteten uns eine Menge kleiner Jungen nebst zween erwachsenen Knaben, nach den jenseitigen Strand in den Jahren 1772 bis 1775. Strand hin. Auf dem Wege wurden Voͤgel geschossen und allerhand neue Kraͤuter 1774. August. eingesammlet. In dieser Gegend schienen die Pflanzungen mit mehr Sorg- falt als anderwaͤrts, auch nicht blos des Nutzens wegen angelegt, sondern zu gleicher Zeit zu Lustgaͤrten bestimmt zu seyn. Wenigstens fanden wir mancherley Staudengewaͤchse und Kraͤuter darinnen, die theils um ihres schoͤnen Ansehens, theils um des Wohlgeruchs willen da waren. Unter den Fruchtbaͤumen zeichnete sich der Catappa-Baum ( Terminalia Catappa ) aus, dessen wohlschmeckende Nuͤsse ohngefaͤhr noch einmal so groß sind als ein Mandelkern. Der spaͤten Jahres- zeit wegen hatte er das Laub schon verlohren, die Fruͤchte aber saßen noch an den Aesten. Unsre kleinen Gefaͤhrten schlugen diese Nuͤsse zwischen zween Stei- nen auf, und reichten uns den Kern auf einem gruͤnen Blatte zu. Sie bezeigten sich jetzt eben so dienstfertig als die Tahitier, und scheinen nicht einmal so eigennuͤ- tzige Absichten damit zu verknuͤpfen, als jene. Wenn wir von irgend einem neuen Kraute mehr zu bekommen wuͤnschten, so durfte man es ih- nen nur vorzeigen, und konnte darauf zaͤhlen, daß sie nicht eher aufhoͤrten, darnach zu suchen, bis sie es gefunden. Vor ihrer Begierde uns schießen zu sehn, war kein Vogel sicher. Er mochte noch so hoch, noch so versteckt sitzen; so spuͤhrten sie ihn aus und freuten sich unbeschreiblich sehr, wenn wir einen trafen. Um jede Wohnung graseten ein Paar wohl gemaͤ- stete Schweine und etliche Huͤhner. Hin und wieder liefen auch Rat- ten uͤber den Fußsteig; diese waren von der gewoͤhnlichen Art, und hiel- ten sich vornemlich in den Zuckerplantagen auf, woselbst sie große Verwuͤstungen anrichteten. Um ihrer los zu werden hatten die Indianer, am Rande der Felder, viele tiefe Gruben gemacht, in welchen sich dieses Ungeziefer haͤufig fieng. — Bey unserer Ruͤckkunft an den Strand, giengen wir eine gute Strecke weit laͤngst dem Ufer fort, um vermittelst eines Umweges, von Norden aus nach der oͤstlichen Landspitze des Havens hin zu kommen, weil die Indianer auf der Suͤdseite uns allemal zuruͤck gewiesen hatten. Ohnweit dem Ufer standen etliche kleine Wohnungen, die, ihrer Lage nach, wie Fischerhuͤtten aussahen. In dem Fall haͤtten wir unsre ehemalige Vermuthung, als ob sich die Tanneser eben nicht sonderlich mit dem Fischfang abgaͤben, wieder zuruͤcknehmen muͤssen. Forster’s Reise u. d. W. zweyter Th. J i Forster’s Reise um die Welt 1774 August. Allein es fanden sich weder Leute, noch Netze, noch Fische; sondern blos ein Paar Wurfspieße darinn, die hoͤchstens statt Harpunen konnten gebraucht worden seyn. Als unsre indianischen Begleiter sahen, daß wir weiter gegen die Landspitze zu giengen, aͤußerten sie ungemein viel Besorgniß, und baten uns nicht nur, sehr dringend, diese Gegend der Insel undurchsucht zu lassen; sondern drohten auch bald, daß man uns im Weigerungsfall todtschlagen und auffressen wuͤrde. Wir kehrten also um. Es war jetzt das dritte Mal, daß sie selbst, durch die deutlichsten Zeichen, sich fuͤr Menschenfresser ausgaben; mithin muß diese Barbarey wohl in der That bey ihnen im Schwange seyn. Gemeiniglich pflegt man dieselbe dem aͤußersten Mangel an Lebensmitteln Schuld zu geben; allein, was fuͤr einer Ursach will man sie hier beymessen, wo das fruchtbare Land seinen Einwohnern die nahrhaftesten Pflanzen und Wurzeln im Ueberfluß, und ne- benher auch noch zahmes Vieh liefert? Wohl ungleich wahrscheinlicher und rich- tiger laͤßt sich diese wiedernatuͤrliche Gewohnheit aus der Begierde nach Rache herleiten. Selbsterhaltung ist ohnlaͤugbar das erste Gesetz der Natur; blos um diese zu befoͤrdern, pflanzte sie unsern Herzen Leidenschaften ein. In der buͤrger- lichen Gesellschaft sind wir, vermittelst gewisser Gesetze und Verordnungen, freywillig dahin uͤberein gekommen, daß nur einigen wenigen Personen die Sorge uͤberlassen seyn soll, das Unrecht zu ruͤgen, was jedem Mitgliede insbesondere wiederfaͤhrt: Bey den Wilden hingegen verschaft sich ein jeder selbst Recht, und sucht daher bey der geringsten Beleidigung oder Unterdruͤckung, seinen Durst nach Rache zu befriedigen. Diese feindselige Gesinnung ist uns aber eben so gut von Natur eigen, als das sanftere Gefuͤhl der allgemeinen Menschenliebe, und, so entgegengesetzt diese beyde Leidenschaften auch zu seyn scheinen; so sind sie doch im Grunde zween der vornehmsten Triebraͤder, durch deren gegenseitige Ein- wuͤrkung die ganze Maschine der menschlichen Gesellschaft in bestaͤndigem Gange erhalten, und fuͤr Zerruͤttung bewahret wird. Ein Mann, der gar keine Men- schenliebe besaͤße, verdiente, als ein wahres Ungeheuer, mit Recht den Abscheu des ganzen menschlichen Geschlechts, wer aber im Gegentheil auch durch nichts aufzubringen waͤre, der wuͤrde in seiner Art ebenfalls ein veraͤchtlicher Tropf seyn, weil ihn jeder feige Schurke ungeahndet kraͤnken und beleidigen konnte. Ein Volk, oder eine Familie (denn Wilde leben doch selten in groͤßeren Ge- in den Jahren 1772 bis 1775. sellschaften bey einander) die oft den Anfaͤllen und Beeintraͤchtigungen andrer aus- 1774. August. gesetzt ist, wird dadurch ganz natuͤrlicher weise zu Haß und Unversoͤhnlichkeit ge- gen ihre Beleidiger gereizt, und auf solche Art zur Rachgier verleitet, die endlich in Grausamkeit ausbricht. Hat die eine Parthey noch uͤberdem List und verraͤtheri- sche Kunstgriffe bey ihren Feindseligkeiten angewandt; so erweckt dies bey der an- dern Mistrauen, und auf solche Art entstehet denn nach und nach eine feindselige, boshafte Gemuͤthsbeschaffenheit, in welcher man sich zuletzt die groͤßten Nieder- traͤchtigkeiten gegen seinen Feind erlaubt. Unter so bewandten Umstaͤnden ist nun dem Wilden schon der bloße Anschein einer Beleidigung genug, um die Waffen zu ergreifen, und alles vernichten zu wollen, was ihm in den Weg kommt; wird er vollends wuͤrklich gereizt, so verlaͤßt er sich auf das Recht des Staͤrksten, und faͤllt seinen Feind mit einer Wuth an, die ihn der unbaͤndigsten Grausamkeit faͤhig macht Siehe im ersten Band. pag. 131. . Ein andres Volk hingegen, das nie boshafte Feinde oder an- haltende Streitigkeiten gehabt, oder sie lange vergessen hat, das durch den Ackerbau schon zu einem gewissen Wohlstand, Ueberfluß und Sittlichkeit, mithin auch zu Begriffen von Geselligkeit und Menschenliebe gelangt ist, solch ein Volk weiß nichts von Jaͤhzorn, sondern muß schon uͤberaus sehr gereizt werden, wenn es auf Rache denken soll. Ebendaselbst, pag. 243. Noch zur Zeit gehoͤren die Einwohner von Tanna zu der ersteren von diesen beyden Classen. Es laͤßt sich nemlich aus ihrem anfaͤnglich miß- trauischen Betragen, imgleichen aus dem Gebrauche, nie unbewaffnet zu gehen, allerdings mit Grunde vermuthen, daß sie oft in innere Streitigkeiten unter sich, oder auch mit ihren Nachbarn verwickelt seyn muͤssen, und da moͤgen denn blos Wuth und Rachgier sie nach und nach zu Cannibalen gemacht haben, als welches sie, ihrem eigenen Gestaͤndniß nach, noch jetzt wuͤrklich sind. Da wir indessen keinesweges Lust hatten, es an uns selbst auf die Probe ankommen zu lassen, so mußten wir auch Verzicht darauf thun, die Ursach zu ergruͤnden, um deren willen man uns nie gestatten wollte, die oͤstliche Landspitze des Havens in Augenschein zu nehmen. Die Indianer waren sehr froh, als wir ihnen endlich Gehoͤr gaben und umkehrten. Sie fuͤhrten uns, auf einem Pfade den wir noch nie gegan- J i 2 Forster’s Reise um die Welt 1774. August. gen, durch viele stattliche und wohl gehaltene Pflanzungen, die in der schoͤnsten Ordnung waren. Die Jungen liefen vor uns her, und ließen ihre Geschicklich- keit in mancherley Krieges-Uebungen sehen. sie wußten nicht nur mit der Schleuder, sondern auch mit dem Wurfspieß sehr gut umzugehen. Statt des letzteren nahmen sie ein gruͤnes Rohr, oder auch nur einen etwas starken Gras- halm, und, so unsicher mit beyden der Wurf haͤtte seyn sollen, indem sowohl das eine als das andere durch den geringsten Hauch vom Winde aus seiner Rich- tung gebracht werden konnte; so wußten sie doch dem Wurfe so viel Schnellkraft mitzutheilen, daß jene so leichte und biegsame Koͤrper unverruͤckt auf das Ziel trafen und, bisweilen uͤber einen Zoll tief, in das festeste Holz eindrangen. Das sonderbarste dabey war, daß sie diese Rohr- oder Schilfstengel mit keinem Finger anruͤhrten, sondern sie zwischen dem Daumen und Zeigefinger blos ins Gleichgewicht hinlegten, und dann so schwebend abwarfen. Knaben von fuͤnf bis sechs Jahren uͤbten sich schon auf diese Art, um eines Tages ihre Waffen mit Fertigkeit und Nachdruck fuͤhren zu koͤnnen. Der Weg brachte uns endlich, nach vielen Kruͤmmungen, zu den Wohnhuͤtten unsrer freundschaftlichen Begleiter. Die Frauenspersonen hatten daselbst unter dem großen Feigenbaum ein Feuer von kleinen Reisern angelegt, und waren eben daruͤber her zum Mittagsbrod, Yams und Arum-Wurzeln daran zu braten. Als sie uns gewahr wurden, raften sie sich auf und wollten davon laufen, der Zuruf unsrer Begleiter brachte sie aber bald zu ihrem vorhabenden Geschaͤft zuruͤck. Wir setzten uns auf den Stamm eines Baums, der neben einer Wohnung lag, und indeß etli- che von den Indianern weggiengen, Erfrischungen fuͤr uns zu holen, suchten wir mit den uͤbrigen ins Gespraͤch zu kommen. Sie erkundigten sich nach der Beschaffenheit und dem Gebrauch unsrer Kleidung, Waffen und Geraͤth- schaften; hievon konnten wir ihnen zwar nicht viel Auskunft geben, lernten aber doch aus ihren Fragen manches neue Wort. Die Bewohner der zunaͤchst gelegenen Pflanzungen hoͤrten nicht so bald, daß wir da waͤren, als sie sich so- gleich um uns her versammelten und, dem Anschein nach, Vergnuͤgen an unserm Umgang fanden. Zufaͤlligerweise brummte ich eben ein Liedchen fuͤr mich; da- durch zog ich mir bald vieles Bitten zu, der ganzen Versammlung etwas vorzu- singen. Ohnerachtet nun keiner unter uns sich ordentlich auf Musik verstand, in den Jahren 1772 bis 1775. so probierten wir’s doch, ihre Neugier zu befriedigen, und ließen ihnen aller- 1774. August. hand sehr verschiedne Melodien hoͤren. Einige deutsche und englische Lieder, be- sonders die von lustiger Art, gefielen ihnen sehr, aber keines trug so allgemeinen Beyfall davon, als Dr. Sparrmanns schwedische Volkslieder. Es fehlte ihnen also weder an Beurtheilungskraft, noch an eigenthuͤmlichem Geschmack in der Musik. Als wir mit unsern Liedern fertig geworden, sagten wir, die Reihe sey nun an ihnen; darauf stimmte einer ein sehr simples Lied an, welches harmo- nisch genug klang auch, unserm Beduͤnken nach, weit mehr Melodie hatte, denn irgend eins von denen, die wir unter dem heißen Himmelsstrich im Suͤdmeer gehoͤrt. Es war ungleich reicher und mannigfaltiger an Toͤnen als die Gesaͤnge der Tahitier und der Einwohner von Tonga-Tabbu , von welchen es sich zugleich durch seine ernsthafte Melodie unterschied. In den Worten mußte ein eignes Silbenmaaß beobachtet seyn, so leicht und sanft flossen sie ihnen von den Lippen. Sobald der eine ausgesungen, fieng ein zweyter an; sein Lied war von anderer, jedoch eben so ernsthafter Composition als das erste, und diese Ernst- haftigkeit in der Musik stimmte mit der Gemuͤthsart der Nation in andern Stuͤcken vollkommen uͤberein. In der That sahe man sie selten so herzlich la- chen, oder so aufgeraͤumt scherzen, als die mehr gesitteten Voͤlker auf den So- cietaͤts- und freundschaftlichen Eilanden , die den Werth der Freude im ge- selligen Umgange schon besser kannten. Unsre Indianer brachten nunmehro auch ein musicalisches Instrument zum Vorschein, welches, gleich der Syrinx oder Pan-Floͤte von Tonga-Tabbu , aus acht Rohr-Pfeifen bestand, mit dem Unterschied, daß hier die Roͤhren stufenweise kleiner wurden, und eine ganze Oktave ausmachten, obgleich der Ton jeder einzelnen Pfeiffe nicht voͤllig rein war. Vielleicht haͤtten wir sie auf diesem Instrument auch spielen gehoͤrt, wenn nicht gerade in dem Augenblick ein anderer mit Cocosnuͤssen, Yams, Zucker- rohr und Feigen gekommen, und durch dieses Geschenk unsre Aufmerksamkeit von dem musicalischen Indianer abgelenkt worden waͤre. Schade, daß der einsichtsvolle und guͤtige Freund, der mir seine Bemerkungen uͤber die Tonkunst der Einwohner von den freundschaftlichen Eylanden , von Tahiti , und Neu- Seeland mitgetheilt hat, nicht auch nach Tanna gekommen ist, denn hier wuͤrde er gewiß zu mancher nuͤtzlichen neuen Bemerkung Anlaß gefunden haben. J i 3 Forster’s Reise um die Welt 1774. August. Ohnerachtet im vorhergehenden angemerkt worden, daß die Tanneser von mißtrauischer und rachsuͤchtiger Gemuͤthsart sind; so kann ich ihnen doch bey alledem einen gewissen Grad von Gutherzigkeit und menschenfreundlichem We- sen keineswegs absprechen. Jene scheint ihnen nicht sowohl von Natur eigen, sondern vielmehr eine Folge ihrer unablaͤßigen Kriege zu seyn, um deren willen sie fast in steter Lebensgefahr seyn moͤgen. In dieser Vermuthung bestaͤrkt mich ihr Betragen gegen uns. Sie giengen naͤmlich nicht laͤnger so vorsichtig und zu- ruͤckhaltend mit uns um, als bis sie uͤberzeugt waren, daß wir in keiner feind- seligen Absicht zu ihnen kamen. Zwar ließen sie sich nicht so leicht und viel als die Tahitier , mit uns in Handel ein; allein das ruͤhrte daher, weil sie nicht so wohlhabend waren als diese, uͤberdem besteht ja auch die Gastfreyheit nicht darinn, daß man das uͤberfluͤßige gegen etwas noͤthiges vertauscht? Dem deutschen Leser, der Engelland blos aus englischen Romanen kennt und beurtheilt, muß ich hier mit einer kleinen Anmerkung zu Huͤlfe kommen. Mich duͤnkt, ich hoͤre ihn fragen, ob es, in dem Lande das sich so viel auf seine Gastfreyheit zu gute thut, wohl einer solchen Distinction beduͤrfe, als in obiger Stelle vorkommt? — Man gehe in das erste beste Londner Wirthshaus, und leite das Gespraͤch auf Gastfreyheit; ich wette, je- der ungereiste Engelaͤnder, und das ist der große Haufe, wird sagen: give me Old Eng- land for hospitality, there you may have every thing for Your money — „Gott ehr’ mir mein gastfreyes Vaterland, da kann man fuͤr sein baares Geld haben, was man will.„ . Wir beschenkten unsre indianischen Freunde, so gut wir konnten, giengen hierauf nach den Strand zuruͤck, und hielten uns daselbst noch eine Zeitlang bey den anwesenden Indianern auf. Unter denselben befand sich eine groͤßere Anzahl Frauenspersonen, als wir hier je beysammen gesehn hatten; die mehresten mußten verheyrathet seyn, denn sie trugen, in Matten-Saͤcken, Kinder auf dem Ruͤcken. Einige fuͤhrten auch in Koͤrben aus Ruthen geflochten, eine Bruth junger Huͤner, oder aber Yambo’s und Feigen bey sich, und boten uns beydes zum Verkauf an. Eine von diesen Frauen hatte auch einen ganzen Korb voll gruͤner Orangen, da doch wir, auf allen unsern Spatziergaͤn- gen, nicht einen einzigen Orangebaum zu Gesicht bekommen. Indessen war es uns angenehm, auf diese Art wenigstens gelegentlich zu erfahren, daß so wohl hier als zu Mallicollo Orangen wachsen, denn daraus laͤßt sich abnehmen, daß dergleichen auch auf den uͤbrigen dazwischen liegenden Eilanden vorhanden seyn in den Jahren 1772 bis 1775. muͤssen. Mit Entdeckungen dieser Art beguͤnstigte uns das Gluͤck heut ganz 1774. August. vorzuͤglich. Wir bekamen naͤmlich von einer Frauensperson auch eine Pastete oder Torte geschenkt, daran die Rinde oder der Teig aus Pisangs- und Arum- Wurzeln, die Fuͤlle aber aus einem Gemisch von Okrasblaͤttern ( hibiscus escu- lentus ) und Cocos-Kernen bestand. Diese Pastete war sehr wohlschmeckend, und machte der Kochkunst der hiesigen Damen ungemein viel Ehre. Wir kauf- ten auch etliche achtroͤhrige Pfeifen ein, die nebst Bogen, Pfeilen, Streitkol- ben und Speeren feil geboten wurden, und kamen, bey so vielfaͤltigem Aufent- halt, ziemlich spaͤt an Bord. Gleich nach Tische eilten wir wieder nach den Strand zuruͤck, wo unsre Leute beym Fischfange beschaͤftigt waren. Dr. Sparrmann und ich giengen auf die Anhoͤhe, um bey den dort wohnenden Insulanern nochmals einzusprechen. Auf der Haͤlfte des Weges begegneten uns schon einige, und zeigten uns die naͤchsten Fußsteige. Kaum waren wir bey den Huͤtten angekommen und hatten uns neben einem ehrlichen, wohl aussehenden Hausvater, von mittlerem Alter, niedergelassen, so verlangten unsre Freunde, daß wir ihnen wieder etwas vorsin- gen sollten. Wir machten ihnen diese Freude, ohne lange Weigerung, und weil sie sich uͤber die Verschiedenheit unsrer Lieder zu wundern schienen, so be- muͤhten wir uns, ihnen begreiflich zu machen, daß wir in unterschiednen Laͤndern gebohren waͤren. Sobald sie dies verstanden, ruften sie einen aͤltlichen, hageren Mann aus dem Zirkel der Zuhoͤrer hervor, und sagten, dieser sey auch aus einem anderen Lande als sie, nemlich aus der Insel Irromanga , und sollte uns nun ebenfalls eins vorsingen. Er stimmte also sein Lied an, machte aber unzaͤhlige Stellungen und Grimassen dazu, woruͤber nicht nur alle anwesende In- dianer, sondern auch wir rechtschaffen lachen mußten. Sein Lied war uͤbrigens vollkommen so wohlklingend als jene, welche wir von den eingebohrnen Tan- nesern gehoͤrt hatten; der Innhalt aber mußte, dem eigenthuͤmlichen Ton des gan- zen, und der Menge laͤcherlicher Stellungen nach zu urtheilen, drolligter und voller Laune seyn. Die Sprache war von der Tannesischen gaͤnzlich verschieden, jedoch keinesweges rauh, oder zur Musik ungeschickt. Die Worte schienen ebenfalls in ein gewisses Silbenmaaß gebracht zu seyn, welches aber mit dem ernsthaft-langsamen, das wir am Morgen gehoͤrt, nichts gemein hatte. Forster’s Reise um die Welt 1774. August. Als sein Lied zu Ende war, unterhielten sich die Indianer mit ihm in seiner ei- genen Mundart, weil er die ihrige vermuthlich nicht verstehen mochte. Ob er aber zum Besuch, oder als Gefangner hergekommen war? konnten wir nicht ent- decken. Die Einwohner erzaͤhlten uns bey dieser Gelegenheit, daß ihre besten Keulen, die aus Casuarinen-Holz gemacht werden, von Irromanga ge- bracht wuͤrden. Es ist also wahrscheinlich, daß sie mit den Einwohnern dieser Insel freundschaftlichen Umgang und Verkehr haben. Weder in den Gesichts- zuͤgen, noch in der Tracht des Mannes von Irromanga war der geringste Na- tional-Unterschied zu bemerken, ausgenommen, daß er sein kurzes und wollig- tes Haar nicht, wie die Tanneser , in Zoͤpfe gedrehet trug. Uebrigens besaß er viel Munterkeit, und schien aufgeweckter zu seyn, als die mehresten Eingebohr- nen von Tanna . Waͤhrend daß er seine Geschicklichkeit im Singen zeigte, kamen die Frauensleute leise aus den Huͤtten hervor, und mischten sich unter die Zuhoͤrer. Im Vergleich mit den Mannspersonen waren sie mehrentheils von kleiner Statur und trugen zottigte Roͤcke, von Gras und Blaͤttern geflochten, die nach Maas- gabe ihres Alters laͤnger oder kuͤrzer waren. Diejenigen, welche bereits Kin- der gehabt, und ohngefaͤhr dreyßig Jahre seyn mochten, hatten alle Reize der Gestalt verlohren, und ihre Roͤcke reichten von den Huͤften bis auf die Knoͤchel herab. Die juͤngern vierzehnjaͤhrigen Maͤdchen hingegen, waren nicht ohne angenehme Gesichtszuͤge, und gefielen vornemlich durch ein sanftes Laͤcheln, wel- ches, so wie ihre Schuͤchternheit abnahm, immer freundlicher ward. Sie wa- ren groͤßtentheils sehr schlank gewachsen, hatten besonders feine, niedliche Aer- me, runde, volle Busen und ein luͤsternes Roͤckchen, das kaum bis ans Knie reichte. Ihr lockigtes Haar hieng, unverschnitten und ungekuͤnstelt, frey um den Hals, dem es zu einer natuͤrlichen und gefaͤlligen Zierde gereichte, und das gruͤne Pisangblatt, welches sie mehrentheils als eine Muͤtze trugen, contrastirte auf eine angenehme Weise mit der schwarzen Farbe des Haars. In den Ohren hatten sie Ringe von Schildkroͤten-Schaale, und die Zahl solcher Zierrathen nahm in eben dem Verhaͤltniß zu, als die Reitze der Frauenspersonen abnahmen. Die aͤltesten und haͤßlichsten waren daher mit einem Hals-Geschmeide und mit einer Menge Ohr-Ringe, Nasen-Gehaͤnge und Armbaͤnder versehen. Die Maͤnner in den Jahren 1772 bis 1775. Maͤnner bezeigten, wie es schien, nicht die mindeste Achtung gegen die Weiber, 1774. August. indeß diese auf den kleinsten Wink gehorchten und, der Aussage unserer Matro- sen zufolge (S. oben pag. 223.) oft den niedrigen Dienst von Lastthieren verse- hen mußten. Dergleichen schwere Arbeit mag vielmals ihre Kraͤfte uͤbersteigen, und kann auf solche Art wohl mit Schuld daran seyn, daß sie von so kleinlicher und schwaͤchlicher Statur sind. Indeß pflegen alle ungesittete Voͤlker den Weibern die all- gemeinen Rechte der Menschheit zu versagen, und sie als Geschoͤpfe von niederer Art zu behandeln; denn der Gedanke, Gluͤck und Freude im Schoos einer Gefaͤhrtin zu su- chen, entsteht erst bey einem hoͤhern Grad von Cultur. So lange nemlich der Mensch noch unablaͤßig mit der Sorge fuͤr seine Erhaltung beschaͤftigt ist, so lange koͤnnen nur wenig verfeinerte Empfindungen im Umgange zwischen beyden Geschlechtern statt haben, vielmehr muß dieser sich blos auf thierischen Genuß einschraͤnken. Auch siehet der Wilde die Schwaͤche und das sanfte duldende Wesen der Weiber nicht fuͤr Aufmunterung und Schutz beduͤrfende Eigenschaften, sondern vielmehr als einen Freyheitsbrief zur Unterdruͤckung und Mishandlung an, weil die Liebe zur Herrsch- sucht dem Menschen angeboren, und so maͤchtig ist, daß er ihr, zumal im Stande der Natur, selbst auf Kosten des Wehrlosen froͤhnet. Erst mit dem Anwachs der Bevoͤlkerung, wenn die Nahrungs-Sorgen nicht mehr jedem einzelnen Mitglied unmittelbar allein zur Last fallen, sondern gleichsam auf die ganze Gesellschaft ver- theilt sind; erst alsdann nimmt das Maas der Sittlichkeit zu, Ueberfluß tritt an die Stelle des Mangels, und das nunmehr sorgenfreyere Gemuͤth, faͤngt an die sanfteren Freuden des Lebens zu genießen, dem Verlangen nach Erholung und Froͤhlichkeit Gehoͤr zu geben, und die liebenswuͤrdigen Eigenschaften des ande- ren Geschlechts kennen und schaͤtzen zu lernen. Bey alledem ist aber auch der roheste Wilde einer gewissen Zaͤrtlichkeit und Zuneigung ganz wohl faͤhig. Dies aͤußert sich augenscheinlich, so lange er noch als Knabe, Der Leser wird sich hier erinnern, daß in Tanna die jungen Leute die ersten waren, die uns lieb zu gewinnen anfiengen. Siehe oben pag. 241. gedankenlos und sorgenfrey herumlaͤuft; sobald er aber bey zunehmenden Jahren anfangen muß, selbst fuͤr seine Beduͤrfnisse zu sorgen, dann wird freylich, durch den Trieb diese zu befriedigen, jede weniger dringende Empfindung bald uͤberwogen und geschwaͤcht. Die urspruͤnglich angebohrnen Leidenschaften sind es allein, welche sich neben jenen noch aufrecht Forster’s Reise u. d. W. zweyter Th. K k Forster’s Reise um die Welt 1774. August. erhalten, und diese bleiben sich auch unter allen Himmelsstrichen gleich. Dahin gehoͤrt die vaͤterliche Liebe, von welcher wir diesen Abend ein redendes Beyspiel sahen. Ein kleines huͤbsches Maͤdchen von ohngefaͤhr acht Jahren, suchte uns zwischen den Koͤpfen der Leute, die um uns hersaßen, ungesehen zu betrachten; als sie aber merkte, daß wir es gewahr wurden, lief sie eilfertig nach der Huͤtte zuruͤck. Ich zeigte ihr ein Stuͤck tahitisches Zeug, und winkte daß sie sichs abholen moͤchte, allein sie wagte es nicht. Endlich stand ihr Vater auf und bewog sie, durch Zureden, her- anzukommen. Darauf nahm ich sie freundlich bey der Hand, gab ihr den Zeug nebst allerhand kleinen Zierrathen, und sahe mit Vergnuͤgen, wie die Freude uͤber das Gluͤck seines Kindes, des Vaters ganzes Gesicht erheiterte, und ihm dankbar aus den Augen strahlte. Wir blieben bey diesen guten Indianern bis gegen Sonnen-Unter- gang, hoͤrten ihren Gesaͤngen zu, und bewunderten ihre Geschicklichkeit in Waffen-Uebungen. Sie schossen ihre Pfeile, je nach dem wir es verlangten, theils in die Hoͤhe, theils gerade vor sich nach einem Ziele. Sehr hoch konnten sie sol- che zwar nicht treiben, in einer geringen horizontalen Entfernung aber waren sie, wie ich bereits erwaͤhnt, vortrefliche Schuͤtzen. Auch wußten sie, mit den Keulen oder Streitkolben, die Wurfspieße fast auf eben die Art als die Ta- hitier abzuwenden. Die Keulen die an beyden Seiten mit einem hervorra- genden Zapfen versehen sind, (der flach und ohngefaͤhr wie die Lanzetten der Roß-Aerzte gestaltet ist, S. oben pag. 219) kommen, ihrer Aussage nach, von der niedrigen Insel Immer ; ob sie aber von den dortigen Einwohnern verfertiget werden, oder ob das Eyland unbewohnt ist, und um des Muschel- fangs, imgleichen um diese Holzart zu holen, nur von Zeit zu Zeit besucht wird? konnten wir nicht herausbringen. Ehe wir sie verliessen, zuͤndeten die Weiber zu Vereitung des Abendbrodtes, theils in- theils ausserhalb den Huͤtten ver- schiedene Feuer an, zu welchen die Maͤnner und Kinder sich sehr hinzu draͤngten, weil sie bey nacktem Leibe, die Abendlust etwas kuͤhl finden mochten. Etliche hatten eine Geschwulst am obersten Augenlied, welche aus der Gewohnheit oͤfters im Rauche zu sitzen, entstanden zu seyn schien. Es hinderte sie derge- stalt im Sehen, daß sie den Kopf zuruͤck biegen mußten, bis das Auge mit dem Object in gleicher Linie war. Diese fehlerhafte Beschaffenheit fand sich be- in den Jahren 1772 bis 1775. reits bey fuͤnf- bis sechsjaͤhrigen Knaben, daher es vielleicht gar ein erbliches Ue- 1774. August. bel seyn mag. Als wir an den Strand zuruͤck kamen, waren die mehresten von den Eingebohrnen schon zur Ruhe gegangen, und in kurzer Zeit befanden wir uns ganz und gar allein. Die Kuͤhle des Abends, welche den armen nackten Indianern so empfindlich gewesen, war uns Bekleideten so angenehm, daß wir noch eine ganze Zeitlang einsam in den Waͤldern herumspatzierten. Die Daͤmmerung lockte daselbst eine Menge Fledermaͤuse aus ihren Schlupfwinkeln. Fast aus jedem Strauch flatterten uns welche entgegen, doch bekamen wir nicht eine einzige zum Schuß. Man konnte sie nemlich nicht fruͤh und nicht lange genug sehen, um nach ihnen zu zielen. So wenig es uns mit dieser Jagd ge- lingen wollte; so wenig war es auch den Matrosen bey ihrem Fischzuge ge- gluͤckt. Sie trugen bie Netze wieder ins Boot ohne, nach langer Arbeit, mehr als ein paar Dutzend Fische gefangen zu haben. Am folgenden Morgen gieng Cap. Cook , Herr Wales , Herr Pat- ton , Dr. Sparrmann , mein Vater, ich, und noch einige andere, die saͤmmtlich Lust hatten, den Volcan in der Naͤhe zu sehen, nebst zween Ma- trosen, nach den auf der Westseite des Havens gelegenen Berg. Das Wet- ter war neblicht und die Luft schwuͤl, allein der Volcan war ruhig. Wir kamen bald an die Solfatara, wo der heiße Dunst haͤufig aufstieg. Um den Grad der Hitze festzusetzen ward der vorige Versuch von neuem angestellt, diesmal aber das Thermometer, in dem Haͤufgen weißer Thon-Erde aus wel- chem der Dampf hervor kam, ganz und gar vergraben. In dieser Lage stieg es, nach Verlauf einer Minute, auf 210°, (welches der Hitze des siedenden Wassers beynahe gleich ist) und blieb waͤhrend fuͤnf Minuten, als so lange wir es in der Erde liessen, unverruͤckt so stehen. Als wir’s herauszogen, fiel es gleich bis 95°, und dann allmaͤhlig bis 80° welche es vor dem Experiment angezeigt hatte. Die Solfatara liegt, nach englaͤndischem Maaße, ohngefaͤhr um 240 Fuß senkrecht hoͤher als die Meeresflaͤche. Bey weiterem Berganstei- gen fanden wir den Wald, an mehreren Orten, ausgehauen und das Land zu Pflanzungen vorbereitet. Diese Stellen mochten, zusammen genommen, wohl einen Morgen Landes ausmachen, und mußten, nach der Probe die wir vor K k 2 Forster’s Reise um die Welt 1774. August. etlichen Tagen mit eignen Augen gesehen, den Indianern nicht wenig Zeit und Muͤhe gekostet haben. Wir kamen bey verschiedenen Huͤtten voruͤber, trafen aber nirgends einen Einwohner an, ausgenommen in einer sehr wohlgehalte- nen Plantage. Dort war ein einzelner Mann beschaͤftigt, Yam-Wurzeln zu setzen. Unsre unvermuthete Gegenwart jagte ihm keinen geringen Schreck ein, da er aber hoͤrte, daß wir nur den naͤchsten Weg nach dem Vulcan zu wissen verlangten, so faßte er sich bald wieder, zeigte uns einen Fußpfad, der gerade darnach hin fuͤhren sollte, und fuhr hierauf getrost in seiner Arbeit fort. Bey den Woh- nungen sahen wir etliche Schweine und Huͤner, die frey herumliefen. Um dieser Thiere willen geschiehet es vermuthlich, daß die Einwohner ihre Laͤn- dereyen mit Zaͤunen und Hecken einfassen. Etwas weiter hinauf kamen zween Indianer aus einem benachbarten Pisang-Garten, und geselleten sich zu uns. Mit diesen geriethen wir an einen Scheideweg. In dem einen, der tiefer ins Land gieng, stand ein Wilder, der uns mit aufgehabnem Speer das Weitergehen verbieten wollte. Wir sagten ihm, daß wir blos nach dem Vulcan hin- zukommen wuͤnschten; so muͤßt ihr, erwiederte er, den andern Fußsteig waͤh- len, und damit gieng er selbst voran. Indem wir ihm folgten, sahe er sich zu verschiednenmalen um, und zaͤhlte wie viel unserer waͤren; nach Verlauf einiger Zeit erreichten wir einen offenen Platz, wo das Land weit und breit zu uͤbersehen war, und nun zeigte sich, daß er uns geflissentlich irre gefuͤhrt hatte. Wir kehrten also, aller seiner Zeichen ohnerachtet, wieder um. Da er seine List entdeckt, und sich allein nicht stark genug fand, Gewalt gegen uns zu gebrauchen; so nahm er seine Zuflucht zu einem andern Huͤlfsmittel. Er blies nemlich, wie auf einem Horne, durch die hohle Hand; auf dieses Signal ward an verschiede- nen Seiten des Berges, gleichsam zur Antwort, in die Trompeten-Muschel ge- stoßen. So bald er dieses hoͤrte, rief er, so laut als moͤglich, seinen Landsleuten zu: wie viel unsrer waͤren; vermuthlich, damit sie sich in genugsa- mer Anzahl versammeln und zur Wehr setzen moͤchten. Wir hatten uns mitt- lerweile von neuem verirrt, und waren in ein schoͤnes, einsam gelegenes, und rings herum mit hohen schattigten Baͤumen eingeschlossenes Thal gekommen, wo sich eine Menge Tauben und Papagoyen aufhielten. Von diesen schossen wir unterschiedene. Der Knall unserer Gewehre brachte bald einige Insulaner und in den Jahren 1772 bis 1775. unter andern ein paar Knaben herbey, die wir durch Geschenke zu gewinnen 1774. August. suchten. Dies fruchtete so viel, daß sie uns ungehindert einen Fußsteig folgen ließen, der schlaͤngend durch ein dickes, finsteres Gebuͤsch nach einen offenen Platz hingieng, wo wir drey oder vier Haͤuser, so groß als die Wohnungen des alten Pao-vjangom , vor uns fanden. Zehen bis zwoͤlf Wilde, die mit Vo- gen, Pfeilen, Streitkolben und Speeren wohl bewaffnet, ohnweit den Huͤt- ten in einer Reihe saßen, sprangen bey unserm Anblick alsbald von der Erde auf. Wir winkten ihnen und gaben durch Zeichen zu verstehen, daß wir nichts uͤbles im Sinne haͤtten, sie schienen uns aber dennoch nicht recht zu trauen. Die aͤltesten unter ihnen bezeigten sich friedlicher als die juͤngern, von denen zween bis drey die Stirn runzelten, und mit ihren Waffen allerley Schwenkungen machten. Dies haͤtten wir ihnen leicht zu einer Ausforderung anrechnen koͤn- nen; da es uns aber im geringsten nicht um Haͤndel zu thun war, so baten wir sie, uns den Weg nach dem Strande anzuweisen. Ein wuͤrksameres Mittel zu ihrer Beruhigung haͤtten wir gar nicht anwenden koͤnnen. Es erboten sich gleich ein paar von ihnen zu Fuͤhrern, und brachten uns auf einen schmalen Fuß- steig, der anfaͤnglich sehr steil, jedoch bald nachher bequemer wurde. Als wir etwa eine Viertelmeile weit heruntergestiegen seyn mochten, riethen sie uns, ein wenig auszuruhen; und kaum hatten wir uns niedergesetzt, so kamen ihre Lands- leute, die bey den Huͤtten zuruͤckgeblieben waren, mit Cocos-Nuͤssen, Pisangs und einer Menge Zuckerrohr beladen, nachgewandert. Des schwuͤlen Wetters halber waren uns diese Erfrischungen uͤberaus angenehm, und wir bezeigten den guten Leuten unsre Erkenntlichkeit dafuͤr durch allerley Geschenke. Wir sahen nunmehro auch offenbar, daß sie uns lediglich aus Mistrauen, nicht aber aus wuͤrklich menschenfeindlicher Gesinnung hatten abhalten wollen tiefer in ihr Land zu drin- gen. Nach Verlauf einer halben Stunde kamen wir endlich in die Gegend des Strandes zuruͤck, von da wir am Morgen unsre Wanderschaft angetreten. So endigte sich also diese kleine Reise, die bey etwas mehr Unbesonnenheit von unse- rer Seite, den Einwohnern sowohl als uns haͤtte nachtheilig werden koͤnnen, ohne die geringste Unannehmlichkeit. Unsere Absicht, den Vulcan naͤher zu unter- suchen, war freylich vereitelt, und selbst kein Anschein da, sie in der Folge gluͤck- licher zu erreichen, allein die Billigkeit und Klugheit erfordern es doch einmal, K k 3 Forster’s Reise um die Welt 1774. August. daß man seiner Wißbegierde Schranken setze, wenn sie nicht ohne Ungerechtig- keit und Blutvergießen befriedigt werden kann. Waͤhrend unserer Abwesenheit hatte das Schiffsvolk, beym Eintritt der Fluth, das Netz ausgeworfen und eine kleine Anzahl Fische gefangen, unter welchen sich eine unbekannte Gattung befand. In dem Teiche von suͤßem Wasser hatten wir ebenfalls einen Fisch von neuer Art, und eine Menge Sumpf-Aale bekommen. Diese Ausbeute nahmen wir, nebst denen auf dem Berge einge- sammelten Pflanzen, mit an Bord und beschaͤftigten uns, den Nachmittag uͤber, sie abzuzeichnen und zu beschreiben. Am folgenden Morgen giengen wir von neuem aufs Botanisiren aus. Der Handel um Yams und Waffen ward noch immer fortgesetzt, Schildkroͤten- Schaale war aber auf unserm Schiffe eine so seltne Waare, daß nicht viel Le- bensmitteln eingekauft werden konnten; die Perlmutterne Fischangeln von den freundschaftlichen Eilanden wurden sehr gesucht, und oft mit einer ganzen Hand- voll Pfeilen bezahlt, weil sie mehrentheils Haken von Schildkroͤten-Schaale hatten, indeß eine andre Angel, die an sich eben so gut war, gar nichts galt bloß, weil der Haken nur von Perlmutter war. Wir durchstrichen die auf der Ebene befindliche Waldung, und schossen allerhand Voͤgel, deren es auf dieser Insel eine große Menge von verschiedener Art giebt. Auch fanden sich mancherley Ostindische Pflanzen, die wir in keiner von den oͤstlichern Inseln an- getroffen hatten. Dies waren: Sterculia balanghas, Sterculia f a tida, Dioscorea alata, Ricinus mappa; Acanthus ilicifolius; Ischæmum muticum; Panicum dimidiatnm; Croton variegatum; und verschiedne andre. Der schaͤtzbarste Fund war eine Taube, von eben der Art die auf den freundschaftlichen Eylanden so haͤufig vorhanden ist. Diese hier hatte auswendig am Schnabel eine roͤthliche Substanz kleben und, wie sich beym Aufschneiden fand, zwo Muscatnuͤsse im Kropf, welche nicht laͤngst erst ver- schluckt seyn mußten, indem sie noch mit ihrer scharlachfarbnen Haut uͤberzogen waren. Diese Haut ist das, was man die Muscat-Bluͤthe zu nennen pflegt. Wir fanden sie von bittern und gewuͤrzhaftem Geschmack, aber ohne allen Geruch. Die Nuß selbst war von Gestalt ungleich laͤnglichter, hiugegen dem Ge- schmack nach, von der eigentlichen oder rechten Muscatnuß, nicht so sehr verschieden. in den Jahren 1772 bis 1775. Wir zeigten sie dem ersten Einwohner, der uns begegnete, und boten ihm ein 1774. August. Stuͤck Perlmutter-Schaale zu Belohnung, wenn er uns die Art Baͤume, wor- auf sie waͤchst, kennen lehren wollte. Er fuͤhrte uns wohl eine halbe Meile weit ins Land, und zeigte uns endlich einen jungen Stamm, welches der Mus- cat-Nuß-Baum seyn sollte. Wir pfluͤckten etliche Blaͤtter davon ab, fanden aber keine Fruͤchte, weil, seiner Aussage nach, die Tauben sie nicht lange sitzen lies- sen. Die Nuß nannte er in seiner Sprache Guannatàn . Waͤhrend dieser Unterredung hoͤrten wir einige scharfe Flintenschuͤsse, die uns befuͤrchten ließen daß, zwischen den Eingebohrnen und unsern Leuten, Haͤndel vorgefallen waͤren. Ein Indianer, der eben vom Strande her kam, sagte uns im Vorbeygehen etwas, welches wir nicht recht verstanden, aber fuͤr eine Bestaͤtigung unsrer Vermuthung hielten. Also eilten wir an die See zuruͤck, wo jedoch alles ruhig, auch dort so wenig als sonstwo, etwas vorgefallen war. Das Laub welches wir fuͤr Muscat-Nuß-Blaͤtter bekommen hatten, wollte keiner von denen am Strande versammleten Indianern dafuͤr gelten lassen; sondern sie gaben demselben durch- gehends einen ganz andern Namen, als unser Wegweiser. Als dieser merkte, daß wir auf der Spur waren, den Betrug zu entdecken, winkte er seinen Lands- leuten zu, daß sie den Blaͤttern eben den Namen beylegen moͤchten als er. Wir gaben ihm aber bald zu verstehen, wie sehr uns seine schlechte Auffuͤhrung miß- fiele, und er mußte auch von den Indianern Verweise daruͤber anhoͤren. Nachmittags gieng Capitain Cook mit den Lieutenants Cooper und Pickersgill , mit Herren Patton , Hodges , Dr. Sparrmann , meinem Va- ter und mir nach der ostwaͤrts gelegenen Anhoͤhe, durch die Gaͤrten und Pflanzungen, bis an den jenseitigen Strand. Er wuͤnschte vornemlich, von dort aus die Insel Annattom zu sehn; sie war aber groͤßtentheils in di- cken Nebel verhuͤllt, so daß wir fast unverrichteter Sachen wieder umkehren mußten. Unterwegens schossen wir Voͤgel und kamen unvermerkt bey den Wohnungen unsrer freundschaftlichen Indianer an. Der Vater des kleinen Maͤdchens, dessen ich S. 258. erwaͤhnt, brachte mir Pisangs, Zuckerrohr nebst Cocosnuͤssen zum Geschenk, und bestaͤrkte mich dadurch in der vortheil- haften Meynung, die ich mir von seiner Empfindsamkeit gemacht hatte. Herr Hodges zeichnete unterwegens verschiedne Aussichten, vornemlich dieses kleine Forster’s Reise um die Welt 1774. August. Gehoͤft mit einer Gruppe von Einwohnern beiderley Geschlechts, die unter den schattenreichen Aesten des Feigenbaums im Grase saßen. Nach dieser Skizze hat er in der Folge ein Gemaͤhlde verfertigt, auf welchem sowohl die Gegend als die Einwohner, der Wahrheit und Natur getreu, vorgestellt sind. Gegen Sonnen Untergang fuhren wir nach dem Schiffe zuruͤck. Am folgenden Morgen verfuͤgten wir uns von neuem aus Land, und giengen auf der Ebene in den Wald. Es hielt sich eine Menge großer Pa- pagoyen, die von schoͤnem schwarz, roth und gelbfleckigtem Gefieder waren, darinn auf. Sie saßen aber in den Gipfeln der Feigenbaͤume, wo sie, nicht allein der großen Hoͤhe, sondern auch des dicken Laubes wegen, mit Schroot-Schuͤssen gar nicht zu erreichen waren. Die ungeheure Groͤße dieser Baͤume kann man sich kaum vorstellen. Ihre Wurzeln stehen groͤß- tentheils uͤber der Erde, und machen, ohngefaͤhr zehn bis zwoͤlf Fuß hoch vom Boden, das Stamm-Ende des Baumes aus. Ein solcher Stamm haͤlt manchmal neun bis zehen Fuß im Durchschnitt, und scheint aus mehreren zusammengewachsenen Baͤumen zu bestehen, die auf allen Seiten, der Laͤnge nach, scharfe ohngefaͤhr einen Fuß breit hervorstehende Ecken haben. In dieser Figur wachsen sie dreyßig bis vierzig Fuß hoch, ehe sie sich in Aeste theilen, von denen jeder wenigstens drey Fuß im Durchmesser hat. Die Aeste werden ebenfalls dreyßig bis vierzig Fuß lang ehe sie kleinere Zweige hervortreiben, und auf solche Art ist der Gipfel des Baumes zum mindsten hundert und funfzig Fuß hoch. Am haͤufigsten standen sie in einem Sumpf oder Morast, wo sich der Teich, aus welchem wir Trinckwasser fuͤrs Schiff ein- fuͤllten, in verschiedene Aerme verlor. Ob dieser Teich das aͤusserste Ende ei- nes Flusses sey, der von den innern bergigten Gegenden der Insel herab- kommen, und in der volkanischen Schlacken-Asche, auf der Ebene, sich nach der See hin verlaufen mag, oder, ob er nur von den Regenguͤssen die in den Sommermonathen fallen, entstanden waͤre? konnten wir nicht mit Gewißheit aus- findig machen. Das aber fanden wir, daß sich unzaͤhlig viel Muͤcken darinn aufhielten, die uns nicht wenig peinigten, wenn wir den Wachtel-Koͤnigen und Enten nachgiengen, die ihre Nahrung ebenfalls im Sumpfe suchten. Nur Schade, daß es uns nicht gluͤcken wollte, ihnen beyzukommen, da sie doch ver- in den Jahren 1772 bis 1775. vermuthlich von unbekannter Art, mithin einer naͤheren Untersuchung allerdings 1774. August. werth seyn mochten. Der schlechte Erfolg dieser Jagd bewog uns, auf der Ebene, weiter nach Westen fortzugehen; dort kamen wir bey ein paar Stuͤ- cken Landes voruͤber, die mit Gras bewachsen, und durch allerhand wildes Ge- straͤuch von einander abgehegt waren, fast so wie in England die Wiesen mit lebendigen Hecken umgeben sind. Zwischen diesen Grasplaͤtzen lagen oft große Felder durchaus mit hohem Schilfrohr ( saccharum spontaneum Linn. ) bewachsen, welches hier zu Lande zu Pfeilen, Zaͤunen, Koͤrben, und anderer solcher geflochtnen Arbeit gebraucht wird. Der vorhandnen Menge nach zu urtheilen, schien es nicht von selbst, wild aufgeschossen; son- dern vielmehr foͤrmlich angepflanzt zu seyn, welches auch, bey der großen Nutzbarkeit desselben, uͤberaus wahrscheinlich ist. Hinter diesen Feldern kamen wir an einen Wald, wo es jedoch keine andere Art von Baͤumen gab, als jene die wir bereits am Strande gefunden hatten. Dagegen ward eine Taube von neuer Gattung geschossen, auch sahen wir viele Papagoyen die ungemein schen waren, vermuthlich, weil ihnen die Einwohner in den Obst- gaͤrten nachstellen moͤgen. Endlich geriethen wir an einen hohlen Weg, der ehemals das Bette eines Regenbachs gewesen zu seyn schien, jetzt aber ganz trocken war, und den Wilden zum Fußpfade diente. An den steilen Seiten- Waͤnden desselben wuchs allerhand kleines Gebuͤsch, auch sogar Palmen, und ein ungeheurer Feigenbaum ( ficus religiosa Linn. ) von der Art die bey den Cingalesen und Malabaren in religioͤser Achtung steht, Sie opfern unter dem Schatten derselben, und geben vor, daß daselbst verschiedene ihrer Gottheiten sollen geboren worden seyn. machte, queer uͤber den Weg, einen weit gewoͤlbten Bogen aus. Die Wurzel hatte sich nemlich in zwey Hauptaͤste getheilt, davon der eine auf dieser, der an- dre auf jener Seite des Weges eingewachsen war. Oberhalb, im Gipfel, flatterte eine Menge kleiner Voͤgel herum, die sich bey dem Ueberfluß an Fruͤchten ganz wohl befinden mußten. Wir ruheten in seinem dichten Schatten aus, und freuten uns, daß verschiedne Einwohner, die waͤhrend dieser Zeit hier vorbeygiengen, weder uͤber unsre Gegenwart das geringste Mißvergnuͤgen, noch die geringste Unruhe uͤber die Flintenschuͤsse bezeigten. Gegen Mittag Forsters Reise u. d. W. Zweyter Th. L l Forster’s Reise um die Welt 1774. August. machten wir uns wiederum auf den Ruͤckweg. Ohnerachtet das Wetter uͤberaus warm war, so wurden wir doch, der schattigten Waldung halber, nicht viel von der Hitze gewahr. Diesseit des Wasserplatzes trafen wir ei- nen Indianer, der im Gestraͤuch duͤnne Stangen abhieb, um in seinem Gar- ten, das Kraut der Yamwurtzeln ( dioscorea oppositifolia ) an selbigen in die Hoͤhe ranken zu lassen. Seine Axt war ein sehr elendes Werkzeug, denn statt des sonst gewoͤhnlichen harten Steins, bestand die Klinge blos aus einer Muschelschaale. Auch gieng seine Arbeit deshalb so langsam von statten, daß wir ihm, aus Mitleid, mit einem unsrer englischen Beile zu Huͤlfe ka- men, da denn in Zeit von wenig Minuten mehr Stangen abgehauen waren, als er, den ganzen Vormittag uͤber, hatte fertig schaffen koͤnnen. Die Einwoh- ner, die bey jetziger Mittagszeit auf ihrem Heimweg, vom Strande aus, hier voruͤber kamen, blieben alle stehen, um die große Nutzbarkeit unsers Beils zu bewundern. Einige boten gleich auf der Selle ihre Bogen und Pfeile dafuͤr. Bey so viel Begierde glaubten wir, sie wuͤrden sich auch ge- neigt finden lassen, ein Schwein dafuͤr zu geben; allein gegen diese For- derung blieben sie taub und giengen ihres Weges. Das Fercken, womit der alte Pao-vjangom meinen Vater beschenkt hatte, war und blieb das einzi- ge, welches wir auf dieser Insel bekamen. Auf Vorzeigung der wilden Muscatnuß, die sich im Kropf der Taube gefunden hatte, gab uns einer von den Indianern noch 3 solcher Nuͤsse, daran die aͤussere Haut oder sogenannte Muscat-Bluͤthe befindlich war; den Baum hingegen, worauf sie wachsen, wußte er nicht anzuzeigen. Sie legten diesen Nuͤssen unterschiedliche Na- men bey, den Baum aber hießen sie durchgehends Nirasch . Als wir un- sre botanischen Buͤcher zu Rathe zogen, fand sich, daß diese Sorte viel Aehn- lichkeit mit des Rumphii wilden Muscatnuß hat, und allem Ansehen nach eben dieselbe ist, welche man auf den Philippinischen Inseln antrift. Auch die Taube, die sich hier in Tanna davon naͤhrt, kommt derjenigen, die nach Rumphs Zeugniß in den Moluckischen Inseln die aͤchte Muscatnuß ausfaͤet , in allen Stuͤcken gleich. Bey unsrer Ruͤckkunft nach England haben wir die Ehre gehabt Ihro Majestaͤt der Koͤnigin eine dieser Tauben lebendig zu uͤberreichen. in den Jahren 1772 bis 1775. Unter denen am Strande versammelten Indianern trafen wir einen al- 1774. August. ten abgelebten Mann, den noch keiner von uns zuvor gesehen hatte. Die Wil- den versicherten, er sey ihr Erili und heiße Joga ï . Er war lang, ha- ger, ausgezehrt, und hatte einen fast gaͤnzlich kahlen Kopf nebst eisgrauem Bart. Seine Gesichtsbildung zeigte viel Gutherzigkeit und, so runzlicht sie auch war, noch immer Spuren von ehemaliger Schoͤnheit an. Neben ihm saß ein andrer, der ohne die Anwesenheit eines so ganz abgelebten Grei- ses ebenfalls schon fuͤr einen alten Mann haͤtte gelten koͤnnen. Diesen ga- ben die Indianer fuͤr des alten Joga ï s Sohn aus, und nannten ihn Jatta . Er war groß, wohlgebaut, und fuͤr einen Tanneser wirklich schoͤn zu nennen. Sein Blick, der etwas geistreiches, einnehmendes, und gegen uns Fremde uͤberaus freundliches an sich hatte, trug hiezu nicht wenig bey; auch kleidete es ihn gut, daß er sein schwarzes, beynahe wolligt krauses Haar, so wie es von Natur war, ganz ungekuͤnstelt ließ. Die Insulaner sagten, er waͤre ihr Kau-Wosch , welches vermuthlich ein Titel ist, der so viel als Thronfolger, Erb- oder Kronprinz u. d. gl. bedeuten mag. Von Leibesfarbe waren diese Befehlshaber so schwarz als der geringste ihrer Unterthanen, unterschieden sich auch sonst durch keinen aͤussern Putz oder Zierrath, ausgenommen, daß ihr Leib- Guͤrtel, schwarz gestreift und wechselsweise mit weißen, rothen und schwar- zen Feldern bemahlt war anstatt, daß dergleichen Schaͤrpen sonst nur ein- farbig, entweder gelb oder zimmetbraun zu seyn pflegten. Dennoch konnte diese Verschiedenheit auch nur etwas zufaͤlliges, und nicht ein eigenthuͤmli- ches Zeichen der Koͤniglichen Wuͤrde seyn. Das einzige abgerechnet, daß man ihnen den Titel Eriki beylegte, ward keinem von beyden besondere Ehr- erbietung bezeigt, auch sahen wir nicht, daß sie Befehle ertheilt haͤtten. Ich vermuthe daher, daß ihr Ansehen nur zu Kriegeszeiten etwas gilt. Bey dergleichen Ereignissen pflegt wohl ein jedes Volk irgend einem erfahrnen Greise Gehoͤr zu geben, seinen Rath als ein Gesetz anzusehen, und waͤhrend eines so mislichen Zeitpunkts Gluͤck und Leben einem Manne anzuvertrauen, dessen vorzuͤgliche Tapferkeit, und lange Erfahrung von der ganzen Nation einmuͤ- thig anerkannt worden ist. — Wir machten diesen Befehlshabern einige kleine Geschenke und baten sie, uns ans Schiff zu begleiten, welches sie aber aus- L l 2 Forster’s Reise um die Welt 1774. August. schlugen. Also kehrten wir allein, zum Mittagessen an Bord zuruͤck. Un- sre Leute brachten heute vieles Casuarina-Holz vom Lande mit, indem sie auf der hohen Ebene einen schoͤnen Baum dieser Art gefaͤllet hatten Die Veranlassung hiezu war, daß wir an unserm Ruderbalken einen Riß entdeckt, und leinen andern im Schiffe vorraͤthig hatten. Der Capitain wollte also aus die- sem Stamm einen neuen Ruderbalken machen lassen. . Sobald von den Zimmerleuten mit Durchsaͤgung des Stammes der Anfang gemacht wor- den, war Pao-vjangom unverzuͤglich zum Capitain Cook gekommen, und hatte sich uͤber dieses Unternehmen beschweret; denn die Casuarina-Baͤume sind hier zu Lande sehr geschaͤtzt, und dabey so selten, daß die Einwohner ihre daraus ver- fertigte Keulen, von Irromanga , woselbst diese Holzart haͤufig waͤchst, her- hohlen muͤssen. Der Capitain ertheilte gleich Befehl, daß mit der Arbeit inne gehalten werden sollte, weil aber der Stamm schon zu tief eingeschnitten war, als daß der Baum sich wieder haͤtte erhohlen koͤnnen; so schenkte er dem Alten einen Hund, die Menge Tahitischen Zeuges, nebst verschiednen an- dern Sachen, und bekam dafuͤr, von ihm und den seinigen, Erlaubniß, den Baum zu nehmen. Bey diesem und einigen andern Vorfaͤllen fahe man augenscheinlich, daß Pao-vjangom , unter den Leuten die auf der oftwaͤrts gelegenen hohen Ebene wohnten, vielen Einfluß hatte; doch ruͤhrte dieser vermuthlich blos von seinem ehrwuͤrdigen Alter her, denn die Regierungs- form scheint hier noch auf der untersten Stufe, das ist, patriarcha- lisch zu seyn. Jede Familie haͤlt fich nemlich an den Rath des Aelte- sten, und dieser wagt es nicht, sein Ansehen zu Haͤrte oder Tiranney zu mißbrauchen. Nach dem Essen giengen wir wiederum an Land und in den Wald, fanden aber nichts neues. Dies war auch um so weniger zu verwundern, weil wir eben diese Gegend seit unsrer Ankunft fast Tag fuͤr Tag durchsucht hatten. Am folgenden Morgen gaben wir uns Muͤhe, irgendwo einen Muscat- Nuß-Baum auszuspuͤhren. In einem schoͤnen Pifang-Garten, der dicht am West-Ende des Strandes lag, hielt sich eine Menge Papagoyen auf, welche die Fruͤchte verheerten, aber bey diesem Unfug auch so scheu waren, daß man ihnen vergebens nachschlich. Wir glaubten nun von Seiten der Insulaner fuͤr in den Jahren 1772 bis 1775. allen Feindseligkeiten so sicher zu seyn, daß wir uns oft auf ziemliche Strecken 1774. August weit von einander trennten. Dies geschah auch heut und zwar ohne den ge- ringsten Unfall, jedoch auch ohne weiteren Erfolg. Wir kamen nemlich aller- feits mit leeren Haͤnden an den Strand zuruͤck. Das letzte Boot war eben im Begriff, der Mittags-Zeit wegen, nach dem Schiffe uͤberzufahren; wir setz- ten uns also hinein, und fanden den alten Eriki , oder Koͤnig, Joga ï , Cap. Cook bemerkt in seiner Reisebeschreibung Vol. II. pag. 71.) daß diese Befehls- haber nicht Gewalt genug hatten sich eine Cocosnuß von den andern bringen zu las- sen. Einer von ihnen mußte selbst den Palmbaum hinanklettern, und da er einmal oben war, so ließ er auch nicht eine einzige Nuß sitzen, theilte aber, was er selbst nicht brauchte, unsern Leuten aus. sei- nen Sohn Jatta imgleichen einen wohlgebildeten Knaben von ohngefehr vier- zehen Jahren an Bord, der Narrep hieß, und ein naher Verwandter der beyden Befehlshaber zu seyn schien. Sie hatten sich in der Cajuͤtte auf den Fußboden niedergesetzt, und der Capitain war eben beschaͤftigt, allerhand Klei- nigkeiten unter sie auszutheilen. Joga ï nahm seinen Antheil mit der seinem Alter eigenen Gleichguͤltigkeit in Empfang, sein Sohn hingegen und der junge Narrep bezeugten große Freude uͤber das was ihnen gegeben ward. Mittler- weile war das Essen aufgetragen worden, und wir liessen sie mit uns zu Tische sitzen. Die Yams schmeckten ihnen, so wie unserm vorigen Gast, Fanokko (siehe weiter oben pag. 228.) ganz gut, von andern Speisen wollten sie aber nichts anruͤhren. Rach der Mahlzeit brachten wir sie an den Strand zuruͤck. Dort geriethen sie mit ihren Landsleuten sogleich ins Gespraͤch und erzaͤhlten ihnen ohne Zweifel, wie gut sie von uns aufgenommen worden, welches die ganze Versammlung, dem Anschein nach, mit Vergnuͤgen anhoͤrte. Es kamen jetzt selten mehr als hundert Einwohner, Weiber und Kinder mitgerechnet, an den Strand herab, und diese pflegten sich, mehrentheils truppweise, im Schat- t en der naͤchsten Baͤume niederzusetzen. Dann und wann brachte einer eine Yam-Wurzel oder Pisang-Frucht und vertauschte sie gegen Tahitisches Zeug. Die Weiber fuͤhrten ganze Koͤrbe voll Jambos-Aepfel ( Eugenia ) bey sich, und verkauften uns solche fuͤr eine Kleinigkeit; z. E. fuͤr schwarze Glaskorallen, kleine Stuͤckgen gruͤnen Nephritischen Steins, u. s. w. als geschaͤhe es L l 3 Forster’s Reise um die Welt 1774. August. gleichsahm mehr zu Bezeigung ihres guten Willens, denn des Gewinnstes wegen. Ueberhaupt betrugen sie sich gar sehr gefaͤllig gegen uns. Wenn wir ihnen in einem engen Fußsteige begegneten, so giengen sie allemal auf die Seite, oft ins dickste Gestraͤuch, um uns Platz zu machen. Kannten sie uns schon, so nennten sie uns mit Namen, und sahen so freundlich und gutherzig dazu aus, als wir bey dem bruͤderlichsten Gruße nur thun koͤnnen; hatten sie uns aber zuvor noch nie gesehen, so fragten sie gemeiniglich wie wir hießen, um uns ein an- dermal wieder zu kennen. Bey so friedlichem Anschein, war die anfaͤnglich gebrauchte Vorsicht, zur Sicherheit unserer am Strande beschaͤftigten Matrosen, Graͤnz-Linien von Stricken zu ziehen, schon seit mehreren Tagen unterblieben, und statt dessen nur eine Schildwacht ausgestellt worden. Die Indianer pfleg- ten alle jenseits derselben zu bleiben, es sey denn, daß einer etwa zum ersten- male aus dem Innersten des Landes an den Strand kam, und die Bedeutung dieser Anstalten noch nicht kannte. Mit einem Worte, in der kurzen Zeit die wir bey ihnen zugebracht, hatten sie bereits weit guͤnstiger von uns urtheilen ge- lernt, und wurden uns taͤglich noch mehr zugethan. — Unsre vorneh- men Gaͤste Joga ï , Jatta und Narrep entfernten sich nebst verschiedenen andern bald vom Strande, und giengen durch die Waͤlder nach ihren Wohnungen zuruͤck, die, wenn wir sie recht verstanden haben, ziemlich weit im Lande liegen mußten. Als sie fort waren, fuhren wir mit dem Capitain nach dem ostwaͤrts gelegenen Berge, wo unsre Leute Ballast laden sollten. Indeß daß dieses ge- schah, untersuchten wir die daselbst befindlichen heißen Quellen, die bereits in den ersten Tagen unsers Hierseyns waren entdeckt worden. Ein Fahrenheitisches Thermometer, welches wir zu diesem Versuch mitgenommen, hatte am Schiff auf 78° gestanden, war aber durch die natuͤrliche Waͤrme dessen der es bey sich trug, auf 83° gestiegen. So stand es, als die Kugel in die heiße Quelle gesenkt ward. In Zeit von fuͤnf Minuten stieg das Quecksilber bis auf 191°: wir nahmen es wieder heraus, und machten eine kleine Vertiefung in den Sand, so daß das Thermometer, ein paar Zoll weit uͤber die Kugel, vom Wasser bedeckt wurde. Nun stieg das Quecksilber bald wieder bis 191°, wollte aber nicht hoͤher hinauf, ohnerachtet wir es wohl zehen Minuten lang so stehen ließen. Ein paar kleine Schnecken, die wir in die Quelle warfen, waren in zwei bis drei in den Jahren 1772 bis 1775. Minuten voͤllig gar gekocht. Um zu erfahren ob dies Wasser das Metall an- 1774. August. greifen wuͤrde, legten wir ein Stuͤck Silber hinein; es ward aber nach Ver- lauf einer halben Stunde ganz rein und glaͤnzend wieder herausgenommen. Auch Weinstein-Saltz brachte in dem Wasser keine sichtbare Veraͤnderung hervor, weil es aber doch einen etwas zusammenziehenden Geschmack hatte, so fuͤllten wir uns eine Flasche voll, um gelegentlich mehr Versuche damit anzustellen. Am Strande gab es eine Menge kleiner Fische, ohngefaͤhr zwei Zoll lang, die auf den nassen Klippen wie Eidexen herumhuͤpften. Die Brustfloßen dienten ih- nen statt der Fuͤße, und die Augen saßen beynahe mitten auf dem Scheitel, vermuthlich in der Absicht, daß sie sich fuͤr ihren Feinden ausserhalb dem Was- ser desto besser in Acht nehmen koͤnnten. Und in der That waren diese kleine Amphibien auch so vorsichtig, und so schnell, daß man ihrer nicht leicht hab- haft werden konnte. Ehe man sichs versah, waren sie mit einem Sprunge uͤber drei Fuß weit fortgehuͤpft. Eben diese, oder wenigstens eine sehr aͤhnli- che, Art Fische hatte Capitain Cook , auf seiner vorigen Reise um die Welt, an der Kuͤste von Neu-Holland Siehe Hawkesworths Geschichte der engl. Seereisen in gr. 4. dritter Band pag. 122. angetroffen. Diese Art hier gehoͤrte zum Ge- schlechte der Blenniorum . Sie waren zum Theil eifrig daruͤber her eine Brut ganz kleiner Grillen ( gryllus achetæ ) zu verschlucken, welche die See aus einem Riß im Felsen hervorgespuͤlt haben mochte. Am folgenden Morgen giengen wir mit dem Capitain von neuem aus, um die heißen Quellen auch waͤhrend der Ebbe zu untersuchen, indem die vorigen Beobachtungen allemahl des Nachmittags, zur Fluthzeit, waren angestellt worden. Das Thermometer, welches in freyer Luft 78° angezeiget hatte, stieg in dem hei- ßen Wasser, nach Verlauf von anderthalb Minuten, bis 187°. Der Unterschied zwischen dem gestern bemerkten Grad der Hitze (191°) und dem heutigen, kam uns um desto sonderbarer vor, weil die Quellen so nahe am Ufer des Meeres hervorsprudelten, daß jetzt, zur Fluthzeit, das Seewasser daruͤber her stand. Natuͤrlicherweise haͤtte also, die vermittelst der Fluth entstehende Vermischung des See-Wassers mit dem Quellwasser, die Hitze des letztern abkuͤhlen sol- len; da wir nun gerade das Gegentheil fanden, so muß bey diesen Quel- len der Grad der Hitze von ganz andern Ursachen abhaͤngen. In dieser Ver- Forster’s Reise um die Welt 1774. August. muthung wurden wir durch die fernere Untersuchung einer aͤhnlichen Quelle, die an der West-Ecke des großen Strandes befindlich war, noch mehr be- staͤrkt. Nurgedachte Quelle kam, am Fuß eines senkrechten Felsen, aus dem schwarzen Schoͤrl-Sande hervor gesprudelt, und rieselte nach der See hin, von welcher sie zur Zeit der Fluth bedeckt ward. Der Felsen aber machte einen Theil des großen Berges aus, auf welchem die Solfatara befindlich ist. In dieser neuen Quelle stieg das Thermometer, nach Verlauf von einer Minute, bis 202½ Grad, und blieb auf diesem Punkt einige Minuten lang stehen. Wodurch wird diese Verschiedenheit der Hitze hervorgebracht? Vielleicht kom- men die Quellen, in unterirrdischen Canaͤlen, aus der Nachbarschaft des Vul- cans her, und koͤnnen nicht eher als ohnweit dem Meere einen Ausgang finden. In dem Fall haͤngt der Grad ihrer Hitze von der Entzuͤndung des Berges ab. Diese aber ist bekanntermaaßen nicht immer gleich heftig, sondern laͤßt bisweilen, z. E. in den stillen Zwischenzeiten von einem Aus- bruch zum andern, bald mehr, bald minder nach. Ueberdem mag auch die Hitze nicht in allen Gegenden des Berges gleich groß seyn, und eben so muß das Wasser von seiner urspruͤnglichen Hitze mehr oder weniger verlieren, je nachdem es, von der Quelle bis an den Ort des Ausflusses, einen laͤngern oder kuͤrzern Weg zu laufen hat. Endlich so kann es auch ganz wohl seyn, daß dieses Springwasser mit der Solfatara einige Verbindung hat, weil beyde an einem und demselben Berge vorhanden sind. Was zunaͤchst an der Oberflaͤche liegt, wird vermuthlich durch die Hitze der Solfatara in jenen feinen Dunst aufgeloͤset, der oben auf dem Berge aus verschiedenen Erdris- sen emporsteigt, indeß das uͤbrige nach untenzu einen Weg sucht, und, nach- dem es durch mehrere Erdschichten durchgeseigt, abgekuͤhlt und auf solche Art verdickt worden ist, in fluͤßiger Form als ein Bach hervorbricht. Doch, hier muͤssen wir es bey bloßen Muthmaßungen bewenden lassen, denn der Vulcan, dessen Einfluß nur zur Zeit einer Explosion haͤtte beurtheilt wer- den koͤnnen, war seit einigen Tagen ganz ruhig, auch wollte sich in dessen Ermangelung kein anderes Phoͤnomen ereignen, woraus mehr Aufklaͤrung her- zunehmen gewesen waͤre. Den Rest des Tages brachten wir auf der hinter dem Wasserplatz belegenen Ebene zu, und jagten daselbst nach der Bluͤthe eines un- be- in den Jahren 1772 bis 1775. bekannten Baums, die nicht anders zu bekommen war als daß man sie, mit 1774. August. der Kugel-Buͤchse, herunter schießen mußte. Gegen Abend fiengen die Matro- sen ohngefaͤhr zween Centner Fische, welches denn der ganzen Mannschaft wieder zu einer frischen Mahlzeit verhalf. Dr. Sparrmann und ich giengen in der Zwischenzeit nochmals auf die hohe Ebene, und brachten daselbst bey unsern indianischen Bekannten eine halbe Stunde sehr vergnuͤgt zu. Es war nun gleich- sam schon zum Brauch geworden, sie mit unsern Liedern zu unterhalten. Wir thaten es daher auch diesmal, und machten uns dadurch so beliebt, daß sie zu- letzt auf etliche Maͤdchen mit dem Finger zeigten, um uns solche aus uͤbertrie- bener, aber bey wilden Voͤlkern gar nicht ungewoͤhnlicher, Gastfreyheit auf Dis- cretion zu uͤberlassen. Die Maͤdchen merkten nicht so bald wovon die Rede war, als sie eiligst davon liefen und nicht allein sehr erschrocken, sondern, uͤber den unanstaͤndigen Vorschlag der Maͤnner, auch aͤußerst unwillig zu seyn schie- nen. Diese aber, besonders die jungen Leute, verlangten, daß wir den Sproͤ- den nachsetzen sollten. Doch mochten sie vielleicht, mit eiuem so gut als mit dem andern, den Maͤdchen nur einen Schreck einjagen wollen; wenigstens hat- ten sie nichts dawider, daß wir ihren Antrag fuͤr diesmal ungenutzt ließen. Beym Abschiede schenkten wir ihnen mancherley Kleinigkeiten, unter andern auch etliche perlnmutterne Angel-Haken mit Spitzen von Schildkroͤten-Schaale, und bekamen dafuͤr allerhand Fruͤchte zum Gegengeschenk. Die Vorraͤthe von Trinkwasser, Brennholz und Ballast waren, seit unserm Hierseyn, nun wiederum so weit ergaͤnzt, daß wir am folgenden Morgen (den 19ten) abseegeln wollten. Allein der Wind verhinderte es, indem er ge- rade in die Muͤndung des Haveus hinein blies. Wir gieugen also nach dem Fruͤhstuͤck, in Begleitung des Capitains, wie gewoͤhnlich, an’s Land; er, um mit den Einwohnern zu handeln, wir aber um uns zu guter letzt noch einmal auf der Insel umzusehen. In dieser Absicht nahm jeder einen andern Weg. Auf dem, den ich gewaͤhlt hatte, begegneten mir viele von den Insulanern, die nach dem Strande herab wollten. Es war nicht ein einziger darunter, der nicht aus dem Fußsteige gewichen waͤre, um mir Platz zu machen, und ohnerachtet sie sahen daß ich ganz ohne Begleitung war; so verzog doch keiner auch nur eine Miene gegen mich. Natuͤrlicherweise ließ ich mir dies eine Aufmunterung seyn, mei- Forster’s Reise u. d. W. zweyter Th. M m Forster’s Reise um die Welt 1774. August nen Spatziergang desto weiter auszudehnen, und kam auf solche Art in dem Thale, welches an der Suͤdseite der hohen Ebene liegt, um ein gut Stuͤck tiefer ins Land, als ich zuvor je gewesen. Ueberall mit dichter Waldung umringt, ward ich selten etwas von der Gegend gewahr, wenn nicht hie und da eine Luͤcke zwi- schen den Baͤumen mir einige Aussicht verschaffte. Dann aber hatte ich ein desto reizenderes Schauspiel. Ich uͤbersah einen Theil der am Abhange des Huͤgels befindlichen Pflanzungen, wo die Einwohner in voller Arbeit waren. Sie faͤllten oder beschnitten Baͤume, bestellten ihr Land, statt eines Spa- tens mit einem duͤrren Ast, und setzten Yams oder andre Wurzeln. An einem Orte hoͤrte ich sogar einen Indianer bey seiner Arbeit singen, und erkannte bald, an der Melodie, daß es eins von den Liedern war, die sie uns bey ihren Wohn- huͤtten mehrmalen vorgesungen hatten. Diese Gegend war zum Entzuͤcken schoͤn, und selbst Tahiti konnte sich nicht leicht einer schoͤnern Landschaft ruͤhmen. Dort ist das ebene Land nirgends uͤber zwo englische Meilen breit, und meh- rentheils mit ungeheuren Felsen-Massen begraͤnzt, deren schroffe Gipfel gleich- sam herabzustuͤrzen drohen, hier aber hatte ich eine ungleich groͤßere Strecke Landes, voll sanft abhaͤngender Huͤgel und geraͤumigen Thaͤler, vor mir, die alle angebaut werden konnten. Auch die Plantagen hemmten die Aussicht nirgends, weil mehrentheils nichts als Pisangs, Yams, Arum und Zuckerrohr darinn gezogen werden, welches lauter niedrige Gewaͤchse sind. Die Pisangbaͤume machen hievon keine Ausnahme; der Stamm wird gemeiniglich nicht uͤber 6, und nur selten 10 Fuß hoch, so daß man, von einer kleinen Anhoͤhe, leicht uͤber ganze Waͤlder solcher Baͤume wegsehen kann. Nur hin und wie- der streckt ein einzelner Baum den dickbelaubten Wipfel in die Hoͤhe, davon einer immer malerischer geformt ist als der andre. Hinterwaͤrts war der Ge- sichtskreis durch eine Anhoͤhe eingeschlossen, auf deren Ruͤcken uͤberall Gruppen von Baͤumen standen, und aus diesen ragte die stattliche Krone der Cocos- Palme, in großer Menge, hervor. Wer es je selbst erfahren hat, welch einen ganz eigenthuͤmlichen Eindruck die Schoͤnheiten der Natur in einem gefuͤhlvollen Herzen hervorbringen, der, nur der allein kann sich eine Vorstellung davon machen, wie in dem Augenblick, wenn des Herzens Innerstes sich aufschließt, jeder, sonst noch so unerhebliche Ge- in den Jahren 1772 bis 1775. genstand intereßant werden und mit unuenbaren Empfindungen uns begluͤcken kann. 1774. August. Dergleichen Augenblicke sind es, wo die bloße Ansicht eines frisch umpfluͤgten Ackers uns entzuͤckt, wo wir uns uͤber das sanfte Gruͤn der Wiesen, uͤber die verschiedenen Schattirungen des Laubes, die unsaͤgliche Menge der Blaͤtter und uͤber ihre Mannigfaltigkeit an Groͤße und Form, so herzlich, so innig freuen koͤnnen. Diese mannigfaltige Schoͤnheit der Natur lag in ihrem ganzen Reichthum vor mir ausgebreitet. Die verschiedne Stellung der Baͤume gegen das Licht gab der Landschaft das herrlichste Colorit. Hier glaͤnzte das Laub des Waides im goldnen Strahl der Sonne, indeß dort eine Masse von Schatten, das geblendete Auge wohlthaͤtig erquickte. Der Rauch, der in blaͤulichen Kreisen zwischen den Baͤumen aufstieg, erinnerte mich an die sanften Freuden des haͤuslichen Lebens; der Anblick großer Pi- sang-Waͤlder, deren goldne, traubenfoͤrmige Fruͤchte hier ein passendes Sinn- bild des Friedens und Ueberflusses waren, erfuͤllte mich natuͤrlicherweise mit dem herzerhebenden Gedanken an Freundschaft und Volksgluͤckseligkeit, und das Lied des arbeitenden Ackersmanns, welches in diesem Augenblick er- toͤnte, vollendete dies Gemaͤhlde gleichsam bis auf den letzten Pinselstrich! — Ge- gen Westen zeigte sich die Landschaft nicht minder schoͤn. Die fruchtbare Ebene war daselbst von einer Menge reicher Huͤgel begraͤnzt, wo Waldungen und Obst- Gaͤrten mit einander abwechselten. Ueber diesen ragte eine Reihe von Bergen hervor, die den Gebuͤrgen auf den Societaͤts-Inseln an Hoͤhe gleich zu kommen, jedoch nicht so jaͤh und rauh zu seyn schienen. Selbst das einsame Plaͤtzchen, aus welchem ich diese Gegend betrachtete, hatte die Natur nicht ungeschmuͤckt gelas- sen. Es war eine Gruppe der schoͤnsten Baͤume, an deren Staͤmmen sich man- cherley wohlriechend bluͤhende Schlingpflanzen und Glockenwinden hinauf rank- ten. Das Erdreich war außerordentlich fett, und dem Wachsthum der Pflan- zen so guͤnstig, daß verschiedene Palmen, die vom Winde umgeworfen wor- den Man darf sich deshalb nicht einbilden, daß es zu Tanna viel stuͤrmisches Wetter geben muͤsse; keinesweges, die Schuld liegt vielmehr, theils an den Wurzeln der Cocos-Paimen, die sehr kurz sind und gleichsam nur aus einer Menge von Fasern bestehen, theils an dem , ihre Gipfel fast durchgehends von der Erde wieder in die Hoͤhe gerichtet, M m 2 Forster’s Reise um die Welt 1774. August. und neue, gruͤnende Zweige getrieben hatten. Voͤgel, von allerhand buntem Gefieder, belebten diesen schattenreichen Aufenthalt, und ergoͤtzten das Ohr, oft unerwartet, mit harmonischen Liedern. Ueber mir der Himmel heiter, das Saͤuseln des kuͤhlen Seewindes um mich her, stand ich da, und genoß in Ruhe des Herzens alle das Gluͤck, was ein solcher Zusammenfluß von angenehmen Bildern nur gewaͤhren kann. Unvermerkt verlor ich mich in eine Reihe von Betrachtungen uͤber den Nutzen, den unser hiesiger Aufenthalt unter den Insu- lanern gestiftet haben koͤnnte, und, welch einen Zuwachs von Vergnuͤgen ver- schaffte mir nicht der beruhigende, damals noch ganz ahndungsfreye Gedanke, daß wir uns hier, zur Ehre der Menschheit in einem sehr vortheilhaften Lichte gezeigt haͤtten! Wir hatten nun vierzehn Tage unter einem Volke zugebracht, das sich anfaͤnglich aͤußerst mißtrauisch und ganz entschlossen bewies, auch die ge- ringste Feindseligkeit nicht ungeahndet zu lassen. Diesen Argwohn, dieses einge- wurzelte Mißtrauen, hatten wir durch kuͤhles, uͤberlegtes Verhalten, durch Maͤßi- gung, und durch das Gleichfoͤrmige aller unsrer Handlungen, zu besiegen zu ver- treiben gewußt. Sie, die in ihrem Leben noch nie mit so harmlosen, friedfertigen, und gleichwohl nicht feigen oder veraͤchtlichen, Leuten umgegangen, sie, die bisher in jedem Fremden einen heimtuͤckischen, verraͤtherischen Feind zu sehen gewohnt wa- ren, hatten jetzt von uns , und durch unser Beyspiel gelernt, ihre Nebenmen- schen hoͤher zu schaͤtzen! So bald wir es einmal dahin gebracht hatten, jenen heftigen, auf brausenden Naturtrieb, der allein die Wilden so argwoͤhnisch, scheu und feindselig macht (Selbsterhaltung) zu besaͤnftigen, so bald sahe man auch schon in ihren rohen Seelen jenen zweyten, nicht minder starken Naturtrieb — Geselligkeit — aufkeimen und sich entwickeln. Kaum fanden sie, daß die Frem- den die Fruͤchte ihres Landes nicht als eine Beute, mit Gewalt wegnehmen wollten, so theilten sie ihnen solche freywillig mit. Schon gestatteten sie uns ihre schattenreiche Wohnungen zu besuchen, und ließen uns, so eintraͤchtig als es den Mitgliedern einer und derselben Familie geziemt, mitten unter sich sitzen. Nach wenig Tagen begannen sie gar an unsrer Gesellschaft Vergnuͤgen zu finden, Erdreich, welches hier so locker ist, daß kein starker Wind dazu erfordert wird, derglei- chen Baͤume umzuwerfen. in den Jahren 1772 bis 1775. und nun oͤffnete sich ihr Herz, einem neuen uneigennuͤtzigen Gefuͤhl von uͤberir- 1774. August. discher Art, der Freundschaft! Welch ein schaͤtzbares Bewußtseyn, rief ich aus, auf solche Art das Gluͤck eines Volkes befoͤrdert und vermehrt zu haben! welch ein Vor- theil einer gesitteten Gesellschaft anzugehoͤren, die solche Vorzuͤge genießt und an- dern mittheilt! Hier unterbrach mich das Geraͤusch eines herankommenden Wan- derers. Es war Dr. Sparrmann . Ich zeigte ihm die Gegend, und erzaͤhlte ihm, zu was fuͤr Gedanken sie mich verleitet hatte. Die Uebereinstimmung sei- nes Gefuͤhls theilte dem meinigen neue Lebhaftigkeit mit. Doch, endlich mußten wir uns losreißen und nach dem Schiffe zuruͤckkehren, weil der Mittag nicht weit war. Der erste Einwohner, dem wir begegneten, fluͤchtete vor uns, und versteckte sich hinters Gebuͤsch. Unmittelbar darauf trafen wir, beym Eingange einer Plantage, eine Frau an, die, allem Ansehen nach, eben so gern davon ge- laufen waͤre, es aber nicht wagte, weil wir ihr ganz unerwartet und schon sehr nahe gekommen waren. Mit zitternder Hand und verstoͤrtem Gesicht, bot sie uns einen Korb voll Yambos-Aepfel an. Dies Betragen befremdete uns nicht wenig, doch kauften wir ihr die Fruͤchte ab und giengen wei- ter. Sowohl innerhalb als außerhalb dieser Plantage standen viele Maͤn- ner im Gebuͤsch, die unaufhoͤrlich winkten, daß wir an den Strand zuruͤckge- hen moͤchten. So bald wir aus dem Walde heraustraten, klaͤrte sich das Raͤth- sel auf. Zween Maͤnner saßen im Grase und hielten einen Dritten, todt, in ihren Armen. Sie zeigten uns eine Wunde, die er von einer Flintenku- gel in die Seite bekommen hatte und sagten dabey mit dem ruͤhrendsten Blick: “er ist umgebracht.” In ihrer Sprache wird dies ungleich eindringender durch das einzige Wort: Markom ausgedruckt. Auf diese Bothschaft eilten wir nach der Gegend des Strandes, wo unsre Leute sich aufzuhalten pflegten, fanden aber keinen einzigen Indianer mehr bey ihnen, und erfuhren, wie die Sache zuge- gangen war. Man hatte, wie gewoͤhnlich, eine Schildwacht ausgestellt, die den Platz, den unsre Leute zu ihren Geschaͤften brauchten, von Indianern rein halten mußte, dahingegen die Matrosen diese Scheidelinie ohne Bedenken uͤberschreiten, und sich nach Belieben unter die Wilden mischen durften. Einer M m 3 Forster’s Reise um die Welt 1774. August. von den Indianern, der vielleicht seit unserm Hierseyn noch nie am Strande gewesen seyn mochte, hatte sich zwischen seinen Landsleuten vorgedraͤngt und wollte uͤber den freyen Platz gehen. Weil aber unsre Leute diesen fuͤr sich allein zu haben meynten; so nahm die Schildwache den Indianer beym Arm, und stieß ihn zuruͤck. Dieser hingegen glaubte mit Recht, daß ihm auf seiner eige- nen Insel, ein Fremder nichts vorzuschreiben habe, und versuchte es da- her von neuem uͤber den Platz wegzugehen, vielleicht blos um zu zeigen, daß er gehen koͤnne wo es ihm beliebte. Allein, die Schildwache sties ihn zum zweytenmal, und zwar mit solchem Ungestuͤm zuruͤck, daß wohl ein min- der jaͤhzorniger Mann als ein Wilder dadurch haͤtte aufgebracht werden muͤssen. Kein Wunder also, daß er, um seine gekraͤnkte Freyheit zu vertheidigen, einen Pfeil auf den Bogen legte, und damit nach dem, der ihn angegriffen, zielte. Dies ward der Soldat nicht sobald gewahr, als er sein Gewehr anschlug, und den Indianer auf der Stelle todt schoß. In dem Augenblick da dieser fiel, trat der Capitain ans Land, und sahe, wie die uͤbrigen davon liefen, um den grausamen, verraͤtherischen Leuten zu entkommen, die auf fremdem Boden sich solche Ungerechtigkeiten erlaubten. Bereit, den Fehler nach Moͤglichkeit wieder gut zu machen, schickte er den Soldaten alsbald geschlossen an das Schiff, und gab sich alle Muͤhe die Einwohner zu besaͤnftigen. Verschiedene derselben, besonders die, wel- che auf der oͤstlichen hohen Ebene wohnten, ließen sich auch wuͤrklich uͤberreden, stehen zu bleiben, und denen von neuem zu trauen, die das vornehmste Gebot der Gastfreyheit so schaͤndlich aus den Augen gesetzt hatten. Wahrlich, ein ruͤh- render Beweis, von der angebohrnen Guͤte des menschlichen Herzens! Eine eben so seltene Maͤßigung war es, daß die Wilden, Dr. Sparrmann und mir nicht das geringste Leid zufuͤgten, da sie doch den Mord ihres Landsmannes an uns beyden aufs nachdruͤcklichste haͤtten raͤchen koͤnnen. Wir fuhren nunmehro mit dem Capitain ans Schiff, nicht ohne Besorgniß, wie es meinem Vater er- gehen wuͤrde, der, ohne von der vorgefallnen Begebenheit etwas zu wissen, in Begleitung eines einzigen Matrosen, noch im Walde herum irrte. Doch, es lief besser ab als wir befuͤrchtet; denn nach Verlauf einer Viertelstunde, sahen wir ihn bey der Wache, die, zu Sicherung einiger Wasserfaͤsser, am Strande zuruͤckgeblieben war, wohlbehalten ankommen, und nun ließen wir ihn sogleich in den Jahren 1772 bis 1775. durch ein Boot abholen. Die Wilden hatten den Mord ihres Bruders, 1774. August. ihm so wenig als uns, entgelten lassen, sondern schienen vielmehr von unserer Gemuͤthsart einen zu vortheilhaften Begriff gefaßt zu haben, um das Verbre- chen eines einzigen den uͤbrigen allen beyzumessen. Wie ploͤtzlich und durch was fuͤr eine ruchlose That waren die angenehmen Hoffnungen, womit ich mir, noch wenig Augenblicke zuvor, geschmeichelt hatte, nun nicht auf einmal ver- eitelt! Was mußten die Wilden von uns denken? Waren wir jetzt noch besser als andre Fremdlinge? oder verdienten wir nicht weit mehr Abscheu, weil wir uns, unter dem Schein der Freundschaft eingeschlichen hatten, um sie hernach als Menchelmoͤrder zu toͤdten? Ich muß gestehen, daß meh- rere von unserer Schiffsgesellschaft billig genug dachten, dieses Ungluͤck laut zu beklagen. Dergleichen Uebereilungen waren uns fast aller Orten begeg- net, und der Schade nirgends gut zu machen gewesen. Und hier in Tanna , wo wir uns bis auf den Augenblick unsrer Abreise, gesitteter und vernuͤnftiger denn irgendwo, betragen halten, auch hier mußte dieser Ruhm durch die offen- barste Grausamkeit wieder vernichtet werden! Der Capitain wollte den Solda- ten mit exemplarischer Strenge dafuͤr bestrafen lassen, daß er, der ausdruͤckli- chen Vorschrift, nach welcher dem Jaͤhzorn der Wilden nie etwas anders als Sanft- muth entgegen gesetzt werden sollte, so offenbar und muthwillig zuwider gehan- delt hatte. Allein, der Officier der am Strande das Commando gehabt, nahm sich des Kerls an, und sagte, er haͤtte jenen Befehl des Capitains seinen Leuten nicht bekannt gemacht, im Gegentheil ihnen eingeschaͤrft, daß man die Wilden, wenn sie sich im geringsten beygehen ließen zu drohen, geradenweges niederschießen muͤsse. Auf dieses Gestaͤndniß konnte man dem Soldaten nichts weiter anhaben; ob aber der Officier uͤber das Leben der Einwohner zu gebieten habe? — das ward weiter nicht untersucht. Man wußte, daß der Officier viele vornehme Anverwandte hatte, worunter auch Mini- ster befindlich waren. Ueberdem scheint es in England nicht viel auf sich zu haben, wenn ein Subaltern seine Schuldigkeit unterlaͤßt, oder gegen die Subordination handelt. Ja man hat sogar Beyspiele, daß ein Officier cum infamia caßirt, und gleichwohl bald nachher Staatsminister geworden ist. Jedes Land hat so seine eigne Weise! Nach Tische fuhren wir wieder aus Land, wo die Matrosen noch zu guter letzt ihr Gluͤck im Fischfange versuch- Forster’s Reise um die Welt 1774. August ten, und zwar nicht ganz ohne Erfolg. Von Einwohnern waren nur sehr we- nige zugegen, und die mehresten unbewaffnet, so daß die Ermordung ihres Landsmannes vergessen, oder wenigstens vergeben zu seyn schien. Mein Vater Dr. Sparrmann , und ich, giengen nach der Ebene um Voͤgel zu schießen. Auch dort erblickten wir nur einen einzigen Indianer, der noch dazu, sobald er uns ansichtig ward, einen andern Weg nahm, und mit starken Schritten zu entfliehen suchte. Wir riefen ihm aber nach und brachten es, durch alle Freund- schaftsbetheurungen die sich durch Zeichen nur ausdruͤcken lassen, so weit, daß er umkehrte. Mit mißtrauischem schuͤchternen Blick wagte ers naͤher zu kommen. Doch beruhigten wir ihn endlich durch allerhand Geschenke, schieden als gute Freunde von einander und kehrten darauf mit allen unseren Leuten, ziemlich spaͤt, an Bord zuruͤck. Am folgenden Morgen sahe man verschiedene Canots, mit aufgespann- ten Seegeln, aus dem Haven abgehen. Der Form nach kamen sie, mit den Fahrzeugen die auf den freundschaftlichen Eylanden gebauet werden, ziemlich uͤberein; nur daß die hiesigen ungleich schlechter gearbeitet waren als jene. Sie hatten durchgehends Ausleger, und konnten zum Theil bis zwanzig Mann fuͤh- ren. Die Seegel waren niedrig, und bestanden aus dreyeckigten Matten, da- von das breite Ende aufwaͤrts, das spitzige nach unten zu gekehrt war. Ein langes Stuͤck Holz, wie ein Trog ausgehoͤhlt, macht den Boden des Ca- nots aus, und die Seitenwaͤnde bestehen aus einer oder zwo auf einander ge- setzten Planken, die mit Stricken von Cocosfasern folgendermaaßen ver- bunden sind. Bey Bearbeitung der Planken wird die aͤußere Seite ganz glatt und eben gezimmert, indeß auf der inneren, in gewisser Entfernung, kleine Erhoͤhungen oder Hoͤcker am Holze gelassen werden, die, in senkrechter Rich- tung durchbohrt, als lauter fest eingeschraubte Ringe hervorragen. Durch diese Loͤcher oder Ringe, ziehen sie die Stricke durch, und schnuͤren auf solche Art die Planken eine auf die andere fest, ohne daß außerhalb, weder von den Loͤchern noch von den Stricken, das mindeste zu sehen ist. Die Ruder sind in aller Absicht schlecht, sowohl was die Form, als was die Arbeit betrift. Daß die Tanneser ihre Fahrzeuge und uͤbrige Handarbeiten nicht so sauber ma- chen, und so schoͤn glaͤtten, als die Bewohner der freundschaftlichen-Eylande , mag in den Jahren 1772 bis 1775. mag wohl daher ruͤhren, daß der ewige Krieg, worinn sie zu leben scheinen, ih- 1774. August. nen nicht Zeit genug dazu eruͤbrigen laͤßt. Da der Wind nunmehro guͤnstig war, so lichteten wir die Anker und stachen, nach einem Aufenthalt von sechzehn Tagen, am 20sten August wie- derum in See. Die Insel Tanna liegt unterm 19ten Grad 30 Secunden Suͤder-Breite, und dem 169sten Grad 38 Secunden oͤstlicher Laͤnge, hat aber nicht uͤber 24 See-Meilen im Umfange. So weit wir Gelegenheit gehabt haben die Berge zu untersuchen, bestanden solche mehrentheils aus einem thonartigen Gestein mit Stuͤcken Kreide vermischt. Dieser Thon war fast durchgehends von brauner oder gelblicher Farbe, und lag in sechszolligen, beynahe waagerechten Schichten. An einigen Orten wechselten diese Schichten mit andern, von einer Art weichen schwarzen Steines ab, der aus volcanischer Asche und Schoͤrlkoͤrnern, mit etwas Thon oder vielmehr mit einer Art Tripel vermischt, entstanden zu seyn schien. Eben diese vulcanische Asche, mit einem Zusatz von guter schwarzer Erde, macht den vortreflichen, fruchtbaren Boden aus, worinn die Pflanzen so gut gedei- hen. Alle diese Mischungen, in den Erdarten sowohl als in den uͤbrigen Pro- ducten des Mineralreichs, sind, mehr oder minder, das Werk des Vulcans. So enthielt z. B. der weiße Thon , welcher die Solfatara deckt, gediegenen Schwefel und hatte dabey einen zusammenziehenden Geschmack, als ob er mit Alaun impraͤgnirt waͤre. In derselben Gegend gab es auch rothen Bolus , des- gleichen scheint Selenit vorhanden zu seyn, wenigstens bestanden die Zierrathen, welche die Einwohner in dem durchbohrten Nasenknorpel zu tragen pflegten, aus dieser Stein-Art. Von Lava haben wir nur einzelne, ziemlich grobe Stuͤcken gesehen, naͤher am Vulcan, wo man uns aber nicht hinlassen wollte, wird sie vermuthlich in groͤßerer Menge und Mannichfaltigkeit anzutreffen seyn. Das heiße Quellwasser ist von zusammenziehendem Geschmack, und hat folglich, allem Ansehen nach, ebenfalls mineralische Bestandtheile; es sehlte uns blos an Muße, um die Beschaffenheit derselben durch chymische Versuche naͤher zu bestim- men. Der Vulcan an und fuͤr sich wuͤrde, seiner damaligen Entzuͤndung wegen, ge- wiß zu manchen neuen Bemerkungen Stoff geliefert haben, wenn die argwoͤhni- sche Besorgniß der Einwohner uns nur gestattet haͤtte, ihn in der Naͤhe zu be- Forster’s Reise u. die W. zweyter Th. N n Forster’s Reise um die Welt 1774. August. trachten und zu untersuchen. Statt dessen mußten wir mit dem aͤußern An- blick desselben, von fern, zufrieden seyn, der uns weiter nichts als die Bestaͤ- tigung des schon bekannten Satzes lehrte, daß feuerspeyende Berge nicht allezeit die hoͤchsten in einer Kette von Gebuͤrgen sind, (wie in Peru und Sicilien ,) sondern daß sie zuweilen auch in einer zweyten, niedrigeren Reihe von Bergen ausbrechen, und, selbst da, oft nur von unbetraͤchtlicher Hoͤhe seyn koͤnnen. Da uͤberdem, bey den Azorischen Inseln und im Archipelago, sogar aus der Tiefe des Meeres, und zwar an solchen Orten, wo es ganz unergruͤndlich war, Vulcane zum Vorschein gekommen sind: So ist es wohl sehr sonderbar, wenn noch heut zu Tage so viele Naturforscher jenem blos speculativen Philoso- phen, dem Grafen von Buͤffon , blindlings nachbeten und als ausgemacht an- nehmen, “daß Vulcane nur in den hoͤchsten Gebuͤrgen vorhanden sind,” weil dieser Schriftsteller, zu Unterstuͤtzung seiner Hypothese, vorgiebt, daß dergleichen unterirdische Feuer uͤberall “nur an der Oberflaͤche der Erde” vorhanden waͤren. — Eine zweyte Bemerkung, die wir an dem Vulcan in Tanna gemacht haben, bestehet darinn, daß die staͤrksten Ausbruͤche gemeiniglich nach einem Regen zu erfolgen pflegen; Zwar verschaffte uns der kurze Aufenthalt nicht Gelegenheit, diese Beobachtung oft genug zu wiederholen, um sie fuͤr allgemein auszugeben; doch haben die Erfahrungen anderer Naturforscher ihr bereits die erforderliche Zuver- laͤßigkeit ertheilt. Das Pflanzenreich ist hier in Tanna , sowohl an Zahl als an Verschie- denheit der Arten, von großem Umfang. In den Waͤldern gab es viele uns gaͤnzlich unbekannte, oder doch sonst nur in den Ost-Indischen Inseln vorhandene Gewaͤchse, und in den Plantagen wurden ebenfalls sehr viele Kraͤuter und Wur- zeln gebaut, davon man auf den Societaͤts - und freundschaftlichen Inseln nichts weiß. Solcher Pflanzen die foͤrmlich gehegt und angezogen werden, moͤ- gen wohl mehr als vierzig verschiedene Arten seyn. Von den wildwach- senden verdient die Muscatnuß vorzuͤglich erwaͤhnt zu werden, weil Quiros dies Gewuͤrz fuͤr ein Product seiner Tierra del Espiritu Santo ausgiebt, und dieses Land ohnlaͤugbar mit unter dieser Gruppe von Inseln begriffen seyn muß. Orangen sind ebenfalls vorhanden, ob sie aber wild wachsen oder angepflanzt werden, kann ich nicht bestimmen, weil wir nirgends den Baum, sondern im- in den Jahren 1772 bis 1775. mer nur die Frucht gesehen haben, welche die Weiber zum Verkauf zu bringen 1774. August. pflegten. Das Thierreich ist nicht minder betraͤchtlich, und hat viele schoͤne Gattungen aufzuweisen. Fische sind in großer Menge und Mannichfaltigkeit vorhanden. Wir fiengen, theils mit Netzen theils mit Angeln, eine Art Barbeln, ( mullus ) brasilianische Hechte, Schneffel, Doraden, Cavalhas, Papagoy-Fische, giftige Rochen, zahnlose Rochen, Engelfische, Hayen und Sauger, nebst verschiedenen Sorten von Makrelen und sogenannten Dickkoͤpfen ( mugil ). Nur allein Muscheln sind selten, die Einwohner holen sie aber aus benachbarten Inseln her und ziehen, unter den Schaalen, das Per- lenmutter allen uͤbrigen vor. In den Waͤldern halten sich unzaͤhlich viel Voͤgel auf, besonders allerhand Tauben-Papagoyen- und Fliegenstecher-Arten. Un- ter letzteren gab es auch eine Gattung die in Nen-Seeland haͤufig ist. Naͤchst derselben fanden wir die Ceylanische Eule, eine Baum-Klette, eine Enten-Art, und das purpurfarbne Wasserhuhn. Diese waren gemeiniglich sehr scheu, und muͤssen also wohl von den Einwohnern gejagt werden. Huͤhner und Schweine sind das einzige Zuchtvieh der Einwohner und von wilden vierfuͤßigen Thiereu giebt es blos Ratten und Fledermaͤuse, deren ich bereits gedacht habe. Diese von der Natur so reichlich ausgestattete Insel, wo die Witterung innerhalb des Wendezirkels dennoch gemaͤßiget ist, wird von einem weit min- der gesitteten Volke bewohnt, als die Societaͤts- und freundschaftlichen In- seln , ohnerachtet diese beynahe unter derselben Breite, nur etwas weiter nach Osten zu, liegen. Die Bevoͤlkerung mag sich hoͤchstens auf 20000 Seelen belaufen: Mit dem Anbau des Landes aber ist man, in Verhaͤlt- niß zu dem Umfange der Insel, noch nicht weit gekommen, ausgenommen auf der oͤstwaͤrts vom Haven befindlichen hohen Ebene, welche in diesem Be- tracht ohnstreitig die reichste Gegend ist, die ich in der ganzen Suͤd-See nur gesehen habe. Vielleicht wird man sich wundern, daß in Tanna noch so viel Land wuͤste liegt, da ich doch den Boden als so fruchtbar beschrieben habe. Beym ersten Anblick scheint es freylich, daß diese Eigenschaft des Erdreichs die Urbar- machung ungemein erleichtern muͤsse; allein, ganz im Gegentheil erschwert sie dieselbe vielmehr, wenigstens im Anfange. Die wilden Gewaͤchse, die sich N n 2 Forster’s Reise um die Welt 1774. August. bekanntermaaßen (theils durch Saamen, theils durch die Wurzeln) alle von selbst vermehren, sind nemlich immer um desto schwerer auszurotten, je mehr Nahrung sie in dem Boden finden. Ehe aber diese nicht voͤllig gedaͤmpft sind, laufen alle durch Kunst gezogene, stets zaͤrtlichere und schwaͤchere Pflanzen, Gefahr, verdraͤngt und erstickt zu werden. Diese beyden Umstaͤnde zu- sammengenommen, lassen mich vermuthen, daß die Volksmenge in Tanna bey weitem nicht so groß ist, als sie, dem Umfang der Insel nach, seyn koͤnnte. Die Einwohner halten sich in kleinen Doͤrfern beysammen, deren jedes aus etlichen Familien bestehen mag, und ihre Gewohnheit, bestaͤndig bewaffnet zu gehn, ist ein sicheres Zeichen, daß sie ehemals, vielleicht auch jetzt noch, theils mit be- nachbarten Insulanern, theils untereinander selbst, Krieg fuͤhren. Die inneren Unruhen koͤnnten wohl daher entstanden seyn, daß sich Leute von allerley ver- schiedenen Nationen in Tanna niedergelassen, und einander den Besitz streitig gemacht haͤtten. Zu dieser Vermuthung berechtigt mich wenigstens der Um- stand, daß wir dreyerley verschiedene Sprachen daselbst angetroffen haben, eine nemlich die allgemein gesprochen und verstanden ward, eine andere, die mit der auf den freundschaftlichen-Eylanden eingefuͤhrten Mundart uͤbereinkam, und eine dritte, deren sich vornemlich die auf der Westseite des Havens wohnende Indianer zu bedienen pflegten. Daß diese drey Sprachen ganz und gar von ein- ander abwichen, erkannten wir sehr deutlich an den Namen der Zahlen, die in jeglicher verschieden lauteten. In der herrschenden oder gewoͤhnlichen Sprache bemerkten wir zwey bis drey Woͤrter, die offenbar mit der Mallicollesischen Mundart verwandt sind, und ohngefaͤhr eben so viele kommen mit dem Malayi- schen uͤberein. Im Ganzen aber hat keine von allen dreyen mit irgend einer sonst bekannten etwas gemein. Viele Woͤrter werden stark aspirirt, in andern kommen haͤufig Guttural-Buchstaben vor, doch ist alles dermaaßen mit Selbst- lautern durchwebt, daß die Aussprache leicht und der Klang angenehm wird. Dem geringen Umfange der Inseln im Suͤd-Meer , und dem gaͤnzlichen Mangel an wilden vierfuͤßigen Thieren, muß man es zuschreiben, daß die ersten Einwohner sich nicht, so wie die mehresten anderen Wilden, blos von der Jagd naͤhren, auch nicht ganz allein von der Viehzucht leben konnten, sondern, fast seit dem ersten Augenblick ihrer Niederlassung, gleich auf den Ackerbau bedacht in den Jahren 1772 bis 1775. seyn mußten, vornemlich in solchen Gegenden wo es nicht viel Fische gab. 1774. August. Ohne diese Nothwendigkeit, den Feldbau zu treiben, wuͤrden die Bewohner der tropischen Inseln wohl durchgehends noch nicht zu dem Grade von Civilifation gelangt seyn, den wir wuͤrklich bey ihnen angetroffen haben. Um wie viel es aber eine dieser Voͤlkerschaften der andern hierinn zuvor thut, das laͤßt sich, weil sie durchgehends feste, bleibende Wohnsitze haben, blos danach beurthei- len, ob sie in ihrem haͤuslichen Leben schon mehr oder weniger Bequemlichkeit zu erfinden, oder ihren Handarbeiten mehr oder weniger Zierlichkeit zu geben gewußt. Nach diesem Maaßstabe nun zu rechnen, stehen die Einwohner von Tanna noch ziemlich weit unten; ihre Haͤuser sind nur Schoppen, in keinem Betracht auf Bequemlichkeit eingerichtet, blos ein nothduͤrftiges Obdach gegen uͤbles Wetter. Von Kleidung, nach deren Beschaffenheit sich das Maaß der Civilisation ebenfalls bestimmen laͤßt, wissen sie noch gar nichts, ja sie las- sen es selbst noch an coͤrperlicher Reinlichkeit fehlen, welches fuͤr die Aufnahme des geselliaen Umgangs immer ein großes Hinderniß ist. An statt sich fleis- sig zu baden, wie die Tahitier und ihre Nachbaren thun, bemahlen sie sich lieber mit allerhand Schminken und werden dadurch unreinlich: Aber, neben allen diesen Maͤngeln, zeigen sich doch jetzt schon die Anlagen und Vorbothen zu einer hoͤheren Verfeinerung ganz deutlich. Dahin rechne ich unter andern die Geschicklichkeit ihrer Weiber in der Kochkunst, zu welcher die Mannichfaltigkeit der Nahrungsmittel Anlaß gegeben haben mag. Sie wissen z. B. die Yams und Pi- sangs zu braten oder zu roͤsten; gruͤne Feigenblaͤtter und Okra ( hibiscus esculen- tus, ) zu daͤmpfen und Puddings zu backen, davon der Teig aus Pisangs- und Arum- Wurzeln, die Fuͤlle, aus Cocos-Kernen und Blaͤttern bestehet. Verschiedene Arten von Obst werden auch frisch, so wie sie vom Baume kommen, ohne Zube- reitung, verzehrt. Dann und wann thun sie sich mit einem Stuͤck Schweine- fleisch, oder Federvieh etwas zu gute; der Fischfang mag ihnen ebenfalls manche Mahlzeit liefern, desgleichen die Vogeljagd, wiewohl der Ertrag dieser letzteren nicht als eine taͤgliche Speise, sondern nur als Leckerbissen in Anschlag gebracht werden kann. Sollte das Wohlgefallen an vielen und verschiedenen Gerichten unter dieser Nation zunehmen und allgemein werden; so wuͤrden auch der Acker- bau und alle diejenigen Manufacturen und Kuͤnste, die zu dieser Art des Wohl- N n 3 Forster’s Reise um die Welt 1774. August. lebens gehoͤren, bald staͤrkere Schritte zur Vollkommenheit thun, denn die schwerste Arbeit wird uns leicht und unterhaltend, sobald wir sie aus eigner Willkuͤhr oder zu Vergnuͤgung der Sinne unternehmen: Waͤre aber nur erst in einem Stuͤck fuͤr die Verfeinerung der Sitten gesorgt, so wuͤrde sie auch bald genug in mehreren erfolgen. Schon jetzt hat die Musik hier eine hoͤhere Stuffe der Vollkommenheit erreicht, als irgend sonstwo im Suͤd-Meer , und es ist wohl nicht zu laͤngnen, daß das Wohlgefallen an harmonischen Toͤnen eine gewisse Empfindlichkeit voraussetzt, die der Sittlichkeit den Weg bereitet. — Die Staatsverfassung ist, dem gegenwaͤrtigen Zustande der Nation ge- maͤß, noch sehr unvollkommen. Jedes Dorf, jede Familie ist unabhaͤngig, und vereinigt sich mit den Nachbarn nur alsdenn, wenn ihr gemeinschaftlicher Nutzen es durchaus so erfordert, zum Beyspiel, wenn feindliche Einfaͤlle zu be- fuͤrchten sind. Leute von Jahren und von bewaͤhrter Tapferkeit scheinen bey dem großen Haufen in gewissem Ansehen zu stehen, Rangordnung aber sonst noch un- bekannt zu seyn. Das Interesse so vieler kleinen Partheyen muß einander oft geradehin zuwieder seyn, und sie folglich in Streitigkeiten verwickeln, die dann dem Mißtrauen und der Rachsucht unaufhoͤrliche Nahrung geben. Die- sem Uebel kann allein in der Folge, vermittelst einer staͤrkeren Bevoͤlkerung, abge- holfen werden; der Wachsthum dieser letzteren wird sie nemlich, dringender als jede andere Ursach, noͤthigen, auf eine gewisse gesellschaftliche Vereinigung zu denken und die Regierungsform auf festeren Fuß zu setzen. Die Verfertigung der Waffen, auf welche sie jetzt den groͤßten Theil ihrer Zeit verwenden muͤssen, wuͤrde alsdenn, bey muͤßigen Stunden, gleichsam nur zum Zeitvertreib duͤrfen vorgenommen werden, und die Folgen eines solchen oͤffentlichen Ruhestandes, ge- genseitiges Zutrauen und allgemeine Sicherheit, wuͤrden ihnen Muße verschaf- fen, es in der Zierlichkeit aller Arten von Handarbeiten eben so weit zu bringen, als die Einwohner der Freundschaftlichen-Inseln. Wie viel der Umgang mit den benachbarten Insulanern zu Beschleunigung dieses Zeitpuncts beytragen moͤchte, laͤßt sich so genau nicht angeben; im Ganzen aber ists wohl ausgemacht, daß, durch den Handel, der Fortgang der Civilisation ungemein befoͤrdert wird. Von der Religion der Tanneser wissen wir nichts zu sagen. Der feyer- liche Gesang, den man fast jeden Morgen an der oͤstlichen Spitze des Havens in den Jahren 1772 bis 1775. hoͤrte, brachte uns zwar auf die Vermuthung, daß dort im Walde irgendwo ein 1774. August. gottesdienstlicher Versammlungs-Platz befindlich sey, doch konnten wir es nicht zur Gewißheit bringen, weil uns die Einwohner allemahl sorgfaͤltig von dieser Gegend zu entfernen suchten. In ihrem uͤbrigen Betragen war ebenfalls nicht die geringfte Spur einer aͤusserlichen Gottesverehrung, nirgends etwas andaͤch- tiges, sogar nichts aberglaͤubisches zu entdecken, man muͤßte ihnen denn die Gewohn- heit dazu aurechnen wollen, daß sie das was wir ihnen schenkten, nicht mit bloßen Haͤnden, sondern vermittelst eines frischen Blattes anzuruͤhren pflegten: Allein, auch dieser Umstand ward bey weitem nicht durchgehends beobachtet und fast gaͤnzlich unterlassen, sobald wir nur einigermaaßen mit einander bekannt wurden. Indessen wird freylich auch dieses Volk nicht ganz ohne Religion seyn, denn der Gedancke vom Daseyn eines hoͤchsten Wesens findet sich gewiß schon bey dem rohesten Wilden, nur daß seine unmittelbaren Beduͤrfnisse ihn dann noch abhalten demselben weiter nachzuhaͤngen; koͤnnen diese erst mit we- niger Muͤhe und in kuͤrzerer Zeit befriedigt werden, dann entwickelt sich auch die denckende Kraft des Menschen bald genug, und erhebt sich endlich in ihren Un- tersuchungen bis jenseits der Koͤrperwelt. So haͤngt selbst das Wachsthum der Got- tes-Erkenntniß von dem Fortgange der Civilisation ab! Gewissere und wichtigere Beobachtungen, oder gar, einen vollstaͤndigen Abriß vom ganzen Umfang der Kenntnisse dieser Insulaner, wird hoffentlich niemand er- warten oder fordern, der die kurze Dauer unsers hiesigen Aufenthalts und die Hinder- nisse bedenkt, welche das Mistrauen der Einwohner uns aufaͤnglich in den Weg legte. Diesen allein ist es beyzumessen, daß so manche Puncte, besonders die im haͤusli- chen Leben eingefuͤhrten Gebraͤuche, uns gaͤnzlich unbekannt geblieben sind. Bey feyerlichen Gelegenheiten, z. B. bey Heyrathen, Geburten und Todesfaͤllen, pflegen alle Voͤlcker gewisse besondere Ceremonien zu beobachten, und diese moͤgen in Tanna so einfach als moͤglich seyn; so werden sie dennoch das ihrige beytragen, den noch nicht genugsam bekannten Character dieser Nation naͤher zu bestimmen. Capitain Cook hat gleichwohl, auf einem Spatziergange, eine Begraͤbniß-Huͤtte entdeckt. Sie war viel kleiner als die gewoͤhnlichen Wohnhuͤtten und stand innerhalb einer Pflan- zung. Er war neugierig sie in naͤheren Augenschein zu nehmen und beredete einen Alten mit ihm hineinzugehen. In einer Entfernung von vier bis fuͤnf Fuß, war sie ringsumher Forster’s Reise um die Welt 1774. August. Hier ist indessen, was wir selbst davon bemerkt haben: Sie sind von ungleich ernsthafterer Gemuͤthsart, als die Bewohner der Societaͤts-Inseln , ja selbst ernsthafter als die Wilden von Mallicolo , und, nach der Aufnahme zu urthei- len, welche uns die auf der flachen Anhoͤhe wohnenden Familien wiederfahren ließen, koͤnnen wir ihnen auch Gastfreyheit und allgemeine Menschenliebe nicht absprechen, wenn sie nur nicht, durch Besorgniß fuͤr ihre Sicherheit, abgehalten werden diese Eigenschaften zu aͤußern. Gegen ihre Frauenspersonen betrugen sie sich zwar nicht ganz so guͤtlich als sie billigerweise thun sollten, jedoch auch bey weitem nicht so hart oder gar grausam als die Neu-Seelaͤnder ; im Gegentheil scheint es, daß sie sich bereits dem Grade von Sanftmuth naͤhern, den die Einwoh- ner der freundschaftlichen - und Societaͤts-Inseln , in ihrer Behandlung des andern Geschlechts blicken lassen. Daß sie unerschrocken und tapfer waren, zeigte sich bey jeder Veranlassung; auch fuͤr großmuͤthig muß ich sie erkennen, denn so betrugen sie sich nach der Ermordung ihres Landsmannes, vorzuͤglich gegen Dr. Sparrmann und mich, als sie uns, im Walde, so ganz in ihrer Gewalt hatten. Daß es ihnen endlich auch keinesweges an Verstand fehle, haben wir bey mit einer Verzaͤunung umgeben, und diese an einer Stelle so niedrig, daß man bequem daruͤber wegsteigen konnte. Ein Ende der Huͤtte war zugemacht; das andere schlen vor- mals offen gewesen zu seyn, befand sich aber jetzt mit Matten zugehangen, welche der Alte nicht wegnehmen, und dem Capitain auch nicht einmahl an die Seite zu schieben er- lauben wollte. An eben diesem Ende der Huͤlte hieng ein Korb oder Beutel, von Matten, darinn ein Stuͤck Yam und etliche frische Blaͤtter lagen. Da Capitain Cook noch ferneres Verlangen bezeigte, das Innere der Huͤtte zu untersuchen; so ward der Alte unwillig, und wollte ihn nicht einmahl laͤnger in den Korb hinein sehen lassen. Zugleich deutete er durch Zeichen an, daß ein Leichnam in der Huͤtte laͤge. Dieser Mann hatte eine Halsschnur um, an welcher zwo oder drey Locken von Menschenhaar befestigt wa- ten, und eine Frau, die neben ihm stand, hatte dergleichen mehrere. Der Capitain ver- suchte es, diese Zierrath einzutauschen, allein sie gaben ihm zu verstehen, daß solche von dem Haare des in der Huͤtte beygesetzten Leichnams waͤren, und dieserhalb nicht veraͤußert werden duͤrften. Es ist also hier in Tanna , eben so wie auf den Societaͤts-Inseln , den Marquesas und in Neu-Seeland , eingefuͤhrt, das Haar der Verstorbenen zum Anden- ken, oder als ein Zeichen der Trauer, zu tragen. Ob aber die Todten hier, so wie in Tahiti , uͤber der Erde verwesen, oder ob sie eingescharrt werden? bleibt, in Ermang- lung naͤherer Untersuchung, noch immer unentschieden. ( a Voyage towards the South Pole \& c. Vol II. pag. 67.) in den Jahren 1772 bis 1775. bey manchen Gelegenheiten deutlich und bis zur Bewunderung wahrgenommen. 1774. August. Das waͤre denn ihre gute Seite; auf der anderen laͤßt sich nun freylich so wohl aus ihrem anfaͤnglichen Betragen, als aus der Gewohnheit, nie ohne Waffen zu gehn, genugsam abnehmen, daß sie aͤußerst mißtrauisch seyn muͤssen, und da sie selbst sich fuͤr Menschenfresser ausgeben; so wird ihnen wohl nicht zu viel geschehen, wenn wir sie auch fuͤr hoͤchst rachsuͤchtig und, in ihren Leidenschaften, fuͤr unbaͤndig erklaͤren. Vielleicht wuͤrde der Umgang mit uns Europaͤern Nutzen ge- stiftet und den Wachsthum der Sittlichkeit befoͤrdert haben, wenn die letzte unuͤberlegte That nicht alle guͤnstige Eindruͤcke, welche sie etwa schon angenom- men haben mochten, zu schnell wiederum ausgeloͤscht haͤtte! Europaͤische Waaren standen in keinem oder doch nur sehr geringem Werth: Da wir aber eine Menge Naͤgel, imgleichen einige Aexte unter sie ausgetheilt haben; so wird ihnen die Dauerhaftigkeit dieses Metalls den Werth desselben erkennen lehren, und sie ver- muthlich geneigt machen, bey der naͤchsten Anwesenheit eines europaͤischen Schif- fes, allerhand Lebensmittel dafuͤr herzugeben. — Nun waren wir also wieder in See und steuerten ostwaͤrts, nach der Insel Irronan hin. Der Aufenthalt in Tanna hatte uns drey bis vier Mahlzeiten von frischen Fischen, imgleichen einen kleinen Vorrath Yams verschafft, der aber fuͤr die Kranken aufbewahrt werden mußte. Es stellten sich nemlich jetzo unter den Matrosen Fieber ein, und blos diese Patienten waren es, denen, statt des ungesunden Zwiebacks und gepoͤkelten Rindfleisches, kleine Por- tionen von Yams ausgetheilt werden durften. Abends gelangten wir ziemlich nahe an die Insel Irronan , welche ohngefaͤhr zwoͤlf See-Meilen ostwaͤrts von Tanna liegt und aus einem hohen Tafelberge besteht. Die Nacht uͤber ward mit Laviren zugebracht, und am naͤchsten Morgen die Lage der Insel Anattom auf 20 Grad 3 Secunden Suͤder-Breite und 170 Grad 5 Secunden oͤstlicher Laͤnge bestimmt. Sie ist etwas kleiner als Tanna ; doch konnten wir, der Ent- fernung wegen, nicht genau festsetzen um wie viel; indessen schienen die Berge auf beyden Inseln, fast von gleicher Hoͤhe zu seyn. Da nun, auch von hier aus, weiter gegen Suͤden hin, nirgends mehr Land zum Vorschein kam; so steuerten wir, laͤngst der suͤdwestlichen Kuͤste von Tanna wiederum nach Norden hinauf. An dieser Seite hatte die Insel ein sehr fruchtbares Ansehen, indem die Berge und Huͤgel Forster’s Reise u. d. W. zweyter Th. O o Forster’s Reise um die Welt 1774. August. uͤberall sanft abhaͤngend, und durchgehends mit stattlichen Holzungen bewachsen waren. Ein frischer Wind beguͤnstigte unsre Fahrt dermaaßen, daß wir am folgenden Morgen (d. 22.) schon an der Suͤd-Westseite von Irromanga hinse- gelten. Capitain Cook war nemlich gesonnen, die westlichen Kuͤsten aller hier beysammen liegenden Inseln genauer zu untersuchen, und hauptsaͤchlich das große Eyland welches Herr von Bougainville nordwaͤrts von Mallicollo entdeckt hatte, nicht zu vergessen. Noch vor Sonnen-Untergang gelangten wir an die suͤdlichen Ufer von Sandwich Eyland , die uns weit fruchtbarer und reicher an Waldung vorkamen, als auf der Nordseite, wo wir ehemals, auf dem Hinwege vorbey gesegelt waren. Auch fehlte es dieser Insel nicht an einem Haven, der von vier kleinen und niedrigen, aber doch mit schattigen Baͤumen bewachsenen Inseln gedeckt wurde, folglich eben so sicher als anmuthig zu seyn schien. Die ganze Nacht uͤber gieng unsere Fahrt so schnell fort, daß wir am Morgen die Inseln Apih , Pauhm und Ambrrym wiederum zu Gesicht beka- men, und bald nachher schon an der Suͤd Westseite von Mallicollo hinsteuerten. In dieser Gegend schien der Pik von Pauhm von dem daran liegenden Eylande abgesondert zu seyn; doch kann es auch, der damaligen Richtung des Schiffes wegen, nur so geschienen haben, und mag besagter Berg demohnerachtet wohl, durch eine schmale Erdzunge, mit der Insel selbst zusammen haͤngen. Die schoͤnen Waldungen, womit Mallicollo auch an dieser Seite reichlich versehen war, setzten uns von neuem in ein angenehmes Erstaunen, und der Rauch, der an unzaͤhli- gen Orten empor stieg, ließ mit Grunde eine ansehnliche Bevoͤlkerung vermuthen. Bald darauf entdeckten wir eine geraͤumige Bay, mit einem schoͤnen Strande und zwey kleinen Inseln. Auch dort schien die Gegend uͤberaus fruchtbar, und gut bewohnt zu seyn. Sie war zu schoͤn, als daß nicht jedermann die Au- gen daran haͤtte weiden sollen, zumal da der Anblick einer Menge Indianer, die sich am Strande versammlet hatten, unsre Neugier noch mehr rege machte. Gegen Mittag stießen zwey Canots vom Lande ab und ruderten uns entgegen; sie mußten aber bald zuruͤck kehren, weil wir fuͤr ihre Fahrzeuge viel zu schnell se- gelten. Jenseits dem Nordwest-Ende der Bay verlor das Land etwas von seiner Annehmlichkeit, indem sich hin und wieder unfruchtbare Stellen zeigten. Demohnerachtet waren, selbst auf den hoͤchsten Gipfeln der Berge, Rauch in den Jahren 1772 bis 1775. und Wohnungen, und eben daselbst des Nachts an mehrern Orten große Reihen 1774. August. von Wachtfeuern zu sehen, die oͤfters wohl eine halbe Meile lang seyn moch- ten. Waͤhrend der Nacht liefen wir um die noͤrdliche Spitze von Mallicollo und befanden uns bey Tages Anbruch, am 24sten, schon ziemlich weit in der Durch- fahrt, die Bougainville zwischen Mallicollo und einer andern, mehr gen Norden gelegenen, Insel entdeckt hat. Mallicollo liegt ohngefaͤhr von Nord- Nord-West gen Suͤd-Suͤd-Ost, und die noͤrdliche Spitze unterm 15ten Grad 50 Secunden Suͤder Breite und 167 Grad 23 Secunden oͤstlicher Laͤnge. Das an der Nordseite der Durchfahrt befindliche Land schien von weitem Umfange, sehr hoch und bergigt zu seyn, und an der suͤdlichen Kuͤste desselben lagen viele kleine Inseln von mittler Hoͤhe, mit ansehnlichen Baͤumen bewachsen. Bey dem heitern Wetter, welches wir auf dieser Fahrt hatten, waren die Schoͤnheiten dieser Gegenden sehr genau zu sehen, und das Vergnuͤgen so viele reiche Aussichten vor Augen zu haben, mußte uns gewissermaaßen die schlechte Kost versuͤßen, die jetzt, einen Tag wie den andern, ohne Abwechslung aus alten unschmackhaften Schiffs-Vorraͤthen bestand. Das Land, welches wir gegen Norden sahen, ist vermuthlich eben das- jenige, welches von dem erfahrnen Seemann, Quiros , entdeckt, mit dem Namen Tierra del Espiritu Santo (Land des heil. Geists) belegt, und damals fuͤr ein Stuͤck eines Continents oder festen Landes gehalten wurde. Die Bay St. Philipp und St. Jago , darinn Er ankerte, mag wohl innerhalb der kleinen Inseln befindlich seyn, die wir laͤngft der Kuͤste liegen sahen, denn wir bemerk- ten hinter selbigen wirklich etwas, einer Bay aͤhnliches; der Capitain wollte sich aber nicht die Zeit nehmen es naͤher zu untersuchen, sondern begnuͤgte sich, die kleinen Eylande, nach dem Tage an welchem wir sie zuerst erblickt hatten, Bartholomaͤus-Eylande zu nennen. Nunmehr bekamen wir auch die Insel der Aussaͤtzigen ( Isle aux Le- preux ) und Aurora , beyde ziemlich weit gegen Osten, zu Gesicht, und steuer- ten, laͤngst der oͤstlichen Kuͤste von Tierra del Espiritu Santo , gerade nach Norden hinauf. An dieser befand sich eine Menge kleiner Eylande, die Herr von Bougainville nicht gesehen hatte; sie waren, so wie die große Insel, von fruchtbarem Ansehen und uͤberall mit Waldung bedeckt, aus welcher, an unzaͤh- O o 2 Forster’s Reise um die Welt 1774. August. ligen Orten, Rauch empor stieg, ein sicheres Merkmal, daß sie reichlich bevoͤl- kert seyn mußten. Die Nacht hindurch kreuzten wir ab und zu, und befanden uns fruͤh Morgens den noͤrdlichsten Eylanden gegenuͤber, woselbst auch von der großen Insel bereits das noͤrdlichste Ende zum Vorschein kam. Es zeigte sich jetzt, daß die kleinen Eylande mehrentheils von einerley Gestalt, nemlich lange, schmale Stuͤcken Landes, an einem Ende steil, am noͤrdlichen aber niedrig und wie eine lange Erdzunge geformt waren. Der abschuͤßige Theil sahe gemeiniglich weiß, wie Kreide, aus, und unter den Baͤumen entdeckten wir nirgends Palmen, sondern mehrentheils Casuarina-Holz. Am schoͤnsten nahm sich der Pro- spect aus, als wir an den noͤrdlichen Ufern dieser kleinen Eylande hinsegelten und sie nun, eins nach dem andern, sich von der groͤßern Insel absetzten, so daß man zwischen all den kleinen Durchfahrten, frey durchsehen konnte. End- lich lenkten wir westwaͤrts, und entdeckten hinter einem auf der Haupt-In- sel ( Tierra del Espiritu Santo ) gelegenen Vorgebirge, eine sehr geraͤumige Bay, die am Eingange nicht weniger als fuͤnf starke See-Meilen breit und von verhaͤltnißmaͤßiger Tiefe war. Die Ufer reichten nemlich zu beyden Seiten wenigstens sieben Meilen weit ins Land und liefen, diese ganze Strecke uͤber, parallel, bis an einen schoͤnen Strand, der im Hintergrunde zu sehen war und das Ende der Bay ausmachte. Die umliegende Gegend bestand, auf viele Meilen weit, theils aus Huͤgeln ven mittelmaͤßiger Hoͤhe, theils aus breiten Thaͤlern, und schien uͤberall anmuthig, fruchtbar und bewohnt zu seyn. Auf dem westlichen Ufer der Bay kamen, vornemlich gegen Abend, viele von den Eingebohrnen zum Vorschein. Nachdem sie uns lange genug angegafft hatten, stießen etliche, in einem Canot das nach Art der Mallicollesischen Fahr- zeuge gebauet war, vom Lande, und ruderten auf uns zu. Wir suchten sie durch alle ersinnliche Freundschafts-Zeichen der besten Aufnahme im Voraus zu versichern, demohnerachtet getraueten sie sich nicht ganz nahe heran. Es wun- derte uns, den an dieser Seite der Bay befindlichen Berg, seines steilen Auf- gangs ohnerachtet, reichlich mit Baͤumen bewachsen und auch stark bewohnt zu sehen. Vom Fuß desselben lief ein niedriger, ebener Streif Landes, eine bis zwo Meilen weit, in die Bay, und machte eine Art von Bucht aus, worinn wir gern geankert haͤtten, weil es eben windstill und dunkel zu werden anfieng. In in den Jahren 1772 bis 1775. dieser Absicht warfen wir das Senkbley an verschiedenen Stellen, fanden aber, 1774. August. eine Meile weit vom Strande, mit 130 und 140 Faden nirgends Grund. Bald darauf ward es voͤllig Nacht, so daß man das Ufer nur beym Schimmer der hin und wieder aufflammenden Feuer erkennen konnte. Wir waren also in einer ziemlich unsichern Lage und schon im Begriff die Boͤte auszusetzen, um das Schiff boogsiren zu lassen, als ein Luͤftchen aufstieg, mit dessen Huͤlfe wir mitten in die Bay segelten. Daselbst erwarteten wir das Tageslicht, und fuhren hernach fort, bey schwachem Winde, suͤdwaͤrts in die Bay hinein zu steuern; dies waͤhrete aber nicht lange, denn gegen Mittag hatten wir schon wieder Windstille. Nach Tische mußten zwey Boͤte tiefer in die Bay rudern, um sich, im Innersten derselben, nach einem Haven oder Fluß umzusehen, wovon, der Entfernung wegen, vom Schiff aus, nichts zu erkennen war. Waͤhrend dieser Zeit kamen drey Ca- nots, mit dreyeckigten Segeln, vom Ufer und naͤherten sich ziemlich schnell. In jedem saßen vier bis fuͤnf Mann, die ganz nackt und mit den Mallicollesern von einerley Farbe, von Statur aber groͤßer, auch von staͤrkeren Gliedmas- sen waren. Das Haar schien wolligt, und der Bart gekraͤuselt zu seyn. Auf dem Scheitel trugen sie einen Federbusch; andre hatten eine weiße Muschel vor die Stirn gebunden, und noch andre ein Blatt der Sago-Palme, wie eine Muͤtze, um den Kopf gewickelt. Ihre Armbaͤnder bestanden aus Muschelwerk und wa- ren denen, die in Mallicollo Mode sind, voͤllig aͤhnlich. Um den Leib trugen sie einen schmalen Guͤrtel, davon hinten und vorn ein langes Stuͤck Mattenwerk, ohngefaͤhr 5 Zoll breit, bis an die Knie herab hieng. Die Canots waren, gleich denen von Mallicollo , schlecht gearbeitet und mit Auslegern versehen, auch lagen einige Speere mit zwey bis drey Spitzen darinn, die unstreitig zum Fisch- fang dienten; außer diesen hatten die Leute gar keine Waffen. Sobald sie uns nahe genug duͤnkten, riefen wir ihnen zu, und ließen Medaillen, Naͤgel, Tahitisches Zeug und rothen Boy herab, welches sie ungesaͤumt in Empfang nah- men. Von allen diesen Kleinigkeiten machten ihnen die Naͤgel die mehreste Freude; sie muͤssen also dieses Metall bereits kennen. Vielleicht ist seit Quiros Zeiten etwas Eisenwerk allhier zuruͤckgeblieben und, durch seine Dauerhaftigkeit, bey den Emwohnern beliebt geworden. An demselben Strick, mit welchem wir ihnen unsre Geschenke herunter ließen, schickten sie uns einen Zweig des Pfeffer- O o 3 Forster’s Reise um die Welt 1774. August. Baums herauf, außer diesem Freundschafts-Zeichen hatten sie aber nichts zu geben. Wir redeten sie verschiedentlich an, und sie antworteten etlichemale, doch ver- stand keiner den andern. Endlich fiel es mir bey, die Zahlen, in der Sprache der freundschaftlichen Eylande , herzunennen, und kaum hatte ich zu zaͤhlen an- gefangen, so unterbrachen sie mich und zaͤhlten, in derselben Mundart, richtig bis zehn fort. Darauf deutete ich mit dem Finger aufs Land, und verlangte den Namen der Insel zu wissen. Sie antworteten mir mit dem Wort Fannua , welches in vorgedachtem Dialekte so viel als Land bedeutet. Die schoͤne, ebene Gegend, um die Bay herum, nannten sie Talla-òni , und theilten uns auf eben die Art, noch die Benennungen verschiedener andrer Gebiete mit, fuͤr das Ganze aber gaben sie keinen eignen Namen an, weshalb wir die von Quiros herstammende Benennung: Tierra del Espiritu Santo (Land des heil. Geistes) beybehielten. Die Sprachen von Mallicollo und Tanna waren die- sen Leuten entweder unbekannt, oder wenigstens, so als wir sie ausspra- chen, unverstaͤndlich. Beym Anblick unsrer vom Lande wiederkommenden Boo- te, kehrten auch sie dahin zuruͤck, zumal da die Sonne bereits unterge- hen wollte. — Lieutenant Pickersgill , der die Boote commandirt hatte, berichtete, daß er nicht ehe als innerhalb zwo bis drey Kabels-Laͤngen Eine Kabels-Laͤnge betraͤgt hundert Faden, deren jeder sieben englische Fuß lang ist. vom Ufer, dort aber sehr guten Ankergrund gefunden habe. Eben daselbst war auch ein schoͤner Fluß vorhanden und die Muͤndung desselben tief genug fuͤr ein Boot; der Lieutenant fuhr also hinein und landete auf der einen Seite des Ufers, indeß auf der andern eine Menge Einwohner aus dem Gebuͤsch hervorguckten; gegen diese ließ er es an keiner Art von freundschaftlichem Zuruf und Zuwinken fehlen, da aber gleichwohl nicht ein einziger zum Heruͤberkommen zu bewegen war; so kehrte er nach dem Schiffe zuruͤck, die Bote wurden wiederum eingehoben, und wir segel- ten bey gelindem Winde allmaͤhlig aus der Bay. Capitain Cook gab ihr den Namen St. Philipp und St. Jago ; ob es aber eben dieselbe ist, die Quiros unter gleichem Namen anfuͤhrt, laͤßt sich nicht mit voͤlliger Gewißheit entschei- den. Wenigstens haben wir den Haven Vera Cruz nicht darinn angetroffen, von welchem gedachter spanische Seefahrer meldet, er koͤnne tausend Schiffe ent- in den Jahren 1772 bis 1775. halten. Siehe Herrn Dalrymple’s Collection of voyages \&c. in the S. Pacifick Ocean . Vol. I. p. 132. 142. 169. Die oͤstliche Landspitze der Einfahrt, nannten wir Cap Quiros , sie 1774. August. liegt unter 14 Grad 55 Secunden Suͤder-Breite, und 167 Grad 14 Minuten oͤst- licher Laͤnge. Der westlichen gaben wir den Namen, Cap Cumberland ; diese liegt etwas weiter gegen Norden, nemlich unter 14 Grad 38 Minuten suͤd- licher Breite, und 166 Grad 52 Secunden oͤstlicher Laͤnge. Fruͤh Morgens befan- den wir uns derselben gegenuͤber, fuhren vollends aus der Bay, und sodann westwaͤrts laͤngst der noͤrdlichen Kuͤste hin, doch gieng es, der Windstillen und schwachen Winde halber, ziemlich langsam. Was Quiros von der Anmuth und Fruchtbarkeit dieses Landes ruͤhmt, ist sehr gegruͤndet; es duͤnkte mir, in der That, eines der schoͤnsten, die ich je gesehn. Im Pflanzenreiche wuͤrde fuͤr den Naturforscher unstreitig manche schoͤne Endeckung zu machen gewesen seyn, zumal da die Insel, ( Neu-Seeland ausgenommen,) das groͤßte Land, welches wir bisher angetroffen, und uͤberdem noch von keinem Naturkundiger besucht worden war. Allein, das Studium der Natur ward auf der Reise immer nur als Neben- sache betrachtet; man handelte hierinn der Absicht des Koͤnigs gerade zuwider, und that nicht anders, als ob der Zweck der ganzen Unternehmung blos darauf hin- ausliefe, in der suͤdlichen Halbkugel “nach einer neuen Curslinie” umherzusegeln! Ein Gluͤck war’s, daß, wenigstens dann und wann, die Beduͤrfnisse der Mann- schaft mit dem Vortheil der Wissenschaften einerley Gegenstand hatten; sonst wuͤrden die letztern vielleicht ganz leer ausgegangen seyn. Nachmittags ward ein Hayfisch gefangen, der uns am folgenden Tage eine frische Mahlzeit lieferte. Auf seinem Ruͤcken saß ein kleines Insekt, vom Geschlecht des Monoculus, und jener besondern Art sehr aͤhnlich, die sich in den Kiefern des Lachsen aufhaͤlt. Auch fand sich in unsrer kleinen Bibliothek, beym Wegruͤcken etlicher Buͤcher, ein Scorpion der, vermuthlich von den Freundschaftlichen-Eylanden , mit einem Buͤschel Pisangfruͤchte, an Bord gekommen seyn mochte. Abends fiengen wir einen Toͤlpel, der sich auf die große Raa niedergelassen hatte und zu der Art gehoͤrte, die beym Linne' Pele- canus Fiber heißt. Am naͤchsten Tage wehte der Wind noch immer so schwach, daß wir, an der westlichen Kuͤste von Tierra del Espiritu Santo , nur ganz Forster’s Reise um die Welt 1774. August. langsam herabkamen. Von der Menge verschiedener Fische, die um das Schiff schwammen, wurden zwo Albecoren gefangen und, nach vielen mislungenen Versuchen, auch ein Dorade mit dem Harpun getroffen. Das Land war an dieser Seite hoch, die Berge sehr steil, und des Nachts an vielen Orten Feuer zu sehen die vermuthlich angelegt seyn mochten, um einen Theil der Waldun- gen niederzubrennen, an deren Stelle Pflanzungen eingerichtet werden sollten. Quiros bemerkte auch dergleichen Feuer, und vermuthete, wie wir anfaͤnglich ebenfalls thaten, daß es Freuden-Feuer wegen Ankunft des Schiffs waͤren. Am 30sten und 31sten drehete sich der Wind nach Suͤden, so daß wir ab und zu lavi- ren mußten um die suͤdwestliche Spitze der Insel zu erreichen. Diese Landspitze nannten wir Cap Lisburne ; sie liegt unterm 15ten Grad 35 Secunden Suͤder- Breite und 167 Grad oͤstlicher Laͤnge. Von dort aus liefen wir nochmals in die Durchfahrt zwischen Mallicollo und Tierra del Espiritu Santo , damit an voͤlliger Umschiffung dieser letztern Insel nicht das geringste fehlen moͤchte. Dadurch bekamen wir auch Gelegenheit die Bay zu sehen, welche Herr von Bougainville auf seiner Charte angezeigt hat. Einige der Bartholomaͤus- Eylande decken die Einfahrt derselben, doch schien sie nicht so groß zu seyn, als besagte Charte angiebt. Nunmehro hatten wir unsern Endzweck, den allhier befindlichen Haufen von Inseln ganz zu umschiffen, voͤllig erreicht. Er be- stand aus zehen großen und einer Menge kleinerer Eylande die, von allen im Suͤd-Meer bekannten, am weitesten gegen Westen liegen, bisher aber, ihrem eigentlichen Umfange und Zusammenhange nach, noch von keinem Seefah- rer untersucht worden waren, auch noch keinen allgemeinen Namen fuͤhrten. Diesen ertheilte ihnen Capitain Cook ; Er nannte sie nemlich, in Beziehung auf die an der westlichen Kuͤste von Schottland befindlichen Hebridischen Inseln , die Neuen Hebriden . Es war 6 Uhr Abends als wir das Schiff um- wandten und, mit dem suͤdoͤstlichen Passatwinde, von den Neuen Hebriden weg, nach Suͤd-Suͤd-Westen steuerten. Diese Gruppe von Eylanden, die wir in- nerhalb 46 Tagen nur obenhin untersucht hatten, scheint der Aufmerksamkeit kuͤnf- tiger Seefahrer werth zu seyn, zumal wenn je wieder eine Reise in der ruͤhmlichen Absicht unternommen werden sollte, den Fortgang der Wissenschaften zu befoͤr- dern. Ich brauche nicht, wie Quiros , vorzugeben, daß großer Reichthum an in den Jahren 1772 bis 1775. an Silber und Perlen hier zu finden sey. Jener mußte freylich so sagen, um 1774. August. einen eigennuͤtzigen Hof nur einigermaaßen zu seinem großen, geistvollen Vorha- ben anzuspornen: Jetzt aber sind dergleichen Lockungen, Gottlob, so noͤthig nicht mehr. Schon haben die maͤchtigsten unter den Beherrschern Europens mehr als eine Reise nach entfernten Weltgegenden veranstaltet, blos um den Anwachs nuͤtz- licher Kenntnisse und den allgemeinen Vortheil des menschlichen Geschlechts zu beguͤnstigen. Sie scheinen endlich einmal inne geworden zu seyn, daß sich, fuͤr eben das Geld was sonst zu Besoldung feiler Lustigmacher und Schmeichler erfor- dert wurde, die glaͤnzendsten Progressen, ja foͤrmliche Revolutionen, in den Wissen- schaften bewerkstelligen lassen, und daß die Gelehrsamkeit, von je her, nur ge- ringer Unterstuͤtzung bedurft hat, um alle Hindernisse zu besiegen, welche Unwis- senheit, Neid und Aberglauben ihr in den Weg legten. — Die natuͤrlichen Pro- ducte der Neuen Hebriden , alles eingebildeten Reichthums nicht zu gedenken, sind es, meines Erachtens, schon allein werth, von neuem und zwar genauer als diesmal untersucht zu werden. Ihre Vulkane, ihre Pflanzen, ihre Be- wohner, muͤßten einem Ferber , einem Solander , und jedem philosophischen Beobachter des Menschen, gewiß reichliche Beschaͤftigung geben! Herr Ferber ist ja der erste und einzige Mann, der eine mineralogische Beschreibung des Vesuvs , so wie sie Gelehrte von einem Gelehrten wuͤnschen koͤnnen, herausgegeben hat. Man sehe seine Briefe an den Baron von Born . Nunmehro richteten wir unsern Lauf gen Suͤden, um die Suͤd-See in ihrer groͤßten Breite, nemlich bis zur Spitze von America hin, zu durch- kreutzen. So weit dieser Weg und so entkraͤftet auch unsre Mannschaft war, weil sie lange Zeit uͤber, und noch dazu in warmen Gegenden, nichts als ein- gesalzene Speisen genossen; so hatte sich der Capitain dennoch vorgenommen, auf der ganzen Fahrt nirgends anzulegen. Waͤre dieser Anschlag zur Ausfuͤhrung ge- kommen; so haͤtten wir unfehlbar mehrere von unsern Leuten eingebuͤßt, denn sie konnten wohl nicht alle noch laͤngere Fasten ausstehen. Gluͤcklicherwei- se hatten wir aber kaum drey Tage lang denselben Lauf gehalten, als uns ein großes Land aufstieß, das noch kein Europaͤer gesehn, und nun bekam der Rest unsrer Unternehmungen im Suͤdmeer , auf einmal eine ganz andere Wendung. Forster’s Reise u. die W. zweyter Th. P p Forster’s Reise um die Welt Siebentes Hauptstuͤck . Entdeckung von Neu-Caledonien — Nachricht von un- serm dortigen Aufenthalt — Fahrt laͤngst der Kuͤste bis zur Ab- reise. Entdeckung von Norfolk-Eyland . — Ruͤckkehr nach Neu-Seeland . 1774. Septem- ber. A m 4ten September, Morgens um 7 Uhr, entdeckte ein Schiffs-Cadet, vom Mastkorbe aus, gen Suͤden hin, Land, welches sich weit nach Westen, zum Theil auch nach Suͤd-Osten erstreckte. Es schien von betraͤcht- licher Hoͤhe, und des neblichten Wetters halber, noch ziemlich weit von uns zu seyn; als sich jedoch die Luft ausgehellt hatte, sahen wir, daß die Entfernung kaum 8 See-Meilen betragen mochte; indessen war es zugleich windstill gewor- den, so daß wir uns, zu jedermanns großem Mißvergnuͤgen, dieser unerwarteten Kuͤste nur aͤußerst langsam naͤherten. Herr von Boungainville erzaͤhlt in seiner Reisebeschreibung, daß er, bey heftigem Winde, der die See sehr hoch gethuͤrmt, auf einmal in eine Gegend gekommen, wo das Meer ganz ruhig gewesen, ohnerach- tet derselbe Wind noch immer mit gleicher Heftigkeit fortgewehet habe. Eben da- selbst, (fuͤgt er hinzu,) trieben etliche Stuͤcken Holz, desgleichen Fruͤchte, bey dem Schiffe voruͤber, woraus ich schloß, daß eine Kuͤste in der Nachbarschaft vorhanden seyn muͤsse. Und so verhielt sich’s wuͤrklich, denn der von ihm ange- gebenen Lage nach, ist er damals gerade nordwestwaͤrts von dem nehmlichen Lande gewesen, welches wir jetzo vor uns hatten. S. des Hrn. von Bougainville’s Reisen. Die anhaltende Windstille machte, daß wir uns am Nachmittage noch immer ziemlich weit vom Ufer befanden, doch konnte man bereits an mehreren Orten Rauch empor steigen sehen, und folg- lich mit Wahrscheinlichkeit das Land fuͤr bewohnt halten. Der Officier, der im Mastkorbe war, machte uns zugleich Hoffnung einen neuen Vulcan zu untersu- chen, indem er vorgab, er haͤtte aus einem Berge Flammen hervorbrechen gesehn. Es muß aber wohl nur eine Taͤuschung gewesen seyn, denn wir haben nachher auf der ganzen Insel nicht einmal vulcanische Producte, geschweige denn einen wirk- in den Jahren 1772 bis 1775. lich brennenden Berg ausfindig machen koͤnnen. Das zuerst entdeckte Vorge- 1774. Septem- ber. buͤrge liegt unterm 20 Grade 30 Minuten Suͤder-Breite und 165 Grad 2 Se- cunden oͤstlicher Laͤnge, und ward, nach dem Namen des jungen Officiers, der es zuerst erblickt hatte, Cap Colnett , das ganze Land hingegen, welches von betraͤcht- lichem Umfang zu seyn schien, Neu-Caledonien genannt. Noch hatten wir zwar keinen von den Einwohnern zu Gesicht bekommen, konnten uns aber doch nicht enthalten, ihrentwegen schon allerhand Vermuthungen zu wagen. Da wir die Bewohner der Neuen Hebriden so ganz verschieden von den Neu-Seelaͤn- dern , und sogar unter sich selbst von einander abweichend gefunden hatten; so machten wir uns bereits Hofnung, die Bevoͤlkerung Neu-Seelands hier von Neu-Caledonien ableiten zu koͤnnen. Es zeigte sich aber nachher, daß diese Muthmaßungen zu voreilig, und daß es uͤberhaupt nicht wohl moͤglich sey, die Bevoͤlkerungs-Geschichte der Eilande im Suͤd-Meer genau zu bestimmen. Ehe es finster ward, kamen drey Canots mit Segeln vom Lande auf uns zu. Die Einwohner hatten das Schiff, der Ferne wegen, vielleicht fuͤr ein Canot mithin auch fuͤr ungleich naͤher gehalten, doch schien es, daß sie ihren Irrthum bald gewahr wurden, wenigstens kehrten sie nicht lange nachher wiederum zuruͤck. Gegen Westen bestand das Land aus mehreren Inseln, und gerade vor uns brach sich die See auf eine ganze Strecke weit, dergestalt, daß wir vermutheten, das ganze Land muͤsse, in einiger Entfernung vom Ufer, mit einem Rief von Corallen-Klip- pen umgeben seyn. Fruͤh Morgens naͤherten wir uns bey frischem Winde der Kuͤste, und entdeckten bald den Rief, der mit selbiger parallel, ohngefaͤhr drey gute See-Mei- len davon entfernt, lag. Innerhalb des Riefs segelten verschiedene Canots her- um, deren jedes zwey Seegel, eins hinter dem andern aufgerichtet, fuͤhrte. Die Mannschaft dieser Fahrzeuge beschaͤftigte sich mit Fischfangen. Nicht lange dar- auf stießen noch etliche Canots vom Lande, fuhren uͤber den Rief, und nach uns her. Sobald sie nahe genug waren, riefen wir ihnen zu, sie gafften uns zwar eine Weile an, segelten aber alsdenn ganz gleichguͤltig wiederum zuruͤck. Unterdes- sen hatten wir eine Oefnung im Rief entdeckt und zu Sondirung derselben zwey Boote in See gesetzt. Es waͤhrete nicht lange, so gaben unsre Leute ein Zeichen, daß sie eine bequeme und sichere Einfahrt in den Rief gefunden haͤtten, und wir P p 2 Forster’s Reise um die Welt 1774. Septem- ber. sahen zugleich vom Schiff aus, daß sie sich mit einem wohl bemannten Canot ganz vertraut unterhielten. Wir folgten ihnen also, und gelangten, durch einen Canal der ohngefaͤhr eine Meile breit seyn mochte, iunerhalb des Riefs, woselbst die See ganz ruhig war. Zu beyden Seiten der Einfahrt, vornem- lich an der engsten Stelle, hielten etliche Canots, aus welchen die Indianer mit einem freundschaftlichen, freymuͤthigen Wesen, welches uns viel Freude machte, uns zuwinkten, daß wir ja recht in der Mitte der Durchfahrt bleiben moͤch- ten. Unsre Boote ruderten indessen noch weiter vorauf und zeigten uns, bey jedesmaligem Bleywurf, die Tiefe durch Signale an. Das Land schien un- fruchtbar und mit einem weißligten Grase bedeckt. Buschwerk war nirgends zu sehen, auf den Bergen aber standen hie und da einzelne Baͤume, die meh- rentheils weiße Rinde, und viel Aehnlichkeit mit unsern Weiden hatten. Als wir naͤher kamen, lag am Fuß der Gebuͤrge, eine schmale Ebene mit gruͤnen schattigten Baͤumen und Buͤschen bekraͤnzt vor uns, unter denen sich hin und wieder eine Cocos-Palme und ein Pisang erhob. Auch bekamen wir einige Haͤu- ser zu Gesicht, die kegelfoͤrmig, fast wie große Bienen-Koͤrbe gestaltet waren und, statt der Thuͤre, blos eine Oeffnung hatten. Sie sahen den Huͤtten der Einwohner auf den Cocos- und Hoorn-Eylanden , so wie diese in le Maire’s und Schoutens Reisebeschreibungen abgebildet sind, vollkommen aͤhnlich. Mittlerweile kam Lieutenant Pickersgill im Boot zuruͤck, und erzaͤhlte, daß sich die Mannschaft des indianischen Canots nicht nur sehr freundlich gegen ihn betragen, sondern auch einen ihrer Landsleute, den sie Tea-buma nann- ten, als ihren Eriki oder Koͤnig, vorgestellt haͤtte. Diesem schenkte er etliche Medaillen nebst andern Kleinigkeiten, und vertheilte den Rest seines Vorraths unter die uͤbrigen, die aber alles sogleich dem Tea-buma uͤberlieferten. Herr Pickersgill brachte vier oder fuͤnf Fische an Bord, welche er von diesen Leuten zum Gegengeschenk bekommen hatte; zum Ungluͤck aber waren sie schon in Faͤul- niß gerathen, und nicht zu genießen. Im Haven lag ein kleines Eyland, mit Riefs und Untiefen umgeben, in dessen Nachbarschaft wir auf gutem Grunde ankerten. So bald dies geschehen war, draͤngten sich ohngefaͤhr zwanzig Canots ans Schiff, deren jedes zwey Segel fuͤhrte, und aus zweyen, vermittelst einer Plattform von Brettern, zusammen- in den Jahren 1772 bis 1775. gefuͤgten Kaͤhnen bestand. Auf der Plattform lag ein Haufen mit Asche vermeng- 1774. Septem- ber. ter Erde, und auf diesen ward bestaͤndig Feuer unterhalten. Viele von den Leu- ten stiegen sogleich ganz vertraulich an Bord, und einer verkaufte uns eine Yam- Wurzel gegen ein Stuͤckchen rothes Tuch. Bey Tische bekamen wir noch mehr Zuspruch von Indianern; gepoͤkeltes Schweinfleisch wollten sie eben so we- nig anruͤhren, als Wein trinken, die Yams hingegen, welche wir zu Tanna eingehandelt, ließen sie sich ganz wohl schmecken. Nur Schade, daß unser Vor- rath davon zu gering war, um sie nach ihrem voͤlligen Belieben damit bewirthen zu koͤnnen. Alles Rothe fiel ihnen ins Auge, und besonders stand ihnen rothes Tuch oder Boy an; doch erboten sie sich niemahls etwas dagegen wieder zu ge- ben. Das Wort “Eri” und noch ein Paar andre ausgenommen, hatte ihre Sprache gar keine Aehnlichkeit mit irgend einer andern, die wir zuvor im Suͤd- Meer gehoͤrt. Wenn man bedenkt, daß in allen ostwaͤrts gelegenen Eylan- den dieses Oceans, imgleichen auf Neu-Seeland , eine und eben dieselbe Spra- che (oder wenigstens Dialecte derselben) gesprochen werden; so kann man sich leicht vorstellen, daß uns die große Verschiedenheit der Sprachen, welche wir im westlichen Theil dieses Meeres antrafen, aͤußerst befremden mußte. Auch die Leute selbst waren von allen die wir bisher gesehn hatten, sehr verschieden, nemlich groß und mehrentheils von wohlproportionirten Gliedmaaßen; ihre Ge- sichtszuͤge sanft, Haar und Baͤrte schwarz und stark gekraͤuselt, bey einigen fast wolligt, und die Farbe der Haut am ganzen Koͤrper ins schwarze fallend oder dunkel kastanien-braun, wie bey den Einwohnern der Insel Tanna . Nachmittags fuhren wir, unter Bedeckung zwoͤlf wohlbewafneter See- Soldaten, in zwey stark bemannten Booten dem Ufer zu und stiegen auf einer flachen Landspitze aus, woselbst ein Haufen theils wehrloser theils bewafneter Einwohner versammlet war. Ohnerachtet nicht ein einziger Mine machte uns das Landen zu verwehren; so mußten, Sicherheits halber, die See-Soldaten den- noch foͤrmlich aufmarschiren, indeß wir dicht vor ihnen auf und ab giengen und die Einwohner baten, ein wenig Platz zu machen. Dies thaten sie un- weigerlich und gleich darauf hielt ein ansehnlicher junger Mann, den uns Herr Pickersgill als den Koͤnig, Teabuma , zeigte, eine Rede, nachdem zuvor ein andrer, durch lauten Ausruf, allgemeine Stille geboten hatte. Die Rede schien Forster’s Reise um die Welt 1774. Septem- ber. ernsthaft zu seyn, klang aber doch ganz sanft, und ward zuweilen mit lauter Stimme vorgetragen. Hin und wieder mochte der Redner Fragen vorlegen, wenigstens hielt er inne, und einige alte Maͤnner aus dem Haufen antworteten alsdenn jedesmal. Die ganze Rede dauerte zwo bis drey Minuten. Bald dar- auf kam ein andrer angesehener Mann, oder Befehlshaber, der auf eben die Art eine Rede hielt, und nun mischten wir uns ohne Bedenken unter die Versamm- lung, um ihre Waffen und Zierrathen naͤher in Augenschein zu nehmen. Vor allen Dingen erkundigten wir uns durch Zeichen, ob frisches Wasser zu haben waͤ- re? worauf ein Theil gegen Westen, der groͤßte Haufen aber nach Osten hin zeigte. Diese Indianer waren durchgehends von großer Statur, sonst aber von denen, die uns zuvor an Bord besucht hatten, in keinem wesentlichen Stuͤck unterschie- den. Das einzige, was ich vorher noch nicht wahrgenommen hatte, bestand darin, daß manchen die Aerme und Fuͤße ungewoͤhnlich dick geschwollen, und mit einer Art von Aussatz behaftet waren. Einige trugen das Haar auf dem Scheitel zusammen gebunden, andre ließen es nur an den Seiten wachsen, und hatten das uͤbrige abgeschnitten. Noch andre sahen wie Neger aus, wozu ihre platte Nase und aufgeworfne Lippen nicht wenig beytrugen. Statt aller Kleidungsstuͤcke trugen sie blos eine Schnur um den Leib und eine andre um den Hals. Die Maͤnner hatten die Zeugungstheile in ein klein Stuͤckchen braunen Zeuges, das aus der Rinde eines Feigenbaums verfertigt war, eingewickelt, und diese runde Wulst entweder an der Guͤrtel-Schnur in die Hoͤhe aufgezogen, oder unterwaͤrts frey herabhaͤngen. So sittsam das auch gemeynt seyn mochte; so konnten wir Eu- ropaͤer, unsern vaterlaͤndischen Begriffen nach, es doch eben so wenig zuͤchtig und ehrbar nennen, als die aͤhnliche Tracht der Mallicolleser , bey welcher das, was eigentlich versteckt werden sollte, vielmehr recht sichtbar gemacht wurde. In der That sah auch jeder Einwohner dieses Landes, gleich den Tannesern und Mallicollesern , leibhaftig wie ein herumwandernder Priap aus. Indessen sind die Begriffe von Schaam freylich in allen Laͤndern verschieden, und aͤndern sich auch von Zeit zu Zeit. Wo z. E. jedermann unbekleidet gehet, wie auf Neu-Holland , Die Einwohner von Neu-Holland , beyderley Geschlechts, gehen mutternackt, ohne sich aus Trieb zur Schaamhaftigkeit im geringsten zu bedecken. S. Hawkesworth’s Ge- schichte der engl. See-Reisen, gr. 4. 3ter Band, Seite 83 ꝛc. ꝛc. 233. in den Jahren 1772 bis 1775. da macht die Gewohnheit, daß man sich beym Anblick eines nackten Coͤrpers 1774. Septem- ber. eben so wenig etwas unanstaͤndiges denkt, als wir bey der sorgfaͤltigsten Ver- schleyerung. Die Trachten, besonders die Ruͤstungen, welche im funfzehnten und sechszehnten Jahrhundert an allen europaͤischen Hoͤfen Mode waren, wuͤrde man jetzt fuͤr aͤußerst unanstaͤndig halten: wer getraut sich aber darum zu behau- pten, daß heut zu Tage mehr Schaamhaftigkeit als damals in der Welt vorhan- den sey? oder wer wollte dem tugendhaften Character jener unuͤberwindlichen Ritter, die sich den Ruhm der Keuschheit, der Ehre, und der edelsten Sitten erwarben, blos deswegen in Zweifel ziehen, weil sie — Hosen nach der damali- gen Mode trugen? In allen alten Arsenalen findet man Ruͤstungen, die meine Meynung begreiflich machen. Dieses Stuͤckchen Zeug, durch welches die Neu-Caledonier sich, gleich den Mallicollesern ꝛc., so sehr von andern Voͤlkern auszeichnen, ist bisweilen lang genug, daß das uͤberfluͤßige Ende, nachdem es an den Guͤrtel gebunden worden, noch an die Halsschnur befestigt werden kann. An dieser Schnur haͤngen auch wohl kleine kugelrunde Stuͤckchen eines hellgruͤnen, nephritischen Steins von eben der Gattung, die man auf Tanna findet, und die mit dem Neu-See- laͤndischen Talkstein nahe verwandt ist. Der Kopfputz bestehet manchmal aus einer hohen runden Muͤtze, die einer Husaren-Muͤtze nicht unaͤhnlich sieht (wie die Figur 1. auf der XI Kupferplatte, S. 304. ausweiset.) Es ist nemlich ein Stuͤck grobes, schwarz gefaͤrbtes, steifes Zeug, welches der Laͤnge nach zusammen genaͤht, und unten, so wie oben, offen gelassen wird. Die Befehlshaber hatten die ihrigen mit kleinen rothen Federn besetzt, auch wohl oberhalb mit einem langen Busch von Hahnenfedern geziert. Zu den Ohrloͤchern pflegen sie, so wie die Einwohner der Oster-Insel , den ganzen Knorpel des Ohrlaͤppchens auszu- schneiden, und das dadurch entstehende Loch sehr in die Laͤnge auszudehnen. Dies geschieht, um eben so, wie auf Tanna , mehrere aus Schildkroͤten-Schale verser- tigte Ringe hinein zu haͤngen. Bisweilen stecken sie auch ein aufgerolltes Blatt vom Zuckerrohr hindurch. Ihre Waffen bestehen aus Keulen, Speeren und Schleu- dern. Erstere sind nach mancherley Gestalten und aus verschiedenen Holzarten gemacht, aber saͤmmtlich kurz, kaum uͤber 3 Fuß lang, und mehrentheils derjenigen Art von Keulen aͤhnlich, welche die Tanneser aus Casuarina-Holz verfertigen. Forster’s Reise um die Welt 1774. Septem ber. An der Kolbe, oder dem unteren Ende, ragen etliche kleine Erhoͤhungen oder stern- foͤrmige Zacken vor; (man sehe die zwote Figur auf der XI. Kupfertafel) an- dre haben ganz kurze Schafte, und gehen unterhalb, wie eine Sense oder Haue, krumm gebogen (ebendaselbst Figur 3). Die Speere sind 15 bis zwanzig Fuß lang, und entweder von schwarzem Holz oder doch mit schwarzer Farbe bestri- chen. Die zierlichsten haben vor der Mitte einen Hoͤcker, daran bisweilen Schnitzwerk verschwendet ist, welches ein Menschen-Gesicht vorstellen soll (eben- daselbst Figur 4 und 5). Diese Speere werfen sie, vermittelst eines kurzen Rie- men, der an einem Ende einen Knoten, an dem andern aber einen Ring, oder run- des Loch hat, und auch in Tanna zu gleichem Behuf gebraucht wird. (Figur 6) Hier sind diese Wurf-Riemen weit besser, und aus einer Art rother Wolle gear- beitet, die wir fuͤr den Balg eines unbekannten Thieres gehalten haben wuͤrden, wenn uns nicht zuvor die große indianische Fledermaus zu Gesicht gekommen waͤre, von welcher diese Wolle herkommt. Bogen und Pfeile sind hier zu Lande nicht bekannt; sondern man fuͤhrt statt derselben Schleudern, die aus duͤnnen Schnuͤren, eines Bindfadens dick bestehen, und an deren einem Ende sich ein Quast, am andern aber, so wie auch in der Mitte, ein Auge oder eine Schleife befindet. Man findet sie auf nebenstehender Platte, um die Muͤtze gewickelt, abgebildet. Die Steine, welche daraus geworfen werden, sind aus weichem, fettem Seifenstein, ( Smectites ) der sich blos durch hin und her Reiben in eine beliebige Figur bringen laͤßt, laͤnglich gestaltet und an beyden Enden zugespitzt. Sie passen allemal in die mittlere Schleife der Schleuder, und der Schuͤtze traͤgt sie in einer um den Leib gebundenen Tasche, die von grobem, star- kem aus Grasfasern zusammengeflochtenen Zeuge gemacht ist. Der Form nach, sahen diese Steine fast wie die Glandes plumbeae In des Grafen Caylus Antiquit. III. 327. Tab. XCII. fig 3. der Roͤmer aus. Da Capitain Cook vor allen Dingen frisches Wasser ausfindig zu machen wuͤnschte; so eilte er mit uns bald wieder ins Boot, und fuhr ostwaͤrts an dem Ufer hinauf, welches in dieser Gegend allenthalben von Mangle-Baͤumen be- schattet war, die zum Theil auf sumpfigen Boden, zuweilen auch im Wasser selbst wuchsen. Wir hatten kaum den Strand verlassen, als die Insulaner sich eben- in den Jahren 1772 bis 1775. ebenfalls verliefen, und vermuthlich nach Hause zuruͤck kehrten. Zween derselben 1774. Septem- ber. nahmen ihren Weg laͤngst dem Strande hin, mußten aber die aͤußerste Muͤhe an- wenden, um sich zwischen den dicht verwachsnen Manglebaͤumen durchzuarbei- ten. Da wir sahen, daß es den armen Schelmen ungemein sauer ward; so ruderten wir zu ihnen hin und nahmen sie ins Boot. Diese Erleichterung ließen sie sich ganz wohl gefallen; als wir ohngefaͤhr zwo Meilen zuruͤckgelegt haben mogten, zeigten sie uns eine Einfahrt zwischen den Mangle-Baͤumen, welches die Muͤndung eines Flußes zu seyn schien. Das Wasser war daselbst tief genug, um mit dem Boote fortzukommen, wir liefen also hinein, ruderten den schlaͤn- gelnden Kruͤmmungen eine Weile nach und fanden endlich, daß dieser Weg zu einem Wohnplatz der Indianer fuͤhrte. Etliche derselben standen auf der einen Seite des Ufers, und waren Zeugen, wie ich eine Ente schoß, davon eben ein großer Schwarm uͤber uns weg flog: ich schenkte sie einem von den bey- den Indianern, die wir an Bord hatten, weil er besonders große Lust dazu aͤus- serte. Sie schienen sich zwar uͤber die Wirkung des Feuer-Gewehrs allerseits zu wundern, jedoch im geringsten nicht dafuͤr zu erschrecken. Dies bestaͤtigte sich auch, als wir wenig Augenblicke nachher Gelegenheit fanden von neuem nach Voͤgeln zu schießen, und es war uns uͤberaus angenehm, daß wir ihnen auf eine so schickliche und unschuldige Art zeigen konnten, was fuͤr Gewalt uns das Schießgewehr uͤber sie gebe. Endlich landeten wir an einer Stelle, wo der Fluß kaum zwoͤlf Fuß breit seyn mochte. Das Ufer reichte ohngefaͤhr nur zwey Fuß uͤber das Wasser, indem die Fluth jetzt beynahe aufs hoͤchste stand. Hier wohnten ein paar Familien, die mit Weib und Kindern, ganz vertraulich, zu uns kamen, ohne Argwohn oder Unwillen uͤber einen so fremden Besuch blicken zu lassen. Die Weiber waren groͤßtentheils Kastanienbraun auch wohl noch dunkler, so wie Mahoganyholz, dabey selten von mehr denn mittler Statur, aber durchgehends stark und zum theil plump gebaut. Was sie vollends verunstaltete, war ihre Tracht, die nicht haͤßlicher seyn konnte. Man stelle sich einen kurzen Rock vor, der aus unzaͤhligen Faͤden oder vielmehr achtzoͤlligen, an einen langen Strick be- festigten, Schnuͤren bestand. Dieser Strick ward etliche mahl um die Huͤften ge- wickelt, so, daß die kurzen Schnuͤre schichtenweis uͤber einander zu liegen ka- men, folglich, von der Mitte des Leibes an, gleichsam ein dichtes Strohdach Forster’s Reise u. die W. zweyter Th. Q q Forster’s Reise um die Welt 1774. Septem- ber. ausmachten, welches aber kaum den dritten Theil der Lenden, mithin gerade nur so viel, und mehr nicht, bedeckte als noͤthig war, um anzuzeigen, daß es aus Ehrbarkeit geschaͤhe. Dies Strohdach gab den Frauen, wie man sich einbilden kann, eine haͤsliche, unfoͤrmliche Figur. Manchmal waren die Schnuͤ- re durchgehends, gemeiniglich aber nur die aͤußerste Schicht derselben, schwarz gefaͤrbt, und die uͤbrigen sahen wie schmutzig gewordenes Stroh aus. An Zier- rathen unterschieden sich die Weiber eben nicht von den Maͤnnern, sondern tru- gen, gleich diesen, Muscheln, Ohr-Ringe, und kleine Kuͤgelchen von Nephiti- schem Stein. Einige hatten auch, zwischen der Unterlippe und dem Kinn, drey schwarze Linien, nach Tahitischer Art, in die Haut punctirt. Ihre Gesichts- zuͤge waren grob, druckten aber einen hohen Grad von Gutherzigkeit aus. Die Stirn war mehrentheils hoch, die Nase unterhalb breit, oberhalb platt, und die Augen klein. Aus den vollen runden Backen ragten die Knochen unter dem Auge ziemlich stark hervor. Das Haar war gekraͤuselt und oft, wie auf den Societaͤts- und freundschaftlichen Eilanden , kurz geschnitten. Ungefaͤhr zwanzig Schritt weit vom Ufer lagen die Wohnhuͤtten dieser Familien auf einer kleinen Anhoͤhe. Sie waren zehn Fuß hoch, kegelfoͤrmig gestaltet, aber oben nicht zugespitzt. Die innere Anlage, oder was bey unsern Haͤusern das Zimmerwerk ist, bestand aus senkrecht aufgerichteten Pfaͤhlen, die mit geflochtenen Reisern, fast auf die Art wie Huͤrden, zusammen verbunden und, vom Fußboden bis an die Decke, ringsum mit Matten verkleidet waren; oben drauf ruhte ein halb- rundes Strohdach. Das Tages Licht fiel in diese Wohnungen nicht anders als durch ein Loch, welches statt der Thuͤre diente, aber nur 4 Fuß hoch war, so daß man sich beym Ein- und Ausgehen allemahl buͤcken mußte. Innerhalb war die Huͤtte voller Rauch und am Eingange lag ein Haufen Asche. Es scheint also, daß die Einwohner, hauptsaͤchlich der Muͤcken wegen, die in jeder sumpfigen Gegend haͤufig seyn muͤssen, Feuer anzuͤnden. Zwar bekamen wir nur wenige dieser Insecten zu sehn, doch wars auch heute ein ziemlich kuͤhler Tag. Um die Huͤtte her standen etliche Cocos-Palmen, die aber keine Fruͤchte hatten, imglei- chen Zuckerrohr, Pisangstaͤmme und Arumwurzeln. Letztere wurden vermittelst kleiner Furchen gewaͤssert, und an einigen Stellen voͤllig unter Wasser gehalten, welches in den Eilanden des Suͤd-Meers durchgaͤngig zu geschehen pflegt. Im in den Jahren 1772 bis 1775. Ganzen hatte die Pflanzung gleichwohl nur ein schlechtes Ansehen, und schien bey 1774. Septem- ber. weitem nicht zureichend, die Einwohner das ganze Jahr uͤber zu ernaͤhren. An eine solche Mannigfaltigkeit von Fruͤchten, als wir bisher auf den Eilanden des heißen Erdstrichs angetroffen hatten, war hier gar nicht zu denken; vielmehr er- innerte uns alles an die Armuth der elenden Bewohner von Oster-Eiland , vor welchen die hiesigen wenig voraus zu haben schienen. So viel wir merken konn- ten, war ein Mann Namens Hibai , der Vornehmste oder Vorgesetzte unter den hier versammelten Familien. Diesem machten wir einige Geschenke, und spatzierten darauf am Ufer des Flußes bis an die Mangle-Baͤume, woselbst uns eine neue Pflanze aufstieß. Gegen die Berge zu, deren erste Anhoͤhen ungefaͤhr zwo Meilen weit von hier entfernt seyn mochten, hatte das Land eine aͤußerst oͤde Gestalt. Hin und wieder erblickte man zwar etliche Baͤume und kleine angebaute Felder; doch giengen sie in dem darum herliegenden, ungleich groͤße- ren, unfruchtbarem und wuͤstem Raume verlohren, der unsern Haiden gewissermas- sen aͤhnlich sahe. Vor einer Huͤtte fanden wir einen irrdenen Topf, der vier bis fuͤnf Maas halten mogte, auf einem Aschenhaufen. Dies Geschirr hatte einen dicken Bauch und war, aus einer roͤthlichen Erdart, ziemlich grob gearbei- tet, auch inn- und auswendig mit Ruß gleichsam uͤberzogen. Aus der Asche ragten drey spitzige Steine hervor, an welche der Topf seitwaͤrts angelehnt wurde, so daß das Feuer unter selbigem brennen konnte Cook’s Vogage towards the S. Pole \& round the World. Vol. II. p. 22. . Nach einigem Verweilen bey diesen guten Leuten, kehrten wir in unsern Boͤten zuruͤck, und waren vollig uͤber- zeugt, daß der Mangel an Nahrungsmitteln die einzige Ursach sey, warum man uns keine mitgetheilt hatte. Am folgenden Morgen kamen die Indianer in ihren Booten ziemlich fruͤh ans Schif. Auf jedem dieser Fahrzeuge brannte ein Feuer und zwar, um Scha- den zu verhuͤten, auf einem Haufen von Steinen und Asche. Es waren auch einige Weiber unter dieser Gesellschaft, von welchen jedoch keine an Bord woll- te, die Maͤnnern hingegen kamen groͤstentheils ohne Einladung herauf, und fingen an ihre Waffen gegen Stuͤcken Tahitischen Zeugs zu vertauschen. Um einen naͤher gelegenen Ort zum Anfuͤllen der Wasserfaͤsser ausfuͤndig zu machen, schickte Q q 2 Forster’s Reise um die Welt 1774. Septem- ber. der Capitain die Boͤte von neuem ans Land. Wir giengen mit dahin, stiegen eben da aus, wo wir gestern gelandet waren, und begegneten einigen weni- gen Einwohnern, die auf unsere Nachfrage nach frischem Wasser, westwaͤrts deuteten, in welcher Gegend noch niemand nachgesucht hatte. Dieser Anlei- tung zufolge, giengen wir, laͤngst dem sandigen Strande der hier an ein schoͤ- nes wildes Gebuͤsch graͤnzte, fort, und kamen bald zu einer Huͤtte, jenseits wel- cher verschiedene Pflanzungen angelegt waren. Um solche naͤher zu untersuchen, nahmen wir einen kleinen Umweg tiefer ins Land, mußten aber eines Gra- bens wegen, der zu Waͤsserung der Plantagen gezogen war und sehr salziges Wasser fuͤhrte, bald wieder umkehren. Dagegen eilten wir nach einer benach- barten Anhoͤhe, von welcher man weit und breit nach frischen Wasser sich umzu- sehen hoffen konnte. Hier war das Erdreich von ganz andrer Beschaffenheit; an- statt daß in der Ebene nur eine duͤnne Schicht guter fruchtbarer Erde oben auf lag, welcher man an den urbar gemachten Orten durch einen Duͤnger von zerbroch- nen Muscheln und Corallen zu Huͤlfe kommen mußte, war auf der Anhoͤhe felsigter Boden, der aus großen Stuͤcken Quarz und waagerechten Schichten von Glim- mer, mithin aus einer Art von Gestellstein bestand. S. Herrn Prof. Ferbers Briefe an den Baron von Born . In dieser Gegend war eine Menge verdorrtes Gras, mehrentheils nur duͤnn und ohngefaͤhr drey Fuß hoch aufgesproßt. Je zwanzig bis 30 Schritt weit auseinander, gab es ein- zelne Baͤume, die an der Wurzel schwarz, wie verbrannt aussahen, oberwaͤrts aber eine lose, schneeweiße Rinde, und lange, schmale, weiden aͤhnliche Blaͤtter hat- ten. Sie gehoͤrten zu der Gattung die Linn é , Melaleucam Leucadendram, und Rumpf, Arborem albam nennt. Letzterer behauptet, daß man auf den Moluckischen Inseln aus den Blaͤttern dieses Baums das Cayeputi Oel macht, auch ist das Laub desselben in der That sehr wohlriechend. Herb. Amboin. Vol. II. Tab. 16. 17. p. 72. Niedriges Strauchwerk war auf diesem Huͤgel nirgends anzutreffen und die Baͤume stan- den ebenfalls so zerstreut, daß die Aussicht durch nichts gehindert wurde. Was uns an derselben am besten gefiel, war eine Reihe schattiger Baͤume, und gruͤ- ner Buͤsche, die in einer Linie von der See bis an die Berge reichten, und folg- lich, allem Ansehn nach, laͤngst den Ufern eines Bachs stehen mußten. Wir hatten in den Jahren 1772 bis 1775. uns in dieser Vermuthung nicht geirrt, denn nachdem wir noch durch einige Pflan- 1774. Septem- ber. zungen vorgedrungen waren, fand sich unter diesen Baͤumen wirklich was wir bisher vergebens gesucht hatten, nehmlich ein kleiner Fluß. Ohngefaͤhr zwey hundert Schritt weit vom Strande war das Wasser desselben schon nicht mehr mit See-Salz vermischt, folglich konnten die Faͤßer mit geringer Muͤhe ange- fuͤllt, und wieder ans Schiff gebracht werden. Dem Befehlshaber Tea-Bu- ma , der uns hier begegnete, verehrten wir etliche Medaillen nebst andern Klei- nigkeiten, und bekamen dagegen von ihm eine Schleuder, imgleichen etliche Keu- len zum Gegengeschenk. Die Ufer des Bachs waren von Mangle-Buͤschen be- schattet, hinter denen ein zwanzig Fuß breiter Raum andere Baum- und Pflan- zenarten trug. Dieser schmale Strich hatte eine Schicht guter, kraͤftiger Pflan- zen-Erde, und war mit gruͤnem Rasen bewachsen, woran wir unsre Augen mit desto groͤßerm Vergnuͤgen weideten, je mehr derselbe mit dem duͤrren Ansehen der Berge contrastirte. Diejenige Gegend des Strandes wo wilde Baͤume und Gebuͤsche wuchsen, war uns als Naturforschern die wichtigste. Auch fan- den wir daselbst mancherley unbekannte Pflanzen, und viele Arten Voͤgel von verschiedenen Classen, die groͤstentheils ganz neu waren. Doch mehr als alles dieses, gefiel uns die freundschaftliche, gutherzige Gemuͤthsart und das friedliche Betragen der Einwohner. Ihre Anzahl war nur gering, und die Wohnungen lagen sehr zerstreut, doch standen mehrentheils zwo bis drey bey einander, und zwar gemeiniglich unter einer Gruppe von hohen Feigen-Baͤumen, deren Aeste so fest in einander geschlungen waren, daß man kaum den Himmel durch das Laub erblicken konnte. Diese Lage verschafte den Leuten, ausser einem bestaͤndig kuͤhlen Schatten, auch noch eine andre Annehmlichkeit, nemlich, daß die Menge von Voͤgeln, die vor dem brennenden Mittagsstral der Sonne in den dickbelaubten Gipfeln Schutz suchten, ein bestaͤndiges Concert unterhiel- ten. Der Gesang einer Art Baum-Kletten war vorzuͤglich sanft, und gefiel um deswillen einem jeden, der fuͤr die harmonischen Lieder dieser laͤndlichen Saͤnger nur einigermaaßen Geschmack hatte. Auch den Einwohnern mußte dies ganz gut behagen; denn sie sassen gemeiniglich am Fuße dieser wohlthaͤtigen Baͤume, die zugleich wegen einer Sonderbarkeit in ihrer Structur unsere Aufmerksamkeit er- regten. Das Stamm Ende derselben, steht nehmlich zehn, funfzehn bis zwanzig Q q 3 Forster’s Reise um die Welt 1774. Septem- ber. Fuß hoch uͤber der Erde, und ruhet auf langen Wurzeln, die, aus vorgedachter Hoͤhe in schnurgerader Linie schraͤg nach dem Boden herab gehen, dabey so rund als waͤren sie gedrechselt, und so elastisch, als eine gespannte Bogen Senne sind. Aus der Rinde dieser Baͤume werden vermuthlich jene Stuͤckgen braunen Zeugs verfer- tigt, welche im Putz der Neu-Caledonier eine so auffallende Figur machen. Unsere neue Bekannten lehrten uns eine Menge Woͤrter aus ihrer Sprache; sie hat aber gar keine Aehnlichkeit mit irgend einer andern, und das ist gewiß mehr als hinrei- chend um selbst den groͤßten und eifrigsten Genealogen von Muthmaßungen uͤber ihre Herkunft abzuschrecken. In Betracht des Characters dieser guten Leute, merkten wir bald, daß ihre Guͤte des Herzens und ihre Friedfertigkeit zum Theil mit natuͤrlicher Traͤgheit verbunden war. Wenn wir spatzieren giengen, so folgten sie uns selten nach; kamen wir vor ihren Huͤtten voruͤber, ohne zuerst zu reden, so liessen auch sie es gut seyn, und schienen sich gar nicht um uns zu kuͤmmern. Nur die Weiber bezeigten etwas mehr Neugierde, und versteckten sich bisweilen ins Gebuͤsch um uns von fern her ansichtig zu werden; herankommen durften sie aber nicht anders als in Gesellschaft der Mannspersonen. Daß wir Voͤgel schossen, erregte bey den Einwohnern nicht das min- deste Aufsehen oder Bestuͤrzung. Im Gegentheil, wenn wir uns ihren Woh- nungen naͤherten, so pflegten sich die jungen Leute von selbst nach Voͤgeln um- zusehen, und sie uns anzuzeigen. Mir kam es vor, als ob sie zu dieser Jah- reszeit wenig Beschaͤftigung haben mußten, denn das Feld war schon bestellt, und Pisangs und Arum Wurzeln fuͤr die kuͤnftige Erndte bereits angepflanzt. Eben deshalb mochten sie auch jetzt weniger als zu jeder andern Zeit im Stande seyn uns Lebensmittel abzulassen, welches sie sonst, ihrer freundschaftlichen und gut- herzigen Gemuͤthsart nach, wohl gethan haben wuͤrden. Wenigstens waͤre es sehr lieblos, wenn ich anders urtheilen und ihnen allein die Gastfreyheit ab- sprechen wollte, die doch allen uͤbrigen Bewohnern des Suͤd-Meeres in so hohem Grade eigen ist, und um deren willen sie dem Seefahrenden Fremden so schaͤtzbar sind. Wir verweilten auf diesem Spatziergange bis gegen Mittag, und kehr- ten alsdenn, mit einer Bootsladung frischen Wassers, ans Schif zuruͤck. Nur eine kleine Parthey von unsern Leuten mußte am Ufer bleiben, um die uͤbrigen le- in den Jahren 1772 bis 1775. digen Wasserfaͤsser zu bewachen, ohnerachtet, bey der Ehrlichkeit der Einwohner, 1774. Septem- ber. auch diese Vorsicht vielleicht ganz uͤberfluͤßig seyn mochte. Waͤhrend unsrer Abwesenheit hatte Herr Wales , einige Instrumente auf dem kleinen sandigen Eilande aufgerichtet, um eine Sonnenfinsterniß, die heute einfiel, zu beobach- ten. Der Capitain leistete ihm dabey Gesellschaft, und sowohl nach dieser, als nach andern Beobachtungen mehr, ward die Lage besagten kleinen Eilands auf 20 Grade 17 Min. 39 Sec. suͤdlicher Breite, und 164 Grade 41 Min. 21 Sec. oͤstlicher Laͤnge festgesetzt. Von der Verfinsterung konnte nur das En- de beobachtet werden, indem bey Eintritt derselben eine Wolke bey der Son- ne voruͤber zog. Herr Wales maaß den verfinsterten Theil mit Hadleys Quadranten, dessen man sich sonst noch nie dazu bedient hat, der aber, nach Capitain Cooks Meinung, mit der groͤsten Genauigkeit als ein Mikrometer gebraucht werden kann. Gegen Abend giengen wir, mit dem Capitain, da, wo die Wasserfaͤsser gefuͤllt wurden, ans Land. Die Cayeputi-Baͤume ( Melaleuca ) deren verschiedne in Bluͤthe standen, hatten eine lose Rinde, die an mehreren Stel- len vom Stamme abgeborsten war und Kaͤfern, Ameisen, Spinnen, Eidexen und Skorpionen eine Zuflucht verstattete. Das Wetter war so angenehm, daß wir bis gegen Sonnen Untergang auf den benachbarten Huͤgeln herum spatzierten; waͤhrend der Daͤmmerung kam es uns vor, als ob sich in dem duͤrren Grase Wachteln aufhielten, doch konnten wir, weder heut noch in der Folge, daruͤber zur Gewißheit kommen. Von den wenigen Einwohnern, die wir in dieser Ge- gend antrafen, waren einige so zutraulich, uns ihre Waffen zu verkaufen. Wir suchten ihnen begreiflich zu machen, daß es uns an Lebensmitteln fehle, allein, sie waren gegen alle Winke dieser Art taub, weil sie augenscheinlich fuͤr sich selbst nicht genug hatten. Der Boden taugt auch hier zu Lande in der That nur an wenig Orten zum Ackerbau, und lohnt den Einwohnern die Muͤhe und Arbeit, welche sie daran verschwenden muͤssen, immer nur kaͤrglich. Am 11ten des Morgens, noch ehe die Indianer an Bord kamen, ward ein Boot abgeschickt, um, nach Seemaͤnnischem Brauch, einen unsrer Leute zu versenken, der als Schiffs-Fleischer mit auf die Reise gegangen, und gestern an den Folgen eines ungluͤcklichen Falles gestorben war, den er am 5ten Sept. Forster’s Reise um die Welt 1774. Septem- ber. gethan hatte. Er war ein sechszigjaͤhriger, aber noch immer arbeitsamer, in seinem Beruf unermuͤdeter Mann, und uͤbrigens der dritte, den wir bisher verlohren hatten, indem einer ertrunken, und ein andrer an der Wassersucht gestorben war. Nach eingenommenem Fruͤhstuͤck giengen wir, nebst dem Capitain, dem Ober-Lootsen, zween See-Cadetten und drei Matrosen, ans Land, um die Berge zu besteigen, von denen unser Bach herabrieselte. Ohnerachtet die Anhoͤhe an manchen Orten sehr steil war, fanden wir doch allenthalben einen bequemen Pfad. Der Felsen bestand durchgehends aus einem Gestellstein oder Mischung von Quartz und Glimmer, die bald mehr bald weniger mit Eisentheil- chen gefaͤrbt war. Cayeputi-Baͤume wuchsen, ohne Ausnahme, sowohl auf dem obersten Eipfel, als unten; und, je hoͤher wir kamen, desto mehr verschiedene Ar- ten von Straͤuchen trafen wir an; sie standen zwar nur ziemlich einzeln, verdien- ten aber alle Aufmerksamkeit, weil sie groͤstentheils in der Bluͤthe und uns unbekannt waren. Gegen den Gipfel hin nahmen die Baͤume an Hoͤhe und Staͤrke merklich ab, nur in einigen tiefen Kluͤften, wo herabstuͤrzende Baͤche das Erdreich befruchteten, sahe man eine Menge Pflanzen, frisch, stark und gruͤn aufsproßen. Kaum waren wir eine Stunde lang bergauf gegangen, als uns mehr denn zweyhundert, groͤßtentheils wohl bewafnete Einwohner, begegne- ten, die blos um uns Fremdlinge zu sehen, aus den innern Landgegenden jen- seits der Berge herkamen. Als sie fanden, daß wir auf demselben Wege fortstie- gen, den sie hergekommen waren, kehrten die mehresten wieder um und begleiteten uns. Ohnweit dem Gipfel bemerkten wir eine Anzahl in die Erde gesteckter Pfaͤ- le, uͤber welche man trockne Aeste gelegt, und auf diese, Buͤschel von Gras aus- gebreitet hatte. Die Einwohner erklaͤrten uns, daß sie auf diesem Berge ihre Todten begruͤben, und daß die Pfaͤle zu Bezeichnung der Grabstaͤtten dienten. Unterdessen war der Capitain mit dem Lootsen vollends auf den Gipfel des Berges geklettert und hatte von da aus nach Suͤden hin, uͤber das Land weg bis nach der See hinsehen koͤnnen; seiner Aussage nach war selbige auf jener Sei- te nicht weiter von den Bergen entfernt, als auf dieser; und eine wasserreiche, zum Theil angebaute Ebene, lief dort, so wie diesseits, am Fuße der Berge hin: Im Ganzen war jedoch kein merklicher Unterschied zwischen der noͤrd- und suͤd- in den Jahren 1772 bis 1775. suͤdlichen Seite des Landes zu bemerken. Die Hoͤhe dieses Standpunkts kam 1774. Septem- ber. der Aussicht ungemein zu statten: Die schlaͤngelnden Baͤche, die Pflanzungen und zerstreute Wohnungen auf der Ebene, die mannigfaltigen Gruppen von Baͤumen und Waldung, samt der verschiednen Farbe des grundlosen Meeres neben den sandigen Untiefen desselben, machten, zusammengenommen, eins der schoͤnsten Gemaͤhlde aus! Die Einwohner bemerkten, daß wir von der Hitze ermuͤdet und durstig waren; deshalb hohlten sie uns etwas Zuckerrohr; nur kann ich nicht begreifen, wo sie es herbekommen mußten, da derglei- chen auf dieser unfruchtbaren Hoͤhe nirgends zu vermuthen, geschweige denn wirklich zu sehen war. Der Gipfel bestand naͤmlich aus derselben Stein- art die wir unten angetroffen, und daher ließ sich um so mehr annehmen, daß in diesem Lande manche schaͤtzbare Mineralien vorhanden seyn muͤßten. Nach der Zeit die wir zum Heraufgehen brauchten, imgleichen nach andern Neben-Um- staͤnden zu urtheilen, ist die Hoͤhe dieses Berges eben nicht sehr betraͤchtlich und vermuthlich geringer als die vom sogenannten Tafel-Berge, am Vorgebuͤrge der guten Hoffnung , welche der Abt la Caille auf 3350 rheinlaͤndische Fuß schaͤtzt. Voyage de l’ Abbé de la Caille p. 237. Gleich nach unsrer Ruͤckkunst zum Wasserplatz eilten wir ans Schif, woselbst eine Menge Indianer versammelt war, die auch den kleinsten Win- kel nicht unbesucht ließen, und uͤberall, Keulen, Speere, nebst mancherley Zierrathen verhandelten. Einer unter ihnen war von sehr großer Statur; er maaß wenigstens sechs Fuß fuͤnf Zoll Englisch und mit seiner schwarzen, aufrecht- stehenden, runden Muͤtze, wohl noch acht Zoll mehr. Um diese Muͤtzen pflegen sie gemeiniglich ihre Schleudern zu wickeln, so daß ihnen der am untern Ende befindliche Quast auf die Schultern herabhaͤngt; auch befestigen sie, zum Zierrath, einen Buͤ- schel Farrenkraut daran, oder, wenn der Staat noch groͤßer seyn soll, einen Busch Ceylanischer Eulen-Federn, Siehe die 1 Figur auf der XI. Kupfertafel, Seite 304. welcher Vogel sowohl hier als auf der Insel Tanna zu finden ist. Des Werths ohnerachtet, den sie auf dergleichen Muͤtzen setzten, gluͤckte es uns dennoch, mehrere derselben, gegen Stuͤcke von tahiti- schem Zeuge, einzutauschen. Ein andrer vorzuͤglicher Theil ihres Putzes bestand Forster’s Reise u. die W. zweyter Theil. R r Forster’s Reise um die Welt 1774. Septem- ber. in Ohrgehaͤngen, davon manche eine ungeheure Menge trugen; so zaͤhlten wir z. E. an einem nicht weniger als zwanzig aus Schildkroͤten-Schaale verfertig- ter Ringe, deren jeder einen Zoll im Durchmesser hielt und einen Viertelzoll dick war. Unter den Sachen, die heute eingetauscht wurden, befand sich auch ein musikalisches Instrument, naͤmlich eine Art Pfeife, die aus einem ohnge- faͤhr zween Zoll langen Stuͤck Holz gemacht, glockenfoͤrmig gestaltet, aber nicht hohl, und an dem schmalen Ende mit einer kleinen Schnur verse- hen war. Dicht an dem platten Untertheil hatte sie zwey Loͤcher, und ohnweit der Schnur ein drittes, die saͤmmtlich innerhalb zusammen laufen mußten, in- dem durch das Blasen auf dem obern Loch, aus den andern ein durchdringen- der Ton hervorkam. Außer dieser Pfeife haben wir aber kein andres Instru- ment, das nur einigermaaßen musicalisch genannt werden koͤnnte, bey ihnen angetroffen. Unsre großen Nagel fiengen nun nach gerade an, gangbare Muͤnze zu werden, ja die Indianer sahen den Werth des Eisens bald so gut ein, daß sie zu den runden eisernen Bolzen, woran die Stricke fest gemacht werden, große Lust bezeigten: Capitain Cook vermuthete, daß ihnen solche bey Anferti- gung ihrer Canots vorzuͤglich brauchbar geschienen haben moͤchten, und zwar, um vermittelst derselben die Loͤcher in die Planken zu brennen, wodurch diese nachher zusammen genaͤht werden. Daß diese Loͤcher eingebrannt werden, ist unstreitig; zwar laͤßt sich nicht bestimmen, mit was fuͤr einem Werkzeuge dies geschehen mag, vermuthlich aber wohl mit Steinen. Capt. Cook’s Voyage towards the South Pole \&c. Vol. II. p. 126. So sehr ihnen jedoch die eisernen Bolzen gefallen mochten; so unterstand sich gleichwohl keiner, we- der diese noch die geringste andre Kleinigkeit, zu entwenden, sondern sie fuͤhr- ten sich durchgehends vollkommen ehrlich auf. Ueber ihre Fertigkeit im Schwim- men mußten wir uns oft wundern. Das Schiff lag wenigstens eine gute Meile weit vom Ufer, aber, dieser Entfernung ohnerachtet kamen sie haufen- weise herbeygeschwommen, hielten ihr Stuͤckgen braunes Zeug mit einer Hand aus dem Wasser, so daß ihnen nur die andre zum forthelfen frey blieb, und auf diese eben so beschwerliche als kuͤnstliche Weise brachten sie auch Wurfspie- in den Jahren 1772 bis 1775. ße und Keulen mit sich. Waffen von Casuarina Holz waren, ihrer allzugro- 1774. Septem- ber. ßen Schwere wegen, die einzigen, bey welchen diese Art des Transports nicht statt fand. Nachmittags fuhren wir abermahls im Boote ab, und landeten ohnge- faͤhr zwo Meilen von unserm Wasserplatz, woselbst die Bay sich auf der Westsei- te an einer vorspringenden Spitze endigte. Capitain Cook nahm hier, zum Be- sten kuͤnftiger Seefahrer, verschiedene Zeichnungen von diesem Ankerplatze auf, indeß wir unsrer Seits andern Untersuchungen nachgiengen. Ohnweit dem Stran- de lag eine große, unregelmaͤßige Felsenmasse, wenigstens zehn Fuß im Durch- schnitt, die aus einem grauen, dichtkoͤrnigen Hornstein, voller Granaten, so groß als Nadelkoͤpfe, bestand. Diese Entdeckung bestaͤrckte uns in der Vermuthung, daß vielleicht reichhaltige und nußbare Mineralien allhier vorhanden seyn moͤch- ten. Eben dieses schien auch der gaͤnzliche Mangel volkanischer Producte anzu- zeigen, dergleichen wir in allen uͤbrigen Inseln des Suͤdmeeres , nur hier nicht, wahrgenommen hatten. Das nahe Gebuͤsch, welches laͤngst dem Ufer ziem- lich dick stand, lockte uns bald zu einem botanischen Spaziergange, auf welchem wir einige junge Brodfruchtbaͤume antrafen, die noch nicht trugen, und ohne alle Cultur, fast wie einheimische wilde Baͤume, aufgewachsen zu seyn schienen. Nicht weit davon fand sich auch eine neue Art Grenadille oder Paßionsblumen, welches uns um deswillen merkwuͤrdig war, weil alle bisher bekannte Arten dieses zahlreichen Geschlechts nur allein in Amerika zu Hause sind Doch muß ich bey dieser Gelegenheit anmerken, daß auch Herr Banks verschiedne Sorten der Paßionsblume auf dem großen noch fast gaͤnzlich unbekannten Welt- theile, den wir Neu-Holland nennen, angetroffen hat. . Ich verlohr mich von meinen Gefaͤhrten und kam in einen sandigen Hohl-Weg, der an beyden Seiten mit Glockenwinden und wohlriechenden Straͤuchen bewachsen, das ausgetrocknete Bette eines Regenbachs zu seyn schien. Dieser Weg fuͤhrte mich zu drey beysammenstehenden Huͤtten, die von Cocospalmen beschattet wa- ren. Ausserhalb vor einer Huͤtte, saß ein Mann von mittlerm Alter, dem ein acht bis zehnjaͤhriges Maͤdchen ihren Kopf auf den Schooß gelegt hatte. Bey meiner Annaͤherung schien er etwas bestuͤrzt, doch erhohlte er sich bald wieder, R r 2 Forster’s Reise um die Welt 1774. Septem- ber. und fuhr in seinem Geschaͤft fort, welches darinn bestand, das Haar des Maͤd- chens mit einem geschaͤrften Stuͤck schoͤnen, durchsichtigen Quarz zu verschneiden. Ich machte ihnen mit etlichen schwarzen Glaskorallen eine große Freude, und gieng darauf, um sie destoweniger zu beunruhigen, nach den uͤbrigen Huͤtten zu. Diese standen so nahe beysammen, daß der zwischen inne liegende, zum Theil eingezaͤunte Platz, kaum zehn Fuß ins Gevierte hielt. In selbigem traf ich drey Frauenspersonen an, eine von mittlerm Alter, die andern etwas juͤnger, die im Begrif standen ein Feuer unter einem der oberwaͤhnten großen irdenen Toͤpfe anzuzuͤnden. Sobald sie mich gewahr wurden, winkten sie, ich moͤchte mich entfernen; weil es mir aber darum zu thun war, ihre Art zu kochen naͤher zu untersuchen, so gieng ich, ohne auf ihr Winken zu achten, herein, und fand den Topf voll trocknen Grases und gruͤner Blaͤtter, in welches einige kleine Yam- wurzeln gewickelt waren. Diese Wurzeln werden also in dem Topfe gleichsam gebacken, so wie es bey den Tahitiern, unterhalb der Erde, vermittelst geheiz- ter Steine, geschiehet. Sie wollten mir kaum Zeit lassen, dies zu untersuchen, sondern winckten ohne Aufhoͤren, daß ich fortgehen moͤchte, und zogen, nachdem sie auf ihre Huͤtten gezeigt, die Finger einige Mahl unterm Halse hin und zuruͤck, um, wie es schien, mir zu verstehn zu geben, daß sie ohnfehlbar erstickt oder er- drosselt wuͤrden, wenn man sie mit einem Fremden allein bemerkte. Diese Zei- chen duͤnckten mich zu bestimmt und zu ernsthaft um nicht darauf zu achten; ich begnuͤgte mich also einen Blick in die Huͤtten zu thun, die aber ganz ledig waren, und gieng darauf ins Gehoͤlz zuruͤck, woselbst mir Doctor Sparrmann entgegen kam. Er war der Meynung, daß ich mich, in der Bedeutung dieser Zeichen, wohl geirrt haben koͤnnte, und daß es der Muͤhe werth sey, sie nochmals zu untersuchen; wir kehrten deshalb beyde um, und fanden die Weiber noch an demselben Orte. Ein kleines Geschenk von etlichen Glascorallen machte ihnen zwar große Freude, doch konnte es ihre Besorgniß nicht aufheben, sondern sie wiederholten immer noch die vorigen Zeichen. Ueberdem schien es, als ob sie uns jetzt mit einer recht flehentlichen Miene baͤten, ihre Verlegenheit nicht aufs aͤußerste zu treiben. Wir entfernten uns daher, und ich durfte an der Richtig- keit meiner vorigen Auslegung wohl nicht mehr zweifeln. Mittlerweile hatte uns der Rest unsrer Gesellschaft eingehohlt, und klagte uͤber großen Durst, Es in den Jahren 1772 bis 1775. war nicht rathsam ihnen von dem Vorfall mit den Frauensleuten etwas zu erzaͤh- 1774. Septem- ber. len, weil ihre Neugier, sie leicht zu einem neuen Versuch reizen, dieser aber fuͤr die armen Weiber sehr ungluͤcklich haͤtte ausfallen koͤnnen. Wir fuͤhrten sie also aus dieser Gegend weg und zu dem Manne hin, der noch immer mit dem Haarver- schneiden seiner Tochter beschaͤftigt war. Man gab ihm zu verstehen, daß uns allen nach einem Trunk verlange, und dies begrif er nicht nur bald, sondern zeigte auch gleich nach einem Baume hin, mit dem Andeuten, daß wir dort et- was finden wuͤrden. Er hatte nehmlich zwoͤlf große Coconußschaalen damit an- gefuͤllt, und solche an die unteren Aeste aufgehangen. Diese Methode das Was- ser in kleinen Vorraͤthen aufzubewahren scheint, im Ganzen, Mangel an selbi- gen zu verrathen. Demohnerachtet trugen wir kein Bedenken, unsern Durst zur Genuͤge zu stillen und belohnten ihn dafuͤr durch ein Stuͤck tahitisches Zeug, womit er auch vollkommen zufrieden war. Nunmehro kehrten wir in zwo Par- theyen, die eine zu Lande, die andre im Boote, nach dem Wasserplatz zuruͤck. Ich gesellte mich zu der ersteren und schoß unterwegens verschiedne neue Arten von Voͤgeln, deren das Land eine Menge aufzuweisen hat. Naͤchst diesen sanden wir auch die gewoͤhnliche europaͤische Kraͤhe allhier. Am Wasser- platze hatte sich eine Menge Indianer versammelt, wovon einige fuͤr ein Stuͤck- chen tahitisches Zeug unsre Leute aus- und nach dem Boot zuruͤck, eine gute Strecke weit durchs Wasser trugen. Es waren auch einige Weiber dabey, die, ohne Furcht fuͤr ihren eifersuͤchtigen Maͤnnern, sich mitten unter uns wag- ten, und an den Galanterien der Matrosen Gefallen zu finden schienen. Sie winkten sie gemeiniglich zu sich ins Gebuͤsch, wann aber der gluͤckliche Lieb- haber ihnen dahin folgte, so liefen jene, mit unerreichbarer Behendigkeit davon und lachten den betrogenen Adonis tapfer aus. Es hat sich auch wirklich, so lange wir auf der Insel blieben, nicht eine einzige Frauensperson in die geringste unanstaͤndige Vertraulichkeit mit den Europaͤern eingelassen, sondern ihr anschei- nend verliebtes Wesen lief allemal nur auf einen erlaubten und muntern Scherz hinaus. Wir waren noch nicht lange an Boord zuruͤck, als der Schreiber des Capi- tains einen Fisch schickte, den ein Indianer so eben mit dem Speer geschossen und fuͤr ein Stuͤck tahitisches Zeug verkauft hatte. Da es eine neue Art war, so machte R r 3 Forster’s Reise um die Welt 1774. Septem- ber. ich mich unverzuͤglich daruͤber her, ihn zu beschreiben und zu zeichnen. Er ge- hoͤrte zu dem Geschlecht, welches Linnaͤus Tetraodon nennet, und wovon ver- schiedne Arten fuͤr giftig gehalten werden. Wir liessen uns dieses gegen den Capi- tain verlauten, zumal da man sich zu seiner haͤßlichen Gestalt und besonders zu dem dicken Kopf nicht viel Gutes versehen konnte; der Capitain behauptete aber, er habe eben diese Art auf seiner vorigen Reise an der Kuͤste von Neu-Holland an- getroffen, und ohne allen Schaden gegessen. Wir freuten uns also schon im voraus, morgen eine frische Mahlzeit davon zu bekommen, und setzten uns am Abend ganz getrost zu Tische, um vorlaͤufig die Leber zu verzehren. Sie war groß genug, aber von so oͤhlichtem Geschmack, daß der Capitain, mein Vater und ich nur ein Paar Bissen davon assen; Doctor Sparrmann hingegen wollte sie gar nicht einmal kosten. Gleich nach der Mahlzeit begaben wir uns zu Bett, und zwar deshalb so fruͤhzeitig, um gleich mit Tagesanbruch wieder ans Land zu gehn. Allein, schon gegen drey Uhr des Morgens, weckte meinen Vater eine sehr un- behagliche Empfindung aus dem Schlafe; Haͤnde und Fuͤße waren ihm gleich- sam erstarrt und als er aufzustehen versuchte, konnte er, des heftigen Schwin- dels wegen, sich kaum auf den Fuͤßen halten. Er kroch indeß so gut er konnte fort, um Doctor Sparrmann seine Ueblichkeit zu klagen, der im Steuerraume schlief. Capitain Cooks Schlafstelle war von jener nur vermittelst einer duͤn- nen Scheidewand abgesondert. Auch dieser wachte, und da er gleiche Zufaͤlle fuͤhlte als mein Vater, so machte er sich ebenfalls zum Bette heraus, konnte aber, ohne sich anzuhalten, auf keinem Fuße stehen. Mir gieng es nicht um ein Haar besser, doch hielt der betaͤubende Schwindel mich ohne Be- wußtseyn meiner Empfindung noch fest im Schlafe. Mein Vater besorgte die- ses; er kam also an mein Bett, ermunterte mich mit Gewalt, und nun fuͤhlte ich erst wie uͤbel mir zu Muthe war. Wir schleppten uns allerseits in die große Cajuͤtte, und liessen unsern Wundarzt, Herrn Patton , hohlen. Er fand uns wuͤrklich in mißlichen Umstaͤnden; todt blas, aͤußerst matt, heftige Beklem- mung auf der Brust, und alle Glieder betaͤubt, gleichsam ganz ohne Em- pfindung. Brechmittel waren das erste, was angewandt wurde. Bey mir und meinem Vater thaten sie ziemlich gute, bey Capitain Cook hingegen nur sehr wenige Wuͤrkung. Darauf mußten wir schweistreibende Arzney nehmen und wieder zu Bette gehn. in den Jahren 1772 bis 1775. Um 8 Uhr standen wir auf, aber noch immer schwindlicht und schwer 1774. Septem- ber. im Kopfe. Ich fuͤr meine Person befand mich jedoch so weit hergestellt, daß ich den ganzen Vormittag aufbleiben und 6 bis 8 Pflanzen nebst einigen Voͤgeln zeichnen konnte, welche wir auf den letzten Spatziergaͤngen zusammen gebracht hatten. Doctor Sparrmann fuhr mittlerweile ans Land, um mehr dergleichen einzusammlen. Am Mittage versuchte mein Vater aus der Cajuͤtte in die freye Luft zu gehen, und mit einigen Indianern sich zu unterreden, die ans Schif gekommen waren. Sobald sie des Fisches ansichtig wurden, der unter dem Verdecke hieng, gaben sie durch Zeichen zu verstehn, daß er Schmerzen im Magen hervorbrin- ge; auch legten sie den Kopf mit geschloßnen Augen in die Hand, um anzu- deuten, daß er Schlaf, Betaͤubung und endlich gar den Tod verursache. So sehr diese Aussage mit unserer Erfahrung uͤbereinstimmte; so ließ sich doch allen- falls noch annehmen, daß sie die Sache nur in der Absicht vergroͤßerten, um uns den Fisch abzuschwatzen. Wir boten ihnen solchen an; sie weigerten sich aber mit dem aͤußersten Abscheu ihn zu nehmen, hielten die Haͤnde vor sich, und wandten den Kopf abwaͤrts, ja sie baten uns sogar, ihn geradenweges in die See zu werfen. Statt dessen hielten wirs aber fuͤr rathsamer, ihn in Weingeist auf- zubewahren. Gegen Mittag mußte ich’s empfindlich buͤßen, meine Krankheit nicht geachtet, und den ganzen Morgen gearbeitet zu haben; denn ich ward auf ein- mal mit einer solchen Ueblichkeit und Betaͤubung im Kopfe befallen, daß ich eilends wieder zu Bette mußte. Schweistreibende Mittel verschaften mir noch die mehreste Erleichterung, doch war das Gift zu boͤsartig, als daß es sogleich haͤtte uͤberwaͤltigt werden koͤnnen. Nicht die Schmerzen, welche wir ausstehen mußten, nicht die Besorgniß, was fuͤr Folgen dieses Gift auf unsre Gesundheit haben wuͤrde, sondern das that uns vorzuͤglich wehe, daß wir nun ausser Stand waren, dieses neue Land weiter zu untersuchen, und die Naturgeschichte desselben naͤher zu studiren, von deren Wichtigkeit wir bereits einen so vielversprechenden Vorschmack hatten! Am folgenden Morgen ward Lieutenant Pickersgill , mit zwey Booten nach einer westlich gelegenen Insel, Balabia genannt, die ohngefaͤhr acht See- meilen entfernt war, abgeschickt, um die Lage und Richtung der Kuͤste zu unter- Forster’s Reise um die Welt 1774. Septem- ber. suchen. Man kann sich nicht vorstellen, mit welcher truͤben Sehnsucht wir die- sen Booten, vom Schiff aus, nachsahen! Es war uns schlechterdings nicht moͤglich, laͤnger als fuͤnf Minuten hintereinander auf den Fuͤßen zu stehen oder zu gehen; sonst haͤtte uns gewiß nichts hindern sollen dieser Expedition beyzuwoh- nen. Das Gift, welches uns so uͤbel bekommen war, aͤußerte seine Wuͤrk- samkeit nun auch an einigen Hunden, die wir von den Societaͤts-Inseln mitge- bracht. Diese waren uͤber den Rest der Leber hergefallen, wurden aber sehr krank davon, und litten an eben solchen Symptomen, als jene, welche ehemals auf gleiche Art zu Mallicolo vergiftet wurden. Das einzige Ferken, welches wir von Tanna aus mitgenommen, schwoll entsetzlich an, und mußte endlich, unter den heftigsten Zuckungen, das Leben einbuͤßen, blos weil es die Eingeweide des Fisches verschluckt hatte. — Die Einwohner, welche an Bord kamen, lernten den Werth unseres Eisenwerks immer mehr einsehen, und nahmen gerne Nagel, Messer und Bei- le an. Tea-Buma , der Befehlshaber, sandte Capitain Cook ein Geschenk von etwas Zuckerrohr und Yam-Wurzeln, welches, bey der Armseeligkeit des Landes fuͤr ein wuͤrklich koͤnigliches Praͤsent gelten konnte. Er bekam dafuͤr ein Gegengeschenk von einem Beile, einem Bohrer, und einem Paar tahiti- scher Hunde, die hier etwas ganz unbekanntes und neues waren. Wir ver- suchten es bey dieser Gelegenheit auf alle Art und Weise den Nahmen der groͤßern Insel zu erfahren; aber umsonst. Man gab uns immer nur die Nahmen besondrer Districte an, z. E. den Theil des Landes, der gerade gegen dem Schiffe uͤber war, nannten sie Baladd ; die Insel wo die Sternwarte stand, hies Pusue ; der Di- strict jenseits der Berge an der Suͤd-West-Kuͤste, hies Tea-Buma u. s. w. Daß der Eriki oder oberste Befehlshaber eben diesen Namen fuͤhrte, gab uns zu man- cherley Vermuthungen Anlaß; was es aber eigentlich fuͤr eine Bewandniß da- mit haben muͤße? konnten wir, in Ermanglung gehoͤriger Sprachkenntniß, nicht erfahren. Wir ließen es daher bey dem allgemeinen Namen Neu-Cale- donia bewenden, zumal da selbiger, sowohl wegen des gutherzigen Characters der Einwohner, als auch wegen der Beschaffenheit des Bodens, vollkommen auf dieses Land paßt. Ohner- in den Jahren 1772 bis 1775. Ohnerachtet wir noch sehr schwach waren, wagten wir uns doch am folgen- 1774. Septem- ber. den Morgen wiederum aus Land. Wir stiegen ostwaͤrts vom Wasserplatze aus, und durchwanderten einen Theil der Ebene, allwo nirgends eine angebaute Stel- le, sondern uͤberall nur duͤnnes und vertrocknetes Gras zu sehen war. Ein Fuß- Pfad leitete uns hart an die Berge, zu einem schoͤnen Gehoͤlze, und in diesem gab es einen Ueberfluß neuer Pflanzen, Voͤgel und Insecten; sonst aber sah das umliegende Land einer voͤlligen Einoͤde gleich. Auf den vor und zu beyden Seiten gelegenen Bergen suchte das Auge, eben so vergeblich als auf der ganzen Ebene, durch welche wir hieher gekommen waren, auch nur die Spur von einer Huͤtte! Ueberhaupt muß die Zahl der Einwohner von Neu-Caledonien , im Ganzen, nur sehr gering seyn; denn auf den Bergen kann das Land nicht gebauet werden, und die Ebene ist theils nur schmal, theils an den mehresten Orten un- fruchtbar und wuͤst — Wir giengen indessen immer weiter gen Osten, und gelangten endlich an etliche Haͤuser, die zwischen Suͤmpfen lagen. Einige Bewohner derselben kamen mit großer Gutherzigkeit herbey, um uns die Stel- len zu zeigen, uͤber welche wir, ohne Gefahr zu versinken, sicher weggehen konnten. Ihre Haͤuser waren nicht nur mit Matten von Cocos-Blaͤttern ge- deckt; sondern auch innerhalb zum Theil mit Rinden des Cayeputi-Baums beklei- det. Vor einigen Huͤtten saßen die Indianer bey einer kaͤrglichen Mahlzeit von gar gemachten Blaͤttern, indeß andere den Saft aus der uͤberm Feuer geroͤsteten Rinde des Hibiscus tiliaceus saugten. Wir kosteten dieses Gericht, fanden es aber unschmackhaft und widrig, auch kann es nicht sonderlich nahrhaft seyn. Die guten Leute scheinen sich in gewissen Jahrszeiten aus Noth sehr elend behelfen zu muͤssen, und in keiner mag es kuͤmmerlicher zugehen als im Fruͤhlinge, wenn die Win- ter Vorraͤthe aufgezehrt, die neuen Fruͤchte hingegen noch nicht zur Reise gekom- men sind. Fische werden alsdenn wohl ihre einzige Zuflucht seyn, und an die- sen kann es ihnen, bey den weitlaͤuftigen Riefs, welche die Insel ringsum- her einschließen, nicht leicht fehlen; nur jetzt mußten sie Verzicht darauf thun, weil, seit unserm Hierseyn, das Wetter zum Fischfang zu stuͤrmisch war. Ma- heine hatte uns ehedem mehrmalen versichert, daß, selbst die Einwohner der Societaͤts Inseln , die doch ungleich besser als die Neu-Caledonier versorgt sind, den Unannehmlichkeiten eines trocknen oder unfruchtbaren Jahres nicht immer Forster’s Reise u. die Welt zweyter Th. S s Forster’s Reise um die Welt 1774. Septem- ber. entgehen koͤnnen, und in solchem Fall einige Monathe hindurch blos mit Farren- Kraut-Wurzeln, Baum-Rinden und wilden Fruͤchten vorlieb nehmen muͤssen. Bey vorgedachten Huͤtten gab es eine betraͤchtliche Anzahl zahmer Huͤhner von großer Art und schoͤnem Gefieder; dies waren aber auch die einzigen Haus- thiere, welche wir bey den Eingebohrnen bemerkten. Ebendaselbst lagen große Haufen von Muschel-Schaalen, welche sie auf den Rieffen eingesammlet und die Fische hier in der Nachbarschaft verzehrt haben mußten. Im ganzen genom- men waren die Leute von traͤger, gleichguͤltiger Gemuͤthsart, fast ohne alle Neu- gierde. Oft standen sie nicht einmal von ihren Sitzen auf, wenn wir bey ihren Huͤtten vorbey giengen, eben so wenig sprachen sie auch und, wenn es je ge- schah, stets in einem ernsthaften Tone. Nur allein die Frauenspersonen wa- ren etwas aufgeraͤumter, ohnerachtet sie, bey der hohen Abhaͤngigkeit von ihren Maͤnnern, gerade am wenigsten Ursach dazu zu haben schienen; die Verheyrathe- ten mußten, unter andern, ihre Kinder in einer Art von Beutel auf dem Ruͤcken uͤberall mit sich umher tragen, und schon dies allein sah eben nicht sehr erhei- ternd aus! Nach Tische setzten wir unsre Untersuchungen fort, blieben aber vorn auf der Ebene, weil in dem Gebuͤsch ohnweit des Ufers mehr Voͤgel vorhanden wa- ren, als tiefer im Lande, wo sie weniger Schatten und weniger Nahrung finden moch- ten. Auf diesem Spatziergange geriethen wir an einen andern, dicht am Wasser ge- legenen, Haufen von Wohnhuͤtten. Die Indianer hatten daselbst einen ihrer großen irdnen Toͤpfe vor sich auf dem Feuer, der mit Muscheln angefuͤllt war, welche auf diese Weise gar gemacht wurden. Einer von ihnen hielt ein Beil von be- sonderer Gestalt und Arbeit in Haͤnden. Es bestand aus einem krummen Ast oder Stuͤck Holz, welches einen stumpfen Haken, und einen kurzen, ohngefaͤhr sechs Zoll langen, Grif hatte. Der Haken war am Ende gespalten, und in die Oesnung ein schwarzer Stein mit einem aus Baumrinde geflochtenen Bande befestigt, wie die Figur 1. auf der XII. Kupfertafel, S. 332. ausweiset. Die Leute gaben uns zu ver- stehen, daß dergleichen Beile zu Bearbeitung des Ackers gebraucht wuͤrden; als das erste Instrument dieser Art welches wir zu sehen bekamen, war es uns sehr merk- wuͤrdig: Wir kauften es deshalb, handelten auch Keulen, Wurf-Riemen und Wurf-Spieße ein. Wie diese letztern hier zu Lande gebraucht wuͤrden? zeigten uns einige junge Leute bey dieser Gelegenheit durch mehrere Proben, und wir mußten in den Jahren 1772 bis 1775. ihre Geschicklichkeit in dergleichen Uebungen allerseits bewundern. Bald darauf 1774. Septem- ber. kamen wir an eine Verzaͤunung von Stoͤcken, welche einen kleinen Huͤgel oder Erdhaufen einschloß, der ohngefaͤhr 4 Fuß hoch seyn mochte. Innerhalb der Verzaͤunung waren noch andere Stoͤcke, einzeln, in die Erde geschlagen und auf diesen große Muschel-Hoͤrner ( buccina Tritonis ) aufgesteckt. Bey genauerem Nachfragen brachten wir heraus, daß dies die Grabstaͤtte der Befehlshaber die- ses Districts sey, und auf den Bergen fanden wir noch mehrere Grabstellen. Es scheint also hier durchgehends eingefuͤhrt zu seyn, daß man die Todten zur Erde bestattet, und das ist warlich auch gescheuter, als daß man sie, wie zu Tahiti geschiehet, uͤber der Erde liegen laͤßt, bis das Fleisch ganz weggefault ist. Solte auf jener gluͤcklichen Insel einmal ein starkes Sterben einreißen; so wuͤrde diese Gewohnheit sehr uͤble Folgen haben und schreckliche Epidemien nach sich ziehen. Die Schaͤrfe des Gifts hatte unser Blut gar sehr in Unordnung gebracht, und unter andern eine Mattigkeit im Coͤrper zuruͤckgelassen, die heute Abend so groß war, daß wir alle Augenblicke niedersitzen mußten, um uns zu erholen. Auch die Schwindlichkeit kam von Zeit zu Zeit wieder, und denn waren wir schlechterdings nicht vermoͤgend, die geringste Untersuchung anzustellen, weil uns dergleichen Anfaͤlle nicht nur alle Denkungs- und Erinnerungskraft raub- ten, sondern uns nicht einmal den Gebrauch der aͤußern Sinne uͤbrig ließen. Ich kann dieses ungluͤcklichen Vorfalls nicht erwaͤhnen, ohne nochmals zu bekla- gen, daß er uns in einem neu entdeckten Lande begegnete, wo wir gerade der vollkommensten Gesundheit und der groͤßten Aufmerksamkeit bedurft haͤtten, um die wenigen Augenblicke recht zu nutzen, die wir unter einer Nation zubrachten, welche von allen andern, die wir bisher zu sehen Gelegenheit gehabt, so gaͤnzlich verschieden war! — Noch ehe es dunkel ward, kamen wir ans Schiff zuruͤck, und bald darauf kehrten auch die Indianer, welche zum Besuch an Bord gekom- men waren, wieder nach dem Lande hin. Die wenigsten hatten Canots; es war den ganzen Tag uͤber so windig gewesen, daß die mehresten lieber schwim- mend ans Schif kamen, und auf eben diese Weise verließen sie es nun auch. Vierzig bis Funfzig stuͤrzten sich zugleich in die See und schwommen, so hoch die Wellen auch giengen, in kleinen Haufen, nach dem Ufer zu. Am folgenden S s 2 Forster’s Reise um die Welt 1774. Septem- ber. Morgen stuͤrmte es aber dermaaßen, daß sich auch nicht ein einziger Indianer, weder mit noch ohne Boot, ans Schif wagen wollte. Wir hingegen ließen uns durch den Sturm nicht abhalten wieder ans Land zu gehen, kamen aber von den Wellen ziemlich durchnaͤßt, daselbst an, und machten einen Spaziergang gegen Westen hin. Unsre Muͤhe ward durch allerhand neue Gattung von Voͤgeln belohnt, die zu den bisherigen Sammlungen dieser Art einen angenehmen Zuwachs ausmachten. Die Nachbarschaft des großen unbekannten Neu-Hollands traͤgt ohne Zweifel viel dazu bey, daß auf dieser Insel ein solcher Reichthum von Thieren und Pflanzen vorhanden ist; auch bezeugten Capitain Cook sowohl als alle andere, die bey der vorigen Reise, in der Endeavour, Neu-Holland besuchten hatten, einstimmig, daß gedachtes Land mit Neu-Caledonien im Ganzen und im Aeus- sern ungemein viel Aehnlichkeit habe. Nur darinn soll jenes von diesem ver- schieden seyn, daß es an mehreren Orten einen fruchtbaren Boden hat, dessen obere Erdschicht fett und schwarz ist. Sonst aber zeigte sich, im Wuchs der Baͤume, in dem trocknen gleichsam verbrannten Ansehen des Landes, nicht die geringste Verschie- denheit zwischen beyden, auch fehlt es einem wie dem andern, an Unterholz oder niedrigen Gestraͤuch. Wir hielten uns bey verschiednen Huͤtten der Indianer auf, die im Schatten einiger Baͤume gelegen waren. Die Bewohner derselben hatten sich platt auf den Boden niedergesetzt und waren ganz muͤßig; demohner- achtet stand unserntwegen keiner von ihnen auf, ausgenommen die jungen Leute, die wohl uͤberall am neugierigsten und muntersten zu seyn pflegen. Unter andern trafen wir heut auch einen Mann an, der ganz blonde Haare, eine ausnehmend weiße Haut, und das ganze Angesicht voller Flecken und Blasen hatte. Es ist bekannt, daß man dergleichen einzelne Menschen, die an Farbe der Haut und der Haare vom allgemeinen National-Character abweichen, unter den Africani- schen Negern, unter den Americanern, den Bewohnern der Moluckischen und unter den Indianern der Suͤdsee-Inseln angetroffen hat. Da man nun an dergleichen Leuten mehrentheils eine große Schwaͤche der Leibesbeschaffenheit und vornehmlich eine besondere Bloͤdigkeit der Augen bemerkte; so sind mehrere Reisende der Mey- nung gewesen, daß eine solche auffallende Abweichung in der Farbe der Haut und der Haare erblich seyn, das ist, von einer Krankheit der Eltern herruͤhren in den Jahren 1772 bis 1775. muͤsse. Pauw’s Recherches philosophiques sur les Americains, Vol. II. Sect. I. Allein, bey dem Manne den wir hier antrafen, war nicht das ge- 1774. Septem- ber. ringste Zeichen einer koͤrperlichen Schwaͤche, und eben so wenig etwas mangel- haftes an den Gesichtswerkzeugen zu bemerken. Es muͤßen also seine Haut und Haare wohl von einer andern und gelindern Ursach entfaͤrbt worden seyn. Um der Seltenheit willen schnitten wir, ihm so wohl als einem andern gemeinen Indianer, eine Haarlocke ab, die wir auch beyde mit uns zuruͤckge- bracht haben. Sie schienen diese Operation gar nicht gut zu heißen; da wir aber geschwinder dabey zu Werke gegangen, als sie es gewahr werden, geschweige denn verhindern koͤnnen; so ließen sie sich durch einige Geschenke bald wieder zu- frieden stellen. Ihre Unthaͤtigkeit und Gutartigkeit scheint uͤberhaupt, zu- mahl da wo es nur Kleinigkeiten betrift, keinen anhaltenden Unwillen zu- zulassen. Von diesen Huͤtten an gieng ein jeder von uns allein spatzieren. Doc- tor Sparrmann und mein Vater waren die Berge hinaufgestiegen; ich aber blieb in der morastigen Ebene, und unterhielt mich mit den Indianern so gut es gehen wollte. Sie gaben mir die Namen verschiedner Districte ihres Landes an, die wir zum Theil noch nicht wußten, wovon wir aber auch keinen weitern Gebrauch machen konnten, weil uns die eigentliche Lage derselben nicht bekannt war. Ich bemerkte viel Leute, denen entweder ein Arm oder ein Bein unge- heuer dick war. Einen sahe ich, dem gar beyde Beine auf gleiche Weise geschwollen waren. Ich untersuchte diese Geschwulst und fand sie uͤberaus hart; doch war bey solchen Kranken die Haut am leidenden Theil nicht immer gleich sproͤde, auch nicht gleich schuppigt. Uebrigens schien ihnen diese unfoͤrmliche Dicke der Aerme oder Beine weder laͤstig noch hinderlich zu seyn, und habe ich sie recht verstanden, so empfinden sie auch selten Schmerzen daran. Nur bey eini- gen wenigen hatte die Krankheit ein Abschaͤlen der Haut, imgleichen Flecken hervor- gebracht, die eine groͤßere Schaͤrfe der Saͤfte und einen hoͤhern Grad von Boͤs- artigkeit vermuthen ließen. Der Aussatz, von welchem, nach der Meynung der Aerzte, diese Elephantiasis, oder diese ungeheure Geschwulst, eine Gat- S s 3 Forster’s Reise um die Welt 1774. Septem- ber. tung ist, scheint heißen und duͤrren Laͤndern vorzuͤglich eigen zu seyn. Auf der Malabarischen Kuͤste, in Egypten , Palaͤstina und Afrika ist er am haͤufigsten, und eben diese Laͤnder sind voller duͤrren, heißen Sandwuͤsten. Ich will damit nicht behaupten, daß der Aussatz eine nothwendige Folge trokner Himmelsstriche sey; doch aber glaub ich, daß Hitze und Duͤrre jene Kranckheit befoͤrdern und den Koͤrper dazu disponiren moͤgen. Ich bemerkte jetzt immer mehr, und namentlich heut, sehr deutlich, daß die Weiber hier zu Lande von den Maͤnnern fast noch weniger geachtet werden als in Tanna . Sie blieben gemeiniglich in gewisser Entfernung von densel- ben, und schienen stets besorgt, ihnen schon durch Blicke oder Mienen mißfaͤllig zu werden. Auf sie ruhte die Arbeit fuͤr die ganze Familie. Sie allein waren es, die Brennholz und andre Beduͤrfnisse muͤhsam auf dem Ruͤcken herbey schlep- pen mußten, indeß ihre fuͤhllosern Gatten sie kaum eines Seitenblickes wuͤrdig- ten und auch dann, unverruͤckt, in starrer Unthaͤtigkeit blieben, wenn sich die ar- men Weiber zuweilen der gesellschaftlichen Froͤhlichkeit uͤberließen, die einen Grund- zug ihres Geschlechts ausmacht. So sind denn also die Menschen in allen Laͤndern zu herrschsuͤchtiger Tyranney geneigt, und selbst der aͤrmste Indianer, der noch kei- ne andre als die natuͤrlichen Beduͤrfnisse kennet, weiß schon wie er seine schwaͤchere Gehuͤlfin zur Sclavin machen soll, blos damit er sich die Muͤhe erspah- ren moͤge, jenen Beduͤrfnissen durch eigne Anstrengung abzuhelfen! Ist diese tiefe Unterwuͤrfigkeit der Weiber noch immer die Wuͤrkung des Fluches, der ehmals Even traf, so dauert er, Gottlob, doch nur allein unter den wilde- sten Nationen fort! Es ist warlich zu bewundern, daß, der erniedrigen- den Unterdruͤckung des schwaͤchern Theils der Schoͤpfung ohnerachtet, das menschliche Geschlecht sich dennoch erhalten hat! Wie wuͤrde es aber damit aus- sehen, haͤtte die tiefe Weisheit des Schoͤpfers nicht eine Fuͤlle von Geduld und Sanftmuth ins weibliche Herz gelegt, die alle Beleidigungen aushaͤlt, die sie alles tragen lehrt, und sie abhaͤlt, sich der Gewalt ihrer unbilligen Ty- rannen zu entziehn! — Den Nachmittag brachten wir wiederum am Lande zu, und hatten das Gluͤck eine schoͤne Papagoyen Art zu bekommen, welche ganz neu und noch unbe- kannt ist. Wir schossen diesen Vogel in einer Plantage, die alles uͤbertraf, in den Jahren 1772 bis 1775. was ich bisher in Neu-Caledonien gesehen hatte. Sie war von betraͤchtlichem 1774. Septem- ber. Umfange und enthielt eine große Mannigfaltigkeit von Pflanzen, die durchge- hends im besten, bluͤhendsten Zustande waren. Foͤrmliche Alleen von Pisangs wechselten mit Yam- und Arumfeldern, mit angepflanztem Zuckerrohr, und einer Art von Yambos -Baͤumen ( Eugenia ) ab, welche letztere wir hier gar nicht suchten. Manche Felder waren durch Fußsteige bequem abgetheilt, und uͤber- haupt alles in der schoͤnsten Ordnung. Es giebt folglich, auch unter diesem traͤgen Volke, einzelne, fleißige, arbeitsame Leute. Das sollten sich diejenigen Seefahrer gesagt seyn lassen, die in Zukunft Gelegenheit und Willen haben wer- den, den Wilden wahres Gutes zu thun, und ihnen zahmes Hausvieh zuzufuͤh- ren. Es waͤre nehmlich zu wuͤnschen, daß sie dergleichen Wohlthaten immer nur solchen Leute zuwendeten, die, so wie der uns unbekannte Eigenthuͤmer dieser Plan- tage, vorzuͤgliche gute Wirthe sind und folglich auch vorzuͤglich guten Gebrauch da- von machen wuͤrden. Um den Indianern ein Vergnuͤgen zu verschaffen, schossen wir nach dem Ziel, wozu sie ihre Keulen in die Erde steckten. Sie hielten uns fuͤr große Kuͤnstler, ob wir gleich warlich keine sonderliche Schuͤtzen waren. Bey un- srer Zuruͤckkunst an Bord trafen, gegen Abend, auch die beyden Boote wieder ein, mit welchen Lieutenant Pickersgill nach Westen abgeschickt, und nur durch wiedrigen Wind gehindert worden war, eher zuruͤck zu kommen. Wir hatten das Vergnuͤgen von diesem einsichtsvollen Officier nachstehendes in Erfahrung zu bringen: Bey der Abreife sahe er, ohngefaͤhr etliche Seemeilen weit vom Schiffe, ei- nige Schildkroͤten auf dem Wasser liegen, konnte aber, der allzu hoch laufenden See halber, nicht eine einzige habhaft werden. Am Nordwestlichen Ende des Landes, naͤ- herte er sich dem Ufer und stieg aus. Der Boden war daselbst, mit dem, unserm Ankerplatze gegenuͤber gelegenen, ziemlich einerley, jedoch fruchtbarer, ange- baueter, und mit vielen Cocosbaͤumen besetzt. Die Indianer betrugen sich hier eben so freundlich und friedfertig als wir sie von Anfang an gefunden hat- ten. Zween derselben, welche schon am Schiffe gewesen waren, und hoͤrten, daß un- sre Leute nach der weiter gegen Norden liegenden Insel Balabia uͤberstechen wollten, giengen mit dahin. Einer von ihnen, Namens Bubik , war ein lustiger Kerl, und in diesem Betracht von seinen Landsleuten sehr unterschieden, An- Forster’s Reise um die Welt 1774. Septem- ber. faͤnglich plauderte er viel mit unsern Matrosen, und theilte ihnen seinen Namen mit, den sie, nach ihrer gewoͤhnlichen Laune, in Bubi ( booby oder Toͤlpel) verwandelten. Der gute Narr war hocherfreut sich also nennen zu hoͤren, und eben das machte fuͤr die Matrosen den Hauptspaß bey der Sache aus. Als aber nach einer Weile die See unruhiger wurde, so daß die Wellen ins Boot schlugen, ward er mause-still, und kroch in einen Regenmantel, um trocken zu bleiben, und sich vor dem Winde zu schuͤtzen, der ihm auf der blossen Haut gar sehr empfindlich zu werden anfing. Endlich kam ihn auch der Hunger an, und, in Ermanglung eignen Proviants, nahm er mit großer Dankbarkeit alles an, was ihm unsre Leute zukommen liessen. Alle diese Freude haͤtte sich jedoch bald in allgemeines Leid verkehrt. Das Boot ward nemlich leck, und ließ so viel Wasser ein, daß, des eifrigsten Ausschoͤpfens mit Haͤnden, Huͤten und an- dern Instrumenten ohnerachtet, je laͤnger je mehr Wasser eindrang. Die Leute sahen sich schon genoͤthiget, ein Faß mit frischem Trinkwasser und viele andre Dinge uͤber Bord zu werfen; aber das wollte alles nicht helfen, bis endlich, bey Weg- raͤumung einiger Pakete, der Lek gluͤcklicherweise entdeckt, mit Muͤtzen und Lumpen, so gut es sich thun ließ, verstopft, und die Fahrt nach Balabia ohne weitern Anstoß fortgesetzt ward. Herr Pickersgill , der sich in dem kleineren Boot befand, traf unterwegens ein Canot mit Indianern von dieser Insel an. Sie kamen eben vom Fischfang zuruͤck und uͤberliessen unsern Leuten einen großen Vor- rath ihrer Ausbeute, gegen etwas weniges an Eisenwerk. Mittlerweile war es ziemlich spaͤth geworden, als sie auf der Insel anlandeten. Die Bewohner der- selben sind von eben der Art, als die auf Neu-Caledonia ; sie waren auch eben so gutherzig als diese, und gaben nicht nur, fuͤr etwas Eisen oder tahitisches Zeug, ihre Waffen und Geraͤthe, ohne Umstaͤnde, weg, sondern verschaften Herrn Pickersgill auch frisches Wasser. Am Abend lagerten sich unsre Leute neben einigen Buͤschen und zuͤndeten ein großes Feuer an, bey welchem sie ihre Fische brateten und verzehrten. Die Indianer leisteten ihnen, seit dem ersten Augen- blick der Landung, und noch jetzt waͤhrend der Mahlzeit, in großer Menge, Gesellschaft. Sie waren zum Theil gespraͤchiger als die Leute von Neu-Cale- donien , und erzaͤhlten unter andern von einem großen Lande gegen Norden, wel- ches sie Mingha nannten, dessen Einwohner sehr kriegerisch und ihre Feinde waͤren. in den Jahren 1772 bis 1775. waren. Auch zeigten sie auf einen Huͤgel, mit dem Andeuten, daß unter selbigem einer 1774. Septem- ber. ihrer Befehlshaber begraben laͤge, der in einem Gefecht gegen die Leute von Mingha geblieben seyn soll. Ein großer Rinderknochen, den unsre Leute zu Ende des Abendessens, aus ihrem mitgebrachten Proviant hervorlangten, um den Rest des daran befindlichen Poͤkelfleisches abzunagen, unterbrach diese freund- schaftliche Unterredung auf einmal. Die Indianer begannen bey Erblickung desselben sehr laut und ernstlich unter einander zu reden, und unsre Leute mit Erstaunen und Merkmahlen von Abscheu anzusehn; endlich giengen sie gar weg, und gaben durch Zeichen zu erkennen, daß ihre fremden Gaͤste ohnfehl- bar Menschenfresser seyn muͤßten. Der Officier suchte diesen haͤslichen Arg- wohn von sich und seinen Cameraden abzulehnen; allein, aus Mangel der Sprachfertigkeit wollte es ihm nicht gelingen. Wer weiß auch, ob es uͤberall moͤg- lich gewesen waͤre, Leuten, die nie ein viersuͤßiges Thier mit Augen gesehen hat- ten, durch bloße Versicherungen ihren Wahn zu benehmen? Am folgenden Mor- gen machten sich die Matrosen an die Ausbeßrung des Boots, und liessen ihre nassen Kleider in der Sonne troknen. Die Indianer versammleten sich aus al- len Gegenden der Insel in solcher Anzahl um sie her, daß Herr Pickersgill , zu Sicherung der Kleider, fuͤr noͤthig fand, Linien in den Sand zu ziehen, die keiner von den Wilden uͤberschreiten sollte. Sie begriffen was diese Verfuͤgung sagen wollte, und liessen sich solche ohne Wiederrede oder Wiederspenstigkeit ge- fallen. Unter dem ganzen Haufen war nur Einer, der uͤber diese Anstalt mehr Ver- wunderung als die uͤbrigen bezeugte, und eben dieser fieng, nach einer Weile, sehr lau- nigt, an, mit einem Stock einen Kreis um sich herzuziehn und unter allerhand pos- sierlichen Grimassen den Anwesenden zu verstehen zu geben, daß sie auch ihm vom Leibe bleiben sollten. Bey der sonst gewoͤhnlichen Ernsthaftigkeit der Ein- wohner war dieser humoroͤse Einfall sonderbar und merkwuͤrdig genug! Nachdem unsre Leute den ganzen Tag mit Ausbeßrung des Boots und mit Untersuchung der Insel zugebracht hatten; gieng die Ruͤckreise am folgenden Morgen bey Tagesan- bruch vor sich. Ungluͤcklicherweise war die Stopfung des Lecks so schlecht aus- gefallen, daß sie, um das Boot zu erleichtern, schon gegen 6 Uhr Morgens, an der zunaͤchst gelegenen Landspitze von Neu-Caledonia aussteigen, nur allein die Ruderer im Boote lassen, die uͤbrigen hingegen den ganzen Ruͤckweg, laͤngst Forster’s Reise u. die W. zweyter Th. T t Forster’s Reise um die Welt 1774. Septem- ber. der Kuͤste herab bis an den Platz wo das Schif vor Anker lag, zu Fuße ma- chen mußten. Einer von den Unter-Chirurgis hatte auf dieser Reise nach Bala- bia eine große Menge neuer Seemuscheln und neuer Pflanzen angetroffen, von denen wir nicht eine einzige zu finden das Gluͤck gehabt; allein, der nieder- traͤchtigste und unvernuͤnftigste Neid bewog ihn, alle diese Entdeckungen fuͤr uns geheim zu halten, ohnerachtet er fuͤr seine Person schlechterdings nicht den geringsten wissenschaftlichen Gebrauch davon zu machen wußte Es wird hier nicht am unrechten Orte seyn, dem Leser zu sagen, daß uns, von Sei- ten unserer Schifsgesellschaft, bey allen Untersuchungen Hindernisse in den Weg gelegt wurden, und zwar selbst von denenjenigen, die aus Kenntniß, Amt und Pflicht sie im Gegentheil haͤtten befoͤrdern sollen. Es ist aber nun so einmal das Schicksal der Gelehrsamkeit und der gesunden Vernunft, daß beyde von Unwis- senden nicht geachtet werden. Dennoch haͤtten wirs allenfalls geduldig ertragen wollen, wenn die Sache nur nicht weiter gegangen waͤre; da wir aber den guten Willen und die Dienstfertigkeit eines jeden kleinen Tyrannen mit Golde nicht er- kaufen konnten; so ließ man sichs recht geflißentlich angelegen seyn, sogar die Be- obachtungen andrer fuͤr uns geheim zu halten, obschon diejenigen, welche Ge- legenheit gehabt dergleichen anzustellen, oft nicht im Stande waren den geringsten Gebrauch davon zu machen. Dinge die jedermann am Schif wußte, sollten nur fuͤr uns verschwiegen bleiben. Die Nachrichten von der wahren Lage der Gegen- den und Laͤnder, welche in dieser Erzaͤhlung vorkommen, und auf unsrer Charte verzeichnet sind; haben wir wahrlich nicht der Offenherzigkeit unsrer Reisegefaͤhr- ten zu verdanken! Kaum wollte man uns das Vorrecht zugestehn, mit eignen Augen sehen zu duͤrfen! Ist es nicht mehr als befremdend, daß Gelehrten, die in einem Schiffe der aufgeklaͤrtesten Nation auf Erden ausgeschickt worden, alle . Wir hatten also von neuem Ursach es zu beklagen, daß Gift und Krankheit uns gehin- dert, an dem Vergnuͤgen so wie an den Gefahren dieser kleinen Excursion Theil zu nehmen! Am folgenden Morgen begleiteten wir Capitain Cook nach dem gegen Osten vorhandenen Fluße, wo er ausdruͤcklich hinging, um seinem Freunde Hibai ein paar Schweine zu schenken, und auf diese Art einem Volke zahmes Schlachtvieh zu verschaffen, dessen Gutartigkeit und friedfertiges Wesen ein sol- ches Geschenk auf alle Weise zu verdienen schien! Wir fanden diesen Mann und seine Familie in denselben Huͤtten, wo wir ihn zuerst angetroffen; und in den Jahren 1772 bis 1775. nachdem ihm Capitain Cook die Schweine uͤberliefert hatte, lies sich’s ein jeder 1774. Septem- ber. von uns, nach dem geringen Maas seiner Sprachkenntniß, angelegen seyn, dem guten Hibai begreiflich zu machen, daß die Fortpflanzung dieser Thiere, ihm, mit der Zeit, bestaͤndige und reichliche Nahrung und Unterhalt verschaffen wuͤrde, daß sie also um deswillen sorgfaͤltig verpflegt und am Leben erhalten zu werden verdienten. Er sowohl als seine Familie waren beym ersten An- blick dieser fremden Geschoͤpfe hoͤchlich erstaunt, bezeigten aber auch so viel Furcht und Abscheu dafuͤr, daß sie uns durch Zeichen baten, solche wie- der mit uns zu nehmen. Wir verdoppelten deshalb unsre Bemuͤhungen sie eines bessern zu bereden, und bewogen sie auch endlich die Thiere bey sich zu behalten. Ihr Wiederwille konnte uns indessen nicht befrem- den, denn das Schwein ist allerdings nichts weniger als schoͤn von Gestalt, und Leute die dergleichen nie gesehen, koͤnnen wohl natuͤrlicherweise keinen Ge- fallen daran finden. Der Mensch muß urspruͤnglich gewiß durch Noth zum Fleischessen gebracht worden seyn; denn, einer Creatur das Leben nehmen, ist etwas gewaltsames, und kann nicht anders als durch eine sehr dringende Ursach in kalte Gewohnheit uͤbergehn. Haben aber die ersten Fleischesser die Wahl gehabt; T t 2 Mittel ihre Erkenntniß zu erweitern auf eine Weise benommen worden, die sich nur von dem rohesten, uncivilisirtesten Volke erwarten ließe? Gleichwohl ist nichts gewisser, als daß ein Reisender im Orient, bey den Ruinen Egyptens und Palaͤ- stinaͤ , von dem heißhungrigen Eigennutz der Beduinen und andern Araber, nicht aͤrger geplagt und geplackt seyn kann, als wir’s waren. Jede Entdeckung die wir zu machen suchten, wurde nicht anders als ein Schatz und als ein Fund angesehen, um dessen willen jedermann Ursach zu haben glaubte uns zu beneiden. Indessen ist aus diesem Betragen, fuͤr die Gelehrsamkeit wenigstens Ein Vortheil erwachsen. Koͤnnen wir nemlich schon nur wenig geben, so haben wir doch das, was wir geben, alles mit eignen Augen gesehen, und wollen Buͤrge dafuͤr seyn! Waͤren nicht auf dem Schiffe wenigstens einige Edlerdenkende gewesen, deren uneigennuͤtzige Liebe fuͤr die Wissenschaften der unsrigen manchmal entgegen kam; so haͤtten wir, wahr- scheinlicherweise, ganz unthaͤtige und unnuͤtze Opfer der Scheelsucht und der Bos- heit werden muͤßen, die oft selbst durch die ausdruͤcklichsten Befehle des Capitain Cook nicht in Schranken gehalten werden konnte! Sollte ich noch mit einem Wort den wahren Grund dieses Neids angeben; so wuͤrde ich sagen: wir waren Deutsche. Forster’s Reise um die Welt 1774. Septem- ber. so werden sie sich an den haͤslichen Schweinen gewiß nicht zuerst ver- griffen haben; vielmehr wird noch ein hoͤherer Grad von Beduͤrfniß und Mangel erfordert worden seyn, sie zu uͤberreden, daß, seines wiedrigens Ansehens ohnerachtet, das Schwein von eben so wolschmeckendem Fleisch sey als das Schaaf oder das Kalb. Die armen Bewohner von Neu-Caledonia hatten bisher noch kein anderes als das Fleisch von Fischen und Voͤgeln gekostet; ein vierfuͤßiges Thier mußte ihnen also allerdings etwas fremdes und erstaunen- des seyn. — Nachdem wir den Hauptendzweck unsers Besuchs erreicht zu ha- ben glaubten, botanisirten wir zwischen den Moraͤsten und Pflanzungen herum, und kamen an ein einzeln liegendes Haus, das mit einem Stangenzaun umge- ben war, und hinterwaͤrts eine Reihe von hoͤlzernen Pfeilern hatte. Jeder Pfeiler hielt ohngefaͤhr einen Fuß ins Gevierte, 9 Fuß in der Hoͤhe, und der Obertheil stellte einen unfoͤrmlich ausgeschnitzten Menschenkopf vor. In die- sem einsam gelegenen Hause wohnte ein einzelner alter Mann, der uns durch Zeichen zu verstehen gab, diese Pfeiler zeigten seine Grabstelle an! Vielleicht ist in der Geschichte des menschlichen Geschlechts nichts merkwuͤrdiger, als dieses, daß man fast unter allen Voͤlkern die Gewohnheit antrift: sich bey den Be- graͤbnißstellen zugleich gewisse Denkmale zu errichten! Koͤnnte oder wollte man den urspruͤnglichen Bewegursachen dieser Sitte bey so verschiednen Natio- nen nachspuͤhren und sie gruͤndlich erforschen (welches in der That eine sehr merkwuͤrdige und wichtige Untersuchung seyn wuͤrde) so liesse sich vielleicht eben daraus beweisen, daß alle Voͤlker einen allgemeinen Begriff von einem kuͤnfti- gen Zustande gehabt haben! Von diesem in seiner Art so sonderbaren Orte, kamen wir bei einer Plantage vorbey, wo eine Parthey Einwohner, mehrentheils Weiber, beschaͤf- tigt waren, ein morastiges Stuͤck Landes umzugraben und zu reinigen, ver- muthlich, um hernach Yam- und Arum-Wurzeln darauf zu pflanzen. Sie be- dienten sich zu dieser Arbeit eines Instruments oder einer Hacke von Holz, die einen langen, krummgebognen, spitzen Schnabel hatte. (Man sehe die Figur 2. auf der XII. Kupfertafel hieneben). Eben dies Werkzeug dient ihnen auch als ein Krieges-Gewehr, deren ich, bereits weiter oben (Seite 304) ver- schiedene erwaͤhnt habe. Der hiesige Boden scheint so aͤrmlich zu seyn, in den Jahren 1772 bis 1775. daß er mehr Bearbeitung als irgend ein anderer erfordert, um nur eini- 1774. Septem- ber. germaßen fruchtbar zu werden, auch hatte ich noch in keiner andern Insel des Suͤd-Meeres ein aͤhnliches Umgraben und Umwuͤhlen des Erdreichs zu be- merken Gelegenheit gehabt. Wir schossen hier etliche neue, schoͤne Voͤgel und kehrten darauf ans Schif zuruͤck, wo schon alle Anstalten zur Abreise vorgekehrt wurden. Nach Tische landeten wir noch einmahl am Wasser-Platze; Capitain Cook , ließ daselbst, dicht am Bache, in einem vorzuͤglich dicken, schattenreichen Baum ohnweit dem Strande, folgende Innschrift einhauen: His Brit- tanic Majesty’s Ship Resolution Sept. 1774. Unterdeß daß dies geschahe, machten wir zu guter lezt, einen Spatziergang laͤngst dem Bache der uns mit neuem Vorrath von Trink-Wasser versehen hatte, fanden im Vorbeygehen noch etliche Pflanzen die wir zuvor nicht bemerkt hatten, und nahmen alsdenn Abschied von dieser großen Insel, die fuͤr uns in jedem Betracht bessere Gesundheit und ei- nen laͤngern Aufenthalt erfordert haͤtte. Bey Anbruch des folgenden Morgens ward der Anker gelichtet. Wir waren bald aus den Riefen heraus und steuerten nordwestwaͤrts an der Kuͤste herunter. Unser Aufenthalt in diesem Haven hatte uͤberhaupt nur achtehalb Tage gedauert, an deren drittem wir bereits vergiftet und dadurch ausser Stand gesetzt wurden, den Rest der Zeit so zu nutzen, wie wir wohl zu thun ge- wuͤnscht haͤtten. Selbst bey der Abreise waren wir noch lange nicht wie- der hergestellt, sondern fuͤhlten noch immer empfindliches Kopfweh und kram- pfigte Schmerzen am ganzen Leibe, wobey sich auch ein Ausschlag an den Lip- pen einstellte. Ueberhaupt wollten unsre Kraͤfte jetzt kaum zu jenen kleineren Beschaͤftigungen hinreichen, die wir in ofner See gemeiniglich vorzunehmen pflegten, und der Mangel an guter frischer Kost war freylich kein Mittel, uns wieder auf zu helfen — So entfernten wir uns nun von einer Insel, die im westlichsten Theile des suͤdlichen Oceans , kaum 12 Grad von Neu-Holland entlegen, von einer Gattung Menschen bewohnt wird, die von allen in der Suͤdsee uns bekannt gewordnen Nationen ungemein verschieden ist. Aus der Nachbarschaft von Neu-Holland haͤtte man vermuthen sollen, daß sie mit den dasigen Einwohnern gleiches Ursprungs waͤren; allein, nach der T t 3 Forster’s Reise um die Welt 1774. Septem- ber. Aussage aller Reisenden, welche Neu-Holland vor uns besucht, ist zwi- schen den Einwohnern dieser beyden Laͤnder nicht die geringste Aehnlichkeit, und das wird auch durch die gaͤnzliche Verschiedenheit ihrer Sprachen genugsam bestaͤtiget; diesen letztern Punct konnten wir selbst um desto genauer untersu- chen, da Capitain Cook uns ein Woͤrterbuch der Neu-Hollaͤndischen Sprache mitgetheilt hatte. Die Anzahl der Einwohner von Neu-Caledonien scheint nicht betraͤchtlich zu seyn; wenn wir nach demjenigen, was wir davon auf der Fahrt an der noͤrdlichen Kuͤste wahrgenommen haben, urtheilen duͤrfen; so moͤgen ihrer, auf einer Kuͤste die gegen zweyhundert See-Meilen lang ist, in allem kaum funfzig tausend seyn. Das Land fanden wir in den mehresten Ge- genden nicht urbar. Die vor den Bergen gelegene schmale Ebene ist, gegen die See hin, sehr morastig und mit Mangle-Baͤumen uͤberwachsen, daher es Muͤ- he und Arbeit kostet, einen Fleck durch Graben auszutrocknen, und zum Acker- bau geschickt zu machen. Der uͤbrige Theil der Ebne liegt etwas hoͤher, ist aber dagegen so duͤrr, daß, auch dort wieder, Graͤben gezogen und Baͤche und Pfuͤtzen hineingeleitet werden muͤssen, um den Boden zu waͤssern. Weiter Landeinwaͤrts haben die Berge und Huͤgel nur eine duͤnne Schicht verbrann- ter unfruchtbarer Erde, in welcher nichts als ein paar magre Gras-Arten, der Cayeputi-Baum, und hin und wieder ein Strauch aufsproßt. Auf den hoͤhern Bergen findet sich an manchen Stellen nicht einmahl ein Zoll hoch Erde, son- dern der bloße eisenschuͤßige Glimmer und große Quartz-Stuͤcken nackt und kahl. Solch ein Erdreich kann freylich dem Wachsthum der Pflanzen nicht sehr zutraͤglich seyn, vielmehr ist es zu bewundern, daß sich auf selbigem noch eine so große Mannigfaltigkeit von Gewaͤchsen findet, als wir angetroffen ha- ben; doch sind sie auch durchgehends trocken, und von kuͤmmerlichem Ansehen. Nur allein die Waͤlder sind in manchen Gegenden des flachen Landes mit Strauchwerk, Schlingpflanzen, schoͤnen Blumen und dicken, schattigen Baͤu- men versehn. Man kann sich leicht vorstellen, wie auffallend uns der Contrast zwischen Neu-Caledonia und den Neuen Hebridischen Inseln seyn mußte, da wir diese letztern nur unmittelbar zuvor gesehen, und das Pflanzen-Reich dort in seiner groͤßten Pracht gefunden hatten! Eben so betraͤchtlich und ein- leuchtend war auch der Unterschied im Charakter der Leute selbst. Alle Bewoh- in den Jahren 1772 bis 1775. ner der Suͤd-See-Inseln , diejenigen allein ausgenommen welche Tasmann 1774. Septem- ber. auf Tongatabu und Namocka antraf, machten Versuche ihre fremden Gaͤste wegzutreiben. Die Leute von Neu-Caledonia hingegen hatten uns kaum er- blickt, als sie uns schon zu Freunden aufnahmen. Ohne die geringste Spur von Furcht oder Mistrauen, wagten sie sich an Bord des Schiffes und ließen uns in ihrem Lande ungehindert herumschweifen, so weit wir Lust hatten. Dem wollichten Haar und der Leibes-Farbe nach glichen sie zwar den Tannesern noch am mehresten, doch waren sie von groͤßerer Statur und staͤrkern Knochen, hatten auch mehr sanftes, offenes und friedfertiges in der Gesichtsbildung. Sowohl von diesen, als von dem aͤußern Ansehn des Landes kann man sich, vermit- telst der schoͤnen und richtigen Zeichnungen, welche Herr Hodges , zum Behuf von Capi- tain Cooks Reisebeschreibung angefertigt hat, einen ziemlich genauen Begriff machen. In ihren Handarbeiten hatten sie ebenfalls manches mit den Tannesern gemein, vornehmlich was die Form und Art der Waffen, des Wurf- Riemes und der Zierrathen betrift, deren ich oben S. 302. u. f. er- waͤhnt habe. Die Sprache hingegen, welche bey Untersuchungen dieser Art gemeiniglich der sicherste Wegweiser zu seyn pflegt, ist von der in Tanna uͤbli- chen ganz und gar abweichend. Eben so verschieden ist auch die Bauart ihrer Haͤuser, ihre Sitten und Gebraͤuche, uͤberhaupt die ganze Lebensart. Die Tanneser koͤnnen in Vergleichung mit den Bewohnern von Neu-Caledonia fuͤr wohlhabend gelten. Ihre Plantagen liefern ihnen eine Menge von Pflan- zen, und sollte es je daran fehlen, so giebts an der See-Kuͤste eine Menge von Cocos-Palmen. Auf Neu-Caledonia hingegen ist der Ertrag des Ackerbaues nur sehr gering, und das ganze, weite, wilde Land, so viel wirs untersuchen koͤnnen, gewaͤhrt nichts, das ihnen von sonderlichem Nutzen seyn koͤnnte. Da- fuͤr sind die Leute auf Neu-Caledonia hinwiederum bessere Fischer, und die Riefe laͤngst ihren Kuͤsten zur Fischerey uͤberaus wohl gelegen; auf eben diesen Riefen muͤssen auch, in gewissen Jahrszeiten, Schildkroͤten anzutreffen seyn. Je sparsamer nun allhier die Natur ihre Guͤter ausgetheilt hat, destomehr ist es zu bewundern, daß die Einwohner minder wild, mißtrauisch und kriegerisch als auf Tanna und vielmehr so friedlich und gutartig waren! Eben so merkwuͤrdig ists, daß sie, bey aller Duͤrre des Landes und bey ihrer kaͤrglichen Versorgung mit Pflan- Forster’s Reise um die Welt 1774. Septem- ber. zenspeisen, dennoch von groͤßerer und muskuloͤser Leibesstatur sind als die Tan- neser . Vielleicht muß man aber, um die verschiedne Statur der Nationen zu erklaͤren, nicht sowohl auf die Verschiedenheit ihrer Nahrungsmittel, als viel- mehr auf die Verschiedenheit der Staͤmme und Racen sehen, von welchen sie herkommen. Das Betragen der Neu-Caledonier gegen uns setzte ihre Gemuͤths- art in ein sehr vortheilhaftes Licht. Sie sind das einzige Volk in der Suͤdsee , das keine Ursach hat, mit unsrer Anwesenheit unzufrieden zu seyn. Es ist lei- der zur Genuͤge bekannt, wie leicht sich die Seeleute reizen lassen, Indianern das Leben zu nehmen; bedenkt man nun, daß die hiesigen sich nicht die geringste Unannehmlichkeit, vielweniger Mord und Todtschlag zugezogen haben, so ist schon daraus allein abzunehmen, daß sie in sehr hohem Grade sanftmuͤthig und friedfertig seyn muͤßen. Diejenigen Philosophen, welche den Gemuͤthscharakter, die Sitten und das Genie der Voͤlker, lediglich vom Clima abhaͤngen lassen, wuͤr- den gewiß sehr verlegen seyn, wie sie, aus diesem allein, den friedlichen Cha- rakter der Leute auf Neu-Caledonia erklaͤren sollten. Will man sagen, daß sie blos deswegen von keinem Mistrauen wissen, weil sie wenig zu verlieren haben; so wuͤrde ich fragen, wie es zugeht, daß die Leute auf Neu-Holland , die doch unter gleichem Himmelsstrich, auf einem gleich duͤrrem Boden wohnen, und noch armseliger dran sind als die hiesigen Einwohner, daß die gleichwohl, ganz im Gegentheil, so wild und Menschenscheu befunden werden! Der verschiedne Cha- rakter der Nationen muß folglich wohl von einer Menge verschiedner Ursachen ab- haͤngen, die geraume Zeit uͤber, unablaͤßig auf ein Volk fortgewuͤrkt haben. Die Gutartigkeit der Leute auf Neu-Caledonia liegt gewiß auch nicht daran , daß Krieg und Haͤndel ihnen ganz unbekannte Begriffe waͤren, denn sie haben ja Kriegs- gewehr von mehr als einer Art! Ueberdem gestanden sie selbst, daß sie Feinde haͤtten, und daß die Einwohner der Insel Mingha von ganz andrer Gemuͤths- art waͤren als sie! Ich war einmal mit Capitain Cook und Herrn Wales in ei- nem Boot, als einer von ihnen, durch sehr verstaͤndliche Zeichen, zu erkennen gab, sie haͤtten Feinde, welche Menschenfleisch fraͤßen; und das Betragen der Indianer auf Balabia , (die das Poͤckelfleisch, welches unsre Leute in ihrer Ge- genwart verzehrten, fuͤr Menschenfleisch hielten,) beweißt zur Genuͤge, daß sie von in den Jahren 1772 bis 1775. von einer solchen Gewohnheit wissen, und selbige fuͤr schrecklich und abscheulich hal- 1774. Septem- ber. ten. In diesem Betracht sind sie also verfeinerter als ihre wohlhabendere Nach- barn, hingegen so gesittet und erleuchtet noch nicht, daß sie, gleich jenen die unbilli- ge Verachtung des andern Geschlechts bereits abgelegt haͤtten; zu ernsthaft, um sich durch die Schmeicheleyen desselben gewinnen zu lassen und zu gleichguͤltig um auf die feinern Freuden des Lebens einen Werth zu setzen Zwar muͤßen sie sich’s des Unterhalts wegen, manchmal ziemlich sauer werden lassen; sobald sie aber dafuͤr nicht mehr zu sorgen haben, gehen ihre muͤßigen Stunden blos mit Faullenzen ohne Spiel und Scherz hin, die doch zur Gluͤckselig- keit des Menschen so viel beytragen, und auf den Societaͤts und freund- schaftlichen Inseln , einen so hohen Grad von Lustigkeit und Lebhaftigkeit un- ter die Einwohner verbreiten! Außer der kleinen Pfeife, deren ich oben erwaͤhnt, sahen wir nicht ein einziges musikalisches Instrument bey ihnen. Eben so we- nig wissen wir, ob, und in welchem Maaße sie Tanz und Gesang kennen. Nach dem zu urtheilen, was wir in der Zeit unsers kurzen Hierseyns bemerkten, scheint sogar das Lachen etwas ziemlich ungewoͤhnliches unter ihnen zu seyn, und selbst mit dem Sprechen geht es kaͤrglich zu. Kaum war hin und wieder einer anzutreffen, dem mit einer Unterredung gedient gewesen waͤre! Bey so bewandten Umstaͤnden muß ihre Sprache noch sehr uncultivirt seyn, auch ist, ver- muthlich der wenigen Uebung wegen, ihre Aussprache so undeutlich, daß verschied- ne Woͤrterbuͤcher, welche von mehreren Personen unsrer Schiffsgesellschaft zusam- men getragen worden, merklich von einander abwichen. Ohnerachtet sie we- nig harte Mitlauter haben, so sprechen sie doch viel durch die Gurgel und Nase, welches besonders denenjenigen unter uns, die nichts als Englisch konnten, schwer zu fassen und noch schwerer nachzumachen vorkam. Vielleicht sind sie blos deshalb, weil ihre Wohnungen einzeln und weit von einander entfernt liegen, so wenig an’s Sprechen gewoͤhnt, denn sonst wuͤrden sie, daͤchte ich, fuͤr das Vergnuͤgen des gesellschaftlichen Umganges schon mehr Sinn und Geschmak be- kommen haben. Da der Boden zum Ackerbau nicht sonderlich taugt, so wuͤrde ihre Civilisation vielleicht dadurch am fuͤglichsten befoͤrdert werden koͤnnen, wenn man ihnen leicht zu ernaͤhrende, vierfuͤßige Thiere zufuͤhre, z. E. Schweine, die sie nahe bey ihren Huͤtten halten, oder auch Ziegen, die Forster’s Reise u. die W. zweyter Th. U u Forster’s Reise um die Welt 1774. Septem- ber. sie wild koͤnnten herumlaufen lassen. Letztere moͤchten, wegen des troknen Him- melsstrichs, vielleicht am besten gedeihen und ein treflicher Artikel fuͤr sie werden. Die Einfalt, welche wir in ihrem haͤuslichen Leben wahrnehmen, muß sich wahrscheinlicherweise auch in ihrer politischen Verfaßung offenbaren. Tea- buma wurde als Befehlshaber des Districts angesehen, der unserm Ankerplatze gegen uͤber lag; allein, bey der Armseeligkeit des Landes konnte er wohl auf keine sonderlichen Vorzuͤge Anspruch machen, und da noch kein Luxus bekannt ist, so lebt er vermuthlich um nichts besser, als seine uͤbrigen Landsleute. Auch die aͤußern Ehrenbezeugungen, welche ihm bewiesen werden, koͤnnen nicht viel zu bedeuten haben; der einzige Umstand dieser Art, woraus sich eine gewisse Unter- wuͤrfigkeit gegen ihn abnehmen lies, bestand darin, daß sie die Geschenke, wel- che ihnen Herr Pickersgill bey der ersten Zusammenkunft uͤberreichte, durch- gehends an Ihn ablieferten. Schon der Nahme den sie ihm beylegen, mag eine Art von Ehrenbezeugung ausmachen, wenigstens scheint das Woͤrtchen Tea ein Titul zu seyn welchen sie, ohne Unterschied, dem Namen jedes ange- sehenen Mannes vorsetzen. Wenn z. E. Hibai dem Capitain eine rechte Ehre anthun wollte, nannte er ihn Tea-Cook . Die benachbarten Districte stehen nicht unter Tea-buma , sondern haben vermuthlich ihre eigenen Befehlshaber, oder vielmehr, jede Familie macht ein eignes Reich aus, das, nach patriarchali- scher Weise, durch den Aeltesten regiert wird, welches in der Kindheit jeder Gesell- fchaft von Menschen, immer der Fall seyn muß. Von ihrer Religion duͤrfen oder koͤnnen wir vielmehr gar nichts sagen; innerhalb acht Tagen lies sich davon wenig in Erfahrung bringen. Wir bemerkten nicht einmal eine Spur von ei- nem religioͤsen Gebrauch, vielweniger eine foͤrmliche Ceremonie oder andre Aeusserung des Aberglaubens. Vermuthlich steht die Einfalt ihrer Begriffe mit der Einfalt ihres ganzen Charakters in gleichem Verhaͤltniß. Doch wer weiß? Die geringen Denkmaͤhler bey ihren Grabstellen deuten vielleicht auf ge- wisse Leichen-Ceremonien! Der Tod macht wenigstens uͤberall eine sehr merk- wuͤrdige Scene fuͤr den Menschen aus; die Nachbleibenden ehren ihn gemeinig- lich durch aͤussere Handlungen und Traurigkeit pflegt gern auszuschweifen! — Was fuͤr toͤdtliche Krankheiten es hier zu Lande geben, und wie groß die Mortalitaͤt etwa seyn moͤge? ist uns unbekannt. Das einzige, was wir in den Jahren 1772 bis 1775. uͤber diesen Punkt selbst bemerkt haben, ist die Elephantiasis , und diese war 1774. Septem- ber. sehr gemein. Dennoch habe ich sie bey keinem in so hohen Grade angetroffen, daß das Leben des Patienten daruͤber in Gefahr gewesen waͤre. Viele und mannigfaltige Krankheiten sind gemeiniglich nur Folgen der Ausschweifung und Voͤllerey; die kann aber, bey so armseligen und rohen Menschen als die hiesigen sind, nicht wohl statt finden. Graue Haare und Runzeln, die gewoͤhnlichen Be- gleiter des hohen Alters, waren hier nichts seltenes; aber unmoͤglich war es, sich uͤber einen so abstracten Begrif als das Alter ist, mit ihnen zu erklaͤren, und haͤtten wir es gekonnt, so ist noch die Frage, ob sie selbst von der Zahl ihrer Le- bensjahre haͤtten Rechenschaft geben koͤnnen? Waren wir doch nicht einmal im Stande uns bey den Tahitiern nach der Dauer der Lebenszeit zu erkundigen, ohnerachtet wir von der dortigen Sprache ungleich mehr als von der hiesigen wußten, von welcher wir nur einzelne Woͤrter aufgeschnappt hatten. — Doch es ist billig, daß ich einlenke, und in der Erzaͤhlung unserer Reisebegebenheiten fortfahre. Wir steuerten nunmehro, zwischen Nord und West, laͤngst den Felsen- tiefen herunter, womit Neu-Caledonia auf diesem Striche umgeben ist. Es war darauf abgesehn, die Lage der Kuͤste zu bestimmen, welche nach vorge- dachter Richtung hinzulaufen schien. In der Gegend der Insel Balabia zog sich das Rief nach Norden und war, an einigen Stellen, 6 Seemeilen weit von der Kuͤste entfernt. Fregatten-Voͤgel ( man of war virds ) Toͤlpel ( boo- bies ) und tropische Voͤgel schwaͤrmten jetzt haͤufig um das Schiff her. Am 15ten entdeckten wir, daß am Westende von Neu-Caledonia , nach Norden hin, drey Inseln liegen; da sich aber das Rief weit von selbigen gegen Osten in die See erstrekte, und wir keine Oefnung bemerkten, durch wel- che man haͤtte innerhalb herein segeln koͤnnen; so mußten wir die Gestalt und Groͤße dieser Inseln unerforscht lassen. Der Schaͤtzung nach mochte die be- traͤchtlichste derselben etwa sieben Seemeilen lang seyn. Am 15ten wurden wir, vier Meilen vom Rief, von einer Windstille uͤberfallen, und die Wellen welche sehr hoch giengen, trieben uns gerade auf die Felsen hin. Die Gefahr war so dringend, daß, um ihr zu entgehen, unverzuͤglich zwey Boote ausgesetzt wurden und die Leute sich’s sehr sauer werden lassen mußten, uns an Stricken U u 2 Forster’s Reise um die Welt 1774. Septem- ber davon weg zu ziehen. Eine schwache Seeluft, welche gegen Abend eintrat, gab ihnen Gelegenheit sich etwas zu erhohlen, um Mitternacht aber mußten sie wieder an die Arbeit, und zwar wechselsweise, um desto laͤnger dabey aushalten zu koͤnnen. Der folgende Morgen war so windstill, daß wir, im kleinen Boot, aufs Vogelschießen ausfuhren, doch hatten wir kein sonderliches Gluͤck. End- lich stellte sich gegen Abend, ein frischer Wind ein: Da wir nun bisher, hier am Nord-Ende, umsonst nach einer Einfahrt in den Rief gesucht hatten; so ließ der Capitain das Schiff umwenden, in der Absicht, geraden weges zuruͤck- und um das suͤdoͤstliche Ende von Neu-Caledonien herum zu segeln. Der noͤrdlichste Theil dieses Landes den wir gesehen haben, liegt unterm 19° 37′ suͤd- licher Breite und unterm 163° 40′ oͤstlicher Laͤnge. Am folgenden Morgen segelten wir wiederum an dem District Balladd vorbey, woselbst unser Schiff vor Anker gelegen hatte. Der oͤftern Windstillen we- gen war die Fahrt herzlich langweilig und verdrieslich. In zween Tagen kamen wir nicht uͤber 20 Seemeilen vorwaͤrts, und da das Land noch ziemlich weit gegen Suͤden herabzulaufen schien, so fieng uns an bange zu werden, daß wir erst spaͤt nach Neu-Seeland kommen wuͤrden, von wo wir, dem Vernehmen nach aufs neue, jedoch zum letzten mahl, gegen den Suͤdpol kreuzen sollten. Indessen war die Sache einmahl angefangen, sie mußte folglich auch durchgesetzt werden: Zu dem Ende steuerten wir, so schwach und unterbrochen der Wind auch seyn mogte, immer ostwaͤrts nach Suͤden herab. Am 22sten Abends sahen wir eine vorragende stumpfe Landspitze, die zum Andenken des heut eingefallnen Koͤnigl. Kroͤnungstages, Coronation-Cap (das Kroͤnungs Cap) genannt ward. Die an der noͤrdlichen Kuͤste dieses Lan- des befindlichen Felsenriefe erstreckten sich nicht bis hieher; dem ohnerachtet mußten wir uns, Sicherheitswegen, immer 4 bis 5 Seemeilen vom Lande hal- ten, und konnten also, von der Beschaffenheit desselben, nichts deutlich unterschei- den! nur so viel bemerkten wir sehr genau, daß die im Innern des Landes ge- legene Reihe von Bergen immer in eben der Hoͤhe fortlief, in welcher wir sie beym Ankerplatze gefunden hatten. Am Morgen entdeckte man, daß von ei- nem Fleck Landes, der nicht weniger als eine halbe Meile lang seyn konnte, viel Rauch empor stieg. Nahe dabey war die Seekuͤste mit einer unzaͤhlbaren Menge in den Jahren 1772 bis 1775. saͤulenfoͤrmig gestalteter und sehr hoher Figuren bedeckt, die man mit Huͤlfe ei- 1774. Septem- ber. nes Fernglases sehr deutlich wahrnehmen konnte. Manche standen einzeln und weit von einander; die mehresten aber in großen Haufen dicht beysammen. Wir hielten es fuͤr Basaltsaͤulen, dergleichen in vielen Welttheilen zu finden sind Bey Assuan oder Syene in Ober-Egy p ten , bey Bolsena in Italien , bey Hadie in Je- men ; bey Stolpe in Sachsen ; bey Jauer in Schlesien , in den Schottlaͤndischen west- lichen Inseln , und bey Antrim in Irrland . . Diese Vermuthung duͤnkte uns desto zulaͤßiger, weil wir in diesem Theil der Suͤdsee , nur ganz kuͤrzlich, verschiedne Volcane, namentlich zu Tanna einen gesehen hatten, und die einsichtsvollsten erfahrensten, Mineralo- gen, der Meynung sind, daß der Basalt durch feuerspeyende Berge hervorge- bracht werde. Gegen Abend kamen wir jenseit des Cap Coronation und sahen eine große Menge solcher Saͤulen auf einer flachen Landspitze, die weit in die See hervorragte. Am 24ten fruͤh erblickten wir das Cap, welches das oͤstliche Ende von Neu-Caledonia ausmacht. Es war steil aber nicht sehr hoch, und ober- halb voͤllig platt. Auf dieser Oberflaͤche stand eine Menge vorgedachter Saͤu- len, welches der Vermuthung, daß es Basaltsteine seyn koͤnnten, eben nicht sehr guͤnstig war. Dies Vorgebuͤrge, welches Capitain Cook Queen Char- lotte’s Foreland nannte, liegt in 22° 15′ suͤdlicher Breite, und dem 167° 15′ oͤstlicher Laͤnge. Abends gegen 6 Uhr, entdeckte man vom Mastkorbe aus, weit gegen Suͤdosten hin, eine andre Insel, und am folgenden Morgen zeigten sich zwischen dieser und Neu-Caledonien mehrere kleine Eylande; die Unbe- staͤndigkeit des Windes hinderte uns aber sie genauer in Augenschein zu nehmen. Nur so viel bemerkten wir, daß sie von einem großen Riefe eingeschlossen waren, um dessen willen wir, in Ermanglung einer Einfahrt, nach Osten zu steuern mußten, damit das Schiff nicht in Gefahr seyn moͤchte an die Kuͤste geworfen zu werden. Diese Fahrt war uns doppelt unangenehm, weil wir das Land so nahe hatten und es doch nicht untersuchen, frische Lebensmittel daselbst vermu- then, und doch keine habhaft werden konnten. Der noch vorhandene Rest von U u 3 Forster’s Reise um die Welt 1774. Septem- ber. Yamwurzeln war uͤberaus gering, und kam, als eine Delicatesse, nur auf die Tafeln der Officier, indeß der gemeine Matrose seit Namocka her keinen frischen Bissen gekostet hatte. Die Nachbarschaft des Landes machte ihnen das laͤn- gere Fasten nur noch empfindlicher, und auch uns war’s verdrieslich, statt der Entdeckungen die sich am Lande haͤtten machen lassen, an den einfoͤrmig oͤden Rie- fen, in Unthaͤtigkeit hin zu schwimmen! Der Wind kehrte sich indeß an un- sre Ungeduld nicht, sondern war und blieb schwach bis zu Abend des 26sten, da er besser, und uns behuͤlflich ward, die groͤßte der vor uns liegenden Inseln zu umsegeln. Sie bestand aus einem Berge, der nicht so hoch war als jene auf Neu-Caledonia , aber sanfter in die Hoͤhe lief, und ringsumher von ei- ner Ebene umgeben war, wo eine unzaͤhlige Menge von Saͤulen standen. Wir mußten hier etwa zwo Meilen weit vom Ufer, einigemal ab und zu laviren; dieses Manoͤver brachte uns der Kuͤste so nahe, daß wir, in Absicht der vermeynten Basaltsaͤulen, endlich aus dem Traume kaͤmen. Es waren nichts anders als Baͤu- me, die auf einem sehr geraden und langen Stamm, kurze, duͤnne Zweige hat- ten, welche sich in der Ferne nicht unterscheiden liessen. Am 28sten hatten wir, bey Tagesanbruch, die oͤstlichste Spitze dieser In- sel und ihrer Riefe umsegelt, und liefen nunmehro an der Suͤdseite derselben weg. Capitain Cook nannte dies Eiland die Fichten-Insel ( Isle of pines ) in der Vermuthung, daß die saͤulenfoͤrmigen Baͤume zu diesem Geschlecht gehoͤ- ren moͤchten. Sie scheint ohngefaͤhr 18 Meilen im Umkreise zu haben und das Mittel derselben liegt im 22° 40′ suͤdlicher Breite, und dem 167° 40′ oͤstlicher Laͤnge. Jetzt hatten wir frischen Suͤdostwind, der die Luft in dieser Breite dermaaßen abkuͤhlte, daß das Thermometer auf 68° herabfiel. Eine so schleunige Veraͤnderung in der Temperatur der Luft, duͤnkte uns, die wir so lange bestaͤndige Hitze ausgestanden hatten, gar sehr empfindlich. Am folgenden Ta- ge fanden wir, zwischen verschiednen Riefen, einen Durchgang, und kamen bey einer kleinen Insel vor Anker, die nicht viel uͤber zwo Meilen im Umfange ha- ben mogte, sandig und flach, demohnerachtet aber mit jenen saͤulenfoͤrmigen Baͤumen uͤberwachsen war. Das suͤdliche Ende des Hauptlandes von Neu- Caledonien lag von dieser Insel nicht uͤber 6 Meilen weit entfernt, und die suͤdliche Kuͤste desselben schien mit der nordlichen parallel zu laufen, weshalb Neu- in den Jahren 1772 bis 1775. Caledonia nur ein schmales Land seyn muß. Dies suͤdliche Vorgebuͤrge ward des 1774. Septem- ber. Prinzen von Wallis Vorland genannt. Es liegt im 22° 30′ suͤdlicher Breite und dem 166° 58′ oͤstlicher Laͤnge. Die Anker waren nicht sobald ge- sichert, als wir in einem Boote nach der kleinen Insel hin ruderten, deren naͤchstes Ufer ohngefaͤhr anderthalb Meilen von uns lag. Sie hatte ein eignes kleines Rief um sich her, in welchem wir eine schmale Einfahrt fanden, und selbige, der darin vorhandnen Klippen ohnerachtet, gluͤcklich paßirten. Die schlanken ho- hen Baͤume zogen, gleich beym Aussteigen aus dem Boote, unsre ganze Auf- merksamkeit an sich, und wir fanden, daß es eine Art von Cypressen waren. Die Staͤmme hatten einen schoͤnen geraden Wuchs von wenigstens 90 bis 100 Fuß Hoͤhe. Die Aeste sproßten rund um den Stamm, waren aber selten uͤber 10 Fuß lang, und, im Verhaͤltniß zum Stamme, sehr duͤnn. Zwischen die- sen Saͤulen-Baͤumen standen viel und mancherley andre Baͤnme, nebst niedrigerm Gestraͤuch, welches diesen kleinen Flecken Landes zum herrlichsten Aufenthalt fuͤr eine Menge von Voͤgeln machte. Wir fanden hier auch etwas Loͤffelkraut und eine Tetragonia, die wir, bey unserm vorigen Aufenthalt zu Neu-Seeland , haͤufig als ein Suppenkraut zu brauchen pflegten. Nachdem wir das Land ein wenig recognoscirt hatten, kehrten wir ans Schiff zuruͤck, um gleich nach dem Essen wieder zu landen, fuͤr die Zimmerleute einige Baͤume umhauen, und Kuͤchenkraͤuter einsammlen zu lassen. Bey diesem zweyten Besuch fanden wir eine Menge Pflanzen, uͤber deren Mannigfaltigkeit wir uns, in Betracht des kleinen Raums auf welchem sie hervorwuchsen, mit Recht verwundern muß- ten. Am Ufer waren hin und wieder, im Sande, Spuren von Holzfeuer, und bey selbigen die Ueberbleibsel von Schildkroͤten zu sehn. Waͤhrend dem Bo- tanisiren schossen wir auch eine Art Habichte, den gewoͤhnlichen falco haliae- tos (S. Pennants British Zoology ) desgleichen einen Fliegenschnepper von ganz neuer Gattung. Ausserdem gab es noch verschiedne Arten schoͤner und großer Tauben; sie waren aber so scheu, daß keiner von uns eine zu Schusse be- kam. Endlich so waren an der Kuͤste auch eine Menge plattschwaͤnziger Wasser- schlangen ( anguis platura ) vorhanden. Der Cypressenbaum liefert gutes Zim- merholz; die jungen Staͤmme waren sehr elastisch, und taugten daher sehr wohl zu Seegelstangen. Nachdem wir uns bis gegen Sonnen-Untergang auf diesem Forster’s Reise um die Welt 1774. Septem- ber. kleinen Eylande verweilt hatten, ruderten wir nach dem Schiffe zuruͤck, lichte- ten bey Anbruch des folgenden Tages die Anker, und seegelten sehr langsam und vorsichtig bis wir wieder zum Rief hinaus waren. Capitain Cook gab diesem Eilande den Namen Botany Island , weil es, seines geringen Umfangs ohner- achtet, eine Flora von fast dreyßig Arten enthielt, worunter verschiedne ganz neu waren. Es liegt ohngefaͤhr unter 22° 28′ Suͤdlicher Breite und dem 167° 16′ Oestlicher Laͤnge. Der Strand ist sehr sandig, weiter hinein aber findet man guten fruchtbaren Boden. Indeß wir hier vor Anker lagen, fieng der erste Lieutenant einen Fisch von eben der Art, als womit Capitain Cook , mein Vater und ich waren ver- giftet worden. Ohnerachtet er nun von dem Unheil, welches der Genuß dessel- ben angerichtet, ein Augenzeuge gewesen war, und seine Tischcameraden ihn uͤber- dies noch ernstlich dafuͤr warnten; so bestand er dennoch darauf, sich den Fisch zurichten zu lassen. Er mußte ihm auch wuͤrklich aufgetragen werden, und nun sahen seine Freunde kein ander Mittel ihn vom Essen abzuhalten, als daß sie seinen rasenden Vorsatz laͤcherlich machten; dies hatte endlich einen bessern Erfolg, als alles vernuͤnftige Zureden. Ein junger Hund der ungluͤcklicher Weise von den Eingeweiden dieses Fisches etwas gefressen hatte, mußte dafuͤr etli- che Tage hintereinander so unertraͤgliche Quaal ausstehn, daß, zu Endigung der- selben, ein mitleidiger Matrose ihn endlich uͤber Bord warf. Man kann aus diesem Vorfall abnehmen, wie verhungert auf frische Lebensmittel unsre Leu- te seyn mußten, da man, einer einzigen Mahlzeit wegen, die Gefahr nicht achtete, vergiftet zu werden! Alle unsre Officiere, die zum Theil schon mehr als Einmal die Reise um die Welt mitgemacht, und viel ausgestanden hatten, bezeugten einmuͤthig, daß die Beschwerlichkeiten und Un- annehmlichkeiten der vorigen, gegen diese Reise fuͤr nichts zu rechnen, und daß sie der elenden Schifskost nie so satt gewesen waͤren als jetzt! Capitain Cook hatte einen Vorrath geraͤucherter Schinken mit auf die Reise genommen; sie wa- ren aber durch die Laͤnge der Zeit sehr schlecht und gaͤnzlich abschmeckend geworden. Das Fett hatte sich in ranziges Oel verwandelt, und das Salz in großen, weinsteinartigen, alkalischen Klumpen angesetzt. So oft gleich- wohl ein solcher, halb verwester, ekelhafter Schinken auf des Capitains Tisch getragen ward, (welches woͤchentlich nur Einmahl geschahe,) sahen alle in den Jahren 1772 bis 1775. alle juͤngere Officiers, (die nicht mit uns speisten,) diesem Leckerbissen mit sehn- 1774. Septem- ber. suchtsvollen Appetit nach, und priesen uns, die wir daran Theil hatten, des- halb so gluͤcklich, daß es selbst einem Wilden, geschweige denn ihren lebhafter fuͤh- lenden Cameraden, haͤtte weh thun moͤgen! Dem Sauerkraut welches wir am Bord hatten muß es allein zugeschrieben werden, daß der Scorbut nicht staͤrker einriß, doch waren unsre Umstaͤnde, auch ohne dieses Ue- bel schon klaͤglich und bedauernswuͤrdig genug. Am Abend uͤber- fiel uns eine Windstille, ehe wir noch zwischen den Riefen heraus waren. Dies setzte uns in die groͤßte Gefahr, weil Fluth und Stroͤhmung das Schif gegen die Klippen trieben, wir aber keinem von beyden Einhalt thun konnten, indem mit 150 Faden nirgends Grund zu finden war! In die- ser Verlegenheit erblickten wir, um halb acht Uhr, gegen Norden, eine Feuer- kugel, die an Groͤße und Glanz der Sonne glich, jedoch von etwas blasserm Lichte war. Nach wenig Augenblicken borst sie, und hinterließ viel helle Fun- ken, wovon die groͤßten laͤnglich-rund, und, eh wirs uns versahen, unter den Horizont herab gesunken waren. Eine blaͤuliche Flamme folgte und bezeichnete den Lauf dieser Feuerkugel, auch wollten einige, waͤhrend ihres Herabfallens, ein Zischen gehoͤrt haben. Indeß wir uͤber die Ursachen und Wuͤrkun- gen dieses Meteors nachdachten, erscholl bereits unter den Matrosen ein Jauch- zen, daß jetzt bald ein frischer Wind entstehen wuͤrde, und, es sey nun Zufall oder sonst einige natuͤrliche Verbindung zwischen diesem Phaͤnomen und der Atmosphaͤre; genug ihre Prophezeihungen giengen noch dieselbe Nacht in Er- fuͤllung. Es erhob sich nemlich ein starker Wind, der am folgenden Morgen October den 1. suͤdlich wurde, und uns erlaubte, Ost bey Suͤd und Suͤd-Suͤd-ostwaͤrts, von Neu- Caledonien weg zu steuern. Diese Insel ist unter allen zwischen den Wendezirkeln bisher entdeckten, Eylanden der Suͤdsee die groͤßeste. Die Suͤdseite derselben haben wir gaͤnzlich ununtersucht lassen muͤssen, und auch von der noͤrdlichen ward, in der kurzen Zeit die wir an diese Entdeckung wenden konnten, nicht mehr als die Richtung und aͤußere Gestalt der Kuͤste erforscht. Die Thiere, Pflanzen und Mineralien die- ses Landes sind uns beynahe voͤllig unbekannt geblieben, und bieten kuͤnftigen Natur- forschern ein weites Feld von Entdeckungen dar. Cypressen haben wir nur allein am Forster’s Reise u. die W. zweyter Theil. X x Forster’s Reise um die Welt 1774. October. oͤstlichen Ende der Insel wahrgenommen; es schien daher, daß, in dieser Gegend, der Boden und die Mineralien ganz anders beschaffen seyn muͤßen, als in dem District Ballad , allwo das Schiff acht Tage lang vor Anker lag. Eben so laͤßt sich auch, aus dem was wir auf der kleinen, sandigen Botanik- Insel fanden, mit Recht vermuthen, daß auf dem suͤdlichen Theil dieses Landes ganz andre Pflanzen und mehr unbekannte Voͤgel vorhanden seyn mußten, als in den Waͤldern der noͤrdlichen Gegenden. — Ueberhaupt bleiben dem kuͤnftigen Seefahrer noch Entdeckungen genug in der Suͤdsee zu machen uͤbrig, und er wird, bey mehrerer Muße, eine große Menge unbekannter Producte zu untersuchen finden. Trotz allen bisherigen Reisen sind in diesem stillen Welt- meere ganze große Districte noch gar nicht befahren worden: z. B. den Raum zwischen dem 10° suͤdlicher Breite und der Linie, hat, in der ganzen Breite des Meeres, von Amerika bis nach Neu-Britannien hin, noch niemand beruͤhrt! Der Raum zwischen 10° und 14° suͤdlicher Breite, den die Mittagslinien von 140° und 160° westlicher Laͤnge einschliessen, ist ebenfalls noch nicht unter- sucht. Der Raum zwischen 30° und 20° suͤdlicher Breite, der zwischen dem 140° und 175° westlicher Laͤnge liegt, imgleichen der Raum zwischen den suͤd- lichsten freundschaftlichen Inseln , und Neu-Caledonia , so wie der, zwischen Neu-Caledonia und Neu-Holland befindliche — alle diese sind noch nie durchkreuzt worden. Der Curs, den Herr von Sürville gehalten, wie ich im ersten Theil S. 179. erwaͤhnt, ist der einzige, der zwischen vorgedachten beyden Laͤndern angestellt worden. Naͤchstdem verdienen Neu-Guinea , Neu-Brit- tannien , und alle dort herumliegende Laͤnder, ebenfalls naͤhere Untersuchung, und wuͤrden demjenigen, der die Muͤhe daran wenden wollte, gewiß zu unzaͤhli- gen neuen und wichtigen Bemerkungen Stof geben. Wenn alle zuvorbenannte Gegenden des Suͤdmeeres untersucht worden, alsdann bleibt noch der Theil, jenseits der Linie, nach Norden hin, uͤbrig, und dazu wuͤrden wiederum mehrere Reisen erfordert ehe man mit Erforschung desselben voͤllig zu Stande kaͤme. Den Wind den wir, nach dem Urtheil der Matrosen, der feurigen Kugel zu verdanken gehabt, hatte bald wieder ein Ende, denn am zweyten ward es schon wieder windstill. Wie indessen ein Ding nicht leicht so schlimm ist, das nicht zu- gleich zu etwas gut seyn sollte; so gieng es auch hier. Wir fiengen nehmlich in den Jahren 1772 bis 1775. bey dieser Gelegenheit einen Hayfisch, deren sich verschiedne neben dem Schiffe 1774. October. sehen liessen. In einem Augenblick war er unter die ganze Mannschaft vertheilt, und, von so oͤhligtem Geschmack das Fleisch auch seyn mochte, so verzehrten doch wir unsern Antheil mit großem Appetit. Wer haͤtte auch bey unsern Umstaͤn- den leckerhaft seyn wollen? Endlich stellte sich, zu jedermanns Vergnuͤgen, ein frischer Westwind ein, mit dessen Huͤlfe wir jenseits des Wendezirkels des Ca- pricorns, unsern Lauf nach Suͤd-Suͤd-Osten richten konnten. Am fuͤnften, Nachmittags, bekamen wir, zwischen dem 26 und 27 Suͤ- der-Breite, zween Albatroße zu Gesicht. Die Officiers machten sich eine Wind- stille, welche am folgenden Tage einfiel, zu Nutze, um, in einem Boote, auf die Jagd zu gehen. Allein, nachdem sie sich den ganzen Tag uͤber abgemattet, brachten sie doch nicht mehr als zwo Petrells und zween Albatrosse davon zuruͤck. Nun- mehro befanden wir uns wiederum an den Graͤnzen des oͤstlichen Passatwindes, der um diese Jahrszeit, (d. i. sehr nahe am Solstitio,) schon in der Gegend des Wendezirkels veraͤnderlich wird. Am 7ten Nachmittags hatten wir guten Wind, und segelten Suͤdwestwaͤrts. Capitain Cook gedachte nehmlich unmit- telbar nach der Westseite von Neu-Seeland hinzusteuern, damit er nicht noͤ- thig haͤtte Cooks-Strasse zu paßiren, welches uns im vorigen Jahr so viel Zeit und Muͤhe gekostet. Abends am 8ten schwamm eine zahlreiche Heerde Meerschweine bey dem Schiffe vorbey, die sehr munter um uns her gaukelten, und manchmal aus den Wasser empor sprangen. Eins von diesen Thieren ward mit dem Harpun geschossen, und schleppte ein langes Ende von dem Tau mit sich fort, ehe wir Zeit gewannen, ihm ein Boot nachzuschicken, von dessen Mann- schaft es endlich mit fuͤnf Flintenkugeln erlegt ward. Es gehoͤrte zu der Art, welche die Alten unter dem Namen Delphin Δ λφις Aristot. — Delphinus Delphis. Linn. kannten, und die, gleich dem gewoͤhnlichen Meerschwein, in allen Meeren anzutreffen ist. Es maaß sechs Fuß, und hatte Milch in den Zitzen, indem es, wie bekannt zur Classe der Saͤugthiere ( mammalia ) gehoͤrt. Am folgenden Morgen ward es zerlegt, X x 2 Forster’s Reise um die Welt 1774. October. und unter die Mannschaft vertheilt. Das Fleisch sahe fast ganz schwarz, folg- lich eben nicht sehr reizend aus; allein, wenn das Fett davon abgeschnitten wur- de, schmekte es doch wohl so ertraͤglich als ein Stuͤck troknes Rindfleisch. Auch liessen wir uns zu Mittage ganz gut dabey seyn, und waren mit dem Fang gar sehr zufrieden. Fruͤh um 8 Uhr erblickte man vom Mastkorbe aus Land. Es war eine kleine Insel von mittler Hoͤhe, und, so wie Botany-Eiland , uͤberall mit Cypressen bewachsen. Schon in betraͤchtlicher Entfernung vom Ufer war die See ziemlich seicht, naͤmlich abwechselnd hoͤchstens mit 20 Faden zu ergruͤn- den. Nach Verlauf einer Stunde befanden wir uns nahe genug, um die Laͤnge der Insel auf zwo bis drey Meilen schaͤtzen und wahrnehmen zu koͤnnen, daß sie sehr steil, fast gaͤnzlich mit Waldung bedeckt, vermuthlich aber nicht bewohnt sey. Die Menge von Wasservoͤgeln, welche an der Kuͤste umher schwaͤrm- ten, wiedersprach dieser Vermuthung nicht, und ließ uns zugleich von neuem einer frischen Mahlzeit entgegen sehn. Das Mittagsessen ward zeitiger als gewoͤhnlich aufgetragen, und geschwinder als sonst verzehrt, weil wirs kaum er- warten konnten, ans Land zu gehn. Der Capitain hatte mittlerweile zween Boote in Bereitschaft setzen lassen, in denen wir, zwischen großen Klip- pen- und Felsen-Massen, die von der Insel weit in See reichten, nach einer klei- nen Bucht hinruderten, welche vermittelst jener Klippen dermaaßen geschuͤtzt war, daß die Boote ganz ruhig darinn ankern konnten. Unterhalb am Strande lagen große Steinklumpen, von welchen das Ufer gleich sehr steil und, an einigen Orten, voͤllig senkrecht emporstieg. Zwischen zween Huͤgeln traͤufelte in einer Kluft ein kleiner Bach herab, an dessen Ufern wir heraufstiegen, und mit der groͤßten Be- schwerde in die Waͤlder drangen, indem ein dichtes Verhack von Winden- und Schlingpflanzen den Zugang versperrte. Sobald wir aber etwas tiefer kamen, ward der Wald ziemlich frey, und der Weg bequemer. Die Felsen dieser In- sel bestanden aus dem gewoͤhnlichen gelblichen, thonartigen Gestein, das wir von Neu-Seeland her kannten. Hin und wieder fanden sich kleine Stuͤckgen roͤthlicher, schwammiger Lava, die schon verwittert waren, und muthmassen liessen, daß ehemals ein Volcan allhier gebrannt habe. Der Boden war so fett als er seyn konnte, vielleicht Jahrhunderte lang mit verfaulenden Holz- spaͤnen und andern Pflanzentheilchen geduͤngt. In solchem Erdreich mußte in den Jahren 1772 bis 1775. freylich alles gedeihen! die mehresten Sorten der Pflanzen waren uns bekannt, 1774. October. nemlich eben dieselbigen, welche wir schon auf Neu-Seeland gesehn hatten, nur daß sie hier mit allen den Vorzuͤgen prangten, die ein milderer Himmels- strich und ein besseres Erdreich zu geben pflegen. So schoß z. E. die Neu-Seelaͤndische Flachspflanze ( Phormium tenax ) zu einer Hoͤhe von neun bis zehn Fuß auf und hatte auch groͤßere, hellere Blumen als in Koͤnigin- Charlotten-Sund ! die Naturalien von Neu-Seeland fanden sich hier mit jenen die auf den Neuen Hebridischen Inseln , imgleichen auf Neu-Caledo- nia angetroffen werden, vereint. Unter andern wuchsen die Cypressen des letz- teren, und die Kohlpalmen der ersteren, in groͤßter Vollkommenheit neben einander! Diese zwo Baumarten waren uns in gleicher Maasse willkommen. Die Cypressen dienten nemlich dem Zimmermann zu allerley Geraͤthe, oder zu kleinen Braamstangen, kleinen Raaen und dergleichen, indeß die Kohlpalmen uns allen ein angenehmes und schmakhaftes Erfrischungsmittel lieferten. Wir liessen eine gute Anzahl davon faͤllen und nahmen den mittelsten Schossen, oder das Hertz, mit ans Schif. Dieses giebt eigentlich dem Baume seinen Namen, schmeckt aber mehr wie Mandeln, denn als Kohl. Die Thiere waren hier, so wie die Pflanzen, mehrentheils von Neu-Seelaͤndischen Gattungen , nur daß die großen und kleinen Papageyen ein weit helleres und glaͤnzenderes Gefie- der hatten; die Tauben hingegen waren auch nicht einmah! in diesem Stuͤck von den Neu-Seelaͤndischen unterschieden. Ausserdem fanden wir eine Menge kleiner Voͤgel, die dieser Insel eigenthuͤmlich, und zum Theil sehr schoͤn von Farbe waren. Am Strande wuchsen allerhand saftreiche Pflanzen z. B. eine Art Tetragonia, und ein Mesembryanthemum davon wir einen guten Vorrath zu Suppenkraͤutern mit ans Schif nahmen. Der muntere Gesang der Voͤgel erheiterte diesen einsamen Ort, dem nichts als Groͤße fehlt, um fuͤr Europaͤer den besten Pflanzort in der Suͤdsee abzugeben. Um so mehr, da Cap. Cook sagte, daß, Neu-Seeland ausgenommen, in keiner an- dern als dieser Insel des Suͤd-Meeres , Holz zu Mastbaͤumen vorhanden waͤre. Erst am spaͤten Abend kehrten wir nach dem Schiffe zuruͤck, und bedauerten nichts mehr, als daß wir nicht daran gedacht, ein paar Schweine allhier auszusetzen. In einer so X x 3 Forster’s Reise um die Welt 1774. October fruchtbaren Einoͤde haͤtten sie sich gewiß ohngestoͤrt fortpflanzen und binnen we- nig Jahren diese Insel zu einen treflichem Erfrischungsplatz fuͤr kuͤnftige See- fahrer machen koͤnnen. Capitain Cook nannte diesen angenehmen Flecken Lan- des, Norfolk Eiland . Es liegt unterm 59° 2′ 30″ Suͤdlicher Breite und 168° 16′ Oestlicher Laͤnge. Indeß daß wir die Waͤlder durchsuchten, hatten die Boots- leute sich nach Fischen umgesehen, und gluͤcklicher Weise einen Pful angetroffen, wo die Fische waͤhrend der Fluth hereinkommen. Der Fang war gluͤcklich ge- nug ausgefallen, und diese Fische, nebst den Voͤgeln, die wir geschossen, und den Herzen der Kohlpalmen, gaben uns zween Tage lang stattliche und schmack- hafte Mahlzeiten. Am folgenden Morgen segelten wir an der suͤdlichen Spitze dieses Eilands voruͤber und erblickten, nicht weit davon, eine abgesonderte Klippe. Den ganzen Vormittag uͤber warfen wir fleißig das Senkbley, welches, etwa acht bis neun Meilen weit vom Lande, zwischen dreyßig und vierzig Faden Tiefe angab. Toͤlpel und Sturmvoͤgel flatterten in großer Menge um uns her. Sie schossen einmahl nach dem andern, mit gewaltiger Schnellkraft, aus der Lust auf die Oberflaͤche des Wassers herab, und hohlten auf solche Art, Stoß fuͤr Stoß, einen Fisch weg. Es mußte folglich an dieser Stelle eine fischreiche Sandbank vorhanden seyn. Um ein Uhr Nachmittags hatten wir selbige pas- sirt, denn nun war kein Grund mehr zu erreichen. Wir steuerten daher gera- denweges und bey frischem Winde, nach Neu-Seeland , wo wir auf einen groͤßern und mannigfaltigen Vorrath von Erfrischungen Rechnung machen durf- ten. Diese waren uns auch, nach einen so langen Aufenthalt in heissen Gegen- den, unentbehrlich, zumahl da die Mannschaft, durch die uͤble Beschaffenheit des halb verfaulten Schifsproviants, seit kurzem gaͤnzlich von Kraͤften gekommen, wir aber nebst den Officieren, ungluͤcklicher Weise, durch den Genuß der vergifte- ten Fische sehr zuruͤckgesetzt worden waren. Von Pintaden, Sturmvoͤgeln und Albatroßen begleitet, segelten wir, bey so guͤnstigem Winde, fort, daß schon am 17ten fruͤh Morgens die Kuͤste von Neu-Seeland vor uns lag. Bereits zwey Naͤchte zuvor hatten wir star- ken Abendthau gespuͤrt, welches jederzeit fuͤr eine sichere Anzeige gehalten wird, daß man nicht mehr weit vom Lande ist. Der Theil von Neu-Seeland den wir jetzt im Gesicht hatten, war der Berg Egmont , ein erstaunlich hoher Pik, in den Jahren 1772 bis 1775. an der noͤrdlichen Seite der Einfahrt in Cooks-Straße belegen. Er schien 1774. October. von oben an bis schier auf die Mitte, mit Eis und Schnee bedeckt zu seyn. Den Gipfel konnte man nur dann und wann erblicken, gemeingiich aber war er in Wolken verhuͤllt. Der ganze Berg hat ein majestaͤtisches Ansehen, und andre Berge neben ihm sehen nur als kleine Huͤgel aus. Er steht auf einer großen Ebene, oder vielmehr, er breitet sich allmaͤhlig darin aus, und der oberste Gipfel endigt sich in eine sehr duͤnne Spitze. Dem Raume nach zu urtheilen, den der darauf liegende Schnee einnimt, muß dieser Berg wohl fast so hoch als der Pik von Teneriffa seyn. Der Wind, der bisher noch immer gelinde gewesen, verwandelte sich jetzt auf einmahl in solchen Sturm, daß wir die Stunde uͤber acht Meilen da- mit zuruͤcklegten. Zu gleicher Zeit ward die Luft sehr rauh und kalt, indem das Thermometer bis auf 58° fiel. Wie froh waren wir, uns hier an der westli- chen Kuͤste von Neu-Seeland zu befinden, wo dieser Sturm uns guͤnstig war, dahingegen er, an der Ostseite dieses Landes, uns aͤußerst gefaͤhrlich wuͤrde gewe- sen seyn, welches wir bey unsrer vorjaͤhrigen Anwesenheit allhier, genugsam erfahren hatten. Am folgenden Morgen trieb er uns beym Cap Stephens , bey der Admi- ralitaͤts-Bay und Point-Jakson voruͤber, und brachte uns sodann in Koͤni- gin Charlotten-Sund , wo die Berge schon einigen Schutz gaben. So langten wir endlich zum dritten mahl auf dieser Reise gluͤcklich wieder auf unserm ehe- maligen Ankerplatz, in Schip-Cove , an. Der Anblick jedes bekannten Ge- genstandes, so wild und oͤde er auch immer seyn mochte, machte auf uns einen angenehmen Eindruck, und die Hofnung, unsre erschoͤpten Kraͤfte hier wieder zu sammlen und zu staͤrken, erregte ungewoͤhnliche Froͤhlichkeit im ganzen Schiff. Forster’s Reise um die Welt Achtes Hauptstuͤck . Dritter und letzter Aufenthalt zu Koͤnigin-Charlotten’s Sund in Neu-Seeland . 1774. October. B ey unsrer Ankunft auf der Neu-Seelaͤndischen Kuͤste wurden wir von schwe- ren Regenguͤssen und heftigen Windstoͤssen empfangen, welches eben kein freundlicher Willkomm zu nennen war. Ueberhaupt hatte die Jahreszeit, unter dem hiesigen rauhen Himmelsstrich, jetzt noch wenig Anmuth. Die Baͤume stan- den zum Theil noch im traurigen Gewand des abgewichnen Herbstes da, und kaum zeigte sich hin und wieder nur eine entfernte Spur des wiederkehrenden Fruͤh- lings! Nachmittags fuhren wir nach derjenigen Gegend des Ufers hin, wo schon an beyden vorigen mahlen die Zelte gestanden hatten. Un- sre Hauptabsicht war, daß wir nachsehen wolten, ob die Flasche noch da sey, welche, mit einem Briefe an Capitain Furneaux , unter einem Baume vergraben zuruͤckgelassen worden war. Beym Aussteigen fanden wir ein Haͤufgen See- raben ( Shags ) die auf einem uͤber dem Wasser hangenden Baume genistet hatten. Dies duͤnkte uns vorlaͤufig kein gutes Merkmahl; wir schlossen nem- lich daraus, daß die Bucht seit langer Zeit nicht von Menschen, wenigstens nicht von Europaͤern, muͤsse besucht worden seyn. In Absicht der Wilden war dies sehr wohl moͤglich, denn die halten sich, den Winter uͤber, gemeiniglich an den innersten Ufern der Bayen auf, weil um diese Jahrszeit die Fische, als ihr vor- zuͤglichstes Nahrungsmittel, sich eben dorthin zuruͤck zu ziehn pflegen. Nachdem wir die See-Raben verscheucht und einige ihrer Jungen, die aus Dummheit nicht wegflogen, mit Haͤnden gegriffen hatten, stiegen wir ans Land. Nun aͤn- derte sich unsre Vermuthung auf einmahl; wir durften nicht zehn Schritt weit gehen um uͤberall deutlich wahrzunehmen, daß sich, seit unsrer Abreise im vori- gen November ein europaͤisches Schiff hier muͤsse aufgehalten haben. Eine Menge von Baͤumen, die bey unsrer Abreise noch auf dem Stamme waren, fanden wir jetzt, theils mit Saͤgen theils mit andern den Indianern unbekannten Werk- zeugen, niedergefaͤllt. Auch die Flasche war fort, und andre untruͤgliche Merkmahle mehr vorhanden, daß Europaͤer hier gewesen. Die Gaͤrten, welche wir angelegt, waren fast gaͤnzlich verwildert, die Gewaͤchse theils ausgerottet, theils durch Un- kraut in den Jahren 1772 bis 1775. kraut erstickt, welches in dem lockern, fruchtbaren Boden unglaublich uͤberhand 1774. October. genommen hatte. Unterdessen, daß wir nach diesen Gegenstaͤnden sahen, fischten die Matrosen mit dem großen Zugnetz, jedoch ohne Erfolg. Am Schiffe hingegen war man in dieser Absicht, mit der Angel, gluͤcklicher gewesen, und hatte unter andern, einen schoͤnen See-Brachsen Dies ist eine von denen Fischarten, die man in allen Theilen des Weltmeeres antrift. So faͤngt man sie z. E. an der Englischen Kuͤste, in der Mittellaͤndischen See , am Vor- gebuͤrge der guten Hofnung und im Suͤd-Meer . ( Sparus Pagrus ), gefangen der eilf Pfund wog. Bey Sonnenuntergang ließ der Capi- tain eine Kanone abfeuren, um dadurch die Einwohner von unsrer An- kunft zu benachrichtigen, falls sie nemlich nahe genug waͤren, den Schuß zu hoͤren. Wir wußten schon aus Erfahrung, wie noͤthig uns ihre Gegenwart sey, weil unsre Leute sich nicht halb so gut als sie auf den Fischfang verstan- den und, auch ohne diese Abhaltung, alle Haͤnde voll am Schiff zu thun hatten. Bey Tagesanbruch zogen wir das Schiff tiefer in die Bucht, und brachten es um neun Uhr in einer sehr bequemen Lage dicht ans Ufer. Da das Wetter heut etwas gelinder war, so giengen wir ans Land und schlugen die Gezelte, eben da wo sie ehemals gestanden, wiederum auf. Die jungen Voͤgel vom vorigen Jahr, die unsre betruͤglichen Feuergewehre noch nicht kannten, lies- sen uns unbekuͤmmert so nahe an sich kommen, daß auch der ungeuͤbteste Schuͤtze sie nicht leicht verfehlen konnte. Eine so bequeme Gelegenheit, beydes unsre zoologischen Sammlungen und unsre Kuͤche zu versorgen, ließen wir natuͤrlicher- weise nicht ungenutzt. Baumkletten nebst andern kleinen Voͤgeln, konnten fuͤr eben so gute Leckerbissen gelten als unsre Ortolane, und uͤberhaupt wuͤrde fast ein jeder Neu-Seelaͤndischer Landvogel, Habichte allein ausgenommen, der be- sten europaͤischen Tafel Ehre gemacht haben. Nachmittags begleiteten wir Capitain Cook nach Cannibal-Cove , die nordwaͤrts dicht an unsre Bucht (nemlich Schip-Cove ) graͤnzte. Sellerie und Loͤffelkraut wuchsen dort haͤufig am Strande, und der Capitain hatte sichs zum unverbruͤchlichen Gesetz gemacht, dergleichen heilsame Kraͤuter fuͤr sein Schiffsvolk einzusammlen, wo sie nur zu finden waren. Unterdeß daß die Forster’s Reise u. die Welt zweyter Th. Y y Forster’s Reise um die Welt 1774. October. Matrosen sich mit dieser Arbeit beschaͤftigten, streiften wir im Walde umher, und fanden einen wahren Kohl-Palmbaum ( areca oleracea ) von derselben Art, die wir schon auf Norfolk-Eyland angetroffen hatten. In diesem, verhaͤltnißweise, kalten Lande war uns dies ein unerwarteter Fund und zugleich ein Beweiß, daß der Kohlpalm-Baum weit haͤrtlicher als alle uͤbrigen Palmenarten seyn muͤße. Gegen Abend kehrten wir mit einer vollen Bootsladung antiscorbutischer Kraͤuter zuruͤck, die uns allen sehr dienlich, denen aber die vergiftet gewesen, besonders willkommen waren. Sie erwarteten nemlich, von dem Gebrauch eines solchen blutreinigenden Mittels, die sicherste Her- stellung ihrer Gesundheit und ihrer Kraͤfte. Bey Sonnenuntergang ward aber- mahls eine Kanone abgefeuert, weil sich noch immer keiner von den Einwohnern hatte sehen lassen. Am folgenden Tage stuͤrmte es gewaltig und war um desto kaͤlter, weil der Wind uͤber die hohen, mit Schnee bedeckten, Alpen her kam. Gegen Abend fiel heftiger Regen ein, der abwechselnd, mit dickem Nebel begleitet, volle 24 Stunden anhielt. Nach Verlauf dieser Zeit stellte sich Nordwestwind ein, wodurch das Wetter bald wieder gaͤnzlich heiter ward. Am 22ten gieng die Sonne, am wolkenfreyen Himmel, in aller ihrer Pracht auf; das gefiederte Chor lies sich, zum ersten mahl nach unsrer Ankunft, auf allen Seiten hoͤren, und verkuͤndigte einen schoͤnen Fruͤhlingstag. Unsre Officiere eilten daher saͤmtlich auf die Jagd, wir aber giengen, mit Capitain Cook , in einem Boote laͤngst der Kuͤste gegen Point-Jackson , und stiegen in verschiedenen kleinen Buchten ans Land. Nachmittags machten wir eine Fahrt nach dem Hippah- Felsen und zuͤndeten daselbst ein Feuer an, um, durch dieses Signal, die Einwohner herbey zu locken. Von dort aus besuchten wir auch unsern auf Motu-Aro ehemals angelegten Kuͤchengarten, fanden aber die Pflanzen alle verbluͤht und die Saamen groͤßtentheils von den Voͤgeln gefres- sen. Gegen Abend kamen die Officiers, nach einer sehr ergiebigen Jagd, saͤmt- lich wieder an Bord; die Matrosen waren unterdeß auch nicht muͤßig gewesen, sondern brachten ansehnliche Vorraͤthe frischer Kraͤuter und eine ziemliche Par- they Fische mit sich. Ein so allgemein gluͤcklicher Erfolg gab im ganzen Schiffe in den Jahren 1772 bis 1775. Anlaß zu einer Art von Feste, bey welchem der Leichtsinn des Seevolks auf ein- 1774. October. mahl aller vorigen Truͤbsale vergaß. Nachdem wir noch einen Tag laͤnger, wiewohl vergebens, auf die Ankunft der Indianer gewartet hatten, nahmen wir uns vor, sie in den suͤdwaͤrts gelegenen Buchten selbst aufzusuchen. Unterdeß daß hiezu, am 24sten bald nach Tagesan- bruch, Anstalt gemacht wurde, zeigten sich zwey seegelnde Canots im Eingang von Shag-cove . Wir vermutheten, daß sie unserntwegen kaͤmen, allein, so bald sie das Schif gewahr wurden, nahmen sie die Seegel ein und ruderten in groͤßter Eil davon. Diese Schuͤchternheit, die wir sonst gar nicht an ihnen ge- wohnt waren, machte uns natuͤrlicherweise nur desto begieriger, sie zu sprechen, um die Ursach ihres Mistrauens zu ergruͤnden. In dieser Absicht fuhr Capitain Cook mit uns in seinem Boot nach Shag-cove . Von Austernsammlern und See-Ra- ben ( Shags ) die sich dort in großer Anzahl auf halten, schossen wir nicht wenige; von den Indianern aber, die wir anzutreffen hosten, war nirgends eine Spur zu finden. Schon wollten wir wieder umkehren, als vom suͤdlichen Ufer her eine Stimme erscholl und, bey naͤherem Umsehen, etliche Leute oben auf den hoͤhern Ber- gen zum Vorschein kamen. Auf einer kleinen waldigen Anhoͤhe standen noch drey oder vier andre; nicht weit davon lagen mehrere Huͤtten zwischen den Baͤumen, und unterhalb waren die Canots auf den Strand gezogen. Bey diesen stiegen wir an Land. Die Indianer besannen sich eine Zeitlang, ob sie auf unser Winken her- abkommen wollten oder nicht; endlich wagte es einer, und so bald er, nach hiesiger Landessitte, zum Friedenszeichen unsre Nasen mit der seinigen beruͤhrt hatte, folg- ten seine Cameraden, desgleichen die uͤbrigen, welche bisher auf den hoͤhe- ren Bergen geblieben waren. Sie hatten saͤmtlich alte, abgetragene Stroh-Maͤn- tel an, die Haare hiengen ihnen zottigt um den Kopf, und der Unreinlichkeit wegen konnte man sie schon von ferne wittern. Unter allen diesen Leuten wa- reu uns hoͤchstens drey oder viere bekannt, sobald sie sich aber nahmkuͤndig mach- ten, erinnerten wir uns andrer ehemaligen Bekannten und fragten nach ihrem Befinden. Die Antwort, welche darauf erfolgte, war indessen so ver- worren, daß wir sie nicht deutlich verstanden; nur so viel brachten wir heraus, daß sie von einer Schlacht sprachen und verschiedne von ihren Landsleuten angaben, die das Leben dabey eingebuͤßt hatten. Zu gleicher Zeit Y y 2 Forster’s Reise um die Welt 1774. October. fragten sie einmahl nach dem andern, ob wir ungehalten auf sie waͤren, und ob unsre Freundschafts-Bezeugungen auch wohl treuherzig gemeynt seyn moͤchten? Sowohl diese Reden, als ihre sichtbare Verlegenheit, ließen uns nicht ohne Ur- sach vermuthen, daß sie mit der Mannschaft irgend eines europaͤischen Schifs ungluͤcklicher Weise in Streit gerathen seyn muͤßten, und natuͤrlicher Weise fiel uns dabey unsre ehemalige Begleiterin, die Adventure , ein. Doch, weit entfernt ihnen vor der Hand etwas hievon merken zu lassen, suchten wir viel- mehr ihr Zutrauen wieder zu gewinnen, und das gelang uns auch, indem wir die Unterredung auf einen andern Gegenstand lenkten, namentlich, Fische zu kaufen begehrten. Der Gedanke etwas zu erwerben, machte sie auf einmahl guten Muths; sie liefen zu ihren Canots, raͤumten die daruͤber gedeckten Mat- ten weg, und brachten eine Menge Fische zum Vorschein, die vermuthlich die- sen Morgen erst gefangen waren. Fuͤr etwas tahitisches Zeug, einige Nagel, Medaillen und Stuͤckchen rothen Tuchs, uͤberließen sie uns so viel, als unsre ganze Mannschaft zu einer Mahlzeit brauchte. Ein Mann von mittlerm Alter, dem Schein nach der Vornehmste unter den Anwesenden, sagte uns nunmehro er heiße Piterré , und bezeigte sich besonders freundschaftlich. Seine Cameraden thaten es ihm darinn bald nach und wurden endlich so zutraulich, daß sie ver- sprachen, morgen fruͤh allerseits an Bord zu kommen. Mit dieser Versicherung schieden wir aus einander, nicht ohne den eigenthuͤmlichen Character ihres Muths zu bewundern, der den Gedanken: „sich v o r einem Feinde verbergen“ fuͤr ganz unzulaͤßig haͤlt, und sie auch jetzt, so wie ehemals in Dusky-bay , Stehe im ersten Bande dieser Reisen pag. 104. und namentlich pag. 129. bewogen hatte, ihrer Besorgniß und unsrer Ueberlegenheit ohnerachtet, von freyen Stuͤcken hervor zu kommen! Gleichwohl hatten sie, wie aus der Folge dieser Erzaͤhlung erhellen wird, nur allzuguͤltige Ursach unsre Rache zu fuͤrchten. Piterré und seine Gefaͤhrten hielten Wort; sie kamen des andern Moc- gens, bey Sonnen Aufgang, in fuͤnf Canots angezogen und verkauften uns eine große Menge schmackhafter Fische, wodurch der Ueberfluß an unsern Tafeln auf einmahl wieder hergestellt ward. Als der Handel mit Fischen geschlossen war, brachten sie allerhand Stuͤcke gruͤnen nephritischen Steins, die theils zu Mei- ßeln, theils zu Zierrathen verarbeitet waren, hervor, um solche gegen tahiti- sches Zeug, englisch Tuch oder Eisenwerk, zu vertauschen, und als auch von in den Jahren 1772 bis 1775. diesen Artikeln niemand mehr etwas begehrte, kehrten sie nach dem Ufer zuruͤck. 1774. October. Ein Theil unsrer Mannschaft war daselbst mit Wasserfuͤllen, Holhauen, u. d. g. Arbeiten beschaͤftigt, auch hatte Herr Wales , seine Sternwarte dort aufgerich- tet; hier boten sie ihre Kostbarkeiten von neuem aus und nahmen, nach einem so wohl angewandten Tage, das Nachtquartier auf dem naͤchsten Strande. Am folgenden Morgen giengen sie unserntwegen wieder auf den Fischfang und versorgten uns, Tag fuͤr Tag, so reichlich, daß wir stets frischen Vorrath hatten. Die mehreste Zeit uͤber und am liebsten hielten sie sich bey den Arbeitern am Strande auf, weil verschiedene von selbigen, vornemlich ein paar See-Soldaten, Vergnuͤgen daran fanden, Stunden lang mit ihnen zu sprechen, so gut es ihre Kenntnis der hiesigen Sprache erlaubte. Dieser vertraute Umgang machte die Indianer in kurzem so offenherzig, daß sie ihren neuen europaͤischen Freunden eine Geschichte erzaͤhlten, die uns allen sehr auffallend vorkam. Es habe nehmlich, sagten sie, vor einiger Zeit ein fremdes Schiff allhier vor Anker gelegen, dessen ganze Mannschaft, in einem Treffen mit den Einwohnern, er- schlagen und gefressen worden waͤre! Diese Nachricht klang fuͤrchterlich genug um uns zu erschrecken, zumahl da wir befuͤrchten mußten, daß die Adventure damit gemeynt sey. Um mehr Licht davon zu bekommen, fragten wir die Wilden nach verschiedenen einzelnen Umstaͤnden und entdeckten bald dies, bald jenes, wodurch unsre Vermuthung immer mehr ausser Zweifel gesetzt ward. Endlich merkten sie, daß dieser Gegenstand uns ganz besonders am Herzen liegen muͤsse, weil wir gar nicht aufhoͤrten sie daruͤber auszufragen; sie weigerten sich also auf einmahl, ein mehreres davon zu sagen, und stopften sogar einem ihrer Landsleute, durch Drohungen, den Mund, da er eben im Begrif war uns den ganzen Verlauf nochmahls im Zusammenhange zu erzaͤhlen. Dies machte Capitain Cook immer begieriger etwas zuverlaͤßiges vom Schicksal der Adventure zu wissen; er rief deshalb den Piterré , nebst noch einem andern Wilden, in die Kajuͤte, und versuch- te, sich so deutlich als moͤglich gegen sie zu erklaͤren. Allein, beyde laͤugneten, daß den Europaͤern das geringste zu Leide geschehen sey. Indessen war noch die Fra- ge, ob sie auch recht verstanden was wir eigentlich von ihnen zu wissen ver- langten, und ob wir ihnen den Innhalt unsrer Frage nicht deutlicher und anschauli- cher machen muͤßten? Diesen Endzweck zu erreichen schnitten wir zwey Stuͤckchen Y y 3 Forster’s Reise um die Welt 1774. October. Pappier in Gestalt zweyer Schiffe aus, davon das eine die Resolution , das andre die Adventure vorstellen sollte. Alsdenn zeichneten wir den Plan des Havens auf einem groͤßeren Pappier, zogen hierauf die Schiffe so viel mahl in- und aus den Haven, als wir wuͤrklich darinn geankert hatten und wieder abgesegelt waren, bis zu unsrer letzten Abreise im November. Nun hielten wir eine Zeit- lang ein; und fiengen sodann an, Unser Schiff nochmals hereinzuziehn; hier unterbrachen uns aber die Wilden, schoben unser Schiff zuruͤck und zogen das Pappier, welches die Adventure vorstellte, in den Haven und wiederum heraus, wobey sie zugleich an den Fingern zaͤhlten, seit wie viel Monden dieses Schiff abgesegelt sey. Auf solche Art erfuhren wir, mit zwiefachem Vergnuͤgen, nicht nur, daß unsre ehemalige Reisegefaͤhrten gewiß von hier abgesegelt waͤren, sondern auch, daß die Einwohner mit einem Grad von Scharfsinn begabt sind, der bey wei- terer Ausbildung alles moͤgliche erwarten laͤßt. In Absicht der Geschichte blieb uns nur allein das noch raͤthselhaft, wie sich ihre erste Aussage, von einem Tref- fen zwischen den Indianern und Europaͤern, mit der letzten Versicherung reime, daß unsern Landsleuten kein Leid wiederfahren, und die Adventure wieder- um von hier abgegangen sey? Gleichwie man aber das, was man wuͤnscht, auch zu hoffen pflegt; so suchten wir uns endlich damit zu beruhigen, daß bey dem ersten Theil der Erzaͤhlung, unserer Seits, ein Misverstaͤndniß ob- walten muͤße. Und wuͤrklich kamen wir uͤber diesen Punkt nicht ehe als bey der Ruͤckkunft nach dem Cap ausser Zweifel; dort erzaͤhlte man uns, daß die Adventure , bey ihrer letzten Anwesenheit in Neu-Seeland , ein Boot mit zehen Mann eingebuͤßt habe. Hoffentlich wird es meinen Lesern nicht zuwieder seyn, von diesem traurigen Vorfall etwas bestimmteres zu verneh- men; ich will also das, was ich, bey meiner Ruͤckkunft nach England , von den Leuten der Adventure in Erfahrung gebracht, mit demjenigen, was die Neu- Seelaͤnder davon erzaͤhlt haben, verbinden. Nachdem Capitain Furneaux durch Sturm und Nebel von uns getrennt worden, sahe er sich genoͤthigt am 9ten November 1773, auf der noͤrdlichen Insel von Neu-Seeland , nament- lich in der Bay Tolaga , vor Anker zu gehen. Von hier segelte er am 16ten wiederum ab, und langte am 30ten, einige wenige Tage nach unsrer Abreise, in Koͤnigin Charlotten-Sund an. O Ma ï , (der Indianer aus der Insel in den Jahren 1772 bis 1775. Raietea , der sich am Bord der Adventure befand,) erzaͤhlte mir in England , 1774. October Er sey der erste gewesen, der die Innschrift am Baume entdeckt haͤtte, an dessen Fuß die Flasche mit der Nachricht von unsrer Abreise verscharrt worden war. Er zeigte die Innschrift dem Capitain, der gleich nachgraben ließ, und die Flasche nebst dem darin verschlossenen Briefe fand. Selbigem zufolge mach- te dieser auch unverzuͤglich Anstalt die Reise fortzusetzen. Schon war sein Schiff seegelfertig, als er noch ein Boot nach Gros-Cove abschickte, um eine Ladung Loͤffelkraut und Sellerie von dort herzuholen. Das Commando dieses kleinen Detaschements ward einem gewissen Herrn Rowe anvertraut. Dieser ungluͤckliche junge Mann hatte, bey einer sonst guten Denkungsart, die Vor- urtheile der seemaͤnnischen Erziehung noch nicht voͤllig abgelegt. Er sahe z. E. alle Einwohner der Suͤdsee mit einer Art von Verachtung an, und glaubte eben dasselbe Recht uͤber sie zu haben, welches sich, in barbarischen Jahrhunderten, die Spanier uͤber das Leben der amerikanischen Wilden anmaaßten. Seine Leute landeten in Gras-Cove , und fiengen an Kraͤuter abzuschneiden. Ver- muthlich hatten sie, um mehrerer Bequemlichkeit willen, bey dieser Arbeit ihre Roͤcke ausgezogen; wenigstens erzaͤhlten uns die Indianer in Koͤnigin-Char- lotten-Sund , der Streit sey daher entstanden, daß einer von ihren Lands- leuten den unsrigen eine Jacke gestohlen haͤtte. Dieses Diebstahls wegen ha- be man sogleich Feuer auf sie gegeben und so lange damit fortgefahren, bis die Matrosen kein Pulver mehr gehabt: Als die Eingebohrnen dies inne geworden, waͤren sie auf die Europaͤer zugerannt, und haͤtten selbige bis auf den letzten Mann erschlagen. Da mir selbst erinnerlich ist, daß Herr Rowe immer zu behaupten pfleg- te, die Neu-Seelaͤnder wuͤrden das Feuer unserer Musketerie nicht aushalten, wenn es einmal zum Schlagen kaͤme; so kann es ganz wohl seyn, daß er bey dieser Gelegenheit einen Versuch dieser Art habe anstellen wollen. Schon in Tolaga- Bay hatte er große Lust bezeugt, auf die Einwohner zu feuern, weil sie ein klein Brandtwein-Faͤßgen entwendet; auf das gutherzige und weisere Zurathen des Lieutenant Burney ließ er sich jedoch damahls eines bessern bereden. Als Capitain Furneaux sahe, daß das abgefertigte Boot zween volle Tage aus- blieb, schickte er vorgedachten Lieutenant Burney in einem andern wohl bemann- ten und stark bewafneten Boote ab, um jenes aufzusuchen. Dieser erblickte am Eingang von Cast-Bay ein großes Canot voll Indianer, die aus allen Kraͤf- Forster’s Reise um die Welt 1774. October. ten fort ruderten, so bald sie das Boot der Adventure gewahr wurden. Die Unsrigen ruderten tapfer hinterdrein; allein, aus Besorgniß eingehohlt zu wer- den, sprangen die Neu-Seelaͤnder saͤmtlich ins Wasser und schwammen nach dem Ufer zu. Herrn Burney kam diese ungewoͤhnliche Furcht der Wilden sehr befremdend vor; doch, als er das ledige Canot erreicht hatte, sahe er leider nur zu deutlich was vorgefallen war. Er fand naͤmlich in diesem Fahrzeuge ver- schiedene zerfezte Gliedmaaßen seiner Schifs-Cameraden, und einige ihrer Klei- dungs-Stuͤcke. Nach dieser traurigen Entdeckung ruderten sie noch eine Zeit- lang umher, ohne von den Indianern etwas ansichtig zu werden, bis sie um ein Uhr in Gras-Cove , als dem eigentlichen Landungsort der verungluͤckten Mannschaft, ankamen. Hier war eine große Anzahl von Indianern versamm- let, die sich, wieder ihre Gewohnheit, beym Anblick der Europaͤer sogleich in wehrhafte Verfassung sezten. Der seitwaͤrts gelegene Berg wimmelte von Menschen, und an vielen Orten stieg ein Rauch auf, der vermuthen ließ, daß das Fleisch der erschlagnen Europaͤer schon zu einer festlichen Mahl- zeit zubereitet werde! Dieser Gedanke erfuͤllte selbst die hartherzigsten Matro- sen mit Grausen und machte ihnen das Blut in allen Adern starren; doch, im naͤchsten Augenblick entbrannte ihre Rachgier, und die Vernunft mußte unter diesem maͤchtigen Instinct erliegen. Sie feuerten und toͤdteten viele von den Wilden, trieben sie auch zuletzt, wiewohl nicht ohne Muͤhe, vom Strande, und schlugen ihre Canots in Truͤmmern. Nunmehro, da sie sich sicher duͤnkten, stiegen sie ans Land, und durchsuchten die Huͤtten. Sie fanden mehrere Buͤn- del Loͤffelkraut, welche ihre ungluͤcklichen Cameraden schon zusammengebunden haben mußten und sahen viele Koͤrbe voll zerstuͤckter und zerstuͤmmelter Glie- der, unter welchen sie die Hand des armen Rowe deutlich erkannten. Die Hunde der Neu-Seelaͤnder fraßen indeß am Strande von den herumliegenden Eingeweiden! Von dem Schifs-Boote waren nur wenige einzelne Stuͤcke zu sehen; Herr Burney vermuthete daher, daß die Wilden es zerschlagen haben moͤchten, um die Naͤgel herauszuziehn, auch ists nicht unwahrscheinlich, daß die Un- gluͤcklichen, die hier ums Leben gekommen, ihr Boot bey ablaufender Ebbe auf dem trocknen Boden sitzen lassen, und folglich sich selbst das letzte Mittel benommen hatten, ihrem traurigen Schicksal durch die Flucht zu entrinnen. Nach einem in den Jahren 1772 bis 1775. einem solchen Verlust, den Capitain Fourneaux um desto empfindlicher fuͤhlte, 1774. October. weil Herr Rowe sein Anverwandter war, seegelte er am 22sten December aus Koͤnigin-Charlotten-Sund ab, und paßirte das Cap Horn , ohne ir- gendwo Land zu sehen oder vor Anker zu gehen, bis am 19 Maͤrz 1774, da er das Cap der guten Hoffnung erreichte. Vom Cap kehrte er nach England zuruͤck, und langte am 15 Julius, mithin um eben die Zeit, zu Spithead an, da wir, auf der andern Hemisphaͤre, mit Entdeckung der Neuen Hebridischen Inseln beschaͤftigt waren. Die Neu-Seelaͤnder sind von jeher allen Nationen, welche zu ihnen gekommen, gefaͤhrliche Feinde gewesen. Der erste Entdecker dieses Landes, Abel Janssen Tasmann , ein Hollaͤnder, verlohr vier von seinen Matrosen an einem Ankerplatze, den er, dieses Vorfalls wegen, die Moͤrder-Bay nannte, und der vermuthlich mit der vom Capitain Cook sogenannten blinden Bay ei- nerley ist. Die Einwohner nahmen einen der erschlagnen Matrosen mit sich und wissen also, ohnstreitig schon seit 1642, wie das Fleisch eines Europaͤers schmeckt. Den Englaͤndern haben sie durch die so eben erzaͤhlte Geschichte noch weit aͤrger, den Franzosen aber schlimmer als allen uͤbrigen mitgespielt, in- dem sie Herrn Dufresne Marion mit acht und zwanzig Mann erschlagen und gefressen haben! Mr. Crozet , Capitaine de brûlot in franzoͤsischen Diensten, der, auf einer Reise nach Ost-Indien , gerade zu der Zeit am Cap der guten Hoff- nung vor Anker lag, als wir , von unserm Kreislauf, eben daselbst anlangten, er- zaͤhlte mir das traurige Schicksal, welches Mr. Dufresne Marion betroffen hatte. Herr Crozet commandirte nemlich das Koͤnigliche Schif, den Mascarin , als zweyter Officier, unter besagtem Herrn von Marion , und gieng, nebst noch einem Schiffe welches ihn begleitete, auf dem Noͤrdlichen Theil von Neu- Seeland in der Bay der Eilande , vor Anker Man sehe im ersten Bande pag. 85. und 180. wo ich der Entdeckungen des Herrn Marions vor dessen Ankunft in Neu-Seeland erwaͤhnt habe. . Der Verlust, den er durch Sturm an seinen Masten erlitten hatte, noͤthigte ihn, hier in den Waͤldern, neue zu suchen. Er fand auch wuͤrklich einige Baͤume die dazu taugten, nur schien es fast unmoͤglich sie von den Bergen nach dem Wasser herab zu schaffen. Doch Forster’s Reise u. die W: zweyter Th. Z z Forster’s Reise um die Welt 1774. October. Noth kennt kein Gesetz; diesem Grundsatz gemaͤß mußte auch Herr Crozet sich zu der muͤhsamen Arbeit bequemen, durch die dicksten Waͤlder, einen drey Meilen langen Weg bis nach den Ort hin aushauen zu lassen, wo die zu Masten brauchbaren Staͤmme vorhanden waren. Indeß daß diese langweilige Unternehmung zu Stande kam, schlug ein Theil seiner Leute, auf einem Eiland, einige Zelte auf, um mit mehrerer Bequemlichkeit Trinkwasser zu fuͤllen, und einzelne Partheyen nach Brennholz auszuschicken. Bey so bewandten Umstaͤnden hatten sie hier schon 39 Tage zugebracht, und sich das Zutrauen der Einwohner dergestalt erworben, daß ihnen diese, mit der groͤßten Zudringlichkeit, ihre Maͤdchen anboten. Eines Tages gieng Herr Marion in Begleitung etlicher anderer Personen, an’s Land, um nach den verschiedentlich angestellten Arbeitern zu sehen. Die Leute, die mit dem Anfuͤllen der Wasserfaͤsser zu thun hatten, besuchte er zuerst; von da wollte er zu den Zimmerleuten gehen, die unter Herrn Crozets Aufsicht im Walde ar- beiteten, vorher aber, wie er gemeiniglich zu thun pflegte, in dem Hippah oder Fe- stung der Indianer, wo ihn der Weg vorbey fuͤhrte, einsprechen. Hier muß er mit seiner ganzen Begleitung umgekommen seyn, denn man hat nachher nichts weiter von ihm vernommen. Der Lieutenant, auf den in Abwesenheit Herrn Marions das Commando des Schiffes gefallen war, wunderte sich zwar, daß jener am Abend nicht wieder an Bord kam, doch beruhigte er sich da- mit, daß die Umstaͤnde ihn genoͤthigt haben wuͤrden, die Nacht uͤber am Lande zu bleiben, wozu auch, in den Zelten, alle Bequemlichkeit vorhanden war. In dieser Meynung schickte er am folgenden Morgen, ganz unbesorgt, eine Parthey Matrosen aufs Holzhauen, und diese giengen jenseits der in Capitain Cooks Car- te angedeuteten Landzunge, ans Ufer S. Hawkesworths zweyter Samml- der englischen Seereisen, 4. Band, S. 352. . Ein Trupp von Wilden, der, seit dem gestrigen Vorfall im Hippah , allhier im Hinterhalt liegen mochte, nahm den Augenblick wahr da die Holzhauer saͤmtlich an der Arbeit waren, uͤberfiel selbige und ermordete sie alle, bis auf einen einzigen Matrosen, der queer uͤber die Landzunge davon rannte, sich in die See stuͤrzte und, obgleich verschiedentlich von Wurfspießen verwundet, nach den Schiffen hinschwamm. Er war so gluͤcklich, daß man ihn gewahr ward und an Bord half, wo seine in den Jahren 1772 bis 1775. Erzaͤhlung bald ein allgemeines Schrecken verbreitete. Herr Crozet befand 1774. October. sich unterdeß mit den Zimmerleuten noch immer im Walde, folglich in Gefahr von den Wilden abgeschnitten, und nicht besser als seine ungluͤcklichen Lands- leute behandelt zu werden. Um ihn dafuͤr zu warnen, ward unverzuͤglich ein Corporal mit vier Seesoldaten abgeschickt und zugleich etliche Boote beor- dert, bey den Kranken-Zelten auf Herrn Crozet zu warten. Der Cor- poral kam gluͤcklich zu Herrn Crozet hin, und dieser hatte es seinen guten Maasregeln zu verdanken, daß auch er wohlbehalten an den Ort anlangte, wo die Schiffsboote fuͤr ihn bereit lagen. Schon glaubte er, der Aufmerksam- keit der Wilden gaͤnzlich entgangen zu seyn; hier aber, wo er sich einschiffen wollte, war eine große Menge derselben beysammen, die sich aufs beste ge- putzt Das thun sie allemahl wenn sie eine Schlacht liefern wollen. und verschiedene Fuͤhrer an ihrer Spitze hatten. Nun kam alles auf Entschlossenheit an, und daran fehlte es, zum Gluͤck, Herrn Crozet nicht. Er be- fahl denen vier Seesoldaten bestaͤndig im Anschlag zu bleiben und, auf das erste Zeichen, ihren Mann ja nicht zu verfehlen. Darauf ließ er die Kranken-Zelte ab- brechen und nebst dem Geraͤthe der Zimmerleute in die Boͤte schaffen. Eben da- hin mußten sodann auch die Arbeiter allgemach folgen, indeß er selbst mit seinen vier Scharfschuͤtzen, auf den vornehmsten Befehlshaber der Wil- den zugieng. Dieser erzaͤhlte ihm sogleich, daß einer ihrer Anfuͤhrer, den er nannte, Herrn Marion erschlagen habe. Statt aller Antwort ergrif Capitain Crozet einen Pfal, stieß solchen mit Heftigkeit, dicht vor den Fuͤßen des Wilden, in die Erde, und gebot ihm, nicht um ein Haar breit naͤher zu kommen. Die Kuͤhnheit dieser Handlung setzte sowohl den Anfuͤhrer, als seinen ganzen Trupp sichtbar in Erstaunen und Herr Crozet wußte ihre Be- stuͤrzung sehr gut zu nutzen indem er verlangte, daß alle Anwesende sich nieder setzen sollten, welches auch ohne Wiederrede geschah. Nun gieng er so lange vor den Neu-Seelaͤndern auf und ab, bis alle seine Mannschaft eingeschift war; darauf mußten die Scharfschuͤtzen folgen, und Er stieg ganz zuletzt in’s Boot. Kaum waren sie vom Lande abgefahren, als die Neu-Seelaͤnder saͤmmtlich Z z 2 Forster’s Reise um die Welt 1774. October. aufstanden den Schlachtgesang anstimmten, und mit Steinen nach ihnen warfen; die Matrosen ruderten aber so schnell, daß sie bald ausser dem Wurf waren, und solchergestalt wohlbehalten ans Schiff zuruͤck kamen. Seit diesem Vorfall machten die Neu-Seelaͤnder immer mehrere Versuche, die Franzosen wo moͤglich ganz und gar aufzureiben. So wagten sie z. E, mitten in der Nacht, einen Anfall gegen die auf der kleinen Insel campirenden Arbeiter, um die es auch gewiß wuͤrde geschehen gewesen seyn, wenn sie nicht so sehr auf ihrer Huth gewesen waͤren. Ein ander mahl fuͤhrten sie, in mehr als hundert großen, stark bemann- ten Canots, einen foͤrmlich combinirten Angrif auf die beyden Schiffe aus; die- ser Versuch bekam ihnen aber sehr uͤbel, denn sie wurden von der Artillerie haͤs- lich empfangen und abgewiesen. So anhaltende Feindseligkeiten uͤberzeugten Herrn Crozet endlich, daß er seine Schiffe unmoͤglich ehe mit Masten wuͤrde ver- sorgen koͤnnen, bis die Einwohner aus ihrem großen, wohlbefestigten Hippah vertrieben waͤren. Auf diese Expedition gieng er also eines Morgens mit einem starken Commando aus. Die Einwohner erwarteten ihn wohl vorberei- tet; er fand sie in großer Anzahl hinter ihren Pallisaden auf den Streitgeruͤsten, die Capitain Cook in seiner ersten Reisegeschichte beschreibt S. Hawkesworths Sammlung der neuesten engl. See-Reisen, in 4. 2ter Band, S. 339. u. f. . Die Franzosen griffen die Besatzung durch ein bestaͤndig unterhaltenes Peloton-Feuer an, welches von so kraͤftiger Wuͤrkung war, daß die Neu-Seelaͤnder bald von ihren Streit-Buͤhnen herab sprangen und hinter den Pallisaden Schutz suchten. Um sie auch von da aus zu verjagen, mußten die Zimmerleute anruͤcken und eine Bresche in die Pallisaden machen. In die erste Oefnung welche entstand, stellte sich sogleich ein Anfuͤhrer der Indianer und suchte, mit seinem Spieß, den Zim- merleuten Einhalt zu thun. Herr Crozet hatte sich aber einige gute Schuͤtzen ge- waͤhlt, durch welche er diesen wehrhaften Indianer augenblicklich niederschiessen ließ. Alsbald ruͤckte ein andrer in seine Stelle, trat auf den Leichnam seines Vor- gaͤngers und setzte sich zur Wehr. Auch dieser ward ein Opfer seines unerschroknen Muths, und auf solche Art blieben, auf diesem gefaͤhrlichen Ehrenposten, acht Be- fehlshaber, einer nach dem andern. Da die Indianer ihre Anfuͤhrer so schnell fallen sahen, ergriffen die uͤbrigen die Flucht, verlohren aber durch das Nachsetzen der in den Jahren 1772 bis 1775. Sieger noch viel Leute. Herr Crozet both 50 Thaler fuͤr einen lebendigen 1774. October. Neu-Seelaͤnder, es war aber den Franzosen nicht moͤglich, nur einen einzigen habhaft zu werden. Ein Soldat, der die Praͤmie gern verdienen wollte, bekam einen alten abgelebten Greis zu packen, und suchte ihn zum Capitain zu schleppen. Der Wilde aber, der keine andre Waffen hatte, biß dem Franzosen in die Faust, welches diesen dermaaßen schmerzte, daß er ihn im ersten Jaͤhzorn mit dem Bayonet nieder- stieß. In dem eroberten Hippah fand sich eine große Menge Zeug, Waffen, Werk- zeuge und rohes Flachs, nebst einem ansehnlichen Vorrath von troknen Fischen und Wurzeln, die vermuthlich fuͤr den bevorstehenden Winter daselbst aufbewahrt wurden. Diese blutige Unternehmung verbreitete ein solches Schrecken unter die Indianer, daß Herr Crozet seine Schiffe nun ungestoͤrt ausbessern, und, nach einem Ausenthalt von vier und sechzig Tagen, die Bay der Eilande verlas- sen konnte. Bey dieser Streitigkeit mit den Franzosen wuͤrden die Neu Seelaͤnder in keinem vortheilhaften Lichte erscheinen, wenn wir nicht vermuthen koͤnnten, daß vorher etwas vorgefallen seyn muͤße, wodurch sie sehr beleidigt und in Harnisch gebracht worden. Wenigstens siehet man aus ihrem uͤbrigen Betra- gen gegen die Europaͤer, daß sie weder verraͤtherisch noch menschenfeindlich sind. Warum sollten wir also nicht annehmen duͤrfen, daß die Franzosen, ohne es vielleicht selbst zu wissen oder gewahr zu werden, ihnen etwas in den Weg ge- legt, wodurch jene sich fuͤr berechtigt gehalten haben, ihrer Rachsucht dermaaßen den Zuͤgel schießen zu lassen, als dies von rohen Wilden nur immer erwartet wer- den kann? Wir hatten um desto mehr Ursach der Erzaͤhlung der Einwohner von Koͤnigin Charlotten-Sund Glauben beyzumessen, weil sie ihre eignen Landsleute, unverhohlen, eines Diebstahls beschuldigten. Allein sie gaben auch deutlich genug zu erkennen, daß die Uebereilung der Unsrigen, diesen Diebstal sogleich durch Musketenfeuer, und vielleicht ohne Unterschied an dem ganzen Haufen, zu ahnden, ihre Mitbruͤder aufgebracht, und sie zur Rache angereizt habe. Wir werden gebohren unsre abgemeßne Zeit auf dem Erdboden zu durchleben; will jemand, vor dem Ablauf dieser Zeit, unserm irrdischen Daseyn ein Ziel setzen, so koͤnnen wir es als ein Vergehen gegen die Gesetze des Schoͤpfers ansehen. Dieser verlieh uns die Leidenschaften gleichsam zur Schutzwehr und bestimmte Z z 3 Forster’s Reise um die Welt 1774. October. den Trieb der Rache, vorzuͤglich, zu Abwendung aller gewaltsamen Unterdruͤckung. Der Wilde fuͤhlt dieses und eignet sich selbst das Recht zu, Beleidigun- gen zu raͤchen, dahingegen in der buͤrgerlichen Gesellschaft gewissen einzelnen Personen, ausschliessenderweise, die Macht anvertraut, und zugleich die Pflicht auferlegt ist, alles Unrecht zu ruͤgen. Indessen ist diese Art das Recht zu handhaben, auch in den gesitteten Laͤndern Europens , nicht immer, und nicht auf alle Faͤlle hinreichend. Wenn z. B. dieser Gewaͤhrsmann der oͤffent- lichen Ruhe, dieser allgemeine Raͤcher des Unrechts, seinen eignen Arm gegen die geheiligten Rechte des gemeinen Wesens aufhebt; muͤßen alsdenn nicht alle buͤrgerliche Verbindlichkeiten aufhoͤren, muß nicht ein jeder seine eigenen natuͤrli- chen Rechte selbst verfechten, und den Leidenschaften, als den urspruͤnglich ange- bohrnen Mitteln zur Selbsterhaltung wieder freyen Lauf gestatten? Eben so ereig- nen sich auch im Privatleben Faͤlle genug, wo dies billige, nicht zu tadelnde Gefuͤhl der Rache (selbst in einem aͤusserst wohl eingerichteten Staat,) von großem Nutzen seyn kann. Giebt es nicht eine Menge von Beeintraͤchtigungen und Beleidigungen oder Beschimpfungen, wogegen kein Gesetz schuͤtzt? Oder wie oft geschiehet es nicht, daß die Großen, Macht und Einfluß genug haben, die Gesetze zu verdrehen, und, zum Nachtheil des ungluͤcklichen, freundlosen Armen, zu vereiteln? Derglei- chen Faͤlle wuͤrden nun gewiß noch ungleich haͤufiger vorkommen und bald in den hoͤchsten Grad der Gewaltthaͤtigkeit uͤbergehen, wenn die Furcht nicht waͤre, daß der beleidigte Theil das Recht: sich und sein Eigenthum zu schuͤtzen, (wel- ches er andern anvertraut hatte) endlich einmahl in seine eigne Haͤnde zuruͤckneh- men moͤgte, so bald er nehmlich sehen muß, daß diejenigen, die hierin seine Stelle vertreten sollen, ihre Pflicht so schaͤndlich unterlassen? Wenn ein Raͤuber sich an meinem Eigenthum vergreift, so darf ich nicht erst zum Richter laufen, son- dern kann, in vielen Faͤllen, den Boͤsewicht gleich auf der Stelle dafuͤr zuͤchtigen; auf solche Art haben Stock und Degen manchen Schurken in Furcht und Schran- ken gehalten, der dem Gesetz Trotz bieten durfte. Chi fa sua vendetta, oltra che offende Chi l’offeso ha, da molti si difende. ariost. in den Jahren 1772 bis 1775. Ich lenke nunmehro in die Erzaͤhlung wieder ein. Die Aussage und 1774. October die sehr begreiflichen Zeichen des Piteré hatten uns jetzt, uͤber die gluͤckliche Ab- reise der Adventure , voͤllig beruhigt. An einem schoͤnen Tage, stellte der Capi- tain eine Fahrt ins Innerste von West-Bay an, um nachzusehen ob einige Wahrscheinlichkeit vorhanden waͤre, daß die Schweine und Huͤhner, welche wir im vorigen Jahr an diesem unbewohnten Orte zuruͤck gelassen, sich erhalten, und so weit fortgepflanzt haͤtten, daß man dereinst zahlreiche Heerden davon er- warten duͤrfte. Wir landeten an der nehmlichen Stelle wo wir sie ehemals ausgesetzt; allein, auf dem Strande war nicht nur keine Spur von ihnen zu fin- den, sondern es schien auch, die Zeit her, keine lebendige Seele in diese Gegend hingekommen zu seyn. Wir konnten also mit Grund annehmen, daß sich diese Thiere weit in den Wald hinein begeben haben muͤßten, und daß sie sich dort ungestoͤrt ver- mehren wuͤrden. Auf dem Ruͤckwege trafen wir, am jenseitigen Ufer der Bay, etliche Familien von Indianern an, die uns eine Menge Fische uͤberliessen. Nach dieser kleinen Ausfahrt blieb das Wetter immer so stuͤrmisch und regnigt, daß wir nicht ehe als am 2ten November wieder ans Land, und zwar nach Gras-Cove , giengen. Ohne das geringste von dem traurigen Vorfall zu wissen, davon diese Bucht der eigentliche Schauplatz gewesen, stiegen wir in allen benachbarten, kleinen Buchten aus, und liefen, einzeln und unbesorgt, weit im Lande umher. In dem Gehoͤlz auf den Bergen durchkreuzten einander Fußsteige die Menge, von Einwohnern aber war nirgends eine Spur zu sehen. Wir schossen auf dieser Streiferey mehr als 30 Stuͤck Voͤgel, darunter ein Dutzend wilde Tauben waren, die sich hier von den Blaͤttern und Saamen eines schoͤnen großen Baums ( Sophora microphylla ) naͤhrten. Des Abends um acht Uhr gelangten wir wieder an Bord, wo unterdeß, aus einer andern Ge- gend der Bay, eine große Anzahl Wilde zum Besuch angekommen war. Statt der Fische, dergleichen die Parthey des Piteré uns zuzufuͤhren pflegte, hatten diese hier nichts denn Kleidungsstuͤcke, Waffen und andre Merkwuͤrdigkeiten zum Verkauf mitgebracht. Da aber diese Art des Handels, zum Nachtheil des nuͤtzlichern, bereits zu weit eingerissen war; so verbot der Capitain, daß ihnen von die- sen Artikeln niemand etwas abnehmen sollte. Am folgenden Tage kamen sie wie- der, um ihr Gluͤck von neuem zu versuchen; allein, der Capitain blieb bey seinem Forster’s Reise um die Welt 1774. Novem- ber. vorigen Endschluß und sie mußten unverrichteter Sache abziehn. Diese Beharr- lichkeit war desto noͤthiger und loͤblicher, da weder die gruͤndlichsten Vorstellungen noch das eigne Beyspiel des Capitains, die starrkoͤpfigen Matrosen uͤberzeugen konn- te, daß der Einkauf solcher Spielwerke ihrer Gesundheit nachtheilig sey, insofern nemlich die Indianer augenblicklich aufhoͤrten Fische zu Markte zu bringen, so bald sie sahen, daß Steine, Waffen, Zierrathen, und dergleichen mehr, besser be- zahlt wurden. Die Begier womit unsre Mannschaft solche Artikel einhandelte war auch in der That beynahe zu einem Grad von Raserey angewachsen, und sie scheuten sich nicht, dieselbe durch die niedertraͤchtigsten Mittel zu be- friedigen. Eine Parthey die einsmahls mit dem Bootsmann ausgeschickt ward, um Besen zu machen, trug kein Bedenken einen armen Wilden in seiner Huͤtte zu berauben. Sie nahmen sein vorraͤthiges Werkzeug mit sich, und noͤthigten ihn etliche Nagel dafuͤr anzunehmen, um der Gewaltthaͤ- tigkeit wenigstens den Anstrich eines Tauschhandels zu geben. Zum Gluͤck wa- ren die Einheimischen dreist genug, diesen Vorfall dem Capitain zu klagen, der denn die Thaͤter nach Verdienst bestrafen ließ. So ists, mehr oder minder, auf allen dergleichen Reisen zugegangen und namentlich hat es die Mannschaft der Endeavour Der Nahme des Schiffs, welches Capitain Cook , bey seiner ersten Reise um die Welt, von 1769 bis 1772 commandirte. in diesem Stuͤck nicht um ein Haar besser gemacht. Zu Otahiti bestahlen sie die Gemahlin des Tuborai Tamaïde , und auf Neu-Seeland be- haupteten sie ganz oͤffentlich, daß alles Eigenthum der Wilden, von Gott und rechts- wegen, ihnen zukomme S. Hawkesworths Geschichte der englischen Seereisen, 4. zweyten Band pag. 102. und pag. 362. auch kann der dritte Band S. 264 nachgeschlagen werden, wo die Offi- ciere eben dergleichen Gesinnungen aͤußerten. Im ersten Bande, meines Werks, S. 214. kommt ebenfalls etwas aͤhnliches vor. . Doch, wie sollte auch der Charakter des Matro- sen sich aͤndern koͤnnen, da seine Lebensart unveraͤndert Tag fuͤr Tag dieselbe ist? Die Seele wird bey ihm gleichsam in eben der Maaße, abgehaͤrtet und un- empfindlich als der Koͤrper, und ihre eignen Befehlshaber klagen durchgehends uͤber den unmenschlichen Hang, den sie von je her haben blicken lassen, die friedfer- tigen Indianer, bey der geringsten Veranlaßung umzubringen Siehe Hawkesworth’s Samml. ꝛc. 2. Band, S. 361. u. mehrere Stellen. . — Da in den Jahren 1772 bis 1775. Da die Neu-Seelaͤnder sahen, daß von allen ihren schoͤnen Sachen 1774. Novem- ber. nichts mehr anzubringen war; so verliessen sie uns am vierten November durch- gehends bis auf eine einzige armselige Familie die, seit den letzten beyden Ta- gen, des stuͤrmischen Wetters halber, nicht einmahl fuͤr sich, geschweige denn fuͤr uns , hatte Fische fangen koͤnnen. Wir trafen sie heut in der sogenannten blinden Bucht, bey einer Mahlzeit unschmackhafter Farrenkrautwurzeln, womit sie, aus Mangel beßrer Nahrung, ihren Hunger zu stillen suchten. In jeder Huͤtte war ein Feuer angezuͤndet welches, natuͤrlicher Weise, die ganze Wohnung mit Rauch und Dampf anfuͤllte. Die Leute mochten die Unbehaglichkeit einer solchen Atmosphaͤre freylich nicht ganz empfinden, weil sie gemeiniglich platt auf der Erde lagen; mir aber kam der Aufenthalt in diesen Huͤtten ganz unertraͤglich vor, wenn gleich andre Europaͤer kein Bedenken trugen, um der Liebkosungen einiger scheuslichen Weibsbilder wegen, hineinzugehen. Vielleicht wird man glauben, daß nur der rohe Matrose diesem thierischen Instinkt nicht habe wiederstehen koͤnnen; allein, das tyrannische Element worauf Officier und Matrose in gleichem Maaße herum geschleudert werden, scheint in diesem Betracht auch allen Unterschied zwischen beyden aufzuheben, und wenn man es einmahl so weit kommen laͤßt, daß jede aufsteigende, noch so wilde, Begierde freyen Lauf nehmen darf, so wird freylich am Ende ein Sinn auf Kosten aller uͤbrigen befriedigt seyn wollen. Die Nationen die wir unmittelbar zuvor auf den Neuen-Hebridischen Inseln und auf Neu-Caledonien besucht, hatten sich sehr kluͤglich fuͤr allen unanstaͤndigen Vertraulichkeiten gehuͤtet; eben deshalb wandten sich die Herren nun mit desto groͤßerer Zudringlichkeit an die ekelhaften Schoͤnen in den unreinlichen, raͤuchrigen Huͤtten auf Neu-Seeland ! Am fuͤnften erfolgte endlich wieder ein schoͤner Tag; der Capitain machte sich selbigen zu Nutze und fuhr mit uns nach dem Ende der Bucht hin, welches zum Besten der Schiffahrt aufgenommen werden sollte. Nachdem wir eine gute Strecke fortgerudert waren, erblickte man in der Ferne etliche Fischer- Canots, deren Mannschaft aber, so bald sie unsrer gewahr wurden, aufhoͤrte zu fischen und eiligst wegruderte. Da wir von diesen Indianern zu vernehmen wuͤnschten, ob es am suͤdlichen Ende des Sundes eine Durchfahrt nach der offenen See hin gaͤbe? so mußten unsre Matrosen Forster’s Reise u. die W. zweyter Th. A a a Forster’s Reise um die Welt 1774. Novem- ber. ihre Kraͤfte anstrengen, sie einzuhohlen. Dies erfolgte auch bald. Wir fanden, daß die Indianer zum Theil, vor wenigen Tagen erst, bey uns an Bord gewesen waren; sie thaten daher ungemein freundlich und uͤberließen uns eine Menge von den Fischen, welche sie so eben gefangen hatten. Wegen der Hauptsache aber, nemlich wegen der Durchfahrt, schienen sie uns nicht zu ver- stehen, also verliessen wir sie bald wieder, um uns selbst darnach umzusehen. Zur Linken kamen wir an einem Arm dieses großen Gewaͤssers, zur Rechten aber an verschiedenen Bayen und Buchten voruͤber. Endlich begegnete uns ein anderes Canot, welches ebenfalls heran gerufen, und wegen der Durchfahrt befragt ward. Die Indianer zeigten auf den Arm, den wir eben vorbey gefahren, und gaben zu verstehn, daß der aͤußerste suͤdliche Theil desselben sich zuletzt in eine an allen Seiten mit Bergen umgebene Bay endige. Dieser Nachricht zufolge steuer- ten wir darnach hin, und gelangten wuͤrklich an eine sehr große Bay, deren Ufer, rechter Hand, von Menschen wimmelte. Wir landeten, gerade da wo sie am zahlreichsten standen, und begruͤßten, durch gegenseitige Beruͤhrung der Na- sen, ihre Anfuͤhrer nebst einigen andern Leuten, die gleich aus dem Haufen hervor- traten, und sich dadurch als Vornehmere, oder Standespersohnen, auszeichneten. Der Chef oder Befehlshaber sagte uns, daß er Tringo-Buhi Tringho scheint bey ihnen eine Art Titul zu seyn, der vielen Nahmen ihrer Anfuͤhrer vorgesetzt wird. heiße. Er war ein kleiner Mann, schon bey Jahren, aber noch sehr munter, und that gegen uns besonders freundlich. Sein Gesicht war durchgehends in Schneckenlinien punctirt, und in diesem Stuͤck von allen uͤbrigen hier versammelten Indianern, ausgezeichnet, als welche von solchen Zierrathen viel weniger aufzuzeigen hatten. Die Weiber und Maͤdchen saßen vor ihren Huͤtten, in Reihen, und wir erinner- ten uns einige derselben an Bord gesehn zu haben. Sie schienen weit besser mit allen Nothwendigkeiten versorgt zu seyn, als die wenigen einzelnen Familien, die sich in der Nachbarschaft unsers Schifs aufhielten; wenigstens waren ihre Kleider neu und rein, und manche duͤnkten uns so gar von angenehmeren Gesichtszuͤgen, als wir sonst bey dieser Nation wahrgenommen hatten. Vielleicht ruͤhrte aber dieser Unterschied groͤßtentheils daher, daß in den Jahren 1772 bis 1775. sie jetzt von Schminke, Ruß oder anderer Schmiererey ziemlich rein waren. 1774. Novem- ber. Die Leute merkten bald, daß es uns sehr um Fische zu thun seyn muͤße; da ihnen nun nicht weniger daran gelegen seyn mochte, sie los zu werden, so wuchs die Zahl der Verkaͤufer, mit jedem Augenblick. Tringho-Buhi allein schien mit dem Zulauf von Menschen nicht zufrieden zu seyn, weil der Preis der Fische die Er zu verkaufen hatte, in demselben Maaße fiel, in welchem die Menge dieser Waare zunahm. Manche verkauften uns auch ihre Waffen und Kleider, die mehresten aber waren nakt und hatten nur ein klein Stuͤck geflochtner Matte um die Len- den geguͤrtet. Eine so leichte Bekleidung konnte heut wohl hinreichend seyn, weil das Wetter sehr milde, auch die Bay gegen alle Winde vollkommen ge- schuͤtzt war. Nachdem wir ohngefaͤhr eine Viertelstunde am Lande mochten zu- gebracht haben, die Zahl der Wilden aber immer mehr anwuchs, die zuletzt Ankommenden auch saͤmtlich ihre Waffen mitbrachten; so hielten wir es der Klug- heit fuͤr gemaͤß, uns wieder einzuschiffen. Und das war in der That um desto rathsamer, weil der ganze Trupp jetzt uͤber 200 Personen stark, mithin weit betraͤchtlicher zu seyn schien, als die Zahl saͤmtlicher Einwohner in allen Buch- ten von Koͤnigin Charlottens-Sund zusammen genommen. Schon hatten wir das Boot vom Ufer abgestossen, als ein Matrose dem Capitain sagte, er habe eine Parthey Fische von einem Wilden bekommen, dafuͤr diesem noch nichts be- zahlt worden. Der Capitain rief also dem Neu-Seelaͤnder, und warf ihm den einzigen Nagel, den er noch bey sich hatte, zu, so daß er ihm dicht vor die Fuͤße fiel. Der Wilde der sich dadurch fuͤr beschimpft oder vielleicht gar fuͤr angegriffen hielt, nahm einen Stein auf, und schmiß ihn mit aller Gewalt ins Boot, doch, gluͤcklicherweise ohne jemand zu beschaͤdigen. Wir riefen ihm noch einmahl und zeigten auf den Nagel der fuͤr ihn bestimmt war. Nun sah er erst, wovon die Rede war, hob ihn auf, und lachte uͤber seine hitzige Auffuͤhrung, indem er zugleich große Zufriedenheit uͤber unser Betragen aͤußerte. Ein wenig mehr Uebereilung von Seiten der Matrosen, koͤnnte, bey diesem Vorfall, leicht einen Streit mit den Eingebohrnen, und dieser, sehr gefaͤhrliche Folgen veranlaßt haben. So sehr wir uns auch haͤtten fuͤr berechtigt halten moͤgen, es uͤbel zu nehmen, daß der Kerl uns einen Stein nachwarf; so wuͤrden doch alle Neu-See- laͤnder ihrem Landsmanne beygetreten seyn und uns am Ende uͤberwaͤltigt A a a 2 Forster’s Reise um die Welt 1774. Novem- ber. haben, zumahl da das Schiff fuͤnf oder sechs Seemeilen ( leagues ) ent- fernt, folglich keine Hofnung zur Huͤlfe vorhanden war. Zum Gluͤck wußten wir damahls noch nichts von dem Schicksahl des Herrn Rowe und seiner Gefaͤhrten; sonst wuͤrde uns die unerwartete Erscheinung so vieler Einwohner desto mehr erschreckt haben, je wahrscheinlicher es, der Gegend nach, ist, daß sie an jenem grausamen Blutbade persoͤnlich Theil genommen haben. Wenn ich bedenke, wie oft es den Neu-Seelaͤndern ein leichtes gewesen waͤre, uns umzubringen, z. E. wenn wir uns von den Booten entfernten, einzeln auf den Bergen herum- kletterten, in den Waͤldern umher streiften, in den volkreichsten Gegenden lande- ten, und uns unbewafnet mitten unter sie mischten: So werde ich immer mehr uͤberzeugt, daß man nicht das mindeste von ihnen zu besorgen hat, wenn man nur seiner Seits sie in Ruhe laͤßt, und sie nicht vorsetzlich boͤs macht. Eben daher duͤnkt es mir auch mehr als wahrscheinlich, daß die Matrosen der Ad- venture nicht wuͤrden erschlagen worden seyn, wenn sie sich nicht zuerst, und zwar groͤblich, an den Neu-Seelaͤndern vergangen haͤtten. Dem sey indessen wie ihm wolle, so koͤnnen wir uns immer fuͤr gluͤcklich schaͤtzen, bey allen unsern kleinen Fahrten oder Gaͤngen, nie eine Familie, ja nicht einmahl einen einzelnen Indianer angetroffen zu haben, der nicht geneigt gewesen waͤre, ein Friedens- und Freundschaftsbuͤndnis mit uns einzugehen, welches wir auch nie versaͤumten, ihnen anzutragen. Die Einwohner dieser Bay versicherten uns, gleich jenen mit welchen wir im Canot gesprochen hatten, daß der Seearm, worauf wir uns jetzt befan- den, am Ende ins Meer gienge. Wir setzten also unsre Fahrt weiter fort, und sahen nach einigen Wendungen, daß das Gewaͤsser nordwaͤrts hinter Gras- Cove und Ost-Bay weg lief. Es gab uͤberall Buchten von verschiedener Groͤße und an den Ufern derselben antiscorbutische Kraͤuter, frische Wasserquel- len und wildes Gefluͤgel die Menge. Das Wasser war vollkommen ruhig und still, und die Berge mit statlicher Waldung versehen, so daß es dieser Gegend auch an schoͤnen Aussichten nicht fehlte. Ohngefaͤhr drey Seemeilen ( leagues ) weit von Tringho-Buhi’s Wohnplatz Er bestand aus mehreren Huͤtten, oder einem Flecken, den die Einwohner Ko Haͤghi nui nannten. bekamen wir einige Seeraben, mit doppelten Federbuͤschen auf dem Kopf, zu Gesicht. Diese Gattung kann uͤber- in den Jahren 1772 bis 1775. all fuͤr ein Merkmahl von der Nachbarschaft der ofnen See gelten, denn sie nistet 1774. Novem- ber. niemals weit von selbiger, und so war es auch hier. Wir sahen nemlich, unmit- telbar nachher, hohe Wellen in der Ferne, die nicht anders als vom Meere her- kommen konnten. Zur linken, oder hinter Gras-Cove , entdeckten wir ein Hippah auf einem hohen Felsen, der aus einem schoͤnen ebenen Grunde, wie eine Insel aus dem Meere, hervorragte. Das ganze Festungswerk, war mit hohen Pfaͤ- len umgeben und schien in gutem Stande zu seyn; weil aber das Ufer eine Art von Vertiefung machte, so kamen wir nicht nahe genug heran, um es in genaueren Augenschein zu nehmen. Ueberdem lag uns der Endzweck unserer Fahrt mehr denn alles andre am Herzen und wir sahen nunmehro schon, auf welche Art die- ser Seearm mit dem Meere zusammenhieng. Er ergoß sich nemlich in Cooks -Meerenge . Der Ausfluß desselben ist ziemlich seicht, nicht uͤber 14 Faden tief, auch nur schmal, und ausserhalb vor selbigem, liegen viele hohe und ge- faͤhrliche Klippen, auf denen sich die Wellen mit großer Heftigkeit zerschlugen, so daß innerhalb eine starke Stroͤhmung entstand. Man konnte von hier aus die noͤrdliche Insel von Neu-Seeland , als das jenseitige Ufer von Cooks- Meerenge , sehr deutlich erkennen. Es mochte ohngefaͤhr vier Uhr seyn, als wir mit dieser Entdeckung zu Stande kamen. Haͤtten wir jetzt um das Cap Koamaru herumsegeln koͤnnen; so wuͤrden wir, in kurzer Zeit und mit gerin- ger Muͤhe, den Ankerplatz des Schiffes wiederum erreicht haben: Allein das gieng, des wiedrigen Windes halber, nicht an. Eben so wenig durften wir es wagen die Nacht am Lande zuzubringen, weil die Gegend so volkreich, und die Bewohner derselben uns noch nicht genugsam bekannt waren. Folglich blieb kein ander Mittel uͤbrig als, auf dieselbe Art wie wir hergekom- men, wieder zuruͤck zu rudern, so lang und beschwerlich dieser Weg auch seyn mochte. Nachdem wir bey dem Hippah und bey dem Dorfe Ko-Haͤghi-nui voruͤbergefahren, langten wir gegen zehn Uhr Abends, gluͤcklich aber ganz ermuͤ- det und entkraͤftet, am Schiffe an. Da keiner von uns sich vorgestellet, daß die Fahrt so lange dauern wuͤrde, so hatte auch niemand mehr als etwas Wein oder Brantwein mitgenommen, und folglich war das spaͤte Abendbrod heut unsre erste und einzige Mahlzeit. In der Carte von der Meerenge, welche Capi- tain Cook bey der vorigen Reise gezeichnet hat, ist dieser neue Seearm als eine A a a 3 Forster’s Reise um die Welt 1774. Novem- ber. Bay angedeutet, denn damals wußte man noch nicht, daß er mit besagter Strasse, oder Meerenge, Gemeinschaft habe. Den folgenden Tag fiel neblichtes schlechtes Wetter ein; der ehrliche Piter é ließ sich aber dadurch nicht abhalten mit seinen Gefaͤhrten zu uns zu kommen. Capitain Cook glaubte ihm, fuͤr die wesentlichen Dienste wel- che er uns bisher geleistet hatte, eine oͤffentliche Erkenntlichkeit schul- dig zu seyn. Zu dem Ende rufte er ihn heut in die Cajuͤtte und kleidete ihn, vom Kopf bis auf die Fuͤße, nach europaͤischer Weise. Piter é schien uͤber seinen neuen Anzug hocherfreut und ließ sich deutlich merken, daß er stolz dar- auf sey, bey uns in Gunst zu stehn. Er hielt sich aber auch durch dies Ge- schenk fuͤr so vollkommen belohnt, daß er es nicht wagte noch um irgend etwas zu bitten welches, hier zu Lande, fuͤr einen seltnen Grad von Maͤßigung gelten konnte. Wir nahmen ihn, in seinem ungewohnten Staat, mit nach Long- Eyland auf die Jagd, und von da wieder an Bord zum Mittagsessen. Fuͤr einen rohen Wilden betrug er sich bey Tische ungemein sittsahm und manierlich. Ich glaube auch, daß er die Ueberlegenheit unsrer Kenntnisse, Kuͤnste, Manu- facturen und Lebensart zum Theil wuͤrklich fuͤhlen mochte, denn er war in unserer Gesellschaft sehr gern und immer sehr vergnuͤgt. Dem ohnerachtet lies er sich nicht ein einziges mahl merken, daß er mit uns ziehen wolle, sondern lehnte es viel- mehr ab, wenn wir’s ihm antrugen. Freylich kann es seltsahm scheinen, daß ihm, auch bey der unvollkommensten Vorstellung von unsern Vorzuͤgen, die elende unstaͤte Lebensart seiner Landsleute habe lieber seyn koͤnnen, als alle die Vortheile, welche er bey uns, theils wuͤrklich schon genoß, theils in der Folge noch zu gewar- rten hatte. Ich habe aber schon an einem andern Orte bemerkt, daß die Wil- den durchgehends so zu urtheilen pflegen; und ich will jetzt nur noch hinzufuͤgen, daß selbst civilisirte Voͤlker nicht anders denken. Die Macht der Gewohnheit zeigt sich nirgends deutlicher als in denen Faͤllen, wo sie allein den Bequemlichkei- ten des gesitteten Lebens die Wage haͤlt! Gegen Abend kehrte Piter é mit seinen Gefaͤhrten ans Land zuruͤck, sein ver- meyntes Gluͤck hatte ihn aber nicht stolz gemacht, denn er kam am andern Mor- gen, nach wie vor, mit frischen Fischen zu uns. Wir hoͤrten ihn und seine Ge- sellschafter oftmahls am Lande singen, und zuweilen pflegten sie uns auch wohl an Bord ein Liedchen zum Besten zu geben. In Neu-Seeland ist man in in den Jahren 1772 bis 1775. der Musik ungleich weiter gekommen, als auf den Societaͤts und freundschaft- 1774. Novem- ber. lichen Inseln , und naͤchst den Neu-Seelaͤndern haben, unter allen Nationen der Suͤdsee , meines Erachtens die Tanneser die mehreste Anlage zur Tonkunst. Eben derselbe guͤtige und einsichtsvolle Freund der mir eine Probe von der Musik in Tonga-Tabbu mittheilte, (erster Band S. 323) hat mir auch von den Gesaͤngen der Neu-Seelaͤnder etwas zukommen lassen, woraus man den Ge- schmak dieses Volks einigermaaßen wird beurtheilen koͤnnen. In Tanna ist er nicht gewesen, (denn er befand sich auf des Capitain Fourneaux Schiffe, Adven- ture ), ich weiß also nicht, in wie fern sein Urtheil von den dortigen Gesaͤngen mit dem meinigen wuͤrde uͤbereingestimmt haben. Von den Neu-Seelaͤndischen Melodien versicherte er aber, daß sie einiges Genie verriethen, und sich von dem elenden Gesumme der Tahitter , so wie von dem auf vier Noten eingeschraͤnkten Gesang in den freundschaftlichen Eylanden , merklich auszeichneten. Von dieser Melodie sangen sie die beyden ersten Tacte bis die Worte des Liedes zu Ende waren, und dann folgte das letzte hinterdrein. Zuweilen nahmen sie es auch doppelstimmig, mit Terzengaͤngen, bis auf die zwo letzten No- ten, welche im Unisono blieben: Derselbe Freund, dem ich obige Bemerkungen zu verdanken habe, hoͤrte auch einen Trauer- oder Grabgesang, uͤber das Absterben des Tupaia . Die Einwohner um Tologa-Bay , auf der Nordlichen Insel von Neu- Seeland , welche besonders viel auf den Tupaia hielten, machten die- ses Lied aus dem Stegereif, als ihnen die Mannschaft der Adventure von dem Tode dieses Tahitiers Nachricht ertheilte. Die Worte sind aͤußerst simpel, doch allem Anschein nach, metrisch, und zwar also geordnet, daß ihr schwerfaͤlliger Gang die Empfindung des Trauernden ausdruͤckt. Forster’s Reise um die Welt 1774. Novem- ber. Āeghīh, māttĕ, āhwäh̄! Tūpāiā! Gegangen, todt! oh weh! Tupaia ! Man koͤnnte es auch so umschreiben: Er verließ uns und starb der arme Tupaia ! Die ersten Ergießungen des Schmerzens sind gewiß nicht wortreich; der einzige Gedanke den man aussprechen kann, gehet auf die Bezeichnung des er- littenen Verlusts und wird unfehlbar die Form einer Klage annehmen. Ob, und in wie fern die Melodie mit der kraftvollen Simplicitaͤt obigen Textes in Verhaͤlt- niß stehe — das moͤgen beßre Kenner der Tonkunst, als ich bin, entscheiden. Am Ende fallen sie vom mitlern c zur untern Octave, wie wenn man den Finger auf dem Grifbrett einer Violine herabgleiten laͤßt. Ehe ich von die- sem Gegenstand zu reden aufhoͤre, kann ich nicht umhin anzumerken, daß, da die Neu-Seelaͤnder Geschmak fuͤr die Musik, und in diesem Betracht vor vielen Voͤlkern der Suͤdsee einen großen Vorzug, haben, ihr Herz nothwendiger- weise guter und milder Empfindungen faͤhig seyn muß, was auch die spitzfin- dige Beredsamkeit des bloßen Stuben-Philosophen dagegen einwenden mag. Ich laͤugne nicht, daß sie in ihren Leidenschaften sehr heftig sind, allein, wer will oder kann behaupten, daß heftige Leidenschaften immer nur zu schaͤdlichen oder gar unmenschlichen Ausschweifungen fuͤhren? Seit der letzten Untersuchung bis zum 9ten November stellten wir noch verschiedene kleine Lustfahrten laͤngst dem Ufer an und besuchten alle innerhalb des Havens liegende Eylande. Dies verschafte uns mehr schaͤtzbare Bey- traͤge zur Kraͤuter- und Thierkunde dieses Landes, als wir, der fruͤhen Jahrszeit wegen und nach so vielen vorhergegangenen Untersuchungen, erwarten konn- ten. Wir fanden nemlich zehn bis zwoͤlf Pflanzenarten und vier bis fuͤnf Gat- tungen Voͤgel, die uns zuvor nicht bekannt geworden waren. Die Matrosen ergaͤnzten unterdeß den Vorrath von Trinkwasser, schaften eine Menge Brenn- holz in den Jahren 1772 bis 1775. holz an Bord, besserten das Tauwerk aus, und setzten uͤberhaupt das ganze Schif 1774. Novem- ber. in Stand, der ungestuͤmen Witterung des suͤdlichen Himmelsstrichs von neuem Trotz zu bieten. Die Wilden hatten uns waͤhrend unsers Hierseyns, so reich- lich mit Fischen versorgt, daß wir mehrere Faͤßgen voll einsalzen, und auf die Reise nach Terra del Fuego mitnehmen konnten. Auf diese Art zubereitet hielten sie sich und schmeckten vortreflich. Außerdem ließ auch der Capitain, kurz vor der Abfahrt, noch eine große Menge Seeraben und anderes dergleichen Gefluͤgel zu- sammen schiessen, damit wir unterwegens desto laͤnger frischen Proviant haben moͤchten. Am Nachmittag des 9ten wurden die letzten Anstalten zur Abreise ge- troffen, und des folgenden Morgens um vier Uhr verliessen wir Neu-Seeland zum dritten und letzten mahle. So oft wir hier vor Anker gegangen, so oft hatten wir uns auch, durch die Menge, Mannigfaltigkeit und Heil- samkeit der frischen Lebensmittel, von allen Beschwerden und Unpaͤßlichkeiten des Seelebens, vornemlich vom Schaarbock, sehr schnell wieder erhohlt. Die wohl- schmeckenden, antiscorbutischen Kraͤuter reinigten und versuͤßten das Blut, und die Fische, gaben, als eine leicht zu verdauende Speise, gute Nahrungssaͤfte. Selbst die Luft, die hier zu Lande, sogar an den schoͤnsten Tagen, ziemlich scharf ist, mochte zu unserer Genesung das ihrige beytragen, in so fern sie den durch langen Aufenthalt in heißen Gegenden erschlafften Fibern, neue Kraft und Spannung mittheilte. Endlich so mußte auch die starke Bewegung die wir uns taͤglich machten, dem Koͤrper in mehr denn einer Absicht zutraͤglich seyn. Bey so viel zusammenwuͤrkenden Ursachen war es kein Wunder, daß, wenn wir bey der Ankunft allhier auch noch so bleich und abgezehrt aussahen, die Veraͤnderung der Lebensart uns doch in kurzer Zeit wieder eine frische, ge- sunde Farbe verschafte. Freylich konnte dies aͤußere Ansehen bey uns eben so truͤ- gen als bey dem Schiffe: Wenn wir mit selbigem, nach vorhergegangener Aus- besserung am Lande, von neuem in See giengen; so schien es zwar in ziemlich gutem Stande zu seyn, gleichwohl mochte ihm auf der langen Fahrt, so mancher harte Stoß, insgeheim empfindlichen Schaden zugefuͤgt haben! — Eben das was in Neu-Seeland uns so wohl bekam: die gesunde Luft, die einfache Lebensordnung, besonders aber der Ueberfluß an guten, leicht zu verdauenden Nahrungsmitteln, Forster’s Reise u. die Welt zweyter Th. B b b Forster’s Reise um die Welt 1774. Novem- ber. alles das, kann auch wohl Ursach seyn, daß die Einwohner von so hoher Statur, wohl gewachsen, Ausgenommen die Beine, welche vom Sitzen krumm, und ungestaltet werden. und stark gebaut sind. Sie leben vornemlich vom Fisch- fang, und der ist an der hiestgen Kuͤste, den groͤßten Theil des Jahres hindurch, so ergiebig, daß sie auch den Winter uͤber daran genug haben; wenigstens hat Herr Crozet und auch wir selbst, an mehreren Orten, große Vorraͤthe von trok- nen Fischen aufbewahrt gefunden. Neuntes Hauptstuͤck . Die Fahrt von Neu-Seeland nach Tierra del Fuego ; Aufenthalt in Christmeß- oder Weynachts- Haven . Barbara praeruptis inclusa est (insula) saxis: Horrida, desertis undique vasta locis. Umbrarum nullo ver est laetabile foetu, Nullaque in infausto nascitur herba solo. Seneca . A m zehnten November, Nachmittags, waren wir durch Cooks Meerenge , und in selbiger unter andern auch bey der Muͤndung des neulich entdeck- ten Arms vorbey, gluͤcklich wieder in die ofne See gekommen. Den ganzen folgenden Tag fehlte es an Wind bis gegen Abend, da sich ein Luͤstchen erhob. Am 12ten fruͤh Morgens war von der Kuͤste nichts mehr zu sehen und die Fahrt gieng nunmehro, zwischen Suͤden und Osten, auf Terra del Fuego zu. Dies- mahl verliessen wir Neu-Seeland ungleich bessern Muthes, als an beyden vori- gen mahlen, da die Reise nach dem Suͤdpol gerichtet war. Wir wußten nem- lich, daß unsre jetzige Fahrt weder so lange dauern, noch so beschwerlich seyn wuͤrde als die vorhergehenden; nicht nur, weil die ganze Reise sich jetzt ihrem En- de naͤherte, sondern auch weil der Westwind, der bey dieser Jahrszeit und in die- ser Breite unveraͤnderlich wehet, uns eine guͤnstige, schnelle Fahrt versprach, end- lich weil in denen Gegenden, die wir noch durchkreutzen sollten, kein unbekanntes, in den Jahren 1772 bis 1775. wenigstens kein großes Land mehr zu gewarten stand, dessen Erforschung unsre 1774. Novem- ber. Ruͤckkehr nach dem geliebten Europa uͤber die Gebuͤhr haͤtte verzoͤgern koͤnnen! Mit einem Wort, die gegruͤndete Hofnung, daß alle Muͤhseligkeiten und Gefah- ren unsers großen Kreislaufs nun bald uͤberstanden seyn wuͤrden, staͤrkte und be- lebte uns gleichsam von neuem. Wir hatten nicht zu viel gehoft! der Erfolg uͤbertraf gewissermaßen unsre Wuͤnsche, denn auf der Fahrt von Neu-Seeland nach Terra del Fuego legten wir, im Durchschnitt gerechnet, taͤglich einen Weg von 40 englischen Seemeilen zuruͤck. Dies war ungemein viel, weil unser Schiff, seinem Bau, seiner Ladung und uͤbrigen Beschaffenheit nach, sehr langsam segelte. Am 12ten wurden wir einen Wallfisch mit laͤnglich stumpfem Kopf ge- gewahr, daran sich, der Laͤnge nach, zwo Furchen und eben so viel erhabne Reife befanden. Er maaß ohngefaͤhr 12 Fuß, war uͤber den ganzen Leib weiß fleckig, hatte kleine Augen und zween halbmondfoͤrmige Oefnungen, durch welche er das Wasser von sich spruͤtzte. Hinter dem Kopf sahe man zwo Flosfedern, auf dem Ruͤcken aber keine. Diese Gattung scheint bisher noch gaͤnzlich unbe- kannt gewesen zu seyn. Am 14ten zeigte sich, daß das Schiff, seit unsrer Abreise aus Koͤnigin Charlotten Sund , ein Leck bekommen hatte, doch machten wir uns daruͤber keine Unruhe, weil das Wasser innerhalb acht Stunden, nicht mehr als fuͤnf oder sechs Zoll im untersten Raume anlief. Der Westwind blies mit bewun- dernswuͤrdiger Staͤrke; er schwellte naͤmlich, der betraͤchtlichen Breite ohnerachtet welche der Ozean in dieser Gegend hat, die Wogen dermaaßen an, daß sie fuͤrch- terlich hoch und gegen sechs bis sieben hundert Fuß lang wurden. Dies gab dem Schiffe eine aͤußerst unangenehme, schwankende Bewegung, besonders, wenn der Wind gerade hinter uns her kam. Man nimmt gemeiniglich an, daß die groͤß- te Schiefe, in welcher ein seegelndes Schiff sich gegen die Oberflaͤche des Was- sers herabneigen kann, nie uͤber zwanzig Grade betrage; allein hier war die See in solcher Bewegung, daß das unsrige mehr als dreyßig, ja bis weilen um 40 Grad von der Perpendicularlinie zur Seite lag! Herr Wales nahm sich die Muͤ- he es mathematisch auszumessen, und fand, daß der Winkel unter welchen es sich auf die Seite neigte, 38 Grad betrug, ohnerachtet das Schiff an dem Tage eben nicht aufs aͤußerste schwankte; ward es hingegen, bey doppelt eingerefften B b b 2 Forster’s Reise um die Welt 1774. Novem ber. Segeln, nahe an den Wind gelegt, alsdann betrug der Winkel nur achtzehn Grad Cooks Voyage towards the South Pole , \& round the World Vol. 2. p. 171. . Die ganze Reise uͤber hatten wir, fast taͤglich, Seevoͤgel von den Alba- tros-Petrell- oder Pinguin-Arten um das Schif her, und, was das sonder- barste war, sie fanden sich am haͤufigsten auf dem halben Wege zwischen Ameri- ka und Neu-Seeland , ohnerachtet diese beyden Laͤnder 1500 englische See- meilen Leagues . (d. i. 725 deutsche Meilen) weit von einander entfernt liegen! Am 27ten wehte der Westwind mit solcher Heftigkeit, daß wir, der Schifsrechnung nach, binnen 24 Stunden einen Weg von 184 Meilen (d. i. gegen 40 deut- sche Meilen) zuruͤcklegten, und das war ungleich mehr als wir je zuvor gethan. Decem- ber. Am zweyten December erhob sich, nach einer kleinen Windstille, ein fri- scher Wind, der unablaͤßig, nur bald schwaͤcher bald staͤrker, anhielt, bis wir am 18ten, nicht lange nach Mitternacht, Land erblickten. Es war die Gegend um das Cap Deseado , welches, an der Magellanischen Meer-Enge , auf der westlichen Insel von Tierra del Fuego belegen ist. Die Neu-Seelaͤndi- schen gesalznen Fische hatten bis hieher, folglich von einem Lande bis zum andern vorgehalten, und uns weit besser geschmekt, als das eingesalzne Rind- und Schweinefleisch. Letzteres war nun einem jeden dermaaßen zum Eckel geworden, daß selbst Capitain Cook , der doch sonst in allem Betracht ein rechter Seemann war, befuͤrchtete, er wuͤrde in der Folge nie wieder Poͤckelfleisch genießen koͤnnen! Sauerkraut war auch noch vorraͤthig und vom guten Geschmack, und sowohl die- ses als das frische Wort oder Wuͤrze , diente zum Praͤservativ gegen den Schaarbok. Nur Schade, daß das Malz groͤßtentheils seine Kraft verlohren hatte, weil es in frische, nicht gehoͤrig ausgetroknete Faͤßer gepackt worden, und deshalb verdorben war. Ich trank reichlich davon, konnte aber dennoch nicht verhindern, daß mir die Fuͤße von Zeit zu Zeit anschwollen und sehr empfindlich schmerzten. Derjenige Theil von Amerika , den wir jetzt vor uns hatten, sah hoͤchst traurig aus! Gegen drey Uhr Morgens liefen wir dicht an die Kuͤste heran, die mehrentheils in dicken Nebel gehuͤllet war. Was uns am naͤchsten lag, schie- Miles. in den Jahren 1772 bis 1775. nen kleine Eylande zu seyn, die zwar nicht sehr hoch, demohnerachtet aber als 1774. Decem- ber. gaͤnzlich unfruchtbare, schwarze Felsenmassen aussahen. Jenseits diesen kamen hoͤhere und groͤßere Berggegenden zum Vorschein, vom Gipfel an, fast bis zum Meer herab, mit Schnee bedeckt. In Ermanglung anderer lebenden Geschoͤpfe schwaͤrmten Seeraben, Sturmvoͤgel, Skuas, und andre Wasservoͤgel an dieser oͤden Kuͤste umher, und schienen uns fuͤr die Unfruchtbarkeit des Landes wenig- stens einigen Ersatz zu versprechen, wenn naͤmlich zu Sichrung des Schiffes nur ein Haven anzutreffen waͤre. Wir haben auch in der That, auf der ganzen Rei- se um die Welt, nur wenig Laͤnder gefunden, wo gar keine frische Lebensmittel, weder aus dem Pflanzen- noch aus dem Thierreiche, vorhanden gewesen waͤren, vermittelst deren wir uns, wenigstens gegen den hoͤchsten Grad des Schaar- boks, und gegen andre Krankheiten dieser Art, haͤtten schuͤtzen koͤnnen! Um eilf Uhr kamen wir an einer weit in See ragenden Landspitze vor- uͤber, die Capitain Cook , Cap Gloucester , benannte. Nachmittags see- gelten wir bey dem Eylande voruͤber, auf welchem, Freziers Reisebeschreibung nach, das Cap Noir belegen ist. Die bey seinem Werke in Kupfer gesto- chene Aussicht dieses Vorgebuͤrges ist ganz richtig gezeichnet und gen Nordosten schien ein langer Arm von der See ins Land zu gehen, welches ohne Zweifel der sogenannte Canal von S. Barbara ist. Schon auf den aͤlteren spanischen Car- ten findet man diesen Theil von Tierra del Fuego , der Wahrheit gemaͤß, in viele Eylande und dazwischen laufende Canaͤle abgetheilt, die alle von den aͤl- teren Seefahrern gedachter Nation entdeckt und benannt worden sind. Zu den besten Charten dieser Art gehoͤrt diejenige, welche der von Herrn Dr. Casimir Gomez Ortega verfertigten spanischen Uebersetzung von Byrons Reise Wohl verstanden, die kleine Beschreibung, die von einem Ungenannten, etliche Jahre fruͤher als die Hawkesworthische Sammlung, herausgegeben ward. um die Welt, beygefuͤgt ist. Nach Maaßgabe dieser Carten fanden wir, daß das Land, von dem Orte an wo wir es zuerst erblickt bis ans Cap Noir hin, aus mehre- ren Inseln besteht, und vielleicht wuͤrden wir noch eine groͤßere Anzahl derselben wahrgenommen haben, wenn das Wetter nicht gar zu neblicht gewesen waͤre. B b b 3 Forster’s Reise um die Welt 1774. Decem- ber. Jenseit des Cap Noir , welches unter 54° 30′ Suͤdlicher Breite und 37° 33′ westlicher Laͤnge liegt, schien das Land mehr zusammen zu hangen, und des andern Morgens fanden wir die Kuͤste uͤberall fest und unge- theilt; die Berge wurden schon dicht an der See merklich hoͤher als zuvor und waren allenthalben mit Schnee bedeckt. Der Wind nahm nach und nach ab, und erstarb gegen Mittag gaͤnzlich, indeß, bey herrlichem Sonnenschein, die Luft ziemlich gelinde blieb. Wasservoͤgel von mancherley Art flatterten ums Schiff und im Wasser gaukelten Seekaͤlber umher. Nachmittags kam ein Trupp von ohngefaͤhr dreyßig Nordkaper ( Grampusses ) mehrentheils paarweise, ange- schwommen, die sich, bey dem schoͤnen Wetter, ebenfalls lustig machten. Gegen Abend entstand Ostwind, der die Nacht hindurch anhielt, am folgenden Tage aber wieder gaͤnzlich nachließ. An diesem stuͤrmischen Vorgebuͤrge, dessen bloßer Nahme, seit Ansons Zeiten, allen Seeleuten zum Schrecken geworden ist, hatten wir die hestigsten Stuͤrme, nicht aber eine so milde Witterung er- wartet. Desto mehr freute es uns, vermittelst einer ganz entgegengesetzten Er- fahrung jenem Wahn ein Ende machen zu koͤnnen, denn die Wissenschaften und das menschliche Geschlecht uͤberhaupt gewinnen unendlich viel, wenn alte einge- wurzelte Vorurtheile und Irrthuͤmer ausgerottet werden. Das Thermometer stand heut auf 48 Grad, welches, in der Nachbarschaft so gewaltigen Schnee- Massen, fuͤr eine gelinde Temperatur der Luft gelten konnte. Die ersten Entdecker dieser Kuͤste, nannten sie die Kuͤste der Verwuͤstung ( Coast of De- solation ) oder die oͤde Kuͤste , und diese Benennung kommt ihr mit vollem Rech- te zu. Man sieht uͤberall nichts als ungeheure Berge, mit schroffen, Schnee- bedeckten Gipfeln! Kaum die zunaͤchst an der See gelegnen Felsen sind davon ent- bloͤßt, und auch alsdann noch von todtem, unfruchtbaren Ansehen, ohne Gras oder Gebuͤsch. Hin und wieder giebt es Buchten oder Haven innerhalb denen kleine, gruͤn bewachsene Eylande vorhanden sind. In eine dieser Oesnungen oder Buchten liefen wir, mit Huͤlfe eines gelinden Ostwindes, heut gegen Abend ein. An der Westseite der Einfahrt stand eine gewaltige senkrechte Felsenmauer, die Capitain Cook , York-Muͤnster benannte, weil er zwischen ihr und jenem gothi- schen Gebaͤude eine Aehnlichkeit zu finden glaubte. Sie liegt unter dem 55° 30′ Suͤdlicher Breite und 70° 28′ westlicher Laͤnge. Seitdem wir uns dicht an der in den Jahren 1772 bis 1775. Kuͤste befanden, hatte der Capitain bestaͤndig das Senkbley auswerfen lassen, 1774. Decem- ber. und die Tiefe regelmaͤßig ab und zunehmend befunden, je nachdem wir, mehr oder minder, vom Ufer entfernt seyn mochten: Nur allein hier, in der Einfahrt des Havens, war mit 150 Faden kein Grund zu erreichen. Ein aͤhnlicher Vor- fall war uns auch ehemals in Dusky Bay begegnet (1. B. S. 93); weil wir indessen hier einen sehr geraͤumigen Haven vor uns sahen, so steuerten wir ge- trost tiefer hinein, immer zwischen oͤden Eylanden durch, die zum Theil bis auf den hoͤchsten Gipfel mit Schnee bedekt waren. Mein Vater machte sich die eingefallne Windstille zu Nutze, und fuhr mit den Lieutenants in einem Boote aus, um Seevoͤgel zu schießen; es lohnte aber kaum der Muͤhe, denn sie brach- ten nicht mehr als einen einzigen an Bord zuruͤck. Um neun Uhr Abends ge- langten wir endlich, unter Beguͤnstigung einer schwachen Seeluft, in eine kleine Bucht, die zwar gegen Wind und Wellen nur schlecht gesichert war, uns aber doch die Nacht uͤber so viel Schutz hoffen ließ, als wir im Nothfall bedurften. Hier giengen wir nun, nach einer ein und vierzigtaͤgigen Fahrt, — auf welcher wir von Neu-Seeland bis zum Cap Deseado , so schnell als gluͤcklich, queer uͤber das ganze Suͤdmeer weggesegelt waren, — zum ersten mahle wiederum vor Anker! Am folgenden Morgen fuhr Capitain Cook , von verschiednen Officieren, meinem Vater, Doctor Sparrmann und mir begleitet, im Boote ab, um ei- nen sicherern und bequemern Ankerplatz aufzusuchen. Gleich hinter der ersten Landspitze der Insel, an welcher das Schiff einstweilen angelegt hatte, fand sich eine schoͤne Bucht, die ringsumher von Bergen eingeschlossen, folglich vor allen Winden beschuͤtzt, und uͤberdem mit einem kleinen Bach, auch mit etwas Gebuͤsch versehen war. In diesem ließen sich, zu jedermanns Verwunderung, allerhand Voͤgel hoͤren, ohne Zweifel angelockt von der Witterung, die in Be- tracht des hiesigen Himmelsstrichs allerdings milde genannt werden konnte. In etlichen kleinen Kluͤften oder Erdschluchten trafen wir eine sehr duͤnne Schicht nas- ser Erde an, aus welcher verschiedenes Gestraͤuch kuͤmmerlich aufsproßte, zu beyden Seiten gedeckt durch Felsenwaͤnde, die den Wind abhielten, und vermittelst der Brechung der Sonnenstralen den Wachsthum beguͤnstigten. Sonst schien das Eyland durchgehends aus einem Felsen zu bestehen, der aus grobem Granit, Forster’s Reise um die Welt 1774. Decem- ber. aus Feldspath, Quarz und schwarzem Glimmer zusammen gesetzt war. An den mehresten Stellen ist er gaͤnzlich kahl, ohne Erdreich, Laub und Kraut; nur hin und wieder hat der Regen oder geschmolzne Schnee etwas Sand zusammen ge- schlemmt und an diesen Stellen findet sich ein Rasen, von ganz kleinen Moos- aͤhnlichen Pflanzen, der ohngefaͤhr einen Zoll dick ist, aber leicht unter den Fuͤßen weggleitet, indem er unmoͤglich fest auf dem Felsen liegen kann. Je mehr dergleichen Stellen vor den zerstoͤrenden Winden geschuͤtzt sind, desto mehr andre Pflanzen-Arten kommen unter den Moos aͤhnlichen auf, und dadurch entsteht end- lich so viel Erdreich, daß Stauden, nach und nach, zu der Groͤße eines kleinen Gebuͤsches aufwachsen. Dahin gehoͤrt unter andern diejenige Bau-Art, deren Rinde als ein trefliches Gewuͤrz, durch den Capitain Winter zuerst nach Europa gebracht, und ihm zu Ehren, Winters-Rinde genannt worden ist. Man pflegt sie oft mit der canella-alba zu verwechseln, diese kommt aber aus Jamaica , und ruͤhrt von einer ganz andern Pflanze her. Der eigentliche Winter Rinden-Baum gelangt, an den Ufern der Magellanischen Meer- Enge , desgleichen auf der Ostseite von Tierra del Fuego , zu einer ansehnli- chen Groͤße; hingegen an derjenigen unwirthbaren Kuͤste dieses Landes, wo wir uns jetzt befanden, erreicht er nicht uͤber zehn Fuß Hoͤhe und bleibt, auch dann noch, gemeiniglich ein krummer, unansehnlicher Busch. So unfruchtbar in- dessen diese Felsen seyn mochten, so war uns doch fast jede ihrer Pflanzen neu, und einige Gattungen sogar mit schoͤnen und wohlriechenden Blumen geziert. Aus denen unmittelbar an der See liegenden Felsenklippen wuchs eine unsaͤg- liche Menge Seegras hervor, dessen Blaͤtter sich auf der Oberflaͤche des Wassers ausbreiteten, und Schaaren von Meer-Elstern, Seeraben und Gaͤnsen beleb- ten den menschenleeren Strand. Gleich nach unsrer Ruͤckkunft begonnen die Matrosen das Schiff in die neue Bucht zu ziehen, und kamen Nachmittags gluͤcklich damit zu Stande. Zwischen dem zuvor erwehnten Seegrase hielten sich kleine Fische von der Kabliauart auf, davon wir zwar einige wenige, allein zu einer foͤrmlichen Mahlzeit bey weitem nicht genug fiengen. Am folgenden Morgen fuhr Capitain Cook in aller Fruͤhe ab, um die Gegend aufzunehmen, und wir begleiteten ihn, um unsrer Seits die Producte des Landes zu untersuchen. Der Haven ist sehr geraͤumig, und, sowohl an der Ost- in den Jahren 1772 bis 1775. Ost- als an der Nordseite durch mehrere Reihen von Bergen geschuͤtzt, die uͤber 1774. Decem- ber. einander hervorragen, auch mit Schnee und Eis bedeckt sind, welches ver- muthlich nie wegschmelzt. In der Bay selbst liegen etliche bergige Eilande, die aber an Hoͤhe dem groͤßern Lande nicht gleich kommen, und deshalb auch blos auf dem Gipfel beschneit sind. Noch niedriger als diese, und ganz frey von Schnee war das Eiland, an welchem unser Schiff vor Anker lag; es mochte nehmlich, dem Augenmaaß nach, nicht mehr als hundert Fuß senk- recht uͤber dem Wasser erhaben seyn. Ausser diesen bergigen Eilanden gab es, im nordlichen Theil der Bay eine Menge anderer, die nur 30 bis 60 Fuß hoch uͤber die Meeresflaͤche hervorragten, und, von fern her, gruͤn bewachsen zu seyn schienen. Auf die zunaͤchst gelegene dieser flachen Inseln, ruderten wir hin; das Moos und Buschwerk war daselbst an manchen Stellen nieder- gebrannt, und da sahe man, daß der Boden aus einem gelblichten Schieferfelsen bestand, der in wagerechten Schichten lag, und oben auf eine dickere Schicht von Erde hatte, als die uͤbrigen benachbarten Eilande. Es gab hier einige neue Pflanzen, desgleichen eine Art Fliegenstecher, die sich aber von Wuͤrmern und Muscheln naͤhrte, und zu dem Ende einen staͤrkern Schnabel hatte, als an- dre Voͤgel dieses Geschlechts. Als wir um ein Ende dieser kleinen Insel herum- ruderten, zeigte sich auf einer andern Landspitze ein kleines Gebuͤsch oder eine Art von Waͤldchen, unter dessen Schatten etliche unbewohnte Huͤtten standen. Die Beschreibung und Abbildung eines solchen Dorfs, welche in der gedruckten Nachricht von Capitain Cooks erster Reise um die Welt Siehe Hawkesworths Samml. der neuesten englischen Seereisen, in 4. zweeter Band, S. 55. befindlich ist, paß- te vollkommen auf diese Aussicht, nur mit dem Unterschied, daß die Huͤtten hier nicht mit Seehundsfellen bedeckt waren. Vielleicht wird diese De- ckung auch nicht allemal gebraucht, oder, je nachdem die Wilden ihren Wohn- sitz verlegen, als ein unentbehrlicher Theil der Wohnung, uͤberall mitgenommen. Hier war blos das Gerippe der Huͤtten vorhanden, und das bestand aus etlichen Zweigen, die groͤßtentheils noch gruͤne Blaͤtter hatten, mithin nur kuͤrz- lich erst zu diesem Behuf mußten angewandt worden seyn. Beym ersten Ein- laufen in den Haven, hielten wir es, der oͤden rauhen Aussicht wegen, fuͤr ohnmoͤg- Forster’s Reise u. die W. zweyter Theil. C c c Forster’s Reise um die Welt 1774. Decem- ber. lich, daß diese Gegend bewohnt seyn koͤnne. Wir glaubten vielmehr, daß sich die Wilden blos an der oͤstlichen Kuͤste von Tierra del Fuego , und an den Ufern der Magellanischen Meerenge aufhielten. Allein, nach diesen Huͤtten zu urtheilen, muß unsre Gattung wohl alle moͤgliche Witterungsarten ausstehen, und in den brennenden afrikanischen Sandwuͤsten eben so wohl als an beyden ge- frornen Enden der Welt ausdauren koͤnnen. Wir landeten noch auf einigen an- dern Inseln, doch war der Prospect des Havens, des vielen Schnees wegen, uͤber- all wintermaͤßig, wild und schauderhaft. In dieser Weltgegend fieng grade jetzt der Sommer an; die wenigen einheimischen Pflanzen standen in Bluͤthe und die Voͤgel naͤhrten ihre junge Brut. Hatte also die Sonne jetzt noch nicht Kraft genug den Schnee zu schmelzen, so kann man sich, ohne mein Zuthun, vor- stellen, wie starr und traurig es im Winter aussehen muͤße! Je tiefer wir in die Bucht hineinruderten, desto mehr Schnee entdeckten wir auf den Ber- gen. Hie und da stuͤrzten sich, uͤber diese weisse Decke, Quellen und Stroͤme herab, vornehmlich an solchen Orten, wo die Wuͤrkung der Sonnen- stralen durch Felsenwaͤnde befoͤrdert und verstaͤrkt wurde. Nach ziemlich langem Umherrudern, fanden wir endlich einen ausnehmend schoͤnen Haven, in Form eines cirkelrunden Behaͤlters ( bassin ) wo das Wasser spiegelglatt und voll- kommen durchsichtig war. Laͤngst dem Ufer stand, bis an die See herab, eine Menge hoͤherer und ansehnlicher Baͤume, als in der ganzen uͤbrigen Gegend. Zwischen denselben rauschten mehrere kleine Baͤche schaͤumend hervor, und bo- ten dem Seefahrer, zu Anfuͤllung seiner Wasserfaͤsser, alle moͤgliche Bequemlich- keit dar. Aber mehr als alles dieses uͤberraschte uns das Zwitschern von einer Menge kleiner Voͤgel, die sich bey dem lieblichen Sonnenschein in dieser schatten- reichen Einoͤde versammelt hatten. Sie waren von verschiedenen Arten, und durchgehends mit Menschen noch so unbekannt, daß sie ganz nahe herbeyhuͤpf- ten. Haͤtten wir eine andere als die groͤbste Sorte von Schroot bey uns gehabt, so moͤchte ihnen ihr Zutrauen sehr uͤbel bekommen seyn! Zwischen den Baͤumen sproßten allerhand Moos-Arten, Farrenkraut und Schlingpflanzen auf, so daß man kaum dafuͤr gehen konnte, und, zur Freude des Botanikers, fehlte es diesem Walde auch an Blumen nicht. Solchergestalt war wenigstens ein Schattenbild vom Sommer vorhanden; blickte man aber auf die im Hintergrunde befindli- in den Jahren 1772 bis 1775. chen, mit Wolken bedeckten, Berge hin; so zeigten sich auf allen Seiten 1774. Decem- ber. nichts als senkrechte Felsenwaͤnde mit Schnee und Eis bedeckt, das vor Alter bald blau, bald gelbfarbig war, wie an den Alpen-Gletschern, wo die Jahrszeiten auf eben solche Art mit einander vermischt, und gleichsam in einander verwebt sind. So hoch als jene waren zwar die hiesigen Berge nicht, aber darinn gli- chen sie einander, daß die Gipfel aus mehreren schroffen Zacken bestanden, und daß Schnee die Zwischenraͤume derselben ausfuͤllte. Von diesem Haven gien- gen wir, zu Fuß, nach einem andern hin, den mehrere davor gelegene niedrige Eilande vor allen Windstoͤssen schuͤtzten. Es hielten sich daselbst verschiedne Arten wilder Enten auf, darunter eine die Groͤße einer Gans hatte, und mit bewundernswuͤrdiger Geschwindigkeit auf der Oberflaͤche des Meeres fortlief, in- dem sie, mit den Fuͤßen und Fluͤgeln zugleich, das Wasser schlug: — — Fugit illa per undas, Ocyor et jaculo, et ventos aequante sagitta. VIRG. Diese Art der Bewegung war so unglaublich schnell, daß wir voraus- sahen, es wuͤrde umsonst seyn, zu schießen, wenn man nicht Gelegenheit faͤnde unbemerkt nach ihnen zu zielen. Diese ereignete sich auch in der Folge, so daß wir verschiedne derselben erlegten. Von andern Enten waren sie, nur in Ansehung der Groͤße und der besondern Kuͤrze ihrer Fluͤgel, unterschieden. Letz- tere hatten etliche weisse Schwungfedern, und auf dem Gelenk an der alula zween große, nakte Knorpel von gelber Farbe. Schnabel und Fuͤße waren ebenfalls gelb, hingegen das uͤbrige Gefieder grau. Seiner bewundernswuͤr- digen Geschwindigkeit wegen, nennten unsre Matrosen diesen Vogel, das Renn- pferd, ( race-horse ); auf den Falklands-Inseln haben ihn aber die Englaͤn- der loggerhead-duck, d. i. dikkoͤpfige Ente genannt S. die Philos. Trans. der Koͤnigl. Societaͤt zu London LXVI. Band, 1. Theil. . Auf einer an- dern benachbarten Insel fanden wir eine Menge Skuas oder große Mewen, die im troknen Grase genistet hatten, und ein drittes Eiland war uͤberall mit Buͤ- schen bewachsen, die eine sehr wohlschmeckende Art rother Steinbeeren ( arbutus ) C c c 2 Forster’s Reise um die Welt 1774. Decem- ber. so groß als kleine Kirschen trugen. An eben dieser Insel saßen die Klippen laͤngst den Ufer voller großen Muscheln ( Mytilus edulis ) deren Fleisch uns schmakhafter vorkam, als die besten Austern. So lieferten uns also diese oͤden Felsen, die beym ersten Anblick keinem lebendigen Geschoͤpfe etwas zu versprechen schienen, eine Mahlzeit, die, mit unserm Schifszwieback und einem Stuͤckchen gepoͤckelten Rindfleisch, in dieser Weltgegend herrlich genannt werden konnte! Auf dem Ruͤckwege entdeckten wir auf einigen andern flachen Inseln, vortrefliche Sellerie, die zwar kleiner als die Neu-Seelaͤndische, aber ungleich kraͤftiger war, vermuthlich, weil sich in dem felsigten Boden die Saͤfte besser concentrirt hatten. Wir nahmen eine ganze Bootsladung davon mit nach dem Schiffe, und kamen endlich, von mehrmahligen Regenguͤssen ganz durchnaͤßt, an Bord. Bey der Ruͤckkunft empfanden wir, daß die Gegend um unsern Ankerplatz merklich waͤr- mer war, als im noͤrdlichen District der Bay, woselbst die Luft durch die maͤch- tigen Schneegebuͤrge ungleich kaͤlter gemacht wurde. Fast zu eben der Zeit als wir, kam auch einer von den Lieutenants zuruͤck, den Capitain Cook abgeschickt hatte, um die Nordwestseite der Bay aufzunehmen. Den folgenden Tag war das Wetter so schoͤn gelinde, daß verschiedne von unsrer Schiffsgesellschaft auf dem Eilande, woran das Schif vor Anker lag, eine Vogel- Jagd anstellten, die sehr ergiebig ausfiel. Herr Hodges zeich- uete unterdeß die ganze Bay von einer Hoͤhe, wo der Gesichtspunct uͤberaus vortheilhaft war. Auf dem Kupferstich, der nach dieser Zeichnung in England verfertigt worden ist, stehet man, im Vorgrunde, einen Vogel, der vermuthlich einen Falken vorstellen soll, dergleichen wir auf Tierra del Fuego angetroffen haben. Diese Gattung ist am Halse und an den Schultern grau und braun gestreifet, der Kopf aber ganz braun und mit einem schwarzen Federbusch ge- ziert. Dem Kupferstich nach zu urtheilen, wuͤrde man ihn von ungeheurer Groͤße halten, gleichwohl ist er in der Natur um nichts groͤßer als der gewoͤhnli- che Falk ( falco gentilis ). Anstatt mit den juͤngern Officieren auf die Jagd zu gehen, begleiteten wir den Capitain, der diesen Morgen rund um das Eiland fuhr, woran unser Schiff geankert war, und der Lieutenant Pickersgill gieng, einer aͤhnlichen Un- tersuchung wegen, nach einer andern Gegend der Bay ab. Wir waren mit unserer in den Jahren 1772 bis 1775. Fahrt sehr wohl zufrieden, denn sie brachte uns eine große Menge Seeraben 1774. Decem- ber. ein, die bey Tausenden in den Schieferklippen genistet hatten. Der Instinct hat- te sie gelehrt, ihre Nester nur an solchen Stellen zu banen, wo die Felsen entwe- der vorwaͤrts uͤberhingen, oder doch wenigstens senkrecht standen, ohne Zweifel in der Absicht, daß die Jungen aus dem Neste nirgends anders als ins Wasser fallen moͤchten, wo sie keinen Schaden nehmen konnten. Der Schieferstein wor- aus diese Klippen bestanden, ist zwar nicht sehr hart, demohnerachtet war es zu bewundern, wie die Voͤgel Loͤcher darinn einbohren, oder, wenn auch, vielleicht von Natur schon Hoͤhlungen darinn vorhanden gewesen sind, wie sie diese fuͤr ihre Jungen nur erweitern konnten? Kaum hatten wir unsre Gewehre losgeschossen, und von neuem geladen; so saßen die Seeraben wieder auf den Nestern, doch wa- ren sie, ihrer Schwerfaͤlligkeit wegen, auch im Fluge nicht leicht zu verfehlen. Sie nehmen sich in der That vor der augenscheinlichsten Gefahr so wenig in Acht, daß die Franzosen, bey ihrem Aufenthalt auf den Falklands-Inseln , wohl nicht Unrecht hatten, sie nigauds, S. Don Pernetti’s Reise nach den Maloninischen Inseln . d. i. Toͤlpel , zu nennen. Naͤchst dieser Ausbeute brachten wir auch drey Gaͤnse von der heutigen Fahrt zuruͤck, die uns wegen des an beiden Geschlechtern ganz verschiedenen Gefieders, merk- wuͤrdig duͤnkten. Der Gaͤnserich naͤmlich war, den schwarzen Schnabel und die gelben Fuͤße ausgenommen, ganz weiß, und an Groͤße etwas geringer, als eine zahme Gans. Die Gans hingegen war schwarz mit kleinen weißen Queer Strichen gezeichnet, am Kopfe grau und mit etlichen gruͤnen und etlichen weißen Schwung Federn versehen. Vielleicht hat die Natur diesen Unterschied, zur Sicherheit der jungen Brut weislich also geordnet, damit die Gans, ihres dunklern Gefieders wegen, von Falken und andern Raub-Voͤgeln nicht sobald entdeckt werden moͤge. Doch dies ist nur eine Vermuthung, die naͤherer Un- tersuchung und Bestaͤtigung bedarf; der Verstand des Sterblichen ist leider zu kurzsichtig, um in den Werken der Natur uͤberall die eigentlichen Absichten des weisen Schoͤpfers zu entdecken, besonders wenn noch so wenig Beobachtungen, als in gegenwaͤrtigem Falle, dazu vorhanden sind. C c c 3 Forster’s Reise um die Welt 1774. Decem- ber. Kaum waren wir wiederum am Bord, als auch Lieutenant Pickersgill zuruͤckkam. Er hatte an der Ost-Seite der Bay eine Bucht gefunden, wo sich eine unzaͤhlige Menge wilder Gaͤnse aufhielte. Capitain Cook wuͤnschte sei- nen Leuten hier frische Lebensmittel zu verschaffen, damit sie das bevorste- hende Weihnachts-Fest desto froͤhlicher feyern moͤchten. Da nun die Entde- ckung des Lieutenaut Pickersgill dieser Absicht sehr guͤnstig zu seyn schien; so ward gleich abgeredet, daß er am folgenden Morgen dort auf die Jagd gehen soll- te, indeß wir auf einem andern Wege eben dahin kommen wuͤrden. Mein Vater, Doctor Sparrmann , ein See-Cadet und ich, fuhren zu dem Ende, in Gesell- schaft des Capitains, laͤngst einem Eiland hin, das ostwaͤrts zwischen dem Schif- fe und der sogenannten Gaͤnse-Bucht ( Goose-Cove ) als dem verabredeten Sammelplatz, belegen war. Wir hatten alle Ursach, mit der Wahl unsres Weges zufrieden zu seyn, denn an der ganzen Suͤd-Seite dieser Insel, die we- nigstens vier Meilen lang ist, hielt sich eine unzaͤhlige Menge von Gaͤnsen auf, denen, ihrer Unerfahrenheit wegen, und weil sie eben neue Federn bekommen, sehr leicht beyzukommen war. Die langen Schwung-Federn fehlten ihnen noch, so daß sie fast gar nicht fliegen konnten. Haͤtten wir dies gleich im An- fang wahrgenommen, so wuͤrde unsre Beute noch viel betraͤchtlicher ausgefal- len seyn. Demohnerachtet hatten wir bey Sonnen-Untergang nicht weniger als drey und sechszig Stuͤck zusammengebracht, die fuͤr alles Volk am Bord zu einem Mittagsmahl vollkommen hinreichten. So ergiebig die Jagd war, so angenehm war sie auch. Als Naturforschern haͤtte es uns zwar, bey dergleichen Gelegenheiten, mehr um Mannigfaltigkeit als um Menge zu thun seyn sollen; allein wir waren nun einmahl noch nicht enthaltsam oder noch nicht gewissen- haft genug, eine frische Mahlzeit zu verschmaͤhen, wenn sie sich so von selbst darbot. Aus einer im III. Bande S. 92. der Hawkesworthischen Sammlung, sehr am unrech- ten Ort angebrachten Bemerkung erstehet man, daß der Herr Verfasser selbst kein Rei- sender war, und also nicht gewußt, wie einem Reisenden zu Muth ist, der sich Jahre lang mit verwestem Poͤkelfleisch und verschimmeltem Schifs-Zwieback behelfen muß. In dem Felsen-Ufer gab es große Kluͤfte oder Hoͤhlen, zum Theil achtzig bis neunzig Fuß hoch und oft 150 Fuß tief. Da die See ziemlich ruhig war, so konnten wir in diese unterirrdische Gewoͤlbe mit dem Bote hin- in den Jahren 1772 bis 1775. einfahren, und dann kamen wir nie ohne eine gute Anzahl Gaͤnse wieder her- 1774. Decem- ber. aus. Am Eingange hatten gemeiniglich See-Raben genistet, die aber dies- mahl in guter Ruhe blieben. Ein anderer Umstand der uns den Gaͤnsenfang erleichterte, bestand darinn, daß in den Schiefer-Felsen große Spalten befind- lich waren, uͤber welche sie mit ihren noch nicht wieder gewachsenen Fluͤ- geln selten wegkommen konnten, sondern gemeiniglich herein, und auf solche Art den Matrosen lebendig in die Haͤnde fielen. Erst am spaͤten Abend kamen wir wieder an Bord, wo Herr Pickersgill schon vor uns angelangt war, und von einem kleinen, von lauter Meer-Schwalben bewohnten Eilande, mehr als drey hundert Eyer mitgebracht hatte, die groͤstentheils esbar und wohlschmeckend befunden wurden. Waͤhrend unsrer Abwesenheit hatten sich einige Einwohner, in vier klei- nen Kanots, beym Schiffe gezeigt. Sie wurden uns als elende, arme, aber harmlose Geschoͤpfe beschrieben, die ihre Speere, Seehunds-Felle u. d. g. freywillig und umsonst weggegeben. Es that uns leid, daß wir sie nicht gesehn hatten, doch ward dem Schaden bald abgeholfen, denn am folgenden Morgen kamen sie, des Regens ohnerachtet, wieder. Ihre Canots waren aus Baum-Rinde verfertigt, welche der Groͤße nach zu urtheilen, wohl schwerlich in diesem Haven gewachsen seyn konnte. Einige kleine Stecken dienten anstatt Rippen, um die Rinde, in der Mitte, oder da wo der groͤßte Bauch des Fahrzeuges ist, auszudehnen; den Bord machte, auf jeder Seite, ein langer Stecken aus, uͤber den die Rinde herum gewickelt und fest genaͤhet war. Mitten im Canot lagen etliche Steine nebst einem Haufen Erde, und hierauf unterhielten die Wilden bestaͤndig ein Feuer. Dies war auch in so fern noͤthig, weil sie, durch allzuschnelles Rudern, sich eben nicht zu erwaͤrmen suchten. Die Ruder waren nur klein und schlecht gearbeitet. In jedem Kanot saßen fuͤnf bis acht Personen, Kinder mit eingerechnet; allein, statt daß alle andre Na- tionen in der Suͤd-See gemeiniglich unter lautem Jauchzen, oder wenigstens mit einem frohen Zuruf angezogen kamen, gieng bey diesen hier alles in der tief- sten Stille zu, und so gar dicht am Schiffe, wo wir eine Anrede oder Be- gruͤßung erwarteten, gaben sie fast keinen andern Laut von sich, als das Wort Pescheraͤh ! Diejenigen, welche Herr von Bougainville , in der Magellani- Forster’s Reise um die Welt 1774. Decem- ber. schen Straße, nicht weit von unserm ietzigen Haven, gesehen, fuͤhrten eben die- ses Wort fast bestaͤndig im Munde, weshalb er auch dieser Nation den Namen Pecherais beylegte. Auf vielfaͤltiges Zuwinken kamen etliche von diesen Leu- ten ins Schif; doch ließen sie nicht das geringste Zeichen von Freude blicken, schienen auch ganz ohne Nengierde zu seyn. Sie waren von kurzer Statur, keiner uͤber 5 Fuß 6 Zoll (englischen Maaßes) hoch, hatten dicke große Koͤpfe, breite Gesichter, sehr platte Nasen, und die Backenknochen unter den Augen sehr hervorragend; die Augen selbst waren von brauner Farbe, aber klein und matt, das Haar schwarz, ganz gerade, mit Thran eingeschmiert, und hieng ih- nen wild und zottigt um den Kopf. Anstatt des Barts standen einige einzelne Borsten auf dem Kinn, und von der Nase bis in das haͤßliche, stets ofne Maul, war ein bestaͤndig fließender Canal vorhanden. Diese Zuͤge machten zusam- men genommen das vollstaͤndigste und redendste Bild von dem tiefen Elend aus, worinn dies ungluͤckliche Geschlecht von Menschen dahinlebt. Herr Hodges hat von zwoen dieser Physiognomien eine sehr richtige, charakte- ristische Zeichnung verfertigt. Schultern und Brust waren breit und stark gebaut, der Untertheil des Koͤrpers aber so mager und eingeschrumpft, daß man sich kaum vorstellen konnte, er gehoͤre zum obern. Die Beine waren duͤnn und krumm, und die Knie viel zu stark. Ihr einziges elendes Kleidungs- Stuͤck bestand in einem alten kleinen See-Hunds-Fell, welches vermittelst einer Schnur, um den Hals befestigt war. Uebrigens giengen sie ganz nackend, ohne auf das, was Anstaͤndigkeit und Ehrbarkeit bey uns fordern wuͤrden, die geringste Ruͤcksicht zu nehmen. Ihre Leibesfarbe war Oliven-braun mit ei- nem Kupfer-aͤhnlichem Glanze, und bey manchen noch durch aufgetragene Streifen von rothem oder weißem Ocker erhoͤhet. Es scheint folglich, daß die Be- griffe von Schmuck und Zierrath aͤlter und tiefgewurzelter bey uns sind, als die von Ehrbarkeit und Schaamhaftigkeit! Die Weiber waren beynahe wie die Maͤnner gestaltet, nur etwas kleiner, den Gesichtszuͤgen nach nicht minder haͤßlich und widrig, und auch in der Kleidung nicht unterschieden. Einige wenige hatten jedoch, außer dem Felle, welches die Schultern bedeckte, noch einen kleinen Lappen, kaum einer Hand groß, vorn am Schooße herabhaͤngen, der, vermittelst einer Schnur, um die Huͤften befestigt war. Ein ledernes Band in den Jahren 1772 bis 1775. Band mit Muscheln besetzt, zierte den Hals und auf dem Kopfe trugen sie eine 1774. Decem- ber. Art Muͤtze, aus etlichen langen Gaͤnse-Federn zusammengefuͤgt, die gemeinig- lich aufrecht in die Hoͤhe standen und alsdenn gerade so, als die Fontangen des vorigen Jahrhunderts aussahen. Ein einziger Kerl hatte sein See-Hunds Fell durch ein daran genaͤhtes Stuͤckchen Guanacoes-Fell Guanacoes sind bekannter Maaßen eine Art Suͤd-Amerikanischer kleiner Kameele, die in Chili zahm gemacht, wie Lastthiere gebraucht, und alsdenn Liamas genannt wer- den. verlaͤngert und sich dadurch etwas mehr Schutz gegen die Kaͤlte verschaft. Die Kinder hin- gegen waren voͤllig nakt, und saßen neben den Muͤttern um das im Canot be- findliche Feuer, zitterten aber demohnerachtet bestaͤndig vor Kaͤlte. Sie lies- sen nicht leicht ein ander Wort von sich hoͤren, als den Ausruf, Pescheraͤh , und dieser ward bisweilen wie eine Liebkosung, gemeiniglich aber in einem jammern- den, klagenden Ton ausgesprochen! Von denen an Bord gekommenen Manns- personen, vernahmen wir noch ein paar andre Woͤrter, die aus einer Menge von Mitlautern und Guttural-Buchstaben bestanden. Das chl, welches in England den Einwohnern des Fuͤrstenthums Wallis eigen ist, kam vorzuͤglich oft darinn vor, und was ihre Aussprache vollends unverstaͤndlich machte, war, daß sie durchgehends sehr stark lispelten. Glas, Corallen und andre Kleinig- keiten nahmen sie mit eben der Gleichguͤltigkeit und Achtlosigkeit an, mit wel- cher sie auch ihre Waffen, ja sogar ihre zerlumpten Seehunds-Felle umsonst, oder, gegen das erste beste das ihnen geboten ward, weggaben. Ueberhaupt war ihr Charakter die seltsamste Mischung von Dummheit, Gleichguͤltigkeit und Unthaͤtigkeit! Bogen und Pfeile waren ihre einzigen Waffen. Die Bogen sind sehr klein, unfoͤrmlich und aus einer Art Berberis -Holz gemacht, die Pfeile hingegen von anderm Holz, zwischen zwey und drey Fuß lang, an einem Ende gefiedert und am andern stumpf. Die Spitzen werden, nur alsdenn erst wenn der Pfeil gebraucht wird, angesetzt, und zu diesem Behuf traͤgt sie der Schuͤtze in einem kleinen ledernen Beutel bey sich. Sie thaten ziemlich rar damit, und wollten uns nicht mehr, als eine einzige solche Spitze zukommen lassen, die aus einem schlechten dreyeckigten Stuͤckgen Schiefer bestand. Naͤchst diesen Waffen haben sie auch Speere, die aber blos zum Fischfang dienen. Der Schaft ist Forster’s Reise u. die W: zweyter Th. D d d Forster’s Reise um die Welt 1774. Decem- ber. zehn Fuß lang, und, oben wie unten, durchaus gleich dick. Am untersten Ende ist ein Spalt befindlich, in welchem, zu seiner Zeit, ein spitzgemachter, etwa zwoͤlf Zoll langer, und nur mit einem Wiederhaken versehener Knochen eingefuͤgt und festgebunden wird. Eben dies Instrument sollen sie auch, Capitain Cooks vo- riger Reisebeschreibung nach, gebrauchen, um unterhalb dem Wasser die Mu- scheln von den Felsen loszustoßen. S. Hawkesworths Geschichte der neuesten engl. See-Reisen in 4. B. II. Seite 56. Mit unsrer Zeichensprache, die doch sonst uͤberall gegolten hatte, war bey diesen Leuten hier nichts auszurichten; Geber- den, die der niedrigste und einfaͤltigste Bewohner irgend einer Insel in der Suͤd- See verstand, begrif hier der Kluͤgste nicht. Eben so wenig fiel es ihnen ein, uns ihre Sprache beyzubringen; da auf dem Schiffe nichts ihre Neugierde oder Verlangen erregte, so war es ihnen auch gleich viel, ob wir sie verstunden, oder nicht. Diejenigen von unsern Reisegefaͤhrten, die Capitain Cooks erster Reise um die Welt beygewohnt hatten, versicherten einstimmig, daß die Be- wohner von Succeß-Bay , weit gluͤcklicher und besser daran waͤren als diese elenden Verstoßenen. Siehe ebendaselbst Seite 54 und folgende. Wer die Beschreibung jener Reise hieruͤber nachlesen will, wird auch selbst einsehen, daß in Succeß-Bay die Pescheraͤhs weit ci- vilisirter zu nennen sind, (wenn dieser Ausdruck uͤberhaupt hier anzubringen ist,) als diejenigen, die in dieser Gegend wohnten. Jene waren groͤßer; hatten Stiefeln, um die Fuͤße gegen die Kaͤlte zu schuͤtzen, schienen den Werth der eu- ropaͤischen Waaren einigermaßen einzusehen, bewiesen sich geselliger, und hatten sogar schon Begriffe von Cerimouien und Hoͤflichkeit! die unsrigen hingegen wa- ren noch zu dumm, zu unthaͤtig oder zu sehr von Huͤlfsmitteln entbloͤßt, um sich der Kaͤlte zu erwehren, so schmerzhaft sie auch die Unannehmlichkeiten derselben empfanden. Sie schienen unsre Ueberlegenheit und unsre Vorzuͤge gar nicht zu fuͤhlen, denn sie bezeigten auch nicht ein einzigs mahl, nur mit der geringsten Geberde, die Bewunderung, welche das Schif und alle darin vorhandene große und merkwuͤrdige Gegenstaͤnde bey allen uͤbrigen Wilden zu erregen pflegten! Dem Thiere naͤher und mithin ungluͤckseliger kann aber wohl kein Mensch seyn, als derjenige, dem es, bey der unangenehmsten koͤrperlichen Empfindung von Kaͤlte und Bloͤße, gleichwohl so sehr an Verstand und Ueberlegung fehlt, daß in den Jahren 1772 bis 1775. er kein Mittel zu ersinnen weiß, sich dagegen zu schuͤtzen? der unfaͤhig ist Be- 1774. Decem- ber. griffe mit einander zu verbinden, und seine eigne duͤrftige Lage mit dem gluͤckli- chern Zustande andrer zu vergleichen? Was die aͤrgste Sophisterey auch je zum Vortheil des urspruͤnglich wilden Lebens, im Gegensatz der buͤrgerlichen Ver- fassung, vorbringen mag; so braucht man sich doch nur einzig und allein die huͤlflose bedauernswuͤrdige Situation dieser Pescheraͤhs vorzustellen, um innig uͤberzeugt zu werden, daß wir bey unsrer gesitteten Verfassung unendlich gluͤck- licher sind! So lange man nicht beweisen kann, daß ein Mensch, der von der Strenge der Witterung bestaͤndig unangenehme Empfindung hat, dennoch gluͤck- lich sey, so lange werde ich keinem noch so beredten Philosophen beypflichten, der das Gegentheil behauptet, weil er entweder die menschliche Natur nicht unter allen ihren Gestalten beobachtet, oder wenigstens das, was er gesehen, nicht auch gefuͤhlt hat Die haͤmische menschenfeindliche Philosophie solcher Herren ist dem Seneka abgeborgt, der das Elend andrer auch so auf die leichte Achsel nahm, weil er selbst, bey seinem Reichthum, nichts davon spuͤhrte. Folgende Stelle paßt sehr gut auf die Pescheraͤhs , und der nachstehende Gedanke zeugt gerade von dem Mangel an Gefuͤhl, wovon hier die Rede ist. Perpetua illos hiems, triste coelum premit — imbrem culmo aut fronde defendunt; nulla illis domicilia, nullae sedes sunt, nisi quas lassitudo in diem posuit. — In alimentis feras captant. — vilis, et hic quaerendus manu vi- ctus. — Miseri tibi videntur? — Nihil miserum est quod in naturam consue- tudo perduxit. — Hoc quod tibi calamitas videtur, tot gentium vita est. de pro- videntia . Hawkesworth hat bey einer aͤhnlichen Veranlassung diese Stelle nur pa- aphrasirt und modernisirt. Reisen B. II. Seite 59. . Moͤchte das Bewustseyn des großen Vorzugs, den uns der Himmel vor so manchen unserer Mit-Menschen verliehen, nur immer zu Verbesserung der Sitten, und zur strengern Ausuͤbung unserer moralischen Pflichten angewandt werden! aber leider ist das der Fall nicht, unsre civilisir- ten Nationen sind vielmehr mit Lastern befleckt, deren sich selbst der Elende, der unmittelbar an das unvernuͤnftige Thier graͤnzt, nicht schuldig macht. Wel- che Schande, daß der hoͤhere Grad von Kenntnissen und von Beurtheilungs- kraft bey uns nicht bessere Folgen hervorgebracht hat! Diese ungluͤcklichen Bewohner eines felsigten unfruchtbaren Landes fraßen rohes, halbverfaultes Seehunds-Fleisch, welches aͤußerst wiedrig roch. D d d 2 Forster’s Reise um die Welt 1774. Decem- ber. Das Thranartige ekelhafte Fett, genossen sie am liebsten, und beten auch dem Seevolk davon an. Vielleicht ist es Instinct, der ihnen dies ranzige Fett verzeh- ren heißt, denn alle in kalten Erdstrichen wohnende Voͤlker sollen es fuͤr Lecker- bissen halten, und dadurch in Stand gesetzt werden, die Kaͤlte besser zu ertragen. Die natuͤrliche Folge einer solchen Nahrung war ein unertraͤglicher fauler Ge- stank, der aus ihrem ganzen Koͤrper ausdunstete, und sich allem, was sie nur an und um sich fuͤhrten, mitgetheilt hatte. Dieser Gestank war uns dermaßen zu- wider, daß wirs unmoͤglich lange bey ihnen aushalten konnten. Mit geschloß- nen Augen konnte man sie bereits in der Ferne wittern. Wer die Seeleute, und ihre sonst eben nicht ekle Begierden kennt, wird kaum glauben, was doch wuͤrklich geschah, naͤmlich, daß es ihnen, dieser unertraͤglichen Ausduͤnstung wegen, gar nicht einmal einfiel mit dem saubern Frauenzimmer genauere Be- kanntschaft zu machen. Die Matrosen gaben ihnen Poͤckelfleisch und verschim- melten Zwieback; sie machten sich aber nichts daraus, und konnten kaum da- hin gebracht werden, es zu kosten. Lehrte sie etwa der Instinct, daß diese Speisen vielleicht noch ungesunder waͤren, als halb verwestes Seehundefleisch? — Wir bemerkten unter ihnen nicht den mindesten Unterschied des Standes, weder Oberherrschaft noch Abhaͤngigkeit. Ihre ganze Lebensart kam dem thierischen Zustande naͤher, als bey irgend einem andern Volk. Es duͤnkt mir daher uͤber- aus warscheinlich, daß sie keine selbststaͤndige Nation ausmachen, sondern nur als einzelne, von den benachbarten Voͤlkerschaften ausgestoßne Familien anzu- sehen sind, die durch ihren Aufenthalt im oͤdesten unfruchtbarsten Theil von Tierra del Fuego fast jeden Begrif verlohren haben, der nicht mit den drin- gendsten Beduͤrfnissen in unmittelbarer Verbindung steht. Sie irren, der Nah- rung nach, aus einer Bucht in die andre, und da dieser Haven vermuthlich mit mehreren zusammenhaͤngt, so waͤhlen sie sich im Winter denjenigen zum Wohn- platz, wo der Aufenthalt am leidlichsten ist. Aus denen auf den benachbarten Falklands Inseln , die unter derselben Polhoͤhe liegen, angestellten Thermo- metrischen Beobachtungen laͤßt sich zwar vermuthen, daß im Winter die Kaͤlte nicht nach Verhaͤltniß der Sommerwitterung zunehme, demohnerachtet muß sie diesen armen huͤlflosen Geschoͤpfen doch aͤußerst hart fallen. Die Hollaͤndi- schen Seefahrer, und besonders Jacob l’ Hermite , der die Naßanische Flotte im in den Jahren 1772 bis 1775. im Jahr 1624 ins Suͤd-Meer fuͤhrte, behaupten, daß die an der suͤdlichen 1774. Decem- ber. Kuͤsten von Tierra del Fuego , wohnenden Indianer, wuͤrkliche Menschen- fresser sind, die einander, nicht etwa bloß aus Hunger, sondern auch so oft sie sich eine gute Mahlzeit machen wollten, umbringen. Reeneil des voyages, qui ont servi à l’ etablissement de la Compagnie des Indes orientales Amsterd , 1705. Vol. IV. p. 702. Sollte diese graͤß- liche Gewohnheit irgendwo aus wuͤrklichen Mangel an Lebensmittel statt finden, so koͤnnte sie hoͤchstens bey einer kleinen Anzahl ungluͤcklicher Menschen entstan- den seyn, die aus ihrer fruchtbaren Heymath in die aͤußersten wuͤsten Enden der Erde waͤren vertrieben worden. Ein solcher Stamm wuͤrde aber unmoͤg- lich lange bestehen koͤnnen. Die armen Pescheraͤhs verließen uns gegen Mittag, und ruderten so langsam und stillschweigend fort, wie sie angekommen waren. Das Seevolk, sehr erfreut, daß das Schif sicher vor Anker lag, hatte schon den vorigen Abend angefangen, das Weynachtsfest zu feyern, und fuhr fort zween Tage lang ohne Unterlaß zu schwelgen. Sie machtens so arg, daß Capitain Cook endlich den groͤßten Theil in ein Boot laden, und an Land setzen ließ, damit sie in der fri- schen Luft desto eher wieder nuͤchtern wuͤrden. Am 27sten des Morgens, bemannte der Capitain ein Boot mit etlichen noch halb-berauschten Matrosen, und fuhr nebst meinem Vater und Dr. Sparr- mann nach demselben Eiland, wo er am 24sten so gute Jagd gehabt. Er brachte am Abend eine Anzahl Gaͤnse und andres Gefluͤgel zuruͤck, die gebraten, und zu unsrer bevorstehenden Abreise auf bewahret wurden. Die Einwohner kamen unterdessen wieder am Bord, doch hielten sie sich nicht lange auf, weil wir, ihres unleidlichen Gestanks wegen, uns nichts mit ihnen zu schaffen mach- ten. Sie riefen ihr Losungswort Pescheraͤh manchmal mit einer so klaͤglichen Stimme, und so gedehnt aus, daß wir glaubten, sie wollten damit betteln, wenn wir sie aber darauf ansahen, so war in ihren Mienen nicht die geringste Be- staͤtigung dieser Vermuthung, nichts begehrendes, nichts als das unbedeutende Angaffen der tiefsten Dummheit ausgedruͤckt. Nachdem wir neuen Vorrath von frischem Wasser und Brennholz einge- laden, so nahmen wir auch die Zelte an Bord, und segelten am 28ten des Mor- D d d 3 Forster’s Reise um die Welt 1774. Decem- ber. gens um acht Uhr nach Cap Horn ab. Dem Haven, den wir ietzt verließen, ward der Nahme Christmeß-Sund (Weihnachts-Haven) beygelegt. Fuͤr Schiffe, die in und aus der Suͤd-See kommen, ist er gleich bequem gelegen; und, wegen der Erfrischungen die man dort antrift, als ein guter Ankerplatz zu empfehlen. Es giebt viele trefliche Buchten, und wenn gleich kein Zimmer- Holz, doch einen großen Vorrath von Brennholz darinn. Das Wasser ist rein, und wohlschmeckend, und die Luft zwar etwas rauh, aber gesund. Waͤhrend un- sers Aufenthalts hatte ein See-Soldat das Ungluͤck hier zu ertrinken. Wir ver- mißten ihn nicht eher als zween Tage nachher, und da kams heraus, daß er, um seine Nothdurft zu verrichten, in der Trunkenheit uͤber das Gelaͤnder vorn am Schif gestiegen, und von da ins Wasser gefallen sey. Eben dieser Mensch war schon einmal, bey Irromanga , in Gefahr gewesen zu ertrinken, und auf der Insel Tanna hatte er einen von den Einwohnern Siehe in eben diesem Bande pag. 277. erschossen. Dies war der vierte und letzte Mann, den wir auf der ganzen Reise einbuͤßten. Nachmittags seegelten wir bey der Insel S. Ildefonso voruͤber, welche vermuthlich von Spanischen Seefahrern also benannt worden ist. Jenseit der- selben liefen wir, so lange es Tag blieb, ostwaͤrts und kreuzten die Nacht uͤber ab und zu. Des andern Morgens um sechs Uhr paßirten wir das Cap Horn , oder die große suͤdliche Felsen-Spitze des nach seinen Entdecker genannten Hermi- ten Eylands Recueil de Voyages qui ont servi à Petablissement de la Compagnie des Indes Orientales vol. IV. p. 696. Die Insel liegt vor dem Naßauschen Meerbuser, den eben- gedachter Jacob L’ Hermite entdeckte. . Die geographische Lage jenes beruͤhmten Vorgebuͤrges ist bis- her immer unrichtig angegeben worden, jetzt aber koͤnnen wir, den Beobachtun- gen zufolge, welche Capitain Cook auf seinen beiden Reisen um die Welt ange- stellt hat, mit Gewißheit bestimmen, daß es unter den 55°-58′ Suͤdlicher Breite und dem 67°-46′ Westlicher Laͤnge belegen ist. Nachdem wir sol- chergestalt gaͤnzlich aus der Suͤd-See herausgekommen, steuerten wir auf Le Maire’s Straße zwischen Tierra del Fuego und Staaten Eiland hin. Gegen Abend kamen wir nahe genug um zu bemerken, daß Tierra del Fuego hier ein weit besseres Ansehen hatte, als in der Gegend von Christmeß-Sund . in den Jahren 1772 bis 1775. Die Berge waren nemlich nicht so steil, sondern dehnten sich, lang und sanft ge- 1774. Decem- ber. streckt, nach der See herab, in welche sie zuletzt mit flachen waldigten Spitzen auslie- fen. Schnee war gar nicht, oder doch nur auf den entferntesten westlichen Ge- buͤrgen zu sehen. Am folgenden Morgen gelangten wir in die Meer-Enge, wurden aber den ganzen Tag von Windstillen darinn aufgehalten. Succeß- Bay lag uns grade gegenuͤber, und die weitlaͤuftigen Ufer derselben sahen so fruchtbar und anmuthig aus, daß wir gewuͤnscht haͤtten dort anlanden zu koͤnnen. Um zwey Uhr Nachmittags schickte der Capitain, waͤhrend daß wir bey Tische waren, ein Boot ab, um nachsehen zu lassen, ob die Adventure etwa in dieser Bay vor Anker gewesen, oder irgend eine Nachricht allhier zuruͤckgelassen ha- be? Das Schif lavirte indeß bey sehr schwachem Winde ab und zu, um sich nicht allzuweit von dem Boote zu entfernen. Einige dreyßig große Wallfische, und eine unzaͤhlige Menge Seehunde machten sich im Wasser um und neben uns lustig. Die Wallfische schwammen mehrentheils paarweise beysammen, welches anzuzeigen schien, daß dies die Zeit ihres Begattens sey. So oft sie, auf der Seite des Schiffes wo der Wind herkam, Wasser von sich bliesen, hat- ten wir jedesmahl einen unertraͤglich faulen und ungesunden Gestank auszustehen, der drey bis vier Minuten anhielt. Bisweilen legten sie sich auf den Ruͤcken, und plaͤtscherten mit ihren langen Brustfloßen auf dem Wasser, welches einen Knall verursachte, als wenn ein halbpfuͤndiges Stuͤck abgefeuert wird. Die- ses Spiel hat vermuthlich zu dem Matrosen-Maͤhrchen Anlaß gegeben, daß der Drescher und der Wallfisch manchmahl mit einander fechten. Der Drescher wird gemeiniglich als ein langer Fisch vorgestellt, der aus dem Wasser springt, um dem Wallfisch einen derben Schlag beyzubringen. Oft mischen sie auch den Schwertfisch mit hinein, der diese Gelegenheit wahrnehmen soll, um dem armen Wallfisch den Bauch aufzuschlitzen. Der geringen Entfernung wegen, in wel- cher sich diese Fische von uns befanden, konnten wir, bey der oft wiederhohlten Bewegung der Floßen deutlich sehen, daß die innre Seite derselben, imgleichen der Bauch weis, das uͤbrige hingegen schwarz ist. An einem, der sich kaum 200 Fuß weit vom Schiffe herum waͤlzte, nahmen wir viele in die Laͤnge laufen- de Falten oder Runzeln auf dem Bauch wahr; diesem Kennzeichen zufolge ge- hoͤrte er zu der Gattung, welche beym Ritter von Linn é Balæna Boops heißt. Forster’s Reise um die Welt 1774. Decem- ber. Ihrer Groͤße ohnerachtet, die der Laͤnge nach nicht weniger als 40 Fuß und im Durchmesser zehn Fuß betrug; sahe man sie zuweilen ganz und gar aus dem Wasser springen, und dann fielen sie jedesmahl mit gewaltigem Getoͤse zuruͤck, so daß es um sie her schaͤumte. Die erstaunende Kraft, welche erfordert wird, dergleichen ungeheure Thiere aus dem Wasser zu heben, kann, so wie alles uͤbrige ihres bewundernswuͤrdigen Baues, zu vielen Betrachtungen Stoff geben. Gegen sechs Uhr Abends kam das nach der Succeß-Bay abgefertigte Boot wiederum zuruͤck. Der Lieutenant berichtete, es waͤren ihm eine unzaͤhlige Menge von Seehunde bis in die Bay gefolget, und in selbiger die Wallfische so haͤufig gewesen, daß das Boot beynah darauf gestoßen haͤtte. An der Stelle, wo Capitain Cook’s bey seiner ersten Reise um die Welt, Wasser eingenommen hatte, fand er nicht das geringste Merkmahl, daß ein Europaͤisches Schif seit kurzem da gewesen. Beym Aussteigen empfiengen ihn etliche Einwohner, die in Guanacoes-Felle und in lange Maͤntel aus Seehunds-Fellen gekleidet waren. Sie sahen ganz freundlich, weit heiterer und zufriedener aus, als die Elenden, welche wir in Christmeß-Sund angetroffen. Einige hatten sogar Armbaͤnder von Schilf mit Silberdrath besponnen, und zeigten sehr oft darauf, indem sie das Wort Pescheraͤh aussprachen. Alles was unsre Leute ihnen anboten, sa- hen sie mit Gleichguͤltigkeit ohne alle Begierde an. Die Armbaͤnder muͤssen sie entweder von voruͤberschiffenden Spaniern, oder, aus eben dieser Quelle, mit- telbarer weise, durch andre noͤrdlich wohnende Voͤlker bekommen haben. Unsre Leute hielten sich nur zwo oder drey Minuten bey ihnen auf, schiften sich alsdenn wieder ein, und eilten an Bord zuruͤck. Nunmehro setzten wir unsern Lauf durch le Maires Meer-Enge fort, und seegelten, am folgenden Morgen, laͤngst der Kuͤste von Staaten Land hin, welches in dicken Nebel gehuͤllt war. Gegen Mittag klaͤrte sich das Wetter auf, so daß wir das Land deutlich sehen konnten. Es hatte viel aͤhnliches mit der westlichen Kuͤste von Tierra del Fuc- go ; die Felsen-Gebuͤrge waren wenigstens eben so jaͤhe und unfruchtbar, jedoch nicht voͤllig so hoch, und deshalb auch mit weniger Schnee bedeckt. Ver- schiedne Eilande, die etwa 90 Fuß senkrecht aus dem Meere hervorragten, la- gen in einiger Entfernung von dieser Kuͤste und schienen auf den obersten Gipfel mit in den Jahren 1772 bis 1775. mit Gras bewachsen zu seyn. Seehunde hielten sich hier uͤberall in Menge auf, 1774. Decem- ber. und da ihr Fett statt Thrans gut zu brauchen ist, so entschloß sich Capitain Cook einen Ankerplatz aufzusuchen, um Vorrath davon einzunehmen. Pater Feuillee hat von diesen Eilanden in seiner Reisebeschreibung eine Catte geliefert, die wir aber sehr unrichtig fanden. Als wir zwischen diesen Inseln und Staa- ten-Land hereinsteuerten, entdeckten wir auf letzterem einen guten Haven; der Capitain wollte es aber nicht wagen einzulaufen, weil er befuͤrchtete, von wi- drigen Winden daselbst eingesperrt zu werden, sondern hielt es fuͤr sicherer, unter dem Winde eines der niedrigen Eilande anzulegen. Da nun, nach Seemaͤnni- scher Rechnung, der 31ste December um Mittag zu Ende gegangen, so nannte er diese Gruppe von Inseln, die Neujahrs-Eilande , und den Haven auf Staaten-Land , Neujahrs-Haven . Zehntes Hauptstuͤck. Aufenthalt an den Neujahrs-Eilanden — Entdeckung neuer Laͤnder gen Suͤden — Ruͤckkehr nach dem Vor- gebuͤrge der guten Hofnung . U nmittelbar nach eingenommener Mittagsmahlzeit setzten wir die Boͤte aus, und stachen nach dem Eilande uͤber, welches ohngefaͤhr eine Meile vom Schiffe entfernt lag. Alle Felsen laͤngst dem Ufer waren mit einer unzaͤhligen Menge von Seehunden bedeckt, worunter einige mit langen, zottigten Maͤhnen, den Nahmen See-Loͤwen weit eher verdienten, als jene glatten Thiere, die Lord Anson , auf der Insel Juan Fernandey so nannte. Die aͤltern Seefahrer, die jetzt wenig mehr gelesen werden, haben der hiesigen Art auch wuͤrklich jene Benennung beygelegt Francis Pretty beym Hackluyt III. B. sagt von unsern See-Loͤwen, Seite 805: „Diese „Seehunde sind von bewundernswuͤrdiger Groͤße, ungeheuer und ungestaltet, und in „Ansehung des Vordertheils mit keinem Thier besser als dem Loͤwen zu vergleichen; ihr „Kopf, Hals und Brust ist mit rauhen Haaren bewachsen.“ Sir Richard Hawkins druͤckt sich fast eben so aus, und setzt noch hinzu, daß sie Borsten haben, die zur Noth . Forster’s Reise u. die W. zweyter Th. E e e Forster’s Reise um die Welt 1774. Decem- ber. Zum Revier, wo auf die Seeloͤwen Jagd gemacht werden sollte, waͤhl- ten wir eine durch Felsenklippen gegen den Ungestuͤm der See gedeckte Bucht. Wir fanden bald, daß diese Thiere grimmiger aussahen als sie wuͤrklich waren, denn sie stuͤrzten sich gemeiniglich bey den ersten Flintenschluͤssen ins Wasser und suchten zu entfliehen. Nur die groͤsten und unbeholfensten blieben liegen, und lies- sen sich unter bestaͤndigem Bruͤllen todt schießen. Ein Regenschauer that unserm Eifer eine Zeitlang Einhalt, als sich aber das Wetter wieder aufklaͤrte, gieng das Jagen von neuem an, und wir bekamen eine große Menge der fettesten Seeloͤ- wen. Die Matrosen wußten gut mit ihnen fertig zu werden, sie schlugen sie ohne große Umstaͤnde mit einer Keule vor den Kopf, schleppten sie in die Boͤte, und brachten sie an Bord, wo, aus dem Speck, Thranoͤl gekocht ward. Die alten Loͤwen waren fast alle erstaunlich fett, und zehn bis zwoͤlf Fuß (englischen Maaßes) lang; die Loͤwinnen hingegen waren schlanker und ihrer Laͤnge nach zwischen sechs und acht Fuß. Die groͤßten Seeloͤwen wogen zwoͤlf bis funfzehn hundert Pfund , und einer von mittler Groͤße wog ohne Haut, Eingeweide und Speck fuͤnf hun- dert und funfzig Pfund. Beym Maͤnnchen hat der Kopf wirklich eine Aehnlich- keit mit einem Loͤwenkopf; auch ist die Farbe fast gaͤnzlich dieselbe, nur ein wenig dunkler. Die langen straubigten Haare um den Hals und das Genick des Seeloͤwen, gleichen vollkommen der Maͤhne eines rechten Loͤwen, und sind hart und grobdraͤtig. Der ganze uͤbrige Koͤrper ist mit kurzen, platt anliegenden Haaren bewachsen, die ein schoͤnes, ebenes, glaͤnzendes Rauchwerk ausmachen. Die Loͤwinn unterscheidet sich vom Loͤwen darinn, daß sie uͤber den ganzen Leib glatt ist; hingegen in Ansehung der Fuͤße, oder vielmehr der Floßen, kommen beyde Geschlechter wiederum voͤllig mit einander uͤberein. Die Floßen, die an der Brust sitzen, bestehen aus großen Stuͤcken schwarzen zaͤhen Leders, in deren Mitte, statt der Naͤgel etliche fast unmerkliche Hoͤcker befindlich sind. Die Af- terfloßen haben mehr Aehnlichkeit mit Fuͤßen, und bestehen aus schwarzem Leder, als Zahnstocher dienen koͤnnten. S. Des Brosses Nav. aux Terres Austr. Vol. I. p. 244. — Sir John Narborough bemerkt ebenfalls, daß sie eine auffallende Aehnlichkeit mit den Loͤwen haben; und Labbe in den Lettres des Missionaires tom. XV. sagt, daß der Seeloͤwe sich vom Seebaͤren einzig und allein durch die langen Haare um den Hals un- terscheidet, und darinn hat er auch vollkommen Recht. S. Des Brosses Navigation aux Terres Austr. Vol. II. p. 434. in den Jahren 1772 bis 1775. das in fuͤnf lange Zeen getheilt ist, deren jeglicher einen kleinen Nagel hat, und 1774. Decem- ber. hernach in einem schmalen Riemen auslaͤuft. Ohnerachtet die Naͤgel verhaͤlt- nißweise nur sehr klein sind, so wissen sie sich doch am ganzen Leibe damit zu kraz- zen, wie wir mehr als einmahl gesehen haben. Der Schwanz ist ungemein kurz, und zwischen den dicht zusammen stehenden Afterfloßen versteckt. Der Hinter- theil des Koͤrpers, oder die Keulen, sind besonders gros, rund, und mit Fett gleichsam uͤbergossen. Nach Verschiedenheit des Alters und Geschlechts, ließen sie allerhand zum Theil so durchdringende Toͤne hoͤren, daß uns die Ohren davon gellten. Die alten Maͤnnchen schnarchten und bruͤllten wie Loͤwen oder wilde Ochsen; die Weibchen bloͤckten wie Kaͤlber, und die Jungen wie Laͤmmer. Von den Jungen gab es am Strande fast uͤberall ganze Heerden. Vermuthlich war es die Jahrszeit, in welcher sie warfen; einer Loͤwinn bekam dies sehr uͤbel, denn sie warf in dem Augenblicke, da ein Matrose ihr mit einer Keule auf den Kopf schlug. Sie leben in zahlreichen Heerden beysammen. Nur die aͤltesten und fettesten Maͤnnchen liegen abgesondert; ein jeder waͤhlt sich einen großen Stein zum Lager, und dem darf kein andrer sich naͤhern, ohne in blutigen Kampf zu gerathen. Ich habe oftmals gesehn, daß sie einander bey dergleichen Gele- genheiten mit unbeschreiblicher Wuth anpackten, und aufs heftigste zerbissen. Daher kams auch ohne Zweifel, daß viele, auf den Ruͤcken tiefe Narben hatten. Die juͤngern, lebhaften Seeloͤwen liegen mit allen Weibchen und Jungen ein- traͤchtig beysammen. Bey der Jagd pflegten sie mehrentheils den ersten Angrif abzuwarten, so bald aber etliche erlegt waren, nahmen die uͤbrigen in der groͤß- ten Bestuͤrzung die Flucht. Manche Weibchen trugen ihre Jungen im Maule davon, andre aber, die mehr erschrocken seyn mochten, ließen sie zuruͤck. Wenn sie unbemerkt zu seyn glaubten, liebkoseten sie sich aufs zaͤrtlichste, und ihre Schnauzen begegneten sich oft, als kuͤßten sie einander. Der seel. Prof. Stel- ler fand diese Thiere auf Berrings Eiland , unweit Kamtschatka , wo er Schifbruch litt; und seine Beschreibungen, die ersten und besten die man da- von hat, stimmen mit den unsrigen vollkommen uͤberein. Don Pernetty ge- denkt ihrer ebenfalls in seiner Reise nach den Falklands Inseln ; allein die in Kupfer gestochne Abbildung, welche er davon liefert, so wie seine uͤbrigen Zeich- nungen, und die mehresten der dazu gehoͤrenden Beschreibungen, sind ganz un- E e e 2 Forster’s Reise um die Welt 1774. Decem- ber. richtig. Herr von Bougainville hat sie auf seiner Reise um die Welt, auch angetroffen. Sie gehen in diesen unbewohnten Gegenden an Land, um ihre Jungen zu werfen, fressen aber, so lange sie außer dem Wasser sind, nichts, wenn gleich ihr Aufenthalt am Strande oft etliche Wochen lang dauert; statt aller Nahrung verschlucken sie alsdann eine Anzahl Steine, um den Magen wenig- stens anzufuͤllen, werden aber natuͤrlicher weise ganz abgezehrt. Bey einigen fand man den Mangen gaͤnzlich leer, bey andern hingegen mit zehn bis zwoͤlf run- den schweren Steinen angefuͤllt, deren jeder ein paar Faͤuste gros war Beauchesne Gonin , der franzoͤsische Seefahrer hat bereits eben diese Bemerkung gemacht, und fuͤgt hinzu, „die Steine hatten den Anschein, als ob sie schon zum Theil verdauet „waͤren. —“ Ich zweifle indessen, ob der geneigte Leser dies werde verdauen koͤnnen? Des Brosses Navig. aux Terres Aust. Vol. II. p. 114. . Nachdem die See-Loͤwen den Strand gaͤnzlich geraͤumt hatten, stiegen wir auf die obere Ebene des Eilandes, die, gleich einem Felde voller Maulwurfshuͤgel mit kleinen Hoͤckern wie besaͤet war. Auf jeder von diesen Erhoͤhungen sproßte eine Grasart ( dactylis glomerata ) in einem großen dicken Busche auf. Die Vertiefungen oder Zwischenraͤume zwischen den Huͤ- geln waren voller Koth, so daß wir immer von einem Hoͤcker zum andern springen mußten. Es hielt sich hier eine andere Gattung von See-Hunden auf, die ohne Zweifel dadurch, daß sie naß aus der See herauf gekommen, den Boden so kothig gemacht hatten. Eigentlich waren es See-Baͤren, der- gleichen wir schon in Dusky-Bay , obgleich weder so haͤufig noch so groß an- getroffen hatten. Was Steller von ihnen sagt, stimmt mit der Wahrheit genau uͤberein. Sie sind etwas kleiner als See-Loͤwen; die Maͤnnchen sek- ten uͤber acht oder neun Fuß lang und verhaͤltnißweise dick. Das Haar ist dunkelbraun mit sehr feinem Grau gesprengt, und durchaus weit laͤnger als beym See-Loͤwen, doch macht es keine Maͤhne aus. Sonst ist der ganze Umriß des Koͤrpers, so wie die Gestalt der Flossen, bey beyden Thierarten, voͤl- lig einerlei. Sie bezeigten sich weit grimmiger als die See-Loͤwen, vornehm- lich vertheidigten die Baͤrinnen ihre Jungen, und ließen sich eher neben densel- ben todt schlagen, als daß sie davon gelaufen waͤren. Auf eben diesem Eilan- de gab es auch eine große Anzahl Geyer ( vultur aura ) die bey den Matrosen in den Jahren 1772 bis 1775. Aas-Kraͤhen hießen, und sich vermuthlich von verreckten oder mit Gewalt ent- 1774. Decem- ber. fuͤhrten jungen See-Baͤren und See-Loͤwen naͤhren mogten. Hiernaͤchst fand sich auch eine Art Habichte, imgleichen Gaͤnse von der Art, die uns in Christ- meß-Sund so gut geschmeckt. Endlich so waren auch Pinguins von einer uns noch unbekannten Gattung, graue Sturm-Voͤgel, so groß als Albatrosse, von den Spaniern Quebranta-huessos, (Knochenbrecher) genannt, und See- Raben allhier vorhanden. Das neue Jahr fieng, bey frischem Winde und kalter Luft, mit einem 1775. Januar. schoͤnen heitern Tage an. Um den benachbarten Neujahrs-Haven nicht ganz unerforscht zu lassen, ward ein Boot abgeschickt, die Kuͤste aufzunehmen, und den Ankerplatz zu sondiren; wir waͤren gern mit dahin gegangen, weil aber Lientenant Pickersgill , der dies Boot commandirte, Befehl erhielt, sich gar nicht am Lande aufzuhalten, so begleiteten wir lieber den Capitain, der aber- mahls nach dem in unserer Nachbarschaft befindlichen Eilande hinfuhr. Die Erd-Schichten bestanden daselbst aus einem gelben thonartigen Steine, und an andern Orten aus grauem Schiefer; beide waren, nach Maasgabe ihrer ver- schiednen Lage, von verschiedner Haͤrte. Auf den Klippen hatten sich, der ge- strigen Niederlage ohnerachtet, wiederum ganze Heerden von See-Baͤren und See-Loͤwen gelagert; wir ließen sie aber diesmahl ungestoͤrt, weil eine andre Parthey auf die Jagd ausgeschickt worden. Sonderbar war es, daß, so na- he diese beyden Thier-Arten auch mit einander verwandt sind, sie sich dennoch niemahls vermischten, sondern uͤberall genau von einander abgesondert hielten. Ihrer starken Ausduͤnstungen wegen konnte man sie, gleich allen uͤbrigen See- Hunds Arten, bereits von weiten riechen; schon zu Homers Zeiten war diese Eigenschaft, so wie auch ihre Unthaͤtigkeit und Schlaͤfrigkeit, waͤhrend daß sie am Lande sind, bekannt. — φῶκαι νέποδες — Ἀθρόαι ἕυδουσιν, πολιῆς ἁλὸς ἐξαναδῦσαι πικρὸν ἀποπνείουσαι ἁλὸς πολυβενθέος ὀδμήν. Homer . Auf unsrer Fahrt laͤngst dem Ufer, kamen wir an einen Platz, wo viele tausend See-Raben, auf den zuvorerwaͤhnten, mit Gras bewachsenen, kleinen Erdhuͤ- E e e 3 Forster’s Reise um die Welt 1775. Januar. geln genistet hatten. Diese Gelegenheit, der ganzen Mannschaft eine Mahl- zeit zu verschaffen, konnten wir ohnmoͤglich ungenutzt lassen. Die Voͤgel wa- ren mit Menschen noch so unbekannt, daß die Matrosen in kurzer Zeit etliche Hunderte mit Keulen todtgeschlagen hatten. Bey dieser Gelegenheit fanden wir auch einen Vogel von ganz neuem Geschlecht. Er gehoͤrte zur Klasse der watenden Wasser-Voͤgel; die Zeen waren durch eine Art von Schwimmhaut halb verbunden, und die Augen nebst der Wurzel des Schnabels mit lauter weißen Druͤsen oder Warzen umgeben. Wir glaubten einen Leckerbissen dar- an zu finden, allein das Fleisch hatte einen so unertraͤglichen Gestank, daß nie- mand davon kosten wollte, ohnerachtet wir damahls gewiß nichts weniger als ekel waren. Capitain Cook observirte die Polhoͤhe auf dem oͤstlichen Ende des Eilands, welches aus einem nackten Felsen bestand, der mit ganzen Schaa- ren von See-Hunden, Meven, See-Raben u. s. w. bedeckt war. Nachdem wir zu Mittage am Bord gespeiset, giengen wir, um der Jagd willen, wieder an Land. Der Zufall verschaffte uns etliche Gaͤnse, worunter sich auch eine von neuer Art befand, und einer Heerde Pinguins , die wir antrafen, ergieng es nicht besser als vor Tische den See-Raben. An Groͤße kamen sie den Gaͤn- sen bey, und waren uͤbrigens von der Art, die in der Gegend von Magel- haens Straße haͤufig ist; auf den Falklands-Inseln haben die Englaͤnder ihr den Nahmen, jumpingjack gegeben. Philos. Trans. Vol. LXVI. Part. I. Sie schlafen so fest, daß einer, uͤber welchen Herr Sparrmann stolperte, und ihn etliche Schritte weit aus seiner Lage brachte, sich dieses unsanften Stoßes ohnerachtet doch nicht eher ermunter- te, bis er ihn hernach noch lange geschuͤttelt hatte. Ward ein ganzer Trupp beysammen angegriffen, so setzten sie sich zur Wehr, rannten auf uns los, und bissen uns in die Beine. Ueberhaupt haben sie ein sehr zaͤhes Leben, denn ei- ne große Anzahl, die wir fuͤr todt auf dem Platze ließen, stunden, eh man sichs versahe, wieder auf, und watschelten recht gravitaͤtisch davon. Die See- Baͤren und See-Loͤwen waren ebenfalls nicht auf den ersten Schlag zu toͤdten, doch war die Schnauze der empfindlichste Theil, auf welchen sie nicht viel aus- stehen konnten. Doctor Sparrmann und ich waͤren bey einem alten See- in den Jahren 1772 bis 1775. Baͤren schier uͤbel weggekommen. Er lag auf einem Felsen und viel hundert 1775. Januar andre, hinter ihm, schienen nur auf den Ausgang unsers Streits zu warten. Herr Sparrmann hatte naͤmlich einen Vogel geschossen, den er eben aufneh- men wollte; als der alte Baͤr, bey welchem er vorbey mußte, anfieng zu brum- men, und Miene machte, ihn anzufallen. So bald ich dies sahe, legte ich mein Gewehr an und schoß das Ungeheuer, indem es eben den Rachen gegen mich aufsperrte, mit einer Kugel todt. Die ganze Heerde sah ihren Verfech- ter kaum ins Gras gestreckt, als sie nach der See entfloh. Manche krochen so eilfertig davon, daß sie sich im ersten Schreck 30 bis 40 Fuß tief, auf spitze Klippen herabstuͤrzten, dem Anschein nach ohne Schaden zu nehmen, vermuth- lich weil ihr dickes zaͤhes Fell, und das Fett, welches bey dergleichen heftigen Stoͤßen nachzugeben pflegt, sie genugsam schuͤtzte. So wie die Mannschaft ihrer Seits an der Jagd dieser See-Thiere ungemein viel Vergnuͤgen fand; eben so angenehm war es uns , als Naturfor- schern, an diesen geselligen Thierarten manches Sonderbare zu beobachten und zu untersuchen! Sie befanden sich hier in ihrem natuͤrlichen Clima, und fuͤhl- ten die Strenge der Witterung nicht; denn die See-Baͤren und Loͤwen waren durch Fett, die See-Raben und Pinguins hingegen durch das dicke Gefieder vollkommen dagegen ausgeruͤstet. Der Capitain hatte seinen Entzweck nunmeh- ro erreicht; es war naͤmlich ein hinlaͤnglicher Vorrath von Speck zusammen ge- bracht, und in Faͤsser gepackt worden, der nach und nach zu Oel ausgekocht werden konnte. Fuͤr diesen Vortheil mußten wir uns aber auch einen haͤßli- chen faulen Gestank gefallen lassen, der noch etliche Tage nach unsrer Abreise von den Neujahrs-Eilanden im ganzen Schiffe zu spuͤhren war. Gegen Abend kamen unsre Leute aus dem, auf Staaten-Land belegenen Neujahrs- Haven zuruͤck. Sie hatten ihn sehr bequem und sicher gefunden, und brachten etliche Meven, nebst fuͤnf Enten mit kurzen Fluͤgeln, oder sogenannte Renn- pferde, mit sich. Letztere wogen das Stuͤck sechszehn Pfund, ihr Fleisch war aber von so ekelhaften Geruch, daß man es nicht genießen konnte. Der zweite Januar ward, gleich dem ersten, unter allerhand Nachsuchungen, am Lande hingebracht. Ihres geringen Umfanges ohnerachtet, ist diese Insel so reich- lich mit Voͤgeln versehen, daß wir auch heute noch verschiedne neue Arten, Forster’s Reise um die Welt 1775. Januar. unter andern ein sehr schoͤnes graues Brachhuhn mit gelbem Halse fanden. An Pflanzen hingegen war dies Eiland ungleich aͤrmer. Die ganze Flora dessel- ben belief sich, mit Inbegriff etlicher kleiner, drey Fuß hoher Buͤsche, auf mehr nicht als etwa acht Sorten, und unter diesen befand sich nur eine einzi- ge neue. Das buschigte Gras ( dactylis glomerata ) hatte fast allein das ganze Eiland uͤberwuchert. Gegen Abend wurden die Boote am Bord ge- nommen, und des andern Morgens um drey Uhr liefen wir um die Nordoͤstli- che Spitze von Staaten-Land , die Pater Feuillee Cap St. Johannis nennt, wiederum in See. Waͤhrend unsers Aufenthalts an den Neujahrs- Inseln , bemerkten wir, daß die Flut uͤberaus schnell, naͤmlich, in einer Stun- de wohl vier bis fuͤnf englische Meilen weit fortstroͤmt. Dieser Umstand ist indessen nichts außerordentliches, denn in der Magellanischen Meer-Enge , und an den Suͤdlichen Kuͤsten von Amerika lausen alle Fluthen uͤberhaupt sehr stark. Die Neujahrs-Eilande , von denen wir uns nunmehro entfern- ten, sind unter 54° 46′ Suͤdlicher Breite und 64° 30′ Westlicher Laͤnge be- legen. Das groͤste hat ohngefaͤhr sechs große See-Meilen, dasjenige aber, woran wir vor Anker lagen, nur zwischen drey und vier, im Umfang. Wir koͤnnen sie den Seefahrern als den besten Erfrischungsplatz empfehlen, der in dieser Welt-Gegend nur zu finden ist. Pinguins und Seehunds-Fleisch sind freylich keine Leckerbissen, aber beydes giebt doch unstreitig eine gesundere Nahrung als das gewoͤhnliche Poͤckel-Fleisch. Ueberdem haben wir auf un- sern Excursionen auch etwas Sellerie und Loͤffelkraut angetroffen, und da der Eilande mehrere sind, so werden, auf einem oder dem andern, diese Kraͤuter ge- wiß in genugsamer Menge vorhanden seyn, um der Mannschaft gute blutreini- gende Suppen davon zu machen. Gefluͤgel ist so haͤufig da, daß unsre Ma- trosen etliche Tage nach einander nichts als junge Pinguins und See-Raben aßen; und sie behaupteten, die See-Raben schmeckten fast so gut als Huͤhner. Die See-Baͤren sind auch nicht zu verachten; allzujung ist das Fleisch sehr weichlich, und daher ekelhaft. Von einem voͤllig erwachsenen schmeckt es besser, und wohl so gut als schlechtes Rindfleisch, die aͤlteren Baͤren und Loͤwen hingegen waren, ihres widrigen Geruchs halber, schlechterdings nicht zu ge- nießen. So in den Jahren 1772 bis 1775. So lange es Tag blieb, liefen wir an der oͤstlichen und suͤdlichen Kuͤste 1775. Januar von Staaten-Land hin und alsdenn Ost-Suͤd-Ostwaͤrts, um, auch waͤhrend des dritten Sommers, den wir in dieser Hemisphaͤre zubringen sollten, einen neuen Versuch gegen Suͤden anzustellen. Der Wind ward bald so heftig, daß er uns eine große Bram-Stenge zerbrach, weil er aber unserm Laufe guͤnstig war, so achteten wir des Schadens nicht. Am fuͤnften zeigte sich um die Son- ne ein Kreis oder Hof von sehr betraͤchtlichem Durchmesser. Das innere Feld war dunkel, der Rand hingegen hell und an der Außenlinie mit einigen Regen- Bogen-Farben schwach schattirt. Die Matrosen nahmen diese Erscheinung fuͤr das Wahrzeichen eines bevorstehenden Sturms, allein das Wetter blieb, noch verschiedene Tage nachher, unveraͤndert gelinde; ein neuer Beweiß, daß dergleichen Vorzeichen nicht allemahl zu trauen ist. Die neuesten in England und Frankreich herausgekommenen Karten deuten zwischen 40° und 53° Grad westlicher Laͤnge, und 54° und 58° Suͤd- licher Breite eine große Kuͤste an, die bereits in einer Karte des Ortelius , vom Jahr 1586, ja sogar schon in der Mercatorschen Karte, vom Jahr 1569, angezeigt worden. Der Name Golfo de San Sebastiano , den man ihr in besagten Karten beylegt, scheint die Entdeckung den Spaniern zuzueig- nen. Des Herrn Dalrymples Memoir of a C hart of the Southern Ocean und die da- zu gehoͤrige Karte selbst, koͤnnen hiebey zu Rathe gezogen werden. Es sind Proben ei- nes ruͤhmlichen Enthusiasmus, womit dieser Gelehrte im geographischen Fach gearbei- tet hat. Ueber einen Theil des Districts, wo die westliche Kuͤste dieses Meer- Busens haͤtte liegen sollen, seegelten wir weg, fanden aber nirgends eine Spur von Land. Auch Capitain Fourneaux war im verwichnen Jahr, bey seiner Ruͤckkehr nach dem Vorgebuͤrge der guten Hoffnung , queer uͤber die angebliche Lage des ganzen Meerbusens weggefahren, zuerst in der Breite von 60, her- nach von 58 Graden, zwischen dem 60 und 40 Grad westlicher Laͤnge, hatte aber ebenfalls kein Land zu Gesicht bekommen. Dieser Meerbusen muß also entweder gar nicht vorhanden, oder wenigstens auf allen Karten unrichtig ange- zeigt seyn; letzteres duͤnkt mir wahrscheinlicher als das erste, denn warum soll- te man so etwas gerade zu erdichtet haben? Forster’s Reise u. die Welt zweyter Th. F f f Forster’s Reise um die Welt 1775. Januar. Nachdem wir bis jenseits des 58 Grades gekommen waren, ohne Eis zu sehen, so aͤnderten wir, am sechsten des Abends um 8 Uhr unsern bisherigen Lauf und steuerten nordwaͤrts. In Absicht des Eises sind die Jahre einander sehr ungleich; denn An. 1700, gerade um eben diese Jahreszeit, fand Doctor Halley schon im 52 Grade sehr viel. — Am achten fiel ein starker Abend- Thau, welches man bisher als das unfehlbarste Vorzeichen angesehn, daß in der Naͤhe Land seyn muͤsse, und die Matrosen hielten diese Vermuthung fuͤr desto glaubwuͤrdiger, weil sich seit unsrer Abreise von Staaten-Land oft Sturm-Voͤgel, Albatrosse und See-Hunde hatten sehen lassen. Nachdem wir den 54° der Breite erreicht, aͤnderten wir unsern Lauf abermahls, und lie- fen wieder ostwaͤrts um das Land aufzusuchen, welches Herr Duclos Guyot am Bord des spanischen Schiffes der Loͤwe ( Leon ) entdeckte, als er auf der Ruͤckkehr von Peru , im Februar des Jahrs 1756, von Callao abgereiset, und mitten im Winter um Cap Horn gesegelt war. Ein Theil des Original-Tagebuchs ist in franzoͤsischer Sprache abgedruckt, in Herrn Dalrymples Collection of voyages in the Southern Atlantick Ocean , 1775 Quar- to, Das Land, welches Antonio la Roche im Jahr 1675 entdeckte, scheint ebendas- selbe, und vom Herrn Guyot nur genauer erforscht zu seyn. Es ließen sich noch immer viel See-Voͤgel bisweilen auch Pinguins und Meergras sehen, als am 14ten der Officier, der des Morgens die Wache hatte, dem Capitain meldete, daß sich in der Ferne eine Eis-Insel zeige. Wir seegelten den ganzen Tag darauf zu, fanden aber am Abend, daß das, was wir fuͤr Eis hielten, wuͤrkliches Land, und zwar von betraͤchtlicher Hoͤhe, auch fast durchgehends mit Schnee bedeckt sey. Alle Umstaͤnde ließen vermuthen, daß dieses eben die von Herrn Guyot sogenannte Isle de St. Pierre sey, nach welcher wir suchten und deren suͤdliche Spitze dieser Seefahrer im Junius 1756 entdeckt hatte. Er giebt in seinem Tagebuch die Laͤnge auf 38° 10′ west- waͤrts von Greenwich an, dies trift mit unsern, an der Nordwestlichen Spitze angestellten Beobachtungen genau zu. Das Suͤdostliche Ende ist, unsern Ob- servationen nach, nur um 30 bis 40 Meilen weiter gegen Westen belegen. Man ziehe den Auszug aus Guyots Tagebuch in Dalrymples ebengenannter Samm- lung zu Rath. p. 5 und p. 15. in den Jahren 1772 bis 1775. Dieser so genauen Uebereinstimmung ohnerachtet wollten es einige unsrer Rei- 1775. Januar. segefaͤhrten, doch noch immer nicht fuͤr Herrn von Guyot’s Insel, sondern fuͤr eine bloße Eismasse gelten lassen. Den folgenden Tag ward es so neblicht, daß wir nichts von der Insel sehen konnten, dabey war es sehr stuͤrmisch und kalt. Das Thermometer stand auf 34½° und auf dem Verdeck lag tiefer Schnee. Am 16ten fruͤh Morgens klaͤrte sich das Wetter wiederum auf, und wir er- blickten das Land von neuem. Die Berge waren erstaunlich hoch und bis auf einige wenige schwarze oͤde Klippen nebst etlichen hohlen uͤber der See hangen- den Felsen, durchaus, oft bis ans aͤusserste Ufer, mit Schnee und Eis bedeckt. Ohnweit dem Suͤd-Ende lagen etliche niedrige Inseln, den Neujahrs-Ei- landen aͤhnlich, und dem Ansehen nach gruͤn bewachsen, weshalb wir sie auch die gruͤnen Eilande nannten. Da der Hauptentzweck unserer Reise dahin gieng, die See in hohen suͤdlichen Breiten zu untersuchen, so stellte mein Va- ter dem Capitain vor, dies Land muͤsse billig den Namen des Monarchen tra- gen, auf dessen Befehl die Reise, blos zum Nutzen der Wissenschaften, unter- nommen worden, damit dieser Name in beyden Halbkugeln mit Ruhm auf die Nachwelt gelange: — Tua sectus orbis Nomina ducet! HORATIUS . Dieser Grund fand Beyfall; das Land ward Suͤd-Georgien benannt, und was ihm an Fruchtbarkeit und Anmuth fehlt, mag die Ehre ersetzen, die eine solche Benennung mitzutheilen vermag. Nachmittags erblickten wir, am Noͤrdlichen Ende von Suͤd-Geor- gien , zwey felsigte Eilande, die ohngefehr eine See-Meile von einander ent- fernt lagen, und durchaus oͤde und unfruchtbar aussahen. Dem ohnerachtet steuerten wir auf sie zu, und seegelten um fuͤnf Uhr zwischen beyden durch. Das noͤrdlichste bestand aus einem schroffen, fast senkrechten Felsen, wo viele tausend See-Raben genistet hatten. Es liegt unter dem 54° suͤdlicher Brei- te und 38° 25′ westlicher Laͤnge, und ward Willis Eiland von uns genannt. Das suͤdliche war an der West-Seite nicht so steil, sondern lief schraͤg gegen die See herab, auch war es in dieser Gegend mit Gras bewachsen, und ein F f f 2 Forster’s Reise um die Welt 1775. Januar. Sammelplatz unzaͤhlicher Voͤgel verschiedner Art, vom groͤßten Albatrosse bis zum kleinsten Sturm-Finken. Dies brachte ihm den Nahmen Bird-Island ( Vogel-Insel ) zu Wege. Um das Schiff flatterten große Schaaren von Seeraben, Pinguins, Tauchern und anderm Seegefluͤgel; sie liessen sich manchmahl auf den Wasser nieder, und schienen uͤberhaupt in diesem kalten Erdstrich recht zu Hause zu seyn. Außerdem gab es auch Meerschweine, und viele See- hunde allhier; letztere besuchen diesen oͤden Strand, vermuthlich um dort ihre Jungen zu werfen. So lange es hell blieb, setzten wir unsern Lauf laͤngst der nordoͤstlichen Kuͤste fort, legten mit Einbruch der Nacht bey und giengen erst des Morgens um drey Uhr wieder unter Seegel. Das Land hatte ein aͤußerst rauhes und wuͤstes Ansehen. Die Berge waren so schroff und gaͤhe, als wir sie noch nirgend gefunden, die Gipfel bestanden aus zackigen Felsenspitzen, und alle Zwischenraͤume waren mit Schnee angefuͤllt. Nach Verlauf einiger Stunden kamen wir bey einer Bay voruͤber, die wegen etlicher darinn vorhandenen kleinen, gruͤn bewachsenen Inseln, die Bay der Eilande benannt wurde. Bald nachher kam eine zwote Bay zum Vorschein, auf die wir sogleich hinsteuerten, zumahl da zwo bis drey Meilen weit von der Kuͤste uͤberall Grund zu finden war. Gegen neun Uhr ließ der Capitain ein Boot in See setzen und fuhr nebst einem See-Cadetten, meinem Vater, Dr. Sparrmann und mir nach der Bay. In der Muͤndung duͤrfen selbst die groͤßten Schiffe nicht besorgen auf den Grund zu gerathen, denn der war mit einer Senkschnur von 34 Faden nicht zu erreichen. Im innersten der Bay fanden wir eine Masse festen dichten Eises, dergleichen man wohl in den Spitzbergischen Haͤven antrift S. des Capitain Phipps , jetzigen Lords Mulgrave , Reise gegen den Nordpol . 1775. . Dieser Eisklumpen hatte viel aͤhnliches mit den herumschwimmenden Eilanden, die in hohen suͤdlichen Breiten in unzaͤhlba- rer Menge vorhanden sind. Unmittelbar an der See war das Ufer zwar ohne Schnee, aber doch ganz wuͤst und unfruchtbar, und an vielen Orten senkrecht. Indessen fanden wir eine lange hervorragende Spitze, wo das Boot ohne Besorg- niß vor den Wellen anlegen konnte, und hier stiegen wir aus. Der Strand war sehr steinigt, und voller Seehunde, in deren Mitte ein ungeheuer großes Thier lag, welches wir von weiten fuͤr ein Felsenstuͤck hielten. Als wir naͤher hinzu- in den Jahren 1772 bis 1775. kamen, zeigte sich, daß es der Ansonsche See-Loͤwe war, und da er eben schlief, 1775. Januar. so konnte ihn unser junger See-Cadet mit leichter Muͤhe eine Kugel durch den Kopf jagen. Ohnweit davon lag noch ein juͤngeres Thier von eben derselben Art; es war uͤber den ganzen Leib dunkelgrau mit einer olivenfarbnen Nuͤance, so wie die Seehunde in der noͤrdlichen Halbkugel; diesen glich es auch darin, daß die Vorderfuͤße weniger Floßen artig als die Hinterfuͤße, und daß aͤußerlich am Kopfe nicht eine Spur von Ohren zu sehen war. Die Schnauze hieng weit uͤber das Maul, und bestand aus einer runzlichen losen Haut, die das Thier, wenn es boͤse wird, vielleicht aufblaͤßt. In dem Falle mag sie eine solche Kamm-aͤhnliche Gestalt bekommen, als ihr auf der Kupferplatte in Ansons Rei- sen beygelegt ist. Das Thier, welches uns zu dieser Beobachtung Anlaß gab, war dreyzehn Fuß lang, aber verhaͤltnißmaͤßig viel schlanker als der gemaͤhnte Seeloͤwe auf Staaten Land Dieser Ansonsche Seeloͤwe ( phoca leonina Linn . ) scheint dasselbe Thier zu seyn, welches die Englaͤnder auf den Falklands Inseln , Clapmatch Seal zu nennen pflegten. Phil. Transact. Vol. LXVI. part. I. . Wir fanden auch in dieser Gegend einen Trupp von mehr denn zwanzig Pinguins von ganz ungewoͤhnlicher Groͤße. Sie wogen nicht weniger als vierzig Pfund, und waren 39 englische Zoll lang, der Bauch vorzuͤglich gros, und mit Fett gleichsam uͤberzogen. An jeder Seite des Kopfs hatten sie einen ovalen zitrongelben Fleck mit schwarzem Rande; am gan- zen Obertheil des Koͤrpers schwarze, hingegen unten und vorn, selbst unter den Floßen, schneeweiße Federn. Diese Voͤgel waren so wenig scheu, daß sie an- faͤnglich kaum von uns fort watschelten, ohnerachtet wir einen nach den andern mit Stoͤcken zu Boden schlugen. Bey unserer Ruͤckkehr am Bord fanden wir, daß diese Gattung von Herrn Pennant in den Philosophischen Transactionen unter dem Nahmen Patagonischer Pinguins bereits beschrieben worden, und daß sie, mit jenen, die auf den Falklands Inseln , gelbe oder Koͤnigs Pinguins genannt werden, vermuthlich von einerley Art sind S. Philos. Transact. vol. LXVI. part. I. . Die Seehunde, die sich hier aufhielten, waren viel grimmiger, als die auf den Neujahrs Eilanden . Anstatt daß jene vor uns flohen, bellten uns hier schon die kleinsten von den Jungen an, F f f 3 Forster’s Reise um die Welt 1775. Januar. und liefen hinter her, uns zu beißen. Es waren lauter sogenannte Seebaͤren, und nicht ein einziger gemaͤhnter Seeloͤwe darunter. Um uns etwas weiter um- zusehen, stiegen wir auf einen kleinen 24 Fuß hohen Erdhuͤgel, der mit zweyer- ley Pflanzen bewachsen war, naͤmlich mit der auf den Neujahrs-Eilanden so haͤufigen Grasart ( dactylis glomerata ) und mit einer Gattung Pimpernelle ( Sanguisorbae ). Hier ließ Capitain Cook die brittische Flagge wehen, und begieng die laͤcherliche aber gewoͤhnliche Feyerlichkeit, von diesen unfruchtbaren Felsen im Nahmen Sr. Grosbrittanischen Majestaͤt, deren Erben und Nachfol- ger Besitz zu nehmen! Zwey oder drey Flintenschuͤsse bekraͤftigten die Cerimonie, daß die Felsen wiederhallten, und Seehunde und Pinguins, die Einwohner die- ser neuen Staaten, voll Angst und Bestuͤrzung erbebten! So flickt man einen Kiesel in die Krone, an die Stelle des herausgerissenen Edelsteins! Die Felsen bestanden aus blaͤulicht grauem Schiefer, der in waagrech- ten Schichten, am Strande aber in einzelnen Bruchstuͤcken umher lag. So weit wir diese Steinart untersuchen konnten, enthaͤlt sie hier keine andre Mineralien; das Land ist also auch von dieser Seite unbrauchbar, und folglich ganz und gar wuͤst und wild zu nennen. Wir hielten uns nicht lange auf, sondern kehrten mit den Seehunden, Pinguins, und Seeraben, die wir erlegt hatten, ans Schif zuruͤck. Die Bay ward Poßeßion-Bay genannt, und liegt unter 54°. 15′. suͤdlicher Breite und 37°.15′. westlicher Laͤnge. Waͤhrend unserm Aufent- halt am Lande sahen wir, daß die kleinen Eisschollen aus der Bay seewaͤrts trie- ben, indeß von den groͤßern Massen, die, im Innersten der Bay, vermuthlich bersten mußten, ein großes Krachen zu hoͤren war. Die zwey folgenden Tage seegelten wir noch immer laͤngst der Kuͤste hin, und entdeckten verschiedne Bayen und Vor- gebuͤrge, die in folgender Ordnung benahmt wurden, Cumberland-Bay , Cap George , Royal-Bay , Cap Charlotte und Sandwich-Bay . Das Land blieb uͤberall von einerley Ansehen, die suͤdwaͤrts gelegenen Berge waren gewal- tig hoch, und die Gipfel, in unzaͤhlige lange, Flammen-artig gestaltete, Fel- senspitzen getheilt. Herr Hodges hat diese Aussicht ganz meisterlich gezeichnet! Am 19ten erreichten wir das suͤdoͤstliche Ende von Suͤd-Georgien und fanden, daß dieses Land eine 50 bis 60 Seemeilen lange Insel ist. Ohnweit dieser Spitze liegt unterm 54°.52′ suͤdlicher Breite und 35°.50′ westlicher in den Jahren 1772 bis 1775. Laͤnge eine Klippe, die wir Coopers Eiland nannten, bald darauf entdeckten 1775. Januar. wir ohngefaͤhr 14 Seemeilen weit gen Suͤdosten, eine andere Insel, deren Groͤße sich aber noch nicht bestimmen lies. Diesem neuen Lande seegelten wir am 20sten, des Morgens entgegen, nachdem wir die suͤdliche Spitze der Insel Georgien nun so weit verfolgt hatten, daß uns am 16ten die entdeckten gruͤnen Eilande wieder im Gesicht lagen. Seit vier Tagen war das Wetter sehr klar und zu Entdeckungen guͤnstig, auch der Wind gemaͤßigt und die Witterung gelinde gewesen. Allein kaum hatten wir diese Kuͤste verlassen, so entstand unter Nebel und Regen ein so heftiger Wind, daß wir unsre Mars-Seegel einziehen mußten. Zum Gluͤck hielt dies stuͤrmi- sche Wetter nicht lange an, denn um Mitternacht ward es schon wieder Wind- stille. Das neue Land, auf welches wir zu seegelten, war in Nebel gehuͤllt, da- her wir aus Vorsicht drey Tage lang bestaͤndig lavirten. Das truͤbe Wetter und der frische Wind, hielten am 23sten noch immer an, und also seegelten wir, um desto sicherer zu seyn, gerade seewaͤrts, als Lieutenant Clerke , gegen eilf Uhr mit einmahl Brandungen entdeckte, die kaum eine halbe Meile vor uns lagen, und zu gleicher Zeit verschiedne Seeraben wahrnahm, die selten weiter als eine halbe Meile vom Lande zu gehen pflegen. Nun merkten wir erst, daß wir waͤhrend dieses neblichten Wetters, ohne es selbst zu wissen, oder inne zu werden, rund um das neue Land gesegelt, folglich in der aͤußersten Gefahr gewesen waren, Schifbruch zu leiden. In demselben Anblick , da wir den besonderen Schutz der Vorsehung erkannten, ward auch das Schif gerade vom Lande abgewendet, zumahl da der Nebel noch immer anhielt und mit Wind- stillen abwechselte. Abends klaͤrte sich endlich das Wetter auf, und ließ uns beydes, die Insel Georgien und das Eiland, welches wir umseegelt, deutlich sehen. Letzteres war von geringem Umfang, aber mit einer Menge einzelner zerstreuten Klippen umgeben. Diese ganze Gruppe gefaͤhrlicher Felsen ward nach dem, der sie entdeckt hatte, Clerkes Rocks (d. i. Clerkens Felsen) genannt. Sie liegt unterm 55°. suͤdlicher Breite und 34°.50′ westlicher Laͤnge. Fruͤh am 25sten steuerten wir ostwaͤrts und hernach etwas suͤdlicher, um zu guter letzt noch einen Lauf gen Suͤden vorzunehmen, ehe wir nach gelindern Erdstrichen zu- ruͤck kehrten. Forster’s Reise um die Welt 1775. Januar. Man hat dafuͤr gehalten, daß alle Gegenden des Erdbodens, selbst die oͤdesten und wildesten dem Menschen zum Aufenthalt dienen koͤnnten. Ehe wir nach der Insel Georgien kamen, hatten wir gegen diese Meynung nichts einzu- wenden, weil sogar die eiskalten Kuͤsten von Tierra del Fuego von einer Art Menschen bewohnt waren, die wenigstens einigen, wenn gleich noch so geringen Borzug vor den unvernuͤnftigen Thieren voraus hatten. Allein, in Vergleich mit Suͤd-Georgien , ist das Clima von Tierra del Fuego gelinde, denn wir haben wenigstens einen Unterschied von zehn Graden am Thermometer bemerkt. Ueberdem hat es den Vortheil, so viel Holz und Strauchwerk hervorzubringen, als die Einwohner zur hoͤchsten Noth beduͤrfen, um sich gegen die rauhe Witterung schuͤtzen, sich zu erwaͤrmen, und ihre Speisen zu bereiten. In Neu-Georgien hingegen fehlt es durchaus an Holz, ja an irgend einer andern brennbaren Ma- terie, und daher ist es meines Erachtens unmoͤglich, daß Menschen, und zwar nicht etwa dumme, erstarrte Pescheraͤhs , sondern selbst die erfahrensten, und mit allen Huͤlfsmitteln bekannten Europaͤer, dort wuͤrden ausdauren koͤnnen. Schon der Sommer ist in dieser neuen Insel so entsetzlich kalt, daß das Ther- mometer waͤhrend unserer Anwesenheit nicht zehn Grade uͤber den Gefrierpunct stieg; und ob wir gleich mit Recht vermuthen koͤnnen, daß im Winter die Kaͤlte nicht in eben dem Verhaͤltniß zunimmt, als in unsrer Halbkugel, so muß doch wenigstens ein Unterschied von 20 bis 30 Graden statt finden. Hoͤchstens wuͤrde es also ein Mensch den Sommer uͤber allhier ausstehen koͤnnen, die Winter- kaͤlte hingegen wuͤrde ihn ohnfehlbar toͤdten, dafern er naͤmlich keine andre Mittel haͤtte, sich ihrer zu erwehren, als die das Land hervorbringt. Außerdem, daß Suͤd-Georgien auf solche Art fuͤr Menschen unbewohnbar ist, so hat es allen Anschein nach, auch nicht das geringste Product, um deswillen europaͤische Schiffe nur zuweilen dorthin gehen sollten. Seebaͤren und Seeloͤwen, deren Thran-Oel ein Handels-Artikel ist, findet man weit haͤufiger auf den wuͤsten Kuͤsten von Suͤd-Amerika , auf den Falklands- und Neujahrs-Eilanden , und an allen diesen Orten sind sie mit weit minder Gefahr zu bekommen. Sollten die Wallfische des noͤrdlichen Eismeeres vermittelst unsrer jaͤhrlichen Fischereyen jemahls ganz ausgerottet werden, so wuͤrde es Zeit seyn, dergleichen in der andern Halbkugel, wo sie bekanntermaaßen haͤufig sind, aufzusuchen. Doch auch alsdenn waͤre es unnuͤtz in den Jahren 1772 bis 1775. unnuͤtz desfalls bis nach Suͤd-Georgien zu gehen, so lange man sie nehmlich an 1775. Januar. der Kuͤste von Suͤd-Amerika , bis zu den Falklands-Inseln herab in so großer Menge antrift! Die Portugiesen, und selbst die Nord-Amerikaner haben seit einigen Jahren in gedachten Gegenden einen betraͤchtlichen Wallfischfang einge- richtet. Wenn also Suͤd-Georgien dem menschlichen Geschlechte schon in der Folge einmahl wichtig werden koͤnnte; so ist dieser Zeitpunkt vorjetzt doch noch sehr weit entfernt, und wohl nicht eher zu gewarten, als bis Patagonien und Tierra del Fuego so stark bewohnt und gesittet, als es jetzt in aͤhnlichen Breiten auf der noͤrdlichen Halbkugel, Schottland und Schweden sind. Am 26sten liefen wir bey frischem Winde, und fuͤr das hiesige Clima ziemlich klarem Wetter gen Suͤden. Die letzten Pinguins, die wir auf Suͤd- Georgien bekommen, waren nunmehr verzehrt, und wir mußten uns wieder an unsre gewoͤhnliche ekelhafte eingesalzene Kost halten. Doch die Vorstellung, nun bald wieder nach dem Vorgebuͤrge der guten Hoffnung zu kommen, machte uns einen großen Theil aller Unannehmlichkeiten ertraͤglich. Am 27sten be- fanden wir uns um Mittag unterm 59½° suͤdlicher Breite, und sahen verschied- ne Mallemucken ( procellaria glacialis ) die in diesen hohen Breiten gemeinig- lich Vorlaͤufer des Eises sind. Wir bekamen auch in der That, zwischen sechs und sieben Uhr verschiedne Eis-Eilande, und eine Menge loses Eis zu Gesicht. Das neblichte, nasse Wetter, welches diesen Tag einfiel, hinderte uns ferner, so gerade als bisher gen Suͤden herabzusteuern. Am folgenden Morgen fanden wir uns von einer großen Eismasse umge- ben, und am Nachmittage stießen wir auf etliche feste Eisfelder nebst vielen losen Eisstuͤcken, welches uns zu jedermanns herzlicher Freude umzukehren noͤthigten . Die Mannschaft war nun auch in der That dieses strengen Clima’s ganz und gar uͤberdruͤßig, weil das stete Wachen, die Anstrengung und die Arbeit, welche zu Abwendung der mannigfaltigen und oft zu schnell einbrechenden Gefahren erfor- dert wurde, sie unglaublich sehr abgemattet und ausgemergelt hatte. Wir wa- ren nun um wenige Meilen jenseits, des 60°. suͤdlicher Breite gekommen, als wir wieder, je nachdem Wind, Nebel und Eis es zuließ, allmaͤhlig anfien- gen, herauf nach Norden zu steuern. Viele von den Matrosen hatten sich durch bestaͤndige Verkaͤltungen rheumatische Schmerzen zugezogen. Andre fielen oft Forster’s Reise u. die W. zweyter Theil. G g g Forster’s Reise um die Welt 1775. Januar. in lange anhaltende Ohnmachten, und wie konnte das anders seyn, da bey so ungesunder saftloser Nahrung der Abgang der Lebensgeister nicht hinlaͤnglich er- setzt wurde. Das Thermometer stand in dieser Gegend auf 35°. ein Grad der Kaͤlte, der nebst anhaltenden Schnee-Schauern, und feuchter neblichter Lust, die Genesung der Patienten ungemein verzoͤgerte. Weil wir aber nunmehro wieder nach Norden giengen, so durften wir uns auch bald ein gelinderes Clima verspre- chen, wenigstens fiel es niemanden ein, daß unsre Geduld abermahls durch neue Verzoͤgerung gepruͤft werden sollte. Es schien aber nun einmahl so bestimmt zu seyn, daß wir uns in unserer Rechnung immer irren mußten. — Anjetzt gerie- then wir von neuem in ein andres gefrornes Land Dark and wild, beath with perpetual Storms of whirlwind and dire hail; which on firm land Thaws not, but gathers heap, and ruin seems of amient pile. Milton . Diese Entdeckung erfolgte am 31sten Januar, um sieben Uhr des Mor- gens, bey so neblichten Wetter, daß wir nicht uͤber fuͤnf Meilen in die Runde sehen konnten. Wir liefen ohngefaͤhr eine Stunde lang drauf zu, bis auf eine halbe Meile von den Klippen — Diese waren schwarz voller Hoͤlen, dabey senkrecht und erstaunlich hoch; der Obertheil bewohnt von vielen Seeraben, und unter- halb bespuͤlt von tobenden Wellen. Dicke Wolken bedeckten die hoͤheren Ge- buͤrge, nur ein einziger maͤchtiger und dick beschneyter Pick ragte weit uͤber das Gewoͤlk hinaus. Jedermann war der Meynung, daß er, dem Augenmaaß nach, wenigstens zwey Meilen senkrechter Hoͤhe haben muͤsse. Ohnweit dem Lande, zeigte das Senkbley 170 Faden Tiefe, und nun wandten wir das Schif gen Suͤden, um die westliche Spitze des neu entdeckten Landes zu umseegeln. Auf diesem Strich waren wir kaum eine Stunde lang fortgesteuert, als wir ohngefaͤhr fuͤnf See-Meilen weit gen Suͤd-Suͤd-Osten ein hohes Gebuͤrge erblickten, an dem wir Nachts zuvor dicht vorbey gekommen seyn mußten. Da dies das suͤdlichste Ende dieses Landes war, so nannte es mein Vater das Suͤdliche Thule und Capt. Cook behielt diese Benennung bey. Es liegt un- term 59°.30′ Suͤdlicher Breite und 27°.30′ westlicher Laͤnge. Um ein Uhr Nachmittags wandten wir das Schif abermahls, und seegelten nordwaͤrts um in den Jahren 1772 bis 1775. die Spitze, die wir zuerst entdeckt hatten. Diese sahe nunmehr deutlich als ein 1775. Januar. einzelner abgesonderter Felsen, neben einem großen Vorgebuͤrge, aus. Ein deut- scher Matrose, Friesleben, hatte diesen Felsen zuerst gesehn, und desfalls gab ihm Cap. Cook den Nahmen Frieslands-Haupt . Er liegt unter 58°.55′ suͤdlicher Breite und 27°. westlicher Laͤnge. Das Vorgebuͤrge daneben ward Cap Bristol genannt, und scheint mit dem Suͤdlichen Thule verbunden zu seyn, indem wir weit gegen Osten Land erblickten, welches einer sehr geraumigen Bay gleichsahe. Cap. Cook getraute sich nicht, mit genauer Untersuchung dieser Kuͤste Zeit zu verliehren, indem er hier, bey zu besorgendem Westwinde, stets der aͤußersten Ge- fahr ausgesetzt war. Er wollte daher lieber die Nordseite dieses Eilands befah- ren, die dem See-Mann auch in aller Absicht die wichtigste seyn mußte. Wir hielten uns, bey sehr schwachem Winde zwo bis drey See-Meilen vom Lande, das aller Orten steil und unzugaͤnglich war. Die Berge waren erstaunlich hoch, ihre Gipfel immer mit Wolken, der untere Theil hingegen dermaaßen mit Schnee bedeckt, daß es schwer zu entscheiden gewesen waͤre, ob wir Eis oder Land vor uns hatten, wenn man letzteres nicht, an einigen schraͤgen Hoͤhlen erkannt haͤtte, die sich in uͤberhangenden Felsen dicht an der See befanden. Am folgenden Morgen kamen wir bey einer andern vorspringenden Land- Februar. spitze voruͤber, die Capt. Cook Cap Montague nannte. Zwischen dieser und dem Cap Bristol , ist allem Ansehen nach eine Bay vorhanden, und diese beyden Vorgebuͤrge gehoͤren zu einem und demselben Lande. Weiter gegen Norden ent- deckten wir eine andre Spitze, die wir aber bey mehrerer Annaͤherung bald fuͤr eine abgesonderte Insel erkannten, und ihr den Nahmen Saunders-Eiland bey- legten. Sie war nicht niedriger, als die bergigte Kuͤste in Suͤden, und gleich selbiger, mit Eis und Schnee bedeckt. Sie liegt unterm 57°.48′ suͤdlicher Breite und 26°.35′ westlicher Laͤnge. Nachts hatten wir wenig Wind, bey anbrechenden Tage aber steuerten wir ostwaͤrts, um bey Saunders-Eiland herumzukommen. Auf diesem Lauf entdeck- ten wir nordwaͤrts von uns zwo kleine Inseln, die nach dem Tage der Entdeckung Candle mas Isles (Lichtmeß-Inseln) genannt wurden. Des widrigen Win- des wegen konnten wir die noͤrdliche Spitze von Saunders-Eiland nicht um- schiffen, sondern mußten laviren. Dies Manoͤvre brachte uns so nahe an die G g g 2 Forster’s Reise um die Welt 1775. Februar. Kuͤste, daß wir auf einer flachen Spitze, die sich weit in See erstreckt, große unfoͤrmliche Haufen von zerbrochnen Schiefer-Stuͤcken, und jenseit derselben nichts als scharfe Felsenspitzen und Bergruͤcken entdeckten. Ueberhaupt hatte das ganze Land den oͤdesten, schreckenvollesten Anblick, den man sich nur denken kann. Nicht eine Spur von Gruͤn, ja nicht einmahl die unfoͤrmlichen Amphi- bien, die wir auf Neu Georgien fanden, waren hier zu sehen. Kurz wir konnten nicht umhin, jene Beschreibung des Plinius auf sie anzuwenden, die dahin lautet: Pars mundi damnata à rerum natura, et densa mersa caligine. Hist. Nat. lib. XV. c. 36. Am folgenden Tag verstattete uns der Wind naͤher an die Lichtmeß-In- seln heran zu kommen, und ihre Lage auf 57°.10′ suͤdlicher Breite und 27°. 6′ westlicher Laͤnge zu bestimmen. Da nunmehro von dem gegen Suͤden be- findlichen Lande, dessen noͤrdliche Spitze wir umseegelt hatten, nichts mehr zu sehen war, so steuerten wir wieder gen Osten. Capitain Cook nannte es anfaͤng- lich Schneeland, aͤnderte aber diese Benennung in Sandwich-Land . Ich sollte fast glauben, daß die alten Seefahrer dies Land schon entdeckt, und unter den Nahmen Golfo de S. Sebastiano und Insel Cresalina verstanden haben. Es ist noch ungewiß, ob die verschiednen vorspringenden westlichen Spitzen, Thule , Cap Bristol , und Cap Montague , ein zusammenhangendes Land, oder abgesonderte Eilande ausmachen. Vielleicht bleibt dies auch, auf viele kuͤnf- tige Jahrhunderte unentschieden, indem eine Seefahrt nach dieser wuͤsten Welt- gegend nicht allein gefaͤhrlich, sondern auch dem menschlichen Geschlecht zu nichts vortheilhaft seyn wuͤrde. Es war der Gegenstand unserer gefaͤhrlichen Reise, die suͤdliche Halbkugel bis zum sechszigsten Grad der Breite zu untersuchen, und zu entscheiden, ob dort im gemaͤßigten Erdstrich ein großes festes Land vorhan- den sey, oder nicht. Die verschiedenen Curs-Linien, welche wir zu diesem End- zweck gehalten, haͤben aber nicht nur deutlich erwiesen, daß in der suͤdlichen ge- maͤßigten Zone kein großes festes Land liegt, sondern da wir innerhalb des gefror- nen Erdguͤrtels bis zum 71ten Grade suͤdlicher Breite vorgedrungen sind, so ist dadurch zugleich hoͤchst wahrscheinlich gemacht worden, daß der jenseit des An- tarctischen Polar-Zirkels befindliche Raum bey weitem nicht mit Land ganz an- in den Jahren 1772 bis 1775. gefuͤllt sey. Die gruͤndlichsten Naturforscher dieses Jahrhunderts haben ange- 1775. Februar. nommen, daß um den Suͤdpol her festes Land befindlich seyn muͤsse. Diese Meynung wird freylich durch unsre Erfahrung gar sehr geschwaͤcht, doch kann ihren Einsichten daraus kein Vorwurf erwachsen, weil sie nur wenige Facta vor sich hatten. Ohne zu bestimmen, ob Sandwich Land ein Theil eines groͤßern Continents ist, wird es nicht unrecht seyn zu bemerken, daß eine der Ursachen, die man fuͤr die Existenz des Continents angiebt, durch neuere Erfahrungen ver- worfen worden. Man hat nehmlich von je her geglaubt, daß die unermeßli- chen Eismassen, die in diesem Meere schwimmen, am Lande von Schnee und frischem Wasser entstehen, es ist aber nunmehro erwiesen, daß das Seewasser ebenfalls gefriert, und daß das Eis, welches auf diese Art formirt wird, keine Salztheilchen enthaͤlt, ausgenommen wo es das Wasser beruͤhrt, welches sich in die Zwischen-Raͤume zieht Man sehe die Erfahrungen des Herrn Nairne im LXVI. Bande der Philos Transactio- nen im Iten Theil. Demohngeachtet ist Capt. Cook noch der Meynung, daß Eis-Ei- lande unmoͤglich anders als an den Kuͤsten und in den Thaͤlern und Haͤven des festen Landes formirt werden; weil ers nur auf diese Art fuͤr moͤglich haͤlt, die verschiednen Gestalten dieser Eismassen zu erklaͤren. Die großen Eilande, die ganz eben sind, sollen in den Haͤven, diejenigen aber die zugespitzt und schroff aussehen, sollen zwischen Felsen, und in Thaͤlern von gehaͤuftem und gefrornem Schnee entstehen. Beyde Arten brechen durch ihr eignes Gewicht von der ganzen unermeßlichen Masse ab, und treiben denn bey bestaͤndigen nordwaͤrts gehenden Stroͤmungen in gelindere Breiten. Capt. Cook ist demnach fest versichert, daß ein großes Stuͤck Landes um den Suͤd-Pol liegt, welches freylich nicht viel taugt, weil er glaubt, daß Sandwich Land eine der noͤrdlichsten Spitzen dieses Continents sey, und daß letzteres groͤßtentheils innerhalb der Polar-Cirkel liege. Er haͤlt ferner dafuͤr, daß es sich im Suͤdlichen Atlantischen und Indianischen Ocean , weiter nordwaͤrts als im eigentlichen Suͤdmeere erstreckt, weil wir in jenen das Eis wei- ter nordwaͤrts als in diesem finden. Denn nehmen wir an (sagt er), daß kein Land exi- stirt, so muͤßte die Kaͤlte rund um den Pol bis zum 70ten oder 60ten Grade der Breite, oder so weit als die bekannten Welttheile keinen Einfluß auf die Atmosphaͤre haben koͤn- nen, aller Orten einerley seyn, und folglich das Eis an einem Orte nicht weiter nord- waͤrts als am andern kommen. Allein die Kaͤlte ist im eigentlichen Suͤd-Meere ungleich geringer, als in Suͤdlichen Atlantischen und Indianischen . Im erstern fiel das Thermo- meter nicht eher zum Gefrierpunkt, als bis wir weit uͤber den sechszigsten Grad der Breite gedrungen; hingegen in letzteren erreichte es diesen Standpunkt zu eben der Jahrszeit schon im 54°. suͤdlicher Breite. S. Voyage towards the South Pole \& round the World vol. II. p. 231 240 Ich lasse den Leser fuͤr sich urtheilen. . G g g 3 Forster’s Reise um die Welt 1775. Februar. Capt. Cook gab nunmehr die fernere Untersuchung dieser Kuͤste auf und ließ ostwaͤrts steuern. Zu diesem Entschluß bewegte ihn vorzuͤglich der oͤde un- fruchtbare Anblick dieses Landes, die bereits kuͤrzer werdenden Tage, die heran- nahende haͤrtere Witterung in diesen Breiten, endlich die Borstellung , daß wir bis zum naͤchsten Erfrischungsort noch einen langen Weg vor uns, und gleich- wohl wenige Lebensmittel mehr uͤbrig hatten. Wir hielten uns also im 58°. der Suͤd-Breite, wo wir haͤufige Schnee-Schauer bekamen, und taͤglich viele Eis- Eilande sahen. — Die Noͤrdlichen Winde waren hier, unsren ehemaligen Be- merkungen zuwider, kaͤlter als die Suͤdlichen, und das giebt eine starke Vermu- thung ab, daß auf letzteren Strich (gen Suͤden) kein Land vorhanden sey. Das Sauerkraut, diese trefliche antiscorbutische Speise, davon wir sechs- zig Tonnen voll aus England mitgenommen hatten, war nunmehr ganz aufgezehrt, und vom Capitain an bis zum geringsten Matrosen bedauerte ein jeder den Man- gel eines Gemuͤses, mit dessen Beyhuͤlfe man das Poͤckelfleisch hinunterschlucken konnte, ohne den faulen, halb verwesten Geschmack desselben so ganz gewahr zu werden. Jetzt sehnten wir uns alle nach gesunder Kost, und ein jeder beklagte sich daruͤber, daß wir immer noch zwischen dem 58°. und 57°. blieben. Am 15ten richteten wir unsern Lauf nach Norden, nachdem wir die Mit- tagslinie von Greenwich paßirt hatten. Am 17ten Mittags, erreichten wir die Breite, worauf Herr Bouvet seine Entdeckung, das Cap Circoncision angiebt, und liefen hernach auf derselben Parallele ostwaͤrts, um es ja nicht zu verfehlen. Wir befanden uns dazumahl in der Laͤnge von 6°.33′ oͤstlich von Greenwich . Das Wetter war zu unserm Endzweck guͤnstig, wir hatten guten Wind und konnten acht bis zehn große See-Meilen in die Runde sehen. Am 19ten des Morgens paßirten wir uͤber den Fleck, wo Herr des Loziers Bouvet dies Vorgebuͤrge in seinem eignen Tagebuch angiebt Dies Tagebuch ist franzoͤsisch abgedruckt in M. Dalrymples Collection of Voyages in the South Atlantick Ocean 1775. . Wir fanden aber nicht ein- mahl das geringste Vorzeichen von Land, und sahen den ganzen Tag uͤber nicht mehr als vier bis fuͤnf Eismassen. Bis zum 22sten blieben wir unablaͤßig auf derselben Parallele, so daß wir um unsrer Sache gewiß zu seyn sechs Grade der Laͤnge gegen Westen, und ohngefaͤhr sieben gen Osten von Herrn Bouvets vorgeblichen in den Jahren 1772 bis 1775. Lande, durchsucht hatten. Capt. Furneaux war ebenfalls bey seiner Ruͤckreise uͤber 1775. Februar. den ganzen Raum geseegelt, wo die Carten den Meerbusen S. Sebastian angeben, er war zwischen unsern beyden Entdeckungen Georgien und Sandwich Land hindurch gefahren, und endlich in der Breite von 54°. Suͤdwaͤrts uͤber den Meridian von Cap Circoncision gekommen, ohne Land zu sehen. Es ist also aͤußerst wahrscheinlich, daß M. des Loziers Bouvet nichts anders als ein großes Eisfeld, mit darauf liegenden ungeheuren Eismassen gesehn, dergleichen wir nach unserer Abreise vom Vorgebuͤrge der guten Hofnung am 14ten December 1772 erblickten S. den ersten Band dieses Werks. S. 73. . Damals waren einige unsrer Officiers fest der Meynung, daß sie Land gesehn, indem das Eis in der Ferne wuͤrklich viel aͤhnliches damit hatte, und sie auf dieselbe Art wie den Franzoͤsischen Capitain taͤuschte. Cap. Cook wollte es außer Zweifel stellen, ob in der Gegend jenes Eises, Land laͤge oder nicht; und lief daher am 23sten, ohne einige Hinderniß, daruͤber weg, ja sogar ohne ein einziges Eis- Eiland auf dem Fleck zu sehn, woselbst vor zwey Jahren und zween Monathen unermeßliche schwimmende Massen die See bedeckten. Nachdem wir nunmehr gewiß versichert waren, daß kein betraͤchtliches Land in diesem Theil des Welt-Meeres belegen sey, steuerten wir nordwaͤrts, um so geschwind als moͤglich das Vorgebuͤrge der guten Hofnung zu Gesicht zu bekommen. Starke Nordwest Winde noͤthigten Maͤrz. uns einen großen oͤstlichen Umweg zu nehmen, bis wir am ersten Maͤrz in gerader Linie unsern Curs auf das Cap richten konnten. Capt. Cook war bey diesem Winde schon auf den Gedanken gefallen, die Franzoͤsischen Entdeckungen des Herrn Kerguelen , unterm Meridian der Mauritius Insel zu berichtigen; allein da unser Vorrath von Lebensmitteln jetzt sehr geringe war, und wir in Zeit von zween Monathen, welche wir zu dieser Untersuchung haͤtten anwenden muͤssen, sehr leicht bey so vielen Muͤhseeligkeiten haͤtten kraͤnklich werden koͤnnen, so hielt ers am rathsamsten, nicht laͤnger die See zu halten. Der Wind veraͤnderte sich bald wieder, und blies von Zeit zu Zeit noch immer aus Nord-West. Diese haͤufigen Abwechselungen machten das See-Volk unzufrieden und ungeduldig, indem ihre Erwartung eines bessern Schicksals jetzt am hoͤchsten stand. Nie waren die Wolken so genau untersucht worden, um die Vorzeichen eines guten Forster’s Reise um die Welt 1775. Maͤrz. Windes drinnen auszuspaͤhen; und die allgemeine Unruhe lies sich fast gar nicht beschreiben. Unsere Reise hatte jetzt 27 Monathe nach der Abreise vom Cap ge- dauert; seit welcher Zeit wir in keinem Europaͤischen Haven angelegt, und uns groͤß- tentheils von gesalzenem Fleisch genaͤhrt hatten. Wenn wir alle die Tage zusammen- rechneten, die wir in diesem langen Zeitraum, am Lande zugebracht, konnten wir nicht uͤber 180 oder kaum ein halbes Jahr herausbringen. Dies war un- sre einzige Erfrischungszeit gewesen, und auch waͤhrend dieser Tage, erhielten wir nicht immer frische Lebensmittel, z. B. waͤhrend der Zeit, da wir die letzten Entdeckungen im stillen Meere machten. Der Lauf von Neu-Seeland nach dem Cap der guten Hofnung war der laͤngste und schwerste, den wir je unternommen; denn die wenigen Erfrischungen im Christmeß-Haven, und auf den Neu-Jahrs- Eilanden , waren nicht zureichend, der ganzen Mannschaft mehr als vier bis fuͤnf frische Mahlzeiten zu geben. Setzen wir noch hinzu, den Mangel an so einem gesunden Essen als unser Sauerkraut war, und die allmaͤhlig zunehmende Faͤul- nis des Poͤckel-Fleisches, so wird man sich nicht wundern, daß die Unbequem- lichkeiten unsrer unnatuͤrlichen Lage, uns gegen das Ende dieser Reise mehr als jemahls druͤckten. Indem wir uns einem Orte naͤherten, der mit Europa in Verbindung stand, so beunruhigten uns verschiedne Gedanken noch mehr. Wer Verwandte, oder Eltern hinterlassen hatte, befuͤrchtete, daß einige in seiner Ab- wesenheit gestorben seyn moͤgten; und es war nur zu wahrscheinlich, daß dieser Zeitraum viele schaͤtzbare Verbindungen aufgeloͤset, die Zahl unsrer Freunde ge- mindert, und uns den Trost und die Annehmlichkeiten ihres Umgangs entrissen haben wuͤrde. Des veraͤnderlichen Windes ohnerachtet, gieng die Fahrt so gut von stat- ten, daß wir schon am 15ten unsre warmen Kleider ablegen mußten, indem wir uns damals zwischen dem fuͤnf und sechs und dreyßigsten Grad der Suͤdlichen Breite befanden. Am folgenden Morgen erblickten wir ober dem Winde ein Schif; und drey Stunden darnach ein zweytes. Jedermann strengte seine Augen an, diese angenehmen Gegenstaͤnde anzugaffen; ein sicherer Beweis, daß wir uns alle nach Umgang mit Europaͤern sehnten, so sehr wir auch unsre Herzenswuͤnsche bisher unterdruͤckt hatten. Jetzt aber war es nicht laͤnger moͤglich zu schweigen; jeder brach in die feurigsten Wuͤnsche aus; man verlangte nur einen Laut von den in den Jahren 1772 bis 1775. den Fremden zu vernehmen, an Bord des andern Schifs zu gehen, u. s. w. 1775. Maͤrz. Wir zeigten Hollaͤndische Flagge, und das fremde Schif zog gleich dieselbe auf. Hierauf zeigten wir die Brittische Flagge, und feuerten ein Stuͤck unterm Win- de Der gewoͤhnliche Friedens-Gruß. ab; allein das fremde Schif lies noch immer die erste Flagge wehen. Da wir nunmehro in eine bekannte See gekommen waren, wo Europaͤische Schiffe oft gesehn werden, so rief Cap. Cook alle Officiere und Matrosen zusammen, und forderte ihnen im Nahmen des Admiralitaͤts-Collegii ihre Tagebuͤcher ab, die alle zusammen gepackt und versiegelt wurden. Diejenigen Personen, die nicht unmittelbar zum Militaire gehoͤrten Herr Wales , Herr Hodges , mein Vater und ich. , waren dieser Verordnung auch nicht unterworfen, sondern behielten ihre Pappiere, indem sie ersucht wurden, die be- sondern Lagen unsrer Entdeckungen nicht vor ihrer Ankunft in England bekannt zu machen. Der Eifer der Brittischen Regierung, fuͤr den Fortgang der Wissenschaf- ten, hat sie jederzeit angetrieben die Entdeckungen so auf ihren Befehl gemacht worden, oͤffentlich bekannt zu machen; und es waͤre zu wuͤnschen, daß auch andre Seemaͤchte dies Beyspiel befolgen moͤgten, anstatt sich gewissermaaßen nur ins Suͤd-Meer zu schleichen, und sich des Gestaͤndnisses, daß sie da gewesen, zu schaͤmen. Das fremde Schif war vermuthlich ein Hollaͤndisches, auf der Ruͤckreise von Indien , und hielt einerley Strich mit uns, doch mit dem Unterschied, daß wir allmaͤhlich naͤher kamen. Am 17ten Morgens warfen wir das Bley, und fanden Grund mit fuͤnf und funfzig Faden, indem wir auf die Bank gerathen waren, die sich um die Suͤdliche Spitze von Afrika erstreckt. Sogleich wurden Angeln ausgeworfen, und ein sogenannter Pollack ( Gadus pollachius ) ge- fangen. Abends sahen wir die Kuͤste von Afrika , die in dieser Gegend aus niedrigen Sandhuͤgeln bestand, darauf wir verschiedne Feuer erblickten. Fol- genden Morgen setzten wir ein Boot in See, und schicktens an Boord des Hol- laͤnders, der ohngefaͤhr fuͤnf Meilen entlegen war. Unsre Leute kamen in weni- gen Stunden mit der angenehmen Nachricht zuruͤck, daß ganz Europa Frieden haͤtte. Das Vergnuͤgen, welches wir hiebey empfanden, ward aber durch die Nachricht vom Schicksal einiger unsrer Freunde in der Adventure sehr vermindert. Der Hollaͤndische Capitain kam von Bengalen , und war so lange zur See gewe- Forster’s Reise u. die W. zweyter Th. H h h Forster’s Reise um die Welt 1775. Maͤrz. sen, daß er uns keine Erfrischungen mittheilen konnte. Nachmittags bey schoͤ- nem Wetter und frischem Winde sahen wir zwey Schwedische, ein Daͤnisches und ein Englisches Schif, die mit allen Seegeln, und wehenden Flaggen auf dem Wasser sanft vorbeyfuhren, und unsern Augen eins der schoͤnsten Schau- spiele darboten, das wir seit langer Zeit nicht gesehn. Am folgenden Morgen kam das Englische Schif auf uns zu, und Lieut. Clerke , nebst meinem Vater und einem Midschipman, giengen an Boord. Nachmittags stieg ein starker Wind auf, unser Boot kam zuruͤck, und das andre Schif legte gleich um, indeß wir so lange fortseegelten, bis wir dicht unterm Lande waren. Dies Schif gehoͤrte der Englischen-Ostindischen Compagnie. Es hies True Briton , der Ca- pitain, Herr Broadley , und kam von China nach Europa zuruͤck. Unsre Her- ren konnten die Gastfreyheit dieses Schifs-Capitains nicht genug ruͤhmen, der sie zu einem geringen Mittagsmahl (wie ers nannte) eingeladen hatte. Meine Leser koͤnnen sich die Gierigkeit vorstellen, womit drey ausgehungerte Welt-Um- seegler, die seit sechs Wochen kein frisches Fleisch gekostet hatten, uͤber eine Schuͤssel fetter schinesischer Wachteln, und eine vortrefliche Gans herfielen, die ihr guter Wirth als sehr schlechte Bewirthung ansahe. Aber, da sie erzaͤhlten, wie lange wir von allen Europaͤischen Colonien abwesend gewesen, wie lange wir uns von gesalzenem Fleisch genaͤhrt, und wie oft wir Seehunde, Albatroße und Pinguins als Delicatessen genossen, ließen der Capitain und seine Steuermaͤnner die Mes- ser fallen, und alle wollten aus Mitleid mit ihren Gaͤsten, nichts mehr genießen. Beym Weggehen gab ihnen Cap. Broadley ein fettes Schwein, und etliche Gaͤnse, womit wir uns die beyden folgenden Tage guͤtlich thaten. Wir paßirten das Cap Agulhas am 20sten, und haͤtten uns beynahe von einem sehr heftigen Sturme beym Cap der guten Hofnung vorbey treiben lassen, wenn wir nicht zu gutem Gluͤck das Land fruͤh Morgens am 21sten, durch den Nebel gesehn haͤtten. Wir richteten uns darnach, und wagtens mehr Seegel zu fuͤhren, als wir auf der ganzen Reise bey aͤhnlichem Winde gethan. Am 22sten des Morgens ka- men wir gluͤcklich in der Tafel-Bay vor Anker. Daselbst rechnete man aber den 21sten, indem wir einen ganzen Tag durch unsre Reise m die Welt, von Westen nach Osten, gewonnen hatten. Errabant acti fatis maria omnia circum. Virg. in den Jahren 1772 bis 1775. Eilftes Hauptstuͤck . Zweeter Aufenthalt am Vorgebuͤrge der guten Hof- nung . — Lauf von da nach St. Helena und Ascensions- Eiland . W ir fanden viele Schiffe in der Tafel-Bay , darunter auch ein Englisches 1775. Maͤrz. India-Schif, die Ceres, Capt. Newt , befindlich war. Sobald wir die Einfahrt der Bay erreicht, und an unserm gebleichten Tauwerk, und veral- terten Anblick erkannt wurden, schickte Cap. Newt einen seiner Steuermaͤnner, mit einer Ladung von frischen Lebensmitteln, und dem Anerbieten seiner Dienste, falls unsre Mannschaft krank waͤre. Da wir so lange zur See gewesen, ruͤhrte uns dies edle Betragen, und wir fuͤhlten mit dem groͤßten Vergnuͤgen, daß wir wieder mit Menschen zu thun haͤtten Man wuͤrde sehr unrecht thun, wenn man den Herren Schifs-Capitains der Ost-Indi- schen Compagnie, den Charakter andrer Seefahrer beylegen wollte. Ihre Freygebigkeit und Menschenliebe unterscheiden sie mehrentheils von den sogenannten See-Ungeheuern. . Wir giengen bald drauf ans Land, legten beym Gouverneur, und den vornehmsten Bedienten der Compagnie un- sern Besuch ab, und kehrten endlich bey Herrn Brand ein, woselbst wir mit derjenigen Aufrichtigkeit bewillkommt wurden, bey der man allen National-Cha- rakter vergißt und einsehen lernt, daß wahres Verdienst nicht auf gewisse Erd- striche oder Voͤlker eingeschraͤnkt ist. Das Wetter war so erstaunlich heiß, als wirs auf der ganzen Reise noch nicht empfunden hatten. Demohngeachtet speis- ten wir nach Hollaͤndischer Gewohnheit, gegen ein Uhr, das ist, gerade da die Hitze am unleidlichsten war, und fraßen mit einer Gierigkeit, die unsere lange Fasten und alles ausgestandne Ungemach weit lebhafter mahlte, als die beste Be- schreibung. Jedoch, weil es unsern ausgehungerten schwachen Magen haͤtte schaͤdlich seyn koͤnnen, zu viel zu essen, ließen wir’s uns gefallen, noch mit guten Appetit von Tische zu gehen. Wir lernten gar bald den Vortheil dieser Vorsicht erkennen, und wurden sichtbarlich gesund, frisch und stark, waͤhrend unsers H h h 2 Forster’s Reise um die Welt 1775. Maͤrz. Aufenthalts am Cap . Die Officiere nahmen den folgenden Tag ebenfalls ein Quartier in der Stadt; allein weil sie sich nicht in Acht genommen, sondern gleich anfangs unmaͤßig gefressen hatten, so verdarben sie sich den Magen, und hatten einen Ekel an allen Speisen, der sie recht elend und ungluͤcklich machte. Cap. Cook schickte zween oder drey scorbutische Patienten ins Hospital, außer welchen alle unsre Leute ihre Arbeit verrichten konnten. Die uͤbrigen sammelten in kurzer Zeit neue Staͤrke beym bestaͤndigen Gebrauch frischer Lebensmittel, worunter vorzuͤglich allerley Kuͤchen-Gewaͤchse, und eine Art schwarzes Rocken- Brod, die beste Wuͤrkung thaten. Wer kann das Vergnuͤgen beschreiben, welches wir bey Eroͤfnung unsrer Briefe von Verwandten und Freunden fuͤhlten? Wer kann sich vorstellen, wie viel der Umgang mit Europaͤern nach einer so langwierigen Reise, dazu beytrug, alle verhaßten Eindruͤcke des erlittenen Elends zu verwischen, und unsre ganze Lebhaftig- keit wieder herzustellen, die so viele Umstaͤnde bisher nieder gedruckt hatten? — Wir brachten unsre Zeit sehr angenehm zu, und sammelten aus alten Zeitungs- Blaͤttern die Geschichte derer Jahre, da wir so zu sagen aus der Welt verbannt gewesen. Da die Schiffe aller Nationen im Herbst und Fruͤhling am Cap an- legen, so fanden wir den Ort weit bluͤhender als waͤhrend unsers ersten Auf- enthalts, 1772. Außer der großen jaͤhrlichen Flotte Hollaͤndischer Indienfahrer, fanden wir verschiedne Franzoͤsische Schiffe von der Isle de France , oder Mau- ritius-Insel , und eins aus Europa , welches eben der Herr Crozet commandirte, der ehemals in Neu-Seeland gewesen. Etliche Daͤnische und zwey Schwedi- sche Ost-Indische Schiffe kamen ebenfalls in die Tafel-Bay ; ein Portugiesi- sches Kriegs-Schif lag daselbst etliche Tage, und drey Spanische Fregatten, davon eine von Manilla zuruͤck kehrte, die beyden andern aber dorthin be- stimmt waren, hielten sich daselbst einige Wochen auf. Die großen, merkwuͤrdigen Begebenheiten, die sich waͤhrend unserer Abwesenheit in Europa zugetragen, waren uns ganz unerwartet und neu. Ein junger Held, hatte mit Gustav Wasas Geiste, Schweden vom Joch der Ari- stocratischen Tyranney befreyt! Die finstre Barbarey, die sich im Osten von Europa und Asien, selbst gegen Peters Herkulische Kraͤfte zu erhalten gewußt, war entflohn vor einer Fuͤrstinn, deren Gegenwart, so wie das Wunder am in den Jahren 1772 bis 1775. Nordischen Himmel, mit Licht-Stralen die Nacht in Tag verwandelt! End- 1775. Maͤrz. lich, nach den Greueln des buͤrgerlichen Krieges, und der Anarchie, hatten die groͤßten Maͤchte in Europa sich vereinigt, den langerwuͤnschten Frieden in Po- len wieder herzustellen; und Friedrich der Große ruhte von seinen Siegen, und opferte den Musen, im Schatten seiner Lorbeeren, selbst von seinen ehe- maligen Feinden bewundert und geliebt! Dies waren große, unerwartete Aus- sichten, die uns auf einmal eroͤfnet wurden, die das Gluͤck der Menschheit ver- sprachen, und einen Zeitpunkt zu verkuͤndigen schienen, wo das menschliche Geschlecht in erhabnerem Lichte als je zuvor erscheinen wird! Waͤhrend unsers Aufenthalts am Cap , machten wir eine kleine Spa- April. tzier-Fahrt nach der Bay-Falso , wo Herr Brand von der Hollaͤndischen Ost- Indischen Compagnie zum Commendanten ernannt war. Die Sommer Hitze hatte fast uͤberall das Gruͤn verbleicht, und die unzaͤhligen Straͤucher und Pflanzen, die in Africa wachsen, sahen fast durchgaͤngig verbrannt aus. Demohngeachtet standen noch viele Gattungen in Bluͤthe, womit wir unsre Kraͤuter-Sammlung vermehrten. Die Wege am Cap sind herzlich schlecht, gehen vieler Orten in tiefem Sande, und sind unweit False-Bay mit harten Stein-Haufen bedeckt. Hin und wieder sahen wir große Voͤlker Rebhuͤner von besonderer Art, die die Hollaͤnder hier unrecht Fasanen nennen. Sie sind nicht sehr wild, und lassen sich leicht fangen und zahm machen. Die Hollaͤnder haben eine Methode ausfindig gemacht, diese Voͤgel an Stellen zu verpflanzen, wo sie sich sonst nicht aufhielten. Sie nehmen etliche Paar zahme Rebhuͤner, tauchen sie in Wasser, straͤuen Asche druͤber, und setzen sie so mit dem Kopf unterm Fluͤgel ins Gebuͤsche, von dem sie sich hernach nicht mehr entfernen. Viele Leser werden vielleicht mit mir die Zuverlaͤßigkeit dieses Ex- periments in Zweifel ziehen; ich muß aber hinzuthun, daß ich es von den glaubwuͤrdigsten Leuten am Cap gehoͤrt habe. Die Gegend um False-Bay ist noch oͤder als um Tafel-Bay ; das ganze Land gleicht einer Wuͤstenei, wenn man das Wohnhaus des Commen- danten, zwey oder drey Privat-Haͤnser, nebst etlichen Magazinen und Arbeits- Haͤusern der Compagnie ausnimmt. Die Farbe der Berge ist aber nicht so dunkel oder melancholisch, und die Mannigfaltigkeit der Pflanzen und Voͤgel H h h 3 Forster’s Reise um die Welt 1775. April. sehr betraͤchtlich. Antilopen halten sich auch haͤufig in der Gegend auf. Ei- nige bewohnen die unzugaͤnglichsten Klippen, andre hingegen die mit Gras und kleinen Buͤschen bedeckten Ebenen. Wir brachten einen ganzen Tag damit zu, die Berge zu besteigen, und kehrten von der Hitze sehr ermuͤdet zuruͤck. Auf den Bergen fanden wir etliche uͤberhangende Felsen, welche kleine Hoͤhlen formiren, woselbst die Hollaͤndischen Antilopen-Jaͤger zuweilen uͤbernachten. Simons-Bay ist derjenige Theil von False-Bay , wo die Schiffe am besten gegen die Gewalt der im Winter anhaltenden Nord-Weste gesi- chert sind. Ein Bollwerk ( pier or mole ) welches neben der Wohnung des Commendanten in See geht, macht es Schifsleuten hier eben so bequem, als in Tafel-Bay , Wasser und allerley Guͤter zu laden. Fische von guten, schmack- haften Sorten, werden hier haͤufig gefangen, und allerley Erfrischungen koͤn- nen mit leichter Muͤhe von den Plantagen auf der Land-Enge, oder von der Cap-Stadt , die nur zwoͤlf Meilen (Engl.) entlegen ist, herbeygefuͤhrt wer- den. Die Ankunft der Schiffe zieht verschiedne Einwohner aus der Stadt nach False-Bay . Sie lassen sich das engste und unbequemste Quartier ge- fallen, ehe sie dem Vergnuͤgen mit Fremden umzugehn entsagen sollten. Die- se besondern Umstaͤnde geben Anlaß zu vielen naͤhern Verbindungen, welche die Fremden nicht vernachlaͤßigen, weil es dem hiesigen Frauenzimmer weder an Lebhaftigkeit noch Reizen fehlt. Nach dreyen Tagen kamen wir wieder zur Stadt, woselbst wir die Thiere im Thiergarten der Compagnie untersuchten, und zu allen Pelzhaͤndlern giengen, um eine Sammlung Antilopen-Felle zu bekommen. Man zeigte uns auch einen lebendigen Urang-Utang, oder Japanischen Affen, dem verschiede- ne Philosophen die Ehre angethan, ihn fuͤr ihren nahen Verwandten zu erklaͤ- ren. Dieses Thier war ohngefaͤhr zwey Fuß sechs Zoll lang, und kroch lieber auf allen Vieren, da es doch auf den Hinterbeinen sitzen und gehen konnte. Die Finger und Zehen waren sehr lang, und die Daumen sehr kurz; der Bauch dick, das Gesicht so haͤslich, als sich nur immer denken laͤßt, und die Nase etwas mehr der menschlichen aͤhnlich, als bey andern Affen-Gattungen. in den Jahren 1772 bis 1775. Dasselbe Thier ward, wie ich seitdem gehoͤrt, in den Thiergarten des Fuͤrsten 1775. April. von Oranien im Haag geschickt. Er starb im Januar 1779. Der Balg ward schoͤn ausgestopft und im Cabinet des Prinzen von Oranien in einer dem Leben voͤllig aͤhnlichen Stellung aufbewahrt. Den Rumpf bekam Herr Camper , ein beruͤhmter Zergliederer, zu zerlegen. Was hier in der Englischen Ausgabe noch zum Nachtheil des Herrn Vosmaers , Directors der Fuͤrst- lichen Sammlung im Haag , gesagt wird, nehme ich aus eigner Ueberzeugung als vor- ellig zuruͤck, ohne mich in die zwischen ihm und Herrn Camper bey dieser Gelegen- heit vorgefallenen Streitigkeiten einzulassen. Es ist indessen immer zu bedauern, wenn zwey so geschickte und verdiente Maͤnner sich entzweyen. Waͤhrend unsers Aufenthalts wurden wir mit Capitain Crozet be- kannt, der auf Capitain Cooks und unsre Einladung, nebst allen seinen Offi- cieren mit uns speiste, und uns mit den Begebenheiten seiner vorigen Entde- ckungs-Reise unterhielt. Wir lernten hernach ebenfalls die spanischen Offi- ciere kennen, worunter geschickte und einsichtsvolle Leute befindlich waren, die ihrem Corps viel Ehre machen. Sie besuchten Herrn Wales , unsern Astro- nomen, und bewunderten die Laͤngen-Uhren, die er in Verwahrung hatte. Sie klagten aber zu gleicher Zeit uͤber die Unrichtigkeit aller astronomischen Instru- mente, die man ihnen von London schickte. Herr Wales uͤberlies ihnen einen vortreflichen Hadleischen Sextanten, indem die Reise jetzo so gut als zum Ende war. Capitain Cook wollte aber keinen Umgang mit ihnen haben, und ver- mied sie bey aller Gelegenheit, wovon niemand den Grund anzugeben wußte. Ihre Fregatten hielten unsre Officiere fuͤr sehr schoͤne Schiffe: die nach Spa- nien gehende hies die Juno und ward von Don Juan Arraos commandirt, die andern waren die Astraͤa , Capitain Don Antonio Albornos , und die Venus , Capitain Don Gabriel Guerna . Die Hollaͤnder ließen die Spa- nier vormahls nicht am Cap landen, und machtens ihnen so unbequem als nur immer moͤglich daselbst vor Anker zu legen. Man haͤtte glauben moͤgen, sie hielten scharf auf die paͤbstliche Bulle, die die Graͤnzen der Schiffahrt bestimm- te, und die Welt zwischen Portugal und Spanien theilte. Seither denken sie aber besser protestantisch; und vermuthlich werden sie den Widerwillen gegen die Spanier in kurzem ganz vergessen, weil sie sich doch schon jetzt gefallen las- sen, ihre uͤberfluͤßigen Piasters einzustreichen. Forster’s Reise um die Welt 1775. April Nachdem unser Schifsvolk gut erfrischt, und ganz gesund, das Schif selbst aber ausgebessert und nenbemahlt worden, so nahmen wir Lebensmittel zur Ruͤckreise an Bord, und machten uns fertig mit dem ersten guten Winde abzu- gehen. Am 27ten April, des Morgens, kamen wir ans Schif, nachdem wir von allen unsern Freunden Abschied genommen, besonders aber von D. Sparr- mann , der die Gefahren und das Elend der Reise mit uns ausgestanden, und dessen Herz ihn bey allen, die ihn kannten, beliebt gemacht hatte. Herr D. Sparrmann . kam im Monath Julius 1776 nach Schweden , indem er bey- nah ein Jahr auf einer gefaͤhrlichen und muͤhsamen Reise ins innere von Afrika zuge- bracht, und selbst weiter gekommen war, als D. Thunberg . Um Mittag gieng der Dutton , ein Schif der Englischen Compagnie, von Capitain Rien commandirt, unter Seegel, und wir folgten dem Beyspiel, nachdem wir die Vestung begruͤßt hatten. Die Spanische Fregatte Juno , gruͤßte uns mit neun Canonen, und unsre langsamen Constabel erwiederten diese unerwartete Hoͤflichkeit eine volle Viertel-Stunde nachher. Ein daͤnisches Schif, Capi- tain Hansen , gruͤßte darauf mit eilf Schuͤßen. Beyde Schiffe giengen eben- falls unter Segel, und ließen uns bald weit zuruͤck. Wir liefen durch die noͤrdliche Ausfahrt zwischen dem vesten Lande und Robben-Eiland , oder Pinguin-Eiland , wie es die Englischen See-Charten nennen. Dies ist ein unfruchtbarer Sandhuͤgel, woselbst viele Moͤrder und an- dre Uebelthaͤter auf Befehl der Hollaͤndischen Ostindischen Compagnie bewacht werden. Darunter befinden sich aber auch etliche ungluͤckliche Schlachtopfer die- ser grausamen, ehrgeizigen Gewuͤrz-Kraͤmer. Wir duͤrfen nur den Koͤnig von Madurn anfuͤhren, der seines Reichs entsetzt, und zur schrecklichsten Verzwei- flung getrieben, hier sein Leben als gemeiner Sklave kuͤmmerlich zubringen muß. Ich mag die schreckliche Geschichte dieses ungluͤcklichen Monarchen, die seinen unmensch- lichen Henkern ewige Schande macht, nicht wiederhohlen. Man findet sie vollstaͤndig und mit Gefuͤhl beschrieben, in einem wenig bekannten Buche, genannt A Voyage to the East Indies in 1747. and 1748. containg an account of St. Helena , Java , Bata- via , the Dutch Government \&c. — — — escape who can When man’s great foe assumes the shape of man. Cumberland . Am in den Jahren 1772 bis 1775. Am 28ten des Morgens, ward ein Mann im untern Schifs-Raum 1775. April. versteckt gefunden. Bey der Untersuchung fand man, daß einer der Boots- leute ( Quartermasters ) ihn etliche Tage zuvor dorthin gefuͤhrt, und seine taͤg- liche Portionen mit ihm getheilt hatte. Seine Gutherzigkeit ward mit einem Dutzend Streichen belohnt, und der arme Fremde kriegte auch ein Dutzend zum Willkommen. Es war ein ehrlicher Hannoveraner, den ein Ziel-verkoo- per gestohlen, und zu hollaͤndischen Diensten gezwungen hatte. Er hatte sich am Cap an Capitain Cook gewandt, und um seinen Schutz gebeten. Dieser Schutz, der allen englischen Unterthanen mit Recht zukommt, ward ihm aber, als einem Deutschen rund abgeschlagen, und so mußte er verstohlner Weise an Boord kommen, um einem harten Dienste zu entgehen, wozu man ihn un- rechtmaͤßiger Weise gezwungen. Er zeigte sich bald als einen der fleißigsten Leute im ganzen Schif, und machte sich unter der Mannschaft beliebt, die sonst nicht geglaubt, daß ein Hannoveraner so gut ein tuͤchtiger Kerl als ein andrer seyn koͤnne. Sobald wir das Land um Tafel-Bay zuruͤckgelassen, richteten wir un- sern Lauf nach der Insel St. Helena. Der Dutton, das Englische Schiff, blieb in unsrer Gesellschaft; weil sich dessen Capitain, auf die groͤßere Genanig- keit unsrer Rechnungen verlies. Denn es ist sonst gewoͤhnlich, daß die Schif- May. fe der Compagnie erst in die Breite der Insel zu kommen suchen, und dann ge- rade nach Westen drauf zu seegeln. Fruͤhe am 15ten May entdeckten wir die Insel gerade vor uns, und um Mitternacht legten wir in James-Bay , dem gewoͤhnlichen Ankerplatze, vor Anker. Das suͤd-oͤstliche Ufer, an dem wir fort- seegelten, fanden wir ziemlich hoch, und aus senkrechtem, schwammigten, schwarzbraunen Felsen zusammengesetzt, die hin und wieder als vom bestaͤndigen Anspuͤlen der Wellen ausgehoͤhlt schienen. Die Beschreibung dieser Hoͤhlungen in der Hawkesworthschen Sammlung B. III. S. 410 kann man nur einer poetischen erhitzten Einbildungskraft zuschreiben. Fruͤh am folgenden Morgen, begruͤßte uns das Fort James, welches die vornehmste Vestung in der Bay ist, und sobald wir es beantwortet, hatten wir noch einen Gruß vom Dutton zu erwiedern. Die Stadt vor uns lag in einem engen Thal, mit einem steilen, oͤden Berge an jeder Seite, der noch bey- Forster’s Reise u. die Welt zweyter Th. J i i Forster’s Reise um die Welt 1775. May. nahe mehr gebrannt und elender als Ooster-Eiland aussahe. Ueber dem Ende des Thals erblickte man doch etliche gruͤne Berge, und in der Stadt selbst stan- den ein paar Cocos-Palmen. Nach eingenommenen Fruͤhstuͤck landeten wir an ei- ner neulich erbauten Treppe, die wegen der hohen Brandungen sehr noͤthig war. Wir giengen zwischen einem hohen uͤberhangenden Felsen und einer Parapet Mauer laͤngst der See, nach einem Thor mit einer Zugbruͤcke, welches verschiedne klei- ne Batterien vertheidigten. Dies brachte uns an eine betraͤchtliche Batterie, vor einer Esplanade und einer schattigten Allee von Banian-Baͤumen ( ficus religiosa ). Der Gouverneur, Herr Skottowe , empfieng Capitain Cook , mit der groͤßten Distinktion, und ließ ihn bey seinem Eintritt ins Haus mit einem Gruß von dreyzehn Stuͤcken beehren. Bald drauf kamen die Paßagiers vom Dut- ton, um ihren Besuch ebenfalls beym Gouverneur abzulegen. Dies waren the hon. Frederick Stuart , ein juͤngerer Sohn des Grafen Bute ; John Graham , Esq. der im Conseil von Bengalen gewesen; seine Gemahlin; I. Laurel Esq. — Johnson , Esq. und seine Gemahlin; Obrist L. Macleane und verschiedene andre. Herr Graham starb bald nachher in Montpellier . Dieser wuͤr- dige brave Mann, der im Dienste seines Vaterlandes alt und zum Kruͤppel ge- worden, versaͤumte keine Gelegenheit unsern Aufenthalt in der Insel angenehm zu machen, und besonders unsre Untersuchungen als Naturkundige zu erleich- tern. Noch denselben Tag wurden wir mit den vornehmsten Officieren der Compagnie bekannt, die uns alle mit der ungezwungensten Hoͤflichkeit, welche Leu- ten von freyer Denkungs-Art eigen ist, aufnahmen. Die Wohnung des Gou- verneurs enthaͤlt verschiedne geraͤumige bequeme Zimmer, die besonders wegen ihrer Hoͤhe in diesem warmen Clima angenehm sind. Von außen aber ist sie ohne Zierrath, so wie alle Gebaͤnde in der ganzen Stadt, die neue Kirche nicht ausgenommen, die seit kurzem von einer Art auf der Insel befindlichen Kalk- steinen erbaut worden. Ein kleiner Garten, hinter dem Hause des Gouver- neurs, enthaͤlt etliche schattigte Gaͤnge, nebst raren Ostindischen Baͤumen, un- ter andern auch die Barringtonia. Die Casernen der Garnison, welche die Ostindische Compagnie hier unterhaͤlt, liegen etwas weiter im Thal hinauf. Daselbst siehet man auch das Hospital, mit einem Obst- und Kuͤchen-Garten, wo die Kranken Erlaubniß haben herumzugehen. Verschiedne andre der Compa- in den Jahren 1772 bis 1775. gnie gehoͤrige Gebaͤude, liegen in eben diesem Thal. Die Hitze ist ohnerachtet 1775. May. des See-Windes, fast unausstehlich, indem sie von einem hohen Berge an jeder Seite eingeschraͤnkt und zuruͤckgeworfen wird, daher der Aufenthalt in der Stadt zuweilen nicht nur finster, sondern auch hoͤchst unangenehm ist. Die vornehmsten Einwohner uͤberlassen den Fremden, die hier in Handels- und an- dern Schiffen vorbeykommen, waͤhrend ihres Aufenthalts einige Zimmer. Die Preise sind fast dieselben, die man am Cap hat; allein die geringen Produkte einer kleinen Insel, wie St. Helena , geben nicht zu, daß man dort so gut wie in jener hollaͤndischen Colonie lebt, die desfalls in der ganzen Welt bekannt ist. Wir wohnten bey Herrn Mason , einem wuͤrdigen alten Manne, dem die Insel einige ihrer besten, liebenswuͤrdigsten Einwohner zu danken hat. Nachdem wir mit ihm einig geworden, giengen wir beym Gouverneur zu Tische. Die Munterkeit des Gespraͤchs ließ uns sehr deutlich merken, daß man hier zu Lande keine Gelegenheit vernachlaͤßigt, nuͤtzliche Kenntnisse aus guten Buͤchern zu sammeln. Des D. Hawkesworths Beschreibung Capitain Cooks erster Reise um die Welt, in der Endeavour, war hier schon vor einiger Zeit einge- troffen. Man hatte sie mit großer Neugierde gelesen, und es wurden jetzt verschiedne Punkte, diese Colonie betreffend, mit vieler Laune und witzigen aber angenehmen Scherzen durchgegangen. Die Stelle in jener Reisebeschreibung hielt man fuͤr besonders beleidigend, wo den hiesigen Einwohnern Schuld gege- ben wird, daß sie ihre Sklaven mishandeln, so wie auch diejenige wo man bemerkt haben will, es waͤre nicht ein Schiebekarren auf der ganzen Insel zu finden. Hawkesworths Samml. III. Band S. 411. Es giebt zu St. Helena viele Schiebe- karren und auch etliche große Karren, die von Pferden gezogen werden; etliche dersel- ben schien man alle Tage mit Fleiß vor Capitain Cooks Fenster zu bringen. Die Behand- lung der Sklaven ist ebenfalls unrecht vorgestellt. Man ist nicht grausam gegen sie, sie haben aber auch nicht den schaͤdlichen Einfluß auf die Erziehung der Kinder, als am Cap , wo sie das Feuer, welches die Hitze des Climas entzuͤndet, noch mehr an- fachen. Capitain Cook ward aufgefordert sich zu verantworten. Madame Skottowe , die Gemahlin des Gouverneurs, und zugleich das lebhafteste Frauenzimmer in St. Helena , ließ ihren Witz bey dieser Gelegenheit sehr vortheilhaft aus J i i 2 Forster’s Reise um die Welt 1775. May. und der Capitain wußte keine andre Ausflucht, als daß dergleichen Bemerkun- gen nicht aus seinem Tagebuch gezogen waͤren, sondern sich von seinem dama- ligen philosophischen Reisegefaͤhrten herschrieben. Fruͤh am folgenden Morgen machten Herr Stuart , Capitain Cook und ich einen Spatziergang auf die Berge. Wir ritten den Berg hinauf, wel- cher nach Westen liegt und der Leiter-Berg genannt wird. Der erst neuer- lichst gemachte Weg geht in einem Zickzack bergan und ist sehr bequem. Es ist neun Fuß breit und an der Seite des Thals mit einer drey Fuß hohen Mauer eingeschlossen, welche von denselbigen Steinen aufgefuͤhrt worden, aus welcher der ganze Berg besteht. Er besteht aber aus einem Haufen von Lava, welche hin und wieder zu einer braunen Erde verwittert ist, an vielen Stellen aber große Massen einer schwarzen, loͤchrichten Schlacke ausmacht, die zuweilen verglaset zu seyn schien. Dergleichen Felsenstuͤcke haͤngen an vielen Stellen uͤber den Weg heruͤber und stuͤrzen bisweilen zum Schrecken und mit großer Gefahr der Einwohner herunter, welches gemeiniglich durch die am Berge weidenden Zie- gen veranlaßt wird. Die Soldaten der Garnison haben daher Befehl alle Zie- gen wegzuschießen, welche sich auf diesen hohen Klippen zeigen, und da ihnen die erlegten Ziegen zufallen, so lassen sie es an Befolgung dieses Befehls nicht mangeln. Wir kamen an der Spitze des Berges ins Land hinein, und kaum hatten wir eine halbe Meile gemacht, so fiel uns mit einem mal der schoͤnste Prospect in die Augen. Er bestand aus verschiednen schoͤnen Huͤgeln, die mit dem herrlichsten Gruͤn bedeckt und mit fruchtbaren Thaͤlern durchschnitten wa- ren, in welchen sich Frucht- und Baum-Gaͤrten wie auch andre Plantagen be- fanden. Einige Hutungen waren mit einem Gehege von Steinen umgeben, und mit einer zwar kleinen aber schoͤnen Art von Hornvieh und englischen Schafen angefuͤllt. Jedes Thal hatte einen kleinen Bach, und einige dieser Baͤche schie- nen an den beyden hohen Bergen zu entspringen, die in der Mitte der Insel lie- gen und oft in Wolken verhuͤllt sind. Wir paßirten verschiedne Berge und hatten eine Aussicht nach Sandy-Bay , welches eine kleine Bucht an der andern Seite der Insel ist, und eine Batterie zur Bedeckung hat. Der Pro- spect war hier ungemein romantisch, die Be rge waren bis an die Spitzen mit wilden Waͤldern bedeckt und einige, besonders Dianen-Pic , erhoben sich in in den Jahren 1772 bis 1775. den schoͤnsten Formen. Die Felsen und Steine dieser hoͤhern Gegend waren 1775. May. von ganz andrer Art, als in den niedrigern Thaͤlern. Unterwaͤrts gabs un- laͤugbare Spuren alter Volcane; hier oben aber bestand alles aus dunkel grauen thonigten und schichtweis liegenden Steinen, zuweilen auch aus Kalkstein, und an verschiednen Stellen aus einem fetten, weichen Seifensteine. Diese Bemerkungen treffen mit denen in der Hawkesworthischen Sammlung nicht uͤber- ein. Es ist falsch, daß Volcane sich immer in den hoͤchsten Bergen finden sollten; und die Uebereinstimmung der Winkel von Bergen, die gegen einander uͤber liegen, ist kriti- schen Beobachtern eben so wenig deutlich, als die vermeynten Landschaften im Florentint- schen Marmor. Dr. Hawkesworth ist uͤberhaupt in seinen Bemerkungen uͤber Na- tur und Natur-Geschichte sehr ungluͤcklich; und oft ist er nicht gluͤcklicher in seinen an- dern philosophischen Digressionen, indem er Herrn Pauw und Graf Buͤffon oft ver- kehrt verstanden, und sie immer ohne Anzeige gepluͤndert hat. Ueber den wahren Zu- stand der Volcane verweisen wir unsre Leser am besten auf Herrn Ferbers Briefe aus Waͤlschland, deren Englischer Ausgabe ( London 1776.) Herr Raspe in der Vorrede, den Noten und dem Register ungemein lehrreiche Anmerkungen und Aussichten beygefuͤgt hat. Was er darin von der Geschichte der volcanischen Systeme, besonders aber den Volcanen und ihren Wuͤrkungen in der See gesagt, ist ganz neu und ihm allein eigen. Ebengedachten Herrn Raspe lateinische Geschichte der Erde Amsterdam 1763. und Account of some German Volcanos London 1776. gehoͤren gleichfalls dahin; vor allen Dingen aber, jedoch nur der Kupferstiche wegen, Sir William Hamiltons campi Phlegraei — Napoli 1777. woruͤber im Critical Review 1777. ein sehr richti- ges dem Erfindungs- und Beobachtungsgeiste des Ritters nicht sehr guͤnstiges Urtheil gefaͤllet ist; denn er giebt vor, alles selbst beobachtet zu haben, da er doch schlechterdings nur mit fremden Augen sieht — und, welches unverantwortlich, Herrn Ferber eines ge- lehrten Diebstahls zeihet, der ungluͤcklicherweise auf ihn selbst zuruͤckfaͤllt. Das Erd- reich, welches diese Schichten deckt, besteht an vielen Orten aus fetten Boden, sechs bis zehn Zoll tief, und bringt eine große Mannigfaltigkeit herrlich wach- sender Pflanzen hervor, unter denen ich einige Stauden-Gewaͤchse bemerkte, welche ich noch in keinem andern Theile der Welt angetroffen. Man siehet darunter Kohl-Baͤume, Gummi-Baͤume und Roth-Holz, wie die Einwohner sie zu nennen pflegten. Erstere stehen in feuchten nassen Grunde; letztere aber auf den Bergen, wo der Boden ungemein duͤrre ist. Diese Verschie- denheit von Pflanzen kann wohl nicht in der Verschiedenheit des Clima in den J i i 3 Forster’s Reise um die Welt 1775. May. besondern Theilen der Insel ihren Grund haben, wie man in der Hawkeswor- thischen Sammlung hat vorgeben wollen; denn ich habe alle diese Pflanzen dicht neben einander wachsend gefunden, und uͤberhaupt ist die ganze Insel weder so groß noch so ungeheuer hoch, daß in solcher eine Verschiedenheit des Clima an- genommen werden koͤnnte. Der Kohlbaum waͤchst hier wild und hat ziemlich große Blaͤtter; auch zeigte sich bey naͤherer Erkundigung, daß man sich desselben blos zum Brennen bediene, und daß sich keine Ursach angeben lasse, warum man ihn eben den Kohlbaum genannt. Er darf keinesweges mit dem Kohlbaum in Amerika , Indien und der Suͤd-See verwechselt werden, denn der gehoͤrt zum Palmen-Geschlecht. Wir wurden einige mahl durch heftige Regenguͤsse tuͤchtig durchgenaͤßt; in wenig Minuten aber hatte uns die Sonne wieder getrocknet. Unterwegens fragten wir jeden Sklaven, der uns vorkam, wie er von seinen Herrn gehal- ten wuͤrde; weil wir auszumachen wuͤnschten, ob den gedruckten Nachrichten von der Grausamkeit der hiesigen Einwohner zu trauen waͤre. Im Ganzen ge- nommen, waren die Antworten der Sklaven fuͤr ihre Herren guͤnstig genug und voͤllig hinreichend, die hiesigen Europaͤer von dem Vorwurfe der Grausamkeit loszusprechen. Einige wenige klagten freylich daruͤber; daß sie sehr knap gehal- ten wuͤrden; aber das muͤssen sich, wie mir glaubwuͤrdig versichert worden, ihre Herren oft selbst gefallen lassen, als welche sich zu gewissen Zeiten mit Poͤckelfleisch behelfen muͤssen. Die Soldaten sind, wie es scheint, am aller uͤbelsten daran, denn sie haben Jahr aus Jahr ein nichts als eingesalzene Speisen, welche die Ostindische Compagnie noch dazu sehr kaͤrglich austheilen laͤßt. Ihr Sold ist auch geringe, und muß erst durch verschiedne Haͤnde gehen, ehe er von England anlangen kann. Daß er dadurch nicht staͤrker werde, ist leicht zu ermessen. Die arbeitsamsten haben zuweilen Urlaub, fuͤr die Einwohner zu arbeiten und von den Bergen Holz zur Stadt zu bringen. Wir bemerkten einige Greise, welche damit beschaͤftigt waren, und lustig und guter Dinge zu seyn schienen, bis wir sie offenherzig genug machten, ihr Elend vom Herzen wegzusagen, welches freilich nicht ohne Bewegung abgieng. Doch waren sie insgesammt einstimmig in ihrer Liebe fuͤr den Gouverneur, der auf der Insel einer allgemeinen Achtung genießt und auch ihr Wohl sich ernstlich angelegen seyn laͤßt. in den Jahren 1772 bis 1775. Wir kehrten am Abhange des Berges an der andern Seite des Thales 1775. May. wieder zur Stadt zuruͤck und fanden uns durch unsern Ritt sehr erfrischt. Die hiesigen Pferde bringt man hauptsaͤchlich vom Vorgebuͤrge der guten Hofnung hieher; doch werden jetzt auch einige wenige auf der Insel gezogen; sie sind klein von Gewaͤchs, aber zum Klettern in bergigten Gegenden sehr geschickt. Am folgenden Tage bat der Gouverneur nach seinem Landhause eine gros- se Gesellschaft, welche aus den Capitains und den Paßagieren unsers Schiffes und des Dutton bestand. Wir paßirten denselbigen Berg, den wir gestern be- stiegen hatten, und drey Meilen von der Stadt kamen wir zu dem Landhause. Wir wurden daselbst herrlich bewirthet. Das Haus ist nicht groß, hat aber eine ungemein angenehme Lage in der Mitte eines geraͤumigen Gartens, in welchen wir verschiedne Europaͤische, Afrikanische und Amerikanische Pflanzen, vornehm- lich aber einen reichen Ueberfluß von Rosen und Lilien, Myrthen und Lorbeer- baͤumen antrafen. Verschiedne Alleen von Pfirsisch-Baͤumen sahe man mit Fruͤchten beladen, die von vorzuͤglich guten Geschmack und von den unsrigen verschieden waren. Alle uͤbrigen europaͤischen Baͤume hatten nur ein kuͤmmer- liches Ansehen, und sollen, wo ich nicht irre, niemals Fruͤchte tragen. Wein war zu verschiedenen Zeiten angepflanzt, hatte aber des Clima wegen nicht fort- kommen wollen. Kohl und andres Garten-Gewaͤchs gehet sonst vortreflich fort, wird aber mehrentheils von Raupen gefressen. Wir spatzierten auf allen benach- barten Bergen umher, und fanden einige kleine Stellen mit Gersten besaͤet, die aber ebenfalls, so wie andre hier gesaͤete Getraide-Arten, mehrentheils von Rat- ten gefressen wird, die man hier in unendlicher Menge findet, weshalb man das Land nur zu Grasungen nuͤtzet, deren herrlich gruͤnes Ansehen in einem Lande zwischen den Wende-Cirkeln zu bewundern ist. Man sagte uns die Insel koͤnne 3000 Stuͤck Hornvieh erhalten, es fanden sich aber damals nur 2600 Haͤupter darauf. Nach dem großen Umfange des ungenuͤtzten Bodens zu urtheilen, moͤgte weit mehr gehalten werden koͤnnen; man versicherte uns aber, das ein- mahl abgeweidete Gras schieße vor Winters nicht wieder aus, man muͤsse also eine gewisse Anzahl von Weiden fuͤr den Winter sparen. Das Rindfleisch ist saftig, vortreflich von Geschmack und sehr fett. Da der Abgang desselben bestaͤndig und groß ist, so kann es niemals zu alt werden. Die gemeine europaͤische stach- Forster’s Reise um die Welt 1775. May. lichte Pfriemen-Staude ( ulex Europaeus ), welche unsre Laudleute mit großer Muͤhe auszurotten suchen, ist hier gepflanzt worden, und hat nun uͤber alle Wei- den fortgewuchert. Indessen hat man Mittel gefunden, dies Stauden-Gewaͤchs hier zu nutzen, das sonst aller Orten fuͤr unbrauchbar und schaͤdlich gehalten wird. Der Anblick des Landes ist nicht immer so reizend als jetzo gewesen, indem der Boden vor Zeiten von der entsetzlichen Hitze ganz verbrannt war, und Gras und Kraͤuter nur kuͤmmerlich fortkommen ließ. Allein die eingefuͤhrten Pfriemen- Stauden wucherten der Sonne zum Trotze fort und erhielten den Boden etwas feucht. In ihren Schatten fieng nun an Gras zu wachsen, und nach und nach ist das ganze Land mit den schoͤnsten Rasen uͤberzogen worden. Anjetzo bedarf man der Pfriemen nicht weiter, sondern man giebt sich große Muͤhe sie auszurot- ten, und bedient sich derselben als Brennholz, welches auf der Insel sehr selten ist, und womit ich nirgends sparsamer habe umgehen sehen, als hier und am Cap . Es ist wuͤrklich zu bewundern, wie besonders am Cap eine Menge von Speisen bey einem Feuer bereitet werden, das eine englische Koͤchin zum bloßen Kochen eines Theekessels gebrauchen wuͤrde. Bey unsrer Ruͤckkehr sahen wir einige Voͤlker Rebhuͤner, die von der kleinen rothbeinigten Art sind, welche auf der afrikanischen Kuͤste so gemein ist. Auch bemerkten wir einige schoͤne Ring-Fasanen, welche nebst Perl-Huͤnern und Caninchen von dem jetzigen Gouverneur eingefuͤhrt worden. Vorjetzt ist aufs Schießen eines Fasanen noch eine Strafe von fuͤnf Pfunden gesetzt; sie vermeh- ren sich aber so stark, daß diese Einschraͤnkung der Jagd bald unnoͤthig seyn wird. Es koͤnnten noch verschiedne andre nuͤtzliche Artikel hier eingefuͤhrt und gezogen werden. Man koͤnnte Klee und Schneckenklee saͤen, die dem Hornvieh reicheres Futter geben wuͤrden als das gewoͤhnliche Gras allein, und der Anbau von ver- schiednen Huͤlsenfruͤchten, als Schmink- und Chinesischen Bohnen ( dolichos Si- nensis et phaseolus mungo ), aus welchen in der Nord-Amerikanischen Co- lonie Georgien , Sago verfertigt wird Dieser Sago ist dem aͤchten Ost-Indischen an Guͤte voͤllig gleich. Letzterer bestehet aus dem Mark eines Farren-Gewaͤchses der oͤstlichen Inseln in Indien . Die Nord-Ame- rikanische Art kennt man in England unter dem Nahmen von Bowens Sago-Pulver. Die Koͤnigl. Flotte wird damit versehen. , kann nicht zu sehr empfohlen werden. Geduld in den Jahren 1772 bis 1775. Geduld und Versuche wuͤrden zur Vertilgung der Ratten und Raupen auch sehr 1775. May. dienlich seyn, um so mehr da sie allein die Aufnahme des hiesigen Ackerbaues hauptsaͤchlich hindern. Von Senegal muͤßten Esel eingefuͤhrt werden, weil sie daselbst nach Herrn Adansons Berichte von vortreflicher Art seyn sollen. Der Transport schwerer Guͤter wuͤrde dadurch sehr erleichtert werden; und manche Stuͤcken Landes, die zur Weide des Hornviehes nicht gebraucht werden koͤnnen, wuͤrden dieser Art von Lastthieren immer gut genug seyn, als welche in Betracht des Futters so sehr leicht zu befriedigen sind. Wir brachten den folgenden Tag auf Herrn Masons Landhause, vier bis fuͤnf Meilen von der Stadt, zu. Im Hinreiten nahmen wir einen Umweg, um einen Berg nahe am Dianen-Pick zu besteigen, woselbst wir bey sehr reg- nigten Wetter einige seltene Pflanzen sammelten. Auch fanden wir auf diesen Spatzierritt eine kleine Art blauer Tauben, die nebst den rothfuͤßigen Rebhuͤnern hier urspruͤnglich zu Hause sind. Die Reisvoͤgel ( loxiae oryzivorae ) aber sind von Ost-Indien hergebracht und losgelassen worden. Wir ließen auch einen kleinen Meyerhof ohngefehr eine Viertel-Meile von uns liegen, woselbst sich zween Braminen aufhalten muͤssen, denen man Schuld gab, daß sie der Com- pagnie in Indien zu schaden gesucht. Ob sie wirklich was verbrochen haben oder nicht, bleibt allemal ungewiß; indessen sieht man doch den Unterschied zwischen der Englischen und Hollaͤndischen Behandlung der Gefangenen. Der Koͤnig von Madure wird auf Robben-Eiland in einen Kerker gesperrt; allein die Bra- minen in St. Helena , haben Erlaubnis herumzugehen, und besitzen Haus und Gaͤrten, nebst allem noͤthigen Vorrath von Lebensmitteln und andern Bequem- lichkeiten, worunter verschiedne Sklaven zur Aufwartung mit begriffen sind. Gegen Abend kamen wir in die Stadt zuruͤck, woselbst Herr Graham den Einwohnern einen Ball gab. Beym Eintritt ins Zimmer, hatte ich das Vergnuͤgen durch den Anblick eines zahlreichen Zirkels von wohlgebildeten und mit Geschmack gekleideten Frauenzimmern sehr angenehm uͤberrascht zu werden. Ich glaubte unversehens in eine der glaͤnzendsten Hauptstaͤdte von Europa versetzt zu seyn; ihre Zuͤge waren regelmaͤßig, ihre Gestalt reizend, und ihre Farbe blen- dend schoͤn. Sie hatten dabey ungezwungenes Betragen, Feinheit der Sitten, angenehme Lebhaftigkeit und vielen Scharfsinn, welchen sie im Gespraͤch sehr vor- Forster’s Reise u. die W. zweyter Th. K k k Forster’s Reise um die Welt 1775. May. theilhaft fuͤhlen ließen. Am folgenden Abend erschien dieselbe Gesellschaft wie- der auf einem Ball, und wir fanden Ursache, ihre Lebhaftigkeit und Activitaͤt um so mehr zu bewundern, weil sie in der kurzen Zwischenzeit wenig Erholung genossen hatten. Die Frauenzimmer uͤbertrafen die Mannspersonen weit an der Zahl, ohngeachtet viele Officiere und Paßagiere von beyden Schiffen zugegen waren. Man erzaͤhlte uns bey dieser Gelegenheit, daß auf der Insel, so wie am Vorgebuͤrge der guten Hofnung , ungleich mehr Maͤdchen als Knaben gebohren wuͤrden. In der That verdiente es naͤhere Untersuchung, ob dies nicht jederzeit in warmen Laͤndern der Fall sey, besonders weil man daraus wichtige Folgerun- gen in Betracht der Heyrathsgesetze verschiedner Voͤlker ziehen koͤnnte. Das Verhaͤltnis der maͤnnlichen und weiblichen Geburten ist selbst in Europa noch nicht allenthalben voͤllig bestimmt, noch einfoͤrmig befunden worden. In Frankreich und England werden mehr Knaben gebohren, in Schweden aber mehr Maͤdchen. Die Zahl der Einwohner in St. Helena uͤbersteigt nicht 2000 Personen, ohngefehr 500 Soldaten und 600 Sklaven mit eingerechnet. Die Insel hat etwa zwanzig Meilen im Umkreise und acht in ihrer groͤßten Laͤnge. Die Ost-Indischen Schiffe, die hier anlegen, und fuͤr ihre Mannschaft Erfri- schungen an Bord nehmen, versehen die Einwohner mit allerley Indianischen Manufakturen. Auch laͤßt die Compagnie jaͤhrlich ein oder zwey Schiffe auf der Hinreise nach Indien zu St. Helena anlegen, um dort den noͤthigen Vorrath von Europaͤischen Waaren und Lebensmitteln abzuliefern. Viele Sklaven be- schaͤftigen sich stets mit der Fischerey, die laͤngst den felsigten Ufern der Insel sehr ergiebig ist; und auf diese Art naͤhren sich die Einwohner das ganze Jahr hindurch. Zur Abwechslung giebt ihnen ihr Hornvieh und Federvieh, desgleichen verschiedne Wurzeln statt des Brods, zuweilen auch englisches Poͤckelfleisch hinlaͤnglichen Unterhalt. Und so scheint ihr Leben sehr gluͤcklich in Ruhe und Zufriedenheit dahin zu fließen, frey von den unzaͤhligen Sorgen, die ihre Landsleute in Eng- land quaͤlen. Dieselbe Gesellschaft, die Abends am Ball gewesen, kam fruͤh Morgens in die Kirche. Herr Carr , ein verdienstvoller junger Mann, hielt eine gruͤnd- liche, seinen Kirchkindern angemessene Predigt, die uns eine sehr vortheilhafte Meynung von ihm beybrachte. Wir speisten darauf nochmals beym Gouver- in den Jahren 1772 bis 1775. neur, und nachdem wir von unsern neuen Bekannten Abschied genommen, deren 1775. May. angenehmer Umgang in der kurzen Zeit unsers Aufenthalts uns große Werth- schaͤtzung gegen sie eingefloͤßt hatte, giengen wir ans Schif zuruͤck. Capitain Cooks Abreise ward wie seine Ankunft mit einer Salve von den Festungswerken beehrt. Gegen Abend lichteten wir die Anker, und seegelten nordwaͤrts in Be- gleitung des Dutton. Die Ost-Indische Compagnie hatte seit kurzen ihren Schiffen einen Befehl nach St. Helena entgegen geschickt, darinn ihnen verboten ward, die Insel Ascension ins kuͤnftige zu beruͤhren, woselbst sie vormahls Schild- kroͤten zu fangen pflegten. Capt. Cook , der diese Insel gerne besuchen wollte, verließ den Dutton am 24sten Abends, nachdem wir alle am Bord dieses Schifs gespeist, und vom Capitain Rice nebst seinen Paßagieren viele Hoͤflichkeiten ge- nossen hatten. Fruͤh Morgens am 28sten erblickten wir das Land, und liefen den ganzen Tag bis gegen fuͤnf Uhr Abends, da wir in der Creutz-Bay ankerten. Diese Insel ward zuerst im Jahr 1501. von Joao da Nova Galego einem Portugiesen entdeckt, der sie Ilha da Conceicao nannte. Derselbe Admiral entdeckte auf der Ruͤckreise 1502 die Insel St. Helena , welche diesen Nahmen vom Tage der Entdeckung bekam Diese Umstaͤnde finde ich in einem Portugiesischen MS. angefuͤhrt, welches mir Herr George Perry , der neulich aus Indien zuruͤck gekommen ist, guͤtigst mitgetheilt hat. Es heißt, Conquista da India per huas e outras Armas reaes e Evangelicas. Der Verfasser scheint ein Jesuit gewesen zu seyn. . Ascension ward 1503. zum zweeten mahl von Alfonso d’Albuquerque gesehn, der ihr den jetzigen Nahmen beylegte. Allein schon damals war sie in eben dem erbaͤrmlichen wuͤsten Zustande, darinn man sie noch jetzt sieht Man sehe die Reise des Giovanni da Empoli , auf eines von Albuquerquës Schiffen; Ramusio Raccolta di Viaggi . Vol. I. p. 145. Ausgabe von 1563. . Wir schickten sogleich einige Partien unsrer Mann- schaft an Land, die des Nachts den Schildkroͤten aufpassen mußten, wenn sie aus dem Wasser kamen, ihre Eyer in den Sand zu legen. Der oͤde Anblick dieser Insel war so fuͤrchterlich, daß wir Ooster-Eiland gar nicht damit vergleichen konnten, und sogar Tierra del Fuego mit seinen Schneebergen vorziehen mußten. Es war ein wilder Felsen-Haufen, der groͤßtentheils, soweit wir vom Schif ab- K k k 2 Forster’s Reise um die Welt 1774. May. sehen konnten, von volkanischem Feuer verbrannt war. Beynah im Mittelpunkt der ganzen Insel steht ein großer hoher Berg von weißer Farbe, auf welchen wir mit Huͤlfe unsrer Fernglaͤser etwas gruͤnes entdeckten, das den Nahmen des gruͤ- nen Berges einigermaßen zu entschuldigen schien. Wir landeten des Morgens sehr fruͤh an etlichen Felsen, indem die Brandungen am großen Strande erstaunlich hoch gehn. Dieser Strand ist mit tiefem, trocknem Muschel-Sande bedeckt, der aus ganz kleinen groͤßtentheils schneeweißen Theilchen besteht, die bey hellem Sonnenschein die Augen blenden. Wir stiegen zwischen Haufen schwarzer loͤcherichter Steine hinauf, die den ge- meinsten Laven von Vesuvius und Island vollkommen aͤhnlich waren. Die ein- zelnen Stuͤcke lagen in ungeheuren Klumpen gethuͤrmt, die das Ansehen hat- ten, als waͤren sie mit Menschenhaͤnden gemacht worden. Allein wahrschein- licher Weise kann eine schleunige Erkaͤltung der Lava-Stroͤme eben diese Wuͤr- kung hervorgebracht haben. Nachdem wir zwoͤlf bis funfzehn Ellen senkrecht uͤber der Oberflaͤche der See gewonnen hatten, so befanden wir uns in einer großen Ebene, die sechs bis acht Meilen im Umfange, und in verschiednen Ecken einen großen kegelfoͤrmigen Huͤgel von roͤthlicher Farbe hatte, der ganz frey oder isolirt stand. Ein Theil der Ebene war mit unzaͤhligen Steinhaufen von eben der wild aufgethuͤrmten Lava bedeckt, die wir zunaͤchst am Ufer der See gesehn, und die einen glasartigen Klang von sich gab, wenn zwey Stuͤcke aneinander geschmissen wurden. Zwischen diesen Haufen war der Boden der Ebene fest, und bestand aus schwarzer Erde. Wo die Haufen aber aufhoͤrten, da war das uͤbrige nichts als eine rothe Stauberde, so locker und trocken, daß der Wind ganze Wolken von Staub darauf hin und her bewegte. Die kegelfoͤrmigen Huͤgel bestanden aus einer ganz andern Art Lava, die roth und weich war, daß man sie ohne Muͤhe zu Erde zerreiben konnte. Einer steht gerade mitten vor der Bay, und hat oben auf dem Gipfel ein hoͤlzernes Kreutz, davon die Bay den Nahmen bekommen hat. Dieser Huͤgel ist auf allen Seiten sehr steil; ein Fußpfad aber geht schlaͤngelnd daran herauf, und ist deshalb an drey Viertelmeilen lang. Nachdem wir diese sonderbare Gegend genauer und laͤnger betrachtet hatten, schlossen wir, nicht ohne große Wahrscheinlichkeit, daß die Ebene, worauf wir standen, der Cra- ter oder vormalige Sitz eines Volkans gewesen, von dessen ausgeworfenen Bims- in den Jahren 1772 bis 1775. steinen und Asche die kegelfoͤrmigen Huͤgel allmaͤhlig entstanden waͤren; daß die 1775. May. Lava-Stroͤme, die jetzt das Ansehen einzelner Haufen hatten, vielleicht nach und nach mit Asche bedeckt worden, und daß in der nassen Jahreszeit, die Regenbaͤ- che, die von den innersten Bergen herabgestuͤrzt worden, alles vor sich glatt ge- waschen und mit der Laͤnge der Zeit den Crater ganz ausgefuͤllt haͤtten. Die schwarze Felsen-Lava diente unzaͤhligen Fregatten und Toͤlpeln Pelecanus Aquitus , \&c. Sula. zum Aufent- halte. Sie hatten darauf genistet, und ließen uns ganz nahe hinan kommen. Die Fregatten haben mehrentheils einen erstaunlich großen scharlachnen Beutel oder Kropf unterm Schnabel haͤngen, den sie aufblasen koͤnnen, bis er einer Faust groß ist. Er hat mit dem Beutel des Pelikans viel Aehnlichkeit, und ist vielleicht von der Natur zu eben dem Endzweck als jener bestimmt. Wir fan- den nicht uͤber zehn einzelne halbverdorrte Pflaͤnzchen auf diesem großen Stuͤck felsigten Landes; und darunter waren nur zweyerley Sorten, eine Art Wolfs- milch ( Euphorbia origanoides ) und eine Glockenwinde ( convolvulus pes Caprae ). Um Mittag kehrten wir ans Schif zuruͤck und sahen daselbst nur sechs Schildkroͤten, die uͤber Nacht gefangen worden, indem die Jahrszeit jetzo beynah verflossen war, in welcher sie ihre Eyer legen. Der Officier, den wir Ostwaͤrts geschickt hatten, fand daselbst die Ueberbleibsel eines gestrandeten Schifs, welches zum Theil in Brand gewesen, und von der Mannschaft vermuthlich, um sich selbst zu retten, an Land getrieben worden. Die Vorstellung der elenden Umstaͤnde dieser Leute, auf einer so oͤden Insel, ehe ein andres Schif sie abho- len koͤnnen, erregte sogar das Mitleid unsrer Matrosen. Ihr Ungluͤck aber war nunmehr Vortheil fuͤr uns; denn da wir Mangel an Brennholz hatten, so schickte Capt. Cook seine Boͤte hin, das uͤbrige Gerippe dieses Schifs an Bord zu laden. Gegen acht Uhr Abends, wie es schon ganz finster war, kam ein kleines Fahrzeug in die Bay, und ankerte zwischen uns und dem Lande. Nach wieder- holten Anfragen, bekam Capitain Cook zur Antwort, es sey eine Schaluppe ( Sloop ) aus Neu-York , die Lucretia genannt, die eben von Sierra Leon , an K k k 3 Forster’s Reise um die Welt 1775. May. der Afrikanischen Kuͤste kaͤme, um Schildkroͤten zu laden, und sie in den Antil- lischen Inseln zu verkaufen. Einer unsrer Lieutenants ward an dies kleine Fahr- zeug geschickt, und hoͤrte vom Schiffer, daß er das unsrige fuͤr ein Franzoͤsisches Ost-Indisches Schif gehalten, auch sehr verlangte mit Englischen Ost-India- fahrern zu handeln; weshalb ihm aber die neue Berordnung der Compagnie ei- nen Strich durch die Rechnung gemacht haͤtte. Er speiste mit unsern Officieren den folgenden Tag, seegelte aber am 31sten bey Tagesanbruch ab. Am 30sten fruͤh Morgens landeten wir zum zweeten mahl, und kamen, nachdem wir uͤber die Ebene gegangen, an einen fuͤrchterlichen Lava-Strom, darinn viele Canaͤle sechs bis acht Ellen tief giengen, die den deutlichsten Kennzeichen zufolge, von gewaltigen Regenbaͤchen weggewaschen oder gebaͤhnt worden; jetzt aber weil die Sonne in der noͤrdlichen Halbkugel stand, ganz ausgetrocknet waren. In diesen Vertiefungen fanden wir eine geringe Quantitaͤt Erdreich, das aus einer schwarzen volkanischen Erde, und einer Mischung von weißen sandigten oder harten Theilchen bestand. In diesem trocknen Boden wuchs etwas Portulak, und eine Art von Gras ( panicum sanguineum ). Nachdem wir endlich mit großer Muͤhe uͤber diesen gewaltigen Lava-Strom geklettert waren, erreichten wir den Fuß des gruͤnen Berges, der, wie wir schon vom Schiffe im Hafen gesehn, ganz an- dre Bestandtheile, als das uͤbrige Land hatte. Die naͤchst umliegenden Theile der Lava waren mit einer erstaunlichen Menge Portulak und einigen Stauden eines neuen Farrenkrauts ( lonchitis adscensionis ) bewachsen, davon sich ver- schiedne Heerden wilder Ziegen naͤhrten. Der große Berg ist unten in ver- schiedne Wurzeln durch große Kluͤfte abgetheilt, die aber oben alle zusammen kom- men, und eine große Masse von betraͤchtlicher Hoͤhe bilden. Dieser ganze Berg besteht aus einem sandigten, poroͤsen oder tuff artigen Kalkstein, der vom Vol- kan nicht angegriffen worden, und vermuthlich noch vor dem Ausbruche existirt hat. An den Seiten waͤchst uͤberall sehr haͤufig ein Gras das dieser Insel eigen ist, und vom Ritter von Linn é den Nahmen Aristida ascensionis bekommen hat. Wir sahen auch hier etliche Heerden Ziegen, die aber wild und scheu wa- ren, und mit der groͤßten Schnelligkeit an den schrecklichsten Abgruͤnden fortlie- fen, wo man ihnen unmoͤglich folgen konnte. Der Schiffer des Neu-Yorkschen Fahrzeuges versicherte, es sey auf diesem Berge eine frische Quelle befindlich, die in den Jahren 1772 bis 1775. sich an einer hohen steilen Felsen-Wand herabstuͤrze, und hernach im Sande ver- 1775. May. liere. Ich meines Theils, bin fest uͤberzeugt, daß die Ascensions-Insel mit weniger Muͤhe bewohnbar gemacht werden koͤnnte. Wenn man, zum Beyspiel, die Europaͤischen stachlichten Pfriemen-Stauden ( ulex europaeus ) und aͤhn- liche Pflanzen, die gut im trocknen Boden fortkommen, hieher verpflanzte, sol- ten sie nicht eben die gute Wuͤrkung als auf der Insel St. Helena thun, beson- ders wenn sie so beschaffen sind, daß Ziegen und Ratten, die einzigen hiesigen vierfuͤßigen Thiere, sie nicht beruͤhren moͤgen? Die Naͤsse, welche von den hohen Bergen im Mittelpunkt der Insel angezogen wird, wuͤrde alsdenn nicht mehr von der uͤbermaͤßigen Sonnenhitze ausduͤnsten, sondern in kleine Baͤche gesammelt werden, und nach und nach die ganze Insel waͤssern. Man wuͤrde bald aller Orten einen schoͤnen Rasen erblicken, davon die Schichte der Pflanzen- Erde als denn jaͤhrlich zunaͤhme, bis man nuͤtzlichere Kraͤuter darauf ziehen koͤnnte. Wir kehrten langsam in der groͤßten Mittagshitze uͤber die Ebene nach Kreutz-Bay zuruͤck, und da wir mehr als fuͤnf Meilen Weges vor uns hatten, so wurden wir dermaßen von der Sonne und dem erhitzten Erdreiche mitgenom- men, daß wir gegen drey Uhr ganz ermuͤdet und im Gesicht, Nacken und Fuͤßen verbrant das Ufer erreichten. Nachdem wir in einer kleinen Bucht zwischen ei- nigen Felsen gebadet hatten, schickte man auf unsre Signale ein Boot ab, wel- ches uns ans Schif zuruͤckbrachte. Am folgenden Vormittage ward wieder in Begleitung Capt. Cooks ein Spatziergang nach dem gruͤnen Berge vorgenom- men; allein keiner war stark genug ihn zu erreichen. Es wurden auch diesmal keine neue Beobachtungen gemacht, indem die Ufer dieser Insel rings umher un- beschreiblich oͤde und unfruchtbar sind. Nachmittags hoben wir alle unsre Boͤte ein, und giengen unter Seegel, nachdem wir vier und zwanzig Schildkroͤten an Bord genommen, deren jede zwischen drey und vier Centner wog. Sie reichten drey Wochen lang zu unsrer Nahrung hin, indem taͤglich eine und zuweilen zwo geschlachtet wurden, auch die Mannschaft bekam von diesem gesunden, wohl- schmeckenden Fleische so viel, als sie verzehren konnte. Forster’s Reise um die Welt Zwoͤlftes Hauptstuͤck . Lauf von der Ascensions-Insel , bey der Insel Fernando da Noronha voruͤber, nach den Azorischen Inseln . — Aufent- halt zu Fayal . — Ruͤckkehr nach England . 1775. Junius. N achdem wir die Ascensions-Insel verlassen, so liefen wir so weit nach We- sten, daß wir am 9ten Junius, gegen ein Uhr Nachmittags die Insel Fernando da Noronha , unweit der Brasilianischen Kuͤste zu Gesicht bekamen. Da die astronomische Laͤnge dieser Insel noch zum Theil ungewiß war, so rich- tete Capitain Cook seinen Lauf dahin, um diesen Punkt genauer zu bestimmen. Americo Vespucci , dessen Nahme dem Welttheil beygelegt worden, davon er einer der ersten Entdecker war, traf waͤhrend seiner vierten Reise, schon im Jahr 1502 Ramusio Raccolta di Viaggi \&c. tom. I. p. 129. auf diese Insel; woher sie aber ihren jetzigen Nahmen bekommen, ist unbekannt. Im Jahr 1733 legte die Franzoͤsische Ost-Indische Compagnie daselbst eine kleine Colonie an; allein die Portugiesen machten bald Anspruͤche darauf, und nahmen sie im Jahr 1739 in Besitz Don Anton Ulloas Reise nach Suͤd-Amerika kann hiebey zu Rathe gezogen werden. Der zweete Theil enthaͤlt eine Nachricht der Portugiesischen Colonie auf dieser Insel. . Nach Anzeige der Fran- zoͤsischen Carten, besteht das Innere der Insel groͤßtentheils aus Ebenen, die von den Huͤgeln laͤngst der See-Kuͤste eingeschlossen werden Emen Plan der ganzen Insel findet man in des Herrn Buachens Carte de la partie de l’Océan vers l’Equateur entre les côtes d’ Afrique \& d’ Amérique . 1737. Diese Carte ward herausgegeben, um zu beweisen, daß gewisse darinn angegebne Sandbaͤnke und Untiefen (deren Nicht-Daseyn erwiesen ist) die Stroͤmungen in dem Theile des Meers verursachen. Die franzoͤsischen Philosophen haben darauf viele Systeme gebauet, die natuͤrlicher Weise nichts weniger als gegruͤndet sind. . Wir naͤherten uns ihr von der Ostseite, und liefen um die Ratten-Insel , die an der Nordoͤst- lichen Spitze liegt. Hier erblickten wir die Bahia de Remedios , die durch fuͤnf Casteele, theils auf Fernando Noronha selbst, theils auf einem Felsen an in den Jahren 1772 bis 1775. an der Nord-Oestlichen Spitze gelegen, beschuͤtzet wird. Die Insel war aller 1775. Junius. Orten mit Waldung bedeckt, und einige Berge hatten das Ansehen, als ob sie volcanisch waͤren, ohnerachtet sie jetzt mit gruͤn reichlich bekleidet waren, daran wir aber keine Spur von Anbau bemerken konnten. Die fuͤnf Vestungen ließen ihre Flaggen zugleich wehen, und von einer ward eine Canone abgefeuert. Wir zeigten ebenfalls unsre Flagge, feuerten ein Stuͤck unterm Winde, und legten in demselben Augenblick das Schif nach Norden um. Am 11ten paßirten wir die Linie zum zweyten mal, nachdem wir uns zwey Jahre und neun Monathe lang in der Suͤdlichen Halbkugel aufgehalten. Die hier gewoͤhnlichen Windstillen hielten uns nicht eher auf, als bis wir den 4ten Grad noͤrdlicher Breite erreicht hatten. Sie dauerten vom 14ten bis zum 18ten, worauf wir den Nord-Ost-Passatwind bekamen. Die Mann- schaft hatte in der Zwischenzeit einige Hayfische und ein Meerschwein gefangen, welche sie mit gutem Appetit speiseten. Beynahe die Haͤlfte einer zahlreichen Sammlung lebendiger Thiere, die mein Vater am Vorgebuͤrge der guten Hof- nung theuer gekauft hatte, starben ehe sie soweit gebracht werden konnten. Wollte er die uͤbrigen am Leben erhalten, so mußte er sich jetzt in neue Kosten setzen, um sie gegen die Bosheit der Matrosen zu sichern, die fast alle bisher gestorbenen heimtuͤckischer Weise umgebracht hatten. Der Passatwind fuͤhrte uns innerhalb 12 Tagen uͤber dem heißen Erd- Julius. guͤrtel hinaus, und hielt hernach noch fuͤnf Tage an; indem die Sonne, von deren Standpunkt in der Eccliptik die Graͤnzen dieses Windes abhaͤngen, noch in den noͤrdlichen Zeichen stand. Am 4ten Julius bekamen wir kurze Wind- stoͤße mit abwechselnden Windstillen, und am folgenden Tage erfolgte eine voͤl- lige Windstille, die zween Tage lang unveraͤndert, und noch zween andre, mit leichten Luͤftgen vermischt, fortdauerte. Die Breiten, wo diese Windstillen meh- rentheils angetroffen werden, nennen die See-Leute, welche den Ocean zwischen Europa und America befahren, die Pferde-Breiten, ( horse latitudes ) in- dem sie den Pferden und anderm Vieh, das nach Amerika gefuͤhrt wird, sehr schaͤdlich sind. Es giebt Faͤlle, wo dergleichen Windstillen einen ganzen Mo- nat angehalten, ohne daß mehr als ein schwaches Luͤftgen sie von Zeit zu Zeit unterbrochen haͤtte. Forster’s Reise u. die W. zweyter Th. L l l Forster’s Reise um die Welt 1775. Julius. Am neunten erhielten wir guten Wind, womit wir unsern Lauf nach den Azorischen oder sogenannten westlichen Eilanden ( western islands ) richte- ten. Am 13ten gegen vier Uhr Nachmittags erblickten wir auch schon die Insel Fayal . Fruͤh am folgenden Morgen naͤherten wir uns dem Lande, und sahen die hohe Insel Pico , deren Ufer ganz mit Gruͤn bekleidet, und mit Woh- nungen besaͤet zu seyn schienen. Um sieben Uhr gelangten wir in die Rheede oder Bay von Fayal , wo die Schiffe gemeiniglich ankern. Der Portugiesi- sche Ober-Pilote kam uns in einem Boot entgegen, um uns einen sichern Platz im Hafen anzuweisen, woselbst schon drey Schiffe vor Anker lagen. Er er- zaͤhlte uns auf Franzoͤsisch, daß eines derselben, ein kleines Portugiesisches Fahr- zeug, neulich von Para in Brasilien , hier angelangt sey, indem es seinen Be- stimmungs-Ort, die Inseln des gruͤnen Vorgebuͤrges , verfehlt hatte. Ein andres kleines Fahrzeug zeigte keine Flagge, und kam von Nord-Amerika . Das dritte war die Pourvoyeuse, eine franzoͤsische Fregatte, deren Capitain Mr. d’ Estelle mit der groͤßten Hoͤflichkeit einen Lieutenant mit dem Anerbieten seiner Dienste an Capitain Cook abschickte. Nachdem wir das Anker hatten fallen lassen, ward ein Officier mit der gewoͤhnlichen Anfrage wegen der Be- gruͤßung, an den Commendanten der Festung geschickt; nachdem er aber ver- schiedene Stunden lang aufgehalten worden, entließ man ihn mit der Antwort, daß das Casteel allemahl zwey Canonen weniger zuruͤckgaͤbe, als es bekommen haͤtte, weshalb wir es denn gar nicht begruͤßten. Das amerikanische Fahr- zeug seegelte Nachmittags ab, indem der Schiffer nichts Gutes von uns er- wartete, ohnerachtet wir wirklich mit aller Welt Frieden fuchten. Der Anblick der Stadt gegen die See machte fast eben den Eindruck auf uns, als der von Funchal in Madera . Sie liegt laͤngst dem Strande der Bay, an dem sanften Abhange der Huͤgel, die rund umher eine Art von Amphitheater bilden. Die Kirchen, Kloͤster, Casteele und Haͤuser mit platten Daͤchern, sind groͤßtentheils weiß und machen eine sehr mahlerische Wuͤrkung. Die Huͤgel uͤber der Stadt gehoͤren zu den ansehnlichsten, welche Natur und Fleis je verschoͤnert haben. Sie waren jetzt mit reifen Korn-Feldern, Gaͤr- ten, Lust-Waͤldern und allerley Gebaͤuden bedecket, die eine starke Bevoͤlke- rung und Wohlstand verriethen. Zwey Casteele, eins an jedem Ende der Stadt, in den Jahren 1772 bis 1775. dienen ihr zur Vertheidigung, und bestreichen zugleich die Rheede. Das 1775. Julius. suͤdliche ist das betraͤchtlichste. Gleich nach Mittage gieng Capitain Cook nebst meinem Vater und mir unter dem suͤdlichen Casteel ans Ufer. Wir hatten kaum Fuß an Land ge- setzt, so entdeckten wir schon, warum die Portugiesen nicht Schuß vor Schuß auf unsre Salve antworten wollten. Die Canonen lagen auf veralteten La- vetten, und da war es freylich nicht rathsam, sie der gewaltsamen Erschuͤtte- rung des Abfeuerns auszusetzen. Die mehresten standen auf einem Wall, der viel zu enge war, um von geringer Erheblichkeit zu seyn. Ueberdem versi- cherte man uns, daß der jetzige oͤkonomische Minister in Portugal es fuͤr uͤber- fluͤßig halte, bey dergleichen Gelegenheiten Schiespulver zu verschwenden. Wir giengen durch einen Theil der Stadt, die Villa da horta heißt. Sie ist fuͤnf Viertelmeilen lang, und besteht aus einer Hauptstraße, die von etlichen Queer- Gassen durchschnitten wird. Die Haͤuser sind gerade so wie in Madera ge- baut, und haben vorspringende Erker ( balconies ) die oben mit einem Dach, an den Seiten aber mit beweglichen Gegittern statt der Fenster versehen sind. Nachdem wir die drey Parochial-Kirchen besucht hatten, die alle im Gothi- schen Geschmack und finster wie in Madera gebauet sind, wurden wir zum Eng- lischen Vice-Consul, Herrn Dent gefuͤhrt, der uns sehr hoͤflich empfieng, und den Herrn Wales und Hodges nebst meinem Vater und mir sein Haus waͤh- rend unsers Aufenthalts anbot. Hierauf fuͤhrte er uns in die verschiednen Kloͤster. Eines gehoͤrt den Franciscanern, und enthaͤlt zwanzig Moͤnche nebst verschiednen Layen, die nach ihrer eignen Aussage der hiesigen Jugend Unter- richt in der Beredsamkeit, Philosophie und Theologie geben. Ein andres Kloster liegt auf einer Anhoͤhe, und hat zwoͤlf Carmeliten nebst ihren Lay- Bruͤdern. Das dritte gehoͤrt zwoͤlf Capucinern und einigen Layen, und liegt auf einem Huͤgel uͤber der Stadt. Das vierte steht im besten, ansehnlichsten Theile der Stadt und war das ehemalige Jesuiter-Kloster; allein es dient jetzt zum Gerichtshofe, einen Fluͤgel ausgenommen, daraus eine oͤffentliche Schule geworden ist. Daß die Gelehrsamkeit in diesen finstern Zellen bluͤhen sollte, darf man nicht erwarten. Die Moͤnche haben hier nicht die geringste Gele- genheit etwas zu lernen, sondern sind zufrieden, wenn sie nur angenehm und L l l 2 Forster’s Reise um die Welt 1775. Julius. ruhig leben koͤnnen, daher sie sich um das Studiren nicht bekuͤmmern. Wir besuchten hiernaͤchst die beyden Nonnen-Kloͤster. Eines ist dem H. Johannes gewidmet, und wird von 150 Nonnen vom Orden St. Clara und eben so viel Maͤgden bewohnt. Sie tragen einen langen Rock von dunkel brauner Serge ( Serge ) uͤber einen andern von weißem Kattun. Im zweyten Kloster woh- nen achtzig bis neunzig Nonnen, vom Orden der Nossa Senhora de Con- ceicao, mit eben so vielen Aufwaͤrterinnen. Sie tragen weiße Kleider, und auf der Brust ein blaues Stuͤck Seidenzeug mit einem Bilde der heiligen Jung- frau auch einer silbernen Platte. Wir wurden an beyden Orten am Gegit- ter sehr hoͤflich empfangen, allein da keiner des andern Sprache verstand, so mußten wirs dabey bewenden lassen. Ihre Aussprache war sanft, und in ei- nem singenden Ton, den wir anfaͤnglich fuͤr geziert hielten, bis wir ihn durch- gaͤngig bey dem ganzen Volke bemerkt hatten. Ihre Bildung war zum Theil sehr angenehm, und ihre Farbe nicht so dunkel, als wir erwartet hatten, doch bey den mehresten blaß und lebloß. Indessen hatte die Religion ihre Herzen nicht so ganz erfuͤllt, daß nicht noch Funken des physicalischen Feuers uͤbrig geblieben waͤren. Ihre schoͤnen Augen blieben der Natur noch getreu, und will man nur den hundertsten Theil desjenigen glauben, was in Fayal erzaͤhlt wird, so ist nicht zu laͤugnen, daß der Liebesgott auch in ihren Zellen unum- schraͤnkt regiere. Wir spatzierten bis nach Sonnen-Untergang in der Stadt und auf den umherliegenden Huͤgeln, und kamen endlich nach Herrn Dents , des Consuls, Hause zuruͤck. Daselbst machten wir Bekanntschaft mit einem Portngie- sischen Priester, der etwas besser Latein, als die Moͤnche in allen dreyen Kloͤstern sprach. Er war ein gescheuter Mann, der viele Kenntnisse besaß, und sich ver- mittelst einer ruͤhmlichen Wißbegierde, uͤber viele gewoͤhnliche Vorurtheile seiner Landsleute weit hinweg gesetzt hatte. Er zeigte uns ein Spanisches Litterarisch- politisches Journal, welches jetzt durchgaͤngig in ganz Portugal gelesen wird, weil der Premier-Minister Der Marquis von Pombal und der Graf d’Oeyras . — Die Wuͤnsche der ganzen Portugiesischen Nation sind erfuͤllt, und Pombal ist gestuͤrzt. Indessen steht noch zu erwarten, was sie dadurch gewinnen werde. dort alle Arten von Zeitungen oder oͤffentlichen in den Jahren 1772 bis 1775. Nachrichten zu drucken verboten hat. Bey solchen Verordnungen muß freylich 1775. Julius. die tiefste Unwissenheit in diesem Koͤnigreiche allgemein werden, und darin be- steht die groͤßte Sicherheit einer tyrannischen Regierung. Folgenden Morgen besuchten wir die Officiers der Franzoͤsischen Fregatte, die im Hause einer Englischen Wittwe, Madame Milton , wohnten. Diese gute Frau brach gleich in Thraͤnen aus, so bald sie hoͤrte, daß wir um die Welt geseegelt waͤren; denn diese Reise erinnerte sie an den Verlust eines Sohnes, der mit Capt. Furneaux gefahren, und mit dem ungluͤcklichen Rowe , von den Neu-Seelaͤndern den grausamsten Tod erlitten hatte. Die Umstaͤnde, womit sein Schicksal verknuͤpft war, sind nach den Begriffen, die wir durch die Erzie- hung bekommen, viel schrecklicher als jede andre Todes-Art, und mußten daher einen so viel schmerzlichern Eindruck auf die betruͤbte, ungluͤckliche Mutter ma- chen. Auch war ihre Wehmuth von der aͤchten Art, der jedes gefuͤhlvolle Herz beystimmen muß, und erinnerte uns, wie viele Muͤtter beydes in Europa und den Inseln des Suͤd-Meeres , Ursache gehabt, den fruͤhen Tod ihrer Soͤhne zu bejammern, und zugleich den Unternehmungs-Geist der Menschen zu ver- fluchen. Madame Milton hatte nach reiflicher Erwaͤgung der vielen Wider- waͤrtigkeiten, die sie in ihrem Leben empfunden, den Entschluß gefaßt, ihrer Tochter Ruhe und Gluͤckseeligkeit zu versichern, und sie in eins der hiesigen Kloͤster zu schicken, ohne zugleich zu bedenken, daß im vierzehnten Jahre des Lebens die Welt solche Reize und Annehmlichkeiten hat, die freylich im funfzig- sten ihre anziehende Kraft verlieren. Ihre Tochter war so wohlgebildet, daß sie den Portugiesischen Damen in Fayal den Preis der Schoͤnheit streitig machen konnte. Einer unsrer Officiers nahm sich also ihrer an, und suchte Madame Milton von ihrem Vorhaben abzubringen, indem er sie in den plumpsten Aus- druͤcken eines groben Seefahrers versicherte, daß sie, anstatt ein verdienstliches Werk zu thun, den ewigen Fluch Gottes auf sich ziehen wuͤrde. Die Leser moͤgen entscheiden, ob die Ermahnungen eines Seemannes uͤberhaupt, und in diesem Tone, vielen Eindruck machen konnten; jedoch die Dame nahm sie mit einer gefaͤlligen Miene an, und in der Folge des Gespraͤchs zeigte sichs, daß sie nicht bloß aus Froͤmmigkeit, sondern vielmehr aus Privat-Absichten, ihre Toch- ter zur Nonne zu machen wuͤnschte. L l l 3 Forster’s Reise um die Welt 1775. Julius. Wir machten hernach einen Spatziergang auf die Huͤgel uͤber der Stadt. Sie waren stark bebaut, und alle Felder mit Mauern umgeben, deren Steine zuweilen verkittet, zuweilen auch nur in Moos gelegt waren. Die Einwohner bauen groͤßtentheils Waizen, mit baͤrtigen langen Aehren, und kurzen Halmen. Sie haben auch etwas Gerste, die schon unters Dach gebracht war, und Mays, oder tuͤrkisches Korn, das hin und wieder zwischen den Kastanien-Baͤu- men gesaͤet wird, die das Land sehr verschoͤnern. Steht es aber in offenen Fel- dern, so ist es mehrentheils mit Faselbohnen vermengt. Um die Haͤuser oder Huͤtten her fanden wir einige Felder mit Gurken, Kuͤrbißen, Melonen und Wassermelonen, so wie auch Safflor, dessen sich die Portugiesen bedienen, um ihren Speisen eine gelbe Farbe mitzutheilen. Ihre Obstgaͤrten enthalten Zitro- nen, Orangen, Pflaumen, Apricosen, Feigen, Birnen und Aepfelbaͤume. Sie pflanzen wenig Kohl, und ihre gelben Ruͤben oder Moͤhren arten aus und werden weis, weshalb sie jaͤhrlich frischen Saamen aus Europa kommen lassen. Die Regierung hat den Anbau der Kartoffeln scharf anbefohlen; sie werden auch haͤufig gepflanzt, aber wohlfeil verkauft, weil das Volk sie nicht gern ißt. Große suͤße Zwiebeln, und Knoblauch, werden von den Portugiesen als die schmackhaftesten Gewaͤchse in großer Menge gepflanzt, wie auch die sogenannten Liebes-Aepfel ( Solanum lycopersicon Linn. ) die hier Fomatos heißen, imgleichen Erdbeeren. Man findet auch einige Weingaͤrten, allein es wird nur wenig und schlechter Wein davon gemacht. Ihre Ochsen sind klein, haben aber schmackhaftes Fleisch, ohnerachtet sie hier zu Lande nicht allein im Pfluge, son- dern auch im Karren ziehen muͤssen. Die hiesigen Schaafe, deren Fleisch von guten Geschmack, sind ebenfalls kleiner Gattung; hingegen Schweine und Zie- gen sehr langbeinigt. Von Federvieh findet man hier alle Arten. Ihre Pferde sind klein und schlecht; hingegen Esel und Maulthiere schoͤn, zahlreich, und in diesem bergigten Lande brauchbar. Die Wege sind ungleich besser gebahnt als in Madera , und alles uͤberhaupt zeigt den groͤßeren Fleiß der Einwohner an. Die Karren aber machen einen unertraͤglichen Lerm, den man ihrer schlechten Construction zuschreiben muß. Die Raͤder bestehen aus drey großen, unge- schickten Stuͤcken Holz, mit Eisen beschlagen, und an eine starke Achse befestigt, die sich folglich mit den Raͤdern zugleich bewegt, und in einem runden Loche her- in den Jahren 1772 bis 1775. umdreht, welches unter dem Karren in einem daselbst befestigten viereckigten 1775. Julius. Balken angebracht ist. Die Huͤtten des gemeinen Volks sind von Thon gebaut, und mit Stroh gedeckt; zwar klein aber kuͤhle und rein. Im ganzen genommen, haben die Einwohner eine hellere Farbe, als die zu Madera . Ihre Zuͤge sind eben- falls sanfter, obgleich in beyden eine Aehnlichkeit des National-Charakters her- vorleuchtet. Ihre Kleidung ist mehrentheils weit vollkommner, und besteht aus groben linnenen Hemden und Hosen, mit blauen oder braunen Jacken und Stie- feln. Die Weibsleute, die nicht ganz uneben aussehen, tragen einen kurzen Rock und Leibstuͤcke oder Jacke, und das Haar hinten in einen Knoten gebunden. Wenn sie zur Stadt gehen, nehmen sie einen Mantel um, der den Kopf bedeckt, um den Leib gebunden wird, und nur eine kleine Oefnung fuͤr die Augen laͤßt. Die Mannspersonen setzen bey dieser Gelegenheit einen großen ungekrempten Hut auf, und nehmen einen Mantel um. Wir fanden sie allenthalben entweder im Felde oder zu Hause bey der Arbeit, und nicht ein einziger muͤßiger Bettler war zu sehen, worinn denn der Unterschied zwischen dieser Insel und Madera sehr merklich ist. Wir giengen in einige Waͤldgen und wilde Gebuͤsche oben auf den Huͤgeln, wo wir viele Myrthen wild unter hohen Espen, auch haͤufige Buchen fanden. Letztere werden in der Landessprache Foya ( fagus ) genannt, und daher soll der Nahme der Insel, Fayal , entstanden seyn. Der Prospect von dieser Hoͤhe war aͤußerst anmuthig. Stadt und Rheede lag unter unsern Fuͤßen, und die Insel Pico in einer Entfernung von zwey bis drey See-Meilen grade gegenuͤber. Auf allen Seiten ließen sich unzaͤhlige Canarien-Voͤgel, Droßeln, Amseln und andere Sang-Voͤgel hoͤren, deren Concert uns um so lieblicher war, da es uns an Europaͤische Scenen erinnerte, die wir so lange nicht gesehn hatten. Die ganze Insel war ohnehin reich an allerley Voͤgeln, darunter wir besonders eine Menge gewoͤhnlicher Wachteln, einige Amerikanische Wald-Schneppen, und eine kleine Art Habichte bemerkten. Von letzteren haben diese Inseln den Nahmen Azoren bekommen, weil auf Portugiesisch ein Habicht Açor (Astur) heißt. Die Hitze noͤthigte uns gegen Mittag zur Stadt zuruͤckzukehren, um uns in den hohen kuͤhlen Zimmern in des Consuls Hause zu verbergen. Die Gegend war mir indessen zu reizend, als daß ich den ganzen Tag in der Stadt geblieben waͤre. Ich versuchte also mit Herrn Wales , Patton , Hodges und Gilbert Forster’s Reise um die Welt 1775. Julius. noch einen Spatziergang. Wir giengen beym Capuciner-Kloster des h. Antonii, auf dem Huͤgel, voruͤber, und nahmen ein paar lebhafte kleine Burschen zu Wegweisern an, weil wir einen Bach oder ein Fluͤßgen zu sehen wuͤnschten, wo- durch die Landschaft natuͤrlicher Weise verschoͤnert werden mußte. Nachdem wir einige romantische Huͤgel und Waͤlder zuruͤckgelassen, woselbst Herr Hodges ver- schiedne Zeichnungen machte, so sahen wir eine schoͤne fruchtbare Ebene vor uns liegen, die ganz mit Kornfeldern und Wiesen bedeckt war, und woselbst in einem Waͤldchen von Espen und Buchen das Dorf Nossa Senhora de la Luz lag. An diesem Orte trennten wir uns, und nur die Herren Patton und Hodges giengen mit mir an dem so lange gesuchten Bach. Wir wurden anfaͤnglich ziem- lich in unsrer Erwartung betrogen, indem wir nur das breite und tiefe Lager ei- nes starken Stroms erblickten, darinn an einer Seite ein kleiner unbetraͤchtlicher Bach zwischen den Klippen und Kieseln hinabrieselte. Allein auf Zureden unsrer kleinen Wegweiser, giengen wir endlich hinunter, und kamen bald an eine Quelle, woselbst mehrere Maͤdchen Wasser schoͤpften. Wir bemerkten eine unter ihnen, deren Kleidung und weißere Haut sie vor den andern als eine Person von hoͤherm Range auszeichnete, dabey ihr auch immer der Titel Senhora beygelegt ward. Indessen hatte sie deshalb gar kein Vorrecht, sondern fuͤllte ihre Eimer so gut, wie die andern. Wir fanden viel Vergnuͤgen an diesem Ueberbleibsel von patriarchalischer Einfalt, die um so merkwuͤrdiger in einem gesitteten Lande war, wo Stolz und Faulheit die Unterscheidungszeichen des hoͤheren Standes gewor- den sind. Wir giengen in dem Lager dieses Regenbachs fort, welches, wie man uns versicherte, im Winter ganz mit Wasser angefuͤllt ist, indem um die Jahrs- zeit starke Regenguͤsse sehr gewoͤhnlich sind. Die Einwohner erwarteten eben jetzt einen Regen, und hatten daher viele Buͤndel Flachs in das trockne Lager des Flusses gelegt, um sie da einweichen zu lassen. Dieser Flachs war lang, und allem Anschein nach von vorzuͤglicher Guͤte, und wird auf der Insel selbst zu grober Leinwand gemacht. Wir kamen sehr ermuͤdet in die Stadt zuruͤck, da es schon anfieng finster zu werden. Unterweges hielten wir bey der Huͤtte eines Bauren an, wo wir den gemeinen Landwein schmeckten, der zwar etwas herb, aber uͤbrigens gesund und gut war. Der Regen, den die Leute erwartet hatten, fiel wuͤrklich gleich nach unsrer Ruͤckkunft ein; und man sagte, er waͤre zu dieser Jahres- in den Jahren 1772 bis 1775. Jahreszeit beynahe unschaͤtzbar, weil er die Trauben anfuͤllte, die sonst nicht 1775. Julius. groͤßer als Johannisbeeren bleiben. In meiner Abwesenheit hatte sich mein Va- ter mit einigen Portugiesen, und besonders dem oben erwaͤhnten Geistlichen un- terhalten, die ihm verschiedne Particularien, die Azorischen Inseln und ihren ge- genwaͤrtigen Zustand betreffend, mittheilten. Ich sehe mich dadurch im Stand gesetzt, folgende Nachricht davon den Lesern mitzutheilen: Einige Flaͤmische Schiffe entdeckten zuerst die Azorischen Inseln im Jahr 1439. Verschiedne Familien dieser Nation ließen sich zu gleicher Zeit auf Fayal nieder, woselbst noch jetzt ein Kirchspiel Flamingos heißt. Aus eben dem Grunde haben einige alte Geographen die Azoren , die Flaͤmischen Inseln genannt. Im Jahr 1447 entdeckten die Portugiesen die Insel Santa Maria , oder die oͤstlichste in dieser Gruppe, hernach St. Miguiel (Michael) und dar- auf Terceira (die dritte). Don Gonzalo Velho Cabral , Commandeur von Almuros , ließ sich 1449 auf Terceira nieder, und legte die Stadt Angra an. Die Inseln St. George , Graciosa , Pico und Fayal wurden nach einander entdeckt und in Besitz genommen. Endlich erblickte man auch die beyden West- lichsten Inseln dieser Gruppe, und nannte sie Flores und Corvo , die eine we- gen der daselbst haͤufigen Blumen, die andre wegen der Menge von Kraͤhen, die dort gefunden worden. Diese Inseln, die insgesammt fruchtbar, und von sehr arbeitsamen Leu- ten bewohnt sind, stehen unter einem General-Gouverneur, der sich zu Angra in Terceira aufhaͤlt. Der jetzige hieß Don Anton de Almada , und ward durch- gaͤngig als ein leutseeliger Mann geruͤhmt, der jede Art von Unterdruͤckung ver- abscheute. Anstatt in diesem eintraͤglichen Posten Schaͤtze zusammen zu schar- ren, hatte er vielmehr von dem Seinigen zugesetzt, um durch seinen Staat und Aufwand die Inseln in Flor zu bringen, weshalb man ihn sechs Jahre, oder noch einmal so lange als sonst gewoͤhnlich in diesem Gouvernement beybehalten hatte. Sein Nachfolger, Don Luis de Tal Pilatus , ward jetzo stuͤndlich aus Lissabon , nebst einem neuen Bischofe von Angra erwartet. Die Diocese dieses Praͤlaten erstreckt sich uͤber alle Azoren , und es gehoͤren zwoͤlf Canonici zu seinem Capitel. Seine Einkuͤnfte werden in Weizen entrichtet, und belaufen sich auf 300 Muys, jedes zu 24 Scheffeln (Englisch). Jedes Muy ist wenig- Forster’s Reise u. die W. zweyter Theil. M m m Forster’s Reise um die Welt 1775. Julius. stens vier Pfund Sterling werth, so daß er an 1200 Pf. Sterling jaͤhrlich ein- nimmt. Jede Insel steht unter einem Capitan-Mor, oder Commendanten, der die Aufsicht uͤber das Polizeywesen, die Miliz und die Einkuͤnfte hat. Ein Juiz oder Richter steht den Civil-Gesetzen auf jeder Insel vor; man appellirt von ihm an ein hoͤheres Gericht in Terceira , und von diesem wiederum nach Lissabon , an das oberste Gericht. Die Einwohner sollen sehr streitsuͤchtig seyn, und daher den Advocaten viel zu thun geben. Die Insel Corvo , die kleinste der Azoren , enthaͤlt kaum sechs hundert Einwohner, die groͤßtentheils Weizen bauen, und Schweine maͤsten, davon sie jaͤhrlich eine geringe Quantitaͤt Speck ausfuͤhren. Die Insel Flores ist etwas groͤßer, fruchtbarer und volkreicher, und fuͤhrt ohngefaͤhr 600 Muys Weizen, und etwas Speck aus. Allein da auf die- sen beyden Inseln kein Wein gebauet wird, so muͤssen sie sich damit von Fayal aus versehen. Vor vielen Jahren scheiterte ein großes reichbeladnes Spanisches Kriegsschiff an der Kuͤste von Flores . Doch ward die Mannschaft und die La- dung gerettet. Diese Spanier brachten die venerische Krankheit auf die Insel, woselbst man sie zuvor gar nicht gekannt hatte; und weil das Frauenzimmer ihren reichen Geschenken nicht widerstehen konnte, so waren in kurzer Zeit alle Ein- wohner ohne Ausnahme angesteckt. Um fuͤr dies Verbrechen gewissermaßen zu buͤßen, bauten sie mit großen Kosten eine Kirche, welche jetzt fuͤr das schoͤnste Gebaͤude in den Azoren gehalten wird. Die Seuche hat sich indessen so wie in Peru , und hie und da in Siberien , also auch auf dieser Insel dermaßen fort- gepflanzt, daß niemand davon frey ist. Fayal ist eine der groͤßern Azoren , indem sie von Ost nach Westen neun große Seemeilen ( leagues ) lang, und viere breit ist. Der jetzige Commendant oder Capitan-Mor, hieß Senhor Thomas Francisco Brum de Silveyra . Man hielt ihn fuͤr geizig und geldgierig, und versicherte uns, daß er aus keiner an- dern Ursache bestaͤndig auf dem Lande wohne, als um dadurch den Umgang mit Fremden und Einwohnern zu vermeiden. Der Richter von Fayal ward mit dem neuen General-Gouverneur aus Portugal erwartet. Das Haupt der Geistlich- keit wird auf dieser Insel nur Oviedor ( auditor ) genannt, und war Pfarrer an der Hauptkirche in der Stadt. in den Jahren 1772 bis 1775. Was die Gelehrsamkeit betrift, so steht sie zu Fayal in keiner Achtung, 1775. Julius. welches in allen Azoren und in Portugall selbst der Fall ist. Herrn von Fleurieu und dem Franzoͤsischen Sternkundigen, Herrn Pingre , die vor einiger Zeit die Laͤngen-Uhren des Herrn le Roy auf die Probe nahmen, verbot man zu Terceira ihre Instrumente ans Land zu bringen, weil man aberglaͤubisch besorgte, es moͤch- te der Insel Unheil verursachen Unser Astronom setzte sich keiner abschlaͤgigen Antwort aus, sondern stellte seinen Qua- dranten im Garten an des Consuls Hause auf, und machte daselbst seine Bemerkungen, ohne daß die Portugiesen darum wußten. . Seit mehr als zwey Jahren ward eine Auflage von zwey Reys Ein Ray ist ohngefaͤhr der zwoͤlfte Theil eines Englischen Pence, welches nach unsrer Muͤnze kaum einen Pfennig ausmacht; und ein Canari ist etwas groͤßer als ein Maaß von vier Quartieren oder Flaschen. auf jeden Canari von Wein gelegt, der in Fayal und Pico gebaut wird. Diese Auflage, die fuͤr jedes Faß ohngefaͤhr einen Schilling Ster- ling betraͤgt, und jaͤhrlich an 1000 Pf. Sterling einbringt, wollte man zu den Gehalten dreyer Professoren anwenden, die in Lissabon gepruͤft und nach Fayal geschickt werden sollten. Allein zum Ungluͤck fuͤr die Wissenschaft, und fuͤr die Einwohner dieser Insel uͤberhaupt, hatte man das Geld nicht so bald zusammen gebracht, so ward es ganz anders angelegt, und dient jetzt zur Besoldung und zum Unterhalt der Garnison, welche, wie man vorgiebt, aus hundert Mann, wirklich aber nur aus vierzig besteht, die weder Zucht und Ordnung kennen, noch mit hinlaͤnglichem Gewehr versehen sind. Die Folge dieses Misbrauchs ist der gaͤnzliche Mangel oͤffentlicher Erziehungs-Anstalten. Daher nur diejenigen Einwohner, die es bezahlen koͤnnen, im Stande sind, ihren Kindern etwas bey- bringen zu lassen. Zwar ist hier ein Professor befindlich, der die erfoderliche Pruͤfung uͤberstanden hat; allein weil das Gehalt ausblieb, so muß er sein Brod kuͤmmerlich durch Unterricht im Lateinischen verdienen. Die Auflage auf den Wein ist nicht die einzige, wovon man einen so schlechten Gebrauch macht. Eine andre von weit groͤßerm Belang, die in zwey Procent von allen Ausfuh- ren besteht, war bestimmt, die Vestungswerke zu unterhalten. Allein die Waͤlle sind verfallen, die Batterien gehen zu Grunde, und das Geld wird nach Terceira M m m 2 Forster’s Reise um die Welt 1775. Julius. geschickt, und doch nicht vortheilhafter genutzt. Der Zehnte aller Produkte der Azoren faͤllt dem Koͤnige zu; der einzige Artikel Tobak, ist ein Monopolium der Krone, und bringt große Summen ein. Der Besitz dieser Inseln, so klein sie sind, kann also dem Portugiesischen Hofe nie gleichguͤltig werden. Weizen und Mais oder tuͤrkisches Korn sind die vorzuͤglichsten Produkte von Fayal , und von ersterem werden verschiedene Schifsladungen in guten Jah- ren nach Lissabon geschickt. Man bauet auch etwas Flachs. Aber der Wein, der unter dem Nahmen von Fayal verkauft wird, wird blos auf der Insel Pico gebaut, die gerade gegen uͤber liegt und keinen Hafen hat. Die Einwohner von Fayal sollen sich auf 15000 belaufen, und sind in zwoͤlf Kirchspiele vertheilt. Der dritte Theil wohnt in der Stadt Villa de Horta , welche drey Kirchspiele enthaͤlt. Die Rade oder Bay wird im Sommer fuͤr ziemlich sicher gehalten, liegt aber im Winter den Suͤd- und Suͤd-Ost-Winden ausgesetzt, welche, wie man mich versichert, zu dieser Jahrszeit sehr heftig sind. Jedoch, da der Grund sehr gut und sandigt ist, so liegen die Amerikanischen Handelsschiffe daselbst an drey bis vier Ankern, waͤhrend des schlimmsten Wetters. Der Pico-Wein wird groͤßtentheils von Fayal nach Nord-Amerika und Brasilien versuͤhrt . Die Insel Pico hat diesen Nahmen von dem darauf belegenen hohen Pick, oder spitzen Berge erhalten, der oft in Wolken gehuͤllt ist, und den Ein- wohnern von Fayal statt eines Barometers dient. Pico ist nicht nur die groͤs- seste, sondern auch die volkreichste aller Azoren , und enthaͤlt 30000 Einwoh- ner. Es sind daselbst keine Kornfelder, indem alles mit den schoͤnsten Weingaͤr- ten bedeckt ist, die einen entzuͤckenden Anblick auf den sanften Anhoͤhen am Fuße des Picks geben. Korn und andre Lebensmittel werden den Einwohnern aus Fayal zugefuͤhrt; und die besten Familien dieser letzteren Insel haben große Besitzungen auf der gegenuͤber liegenden westlichen Seite von Pico . Die Zeit der Weinlese ist ein bestaͤndiges Freudenfest. Der vierte, auch wohl der dritte Theil aller Einwohner von Fayal kommt alsdenn mit ihren saͤmmtlichen Familien bis auf Hunde und Katzen nach Pico heruͤber. Eine Menge Trauben, davon man 3000 Faß Wein machen koͤnnte, werden bey der Gelegenheit ver- zehrt, weil jeder sich mit dieser koͤstlichen Frucht guͤtlich thut, obgleich die Por- tugiesen sonst Muster von Maͤßigkeit sind. Vor Zeiten wurden jaͤhrlich 30000 in den Jahren 1772 bis 1775. auch in guten Jahren 37000 Faͤsser Wein gemacht; allein vor etlichen Jahren 1775. Julius. grif eine Art von Krankheit die Weinstoͤcke an, und verursachte, daß die Blaͤtter gerade zu der Zeit abfielen, da die Trauben am mehresten gegen die Sonne ge- deckt werden sollten Dies wird vermuthlich von einer Art Insekten verursacht. . Sie haben sich nur erst kuͤrzlich wieder erholt, und ge- ben an 18000 bis 20000 Faͤsser. Der beste Wein wird am westlichen Ufer in denen Weingaͤrten gebauet, die den Einwohnern von Fayal gehoͤren. Der ostwaͤrts wachsende Wein wird zu Brandtwein gemacht, da denn jedesmal vier Maas Wein auf ein Maas Brandtwein gehen. Der beste Wein ist scharf, aber sehr angenehm, und stark, und wird immer besser, je laͤnger man ihn auf- bewahrt. Eine Pipe (zwey Oxhoft) wird zur Stelle mit 4 bis 5 Pfund Ster- ling bezahlt. Eine kleine Quantitaͤt suͤßen Weins, wird noch auf Pico ge- baut, und Passada genannt, davon die Pipe acht bis zehn Pfund Sterling kostet. San George ist eine kleine schmale Insel, sehr steil und ziemlich hoch. Sie hat 5000 Einwohner, welche vielen Weizen aber wenig oder gar keinen Wein bauen. Graciosa ist nicht so steil als die vorige Insel; aber ebenfalls klein und traͤgt groͤßtentheils Weizen, welchen 3000 Einwohner bauen. Ein schlechter Wein wird in geringer Quantitaͤt gemacht, und sogleich in Brandt- wein verwandelt, davon ein Faß den Geist von sechs Faͤssern Wein enthaͤlt. Graciosa und San George haben auch viel Huͤtungen und die Einwohner machen Kaͤse und Butter zur Ausfuhr. Terceira ist nach Fayal die groͤßte Insel unter den Azoren . Sie ist stark mit Weizen angebauet, und hat auch einen schlechten Landwein. Als Re- sidenz des General-Gouverneurs, des Ober-Justitz-Gerichts und des Bischofs betrachtet, ist sie einigermaaßen von groͤßerer Wichtigkeit, als die uͤbri- gen. Die Einwohner belaufen sich auf 20000, und fuͤhren Weizen nach Lissabon . M m m 3 Forster’s Reise um die Welt 1775. Julius. San Miguiel ist ebenfalls von betraͤchtlichen Umfange, sehr frucht- bar und volkreich, so daß sich die Volksmenge auf 25000 Personen belaͤuft. Hier wird kein Wein, wohl aber Weizen und Flachs in Menge gebaut. Von letzterem verarbeiten die Einwohner so viele grobe Leinewand, daß jaͤhrlich drey Schifsladungen nach Brasilien geschickt werden koͤnnen. Diese Leinewand ist ohngefaͤhr eine Elle breit, und die schlechteste Sorte wird zu anderthalb Eng- lischen Schillingen oder etwa zehn Groschen die Vara Portugiesische Elle. verkaust, welches allem Anschein nach erstaunlich theuer ist. Der vornehmste Ort in dieser Insel ist eine Stadt, die Ponte del Gada genannt wird. Santa Maria ist die Suͤd-Oestlichste aller Azoren , und traͤgt vielen Weizen. Der Einwohner sind an 5000, worunter einige sich mit Verfertigung einer Art irdener Waare beschaͤftigen, die in allen diesen Inseln abgesetzt wird. Sie haben auch neulich zwey kleine Schiffe, von dem auf der Insel gewachsenen Holze erbaut. Ich schmeichle mir, daß obige Nachrichten, die zwar keine vollstaͤndige Beschreibung der Azoren enthalten, dennoch den Lesern angenehm seyn werden, indem diese, uns so nah gelegne Inseln, wenig bekannt sind, und selten von Eu- ropaͤern besucht werden. Wir besahen den Sonntag uͤber verschiedne Kirchen, und begleiteten unsern Capitain Nachmittags in die Kloͤster. Jedes hat eine eigne Kirche, wo wir gemeiniglich zwo einander gegenuͤber stehende Kanzeln gewahr wurden. Es ist hier zu gewissen Zeiten gewoͤhnlich, daß man dem Teufel die Erlaubniß sich zu vertheidigen gestattet. Er besteigt also die eine Kanzel, indem er von der andern verklagt und zugleich verdammt wird. Denn das kann man sich wohl vorstellen, daß wenn sein Gegner auch der dummste Moͤnch ist, den je ein Kloster gemaͤstet hat, der arme Teufel dennoch den kuͤrzern ziehen muß. Die Altaͤre sind mehrentheils aus Cedernholz gemacht, und verbreiten einen angenehmen Geruch in der ganzen Kirche. Abends sahen wir eine große Procession, wo alle Priester aus der ganzen Stadt, und die vornehmsten Einwohner in schwarzen Maͤnteln zugegen waren. Der Verfolgungsgeist, den man der Roͤmischen Kirche zuwei- in den Jahren 1772 bis 1775. len in andern Laͤndern vorwirft, scheint hier bey dem bestaͤndigen Umgange und 1775. Julius. Handel mit Nord-Amerika sehr abgenommen zu haben. Wenn die Hostie vor- uͤbergeht, wird niemand beleidigt, der sie nicht anbetet; und Fremde insbeson- dere koͤnnen sich in diesem Betracht einer bescheidenen Behandlung ruͤhmen, die man in der hoͤflichen, aber sklavischen Hauptstadt Frankreichs vergeblich er- wartet. Am folgenden Morgen spatzierten wir auf die nordwaͤrts von der Stadt liegenden Berge, die reich an schoͤnen Prospekten sind. Die Wege waren an beyden Seiten mit hohen schattigten Baͤumen besetzt, und mit Kornfeldern, Obst und Kuͤchengaͤrten umgeben. Wir konnten die ganze Ebene, mit dem Dorf Nossa Senhora de la Luz , und jenseits desselben, eine Reihe von Bergen uͤbersehen, die den hoͤchsten Theil der Insel ausmachen. Daselbst ist ein tiefes zirkelfoͤrmiges Thal nach Aussage der Einwohner oben auf einem Berge befind- lich, ohngefaͤhr neun Englische Meilen von der Stadt. Diese Hoͤlung hat uͤber zwo große Seemeilen im Umkreise, und an allen Seiten einen sanften Abhang, der mit schoͤnem Grase bekleidet ist. Die Einwohner lassen daselbst große Heer- den Schaafe weiden, die fast ganz wild geworden sind. Kaninchen und Wach- teln sind dort auch haͤufig. In der Mitte steht ein See von frischem Wasser, worauf sich unzaͤhlige wilde Enten aufhalten. Das Wasser ist nirgends uͤber vier bis fuͤnf Fuß tief. Diese Hoͤhlung, die wegen ihrer Figur, la Caldeira, der Kessel, genannt wird, scheint der Crater eines ehmaligen Volkans zu seyn, welches um so mehr wahrscheinlich ist, weil in den Azorischen Inseln bekannter- maaßen verschiedne Volkane existirt haben. Der sonderbare Berg, der sich 1638 unweit der Insel San Miguiel aus der See emporhob und eine neue In- sel formirte, ward unstreitig durch die Wuͤrkung eines sehr maͤchtigen Volkans zum Vorschein gebracht; und ob er gleich bald nachher wieder verschwand, so ist doch seine kurze Erscheinung hinlaͤnglich den Satz umzustoßen, daß nur die hoͤch- sten Picks innerliche Feuer haben koͤnnen. Die Insel die 1720 im November zwischen Terceira und St. Miguiel gefunden ward, war von eben der Art, und bestaͤtigte den vorigen Umstand. Von Man findet eine Nachricht jenes (ersten) sonderbaren Volkans in den Mém. de l’Acad. de Paris 1721. p. 26. ib. 1722. p. 12. — Phil. Trans. abridged. vol. VI. p. 154. der hohen Spitze von Pico steigt Forster’s Reise um die Welt 1775. Julius. ein bestaͤndiger Rauch empor, wie uns Herr Xaviers , ein Portugiesischer Haupt- mann versicherte, der mit vieler Muͤhe hinauf geklettert war. Bey schoͤnem hel- lem Wetter kann man diesen Rauch, des Morgens ganz fruͤhe, in Fayal sehen. Erdbeben sind sehr gewoͤhnlich in allen Azorischen Inseln , und man hatte nur drey Wochen vor unsrer Ankunft verschiedne Stoͤße zu Fayal empfunden. Fast alle Inseln des Atlantischen Oceans haben also, so wie die Inseln im Suͤd- Meer , Ueberbleibsel voriger Volkane, oder enthalten noch jetzo feuerspeyende Berge. Wir kamen in die Stadt zuruͤck, nachdem wir das Landhaus und die Gaͤrten eines der vornehmsten Einwohner besucht, und darinn mehr Geschmack, als wir hier zu Lande erwartet, gefunden hatten. Obgleich wir nur eben den heißen Erdguͤrtel verlassen hatten, so war uns doch die Hitze sehr beschwerlich. Das Clima soll aber auf den Azoren mehrentheils sehr gluͤcklich, gesund und ge- maͤßigt seyn. Die Rauhigkeit des Winters wird dort nie gespuͤrt; zwar sind die Winde zu der Jahrszeit heftiger, und die Regenguͤsse haͤufiger als sonst; al- lein Frost und Schnee bleiben auf dem obersten Gipfel des Picks. Der Fruͤh- ling und Herbst, so wie der groͤßte Theil des Sommers sollen hoͤchst anmuthig seyn; weil ein schoͤner frischer See-Wind die Luft gemeiniglich so abkuͤhlt, daß die Sonnenhitze nicht laͤstig faͤllt. Nachmittags holte mich der franzoͤsische Consul, Herr Estries ab, und fuͤhrte mich ins Kloster St. Clara . Seine ganze Familie besuchte daselbst sei- ne Schwestern, ein paar Nonnen. Nicht einmal die Frauenzimmer wurden innerhalb des Gegitters eingelassen, welches doch sonst in andern Laͤndern ge- schieht. Die Nonnen pflegen ihren Gaͤsten gemeiniglich einige Naͤschereien vorzu- und Raspe Spec. Hist. nat. Globi terraquei. Amst. 1763. p. 115. Letzt genannter Gelehrte hat alles, was bis dahin von Volkanischen Inseln bekannt war, gesammelt, und diese Materie als ein Mann von Genie und Einsicht abgehandelt. Die Herren, die sich mit entlehnter Gelehrsamkeit und fremden Erfindungen bruͤsten, koͤnnen aus seiner Schrift ihr Gedaͤchtnis mit vielen wichtigen Kenntnissen bereichern, und diese dann als ihre eigne Weisheit an den Mann zu bringen suchen, so wie sie es mit den Entdeckungen des Herrn Prof. Ferbers auch gemacht haben. in den Jahren 1772 bis 1775. vorzusetzen, diesmahl aber schickten sie ein ganzes Gastmahl heraus, welches 1775. Julius. in verschiedenen suͤßen und fetten Gerichten bestand. Unwahrscheinlich ist es freylich, daß der Geist ruhig und zu geistlichen Betrachtungen und Gebeten aufgelegt seyn kann, so lange der Leib durch Fasten und Wachen geschwaͤcht und abgezehrt wird. Allein ob gerade eine entgegengesetzte Lebens-Art, wo alle Niedlichkeiten der wolluͤstigsten Tafel im Ueberflusse genossen werden, die- ser Haupt-Absicht des Kloster-Lebens mehr gemaͤß sey, ist sicherlich gegruͤnde- ten Zweifeln unterworfen. Den folgenden Tag nahmen wir von allen unsern Bekannten Abschied, und fuhren zu Mittage mit dem Consul und verschiednen portugiesischen Her- ren ans Schif. Der Nachmittag strich angenehm vorbey, indem unsre Gaͤ- ste im Umgange ungezwungen und aufgeraͤumt waren, und sich in dem Stuͤ- cke sehr von dem portugiesischen Adel in Madera unterschieden, dessen Chara- cter unwissender Hochmuth ist. Abends giengen sie an Land zuruͤck, und um vier Uhr am folgenden Morgen lichteten wir die Anker, und seegelten mit guͤn- stigem Winde ab. Wir fuhren bey San George und Graciosa voruͤber und erblickten Terceira gegen Mittag. Um drey Uhr Nachmittags liefen wir an der noͤrd- lichen Kuͤste hin, woselbst wir die reichsten Kornfelder und verschiedne Doͤrfer mit Baͤumen umgeben sahen. Gegen Abend entfernten wir uns, und richte- ten unsern Lauf nach dem englischen Canal. Am 29sten um 4 Uhr Nachmit- tags entdeckten wir Staat-Point und den Leuchtthurm auf Eddistone , die- selben Gegenden der englischen Kuͤste, die wir im Anfange der Reise zuletzt ge- sehen hatten. Am folgenden Morgen liefen wir bey den Nadel-Klippen ( needles ) vorbey, zwischen der Insel Wight und den fruchtbaren Ufern von Hampshire , bis wir noch etwas vor Mittage zu Spithead die Anker fallen ließen. So vollendeten wir, nachdem wir unzaͤhlige Gefahren und Muͤhselig- keiten uͤberstanden, eine Reise, die drey Jahre und achtzehn Tage gedauert hatte. Wir hatten in diesem Zeitraum eine groͤßere Anzahl Meilen zuruͤckge- legt, als je ein andres Schif vor uns gethan; indem alle unsre Curs Linien zusammen gerechnet, mehr als dreymal den Umkreis der Erdkugel ausmachen. Forster’s Reise u. die Welt zweyter Th. N n n Forster’s Reise um die Welt 1775. Julius. Auch waren wir ebenfalls gluͤcklich genug gewesen, nicht mehr als vier Mann zu verlieren, davon drey zufaͤlliger Weise ums Leben gekommen, und der vier- te an einer Krankheit gestorben war, die ihn vermuthlich, waͤre er in England geblieben, weit eher ins Grab gebracht haͤtte. Zufolge den europaͤischen Verzeichnissen der Todes-Faͤlle, ist ausgemacht, daß unter hundert Maͤnnern wenigstens drey jaͤhrlich sterben. Es kann sich daher ganz wohl zutragen, daß bey der groͤßten Behutsamkeit und Vorsicht, kuͤnftig kein anderes Schif so leicht wieder mit einem so geringen Verlust abkommen wird; und man wuͤrde zu viel behaupten, wenn man sagen wollte, daß prophylactische Lebens-Mittel, und antiscor- butische Arzeneien, immer eben dieselbe gute Wuͤrkung haben muͤßten. Der Hauptendzweck unsrer Reise war erfuͤllt; wir hatten nehmlich ent- schieden, daß kein vestes Land in der suͤdlichen Halbkugel, innerhalb des ge- maͤßigten Erdguͤrtels liege. Wir hatten sogar das Eis-Meer jenseit des An- tarctischen Zirkels durchsucht, ohne so betraͤchtliche Laͤnder anzutreffen, als man daselbst vermuthet hatte. Zu gleicher Zeit hatten wir die fuͤr die Wissenschaft wichtige Entdeckung gemacht, daß die Natur mitten im großen Welt-Meere, Eisschollen bildet, die keine Salztheilchen enthalten, sondern alle Eigenschaf- ten des reinen und gesunden Wassers haben. In andern Jahrszeiten hatten wir das Stille-Meer innerhalb der Wende-Zirkel befahren; und daselbst den Erdbeschreibern neue Inseln, den Naturkundigern neue Pflanzen und Voͤgel, und den Menschenfreunden insbesondere, verschiedene noch unbekannte Abaͤn- derungen der menschlichen Natur aufgesucht. In einem Winkel der Erde hat- ten wir, nicht ohne Mitleid, die armseeligen Wilden von Tierra del Fuego gesehn; halb verhungert, betaͤubt und gedankenlos, unfaͤhig sich gegen die Rauhigkeit der Witterung zu schuͤtzen, und zur niedrigsten Stufe der mensch- lichen Natur bis an die Graͤnzen der unvernuͤnftigen Thiere herabgewuͤrdigt. In einer andern Gegend hatten wir die gluͤcklichern Voͤlkerschaften der Socie- taͤts-Inseln bemerkt; schoͤn von Gestalt und in einem vortreflichen Clima le- bend, welches alle ihre Wuͤnsche und Beduͤrfnisse befriedigt. Ihnen waren schon die Vortheile des geselligen Lebens bekannt; bey ihnen fanden wir Men- schen-Liebe und Freundschaft; ihnen war es aber auch zur Gewohnheit gewor- den, der Sinnlichkeit bis zur Ausschweifung Raum zu geben. Durch die Be- in den Jahren 1772 bis 1775. trachtung dieser verschiedenen Voͤlker, muͤssen jedem Unpartheyischen die Vor- 1775. Julius. theile und Wohlthaten, welche Sittlichkeit und Religion uͤber unsern Welttheil verbreitet haben, immer deutlicher und einleuchtender werden. Mit dankba- rem Herzen wird er jene unbegreifliche Guͤte erkennen, welche ihm ohne sein Verdienst einen wesentlichen Vorzug uͤber so viele andre Menschen gegeben, die ihren Trieben und Sinnen blindlings folgen, denen die Tugend nicht einmal den Namen nach bekannt, und fuͤr deren Faͤhigkeiten der Begrif von einer allgemeinen Harmonie des Weltgebaͤudes noch viel zu hoch ist, als daß sie dar- aus den Schoͤpfer gehoͤrig erkennen sollten. Uebrigens ist wohl nichts augen- scheinlicher und gewisser, als daß die Zusaͤtze, die auf dieser Reise zum Ganzen der menschlichen Kenntnisse gemacht worden, obschon nicht ganz unbetraͤchtlich, dennoch von geringem Werth sind, sobald wir sie mit dem, was uns noch ver- borgen bleibt, in Vergleichung stellen. Unzaͤhlig sind die unbekannten Gegen- staͤnde, welche wir, aller unsrer Einschraͤnkung ohngeachtet, noch immer er- reichen koͤnnen. Jahrhunderte hindurch werden sich noch neue, unbeschraͤnk- te Aussichten eroͤfnen, wobey wir unsere Geisteskraͤfte in ihrer eigenthuͤmli- chen Groͤße anzuwenden und in dem herrlichsten Glanze zu offenbaren Gelegen- heit finden werden. — Vedi insieme l’uno e l’altro polo, Le Stelle vaghe, e lor viaggio torto; E vedi, ’l veder nostro quanto è corto! Petrarca Inhalt des ersten Theils. Erstes Hauptstuͤck. A breise — Fahrt von Plymouth nach Madera — Beschreibung dieser Insel. S. 3 Zweytes Hauptstuͤck. Reise von Madera nach den Inseln des gruͤnen Vorgebuͤrges und von da, nach dem Vorgebuͤrge der guten Hofnung . 23 Drittes Hauptstuͤck. Aufenthalt am Cap — Nachricht von der dortigen Colonie. 45 Viertes Hauptstuͤck. Reise vom Cap nach dem antarctischen Zirkel — Erste Fahrt in hoͤhere suͤdliche Brei- ten — Ankunft auf der Kuͤste von Neu-Seeland . 65 Fuͤnftes Hauptstuͤck. Aufenthalt in Dusky-Bay — Beschreibung derselben — Nachricht von unsern Ver- richtungen. 93 Sechstes Hauptstuͤck. Reise von Dusky-Bay nach Charlotten-Sund — Wiedervereinigung mit der Adven- ture — Verrichtungen daselbst. 143 Siebentes Hauptstuͤck. Reise von Neu-Seeland nach O-Tahiti . 175 Achtes Hauptstuͤck. Aufenthalt im Haven O-Aitepieha auf der kleinen Halb-Insel O-Tahiti — Ankern in Matavai-Bay . 192 Neuntes Hauptstuͤck. Aufenthalt in Matavai-Bay . 245 Zehntes Hauptstuͤck. Nachricht von unserm Aufenthalt auf den Societaͤts-Inseln . 279 Eilftes Hauptstuͤck. Reise von den Societaͤts-Inseln nach den freundschaftlichen Inseln ; und Nachricht von unserm Aufenthalt daselbst. 315 Zwoͤlftes Hauptstuͤck. Seefahrt von den freundschaftlichen Inseln nach Neu-Seeland . — Trennung von der Adventure — Zweyter Aufenthalt in Charlotten-Sund . 364 Dreyzehntes Hauptstuͤck. Zweyte Fahrt in die suͤdlichen Breiten, von Neu-Seeland nach Easter- oder Oster- Eyland . 398 Vierzehntes Hauptstuͤck. Nachricht von Oster-Eyland und unserm Aufenthalt daselbst. 411 Inhalt des zweeten Theils. Erstes Hauptstuͤck. R eise von Oster-Eiland nach den Marquesas . — Aufenthalt im Haven Madre de Dios auf der Insel Waitahu — Reise von da uͤber die flachen Inseln nach Ta- hiti . S. 3 Zweytes Hauptstuͤck. Nachricht vom zweeten Besuch auf der Insel Tahiti . 39 Drittes Hauptstuͤck. Zweeter Aufenthalt auf den Societaͤts-Inseln . 88 Viertes Hauptstuͤck. Reise von den Societaͤts- nach den freundschaftlichen Inseln . 127 Fuͤnftes Hauptstuͤck. Nachricht von unserm Aufenthalt auf Mallicolo und Entdeckung der neuen Hebridi- schen Inseln . 159 Sechstes Hauptstuͤck. Nachrichten von unserm Aufenthalt zu Tanna , und Abreise von den neuen Hebridi- schen Inseln . 207 Siebentes Hauptstuͤck. Entdeckung von Neu-Caledonien — Nachricht von unserm dortigen Aufenthalt — Fahrt laͤngst der Kuͤste bis zur Abreise — Entdeckung von Norfolk-Eiland . — Ruͤckkehr nach Neu-Seeland . 298 Achtes Hauptstuͤck. Dritter und letzter Aufenthalt zu Koͤnigin-Charlotten’s Sund in Neu-Seeland . 352 Neuntes Hauptstuͤck. Die Fahrt von Neu-Seeland nach Tierra del Fuego — Aufenthalt in Christmeß- oder Weyhnachts-Haven . 378 Zehntes Hauptstuͤck. Aufenthalt an den Neujahrs-Eilanden — Entdeckung neuer Laͤnder gen Suͤden — Ruͤckkehr nach dem Vorgebuͤrge der guten Hofnung 401 Eilftes Hauptstuͤck. Zweeter Aufenthalt am Vorgebuͤrge der guten Hofnung . — Lauf von da nach St. He- lena und Ascensions-Eiland . 427 Zwoͤlftes Hauptstuͤck. Lauf von der Ascensions-Insel , bey der Insel Fernando da Noronha voruͤber, nach den Azorischen Inseln . — Aufenthalt zu Fayal . — Ruͤckkehr nach England . 448