Leben der S chwedischen Graͤfinn von G** Zweyter Theil . Leipzig, bey Johann Wendler , 1748. J ch bin gegen das Elend, das der Graf in Rußland ausgestanden, zu em- pfindlich, als daß ichs nach seiner Laͤnge erzaͤhlen und in eine gewisse Ordnung bringen sollte. Allein ich brauche auch diese betruͤbte Muͤhe nicht. Jch habe ein halb Jahr nach seiner Zuruͤckkunft noch zween von denen Briefen erhalten, die er in seiner Gefangenschaft an mich geschrieben. Den einen hatte er an einen Geistlichen, auf seinen Guͤtern in Liefland, addreßiret, der aber nichts von meinem Auffenthalte erfahren koͤn- nen. Den andern brachte mir ein Jude, wie man in dem Verfolge der Erzaͤhlung sehen wird. Diese Briefe enthalten den groͤßten Theil von dem, was ihm in Moskau und Siberien begegnet ist. Jch will sie also un- veraͤndert hier einruͤcken. Es ist immer, als wenn man mehr Antheil an einer Begebenheit naͤhme, wenn sie der selbst erzaͤhlet, dem sie zugestoßen ist. Sie werden uͤber dieses den edlen Charakter des Grafen und seine bestaͤn- dige Liebe gegen mich in ein groͤsser Licht setzen. Wie Leben der Schwedischen Wie groß ist sie nicht gewesen! Und eben zu der Zeit, da er mich so bruͤnstig geliebt und al- les fuͤr mich gefuͤhlt hat, was nur sein Elend hat vergroͤssern koͤnnen, habe ich in den Ar- men eines andern Gemahls der Freuden der Liebe und des Lebens genossen. Wie viel tau- send Thraͤnen hat mich dieser Gedanke schon gekostet, und wie oft bin ich vor meiner un- schuldigen Liebe zu dem Herrn R** als vor einem Verbrechen erroͤthet! Der erste Brief ist aus der Stadt Mos- kau geschrieben. Euer ungluͤcklicher Gemahl lebt noch. Wollte doch Gott, daß ihr diese Nachricht schon wuͤßtet, oder sie wenigstens durch die- sen Brief erfuͤhret! Ein ploͤtzlicher Ueberfall, den die Russen drey Tage vor meiner angesetzten Hinrichtung auf das Dorf thaten, in welchem ich gefangen und krank lag, hat mir das Leben errettet. Ja, liebste Gemahlinn, diese Vorsehung ist eine Frucht eurer Thraͤnen und meiner Unschuld. Jch habe et- liche Tage nach dem geschehenen Ueberfall kaum mehr gewußt, daß ich lebte. Nach- dem ich von meiner Krankheit wieder zu mir selber kam und mich in den Haͤnden der Rus- sen Graͤfinn von G** sen sah: so gab ich mich zu meiner Sicherheit fuͤr einen Capitain aus und nannte mich Loͤ- wenhoek. Unter allen denen Gefangenen, mit welchen ich bald in diese, bald in jene Fe- stung, und endlich nach der Stadt Moskau geschleppt worden bin, sind nicht mehr, als zween Officiere, die mich kennen. Sie sind beide Engellaͤnder von Geburt und die treu- sten und besten Gefaͤhrten meines Elends, die ich mir nur wuͤnschen kann. Der eine von ihnen, Steeley, hat vor wenig Tagen die Frey- heit erhalten, einige von seinen Landsleuten, die hieher handeln, zu sprechen, und durch die- se hat er mir einen Brief nach Liefland zu be- stellen, die sicherste Gelegenheit ausgemacht. Wenn er doch schon in euren Haͤnden waͤre! Wenn ich doch nur eine von den Thraͤnen der Freude sehen sollte, die euch die Nachricht von meinem Leben auspressen wird. Wo habt ihr euch denn nach meinem letzten traurigen Briefe hingewandt? Hat euch die Rache des ungerechten Prinzen nicht verfolgt? Jst mein Freund R** mit euch gefluͤchtet? Und wo- hin? Arme und ungluͤckliche Gemahlinn! Goͤnnt mir doch den Trost, daß ich alle mein gegenwaͤrtiges Ungluͤck und das noch kuͤnftige eurer Tugend und eurer Liebe gegen mich zu- schreiben darf. Nichts als diese Ursache ist A 3 ver- Leben der Schwedischen vermoͤgend, mir mein Elend zu versuͤssen, und mir die Schande und das schreckliche And en - ken eines gewaltsamen Todes, den mir der Prinz zugedacht, zu erleichtern. Ertraget meine Abwesenheit gelassen, ich bitte euch bey unserer Liebe, und hofft, wir werden uns ge- wiß wieder sehen. Aber, o Gott! wenn? Und ach wo weis ich denn, ob ihr mein Un- gluͤck habt uͤberleben koͤnnen? Schrecklicher Gedanke, den ich ohne Zittern nicht nieder- schreiben kann! Nein, mein einziger Wunsch in der Welt, ihr lebt noch. Mein Herz sagt mirs, und es verspricht mir die Wollust, euch noch einmal, ehe ich sterbe, zu umarmen. Um diese Gluͤckseligkeit bitte ich die Vorsehung alle Tage und in dem Augenblicke, da ich dieses schreibe. Kann mir Gott mein Leben wohl zu einem geringern Vergnuͤgen gelassen haben, als daß ich noch einen Theil davon, und wenn es auch nur etliche Tage waͤren, mit euch zu- bringen soll? Stellt euch doch die Zufrieden- heit vor, die wir schmecken werden, wenn uns die Zeit einander wieder geben wird. Wie lange werden wir vor Entzuͤckung nicht reden! und wie lange werden wir nach tausend Um- armungen sprechen, ehe wir uns satt reden und unser Herz und unser Schicksal einander ausschuͤtten werden! Bekuͤmmert euch nicht zu Graͤfinn von G** zu sehr um mich. Mir fehlt zur Erleicht- rung meines Elendes nichts, als die Nachricht von euch und meinem lieben Freunde R** Erlauben es eure Umstaͤnde: so uͤberschickt mir einen Wechsel, ob ich vielleicht dadurch meine Zuͤruͤckkunft bewerkstelligen kann. Jch bin seit meinem Arreste von allem entbloͤßt ge- wesen. Jch habe alle Beschwerlichkeiten aus- gestanden, die einem Gefangenen auf einem Wege von mehr als hundert Meilen begegnen koͤnnen. Eben der kuͤmmerliche Proviant, der noch etliche hundert gemeine Mitgefange- ne gesaͤttiget hat, ist die ganze Zeit uͤber gut genug fuͤr mich gewesen. Die Erbitterung der Russen gegen die Schwedische Nation, hat uns das Elend, gefangen zu seyn, am beschwer- lichsten gemacht. Sie nennen ihre Sorglo- sigkeit gegen uns, ihre Unempfindlichkeit ge- gen unsere Klagen, eine gerechte Vergeltung fuͤr das barbarische Bezeigen, womit unser Koͤnig, wie sie sagen, den gefangnen Russen begegnen ließ. Das Schrecklichste, was wir, nachdem wir uͤber die Pohlnischen Grenzen wa- ren, erfahren haben, ist der Mangel an fri- schem Wasser gewesen, weil wir oft um die Moraͤste zu umgehn, einen Umweg durch san- digte Gegenden nehmen mußten. A 5 Mein Leben der Schwedischen Mein ganzes Vermoͤgen seit meiner Ge- fangenschaft hat in zwanzig Thalern bestan- den, mit denen mich ein gemeiner Schwedi- scher Soldat unlaͤngst beschenkt hat. Er starb einen Monat zuvor, ehe wir in der Stadt Mos- kau ankamen, an einer Wunde, und zwar in einer Nacht, die wir unter freyem Himmel zu- bringen mußten. Er hatte mir auf dem Mar- sche viele Dienste erwiesen, und ich belohnte seine Treue dadurch, daß ich die ganze Nacht bey ihm blieb und auf sein Verlangen mit ihm betete. Er hatte in seinem Brusttuche ein Goldstuͤck von zwanzig Thalern eingenaͤht, wo- mit ihn seine Braut in Stockholm bey seinem Abschiede beschenkt. Dieses gab er mir und bat mich, wenn ich wieder nach Stockholm kommen sollte, seiner Braut seinen Tod zu mel- den und ihr einige Wohlthaten zu erzeigen. Jch schicke euch den Zeddel, in welchem das Geld eingewickelt war, und in welchem der Braut ihr Name steht. Wenn es moͤglich ist: so laßt ihr den Tod ihres Braͤutigams melden, und schickt ihr fuͤr die zwanzig Thaler, die mir und meinem lieben Steeley so viele Dien- ste gethan haben, hundert. Als mein Lands- mann, der mich bis auf den letzten Augenblick bey der Hand hielt, todt war: so schlief ich neben ihm ein. Damals traͤumte mir, ihr kaͤ- Graͤfinn von G** kaͤmet mir an einem Flusse entgegen. Wie erschrackt ihr, meine Liebenswuͤrdige, wie schoͤn entsetztet ihr euch, mich wieder zu finden! Jch erwachte uͤber diesem Traume und lag auf dem todten Landsmanne, und dankte dem Himmel, ehe ich noch aufstund, fuͤr diesen gluͤcklichen Traum. Die Freundschaft, die ich dem Sterbenden erwies, brachte mir die Liebe von sechs andern gemeinen Schweden zu Wege, die bey seinem Tode zugegen waren. Es gefiel ihnen, daß ich ihren Cameraden so wohl zum Tode bereitet hatte. Sie baten mich, daß ich eben das an ihnen thun moͤchte, wenn sie etwan auf den Marsche sterben soll- ten; sie beeiferten sich recht von diesem Tage an, mir zu dienen und darbten sich oft das frische Wasser ab, damit sie es mir und Stee- ley im Nothfalle anbieten koͤnnten. Jch ward kurz darauf krank und konnte nicht mehr gehn, so hinfaͤllig war ich. Allein ehe mich mei- ne sechs Landsleute zuruͤck ließen: so trugen sie mich lieber etliche Tage lang in Stoͤcken, an Stricken gebunden und mit Binsen durchfloch- ten, fort und nahmen alle die Muͤhe aus gu- tem Herzen uͤber sich, zu der sie ausserdem we- der Furcht noch Belohnung wuͤrde faͤhig ge- macht haben. Jch habe in dieser Krankheit insonderheit den großen Unterschied gesehen, A 5 der Leben der Schwedischen der unter den Diensten ist, die man uns aus Gehorsam und Hoffnung erzeigt, und unter denen, die man dem andern aus einem gehei- men Triebe der Freundschaft und des Mitlei- dens erweiset. Jhre Begierde zu dienen wuchs mit meiner Gefahr, und Leute, die nie- mals sinnreich in Anschlaͤgen, noch geuͤbt in Gefaͤlligkeiten gewesen waren, wurden sorg- faͤltig, und sinnreich an Mitteln, mir das Le- ben zu erhalten, weil sie es gern erhalten wis- sen wollten. Dieses ist die einzige Krankheit gewesen, die mir auf dem Wege nach Rußland zugestoßen. Vor sechs Wochen sind wir hier in der Stadt Moskau angekommen und die er- sten gefangnen Schweden in diesem Kriege ge- wesen, an denen die wilden Einwohner dieses Orts ihre rachsuͤchtigen Augen befriedigt haben. Wir mochten unser wohl drey bis vier hundert seyn, die man in einem sehr trau- rigen Aufzuge dem Poͤbel einen halben Tag lang oͤffentlich darstellte. Er wuͤrde uns mit Freu- den umgebracht haben, wenn wir nicht von einer starken Wache umgeben gewesen waͤren. Jndem wir eine Zeitlang auf einem freyen Platze gestanden und tausend Schimpfreden, die wir aus den Geberden unsrer Feinde erra- then konnten, angehoͤrt hatten, draͤngte sich eine alte Frau zu einem Russen, der mit uns an- Graͤfinn von G** angekommen war. Sie fragte, wo sein Ca- merad, ihr Sohn waͤre. Der Russe, der vielleicht nicht wußte, nach wem sie fragte, antwortete ihr, daß ihn die Schweden todt ge- schlagen haͤtten. Jn dem Augenblicke fuhr sie auf mich und schrie: was? hast du meinen Sohn umgebracht? und riß mich, der ich vor Mattigkeit mich kaum selbst mehr aufrecht halten konnte, zur Erde, bis die Soldaten mich von ihrer Wut befreyten. Bedenkt nur, meine liebe Gemahlinn, wie mir damals zu Muthe gewesen seyn muß. Jn eben der Stadt, in welcher mein Vater in seiner Ju- gend die Ehre eines Koͤniglichen Abgesandten genossen, war ich ein nichtswuͤrdiger Schwe- de, und vielleicht auf eben dem Platze, wo er seinen Einzug gehalten, war sein Sohn itzt der Raserey eines Weibes ausgesetzt. Wodurch habe ich doch das traurige Schicksal verdient, fern von euch, in einer oͤden Mauer eingeschlossen zu seyn, in einem Behaͤltnisse, in dem ich ausser der Gesellschaft meines Steeley, alles entbehre, was das Le- ben angenehm macht, und von keiner Freude weis, als von der, mich euer mit ihm zu er- innern, und mit ihm uͤber unser Schicksal zu seufzen? Er hat, wie ich euch schon gesagt, durch ein Geschenke, das er dem Aufseher uͤber die Leben der Schwedischen die Gefangnen von dem Reste unsrer zwanzig Thaler gemacht, endlich die Freyheit erhalten, mit einigen Kaufleuten aus London zu spre- chen. Diese haben ihn hundert Thaler vor- geschossen und alles fuͤr ihn zu thun verspro- chen. Durch dieses Geld hoffen wir uns von unsern Gebieter zuweilen den Schatten ei- ner Freyheit zu erkaufen, denn durch Geld las- sen sie sich, wenn sie anders mitleidig seyn koͤnnten, am ersten mitleidig machen. Er brachte mir bey seiner Zuruͤckkunft eine Flasche Wein und etwas Zwieback mit. Jhr denkt etwan, sprach er, da er die Flasche aus der Tasche zog, daß ich bey meinen Landsleuten schon Wein getrunken habe. Nein, mein lie- ber Graf, ich wuͤrde mir nicht die Freude ent- zogen haben, das erste Glas in eurer Gesell- schaft zu trinken. Jch habe noch keinen Tro- pfen gekostet. Aber nun kommt, nun kann ich nicht laͤnger warten. Kommt, wir wol- len unser Ungluͤck einige Augenblicke vergessen und die Freuden des Weins fuͤhlen, und uns alles das als gewiß vorstellen, was wir wuͤn- schen. Wir tranken ein Glas. Welche Wol- lust war das fuͤr uns! Wir ehrten durch un- sere Entzuͤckung den Gott, der dem Weine die Kraft geschenkt, unsere Herzen zu begeistern und dankten ihm durch ein stilles Nachdenken fuͤr Graͤfinn von G** fuͤr ein Vergnuͤgen, das wir seit ganzen Jah- ren nicht genossen hatten. Wir brachten ei- nen ganzen Nachmittag uͤber unserer Flasche Wein zu. Wir wollten nicht an unser ausgestandnes Schicksal denken; aber es war uns unmoͤglich. Es war, als ob uns eine große Zufriedenheit fehlte, daß wir nicht mit einem Blicke die Reihe unsrer betruͤbten Begebenheiten uͤbersehen sollten. Wir wieder- holten sie einander, als ob wir sie einander noch nicht gesagt haͤtten. Wir richteten uns bey unsern Klagen mit der Wahrheit auf, daß ein guͤtiger und weiser Gott dieses Schicksal uͤber uns verhaͤngt haͤtte, daß wir uns unser Elend nicht leichter machen koͤnnten, als wenn wir uns seinen Schickungen geduldig uͤber- ließen, bis es ihm gefiele, uns das Ungluͤck, oder das Leben zu nehmen. Wir gaben ein- ander die Haͤnde darauf, alles was uns begeg- nen wuͤrde, mit einer uns anstaͤndigen Gelas- senheit zu ertragen. Aber, fieng Steeley an, indem er meine Hand betrachtete, duͤrfen wir denn nicht wuͤnschen, diese Haͤnde denen noch einmal zu reichen, die wir in unserm Vater- lande lieben? Und wenn Gott dieses nicht wollte, werden wir auch da gelassen bleiben? Wenn Gott dieses nicht wollte ‒ ‒ sprach ich, und konnte nichts mehr sprechen. Es ward fin- ster Leben der Schwedischen ster in meinem Verstande. Jch sah keine Gruͤnde zur Gelassenheit mehr, aber Ursachen genug, mich zu beklagen und euern Verlust zu beseufzen. Wir schwiegen eine zeitlang still, als ob wir uns schaͤmten, den Entschluß zu widerrufen, den wir nach langen Betrachtun- gen gefaßt hatten. Wie Gott will, fieng end- lich mein Freund mit einem Tone an, der doch die groͤßte Unruhe verrieth: wie Gott will! Jch will durch meine Gelassenheit gar nicht ei- nen Anspruch machen, daß er seine Schickun- gen nach meinem Wunsche einrichten soll. Nein, er soll sie ordnen. Aber ist denn das Verlangen unser Vaterland wieder zu fehn und aus dieser Barbarey erloͤset zu seyn, ein ungerechter Wunsch? Sollen wir denn in die- sem klaͤglichen Zustande unser ganzes Leben zu- bringen und nur den Tod hoffen? So sah es mit unserer Gelassenheit aus, und so ist es uns oft gegangen. Wenn wir uns bemuͤht ha- ben, recht ruhig zu seyn, sind wir am unzufrie- densten geworden. Man sieht, wenn man den Betrachtungen uͤber die Vorsehung nach- haͤngt, die Unmoͤglichkeit sich selbst zu helfen, deutlicher, als wenn man sich seinen Empfin- dungen uͤberlaͤßt; man sieht die Nothwendig- keit, sich ihren Fuͤhrungen zu uͤberlassen, und man will doch zugleich nicht von dem Plane sei- Graͤfinn von G** seiner eignen Wuͤnsche abgehn. Man will ihn gewiß, man will ihn bald ausgefuͤhrt wissen, und man sieht doch, daß die Umstaͤnde dazu nicht in unserer Gewalt stehn. Fuͤr diese trau- rige Entdeckung will sich unser Herz gleichsam durch die Unzufriedenheit raͤchen, und es um- nebelt den Verstand, damit es von seinem Lich- te nicht noch mehr zu befuͤrchten habe. Zur Arbeit hat man uns, wie die gemei- nen Gefangnen, noch nicht gezwungen, und gleichwohl verstattet man uns nicht die ge- ringste Freyheit auszugehen. Mein erstes Geschaͤfte in meinem itzigen Gefaͤngnisse ist die- ser Brief, und daß wir keine Geschaͤfte haben, uͤber denen wir uns zuweilen vergessen koͤnn- ten, dieses macht unser Elend vollkommen. Wenn auch die Erlaubniß, die sich Steeley er- kauft hatte, seine Landsleute einige Stunden zu sehn, uns nichts zu Wege gebracht haͤtte, als etliche Bogen Papier, und Dinte und Fe- der: so wuͤrde sie uns doch schon kostbar ge- nug seyn; denn dieses haben wir fuͤr alles Geld nicht erhalten koͤnnen. Sidne, Stee- leys Landsmann und Vetter, ist zu unserm Ungluͤcke in ein ander Theil der Stadt gelegt worden; und so elend wir beide dran sind: so muß es ihm doch noch weit kuͤmmerlicher gehn, da er von allem Gelde entbloͤßt ist. Steeley gruͤßt Leben der Schwedischen gruͤßt euch tausendmal und ist so sehr euer Freund, als der meinige. Wenn ich ihn nicht haͤtte: so wuͤrde mir die Gefangenschaft eine Hoͤlle seyn. Er hat bey einem redlichen und zaͤrtlichen Herzen gewisse Fehler, fuͤr die ich ihm recht verbunden bin, weil sie oft unse- re traurige Stille unterbrechen und uns etwas zu thun geben. Er liebt die Verdienste seiner Nation auf Unkosten der uͤbrigen Voͤlker. Diese Parteylichkeit, ein natuͤrlicher Unge- stuͤm, und der Fehler des Widersprechens ma- chen mir ihn nothwendig und zugleich schaͤtzba- rer. Seine Widerspruͤche kommen aus einer Fuͤlle des Geistes und der Lebhaftigkeit, aus einer Liebe zur Freyheit im Denken, aus einem Hasse gegen alles niedertraͤchtige Nach- geben, und aus einem Ueberfluße der Aufrich- tigkeit und leicht aufwallender Empfindungen her. Jn seinem Charakter und in seinem Munde verliert also das Widersprechen das meiste von seiner beleidigenden Natur und wird eine Quelle zu vertrauten Gespraͤchen und kleinen Zaͤnkereyen, deren Mangel uns die lange Zeit und die Gefangenschaft noch weit verdrießlicher machen wuͤrde. Kurz, wir sind fuͤr einander gemacht. Seine Fehler sind von den meinigen das Gegengewicht, und ma- chen Graͤfinn von G** chen seine guten Eigenschaften nur desto sicht- barer. Er ist sehr vortheilhaft gebildet und seine Mine ist so lebhaft, als sein Herz. Er ist noch jung. Das Ungluͤck in der Liebe ist Ur- sache, daß er sein Vaterland verlassen und wi- der seine Neigung, bloß aus Unzufriedenheit, in Schweden Kriegsdienste angenommen hat. Jch will euch sein Ungluͤck kurz erzaͤhlen, und ihm euer Mitleiden dadurch verdienen. Als er nebst seinem Vetter Sidne die Universitaͤt zu Oxford verlassen, begiebt er sich auf seines Vaters Landgut, etliche Meilen von London, um desto ruhiger studiren zu koͤnnen. Hier wird er mit einem liebenswuͤrdigen Frauenzimmer, der Tochter eines benachbarten Landedel- manns bekannt, und faͤngt an, das erstemal zu lieben. Nach zwey Jahren, nach tausend besiegten Hindernissen, und nach tausend Be- weisen ihrer Treue, erhaͤlt er endlich von ih- ren Aeltern das Ja, und von seinem Vater die Einwilligung. Der Tag zur Vermaͤhlung mit seiner geliebten Antonia wird angesetzt. Sie soll Morgen auf seines Vaters Landgute vor sich gehen, und heute reist er mit ihm zu ihr, um sie nebst den Jhrigen abzuholen. Sie kommen um die Mittagsmahlzeit an, und nach derselben soll die Ruͤckreise erfolgen. Er sitzt mit seiner Antonia in der zaͤrtlichsten Vertrau- II Theil. B lich- Leben der Schwedischen lichkeit unter einer Laube, als man ihnen mel- det, daß die Wagen angespannt wuͤrden. Verlaßt mich einen Augenblick, faͤngt sie zit- ternd zu ihm an, und wenn alles fertig ist: so holet mich ab. Er koͤmmt wieder und so- dert sie zur Abreise auf. Nun bin ich, spricht sie, indem sie ihm die Hand reicht, bereit, euch zu folgen. Es war mir so bange, und ich weis nicht warum. Bin ich denn nicht gluͤck- lich genug, da ich in euern Armen der Zufrie- denheit der Ehe entgegen eile? Kommt, ich bin die Eurige. Er setzt sich darauf mit ihr in die Kutsche, und die Uebrigen folgen in zween andern Wagen nach. Die Liebe, die unschul- digste und seligste Liebe, ihr Ursprung, ihr Fort- gang, alles was sie fuͤr einander gefuͤhlt haben, ist in dem Wagen ihr Gespraͤch. Jndem sie noch so reden, und etwan noch eine Stunde bis auf seines Vaters Landgut haben, zieht sich ein Gewitter auf. Jm kurzen wird der gan- ze Himmel schwarz und ein Schlag folgt auf den andern. Der Donner erschlaͤgt eins von ihren Pferden. Antonia springt darauf in der groͤßten Angst aus dem Wagen und reicht Steeleyn die Hand, ihr nachzufolgen und mit ihr in das naͤchste Dorf zu eilen. Jndem sie ihn bey der Hand nimmt, thut es einen ent- setzlichen Schlag, und er sinkt in den Wagen zu- ruͤck Graͤfinn von G** ruͤck. Als er wieder zu sich selbst koͤmmt, sieht er seine Braut noch an der Thuͤre des Wagens, vom Blitze getoͤdtet, leh- nen, so wie sie ihm die Hand reichte. Kann wohl ein groͤßer Ungluͤck seyn? Der arme Freund! Ein halb Jahr darauf noͤthiget ihn sein Vater, eine Reise vorzunehmen, um seine Schwermuth zu zerstreuen. Er thut ihn in das Gefolge des Englischen Gesandten, der nach Stockholm geht, und giebt ihm seinen Vetter zum Gefaͤhrten mit. Und eben in dieser Stadt entschließt er sich aus Schwermuth, und aus Verdruß gegen sein Leben, ohne Wissen des Gesandten, Kriegsdienste anzunehmen und muntert seinen Vetter zu eben diesem Entschlusse auf. Er hat nunmehr an diesen Gesandten geschrieben, und ihm sein Ungluͤck und seine Gefangenschaft geklagt, und zugleich fuͤr mich, unter dem Namen des Capitains Loewenhoek gebeten. Vielleicht vermag die- ser Mann etwas zu unserer Befreyung. Addressirt eure Briefe nach der beygelegten Aufschrift an den Sekretair dieses Gesandten; er ist Steeleys guter Freund. Jch wuͤrde noch nicht zu schreiben aufhoͤren, wenn wir mehr Papier haͤtten. Wird euch denn dieser Brief auch antreffen? Ja, ich hoffe es und troͤste mich schon mit einer Antwort von euch ‒ ‒ B 2 Mein Leben der Schwedischen Mein Gemahl hat, wie er mir erzaͤhlt, in allen dreymal an mich geschrieben. Zwey- mal aus Moskau und einmal aus Siberien. Der andere Brief aus Moskau ist ganz ver- lohren gegangen. Er ist ungefehr ein Jahr nach dem vorhergehenden und zu einer Zeit geschrieben gewesen, in der es ihm in sei- ner Gefangenschaft am ertraͤglichsten gegan- gen. Steeley hatte naͤmlich durch seine Lands- leute und durch ihr Geld den Aufseher der Ge- fangnen immer mehr gewonnen. Er hatte es so weit gebracht, daß sein Vetter Sidne ihm und meinem Gemahle bey gesellet worden war. Durch den Beytritt dieses Ungluͤckseligen, von dem in dem folgenden Briefe eine traurige Nachricht enthalten ist, war ihr Ungemach ei- nige Zeit sehr gemildert worden. Mein Gemahl hat mir von diesem Sidne nicht gu- tes genug erzaͤhlen koͤnnen. Er war von Natur liebreich und furchtsam gewesen, und bloß Steeleyn zu Liebe ein Soldat geworden. Er hatte nach seiner natuͤrlichen Beschaffenheit die Beschwerlichkeiten der Gefangenschaft empfindlicher gefuͤhlt, als sie beide; und so traurig er selbst gewesen war: so war er doch, wenn Steeley und mein Gemahl ihren Muth verlohren hatten, aus Liebe fuͤr sie gelassen und Graͤfinn von G** und ihr Beruhiger geworden. Der Brief, den mein Gemahl aus der Stadt Tobolskoy in Siberien an mich geschrieben, ist fol- gender: Liebste Gemahlinn, Jch hoffe, daß ihr noch lebt, weil es mein Herz wuͤnscht, und ich hoffe so gar, daß dieser Brief, den ich in dem entferntesten und schrecklichsten Theile der Welt schreibe, gewiß in eure Haͤnde kommen soll. Ein Pohlnischer Jude, der nach Tobolskoy handelt, und im Begriffe steht, wieder nach Pohlen abzurei- sen, ist mein Freund und großer Wohlthaͤter geworden, und vielleicht wird er gar mein Be- freyer aus der Gefangenschaft. Jch habe ihm vor einem Jahre in einem nah an der Stadt gelegnen Gehoͤlze, wo ich nach dem Willen meines Schicksals noch, wie andre Ungluͤckliche, auf Zobel ausgehn mußte, das Leben erhalten, und ihn aus dem Schnee, in den er mit dem Pferde gefallen und fast schon erfroren war, mit der groͤßten Gefahr erret- ret. Dieser Mann ist auf die edelste Art dank- bar gewesen, und hat mir bewiesen, daß es auch unter dem Volke gute Herzen giebt, das sie am wenigsten zu haben scheint. Er hat nicht eher geruht, biß er mich vor den Gou- B 3 ver- Leben der Schwedischen verneur gebracht, bey dem er seines Reich- thums wegen in Ansehn steht. Herr, sprach er, dieser Schwedische Officier hat mir, wie ihr wißt, das Leben erhalten, und ich habe Dank- barkeit und Geld genug, ihn zu ranzioniren. Der Gouverneur antwortete, daß dieses nicht bey ihm stuͤnde, und daß er ohne Befehl von dem Hofe keinen Menschen freygeben koͤnnte. Darauf gab ihm der Jude einen Beutel mit Golde und bat, daß er mir die beschwerlichen Dienste eines ins Elend Verwiesenen erlassen moͤchte. Der Gouverneur versprach ihm die- ses, doch unter der Bedingung, daß er taͤglich etliche Copicken fuͤr mich erlegen sollte. Mein Wohlthaͤter bezahlte das Geld mit Freuden auf ein ganzes Jahr zum voraus und bat sich zugleich aus, daß er mich in dem Gefangen- hofe einen Tag um den andern besuchen duͤrfte. Doch ehe ich euch meine itzigen Umstaͤnde wei- ter beschreibe, so muß ich euch erst sagen, wie mirs seit drey Jahren in Siberien gegangen ist, und wie ich in dieses Land gekommen bin. Wenn ihr meinen letzten Brief aus Mos- kau erhalten habt: so werdet ihr wissen, daß Sidne, Steeleys Anverwandter, nunmehr mit uns an einem Orte verwahret wurde. Das Geld, das Steeley von seinen Landsleu- ten aufs neue bekommen, langte einige Mo- nate Graͤfinn von G** nate zu, unsere aͤusserlichen Umstaͤnde zu ver- bessern. Wir durften nicht bloß von der elen- den Kost leben, die man den Gefangnen reich- te. Wir konnten wenigstens zu Mittage etwas bessers haben. Wir hatten dem Aufseher lange angelegen, uns einige Englische oder Fran- zoͤfische Buͤcher zum lesen zu verschaffen; allein wir erhielten keine. Er gab uns etliche Rus- sische Chroniken, und einen Popen, oder Geist- lichen, der uns diese Sprache lehren sollte. Wie froh waren wir, daß wir etwas zu thun bekamen. Es waren sehr mittelmaͤßige Buͤ- cher, und dennoch lasen wir sie wohl zehnmal durch. Wir konnten wenigstens, so lange wir sie lasen, nicht an unser Elend denken, und dieser Vortheil war groß genug fuͤr die Muͤhe, die wir anwenden mußten, wenn wir die Ge- schichte der alten Barbarischen Fuͤrsten in Ruß- land verstehn wollten. Unser Pope vertrieb uns durch seinen Unterricht in der Sprache al- le Tage etliche Stunden fuͤr ein geringes Geld. Er brachte endlich einige kleine Buͤcher mit, welche von der Griechischen Religion handel- ten. Er war so unwissend darinn, als man nur seyn kann. Steeley widersprach ihm nach seiner Gemuͤthsart sehr oft, und so we- nig er noch das Russische sprechen konnte: so konnte er doch genug, um ihn zu widerlegen. B 4 Jch Leben der Schwedischen Jch und Sidne baten ihn oft, es nicht zu thun, weil wir nach und nach viel Bosheit bey dem Popen merkten. Da endlich unser Geld alle wurde und der Pope auf die letzt meistens betrunken zu uns kam: so dankten wir diesen Geistlichen ab. Dieses verdroß ihn. Er schalt auf Steeleyn und den armen Sidne, der ihm das letzte Geld fuͤr seine Unterweisung auszahlte. Wir suchten ihn bald durch gute Worte, bald durch Stillschweigen zu besaͤnfti- gen; aber vergebens. Der Brandtwein und eine niedertraͤchtige Seele tobten aus ihm, und er laͤrmte und schrie, biß die Wache hereintrat. Sie fragte, was es waͤre, und der Boͤsewicht beschuldigte uns, daß wir wider den Zaar und die Kirche gesprochen haͤt- ten. Die Wache ward uͤber diese Beschuldi- gung so rasend, daß wir in der Gefahr waren, umgebracht zu werden. Der Oberaufseher kam und versprach dem Popen Genugthuung; wir aber wurden gleich als die groͤßten Misse- thaͤter geschlossen. Ach meine Gemahlinn, soll ich euch unsere damalige Angst beschreiben? soll ich euch alles sagen? Wir wurden den andern Tag zum Verhoͤr gebracht. Der Po- pe, dessen Wort unbetruͤglich war, widerhol- te seine Beschuldigung zuerst gegen Steeleyn. Mein Freund berufte sich auf seine Unschuld; aber Graͤfinn von G** aber vor diesem schrecklichen Gerichte galt sie nicht. Man verfuhr nach ihrer barbarischen Gewohnheit, die Wahrheit vor Gerichte her- auszubringen. Man ließ ihn niederwerfen und ihm die Bodoggen geben, damit er beken- nen sollte. Er stund diese Marter vor unsern Augen standhaft aus und ließ unter den Haͤn- den der Barbaren, die ihn mit zwey Staͤben auf den blossen Leib schlugen, nicht die ge- ringste Klage hoͤren. Als seine Qvaal voruͤ- ber war, ohne daß man ihm ein Gestaͤndniß hatte abzwingen koͤnnen, so kam die Reihe an den ungluͤckseligen Sidne. Der Pope bekann- te wider ihn, und Sidne, der mit tausend Thraͤnen und Bitten dieser Marter vergebens zu entgehn suchte, ward endlich nieder geris- sen. Jch wollte das Gesicht wegwenden, um seiner Qvaal nicht mit zuzusehn; allein die Wuͤtriche noͤthigten mich, der naͤchste Zeuge davon zu seyn. Er erduldete sie, ohne sie zu uͤberleben. Sobald man ihm die gesetzte Zahl von Streichen gegeben hatte: so lag er ohne Bewegung da. Man nahm ein Geschirr Wasser und goß es ihm uͤber das Gesicht, um ihn wieder zu sich selbst zu bringen; doch es war kein Leben in ihm; und dieses befremde- te unsere Richter um desto weniger, weil viele von den Angeklagten unter dieser Marter das B 5 Le- Leben der Schwedischen Leben einbuͤssen. Steeley war wegen seines Unvermoͤgens bey Seite geschafft; Sidne war todt, und ich erwartete, ohne mir recht bewußt zu seyn, mein Schicksal. Der bos- hafte Pope verlohr entweder mit dem Leben des Sidne seine Rachbegierde, oder er hielt sich von mir am wenigsten beleidiget. Er be- schuldigte mich keiner Laͤsterungen wider den Staat, er begehrte nur, daß ich gestehen soll- te, daß meine beiden Cameraden welche aus- gestoßen haͤtten. Jch vertheidigte mich, daß ich von nichts wuͤßte. Man befahl, eben die Marter an mir vorzunehmen. Man legte mich auf die Erde und fragte noch einmal, ob ich nichts gehoͤrt haͤtte. Die Furcht vor der Pein und vor dem Tode bestuͤrmten mich ent- setzlich. Dennoch beschloß ich eher zu sterben, als durch ein falsches Bekenntniß mir das Le- ben zu retten und es Steeleyn vielleicht zu nehmen. Jch weis nicht, ob mein trauriger Anblick den Popen zum Erbarmen bewegte; genug, er bat fuͤr mich um Gnade und sagte, daß ich vielleicht die Laͤsterungen nicht koͤnnte verstanden haben, weil ich nicht so viel Rus- fisch koͤnnte, als die andern beide. Man ließ mich also wieder aufstehn und brachte mich in unser Gefaͤngniß zuruͤck, in welchem ich Stee- leyn sinnlos antraf. Jch warf mich zu ihm auf Graͤfinn von G** auf das harte Lager und umarmte ihn mit der einen Hand; denn mit der andern war ich noch geschlossen. Er sprach die ganze Nacht kein Wort und lag in einem fuͤhllosen Schlum- mer. Der Morgen brach an. Jch redte auf meinen Freund und er schlug endlich zu mei- ner Freude die Augen auf und reichte mir die Hand. Unser Aufseher kam und erkundigte sich, ob Steeley noch lebte. Er ließ mir die Banden abnehmen und schien uns beide zu be- dauern. Jch versicherte ihn bey allem, was heilig ist, daß mein Freund so unschuldig waͤ- re, als ich. Das hilft euch nichts, sprach er. Das Zeugniß des Popen, als eines Geistlichen, gilt, und ihr seyd beide verurtheilt, nach Si- berien geschickt zu werden. Gott helfe euch! ich kann euch nicht helfen, sonst muß ich alles von dem Popen befuͤrchten. Seyd zufrieden, wenn euch die Zunge nicht aus dem Halse ge- schnitten wird, ehe ihr nach Siberien verwie- sen werdet; denn dieses widerfaͤhrt denen, die wider den Staat, oder die Kirche gesprochen haben. Warum seyd ihr so unvorsichtig ge- wesen und habt den Popen beleidigt? Jn ein Paar Tagen wird man euch nebst andern Ge- fangnen nach Siberien schicken. Jch werde euch wohl nicht wieder sehn. Jch warf mich neben Stecleyn nieder, der immer noch in sei- ner Leben der Schwedischen ner Betaͤubung lag, und wenigstens itzt gluͤck- licher war als ich, weil er sich seiner nicht mehr bewußt zu seyn schien. An Statt, daß der Aufseher mir einen Trost haͤtte zusprechen sol- len: so foderte er fuͤr die grausame Nachricht, und fuͤr seine Dienste uͤberhaupt, noch eine Belohnung. Jch griff in Steeleys Taschen, um suͤr ihn etwas zu suchen; allein die Wa- che hatte ihm alles genommen. Da der Auf- seher kein Geld mehr sah: so schien der Schat- ten von seinem Mitleiden zu verschwinden. Er gieng mißvergnuͤgt fort und ließ mich in einem Zustande liegen, den ich euch nicht be- schreiben kann. Jch versank in Schwermuth und Traurigkeit. Von Gott und Menschen in meinen Gedanken verlassen, und feindselig im Herzen wider beide, schlief ich schrecklicher Mensch ein, indem ich mir den Tod tausend- mal wuͤnschte. Es war viele Naͤchte kein Schlaf in meine Augen gekommen, und mei- ne zerstoͤrten und ermatteten Geister hatten eine lange Ruhe noͤthig, wenn sie wieder zu sich selbst kommen sollten. Jch glaube, daß ich laͤnger als vier und zwanzig Stunden in ei- nem Stuͤcke geschlafen habe. Jch erwachte und sah meinen Freund mit aufgeschlagnen Augen neben mir liegen. Er fragte mich, wo Sidne waͤre, denn er war weggeschafft wor- den, Graͤfinn von G** den, ehe Sidne starb. Jch konnte ihm nicht antworten. Jst er todt? ach wenn doch Gott das wollte! so waͤre er gluͤcklicher, als wir. So ist er nicht mehr in den Haͤnden der Henker? Jch sagte ihm, daß er todt waͤre. Jch fragte ihn, ob er noch große Schmerzen empfaͤnde, und er fragte mich, ob ich sie noch sehr fuͤhlte, denn er glaubte, daß ich seine Mar- ter ebenfalls ausgestanden haͤtte. Also hat man euch verschont? fieng er, nach meiner Erzaͤhlung, an. Nun bin ich doppelt zufrie- den. Sidne ist todt, und ihr habt meine Qvaal nicht gefuͤhlt. Fuͤr beides muͤssen wir Gott danken. Jch konnte ihm die Nachricht von unsrer Verweisung nach Siberien nicht laͤnger verschweigen. Jch sagte ihm, was ich von dem Aufseher gehoͤrt hatte. Er schien durch das erlittene Ungluͤck schon so unempfindlich geworden zu seyn, daß ihn Siberien nicht mehr schreckte. Als ich aber davon anfieng, daß man uns vielleicht noch grausamer begegnen wuͤrde: so rang er die Haͤnde. Nein, nein, schrie er, lieber den Tod, tausendmal lieber, als jenes. Wollt ihr noch leben, wenn man euch so mißhandelt? Wir uͤberliessen uns der Wut und der Verzweiflung vom neuen. Jndem trat der Aufseher in unser Gefaͤngniß und kuͤn- dig- Leben der Schwedischen digte uns an, daß man uns Morgen fruͤh nach Siberien abfuͤhren wuͤrde. Wird man uns, rief Steeley, noch etwas mehr thun? Nein, sprach der Russe, nichts mehr, ihr seyd beide nur verurtheilt, nach Siberien zur Ar- beit verwiesen zu werden. Nun schien uns das groͤßte Elend geringe zu seyn, da wir nur hoͤrten, daß man keine weitere Gewalt an uns ausuͤben wollte; und wir fanden in dem Ver- lußte dieser Furcht eine Art des Trostes, den uns alles andere nicht haͤtte geben koͤnnen. Steeley wollte dem Aufseher noch eine Beloh- nung geben, allein sein Geld war ihm genom- men. Nachdem er lange gesucht, fand er end- lich noch zween Rubel. Er stund vor Freu- den zum erstenmale von seinem Lager auf und sagte dem Aufseher, daß er seinen Reichthum mit ihm theilen wollte. Dieser war auch so menschlich, daß er ihm die Haͤlfte zuruͤck gab. Steeley fragte darauf, wo man den todten Koͤrper des Sidne hingethan haͤtte, ob er ihn nicht noch einmal sehn koͤnnte. Der Russe antwortete, daß man ihn schon an dem Orte eingescharret haͤtte, wo die Missethaͤter begra- ben wuͤrden. Er liege, wo er wolle, fieng er mit einem thraͤnenden Ungestuͤm an, er ist doch ein ehrlicher Mann und mein Freund: es ist ihm unrecht geschehn ‒ ‒ Jch rief ihm zu, daß er Graͤfinn von G** er schweigen und sich aus Liebe zu seinem tod- ten Freunde nicht noch ungluͤcklicher machen sollte. Er fragte, ob es nicht noch moͤglich waͤre, einen von seinen Landsleuten zu sprechen; aber daran war nicht mehr zu gedenken. Nunmehr nahm unser Aufseher Abschied. Wir dankten ihm unaussprechlich fuͤr seine Men- schenliebe, ob wir sie gleich meistens erkauft hatten. Wir umarmten ihn und fragten ihn immer, ob es auch gewiß waͤre, daß man uns nichts weiter thun wuͤrde. Er versicherte uns die- ses mit dem groͤßten Eide, den sie in ihrer Spra- che haben. Wir wollten ihm noch etwas Geld geben, daß er uns zu essen schaffen sollte; denn es war wohl der dritte Tag, daß wir nichts zu uns genommen hatten. Auf einmal ward er großmuͤthig und sagte, daß er uns zu essen und auch ein Glas Brandtwein auf unsere traurige Reise, und Steeleyn ein Pflaster uͤber den Leib bringen wollte, welches ihm gute Dienste thun wuͤrde. Er hielt sein Wort und brachte uns, was er uns versprochen hatte. Wir assen den Abend ziemlich ruhig und ergaben uns in alles, was uns begegnen wuͤrde, weil wir sicher waren, daß uns fast nichts schrecklichers begegnen konnte, als was wir schon ausge- standen hatten. Der Schmerz, den Steeley noch Leben der Schwedischen noch in dem Leibe fuͤhlte, minderte sich durch das empfangne Pflaster. Der Morgen brach an, ohne daß wir geschlafen hatten, und man foderte uns zur Reise auf. Der Aufseher empfahl uns dem Officier, der uns zu den uͤbrigen acht Gefangnen fuͤhrte, welche mit uns nach Siberien sollten gebracht werden, und welche, wie ich nachdem erfuhr, meistens vornehme Russen und wegen der Rebellion verdaͤchtig waren. Wir wurden alle zehn auf zwey Fahrzeuge vertheilt, und ich hatte gleich das Ungluͤck, daß man Steeleyn von mir trennte und auf den andern Wagen wies. Mehr hatte zu meinem Elende nicht gefehlt. So wie wir auf einer Station ankamen, muß- ten wir auch wieder fortgebracht werden, also kam Steeley niemals zu mir, uud ich habe auf dem ganzen Wege nichts, als einzelne Wor- te, mit ihm sprechen koͤnnen. Drey von mei- nen Gefaͤhrten waren Russen, und ihre Her- zen waren so wild, als ihre Gesichter. Jhr Unfall machte ihre Gemuͤther nur mehr erbit- tert, und sie schaͤmten sich, daß sie, als Rußi- sche Knees, mit einem Schweden und einem Franzosen, denn dieses war mein vierter Ge- faͤhrte, ein gleiches Ungluͤck theilen sollten. Der Franzose, der Major gewesen war, und sich ungluͤcklicher Weise seinem Obersten mit dem Graͤfinn von G** dem Degen widersetzt hatte, ward bald mein Vertrauter, und wir waren um desto gluͤckli- cher, weil die Russen kein Franzoͤsisch verstun- den. Er hatte die edlen Meinungen einer gu- ten Erziehung im Felde nicht verlohren; und so unterschieden seine Gemuͤthsart von der mei- nigen war: so machte uns doch das Ungluͤck schon halb zu Freunden. Er hatte ein von Natur ehrliches Gemuͤth, und das Mißtrauen, das ich anfangs bey ihm merkte, verlohr sich voͤllig, da er mein Herz kennen lernte. Jch bildete ihn auf unserm elenden und beschwer- lichen Wege so, wie ich ihn haben wollte, und wie er seyn mußte, wenn er mir Steeleys Verlust einiger massen ersetzen sollte. Je naͤ- her wir Siberien kamen, desto unfreundlicher wurden wir an denen Orten aufgenommen, wo man uns weiter fortschaffen mußte. Wir achteten die Niedertraͤchtigkeiten, ich und Re- mour, so hieß der Franzose, kaum mehr, mit denen man uns begegnete. Wir bleiben doch rechtschaffene Leute, sprach der Major immer zu mir, wenn uns gleich der Poͤbel verun- ehrt. Er, ich, und die vornehmen Russen, wir waren einer so arm, als der andre; und wenn wir auch etwas gehabt haͤtten: so wuͤrde uns doch der Poͤbel, oder unsere eigene Bedeckung nichts gelassen haben; so seindselig geht man II Theil. C mit Leben der Schwedischen mit denen um, die das Ungluͤck haben, nach Siberien bestimmt zu seyn. Wir hatten nichts als trocknes Brodt, und auch damit waren wir zufrieden. Die Kaͤlte quaͤlte uns am meisten. Niemand empfand sie mehr als der arme Stee- ley an seinem mißhandelten Koͤrper. Nach ungefehr sechs oder sieben Wochen kamen wir in Tobolskoy an, wohin wir verwiesen wa- ren. Wir fanden, daß ichs kurz sage, hier alles, was eine Gegend fuͤrchterlich und das Leben eines ins Elend Verwiesenen traurig machen kann. Wir wurden dem Gouver- neur vorgestellt und ich hatte das Ungluͤck von meinem lieben Steeley getrennt zu werden; doch blieb mir Remour. Der Gouverneur legte uns allen nach der eingefuͤhrten Gewohn- heit einerley Schicksal auf, naͤmlich die elende Beschaͤftigung, Zobel zu fangen, deren Felle an den Russischen Hof geliefert werden. Stellt euch vor, was ein Mann von meinem Stande und von meiner Gemuͤthsart fuͤhlen muß, der sich zu der niedrigsten Verrichtung verdammet sieht, der mit stumpfen Pfeilen in den Waͤldern her- umirren und Zobel erlegen, oder sie mit Fal- len fangen, und unter den Befehlen solcher Menschen stehen muß, die nicht viel vernuͤnfti- ger, und oft grausamer, als Thiere sind. Wenn Graͤfinn von G** Wenn nicht die groͤßte Plage durch die Laͤnge der Zeit etwas von ihrer Last verloͤre; wenn nicht die groͤßten Beschwerlichkeiten dem Koͤr- per endlich zur Gewohnheit wuͤrden, oder, daß ich mehr sage, wenn Gott denen, die ohne ih- re Schuld ungluͤcklich sind, nicht selbst ihr Schicksal durch ihre Unschuld und durch die geheimen Vergnuͤgungen eines guten Gewis- sens in gewissen Stunden erleichterte: so wuͤr- de mein Zustand in Siberien ein Stand der Verzweiflung gewesen seyn. So elend jeder Tag verstrich: so fand ich doch wenigstens als- dann eine Beruhigung, wenn ich meinen Re- mour sehn und sprechen, und das, was mir begegnet war, und auch das, was ich ihm schon hundertmal gesagt hatte, in seine Seele aus- schuͤtten konnte. Ein Sclave zu seyn, bleibt allemal das groͤßte Ungluͤck; allein einen Freund in diesem Elende zum Gefaͤhrten zu haben, ist zugleich die groͤßte Wohlthat. Ei- ne Umarmung, ein Wort, ein Blick von ihm, alles ist ein Trost, der sich nicht ausdruͤcken laͤßt, alles ist Mitleiden; und was sucht ein ungluͤckliches Herz, das der Nothwendigkeit elend zu seyn unterworfen ist, mehr, als Mit- leiden? Jch wuͤrde undankbar gegen mein Schicksal seyn, wenn ich, da ich euch mein Un- C 2 ge- Leben der Schwedischen gemach erzaͤhle, nicht auch der kleinen An- nehmlichkeiten gedaͤchte, die der Elendeste noch in seinen Umstaͤnden zuweilen empfindet. Die Natur der Dinge scheint sich, den Ungluͤckli- chen zu gefallen, oft zu veraͤndern; und das, was mir im Gluͤcke eine Betruͤbniß gewesen seyn wuͤrde, ward mir im Ungluͤcke ein Trost. Jch habe, seit dem ich so gluͤcklich bin, weni- ger ein Sclave zu seyn, diesen Spuren der Vorsehung oft mit tiefer Ehrfurcht, obgleich mit einem innerlichen Schauer, nachgedacht. Vielmal habe ich, wenn ich der Verzweiflung am naͤchsten war, und in der Ferne einen an- dern Verwiesenen erblickte, in diesem Anbli- cke einen Trost gefunden. Der Tod selbst, der uns sonst so schrecklich scheint, ist mir tau- sendmal zur Wollust geworden, und der Ge- danke von ihm, der uns sonst niederschlaͤgt, hat mich unter der Last, unter der ich seufzte, recht goͤttlich aufgerichtet. Jch bin in der Vorstellung, daß ich in dieser oder jener Nacht vielleicht sterben koͤnnte, oft so freudig einge- schlafen, als ob ich alles haͤtte, was ich wuͤnsch- te. Und wenn ich um und neben mir kein Vergnuͤgen erblicken konnte: so brachte mir die Religion doch oft die Freuden aus einer andern Welt heruͤber. Nachdem ich also drey Jahre in einer vollkommenen Knechtschaft zu- ge- Graͤfinn von G** gebracht, und, gleich den andern Gefangnen, mir das Brodt aus den Haͤnden meiner Ge- bieter durch eine gewisse bestimmte Anzahl der Thiere, die wir fiengen, erkaufen muͤssen: so ereignete sich die Begebenheit mit dem Pohl- nischen Juden. Dieser dankbare Mann, wie ich euch schon erzaͤhlt habe, hat mich durch seine Vorbitte bey dem Gouverneur und durch sein erlegtes Geld von der Arbeit befreyet. Er hat es nach und nach so weit gebracht, daß ich in ein lichter und geraumer Behaͤltniß ge- kommen bin. Sobald ich dieses nur hatte: so suchte er mir meine Gefangenschaft noch mehr zu erleichtern. Er brachte mir ein be- qvemes Kleid und entriß mich dem groben und wilden Anzuge, in welchem ich nun schon so lange gegangen war. Schreckliches Kleid, das noch hier vor meinen Augen haͤngt und mich an das vorige Ungluͤck erinnert! Er brachte mir allerhand Decken und Pelzwerke zum Schlafen, wiewohl mich diese Anfangs nur an dem Schlafe hinderten. Eine lange Gewohnheit, hart zu liegen, hatte sie fast un- nuͤtz fuͤr mich gemacht. Er besuchte mich oft, und niemals, ohne mir eine Gutthat zu erwei- sen. So sehr mein Zustand von dem vorigen unterschieden war: so war er mir doch nicht angenehm genug, weil ich ihn nicht mit Stee- C 3 leyn Leben der Schwedischen leyn oder mit Remourn, theilen konnte. Von Steeleyn hatte mein Wohlthaͤter auf mein Bitten die Nachricht eingezogen, daß er nach Pohem, vierzehn Tagereisen von Tobolskoy, gebracht worden waͤre, ob er aber noch lebte, das konnte ich nicht erfahren. Der Jude hat- te mir ein Geschenk von ein Duzend Dukaten gemacht, damit ich in seiner Abwesenheit et- was zu meiner Versorgung haͤtte. Jch wag- te es und bat ihn, daß er drey davon Re- mourn uͤberbringen, oder ihm einige Erqui- ckungen dafuͤr schaffen moͤchte, die uͤbrigen hub ich in Gedanken fuͤr Steeleyn auf. Er that es, und das war nicht genug: er brachte es noch denselben Tag dahin, daß Remour etliche Stunden zu mir gelassen wurde. Jch thei- lete mein Herz mit ihm und alles, was ich hat- te. Jch hoffte dieses Vergnuͤgen noch mehr- mal zu geniessen; allein er ward darauf krank und starb; und ich erhielt nicht eher, als et- liche Stunden vor seinem Tode die Erlaubniß ihn zu besuchen, da er kaum noch etliche Wor- te stammeln konnte. Der Jude setzte, wie er mir versprochen hatte, seine Besuche fleißig fort. Er gab mir allerhand Anschlaͤge, aller- hand Nachrichten von dem Gouverneur, und sagte mir, daß er bey dem Zaar in grossen Gnaden stuͤnde, daß er mit ihm in Deutsch- land Graͤfinn von G** land gewesen waͤre, daß seine Gemahlinn aus Curland gebuͤrtig und eine Vertraute der Ca- tharina gewesen sey. Er erzaͤhlte mir ferner, daß der Gouverneur ein grosser Liebhaber vom Bauen waͤre, und daß ich, wenn ich etwas von der Baukunst verstuͤnde, mir vielleicht gar seine Gnade erwerben wuͤrde. Dieß war mir eine sehr angenehme Nachricht. Jch sagte ihm, daß ich zeichnen und Risse zu Gebaͤuden machen koͤnnte, und wenn er mir die noͤthigen Sachen schaffte, so wuͤrde ich wenigstens ei- ne Beschaͤftigung in meiner Einsamkeit mehr haben. Er that es, und ich uͤbte mich eini- ge Wochen. Sobald ich einen nicht unge- schickten Riß fertig hatte: so trug ihn der Ju- de zum Gouverneur. Den andern Tag wur- de ich schon zu ihm geholt. Er verstund zu meinem Gluͤcke etwas von der Baukunst, und wuͤrdigte mich, als mein Befehlshaber, etlicher freundlichen Minen und unterredte sich mit mir bald auf deutsch, bald im gebrochnen La- tein. Er erschrack, daß ich so fertig Latein sprechen konnte, und von diesem Augenblicke an schien er mich zu bedauern. Wenn es bey mir stuͤnde, sprach er, so wollte ich euch die Freyheit schenken; allein ihr seyd auf zeitle- bens nach Siberien verbannet, und ich kann nichts thun, als euch eure Gefangenschaft er- C 4 traͤg- Leben der Schwedischen traͤglicher machen. So lange ich lebe, soll euch alle Arbeit der Gefangnen erlassen seyn, ohne daß der Jude etwas weiter fuͤr euch be- zahlt. Seyd ihr damit zufrieden? Jch be- dankte mich sehr ehrerbietig und sah ihn beweg- lich an. Jhr koͤnnt leicht denken, warum ich ihn nunmehr bat. Jch nahm alle meine Be- redsamkeit zusammen, um ihn zu bewegen, daß er einem Freunde von mir, der zugleich mit mir nach Siberien verwiesen worden, und Steeley hiesse, eben die Großmuth erzeigen sollte, die er mir erwiesen haͤtte. Jhr bittet mehr, fieng er an, als mir zu thun frey steht. Jch will mich entschliessen. Jtzt koͤnnt ihr gehn und mir den Riß von dem Gebaͤude ma- chen, von dem ich mit euch gesprochen habe. Jndem er dieses noch sagte, trat ein sehr schoͤ- nes-Frauenzimmer mit einer viel versprechen- den und großmuͤthigen Mine in das Zimmer. Wartet, rief er mir zu. Hier, meine Gemah- linn, fuhr er fort, ist der ungluͤckliche Schwe- de, von dem ich euch neulich gesagt habe. Wenn es euch gefaͤllt, so koͤnnt ihr selbst mit ihm reden, und ihm etwas zu essen reichen las- sen. Jch will ein Paar Stunden auf die Jagd reisen. Er gieng fort, und seine Ge- mahlinn redte auf eine sehr liebreiche Art mit mir, und sagte, daß sie Ursache haͤtte, an mei- nem Graͤfinn von G** nem Ungluͤcke Theil zu nehmen, weil ich, wie sie hoͤrte, ein halber Landsmann von ihr waͤ- re. Sie that tausend Fragen an mich und belohnte meine Erzaͤhlungen mit einer mitlei- digen Aufmerksamkeit und mit einer Hoͤflichkeit, die mir alle Furcht benahm, frey und edel mit ihr zu reden. Nichts hoͤrte sie lieber als die vortheilhaften Beschreibungen, die ich ihr von euch machte, und die Wuͤnsche, euch, meine Gemahlinn, wieder zu sehn. Jch bedaure sie, fieng sie an, nachdem sie wohl zwo Stunden mit mir gesprochen hatte; und ich wuͤrde ihren Verdiensten ein besser Schicksal anweisen, wenn ich dem Hofe naͤher waͤre. Vielleicht ist es moͤglich, daß ich mit der Zeit noch etwas zur Ruͤckkehr in ihr Vaterland beytragen kann. Die ausnehmende Liebe, die sie wider die Ge- wohnheit ihres Geschlechts fuͤr ihre Gemah- linn haben, und ihr Ungluͤck sind genug, mich zu ihrer Freundinn zu machen, und ich kann ihnen meine Hochachtung nicht entziehn, wenn gleich ihre Gebieter ihnen als einem Sclaven begegnen. Gefaͤllt ihnen mein Mitleiden: so beruhigen sie sich damit in einem Lande, wo die Barbarey die Stelle der Tugend zu ver- treten scheint. Jch wuͤrde diesen Mittag mit ihnen speisen, wenn ich meinem Willen fol- gen duͤrfte. Darauf langte sie| von der Ta- C 5 fel, Leben der Schwedischen fel, die schon gedeckt war, eine Flasche Wein, und trank mir eure Gesundheit zu. Jch ward von ihrer Großmuth bis zu den Thraͤnen ge- ruͤhret, und es war mir unmoͤglich, ihr meinen wahren Nahmen laͤnger zu verschweigen. Jch warf mich zu ihren Fuͤssen. Madam, fieng ich an, sie verdienen, daß ich ihnen auf den Knien fuͤr die Freundschaft danke, die sie mir Ungluͤcklichen schenken. Jch muß ihnen alles sagen, wenn auch mein Bekenntniß mit der Gefahr meines Lebens verknuͤpft seyn sollte. Alles ist wahr, was ich ihnen erzaͤhlt habe, allein ich heisse nicht Loͤwenhoek. Nein, ich bin der Graf von G** und ich bitte sie bey ihrer edlen Seele und bey meiner Gemahlinn, meinen Namen nicht zu entdecken. Sie hob mich freundlich auf, und ich erzaͤhlte ihr mein Ungluͤck bey der Armee. O Gott! rief sie, sind sie der Graf von G**? Mein Gemahl hat ihren Vater als Gesandten in Moskau ge- kannt. Ungluͤcklicher Graf! Sagen sie ihm ja nichts davon. So viel ich Ursache habe mit seiner Auffuͤhrung gegen mich zufrieden zu seyn: so hat er doch gegen andere ein hitziges und rachgieriges Herz, und wie bald koͤnnte es nicht geschehn, daß sie ihn wider ihren Wil- len beleidigten. Begegnen sie ihm ja allezeit mit einer tiefen Unterwerfung, und alsdann am Graͤfinn von G** am allermeisten, wenn er am gnaͤdigsten mit ihnen umgeht, ausserdem stehn sie in der Ge- fahr, noch weit mehr zu erfahren. Er liebt das Geld, und es wird gut fuͤr sie seyn, wenn ihm der Jude von Zeit zu Zeit ein Geschenk macht. Jch habe kein Geld, fuhr sie fort, um ihnen zu dienen: allein ich habe Juwelen, von denen mein Gemahl nichts weis, davon will ich ihnen einige holen. Der Jude ist ein ehrlicher Mann und wird ihnen doch wenigstens die Haͤlfte so viel dafuͤr geben, als sie werth sind; allein ich wollte es nicht gern, daß sie ihm sagten, von wem sie solche be- kommen haͤtten. Sie brachte mir darauf zwo goldne Einfassungen, die wie ich muth- maßete, von ein Paar Portraits abgenom- men waren. Sie waren mit kostbaren Stei- nen besetzt. Nehmen sie, sprach sie, dieses Geschenk als einen Beweis an, daß es mir nicht an dem Willen fehlt, ihr Elend zu min- dern. Jch zweifle, daß ich iemals wieder die Gelegenheit erhalten werde, sie allein zu spre- chen: darum wiederhole ich ihnen mein Mit- leiden und meine Hochachtung, und bitte sie, in mir auch alsdann ihre Freundinn zu erken- nen, wenn ich genoͤthigt seyn werde, die Per- son einer Gebieterinn anzunehmen. Bege- ben sie sich nunmehr wieder in ihren einsamen Auf- Leben der Schwedischen Auffenthalt. Jch will sehn, ob ichs bey mei- nem Gemahle so weit bringen kann, daß ihr Freund, von dem sie mir erzaͤhlt haben, zu ih- rer Gesellschaft hieher verlegt wird. Gewiß kann ichs ihnen nicht versprechen. Gehn sie und leben sie wohl, armer Graf! Jch kehrte als im Triumpfe zuruͤck, und hielt mich nun- mehr unter den Haͤnden der Barbaren fuͤr ge- ehrt und gluͤcklich; so sehr erfuͤllte das Mit- leiden dieser so großmuͤthigen Seele mein Herz mit Hoheit und Hoffnung. Mein Jude be- suchte mich den Tag darauf. Und ehe ich ihm erzaͤhlte, wie ich von dem Gouverneur aufgenommen worden: so sagte ich ihm, daß ich so gluͤcklich gewesen waͤre, in dem alten Kleide meines verstorbenen Freundes, das er, da er bey mir war, zuruͤck ließ, weil ich ihm ein neues gab, uud das ich itzt vor mich hingelegt hatte, einige Kostbarkeiten zu finden, wodurch ich ihm vielleicht die Kosten ersetzen koͤnnte, die er als mein Freund fuͤr mich zeither aufge- wandt haͤtte. Er betrachtete die beiden Ein- fassungen mit Erstaunen und schien mein Vor- geben zu glauben. Das sind fuͤrstliche Kost- barkeiten, fieng er an, und ich kann euch mei- ne Aufrichtigkeit nicht besser beweisen, als daß ich euch sage, daß sie fuͤnf bis sechs tausend Thaler werth sind. Wollt ihr mir sie anver- trauen: Graͤfinn von G** trauen: so will ich sie euch bey einem Juden, der Steine einkauft, verhandeln. Ein Mann, sprach ich, der mir so viel Gutes erwiesen hat, wie ihr, verdient das groͤßte Vertrauen. Al- lein, versetzte er, was wollt ihr mit so vielem Gelde anfangen? Man koͤnnte es euch uͤber lang oder kurz nehmen. Wißt ihr, was ich machen will? Jch will das Geld, das ich da- fuͤr bekomme, bey einem Juden, der hier wohn- haft ist, niederlegen; er soll euch nicht um ei- nen Groschen betriegen. Jch will ihm, und wenn ich binnen acht Tagen wieder zuruͤck nach Polen reise, auch dem Gouverneur sagen, daß ich euch als dem Erhalter meines Lebens so und so viel zu eurer Versorgung, und wenn es moͤglich waͤre, zu eurer baldigen Befrey- ung zuruͤckgelassen haͤtte. Kurz, ich war al- les zu frieden. Er verkaufte die Juwelen fur fuͤnftausend Thaler und brachte mir tausend baar und das Uebrige durch eine Anweisung mit. Jch bot ihm fuͤr seine treuen Dienste zwey- hundert Thaler an; allein er nahm sie unter kei- ner andern Bedingung, als daß er sie bey sei- ner Abreise dem Gouverneur schenken wollte, damit er mir guͤnstig bliebe. Dieß ist geschehn. Er hat mir durch meinen lieben Juden ver- sprechen lassen, daß ich Steeleyn gewiß zu mir bekommen sollte, zumal wenn er auch etwas von Leben der Schwedischen von der Baukunst verstuͤnde. Der Jude selbst steht nunmehr im Begriffe fortzureisen. Jch verliere sehr viel an diesem treuherzigen Manne; doch ich will ihn gern verlieren, wenn er das Werkzeug ist, durch den ihr von mir und ich von euch eine Nachricht erhalte. Er kennt meinen wahren Stand, und er hat mirs auf die heiligste Art versprochen, weder mich zu verrathen, noch zu ruhn, bis er euern Aufenthalt in Liefland ausfuͤndig gemacht. Jn dieser letzten Absicht hat er hundert Thaler zu Reisekosten von mir angenommen. Er koͤmmt, der ehrliche Mann, und will Abschied nehmen und seinen Brief haben. Jch um- arme euch, wo ihr auch seyd, mit der treusten Liebe. Moͤchten doch meine Umstaͤnde so blei- ben, wie sie itzt sind! so hoffe ich noch, euch wieder zu sehn und alle mein ausgestandnes Elend in euern Armen zu vergessen. Bittet den Himmel um diese Gluͤckseligkeit. Ja, meine liebste Gemahlinn, er wird sie uns noch schenken. P.S. Jch habe, weil Steeley noch nicht zugegen ist, an seinen Vater nach London, und auch an den Englischen Gesandten nach Stock- holm geschrieben, und unter dem Namen Loͤe- wenhoek beiden von meines Freundes neuem Ungluͤcke Nachricht gegeben. Die- Graͤfinn von G** Dieses sind die beiden Briefe, die mein Gemahl in seiner Gefangenschaft an mich ge- schrieben. Er hat von dem Abgange des letz- ten Briefs an, ungefehr noch anderthalb Jahre in Siberien zugebracht. Jch will das uͤbrige so erzaͤhlen, wie er mirs muͤndlich er- zaͤhlet hat. Einige Wochen nach des Juden Abreise sprach er, ward ich zum Gouverneur geholt. Jch uͤbergab ihm mit vieler Demuth den Riß, den er mir zu machen befohlen hatte. Er war ziemlich wohl damit zufrieden; allein er war doch der Gouverneur und ich sein Gefangner. Kurz, er schaͤmte sich, mir eine Art der Hoch- achtung aͤusserlich sehn zu lassen, die er mir vielleicht im Herzen nicht ganz abschlagen konn- te. Er fragte mich, ob mir der Jude so und so viel Geld zuruͤckgelassen haͤtte und ich beant- wortete es mit Ja. Darauf befahl er, daß der Gefangene hereintreten sollte; dieses war mein lieber Steeley, den ich fast seit vier Jah- ren nicht gesehen hatte. Jch vergaß vor Freu- den, daß ich vor dem Gouverneur stund, und lief auf Steeleyn mit offnen Armen zu. Er soll euer Gesellschaffter seyn, fieng der Gou- verneuer an; allein wie lange, das kann ich euch Leben der Schwedischen euch nicht sagen. Jch verstund diese Spra- che, und bat, ob er sich nicht wollte gefallen lassen, daß ich tausend Thaler zum Unterhalte meines Freundes erlegen duͤrfte, Er sagte daß er sie zum Pfande, daß wir seine Gnade nicht mißbrauchen wuͤrden, annehmen wollte. Der Jude, von dem ich die Anweisung bey mir hatte, ward gefodert, und bezahlte die tausend Thaler. Er erhielt zugleich die Erlaubniß, mich an Statt des abgereisten Ju- den zu besuchen und mich mit dem Nothwen- digen zu versehen. Nunmehr durfte ich an der Hand meines Steeleys, der noch wie in einem Traume war, und nichts als etliche ab- gebrochne Worte zu mir gesprochen hatte, nach meinem Behaͤltnisse eilen. Unsere erste Be- schaͤftigung, als wir allein waren, bestund dar- inn, daß wir einander eine lange Zeit ansahn, ohne ein Wort zu sprechen. Alsdann suchte ich ihm Waͤsche und eine Kleidung, womit mich der Jude noch vor der Abreise versorget hatte; allein er war nicht vermoͤgend vor truckner Freude sich allein anzukleiden, ich mußte ihm helfen. Er sah die Sachen, die ich ihm gab, recht mit Erstaunen an, als ob er ihren Gebrauch vergessen haͤtte. Da er end- lich umgekleidet war: so betrachtete er sich mit unersaͤttlichen Angen und weinte. Jch hatte ihn Graͤfinn von G** ihn schon oft gefragt, wie es ihm gegangen waͤre; und er hatte mir nichts geantwortet, als: wie es mir gegangen ist, mein lieber Graf, wie es mir gegangen ist? Ja, ich wuͤr- de ihm, ungeachtet meiner Neugierigkeit doch nicht haben zuhoͤren koͤnnen, wenn er mir auch meine Fragen beantwortet haͤtte, so be- stuͤrmt war ich von den Trieben der Freund- schaft und der Freude. Jch reichte ihm ein halbes Glas Wein, denn mehr hatte ich nicht, und erinnerte ihn, wie er mich einmal in Mos- kau damit tractiret hatte. Wir wurden nach und nach unser maͤchtig. Wir hatten einan- der so viel zu erzaͤhlen, daß wir nicht wußten, wo wir anfangen sollten. Unter diesen Un- terredungen verstrichen ganze Tage und Naͤch- te und eben so viele unter den Wiederholun- gen unserer Begebenheiten. Steeley hatte in seinem Elende weit mehr erlitten, als ich. Ohne Mitleiden, ohne Freund war er die ganze Zeit ein Sclave, und was noch mehr ist, ein Gefaͤhrte des boshaften Mitgefangnen, des Knees Eskin, gewesen. Dieses Ungeheuer hatte ihm seine Huͤtte des Abends zur Hoͤlle ge- macht, wenn er den Tag uͤber die Last der Sclaverey uͤberstanden. Von tausend nie- dertraͤchtigen Streichen, vor welchen die Na- tur erschrickt, will ich nur einen erzaͤhlen. II Theil. D Stee- Leben der Schwedischen Steeley war krank worden und hatte sich etli- che Tage nicht von seinem Lager aufrichten koͤnnen. Er hatte sich also genoͤthigt gesehn, da Eskin des Abends aus den Waͤldern zuruͤck gekommen, ihn zu ersuchen, daß er ihm das Gefaͤß mit Wasser reichen moͤchte, weil ihm sehr durstete. Also durstet euch recht sehr? spricht Eskin. Das ist mir lieb. Es hat mich vielmal auch gedurstet, und ihr seyd ge- gen einen Fuͤrsten doch nur ein Nichtswuͤrdi- ger. Darauf nimmt er das Trinkgeschirr und trinkt, und alsdann wirft ers Steeleyn vor die Fuͤsse und lacht: da so viel gehoͤrt euch! Braucht man wohl mehr zur Verzweiflung, als so einen Unmenschen um sich zu haben? Nach einer Zeit von einem Jahre, und nach unzaͤhligen Beleidigungen, wird dem Eskin, der sich gegen einen von seinen Aufsehern in der Raserey vergangen, so uͤbel mit gefahren, daß man ihn halb todt in sein Behaͤltnis schlep- pen muß. Man entzieht ihm zween Tage das Brodt; aber Steeley ist so großmuͤthig und theilet das seinige mit ihm. Er reicht ihm, so oft er kann das Trinken. Er waͤscht ihm so gar die Wunden aus; und damals hat ihm der Russe die Hand gedruͤckt und zu ihm gesagt: vergebt mirs, daß ich nicht eben so an euch gehandelt, als ihr an mir thut. Er hat ihm Graͤfinn von G** ihm nach diesem |weniger Verdruß angethan. Sein ganzes Gluͤck, das ihm in seiner Abwe- senheit von mir begegnet ist, besteht in einer kleinen Freundschaft, die ihm ein Cosakisches Maͤdchen in dem letzten Jahre vor seiner Zu- ruͤckkunft nach Tobolskoy erwiesen. Sie be- weist, daß es auch unter dem wildesten Vol- ke noch edle und empfindliche Herzen giebt. Steeley war eines Tages auf seinem Reviere um Pohem so gluͤcklich gewesen, die gesetzte Zahl seiner Zobel bald zu fangen. Auf dem Ruͤckwege nach der Stadt hatte er sich, um auszuruhen bey einer Quelle niedergeworfen. Darauf koͤmmt ein wohlgebildetes Maͤdchen zu ihm und sieht ihn lange starr an. Endlich setzt sie sich nieder und trinkt mit der holen Hand aus der Quelle. Armer Fremdling, faͤngt sie an, wollt ihr nicht auch trinken? Steeley sagt, daß ers schon gethan haͤtte. Aber, spricht sie, wollt ihr denn nicht einen Trunk Wasser aus meiner Hand annehmen? Thut es doch, ihr dauert mich, so oft ich euch gehn sehe, und ich bin nicht hieher gekommen, um zu trinken, sondern um euch dieses zu sa- gen. Steeley erschrickt, und weis selbst nicht, was er sagen soll. Ach faͤhrt sie fort, ihr wollt mir nicht antworten? Nun dauert michs, daß ich euerntwegen hieher gegangen bin. War- D 2 tet Leben der Schwedischen tet nur, ich will nicht wieder kommen. Er sieht sie darauf traurig an, und sagt, daß er ihr fuͤr ihr Mitleiden recht sehr verbunden waͤ- re, und reicht ihr zur Dankbarkeit die Hand. Diese druͤckt sie bald an den Mund, bald an die Brust. Sie spielt mit seinen schwarzen Haarlocken und wiederholt ihre Liebkosung auf zehnerley Art. Er will nunmehr fort- gehn. O spricht sie, wartet doch, ich kann mich an euch gar nicht satt sehn. Jch wollte, daß alle Maͤnner in diesem Lande so aussaͤhen, wie ihr, alsdann wuͤrde es recht huͤbsch in Si- berien seyn. Und wenn ihr ja gehn muͤßt, werdet ihr euch nicht bald wieder hieher setzen? Jch habe euch so viel zu sagen, und ich weis nicht, was es ist. Jch wußte es, ehe ich zu euch kam, und nun habe ichs uͤber euren Haa- ren vergessen. Jndem sieht sie in die klare Quelle und sieht ihr Bild darinn. Aber sagt mir nur, spricht sie, sehe ich denn wirklich so, wie hier im Wasser? Jch habe ja auch schwar- ze Augen, wie ihr. Eure gefallen mir, gefal- len euch denn meine auch? Sind meine Zaͤh- ne auch so weiß, wie eure? Ja, spricht er, ihr seyd schoͤn; aber laßt mich gehn, ich bin ein ungluͤcklicher Mensch. Darauf geht sie mit thraͤnenden Augen fort. Als Steeley den andern Morgen wieder in sein Revier geht: so sitzt Graͤfinn von G** sitzt sie schon an der Quelle und wartet auf ihn. Sie noͤthigt ihn, daß er sich niedersetzen und ein Stuͤck Honig und Brodt aus ihrer Hand essen muß. Seht ihr, spricht sie, ich aͤsse gern selbst; aber ich goͤnne es euch doch noch lieber. Und hier habe ich euch auch et- liche Zobel mitgebracht, womit mich meine Liebhaber beschenkt haben. Nun habt ihr den ganzen Tag nichts zu thun. Sie sollen mir nun alle Tage welche schenken muͤssen, und ich will sie euch bringen. Seht mich doch freundlich an. Jhr hoͤrt ja, wie gut ichs mit euch meyne. Sie spielt darauf wieder ganz bescheiden mit seinen Haaren, und bittet um eine Locke, und zeigt ihm eine Scheere, die sie zu dieser Absicht mitgebracht. Steeley, dem die treuherzige und doch ehrbare Liebe dieser wilden Cosakinn nicht mißfaͤllt, erlaubt ihr diese Bitte. Sie belohnt ihn durch etliche freywillige Kuͤsse und zeigt ihm von fern eine Huͤtte, welches die Huͤtte ihres Vaters waͤre. Darauf nimmt sie ein Blatt von einem Bau- me und blaͤßt. Nunmehr wird mein Bru- der kommen. Jch hatte ihn bestellt. Wenn du mir die Locke nicht im guten gegeben haͤt- test, so haͤtten wir dich dazu gezwungen. Fuͤrchte dich nicht, er ist wie ich, er thut dir kein Leid. Siehst du, spricht sie, da der Bru- D 3 der, Leben der Schwedischen der, ein Mensch mit einem ehrlichen wilden Ge- sichte, naͤher koͤmmt, das ist der Fremdling, dem ich so gut bin. Betrachte ihn nur, und sag es ihm, wie oft ich von ihm mit dir rede. Zeige ihm doch die Gegenden, wo er mit leich- ter Muͤhe die Zahl von Zobeln zusammen brin- gen kann. Jch will auch alles fuͤr dich thun. Suche mir hier in der Naͤhe eine Hoͤle, oder ei- nen Baum aus, wo ich dem armen Fremden kuͤuftig etwas Honig und Fisch und Brodt hineinlegen kann. Der Bruder verspricht es ihr, und geht mit Steeleyn fort, und weist ihm verschiedene Vortheile, und auch einen Ort, wie ihn seine Schwester verlangt hatte. Die- sen hat sie zur Vorrathskammer von ihren kleinen Wohlthaten gemacht, oder Steeleyn vielmehr entweder des Morgens, oder des Abends, da erwartet. Sie ist oft ganze hal- be Tage bey ihm geblieben, und alsdann hat ihr Bruder ihres Liebhabers Arbeit verrichten muͤssen. Da Steeley das vortreffliche Herz seiner Schoͤnen wahrgenommen: so hat er sich alle Muͤhe gegeben, sie zu bilden, und ihre ed- len Empfindungen von den rauhen Eindruͤ- cken ihrer Erziehung zu reinigen. Sie hat, durch die Liebe ermuntert, im kurzen seine Mey- nungen und seine Sitten angenommen und so viel Verstand bekommen, daß er sich keine Ge- walt Graͤfinn von G** walt mehr hat anthun duͤrfen, ihr gewogen zu seyn. Allein dieses Vergnuͤgen hat fuͤr bei- de nicht lange gedauret, weil Steeley nach drey Monaten nebst etlichen andern Gefang- nen in eine andre Gegend zwanzig Werste von Pohem verlegt worden. Von da ist er nach- dem nach Tobolskoy abgerufen worden, und hat also seine Freundinn nie wieder ge- sehn. Wir richteten, da wir nunmehr wieder beysammen waren, unsre Lebensart so gut ein, als es unsre Umstaͤnde zuliessen. Der Gou- verneur hatte mir ein Reiszeug gegeben und ich mußte durch meine kleine Kenntniß, die ich in der Mathematik hatte, seine Gewogenheit zu behaupten suchen. Jch unterwies Stee- leyn in dem, was ich von diesen Dingen wuß- te, und da er die Rechenkunst, die ihm sein ei- gener Vater beygebracht, noch sehr gut ver- stund: so war er in einem halben Jahre in allen diesen Uebungen so geschickt, als ich. Wir arbeiteten also um die Wette, und der Gou- verneur wuͤrde uns keine groͤssere Strafe ha- ben anthun koͤnnen, als wenn er uns befohlen haͤtte, diese Beschaͤftigung nicht zu treiben und muͤssig zu seyn. Allein er ließ es uns nicht an Arbeiten fehlen. Er gab uns Rech- nungen, er gab uns tausend alte Risse, die wir D 4 ab- Leben der Schwedischen abcopiren mußten; und ich glaube, daß kein verfallenes Schloß in Siberien und ganz Mos- kau mehr war, das wir nicht abgezeichnet ha- ben. Er ließ uns zwar nicht zu sich kommen; allein er besuchte uns fast alle Wochen selbst einmal. Wir belohnten diese Gnade mit der moͤglichsten Demuth, und er belohnte sich fuͤr seine Herablassung dadurch, daß er alles bes- ser wußte als wir, und uns unmittelbar nach einem zu freundlichen Worte, das ihm ent- wischt war, einmal gebietrisch anfuhr. Stee- ley, so sehr ihn sonst der Geist des Widersprnchs und der Stolz seiner Nation belebt hatte, war itzt viel gelaßner. Er schwieg, sobald ihn der Gouverneur tadelte; allein damit war dieser nicht allemal zufrieden. Nein, Steeley muß- te reden und ihm in der unwahrsten Sache Recht geben. Dieses ward ihm sehr sauer, und er that es mit einer so gezwungnen Art, daß ihm oft der Schweis daruͤber ausbrach, und daß ich wuͤrde haben laut lachen muͤssen, wenn wir an einem andern Orte, als in Sibe- rien, gewesen waͤren. Einsmals traf er uns an, daß wir Schach spielten. Steeley hatte die Steine mit dem Messer geschnitzt, und sie waren freylich nicht gar zu sauber gemacht. Der Gouverneur besahe sie, und hielt ihm ei- ne lange Rede, daß keine Symmetrie und kei- ne Graͤfinn von G** ne Sauberkeit darinn zu finden waͤre. Mein Freund gab es gern zu, und entschuldigte sich, daß er keine Jnstrumente gehabt haͤtte. Aber das half alles nicht. Wenn sie recht schoͤn seyn sollten, sprach der Gouverneur: so muͤß- ten sie seyn, als wenn sie gedrechselt waͤren, und ihr seht doch wohl, daß sie nicht so sind, daß sie hier zu viel, dort zu wenig, mit einem Worte, grob und schlecht geschnitten sind. Dergleichen Anmerkungen konnte er ganze Stunden fortsetzen, und Steeley zitterte auf die letzt vor dem Besuche dieses gebietrischen Pedanten. Er setzte sich oft, wenn wir zeich- neten, neben uns, und stopfte sich eine Pfeife von unserm Tabacke ein. Wenn er ihn end- lich mit vielem Appetite aufgeraucht hatte: so warf er die Pfeife hin, und that einen gros- sen Schwur, daß unser Taback nicht das ge- ringste taugte. Zuweilen pries er uns seine Wohlthat, daß er uns die ordentlichen Arbei- ten erlassen haͤtte, und noͤthigte uns dadurch, ihn demuͤthig zu bitten, daß er uns nicht wie- der den andern Sclaven gleich machen moͤchte. Oft kam er in dem groͤßten Zorne zu uns und fluchte auf die Gefaugnen, ohne zu sagen, was geschehen war, und wir mußten seine unsin- nige Hitze mit Ehrerbietung anhoͤren. Ob wir ihm nun gleich unsere verbesserten Umstaͤn- D 5 de Leben der Schwedischen de zum Theil zu danken hatten: so war er doch bey allen unsern Vortheilen noch unser bestaͤn- diges Schrecken. Wir kannten seine unmaͤs- sige Gemuͤthsart und mußten alle Tage fuͤrch- ten, daß es ihm einfallen koͤnnte, uns von ein- ander zu trennen, und wieder unter die an- dern Gefangnen zu stecken. Um diesem Un- gluͤcke zu entgehn, ließ ich ihm durch den Ju- den, der mein Geld in den Haͤnden hatte, ein klein Geschenk nach dem andern machen. Ein Jahr war verflossen, seit dem Stee- ley wieder bey mir lebte. Jch hoffte nun von einem Tage zum andern auf Briefe von euch, weil der Jude, dem ich den meinigen mitgege- ben, nach Tobolskoy handelte, und mir also leicht eine Antwort uͤbermachen konnte; allein ich hoffte vergebens. Steeley hatte ebenfalls binnen dieser Zeit nach London, und an den Englischen Gesandten nach Schweden, geschrie- ben, und keine Antwort erhalten. Die Ge- mahlinn des Gouverneurs hatte ich seit der Zeit, da sie mir das großmuͤthige Geschenk ge- macht, mit einem Worte, seit dem ersten ma- le nicht wieder gesehn. Alles dieses machte uns niedergeschlagen; und ie ertraͤglicher un- sere Gefangenschaft war, desto mehr meldete sich d er Wunsch in uns, ihrer gar los zu seyn. Und mit was fuͤr Rechte konnten wir dies hof- fen, Graͤfinn von G** fen, da der Krieg mit den Russen und Schwe- den noch immer fortdauerte? Jch stand eben um die Mittagszeit mit Steeleyn an unserm kleinen Fenster, als ich den Juden mit schnel- len Schritten uͤber den Hof durch den tiefsten Schnee laufen sah. Er pflegte um diese Zeit nie zu kommen, und ich schloß aus seiner freu- digen Mine, daß er mir einen Brief von seinem Correspondenten, dem Pohlnischen Juden, bringen wuͤrde. Er brachte mir auch einen Brief, aber von der Gemahlinn des Gouver- neurs. Sie schrieb mir folgendes. Der Graf laß mir darauf einen Brief, den ich noch besitze. Jch will ihn hier einruͤcken. Mein Herr, Jch melde Jhnen eine Nachricht, die ich Jhnen lieber muͤndlich ertheilen moͤchte, da- mit ich das Vergnuͤgen haͤtte, ihre Freude mit anzusehn und zu geniessen. Sie sind frey. Der Befehl wegen Jhrer Befreyung ist gestern mit dem neu angelangten Gefangnen angekom- men, und sie sollen Morgen nebst vier andern Verwiesenen wieder auf die Art zuruͤck nach der Stadt Moskau gebracht werden, wie Sie hieher gebracht worden sind. Alsdann haben Sie die Erlaubniß Sich hinzuwenden, wo Sie hinwollen. |Jch habe Jhnen Jhre Freyheit durch eine Leben der Schwedischen eine von meinen Freundinnen bey Hofe aus- gewirkt. Mein Gemahl weis es nicht, daß ich mich Jhres Ungluͤcks angenommen habe, und er soll es auch nicht wissen; auch nicht die Welt. Jch bin zufrieden, daß Sie es wissen. Und vielleicht waͤre mein Dienst viel großmuͤ- thiger, wenn ich Jhnen solchen nicht selbst be- kannt gemacht haͤtte. Jch war es Willens; allein ich war zu schwach; und ich sehe, daß es leichter ist, eine gute That zu unternehmen, als sie zu verschweigen. Vergessen Sie diese kleine Eitelkeit, durch die ich mich fuͤr meine guten Absichten selbst belohnt habe. Jch zwei- fle, daß ich das Vergnuͤgen haben werde, Sie vor Jhrer Abreise noch zu sprechen, wenigstens doch nicht allein. Jch wuͤnsche Jhnen also mit der groͤßten Aufrichtigkeit das Gluͤck, Jhre Ge- mahlinn bald wieder zu finden. Wie wird sie mich lieben, daß ich ihr ihren Grafen wie- der geschafft habe! Fuͤr Jhren Freund, den Sie hier zuruͤcklassen, will ich sorgen. Leben Sie wohl, und schreiben Sie mir kuͤnftig, ob Sie Jh- re Gemahlinn angetroffen haben. Wenn meine Wuͤnsche erfuͤllet werden: so hoffe ich das betruͤbte Land, aus dem Sie eilen, noch mit meinem Vaterlande zu verwechseln. Doch nein, ich Ungluͤckliche werde wohl hier mein Leben beschliessen muͤssen. Schreiben Sie mir ja Graͤfinn von G** ja. Jch habe noch eine Stiefschwester in Cur- land, an die ich Jhnen den beyliegenden Brief mitgebe. Sollten es ihre Umstaͤnde verlan- gen: so glaube ich, daß sie sehr gut bey ihr aufgehoben sind. Sie ist eine Witwe; doch habe ich seit zwey Jahren keine Nachricht von ihr. Leben Sie noch einmal wohl. Amalia L** Diesen Brief las ich und taumelte vor Freuden in Steeleyns Arme, und wollte ihm sagen, was darinne stuͤnde; allein er wartete meine Entzuͤckungen nicht ab. Er riß mir ihn aus der Hand und las ihn. Jch legte mich mit dem Kopfe auf seine Achsel, um die Bewe- gungen nicht mit anzusehn, die ihm die Nach- richt von meiner Befreyung und seiner fort- dauernden Gefangenschaft verursachen wuͤrde. Jhr seyd frey, fieng er an, und ich verliere euch und bleibe noch ein Gefangner und werde noch ungluͤcklicher, als zuvor? das ist schrecklich! Hat euch der Himmel lieber, als mich? Doch ich werde Zeit genug zu meinen Klagen haben, wenn ihr nicht mehr bey mir seyd. Jch weis, daß es euch unmoͤglich ist, mich zu vergessen. Nein, fiel er mir um den Hals, ihr vergeßt mich nicht. Jch konnte ihm vor Wehmuth lange nicht antworten, und mein Stillschweigen, das doch nichts als Liebe war, machte ihn so hitzig, als Leben der Schwedischen als ob ich schon die groͤßte Untreue an ihm be- gangen haͤtte. Jch ließ seinen Affect ausre- den, und nach einem kleinen Verweise, sah ich ihn beschaͤmt und gelassen genug, ihm mein Herz zu entdecken und ihn zu uͤberfuͤhren, wie unvollkommen mir meine Freyheit ohne die sei- nige waͤre. Jch nahm mit dem Juden die Abrede, daß er mir das Drittel von meinem Gelde zur Reise geben und das Uebrige fuͤr Steeleyn zuruͤck behalten und uns fuͤr seine Muͤhe, so viel er wollte, abziehn sollte. Der Jude war vorsichtiger, als ich. Er sagte mir, daß ich wenig baar Geld mitnehmen sollte; weil ich in der Gefahr stuͤnde, auf der Reise nach Moskau zehnmal darum zu kommen. Er gab mir etwas weniges baar, und tausend Thaler und daruͤber in vier Wechseln an Ju- den in Moskau, damit ich, wenn ich einen verloͤre, doch nicht um alles kaͤme; so ehrlich handelte dieser Mann an mir. Jch ward noch vor dem Abend zu dem Gouverneur gerufen. Er lag an dem Podagra krank und kuͤndigte mir meine Freyheit auf dem Bette, im Bey- seyn seiner G emahlinn an. Er reichte nur die Hand und sagte: ich habe Befehl, euch wie- der nach Moskau zu schicken, und es soll Mor- gen zu Mittage geschehn. Jch verliere euch zwar ungern; aber reiset mir Gott und seyd gluͤck- Graͤfinn von G** gluͤcklicher, als ihr bisher gewesen. Jch kuͤß- te ihm die Hand aus einer wahren Dankbar- keit und bat um seine fernere Gnade fuͤr Stee- leyn. Wenn ich lebe, sprach er, so soll es ihm nicht schlechter ergehn, als zeither. Er hieß mich niedersitzen, (eine Ehre, die er mir zum ersten male erwies) und sagte, daß er noch viel mit mir zu reden haͤtte; allein seine Schmer- zen meldeten sich so heftig, daß er mir winkte, ihn zu verlassen. Jch that es, und wieder- holte seiner Gemahlinn im Herausgehn durch eine dankbare Mine die Groͤsse meiner Ver- bindlichkeit und ihrer Wohlthat. Lebt wohl, mein Herr, sprach sie, und wandte sich den Au- gendlick wieder zu ihrem Gemahle. Sobald ich wieder bey Steeleyn war; so schrieb ich an meine Erretterinn, weil ich dieser großmuͤ- thigen Seele nicht muͤndlich hatte danken koͤn- nen. Jch gab den Brief dem Juden, der un- terdessen die Wechsel besorgt und mir Pelze und andere Nothwendigkeiten geschafft hatte, um mich vor der grossen Kaͤlte zu schuͤtzen. Nunmehr war alles verrichtet, und nun uͤber- ließ ich mich meinem Freunde die ganze Nacht hindurch. Wir redten, wir weinten, und em- pfanden alles, was wir nur nach unsern ver- schiednen Umstaͤnden empfinden konnten. Der Morgen uͤbereilte uns, und eben so der Mit- tag, Leben der Schwedischen tag, und wir hatten bis auf den letzten Augen- blick einander noch, ich weis nicht was, zu sa- gen. Der Jude kam, und sagte, daß die Schlit- ten, die mich nebst den uͤbrigen Befreyten fort- fuͤhren sollten, gleich zugegen seyn wuͤrden. Wir nahmen Abschied, ohne zu reden, und ich vergaß mich in den Armen meines redlichen Steeleys, bis mich die Aufforderung der Wa- che von ihm losriß. Er stieß mich fort und in dem Augenblicke wollte er mir auch nach- laufen; allein man verschloß die Thuͤre und mein Jude fuͤhrte mich bis in den Schlitten und rief mir noch die freundschaftlichsten Wuͤnsche nach. Jch ward nebst drey andern auf einen Schlitten gesetzt, denen Hoffnung und Freude aus den Augen leuchteten. Jch kann nicht sagen, was in den ersten Stunden, ja fast in den ganzen ersten beiden Tagen in meiner See- le vorgieng. Ein Uebermaß von freudigen Wallungen und betruͤbten Regungen uͤber- stroͤmte mein Herz wechselsweise. Man be- gegnete uns an den Orten, wo wir frische Rennthiere bekamen, nicht so veraͤchtlich, als damals, da wir auf dem Wege nach Siberien waren. Meine Gesellschafter waren drey Russen. Sie hatten Geld und versorgten sich an allen Orten mit so vielem Brandtweine, daß Graͤfinn von G** daß sie auf der ganzen Reise fast nicht nuͤch- tern wurden. Sie haben mich indessen nie mit Willen beleidiget, und ich wuͤrde ihre Freundschaft erhalten haben, wenn ich mit ih- nen getrunken haͤtte. Wir waren zu Ende des Maͤrzes in Moskau. Jch ward in eben das Haus gebracht, in dem ich vor fuͤnf Jah- ren verwahrt gesessen hatte und fand den vo- rigen Gefangenwaͤrter noch. Jn drey Tagen ward ich voͤllig losgelassen und bekam einen Paß, und nun konnte ich mich hinwenden, wo ich hin wollte. Jch hatte mein Wechsel noch alle und begab mich nunmehr zu den En- glischen Kaufleuten, welche Steeleyn vordem beygestanden hatten, und uͤbergab dem einen, welcher Tompson hieß, ein Billet von ihm. Er nahm mich sehr liebreich auf und sagte mir, daß ihm Steeleys Ungluͤck, nach Siberien ver- wiesen zu werden, durch den Gefangenwaͤrter waͤre hinterbracht worden, daß ers alsbald nach London an seine Freunde gemeldet und seit drey Jahren verschiedne Briefe an den En- glischen Agenten in Moskau erhalten haͤtte. Zu diesem giengen wir den andern Tag. Der Agent war der liebreichste Mann von der Welt. Er wies mir die beweglichen Briefe, die Stee- leys Vater an ihn geschrieben hatte. Er wies mir die Memoriale, durch die er bey dem Se- II Theil. E na- Leben der Schwedischen nate um meines Freundes Befreyung angehal- ten, und versicherte mich, daß er sie bey der Zuruͤckkunft des Zaars, die bald erfolgen soll- te, gewiß auszuwirken hoffte. Der Engli- sche Gesandte in Schweden hatte ebenfalls an ihn geschrieben und ihn gebeten, alles zu Stee- leyns Befreyung beyzutragen. Er gab mir die Briefe, die er aus London an ihn erhalten hatte, und Tompson fuͤhrte mich nunmehr zu den Juden, um meine Wechsel zu heben. Jch bekam binneu zehn Tagen mein Geld, zu dem mir Tompson doch wenig Hoffnung gemacht hatte, und buͤßte nicht mehr, als einen Wech- sel von hundert und funfzig Rubeln ein. Der Jude, der mir ihn bezahlen sollte, war in die elendesten Umstaͤnde gerathen, und seine Mit- bruͤder versicherten mich, daß sie binnen einem Jahre das Geld fuͤr ihn erlegen wollten, wenn ers nicht |thun koͤnnte. Jch zerriß darauf den Wechsel, und gab dem armen Juden noch zehn Thaler von dem uͤbrigen Gelde. Jch hat sie, daß sie mir etliche Briefe an ihren Corre- spondentē nach Siberien, von dem ich die Wech- sel empfangen, bestellen sollten. Sie sagten mir, daß drey von ihnen ihrer Geschaͤfte wegen selbst nach Tobolskoy reisen wuͤrden, und wenn ich mich zween Monate hier aufhalten koͤnnte: so wollten sie mir durch die Antwort beweisen, ob sie Graͤfinn von G** sie ihr Wort gehalten haͤtten. Jch schrieb an meinen Freund; doch ehe der Brief fortgieng, ließ mich der Agent rufen, und sagte mir, daß er endlich so gluͤcklich gewesen waͤre, sich um seinen Landsmann verdient zu machen; seine Befreyung waͤre in dem Senate unterzeich- net worden, und er haͤtte das Versprechen er- halten, daß Steeley binnen drey oder vier Mo- naten aus Siberien zuruͤckgebracht und frey- gelassen werden sollte. Jch dankte dem Agen- ten nicht anders, als ob er mir diese Wohl- that selbst erwiesen haͤtte, und eilte meinem Freunde diese freudige Nachricht zu melden. Die Juden reisten ab, und ich war wirklich willens, Steeleys Ankunft zu erwarten. Doch die Liebe siegte uͤber die Freundschaft und das Verlangen euch zu suchen, machte mir meinen Auffenthalt in Moskau unertraͤglich. Jch wollte fort, ohne zu wissen, wohin. Der Handel in die Schwedischen Lande war noch verboten. Jch wollte nach Daͤnnemark, weil ich mir einbildete, daß ihr euch vielleicht dahin gewendet haben wuͤrdet: allein Tompson be- redte mich, daß ich mit einem Hollaͤndischen Schiffe, dessen Ladung er in Commission hat- te, und das in Archangel segelfertig lag, nach Holland gehn sollte. Er gab mir eine Addres- se an den Kaufmann mit, dem die Waaren des E 2 Schiffs Leben der Schwedischen Schiffs gehoͤrten, und versprach mir, daß er die Briefe von Steeleyn an ihn einschlagen wollte; ich aber sollte bey diesem Manne die Nachricht zuruͤcklassen, wo ich mich von Holland aus hinwenden wuͤrde, damit mich Steeley bey seiner Zuruͤckkunft zu finden wuͤß- te. Jch gieng also in der sechsten Woche nach meiner Ankunft in Moskau mit dem Schiffe fort, das mich so unvermuthet und gluͤcklich zu euch gebracht hat. Ehe ich Moskau noch verließ: so gab ich Tompson funfzig Thaler, um sie nach meiner Abreise unter etliche von meinen gefangnen Landsleuten auszuthei- len. Dieß ist das meiste von dem, was mir mein Gemahl, uͤber seine schriftlichen Nachrich- ten, von seinem Auffenthalt in Siberien erzaͤhlt hat. Jch habe es hin und wieder zusammen gezogen, und das was zur Geographie oder zur Historie dieses Lands gehoͤret, mit Fleiß uͤbergangen, weil ich keine Reisebeschreibung machen wollen. Es hat sich auch seit der Zeit in diesem Reiche vieles veraͤndert, besonders seit der Erbauung der Stadt Petersburg und den grossen Anstalten Peters des Ersten, die so wohl in die Natur des Landes, als in die Gemuͤthsart der Einwohner einen grossen Ein- fluß gehabt haben. Jch Graͤfinn von G** Jch eile nunmehr zu dem letzten Periode dieser Geschichte, naͤmlich zu dem, was nach der Ruͤckkunft meines Gemahls erfolgt ist. Wir lebten in unserer zweyten Ehe, wenn ich so reden darf, vollkommen zufrieden, und mein Gemahl schmeckte auf sein erlittenes Ungemach die Freuden der Liebe und der Ruhe gedoppelt. Er bluͤhte in meinen Armen wieder auf und be- kam die erste Lebhaftigkeit wieder, von der ihm das Ungluͤck einen grossen Theil entzogen hat- te. Die ersten Monate verstrichen uns in der Gesellschaft der Mariane und des Herrn R** meistens unter wechselseitigen Erzaͤhlungen. Nichts war klaͤglicher, als da ich ihm| einsmals meine Heyrath und die Geschichte meiner Ehe mit dem Herrn R** und zwar in dem Beyseyn desselben umstaͤndlich erzaͤhlen sollte. Der Graf hatte mich die ganze Zeit uͤber bey der Hand, als wollte er mir einen Muth einsprechen. Jch fieng die Erzaͤhlung mit vieler Dreistigkeit an. Jch war von der Liebe meines Grafen voͤllig uͤberzeugt: ich wußte, daß ich ihm niemals untreu geworden seyn wuͤrde, wenn ich nur die geringste Nachricht von seinem Leben ge- habt haͤtte. Allein alles dieses langte nicht zu, mich in meiner Erzaͤhlung zu unterstuͤtzen. Jch wollte aufrichtig und doch auch behutsam sprechen; und ie mehr ich redete, desto mehr E 3 fuͤhl- Leben der Schwedischen fuͤhlte ich, wieviel beleidigendes diese Geschich- te fuͤr den Grafen in sich hatte, und wie viel kraͤn- kendes fuͤr mich und fuͤr den Herrn R**. Jch ward verzagt. Der Graf gab mir die theuer- sten Versicherungen, daß er durch nichts belei- digt wuͤrde; allein ich kam nicht weiter, als bis auf die Geburt meiner Tochter. Jch samm- lete alle meine Kraͤfte; ich fieng zehnmal wie- der an; doch mein ganzes Herz weigerte sich, mich fortfahren zu lassen; ich schwieg. Nun sprach der Graf mit einer liebreichen Mine, diese kleine Marter, die ich euch itzt gemacht habe, das soll die Strafe fuͤr eure Untreue seyn, und umarmte mich. Und ihr mein lieber R** fuhr er fort, schlagt eure Augen immer wieder auf und seht zu eurer Strafe eure vorige Gemahlinn in meinen Armen. Er kuͤßte ihn, und ich mußte es auch thun. Nein, sprach er, sie hat euch geliebt und ihr habt es verdient, und wenn ich sterbe, so liebt sie euch wieder. Wir haben uns alle kein Vergehn, sondern nur das Ungluͤck vorzuwerfen. Ma- riane, (sie saß bey mir), seht nur, wie euch meine Gemahlinn betrachtet. Kann sie sich wohl besser an mir raͤchen, als durch eure Ge- genwart? Jch war unermuͤdet, dem Grafen alle die Augenblicke zu ersetzen, die er ohne mich zuge- bracht. Graͤfinn von G** bracht. Jch kam selten von seiner Seite und sann bey jeder Gefaͤlligkeit, die ich ihm erwei- sen konnte, schon auf eine neue. Wenn wir unser Herz ausgeredet hatten: so las ich ihm etwas vor, und wenn ich nicht mehr lesen konnte, so that ers. Diese gluͤckliche Beschaͤf- tigung mit dem Geiste der besten Scribenten, die der Graf so lange entbehrt hatte, nahm uns den groͤßten Theil des Tages weg, und breitete ihr Vergnuͤgen uͤber unsere Gespraͤche, uͤber unsere Mahlzeiten und uͤber alle unsere Zaͤrtlichkeiten aus. Wir hielten keine Gesell- schaften und fuͤhlten doch nie die Beschwerlich- keit der Langenweile. Wenn wir mitten in unsern Vergnuͤgungen recht empfindlich ge- ruͤhrt seyn wollten: so dachten wir unserm Schicksale nach. Diejenigen, die niemals unter grossen Ungluͤcksfaͤllen geseufzt haben, wissen gar nicht, was fuͤr eine Wollust in die- sen Betrachtungen zu finden ist. Man ent- kleidet sich in solchen Augenblicken von al- lem seinen natuͤrlichen Stolze; man sieht, in- dem man sein Schicksal durchschaut, sein Un- vermoͤgen, sich selber gluͤcklich zu machen, und uͤberlaͤßt sich den Entzuͤckungen der Dankbar- keit, die uns nicht laͤnger wollen nachdenken lassen. Der Graf setzte zuweilen ganze Tage zu dieser Absicht aus und wandte sie zu Wer- E 4 ken Leben der Schwedischen ken der Gutthaͤtigkeit an. Er erkundigte sich nach elenden und ungluͤcklichen Personen; mit einem Worte, Arme, Kranke und Gefangene an diesem Tage zu erquicken und aufrichten zu lassen, das war seine Zufriedenheit. Oft ließ er auch einige von denen, die schon unter dem Elende grau geworden waren zu sich rufen, und sie an einem Tische zusammen speisen. Es war ihm freylich lieb, wenn er wußte daß es Leute waren, welche die Gutthat ver- dienttn; allein er stellte deswegen nicht die strengsten Untersuchungen an. Vielleicht, sprach er, lassen sie sich durch die Wohlthaten bessern, wenn sie boshaft gewesen sind; laßt sie auch der Wohlthat unwerth seyn: sie sind doch Menschen. Wenn er hoͤrte, daß sie mit dem Essen bald fertig waren: so gieng er zu ihnen und ließ sich ihr Schicksal erzaͤhlen. Fand er eine Person darunter, die ein edles Herz hatte: so nahm er sich ihrer ins beson- dre an. R** war sein Gehuͤlfe in dieser Tugend, und wem sie beide nicht als Wohl- thaͤter dienen konnten, dem dienten sie doch als vernuͤnftige Rathgeber. Wir fuhren ge- meiniglich an diesen Tagen etliche Stunden in die Felder, oder in die Gaͤrten, spatziren. Ein- mal hoͤrten wir des Abends, indem wir bey dem Mondenscheine durch die Wiesen giengen und Graͤfinn von G** und den Wagen am Wege halten liessen, ein jaͤmmerliches Gewinsel. Wir naͤherten uns ungeachtet des tiefen Grases dem Orte, mo der Schall herkam, und fanden eine junge Wei- besperson, welche die Schmerzen der Geburt kaum uͤberstanden hatte und in eiuem huͤlflo- sen Zustande da lag. Herr R** der bey uns war, fuhr den Augenblick in das naͤchste Land- haus, um ein Weib und andre Beduͤrfnisse fuͤr die Geburt herbey zu holen, und ich machte mich indessen um diese Ungluͤckliche so gut ver- dient, als es die Nothwendigkeit erforderte. Jch konnte aus ihrem Anzuge schliessen, daß sie keine der Vornehmsten und keine der Ge- ringsten war, und ihre Jugend und ihre gute Bildung war genug, uns einen Theil von ih- rem Schicksale zu erklaͤren, weil sie selbst nichts, als etliche unvernehmliche Worte, hervorbrin- gen konnte. Herr R** kam mit einigen Weibern zuruͤck und wir liessen die unbekann- te Elende auf unserm Wagen in das naͤchste Dorf bringen, und kehrten zu Fusse in die Stadt. Nun, sprach der Graf, indem wir zuruͤckgiengen, dieser Spaziergang ist viel werth. Wie schoͤn wird sichs in den Gedan- ken einschlafen lassen, daß wir zwoen Personen das Leben auf einmal erhalten haben! Das arme Maͤdchen ist vermuthlich aus Furcht der E 5 Schan- Leben der Schwedischen Schande von ihrem Geburtsorte gefluͤchtet. Wer weis, welcher Betruͤger sie unter dem Versprechen der Ehe um ihre Unschuld ge- bracht hat. Jch fuhr mit anbrechendem Ta- ge nebst Carolinen auf das Dorf und wir fan- den die Ungluͤckliche mit ihrem Kinde auf den Armen, in Thraͤnen zerfliessen. Sie war nicht allein wohl gebildet, sie war ausnehmend schoͤn, und eine gewisse schamhafte Mine ent- schuldigte ihren Fehler zum voraus. Die Lie- be, sprach sie, oder vielmehr ein Liebhaber hat mich ungluͤcklicher gemacht, als ich zu seyn ver- diene. Jch habe mich mit ihm seit zwey Jah- ren versprochen; allein ein bejahrter Vor- mund, unter dem ich stehe und der mir sein eigen Herz aufdringen wollte, hat unsre Ver- bindung verhindert. Mein Braͤutigamm, ei- nes Pachters Sohn bey Leiden, hat mich mit meinem Willen entfuͤhrt, und mir versprochen, sich im Haag mit mir nieder zu lassen und die Handlung zu treiben. Als wir gestern Mor- gen in die Gegend kamen, wo ihr mich ange- troffen, sah ich mich durch eine Unpaͤßlichkeit genoͤthigt, vom Wagen abzusteigen. Mein bis dahin getreuer Liebhaber fuͤhrte mich in dem Felde herum, um mich durch die Bewe- gung wieder zu mir selber zu bringen. Jch mußte mich endlich niedersetzen, und sobald er Graͤfinn von G** er sah, was mir fuͤr ein Schicksal bevor stund, verließ mich der Boshafte unter den Vorwan- de, mir iemanden zu Huͤlfe zu rufen. Jch habe also den ganzen Tag auf seine Zuruͤck- kunft vergebens gewartet und bin mehr durch das Entsetzen uͤber seine Untreue, als durch die ungluͤckliche Frucht meiner Liebe in den sinn- losen Zustand gekommen, indem ihr euch ge- stern meiner so großmuͤthig angenommen. Man kann keine groͤssere Bosheit begehn, als er an mir begangen hat. Er hat mir mein Geschmeide, das mein ganzer Reichthum war, und das wir im Haag zu Gelde machen woll- ten, mitgenommen. Dennoch hasse ich ihn noch nicht, ja ich wuͤrde, es ihm mit Freuden vergeben, daß er mich mit der Gefahr meines Lebens verlassen hat, wenn ich nur wuͤßte, daß es ihn reute ‒ ‒ Jch suchte sie zu beruhigen und versprach ihr, wenn ihr Liebhaber binnen acht Tagen nicht wieder kaͤme, sie zu mir zu nehmen und sie und ihr Kind zu versorgen. Er kam nicht, und ich erfuͤllte mein Wort und ließ das Kind auf dem Dorfe erziehn. Der Graf war nunmehr ein halb Jahr lang bey mir und hatte nicht das geringste Verlangen in sein Vaterland zuruͤck zu keh- ren, wenn ihn auch die Erlaubniß dazu waͤ- re angeboten worden. Ueberdieses wußte er, daß Leben der Schwedischen daß der Prinz, dem er sein Ungluͤck zu dan- ken hatte, noch lebte und bey dem Koͤnige in dem groͤßten Ansehn stund; und was brauch- te er mehr, als dieses zu wissen, um an keine Ruͤckkehr zu denken? Aber daß Steeley nicht kam, und daß er, auf alle seine Briefe an ihn, noch nicht die geringste Antwort erhalten, die- ses beunruhigte ihn desto mehr. Von Stee- leys Vater hatte er zwar aus London schon vor etlichen Monaten die Nachricht bekom- men, daß sein Sohn durch die Bemuͤhungen des Englischen Gesandten, und durch ein Straf- geld von etlichen tausend Thalern seiner Ver- weisung nach Siberien erlassen worden waͤ- re, von ihm selbst aber haͤtten er und seine Landsleute in Moskau keine Briefe. Jndes- sen daß der Graf vergebens auf Steeleyn hoffte, begegnete ihm ein andrer vergnuͤgter Zufall. Er war eine Stunde vor der Mahl- zeit, wie er zu thun pflegte, mit dem Herrn R** auf das Caffeehaus gegangen, wo die meisten Fremden einzusprechen pflegten. Kurz darauf ließ er mir sagen, er wuͤrde mir einen Gast mitbringen, fuͤr den ich ein Zimmer zu rechte machen lassen sollte. Er kam, und der Gast war der ehrliche Jude, der ihm in Si- berien so viele Menschenliebe erwiesen, und den seine Geschaͤfte nach Holland zu gehn genoͤ- thigt Graͤfinn von G** thigt hatten. Mein Gemahl war ausseror- dentlich erfreut, daß er diesem wackern Man- ne einige Gefaͤlligkeiten erzeigen konnte, und er selbst war eben so froh, daß er meinen Ge- mahl so unvermuthet und so gluͤck lic h angetrof- fen. Er uͤberreichte mir den Brief aus Si- berien, den ich schon eingeruͤckt habe, und ver- sicherte mich, daß er sich in Liefland und Daͤn- nemark sehr sorgfaͤltig nach mir erkundigt und doch nicht das Geringste von meinem Auffent- halte haͤtte erfahren koͤnnen. Sein Herz war wirklich seiner ehrlichen und einfaͤltigen Mine gleich, und seine Sitten gefielen durch sein Herz. Er war schon bey Jahren und sein grauer Bart und sein langer pohlnischer Pelz gaben ihm ein recht ehrwuͤrdiges Ansehn. Die freundschaftliche Art, mit der wir mit ihm um- giengen und ihm unsere Erkenntlichkeit zu be- zeigen suchten, ruͤhrte ihn ausnehmend. Als wir das erstemal von der Tafel aufstun- den: so ward der gute Mann ganz betruͤbt. Mein Gemahl fragte ihn um die Ursache. Ach sprach der Alte, wenn ich nur so gluͤcklich seyn koͤnnte, noch etliche Stunden bey ihnen zu bleiben! Jch habe mein Tage kein solch Ver- gnuͤgen gehabt, und niemand ist noch so groß- muͤthig mit mir umgegangen, als sie thun. Der Graf nahm ihn bey der Hand und fuͤhrte ihn Leben der Schwedischen ihn in das Zimmer, das fuͤr ihn zu bereitet war. Seht ihr, sprach er, meine Gemahlinn giebt euch ihr bestes Zimmer ein. Glaubt ihr nun wohl, daß ihr uns angenehm seyd? Jhr duͤrft nicht daran denken, uns unter acht Tagen zu verlassen. Nicht wahr, ich woh- ne hier besser, als in Siberien? dort habt ihr mich bedienet, und hier wollen ich und meine Gemahlinn euch bedienen. Wir thaten es, und wir alle, Caroline sowohl als R** be- strebten uns recht, diese acht Tage unserm Ga- ste zu Tagen des Vergnuͤgens zu machen. Wenn die Sonne untergieng, schlich er sich in sein Zimmer und blieb meistens eine halbe Stunde aus. Wir fragten ihn, als dieses etlichemal geschah, um die Ursache und er wandte allerhand kleine Verrichtungen vor, bis ihn endlich Herr R** einmahl uͤberraschte und auf den Knien betend fand. Als diese acht Tage unter tausend kleinen Vergnuͤgun- gen verstrichen waren: so bat er uns, unsere Wohlthaten einzuschraͤnken und ihn wieder fortreisen zu lassen. Er verließ uns einen Tag, um seine Geschaͤfte zu besorgen, und kam den andern wieder, um Abschied von uns zu nehmen. Nun, sprach er, will ich mit Freuden fortreisen, Herr Graf, und Gott auf meiner Reise danken, daß ich sie angetroffen ha- Graͤfinn von G** habe. Jch bin alt, und ich werde sie alle in dieser Welt wohl nicht wieder sehn. Jch ha- be keine Kinder, und wenn ich nicht bey mei- nem Weibe sterben wollte: so wuͤrde ich mich auf meine alten Tage hier niederlassen. Wir nahmen alle als von einem Vater Abschied von ihm. Ach Herr Graf, fieng er endlich ganz furchtsam an, sie haben mich fuͤr meine Dienste reichlich belohnt; aber ich bin gegen sie noch nicht dankbar genug gewesen, daß sie mir das Leben mit ihrer eignen Gefahr erhal- ten haben. Sie wissen, daß ich mehr Vermoͤ- gen habe, als ich und meine Frau beduͤrfen. Jch habe hier in der Bank ein Capital von zehn- tausend Thalern zu heben. Erlauben sie mir die Freude, daß ichs ihrer kleinen Tochter schenken darf, und nehmen sie den Schein von mir an. Wir versicherten ihn, daß unsere Umstaͤnde so beschaffen waͤren, daß wir nicht Ursache haͤtten, ihm einen Theil von seinem Vermoͤgen zu entziehn; allein er beklagte sich, daß wir seine Gutwilligkeit verachten wollten, und zwang uns, das Geschenk anzunehmen. Er gieng darauf zu unsrer Tochter und knuͤpfte ihr noch ein sehr kostbares Halsband um den Hals. Er beschenkte auch das ungluͤckliche Maͤdchen, das ich zu mir genommen hatte, sehr reichlich, und eilte alsdann, was er konnte, um sich Leben der Schwedischen sich seinen Abschied nicht noch saurer zu ma- chen. Der rechtschaffene Mann! Vielleicht wuͤrden viele von diesem Volke beßre Herzen haben, wenn wir sie nicht durch Verachtung und listige Gewaltthaͤtigkeiten niedertraͤchtig und betruͤgerisch in ihren Handlungen mach- ten, und sie nicht oft durch unsere Auffuͤhrung noͤthigten, unsere Religion zu hassen. R** begleitete den Alten etliche Meilen und koñte gar nicht aufhoͤren, seinen uneigennuͤtzigen und gros- sen Charakter zu bewundern. Unter allen Merkmalen der Freundschaft, die wir ihm er- wiesen, ruͤhrte ihn nichts so sehr, als dieses, daß ihn der Graf abmalen und das Bild in seine Studierstube setzen ließ. Auf diese Freude folgte in einigen Wo- chen eine noch groͤssere und eben so unvermu- thete. Andreas, Carolinens Bruder, war gewohnt, alle Jahre seinen Geburtstag zu fey- ern. Er kam einstens sehr fruͤh zu uns und sagte, weil er genoͤthigt waͤre, auf etliche Wo- chen zu verreisen, und weil sein Geburtstag morgen einfiele: so wollte er ihn heute feyern und uns bitten, uns gleich mit ihm auf eine Gondel zu setzen und einmal einen ganzen Tag in seinem Hause zuzubringen. Wir liessen es uns gefallen, und weil wir bey dem Thee gleich mit dem Briefe beschaͤfftigt gewesen wa- ren, Graͤfinn von G** ren, den mir der Graf durch den Juden aus Siberien geschickt: so baten wir den Andreas, uns nur so lange Zeit zu lassen, bis ich diesen Brief vollends laut hergelesen und der Graf uns das, was wir noch umstaͤndlicher wissen wollten, erzaͤhlt haͤtte; denn Caroline und R** sassen bey uns. Ach, schrie er ganz aͤngstlich, das koͤnnt ihr in meinem Hause auch thun; nehmt den Brief mit und verderbt mir meine Freude nicht, oder ich reise gleich heute fort und tractire euch gar nicht. Dieses treuher- zige Compliment noͤthigte uns, ihm gleich zu folgen. Alles war in seinem Hause wider sei- ne Gewohnheit aufgeputzt, und wir konnten uns in seine grossen Anstalten gar nicht finden. Jch weis nicht, sprach Caroline, was ich von meinem Bruder denken soll. Wenn nur nicht etwan aus diesem Geburtstage ein Hochzeit- tag wird. Er thut mir zu froh und zu ge- heimnißvoll. Wir scherzten mit ihm daruͤber, als er uns den Thee auftrug, und er lachte auf eine Art, als ob er es gern saͤhe, daß wir seine kleine List erriethen. Leset nur euern Brief vollends durch, fieng er an, ich will indessen meine Braut holen, oder wenigstens meinen Flaschenkeller zurechte machen. Er gieng in das Nebenzimmer, und wir vertieften uns wieder in den Brief. Jch fragte nach tausend II Theil. F Klei- Leben der Schwedischen Kleinigkeiten, welche die Gemahlinn des Gou- verneurs angiengen, deren Brief an ihre Stief- Schwester nach Curland mein Gemahl wieder zuruͤck bekommen hatte, weil sie todt war. R** wollte immer mehr von der wunderlichen Gemuͤthsart des Gouverneurs wissen, und Caroline blieb bey aller Gelegenheit bey Stee- leyn stehn. Andreas trat aus der Nebenstu- be wieder herein, als wollte er uns zuhoͤren. Habe ich ihn euch denn noch nicht genug be- schrieben? sagte mein Gemahl zu Carolinen. Habt ihr euch denn gar in ihn verliebt? Frey- lich sah er vortheilhaft aus, sonst wuͤrde ihm das Cosackische Maͤdchen nicht so gut gewesen seyn. Er hatte grosse schwarze Augen, wie ihr, und ‒ ‒ Jndem oͤffnete Andreas, der nah an der Thuͤre stund, das Nebenzimmer und rief, nach seinen Gedanken, ganz sinnreich: sah er etwan wie dieser Herr aus? und in dem Augenblicke stund Steeley vor uns. Der Graf zitterte, daß er kaum von dem Sessel auf- stehen konnte, und wir sahen ihren Umarmun- gen mit einem freudigen Schauer lange zu. Nun, schrie endlich Steeley, nun sind wir fuͤr alle unser Elend belohnet, und riß sich von dem Grafen los, und ich eilte ihm mit offnen Armen entgegen. Ach Madam, fieng er an, ich ‒ ‒ ich ‒ ja, ja, sie sind es ‒ ‒ und das war sein ganzes Com- Grafinn von G** Compliment. Der Grafkam auf uns zu, und wir umarmten uns alle drey zugleich. O was ist das Vergnuͤgen der Freundschaft fuͤr eine Wollust, und wie wallen empfindliche Herzen einander in so gluͤcklichen Augenblicken entge- gen! Man sieht einander schweigend an, und die Seele ist doch nie beredter, als bey einem solchen Stillschweigen. Sie sagt in einem Bli- cke, in einem Kusse ganze Reihen von Em- pfindungen und Gedanken auf einmal, ohne sie zu verwirren. Caroline und der Herr R** theilten ihre Freude mit der unsrigen, und wir traten alle viere um Steeleyn und waren alle ein Freund. Dem Andreas mochte unsre Be- willkommung zu lange dauern; er zog mich und Carolinen bey Seite. Jhr Leute, sprach er ganz bestrafend, vergeßt doch nicht, daß ihr Frauenzimmer seyd und ‒ ‒ Setzt euch alle nieder, sonst muß ich den ganzen Tag euern Umarmungen zusehen. Thut es, wenn ich nicht dabey bin. Wir wollen heute lustig und nicht so niedergeschlagen seyn. Und damit muß- ten wir uns niedersetzen. Herr Graf, fuhr er darauf fort, habe ichs nicht listig gemacht? Wir merkten, daß er fuͤr seine Erfindung be- lohnt seyn wollte, und er war es werth, daß wir ihm unser eigen Vergnuͤgen etliche Minu- ten aufopferten. Mein Gemahl hatte schon F 2 zehn Leben der Schwedischen zehn Fragen an Steeleyn gethan; allein Andreas ließ ihn zu keiner Erzaͤhlung kommen. Seyd doch zufrieden, sprach er, daß ihr ihn habt, und daß ich ihn euch geschafft habe. Jhr sollt ihn auf den Abend mit zu euch nehmen, alsdann koͤnnt ihr mit einander reden, bis wieder auf mei- nen Geburtstag. Jtzt will ich das Vergnuͤ- gen haben, daß ihr bey mir recht aufgeraͤumt seyn und recht laut werden sollt. Wir wuͤnsch- ten unstreitig alle, von unserm gebietrischen und uns so unaͤhnlichen Wirthe bald entfernt zu seyn; allein wir mußten uns ihm aus Dank- barkeit Preis geben, und Steeley schien selbst itzt keine Lust zu haben, uns seine Begebenhei- ttn zu erzaͤhlen, ausser daß er den Tod des Gou- verneurs etlichemal erwaͤhnte. Und von seiner Gemahlinn, fuhr er zum Grafen fort, habe ich einen Brief an euch. Die großmuͤthige Seele! Jch will euch den Brief aus meinem Coffer lan- gen. Er gieng, und Andreas mit ihm. Wir waren es zu frieden, daß uns Steeley einige Augenblicke verließ, nur damit wir das Ver- langen befriedigen konnten, einander unsere Lebspruͤche von ihm mitzutheilen. Jst er mei- ner Liebe werth, sprach der Graf zu mir, und gefaͤllt er euch? Caroline ließ mich nicht zum Worte kommen. Herr Graf, rief sie, ihre Ge- mahlinn kann nicht urtheilen, sie ist nur von ih- Graͤfinn von G** ihnen eingenommen. Fragen sie doch mich, ich wills ihnen aufrichtig sagen, ich und das Maͤd- chen in Siberien, wir ‒ ‒ Hier trat Steeley, mit einem Frauenzimmer an der Hand, herein, aus deren Gesichte Anmuth und Freude lach- ten. Sie gieng in Amazonenkleidern, und je- der Zug in ihrer Bildung war ein Abdruck der Gefaͤlligkeit und der Liebe. Ach Gott! rief der Graf, wen sehe ich? Jst es moͤglich, Madam? oder betruͤgen mich meine Augen? das ist zu viel Gluͤck auf einen Tag! Madam, redte mich Steeley an, indem ich noch vor Erstaunen immer auf einer Stelle stund: Hier bringe ich ihnen meine liebe Reisegefaͤhrtinn und bitte fuͤr sie um ihre Freundschaft. Jch wußte noch nicht, wen ich umarmte, oder wollte es doch nicht sobald wissen, um mein Vergnuͤgen zu verlaͤngern. Sie selbst schien mich aus eben der Ursache in der Ungewißheit zu lassen. Glaubt es doch, rief mir endlich mein Gemahl zu, sie ist es, der ich meine Befreyung zu dan- ken habe; sie hat mich euch wieder ge- geben. Ja, Madam, fieng sie an, fuͤr diesen Dienst suche ich itzt die Belohnung bey ihnen, und ich bitte nicht um ihre Freundschaft, son- dern ich fodere sie von ihnen. Jst es ihnen denn recht lieb, daß sie mich sehn? Ja, ich se- F 3 he Leben der Schwedischen he es, sie fuͤhlen eben so viel, als ich, daß ich sie nunmehr kenne. Ach, Herr Graf, also sind wir nicht mehr in Siberien? Wie viel habe ich ihnen zu erzaͤhlen! Jhr Freund, den sie mir hinterlassen haben, hat mir viel zuwi- der gethan, (hier sah sie Steeleyn mit dem zaͤrtlichsten Blicke an) und ‒ ‒ er mag es ihnen selber sagen. Aber fieng sie ganz sacht zu mei- nem Gemahle an, wer ist das Frauenzimmer und der Herr? (sie meynte Carolinen und R**) Der Graf erschrack und wußte nicht, was er in der Eil sagen sollte. Sie sind ‒ ‒ sie sind unsre Freunde und auch die ihrigen. Jch nahm darauf Carolinen bey der Hand und fuͤhrte sie zu ihr, und der Graf that mit R** eben das. Wir glaubten, daß Andreas das Geheimniß vor unserer Zusammenkunft schon verrathen haͤtte; denn die Verschwiegen- heit war seine Sache nicht. Allein er hatte, entweder um uns zu schonen, oder weil er nicht daran gedacht hatte, geschwiegen. Er hatte nicht die Geduld gehabt, unsere Bewill- kommung ganz anzuhoͤren. Jtzt kam er wie- der herein und half uns zum Theil aus unsrer Verwirrung. Das ist, fieng er zu der Frem- den an, das ist meine liebe Schwester. Jn dem Augenblicke gieng R** mit niedergeschla- ge- Graͤfinn von G** genen Augen aus der Stube, weil er glaubte, daß Andreas auch von ihm anfangen wuͤrde. Geht nicht, rief ihm dieser nach, ich will nichts sagen. Der Herr Graf wird es schon selbst erzaͤhlen. Ach, mein lieber Graf, sprach Steeley, was ist das fuͤr ein Geheimniß? Darf ichs und die Madam nicht wissen? Wer ist der Herr R**? Er ist einer von meinen aͤltsten Freunden, und wenn ich ihnen alles sa- gen soll ‒ ‒ hier sahe er mich an und schwieg. Er war mein Gemahl, sprach ich zu meiner neuen Freundinn, ehe ich wußte, daß mein Graf noch lebte. Sie hassen mich doch des- wegen nicht? Nein, Madam, ich verdiene ihr Mitleiden und mein Graf ‒ ‒ dieser liebt euch, fuhr erfort, eben so zaͤrtlich, als iemals. Sie sah mich beschaͤmt und eilte, mir durch eine mitleidige Umarmung diese traurigen Au- genblicke zu verkuͤrzen. Steeley schien wirk- lich bey dieser Nachricht etwas von seiner Hoch- achtung gegen mich zu verlieren. Er sah bald mich, bald den Grafen an. Jst sie denn nicht mehr eure Gemahlinn? sprach er ganz heftig. Sie ist meine Gemahlinn, antwortete ihm der Graf; beunruhigt euch nicht. Jch weis, daß ihr mich liebt, und mir hat zu meinem Gluͤcke nichts als der heutige Tag ge- F 4 fehlt. Leben der Schwedischen fehlt. Hierauf gieng unsere Freude, wie von neuem, an. Unser stuͤrmischer Wirth noͤthigte uns alsbald zur Mahlzeit. Ein jedes Wort von uns war eine Liebkosung, und an Statt zu essen, sahen wir einander an. Madam, fieng endlich Steeley zu mir an, ihre Augen fra- gen mich alle Augenblicke etwas. Beneiden sie mich etwan wegen meiner liebenswuͤrdigen Reisegefaͤhrtinn? Oder wollen sie wissen, warum sie nach Holland gegangen ist? Sie will die Juwelen wieder holen, die sie dem Herrn Grafen in Siberien gegeben hat. Wir erfuhren in Moskau, daß wir ihn hier finden wuͤrden, und sie wird so lange bey ihnen blei- ben, bis sie ersetzt sind. Ja, sprach ich, wir sind dazu verbunden; aber warum nehmen sie sich der Madam so eifrig an? Erfodert die- ses die Pflicht der Reisegesellschaft? Sie hoͤ- ren wohl, versetzte sie, daß er das Geheimniß meiner Reise gern entdeckt wissen will. Jch soll ihnen sagen, daß ich ihn liebe, und daß ich ihn aus Liebe hieher begleitet habe. Er ver- dient und besitzt mein Herz, und ihm meine Hand zu geben, habe ich bloß auf ihre Gegen- wart verspart. Steeley stund anf und um- arm- Graͤfinn von G** armte sie. Also sind sie meine Braut? rief er. Ja, sagte sie, und um es zu werden, wuͤr- de ich noch eine See durchreisen. Und ihnen, mein lieber Herr Graf, ihnen bin ich mein Gluͤck schuldig, denn ohne sie wuͤrde ich meinen Geliebten nie haben kennen lernen. Sie ha- ben mir ihn in ihrem ersten Gespraͤche mit mir, so edel beschrieben, daß ich ihm gewogen war, ehe ich ihn sah. Die Vorsehung hat mir mein Ungluͤck durch ihn belohnt, und ich will das seinige durch meine Liebe belohnen. Jch bleibe bey ihnen; und sie, Madam, sollen das Recht haben, unsere Verbindung zu vollziehn, und einen Tag zu unsrer Vermaͤhlung anzuse- tzen, welchen sie wollen. Jch will meinen kuͤnftigen Gemahl von ihren Haͤnden empfan- gen; Und ich, sprach der Graf, meine Ge- mahlinn von den ihrigen. Jch will mir sie, da ich die zweyte Ehe mit ihr angefangen ha- be, auch noch einmal vermaͤhlen lassen, und dieses soll an dem Tage geschehn, da sie ihre Verbindung vollziehn. Amalie, so hieß Steeleys Braut, ließ darauf einen Pocal und einen Flaschenkeller Wein aus ihrem Zimmer langen. Kennen sie das Glas, Herr Graf? daraus habe ich ihnen in Siberien die Gesund- heit ihrer Gemahlinn zu getrunken. Und aus F 5 eben Leben der Schwedischen eben diesem Glase und von dem Weine, der nicht weit von diesem Lande gewachsen ist, wollen wir sie zum andernmale in Holland trinken. O wie gut wird mirs schmecken! Sie trank und reichte mirs. Jch sah das Glas und den Wein an, und sah meinen Ge- mahl zugleich in Siberien und in den ungluͤck- lichsten Umstaͤnden von einer großmuͤthigen Seele bedauert und geschuͤtzt; ich sah sie an und trank, und Thraͤnen fielen in den Wein. Kein Wein hat mir in meinem Leben so gut geschmeckt, als dieser. Wir schwiegen vor Vergnuͤgen alle still, bis Andreas endlich un- ser Stillschweigen unterbrach. Aber, Madam, fieng er lachend an, wie sah denn der Herr Graf damals aus, da er als ein Gefangner vor ihnen stund? Sah er vornehm oder nicht? Sah er traurig? Seine Mine, sprach sie, richtete sich nach der Art, mit der ich mit ihm redte. Wenn ich ihn recht freundschaftlich bedauer- te: so sah er mich zur Dankbarkeit sehr demuͤ- thig an; und wenn ich einen Augenblick un- empfindlich gegen sein Elend schien: so warf er mir mein kaltes Herz mit einer stolzen Mi- ne vor, die mich leicht errathen ließ, daß er aus Unschuld ungluͤcklich und im Elende auch noch groß gesinnt war. Aber wie war er ge- klei- Graͤfinn von G** kleidet? Schlechter, als ich wuͤnschte. Ein deutsches Unterkleid, sehr abgenutzt, und ein schwarzer russischer Pelz und ein Paar Halb- stiefeln waren sein Staat. Sein kurzes auf- gelaufnes Haar gab indessen seinem Gesichte, bis auf etliche Spuren von Kummer, die aus seinen Augen nicht vertrieben werden konnten, einunerschrocknes Ansehn. Nie war er bered- ter und in meinen Augen groͤsser, als da er von seiner Gemahlinn sprach; und ich that von diesem Augenblicke an heimlich ein Geluͤbde, ihm die Freyheit auszuwirken. Aber ihr verstorbner Gemahl und der Herr Graf, sprach Andreas, waren wohl nicht allezeit die besten Freunde? Was dieser gethan hat, das bitte ich dem Grafen itzt ab. Ach vergeben sie ihm die Fehler seiner Gemuͤthsart und sei- nes Volkes, die ich ungeachtet seiner Neigung gegen mich mehr, als sie, empfunden habe. Unsre Ehe war ein Buͤndniß, das der Hof schloß, und das ich aus Gehorsam nicht aus- schlagen durfte. Jndessen ehre ich sein An- denken; so wie ich mein Schicksal an seiner Seite geduldig ertragen und mir, wenn ichs sagen darf, vielleicht durch meine Geduld ein bessers verdient habe. An- Leben der Schwedischen Andreas ward zu unserm Gluͤcke durch seine Geschaͤf t e von uns gerufen, und seine Ab- wesenheit ließ uns vertraulicher werden. Stee- ley wollte dem Grafen erzaͤhlen, was seit seiner Abreise aus Tobolskoy vorgegangen; allein er stand alle Augenblicke vor gar zu gros- ser Empfindung still, und wir waren zu- frieden, das wir diesesmal das Wichtigste von dem erfuhren, was uns Amalie nachdem um- staͤndlicher auf folgende Art erzaͤhlet hat. Wenig Tage nach des Herrn Grafen seiner Abreise, fieng sie auf unser Bitten an, starb mein Gemahl an dem zuruͤckgetretenen Podagra. Jch berichtete seinen Tod nach Hofe, und bat zugleich um die Erlaubniß, nach Moskau zuruͤck zu kehren. Die Gewalt, die ich bis zur Ernennung eines neuen Gouverneurs in den Haͤnden hatte, gab mir Gelegenheit ver- schiedne harte Verordnungen aufzuheben, die mein Gemahl in Ansehung der Gefang- nen ergehn lassen. Jhrem zuruͤckgelassenen Freunde, Herr Graf, konnte ich mehr Be- quemlichkeiten verschaffen. Jch befahl dem Juden, ihn mit allem zu versorgen, was er noͤ- thig haͤtte, und ließ ihn muthmassen, als ob er ein Anverwandter von mir waͤre. Damals wa- Graͤfinn von G** waren meine Wohlthaten wohl blosse Wir- kungen des Mitleidens. Jch hatte ihn nicht mehr, als einmal, und noch dazu in den trau- rigsten Umstaͤnden gesehn, als er auf ihre Fuͤr- bitte durch meinen Gemahl nach Tobolskoy zuruͤck berufen ward. Jch hoͤrte es gern, wenn mir der Jude seine Danksagungen fuͤr meine Vorsorge uͤberbrachte, und was ich nicht wohl durch Befehle ausrichten konnte, das mußte der Jude durch das Geld, das ich ihm gab, bey den Unteraufsehern zu bewerk- stelligen suchen. Er war in ein besser Be- haͤltniß gebracht, und ich hatte schon aller- hand Mittel ausgesonnen, wie ich ihm bey meiner Zuruͤckreise nach Moskau diese ertraͤg- lichen Umstaͤnde dauerhaft machen wollte. Ungefehr nach vier Wochen kam ein Befehl an mein e n verstorbnen Gemahl, daß Steeley frey seyn, und bey der ersten Gele- genheit, die man ihm verschaffen koͤnnte, mit einem Passe versehn, und fuͤr sein Geld fort- gebracht werden sollte. Jch ließ den Mor- gen darauf den Juden zu mir kommen, und sagte ihm, daß er Steeleyn eiligst zu mir bringen sollte, und daß ich unter der Zeit, da er ihm dieses meldete, die Wache nachschi- cken wollte, ihn abzuholen. Er kam, und ich ließ ihn nebst dem Juden zn mir ins Zim- mer Leben der Schwedischen mer treten. Er stattete mir die Danksagung fuͤr meine bisherige Vorsorge auf eine sehr ehrerbietige und gefaͤllige Weise ab, und blieb an der Thuͤre des Zimmers stehn. Jch frag- te ihn, ob er keine Nachricht von dem Gra- fen haͤtte? ob er mit seinen Umstaͤnden zu- frieden waͤre? Er beantwortete das erste mit einem traurigen Nein, und das andere mit einem gelaßnen Ja. Jch bat ihn, mir eine kurze Erzaͤhlung von seinem Schicksale zu machen. Er that es, und ie mehr er redte, desto mehr noͤthigte er mir durch seine Worte und durch seine Minen Aufmerksamkeit und Hochachtung ab. Er sah weit besser aus, als vor zwey Jahren, und ich weis nicht, ob ich mirs beredte, oder ob es wahr war, daß ihm der Siberische Pelz recht schoͤn ließ. Jch hoͤrte aus seiner Art zu reden nunmehr sehr wohl, daß er ein edelmuͤthiges Herz hatte; und wenn ich ja noch einige Augenblicke dar- an gezweifelt hatte: so war es vielleicht des- wegen geschehn, weil ich bey meinem Zweifel gern widerlegt seyn wollte. Der Graf, dach- te ich, hat Recht, daß er ihn so sehr liebt, und so sehr fuͤr ihn gebeten hat. Er ver- dient Hochachtung und Mitleiden; und es ist deine Pflicht, einem so rechtschaffenen und un- gluͤcklichen Manne zu dienen. Jch merkte, ie Graͤfinn von G** je mehr er redte, daß etwas in meinem Herzen vorgieng; allein ich hatte keine Lust, es zu un- tersuchen, und ich huͤtete mich zugleich, mein Herz nicht zu stoͤren. Jch nannte meine Re- gungen bey mir selbst, Wirkungen seiner Un- gluͤcksfaͤlle, und setzte mich in Gedanken nie- der, und ließ ihn lange fortreden, ohne ein Wort zu sagen. Als er mir die Grausamkeit erzaͤhlte, die man in der Stadt Moskau an ihm und dem Sidne begangen: so fuͤhl- te ich weit mehr, als da sie mir der Graf er- zaͤhlt hatte. Es war mir unmoͤglich, die Thraͤ- nen zuruͤck zu halten, und ich wollte doch auch nicht, daß er meine Wehmuth sehn sollte. Jch fragte ihn in der Angst, wie alt sein Vater waͤre, und wie lange er ihn nunmehr nicht ge- sehn haͤtte, nur damit ich das Wort: der ar- me Mann! das mir mein Herz fuͤr ihn abnoͤ- thigte, nebst einigen Thraͤnen bey seinem Va- ter anbringen konnte. Jch fuͤhrte ihn durch ziemlich neugierige Fragen in die Umstaͤnde seiner Familie und seiner Jugend zuruͤck. Er fieng endlich an, von der traurigen Begeben- heit mit seiner Braut in Engelland zu erzaͤh- len, und ich ward so geruͤhrt, daß ich recht ge- waltsam von meinem Stuhle aufsprang, und ganz nah zu ihm trat; vielleicht hatte ich das letzte schon gewuͤnscht. Er ward bey dieser Erzaͤh- Leben der Schwedischen Erzaͤhlung sehr weichmuͤthig, und endigte sie mit einem Ach Gott! das mir durch die See- le gieng. Er schlug die Augen nieder, und es war mir nicht anders, als ob ich sie ihm wieder oͤffnen sollte. Er sah mich endlich auf einmal mit einer klagenden Mine an, und ich erschrack, als ob er mir ein Verbrechen vorruͤckte. Mein Herr, fieng ich an, ich will gleich weiter mit ih- nen reden. Jch gieng in das Nebenzimmer, um den Befehl wegen seiner Befreyung zu holen. Jch suchte ihn lange vergebens, ob er gleich vor mir lag. Jch schaͤmte mich vor meiner Unruhe, und glaubte zu meinem Troste, daß sie von den traurigen Erzaͤhlungen herstammte, und daß sie durch die Freude, die Steeley uͤber seine Er- loͤsung haben wuͤrde, sich bald verlieren sollte. Jch sah in den Spiegel, ehe ich wieder in das andre Zimmer trat, und ich sah in jedem Bli- cke die Unruhe meines Herzens verrathen. Jch hatte indessen bey aller meiner Unruhe noch die Geduld, etwas an meinem Kopfputze zu verbessern; und mitten in dem Verlangen, Stee- leyn seine Befreyung anzukuͤndigen, uͤberlegte ich noch, wie seine ungluͤckliche Braut ausgesehn hatte, und hielt ihr Bild im Spiegel gleichsam gegen das Meinige. Jch bereitete mich auf ei- ne kleine Anrede, und oͤffnete das Zimmer, und gieng auf Steeleyn zu. Jch fuͤhlte, da ich an- fan- Graͤfinn von G** fangen wollte zu reden, daß mir der Athem fehlte, und daß ich die Worte nicht wieder finden konnte, die ich in meinem Gedaͤchtnisse gesammelt hatte. Jch that also an den Ju- den etliche gleichguͤltige Fragen, bis ich mich wieder erholte. Jch will nicht laͤnger unge- recht seyn, fieng ich endlich an, und ihnen ei- ne Nachricht vorenthalten, die sie vielleicht schon lange zuͤ hoͤren gewuͤnscht haben. Ver- stehen sie Russisch? Er antwortete mir aͤngst- lich, ja, ja, und zitterte, und machte, daß ich ei- nen kleinen Schauer fuͤhlte. Jch setzte mich nieder, und bat ihn, daß ers auch thun sollte. Er weigerte sich, u. ich hielt mich fuͤr verbunden, ihm selbst einen Sessel zu reichen und mich da- durch an dem mir schon beschwerlichen Ceremo- niell zu raͤchen. Jch las ihm den Befehlvor, und sagte endlich zu ihm: von dieser Stunde an haben sie ihre Freyheit, und ich bin sehr ver- gnuͤgt, daß ich die Person habe seyn sollen, die sie ihnen ertheilen muß. Sehen sie mich nicht als ihre Gebieterinn, sondern als ihre gute Freundiñ an. Er sprang vom Stuhle auf und kuͤßte mir mit einer unaussprechlichen Freude die Hand, und ich ließ ihn diese Dankbarkeit sehr oft wie- derholen, als fuͤrchtete ich, ihn zu beleidigen, wenn ich die Hand zuruͤcke zoͤge. Er stammelte etliche Worte vor Freuden hervor, und auch die- II Theil. G se Leben der Schwedischen se Sprache gefiel mir. Jch ließ den Aufsehern der Gefangnen Steeleys Befreyung gleich an- zeigen, und die Wache, die ihn begleitet hatte, zuruͤck gehn. Jch wollte ihnen, fuhr ich fort, gern mein Haus zum Auffenthalte anbieten, bis sie mit einer sichern Gelegenheit nach Moskau zuruͤckkehren koͤnnen; allein meine Umstaͤnde scheinen es zu verbieten. Der Jude wird ih- nen schon eine Wohnung ausmachen. Sie duͤr- fen um nichts bekuͤmmert seyn, so lange ich noch hier bin. Er nahm Abschied, und ich sah in sei- nen Augen, daß er mir weit mehr zu sagen hat- te, als er sagte, und ich kraͤnkte mich, daß der Ju- de zugegen war. Diesem befahl ich, daß er nach der Tafel wieder zu mir kommen sollte. Also war dieser erste Besuch geendiget. Jch trat an das Fenster und wollte ihm nachsehn, und ich fragte mich in den Augenblicke, warum ich die- ses thaͤte; aber ich that es doch. Jch setzte mich zur Tafel und es reute mich, daß ich ihn nicht bey mir behalten hatte. Der Jude blieb mir schon zu lange, und ich haͤtte es sicher genug wissen koͤnnen, daß ich Steeleyn mehr als be- dauerte; allein ich fand es fuͤr gut, mich zu hintergehen. Jch stellte mir vor, daß Steeley vielleicht mit einer Caravane handelnder Kaufleute durch Huͤlfe des Juden in wenig Tagen von hier abgehn koͤnnte, und ich ver- wehr- Graͤfinn von G** wehrte es ihm in meinen Gedanken schon, und wuͤnschte, daß er in meiner Gesellschaft moͤchte zuruͤck reisen koͤnnen. Der Jude kam und ver- sicherte mich, daß er seinen Gast sehr wohl auf- gehoben, und ihn in das Haus gebracht haͤtte, das er meinem verstorbenen Gemahle vor zwey Jahren abgekauft. Jch erschrack uͤber diese Nachricht, als ob sie von einer Vorbedeutung waͤre, und ich war zugleich mit seiner Anstalt zufrieden. Jch rief den alten deutschen Be- dienten, der mir von Curland aus nach Mos- kau und von Moskau nach Siberien gefolgt war, und den ich itzt noch bey mir habe, u. befahl ihm, daß er mit dem Juden gehn und sehn sollte, was der Herr, der heute aus dem Arreste gekom- men, in seiner Wohnung brauchte, weil er nach dem Befehle des Hofs bis zu seiner Ab- reise als eine Standsperson versorgt werden sollte. Er kam wieder und sagte mir, daß er, bis auf das weisse Geraͤthe und eine Madratze zum Schlafen, mit den noͤthigsten Meubeln versehn waͤre. Jch reichte ihm alles selbst, was er foderte, und zwar von jeder Art das Kost- barste, und war unwillig, daß der Bedien- te nicht mehr verlangte. Jch sagte ihm, daß er die Stuͤcke genau zaͤhlen sollte, damit keines verlohren gienge, und mein Herz wußte doch nicht das geringste von dieser wirthschaftlichen Sorgfalt. Jch hieß ihn noch ein Flaschenfut- G 2 ter Leben der Schwedischen ter Wein mitnehmen. Und wenn ihr von ihm geht, fuhr ich fort: so koͤnnt ihr ihn in euerm Namen fragen, ob er noch etwas zu befehlen haͤtte. Er kam nicht eher, als mit dem Abend wieder. Jch fragte ihn, wo er so lange geblie- ben waͤre. Ach, hub er in seiner treuherzigen Sprache an, man kann von dem Herrn gar nicht wieder loskommen. Es ist ein rechter lieber Herr; alles was er sagt, nimmt einem das Herz. O wenn sies nur haͤtten hoͤren sollen, wie er dem Himmel dankt, daß er ihn aus der Gefangenschaft errettet hat! Er mag recht fromm seyn, und ich weis nicht, wie ihn der liebe Gott nach Siberien hat fuͤhren koͤn- nen! Jch wollte ihn, als ich gieng, auskleiden helfen. Ach, sprach er, mein lieber Christian, gebt euch keine Muͤhe, ich habe mich in Siberi- en selber bedienen lernen. Es gieng mir recht nahe. Er hat auch ein recht gutes Ansehn. Wer weis, wie vornehm er von Geburt ist und hat doch in diesem verwuͤnschten Lande so viel ausstehen muͤssen! Wenn sie mirs erlauben, so will ich ihn alle Tage etliche Stunden bedie- nen, damit es ihm wieder wohlgehe. Bey ih- nen laͤßt er sich fuͤr alle Gnade, die sie ihm er- zeigen, ganz unterthaͤnigst bedanken, und um nichts als ein Buch bitten. Es wird auf diesem Zeddel stehn. Dieser Zeddel war ein Franzoͤ- sisch Billet von diesem Jnnhalte: Mein Graͤfinn von G** Mein Gluͤck scheint mir nur ein Traum zu seyn; und Sie uͤberhaͤufen mich mit so vieler Gna- de, daß ich gar nicht weis, wie ich dankbar ge- nug seyn soll. Jch erzaͤhle es dem Grafen und allen meinen Freunden, und allen meinen Lands- leuten, schon in Gedancken, daß ich das großmuͤ- thigste Herz in Siberien angetroffen habe. Ach, Madam, wodurch verdiene ich ihre Sorgfalt? und wodurch kann ich sie in dem Reste meines ungluͤcklichen Lebens verdienen? durch nichts, als durch Ehrerbietung ‒ ‒ ‒ Dieser kurze Brief gefiel mir sehr wohl. Jch brachte einen grossen Theil der Nacht mit einer geheimen Auslegung dieses Briefs zu. „Wo- „durch soll ich ihre Sorgfalt in dem Reste mei- „nes ungluͤcklichen Lebens verdienen? durch „Ehrerbietung„. Jch gab diesem Worte eine Bedeutung, wie sie mein Herz verlangte. Jch freute mich, da ich erwachte, daß der Tag schon da war. Jch eilte, und beschloß, Steeleyn des Mittags mit mir speisen zu lassen. Jch konnte den Bedienten nicht finden. Jch vermuthete, daß er bey seinem neuen Herrn seyn wuͤrde, und ich hatte Recht. Jn kurzem kam er. Jch warf ihm vor, daß er mich bald uͤber seinen neuen Herrn vergessen wuͤrde, und schickte ihn mit zwey franzoͤsischen Buͤchern wieder an Steeleyn, und ließ ihn bitten, zu Mittage mit mir zu speisen. Jch ließ etliche wenige Gerichte nach deutscher Art zurichten, und ihn zu Mittage in einem Schlitten abholen. Jch hatte mich nicht vor- nehm gekleidet, um ihm desto aͤhnlicher zu seyn; G 3 doch Leben der Schwedischen doch war ich sorgfaͤltig genug gewesen, eine gu- te Wahl in meinem Anzuge zu treffen. Bey dieser Mahlzeit wollte ich, so zu reden, hinter mein eigen Herz kommen, und erfahren, ob mei- ne Empfindungen mehr als Freundschaft waͤren. Mein Gast kam, und seine Mine war weit heit- rer, als die gestrige, und wie mich duͤnkte, weit gefaͤlliger. Er war besser, ob gleich noch Rus- sisch gekleidet, als gestern. Dankbarkeit und Ehrerbietung redten aus ihm. Jch that, als ob meine Vorsorge fuͤr ihn eine Verordnung des Hofs waͤre, und setzte mich ganz allein mit ihm zu Tische. Wir brachten uͤber unsrer kleinen Mahlzeit wohl drey Stunden zu, und es schien mir, daß sie ihm eben so kurz ward, als mir. Er konnte sich noch nicht recht in das Ceremoniell, mit einer Dame, und vornehm zu speisen, finden, und ich hatte das Vergnuͤgen, ihn alle Augen- blicke durch eine kleine Hoͤflichkeit zu erschrecken; ja, ich erfreute mich, daß ich ihn in der Wohl- anstaͤndigkeit uͤbertraf, weil ich merkte, daß er mir am Geiste uͤberlegen war. Er mußte mir seine Begebenheiten noch einmal erzaͤhlen, und sie ruͤhrten mich, als ob ich sie noch nicht gehoͤrt haͤtte. Wir sprachen von dem Grafen, und er bezeigte ein so grosses Verlangen, ihn wieder zu sehn, daß ich lieber eifersuͤchtig geworden waͤre. Mit einem Worte, mein Gast gefiel mir nach wenig Stunden so sehr, daß ich mir alle Gewalt anthun mußte, mich zu verstellen. Jch wuͤnsch- te in denen Augenblicken, da uns unser Bedien- ter verließ, daß er mir etwas verbindliches sagen moͤch- Graͤfinn von G** moͤchte, nur um zu wissen, ob ich ihm gefiele. Allein er blieb bey der Sprache der Ehrerbietung, und seine Augen redten eben die Sprache. Er nahm aus einer ungluͤcklichen Hoͤflichkeit, als wir vom Tische aufstunden, Abschied, und ich hatte das Herz nicht, ihn zu bitten, daß er laͤnger bleiben sollte, weil ich mich zu verrathen glaubte. Jch ließ ihn also wieder in sein Quartier bringen. Und nun wußte ichs, ob ich ihm gewogen war. Jch war beleidigt, daß er mich schon verlassen hatte. Jch war unruhiger, als zuvor, und ich ward es nur mehr, ie weniger ichs seyn wollte. Jch stellte mir vor, daß ich ihm nicht gefiele, und kraͤnkte mich, daß ich nicht reizend genug war, mehr als Hochachtung von ihm zu verdienen. Jch ward uͤber dieser Vorstellung kleinmuͤthig, und raͤchte mich durch Geringschaͤtzung an mir selber. Gleichwohl wollte ich nicht alle Hoffnung fahren lassen, und meine Liebe zu ihm mir auch nicht verbieten. Jch beschloß, ihn in drey Ta- gen wieder zu mir zu bitten. O was waren das fuͤr lange Tage fuͤr mich! Der Bediente erzaͤhl- te mir binnen dieser Zeit, daß sein Herr in seiner Einsamkeit ganz tiefsinnig wuͤrde. Wie lieb war mir diese Nachricht! Jch war schwach genug ihn zu fragen, ob er nichts von mir gesprochen haͤtte. Er lobt sie uͤber die maßen, sprach er, und fragt mich, so oft ich komme, wie sie sich be- finden, und fragt nach allen Kleinigkeiten. Nach drey Tagen war er wieder auf die vo- rige Art mein Gast. Er kam, und die Unruhe hatte sich in alle seine Blicke vertheilet. Er hat- G 2 te Leben der Schwedischen te sich durch den Juden ein Kleid nach deutscher Art machen lassen, und sah noch einmahl so jung aus. Ja, ja, dacht ich, er ist schoͤn, er ist liebens- werth, aber nicht fuͤr dich. Jch glaubte, ich haͤtte alles Bange aus meinem Gesichte vertrie- ben, als er mich bey der Tafel um die Ursache frag- te, warum er mich nicht so zufrieden saͤhe, als das letztemal. Jch erschrack uͤber mein verraͤthe- risches Gesicht, und uͤber die Aufmerksamkeit, mit der er mich betrachtete, und schob die Schuld darauf, daß ich die Erlaubniß noch nicht vom Hofe bekommen haͤtte, nach Moskau zuruͤck zu kehren. Aber, fuhr ich fort, was fehlet ihnen? die Freude uͤber ihre Befreyung herrscht nicht mehr in ihrem Gesichte. Jst es das Verlangen nach ihrem Vaterlande, das sie beunruhiget? Ja, Madam, sprach er, mit niedergeschlagenen Augen. O wie war mir dieses Ja angenehm, das der Ton, mit dem ers aussprach, zu einem Nein machte Haben sie vielleicht, fuhr ich fort, noch eine Braut in ihrem Vaterlande, die sie erwartet? Warum entziehen sie sich und mir das Vergnuͤgen, von ihr zu sprechen? Jch gebe ihnen mein Wort daß ich ihnen mit der Haͤlfte meines Vermoͤgens dienen will, um ihre Reise zu beschleunigen und sie von meiner Freundschaft zu uͤberzeugen. Er antwor- tete mir mit einem verschaͤmten Blicke, und sagte weiter kein Wort. Jch wollte nunmehr mein Gluͤck oder Ungluͤck mit einem male wissen. Sie schweigen? Also haben sie eine Braut in London? Nein, rief er, Madam, der Himmel weis Graͤsinn von G** weis es, daß ich seit dem Tode meiner Braut ohne Liebe gewesen bin. Wie koͤnnte ich ihnen etwas verschweigen? Ach wie koͤnnte ich dieses? ich bitte sie, vermindern sie ihre Guͤtig- keit gegen mich. Jch bin unruhig, daß ich sie nicht verdiene. Dieß ist die wahre Ursache. Nunmehr war ich zufrieden, und er haͤtte aus meiner ploͤtzlichen Veraͤnderung leicht mein Herz errathen koͤnnen; allein meine Freude that bey ihm eine entgegengesetzte Wirckung. Er ward nur trauriger, ie mehr ich ruhig war. Jch red- te fast allein, und ich studirte seine Augen und sein Hertz aus. Er liebt dich, fieng ich zu mir selbst an, und nichts als die Gesetze der Dank- barkeit und Ehrerbietung legen seiner Liebe ein Stillschweigen auf. Er ist verschaͤmt, das wuͤn- schest du; und er wuͤnschet, daß du ihn zu dem Fehler noͤthigen sollst, dir deine Liebe zu gestehen; und dieses verdient er. Jch verdoppelte meine Gefaͤlligkeit, ohne sie uͤber die Schranken der Freundschaft zu treiben. Mein Gemahl hatte ein kostbares Haus gebaut. Jch ließ alle Zim- mer auf der Gallerie einheizen, und fuͤhrte ihn nach der Tafel in alle, nur damit ich eine Gele- genheit haͤtte, ihn laͤnger bey mir zu behalten. Als wir in das groͤßte kamen, in welchem die Risse und Abzeichnungen von Festungen und Landschaften hiengen: so fragte ich ihn, ob er nicht auch einen Theil von seiner Arbeit hier faͤn- de. Jch sah, daß er nicht auf die Abzeichnungen, sondern auf mich Acht gab, und ich belohnte ihn gleich dafuͤr. Jch will ihnen ihre Stuͤcke zei- G 5 gen Leben der Schwedischen gen, sprach ich; mein Gemahl hat mirs gesagt, daß die, unter welchen ein S. stuͤnde, von ih- nen waͤren. Er mag sie mit diesen Arbeiten wohl recht gequaͤlt haben. Ach, sprach er, Madam, sie koͤnnten mich fuͤr alle meine Muͤhe auf einmal belohnen. Aber nein ‒ ‒ ‒. Jch wußte in der That nicht, was er verlangte, und ich bat ihn recht instaͤndig, daß er mirs sagen sollte. Wollen sie mirs vergeben, rief er, wenn ichs ihnen gestehe? denn es ist eine Verwegenheit. Ja, sagen sies. Er oͤffnete darauf die Thuͤre von dem vorhergehenden Zimmer und wies auf mein Portrait. Madam, dieses Geschenk wollte ich mir wuͤnschen, wenn ich Siberien ver- lasse. Diese Bitte war mir das angenehm- ste, was ich von ihm gehoͤret hatte. Jch gab ihm durch die Art, mit der ich sie anhoͤrte, das Recht, sie zu wiederholen, und er hatte schon das Herz, mich bey der Hand zu fassen und meiner Hand durch die seine, ich weis nicht was fuͤr verbindliche Dinge, zu sagen. Jch begab mich geschwind mit ihm in das Tafelzimmer zuruͤck, um gleichsam der Gewalt zu entfliehen, die er mei- nem Herzen anthat. Er merkte seinen Sieg nicht, und glaubte vielmehr, mich beleidiget zu haben. Er war von der Zeit an fast ganze acht Tage hindurch nichts als ein Freund, der mir durch eine strenge Ehrerbietung gefallen, oder ein Gast, der durch eine dankbare Schamhaf- tigkeit meine Hoͤflichk iten, die ich ihm alle Mit- tage erwies, bezahlen wollte. Jch konnte mich in das Geheimniß unsrer Herzen nicht finden. Wir Graͤfinn von G**. Wir hatten die Erlaubniß alle Tage mit einan- der umzugehen. Wir durften uns vor Nieman- den scheuen, als vor uns selbst. Alles stund un- ter meinen Befehlen, und ich war denen, die um mich lebten, zu groß, als daß ich von ihnen bemerkt zu werden haͤtte fuͤrchten duͤrfen. Dem ungeachtet schienen wir beide bey aller unserer Freyheit und bey unserm taͤglichen Umgange, an Statt daß wir vertrauter haͤtten werden sollen, einander nur desto fremder zu werden. Er huͤ- tete sich, mir die geringste Liebkosung zu machen, und ich nahm mich vielmehr, als im Anfange, in Acht, ihm Gelegenheit dazu zu geben. Wir sahn beide nicht, daß die Behutsamkeit, die wir in unsern Reden und in unsern Handlungen beob- achteten, nichts als die staͤrkste Liebe war; oder besser, wir fuͤhlten die Liebe so sehr, daß wir ge- noͤthiget wurden, uns strenge Gesetze vorzuschrei- ben. Jch ahmte ihm nach, und er ahmte an Bescheidenheit mir nach; und was war dieser Zwang anders, als die Sorge, einander zu ge- fallen, und die Ungewißheit, wie wir dieses ein- ander ohne Fehler zu erkennen geben wollten? Al- le Augenblicke erwartete ich ein vertrauliches Be- kenntniß von ihm, und hinderte ihn doch durch mein Bezeigen daran, und befriedigte meinen Verdruß mit neuer Hoffnung. Wir hatten uns durch einen Umgang von zehn oder zwoͤlf Ta- gen so ausgeredet, daß wir fast nichts mehr wuß- ten, und wir wurden desto aͤrmer| an Gespraͤ- chen, ie weniger wir unser Herz wollten reden lassen. Wir spielten gemeiniglich nach der Tafel Schach Leben der Schwedischen Schach, ein Spiel, das fuͤr Verliebte eher eine Strafe, als ein Vergnuͤgen ist, und das uns sehr beschwerlich gewesen seyn wuͤrde, wenn es uns nicht das Recht ertheilt haͤtte, einander genauer, als ausserdem, zu beobachten. Jch ließ meine Hand mit Fleiß immer lange auf dem Steine liegen, als wenn ich noch ungewiß waͤre, ob ich ihn fortruͤcken wollte, und ich ließ sie doch nur fuͤr seine Augen da. Unsere Spiele wurden alle bald aus. Jch verstund es wirklich besser, als er; allein ein Blick in seine redlichen und zaͤrtlichen Augen, und eine kleine Roͤthe, oder ein verschaͤmter Seufzer, den ich ihm abnoͤthigte, war genug, mich zu dem einfaͤltigsten Zuge zu be- wegen. Wir wiederholten diesen Zeitvertreib ganze Stunden, ohne zehn Worte zu reden, und wir befanden uns so gut dabey, daß wir recht von der Tafel eilten, um zum Schache zu kommen. Unser Umgang hatte nunmehr unge- fehr vier Wochen gedauert, und binnen dieser Zeit hatten wir einander nicht laͤnger, als fuͤnf Tage, nicht gesehen, und dennoch waren wir, so sehr wir einander gefielen, nicht vertrauter, als im Anfange; und wir wuͤrden unstreitig diesen Cha- rakter noch laͤnger behauptet haben, wenn unsere Herzen nicht durch einen Zufall uͤbereilet worden waͤren. Der Jude besuchte uns naͤmlich un- vermuthet bey Tische und kuͤndigte Steeleyn an, daß morgen eine Lieferung fuͤr den Hof nach Moskau abgehen wuͤrde, und daß er fuͤr so und so viel Geld sicher und ziemlich bequem mit fort- kommen koͤnnte. Jch erschrack uͤber diese Nach- richt Graͤfinn von G** richt, daß ich nicht ein Wort sagen konnte, und Steeley eben so sehr. Wenn, rief er, wenn soll ich fort? Geht nur in mein Quartier, ich will gleich nachkommen. Der Jude verließ uns. Und nun gieng eine traurige Scene an. Ach Madam, fieng Steeley an, und schon liefen ihm die Thraͤnen uͤber die Wangen; ach Madam, ich soll schon fort? Morgen schon? Und was macht ihnen denn ihre Abreise so sauer? Er ent- setzte sich uͤber diese Frage und gerieth in eine klei- ne Hitze. Sie fragen mich noch, was mir mei- nen Abschied sauer macht? Sie! Und auf ein- mal ward er still und suchte seine Wehmuth zu verbergen. Mit welcher Entzuͤckung sah ich mich von ihm geliebt! Jch schwieg still, oder konnte vielmehr nicht reden. Er wollte fortgehn, und ich nahm ihn in der Angst bey der Hand. Wo wollen sie hin? Jch will mich, sprach er, fuͤr meine Verwegenheit bestrafen, die ich itzt begangen ha- be, und Abschied von ihnen nehmen und ‒ ‒. Aber wenn ich sie nun ersuchte, noch nicht fortzu- reisen, wollten sie nicht bey mir bleiben? Woll- ten sie nicht ihr Vaterland, ihre Freunde, einige Zeit spaͤter sehn? Ach, Madam, rief er, ich will alles, ich will mein Vaterland ewig vergessen, fuͤr sie vergessen. Sagen sie mir nur, ob sie mich ‒ ‒ ob sie mich hassen? Jch liebe sie, fieng ich an, es ist nicht mehr Zeit mich zu verbergen, und wenn sie mich lieben: so bleiben sie hier, und reisen sie in meiner Gesellschaft. Nunmehr wagte er die erste Umarmung, und o Himmel! was war dieses nach einem so langen Zwange fuͤr Leben der Schwedischen fuͤr ein unaussprechliches Vergnuͤgen! Wie viel tausendmal sagte er mir, daß er mich liebte, und wie vielmal sagte ichs, und durch wie viele Kuͤsse, durch wie viele Seufzer wiederholten wir unser Bekenntniß! Nun redte unser Herz allein. Er fragte mich, ob ich seine Liebe nicht gemerkt haͤtte, und ich fragte ihn eben das. Wir erzaͤhlten ein- ander die Geschichte unsrer Empfindungen, und unser Umgang war von dieser Stunde an Liebe und Freude. Die Lieferung gieng fort, und mein Liebhaber blieb mit tausend Freuden zuruͤck. Jch schickte noch ein Memorial an den Hof mit ab, um die Erlaubniß zu meiner Abreise zu be- schleunigen. Waren wir vorher nur halbe Tage beysam- men gewesen: so wurden uns nunmehr ganze noch zu unserer Liebe zu kurz. Er suchte meine Liebe, die er schon gewiß besaß, durch die bescheidene Art, mit der er sie genoß, erst zu verdienen, und ich, die ich acht Jahre vermaͤhlt gewesen, ohne die Liebe zu kennen, lernte ihren Werth unter den unschuldigsten Liebkosungen erst schaͤtzen. Jch versprach ihm, wenn er mir nicht nach Curland folgen wollte, mit ihm in sein Vaterland zu ge- hen, und wenn ich in Moskau die Erlaubniß, da- hin zuruͤck zu kehren, nicht erhalten koͤnnte, mich mit ihm insgeheim wegzubegeben. Bis auf die- se Zeit, sprach ich, bin ich ihre Braut, und sobald wir uns an einem Orte niederlassen, ihre Ge- mahlinn. Wir nnterhielten uns mit den Vorstellungen von unserm kuͤnftigen Gluͤcke noch vierzehn Ta- ge Graͤfinn von G** ge, als ich endlich die Erlaubniß und die Passe- porte vom Hofe erhielt, mich nach Moskau zu- ruͤck zu begeben. Mein Liebhaber war gleich bey mir. Und wie eilten wir, aus diesem traurigen Lande zu kommen! Der Commendant von einem nah gelegenen Schlosse war zum Nachfolger mei- nes Gemahls ernannt. Jch uͤbergab ihm bin- nen acht Tagen die Rechnungen meines Gemahls; allein er sahe sie nicht an. Jhr Gemahl, sprach er, war ein guter Freund und auch ein Freund des Hofs. Er wird schon gut hausgehalten ha- ben, und ich bin alt genug, ihm bald im Tode nachzufolgen. Jch bat ihn, daß er Befehl zu meiner Abreise geben, und die Meubeln und das Haus meines Gemahls von mir zum Abschiede annehmen sollte. Jch nehme es an, sprach er; sie aber haben die Freyheit, was ihnen gefaͤllt, mit sich zu nehmen; die ihrem Stande ge- maͤsse Bedeckung ist alle Stunden zu ihren Diensten. Jch reiste also mit zween Wagen unter einer starken Bedeckung in der Mitte des Junius fort. Mein Gemahl hatte mir uͤber hunderttausend Rubeln meistens an Golde und Juwelen hinter- lassen. Die eine Haͤlfte nahmen wir auf unsern Wagen, und die andere auf den, wo unser Chri- stian nebst einigen befreyten Gefangnen saß. Steeley ließ, ehe wir abreisten, alle Gefangene, in und um. Tobolskoy herum, kleiden, sie drey Tage speisen, und jedem, etliche Rubeln geben. Es mochten ihrer etliche funfzig seyn. Wir kamen nach einer beschwerlichen Reise von Leben der Schwedischen von fuͤnf Wochen, die wir Tag und Nacht fort- setzten (weil die Nacht in den warmen Monaten fast so hell, wie der Tag, bleibt) gluͤcklich in Moskau an. Jch wollte nicht oͤffentlich bey Hofe erscheinen, und ich suchte nichts, als der Geliebten des Zaars, deren Fraͤulein ich gewesen war, insgeheim aufzuwarten. Die großmuͤthi- ge Catharina empfieng mich auf dem Lustschlosse Taninska sehr liebreich. Jch mußte acht Tage bey ihr bleiben; allein alle die Gnade, die sie mir unter dieser Zeit erwies, war mir ohne mei- nen Geliebten eine unertraͤgliche Last. Sie hoͤr- te, daß ich nichts wuͤnschte, als das Gluͤck, nach Curland zuruͤck zu kehren, und sie verschaffte mirs, weil sie nur befehlen durfte. Jch eilte nach der Stadt zuruͤck und ließ meinen lieben Reisegefaͤhr- ten, der bey dem englischen Kaufmanne abgetreten war, aufsuchen. Mein Christian brachte mir die betruͤbte Nachricht, daß er krank und nicht im Stande waͤre, zu mir zu kommen. Jch ließ mich den Augenblick zu ihm fahren. Seine Krankheit war nichts, als der Kummer um mich. Ach, rief er mir entgegen, habe ich sie nicht ver- lohren? Sind sie noch meine bestaͤndige Freun- dinn? Jch bewies es ihm und blieb den ganzen Tag bey ihm. Er zeigte mir Briefe aus Lon- don, und insonderheit die, welche der Herr Graf an ihn zuruͤckgelassen hatte. Es war wirklich mein Vorsatz nach Curland zu gehn, und nichts, als die Schwachheit meines Geliebten, hinderte die Abreise. Endlich erhielt er Briefe von dem Herrn Grafen. Ach, sprach er zu mir, er hat Graͤfinn von G** hat seine Gemahlinn wieder gefunden, er lebt mit ihr in Holland. Wollen wir nicht zu ihm reisen? wie gluͤcklich wuͤrden wir bey ihm seyn! Mehr brauchte er nicht, um mich meinem Vaterlande zu entziehen. Nun war es beschlossen, wir giengen nach Holland. Jch setzte mich mit ihm zu Ende des Augusts zu Schiffe, und auch die See ward mir durch die Liebe angenehm. Wir haben nichts als eine kleine Seekrankheit und etliche Stuͤrme ausgestanden, die uns nichts gethan, als daß sie uns ein Paar Wochen laͤnger auf der See aufge- halten haben. Wir sind schon vor vier Tagen ans Land gestiegen und gestern fruͤh zu Lande hier angekommen. Dieß war die Geschichte von Amaliens und und Steeleys Liebe. Die beiden ersten Tage verstrichen uns unter lauter Erzaͤhlungen, und der dritte war der Ver- maͤhlungstag. Jch und Caroline kleideten unse- re Braut an, und verliebten uns recht in sie, so reizend war sie; allein der, fuͤr den sie so reizend war, hatte nicht weniger maͤnnliche Schoͤnheiten. Wir fuͤhrten sie in sein Zimmer. Jtzt, sprach sie, ist es noch Zeit, wenn sie Lust haben, eine andere zu waͤhlen, und umarmte ihn. R ‒ ‒ kam bald darauf mit seinem guten Freunde, einem Predi- ger bey der franzoͤsischen Gemeine, der sie ver- maͤhlen sollte. Er hatte ihm die Umstaͤnde von beiden gesagt. Wir setzten uns nieder und wir wußten nicht, daß unser Geistlicher eine Rede halten wuͤrde. Er that es mit so vieler Bered- II. Theil. H sam- Leben der Schwedischen samkeit und mit so vielem Geiste, daß wir alle ausser uns kamen und uns keine groͤssere Wollust auf diesen Tag haͤtten erdenken koͤnnen. Er red- te von den wunderbaren Wegen der Vorsehung bey dem Schicksale der Menschen. Man stelle sich den Grafen und Steeleyn mit allen ihren Un- gluͤcksfaͤllen, seine Braut, mich, kurz, uns alle vor, wenn man wissen will, was diese vernuͤnfti- ge Rede fuͤr einen Eindruck in unsere Herzen machte. Unsere Seele erweiterte sich durch die hohen Vorstellungen, um den Umfang der goͤtt- lichen Rathschluͤsse in Ansehung unsers Schicksals zu uͤbersehn, und die Empfindungen der Verwun- derung und der Dankbarkeit wuchsen mit unsern erhabnen Vorstellungen. Leuten, die niemals im Ungluͤcke gewesen, Leuten, die zu frostig sind, andrer Ungluͤck zu fuͤhlen, wird das Vergnuͤgen, das wir aus dieser Rede schoͤpften, als ein schein- heiliges Raͤzel vorkommen. Sie werden sich nicht einbilden koͤnnen, wie sich solche ernsthafte Be- trachtungen zu einem Tage der Freude und der Liebe schicken; allein sie werden mir auch nicht zu- muthen, daß ich ihnen eine Sache beweisen soll, die auf die Empfindung ankoͤmmt. So vergieng der Vormittag, und Steeley und Amalie waren verbunden, und unser Buͤndniß war auch wieder erneuert. Unser Geistlicher, der uns ein recht lieber Gast gewesen seyn wuͤrde, wollte nicht bey uns bleiben, so sehr wir ihn auch baten. Er sagte, daß er den Nachmittag bey ei- nem jungen Menschen zubringen wuͤrde, der sich aus Schwermuth das Leben haͤtte nehmen wol- len, Graͤfinn von G** len, aber noch an dem Selbstmorde gehindert worden waͤre. Er bat uns, ob wir nicht zur Verbesserung seiner elenden Umstaͤnde etwas bey- tragen und ihn mit einigen Arzneyen versehen las- sen wollten, damit nicht die Krankheit des Ge- muͤths durch ein verdorbnes Blut noch mehr unter- halten wuͤrde. Weil es schien, daß er die be- sondern Umstaͤnde dieses Menschen mit Fleiß ver- schwieg: so wollten wir nicht zur Unzeit neugierig seyn. Wir fragten also nichts, als wo er anzu- treffen waͤre. Er nannte uns eine alte Schiffe- rinn, die ihn, wie er gehoͤrt, nur vor etlichen Ta- gen in ihre Huͤtte aus Mitleiden eingenommen, in der er sich gestern durch ein Messer, doch ohne Lebensgefahr, verwundet haͤtte. Wir sag- ten ihm, daß er nicht bitten, sondern uns vorschrei- ben sollte, wie ers mit dem Kranken gehalten wissen wollte; weil wir gar keine Ueberwindung noͤthig haͤtten, einem Elenden mit einem Theile von unserm Vermoͤgen zu dienen. Wir schickten ihm, sobald der Geistliche weg war, Betten und an- dere Sachen. Unser Doctor mußte kommen, und das ungluͤckliche Maͤdchen, von der ich oben geredt habe, und die itzt Aufseherinn in meinem Hause war, mußte ihn zu dem Kranken begleiten, um zu hoͤren, was er fuͤr Anstalten wegen der Speisen und des Getraͤnks machen wuͤrde, damit sie alles nach seiner Vorschrift einrichten koͤnnte. Wir setzten uns zur Tafel und wir waͤren ei- nes solchen Tages nicht werth gewesen, wenn wir ihn nicht zu geniessen gewußt haͤtten. Eins war zu dem Vergnuͤgen des andern sinnreich; und H 2 Klei- Leben der Schwedischen Kleinigkeiten, die andre aus Mangel der Ver- traulichkeit, oder auch des Geschmacks, voruͤber gehn, dienten uns in unserer Gesellschaft zu neuen Unterhaltungen, und erhielten durch die Art, mit der wir uns ihrer bedienten, den Werth, den die praͤchtigsten Mittel der Freude am wenigsten ha- ben. Kleine Zaͤnkereyen, die Amalie mit Steeleyn wegen des Cosackischen Maͤdchens anfieng, klei- ne Vorwuͤrfe, womit wir einander erschreckten, beseelten unsere Vertraulichkeit, und jeder unschul- dige Scherz gab uns eine neue Scene des Ver- gnuͤgens. Die Aufseherinn, die wir zu dem Kranken geschickt hatten, kam mit offnen Armen zuruͤck und erzaͤhlte uns, daß sie ihren ungetreuen Liebhaber wieder gefunden, und daß es der Elende selbst waͤre, fuͤr den wir gesorgt haͤtten. Er, rief sie, hat mir alles mit tausend Thraͤnen abgebe- ten, und ich habe ihm alles vergeben, und ich bit- te fuͤr ihn. Sein Gewissen hat ihn mehr als zu sehr bestraft. Er sagte mir, daß er sich, da er mich so boshaft verlassen, nach Harlem gewen- det und sich allen Ausschweifungen uͤberlassen haͤt- te, um nicht an das zu denken, mas er gethan. Einige Monate sey es ihm gelungen, nachdem aber haͤtte er sich der entsetzlichen Vorstellungen, daß er mich und die Frucht unsrer Liebe durch seine Untreue vielleicht ums Leben gebracht, nicht laͤnger erwehren koͤnnen. Sie haͤtten ihn genoͤthigt, an den Ort zuruͤck zu kehren, wo er mich verlassen, und da er weder das Herz gehabt, sich genau nach mir zu erkundigen, noch auch gewußt haͤtte, wo er es thun sollte: so haͤtte ihn endlich eine Graͤfinn von G** eine alte Schifferinn auf eben der Wiese, wo er von mir gewichen, und auf der er schon zween Tage zugebracht, in der groͤßten Verzweiflung angetroffen und ihn mit sich in ihre Huͤtte genom- men. Hier haͤtte er, da er ohnedieß nichts mehr zu leben gehabt, sein Elend durch den Selbstmord endigen und sich zugleich fuͤr seine Bosheit be- strafen wollen. Es steht bey ihnen, fuhr sie fort, ob sie ihm durch ihre Wohlthaten das Leben und mich wiedergeben wollen. Jch liebe ihn, als ob er mich nie beleidiget haͤtte, allein (hier sah sie mich an) sie zu verlassen, das kann ich nicht ‒ ‒ Sie verdiente unsere Gewogenheit und unser Ver- gnuͤgen uͤber ihr Gluͤck. Wir liessen ihren Lieb- haber in das Haus neben uns bringen und be- suchten ihn den Abend noch. Seine Wunde war nicht gefaͤhrlich, und die Freude, seine Geliebte wieder gefunden zu haben, hatte ihm so viel Leb- haftigkeit ertheilt, daß er mit uns sprechen und uns seinen Fehler abbitten konnte. Er wollte uns alles erzaͤhlen; allein wir waren mit seiner Reue zufrieden und erliessen ihm die Schaam, sein eigner Anklaͤger zu werden. Wir sahen in seinem zerstreuten und ausgezehrten Gesichte noch Spu- ren genug von einer angenehmen Bildung und einem zaͤrtlichen Herzen. Er war noch nicht vier und zwanzig Jahr alt und wegen seiner Jugend der Vergebung und des Mitleids desto wuͤr- diger. Den Rest des Abends brachten wir mit einer Musik zu, die wir uns selber machten. Jch spiel- te den Fluͤgel, und bald sang ich selbst, bald Amalie, H 3 oder Leben der Schwedischen oder Caroline, dazu. Meine kleine Tochter, die in das sechste Jahr gieng, war so verwegen, Stecleyn zu einem Tanze aufzufodern, und sie haͤtte uns bald alle zu dieser Lust verfuͤhrt. Wir fuͤhrten endlich unsre beiden Vermaͤhlten in ihr Schlafzimmer und uͤberliessen sie den Wuͤnschen der Liebe. Als ich mich den Morgen darauf noch mit dem Grafen berathschlagte, was wir unserm Paare heute fuͤr ein Vergnuͤgen machen wollten, trat der Bediente herein und sagte, daß ein Engel- laͤnder meinen Gemahl sprechen wollte. Sobald er die Thuͤre oͤffnete, so sagte uns sein Gesicht, daß es Steeleys Vater waͤre. Er hatte ein eis- graues Haupt; aber seine muntern Augen, sein rothes Gesicht, und sein trotziger Gang widerlegten seine Haare. Jch suche, fieng er auf franzoͤsisch an, meinen Sohn bey ihnen, oder da ich in meinem Leben wohl nicht so gluͤcklich seyn werde, ihn wie- der zu sehen: so will ich wenigstens hoͤren, ob sie nicht wissen, wo er ist. Meine Nachricht aus Moskau geht nicht weiter, als daß ich gewiß weis, daß er aus seinem Elende in Siberien hat sollen befreyt werden. Und aus Verlangen einen so theuern Freund von meinem Sohne zu sprechen, bin ich in meinem neun uud siebenzigsten Jahre noch einmal zur See gegangen. Jhre Reise, fieng mein Gemahl an, soll sie nicht gereuen. Jch habe Briefe von ihrem Sohne aus Moskau und kann ihnen die erfreuliche Nachricht von seiner baldigen Ankunft zum Voraus melden. Wie lange koͤnnen sie sich hier aufhalten? Das ganze Jahr Graͤfinn von G** Jahr hindurch, sprach der Alte, und noch laͤnger, wenn ich meinen Sohn erwarten kann. Mein Gemahl befriedigte seine vaͤterliche Neubegierde mit einigen besondern Nachrichten, und ich eilte zu unserm zaͤrtlichen Paare, um zu sehen, ob sie angekleidet waͤren. Sie giengen beide noch in ihren Schlafkleidern, und ich ließ dem Grafen heimlich sagen, daß sie aufgestanden waͤren. Mein Gemahl, sprach ich, nach einigen kleinen Fragen, wird gleich kommen und sie zu einer Spazierfarth einladen. Jndem oͤffnete er schon die Thuͤre und trat mit dem Alten herein. Jn dem Augenblicke riß sich Steeley von seiner Ge- mahlinn, die ihn in den Armen hatte, los, und lief auf seinen Vater zu. Der Alte sahe ihn nach der ersten Umarmung lange an, ohne ein Wort zu sagen. Ja, rief er endlich du bist mein Sohn, du bist mein lieber Sohn! Gottlob, nun will ich gern sterben. Mein Sohn, gieb mir einen Stuhl, meine Fuͤsse wollen mich nicht mehr halten. Amalie langte ihm einen und wir traten alle vor ihn. Seine erste Frage war, wer Amalie waͤ- re. Seit gestern, sprach sie, bin ich die Gemah- linn ihres Sohnes. Sind sie mit seiner Wahl zufrieden? Er nahm sie recht liebreich bey der Hand. Jst es gewiß, daß sie meine Tochter sind: so kuͤssen sie mich, und sagen sie mir, aus welchem Lande sie sind. Er machte ihr darauf die groͤß- ten Liebkosungen, und that allerhand Fragen, die seinem ehrlichen Charakter gemaͤß und uns des- wegen angenehm waren, wenn sie gleich nicht die wichtigsten waren. Es mißfiel ihm, da er hoͤr- H 4 te, Leben der Schwedischen te, daß wir nicht getanzt haͤtten. Nicht getanzt? fieng er an, wie traurig muß diese Hochzeit gewe- sen seyn! Nein, was unsere Vorfahren fuͤr gut befunden haben, das muß man nicht abkommen lassen. An seinem Hochzeittage muß man froh seyn. Wenn wir nach London kommen: so will ich alles so anordnen, wie es an meiner Hochzeit war. Es sind Gottlob! schon funfzig Jahre verstrichen, und ich weis alles noch so genau, als ob es erst gestern geschehen waͤre. Es ist wahr, sprach er zu Amalien, sie sehn viel schoͤner aus, als meine selige Frau an ihrem Brauttage sah; aber sie war viel besser angezogen. Er beschrieb ihr mit der Freude eines Alten, dem das gefaͤllt, was in seiner Jugend Mode gewesen, den gan- zen Anzug seiner Frau, und sie versprach ihm, wenigstens um den Kopf und den Hals einen Theil von diesem Staate nachzuahmen. Sie that es auch, und in einem engen Leibchen und grossen weissen Ermeln, drey oder viermal mit Bande gebunden, und in Locken, die bis auf die Schultern hiengen, gefiel sie ihm erst recht wohl. Sein Sohn mußte ihm sein Schicksal erzaͤhlen. Er weinete die bittersten Thraͤnen, wenn Steeley auf eine betruͤbte Begebenheit kam; und mitten unter den Thraͤnen machte er hier und da noch allerhand Anmerkungen. Er fuhr ihn z. E. bey dem Anfange seiner Geschichte recht vaͤterlich an, daß er den Gesandten verlassen haͤtte und ein Soldat geworden waͤre. Bald darauf umarm- te er ihn, daß er so rechtschaffen an den Grafen gehandelt haͤtte, als er auf dem Wege krank ge- wor- Graͤfinn von G** worden. Da erkenne ich meinen Sohn, rief er. Gott weis es, ich haͤtte es eben so gemacht; das heißt seinen Freunden in der Noth dienen! Bey der Begebenheit mit dem Popen in Rußland machte er ihm keine Vorwuͤrfe. Deine Liebe zur Wahrheit, sprach er, ist dir freylich uͤbel bekom- men, und ich wuͤnschte, es waͤre nicht geschehn; aber es ist doch allemal besser, seine Meinung frey heraus zu sagen, als mit einer niedertraͤchti- gen Furchtsamkeit zu reden. Jch sehe dich, weil die Sache von der Religion hergekommen ist, als einen Maͤrtyrer an; und ich danke Gott fuͤr den Muth, den er dir gegeben hat. Bey den grossen Diensten, die der Graf Steeleyn in Siberien erwiesen, nahm er eine recht majestaͤtische Mine an. Nun, sprach er, das ist Großmuth! mehr kann kein Freund an dem andern thun. Ach Herr Graf, sie haben noch ein redlicher Herz als ich und mein Sohn. Jhnen habe ich meinen Sohn zu danken. Ja, in meinem ganzen Le- ben, noch in jenem Leben will ich sie ruͤhmen. Die Geschichte der Liebe mit Amalien trug Steeley auf der Sei t e vor, wo er wußte, daß sie seinen Vater am meisten ruͤhren wuͤrde. Er ließ alles Freundschaft in ihrem Umgange seyn, und die Liebe nicht eher, als kurz vor der Abreise aus Moskau, entstehen. Alles gefiel ihm, alles war schoͤn an Amalien, und ie mehr er aus der gan- zen Erzaͤhlung schloß, daß Amalie vor ihrer Ver- maͤhlung seinem Sohne keine vertrauliche Liebe erlaubt, desto freudiger ward er, und desto mehr Hochachtung bezeigte er ihr. Da die Erzaͤhlung H 5 ge- Leben der Schwedischen geendigt war, umarmte er Amalien noch einmal. Ach, sprach er, mein Sohn ist ihrer nicht werth. Er verdient eine liebe Frau; aber wodurch hat er sie verdient? Kommen sie mit nach London, ich habe ein grosses Haus und es ist in der ganzen Welt nicht besser, als in London. Was? fieng ich an, als in London? und hier bey ihnen, fuhr er laͤchelnd fort, und fragte mich, ob ich ihn denn auch etliche Tage bey mir behalten und mir seine Art zu leben, die nicht nach der Welt waͤre, gefallen lassen wollte. Er war wirklich bey al- len seinen kleinen Fehlern ein rechter liebenswuͤr- diger Mann, und die Aufrichtigkeit, mit der er sie begieng, machte sie angenehm. Er war dreist, ohne die Hoͤflichkeit zu beleidigen, und seine Vor- urtheile waren entweder unschuldig, oder doch dem Umgange nicht beschwerlich. Wir begiengen diesen und den folgenden Tag das Hochzeitfest nach seinem Plane. Er war auf die anstaͤn- digste Art munter, und weckte uns alle durch sein Beyspiel auf. Sein Leibspruch war, man kann fromm und auch vergnuͤgt seyn. Mein Sohn, sprach er, hat mir viel bekuͤmmerte Stunden ge- macht, nun soll er mir freudige Tage machen. Er tanzte denselben Abend bis um eilf Uhr und war gegen R ‒ ‒ und den Grafen, und gegen sei- nen Sohn selbst, ein Juͤngling. Das heißt, fieng er endlich an, recht ausgeschweift. So spaͤt bin ich seit vierzig Jahren nicht zu Bette gegangen. Aber ist doch das Tanzen keine Suͤnde. Wenn ich nun auch diese Nacht stuͤrbe, so wuͤrde mir meine Freude doch nichts schaden. R ‒ ‒ fragte ihn bey Graͤfinn von G** bey dieser Gelegenheit, wie er sich denn bis in sein hohes Alter so munter erhalten, und wodurch er die Furcht vor dem Tode besiegt haͤtte, da er ihm nach seinen Jahren so nah waͤre. Daß ich noch so munter bin, sprach er, das ist eine Gabe von Gott und eine Wirkung eines ordent- lichen Lebens, zu dem ich von den ersten Jahren an gewoͤhnet worden bin. Und warum sollte ich mich vor dem Tode fuͤrchten? Jch bin ein Kauf- mann: ich habe meine Pflicht in Acht genom- men, und Gott weis, daß ich Niemanden mit Willen um einen Pfennig betrogen habe. Jch bin gegen die Nothleidenden guͤtig gewesen, und Gott wird es auch gegen mich seyn. Die Welt hier ist schoͤn; aber jene wird noch besser seyn ‒ ‒ Mußte man einen solchen Mann nicht lieben, der von Jugend auf mit dem Gewinn umgegan- gen war und doch ein so edelmuͤthiges Herz hat- te? Er bezeigte uͤber das grosse Vermoͤgen, das Amalie besaß, keine besondere Freude. Mein Sohn, sprach er, du hast ein Gluͤck mehr, als andre Leute; aber du hast auch eine Last mehr, wenn du dein Gluͤck recht gebrauchen willst. Nachdem er das Vergnuͤgen eingesammlet hatte, das sich ein Vater in seinen Umstaͤnden wuͤnschen konnte: so waren alle unsre Bitten nicht vermoͤgend, ihn von der Ruͤckkehr in sein Vaterland abzuhalten. Jch will in Londen ster- ben, sprach er, und bey meiner Frau begraben werden; lassen sie mich reisen, ehe die See stuͤr- misch wird. Jch will ihnen meinen Sohn zuruͤck lassen und zufrieden seyn, wenn er kuͤnftiges Jahr zu Leben der Schwedischen zu mir koͤmmt. Der junge Steeley wollte sei- nen Vater nicht gern allein reisen lassen, und sich doch auch nicht von uns trennen. Mit einem Worte, wir entschlossen uns alle, Carolinen aus- genommen, ihn nach Londen zu begleiten und den Winter uͤber da zu bleiben. Dieses hatte der Alte gewuͤnscht; aber nicht das Herz gehabt, es uns zuzumuthen. Ehe wir fortgiengen, stifteten wir noch ein gutes Werk. Wid, so hieß der junge Mensch, der seine Geliebte ehemals ver- lassen hatte, war voͤllig von seiner Krankheit wie- der hergestellt. Er wuͤnschte nichts, als seine Braut zu besitzen, und mit seinem Vater wieder ausgesoͤhnt zu werden. Wir hatten an ihn ge- schrieben; aber er wollte nichts von seinem Soh- ne mehr wissen, und versicherte uns, daß er ihn, so geringe sein Vermoͤgen waͤre, doch schon ent- erbt haͤtte. Der junge Wid dauerte uns, und wir sahen, daß er die Thorheit seiner Jugend in seinen maͤnnlichen Jahren wieder gut machen wuͤr- de. Er hatte in Leiden bis in sein siebenzehentes Jahr studirt, und nachdem auf seines Vaters Willen in ein Contoir gehen muͤssen. Andreas war auf das erste Wort willig, ihn in seine Hand- lung zu nehmen. Wir machten ihm eine kleine Hochzeit. Amalie stattete die Braut sehr reich- lich aus, und der alte Steeley und der Graf ga- ben ihm auch tausend Thaler. Wir streckten ihm uͤberdieß noch ein Capital in die Handlung vor und meldeten alles dieses seinem Vater, um ihn desto eher zu gewinnen. Wir uͤberliessen also Carolinen unsre Tochter und unser Haus zur Auf- Graͤfinn von G** Aufsicht, und giengen zwoͤlf Tage nach des alten Steeley Ankunft zur See. Der Wind war uns so guͤnstig, daß wir in wenig Tagen nur noch etliche Meilen von Londen waren. Wir trafen ein Paquetboot an, und um eher am Lan- de zu seyn, setzten wir uns in dieses; allein zu unserm Ungluͤcke. Wir waren alle in dem Boote, bis auf den alten Christian der Amalie. Dieser wollte seinem Herrn die Cha- toulle, in welcher der groͤßte Theil von Amaliens Vermoͤgen an Kleinodien und Golde war, von dem Schiffe zulangen. Steeley und ein Be- dienter des Grafen griffen auch wirklich darnach; allein vergebens. Christian, es mag nun seine Unvorsichtigkeit oder das Schwanken des Schif- fes schuld gewesen seyn, ließ vor unsern Augen die Chatoulle in die See fallen und schoß in dem Augenblicke, entweder aus Schrecken, oder weil er sich zu sehr uͤber Bord gebogen hatte, selbst nach. Wir hatten alle Muͤhe, ihm das Leben zu retten, und ein Schatz von mehr als funfzig tausend Thalern war in einem Augenblicke verlohren. Bin ich ihnen, fieng endlich Amalie zu ihrem Manne an, als Christian in dem Boote war, bin ich ihnen noch so lieb, als zuvor? Steeley betheuerte es ihr mit einem heiligen Schwure, und nun war sie zufrieden. Der alte Steeley, so wenig er das Geld liebte, konnte doch den Zu- fall nicht vergessen. Er hielt dem alten Christian eine lange Strafpredigt. Endlich nahm er Amalien bey der Hand. Seyn sie getrost, sprach er, ich habe Gottlob! so viel, daß sie beide nach Leben der Schwedischen nach meinem Tode ohne Kummer mit einander werden leben koͤnnen. Den armen Christian kostete diese Begebenheit dennoch das Leben. Er kam krank nach London und starb bald nach unsrer Ankunft. Amalie und Steeley hatten eine ausserordentliche Liebe fuͤr diesen Menschen, und sie liessen ihn den veursachten Berlust so wenig entgelten, daß sie ihn vielmehr fuͤr seine Treue auf die großmuͤthig- ste Art noch auf seinem Sterbebette belohnten. Sobald sie von dem Doctor hoͤrten, daß wenig Hoffnung zu seinem Auf kommen uͤbrig waͤre: so liessen sie ihn in ein Zimmer neben dem ihrigen legen, um ihn recht sichtbar zu uͤberfuͤhren, daß sie nicht auf ihn zuͤrnten, denn dieses war sein Kum- mer. Kurz vor seinem Tode besuchte ich ihn noch mit Amalien. Der alte Steeley kam auch und setzte sich vor das Bette des Kranken, um ihn sterben zu sehn. Er hat ein sanftes Ende, fieng er zu uns an, und wenn es seyn muͤßte, ich woll- te gleich mit ihm sterben. Der Sterbende schien sich noch einmal aufrichten zu wollen, und indem schoß ihm ein Strom vom Blute aus dem Mun- de, und Christian war todt. Bin ich nicht er- schrocken? rief der Alte zitternd. Wir wollten ihn in das andere Zimmer fuͤhren; allein er konn- te sich nicht aufrecht erhalten, und wir mußten ihn hinein tragen lassen. Laßt mir meinen Groß- vaterstuhl bringen, fieng er an, in diesem will ich sterben, ich fuͤhle mein Ende. Man brachte ihm den Stuhl und er ließ ihn vor das Fenster, das nach dem Garten gieng, setzen, damit er den Him- Graͤfinn von G ** Himmel ansehn koͤnnte. Er hub seine Haͤnde auf, und bat uns, (wir waren alle zugegen) daß wir ihn nicht stoͤren sollten. Nachdem er sein Gebet verrichtet, rief er seinen Sohn. Jch fuͤhle es, sprach er, daß ich bald sterben werde. Der gute Christian hat mich recht erschreckt; aber wer kann dafuͤr? Hier hast du den Schluͤssel zu mei- nem Schreibetische. Gott segne dir und deiner Frau das Vermoͤgen, das ich euch hinterlasse. Es ist kein Heller von unrechtmaͤßigem Gute da- bey. Der Doctor, nach dem wir geschickt hat- ten, kam und oͤffnete ihm eine Ader, wozu der Alte anfangs gar nicht geneigt war. Doch es gieng kein Blut. Er schlug ihm eine an dem Fusse, und auch da kam keines. Sieht er, sprach der Alte, daß seine Kunst nichts hilft, wenn Gott nicht will? Was hat er nunmehr fuͤr Hoffnung? Keine, sprach der Medicus. So gefaͤllter mir, war seine Antwort, wenn er aufrichtig redt. Be- dienen sie sich, fuhr der Doctor fort, der guten Augenblicke, wenn sie noch einige Anstalten zu treffen haben. Der Alte laͤchelte: als wenn ich in achtzig Jahren nicht Zeit genug gehabt haͤt- te, die Anstalt zu meinem Tode zu treffen. Gott, fuhr er fort kann mich rufen, wenn er will, ich bin fertig, bis auf das Abschied nehmen. Wo sind meine Kinder und meine lieben Gaͤste? Wir traten alle mit thraͤnenden Augen vor ihn, und er nahm von einem jeden insbesondere Abschied. Ach, fieng er darauf an, wie schoͤn wirds in jener Welt seyn! Jch freue mich recht darauf; und wen werd ich von ihnen am ersten da umarmen? Es Leben der Schwedischen ‒ ‒ Es wird mir ganz dunkel vor den Augen: aber sonst ist mir recht wohl, recht ‒ ‒ Bey diesen Worten uͤberfiel ihn eine Ohnmacht und bald darauf starb er. Der Anfang unsers Aufenthalts in London war also traurig und das Geraͤusche der Stadt und der Besuch ward uns so beschwerlich, daß wir uns gleich nach der Beerdigung entschlossen, den Rest des Herbsts und den Winter selbst auf Steeleyns Landgute, das etliche Meilen von Londen war, zuzubringen. Wir lebten daselbst sechs Monate recht zufrie- den und meistens einsam, ausser, daß wir zuwei- len die Schwester von der ehmaligen Braut unsers Steeley besuchten, und wieder von ihr besucht wurden. Sie war von ihrer ganzen Familie noch allein am Leben, und entschlossen, niemals zu heyrathen. Niemand, als sie, wußte, wer mein Gemahl war, denn die andern Nachbarn kannten ihn nicht anders, als unter dem Namen des Herrn von Loewenhoeck. Dieses Frauen- zimmer, die nichts weniger, als schoͤn war, besaß doch die liebenswuͤrdigsten Eigenschaften. Amalie, sie und ich, brachten manche Stunde bey der Gruft ihrer Schwester zu, und ehrten ihr Andenken mit unsern Thraͤnen. Es war Fruͤhling und viele Familien aus Lon- don besuchten nunmehr das Land. Das naͤch- ste Gut an dem unsrigen gehoͤrte dem Staatssecre- tair Robert. Dieser hatte mit Steeleyn ehemals in Oxford studirt, und Steeley war sehr begierig, ihn nach so vielen Jahren einmal wieder zu sehn. Er Graͤfinn von G** Er schrieb an ihn, so bald er hoͤrte, daß er auf dem Landgute angekommen war, und bat um die Erlaubniß, daß er ihn nebst seiner Frau und noch ein Paar guten Freunden besuchen duͤrfte. Robert, der noch gar nicht gewußt hatte, daß Steeley wie- der aus Moskau zuruͤck gekommen war, schickte ihm den andern Tag eine Antwort voll Sehn- sucht und Freundschaft, und zugleich seinen eignen Wagen. R. war unpaß, und wir fuhren also ohne ihn zu Roberten, und kamen kurz vor der Mittagsmahlzeit an. Er empfieng uns mit vieler Hoͤflichkeit, und Steeley praͤsentirte ihm meinen Gemahl unter seinem angenommenen Namen, als einen Freund, den er mit aus Siberien ge- bracht. Unser Wirth, der ganz allein war, noͤ- thigte uns ohne Verzug zur Tafel, damit er un- gestoͤrt mit uns reden koͤnnte. Wir hatten uns kaum niedergesetzt und ausser den Complimenten noch nichts gesprochen, als der Bediente des Staatssecretairs hereintrat, und iemanden an- meldete, aber so sachte, daß wir nichts, als das Wort Abgesandter verstehen konnten. Muͤssen wir denn gestoͤrt werden? fieng Robert ganz zor- nig an, und eilte den Augenblick nebst dem Be- dienten aus dem Zimmer. Wir bleiben sitzen und erwarteten mit groͤßtem Verdruß den neuen Gast; aber o Himmel, was fuͤr ein Anblick war das fuͤr mich und den Grafen, als Robert den Prinzen von S ‒ ‒ herein gefuͤhret brachte! Wir spran- gen beide von der Tafel auf, und wußten nicht, ob wir in dem Zimmer bleiben sollten. Der Prinz trat auf mich zu, als ob er seinen Augen nicht trauen II. Theil. J wollte, Leben der Schwedischen wollte; indem sah er den Grafen und erschrack, daß er blaß wurde. Robert merkte nichts von diesem Geheimnisse und noͤthigte den Prinzen und uns, die er seine F re unde nannte, an die Tafel. Der Prinz bedankte sich und sagte, daß er schon gefruͤhstuͤckt haͤtte und nur gekommen waͤre, sich einige Stunden mit der Jagd zu vergnuͤgen. Robert antwortete, daß er ihm Gesellschaft leisten wollte; allein er nahm es nicht an. Ge- ben sie mir ihren Jaͤger mit, sprach er ganz zer- streut; auf den Abend will ich gewiß ihr Gast seyn. Jndem machte er uns allen ein Compli- ment und Robert begleitete ihn. Ach, fieng mein Gemahl zu Steeley an: wo haben sie uns hinge- fuͤhrt? Wie wird mirs und meiner Gemahlinn ergehn? Das war der Prinz von S ‒ ‒ Er wird in den Verrichtungen seines Koͤnigs hier seyn, und ich, ich ‒ ‒ Robert kam mit einer unruhi- gen Mine wieder. Jch weis nicht, sprach er, warum der Prinz so bestuͤrzt war. Er muß ie- manden von ihnen kennen oder zu kennen sich ein- bilden. Er fragte insonderheit nach ihnen; (er meinte den Grafen) allein ich sagte ihm, daß ich mit meinen Gaͤsten selbst noch nicht bekannt waͤ- re. Er ist in den Angelegenheiten des Koͤnigs von Schweden seit kurzer Zeit hier, nnd wird vermuthlich bald wieder von hier zur Armee ab- gehn. Unser Wirth schloß aus unsrer Bestuͤr- zung auf ein Geheimniß und bat, daß wir ihm die Sache entdecken sollten, wenn sie nicht von Wichtigkeit waͤre. Jch will ihnen alles sagen, fieng der Graf an, und zum Voraus um ihren Schutz Graͤfinn von G** Schutz bitten, wenn ich ihn verdiene. Jch bin der Graf von G ‒ ‒ Mein Name wird ihnen durch mein Ungluͤck vielleicht schon bekannt seyn. Jch bin vor zehn Jahren als ein Schwedischer Obrister so ungluͤcklich gewesen, daß mir das Le- ben durch das Kriegsrecht abgesprochen worden ist. Darauf| erzaͤhlte er ihm das Uebrige, und wie er zu seiner Sicherheit, als ein Gefangner der Russen, den Namen Loewenhoeck angenom- men. Der Prinz, fuhr er fort, ist mein Feind, und meine Verurtheilung ist vielleicht eine Wuͤr- kung seiner Rache gewesen. Jch will ihnen die Ursache nicht sagen, wodurch er bewogen worden, meinen Untergang zu suchen. Sie ist ihm viel- leicht nachtheiliger, als seine Rache selbst. Jch schliesse aus seiner Bestuͤrzung, daß er mich fuͤr todt muß gehalten haben, und wer weis, ob nicht die Zeit seinen Haß gegen mich vertrieben hat. Bin ich, schloß er endlich, nicht so unschul- dig, als ich ihnen gesagt habe: so lasse mich Gott noch durch die Verfolgung dieses Prinzen ster- ben. Unser Wirth, dem das Blut vor edler Empfindung in das Gesicht trat, reichte dem Grafen die Hand. Bleiben sie bey mir, sprach er. Jch will alle mein Ansehn bey Hofe zu ihrer Sicherheit anwenden, und wenn das nicht hilft, mein Leben. Verlassen sie sich auf mein Wort, ich bin ein ehrlicher Mann. Jch will dem Prinzen in etlichen Stunden entgegen fahren und ihn zu- ruͤck holen, und bey meiner Zuruͤckkunft will ich ihnen sagen, was sie thun sollen. Erzaͤhlen sie mir indessen alles, was zu ihrem Schicksale gehoͤrt, J 2 denn Leben der Schwedischen denn ich sehe doch, daß wir itzt nicht essen koͤnnen. Wir thaten es. Jch bin ihr Freund, fieng Robert endlich an, mehr kann ich ihnen nicht sagen; ich will es ihnen aber beweisen. Er fuhr nunmehr dem Prinzen entgegen und bat, daß wir uns bis zu seiner Zuruͤckkunft in dem Garten aufhalten sollten. Wir erwarteten ihn daselbst zwischen Furcht und Hoffnung und waren beynahe ent- schlossen, ohne seine Erlaubniß wieder zuruͤck zu kehren. Endlich sahen wir ihn nebst dem Prinzen in den Garten kommen, und mein ganzes Herz empoͤrte sich uͤber diesen Anblick. Der Prinz gieng gerade auf den Grafen zu, der die Augen niederschlug, und umarmte ihn, nachdem er mir und Amalien ein Compliment gemacht. Jch bin ihr Freund, sprach er, wenn ichs auch nicht immer gewesen bin, und ich wuͤnsche, daß sie der meinige werden moͤchten. Wir haben sie alle fuͤr todt gehalten. Jch weis, daß ihnen bey der Armee zu viel geschehen ist, und es koͤmmt auf sie an, was sie fuͤr eine Genugthuung fodern wollen. Keine, antwortete der Graf, als dieje- nige, die sie mir schon ertheilt haben, naͤmlich daß ich unschuldig und der Gnade des Koͤnigs nicht unwerth bin. Sie sind ihrer so werth, versetzte der Prinz, daß ich ihnen in seinem Na- men zweyerley zum Voraus verspreche. Wol- len sie mit nach Schweden und zur Armee zu- ruͤckkehren: so biete ich ihnen die Stelle eines Generals an. Dieß wird die beste Ehrenerklaͤ- rung fuͤr das seyn, was ihnen als Obersten Schuld gegeben worden ist. Wollen sie dieß nicht: Graͤfiinn von G** nicht: so bleiben sie hier. Jch will es bey dem Koͤnige so weit bringen, daß sie als Schwedi- scher Envoye bey meiner Abreise zuruͤck bleiben sollen. Sagen sie ja, Herr Graf, damit ich das Vergnuͤgen habe, sie zu uͤberzeugen, daß ich sie hoch schaͤtze und das Vergangene wieder gut machen will. Der Graf schlug beydes aus. Jch bin zufrieden, sprach er, daß sie mein Freund sind, und mich in die Gnade des Koͤnigs von neuem setzen wollen: mehr verlange ich nicht. Sollte ich mich noch einmal in die grosse Welt wagen und gluͤcklich seyn, um vielleicht wieder ungluͤcklich zu werden? Jch will mein Leben oh- ne oͤffentliche Geschaͤfte beschliessen. Robert mengte sich endlich in das Gespraͤch, und unsere Furcht vor dem Prinzen verminderte sich. Es sey nun, daß seine Rache gesaͤttigt war, oder daß ihn sein Gewissen gequaͤlt hatte: so bezeugte er den ganzen Abend eine ausserordentliche Freude, daß der Graf noch lebte, den er so viele Jahre hindurch fuͤr todt gehalten hatte. Mein Ge- mahl that so großmuͤthig gegen| ihn, als ob er nie von ihm waͤre beleidigt worden. Der Prinz nahm noch denselben Abend von uns Ab- schied, weil er sehr fruͤh wieder zuruͤck nach London wollte. Wenn sie mein Freund sind, sprach er zum Grafen, so besuchen sie mich noch diese Woche, oder ich komme zu ihnen. Der Graf versprach es ihm, allein er konnte sein Wort nicht halten; die Zeit war da, daß ich ihn zum andern male verlieren sollte. Denn in eben dieser Nacht bekam er einen Anfall von ei- J 3 nem Leben der Schwedischen nem Fieber. Wir eilten den andern Tag von unserm großmuͤthigen Wirthe auf unser Land- gut zuruͤck, und das Fieber ließ den armen Grafen kaum mehr aufdauern. Er ward in wenig Tagen so entkraͤftet, daß er die Hofnung zum Leben aufgab. Jch kam bis in den neunten Tag weder Tag noch Nacht von seiner Seite und suchte mir ihn recht wider den Willen des Schick- sals zu erhalten; so vollkommen liebte ich ihn noch. Drey Tage vor seinem Ende wuͤnschte er, daß ihn der Prinz besuchen moͤchte. Wir liessens ihm eiligst melden, und er war den Tag darauf schon zugegen. Sehn sie, sprach der Graf, daß ich keine Gnade des Koͤnigs mehr noͤthig habe? Jch will nur Abschied von ihnen nehmen und sie und mich uͤberzeugen, daß ich als ihr Freund sterbe. Der Prinz war so geruͤhrt uud zugleich so beschaͤmt, daß er ihm wenig antworten konn- te. Er blieb wohl eine halbe Stunde vor dem Bette sitzen und druͤckte ihm die Hand, und fragte, ob er ihm denn mit nichts mehr dienen koͤnnte, als mit seinem Mitleiden. Der Graf ward so schwach, daß er kaum mehr reden konn- te; und bat den Prinzen ihn zu verlassen. Der Prinz gieng mit der groͤßten Wehmuth fort und wagte es nicht, von mir Abschied zu nehmen. Den andern Tag kam der Graf aus einem tiefen Schlafe eine Stunde lang wieder zu sich selber. Amalie, Steeley und R. der doch selbst noch krank war, traten alle zu ihm. Bald, sprach er zu mir, haͤtte ich euch nicht wieder ge- sehn. Ach meine Gemahlinn, der Tod ist nicht schwer, Graͤfinn von G** schwer, aber ench und meine Freunde zu verlassen, das ist bitter. Jch sterbe; und ihnen, mein lieber R ‒ ‒ uͤberlasse ich meine Gemahlinn. Er starb auch an eben dem Tage. Jch will meinen Schmerz uͤber seinen Tod nicht beschreiben. Er war ein Beweis der zaͤrtlichsten Liebe und bis zur Ausschweifung groß. Jch fand eine Wollust in meinen Thraͤnen, die mich viele Wochen an keine Beruhigung denken ließ, und Amalie klagte mit mir, an Statt, daß sie mich troͤsten sollte. R ‒ ‒ mußte die meiste Zeit uͤber das Bette huͤten, und auch dieses vermehrte meinen Schmerz: Steeley allein sann auf meine Ruhe und noͤthig- te mich, da die beste Zeit des Jahres verstrichen war, mit ihm nach London zuruͤck zu kehren. Das erste, was mir da wieder begegnete, war ein Vorfall mit dem Prinzen. Er war im Be- griffe von London wegzugehn, und wagte es in Roberts Gesellschaft bey unsrer Ankunft mir die Condolenz abzustatten. Er wiederholte seinen Besuch binnen zwey Tagen etliche mal und be- gehrte, daß ich ihm eine Bittschrift an den Koͤ- nig mitgeben und um die Ersetzung der eingezo- genen Guͤter meines Gemahls anhalten sollte. Jch gab ihm eine, bloß um ihn nicht zu beleidi- gen. Noch an eben dem Tage erhielt ich einen Besuch von dem Staatssecretair. Jch will ih- nen, fieng er nach etlichen Complimenten an, die Ursache meines Besuchs kurz entdecken. Jch bin ein Abgeordneter des Prinzen, und ich weis nicht, ob sie mich ohne Unwillen anhoͤren werden. Wissen sie, daß ihm seine Gemahlinn vor etlichen Jahren Leben der Schwedischen ꝛc. Jahren gestorben ist? Er wuͤnscht, sie als Ge- mahlinn mit nach Schweden nehmen zu koͤnnen, und es ist nichts gewisser, als daß er sie auf das aͤusserste liebt. Mit einem Worte, er will durch mich erfahren, ob er hoffen darf, oder nicht. Nunmehr habe ich ihnen alles gesagt, und sie duͤrfen sich bey ihrer Antwort nicht den geringsten Zwang anthun. Steeley und Amalia und R * * waren zugegen, als er mir den Antrag that, und R * * erschrack, als ob er mich schon verloren haͤtte. Jch entsetzte mich selbst uͤber die Verwegenheit des Prinzen und antwortete dem Herrn Robert nichts als dieses: Hier ist mein Ge- mahl und wies auf den Herrn R ‒ ‒. Jn der That war er mir noch so schaͤtzbar, daß ich ihn allen andern vorgezogen haben wuͤrde, wenn ich mich haͤtte entschliessen koͤnnen, mich wieder zu vermaͤhlen. Und vielleicht waͤre ich soll ich sa- gen, zaͤrtlich, oder schwach genug dazu gewesen, wenn er laͤnger gelebt haͤtte. Er starb bald dar- auf an seiner noch fortdauernden Krankheit und die Betruͤbniß uͤber seinen Verlust uͤberfuͤhrte mich, wie sehr ihn mein Herz noch ge- liebt hatte.