Deutsches Leben. Eine Sammlung abgeschlossener Schilderungen aus der deutschen Geschichte mit besonderer Berücksichtigung der Culturgeschichte und der Beziehungen zur Gegenwart. Erster Band . Die deutsche Trachten- und Modenwelt. Leipzig, Verlag von Gustav Mayer . 1858. Die deutsche Trachten- und Modenwelt. Ein Beitrag zur deutschen Culturgeschichte. Von Jacob Falke, Conservator der Kunstsammlung am germanischen Museum in Nürnberg. Erster Theil. Die alte Zeit und das Mittelalter. Leipzig, Verlag von Gustav Mayer . 1858. Vorwort . G egenüber dem Reichthum der Bilderwerke, welche das Costüm behandeln — ich selbst habe die Summe derselben um eines vermehren helfen —, schien es mir an der Zeit zu sein, dem Worte wieder zu seinem Rechte zu verhelfen und, den anti- quarischen Standpunkt verlassend, diesen Gegenstand in seiner Entwicklung als ein Glied der deutschen Culturgeschichte darzu- stellen. Der Grundgedanke, der mich dabei leitete, ist, den Zu- sammenhang zwischen den Wandlungen der äußeren menschlichen Erscheinung und des innern Culturlebens in der Geschichte der Deutschen nachzuweisen. Denn wie eine jede Nation einen Na- tionalcharakter mit Recht für sich in Anspruch nimmt, der sie als ein einheitliches, einziges Ganze gleichsam mit einer Seele em- pfinden und handeln läßt, so ist auch in der Geschichte der Civi- lisation oder des Bildungsganges des einzelnen Volks wie der ganzen Menschheit, soweit sie im Strom der Cultur vorwärts schreitet, einer jeden Stufe ein solcher Gesammtcharakter, ein zur Einheit gewordener Complex bewegender und leitender Ideen zu- zuschreiben. Diese Seele der Zeiten krystallisirt alle ihre Lebens- äußerungen in ihr eigenthümliche und darum nothwendige For- men, an denen ein geübtes Auge alsobald erkennen muß, weß Geistes Kinder sie sind. In diesem Sinn ist auch das Costüm Vorwort. allemal ein Kind seiner Zeit, eine Form, welche die Züge des herrschenden Gesammtcharakters erkennbar an sich trägt. Wie der einzelne Mensch in Kleidung, Haltung und Gang sein inne- res Wesen äußerlich offenbart, sodaß wir aus jenem auf dieses nicht bloß schließen können, sondern auch dürfen, so ist es auch bei der Nation und so auch bei einer jeden Geschichtsperiode in der ganzen äußeren Erscheinung. Nicht also das Kleid macht den Mann, sondern der Mann das Kleid. Und ebenso müssen wir das Wort des Satirikers Logau umkehren; wenn er sagt: Alamode-Kleider, Alamode-Sinnen, Wie sich’s wandelt außen, wandelt sich’s auch innen, so liegt das Richtige im Gegentheil: So sich’s wandelt außen, wie sich’s wandelt innen. Wenn ich nun die deutschen Trachten und Moden, anstatt sie als bloße Geschöpfe des Zufalls und der Laune zu betrachten, vielmehr als mit gewisser Nothwendigkeit gebildete Formen des jedesmaligen Gesammtcharakters darzustellen versuchte, so glaubte ich damit einen Baustein zu dem großen Gebäude der deutschen Culturgeschichte zu liefern, von dessen Vollendung wir wohl noch eine gute Strecke entfernt sind. Es ist bis jetzt weder das Ma- terial herbeigeschafft, noch der Plan fertig. Der Doppelausdruck der Trachten- und Modenwelt, wie er auf dem Titel steht, schließt zwar ebensowohl die allgemeinen und bleibenden Formen wie das scheinbar regellos Wechselnde ein, doch erschöpft er nur im weiteren Sinn genommen das, was ich darstellen wollte. Denn es ist dieses nicht bloß die Kleidung, sondern überhaupt die ganze äußere menschliche Erscheinung, wo- zu die gesammte Toilette, der Schmuck und auch die Begriffe von Schönheit im Geschmack des Volkes gehören. Vorwort. Dem Zweck der ganzen Sammlung gemäß, der sich diese Trachtengeschichte als Theil einfügt, sowie in Uebereinstimmung mit meinen Absichten, waren es besonders Leser , die ich bei der Darstellung vor Augen haben mußte, und nicht, oder doch erst in zweiter Linie, solche, die das Buch etwa brauchen könnten. Ich mußte daher zweien Dingen entsagen: einmal der Mitthei- lung des gelehrten Apparates, der ohnehin in seinem schriftlichen Theil unschwer zugänglich sein wird, und zweitens der Beigabe entsprechender Abbildungen. Ich verhehle mir das Mißliche des letzteren Punktes nicht, indeß dürfte für den, der weiteres In- teresse an der Sache nimmt, das eine oder das andere der größe- ren Costümwerke leicht zur Hand sein Zur Erleichterung habe ich in der Darstellung und in den wenigen Anmerkungen zuwei- len des Näheren auf die beiden folgenden Werke (mit verkürztem Titel) hingewiesen: J. H. von Hefner-Alteneck , Trachten des christlichen Mittelalters, und A. von Eye und Jacob Falke , Kunst und Leben der Vorzeit. Das erstere durch Fleiß, Gediegenheit und Zuverlässigkeit gleich ausgezeichnete Werk, welches im Studium der deutschen Privat- alterthümer eine Epoche bildet, geht nur bis zum Ende des sechs- zehnten Jahrhunderts. Das Fehlende wird durch das zweite Werk ergänzt, welches, so tief als möglich ins Mittelalter zurück- reichend, erst mit dem Jahr 1800 abschließt. Obwohl es seinem Plane gemäß sich nicht bloß auf Costüme, zumal deutsche, be- schränkt, so bilden sie doch den hauptsächlichsten Gegenstand, und die Auswahl ist bereits mit Rücksicht auf die charakteristischen Zeitunterschiede getroffen. Vorwort. Die stete Vergleichung, ich möchte sagen, die Confrontirung mannigfacher bildlicher Quellen, wie sie sich wohl in seltnem Reichthum im germanischen Museum finden, mit den schriftlichen wurde mir durch meine hiesige Stellung im Wesentlichen erleich- tert. — Was ich hier und da aus den Quellen mitgetheilt und der Darstellung eingefügt habe, mußte ich ihr in Uebersetzung und Ausdruck accommodiren. Ich schloß mich, wenn sie vorhan- den waren, guten Uebertragungen an, wie z. B. denen von Simrock und für die ältere Zeit — die lateinischen Dichter aus- genommen — der Pertzischen Sammlung, indem ich nur da än- derte, wo Unkunde des Costüms ein leicht verzeihliches Mißver- ständniß hatte entstehen lassen. Der zweite und letzte Theil wird die Geschichte der Trachten bis in dieses Jahrhundert herabführen. — Nürnberg , im April 1858. Jacob Falke . Uebersicht . Seite. Erstes Buch. Aelteste Zeit bis zu den Kreuzzügen. Erstes Kapitel . Urzeit und Urzustände 1 Zweites Kapitel . Schwankungen zwischen den nationalen und an- tiken Elementen in der Zeit der Merovinger und Karolinger 21 Drittes Kapitel . Die Verschmelzung der verschiedenartigen Elemente in der Zeit von der Mitte des neunten Jahrhunderts bis gegen den Beginn der Kreuzzüge 53 Zweites Buch. Das Mittelalter, bis zum Jahr 1500. Erstes Kapitel . Entwicklung einer originalen mittelalterlichen Tracht unter dem Einfluß des Frauencultus bis zur Höhe plastischer Schönheit. 1100—1350 74 Zweites Kapitel . Die Zeit des Luxus und der moralischen und ästhetischen Entartung. 1350—1500. a. Der Umschwung in der Mitte des vierzehnten Jahrhunderts; der Realismus, die Mode und die Kleiderordnungen 171 b. Die Thorheiten der Mode: Hängeärmel, Schellen, Schna- belschuhe und Farbenallegorie 222 c. Die burgundische Hoftracht und der Luxus der Niederlande 260 d. Die Regellosigkeit und Willkür in Deutschland in der zwei- ten Hälfte des funfzehnten Jahrhunderts. — Die niedern Stände 283 Die deutsche Trachten- und Modenwelt. Erstes Buch. Aelteste Zeit bis zu den Kreuzzügen. Erstes Kapitel. Urzeit und Urzustände . D as stolze Rom, das so oft mit Zittern und Zagen der Ankunft der Germanen vor seinen Thoren entgegensah, hatte allerdings ein Interesse dabei, wenn es ihr Land so entsetzlich und die Bewohner so außergewöhnlich wie möglich schilderte, denn die Gefährlichkeit und Größe der Gegner entschuldigte die Furcht und verringerte die Schmach der Niederlagen. Indessen können wir doch bei der Einstimmigkeit der Nachrichten nicht umhin, uns den Anblick Deutschlands, nicht bloß im Verhältniß zum Garten Italien, sondern überhaupt im hohen Grade uncultivirt und wild vorzustellen, hier mit Wäldern bedeckt, sumpfreich und reg- nerisch, dort rauh, öde und stürmisch. Bei aller möglichen Ueber- treibung leuchtet selbst aus Senecas rhetorischer Absichtlichkeit der Kern der Wahrheit uns entgegen, wenn wir die folgende Stelle lesen: „Betrachte dir,“ sagt er in seinem Buch von der Vor- sehung, „alle die Völker, bei denen der Friede Roms seine Gränze findet, ich meine die Germanen und was sonst für Völkerschaften jenseits der Donau wandernd umherschweifen. Ein beständiger Winter, ein trüber Himmel lastet auf ihnen, kärglich gewährt ihnen die Nahrung der unfruchtbare Boden, gegen den Regen schützen sie sich durch Schilf und Laub, über die Eisdecken der Falke , Trachten- und Modenwelt. I. 1 I. Aelteste Zeit bis zu den Kreuzzügen. Gewässer eilen sie dahin, wilde Thiere erjagen sie sich zur Nah- rung. Keine Wohnungen haben sie, keine Stätte, außer der, welche ihnen die Müdigkeit Tag für Tag anbefiehlt; dürftig ist ihre Nahrung, und mit eigener Hand müssen sie sich dieselbe be- schaffen; schrecklich ist die Unfreundlichkeit des Klimas; unbedeckt sind ihre Leiber: so ist das tägliche Leben der Völker.“ Der ganze Charakter der deutschen Geschichte in den ersten Jahrhunderten bestätigt diesen Anblick des Landes. In allen Feldzügen waren Boden und Himmel die gefährlichsten Feinde der Römer. Und die Germanen wußten diese Vortheile zu schätzen und trefflich zu nutzen: sie zogen sich unsichtbar in die undurchdringlichen Wäl- der zurück und ließen die Feinde allein in der unheimlichen, men- schenleeren, schweigenden Oede. Da warteten sie ruhig, bis die- selben in die Sümpfe oder die Schluchten des Gebirgs geriethen, oder bis der Himmel seine Ströme herniederließ und den Boden erweichte und die Wege verdarb, oder der Sturm die Flotte an das seichte und unwirthliche Gestade warf. Wir glauben den Nachrichten der Alten nur zu gern, und gewiß nicht mit Unrecht, wenn sie uns versichern, daß unsre Vor- fahren all diesen Widerwärtigkeiten, der Unfreundlichkeit des Klimas, der Rauheit des Bodens, der Nässe und der Kälte gleich freudig getrotzt haben. Galt es die Wanderung, die Jagd, den Kampf, so gab es nichts, was auf ihren abgehärteten Körper Eindruck gemacht hätte. Auf ihren Schilden wie auf Schlitten sitzend — mag immerhin der Römer Furcht die Fabel ersonnen oder vergrößert haben, sie deutet die Wahrheit an — sollen sie die Schneeabhänge der Alpen herabgefahren sein. Nackt oder nur mit einem leichten Mantel bedeckt, zogen sie in die Schlacht, ent- weder um leichter zu streiten oder um zu zeigen, daß sie die vom Feinde kommenden Wunden verachteten, jedenfalls aus trotzigem Uebermuth. „Unbekleidet,“ sagt der Geograph Pomponius Mela, „leben sie bis zur Zeit der Reife; die Männer hüllen sich in kurze Gewänder oder in Baumbast, mag der Winter auch noch so streng sein.“ Cäsar scheint eigentliche Kleidung kaum bei ihnen bemerkt zu haben. „Sie haben sich,“ sagt er, „der Gewohnheit er- 1. Urzeit und Urzustände. geben, in dem kalten Lande gar keine Kleider zu tragen, außer Felle, deren Kleinheit einen großen Theil des Körpers bloß läßt, und in den Flüssen sich zu baden.“ Obwohl so voll trotziger Abhärtung, waren die Germanen dennoch schon in der Urzeit keineswegs Feinde eines bequemen, selbst weichlichen Lebens, wenn sie es haben konnten. Nicht um- sonst lockte sie das herrliche, reizvolle Italien mit seinen Genüssen und seinem süßen Nichtsthun zu immer neuen und neuen Zügen, obgleich der Untergang so vieler ihrer Stammesgenossen sie wie- derholt hätte belehren können, daß, sobald sie die Höhe der Alpen überschritten, sie nur hinabstiegen in ein offenes, wenn auch la- chendes Grab. Auch am heimischen Herd versagten sie sich den Genuß nicht, wie ihn derselbe bot: am Feuer lagen sie ausge- streckt, den nackten Körper der Gluth aussetzend, nichts thuend, träumend und trinkend. Mit besonderer Vorliebe waren sie dem warmen Bad ergeben. Im Sommer zwar suchten sie auch die kühlen Ströme auf, und die Römer hatten oft Gelegenheit, ihre Schwimmergewandtheit zu bewundern, im Winter aber, wenn sie es anders im Stande waren, ließen sie sich täglich zu Hause ein warmes Bad bereiten, nach welchem sie sodann zum Frühstück gingen. Wie staunten die Soldaten des Marius, als sie am Vortage der großen Vernichtungsschlacht bei Aquä Sextiä einen Theil der Germanen überraschten, wie er sich in den warmen Quellen, die dort aus dem Boden sprudeln, badete und im Ge- fühl des Wohlseins laut jubelte vor Freude und Verwunderung über den herrlichen Ort. — Ueber die Beschaffenheit und die Form der Kleidung selbst erhalten wir nur höchst ungenügende Nachrichten. Auch Tacitus bestätigt noch die verhältnißmäßige Dürftigkeit und Nacktheit. Nach seinem Bericht tragen alle einen Mantel , der durch eine Spange oder in Ermangelung derselben durch einen Dorn ( spina, d. h. wohl eine aus Holz geschnitzte Nadel), auf der Schulter nämlich, festgehalten wird. Aber den meisten ist dieses Kleidungs- stück Ein und Alles, und nur die Reichsten tragen unter dem Mantel noch ein anderes, welches sich dem Körper eng anschließt 1* I. Aelteste Zeit bis zu den Kreuzzügen. und die einzelnen Glieder in ihren Formen hervortreten läßt und nicht, wie bei den Sarmaten und Parthern, weit und faltig den Körper umfließt. Sagum nennt Tacitus diesen Mantel und läßt uns dadurch auf Schnitt und Größe schließen, denn dieser Ausdruck bezeichnet den kurzen römischen Soldatenmantel, der, ein einziges Stück Tuch, von der linken Schulter her mit beiden Seiten zur rechten Schulter hinübergelegt, dort mit einer Agraffe befestigt wurde, den rechten Arm und die rechte Seite frei ließ und bis zum Knie herabfiel. Wir dürfen den germanischen Man- tel ähnlich annehmen, umsomehr als Sagum selbst, Name wie Sache, dem Gallier entlehnt sein soll. Ueber die Beschaffenheit des Unterkleides , über seine Länge, ob es Aermel gehabt oder nicht, würden wir völlig im Unklaren bleiben, wenn es nicht erlaubt wäre, aus späteren Angaben auf Früheres zurückzu- schließen. Bis ins 10. Jahrhundert hinein geschieht des engan- liegenden deutschen Rockes Erwähnung, und er wird in dieser Eigenschaft öfter der weiten und längeren römischen Tunica ent- gegengesetzt. Mit Hülfe dieser Nachrichten vermögen wir ihn auch auf Bildwerken des 9. und 10. Jahrhunderts zu erkennen, wenn auch nicht ohne eingetretene Modificationen. Darnach hatte er enge Aermel bis zum Handgelenk, was übrigens noch aus dem Umstande zu schließen wäre, daß Tacitus ihm das ärmellose Frauenkleid entgegenstellt; doch geschieht auch daneben der Halb- ärmel ausdrücklich Erwähnung. Am obern Theil des Körpers schmiegte er sich eng den Formen an, wurde dann auf den Hüften ein wenig weiter, wo er vielleicht durch einen Gürtel, der öfter vorkommt, aufgebunden war, so daß ein kleiner Bausch herüber- fiel. So ist es wenigstens später. Der untere Theil reichte nicht völlig bis zu den Knieen herab. Da er weder vorn noch auf dem Rücken eine Längenöffnung hatte, so mußte er über den Kopf an- gezogen werden. Als Stoff diente für ihn wie für den Mantel wohl ursprünglich eine mehr oder weniger grobe Wolle, doch scheint später die Leinwand bei ihm herrschend zu werden. Dieser Rock war, wie Tacitus versichert, ursprünglich die auszeichnende Tracht des reichen und vornehmen Mannes, dann aber ging er 1. Urzeit und Urzustände. mit steigender Civilisation und mit dem Hereinbrechen römi- scher Formen auf das niedere Volk über, bei dem er noch lange blieb, wenn auch nicht, ohne sich seinerseits ein wenig ro- manisiren zu lassen. Indessen stoßen wir noch in der Zeit der Völkerwanderung, noch in der Mitte des 6. Jahrhunderts, auf Völkerschaften, welche Brust und Rücken unbedeckt hatten, also der großen Mehrzahl nach den engen Rock nicht kannten. Von einer Beinbekleidung oder bestimmt von Hosen , wie sie Gallier und Dacier trugen und wie sie von jenen auf die Römer übergingen, findet sich in den ersten Jahrhunderten in Bezug auf die Germanen keine Spur, und es ist umsomehr an- zunehmen, daß dieselben ihnen im Allgemeinen unbekannt wa- ren, als Tacitus, der am genauesten von der Kleidung berichtet, ihrer durchaus nicht gedenkt, und später noch die Nacktheit ger- manischer Beine aufs bestimmteste versichert wird. Von den Lan- gobarden sagt Paulus Diaconus geradezu, daß sie Hosen — er bedient sich schon dieses Wortes — von den Römern angenom- men hätten. Doch giebt es auch Ausnahmen, wie z. B. die Go- then im 4. Jahrhundert in Hosen und einer eigenen Art von Stiefeln erscheinen, aber das war im fernen Osten an der Mün- dung der Donau, und als sie sich hier zeigten, hatten sie bereits an der Nordseite des schwarzen Meeres in langem Verkehr mit sarmatischen und scythischen Völkerschaften gestanden. Die dürftige Kleidung germanischer Männer erhält eine be- deutende Ergänzung durch Pelze . Ihr Gebrauch ist nicht bloß durch die Nothwendigkeit hervorgerufen, um sich gegen die Kälte zu schützen, denn schon in ältester Zeit pflegten sie nur einen klei- nen Theil des Körpers zu bedecken, und von Anfang an waren sie bereits vielfach ein Luxusartikel, wie sich denn die Vorliebe für sie in gleicher Weise durch das ganze Mittelalter erhalten hat. Unbewußt mochte sich mit dieser Tracht, wenn die rauhe Seite nach außen gekehrt war, der Gedanke einstellen, daß sie dem Mann ein kriegerisches und wilderes Ansehen gäbe, gleich dem freien Thier des Waldes. Die Völkerschaften am Rhein legten I. Aelteste Zeit bis zu den Kreuzzügen. weniger Werth auf diesen Gegenstand, obwohl sie sich ebenfalls der Felle bedienten, die aber weiter nach Osten hin und im Nor- den wohnten, verfuhren schon wählerischer. Sie suchten sich die Thiere aus und besetzten die abgezogenen Felle hermelinartig mit Stücken von andern buntgefleckten, die über die Ostsee herüber, aus Schweden, Finnland, vor allem aber schon früh aus Ruß- land auf dem Wege des Binnenhandels zu ihnen kamen. Das sogenannte Buntwerk oder Veh war also schon früh den alten Germanen bekannt. Bepelzte Männer hießen die Germanen noch lange im Munde der Römer. Das Wenige, was wir von der Tracht altgermanischer Frauen erfahren, verdanken wir wieder Tacitus allein. Die Frauen, sagt er, kleiden sich nicht anders wie die Männer, nur hüllen sie sich öfter in leinene Gewänder, die sie bunt mit Pur- pur besetzen, tragen keine Aermel, sondern lassen Arme und Schultern nackt, und auch der nächste Theil der Brust bleibt noch sichtbar. Demnach sind zwei Kleidungsstücke anzunehmen, ein unteres, ärmelloses, welches der römischen Frauentunica ähnlich, doch enger sein mochte und die Körperformen hervorhob, und ein Mantel, der von hinten übergelegt und auf der Brust mit einer Spange gehalten wurde. Daß beide länger waren als die ent- sprechenden männlichen Kleider, ist selbstverständlich. Leinewand wurde, wie auch später noch, weit höher geschätzt als die Wolle, und sie wurde von den germanischen Frauen selber gewoben. „In ganz Gallien webt man Leinenzeug,“ sagt der ältere Plinius, „jetzt thun es auch schon die Feinde jenseits des Rheins, und kein schöneres Gewand kennen ihre Frauen.“ Die hohe Bedeutung, welche dieser Stoff in heidnischen Zeiten hatte, giebt auch die Mythologie kund. Frau Bertha, die Göttin, ist sehr achtsam auf den Flachsbau und das Spinnen. Sie schaut selber nach in den Spinnstuben und theilt Spulen aus, die abgesponnen werden müssen; und die Fleißigen, welche zur rechten Zeit fertig werden, beschenkt sie mit schönem Flachs, — wehe aber den faulen Mäg- den! Schon den Cimbern war leinene Kleidung nicht unbekannt. Man erzählt von ihnen, daß unter den Weibern, welche sie auf 1. Urzeit und Urzustände. ihrer Heerfahrt begleiteten, weissagende Priesterinnen gewesen seien, grau vor Alter, in weißen Kleidern, darüber Mäntel von feinstem Flachs, mit einem ehernen Gürtel, unbeschuht. Das sind die heiligen und reinen Frauen, die gewöhnlich einsam leb- ten und in dringenden Fällen ihren Rath wie Orakelsprüche er- theilten, dafür aber die höchste Verehrung von Seiten des Volks genossen. Die weiße Farbe ist bei ihren Kleidern nicht ohne tie- fern Sinn, wie in der Götterlehre die weißen und lichten Gott- heiten als die segenspendenden, guten den schwarzen, dunklen, bösen entgegengesetzt werden. Schwarz war auch schon damals die Farbe der Trauer. Als die Teutonen, in der großen Schlacht auf der raudischen Ebene geschlagen, zurückflohen zur Wagenburg, da standen ihre Frauen in schwarzen Trauergewändern auf den Wagen und bereiteten den Flüchtigen mit Hohn und Gewalt einen unwillkommenen Empfang. Ob sie sonst farbige Kleider getragen, wird zwar nicht ausdrücklich berichtet, es läßt sich aber immerhin annehmen, da nicht viel später ihrer hinlänglich Er- wähnung geschieht und Lust an Putz und heller Farbenpracht ihnen so wenig fehlte, wie andern Völkern, die dem ursprüngli- chen Zustande nahe stehen. Die Frauen, wie wir wissen, besetzten die leinenen Kleider mit Streifen von Purpur, mochte er auch schwerlich ächt sein, und die Männer bemalten ihre Schilde in den lebhaftesten Farben. Auch die Pflege des Körpers aus Rücksichten der Schönheit war keineswegs etwas Unbekanntes. Die Frauen nahmen die Bäder vorzugsweise aus Sorge für die Hautfarbe und scheinen zu diesem Zweck auch den Schaum des Bieres benutzt zu haben. Die verschiedenen Nachbaren der Germanen, die sich keineswegs auf höherer Stufe der Kultur befanden, die Kelten, Sarmaten, Dacier kannten schon die Schminke; sie wird auch den Germanen damals schwerlich unbekannt gewesen sein. Die Ausgrabungen haben uns noch mit einer Menge zur Toilette dienenden Gegen- stände bekannt gemacht; da fand man Kämme von Bein und Bronce, Ohrlöffel, kleine Zängelchen und andere kleine Instru- mente, oft an einem Ringe ähnlich einem Schlüsselbund aufgezo- I. Aelteste Zeit bis zu den Kreuzzügen. gen. Das alles läßt auf eine sorgfältige und ins Kleinliche gehende Pflege der Schönheit schließen. Insbesondere hatte sich das berühmte blonde Haar der höchsten Pflege und Sorgfalt zu erfreuen und wurde einer aus- gesuchten, ans Raffinement grenzenden Behandlung unterzogen. Zwar ist zu allen Zeiten und bei allen Völkern, die sich über die erste Stufe eines blos vegetirenden Daseins erhoben haben, das Haar stets der Favorit der Toilette gewesen, und ist es ebenso noch heut zu Tage, dennoch ist die fast stutzerhafte Eitelkeit der rauhen, halbnackten oder pelzbekleideten Waldessöhne in dieser Beziehung nicht wenig zu verwundern. Und die Männer, so wird ausdrücklich versichert, zeigen diese Leidenschaft noch mehr als die Frauen. Die blonde Farbe des Haars schätzten nicht bloß die Römer, sondern die Germanen selbst liebten sie so sehr, daß sie mit künstlichen Mitteln einem etwaigen Mangel der Na- tur zu Hülfe kamen. Dadurch wird uns zugleich diese Eigenschaft als ein durchgängiges und charakteristisches Stammeszeichen er- klärlich. Doch dürfen wir annehmen, daß alle Nüancen vom hellen, weißlichen Blond bis zum röthlichbraunen vorkamen; die verschiedenen Ausdrücke, mit denen die Griechen und Römer das germanische Haar bezeichnen, dürften das beweisen. Es gab eine Salbe oder Seife, aus Ziegenfett und Buchenasche gemacht, flüssig oder in fester Gestalt, welche das Haar gelb zu färben ver- mochte, wie Martial sagt, „ein kaustischer Schaum, der das teu- tonische Haar in Flammen setzt.“ Auch „batavischen Schaum“ nennt sie derselbe Dichter. Die Germanen bedienten sich fleißig dieses Mittels, und von ihnen erst lernten es die Römer kennen, bei denen im ersten Jahrhundert unsrer Zeitrechnung, seitdem sie die schönen Germaninnen gesehen und bewundern gelernt hatten, das blonde Haar völlig Modesache geworden war. Diodor von Sicilien erwähnt einer Lauge von Kalk, welcher sich die Germa- nen zu dem gleichen Zweck bedient hätten, und Sidonius Apolli- naris weiß gar von geronnener Milch (? infundens acido co- mam butyro ) zu sprechen, welche die Burgunder ins Haar gos- sen. Die römischen Damen aber begnügten sich nicht mit der 1. Urzeit und Urzustände. Salbe oder den germanischen Kräutern, welche Ovid erwähnt, weil ihr brünettes Haar derselben vielleicht mehr Widerstand lei- sten mochte, oder auch weil die damalige Mode großer Coiffüren nicht mit dem zufrieden war, was die Natur in einzelnen Fällen gewährt hatte; sie ließen sich aus dem fremden Haar Perücken machen, die sie in vielfachen, oft grotesken Gestalten trugen. Manche deutsche Gefangene mußte aus diesem Grunde ihren schönsten und natürlichsten Schmuck, das blonde Haar, einer rö- mischen Dame abtreten, ja vielleicht nur durch den Besitz dieses Schatzes hatte sie ihr unglückliches Loos sich zugezogen. Denn an den Gränzen Germaniens jagten die römischen Kaufleute eifrigst diesem Artikel nach; das deutsche Frauenhaar war ein stehender und guten Gewinn tragender Handelsgegenstand geworden. — Einigen Kaisern, wie Commodus, Verus, Gallienus, wird auch nachgesagt, daß sie aus Liebe zum germanischen Blond ihr Haar mit Goldstaub gepudert hätten. Caracalla trug gar, den Damen gleich, eine gelbe Perücke nach deutscher Frisur, seiner deutschen Leibwache zu Gefallen. Die deutschen Männer blieben in ihrer Eitelkeit nicht bei der Farbe stehen, sie behandelten das Haar schon damals in so künst- licher Weise, daß Juvenal ihrer Haarhörner aus gesalbten Locken spotten konnte. Am auffallendsten unter den verschiedenen Völ- kerschaften trugen sich die Sueven. Sie kämmten ihr Haar aus Stirn, Schläfen und Nacken nach dem Scheitel zu, banden es oben in einen Knoten zusammen und ließen es dann wie eine Art Zopf nach hinten in den Nacken herunter fallen. Diese Sitte beobachteten sie bis ins Alter, selbst wenn das Haar grau und dünn wurde. Und nicht der Liebe zu Gefallen schmücken sie sich so, sagt Tacitus, sondern um dem Feinde ein Schrecken erregen- des Aeußere zu zeigen. Die Sueven, die sich für die vorzüglich- sten aller Germanen hielten, sahen diese eigenthümliche Tracht als eine Auszeichnung ihres Stammes an. Als ein Paar Jahr- hunderte später die Franken in der Geschichte auftreten, wird von ihnen dieselbe Sitte berichtet; und daneben schoren sie die Wan- gen und das Kinn, ließen aber den Schnurrbart zu beiden Seiten I. Aelteste Zeit bis zu den Kreuzzügen. des Mundes in möglichster Länge herabfallen. Diesen behielten sie noch längere Zeit, während sie den Schopf bald aufgegeben zu haben scheinen, da sie nicht lange nach dem Auftreten Chlod- wigs kurz gehaltnes Haupthaar tragen. Wir verzeihen aber diese Eitelkeit und lernen sie verstehen aus der höhern Bedeutung, welche der Germane mit dem Haupt- haar verknüpfte. Dasselbe war unter den germanischen Stämmen, zusammt dem Bart, durchweg das Zeichen des freien Mannes; dieser ließ es überall wenigstens bis zu gewisser Länge und unter gewissen Bedingungen wachsen, während es der Sklave kurz ge- schoren trug. Zugleich war es ein Unterscheidungszeichen von den Römern wie von andern umwohnenden Völkerschaften. Auch die Gallier, die sonst am meisten ihren östlichen Nachbarn glichen, trugen es kurz, denn als der ruhmeseitle Kaiser Caligula einst über die unbesiegten Germanen einen Triumph halten wollte, und er dazu der Gefangenen bedurfte, die er nicht hatte, so suchte er sich aus den Galliern die größten Leute heraus, über die zu triumphiren es sich der Mühe zu lohnen schien, und zwang sie das Haar wachsen zu lassen; bis dahin mußte freilich das schau- lustige Rom des Triumphes warten. Ein freier Mann, der als Kriegsgefangener oder durch gerichtliches Urtheil oder als Einsatz des Spiels, denn bis soweit herrschte diese Leidenschaft im alten Germanien, seine Freiheit verlor, büßte zunächst Haar und Bart durch das Scheermesser ein. Die Handlung selbst hatte symboli- sche und rechtskräftige Bedeutung. Wer sich Haar und Bart ab- schneiden ließ, gab sich damit in die Gewalt desjenigen, der es abschnitt. Nur scheinbar macht der freie Franke eine Ausnahme. Er trug später namentlich im Nacken das Haar weit kürzer als die übrigen Germanen, wenn auch nicht dem Sklaven gleich, und den Bart bis auf den langen Schnurrbart geschoren, nicht aber, weil bei ihm dieser Schmuck weniger Ehre genoß, sondern weil sich seine Bedeutung auf die höchsten Freien, den König und sein Geschlecht, concentrirte. Darum führen schon früh die Merovin- ger den Namen der gelockten Könige. In der Schlacht waren sie 1. Urzeit und Urzustände. weither schon den Feinden sichtbar und leuchteten den Ihrigen leicht kenntlich voran. Später noch, als ihnen durch die wach- sende Macht der Hausmeier nichts geblieben war, als die Würde und der Name, da saßen sie noch auf dem Thron mit langem, die Schultern umfließendem Haupthaar und ungeschorenem Bart, um den Herrscher zu spielen. Setzten die Hausmeier oder ein Kronprätendent den schwachen König ab, so schnitt man ihm al- sobald Haar und Bart, um ihn einstweilen für den Thron un- fähig zu machen. Als aber die Karolinger zur Herrschaft auch den königlichen Titel sich beilegten, nahmen sie doch das Vorrecht der Merovinger nicht an; sie behielten ihr kurzes Haar und den Schnurrbart, wie die andern Freien und Fürsten ihres Stam- mes. Fortan hörten die Franken auf „gelockte“ Könige zu haben. Auch bei den Langobarden nimmt in älteren Zeiten ihr Ge- schichtschreiber Paulus Diaconus den langen Haarwuchs an Haupt und Bart an; von dem letzteren, an den kein Scheermesser gekommen sei, leitet er ihren Namen ab, da sie ursprünglich Wi- niler hießen. Auch die alte Erzählung, die sich hieran knüpft, von den Frauen, die, das lange Haar um Gesicht und Kinn ge- bunden, Langbärten gleich, vor das Antlitz Wodans treten, kann zur Bestätigung dienen. Später, da die Langobarden schon in Italien saßen, trat eine Aenderung ein, denn zur Zeit der Köni- gin Theudelinde, also gleich nach dem Jahre 600, hatten sie Nacken und Hinterkopf glatt geschoren, und die übrigen Haare, in der Mitte der Stirn gescheitelt, hingen zu beiden Seiten über die Wange bis zur Tiefe des Mundes herab. Ein mäßig langes Haupthaar bis zur angegebenen Tiefe herabreichend, mit einem Bart, der Kinn und Wangen ziemlich kurz umzieht, die Lippen aber frei läßt, tragen sie noch in der zweiten Hälfte des 8. Jahr- hunderts am Hofe des Arichis, Herzogs von Benevent, während dieser selbst, vom griechischen Kaiser der Ehre des römischen Pa- tricius gewürdigt, mit dem Purpurmantel auch Kamm und Scheere überschickt erhalten hat, das Haar nach griechisch-römi- scher Sitte zu verschneiden. Die Sachsen sind noch lange bekannt wegen ihres durch- I. Aelteste Zeit bis zu den Kreuzzügen. gängig längeren Haarwuchses; denselben aber gänzlich an Haupt und Bart ungeschoren zu lassen, dazu konnten sie nur besondere Gründe bewegen. So geschah es einst jenen Sachsen, welche die Langobarden nach Italien begleitet hatten, und als sie von die- sem Zuge zurückkehrten, ihre alten Wohnsitze von Schwaben ein- genommen fanden. In einer Schlacht von diesen geschlagen, ge- loben sie nicht eher Haupthaar noch Bart zu scheeren, bis sie an ihren Feinden Rache genommen. Sie kamen nicht dazu, denn in der zweiten Schlacht erlagen sie gänzlich. Solche Gelübde finden wir schon in den frühsten Zeiten mit dem Haar verbunden. Von den Chatten erzählt Tacitus, daß, sobald sie herangewachsen sind, sie Haar und Bart lang wachsen lassen, und diese Tracht, die sie zum Gelübde gemacht und mit welcher sie sich der Tapferkeit geweiht haben, nur dann ablegen, wenn sie einen Feind getödtet haben. „Ueber der blutigen Beute des erschlagenen Feindes enthüllen sie wieder ihre Stirn und glauben, daß sie dann erst den Preis für ihre Geburt zurückge- zahlt und sich des Vaterlandes und der Aeltern würdig gezeigt haben.“ So legt auch Claudius Civilis, der kühne und kluge Führer der Bataver, einem Gelübde zufolge, welches er beim Be- ginn des Aufstandes gethan, sein langes röthliches Haar erst dann ab, als die römischen Legionen vernichtet sind. Trauerfälle konnten Aehnliches veranlassen. Beim Tode des Germanicus legten einige Germanenfürsten zu Ehren des Verstorbenen den Bart ab und schoren ihren Frauen den Kopf zum Zeichen der tiefsten Trauer. Ueber den Schmuck unserer heidnischen Vorfahren schwei- gen die Mitlebenden; sie wissen nur zu erzählen, daß die Deut- schen ihn nicht verschmäht, ja daß solche Geschenke mehr als alles andre auf sie Eindruck gemacht hätten. Die Thatsachen aber, die uns aus der Eröffnung ihrer alten Grabstätten entgegen treten, ersetzen uns reichlich, was die Römer versäumt haben. So müs- sen nun nach fast zweitausend Jahren die Todten reden, der stumme Mund der Gräber wird beredt und erzählt uns von man- cherlei vergangener Herrlichkeit, deren Kunde uns sonst ewig ver- 1. Urzeit und Urzustände. schlossen wäre. Freilich ist diese Herrlichkeit bei allem Reichthum wieder eine sehr bescheidene, denn einmal war Gold und Silber als Erzeugniß des heimischen Bodens damals eine unbekannte Sache, und das Erz, das ärmliche, mußte den Stoff bilden zu den Waffen wie zum Schmuck. Es war noch die Zeit, wo selbst die Götter, wie es im Voluspalied der Edda heißt, „die Asen Erbauten Essen und schmiedeten Erz, Schufen Zangen und schön Gezäh. Sie warfen im Hofe heiter mit Würfeln Und kannten die Gier des Goldes noch nicht.“ (Simrock.) Aber es glänzte damals in seiner Neuheit das Erz wie Gold, und war nicht wie heut zu Tage nach der langen Ruhe in den Grä- bern von dem „edlen Rost“ der Alterthümler grünlich und glanz- los angelaufen. Andrerseits stand die Kunst der Ornamentik zu jener Zeit auf einer sehr niedrigen Stufe, ja fast auf der unter- sten, welche nur der jedem Volke angeborne Verschönerungstrieb einnehmen kann. Die einfachsten Elemente, mit denen die Kunst beginnt, die grade und die krumme Linie, da angebracht, wo sie zur Zweckmäßigkeit nicht in Betracht kommen, finden sich hier vor. Denn nichts kann dem sich in seiner Ursprünglichkeit zum ersten Mal regenden Triebe zur Verzierung näher liegen, als die Gränzlinien, welche irgend einem Gegenstand durch seine Zweck- mäßigkeit gesetzt sind, durch einen Strich zu begleiten. So fängt in der That die deutsche Kunst in der heidnischen Zeit an, wie uns der Inhalt der Gräber lehrt, und ebenso auch die Kunst jedes andern auf einer niedern Stufe der Civilisation stehenden Volkes. Die grade Linie also, welche eine natürliche Gränze begleitet, ist das erste Ornament; sie verdoppelt sich zu parallelen Streifen, zu Bändern; sie bricht sich in regelmäßigen Abständen und es ent- steht das Zickzack; in gleicher Weise brechen sich die parallelen Streifen, verbinden sich wieder zu Reihen und laufen im Zickzack neben einander her. Aus der Durchschneidung der Linien und der Bänder entsteht netzförmiges Ornament; verbindet sich mit einem Band die Zickzacklinie, so entstehen Zacken. I. Aelteste Zeit bis zu den Kreuzzügen. Auf diese einfachen und ursprünglichen Motive beschränkt sich die Anwendung der graden Linie auf die Schmucksachen der Deutschen in der Zeit vor allen christlichen und römischen Ein- flüssen. Ein völlig entsprechender Gebrauch ist von der krummen Linie gemacht. Statt des Zickzacks wird sie zur Wellenlinie, in sich zurückkehrend bildet sie den Kreis, vervielfacht sich zu concen- trischen Kreisen, windet sich um einen Cylinder in die Spirale. Diese findet auch auf der Fläche ihre Anwendung. Wenn die beiden Enden der krummen Linie nach derselben oder nach entge- gengesetzten Seiten gewunden werden, entsteht die sehr beliebte Doppelspirale. Die meiste Willkür liegt schon in der mäandern- den Bewegung. Indem man sich mit dieser Linienverzierung begnügt, sei es, daß man sie auf ebene oder krumme Flächen einritzt, oder, worin schon ein weiterer Schritt liegt, durch Windungen von Draht herzustellen sucht, bleibt man doch auf einer untern Stufe der Verschönerungskunst stehen, indem man nirgends zum Relief, zum plastischen Ornament gelangt. Die Gegenstände aber, bei welchen sie Anwendung finden, sind sehr mannigfach, und wir erkennen daraus, wie weit die Liebhaberei zu Schmucksachen bei unsern heidnischen Vorfahren ging. Der Mantel bedurfte zum Zusammenhalten auf der Schulter oder der Brust einer Nadel, die sich mit Anwendung der Spirale in mannigfacher Weise zur Spange oder Agraffe entwickelte. So z. B. ist eine gewöhnliche Form die der entgegengesetzten, flachen Doppelspirale, bei welcher die beiden Enden des Drahtes aus der Mitte der Spiralen her- ausgehen, die eine sich zum Haken umbiegt, während die andere längere als Nadel mit federnder Kraft in jene eingreift. Bei einer andern Form bildet der Draht einen Bügel, von welchem das eine Ende einen Haken oder eine kleine Mulde bildet, in welche das zweite, nachdem es eine kleine Spirale gemacht, als Nadel elastisch sich einlegt. Oft scheinen solche Spangen der Brust vor- gesteckt gewesen zu sein, wie unsre Brochen blos zum Schmuck, ohne den Zweck, irgend etwas zu halten. Haarnadeln wurden in großer Menge getragen; als Knopf dient häufig eine Spirale, 1. Urzeit und Urzustände. aus der Fortsetzung der Nadel gewunden, oder eine mit Linienor- nament verzierte Scheibe. Auch Reife umschlossen das Haar in Form einfacher Ringe, oder zu Diademen ausgebreitet und mit derselben Verzierung reichlich versehen. Mannigfach finden sich Diademe, welche nicht groß genug sind, den ganzen Kopf zu um- spannen, und daher sehr künstlich über der Stirn befestigt werden mußten; vorne pflegen sie in der Breite bis zu zwei Zoll empor- zuragen, während sie nach den Seiten schmäler werden und hin- ten nicht geschlossen sind. Vielleicht deuten sie auf eine sehr künst- liche Haartracht hin. Die Hals- und Armringe finden sich beson- ders zahlreich, beide sind nicht geschlossen, sodaß sie, sehr elastisch gearbeitet, sich ausweiten nach der Stärke des Armes oder des Halses. Ihre Formen wachsen an vom einfachsten Drahtring bis zum breiten Band. Während der Halsring vorn auf der Brust breiter sein konnte, winden sich die Armringe in schlangenartigen Spiralen; welche Formen alle wieder von eingeritzten Linien um- zogen sind. Die Ohrringe pflegen aus einem einfachen dünnen Reife, unten mit einem Knopf, zu bestehen. Aehnlich sind die Fingerringe. Auch Gürtelschnallen werden gefunden. Von diesem Schmuck machten die Männer theilweise fast noch ausgedehnteren Gebrauch, als die Frauen. Von ihnen vor- züglich wurden die Armringe getragen, und zwar in solcher Menge, daß sie sich schon zu Dutzenden an einem Arm gefunden haben. Der Gebrauch, der von denselben gemacht wurde, und die Art der Erwähnung in späterer Zeit beweisen, daß man sich ihrer nicht zum Schutze wie einer Rüstung bediente, sondern daß sie lediglich ein Schmuck waren. Es wurde aber von den Män- nern ein außerordentlicher Werth auf sie gelegt, und sie waren das wirksamste Mittel für den Fürsten und den Geleitsführer, seine Freunde an sich zu fesseln. Darum lagen sie auch in den königlichen und fürstlichen Schatzkammern in großer Menge auf- gehäuft, sodaß die „rothen Ringe“ oft für den Hort selbst gebraucht werden. Die Freigebigkeit mit diesen Ringen oder „Baugen“ (von biegen) erstreckte sich auch auf die Sänger und die Dichter, von welchen solche Tugend hochgepriesen wird, wie es von Alboin dem I. Aelteste Zeit bis zu den Kreuzzügen. Langobarden heißt, daß keines andern Hand so leicht, keines an- dern Herz so freigebig an Ringen und leuchtenden Baugen sei. Im Gegentheil wird es auch als schlechte Eigenschaft eines Herr- schers getadelt, daß er niemals verdienten Helden Ringe geschenkt habe. Freunde oder auch Feinde, die sich im Kampf tapfer be- standen, tauschten zur Erinnerung ihre Armringe mit einander aus. In diesen Bedeutungen sind die Baugen in die Sage über- gegangen, wenn auch mit Umwandlung des dunklen und bald feilen Erzes in das so hoch geschätzte leuchtende Gold, und noch spät in christlicher Zeit findet sich in Lied und Sage die altheid- nische Sitte wieder, als sie längst aus dem Leben verschwunden. Als Walter von Aquitanien dem Hofe des Hunnenkönigs Etzel entflieht, nimmt er aus dessen Schatze an Baugen mit, so viel er kann, und ihre Zahl war so beträchtlich, daß er dem Burgunden- könig Gunther ihrer hundert als Geschenk zu bieten vermochte. Hildebrand, des Dietrich von Bern Genosse und Dienstmann, nach langer Abwesenheit wieder heimkehrend, führt Baugen, aus byzantinischen Goldmünzen geschlagen, mit sich. Auch im Ni- belungenliede lebt noch die alte heidnische Sitte. Als Siegfried nach Worms zurückkehrt, um die glückliche Gewinnung der Brun- hilde als Braut Günthers der Chriemhilde zu verkünden, da reicht ihm die Königstochter als Botenlohn 24 Armringe; und beim Abschied der Burgundenhelden von Pechlarn legt die Mark- gräfin Gotelinde dem trefflichen Spielmann Volker 12 Ringe um die Hand. Da gebot die Markgräfin eine Lade herzutragen, Daraus nahm sie zwölf Baugen und spannte sie an seine Hand: „Die sollt ihr mit euch führen von hinnen in Etzels Land, Und sollt um meinetwillen sie zu Hofe tragen, Wenn ihr wiederkehret, daß man mir möge sagen, Wie ihr mir habt gedienet da bei dem hohen Fest.“ Im Beowulflied erscheint die Königin ebenfalls als Ringspen- derin, indem sie mit dem Becher noch zwei Armringe von gewun- denem Golde und einen herrlichen Halsring dem Beowulf unter holden Worten überreicht. — Als Karl der Große, so erzählt die 1. Urzeit und Urzustände. Chronik von Novalese, den Desiderius bezwungen und unschäd- lich gemacht, hatte er noch lange an dessen Sohn, dem starken Algis, einen gefährlichen Feind. Einstmals saß König Karl in Pavia zu Tisch, da hatte sich an das untere Ende der Tafel ein Fremder gesetzt, der ließ sich alle Knochen geben, zerbrach sie, sog wie ein hungriger Löwe das Mark aus und warf sie dann unter den Tisch. Das machte einen tüchtigen Haufen aus, und als nach Aufhebung der Tafel der König denselben erblickte, fragte er staunend nach dem Urheber . Es saß hier ein starker Degen, hieß es, der zerbrach alle Hirsch-, Bären- und Ochsenknochen, als wä- ren es Hanfstengel. Der König erkannte bald, daß es der starke Algis gewesen, und es war ihm höchst ärgerlich, daß er ihn so ungestraft davon gelassen hatte. Da machte einer den Vorschlag, dem Algis, der zu Schiff entkommen, nachzusetzen und zu tödten. „„Gieb mir deine goldenen Armspangen, und ich will ihn damit berücken.““ Der König gab sie ihm alsbald und jener eilte schnell dem Algis zu Lande nach, bis er ihn einholte. Als er ihn von ferne sah, rief er ihn bei seinem Namen, und meldete ihm dann, daß Karl ihm seine goldenen Armspangen zum Geschenk sende, er solle nur mit seinem Schiff ans Land fahren. Algis that so: wie er aber näher kam und die Gabe auf der Spitze des Speers sich darreichen sah, ahnete er Verrath, warf seinen Panzer über die Schulter, nahm seinen Speer zur Hand und rief: „„Was du mir mit dem Speer reichst, will ich auch mit dem Speer empfangen. Sendet mir übrigens dein Herr betrüglich diese Gabe, damit du mich tödten mögest, so will ich ihm doch nicht nachstehen und schicke ihm dafür meine Armspangen.““ Er reichte sie jenem hin- über, der, in seiner Erwartung getäuscht, heimkehrte und dem Kö- nig Karl des Algis Armspangen brachte. Wie aber Karl sie an- legte, so fielen sie ihm bis auf die Schultern. Da rief Karl aus: „„Es ist kein Wunder, daß dieser Mann Riesenstärke hat.““ — Geschichtlich begegnen uns noch die Armspangen am Ende des 9. Jahrhunderts. Liutprand nämlich erzählt in seinem Buche der Vergeltung, daß Arnulf den Grafen von Bergamo, mit Schwert, Wehrgehenk, Armspangen und seinen kostbarsten Kleidern ange- Falke , Trachten- und Modenwelt. I. 2 I. Aelteste Zeit bis zu den Krenzzügen. than, vor dem Thore der Stadt habe aufknüpfen lassen. Doch ist es bemerkenswerth, daß dieser Schmuck auf Abbildungen nicht zu entdecken ist, es sei denn, daß die ringartigen Wülste dafür zu halten wären, welche uns auf den Bildern der Angelsachsen und anderer vor dem Jahre 1000 und noch selbst bei den Soldaten der Egstersteine (1115) am Unterarm der Männer sehr häufig be- gegnen. Die Unzulänglichkeit der Zeichnung läßt uns nicht zur Gewißheit kommen. — Wenn wir einen Blick auf das bisher Mitgetheilte zurück- werfen, und dem Resultate nach alle die Aufschlüsse überschlagen, welche die Schriftstellen der Alten und die Gräberfunde uns ge- währt haben, so reicht das noch nicht hin, ein vollständiges Bild in uns entstehen zu lassen. Es bleiben noch manche Lücken aus- zufüllen. So ist über Fußbekleidung und Kopfbedeckung durch- aus nichts mitgetheilt worden, und daß Schuhe im Gebrauch waren, vermögen wir, wenn es sich nicht von selbst verstände, nur aus der besondern Erwähnung unbeschuhter Frauen zu schlie- ßen. So viel auch das blonde Haar erwähnt und besprochen wird, nirgend wird gesagt, in welcher Form es die germanischen Frauen getragen haben. Auch über Form und Länge der Kleider ist das Nähere unbekannt. Doch stehen die allgemeinen Grund- züge fest, und die Hauptunterschiede von dem römischen Costüm, welche für die Folgezeit wichtig werden, sind leicht anzugeben. Wenn wir die Tracht der Vornehmen, bei denen sich die Kleidung allein in völliger Ausbildung zeigt, als maßgebend annehmen, so bestand sie bei Männern wie bei Frauen aus zwei sich entspre- chenden Stücken, einem, welches über den Kopf angezogen, und einem, welches um die Schultern gehängt wurde; jenes, das Kleid und bei Männern der Rock , schloß sich dem Oberkörper eng an, während dieses, der Mantel , frei und lose herumschlug und auf der rechten Schulter, oder bei Frauen vielleicht auch auf der Brust, mit einer Nadel befestigt war. Dazu gesellt sich noch Pelzwerk und ein reichlicher Schmuck. In der Zeit, die hier in Frage kommt, als nämlich die cul- turhistorischen Einwirkungen der antiken Welt auf das Germa- 1. Urzeit und Urzustände. nenthum begannen, bestand die römische Kleidung aus denselben Grundstücken, für Männer wie für Frauen, aus einem Kleide, welches über den Kopf angezogen, und einem Mantel, welcher um die Schulter gelegt wurde. Damals in der Kaiserzeit war mit dem Untergang des ächten Römerthums, mit dem Verfall der alten Sitten und der alten Bürgertugend auch die Toga, dieses bezeichnende Kleidungsstück des römischen Bürgers, welches aller- dings von jedem fremden nach Schnitt und Umwurf grundver- schieden war, ebenfalls aus dem gewöhnlichen Leben verschwun- den und wurde nur bei feierlichen Gelegenheiten angethan. End- lich blieb es nur die Amtstracht der höchsten Beamten, und ist so als Kleidung der himmlischen und irdischen Götter in die christ- liche Kunst des Mittelalters bei Christus und den Aposteln über- gegangen, und hat auch hier im mächtigen Faltenwurf den Cha- rakter der ruhigen und strengen Größe bewahrt. An die Stelle der Toga trat der eigentlich griechische Mantel, welcher, von der linken Schulter her leicht umgeschwungen, auf der rechten mit einer Agraffe befestigt und von allen Seiten, die rechte offen las- send, leicht und ungezwungen, aber faltenlos und unschön, fast bis auf die Füße herabfiel. Den ursprünglicheren römischen Na- men Lacerna vertauschte er später mit dem allgemeineren Pal- lium , mit welchem er nach Deutschland herüberwanderte. Im Kriege trug der Römer diesen Mantel kürzer, aber von derselben Form, und nannte ihn dann Sagum . Unter dem Mantel wurde als allgemeines und nothwendiges Stück die Tunica ge- tragen, ein weiter, nicht aufgeschlitzter, gewöhnlich gegürteter und ursprünglich ärmelloser Rock, welcher über den Kopf angezogen wurde; er pflegte bis weit unter das Knie herabzufallen. — Die Kleidung der Römerin entsprach völlig der männlichen. Auch sie hatte das charakteristische Stück, die Stola , welches die römi- sche Matrone unterschied und der Toga entsprach, allmählig ab- gelegt und mit einem Mantel, Pallium , vertauscht, der auf der Brust mit einer Agraffe befestigt wurde. Ihre Tunica glich der männlichen, nur war sie länger und fiel in reichen Falten auf die Füße herab. — Außer diesen beiden Hauptkleidungsstücken 2* I. Aelteste Zeit bis zu den Kreuzzügen. konnten der Mann wie die Frau noch Unterkleider tragen, welche für uns nicht weiter in Frage kommen. Der Parallelismus zwischen der deutschen und dieser spät- römischen Kleidung zeigt sich klar. Der deutsche Männerrock und das Frauenkleid entsprechen der Tunica, nur mochte jener kürzer sein, und beide legten sich zum Unterschied von dem faltigen rö- mischen Stück dem Körper eng an. Noch näher stimmen die Mäntel zusammen, so sehr, daß, während die römischen Schrift- steller für das enge Unterkleid sich noch nicht alsobald des Aus- drucks tunica zu bedienen wagen, sondern bei Männern wie bei Frauen den allgemeineren vestis, Kleid, gebrauchen, sie für den Mantel unbedenklich pallium und ebenso, wenn er kürzer ist, sagum oder sagellum setzen. In dieser Bezeichnungsweise blei- ben sie sich völlig gleich und die lateinisch schreibenden Chronisten der Deutschen weichen durchaus nicht ab, nur daß, sowie das Unterkleid sich weitet, auch der Ausdruck tunica häufiger wird. Zuweilen, zumal bei Dichtern, findet sich auch der Mantel mit dem griechischen Worte Chlamys bezeichnet, deren Form am meisten dem Sagum entspricht. — Zweites Kapitel. Schwankungen zwischen den nationalen und anti- ken Elementen in der Zeit der Merovinger und Karolinger . Erst seit der Zeit der Völkerwanderung machen sich die Ein- flüsse der römischen oder überhaupt der antiken Cultur auf die Lebenszustände der Deutschen dauernd bemerklich. Das Rhein- land freilich und einige andere Stätten an der Donau, wo das Römerthum seinen bleibenden Sitz aufgeschlagen und neben dem Handel auch die Industrie und eine gewisse Kunstthätigkeit in Flor gebracht hatte, machen eine Ausnahme. Wieweit aber das antike Leben hier schon früher Wurzel gefaßt, ob es und wie es sich mit deutschnationalen Sitten, Einrichtungen und Lebensbe- dingungen verbunden hat, ist noch eine unaufgehellte Sache. Die Völkerwanderung, welche diese Gegenden aufs Neue mit deutschen Elementen überflutete, zerreißt den Faden, an welchem wir uns rückwärts hätten in diese Verhältnisse hineinfinden kön- nen. Keineswegs hat sie jedoch die hier schon so lange blühende Cultur, den Handel und die Industrie völlig zertrümmert, und sie hat namentlich in der Gewerbstechnik die Brücke zur Zukunft unabgebrochen gelassen. Die Nachrichten aber sind zu zerstreut, um dem Gange nachgehen zu können, auf welchem sich Antikes und Barbarisches mit einander verbinden. Wir sehen nur, daß es überall geschieht. So ist es auch in der Kleidung. Schon früh stoßen wir auf undeutsche Elemente neben ächten und nationalen, aber die Nach- I. Aelteste Zeit bis zu den Kreuzzügen. richten sind zunächst so vereinzelt und zerstreut, wie die Völ- ker selbst, über die sie lauten, nach allen Weltgegenden verschla- gen sind. Daß der Deutsche dort, wo er, völlig vom vaterländi- schen Boden abgeschnitten, der Uebermacht fremder Einflüsse aus- gesetzt war, diesen nicht absichtlichen Widerstand aus patriotischem Stolz entgegengesetzt hat, ist aus seiner ganzen Geschichte erklär- lich; von den Vandalen in Africa wird diese Nachgiebigkeit aus- drücklich versichert. Fester hielt er natürlich in der Heimath, wo das Klima dasselbe blieb und die Lebensbedingungen nur all- mählig sich änderten. In der Zeit der Völkerwanderung, in der zweiten Hälfte des fünften Jahrhunderts, macht uns die interessanteste Mitthei- lung der Bischof Sidonius Apollinaris, welcher zu Clairmont unter den Burgundern lebte. In einem Briefe an einen krieglie- benden Freund schildert er als Augenzeuge den Aufzug eines kö- niglichen Jünglings, wahrscheinlich von burgundischem Stamm, welcher als Verlobter oder als Bewerber „nach heidni- scher Weise“ mit großem Gefolge nach dem Hause seines künfti- gen Schwiegervaters zieht. Ihm vorauf werden seine Rosse ge- führt, mit prächtigem Kopfschmuck, mit funkelnden Edelsteinen geziert; dann folgt eine Schaar seiner Begleiter in kriegerischem Pomp, eine andere schließt den Zug, während er selbst, blond- haarig und mit frischrothen Wangen, in der Mitte geht, zu Fuß wie jene, funkelnd von rothem Golde und leuchtend in milchwei- ßer Seide und in feurigem Gelb. Seine Begleiter erscheinen an den Füßen mit Lederschuhen bekleidet, welche bis an die Knöchel reichen und deren Außenseite noch das volle, rauhe Haar trägt. Schenkel, Kniee und Waden sind ohne Bedeckung. Den Körper umschließt ein enger, buntfarbiger Rock, der kaum zu den bloßen Knieen herabreicht und dessen Aermel nur den Anfang der Arme verhüllen. Ihre Mäntel sind grün, mit Purpurrändern um- säumt. Um die Schulter liegt das buckelbeschlagene Wehrge- henk, von welchem das Schwert herabhängt. Bewaffnet sind sie mit Lanzen, die Rechte führt die Axt und die Linke wird bedeckt vom buntfarbigen Schild. — Nach dieser Beschreibung erscheinen 2. Schwankungen zwischen den nationalen und antiken Elementen. die Burgunder noch völlig in altnationaler Tracht, nur der Kö- nigssohn kann mit seinem weißseidenen Mantel den fremden Ein- fluß nicht verleugnen. Derselbe Bischof Sidonius beschreibt an einer andern Stelle die Westgothen , wie sie in ihrer gewöhnlichen Kleidung zur Volksversammlung kommen, in schmutzigen leinenen Kleidern, über welche Pelze bis zur Wade herabfallen, mit nackten Beinen und Schuhen von Pferdeleder, die ein ärmlicher Knoten festbin- det. Ihre Kleidung hat also noch nichts Fremdes, doch ist der leinene Rock, den Tacitus als die besondere Tracht des Reichen kennt, allgemein geworden. Ungefähr ein Jahrhundert später unterscheidet sich die Tracht der Langobarden von den ursprünglichen Grundzügen in mehrfach auffallender Weise. In der Zeit, als sie nach Italien kamen, trugen sie weiße Strümpfe, die bis zum Knie reichten. Denn als der junge Alboin, des Königs Sohn, nach der großen Schlacht auf der Asfeldheide, wo er den ältesten Sohn des Ge- pidenkönigs getödtet hatte, zu diesem seinem Feinde gekommen war, um sich von ihm, wie es der langobardische Brauch for- derte, als von einem fremden Fürsten die Waffen anlegen zu las- sen, da spottete, während sie beim Mahle saßen, des Erschlagenen Bruder der Langobarden und rief: „das sind die fruchtbarsten Stuten, denen ihr gleicht.“ Er meinte aber diejenigen Stuten, die bis zum Beine weiße Füße haben, weil die Langobarden von den Waden abwärts weiße Strümpfe trugen. — Ein wenig spä- ter, als jedoch die Langobarden bereits eine Zeit in Italien an- sessig waren, giebt Paulus Diaconus der Unterschiede noch meh- rere. Die Königin Theudelinde baute als Gemahlin Agilulfs im Beginn des 7. Jahrhunderts einen Palast zu Monza und ließ ihn mit Gegenständen aus der langobardischen Geschichte aus- malen. Leider sind dieselben nicht mehr im alten Zustand vor- handen. „Auf diesen Gemälden sieht man deutlich,“ sagt Pau- lus, „wie sich die Langobarden zu der Zeit das Haupthaar scho- ren und wie ihre Tracht und ihr Aussehen war.“ Nachdem er das Haar beschrieben, welche Stelle wir bereits oben haben kennen I. Aelteste Zeit bis zu den Kreuzzügen. lernen, fährt er fort: „Ihre Kleidung war weit und meist leinen, wie sie die Angelsachsen tragen, zum Schmuck mit breiten Strei- fen von anderer Farbe besetzt. Ihre Schuhe waren oben fast bis zur großen Zehe offen und mit herübergezogenen ledernen Nesteln zusammengehalten. Nachher aber fingen sie an Hosen zu tragen, über die sie beim Reiten wollene Gamaschen zogen; diese Tracht haben sie indeß erst von den Römern angenommen.“ Das muß aber nicht lange darnach geschehen sein, denn es wird von König Adelwald, dem Sohne Agilulfs und der Theudelinde (616 — 626), versichert, daß er es gewesen sei, der zuerst Hosen getragen. Fer- ner geschieht noch im 7. Jahrhundert der Hose bei den Lango- barden ausdrückliche Erwähnung, indem erzählt wird, daß ein Geistlicher, der Diaconus Thomas, einst zum Tyrannen Alahis, welcher keineswegs der Geistlichkeit freundlich gesinnt war, ge- kommen sei und um eine Audienz gebeten; dieser aber habe ihn nur dann vorlassen wollen, wenn er saubere Hosen anhabe, und erst auf die Versicherung, am Morgen frischgewaschene angezogen zu haben, sei er wirklich vorgelassen worden. Aus dieser Erzäh- lung können wir zugleich schließen, daß der Stoff Leinwand war. In der obigen Beschreibung des Paulus tritt der langobar- dische Rock als ein weiter in Gegensatz zu dem engen altgermani- schen; er erscheint dadurch völlig der römischen Tunica ähnlich, und nicht ohne Grund wird man auf italische Einflüsse, die das Klima begünstigte, schließen können. Freilich wird auch dasselbe von den Angelsachsen ausgesagt, und anderswo werden die alten Sachsen aus demselben Grunde den Franken gegenüber gestellt. So scheint es in der That, als ob bei diesem Stamme eine grö- ßere Weite der Kleidung eine nationale Eigenthümlichkeit gewe- sen sei. In den illustrirten Handschriften der Angelsachsen, die fast gleichzeitigen oder doch nicht viel späteren Ursprungs sind, trägt das gewöhnliche Volk eine kurze, mäßig weite Aermeltunica mit kurzem Mantel, der Vornehme aber bei feierlichen Gelegen- heiten Unter- und Oberkleid lang, weit und wallend. Als die Sachsen in der Geschichte auftreten, sollen sie, späteren Nach- richten zufolge, eine weite, doch kurze Tunica getragen haben, 2. Schwankungen zwischen den nationalen und antiken Elementen. hingegen einen langen Mantel. Wenn uns auf späteren Minia- turen noch Langobarden in engen und kurzen Röcken begegnen, so sind sie in ihrer Kriegstracht, welche aus der römischen hervor- gegangen ist. Der Aufenthalt der Langobarden in Italien, ihr beständiger freundlicher oder feindlicher Verkehr mit den Griechen und den damals durch Handel blühenden Städten Unteritaliens hatte bei ihnen eine große Prachtliebe entwickelt, die sich auch in reicher Verzierung der Kleider aussprach, ohne die Form zu ändern. Als Karl der Große sich der Schätze des Desiderius bemächtigte, fand er viele mit Gold und Silber durchwobene Gewänder. Noch nach dem Untergang des eigentlichen Langobardenreichs zeichnete sich der Fürst Arichis , obwohl er sich nicht ohne Mühe im südli- chen Italien behauptete, durch Pracht und Reichthum aus, die uns der Mönch von Salerno ausführlich schildert. Als der Ge- sandte Karls des Großen zu ihm kam, „sammelte er ein großes Heer, um denselben mit Pracht und Ehren zu empfangen, und stellte seine Mannen in verschiedener Kleidung und Bewaffnung auf. Auf der Treppe des Palastes stellte er zwei Reihen Knaben auf, die Sperber oder ähnliche Vögel auf der Hand trugen; als- dann Jünglinge in der Blüthe des Alters, und diese trugen Ha- bichte oder andere Vögel der Art; einige von ihnen aber saßen am Brettspiel. Gleich nach ihnen ordnete er Männer, denen das Haar grau zu werden anfing; zuletzt kamen Greise, die im Kreise herum standen und einen Stab in der Hand hielten, und in deren Mitte saß der Fürst selber auf goldenem Stuhle.“ Der Gesandte, von aller Herrlichkeit in Staunen versetzt, äußerte: „Nicht, was wir hörten, haben wir gesehen, sondern weit mehr haben wir gesehen, als wir zuvor hörten.“ Am Hofe des Arichis wurde er bewirthet, und als er am andern Tage „die ganze Weis- heit des Arichis“ sah, den Palast, den er sich erbaut hatte, die Speisen seiner Tafel, die Wohnung seiner Sklaven und der gan- zen Dienerschaft, und ihre Kleidung und die Mundschenken, da sprach er voll Bewunderung weiter: „„Es ist wahr, was ich bei mir zu Lande von deiner Weisheit und Herrlichkeit habe sagen I. Aelteste Zeit bis zu den Kreuzzügen. hören: ich wollte denen, die es mir erzählten, nicht glauben, bis ich nun selbst gekommen bin und es mit eigenen Augen gesehen habe und finde, daß mir nicht die Hälfte kund gethan worden ist.““ Die ganze Erzählung ist für das Hofleben und die Hofeti- kette höchst interessant. Die Franken bewahrten am treusten den nationalen engen Rock, daß er später selbst den Beinamen des fränkischen erhielt; nur ihren Haarzopf hatten sie nach Annahme des Christenthums aufgegeben. Ueber den Hüften lag ein verzierter Schwertgurt. Der Rock war von Leinwand und wohl nicht ungefärbt. Auch an den Mänteln liebten sie das Farbige, und es wird erzählt, daß ein Hausmeier den Gegner herausgefordert habe, mit ihm vor der Schlachtreihe in rothen Mänteln einen Zweikampf auszufech- ten. Die Könige trugen ursprünglich dieselbe Tracht wie der freie Franke, und haben sie auch für gewöhnlich beibehalten. Allein schon Chlodwig erhielt vom griechischen Kaiser mit dem Consul- titel auch die Purpurkleider, die Tunica und den Mantel. „Diese legte er in der Kirche des heiligen Martinus an,“ wie Gregor von Tours erzählt, „und schmückte sein Haupt mit einem Diadem. Dann bestieg er ein Pferd und streute unter das gegenwärtige Volk mit eigener Hand Gold und Silber mit der größten Freige- bigkeit aus. Von diesem Tage an wurde er Consul oder Augustus angeredet.“ Diese lange, bis auf die Füße herabwallende Tunica und der weite, fast ebenso lange Mantel scheinen noch später den königlichen Ornat der Merovinger gebildet zu haben, wenn an- ders jene Statuen am Portal der Frauenkirche zu Corbeil und einige andere ihnen ähnliche, die sich an Kirchen des 12. Jahr- hunderts befinden, wirklich noch aus jener Zeit stammen. Die gewöhnliche Ansicht setzt sie den Kirchen gleichzeitig, doch wollen sie nach Costüm und Stil nur wenig zum 12. Jahrhundert stim- men. Die Tradition belegt völlig unbeglaubigter Weise die beiden Statuen zu Corbeil mit den Namen Chlodwigs und der Chlo- tilde, indeß weisen uns nicht wenig Merkmale wirklich noch auf die den Karolingern vorausgehende Periode. Der König trägt noch zu einem nicht grade lang gehaltenen Vollbart ein in reichen 2. Schwankungen zwischen den nationalen und antiken Elementen. Locken weit über die Schultern wallendes Haupthaar und auf demselben einen einfachen mit Perlen und Steinen besetzten Kro- nenreif. Eine doppelte Tunica, die obere mit weiten Aermeln, umhüllt den über das Maß langgestreckten Körper und fällt auf die Füße in Falten, aus denen die Spitzen reichgeschmückter Schuhe hervorsehen; um die Tunica herum zieht sich von der lin- ken Hüfte schräg herab ein breiter, mit Edelsteinen besetzter, wahr- scheinlich goldener Streif. Von den Schultern herab, auf der rechten befestigt, fällt der Mantel, mit einem Saum umzogen. Die Verzierung tritt überall breit und mächtig auf, ist aber in einer völlig dem Stil dieser Zeit entsprechenden einfachen Weise gehalten. Die Königin Chlotilde, wie die andere Statue benannt wird, hat das Haar über der Mitte der Stirn gescheitelt und dann zu beiden Seiten in je zwei Zöpfe zusammengefaßt, welche mit einem Band verflochten über die Schultern nach vorn bis über die Kniee herabfallen. Auf dem Haar liegt ein leichter Schleier, der das Gesicht frei läßt, und darauf sitzt ebenfalls ein mit Per- len und Edelsteinen besetzter einfacher Kronenreif. Das Kleid schließt sich in deutscher Weise, der römischen Tunica völlig un- gleich, am Körper den Formen eng an, die es markirt hervortre- ten läßt, nur von den Hüften abwärts fällt es faltig herunter; die Aermel, reich umsäumt und am Saum mit leichtem krausem Stoff eingefaßt, sind außerordentlich weit und offen. Enge, an- schließende Aermel hat übrigens das nur hier sichtbare Unterkleid. Die Hüften umspannt ein breiter Gürtel, der doppelt umwunden ist und dessen lange Enden, durch einen Knoten zusammengebun- den, vorne tief herabfallen. Der Hals ist mit Schmuck und Zickzackstickerei am Saum des Kleides außerordentlich reich ver- ziert. Die Schuhe sind von derselben Art wie die Chlodwigs. Der Stoff des Kleides ist, nach dem Faltenwurf zu schließen, die feinste Leinwand. Der Reichthum und die stolze Pracht dieser Kleidung neben so viel Barbarismus bringt uns ganz die Zeit in Erinnerung, als die Franken, bisher arm und dürftig gekleidet, mit unedlem Bronceschmuck behängt, Herren des großen und reichen Galliens I. Aelteste Zeit bis zu den Kreuzzügen. wurden, nun ihre Schatzkammern mit Gold füllten, goldene Ge- fäße in Massen auf die Tische setzten, während sie, den üppigen Römer nachahmend, mit Rosen Tafel und Gemach bestreuten und mit Epheu die Wände bedeckten. Und unter all diesen Zeichen eines weichlichen, schwelgerischen, erschlafften Lebens ließen sie in ungebändigter Kraft ihre barbarischen Leidenschaften toben. Diese gewaltigen Frauen, die mit ihrer unbezähmbaren Rachsucht, mit ihrem Haß, ihrer Sinnlichkeit und ihrer unmenschlichen Grau- samkeit so mächtig in die Geschichte eingreifen, sie tragen in ihrem Aeußern das Bewußtsein ihrer glanzvollen Stellung; sie prahlen mit ihrem Stolz; sie prunken mit ihrem Reichthum; sie schmücken sich und überladen sich mit ihren Schätzen; sie sind eitel, aber nie in kleinlicher Weise. So zieht die Gemahlin eines fränkischen Großen über die Straße, wenn sie geht in der Kirche die Messe zu hören: „hoch zu Roß, mit prächtigem Geschmeide und kostba- ren Edelsteinen geziert und bedeckt mit schimmerndem Golde, und vor ihr her gehen etliche ihrer Diener und andere folgen ihr.“ Als Rigunthe, die Tochter König Chilperichs und Fredegundens, zu ihrem Verlobten, dem Westgothenkönig, geschickt wurde, gab ihr die Mutter allein aus ihren eigenen Schätzen eine ungeheure Menge Gold, Silber und Kleider mit; auch die übrigen Franken brachten Geschenke dar, einige Gold, andere Silber, manche Pferde, sehr viele auch Kleider; jeder gab nach seinem Vermögen eine Gabe. Die Menge der Sachen war so groß, daß es funfzig Lastwagen bedurfte, um alles fortzuschaffen. Als sie sich nun mit ihrem Gefolge der gothischen Gränze näherte, wurde Halt ge- macht, nicht bloß um von der Reise auszuruhen, sondern es stell- ten ihr auch die Ihrigen vor, daß die Kleider schmutzig seien, die Schuhe abgerissen, der Schmuck für die Pferde und die Wagen noch auf den Packwagen und nicht zur Stelle; man müsse erst das alles in Ordnung bringen, um die Reise fortsetzen und mit geziemender Eleganz vor ihrem künftigen Gemahl erscheinen zu können, denn wenn sie in so abgerissenem Zustande bei den Go- then ankämen, würden sie von denselben verhöhnt werden. Aber diese Mühe war umsonst. Wie es in jenen habsüchtigen Zeiten 2. Schwankungen zwischen den nationalen und antiken Elementen. zu gehen pflegte, bei diesem Halt wurde Rigunthe von ihren eige- nen Verwandten überfallen und aller Schätze beraubt. — Selbst in das stille Kloster der heiligen Radegunde zu Poitiers war zu allerlei weltlichem Lärm und Streit, der bis zum Blutbade führte, auch die Putzsucht eingerissen, und es hatte großes Aergerniß ge- geben, daß die Aebtissin ihrer Nichte einen purpurbesetzten Man- tel von schwerseidenem Stoff, wie man ihn sonst zur Altardecke braucht, hatte machen lassen, und ein Diadem oder eine Stirn- binde mit goldenen Blättchen verziert. Noch einige weitere ergänzende Mittheilungen gewährt uns aus den Sagen der Frankenkönige die schöne Erzählung von der Brautwerbung Chlodwigs um die burgundische Chlotilde, welche uns mitten in das Leben und die Häuslichkeit einer Königstoch- ter unter den Gräueln der damaligen Herrscherfamilien einführt. König Gundobad, der Oheim der Chlotilde, hatte alle ihre Ge- schwister und Verwandte seiner Herrschsucht zum Opfer fallen lassen und mußte darum in einem so mächtigen Schwager wie Chlodwig den künftigen Rächer fürchten. Dieser nahm daher seine Zuflucht zur List und schickte im Geheimen seinen Getreuen, den Aurelianus, mit seiner Bewerbung an die Prinzessin selbst. „Und als sie nun an einem Sonntag zur Messe ging, legte Aure- lianus ärmliche Kleider an und setzte sich vor dem Armenhaus bei der Kirche mitten unter den Bettlern nieder. Als die Messe been- det war, fing Clothilde nach gewohnter Weise an unter die Ar- men Almosen zu vertheilen und legte auch Aurelian, der sich wie ein Bettler stellte, als sie an ihn kam, ein Geldstück in die Hand. Er aber küßte die Hand der Jungfrau und zog vorsichtig ihr den Mantel zurück. Darnach ging sie in ihr Gemach und sandte eine Magd aus, ihr den Fremdling zu rufen. Da nahm er den Ring und die andern Brautgaben König Chlodwigs und steckte sie heimlich in einen Sack. Chlotilde sprach zu ihm: „„Sage mir, junger Mann, warum stellst du dich wie ein Bettler und zogst mir doch den Mantel zurück?““ Er antwortete: „„Laß, ich bitte dich, deinen Knecht unter vier Augen mit dir reden.““ Sie sagte: „„Sprich nur.““ Da hub er an: „„Mein Herr, der Frankenkönig I. Aelteste Zeit bis zu den Kreuzzügen. Chlodwig, schickt mich zu dir, er wünscht sich dir zu vermählen und dich zu seiner Königin zu machen.““ Sie empfing dann den gesammten Brautschmuck. Sie nahm auch den Ring, den Chlod- wig ihr durch Aurelian geschickt hatte, und verwahrte ihn in der Schatzkammer ihres Oheims. Sie hieß ihn alsdann König Chlod- wig seinen Gruß erwiedern und ihm sagen: „„Eine Christin darf sich nicht einem Heiden vermählen, sei daher auf der Hut, daß Niemand von dieser Sache erfahre. Aber wie mein Gott und Herr, den ich vor aller Welt bekenne, es will, so ergehe es. Gehe nun hin in Frieden.““ Da kehrte Aurelian zurück und meldete dies dem Könige.“ — In der Zeit der Karolinger begleitete die großen Erfolge des fränkischen Reichs ein stets wachsender und allgemeiner wer- dender Luxus und zunehmender Glanz des Aeußeren. Zwar Karl der Große selbst scheint für seine Person kaiserlichen Prunk verschmäht zu haben, denn er ging für gewöhnlich in der Landestracht seiner Franken einher. Nach den Mittheilungen sei- nes Biographen Einhard trug er, wie sie, den seinem Volke eigen- thümlichen Schnurrbart bei glatt geschornen Wangen und Kinn, und das kurz gehaltene, auf der Stirn meist in grader Linie abge- schnittene Haar: mit dem Untergange der Merovinger waren die einzigen Locken aus der fränkischen Nation verschwunden. Am Leibe trug er den uns schon als fränkisch bekannten engen, anschließenden Rock, doch unter demselben noch ein leinenes Hemd; der Rock war ebenfalls von Leinwand, aber am obern und untern Saum und desgleichen vorn von oben nach unten herunter mit seidenen Streifen besetzt. Die Beine waren mehrfach geschützt, erst durch leinene Unterkleider, dann durch eine Hose, welche von unten her bis zum Knie mit Binden reichlich umwunden war. Schuhe be- deckten die Füße. Ueber dem Rock trug er einen meergrünen, wollenen Mantel von ziemlicher Länge und an der Seite stets ein Schwert mit silbernem und goldenem Griff und Gehenk. In dieser Weise hatte sich bis dahin die männliche Tracht der Franken und, einige Abweichungen bei den Sachsen ausge- nommen, auch des übrigen Deutschlands entwickelt und wurde 2. Schwankungen zwischen den nationalen und antiken Elementen. in solcher Gestalt von den Zeitgenossen gegenüber der römisch- italischen und besonders der griechischen als eine nationale in Anspruch genommen. Sie war es aber nicht mehr völlig, denn in dem kurzen Haupthaar, in der Beinbekleidung, vielleicht auch im Schnitt des Mantels sind römische Einflüsse nicht mehr zu verkennen, sodaß der Hauptunterschied wohl nur noch in der Enge und Weite, Länge und Kürze der Tunica bestand. Es hatte sich bis ins vorige Jahrhundert in Rom ein Mosaikbild Karls des Großen erhalten, welches für gleichzeitig gilt und das Ge- sagte bestätigen dürfte. Hier trägt er einen Rock, der sich wenig von der römischen Tunica unterscheidet: nur an den Aermeln ist er eng, am Körper weit und faltig und über den Hüften in der Art gegürtet, daß ein kleiner Bausch über den Gürtel herabfällt; er reicht nicht völlig bis zum Knie. Der Mantel ist weit und fließend, auf der rechten Schulter durch eine Agraffe befestigt, daß die goldbesäumten Seiten senkrecht vorn und hinten herab- fallen würden, wenn er nicht nach gewöhnlicher Sitte über dem linken Arm in die Höhe genommen wäre. Um die Schultern legt sich eine breite Kette, bestehend aus quadratischen, mit Edelstei- nen besetzten Goldplatten, die wie Glieder an einander gesetzt sind; gleiche, doch feinere Ketten umspannen die Beine unter dem Knie; die Waden sind mit Binden umwunden. Der Charakter der Beinbekleidung und der Schuhe ist nicht zu bestimmen. Auf dem kurzgeschnittenen Haar trägt er eine breite, etwas spitz in die Höhe gehende Mütze, ungefähr in der Form der ältesten Mitra. Wangen und Kinn sind glatt, der Schnurrbart aber stark. An der Seite trägt er ein breites Schwert. — Nur zwei Mal soll er nach Einhards Versicherung, und zwar in Rom auf Bitten der Päpste, die fremdländische Kleidung, d. h. wohl den griechischen Kaiserornat, angelegt haben. Im Winter legte der Kaiser über den Rock noch einen an- dern kürzeren an, der aus Seehunds- und Marderfell zusammen- genäht war und Schultern und Brust vor Kälte schützte. Des Morgens pflegte er in einem langen und schleppenden Gewande, noch im Neglig é , zur Messe zu gehen, deren Feier alles zum Hofe I. Aelteste Zeit bis zu den Kreuzzügen. gehörige Personal von Geistlichen und Weltlichen beiwohnen mußte; und es verlangte die Hofordnung, daß die ersteren in vollem Ornate in der Vorhalle stehend den Kaiser erwarteten, wie er in feierlichem Zuge erschien. Nachdem die Morgenhymnen ge- sungen waren, kehrte er in seine Zimmer zurück, und während er sich dann für den Tag ankleidete, ließ er nicht allein seine Freunde vor, sondern machte Rechtshändel ab und besorgte sonst in dieser Stunde die Aufträge an seine Beamten für die Tagesgeschäfte. Man sieht, seine Toilette konnte nicht mehr ganz einfach sein, die Umstände erinnern sogar an das berühmte Lever Ludwigs XIV. Staat und Prunk und Etikette waren übrigens keineswegs vom fränkischen Hofe verbannt. Wie die kaiserlichen Pfalzen zu Aachen, zu Ingelheim, zu Nimwegen wahre Prunkgebäude wa- ren, barbarisch auferbaut aus zusammengerafften Denkmälern al- ter Kunst, die man mit großer Mühe aus Italien herbeigeschafft hatte, von innen und außen mit Marmorsäulen und reich orna- mentirten Capitälen geschmückt, mit steinernen und ehernen Sta- tuen und Reliefs geziert, groß und geräumig, mit Höfen und Hallen: so bildeten auch die prächtig gekleideten Diener, die Höf- linge und die Großen des Reichs die passendste Staffage, in pur- purnen, goldbordirten, mit feinstem Pelz verbrämten Kleidern von den kostbarsten Stoffen, mit edlen Steinen bedeckt. Und so war der große Kaiser, wie er an Länge und Hoheit alle überragte, in seiner äußern Erscheinung der einfachste am Hofe. Wenn es aber galt des Reiches Herrlichkeit zu zeigen, wenn fremde Ge- sandten Audienz erhielten, oder der Kaiser an hohen Festtagen seine Getreuen empfing, da trug er ein mit Gold durchwirktes Kleid, mit Edelsteinen besetzte Schuhe, den Mantel mit goldener Spange und auf dem Haupt eine goldene, mit Edelsteinen be- setzte Krone. Da prunkte er auch gern mit den Großen seines Hofes und seines Reiches und vorzüglich mit der Schaar seiner schönen und blühenden Kinder. Als einst die griechischen Gesand- ten zum Kaiser kamen, so berichtet der Mönch von St. Gallen, da empfing er sie „strahlend wie die Sonne beim Aufgang, mit Gold und edlen Steinen geschmückt. Von allen Seiten umgab 2. Schwankungen zwischen den nationalen und antiken Elementen. es ihn wie die himmlischen Heerschaaren, nämlich seine drei jun- gen Söhne, die schon am Reiche Theil erhalten hatten, und die Töchter mit ihrer Mutter, nicht weniger mit Weisheit und Schön- heit als mit Geschmeide geziert.“ So scheint es, verstanden auch die Damen des fränkischen Hofes die Kunst der Repräsentation und wußten den nöthigen Glanz zu entfalten, wenn auch gewöhnlich der strenge und bür- gerlich haushälterische Vater die königlichen Töchter, die im Reich der Liebe keineswegs unerfahren waren, nöthigte, sich mit Woll- arbeiten abzugeben und mit dem Spinnrocken zu beschäftigen, da- mit sie sich nicht an Müßiggang gewöhnten. Darum aber waren sie keineswegs von den Freuden und Vergnügungen der großen Welt ausgeschlossen, wie denselben in jener Zeit Prinzessinnen und überhaupt die Damen des Mittelalters oblagen. Es herrschte am Hofe Karls ein leichter, später selbst ein leichtfertiger Ton. Zwar wurden die Töchter mit ihren Brüdern in den Wissenschaf- ten unterrichtet, aber sie lernten auch reiten, waren stets bei Tafel und wie wir gesehen haben, bei den Audienzen fremder Gesand- ten zugegen; sie nahmen auch Theil an den großen Hofjagden und erschienen dabei zu Pferde, in vollem Staat mit einem Ge- folge von Damen und Cavalieren, würdig kaiserlicher Prinzessin- nen. Einen solchen Jagdauszug schildert Angilbert in seinem Lobgedicht auf Karl den Großen in längeren Versen, welche für uns des Interessanten so viel bieten, daß wir uns nicht versagen können, die ganze Stelle hier wieder zu geben, indem wir uns den pompös gespreizten Versen des Originals möglichst treu an- schmiegen: Drauf die Königin tritt hervor aus dem hohen Gemache Endlich nach langem Verzug, umgeben von großem Gefolge, Lutgard, sie des erhabenen Karls reizvolle Gemahlin. Blendend leuchtet der Nacken im Streit mit der Farbe der Rosen, Und das umwundene Haar weicht nimmer dem Glanze des Purpurs; Binden, in Purpur gefärbt, umschlingen die schneeigen Schläfen; Goldene Fäden befest’gen den Mantel; vom Haupte erglänzet Edelgestein, und es funkelt mit goldenen Strahlen die Krone, Und von Linnen das Kleid, in Purpur doppelt getauchet, Falke, Trachten- und Modenwelt. I. 3 I. Aelteste Zeit bis zu den Kreuzzügen. Auch der blendende Hals hell funkelt von mancherlei Steinen. Mitten im Kranze der Damen, der reizenden, trennt sie die Schaaren, Steigt auf das prächtige Roß, und unter dem Adel, dem stolzen, Und der Jünglinge Schaar vorleuchtet der Königin Hoheit. Draußen den Sprößling des Königs erwartet die übrige Jugend Männlicher Schönheit voll. Von stattlichen Reitern begleitet, Eilt Karl endlich hervor, der vom Vater den Namen erhalten, Auch an Antlitz und Geist ihm völlig ähnlich geboren, Steigt auf das muthige Pferd, in gewohnter Weise es lenkend. Diesem nun folget des Königs Pipin gleichnamiger Enkel, Der mit Glück und Geschick für den Vater die Kriege geführet, Mächtig im Kampf, ein muthiger Held und tapfer in Waffen; Unter der Schaar der Seinen erglänzt er als stattlicher Führer. Rings von unzähliger Meng’ umgeben, so macht er sich sichtbar, Hoch auf stattlichem Roß, mit leuchtendem Auge und Antlitz, Und mit dem röthlichen Golde die glänzende Stirne umwunden. Schwärmend ergießt sich die Schaar der Begleiter in wirbelndem Kreise Durch die geöffneten Thore; es müht sich das hohe Gefolge Eifernd hinauszugehn mit lautem und wirrem Getöse. Dumpf erschallen die Hörner, das Bellen der gierigen Hunde Füllet die Luft, und der Lärm schlägt selbst an die funkelnden Sterne. Darauf folget sogleich nun die blitzende Reihe der Damen. Hoch auf flüchtigem Pferd vor den andern reitet Rhodrudis Stolz einher, in der Reihe zuerst, in ruhigem Schritte; Herrlich auf blondem Haar glänzt purpurn die Binde der Stirne, Welche von edlem Gestein hell funkelt in mancherlei Reihen, Wie auch die goldene Krone, des Hauptes strahlende Zierde, Und die Spange der Brust, die befestigt den herrlichen Mantel. Unter den Reihen der Damen und unter dem Schwarm des Gefolges Glänzet Bertha sodann, zahlreich von Mädchen begleitet, Völlig an männlichem Geist, an Haltung und leuchtendem Antlitz Wie an Stimme und Aug’ und Charakter vom Vater ein Abbild. Golden umwindet ein Reif das Haupt von leuchtender Schönheit, Goldene Schnüre durchschlingen die blonden, die glänzenden Haare, Und der schneeige Hals trägt stolz den köstlichen Marder. Auch das Kleid ist geschmückt kostbar mit edlem Gesteine, Ringsum leuchtend in Reihn, zahllos, mit funkelndem Lichte, Auch Topasen darunter, hell blitzend auf goldener Fassung. Gisala folget sodann nach dieser in blendender Weiße, Mit jungfräulicher Schaar, goldglänzend, die Tochter des Königs. Purpurfäden durchziehn des Schleiers zartes Gewebe, Und das Gesicht und das Haar sie schimmern in strahlendem Lichte, 2. Schwankungen zwischen den nationalen und antiken Elementen. Blendend leuchtet der Hals, erglühend in rosiger Farbe, Wie von Silber gemacht die Hand, goldglänzend die Stirne, Selber das Licht der Sonne besiegen die feurigen Augen. Fröhlich das hurtige Roß besteiget die herrliche Jungfrau, Ob es auch knirscht in die schäumenden Zügel, sie eilet Flüchtig dahin, umdränget vom dichten, unzähligen Schwarme, Hier der Ritter und dort der Damen auf stampfenden Rossen. So im wackren Gefolge verlassend den glänzenden Söller, Folgt sie, das züchtige Mädchen, den Spuren des frommen Beherrschers. Dann erscheint Rhodaide, geschmückt mit edlem Metalle, Eilend der jubelnden Schaar voraus in flüchtigem Ritte; Fuß und Nacken und Haar, sie strahlen von farbigen Steinen, Und die Schultern umgiebt, die schönen, der seidene Mantel, Reich mit Gemmen geziert, geheftet mit goldener Nadel, Auf dem blühenden Haupte die Krone mit köstlichen Steinen: So wird reiten dahin Rhodaide die herrliche Jungfrau, Wo Schlupfwinkel sich suchen vor Angst rauhhaarige Hirsche. Darauf reitet einher Theodrade mit blühendem Antlitz, Leuchtender Stirn, und es weichet das Gold dem Glanze der Haare; Auch der blendende Hals, er schimmert von ächten Smaragden, Fuß und Hände, Gesicht und Wangen und Nacken erglänzen, Gleich dem Gefunkel der Sterne so blitzen die feurigen Augen, Weithin scheinet der Mantel, verbrämt mit dunkelem Rauchwerk, Sophokles schöner Kothurn umfängt ihr die zierlichen Füße. Dicht umrauscht sie gedränget die Schaar hochglänzender Damen, Langhin schimmert im Zuge des Adels geschmückte Cohorte. Schneeweiß leuchtet das Pferd und feurig trägt es von dannen Karls des Gebietenden Tochter, die fromme und herrliche Jungfrau, Fort vom geweihten Palast hinaus zu den schattigen Wäldern. Hildrud reitet zuletzt am äußersten Ende des Zuges, Wie es das Loos ihr bestimmt; und unter den Rittern, den letzten, Glänzet sie herrlich hervor, die Jungfrau, mitten im Zuge, Mäßigt den hurtigen Schritt, und lenkt nach der Richtung des Weges. Das Bild, welches uns der Dichter in diesen Versen aus eigner Anschauung entworfen hat, ist gewiß ein glänzendes und würdig eines kaiserlichen Hofes; von der altgermanischen Ein- fachheit ist, trotz Spinnen und Weben, bei den schönen Prinzes- sinnen keine Spur mehr zu erblicken. Auch die Schönheitsbedin- gungen haben sich bereits festgestellt: der blendende, rosig ange- hauchte Nacken, die leuchtende Stirn, das goldblonde, glänzende 3* I. Aelteste Zeit bis zu den Kreuzzügen. Haar, die weiße, blanke Hand, die mit dem Silber verglichen wird, das blühende Incarnat der Wangen, die feurigen, wie Sterne funkelnden Augen, alle diese Reize möchten in der begei- sterten Schilderung des Dichters wenig mehr an die altdeutschen Wälder erinnern; übrigens dürfen sie uns auch an einem Hofe nicht Wunder nehmen, der bereits in mehr als einer Beziehung seinen Horaz und seinen Ovid gefunden hat. Die größte Rolle in der Toilette spielt der Schmuck, der, aus edlen Metallen be- stehend, an Körper und Kleidung überall hin vertheilt ist. Gold und Steine blitzen an den Schuhen, goldne Ketten oder Ringe mit Smaragden oder anderem Gestein umfassen Hände, Arme und Hals, eine gleiche Spange hält den Mantel auf der Brust, goldene Borten, mit Steinen besetzt, umsäumen Kleid und Mantel oder überziehen sie von oben nach unten, goldne Schnüre schlin- gen sich durch die Haare, in denen Edelsteine blitzen, goldene Binden, goldgestickte Schleier, goldene Kronen oder Diademe — alles mit Edelsteinen besetzt — glänzen darauf, und selbst des Jünglings Stirne umzieht die goldene Königsbinde. Auch die Stoffe sind kostbar geworden, die Kleider sind von der feinsten Leinwand, als welche die byzantinische galt, doppelt in Purpur getaucht, der Mantel von heller Seide, unterfüttert oder verbrämt mit schwarzem Rauchwerk, der Schleier oder das Kopftuch vom zartesten Gewebe, mit Purpur oder Goldfäden durchzogen. Als Bedeckung am Halse dient das kostbare Marder- oder Zobelfell. Wie das alles aber in Form und Schnitt dem Leibe angesessen, davon ist schwer Rechenschaft zu geben, da Abbildungen von Frauen erst mehr als funfzig Jahr später unsrer Anschauung zu Hülfe kommen. So können wir nicht bestimmen, ob die Haare wie später frei in Locken herunterfielen, oder wie bei der Statue der Königin Chlotilde durch die goldenen Schnüre zu Zöpfen zu- sammengebunden waren. Das Zweite erscheint nicht wahrschein- lich und das Erste war wenigstens nicht immer der Fall, da das Haar der Königin aufgebunden genannt wird; und da der Dich- ter den Glanz und die Farbe der Haare immer als besondere Schönheit hervorhebt, so konnten sie auch von den Binden und 2. Schwankungen zwischen den nationalen und antiken Elementen. Schleiern nicht völlig verdeckt werden. In den Kleidern erkennen wir die Grundformen wieder, das lange, angezogene Kleid, und den um die Schultern gelegten Mantel, welcher auf der Brust durch die goldene Spange, einen breiten, brocheähnlichen Schmuck, mit einer Nadel zusammengehalten wird. Dadurch daß noch ein feineres Unterkleid, gleich dem Hemd des Mannes, an- gezogen werden konnte, tritt keine Aenderung ein, so lange das obere allein sichtbar blieb. Ob schon damals, wie später, Länge und Kürze, Weite und Enge, namentlich an den Aermeln, beide unterscheiden ließ, ist aus Mangel bildlicher Quellen nicht zu be- stimmen. Die Tracht der übrigen Franken war formell keine andere wie die des königlichen Hauses, nur die größere oder geringere Kostbarkeit der Stoffe, das Mehr oder Weniger des angewandten Reichthums begründete Unterschiede unter den Ständen. Karl der Große selbst trug mit Absicht die Kleidung seines Volks, und diese wird vom St. Galler Mönch in einer den Mittheilungen Einhards völlig entsprechenden Weise geschildert. „Die Tracht der alten Franken“ — er meint die zur Zeit Karls des Großen leben- den — „bestand in Schuhen, die außen mit Gold verziert und mit drei Ellen langen Riemen versehen waren, mit scharlachnen Binden um die Beine und darunter leinenen Hosen, obwohl von derselben Farbe, doch in kunstreicher Weise bunt gemacht (gemu- stert). Ueber diese und die Binden verbreiteten sich kreuzweise, innen und außen, vorn und hinten, jene langen Schuhriemen. Dann ein Rock von Glanzleinwand und darüber das Wehrge- henk mit dem Schwerte. Das letzte Stück des Anzugs war ein grauer oder blauer Mantel, viereckig, doppelt und so geformt, daß, wenn er auf die Schultern gelegt wurde, er vorn und hin- ten die Füße berührte, an den Seiten aber kaum die Kniee be- deckte. Dann trugen sie in der Rechten einen Stab von einem graden Baumstamm, mit gleichmäßigen Knoten, schön, stark und schrecklich, mit einem Handgriff von Gold oder Silber, mit schö- ner, erhabener Arbeit versehen.“ Diese ziemlich langen Mäntel von dickem Wollstoff lieferten unter dem Namen „friesische“ die I. Aelteste Zeit bis zu den Kreuzzügen. ganzen nördlichen Niederlande. Ihr Ruf, der sich durch das Mit- telalter erhielt, war so bedeutend, daß sie sich unter den Geschen- ken befanden, welche Karl der Große an Harun al Raschid schickte als Vergeltung für die schönen und feinen sarazenischen Stoffe. Auch sonst kommen sie in der Geschichte vor, und der Name hat sich beim dicken, langhaarigen Wollstoff noch bis auf den heutigen Tag erhalten. Man hatte sie von allen Farben. — Im Verkehr mit den Galliern aber, die mit den Franken im Heere gemischt waren, so erzählt der Mönch weiter, „ließen sie aus Freude am Neuen von der alten Sitte ab und fingen an jene nachzuahmen, die mit purpurnen Kriegsmänteln glänzten. Der strenge Kaiser ließ das einstweilen geschehen, weil ihm jene Klei- dung für den Krieg zweckmäßiger erschien. Als er aber bemerkte, daß die Friesen, diese Nachsicht mißbrauchend, jene kurzen Män- tel zu demselben Preise verkauften wie früher die ganz großen, da befahl er, daß niemand von ihnen etwas anderes kaufen solle als jene ganz großen, überaus langen und weiten Mäntel und fügte noch hinzu: „„Wozu sind diese Lappen gut? Im Bett kann ich mich nicht mit ihnen zudecken, zu Pferde kann ich mich nicht ge- gen Wind und Regen schützen, und wenn mich ein Bedürfniß der Natur ankommt, verfrieren mir die Beine.““ Das kurze gallische Mäntelchen war nicht das Einzige, worin die tapfern Krieger Karls ihre Nachahmungssucht und ihre Eitel- keit zeigten. In Italien hatten sie ganz andere Dinge kennen lernen und nicht ermangelt, sich damit zu schmücken, während der einfache Kaiser sich immer treu blieb. Unser geschwätzige Mönch weiß davon eine gar hübsche Geschichte zu erzählen: „Als einst Karl, der rüstigste unter den rüstigen Franken, in einer Gegend des nördlichen Italiens wegen der Einsetzung eines Bischofs län- gere Zeit verweilte, da sagte er an einem Festtage nach der Feier der Messe zu den Kriegern: „„Um nicht in Müssiggang hinlebend der Trägheit zu verfallen, laßt uns auf die Jagd gehen, bis wir etwas erbeuten, und laßt uns alle in der Kleidung ausziehen, die wir jetzt anhaben.““ Es war aber ein kalter Regentag, und 2. Schwankungen zwischen den nationalen und antiken Elementen. Karl selbst hatte einen Schafspelz an von nicht viel größerem Werth, als jener Mantel des heiligen Martin, mit welchem an- gethan dieser mit bloßen Armen Gott das Opfer unter göttlichem Beifall dargebracht haben soll. Die Uebrigen aber gingen, da Festtage waren und sie grade von Padua kamen, wohin eben Venetianer von jenseit des Meeres alle Reichthümer des Ostens gebracht hatten, gekleidet in Häute phönizischer Vögel, — welche weichen Flaum hatten — mit Seide eingefaßt, dann geziert mit der Hals- und Rückenhaut und den Schwanzfedern der Pfauen, und mit tyrischem Purpur oder orangefarbenen Streifen besetzt, andre in Marder- oder Hermelinfelle gehüllt: so durchstreiften sie den Wald, und zerfetzt von Baumzweigen und Dornen, vom Regen durchnäßt, auch durch das Blut der Thiere und die frisch abgezogenen Häute beschmutzt, kehrten sie zurück. Da sprach der listige Karl: „„Keiner von uns ziehe seinen Pelz aus, bis wir zum Schlafen gehen, damit er auf unserm Leibe besser trocknen könne.““ Nach diesem Befehl sorgte jeder mehr für seinen Leib als sein Kleid und suchte sich überall ein Feuer, um sich zu erwär- men. Bald aber zurückkehrend und im Dienst des Herrn bis tief in die Nacht verweilend, wurden sie endlich nach Haus entlassen. Und da sie nun anfingen die feinen Felle oder die noch dünneren Seidenstoffe auszuziehen, machten sich die Brüche der Falten und Nähte weithin hörbar, wie wenn man dürres Holz zerbricht, und und sie seufzten und jammerten und klagten, daß sie soviel Geld an einem einzigen Tage verloren hätten. Vom Kaiser aber erhiel- ten sie den Befehl, sich ihm am nächsten Tage wieder in demsel- ben Pelze vorzustellen. Das geschah, und da nun alle nicht in schönen Gewändern glänzten, sondern von Lumpen und farbloser Häßlichkeit starrten, so sprach der verständige Karl zu seinem Käm- merer: „„Nimm jetzt meinen Pelz und bring’ ihn uns vor Augen.““ Unversehrt und glänzend wurde er hereingebracht, und er nahm ihn in die Hand, zeigte ihn allen Anwesenden und sprach: „„O ihr thörichtsten aller Menschen, welches Pelzwerk ist nun kostbarer und nützlicher, meines hier, das ich für einen Schil- ling gekauft habe, oder eure da, welche nicht nur Pfunde, sondern I. Aelteste Zeit bis zu den Kreuzzügen. viele Talente gekostet haben?““ Da schlugen sie die Augen nieder und mochten nicht seinen schrecklichen Blick ertragen.“ Solcher Luxus, den seine Großen trieben, hat denn auch den Kaiser wohl zu dem ersten Aufwandgesetz (vom Jahr 808) veranlaßt, welches in Deutschland gegeben worden ist. Dieses setzte als höchsten Preis für den feineren doppelten, d. h. wohl gefütterten Mantel 20 Solidus fest, 10 aber für den einfachen; ein mit Marder- und Fischotterfellen bester Qualität gefütterter Rock durfte nicht mehr als 30 Solidus kosten, wenn aber mit feinerem Zieselmaus ( sismusinus-spermophilus citullus. Leu- nis. ) gefüttert, nur 10. Für das Uebertreten dieser Bestimmun- gen waren Geldstrafen festgesetzt: 40 Solidus, welche dem Ge- richt erlegt werden mußten, und 20, welche der Angeber erhielt. Als der große Kaiser seinen letzten Gang, den ins Grab, antrat, folgte ihm dahin ein großer Theil des schweren Luxus, den er im Leben zu meiden gesucht hatte. In all der Pracht und Herrlichkeit, wie er in die Geschichte und in die Sage übergegan- gen ist, wurde er bestattet. „Und Karl ward begraben zu Aachen,“ so erzählt der Chronist, „in der Kirche der heiligen Mutter Got- tes, die er selbst erbaut hatte. Sein Leib aber wurde einbalsa- mirt und auf goldenem Stuhle sitzend im Grabgewölbe bestattet, umgürtet mit goldenem Schwerte, ein goldenes Evangelienbuch auf den Knieen in den Händen haltend, die Schultern rückwärts in den Stuhl gelehnt, das Haupt stattlich erhoben, und mit gol- dener Kette das Diadem darauf befestigt. Und im Diadem war ein Stück Holz vom heiligen Kreuz eingelegt. Und sie erfüllten sein Grab mit Wohlgerüchen, Spezereien, Balsam, Moschus und vielen Schätzen in Gold. Sein Leib ward mit kaiserlichen Ge- wändern bekleidet und mit einem Schweißtuch unter dem Diadem sein Antlitz bedeckt. Ein härenes Kleid, wie er es heimlich immer getragen hatte, wurde ihm um den Leib gelegt und über den kai- serlichen Gewändern ihm die goldene Pilgertasche umgehängt, die er auf dem Weg nach Rom zu tragen pflegte. Das goldene Scep- ter und den goldenen Schild, den Papst Leo geweiht hatte, stellte man ihm zu Füßen; hierauf ward sein Grab geschlossen und ver- 2. Schwankungen zwischen den nationalen und antiken Elementen. siegelt. Er ward aber von den Bischöfen mit dem heiligen Oel gesalbt, mit dem heiligen Abendmahl versehen, und nachdem alles besorgt war, empfahl er seinen Geist dem Herrn und starb in Frieden im Jahr 814 seit der Menschwerdung unsers Herrn Jesu Christi. Und für ihn regiert sein Sohn, der glorreiche Ludwig, unter der Leitung unseres Herrn Jesu Christi, dem sei Ehre von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.“ Dieser glorreiche Kaiser Ludwig, genannt der Fromme, wie wenig er auch sonst seinem Vater glich, folgte ihm doch in seinen Grundsätzen in Bezug auf Kleidung und äußern Schmuck. Es scheint, als ob sich hierin am fränkischen Hofe zu seiner Zeit nichts geändert habe. Auch er trug sich einfach in der Weise des Volks, festliche Tage und feierliche Gelegenheiten ausgenommen. Dann aber „trug er außer dem Hemd und der goldgestickten Hose noch eine goldgeschmückte Tunica, einen goldenen Gürtel und an der Seite ein mit Gold reich verziertes Schwert, und hatte um die Schultern den golddurchwirkten Mantel hängen; auf dem Haupt trug er die goldene Krone und in der Hand hielt er einen goldenen Stab: alles mit Edelsteinen besetzt.“ Bei solchen Gele- genheiten, namentlich am Ostertage, theilte der Kaiser an die Hofleute und die Dienerschaft, die ihn für gewöhnlich an Glanz übertrafen, wie es schon am Hofe seines großen Vaters gewesen war, als Geschenke mancherlei Kleidungsstücke aus. So erhielten die Vornehmen Schwertgehenke oder Gürtel oder kostbare Kleider fränkischer Art; Leute von niederer Stellung friesische Mäntel von jeder Farbe, die Stallknechte, die Bäcker, die Köche leinene und wollene Kleider und Messer. Auch die Armen wurden dann bedacht, und sie zogen in weißen Kleidern durch den weiten Hof des Aachener Palastes. Als Ludwig im Jahr 816 mit dem Papst zusammen kam, schenkte er ihm rothe Mäntel und weiße, leinene Kleider; die Diener desselben aber erhielten gefärbte Män- tel und enge, an den Körper anschließende Röcke, nach fränkischem Schnitt gemacht. Eine besondre Veranlassung zu Geschenken dieser Art bot die Taufe heidnischer Fürsten und Männer, ein Ereigniß, welches I. Aelteste Zeit bis zu den Kreuzzügen. am Hofe des frommen Ludwig nichts Seltnes war. Seine Güte wurde aber arg mißbraucht, denn die Dänen, durch die reichen Geschenke und kostbaren Gewänder gelockt, kamen in gan- zen Schaaren und unterzogen sich, dieselben Personen, alljährlich einmal der Ceremonie. Einer von ihnen hatte das schon zwanzig Jahre getrieben, da ereignete es sich einmal, daß die Zahl der Täuflinge zu stark war, und der Vorrath der Gewänder nicht mehr zureichte; man zerschnitt nun beliebigen Stoff und fügte daraus in aller Eile die Kleider grob zusammen. Da ein solches auch jenem Dänen umgelegt wurde, betrachtete er es lange und sprach dann zum Kaiser: „Schon zwanzig Mal bin ich hier geba- det und jedes Mal mit den besten weißen Gewändern angethan, und da erhalte ich jetzt einen solchen Sack, der sich nicht für Rit- ter, sondern für Sauhirten paßt, und schämte ich mich nicht mei- ner Blöße, wenn ich, meiner Kleider beraubt, mich mit den von dir gegebenen nicht bedecken wollte, so würde ich dein Gewand dir und deinem Christus überlassen.“ — Zur Taufkleidung ge- hörte stets ein weißes leinenes Kleid, für Männer wie für Frauen, welches der Pathe oder die Pathin dem Täufling nicht bloß schenkte, sondern auch selbst anlegte. Nach der Taufe aber erfolgte im Palaste die eigentliche Bescherung, welche Hermoldus Nigellus in seinem Lobgedicht auf Ludwig den Frommen bei Ge- legenheit der Taufe des Dänenfürsten Herold und seiner Ge- mahlin in einer für uns sehr interessanten Weise beschreibt. Wir theilen darum die Stelle mit: Herold, in weißem Gewand und im Inneren wiedergeboren, Geht in das stattliche Haus, seines Gevatters Palast; Und der erhabene Kaiser beschenkt ihn mit herrlichen Gaben, Wie sie das fränkische Land nur zu erzeugen vermag, Schenkt ihm den Mantel, geschmückt mit Edelgestein und mit Purpur, Welchen im Kreise herum golden die Borten umziehn, Hänget das leuchtende Schwert, das er selber, der Kaiser, getragen, Ihm an die Seite, geschmückt fürstlich mit goldnem Gehenk. Goldene Spangen darauf umstricken beide die Arme, Um die Hüften der Gurt leuchtet von edlem Gestein. Setzt auf das Haupt ihm auch, wie sich ziemt, die goldene Krone, Und an die Füße sodann legt er den goldenen Sporn. 2. Schwankungen zwischen den nationalen und antiken Elementen. Ueber den Rücken hinab fällt leuchtend der goldene Mantel, Handschuh, weiß und schön, hüllen die Hände ihm ein. Andere Gaben verlieh der Fürstin die Königin Judith, Aehnliche, freundlichen Sinns gab sie das schöne Geschenk, Nämlich ein Kleid so starrend von Gold und edelen Steinen, Wie Minerva es kaum fertigt mit kundiger Hand. Golden, mit Steinen besetzt, umkränzet das Haupt ihr die Binde, Und ein mächtiger Schmuck decket die christliche Brust. Biegsam legt um den Hals sich der Ring, von Golde gewunden, Und die Arme umziehn Spangen, für Frauen gemacht; Golden, mit Steinen geschmückt, umschlinget die Hüften der Gürtel, Golden, den Rücken hinab fließet der Schleier vom Haupt. Ebenso schmücket indeß Lothar voll freundlicher Liebe Herolds Sohn mit Gewand, funkelnd mit Golde verziert. Auch das Gefolge sodann legt an nach fränkischer Weise Herrliche Kleider, wie sie gnädig der Kaiser verliehn. Diese Stelle zeigt uns wieder die übertriebene Anwendung des Goldes und der edlen Steine, die kein Kleidungsstück, ja keinen sichtbaren Theil des Körpers verschonen. Beim Fürsten strahlt davon die Krone, der Purpurmantel, das Schwert, das Wehrgehenk und der Gürtel, die goldenen Sporen glänzen an den Füßen und goldene Ringe umziehen die Arme. Der Fürstin Schleier und Kopfbinde ist golddurchwirkt, desgleichen ihr Kleid; den Mantel hält auf der Brust der breite Nadelschmuck, Ringe legen sich um Hals und Arme und die Hüften umgiebt der mit Gold und Edelsteinen geschmückte Gürtel. Auch sonst im Leben wurde das Gold bei den fränkischen Großen und namentlich bei der hohen Geistlichkeit im ausgedehn- testen Luxus angewendet, in Verbindung mit edlen Steinen. Während herrliche Teppiche und Vorhänge aller Art von mauri- scher Weberei die Zimmer schmückten, saß man auf vergoldeten Sesseln mit weichen Federkissen, vom kostbarsten Seidenstoff über- zogen, an Marmortischen, auf denen goldene und silberne, mit Edelstein gezierte Gefäße standen. Desgleichen wurden an Pracht- geräthen in den Kirchen große Schätze aufgespeichert, an Kelchen, Schalen, Sacramentbehältern, Lampen, Leuchtern u. s. w. Aber damit nicht zufrieden, bekleidete man die heiligen Räume selbst I. Aelteste Zeit bis zu den Kreuzzügen. mit edlen Metallen, vergoldete die Altäre, die Eingänge, belegte sie mit Goldblech; überdeckte selbst die Thürflügel mit Silberplat- ten und die Gesimse und die Fußböden mit Goldplatten von un- geheurem Werthe. — Diese mächtige Bedeutung des „rothen Goldes“, die Lust an dem blanken Metall ist auch in die altdeut- sche Sagenwelt eingedrungen, die ja grade in dieser Periode der Merovinger und Karolinger ihre Wurzeln treibt. Die Gedanken aber, die sich hier damit verknüpfen, haben sich mythisch vertieft. Nicht die Habsucht ist es, welche wirkt, nicht der Besitz allein reizt und treibt zu Kampf und schwerem Mord, ein dämonischer, tod- bringender Zauber ist mit ihm verbunden. So heißt es im Vo- luspalied: „Da wurde Mord in der Welt zuerst, Da sie mit Gabeln die Goldkraft stießen.“ Von den unheimlichen, unterirdischen Mächten ist es heraufge- sandt an das Licht der Sonne, ein unheilvolles Geschenk, und wieder nieder muß es, woher es gekommen; in wessen Besitz es aber gelangt, der ist umstrickt und mit ihm den Geistern der Un- terwelt, dem Tode geweiht. Diese Rolle spielt auch der Nibelun- genhort. „Das gellende Gold, der glutrothe Schatz, Diese Ringe verderben dich.“ Drei verschiedenen Besitzern, erst Schilbung und Nibelung und dann Siegfried, bringt der Schatz den Tod, und als ihn Hagen und die Burgundenkönige, die dritten Besitzer, hinunter schleu- dern in die Fluten des Rheins zurück, woher er gekommen, da zieht er auch diese nach sich ins Verderben. Bei dieser Lust an dem puren Glanze des Metalls ist es na- türlich, daß die Art der Anwendung nach Form und Verzierung von roher, barbarischer Art war. Reichthum ersetzt den feinen Geschmack und der blendende Glanz des Stoffes die gefällige Form. Es war die Zeit, als nach Beruhigung der tobenden Wellen der Völkerwanderung die entsetzlichen Leidenschaften in den Bruder- und Bürgerkriegen der Merovinger sich ausgetobt hatten, und nun die ungefüge Natur der Franken von der Civi- 2. Schwankungen zwischen den nationalen und antiken Elementen. lisation, vom Schmuck des Lebens eine Ahnung bekam. Diese Nation sollte jetzt die Erbschaft des klassischen Alterthums antre- ten. Reichthum aller Art war vorhanden; in Italien hatten die Römer Jahrhunderte lang die unermeßlichste Fülle von edlem Metall aufgespeichert, und nicht weniges davon war wieder nord- wärts geflossen in die Schatzkammern ihrer Besieger; Massen von Kunstschätzen fanden sich zerstreut über die romanisirten Länder; ein Reichthum von Ideen, Muster des Stils und der Rede wa- ren in den Schriften der Alten niedergelegt. All das war noch vorhanden, aber der Deutsche wußte nicht was damit anfangen; er hatte nur die Ahnung, daß darin ein Höheres verborgen läge; das feine Verständniß wahrer Kunst entging dem ungebildeten Geiste, ihm imponirte nur der Glanz, die Kostbarkeit des Stof- fes und die Masse. Wenn er lateinisch verstand und schrieb, blieb ihm doch die Schönheit verschlossen, welche in der classischen Ein- fachheit liegt, die Rhetorik sagte ihm mehr zu mit ihrem Rede- schwall, ihrer Uebertreibung, ihren Floskeln und ihrer Armuth an tiefen Gedanken. Da in der That damals eine ungekünstelte Redeweise nicht geschätzt, sondern vielmehr für langweilig und nicht lesenswerth geachtet wurde, so glaubte er, wenn er sich nicht im Stande fühlte, in schwungvoller Weise zu schreiben, daß sein Stil, überhaupt seine Kühnheit etwas schreiben zu wollen, der Entschuldigung bedürfe. Darum war man bemüht, die Rede mit schönen, wenn auch inhaltsleeren Worten aufzustutzen. Besonders leidet die Poesie in der Zeit der Karolinger bei innerer Armuth an der Ueberladung mit tönenden Phrasen und gesuchten Ver- gleichen, die nicht selten zum Unsinn führen, wie wenn in den oben angeführten Versen Angilbert das blonde Haar mit dem Purpur vergleicht, welche Farbe in jener Zeit gewöhnlich ein dunkles Violett war, oder wenn er die schönen Füße der Rho- daide mit sophokleischem Cothurn bekleidet. Gewiß wirkte auch zum Vorherrschen der Mosaik vor der gewöhnlichen Tafel- und Wandmalerei derselbe Geschmack mit, denn diese Kunstart war theils in Arbeit und Stoff viel kostbarer, theils hatten die farbi- gen, durchsichtigen Glasflüsse, welche in den Gründen durch un- I. Aelteste Zeit bis zu den Kreuzzügen. terlegte Folie meist vergoldet waren, einen viel wirkungsvolleren Glanz. Auf Formenbildung kam es dabei nicht an, man hatte kein Gefühl dafür, und sie artete daher, mit der feinen Technik zugleich, alsbald in außerordentliche Roheit aus. Das Erträg- lichste in dieser Zeit sind der Antike entlehnte Motive. Wo es möglich war, wie in der bürgerlichen und kirchlichen Baukunst, da raffte man die Werkstücke selbst aus allen Gegenden zusam- men, wo nur die antike Kunst ihre Spuren gelassen hatte, und setzte sie aufs willkürlichste wieder zusammen. So finden sich an einem und demselben Gebäude alle Stile vertreten, und die ein- zelnen Theile, Säulenschäfte, Capitäle, Basen, Friesstücke u. s. w. aus wer weiß wie vielen Stätten alter Kunst bunt vereinigt und nothdürftig zusammengefügt. Gar mancher alter Tempel mag niedergerissen, manche Halle und mancher Marktplatz von seinen Statuen und Reliefs geplündert sein, bis die Prachtbauten von Ingelheim, Aachen und Nimwegen vollendet waren. Aber auf Großartigkeit und äußeren Glanz war es in eminentester Weise abgesehen, die Kosten nicht gescheut, und Marmor und Erz und Silber und Gold in Massen verschwendet und alles mit äußerm Schmuck bedeckt. Die Willkür in der Zusammensetzung und die Schätzung des bloß äußeren Werthes zeigen sich am klar- sten an Kirchengeräthen, von denen manche noch heute erhalten sind. So wurden Bruchstücke antiker Vasen zu Kelchen benutzt. Mit antiken Gemmen, auf denen Venus, die Grazien, selbst in- decente Gegenstände, Priapen und dergleichen eingeschnitten wa- ren, verzierte man, ohne im Geringsten an den Gegenständen Anstoß zu nehmen, Reliquienkasten, Hostienbehälter, Abendmahls- kelche und anderes kirchliches Geräth. Den hohen Werth der ge- schnittenen Steine hatte man traditionell übernommen; worin er bestand, dafür hatte man kein Gefühl. — Crucifixe, Madonnen und andere Heiligenbilder waren trotz der schönsten, überall noch vorhandenen antiken Muster, die man nur nachzuahmen brauchte, dennoch von der unbeholfensten Arbeit, steif und ungelenk in Hal- tung und Bewegung, von der abscheulichsten Häßlichkeit, aber in Elfenbein geschnitten oder in edlem Metall gegossen, mit Edel- 2. Schwankungen zwischen den nationalen und antiken Elementen. steinen überdeckt, genügten sie völlig dem Bedürfniß des Cultus und des gläubigen Gemüthes. — Ein entsprechender Geschmack herrscht in der Kleidung. Wie in die Litteratur und in die Kunst waren auch in diese römisch- griechische Elemente eingedrungen, wie wir schon oben gesehen haben, und hatten civilisirend die ererbte Tracht modificirt, ohne jedoch die volle Herrschaft erlangt zu haben. Aber von altdeutscher Nacktheit und Einfachheit, die selbst dem Bedürfniß den Trotz der Abhärtung entgegensetzte, ist keine Spur vorhanden, sie ist viel- mehr bei den Classen der Gesellschaft, wohin die Noth nicht dringt, in ihr Gegentheil umgeschlagen. Der Körper ist doppelt und drei- fach von oben bis unten bedeckt und das in einer Weise, die, soviel wir sehen können, weder Gefälliges und Reizendes noch Großartiges, weder Malerisches noch Plastisches hat. Die Ge- wandung läßt weder die Form der Glieder günstig hervortreten, noch hat sie etwas Leichtes, Luftiges, Heiteres, noch bietet sie Gelegenheit zum schönen Faltenwurf. Die Binden umziehen un- schön die Beine, der enge Leinwandrock ist größten Theils verbor- gen, und der Mantel liegt platt und flach um den Leib, wenn er nicht auf der einen Seite mit dem Arm in die Höhe genommen ist, und dann bricht er trockne, fast parallele, unter sehr spitzen Winkeln in einen Punkt zusammenlaufende Falten. Nur bei der Tracht der Geistlichkeit, welche directer die römisch-griechische Ge- wandung fortsetzt, ist größerer Fluß der Draperie, aber der vor- herrschende Gebrauch der Leinwand, welcher sie nicht zu groß- artiger Entfaltung kommen läßt, gestattet nur die vielen langen, magern Falten, die parallel eng neben einander herlaufen. Diesen Stil im Faltenwurf zeigt auch durchweg die gleichzeitige Kunst. — Noch mehr spricht sich die Roheit des Geschmacks im Orna- ment der Kleidung aus. Wir kennen schon zur Genüge die Ueber- ladung mit Gold und Edelsteinen: sie überziehen die ganze Klei- dung vom Scheitel bis zur Sohle. Die an sich schon wirkungs- vollen Kleider, die in den hellsten oder kräftigsten Farben prun- ken, in Purpur, Scharlach, Hellgrün, Gelb, Blau, werden am Hals und unten, von oben senkrecht herab, mehrfach um die I. Aelteste Zeit bis zu den Kreuzzügen. Aermel mit breiten Goldstreifen besetzt, und diesen folgen nach der Schnur die Edelsteine einer hinter dem andern in wohlgesetzter Reihe, höchstens stehen sie im Viereck oder in sonst einer einfachen, regelmäßigen Figur. Von gefälliger Musterung, vom Wechsel der Linien ist keine Rede; es offenbart sich die ärmlichste Phan- tasie, ein roher Geschmack, der im bloßen Glanz und in der Kost- barkeit des Stoffes seine Befriedigung findet. Darüber hinaus ist auch in dieser Periode der Schmuck nach der Form und der Weise der Verzierung nicht gekommen. In beiden Fällen zeigt sich nur der gute Wille zu gestalten und zugleich die Unfähigkeit aus den vorhandenen Elementen etwas Ganzes zu machen. Es ist die Zeit, wo römisch-griechische Ein- flüsse innerhalb der einfachen, nationalen Formen des Urzustan- des sich geltend machen, aber nur unverstanden aufgenommen und unorganisch verbunden werden. Diese Weise der Verbindung begann schon in den Zeiten des Heidenthums, im dritten und vierten Jahrhundert, ging dann in die christliche Zeit über und hielt sich, bis sich in der romanischen Kunst ein wirklicher, künst- lerische Anforderungen befriedigender Stil ausbildete. Ueberla- dung, Willkür, Mangel an Ordnung und Phantasie, und Ro- heit der Formen sind die Eigenschaften der Schmuckverzierung in der merovingisch-karolingischen Zeit. Die einfache, aber doch zier- liche Spirale, welche freilich immer wiederkehrte, tritt zurück. Die eingeritzte Linie wird vertieft, doch nur soweit, daß das Ornament immer noch als flach erscheint, während das antike im Relief von allen Seiten Profile bot. Die durch römischen Einfluß vervoll- kommnete Technik im Guß des Erzes erlaubte diesen Fortschritt; das Ornament wurde nicht mehr eingeritzt oder geschnitten, son- dern es entstand sogleich durch den Guß über das geschnittene Holzmodell. Ein weiterer Fortschritt lag darin, daß der Schmuck, der im Ganzen breitere Formen, also größeren Flächenraum bot, nicht mehr einfach von der Linie in ihren verschiedenen Richtun- gen und Windungen bedeckt oder umzogen, sondern nach seiner Fläche erst in Felder zerlegt wurde, welche ein Zierrath von regel- mäßigen oder unregelmäßigen, geometrischen Figuren in meist 2. Schwankungen zwischen den nationalen und antiken Elementen. völlig willkürlicher Weise ohne Ordnung und ohne Schönheit ausfüllte. Antike Elemente des Ornaments, wie elegante Profi- lirungen, zierliche Palmetten, stilisirtes Laubwerk, Perlstäbe, zei- gen sich im Ganzen mehr an Gefäßen und Geräthen als am Schmuck. Mäandrische Motive, Vernestelungen und Verschlin- gungen stellen sich namentlich gegen den Ausgang dieser Periode ein; und indem dann Gesetz und Ordnung in sie einkehrt, bilden sie die erste und anfängliche Grundlage für das Ornament roma- nischen Stils. Auch Thier- und Menschengestalten dringen bele- bend in das Einerlei der Lineamente ein, in meist phantastischer Weise, als die ersten Andeutungen des später so allgemein ver- breiteten Geschmacks; Habicht und Drache herrschen noch vor als dem Norden besonders eigenthümlich. Christliches dagegen, wie das Kreuz, der Fisch, die Taube, zeigt sich im Schmuck sehr ver- einzelt und erst spät. — In Bezug auf den Stoff verliert das Erz nicht bloß seine Alleinherrschaft, sondern es wird auch im Lauf dieser Jahrhunderte vor dem alles besiegenden Einfluß des Geldes auf seinen wahren Werth herabgedrückt, und dient als Schmuck nur noch der Dürftigkeit. Wie wir in den schriftlichen Denkmälern nur edle Metalle erwähnt finden und daneben den Besatz von Edelsteinen, so zeigen auch die Gräber im Vergleich zur vorigen Periode weit reicheren Goldschmuck entweder in gediege- ner Gestalt oder von vergoldetem unedleren Metall, verziert mit Edelsteinen oder mit farbigen Glasflüssen. Das Gold herrscht in der Weise vor, daß man um der Gier willen zu dem rothglühen- den Golde, die das graue, bleiche Silber verschmäht, das ganze Zeitalter das goldene nennen könnte, im Gegensatz zu der Zeit des Heidenthums, der „ehernen,“ da noch das Erz, die Bronce, die Stelle der edlen Metalle sowohl wie des Eisens vertrat. Auch in der äußern Form der Schmucksachen verschwindet die Spirale, oder erscheint nur noch in veränderter Behandlung als Ring für Arm und Finger. Statt dessen werden die Nadeln, die Brustspangen, die Armringe, der Hals- und Haarschmuck mit dicken, plumpen Knöpfen besetzt. Für die Brustspangen dieser Zeit bildet die alte Bogenform die Grundlage, doch statt des zier- Falke, Trachten- und Modenwelt. I. 4 I. Aelteste Zeit bis zu den Kreuzzügen. lichen Bügels gewinnt sie breite Flächen, erst oben ein viereckiges oder halbkreisförmiges, mit dicken Knäufen umsetztes Feld, dann ein breiter Bügel, an den sich wieder eine noch breitere, nach unten zu nicht selten in einen Schlangenkopf auslaufende Fläche ansetzt. In der Karolingerzeit weicht diese Gestalt mehr der runden, schei- benförmigen, die sich stern- oder rosettenartig verziert zeigt. Die Menge und Mannigfaltigkeit des Schmuckes deutet uns die Stelle aus dem Rudlieb an, wo er, Abschied nehmend, vom Könige und der Königin reich beschenkt wird: „Das andre der Gefäße schied eine Mittelwand: Die Hälfte mit Besanten erfüllt er bis zum Rand; Mit theuern Kleinoden die andre ward beschwert, Perlen, Ringen, Spangen und Gestein vom höchsten Werth. Ihre Brustspange legte die Königin hinein Und dreißig Fingerringe mit blitzendem Gestein Und schöner Ohrringe mit edlen Perlen acht, Daß bei des Helden Hochzeit ihrer dankbar würde gedacht.“ In diese Periode fällt ein sehr interessantes Lied der Edda, das Rigsmal, welches zwar rein nordischen Ursprungs ist, doch insoweit auch auf die südlichen Stammesgenossen Anwendung findet, als es die allgemeinen Ansichten jener Zeit von der äußern Erscheinung der verschiedenen Stände, des unfreien Knechts, des freien Bauern und des Edelings, zu erkennen giebt. Eines jeden Beschäftigung und Stellung thut sich auch in seinem Aeußern kund, in der Kleidung sowohl wie in der Häßlichkeit oder Schön- heit des Körpers. Das Heidenthum liegt dem Lied noch zu Grunde, aber in christlicher Zeit ist es wenigstens umgedichtet und nieder- geschrieben. Heimdall, der Ase, genannt Rigr, macht sich auf die Reise und findet zuerst am Meeresstrand ein altes Ehepaar am Feuer sitzen in üblem Gewand, Ai und Edda. Nach neun Monaten genas Edda eines Knaben, schwarz von Haut und Haaren; der wuchs heran und gedieh. „Rauh war das Fell an den Händen dem Rangen, Die Gelenke knotig (von Knorpelgeschwulst), Die Finger feist, das Antlitz fratzig, Der Rücken krumm, vorragend die Hacken.“ 2. Schwankungen zwischen den nationalen und antiken Elementen. Da er nun die Kräfte brauchen lernte, Bast band und Bür- den schnürte und Reiser schleppte, da kam zu ihm die Dirne, die Gängelbeinige, mit Schwären am Hohlfuß, die Arme sonnver- brannt, mit gedrückter, eingebogener Nase. Von diesen beiden ent- sprang das Geschlecht der Knechte, das die Namen ihrer Kinder, wie z. B. Klump, Klotz, Dickwanst, Schlappfuß, Krummbuckel, Langbein oder Klötzin, Klumpwade, Schiefbein, Herdnase u. s. w. hinlänglich charakterisiren. Rigr ging weiter und fand ein anderes Ehepaar im eigenen Haus, geschäftig am Werk, Afi und Amma. Der Mann, mit enganliegendem Rock, mit freier Stirne und gesträltem Bart, schälte die Weberstange. „Das Weib daneben bewand den Rocken, Und führte den Faden zu feinem Gespinnst, Auf dem Haupte die Haube, am Hals ein Schmuck, Ein Tuch um den Nacken, Nesteln an der Achsel.“ Rigr blieb drei Nächte bei ihnen, und nach neun Monaten genas Amma eines Knaben, rothbackig und rothhaarig, mit hellen, funkelnden Augen. Der wuchs und gedieh, zähmte Stiere, zimmerte Pflüge, schlug Häuser und Scheunen auf, fertigte Wagen und bestellte das Feld. Da kam zu ihm in den Hof die Verlobte, gekleidet in Ziegenwolle und Linnen, behängt mit Schlüsseln. Von diesen entsprang das Geschlecht der Bauern. Rigr ging weiter. Da traf er in einem hohen Saal ein an- deres Ehepaar, Vater und Mutter. Der Hausherr war beschäftigt Bogen und Pfeile herzurichten, die Hausfrau aber saß müßig da, besah die feinen, arbeitsscheuen Hände, ebnete die Falten ihres Kleides und zupfte den Aermel zurecht. „Im Schleier saß sie, ein Geschmeid an der Brust, Die Schleppe wallend am blauen Gewand, Die Braue glänzender, weißer die Brust, Lichter der Nacken als leuchtender Schnee.“ Als nun die Mutter nach neun Monaten eines Knaben ge- nas, barg sie ihn in Seide; seine Locken waren licht, die Wangen leuchteten und die Augen waren so scharf, wie die lauernder 4* I. Aelteste Zeit bis zu den Kreuzzügen. Schlangen. Heranwachsend übte er sich in den Waffen, im Reiten und Schwimmen, und Rigr lehrte ihn die Runen und hieß ihn Erb und Eigen und Ahnenschlösser besitzen. Darauf gewann er im siegreichen Krieg Ruhm und Herrschaft. In achtzehn Hallen herrschte er nun. „Vertheilte die Güter, alle begabend Mit Schmuck und Geschmeide und schlanken Pferden, Er spendete Ringe, hieb Spangen entzwei.“ Dann führten ihm die Edlen die Braut zu, in feines Lin- nen gekleidet, die Gürtelschlanke, die Adlige, Artige. Von diesen beiden stammen die Fürstensöhne, gewandt in ritterlichen Uebun- gen, ergeben dem Würfelspiel, aber auch kundig der Runen. — Drittes Kapitel. Die Verschmelzung der verschiedenartigen Elemente in der Zeit von der Mitte des 9. Jahrhunderts bis gegen den Beginn der Kreuzzüge . Die nun folgende Periode der letzten Karolinger und der sächsischen und fränkischen Kaiser ist in allen Zweigen der Cultur die Zeit der letzten Klärung und Läuterung, wo die verschieden- artigen Elemente, welche die Völkerwanderung an einander und durch einander geworfen hatte, sich setzten und zusammenflossen in ein neues, einheitliches Ganze, auf dessen Grunde erst ein reiches und vor allem originales Leben, das eigentliche Mittel- alter, erblühen konnte. Bis dahin hatten dieselben, nämlich das heidnisch-germanische, das christliche und das classisch-antike Ele- ment, roh und unorganisch verbunden und unverschmolzen neben einander existirt, indem bald dieses, bald jenes vorherrschte. So war man in der kirchlichen Baukunst, in der Anlage und in der ganzen Gestaltung des Aeußern und Innern bei dem stehen geblieben, was die spätere Antike überliefert hatte, und nur das Bedürfniß hatte einige auf die Architektur wenig influirende Aenderungen nothwendig gemacht. In allen Einzelheiten galten durchweg ebenfalls die antiken Motive: noch hatte man keinen Versuch gemacht, nur ein neues Capitäl oder irgend ein architek- tonisches Ornament oder ein neues Profil zu erfinden; indem man aber die Bedeutungen der einzelnen Glieder vielfach ver- kannte, hatte man häufig Unzusammengehöriges mit einander ver- bunden und die verschiedenen Stile mit einander vermischt. Ar- chitektonisches, welches heidnisch-germanischen Ursprung und Ge- I. Aelteste Zeit bis zu den Kreuzzügen. schmack verrieth, zeigte sich höchstens an den Holzkirchen des Nor- dens. Auch sonst in kirchlichen Dingen, soweit sie von irgend einer Kunst abhängig waren, z. B. an Geräthen, Gefäßen, Schnitz- werken herrschte die antike Ueberlieferung vor, nur freilich meist unverstanden und immer roh ausgeführt und in todter, verknöcher- ter Weise angewandt. Dagegen, wo es galt einen weltlichen Ge- genstand zu verzieren, wie die hölzernen Wohnhäuser oder wie Schmucksachen, Hausgeräthe, da hatte sich die Kunst zwar die antike Technik zu nutze gemacht, aber die germanische Weise, wie wir sie beim Schmuck haben kennen lernen, herrschte vor und hat sich ferner noch lange, lange erhalten; nur einzelne antike For- men und Motive wurden als etwas Gleichgültiges mit aufge- nommen. So auch in Schrift, Lied und Leben. Die Volksgesänge der Deutschen, die unter den letzten Karolingern und ihren mit Ita- lien so mannigfach verbundenen Nachfolgern, den sächsischen Kai- sern, in größerem Maßstabe auf einige Jahrhunderte in ihrer Muttersprache fast ganz verstummten, waren ursprünglich nicht bloß deutsch nach Sprache und Inhalt, man kann sie mit ihrer Grund- anschauung selbst noch als heidnisch bezeichnen. Der Dichter, der seine Zeit poetisch beschrieb, that es in lateinischer Sprache und in lateinischen Versen, als ob es sich von selbst verstände. Und derselben Sprache bediente sich der Prosaiker unter allen Umstän- den, obwohl er weit davon entfernt war, classisch zu reden und classisch zu denken. Karl der Große, der sich so sehr bemühte, die mannigfach vor dem fremden Element erliegende Nationalität zu heben, mußte doch alle seine Bemühungen für Bildung und Volks- erziehung lediglich auf die antike Welt und ihre Ueberlieferung gründen, und die christliche Geistlichkeit spielte dabei den Ver- mittler, der das classische Heidenthum den Germanen überlieferte. Das Volksleben war durchweg deutsch, soweit nicht am Hofe, wo es zu repräsentiren galt, Constantinopel und sein Hofceremoniell zum Vorbild diente, und soweit nicht das Christenthum altheid- nische Bräuche verdrängt hatte. Hier aber spielen Heidenthum und Christenthum noch in wunderlicher Mischung durch einander. Das 3. Die Verschmelzung der verschiedenartigen Elemente. letztere war im neunten Jahrhundert so ziemlich durch das ganze Deutschland eingeführt, Kirchen erhoben sich überall, Mönche drangen in die Wildnisse vor, ein festes, christliches Culturleben zu gründen durch bleibende Ansiedlungen; fleißig und mit Eifer lagen die Deutschen den Andachtsübungen ob. Wenn aber der Neumond gekommen war, oder sonst Tage, die durch der Väter uralten, heidnischen Brauch geheiligt waren, da stiegen sie, die vielleicht noch am Morgen den Gekreuzigten knieend und mit auf- richtiger Andacht verehrt hatten, beim Dunkel der Nacht auf die Berge, oder gingen ein in das Schweigen des Waldes, zündeten ein Feuer an unter der heiligen Eiche, schlachteten ein Roß, gos- sen das Blut auf den Boden und tranken und schmauseten unter sonderbaren Gebräuchen, wie es ihre Vorfahren schon vor Jahr- hunderten gethan hatten, lange bevor der erste Missionar die Axt an einen heiligen Baum gelegt hatte. So sehen wir, wie im neunten Jahrhundert in allen Dingen das Leben des deutschen Volkes, sein ganzer Culturzustand, einen bunt zusammengesetzten, widerspruchsvollen Anblick gewährt. Es ist nicht anders mit der Kleidung. Bis dahin hatten die im Kampf begriffenen germanischen und römischen Trachten sich nicht zu einem Ganzen vereinigen können, sondern sich meist getrennt gehalten, wie sie denn auch von den Schriftstellern mit Bewußtsein geschie- den werden, und nur in Nebendingen hatte die eine die andere modificiren können. Während im Volk, Einzelheiten ausgenom- men, die althergebrachten Formen durchweg vorherrschten, hatten die römischen, wenn auch nur stückweise, in den höhern Schich- ten mannigfach Boden gefaßt und waren insbesondere als cere- monielle Tracht die vorzugsweise gebräuchliche. Wie nun aber auch in andern Zweigen der Cultur im Verlauf dieser Periode das Verschiedenartige mit einander verschmolz, und daraus sich im elften Jahrhundert ein selbstständiges und eigenthümliches Leben herausbildete, so erging es auch dem gesammten Trachtenwesen. Allmählig gehen die charakteristischen Eigenschaften beider Ele- mente, unter dem Vorwiegen des römischen, zu einem neuen Ganzen zusammen, und nach allen Schwankungen gewahren wir I. Aelteste Zeit bis zu den Kreuzzügen. im elften Jahrhundert ein festes Costüm, welches die Grundlage für die reiche Entfaltung der mittelalterlichen Trachten bildet. — Die Hauptkleidungsstücke bleiben wie bisher der Rock (oder das Kleid) und der Mantel, oder mit lateinischer Bezeichnung die Tunica und das Pallium, denn sowie die germanischen Formen sich diesen nähern, gehen auch die Namen mehr und mehr auf sie über. Wenn schon Karl der Große und seine Hofleute sich nicht mit einer Tunica begnügten, sondern wenigstens ein leinenes Hemd, also eine zweite unter der obern trugen, so thut das den Hauptunterschieden keinen Eintrag. Diese bestehen noch immer in der größeren Weite und Länge der römischen Tracht. In den nächsten Jahrhunderten aber giebt die deutsche ihre Enge und Kürze auf, und damit ist in den Kreisen, die der Noth des Lebens entrückt sind, die Verschmelzung vollendet. Schon Karl der Kahle (gestorben 877), der jüngste Sohn Ludwigs des Frommen, verließ die Sitte seines Großvaters und seines Vaters, welche auch in der Tracht die Nationalität aufrecht zu erhalten bemüht gewesen waren. Von seinem Kaiserzug nach Ita- lien, so erzählen die Jahrbücher aus dem Kloster Fulda, ein Jahr vor seinem Tode, hatte er neue und ungewöhnliche Tracht mitge- bracht, „denn mit einem dalmatischen Talar bekleidet, der bis zu den Füßen herabging, und mit einem Gürtel darüber, auch den Kopf in eine seidene Hülle gehüllt und darüber das Diadem ge- setzt, pflegte er an Sonn- und Festtagen zur Kirche zu schreiten.“ Das war die Kleidung, wie sie die Griechen in Byzanz trugen, welche von der Tracht der römischen Kaiserzeit völlig in der Richtung des orientalischen Geschmacks abgewichen waren. Auf einem Minia- turbild einer in Rom befindlichen Bibelhandschrift sitzt er auf dem Thron in königlichem Ornat, auf dem Haupt die goldene, mit Edelsteinen besetzte Krone, in der Hand den Reichsapfel; zu den Seiten stehen seine Gemahlin und die Waffenträger. Nach frän- kischer Weise trägt er kurzes Haar und einen Schnurrbart, Kinn und Wangen aber glatt geschoren. Eine blaue, in vierblattartigen Mustern höchst einfach goldgestickte, an den Armen enganliegende Tunica, deren breite, goldene Säume unten und am Handgelenk 3. Die Verschmelzung der verschiedenartigen Elemente. mit Edelsteinen besetzt sind, reicht ziemlich tief über die Kniee herab. Auch der lange rothe Mantel, nach alter Weise auf der rechten Schulter mit einer goldenen Agraffe befestigt, hat rings- herum und am Hals, wo der Rand ein wenig umgelegt ist, gol- dene, mit Edelsteinen besetzte Borten. Die Schuhe, welche fast den ganzen Fuß bedecken, sind vergoldet oder von Goldstoff. Die eng- anliegende rothe Beinbekleidung ist mit feinen goldenen Schnü- ren im Kreuz umwunden. Nicht vieles ist in dieser Tracht, was sie noch von der römisch-italischen unterscheiden dürfte. Uebrigens ist zu berücksichtigen, daß es der königliche Ornat ist, den er trägt; und darum geben seine Begleiter, sein Schild- und Schwertträ- ger, die jedenfalls vornehme Franken sind, noch mehr Nationales zu erkennen. Das kurzgehaltne Haar ist unbedeckt, das Gesicht völlig frei von Bart. Ihr kurzer, hellfarbiger Rock hat jedoch nicht mehr ganz die alte Enge; er ist ziemlich weit am Körper und bil- det auf den Hüften über einen nicht sichtbaren Gürtel einen klei- nen Bausch. Diese Form des Rockes findet sich von jetzt an über- all, wo wir noch auf altnationale deutsche Tracht stoßen, nament- lich noch in den beiden nächsten Jahrhunderten bei dem niedern Volk. Auch die Mäntel der Waffenträger von hellleuchtenden Far- ben, welche mit runder, goldener Agraffe auf der rechten Schulter gehalten werden, sind kurz und erreichen hinten kaum die Wade, während der Mantel des Königs auf die Füße fällt. Die weißen Beinkleider, welche bei dem Schwertträger unter dem Knie mit dünner Schnur umbunden sind, liegen eng und genau an; an- schließende rothe Stiefel, oben umgekrämpt, reichen hinauf bis zur halben Wade. Mehr als ein halbes Jahrhundert später, etwa aus der Zeit Kaiser Ottos des Großen giebt uns ein reich mit Miniaturen verziertes Psalterium auf der Bibliothek zu Stuttgart mannigfache Aufschlüsse. Wir erkennen daraus, daß damals die lange Tunica noch keineswegs völlig ein Eigenthum der vornehmen Welt gewor- den war. Es ist aber wohl möglich, daß diese besonders kriegerische und schwere Zeit, in welcher Deutschland von Bürgerkriegen man- nigfach zerrissen war, während zugleich von der einen Seite die I. Aelteste Zeit bis zu den Kreuzzügen. Normannen ihre räuberischen Einfälle machten, und von der an- dern die Ungarn bis zu den jenseitigen Gränzen, bis über den Rhein hinüber, alle Gaue verheerend durchzogen, daß diese Zeit der längeren und mehr auf friedliche Verhältnisse deutenden Tracht nicht hold war. Wir sehen daher alle Männer hohen und niedern Standes, selbst den Fürsten mit Krone und langem Scepterstabe nicht ausgenommen, mit der kurzen, schon oberhalb des Knies endigenden Tunica bekleidet, während der Mantel, in gewöhn- licher Weise auf der rechten Schulter befestigt, vorne kurz erscheint, hinten aber über die Wade herabfällt. Auch der Geschmack in der Verzierung scheint nicht gewonnen, noch sich überhaupt geändert zu haben. Noch umgeben breitere oder schmälere goldene Streifen, denen die Edelsteine nicht fehlen, den untern Rand des Rockes und ziehen sich vom Halse herab nach unten; goldene Fassung haben auch die Aermel am Handgelenk und gleiche Streifen und Zacken umwinden sie am Oberarm. Die Mantelagraffe gleicht bei Männern und Frauen einer großen Rosette; die Krone ist ein einfacher, breiter, auf der Fläche und am obern Rand mit Edel- steinen besetzter Goldreif. Eine eigenthümliche Verzierung von roher Form zeigt mehrfach der Mantel auf der Brust in Gestalt eines breiten, fast quadratischen Stückes Borte, an welches sich ein schmales, in ein rundes auslaufendes Stück anschließt. Im Uebrigen ist der Mantel einfach. Aehnliche Art der Verzierung trägt schon das Pallium römischer Consuln im vierten Jahrhundert, und sie finden sich dann wieder als besondre Auszeichnung der byzantinischen Kaiser. Von der alten Enge zeigt der Rock auf diesen Bildern nichts mehr. Zwar ist er wie sonst über den Hüften durch einen Gürtel aufgebunden, aber, die Aermel ausgenommen, schließt er nirgends dem Körper an, sondern hat zu weiten Falten soviel Freiheit, daß er der Tunica nahe genug kommt. Doch konnte das Hauptstück der fränkisch-deutschen Nationaltracht in dieser Periode seine Be- deutung noch nicht verloren haben. Widukind, der sächsische Ge- schichtschreiber, hält es für wichtig genug, ausdrücklich zu erwäh- nen, daß Otto der Große zur Krönungsfeierlichkeit den eng anlie- 3. Die Verschmelzung der verschiedenartigen Elemente. genden fränkischen Rock getragen habe, wahrscheinlich als Hul- digung gegen den Stamm, bei welchem bis jetzt die Herrschaft ge- wesen war, und von dem sie nun auf die Sachsen überging. Die Sachsen aber, wie schon oben erwähnt, unterschieden sich in ihrer nationalen Tracht dadurch von den Franken und andern deutschen Völkerschaften, daß ihr Rock, wenn auch ebenso kurz, doch weiter war, ihr Mantel aber länger als der fränkische. In einem andern Sinne stellt Liutprand, welcher zur Zeit Ottos des Großen Bischof von Cremona war und für denselben eine Gesandtschaftsreise nach Constantinopel machte, die weite und weibische Kleidung der Griechen, die er aus eigener Anschau- ung hatte kennen lernen, der fränkischen gegenüber. Dieser Ge- gensatz paßt völlig zu der Tracht, wie sie uns in dem Stuttgarter Psalterium entgegen tritt. Während vor der Trennung des gro- ßen römischen Reichs Griechen und Römer gleich gekleidet gingen, waren jene seitdem von der gemeinsamen Tracht völlig im Ge- schmack der Orientalen abgewichen. Und so konnte Liutprand in seinem Gesandtschaftsbericht sagen: „Der Beherrscher der Griechen trägt langes Haar, Schleppkleider, weite Aermel und eine Wei- berhaube“ — wir haben sie schon bei Karl dem Kahlen kennen lernen — „dagegen trägt der König der Franken schön gekürztes Haar, eine Kleidung, die von der Weibertracht ganz verschieden ist, und einen Hut.“ Wir bemerken hier die Veränderung im Ge- schmack, wonach dem langen Lockenhaar der Urzeit gegenüber jetzt römischer Sitte gemäß das kurze Haar für schön gilt. Den Ein- druck, den die höchst fremdartige Erscheinung des griechischen Kaisers machte, vergegenwärtigt uns Liutprand durch eine Anek- dote. Er hatte zwei große Hunde aus Deutschland mitgenommen als Geschenk für den Kaiser; als sie nun bei der Audienz dessel- ben ansichtig wurden, fuhren sie wüthend auf ihn los. „Denn ich glaube,“ setzt Liutprand hinzu, „daß sie ihn nicht für einen Menschen, sondern für irgend ein Ungeheuer hielten, als sie ihn erblickten, wie er nach Art der Griechen mit einem Weibermantel und ganz seltsamer Kleidung angethan war.“ Die Beinbekleidung auf den Bildern des Stuttgarter Psal- I. Aelteste Zeit bis zu den Kreuzzügen. teriums bildet die enge, anschließende Hose, welche entweder auch die Füße bedeckt, oder, was gewöhnlicher ist, in Stiefeln steckt, die bis zur halben Wade hinaufgehen, wo der Rand ein wenig umgelegt oder zur Zierde ausgezackt ist. Nur der König und die Frauen tragen Schuhe, jener goldene. Die Stiefeln sind von sehr mannigfacher und lebhafter Farbe, z. B. roth, grün, blau, ohne im Uebrigen geschmückt zu sein, ja was noch merkwürdiger ist, es zeigt sich hier schon an den Stiefeln wie überhaupt an der Bein- bekleidung die später so beliebte getheilte Anwendung zweier Far- ben, das s. g. mi-parti, wonach die vordere oder die hintere, die rechte oder die linke Seite eine verschiedene Farbe tragen. So sind die Stiefel eines Kriegers vorn roth und hinten violett; König David, der auf diesen Bildern die Harfe spielend in der Tracht der Zeit erscheint, trägt die Bekleidung des rechten Beines vorne roth und hinten blau, und die des linken umgekehrt, eine Theilung, welche sich, da der König keine Stiefeln trägt, bis auf die Fußspitzen fortsetzt. Auch ein anderer König trägt sich also; sein rechtes Bein ist vorne roth und hinten grün, das linke um- gekehrt. Das Haar ist auf denselben Bildern bei Männern hohen und niedern Standes auf gleiche Weise in mäßiger Kürze gehal- ten, daß es nie auf die Schultern oder über den Nacken fällt. Der Kopf ist übrigens, die gekrönten Häupter ausgenommen, unbedeckt. Wir wissen aber aus Liutprand, daß Kaiser Otto I. einen Hut trägt, und er wird auch beim Volke keine Seltenheit gewesen sein, wenn es auch immerhin bemerkenswerth bleibt, daß auf allen Bildern sich keine andere männliche Kopfbedeckung fin- det als Kronen und Helme. Auch die schriftlichen Quellen geben keine Anhaltspunkte, nur Widukind weiß von den Strohhüten seiner Sachsen eine wunderliche Geschichte zu erzählen. Als Kö- nig Otto I. — es war im Jahr 946 — gegen Frankreich zog, verhöhnte der Herzog Hugo ihn und die Sachsen, „daß sie un- kriegerisch seien, und daß er leicht mit einem einzigen Zuge sieben Speere der Sachsen verschlucken könne. Darob gab der König,“ so erzählt Widukind weiter, „die berühmte Antwort: er habe eine 3. Die Verschmelzung der verschiedenartigen Elemente. solche Menge von Strohhüten, welche er ihm darbieten könne, wie weder er noch sein Vater je gesehen. Und wirklich fand sich, obgleich das Heer sehr stark war, nämlich 32 Legionen, niemand, der nicht eine solche Kopfbedeckung trug, einige wenige ausge- nommen.“ Es soll diese Ausnahme der Abt von Corvey mit dreien seiner Begleiter gemacht haben. Wir wollen uns nicht die Mühe geben, das Räthselhafte dieser Geschichte aufzulösen; wir werden den sächsischen Strohhüten später wieder begegnen. — Im elften Jahrhundert geben einzelne Bilder Beispiele von Kopf- bedeckungen. Krieger sowohl wie Leute des Friedens tragen zu- weilen eine Mütze, welche dem Kopfe eng anliegt und mit einer umgebogenen Spitze völlig der bekannten phrygischen gleicht, doch von festerem Stoffe zu sein scheint und auch, mit Eisen beschla- gen, in dieser Zeit wirklich als Helm dient, — Es scheint nicht, als ob unter den späteren Ottonen die mannigfachen Beziehungen, in welchen sie mit dem griechischen Reiche standen, und durch deren Einfluß man in andern Zwei- gen der Cultur mancherlei Erscheinungen zu erklären versucht, auf die höfischen oder vornehmen Trachten in Deutschland von erheblicher Wirkung gewesen seien. Denn wie wir dieselben aus dem Stuttgarter Psalterium haben kennen lernen, so finden wir sie funfzig Jahr später in einem Evangelienbuche, welches Otto III. etwa ums Jahr 1000 dem Domschatz zu Aachen schenkte, fast un- verändert wieder. Nur den Edelsteinbesatz vermissen wir, der übrigens noch keineswegs aus der Zeit verschwunden war. Auf einem Miniaturbilde dieser Handschrift sitzt Otto III. , der Sohn der griechischen Theophanie, auf dem Thron, mit kurzem Haar und jugendlich bartlosem Gesicht, einen goldenen, mit Perlen be- setzten Kronenreif auf dem Haupt, angethan mit einer bis auf die Füße herabfallenden Tunica, die nicht enger und nicht weiter ist, als wir sie bisher haben kennen lernen; sie ist von blauer Farbe, einfach und ungegürtet; ein rother Mantel ist auf der rechten Schulter befestigt, und nach hinten zurückgeschlagen; die engen braunen Beinkleider stecken in blaßrothen, nicht hoch hinaufrei- chenden Stiefeln, an welchen eine Reihe weißer Punkte, vielleicht I. Aelteste Zeit bis zu den Kreuzzügen. Perlen oder Schmelz, von oben über den Fuß herunterläuft. Zu den Seiten des Thrones stehen zwei deutsche Fürsten, wie ihre kronenartige Kopfbedeckung erkennen läßt, welche mit Fähnlein geschmückte Lanzen in den Händen halten; weiter unten befinden sich noch zwei Krieger mit Lanze und Schild. In der Tracht glei- chen alle vier den oben beschriebenen Waffenträgern Karls des Kahlen ohne irgend einen erheblichen Unterschied. Nur ihre blauen Stiefel sind kürzer und zeigen dicke Sohlen. Die längere Tunica, welche wir bisher vorzugsweise bei Königen, wie Karl dem Kahlen und Otto III. , angetroffen ha- ben, geht im 11. Jahrhundert vom Herrscher auf den ganzen Adel über, während bei der Menge des niedern Volks der alte Rock, weiter und faltiger geworden und über den Hüften aufge- bunden, völlig erstarrt und hier und da beim Landvolk oder über- haupt beim Arbeiter in der Form der Blouse oder des Polhemdes sich durch alle Jahrhunderte erhalten hat, um im neunzehnten selbst noch eine Rolle zu spielen. Schon zu den Zeiten Kaiser Heinrichs II. (1002—1024) ist in der Friedenstracht die längere Tunica vorherrschend. Er selbst trägt sie durchgängig. Es existi- ren mehrere Miniaturbilder von ihm, von denen zwei, in einem Missale befindlich, welches er selbst dem Domschatz zu Aachen ge- schenkt hat, wie nach der Natur gemacht sind. Beide Darstellun- gen zeigen zwar manche Verschiedenheiten, aber in leicht erklärli- cher Weise. Die eine, welche ihn auf dem Throne sitzend in höch- stem Ornat darstellt, ahmt in der Verzierung die Auszeichnung der griechischen Kaiserfamilie nach, deren Kleidung mit großen, farbig verzierten goldenen Scheiben geschmückt war, ein Vorrecht, dessen schon oben gedacht wurde. Diese Scheiben sehen wir auch beim Kaiser Heinrich auf den Schultern und beiden Knieen. Sonst sind Tunica und Purpurmantel von breiten, mit Edelsteinen be- setzten Streifen umsäumt, und gleiche Vorstöße haben auch die Aermel an den Händen. Die Schuhe sind ebenfalls golden, mit Edelsteinen besetzt und mit einem goldenen Riemen gehalten. Die enge rothe Beinbekleidung ist mit dunkelrothen Linien carrirt. Auf dem Haupt ruht eine breite, reich verzierte Krone mit vierfa- 3. Die Verschmelzung der verschiedenartigen Elemente. chem Lilienschmuck auf dem obern Rande, die Linke hält den Reichsapfel mit dem Kreuz, die Rechte das Scepter. Das Haar ist kurz wie bisher, aber neben dem Schnurrbart erblicken wir zum ersten Mal wieder seit der Merovinger Zeit einen Bart auf Wangen und Kinn. Darin weicht auch das zweite Bild nicht ab, welches ihn stehend darstellt, das Schwert und die heilige Lanze, welche den Leib Christi berührte, in den Händen. Aber der Man- tel und die fast zu den Füßen herabreichende, von einem goldenen Gürtel faltig zusammengefaßte Tunica ermangeln sowohl jener eigenthümlich byzantinischen Verzierung wie des Edelsteinbesatzes. Die goldenen Schuhe bedecken den ganzen Fuß. Eine andere Darstellung desselben Kaisers aus einem etwas späteren, doch noch der Zeit vor den Kreuzzügen angehörenden Manuscript, wel- ches die Legende von der Anklage und dem Gottesgericht der hei- ligen Kunigunde, seiner Gemahlin, erzählt und mit Miniaturen begleitet, zeigt, daß das elfte Jahrhundert die gewonnene Grund- form der langen und weiten Tunica festhält, obwohl der einfa- chere und geringere Schmuck, sowie das Umhängen des Mantels über die Schultern ohne Agraffe, welche jedoch keineswegs außer Gebrauch gekommen war, auf neue Aenderungen hindeuten. Auch das Gefolge trägt die Tunica von derselben Form und über den Hüften faltig gegürtet. Der kurze Vollbart, den der Kaiser hier wie auf den andern Bildern trägt, ist seit dieser Zeit wieder als fürstliche Auszeichnung zu betrachten; sein Gefolge oder was uns sonst von nicht fürstlichen Personen in dieser Zeit begegnet, ist völlig bartlos. Die Art, in welcher das Haupthaar getragen wird, ist überall gleich: es fällt ein wenig über das Ohr herun- ter, wo es sich dann in leichten Locken krümmt. Auch hier ist außer der Krone des Kaisers keine Kopfbedeckung vorhanden. Wenn wir das im Vorstehenden über die Männerkleidung Berichtete in ein kurzes Resultat zusammenfassen, so gehörten zur vollständigen Toilette eines nobeln Mannes im elften Jahrhun- dert, mit welchem wir die alte Zeit abschließen, die folgenden Gegenstände: ein umgehängter und für gewöhnlich auf der rech- ten Schulter mit einer Agraffe befestigter Mantel, ein langer und I. Aelteste Zeit bis zu den Kreuzzügen. weiter, bis gegen die Füße herabreichender Rock von der Form der römischen Tunica, aber mit langen und engen Aermeln, wel- cher unbehülflicher Weise, unserm Hemd gleich, über den Kopf angezogen und mit einem Gürtel über den Hüften faltig zusam- mengefaßt wurde; ferner eine enge Beinbekleidung und Stiefel von gewöhnlicher Form, welche bis zur halben Wade über die Hose hinaufreichten, oder Schuhe, welche den ganzen Fuß bedeck- ten. Eine Kopfbedeckung ist eine seltne Erscheinung; sie wird aber in schriftlichen Nachrichten erwähnt als Hut beim Fürsten, als Strohhut bei den Sachsen, und wo wir derselben auf bildli- chen Darstellungen in der Kriegs- wie in der Friedenstracht be- gegnen, gleicht sie einer gesteiften phrygischen Mütze; sie ist farbig und unten noch mit einem besondern Rand versehen. Auch Hüte von Pelz und mit Gold verziert kommen vor; und im Rudlieb wird eine schwarze Reisemütze erwähnt. Ein nicht sichtbares Un- terkleid war das Hemd, welches wie die Hose vom Anstand durch- aus geboten war. Wir sehen das aus der Erzählung von einem Bischof, Eid von Meissen, welcher aus ascetischen Gründen nie- mals Hose und Hemd getragen hatte, außer wenn er Messe gele- sen. Auch das niedere Volk trug nur den einfachen kurzen Rock ohne Hemd, und eine Beinbekleidung findet sich bei demselben ebenso häufig, wie sie völlig fehlt; auch kommen Strümpfe vor, die bis zum Knie heraufreichen. Nackte Beine finden sich beim Bauer und Arbeiter noch viel später. In dieser Zeit bestand, soviel sich schließen läßt, die Bein- bekleidung aus zwei Strümpfen, welche die Füße und die Beine völlig und in tricotartiger Enge bedeckten, sodaß sie wie „ange- boren“ erschienen; doch werden auch Hosen ohne Füßlinge er- wähnt, und wirklich sehen wir wohl auf Bildern, wenn auch et- was später, die Zehen und einen Theil des Fußes frei. Mit den Füßen steckte die Strumpfhose gewöhnlich in Stiefeln oder in Schuhen, doch fehlen diese auch so häufig, daß wohl anzunehmen ist, es seien Sohlen unter den Füßen an den Strümpfen befestigt gewesen. Wann nun aus diesen langen Strümpfen, für welche — wenn anders sie gemeint sind — das Wort Hose schon beim 3. Die Verschmelzung der verschiedenartigen Elemente. Paulus Diaconus vorkommt, die völlig geschlossene Hose wurde, welche den Unterleib mit bedeckte und nur ein einziges Stück bil- dete, ist schwer zu bestimmen, da die lange Oberkleidung uns aller Anhaltspunkte für die Beobachtung beraubt. Uebrigens war das Beinkleid in der Grundgestalt des unsrigen der alten Zeit keines- wegs unbekannt; die Dacier wie die Gallier trugen sie also, weit und faltig und über den Füßen gebunden. Einem Abkömmling von ihr begegnen wir bei den Normannen wie bei den Angelsachsen auf der Stickerei der Königin Mathilde in der zweiten Hälfte des elften Jahrhunderts; bei beiden Völkerschaften werden neben den engen und langen Strümpfen Hosen getragen, welche in luftiger Weite nur bis zu den Knieen heruntergehen; von unter her sind die Beine durch Schuhe und Strümpfe geschützt. Diese Form geht auch in die Ring- und Schuppenrüstung über. Die Binden, welche noch unter Karl dem Großen und im neunten Jahrhun- dert die Beinbekleidung umwickelten, verschwinden im Lauf des zehnten mehr und mehr und hören im Beginn des elften ganz auf. Daß die weite und faltige Hose dieser Zeit nicht unbekannt war, davon werden wir weiter unten Beweise bei der Geistlichkeit haben. In Bezug auf die Frauenkleidung fehlen in der Zeit Karls des Großen, soviel auch von ihrem glänzenden Putze er- zählt wird, doch für eine nähere Bestimmung des Schnittes und des Charakters alle Anhaltspunkte, da uns keine bildlichen Quel- len zu Gebote stehen. Nur von den Angelsachsen gilt nicht das Gleiche. Auf den Bildern ihrer Handschriften aus der ersten karo- lingischen Zeit tragen die Frauen bereits die lange, weite und faltige Tunica unter einem weiten und langen Mantel, und den Kopf mit einem Schleier oder Tuch dicht umwunden. Locale Ein- flüsse scheinen in dem romanisirten England rascher den altdeut- schen Charakter überwunden zu haben. Für Deutschland geben uns die ersten Frauenbilder eine Evangelienhandschrift auf der Heidelberger Bibliothek aus dem neunten Jahrhundert und die Bibel in Rom, welche wir schon bei Karl dem Kahlen erwähnten. Es sind vornehme elegante Damen, unter welchen sich auch die Kaiserin selber befindet. Ihre Erscheinung entspricht dem glän- Falke , Trachten- und Modenwelt. I. 5 I. Aelteste Zeit bis zu den Kreuzzügen. zenden Bilde, welches die begeisterten Lobsinger des karolingischen Hauses in uns haben entstehen lassen. Die Kleider, welche in vollen und lebhaften Farben, in Roth, Blau, Purpur und Weiß leuchten, sind übersäet mit Goldstickerei in freilich einfachen Mu- stern; breite goldene Säume umgeben den Hals und den unteren Rand, Goldborten ziehen sich in Streifen von oben nach unten, golden oder auch farbig sind die Schuhe, golden die Fassung am Handgelenk, ein langer goldener Schmuck, aus ineinander gefüg- ten Ringen oder Rauten bestehend und mit Edelsteinen besetzt, hängt in den Ohren. Auch umgiebt den Hals ein breites golde- nes, mit Edelsteinen besetztes Band, von welchem andere Steine herabhängen. Eine Agraffe faßt die Tunica unter der Brust fal- tig zusammen; doch scheint dieselbe gewöhnlicher noch zu fehlen. Eine Kaiserin trägt das Haar in der Mitte der Stirn gescheitelt und darüber einen reichen, mit Juwelen besetzten Kronenreif. Dem Schnitte nach ist das Hauptkleid ein der römischen Frauentunica ähnlicher Rock, doch weniger weit und faltig, welcher, Hals und Nacken frei lassend, mit seinem goldnen Saum um Schultern und Brust anschließend sich herumlegt, dann abwärts ein wenig wei- ter wird, sodaß die Körperformen nicht hervortreten, und endlich ungegürtet und mit wenigen Falten ohne Schönheit in der Form bis tief auf die Füße herabfällt, daß nur die Spitzen hervorsehen. Die Aermel sind doppelt und andersfarbig als das Kleid, z. B. weiß zu roth; doch ist wahrscheinlich, daß die untern Aermel, welche eng den ganzen Arm bedecken und an der Hand mit gol- dener Fassung endigen, einer untern Tunica angehören, die bei einigen dieser Frauen sichtbar ist. Die oberen Aermel, weiß wie die unteren und mit goldenen gemusterten Streifen versehen, sind kürzer, aber weit und offen. Die Haare bedeckt schleierartig ein weißes oder farbiges, in einfachen Mustern goldgesticktes Tuch, welches faltig und luftig über Schultern und Rücken herabfällt und mit der Linken aufgenommen ist, oder wie ein Mantel den Körper umhüllt. Die Musterung besteht in Drei- oder Vierblät- tern, in kleinen Kreisen, Kreuzen oder in Netzwerk aus Goldfä- den. Die Schuhe laufen in eine nicht bedeutende Spitze aus. 3. Die Verschmelzung der verschiedenartigen Elemente. Ganz dieselbe Frauentunica, am Halse anliegend, dann weit, ungegürtet, ohne Taille und ohne Falten, mit ähnlicher goldenen Bortenverzierung und Musterung, mit weißen Ober- und Unterärmeln, von denen jene kurz und weit, diese lang und eng sind, finden wir gegen die Mitte des zehnten Jahrhunderts auf den Blättern des Stuttgarter Psalteriums wieder. Auch zei- gen die den ganzen Fuß bedeckenden Schuhe, golden, farbig oder schwarz, dieselbe sich zuspitzende Form. Das Haar aber, wenn es von der Krone bedeckt ist, fällt lang und frei, gelockt oder schlicht über den Nacken herunter, oder es ist mit weißen Bändern um- wunden und durch Nadeln mit Knöpfen von Steinen aufgesteckt. Der Mantel, wo er vorhanden ist, einfarbig und ungemustert, ist über beide Schultern herübergeschlagen und vorn auf der Brust mit einer Agraffe in Gestalt einer großen Rosette befestigt. — Es muß aber auch Ausnahmen von der weiten Tracht im zehnten Jahrhundert gegeben haben, denn Dietmar von Merseburg be- richtet von modischen Damen, die ihrer Kleidung solche Enge ge- geben hätten, daß die Formen scharf herausgetreten seien und sie somit ihren Liebhabern alle Reize dargelegt hätten — „offen, ohne Scham und ein Schauspiel für das ganze Volk.“ Er setzt aber hinzu, daß es eine neue und unerhörte Mode gewesen sei. Ziemlich das elfte Jahrhundert hindurch bewahrt die Frauen- kleidung treu den angegebenen Charakter der Formlosigkeit neben glänzendem Reichthum an Metall und edlen Steinen. Es bleiben der umgehängte Mantel und die beiden Tuniken von gleichmäßi- ger, faltenloser Weite, obwohl am Schnitt im Laufe des Jahr- hunderts einige Veränderungen eintraten. Das Bestreben, in ver- schiedenen Farben zu glänzen, die damals auf einem Stück Zeug nur durch mühsame Stickerei herzustellen waren, ließ die untere Tunica zu größerer Geltung kommen, dadurch, daß die obere von unten her und an den Aermeln sich verkürzte. Die letztere, mit breitem Goldsaum am Hals, an den Aermeln und am untern Rand, schmiegt sich an Hals und Schultern an, fällt dann aber, ohne nur eine Andeutung von Taille zu geben oder zum Falten- wurf die nöthige Entwicklung zu gewähren, in senkrechter Linie 5* I. Aelteste Zeit bis zu den Kreuzzügen. bis über die Kniee herunter und bedeckt den Oberarm mit gleich- weiten, offenen Halbärmeln. Dies Kleidungsstück gleicht völlig der priesterlichen Dalmatica derselben Zeit. Die untere Tunica, gehemmt und bedeckt von der oberen, ist nur an den Füßen und mit ihren engen Aermeln am Unterarm sichtbar. Bei der Frauen- kleidung niedern Standes in der Stadt wie auf dem Lande war die Form die gleiche; den Unterschied machte nur der weniger kost- bare Stoff und der Mangel an Besatz und Schmuck. Wenn nun auch die Kleidung dieser Periode, sowohl der Männer wie der Frauen, aller schönen Form, welche erst die fol- gende Periode des Romanismus bringen sollte, ermangelte und deßhalb den ästhetischen Geschmack nicht befriedigt, so hatten doch ihre Träger durchaus nicht auf Putz und Prunk Verzicht geleistet, selbst nicht auf ein gewisses Stutzerthum. Sie liebten, wie wir gesehen haben, den Glanz des Goldes und das Funkeln der edlen Steine. Vornehme Damen hielten ihre eigenen Schmuckmädchen. Sie hatten ferner ihre Freude an vollen und leuchtenden Farben, und brauchten sie auch da, wo wir jede Farbe möglichst abweisen, wie bei der Fußbekleidung. Zwar kommen auch schwarze Schuhe und Stiefel vor, welche blank gemacht wurden wie bei uns, ge- wöhnlicher aber sind sie farbig, roth, grün, blau, gelb, auch gol- den, von Seide oder kostbarer Leinwand, auf dem Fuß mit Per- len und Steinen besetzt, umwunden mit feinen Riemen von far- bigem Corduanleder, das schon damals ein Erzeugniß der be- rühmten spanischen Sarazenenhauptstadt war. Der Form nach schlossen sie sich genau dem Fuße an und liefen in eine feine Spitze aus; jeder Fuß trug seinen besonders für ihn gemachten Schuh. — In diese Zeit einer zwischen Barbarismus und Civi- lisation schwankenden Eitelkeit fällt auch die Entstehung des mi- parti, der getheilten Kleidung, wonach beide Hälften des Kör- pers, von oben nach unten getheilt, verschiedene Farben tragen. Wir haben sie schon bei der Beinbekleidung im zehnten Jahrhun- dert angetroffen; im elften zeigt sie sich auch an den Röcken. Eine ausgezeichnete Pflege erfuhr auch das Haar, der Teint und die Nägel; für die letzten sowie zum Kräuseln der Haare gab 3. Die Verschmelzung der verschiedenartigen Elemente. es besondere Instrumente. Ein solches von Silber gemacht schenkte einmal König Alfred einem Priester. Alle derartigen zur Toilette gehörenden Verrichtungen sollten mit besondern Gebeten angefangen werden, wenigstens hatte die Geistlichkeit solche zu diesem Zwecke abgefaßt und vorgeschrieben. Auch Handschuhe kommen bereits vor und nicht bloß zum Schutz gegen des Win- ters Kälte. Kämme von schön geschnittener Arbeit, von Elfen- bein, mit Gold und Silber verziert, gehörten zum Schmuck des Toilettentisches. Schon in dieser Zeit führten die Damen kleine Handspiegel bei sich, die auf der Rückseite mit Elfenbeinschnitze- reien verziert waren. Selbst Geistliche, von deren Eitelkeit wir noch mehr erfahren werden, sollen schon im achten Jahrhundert oben auf den Schuhen kleine Spiegel getragen haben, um die eigene reizende Figur stets im Auge zu haben. Die warmen Bä- der besuchten auch die Männer und zwar aus dem ausdrücklich angeführten Grunde ihre Haut weiß zu erhalten. Der Lebensbe- schreiber des Erzbischofs Bruno weiß es demselben hoch anzurech- nen, daß er solchen Luxus verschmähte, „was umsomehr zu be- wundern ist, da er, man kann sagen von den Windeln her, an größte Sauberkeit und königlichen Glanz gewöhnt war.“ Er ver- schmähte die weichen und feinen Kleider, in denen er erzogen war, „unter den purpurbekleideten Dienern und den von Gold strotzen- den Kriegern ging er einher in niedrigem Gewand und bäuerli- chen Schaffellen.“ Wir sehen, welche Pracht am Hofe herrschen mußte, wenn selbst die Diener Purpur trugen, obwohl diese Nachricht nicht buchstäblich genommen zu werden braucht. Der Purpur war außerordentlich beliebt und gesucht, mehr wohl um seines großen Rufes und seiner Kostbarkeit willen als wegen der Farbe, da sein dunkles Violett wenig Wirkung hervorzubringen vermochte; obwohl es daneben noch andere weniger kostbare Ar- ten gab in verschiedenen Farbenabstufungen bis zum Rothen und Röthlichgelben. Ueber diesen häufigen Gebrauch des Purpurs war der griechische Kaiser sehr erzürnt, denn er betrachtete ihn als sein und seiner Familie Vorrecht. Darum enthielt er sich nicht, dem deutschen Gesandten Liutprand bei seiner Heimreise das Ge- I. Aelteste Zeit bis zu den Kreuzzügen. päck durchsuchen zu lassen und ihm fünf Stück des kostbarsten Purpurs zu nehmen. „Welche Schande!“ ruft der erzürnte Ge- sandte aus, „weichliche, weibische Menschen, die weite Aermel, Weiberhauben und Schleier tragen, Lügner, Menschen von kei- nerlei Geschlecht, Faulenzer sollen sich in Purpur kleiden, nicht aber Helden!“ Als Kleiderstoff war außer der so gesuchten, feinen by- zantinischen Leinwand noch zu Kleidern wie zu Mänteln Seide beliebt und gebraucht; sie kam ebenfalls aus dem Orient. Nicht minder war schon Sammet im Gebrauch, denn im Gedicht vom Rudlieb heißt es, daß dieser Ritter seine Hausfrau, da sie seiner gut gepflegt hatte, mit einem Mantel von Sammet beschenkte, sich damit beim Kirchenbesuch zu schmücken. In Deutschland wurde die Seide, wie es auch mit andern Stoffen geschah, mit Stickereien verziert. Es war das eine Arbeit der Damen, aber nicht immer eine freiwillige, denn im zehnten Jahrhundert waren z. B. die Frauen und Töchter der Dienstmannen des Erzstifts Mainz zu solchen Stickereien in Seide verpflichtet. Am berühm- testen waren in dieser Arbeit die englischen Damen, und die noch erhaltene großartige Stickerei der Königin Mathilde und ihrer Damen, welche die Eroberung Englands durch den Normannen Wilhelm darstellt, legt das rühmendste Zeugniß ab. — Auch mit fremdem und kostbarem Pelzwerk wurde der Luxus fortgesetzt, wie er den Germanen seit ältester Zeit eigenthümlich zugeschrieben wird, und man begnügte sich nicht mehr mit der natürlichen Fein- heit und mit dem Zusammennähen verschiedenfarbiger Felle, son- dern man färbte sie selbst. So trugen die Hofleute des Gegenkö- nigs Rudolf von Schwaben bei seiner Krönung in Mainz roth- gefärbte Pelzverbrämung. Die Feinheit und Kostbarkeit des Pel- zes unterschied schon früh die Stände von einander, und Bürgern und Bauern war der feine selbst rechtlich untersagt. Wie sehr in dieser Zeit trotz Bürgerkriege und trotz Norman- nen- und Ungarnnoth Luxus und Putzsucht sich aller Stände, die überhaupt derselben fähig waren, bemächtigt hatten, zeigt am besten die Art und die Ausdehnung, in welcher sie unter die Geist- 3. Die Verschmelzung der verschiedenartigen Elemente. lichen gekommen waren. Einige Beispiele haben wir schon oben kennen lernen. In der zweiten Hälfte des zehnten Jahrhunderts hatte die Eitelkeit unter den Klostergeistlichen, also unter denen, die das Gelübde der Armuth abgelegt hatten, so überhand ge- nommen, daß der Erzbischof Adalbero von Rheims sich genöthigt sah, eine Synode der Aebte seines Sprengels zusammenzurufen, um dem Unwesen gesetzlichen Einhalt zu thun (im Jahre 972). In seiner für uns äußerst interessanten Rede, die ein Streiflicht wirft auf das, was die andern Stände thun, zählt er die einzel- nen Gebrechen auf: „Es giebt,“ sagt er, „einige unseres Standes, welche sich öffentlich das Haupt mit einem goldgeschmückten Hut bedecken, welche ausländisches Pelzwerk der von unserer Regel vorgeschriebenen Kopfbedeckung vorziehen und statt der unschein- baren Mönchskleidung kostbare Gewänder anlegen. Sie tragen gern um hohen Preis gekaufte Röcke mit weiten Aermeln und großen Falten und ziehen sie um den Leib so fest zusammen, daß die eingeschnürten Hüften den Hintern hervortreten lassen, und man sie von hinten eher für unzüchtige Weiber als für Mönche halten könnte.“ Wir sehen, daß es den Mönchen dieser Zeit schon um etwas zu thun ist, was wenigstens anständige Damen noch verschmähen, — um Taille. „Was soll ich aber,“ fährt der Erz- bischof fort, „von der Farbe ihrer Kleider sagen? Ihre Verblen- dung geht so weit, daß sie Verdienst und Würde nach der Farbe der Stoffe beurtheilen. Wenn ihnen der Rock nicht durch seine schwarze Farbe gefällt, so wollen sie ihn schlechterdings nicht an- legen. Hat der Weber dem schwarzen Zeuge weiße Wolle beige- mischt, so wird auch deswegen der Rock verschmäht. Auch der braune Rock wird verschmäht. Nicht minder ist ihnen auch die von Natur schwarze Wolle nicht anständig genug, sie muß künst- lich gefärbt sein. So viel von ihrer Kleidung. Was soll ich aber von ihren abenteuerlichen Schuhen sagen? denn in dieser Hinsicht sind die Mönche so unvernünftig, daß ihnen der Nutzen einer Fußbekleidung großentheils entgeht. Sie lassen sich nämlich ihre Schuhe so eng machen, daß sie darin fast wie an den Stock ge- I. Aelteste Zeit bis zu den Kreuzzügen. schlossen am Gehen gehindert sind. Auch setzen sie denselben vorne Schnäbel, an beiden Seiten aber Ohren an, und tragen große Sorge, daß sie sich genau dem Fuße anschließen, halten auch ihre Diener dazu an, daß sie mit besonderer Kunst den Schuhen einen spiegelhellen Glanz verleihen. Soll ich schweigen von ihren kostbaren Leintüchern und Pelzkleidern? Da unsre Vorgänger aus besonderer Nachsicht den Gebrauch von gemeinem Pelzwerk er- laubt haben, schlich sich auch hierin das Laster unnützer Pracht bei uns ein. Nun umziehen sie ihre ausländischen Pelze mit einem Saume, der zwei Spannen breit ist, und überziehen sie mit norischem Tuche. Sich leinener Betttücher zu bedienen, ist keines- wegs erlaubt, und doch haben einige pflichtvergessene Mönche auch dieses zu ihrem unnützen Aufwand hinzugethan, und da die Anzahl derselben in den verschiedenen Klöstern sehr groß war, so haben sich die wenigen Guten von den zahlreichen Bösen verlei- ten lassen. Was aber soll ich von ihren unanständigen Beinklei- dern sagen? Ihre Hosen haben eine Weite von sechs Fuß und entziehen doch wegen der Feinheit des Gewebes nicht einmal die Schamtheile den Blicken. Ein einziger ist nicht zufrieden mit einem Stück Zeug, welches für zwei vollkommen ausreichen könnte.“ Es ist wohl anzunehmen, daß die Mönche in diesem eitlen Thun nicht der Welt vorangegangen sind, sondern von dieser das Beispiel erhalten haben — wir erinnern an das, was Dietmar über die Frauen erzählt —, wenn sie auch aus Veranlassung ihrer besondern Tracht in Einzelheiten, wie in der Schnürung der Taille und in der weiten Hose, eine mehr originale Erfindungsgabe be- währen. Die Synode setzte ihrer Eitelkeit Schranken. Wahr- scheinlich ist es anderswo ebenso gegangen. Noch im Laufe des zehnten Jahrhunderts scheinen sich diese Thorheiten gelegt zu ha- ben, und es mag von Einfluß darauf das Herannahen des neuen Jahrtausends gewesen sein, mit dessen Anbruch nach der allge- meinen Ueberzeugung der Untergang der Welt eintreten sollte, den man freilich nur mit Bußübungen erwarten und empfangen 3. Die Verschmelzung der verschiedenartigen Elemente. durfte. Das elfte Jahrhundert zeigte in denselben Formen einen weit gesetzteren und einfacheren, aber darum nicht schöneren Cha- rakter; es ruhte gleichsam aus von dem langen Kampfe der hei- mischen mit den fremden Elementen, um nach diesem Winter- schlafe ein neues, reicheres und eigenthümlicheres Leben aus sich hervorgehen zu lassen. — Zweites Buch. Das Mittelalter . Erstes Kapitel. Entwicklung einer originalen mittelalterlichen Tracht unter dem Einfluß des Frauencultus bis zur Höhe plastischer Schönheit . 1100—1350. Die wunderbare und glanzvolle, an Schönheit und blenden- den Erscheinungen so reiche Zeit der Hohenstaufen, die Periode des 12. und 13. Jahrhunderts vom Beginn der Kreuzzüge an, man kann sagen im ganzen christlichen Abendlande, verhält sich zur vorhergehenden Periode, als noch Barbarismus und Civili- sation, Antikes und Germanisches, Christliches und Heidnisches in leidenschaftlichem Kampfe lagen, wie das Nibelungenlied und dann besonders das ritterliche Epos und der Minnegesang zur Edda; sie verhalten sich wie die Freude und die Klage des Lebens, der Liebe Leid und Lust zu jenem Weltuntergang, in welchem Sonne und Mond von Wölfen verschlungen und die Götter des Himmels und der Erde von den Ungeheuern der Tiefe zerfleischt werden. Die Barbarei ist vom Throne gestürzt, die ungefüge, elementarische Kraft gebrochen, die wilden Leidenschaften mit ihren gewaltsamen Ausbrüchen und ihrem verzehrenden Feuer haben ausgetobt, und die Liebe und die Schönheit strecken mit sanfter Zaubergewalt ihr sittigendes Scepter über das ganze Zeitalter. Man kann die Veränderungen, welche im Völker- und Men- schenleben zur Zeit der Kreuzzüge eintraten, theils durch sie, theils 1. Entwicklung einer originalen mittelalterlichen Tracht. mit ihnen, denn sie selbst waren schon ein Ausfluß des neuen Geistes, in allen Zweigen der Cultur nicht leicht überschätzen. Es entsteht eine völlig andere Zeit; aus den Zweifeln ist die Welt befreit, die so lange im Kampf begriffenen Elemente haben sich versöhnt, und aus ihrer gegenseitigen fruchtbaren Durchdringung erblüht nun, nachdem die ausgestreute Saat im 11. Jahrhundert eine kurze Winterzeit geruht hat, ein neues, trotz aller fremden Anstöße und Elemente dennoch originales Leben üppig hervor. Das ganze Sein und Denken der Menschen wird allseitig und im tiefsten Innern erfaßt. Das Heidenthum hat ausgespielt und verklingt in leisen Tönen in Sage und Märchen und Volksgebräuchen. Das Christen- thum hat nun Wurzel geschlagen in der Tiefe des deutschen Ge- müths und sprießt mit einer Innigkeit des Glaubens und einer Wahrheit des Gefühls hervor, die bekunden, daß es fortan die Grundlage des geistigen Seins bildet. Statt daß früher der Glau- benseifer und die Orthodoxie sich durch Proselytenmacherei mit Wort und Schwert und Feuer zu bethätigen suchten, schlägt die Gluth der Empfindung zurück in die eigene Seele: es gilt fortan diese zu befreien von den Schlacken des Irdischen, das eigene Ge- wissen zu reinigen vom Bewußtsein der Sünde; der Andere ist gleichgültig. So versenkt sich die Seele in das Denken und Seh- nen, begierig nach näherer Gemeinschaft mit seinem Herrn und Freunde; das der Erlösung bedürftige und zur Entsagung bereite Gemüth gedenkt seines Leidens und seines Opfertodes und will in Demuth jene Stätten besuchen, wo er wandelte, wo er litt und starb, und dort anbeten und das schuldbeladene Gewissen erleichtern. So zogen die Pilger nach dem gelobten Lande, in Andacht versunken, zur Schwärmerei geneigt, und kehrten zurück, entzündet von orien- talischer Glaubensgluth, deren lodernder Fanatismus sich aber nach innen kehrte und die Seele der Herrschaft der Gefühle völlig unterwarf. Einmal aus der Welt der Thaten in die der Empfindungen hineingeworfen, blieb der Mensch mit seinem Sehnen und Den- ken nicht im Gebiet des Religiösen stehen: zu der himmlischen II. Das Mittelalter. Liebe trat die irdische, zum religiösen Cultus der Frauendienst, zur Gottesminne die Frauenminne. Früher war es der Mann gewesen, der in Liebe und Lied den Mittelpunkt abgegeben hatte, er, der Starke, der Kühne, in seinem Heldenthum der Stolz der Frau, er war der Geliebte gewesen, der in der Seele des liebend hingegebenen Weibes die Leidenschaft zur verzehrenden Gluth an- gefacht hatte. Noch im Nibelungenlied spielt die Liebe diese Rolle: um den geliebten Mann geschieht hier all das höchste Leid und Weh, was die Menschheit treffen und tragen kann; keine Zeit kann die Klage um den Tod des Geliebten lösen, keine Sühnung die Lust der Rache in der weiblichen Brust ersticken; ihr wird mit dem Feinde Volk und Familie zum Opfer gebracht, bis zum eige- nen Untergange. Jetzt kehrt sich das Verhältniß um: die Frau tritt als das geliebte Wesen nicht nur in den Vordergrund, sie wird zur Herrin . Sie nimmt Besitz von allem Sein und Den- ken des Mannes; all seine Thaten und seine Bestrebungen, die sonst dem Ruhme galten, sind nun ihr geweiht; der Gedanke an sie verläßt ihn nicht Tag und Nacht, er begleitet ihn auf seinen Zügen, in die Schranken und in die Schlacht, er stählt ihn im Kampf und führt ihn zum Sieg. Doch bei diesem immerwähren- den Denken an die Geliebte wird die Empfindung bald zur Empfindsamkeit, die Liebe wird zur Minne, die ihr Genüge finden kann an dem steten, innigen Gedenken, an der stillen, seligen Sehnsucht, die das holde Bild beständig vor Augen hat, selbst wenn sie von vornherein sich die Erfüllung der höchsten Wünsche versagen muß. — So wird nun die Frau, die Krone der Schöpfung, auch die Spitze und die unumschränkte Gebieterin alles socialen Lebens und Strebens. Die Liebe verkehrt sich in Frauen dienst , der Schönheit wird Verehrung dargebracht. So singt Walther von der Vogelweide: „Gott hat gehöhet und gehehret reine Frauen, Daß man ihnen wohl soll sprechen und dienen zu aller Zeit, Der Welt Hort mit wonniglichen Freuden liegt in ihnen.“ Bei dieser Stellung der Frau ging die Verehrung, welche bisher dem Erlöser zu Theil geworden war und womit die Periode 1. Entwicklung einer originalen mittelalterlichen Tracht. begonnen hatte, nun auf die Jungfrau Maria über. Bis dahin nur gefeiert als die Gottesmutter, wird ihr jetzt als der Jungfrau, als der Frau ein völlig selbstständiger Dienst geweiht. Sie wird zur Himmelskaiserin, zur Königin der Frauen, zum Ideal aller irdischen Schönheit. Wie das Herz des Mannes auch in weiter Ferne der Geliebten in beständigem Sehnen still gedenkt und ihr oft selbst erträumtes Bild im Innern unverlöschlich mit sich trägt, so gedenket die fromme Seele in stiller, verzückter Andacht der Jungfrau Maria. Der arme geistliche Schüler, da er der irdischen Minne entsagen muß, widmet all seine Inbrunst, sein sehnendes Verlangen ihrem wunderschönen Bilde, das seine Seele träume- risch erfüllt. Und die hohe Himmelskönigin läßt sich herab, wie die frommen Legenden erzählen, gnadenvoll in das Leben des liebenden Schülers persönlich einzugreifen. In lichter Schönheit, die den Wald durchleuchtet und der Sonne den Schein nimmt, angethan mit kostbaren, strahlenden Gewändern, erscheint sie ihm und mit ihrer „schneeweißen Hand“ — wie die Legende nie zu sagen vergißt — setzt sie ihm den Rosenkranz auf das Haupt, oder führt den Armen vor den Augen der staunenden Gläubigen als Priester an ihren Altar. In demselben Sinne wird auch das Ritterthum durch die veränderte Stellung der Frau umgeschaffen, ja es erhält durch sie erst seine Eigenthümlichkeit, denn der Frauendienst ist des ritter- lichen Lebens edlere, milde und menschliche Seite, er ist seine Seele. Im unmittelbaren Dienst schöner und edler Frauen wächst der adlige Knabe heran; zum Manne erstarkt, widmet er sich und seine Thaten einer auserwählten Geliebten. Beim Ritterschlag legt sie ihm die goldenen Sporen an und umgürtet ihn mit dem Schwert; er gelobt sie zu schützen und zu schirmen, ihren Ruhm auszubreiten; ihre Farbe trägt er im Kampf, und aus ihrer Hand empfängt er wieder den Preis seiner Siege. Unter ihrem beleben- den und verfeinernden Einfluß wird das Ritterthum ein lustiges, farbenbuntes und poesiereiches Wesen. Die Schilde, die Helme, die Waffenröcke, die wallenden Pferdedecken überziehen sich mit hel- len Farben und heitern Wappenbildern, Feste auf Feste werden II. Das Mittelalter. gefeiert, im Grünen leuchten die weißen Zelte, vor denen die Wappenschilde prangen und die bunten Fähnlein flattern, und immer den schönsten und edelsten Schmuck im Ganzen bilden die Frauen. Das nahm wieder ein Ende, da der Frauendienst sank; mit ihm verlor das Ritterthum den Reiz der Poesie und artete in Roheit und wüstes Treiben aus. — Da die Frauen aus der früheren Zurückgezogenheit, wie sie noch im Nibelungenlied herrscht, hervortreten und im geselligen Leben die Herrschaft übernehmen, so bildet sich in Folge dessen eine völlige Anstandslehre aus. Regeln und Vorschriften werden gegeben über das Benehmen der Geschlechter untereinander, Re- geln, wie eine feine Dame sich gebärden und sich tragen, wie sie gehen und stehen, wie sie essen und trinken soll. Der Umgangs- ton wird durch die Minne zur Galanterie von Seite der Herren, welcher die Damen freie Anmuth und Feinheit gegenüber stellen. „Die Minne lehrt die Frauen lieblich grüßen, Die Minne lehrt der Sprüche viel, der süßen, Die Minne lehret große Milde, Die Minne lehret große Tugend, Die Minne lehret, daß die Jugend Kann ritterlich gebahren unterm Schilde.“ Die Anstandslehre bildet, namentlich beim weiblichen Ge- schlecht, einen großen Theil der Jugenderziehung; die Mutter selbst unterrichtet darin, und neben ihr auch besondere Lehrmeister, zu denen die fahrenden Sänger genommen wurden, welche Gelegen- heit hatten, sich an den Höfen der Fürsten im feinen Ton auszu- bilden. Auch in der Tugend der Milde, der Freigebigkeit, wurden die fürstlichen Damen unterrichtet, denn es war ihr schönes Vorrecht, alle die an ihrem Hof erschienen und zu seiner Verherrlichung beitru- gen, die Ritter, die Sänger, die Spielleute, in fürstlicher Gnade reich zu beschenken, mit Kleidern, Waffen, Schmuck und Geld. Bei solcher Erziehung und solchem Hofleben stellte sich der Trieb nach größerer und tieferer Bildung ein, denn der Gesprächs- ton an diesen glänzenden Höfen war ein durchaus geistreicher. Die Dichter sangen ihre Lieder und machten zu Schiedsrichtern die 1. Entwicklung einer originalen mittelalterlichen Tracht. Damen, die also vertraut sein mußten mit der edlen Sangeskunst. Bei Tische oder sonst zur Unterhaltung wurden die alten Sagen, Erzählungen und Geschichten vorgetragen. Die Damen wurden im Gesang und in der Instrumentalmusik unterrichtet, und auch das Lesen und Schreiben war ihnen geläufiger als den Männern. Die Folge war, daß sie ihrerseits sich selbstthätig der Litteratur annahmen und ihren Einfluß auf sie ausübten. Durch diese directe Einwirkung sowie durch die veränderte gesellschaftliche Stellung der Frauen wurde auch die ganze Poesie umgewandelt; sie wird nun ihrem wesentlichen Charakter nach eine weibliche . Wie die Lyrik selbst als der vorzugsweise weib- liche Zweig überhaupt erst neu geschaffen wird und sich also gleich überwiegend vordrängt, so breitet sich der lyrische Geist in den andern Zweigen der Poesie aus und durchdringt das Epos völlig. Im alten Volksepos und noch in der überlieferten Form des Ni- belungenliedes herrschen die alten Charakterzüge, das Heldenthum und die Welt der Thaten, die Mannestreue und die Liebe als leidenschaftliche Hingebung des liebenden Weibes an den Gelieb- ten. Er ist der Herr. Die Liebe des Mannes zur Frau war gewiß nicht schwächer als später, aber sie äußerte sich in anderer Weise, der Mann blieb Mann und hielt sich unberührt von gefühlvoller Zärtlichkeit und überströmender Empfindung. Im ritterlichen Epos ist die Frau bereits die Herrin, welcher die Thaten des Mannes gelten; ihr wird Verehrung geweiht wie einem andern, höheren Wesen, gegenwärtig bringt er ihr seine Huldigungen dar in zar- tester Weise nach den Vorschriften der feinen höfischen Sitte, und abwesend zieht sie all sein Denken auf sich, und macht ihn alle Noth und Trübsal vergessen und alle Dinge um ihn her. So bleibt Parzival wie bezaubert stehen, da er im weißen Schnee drei Bluts- tropfen findet; die Farben führen ihm das Bild seiner schönen Königin vor die Seele; von Minnezauber gefesselt, hält er sein Pferd an und versinkt, sich selbst und alles Andre vergessend, in stilles Sehnen und Gedenken. Besinnungslos bleibt er in diesem Zustande, als ihn ein Ritter von der Tafelrunde zum Kampf auf- fordert: er hört ihn nicht und sieht ihn nicht, bis sein Pferd sich II. Das Mittelalter. plötzlich umwendet, und er die Blutstropfen aus dem Auge ver- liert. Da der Ritter vom Rosse gestochen, fesselt ihn aufs Neue die Macht der Minne durch den blutigen Schnee. Sprachlos hält er wieder, versunken und verloren, daß ihn der zweite Ritter erst durch einen Schlag aus dem Zauber herausreißen muß. Als auch dieser im Kampf erlegen, vermag erst der dritte den Bann zu lösen, mit dem der Minne Allgewalt den Helden verstrickt hält, indem er ein Tuch über die Blutstropfen deckt: da kehrt Sprache und Besinnung zurück. Die Lyrik, von der Minne geschaffen, athmet denselben Geist wie das Epos in noch höherem Grade, ja fast ausschließlich. In dem engen, ewig neuen und schönen Kreise der Liebe und des Frühlings drehen sich fast alle Gedanken der lyrischen Dichter und variiren unermüdlich dasselbe Thema in unendlicher Weise. Sie schwelgen in Gefühlen bis zur Liebeskrankheit, an welcher die ganze Zeit leidet, sie wissen aber sehr wohl, daß von der Liebe nur die Liebe heilt, wie die Worte sagen: „Süßer, rosenfarbner Mund, Komm und mache mich gesund.“ Diese verliebte Stimmung weiß auch die Kunst mit den ge- ringsten Mitteln aufs sprechendste wiederzugeben, so vielfach un- beholfen sie sonst noch ist, namentlich die Malerei, und es ihr unendliche Mühe kostet, Köpfe und Hände und Füße zu zeichnen. Alle Sentimentalität, alles Schmachten und Sehnen liegt in einer schwanken Haltung und Biegung des Körpers, in dem leisen Nei- gen des Kopfes zur Seite, in den langgezogenen Augen mit den herabhängenden Liedern, oft in einem Blick, der nur durch einen Druck der Feder hervorgebracht erscheint. In diese zur geistigen Erregung so geneigte Zeit brachte der Verkehr mit dem Orient, der sich bisher auf die Handelsverbin- dungen und die Berührungen in Sicilien und Spanien beschränkt hatte, durch die Kreuzzüge noch ein eigenthümliches Element. Schon ohnehin ist der deutsche Geist zur Phantastik geneigt und wird gleich gereizt von abenteuerlichen, wundersamen Formen. von südlicher Farbengluth wie von der geheimnißvollen Welt des 1. Entwicklung einer originalen mittelalterlichen Tracht. Wunderbaren. Der Orient aber ist die Heimath der Wundermär- chen. Die Pilgerfahrten und Kreuzzüge ließen das Geahnte mit eigenen Augen schauen, und die sarazenischen Länder waren aller- dings dem damals so eben aus der Barbarei auftauchenden Abend- lande eine Zauberwelt. Hier herrschte überall, in Spanien, Sici- lien, Africa, im glückseligen Orient eine überfeinerte Civilisation, eine hoch ausgebildete Industrie, die das Abendland bisher nur ahnend aus den kostbaren, reich und wundersam verzierten, far- benglühenden Stoffen hatte kennen lernen. Hier dufteten die Ro- sen- und Liliengärten mit den wasserspeienden Löwen, den rau- schenden Springbrunnen, eingefaßt von kühlen Bogengängen, unter ewig heiterem Himmel. Hier blühte eine großartige, phan- tastische, mit seltsamen Verschlingungen ornamentirte, mit den brillantesten Farben geschmückte Architektur von den schlanksten, kühnsten Formen und Verhältnissen und den weitesten, mit Säu- lenreihen durchzogenen Räumen, in deren fernab verklingendes Spiel von Licht und Schatten Auge und Seele sich träumerisch sinnend verloren. Das ganze gesellige Leben war heiter und geist- reich, fein und lebendig und vom zauberischen Hauch der Poesie und der Liebe durchweht. So ging auch dem Abendländer die Welt der Wunder und Märchen, die Welt der phantastischen Schönheit auf, für die er eine offene und empfängliche Seele mitbrachte. Heimkehrend wuß- ten die Pilger von all dem Zauber zu erzählen, von der nie gesehe- nen Pracht, von der abenteuerlichen Gestalt der Thier- und Pflan- zenwelt, und zum Beweise davon konnten sie die kostbaren Stoffe vorlegen, durchwirkt mit Einhörnern, Greifen, Drachen, Vögeln mit Menschenköpfen, Menschen mit Thierköpfen und sonstigen willkürlichen Gebilden der orientalischen Phantasie. Wer mochte da noch Zweifel hegen über die Abenteuer, die Herzog Ernst auf seinen wunderbaren Fahrten bestanden hatte! staunend und gläu- big hing Auge und Ohr des Volks an dem Munde der verzückten Erzähler. Dieser Sinn für das Phantastische und Wundersame bemäch- tigte sich auch alsobald der Kunst, aber hier legte das Gesetz der Falke , Trachten- und Modenwelt. I. 6 II. Das Mittelalter. Ordnung und Schönheit einer überschwänglichen Laune Maß und Zügel an. Aus dem Kirchenbau schwand mit der Schwere und Massenhaftigkeit des Mauerwerks die Enge und Finsterniß; die kleinen, weit gestellten Fenster in den dicken Wänden weiteten sich und hoben sich höher mit dem ganzen Lichtgeschoß; die Gewölbe legten sich heiter und frei statt der flachen Decke über die lichtge- füllten Räume; die Krypten, diese dumpfen, unterirdischen Kir- chen der Todten, widerstrebten nun dem Gefühl, denn „Man soll in lichter Weite Christenglauben sehn und Christes Ammet;“ und endlich hob die aus dem Orient überkommene Anwendung des Spitzbogens die Massen und Flächen immer mehr auf, führte die Gewölbe höher und leichter empor und wies dadurch mit einer Andeutung auf die unendliche Höhe das andächtige Gemüth des Gläubigen nach Oben. Gleichzeitig hatte man die starre Leere der einzelnen architektonischen Gliederungen gefühlt. Die Portale, sich mannigfacher und lebendiger gliedernd, umzogen sich in ihren Archivolten mit reichem Schmuck; das schwere Würfelcapitäl umlegte seine ungeschmückten Flächen mit reizendem und phanta- stischem Ornament, Bandstreifen oder Laubgewinde schlangen sich durcheinander herum in künstlicher, aber musterhafter Ordnung, und dazwischen trieben wieder jene seltsamen Thiergestalten, bald frei sich bewegend, bald in Laubwerk übergehend und sich verlau- fend, ihr Spiel der Laune. Erst farbiger Schmuck, dann Reliefs und Einzelfiguren belebten die Flächen, die Portale und andere Stellen; Capitäle und Laubwerk blitzten in Vergoldung; die Fenster füllten sich mit Maßwerk, und durch die bunten, gemalten Scheiben brach ein magisches Flimmerlicht, das mit seinem unge- wissen, farbigen Lüstre harmonisch stimmte zur verzückten Andacht der in schwärmerisches Sinnen versunkenen Seele. — Es ist natürlich, daß die ganze äußere Erscheinung der Menschenwelt, aus deren veränderter geistigen Richtung alle diese Umwandlungen vor sich gingen, in gleichem Maße den Umschwung 1. Entwicklung einer originalen mittelalterlichen Tracht. zu erkennen gab, umsomehr als die nun zur Herrschaft gekommene Frauenwelt ohnehin auf diesem Gebiet zu allen Zeiten und bei allen Völkern die größere und bedeutendere Rolle gespielt hat. Die Frauen treten daher auch in unsrer Darstellung dieser Periode durchaus in den Vordergrund. Wie sich in der Gesellschaft ein neues, blühendes und farbenglänzendes Leben dem Frühling gleich entwickelt, wie der Schmuck sich aus dem Rohen, Schweren und Ueberladenen zum geläuterten Kunstsinn herausarbeitet, wie die Gefühle und Empfindungen, die Sprache und die Weise des Um- gangs sich verfeinern und in zierliche Formen kleiden: so ändert sich auch in demselben Sinne die äußere Erscheinung des einzel- nen Menschen; aus dem Reizlosen und fast Barbarischen, wie wir sie im elften Jahrhundert verlassen haben, gelangt sie zur Grazie, zu gefälliger Eleganz, ja entwickelt sich zu plastischer Schönheit. Zunächst hat sich, wovon wir nur Andeutungen im Zeitalter Karls des Großen fanden, eine bis ins Kleinste gehende Schön- heitslehre in der höfischen Dichtung herausgebildet, welcher die Kunst nach Kräften zu entsprechen sucht. Das Nibelungenlied, welches, auf älterer Grundlage ruhend, von einzelnen Stellen des späteren Bearbeiters abgesehen, im Ganzen uns einen Cul- turzustand vorführt, den wir spätestens als den Uebergang zur Periode der Minne und des höfischen Ritterwesens bezeichnen dür- fen, begnügt sich mit allgemeinen Vergleichen und der Angabe des Eindrucks, den die Schönheit auf den Schauenden ausübt. Gelegentlich spricht es auch wohl von Brunhildens weißen Armen, und von der rosenrothen Farbe und den weißen Händen der Chriemhilde. Die Hauptschilderung lautet aber anders. So geht Chriemhilde einher wie das Morgenroth, das aus trüben Wolken bricht; ihr Anblick scheidet manchen, der sie im Herzen trägt und sie nun in Herrlichkeit stehen sieht, von seiner Noth. Oder sie wird mit dem Mond verglichen, und wie dieser in lichter Klarheit vor den Sternen steht und mit lauterem Schein durch die Wolken bricht, so steht sie vor den andern Frauen und erhöhet den Muth manches Helden. — Zu Schiedsrichtern im Reich des Schönen macht das Nibelungenlied die Kenner der Frauen und die Weisen, 6* II. Das Mittelalter. jene, welche der blendenden Erscheinung Brunhildens den Vorzug geben, und diese, welche dem still gewinnenden, aber ewig fesseln- den Reiz der Chriemhilde den Preis zugestehen. Es sind wenige unter den höfischen Dichtern, welche den Weisen des Nibelungenliedes gleich den dauernden Liebreiz der äußern Formenschönheit vorziehen. Nur Walther von der Vogel- weide meint, daß nach Schönheit nur ein Thor jage, denn auch der Haß könne in schöner Brust wohnen; Liebreiz gebe Schönheit und dem Herzen Lust zugleich; Schönheit allein mache nie ein Weib liebenswerth. Andere, wie der seltsame Ulrich von Liechten- stein, bemühen sich an ihrem Ideal beides aufzufinden; seine Frau, die schönste aller Frauen, mit braunen Brauen und weißem Leib, deren süßer und heißer Mund röther blühet denn die Rose und so keuschlich lächelt, sie ist lose mit Züchten, sie ist gut, keusch, fröhlich, stet, züchtereich und von weiblichem Gemüth; ihre süßen Gebärden, ihr Mund und ihrer Augen Licht, wenn ihn die an- lachen, da sieht man ihn hohen Muthes. Auch Wolfram von Eschenbach erhöht den Reiz der äußern Schönheit durch Eigen- schaften der Seele, wie er Demuth wohnen läßt im Herzen der Repanse de Schoie, der Trägerin des Grals, die so schön war, daß ihre Weiße den Schnee zu schwärzen schien. Die meisten Dich- ter aber, insbesondere die Epiker der späteren Zeit, lassen die äußeren Gaben immer in den Vordergrund treten und ergehen sich in der Schilderung derselben gern in behaglicher Breite. Sie blei- ben sich in den Einzelheiten völlig gleich und variiren selbst sehr wenig in den Vergleichen so daß wir daraus ersehen, wie sich die conventionellen Ansichten von der Schönheit im Geschmack voll- kommen festgestellt haben. Völlig entsprechend der Veränderung, welche, wie wir sehen werden, den Fortschritt in der Entwicklung der Kleidung bezeich- nete, war für die ganze Figur , um als schön zu gelten, Schlank- heit durchaus erforderlich. Bei einer Fülle der Büste und der „zart gedrollenen“ Hüften, die sich innerhalb der Gränzen der maßvoll- sten Schönheit hielt, mußten die Seiten lang sein, der Leib in der Taille zart und fein und schmal: 1. Entwicklung einer originalen mittelalterlichen Tracht. „Ihr wißt, wie Ameisen pflegen Um die Mitte schmal zu sein, Noch schlanker war das Mägdelein,“ sagt Wolfram von Eschenbach von der schönen Antikonie. Im Ortnit wird die kaiserliche Prinzessin geschildert: von rechter Größe, schmal zu beiden Seiten und von den Schultern bis zu den Füßen gedreht wie eine Kerze. Auf dieser Schlankheit und Zier- lichkeit der Taille beruhte die Grazie in Gang und Bewegung, daher die Damen um die Mitte „schwank“ genannt werden, gleich dem Rohr, das sich grazios im Wasser bewegt. „Die Maget war zu Maße lang, Inmitten schmal und rund und schwank,“ das ist die Frau Abenteuer bei Peter Suchenwirt. Durch den Schnitt der Kleidung half man der Natur nach. Die Plastik, die sich in dieser Periode aus der früheren Roheit rasch zur Höhe ent- faltet, führt uns alle Frauengestalten in diesem Geschmack vor: sie sind durchaus schlank und in den Hüften leicht und elastisch bewegt. Den Höhepunkt dürften unter andern die lieblichen klu- gen und thörichten Jungfrauen an der Brautthür der Nürnberger Sebalduskirche bezeichnen, deren Entstehung den Bildern der Manessischen Liederhandschrift gleichzeitig in den ersten Anfang des vierzehnten Jahrhunderts fällt. — Für die Hautfarbe wurde in Deutschland und Frankreich durchaus Roth und Weiß verlangt. Leib, Arme, Hände und Schläfen mußten weiß sein, schwanenweiß, weiß wie Elfenbein, Hermelin, Schnee und Lilien — die Dichter sind nicht arm an diesen Vergleichen. Auf den vollen Wangen aber sollten die frischen Rosen blühen, wie Kondwiramur, Parzivals schöne Gemahlin, von Wolfram geschildert wird: „Also saß des Landes Frau, Wie erquickt von süßem Thau Die Rose aus der zarten Hülle Hebt des Schimmers frische Fülle, Der zumal ist weiß und roth.“ II. Das Mittelalter. Die Weiße und Röthe sollten sich gegenseitig durchdringen und in dem Maße gemischt sein, daß die Röthe „den bessern Theil hat.“ Auf den Miniaturen dieser Zeit, bei denen die nackten Theile ge- wöhnlich ungefärbt gelassen sind, finden wir doch auf den Wan- gen der Frauen nicht leicht den rothen Fleck vergessen. Die englischen Damen machten in diesem Geschmack eine Ausnahme; sie liebten schon damals wie noch heute mit aristokratischem Tick die blassen Wangen und suchten sie künstlich herbeizuführen, wenn die Natur sie allzu- freigebig mit der Farbe der Gesundheit beschenkt hatte. Mittel gab es mancherlei, sowohl in Gestalt von weißen Schminken, als Wasser und Essenzen zum Waschen und zum Trinken. Auch wur- den Hunger und Aderlaß zu diesem Zwecke angewandt. Umgekehrt bediente man sich in Deutschland, Frankreich und Italien für die Wangen der rothen Schminke, und um sich dauernd zu färben, fanden es die Französinnen für gut, tüchtig und kräftig zu früh- stücken, während die deutschen Damen, der Leidenschaft ihres Lan- des getreu, dem Weine zusprachen. Im alten Volkslied heißt es vom Rheinwein: „Schenk du ein! Trink, gut Kätterlein, Machst rothe Wängelein.“ Besonders waren damals die Florentinerinnen berühmt als Mei- ster in der Gesichtsmalerei. Die Mittel, wodurch man dem Teint nachzuhelfen suchte, waren schon im Nibelungenlied so bekannt, daß der Dichter von den Frauen am Hofe Rüdigers rühmend sa- gen konnte, daß man wenig gefälschte Frauenfarbe dort gefunden habe. Sie wurden sammt den Salben, mit denen man die Run- zeln ausschmierte, in dieser Schönheit bedürftigen Zeit so zahlreich — es werden dreihundert angegeben —, und ihr Gebrauch dehnte sich in dem Maße aus, daß die Geistlichkeit für nöthig hielt, da- gegen zu Felde zu ziehen. Ihr Grund, den sie anzuführen pflegt, ist etwas eigenthümlicher Art. Die Frau, sagen sie, welche eine fremde Farbe auf ihr Gesicht aufträgt, die will ein Gesicht haben, wie es der Maler macht, aber nicht, wie es ihr Gott erschaffen hat: sie verleugnet also Gott. So sagt auch Bruder Berthold, der Pre- 1. Entwicklung einer originalen mittelalterlichen Tracht. diger: „Pfui, ihr Färberinnen und ihr Gilberinnen (die das Haar gelb färben), wie gerne ihr zu dem Himmelreich möchtet kommen! Ihr seid aber fremde Gäste zu dem Himmelreich. Denn ihr habt Gottes verleugnet und davon verleugnet er eurer auch.“ Ein ander Mal sagte er: „die Gemalten und die Gefärbten, die schämen sich ihres Antlitzes, das Gott nach sich gebildet hat; so wird auch er sich ihrer schämen und sie werfen in den Grund der Hölle.“ Scherz- hafter Weise wurde diese Fehde der Geistlichen in einem gleichzei- tigen Gedicht so aufgefaßt, als ob die Mönche, bis dahin die ausschließlichen Besitzer der Malerei, in ihrem Privilegium durch das Bemalen der lebendigen Gesichter Eintrag erlitten. Sie kla- gen deßhalb vor Gottes Thron, daß die rothangestrichenen Frauen ihre rothwangigen Heiligenbilder in der Kirche überstrahlten, und verlangen, Gott solle ihnen das verbieten. Die Frauen meinen, ihr Recht sei älter als die Heiligenmalerei, und sie nähmen den Mönchen nichts, wenn sie die Runzeln verstrichen, um die Män- ner länger am Narrenseil führen zu können. Gott ist gnädig ge- sinnt und will den Frauen das Recht des Bemalens vom fünf- undzwanzigsten Jahre an gerechnet noch auf fernere zwanzig zu- gestehen. Diesem Vorschlage widersetzen sich die Mönche und wol- len nur zehn Jahre gewähren, und auch das nur aus überflüssiger Gnade. Durch einen Vergleich werden endlich den Frauen funf- zehn Jahre zugestanden. Von der Haut verlangte man neben der blanken Glätte, Rein- heit, Weiße und linden Weichheit noch Feinheit und Durchsich- tigkeit, daß man am Halse den rothen Wein durchschimmern sehen konnte, wenn eine schöne Dame trank. Diese Vorzüge zu erhalten, brauchte man als Waschmittel gekochtes und wieder abgekühltes oder von Lilien, Bohnen und anderm abgezogenes Wasser; es gab auch Mittel gegen Narben und Sommersprossen und sonstige Flecken und Unreinheiten der Haut. Der Gebrauch der Bäder zu diesem Zweck pflanzte sich durch das ganze Mittelalter fort. Jede größere Wohnung hatte ihre im Winter geheizte Badestube, wäh- rend die kleineren sich mit Badewannen begnügen mußten. Wer keinen eigenen Herd hatte, besuchte die öffentlichen Badestuben II. Das Mittelalter. wenigstens einmal wöchentlich. Der Tannhäuser that das zwei- mal, wie er in einem Gedicht erzählt, und das nahm nebst schö- nen Weibern und leckerem Frühstück seinen Geldbeutel stark in Anspruch. Gästen, die von der Reise kamen, wurde von ihren Wirthen zuerst ein Bad bereitet. Die Bedienung geschah hier wie in den öffentlichen Badstuben von Frauenhänden. Der Badende wurde erst mit lauem Wasser gewaschen, dann übergossen, gerie- ben und geknetet. — Den Kopf bildeten die geistlichen Künstler, die Bildhauer sowohl wie die Maler, welche letzteren es mit weniger geschickter Hand jenen gleichzuthun trachteten, im Ganzen in mehr rundli- chen und weichen Formen, der deutschen Natur getreu, der sie sicherlich nachgearbeitet haben. Die Antike ist völlig von der neuen, originell auflebenden Kunst vergessen. Das Oval des Gesichts nähert sich bedeutend dem Runden, die Stirne ist hoch und rund gewölbt, der Stirnknochen über dem Auge rund gear- beitet, die Nase, fein und nicht lang, zieht sich nach einem Ansatz von leiser, sanfter Einsenkung in grader Linie herab, die Wan- gen sind voll und rund, der Mund klein, doch voll, das Kinn fein, gerundet und selbstständig, mit gerundeter Vertiefung zwi- schen ihm und der Unterlippe. Die Dichter stimmen mit dieser Bildung des Kopfes völlig überein, obwohl sie von der Farbe gewöhnlich mehr und poetischer zu reden wissen als von der Form. Sie beschreiben die Stirn als weiß, offen, klar und gewölbt, die Nase eher klein als lang und nicht oder ein klein wenig ge- bogen, die Wangen voll, aber „zart gedrenget“ und blühend, und das Kinn „wohlgestellet zu der Minne“, rund und weiß wie Alabaster, auch wohl mit einem Grübchen, wie mit dem Finger gedrückt. Der kleine, schwellende, kußliche Mund , der jeden Kummer vergessen macht, stand der schönen Hero — nach dem mittelalterlichen Gedicht — wie ein lichter Rubin, als ob er in Feuer entzündet wäre. Ulrichs von Liechtenstein geliebten Frau ist er heiß und süß, röther denn eine Rose. Glühend und bren- nend wie ein Rubin, rosenfarben, mit Rosen bestreut, blutroth, feuerroth als könne man Feuer daraus schlagen, glühend und 1. Entwicklung einer originalen mittelalterlichen Tracht. roth wie keine Blume im Kranz — so sind die gewöhnlichen Be- zeichnungen des Mundes. Süßer Athem sollte aus ihm hervor- gehen. Die Reihe der lichten Zähne schildert Wolfram von Eschenbach bei Jeschute, der schönen Gemahlin des Herzogs Ori- lus de Lalander, als „schneeweiß, zusammen dicht gefügt und klein“; sonst werden sie noch eben und gesund genannt und mit dem Elfenbein verglichen. Als Eigenschaften der Ohren gelten Kleinheit, Weiße und ovale Rundung. Die Brauen und die Wimpern sollen braun sein, um sich durch den Gegensatz zu der lichten Farbe des Gesichts und dem blonden Haare bemerklich zu machen. Es bekundet das ein feines Gefühl für den geistigen Ausdruck der Schönheit, denn wenn die Brauen hell gegen Stirn, Wangen und Haare abstechen, so erscheint das Gesicht todt oder büßt wenigstens an lebendigem Ausdruck ein. Die Linie der Brauen, fein, „wie mit dem Pinsel gestrichen“, steht Anfangs ziemlich grade über dem Auge, dann verliert sie sich nach den Schläfen zu in einem sanften, leisen Bogen. Auf den Malereien ist die Linie häufig ein reiner Bogen. Die Augen sollen weit gestellt sein. Die blaue Farbe hat in dieser Zeit ihren Werth verloren; man liebt sie braun, aber hell und klar, „Zwei Augen, braun nach Falkenart, Darin das Weiße sich nicht spart.“ Wenn die Augen der Frauen mit denen ihres Lieblingsvogels, des Falken, oder mit denen des Adlers verglichen werden, so soll damit außer der Größe und der hellen Farbe, die zu verschiedenen Zeiten wie bei verschiedener Seelenstimmung des Menschen an- dern Charakter anzunehmen vermag, auch das Seelische, fast Träumerische des Blickes angedeutet werden, der aus der Tiefe kommt und in die Tiefe dringet, hinter welchem man eine ganze Welt von Gedanken und Gefühlen zu ahnen glaubt. Die Augen sollen leuchten wie der Sterne Schein; ihre freundlichen, lachen- den Blicke machen alles Leid vergessen. In den Zeichnungen sind die Augen meistens lang gezogen, wie lang geschlitzt, und die Lieder ein wenig gesenkt — was in der altvenetianischen II. Das Mittelalter. Schule dieser Zeit zum vollen Kunststil ausgebildet ist —, sodaß sie dadurch den Ausdruck des Schmachtens, des Gefühlvollen, der Hingebung in der Liebe erhalten. Wie es noch heut auf der Bühne und im Leben geschieht, liebten und verstanden es die Engländerinnen schon damals diesen Ausdruck zu verstärken. Selbst die großäugigen Madonnen der Kunst, die früheren hohen Himmelsköniginnen mit dem starren Herrscherblick der Majestät, sie werden mit geneigtem Haupt und gesenkten Augenliedern menschlich liebende Mütter und — menschlich schmachtende Jung- frauen. Das blonde Haar war glücklicher als die blauen Augen, es behauptete sich in unvergänglichem Ruhm, sodaß es nöthigen- falls, wenn die Natur ungnädig es versagt hatte, wie in alten Zeiten durch Färben hergestellt wurde. Doch war das braune nicht daneben verachtet, wie wir im Parzival von Gawans Schwester Itonje sehen: „Die den rothen Mund, das braune Haar Ihr seht bei hellen Augen tragen.“ Sonst sind die Dichter voll vom Lobe des blonden Haares, und goldfarben, goldglänzend, gleich gesponnenem Gold, so und ähn- lich lauten die Beiwörter. Fein wie Gespinnst und lockig sollte es sein, „Als Gold gesponnen war ihr Haar, Gedoldet als die Träubel, Und schimmert als die Läubel, Die reich vor Golde zittern.“ So lang wünschte man es, daß man sich drein hüllen konnte. Die Eigenschaften eines schönen Scheitels sind Schmalheit und Weiße. — Auch der Männer Schmuck war das blonde Haar, der damaligen freien Haartracht entsprechend. Rührend ist die Scene, wie die Seeräuber von der Jomsburg, endlich gefangen genommen, in langer Reihe zum Tode bereit dasitzen, und als die Reihe des Sterbens an den jüngsten, den blondgelockten, kommt, dieser bittet, man möge sein schönes Haar zuvor aufbinden, damit es nicht blutig werde. — Die Künstler dieser Zeit, die Verfertiger 1. Entwicklung einer originalen mittelalterlichen Tracht. der Miniaturen, malen ohne Ausnahme das Haar immer gold- blond; es sei denn, daß sie mit anderer Farbe einen Mangel des Standes, des Charakters oder die Abkunft von einer fremden, barbarischen Nation ausdrücken wollen. — Welchem Stande jemand angehörte, suchte man schon da- mals an den Armen, Händen und Füßen durch unterschei- dende Merkmale in der Form oder auch durch größere Sorgfalt in der Behandlung zu erkennen. Zur vollen und feinen Schön- heit mußten sie „hovelich“, ritterlich, oder nach unserer Ausdrucks- weise aristokratisch sein. Bei der Hand waren die dazu erforderli- chen Eigenschaften außer der Weiße und Weichheit — die weiße, linde Hand kommt unzählige Male vor — grade wie heute noch die Kleinheit, die längliche und schmale Form, nebst langen, gra- den, glatten Fingern mit glänzenden, glühenden, gerötheten Nä- geln, in denen sich das Gesicht spiegeln konnte. So werden in einem Gedicht dieser Zeit — mitgetheilt in von der Hagens Ge- sammtabenteuern — die Hände einer schönen Meierin geschildert als weiß, aristokratisch und lang und darum einer Gräfin wür- dig. So sagt auch Peter Suchenwirt von der schönen Frau Abenteuer: „Sie war geboren von reiner Art, Ihr Händel weiß, ihr Fingerl lang.“ Daß die Damen Englands sich schon zu jener Zeit durch diesen Vorzug vor denen anderer Völker auszeichneten, erfahren wir aus einem Gedicht Kaiser Friedrichs II., der diese Eigenschaft an ihnen rühmt; er konnte hier aus Erfahrung sprechen, da seine zweite Gemahlin bekanntlich eine Prinzessin dieses Landes war. — Auch für die Arme stellte man die Forderung des Ritterlichen oder Höfischen auf; man verlangte Weiße, Weichheit, Länge, schöne Rundung und gemäßigte Fülle. Eine aristokratische Eigen- schaft der Füße war außer der Weiße, Kleinheit und Zierlichkeit die hohe, gebogene Form des Ristes, sodaß unter demselben sich eine Höhlung bildete, groß genug, um einen Zeisig zu verbergen. So wird im Wigamur der Fuß der Königin Nyfrogar geschildert, die ihre hohe Abkunft auch durch weiße Händlein und lange Fin- II. Das Mittelalter. ger bekundete, und ebenso heißt es von den Füßen der griechischen Prinzessin Ute, wie sie dieselben dem vor ihr sitzenden König Ro- ther in den Schooß legt: „Die Füßlein waren zierlich und in der Mitte hohl.“ Ein platter, flacher Fuß war Zeichen gemeinen Standes, wie er noch heute in Amerika als eine durchgängige Eigenschaft des Ne- gers gilt, der mit der Mitte des Fußes ein Loch in den Boden drückt, statt mit Ferse und Ballen. — Hals und Nacken muß- ten weiß sein und von vollendeter Rundung, die Brüste hoch- stehend, weiß, klein, wie gedrechselt. „Zwei Brüstel als zwei Birel Geschmieget an ihr Herzel zart.“ Die Beine der schönen Phyllis, die den weisen Aristoteles zum Liebesnarren macht und Morgens in der Frühe durch das thauige Gras vor das Fenster Alexanders reitet, werden beschrieben „wei- ßer als Schlossen, grader als eine Kerze und blank ohn’ alle Schwärze.“ — Mit dieser im Detail völlig ausgebildeten und einer feinen Cultur angehörenden Schönheitslehre steht der Eindruck, den die Dichter die Erscheinung einer schönen Frau auf die Herzen der Schauenden machen lassen, in Einklang; die Zeit hat nicht bloß eine kühle Theorie entwickelt, sie ist selbst von der Empfindung wahrer Schönheit im Innersten mächtig ergriffen. Keiner hat das schöner ausgesprochen als Walther von der Vogelweide in seinem Lobgedicht auf die Frauen: „Durchsüßet und geblümet sind die reinen Frauen, Es ward nie nichts so Wonnigliches anzuschauen In Lüften, auf Erden, noch in allen grünen Auen. Lilien, Rosenblumen, wo die leuchten Im Maienthau durch das Gras und kleiner Vögelein Sang, Das ist gegen solche wonnereiche Freude krank. Wo man eine schöne Frau sieht, das kann trüben Muth erfeuchten Und löschet alles Trauren an derselben Stund. So lieblich lachet in Liebe ihr süßer, rother Mund, Und Strahlen aus spielenden Augen schießen in Mannes Herzens Grund.“ 1. Entwicklung einer originalen mittelalterlichen Tracht. „Was sind alle Wonnen des Mais,“ so ruft derselbe Dichter aus, „und der Vögelein Sang gegen eine schöne Frau! Wir lassen alle Blumen stehn, und gaffen an das werthe Weib.“ Und wenn er zwischen beiden wählen sollte, „Ahi, wie schnell ich dann köre! Herr Mai, ihr müßtet Märze sein, eh ich meine Frau da verlöre.“ In diesem Sinne sind auch die allgemeinen Ausdrücke von der Schönheit: wenn die Strahlende, Sonnenweiße, Glänzendar- mige, deren Antlitz leuchtet wie ein Spiegel, erscheint, daß die ganze Halle wiederstrahlt oder der Sonne ihr Schein genommen wird, da schweigen alle, Vogel und Thier, und Berg und Wald neigen sich, und wem sie giebt ihren Gruß, der ist ledig aller schlechten Traurigkeit. — Die männliche Schönheit wird von den Dichtern der hö- fischen Zeit beständig im Sinne der weiblichen geschildert. Es ist das höchst charakteristisch für die Periode des Frauencultus, wo alles sociale und geistige Leben vom Einfluß der Frau durchdrun- gen und beherrscht ist. Eine männliche Erscheinung von helden- mäßigem Wuchs, von hoher Brust und strotzender Muskelkraft, deren Leidenschaft und Charakter aus den kräftigen, starken, männlich schönen Zügen des Gesichts hervortritt, findet allenfalls noch im Nibelungenlied Anerkennung, in welchem neben der ebenso holden wie starken Sigfriedsgestalt noch ein Hagen für schön gilt. Wohlgewachsen, breit an der Brust, mit langen Bei- nen und herrlichem Gang wird er schönen Leibes genannt, ob- wohl sein Haar schon mit Grau gemischt ist und er schrecklichen Gesichts finster drein schaut und mit geschwinden Blicken seinen grimmen Muth offenbart. Wie anders bei den ritterlichen Epi- kern! Ihnen gilt nur der weibliche Reiz der frischen Jugend. Der junge Tristan mit rosenrothem Munde, mit lichter Haut, klaren Augen und hellbraunen Locken, und der junge Parzival, da er in fast knabenhafter, unbewußter Jugendschöne von seiner Mutter zum ersten Mal in die Welt entlassen wird, sind ihre Ideale. Weiße, blanke, wohlgeformte Hände von adliger Art, glänzende Nägel, Lilien und Rosen auf den vollen Wangen, ein blühender II. Das Mittelalter. Leib, kleine hohle Füße sind ihnen die Erfordernisse männlicher Schönheit. Auch den Mann sollte ein goldiges, gelocktes Haar schmücken, während das rothe, feuerfarbene von der symbolisiren- den Zeit, die gern vom Aeußern auf das Innere schloß, auf ein falsches Herz gedeutet wurde. Die weißen Hände zeichneten auch den Mann nach seinem Stande aus, und es wurde viel Pflege und Sorgfalt an sie gewendet. „Sollte ich vom Pflügen schwarze Hände tragen,“ meint der Meiersohn Helmbrecht, der nach adliger Art leben will, „so hätte ich große Schande, wenn ich tanzte an Frauen Hand.“ Die proven ç alische Liebeslehre und Liebeskunst schreibt vor, daß die Hände sauberer zu halten seien, als jeder andere Theil des Körpers, denn sie seien die Diener der ununter- brochenen Dienstesleistungen, welche die Liebe ausdrücken, von der der Liebhaber durchdrungen ist. — Wolfram beschreibt des Königs Vergulacht Lieblichkeit, als sähe man den Mai blühen in der Rosenzeit, und sein Held Parzival bannt mit der Farbe seiner Wangen den Wankelmuth der Frauen und weiß mit seinem Glanz Augen und Herzen festzuhalten. Doch gesteht er der blin- den Liebe Ausnahmen zu und läßt die wunderschöne Königin des Grals, Repanse de Schoie, von Liebe zu dem gefleckten Feirefis erglühen, wie einst dessen Vater Gahmuret in seine Mutter, die schwarze Mohrenkönigin von Zazamank, sich verliebt hatte. — Die reichen und lockenden Bilder der Schönheit, welche uns die Dichter vorführen, werden in charakteristischer Weise durch Bilder der Häßlichkeit ergänzt, wie ein Gegensatz den andern er- läutert. Doch geschieht es in sparsamer Weise, da schon die bloße Schilderung einer häßlichen Frau als Beleidigung des ganzen schönen Geschlechts angesehen werden konnte. Wolfram von Eschenbach schildert mit sichtlichem Wohlgefallen die Hexe Kon- drie im Parzival, obwohl er sich vorher höflichst gegen die Da- men entschuldigt, daß er so „wider die Zucht“ von einer Frau sprechen müsse. Dieses „Hagelschauer der Freuden“ war denen nicht gleich, so man „beau gens“ nennt; ihr langer, schwarzer und fester Zopf schwang sich über den Hut bis auf den Rücken des Maulthiers, das sie ritt; er war nicht allzuklar und lind wie 1. Entwicklung einer originalen mittelalterlichen Tracht. das Rückenhaar der Schweine. Ihre Nase glich der eines Hun- des, und aus dem veilchenblauen Munde ragten ihr zwei span- nenlange Eberzähne. Ihre Augen hatten die Gelbe des Topases, jede Augenbraue schwang sich nieder in langen Zöpfen. Ohren hatte sie wie ein Bär, und ihr rauhes Antlitz, dessen Haut durch die Haare hindurch die Sonne nicht zu schwärzen vermochte, scheuchte jedes zärtliche Begehren. Die Farbe ihrer Hände glich der Haut des Affen, und die Nägel waren glanzlos und wie Lö- wenklauen. Wir glauben dem Dichter gern, daß es selten Kampf und Streit um diese „schöne Braut“ gegeben. — Sie hatte einen Bruder, genannt Malkreatür, in allem ihr ähnlich; auch er trug links und rechts die Hauzähne des Ebers, und sein Haar glich Igelsborsten, scharf wie Glas, welches die Hand Gawans blutig machte, als er ihn dabei ergriff und zu Boden warf. — Im Iwein wird der Bauer, welcher die wilden Thiere hütet, als Bild abschreckender Häßlichkeit geschildert. Auf dem dicken Kopfe hatte er rußfarbenes, struppiges Haar, welches an Haupt und Bart ganz und gar mit der dicken Schwarte verwachsen war. Sein breites Antlitz war mit tiefen und weiten Runzeln bedeckt. Bart- haar und Brauen waren lang, rauh und greis, seine Ohren breit wie eine Wanne, die Nase groß wie beim Ochsen, kurz und weit, das Antlitz dürr und flachgedrückt, das Auge roth, der Mund weit geschlitzt und mit langen und weit herausragenden Eberzäh- nen. Das Haupt hing ihm herunter, als ob das rauhe Kinn in die Brust wüchse, dagegen war sein Rücken hinaufgezogen, und bog sich mit einem Höcker aus. An Farbe glich er einem Moh- ren. — Körperliche Häßlichkeit repräsentirt in dieser Zeit zugleich niedrige Geburt und moralische Schlechtigkeit. Mit den höfischen Dichtern, denen ein edelgeborner und edelgesinnter Mann nie häßlich und ein gemeiner Bauer oder Bösewicht nie schön ist, stimmt die Kunst überein. Noch in der Malerei und der Sculptur des funfzehnten Jahrhunderts ist das Laster, die Schlechtigkeit und die Bosheit immer häßlich dargestellt. Auch in der Heidel- berger Handschrift des Sachsenspiegels, welche gegen Ende des II. Das Mittelalter. 13. Jahrhunderts angefertigt worden, hilft sich der Zeichner der Bilder in dieser Weise, wenn er die Stände charakterisirend un- terscheiden will. Der Bauer hat kurzes, schlichtes oder wollig krau- ses Haar und ein häßliches Profil mit einer plumpen, einwärts gebogenen Nase, deren dicke Spitze weit heraustritt; auch der Mund ist möglichst unschön gezeichnet und meistens steht die Oberlippe weit vor. Ganz ebenso wird auch der Sohn eines Ad- ligen bildlich dargestellt, wenn er von seiner Mutter her dem Vater nicht ebenbürtig ist, um in dieser seiner Eigenschaft also- gleich erkannt werden zu können. — — Dem großartigen Umschwunge gegenüber, der das Leben und die gesammte Anschauungsweise der abendländischen Völker in dieser Periode umschuf, dürfte die Veränderung gering erschei- nen, welche das Trachtenwesen, wie es in gleichem Stil und fast gleichen Formen die westliche Christenwelt beherrschte, in ebenso gleicher Weise traf. Denn wohl kein einziges neues Kleidungs- stück wurde erfunden — wie das überhaupt ein schweres und seltnes Ding ist —; jede Umänderung geschah nur an dem Al- ten, dessen Grundform immer erkennbar bleibt. Und dennoch wandelte sich der ganze Charakter um. Mit dem Anfang dieser Periode beginnt auch das Werden einer spezifisch mittelalterlichen Tracht, die immer als eine originale zu bezeichnen ist. Die fast barbarische Rohheit und Formlosigkeit wich in allmähligem Wer- den der plastischen Schönheit; an die Stelle der Ueberladung trat feine Eleganz, an die Stelle gefühllosen Ungeschmacks freie Anmuth und natürlicher Reiz. Das alles geschah unter dem sittigenden und verfeinernden Einfluß der Frauenherrschaft. Wo ihre Hände und ihr feinfüh- lender Sinn regieren, weicht die Rohheit scheu zurück. Mit sich selber fingen sie die Besserung an, um in ihrer Erscheinung auch der schmachtenden Männerwelt ein der Verehrung würdiges und die Ansprüche der Schönheit und der Sitte befriedigendes Bild aufzustellen. Im elften Jahrhundert hingen, wie wir gesehen haben, die untere und obere Tunica, senkrecht in ungebrochener Linie herabfallend, in sackähnlicher Weite platt und flach um den 1. Entwicklung einer originalen mittelalterlichen Tracht. Leib, ohne daß sie durch schönen Faltenwurf dem strengen Schön- heitsgefühl in classisch-antiker Weise Genüge thaten, noch durch anschmiegende Umziehung der Körperformen die trunkenen Augen des Liebhabers an der schönen Gestalt sich weiden ließen und die Bewunderung des Kenners zu fesseln wußten. Diese Mängel sollten noch durch den Glanz der breiten Goldborten und das Blitzen der Edelsteine ersetzt werden. Die Frau des elften Jahr- hunderts war, das Gesicht ausgenommen, in ihrem Aeußern eine des Reizes und der Anmuth entbehrende Erscheinung. Das än- derte sich nun in beiden Beziehungen. Einerseits schmiegte sich nunmehr die Kleidung am Oberkörper den Formen an, daß sie in voller Schönheit hervortraten. Andrerseits wurde nach unten hin die Kleidung länger und weiter und bot zu plastischer Ent- wicklung des Faltenwurfs hinreichende Gelegenheit. Das eine wie das andre geschah mit freiem Bewußtsein, denn wie man der Schlankheit und dem Streben, die Formen zu zeigen, durch Schnüren zu Hülfe kam, zwar nicht durch eine Schnürbrust, son- dern durch das Einziehen der aufgeschnittenen Kleider, so halfen auch die Frauen mit kunstreicher und kunstsinniger Hand den Falten nach. So muß aus diesem Grunde Ulrich von Liechten- stein, da er auf seiner Venusfahrt Frauenkleider anlegt, weibliche Hülfe in Anspruch nehmen. „Ich führt ein Röckel, das war weiß, Daran die Falten mit großem Fleiß Von Frauenhänden waren gelegt.“ Ein anderes Mal legte er über den Harnisch ein „weiß gefalten Röcklein“ an. Wenn die Dichter die schlanken und schwanken Frauengestalten schildern, so erwähnen sie häufig, daß die Ge- wandung eng um den schmalen Leib geschnürt ist. Im Winter, wo die Kleidung schwerer war und die Formen mehr verhüllte, klagen sie, daß ihnen dadurch der Anblick der Schönheit entzogen werde. Im Sommer stand er also frei, während bei der Tracht der vorigen Periode von demselben hatte keine Rede sein können. Daß die Künstler, durch den Anblick der Natur in ihrem Ge- schmack gereinigt und in ihrem Formensinn gebildeter geworden, Falke , Trachten- und Modenwelt. I. 7 II. Das Mittelalter. die Frauengestalten in Gemäßheit dieser Kleidung schlanker, na- türlicher und schöner bilden, ist bereits erwähnt. Wie hierin, so ist der Einfluß des sie umgebenden Lebens auch in der Ausbil- dung eines reinen Stils im Faltenwurf zu erkennen, welcher die Plastik dieser Periode vor der frühern und namentlich auch vor der des funfzehnten Jahrhunderts auszeichnet und sie darin, obwohl in völlig unabhängiger Weise, der Antike nahe bringt. Die nächste Umgebung, das Leben selbst bot dem künstlerischen Auge Muster plastischer Schönheit in Fülle, Muster, die ungezwunge- ner Weise mit Wahrung aller natürlichen Elasticität des Körpers die schönen Formen zeigten und zugleich in den sanft geschwun- genen Linien und dem leichten Fluß des Stoffes das Geheimniß des edlen Faltenwurfs enthüllten. So ist es kein Wunder, wenn die plastische Kunst aus der oft abschreckenden Roheit der ältern Zeit sich in unerwarteter Raschheit zu solcher Höhe entwickelte, wie sie z. B. die Statuen im Naumburger Dom, die Figuren der goldenen Pforte zu Freiberg und die klugen und thörichten Jungfrauen an der Sebalduskirche in Nürnberg bekunden, welche letzteren insbesondere für den Faltenwurf mustergültig sind. Es wirkte zu demselben Ziele noch der Umstand mit, daß als herr- schender Stoff der Kleidung an die Stelle der früher so beliebten und allgemein getragenen Leinwand die Wolle trat. Feine wol- lene Stoffe bildeten auch die gewöhnliche Kleidung der vorneh- men Stände, wenn auch die Dichter ihre Helden und Heldinnen mit allen Kostbarkeiten von Sammet und Seide zu umhängen wissen, Kostbarkeiten, die weither über das Mittelmeer aus den sarazenischen Ländern herbeigeführt wurden. Die schmalen, trock- nen, parallelen Falten schwanden mit der Leinwand aus dem Anblick der Menschen und damit auch aus der Kunst, während mit der Wolle, die je nach ihrer Dicke oder Feinheit großartigen oder sanften und fließenden Wurf gewährte, auch in dieser Be- ziehung ein guter Geschmack einkehrte. Nur langsam folgt die männliche Tracht in ihrer Entwick- lung der weiblichen. Sie ändert sich dahin, daß sie mehr und mehr die formlose Weite verliert und sich den Formen des Kör- 1. Entwicklung einer originalen mittelalterlichen Tracht. pers nähert. Andrerseits aber unterwirft sie sich gewissermaßen der Frauenherrschaft, indem sie mit anwachsender Länge, die in der Höhezeit bis zu den Füßen herabreicht, man möchte sagen, weiblichen Charakter offenbart. Es ist, wie der Ritter selbst mit seiner Hingebung, Schwärmerei und Versenkung in die Welt der Gefühle nur zu oft aus der männlichen Sphäre herausfällt und in die des Weibes sich begiebt. Wie aber der Frauencultus nur die höfischen und ritterlichen Stände ergriff, und bei ihnen allein die geistige Blüthe der Zeit in voller Ueppigkeit prangte, so ge- langte auch das Trachtenwesen nur bei ihnen zu der angedeuteten Entwicklung. Erst am Schluß der Periode wurde das Bürger- thum hineingezogen, während der Bauerstand in einzelnen ge- segneten Gegenden eine Carricatur daraus machte. In den un- tern Schichten der Gesellschaft blieb die kurze, aufgebundene Tu- nica, der Rock des Mannes, und in der weiblichen Welt eine weitere und weniger lange Kleidung herrschend. Daneben hält sich auch bei einzelnen Matronen vornehmen Standes, noch bis in viel spätere Zeit, eine weite und lange Kleidung, welche zwar durch größere Masse und Faltenwurf die frühere Unschönheit und Form- losigkeit vermeidet, die Glieder aber nonnenhaft ehrwürdig ver- hüllt. Ueber den Hüften lag ein Gürtel, Haar und Kinn waren durch Schleier oder Tuch verdeckt. Wir finden sie häufig auf Grabsteinen. Die Liebe zum Schmuck, zur Anwendung von Gold und Edelsteinen nimmt eine ähnliche Entwicklung wie die Kleidung. Auch hierin verfeinert sich der Geschmack. Die alte Ueberladung, die Lust am bloßen Glanz und Gefunkel ragt noch ein wenig in diese Periode herein. Vereinzelte Bilder von Männern und Frauen zeigen sie noch in der ersten Hälfte des zwölften Jahrhunderts. Selbst noch eine bedeutende Rolle spielen die Goldborten und der Edelsteinbesatz im Nibelungenlied, in welchem, wie der häufige Gebrauch der Baugen lehrt, noch hier und da die heidnische Ur- zeit verklingt, während einzelne Schilderungen der Gewänder und Stoffe und die Angaben ihres Ursprungs den Bearbeiter der hö- fischen Zeit aufs deutlichste verrathen. So heißt es z. B.: 7* II. Das Mittelalter. „Viel der edlen Steine die Frauen legten in das Gold, Die sie mit Borten wollten nähen auf das Kleid Den jungen stolzen Recken.“ Weit sparsamer sind die höfischen Epiker, und es geschieht vorzugsweise nur in Gedichten mit fremden Stoffen, daß sie ihre Helden und Heldinnen mit diesem Schmuck begaben. Von dem Gebrauch der Armspangen bei Männern wissen sie nichts mehr. In jedem Falle sind sie mit dergleichen noch freigebiger als ihre Zeit, denn die gleichzeitigen Miniaturen geben nur sehr wenig von dieser Sitte zu erkennen. Schon die Bilder zum Hortus de- liciarum der Herrad von Landsberg aus der zweiten Hälfte des zwölften Jahrhunderts zeigen sie in beschränktester Weise: nur ein schmaler Goldsaum an Hals und Hand, ohne Edelsteinbesatz, ziert noch die Frauenkleidung. Etwas reicher ist die Männerklei- dung auf denselben Bildern mit Goldborten besetzt, und auch am Königsornat finden sich die Edelsteine, wie noch viel später. — Zu einer vollständigen Frauenkleidung gehörten in der vorigen Periode, im elften Jahrhundert, zwei Kleider, ein unte- res und ein oberes , und der Mantel . Das untere war das nothwendige und stets gebotene, welches den ganzen Körper vom Hals bis zu den Füßen bedeckte. Das obere Kleid war kürzer und reichte nur etwas über das Knie herunter, sodaß das untere hier sichtbar blieb und mit anderer Farbe wirkte. Aehnlich war es an den Armen. Das Oberkleid hatte kurze, offene Aermel, mit de- nen es nur den halben Oberarm in ziemlicher Weite umgab. Mit seiner Kürze ging es noch ins zwölfte Jahrhundert hinüber. So z. B. erscheint es noch an der sitzenden Relieffigur der Kai- serin Beatrix, Gemahlin Friedrichs I. , in Freising. Auf den be- reits erwähnten Bildern der Herrad von Landsberg, also gegen das Ende des zwölften Jahrhunderts, ist es schon anders. Hier reicht das Oberkleid zu den Füßen herunter, und das untere ist nur an den Armen sichtbar, welche es bis zum Handgelenk völlig umschließt. Dieses untere Kleid oder, wie wir dasselbe mit den Dichtern nennen wollen, der Rock , bildet auch jetzt das Hauptkleidungsstück. Man erkennt das daraus, daß es zuweilen 1. Entwicklung einer originalen mittelalterlichen Tracht. auf Bildern allein vorkommt, ohne Oberkleid und ohne Mantel, was freilich wenigstens in der ersten Zeit dieser Periode kaum ge- schehen durfte, ohne daß sich der Vorwurf der Leichtfertigkeit da- mit verband. Es ist daher die Tracht von Tänzerinnen und losen Dirnen, zu denen auch die Tochter der Königin Herodias gerech- net wird, die auf einer Miniature vom Ende des zwölften Jahr- hunderts vor dem Könige, ihrer Mutter und dem Hofstaat wie eine Gauklerin auf den Händen tanzt; sie ist vom Künstler in dem anschmiegenden Rock allein dargestellt. Im Wigamur er- scheint eine Dame zu Pferde ohne Oberkleid und ohne Mantel. In solchen Fällen ist auf den Bildern die Form des Rockes deut- lich zu erkennen. Wie schon oben angedeutet, reicht er bis zum Halse hinauf und legt sich an Arm und Oberkörper aufs engste an; in der Seite wird er selbst geschnürt und gewinnt von der Hüfte abwärts reiche Faltenmassen, mit denen er auf den Boden fällt, sich wallend um die Füße legt und diese völlig verhüllt. In der höfischen Zeit gebot der Anstand den Damen durchaus, die Füße nicht sehen zu lassen. Die ganze Periode behält der Rock diese Form bei, wenn auch nicht ohne Widerspruch, und einzelne Moden, die an ihm auftreten, zeigen sich nur in der Taille und modificiren den Charakter nicht. Es kam darauf an, ob und in welcher Art er geschnürt wurde, denn einmal konnte die nöthige Enge schon durch den Schnitt des Kleides hergestellt werden, und zuweilen tritt auch die Schnürung an den andern Kleidungs- stücken auf, am Hemd wie am Oberkleid. Auf einem Bilde der Herrad von Landsberg ist der Rock einer leichtfertigen Dirne in den Seiten von der Achselhöhle bis herunter auf die Hüften aus- geschnitten und die Oeffnung durch eine Schnur straff wieder zu- gezogen. Aufgeschnitten und geschnürt ist auch auf einem Bilde ebendort das Kleid der Superbia. Als das Oberkleid mit dem Rocke die gleiche Länge erhielt, wurde jenes, wie wir sehen wer- den, in einer Art getragen, daß dieses dennoch sichtbar blieb, und dadurch wird es erklärlich, wie der Rock immer noch am untern Rand mit breiten Säumen umzogen werden konnte: denn was nicht gesehen wird, schmückt man nicht. Eben darum, weil es II. Das Mittelalter. nicht sichtbar werden konnte, wird bei dem Rock nie ein besonde- res farbiges Unterfutter erwähnt, es sei denn, daß er ohne Ober- kleid getragen wurde. Im Fall der Rock auf die angegebene Weise geschnürt ist, muß nothwendig noch ein anderes Kleidungsstück darunter sein, und es wird auch aus der sittenloseren Zeit des dreizehnten Jahr- hunderts erzählt, daß dieser Stoff so dünn gewesen sei, daß man die Weiße der Haut habe hindurch scheinen sehen. Dieses unterste Kleidungsstück hieß das Hemd . Wie aber schon in den vorigen Jahrhunderten theils sein Gebrauch in der heutigen Bedeutung ein zweifelhafter und jedenfalls ein nicht nothwendiger war, und theils sein Verhältniß zur unteren Haupttunica nicht feststand, sodaß diese nicht selten mit dem Ausdruck Hemd bezeichnet wer- den konnte, so bleiben auch in der gegenwärtigen Periode Ge- brauch und Bedeutung schwankend. Es ist sicher, daß das Hemd in der Weise vorkommt, daß die ganze Frauenkleidung außer ihm noch aus den beiden Kleidern und dem Mantel, also aus vier Stücken, bestand. Wir finden sie vollständig in der Schilderung der Kleidung der heiligen Martina von Hugo von Langenstein, und wenn sie hier allegorisch erklärt wird, so ändert das nichts. „An ihre Haut“ wird ihr ein Hemd gelegt und darüber der Rock, dann die Sukenie, mit einem Gürtel umschlossen, und der Man- tel mit einem Fürspann auf der Brust. Eben jene schon ange- führte Reiterin im Wigamur trug ein Hemd und darüber einen Rock, und es wird dann, als sie vom Pferde springt, ausdrücklich bemerkt, daß sie weder Oberkleid noch Mantel angehabt habe. Beides mußte also sonst der Fall sein. Ebenfalls im Wigamur ist eine Königstochter bekleidet mit einem Hemd, weiß wie ein Schwan und eng den Leib umspannend, und darüber trägt sie einen seidenen Rock und ein anderes Kleid von demselben Stoff. In diesem Falle, wenn das Hemd und der bereits beschriebene Rock auf das engste geschieden werden, war jenes kurz, seiden und immer von weißer Farbe. Das weißseidene Hemd ist auch in die Sage übergegangen. Ein solches verspricht die Elbin dem zur Hochzeit reitenden Oluf; sie hat es selbst im Mondenschein ge- 1. Entwicklung einer originalen mittelalterlichen Tracht. webt. Doch nicht ausschließlich war Seide der Stoff, denn als Brunhilde zu Bette geht, trägt sie „ein sabenweißes Hemde“, Sa- ben ist aber die schon in früheren Zeiten berühmte und damals viel mehr gebrauchte feine Leinwand. Vielleicht gehört auch dieser Ausdruck noch der ältern Form des Nibelungenliedes an. Spä- ter wird die Seide wieder vom Linnen ersetzt. Ums Jahr 1300 wird des Hemdes gedacht aus gesponnenem Flachs, der an der Sonne gebleicht worden. Schwerlich wurde das Hemd irgendwo sichtbar, wenigstens haben wir es auf Abbildungen nicht erkennen können. Nur bei den englischen Königinnen dieser Zeit, bei Eleo- nore von Guienne, der Gemahlin Heinrichs II. , und Isabella, Gemahlin des Königs Johann ohne Land, zeigt sich auf den Bildern ihrer Grabmonumente am Halse unter dem Kleid ein weißer Stoff, der dem Hemd angehören dürfte. Doch möchte ich diese englischen Königinnen nicht ohne Weiteres als für Deutsch- land maßgebend betrachten, zumal sie noch die weite gegürtete Tunica tragen. — So gewiß wie das Hemd als selbstständiges Kleidungsstück vorkommt in ähnlicher Bedeutung, wie wir sie noch heute mit diesem Ausdruck verbinden, ebenso gewiß ist es auch, daß es die Rolle des Rockes übernimmt und anstatt seiner getragen wird, oder diesen gradezu bezeichnet. Als Ulrich von Liechtenstein von seiner Frau, der verehrten Dame seines Herzens, empfangen wird, da hatte sie angelegt ein weißes Hemde und darüber die Su- kenie, das ist das Oberkleid, und über diese den Mantel. Es ist nicht selten, daß in dieser Weise in den Beschreibungen der Dich- ter nur die drei Stücke, Hemd, Kleid — in diesem Falle auch Rock genannt — und Mantel erwähnt werden. Nur wenn das Hemd auch als Rock gedacht wird, ist die Beschreibung einer edlen Jungfrau im Wigalois erklärlich, wo das feine Hemd von wei- ßer Seide mit goldener Naht geschildert wird, lichter denn ein Spiegelglas. Darüber trägt sie den Rock als Oberkleid und über diesem den Mantel. Auf diese Weise ist es auch erklärlich, wie der Waffenrock, welchen die Ritter über dem Kettenpanzer trugen, ein Waffen hemd genannt werden kann. So läßt das Nibelun- II. Das Mittelalter. genlied Brunhilde sich rüsten: über das goldene Kettengeflecht, die Brünne, legt sie ein seidenes Waffenhemd aus libyschem Stoffe, welches noch in keinem Streit Waffen durchschnitten hat- ten; mit glänzenden Borten ist es besetzt. Wenn nun einige Strophen weiter noch eines besonderen Waffenrocks aus Seide von Azagauk gedacht wird, so gehört das der späteren Ueberarbei- tung an, welche die Beschreibung dieser Stelle in mehrfacher Weise unklar macht. Einen besondern Beweis, daß das Hemd im dreizehnten Jahrhundert die Stelle des untern Kleides ver- tritt oder vertreten kann und muß, giebt eine Stelle in Ulrich von Liechtensteins Frauendienst, wo er erzählt, daß er sich in Venedig habe Frauenkleider machen lassen, zwölf Röcke, dreißig Frauen- ärmel für Hemden und drei sammtne Kappen. Die letzteren ver- treten die Stelle der Mäntel, die Röcke sind die Oberkleider, wie sie damals ärmellos getragen wurden, und die Hemden die un- tern Kleider mit den sichtbaren Aermeln. Da diese der Be- schmutzung sehr ausgesetzt waren, so mußte eine öftere Erneuerung statt finden. Sie konnten leicht gelöset und wieder befestigt wer- den. Auch an einer andern Stelle berichtet er, wie er ein weißes Hemde angelegt habe mit zwei „Frauenärmeln.“ Diese Aermel, sowohl die des Hemdes als des Rockes, falls jenes für diesen getragen wurde, sowie das Hemd selbst spielen im ritterlichen Frauendienst eine große Rolle. Die damalige Welt war raffinirt sinnreich in ihrem idealen Liebesgenuß. So tauschte man die Hemden mit einander, wenn man sie schon getragen hatte: die Ritter legten die der Damen an, ließen sie im Streit zerhauen und stellten sie in diesem Zustande ihren ursprünglichen Besitzerinnen zurück, die sie aufs Neue trugen. Als Gawan im Liebesdienst der Obilot stand, so erzählt Wolfram im Parzival, befestigte er den Aermel eines neuen Kleides seiner Dame auf den Schild, und als derselbe in der Schlacht am Rand und in der Mitte durchstochen und zerschlagen war und er ihn so wieder zu- rückgiebt, „Da ward des Mägdleins Freude groß, Ihr blanker Arm war noch bloß, Darüber schob sie ihn zuhand.“ 1. Entwicklung einer originalen mittelalterlichen Tracht. Gahmuret machte es so mit seiner Gemahlin Herzeloide. Ein Hemd, lind und fein, von weißer Seide, das sie auf dem bloßen Leib getragen, das legte er über seinen Ringpanzer, und wenn es durchstochen und zerhauen war, so trug es Herzeloide wieder auf bloßer Haut. So hatten sie es mit achtzehn Hemden gemacht. Ja, als ihr Gemahl im Kampfe gefallen, will sie selbst sein bluti- ges und zerfetztes Hemd, in welchem er gestorben war, an sich le- gen, doch hindert man sie daran und nimmt es ihr fort. Bezeich- nend ist in dieser Beziehung die Geschichte des Ritters von Auchenfurt. Eine von ihm verehrte Frau, die ihrem Gemahl treu bleiben will, verheißt ihm endlich den Lohn seines langen Wer- bens, wenn er ohne Rüstung in den Kampf gehe. Er thut es, und obwohl er durchbohrt wird, kommt er dennoch mit dem Le- ben davon und verlangt nun den versprochenen Minnesold. Auf ihr flehentliches Bitten will er sie ihres Wortes entbinden, wenn sie sich mit demselben blutigen Hemd, in welchem er verwundet worden, auf dem bloßen Leib öffentlich in der Kirche vor dem Altar zeige. Sie erfüllt wirklich diese harte Bedingung. Eine ähnliche Geschichte hat ein französisches Gedicht überliefert. Es war eine schöne, hochgefeierte Dame, um deren Gunst sich drei Ritter bewarben. Um sie zu prüfen, sendet sie ihnen durch einen Knappen eines ihrer Hemden, sie sollten es im Turnier des näch- sten Tages tragen ohne eine andere Rüstung. Der erste Ritter fühlt sich hoch geschmeichelt und nimmt das Hemd, allein nach kurzem Bedenken stellt er die verhängnißvolle Gabe dem Knappen wieder zurück. Der bringt es zum zweiten, welcher es ebenfalls ausschlägt. Der dritte und jüngste nimmt es mit großer Dankbar- keit an, und obwohl ihm noch in der Nacht die Furchtsamkeit manche Qual bereitet, siegt doch die Liebe, und er reitet, wie es verlangt worden, in die Schranken. Todeswund und mit blutbedecktem Hemde, so geht er als Sieger aus dem Kampf hervor. Noch lag er auf dem Krankenlager, da hört er, daß die verehrte Dame, um deretwillen er litt, eine große Gesellschaft gäbe. Er schickt ihr das Hemd und bittet, sie möge es sogleich anlegen, so blutig und zer- fetzt wie es sei. Und die Dame thut es und trotz allem späteren II. Das Mittelalter. harten Tadel trägt sie es, so lange sie die Speisen und den Wein an ihre Gäste austheilt. — Die Veränderung, welche mit der obern Tunica, dem Ober- kleid, vorging, haben wir schon oben angedeutet. Wie der Rock erhielt auch sie Taille und umschloß anschmiegend die Formen des Oberkörpers; nach unten erweiterte und verlängerte sie sich bis über die Füße, und die kurzen Aermel wuchsen und dehnten sich zu einer solchen Länge und Weite, daß sie nicht nur über die Hand fielen, sondern wenn der Arm herabhing, berührten sie den Boden mit ihrem pelzverbrämten Rande. Anfänglich, in der er- sten Hälfte des zwölften Jahrhunderts, begann die Weitung gleich von der Schulter, wo die Naht noch eng die Achsel um- schloß, und wuchs dann allmählig bis zu einer Oeffnung von zwei bis drei Fuß Durchmesser und darüber. Bald aber bedeckten die Aermel den ganzen Arm anliegend gleich denen des Unter- kleides und erst am Ellbogen oder in der Nähe der Handwurzel öffneten sie sich plötzlich zu der angegebenen immensen Weite. Die Damen auf den Bildern der Herrad von Landsberg zeigen meistens die Uebergangsform, während die wunderbar gehaltene Figur der Superbia, welche mit fliegendem Schleier und ge- schwungener Lanze stolz zu Roß dahinsprengt, und eine andere Dame, welche von der Tugendleiter herabstürzt, sie in der ausge- bildetsten Gestalt zeigen. Es scheinen also Eitelkeit und Hoffahrt mit dieser äußersten Form ein wenig in Verbindung zu stehen. Diese Tracht, welche an die sonstige Phantastik des zwölften Jahrhunderts erinnert, ist an sich freilich sehr unbequem und auch nur vereinbar mit den zu jener Zeit durch den Anstand gebote- nen, rückhaltsvollen und gemessenen Bewegungen der Damen. Es wird uns hierdurch erklärt, warum von Brunhilde gesagt wird, als sie sich zum Wettkampf bereitet: „An ihre weißen Arme sie die Aermel wand.“ In der Zeit der höfischen Dichtung, also etwa auf der Gränze des zwölften und dreizehnten Jahrhunderts, verschwinden die langen und weiten Aermel, und das Oberkleid überläßt die Be- deckung der Arme dem Unterkleid allein. Es wird ärmellos. — 1. Entwicklung einer originalen mittelalterlichen Tracht. Das Oberkleid der vorhin erwähnten Superbia und auch anderer Damen, bei denen die Eitelkeit ein wenig mehr ins Spiel zu kom- men scheint, ist, wie wir es früher beim Unterkleid gesehen haben, an den Seiten aufgeschnitten und wieder straff zusammengeschnürt und die ganze Oeffnung zu beiden Seiten mit Pelz gefaßt. — Im Laufe und besonders in der zweiten Hälfte des dreizehn- ten Jahrhunderts tritt namentlich an dem Oberkleide eine Art Reaction zu Tage, welche sich gegen die vorherrschende Neigung erhebt, den Körperformen ihr Recht werden zu lassen und sie in voller Schönheit zu zeigen. Es war das gleichzeitig mit dem Sinken des ritterlichen Minnedienstes. Die Ritter vermieden die Frauen vielmehr, als daß sie dieselben aufsuchten; sie lagen den ganzen Tag auf der Jagd, und wenn sie Abends nach Hause kamen, ergaben sie sich Trinkgelagen und Würfelspiel. Es waren die bösen Zeiten des Interregnums, denen die nüchterne Regierung Ru- dolfs von Habsburg folgte, über dessen Mangel an Liberalität die fahrenden Sänger und Musiker viel zu klagen haben. Da die Courtoisie aus dem Leben verschwand, fanden auch die Frauen keine Veranlassung, noch denselben Werth auf ihr Aeußeres zu legen. Allein gelassen und auf sich selbst gewiesen, ergaben sie sich der Frömmelei, und wie sie ein nonnenhaftes Leben führten, so kleideten sie sich ähnlich, verhüllten mehr die Formen durch weitere Kleidung und suchten auch mehr als sonst das Gesicht zu verdecken. Diese Vorwürfe macht ein Ritter in Ulrich von Liech- tensteins Frauendienst der Damenwelt: mit dem Gebende und dem Schleier, den sie jetzt alle trügen, verhüllten sie Mund, Wangen und Brauen wie die Klosterschwestern, und wenn sie gar einmal ein kostbares Zobelkleid anlegten, so sei dasselbe auf der Brust mit einem Paternoster geziert. Die Dame, der gegen- über diese Klagen erhoben werden, vergilt dieselben mit dem, was wir oben über das Leben der Männer mitgetheilt haben und noch viel Aergerem. — Wenn dieser Hang zur Frömmelei und zu einer die Formen mehr verhüllenden Kleidung die entgegengesetzte Rich- tung auch nicht unterdrücken konnte, wie dieselbe auch wirklich im vierzehnten Jahrhundert in viel stärkerer Weise wieder hervor- II. Das Mittelalter. brach, so vermögen wir doch ihren Einfluß in der Tracht der Zeit, namentlich noch auf den Bildern der Weingarter und Manessi- schen Liederhandschrift — beide ungefähr um das Jahr 1300 ge- macht — nicht zu verkennen. Doch erinnern die Frauengestalten in ihrem Charakter nicht durchaus an die des elften Jahrhun- derts, sondern, wenn wir die größere Weite des Oberkleides und theilweise des unteren ausnehmen, mit ihrem ganzen nobeln und plastischen Wesen und der freien Haltung vielmehr an die Schil- derungen der Dichter aus der höfischen Zeit. Das Oberkleid, nur den Hals, aber völlig, freilassend, legt sich mit einem Gold- saum anschließend um die Schultern, und meistens ohne Aermel und mit weit geschnittenem Aermelloch fällt es, nirgends ge- zwungen, in ungehindertem Fluß faltig und wallend über die Füße. Immer jedoch gewahrt man, wenn auch oft nur sehr leise, namentlich auf den Bildern der Weingarter Handschrift, eine ge- wisse Neigung, die Schlankheit des Körpers durch Einziehen über den Hüften zur Anerkennung zu bringen. — Der Anstand ver- langte, daß eine Dame, wenn sie ging oder stand, das obere Kleid, vorausgesetzt, daß sie keinen Mantel darüber trug, an der linken Seite ein wenig in die Höhe nahm und in dieser Lage un- ter dem linken Arm festhielt. Dadurch wurde zweierlei erreicht: einmal hob sich der Faltenwurf, auf den soviel Werth gelegt wurde, zu weit größerer Schönheit, indem das gleichmäßige Herabfallen aufgehoben wurde, und zweitens wurden der Rock so- wohl wie das Unterfutter des Oberkleides unten an der linken Seite sichtbar, sodaß hier verschiedene Farben in Wirkung traten. Diese Art, das Oberkleid zu tragen, war so allgemein und wurde so eingehalten, daß wir in der Manessischen Liederhandschrift auf dem Bilde, welches Hartmann von Starkenburg vorstellt, eine Jungfrau sehen, die mit dem linken Arm ihr aufgehobenes Kleid am Leibe festhält, obwohl sie in der einen Hand einen Becher hält und in der andern eine volle Schüssel, welche sie dem Waf- fen schmiedenden Dichter bringt. Kokette Frauen benutzten diese Sitte, indem sie das Kleid ein wenig höher hoben, ihre sonst ver- borgenen Füße gegen alle Schicklichkeit sichtbar zu machen. Auch 1. Entwicklung einer originalen mittelalterlichen Tracht. auf die Kunst scheint sie nicht ohne Einfluß geblieben zu sein. Weil der aufgehobene Theil des Mantels — oder des Oberklei- des — mit Arm und Hand auf der einen Hüfte ruhte, so mochte diese unwillkürlich ein wenig vortreten, um besseren Stützpunkt zu geben. Das sah man der Natur ab und übertrug es in die Kunst, wo es im vierzehnten und noch mehr im funfzehnten Jahrhundert zum Stil wurde und in die auffallendste Manier ausartete, als die erste Ursache im Leben längst nicht mehr exi- stirte. Es sind nicht bloß Madonnen mit dem Kinde auf dem Arm, in welchem Falle man hierin den Grund suchen könnte, welche so dargestellt werden, sondern eine lange Zeit hindurch ist es eine Eigenthümlichkeit der Heiligen sowohl wie überhaupt fast aller Frauen, wenn die Plastik, und auch wohl die Malerei, sie freistehend bildet. Das Unterfutter des Oberkleides war entweder ein anders- farbiger gewebter Stoff, wie Sammet, Seide, Wolle, oder, wie bei vornehmen Damen ritterlichen Standes gewöhnlich anzuneh- men ist, irgend eine Art von edlem Pelzwerk, sei es Hermelin, Zobel, Marder oder ein anderes kostbares Rauchwerk. Häufig waren auch verschiedene Arten mit einander gemischt, sodaß zum Beispiel ein weißes Hermelinunterfutter noch mit schwarzem Zobel gefaßt war. Am Rand der Aermellöcher und am untern Saum kommt die Pelzverbrämung stets zum Vorschein. Man trug die also gefütterten Oberkleider gewöhnlich Winter und Sommer; wenigstens geben die Dichter keine Andeutung, daß die Jahres- zeit hierin je einen Unterschied gemacht hätte. Später geschah es allerdings. Auf denselben Bildern sehen wir zuweilen bei der häuslichen und namentlich jugendlichen Tracht das Oberkleid ganz fehlen; das Unterkleid erscheint dann etwas weiter, ist mit ziemlich regel- mäßigen, wie künstlich gelegten Falten über den Hüften gegürtet und nähert sich dadurch in etwas der oben angedeuteten matro- nenhaften Kleidung, die neben der herrschenden Mode hergeht. Die Weite mochte der häuslichen Bequemlichkeit mehr zusagen. Auch fürstliche Damen entsagen der Mode, wenn sie in ihrer II. Das Mittelalter. Würde neben dem Gemahl den Thron besteigen. So die Land- gräfin von Thüringen auf dem Bilde der Manessischen Hand- schrift, welches den Sängerkrieg darstellt: ihr Oberkleid — der Rock wird nicht sichtbar — ist weit, faltig und über den Hüften gegürtet. Diesen Hauptformen des Oberkleides stehen im dreizehnten Jahrhundert noch einige mehr exceptionelle zur Seite. So ist in Hefner’s Trachtenbuch ( I, 49) eine Dame abgebildet, deren Ober- kleid einem langen viereckigen Stück gleicht, welches in der Mitte ein umsäumtes Loch hat, um den Kopf durchzustecken, mit seinen beiden Hälften nach vorn und hinten bis auf die Füße herabfällt und im Uebrigen nur die Schultern und einen Theil der Arme bedeckt und die Seiten offen läßt. Eine ähnliche Form des Ober- kleides trägt die Gräfin Beatrix von Botenlauben, welche im Jahr 1250 starb, auf ihrem gleichzeitig gemachten Grabstein. Es sind zwei lange, faltige, auf die Füße herabwallende Stücke Zeug, welche nur oben auf den Schultern durch eine goldene, den Hals umgebende Borte an einander befestigt sind und so die Arme und die Seiten frei lassen. Aber diese Dame war im Orient geboren, eine Tochter des letzten Grafen von Edessa, und so dürfte in diesem Kleidungsstuck vielleicht eine Erinnerung an ihre Heimath zu suchen sein, worauf auch die fremdartige Anordnung des Schleiers zu deuten scheint. Hefner I, 60. Sowie es zuweilen vom Oberkleid heißt, daß es nach fran- zösischem Schnitt gemacht sei, ohne daß es uns möglich wäre, anzugeben, worin die in jedem Fall nicht bedeutende Eigenthüm- lichkeit desselben bestanden habe, so erkennen wir auch in den Benennungen hier und da fremdartige Einflüsse, und zwar selbst bei den Dichtern, welche rein deutsche Gegenstände behandeln. Auch hier ist es schwer, die Unterschiede von der herrschenden Form anzugeben, wenn sie überhaupt vorhanden waren, da die Trachtenbilder jener Zeit durchweg gleichen oder wenig abweichen- den Charakter zeigen. Wir erkennen aber daraus den Zusammen- 1. Entwicklung einer originalen mittelalterlichen Tracht. hang, der schon damals im Reich der Mode statt fand und eine ziemlich allgemeine, im Wesentlichen gleiche Tracht der vorneh- men Welt herausgebildet hatte. Die meisten Einflüsse gingen schon damals von Frankreich aus. In einer bereits oben angeführten Stelle im Frauendienst des Ulrich von Liechtenstein trägt die verehrte Dame seines Her- zens, als sie ihn empfängt, über dem weißen Hemde eine Su- keine von Scharlach, mit weißem Hermelin gefüttert, sowie im Tristan des Heinrich von Friberg die blonde Isolde mit Rock, Sukenie und Mantel bekleidet ist. Auch in dem Gedicht „Frauen- treue“, welches in von der Hagen’s Gesammtabenteuern mitge- theilt wird, ist dieses Kleidungsstückes in lehrreicher Weise ge- dacht. Eine Frau steht an der Leiche des Geliebten und opfert ihm ihre Kleider: erst legt sie den Mantel ab, dann entkleidet sie sich der Sukenie und drittens auch des Rockes, „daß sie vor Leide gar der Scham vergaß.“ Wir erkennen hier deutlich die Aufein- anderfolge der Stücke und erfahren zugleich aus diesen Beispielen, die wir den verschiedenartigsten und verschiedenen Gegenden an- gehörenden Gedichten entnehmen, daß die Sukenie ein überall verbreitetes, gewöhnliches Oberkleid war, selbst wenn die Ablei- tung des Wortes von dem altslavischen sukno, Gewand, die richtige ist. In jedem Falle war sie ein, wenn auch am Oberkör- per eng anliegendes, doch langes, auf die Füße fallendes Ober- kleid. Gewiß ähnlich war auch der Sürkot , dem Worte nach französischen Ursprungs und schon Oberkleid bedeutend. Später ändert sich die Form desselben mit der Umwandlung der Mode, während der Name bleibt. Wenn das Oberkleid den Namen Corsett — wir müssen dabei von der heutigen Bedeutung des Wortes völlig absehen — oder Kursit, Kursat und Kürsen führt, so war es stets mit Rauchwerk gefüttert; denn obwohl die Ableitung des Wortes Kürsch zweifelhaft ist, so ist doch sicher, daß es in dieser Form von Anfang an Pelz bezeichnet, und von dem Gegenstand erst der Name auf das Kleid und auf das Hand- werk, Kürschner, übergegangen ist. Als eine besondere Art von II. Das Mittelalter. Rauchwerk spielt der Kürsch bekanntlich eine wichtige Rolle in der Heraldik. Im Wigamur trägt eine schöne Jungfrau ein mit lichtem Veh unterfüttertes Corsett von rothem Scharlach über dem Rock von gleichem Stoff. Helmbrecht, der Bauersohn, der uns noch öfter gute Dienste leisten wird, zieht bei seinem Räu- berleben den Frauen vom Leibe Pfeit (d. i. Hemd), den Rock, ihr Kürsen und ihren Mantel. Die im Mittelalter so beliebte Erzählung vom Ritt der schö- nen Phyllis, der Geliebten Alexanders, auf dem Rücken des weisen Aristoteles, ebenfalls in den Gesammtabenteuern mitge- theilt, macht uns noch mit einem andern Oberkleid bekannt, wel- ches an dieser Stelle Schwanz und Schwänzelein genannt wird. Die Schöne hat ihre Gründe, nur dieses allein anzulegen. Es ist von Seide und mit weißem Hermelin gefüttert. Sie trägt es ganz wie sonst eine edle Dame das Oberkleid, indem sie es an der linken Seite mit dem Arm in die Höhe nimmt „bis über ihre Kniee,“ welche entblößt wurden, weil sie wider die Ordnung kein Unterkleid angelegt hatte. In den durch das Aufnehmen entstan- denen Bausch warf sie Blumen, die sie im Gehen pflückte. — Mit dem untern und dem obern Kleid steht zunächst der Gürtel in Verbindung. Bei der zunehmenden Enge der Klei- dung, die sich namentlich über den Hüften den Formen an- schmiegte, wurde der Gürtel ziemlich überflüssig. Auf eine über- mäßig enge Taille hatten es die Damen dieser Periode nicht ab- gesehen; es sollte nur die Schlankheit der ganzen Figur, die Schönheit des Wuchses gezeigt und gehoben werden. Es darf daher nicht auffallen, wenn wir auf den keineswegs dürftigen bildlichen Quellen dieser Periode die Damen nur selten mit einem Gürtel angethan finden. Auf den Bildern der Herrad von Lands- berg trägt ihn keine Dame. Die Bilder der Heidelberger Hand- schrift des Sachsenspiegels, welche überhaupt norddeutsche, vom höfischen Leben wenig influirte Zustände zu erkennen geben, las- sen ihn mehr vermuthen als erkennen. Die Weingarter Bilder- handschrift der Minnesinger zeigt ihn bei Frauen gar nicht und die Manessische sehr selten. Und doch mußte er damals getragen 1. Entwicklung einer originalen mittelalterlichen Tracht. werden, nach der häufigen Erwähnung bei den Dichtern und nach der großen Bedeutung, die ihm im Leben und Glauben bei- gelegt wurde, zu schließen. Es ist daher wohl anzunehmen, daß er häufig über dem untern Kleide getragen und so vom obern verdeckt wurde, ebenso häufig aber auch als überflüssig ganz weg- blieb. Auf den Manessischen Bildern vermögen wir ihn entweder bei der häuslichen Tracht zu erkennen, wenn das Oberkleid nicht angelegt worden, oder bei der weiteren, matronenhaften Kleidung fürstlicher Damen, deren wir schon oben gedachten. Daß der Gürtel so über dem untern Kleide getragen wurde, zeigt die Kö- nigin Nyfrogar im Wigamur, welche ihn über dem Hemde, wel- ches hier als Rock zu denken ist, angelegt hat; darüber liegt das Oberkleid. So muß auch Brunhilde ihren Gürtel getragen ha- ben, mit welchem sie in der Nacht Gunther band. Aus andern Stellen geht wieder hervor, daß er auch das Oberkleid umschloß. So heißt es im Parzival von den Jungfrauen, welche im Schloß Monsalvage vor dem Gral die Leuchter tragen: „Das zweite Kleid war affichirt Mit zweien Gürteln, da wo schlank Die Frauen sind und schmal und schwank.“ Aber schon der doppelte Gürtel weiset hier auf eine abweichende Mode hin, welche auch der Schnitt des Kleides andeutet, denn es war lang und weit, „so will’s der Brauch“, d. h. der auf Monsalvage geltende. Sonst wird ausdrücklich bemerkt, daß der Gürtel das Kleid zusammenzwänge, welches überdies schon sich „heimelich“ eng dem Leibe anlege. So wird die Kleidung der Isolde in Gottfrieds Tristan geschildert. — Der Gürtel, weil ohnehin mehr zum Schmuck bestimmt, war nach den Kräften des Besitzers von möglichster Kostbarkeit. Die Unterlage war von Seide oder goldgewebtem Stoffe, der aus der heidnischen Fremde kam; oben war er mit Gold beschlagen und mit Perlen und Edelsteinen besetzt. Die Dichter wissen mancherlei davon zu er- zählen. Die Schnalle ist ihnen aus einem großen Edelstein ge- schnitten, und die Goldarbeit bilden Thierfiguren oder anderes der Zeit entsprechendes getriebenes Ornament. So trägt im Wi- Falke , Trachten- und Modenwelt. I. 8 II. Das Mittelalter. galois eine edle Jungfrau einen Gürtel, „das war eine Borte mit edlen Steinen geschmückt, groß und nicht zu klein, die Rinke war aus einem Smaragd, grün wie Gras, gegraben; darauf war von Gold ein Adler in erhabener Arbeit mit schönem, hartem Schmelz. Die Spängel waren goldene Thiere, dazwischen weiße Perlen.“ Im Allgemeinen war der Gürtel schmäler geworden und es wird diese Eigenschaft öfter bemerkt; auch die Bilder geben das zu er- kennen. Dagegen trägt Ulrich von Liechtenstein als Frau Venus einen Gürtel, welcher drei Finger breit ist. An dem einen Ende befand sich immer ein Ring oder eine Schnalle, durch welche das andere so gezogen wurde, daß es vorn noch mit ziemlicher Länge herabhing. So trugen den Gürtel damals auch die Ritter. Die große Bedeutung des Gürtels tritt uns in Lied und Sage vielfach entgegen. Bekannt ist der symbolische Sinn, den er für die Frau schon damals hatte, wie noch in der Schillerschen Glocke. Dann verknüpfte sich mit ihm der Glaube an besondere Wunderkräfte, die auch im Einzelnen den an ihm befestigten Stei- nen zugeschrieben wurden. So liegt in dem eben aus dem Wiga- lois erwähnten Gürtel ein Rubin, der benahm der Trägerin mit süßem Schein ihr Ungemach, wenn ein Leid ihr Gemüth trübte. In demselben Gedicht erhält die Königin Ginovra von einem fremden unbekannten Ritter einen Wundergürtel: als sie densel- ben umlegte, hatte sie alsobald Weisheit und Stärke, kein Leid trübte sie, die Sprachen kannte sie alle wohl, ihr Herz ward der Freuden voll; welches Spiel man anfing, sie glaubte, daß sie es könnte; keine Kunst mangelte ihr. Und wie sie ihn wieder dem Ritter zurückgiebt, da besiegt derselbe durch des Gürtels Kraft alle Ritter der Tafelrunde. Am ausführlichsten wird ein solcher Gürtel geschildert in einem Gedicht des Dietrich von Glatz. Die- ser goldbeschlagene Gürtel trägt funfzig oder mehr Edelsteine, davon ist ein Theil über die See gekommen, ein Theil aus Ma- rokko, einen Theil brachten die Mohren von Indien und das Volk von Syrien über des Meeres Flut, Chrysoprassen und Onyxe und Chrysolithen; besondere Kraft aber hatte ein Stein, der theils wolkenfarben, theils dunkelroth war. Wer den Gürtel 1. Entwicklung einer originalen mittelalterlichen Tracht. mit diesem Stein trägt, der wird nimmer der Ehre ledig, er wird nimmer erschlagen, er sieget zu aller Zeit, für Feuer und Wasser ist er gut. Diese Eigenschaften bewähren sich in der Erzählung. — Die doppelte und dreifache Kleidung der Frauen und na- mentlich auch wohl die Pelzunterfütterung des Oberkleides machte den Mantel vielfach entbehrlich und überflüssig. Wenn er darum kein so nothwendiges Kleidungsstück mehr war, wie er früher noch bei jeder Gelegenheit außer dem Hause getragen wurde, so gehörte er doch noch immer zu einer vollständigen no- beln Tracht. Namentlich konnten fürstliche Personen seiner nicht entbehren. Wie bei den Dichtern in den Beschreibungen von Da- mentoiletten häufig keine Erwähnung desselben geschieht, so er- scheint er auch seltner auf den bildlichen Quellen. Auf den Bil- dern der Herrad von Landsberg begnügen sich alle gewöhnlichen Frauen mit dem Rocke und dem weitärmeligen Oberkleide, nur die Heiligen und die Frauen der Bibel, die Königinnen sowie eine Braut im Putz und die Personificationen der Tugend und der Luxuria im höchsten Staat tragen den Mantel. Auf den Bil- dern der Liederhandschriften, der Manessischen wie der Weingar- ter, ist sein Gebrauch grade kein seltner, doch sehen wir die Da- men häufiger noch sich mit Oberkleid und Rock begnügen. Dage- gen dürfte er sich ausnahmslos auf den Grabsteinen vornehmer Damen finden. In Bezug auf seine äußere Erscheinung änderte er sich in zweierlei Weise. Einmal warf er allmählig bie breiten Goldborten und den Perlen- und Edelsteinbesatz ab, von dem die Dichter in vereinzelten Quellen noch mehr zu erzählen wissen als die Bilder. Andrerseits nahm er, der allgemeinen Zeitströ- mung folgend, nach heutiger Ausdrucksweise, Fa ç on an: er wurde länger, massiger, faltiger und erhielt eleganteren Schnitt, während er früher mehr einem viereckigen Stück Zeug geglichen hatte. Damit änderte sich auch seine Befestigung auf der Brust. Statt der einzigen Nadelagraffe, welche ihn früher von beiden Seiten hier zusammengefaßt hatte, hielt ihn nun ein Riemen, eine Schnur oder eine Borte. Sie konnte von Gold- oder weniger kostbarem Stoffe sein und war entweder auf beiden Seiten befestigt, oder 8* II. Das Mittelalter. nur auf der einen in der Art, daß das andere Ende beweglich durch ein Loch lief; dadurch war es möglich, durch Anziehen oder Nachlassen den Mantel in beliebiger Enge zusammenzuziehen oder lockerer und weiter zu machen. Da wo die Enden des Riemens befestigt waren, saßen wohl als Schmuck zwei goldene Scheiben oder Rosetten, Tassel oder Tessel genannt. Die noble Dame pflegte diesen Mantel so zu tragen, daß sie mit dem einen Arm einen Theil in die Höhe hielt, während sie mit derselben Hand die beiden Seiten vorn zusammenfaßte und ebenfalls etwas in die Höhe hob, die beiden vordern Finger aber oder den Daumen der andern Hand in die Borte legte, welche sie mit denselben ein we- nig herabzog. In dieser Gestalt sind die Frauen häufig auf ihren Grabsteinen abgebildet; daß es auch die Sitte des Lebens war, erfahren wir aus einer Schilderung der Isolde in Gottfrieds Tristan, auf welche wir weiter unten noch des Näheren zurückkom- men werden. Ihr Mantel, wie er hier geschildert wird, „weder zu kurz noch zu lang und, da er niedersank, weder zur Erde schwe- bend noch empor,“ soll nach französischem Schnitt gemacht sein. Der Ausdruck kommt öfter beim Mantel vor; ob aber damit die eben beschriebene Form gemeint ist, in welcher nichts Abweichen- des zu liegen scheint, vermögen wir nicht zu bestimmen. Beim Sitzen wurden die beiden Seiten des Mantels auf den Schooß über einander gelegt; die Beine darunter zu kreuzen, war wider den Anstand. Die Frauengestalten unter den berühmten Statuen im Naumburger Dom tragen denselben Mantel, nur hat er am Hals einen kleinen umgelegten Kragen gleich dem des heutigen Männerrockes. Den Mantel in der mehr alterthümlichen Form, wie er auf der Brust mit der einzigen Agraffe, die auch wohl in diesem Falle Tassel heißt, geheftet wird, geben die Künstler wie die Dichter stets der Jungfrau Maria und andern Heiligen. Oft auch bleibt bei Personen jeden Standes der Schmuck völlig fort, und es fallen die beiden Seiten schlicht über die Schultern herab. Diese Form allein kennen die Bilder der Weingarter Handschrift und die in der Heidelberger Handschrift des Sachsenspiegels, welche letzteren überhaupt die Kleidung einfacher halten. — Der 1. Entwicklung einer originalen mittelalterlichen Tracht. Stoff des Mantels war Wolle, Seide und Sammet; das Unter- futter ein ähnlicher, andersfarbiger Stoff oder beim ritterlichen Stande gewöhnlich kostbares Rauchwerk. — An der Stelle des Mantels und als völliger Ersatz für ihn wurde häufig die Kappe getragen, ein Gewand, welches insbe- sondere noch der Männerwelt als Reisekleidung diente. Im vier- zehnten Jahrhundert kam sie in häufigeren Gebrauch, doch be- diente sich ihrer schon Ulrich von Liechtenstein auf seiner Venus- fahrt beim Reiten statt des viel unbequemeren Mantels. Es war ein Gewand mit offenen Halbärmeln, welches angezogen wurde und somit in seiner Form mehr dem Oberkleide als dem Mantel glich. In der ersten Hälfte des vierzehnten Jahrhunderts — auch wohl schon einige Jahrzehnte früher — war die Kappe mit Kra- gen und Kaputze versehen, in welcher sie auf einem Elfenbein- schnitzwerk von Damen getragen wird, welche zu Pferde einer Hirschjagd folgen. Kunst und Leben der Vorzeit. Heft 16. Hirschjagd. Zu erwähnen sind noch ein Paar besondere Kleidungsstücke, deren temporärer und localer Gebrauch ein sehr beschränkter ge- wesen ist. Dahin gehört der Kurzabold oder Kurzibald , dessen schon im elften Jahrhundert gedacht wird. Wahrscheinlich war er ein kurzes, rund geschnittenes, ärmelloses Gewand, wel- ches mit der ganzen Entwicklungsgeschichte des Costüms wenig in Verbindung gestanden zu haben scheint. Im dreizehnten Jahr- hundert verschwindet er wieder völlig. Das zweite ist ein breiter Zobelpelz, dessen im Wigalois Erwähnung geschieht, wo ihn eine Jungfrau um die Schultern legt und dadurch ihren Hals größ- tentheils verdeckt. — Diese Periode, welche so mannigfach, ohne zu entblößen, die Schönheit aus ihrer formenlosen Verhüllung befreite und zu einer durch Wohlanständigkeit gemäßigten Wirkung kommen ließ, lösete auch mehr und mehr das Haar aus Fesseln und ver- bergender Hülle. Im Lauf des zwölften und dreizehnten Jahr- II. Das Mittelalter. hunderts wurde es in der höfischen Damenwelt fast durchgängige Sitte, mit Aufgebung aller gebundenen Frisuren, das auf der Mitte über der Stirn gescheitelte Haar in voller Länge und Schön- heit mit reicher wogender Lockenfülle über Nacken und Schultern den Rücken hinab fließen zu lassen. Nur in Trauerfällen schnitt man, wie bei der Einkleidung einer Nonne, das Haar ab. Schon auf den Bildern der Herrad von Landsberg ist dies fast aus- nahmslose Tracht, doch liegt zuweilen ein Schleier darauf. Die spätere, unterscheidende Sitte, nach welcher Jungfrauen den Kopf bloß tragen, Verheirathete aber mit Schleier oder Haube be- deckt, ist im zwölften Jahrhundert noch nicht durchgeführt, wäh- rend in der zweiten Hälfte des folgenden die Bilder des Heidel- berger Sachsenspiegels diesen Unterschied genau festhalten. Ehr- würdige Matronen und die heiligen Frauen der Bibel, nament- lich Maria, damals noch mehr die schmerzbewußte Mutter als die gefeierte und liebend verehrte Jungfrau, tragen bei der Herrad gleich den Nonnen das Haar dicht verhüllt; eine geschmückte Braut läßt es in voller Pracht herabfließen. Grade so trägt es auch die Personification der Tugend, während die junge Freun- din eines Soldaten, die von der Tugendleiter herabstürzt, es mit dem Schleier bedeckt hat. Von den Frauen, welche die sieben freien Künste darstellen, haben vier das Haar frei und aufgelöset, drei aber den Schleier darüber. Man sieht, welche Willkür noch damals herrschte. Die freie, wogende Lockenfülle, wie sie dann zur allgemeinen Herrschaft kam, erscheint im höchsten Grade natürlich und kunstlos, muß aber doch viel Mühe und Zeit gekostet haben, denn Bruder Berthold, der Landprediger, wirft den Frauen vor, daß sie das halbe Jahr an ihre Locken verwendeten. So großen Geschmack hierin die Frauen beweisen, ebenso große Geschicklich- keit zeigen auch die Künstler in der Darstellung mit ewig wech- selndem Schwung der Linien. Um das Gesicht vor dem Herüberfallen der Locken zu schützen und diese trotz Wind und Bewegung zusammen zu halten, trug man mehrfachen Schmuck und verschiedenartige Hauben. Die Mannigfaltigkeit derselben war nicht gering und scheint häufig 1. Entwicklung einer originalen mittelalterlichen Tracht. durch Landessitte bedingt worden zu sein, wie aus der Schilderung von Artus Hof im Parzival zu schließen ist: „— — — Man sah Hohen, niedern Kopfputz auch, Wie es in jedem Land Gebrauch; Sie kamen her aus manchen Reichen, Die sich in Sitt’ und Schnitt nicht gleichen.“ Der einfachste Kopfschmuck war ein schmaler, goldener oder silberner Reif , welcher über der Stirn das Haar umschloß und zusammenhielt. Derselbe wurde im Frühling und in der Som- merzeit viel und gern durch einen natürlichen Blumenkranz er- setzt, am liebsten von rothen und weißen Rosen, den sinnvollen Blumen der Verschwiegenheit in der Liebe, wie z. B. dergleichen die schönen Jungfrauen auf Monsalvage, welche dem Gral vor- aufgehen, auf dem Haupte führen. Einen solchen Goldreif, doch schon mit edlem Besatz, setzt sich in der poetischen Erzählung die schöne Phyllis auf ihr Haar, da sie sich bereitet, den weisen Ari- stoteles zu verlocken: der war schmal, wie er sein sollte, gearbeitet mit hoher Kunst und Gemmen lagen darin zwischen dem Ge- steine, Smaragden und Jachande, Sapphire und Chalcedone. Der schmale Reif war sehr beliebt, doch gab es daneben auch brei- tere Formen, oder er wurde aufgelöset in eine Reihe goldener Scheiben oder Rosetten; endlich wuchs er heran zum Diadem, zur reichgeschmückten Krone, welche die Damen ritterlichen Stan- des trugen, ohne daß sie Fürstinnen zu sein brauchten. Alle diese Formen, die den Namen Schapel führten, und die königliche Krone selbst, konnten auch über dem Schleier getragen werden. Die Damen der Weingarter Liederhandschrift haben das Schapel wie einen weißen oder goldigen, mit kleinen zinnenartigen Zacken versehenen Reif, über den ein anderer sich quer von einem Ohr zum andern hinüberlegt. Eine zweite Art von Kopftracht neben dem Schapel war das Gebende , welches schon mehr einer Haube glich. Auf den Bil- dern der Herrad von Landsberg findet sich weder Schapel noch Gebende, doch kennt beide das Nibelungenlied, und so mag ihre II. Das Mittelalter. Entstehung oder ihr Uebergang nach Deutschland am Ende des zwölften Jahrhunderts statt gefunden haben. Die Frauen bei Rüdeger in Pechlaren „Trugen auf den Häuptern von Golde lichtes Band, Das waren Schapel reiche, daß ihnen ihr schönes Haar Zerzauseten nicht die Winde.“ Und als Chriemhild die Brunhilde und ihr Gesinde empfängt, „Sah man die Schapel rücken mit weißen Händen dann, Da sie sich küßten beide.“ Ein ander Mal, da Chriemhild den König Etzel begrüßt und ihn küßt, muß sie das „Gebende“ hinaufrücken, weil es im Wege steht. Wie anderswo beide Ausdrücke mit einander verwechselt werden, so scheinen auch in der zweiten und dritten der angeführ- ten Stellen Schapel und Gebende dasselbe zu bezeichnen. Die ursprüngliche und gewöhnliche Form dieser letztern Kopftracht war ein steifes Band, etwa von der Breite einer Damenhand, welches wie ein Reif oder, wenn oben geschlossen, wie ein flaches Barett das Haupt umschloß; befestigt war es durch ein anderes Band, welches, unten schmäler werdend, sich um Wangen und Kinn herum legte. In der Zeit der Manessischen Handschrift (um 1300) hat das Gebende oben einen welligen Rand erhalten, den man für feine Pelzverbrämung halten könnte. Die Farbe ist am häu- figsten weiß, doch erscheinen daneben Roth, Grün u. a. Auch die Frauenstatuen im Naumburger Dom tragen dieses Gebende, aber von einem edelsteinbesetzten Goldreif umzogen. Im drei- zehnten Jahrhundert und im Anfang des vierzehnten stellte sich das Gebende im ritterlichen Stande im Allgemeinen als die Tracht der verheiratheten Frauen dem Schapel, als den Jung- frauen angehörig, entgegen. Beide tragen sonst das ungebundene Lockenhaar. Ein seltner Fall dürfte es sein, wenn eine Frau das Gebende über dem in ein Goldnetz gefaßten Haar trägt, wie ein derartiges Beispiel Hefner ( I, 49) mittheilt. In der Manessischen Handschrift findet sich nur ein paar Mal das Haar unter einer Netzhaube zusammengefaßt, welche in ihrer Form einem breiten Hute gleicht. In Heinrichs von Friberg Tristan trägt die blonde 1. Entwicklung einer originalen mittelalterlichen Tracht. Isolde über dem glänzenden Gebende eine Krone von feinem ara- bischen Golde mit Edelsteinen. Aehnliches kommt auf Bildern vor Hefner I, 64. ; so trägt z. B. Herodias die Krone auf dem Schleier und dem Gebende mit dem um das Kinn gehenden Streifen, und ähnlich ist ebendaselbst die Himmelskönigin Maria dargestellt, nur wallt bei ihr der Schleier über die Krone hinweg. Als drittes Stück der Kopftracht behauptet sich der Schleier , bald in leichterer, loser Gestalt frei aufgelegt, bald haubenartig oder, wie bei der Superbia der Herrad von Landsberg, phanta- stisch als Turban verschlungen und mit den Enden herabfallend und vom Winde bewegt; bald liegt er auch als schwererer Stoff über den Kopf und verhüllt ihn theilweise. In dieser letzten Form zeigt er sich auch in der Manessischen Handschrift, doch athmen diese Bilder noch zu viel des heitern Rittergeistes, als daß er hier nonnenhaften Eindruck machen könnte. Er ist nur lose über den Kopf gelegt und fällt faltig und frei auf die Schultern, nicht einmal das reiche, aufgelösete Haar, viel weniger das Gesicht verdeckend. Häufig liegt noch über ihm ein reiches, goldenes Schapel, oder er ist mit buntem Saum verziert. Schon in der Mitte des dreizehnten Jahrhunderts, zu der Zeit, als sich zuerst die Opposition gegen den Frauendienst und die Heiterkeit des höfischen Ritterlebens geltend machte, gesellte sich zu dem haubenartigen Schleier noch die Rise , ein Tuch, welches Kinn und Mund verhüllte. Beide zusammen spielen frei- lich noch im vierzehnten und funfzehnten Jahrhundert als unter- scheidende Tracht verheiratheter Frauen eine bei weitem größere Rolle. Ulrich von Liechtenstein aber, da er sich als Frau Venus verkleidete und somit Ursache hatte, sein männliches Gesicht zu verdecken, trug zum Schleier stets noch die Rise und verhüllte mit beiden sein Gesicht bis auf die Augen. In dieser Gestalt ging er auch in die Messe, wo er sich aber ebendadurch verrieth. Es war Sitte, daß man bei den Worten des Priesters: Pax Domini sit vobiscum, seinem Nachbar einen Kuß, das Pace, gab. Ganz II. Das Mittelalter. dieser Sitte gemäß bot er nun, als Dame, den Kuß einer neben ihm sitzenden schönen Gräfin. Aber es war wider die Sitte, daß er es mit verbundenem Gesichte that. Die Gräfin verlangt daher, wofern sie das Pace von ihm nehmen solle, daß er zuvor die Rise vom Gesicht fortziehe. Er that es. Die Schöne erkannte ihn lachend als einen Mann, doch erfüllte sie sein Begehren, „um aller guten Weiber willen, weil er Frauenkleider angelegt habe.“ Weil Ulrich von Liechtenstein das volle aufgelösete Haar der Frauen an seinem Haupte nur schwer hätte herstellen können, so wählte er eine im Vergleich zu dieser weit seltnere Tracht, die Zöpfe . In solcher Länge ließ er sie machen, daß sie herab bis auf den Sattel reichten, wenn er zu Pferde saß, und umflocht sie netzartig mit Perlschnüren. Die Zöpfe in dieser Gestalt, mit Perlen oder farbigen und goldenen Schnüren umwunden, sind in jener Zeit in Deutschland auf bildlichen Quellen eine seltne Erscheinung. Auf den Bildern der Herrad von Landsberg trägt sie die schon mehrfach erwähnte Dirne, mit Bänden umflochten, und weit über den Rücken herabfallend. Die Bilder der Lieder- handschriften geben kein Beispiel mehr. Häufiger ist ihre Erwäh- nung in den epischen Gedichten, welche ihren Stoff aus Frank- reich geholt haben, und namentlich im Wigalois, wo sie, mit Gold und Seide bewunden, als gewöhnliche Tracht angenommen zu sein scheinen. Auch Wolfram kennt sie im Parzival, aber nur an jenem Ungeheuer, der oben geschilderten Kondrie: „Ueber den Hut ihr Zopf sich schwang Bis auf das Maulthier; er war lang, Schwarz und fest, nicht allzuklar, Lind wie der Schweine Rückenhaar.“ Oefter sind auch die langen Locken selbst im uneigentlichen Sinne Zöpfe genannt, was um so eher geschehen konnte, als sich die Spitzen der wallenden Haarmassen zuweilen von kleinen Perl- schnüren umschlungen finden. Hüte für Frauen werden von den Dichtern mehrfach er- wähnt. So wird häufiger ein Pfauenhut mit seidener Schnur genannt. Auch die Jungfrau Kondrie trägt einen solchen aus 1. Entwicklung einer originalen mittelalterlichen Tracht. Lunders, mit Plialt (Seide) gefüttert und mit neuer Schnur ver- sehen. Da der Hut aber nur bei besondern Gelegenheiten getra- gen wurde, z. B. auf Reisen, so ist er auf Bildern selten und seine Form schwer zu bestimmen. Auf einem Bilde der Manessi- schen Handschrift trägt eine junge Schnitterin bei der Arbeit einen Strohhut mit rundem Deckel und ziemlich breiter, schräg herab- stehender Krämpe und schmalem Bande. Bei Männern kommt er öfter und in vielfacherer Gestalt vor. Obwohl der Handschuhe selten gedacht wird, und sie bei Frauen auf Bildern uns nicht begegnen, es sei denn auf der Jagd oder auf Reisen oder wenn der Falke auf der Hand saß, so dürfen wir doch bei der Pflege, welche die Damen jener Zeit den Händen zu Theil werden ließen, bei dem Werth, den man auf eine zarte, weiße Hand legte, immerhin annehmen, daß sie außer- halb des Hauses allgemeine Tracht waren. Nur lebten die Frauen mehr in ihrer Häuslichkeit, als es heut zu Tage geschieht. Proven- ç alischen Dichtungen zufolge soll Ritter Iwein die Mode der Handschuhe aufgebracht haben. Ulrich von Liechtenstein, der uns bereits mehrfach eine gute Quelle gewesen ist, hält seinen Damen- anzug nicht für vollständig, wenn seine Hände nicht mit guten, seidenen und wohlgewirkten Handschuhen bedeckt sind. Auch fei- nes und weißes Leder wird als Stoff erwähnt und wurde noch mehr geschätzt als die Seide. Weiß war die feinste Farbe, wie heute, doch waren daneben die andern Farben ebenso in Ge- brauch; auch mit Stickereien versehene kommen vor. Die engli- schen Könige des zwölften Jahrhunderts tragen auf ihren Grab- steinen Handschuhe, auf deren Handfläche ein großer Edelstein befestigt ist, eine Sitte, welche sich bekanntlich lange bei der höhern Geistlichkeit erhalten hat. Da die Aermel des Rockes stets bis zum Handgelenk gingen, so waren die Handschuhe gewöhnlich kurz; auf Reisen aber und auf der Jagd bedeckten sie stulpenartig den halben Unterarm. Aehnlich sind die Handschuhe im Heidel- berger Sachsenspiegel, wo sie häufig in rechtlicher Bedeutung ab- gebildet sind; ihre Farbe ist auch hier weiß, aber sie sind am Handgelenk mit zwei gelben oder rothen Streifen umgeben. Noth- II. Das Mittelalter. wendig waren diese Handschuhe auf der Falkenjagd für Herren wie für Damen, wenigstens für die linke Hand, und auch, wenn der Falke bloß als Spielzeug bei Besuchen, bei Festen oder sonstigem Erscheinen in der Oeffentlichkeit, selbst, wie es in der Provence Sitte war, beim Kirchgang mitgeführt wurde. Im Hause wur- den die Handschuhe nicht getragen und im fremden sogleich abge- legt. Im skandinavischen Norden war es anders. Da zog man in Gesellschaft die Handschuhe nicht aus, und nur, wenn man vor einen Vornehmen trat, erforderte es die Höflichkeit, mit un- bedeckten Händen zu erscheinen. — Die Füße wurden bei der langen verhüllenden Frauenklei- dung sehr selten sichtbar, um so mehr, als die Wohlanständigkeit es durchaus verbot. Dennoch wurde auf eine gute Fußbeklei- dung viel Werth gelegt, und grade wie heutiges Tages konnte man daran die Feinheit und Vollendung der Toilette erkennen. Wie die Füße das Beiwort ritterlich oder höfisch erhalten, so wird auch von den Schuhen gesagt, daß sie ritterlich gestanden, und von der Königin Nyfrogar heißt es im Wigamur, daß ihre kleinen Füße „geschuht seien nach Meisters Listen.“ Der Schuh wurde genau nach dem Fuße gemacht und so, daß für jeden Fuß nur einer paßte. Er umschloß ihn ganz und schmiegte sich aufs engste und zierlichste an. Solche stiefelettenartigen, äußerst zier- lichen Schuhe trägt die schon öfter erwähnte Figur der Superbia, die wir als das Muster einer feinen, wenn auch ein wenig hof- färtig gekleideten Dame aus der zweiten Hälfte des zwölften Jahrhunderts betrachten können. Sie sind schwarz, aber vom Fußblatt herauf vierfach mit je zwei weißen Riemchen umzogen, welche oben eine weiße Perle tragen; vorn endigen sie in eine feine, aber nicht weit vortretende Spitze. Eine ähnliche Art von Schuhen ist wohl im Wigalois gemeint, wo Frau Larie „Schuhe von Borten gut“ anhat. Außer Schwarz und Weiß kommen auch die übrigen Farben vor, z. B. häufig Roth und Gelb, und mit feinen schwarzen Linien rautenförmig oder in anderer Musterung überzogen, womit möglicher Weise das gepreßte Muster des Cor- duanleders angedeutet sein könnte. Denn von diesem Stoffe und 1. Entwicklung einer originalen mittelalterlichen Tracht. von anderem feinen Leder waren die Schuhe häufig; desgleichen auch von Seide und Gold- und Silbergeweben. Die Feinheit der Stoffe machte es möglich, daß der Schuh, beständig nach der Form des Fußes gemacht, sich seiner Gestalt leicht und bequem anschmiegen konnte. Die häusliche Erscheinung einer Dame wurde vollendet durch eine Tasche von Leder oder gewebtem Stoffe, mit gepreß- ter oder gestickter Arbeit. Sie hing an einem langen Riemen oder einer Borte vom Gürtel tief herab. Häufig war dieser nur da, um jene zu tragen, oder er bildete mit ihrem Riemen nur ein Stück. Diese Tasche von sehr mannigfacher Form diente vorzugs- weise zur Aufbewahrung der Schlüssel oder anderer Kleinigkeiten des häuslichen Dienstes. Außerhalb des Hauses ist ihr Gebrauch in dieser Zeit weit seltner, doch nicht ohne Beispiele, da selbst Königinnen auf ihren Grabsteinen mit derselben abgebildet sind. — Alle die bisher aufgeführten Einzelheiten, welche dazu gehö- ren, um die äußere Erscheinung einer höfischen Dame dieser Pe- riode zu vollenden, vereinigen wir noch in ein Gesammtbild, in- dem wir die schöne Schilderung der blonden Isolde in Gottfrieds Tristan zu Grunde legen, wie sie von ihrer Mutter, gleich der Sonne vom Morgenroth, zu König Marke geführt wird. Ihre schlanke und doch volle Gestalt bewegte sich in züchtigem Maße. Das Kleid schmiegte sich „heimelich“ an Hüfte und Oberkörper den Formen an und fiel dann, in der Taille noch von einem Gürtel umschlossen, in schönen und reichen Falten, welche die Füße verhüllten, auf den Boden herab. Um die Schultern lag der Mantel von braunem Sammet, gefüttert mit weißem Herme- lin und bordirt mit schwarzem und grauem Zobelrand, der nach höfischer Sitte geschnitten und weder zu schmal noch zu breit war. Der Mantel hatte zwischen Kürze und Länge das rechte Maß, so- daß er das Kleid nicht völlig verdeckte, und war auf der Brust befestigt durch ein Schnürlein von weißen Perlen, wohinein die Schöne den Daumen ihrer linken Hand geschlagen hatte. Mit zwei Fingern der rechten Hand hatte sie zierlich, wie es die Sitte gebot, weiter unten die beiden Seiten des Mantels zusammenge- II. Das Mittelalter. faßt und ein wenig in die Höhe gehoben, daß der untre Theil faltig wieder herab fiel. So sah man den Ueberzug und das Hermelinunterfutter mit dem Zobelbräm, beides mit einander. Ihr blondes Haar umschlang ein schmaler goldener Reif von schöner Arbeit und in zierlicher Fassung mit kleinen leuchtenden Edelsteinen belegt. Ihr Haar war von so schönem goldigen Blond, daß man den Reif nicht hätte von ihm unterscheiden können, wenn nicht die lichten Steine darin gewesen wären. So ging Isolde neben ihrer Mutter her, grade und schlank und frei, aber gemessen und züchtig bewegt, gleich dem schwanken Rohr oder dem leichten, graziosen Sperber, mit Tritten, die nach höfischer Sitte weder zu kurz noch zu lang waren. Mit ruhig gehaltenem Kopfe bewegte sie nur ein wenig die Augen um sich spähend, wie es der Falke auf dem Aste thut, und ließ sie leise und süß herumweiden, während denen, die in diese Augen, in die zwei Spiegelgläser blickten, sie ein Wunder und eine Wonne däuchten. Ruhig ant- wortete sie den Grüßen der Menge. Während die Mutter hierhin und dahin voll Leutseligkeit auch ein freundliches Wort hatte, schwieg die Tochter und grüßte nur durch sanftes Verneigen und eine leise Bewegung der Hand, ohne den Mantel loszulassen. Die Carricatur einer solchen ächt weiblichen Erscheinung, gleich ausgezeichnet durch Anmuth, Adel und züchtiges Wesen, giebt Ulrich von Liechtenstein, da er als Frau gekleidet, von Frauen begleitet, zur Messe sich begab. Da er den Gang anfing mit sanftem Auftreten und Schritte machte, die kaum Hände breit waren, da er das sanfte Neigen und die natürlich zurückhaltenden Bewegungen, wie sie Anmuth und Schicklichkeit gebieten, in über- triebenem Maße und affectirter Ziererei nachahmte, da erhob sich um ihn her ein allseitiges Gelächter. — — In welcher Weise sich im Allgemeinen der Charakter der männlichen Kleidung auf Grundlage der vorhandenen For- men änderte, haben wir schon oben gesehen. Er geht in seinen Wandlungen der weiblichen Tracht parallel und nähert sich ihr in Einzelheiten in auffallender Weise. Die Anzahl und die Bedeu- tung der Kleidungsstücke, welche zur vollständigen und gewöhn- 1. Entwicklung einer originalen mittelalterlichen Tracht. lichen Erscheinung eines nobeln Mannes gehören, lernen wir aus der Erzählung vom bloßen Ritter kennen, welche von der Hagen in der Sammlung der Gesammtabenteuer mittheilt. Einst kehrte bei schlechtem Wetter ein armer Ritter bei einem andern als Gast ein. Kalt und naß, wird er ans Feuer gesetzt, mitten zwischen die beiden Töchter des Wirths. Das Feuer brennt stark, und als die Hitze zu arg wird, entkleidet sich der Wirth seines Rockes, sodaß er im Hemde dasitzt, und bittet den Gast völlig ungenirt seinem Beispiel zu folgen. Dieser widerstrebt und entschuldigt sich mit der Unschicklichkeit, so etwas im fremden Hause unter Damen zu thun. Der Wirth, welcher diesen Grund für aufrichtig gemeint hält, wird dringender und will endlich, voll guten Willens, es seinem Gast so bequem wie möglich zu machen, diesen mit Ge- walt von dem in der Hitze lästigen Kleidungsstück befreien. Er giebt seinen Dienern einen Wink; plötzlich fassen diese den Rock und ziehen ihn über das Haupt des Ritters, der auf einmal völlig nackt zwischen den beiden Damen sitzt. „Da war der Gast beraubt durch die viel Minne Der Ehren und der Sinne; Er saß, da er ward ohne Rock, Recht als ein beschälter Stock, Ohne Hose und ohne Hemd, Die waren ihm beide fremd.“ Wir erkennen aus dieser Erzählung, daß Hemd, Rock und Bein- kleid die Kleidungsstücke waren, welche beim anständigen Mann als durchaus nothwendig vorausgesetzt wurden, wozu dann noch ergänzend der Mantel kam, und ferner, daß in dieser Zeit, im dreizehnten Jahrhundert, der Rock so lang war, daß er den gan- zen Mann bedeckte. Dieselbe Zahl der Kleider findet auch anders- wo, z. B. im Parzival, ihre Bestätigung. Als Gawan, von Wunden und Kampf erschöpft, ausgeruht hat und vom Bette sich erhebt, findet er zum Austausch für seine blutige und von Eisen- rost befleckte Kleidung auf seinem Stuhl einen vollständigen An- zug. Derselbe besteht aus Hose und Hemd, einem Rock, mit Marderpelz gefüttert, und einem Mantel nebst Marderhut und II. Das Mittelalter. Stiefeln. So wird auch Parzival beim alten Gurnemans, seinem Lehrer in ritterlichen und höfischen Dingen, gekleidet, als er die Narrengewandung abgethan. Mit roth scharlachnen Hosen wur- den seine Beine bedeckt, Rock und Mantel legte er an von brau- nem Scharlach, schön geschnitten und mit weißem Hermelin ge- füttert und mit Zobel verbrämt, und gürtete den Rock mit reichem Gürtel und befestigte an die Brust einen theuren Fürspann. Hemd und Rock gehören auch im Nibelungenlied zusammen. Als Günther und Hagen mit Sigfried in die Wette laufen, entklei- den sie sich des Rockes — „Günther zog und Hagen vom Leibe nun das Kleid, In zwei weißen Hemden standen sie alle beid.“ Der Rock , oder die alte Tunica, muß als das Hauptstück des männlichen Anzugs betrachtet werden, welches durchaus von allen getragen wurde, wenn auch nicht in derselben Form. Das Hemd bezeichnet schon eine höhere Stufe der Gesellschaft; dem Arbeiter, dem Bauer war es nicht nothwendig. Beim Manne war es gewöhnlich von weißer Leinwand, obwohl auch im Ni- belungenlied seidene Männerhemden vorkommen. In seiner Be- deutung geht das Wort weiter und findet sich bisweilen für den Männerrock gebraucht, wie wir Aehnliches bei der Frauenkleidung gesehen haben. So in der Erzählung von einem frommen Schü- ler, der einst ein Bild der Maria dem Wetter ausgesetzt findet; da zerreißt er mitleidsvoll sein Hemd, bedeckt das Bild damit und muß sich dann fester in seinen Mantel hüllen. Der Rock folgte auch darin der allgemeinen Richtung der Zeit, daß er einerseits länger wurde und fast in weiblicher Weise die Beine umwallte, andrerseits sich mehr den Körperformen fügte und sie enger umzog, ohne jedoch hierin der Frauenkleidung gleich zu kommen. Wenigstens scheint diese Mode bei Männern in Deutschland damals noch nicht zur allgemeinen Sitte gewor- den zu sein. Auf den Bildern der Herrad bewahrt der Rock noch so ziemlich den Charakter des elften Jahrhunderts, prunkt jedoch nicht mehr in gleicher Weise mit Edelsteinen und Gold. Die ausgebildete höfische Sitte verlangte durchaus Maßhaltigkeit in 1. Entwicklung einer originalen mittelalterlichen Tracht. der Anwendung des Schmuckes auf die Kleider; denn als Tristan ein Kleid trägt von fremdem, goldgewirktem Stoffe, dessen seidene Streifen kaum erkannt werden, da sie „überall in Gold ertränkt und in Gold versenket“ waren, so wird ausdrücklich vom Dichter bemerkt, daß es nicht „in der Maße des Hofes“ gewesen sei. Der Rock legt sich eng um die Arme und, am Körper weit, ist er faltig in der Taille gegürtet. Bei vornehmen Leuten reicht er tiefer, bis über die Wade, bei Fürsten und Weisen selbst bis auf die Füße herunter. Am Handgelenk und um die Mitte des Oberarms um- ziehen die Aermel bunte, oft wohl goldene oder mit goldener Stickerei versehene Streifen, und ein breiterer von derselben Art läuft unten am Rande herum. Leute geringeren Standes tragen ihn weit kürzer. Der Rock ist immer gegürtet, wenn auch der Gürtel oft nicht sichtbar ist. Auf der Reise wurde er beim Wan- dern durch den Gürtel soweit in die Höhe gezogen, daß die Kniee frei waren. So tragen die heiligen drei Könige ihre Röcke, da sie dem Sterne nachgehen. So macht es auch Tristan auf der Wan- derung: unter seinem Gürtel zog er seinen Rock ein wenig höher und wand zugleich den Mantel zusammen und legte ihn auf seine Achsel, um ungehinderter durch den Wald gehen zu können. Ein ander Mal, da er sich bereitete, den Hirsch jagdgerecht zu zerlegen, legte er den Mantel ab, zog seinen Rock höher, sein schönes Haar strich er nieder und legte es hinter das Ohr. Eitle Leute, stutzer- hafte Soldaten, phantastische Gaukler und dergleichen zacken den untern Saum des Rockes mit kürzeren oder tieferen Einschnitten aus, was der ehrbare Mann damals noch verabscheute. Der Schmuck des Rockes, der bis dahin aus aufgenähten Borten bestanden hatte, erlitt in Folge des gesteigerten Verkehrs mit den Sarazenen eine Aenderung. Diese allein verstanden es, statt der Stickerei im Abendlande Muster, namentlich mit Gold- fäden, in die Stoffe hineinzuwirken. Von jetzt an erhielten diese goldgewebten, fremden Stoffe den Vorzug vor den gestickten und bordirten, welche mehr und mehr aus dem Gebrauch verschwan- den und sich fast nur bei fürstlicher Kleidung erhielten. Doch werden wir ihnen später wieder begegnen. — Den Fürsten blieb Falke , Trachten- und Modenwelt. I. 9 II. Das Mittelalter. auch noch die weite und faltige Tunica mit der größten Länge, als sich schon allgemein dieselbe verengerte. Tristan trägt einen Rock, der nach seinem Leibe wohl geschnitten ist, woraus man sieht, daß man nunmehr nach der Form des Leibes anmißt. Ein ander Mal schmiegt sich ihm die Seide des Rockes so glatt an den Körper, „wie ein solcher Stoff am besten soll.“ Im Wigalois trägt ein Knappe sogar einen Rock, „der mit großem Fleiß ge- schnürt ist.“ Auf deutschen Bildern begegnet uns dergleichen nicht. Die Bilder der Heidelberger Handschrift des Sachsenspie- gels, die für höfisches Ritter- und Modewesen freilich nicht auf der Höhe der Zeit stehen, zeigen doch den männlichen Rock der herrschenden Richtung gemäß bedeutend verändert. Fast erreicht er die Füße und wirft, über den Hüften gegürtet, am Oberkörper nur wenige, leichte Falten. In der Weingarter Liederhandschrift, deren Bilder ein wenig älteren Charakter tragen als die der Manes- sischen, sind die Figuren am schlanksten. Selbst da, wo ein Ober- rock oder ein Mantel den Körper größtentheils verdeckt, ist doch aus dem Schnitt desselben und der Art, wie er dem Körper an- sitzt, zu erkennen, daß der Rock sich dem Oberkörper möglichst an- schmiegen muß. Er fällt völlig auf die Füße herab. Diese beiden Eigenschaften, die Länge der Kleidung und die schlank gehobene Figur, nebst der Bartlosigkeit des Gesichts geben den Männern dieser Zeit einen so weiblichen Charakter, daß, wenn man nicht eine Frau daneben sieht, und selbst dann noch, dem ungeübten Auge die Unterscheidung schwer wird. So zieht sich durch die kunstgeschichtlichen Werke noch bis auf den heutigen Tag ein der- artiger Irrthum, indem die beiden mittleren Statuen an der lin- ken Seite der goldenen Pforte in Freiberg für zwei Fürstinnen gehalten werden, während die zweite von ihnen, die dritte in der Reihenfolge, eine männliche Figur ist; nur die unverhüllten Füße und das Haar geben das zu erkennen. Die Manessische Handschrift weicht wie bei der weiblichen Tracht, so auch bei der männlichen in demselben Geiste, den wir oben haben kennen lernen, von der herrschenden Richtung ab; daß es aber nur eine zeitweilige Opposition ist, wird die Folgezeit 1. Entwicklung einer originalen mittelalterlichen Tracht. lehren, wo die Enge wieder mit solcher Gewalt hervortritt, daß sie rasch die Gränzen der Schönheit überschreitet. Auf den zahl- reichen Bildern der genannten Handschrift ist der Rock selten sichtbar; wenn aber, so ist er faltig gegürtet und fällt lang und weit bis auf die Füße herab. Gewöhnlich wird über ihm ein zweiter Rock getragen, dessen auch von den Dichtern ebenso häufig Er- wähnung geschieht. So trägt der schon erwähnte Knappe im Wi- galois über einem seidenen Rock noch einen kostbaren Oberrock, Schapperun genannt. Als der Bauersohn Helmbrecht seines Vaters Haus verlassen will, um als ritterlicher Abenteurer sein Glück zu machen, bedarf er zu seiner Ausrüstung außer dem fei- nen weißen Linnenhemd noch einen Rock von feinem Wollstoff, mit weißem Pelz gefüttert, und endlich einen Oberrock, War- kus , wozu die Mutter das feinste blaue Tuch kauft. In solchen Fällen pflegte der Oberrock den Mantel zu ersetzen, doch nicht im- mer. So trägt Graf Otto von Botenlauben (gestorben 1244) auf seinem Grabstein über dem engärmeligen Rock noch einen weiten, faltig gegürteten, mit kurzen offenen Aermeln, und darü- ber hängt ihm auf den Schultern der offene Mantel. Die Bilder der Weingarter und der Manessischen Handschrift weichen davon ab: sie zeigen nie Mantel und Oberrock beisammen und auch den letzteren nie gegürtet. Den Hals frei lassend, aber unter demsel- ben sich eng herumlegend, fließt der Oberrock luftig und faltig und ohne Taille bis zu den Füßen herab. An den Aermeln zeigt er manche Verschiedenheiten. Gewöhnlich — und so immer in der Weingarter Handschrift — hat er nur weit ausgeschnittene Schul- terlöcher, an denen das Rauchwerk des Unterfutters oder Zobel- bräm hervortritt; zuweilen auch längere oder kürzere, mehr oder weniger offene Aermel; seltner legen sich dieselben knapp, wenn auch nicht in gleicher Länge, über die unteren. In dieser weiten und langen Form führte der Oberrock ge- wöhnlich den Namen Kappe , wenn er die Stelle des Mantels vertrat, entsprechend der Frauenkappe. Namentlich beim Reiten, auf Reisen, auf der Jagd, auch bei der Arbeit war er bequemer als dieser, da er eine freiere Bewegung der Arme gestattete. Auf 9* II. Das Mittelalter. Bildern kommt er in allen diesen Fällen häufig vor, nicht selten noch mit einer Kaputze verbunden, Gugel genannt, welche über den Kopf aufgezogen werden konnte und so als Bedeckung dessel- ben diente. So mit der Gugel versehen, erhielt auch wohl das ganze Gewand diesen Namen. Im Laufe des vierzehnten Jahr- hunderts, wie wir später sehen werden, gelangte die Gugel noch zu größerer Anwendung und gezierterem Schnitt, während ihr Gebrauch im dreizehnten mehr auf die genannten Fälle und die Tracht der niedern Stände beschränkt blieb. In der häuslichen Tracht des Ritters ist die Kappe äußerst selten mit der Kaputze versehen. Auch bildete die letztere nicht selten ein besonderes Klei- dungsstück, verbunden mit einer Art Halsberge, einem Stück Zeug, welches sich um Hals und Schultern herumlegte, ohne weiter auf Arme und Brust herabzufallen. Es hieß ebenfalls Gu- gel und wurde gleich einem Helm über den Kopf zu jedem belie- bigen Rock angezogen. In der Form dieser mit oder ohne Gugel versehenen Kappe hat man sich die Tarnkappe Sigfrieds zu denken, ein Ober- kleid, welches ihn jedem andern unsichtbar machte, ihn bewahrte vor Schlägen und Stichen und ihm zugleich die Kräfte von zwölf Männern verlieh. Wildes Gezwerg hatte das wundersame Werk in hohlen Bergen gewebt und trug es selbst zum Schirm. Es war ein weites, langes Gewand, das den ganzen Mann von Kopf zu Fuß verhüllte und über den Kopf angezogen wurde. Sigfried kann darum, wie der Ausdruck des Liedes lautet, „hin- einschlüpfen.“ Auf der Jagd kommt noch ein anderer Oberrock vor, wel- chen auf einem Bilde der Manessischen Handschrift der Markgraf Heinrich von Meissen zu Pferde auf der Reiherbeize trägt. Er be- steht aus zwei breiten Pelzstücken, die, Brust und Rücken schützend, bis auf den Sattelknopf und den Rücken des Pferdes herabfallen, und auf den Schultern durch besonders eingesetzte dreieckige Schulterstücke vereinigt sind. Uebrigens wurde auch auf der Jagd der gewöhnliche Rock hochgegürtet getragen; am Gürtel hängt das Jagdmesser und eine Tasche. Sigfrieds Rock, den er auf der 1. Entwicklung einer originalen mittelalterlichen Tracht. letzten Jagd trug, da er ermordet wurde, und der ausdrücklich als Pirschgewand bezeichnet wird, war von schwarzer Seide, aber reich mit Luchsfell besetzt und noch nach alter Weise mit Gold verziert. Wie an dem Mantel der Frauen, so können wir auch an dem männlichen zwei entsprechende Hauptformen bezeichnen: die eine, welche von der bekannten und anfänglichen Art der Be- festigung durch eine Agraffe ausgeht, und die zweite, welche eine solche Schließung auf Brust oder Schulter ganz aufgiebt und sich in großer faltiger Masse von hinten her über beide Schultern legt und vorn unverbunden herabfällt. Es giebt vereinzelte Bei- spiele — wir begegnen ihnen schon im elften Jahrhundert —, wo ein Mantel von der zweiten Form selbst togaähnlich mit der einen Seite von rechts her über die linke Schulter geschlagen ist. Auf den Bildern der Herrad, also in der zweiten Hälfte des zwölf- ten Jahrhunderts, finden wir noch fast unverändert die Form der vorigen Periode wieder. Der Mantel reicht gewöhnlich nicht weit über das Knie herunter, ist auf der rechten Schulter mit einer scheibenförmigen Agraffe gehalten und mit dem linken Arm in die Höhe genommen. Der Schmuck und der Goldbortenbesatz, der Edelsteine nicht zu gedenken, ist aber bei weitem geringer ge- worden. Es gilt in dieser Beziehung auch vom Mantel, was eben bei Gelegenheit des Rockes gesagt ist. Dennoch erscheint auf gleichzeitigen Bildern, wie z. B. auf einem von Hefner ( I, 69) mitgetheilten, welches den Grafen Siboto und seine Familie dar- stellt, auch bereits die zweite Form; ja wir sehen, daß beide Ar- ten von Mänteln unmittelbar neben einander existirt haben müs- sen, denn während der Graf selbst und der eine Sohn die zweite tragen, zeigt der andre die alte Form. Das Steinbild Kaiser Friedrich Rothbarts im Kloster Zeno bei Salzburg trägt ebenfalls noch einen verhältnißmäßig kurzen Mantel mit schmaler Rand- borte, welcher vor der Brust auf eine nicht erkennbare Weise be- festigt ist. Dieser Mantel legt auch einen kleinen Kragen um. Die Befestigung des Mantels auf der rechten Schulter weicht derjenigen auf der Brust. Auch diese wird im Lauf des II. Das Mittelalter. dreizehnten Jahrhunderts, wenn auch nicht völlig aufgegeben, doch mehr und mehr zurückgedrängt durch eine dritte Form, bei welcher die Agraffe durch eine Schnur oder einen geschmückten Riemen befestigt wird. Es ist ganz dieselbe Veränderung, wie die, welche mit dem Frauenmantel geschah. Jenachdem die Schnur angezogen oder nachgelassen wurde, deckte der Mantel völlig die Brust oder lag nur lose auf den Schultern. In dieser Gestalt konnte er mit seiner Länge auf die Füße herabfallen, wie ihn Graf Otto von Botenlauben auf seinem Grabstein trägt, oft aber auch reichte er nicht weit über die Kniee herab. Wie völlig der Mantel der Männer dem der Frauen glich, zeigt der Umstand aufs deutlichste, daß nach den Erzählungen der Dichter der eine für den andern zum wirklichen Gebrauch dienen mußte. So erhält Parzival, als er zum ersten Mal auf Monsal- vage, dem Schloß des Grals, ist, einen tadellosen Mantel von arabischer Seide, den die Königin Repanse de Schoi selber ge- tragen hat, weil noch kein anderer fertig sei. Aehnliches kommt öfter vor. Auch dem Stoffe nach waren die Mäntel sich gleich; beide waren von feiner Wolle, Seide oder Sammet, und mit Seide, Wolle oder gewöhnlicher noch mit kostbarem Rauchwerk gefüttert. Im dreizehnten Jahrhundert und namentlich in der ersten Hälfte des vierzehnten wurde der Gebrauch des Mantels vor der zunehmenden Bedeutung des Oberrocks ein verhältnißmäßig ge- ringer, wie die Bilder der Liederhandschriften zu erkennen geben. Doch gilt er hier als vorzugsweise noble und namentlich fürst- liche Tracht: Kaiser Heinrich VI. und König Wenzel von Böh- men selbst und andre Dichter sind mit demselben bekleidet. Seine Form ist meistens von der zweiten Art, die weder Schnur noch Agraffe hat; er zeichnet sich durch große Länge und Weite aus. So trägt ihn Heinrich VI. auf seinem Bilde der Manessischen Handschrift; König Wenzel aber, der Landgraf von Thüringen auf dem Bilde des Sängerkrieges, mit ihnen noch andere und Kaiser Heinrich selbst in der Weingarter Handschrift tragen eine von den übrigen theilweise abweichende Form. Zu Grunde liegt 1. Entwicklung einer originalen mittelalterlichen Tracht. der mit der Agraffe entweder auf der Schulter oder auf der Brust befestigte Mantel, pelzgefüttert und bis auf die Füße herabrei- chend; oben aber ist er mit einem breiten, die Schultern und den obern Theil der Brust ringsum deckenden Kragen von edlem Rauchwerk umgeben. — Den weißen Mantel des Kreuzritters mit dem rothen Kreuz auf der rechten Seite der Brust trägt der Tannhäuser. Vorne offen, legt er sich um die Schultern, ist auf der Brust mit den beiden Seiten an einander befestigt oder genäht und reicht bis auf die Füße herunter. Dem König Gramoflanz läßt Wolfram von Eschenbach beim Reiten den Mantel mit der Zier des Hermelinbesatzes rechts und links auf den Boden herab- fallen. — Die Nothwendigkeit der Beinbekleidung für den an- ständigen Mann trotz der langen Kleidung ist schon oben durch die Erzählung vom bloßen Ritter nachgewiesen worden. Es sind auch in dieser Periode zwei Formen des Beinkleides zu unter- scheiden, die weite und die enge , obwohl die erstere im Ver- gleich zu dieser als die bei weitem seltnere bezeichnet werden muß. Sie wurde nur im untersten Stande getragen. Auf den Bildern der Herrad trägt sie ein Wahnsinniger, und im Parzival ein als ent- setzlich geschilderter Bauer. Als zusammenhängendes Kleidungs- stück bedeckte sie Unterleib und Beine, nicht aber die Füße. Von dieser Art mögen auch die Leinwandhosen gewesen sein, welche Wallfahrer in Gottfrieds Tristan tragen: sie ließen die Füße frei, welche auf der frommen Büßerfahrt entblößt sein mußten, und waren über den Knöcheln straff an das Bein gebunden. Von der engen Beinbekleidung sind wieder mehrere Arten zu unterschei- den, deren Verhältniß sich freilich schwer bestimmen läßt. Nach der gewöhnlichen Form, wie sie im ritterlichen Stand getragen wurde, legte man an jedes Bein ein besonderes Stück an, wel- ches einem langen, anschließenden Strumpf zu vergleichen ist und aus Wollstoff oder gewebtem Seidenzeuge bestand — denn gestrickte Beinkleider gab es damals noch nicht. So zieht Wiga- lois, als er die Rüstung abgelegt hat und sich umkleidet, „zwei Scharlachhosen mit großer Sorgfalt über die Beine.“ Der Dom- II. Das Mittelalter. vogt von Wien, welcher dem auf seiner Venusfahrt befindlichen Ulrich von Liechtenstein entgegenkommt, hat „zwei schwarze Hosen an seine beiden Beine gelegt.“ Ob diese Strumpfhosen auch den Unterleib mit bedeckten und hier mit Nesteln oder Bändern an einander befestigt waren, läßt sich nicht entscheiden, da bei dem langen Rock des Mannes Abbildungen nicht zu Hülfe kommen. Es ist aber glaublich, da nie mit den ritterlichen Strumpfhosen der sogenannten Bruche zugleich Erwähnung geschieht. Diese war die allgemeine Volkstracht, eine kurze, weite Hose, welche in die langen, die Beine bedeckenden Strümpfe hineingesteckt wurde. In diesem Falle führten ebendiese Strümpfe den Namen Hose, den sie auch in einzelnen Gegenden Deutschlands noch behalten haben. Es kommen aber auch schon damals Verwechslungen die- ser Ausdrücke in der Art vor, daß z. B. die ganze Beinbekleidung des Mannes, von aller Form abgesehen, Bruch genannt wird. Bruch und Hose als Volkstracht erscheinen häufiger auf den Bil- dern der Herrad. Hier ziehen Räuber einem Juden, den sie plün- dern, die farbigen langen Strümpfe ab, welche mit weißen Bändern über der weiten weißen Bruch befestigt waren, wie es scheint, am Gürtel; auch die Räuber und andere Leute niedern Volks sind so gekleidet. Nirgends aber läßt sich Aehnliches bei noblen Ständen erkennen. Vielmehr existirte schon am Ende des zwölften Jahrhunderts das Beinkleid als ein einziges zusammen- hängendes Stück, welches Unterleib, Beine und Füße zugleich be- deckte, eine Form, welche im vierzehnten Jahrhundert mit der zu- nehmenden Kürze des Rockes die alleinherrschende wurde. Als das Grab Kaiser Heinrichs VI. geöffnet wurde, fand man ihn mit einer Hose dieser Art bekleidet; über dem Rock von gelbem Stoff lag ein seidener, in Knoten geschlungener Gürtel, von wel- chem mehrere grüne und rothe seidene Schnüre ausgingen, die erst durch den Rock, dann durch die Löcher der Hose durchgezogen und zugebunden waren. Aehnlich wird es zu denken sein, wenn der junge Parzival bei Gurnemans zu seiner neuen Kleidung auch einen „Hosengürtel von Gold und edler Seide“ erhält, den man in das schöne Gewand zog. Auch bei gemeinen Kriegern im 1. Entwicklung einer originalen mittelalterlichen Tracht. Sachsenspiegel kommt lange und enge Beinbekleidung vor, aber die Füße stehen bloß heraus, und nur die Ferse ist mit bedeckt. Die Hose vornehmer Leute, von welcher Form sie sonst sein mag, ist immer eng, sodaß sie damals, was später noch auffälliger wird, zum Zerplatzen mannigfach Gefahr lief. Wolfram läßt daher im Parzival die schöne, aber boshafte Orgeluse ihren Spott über Ga- wan ergießen, als er verliebten und schmachtenden Sinnes auf einer elenden Mähre neben ihr ritt und der drohenden Gefahr ent- gegenging, im nah bevorstehenden Kampf mit sammt dem Roß niedergeworfen zu werden: „Platzt euch davon das Niederkleid, Das sei euch um die Frauen leid, Die, droben sitzend, niederspäh’n: Wie, wenn die eure Schande säh’n?“ — Der Wollstoff vertrug sich für die Beinbekleidung am besten mit der Enge. In den Farben hatte man die Wahl durch die ganze damals gebräuchliche Scala, doch, wenn nicht die getheilte Tracht sich auf die Beinbekleidung erstreckte, trug man sie immer nur von einer Farbe. In seltenen Fällen war die Hose durch Strei- fen oder einfache Linienverzierung gemustert. Namentlich im drei- zehnten und vierzehnten Jahrhundert fehlen Schuhe oder Stiefel fast ganz, und die Füße sind dann nur von der Hose allein bedeckt; in diesem Falle kann man annehmen, daß unter den Füßen lederne Sohlen befestigt waren, was die Zeichnungen zuweilen andeuten. Die Bilder der Heidelberger Handschrift des Sachsenspiegels zeigen bei allen Leuten nicht gemeinen Standes keine andere Fußbe- deckung als die Hose. Wo eine selbstständige Fußbekleidung erscheint, wie z. B. immer beim gemeinen Volk, ausgenommen den Fall, wenn die Füße ganz entblößt sind, da ist der Schuh vor dem Stiefel als gewöhnliche Tracht vorherrschend. Der Stiefel begegnet uns überhaupt nicht häufig, und bei Personen vornehmen Standes ge- schieht seiner, selbst auf der Reise und der Jagd, nur äußerst sel- ten Erwähnung. Doch kommt er vor. Wolfram läßt Gahmuret z. B. mit Stiefeln an den Beinen bekleidet sein. Auf dem Bilde II. Das Mittelalter. der Manessischen Handschrift, welches dem Nithart gewidmet ist, trägt ein Bauer Stiefel, welche das Bein bis zur Wade hinauf eng umschließen. — Der Schuh bedeckt der Hauptform nach den ganzen Fuß und reicht bis an die Knöchel. Nicht selten geht er stiefelettenartig noch eine Handbreit höher, entweder mit einem Einschnitt an der Seite, wie an der oben erwähnten Reliefstatue Kaiser Friedrichs I., oder ohne denselben. Auf den Bildern der Herrad hat er häufig oben auf dem Fuß einen Ausschnitt oder Einschnitt, welcher vom obern Rande anfangend mehr oder weni- ger tief und in verschiedener Form bis gegen die Fußspitze herab- läuft und farbig eingefaßt ist. Gewöhnlich ist dieser Einschnitt ungeschnürt, doch trägt in Wigalois ein Knappe Schnürschuhe. Bauern und andere Leute niedern Standes haben das Bein zu- nächst über den Schuhen noch mit Riemen und Binden umwun- den. So immer auf den Bildern zum Sachsenspiegel. Im drei- zehnten Jahrhundert, namentlich gegen Ende, bedecken die Schuhe wieder mehr in geschlossener Form den ganzen Fuß, während im Lauf des vierzehnten der Ausschnitt aufs Neue eintritt und ein breiter Riemen, von der Ferse kommend, sich über den Spann des Fußes legt und auf der Außenseite geschnallt wird. — Was die Farbe betrifft, so wurden am häufigsten schwarze Schuhe ge- tragen, einfach oder mit weißer Randverzierung, oder weiße und lederfarbene mit schwarzer Fassung; daneben fehlen auch die übrigen Farben, Roth, Gelb, Blau u. s. w. nicht. Zum Stoff brauchte man außer dem gewöhnlichen Leder oder Zeug auch far- bigen Korduan und Goldbrokat. Von dem letzteren Stoff sind die Schuhe, welche Kaiser Heinrich VI. im Sarge trug; die Manes- sische Handschrift giebt ihm schwarze, dem König Wenzel aber goldfarbene. — An der Haartracht vor allem äußert sich am klarsten der Bildungstrieb der Zeit, wie er einer maßvollen, ästhetisch befrie- digenden Schönheit und feiner Eleganz zustrebt. Kurzes Haar und ein glattgeschornes Gesicht waren in der Höhezeit der vorigen Periode das Erkennungszeichen der von römischer Cultur über- tünchten Germanen gewesen, und nur die Herrscher hatten den 1. Entwicklung einer originalen mittelalterlichen Tracht. barbarischen Schnurrbart noch eine Zeitlang bewahrt. Schon bei Heinrich II., dem Freund der Kirche, haben wir den gekürzten Vollbart unter die Rangeszeichen aufnehmen sehen. Er war ur- sprünglich das Vorrecht oder Abzeichen der Geistlichkeit, aber in der römischen Kirche seit Papst Leo II. (816) abgelegt worden. Nun folgte im neuen Jahrtausend auch die höhere Geistlichkeit wieder dem weltlichen Herrn, während die ganze übrige Welt, etwa die Würde des Alters ausgenommen, Laien und Priester, Ritter und Bürger und Bauer, das Gesicht glattgeschoren trugen. Alle Kreuzfahrer, die Helden Gottfried von Bouillon, Raimund von Toulouse, Boemund und der schöne Tankred und ihre Ge- nossen und Nachfolger, sie zogen alle völlig bartlos in den heiligen Krieg; auf gleichzeitigen Bildern blickt aus der eng umschließen- den Kaputze des Panzerhemdes immer ein glattes Gesicht uns entgegen. So ist’s auch fast hundert Jahre später auf den Bildern der Herrad. Nur diejenigen, die wir bezeichnet haben, also die höchsten Häupter der Christenheit, tragen den verkürzten Vollbart. Ihnen gesellt sich aber seltsamer Weise noch eine sonderbare Ge- nossenschaft zu: es sind die verachteten Juden und solche Leute, deren Lebensweise verhinderte, daß sie ihrem Gesicht irgend eine Sorgfalt zuwenden konnten, wie die Räuber und Mörder von Profession. Auch die Wallfahrer, die ihrem Körper nur die noth- wendigste Pflege angedeihen lassen durften und in linnenen Ge- wändern und mit bloßen Füßen gingen, ließen Bart und Haar wachsen. Ein Schnurrbart allein kommt nicht vor und ist dem Geschmack dieser Zeit eine Unmöglichkeit. Friedrich I. trägt seinen rothen Bart in gekürzter Fülle ringsherum, wie uns das Stand- bild von St. Zeno lehrt. Grade so trug ihn hundert Jahre früher Rudolf von Schwaben, der Gegenkönig, nach der gleichzeitigen Grabplatte zu schließen. Wieder hundert Jahre später zeigen die Bilder der Liederhandschriften dieselbe Sitte: das glatte Gesicht ist die allgemeine Regel; nur bei einzelnen, wie es scheint, älteren Sängern umzieht ein leichter Bart Wangen und Kinn; die Königs- bilder von Heinrich VI. und Wenzel von Böhmen haben dazu noch einen leisen Schnurrbart aufzuweisen. Auch dieser verschwin- II. Das Mittelalter. det bald; schon die etwas früheren, oft genannten Bilder zum Sachsenspiegel lassen nicht einmal den Kaiser bärtig sein, wohl aber den Papst und geistliche Churfürsten. Nur scheinbar schlug das Haupthaar einen anderen Weg ein. Die römische Kürze steht keineswegs mit natürlicher Schön- heit in Einklang. Schon im elften Jahrhunderte hatte man An- griffe dagegen gemacht, und nicht ohne Erfolg; im zwölften war die Schranke durchbrochen, das Haar erhielt größere Freiheit zu wachsen, aber, das rechte Maß verfehlend, schwankte es noch hin und her. Die männlichen Personen auf den Bildern des Herrad tragen durchweg ein nicht mehr in alter Weise, doch ziemlich kur- zes Haar, welches die Ohren frei läßt. Man glaubt es den Köpfen anzusehen, daß es ihren Trägern noch nicht zum rechten Bewußt- sein gekommen, welch ein schönes Ding das menschliche Haar ist, und welche Pflege es um der ganzen übrigen Erscheinung willen verdient. Es macht den Eindruck der Vernachlässigung. Auch Friedrich Rothbart trägt sein Haar über Stirn und Ohren ziemlich kurz in grader Linie verschnitten. Gleichzeitig können wir das völlige Extrem bemerken. Auf einem schon oben erwähnten Bilde, welches Hefner ( I, 69) mittheilt, tragen ein Graf Siboto und seine Söhne das Haar so lang, daß es frauenmäßig über Schultern und Nacken tief den Rücken hinabfällt. Auch bei diesem Uebermaß konnte ein Zeitalter nicht bleiben, welches, unter der Herrschaft weiblichen Geschmackes stehend, im eigenen Aeußeren nach ästhetischer Befriedigung schmachtete. Zugleich war diese Tracht bei der Art des Kettenhemdes, von dem eine Kaputze unter dem Helm das Haupt eng umschloß, unmöglich oder doch wenigstens höchst unbequem. Schon mit dem Ende des zwölften oder im Anfang des dreizehnten Jahrhunderts, also in der höchsten Blüthe- zeit der Dichtkunst und der Frauenherrschaft, wird das Maß ge- funden, welches von da an die ganze Periode durch sich erhielt und mit der ausgebildeten Tracht in vollem Einklang stand. Man ließ das Haar im Nacken und auf den Seiten frei wachsen, bis es über die Ohren herunter fiel und sie verdeckte, und schnitt es dann rund umher ab, in einer Höhe, daß es die Schultern nicht 1. Entwicklung einer originalen mittelalterlichen Tracht. erreichte. Ueber der Stirn verschnitt man es Anfangs mehr in grader Linie, dann aber strich man es aus Schläfen und Stirn zurück, daß das ganze Gesicht frei und offen war, oder scheitelte es von der Mitte nach beiden Seiten, oder kräuselte die vordre Partie mitten über der Stirn. Durchweg mußte das Haar gelockt sein, denn schlicht gelassen, hätte es bei dieser Länge wieder seines Zweckes verfehlt. Wo die Natur solchen Schmuck versagt hatte, half die Kunst nach und stellte durch Salben und Brennen große, wellige, schwunghafte Locken her. Den Stutzern wurde das Haar des Nachts, wie Nithart sagt, „wohl geschnüret,“ also wohl in eine Art Papillotten eingewickelt. Kleines, wolliges Gekräusel entsprach nicht der Geschmacksrichtung. Diese Art das Haar zu tragen stimmt völlig zu dem freien, ungehinderten Lockenfluß der Frauenwelt; es ist derselbe Schön- heitssinn und derselbe Stil der Behandlung, nur dem männlichen Charakter gemäß beschränkt, denn die Frauen sind es, welche „langes Haar und kurzen Sinn“ haben, wie ein damaliges Sprich- wort sagt. Aber nur der freie, der feine und edle Mann trägt sich so; der gemeine, der Bauer wie der Wende und Slave haben das Haar über den Ohren kurz verschnitten. Nur Helmbrecht, der Bauersohn, der adlige Art und Sitte affectirt, spricht von seinem langen, gelben Haar und seinen schönen Locken, und Nithart, der Dichter, macht seinen Feinden, den üppigen Bauern Niederöster- reichs, denselben Vorwurf. Auch der Narr muß sein Haar ver- schneiden, und wer als Thor gelten will, schwärzt sich wie ein Mohr und kürzt das Haar. Andre Veranlassung dazu boten Trauerfälle den Männern wie den Frauen. Auch der Minnedienst konnte dies Opfer verlangen. Beim Eintritt in denselben, wie es beim Eintritt in den Ritterstand geschah, schnitt man das Haar ab zu Ehren der geliebten oder gefeierten Dame. So legten um die schöne Gräfin Guida von Rodes hundert Ritter ihre Locken- fülle ab und machten sich dadurch gewissermaßen zu ihren Sclaven, denn es erinnert an die alte Sitte, wonach dem freien Mann, der in Knechtschaft kam, das Haupt geschoren wurde. Endlich wurden auch beim Kampfgericht den Kämpfern die Haare kurz geschnitten. II. Das Mittelalter. Wie bei den Frauen wurde auch das lockige Haar des Man- nes, damit es nicht in das Gesicht fiel, durch ein Schapel zu- sammengefaßt. Es konnte das ein einfacher, schmaler, runder oder gewundener Reif sein, oder ein Reif mit goldenen Blumen oder mit erhabener Arbeit von Vögeln und andern Thieren und mit edlen Steinen besetzt, wie im Wigamur dem Ritter Segramors ein solches von der Isopey geschenkt wird; es konnte auch ein Perlenreif sein oder ein aus kleinen, goldenen Scheiben oder Ro- setten zusammengesetzter oder kronenähnlich mit stumpfen Zacken verzierter Ring. Oft war es nur ein Kranz natürlicher, duftender Blumen, Rosen oder Veilchen, die auch wohl um einen goldenen Ring geschlungen waren. Oft setzte denselben die Dame selbst auf das Haupt ihres Verehrers. Auf den Bildern findet sich nur höchst selten der unbedeckte Kopf eines Ritters ohne irgend einen der- artigen Schmuck. Die eigentliche Kopfbedeckung zerfiel in zwei Hauptarten nach der Form der Hüte und der Mützen ; von beiden sind ver- schiedene Gestalten zu bemerken, die öfter Rangunterschiede zu er- kennen geben. Der wichtigste von jenen ist der Herzogshut, welcher sich nach Form und Bedeutung am längsten im Hut des Dogen von Venedig erhalten hat. Die Bilder der Heidelberger Hand- schrift des Sachsenspiegels, die in solchen Dingen juristisch genau sind, geben seine Form zu erkennen; darnach war er zuckerhutför- mig spitz, mit breitem, aufrecht stehendem, hinten auch wohl nie- dergeschlagenem Rande, um den ein gezackter Goldreif lief, und von gelber Farbe. Auf dem Bilde der Manessischen Handschrift, welches den König Wenzel von Böhmen darstellt, finden wir den Spitzhut wieder, aber ohne Reif und vielleicht nicht mehr als aus- schließliches Eigenthum der Herzöge. Denn es erging ihm, wie es auch sonst das Schicksal von Rangeszeichen und Modesachen ist: er stieg allmählig von der Höhe des Lebens hinunter in die unteren Schichten der Gesellschaft. Er bedeckt auf dem genannten Bilde das Haupt des königlichen Marschalls, der jedenfalls ein hoher Würdenträger und sehr vornehmen Standes war. Sein auf- gekrämpter Rand besteht aus kostbarem Rauchwerk, dem s. g. 1. Entwicklung einer originalen mittelalterlichen Tracht. Veh. Von Zobel ist Sigfrieds Hut auf seiner letzten Jagd. Eine Art Spitzhut von andrer Form tragen im Sachsenspiegel die Schultheißen als Zeichen ihrer Würde. Aehnlich dem Herzogshut gestaltet trägt auf der Jagd der Markgraf Heinrich von Meißen den s. g. Pfauenhut, dessen in den epischen Gedichten sehr häufig Erwähnung geschieht. Rand und Hut sind ganz überdeckt mit den obern Theilen der Schwanzfedern von Pfauen, den Augen. Im Parzival trägt König Gramoflanz einen Hut aus Pfauenfedern von Sinzester und ein Page des Königs Artus einen weißen Pfauenhut. Zur Befestigung dienten zwei Schnüre, welche unter dem Kinn zusammengebunden werden konnten: gewöhnlich aber sieht man sie leicht geknotet hinten im Nacken frei und lose hän- gen. Der Pfauenhut war auch, wie wir gesehen haben, weibliche Tracht. — Einen ähnlich geformten Hut, doch von schlafferer Form, oben mehr abgerundet und mit einem Rande, der nach vorn ein wenig über die Stirn hereingebogen ist, und dessen Schnur im Nacken hängt, trägt ein Ritter auf der Falkenjagd. Noch eine andere Form glich mehr unserem heutigen schlaffen Filzhut mit rundem Deckel, aber mit mehr herabhängendem, breitem Rande, welcher das Ablaufen des Regenwassers erleichterte. Aehn- lich, mit niedrigem Deckel und breitem, schräg herabhängendem Rande, ist der Strohhut des sächsischen Bauern, dessen schon in der vorigen Periode gedacht wurde. Der Sachsenspiegel giebt seine Gestalt zu erkennen; daß ihn auch Frauen tragen, wenn sie im Freien arbeiten, z. B. Schnitterinnen, ist schon oben bei der Frauentracht bemerkt. Endlich ist noch des Judenhutes zu geden- ken, welcher im zwölften und dreizehnten Jahrhundert in Deutsch- land diesem Stamme so sehr allgemeine Vorschrift war, daß die Künstler selbst die heiligen Personen der Bibel, nicht bloß des alten Testaments, sondern z. B. auch den heiligen Joseph mit diesem Hut abbildeten, indem sie sich von der Erscheinung der Gegenwart nicht losmachen konnten. Er war zuckerhutförmig spitz, mit mäßig breitem, herabstehendem Rande; seine vorgeschriebene Farbe war weiß oder orange, letztere entweder für den ganzen Hut oder nur für den Rand. II. Das Mittelalter. Noch mannigfaltigere und verschiedener gestaltete Formen weiset die Mütze auf. In der Manessischen Handschrift tritt uns am häufigsten eine Form entgegen, welche auf dem Bilde des Sängerkriegs auch der Landgraf von Thüringen und einige der bedeutenderen Dichter tragen: es ist eine runde, den Scheitel deckende Kappe, welche mit einem hochaufstehenden, nach oben sich erweiternden Rande von acht viereckigen Platten umschlossen ist und darin dem Rand der Kaiserkrone gleicht. Kappe und Rand sind von verschiedenen Farben, z. B. roth und grün, und der letztere zuweilen oben mit feinem Pelz verbrämt. Statt der acht Platten besteht der Rand oft aus einem breiten Streifen Rauch- werk, Veh, von derselben Höhe. Hiervon sehr verschieden ist eine andere Form, welche bei Sängern, z. B. beim Tannhäuser und Reinmar von Zweter in der Manessischen Handschrift vorkommt. Es ist eine barettförmige Mütze, aus deren Mitte oben ein Tuch hervorgeht und schleierartig nach hinten bis zur Schulterhöhe her- abfällt; der Rand ist Pelz, ein breiter Goldstreif oder auch ein weniger kostbarer Stoff. — Die Bilder zeigen noch manche andere, mehr oder weniger selten vorkommende Formen, z. B. eine kleine runde, eng anliegende Kappe, umgeben mit einem Goldstreif, welcher in älteren Zeiten noch mit Edelsteinen besetzt war; oder eine weiche, der Frauennachthaube ähnliche Kopfbedeckung, welche das Haar bis auf den Rand am ganzen Kopf völlig einschließt und mit zwei Bändern unter dem Kinn gebunden ist; sie wird von Herren wie von Dienern getragen. — Auf welche dieser For- men die Beschreibungen der Dichter passen, und ob dieselben noch andere vor Augen gehabt haben, dürfte schwer zu entscheiden sein. So wenn es im Parzival von König Anfortas, dem Hüter des Grals heißt: „Um das Haupt des Wirthes sah Man die gestreifte Mütze gehn Von Zobel, theuer zu erstehn. Von arabischem Golde schwer Lief eine Borte rings umher, Von deren Mitte niederschien Als Knopf ein leuchtender Rubin.“ 1. Entwicklung einer originalen mittelalterlichen Tracht. Die auffallendste Beschreibung wird in der schon öfter erwähnten Erzählung vom eitlen Bauersohn Helmbrecht gemacht. Derselbe trug ein Haar, gelockt und gelb, das hing über die Achseln herab. Er fing es in einer Haube, die mit schönen Bildern in Seide durchnäht war; darunter waren Papageien, Tauben und anderes Gevögel, als wenn es aus dem Spessart käme, mitten auf dem Kopfe, hinten und oben. Am rechten Ohr hinab sah man die Be- lagerung und Zerstörung Trojas mit der Flucht des Aeneas; an der linken Seite waren König Karl, Roland, Turpin und Olivier im Kampf mit den Heiden in der Provence, Arles und Galizien. Hinten zwischen den Ohren sah man, wie die beiden Söhne der Frau Helke und Diether von Bern durch Wittich vor Ravenna erschlagen wurden. Vorn war ein Kranz, genäht mit glänzender Seide; zwischen zwei Frauen stand, wie sie auch beim Tanze thun, ein Ritter an ihren Händen, und ihnen gegenüber am an- dern Ende zwischen zwei Mädchen je ein Knappe, der ihre Hände hielt; dabei standen Fideler. Eine Nonne, die ihrer Zelle ent- nommen war, hatte dieses Wunderwerk der Stickerei genäht, wo- für ihr Helmbrechts Schwester ein Rind und die Mutter Käse und Eier gegeben. — Wenn an dieser Beschreibung auch die Phantasie des Dich- ters den weitaus größten Antheil haben mag, so darf doch der Schluß gestattet sein, daß ähnliche Stickereien auf Kleidungs- stücken öfter vorgekommen sind. Es ist zudem nicht das einzige Mal, daß freie figurative Gegenstände auf Gewändern wirklich erwähnt werden. Doch sind es auch hier viel seltner menschliche als Thiergestalten, zu denen die Phantasie mehr Nei- gung und die Kunst mehr Geschick zeigte. Die bildlichen Quellen zwar lassen nichts von dieser Sitte erkennen, mit Ausnahme des Ritters, wenn er in vollständigem ritterlichen Schmuck in die Schranken des Turniers ritt. Dann zeigten nicht bloß Schild und Helm seine Farben, auch die wehende Pferdedecke und sein langer Waffenrock, den er über dem Panzerhemd trug, waren mit dem Zeichen seines Wappens, mochte es ein Thier oder was sonst vorstellen, in seinen Farben mannigfach verziert. Auch seine Devise Falke , Trachten- und Modenwelt. I. 10 II. Das Mittelalter. oder ihre Anfangsbuchstaben ließ er schon damals hineinsticken. Solche Arbeit kam den Damen zu. Ulrich von Liechtenstein belehrt uns, daß eine ähnliche Tracht auch bei den Frauen vorgekommen sein muß. Als ihn in Treviso auf seiner Venusfahrt die Damen dieser Stadt besuchten, kleidete er sich in die kostbarsten Frauen- gewänder. Dazu gehörte auch eine Kappe (Oberrock) von weißem Sammet, worin von Gold manch schönes Thier hineingearbeitet war. Wie die Ritter selbst konnten auch ihre Diener und Herolde die Wappenfiguren auf den Kleidern tragen, und unter Umstän- den auch die Frauen als Dienerinnen. So werden die Templeisen (Templer) im Parzival an ihren mit Tauben bestickten Kleidern als Hüter des Grals erkannt, und an demselben Zeichen auch Kondrie als Dienerin dieses Heiligthums. — Dergleichen Stoffe mit hineingewirkten Thierbildern von phantastischer Gestalt, wie wir sie schon oben besprochen haben, kamen aus mohammedanischen Ländern und wurden am meisten zu kirchlichen Zwecken benutzt, zu Rücklaken, Altardecken, Vorhängen oder zu den Priesterkleidern selbst. Noch mancherlei dieser Art hat sich in Kirchenschätzen bis auf den heutigen Tag erhalten. Wenn solche figurirte Stoffe auch zu weltlicher Kleidung benutzt worden sind, wie man aus den Worten des Liechtensteiners schließen möchte, so ist das jedenfalls nur in verhältnißmäßig seltenen Fällen geschehen. Als Regel gilt durchaus, daß die Klei- derstoffe ungemustert sind und jedes Stück nur eine oder mit dem Unterfutter zwei Farben hat. Die Wirkung mehrfacher Far- ben, welche sehr wohl in der Absicht der Toilette lag, entstand nur durch die verschiedenen Kleidungsstücke, welche man so trug, daß sie neben einander sichtbar wurden. Ein Fall ist aber ausge- nommen, der des s. g. mi-parti, dessen Ursprung im zehnten Jahrhundert wir schon kennen lernten. Die ursprüngliche Form dieser getheilten Tracht war die Halbirung in senkrechter Linie vom Halse abwärts, sei es, daß sie bloß den Rock durchschnitt, oder auch die gesammte Bein- und Fußbekleidung mit hineinzog. Wir dürfen diesen Geschmack, wo- nach die rechte und die linke Seite des Menschen in genauer Thei- 1. Entwicklung einer originalen mittelalterlichen Tracht. lung zwei verschiedene Farben zeigen, wie grün und roth, gelb und weiß u. s. w., als einen barbarischen bezeichnen. Daß er im feinen Zeitalter des Frauencultus auch mit solchen Augen betrach- tet wurde, kann man aus verschiedenen Ursachen schließen. Ein- mal tragen die getheilte Tracht nie die Frauen aus freier Wahl; die in Wolframs Parzival so gekleideten Jungfrauen auf Mon- salvage — vielleicht das einzige Beispiel — sind eben Dienerinnen des Grals und tragen dessen Farben. Und so werden auch die Männer mit dieser Tracht stets als Diener oder wenigstens Va- sallen bezeichnet, selbst wenn sie den höhern Classen der Gesellschaft angehören, wie auf den Bildern zum Sachsenspiegel die Grafen von Wernigerode und Regenstein vor ihrem Lehnsherrn, dem Fürsten und dem Bischof, erscheinen. Die getheilte Tracht ist Livr é e, wenn sie auch nicht immer die specielle Farbe des Herren führt. Anderes besagen auch die schriftlichen Quellen nicht, es sei denn, daß ein Ritter im Turnier sich mit seinen eigenen Farben bedeckt hat. Statt der bloß senkrechten Halbirung treten in dieser Periode noch mannigfache Modificationen ein. Die meisten und verschie- denartigsten Beispiele geben die Bilder des Sachsenspiegels. Selten ist der Fall, wo noch eine zweite Theilung quer über die Hüften gemacht wird, und die beiden Farben so über Kreuz aus- getheilt werden, wie es bei der Quadrirung eines Wappenschildes geschieht. Häufiger ist es, daß die eine Hälfte — auf den Bildern ist es durchweg die rechte — einfarbig bleibt, während die andere wieder von zwei Farben in regelmäßig wechselnden, breiteren oder schmäleren Streifen, die bis zu funfzig anwachsen, quer getheilt wird. Häufig wird die senkrechte auch ganz durch die Quertheilung ersetzt. Der gewöhnliche Fall ist dann, daß zwei Farben in vier gleich breiten Streifen abwechseln. Es können aber dieselben auch wieder durch schmale, weiße Streifen, welche als Fassung erschei- nen, getrennt werden. Die Theilung überschneidet stets die Arme in grader Linie mit. Auch in dieser Gestalt kann die Zahl der Streifen zu der oben angegebenen Höhe anwachsen. Dadurch daß Weiß sich zwischen die andern Streifen schiebt, verbinden sich drei 10* II. Das Mittelalter. Farben, die aber nicht immer gleich ausgetheilt sind. Eine vierte Hauptmodification, welche auch mit den andern vereinigt auftre- ten kann, ist die, daß die Streifen nicht horizontal den Körper umschneiden, sondern schräg herablaufen, sei es von der Rechten zur Linken oder von der Linken zur Rechten. Noch andere unbe- deutendere Abweichungen giebt es, z. B. wenn bei horizontaler Viertheilung von Grün und Gelb die gelben Streifen durch hori- zontale rothe der Länge nach durchschnitten sind, oder wenn die Streifen wellenförmig laufen, wie es in der Manessischen Hand- schrift vorkommt. In dieser ganzen Farbenvertheilung läßt sich unschwer eine Parallele finden mit den Heroldstücken der Wappen- kunst, daher auch die Franzosen diese Tracht vêtement blasonné nennen. — Bemerkenswerth ist noch die Kleidung der Wenden im Sachsenspiegel, deren kurze, bäurische Röcke blaßroth sind, während ihre weiße, vermuthlich linnene Beinbekleidung von schrägen, ebenfalls blaßrothen Streifen umzogen ist. Diese Stücke kunstvoll zusammenzusetzen, daß die Naht mög- lichst wenig bemerklich war und sich nur durch den Gegensatz der Farben sichtbar machte, war eine Hauptaufgabe der Schneider und Lohnnäherinnen dieser Zeit. Es wurde auch sonst bei der Kleidung viel darauf gegeben, und es wird von einer Jungfrau im Wigalois ausdrücklich bemerkt, daß ihr Hemd meisterlich ge- näht gewesen sei. Ihre eigentliche Blüthezeit erlebte die getheilte Tracht erst in viel späterer Zeit, in der Periode der Ausartung, und wurde dann vielmehr Zeichen eines verdorbenen als eines ungebildeten Geschmacks. Die Zeit der höfischen Dichtkunst hielt sich in den höhern Kreisen fast durchgängig von allen Auswüchsen frei, und nur in vereinzelten Fällen lassen uns stutzerhafte Persönlichkeiten die Keime jener barocken Sonderbarkeiten erkennen, welche die folgende Periode charakterisiren. So stoßen wir bereits auf die Schellentracht . Daß der Gebrauch, die Kleider mit klingen- den Schellen zu behängen, einen fremden, außerdeutschen Ur- sprung hat, ist sicher. Im zehnten Jahrhundert trugen die An- führer der ungarischen Reiterschaaren, welche in der Schlacht bei 1. Entwicklung einer originalen mittelalterlichen Tracht. Augsburg gefangen genommen wurden, an den Säumen ihrer Kleider goldene Schellen. Wohl schon gleichzeitig stand der Ge- brauch bei der Geistlichkeit fest. Bischof und Abt trugen sie an ihren Meßgewändern, und im Jahr 1103 erhielten die Mönche vom Kloster des heil. Antonius in Mailand die Erlaubniß, sie an ihren Kappen (Kutten) zu tragen. Es wird dieser Gebrauch bei der Geistlichkeit auf den jüdischen Hohenpriester zurückgeführt. In der höfischritterlichen Zeit beschränkte sich ihre gewöhnliche Anwendung auf die Pferde. „Klingende Schellen am Sattelbo- gen,“ wo sie gewöhnlich angebracht waren, werden namentlich im Parzival sehr häufig erwähnt. Auch das Nibelungenlied kennt sie in dieser Sitte. Als Gunther und seine Begleiter in höchstem Schmuck vor Brunhildens Saal aufreiten, sind mit Gestein die Sättel und die Fürbügen ihrer Pferde geschmückt, und an densel- ben hingen auch „Schellen von lichtem Golde roth.“ Im Wiga- mur erscheint eine Schaar reitender Mädchen, deren Pferde sämmt- lich mit Schellen behängt sind. In der That aber finden wir die- sen Schmuck schon damals auch an dem Manne selbst, wenn er auch als eine ausnahmsweise und stutzerhafte Tracht anzusehen ist und die Beispiele sehr selten sind. Ein solcher Stutzer ist der junge Ritter Segramors, der jüngste der Helden von Artus Ta- felrunde. Wie er hinreitet zum Kampf gegen Parzival, läßt er sein Roß courbettiren und über die Stauden Sprünge machen: „Manche goldne Schelle klang An der Decke und an dem Mann : Man hätt’ ihn wohl nach dem Fasan Geworfen in ein Dornicht — Wer ihn zu suchen wär erpicht, Der fänd ihn wieder am hellen Klang der läutenden Schellen.“ (Parzival.) Desgleichen heißt es in Ulrich von Liechtensteins Frauendienst bei Tieck: „Da kam auf dem Felde wohl gezimirt gegen mich ein Mann, Herr Ilsung von Scheuflich, der immer nach Ehren und Ritternamen rang. Er führte wohl fünfhundert Schellen an sich. Sein Roß sprang in kleinen Sprüngen, laut erklang sein Zimir. II. Das Mittelalter. Gold und Silber war auf roth und grünem Zendal geschlagen, und glänzte so licht, daß um den Rhein kein Mann schöner zimi- ret war als mein Landsmann. Er führte in der Hand einen Speer, daran viel kleiner Schellen hingen.“ — Wie, von solchen einzelnen Fällen abgesehen, die Richtung der Zeit zu allem Excentrischen in Gegensatz tritt, ist auch aus dem Gange zu erkennen, den der Schmuck in Anwendung und Formen nahm. Gleich dem Gold- und Edelsteinbesatz der Kleider nimmt auch der Gebrauch des Schmuckes am Körper ab, oder verfeinert sich wenigstens, während zugleich sein Ornament zier- licher und geschmackvoller wird. Die Halsringe verschwinden ganz und Armspangen tragen fortan nur noch die Damen und auch diese keineswegs in der übermäßigen Zahl wie früher, sondern nur eine oder zwei derselben an jedem Arm. Auch die Zahl der Ringe an den Fingern wird beschränkt. Gewöhnlich tragen die Ritter wie die Damen nur ein kleines goldenes „Fingerlein,“ dem die Liebe noch eines aus den Haaren geliebter Personen hin- zufügt. Im niedern Stand werden Ringe von Glas getragen, doch hat auch des Walther von der Vogelweide verehrte Frau mit einem solchen ihre Hand geschmückt. Den meisten Raum gestattete man der Schmuckliebe am Gürtel und am Kopfputz, wo goldene, mit Edelsteinen besetzte Reife, Kränze und Diademe, deren wir bereits oben näher gedachten, angebracht wurden, und an Man- telspangen und Vorstecknadeln auf der Brust. Der Gebrauch der Mantelspangen , der bei Männern und Frauen gleich ist, richtet sich nach den Formen dieses Kleidungsstückes. Wurde der- selbe nach alter Weise, wie bei den männlichen Figuren auf den Bildern der Herrad von Landsberg, auf der Schulter oder auf der Brust mit beiden Enden zusammengefaßt, so bildete die ihn hal- tende Spange eine Platte über einer Nadel. Ihrer Form nach konnte sie viereckig sein, mit verzierten Ecken, oder eine runde Scheibe oder eine Rosette in der Gestalt eines Vier- oder Sechs- passes, oder wie in der romanischen Zeit ein Quadrat, an dessen Seiten sich kleinere Bogen anlegten. Diese Form findet die häu- figste Anwendung bei den bischöflichen Mantelspangen. War der 1. Entwicklung einer originalen mittelalterlichen Tracht. Mantel nur einfach von hinten über die Schultern gehängt, so trugen die Damen am Halssaum des Kleides auf der Brust eine Vorstecknadel oder Fürspann von ähnlicher Form. Zuweilen war diese Fürspange nur ein großer, verzierter Ring, hinter wel- chem eine Nadel befestigt war. Wenn aber der Mantel durch einen Riemen oder eine Borte auf der Brust zusammengezogen und gehalten wurde, so pflegte dort, wo der Riemen an jeder Seite am Kleidungsstücke befestigt war, eine rosettenartige Scheibe, die Tassel, zu sitzen. — Ohrgehänge sind ebenfalls eine Sel- tenheit geworden; jede edle Dame verschmäht sie. Bei der Her- rad von Landsberg werden sie nur von einer Magd und eitlen Personen getragen, welche in ihrer Putzsucht die Gränzen des feinen Geschmacks überschreiten. Sie bestehen ihrer Form nach aus einer rosettenartigen Scheibe, die mit einem dünnen, grauen Schnürchen im Ohr befestigt ist, und von welcher wieder zwei oder drei kleinere herabhängen. Das Ornament des Schmuckes richtet sich völlig nach dem herrschenden Kunstgeschmack, dem romanischen, der hier später als bei der Architektur in den gothischen überzugehen scheint. Darum trägt das Blattwerk noch länger den romanischen Charakter und weicht erst langsam dem mehr naturalistischen der gothischen Pe- riode. Zwischen den Ranken und Verschlingungen finden sich noch lange die Thiergestalten, deren auch bei den Dichtern Er- wähnung geschieht. Der Fortschritt gegen früher besteht vorzugs- weise in dem weiteren Eindringen der Plastik, indem statt der eingeritzten oder eingeschnittenen Linien und Figuren das Orna- ment in wirklichem Relief herausgetrieben wird. Edelsteinbesatz fehlt hier natürlich nicht, um so weniger als der abergläubische und Wunder und Geheimniß liebende Geist der Zeit gewissen Steinen heilende, stärkende oder abwehrende Kraft zuschrieb, und so der Schmuck häufig die Bedeutung eines Amulets oder Talis- mans erhielt. — Mehr Werth als auf die Einzelheiten des Schmuckes legte man auf den Adel und die Harmonie der ganzen Erschei- nung von Kopf zu Fuß: sie mußte stets den Anforderungen des II. Das Mittelalter. Standes und des höchsten Geschmacks entsprechen. Der Ritter wie die Dame mußten, wo sie erschienen, stets wohlgekleidet sein, und überhaupt in ihrer ganzen Erscheinung die äußerste Reinlich- keit, Nettigkeit und Wohlanständigkeit zur Schau tragen. Es hatten sich in dieser Beziehung bestimmte Meinungen und Vor- schriften über das Geziemende festgestellt. So unterrichtet ein alter proven ç alischer Ritter, ein Kenner des weiblichen Geschlechts, jüngere Genossen, wie sie sich nach ihrem Vermögen zu kleiden haben: wenn sie nicht Kleider von gutem Tuch haben können, so möchten sie ihre Aufmerksamkeit verdoppeln, daß solche wenig- stens nach ihrem Wuchse gut gemacht werden; daß sie namentlich gut frisirt und mit guter Fußbekleidung versehen seien, auch daß sie sich durch die Reinlichkeit ihres Gürtels, ihres Dolchs und ihrer Börse auszeichnen sollen; insbesondere möchten sie eher durchschnittene und zerrissene als aufgetrennte Kleider tragen, „denn diese zeugen von Nachlässigkeit, welche ein Fehler ist, jene beweisen bloß Armuth, welche das nie gewesen ist.“ In Deutsch- land hatte man folgende Verse über Dinge, die einem Ritter zur Schande gereichen: „Welch Ritter bei einer Messe steht Und nicht zu dem Opfer geht, Und Schüsseln spült und spielt mit Schälken, Und beginnt die Kühe zu melken, Und geflickte Schuh anträgt, Und einen Armen verschmäht, Und seine Kleider schickt, daß man sie ihm wend’t — Der hat sein Ritterschaft geschänd’t.“ Schöne Kleider waren überall ersehnte Dinge und daher ein be- liebter Gegenstand des Schenkens, sowohl von Seiten der Da- men an die Ritter, welche sie zu Turnieren und andern Festlich- keiten mit neuen und schönen, von ihnen selbst gearbeiteten oder gestickten Gewändern ausrüsteten, als auch von Seiten der Für- sten an die Gäste und Angehörigen ihres Hofes und von Seiten der Herren an ihre Diener. Diese Freigebigkeit war daher ein ganz besonderes Lob im Munde der Dichter, wie Peter Suchen- wirt von König Ludwig von Ungarn sagt: 1. Entwicklung einer originalen mittelalterlichen Tracht. „Viel manchen Ritter auserkoren, Und viel der Helden wohlgeboren, Die liebet er mit gebender Hand; Gold, Silber, Roß und reich Gewand, Giebt er mit edelicher Art.“ Nach der Hofsitte gingen diese Geschenke gewöhnlich durch die Hand der Fürstinnen und Prinzessinnen. Es veranlaßte die Aus- gabe für dergleichen keine geringe Belastung der Hofhaltskasse, und Dichter und Sänger mußten sich daher an kargen Höfen nicht selten mit abgetragenen Kleidern begnügen. Wenn Jemand selbst ein ritterliches Fest geben wollte, oder wenn er sich an- schickte, an fremdem Herrensitze einen Besuch zu machen, so wurde schon Wochen lang vorher eine große Schaar von Mädchen zu- sammengebracht, um die nöthige Kleidung bis zum Tage der Ab- reise herzustellen. Chriemhilde bot dreißig Mädchen auf, da sie ihren Bruder und seine Genossen ausrüsten will zur Werbung um die schöne Brunhilde, an deren Hof man glänzende Kleider trägt. Sieben Wochen arbeitete sie mit dieser Schaar, indem sie selber zuschnitt und die Mädchen nähten. Wie viel es zu thun gab, sehen wir daraus, daß auf 4 Tage — so lange sollte der Aufenthalt dauern — dreierlei neue Kleider kommen sollten — „und also gut Gewand, Daß wir ohne Schande heimkehren aus Brunhildens Land.“ Dieses Vergnügen an der äußern Erscheinung spiegelt sich in der Poesie wieder ab. Die Dichter legen denselben Werth auf die Eleganz und Harmonie der Kleidung wie ihre Helden und Hel- dinnen, und sie schildern daher deren Aeußeres mit Behagen und mit eingehender Sachkenntniß und behandeln dasselbe als eine äußerst wichtige und der poetischen Beschreibung durchaus wür- dige Sache. Wenn auch die eigentliche Putzsucht , das Behängen mit nichtigem Tand, die Ueberladung mit Kostbarkeiten, ein luxuriö- ser Aufwand, welcher Stand und Vermögen überstieg, den vor- nehmen und gebildeten Kreisen fern lag, so fehlt doch dergleichen nicht ganz in dieser Zeit. Im dreizehnten Jahrhundert wenig- II. Das Mittelalter. stens führt der österreichische Sänger und Ritter Nithart in seinen Gedichten immer auf’s Neue Klage über den Uebermuth und Aufwand der Bauern, die es in Sitte und Tracht den Rittern gleich thun wollen. Wenn hier ein solches Gelüste des Bauern- standes auch nicht zu verkennen oder hinwegzuleugnen ist, so ist doch wohl anzunehmen, daß es zu jener Zeit nur in vereinzelten, vorzugsweise gesegneten Gegenden Deutschlands statt gefunden habe, wie in der glücklichen Donauebene bei Wien, dem Schau- platz der Thaten Nitharts des Bauernfeindes, im Allgemeinen aber dürften seine Vorwürfe den deutschen Bauernstand nicht treffen. Der eigentlichen Bauerntracht ist bereits oben Erwäh- nung geschehen und namentlich ihre Bein- und Fußbekleidung und Kopfbedeckung näher beschrieben worden. Die unterscheidende Eigenthümlichkeit bestand ihrerseits in der Form ihres einzigen Rockes, welcher, ursprünglich ein und derselbe mit dem der höhern Stände, die Wandlungen des letzteren nicht mitgemacht hatte. Ihm war daher sowohl die größere Weite wie Kürze ge- blieben, und namentlich an der letzteren Eigenthümlichkeit sind auf den Bildern die Leute niedern Standes alsogleich zu erkennen. Denselben kurzen, kaum bis ans Knie reichenden Rock, über den Hüften mit einem kleinen überhängenden Bausch gegürtet, tragen auch die Geschäfts- und Gewerbsleute in den Städten. Einen Mantel legten sie nur im Winter oder auf einer Reise an; auf dem Lande wurde dieses Kleidungsstück für gewöhnlich schon durch die Arbeit verboten. Bergleute und wohl noch andere, nament- lich solche, deren Geschäft sie viel auf Reisen führte, trugen auch um Schultern und Kopf die bereits oben beschriebene Gugel in derselben Weise, wie sie in der Jägertracht häufig vorkommt. So erscheinen auch die Waffenschmiede, die Knappen und die sonsti- gen Diener im Gefolge der Ritter, und ebenfalls die vagirenden Leute, die Schüler, die Spielleute und anderes heimathloses Volk — alle diejenigen, denen das Herkommen gebot, kurzgeschornes Haar zu tragen. Die Spielleute und ihres Gleichen von dem fahrenden Volk, leicht, eitel und phantastisch wie sie sind, schnit- ten häufig den untern Saum ihres bunt zusammengesetzten Rockes 1. Entwicklung einer originalen mittelalterlichen Tracht. in lange Zacken aus, die von natürlichen Fetzen oft wenig zu un- terscheiden sein mochten. — Der Gürtel war beim Bauer wie bei allen jenen Kurzhaarigen nicht nothwendig und diente höchstens dazu, um zur bequemeren Arbeit den weiten Rock zusammenzu- fassen und noch höher hinaufzuziehen. Ganz in ähnlicher Weise unterschied sich die weibliche Tracht bei den Bauern und den niedern Ständen der Städte von der höfischen. Das Oberkleid kennen auch sie so wenig wie den Man- tel. Wie es die Arbeit gebot, mußten sie das Kleid oder den Rock kürzer tragen, sodaß er nirgends den Boden erreichte, son- dern einige Handbreit davon abstand und die Füße sichtbar ließ; über den Hüften war er weiter und in der Taille viel höher ge- gürtet, als es die höfische Sitte verlangte. Das Haar wurde in Zöpfe geflochten, aufgebunden und mit einem Tuche bedeckt. Die Stoffe, aus denen die Kleider der Bauern gemacht wurden, waren Linnen und Wolle, von denen das erstere mehr von den Frauen gebraucht wurde. In Oesterreich trugen die Männer schon damals wie noch heute den dicken, rauhhaarigen Loden. Ganz andere Dinge aber erzählt von den einfachen „Dör- pern“ der Dichter Rithart, der seine österreichische Bauerschaft in Zank und Liebe allerdings hatte aus dem Grunde kennen lernen. Er kennt Bauern, die tragen nach der Sitte des Hofes enge Röcke von österreichischem Tuch; andere besetzen dieselben vorn auf der Brust herab und um den Kragen mit Knöpfen, verbrämen und füttern sie mit kostbarem Rauchwerk, außen schwarz und in- nen weiß, und tragen lange Aermel, wie dieselben später allge- meine Mode werden. Ihre Hüte versehen sie mit seidenem, vor dem Gesicht herabhängendem und flatterndem Unterfutter, mit Schnüren wohl durchzogen, an deren Enden sie duftende Mus- catnüsse befestigen. Wie das auch sonst in jener Zeit geschah, tragen sie auch noch andere Gewürze in häufig goldgestickten Beu- teln als Parfüm bei sich. Mit Pfauenfedern schmücken sie sich am Körper, „Pfauenspiegel, das ist der Dörper Glanz.“ II. Das Mittelalter. Von feiner Leinwand lassen sie sich Hemden und Hosen machen, welche letzteren sie gleich den Röcken mit Seide wohl durchnähen. Um die Schultern wallen ihnen neue buntverzierte Mäntel. Ihr Haar lassen sie lang wachsen und in schönen, geringelten Locken breit um die Schultern fließen. Zu alledem tragen sie an der Seite lange Schwerter, an den Füßen Sporen und an den Händen Handschuhe, die sie ritterlich gegen den Ellbogen zu dem Arm hinaufziehen. Die kostbare Haube des Meiersohns Helm- brecht ist schon oben beschrieben worden. Die Heimath dieses Stutzers war dieselbe Gegend, deren Ueppigkeit Nithart schildert. Da er hinauszieht zu seinem vermeintlich adeligen Räuberleben, läßt er sich von Mutter und Schwester in geckenhaft höfischer Weise ausrüsten. „Seine Leinwand war von der feinsten Art; sieben Weber waren dem Gewebe entronnen, ehe es fertig war, so fein war es. Sein Rock vom besten Wollstoff war mit weißem Pelzwerk gefüttert; der Oberrock vom feinsten blauen Tuch war am Rückgrat vom Nacken bis zum Gürtel mit dicht an einander gereihten, roth vergoldeten Knöpfen besetzt, und ebenso stand eine gleiche Reihe silberner vorn auf der Brust vom Halse bis zur Gürtelschnalle herab. Sein Rock war oben mit drei Krystallknö- pfen geschlossen und ganz mit Knöpfen aller Farben besäet, gelb, braun, grün, blau, roth, schwarz und weiß, die leuchteten, daß er von Frauen und Mädchen gar minniglich angesehen wurde, wenn er beim Tanze ging. Die Naht, womit die Aermel an den Schultern befestigt waren, war um und um behangen mit Schel- len, die hörte man laut erklingen, wenn er im Reihen sprang; den Frauen drang es durch die Ohren.“ Die schön gestickte Haube auf dem langen blonden Lockenhaar, feine Beinkleider und Stie- fel von Korduanleder vollendeten das Bild. Man erkennt we- nigstens aus dieser, wie immer auch übertriebenen Schilderung, in welcher Art und in welchem Sinne ein ungebildeter Stutzer jener Zeit den „Löwen“ zu spielen suchte. Mit der Anschuldigung Nitharts stimmt das Bild überein, welches in der Manessischen Handschrift den Liedern dieses Dich- ters beigefügt ist. Der ritterliche Sänger ist umdrängt von vier 1. Entwicklung einer originalen mittelalterlichen Tracht. Bauern, deren höhnische Angriffe er von sich abzuwehren sucht. Sie tragen das Haar in langen Locken, am Leibe gesteppte und gestreifte Wämmser, wie sie die Ritter unter dem Harnisch anzu- legen pflegten, und darüber kurze weite Oberröcke, die in verschie- dener Weise quer gestreift sind; Ritterschwerter und Dolche füh- ren sie an der Seite und eine runde Kopfbedeckung mit anliegend aufgekrämptem Rande, an den Füßen Schuhe oder Stiefeln. Man sieht, ihre Tracht ist ritterlich und auch wieder nicht, wie Jemandes, der sich über seinen Stand kleidet, den aber geschmack- lose Eitelkeit die rechte und feine Sitte verfehlen läßt. Auch die Bäuerinnen folgen in ihrer Weise dem Beispiel der Männer. Sie legen ihre Röcke von kostbarer Leinwand in eine Menge kleiner Falten und schnüren sie eng um die Hüften. Die Gürtel tragen sie schmal nach höfischer Art, aber kostbar ver- ziert, und das Haar bedecken sie, anstatt des schleierartigen Tu- ches, mit seidenen Hüten und seidenen Gebenden. An der Seite führen sie an einer langen seidenen Schnur oder an einer reich verzierten, mit erhabener goldenen Arbeit versehenen Borte einen kleinen Handspiegel. Ein solcher Spiegel gehörte damals ziemlich allgemein zur Toilette der Damen, und daß sie großen Werth darauf leg- ten, zeigt die reiche Verzierung, mit welcher sie ihn versahen. Die Rückseite bestand oft aus der kostbarsten Elfenbeinschnitzerei mit figürlichen Darstellungen, die dem Reich der Liebe entnommen waren. Es haben sich noch mehrere dergleichen erhalten. Eines derselben stellt z. B. eine Liebesburg dar, welche von den Damen unter Anführung der Frau Minne selbst vertheidigt wird, wäh- rend die Ritter von allen Seiten heranstürmen, die Burg zu er- obern. Rosen werden von den Vertheidigerinnen auf die Köpfe der Stürmenden herabgeworfen, Rosen schießen diese wieder mit Armbrüsten hinauf, Rosenzweige dienen als Lanzen und Schwer- ter; nur allein Frau Minne führt Bogen und scharfen Pfeil. Während einige Damen zu Pferde aus dem geöffneten Thor noch einen Ausfall machen, und ihnen Ritter in derselben Weise mit eingelegten Rosenzweigen entgegenreiten, haben andere Ritter II. Das Mittelalter. schon die Zinnen erstiegen und nehmen, wie es scheint, in gern gewährten Küssen und Liebkosungen den Preis der Tapferkeit und das Zeichen der Ergebung in Empfang. Siehe die Abbildung dieser Elfenbeinschnitzerei in Kunst und Le- ben . 2. Heft. „Erstürmung einer Minneburg.“ — Bei dem ausgebildeten und feinen Geschmack, der sich prü- fend auf alle Gegenstände der Kleidung oder der sonstigen Toi- lette erstreckte, durfte die Farbe nicht weniger Berücksichtigung erhalten. Schon im Nibelungenlied finden wir die Damen in dieser Beziehung sehr wählerisch. „Sie trugen reiche Stoffe, die besten, die man fand, Vor den fremden Recken; auch manches gut Gewand, Wie’s zu ihrer Farbe sich grad’ am besten nahm.“ Sie bestimmen also die Kleider nach der Farbe ihres Haars, ihres Gesichts, ihrer Augen u. s. w. und zeigen damit, daß sie mit der Kenntniß des Hauptgrundgesetzes bereits tief in das Geheimniß der Toilette eingedrungen sind. — Im Allgemeinen hatte jeder Stoff und also auch jedes Kleidungsstück nur eine Farbe. Mit Thieren oder Laubwerk gemusterte Stoffe, seien sie gestickt oder gewirkt, gehören zu den Ausnahmen und werden zu Staatsklei- dern, Ornaten, oder gleich der getheilten Tracht nur in bestimm- ter Bedeutung getragen. Davon war schon oben die Rede. Die Einfarbigkeit wurde dadurch aufgehoben, daß bei Männern wie bei Frauen mehrere Kleider getragen wurden, welche in verschie- denen Farben wirkten. Mit dieser Mannigfaltigkeit konnte erst Harmonie eintreten und war die Möglichkeit zur Entfaltung des Geschmacks gegeben. Da das Oberkleid und der Mantel noch mit andersfarbigem Stoffe gefüttert und häufig mit dem soge- nannten Bunt- oder Schönwerk, dem hermelinartig oder anders gemusterten, bunt zusammengesetzten Pelz unterlegt oder ver- brämt waren, so konnten sich mit Hinzufügung des Goldes we- nigstens sechs Farben am Anzug einer Dame sichtbar vereinigt finden. Die Art und Weise, wie man die Kleider trug, indem der Mantel oder das Oberkleid mit Arm und Hand in die Höhe 1. Entwicklung einer originalen mittelalterlichen Tracht. genommen wurde, daß es sich faltig umlegte und sein eignes Unterfutter sowie das Unterkleid sichtbar werden ließ, diese Sitte machte es möglich, daß alle Farben zugleich zur Wirkung gelan- gen konnten. Es ist auch darin gewiß der Grund zu suchen, warum die Damen die Oberkleider in der angegebenen Weise be- ständig trugen. Durch goldene oder farbige Säume am Hand- gelenk, am Hals und am Fußrande, sowie in der früheren Zeit auch um den Oberarm wurde die Mannigfaltigkeit noch größer, damit freilich auch die Herstellung der Farbenharmonie in der ganzen Toilette für die Damen eine schwierigere Aufgabe. Indeß dürfen wir ihrem Geschmack wohl mehr Feinheit zutrauen, als den Klosterkünstlern, die, in ihrer einsamen Zelle dem Leben der großen Welt und dem Anblick feiner Damen fern bleibend, kei- neswegs einen gebildeten Farbensinn verrathen und grelle und schreiende Mißklänge, wie z. B. Grün und Blau, in den Anzü- gen vornehmer Frauen unvermittelt zusammenstellen. Im Allge- meinen wurden die ganzen und lebhaften Farben den gebrochenen vorgezogen. Roth mit seinen verschiedenen Nüancen vom Hoch- roth und Purpur bis zum blassen Rosa, Blau, Hellgrün, Gelb finden sich am häufigsten in Gebrauch; daneben scheinen Schwarz und Weiß für besonders fein gegolten zu haben. So erblickten König Gunther und seine Genossen die Brunhilde zuerst am Fen- ster stehen in schneeweißem Kleide, und sie selbst trugen bei ihrer ersten Auffahrt an ihrem Hofe, wo sie sich im höchsten Glanz zei- gen wollten, reiche Kleider, die einen von schneeblanker, die an- dern von rabenschwarzer Farbe. Alle mehr in Grau, Braun und Violett gebrochenen Farben blieben noch vorzugsweise dem nie- dern Stande, obwohl Braun selbst nicht unelegant war. Diese Mischfarben tragen auch die Bauern auf den Bildern der Heidel- berger Handschrift des Sachsenspiegels durchgängig. — Für die symbolische Bedeutung, welche man später in der Liebe mit den Farben verband, und die wir in der nächsten Periode werden kennen lernen, findet sich in der eigentlich höfischen Zeit noch kein Beispiel. Man ließ den guten Geschmack in der Wahl der Farben walten. Nur Grau, für gewöhnlich den niedern Ständen eigen, II. Das Mittelalter. erhielt noch eine besondere Anwendung, indem es neben Schwarz die Trauer bezeichnete und zugleich die Farbe der Narrentracht wurde. Eine solche legt Tristan an, da er den Narren spielt, hier und da mit Narrenbildern aus rothem Zeug besetzt. — In Anbetracht der Stoffe , welche zu den Kleidern der Männer wie der Frauen angewendet wurden, haben wir bereits bemerkt, daß die im ersten Jahrtausend vor allem geschätzte Lein- wand durch wollene Stoffe in den Hintergrund gedrängt worden; daß Wolle in dieser Periode die gewöhnliche Tracht jedes Stan- des war, und Sammet und Seide, die Erzeugnisse der Fremde, wenn auch bei den höheren Ständen in keineswegs seltenem Ge- brauche, doch nicht in dem Maße Anwendung fanden, wie die glänzenden Bilder der Dichter vermuthen lassen. Die Wollstoffe waren größtentheils heimisches Erzeug- niß, von der feinsten Qualität bis zum dicken Fries und zum Lodenstoff des österreichischen Aelplers und Bauern. Wie früher die Niederlande das friesische Tuch ausführten, so gelangten schon in der Zeit der Kreuzzüge die südlichen Provinzen derselben, na- mentlich die Städte Arras, Brüssel, Mecheln, Gent, Brügge, Antwerpen, Ypern u. a. in der Verfertigung von Wollstoffen aller Art, sowie in ihrer Färbung zu hohem Ruhme. Noch andere deutsche Städte, wie Regensburg im Süden, Lüneburg im säch- sischen Norden, zeichneten sich hierin aus. Die Wolle als Roh- stoff kam ihnen größtentheils von England und Ungarn. Eng- land selbst verbesserte seine Manufacturen zu wiederholten Malen durch niederländische Weber. Der feinste Wollstoff war der Scharlach . Seine gewöhn- lichen Farben waren Roth und Braun; doch werden, wenn auch seltner, daneben andere, wie Grün, Blau, Weiß erwähnt. Es scheint daher fast, als ob der Name vom Stoff auf die Farbe übergegangen sei. Der Scharlach war in den höfischen und ritter- lichen Kreisen, sowie auch wohl beim reicheren Bürgerstande der vorzugsweise gebräuchliche Kleiderstoff, bei Männern wie bei Frauen. Und nicht etwa diente er bloß zu Hauskleidern, sondern er mußte im höchsten Ansehen stehen, da er zu Oberkleidern ver- 1. Entwicklung einer originalen mittelalterlichen Tracht. wandt wurde, die mit dem feinsten Hermelin gefüttert waren. Man würde nicht das edle Rauchwerk mit gemeinem Stoffe ver- bunden haben. „Scharlach ist ein reich Gewand und kleidet wohl die Leute.“ So wird Parzival bei Gurnemans gekleidet: „Scharlachbraun d. i. von braunem Scharlach. von schönem Schnitte Und wohlgefüttert nach der Sitte, Waren Rock und Mantel lang, Von Hermelin inwendig blank, Schwarz und grauer Zobel stand Als Besatz vor jedem Rand.“ Zu der Beinbekleidung war Scharlach der feinste und der dama- ligen Mode am meisten entsprechende Stoff, indem er, fein und elastisch, die Glieder tricotartig zu umschließen vermochte und nachgiebig der freien Bewegung kein Hemmniß war. Von ihm haben sich die Künstler, besonders die Bildhauer, die reinen Mu- ster für den Stil des Faltenwurfs geholt; sie hatten darum nicht nöthig, die Antiken zu studiren. Der Scharlach war einheimi- schen Fabrikates. Neben dem Scharlach gab es eine Menge anderer Wollstoffe in den verschiedenartigsten Abstufungen bis zu den bereits er- wähnten gröbsten Arten, Fries und Loden : so die leichte Serge , der Fritschal , welcher mit dem Scharlach und den kostbarsten fremdländischen Seidenstoffen zusammen getragen wurde, der Barragan (Bergan), den man in vorzüglicher Güte zu Regensburg fabricirte, der Buckeram aus Ziegenhaaren, der Schürbrant , die Sei und der Seit (von sagum und sage- tum abzuleiten und daher ursprünglich wohl vorzugsweise Man- telstoff), der Kamelot , aus Kamelhaaren und Wolle, der, schon damals viel gebraucht, nach Namen und Stoff sich bis auf die Gegenwart erhalten hat. Weit mehr als von den Wollstoffen wissen die Dichter von der Seide zu erzählen und zu — fabeln, da sie in damaliger Zeit noch kein einheimisches und mit Ausnahme des griechischen Ori- ents kaum ein Fabrikat der Christenheit war. Die Sarazenen Falke , Trachten- und Modenwelt. I. 11 II. Das Mittelalter. aber webten sie in allen ihren Ländern: so waren in Spanien die Seidenstoffe von Almeria hochberühmt, Marokko lieferte Seide, die Nordküste Afrikas, die unter muselmännischer Herrschaft stehen- den griechischen Inseln, Kleinasien und die ferneren Länder, Ara- bien, das Land am Euphrat und Tigris, Hochasien und Indien als das berühmte Land der Serer, der Seide alte und ursprüng- liche Heimath. Nur die normännischen Könige und ihre hohen- staufischen Nachfolger hatten eine große und weitberühmte Mu- sterfabrik in Palermo, aber die Arbeiter selbst, die zeichnenden Künstler wie die Weber, waren Sarazenen; die Ornamente, die eingewebten arabischen Sprüche und die historischen Zeugnisse geben das genugsam zu erkennen. Aus dieser Fabrik stammt ein großer Theil der noch erhaltenen, zum Krönungsornat der deut- schen Kaiser gehörenden Gewänder. Die Anstalt von Palermo wurde die Musterschule für Lucca und die Fabriken Oberitaliens, von wo aus diese Kunst nach den Niederlanden kam. Hier ge- langte sie aber erst im fünfzehnten Jahrhundert zu der außeror- dentlichen Blüthe und kunstfertigen Vollendung. Die höfischen Dichter, bedacht den Glanz ihrer Helden und Heldinnen durch den Reiz des Fernen, Unbekannten und Wunderbaren zu erhöhen, führen uns eine Menge fremdartig und seltsam klingender Namen als Fabrikstätten vor, die theilweise wirklichen Städten und Län- dern angehören, theils aber auch, wenn nicht grade der Willkür der Dichter, doch dem Mißverständniß und dem phantastischen Sinn der Reisenden und der Aufschneiderei der Kaufleute ent- sprungen sein mögen. Da giebt es neben der Seide aus Ninive und Bagdad und Alexandrien auch Seide aus Adramaut und Assagauk im Mohrenland, aus Alamansura (Mansora), aus Agathyrsiente, Ecidemonis, Ethnise, Neuriente, Pelpiunte, Seide aus Tabronit im Lande Tribalibot, Seide aus Thasme, erfunden von Sarant, einem Bürger dieser Stadt und daher Sa- ranthasme genannt, aus Zazamank und vielen andern Städten räthselhaften Namens. In ähnlicher Weise kommen für die ver- schiedenen Arten von Seidenstoffen auch eine Menge schwerer oder leichter zu erklärende Namen vor: Achmardi, Baldachin, 1. Entwicklung einer originalen mittelalterlichen Tracht. Blialt oder Plialt, Cyclat oder Siglat, Palmat, Pfawin, so ge- nannt, weil er gleich Pfauenfedern schillerte, Pfellel, Pfeller oder Pfelle, Sureiner Seidentuch, Taft, Triblat, Tyras und Tymit, Zendal oder Sendal, auch Sindel und Sendel genannt. Die Stoffe waren von allen Farben, konnten gemustert sein, mit stili- sirtem Laubwerk, Thieren und figürlichen Darstellungen, über deren Gebrauch wir oben gesprochen haben, und waren auch nicht selten mit Gold durchwirkt, was die Sarazenen vor allem ver- standen, während die abendländischen Frauen es hineinstickten. „Das Gold vom Kaukasus ist roth, Daraus die Heiden schön Gewand Wirken; mit Kunstverstand Legen sie das Gold in Seiden.“ (Parzival.) Zu den kostbarsten und den am meisten genannten dieser Stoffe gehört der Pfellel . Der Name ist von pallium — Mantel — abzuleiten, wohl weil er ursprünglich zu diesem Ge- wand, dem weltlichen wie dem geistlichen Pallium, besonders ge- braucht wurde; seine Heimath aber ist die wunderbare Fremde, das ferne Morgenland, Libyen, Arabien, Babylon u. s. w. Dort wird er, wie auch von anderm Seidenstoff erzählt wird, in einem fabelhaften Berge zu Agremontein von Salamandern im heißen Brand des Feuers unvergänglich gewirkt. Eine andere Sage läßt im weiten Indien einen Baum wachsen bei der Burg Grarimort, der trägt die feinste Seide von einem Glanze, ge- sponnenem Golde gleich, und wer diesen kostbaren Pfellel trägt, der gewinnt durch ihn unendliche Pracht. Neben dem Pfellel war der Baldachin besonders ange- sehen. Das alte Bagdad — Baldek — hat ihm Namen und Ursprung gegeben. Er war so kostbar und stand in so hohen Ehren, daß selbst Maria, die Himmelskönigin, von ihm ein Kleid tragen konnte, „durchwirkt mit lauterm Golde.“ Auch der Cyclat oder Siglat kommt in reichster Weise mit Gold durch- wirkt vor. Tristan trägt daraus ein Kleid, „das Gold war darin gewoben nicht in der Maße des Hofes; die seidenen Streifen sah man kaum, sie waren alle mit Gold ertränket und in Gold ver- 11* II. Das Mittelalter. senket.“ Der Sendal war ein leichterer und mehr gewöhnlicher Seidenstoff, der noch später viel getragen und zu Helmdecken, wie zu Kopfbedeckungen, die daher Sendelbinden hießen, gebraucht wurde. In gleicher und fast noch größerer Ehre als die Seide stand der Sammet , wie jener nur ein fremdes Erzeugniß aus be- kannten wie fabelhaften Fabrikstätten und nur die Tracht der Bevorzugten auf Erden. Angewendet wurden beide, Sammet wie Seide, zum Rock, zum Mantel und zum Oberkleid und zwar sowohl als Ueberzug wie als Futter, die Seide auch zum Hemd, zu den Schuhen, zu den Hüten der Frauen und den Mützen der Männer und sonst zu all der mannigfachen Kopfbedeckung in Gestalt von Hauben, Schleiern und Tüchern. Auch die Hand- schuhe waren häufig von Seide. Die Leinwand blieb in dieser Periode größtentheils den niedern Ständen überlassen; und wenn ihr Gebrauch auch von den vornehmeren nicht ausgeschlossen war, so diente sie doch nur zur Unterkleidung wie heut zu Tage; man redete nicht viel von ihr und trieb noch wenig Luxus damit. Im Wigalois kleidet sich nach einem Bade Herr Gawein zuerst mit weißer Leinwand, dann legt ihm eine Jungfrau einen Rock darüber von Pfellel, gefüttert mit Hermelin, und von demselben Pfellel noch einen Mantel. Natürlich war die Feinheit der Leinwand nach den Ständen ver- schieden, sodaß man diese daran zu erkennen vermochte, wie es einmal dem Ulrich von Liechtenstein geschah, da er sich unter die Kranken gemischt hatte, um seine verehrte Frau sehen zu können. Für den Bürger und den Bauer war es ein Zeichen der Wohlha- benheit, Laden und Schränke mit guter Leinwand angefüllt zu haben. Männer wie Frauen dieses Standes trugen auch wohl die ganze Kleidung von Leinwand. Die reiche Pelzverbrämung und das Unterfutter des Man- tels und des Oberrocks, welches im Winter wie im Sommer ge- tragen wurde, haben uns schon bei gelegentlicher Erwähnung er- kennen lassen, daß das Rauchwerk in dieser Periode nicht ge- ringerer Liebe sich erfreute wie in den vorhergehenden Zeiten, als 1. Entwicklung einer originalen mittelalterlichen Tracht. man der kostbaren gewirkten Stoffe noch mehr entbehren mußte. Helmold, der Slavengeschichtschreiber, klagt sehr über solche, nach seiner Meinung so eitle Thorheit. „Ueberfluß haben die Preußen an Fellen, die bei uns nicht vorkommen, und deren Duft unsrer Welt das todtbringende Gift der Hoffahrt eingeflößt hat. Jene freilich achten dieses nicht höher denn Mist, und damit, glaube ich, ist zugleich auch über uns, die wir nach einem Marderfelle wie nach der höchsten Glückseligkeit jagen, das Urtheil gesprochen. Darum bieten sie für linnene Gewänder, die wir Faldonen nen- nen, die so kostbaren Marderfelle aus.“ — Das edle Rauchwerk war im Mittelalter durchaus Vorrecht des ritterlichen Standes, an welchem auch die höhere Geistlichkeit Theil nahm. Bürgern und Bauern war es gradezu verboten, und es konnte ihnen nur durch ein besonderes Privilegium gestattet werden. Ein solches ertheilte Kaiser Heinrich V. im Jahr 1111 den Rathsherren von Bremen, nach einer Urkunde, deren Aechtheit freilich bezweifelt wird. Die Verkehrsstraßen, auf denen es aus Rußland, Polen, Preußen und Ungarn herbeigeführt wurde, waren theils zu Lande und zu Wasser nach den nördlichen Hansestädten, theils die Do- nau herauf nach Regensburg, dem Hauptstapelplatz des südlichen Pelzhandels. Von diesen Städten aus ging es westwärts und südlich nach Spanien und Italien, wo aber nur die feinsten und kostbarsten Arten getragen wurden. Zu diesen gehörten Hermelin und Zobel, auch Marder und schwarzer Fuchs, denen sich wohl noch Fischotter, Biber und Zieselmäuse in geringerem Werthe anschlossen. Dann folgten die Eichhörnchen, der gewöhnliche Fuchs, die Katze, der Luchs, Dachs, Wolf, Bär und der See- hund. Die Bearbeitung und Anwendung des Rauchwerks war eine doppelte, indem man entweder nur Pelz von derselben Art nahm oder Felle verschiedener Thiere und von verschiedener Farbe mit einander verband. Mit Rücksicht darauf unterschied man zwischen Schönwerk, Buntwerk, Grauwerk und Buntgrau . Zu Schönwerk wurden die kostbarsten Felle benutzt, doch sank später seine Bedeutung, und es wurde von Hermelin und Veh II. Das Mittelalter. unterschieden und beiden nachgesetzt. Vom Hermelin hatte man zwei Arten, die gewöhnliche des weißen Grundes mit eingelegten schwarzen Schwänzchen oder umgekehrt mit dunklem Grund von schwarzem Zobel oder schwarzem Fuchs und ausgeschnittenen weißen Schwänzchen. An den Kleidern umfaßte oder verbrämte man häufig das aus weißem Hermelin bestehende Unterfutter mit einem Rand von schwarzem Zobel oder machte es auch hier um- gekehrt. Buntwerk, Grauwerk und Buntgrau ( varium — ital. varo, vajo und daher Veh —, griseum und varium griseum ) wurden vorzugsweise aus den verschiedenfarbigen Fellen der Eich- hörnchen, der braunen, grauen und schwarzen, zusammengesetzt, die wieder mit Fellen anderer Thiere in mehrfacher Zeichnung verbunden werden konnten. Eine besonders kostbare Art des bunten Rauchwerks war auch der Kleinspalt . — Die Bilder der Handschriften lassen uns öfter diese verschiedenen Arten erken- nen, und wir finden ihren Gebrauch fortgepflanzt in der Heraldik, wo sie mit verschiedenen Namen und verschiedener Zeichnung Wappenzeichen bilden. Ihre Anwendung geschah hier in der Weise, daß ursprünglich die Schilde selbst mit den Pelzstoffen überzogen, später aber ihre Muster darauf gemalt wurden. Im Allgemeinen beschränkte sich die Anwendung des Pelzwerkes bei der Kleidung auf Unterfutter und Verbrämung. Man trug sie, wie wir gesehen haben, im Winter wie im Sommer. Mantel und Oberkleid wurden in gleicher Weise mit Pelz versehen, doch wenn beide zusammen getragen wurden, so hatte immer nur eines den Schmuck des Rauchwerks. Ausnahme ist es, wenn im Par- zival Anfortas, der König des Grals, einen Mantel trägt, wel- cher innen und außen Pelz ist; sein Krankheitszustand bedurfte so außerordentlicher, warmer Kleidung. Auch ein pelzgefütterter Rock, als Unterkleid, ist Ausnahme. Verbrämt sind auch häufig die Kopfbedeckungen der Männer, und die Bilder der Handschrif- ten lehren uns noch einen besondern breiten Pelzkragen von ver- schieden gezeichnetem Buntwerk kennen, der sich um die Schultern über den Mantel legt. — — Wir haben bis hierher die Kleidung in ihren einzelnen 1. Entwicklung einer originalen mittelalterlichen Tracht. Theilen und überhaupt die ganze äußere Erscheinung der deutschen Menschenwelt bis in den Anfang des vierzehnten Jahrhunderts hinein verfolgt, bis auf einen Punkt, wo sie, wenn auch dem kundigen Auge römischen Ursprung oder Einfluß nicht verleug- nend, doch als eine selbstständig ausgebildete und mittelalterlich originale dasteht, und zugleich in ruhiger Schönheit und einfacher Eleganz dem fein gebildeten Geschmack hohe Befriedigung ge- währt. Genau um die Mitte des vierzehnten Jahrhunderts ge- schieht der Umschwung zu anderen Formen in der Trachtenwelt, wenn auch nicht plötzlich und mit einem Male, doch in so aus- gesprochener Weise, daß er den Mitlebenden selbst ins Bewußt- sein tritt. Der Schönheitsinn fühlt sich nicht mehr befriedigt an plastisch würdevollen Erscheinungen; die durch Ueberfeinerung irre geleitete Phantasie will erfinderisch sein und gefällt sich bald in Bizarrerieen und Ausgeburten; der Mensch mit seiner äußeren Erscheinung wird in Formen und Farben ein unruhig buntes Wesen, das oft nur ein Zerrbild ist. Er ist nur ein Abglanz einer Zeit, welcher die großen, leitenden Ideen abgehen, statt de- ren Zersplitterung und endlich die Auflösung der Grundlagen des mittelalterlichen Lebens eintritt. Die drei oder vier letzten Jahr- zehnte vor der Mitte des vierzehnten Jahrhunderts bildeten die Vorbereitungszeit, in welcher die neue Richtung in Einzelheiten andeutend zu Tage tritt, und ebenso in gleichem Maße die Tracht der höfischen Zeit stufenweise von ihrem Charakter einbüßt. Die- ses allmählige Hinübergehen des Einen in das Andere wollen wir am Schluß dieser Periode noch in den einzelnen Hauptmo- menten nachweisen. Da hier ein wesentlich Neues nicht mit einem Male auftritt, sondern nur eine Wandlung an uns nunmehr bekannten Dingen vor sich geht, so läßt sich das Nöthige auf we- nige Worte beschränken. Das Neugewordene, Fertige findet im nächsten Kapitel seine Besprechung. Die Neigung zur Enge und Einschnürung des Körpers, welche eine Zeitlang Opposition erhalten hatte, tritt wieder mit voller Gewalt auf und steigert sich sodann in der folgenden Pe- riode bei der Männerwelt auf das höchst mögliche Maß. Der II. Das Mittelalter. Rock des Mannes , wie er sich dem Leibe anzuschmiegen sucht, zieht sich auch in seiner Länge zusammen und erreicht, von den Füßen zurücktretend, gegen das Jahr 1350 kaum noch das Knie. An seinen Säumen, sowohl unten wie an dem Kaputzenkragen oder Goller (Gugel), der in diesen Jahrzehnten sehr häufig ge- tragen wird — seine Eigenthümlichkeit ist schon oben beschrieben worden — wird er in Zacken ausgeschnitten, eine Mode, die bis dahin nur von dem vagabundirenden Volk der Spielleute und Jongleurs gepflegt worden. Wenn im dreizehnten Jahrhundert unser wohlbekannte reiche Meiersohn Helmbrecht seinen Rock aufs reichste mit metallenen, vergoldeten oder farbigen Glasknöpfen besetzt hatte, sowohl hinten am Rückgrat herab wie vorne vom Hals bis zum Gürtel, so war das eine bäurische Uebertreibung einer an sich schon stutzerischen und damals aus dem Kreise der Vornehmen vom guten Ton verbannten Sitte; jetzt aber wird dieser Knopfbesatz, wenn auch noch in bescheidener Weise, zur feinen Mode. Die zunehmende Enge machte das Anziehen des Rockes unbequem, welches nach wie vor über den Kopf geschah; man suchte dadurch nachzuhelfen, daß man den Rock auf der Brust vom Halse herab und desgleichen die Aermel am Handge- lenk eine Strecke aufschnitt und den Schlitz mit Knöpfen besetzte, wodurch man größere Enge und Bequemlichkeit zugleich erhielt. Ganz in derselben Weise wandelte sich gleichzeitig in der Kriegs- tracht der Waffenrock um, der mit dem Kettenhemd seine Länge und Weite einschränkte und so allmählig mit Umänderung des Stoffes aus Wollenzeug in Leder zum Lendner wurde, als welcher er der ausgebildeten Form des Rockes in der zweiten Hälfte des vierzehnten Jahrhunderts genau entsprach. Der Zipfel der Kaputze wuchs und fiel noch vor dem Jahr 1350 weit auf den Rücken herunter, ungefähr wie, um an ein bekanntes, wenn auch als italienisch etwas früheres Beispiel zu erinnern, bei dem vielverbreiteten Reliefkopf Dantes. — Der Gürtel hat mit der Kleidung nichts mehr zu thun; er beschränkt sich daher entweder auf den Kriegsgebrauch, obwohl auch hier eine andere Art, Schwert und Dolch zu tragen, eingeführt wurde, oder er wird 1. Entwicklung einer originalen mittelalterlichen Tracht. ein bloßer Schmuck, und hängt als solcher bei Männern wie bei Frauen lose auf den Hüften. Wir besprechen ihn näher in der folgenden Periode, welcher er in dieser Form vorzugsweise ange- hört. — Der Mantel des Mannes tritt mit einer neuen Form auf. Diese ist nicht mehr völlig offen, sondern oben vor der rech- ten Schulter sind die beiden Seiten, die hier sonst mit einer Agraffe befestigt wurden, eine kleine Strecke zusammengenäht. An dieser Stelle erscheinen dann als Schmuck kleine Wappen- schildchen gleich Agraffen, oder eine Reihe Knöpfe von geschliffe- nen Steinen oder anderer Schmuck. Im Uebrigen ist der Mantel offen von oben bis unten, sodaß der rechte Arm zum Gebrauch völlig frei ist. In dieser Form, die übrigens keineswegs zur aus- schließlichen Herrschaft kam, wurde er über den Kopf angezogen, und hing dadurch ungleich fester als früher am Körper. — Die Schuhe geben schon aufs deutlichste die Neigung zur verlängerten Spitze zu erkennen, während sie im dreizehnten Jahrhundert zwar nicht abgestumpft sind, sich aber doch nach der Länge des Fußes richten. In der Frauenwelt ist es vorzüglich das Haar , welches die Aenderung der Zeit andeutet. Die langen, wallenden Locken, die frei gelöset über die Schultern herabflossen, werden in Flech- ten gesammelt und um die Ohren oder sonst am Kopf aufgebun- den, daß Hals und Nacken frei sind. Nur selten sieht man gegen die Mitte des vierzehnten Jahrhunderts noch Jungfrauen mit aufgelösetem Haar. Das Frauengebende verliert seine einfach schöne Form und macht bereits leise Andeutungen auf den späte- ren bizarren Kopfputz. An Nacken, Schultern und Brust stellt sich zum ersten Mal durch Ausschneiden des Kleides eine bald zu- nehmende Entblößung ein, während Matronen, die Lust der Welt fliehend, sich um so mehr nonnenhaft durch Schleier, Hau- ben und Rise (Kinntuch) verhüllen. — Ober- und Unter- kleid schließen sich am Oberkörper überall in gleichmäßiger Enge an und lassen die Körperformen aufs deutlichste hervortre- ten; erst abwärts werden sie weit und faltig und legen sich lang und wallend um die Füße. Die Aermel des Oberkleides sind II. Das Mittelalter. entweder völlig weggeschnitten, so sehr, daß ein großer Ausschnitt die vom Unterkleid bedeckten Schultern und die Seiten bis auf die Hüften zeigt, oder sie umfassen Schulter und Oberarm ganz kurz und hängen dann mit einem schlichten, schmalen Stück, wie aufgeschnitten, lappenähnlich herunter in einer Länge, welche die des ganzen Armes noch kaum übertrifft. Das ist der Anfang der Hängeärmel, mit welchen 50 Jahre später ein so großer Luxus getrieben wurde. Auch bei der männlichen Kleidung finden sich bereits vereinzelte Beispiele dieser Aermel. Ebenfalls tritt bei den Frauen der Besatz mit Knöpfen ein, doch in noch bescheidnerer Anwendung. Wie der Rock des Mannes wird auch das Kleid der Frau auf der Brust herab und desgleichen vom Handgelenk zum Ellbogen aufgeschnitten und mit Knöpfen versehen. Dadurch wird das Anziehen erleichtert und möglichste Enge erreicht. — Die Tasseln des Mantels erhalten oft Schildform und werden mit den Familienwappen geschmückt, wie Aehnliches schon bei den Männern erwähnt wurde. — Wir sehen so mannigfach in den Einzelheiten die Neigung zur Uebertreibung, zur Sonderbarkeit und auch zur Sittenlosig- keit andeutungsweise hervortreten, Eigenschaften, welche im funf- zehnten Jahrhundert sich über alles Maß steigern sollten. Einige verdeutlichende Beispiele für die genannte Vorbereitungszeit ge- währen die im 16. Heft von „Kunst und Leben“ abgebildete Hirschjagd und die Miniaturen bei Hefner II, 28. — Zweites Kapitel. Die Zeit des Luxus und der moralischen und ästhetischen Entartung . 1350—1500. a. Der Umschwung in der Mitte des vierzehnten Jahrhunderts; der Realismus und die Kleiderordnungen; die Mode. Es war genau in der Mitte des vierzehnten Jahrhunderts, als die sociale Ordnung der damaligen civilisirten Welt in Frage stand, ja fast der Auflösung nahe schien. Die furchtbare Pest des schwarzen Todes, „das große Sterben“, durchzog die Länder und jagte die Gemüther in Angst und Verzweiflung. Vernunft und Menschlichkeit wurden zugleich mit Füßen getreten. Die einen klagten die Juden des Unheils an, und suchten Rache in der schrecklichsten Verfolgung derselben; die andern, tolle Schwär- mer, erkannten ein Strafgericht Gottes und vermeinten abzubü- ßen, indem sie singend, betend und den eigenen Körper geisselnd von einem Ort zum andern wanderten. Ruhigere Gemüther zo- gen sich scheu von der Welt zurück und versenkten die Seele in mystische Betrachtungen. „Darnach aber,“ so erzählt der Schreiber der Limburger Chronik, „da das Sterben, die Geisselfahrt, Rö- merfahrt, Judenschlacht ein End hatten, da hub die Welt wieder an zu leben und fröhlich zu sein.“ Die Bedeutung dieser Worte ist eine viel größere als sie der Chronist im Sinne hat, und wenn er hinzufügt: „und machten die Leute neue Kleidung“, so ist das nur eine Seite dieses neuen Geistes, der sich nach allen Seiten hin in einem fröhlichen, aber auch üppigen Leben offenbarte. II. Das Mittelalter. In der That stehen wir mit der Mitte des vierzehnten Jahr- hunderts an einem der großen Wendepunkte der Culturgeschichte. Die Blüthe des eigentlichen Mittelalters ist vorüber: die Poesie ist verklungen, die Fackel der Schwärmerei ist erloschen, die Gluth des Glaubens und der Feuereifer verglommen; mit dem Herab- steigen der Frau von ihrem heiligen Thron und dem Aufhören ihres Cultus ist die Minne in Wort und Begriff zum gemeinen Genuß geworden; die feinen und natürlichen Formen höfisch ritterlicher Geselligkeit haben sich in romantische, an Aberwitz streifende Galanterie und Etiquette verwandelt, und das Sehnen in die unbestimmte Ferne, das Aufgehen in Gefühle und die Entsagung sind dem realen Vollgenuß des unmittelbaren Lebens gewichen. Es ist der Schritt aus dem Uebersinnlichen in die Sinnlichkeit, vom Himmel auf die Erde, aus der Phantasie zur Natur. In alle Sphären des Lebens und der Kunst dringt ein gewisser Realismus ein, der in der socialen Welt zwar vielfach zur Auflösung der sittlichen Ordnung führt, in der Kunst jedoch, noch in Verbindung mit der früheren Uebersinnlichkeit oder der tiefen Auffassung alles Geistigen, grade die reichsten und üppig- sten Blüthen treibt. Die derbe Lebenslust, die sich mit allen Or- ganen an das materielle Dasein, an diese Welt, klammert, läßt kaum ahnen, daß darüber eine andere Welt ins Grab sinkt — so lustig, so bunt und reich bewegt sich die Menschheit im Behagen an sich selbst, im Vollgenuß des Daseins. Diese Lust des Lebens führt, wie eben angedeutet, zu einem denkwürdigen Resultat in der Kunst, das zwar alle Zweige er- greift, allein vorzugsweise in der Malerei sich glänzend und glück- lich bethätigt. Die Architektur und die Plastik haben beide schon in der vorigen Periode ihre Blüthezeit gefeiert; das bewegte, bunte, leidenschaftliche Drängen und Treiben, welches nun der mehr dramatischen Kunst, der Malerei, zu Gute kommt, stört jene in dem Gleichgewicht ihrer Gesetze, in ihrer steinernen Ruhe. Die Architektur, unantastbaren Gesetzen unterworfen und auf große Formen angewiesen, soll sich in die Fülle des Kleinen zer- gliedern und sich bedecken mit einer unendlichen Masse krauser, 2. Die Zeit des Luxus und der Entartung. bunter Ornamentik, die nicht organisch aus ihr hervorwächst. Die Plastik, wenn sie auch an Kraft des Ausdrucks, an Reichthum des Dargestellten gewinnt, verliert durch Ansprüche, die außer- halb ihrer Gränzen liegen; mit den Farben in Verbindung ge- setzt, soll sie eine Malerei im Relief werden, eine Malerei in Stein und Holz, also die treuste Nachahmerin der Natur. Ganz anders die Kunst der Malerei. Im Gegensatz zur malerischen Plastik des funfzehnten Jahrhunderts war sie im vierzehnten noch eine sta- tuarische Malerei gewesen. Wie man am liebsten Einzelfiguren, durch architektonische Einfassungen getrennt, darstellte, so hatte man auch figurenreichen Gegenständen durch den Mangel alles natürlichen Hintergrundes einen reliefartigen Charakter aufge- drückt. Der goldene Grund, in welchen die Figuren hineinge- stellt waren, hatte den Schein des wirklichen Lebens vollends ge- nommen; es war bereits gleichsam der Himmel gewesen, in den diese Heiligen als der Erde entrückte Wesen getaucht waren. Die Gebrüder van Eyck waren es nun, welche so die Kunst gewissermaßen vom Himmel auf die Erde herabzogen. Groß ge- worden in dem üppigen Leben der reichen Niederlande, Zeugen der Kostbarkeiten, wie sie dort der Gewerbfleiß in aller Farben- pracht zu Tage förderte, in engster Verbindung mit dem glänzend- sten aller damaligen Höfe, dem burgundischen, zeigen sie in ihren Werken zum ersten Mal in voller energischer Weise diese realisti- sche Richtung der Zeit, die irdische Lebensfreudigkeit. Statt des goldenen Hintergrundes versetzen sie den Schauplatz ihrer Gegen- stände auf diese Erde, mitten hinein in die schöne Welt, der sie mit fröhlicher Liebe zugethan erscheinen. Saftig grüne Wälder, frische, blumige Wiesen, Berge und Städte, mit hingebender Vorliebe behandelt, bilden die Localität. Alles Nebensächliche, das Haar, der Boden, die Gräser, werden mit geduldigstem Fleiße ausgeführt, das menschliche Incarnat mit besonderer Rücksicht auf Geschlecht, Alter und Charakter behandelt. Prachtgewänder, Purpurmäntel, die großgemusterten Sammet- und Seidenstoffe und der schimmernde Goldbrokat, Kronen, Ketten und blanke Rüstungen glänzen uns aus ihren Werken entgegen. Hohen Sinn II. Das Mittelalter. offenbaren sie für die Schönheit und die Leuchtkraft der Farben, welchen sie nur mit ihrer neu ins Leben gerufenen Oelmalerei be- friedigen konnten. Statt der herkömmlichen typischen Bildung der Köpfe führten sie das Individuelle, das Charakteristische in die Darstellung des Menschen und auch der Heiligen ein, und schufen damit erst als einen neuen und selbstständigen Zweig der Malerei das Portrait. Sie zuerst stellten auch Gegenstände der profanen Geschichte und des Lebens in größerem Maßstabe dar. Diese Richtung war so die allgemeine der Zeit, daß selbst Fiesole, der Zeitgenosse der van Eycks, in welchem die ganze Uebersinn- lichkeit des Mittelalters mit der vollen, kindlichnaiven Hingebung und der unergründlichen Glaubensinnigkeit noch einmal im höch- sten Maße aufflammt, sich ihr nicht entziehen kann. Fiesole gilt als derjenige, der zuerst das Individuelle, Portraitartige in die italienische Kunst eingeführt hat. Doch fehlte auch den van Eycks und ihren Nachfolgern in den Niederlanden und in Deutschland und überhaupt dem funfzehnten Jahrhundert noch keineswegs die Fähigkeit, diese Seelenzustände mit aller Energie und aus der Unmittelbarkeit des künstlerischen Schaffens darzustellen. In merkwürdiger Weise finden sich diese beiden Richtungen mit ein- ander vereinigt. Wir finden denselben Gegensatz in der sittlichen Welt. Der wachsende Reichthum der Städte, das bewegtere Leben der Bür- ger, ihre Unabhängigkeit und oft ihr Uebermuth hatten dem Rea- lismus oder dem Materialismus Thür und Thor geöffnet; mit ihm aber war die alte sittliche Ordnung über den Haufen gesto- ßen, Ehrbarkeit, Scham und Zucht verschwanden aus dem Leben, und eine Sittenlosigkeit trat ein in so abschreckender, schamloser Gestalt, daß man sich entsetzt von den Schilderungen abwendet. Nach der einen Seite betrachtet, haben wir es durchaus mit einer Zeit der Entartung zu thun. Die Dichter, die Chronisten, die Prediger sind gleich voll der Klagen über das allgemeine Ver- derbniß, und die Gesetze, die ihm hemmend entgegen treten soll- ten, sind mit ihren schaudererregenden Strafen ein gleicher Be- weis, daß das menschliche Gefühl erstickt ist. Das ist die eine 2. Die Zeit des Luxus und der Entartung. Seite. Die Kehrseite ist leicht begreiflich: der Pietismus, die Neigung zur Bußfertigkeit, welche die Klöster der Büßerinnen, der Reuerinnen und Magdalenenschwestern hervorrief. Andere fromme Seelen, welche sich der Weltlust abwandten, fanden sich zu stillem, beschaulichem Leben in den Beghinenhäusern zusam- men; andere, welche die erbarmende Liebe trieb, stifteten Anstal- ten zur Aufnahme und Unterhaltung gebesserter Frauen, andere auch setzten ihnen Heirathsgut aus, damit sie auf immer zu einem besseren Leben zurückkehren konnten. Die Opposition fand noch positiveren Halt und Ausdruck als an diesen passiven Tugenden. In keiner Zeit hatte die Di- daktik wärmere und tüchtigere Vertreter; aus ihr wuchs die Sa- tire hervor, als alle Schranken und natürlichen Formen maßlos überschritten waren und die Lebenszustände als Carricatur er- schienen. Mit gleichem Eifer rührten sich die Geistlichen gegen den Luxus und das Verderben. Ihr Erfolg war aber nirgends ein bleibender, und es ist gewiß manchem ähnlich gegangen wie dem Johann de Capistrano, da er in Ulm gegen die schlechten Sitten der Frauen und ihre Kleidermoden predigte. Drei Frauen, welche seiner Predigt spotteten, wurden sogleich vom Volke be- straft, aber der Rath warf ihn ins Gefängniß und verwies ihn der Stadt. Das größte Hinderniß war ihren Bemühungen der eigene Stand, der durch seine Theilnahme an der allgemeinen Sittenlosigkeit in Verachtung gefallen war. Sie verleugneten auch in ihrem Aeußern die geistliche Würde und trugen nur zu gern die Kleidung der Laien. In Ulm gingen sie auf den Straßen im Silberschmuck einher, und liefen mit Sporen und Messern herum. Von Rathswegen wurde den Gassenknechten aufgegeben, alle Priester einzufangen und zum Bürgermeister zu führen, die sie auf der Gasse in unpriesterlichem Gewand und mit langer Wehre antreffen würden. Indeß hörte der bessere Theil der Geistlichkeit nicht auf, in mannigfacher Weise, von der Kanzel wie im Beichtstuhl, sowie durch angedrohte Strafen, selbst der Hölle, namentlich gegen die ausgelassenen und schamlosen Kleidertrachten Opposition zu ma- II. Das Mittelalter. chen. In Frankreich bedrohte sie selbst die Schneider und Putz- macherinnen mit dem Kirchenbann. Die Zustände waren überall gleich. Ehrbare und liebevolle Väter waren bemüht, durch War- nungen ihre Kinder vor den Gefahren der Zeit zu schützen. So sah sich etwa um das Jahr 1400 ein alter französischer Ritter de la Tour-Landry veranlaßt, durch besondere Aufzeichnungen seine Töchter mit dem Verderben der Welt bekannt zu machen; er fügt seinen Lehren Beispiele hinzu, die er selbst erlebt haben will. Wir theilen ein solches mit, welches uns wieder die Geistlichkeit in Opposition zeigt. Ein Ritter, so erzählt er, habe nach einander drei Frauen gehabt. Als ihm die erste gestorben, besuchte er wei- nend einen Onkel, der Einsiedler war, und bat ihn, sich im Ge- bet an Gott zu wenden, damit er erfahre, welches Loos der Ge- storbenen zu Theil geworden sei. Nach einem langen Gebet fiel der Einsiedler in tiefen Schlaf. Dann sah er im Traum St. Mi- chael auf der einen und den Teufel auf der andern Seite, welche sich um den Besitz der armen Seele stritten. Die schönen, herme- linverbrämten Kleider lasteten schwer in der Wage zu Gunsten des Teufels: „He, St. Michael,“ sagte der letztere, „diese Frau hatte zehn Paar Kleider, ebensoviel lange wie kurze, und ebenso- viele Oberröcke. Ihr wißt, daß schon die Hälfte davon ihr hätte genügen können. Ein langes Kleid, zwei kurze und ebensoviele Oberröcke sind genug für eine einfache Dame; und wenn sie sich gottgefällig mit weniger begnügt hätte, so hätten noch funfzig Arme mit dem Preis einer einzigen ihrer Roben gekleidet werden können.“ Und der Teufel brachte diese Kleider herbei und warf sie in die Wagschale mit Schmucksachen aller Art, was ein so großes Gewicht machte, daß der Teufel gewann; und dann bedeckte er die arme Seele mit diesen Kleidern, die in Feuer gerathen waren und sie unaufhörlich brannten. Solches sah der Einsiedler im Traum und beeilte sich, es seinem Neffen zu erzählen. — Als nun dem Ritter nach fünf Jahren auch die zweite Frau gestorben war, kam er noch einmal zum Einsiedler, der wieder betete, entschlief und die Verstorbene wegen eines einzigen Fehltritts auf hundert Jahre zum Fegefeuer verurtheilt sah. Nach dem Tode der dritten 2. Die Zeit des Luxus und der Entartung. Frau aufs neue befragt, sah der Einsiedler nach seinem Gebet auch diese im Traum. Ein Teufel hatte sie bei den Haaren in seinen Krallen, wie ein Löwe seine Beute hält, und dann brachte er glühende Nadeln an ihre Schläfen, ihre Augenbrauen und ihre Wangen. Die arme Seele schrie. Der Einsiedler fragte den Teu- fel, warum er sie so leiden lasse. Weil sie ihre Schläfen rasirte, war die Antwort, ihre Augbrauen bemalte und die Haare von der Stirne riß, um schöner zu sein und mehr Bewunderung zu erwecken. Ein anderer Teufel kam nun und verbrannte ihr das Gesicht dermaßen, daß der Eremit darüber zitterte: „Sie hat diese Strafe verdient,“ sagte der Teufel, „weil sie sich geschminkt und das Gesicht bemalt hat, um schöner zu sein; keine Sünde mißfällt Gott so sehr.“ — So lautet die Erzählung des Ritters de la Tour. Den besten und wirksamsten Widerstand fanden die Aus- schweifungen in Sitten und Moden an dem gesunden Sinn des Volkes selbst. In den Städten sowohl wie beim Adel auf den Schlössern hielt ein guter Theil an edler Einfachheit, an Ehrbar- keit und Anstand fest, wie auch die Masse der niedern Stände und des Landvolks unverdorben blieb. Was die Kleidung be- trifft, so läßt sich an vielfachen Abbildungen nachweisen, wie ne- ben den tollsten und schamlosesten Ausgeburten der Mode sich eine edle einfache Tracht beständig erhielt. Aus eben diesem altehrbaren Sinn, der auf Anstand in allen Dingen hält, sind auch die schon erwähnten Ermahnungen des Ritters de la Tour hervorgegangen, denen die Franzosen noch andere an die Seite zu stellen haben. Ihre Sorge läßt sie ganz in specielle Vorschriften gegen die Modesitten eingehen. So sagt der alte Ritter zu seinen Töchtern: „Wenn ihr in der Messe eure Gebete sprecht, so gleicht nicht dem Kranich, der den Kopf bald nach der einen, bald nach der andern Seite dreht; sondern seht grade vor euch hin und mit Würde. Denn man hält sich nicht mit Unrecht über Frauen auf, welche unbescheiden das Gesicht hierhin und dorthin wenden.“ Etwas später macht ein reicher Bürger von Paris seiner jungen Frau ähnliche Vorschriften: Falke , Trachten- und Modenwelt. I. 12 II. Das Mittelalter. „Wisset, daß Ihr in der Wahl Eurer Kleider immer die Lage Eurer Aeltern und die meinige, sowie den Stand meines Vermö- gens vor Augen haben müßt. Seid anständig gekleidet, nicht affectirt noch modesüchtig. Bevor Ihr Euer Zimmer verlasset, habt Acht, daß der Saum Eures Hemdes und Eures Kleides wohl in Ordnung sei und nicht schief sitze. Laßt Eure Haare, Eure Haube, Euren Hut immer einfach und reinlich sein.“ … „Wenn Ihr geht, haltet den Kopf grade, die Augenlieder gesenkt, und den Blick in bestimmter Entfernung — (die Vorschrift lautet auf 4 Toisen) — zur Erde gerichtet. Betrachtet nicht zur Rechten und zur Linken die Männer und die Frauen, dreht nicht den Kopf bei jeder Veranlassung, lacht nicht, noch bleibt auf der Straße stehen, um zu plaudern. Einmal in der Kirche, wählt Euch einen verborgenen, einsamen Platz vor einem Altar, behaltet ihn und verändert ihn nicht mehrere Male. Haltet den Kopf grade, sprecht ohne Unterlaß Eure Gebete, indem Ihr den Blick auf das Buch oder das Bild, das vor Euch steht, gerichtet habt, indeß ohne Ziererei und Mienenspiel; laßt Euer Herz am Him- mel hängen und verehrt Gott aus allen Euren Kräften.“ Das sind Vorschriften eines Bürgers und Ehemannes aus dem funf- zehnten Jahrhundert, heute so gültig wie damals. Leider können wir ihm nichts ähnliches in Deutschland aus derselben Zeit zur Seite stellen; wir haben hier nur die bittern Worte des Satiri- kers, wie Sebastian Brant, die klagenden der Chronisten, die strafenden der Dichter. Die schlimmsten Schilderungen der Mode- sitten finden sich wohl im Gedicht Kittel, in welchem der Dichter der Königin Venus Bericht erstattet über die schändliche Liebe seiner Zeit, über die schamlose Tracht, und das Benehmen der Männer und Frauen gegen einander. Die Stelle ist als Ganzes nicht mitzutheilen, auf Einzelnes werden wir zurückkommen. Ebenfalls als Ausflüsse dieses in der Sitte conservativen Bürgersinns, welcher den Ausschweifungen, den Zuchtlosigkeiten im Leben, dem Aufwand und den barocken und übertreiben- den Lauuəu der Mode entgegentrat, sind die vielen Luxus- und Kleiderordnungen zu betrachten, wenn auch an vielen 2. Die Zeit des Luxus und der Entartung. Stellen aristokratische Eifersucht mitwirken mochte, welche die Stände fortwährend auch im Aeußern erkennbar von einander geschieden wissen wollte. Von der Mitte des vierzehnten Jahr- hunderts an bilden sie eine unvermeidliche Rubrik in der Gesetz- gebung jedes einzelnen größeren oder kleineren Gemeinwesens, wovon nur die Niederlande eine Ausnahme machen dürften, da sie als die Fabrikstätten der Luxusgegenstände mit solcher Gesetz- gebung zu sehr wider ihr eigenes Fleisch gehandelt hätten, auch wohl einen zu hohen weltpolitischen Gesichtskreis besaßen, um sich auf so kleinbürgerliche Bestimmungen einzulassen. Fast alle Städtechroniken enthalten die eine oder die andere dieser Ordnungen, und noch immer neue werden aus den Archiven her- vorgezogen. Wir haben somit an ihnen von der genannten Zeit an bis in den Anfang des siebzehnten Jahrhunderts eine bestän- dige Controlle der übrigen Quellen für die Trachtengeschichte. Ihr Inhalt ist aber, mit geringen Modificationen, die oft nur in dem Mehr oder Weniger der Strafbestimmungen bestehen, in einer Periode immer derselbe, sodaß eine vollständige Zusammen- stellung für die Wiederholung nicht entschädigt. Wir begnügen uns mit einer geringen Reihenfolge vom Beginn unserer Periode, die in Deutschland auch ihr Anfang ist, bis zum Schluß derselben. Wenn man von einer so isolirten Verordnung absieht, wie sie Karl der Große in Bezug auf den Pelz erließ oder von einzel- nen Verfügungen der Geistlichkeit, so war es Frankreich, welches wie in der Mode selbst, so auch in der darauf bezüglichen Gesetz- gebung voranging. Schon Ludwig der Heilige hatte geglaubt, diesem Gegenstand besondre Aufmerksamkeit widmen zu müssen, das erste allgemeine Gesetz ging aber von Philipp dem Schönen aus und wurde im Jahr 1294 erlassen, lange bevor wir ein ähn- liches in Deutschland finden. Obwohl es vorzugsweise gegen den wachsenden Stolz der Bürger gerichtet war und den Unterschied der Stände feststellen sollte, so ging es doch weiter und bestimmte für alle, den höchsten Adel und die höchste Geistlichkeit bis auf ihre Diener herab, die Zahl und den Werth der Kleider je nach der Größe des Einkommens. Daß es nichts half mitsammt den 12* II. Das Mittelalter. öftern Erneuerungen und Verbesserungen, ist bei dem schon da- mals ausgeprägten Charakter der Franzosen nicht zu verwundern. Schon Karl VII. konnte eine Verordnung, die sich auf denselben Gegenstand bezog, mit den folgenden Worten beginnen: „Es ist dem Könige vorgestellt worden, daß von allen Nationen der Erde keine so entartet ist, keine so veränderlich, so anmaßend, so maß- los und unbeständig in der Kleidung wie die französische, und daß man vermittelst der Kleider nicht mehr den Stand und Beruf der Leute erkennt, ob sie Prinzen sind oder Edelleute oder Bürger oder Handwerker, weil man es duldet, daß jeder nach seinem Vergnügen sich kleidet, Mann wie Frau, in Gold- oder Silber- stoff, in Seide oder Wolle, ohne Rücksicht auf seinen Stand zu nehmen.“ Schon gleichzeitig mit Frankreich drängte sich auch in Ita- lien die Nothwendigkeit auf, gegen den Luxus und Putz der Frauen gesetzlich einzuschreiten. Bereits im Jahre 1299 erließ die Regirung von Florenz eine Verordnung, welche das Tragen von Gold, Silber und Edelsteinen dadurch zu beschränken suchte, daß die Erlaubniß dazu mit jährlich 50 Lire bezahlt werden sollte. Das bewirkte weiter nichts, als daß die Florentinerinnen für ihren Putz noch jährlich 50 Lire mehr ausgaben. Als die Regi- rung zur Einsicht ihres Fehlers gekommen war, wozu sie 7 Jahre gebraucht hatte, glaubte sie darin ein Heilmittel zu finden, wenn sie die Ehemänner oder die sonstigen verantwortlichen Verwand- ten der Frauen, welche verbotenen Schmuck trugen, mit einer Geldstrafe belegte. Es wird aber erzählt, daß die Florentinerin- nen in Sachen des Putzes alle hochgelehrten Doctoren des Rechts und die strengen Gerichtsherren überlistet hätten. Das scheint durch die Thatsache bewiesen zu werden, daß diese Ordnung im Lauf des vierzehnten Jahrhunderts sechsmal erneuert und ver- mehrt wurde. — Das funfzehnte Jahrhundert ist in Italien reich an eingehenden Kleiderordnungen, von denen die Mailänder selbst den Aufwand in der Kleidung des Todten und der Trau- ernden beschränken mußten. In Deutschland beginnt diese Gesetzgebung fast ein halbes 2. Die Zeit des Luxus und der Entartung. Jahrhundert später als in Frankreich und Italien, um die Zeit und namentlich gleich nach dem schwarzen Tode. Freilich hatte das üppige Leben, das mit dem Aufhören der Pest sofort in auf- fälliger Weise sich bemerkbar macht, nicht von ihm erst seinen Ausgang genommen; es knüpft aufs bestimmteste an die vorher herrschende Richtung an. Wir finden daher auch bereits im Jahr 1343 eine Nürnberger Verordnung gegen den Schmuck der Frauen gerichtet. In den Niederlanden wurde schon länger von den Bür- gern und Bürgerinnen ein luxuriöser Gebrauch ihrer Reichthümer gemacht. Es wird erzählt, daß, als die Königin Johanna von Frankreich mit ihrem Gemahl Philipp dem Schönen auf einer Reise in die Städte Gent und Brügge kam, sie beim Anblick der reich gekleideten Bürgerinnen gesagt habe: „Ich glaubte die ein- zige Königin hier zu sein, aber ich sehe mehr als sechshundert.“ Dennoch gewahren wir, wenn wir die zahlreichen bildlichen Quel- len aus der ersten und zweiten Hälfte des vierzehnten Jahrhun- derts vergleichend zusammen stellen, seit der Mitte des Jahrhun- derts einen bedeutenden Unterschied, welcher sowohl in Bezug auf Sittlichkeit und Schicklichkeit, wie in Rücksicht auffälliger, barocker Moden die zweite Hälfte von der ersten scheidet. Wir er- innern zugleich an die oben mitgetheilten Worte des Limburger Chronisten, daß nach dem schwarzen Tode die Welt zu neuem Leben erwacht sei. Dazu mochte kommen, daß die jüngst überstan- dene Noth den ängstlichen Gemüthern ins Gewissen gepredigt hatte und ihnen Dinge, die früher für erlaubt gegolten, auf einmal im Licht der Sündhaftigkeit zeigte. So spricht es auch der Rath von Speier aus, der im Jahr 1356, nachdem ihm der Frankfurter bereits vorausgegangen war, eine ausführliche Klei- derordnung erließ, welche diese Zustände allseitig erfaßte und zu heilen meinte. In der Einleitung derselben heißt es: „Wir, der Rath zu Speier, bekennen an diesem Briefe, daß wir großen Bresten gemerket haben, der jetzt ist, in Städten und auf dem Lande, an Uebermuth und Hoffart, die auch die Todsünde gewe- sen ist, die je beschah, und aus welcher alle Sünden gewurzelt sind, wie diese Sünde auch wider Gott und den Leuten schädlich II. Das Mittelalter. ist, was nun auch landsichtig und augenscheinlich geworden ist an Erdbeben und großen Plagen, damit Städte und Leute geplaget und an Leib und Gut verdorben sind. Darum, da wir unserer Städte und unserer Bürger Ehre, Nutz und Frommen und Se- ligkeit gar theuer geschworen haben und unsere Bürger billig vor Schaden und Ungemach behüten sollen, so sehr wir können oder vermögen, so haben wir mit Gottes Hülfe und mit guter Berath- niß darüber gesessen und haben solche Stücke als hiernach benannt und beschrieben sind, die Hoffart und Uebermuth verursachen, verboten, Gott zu Lob und zu Ehren und den Leuten zu Nutz und Frommen.“ Nun folgen die eingehendsten Bestimmungen, den Kleiderluxus beider Geschlechter betreffend. Da heißt es: die Hauben der Frauen sollen nicht mehr als vier Reihen von Krau- sen haben; keine soll ihre gewundenen Haarzöpfe oder Haar- schnüre hinten herabhängen lassen oder vorne Locken, sondern ihr Haar soll aufgebunden sein; aber den Unverheiratheten ist das ge- stattet. „Eine Jungfrau, die nicht Mannes hat, die mag wohl ein Schapel tragen und ihre Zöpfe und Haarschnüre lassen hän- gen, bis daß sie berathen wird und einen Mann nimmt.“ Kein Kleid, unteres oder oberes, soll vorne zugeknöpft, an den Seiten geschnürt oder „durch Engnisse eingezwungen“ werden. Keine soll die Lappen an den Aermeln länger tragen, denn eine Elle lang, von dem Ellbogen an gerechnet. Die Verbrämung des Rockes und des Mantels, sei sie einfach Pelzwerk oder Buntwerk, von Seide oder Sendel, soll nicht breiter sein denn zweier Zwerch- finger, und zwar nur oben, denn unten sollen sie gar nicht ver- brämet sein. Die Mäntel sollen oben zugemacht sein, ohne Gold, Silber und Perlen und sollen nur mäßige, nicht zu weite Haupt- löcher haben, „wie es von Alters gewöhnlich war.“ Letztere Be- stimmung richtet sich gegen die wachsende Entblößung an Schul- tern und Brust. So heißt es auch im Folgenden: „Keine soll ein Hauptloch an den Röcken tragen, da die Achseln ausgehen, son- dern ihre Achseln sollen bedeckt sein mit den Hauptlöchern, also daß sie auf den Achseln liegen sollen.“ Verboten werden auch ge- streifte oder gestückte Röcke, auch Verzierung an Hüten oder Röcken 2. Die Zeit des Luxus und der Entartung. von Buchstaben, Vögeln oder andern Dingen, die mit Seide auf- genäht sind. Keine Frau soll Gold, Silber, Edelstein, Perlen tragen an ihren Mänteln, Röcken oder Hüten, noch an Bändern, Fürspangen oder an Gürteln in keiner Weise. So wird auch der Schmuck der Männer beschränkt. Kein Mann soll Federn oder Metallröhrchen (ein damals beliebter Schmuck) oder Geschmelz (Email) auf den Gugelhüten tragen; keiner, der nicht Ritter ist, goldene oder silberne Borten oder Bänder, noch Gold, Silber, Perlen, weder an den Gugelhüten, Röcken, Mänteln, noch an Gürteln, Taschen, Scheiden oder Spitzmessern. Dann wird die Länge des Rockes bestimmt: kein Mann soll ihn kürzer tragen denn bis zu den Knieen herab, es sei denn bei der Rüstung oder als Reitrock. Kein Mann soll einen Bart noch Scheitel tragen — man sieht, die Sorgfalt der Väter nimmt es sehr genau mit der Eitelkeit — und der Zipfel seiner Gugel (Kaputze) soll weder ge- wunden noch zerschnitten sein, noch soll er eine größere Länge ha- ben denn anderthalb Ellen, und diese Gugel soll vor dem Ge- sicht in keiner Weise gezackt oder ausgeschnitten sein. Endlich wird noch besonders eingehend die Fußbekleidung geordnet. Nie- mand soll einen spitzen Schnabel an seinen Schuhen oder Leder- hosen tragen, und kein Schuhmacher soll diese Schuhe oder Leder- hosen machen, für niemanden, es seien Männer oder Frauen, die zu Speier wohnen, sie seien Bürger oder nicht. Und kein Mann, der nicht Ritter ist, soll einen Schuh tragen, zerhauen oder zerschnitten, „wie die Schnitte sind, die aus Hoffart und nicht der Gesundheit wegen gemacht sind.“ Für jede Uebertre- tung dieser detaillirten Bestimmungen wird eine Geldstrafe von 2 Pfund Heller festgesetzt von einem bestimmten Termin an, wo- nach die Männer sich richten sollen, daß bis dahin „ihre Röcke lang genug werden, oder sollen darnach die Pön geben, wie vor- geschrieben steht.“ — Weniger ausführlich ist die Kleiderordnung, welche Bürger- meister und Rath von Zürich im Jahr 1371 erließen. Sie richtet sich gegen dieselben Gebrechen, ist aber ein wenig nachsich- tiger gegen die Jungfrauen. Keine Frau heißt es zunächst, soll II. Das Mittelalter. weder Tuch noch Schleier mit „Enden“ — d. h. mit besondern Borten oder Säumen — besetzen sondern soll beide lassen, wie sie zuerst gewoben werden; auch soll keine Frau an ihrer Kappe oder ihren Gewändern Seide, Gold oder Edelstein tragen. „Aber Töchter mögen wohl auf ihrem Gewand tragen Gold, Silber, Perlen und Seide, wie sie bisher gethan haben.“ Auch die Ent- blößung an Schultern und Brust und die enge Einschnürung wird als anstößig befunden, und es soll darum das Hauptloch zweier Finger breit auf der Achsel liegen und kein Gewand mehr, weder vorn noch an den Seiten zugeknöpft oder geschnürt sein. Keine Frau soll den Zipfel der Gugelhaube länger denn eine Elle machen, noch einen Rock tragen, der aus mehreren Farben zu- sammengesetzt ist; keine auch, sei sie Frau oder Wittwe oder Jungfrau, soll einen Gürtel tragen, der mehr kostet denn 5 Pfund Denare. — Auch den Männern von Zürich wird die Länge des Rockes und des Zipfels der Gugelhaube bestimmt: jener muß wenigstens bis an die Kniee herabreichen, und dieser darf nicht länger sein, denn der Rock lang ist. Niemand soll gestreifte oder getheilte Hosen tragen, sondern nur von einer Farbe. Für beide Geschlechter werden die spitzen Schuhe verboten und den Frauen selbst die geschnürten. Der Züricher ungefähr gleichzeitig oder doch nur ein paar Jahre später, ist die erste Kleiderordnung, welche zu Straß- burg gegeben wurde. Sie ist milder in ihren Bestimmungen, aber strenger in den Strafen. Den männlichen Rock erlaubt sie schon ein wenig kürzer zu tragen: er darf schon eine Viertelelle über der Kniescheibe enden, und beim Reiten mag man ihn so kurz tragen, wie man will. Der Reiter konnte auch die Schuhe und Stiefel tragen wie er wollte, sonst durften sie nur eine Spitze haben von der Länge eines Querfingers. Schuhe mit längeren Spitzen zu machen, sei es für Bürger oder auf das Land hinaus, war den Schustern bei einer Strafe von 30 Schilling verboten. Keine Frau, wer sie auch sei, soll sich hinfort mehr schürzen mit ihren Brüsten, sei es durch das Hemd oder durch geschnürte Röcke oder durch irgend ein anderes „Gefängniß“; keine soll sich „färben 2. Die Zeit des Luxus und der Entartung. oder Locken von todtem Haar anhängen.“ Und insbesondere soll das Hauptloch soweit auf die Achseln gehen, daß man die Brüste nicht sehen könne. Keine Frau soll einen Rock tragen, der mehr kostet als 30 Gulden — das ist ein sehr hoher Preis, wenn wir den damaligen Werth des Geldes in Anschlag bringen und die Zahl etwa verfünffachen —, auch keine Landfrau in dieser Stadt, zu dem Tanze oder sonst, einen der theurer ist. „Nur die freien Frauen soll dies Gesetz nicht angehen.“ Keine Frau endlich soll einen kurzen Mantel tragen noch einen „Knabenmantel“, er sei denn so lang, bis ein viertel Elle über den Knieen, „länger mö- gen sie sie wohl tragen.“ Die älteste Kleiderordnung von Ulm ist ebenfalls noch aus dem vierzehnten Jahrhundert. Darnach durfte keine Frau, sei sie von den Geschlechtern oder den Handwerkern, an ihren Kleidern Perlen, Gold, Borten, vielfarbige oder seidene Bänder oder Schnüre tragen; verboten waren sammtene und seidene Mäntel. In Hinsicht der Schleier erhielten die Damen aus den Geschlech- tern einen Vorzug vor den Handwerksfrauen: sie durften sie brei- ter tragen, doch waren beiden, gleich den Zürcherinnen, die lan- gen und zarten Enden verboten. Auf der Scheide des vierzehnten und funfzehnten Jahrhun- derts machte das Kleiderwesen den Gesetzgebern von Ulm sehr viel zu schaffen. Vom Jahr 1406 ist eine Ordnung, welche die Kleidung der Männer von den anhängenden Lappen (Zatteln) zu befreien sucht. An Mänteln, Röcken und Trapperten, heißt es, sollen keine Lappen mehr getragen werden, noch an jedem Ge- wand mehr als acht Einschnitte sein. Nur Reitröcke dürfen mit Lappen getragen werden, aber auch nur außerhalb der Stadt. Wenn aber Mäntel, Röcke und Trapperte nicht mit Veh gefüttert seien, dann dürfe man unten ein Gefränz von Lappen anbringen, doch nur ¼ Elle lang. Zu den Kappen oder Gugeln sollen nicht mehr als 4 Ellen Tuch genommen werden, die aber könne man zerschneiden, wie man wolle. Federkränze, Glocken und Schellen, so heißt es am Schluß, sollen nie mehr in der Kirche getragen werden, wohl aber möge man sie außerhalb derselben haben. II. Das Mittelalter. Eine andere Ordnung der genannten Stadt vom Jahr 1411 trifft die Frauen. Darnach sollen auch sie, Frauen wie Jung- frauen, zu einer Kappe oder Gugel nicht mehr Tuch brauchen und verschneiden als 4 Ellen, und nur einen Perlenkranz sollen sie tragen. Versilberte und vergoldete Gürtel mögen sie haben, aber Glocken und Schellen daran werden ihnen verboten. Wer aber vor der Abfassung dieser Verordnung theurere Kränze und Gürtel gehabt habe, denen sei das Tragen derselben auch fortan gestattet — gewiß eine gern und vielfach benutzte Hinterthür. Die Röcke und Trapperte, heißt es weiter, soll man mit Flügeln oder offe- nen Aermeln tragen, doch unzerhauen und ohne Schlitz; und diese Aermel dürfen getragen werden mit Veh, mit Ruggen oder Schinschen (den Rücken- und Bauchstücken, vermuthlich der Eich- hörnchen), aber Hermelin und Marder bleiben daran verboten. Die genannten Kleidungsstücke selbst wie die langen und weiten Aermel dürfen nicht länger sein, als bis sie den Boden erreichen, und Sammet und Seidenstoff ist für sie verboten, wie aller Be- satz von Perlen, Edelsteinen, goldnen und silbernen Borten, nebst goldenen Ringen. Allmählig wird die Ulmer Gesetzgebung dem Zeitgeschmack gegenüber nachgiebiger. So durften nach der Ordnung von 1420 die Mäntel und Kleider der Frauen und Jungfrauen bereits ¼ Elle auf der Erde nachschleppen. Im Jahr 1426 wurde den Frauen auch das Tragen von Perlen auf Kreuzen und Halsbän- dern im Werth von 40 Gulden erlaubt, nicht aber an der Klei- dung. Die silbernen und vergoldeten Gürtel durften 4 Mark schwer sein. Ferner wurde ehrbaren Frauen und Jungfrauen auch der Marderpelz erlaubt, entweder am Hut oder um den Hals, desgleichen sammtne und seidene Aermel, nicht aber ein sammtnes oder ein seidenes Preis (worunter ein geschnürtes Leibchen zu verstehen ist) unter den Röcken zu keinem Kleid. Auch wurde mannigfacher Silberschmuck im Werth von 4 Mark erlaubt, und kleine Heftlein, die früher nur zu 10 Gulden getragen werden sollten, konnten jetzt den Werth von 20 haben. Verbrämung von Marder oder Hermelin wurde in der ganzen Breite des Balges 2. Die Zeit des Luxus und der Entartung. gestattet. Seidene Borten waren bis 6 Gulden erlaubt, die Schleppen aber auf ¼ Elle beschränkt. Was den Ulmerinnen bei diesen Bestimmungen übrig blieb, war immer noch ein sehr Be- deutendes und ist ein Beweis von dem damaligen Reichthum der Ulmer, der mit dem bekannten Vers: „Ulmer Geld geht durch alle Welt,“ sprichwörtlich geworden war. Was eine Dame an sich tragen durfte und auch gewiß an sich trug, konnte immer noch einen Werth von 100 Gulden und darüber nach damaligem Gelde haben, 500 nach heutigem. Fast lächerlich kommen uns dabei die Strafen vor, welche auf den Uebertretungsfall ausge- setzt waren: die Geschlechterin hatte 2 Gulden zu zahlen, die Handwerksfrau nur einen. Mit Recht fand daher der Rath in diesen Strafbestimmungen keine Gewähr und er machte deßhalb die Schuster und Schneider verantwortlich. Beide mußten die Ordnung beschwören und bei einer Strafe von 5 Gulden und vierteljähriger Verbannung sich verpflichten, kein Stück zu ma- chen, welches der Ordnung zuwiderlief. Die Münchner Verordnung vom Jahr 1405, welche stren- ger in ihren Bestimmungen war, macht wieder die Väter und die Männer für die Uebertretungen der Töchter und Frauen verant- wortlich. Der Rath zu München schrieb auch den Schneidern eine Taxordnung vor, worin für jedes Kleidungsstück ein bestimmter Machlohn festgesetzt war. Es scheint, sie haben den allgemeinen Kleiderluxus zu stark zu eigenem Vortheil ausgebeutet. Die Preise, zu welchen sie berechtigt wurden, sind im Verhältniß nicht gering, was bei der künstlichen, bunten Zusammensetzung der Kleider, den vielen Nähten und dem reichen Besatz nicht anders möglich war. Das funfzehnte Jahrhundert war vorzugsweise reich an Kleiderordnungen und besonders die zweite Hälfte desselben, in welcher neben der Verschwendung und den barocken Moden als Hauptgesichtspunkt die Schamlosigkeit in den Vordergrund tritt. Ein Gesetz folgt dem andern in derselben Stadt und beweiset so durch die That die Fruchtlosigkeit des früheren. Es ist dasselbe in allen Städten, in Augsburg, Nürnberg, Bern, Breslau, Lübeck, II. Das Mittelalter. Hildesheim, Hannover, Lüneburg u. s. w., wenn auch der eine Rath mit mehr, der andere mit weniger Strenge seine Bestim- mungen aufrecht zu erhalten suchte. In der ersteren Beziehung zeichneten sich die von Nürnberg und Augsburg aus. Gegen den letzteren versuchte es einst ein Krämer, der mit Seide, Damast und gewässerten Tüchern handelte, sich aufzulehnen und klagte ohne Unterlaß über die scharfe Kleiderordnung (1441) und „warf böse Karten aus.“ Da ließ ihn der Rath einen ganzen Monat gefangen setzen, und strafte ihn um eine namhafte Summe Gelds zum Besten der Armen, und zur Erbauung der Stadtmauern mußte er 5000 Ziegelsteine und 20 Faß ungelöschten Kalk liefern. Aber alle diese Bestimmungen sind in Deutschland verein- zelt und nur auf ein mehr oder weniger kleines Gebiet beschränkt. Seltner sind damals noch fürstliche Verordnungen, von denen wir einer gedenken wollen, welche der Kurfürst Ernst und der Herzog Albert zu Sachsen im Jahr 1482 erließen. Danach soll keine Frau oder Jungfrau vom Ritterstande ein Kleid tragen, das über zwei Ellen auf der Erde nachgeht. Keine soll mehr als einen seidenen und zwei gestickte Röcke besitzen, auch nur eine sei- dene Schaube, und kein Kleid soll über anderthalbhundert Gul- den werth sein — das dürfte nach heutigem Werthe bis gegen 1000 Gulden sein. Diese außerordentlich weite Bestimmung, die doch eine Beschränkung ist, zeigt, bis zu welcher Höhe der Luxus damals angewachsen war. Erst gegen das Ende des Jahrhunderts regt sich ein gemein- samer Geist. Es war der Adel, der freiwillig, an sich und sein Heil denkend, sich zu gemeinsamem Entgegenwirken verband. Der Luxus und Aufwand an Putz und Kleidern hatte namentlich bei Turnieren als den höchsten festlichen Gelegenheiten in der Art überhand genommen, daß ein großer Theil des Adels sich ganz von ihnen fern hielt, ein anderer bereits in seinen Vermö- gensumständen sich zerrüttet hatte. Schlösser und Güter wurden verpfändet, um mit der nöthigen Pracht erscheinen zu können. Ohnehin schon war es keinem zweifelhaft, daß gegenüber dem Emporblühen des Bürgerstandes der Adel im raschen Sinken be- 2. Die Zeit des Luxus und der Entartung. griffen war. Das Uebel wurde klar erkannt, und darum vereinigte sich die Ritterschaft von Franken im Jahr 1479 vor dem großen Turnier zu Würzburg zu einer allgemeinen für die Tage des Tur- niers gültigen Ordnung. Einem jeglichen Ritter wurde zwar er- laubt, guten Sammet und Perlen zu tragen, dagegen war Gold- stoff und gestickter Sammet, sei es zu Röcken oder Schauben, durchaus verboten, sowie goldene Pferdedecken. Im Uebrigen wurde jedoch ein Unterschied gemacht zwischen dem Ritter von hohem Adel und dem gewöhnlichen Edelmann. Dieser sollte Sammet nur zum Wamms tragen und von Perlen nur eine ein- fache Schnur um die Kappe oder den Hut; auch kein Goldge- schmeide an Ketten, Schnüren oder auf die Kleider gestickt, „er trage es denn verdeckt und unsichtlich als die Alten gethan und hergebracht haben.“ Ferner sollte er weder Decke noch Wappenrock von Sammet oder Damast führen. Ebenso wurde der Aufwand der Frauen beschränkt. Keine Dame ritterlichen Standes, Frau oder Fräulein, durfte mehr als vier Prachtkleider mitbringen, nur zwei von Sammet, die beiden andern gestickt oder sonst ver- ziert, geziemend und wohlanständig. Da der Adel diese Ordnung freiwillig über sich selbst feststellte, so konnten auf Uebertretungen nur Ehrenstrafen gesetzt sein. Es sollte demnach jeder, der diesen Bestimmungen zuwider handelte, von allen Rittern „verachtet und verschmäht“ sein und im Turnier zu keinem Vortanz oder zu irgend einem Dank zugelassen werden, er konnte selbst ganz vom Tur- nier ausgeschlossen bleiben. Desgleichen soll eine Frau, welche die Verordnung nicht hält, von gemeiner Ritterschaft, Frauen und Jungfrauen, verachtet und der Vortänze und des Rechts die Dänke auszutheilen beraubt sein. Es soll aber auch eine Frau, so wurde ehrenhafter Weise hinzugesetzt, die nicht in Schmuck oder Sammet so reich wie die andern gekleidet sei, dessenungeach- tet doch zu allen Ehren, die ihr nach ihrem Stand gebühren, hin- zugezogen werden. Ein paar Jahre später entwarfen die Ritterschaften der vier Lande, Bayern, Franken, Schwaben und Rheinland, ein ganz ähnliches Gesetz für das Turnier zu Heilbronn (1485). In dem- II. Das Mittelalter. selben verboten sie ganz besonders die Brokatkleider und den Per- lenbesatz. In den letzten Jahren des funfzehnten Jahrhunderts sah sich auch das Reich als solches genöthigt, von dem wachsenden Uebel Notiz zu nehmen. Im Jahr 1496 hatte man in Worms beschlossen, die Angelegenheit auf dem nächstjährigen Reichstag in Lindau vorzunehmen. Das geschah denn auch. Man einigte sich über die Grundsätze und stellte diese den Fürsten und Städ- ten zur Nachahmung und detaillirteren Bestimmung anheim. Das Hauptaugenmerk dabei war, die verschiedenen Stände in strenger Sonderung zu halten. Dem Bauer und der arbeitenden und dienenden Classe in den Städten wurde der Preis des Tu- ches vorgeschrieben: die Elle sollte nicht über einen halben Gul- den kosten. Gold, Perlen, Sammet, Seide, bunt zusammenge- setzte Kleider waren weder ihnen noch ihren Frauen und Kindern gestattet. Die Diener des Adels wurden davon ausgenommen: sie trugen fremde Kleidung und der Herr konnte sie kleiden nach seiner Gewohnheit, wie er wollte. Was zweitens die Handwerker betrifft — die Verordnung geht alle Stände durch —, so solle es jeder Obrigkeit überlassen sein, darüber geziemend zu bestimmen. Auch die Bürger in den Städten, wenn sie nicht von Adel oder Ritter sind, sollen weder Gold, Perlen, Sammet, Scharlach, Seide, noch Zobel- oder Hermelinunterfutter tragen, zum Wamms ist aber Sammet und Seide, wie Schamlot oder Camelot zur Kleidung erlaubt; auch ihren Frauen und Kindern ist Besatz von Sammet und Seide gestattet, doch nicht von Gold- oder Silber- stoff. Im Adel wurde zwischen denen, die Ritter, und denen, die nicht Ritter sind, ein Unterschied gemacht. Die letzteren dürfen weder Perlen noch Gold offen tragen und sollen sich in Farbe und Zusammensetzung der Kleider in geziemendem Maße halten. Den adligen Rittern wird der Goldstoff auch nur zum Wamms erlaubt. In Bezug auf die Frauen und Kinder wird einem jeden Fürsten anheimgestellt, darüber mit seinen Rittern näher zu be- rathen. Was diese mit einander beschließen, soll auf dem nächsten Reichstag wieder vorgebracht werden. Was die Geistlichkeit be- 2. Die Zeit des Luxus und der Entartung. trifft, so begnügte man sich, den höhern Würdenträgern der Kirche zu empfehlen, daß sie die ihnen untergebenen Geistlichen anhalten, sich ihrem Stande gemäß zu kleiden und alle ungezie- mende Kostbarkeit abzustellen. Man enthielt sich weiter ins Ein- zelne einzugehen, nur die Kürze des Rockes und des Mantels traf eine specielle Bestimmung: beide sollen in der Länge gemacht werden, daß sie hinten und vorn ziemlich wohl decken mögen. Im nächsten Jahr 1498 wurden auf dem Reichstag zu Freiburg im Breisgau diese Artikel noch einmal vorgenommen, bestätigt und ihnen noch einiges hinzugefügt. Auch für den Handwerksmann sollte der Stoff zu Röcken und Mänteln nur ½ Gulden kosten und zwar sollte er inländisches Fabrikat sein, für Kappen und Hosen war der Stoff zu ¾ Gulden erlaubt. Aller Schmuck, Sammet, Seide, Schamlot und buntgestickte Kleidung wurde ihm verboten. „Reisigen Knechten“, wie die Ver- ordnung sie bezeichnet, wurde Gold, Silber und Seide verboten; auch sollten sie kein „Brusttuch“ tragen, noch goldene oder silberne Hauben — die einzelnen Gegenstände und Bezeichnungen finden später ihre Erklärung —, nicht einmal besetzen durften sie ihre Kleider mit Seide. Ein in Falten gelegtes, mit Gold und Sil- ber gesticktes Hemd blieb den Fürsten und ihren Angehörigen nebst den Grafen und dem niedern Adel, falls es Ritter oder Doctoren waren, vorbehalten. Der Doctor stand damals an Rang und Ehren dem Ritter gleich. Adligen, die nicht Ritter oder Doctoren sind, waren Perlen und Gold in den Brusttüchern und Hemden verboten. Die Durchführung dieser Beschlüsse hing von dem guten Willen der einzelnen Fürsten und Städte ab. Es scheint sich aber kein Eifer darin gezeigt zu haben, und so mußte die Angelegen- heit im Jahr 1500 auf dem Reichstag zu Augsburg zum dritten Mal vorgenommen werden. Nun wurde „den Kurfürsten, Fürsten oder andern Obrigkeiten, weß Würden, Wesen oder Standes sie seien, bei Vermeidung kaiserlicher Ungnade und Strafe“ aufgege- ben, daß sie die Reichstagsbeschlüsse in Betreff der „Ueberflüssig- keit der Kleider“ in ihren Landen in Ausführung zu bringen II. Das Mittelalter. hätten, und zwar bis Sonntag Lätare des Jahres 1501. Mit der ausdrücklichen Bestimmung, daß die Verordnung für die Handwerker auch für deren Frauen und Kinder gelten solle, und mit der Erlaubniß für die städtischen Bürgerfräulein Perlenhaupt- bänder zu tragen, wenn es in geziemendem Maße geschehe, blieb im Uebrigen das Gesetz das alte. Daß auch so nicht erreicht wurde, was beabsichtigt war, werden uns die späteren Verord- nungen lehren. — Schon an sich ist leicht einzusehen, wie eine derartige Ge- setzgebung, welche allgemeinen Uebeln, die der ganzen Zeit eigen- thümlich sind, mit kleinen und kleinlichen Mitteln und Bestim- mungen, mit Geldstrafen oder höchstens Gefängniß abhelfen will, nicht von dauernder oder durchgreifender Wirkung sein kann. Die ununterbrochene Aufeinanderfolge der Kleiderordnungen, die sich von localer Beschränktheit bis zu wiederholten Reichsgesetzen steigert, spricht ihre eigene Nichtigkeit aus. Die Gesetzgeber, mit- ten in der Zeit lebend, erkannten nur die Aeußerungen des Uebels, nicht aber die Quelle, das allgemeine Sittenverderbniß. Ein Sturm mußte durch die Welt gehen, ein Gewitter, welches die Luft reinigte, eine Bewegung, stark genug, eine vollkommene Umwandlung der Sittenzustände und des Geschmacks hervorzu- bringen. Diese führte in der That das erschütternde Ereigniß der Reformation mit sich, und erst da fuhr ein neuer Geist in die Trachtenwelt und gestaltete die äußere Erscheinung der Menschen völlig um. Bis zu diesem Ereigniß aber, also bis in den Beginn des sechszehnten Jahrhunderts, entwickelte sich der Geschmack, wie er sich im Laufe des vierzehnten herausgebildet hatte, in im- mer üppigerer und ausgelassnerer Weise und erzeugte einen Reich- thum von phantastischen, bunten, bizarren und widernatürlichen Formen, welcher seitdem nie wieder übertroffen ist. Es war etwas Neues, diese Ueberfülle der Formen, als sie in die Welt trat, und es ist bemerkenswerth, daß genau mit die- sem Moment, also der Mitte des vierzehnten Jahrhunderts, auch das zuerst eintritt, was wir seitdem unter Mode verstehen, der ewige, scheinbar zufällige Wechsel in der Tracht mit seiner unbe- 2. Die Zeit des Luxus und der Entartung. dingten Herrschaft über alle Classen der civilisirten Menschheit, die sich über das bloße Dasein, die einfache Fristung des Lebens erhoben haben. Wir schließen das nicht bloß aus den Zuständen selbst, nicht bloß aus der Art der Entstehung bestimmter Mode- formen durch persönliche Laune oder durch Einführung aus der Fremde, sondern die Zeugnisse geben bestimmt an, wie die Mode in dem gedachten Sinn als eine Macht den Zeitgenossen ins Be- wußtsein tritt. So konnte die in dieser Beziehung so interessante Limburger Chronik seit 1350 fast von Jahr zu Jahr journalmä- ßig den Wechsel der Moden berichten. Die Veränderung geschah schon uns Jahr 1380, wie sie berichtet, so schnell und so durch- greifend, daß auch die Schneider selbst, wie die Moden wechsel- ten. „Wer heuer war ein guter Schneider, der taugt jetzt nicht eine Fliege mehr, also hatte sich der Schnitt verwandelt in diesen Landen und in so kurzer Zeit.“ Das übertrifft selbst die heutigen Zustände, wo die Modeschneider doch immerhin ein paar Jahr- zehnte aushalten. — Der Ritter de la Tour, den wir bereits kennen, warnt seine Töchter vor der Mode. „Ahmt nicht die Frauen nach, welche, wenn sie ein Kleidungsstück von neuem Schnitt sehen, zu ihrem Manne sagen: O wie schön! Mein Lie- ber, ich bitte dich, laß mich es haben! Wenn der Mann entgeg- net: Meine Theure, die Frauen, welche für verständig gelten, die und die tragen es nicht, — so antworten sie hartnäckig: Was macht das? wenn Eine es trägt, kann ich es auch wohl haben.“ Derselbe Ritter erzählt auch von einer Dame, die, aus dem englischen Frankreich mit neuen Moden zurückgekommen, eine andere getadelt habe, daß sie nicht „nach der laufenden Mode“ gekleidet sei. Der Gemahl antwortet für sie, daß seine Frau nicht der Mode der Fremden folge, sondern der Mode französischer Damen aus der guten Gesellschaft, nicht aber der englischen. — Schon konnte die Phantasie des Einzelnen erfinderisch eingreifen, was früher eine völlige Unmöglichkeit gewesen wäre. Der Ritter de la Tour giebt uns darüber eine Erzählung, die wie aus den Tagen Ludwigs XV. und XVI. , aus der Zeit der hohen Coiffü- ren, lautet. „Es war im Jahr 1392 beim St. Margarethenfest,“ Falke , Trachten- und Modenwelt. I. 13 II. Das Mittelalter. so erzählt ihm eine angesehene Dame, „eine junge und hübsche Frau ganz verschieden von den andern gekleidet; ein jeder be- trachtete sie, als ob sie ein wildes Thier wäre. Ich näherte mich ihr und sagte: Meine Liebe, wie nennen Sie diese Mode? — Sie antwortete mir, man nenne sie die Galgencoiffüre. — O mein Gott! antwortete ich, der Name ist nicht schön. — Die Neuigkeit verbreitete sich alsobald im Saal, jeder wiederholte den Namen ‚Galgencoiffüre‛, und alle lachten viel über die arme Dame.“ — Der Weg, den die Moden in dieser Periode, die wir jetzt schildern, einschlugen, vorbereitet schon in der ersten Hälfte des vierzehnten Jahrhunderts, führt sie überall ins Extrem, ohne Rücksicht auf Schönheit, Natur, Zweckmäßigkeit, Sitte und Sitt- lichkeit. Das wird unsre Darstellung im Einzelnen ergeben. — Vergegenwärtigen wir uns zunächst die Kleidung, wie sie sich um die Mitte des genannten Jahrhunderts gestaltet hat. Der vornehme Mann , der mit der Mode ging, trug wie ge- wöhnlich ein Hemd, — wenn es auch damals Sitte wurde, des Nachts völlig unbekleidet im Bette zu liegen, — über dem Hemd einen anliegenden Rock, der über den Kopf angezogen wurde, und darüber einen um die Schultern gehängten Mantel oder häufiger einen weiten Oberrock mit langen, mäßig weiten Aer- meln; das Beinkleid bedeckte, eng anschließend, die Beine in einem Stück, und an den Füßen saßen Schuhe, welche den gan- zen Fuß umschlossen oder oben einen Ausschnitt hatten. An die- sen Kleidungsstücken zeigen sich nun die Veränderungen im Geist der neuen Richtung, die sich zunächst in wachsender Enge und Kürze ausspricht. Der Rock, welcher noch im Anfange des Jahrhunderts bei Rittern und Herren bis gegen die Füße herab- reichte und bei der dienenden Classe, auch wohl noch im Bürger- stande nur eben noch die Kniee bedeckte, wechselt auf einmal in diesem Verhältniß. Der Herr will ihn jetzt kurz haben, und den Diener soll der längere kennzeichnen. Die Limburger Chronik be- richtet davon sogleich nach dem Aufhören des schwarzen Todes: „Die Röcke waren abgeschnitten um die Lenden und waren einer 2. Die Zeit des Luxus und der Entartung. Spannen nahe über die Kniee. Darnach machten sie die Röcke also kurz, eine Spanne unter den Gürtel.“ Alle damaligen Klei- derordnungen, die Speierer von 1356 an der Spitze, schreiten schon gegen diese Mode ein, welche sofort vollkommen städtisch und bürgerlich geworden war. Fast noch größere Aufmerksamkeit hat die zunehmende Enge erregt. Schon früher, wie wir am Schluß des vorigen Capitels gesehen haben, hatte man sie durch Aufschlitzen, Ausschneiden, Wiederzuschnüren und Besatz von Knöpfen zu erzielen gesucht. Bisher hatte sich dies aber mehr auf die Arme und die Brust der Damen beschränkt, wo das Oberkleid mit einer Reihe von Knö- pfen bis auf den Gürtel herab besetzt gewesen war. Jetzt ging es in vollster Weise auf die Männer über. Man kann sagen, diesem zunehmenden Geschmack an der Enge verdanken wir die Ent- stehung des modernen Rockes. Die Hauptunbequemlichkeit des alten und mittelalterlichen beruhte darauf, daß er über den Kopf angezogen werden mußte, eine Eigenschaft, die der Tunica wie dem altgermanischen Rock in gleicher Weise anklebte. Diese Art des Anzugs erforderte immer noch eine gewisse Weite für den Durchlaß der Schultern und Arme. Indem man nun aufzu- schneiden begann, an den Armen sowohl, wie vorn auf der Brust von oben herab und wieder von unten herauf, und die Oeffnung in größerer Enge wieder zuknöpfte, kam man auf den Gedanken, den vordern Einschnitt ganz durchgehen zu lassen und den Rock von oben bis unten zu spalten. Damit erhielt er, obwohl es eigentlich nur auf größere Enge abgesehen war, eine bequemere Art des Anzugs und zugleich eine so durchgreifende Veränderung, welche die Grundlage seiner folgenden Entwicklung bis auf den gegenwärtigen Zustand wurde; und damit auch ging die letzte Erinnerung seines classischen Ursprungs verloren. Nur in der Blouse erhielt sich die alte Form erkennbar bis auf unsere Zeiten. Die Enge des Rockes beschränkte sich nicht auf Arme, Brust und Taille; selbst um die Hüften und die Oberschenkel hatte er die höchste Spannung. Nirgends zeigte sich nur die kleinste Falte. Natürlich litt darunter die freie Bewegung des Körpers. „Da 13* II. Das Mittelalter. ging auch an, daß sich die Männer hinten, vorn und neben zu- nestelten und gingen hart gespannt .“ Viel schärfer als diese Worte der Limburger Chronik spricht sich mit hartem Vorwurf die böhmische Chronik des Hagecius darüber aus: „Im Jahr 1367 kamen in Böhmen wieder neue Trachten auf. Manche trugen fünf oder sechs Schock Knöpfe und die Kleider so enge angepaßt, daß sie sich nicht bücken und bewegen konnten. Gottes Greuel über die kurzen Röcklein und die spitzen Schnabelschuhe!“ Am allerhärtesten verdammt der österreichische Dichter Peter Suchen- wirt diese Mode. In dem didactischen Gedicht „von der Verle- genheit“ leitet er gradezu die Ungeschicklichkeit des jungen Ritters seiner Zeit, die Vernachlässigung der ritterlichen Tugenden und Uebungen von der „verschamten Kleidung“ her. Laufen, Sprin- gen, Schießen und Steinwerfen, alle Uebungen der Arme und der Beine seien unmöglich, wenn die jungen Ritter sich vorn und hinten mit Riemen bänden, daß sie starr und steif wären wie Holzscheite. Wenn einer mit dem andern sich in ein Kampfspiel einlassen wolle, so heiße es gleich: „Hör auf, mir ist dahinten ein Nestel zerrissen.“ So, meint er, müsse ritterliche Geschicklich- keit schwinden vor der „lästerlichen Kleidung, die so schändlich stehe.“ Mehr von der komischen Seite faßt derselbe Dichter diese Tracht in einem andern Gedicht auf: „von der Minne Schlaf.“ Frau Minne hat einstmals eine einschläfernde Wurzel in den Mund genommen und darüber zehn volle Jahre verschlafen, bis ihre Dienerin, Frau Scham, die Ursache gemerkt und die Wurzel wieder aus dem Mund genommen. Da sie erwacht ist, erkundigt sie sich nach dem edlen Volk, das ihr früher in Zucht und Scham gedient habe. Da bringt man ihr einen Ritter dar, der diente ihr früher mit Treue wie ein geschworner eigener Mann. „Die Minne sah ihn lachend an; Der kurzen Kleider sie verdroß: Seid willkommen, Herr Hintenbloß! Laßt ihr euch also schauen Vor minniglichen Frauen? 2. Die Zeit des Luxus und der Entartung. Hinten bloß und vor verschamt — Zwar! das ziert nicht Ritters Amt; Ein edel Herz sich schämen soll, Scham ziert alle Tugenden wohl. Ich hab’ zu lang geschlafen; Mein’ Diener, die sind Affen Worden, das sei Gott geklagt! Den Ritter sie mit Zorn jagt Aus dem Garten ganz allein.“ Wir sehen, die Mode hat nicht bloß Schönheit und Anstand, auch alle Zweckmäßigkeit und Bequemlichkeit weit überwunden. Die Bilder zeigen uns diese enge Tracht bereits im vierzehnten Jahrhundert nicht bloß an Fürstensitzen oder an proven ç alischen Liebeshöfen, sondern überall, selbst beim Reiter und auf der Jagd. Wir mögen daher noch weiter gehen als Peter Suchenwirt und noch andere Folgen aufsuchen als die Vernachlässigung ritterlicher Tugenden; wir glauben sie auch in der Kunst zu entdecken. Es ist bekannt, wie die deutschen Bilder des funfzehnten Jahrhun- derts uns beim ersten Eindruck so unangenehm berühren durch die verdrehte Haltung des Körpers, durch die Verrenkungen der Glieder, die eckigen Bewegungen der Arme und Beine, durch wi- dernatürliche Stellungen, was wir alles nicht der Ungeschicklich- keit des Künstlers zuschreiben dürfen, sondern was entschieden Absicht ist und aus einem, freilich falschen, Schönheitsgefühl her- vorgeht. Woher dieses? Nicht anders als aus der Natur selbst. Was der realistische Künstler dieses Jahrhunderts seiner ihn um- gebenden Welt absah, bildete er in Gewohnheit und Uebertrei- bung zur Manier aus. Nicht jeder — kaum einer — vermochte es, sich über den Schönheitssinn seiner Zeit zu erheben. — Die- selbe Ursache hat auch gewiß einen andern nahe liegenden Fehler der damaligen Kunst hervorgerufen, die übertriebene Magerkeit. Es war eben Modegeschmack, möglichst dünn und schlank von Körper zu sein, und man suchte es an sich selbst durch die Enge der Kleider, selbst bei Männern, durch Schnüren zu erreichen; der Künstler, befangen in seiner Zeit, übertrieb das ebenso wie die erzwungenen Bewegungen und Stellungen des Körpers. Be- II. Das Mittelalter. günstigt wurde dieser Geschmack durch den allgemeinen Modegeist, den ganzen Charakter des damaligen Culturzustandes, namentlich der Ritterschaft, und findet in ihm seine Erklärung. Wir müssen uns hineindenken in den Geist, der die Allegorie — das Gegen- bild der Natur — in die Poesie und aus der Poesie in den Scherz und die Spiele des Lebens einführte; wir müssen uns hineinver- setzen in die Zeit der Galanterie und der irrenden Ritter, in die Zeit, da die Ritterschaft, arm an poetischen Großthaten, die aus- gebrannte Phantasie und die erloschene Ehrbegierde an den Hel- denbildern der Amadis aus Gallia und der Lanzelot vom See wieder zu erhitzen suchte, in die Zeit, da die Ritter Romane lasen , aber nicht mit ihren Thaten machten oder erlebten. Eine gewisse geistige Verschrobenheit klebte dazumal dem ganzen Ritterthum an, wo es nicht, wie leider so vielfach in Deutschland, seinen edlen und geistigen Inhalt durch Rauf- und Raubwesen erstickt hatte. Diese Zeit ist der Beginn der Donquichoterie. Und das ist genau derselbe Geist, der die ehrsamen Meister des Hand- werks zu ihren verkünstelten, ernst-komischen Poesieen veranlaßte, nur mußte er sich freilich beim Bürger, der Hobel, Nadel oder den Schusterpfriem handhabte, anders aussprechen als beim Rit- ter, der Schwert und Lanze führte, den Damen den Hof machte, und eine Periode der höchsten und feinsten Bildung unmittelbar hinter sich hatte. Aber grade so wie der ernsthafte Unsinn des irrenden Ritterthums gemahnt es uns, wenn wir lesen von der „überkurtz Abend-Rötweis“, von der „abgeschiedenen Vielfraß- Weis“, der „gestreift Safran-Blümleinweis“ und den andern bit- terernst gemeinten Namen der Versarten oder Strophen des Mei- stergesangs. — Es war schon damals, in der Mitte des vierzehnten Jahr- hunderts, als für den kurzen und engen Rock ein Name aufkam, der sich seitdem in ähnlicher Bedeutung erhalten hat, nämlich Jacke . Nach der Meinung jener Zeiten war zwar nicht das Wort, wohl aber die Sache deutschen Ursprungs, obwohl sich die Ausbildung der kurzen Tracht bei allen abendländischen Völ- kern, Deutschen, Franzosen, Italienern, Engländern, Spaniern, 2. Die Zeit des Luxus und der Entartung. mit merkwürdiger Uebereinstimmung gleichzeitig nachweisen läßt. Froissart, freilich ein späterer Geschichtschreiber, erzählt, daß Heinrich ( IV. ) von Lancaster bei seinem Einzug in London (1399) eine courte jacque von Goldstoff à la fachon d’Almayne ge- tragen habe. Der kurze Rock, Röcklein, daher bei den Franzosen roquette und bei den Engländern rocket genannt, sei, so meint man, aus Deutschland nach England gekommen unter dem volks- thümlichen Namen „Hanselein“, welche Bezeichnung Chaucer in seinen Canterbury tales giebt. Hanselein hätten nun die Eng- länder in das ihnen mundgerechtere Jack (Jacob) umgetauft, woraus denn bei den Franzosen jacque geworden, obwohl sie den gewöhnlichen Namen cote-hardie (cotardia) dafür haben. Diese Benennung des kurzen Rockes ist wieder nach Deutschland zurück- gekommen als Schecke oder Scheckenrock , worin wir die eng- lische Aussprache erkennen. Unwahrscheinliches dürfte nicht darin liegen. Die Limburger Chronik erwähnt ihrer zum Jahr 1389, früher aber noch die Straßburger Chronik des Jakob Twinger von Königshofen. Es ist bekannt, wie im Jahr 1365 aus den französisch-englischen Kriegen ein Haufe Engländer plündernd ins Elsaß eindrang. Von diesen wird gesagt, sie hätten lange Kleider und Schecken getragen, was wohl so zu verstehen ist, daß sie den kurzen Rock unter langen Oberkleidern trugen. Wenn der Chronist hinzufügt: davon kam die Sitte aus zu Straßburg, daß man lange Kleider und Schecken und Beingewand und spitze Hauben gerieth zu machen, das vorher zu Straßburg ungewöhn- lich war,“ — so mag das theils local sein, theils ist es ungenau: denn die frühere Kleidung war im Elsaß lang wie überall. Neben der Schecke, der Friedenstracht des Ritters wie des Bürgers, finden sich noch zwei andere Namen im Gebrauch, Wamms und Lendner . Der letztere gehört der Rüstung an und wird nur aus der Aehnlichkeit auf den Scheckenrock übertra- gen, das erstere verdankt ihr wenigstens seinen Ursprung. So lange man das Kettenhemd trug, bedurfte man, um sich vor dem Druck der Ringe und der Schwere des Eisens zu schützen, eines dicken, festen Kleidungsstückes unter demselben, das wohl durch- II. Das Mittelalter. gängig kurz und gesteppt war. Obwohl es somit zur Rüstung gehörte, war doch nicht ausgeschlossen, daß es der Ritter auch ohne das Kettenhemd tragen konnte, wenn er der Ruhe pflegte. In der Mitte des vierzehnten Jahrhunderts aber, also in einer Zeit, wo das Kettenhemd noch immer das Hauptstück der Rüstung war, findet sich das Wamms als selbstständiges Stück in den Kleiderordnungen neben dem Rock erwähnt. Die Speierer Ord- nung (1356) stellt es noch zu der Kleidung des Ritters und Rei- ters und will es als solches in seiner Kürze nicht beschränken; der Rath von Straßburg aber (1370) behandelt es als eine gewöhn- liche Tracht des Bürgers und unterwirft es mit dem Rock densel- ben Bestimmungen. Doch unterscheidet er ein „reisiges Wamms“, das er gleich dem Reitrock des Ritters vom Gesetz ausnimmt. Wodurch das Wamms von der Schecke des Bürgers verschieden war, dürfte sich schwer bestimmen lassen. Der Lendner, dessen wir schon am Schluß des vorigen Ka- pitels in Kürze gedacht haben, verdankt seine Entstehung dem Waffenrock und blieb, was er war, ein Stück der Kriegstracht. Wie unter dem Kettenhemd das Wamms, so lag über demselben schon in sehr früher Zeit der Waffen- oder Wappenrock, ein lan- ges, weites Gewand, mit den Farben oder dem Wappen seines ritterlichen Trägers geschmückt. Der Wappenrock mußte mitsammt dem Panzerhemd die Wandlungen der Mode mitmachen. Seit dem Beginn des vierzehnten Jahrhunderts verkürzte sich das letz- tere nicht bloß, sondern legte sich auch immer enger um die Hüf- ten. Grade dasselbe geschah auch mit dem Wappenrock; es läßt sich genau verfolgen, wie beide allmählig Taille gewinnen. Nun kamen aber andre Dinge hinzu, die mitwirkend in den Gang der Mode eingriffen, das war die Einführung des Schießpulvers in das Kriegswesen, und vielleicht im Anfange noch mehr die eng- lische Armbrust. Den scharfen Bolzen oder den kurzen, eisenge- spitzten Pfeilen leistete das Kettengeflecht zu wenig Widerstand, und man sah sich daher nach weiterem Schutze um. In Folge desselben erlitt der Wappenrock eine durchgreifende Veränderung: er wurde aus der bloßen Zierde, aus einem Luxuskleid eine 2. Die Zeit des Luxus und der Entartung. Schutzwehr, ein nothwendiger Theil der Rüstung. Anfangs wurde er dick mit Wolle gesteppt, dann mit hart in Oel gesottenem Le- der überzogen oder ganz daraus gebildet und endlich noch an be- stimmten Stellen mit Eisenplatten belegt, aus denen er schließlich ganz zusammengesetzt wurde, um gegen die Kugeln des Feuer- rohrs zu schützen. So entstand der Plattenharnisch oder der Krebs. Das geschah aber erst im Lauf des funfzehnten Jahrhun- derts. In der Form, welche der Wappenrock zuerst bei seiner Umwandlung in ein Stück der Rüstung annahm, erhielt er den Namen Lendner. Mit dem Kettenhemd legte er sich so eng um die Glieder wie der Rock und hielt auch in der Länge oder Kürze die Mode ein; er war eng zugeschnürt, hinten oder vorn, hart gesteppt, beinahe in der Dicke eines Fingers. Mit dem Rock zugleich, oder vielmehr durch dessen Schick- sale veranlaßt, erlitt auch der Gürtel eine bemerkenswerthe Ver- änderung, die wir bereits ebenfalls angedeutet haben. Da der Scheckenrock schon für sich allein die Schlankheit des Körpers in möglichster Weise hob, so war der Gürtel, wo er nicht der ritter- lichen Würde diente, zwecklos und überflüssig geworden, und zwar so völlig, daß ihn auch der gerüstete Ritter entbehrte, und sein kurzes Schwert und seinen Dolch an Ketten hing, die mit dem andern Ende auf der Brust am Lendner befestigt waren. Es ist daher nichts Seltnes in dieser Zeit, auf Bildern Ritter wie Bürger in civiler Kleidung ungegürtet zu finden. Aber die stutzer- hafte Eitelkeit, eine fast allgemeine Eigenschaft damals, entbehrte nicht gern eines so prunkenden Schmuckes. Was geschieht? Da der Gürtel seinen Zweck verloren hat, ändert er auch seine Form. Nunmehr eine bloße Zierde geworden, dem Ring oder dem Hals- band ähnlich, läßt er mit sich machen, was der Laune oder der Mode gefällt. Statt einengend die Taille zu umschließen, wird er erweitert, daß er lose und locker über die Lenden herunterfällt, oder unten am Rock angenäht wird; statt aus biegsamem Stoff, setzt man ihn nun aus breiten und dicken viereckigen Metallplat- ten zusammen, die gleich den Gliedern einer Kette beweglich an einander geheftet sind und hinlänglich Raum bieten für Edelsteine II. Das Mittelalter. und Perlen. Waren nun gar die Glieder aus edlem Metall, so bildete ein solcher Gürtel den reichsten nur denkbaren Schmuck. Daher unterwarfen ihn auch gleich die ersten Luxusgesetze ihren beschränkenden Bestimmungen. Die Limburger Chronik bezeichnet ihn mit dem Worte Dupfing ; wenn dasselbe von dupfen, mit der Nadel sticken, abgeleitet werden soll, so muß es schon eine ältere Art des Gürtels bezeichnet haben, denn die damalige war von Metall. Als herrschende Form des Beinkleids in den nobeln Ständen ist für diese Periode die zu betrachten, welche als ein Stück die ganze untere Hälfte des Mannes deckt, von den Füßen an, die mit umschlossen sind, bis zur Hüfte herauf. Hier war die Hose durch Nesteln, Schnüre oder Schleifen befestigt. Obwohl nur in den seltneren Fällen aus Leder bestehend und gewöhnlich aus Wollstoff gemacht, schloß sie sich in geschicktem Schnitt in allen Theilen aufs vollkommenste eng an, daß die Männer hart gespannt gingen und, wie wir oben gesehen haben, bei rascher und plötzlicher Bewegung nicht selten die Nesteln sprengten. Es findet sich für die Art des Beinkleides öfter die Bezeichnung „ganze Hosen“ im Gegensatz zu den in den niedern Ständen ge- bräuchlichen langen Strümpfen. Auch diese wurden wohl noch fortgetragen, doch nur selten, denn es berichtet die Limburger Chronik zum Jahr 1362, daß damals die „großen, weiten Plo- derhosen“ vergangen seien, worunter nichts anderes verstanden sein kann als jene alten weiten, leinenen Beinkleider, welche Bürger und alle Leute niedern Standes in der Art trugen, daß sie diesel- ben von oben her in die langen Strümpfe hineinsteckten. Wir kennen sie von den Bildern der Herrad von Landsberg und haben sie oben näher beschrieben. „Lange Ledersen“ nennt auch die Lim- burger Chronik wegen des Stoffes die ganzen Hosen und sagt von ihnen, sie hätten lange Schnäbel gehabt und Krabben, eine bei der andern von der großen Zehe bis oben hinaus, und seien hinten aufgenestelt gewesen halb bis auf den Rücken. Die jeden- falls vorübergehende Mode des Besatzes mit „Krabben“ — ein Name, der ohne Zweifel von dem bekannten gothischen Ornament 2. Die Zeit des Luxus und der Entartung. hergenommen ist — war damals neu, nicht aber diese Form des Beinkleides, es sei denn höchstens für den Bürger. — Fehlen konnte die Beinbekleidung damals nur dem Bauer allein, und auch das dürfte nur als Ausnahme zu betrachten sein, wenn auch der Fall kein seltner war. Häufig haben Leute niedern Standes, Boten zumal, über die Hose noch Strümpfe gezogen, welche bis ans Knie reichen und hier gebunden und umgekrämpt sind. Da die lange Hose auch die Füße mitbedeckte und dann ge- wiß mit Ledersohlen versehen war, so konnte auch im vierzehnten und funfzehnten Jahrhundert eine besondere Fußbekleidung dem ritterlichen Stande überflüssig sein, und wir sehen sie deßhalb nicht selten fehlen. Der Schnitt der Hose an den Füßen richtet sich ganz nach der herrschenden Mode, d. h. sie war hier lang und zugespitzt. Die Mode der langen Spitzen, die wir weiter unten im Zusammenhang besprechen werden, fing damals an die allge- meine Aufmerksamkeit zu erregen. Wo sich eine besondere Fuß- bekleidung findet — und bei den Bürgern ist es gewöhnlich so —, sind es Schuhe oder ganz kurze, oben über die Knöchel gehende Stiefeletten. Stiefel, die sich ausnahmsweise erwähnt finden, tragen nur Boten oder reisige Leute. Stiefeletten meint auch die Limburger Chronik, wenn sie berichtet, daß im Jahr 1362 mit den Pluderhosen auch die Stiefeln vergangen seien, „die oben roth Leder hatten und verhauen — d. h. gezackt — waren.“ Auf den Bildern der Kölner Schule vom vierzehnten und auch vom funfzehnten Jahrhundert tragen ritterliche Personen hohe, weite, zum Knie hinaufgehende Stiefeln von rother Farbe, mit einem breiten Goldstreif von oben bis unten und am Rande mit Gold gefaßt. Die Schuhe waren von allen Farben und bedeckten den ganzen Fuß, doch hatten sie auch oben einen offenen oder zuge- schnürten Ausschnitt. Die ganze Kleidung des Mannes war in ihrer kurzen, an- schließenden Enge darauf angelegt, die Gestalt nach allen Theilen und Gliedern in ihren Formen markirt zu zeigen. In scheinbarem Widerspruch damit steht die Kopftracht, welche es auf Vermum- men abgesehen zu haben scheint. Denn in dieser Zeit bemächtigt II. Das Mittelalter. sich die verhüllende Gugel , früher eine Tracht der Knappen und niederen Leute, aller Köpfe. Schon um das Jahr 1320 etwa tragen sie edle Jäger und Jägerinnen auf der Hirschjagd, und beim Waidmann überhaupt hat sie sich zuletzt noch lange erhal- ten, als sie bereits aus dem gewöhnlichen Leben verschwunden war. In der Mitte des vierzehnten Jahrhunderts zeigt sie sich in allen Lebensverhältnissen in bestimmt ausgeprägter Form. Vom lateinischen cucullus, welches ebenfalls schon eine verhüllende Kopfbedeckung ist, kommt das Wort Gugel mit allen seinen Ne- benformen her, als: Kugel, Kogel, Gogel, Gugler, Kugelhut und daraus zusammengezogen Kulhut . Unsern Begriff von Hut müssen wir davon fern halten, denn die Gugel, wie wir schon im vorigen Abschnitt ausgeführt haben, ist nichts als die bekannte Kaputze, an einen Kragen desselben Stoffes, Goller, befestigt, welcher Schultern und Hals rings umschließt. Sie mußte entweder über den Kopf gezogen werden, oder sie war vom Kinn herab aufgeschnitten und durch eine Reihe Knöpfe zusam- mengehalten. Wenn die Kaputze übergezogen war, so blieb vom ganzen Kopf nichts zu sehen als das rings umrahmte Gesicht: Haar, Hals, Ohren und selbst das Kinn waren völlig verhüllt. In Böhmen trieb man die Vermummung noch weiter, indem man die Gugel vor dem ganzen Gesicht zuknöpfte, und nur die Augen sahen aus Löchern heraus; zum Gespräch, zum Essen und Trinken mußte das Gesicht aufgeknöpft werden. Dadurch, so scheint es, hätte die ganze äußere Erscheinung des Menschen einen finstern, mönchischen Charakter erhalten müs- sen — und es war auch die Zeit des Mysticismus, da man sich scheu vor den Sünden der Welt in sich selbst zurückzog —, allein dieser Charakter verschwindet wieder, indem wir wahrnehmen, wie zu der Gugel immer die hellsten oder am kräftigsten wirken- den Farben gewählt werden. Wir sehen Gelb, Hellgrün, Rosa und alle Nüancen von Purpur und leuchtendem Hochroth, weiß mit Gold, oder auch den farbigen Stoff am Gesicht von weißem Rauchwerk umfaßt. Wenn wir dazu noch einen langen, gleich- farbigen oder buntgedrehten Schwanz von der Spitze der Kaputze 2. Die Zeit des Luxus und der Entartung. bis auf die Wade oder selbst bis auf den Boden herabfallen sehen, so schließen wir auf eine phantastisch seltsame Zeit, die ihre Köpfe in eine so sonderbare, man möchte sagen, lustig-ernste Verhüllung schließen konnte. Der übermäßig lange Zipfel erregte früh die Aufmerksamkeit der Obrigkeiten. Die zu Speier gestattet gewiß ein bedeutendes Maß mit 1½ Ellen, aber er soll weder gewunden noch zerschnitten sein. Noch anderes haben die Obrig- keiten dabei zu verbieten. Keiner soll Federn darauf tragen noch Schmelzwerk, noch goldene oder silberne Borten, noch überhaupt Gold, Silber oder Perlen, so will es der Rath zu Speier; „kei- ner soll ihn unter den Augen zerschnitzeln, in keiner Weise.“ Der Ulmer Rath erlaubt das im Jahr 1406: der Handwerksmann wie der Geschlechter dürfe seine Kappe zerhauen wie er wolle. Die Gugel umschloß ein völlig bartloses Gesicht , wie früher. Außer dem Vollbart fürstlicher oder hochbejahrter Perso- nen giebt es aber noch eine Ausnahme. Es ist auffallend, wie etwa seit der Mitte des vierzehnten Jahrhunderts, oder schon etwas früher, bis in den Anfang des funfzehnten hinein eine große Menge Ritter auf ihren Grabsteinen mit dem Schnurrbart erscheinen, im Uebrigen aber ein glattes Gesicht zeigen. Wir ver- folgen Beispiele die ganze Zeit hindurch, z. B. König Günther von Schwarzburg (1349), Graf Rudolf von Sachsenhausen (1370), zwei Grafen von Werthheim von 1407. Die Erklärung für diese dem ganzen germanischen und romanischen Mittelalter seit den Zeiten der Karolinger durchaus fremdartige Sitte dürfte die böhmische Chronik des Hagecius geben. Dieselbe erzählt, daß die Böhmen bereits im Jahr 1329 mit seltsamen Kleidern und mancherlei Farben zu stolziren angefangen hätten. „Da fingen auch die Ritter an lange Bärte zu tragen, da man sich vorher glatt trug, auch trugen etliche Knebel , den Hunden und Katzen gleich nach heidnischer Art.“ Damals stand Böhmen un- ter dem Scepter der Luxemburger, und so mag es nicht unwahr- scheinlich sein, daß ihre deutschen Ritter die böhmisch-slavische Sitte annahmen und in der Ritterschaft Deutschlands weiter ver- breiteten. Die Sitte muß noch tiefer gedrungen sein, denn im II. Das Mittelalter. Jahr 1356 verbot der Rath von Speier alle Bärte, gewiß ein Zeichen, wie sehr der Bart dem Geist des Mittelalters wider- spricht. Die genannte Chronik fährt dann fort: „Andere aber, da- mit sie ihre Mannheit lästerten, nahmen weibischen Gebrauch an, trugen lange Haare, kämmten und bleichten dasselbe naß an der Sonne. Etliche, die vor andern berufen und schön sein wollten, nahmen dann ein heißes Eisen, welches sie calanistrum nann- ten, brannten und drehten ihr Haar daran, und je schöner einer das konnte, je schöner er sich zu sein bedünkte.“ Wir haben diese stutzerhafte Pflege des Haars bei den Deutschen schon von früh an verfolgt; im funfzehnten Jahrhundert erkennt man sie auf allen Bildern. Die Form, in welcher man das Haar im vierzehn- ten Jahrhundert trug, unterscheidet sich von der gemäßigt langen und gelockten des dreizehnten nicht, und es ist als Ausnahme, locale oder doch beschränkte und vorübergehende Mode zu ver- stehen, wenn die Limburger Chronik zum Jahr 1380 berichtet: „Da ging es an, daß man nicht Haarlocken und Zöpfe trug, son- dern die Herren, Ritter und Knechte trugen gekürte (gekürzte) Haare oder Krullen, über die Ohren abgeschnitten, gleich den Conversbrüdern; da das die gemeinen Leute sahen, thaten sie es auch.“ Von den Bauern aber ist gewiß, daß sie das kurze Haar als Standesunterschied das ganze Mittelalter hindurch getragen haben. — Da die Gugel nicht immer getragen wurde, nament- lich nicht im Hause, und die Kaputze gewöhnlich auf dem Rücken lag, so blieb für die lockige Tracht des männlichen Haars auch noch der Schmuck der früheren Periode, Ringe, Reife, Kränze, Diademe, welche die Lockenfülle umfaßten und verhinderten, daß sie lästig ins Gesicht fiel. Der Mantel oder der Oberrock , welcher die männliche Tracht vervollständigt, konnte freilich nicht so der engen und kur- zen Mode folgen. Lange und weite Oberkleider blieben daher fortwährend in Gebrauch, nicht bloß bei den ehrbaren Leuten, die der Mode Opposition machten, sondern selbst bei Stutzern und insbesondere als Feierkleidung. Der Rittermantel blieb noch 2. Die Zeit des Luxus und der Entartung. immer das Ehrenkleid des Standes. Im Allgemeinen aber trat der Mantel schon seit dem dreizehnten Jahrhundert mehr und mehr vor dem Oberrock zurück, endlich fast bis zum völligen Ver- schwinden. Seine nahende Niederlage kündigte er dadurch an, daß er seinen eigentlichen Charakter zu ändern anfing, indem die Seiten auf der Schulter und später ganz herunter zugenäht wur- den, und er nunmehr glockenförmig über den Kopf gezogen oder geworfen werden mußte. Er wurde dadurch ein Mittelding zwi- schen Rock und Mantel. In dieser Form erhielt er den Namen Hoike ; so trugen ihn Männer wie Frauen. Die Limburger Chronik erwähnt ihrer nach dem Jahre 1351: „Auch trugen sie Hoiken, die waren all um rund und ganz. Das hieße man Glocken, die waren weit, lang und kurz.“ Gleichzeitig spricht sie von einer Art von Hoiken, die bis auf die Füße herabreichten und vorn von oben bis unten herab zugeknöpft waren. Hier war die Entfernung vom Mantel schon wieder um einen Schritt vergrö- ßert. Gefüttert waren die Mäntel und Hoiken mit aller Art von feinem Pelz, nach Stand, Vermögen und nach Zulaß der Klei- derordnungen, oder mit andersfarbigem Stoff von Wolle oder Seide. Das Wort Hoike ist arabischen Ursprungs. Mehr noch als der Mantel und sein Stellvertreter, die Hoike, war seit der Mitte des vierzehnten Jahrhunderts der Trappert als Oberkleid in Gebrauch. Es war aber eigentlich nur ein neuer Name für die alte Sache, obwohl auch diese sich formell geändert hatte. Der Trappert setzt den alten Oberrock fort, um später wieder der Schaube zu weichen. Das Wort selbst wird aus dem Celtischen hergeleitet und hat im Französischen, wo es schon früher als ein langes Obergewand vorkommt, seine spätere Form erhalten. Im Deutschen sagte man zu jener Zeit Trapp- hart, Trappert und Tappert. Alle Formen des Oberrocks wur- den damals mit diesem Wort bezeichnet, obwohl sich local auch schon die Schaube als Joppe und Juppe findet. Er ist von mä- ßiger Weite, über den Hüften gegürtet und — wenigstens am Ausgang des Jahrhunderts — bis zu den Füßen herabfallend, aber von hier aufwärts bis zum Gürtel gespalten, um das kostbare II. Das Mittelalter. Unterfutter zu zeigen. Der Rath von Ulm verbot sogar (1406) ihn noch länger zu tragen. Hier fällt die Stutzerhaftigkeit mit der Oberkleidung in das entgegengesetzte Extrem. In England war es damals unter der Regierung Richards II. und Heinrichs IV. ganz ähnlich: es wird geklagt, daß man die Männer nicht mehr in ihrem Aeußern von den Frauen unterscheiden könne. Aber es findet sich auch der Trappert kurz bis zum Knie und noch kürzer, ferner mit langen, weiten, bis auf den Boden fallenden Aermeln, und mit engeren, die bis zum Ellbogen zugeknöpft sind. Die Mannigfaltigkeit dieses Kleidungsstücks ist noch in beständigem Wachsen. Was der männlichen Kleidung dieser Zeit vor allem den Charakter des Phantastischen und Geckenhaften verleiht, das sind die s. g. Zatteln , eine Zerschneidung der Ränder in lange Zacken oder Lappen, oder ein Besatz mit denselben. Man begeg- net ihnen in Deutschland, wie wir gesehen haben, schon im drei- zehnten Jahrhundert, aber damals nur als einer Eigenthümlichkeit aller fahrenden Leute des Komödiantenwesens, der vagirenden Musiker, Jongleurs und andrer heimathloser Leute ihrer Art. Der Ritter und der Bürger verachtete diese Sitte. Allein schon in der ersten Hälfte des vierzehnten Jahrhunderts sind in der Provence, der Heimath der Romantik und der Liebesthorheiten, die Zatteln beim Ritterstande vollkommen eingebürgert. Die Herren der Liebeshöfe — wir haben eine Miniature vor uns — tragen die Gugel um die Schultern, von deren unterem Rand die Zatteln, lang und spitz, bis zum Gürtel herabfallen; selbst der Rand der Kaputze, wo er das Gesicht umfaßt, ist tief ausgezackt. Der kurze, enge Rock reicht kaum auf die Oberschenkel, aber die gezackten Lappen fallen bis gegen die Kniee herab. Von den Ellbogen reichen die Doppelärmel in langen, schmalen Schwänzen bis nahe auf den Boden. Ebenso zeigt sich die Mode in Deutsch- land bei den vornehmen Ständen seit der Mitte des vierzehnten Jahrhunderts, und der Rath zu Speier verbietet (1356) „die unter den Augen zerschnitzelten Kugelhüte“. Aber die Zatteln beschränken sich nicht auf die Gugeln und kurzen Röcke; Mäntel, 2. Die Zeit des Luxus und der Entartung. Trapperte, Hoiken, alle Arten der Oberkleidung werden von ihr ergriffen. Doch feierten sie ihre eigentliche Blüthezeit erst fünfzig Jahre später. Mit den Zatteln kamen auch die langen Aermel oder Flügel, auch geflügelte Aermel genannt, in Aufnahme und wuchsen mit ihnen im Uebermaß. Schon 1351 sagt die Lim- burger Chronik von dieser Tracht in Deutschland: „Herren, Ritter und Knechte, wenn sie hoffarten, so hatten sie lange Lappen an ihren Armen bis auf die Erde, gefüttert mit Kleinspalt oder mit Bunt (zwei edle Arten von Rauchwerk), als den Herren und Rit- tern zugehört und den Knechten als ihnen zugehört.“ Und weiter heißt es zum Jahr 1389: „Fürder trugen die Männer Aermel an Wammsen und an den Schauben und anderer Kleidung, die hat- ten Stauchen (Hängeärmel) beinahe auf die Erde. Und wer die allerlängsten trug, der war der Mann.“ Mit diesen Dingen ist die Zahl der Excentricitäten noch keineswegs erschöpft. Die böhmische Chronik erzählt noch von dem übermäßigen Knopfbesatz, von Halsbändern und ausgestopf- ten Brustlätzen der Männer, gleich Weiberbusen. Auch Peter Suchenwirt spricht davon als Gegenständen der Hoffart in dem Gedicht von den sieben Todsünden: „Baumwolle legst du dir vor,“ sagt er, „und ziehst dich ein in den Seiten, daß du schlank bist; du thust dir selbst weh und bist ein Spott, und machst dich anders als dich Gott nach seinem Bilde erschaffen hat. Früh und spät schmierst du dein Antlitz ein; deine Stirn glitzert und Salben durchziehen deine Wangen, daß du falscher Farbe Schein giebst. Auch fremdes Haar bindest du ein und machst deine Zehen anders, als sie dir Gott gegeben hat, lang, spitz und krumm wie des Teufels Nase.“ Damals fing man auch wieder an, den Schmuck in aller Gestalt am ganzen Körper zu tragen, an Haar, Hals, Hand wie an den Kleidern, an Gürteln, Taschen und Messern. Dann kamen zu den spitzen Schuhen auch noch die Schellen. Die Kleidung der Frauen unterliegt demselben Modegesetz; in völlig entsprechender Weise wie bei den Männern gehen die Veränderungen an den alten Stücken vor sich. „Wenn sie zu Falke , Trachten- und Modenwelt. I. 14 II. Das Mittelalter. Hof und Tänzen gingen,“ sagt die Limburger Chronik von ihnen in der Mitte des vierzehnten Jahrhunderts, „dann trugen sie zwei Kleider und das Unterkleid mit engen Aermeln.“ Gerade so war es im dreizehnten Jahrhundert. Nach einem Göttinger Gesetz durften nur die Frauen, welche der höchsten Vermögensclasse an- gehörten, die volle Kleidung tragen, und dazu gehörten ein Ober- kleid, ein Unterkleid und ein langer Mantel. Wenn wir noch das Hemd hinzurechnen, so haben wir damit die Hauptbestand- theile der weiblichen Kleidung. „Das oberste Kleid,“ so erzählt die Limburger Chronik weiter, „hieß ein Sorkett und war bei den Seiten von unten herauf- geschlissen und gefüttert, im Winter mit Buntwerk oder im Som- mer mit Sendel, das da ziemlich einem jeglichen Weib war.“ Diese Aufschlitzung ist eine neue Mode, die aber zu den vorüber- gehenden Erscheinungen gehört; sie sollte mehr Gelegenheit geben für die kostbare Pelzverbrämung und zugleich das untere Kleid sichtbar machen. Die Mäntel hielten sich in der alten Form mit der Schnur auf der Brust, welche die beiden Enden zusam- menhielt, bei den Frauen häufiger noch als bei den Männern, namentlich im bürgerlichen Stande, doch kommen daneben auch für jene die Hoiken und Trapperte in Gebrauch, von denen die letzteren, eine Umwandlung des Oberkleides, ein wenig später eintraten. Beide waren kürzer als die gewöhnlichen Mäntel, und diese Eigenschaft wahrscheinlich machte sie beliebt. Selbst den Mantel wollten die Damen kürzen und thaten es so sehr, daß der Rath von Straßburg ihnen verbot, ihn kürzer zu tragen denn ¼ Elle über den Knieen; auch den Gebrauch der Knabenmäntel untersagte er ihnen, wie schon früher der von Speier den Gebrauch der Männermäntel ihnen verboten hatte. Beides kann sich nur auf die beliebte Kürze beziehen. Im Uebrigen machte sich gerade das Bestreben zu langen Kleidern, oder vielmehr zu Schleppen geltend, welche damals in Mode kamen und noch heute nicht außer allen Gebrauch gekommen sind, sondern zu Zeiten, wie bekannt, Hofdienste zu verrichten haben. Die Schleppe ist ein Erzeugniß des extra- 2. Die Zeit des Luxus und der Entartung. vaganten Geistes im vierzehnten und fünfzehnten Jahrhundert, und es kann daher ziemlich gleichgültig sein, von wo man ihren Ursprung herleitet. Sie ist nicht auf einmal in voller Größe als ein fertiges Geschöpf der Laune in’s Dasein gerufen worden — so kühn ist die Mode nicht —, sondern allmählig aus dem reichen Stoff, der weit und faltig schon im dreizehnten Jahrhundert die Füße der Damen umfloß, hervorgewachsen. Aber bereits im Anfang des vierzehnten muß sie in Frankreich durch ihre Größe auffallend gewesen sein, denn als sich Kaiser Heinrichs VII. Sohn Johann, der nachherige König von Böhmen, mit der französischen Prinzessin Elisabeth im Jahr 1310 zu Speier vermählte, trug sie „ein sehr langes Kleid nach französischer Mode.“ In Deutschland aber erregte sie erst im Beginn des fünfzehnten die Aufmerksamkeit der über das Wohl ihrer Bürgerinnen eifrigst wachenden städti- schen Lenker. Selbst fürstliche Damen scheinen noch längere Zeit dieser Mode sich entzogen zu haben. Die Damen z. B., welche der Familie des Burggrafen Friedrich V. von Nürnberg angehö- ren (um 1400), wie sie auf dem Wandgemälde im Kloster Heils- bronn in knieender Stellung abgebildet sind, haben offenbar Kleider ohne Schleppen; man sieht die Füße mit spitzen Schnür- schuhen und noch einen Theil der weißen Strümpfe. Der Rath von München ist der erste, welcher der Schleppe eine bestimmte Länge vorschreibt; nur die Breite eines Fingers erlaubt er. Der Rath zu Ulm gestattet einige Jahre später doch schon ein viertel Elle, die er freilich sechs Jahre darauf wieder auf die Hälfte beschränkte. Die Obrigkeit von Modena gestattete da- mals ein ganze Elle, aber sie hielt hierauf mit solcher Strenge, daß sie ein in Stein gehauenes Modell zu dem Ende öffentlich aufstellte, damit die verdächtigen Schleppen der Damen sofort daran gemessen würden. In Frankreich existirte die Schleppe schon um die Mitte des vierzehnten Jahrhunderts in ihrer aus- gebildetsten Gestalt, wonach sie einer besondern Person zum Tra- gen bedarf. Eine Miniature zeigt eine Dame, die ihr langes Oberkleid an den Seiten von unten auf in zwei Theile gespalten hat: die vordere Hälfte trägt sie selbst auf dem linken Arm, die 14* II. Das Mittelalter. hintere eine Dienerin oder Hofdame. Die bekannte bayrische Isabella, Karl’s VI. Gemahlin, soll vorzugsweise diese Mode in Frankreich allgemein gemacht haben. Das geschah so weit, daß der Ritter de la Tour schon Klage führt, wie Dienerinnen und Frauen von niederm Stande das mit Pelzwerk besetzte Schleppkleid angenommen haben, freilich sehr unpassender und unzweckmäßiger Weise, denn, sagt er, „sie haben sich hinten be- schmutzt, gerade wie die Schafe ihre Schwänze.“ In England schrieb unter Richard II. bereits ein Geistlicher eine Abhandlung gegen die Schleppen der Damen. Zu ihrer Hofrolle kamen sie durch die burgundische Etiquette. Endlich konnte auch Deutsch- land nicht zurückbleiben. Im Städtchen Kreuzburg sollen schon im Anfang des fünfzehnten Jahrhunderts die adligen Damen ge- schwänzte Röcke getragen haben, vier bis fünf Ellen lang, so daß Knaben die Schleppen nachtragen mußten. In diesem Städtchen scheint die Obrigkeit weniger von Polizeimoral erfüllt gewesen zu sein. Uebrigens erlaubten der Kurfürst Ernst und der Herzog Albrecht von Sachsen in ihrem Erlaß von 1482 ordnungsmäßig allen Ritterfrauen und Ritterfräulein zwei volle Ellen. Wenn die Frauenkleidung mit der Schleppe in Vergleich zu der männlichen eine entgegengesetzte Tendenz zu verfolgen scheint, so stimmt sie um so mehr in der Enge überein. Neu ist das bei den Frauen nicht, denn wir wissen, wie gerade diese Neigung die Frauenkleidung im zwölften und dreizehnten Jahrhundert von der alten Formlosigkeit befreit. Was aber damals Grazie und freie Beweglichkeit verlieh, das führte jetzt, in’s Extrem getrieben und mit andern Uebertreibungen vereinigt, zu Mißgestalten, ver- hinderte die Leichtigkeit, Elasticität und Freiheit und raubte die Anmuth, abgesehen von dem Anstand und der Sittlichkeit, wel- chen Punkt die Weisheit und das Gewissen der städtischen Behör- den vor allem in’s Auge faßten. Wenn damals eine vornehme Dame oder eine wohlhabende Bürgerin zu Hause nur ein einziges Kleid trug, so lag dieses am ganzen Leibe und selbst noch um den Unterleib in voller Enge an. Der Körper zeigte sich in seiner natürlichen Form. Erschien sie 2. Die Zeit des Luxus und der Entartung. öffentlich, oder ging sie zum Besuch, zum Tanz, zum Turnier oder zu einem andern Fest, so saß auch das in diesem Fall nothwen- dige Oberkleid in gleicher Enge um den Körper, mit Ausnahme der Aermel, welche weit geöffnet sind und, mit Zatteln versehen, tief herunterfallen. Diese Enge konnte schon durch den bloßen Schnitt des Kleides hergestellt werden, wodurch freilich das An- ziehen eine schwierige und unbequeme Sache wurde; es wird ver- sichert, daß eine Dame allein nicht dazu im Stande gewesen sei: sie bedurfte der Hülfe, was im ähnlichen Fall auch von den Män- nern gilt. Um dieser Unbequemlichkeit auszuweichen, war der Knopfbesatz erfunden worden. Die Frauen bedienten sich dessel- ben in ausgedehntem Maße. Sie schnitten die Aermel des untern Kleides bis zum Ellbogen auf und engten sie mit Knöpfen wieder ein; sie schlitzten das Kleid vorn von oben an bis tief herunter auf den Leib und setzten längs des Ausschnittes Knopf an Knopf. Das allein schien nicht zu genügen, und man nahm die schon bekannten Schnürsenkel zu Hülfe, oder ersetzte die Knöpfe ganz dadurch. Vorzugsweise aber wurden sie an den Seiten angewen- det, und weder das untere noch das obere Kleid noch das Hemd waren davon ausgenommen. Ja es scheinen bereits besondere Leibchen, gleich der spätern Schnürbrust, zu diesem Zweck in Ge- brauch gewesen zu sein. „Hinfüro soll sich keine Frau mehr schürzen mit ihren Brüsten, weder mit Hemden noch gebrisen (geschnürten) Röcken, noch mit irgend einem andern Gefängniß ,“ so schreibt der Rath zu Straßburg vor (1370). Die Ulmer Ordnung von 1426 verbietet sammtene oder seidene „Preise“ (von brisen, schnüren). Diese Einengung der Kleider hatte für den Frauengürtel dieselbe Folge, wie für den der Männer: er wurde überflüssig und dann als ein über die Hüften herabhängender Schmuck getragen in derselben Weise, wie wir oben bei den Männern den Dupfing beschrieben haben. Diesen Namen führte er auch bei den Frauen. Die gleiche Sorge wie die Einengung des Körpers machte den Gesetzgebern die immer stärker werdende Decolletirung. Das ganze Mittelalter hindurch hatten die Frauenkleider Brust und Schultern verhüllt und nur den Hals unbedeckt gelassen; mit II. Das Mittelalter. andern Moden war auch diese ein Erzeugniß des vierzehnten Jahr- hunderts. Schon in der Mitte desselben trugen die Frauen den Ausschnitt so tief, daß man die halben Brüste sah. Die Kleider- gesetze, eines nach dem andern, suchen umsonst das wachsende Uebel zu beschränken und vergebens schreiben sie aufs genauste die Größe des Hauptloches vor und auf Fingerbreite, wie weit das Kleid auf den Achseln aufliegen soll. Es war ein Kampf wider Wind und Strom. Mit dieser Neigung zu decolletiren, ist die Umwandlung, welche gleichzeitig die Haartracht erlitt, in Verbindung zu setzen. Um die blendende Weiße des Nackens und Rückens zur vollen Geltung zu bringen, mußten die langen, wallenden Locken, wie sie noch im Beginn des vierzehnten Jahrhunderts, selbst bei verheiratheten Damen, über die Schultern und den Rücken herabflossen, ihrer Freiheit beraubt werden. Der einen Schönheit wurde die andere zum Opfer gebracht. Es wurde, wie wir schon am Schluß des vorigen Capitels angedeutet haben, allgemeine Sitte, das Haar aufzubinden; nur Jungfrauen vornehmsten Standes, unverhei- rathete Prinzessinnen und zuweilen auch verheirathete Fürstinnen machen eine Ausnahme zu Gunsten der alten Mode des langen Lockenflusses. Gewöhnlich ist das Haar über der Stirn gescheitelt und in zwei Zöpfe geflochten, welche zu beiden Seiten um die Ohren gelegt sind. Jungfrauen ließen auch wohl die Flechten herunterhängen; Frauen war das z. B. vom übersorgsamen Rath zu Speier ausdrücklich verboten worden. In der Art, wie die Flechten gelegt, wie sie auf dem Kopfe befestigt oder mit einigen kleinen Locken an der Wange verbunden, namentlich aber, wie sie mit Schmuck versehen wurden, blieb dem individuellen Geschmack der Frauen noch vieles überlassen. Zuweilen konnten auch ge- gründete Zweifel über die Aechtheit der Zöpfe entstehen, denn der Rath von Straßburg sieht sich gar genöthigt, das falsche Haar zu verbieten. Ein schöner, ächter Frauenzopf konnte aber hoch gefeiert werden, wie es jenem geschah, den sich einst eine schöne Frau für einen Herzog von Oesterreich abschnitt. Der Herzog stiftete ihm zu Ehren eine ritterliche Gesellschaft, genannt „vom Zopf.“ 2. Die Zeit des Luxus und der Entartung. Mit solcher Haartracht konnte auch erst die Haube zu größerer Bedeutung gelangen, und sie verdrängt daher in mannig- facher Gestalt allmählig den alten, schönen Kopfputz, und die kleinliche Weisheit und das besondere Schönheits- und Anstands- gefühl der Gesetzgeber trug durch ausdrückliche Verbote dazu bei. Die Schapel aller Gestalt, die goldenen Reife und Kronen und Diademe, die Juwelen- und Perlenkränze, die früher den freien, fliegenden Locken zum Zügel gedient hatten, weichen den ver- hüllenden Hauben oder den andern abenteuerlich mißgestalteten Kopfbedeckungen. Die Kronen, früher ein allgemein ritterlicher Schmuck, werden allmählig ein Vorrecht fürstlicher Damen, von denen die verheiratheten sie über Schleier und Haube tragen. Vor allen ist es die Gugel , welche in ihrer ganzen Unform auf die Frauenwelt übergeht. Früher legte sie eine noble Dame wohl auf der Jagd um oder auf Reisen oder beim Reiten, um vor schlechtem Wetter sich zu schützen; bald aber wurde sie ihre ge- wöhnliche Tracht, wenn sie sich öffentlich zeigte. Die Kaputze hing nicht bloß auf dem Rücken des Scheins wegen und bunt gefüttert, wie wir heute die alte Mode als vorübergehenden Einfall erneuert gesehen haben, sondern es heißt in der Limburger Chronik (1389): „Die Kogeln stürzte eine Frau auf ihr Haupt und stunden ihnen vorn auf zu Berg über das Haupt, als man die Heiligen malet mit den Diademen.“ Die Gugeln der Damen wurden ebenfalls um das Gesicht ausgezackt und mit Zatteln versehen; sie waren buntfarbig, aus verschiedenen Streifen zusammengesetzt, mit Gold, Silber, Edelsteinen und Perlen verziert, und hinten hin- gen die langen, bunten Schwänze ein, zwei Ellen herab. Nächst der Gugel wurde von verheiratheten Frauen beson- ders häufig der „Kruseler“ oder die „Hulle“ getragen, eine Haube, deren Namen sich aus ihrer Beschaffenheit erklärt. Sie verhüllte den ganzen Kopf und umschloß das Gesicht mit mehrfach über einander gelegten, zackig eingebrannten Krausen von feinem, viel- leicht klarem Stoff, der sich noch mit besondern Wülsten auf die Schultern herabsenkte oder sie rings der Gugel ähnlich um- schloß. Man kann sie überhaupt sich aus der Gugel in der Weise II. Das Mittelalter. entstanden denken, daß die Kaputze, mit Aufgebung von Schwanz und Spitze, sich eng um den Kopf anschloß. Der Rath von Speier verbot (1356), daß der Kruseler mehr als vier solcher Striche über einander haben sollte; der zu Frankfurt erlaubte ihrer sechs. Auch Fürstinnen trugen diese Hauben und Kronen darüber, auch mehr in Art eines in Krausen eingebrannten Schleiers. In besonders hoher Gunst stand der Schleier , sei es, daß er für sich allein den Kopf umhüllt, oder mit Haube und Kinn- tuch in Verbindung steht. Auf Feinheit und Güte des Stoffs wurde ein großer Werth gelegt. Ob er von Seide oder Baum- wolle war, ob von so oder soviel Fäden in der Breite, ob sein Endbesatz lang und zart, oder kurz und dick gewirkt war — das konnte die Geschlechterin von der Handwerksfrau unterscheiden. Neben den langen Hängeärmeln, die einfach gezattelt auf den Boden fielen, neben den spitzen Schuhen und andern Din- gen konnte die Eitelkeit einer Dame noch Befriedigung finden an dem nun in reichlichem Maße wieder auflebenden Schmuck . Was in alten Zeiten ein Zeichen einer niedern, noch ringenden Civilisation gewesen war, das kann jetzt als Merkmal der Ueber- feinerung, eines verbildeten Geschmacks betrachtet werden. Den Schmuck faßten die Kleiderordnungen zuerst ins Auge, weil die bürgerliche Existenz, der Vermögensstand des Einzelnen dadurch am ersten gefährdet werden konnte. Ueberall auch, am Körper wie an der Kleidung, wußten die Frauen Schmuck anzubringen. Perlenkränze schlangen sie nicht bloß durch das Haar, sie um- wanden selbst die ungestalteten Gugeln damit, deren weiterer Schmuck aus edlem Metall, Juwelen, silbernen und goldenen Schnüren bestand. Der freie Hals mit der Brust wurde ein Fa- voritplatz für Perlen und Metallbänder; golden und silbern waren auch die Schnürsenkel; Ringe trug man in großer Zahl, freilich auch oft nur soviel die Obrigkeit erlaubte. Die langen Aermel, die Kleider wurden ober- und unterhalb des Gürtels, dessen wir als kostbarsten Schmuck schon oben gedachten, mit Perlen und Juwelen, deren Aechtheit freilich vielfach Zweifeln 2. Die Zeit des Luxus und der Entartung. unterlag, übernäht und mit edlen Metallen geschmückt. Auch die zahlreichen Knöpfe waren nicht immer gemeinen Stoffes und dienten ebenso zum Schmuck wie zur Einengung. Die sonstige, außer dem reichen Pelzwerk zum Futter und zur Verbrämung oft weniger kostbare Verzierung der Kleider ver- räth schon mehr den sich an Seltsamkeiten erfreuenden Modesinn. Die großgemusterten Stoffe beginnen in Aufnahme zu kommen; man stickte mit Seide oder mit Gold die Muster hinein, Vögel und andere Thiere, auch Buchstaben mit bestimmtem Sinn, z. B. in vielfacher Wiederholung das beliebte Wort amor. Wir wer- den auch diese Liebhaberei später gesteigert wieder antreffen. Im Gebrauch der Schönheitsmittel stand diese Pe- riode nicht hinter der vorhergehenden zurück. Die oben mitge- theilte Erzählung des Ritters de la Tour-Landry giebt das Nähere darüber. Aus Peter Suchenwirt wissen wir, daß auch die jungen Herren es damals machten wie die Damen. — Um den ganzen Zustand des Modewesens, wie er sich in Deutschland etwa seit der Mitte des vierzehnten Jahrhunderts bis gegen das Jahr 1380 mit seiner bunten Mannigfaltigkeit, auch mit seinen Thorheiten herausgebildet hatte, in einem Ge- sammtbilde zusammenzufassen, theilen wir ein paar gleichzeitige Schilderungen mit. Die ältere derselben hat das glückliche Wien und seine Umgegend vor Augen, wo schon ein Jahrhundert früher der Bauernstand in seltsamer Geckenhaftigkeit einherstolzirt war. Die Stelle lautet: „Jeder kleidete sich nach seinem Eigendünkel; einige trugen Röcke von zweierlei Tuch. Bei andern war der linke Arm weiter als der rechte, ja sogar bei manchen weiter als der ganze Rock lang war. Andere hatten beide Aermel von solcher Weite, und wieder manche zierten den linken Aermel auf ver- schiedene Weise, theils mit Bändern von allerlei Farben, theils mit silbernen Röhrlein an seidenen Schnüren. Dann trugen einige auf der Brust einen Tuchfleck von verschiedener Farbe, mit silbernen und seidenen Buchstaben geziert. Wieder andere trugen verschiedene Bildnisse auf der linken Seite der Brust, und endlich wickelten sich andere ganz mit seidenen Ringen um die Brust ein. II. Das Mittelalter. Wieder andere ließen sich die Kleider so eng machen, daß sie solche nicht anders als mit Hülfe anderer oder mittelst Auflösung einer Menge kleiner Knöpflein, womit die ganzen Aermel bis auf die Schultern, dann die Brust und der Bauch ganz besetzt waren, an- und ausziehen konnten. Andere trugen Kleider, die um den Hals soweit ausgeschnitten waren, daß man ihnen einen ziem- lichen Theil von der Brust und dem Rücken sehen konnte. Einige faßten den Saum der Kleider mit andersfarbigem Tuch ein; an- dere machten statt der Einfassung viele Einschnitte in die Enden der Kleider (Zatteln). Man fing durchgehends an, Kaputzen an den Kleidern zu tragen, und deßwegen hörte damals die vorhin gewöhnliche Haubentracht der Männer auf, woraus man unter den Weltlichen die Juden und die Christen unterscheiden konnte. Manche trugen weniges Haar, andre theilten dasselbe wie die Juden oder flochten es wie die Ungarn oder Cumanen. Die Mäntel wurden so kurz gemacht, daß sie kaum auf die Hüften reichten. Man verkürzte an den Oberröcken die Aermel um so viel, daß sie nur bis an die Ellbogen reichten, von da aber ließen sie einen Lappen wie ein Fähnlein herunterhängen.“ Die andere Stelle, deren wir schon oben gedachten, ist die Schilderung der böhmischen Trachten im Jahre 1367. „Zu der Zeit haben die Böhmen anderer fremder Nationen schändlichen Gebrauch in der Kleidung und Gemüthe an sich genommen und sind von dem Wege ihrer Vorfahren gar weit geschritten. Denn nachdem sie zuvorhin feine, ehrliche, lange Kleidung bis unter die Kniee oder von den Knieen bis halb an die Erden zu tragen gepflogen, ließen sie sich dazumal gar kurze und abscheuliche Röck- lein machen, darinnen sich keiner mit Ehren bücken mögen, und also enge, daß man darinnen kaum den Athem haben konnte. Etliche trugen dieselbigen Leibröcklein mit Senkeln zusammenge- knüpft und vorne mit sehr vielen Knöpfen zusammengeknäffelt. Desgleichen sind die Aermel sehr eng und also voller Knöpfe ge- wesen, daß an der ganzen Länge eines Aermels ein Knopf an dem andern befestigt war. Etzliche aber und besonders diejenigen, so etwas Vornehmes sein wollen, hatten an einem Kleid in die fünf, 2. Die Zeit des Luxus und der Entartung. auch wohl sechs Schock Knöpf und dermaßen eingepreßt, daß sie sich nicht bücken oder die Erden mit der Hand berühren mögen. Die Rittermäßigen ließen sich auf gemeldte Röcklein über die Lenden von Tuch anderer Farben Sträme, gleich als Rittergürtel aufziehen. Etzliche trugen auch auf der Brust mit Baumwollen gefütterte und ausgefüllte Brustlätze, auf daß es ein Ansehen ha- ben müßte, gleich als wenn der Mann so wohl gebrüst wäre als eine Weibsperson, und pflegten also dieselbigen falschen Brüste, Bäuche gar sehr einzuschnüren. Kurz vor diesem pflegte man eine ehrliche Kappe oder Gugel von sechs oder sieben Ellen Tuchs zu tragen, aber dazumal trugen die Böhmen feine geschmeidige Käpplein oder Guglichen, also daß aus einer Ellen Tuch mehre werden konnten. Um den Hals herum trugen die Reichen einen silbernen Text und die Armen einen zinnernen, und hatten also beschlagene Krägen nicht anders als die englischen oder Schaaf- hunde, damit ihnen die Wölfe nicht Schaden thun sollten. Ein Theil trugen dieselbigen Hauptkäpplein ganz zugeknäffelt von der Unterkehle an über die Nase bis an das Gesicht ganz zugemacht oder mit silbernen Spangen zusammengeheftelt, gingen also herum, machten das Antlitz nicht eher auf, bis sie essen und trin- ken sollten. Darnach pflegten sie auch dieselbigen Käpplein zu tragen, oben auf dem Kopf über sich mit Trollern. Die Schuhe, so sie antrugen, waren von rothem Leder, mit langen Spitzen gleich den Storchsschnäbeln gemacht, daß man nicht geraum da- rinnen gehen können. Also ist dazumal das Böhmerland mit der fremden und schändlichen Tracht häßlich verderbt worden, und hatte eine unerhörte Hoffart überhand genommen.“ Daß diese Thorheiten der Mode, welche um das Jahr 1380 noch lange nicht ihren Höhepunkt erreicht hatten, auch in mehr- facher Weise Opposition gefunden, haben wir bereits oben darge- legt. Es bestand aber dieselbe nicht bloß in der väterlichen, sitten- meisternden Fürsorge der Stadtobrigkeiten oder in den gelegent- lichen Strafpredigten der Geistlichkeit, wie in den Ergüssen didac- tisch-satirischer Dichter, sondern sie ist ebensowohl an den Trachten selbst und vorzugsweise auch bei den höheren Ständen erkenn- II. Das Mittelalter. bar. Nicht ehrwürdige Matronen sind es, die wir vor Augen haben, solche, welche, der Welt- und Jugendlust entsagend, sich nonnenhaft in weite, faltig gegürtete Kleider hüllen, und den Kopf mit Haube und Kinntuch bis auf das Gesicht dem Anblick entziehen und keinerlei Form des Körpers erkennen lassen; nicht Greise, die mit dem Leben abgeschlossen haben und vor dem frie- renden Alter sich mit warmen, langen Gewändern decken: son- dern Damen, Fürstinnen und Edelfrauen, die noch in der Blüthe der Schönheit und der Fülle des Lebens stehen und dem Schmuck, dem Reichthum und einem reizend anmuthigen Aeußern nicht ent- sagen wollen, aber allen Thorheiten und Extravaganzen wider- streben. Sie folgen der Mode in ihren Hauptrichtungen; wenn sie sich decolletiren, so wahren sie die Gränzen des Anstandes; wenn sie die Kleider sich den Formen des Körpers anschmiegen lassen, so pressen sie denselben nicht ein und verderben nicht mit der Freiheit die Anmuth zugleich; sie heben und zeigen nur die Schönheit des Wuchses. Wir haben viele Bilder dieser Art vor Augen, mehr noch englische und französische als deutsche, denn in Deutschland war es von jeher so, daß man gern die aus der Fremde gekommenen Moden ins Uebermaß verkehrte. Aber auch hier sind sie häufig zu finden. S. Kunst und Leben, Heft 11. Bl. 3. „Katharina von Oesterreich.“ Auf dem Haar, das nach alter Weise in aufgelöseten Locken über den unverhüllten Nacken herab- wallt, sitzt eine keineswegs steife Krause mit dem Schleier, der nach hinten herabfällt; auf beiden ruht die Krone. Das Kleid, mit mäßigem Ausschnitt rund umher Nacken, Schultern und einen Theil der Brust entblößend, schmiegt sich dem Oberkörper an, aber unterwärts fällt es in reichen Falten herab. Ein breiter Streifen, meist goldgewirkter Stoff oder Hermelin, zieht sich vorn von der Brust herab, und quer darüber legt sich um die Hüften der reiche Gürtel von geschlagenem, gegliedertem Metall. Ein weiter Mantel, dessen beide Haften auf der Brust durch eine breite Borte verbunden sind, hängt lose um die Schultern und fällt auf den Boden herab; ein kostbarer Hermelinstreif, der unten 2. Die Zeit des Luxus und der Entartung. fußbreit ist, bildet die Säume. Denken wir uns auch mit Her- melin oder anderem edelen Rauchwerk, Zobel oder Veh oder Kleinspalt, den goldbrokatnen Stoff unterfüttert, den Hals von Perlschnüren umwunden, und andere sich durch das Haar schlin- gen — dann haben wir in einer solchen Dame ein Musterbild, das an Reichthum und nobler Eleganz eine würdige Vertreterin des höchsten Standes ist, und eine Tracht, die an wahrer Schön- heit nicht leicht zu übertreffen ist. Noch reicher und doch ohne eine Spur von Ueberladung wußten damals die englischen und französischen Damen diesen Anzug zu machen, indem sie über dem Kleid noch ein kostbares Leibchen trugen, welches, halb hängend, halb anschmiegend, ge- eignet war die Schönheit des Wuchses zu heben, indem es in gleicher Weise zeigte und errathen ließ. Dieses Leibchen, das nicht höher zum Halse hinaufging als das Kleid und eben über die Hüften sich herabsenkte, war gewöhnlich ohne Aermel und meist an den Seiten unter den Achseln tief ausgeschnitten. Häufig bestand es ganz aus Hermelin, oder aus Gold- und Silberstoff, an allen schön geschweiften Säumen von Hermelin umzogen. Oft scheint es nur das Gerippe eines Kleidungsstückes zu sein, indem diese Pelzstreifen allein dasselbe bilden, welche, auf der Brust mit einander befestigt, von den Schultern herab um die Hüften und wieder aufwärts zum Rücken laufen. In Deutschland erscheint dieses Leibchen ohne Vergleich seltner, und kaum je im Bürger- stande. Aber angesehene Geschlechterinnen der deutschen Städte hul- digen ähnlichem Geschmack, und vermeiden die Uebertreibungen, ohne der Mode zu entsagen. So die Gudela von Holzhausen, eine vornehme Frankfurterin S. Kunst und Leben, Heft 2. Bl. 1. , die auf ihrem Grabstein gleich einfach und natürlich mit Mantel und Rock bekleidet ist, von de- nen sich der letztere ohne steifmachende Einengung dem Oberkör- per anlegt. Ihr Gemahl repräsentirt den vornehmen Städter in gleichem Sinne. Er trägt den anliegenden Rock, der von oben II. Das Mittelalter. bis unten gespalten und mit kleinen Knöpfen geschlossen ist. Ebenso die Unterarme. Aber der Rock reicht bis zum Knie und die Enge erscheint nicht übertrieben. Der lange Mantel ist auf der rechten Schulter geknöpft und hängt bis auf die Füße herab; eine Gugel liegt locker um die Schultern. Von ähnlichem Geiste getragen erscheinen zwei Mitglieder des Lübecker Patriziats, der Rathmann Johannes Klingenberg (gestorben 1356) und der Bürgermeister Bruno von Warendorp (gestorben 1369), deren Bilder, in kostbare Bronceplatten lebensgroß eingegraben, sich in der Petri- und Marienkirche zu Lübeck befinden. Ihnen reichen die Röcke fast bis auf die Füße herab. Von unten her sind sie in der Länge des Beines vorn aufgeschnitten und nicht ohne Schmuck; am Oberkörper liegen sie in ziemlicher Enge an, beim Bruno von Warendorp selbst mit Knopfbesatz bis zum hängenden Gürtel herab. Die Gugel, die der ältere Klingenberg trägt, hat sich bei dem andern in einen kleinen Schulterkragen mit kurzen Zacken, den Goller, verwandelt. Die Schuhe, oben mit einem Ausschnitt und mit einem an der Seite festgeschnallten Riemen, bedecken den Fuß in natürlicher Form ohne Spitze. — b. Die Thorheiten der Mode: Hängeärmel, Schellen, Schnabelschuhe und Farbenallegorie. Während die in Letzterem geschilderte reiche, noble und doch einfache Kleidung noch länger unter den höchsten Schichten der Gesellschaft, an Fürstenhöfen mehr noch als beim städtischen Pa- triziat, Freunde und insbesondere Freundinnen findet, selbst so lange, bis sie mit den Trachten der Reformationszeit zusammen- fließt, — währenddeß wächst die Lust am Barocken, am Narren- haften selbst, auf Kosten der Schönheit, der Bequemlichkeit und des gesunden Menschenverstandes noch ununterbrochen. Solche Zustände, wie sie oben von Wien und Böhmen geschildert wor- den sind, stehen noch lange nicht auf der Höhe des Zeitgeschmacks. Ehe wir aber zu den feinsten und charakteristischsten Blüthen des- selben, Schellen und Schnabelschuhen, übergehen, wollen wir die 2. Die Zeit des Luxus und der Entartung. Veränderungen selbst darlegen, welche an den Trachten in dersel- ben Zeit vor sich gingen, als jene Moden culminirten, gegen das Jahr 1400 und in den nächstfolgenden Jahrzehnten. Von vorn herein müssen wir darauf Verzicht leisten, diese bunte Welt in ihrem ganzen Reichthum erschöpfend darstellen zu wollen. Wie in allen Dingen der Einzelne dem Althergebrachten und Allgemeingültigen entgegentrat und sich vom Gesetz loszu- ringen suchte, so schien auch auf diesem Gebiet, der unerbittlichen Mode zum Trotz, die individuelle Laune allein die Herrschaft zu führen. Dem erfinderischen Kopf des einzelnen Modenarren — es ist das eben der Charakter dieser Zeit — blieb alles überlassen. Und so schoß eine so außerordentliche Menge verschiedenartiger Formen hervor — „als vor niemals ist gehört worden“, sagt die Chronik —, daß allein noch die nächstfolgende Zeit, die zweite Hälfte des funfzehnten Jahrhunderts, siegreich damit zu wetteifern vermag. Der Versuch würde vergeblich sein, ein Bild dersel- ben in Worten zu geben, da sie eben wegen ihrer Absonderlich- keit, man kann oft sagen wegen ihrer Formlosigkeit, sich aller Beschreibung entziehen. Indessen wie willkürlich auch immer er- sonnen, wie widerspruchsvoll dem Anscheine nach, sind und blei- ben sie doch Kinder ihrer Zeit, aus demselben Geiste geboren und folgen seinen Gesetzen. Diese bilden den Ariadnefaden, an wel- chem wir uns in diesem Labyrinth des funfzehnten Jahrhunderts zurecht finden wollen. — In der Männerwelt blieb bei der gewöhnlichen Kleidung die Enge und Kürze das allgemeine Bestreben wie bisher in mög- lichst gesteigertem Maße. Denn der vorn zugeknöpfte Schecken- rock, der nach wie vor die gewöhnliche Tracht des Mannes blieb und ohne Oberkleid getragen wurde, wenn nicht die Kälte oder besondere Veranlassung dazu nöthigte, erreichte in den beiden letzten Jahrzehnten des vierzehnten Jahrhunderts nicht mehr die Oberschenkel. Da sich nun das lange Beinkleid aufs allerengste anlegte und jedes Glied zwar verdeckte, aber in seiner Form aufs genauste markirte, so lag einer ehrbaren Obrigkeit damaliger Zeit eine Verordnung nicht fern, wie sie im Jahr 1390 zu Constanz II. Das Mittelalter. erlassen wurde, daß „wer in einem bloßen Wamms zum Tanz oder auf der Straße gehe, der solle es erbarlich machen und seine Scham hinten und vorne decken, daß man die nicht sehe.“ Nur an den Aermeln erlitt die Schecke alsbald eine Veränderung, in- dem sich dieselben von den Schultern ab erweiterten, und offen und weit um die Arme flatterten. Unter ihnen aber erscheinen andere völlig enge Aermel, welche am Handgelenk schließen und mit einem oft gezackten Vorstoß die Hände bis zu den Fingern bedecken. Dieser Vorstoß konnte manschettenartig zurückgeklappt werden. Es ist möglich, daß die offenen Oberärmel nur ein über- flüssiger Behang des Rockes waren, aber es erscheinen auch die untern einer westenartigen Jacke, dem Wamms, zugehörig, an welches das Beinkleid auf den Hüften mit Nesteln und Bändern befestigt war — eine Tracht, wie sie an Werkleuten bei der Ar- beit, bald aber auch bei vornehmen Leuten zum öftern sichtbar wird. Die weiten, offenen Aermel , zunächst noch der Schecke, dann dem Trappert angehörig, machen in den nächsten Jahr- zehnten, gleichmäßig an Männern wie an Frauen, eine ganze Reihe von Lebensschicksalen durch. Zuerst erweitert sich die Oeff- nung in dem Maße, daß die Ränder auf den Boden fallen. Mit dieser Masse von Stoff, nicht selten noch schwer mit Pelz gefüt- tert, die vom Arm herunterhing, war jede Bewegung desselben so gehindert, daß ein Auskunftsmittel nöthig war. Man fand es, indem man den Aermel vorn der Länge nach aufschnitt, sodaß die Masse nunmehr von der Schulter herabfiel. So war es aber eigentlich nur ein breiteres oder schmäleres Stück, auf der einen Seite Sammet, Seide oder Wolle, auf der andern Hermelin oder sonstiges Rauchwerk, welches von der Schulter herab nach hinten auf den Boden fiel und nachschleppen konnte, soweit es nicht vom Gesetz beschränkt war. Beider Formen, der offenen Aermel wie der hängenden, bemächtigte sich die Zattellust , indem die Ränder mit tieferen oder kürzeren Einschnitten versehen oder mit blatt- oder federartig umzackten Bändern besetzt wurden. Von solchen Bändern wurde oft eine Reihe über die andere gesetzt. 2. Die Zeit des Luxus und der Entartung. Sie waren von Seide, gewöhnlich von anderer Farbe als das Kleid, zuweilen mit Pelz gefüttert und mit kleinem Schmelzwerk, mit Perlen und anderm Zierrath benäht. So sehr wurden die Zatteln ein Liebling der Mode, daß sie selbst der Ritter in der Rüstung nicht entbehren mochte; nicht selten sehen wir sie hell- farbig zu allen Fugen herausdringen und bis auf den Boden hin den Eisenmann umwallen. Seit dem Jahr 1420 etwa bildete sich noch eine andere Art von Hängeärmeln aus, die man Sackärmel nennen könnte. In der That sind es vollkommene Säcke, welche von den Schultern bis gegen den Boden herabreichen. Die Arme ruhten verborgen in ihnen; nur oben hatten sie ein kleines farbig oder mit Pelz- werk gefaßtes Loch, aus welchem bloß die Hände, höchstens auch die Unterarme sich sehen ließen. Bei heftigen Bewegungen, wie z. B. bei dem unter Männern und Frauen beliebten Ballspiel, wurden die hängenden Säcke oben am Körper befestigt. — Alle drei Formen der Hängeärmel, obwohl nach einander entstanden, wurden noch neben einander getragen. Die Sackärmel trug der Mann nicht mehr am Scheckenrock, denn dieser war zu derselben Zeit, in der ersten Hälfte des funf- zehnten Jahrhunderts, unter den mannigfachen Formen des Trap- perts eine kurze Zeit verschwunden, um in neuen Gestalten wieder aufzuleben. Gegen das Jahr 1400 hatten sich die langen und weiten Oberkleider wieder mehr Geltung verschafft, und wie man einerseits sich möglichst kurz, knapp und gespannt kleidete, prunkte man andrerseits wieder mit einer Ueberfülle von Stoff. Wenn wir aber vom Gebrauch des Trapperts in seiner Bedeutung als Paletot absehen, so galt die Mode mehr an Fürstenhöfen und im Hofceremoniell, denn im gewöhnlichen Leben. Wenigstens war es in Deutschland so. Dagegen scheint die lange Kleidung in England namentlich unter der Regierung des weiblich schwachen und eitlen Richard II. allgemein gewesen zu sein. Der ganze Körper mitsammt Armen und Händen ist von einer Masse bun- ten Stoffes in abenteuerlichem Schnitt weit umhüllt; ringsum zackig eingeschnitten, fällt er nachschleppend auf den Boden. Am Falke , Trachten- und Modenwelt. I. 15 II. Das Mittelalter. Halse stößt ein hochaufgerichteter steifer Kragen unter das Kinn und geht im Nacken hoch hinauf, in Folge dessen das Haar rings- um über den Ohren kurz abgeschnitten ist. So trägt sich Ri- chard II. , so auch noch Heinrich V. , der Sieger von Azincourt und der Freund Falstaffs. Ein ähnliches Obergewand finden wir in Deutschland, aber eigentlich nur als ceremonielle Fürsten- tracht. Es ist ein weiter Oberrock oder Trappert, über den Hüf- ten faltig gegürtet, meistens mit weiten, offenen Aermeln und bis zu den Füßen herabreichend; an den Rändern ist er gezattelt oder schlicht, mit Rauchwerk verbrämt oder buntgefaßt. Auf Bil- dern dieser Zeit unterscheidet er den Herrscher von seinen Rittern. Diese tragen über der Jacke oder dem Scheckenrock gewöhnlich einen kürzeren Trappert bis zu den Knieen, von ziemlicher Weite und ebenfalls über der Hüfte gegürtet. Ungezattelt und pelzver- brämt sehen wir ihn nicht selten auf Bildern der kölner Schule. Auf den Bildern zum Ritter von Stauffenberg (1430) hat er einen kleinen, den Hals bedeckenden Stehkragen, mit weiten, an den Händen geschlossenen Aermeln, über den Hüften zusammen- geschnürt und unten mit langen, gefiederten Zatteln. Oft gleicht er nur einem langen, pelzgefaßten Stück Tuch mit einem Haupt- loch in der Mitte, sodaß die Seiten vorn und hinten herabfallen: es ist der Ursprung des spätern Heroldshemdes — ein Beispiel, wie überhaupt Amtstrachten entstanden sind, gleich den Volks- trachten stehen gebliebene Ueberreste einer früheren allgemeinen Mode. Beim ehrbaren Handwerksmann ist der Trappert um das Jahr 1430 eine weite, am Halse eng anschließende Glocke, an den weiten Aermellöchern und am untern Rande mit Fuchspelz verbrämt. Eine bedeutende Veränderung ging mit der Kopftracht vor sich, indem sich die Gugel gegen das Ende des vierzehnten Jahrhunderts aus der nobeln Welt zurückzog und in sehr man- nigfacher Weise ersetzt wurde. Der Mangel aller und jeder Ele- ganz, der ihr anklebte, gleichsam als Erbtheil ihres gemeinen Ur- sprungs, trotz bunten Schwänzen, Perlschnüren und Goldborten, stürzte sie schon nach wenigen Jahrzehnten ihrer Herrschaft. Aber 2. Die Zeit des Luxus und der Entartung. um der großen Bequemlichkeit willen und wegen ihrer unläugba- ren praktischen Vorzüge blieb sie noch längere Zeit beim Bürger, namentlich aber dem Bauer und dem Jägersmann eine beliebte Tracht: Falkeniere tragen sie im funfzehnten Jahrhundert, die mit dem Falken auf der Faust ihre Herren oder die Damen zur Reiherbeize begleiten, der Bauer hinterm Pflug und der Handels- mann auf der Reise, doch alle als praktische Leute ohne den lan- gen Luxusschwanz. Der Städter, auch wohl der Bauer veränderte noch ein wenig ihre Gestalt, indem er sie oben abstumpfte und noch den Filzhut darauf setzte. — Der vornehme Mann be- hielt mit Hinweglassung der Kaputze noch eine Zeit lang den Kragen um die Schultern, den er auch wohl mit dem Rock ver- band. „Auch hatten die Männer Wämmser von Parchent,“ heißt es in einer Beschreibung der Kreuzburger Trachten dieser Zeit, „mitten waren dopple Krägen von Tuch, mit Teig zusammenge- kleistert.“ Aber die Mode war nicht von langer Dauer. Die Schecken oder Lendner wurden immer so getragen, daß der Hals frei war, und nur der Trappert reichte zu Zeiten unter das Kinn. Die Gugel bedurfte aber eines Ersatzes. Er wurde durch Mützen und Hüte gegeben, die beide gleiche Ansprüche auf Eleganz machten. Die Mützen hatten einen mehr oder weniger steifen Rand, aus welchem oben eine Masse überflüssigen Stoffes nach vorn, nach hinten oder seitwärts lose oder sackförmig herab- fiel. Es war ein tausendfach gestaltiges Ding, diese Mütze; ein Griff der Hand, der den Stoff herein oder herauszog, nur eine geringe Veränderung im Aufsetzen konnte der Mütze und dem Gesicht zugleich einen ganz anderen Ausdruck geben. Dann kam noch die Zattellust hinzu, und diese Zacken oder blätterartigen und gefiederten Bänder umflatterten kindlich-fröhlich den Kopf. Diese Mode hielt in Deutschland lange an, selbst bis zum Aus- gang dieser Periode, da sich die Mütze in das Barett verwan- delte. Auch die Filzhüte stiegen herauf aus den niederen Sphä- ren der Gesellschaft, aus der Praxis des Lebens, um später vor der Alleinherrschaft der Barette wieder dahin zurückzutauchen und 15* II. Das Mittelalter. so noch öfter diesen Weg auf und ab zu machen. In der ersten Hälfte des funfzehnten Jahrhunderts aber und am burgundischen Hofe hatten sie entschieden den Vorrang. Damals verleugneten sie ihren Ursprung noch nicht. Der Filzhut erscheint um das Jahr 1400 in der höhern Gesellschaft ganz in derselben Grundform, wie sie ihm zu allen Zeiten und noch heute geblieben ist: ein mäßig hoher gerundeter Deckel mit etwa handbreitem Rande, oder etwas mehr, in seiner allbekannten grauen Farbe. Die Form blieb dieselbe, wenn der Filz durch Marder oder Wolfspelz ersetzt wurde. So lange dieser Hut noch neue Mode war, konnte er in solcher Gestalt dem geckenhaften Geschlecht zusagen, wie vor- dem die Gugel, aber die Einförmigkeit mußte bald langweilig werden, da die Erfindungsgabe wenig mit ihm anfangen konnte. Was half es viel, daß man den Rand mehr hinaufbog, ihn ein wenig breiter oder schmäler machte, ihn halbirte und die eine Hälfte hinauf, die andere herunterkrämpte? was half es, daß man den Hut färbte und sogar bunt in getheilter Weise, die eine Hälfte blau, die andere gelb, oder den Rand grün, den Deckel roth? was half es, daß man ihn mit Federn besetzte, mit Gold- schmuck, selbst mit Kronen den Rand umzog? — er blieb eben der alte Filzhut, geschmeidig und nachgiebig auch dem eckigsten Kopf, aber allen Launen der Mode, allen willkürlichen Erfindun- gen passiven Widerstand entgegensetzend. Da gab man es auf, ihn viel zu bessern, und was an ihm selbst verlorne Mühe schien, Befriedigung der phantastischen Eitelkeit, gelang um so besser an der Zierde, mit der man ihn versah, an der Sendelbinde . Diese Binde hat ihren Namen von dem leichten, seidenen Stoff, Sendel oder Zendal, aus welchem sie meistens gemacht wurde. Es war ein schmaler Streif, gewöhnlich von leuchtend heller Farbe, hochroth, gelb oder hellgrün. Mit dem einen Ende am Rande des Hutes befestigt, war sie so lang, daß sie mit dem andern wenigstens den Boden erreichen konnte. Aber man trug sie nicht in dieser Weise. Man wand sie erst einmal um den Hut, ließ sie dann auf die Schulter fallen und legte sie vorn über die Brust und die andere Schulter, von wo sie hinten herab fiel 2. Die Zeit des Luxus und der Entartung. bis gegen die Beugung des Knies. In dieser Manier trug man sie vorzugsweise um das Jahr 1430, aber grade so tragen sie ehrbare Krämer und Handwerksleute von Hamburg, die in jener luxuriösen Zeit eines bescheidenen Schmuckes nicht entbehren wollten, noch gegen das Jahr 1500. Andere wanden sie mehr- mals um Hals und Kopf, oder legten sie an die Mütze, oder drehten selbst eine daraus. Später umwickelte man auch die be- liebte Turbanmütze damit. Aber an diesen und so vielen andern Weisen hatte sich die Erfindungsgabe und Modelaune noch nicht erschöpft. Man begnügte sich nicht mit einer Sendelbinde, man verband mehrere bis zu einem Dutzend, man zattelte sie und hing an die Enden allerlei curiose Dinge, als da sind: ausgeschnittene Sterne, Blumen, Blätter, Kreuze u. s. w. Wenn die jungen Ritter und die Elegants der Stadt sich in Gesellschaft der Damen befanden, sei es zu Hause oder som- merlich im Freien bei heitern, geselligen Spielen, oder auch im eigenen Hause, so hatten sie noch einen besondern Schmuck für das Haar. Wir wissen schon, daß sie Pomade und Brenneisen nicht schonten, um das lange Haar im zierlichsten Lockengebäude zu frisiren. Oft war der Kopf mit lauter kleinen, aufgerollten Locken umlegt, oft senkten sich vom Scheitel her die schön gewickel- ten Spiralrollen, eine an der andern senkrecht bis gegen die Schulter; zuweilen strebten diese Herren auch wie Rou é s nach scheinbarer Nachlässigkeit, ja Wildheit, indem sie die Haare kraus durch einander weit vom Kopfe abstehen ließen. Um die Locken- frisur zusammenzuhalten und das Gesicht vor ihnen zu schützen, behielt man den alten Gebrauch der Reife und Ringe bei, aber veränderte sie vielfach in Form und Anwendung, indem man z. B. statt des Metalls farbige, seidene Bänder oder bunte ge- wundene Schnüre herumlegte. Suchenwirt erzählt von einem jungen Ritter, der das Glück hatte, eine reiche Wittwe zu hei- rathen: sie giebt ihm Silbergürtel, reich Gewand und „in den Zopf ein seiden Band.“ Der Zopf bedeutet hier nichts weiter als das lange Lockenhaar. Diese Bänder und Reife hatten gewöhn- lich über der Stirn eine silberne oder goldene Agraffe, in welcher II. Das Mittelalter. eine hohe Straußfeder oder ein Reiherbusch oder die Schwanzfeder des Pfaus, das sogenannte Auge, steckte. Man nannte sie daher Federkränze. Das Gesicht glatt zu tragen blieb die vorherrschende Mode des ganzen funfzehnten Jahrhunderts. Es gab selbst Fälle, wo der Bart für eine Schande galt. So lautete ein Paragraph bei Vollziehung des Ritterkampfgerichts in Schwäbisch-Hall: wer verwundet werde und sich dem andern ergebe, der solle hinfort geachtet sein erblos, auf keinem Pferd mehr sitzen, seinen Bart nicht scheren , weder Wehr noch Waffen tragen und zu allen Ehren untauglich sein. In Frankreich herrschten ähnliche Be- griffe. Da gelobte einst ein Ritter, der von dem mächtigen Gra- fen von der Mark schwer beleidigt war, in der Meinung, daß er nun ehrlos sei, bei allen Heiligen, daß er sich nicht „nach Ritter- mode“ wollte scheren lassen, bis er würde gerächt sein. Er hielt sein Gelübde, bis daß er einst seinen Feind gedemüthigt mit Gemahlin und Kindern vor dem Könige auf den Knieen liegen und um Gnade flehen sah. Da ließ er sich sogleich den Bart ab- nehmen, in Gegenwart des Königs, des Grafen von der Mark und aller derer, welche grade zugegen waren. — Ausnahmen je- doch machten auch jetzt wie früher, seitdem der oben erwähnte Schnurrbart wieder verschwand, die Würde und das Alter. In diesen Regionen ist der Vollbart, kurz gehalten und fast immer mit glattrasirter Oberlippe, keine Seltenheit. Nur Kaiser Sig- mund trägt dazu noch einen mächtigen hängenden Schnurrbart, nach Weise seiner slavischen Unterthanen. Die französischen und englischen Könige bis auf Karl VIII. und Heinrich VII. zeigen immer ein gänzlich glattes Gesicht. Auch die burgundischen Her- zoge folgen dieser Mode und Kaiser Friedrich III. und Maximi- lian. Miniaturen aber und andere Gemälde zeigen die Häupter der Erde nicht selten mit Kinn- und Backenbart. — Die Frauenkleidung ging in diesen Jahrzehnten, was Pracht, Ueppigkeit und widersinnige, entstellende Formen betrifft, sowie in vielen Einzelheiten, denselben Weg wie die der Männer. Wir haben schon oben gesehen, wie sich die langen Aermel bei 2. Die Zeit des Luxus und der Entartung. Männern und Frauen ganz gleich entwickelt hatten. Die offenen, weiten Aermel und die engen darunter mit dem Handvorstoß, die langen aufgeschnittenen Schleppärmel, die Sackärmel, sie wa- ren beiden gemeinsam, doch standen sie den Frauen naturgemä- ßer, weil langsame, abgemessene Bewegungen, wie sie dadurch geboten waren, von selbst und durch Sitte ihrem Geschlecht mehr zustehen als der rasch geschäftigen Männerwelt. Aehnlich war es mit der Kopftracht . Auch die Frauen gaben die ihnen vor allen unkleidsame Gugel auf und trugen statt derselben die verhüllende Haube, den Kruseler oder die Hulle mit dem Schulterkragen, die schon oben beschrieben ist. Nur das Gesicht blieb frei. Aber diese höchst ehrbare, wenn auch unschöne Tracht war keineswegs die allgemeine auch nur aller verheirathe- ten Frauen. Die Jungfrauen waren von selber ausgenommen, und von fürstlichen Damen, die der Verhüllung widerstrebten, trugen sie nur ältere in vereinzelten Fällen. Auch den Ehefrauen gestattete die willkürliche und vielgestaltige Mode jener Zeit noch manche Formen, bei denen sie mit schönem Haar, mit weißem Hals und Schultern glänzen konnten. Den Schleier und die Krone darauf, das Haar in Flechten zur Seite aufgebunden und in ein goldenes Netzwerk gefaßt, oder in freien Locken herabgelas- sen, so finden wir die Kopftracht der Fürstinnen um das Jahr 1400. Bei jüngeren Damen fürstlichen Standes fällt das Haar noch öfter aufgelöset herab, umschlungen von einem Stirnband, sei es Seide, ein Goldreif oder eine Perlenschnur. Aber seit dem Beginn des funfzehnten Jahrhunderts verschwindet diese schöne Tracht auch aus dem kleinen Kreise, in welchem sie sich noch ge- halten hatte: die Locken weichen den aufgebundenen Flechten, so- daß auch der Nacken frei wird. Reicher Schmuck war damit ver- bunden, nach Maßgabe des Vermögens und Standes und soweit das Gesetz es erlaubte oder nicht zu hindern vermochte. Die Kränze, einfache und mit Rosetten und Steinen geschmückte Gold- reife, Perlschnüre, Bänder mit Federn und Blumen waren der Damen ursprüngliches Eigenthum, und nur eine weibische Putz- sucht hatte sie damals auch zur Tracht der Männer gemacht. Den II. Das Mittelalter. größten Luxus hierin trieben wohl die Damen Piacenzas. Sie gingen gern in bloßem Kopfe und bedeckten ihr Haar mit gewun- denen Gold- und Silberblättchen, mit Perlen und Edelsteinen im Werth von 70 bis 100 Ducaten, und durchschlangen es mit Perlschnüren im Werth von 100 bis 125 Ducaten. Wie neidisch mögen die schönen und doch so reichen Ulmerinnen gewesen sein, die nur mit einer einzigen und nicht kostbaren Perlschnur das Haar schmücken durften! Mehr und mehr wurde es seit dem Beginn des funfzehnten Jahrhunderts Sitte, das in starken Flechten um die Ohren ge- legte Haar mit rothen oder goldenen Säckchen haubenartig zu be- decken und dieselben netzförmig mit Perlen und Steinen zu be- setzen. Mit kostbarer Nadel war dann ein feiner, auch goldgestick- ter Schleier vorn über der Stirn befestigt. Er war so lang, daß er auf den Boden herabfallen konnte, doch die Damen drappirten ihn um sich gleich der Sendelbinde. So ist der Kopfputz der schönen Fee auf den Bildern zum Ritter von Stauffenberg und auch der, den des Königs Nichte trägt, da sie nach dem Tode ihres jungen Gemahls zum Kloster reitet, während beim festlichen Turnier und beim Hochzeitsmahl eine goldene Krone über ihrem Schleier ruht. An seinem Sterbebett aber hat sie den Kopf mit einem langen weißen Tuch schleierartig verhüllt. Es ist die alte „Rise“, welche bei ehrbaren Frauen fort und fort das ganze funf- zehnte Jahrhundert hindurch in mancherlei Gestalt eine Rolle spielt. Oft mag es so fein gewesen sein, daß es einem Schleier gleichkam. In der Drappirung dieses weißen, bisweilen goldge- säumten und feingezackten Tuches, wie es um das Haupt gelegt wurde, verhüllend und andeutend, wie es von der Schulter sanft herabfloß, konnten die Damen wie die Künstler, allen Ungestal- ten jener Zeit zum Trotz, wirklichen und hohen Schönheitssinn offenbaren. Ich erinnere hier an den schönen Grabstein der Agnes Bernauer (gest. 1435), der dem Tode und dem Leben zugleich nachgebildet ist Hefner II , 113. : das liebliche im Tode entschlafene Gesicht ist 2. Die Zeit des Luxus und der Entartung. von einem derartigen feinen Tuche mit gesticktem und gekraustem Rande umzogen, welches am geneigten Haupt herunter über die Brust und die linke Schulter gelegt ist. Solche einfache Schön- heit vermochte den bizarren Geschmack aber nur selten zu befrie- digen, und so stellten sich auch an diesem Kopftuch die Zatteln und Zacken in reichlichem Maße ein und umflatterten buntfarbig das Gesicht. Die hohen französischen Coiffüren fanden damals in Deutsch- land noch wenig Eingang. Auch die turbanartigen Hauben, die aus runden, um den Kopf gelegten und mit Seide oder dem Schleier umwundenen farbigen Wülsten bestehen und vorn mit Agraffe und Feder verziert sind, zeigen sich nur vereinzelt in der ersten Hälfte des funfzehnten Jahrhunderts. Erst seit der Mitte werden sie häufiger und nehmen auch phantastische Formen an. Um dieselbe Zeit bedeckt auch zuweilen der buntfarbige Männer- filzhut den Frauenkopf, auf das geflochtene Haar gesetzt und mit hoher Feder geschmückt. Seine Form ist colossal an Rand und Deckel, eine Mißgestalt für einen lieblichen Frauenkopf. Aber was ist dem Geschmack dieser Zeit unmöglich! — Die bedeutungsvollste Veränderung, welche die Frauenklei- dung am Ende des vierzehnten Jahrhunderts traf und der gan- zen Erscheinung einen abweichenden Charakter aufdrückte, ge- schah dadurch, daß das, was wir Taille nennen, hoch unter den Busen hinaufrückte. Früher war das Bestreben gewesen, die Länge des Leibes bis über die Hüften herab gleichmäßig einzu- schnüren; man hatte die Schlankheit des Wuchses, auf die man stolz war, in möglichster Weise zu heben gesucht. Jetzt hat es Mode, Eitelkeit und Demoralisation darauf abgesehen, die Fülle des Busens zu verstärken und sie den Augen erschreckter Morali- sten zum Trotz unverhüllt bloßzulegen. Der Ausschnitt des Klei- des, der vorn die halben Brüste umzieht, geht noch tief den Rücken hinunter. Statt des hängenden Gürtels, des Dupfings, der jetzt aufgegeben wird oder nur als Schellengürtel bleibt, tritt der gewöhnliche wieder in seine Rechte ein, rückt aber aufwärts dicht unter die Brust. An reichem Schmuck von Metall, Steinen II. Das Mittelalter. und Perlen verliert er dadurch nichts. Die Mode der hohen Taille herrscht so ziemlich durch das ganze funfzehnte Jahrhun- dert, namentlich auch am französischen und burgundischen Hofe; nur die schlankgebauten Damen Albions, ihres Reizes sich wohl bewußt, wollen sich den schönen Wuchs noch lange nicht verun- stalten lassen: sie sind die letzten, bei denen die hohen Gürtel Eingang finden, und die ersten, welche sie wieder aufgeben. Der Mantel kam auch jetzt nicht ganz außer Gebrauch, im Gegentheil erscheint er als Hoike für die Frauen außerhalb des Hauses, auf öffentlicher Straße, auch wohl in der Kirche, als von einer gewissen Nothwendigkeit geboten. Die Obrigkeit von Hildesheim (1422) verlangte es sogar ausdrücklich, daß die Frauen, wenn sie bei Tage in die Kirche gingen, oder zu Kind- betten, zu Hochzeiten und dergleichen, daß sie über ihre schönen Kleider und all ihren Putz die Hoike anlegen sollten. Mehr und mehr rückt die Oeffnung des Mantels von der Schulter zurück auf die Brust, und im funfzehnten Jahrhundert wird er wieder wie früher unter dem Halse befestigt. Die tolle Modelaune drückt aber auch ihm das Gepräge der Zeit auf. So heißt es in der Beschreibung der Moden des Städtchens Kreuzburg um das Jahr 1400: „Die Weiber trugen auch lange Mäntel mit Falten, unten weit mit einem zwiefachen Saum, handbreit oben mit einem dicken, gestärkten Kragen, anderthalb Schuh lang, und hießen Kragenmäntel.“ Die Damen von Piacenza, deren Schmuck- liebe uns schon bekannt ist, bedurften sogar dreier Mäntel, abge- sehen von der Jahreszeit, die für den Winter ein Unterfutter von Pelzwerk und im Sommer von Sendel erforderten. Es heißt, sie besaßen einen blauen, einen rothen und einen leichteren bunten. Junge Damen trugen ein kurzes Mäntelchen. Natürlich brauchten die Damen der Kleider noch mehr als der Mäntel, zumal da sie nach wie vor immer zwei trugen. Die Erzählung des alten de la Tour von dem Ritter und dem Ein- siedler mag uns ungefähr das Maß der Garderobe angeben. Der Teufel macht St. Michael gegenüber zum Nachtheil der Frau gel- tend, daß sie zehn Paar Kleider besessen habe, zehn lange und 2. Die Zeit des Luxus und der Entartung. zehn kurze und noch zehn Oberkleider; die Hälfte, meint er, habe ihr genügt. Das mag also der gewöhnliche Besitzstand einer Dame von Stande gewesen sein. Wenn der Teufel hinzufügt, ein langes Kleid, zwei kurze und zwei Oberkleider seien genug für eine einfache Dame, so mag das von seinem Standpunkt aus richtig sein, eine einigermaßen vermögende Frau wird sich aber schwerlich damit befriedigt haben. Zur Menge der Kleider kam noch insbesondere die Kostbar- keit der Stoffe hinzu, denn seitdem die Seidenmanufactur von den Sarazenen nach Oberitalien, insbesondere Lucca, und von da nach den Niederlanden gekommen war, wurde fast zur Regel, was früher Ausnahme gewesen war. Seidene Kleider, seidene Mäntel u. s. w. konnten die Obrigkeiten selbst den Bürgerinnen nicht mehr verbieten. Der Sammet muß immer aufs Neue un- tersagt werden. Selbst der Goldstoff ist in die Städte zu den Bürgerinnen gekommen; eine Münchner Schneidertaxordnung nimmt ausdrücklich Bezug auf ihn und bestimmt den Lohn für „einen ganz goldenen Frauenrock.“ Der Goldstoff hatte farbigen Grund und darin große Pflanzenmuster hineingewirkt. Daneben blieben auch die gestickten überaus kostbaren Stoffe in Gebrauch. Als die französische Prinzessin Isabella, Tochter Karls VI. , mit Richard II. von England vermählt wurde, befanden sich unter ihrer Aussteuer ein Kleid und ein Mantel von rothem ächten Sammet, bestickt mit goldenen Vögeln von getriebener Gold- schmiedsarbeit, die auf Zweigen von Perlen und grünen Sma- ragden sitzen. Ein anderes Kleid, ebenfalls von ächtem rothen Sammet, war mit Zweigen von Frauenblumen und Ginster in Perlen gestickt und mit Grauwerk gefüttert. — Die deutschen Bürgerfrauen bemühten sich, das nach Kräften nachzuahmen, doch mochten namentlich über die Aechtheit der Zweifel viele mannigfach aufkommen. Denn was z. B. die Perlen betrifft, mit denen ein so außerordentlicher Luxus getrieben wurde, so war für deren Fabrication eine eigene Zunft der Perlenmacher ent- standen. — Von allen Sonderbarkeiten dieser Zeit sind die höchsten II. Das Mittelalter. Spitzen die Schellentracht und die Schnabelschuhe . Die einen wie die andern sind zwar für diese Periode ihrem Ursprung nach nicht etwas völlig Neues und Originelles, aber sie sind es doch sowohl in Bezug auf die Größe, Ausdehnung und Allge- meinheit, sowie in Anbetracht der Art und Weise, in welcher sie getragen wurden. Wir haben der Schellentracht bereits in der vorigen Periode zu gedenken gehabt, und wir haben dort einige Beispiele mitgetheilt, wo sie wirklich an der ritterlichen Tracht erscheinen, aber nur als eine außergewöhnliche und stutzerhafte Mode. Bei der Geistlichkeit hatte sie sich jedoch als zur Tracht ihres Dienstes gehörend gefunden. Mag sie nun ihren Ursprung und ihre Ein- führung in Deutschland auf Umwegen von dem jüdischen Hohen- priester oder von den Ungarn herleiten, so ist doch für den spätern Gebrauch die Mode durchaus als eine deutsche, Deutschland eigen- thümliche zu bezeichnen. Es ist selten, daß man in der Geschichte der Moden und Trachten von deutscher Originalität zu reden hat; man findet fast immer, wenn auch die directe Nachahmung nicht nachgewiesen werden kann, die Vorbilder ein oder mehrere Jahr- zehnte früher in Frankreich oder Italien. Es ist nicht schade darum; denn stößt man wirklich einmal in diesem Gebiet auf et- was, was deutsches Eigenthum ist, oder bei dem Deutschen wenn auch nicht seinem ersten Ursprung nach, so doch eine in seinem Geiste originale Entwicklung genommen hat, wie z. B. die mäch- tige Pluderhose des Landsknechts und leider auch der Zopf des achtzehnten Jahrhunderts, so möchte man auch hier den Ruhm der Erfindung oder des Eigenthums nur zu gern von sich ab- wälzen und den Fremden überlassen. Die Originalität und Stärke des deutschen Geistes liegt nicht auf dieser Seite; wir können solche Geistesarbeit ruhig fremden Köpfen überlassen. Nationale Bestrebungen dieser Art haben uns nie gelingen wol- len, und werden es jetzt weniger als je. Wie sehr auch im vier- zehnten und funfzehnten Jahrhundert Franzosen wie Engländer, der allgemeinen Zeitströmung folgend oder vorangehend, sich in Extravaganzen gefielen, die Schellentracht wollte keinen Eingang 2. Die Zeit des Luxus und der Entartung. bei ihnen finden. Die Trachtengeschichte der Engländer kennt sie nicht und auch bei den Franzosen dürfte kaum ein Beispiel zu ent- decken sein. Wohl aber gab es im funfzehnten Jahrhundert ita- lienische Stutzer, junge Elegants, welche am Geklingel der Schel- len oder Glöckchen an ihren Kleidern ihre Freude hatten. In der Fremde galten sie schon früh als deutsche Mode. Ausdrücklich spricht in diesem Sinne davon ein alter schwedischer Reimchronist bei Gelegenheit, da der mecklenburgische Herzog Albrecht, der spätere König, nach Schweden gekommen war (1360): „Käm’ einer auch noch so arm aus deutschem Land, So hat er doch ein Schwert in seiner Hand, Er kann tanzen, hüpfen und springen, Und müssen seine vergoldeten Glöcklein klingen.“ Den Schweden scheint aber die deutsche Mode gefallen zu haben. So soll Karl Ulffon einen Hermelinmantel getragen haben, an welchem jedes Schwänzchen seine Schelle hatte, und der Unions- könig Erich XIII. (um 1400) hat sich, wie das Bild auf seinem Siegel zeigt, mit Schellen in doppelter Reihe, am hängenden Gürtel und um die Hüften herum, geschmückt. Wenn wir von den vereinzelten Beispielen des dreizehnten Jahrhunderts absehen, was um so mehr geschehen kann, als seit- dem hundert Jahre hindurch der Schellen keinerlei Erwähnung geschieht, so begegnen wir ihnen als einer wohl noch auffallenden, aber nicht ganz ungewöhnlichen Tracht in der Nürnberger Ord- nung von 1343, in welcher sie Männern wie Frauen verboten werden: „kein Mann noch Frau soll keinerlei Glocken, Schellen, noch keinerlei von Silber gemacht hangend Ding an einer Kette noch an Gürteln tragen.“ Ob dies Gesetz, glücklicher als andere, Erfolg gehabt hat, ist schwer zu sagen, doch ist zu bemerken, daß die ganze zweite Hälfte des vierzehnten Jahrhunderts hindurch die Schellen in keiner städtischen Kleiderordnung berücksichtigt werden. Sie scheinen in dieser Zeit wenn nicht ein Vorrecht, doch eine Auszeichnung der fürstlichen und ritterlichen Stände gewesen zu sein, bei denen sie zum öftern erwähnt werden. Wir kennen schon die Stelle des schwedischen Chronisten. In den Jahren II. Das Mittelalter. 1370 und 1376 gab der Herzog Otto zu Göttingen große Feste; dabei erschienen die Ritter, die Frauen und Jungfrauen mit gro- ßer Pracht in Purpurkleidern und „mit klingenden, silbernen und güldenen Gürteln, mit langen Röcken und Kleidern, die gingen alle schurr, schurr und kling, kling.“ So erzählt die Göttinger Chronik, dat olde book genannt. Es existiren noch mancherlei Standbilder und andere Abbildungen von fürstlichen Personen, von Kaisern herab, oft von viel früher lebenden Personen, welche Schellen in verschiedener Weise tragen, aber alle sind um das Jahr 1400 oder nicht viel später gemacht. Man setzte damals in der allgemeinen Volksmeinung den lärmenden Klang der Schel- len, das Geklingel der Glocken entschieden mit Hoheit, Würde, Ruhm und vornehmem Stand in Verbindung. Aeußerer Lärm für das Ohr und Lärm in der Welt, als Ruf und viel Gerede, mischten sich im Begriff mit einander. Die Ursache lag darin, daß die Augen des Volks die Schellen zuerst bei hochgestellten oder hochgebornen Leuten sah. „Wo die Herren sein, da klingeln die Schellen“, lautet daher das alte Sprichwort. Als einmal diese Gedankenverbindung statt gefunden hatte, kümmerte man sich dann wenig mehr um den Unterschied der Zeiten und um histori- sche Wahrheit. So giebt es in Braunschweig ein Standbild Heinrichs des Löwen aus dieser Zeit, einen mit Schellen behäng- ten Gürtel tragend, und ein anderes seiner Gemahlin Mathilde scheint sie an einem Reifen oder Gehenk über die Schulter zu ha- ben. Es giebt Bilder Kaiser Heinrichs VI. , Ottos IV. und seines Bruders, des Pfalzgrafen Heinrich, und mancher Damen dieses erlauchten Geschlechts der Welfen; es giebt eine ganze Reihe von Abbildungen der Grafen von Holland, welche im Jahr 1586 Christoph Plantinus zu Antwerpen im Kupferstich herausgegeben hat, und viele andere noch — alle mit Schellen behängt: es ist aber kein Zweifel, daß sie sämmtlich der angegebenen Zeit ent- stammen, der Blüthezeit der Schellen, oder wenigstens einer nicht viel späteren, als die Erinnerung noch wach und lebendig, aber die Sache so veraltet war, daß man mit diesem Schmuck ein gewisses Gepräge des Alters aufdrücken konnte. Zwar haben wir 2. Die Zeit des Luxus und der Entartung. mit Schellen kein Bild der damals lebenden Kaiser, weder Karls IV. noch Wenzels, Ruprechts oder Sigmunds, wohl aber anderer Fürsten, wie des Kurfürsten Rudolf I. von Sachsen (gest. 1356), welcher ein Wehrgehenk mit birnenförmigen Schellen auf der Schulter trug. Auch pflegte die Herzogin Anna von Braun- schweig (um 1410) einen Schellengürtel um den Leib zu tragen. Eine alte Chronik sagt: „Anno 1400 bis man schrieb 1430 war so ein großer Ueberfluß an prächtigem Gewand und Kleidungen der Fürsten, Grafen und Herren, Ritter und Knechte, auch der Weiber, als vordem niemals ist gehört worden; da trug man Ketten von 4 oder 6 Mark, sammt köstlichen Halsbändern, gro- ßen silbernen Gürteln und mancherlei Spangen, auch silberne Fassungen oder Bänder mit großen Glocken von 10, 12, 15 und bisweilen von 20 Mark.“ Als Herzog Friedrich von Sachsen (1417) in Konstanz feierlichst seinen Einzug hielt, ging sein gan- zes Gefolge, Knappen, Ritter und Barone, mit glockenbehängten Gürteln einher. Es mag ein stattliches Geklingel gewesen sein und seinen Eindruck auf die Ohren der staunenden Menge nicht verfehlt haben! Die Schellentracht drängt sich dem Bewußtsein der Zeit so sehr als etwas Herrliches, Erhabenes auf, daß man sie auch my- thischen und heiligen Personen umhängte, um ihnen eine rechte Ehre zu erweisen — wie man im siebzehnten Jahrhundert den Göttern des Olymps und den Aposteln Perrücken aufsetzte, ja selbst den Christuskopf sich nicht ohne dieselbe denken wollte. So prangt in Zerbst die Rolandstatue mit Schellen, und das steinerne Standbild des heiligen Mauritius in seiner Kirche zu Halle, von Meister Konrad von Eimbeck im Jahr 1411 gefertigt, hat die Schellen vom Gürtel herab an kleinen Kettchen hängen. Der „Schellenmoriz“ heißt er davon noch heute. Selbst die Freuden des Himmels kann sich die fromme Seele des Dichters Peter von Dresden (um 1410) nicht anders denken, als mit Schellenge- klingel zum Gesang der Engel: „ Ubi sunt gaudia? Nirgend mehr denn da, II. Das Mittelalter. Da die Engel singen Nova cantica Und die Schellen klingen In regis curia — Eia, wer wir da! Eia, wer wir da!“ Die lärmende, überfröhliche Festlust, der ausgelassene Jubel, der in jener Zeit an den Höfen wie in den Städten herrschte und wie ein Rausch in toller Weinlaune weder Gesetz noch Sitte und Sittlichkeit kannte und achtete — die Sittengeschichte weiß viel davon zu erzählen, auch ohne der Mummereien und Narrenfeste zu gedenken —, dieses Uebermaß der Lust war es, was die Schel- lentracht hervorrief und zur üppigen Blüthe trieb, nicht aber, wie man glaubt, die Absicht der hohen Herren, von fern schon ihre Ankunft durch lautes Geklingel anzumelden, um im Gedränge Platz zu finden. Allerdings war es so, daß sie sich schon weither hörbar machten, und es ist daher der Ausdruck entstanden: „mit Schall kommen.“ Noch später finden sich Anklänge, daß der Gedanke, welcher die Schellen mit königlicher Pracht in Verbindung setzt, fortlebt. So beschreibt Rollenhagen im Froschmeufeler die Tracht des Mäusekönigs: „Der König aber insonderheit Hatt’ angethan ein Wunderkleid, Eines kohlschwarzen Maulwurfs Haut, Dafür den Mäusen selber graut. Zu schürzen er sich auch anfing Mit einem silbernen Gürtelring, Daran viel schöner Glöcklein hingen, Die prächtig konnten einher klingen.“ Nach dem Jahr 1410 wird die Schellentracht auch in den Städten nichts Seltnes mehr gewesen sein. In Ulm, wo sie bis- her verboten war, wird sie im Jahr 1411 ausdrücklich überall er- laubt, nur mit Ausnahme der Kirche, wo allerdings das lärmende Geklingel der Gehenden und Kommenden sich schwer mit dem Gottesdienst und der Andacht vereinigen ließ. Auch in Lübeck 2. Die Zeit des Luxus und der Entartung. wurde sie zu der Zeit von Patriziern getragen. Immer aber blie- ben sie in der ersten Hälfte des funfzehnten Jahrhunderts noch bei den Vornehmeren, sei es an Fürstenhöfen, auf Edelsitzen oder in den Städten. Die ganze Zeit hindurch haben wir an Bild- werken Beispiele genug, auf ritterlichen Grabsteinen, auf alten Zeichnungen, Siegeln, Teppichen und Wandmalereien. Noch auf dem berühmten Lübecker Todtentanz, der bald nach der Mitte des Jahrhunderts gemacht worden, tragen der Herzog und der Edelmann diesen Schmuck, aber weder der Bürgermeister noch der Amtmann oder der Kaufmann. Von da aber geht der Be- griff der Auszeichnung davon; die Mode wird eine alte, sinkt herab, ohne eigentlich die niedern Stände hereinzuziehen, und bleibt am Schlusse stehen bei den Narren und Schlittenpferden. Kürzere oder längere Zeit blieb sie auch ein nothwendiges Erfor- derniß zu bestimmten Trachten und Festen, verschwand dann aber mit den Festen selbst. So tragen sie die berühmten Nürnberger Schönbartläufer vom ersten Jahr 1449 an, soweit die Abbildun- gen zurückgehen, bis zum letzten 1539 am Hals, am Gürtel oder am Knie. Auch beim Fackeltanz wurden sie noch im sechszehnten Jahrhundert angelegt, beim Reiftanz und besonders beim Schwert- tanz der Vornehmen wie der Zünfte. In Hessen war noch lange die Sitte, daß die Schwerttänzer Schellen an die Kniee banden, und dann sangen sie: „Also sollen meine Gesellen Ihre Schellen Lassen klingen, Wie die Engel im Himmel singen.“ Länger noch spielen sie ihre Rolle im Kinderleben als Schmuck und Zeichen festlich-fröhlicher Lust. Zwar wird sich schwer sagen lassen, wie alt das Liedchen ist: „Die Mutter gab mir Glöckchen Und hing sie an mein Röckchen.“ Vielleicht reicht es noch ins funfzehnte Jahrhundert hinauf. Aber noch heute gebrauchen sie die Kinder im Westphälischen zu ihrer Feier des Palmsonntags. Dann machen sie sich einen Busch aus Falke , Trachten- und Modenwelt. I. 16 II. Das Mittelalter. Weidenzweigen, an welchen sie die Rinde in Streifen theilweise lösen und ringeln, behängen ihn mit Flitter und Schellen, schüt- teln ihn und singen dazu: „Palmen, Palmen-Buschen, Laat den Kukuk ruschen, Laat de Vögelein singen, Laat de Glöcklein klingen.“ — Es ist höchst bemerkenswerth, daß die Schelle als Narren- zeichen fast grade so früh vorkommt, wie als Auszeichnung der höchsten Stände. Es ist, als ob den Leuten die eigene Thorheit ins Bewußtsein gekommen wäre. Im Jahr 1381, also in einer Zeit, wo diese Tracht kaum in Blüthe stand, stiftete Graf Adolf zu Cleve die Geckengesellschaft. Jedes Mitglied mußte bei den feierlichen Zusammenkünften mit einer Gugel von gelber und rother Farbe erscheinen, an welcher wie auch am Aermel viele Schellen hingen, und mußte auf dem Ordenskleide einen von Silber gestickten Narren mit Schellen tragen. Schon in der ersten Hälfte des funfzehnten Jahrhunderts gehören sie zu den Narren- festen fast nothwendig. In Dijon trugen die Mitglieder der Ge- sellschaft der Narrenmutter Mützen von grüner, rother und gelber Farbe, mit zwei Spitzen oder Eselsohren und an jedem derselben eine Schelle. Auch die Narren bei Turnieren trugen damals die Schellen, nachdem dieselben kurz zuvor oder vielleicht noch gleich- zeitig die Ritter und die edlen Damen geziert hatten. Bald kam das Sprichwort auf: Je größer der Narr, je größer die Schelle. Bei der ältesten Art die Schellen zu tragen hingen sie an kleinen Ketten beweglich am Gürtel, an dem sowohl, welcher die Taille umschloß und Dolch, Schwert und die Tasche zu tragen hatte, wie an dem weiten, hängenden, dem Dupfing. Die mit Schellen und Glocken behängten Gürtel aber nannte man Du- sing . Man leitet das Wort vom alten duz, dos, thus, dus ab, welches mit dem Worte tosen, Getöse dasselbe ist, wonach die Sache also von dem Klange den Namen erhalten hätte. Das Wort Dusing dürfte vor der Entstehung des Schellengürtels kaum aufzuweisen sein. Soviel mir bekannt, kommt es zum ersten 2. Die Zeit des Luxus und der Entartung. Mal in einem Lübecker Testament vom Jahr 1369 vor und dann öfter in andern Testamenten dieser Stadt. Hier ist es allemal der Name eines silbernen Gürtels, ohne daß der Schellen dabei je- mals Erwähnung geschieht. Im Jahr 1474 wird der Gebrauch des Dusings den Lübecker Frauen von Rathswegen verboten, doch ist er nicht näher beschrieben; schwerlich aber hatte er damals noch Schellen. Schon im vierzehnten Jahrhundert wurde die Form der Schellen eine sehr mannigfache; wir finden sie einfach rund wie heute, oder birnenförmig, oder schneckenhausartig gewunden, oder statt ihrer auch kleinere oder größere offene Glocken gebraucht. Oft waren sie aus edlem Metall gefertigt, weil sie zugleich als Schmuck dienten. Ebenso war auch die Art und Weise sie zu tragen eine sehr verschiedene. Uns liegt die Abbildung eines höchst interessanten Teppichs im germanischen Museum vom Schluß des vierzehnten Jahrhunderts vor, worauf sich eine zahlreiche Gesell- schaft der vornehmen Welt befindet, beschäftigt im Freien mit einem allegorischen Spiel im Geschmack der Zeit. Die meisten Herren wie Damen tragen Schellen. Die Königin Minne selbst, die auf dem Throne sitzend dem Spiel präsidirt, hat in Form eines Wehrgehenks ein breites Band über die Schulter hängen, dessen Ränder ringsum mit Schellen besetzt sind; andere von größerer Gestalt hängen ihr am hochsitzenden Gürtel. Noch an- dere Damen tragen ein solches Gehenk, Hornfessel genannt, ursprünglich der Name für die Kuppel, an welcher das Hifthorn hing; andere wieder ein Halsband mit einer großen Glocke, in der Art, wie man sie den Kühen anhängt. Herren haben den Dupfing mit Glocken besetzt oder Schellen mit Kettchen rundum am engen Gürtel oder an einem um die Schultern liegenden Band befestigt. — Was hier vereinzelt erscheint, zeigt ein anderer etwa zehn bis zwanzig Jahr jüngerer Teppich, welcher Scenen aus dem Wille- halm darstellt, vereinigt. Da findet sich ein Ritter zu Roß, der hat den untern Saum seines Rockes mit Glocken behängt und dicht darüber noch eine zweite Reihe; am Gürtel hat er zwar nur eine einzige große Glocke hinten im Rücken, aber um Schultern 16* II. Das Mittelalter. und Brust hängt eine dritte vollständige Reihe. Der König selbst trägt hier eine lange Kette aus eckigen Gliedern, welche wie ein Gehenk um die Schulter liegt, aber bis auf die Wade herabgeht. Hier ist sie durch einen Ring gezogen, in welchem vier gewaltige birnförmige Glocken hängen. Ein sehr seltsames Beispiel ist das des Ritters Heinrich von Werthern, welcher im Jahr 1397 starb und zu Nordhausen begraben liegt. Nach dem Bilde seines Grab- steins trägt er über die eine Schulter und unter den andern Arm durch ein aus zwei Hirschgeweihen zusammengesetztes Gehenk, von dessen Zacken Glocken herabhängen. Gewiß war er ein fröhlicher Weidmann und trug zum Zeichen dessen als höchsten Staat bei festlichen Gelegenheiten diesen sonderbaren und sicherlich nicht be- quemen Schmuck. So wollte er auch sein Bild der Nachwelt überliefern, und ließ sich darum auf seinem Grabstein in diesem Schmuck darstellen. — Der Ritter von Stauffenberg trägt (in dem bereits erwähnten Manuscript um 1430) eine schwere gol- dene, ganz mit Schellen behängte Kette um Schultern und Brust, deren Enden hinten auf dem Rücken weit hinabfallen. Aber er ist der einzige, der sie auf den Bildern dieses Manuscripts hat. Auch an Rüstungen erscheinen die Schellen vielfach in der ersten Hälfte des funfzehnten Jahrhunderts am Gürtel hängend. Um das Jahr 1450 werden sie gewöhnlich am Gürtel oder um die Schultern getragen. Das letzte Beispiel vornehmer fürstlicher Schellentracht dürfte sich auf dem Wandgemälde in Lüneburg finden, welches die Belehnung Ottos des Kindes durch Fried- rich II. darstellt. Nach den Trachten zu schließen, muß es zwischen 1480 und 1490 angefertigt sein. Es ist aber möglich, daß der Künstler durch eben diesen Schmuck eine ältere Zeit hat andeuten wollen. Zum Schluß dieser übersichtlichen Geschichte der Schellen- tracht theilen wir noch eine Stelle aus des Faust von Aschaffen- burg Chronik der Gesellschaft Limburg mit: „Die Mannspersonen haben noch vor hundert Jahren eine Zierd getragen, welches man Hornfessel geheißen. A. 1466 kaufte Job Rhorbach von Enge Froschin ein Hornfessel pro 145 fl. — ist ein Borten, ein Hand- 2. Die Zeit des Luxus und der Entartung. breit von Sammet oder Guldenstück gemacht, auf einer Achsel hinten und vornen unter dem andern Arm zugeschleift worden. Dieses ist mit schönen Perlen oder blümichten Fliedern und voller Silber, auch vergulter Schellelein voll gehenkt gewesen, wobei man von weitem ihre Zukunft hat hören können. Es hat solche Zierd herrlich und ansehnlich gestanden, wie auch ein Sprichwort davon entstanden: Wo die Herren sein, da klingeln die Schellen. Und sind die Schellen vor alter Zeit eine besondere Zierd vor- nehmlicher, stattlicher Leut und Personen gewesen, wie aus dem Hohenpriester des jüdischen Volks Rock zu erkennen, aber als solche Pracht und Tracht in ein Mißbrauch gerathen, also daß solche Herren ihre Schellen den kurzweiligen und Schalksnarren allein gelassen und zur stummen Zierde gegriffen.“ — Die Schuhe mit langen Spitzen, die s. g. Schnabel- schuhe , haben das mit der Schellentracht gemein, daß sie im vierzehnten Jahrhundert, da sie beginnen in so hohem Grade die Aufmerksamkeit der Welt zu erregen, nicht als eine völlig neue Erscheinung auftreten. Auch ihrer Blüthezeit geht eine spo- radische Geschichte vorauf, die selbst bis ins zehnte Jahrhundert hinaufreicht. Die anekdotische Historie kennt mehrere Erfinder derselben zu verschiedenen Zeiten, ein Beweis, daß es eben keiner ist, sondern daß auch hier ein allmähliges Werden, Vergehen und Wiederkommen wie in allen Moden anzunehmen ist. Die einen nennen den Grafen Fulco IV. von Anjou (um 1087), der auf den glücklichen und folgenreichen Gedanken gekommen sei, um seiner kranken oder mißgestalteten Füße willen. Dann habe um die weitere Verbreitung sich besonders ein Hofmann König Wil- helms II. von England viele Verdienste erworben und sich da- durch den ehrenden Beinamen Cornadu oder Cornutus, d. i. der Gehörnte, verschafft, weil er die Spitzen mit Werg ausstopfte und wie ein Horn aufwärts krümmte. Andere nennen den Gra- fen Gottfried Plantagenet um dieselbe Zeit, andere erst den Kö- nig Heinrich II. von England (gestorben 1189). So viel ist er- sichtlich, daß diese Mode im elften und zwölften Jahrhundert in England ziemliches Aufsehen erregt hat. Es ist auch insofern II. Das Mittelalter. nichts Unwahrscheinliches dabei, als überhaupt die Regierungszeit Wilhelms des Rothen durch den Kleiderluxus der neuen Eroberer sich auszeichnet. Man verglich diese Schuhe schon damals mit den Schiffsschnäbeln, und die lateinischen Chronisten nennen sie ocreae rostratae . Auch diesseits des Canals geschieht ihrer im elften Jahrhundert Erwähnung, und als Anna Comnena, die schriftstellernde Kaiserstochter, die fränkischen Kreuzfahrer in Con- stantinopel sah, findet sie an ihnen die spitzen Schuhe zu bemer- ken. Die Mode setzt sich fort, sodaß im zwölften Jahrhundert die Geistlichkeit mehrere Male dawider eifert als eine Sünde wider die Natur und als eine Ketzerei. Ihr selbst mußten sie für Frank- reich im Jahr 1212 auf dem Concil zu Paris verboten werden. Noch um das Jahr 1250 erhalten die Engländer deßhalb den Beinamen der „Geschwänzten.“ Diese Mode muß aber nirgends, und namentlich nicht in Deutschland, zu einer allgemeinen ge- worden sein, denn die Bilder dieser Zeiten zeigen wohl immer eine spitz zulaufende Form der Fußbekleidung, die sich aber nur an dem reich verzierten, eleganten Schuh der Superbia, der Hof- fart, bei der Herrad von Landsberg zu einer etwas unnöthigen Länge ausdehnt. Sie sind daher in der Art und in der allgemei- nen Verbreitung, wie sie im vierzehnten Jahrhundert auftreten, als eine neue Mode zu betrachten. Frankreich ging auch diesmal und zwar um eine beträchtliche Zeit voran. Es wird berichtet, wie schon unter der Regierung Philipps IV. (1285—1314) die Länge den Stand unterschieden habe; die Spitze hatte zwei Fuß Länge für die Damen und die großen Barone, einen Fuß für die Reichen und einen halben Fuß für die gewöhnlichen Leute. In der Mitte des Jahrhunderts wie- derholen sich die Klagen in England und nun auch in Deutsch- land zugleich. In England nannte man sie unter der Regierung Richards II. (1377—1399) crackowes, offenbar von der Stadt Krakau. Wollte man eine Beziehung suchen, so müßte man an die Königin Anna denken, Richards Gemahlin, eine Tochter von Kaiser Karl IV. , Johanns von Böhmen Sohn. In Frankreich war die Sitte wieder so allgemein und auffällig geworden, daß sie das 2. Die Zeit des Luxus und der Entartung. Concil zu Angers 1365 wieder den Geistlichen verbot. Man nannte sie damals sotulares de polena oder französisch poulaines, d. i. Schiffsschnäbel. Wenig annehmbar erscheint die Ableitung von einem neuen Erfinder, Namens Poulain. Französische Bil- der des vierzehnten Jahrhunderts zeigen sie häufig bei Herren und Damen, aber nie in der übertriebenen Länge, welche die deutsche Mode charakterisirt. Deutschland scheint auch hier den Vorrang zu behaupten, mit dem höchstens die Engländer wett- eifern mögen. Der Widerstand war überall umsonst. Vergebens verbot Karl VI. (1422) den Schuhmachern von Paris sie zu ma- chen und den Krämern sie zu verkaufen, vergebens suchte Edu- ard IV. (1464) sie auf das gesetzliche Maß von zwei Zoll Länge zu beschränken; grade unter seiner Regierung blühten sie noch 1482 in außerordentlicher Weise. In Deutschland sucht sie eine Stadt nach der andern mehr als ein Jahrhundert hindurch gesetzlich zu unterdrücken. Schon die Frankfurter Ordnung von 1350 und die Speierer von 1356 verbieten sie ganz, und andere erlauben nur die Breite eines oder zweier Querfinger. Später in der zweiten Hälfte des funfzehnten Jahrhunderts werden sie bloß den niedern Classen, dem arbeiten- den und dienenden Stand, gänzlich untersagt, und nur die Re- gensburger Obrigkeit (1485) hat die Freundlichkeit, mit den fremden Handwerksburschen insofern eine Ausnahme zu machen, als sie ein Paar mitgebrachte Schnabelschuhe erst auftragen dür- fen — doch sollen sie bis dahin sich keine neuen machen lassen. Anderthalb Jahrhunderte dauern diese Verordnungen; ob die Strafen gegen die Eigenthümer oder die Schuster gerichtet wa- ren, blieb gleich umsonst, bis eine andere Zeit kam und die Mode umschlug. Die Böhmische Chronik klagt, daß nicht einmal die Strafe des Himmels Eindruck gemacht habe. Es war im Jahr 1372, so erzählt sie, da lag ein Gewitter über dem Städtlein Trebnitz und dem Schloß Koschtialow, und der Donner schlug in das Schloß und schlug dem Burggrafen Albrecht von Slawietin und seinem Weibe beiden die Spitzen von den Schuhen hinweg, ohne daß den Füßen ein Schade geschah. „Solches war desselben II. Das Mittelalter. Tages an andern Orten mehr geschehen, nichtsdestoweniger ward aber die verdrießliche Hoffart nicht abgelegt, sondern ein jeglicher trug sein Haupt empor und thät in seinem kurzen Röcklein und langspitzigen Schuhen als wie ein Storch einhertreten.“ Mehr noch als unter den Städtern, die in ihrer Modesucht mit den Gesetzen zu kämpfen hatten, wurde diese Tracht unter den Fürsten und dem Adel allgemein, in dem Grade, daß sie selbst auf die Rüstung überging, als die Lendner und die Bein- und Fußbedeckung sich mit Platten belegten. Die völlige Unbequem- lichkeit, von der schon die böhmische Chronik zum Jahr 1367 spricht, „daß man nicht geraum darinnen gehen können,“ war kein Hinderniß. Im Nothfall wußten sich die Ritter der Schnä- bel zu entledigen. So machten es die österreichischen Herren in der Schlacht bei Sempach (1386), da sie mit dem Bauernvolk zu Fuß fechten wollten: sie hieben die Schnäbel von den Schuhen, „man hätte gefüllt einen Wagen,“ heißt es im Lied des Halb Suters von dieser Schlacht. In demselben Jahr 1386 ereignete es sich vor Kassel, daß die Hessen, als die Belagerer abgezogen waren, „etliche Wagen voll der spitzigen Schnäbel, so die Kriegs- leute des Sturmes halber abgeschnitten hatten,“ in die Stadt fuhren. Die Unbequemlichkeit wußte man noch in außerordentlicher Weise durch Unterschuhe zu erhöhen. Nach der anfänglichen Mode hatte man die Schuhe selbst oder an ihrer Stelle die Füßlinge der Hose mit den langen, ausgestopften Spitzen versehen. Sie konn- ten unter Umständen die dreimalige Länge des Fußes erreichen. Sie waren entweder so schlaff, daß sie beim Gehen willkürlich umherflogen und der Träger sich aufs höchste vor dem Darauf- treten und Niederfallen in Acht nehmen mußte, oder sie hatten durch den hineingestopften Werg oder darunter gelegte Sohlen insoweit eine gewisse Steife erhalten, daß sie bei der Biegung des Fußes sich ebenfalls einbogen; oder sie standen, noch mehr gesteift, vorn aufwärts gekrümmt. In der übermäßigen Länge war es fast unmöglich mit ihnen zu gehen, und so wird erzählt, seien sich mit kleinen Kettchen, die am Knie, auch wohl am Gür- 2. Die Zeit des Luxus und der Entartung. tel befestigt waren, in die Höhe gehalten. So werden die oben genannten crackowes der Engländer beschrieben, bei denen sie auch einige Male bildlich vorkommen sollen, z. B. bei König Jakob I. von Schottland. In Deutschland ist mir kein Beispiel dieser Art bekannt geworden. Vielleicht um den langen Spitzen einen größeren Halt zu schaf- fen, vielleicht auch um sie auf den ungepflasterten Straßen vor Staub und Schmutz zu bewahren, gab man ihnen eine steife, harte Un- terlage von Schuhen oder vielmehr Pantoffeln. Hölzerne Unter- schuhe waren in gewissen Gegenden, wo sie die Beschaffenheit des Bodens nothwendig machte, schon lange gebräuchlich. In Soest z. B. war es im dreizehnten Jahrhundert Sitte, daß der Bräu- tigam zur Verlobung der Braut ein Paar Schuhe und ein Paar Holzschuhe schenkte. In Göttingen wurden ums Jahr 1350 auch die Brautjungfern mit den einen wie mit den andern vom Bräu- tigam beschenkt. In dem letztern Falle dürften die Holzschuhe schon mit den langen Spitzen in Verbindung stehen. Ursprünglich waren nun die Unterschuhe ein langes, nach der Form des Fußes zugeschnittenes Stück Holz, das mit seiner Spitze die Länge des Schuhes oder des Fußschnabels noch zu übertreffen pflegte. Befestigt wurden sie zuerst nur mit einem Riemen und dann mit zweien, die kreuzweise über den Fuß lie- fen. Der Fuß steckte beweglich darin und jeder Schritt erzeugte das Klappern der Pantoffeln. Einen Begriff von der Beschwer- lichkeit eines solchen Gehens kann man sich etwa machen, wenn man sich zwei schmale Brettchen lose unter seine Füße befestigt denkt. Dann begann man diese Bretter zu erhöhen, indem man ein Paar ein bis zwei Zoll hohe Klötzchen unter der Ferse und unter dem Ballen des Fußes daran anbrachte, oder den Holz- pantoffel gleich in dieser Form ausschnitt. Der Schnabel reichte nun weit in die Luft hinaus, und über ihm bog sich die Spitze des Schuhes oder des Füßlings der Hose in die Höhe. Das künstlerische Gefühl des Schusters schweifte die Linie des Holz- schuhs in mannigfacher Weise aus, auf welche Variationen wir nicht eingehen wollen. Die Verzierungskunst bemächtigte sich aber II. Das Mittelalter. noch weiter dieser seltsamen Fußbekleidung. Die Füßlinge muß- ten ohnehin alle Sonderbarkeiten in der Farbe des Beinkleides mitmachen: wie die Beine selbst waren auch sie zuweilen von verschiedener Farbe, z. B. der eine roth, der andre weiß, oder buntfarbige Streifen liefen der ganzen Länge nach bis in die Spitzen hinein. Es war auch wohl der eine um das Doppelte oder Dreifache länger als der andere. Für die Schuhe war Roth die Lieblingsfarbe jener Zeit, daher damals das Sprichwort ent- stand: Es gehört mehr zum Tanz als rothe Schuhe. Aber es war nicht die einzige Farbe, wie auch ein Paar, den Hosen und Füßlingen gleich, deren mehrere oder auch an jedem Schuh verschiedene haben konnte. Der Stoff war feines Leder oder Seide, Sammet oder Goldstoff. Sie wurden vielfach reich be- stickt und mit Perlen besetzt und die gekrümmten oder schlaffen, umherfliegenden Spitzen hatten nicht selten eine klingende Schelle zu tragen. Oben am Knöchel wurden die Schuhe mit Ohren oder Flügeln von farbigem Zeug und Leder besetzt. In England trug man Schuhe, die ganz in gothischem Maßwerk durchbrochen wa- ren, mit Vierpässen, Dreiblättern, Rosetten u. s. w. Die Unter- schuhe wurden mit Messing beschlagen, oder mit Silber und Gold in getriebener Arbeit. Statt des Holzes nahm man später dickes, doppeltes und dreifaches Leder, mit eingepreßten Verzierungen und mit Metall beschlagen und gesteift. Als in der ersten Hälfte des funfzehnten Jahrhunderts hier und da kleine Stiefeletten mit weiten Krämpen getragen wurden, blieb die Mode im Uebrigen gleich; auch sie erhielten ihre Spitzen und Pantoffeln. Das alles war nicht bloß stutzerische Tracht; ein einziges Beispiel wird uns leicht vom Gegentheil überzeugen. Das alte Manuscript von Reichenthals Chronik in Konstanz enthält eine Abbildung davon, wie Burggraf Friedrich von Nürnberg die hohen Stufen des Thrones hinaufsteigt, um vom Kaiser Sig- mund die Belehnung mit der Mark Brandenburg zu erhalten. Diese Begebenheit ereignete sich bekanntlich beim Concil in Kon- stanz im Jahr 1417. Das Bild ist gleichzeitig und an Ort und Stelle gefertigt. Der Künstler konnte Augenzeuge gewesen sein, 2. Die Zeit des Luxus und der Entartung. und war er es nicht, so ist wenigstens die Wahrscheinlichkeit und Möglichkeit seiner Darstellung nicht in Zweifel zu ziehen. Der Burggraf, mit langem Haar und, die Oberlippe ausgenommen, mit vollem Bart, trägt über der engen Kleidung einen Trappert von Goldstoff mit rothem Grund und reich mit Pelz verbrämt. Die Schuhe ruhen in hölzernen, mit doppelten Klötzchen darunter versehenen und, wie es scheint, vergoldeten Unterschuhen, an de- nen die langen goldenen Rittersporen sitzen; die Länge der Schnäbel übertrifft die des Fußes um das Doppelte. So ange- than und die Arme stolz auf der Brust gekreuzt, ist er im Begriff die hohe Stiege hinaufzusteigen, deren Stufen an Breite der Länge seiner Schuhe weitaus nicht gleichkommen. Wie das mög- lich war, wie er bei so gefährlichem Gang Anstand und Würde zu der feierlichen Handlung hat bewahren können, ist schwer zu sagen. Aber die Augen des Publikums waren an solchen Anblick gewöhnt, und der Künstler hat gewiß nur ein Bild voll erhabe- ner, stolzer Würde und Majestät dem Beschauer vorführen wol- len. Das war im Jahr 1417. Es ist gegen das Ende des Jahr- hunderts noch ähnlich. Bei Hefner ( II, 142) findet sich eine Mi- niature mit der Jahreszahl 1480, auf welcher ein Schriftsteller sein Werk dem Pfalzgrafen Philipp überreicht. Der Pfalzgraf trägt noch ganz die spitzen Schnabelschuhe in langen steifen Un- terschuhen oder Pantoffeln, die nur mit Kreuzriemen über dem Fuß sitzen. So wenig gelten die spitzen Schuhe und die pantoffelartigen Unterschuhe für stutzerische Tracht, daß sie von den Künstlern auch den Heiligen und Christus und Gott selbst beigelegt werden. Auf einem prachtvollen französisch-burgundischen Teppich in der Abtei la Chaise-Dieu vom Ende des funfzehnten Jahrhunderts, welcher die Krönung der Maria darstellt, tragen alle drei, Gott, Christus und Maria diese Unterschuhe, wenn auch schon von we- niger spitzer Form. So hat sie auch die heilige Jungfrau bei der Verkündigung auf einem Bild des Hugo van der Goes, welches früher zur Boisser é eschen Sammlung gehörte. Diese giebt noch mehrere Beispiele. Namentlich ist es Quintin Messys, der sie II. Das Mittelalter. seinen heiligen Frauen anlegt, wie er es denn überhaupt liebt, die hohen und schönen Gestalten mit aller stolzen Pracht seiner Zeit zu umkleiden. Selbst der heilige Joseph, der einfachste und anspruchsloseste Mann von allen Heiligen, hat an seinem Ehren- tage der Vermählung mit Maria an seinen Füßen große, vor- stehende Holzpantoffel mit den Klötzchen darunter; sie sind nur mit Kreuzriemen klappernd an die Schuhe gelegt. Auf einem Bilde des s. g. Meisters der Lyversberger Passion in der Moriz- kapelle zu Nürnberg, welches die Geburt Mariä darstellt, wobei die Frauen in hülfreich geschäftiger Thätigkeit sind, stehen ein Paar solcher ledernen, langspitzigen Unterschuhe neben dem Bett. Als Maria ihren Kirchgang macht, läßt sie derselbe Künstler darin die hohen Stufen des Tempels hinaufsteigen. Um das Jahr 1480 berichtet Stolle’s Erfurter Chronik das Abkommen der langen Schnäbel, was in Frankreich unter Karl VIII. (1483—1498) eintrat. Die Zeit zwischen 1480 und 1490 ist allerdings überall der Wendepunkt in dieser Mode. Aber so we- nig wie sie plötzlich eingetreten war, ebensowenig verschwindet sie auch wieder zu gleicher Zeit oder auf einmal. Schwerlich wird auch die päpstliche Bannbulle von 1480 allein die Umwandlung bewirkt haben. In England verschwinden sie wirklich seit dieser Zeit, und auch anderswo wird ihr Vorkommen mehr und mehr sporadisch. 1501 verbietet eine Stuttgarter Schulordnung noch den Schülern „die spitzigen Schneppeterschuhe.“ Damals aber waren sie bei den modischen Leuten schon entschieden in das Ge- gentheil, die breiten „Kuhmäuler“ oder „Entenschnäbel“, umge- schlagen. In dem Nürnberger Schönbartbuch, in welchem sich die Wandlung einzelner Kleidungsstücke trefflich verfolgen läßt, er- scheinen die Schuhe im Jahr 1493 zum ersten Mal breit, wäh- rend sie in den vorhergehenden Jahren noch zugespitzte Form hat- ten. Auf einem Bilde der Münchner Pinakothek, welches dem Lucas von Leyden (geboren 1494) zugeschrieben wird, trägt die heilige Agnes noch spitze Unterschuhe mit Kreuzbändern. Aber das Bild ist ältern Datums, ein Werk vom s. g. Meister des Bartholomäus, und gehört dem funfzehnten Jahrhundert an. — 2. Die Zeit des Luxus und der Entartung. Weniger tief als Schellen und Schuhschnäbel drang in das Volk noch eine andere Eigenthümlichkeit ein, welche aber geeignet ist, uns die seltsame Phantasie dieser Zeiten von einer neuen Seite zu zeigen. Wir meinen die Bedeutung, welche man mit den Farben der Kleider verknüpfte, indem man sie in bestimmte Beziehungen zu der Liebe setzte. Man könnte fragen, ob denn eine solche allegorische Anwendung wirklich im Leben stattgefun- den habe und nicht bloß eine Erfindung der Dichter sei, die unsre Quelle bilden. Es versteht sich von selbst, daß hier nicht von der Masse des Volks die Rede sein kann, sondern nur von den Krei- sen, die, auf der Höhe des Lebens und der Bildung stehend, die geistige Fähigkeit hatten, ihr geselliges Thun und Treiben in das Gewand der Poesie zu kleiden. Davon war nun, trotz großer Versunkenheit des Adels, trotz Rauf- und Raublust, immer noch ein gut Theil aus der alten Zeit übrig geblieben, wenn wir auch diese Art von Poesie nicht auf eine besonders hohe Stufe stellen wollen. Sie erhielt sich fort und fort, namentlich auch am bur- gundischen Hof, bis auf Kaiser Maximilian, der in dieser Be- ziehung vor allen „der letzte Ritter“ ist. So gut wie in der Dicht- kunst selbst die Allegorie die Form war, in welche alles gegossen wurde, wie nicht die Liebenden selbst die Helden waren und der Liebe Leid und Lust der Gegenstand, sondern Frau Minne, Frau Maße, Frau Treue, Frau Stete, Frau Ehre und die lehrreichen Gespräche mit ihnen, eben so war sie auch in die Lust des wirk- lichen Lebens eingedrungen und umkleidete Spiele und Festlich- keiten mit geistreich poetischem Gewand. Unter fremder Maske, unter den Namen von Heroen und Heroinnen oder irrender Ritter und ihrer berühmten Damen, unter dem Vorsitz der Königin Minne selbst als Festeskönigin wurden schon an den reicheren Höfen des vierzehnten und funfzehnten Jahrhunderts Turniere und leichtere Spiele abgehalten. Wenn die Dame des Turniers nicht unter ihrem Namen den Dank ertheilte und der siegreiche Ritter ihn etwa als Pyrrhus, des Achilles Sohn, empfing, so konnte dieses Spiel oder diese Spielerei auch noch weiter ausge- dehnt werden, und Herren und Damen in besonderer Kleidung II. Das Mittelalter. erscheinen, mit deren Farbe sie eine sinnvolle Bedeutung verban- den, wie das die Gedichte melden. Dieselben scheinen auch anzu- deuten, wie das zu gehen pflegt, daß man den anmuthigen Scherz des Farbenspiels auch über das Fest hinaus fortgesetzt und auf das wirkliche, gesellige Leben übertragen habe. Es giebt der Nachweise genug, daß man im ganzen Mittel- alter, wie es zu allen Zeiten war, mit gewissen Farben gewisse Bedeutung verbunden oder für diese oder jene eine dauernde Vor- liebe gezeigt habe. Schwarz z. B. war immer die Farbe der Trauer, und es ist nur ein widerspruchsvoller Fehler unsrer im Costümwesen zerfahrenen Zeit, wenn es zugleich die Farbe der Festfreude männlicherseits geworden ist. So trauerte auch das Mittelalter (mit wenigen localen Abweichungen in Weiß oder Grau) fast ausnahmlos. Wenn aber der König von Frankreich allein in Roth trauerte und selbst die Königin gleich der Bürger- frau Schwarz anlegen mußte, so ist das eine Ausnahme von so vorragender Bedeutung, wie sie nur die allen Vergleich ausschlie- ßende Stellung des französischen Königs im Sinne des spätern Mittelalters rechtfertigt oder erklärlich macht. Es ist, als ob es heißen solle, der König stehe so hoch, daß Leid und Freude ihn nicht erreichen könne, denn Roth ist die vor allen bevorzugte Farbe des Mittelalters, die Farbe der Freude wie der Ehre. Von dem Purpur und seiner Bedeutung abgesehen, die wir schon früher haben kennen lernen, war Roth, insbesondere Scharlach, vielfach eine Auszeichnung der höchsten Stände. In Bologna z. B. war Carmoisin und Rosenroth dem alten Adel vorbehalten, und in Soest durfte eine Braut an ihrem Ehrentage kein scharlachrothes Kleid tragen, wenn sie nicht einen Brautschatz von bestimmter Größe mitbrachte. Es ist bekannt, welche Bedeutung die rothe Farbe beim Gericht hatte, wovon der rothe Mantel des Scharf- richters und der rothe Talar der Juristenfacultäten noch lange übrig blieb. Wer nicht den Blutbann hatte, durfte nicht mit ro- them Wachs siegeln. Man mag auch dabei der heiligen Vehme auf der rothen Erde gedenken. — Roth und Gelb waren die Lieblingsfarben des Mittelalters; Brokat mit goldenem Muster 2. Die Zeit des Luxus und der Entartung. auf rothem Grund oder umgekehrt war von allen der kostbarste Stoff im vierzehnten und funfzehnten Jahrhundert. Gelb war besonders für den Kopfputz bei den Frauen beliebt, so sehr, daß selbst die Prediger gegen die gelben Schleier und Gebende zu Felde ziehen. „O we, gele gebende!“ klagt Maria Magdalena in einem Passionsspiel, da sie von der Reue ergriffen wird. Weiß ist die Farbe der Jungfrauen, der Unschuld und Reinheit des Herzens. In Weiß waren die Novizen der Ritterschaft gekleidet, am Abend bevor ihnen das erforderliche Gelübde abgenommen und die Zeichen der neuen Würde angelegt wurden. Ebenso klei- deten sich die Könige und Königinnen von England am Vorabend ihrer Krönung. Weiß war auch, wie wir schon früher bei Ludwig dem Frommen gesehen, die Farbe des Täuflings; auch den Glocken, die man taufen wollte, legte man ein weißes Hemd über. In Frankreich gab es einen Ritterorden von der weißen Dame, ge- gründet die Rechte aller artigen und züchtigen Damen zu be- schützen. Weiß konnte auch die Freude bezeichnen. So zogen ein- mal sieben Franzosen des Hauses Orleans, die ihre Gegner sieg- reich bestanden hatten, in weißen Kleidern in Paris ein. Eine sinnige Bedeutung der weißen Farbe hat sich noch vielfach bis auf unsre Tage erhalten. Auch unter den Farben der Meßgewän- der, wie sie mit den kirchlichen Jahreszeiten abwechseln, bedeutet Weiß Unschuld und Freude, Roth aber Liebe und Opfer, Grün die Hoffnung, Blau Demuth und Buße, Schwarz Tod und Trauer. — Die poetischen Kreise der Höfe nun beziehen alle Farben auf die Liebe. Dichter des vierzehnten und funfzehnten Jahrhunderts, welche mehr oder minder ausführlich von ihnen berichten, bleiben in der Angabe der Bedeutungen so ziemlich gleich, doch finden auch einige Abweichungen statt. Grün ist der Liebe Anfang. Wer zum ersten Mal von der Macht der Minne bezwungen oder wer noch frei von ihr ist, den soll man in Grün schauen. Grün ist aber auch die Farbe der irrenden Ritter, vermuthlich weil sie, auf der ewigen, ziellosen Wanderung begriffen, immer so gut wie noch im Beginn ihrer II. Das Mittelalter. Liebesbahn stehen. Wie derjenige, welcher seine Laufbahn beginnt, noch des Hoffens voll ist, so mag Grün auch die Bedeutung der Hoffnung erhalten haben, die man ebenfalls, wie noch heute, dieser Farbe zuschreibt; in jenen Zeiten bedeutete Weiß den hof- fenden, aber auch den glücklichen und den reinen Liebhaber. „ Roth außen, das soll innen ein brünstig Herze haben.“ Roth, das ist die brennende Liebe; wer sie trägt, der deutet da- mit an, daß er brennt nach seinem Lieb, wie die Glut in dem Feuer. Aber Roth trägt auch, wer fröhlich ist in glücklicher, treuer Liebe, und wer trauert um ihretwillen, kleidet sich in Grau . Einst kamen, wie ein altes Lied sagt, zwei Jungfrauen zusam- men, die eine in Roth, die andere in Grau gekleidet. Von denen sprach die Rothe: „Ich brenn auf der Minne Rost Und hab Freud und Lieb und Trost Von einem Knaben minniglich, Der liebet mich ganz inniglich Zu aller Zeit im Herzen.“ Und die Graue spricht: „Du freust dich Lieb, der traure ich. Ich hab einen Knaben auserwählt, Der mir vor aller Welt gefällt, Den seh ich gern und ist mein Freud. Hör dawider manches Leid. Wann ich ihn seh, so darf ich nicht Fröhlich stellen mein Gesicht, Und muß die Freud vermeiden, Von der falschen Zungen schneiden.“ Wer aber ganz in der Liebe unglücklich ist, wen sein Lieb verlassen hat, der trägt Schwarz , die Farbe der Trauer, „des Leides Anfang und der Freuden Ende,“ denn seine Liebe ist zu Leid geworden, darum er trauern muß. Den Gegensatz, die Ste- tigkeit, die treue Liebe bezeichnet Blau . „Und da ich meinen Buhlen het, Da trug ich Blau , bedeutet stet. 2. Die Zeit des Luxus und der Entartung. Die Farb ist mir benommen, Nun muß ich tragen schwarze Farb, Die bringt mir keinen Frommen.“ „Schwarze Farb, die will ich tragen, Darin will ich meinen Buhlen klagen; Ich hoff, es wär’ nicht lange, Schneide ich mir eine grüne Farb; Die ist mit Lieb umfangen.“ Gelb oder Gold ist die Gewährung der Liebe, der Minne Sold. Darum ist auch das Kleid der Frau Minne golden, oder auch feuerroth als die brennende Liebe. Frau Stete oder Frau Treue trägt ein blaues Kleid, Frau Maße ein perlweißes, Frau Liebe ein grünes. Aber auch Frau Ehre erscheint mit einem ro- then und Frau Treue gar mit einem schwarzen Kleide. Sinnig werden nun wieder die einzelnen Farben mit einan- der verbunden. Grün und Blau, ein edles Gewand, sind An- fang in der Stetigkeit; Weiß und Blau ist stetes, gutes Geden- ken und besser als der Anfang. Bei Grün und Schwarz ist das Leiden viel zu hart, denn es folgt gleich auf den Anfang. Blau und Schwarz ist eine stete Reue, die sich alle Tage erneuert. Schwarz und Roth ist der grimme Mord der schönsten Liebe. Der Gegensatz ist Blau und Roth: Treue und rechte, inbrünstige Liebe; wer die besitzt, der soll immer fröhlich sein. Bunt gemengt in verschiedenen Farben ist Falschheit und Unbeständigkeit. In dem Gedicht „der Widertheil“ erzählt der österreichische Dichter Peter Suchenwirt, wie er einst zwei Frauen in einem Garten angetroffen und ihrer Rede heimlich gelauscht habe. Die eine habe „Blau in Stetigkeit“ getragen mit vielen Sapphiren in blauem Schmelz, die andere aber gar unstet sechs Farben durch einander gemengt, Grün, Roth, Weiß, Gelb, Schwarz und Blau. Die Blaue sei die treue, stetige Liebe gewesen, die Bunte aber Frau Venus selbst, welche sich das Kleid der Falschheit ange- zogen habe, um die andere zu erproben. Sie habe nach dem Ge- liebten derselben gefragt und zuerst den ihrigen geschildert als einen freudenreichen Held bei Tisch, der freventlich mit Schalkes- Falke , Trachten- und Modenwelt. I. 17 II. Das Mittelalter. worten von keiner Dame gut spreche; er liebe den Wein gut und viel; gehe spät zu Bett und stehe Mittags mit schwerem Kopfe auf. Dagegen hebt die Stete des ihrigen Tugenden hervor, seine Züchtigkeit in Worten, seine Mäßigkeit, Wachsamkeit, Frömmig- keit, Treue und Tapferkeit. Der solle ins Kloster gehen, meint die Bunte; ihr Liebster diene hundert Frauen; wie der Wolf den Schafen, so stelle er ihrer Ehre nach; beim Turnier sei er wie eine kranke Frau; seinen Speer werfe er weg, aber er komme heil nach Hause, noch nie habe er eine Wunde erhalten, auch in der Schlacht nicht, denn er sei immer der letzte, immer hinten an; aber niemals käme er müde zur Liebe. Endlich merkt die Blaue, daß die andere wohl nicht ganz aufrichtig spreche. Sie hebt ihr die bunten Kleider auf, Mantel und Rock, und sieht darunter rothe Kleider, die Farbe der Frau Minne. Da freute sich die Stetigkeit und Venus mit ihr, daß sie in der Prüfung bestanden und es noch treue Liebe gäbe in der zuchtlosen Zeit. — Es giebt ein längeres Gedicht in dem Liederbuch der Clara Hätzlerin „von der Auslegung der sechs Farben“, welches zeigt, daß mit ihrer Bedeutung mancherlei Mißbrauch getrieben sein muß, und sie andrerseits auch Opposition fand in dem Gedan- ken, daß man die Liebe nicht zur Schau tragen solle. Eine Frau läßt sich vom Dichter die Farben auslegen und antwortet ihm in diesem Sinne, indem sie den alten Standpunkt der Minnezeit, das Geheimniß, festhält. „Sie heißen wohl Lästerer, Die mit Röcken lassen sehn, Was ihnen Gutes ist geschehn.“ — Und am Schluß sagt sie: … „ der Sitte trag ich Haß. Er sollt es verschweigen baß, So ein minnigliches Weib Ihr Herz und ihren Leib Ihrem Diener giebt zu eigen, Das soll er Niemand zeigen, Und soll das in seines Herzens Grund Senken, daß es nimmer kund 2. Die Zeit des Luxus und der Entartung. Wird einem Mann oder Weib. Wann ihn Glückes Scheib Trüg’ auf der Selden Bahn, Das soll er allein ha’n, Und sollt’ das fest verhehlen, Als ein Dieb, der da will stehlen. Das war vor Alters recht. Es wär Ritter oder Knecht, Er sollt seiner Minne Niemand bringen inne, Denn daß er’s wüßt’ allein. Dieselbe Sitte, die war rein!“ Und gewiß hat sie auch für die Zeit des Dichters recht, wenn sie auf das Zurschautragen von Roth und Blau, der brennenden Liebe und der Treue, erwidert, sie kenne manchen, der sich in Roth sehen lasse, und sei ihm doch von Liebe selten weder kalt noch heiß geschehen; manchen auch säh man Blau tragen, wenn aber der Rock die Wahrheit sagen könne, er würde ganz andere Mähre erzählen. Aehnlich spricht sich Peter Suchenwirt aus, dessen Gedichte immer eine directe Beziehung auf seine Zeit haben. In dem Ge- dicht, welches die Ueberschrift führt: „Eine Rede von der Minne“, findet er, spazieren gehend, drei Frauen zusammen, die Minne, die Stete und die Gerechtigkeit. Frau Stete klagt den beiden an- dern ihre Noth über die falsche Liebe, die überall herrsche, und setzt dann hinzu: „Noch eines mehr, das muß ich klagen, Daß manche Blau durch Stete tragen, Davon sie meinen stet zu sein, Wenn sie in blauer Farbe Schein Erzeigen sich den Frauen gut. Mich dünket das in meinem Muth: Und wär die Farb’ also man gicht, Es wär’ ein’ Ell’ vergolten nicht Mit hundert Gulden und baß. Stet’ wohnt im Herzen; wisset das, Daß sie nicht von der Farbe kommt, Daß manchem also wenig frommt, Der sich von Unstet läßt besiegen, Des er von Frauen wird geziehen.“ — 17* II. Das Mittelalter. c. Die burgundische Hoftracht und der Luxus der Niederlande. Um die Mitte des funfzehnten Jahrhunderts war es der Hof von Burgund , welcher in allen Angelegenheiten der Mode und der höfischen Sitte den Ton angab. Sein Einfluß er- streckte sich nicht bloß auf die mit ihm verbundenen Niederlande, sondern von hier aus durch ganz Deutschland, in den Trachten sowohl wie in Kunst und Industrie. „Heutiges Tages,“ sagt eine damalige Chronik, „muß alles der niederländischen, welschen Pracht und Unmäßigkeit gleich geschehen.“ Eigentlich ist Burgund hierin nur der Nachfolger von Frank- reich, das schon vor der bayrischen Isabella, der Gemahlin Karls VI. (vermählt 1385) eine nicht unbedeutende Herrschaft auf diesem Gebiete behauptet hatte. Isabella selbst, die pracht- liebende Königin, erhöhte noch die Putzsucht und war selbst erfin- derisch in der Mode. Damals glichen die französischen Ritter ihren Nachkommen, den Helden von Roßbach, indem sie ins Feld zo- gen, ausgerüstet mit allem Putz, der nothwendig ist, vor den Damen am königlichen Hof zu erscheinen, mit perlgestickten Ge- wändern, mit allen Kleinigkeiten und Utensilien, um die voll- ständige Toilette, namentlich auch des Haares, stets in schönster Ordnung zu erhalten. Da brach das Unglück der langen englischen Kriege herein, und endlich kam die reiz- und glanzlose Regirung Ludwigs XI. , des Bürgerkönigs, der allem ritterlich-höfischen Prunk abhold war. Hiermit gingen Frankreichs Lorbeeren und seine Hegemonie auf diesem Gebiete für zwei Jahrhunderte ver- loren. Burgund war der erste Erbe. Der Glanz seines Hofes, der Reichthum der niederländischen Provinzen und das hohe geistige Leben, welches in ihnen blühte, sind bekannt genug. Die lange und kluge Regirung Philipps des Guten rief alle Kräfte wach, die kurze Herrlichkeit Karls des Kühnen, den die vornehmsten Höfe der Welt beneideten und den sie doch nicht zu erreichen ver- mochten, bezeichnet den Höhepunkt, aber auch den raschen Sturz. 2. Die Zeit des Luxus und der Entartung. Mit seinem jähen Untergang war auf einmal alles zu Ende. Sein Nachfolger Maximilian, der nur halb dem Lande angehörte, fand mehr Vergnügen an den steilen Felsen der Alpen, wenn er einsam der Gemse nachging, als an dem prunkenden Ceremoniell auf dem glatten Parquet der Paläste; immer unruhig und immer geldarm, wußte er den Glanz nicht zu fesseln an den Hof von Burgund und wollte es auch nicht. Frankreich und Spanien stritten sich dann nach dem Tode Ludwigs XI. eine Zeitlang um dieses Erbe Burgunds, die Herrschaft in Mode- und Hofwesen, bis für das sechszehnte Jahrhundert Spanien den Sieg davon trug. Glanz und Etiquette sind die beiden vorragendsten Eigen- schaften des burgundischen Hofes; sie zeigen sich äußerlich als Pracht in Stoff und Farbe und als Steifheit der Formen in der Kleidung wie im Umgang. Wenn wir die zahlreichen Bilder mit Darstellungen des höfischen Lebens betrachten, namentlich aber die kostbaren und überaus feinen, nie wieder übertroffenen Mi- niaturen, welche Herzog Philipp machen ließ, und die, mögen sie auch die fernsten Zeiten und fremdesten Völker illustriren — Ro- mane, Gedichte, Geschichtswerke —, immer ein Spiegel seines eigenen Glanzes sind, sie werfen uns mit dem Gefunkel von Gold und Edelsteinen, mit der Massenverschwendung des kostbar- sten Stoffes, mit der glühenden, satten Farbenpracht ein Bild entgegen, das zu allen Zeiten seines Gleichen sucht. Wir gewin- nen dasselbe Bild, im Frieden wie im Krieg, wenn wir lesen, was uns die Augenzeugen überliefert haben. Lassen wir uns z. B. von der Hofdame, Madame de Poitiers, zur Taufe der Maria von Burgund führen. Die ganze Kirche ist von innen mit den kostbarsten Teppichen bedeckt, Goldbrokatstoffe hängen um den Taufstein, liegen auf Tischen und auf dem Boden; darüber erheben sich sammtene Himmel. Sechshundert Fackeln sind auf- geboten, vierhundert davon der Bürger, alle gleich gekleidet, hun- dert der Hausoffizianten in der Kirche, hundert der Hofjunker, die auf dem kurzen Wege vom Palast zur Kirche vor dem Kinde hergehen. Dazu die Staffage der reichgestickten Livreen unzähli- II. Das Mittelalter. ger Hofbeamten, der Dauphin von Frankreich und alle Glieder des Hauses Burgund, Herren und Damen, in langen Gewän- dern von Gold- und Silberstoff, bedeckt mit Geschmeide und Ju- welen, die hohe Geistlichkeit in ihrem strahlenden Ornat. — Werfen wir einen Blick auf das Schlachtfeld von Granson, wo der Glanz von Burgund erlosch. Da standen über vierhundert kostbare seidene Zelte mit Fähnlein und anderem Schmuck, unter ihnen vorragend das herzogliche, mit Sammet inwendig ausge- schlagen, mit Gold und Perlen besetzt. Im Zelte stand des Her- zogs goldener Stuhl, daneben lag der reiche Hut, das goldene Vließ und sein Prachtschwert, dessen Griff mit großen Diaman- ten, Rubinen und andern Edelsteinen besetzt war. In der Capelle fand sich der goldene Rosenkranz, dessen Kugeln Edelsteine waren, das mit Perlen und Rubinen geschmückte Reliquienkästchen und andere Heiligthümer, das in rothem Sammet und Gold gebun- dene Gebetbuch mit den feinsten Miniaturen, die große, goldene Monstranz. Im Speisezelt standen hochaufgethürmt die goldenen und silbernen Pokale, Schüsseln und Teller und anderes Geräth. In 400 Kisten lagen die silbernen und goldenen Stoffe, darunter allein hundert gestickte goldene Röcke, die der Herzog für sich mit- genommen hatte; die feinste Leinwand und Seide in Ueberfluß — alles eine unnütze Beute für solche Sieger, die keinen Begriff von ihrem Werth hatten. Der größte damals bekannte Diamant, den Karl nebst andern bei sich führte, wurde vom Finder erst ver- ächtlich weggeworfen und dann für einen Gulden verkauft. Alle Großen Karls, die Blüthe des burgundischen und niederländi- schen Adels, waren im Verhältniß ähnlich ausgerüstet in diesen Krieg gegangen — der kostbaren Waffen und Rüstungen nicht einmal zu gedenken. Nie hatte sich im Mittelalter soviel Pracht und Kostbarkeit auf einem Schlachtfeld vereinigt gefunden. Der Herzog schätzte den Verlust seines Eigenthums auf eine Million. Es mag nicht übertrieben erscheinen, wenn man bedenkt, daß sein Prachtgewand, welches er zu Hof bei festlichen Gelegenheiten trug, allein auf 200,000 Ducaten geschätzt wurde. Der Besatz mit Perlen und Edelsteinen ermöglichte diese enorme Summe. 2. Die Zeit des Luxus und der Entartung. Dagegen erscheint es noch ein Kleines, wenn berichtet wird, daß die Hofdamen seiner Gemahlin für ihren Putz jährlich 40,000 Brabanter Thaler erhielten. In den Niederlanden strömten damals nicht bloß die Schätze der Welt zusammen; dort waren auch die Fabrikstätten für die feinsten und kostbarsten Stoffe, dort blühte eine Kunst, die sie mit den schönsten und prachtvollsten Mustern versah. Die Nie- derlande hatten die vorzüglichsten Färbereien, die gleich Ausge- zeichnetes leisteten in der Aechtheit, wie in der Kraft und Schön- heit der Farben. Sie webten die großen Muster mit stilisirten Pflanzenformen, in Goldbrokat, in Silberstoff, in Sammet, At- las, Seide und Wolle. So trugen sie die Herren wie die Damen, Gold in Roth, in Grün, in leuchtendem oder dunklem Blau, in tiefem Violett und Carmoisin, mit Hermelin verbrämt oder gefüttert; die schweren Stoffe fielen herabhängend auf den Boden und schleppten bei den Damen nach in ellenlanger Masse. Alle diese Brokat- und Damaststoffe brechen sich in eckige, aber groß- artige Falten, die noch den Eindruck des Pomphaften erhöhen. Die Kunst dieser Zeit, die Schule der van Eyck’s, ist das treuste Abbild der weltlichen Herrlichkeit. Ihre Bilder leuchten in früher ganz unbekannter Farbenpracht; ihre Heiligen, obwohl von tief- ster Frömmigkeit erfüllt, sind mit den kostbarsten Gewändern an- gethan, geschnitten nach der Mode der Zeit. Die heiligen Frauen, St. Katharina, St. Agnes, St. Margaretha, St. Ursula, St. Barbara, sie gleichen alle den bestgekleideten Damen von Herzog Philipps Hof, nur die Zeichen an ihrer Seite, Rad und Schwert und Lamm, und die ergreifendste Demuth und Unschuld auf ihren Gesichtern entrücken sie dieser weltlichen Sphäre. Goldgeschmückte und mit Perlen benähte hohe Hauben von den barocken, damals modischen Formen ruhen auf den schönen Köpfen, Brokatgewän- der und Hermelinmäntel bedecken ihre hohen, vollen Gestalten, die Hände zieren feine, farbige Handschuhe, und um die Füße lagert sich massenhaft der schwere Stoff mit dem gebrochenen Fal- tenwurf. Die Künstler arbeiteten hierin offenbar der Natur nach: sie zeichneten, was sie sahen, und componirten frei, wie sich ihr II. Das Mittelalter. Auge an die Formen gewöhnt hatte. So erhob sich zum Stil, was Natur gewesen war, und als die Mode wechselte und diese Wirklichkeit verschwand, wurde bei ihren Nachfolgern der Stil zur Manier und Manierirtheit in den kleinknittrigen Gewändern der Dürerischen Schule. Außer diesen Prachtstoffen wurden auch in den Niederlan- den die feinsten Gewebe fabrizirt, die fast nicht minder gesucht waren. Die holländische Leinwand, schon damals durch Feinheit und Güte berühmt, war zu Hemden, Betten und Tischtüchern erforderlich. Man legte großen Werth auf sie am burgundischen Hofe. Zu den langen und breiten Schleiern, die von den Spitzen der hohen Hauben bis auf den Boden herabfielen, lieferten die Niederlande die feinsten seidenen Florgewebe. In Bezug auf den Schnitt der Kleider und die Formen des Putzes zeigt sich keine Rückwirkung der Kunst auf den burgundi- schen Hof. Die Pracht blendet, aber edlen Geschmack, Anmuth, schöne Linien, Reiz suchen wir vergebens in der äußern Erschei- nung dieser Menschenwelt. Lasciv und kokett nach der einen Seite, sind diese Trachten nach der andern steif und formlos, ja mißgestaltet und barock. Es ist ganz wie mit der Etiquette. Wer sich mit Ueberzeugung, mit Wohlgefallen in ihre Fesseln fügen konnte, der trug auch mit Leichtigkeit, ohne den Zwang zu füh- len, ja mit Koketterie oder vermeintlicher Würde die enggespannte Kleidung, und ebenso die Damen ihre ungeheuren Hauben und langen Schleppen. Keine Bewegung in solcher Tracht war völlig frei, aber die Freiheit war überflüssig, wo Schritt und Tritt den gemessensten Vorschriften folgen mußten. Es bleibt bemerkenswerth, wie Karl der Kühne selbst sich in die Fesseln der Kleidung und der Etiquette fand, die er von sei- nem Vater ererbt hatte. Man sollte denken, sein lebhafter, leiden- schaftlicher Geist, sein feuriges Temperament, das Eigenwillige seines Wesens habe alle diese Schranken durchbrochen; immer in angestrengter Thätigkeit, ein Freund der Jagd, des Kampfes in Ernst und Scherz, der kühnste Ritter, hochfahrenden Geistes und voll kühner, großer Pläne, habe er alles Hofwesen, allen Zwang 2. Die Zeit des Luxus und der Entartung. und leeres Gepränge verachten müssen. Aber er liebte die Pracht und den Glanz und hielt das alles für nothwendig mit seiner Würde verbunden, die er noch durch die Königskrone erhöhen wollte. Er fügte sich darum in Zwang und Formen und erhöhte sie eher, als er sie verringerte. Es hat Fürsten gegeben wie Karl den Großen, die den glänzendsten Hofstaat hielten und inmitten desselben an sich selbst die größtmögliche Einfachheit liebten; Karl der Kühne gehörte nicht zu ihnen: er war der Prächtigste unter den Prächtigen seines Hofes. Ein glücklicher Zufall hat uns über das burgundische Hof- ceremoniell die Aufzeichnungen einer Dame dieses Hofes, Alienor von Poitiers, Vicomtesse de Furnes, hinterlassen. Sie beschreibt, was sie gesehen und erfahren hat, und setzt die Vorschriften aufs genauste auseinander mit der vollsten Ueberzeugung ihrer unfehl- baren Zweckmäßigkeit. Das ganze spätere Hofwesen findet hier bereits sein bis ins kleinste ausgearbeitetes Muster. Ein Beispiel wird genügen, um die Detaillirung der Vorschriften zu zeigen. Daß Gräfinnen und Baronessen zur Verbrämung keinen gefleck- ten Hermelin oder schwarzen Zobel tragen sollen, noch Kleidungs- stücke von gekräuseltem Goldstoff, noch in ihrem Hause sich dieses Stoffes bedienen, sondern sich mit Sammet und Seide begnügen sollen, dergleichen selten eingehaltene Vorschriften, bestimmt den Unterschied der Stände aufrecht zu halten, finden sich auch an- derswo. Dann heißt es weiter: „Bei Tisch können sie von Edel- leuten bedient werden, aber dieselben dürfen die Serviette nicht auf der Schulter, sondern nur einfach unter dem Arm tragen; ihr Brot darf nicht eingewickelt sein, sondern wird neben das Messer auf eine untergebreitete Serviette gelegt; ihr Haushofmei- ster darf keinen Stock führen, noch ihre Tafel mit doppelten Tischtüchern bedeckt sein; auch dürfen sie die Schleppe ihrer Röcke nicht von Frauen tragen lassen, sondern nur von einem Junker oder Pagen.“ Wo solche Bestimmungen das gesellige Leben regeln, da paßt allerdings nicht eine anmuthige, leichte und gefällige Klei- dung; sie würde nur dazu verleiten, übermüthig die Schranken II. Das Mittelalter. zu durchbrechen. Aber die Tournüre, wie wir sie jetzt kennen ler- nen werden, steht völlig damit in Harmonie. Uebrigens entfernt sie sich durchaus nicht von dem allgemeinen Charakter des funf- zehnten Jahrhunderts, denn wie gewöhnlich die engsten gesell- schaftlichen Schranken, die steifsten Umgangsformen mit größter und unverhülltester Sittenlosigkeit gepaart sind, so finden sich auch in der Kleidung die schon oben angedeuteten Gegensätze. — Die Tracht der Männer oder vielmehr der Herren — denn unsre Beschreibung bezieht sich zunächst auf die höchsten Stände — ist eine doppelte, eine gewöhnliche und eine ceremo- nielle. Das Unterscheidende der letzteren besteht vornämlich in dem langen und weiten Oberrock von verschiedener Form. Es war das schon französische Mode gewesen, und so hatten z. B. bei der Vermählung der Isabella von Bayern mit Karl VI. die Herren sämmtlich über ihrer kurzen und knappen Kleidung den langen Rock als Hofkleid getragen. In Bezug auf Burgund er- litt das eine Einschränkung, denn wir finden bei Hofscenen im- mer manche der Hofleute in kürzerer Kleidung. Die Herzoge selbst aber, Philipp wie Karl, tragen bei Audienzen und anderen fest- lichen Gelegenheiten den langen Rock. Es ist eine sehr weite, vorn offene, aber zugeknöpfte Schaube, einfach, wie z. B. blau, oder von Goldbrokat, mit Zobel oder Hermelin verbrämt und ge- füttert, und herabreichend bis auf die Füße, daß nur die langen Spitzen hervorragen. Die Aermel sind weit und pelzverbrämt, und häufig doppelt in der Art, daß das eine Paar angezogen ist, das andere aber von der Schulter herabfällt. Dieses Ceremonie- oder Galakleid findet sich bei allen christlichen Fürsten jener Zeit. Tragen es aber andere vornehme Personen von minder hohem Range, so muß freilich der Hermelin fortgelassen und durch ein weniger kostbares Rauchwerk oder durch Sammet ersetzt werden. Bei diesen sehen wir ihn dann auch zuweilen auf den Hüften fal- tig eingeschnürt. — Andere Hofleute, jüngere wie ältere, na- mentlich die ersteren, tragen am Hofe einen Oberrock, der sich von dem eben beschriebenen nur durch eine auffallende Kürze und Ein- schnüren der Taille unterscheidet. Im Uebrigen ist er eben so 2. Die Zeit des Luxus und der Entartung. weit und in gleicher Weise mit Pelz ausgeschlagen. Seine Kürze ist gewöhnlich von der Art, daß er kaum mehr als Handbreit auf die Hüften reicht, doch tragen ihn auch andere bis zu den Knieen. Seine weiten Aermel hatten eine doppelte Oeffnung, die gewöhn- liche am untern Ende und einen langen Schlitz an der Seite, welche beide benutzt werden konnten. An den Schultern erhielt dieser Galarock, der lange wie der kurze, die sogenannten ma- hoîtres Von mahot, Baumwolle? , wulstartige, künstliche Ansätze oder Auswattirungen also falsche Schultern, welche den Mann breiter in der Brust er- scheinen lassen sollten. Der Herzog wie der Junker trug dieselben, auch König Karl VII. von Frankreich. Man beachtete nicht, daß dadurch der Körper unschön aus allem Verhältniß kam, da nach unten zu bei kurzem Rock und engem Beinkleid die ganze Figur bis zum langen Schnabel in die Spitze auslief. — Der gewöhn- liche Oberrock gleicht mehr oder weniger dem kurzen ceremo- niellen. Er ist ebenso weit an Aermeln, Schultern und am Leib, in der Taille geschnürt oder ohne alle Einengung frei und offen; in der Länge aber reicht er gewöhnlich kaum eine Handbreit auf die Hüften. — Der Mantel ist mehr ein Stück des fürstlichen oder königlichen Ornats, bis in den letzten Jahrzehnten des funf- zehnten Jahrhunderts das ganz kurze, später s. g. spanische Män- telchen aufkam. Wir werden es im eigentlichen Deutschland wie- der finden. Im Uebrigen, wenn wir von dem weiten Oberrock absehen, war die Kleidung des Mannes nach wie vor in immer steigendem Grade auf Enge angelegt. Das Beinkleid, welches mit Nesteln an die Jacke befestigt wurde, schloß so eng an, daß es alle For- men zeigte, selbst diejenigen, welche man immer verdeckt. Der Rock konnte es nicht verhindern, weil er nicht immer getragen wurde, vor allem aber seiner Kürze wegen, da sie, wie Monstrelet zum Jahr 1467 sagt, so zunahm, que l’on veoit la façon de leurs culs et de leurs génitoires comme l’on souloit vestir les singes. Ebenso war es mit der Jacke oder Schecke. Bei brei- II. Das Mittelalter. ten Schultern gehört eine schmale Taille den Stutzern von Bur- gund zum Ideal männlicher Schönheit. Um sie herzustellen, be- diente man sich eines auch heute noch bei jungen Herren nicht un- bekannten Mittels — wir brauchen keine Parallele zu ziehen —: man schnürte sich. Eine interessante burgundische Miniature, zu einem Manuscript des Romans von der schönen Helena gehörig, macht uns mit solchen Interieurs der männlichen Toilette be- kannt. Sie stellt — in allen Einzelheiten genau der Gegenwart des Künstlers entsprechend — eine Taufe vornehmer Heiden durch einen christlichen Bischof dar. Die Ceremonie geschieht durch Un- tertauchen in ein großes Bassin. Einige Täuflinge sind nackt, andre entkleiden sich grade. Einer von ihnen hat sich bereits des Beinkleids entledigt und steht im Hemde, welches, den Schnitt am Halse ausgenommen, ganz dem unsrigen gleicht. Ueber dem Hemde liegt aber noch eine Jacke mit engen Aermeln, welche auf der Brust von oben bis unten geschnürt ist. Ihr Träger ist grade im Begriff den Schnürsenkel zu lösen, was bereits theilweise ge- schehen ist. Die Fußbekleidung ist die gewöhnliche dieser Zeit mit mehr oder weniger ausschweifender Spitze: entweder nur die mit Sohlen versehenen Füßlinge des Beinkleids oder farbige Schuhe, welche den ganzen Fuß bedecken, oder pantoffelartige Unterschuhe. Alle drei Arten waren gleich elegant. Eigenthümlicher ist die Kopftracht . Kein nobler Herr, alt oder jung, trägt einen Bart; alle Gesichter sind glatt. Umso- mehr stand das Haupthaar in voller Pracht; man liebte es, das- selbe in breiten Massen auf die Schultern fallen zu lassen, oder wenigstens mit schönem Lockengekräusel den Kopf zu umgeben. Die Mittel dazu waren kein Geheimniß und wurden fleißig be- nutzt. Den Scheitel trug man auf der Mitte des Kopfes, an der Seite wie wir, oder man strich die Haare über die Stirn herein und verschnitt sie hier in grader Linie, ließ sie aber auch, wie Monstrelet klagt, soweit herunter hängen, daß sie die Augen be- lästigten. Herzog Philipp sah sich einmal genöthigt in Folge einer heftigen Krankheit auf den Rath der Aerzte das Haar ganz kurz 2. Die Zeit des Luxus und der Entartung. schneiden zu lassen, und um der Lächerlichkeit zu entgehen, befahl er seinen Hof- und Edelleuten dasselbe zu thun. Sie wurden sämmtlich ausgelacht. Karl der Kühne aber und die niederländi- schen Herren waren nicht dazu zu bewegen. Es war die Zeit des kurzen Haares noch nicht gekommen. Die gewöhnliche Kopfbedeckung ist der Filzhut oder Castor, den wir schon in seiner Vielfältigkeit und Zähigkeit zugleich haben kennen lernen. In der gewöhnlichen Form mit breitem oder schmälerem Rande, flach oder aufgekrämpt, mit höherem oder nie- derem Deckel, von allen Farben, weiß, roth, blau, schwarz und grün, trägt ihn der Fürst wie der Bürger. Wer aber das Recht dazu hatte, der umgab seinen Rand mit einem gezierten Kronen- reif und verband auf diese Weise Krone und Hut; ein anderer umschlang ihn mit goldenen Schnüren oder anderem Schmuck von edlem Metall und mit Edelsteinen und Perlen, wenn er an Federn und Farben kein Genüge fand. Der kostbarste Hut von allen war der historisch berühmte Karls des Kühnen, den er in der Schlacht bei Granson verlor. In der Form hatte er nichts Auffallendes: ein runder, ziemlich hoher, oben abgestumpfter Deckel, mit mäßig breitem, einfachem Rande. Der Stoff war gelber Sammet. Wo der Rand an den Deckel stößt, umgab ihn, anstatt des heutigen Bandes, ein Kronenreif aus einer Reihe gleich großer Sapphire und Rubine, die je von einander durch drei große orientalische Perlen getrennt waren. Bis oben hinauf umzog ihn eine sechsfache Reihe der kostbarsten Perlen. Vorn war ein Schmuck von Diamanten, Rubinen und Perlen, in welchem zwei krause Federn steckten, die eine weiß, die andere roth. Dieser Hut wurde mit einem der berühmten Diamanten von Jacob Fugger um 4700 Gulden erstanden; derselbe zerschnitt ihn, und die bedeutendsten Edelsteine daran kamen in den Besitz Maximi- lians. Eine Eigenthümlichkeit hatte sich mit dem Hut am burgun- dischen Hofe herausgebildet. Wie man schon damals bedeutende Personen durch Abnehmen des Hutes zu begrüßen pflegte, so er- forderte es auch die Etiquette, in Gegenwart des Fürsten unbe- II. Das Mittelalter. deckten Hauptes zu bleiben. Man hatte aber ein Mittel gefunden, ohne Verletzung der Heiligkeit des Hofceremoniells diese Vor- schrift zu umgehen. Wir haben mehrfach Abbildungen von Audienzen des Herzogs Philipp und andere Darstellungen dieser Art. Da giebt es Herren, die tragen bei solcher Gelegenheit eine hohe Mütze von abgestumpfter Kegelform ohne Rand, auch oben mit einer Quaste versehen, gleich dem Fez, aber von höherer und spitzerer Form; den geränderten Hut aber, der grade die Gestalt und Größe hat, daß er auf diese Mütze paßt, tragen sie in der Hand oder unter Umständen an einer Binde auf dem Rücken hängend. Die Sitte scheint am Hofe allgemein gewesen zu sein. Der Herzog selbst legt in solchem Falle den Hut nie ab; es war sein Vorrecht. Weit seltner erscheinen am burgundischen Hof ne- ben dem Hut noch andere Formen der Kopfbedeckung, wie z. B. runde, wulstige Mützen mit Sendelbinden oder Mützen mit über- hängendem Stoff und ähnliches. Erst gegen Ende des Jahrhun- derts tritt der Hut vor dem Barett zurück. — Zu der Tracht einer vornehmen Dame , wenn sie in vollständiger Toilette erschien, gehörten noch wie früher zwei Kleider, von denen das obere damals in Frankreich cotte-hardie oder in besonderem Sinne Robe genannt wurde. Es war ebenso bei den Damen des burgundischen Hofes, und nur zum fürstlichen Ornat kommt noch der Mantel hinzu. Von dem unteren Kleid ist wenig zu sehen, da es die Robe mit ihrer Massenhaftigkeit fast völlig zudeckte. Nur auf der Brust wurde es sichtbar und unten an den Füßen, wenn die Robe mit dem Arm in die Höhe genom- men war. An diesen Stellen wurde es nicht vernachlässigt, denn obwohl es nur so weit herabreichte, daß es den Fuß nicht ver- deckte — wodurch einer Dame die Möglichkeit gegeben war, den schönen Fuß und den zierlichen gespitzten Schuh zu zeigen —, hatte es hier doch einen breiten, prachtvoll gestickten Saum. Auch an der Brust, soviel sichtbar blieb, denn die Mode verlangte starke Decolletirung, war es ähnlich verziert. Zu größerer Enge und zu bequemerem Anziehen hatte es von oben herab eine tiefgehende Oeffnung, welche durch goldene oder sonst farbige Schnürsenkel 2. Die Zeit des Luxus und der Entartung. wieder zusammengezogen war. Doch erscheint das nicht als allge- meine Mode. Aller Prunk und alle Pracht war eigentlich auf die Robe verwendet. Hier vereinigt sich Farbenglanz mit der Kostbarkeit und Schwere des Stoffs und mit der Großartigkeit der Drappi- rung. In der Taille, aber ziemlich hoch, umfaßte sie ein breiter Gürtel von Goldstoff, mit Perlen, Edelsteinen und getriebenem Golde besetzt. Vom Gürtel lief der Schnitt mit kostbarem Pelz- ausschlag über die Schultern nach hinten; abwärts fiel der Stoff massenhaft herab auf die Erde und schleppte hinten ellenlang nach. Der ganze Saum um die Füße und der Rand der Schleppe war wieder mit edelstem Rauchwerk besetzt, wenn nicht das Gesetz weniger vornehme Damen zwang, sich mit Sammet zu begnügen. Die Hauptschleppe war hinten; eine vordere, welche die Dame selbst auf dem Arm tragen mußte, war am burgundischen Hofe nicht Sitte. Man darf die Schleppe einer Fürstin in Gala von drei, vier Ellen und mehr noch annehmen. Wir haben schon ge- sehen, daß die Etiquette den Damen, die nicht fürstlichen Stan- des waren, gebot, ihre Schleppe nicht von Frauen, sondern nur von einem Junker oder einem Edelknaben tragen zu lassen. Je- nes war das höchste Vorrecht und scheint immer nur bei der ersten Dame statt gefunden zu haben. Die Hofdame, welche ihre Schleppe trug, war ebenfalls vornehmen Standes und an ihrer Robe mit einer Schleppe versehen, mußte dieselbe aber nachschlei- fen lassen. Es waren noch andere Vorschriften damit verbunden, z. B. bei Begegnungen und Begrüßungen mit hohen Personen. So erzählt die Vicomtesse von Furnes in ihren Aufzeichnungen Folgendes. Es war bei Gelegenheit, als der Dauphin von Frankreich, der nachherige Ludwig XI. , vor seinem Vater flüchtig, an den Hof Philipps des Guten kam, wo er nur die Damen an- traf. „Es ist zu bemerken,“ sagt unsre Berichterstatterin, „daß, als die Herzogin dem Dauphin entgegen ging, eine von den Da- men oder ein Fräulein ihre Schleppe und ein Ritter oder Junker die der Frau von Charolais, ihrer Schwiegertochter (Gemahlin Karls des Kühnen), trug. Frau von Ravenstein (Herzogin von II. Das Mittelalter. Cleve) trug die ihrige selbst; aber als die Herzogin den Dauphin gewahr wurde, ließ diejenige, welche ihre Schleppe trug, solche fahren und ebenso derjenige, welcher die Schleppe der Frau von Charolais trug, und als der Dauphin und die Herzogin mit ein- ander gingen, nahm diese ihren Rock selbst mit ihrer Hand, und ihr Ehrenritter oder irgend ein anderer half ihr denselben tragen; doch hielt sie immer die Hand daran, und Frau von Charolais trug den ihrigen.“ Aehnlich geschah es ein ander Mal, als die Herzogin von Burgund der Königin von Frankreich ihre Aufwar- tung machte. Die erste Hofdame nahm die Schleppe der Herzo- gin, der Herzog von Bourbon führte sie, und alle übrigen Ritter und Edelleute traten voraus. So ging der Zug bis vor das Zimmer der Königin. Nach geschehener Anmeldung ging die Herzogin bis an die Thürschwelle. Alle ihre Ritter und Edelleute traten vor ihr hinein, und als sie selbst an die Schwelle des Zim- mers gekommen war, nahm sie die Schleppe ihres Kleides aus der Hand, die sie getragen hatte, in die ihrige. Als sie über die Schwelle schritt, ließ sie die Schleppe fallen, und neigte sich fast bis auf die Erde. Die Höflichkeit, welche hier die Herzogin der Königin erweiset, besteht darin, daß sie selbst ihr gegenüber einer ihr zukommenden Ehre entsagt. Die lange, getragene Schleppe verwuchs so völlig mit dem Hofwesen und der Etiquette, daß sie damals des Künstlers Phantasie nicht zu trennen vermochte. Ein Beispiel dieser innigen Verbindung giebt ein großer französisch- burgundischer Teppich, welcher Scenen aus dem trojanischen Kriege darstellt. Die Königin der Amazonen, Penthesilea, kniet hier in feierlicher Audienz vor Priamus. Obwohl sie an Haupt und Brust ritterlich gerüstet ist, trägt sie doch ein langes Ober- kleid von großgemustertem Brokat mit einer langen Schleppe, welche von einer ähnlich gerüsteten Amazone hinter ihr getragen wird. — Bei den höchsten Hoffeierlichkeiten wurde auch der Mantel angelegt und dann ebenfalls mit einer außerordentlichen Schleppe. Der Mantel war damals nicht ganz aus dem Gebrauche ver- drängt, aber er hatte sich in mancherlei Formen mehr in den 2. Die Zeit des Luxus und der Entartung. Bürgerstand zurückgezogen, wo wir ihn wiedertreffen werden. Als Zeichen des höchsten Staates nähert er sich der Form des drei- zehnten Jahrhunderts; er legt sich um Schultern und Nacken und ist vorn auf der Brust durch ein breites, reich geschmücktes Band gehalten. Sein Stoff ist der kostbarste, sein Unterfutter Herme- lin; Perlen und Edelsteine bedecken ihn. So trägt ihn Maria von Burgund auf einer Miniature, mit einer Schleppe in solcher Länge und Breite, daß zwei Hofdamen neben einander sie tragen. Das Kleid, vorn mit der linken Hand in die Höhe gehalten, schleppt darunter nach, denn es ist des Mantels wegen nicht ver- kürzt. — Es giebt ein gleichzeitiges Bild der Agnes Sorel, das sie als die Mutter Gottes darstellt, sitzend, mit dem Kinde an der Brust, dem sie dieselbe reicht. Ihr tief ausgeschnittenes Kleid ist darum geöffnet und der Schnürsenkel halb gelöset; darunter erscheint das Hemd; das Haar ist aufwärts gestrichen von Schlä- fen und Nacken, und darauf liegt ein weit herabfallender Schleier und eine reiche goldene Krone. Um die Schultern, an den Saum des Kleides angenäht, hängt ein silbergrauer Hermelinmantel, der in reichen, faltigen Massen über ihre Kniee gelegt ist. So stellt auch die Kunst jener Zeit die heiligen Frauen dar. Der fromme Sinn dieser Künstler stattet sie aus nicht bloß mit körperlicher Schönheit, sondern auch mit dem Reichsten und Höchsten, was die Erde zu bieten hat; ein in Farben glänzender und mit allen Schätzen überladener Königsmantel fällt von den Schultern herab, wallt schleppend um die Füße, oder ist, wenn sie sitzen, mit verschwenderischer Masse über die Kniee gelegt. Auf dem Haupt ruht die goldene Krone und der gestickte Schleier. — Der Mantel gehörte auch noch zur Trauerkleidung. Obwohl eine Dame von höchstem Stande beim Tode ihres Gemahls eine Zeit- lang das Zimmer nicht verlassen durfte, mußte sie doch einen schwarzen Mantel mit langer Schleppe tragen, welche mit grauem Pelz gefüttert und ausgeschlagen war. Im Jahr 1467, berichtet Monstrelet, gaben die Damen und Fräulein die langen Schleppen, welche getragen werden mußten, auf und machten statt dessen unten an den Kleidern Falke , Trachten- und Modenwelt. I. 18 II. Das Mittelalter. einen außerordentlich breiten Pelzbesatz. Die Vicomtesse de Fur- nes weiß etwas Aehnliches schon vom Jahr 1456 zu erzählen, daß nämlich die Herzogin selbst bei der Taufe der Maria ein ganz kurzes Kleid getragen und die andern Damen ihre Schleppen selbst in die Hand genommen hätten. In der That zeigen die Bilder seitdem die Damen häufig ohne Schleppen und mit dem breiten Hermelin- oder Mardersaum des Kleides. Die Schleppe jedoch verschwand nicht; in der Länge freilich, in welcher sie getra- gen werden mußte, blieb sie mehr feierlichen Gelegenheiten, wie Krönungen und Vermählungen, vorbehalten; als nachschleppen- des Kleid aber spielt sie noch grade in den letzten Jahrzehnten des funfzehnten Jahrhunderts in der Damenwelt der Niederlande eine große Rolle. Der burgundischen Damenwelt war auch jenes Hermelin- leibchen nicht unbekannt, welches wir oben als noble Tracht der Französinnen und Engländerinnen beschrieben haben. Es scheint bei bestimmten Gelegenheiten von der Etiquette geboten worden zu sein und findet sich namentlich bei dem nachschleppenden Man- tel statt des langen Oberkleides. Auch bei der Trauerkleidung wurde es, jedoch von anderm Stoff, getragen. Das Eigenthümlichste und Barockste zugleich an der Damen- tracht waren die hohen Hauben , und sie vorzugsweise mögen einen Gradmesser des Geschmackes und der Sinnesrichtung ihrer Trägerinnen abgeben. Ganz im Gegensatz gegen das frühere Mittelalter, welches auf das Haar einen außerordentlichen Werth legte und es in freier Lockenfülle über Schultern und Nacken herabfallen ließ, strichen es die burgundischen Damen aufwärts und suchten es unter hohen Gebäuden zu verbergen. Nicht ein- mal die deutsche Mode, welche es in goldene Netzhauben an bei- den Ohren eingeschlossen trug, fand Gnade. Nichts sollte sichtbar werden und was sich vordrängte, wurde abgeschnitten, ausgeris- sen oder abgebrannt. Es ist, als ob Damen und Herren ihre Rolle vertauscht hätten und den letzteren Locken und Pomaden und Haarschmuck zugefallen seien. Die Mode war keine neue: der burgundische Hof hatte sie von Frankreich erhalten. Hier war 2. Die Zeit des Luxus und der Entartung. es vorzugsweise die Königin Isabella, Gemahlin Karls VI. , welche zur Vergrößerung der Hauben das meiste beigetragen hatte. Ihr Ruf in dieser Beziehung ist so groß, daß die übertreibende Tradition ihr nachsagt, es hätten die Thore des Palastes zu Vin- cennes für sie und ihre Damen um der gewaltigen Coiffüren willen geändert werden müssen. Es giebt eine wohl gleichzeitige Miniature, welche diese Königin mit einigen Damen in ihrem Gemache, also keineswegs in höchster Toilette, darstellt. Wir haben dieselbe bereits oben erwähnt. Die Königin trägt das Haar aus dem Gesicht und dem Nacken herausgestrichen und un- ter einer großen Haube verborgen. Diese baut sich von den Schläfen aus schräg in die Höhe um mehr als die Länge des Kopfes; quer darüber liegt ein mächtiger, dicker Wulst, etwa in der Breite von drei Gesichtslängen mit einer Einsenkung über dem Scheitel und rundum mit Schmuck und goldenen Nadeln besteckt. Um dieselbe Zeit, welcher die genannte Miniature angehö- ren mag, warnt der Ritter de la Tour seine Töchter vor solchem Uebermaß. „Die Frauen,“ sagt er, „gleichen den gehörnten Hir- schen, welche den Kopf senken, wenn sie in den Wald hinein- gehen. Wenn sie an der Thüre der Kirche ankommen, betrachtet sie euch: man bietet ihnen geweihtes Wasser — sie nehmen keine Rücksicht darauf, wohl aber auf ihre Hörner, die sie abzubrechen fürchten, und welche sie zwingen sich zu bücken.“ Fast auffallen- der noch coiffirten sich damals die englischen Damen: auf dicken Wülsten ruhte ein Drahtgestell, welches einen Schleier oder ein leichtes farbiges Tuch nach beiden Seiten weit ausgespannt hielt. Es mochte oft Schwierigkeit haben, mit denselben in gradem Schritt durch enge Thüren zu gehen, und es bedurfte nicht selten zur glücklichen Passage einer Seitenbewegung. Englische sitten- richternde Prediger hatten damals unter der Regirung der Hein- riche diese hohen Hauben gar oft zum Thema und verglichen die Damen mit den horntragenden Thieren, mit Hirschen, Einhör- nern und den Schnecken. In diese Kategorie gehört auch die Galgenhaube in der oben mitgetheilten Erzählung des Ritters de la Tour. 18* II. Das Mittelalter. So vielgestaltet nun auch diese Kopftracht war und soviel dabei von der besondern Laune und dem Geschmack erfinderischer Damen abhing, so lassen sich doch drei Grundformen herausfin- den, welche sich am burgundischen Hofe festgestellt hatten. Freilich wird es ein vergebliches Beginnen sein, durch Worte ein Bild davon geben zu wollen, und wir müssen deßhalb auf die mancher- lei Abbildungen verweisen. Die erste und vielleicht älteste Form ist die, welche wir so eben bei der Königin Isabella beschrieben haben. Der untere Theil pflegt einfacher oder gemusterter Gold- stoff zu sein, der obere Wulst ist farbig. Er senkt sich in der Mitte bald mehr, bald minder tief. Sehr häufig wird er durch einen runden Pelzstreif von Buntwerk ersetzt, welcher mehrere Mal auf- und abläuft. Oft fällt auch ein Schleier tief herab oder ist als Sendelbinde lose um die Schultern gelegt. Ueber dieser Haube, welche die Länge des Gesichts doppelt übertreffen kann, trägt die Fürstin bei feierlichen Gelegenheiten eine Krone, die sich nach ihrer Form richten muß und daher nicht selten schief ist. Die zweite Form erscheint einfacher und leichter, übertrifft aber die erste bei weitem an Ausdehnung. Ueber dem Kopf er- hebt sich ein hohes Drahtgestell, mit einer tiefen Einsenkung in der Mitte, welches mit einem farbigen, leichten Stoffe luftig um- spannt ist. Seine Gestalt, immer grotesk, ist sehr verschieden. Noch barocker erscheint die dritte Haube, die wohl als die belieb- teste bezeichnet werden kann. Am Scheitel ist ein kegelförmiger, sehr spitz zulaufender Aufsatz befestigt; ein breiter Schleier windet sich darum und fällt schlaff und lose oder in voller, gesteifter Breite hinten bis auf den Boden herunter. Die Haare über der Stirn, welche nicht von dem Aufsatz eingeschlossen sind, bedeckt ein breites, schlichtes Band, welches zu beiden Seiten sich auf die Schultern legt. Die Länge der kegelförmigen Spitze ist verschie- den bis zu einer Elle, wonach sich die Breite des Schleiers richtet. Das Ganze ist farbig, das breite Band wie die Spitze, wenn sie nicht von Goldstoff ist, und auch der gestickte und mit Spitzen be- setzte Schleier in verschiedenen Absätzen. Diese drei Formen, die freilich mancherlei Modificationen 2. Die Zeit des Luxus und der Entartung. unterworfen sind, behaupten sich mit bemerkenswerther Conse- quenz die lange Regirung Philipps des Guten und Karls des Kühnen im Besitz aller Damenköpfe, wenn sie auch einzelnen mehr oder minder abweichenden Haubenarten eine Existenz neben sich gewähren müssen. Es ist grade so mit der übrigen gesamm- ten Tracht der Herren und der Damen; bei so vielerlei kleinen Verschiedenheiten ist im Grundcharakter und in den Hauptformen eine große Stetigkeit wahrzunehmen. Wir wollen nicht behaup- ten, daß es in den bürgerlichen Kreisen der Niederlande in dem- selben Grade ebenso gewesen sei, doch war es ähnlich. Der bur- gundische Hof erscheint hier gewissermaßen als der Regulator der Moden, und wie die Etiquette selbst, deren Begriff schon die un- veränderliche, erstarrte Form ist, aller Entwicklung und Fortbil- dung widerstrebt, so mußte auch die Kleidung stet bleiben, da die Gesetze der Etiquette vielfach an bestimmte Formen derselben ge- bunden sind. Ganz dasselbe wiederholt sich im siebzehnten Jahr- hundert mit Ludwig XIV. Mit dem Fall Karls des Kühnen und dem Sturz des bur- gundischen Hofes ändert sich auf einmal die ganze Sache. Nie- mand ist mehr da, der vorschreibt, was nobel und vornehm ist; ein jeder erscheint seinen Launen und seinen Einfällen überlassen, mit denen er freilich nicht aus dem allgemeinen Geschmack her- austreten kann. Auch war die Zeit noch nicht gekommen, wo die Sittenzustände sich gebessert hätten: alles war noch in der Auf- lösung begriffen, und die reichen Niederlande, der Mittelpunkt des Weltverkehrs, standen nicht hinter andern zurück. Die Folge ist, daß nun in kürzester Frist eine unglaubliche Menge der ver- schiedenartigsten Moden auftaucht, die, wenn auch weniger barock und unsinnig als Schnabelschuhe, Schellen und Zattelverschwen- dung, an Charakterlosigkeit alles übertrifft, was bisher dagewe- sen ist. Es scheint unmöglich hier bestimmte Hauptformen heraus- greifen zu wollen, um welche sich die übrigen gruppirten. Jede scheint der andern zu widersprechen und leidet zugleich an eignem Widerspruch. Die gespannteste Enge, die jedes Auge beleidigt, Jacken und Mäntelchen, die auf ein paar winzige Lappen reducirt II. Das Mittelalter. sind, stehen neben dem stolzen, prachtvollen Pelzüberwurf, der die stattliche, selbstbewußte Gestalt des reichen Kauf- und Raths- herrn in verschwenderischer Weite bedeckt. Den Frauen liegen die Kleider anschmiegend am Leibe von oben bis unten, und andern schlottern sie formlos an allen Gliedern; von oben her sind sie ausgeschnitten, daß die Brüste völlig Jedermanns Augen bloß liegen, und um die Füße wallt das Kleid massenhaft und schleppt ellenlang nach. Hier haben wir oft den prachtvollsten Faltenwurf des schweren Stoffes und oben hört ob des unschönen Schnittes, ob der Mißgestalten aller Reiz und alle Anmuth auf. Frauen sehen wir nonnenhaft verhüllt in weite dunkle Gewänder, den Kopf von dichten Tüchern umschlungen, und wir lesen von den dünnen, durchsichtigen Florkleidern, die Farbe und Formen des Leibes erkennen lassen. Ja man legte auch die Kleider ab, um andern eine festliche Freude zu machen. Schon etwas früher war dergleichen vorgekommen. So veranstaltete das üppige Paris im Jahr 1461, als Ludwig XI. dort seinen Einzug hielt, daß drei der schönsten Mädchen der Stadt diesen bekannten Freund der schönen Bürgerinnen ganz nackend mit Gedichten empfangen mußten. Die Stadt Lille machte es ähnlich mit Karl dem Küh- nen im Jahr 1468. Unter den Schauspielen, die vor ihm aufge- führt wurden, befand sich auch das Urtheil des Paris, wobei die drei Göttinnen ganz der Mythe gemäß völlig nackt erschienen. Noch Dürer weiß bei seiner niederländischen Reise (1520) von ähnlichen Dingen zu erzählen, die er selbst mit angesehen hatte. Der Magistrat von Antwerpen, so schreibt er an seinen Freund Melanchthon, veranstaltete bei dem Einzug Karls V. auf der Straße allerlei Schauspiele, und dabei befanden sich die schönsten und vornehmsten Mädchen der Stadt, fast ganz nackt, ohne Hemd und nur mit einem dünnen Florkleide bedeckt. Der ernste junge Kaiser sah nicht hin, wohl aber gesteht Dürer, sich dieselben ge- nau betrachtet zu haben, „weil er ein Maler sei.“ Das war noch dieselbe Zeit, in welcher die alten Meister der niederländischen Kunst, Hans Memling, Rogier von der Weide, Hugo van der Goes und ihre Genossen und Schüler ihre from- 2. Die Zeit des Luxus und der Entartung. men, tiefbeseelten Gestalten schufen, Marien mit einer Welt von Liebe und Schmerzen und die wunderschönen heiligen Frauen mit dem gottergebenen Gesicht und den demüthig gesenkten Au- gen, mit der königlichen Haltung und den prachtvollen noblen Gewändern. Die Zeit mußte starke Gegensätze ertragen können und ertrug sie in höchst naiver Weise, wenn sie auch hart im Raum an einander stießen. So will ich hier einer Miniature ge- denken, einer für viele, denn sie steht nicht isolirt. Es ist ein Blatt eines kleinen Gebetbuches niederländischer Arbeit, dessen Hauptdarstellung die Verkündigung bildet. Sie ist mit dem feinen Pinsel und der unendlichen Geduld, mit all der innigen Liebe und der aus der Tiefe der Seele kommenden Frömmigkeit gemalt, wie sie diesen Künstlern eigenthümlich ist. Das kaum ein paar Zoll große Bildchen umgiebt eine farbige Randverzierung, in de- ren Laubgewinde sich der derbste Humor in ebenso aufrichtiger Weise ergeht. Da ist ein Affe, der als Jäger gekleidet mit der Armbrust auf einen zweiten zielt, welcher ihm das Kehrgesicht zur Zielscheibe zeigt. An absichtliche Verspottung des Heiligen ist hier nicht zu denken. Ein Gebet, die Verkündigung und dieser Hu- mor — das vertrug sich zusammen im Gemüth des Künstlers, wahrscheinlich auch in dem der frommen Beterin, welche Besitzerin dieses Büchleins war. Wir sehen den Widerschein dieser bunten Welt in der gan- zen niederländischen Kunst der letzten Jahrzehnte des funfzehnten Jahrhunderts und im Anfange des sechszehnten. Nehmen wir so ein figurenreiches Bild wie die große Passion von Hans Mem- ling im Dom zu Lübeck oder so viele andere Altarbilder dieser Art. Wie strotzt das Alles von bunten Trachten! Hier die aben- teuerlichen Kopfbedeckungen, die spitzen Mützen mit Goldquasten und Goldschnüren, zerschnitten, aufgekrämpt und niedergekrämpt, in allen Farben, in allen Formen, so sinnreich und sinnlos zu- gleich, daß man nicht begreift, wie man darauf verfallen konnte; diese Turbane, mit Binden von Goldstoff umwunden, mit ge- spitzten Hörnern; Mützen mit herabwallendem oder umgebunde- nem Stoff; Spitzhüte mit halber Krämpe und Kronenreif. Be- II. Das Mittelalter. trachtet die Oberkleider, die brokatnen Prachtgewänder mit Gold auf rothem, schwarzem, grünem, blauem Grunde, mit den hän- genden, zerschlitzten, offenen, verbrämten Aermeln, bald weit, bald eng, lang oder kurz; diese zerschlitzten und zerschnittenen Jacken, von denen, um das feine Hemd zu zeigen, nichts übrig geblieben scheint als ein paar farbige Bänder und Streifen, die faltige, bauschige Masse der Leinwand zu halten! Seht diese Magdalena an, wie sie, auf die Kniee gesunken, im bittersten Schmerz mit thränenden Augen das Kreuz umklammert, an wel- chem der Heiland hängt! Eine rothsammetne Haube mit reichem Goldschmuck umgiebt das blonde schöne Gesicht; zu grünem, goldgesäumtem Rocke trägt sie ein Leibchen von rothem Goldbro- kat, weit ausgeschnitten an Brust und Schultern, eng die Fülle des Leibes umspannend; mit breiten, perlbesetzten Goldstreifen am obern Rand und um die Oberarme; vom Ellbogen fallen die abgeschnittenen, nur eben anhängenden Aermel in doppelter Länge, in rother und goldner Pracht herab; die Unterarme um- giebt das feine weiße Hemd, das an der Hand von goldnen und farbigen Säumen und Bändchen umzogen ist. Das ist Magda- lena, die bekehrte, im höchsten Schmerz um den verlornen Freund, den der Künstler nicht tiefer hätte ausdrücken können. Es ist eine niederländische Schöne um das Jahr 1500 im reichsten, kostbar- sten Putz. Als solche hat sie der Künstler dargestellt, unbeküm- mert darum, daß sie die Eitelkeit der Welt bei Seite legte, da sie sich bekehrte. Neben dieser prachtvollen Magdalena steht die Mutter, die Hände ringend in ihrem Schmerz, in großartiger Einfachheit, verhüllt, im weiten schwarzen Gewand und Mantel, den Kopf bis auf das Gesicht von einem weißen Tuch umschlun- gen, das auf die Schultern herabfällt. — Aber fast ist Maria die einzige, welche die niederländischen Künstler so darstellen, und auch das nur in der Passion, wo ihr als der Matrone, der schmer- zensvollen Mutter, die nonnenhafte Verhüllung geziemt. Als Mutter mit dem Kinde kommt ihr der blaue Mantel über einfach rothem Kleide zu, und die Zierde pflegen höchstens goldene Säume zu sein. Wenn sie aber als Königin des Himmels gedacht wird, 2. Die Zeit des Luxus und der Entartung. da strahlt sie wie eine irdische in großgemustertem Goldbrokat und Hermelin, mit den zarten spitzen Schuhen und pantoffelarti- gen Unterschuhen, und auf dem lichtumflossenen, langwallenden Haar ruht die goldene, mit Edelsteinen und Perlen verzierte Krone. Immer so reich ist Magdalena geputzt, mag sie das Kreuz umfassen oder der Beerdigung beiwohnen, mag sie mit der Sal- benbüchse am leeren Grabe stehen oder ihr Christus im Garten erscheinen. Erst die Künstler des sechszehnten Jahrhunderts und namentlich die späteren, welche es lieben, sie in der Wüste büßen zu lassen, hingesunken auf die Erde über dem Buch, entkleiden sie ihrer Eitelkeit, was Dürer und die Deutschen schon früher thaten. Neben der Magdalena erscheinen alle die andern heiligen Frauen in der niederländischen Prachtkleidung, und sie wissen sich darin zu tragen mit königlichem Anstand, mit Haltung und Würde wie die stolzesten Damen der Zeit. Auch von den Männern gilt viel- fach dasselbe, namentlich von St. Mauritius und St. Hubertus wegen ihres ursprünglichen Standes, vor allen von den heiligen drei Königen, die immer in dem größten Glanz und mit königli- chem Gefolge kommen. Bei der Krönung Mariä erscheinen selbst Gott und Christus in höchster weltlicher Pracht, der eine mit der päpstlichen, der andere mit der kaiserlichen Krone, in Brokatge- wändern und Hermelinmänteln. — Treffender noch als die Bilder zeigen uns Sitte und Tracht die Kupferstiche der alten niederländischen Meister mit ihren freie- ren und mehr genrehaften Gegenständen. Freilich der bunte Reiz der Farben geht verloren; wir müssen ihn mitbringen und hinzu- denken, wenn wir z. B. den großen Kupferstich des Israel von Mecken „das Fest des Herodes“ von diesem Standpunkt aus be- trachten. Der Titel führt uns zwar anderthalb Jahrtausende zu- rück in die jüdische Welt, aber was wir sehen, ist genau ein nie- derländisches Tanzfest vom Ende des funfzehnten Jahrhunderts mit all der Ueppigkeit und der widerspruchsvollen Mannigfaltig- keit der Trachten. In der Mitte auf breitem, pfeilerartigem Po- stament stehen die Musikanten und blasen, und herum bewegen sich tanzend die Paare. Aber welch einen Tanz mögen wir uns II. Das Mittelalter. vorstellen mit der eng gespannten Kleidung der Männer, ihren spitzen Schuhen oder breiten Pantoffeln, oder mit den langen Schleppen der Damen, die den Herren zwischen die Füße gera- then! Alle Bewegungen und Attitüden, da sie nicht frei sind, erscheinen affectirt. Es ist nicht ein Fehler des Künstlers, er sah es dem Leben so ab. Er fand es auch in der Wirklichkeit so, wie die einen der Damen frei und keck umhersehen mit übertriebenen Bewegungen, andere aber scheu und züchtig den Blick zu Boden senken und die eine Hand auf der ihres Begleiters leise ruhen lassen, die andere über den Schooß gelegt halten. Alle Damen tragen außerordentlich lange Schleppen, daß der ganze Boden des Saales bedeckt ist; einige haben noch nicht genug daran, sie las- sen auch die Aermel von den Schultern herabfallen und auf dem Boden nachschleppen. Diese sind züchtig verhüllt, jene decolletirt bis unter die Brüste und mit tiefem Ausschnitt im Rücken fast bis zum Gürtel herab. Diesen schmiegt sich das Kleid um den Leib in straffer Enge, jenen schlottert es locker und lose herum, wie im höchsten Neglig é . Die einen tragen noch die spitze, zucker- hutförmige Haube, von denen die Schleier bis auf den Boden fallen; andere die turbanähnliche, andere eine flachere Haube, mit Kränzen und Bändern, oder wie ein keineswegs gefällig drappir- tes Tuch. Die einen tragen die Aermel eng, die andern weit, die dritten geschlitzt mit heraustretendem Hemd, oder haben den Un- terarm entblößt. Was den Herren am Leibe sitzt, das Beinkleid und die Jacke, ist eng bis zur höchsten Unanständigkeit. Ueber der engen sitzt eine andere weite Jacke, offen oder über der Brust mit Schnüren versehen, oder statt derselben ein weiter geschnürter Oberrock, der selbst bis auf den Boden fällt, oder ein kurzes dem spanischen ähnliches Mäntelchen. Alle Gesichter sind bartlos, aber von langem Lockenhaar umwallt, das auf die Schultern herab- fällt; darauf sitzt ein buntes Band, ein Reif mit Federn, mit Reiherbusch, ein Barett mit Federn oder eine Mütze gleich einem zusammengefalteten Tuch. Hals und Schultern — wir reden von den Männern — sind bloß und der Ausschnitt geht noch tief den Rücken hinunter. — 2. Die Zeit des Luxus und der Entartung. So bunt und barock haben wir uns allerdings die Moden- welt in den Niederlanden am Ausgang des funfzehnten Jahrhun- derts zu denken, bis im Anfang des sechszehnten einige Ordnung und Form wieder in diese Zerfahrenheit hineinkam. Es war aber nicht in den Niederlanden allein so, obwohl man glauben könnte, daß hier der Conflux von Menschen aus allen Ländern, darunter die bunten und phantastischen Trachten der Morgenländer, eine besonders eigenthümliche Welt hervorgerufen hätten. Wir werden nun aber sehen, wenn wir die Entwicklung zu derselben Zeit im eigentlichen Deutschland verfolgen, wie auch dort am Schluß des Jahrhunderts dasselbe Resultat uns vor Augen liegt. — d. Die Regellosigkeit und Willkür in Deutschland in der zweiten Hälfte des funfzehnten Jahrhunderts. — Die niedern Stände. In der Mitte des funfzehnten Jahrhunderts standen noch die Zatteln, die Schnabelschuhe und selbst noch die Schellen in voller Blüthe. Seidene Zatteln umflatterten das lockige Haupt des Mannes, die aufgebundenen Flechten und die entblößten Schultern der Frau, Zatteln fielen von den Schultern an den langen Aermeln herab auf den Boden oder umwallten unten den breiten, lang nachschleppenden Saum des Kleides; unter den zarten, rothseidenen Schuhen klapperten die langgeschnäbelten, pantoffelartigen Unterschuhe, und um die Schultern oder am Gürtel konnte man noch die Glöcklein klingen hören. Wie das rauschte von der auf dem Boden liegenden Masse des schweren Seiden-, Damast-, Sammet- oder Brokatstoffes, wenn eine so geschmückte Dame sich in Bewegung setzte! wie das flatterte und wehte von den bunten, farbigen, eingezackten Bändern, wie das klingelte und klapperte! So war die damalige Eleganz in Deutsch- land. Allein diese Herrlichkeit verschwand bald; nicht lange nach der Mitte des Jahrhunderts fallen die Zatteln und Schellen in Ungnade bei der modischen Welt; jene verschwinden ganz und diese bleiben den Narren und der Festlust, und auch die Schuhe gehen zurück auf ein bescheidneres Maß. II. Das Mittelalter. Aber darum wurde es nicht besser. Die Welt wurde nicht ernster, wenn auch grade zu derselben Zeit die Kunst und die Wissenschaft sich in raschem Flug zu völlig ungeahnter Höhe em- porschwangen, wenn auch die Buchdruckerkunst, kaum erfunden, die Geister mit ernsteren Dingen zu erfüllen suchte, wenn eine Erfindung der andern folgte, und das städtische Gewerbe überall zu künstlerischer Bedeutung erblühte. Es war ein lustiges, leicht- fertiges, eitles, phantastisch aufgeregtes Geschlecht, und alle war- nenden Stimmen, die strafenden Worte der Prediger, die beißen- den Verse der Satiriker schlugen vergebens ans sorglose Gewissen. Es war nicht aufzuschrecken aus dem Sinnentaumel. Die Mode trieb es immer toller, indem sie alle Form und alle Sitte zugleich verachtete. Da in Deutschland kein Hof war, der die Formen der Eleganz vorschrieb und beherrschte, wie in Frankreich und Bur- gund, so schien alles der individuellen Laune und Erfindungs- gabe überlassen, und das so sehr, daß die Obrigkeit hier und da ausdrücklich das Erfinden neuer Moden verbot. Das Herein- brechen burgundischer Trachten und niederländischer Stoffe ver- mehrte das Uebel, anstatt es einzuschränken, da sie die Willkür nicht zu unterdrücken vermochten. Schlimmer noch war mit der allgemein zunehmenden Sit- tenlosigkeit aller Stände die wachsende Schamlosigkeit der Klei- dung in Bezug auf Enge, Kürze und Entblößung. Die Chro- nisten, die Dichter, die Prediger sind des Entsetzens in gleicher Weise voll und schildern zuweilen mit so harten und offenkun- digen Worten, daß wir sie hier nicht wiedergeben können. Die weisen Väter in den Städten mühten sich vergebens ab, auf ge- setzlichem Wege dem Uebel zu steuern. Noch am Ende des Jahr- hunderts bricht Sebastian Brant in die Worte aus: „Pfui Schand der deutschen Nation! Was die Natur verdeckt will ha’n, Daß man das blößt und sehen läßt.“ Schon um die Mitte des Jahrhunderts wird die Decolletirung der Frauen im Gedicht Kittel mit vollster Entrüstung geschildert. Der Dichter erzählt, die Hauptlöcher seien so weit, daß die Achsel 2. Die Zeit des Luxus und der Entartung. herausliege und man unter dem Arm die Gruben sähe; die Brüste würden aufgeschürzet, daß man wohl einen Lichtstock dar- auf setzen könne. Die gleichzeitigen Bilder bestätigen das vollkom- men. Wir finden den Gürtel hoch und hart unter der Brust lie- gen und das Kleid in horizontaler Linie so tief weggeschnitten, wie es der Dichter angiebt. Häufig sind die Schultern mehr be- deckt, aber der Ausschnitt senkt sich vorn bis unter die Brust und hinten im Rücken bis fast auf den Gürtel herab. Was ausge- schnitten ist, liegt entblößt, und erst gegen Ende des Jahrhun- derts verhüllte man wieder theilweise mit dem gestickten oder fein- gefalteten Hemd. Es ist sehr bezeichnend, daß die Sitte der blo- ßen Arme in dieser Zeit zuerst in der christlichen Welt entstand, ohne aber bereits eine bleibende zu werden. Zu allen Zeiten wa- ren vorher die Arme bis zum Handgelenk bedeckt gewesen; gegen die Mitte des funfzehnten Jahrhunderts etwa zeigen sich die ersten Beispiele. Der Aermel scheint langsam bis zum Ellbogen zurück- zuweichen. Die Mode ist nicht vereinzelt geblieben, aber auch nicht zur allgemeinen Herrschaft gekommen; mit der Reformation verliert sie sich wieder auf lange Zeit. Noch merkwürdiger ist, daß auch „die weibischen Männer“, wie Seb. Brant gradezu sagt, dieser in der ganzen civilisirten Welt ausschließlichen Frauenmode der bloßen Arme und des Decolletirens folgen. „Sie thun entblößen ihren Hals, Viel Ring’ und große Ketten dran.“ Die jungen Stutzer zeigen ihre entblößten Arme und mit tief ausgeschnittener Jacke ihre nackten Schultern und den freien Hals trotz der kokettesten Dame. In der Weiße und Rundung suchen sie ihre Eitelkeit zu befriedigen, nicht durch strotzende Muskeln und Herculesschultern und sehnigen Nacken, wie wir es in unsern Tagen gesehen haben. Die Sitte der entblößten Schultern fand auch damals bei den alten und ehrbaren Leuten viel Anstoß, nichts destoweniger wurde sie ziemlich allgemein unter der stutzer- haften Jugend aller Stände. Noch Albrecht Dürer, der Gold- schmiedssohn, trug sich in seiner Jugend so. Auf seinem jetzt in Florenz befindlichen, von W. Hollar gestochenen Portrait, das er II. Das Mittelalter. im 26. Jahre machte, hat er Jacke und Hemd weit ausgeschnit- ten, und die langen, schöngepflegten Locken, auf die er so stolz war, wallen über den freien Nacken und die blanken Schultern. Ebenso trugen sich aber auch Fürstensöhne, der junge Adel und das Patriziat der Städte. Wer ein Muster sehen will, der be- trachte das Portrait des Hieronymus Tscheckenbürlin bei Hefner II, 29. Es war ein junger und reicher Patrizier von Basel, der in Paris den Rechtsstudien obgelegen hatte. In die Heimath zu- rückgekehrt, kam ihm alsbald die Ueberzeugung von der Eitelkeit der Welt. 26 Jahre alt, entsagte er ihr und trat in den Orden der Karthäuser. Zum Andenken aber ließ er sich in der Festklei- dung portraitiren, in welcher er das Kloster betreten hatte, um sie auf immer abzulegen. Eine leichte Mütze sitzt auf dem fein ge- kräuselten Lockenhaar, das die Stirne bedeckt und in reicher Masse den nackten Hals umfließt; auf der linken Schulter liegt das kurze Mäntelchen; die ausgeschnittene Jacke ist ohne Aermel, und der des Hemdes bedeckt nur den Oberarm, der Unterarm ist bloß. Die außerordentliche Pflege, welche die Männerwelt dem Haar angedeihen ließ, war durch alle Stände verbreitet. Man ließ es um so länger wachsen, weil man noch keinen Bart trug. Das höchste Haupt der Christenheit, Kaiser Maximilian selbst, giebt ein glänzendes Beispiel. Sein jugendlicher Kopf, wie er auf vielen Portraits erhalten ist, kann als Muster aufgestellt werden, so wohlgeordnet, so zierlich und kokett fallen die langen, blonden Haare in sanften Wellenlinien herab bis auf die Schultern. Erst später beschnitt er sie in mäßiger Kürze, wie es auch Dürer that. Man trug den graden Scheitel auf der Mitte des Kopfes oder auch die vorderen Haare über die Stirn hereingestrichen und über den Augen in grader Linie verschnitten. Wer stutzerhaft die ganze Masse in kleinen Locken kräuselte, oder sie in spiral gewundenen Schmachtlocken um den Kopf herumhängen ließ, der kräuselte sie auch über der Stirn, die er damit bedeckte. Kein Mittel dazu war diesen Herren unbekannt, die, wie Geiler von Kaisersberg klagt, sich mit Rosenwasser bestreichen und mit Balsam salben. Oele, Pomade, Färbemittel, Brenneisen, falsche Haare, alles 2. Die Zeit des Luxus und der Entartung. wurde angewandt. „Sie schmieren sich mit Affenschmalz,“ sagt Seb. Brant im Narrenschiff, „sie büffen das Haar mit Schwefel und Harz, und steifen es in feste Formen durch eingeschlagenes Eiweiß; sie strecken den Kopf zum Fenster hinaus, um es an der Sonne zu bleichen.“ Das letztere geschah aus der alten angeerb- ten Vorliebe für das blonde Haar, für welches merkwürdiger Weise die Damen Italiens vor allen schwärmten, mehr aber noch im sechszehnten als im funfzehnten Jahrhundert. Wir werden in der nächsten Periode wieder hierauf zurückkommen. — Wie früher schon umschloß diese Lockenfülle ein farbiger Reif mit zierlicher Goldagraffe und darin eine Blume, ein Reiherbusch oder ein Fe- derschmuck, auch wohl ein natürlicher Epheu- oder Blumenkranz, womit der junge Herr in Gesellschaft erschien. Es war eine kokette Tracht, die den jungen Damen sehr wohl angestanden hätte; aber diese hatten in mehrfacher Beziehung ihre Rechte an die Herren abgetreten. Alle Damen, alt und jung, hatten ihrem schönsten Schmuck, dem langen, freien Lockenhaar entsagt, ja sie suchten es möglichst unter Hauben zu verbergen, die sich an abenteuerlicher Ungestalt überbieten. Nöthigenfalls rasirten sie auch das Haar von Schlä- fen und Stirn weg, oder rissen es aus. Nur selten suchen ein paar vereinsamte Locken oder ein leichtes Gekräusel darunter ans Tageslicht zu kommen. Häufiger wohl sind dicke, zuweilen mit Goldfäden durchwundene Flechten, welche um die Ohren gelegt sind. Aber ihrer Aechtheit ist nicht immer zu trauen; es sind der Klagen, selbst obrigkeitliche, zu viele. „Die Frauen nehmen todtes Haar und binden es ein und tragen es mit sich zu Bett,“ sagt ein altes Druckwerk von 1472, „das guldin spil.“ Den Verstorbenen wurde das Haar abgeschnitten und zu diesem Gebrauch hergerich- tet. Selten mochten es damals schon vollständige Perrücken sein, sondern wohl nur eine Vermischung des todten Haars unter das lebendige. Die Sittenprediger wissen sonderbare Geschichten da- von zur Warnung der Frauen zu erzählen. So heißt es bei Gei- ler von Kaisersberg: „O Weib, erschrickest du nicht, wann du fremd Haar zu Nacht auf deinem Kopf hast, und etwan von einer II. Das Mittelalter. todten Frau zu Schaden deiner Seelen? Zu Paris war eine große Procession, da ward ein Aff ledig, der that niemand nichts, denn einer Frauen sprang er auf das Haupt und zog ihr den Schleier ab und die Hauben. Da sahe jedermann, daß sie kahl war, und kein Haar auf dem Haupt hatte, die hatt Todtenhaar aufgemacht und trieb Hoffart damit: das geschah von rechtem Urtheil Gottes.“ Eine außerordentlich luxuriöse Anwendung wurde vom Schmuck gemacht. In der Fülle desselben weicht diese entartete und verweichlichte Zeit kaum jener frühern Periode, als noch die bloße Lust am Golde, die Freude an dem Glanz des edlen Me- talls die noch einfachen Seelen der Menschen erfüllte. Ueber den ganzen Körper vom Kopf bis zum Fuß verbreitete sich der Schmuck. Die Herren trugen ihn am Hut, an der Mütze oder im Haar, sie trugen große Ketten um den Hals und Ringe an den Händen. Die Damen besäten, wo es ihnen nicht verboten war, alle Klei- der mit Edelsteinen und Perlen; wer das Recht dazu hatte, trug eine reiche Krone über dem Haar oder auf der Haube; um die Wulsthauben flochten sie goldne Schnüre und Perlenreihen und umwanden die Haarflechten damit und steckten Nadeln und an- dern reicheren Schmuck hinein. Reiche Heftel (Brochen) wurden auf der Brust getragen, vielfach umschlang noch ein reicher Gür- tel die Hüften; um den freien Hals und die nackten Schultern lagen oft sechs- und siebenfach die vielgestalteten goldenen Ketten oder Korallenschnüre mit Amuletten und kleinen geweihten Hei- ligthümern daran und die reichverzierten Rosenkränze. Die Arm- bänder waren wieder in Gebrauch gekommen, und Ringe trug man am ersten und zweiten Glied der Finger in übertriebener Zahl. Oft hatte freilich die Obrigkeit darin ein Maß vorgeschrie- ben, wie die von Bologna, nach Ständen unterscheidend, den Damen vom alten Adel sechs Ringe erlaubt hatte, denen vom jungen vier, und den Frauen und Töchtern der Künstler und Handwerker nur zwei. Die von Hannover aber hatte Ringe zu tragen erlaubt, soviel die Frauen wollten. Des Herrn Georg Winter Ehgemahlin in Nürnberg hinterließ bei ihrem Tode (1485) 2. Die Zeit des Luxus und der Entartung. außer anderm Schmuck über dreißig Ringe. Eine Breslauerin, Jungfrau Margarethe, des Niklas von Brige Tochter, erhielt 1470 von ihren Vormündern als Erbtheil von Seiten ihrer Mut- ter nebst Gürteln und Hefteln und Ketten noch 36 goldene Ringe ausgeliefert. Eine andere Breslauerin, Dorothea Frank, hinter- ließ zwanzig goldene Ringe, die sie an einem größeren Ring gleich einem Schlüsselbund aufbewahrt hatte. Als Kaiser Al- brechts II. Tochter Anna den Herzog Wilhelm von Sachsen hei- rathete, befand sich an Schmuck unter ihrer Aussteuer: zwei Halsbänder, 12 Heftel, 32 Ringe, vier Mark Perlen und drei Gürtel. Aber darin zeichnete sich diese Periode vor der früheren aus, daß sie auf die Form, auf die Fa ç on oder Fassung des Schmuckes, auf die künstlerische Arbeit einen außerordentlichen Werth legte. Oft übertraf der Preis der Arbeit den Werth des Metalls um das Doppelte und Dreifache. Es stand aber auch damals das Goldschmiedegewerk in hoher Blüthe und wurde von der gleich- zeitigen Kunst wesentlich unterstützt und gefördert. Der Stil der Verzierung entsprach natürlich der reichen gothischen Ornamentik des funfzehnten Jahrhunderts. Zunächst waren es Blätter, Blü- then und Ranken, die frei ins Metall getrieben wurden. Aber man blieb dabei nicht stehen: wo es der Raum zuließ, brachte man allerlei Figürliches an, Thiergestalten, Frauenbilder, pro- fane oder religiöse Gruppen, die man entweder in Metall trieb oder in Perlmutter schnitt oder auch emaillirte. Die Schmelzkunst fand dabei vielfache und ausgezeichnete Anwendung: man email- lirte z. B. Pfauen mit den schillernden Schwänzen, Frauenge- stalten mit farbigen, bunten Kleidern, mit goldenen Kronen auf dem Haar, und setzte zu weiterer Verzierung noch Perlen und Edelsteine hinein. — Die Preise, die man selbst im bürgerlichen Stande für dergleichen zahlte, waren nach den damaligen Ver- hältnissen nicht gering. So befand sich auch unter der Aussteuer, welche in dieser Zeit ein Bürger zu Breslau seiner Tochter mit- gab, ein mit Perlen besetztes Leibchen im Werth von 24 Gulden, ein Gürtel von 20 und ein Trauring von 25 fl. Werth. Die Falke , Trachten- und Modenwelt. I. 19 II. Das Mittelalter. gemachten Perlen freilich konnte man billig haben; zu Breslau wurde das Skot (d. i. Karat) um 3 fl. verkauft. Daselbst war den Frauen verboten sich einen Gürtel machen zu lassen, der über 40 fl. kostete. Ebendort stahl einmal ein Dieb eine grünseidene Haube mit Goldstreifen und verkaufte sie für 18 fl. Zum Schmuck ist auch die Stickerei auf den Kleidern zu rechnen, denn es wurde oft ein bedeutender Werth darauf ge- wendet. Die Sitte ist älter, wie wir gesehen haben, fand aber in dieser Zeit die ausgedehnteste und die am meisten phantastische Anwendung. Das Kostbarste war es freilich, wenn das Kleid mit kleinen Vögeln oder andern Figuren oder Ranken und Laub- werk in getriebenem Golde besetzt wurde, aber es war auch das Seltnere und blieb wohl meistens dem Staate fürstlicher Perso- nen vorbehalten, wenn auch nicht rechtlich, doch in der Wirklich- keit. Das Benähen mit Seide aber war so häufig, daß es eine eigene Zunft dafür gab, die der Seidennater , welchen auch wohl die Stickerei mit Gold- und Silberfäden zukam. Die Art, in welcher es geschah, war eine sehr willkürliche und lediglich der Laune und den Einfällen des Einzelnen überlassen. Die Kleider wurden dadurch so kostbar, daß der Machlohn gewöhnlich den Preis des Stoffes übertraf. Ein Beispiel davon giebt uns die Chronik der Frankfurter Gesellschaft Limpurg, in welcher Bern- hard Rhorbach von sich erzählt: „ Anno 1464 uf Montag nach Corporis Christi hat Henne Cemmerer Hochzeit, und hatten wir drei, Er, Hert Stralberg und ich Bernhard Rhorbach uns gleich gekleidt, hatten kurze graue Mentelgin mit gestickten Schlossen uf den Achseln, was ein iglich ein wicken Ast; kosten die drei Schloß am Silber und zu sticken 24 fl.“ Derselbe Bernhard Rhorbach hatte einmal den Aermel eines Rockes so schwer besticken lassen, daß das Silber 11½ Mark wog; die Stickerei stellte einen Berg vor. Die Gegenstände, die man gewöhnlich hineinstickte, waren Laub und Aeste und ganze Bäume, bunte Blumen, Flammen, ja auch Figuren und Landschaften, besonders aber auch Buchsta- ben und Sinnsprüche mit bestimmter Beziehung auch irgend Ge- genstände, mit denen man eine besondere Bedeutung verknüpfte, 2. Die Zeit des Luxus und der Entartung. namentlich in politischen, religiösen oder Herzensangelegenheiten. Bernhard Rhorbach, der seiner Zeit ein „Löwe“ in Frankfurt ge- wesen zu sein scheint, hatte einst auf das rechte Bein seiner Hose einen silbernen Skorpion gestickt und vier silberne M herum, und auf seine Mütze ebenfalls einen silbernen Skorpion und vier V darum, die sollten bedeuten: M ich M ühet M annich M ale V nglück, V ntreu V nd V nfall. Die Kaiserin Maria Blanca, Maxens zweite Gemahlin, trägt auf einem Portrait in dem breiten Brustsaum ihres Kleides ihre und ihres Gemahls Namenszüge hineingestickt. Dergleichen sieht man öfter an fürstlichen Damen; Buchstaben mit frommer Beziehung auch auf den Kleidern heiliger Frauen. — Man bestickte wohl die ganzen Kleider, vorzugsweise aber den obern Theil des Körpers, die Hauben und Mützen, die Aermel und die Brust; die Männer auch das Beinkleid. Symmetrie wurde nicht gesucht, eher vermieden, indem man z. B. nur den einen Aermel oder das eine Bein bestickte. Später, als gegen Ende des Jahrhunderts die Jacke oder das Wamms des Mannes den weiten Ausschnitt auf der Brust erhielt, wurde besonders das hier eingesetzte Stück oder das Hemd bestickt. In gleichem Maße mit dem Schmuck nahm die Menge der Kleider zu, welche man im Vorrath hatte, sowie die Kostbarkeit des Stoffes. Wir haben in Bezug auf das Erstere schon früher einiges gelegentlich beigebracht. Was eine deutsche Bürgerfrau der wohlhabenden Stände an Kleidungsgegenständen in Besitz hatte, zeigt die Hinterlassenschaft der Nürnberger Frau Winter, gestorben im Jahre 1485. Das Inventar darüber befindet sich im germanischen Museum. Darunter befanden sich vier Mäntel von Arras und Mechlischem Tuch, zwei davon mit Seide gefüt- tert; an Oberkleidern sechs Röcke, eine Schaube und drei soge- nannte Trapperte; ferner drei Unterkleider, sechs weiße Schürz- hemden und ein schwarzes (die wohl bei der häuslichen Arbeit umgelegt wurden), zwei weiße Baderöcke, auch Trapperte genannt, fünf Unterhemden, zwei Halshemden, sieben Paar Aermel und neunzehn Schleier. Zu der schon oben erwähnten Aussteuer, 19* II. Das Mittelalter. welche ein Bürger in Breslau (1490) seiner Tochter mitgab, ge- hörte ein pelzgefütterter Mantel und gleiches Oberkleid, vier Röcke von verschiedenem Werth, mehrere Hauben, Gürtel und Aermel. Die ganze Aussteuer hatte den Werth von 470 fl. da- maligen Geldes. — Wer an Höfen lebte, mußte auch in Deutsch- land auf eine kostbare Garderobe bedacht sein. So erzählt der Ritter Georg von Ehingen von seinem Oheim Wolf, der ein Diener des Herzogs Ernst von Oesterreich gewesen war, er habe bei seinem Tode soviel an Kleidern und dazu gehörigen Kostbar- keiten hinterlassen, daß nur von einem Theil derselben, welcher in Frankfurt verkauft worden, 1500 fl. erlöset seien. Die Ehinger waren aber ein schwäbisches Rittergeschlecht von nichts weniger als großem Reichthum. Der größte Aufwand in dieser Art wurde bei ritterlichen Festen und Turnieren gemacht, daß der Adel sich endlich selbst, wie wir schon oben mitgetheilt haben, durch ein Gesetz beschränken mußte. Der Luxus in den Stoffen war völlig allgemein gewor- den trotz aller Prohibitivmaßregeln von Seiten des Reiches, der einzelnen Fürsten und der städtischen Obrigkeiten, die mit allem Eifer bemüht waren, die Stände unterschieden zu halten. Nach altem Adelsrecht waren die kostbareren Pelzarten, Hermelin, Zo- bel, Grauwerk und Veh, Anfangs den Fürsten oder wenigstens den adligen Rittern und mit ihnen auch wohl den Rittern der Wissenschaft, den Doctoren, bewahrt geblieben. Allein schon früh finden sich Beispiele, daß auch Bürgerfrauen Hermelin tragen, wenn auch noch mißbräuchlicher Weise, und in Kaiser Sigmunds Zeit klagt ein Volkslied von den Städten über ihren Gebrauch von Veh. „Die Weiber sind mit Veh beschnitten, Gezieret wohl nach edeln Sitten, Wer kann sie unterscheiden?“ und dann heißt es: „Es stund viel baß vor alter Zeit, Da füchsen war ihr bestes Kleid.“ In Bern sind den adligen Bürgerinnen Hermelin, Veh und 2. Die Zeit des Luxus und der Entartung. Marder erlaubt, den gemeinen aber verboten, „damit ein Unter- schied gehalten und die Hoffart ausgereutet werde.“ Auch der Breslauer Rath hält es für nöthig, seinen Bürgerinnen den Zo- bel zu verbieten. Seb. Brant sagt schon gradezu, „der Adel habe keinen Vortheil mehr.“ „Es kommt daher eines Bürgers Weib Viel stolzer, denn eine Gräfin thut. Wo jetzt Geld ist, da ist Hochgemuth. Was eine Gans von der andern sicht, Darauf ohn’ Unterlaß sie dicht’t, Das muß man haben, es thut sonst weh. Der Adel hat keinen Vortheil meh. Man findt eines Handwerksmannes Weib Die bessers werth trägt an dem Leib Von Röck’, Ring’, Mänteln, Borten schmal, Denn sie im Haus hat überall.“ Auch in Bezug auf die gewebten Stoffe sollte der Standes- unterschied festgehalten werden und wurde auch im ganzen rit- terlichen Leben insoweit beobachtet, als die Kleidung der Ritter und der Knappen immer um einen Grad verschieden war. Am höchsten in Werth und Achtung stand der Sammet, und darun- ter der goldstoffige Sammetdamast, d. i. ein gemustertes oder figurirtes Gewebe aus Sammet und Goldfäden; diesem sehr nahe stand der carmoisinroth gefärbte. Darauf kamen die Sei- dendamaststoffe, der figurirte und gemusterte Atlas, dann der einfache Atlas oder Taffet und die verschiedenen Arten der Sei- denzeuge; endlich alle Wollengewebe namentlich der niederländi- schen Manufacturen, die zur Kleidung meist einfarbig waren, das Tuch von Mecheln und Arras (Rasch), das lündische, von Leiden, und schließlich als das billigste die einheimischen Gewebe. Dane- ben aber gelangte gegen das Ende des funfzehnten Jahrhunderts die feine Leinwand durch den Luxus der Brusthemden zu ganz außerordentlichem Ansehen. Die feinste kam aus Holland. Von der deutschen Leinwand hieß es damals, daß sie nie weiß werde, „weil die deutschen Frauen die Gewohnheit hätten, am Samstag den Faden am Rocken zu lassen.“ Wenigstens sagten ihnen dies II. Das Mittelalter. die Französinnen nach. — In Frankreich und gewiß auch bei der deutschen Ritterschaft — die Gesetze deuten darauf hin — war es Sitte, daß, wenn der Ritter z. B. sich in Seidendamast kleidete, der Knappe Atlas trug; hatte er aber Sammetkleidung, so durfte der Knappe sich mit seidenem Damast zieren. Als Herzog Philipp von Burgund im Jahr 1454 ein Fest in Lille gab, wa- ren die Ritter, welche bei dem Banquet aufwarteten, in Damast gekleidet, die Knappen und Edelleute in Atlas, die Knechte und Diener aber in wollenes Tuch. Der Sammet war hier vermuth- lich den fürstlichen Personen vorbehalten. Oefter kommen auch Ritter in Sammet vor. So empfiehlt der König Renatus von Sicilien in seiner Abhandlung über das Turnier für einen jeden der aus den Rittern erwählten Turnierrichter ein langes Kleid von Sammet, und für die beiden andern, die aus den Knappen genommen wurden, lange Kleider von Damast. — Matthias von Couci erzählt in der Geschichte Karls VII. von einem Kampf, der zwischen drei Burgundern und drei Schotten statt gefunden habe. Auf jeder Seite seien es zwei Ritter und ein Knappe ge- wesen, und die Ritter hätten lange Kleider von schwarzem Sam- met getragen, mit reichem Zobel gefüttert, die Knappen aber einen Rock von schwarzem Atlas mit einem Unterfutter, dem der an- dern gleich. Auch die Reichsordnungen von 1497 und 1498 mühen sich ab, die kostbareren Stoffe dem Adel zu bewahren, Sammet und Seide den Rittern und Doctoren, Goldstoff aber den Fürsten und ihrem Haus. Wir haben oben gesehen, wie der letztere schon früher in die Städte gedrungen war. Seide trugen selbst die Bauern nach Seb. Brant, und den Dienstboten zu Breslau wurde sie nebst Perlen, Sammet, Atlas und andern Luxusartikeln „bei Strafe des Stocksitzens“ verboten. Eine andere Art von Luxus wurde mit der Farbe getrie- ben: die üppige, phantastische Welt konnte sich nicht bunt genug sehen. Die seltsame, verschiedenfarbige Zusammensetzung der Kleider hatte in Beziehung auf die Austheilung der Farben eines Wappens und in Verbindung mit dem Lehnswesen im früheren Mittelalter einen gewissen Sinn gehabt; aus der feinen höfischen 2. Die Zeit des Luxus und der Entartung. Sitte war sie immer verbannt gewesen. Seit der Mitte des vier- zehnten Jahrhunderts eignete sich der junge Stutzer das bunte Kleid des Dienenden an und bildete es im funfzehnten zur rein- sten Geckentracht aus. Hierbei ist nicht im geringsten mehr an allegorische Bedeutung, an eine Beziehung zur Galanterie oder zur Liebe oder sonst an irgend einen untergelegten Sinn zu den- ken: es ist das geckenhafte, eitle Stutzerthum, das alle Welt vom Fürsten bis zum Handwerksgesellen und selbst zum Bauern herab ergriffen hatte. Noch im vierzehnten Jahrhundert werden die Klagen laut über getheilte und gestreifte Kleidung und in der zweiten Hälfte des funfzehnten können wir alle Regenbogenfarben an derselben Person bunt vertheilt finden. Wir müssen aber so- gleich bemerken, daß die Frauen, wie in früheren Jahrhunderten, so auch jetzt von dieser Mode sich frei erhalten haben. Ausgenom- men davon sind freilich die ersten Jahrzehnte nach 1350, wo einige Kleiderordnungen auch in dieser Beziehung Verbote enthal- ten. Wenn die Frauen auch durchaus nicht einer lebhaften Far- benpracht entgegen waren, so vertheilten sie dieselbe doch nicht willkürlich. Es ist für das funfzehnte Jahrhundert als eine außer- ordentlich seltne Ausnahme zu betrachten, wenn die Töchter des Markgrafen Albrecht Achilles von Brandenburg (auf dem Altar in der St. Gumpertskirche zu Ansbach) in getheilter, von oben herab gespaltener Kleidung erscheinen, die eine Hälfte blau, die andere schwarz. Abgebildet iu Stillfried, Denkm. des Hauses Hohenzollern. Bei der Frauenkleidung entstehen Farbencom- positionen nur durch die verschiedenen Kleider und durch den Be- satz und das Futter, es sei denn, daß der Stoff Damast wäre. Ganz anders bei den Männern. Mit raffinirter Grübelei gehen die jungen Herren darauf aus — aus Bernhard Rhorbachs Tage- buch sehen wir, welch ein wichtiges Ding das damals war, viel wichtiger als heut zu Tage —, alle Harmonie und Symmetrie der Farben an ihrer Kleidung aufzuheben. Sie lassen z. B. die ganze eine Hälfte von Kopf zu Fuß einfarbig und setzen die andere re- genbogenmäßig bunt aus kleinen Stücken, Streifen, Quadraten, II. Das Mittelalter. Dreiecken u. s. w. zusammen. Sie vertheilen auch die Farben in die Quere und lassen die obere rechte Hälfte der unteren linken, und die obere linke der unteren rechten correspondiren, und ver- theilen noch dazu an Kopfbedeckung und Schuhen die Farben über Kreuz. Auf einem Altar in Heilsbronn findet sich ein jun- ger Mann, der ein Beinkleid trägt, dessen eine Hälfte gelb ist, die andere aber dreifach getheilt. Von oben her bis zur Mitte des Oberschenkels laufen Streifen neben einander herunter, weiß, rosa, grün, gelb, zinnoberroth u. s. w. Dann läuft ein hand- breiter Streif herum aus lauter kleinen Quadraten bestehend, die wieder durch Diagonalen in kleine Dreiecke zerlegt sind: jedes dieser kleinen Dreiecke ist andersfarbig. Der untere Theil des Beinkleides ist wieder gelb. Es läßt sich denken, daß auf diese Weise der Machlohn den Preis des Stoffes, wie erzählt wird, doppelt übertreffen konnte. Es waren nicht bloß die jungen Her- ren der Städte, welche sich so kleideten, die jungen Fürsten mach- ten keine Ausnahme. S. die Söhne des Markgr. Albrecht Achilles v. Brandenburg bei Stillfried l. l. und Kunst und Leben, Heft 14, Bl. 3. Das grauhaarige Alter aber, der gesetzte Mann, der Rathsherr und der solide Handwerker bleiben ehrbar. Nur die Schneider, das leichteste Blut im Gewerbestand, trachte- ten sich diese eitle Mode der vornehmen Jugend anzueignen, und brachten dadurch unter anderm den wohlweisen Rath des Städt- leins Friedberg in der Wetterau in große Verlegenheit. Es war im Jahr 1468, da entstand ein Streit zwischen den Schneider- gesellen einerseits und den Bäcker- und Schustergesellen andrer- seits, weil die ersteren anfingen, getheilte Schuhe zu tragen, den einen weiß, den andern schwarz. Die Bäcker und Schuster wider- setzten sich dieser Neuerung. Der Rath legte sich ins Mittel und verbot die Schuhe. Aber ein Schneidermeister meinte, ihm als Bürger der Stadt könne so etwas nicht verboten werden, und er- laubte sich auch ferner die getheilten Schuhe zu tragen. Diese kühne Opposition brachte wirklich den Rath der guten Stadt Friedberg in die äußerste Verlegenheit, und nicht wissend, was zu 2. Die Zeit des Luxus und der Entartung. thun, wandte er sich an seine Collegen in der großen Stadt Frankfurt, um zu erfahren, was bei ihnen Rechtens sei in diesem Falle. Der Rath zu Frankfurt antwortete mit großer Würde: „man wisse bei ihnen nichts von einem Recht, das die Schneider- knechte hätten, getheilte Schuhe zu tragen; wenn sie es züchtig und friedlich thäten, hätten sie nichts dagegen; nähmen sie es aber widerwärtig und unfriedlich gegen einander vor, so wüßte man es zu verbieten und zu bestrafen.“ — Den bunten Trachten gegenüber capricirten sich zuweilen die jungen Stutzer auf nicht weniger raffinirte Einfachheit. So er- zählt Bernhard Rhorbach, daß er sich einmal mit drei andern ganz in Weiß gekleidet habe, Hut, Schuh, Hosen, Wamms, Mantel und Kragen. Ein anderes Mal hatten sie sich fast ganz in eine changirende Farbe gekleidet, „die sah aus als ob sie grau, grün, roth und gelb wäre.“ Es ist auch nicht selten, daß wir auf Bildern dieser Zeit jungen Leuten begegnen, die von Kopf zu Fuß sich in Roth tragen. — Wie die Farben, so die Formen . Noch nie war der eigen- willigen Laune eine solche Willkür der Erfindung gestattet wor- den wie damals, nie die Mode so mannigfach gewesen, obwohl sie dennoch gewisse Gränzen noch nicht überschreiten konnte. Es war die letzte Zeit vor dem siegreichen Auftreten der Ideen, welche die Neuzeit schufen; noch lag der Geist in Fesseln, gebannt in die erstarrten Formen des Mittelalters; Sinnenlust, der leichtfertige Lebensgenuß verdeckten den Ernst und den Drang nach Freiheit, der unter dieser Hülle zu gähren begann. Noch konnte sich die Kleidung von der unbequemen Enge nicht los machen; die Be- wegungen der Beine und Arme waren gehemmt, der Schritt ge- spannt: die ganze Erscheinung des modischen Mannes mehr oder weniger Carricatur. Jacke und Beinkleid umschlossen zuweilen den ganzen Körper tricotmäßig gleich einer oberen Haut, aber ohne die Elasticität derselben; darüber deckte dann ein kurzes Mäntelchen sehr ungenügend die nackten Schultern und den Rücken. Es war ein Gräuel allen ehrbaren Leuten, und eine Menge Verordnungen waren dagegen gerichtet. Die Straßburger II. Das Mittelalter. von 1493 schildert das Uebel mit folgenden Worten: „Als sich yetz begit das ettlich mannes personen die gotsvorcht nit habent unerbere schampere Kleider tragent, die oben tieff ußgeschnytten sinnt biß uff die schultern oder unten so kurtz, daß sie jme voran und hinden sin schamme nit bedecken mögent mit anderer schent- licher ungestalt, das doch in erberer personen ougen lesterlich zu sehen und nit zu leiden ist.“ Es waren auch Vorboten der Refor- mation, als endlich der Mann sich der lästigen Enge bewußt wurde, und die Brust sich öffnete und die Ellbogen, die Schul- tern und dann die Kniee den gespannten Stoff durchbrachen. Der enge Lendner oder die Schecke, in alten Zeiten der un- tere Rock, hatte sich zur bloßen Jacke oder zum Wamms , wie er nun häufig genannt wurde, verkürzt. Den Namen Rock ver- dient er nicht mehr. Es war noch viel, wenn die Schöße eine Hand breit waren, und auch dann war es zumeist nur vorn und hinten, die Hüften aber waren herausgeschnitten. Auch diese Schöße von kleinster Gestalt fielen ganz fort, und nun fügte sich das Beinkleid auf der Hüfte mit Bändern oder Nesteln unmittel- bar an die Jacke. Mit dieser gingen dann noch weitere Verän- derungen vor. Als Nacken und Schultern weit genug entblößt waren und die Aermel auch gewöhnlich den Unterarm nackt lie- ßen, da schnitt man das ganze Bruststück von einer Schulter zur andern und in der ganzen Tiefe heraus (seit 1470). Man ersetzte den Ausschnitt Anfangs durch einen andersfarbigen Einsatz, der für alle Stickereien von Blumen, Flammen, Sonnen, Sinnsprü- chen u. s. w. die Lieblingsstätte wurde. Als dann aber die Vor- liebe für feine Leinwand aufkam, ließ man diesen Einsatz weg und zeigte in ganzer Breite das Hemd, sei es, daß ein reicher und vornehmer Mann, den täuschenden Schein des Wollens und Nichtkönnens verachtend, es ganz von der feinsten holländischen Leinwand trug, oder ein ärmerer sich mit dem Vorhemd begnügte oder in den gröberen Stoff einen feineren als Bruststück eingesetzt hatte. Ganz wie heutiges Tages. Dabei blieb man nicht stehen. Die Erfurter Chronik sagt zum Jahr 1480: „die Männer trugen breite große Hemden mit großen breiten Brustlisten (Streifen) 2. Die Zeit des Luxus und der Entartung. und vorne gericket.“ Man legte das Brusthemd also zunächst in kleine Falten und umzog den oberen Rand, der übrigens nicht höher als die Jacke ging, mit breitem Saum. Dieser Saum war buntfarbig, von Seide, Sammet, von Goldstoff oder in Gold und Silber gestickt und mit Perlen besetzt. Aehnliche Streifen liefen abwärts und wurden von anderen wieder quer überschnit- ten, sodaß man oft vor Gold, Silber und bunter Farbenpracht von dem weißen Hemdstoff nur wenig sah. Es war umsonst, daß ein Reichsgesetz dergleichen Brusttücher allen Bürgerlichen und Adligen, die nicht Ritter oder Doctoren waren, verbot. Was war nun von der Jacke übrig geblieben? Zwei halbe Aermel und ein stark ausgeschnittenes Rückenstück, das auf der Brust von einer Seite zur andern mit goldenen oder buntfarbigen Schnüren gehalten wurde. Das war noch zu viel. Um das Hemd noch weiter zu zeigen, schnitt man fast den ganzen Aermel weg und ließ nur einen schmalen bandartigen Streifen übrig, der von der Schulter an bis in die Beugung des Arms oder ein wenig weiter auf der innern Seite herablief; goldene oder buntfarbige Schnüre, die den Arm über dem faltig vorquellenden Aermel des Hemds an verschiedenen Stellen umzogen, hielten ihn fest. Auch dieser Ueberrest des Aermels bestand noch aus mehrfarbig zusam- mengesetzten Streifen. Doch war das nicht die einzige Form des Wammses. Viele verschmähten noch lange den Brustausschnitt und das Brusthemd, und bewahrten die ringsum gespannte Enge, stopften sich auch wohl eine Brust fast zu weiblicher Höhe aus. Andere schnitten die Ellbogen auf, oder um das ganze Gelenk herum den Aermel in zwei Theile; andere schlitzten ihn der Länge nach vom Rücken bis zum Handgelenk, und aus der Oeffnung drang der faltig weite Hemdstoff hervor; andere wieder schafften der Schulter Luft. Alle diese Formen und viele andere noch fanden neben einander statt. Dem Stutzer — den wir in allen Ständen finden, selbst auf dem Thron, wenn er noch ein Jüngling ist —, ihm schrumpft auch der Oberrock und der Mantel gleich der Jacke zusammen. II. Das Mittelalter. Der Oberrock wird zur weiten, ungegürteten Jacke mit offener Brust und aufgeschnittenen Aermeln, und vom Mantel bleibt nichts als ein Stück Tuch, das, um die linke Schulter gelegt und auf der rechten mit einer Schnur gehalten, auf den Ueberresten der Jacke und dem buntverzierten Hemd liegt, ohne doch nur die Hüften zu erreichen. Es ist der Vorfahr des spanischen Mäntel- chens, das schon im funfzehnten Jahrhundert in Deutschland ein- heimisch war, aber wieder verschwand, um als spanische Mode ein Jahrhundert später eine neue Blüthe zu erleben. Auch ehrbare Bürger trugen ihn in dieser Gestalt, aber weit länger und ver- hüllender. Wenn wir zu diesem kurzen Mäntelchen, der verschnittenen bunten Jacke und dem goldverzierten Hemd darunter noch das eng anliegende buntscheckige Beinkleid nehmen, langspitzige Schuhe mit farbigen Ausschlägen, und oben das bartlose Gesicht, um- flossen von einer Fülle duftender, schöngebrannter Locken, die auf die nackten Schultern wallen, und auf dem Haar einen bunten Reif mit hoher Feder oder einen goldenen Blumenkranz, goldene Ketten um den entblößten Hals und die halben Arme nackt — so ist das Bild eines Stutzers vom Ende des funfzehnten Jahrhun- derts fertig. Anders freilich sah der ehrbare Mann aus, wenn ihn Alter und Würde vor den Thorheiten der Jugend schützten oder ihm ein strenges Regiment, wie es der Nürnberger Rath in dieser Zeit führte, unwilligen Zwang auflegte. Zwar trug er am Leibe das enge Beinkleid und die kurze Jacke nicht ohne einen mäßigen Aus- schnitt am Hals, oder statt derselben einen kurzen Rock, und spä- ter öffnete auch er Ellbogen und Brust und ließ das Hemd her- austreten, aber er pflegte das alles mit einem verhüllenden Klei- dungsstück zu bedecken. Seltner war das, wie der Lübecker Todten- tanz und die Miniaturen des Hamburger Stadtrechts zeigen, ein Mantel, welcher auf der rechten Schulter befestigt wurde und etwa bis zum Knie herabreichte. Weit gewöhnlicher und seit dem Beginn des sechszehnten Jahrhunderts ausschließlich war es der Oberrock. Seine Gestalt war im funfzehnten noch eine doppelte, 2. Die Zeit des Luxus und der Entartung. die des Trapperts und der Schaube ; jener war nach der alten Weise vorn geschlossen und mußte über den Kopf angezogen werden, während diese die senkrechte Oeffnung von oben bis un- ten hatte. Beide waren gewöhnlich mit Pelz gefüttert oder ver- brämt. Der Trappert, als die ältere Mode, stieg herab zu den Bürgern und den Handwerkern der Städte, wo er sich am läng- sten hielt und auch wohl noch das neue Jahrhundert erlebte. Auf den Miniaturen des Hamburger Stadtrechts von 1497 ist er noch sehr häufig in verschiedener Gestalt, oft an den Schultern mit weitausgezacktem Kragen versehen. Auch der Lübecker Bürgermei- ster Johannes Lüneborch trägt ihn noch auf seiner Grabplatte von 1493 in fast mittelalterlicher Gestalt, fast bis zu den Füßen herabreichend, reich mit Pelz verbrämt und von schwerem, groß- gemustertem Damaststoff, gegürtet um die Hüften. Aber die Schaube (Joppe, Juppe) verdrängte ihn völlig. Sie war be- quemer anzuziehen, und mit breit ausgelegtem Pelzkragen und den weit über einander geschlagenen Seiten gab sie ein viel statt- licheres Ansehen. Die höchsten Stände trugen sie daher zuerst, und die Fürsten in einer Länge bis zu den Füßen; aber sie stieg auch bald zum Bürger herab, doch pflegte sie bei diesem nur etwa das Knie zu erreichen. Der vornehme städtische Patrizier liebte sie von dunkler Farbe, schwarz und braun, und giebt damit zu erkennen, daß nun ein soliderer Geschmack einzutreten beginnt. Es war das aber schon auf der Scheide der beiden Perioden um das Jahr 1500. Die Schaube hatte in dieser Zeit entweder nur Löcher an den Schultern, durch welche die Arme gesteckt wurden, oder lange und weite Aermel mit der gewöhnlichen Oeffnung unten und einem Schlitz an der Seite, welche beide benutzt wurden. Aehnlich verhielten sich die Gelehrten weltlichen Stan- des, die Aerzte, Doctoren, Schriftsteller und Rechtsgelehrten. Sie stehen immer in Opposition gegen die kurze und bunte Klei- dung: ein langer und weiter, bis auf die Füße herabreichender Talar, offen wie die Schaube oder geschlossen gleich dem Trap- vert, gegürtet oder ungegürtet, meist dunkelfarbig oder auch roth, II. Das Mittelalter. verhüllt die ganze Gestalt, eine einfache barettartige Kopfbedeckung ruht auf dem kürzeren Haar. Den mannigfaltigsten Anblick gewähren die Formen der Hüte und Mützen , wenn wir z. B. einen Blick auf die Minia- turen des Hamburger Stadtrechts (herausgegeben von Lappen- berg) werfen, und sie mit andern Bildern zusammenstellen. Da finden sich hohe und niedere Hüte, mit breitem und mehr noch schmalem Rand; mit vorn aufgestülpter, hinten heruntergelassener Krämpe oder umgekehrt; mit ausgezacktem Rande oder ohne den- selben; rauhhaarige Hüte von Pelzwerk — z. B. Marder —, oder von Filz und Tuch; Hüte von allen Farben, halbirt und ge- streift, mit Federn, Schnüren, Goldschmuck und Binden, die bis auf den Boden fallen. So giebt es auch Mützen aller Art von Pelz, Filz und Tuch; mit Rand und Ohrenklappen; viereckig, rund und spitz und kaputzenartig mit einer oder mehreren bunt- farbigen Troddeln; Mützen mit schleierartig in den Nacken fallen- dem Stoff, mit Goldschmuck, Kronenreif und Federn; turban- artige Mützen von lang herabfallender rother oder gelber Sendel- binde umwunden, mit Schmuck und Feder. Die hellfarbige Sen- delbinde war bis zum Ende des funfzehnten Jahrhunderts noch immer eine beliebte Tracht in den Städten und namentlich auch beim Handwerker. Sie verschwindet erst, als alle diese verschie- denartigen Formen von Hut und Mütze mit dem Anfang des sechszehnten Jahrhunderts vor dem allein herrschenden Barett mit der dazu gehörigen Haarhaube, der Calotte , zurücktreten. Wir werden beide im nächsten Abschnitt näher kennen lernen. — Die gleiche Formenfülle zeigen die Kopftrachten der Frauen . Wie schon oben erwähnt, spielt das Haar dabei die geringste Rolle; selbst junge unverheirathete Mädchen verbergen es unter hohen Hauben, um den weißen Hals und den blenden- den Nacken möglichst unverhüllt zu zeigen. Fast die einzige Form, in welcher es gezeigt wird, sind Flechten, die sie um die Ohren gelegt haben. Auch diese sind häufig in goldene Netze eingeschlos- sen oder in kleine Säckchen, die dick und fest an beiden Ohren sitzen; sie sind von goldenem oder von farbigem Stoff, z. B. 2. Die Zeit des Luxus und der Entartung. roth, mit einem Netz von Goldfäden und Perlen umzogen, mit Edelsteinen besetzt und behängt mit kleinen Goldplättchen, dem s. g. Flinder . Auf dem Haupt ist dabei ein Schleier befestigt und darüber ruht ein anderes wulstiges Gebäude oder bei fürst- lichen Damen eine Krone. Es finden sich in Deutschland die ver- schiedenen Arten der Hauben, die wir beim burgundischen Hof beschrieben haben, namentlich auch die ellenhohe Spitzhaube mit dem zum Boden herabfallenden Schleier. Die größte Mannigfal- tigkeit herrscht in der Art, wie die Frauen aus einem länglichen Wulst die Haube bereiten. Zuweilen liegt er quer in ganzer Breite auf dem Kopf; rundum gelegt und mit Schleier, zuweilen auch mit Kinntuch umwunden, gleicht er aufs genauste einem Turban; von hinten her herumgelegt, steht er mit den beiden Enden vorn über der Stirn in die Höhe — das sind die Hörner, von denen Seb. Brant sagt: „Groß Hörner machen sie auf die Köpff’, Als ob es wär’ ein großer Stier.“ Dieser Wulst ist farbig, wird bestickt, mit Perlschnüren umwun- den, mit Gold und Steinen besetzt und mit Blumen und Federn besteckt. Andere Hauben, mit derselben Zierde versehen, gleichen Kugeln, aus denen nur ein Loch für den Kopf ausgeschnitten ist. Auch Hüte werden noch getragen, denen der Männer gleich, mit breitem Rand. So mag der Hut beschaffen gewesen sein, den Maria Magdalena im Alsfelder Passionsspiel von ihrer Magd verlangt: „Nun gieb mir her den Scheibenhut, Der ist mir vor der Sonnen gut.“ Auch giebt es Mützen, welche ganz den oben beschriebenen der Männer gleichen. Es ist mehrfach Klage darüber in dieser Zeit, wie die Frauen tragen, was den Männern zukommt, und umge- kehrt. Der Stoff, aus dem die verschiedenartigen Hauben gemacht wurden, war Goldgewebe oder farbiger Sammet und Seide, oder auch von minderm Werth; doch wurde auch feiner Pelz verwandt, Zobel, Marder und Veh. Hoher Werth wurde auf die langen farbigen, namentlich gelben, mit Gold und Silber gestick- II. Das Mittelalter. ten Schleier gelegt; selbst Handwerksfrauen und Bäuerinnen kauften sich Schleier, die 5 oder 6 fl. kosteten. Am unschönsten von allen waren die Hauben verheiratheter städtischer Damen, welche sie aus weißen Tüchern in steifer Form zusammenlegten. Oft waren sie ziemlich einfach und verhüllten in wenig bemerkenswerther Form die Haare und einen Theil des Gesichts; oft aber waren sie über ein hohes und breites, eckiges Drahtgestell ausgespannt, und unter dem Kinn zusammengebun- den: das Gesicht erschien darin winzig klein. Diese Haube wurde ums Jahr 1500 bei den verheiratheten Frauen der Städte, selbst den jüngeren, sehr allgemein, bei ihrer wahrhaft grotesken Unge- stalt gewiß nicht zum Vortheil des guten Geschmacks. Gar selt- sam paart sich hier zuweilen die vermeintliche Ehrbarkeit mit den freien Moden. Wir sehen z. B. eine Dame (Hefner II, 162), welche mit einer weißen Haube von der einfacheren Art Haar, Stirn und Schläfen, und vermöge einer Binde, die von Ohr zu Ohr geht, auch Mund, Kinn und den größten Theil der Wangen verhüllt hat: nicht viel mehr ist sichtbar als Augen und Nase; dabei aber hat sich die Dame so stark decolletirt, daß nicht bloß Hals, Busen und Nacken, sondern auch der Rücken bis zum Gür- tel hinab entblößt sind. Im Allgemeinen bleibt die Kleidung der Frauen auf den früheren Grundformen stehen. Eine Dame in vollkommener Toilette brauchte ihre zwei Kleider, ein unteres und ein oberes. Daran aber gehen mancherlei Variationen vor sich, indem der Modelaune hinlänglich Spielraum überlassen blieb. Das untere Kleid wurde am Brustausschnitt, an den Armen oder unten sicht- bar, wenn das Oberkleid mit der linken Hand in die Höhe ge- nommen war. Zu diesem Zweck hatte das Kleid einen sehr brei- ten Besatz von Seide, Sammet, Perlstickerei und in höhern Stän- den von Veh und Hermelin. Diese Sitte, das Kleid mit der lin- ken Hand in die Höhe zu nehmen, war um so nothwendiger, als die steif gespitzten Schuhe mit dem auch vorn lang herabfallenden Stoff in beständigen Conflict kommen mußten. Wir sehen daher die Hand der Dame, mit welcher sie das Kleid hebt, immer vorn 2. Die Zeit des Luxus und der Entartung. ruhen, während sie heutiges Tages, wo eine ähnliche, doch weni- ger nothwendige Sitte den weißen Unterrock mit feingesticktem Saum sichtbar macht, mehr zurück liegt. Die Fülle der hinteren Schleppe ließ man unbekümmert auf dem Boden nachschleifen, wenn nicht die Etiquette des Hofes einen Ritter oder eine Hof- dame zum Tragen verlangte, oder die Schleppe so lang war, daß die Dame sie über den Arm nehmen konnte. Das war aber da- mals in deutschen Städten nicht bloß etwas Seltnes, sondern ganz Ungewöhnliches. Beide Kleider lagen, soviel der tiefe Ausschnitt noch übrig ließ, dem Oberkörper eng an. Der Gürtel gehörte nicht mehr zur nothwendigen Tracht, obwohl er als Schmuck noch in den Klei- derordnungen eine bedeutende Rolle spielt; auf Bildern ist er ziemlich selten. Die Taille sitzt im Allgemeinen noch sehr hoch. Die Enge der Kleider wurde durch den Schnitt hergestellt und war darauf berechnet, die Fülle des Busens möglichst hervortreten zu lassen. Zu diesem Zwecke wurde hart unter demselben das Kleid sehr häufig in mehrere senkrechte Falten zusammengelegt. Der Ausschnitt des Kleides, fast immer gefaßt von Seide, Sam- met, Goldstoff oder Rauchwerk, hatte verschiedene Gestalt: ent- weder er lief in grader Linie über Brust und Schultern, beide ganz oder theilweise entblößend, oder er senkte sich vorn und hin- ten mehr oder weniger tief bis zum Gürtel herab. Zuweilen war die ganze Brust ausgeschnitten und der Schlitz senkte sich noch viel tiefer, sodaß die Ränder in einiger Entfernung von einander durch einen Schnürsenkel gehalten wurden. Dann zeigte sich darunter entweder das untere Kleid oder auch nur das Hemd, das unter Umständen auch von durchsichtigem Stoff sein konnte. In den letzten Jahrzehnten des funfzehnten Jahrhunderts wurde auch bei den Frauen, wie wir das schon bei den Männern gesehen haben, der tiefe Brustausschnitt wenigstens theilweise mit dem feinen Hemd oder an dessen Stelle mit einem besondern Bruststück von feinster weißer Leinwand wieder ausgefüllt. Stolle’s Erfurter Chronik sagt zum Jahr 1480: „Item die Frauen und die Mädchen trugen köstliche Brusttücher, auch vorn Falke , Trachten- und Modenwelt. I. 20 II. Das Mittelalter. mit breiten köstlichen Säumen gestickt, mit Seide, mit Perlen oder Flitter, und ihre Hemde hatten Säcke, darin sie die Brüste steckten, das alles vor nicht gewesen war.“ Wir sehen die Frauen denselben Luxus mit dem Brusthemd treiben, mit buntfarbigen Streifen, Gold- und Silberstickerei, mit Perlen und Flinder und Schmuck. Obwohl diese Verhüllung allmählig aus der Tiefe des Ausschnittes herauswuchs, konnte sie in dieser Zeit kaum schon als Zeichen wachsender Sittlichkeit dienen. Es mußten erst die moralisirenden Eiferer der Reformation das Schamgefühl ins Gewissen predigen, da wuchs das Hemd rascher empor. Die mannigfaltigste Gestalt zeigt die Tracht der Aermel. Bei zwei Kleidern kommen doppelte in dem früheren Sinne nicht mehr vor: entweder es hat sie nur das untere oder das obere Kleid. Die einfachste Form ist die, daß die Arme bis herab zum Handgelenk in faltenloser Enge umschlossen waren. Es war ein solcher Schnitt des Kleides damit verbunden, daß man aufs deut- lichste erkennt, wie es nur darauf ankommt, die Formen in voller Rundung zu zeigen. An solcher Einfachheit aber fand der Ge- schmack der Zeit keinen Gefallen, der dahin drängte, die lästige Enge zu durchbrechen und mit nackter Schönheit zu glänzen. Zwar blieben noch manche verhüllende Formen. Dahin gehört über meist langem und engem Unterärmel ein ganz kurzer, etwa handbreiter des oberen Kleides, an den sich unter einem Saum von Goldfranzen, Goldstoff, Pelzwerk oder Sammet ein weit of- fener, faltig herumfallender Stoff, der meistens dünne und hell- farbige Seide ist, anschloß. Aehnliches kommt beim Oberrock des Mannes vor. Es werden auch solche Aermel erwähnt von Taffet und von Sammet im Werth von 14 fl. Oft scheint es nur der heraustretende weite Aermel des Hemdes zu sein. Gewöhnlich wurde er jedesmal besonders angesetzt, und es finden sich derglei- chen Aermel in den Garderoben der Frauen immer mit aufgezählt. Aber es gab auch andere, einfachere und dunkelfarbige, welche die bürgerliche Frau bei häuslicher Arbeit über die kostbareren oder die feine Leinwand des Hemdes zog. Man nannte diese Ueber- ziehärmel, die kostbaren wie die einfachen, in Süddeutschland 2. Die Zeit des Luxus und der Entartung. Stauchen oder Steuchlein, womit schon früher die Hängeärmel bezeichnet worden. Die Entblößung der Arme und die Aufschlitzung der Aermel haben wir bereits bei den Männern beschrieben; diese an sich schon der weiblichen Natur mehr gemäße Mode herrscht auch bei den Frauen ganz in derselben Weise. Wie wir schon beim Brust- hemd gesehen haben, ist ein merkwürdiger Parallelismus in der männlichen und weiblichen Kleidung des Oberkörpers zu bemer- ken. Auch bei den Frauen weicht der Aermel zurück bis zum Ell- bogen, und wird endlich so verschnitten, daß nur ein schmaler Bandstreif übrig bleibt, von der Schulter bis zur Beugung, wel- cher durch einige Bänder gehalten wird. Nicht immer tritt dann das Hemd vor die Oeffnung, sondern oft ist auch dieses ärmellos, und somit fast der ganze Arm entblößt. Auch die übrigen Moden der Männerärmel treten hier ein, der Schnitt um den Ellbogen, und der Längenschnitt den ganzen Arm herunter mit dem aus den Schlitzen faltig herausbauschenden Hemd. Nur eine Veränderung, die in der zweiten Hälfte des funf- zehnten Jahrhunderts an der weiblichen Kleidung eintrat, blieb für alle Zeiten, die kurze Existenz einer Mode überdauernd. Bis- her bestanden die vordere und die hintere Seite eines Kleides von oben bis unten jede für sich insofern aus einem Stück, als sie nicht in der Taille zusammengesetzt waren. Das blieb auch noch eine Zeitlang, aber daneben trat auch die Trennung des Kleides in Leibchen oder Obermieder und den Rock ein, sodaß jedes selbst- ständig von verschiedenem Stoff und verschiedener Farbe sein konnte, oder es wurde der Rock an das Leibchen angenäht. Es ist bekannt, wie diese Umänderung zur herrschenden Form gewor- den ist. Sie erst ersetzte den Gürtel völlig, ermöglichte die Wes- pentaille — nicht zum Vortheil weder der Gesundheit noch der Schönheit — und führte im Laufe der Zeiten die falschen culs, die Reifröcke und Schnürbrüste und in neuester Zeit die Crino- lines als parasitisches Gefolge mit sich. Erst seit dieser Verän- derung geschieht der Mieder und Leibchen in Deutschland eine selbstständige Erwähnung; sie sind aber wohl zu unterscheiden 20* II. Das Mittelalter. von jenem englisch-französischen Hermelinleibchen, welches auf die Hüften herabreichte, und mit welchem sie keine Aehnlichkeit haben. Die weite Decolletirung rief bei den Frauen noch ein neues Stück der Kleidung hervor, den Koller oder Goller , ein Wort, welches wir schon in ähnlicher Bedeutung aus den Zeiten der Gugel kennen. Es war ein Kragen, welcher, um den Hals gelegt, Schultern, Rücken und Brust vor dem Einfluß der Kälte schützen sollte. Auch Damen der höheren Stände trugen ihn zu Hause zum Schutze des Teints, oder wo er sonst zu diesem Zwecke nöthig war. Sein Stoff war meist Wolle oder Sammet, und der Luxus versah auch ihn mit geziertem Saum. Als später Hemd und Leibchen zum Halse hinaufrückten, wurde er überflüssig, und von da an trugen ihn nur Frauen der niedersten Stände, bei de- nen er als zur Volkstracht gehörig stehen geblieben war. Der Mantel ist bei den deutschen Bürgerfrauen keine Sel- tenheit, aber sie legten keinen Werth darauf, da er die eigentliche Toilette ganz verhüllte; man trug ihn auch nur im Winter oder bei schlechtem Wetter. Ihn zu drappiren, daß er der Schönheit und namentlich einer nobeln Eleganz dienen konnte, verstanden die deutschen Frauen nicht mehr. Der Geschmack war ein anderer geworden, und mit ihm hatte der Mantel statt des freien Flusses im Faltenwurf eine steife Form angenommen. Ein großes Stück Tuch, oben in regelmäßige Falten zusammengefaßt, die vom Halse in graden Linien eine neben der andern bis zum Boden herablie- fen, so glich er einem cannelirten Kegel. Stand noch ein steifer Kragen aufrecht im Nacken, so erinnerte nichts mehr an die menschliche Figur. Es war ein wandelnder voller Sack. Nur Frauen trugen den Mantel, Jungfrauen nicht, „bis daß sie Bräute wurden,“ wie die Erfurter Chronik sagt. Als Ehrenkleid spielte er an deutschen Höfen seine Rolle wie in Burgund und Frankreich. — Da wir bereits mehrfach des Hemdes gedacht, welches, von Leinwand oder in niedern Ständen zuweilen auch von Wolle, allgemeine Tracht geworden war, und die Schuhe und ihre Um- wandlung auf der Gränzscheide des funfzehnten und sechszehnten 2. Die Zeit des Luxus und der Entartung. Jahrhunderts aus den spitzen in die stumpfen schon oben bei Ge- legenheit der Schnabelschuhe besprochen haben, so sind zur Ver- vollständigung der weiblichen Toilette nur noch die Hand- schuhe übrig. Wir wissen schon aus der vorigen Periode, wie nothwendig sie den höfisch-ritterlichen Damen waren; sie waren es noch mehr im vierzehnten und funfzehnten Jahrhundert, wo mit der romantischen Galanterie auch die Pflege der Schönheit zugenommen hatte. Für die große Sorgfalt, mit welcher die Hände behandelt wurden, dürften nicht bloß die dichterischen Ausdrücke sprechen, die feinen „subtilen Händlein,“ „die Händlein schmal und dazu blank,“ sondern wohl auch der Umstand, daß die spanischen Damen schon im vierzehnten Jahrhundert lange Nägel trugen. Selbst das Passionsspiel läßt die reuige Magda- lena über ihre weißen Hände klagen. Daß die ritterlichen Damen außerhalb des Hauses beständig Handschuhe trugen, geht aus der Erzählung vom streitbaren spanischen Ritter Quinnones hervor, der sich in einem Passe aufstellte und jeden vorüberkommenden Ritter zum Kampf aufforderte. Unter den Bedingungen, die er deßhalb bekannt machte, lautete die eine, daß jede Dame von Stande, die in einem Umkreis von einer halben Stunde vorbei- passiren würde, ihren rechten Handschuh verlieren solle, wenn sich nicht ein Ritter für sie zum Kampfe fände; nur seine eigene Dame, der er angehört, falls sie zufällig vorbeikäme, solle vor der Gefahr, ihren Handschuh zu verlieren, gesichert sein. Am burgundischen Hof trug man immer Handschuhe; aber bei großer Trauer um den Vater oder Gatten entsagte man ihnen ganz für die Trauerzeit. Den verliebten Rittern gehörte ein Handschuh von ihrer Herrin zu den kostbarsten Liebesgaben, vor dem Turnier war er eine Ermuthigung, nach demselben eine Belohnung des Sieges. Ein alter Troubadour erzählt, er habe Zeiten gesehen, wo eine kleine Schnur, ein Ring, ein Paar Handschuhe einen Liebenden für ein ganzes Jahr bezahlten für alle Merkmale und Versicherungen seiner Liebe, für seine Reime und Liebesgedichte. Das war freilich im funfzehnten Jahrhundert anders. — Die Handschuhe gehörten zur feinen, nobeln Tracht, und daher geben II. Das Mittelalter. sie die alten niederländischen Maler ihren heiligen Frauen, wenn sie dieselben im höchsten Putz darstellen. So läßt der s. g. Mei- ster des Bartholomäus seine schöne St. Agnes, deren spitze Schuhe wir schon oben erwähnten, feine grüne Handschuhe tragen; hell- blaue trägt die heil. Margaretha auf einer burgundischen Minia- turmalerei, und die heil. Helena des Hubert van Eyck hat sie mit Edelsteinen geschmückt. Sonst kommen sie selten auf Bildern des funfzehnten Jahrhunderts vor, häufiger aber schon im Anfang des sechszehnten, wo es, mehr als heute, feine Sitte gewesen zu sein scheint, sie lose in der Hand zu halten. So auf einem Por- trait der Kaiserin Maria Blanca, Maximilians zweiter Gemahlin. Junge italienische Herren trugen sie in der ersten Hälfte des funf- zehnten Jahrhunderts sehr weit um das Handgelenk und mit einem Quästchen versehen. Damals mußte der Rath von Ber- gamo schon den Luxus mit Handschuhen einschränken. Weiße Handschuhe waren, wie früher schon, bei den Richtern gebräuch- lich; so saßen sie zu Soest zu Gericht. Zwei weiße Handschuhe mußten die nürnbergischen Kaufleute in Heilsbronn, wenn sie zur Messe kamen, dem städtischen Zöllner feierlichst auf dem Rath- haus überreichen, und noch zu Goethe’s Zeiten erhielt sie alljähr- lich — ein Rest des Mittelalters — der Bürgermeister von Frank- furt. — Dem Stoffe nach waren die Handschuhe aus Seide und feinem Leder; im Winter trug man auch Pelzhandschuhe. — — Obwohl die niedern Stände , die arbeitende und die- nende Classe in den Städten und das Landvolk, von dem all- gemeinen Luxus und der Putzsucht sich nicht völlig rein erhalten konnten, kümmerten sie sich doch der großen Masse nach wenig um die wandelbaren Formen der launischen Mode. Sie kleideten sich, wie sie es von ihren Vätern überkommen hatten, und wie die Bequemlichkeit zur Arbeit es ihnen gebot. Jedoch, was wir heutiges Tages Volkstrachten zu nennen gewohnt sind, diese Ver- steinerungen der Mode, existirten damals noch nicht. Volkstrachten können erst entstehen, wenn die Formen der Mode, von Stufe zu Stufe die Leiter der menschlichen Gesellschaft herabsteigend und auf der untersten angekommen, hier stehen bleiben und erstarren. 2. Die Zeit des Luxus und der Entartung. Die Trachten des funfzehnten Jahrhunderts in ihrem ewigen Fluß vermochten noch nicht so tief zu dringen. Es war daher der Bauer und der Arbeitsmann dieser Zeit in seiner Kleidung so einfach wie früher, und häufig grade wie heut in den Gegenden, wo er eine Volkstracht nicht angenommen oder schon wieder ab- gestreift hat. Die Glasmalereien, die mit Vorliebe genrehafte Gegenstände behandeln, geben uns der Beispiele genug. Diese Leute tragen einen kurzen, zur Arbeit bequemen Rock in Blousen- form — die alte Tunica und das linnene Polhemd —, engere oder weitere Beinkleider, welche in kurzen oder längeren Stiefeln oder in Schuhen stecken, oder wie heute darüber hängen; andere haben nach alter Weise die kurze Hose in die langen Strümpfe gesteckt, welche bis ans Knie reichen; wieder andere sind noch ohne Hosen und zeigen die nackten Beine. Den Kopf mit kurzem Haar bedeckt eine einfache niedere Mütze oder ein gewöhnlicher Filzhut, mit der alten Gugel oder häufiger ohne dieselbe. Am Gürtel vor dem Leib hängt eine breite Ledertasche. Was sie aber in ihrem Aeußern des modernen Eindrucks beraubt und sie als der lustigen Zeit des funfzehnten Jahrhunderts angehörend cha- rakterisirt, das sind die Farben. Während in den frühern Zeiten des Mittelalters dem niedern Volk die gleichgültigen, in Grau gebrochenen, unscheinbaren Farben zufallen, die wir wieder in der heutigen Männerwelt herrschend finden, kleidet es sich im funfzehnten Jahrhundert in die lebhaftesten Farben. Wenn uns einmal in seltnen Fällen eine Miniature oder eine Glasmalerei einen Blick gestattet in eine Straße oder auf einen städtischen Wochenmarkt dieser Zeit, so sehen wir z. B. den Steinmetz oder den Zimmermann arbeiten in rothen Röcken mit blauen Mützen und Beinkleidern, einen andern im gelben Rock mit rother Mütze und rother Hose, ein dritter ist in Hellblau und Grün mit Gelb und Roth gekleidet. In denselben lebhaften Farben stehen die Verkäufer hinter dem Ladentisch; ein Bauer, der sein Schwein auf den Markt bringt, trägt wohl einen grünen Rock, rothen Hut und braune Hose; ein Kärner oder ein Weinbauer, der ein Faß auf der Karre vor sich herschiebt, erscheint im rothen Rock mit II. Das Mittelalter. grünem Futter, in rother Mütze und blauer Hose mit kurzen, lederfarbnen Stiefeln. Dagegen der Bürgersmann, der kommt um die Waare zu besehen und zu kaufen, trägt stattlich der soli- den städtischen Mode gemäß das Ehrenstück, die dunkle pelzge- fütterte Schaube oder den verbrämten Trappert, sollte das Rauch- werk daran auch nur von gemeiner Art sein. Andere Arbeiter, die bei der Arbeit beschäftigt sind, Bierbrauer z. B. tragen auch Jacken, unseren Westen gleich, ohne Aermel, und die Hemdsär- mel bis zur Schulter hinaufgestreift. — Auch die Mädchen und Frauen, die auf dem Markte sitzen und ihre Waare feil bieten, weißes Brot in den Körben, Butter und Eier, und Milch in den Krügen, andere, die Tauben und junge Hühner in vergitterten Körben auf dem Kopf herbeitragen — es ist fast ganz ein Bild aus unsern Tagen. Die Kleider, einfarbig blau, roth, grün, sind vom einfachsten Schnitt. Dem Oberkörper liegen sie an, alles verhüllend bis zum Hals, mit mäßig engen Aermeln, in beque- mer Enge um den Leib und fallen weit bis auf die Füße herab, ohne durch zu große Länge hinderlich zu werden. Eine weiße Schürze ist vorgebunden, und das Haar, auf der Stirn geschei- telt, fällt den jungen Mädchen vom Lande frei herunter, während es ältere oder die aus der Stadt mit einem weißen, gelben oder rothen Tuch verhüllt haben, welches sie entweder lose herabfallen lassen oder unter dem Kinn zusammengebunden haben. Nur zu- weilen verräth sich die Mode durch einen kleinen Zug, z. B. durch eine Oeffnung des Kleides vorn von der Taille aufwärts, sodaß ein geschnürtes Leibchen und ein wenig von der Brust sichtbar wird; oder es sind die Aermel von anderer Farbe als das Kleid; oder die Vorstöße an den Händen, welche damals bei engen Aer- meln, namentlich nach burgundischer Mode, bis auf die Finger reichten, sind im Gelenk zurückgeschlagen und gleichen mit weißem Unterfutter zierlich aufgelegten Manschetten. Langgeschnäbelte Schuhe, kostbare Unterschuhe sieht man bei diesen Frauen und Mädchen nicht. Dies Bild der niedern Stände ist jedoch nicht überall rich- tig. Es finden sich auch Beispiele vom Gegentheil, von große 2. Die Zeit des Luxus und der Entartung. Ueppigkeit der Bauern und der Modesucht der dienenden Classe, und das erstere grade in den Gegenden, wo man den Bund- schuh, den über dem Fuß zusammengebundenen Schuh, des Bauern uraltes Erbstück, auf die Stange erhob und zum Zeichen des Aufruhrs machte. Es war im gesegneten Thale des Rheins, im Breisgau und im Elsaß, wo sich die Vorboten des großen Bauernkriegs zeigten. Dort sah auch Sebastian Brant mit eigenen Augen ihren Uebermuth und ihr üppiges Leben, welches er im Narrenschiff geisselt. Früher, sagt er, war Gerechtigkeit bei den Bauern; da sie aus den Städten geflohen war, wollte sie einkeh- ren in die Strohhütten. Nun aber stecken sich die Bauern in große Schulden, nehmen auf Borg und wollen nicht zahlen, ob- wohl Wein und Korn theuer sind. Den groben Zwilch mögen sie nicht mehr, sondern es muß lündisch oder mechlisch Tuch sein, und zerschnitten nach der Mode, „Mit aller Farb, wild über wild, Und auf dem Aermel eines Narren Bild.“ Und weiter sagt er: „Die Bauern tragen seiden Kleid Und goldne Ketten an dem Leib.“ Der Reichstagsabschied zu Lindau (1497) hält es sogar für nö- thig, ohne Unterschied „dem gemeinen Bauersmann und den ar- beitenden Leuten in den Städten oder auf dem Lande“ Gold, Perlen, Sammet, Seide zu verbieten; noch sollen sie gestückte Kleider tragen dürfen, noch ihren Weibern und Kindern derglei- chen gestatten. — In der großherzoglichen Sammlung zu Wei- mar findet sich eine Federzeichnung aus dieser Zeit, stutzerhafte Bauern im Tanz mit ihren Dorfschönen darstellend, die, wenn sie wirklich von der Hand Martin Schongauers wäre, dem sie zuge- schrieben wird, ebenfalls dem Elsaß angehören würde. Es ist vortrefflich wiedergegeben, wie diese eitlen, geckenhaften Burschen, die selbst über die Jugend schon hinaus sind, die modischen Ele- ganten spielen wollen und doch den plumpen Bauer nicht verber- gen können. Was hilft es, daß sie das Haar lang tragen und wohl frisiren und mit dem Weinlaubkranz umwinden? — schlicht II. Das Mittelalter. und pomadenglatt liegt es am gemeinen Gesicht, nicht feingekräu- selt oder wellig gelockt, wie es die Eleganz verlangt. Das Bein- kleid ist eng, die Jacke tief ausgeschnitten, Nacken und Schultern bloß, wovon das kurze Mäntelchen nichts verhüllt; selbst die Un- terarme sind bloß, und die Aermel aufgeschnitten, daß das Hemd weit und faltig heraustritt. Aber alles sitzt so schlottrig und un- manierlich am Körper, und entbehrt so aller Eleganz, daß der an- geborne Stand sich sogleich verräth, selbst ohne auf den Teint der Arme und Schultern und die plumpen Bewegungen Rücksicht zu nehmen. Die derben Dirnen, auf ihren Vortheil bedacht, geizen weniger nach der unbequemen Mode feiner Damen; ein Tuch flattert um ihren Kopf, die Röcke liegen zwar eng an mit starkem Ausschnitt, aber sie sind ganz kurz, und dennoch nehmen die Dir- nen sie hoch auf, wie edle Frauen ihre nachschleppenden Kleider. Das Bildchen ist mit Meisterschaft gemacht und vergegenwärtigt uns den damaligen Zustand elsässischer Bauern lebhafter als eine lange Beschreibung. S. Hefner II, 145. Wir haben im Verlauf unserer Darstellung schon mehrfach Gelegenheit gehabt, auf den Luxus der dienenden Classe in den Städten hinzuweisen. Wie hätte sie auch von aller Ansteckung sich frei erhalten sollen, da sie das allgemeine Verderbniß bestän- dig vor Augen und an der eigenen Herrschaft darunter zu leiden hatte? Wenn die Knechte und die Mägde sich nun auch putzen wollten, Sammet und Seide und Goldschmuck und Perlen tra- gen, spitze, gebogene Schuhe, den einen von dieser, den andern von jener Farbe, wenn die Mägde auch sich decolletirten und lange Kleider tragen wollten, so gab das freilich ein groß Aerger- niß bei der Herrschaft, die das alles als Vorrecht betrachtete. Wil- lig schritt daher die Obrigkeit ein und drohte mit strengen Stra- fen, der Rath zu Breslau sogar den seidetragenden Mägden mit dem Stocksitzen. Wir sehen aber, die Klagen in diesen Dingen sind alt, Jahrhunderte alt, und nicht von heute. Nun gab es aber noch eine andere Classe in den Städten, 2. Die Zeit des Luxus und der Entartung. das arbeitsscheue, nichtsthuerische, tagediebende Volk der Lumpen und Bettler, dankbare Gestalten für den alten Künstler, an de- nen es damals in den deutschen Städten bei leichterem Leben und den guten Suppen an der Klosterpforte noch weniger fehlte als heut zu Tage. Die alten Meister des Kupferstichs geben uns prächtige Exemplare davon. Man werfe nur einen Blick auf die große Kreuztragung Schongauers. Dies sanscülottische Gesin- del, welches den Herrn zum Tode schleppt, häßlich-gemein in jeder Bewegung, im Ausdruck, in den rohen Zügen und den knotigen Gelenken, ist sicherlich dem unmittelbarsten Leben nachgeschaffen. Sie umhüllen ihren Körper mit dem, was der Zufall, das Glück oder die Mildthätigkeit ihnen in die Hände spielt, doch nicht ohne Koketterie, wie der Lazzaron, der stolz die Lumpen um den brau- nen Körper schlägt, aber ohne dessen frei bewegte Schönheit. Der trägt einen elegant gewesenen Oberrock — vielleicht war er beim ersten Besitzer von rothem Sammet — eng anliegend dem Körper und nicht lang, mit kurzen, handbreiten Aermeln an den Schul- tern und Franzenbesatz herum, aber die Arme und die Beine sind nackt. Ein anderer hat wieder ein enges Beinkleid, aber keine Schuhe an den Füßen, eine kurze Jacke mit tiefem Ausschnitt an Brust und Rücken, woraus ein gefaltetes Hemd zu Tage tritt; nackte Schultern und auf dem Kopf eine Zipfelmütze, unter wel- cher ein langer geflochtener Haarzopf im Nacken heraushängt. Der hat ein Tuch turbanartig um das Haupt gebunden, der an- dere einen formlosen Filz, der vielleicht einmal ein Hut war, auf den kurz geschorenen Kopf gesetzt, ein dritter läßt barhäuptig das lange, struppig wüste Haar im Winde flattern. Da ist aber auch ein Stutzer, der trägt zwar keine Hose, aber Pantoffeln, mit Rie- men an die Füße gebunden, und einen engen Rock ohne Aermel, der an allen Säumen mit Franzen oder Bandschleifen besetzt ist; auch ein Hemd trägt er darunter und die Hemdsärmel bis oben aufgekrämpt. Da ist ein Alter, der auch nicht zurückbleiben will, dem schlottert eine alte Karthäuserkutte um den nackten Leib. Einer geizt nach ritterlicher Ehre und trägt zu Bundschuhen und nackten Beinen einen Schafpelz um seine Schultern geschlagen, II. Das Mittelalter. als ob es königlicher Hermelin sei. — Ueberall in der Kunst, bei den Kupferstechern wie bei den Malern, den Niederländern wie den Deutschen, begegnen wir diesem Gesindel: es ist immer das- selbe in seinem Aeußern, und es ist zu sehr die Carricatur der ausgelassenen, bunten Modenwelt, als daß wir an der Wirklich- keit seiner Existenz Zweifel hegen wollten. — — Ueber diese tolle Welt bricht die Reformation herein, aber nicht wie ein Erdbeben alles sogleich zertrümmernd oder ins Ge- gentheil verkehrend. Nicht ohne weiteres wird die Ueppigkeit zur Demuth, die Entblößung zur Verhüllung, nicht sogleich kehrt die Scham und Ehrbarkeit zurück oder verschwindet der Reiz zur Phantastik und zur Uebertreibung. Die Reformation trieb auch in den Kleidern ihre tollen Auswüchse, dem wiedertäuferischen Wahnsinn vergleichbar. Aber Einheit, Charakter, selbst ein ge- wisser Ernst dringt in die leichtfertige, zerfahrene Welt. Es kommt das Bewußtsein, daß es noch andere Dinge zu bedenken giebt, als den Putz des Körpers und ein lustiges Leben. — Druck von Breitkopf und Härtel in Leipzig.