W. Bölsche Das Liebesleben in der Natur Eine Entwickelungsgeschichte der Liebe 2. Folge W. Bölsche Das Liebesleben in der Natur Eine Entwickelungsgeschichte der Liebe Mit Buchschmuck von Müller-Schönefeld 1. bis 4. Tausend Verlegt bei Eugen Diederichs , Leipzig 1900 Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung in fremde Sprachen, sind vorbehalten Gedruckt in der Spamerschen Buchdruckerei in Leipzig Vorwort I ch habe in diesem Buche einmal von den verschiedenen Schichten gesprochen, die sich wie Quadern eines uralten Ge¬ birges in unserem Liebesleben aufeinander lagern. Ich möchte dieses Bild im Kleinen brauchen auch für mein Buch selbst. Mit diesem zweiten Bande lege ich eine Quader gleichsam unter meinen ersten. Auch der erste handelte ja im Kern der Idee schon vom Menschen. Wenn der zweite diesen Stoff nun abermals und energischer aufnimmt, so ist sein Zweck haupt¬ sächlich, eine Stufe weiter in die Tiefe zu bauen. Vom Menschen reden, heißt nicht: an die glatte Oberfläche der Natur tauchen, sondern erst recht in den geheimnisvollen Grund. Angedeutetes soll in diesem zweiten Teile weiter eingebohrt werden und Zusammenhängendes stützt sich darunter. Ein dritter Band wird bei Lust und Laune das Fazit nochmals eine Station ins Innerlichste hinein ziehen. Inzwischen kann aber auch dieser zweite Teil, wie schon der erste, sehr gut für sich allein gelesen werden. Wer das will, sogar ohne den ersten zu kennen, dem wiederhole ich, was dort schon einleitend gesagt ist. Mein Buch geht an Denkende, an solche, die denken wollen, denen eine Weltanschauung so wichtig ist, wie das tägliche Brod. Wenn ich einen Ertrinkenden retten will, so ziehe ich mich nackt aus und kümmere mich den Teufel darum, ob jemand daran Anstoß nimmt. Solche Ertrinkende sind wir uns aber untereinander, ja es ist einer in jedem selbst, den es zu retten gilt, — zu retten durch splitterfasernackte Aussprache über alle Dinge Himmels und der Erden in der Form, wie sie sind. Wer den nötigen innerlichen Ernst der Situation mitbringt, für den brauche ich nicht noch besondere Feierlich¬ keiten der Rede, eine künstliche Erhabenheit, die einfach eine Dummerei wird, sobald reine, echte, gerade Menschen bei¬ sammen sind, — gerade weil diese beisammen sind. An sie wende ich mich, ohne Mätzchen und Posen, weil ich ein höheres Gefühl der Achtung meinem Leser entgegen bringe. Über den engeren philosophischen und naturwissenschaftlichen Inhalt meines Liebesbüchleins mag manches grüne Gras noch wachsen. Es giebt halt jeder, was er hat. Aber auf den Ton, wie von solchen Dingen gesprochen werden sollte und hier gesprochen wird, lege ich Gewicht. In diesem Sinne hat es mich ge¬ freut, daß der erste Teil so viele und warme Freunde gefunden hat. Ich habe darin eine Gewähr gesehen für eine doch fort und fort bestehende innere nackte Keuschheit unserer Zeit, die wir als ein Palladium des Menschheitsfortschritts brauchen. Friedrichshagen bei Berlin, am 151. Geburtstage Goethes, 28. August 1900 Wilhelm Bölsche Inhaltsübersicht Seite 1–38. Walpurgisnacht . — Im schwarzen Kiefernforst. — Der Mensch, der vom Affen abstammt, und der Mensch, der nicht von ihm abstammt. — Adam und Eva der Erkenntnis. — Das Ungeheure: der Mensch. — Von einer roten Flamme. — Ein Sturm in der Urwelt. — Die Liebe des Erdgeistes. — Kaspar Hauser. — Der Schritt in die Finsternis. — Gott und Staub. — 8000 Meter unter dem Spiegel des Ozeans. — Die Welt in einem Stäubchen Haselsamen. — Vor der Venus von Milo. — Der alte Bettler auf der Märchenbrücke. Seite 39–58. Dein weiser Leib . — Die Haubensteißfüße auf dem blauen See. — Ein Frühlingsbad. — Das ewige Weltenkind. — Was deine Zellen wissen. — Die Liebe auf Salas y Gomez. — Warum der arme Leib geschwiegen hat. — Die Liebessprache der Blumen. — Der weise Leib erzählt. Seite 59–73. Wie der Mensch wurde . — Der Mensch als Nebelfleck. — Ein Sprung aus dem Fenster. — 1500 Millionen kleine Monde der Erde. — H2O . — Das Märchen der Vulkan¬ insel. — Tier oder Pflanze? — Der erste Mund. — Die Weisheit des Afters. — „Dem Wurme gleich' ich, der den Staub durchwühlt.“ Seite 74–84. Der Mensch als Fisch und Molch . — Das Brett vor dem Kopf. — Die Philosophie des Neunauges. — Deine Haifisch- Schnauze. — Die Urgeschichte des Ruderns. — Wie Arme und Beine erfunden wurden. Seite 85–109. Von der Eidechse zum Affen . Wenn der Fisch Luft schluckt. — Im rosigen Licht. — Eine weltgeschichtliche Mission des Krötenfußes. — Der Kinderlaut der Menschheit. — Persephone. — Der nackte Leib. — Das Schicksal in der Hand. — Vom ehr¬ samen Herrn Swinegel. — Homunkulus. — Wie der Gibbon das Problem löst. Seite 110–123. Das Liebes-Individuum . — Ein Spiel mit der Zeit. — Die Wirklichkeit als eine soziale Übereinkunft. — Die Geschlechtsteile als Lehrmeister. — Zwei Individuen als eines. — Du bist aus kleineren Individuen aufgebaut. — Geteilte Seelen. — Eine Milchstraße des Lebens. — Von der Seele des Samen¬ tierchens. Seite 124–140. Höhere Lebenseinheiten . — Der Bien. — Dryas. — Vom Korallenstock. — Der Menschenstock. — Liebe deinen Nächsten! — Goethe-Personen. — Qualle Nr. Eins und Qualle Nr. Zwei. — Eine Mähr vom Verleger und Reporter. — Das transatlantische Kabel. — Menschheitsseele? — Amor und Psyche. Seite 141—164. Die Dreieinigkeit der Liebe . — Das Liebes¬ paar und der Telegraphendraht. — Faust bei den Müttern. — Der ideale Robinson. — Mischliebe. — Die Liebe per Distance. — Das geistige und das leibliche Kind. — Die Dauerliebe. — Ur¬ geschichte und Philosophie des Kusses. — Die letzte Distance. — Geologische Schichten in der Liebe. — Leib und Seele im Zwist. — Der Geist des Liebes-Individuums. — Noch einmal von den Rumpelstilzchen. — Auge und Ohr als Geschlechtsorgane. Seite 165—186. Credo quia absurdum . — Ich glaube es, weil es sinnlos ist. — Weshalb ich in die Wüste zöge. — Die un¬ geheure Verschwendung der Zeugungsstoffe. — Wie es sein sollte in der Liebe. — 71980 überflüssige Eier. — Zweihundert Kilometer Blutkörperchen. — Von Buddha, der die Krone zerbrach. — Das Nervengewitter der Wollust. — Unlogik der Wollust. — Die Wollust als Satanswerk. — Von Erschaffung der Sünde. — Buddhas Traum. — Das Ekelhafte. — Im Citronenhain der Riviera. Seite 187—212. Die Erlösung durch den Gedanken . — „Blüh' auf, gefrorner Christ.“ — Eine Friedensmelodie. — Geschichte! — Die Heimkehr zu den Thatsachen. — Von der Liebe in den Wassern. — Der tausendundeinte Pionier am Nordpol. — Kampf ums Dasein unter den Samentierchen. — Wie die Menschheit noch einmal zu retten ist. — Schwefelregen. — Der gelbe Stern. — Noch ein Ex¬ kurs vor der Heringstonne. — Wie unsere Ahnen schmecken. — Das Kaviarbrötchen des Philosophen. — Vier Kilometer auf einem Butterbrot. — Aus der Urgeschichte der Menstruation. — Die Ent¬ deckung der Begattung. Seite 213—228. Ein Forellen-Idyll . — Bei Gemsen und Alpenrosen. — Eine Lukullus-Stunde. — Die Liebesgrube. — Aus dem Buche der Chronika des Lachsvolkes. — Lachsen Ausfahrt. — Eine Rheinreise in Liebe. — Laue Sitten der Lächsin. — Wie die Blaufelchen Hochzeit springen. — Urweltliches vom Tanzen. — Drei Lichtstrahlen in der Finsternis. S. 229—262. Die Liebespforte . — Die Zeugung durch die Haut. — Die Liebe im Magen. — Wie die Leibeshöhle sich bildet. — Rettung des heiligen Graal. — Münchhausens Not. — Die Liebespforte des Neunauges. — Das Altertümliche im Weibe. — Die Liebespforte und die Urinpforte. — Zur Philosophie des Wider¬ wärtigen. — Böcklin und die Wasserkatze. — Naturgeschichte des Urins. — Wie Jonas aus des Walfischs Bauch entrinnt. — Der Nierenkanal. — Hermaphroditos. — Ein Kunststück der Molche. — Letzte Chronik von der Liebe und der Niere. — Die Afterliebe. — Vom Kloakentier. — Zur Philosophie der Päderastie. — Ende der Kloakenliebe. Seite 263—292. Das Liebesglied . — Ein Exkurs vom Feigen¬ blatt. — Melusine. — Zur Theorie des Unsittlichen. — Was uns heilig sein sollte. — Der Amphioxus. — Ein Kuß in der Panke. — Das Beißen in der Liebe. — Edith Schwanenhals. — Die Liebe mit Armen und Beinen. — Der Krötenprinz. — Die Fischflosse als Geschlechtsglied. — Das Afterglied als Preisaufgabe. — Der Molch experimentiert. — Die Blindwühle experimentiert. — Der Operngucker der Eidechse. — Die bestachelten Kreuzottern. — Das Krokodil. — Von der Samenrinne zur Samenröhre. — Die Störche zu Gosen. — Das Schnabeltier. — Das Känguruh. — Eine Rutsch¬ partie im Mannesleibe. — Der Hund. — Der Triumph der Gliederlösung. — Zur Ästhetik des Liebesgliedes. — Wie es beim Weibe ging — Das geheimnisvolle Rudiment. — Runenschrift der Weltgeschichte im Weibe. Seite 293–325. Die Liebeslust . — Im dunkelsten Gebiet. — Worin du Fachmann bist. — Das Nadelpiken und die Luftwelle Au! — Die Kuckucksuhr als Mensch und der Mensch als Kuckucks¬ uhr. — Die Wollust der Amöbe. — Was ist der Tod für eine Empfindung? — Die Liebeslust auf der Wanderschaft. — Philo¬ sophie der Haut. — Haut und Liebe. — Eine Priese Schnupftabak. — Naturgeschichte des Kitzelns. — Der verliebte Frosch. — Wie die Lust vergeistigt wurde. — Ein Triumph des Individualisierens. — „Der“ Mann und „das“ Weib. Seite 326–339. Intermezzo . — In den Wolken. — Pessi¬ mistisches. — Multatuli. — „Singen die Würmer mit?“ — Ein Weltenflug. — Am Luftufer. — Auf dem Mond. — Die Volva. — Der Erdstern. — Saturn. — Farbige Sonnen. — Die Welt ein Sternpunkt. — Träume des Übermenschen. — Trübe Welt! — Das Samentierchen und die verglühende Welt. — Erlösung. Seite 340–394. Ein Kapitel von Liebe und Kunst . — Im Zwinger zu Dresden. — Von der Madonna zu den Paradies¬ vögeln. — Was der alte Geßner weiß. — Herr Alfred Russel Wallace. — Farbenrausch. — Paradisea Rudolphi . — Was heißt Schönheit? — Im Gehirn eines Vogels. — Die Hochzeitslaube der Chlamydodera. — Das Schönheitsideal des Paradiesvogels. — Vom Wettlauf des Hasen und Swinegel. — Frau Starmatz. — Ein Gedanke Darwins. — Kampf ums Dasein und Kunst. — Die Liebeswahl schafft Schönheit. — Für und wider Darwin. — Ein rhythmisches Prinzip im Organischen? — Der Geist in der Materie. Zum Buchschmuck W ie im ersten Teil, so sind auch in diesem zweiten für die Randleisten vielfach richtige naturgeschichtliche Objekte zu Grunde gelegt. Die Leiste auf S. 29 zeigt drei zierliche Kiesel- Skelette von Radiolarien (einzelligen Urtieren des Meeres) in starker Vergrößerung. (Links oben Circostephanus coroarius , in Naturgröße nur 0,5 mm lang; rechts oben Oroscena Gegenbauri ; unten Acathodesmia corona ; alle drei Bilder nach Ernst Haeckels Monographie der Radiolarien). S. 39 zeigt zwei Haubentaucher oder Haubensteißfüße , merkwürdige deutsche Schwimmvögel; näheres darüber steht im Text, S. 99 ein Igel . S.108 ein langarmiger Gibbon-Affe beim aufrechten Gang; näheres im Text. S.124 eine sogenannte Siphonophore oder Staatsqualle , eine zusammen¬ gewachsene Colonie von Quallentieren mit Arbeitsteilung. Links am Anfang eine Anzahl Schwimm-Quallen. Darauf folgend an dem beschuppten Hauptstamm abwechselnd blütenartige Freß-Quallen mit nesselnden Fangfäden und kleinere spitze Tast-Quallen mit kleineren Fühlfäden. An vier Stellen des Stammes sitzen traubenförmige Klumpen von Liebes-Quallen, längliche Männchen und rundliche Weibchen; näheres im Text S.128, sowie im ersten Bande S. 218— 225. S.165 Lotosblumen . S. 213 Kugelfische . S. 340 zwei Arten von Paradiesvögeln . Oben der große Paradiesvogel ( Paradisea apoda ) mit den langen gelben Prachtfedern; unten der kleinere Königsparadiesvogel , der im Text genau beschrieben ist. S. 355 der erst in neuerer Zeit bekannt gewordene König Alberts- Paradies v ogel mit seinen wunderbaren blau-weißen Ohrfedern, die viel länger sind als der ganze Körper. W alpurgisnacht. Die Eulen rufen im schwarzen Kiefernforst. Sie locken sich, folgen sich, antworten, — eine schaurig-lustige Zwiesprache. Jetzt ganz fern wie ein einzelner harter Metallklang. Jäh dann dicht über uns als grelles gespenstisches Meckern. Das schläft nicht und hat den ganzen Wald zu dieser Stunde vor Morgengrauen für sich allein. Halt, hier jetzt nicht weiter. Zwischen den kohlraben¬ schwarzen Säulen spannt es sich wie ein senkrechtes weißgrün¬ liches Tuch herab. Wie dürre Spinnenarme dringt es da¬ gegen vor. Halte dich fest an solchem Spinnenarm, setz dich rittlings darauf. Es sind Kiefernwurzeln, die wie Polypen frei über den Sandsturz hängen. Das Ufer geht hier hohl und steil hinab. In dieser Nebelmasse, die greifbar wie eine bleiche Wand unmittelbar gegen dich steht, steckt der See. Es ist etwas Mondlicht in dem Nebel, von ferner Silberscheibe irgendwo hinter dir über dem Walde. Du riechst den herben Nebelhauch wie Geruch eines dampfenden Ungetüms, das auf moorigem Schilfufer liegt und prustet; der ganze Sumpfgrund, in den es sich eingesielt hat, raucht mit herauf. 1 Und doch in all der kühlen Feuchte etwas wie besonderer Zauber. Eine ganz leise Süße, die wie mit zartestem Geister¬ fingerchen deine Stirn rührt. Von den kleinen jungen grünen Kräutern, die da unten unsichtbar blühen. Aus dem Wald, vom tiefsten Leben dieser schweigenden Bäume. Aus der Moos¬ erde selbst dem fahlen Sande hier. Ein fast unhörbar kleines Knistern wie von tiefem Regen, Wühlen, das auch die graue Nebelnacht nicht hemmt. Walpurgiszauber. Durch den Nebel zieht Blütenstaub. Im Schilf schlummert Liebe. Die harzigen Zweige segnen, sie sind wach. Frühling. Die Natur läutet, ganz, ganz leise, summend ..... Was sagtest du? Der Mensch stammt vom Affen ab? Ja, das pfeifen heute die Spatzen auf den Dächern. Der Professor doziert es. Der Philister fängt an es zu glauben. Und die Kinder Gottes und die Kinder der Welt liegen sich darüber in den Haaren. Und doch: die größere Masse der Menschen ist furchtbar damit hereingefallen. Denn der Satz lautet für sie gar nicht so. Die Frage ist, ob wir uns in uns selber schon aus dem Affen entwickelt haben. Ob wir, jeder für sich, wirklich schon Menschen sind. Die wahre Grenze zwischen Tier und Mensch liegt nicht im Grau uralter Tage, zwischen Schädeln, von denen der eine in seinem Gehirnraum den anderen um ein paar Kubikzenti¬ meter überragt. Sie geht mitten durch die Menschen von heute wie ein ungeheurer blutiger Schnitt. Sie scheidet den Menschen, der Erkenntnis sucht, von dem Menschen, der bloß lebt. Der Mensch, der bloß lebt, ist heute noch keinen Zoll hinaus über das Tier. Er kann gar nicht von ihm ab¬ stammen, denn er ist es noch. Er sitzt wie die Made unter der Käseglocke, vor sich diesen endlosen Käseberg des Lebens. Er frißt und stößt und behauptet sich, abwechselnd mit Maden- Stolz und Maden-Resignation. Bisweilen prallt er wider die große steinharte Glasglocke, dann flennt er, weil ihm etwas auf den Kopf gefallen sei, für das er dann einen Namen er¬ findet, irgend einen alten Zauber- und Schamanen-Namen seiner Ammen-Erziehung. Der Mensch der Erkenntnis schlägt mit seinem ersten Stoß die Glocke ein. Und sieht Sterne leuchten, Welten, Milchstraßen. Jener Mensch ist noch das Spiel von tausend unbegriffenen, blind in ihm wirkenden Trieben, Vererbungen, Anpassungen, Schutzmitteln, Vorsichten und Rücksichten des Übergangsmenschen. Alles, wie es das Tier genau so hat. Der andere Mensch aber hat seinen ganzen Wert schon auf eine einzige Schluß- Anpassung gestellt: bewußtes Denken über die Welt. Das hat kein Tier. Dieser Mensch ist über das Tier hinaus. Gerade dieser Mensch mag mit Ruhe sich sagen, daß seine uralten Ahnen einst wirklich Tiere waren auch im Äußeren noch, mit Haaren und Krallen und Schwänzen wie in der Legende der Satanas. Ihn stört das nicht. Ist er doch selbst heraus, und das ist die Hauptsache. Er schaut in die Jahrtausende der Kulturentwickelung zurück. Und immer dort schon die zwei Ufer. Ein kleines Häuflein, das überspringt. Das sind Menschen. Kein äußerer Rang bestimmt sie. Beileibe nicht, als wenn sie hinübersprängen auf dem Sprungbrett von Kronen, Wappen und Scheinen. Nackte Seelen sind es, aber mit einem leuchten¬ den Blick, mit einem Blick der Sehnsucht, der eiserne Ketten schmilzt wie Schnee. Die Besten aller Zeiten sind herüber. Buddha war ein Mensch. Sokrates war ein Mensch. Epikur 1* war ein Mensch. Spinoza war ein Mensch. Sie alle stammten vom Affen ab, — sie hatten ihn überwunden. Die da drüben mögen sich prügeln oder auch beruhigen bei dem Satz: immer behalten sie Unrecht und immer bleibt er ein Stachel für sie. Sie stammen nicht von Göttern ab, wie sie möchten. Sie sind Tier, kein Gottessohn. Aber sie stammen auch noch nicht ab von diesem Tier. Sie sind es selber noch. Vor Jahrtausenden gab es schon Menschen, die nicht mehr Tier waren. Heute noch gibt es Menschentausende, die noch nicht Mensch sind. Dieser Schnitt, dieser rotblutige Schnitt, diese wahre Ge¬ burtswunde von nur lebendem Tier und erkenntnissuchendem Menschen, geht aber durch jedes Sondergebiet auch, das du dir im Menschlichen wählst. Wir reden von der Liebe. Von der Liebe des Menschen jetzt. Du sagst, der Mensch kommt vom Affen herauf. Und tiefer noch. Von so und so viel Tieren. Bis zur Ur-Zelle herab. Darwin lehrt das. Eine neue Weisheit unserer Tage setzt hier ein. Und von hier will auch das Liebesproblem des Menschen also neu angesehen sein. Aber du mußt dir, ehe wir davon reden können, jenes eine zuerst ganz klar stellen. Auch in der Auffassung der Liebe geht der Schnitt zuerst durch Mensch und Mensch. Mensch im Alltagssinne und Denk-Mensch. Schaust du hier klar, so siehst du sogar sofort noch ein Besonderes für unseren Fall. Walpurgisschauer der Natur wehen in dieser einsamen Träumerstunde um dich her. Wirf dein Erkennen über Bord. Lebe nur. Sei einer jener Menschen, die noch nicht eigentlich Menschen sind. Schwimme, taumele, plätschere im einfachen Leben. Und nun in dieses Leben Walpurgisrausch. Ein Weib in deinem Arm — und sonst nichts mehr. Liebe. Nicht ein Erkenntnisbegriff. Wilde That. Nun wärst du eins mit dieser Natur ringsum. Was trennt dich von dem Blütenstaub, der durch die Lüfte rinnt, von dem verliebten Kauz, der da oben in den Kiefern ruft, von all dem Sehnen und Gähren in Vogel und Wild und Blume und Baum bis zur Muschel in diesem nebelverhangenen Seegrunde hinab? Sie wie du, du wie sie. Armer Thor! Auch das ist nur eine Täuschung. Du bist noch Tier. Aber du bist nicht mehr das ganze Tier. Du bist noch nicht Mensch. Aber auch du gehst ver¬ hüllten Hauptes schon auf der Straße zum Menschen an. Auf jene blutrote Messersschneide an. Gerade du, der du bloß leben willst, lebst und liebst nicht mehr wie Baum und Muschel und Eule dort. Um dich hat sich ein ungeheures Korsett ge¬ wickelt, aus all den Versuchen, Pfadfindereien, Anpassungs¬ experimenten der Stufe zwischen echtem Niedertier und echtem Höhenmensch. Auch in deiner Liebe und vor allem da. Du willst frei lieben in heiliger Sommernacht, ohne Er¬ kenntnis, ohne Gedankenlicht. Und was umkrallt dich wie die Hydra der Sage? Angst, Sorge, Verschämtheit, Prüderie, moralische Gewissensbisse aller Art, Millionen Formen, Engungen, Zweifel. In Schweiß und Qualen liegst du fest. Nicht mehr Baum und Muschel, — noch nicht Erkenntnismensch. Leben willst du in der Liebe, — und ein dunkles Rot zieht über dein treues Angesicht. Röte der Scham. Such dir die Muschel da unten im Nebel, frage das Samenstäubchen der Rainblüte, das in Sehnsucht auf diesen Walpurgislüften schwebt: ob sie erröten in ihrem Liebestraum? ..... Eine alte Legende klingt, mit einer erschütternden Wahr¬ heit. Allerdings nur einer Teil-Wahrheit. Die Legende ist ja auch alt und hatte von den Dingen der Menschheit nur erst einen Teil. Adam und Eva sind im Paradiese. Nackend, aber froh. Sie leben und lieben wie Muschel, Blume und Baum. Harmlos. Ihr Leben ist ihr Denken, es giebt kein Zweierlei, kein Alt und Neu. Aber im Paradies wächst der Baum der Erkenntnis. Sie essen davon nur einen Apfel. Da fällt es auf sie wie ein Schauer. Ein Engel mit dem Feuerschwert steht vor dem Natur-Paradiese. Und sie sind im öden Felde, einsam. Und sie sehen, daß sie nackt sind. Ihre Liebe ist Sünde. Sie flechten sich einen Schurz und verhüllen ihre Geschlechtsteile. Sie sind nicht mehr wie Muschel, Blüte und Baum. Sie sind verjagt, verloren, herabgesunken, verflucht .... Hier schließt die Legende. Es ist das Märchen von Jahr¬ tausenden der werdenden Menschheit. Aber die Legende schließt, nicht weil sie aus ist, sondern weil man damals noch keine Fortsetzung wußte, als man sie erfand. Heute noch stehen Tausende und Tausende hier und sie halten, wie recht ist, darum auch noch die Legende hoch als heilige Tradition, die nie weiter gehen kann. Aber in diesen Jahrtausenden ist jenes bewußte kleine Häuflein hinübergeklettert über jenen roten Spalt ins neue Gebiet. Und sie haben die Fortsetzung gefunden, mit der die Legende erst Wahrheit wird. Adam und Eva hatten an der Erkenntnis genascht, aber nicht resolut davon sich genährt. Sie waren erst der Vormensch. Nicht mehr Tier. Noch nicht Mensch. Das einfache Leben ging ihnen verloren, aber auch die Erkenntnis hatten sie noch nicht anders als einen Mund voll, gerade genug zuerst zur Bitterkeit. Hier begann denn eine lange, lange Wanderschaft. Eine lange, tiefe, schwere Entwickelung. Aber eines Tages kamen Adam und Eva zurück vor die Paradiesespforte. Sie waren wieder nackt und lachten über den Bärenpelz, den sie sich damals in namenloser Angst um die zitternden Hüften gewickelt. Über ihre neue Nacktheit strömte aber jetzt etwas wie diamantener Schein. Sie waren jetzt wirklich Menschen geworden, Menschen, die Erkenntnis forderten , und nicht bloß naschen wollten. Und vor dieser Forderung schmolz der alte Seraphin mit seinem Schwert wie ein Schemen dahin. Sie traten in das Paradies und lagerten sich unter dem unendlichen grünen Baldachin des Baumes der Erkenntnis. Jedes Blatt war eine Milchstraße und jede rote Blüte war eine neue Stufe der Entwickelung. Im Schatten dieser Blätter und dieser Blüten gab es keine beschämende Nacktheit mehr. Die Er¬ kenntnis war wieder splitterfasernackt wie eine Maienrose, der auch der Verschämteste keine Schwimmhose überziehen wird. Und doch war sie diese Rose nicht mehr. Sie war Mensch ...... Nur wenn du diesen Schluß der Legende begriffen hast, kannst du mit mir gehen auf jene weite, öde, schwere Heide¬ wanderung, die Adam und Eva jenseits des Paradieses durch¬ zumachen hatten. Die Geschichte der menschlichen Liebe von dem Punkte, da der Mensch dumpf empfand, daß er kein Tier mehr sei, — bis zu dem Punkte, da er nicht mehr Tier war . Von der Stunde, da Adam und Eva ein Schürzlein über die Organe zogen, die ihnen am meisten noch Tier zu sein schienen, — bis zu der Stunde, da die stille, segnende Erkenntnis im Angesicht der ewigen silbernen Weltallssonnen dieses Schürzlein lächelnd wieder hinweghebt und spricht: „Ich war Tier; ich bin es nicht mehr; weshalb schäme ich mich?“ W ir haben von Heringen, Stichlingen, Eintagsfliegen ge¬ redet, vom Seestern und vom Bandwurm, von der Spinne und von der Bienenkönigin. Eine große Menagerie der Liebe. Jetzt erscheint ein ganz neues Bild. Unser Glas, mit dem wir beobachtet haben, wird zum Spiegel. Und im Spiegel stehst du selbst. Endlich bloß noch du. Du allerdings in deinem größten Sinne. Du in deiner tief geheimnisvoll zer¬ spaltenen Zweiheit, die gerade durch die Liebe erst Einheit wird, — als Mann und Weib. Du im Stammbaum deiner Jahrtausende, als ungeheurer Organismus, der Völker treibt, wie ein Birnbaum grüne Blätter, und Kulturen wie Blüten¬ schnee. Von dem diese Völker wieder herabregnen wie gelbes Laub und die Kulturen fallen wie ausgelebte weiße Blüten¬ blättchen, deren Liebesdienst erfüllt. Und der dann beide wieder neu treibt auf einem höheren Ast. Hat dich der Gedanke schon einmal bis ins Innerste durchschauert: der Mensch steht vor dir ? Denke dich auf einen Moment hinab in die grüne Meeres¬ tiefe. Da wimmelt und glotzt und schwimmt all jenes krause Tierzeug, von dem wir gesprochen haben. In seine Höhle gewühlt der schwarzblaue Seeigel. Rote Seesterne in dicken Lappen auf dem Sand. Eine Seeanemone, der feuchtweiße Leib knorpelig weich gekrümmt, leises Spiel in den Tentakeln oben, die wie ein halbgeöffneter Blumenkohl vorquellen. Ein silberblauer Fisch beugt die goldig purpurnen Florideenblätter auseinander. Eine rosenrote Qualle steigt in langsamen Stößen wie atmend die smaragdene Wassersäule hinan. Und nun mit einem Ruck, oben ganz hinaus aus dieser Spukwelt: freie Fläche, auf der der Wind spielt; schwärzliche Klippen; wildes Inselland mit kreischenden weißen Möven; und auf der Klippe sitzt ein junges Menschenmädchen, die nackten Füßchen im Wasser — und singt, — über die Felsen, zu den Möven und dem Wind hinauf. Der Mensch ..... Oder du wanderst durch einsame Gebirgsöde. Ein wildes Thal zum Paß. Jenseits der Baumgrenze. Gelbliche, zer¬ schrundene, von der Erosion zerfressene Felswände, an denen oben nur graue Watteballen von Wolken träge wie angeklebt hängen. Ein ganz weißzerschäumter Bach neben dir, dessen Lärm jeden anderen Laut tötet. Unter deinem Tritt biegen sich widerspenstig kleine, zähe Alpenrosenbüschel wie tiefgrüne Besen. Im blaßblauen Himmelsausschnitt über dir schwebt ein Raubvogel. Alles ist riesig, urweltlich, wie auf fremdem Planeten. Und da plötzlich du .... du meinst, du siehst dich selbst, den punktgleich winzigen Wanderer, der da Schritt für Schritt diese Gebirgsöde emporklimmt. Und jählings erscheint dir der Mensch als das ganz Ungeheure. Was ist das Stückchen grünes Aquarium voll Seegezeug, was sind die paar Felsen mit ihrem Wolkenrauch! Das Ge¬ hirn des kleinen Mädchens dort ist eine unendlich viel wunder¬ barere Ozeanstiefe. Dein Gedanke, der in Bergschrunde taucht, ist das Mysterium; in ihm ist alles: der Fels, der Adler, die Alpenrose, Urwelt und Gegenwart. Nun sage dir aber, daß das ein erstes Mal da war. In ganz fernen Tagen — und zum ersten Mal als etwas Neues dieser Mensch .... Eine Stunde ohnegleichen. Die alte Erde, um die Sonne sich rollend, grünend, in der Walpurgis¬ freude irgend eines Frühlings, wie schon so viel tausend und tausend Mal — und da der Mensch auf ihr .... Die Nebel dort unten über dem See wallen und ziehen. Ein leiser Wind hat sich aufgemacht, wie ein allererster Vor¬ morgengruß. Drüben ist auf einmal ein Stück Weite wie aufgehaucht in dem weißgrünen Nebelfeld. Ein schwarzer Riß. Und in dem Riß geisterhaft einsam schwebend, wie zwischen Himmel und Erde, ein rötliches Licht. Von dem kleinen Dorf herüber, das dort unsichtbar am Seeseingang in der Nacht hängt. Der Nebel greift darunter und darüber mit weißem Arm. Wenn er den Arm etwas sinken läßt, wird er es wieder begraben. Und mir ist, der Blick gleitet durch Jahrhunderte, durch Jahrtausende zurück, — immer in diesem grünen Nebel und vor diesem roten Licht, zurück und zurück. Wie eine leise Musik läutet der Gedanke in mich hinein aus all dem Nebel, der uralte Philosophengedanke: daß die Dinge der Welt eine ewige Gegenwart sind, ein ewig Heilig-Seiendes, und daß nur der gewordene Mensch den Zeitbegriff wie ein verschieb¬ bares Mikroskop gegen diesen unermeßlichen Weltenteppich lenkt, bald aufwärts, bald abwärts, als Vergangenheit, als Zukunft, als Jetzt ...... Das Mikroskop schiebt sich und schiebt sich — über schnur¬ grade Eisenbahnlinien, deren feuchtes Metall zwischen dem roten Haidekraut und dem rauchschwarzen Kiefernforst blitzt, — über alte, schlechte, sandige Landstraßen, auf denen der Postwagen rumpelt, — über Ritterburgen und bunte gothische Fenster, — über wilden Wald, in dem ein Einsiedler betet, während draußen die Wölfe heulen und fern der Kriegsschrecken tobt, — über wendische Götzen, vor denen rotes Blut aus einem schneeweißen Menschenkörper in ein Opferbecken rinnt, — über grüne germanische Grenzverhaue und glimmernde Steinringe auf der Höhe, um die der Wachholder wie Cy¬ pressen ragt .... und dann hinein in den ganz schweren, ganz tiefen, ganz farblosen Nebel. Stimmen sind darin, gespenstisch wie aus dem Nichts. Der Schrei des Wildschwans, der im hohen Röhricht des Sees nistet. Ein dumpfes Brüllen: der Siegesruf der riesigen Katze, des Höhlenlöwen, der ein Rhinozeroskalb erlegt hat. In schweren Ballen rollt der Nebel durch schemenhaftes Geäst ungeheurer Urwaldbäume und sinkt ab gegen den düsteren Wald¬ see. Und da wieder das rote Licht . Die Heerdflammen des Diluvialmenschen. Sein eigenes Licht. Flamme, die wie ein Haustier gezähmt bei ihm lebt. Künstliche Flamme, die er selber zu entfachen weiß. Und in deren Glanz er liebt .... Der Stern der Menschheit! Ein neues Lied. Eine neue Zeit. Eine neue Liebe. Noch nie hatte die Erde mit solcher Flamme geleuchtet. Diese alte Erde, die selber vielleicht wie ein Tropfen herab¬ geronnen war aus uraltem Licht. Wie der Nebel jetzt gegen den See sich senkt, läßt er die Höhe frei. Und wie durch ein zerreißendes, in Fetzen überall abgleitendes Leinen blitzen drüber die Sterne auf. Der wunder¬ bare Himmelsbogen, durch den die silberne Milchstraße mit dem zitternden Wellenschlage der Äonen fließt. Die goldene Kapella, der rote Arctur, die weiße Wega. Eine blendende Silberlilie des Alls wie diese Wega war auch die Erde vielleicht voreinst. Langsam dann glühte das Silber zu Gold, bis sie wie Kapella stand. Und wieder das Gold gewann einen roten Schein wie bei dem Arctur dort. Rotglut kündete die nahende Nacht. Über dem blanken Schild wölkten sich periodisch rostrote Flecken, in denen die gährende Materie sich zu festen chemischen Verbindungen gattete. Wie der Wunderstern Mira im Bilde des Walfisches, der auf lange Monate sich ganz vor unserem Blick verbirgt, um später doch immer noch einmal zu roter Vollglut aufzubrennen, mag sie zeitweise schon ganz verschwunden sein, um sich dann nochmals aufzuraffen, gleich dem Funken an einem Kerzendocht, der noch einmal ganz grell glimmt, ehe er jäh versagt. Dann aber war die Lichtrolle fürs ferne Weltall endgültig aus. Nie mehr leuchtete die ganze Kugel, — nur das Sonnenlicht floß fortan mattgoldig an der einen Seite hin, ließ im Jahreslaufe das Weiß bald der einen, bald der anderen polaren Eiskappe er¬ blinken und malte um die Ränder der dunkeln Kugel abwechselnd das blutige Rot seiner Dämmerung. Und auf die Nachtseite fiel nur wie Gespensterglanz einer toten Welt der Silberhauch des Mondes, — selber erborgtes Licht. Nur wie Funken hier und da von unten ein letztes Grüßen eigener Sonnenkraft. Aus dem tobenden Vulkan brach die Lava wie ein flüssiger Rubin und hellte auf Nächte die Meeresfläche mit heißem rotem Schein. In der Atmosphäre zuckte es von blauen Blitzen. Grüne und violette Sternschnuppen und Feuerkugeln verpufften wie die Explosion eines Streichholzköpfchens an dem ungeheuren sausenden Luftball während seiner Sonnenfahrt, periodisch sogar zu blendendem Feuerwerk vereint. Von den magnetischen Polen aus ergoßen die Nord- und Südlichter sich in langen bunten Bändern gegen den Bauch der Planetenkugel hin. Dann aber allmählich noch viel diskreter, geheimnisvoller eine ganz feine Lichtwirkung hörerer Art wie ein Besinnen des ausgeglühten Sternes auf einen völlig neuen Weg zum Licht . Schwarz, ohne ein Atom Mondsilber die See. Da auf einmal, als hebe sich von unten eine smaragdgrün schillernde Wolke aus den Wassern selbst herauf. Goldsterne, groß und klein, sind hinein verwebt. Und der ganze Ozean erwacht zu lebendigem Lichte. Meerleuchten. Es ist lebendiges Licht. Myriaden winziger Wesen, zum Teil Einzeller der allerniedrigsten Art, treiben den grünen Glanz aus ihrer lebenden Körpermasse selbst hervor und größere Tiere schaukeln sich wie brennende Zapfen und Kugeln in dem allgemeinen Tag. Das Leben hat das Licht erobert, — erobert am eigenen Leibe zunächst. Bis in die tiefsten, grauenvollsten Schlünde dieses Ozeans trägt es seine Flammen hinab. Um rote Seesterne rinnt es auf dem Meeresgrunde wie ein grüner Rasen von Licht, die Tierkolonie einer Rindenkoralle scheint elektrisch blaugrün durchglüht, der Tiefseefisch Malakosteus stößt grüne und gelbe Lichstrahlen wie mit einem Scheinwerfer unmittelbar unter dem empfangenden Lichtorgan, dem Auge, hervor. Droben auf dem Lande, im schwarzen mondlosen Urwald aber schwirrt gleichzeitig der Cukujo, der Leuchtkäfer, dessen goldgrüner Stern heute noch eine Laterne ersetzt und Bücherschrift lesen läßt. Noch aber eine ungeheuere Zeit. Und dann die rote Flamme..... Auch dieser rote Stern der Heerdflamme da drüben, um den die Löwen der Diluvialzeit brüllen und der Singschwan schreit, ist lebendiges Licht. Er wird sein Leben bewähren. Die Baumriesen des Urwaldes werden zusammenkrachen wie vom Blitz zerspellt und an ihre Stelle wird die Großstadt treten, ein blaues Meer von elektrischem Licht. Wie eine Schlange mit leuchtenden Schildern wird der Nachtzug auf den Eisen¬ schienen durch die Länder sausen. Lichtsignale werden über die Ozeane fliegen. In die doppelte Nacht des Bergwerks, das im Grabe der Steinkohlenperiode wühlt, des Tunnels, der die Granitquader eines Schneegebirges teilt, werden weiße Licht¬ bänder fließen. Das unterseeische Bot wird mit seinen Schein¬ werfern wie eine Sonne in die Abgrundswelt der Polypen, Seesterne und Tiefseefische tauchen. Licht wird dem Menschen aus jedem gestoßenen Steine strömen, zum goldenen Quell des Lichtes wird ihm der leise Fall der Wasserwelle zerstieben, Licht wird ihm der begrabene, verkohlte Farrnwald der Urzeit entzünden. Im Lichte, das sein Apparat zerspalten, wird er lesen wie in einem Buche, wer die Sterne sind und was die Welt gebaut hat. ehe er selber war. Vor dem Lichte wird er in die Kniee sinken. — als Kind vor dem brennenden Dorn¬ busch, in dem Jehova spricht, — als Mann vor der ewigen Gotteskraft der Natur, die in Lichtwellen wie Menschenhirnen kreist. Menschen sind es, die dieses rote Sternchen dort hüten, — die wunderbare letzte Lichtgeburt des erlöschenden Planeten. Der Mensch ist da! S chwarz-gelbe Wetterwolken häuften sich an. Rasend wie ein apokalyptischer Reiter ritt der Sturm voran. Mit elementarer Wucht brach er in das dröhnende Geäst des Ur¬ waldes, den noch keine Kultur berührt. Morsche Stämme, welk wie Zunder, die nur das Rankenwerk von Schlingpflanzen noch stützt, regen sich gespenstisch, wanken. Jetzt stürzt die Windsbraut in das offene Feld, alles beugend, in Wellen vor sich her legend. Das gelbe Gras bäumt sich, trockene Disteln krachen, am Sumpfsee klirrt und rasselt das braune Schilf und Binsenvolk. Nun ein Schwefelschein und ein Donnerschlag und weithin anhaltendes rotes Leuchten. Die große Eiche, die anlehnenden morschen Baumruinen brennen, der Urwald schwehlt und dampft. Und der Wind wirft das Feuer in die versengte Steppe. Weithin am Horizont eine ungeheure blut¬ rote Garbe. Großes Getier flieht trappelnd vorbei, aufge¬ scheuchte Vögel sausen als schwarze Schatten der feurigen Helle voran. Jetzt aber zerbricht mit einem Ruck der dräuende Wolkenschlauch. Unendlicher Regen. Die Flamme erstickt im weißen Qualm. Und die gelbe Wolken-Aegis zerreißt. Blauer Himmel. Der letzte Qualm treibt mit den Nachtwolken ab, die Brandstätte wird zugänglich. Da kommen Tiere aller Art zurück, angelockt durch köstliche Beute. Überall verkohlte, an¬ gesengte, gebratene Leichen. Raubzeug macht sich darüber her, vierbeiniges und geflügeltes, der Wolf, der am Boden schleicht, wie der Falke, der aus den rauchigen Lüften stößt. Wieder¬ käuer lecken die salzige Asche und wärmen sich auf dem wohlig erhitzten Feld. Aber noch ein besonderes Wesen hat das Feuer erlebt und genutzt. Die Nacht ist gekommen, nur die stillen Sterne strahlen. Hier und da ein Glühwürmchen in unbe¬ rührter Waldestiefe. Dort aber eine rote Flamme, immer noch. Eine einsame, — fernab von allem großen Brand. Der Mensch hat sie gerettet . Mit unendlicher Sorgfalt hütet er sie. Die wilden Wölfe haben nur heute wohlfeilen Braten, der in köstlicher schwarzer Salzkruste angerichtet ist. Er wird ihn haben, so lange die gerettete Flamme ihm bleibt. Immer wieder wird das Wild, das sein Pfeil erlegt, an dieser köst¬ lichen Flamme, — „seiner Flamme“, — ebenso gebraten werden. Und das gebratene Fleisch, der gebackene Fisch werden sich konservieren, — länger als es sonst je geglückt. Heiliges Gut: diese Flamme. Der Wandernde muß sie mit sich führen wie einen Talisman. Und er entdeckt, wie das geheimnißvoll segnende Wesen, das rote Feuer, zu nähren, zu erhalten ist auch auf einer Wanderschaft. Im ausgehöhlten Rohr, im hohlen Stabe wird glimmendes Holzmehl mitgeführt. Um solches Mehl zu schaffen, wird Holz fein zerrieben, aneinander¬ gerieben, Holz in Holz gebohrt. Da zeigt sich, daß das rasch gemahlene Holzmehl sich selber schon entzündet, glimmt, ver¬ kohlt, — nach Gesetzen der Umwandlung von Bewegung in Wärme, die uns heute erst als solche offenbar geworden sind. Und der Mensch begreift, daß man Feuer nicht nur bewahren, daß man es auch erzeugen kann! Er schlägt sich den Stein zur Waffe zurecht. Den Stein, den Du selbst eben hier im Sande fandest: den Feuerstein. Funken sprühen. Nun den Zunder dazu, und die Flamme leckt. Wieder ist eine Art ge¬ geben, wie jenes künstliche Zeugen des Feuers zu einem Akt des Willens und der Herrschaft wird. Und die rote Flamme glüht, wann immer der Mensch es will und wo er es will. Prometheus ist er, der die Himmelsleuchte im hohlen Stabe trägt, — nicht mehr blindes Tier, das bloß beutelüstern auf die Gelegenheit der verbrannten Steppen stürzt, sie einmal ge¬ nießt, aber nie wieder zu finden weiß. Der Mensch weiß es immer wieder neu. In diesem „immer wieder neu“ steckt der ganze Mensch. Hundertmal verlöscht ihm der Herd, hundertmal zündet er ihn wieder an. Hundertmal bricht ihm der Speer, bricht ihm die Steinwaffe entzwei: hundertmal baut er sie sich neu. Denn die Dinge sind ihm Werkzeug, nach außen projiziertes Organ, das er beliebig erzeugen kann. Er braucht nicht den leuchtenden Leib des Johannis¬ wurms, nicht die fest in die Körpermasse eingewachsene Laterne des Fisches Malakosteus. Sein Gehirn umschließt das alles in der einen gedanklichen Möglichkeit: daß er sich außen in den Dingen der Welt Licht, Feuer erzeugen kann , so oft er will. Er braucht nicht das Horn des Rhinozeros, nicht das Gebiß des Löwen am eigenen Leibe. Denn sein Gehirn und seine Hand bauen ihm Horn und Reißzahn zu jeder Stunde aus jedem Feuersteinsplitter. Diese ganze unendliche Ansamm¬ lung stahlharten Gesteins, das die Gletscher der Eiszeit aus der Kreide von Rügen und Moen herausgesägt und über die Ebenen Nordeuropas ausgestreut haben, ist sein Gehörn und sein Gebiß, womit er Nashorn und Löwe als Herr sich unter¬ werfen wird. Nashorn und Löwe zuerst — und zuletzt die ganze Erde mit allem, was auf ihr lebt. Er wird die vollkommene Anpassungsform dieser Erde sein. Mit seinen Werkzeugen baut er sich einen neuen Riesenleib. Seine neuen Nerven spannen sich als elektrisches Netz über die Länder, auf dem Ozeansgrunde laufen sie als 2 Kabel von Erdteil zu Erdteil. Seine projizierte Muskelkraft sprengt als Dynamit Berge auseinander, bewegt als Hebelkraft Eisenblöcke, vor denen die Wucht eines Elefanten zum Tippen einer Kinderhand wird, gebraucht einen Niagara für seine Zwecke wie der Affe einen grünen Urwaldzweig. Seine Stimme hallt auf dem Telephondraht unendlich viel weiter als der lauteste Donner rollt. Im Riesenfernrohr des Lord Rosse, dessen Spiegel zweieinhalb Quadratmeter und dessen Rohr sieb¬ zehn Meter mißt, starrt sein Gigantenauge in die Welt der Nebelflecken und holt sich den Mond bis auf fünfzehn Meilen herab. Im Mikroskop faßt er den Bazillus, dessen Durchmesser nur den zweitausendsten Teil eines Millimeters beträgt. Ein Angriff seiner neuen Glieder, der Werkzeuge: und die Wasser des Mittelmeeres ergießen sich durch das Rote Meer in den Indischen Ozean; die Kartoffelpflanze aus einem Winkel Chiles breitet sich über ganz Europa aus; Wälder werden abgesägt und eine ganze Gegend erstarrt zur wasserlosen Karstöde, ändert alle ihre Wasserläufe, bekommt ein neues Klima, oder umgekehrt: es wird ein Kanal gezogen und die Wüste blüht, das Schlamm¬ meer trocknet aus, — die Fata Morgana und der Fliegende Holländer werden zum wirklichen Orangenwald über blauem See und zum weißen Segel des Kulturschiffs, das Anker wirft, wo einst Karawanen verdurstet sind. Keine Grenzen auf der ganzen Kugel giebt es diesem Märchenleibe mehr. In die Tiefen bohrt er sich wie eine ungeheure Wurzel, in die Luft¬ höhe reckt er sich, wie der höchste Sonnensproß. Eine kurze Frist noch: und dieser ganze sausende Planet mit seiner Hunderttausendtrillionenzentnerlast gehört ihm, wie einem Künstler seine Statue gehört, die bloß einstweilen noch in der Gußform steckt. Jede Sekunde Sonnenfahrt der Kugel mehr auch ein Hammerschlag mehr gegen die rohe Hülle, der das Kunstwerk, sein Werk, befreit. Hörst du den leisen Pfiff der Lokomotive, der fern her über die Wälder kommt? Der Hammer tanzt auch jetzt in stiller Nacht und die morsche Deck¬ masse bebt, — seine Erde, die Menschenerde blitzt durch den Spalt. Er ganz angepaßt an sie, die absolute Anpassung, die höchste, die das Leben erreicht — und dann der große Wechsel: sie sich anpassend an ihn. Beide unlösbar verwachsend: der Mensch Erde, die Erde Mensch. Die Erde sein Leib, der Mensch ihr Geist ..... Von der Liebe dieses Erdgeistes sollen wir reden. Auch er ein Liebeskind, im Weltenbann der Liebe. Aber welche Liebe hat ihn gezeugt? Wo und wann? Dunst, Qualm, Nebel. Aus dem Nebel kommt das rote Licht der Herdflamme, um die sich Menschen der Diluvialzeit kauern. In den Nebel geht die große Frage. Es ist der Mensch selber, der hochentwickelte Mensch, der nach seinem Geburtsdatum fragt. Seine Städte funkeln von Licht, seine Stimme rauscht über Erdteile und Ozeane. Vor ihm das All, zu dem er sich mit seiner Erde schwingt. Auf das Sternbild des Herkules trägt ihn die Sonne zu. Und er selber ein Herkules. Wunderländer des Wissens, der Freiheit, der Liebe dehnen sich im Lichtduft der Zukunft vor ihm aus. Er wird sie erobern, wird in ihnen wohnen. Unter wehenden Palmen, über rauschenden Brunnen. Ein Königskind des Sonnensystems. Unter märchenhaften Fügungen hat er sich emporgekämpft. Er hat sich selber das ungeheuere Schwert geschliffen. Und dann hat er es in den Winkel gestellt, daß Staub darauf sinkt. Und hat sich mit Rosen bekränzt und goldene Lieder angestimmt. Und hat mit leuchtenden Augen das Licht der Sonnen und Milchstraßen getrunken. Zu sich selber ist er als Gott herab¬ gestiegen, der im Sturm einsetzte und schließlich im leisen Wehen kam. Als Buddha hat er sich getröstet, als Christus sich ver¬ söhnt. Als Kepler und Darwin hat er die Welt in sich auf¬ 2* genommen. Als Goethe hat er den Grundstein gelegt zu seiner eigenen Überwelt. Und nach Jahrtausenden, deren Brausen ihm noch im Ohr klingt, steht er immer erst noch wie ein Jüngling da. Nicht wie Moses, der das gelobte Land einmal in seinen Abendfeuern sieht und stirbt. Sondern wie Moses das Kind, das im Rohrschifflein auf dem heiligen Strom er¬ wacht und mit großen morgenhellen Augen über den Teppich roter Lotosblumen starrt. Und dieser Mensch jetzt greift sich an die Stirn. Woher er selbst? Wie ein toller Zecher beim Bacchusfest, dem auf einen Moment aller Lärm fern verhallt und die Fackeln dunkler glühen. Er besinnt sich dumpf. Wie kamst du hierher? Was bist du überhaupt? Es giebt zwei Wege zur Antwort. Je nachdem du den rechten gehst, hast du auch den Schlüssel zur Liebe des Menschen in der Hand. Zu der Liebe, die ihn gezeugt hat. Und zu der Liebe, die noch heute in ihm zeugt. Der eine Weg führt ganz durch den Geist. Er ist ja so stark, dieser Menschengeist. Wie soll er nicht auch dieses Geheimnisses Lösung in seiner Tiefe haben. Du gehst langsam durch den Nebel da unten hin. Nichts vor Augen. Den ganzen Blick inwendig. Und sinnst. Was weiß ich selbst als Einzelner, wenn ich vierzig Jahre im rauschenden Leben stehe und auf einmal still halte, in mich gehe, mich selber frage — was weiß ich aus mir selbst von meiner Geburt? Durch mein Leben klirrt eine Kette abwärts von Er¬ innerungen. Zuerst eine Masse ganz hell, ganz nah noch. Handlungen, Bilder, Personen, Landschaften, Schmerz, Glück, ungeheure Dummheiten, die ich als überwunden fühle, ein¬ zelne brauchbare Staffeln, die hinan führten. In allem aber ganz unzweideutig „ich“. Das geht hinab und hinab. Nun wird es immer blasser, immer undeutlicher. Handlungen tauchen auf, die mir doch schon fast fremd sind. Auch inner¬ lich fremd. Man hat ja allerhand Blödsinn begangen, weil man es nicht besser wußte. Aber kann ich je so herzerweichend dumm, so grün, so „kindisch“ gehandelt haben? Noch tiefer — und es sind nur noch Schemen da. Eine schwarzgoldige Tapete in einem fremden Zimmer. Ein Garten, wo bekannte Stimmen schallen, mit denen sich mir doch heute keine Person mehr verknüpft. Eine Straße, von der ich noch meine, ich kann die Steine zählen, von der ich aber nicht mehr weiß, wo sie ist. Ich muß mir berichten lassen. Du warst ein Kind, da und da; Andere, Aeltere wissen es noch. Noch eine Stufe und ich sehe gar nichts mehr. Für meine eigene Erinnerung bin ich jetzt verloren, ewig verloren. Jetzt weiß ich nur noch durch Andere. Aber selbst dieser Faden wird dünn. Ein Geburtsdatum, amtlich gestempelt. Das ist unwiderleglich. Aber was ist „Geburt“? Ein schon in gewissem Sinne „reifer“ Organismus hat sich von der Mutter gelöst. Neun dunkle Monate. Im ersten „war“ ich schon, aber ich war noch nicht Mensch. So lehrt die Natur¬ geschichte. Meine Keimform war noch nicht einmal menschen¬ ähnlich. Und dieser Keim entstand zuletzt durch einen Zeugungs¬ akt .... Hier taucht mein Leben vollends zurück. Meine Eltern, — Schleier legen sich darüber. Heilige Liebesempfindungen. Und dann gehe ich ein als Doppelwesen in beide, als Samen¬ zelle hier, als Eizelle dort. Jede Zelle in den Riesenverband eines anderen Körpers. Das Licht brennt ganz düster. Jetzt brauche ich nicht mehr bloß fremde menschliche Tradition — und seien es selbst diskreteste menschliche Bekenntnisse. Ich ge¬ rate mir selber ins ultraviolette Wunderland der Philosophie .... So ich. Aber nun die „Menschheit“. Sie hat keine Mitmenschen, keine Onkel, Tanten, Eltern, die erzählen. Hin¬ sichtlich der Tradition ist sie aufgewachsen wie Kaspar Hauser. Ein Paar tausend Jahre: — Könige, Priester, Reiche, Sklaven, wie heute, vielleicht ein paar Dummheiten mehr, aber auch schon tiefe, tiefe Weisheiten. Darüber hat sie noch Tage¬ bücher geführt, in Keilschrift, Hieroglyphen, chinesischen Thee¬ kasten-Lettern. Aber was dann? Auch hier schwarzgoldene Tapeten, Pflastersteine, ich weiß nicht wo. Und ein grüner Garten, wo ich unter einem Apfelbaum saß. Wo war das doch? Keiner weiß wo. Es war ja kein zweiter dabei, der reden könnte. Antwort! Antwort! Ackere die Erdkugel um, ob nicht irgendwo noch ein Kinderspielzeug liegt. Ob die Wurzeln des Apfelbaums nicht irgendwo stecken, wo du spieltest. Aber was beweisen selbst sie? Sie zeigen dich als Kind, aber schon als Menschenkind. Wo ist dein Geburtsattest? Und der Mutterleib? Und die heilige Weihestunde zeugender Elternliebe? Arme Mensch¬ heit! Die Blüte der Erde und keine besseren Dokumente jenseits deiner Erinnerung als ein Kaspar Hauser, dessen Herkunft ge¬ waltsam raffiniert verschleiert wurde ..... Du meinst heute, du denkst das allein. Aber an dieser Stelle war das reine Denken vor dieser Frage schon Jahr¬ tausende vor dir angekommen. Es stand da ebenso fest, aber es wollte sich nicht unterkriegen lassen. Der Stolz des Geistes bäumte sich dagegen auf. Und so faßte er die Dinge mit Herrenmacht und schuf sich in der Phantasie ein Bild, das ihm groß genug schien zur Lösung. Er wollte eben durch um jeden Preis, — der Geist als Pfadfinder in sich selbst. Daß du als einzelner Mensch wohl im Mutterleibe vor dem statistischen Faktum deiner Geburt gelebt haben mußt, mit allen Prämissen bis zum Zeugungsakt, — das holst du dir stillschweigend wie etwas selbstverständliches aus der „Natur¬ geschichte“. Das geht doch wirklich nicht anders, und selbst der Prüde giebt es unter der Bedingung zu, daß man nicht davon spricht. Aber die Menschheit? Da muß der träumende Geist, meint er, ausholen bis in das Wunderbarste, Oberste, Riesigste, was er sich denken kann. Der erste „Mensch“ der Menschheit, heißt es, kam — „von Gott“. Du weißt ja: eines Tages saß er unter dem Apfelbaum. Vorher nicht. Auf der Kante dieses „eines Tages“ und „vorher“ balanciert die Schöpfung aus der Versenkung. Des reinen Geistes äußerster Weg. A us dem Nebel vor dir hier am Seerande reckt es sich wie ein kolossales Brockengespenst. Ein Menschenschatten, und doch ins Gigantische erhöht. Es ist kein Seerand mehr, über dem er ragt. Die ewige Weltküste. Hier Welt und drüben nichts. Ein mystisches Rauschen fährt herab in den weißen Ufersand, daß er sich geisterhaft tanzend bewegt .... Gott schuf den Menschen aus einem Erdenkloß. Zu Staub soll er werden, wie er aus Staub geschaffen ist. Gott und Staub. An diesem Bilde haben sich unzählige getröstet und er¬ baut. Du selber bist noch damit aufgewachsen. Dein tiefstes religiöses Empfinden klammert sich daran. Wenn man dir zu¬ ruft, daß es nicht mehr gelten soll, so ist dir, als wanke die schönste Säule, die das Lichtblau deiner Weltgedanken trug. Nichts liegt mir ferner in dieser heiteren Walpurgisstunde, wo alle Geister leben und leben lassen, als dein religiöses Empfin¬ den zu verletzen. Ich, wenn ich einen Wunsch haben soll, ich wünschte, daß die Menschen von heute allesamt vieltausendmal religiöser gestimmt wären als sie sind. Religiös im Sinne tiefster Sehnsucht, — im Sinne des „Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn,“ — du, das Welträtsel. Und ich habe nicht minder den höchsten Respekt vor jedem Versuch des ringenden Geistes, wo immer er eine Antwort aus sich heraus¬ gekämpft hat, sei sie, wie sie sei. Aber ich habe doch etwas gelernt aus der Geschichte solcher Antworten. Der Geist ist ein Durchgänger. Was er greift in solchem Falle, ist meistens nicht eigentlich falsch, es ist nicht zu schwach, zu klein, — sondern es ist zu groß . Das wird dir freilich nun erst recht wohl schwer in den Kopf wollen. Ja: Gott und Staub. Diese Begriffe haben sich alle beide selber in uns heute weiterentwickelt, — nicht bei den Spöttern, sondern gerade recht bei den ganz Ernsten. Und darum sagen sie uns thatsächlich nichts mehr. Das schien so unendlich einfach, als es zuerst kam: ja das war der Ausweg: — Gott und Staub. Jeder wußte doch, was das war. Gott, der alte Übermensch in seinem goldenen Glanze, — der alles konnte. Und ein Häuflein Staub, das armseligste Ding der Welt, das ein Lüftchen ver¬ weht, du findest seine Spur nicht mehr. Zwischen Himmel und Erde bauten die zwei Worte ein greifbares Netz, in dem das Kindlein Menschheit beruhigt wie in einer Wiege lag. Wohin ist sie, — diese leichte Zeit .... Gott. Eiserne Menschenarbeit selber hat an dem Gott ge¬ schmiedet und geschmiedet. In der Welt Homers erscheint der gute Zeus noch wie ein lustiger Spaziergänger in der vom Fatum regierten Natur. Schöne Mädchen sitzen am Welten¬ wege und er küßt sie. Diese Welt selbst mit Sonne und Meer und Blütenkelchen ist aber vorhanden auch ohne ihn. Er ist bloß etwas der größere, stärkere Mensch darin. Er beherrscht schon die Elektrizität und blitzt, wo Achilles bloß Speere schleudern kann. Er sieht durch Wände wie mit Röntgenstrahlen. Er streut Pestbazillen über ein Griechenheer, dessen Ärzte noch kein Mikroskop besitzen. Er fliegt in die Wolken, wie ein paar Jahrtausende später Montgolfiers Ballon. Wie hübsch klein dieser Gott noch war. Er umspannte die Menschen bloß durch ein paar verbesserte technische Fähigkeiten. Geschweige denn die Natur im ganzen. Aber selbst den Menschen faßte er nicht in die Tiefen seiner Innenwelt hinein. Nur ein schwächlicher Abglanz waren die Leidenschaften, die inneren Schicksale der Götter von dem Ungeheuren, das wirklich in des Menschen ganzer Tiefe lag. Der Mensch, wenn er sich be¬ sann, war größer als sein Gott. Und er besann sich schließlich. Gott bekam ein neues Reich, nach Innen hinab. Unter dem heiligen Banyanenbaum am Ganges, der noch heute von Buddha rauscht, sank Gott zum erstenmal in die Kniee vor dem Menschen, erfaßt von jenem Ungeheuren des moralischen Schicksals in der Tiefe der Menschenbrust. Und er zerbrach die Königskrone und wurde ganz Mensch. Und nahm das Ungeheure in sich auf: die eine Hälfte der Welt. Es war derselbe Gott, der auf Golgatha seine Arme ausbreitete, die ganze Menschheit zu umfangen, — sie waren mit Nägeln an¬ geheftet, diese Arme, zum Beweis, daß die Sache nicht so leicht war. Und doch hat er gefaßt, was er wollte. Nun geht über ein Jahrtausend hin. Neue Zeiten reifen. Da kommt zu der einen auch die andere Hälfte der Welt. Die Naturerkenntnis eröffnet den Kosmos. Und auch dieser Kosmos geht jetzt restlos ein in Gott. Zu den Tiefen des Menschenschicksals kommen die Tiefen des unermeßlichen Sternenmeers. Gott, der Mensch geworden ist, wird jetzt Sirius und Aldebaran, Wega und Beteigeuze, er wird der wirbelnde Maelstrom des Spiralnebels im Sternbild der Jagdhunde und der Nebelring in der Leyer. In dieses Gottes Riesenleib ist jetzt die ganze Bahn der Sonne von den flammen¬ den Urwelten des Orion bis zu den fernen Zukunftssternen des Herkules ein winzigstes Äderchen, das ein Blutkügelchen durcheilt. In Gottes zeitlicher Entfaltung trabt das Mammut, schwimmt der Ichthyosaurus, fällt die ganze Erde wie ein Lichtstäubchen aus der Nacht und wieder in die Nacht. Das sind wir jetzt — und unser Gott. In Gott alles eingegangen bis zum letzten glimmenden Sternenpünktchen des Alls, in Gott das ganze Naturgesetz, alle unzerstörbare, nur sich wandelnde Kraft, in Gott die ganze natürliche Entwickelung Darwins. In Gott das ganze Leben des Alls, von dem wir ahnen, daß es in unendlichen leuchtenden Katarakten auch über das hinabströmt, was wir heute noch das Anorganische nennen, und daß es mindestens in großen Flammensäulen aufbrennt, so weit Millionen wohnlicher Gestirne ziehn. In Gottes Adern starrt das Fernrohr, das schwindelnd in Milch¬ straßen versinkt. Gott ist es, den das Prisma zu sieben blüh¬ enden Farben bricht. Gott ist der Stein von Hildburghausen, der einst Meeresschlamm war und in dem sich die Fährte eines verschollenen froschartigen Ungeheuers abgedrückt hat. „Gott schuf“ heißt nichts anderes, als: auch der Mensch wurde in ihm, wurde in der Welt . Aber diese Antwort zerflattert in Orionweiten. Das Wort ist endlich zur vollen Größe erwacht. Aber nun ist es zu groß für die einzelne Antwort. In seiner Riesenhand stürzt der kleine Erdenmensch von Stern zu Stern in das unerschöpfliche Danaidenfaß der Weltentiefe hinab. Es ist so gut wie keine Antwort mehr. Gewiß hängt der Mensch auch im Gewebe dieser ganzen Welt. Alle diese Sterne, alle diese Zeiten flossen zusammen auch in ihm. Aber das enträtseln!! Enträtseln vom Saum dieses winzigen Planeten aus, enträtseln von dieser Menschenweisheit aus, die wie eine arme Sonnenblume angewurzelt steht und ihre goldenen Säuglingsärmchen zum blauen Weltenhimmel reckt. .... Es ist zu groß. Wir richten Teleskope, wir graben in der Erde, wir mühen uns auf allen Wegen mit unserer Naturforschung. Kleine Schachte voll Finsternis und Grubengas, die wir da und dort in den Leib Gottes stoßen. Das ist der Weg. Aber nicht das wilde tönende Ganzwort, das so leicht klingt und uns in Orionfernen verbrennt ...... U nd nun Staub. Wirf Dich auf den nebelfeuchten Strand des Sees hier nieder und häufe spielend wie ein Kind den weichen Sand. Der naive Kinderglaube träumte keine heilige magische Materie, aus der das erste Menschlein entsprungen sei. Er dachte an den groben roten Lehm der Euphratniederung. Flöhe und Mäuse gingen in seiner kindischen Naturgeschichte fröhlich aus solchem Lehm hervor, heute wie anno dazumal. In solchen Lehm griff auch Gottes Hand und damals wurde es — ein Mensch. Lehm, der sonst in der nächsten Sonnenstunde er¬ härtet, zerplatzt, zerbröckelt, als Staub vom fidelen Winde aufgegriffen und über die Lande gejagt worden wäre. Aber hast Du eine Ahnung, was Staub ist? Sieh dieses kleine Plättchen hier, so klein, daß du es im Portemonnaie tragen kannst. Ein Glasstreifchen, auf das ein Zweites aufgeklebt ist. Halte es gegen das Licht deiner Zigarre. Zwischen den Gläsern liegt ein Tropfen kanadischen Balsams und in dem Balsam liebevoll eingebettet gewahrst du eine An¬ zahl winzigster Pünktchen. Ein Pröbchen Staub, klein und arm¬ selig wie eine Priese Schnupftabak. Aber lies die Aufschrift des angeklebten Zettelchens. Radiol. Ooze. Chall Stat. 225. W. Pacif. 4475 Fd. Klingt wie ein Apothekenrezept. Ich über¬ setze dir die Geheimschrift. Ooze heißt englisch Schlamm und Radiolarian Ooze ist Schlamm, der größtenteils aus Radiolarien besteht. Es ist eine Probe Schlamm aus den Abgründen der Tiefsee. Die berühmte Tiefsee-Expedition des englischen Schiffes Challenger hat sie mit kunstvollem Apparat vom Grunde des West Pacific , des westlichen Stillen Ozeans, an ihrer 225. Sondirungs-Station (zwischen den Karolinen-Inseln und Japan) heraufgeholt. Aus wahrhaft kolossaler Tiefe. 4475 Faden reicht das Meer dort hinab, ehe das Lot auf Grund stößt. Das sind über 8000 Meter, mehr als eine Meile. Der höchste Berg der Erde, der Gaurisankar ließe sich dort versenken und der größte Dampfer könnte noch über den Gipfel wegfahren ohne auf eine Untiefe zu stoßen. Schlamm aber liegt dort unten, unendlicher Schlamm. Und Schlamm geht so durch alle Ozeangründe. Denke dir jäh durch einen geologischen Akt die Meerwasser der Erde aufgesaugt, den Ozeansboden allenthalben gehoben und frei. Endlose Wüsten, an Flächeninhalt größer als alle fünf alten Erdteile zusammengenommen, gähnten auf einmal empor. Ihr trocknender Grundschlamm aber zerfiele wirklich jetzt zu dürrem, weißlichem und rötlichem Staub. Und wenn der Sturm pfiffe, würde er Sandhosen bis zu den Wolken aufwirbeln von diesem Staub, von Millionen Quadrat¬ kilometern Staub. Und nun nimm eine solche Probe Tiefsee- Staubes unter das Mikroskop. Schraube dir die Vergrößerung richtig ein. In der kleinen Lichtinsel, die dein Auge wie mit Zauberkraft weit über seine gewohnten Grenzen stärkt, erscheint ein märchenhaftes Bild. So liegt der Zwergenschatz in der unnahbaren Felsspalte. Ein Berglämpchen glüht und in seinem Scheine blitzt unendliches Silber. Oder der Nibelungenhort taucht in berauschender Rebenstunde aus dem krystallgrünen Strom und flimmert im Mondlicht. Zum magischen Spiegel des Venediger-Männleins, der alle versunkenen Schätze der Tiefe spiegelt, scheint das Mikroskop geworden zu sein. Da drängen sich silberne Kettenpanzer, runde Sarazenenschilde mit Buckeln und scharfen Spitzen, Helme mit feinem Visir und langen Bügeln, köstliches Geschmeide aller Art, Ringe und Spangen, Spielzeug in Edelmetall und von alter Goldschmied¬ arbeit, als sei es für Königskinder geschaffen, Kaiserkronen und Papstkronen, Szepter und altertümliche Schwerter, auch fromme Kreuze und Dornenkronen. Manches zerbrochen, wie es Schätzen aus verschollenen Tagen zukommt. Aber noch jedes Bruchstück ein Wunderwerk der Kunst. Und doch jetzt das alles kein wirklicher Schatz von Menschenhand. Dieses Pröbchen Staub ist eine Hekatombe winzigsten Lebens, das die ungeheure, meilen¬ lange Wassersäule durchwimmelt hat. Es sind die harten Schalen einzelliger Urtiere, der sogenannten Radiolarien, jede aufgebaut aus Kieselerde, also demselben Stoff, der den schönen Bergkristall bildet. Aufgebaut aber nach geheimisvollen Ge¬ setzen rhythmischer Anordnung, die unser Menschenauge als „schön“ begrüßt. Aufgebaut vom formlosen Schleimleibe jener niedrigen Wesen in der schwarzen Wassernacht. Zum tiefsten Abgrund hinabgesunken bilden die Schalen heute dort den Schlamm, den Staub. In jeder Schnupftabakpriese solchen Staubes hundert und aberhundert köstlichste Formen, — Formen, kristallartig vollkommen in ihrem Linienbau und doch schon vergeistigt, vom Organischen, dem unzweideutig „Lebendigen“, gleichsam in zweiter Instanz der Natur erzeugt. Und nun hebe den Blick wieder auf vom Mikroskop und vergegenwärtige dir. Jeder dieser entzückenden Radiolarien¬ panzer, in die sich dir der „Staub“ auflöste, setzt sich inner¬ lich wieder zusammen aus ungezählten Kieselteilchen, wie der lebendige Zellenleib des winzigen Urtiers darin aufgebaut war aus ebenso ungezählten Teilchen der Eiweißsubstanz des Proto¬ plasma. Diese Teilchen aber bestehen abermals aus noch kleineren Teilchen. Das Mikroskop sieht sie nicht mehr, aber die Chemie weiß sie noch zu fassen. Die Kieselerdenteilchen lösen sich jedes wieder auf in Teilchen des Elementes Silicium und des Elementes Sauerstoff. Die Protoplasmateilchen in Teilchen reinen Kohlenstoffs, Sauerstoffs u. s. w. Die Welt der Moleküle, der Atome beginnt hier. Grade die Chemie, die uns dabei noch ein Stück weiter führt, führt aber auch fort und fort auf neue rhythmische Lagerungen dieser Teilchen, auf bestimmte Verhältnisse. Kein Zweifel: dem wirklich sehenden Blick würden immer neue Schätze, neue Kaleidoskopfiguren, neue krystallartig mathematischen Gebilde im Schoße jedes ein¬ zelnen dieser Kieselschälchen erscheinen. Ein Gewimmel, eine Masse, bis du meintest, du seiest vor ein neues Weltall ent¬ rückt, schautest in den Flockenschauer von Milchstraßen, wo jede glitzerndweiße Flocke vor dem Blau eine Sonne, eine Doppel¬ sonne, ein Planetensystem ist. Und es sind Systeme, da unten wie dort. Systeme, in denen Weltkräfte walten. Jedes Molekül eine Sonne in seiner Art. Die Sonnenwelt da droben hat keinen Abschluß. Hinter dem Orion, hinter der ganzen Lichtinsel unseres Fixsternsystems dämmern neue Orionsysteme, neue Fixstern¬ inseln auf, — bis unser gläsernes Teleskopauge versagt. Ebenso wenig reißt die Welt der winzigsten Materienteilchen jemals ab. Und immer und immer dort wie hier ein heiliger Reigen¬ tanz, nie und nie und nie ein Absinken wirklich zu regellos elendem „Staub“, — immer Harmonie, immer ein Schwingen, Sichgatten, Sichlagern zu rhythmischen, ästhetisch vollkommenen Gebilden, immer der leise Wogenschlag des großen, gleichen Geheimnisses, in dem der Orion eine Welle ist und du als Mensch eine Welle bist und das Radiolar eine Welle ist und jedes Molekül in diesem Radiolar eine Welle ist. Das ist dein „Staub“! Und du meinst, du hast etwas ausgesagt, wenn du sagst: aus Staub ist der Mensch geschaffen? Hast das komplizierte Wunderwerk des Menschen auf das Einfachste, nicht weiter Diskutierbare zurückgeführt mit dem Wörtlein Staub? „Aus Staub ist er geworden, zu Staub soll er werden.“ Nimm deine Hand und richte dasselbe Mikroskop auf die un¬ sichtbar winzigen Stäubchen, die an ihr haften. Du bist durch den Lenzwald gewandert. Über dir hingen die Liebesarme der Haselkätzchen und regneten träumend ihren goldenen Staub auf dich herab. Hier haftet noch, unsichtbar dem bloßen Auge in seiner Vereinzelung, ein solches gelbes Staubblättchen an deiner Hand. Auch dieses Staubteilchen, wenn du es ganz enträtseln könntest, zerrisse dir wie ein Schleier vor jener Milchstraße der Elemente, wo sich Atome von Kohlenstoff, Wasserstoff, Sauerstoff zu Sternsystemen gatten. Aber in diesem Staubpünktchen liegt noch etwas anderes. An den rechten Fleck gebracht, wird es eine neue Pflanze aus sich erwachsen lassen, eine neue Haselstaude, die nicht bloß nach unten in die Welt der Atome sich dehnt, sondern auch nach oben das Gold¬ licht der wirklichen Sonne trinkt. In dieses gelbe Staub¬ pünktchen hat sich die ganze Kraft aller Haselbüsche, die seit Jahrmillionen, vielleicht seit der Kreidezeit, auf der Erde blühen, hinein konzentriert, sodaß es wieder einen spezifischen Haselstrauch erzeugen kann. In der Existenz des ersten Hasel¬ strauches am Anfang jener Jahrmillionen steckte aber konzentriert wieder die ganze Vergangenheit des Pflanzengeschlechts, steckten alle Nadelhölzer, Palmfarrne, echten Farrne, Algen und Ur¬ pflanzen mit ihrer fortzeugenden Kraft bis zum ersten und ältesten Pflanzenorganismus der Erde überhaupt. Dieser älteste Ururorganismus war aber zugleich auch der Ausgangs¬ punkt der tierischen Entwickelung. So hängt im Grunde alles darin, alles Lebendige, was wir sehen und ahnen, — alles in diesem gelben Plättchen Haselstaub. Der Haselbusch ist ein 3 kleiner Busch. Aber aus Samenstäubchen, nicht größer als dieses, erwächst der Eukalyptusbaum Australiens, der so hoch wird wie die Türme des Kölner Doms. Es erwachsen die Cypressen und Drachenbäume, die mit ihrem Alter von Jahr¬ tausenden auf ganze Kulturepochen der Menschheit wie auf eine Nachtwache niederschaun. Staub. Bekommst du nicht Re¬ spekt vor diesem Staub? Denke dir die Erde leergefegt von allem, was sie trägt. Kein Leben, kein Wasser, keine Luft, keine innere Bewegung der Gesteine. Leer alles, glatt und tot. Trillionen und Qua¬ drillionen von Jahrtausenden soll sie so schwingen um ihren Schwerpunkt. Was wird zu ihr kommen? Was wird als geheime neue Regung sie berühren? Staub. Das Weltall, die freien Planetenräume, die Sternenweiten führen unablässig eines zu: feinen Staub. Auch auf unsere Erde, wie sie heute ist, sinkt immerzu feinster meteorischer Staub, nickelhaltiger Eisenstaub. Auf dem jungfräulichen Eise der Polarlande findest du seine Spur. Du findest sie zwischen den Radiolarien¬ schalen in der Gaurisankartiefe des Ozeans. Immer meteorisches Nickeleisen, das von fernen Welten kommt, vielleicht irgendwo verpulverten Welten. Wieviel Wunder der Entwickelung, wie¬ viel Kulturen mögen als letzter Extrakt in diesen Eisenstäubchen stecken! Aber das nun regnend und regnend Trillionen von Jahrtausenden lang. Der Planet würde wachsen, seine Schwere würde sich ändern und mit der Schwere seine Bahn. Vielleicht wäre es auch neues Leben, das so als Staub auf ihn nieder¬ regnete. Lebenskeime, die der Kälte von Stern zu Stern ge¬ trotzt haben, wie der Kürbissamen, der eine künstliche Kälte von — 192° C. übersteht. Du siehst den Staub bei der Arbeit, wie er Welten baut, Planetensysteme verschiebt. Mit dem Staube ist es genau wie mit Gott. Unter deinen Fingern löst er sich und wird zur Weltenwolke, die ins Unermessene verschwebt. Löse mir das Rätsel des Staubes und ich gebe dir das Rätsel des Menschen mit in Kauf. Aber es geht wie bei Gott, es ist zu groß . Es ist das Welträtsel. Ein ungeheures Lichtband Gott ist die Welt. Und eine ungeheure Wolke rinnenden Staubes. Orionweiten hier wie dort. Wie der alte Lucretius singt: Tritt ans Ende alles Erkannten und wirf mit kühner Hand einen Speer hinaus: er fliegt neuen Welten zu. Welten, die vor dir glimmen wie silberner Staub. Welten, die immer noch Gott sind, wie der Orion, wie die Sonne, wie du. Gott wie Staub: sie sind keine Antwort, sie sind Welt. An Kleineres, Engeres, Näheres mußt du dich wenden für deine Frage, woher der Mensch und seine Liebe auf diesem Planeten Erde kamen. Du sagst: „Gott schuf ihn aus Staub.“ Ich sage: Staub ist Gott; Gott ist Staub. Auf dem Wege dieser Gottwerdung des Staubes steht aller¬ dings der Mensch. Aber wo ....? Das Wort hilft nichts. Wir müssen uns anderswo und schwerer die Stelle suchen. Und so wäre der Flug des rein grübelnden Geistes hier lahm gelegt. Der eine Weg wäre verrammelt. Am Ende dieses stolzen Geistesfeldzuges bliebe nichts anderes übrig als eine gewisse Melancholie. Ja, wir müssen uns das wirklich eingestehen, so schwer es fällt: in dem ganzen Stück Welt¬ historie von Urtagen der Erde bis heute, das wir kennen, giebt es eigentlich keine seltsamere, rührendere und doch auch lehrreichere Thatsache als diese: wie lautlos, belanglos, bei¬ nah wie eine Bagatelle das wirkliche und natürliche Auftauchen des Menschen auf dieser Erde sich vollzogen hat. Unsere Natur¬ erkenntnis bis in ferne Vergangenheit hinein hat so helle Bilder. Diese ungeheure, dämonische Sache aber verbirgt sich wie in einem Zwischenakt. 3* Unwillkürlich meinen wir, die Welt müsse einen besonderen Tag gehabt haben, als sich das ereignete. Ein Klang müsse durch die Sphären gegangen, aus den Nieren der Erde herauf¬ gekommen sein wie Glockengeläut. In einem Kapitel des Hiob fragt Jehova mit dem Stolz eines wahren Weltpoeten, der an die Stunde denkt, da er seine Welt gedichtet hat und seine Verse ihn zum ersten Mal anblitzten: „Wo warst du, da ich die Erde gründete, — da mich die Morgensterne miteinander lobeten und jauchzeten alle Kinder Gottes?“ Etwas von diesem Jauchzen der Morgensterne erwartet man mindestens. Aber nichts. Die Geistesgeschichte der Erde ist kein Theater gewesen, das auf uns als Zuschauer zielte. Und im Grunde sollten wir das aus der späteren Geschichte der Menschheit schon wissen. Die Morgensterne haben nicht hörbar gejauchzt und die Sphären geläutet, als „Homer“ die Ilias komponierte. Im Gegenteil, der Dichter ist verschollen bis zum Niemehrwiederfinden, bis zum Triumph der Schul¬ meister, die hier wie immer die Person töten möchten. Shake¬ speare ist heute auf dem besten Wege, dieses Los zu teilen. Zoroaster, Buddha, Confutse, Moses sind rote Feuersäulen im Nebel. Der Schein fließt und hellt eine Menschheitsepoche auf. Aber die Hand, die die Fackel gehalten hat, scheint aus dem Nichts zu kommen. Und doch müssen es Riesenhände gewesen sein, die da irgendwo heruntertappten. Christus, über dessen Wiege die Legende wirklich die Engel singen läßt, ist als historische Gestalt wie in einem schwarzen Wasser kritischen Wirrwarrs versunken, er, dessen Geist auf Sturmwassern ging und heute noch geht. Wo ist der Mann, der jenes Buch Hiob gedichtet hat? Wo der Meister von Pergamon? Du mußt in einsamer Sonnenstunde vor der Venus von Milo im Pariser Louvre gestanden haben und dir gesagt haben, daß diese unsagbare Frauenschöne keinen Namen eines Künstlers trägt und daß ihre ganze Fortexistenz an den paar Zoll Näher¬ rücken jener brutalen Kraft hing, die schon ihre Arme zu Staub zermalmt hatte .... um einzusehen, daß das Leben der Welt¬ geschichte ein geheimeres ist, als unser grober Sinn sich träumt. Ein geheimeres, aber deswegen nicht minder erhabenes. „Er ist ein ewge Stille“ singt der alte Angelus Silesius mit tiefem Sinn von seinem Weltengeist. Der Nebel hatte dich ganz eingesponnen, du sahst jetzt schlechterdings gar nichts mehr. Und doch war es nur die Nähe grade des Tages, die ihn so aufdringlich machte. Es ist nichts mit dem Weg des reinen Geistes. Zermartere dein armes Gehirn: du erinnerst dich an nichts. Und wenn du phantasierst ins Blaue hinein, so wird's auch nur Nebel. Aber es giebt noch einen zweiten Weg. Mit ihm wird es hell und Tag. Du hast gesonnen und gesonnen, stundenlang. Blick auf, es ist Tag. Und ich will dir den Weg zeigen. Dem Manne im Märchen ist verheißen, daß ein Un¬ bekannter ihm die Kunde bringen soll, die sein Glück macht. Auf der Brücke soll er stehen und harren, bis ihn einer an¬ spricht, — der wird es sein. Er harrt vom frühen Morgen bis zum Abend, schaut jeden Vornehmen, der kommt, an und wartet des Spruches. Keiner redet ihn an. Den ganzen Tag aber steht ein alter Bettler neben ihm auf der Brücke, den er nicht beachtet. In der letzten Minute des langen Tages, als er schon alles verloren giebt, tritt der Bettler zu ihm, und er jetzt ist der unbekannte Mann, der das Glück¬ wort bringt. So mag es dir mit deiner Menschenfrage gehen. Himmel und Erde durchstürmst du und findest nichts. Und wie du dich hier ans stille morgenfrische Seeufer in den weißen Sand ge¬ worfen, verzweifelt, daß du nichts weißt, da steht der Weise hinter dir, der dich lehren kann. Er steht hinter dir, — auch wenn du ganz allein bist. Wo du bist, ist er wie dein Schatten bei dir. Du achtest ihn nur nicht. Ich will ihn dir zeigen. D ie Nebel sind verhaucht. In wunderbarer Glorie der ersten Maiensonne liegt der See. Wie eine Lotosblüte von tiefem, tiefem Blau. Blauer als der Himmel, an dem milchige Wölkchen treiben. Dicht vor dir am Ufer ein Doppelkranz, erst junges nachsprossen¬ des goldgrünes Frühlingsschilf, noch nicht höher als starkes Gras. Dann die braune Stoppelwelle des vorjährigen dürren Schilfs, ab und zu von einer einzeln stehengebliebenen hohen trocknen Fahne knisternd überweht. Die Meilenfläche des Sees wirklich heute in ihrem harten Blau blumenhaft klein. Drüben ein langer, grellgelber Streifen Sandufer fest auf dem Blau wie mit dem Lineal gezogen. Darüber ebenso scharf ein fast schwarzes Band Kiefernforst, trotz der grellen Sonne so finster. Ab und zu nur davor ein zartes rostrotes Wölkchen: knospende Erlen am Sandhang. Oder ein Fleck blaßgrün, duftig wie Rauch, — eine Weide, die schon Blättchen gesetzt hat. Die roten Fabrikgebäude der Wasserwerke am Waldausgang wie aus einem Kinderbaukasten. Die Schornsteine geben lange, rötlich zitternde Reflexe im Wasserblau. Heilige Frühlingsstille. Und doch jetzt ein leiser Ton, lustig und fern, wie ein silberhelles Glöckchen. Tjäk! Tjäk! Jetzt hier wieder, dort, antwortend. Tätterättätätt. Siehst du die Punkte dort im See? Dein Auge gewöhnt sich langsam an das blinkende Metallblau, unterscheidet. Hier sind zwei größere, ganz nah. Sie steuern unmittelbar aus dem dürren Schilf in die offene Fläche hinein. Schwarze Teichhühner. Die weißen Schnäbelchen blinken. Es ist ihre Liebeszeit. Streng Paar um Paar kommen sie aus dem Schilf. Selig in die große Bläue hinein, auf der die Sonne tanzt. Ein unendliches wohliges Brautbett ungezählter Vögelchen, dieser Frühlingssee. Du siehst nur noch die Nachzügler abfahren. Draußen auf der hohen Fläche muß es schon wimmeln von Liebes¬ pärchen. Siehst du die endlose Punktreihe dort: Wildgänse, eine Unmenge, die dazwischen in geschlossener Kolonne fischen. Ein Boot scheucht sie für einen Moment auf, wie eine wirbelnde Rauchsäule schatten sie nach beiden Seiten des Sees ab, und trotz der Entfernung kommt ein leises Geklapper ihrer Schnatter¬ stimmen zu dir wie von rasselnd gerückten Kaffeetassen in einem Restaurant. Dann wieder alles still. Am Schilf blitzt es, weiß wie wenn Seerosen sich gelöst hätten und langsam dahin trieben. Aber es giebt noch keine um diese Zeit. Ein neues Geschwader Vögel rückt den Teich¬ hühnern nach. Größere Gesellen, die Brust weiß, die Flanke rötlich, der Kopf steil herauf wie ein züngelndes Natterhaupt, oben daran etwas wie ein kleines Kapothütchen, das unter der Kehle eine Schleife schlägt. Es ist die steife Federkrause, die den Haubensteißfuß, den König alles Wassergevögels hier an Schönheit und stolzer Haltung, kennzeichnet. Auch die Hauben¬ steißfüße haben Brauttag. Siehst du das Pärchen dort, dicht nebeneinander, treue Hochzeiter die beiden, die es ernst meinen. Bisweilen heben sie sich zugleich, girrend, die weißen Bäuche eng aneinander geschmiegt, fast in voller aufrechter Größe aus der Flut, — ihre süßeste Liebesstellung. Ein zweites Paar nähert sich. Das sind aber keine Brautleute. Zwei ruppige Junggesellen, noch ziemliche Grünschnäbel, die herumflanieren, ob der Mai ihnen nicht auch was Weibliches bescherte. Einst¬ weilen auf der Suche halten sie mit Strolchtreue eng zusammen. Vielleicht daß sich irgend eine ehrsame Frau noch abspenstig machen läßt. Sie kommen auf gut Glück dem liebenden Paar dort verdächtig nahe. Hei, wie der Herr im Recht plötzlich ausschlägt. Erst wird der eine Rivale hitzig verfolgt, dann der andere. Gegen beide geht's so energisch los, daß sie kopf¬ über untertauchen. Das Weib bleibt ruhig. Der Stärkere wird schon siegen. Logik der Weibertreue. Aber — das Feld ist wieder rein, und zärtlich schwimmt Gattin mit Gatte dem hohen Seespiegel zu. Weit drüben sind auch die verwegenen Grün¬ schnäbel wieder aufgetaucht und haben sich neu zusammen¬ gefunden. Abgeblitzt, wie sie sind, steuern auch sie in weitem Bogen an den andern vorbei in den hellen Glast, wo der Blick sie verliert, — auf neue Abenteuer mit einem schwächeren Ehemann. Frühling, Liebesleben überall. Dicht neben dir hier am Ufer murkst es auch leise, nicht einzelne Töne, sondern ein unablässiger einheitlicher Murmel¬ ton. Auch das von Liebe. Ein Tümpelchen Wasser hat der See, im Vor-Frühling übertretend, hier zurückgelassen. Siehst du die weißen Knöspchen in dem seichten dunkeln Spiegel? Es sind die Murmeler. Jedes ist die weiße Kehle einer jungen Knoblauchskröte, die gerade nur so weit aus dem Wasser ragt. Ab und zu blitzt eine neue dazu, ein schnelles Verschieben, wie wenn Wassertropfen an einer Leiste zusammenschießen. Dann ist die Reihe wieder fest und quarrt einheitlich immer halb¬ laut so fort. Sie singen nicht bloß. Viele sind, obwohl reg¬ los, im lustigsten heimlichen Liebesspiele, Männchen halten Weibchen in der Reihe von hinten her fest umfaßt. Doch alles gemütlich, ein Idyll der Kleinen, denen diese Spanne Tümpelwasser genau so gut ist wie den Vögeln der ganze blaue See. Bachstelzen wippen wie Elfchen um den Tümpel, natürlich auch verliebt. Im Walde jubelt ein liebesfroher Grünspecht. Und die Sonne glüht und glüht herab, glüht in all diese Liebe hinein. Ein Strom von Licht und Wärme aus fernen Welten, einen Strom von Liebe lösend auf dem alten Erdplaneten. Jeder dieser Lichtstrahlen, die auf dem kleinen Krötentümpel blitzen, ist zwanzig Millionen Meilen gewandert durch den eisigen Raum. Und löst nun hier die Liebe dieser Vögel und Kröten aus wie ein glühendes, berauschendes Weltallsbad. Tausend und tausend junger Vögelein und Krötlein steigen neu gezeugt aus dem Lichtbad solchen Sonnentages wie heute, auf jede Meile Lichtbahn ein Seelchen, das dieses Lichtes sich selber wieder freuen wird ..... Der Schilfkranz öffnet sich zu einer verschwiegen lieb¬ lichen Badestelle. Im Sommer, wenn das grüne Schilf wie eine Mauer steht, hat mancher Kahn, im Schilflabyrinth ge¬ schickt gesteuert, hier schon in warmer Dämmerstunde angelegt und auch menschlichen Liebespärchen einen Strand der Seligen gewiesen, den vom See her kein profanes Auge gewahren kann. Nach dem Lande deckt wie eine zweite Schutzwand der rote Säulentempel des Kiefernwaldes, dessen Wurzeln wie Guirlanden aus dem gelben Sandsturz drängen. Jetzt ist die Schilfseite noch offen. Aber das Wasser schmiegt sich schon so weich an den Sand, glimmernd im eigenen Sonnenbad. In der Seetiefe ist es wohl noch von herber Frühlingskälte. Aber die Oberfläche ist schon warm. Es liegt Verjüngungskraft in solchem Frühlingswasser, — auch für dich. Wirf deine Kleider von dir und tauche hinein. Nun bist du selbst mit deinem weißen Leibe eine Silberblüte im blauen Walpurgissee wie die schneeigen Brüste der Haubensteißfüße und die singenden Kehlchen der kleinen Kröten. Jetzt habe ich dich, wo ich dich haben will. Dein nackter Leib ist der Bettler auf der Märchenbrücke. Der Weise, der dich lehren soll. D ein weiser Leib. „Es ist mehr Vernunft in deinem Leibe als in deiner besten Weisheit“, hat Nietzsche einmal gesagt. Ich weiß bei Nietzsche nicht, ob er sich dasselbe oder auch nur etwas Ähn¬ liches dabei gedacht hat, wie ich jetzt denke. Aber das Wort ist trefflich und giebt thatsächlich genau, was ich meine. Hast du schon einmal ernstlich in deinem Leben darüber nachgedacht, in wieviel Punkten dein Leib mehr weiß als dein bewußter Geist? Dein Geist mag unendliche Gebiete um dich her beherrschen. Sei ein König, dessen Willen über Millionen verfügt, dessen Wort Reiche vergiebt und die Weltgeschichte macht. Dieser König wüßte sein eigenes Herz nicht klopfen zu machen, wenn es das Herz nicht von selber thäte. Wie Sancho Panza würde er vor einer Schlemmertafel voll Kapaunen und Hummersalat elendiglich verhungern, wenn sein Verdauungsapparat nicht ge¬ nau wüßte, wie man diese guten Sachen wirklich dem Körper zuführt. Der Gedanke klingt trivial und doch ist er von gar nicht abzumessender Tragweite. Wie dein nackter weißer Leib jetzt hier in dem jungen Grase liegt und sich von der Goldsonne wieder durchwärmen läßt, sieht er nicht nach Alter aus. Dein Geist mit seinem Grübeln scheint dir eher schon etwas grau. Und doch ist es genau umgekehrt. Dein Geist ist in Wahrheit nur die paar Jahre alt. Einsam, jung, frisch, naiv steht er da. Wie ein ganz unbeschriebenes Blatt ist er plötzlich aufgetaucht. Jetzt ist einiges wohl auch auf dieses Blatt schon geschrieben: die Erfahrungen von ein paar Jahren, etwas erlernte Geschichte, die einen kleinen Hori¬ zont weiter rückwärts giebt. Aber im Grunde ist's doch ein Jüngling, ja ein Kind. Vielleicht ist es das Geheimnis unserer menschlichen Bewußtheit und wachsenden Individualität, daß der Geist immer naiv und frei wieder geboren wird als dieses unbeschriebene Blatt, als das ewige Weltenkind . Vielleicht ist die weiße Fläche dieses Blattes die wahre Fläche der Ent¬ wickelung, die immer wieder weiß sein muß in dem Gesamt¬ organismus Mensch, damit sich auf ihr wirklich Neues ab¬ präge. Auf alle Fälle aber: gegen diesen deinen Geist ist dein Leib uralt. Ein eisgrauer Heiliger, in dem das Erinnern an Urältestes nie erstorben ist. Bedenke, was dieser Leib alles schon vollbracht hatte, ehe auch nur die erste winzigste Erinnerungsschrift auf jenes weiße Bewußtseinsfeld bei dir kam. Im Leibe deiner Mutter hat er sich selber aufgebaut. Die wunderbarsten Leistungen waren dazu nötig. Zuerst mußten die beiden Grundsteine seines Baues dort überhaupt zusammen kommen: Samenzelle und Ei¬ zelle. Sie waren ja ursprünglich über zwei andere Menschen¬ wesen verteilt: die Samenzelle bei dem Vater, die Eizelle bei der Mutter. So mußten sie erst dort, jeder für sich, eine Rolle spielen. Durch höchst geheimnisvolle, aber unbedingt vorhandene Wirkungen mußten sie in den beiden Körpern dort das hervorbringen, was wir geschlechtliche Erregung nennen. In einem höchsten Steigerungsmoment, da jene beiden Körper ausschließlich sich dieser Erregung hingaben — also gradezu als Ganzes vorübergehend in den Dienst und die Gefolgschaft des Willens jener beiden Zeugungszellen traten — in einem solchen Moment ist die wirkliche Vereinigung erfolgt. Einmal beide im gleichen Mutterleibe, haben die zwei Zellen jetzt jenes verwickelte Schauspiel ihrer engeren Liebesverbindung und Verschmelzung aufgeführt, das ich dir früher einmal erzählt habe. Erst dann sind sie dazu übergegangen, zu deinem Leibe im engeren Sinne sich zu gestalten. Durch eine Art eigener Vermehrung, aber ungeschlechtlicher Art, indem sie aus sich selber immer neue Zellen haben hervorgehen lassen. Diese Zellen haben sich geordnet, zu einander gelagert, zunächst so, daß etwas wie ein allgemeiner Grundriß entstand deines Körpers, dann gleichsam Zimmer um Zimmer, Korridor um Korridor, Treppe um Treppe. Denke dir, der größte Bewußtseins-Genius der Menschheit, Spinoza oder Goethe oder Darwin, einerlei, wen du nimmst: er sollte vor diese Aufgabe gestellt worden sein, einen rohen Zellenhaufen Stück für Stück so aneinander zu setzen, daß ein Menschenleib entstünde. Unmöglich. Selbst der raffinierteste Anatom von heute könnte es auch noch nicht annähernd. Und doch müssen diese bauenden Körperteilchen selbst, die Zellen da im Mutterleibe, thatsächlich die Sache verstehen. Sie wissen ganz zweifellos, wie man eine Niere, ein Rücken¬ mark, eine Leber so baut, daß sie hinterher viele Jahre lang ihren Dienst thut in einer Arbeitsteilung, vor deren Verwickelung dem Beschauer schwindelt. Sie müssen sogar nicht bloß unmittelbar wissen, wie ein Mensch bis in jedes mikroskopische Detail beschaffen sein muß, — diese Körper-Bauzellen. Du erinnerst dich, wie ich dir früher von dem höchst seltsamen Gesetz erzählt habe, das bei diesem Aufbau des Leibes im Mutterleibe seine Rolle noch be¬ sonders zu spielen scheint. Man hat es das biogenetische Grundgesetz genannt und es besagt in diesem Falle, daß der Keim oder Embryo da im Mutterleibe nicht sofort Menschen¬ gestalt annimmt, sondern gewisse einfachere Formen zuerst zeigt, die an bestimmte Tiere erinnern, — Tiere, von denen wir vermuten, daß sie im Sinne Darwins die Vorfahren des Menschen in der alten geschichtlichen Entwickelung gewesen sind. So entspricht eine Stufe des Embryo etwa dem Wurm, eine andere hat Kiemen wie ein Fisch, und was der Sonder¬ barkeiten mehr sind. Hier setzt also ein noch verwickelteres Wissen deiner bauenden Zellen ein. Sie wissen Dinge aus der Urwelt . Die zum Teil viele Millionen Jahre weit hinter der ganzen Menschheit zurück¬ liegen. Sie wissen, daß einmal der „Mensch“ noch in einem Tier steckte, das hinten einen langen Schwanz trug; oder das im Wasser lebte und mit Kiemen atmete; oder das statt einer festen Wirbelsäule erst einen dünnen Knorpelstab im Rücken trug. Das alles wissen deine Zellen offenbar noch so genau, daß sie bei ihrem Bau dem geradezu noch Rechnung tragen und ihren Grundriß so einrichten, daß erst von dem Alten allerlei noch sichtbar wird, ehe der echte Mensch herauskommt. Sie erinnern sich, — erinnern sich an Dinge, die einem Welt¬ denker wie Spinoza oder Kant in den ganzen Jahren seines Denkerlebens unmöglich je aus sich eingefallen wären und von denen auch thatsächlich weder Spinoza noch Kant zu ihrer Zeit ein Sterbenswörtchen gewußt haben. Vielleicht stößt du dich noch an den Ausdrücken wie „Wissen“ oder „Erinnern“. Du willst so was den Zellen deines Leibes nicht zugestehen. Es soll da alles in einem einfachen Druck bestimmter Naturgesetze, also rein mechanisch, vor sich gehen. Aber es ist mit diesen ganzen Worten so eine Sache. Du magst dir über Seelisch und Mechanisch eine Vor¬ stellung machen wie du willst. Leugnen läßt sich unmöglich, daß in jeder Zelle deines Leibes, sitze sie nun in deiner Leber oder in deinem Darm oder in deinen Geschlechtsteilen, auch etwas sitzt, was du als Seelisch bezeichnen mußt. Der Be¬ griff einer Zell-Seele ist kein Märchen, sondern ein sehr scharfer Denkschluß. Es muß etwas derart geben. Jede Zelle hat ihre Individualität und die erscheint, von sich selbst aus genommen, als ihre Seele. Wenn ich nun solche Zellen ein bestimmtes Gebäude, den Kindesleib, im Mutterleibe aufführen sehe mit einer Folgerichtigkeit, wie besser keine Schar menschlicher Bau¬ arbeiter einen vorgeschriebenen Plan in That umsetzen könnten, so steht meines Erachtens nicht das Mindeste im Wege, im Hinblick auf jene Zellseele zu sagen: jede dieser Zellen weiß , was sie zu thun hat. Und wenn im Sinne jenes biogenetischen Grundgesetzes unter diesen Leistungen solche vorkommen, wo es sich um Wiederholung von Dingen handelt, die vor Millionen von Jahren schon passiert sind, so kann ich ebenso auch sagen: die Zellen erinnern sich. Ins innerste Gewebe dieser Dinge hinein sieht doch vorläufig kein Mensch. Mechanisch und Seelisch, das sind alles nur so tastende Worte wie Schneckenfühler ins Unbekannte. Der Materialist wird dir sagen: auch unser menschlich-bewußtes Gesamtwissen und Erinnern, wie du es als „Geist“ hast, geht auf Mechanisches zurück. Umgekehrt wird es verflixt schwer sein, einen Menschen zu widerlegen, der etwa von der Erde, wenn sie mit ihrer Hunderttausend¬ trillionenzentner-Schwere den Mond anzieht, sagen wollte: die Erde „ weiß “, wie man das macht, den Mond an sich zu fesseln. Das Wissen wäre eben nur der seelische Ausdruck für ganz genau dieselbe Leistung, die mechanisch in jener Ziffer als Gravitationsgesetz ausgedrückt wird. Notabene von uns Menschen ausgedrückt, die alle diese Begriffe ja erst erzeugen, um den Dingen mit irgend einer Hilfskonstruktion auf den Leib zu rücken. Doch diese ganzen begrifflichen Sachen, so hübsch sie sind, führen uns hier vom Hundertsten ins Tausendste. Lassen wir das lieber jetzt. Beschränken wir uns: die Zellen deines Leibes thun allerlei jedenfalls, das du mit deinem konventionell so genannten Geist da oben unbedingt nicht gekonnt hättest. Wollen wir das seelisch als ein Wissen, Erinnern u. s. w. dieser Zellen bezeichnen, so handelt es sich auf alle Fälle um ein Wissen und Erinnern, das mit deinem Gesamt-Geiste da oben zunächst nicht in Ver¬ bindung steht. Und das soll das Wort bloß ausdrücken: dein Leib ist in diesen bestimmten Punkten weiser als du. Gehen wir den Thatsachen noch ein Stückchen weiter nach. Bleiben wir in der Linie der engeren Liebes -Thatsachen. In deinem Geiste spukt die Liebe und baut Himmel und Höllen auf. Aber nun dein weiser Leib. Was wärst du, wenn du selber in die Liebesjahre kommst, ohne den. Über¬ lege dir. Ohne Prüderie, die in diese heiligsten Dinge wahr¬ haftig nicht gehört. Ganz nüchtern ernst. Dein Leib weiß zu seiner Reifezeit um die Geschlechts¬ funktionen ganz genau — und sei dein Geist auf seinem mit¬ bekommenen weißen Blatte auch noch so unbeschrieben nach dieser Seite. Nimm an, du bist als geschlechtsunreifes Kind auf jenen weltverlassenen Felsen verschlagen, den Chamissos Lied feiert: Salas y Gomez. Einsam. Kein Mensch außer dem armen schiffbrüchigen Kinde. Nur blaues Meer ringsum. Und See¬ vögel auf der Klippe, die Eier legen. Der Erhaltungssinn des Kindes soll gerade schon so weit entwickelt sein, daß es 4 Regenwasser aus einer Mulde im Gestein trinkt und mit Eiern sich selbst ernähren kann. Nun laß diesen Robinson in die Jahre kommen. Wenn er ein Mann ist, hat er nie vom Mysterium des Weibes gehört. Und umgekehrt als Weib nie von dem des Mannes. Die Tafel seines Geistes liegt hier absolut leer. Keiner ist da, sie zu beschreiben. Und doch: auf diesem einsamen Ozeanseiland weiß einer von Liebesdingen. Sein Leib. Er weiß davon, — nicht aus Wort und Schrift und An¬ blick. In uralter dunkler Tradition, die den unmittelbaren Weg durch die Leiberfolge der Geschlechter gegangen ist, weiß er davon. Seine Zellen, die einst sich selber zu diesem Leibe geordnet und bei dieser Ordnung auch die Geschlechtsteile an¬ gelegt haben, lange, lange ehe an irgend eine wirkliche Ver¬ wertung dieser Teile zu denken war: sie wissen noch ein ganzes Stück auch weiter den Weg. Ist das einsame Kind ein Mädchen, so erfolgt in gewisser Reife der Jahre, sagen wir etwa nach deutschen Verhältnissen mit dem vierzehnten Jahre, ein innerlicher Akt zum erstenmal, der mit dem eigentlichen Bewußtsein dieses Mädchens schlechter¬ dings gar nichts zu thun hat, sondern ihm selber wie aus einer fremden Welt zu kommen scheint. Die Pforte des Leibes, die bisher nur der Harn-Entleerung diente, sondert plötzlich Blut ab. Diese Blutabsonderung steht aber in einem tiefen Zu¬ sammenhang mit einer innerlichen Geschlechtshandlung des Leibes, die gleichsam nur durch sie als äußerliches Merkmal ange¬ deutet wird. An einem der beiden Eierstöcke ist eine kleine Fruchtkapsel geplatzt und hat einem winzigen Menschenei freie Bahn gegeben. Dieses Ei ist darauf langsam durch den Verbindungskanal zur Gebärmutter befördert worden. Dort ist die das Innere aus¬ tapezierende Schleimhaut in eine Art Entzündung geraten und das Ergebnis dieser Entzündung ist jene Blutabsonderung, die durch die äußere Pforte schließlich sichtbar abläuft. Diese ganze Loslösung und innere Wanderung des Eies ist aber durchaus eine aktive Geschlechtshandlung des Leibes. Er „weiß“, um das Wörtchen noch einmal so anzubringen, daß von außen die Samentierchen gegen die Gebärmutter vor¬ dringen werden. Weiß, daß der Ort, wo die Entwickelung des befruchteten Eies am besten vor sich geht, die Gebärmutter ist. Weiß, daß in der geschlossenen Blase am Eierstock (dem sogenannten Follikel), in dem das Ei zunächst steckt, eine Be¬ fruchtung nicht möglich ist. Daher also das Entgegenkommen. Wenn das Mädchen wirklich Einsiedlerin ist, wird ja alles Ent¬ gegenkommen thatsächlich umsonst sein. Die Samenzellen werden sich nicht einfinden, ob auch allmonatlich mindestens eine har¬ rende Eizelle ihnen entgegen in die Gebärmutter wandere. Aber auch so: welche Weisheit der Zellen tief da drinnen im Geschlechtsapparat gegenüber dem Wissen dieses ganzen Mädchens, das weder weiß, was dieser monatliche Bluterguß überhaupt bedeute, noch in seiner Einsiedelei jemals aus sich selbst geistig auch nur darauf kommen wird, was für ein Unterschied zwischen Mann und Weib besteht und was ein Geschlechtsakt sein kann! Haben wir doch hinsichtlich der Blutung selbst bei uns unter Verhältnissen, die gar nichts mit Salas y Gomez zu thun haben, Mädchen und Frauen zu tausenden und abertausenden, die in ihrem ganzen Leben sich nie darüber unterrichtet haben, was diese Erscheinung soll. Sie nehmen sie wie eine häßliche Zu¬ fallsgabe, die das Schicksal mit dem edlen Begriffe Weib ver¬ knüpft hat. Und ahnen nie, wie sie gerade mit diesem Prozeß weit überflügelt werden durch die Weisheit ihres Leibes, ohne die das Menschengeschlecht längst elendiglich ausgestorben wäre. Diese rote Welle ist in der That eine Lebenswelle der Menschheit. 4 * Jetzt nimm den umgekehrten Fall. Einen ebenso einsamen Knaben, der Mann wird. Auch ihm ist der Unterschied der Geschlechter geistig vollkommen unbekannt geblieben. Das freie Feld seines Bewußtseins ist in Hinsicht auf das ganze Geschlechts¬ leben wirklich vollständig weiß geblieben. Er hat nicht die geringste Ahnung davon, daß es Wesen gebe, deren Leibes¬ apparat in bestimmter Hinsicht anders gebaut sein könnte als sein eigener. Wenn er noch so viel grübelt, wird er doch aus seinem Denken heraus sich niemals ein Bild erschließen können von dem Körperbau eines Weibes. Er kennt ja nicht einmal dieses Zweierlei in klarem Sinne. Und er kennt vollends nicht die Möglichkeiten, wie die beiden Organisationen sich zu einer Einheit ergänzen können. Merkwürdig genug aber auch hier: sein Leib kennt unanzweifelbar alle diese Dinge. Seine Körperzellen haben sich zunächst, als sie ihn überhaupt auf den „Mann“ zuschnitten, so geordnet, daß sich bei ihm das typische Mannesorgan entwickelt hat. Dieses Mannesorgan wäre voll¬ kommen sinnlos, wenn es nicht jenem Sachverhalt genau an¬ gemessen wäre. Wie beim Weibe bildet es zugleich auch die Ausgangspforte des Körpers für die Harnstoffe, also Abfall¬ stoffe der Ernährung, die einfach entfernt werden müssen. Nicht die leiseste Ursache läge aus dieser Harn-Leistung heraus vor, daß dann nicht eine einfache Pforte hier am Leibe bestehen sollte, genau gleich der weiblichen für denselben Zweck. Wenn die bauenden Zellen aber statt dessen schon im Kinde das Mannesglied angelegt hatten in der allgemein bekannten Form, so trugen sie eben nicht dem Harn-Akt, sondern dem Geschlechts- Akt damit vorschauend Rechnung. Sie legten ein Organ an, dessen Ergänzung die weibliche Scheide war. Das ihr nicht entsprach im Sinne gleichen Aussehens, sondern grade um¬ gekehrt durch eine Verschiedenheit, die aber doch in Wahrheit eine äußerst nützliche logische Ergänzung war. Die bauenden Zellen, die diesem Organ die Gestalt eines vorspringenden, keilartig geformten Körpers gaben, bauten unzweideutig mit Rücksicht auf ein zweites Organ eines anderen Menschenleibes, das eine reine Öffnung darstellte, in die dieser keilförmige Körper paßte. Der „weise Leib“ weiß aber noch weiter Bescheid. Zur wirklichen Geschlechtsergänzung genügt noch nicht die Existenz eines äußerlich irgendwie vorspringenden männlichen Organs. Dieses Organ muß eine gewissermaßen mathematische Einstellung erhalten, um den großen und heiligen Zweck erfüllen zu können. Denken wir uns einen männlichen Körper und einen weiblichen Körper gegeneinander gekehrt. Sie bilden mathematisch zwei Parallelen, die sich als solche nach einem einfachen Lehrsatze der Mathematik niemals schneiden können. Will ich eine Ver¬ bindung zwischen ihnen herstellen, die zugleich die denkbar kürzeste sein soll, so muß ich von einem Punkte der einen graden Linie eine Senkrechte fällen auf die parallele andere. Die Lage dieser Senkrechten ist nun unzweifelhaft auch die einzig zweckentsprechende Situation jenes Organs, das jene beiden Körper ergänzend miteinander verbinden soll. Der „weise Leib“ überschaut das vollkommen. Sobald die reifen Jahre beginnen, dieselben, da dort bei dem Weibe jene geheimnis¬ volle Wanderung der Eizellen einsetzt, läßt er auf geringe Reizungen hin sofort in dem Mannesorgan gewisse Blut¬ stauungen eintreten. Diese Blutstauungen erfüllen das Zell¬ gewebe des äußeren Organs mit starken Blutmassen, die nicht so¬ gleich wieder abfließen können. Resultat ist ein Anschwellen des betreffenden Organs der Art, daß sein keilförmiger Körper sich thatsächlich rechtwinklig zu der graden Linie des Gesamtleibes einstellt. Unserm Einsiedler fehlt natürlich in unserm Falle jetzt ebenso die wirkliche Parallele, das Weib, wie es vorher bei jener wandernden, die Blutungen verursachenden Eizelle der Einsiedlerin der Fall war. Aber die Bedingungen sind gleichwohl auch so von der Mannesseite wenigstens erfüllt im Sinne eines Wissens des Gesamtverlaufs. Und das bei einem reifen Jüngling, der geistig selber überhaupt nicht weiß, was ein Weib ist, — geschweige denn, daß er etwas von jener Mathematik des Zeugungsaktes verstehe. Du kannst diese Gedankengänge noch weit ausspinnen, sie ergeben alle dasselbe. Denke an den Zeugungsakt selber, — wie nicht dein Geist und Geisteswille die Samen¬ zellen im entscheidendsten Moment wirklich in Aktion bringt, sondern der Leib aus seiner Initiative. Erinnere dich, wie der weibliche Mutterschoß jetzt in langer Reihe kunstvollster Akte dem wachsenden Keimling sein verborgenes Bettlein be¬ reitet, wie das Mutterblut ihn tränkt, und wie endlich zur rechten Stunde der Leib ihn durch pressende Wehen entläßt, — alles allein und ohne den Geist der Mutter um Rat und Stunde zu fragen. Erst von ihm haben die Mütter schon früher Zeiten gelernt und dann durch Tradition weitergegeben, daß neun Monate rund nötig sind für des werdenden Mensch¬ leins Zeit im Mutterleibe, — aus sich hätten sie's wahrlich nicht gewußt. Noch erlebt die Mutter ein „Wissen“ des Körpers, indem sich dann aus ihren Brüsten die köstliche Nährsuppe, die Milch, absondert. Diese weiße warme Suppe selber wie die natürliche Schüssel, in der sie kredenzt wird, sind genau gemacht für ein kleines neues Wesen, das sehr im Gegensatz zu allen reif ausgewachsenen Menschenkindern noch keinen einzigen Zahn im Munde hat, also auf das Saugen von Flüssigkeit angewiesen ist. Eine arme junge Menschenmutter in der Wildnis, die ohne jede Lehre aufgewachsen ist und nie ein kleines Kind gesehen hat vor dem Tage, da sie selbst als unwissende Eva einem das Leben schenkt: wie sollte sie in ihrem Bewußtsein je vorher darauf kommen, daß das Zwerglein ihres Schoßes noch absolut nichts besitzt von dem blanken Gebiß, das sie als Naturkind ihr eigen nennt, so lange sie sich erinnern kann! Dieses Erinnern hat gerade da den fatalen Riß, wo ihre eigene Lebensgeschichte in die erste Kindheit überlenkt, und schwerlich wird es ihr noch sagen, daß auch sie selbst einmal ohne Zähnchen an einem warmen Mutterbusen lag und saugte. Der Gipfel des Wunderbaren in diesem Falle ist, daß sogar dein Mannesleib — und das vollends ohne Zuthun deines Bewußtseins — eine dunkle Kenntnis besitzt jenes Suppenapparates für den zahnlosen Säugling. Laß deine Hand über deine nackte Brust gleiten. Was fühlst Du? Rechts und links eine Erhöhung, die Brustwarze. Sie entspricht dem kleinen Saugpfropfen auf jeder Weiberbrust, den der Säugling so hübsch zu benutzen weiß, wenn die Nährflasche gefüllt ist. Es sind in alten und neuen Zeiten immer wieder vereinzelte Fälle beobachtet worden, wo ein Mann nicht nur die Brust¬ warzen, sondern auch den wirklichen Milchapparat in voller Thätigkeit besaß und sein Kind trotz der Mutter ernähren konnte. Das ist ja nun offenbar seltene Ausnahme statt der Regel. Aber auf alle Fälle sitzen die männlichen Brustwarzen da wie ein geheimes Wissen, ein geheimes Sicherinnern nun gar auch des Mannesleibes an jenes Bedürfnis des Neu¬ geborenen — mag es auch ein Wissen und Erinnern sein, das für gewöhnlich zwecklos geworden ist. Ich komme auf den Punkt noch zurück. Denke für jetzt nur noch einmal an jenen einsiedlerischen Knaben auf Salas y Gomez, der nie, mit Bewußtsein von der Existenz von Weibern und Kindern erfährt. Laß ihn weise werden wie Salomo: wie sollte er wohl je das dunkle Wissen und Deuten seines Leibes in diesen seinen eigenen Brustwarzen, die er alle Tage vor Augen sieht, ver¬ stehen lernen? Die Beispiele genügen, da sie ja doch alle auf das gleiche hinauslaufen. Ich denke, du ahnst jetzt, welcher Weise da vor dir liegt im grünen Uferkraut. Ein Adept, ein Wissender, der dich wirklich wie ein Kind lehren mag. Es hat lange genug gedauert, bis er zu seinem Rechte als Lehrer kam. Wie hat die Menschheit in ihrem Denken sich herumgeplagt, sich möglichst weit von ihm abzukehren! Ver¬ borgen wurde er wie ein Greuel. Fleisch und Satan sind lange geradezu gleichbedeutende Begriffe gewesen. Der Anachoret hüllte sich bis unters Kinn in Kameelshaare und starrte in die Sterne. Als ob er da oben in etwas anderes gestarrt hätte als doch nur wieder in einen Leib, in den Zellenbau eines Leibes von Fixsternen und Milchstraßen, der seine Weisheit hat wie seiner, der Sonnen aus sich gebiert wie er Samen¬ zellen ... So lange der arme Leib so schlecht behandelt wurde, hat er trotzig geschwiegen. Soll er uns Antwort stehen, so ist eine gewisse Reinheit in uns, den Fragenden, selber dazu nötig. Wir müssen, was heute allerdings noch keineswegs leicht fällt, uns gewöhnen, den nackten Menschenleib so friedlich und un¬ befangen anzusehen wie wir etwa eine schöne Blume anschauen. Im Sinne des Arztes bringen wir das ja schon am ehesten heute fertig. Mit dem Mitleid wird uns alles keusch. Aber gerade das langt noch nicht. Wir sehen doch auch eine Blume nicht mit Mitleid an, sondern wir freuen uns ihrer, wenn sie erst recht in Vollkraft der Gesundheit steht. Und doch ist — grade so ein Fingerzeig der Natur — eine solche Blume im strengsten Sinne nicht bloß ein nackter Leib, sondern sie ist die gefährlichste Partie dieses Leibes, nämlich ausgesucht der Geschlechtsteil. Ja, dagegen hilft gar nichts. Die glutrote Rose und das silberne Maiglöckchen, die keusche Lilie und der brennende Mohn: sie alle sind große, aufdringliche Geschlechtsteile. Der Griffel ist der weibliche Schoß, der der Befruchtung harrt, — der Staubfaden das Mannesglied, von dem der Samen fällt. Alle die bunten Farben, der Duft, der Honig sind Lockmittel für die Fliegen, Bienen und Schmetterlinge, die ab und zu fliegend die Begattung vermitteln. Nimm die kleine, eben aus dem violetten Knöspchen ent¬ faltete Vergißmeinnichtblüte hier. Sie schaut dich an wie ein liebes taufrisches Mädchenantlitz, ein Zwergenmädchen, auf einen grünen Stengel verzaubert. Und doch ist es kein Ge¬ sicht, du irrst dich. Es ist der Liebesschoß des Pflanzenelfchens. Der köstlichste, heiligste Teil des ganzen grünen Pflanzenleibes ist es. Und auch dieser kleine Leib ist ein Wissender: ohne Scheu, in klarer Erkenntnis seiner Bestimmung, reckt er dieses wichtigste Glied am offensten in die Sonne vor. Das Blau der weichen Elfenhaut soll Insekten anlocken, daß sie den Liebes¬ boten spielen. Das gelbe Kränzlein, das so lieblich in dem blauen Stern glänzt, wirkt auf das Insekt wie ein treues Wirtshausschild: hier giebt's Honig. Indem das Insekt den Honig nascht, trägt es den Samen auf den Griffel einer Nachbar¬ pflanze. Alles nur Geschlechtsteile und Geschlechtssachen. Jedes farbenprangende Blumenparkett eine einzige ungeheure An¬ preisung zahlloser Geschlechtsglieder. Geschlechtsteile sind die weißen Myrtensternchen, die du der Braut ins Haar windest. Ein Geschlechtsglied ist die lackrote Nelke deines Knopflochs. Männliche Geschlechtsglieder sind die goldig stäubenden Hasel¬ kätzchen, die du als erste liebe Frühlingsboten dir ins Glas stellst; bei diesen Haseln sind die Geschlechter getrennt: das Kätzchen ist bloß Mannesblüte; am gleichen Zweige aber findest du aus der Spitze brauner Blattknöspchen auch winzige rote Federblütchen vorschauend, — das sind die Weibesteile, die sehnsüchtig den goldenen Lebensstaub der anderen aufsaugen und so begattet werden. Und doch, wenn du das alles dir sagst, was ändert sich im Grunde dir nun an der Schönheit, Reinheit, Lieblichkeit dieser bunten Blumenkinder, an der unschuldige Augen sich erfreuen werden, solange die Sonne diesen heiteren Planeten wärmt und Farben und Düfte kocht in lebendigen Pflanzen¬ zellen? Ich denke doch, sie bleiben dir erst recht so lieb wie zuvor. Bloß daß du jetzt noch ein intimeres Verhältnis zu ihrem wirklichen Wollen und Mitthun in der Welt gewonnen hast. Du hast einen Schlüssel zu einer neuen, erweiterten Er¬ zählung ihres lieben Antlitzes gefunden vom Moment ab, da du weißt, daß dieses Vergißmeinnicht- oder Myrtensternchen dir die Liebesgeschichte der Pflanze ausplaudert. Es muß nun möglich sein, einen solchen Blumenstandpunkt auch für deinen eigenen Leib zu erringen. Im Moment, wo du ihn fest hast, fängt auch dein Leib an, dir in einer ganz neuen Weise zu erzählen. Seine wunderbarste Erzählung aber geht gerade von den Geschlechtsteilen auch bei ihm aus, — von seiner Blüte. W as ist also nun der Mensch? Dein Weiser giebt dir eine sehr schlichte, aber sehr überzeugende Antwort. Du sitzest auf der Erde und über dir sind die Sterne. Im weitesten Sinne bist auch du ein solcher Weltkörper. Auf die Größe kommt nichts an. Ein einsames Meteorsplitterchen im Raum ist viel kleiner als du und du wirst es doch nicht anders bezeichnen können. Das eigentliche Grundwissen deines Leibes sind allgemeine Weltkörper-Eigenschaften. Dein Auge faßt im All das kleine Lichtpünktchen des Sternes Sirius. Dieser Sirius ist viele Billionen von Meilen von dir entfernt. Wie kommt es, daß du ihn mit deinem Leibe doch noch gleichsam berühren kannst? Du und der Sirius, ihr schwimmt alle beide in dem feinen Weltenstoff, den der Physiker Äther nennt, wie zwei Fische in demselben ungeheuren Teich. In diesem Äther schlägt die kolossale Flamme jenes glühenden Sirius eigentümliche Wellen¬ kreise. Du kennst die Kreise, die in einem gewöhnlichen Wasser¬ teich entstehen, wenn ein Stein hineinfällt. Immer einer um den andern, wobei immer neue Wasserteilchen in Mitleidenschaft gebracht werden, immer weitere, bis zum Ufer, wo der letzte sich bricht. So erzeugt auch der Sirius in dem Lichtäther eigentümliche, wahrscheinlich elektromagnetische Wellen, und in¬ dem solche Wellenkreise durch die ganzen Billionen von Meilen Ätherzwischenleib zu dir kommen und von deinem Leibe auf¬ gefangen werden, erhältst du die Erscheinung des Lichtes. Du „siehst“ den Sirius. Es kann aber eben nur geschehen, weil du genau so wie der Sirius ein Weltkörper innerhalb des großen Äthermeeres bist. Es ist derselbe Weg, auf dem du Licht und Wärme von der Sonne bekommst, obwohl auch sie noch zwanzig Millionen Meilen von dir absteht. Dein Leib weiß sehr genau mit diesem Sonnenlicht Bescheid. Wie er hier so blütenweiß im Grünen liegt, erzeugt er diese seine Farbe durch eigene Leistung eben aus dem Sonnenlicht. Seine Haut wirft das Licht zurück und erscheint so „weiß“. An einigen Stellen wählt sie aus ihm (das bekanntlich alle Farben in seinem Weiß als Gemisch enthält) auch wohl bloß eine einzelne Farbe aus und malt sie allein wieder: so giebt deine Lippe bloß Rot zurück. Dein schwarzes Haar umgekehrt schluckt fast das ganze Licht. Und die Glas¬ haut deines Auges, bei dem ein Zweck vorliegt, daß möglichst sämtliche Strahlen unbehindert nach dem Innern des Auges durchpassieren, reflektiert weder Licht noch schluckt sie welches, sondern sie läßt alles glatt durch und erscheint also absolut durchsichtig, — „durchlichtig“ könnte man noch besser sagen. So weit die uns bekannte Welt reicht, bist du mit ihr durch diese Äther-Dinge verknüpft: bis zum fernsten Nebelfleck. Du wüßtest ja nichts von diesem Nebelfleck, wenn dein Leib seine Lichtwellen nicht zu parieren und in deinen Besitz zu bringen wüßte. Auf diesem gleichen Äther vollziehen sich aber noch mancherlei Sachen mehr, mit denen dein Leib unaus¬ gesetzt zu thun hat. Da kommen jene viel größeren Wellen, die wir im engeren Sinne elektrische nennen, und durchqueren deinen Körper bald so, bald so. Wer weiß, was in diesem Moment, da der wollüstig weiche, unbeschreibliche Zauber der Frühlingssonne und Frühlingsluft dich durchschauert, daß dein Sein bis in jede Faser bebt: wer weiß, was da geheimnisvoll alles an solchen und verwandten, ja noch von ganz unbekannten und unbenannten Wellenzügen des Weltäthers durch dich flutet und ebbt, Wellenzügen, die auf unbekannten Zentralsonnen an¬ geregt, von Sonnen reflektiert und verstärkt, von Planeten in besonderen Raumlagen und Achsenstellungen abermals abgelenkt und umgeformt sind. Dein Leib hat noch weitere Weltkörper- Fähigkeiten. Er hängt im Weltennetz der Schwere, der Gra¬ vitation. Springe nur aus einer gewissen Höhe herab. Du brauchst gar nichts zu wollen und zu denken dabei: er weiß ganz allein den geradezu mathematisch genauen Weg. Erst Galilei und Newton haben den durch schriftliche Tradition verknüpften Menschengeistern etwas von den Gesetzen des Falles und der allgemeinen Schwere dargelegt. Die Leiber der Menschen aber sind nach der raffiniertesten Folge dieser Gesetze gefallen, so lange es Menschen giebt. Empedokles ist schon danach in den Ätna gefallen, Marcus Curtius in die berühmte Erdspalte zu Rom gesaust, Fiesko von seiner weltgeschichtlichen Planke in die schwarze See gestolpert. Immer ist maßgebend dabei gewesen, daß der kleine Menschenleib so und so viel Masse hat und der enorme Erdenleib so viel, und daß die kleinere Masse auf die größere rein automatisch wie auf Grund eines uralt eingepaukten Pensums loseilt nach dem durch Newton festgestellten „direkten Verhältnis der Massen und dem um¬ gekehrten Quadrat ihrer Entfernung voneinander“. In diesem Sinne bist du als einzelner Mensch thatsächlich nichts anderes als ein kleines Weltkörperchen, das infolge der Schwerkraft ein kleines Trabantchen, ein kleiner magerer Mond gewisser¬ maßen des ungeheuren fetten Erdkörpers ist. Er saust nicht mit der Schnelligkeit des anderen großen Mondes hoch oben im Blau um die Erde herum, in schwindelnder Balance ge¬ halten durch den eigenen Schwung. In kleinen Bewegungen krebst er dicht an der harten Erdkruste selbst äußerst langsam dahin, und erst seit nicht ganz vierhundert Jahren ist es einigen wenigen dieser Möndlein ab und zu geglückt, unter vielen Fährlichkeiten und immerzu dicht an der Erd- und Wasserscholle um den ganzen Planetenbauch einmal „welt¬ umsegelnd“ so herumzukommen, wie es uns in freier Äther¬ höhe der große Mond allmonatlich einmal wie eine selbst¬ verständliche Promenade vormacht. Diese allgemeine Lehre, womit der Leib dich dir als Weltkörper bei Nebelflecken, Sonnen und Monden zu erkennen giebt, ist ja nun schon recht interessant. Der Leib spezialisiert aber sofort ein Stück weiter. Das Weltkörperchen, das du darstellst, nimmt ganz un¬ verkennbar eine bestimmte Stelle ein in einer gewissen Reihen¬ folge der Weltstoff-Gebilde. Dein Leib hat sich schon im Mutterleibe aus ganz bestimmten Stoffen aufgebaut und ergänzt sich fort und fort durch ähnliche Stoffe. Diese Stoffwahl aber giebt dir in jener Reihe deinen Rang. Du bist kein Nebel¬ fleck, der bloß aus zwei oder drei Stoffen, hauptsächlich Wasser¬ stoff, in losester Gasform besteht. Gegen den gehalten stehst du etwa der Sonne schon sehr viel näher. Die besteht schon aus so und so viel wohlgesonderten Elementen, einer ganzen Tabelle. Aber auch dieser Sonne fehlt noch viel, um dir ganz auf den Leib zu kommen. Die Stoffe auf ihr befinden sich sämtlich noch in einem furchtbaren Glutzustand, innen eine einheitlich weißglühende Bombe und um diese Weißglut wogend bunte Schleier von Metalldämpfen. Diese Glut ist so gewaltig, daß chemische Verbindungen zwischen den einzelnen Elementen, wie es scheint, überhaupt noch ganz ausgeschlossen sind. Solche Verbindungen sind aber der wahre Baustein deines Leibes, mit dem er so gut wie ganz arbeitet. Man muß sich bloß an die simpelste aller solcher Ver¬ bindungen erinnern, die berühmte H 2 O , wie der Chemiker sagt: zwei Teile Wasserstoff und ein Teil Sauerstoff zum Rezept „Wasser“ verbunden. Was sollte dein Leib anfangen ohne Wasser? Es ist nicht nur eines seiner wichtigsten Nahrungs¬ mittel, sondern geradezu der Hauptbestand seines ganzen Ge¬ bäudes. Ein großes Venedig ist alle feste Substanz in uns, vom Wasser umspült, auf dem Wasser schwebend. Das neu¬ geborene Kind besteht zu sechsundsechzig Prozent aus Wasser, der Erwachsene immer noch aus achtundfünfzig Prozent. Selbst deine soliden Knochen haben noch zwölf Prozent Wasser¬ gehalt, dein denkendes Gehirn hat fünfundsiebzig, dein Blut gar dreiundachzig. In dem ganzen Sonnenball mit seinen ein¬ undeindrittel Millionen Kilometern Durchmesser findet sich aber kein kleinstes Fleckchen, wo auch nur ein einziges Tröpflein Wasser sich bilden könnte. Also Sonne bist du auch nicht. Du gehörst nochmals eine Weltenstufe weiter in die Region der schon beträchtlich viel Abgekühlteren, — der Planeten. Wo die Temperatur bis auf eine gewisse, mäßige Wohlig¬ keit heruntergeht, — wo das Eisen hart wird und an seiner harten Rinde mit dem Sauerstoff chemische Liebeleien anzu¬ bändeln beginnt, daß eine rote Rostkruste auf ihm entsteht, — wo die wilden Luftgeister Wasserstoff und Sauerstoff sich eben¬ falls in Liebe gatten und als wunderbares taufrisches Wasser¬ kind auf einmal einen blauen Himmelsbogen über das Gefilde spannen, von dem es in Tropfen fällt, die sich unten zu sozialen Genossenschaften, Quellen, Seen, Ozeanen, vereinigen: — da ist das geheimnisvollste aller bekannten Weltkörperchen erst da¬ heim: der Mensch. Aber auch auf dem Erdplaneten hat er noch wieder seinen besonderen Fleck. Denke dich hinaus in den einsamen sonnen¬ blauen Ozean. Vulkanische Kräfte haben in der Tiefe des Grundbodens gewühlt. Eine Weile kochte das Wasser an be¬ stimmtem Fleck weiß brodelnd auf, eine Dampfsäule stand wie ein Warnungssignal darüber, Bimssteinmassen schwammen wie verglaster Schaum in breiten Feldern nach allen Seiten ab. Dann, auf einmal, an einem Morgen, da der Dampf sich zum ersten Mal verzieht, liegt es da: ein schwarzer Fels, der die Flut überragt und die langen Ozeanswellen zu weißer Gischt bricht. Eine Spalte der Erdrinde hatte sich gebildet, durch irgendwelche Massenverschiebungen. Stoffe der Gesteins-Tiefe sind jäh entlastet worden, sind emporgequollen, haben den Tiefsee- Schlamm durchbrochen, haben sich zischend im Wasser aufein¬ ander getürmt, immer höher, bis zum Spiegel herauf, sind zu¬ gleich in der Flut erkaltet, erstarrt .... eine neue Insel steht da. Nackt und bloß zunächst. Gott zeigt sich nicht, um auf ihr etwas zu schaffen. Aber die schon vorhandene Natur hilft selber weiter, wenn auch mit etwas Zeit. Ganz allmählich stellt sich auf dem Stückchen Fels jene Erscheinung des Erdplaneten ein, die wir im gewöhnlichen Brauch „Leben“ nennen. Mit dem Hauch der Luft herangeweht erscheinen jene unsichtbar Allgegenwärtigen, die Bakterien, auch Bazillen genannt. Sie, die im Tropenbrand leben wie am äußersten Polarpunkt Nansens, — die Anspruchslosen, die auf dem nacktesten Fels der Urerde, den noch kein Stäubchen Humus bedeckte, schon hätten gedeihen können, die, wenn es not thut, Schwefelwasser¬ stoff atmen, der allem übrigen Leben ein Gift und Greuel ist, die im buchstäblichen Sinn Steine als Brod fressen. Aber mit der Welle kommt auch die Muschelschale, die ans Land treibt, es kommt die schwerfällige Schildkröte, die hier ihre Eier ab¬ legt, Robben wälzen ihren ungeschlachten Leib herauf, um in der verschwiegenen Stille dieses Strandes ihre Liebesabenteuer auszufechten. Mit der Luft kommen kreischende Seevögel, die den Felsgipfel mit Guano bepudern wie mit Schnee, und ein windverwehtes Käferlein, das sich eilig in diesen Mist gräbt und seine Eier hineinlegt. Ein Sturm verrauscht über Nacht, und als es Morgen wird, hat er vom nächsten Koralleneiland tief unter dem Horizont glücklich eine Kokosnuß auf seinen Wellenrossen herüber verfrachtet. Ihr solider Bau hat sie vor dem Salzwasser geschützt. Jetzt erhebt sich alsbald auch jenes seltsame organische Wesen hier, das wir Pflanze nennen, mit einer Wurzel abwärts ins Erdreich gebohrt, mit einem Stamm aufrecht gegen das Licht orientiert; auf diesem Stamm schwankt ein Strauß grüner Blätter, die das Sonnenlicht trinken und verdauen wie ein himmlisches Manna, das ihnen jeder liebe Tag von neuem giebt. Da hast du nun alle die großen Reiche der Erdnatur beisammen. Hier Mineralreich, den Fels in seiner Welle, und dort das sogenannte Leben. Und dieses Leben wieder für sich gesondert in das Bakterium, die Pflanze und das Tier. Wohin gehörst du enger, wenn du dich im Geiste auf diese hübsche neue Schöpfungsinsel stellst? Dein Leib antwortet sogleich ganz fest. Gegen die glutschwellende Sonne da oben gehalten, gehörst du enger zum erstarrten Lavafels und zur kühlen blauen Welle. Aber auf diesem Fels gehörst du in nochmals scharfer Scheidung zu jenen Gebilden des sogenannt Lebendigen. Dein Leib hat eine Weisheit, die der Lavablock da im Ozean niemals hätte, — eben die besondere Weisheit und Erfahrung des Organisch- Lebendigen. Aber wie die Wege sich in diesem hier alsbald dreifach teilten, so bist auch du hier abermals in engere Wahl genommen. Gegen den Fels und die Welle gehalten, gehörst du gewiß enger zum Bakterium. Aber das Bakterium als einfachstes Lebewesen besteht nur aus einem einzigen Klümplein lebendigen Stoffs: einer einzigen sogenannten Zelle. Dein Leib aber steht 5 da wie ein stolzes Königreich solcher Zellen. Wohl hub auch er einmal an mit zwei Zellen nur: der Samenzelle und der Eizelle. Ja, die verschmolzen — und nun war’s nur noch eine einzige Zelle überhaupt. Aber diese Zelle hat sich dann gemehrt, als sei sie in einer Märchen-Bank auf Wucher-Zinsen gelegt: ungezählte Milliarden von Zellen bilden heute deinen fertigen Leib. Wie du hier jetzt im Grase liegst, hast du in deinem Leibe allein etwa zehn Pfund Blut. In diesem Blute kreisen rote Körperchen, die sogenannten Blutkörperchen. Jedes stellt eine (wenn auch etwas veränderte, des Kernes beraubte) Zelle dar. Jene zehn Pfund Blut enthalten aber nun schon rund fünfundzwanzig Milliarden roter Blutkörperchen, — jedes im Werte einem ganzen einzelnen Bakterium gleich. Du bist einfach weit, weit über das Bakterium hinaus, — eine Milch¬ straße des Lebendigen gegen ein Meteor-Splitterchen. Gerade darin aber kommst du mit Pflanze und Tier zusammen. Auch der Palmbaum besteht aus so viel Zellen, daß dir schwindelte, wenn du sie zählen solltest. Und die Auster, die Schildkröte, der Vogel, die Robbe sind jedes für sich Zell-Pyramiden ähn¬ licher Art. Also Tier bist du, lehrt dein großer Zellenbau¬ meister Leib, — oder Pflanze; nicht ein-zelliges Bakterium. Aber was nun da wieder: Tier oder Pflanze? Für deinen jungen Geist könnte das so recht wieder eine Doktorfrage werden, des Schweißes der Philosophen wert. Dein Leib aber entscheidet augenblicklich. Er hat auch hier wieder ein altes Pensum eingepaukt in sich, das er erledigt, ob mit, ob trotz all deiner Philosophie. Und dieses Pensum heißt in Worten einfach: ich bin nicht Pflanze, sondern Tier. Unter deinen Brustwarzen, deinen Brüsten hier, von denen wir vorhin gesprochen haben, hebt und senkt sich leise dein Brustkasten. Du athmest. Die Zellen deines Leibes bilden da drunter einen doppelten Sack, die Lunge. Sie nimmt Luft auf und verarbeitet sie für den Körper. Sauerstoff nimmt sie auf ins Blut, die unbrauchbare schädliche Kohlensäure atmet sie wieder aus. Etwas tiefer in deinem Leibe bilden die Zellen einen anderen Sack mit einer Anzahl wurstartiger Dependenzen nach ganz unten und ganz hinten: Magen und Darm. Hier stopfst du täglich so und so viel pflanzliche oder anderstierische Bestandteile hinein und verarbeitest sie ähnlich, dieses Teil be¬ haltend, jene wieder abscheidend. Das alles aber ist nun aus¬ gesprochen tierische Art. Die Pflanzen atmen mit den grünen Lungen ihrer Blätter im Lichte wenigstens gerade das aus, was die Tiere atmend bei sich behalten: den Sauerstoff. Die Pflanzen ernähren sich wenigstens in der Regel durchaus nicht von anderspflanzlichen und tierischen Stoffen, sondern von unmittelbar anorganischem, mineralischem Stoff, den du absolut nicht gebrauchen könntest. Also du bist Tier, kein Zweifel. Dein Leib ist „auf Tier“ angelernt im Haushalt seiner Zellen, und „auf Pflanze“ verstehts er's einfach nicht. Seine Weisheit ist Tier-Weisheit, er hat also gar keine Wahl weiter in jener Frage, sobald du ihn überhaupt hören willst. Schon wieder bist du wie der Groschen in einer Zähl¬ maschine eine Rubrik enger durchgesiebt. Jetzt aber: was für eine Sorte Tier bist du? Wir hatten ja im Beispiel schon Muschel, Schildkröte, Vogel. Es giebt rund dreihunderttausend bekannte (lebende und ausgestorbene) Arten von Tieren. Die Arche Noäh. Wo gehört Noah selber hin? Dein Leib ist nicht ein loser Klumpen, eine erste lose Genossenschaft bloß von Zellen, die sich auf tierische Art ernähren. In sinnvollster Weise sind diese Zellen zu einander geordnet schon nach dem großen Prinzip der Arbeitsteilung. Sie bilden Organe, von denen jedes sein besonderes Ressort im allgemeinen Leibes- Haushalt vertritt. Gleichsam kleine Leiblein sind diese Organe, 5* der Magen, das Herz, die Lunge, der Geschlechtsapparat und so weiter, noch einmal in dem großen Gesamtleibe. Aus dieser Gliederung des Leibes in Organe aber kannst du jetzt den Rest deines großen Rubrizier-Verfahrens über den Menschen glatt ab¬ lesen. Es ist, als zerspalte sich dein großer Weiser dir dabei in so und so viel Einzel-Weise, die dir der Reihe nach Antwort stehen. Der Erste, der sich zum Worte meldet, ist nochmals der Magen. Er bestimmt dich nicht bloß in der allgemeinen Methode seiner Nahrungswahl als Tier. Sondern enger noch in seiner ausgesprochenen Form als Organ im Innern des Leibes, das (im weitesten Sinne in seinen Verlängerungen gefaßt) einen langen innerlichen Schlauch bildet, in den die Nahrung durch ein äußeres Loch der Leibeswand, den Mund, eintritt. In dieser Form verkündet er dir, daß du in der Reihe der Tiere schon einer gewissen höheren Gruppe angehörst. Das niedrigste Tiervolk, das schon tierisch sich ernährt und auch schon zum Teil aus vielen Zellen besteht, entbehrt doch noch gänzlich des Magens als eines festen Innenorgans mit fester Mundöffnung. Zu diesen Ur-Tieren oder Vor-Tieren gehörst du offenbar nicht mehr. Aber schon ein verhältnismäßig noch so überaus einfaches Tierlein wie der grüne Süßwasser-Polyp, von dem ich dir früher bereits einiges erzählt habe, hat einen Magen und Mund. Das Tier sieht aus wie ein grünes oder braunes Pflanzenblütchen. Aber die scheinbaren Blütenblättchen sind kleine Fangarme des Mundes und was diese Fangarme wie vorgestreckte Lippen gefaßt haben, das stopfen sie abwärts durch das Mundloch in den Magen, genau so wie wenn deine Kehle einen guten Bissen überschluckt. Wenig unterhalb dieses Polypen muß die erste Bildung eines solchen Magens zum erstenmal bei den Tieren eingesetzt haben — wie Häckel meint, bei einer Tierform, die nicht am Boden festsaß, wie der Polyp, sondern frei schwamm — und die er Gasträa, das Ur-Magentier, nennt. Von der Gasträa und solchen immerhin eng verwandten Gasträaden wie dem Hydra-Polypen an aufwärts im System hat das gesamte Tiervolk einen regelrechten Magen und Darm — es sei denn, daß einige wüste schmarotzernde Gesellen, wie der Bandwurm, ihn nachträglich noch wieder „abgeschafft“ haben, weil's ohne jenen besser ging. In dieses „Aufwärts“ gehörst du also zweifellos auch. Du bist aber darum doch keine Gasträa und kein Hydra-Polyp. Ein solcher Polyp hat außen eine Haut und innen einen Magen. Oben lassen Haut und Magen ein Loch, den Mund. So einfach bist du wahrlich nicht gebaut. Zunächst weist dein Magen selber auf etwas hin, was dort nicht ist. Dein Magen öffnet sich nicht bloß durch eine obere Verlängerung, die Speiseröhre, in einem Munde, der die Nahrung aufnimmt. Er geht auch nach hinten weiter durch so und so viel enge Darm-Fortsetzungen endlich bis zu einer Pforte am Gegenpol deines Körpers. Was an überflüssigen Resten der vorne aufgenommenen Nahrung wieder fort soll aus dem Leibe, das geht hier ab. Diese Gegen-Pforte steht in unserer alltäglichen Auffassung ja gar gewaltig im Mißkredit. Jene abgehenden Überschüsse und Müllstoffe der großen Verdauungsfabrik tragen an der Stirn eine Art Vermerk oder Warnungstafel, daß sie antimenschlich, von der inneren Jury des Menschenleibes endgültig verworfen sind. Durch uralte Gewöhnung und Schutz-Anpassung haben sich nun die empfindenden Sinne dieses Menschen dahin geeinigt, vor allem den Geruch dieser Abfuhrstoffe sich als den Geruch einer schlechterdings unbrauchbaren und vermeidenswerten Sache einzuprägen. Unser Geist empfängt das vom Leibe wie eine längst festgestellte und beschlossene Sache. So übernimmt er diesen Geruch und Begriff als die höchste Summe des Schauder¬ haften, Widerwärtigen, Eklen. Während er in der Aufnahme der Nahrung mit allen Genüssen schwelgt, vermaledeit er jene umgekehrte Ecke aufs äußerste. Ein Wörtlein wie Kot wird ihm zur Bezeichnung alles Niedersten, Menschenunwürdigsten, Verabscheuenswertesten. Wo es nach Kot riecht, da hebt die Hölle an. Das ist nun an sich eine sinnreiche Sache, auch eine jener uralten Nützlichkeits-Weisheiten gleichsam des Leibes, die wir jungen Geisteskinder sogleich mitbekommen haben — wenn schon es in etwas hausbacken grober Form geschah. Im Sinne einer groben Nützlichkeit war es jedenfalls von hohem Gewinn, daß den armen dummen Entwickelungskindern so hahne¬ büchen wie möglich eingepaukt wurde: das, was hier an eurem Gegenpol abgeht, das ist absolut verbrauchtes Zeug, ist genau das, was ihr nicht brauchen könnt, was euer Zellenleib nicht in sich aufnehmen konnte — also freßt das bloß nicht noch einmal auf, um eurem Magen und Darm noch einmal dieselbe verlorene Liebesmüh zu machen. Als die Sinne das endlich wirklich eingepaukt hatten durch so und so viel Erfahrungen vieler Generationen, sagten sie beim Anblick solcher Stoffe ganz konsequent „Pfui“. Der am unmittelbarsten reagierende Sinn, die Nase, sagte „Das stinkt“. Endlich hinkte der sogenannte Geist nach (das heißt das obere Stockwerk großer Zusammen¬ schlüsse von einer höheren Individualität aus) und sagte: Diese Gegenpols-Sachen sind „unanständig“ — man schweigt sie tot, nimmt sie selbst sprachlich und ideell nicht mehr in den Mund. Das ist nun alles sehr gut. Unsere unbefangene Betrachtung aber, der in einem nochmals höheren Erkenntnislicht der Leib abermals rein ist als heiliges Erkenntnisobjekt ohne jedes prak¬ tische Mittelchen der gewöhnlichen Dutzend-Nützlichkeit, — sie darf trotzdem vom After und seiner Weisheit sich genau so belehren lassen, wie von der des Mundes. Es ist in diesem Falle durchaus keine Afterweisheit, die der After dich lehrt, sondern abermals ein Stück Erkenntnis in unserer Linie. Denke dir, du wärst von Jugend auf mit dem Gegenpol deines Leibes irgendwo festgewachsen. Ein Stück der Unmöglichkeit wäre für diesen Fall, daß die Afterpforte wirklich funktionierte. Wollte dein Magen und Darm das Unverdauliche, wie er doch muß, wieder aus dem Leibe herausschaffen, so bliebe ihm kein anderer Weg als Wiederausspuken nach oben, — durch denselben Mund, der die Nahrung zunächst nur so ganz allgemein besehen und ohne feinere Auswahl hineingeschluckt hat. Damit nun wärst du auf einem Standpunkt, den abermals ein großer engerer Kreis von magenbesitzenden Obertieren wirklich einnimmt. Es sind just alle die, die sich enger an jenen Hydra¬ polypen anschließen. Der sitzt selber schon hinten auf, und die nach ihm machen's alle so. Sie leben ohne After und spucken, wenn sie genügend verdaut haben, alles wieder nach oben, was unverdaulich ist. Solche Tiere sind die vielgestaltigen Gruppen der Schwämme, der Korallen, Polypen, Seerosen, schließlich auch der Quallen. Denn ob die Qualle zwar vom Polypen¬ stadium sich loslöst und wie eine abgekehrte Glocke frei durchs Wasser schwimmt, so bleibt sie doch zeitlebens hinten zugewachsen wie eine Käseglocke und ihr gesamter Leibesbau bleibt in dieser einseitig offenen Glockenform permanent. Du aber, der Mensch, mit deinem Mund und After, zwischen denen das Magen- oder Darmrohr einen einzigen, vorne und hinten offenen Schlauch bildet, du zählst dich damit selber einer nochmals darüber erhabenen engeren Tiergruppe zu. Du bist nicht Schwamm, noch Koralle, noch Qualle. Die niedrigste Form des Tierreiches, bei der solche After¬ bildung beginnt, ist der Wurm. Von einer gewissen Gruppe ab zeigen die Würmer schon vollkommen dieselbe Grundschlauchform wie du. Und von da ab bleibt das durch das ganze obere Stockwerk jetzt der Tier¬ völker so. Es kommen aber hier, wenn schon einmal Mensch und Wurm in die engere Wahl geraten, alsbald noch mehrere andere Organe deines Leibes neben dem After in Betracht. Du stichst dir mit der Nadel in den Finger und hervorquillt rotes Blut. In prächtigen Kanälen rauscht dieses Blut durch die ganzen Wände deines Leibesschlauches. Wie ein innerer Lebens¬ bronnen speist es und tränkt es dich bis in jedes Fäserchen hinein. Wenn dein Blut aus dir ausläuft, verschmachtest du elendiglich. Wenn die Blutwelle nur einen Moment dein Gehirn nicht durchspült, sinkst du in todesähnliche Ohnmacht. Bei den Würmern taucht das innere Leibeskunststück dieser Blutkanalisation zum erstenmal auf, alles was darunter steht, weiß nichts davon. Und noch weiter. Dein Gehirn, sage ich, erlahmt, wenn das Blut es nicht speist. Auch das Gehirn selber erscheint zum erstenmal beim Wurm. Wohl hast du bei viel tieferen Tieren schon die deutlichen Anfänge eines Nervensystems. Die schöne bunte Qualle, die, noch ohne After und noch ohne Blut, durch den blauen Ozean dahinsegelt, sie trägt doch um den Rand ihrer durchsichtigen Schwimmglocke schon einen Ring von Nerven¬ substanz — einen „Geistesring“ wenn du so willst, und an diesem Ringe sitzen kleine Augen und Ohren, die ganz gewiß schon ein ganzes Stück Außenwelt ähnlich erfassen wie deine. Aber dein Menschenleib ist keine Quallenglocke. Dein Gehirn sitzt als großer herrschender Klumpen von „Geistessubstanz“ an einer bestimmten Stelle oben über der Mundöffnung des Magen¬ schlauches fest beisammen. Und so gerade taucht es zuerst auch beim Wurme auf. Auch der Wurm ist keine Glocke mehr wie Polyp oder Qualle. Er ist selber bereits der längliche Schlauch wie du. Gradlinig, Mund vorauf und After hintennach, schlängelt er sich dahin. An dem wichtigen vorderen Ende, gleichsam auf der Wacht über dem Futterschlund, konzentriert sich bei ihm die Nervensubstanz zu einem ersten wirklichen „Gehirn“. Du als Mensch läufst ja heute aufrecht herum, an¬ statt wie der Wurm in der Längenrichtung zu krabbeln. Du kriechst nicht mehr auf dem Bauch, sondern balanzierst dich höchst kunstvoll auf den unter die Afterspitze des Leibes ge¬ schlagenen Hinterbeinen. Aber noch hast du auch so dein prachtvolles großes Menschengehirn genau so an der Mundspitze deines Leibesschlauches wie es beim Wurm angelegt ist. Die Sortiermaschine rappelt dich indessen nochmals durch. Deine Ernährung und Atmung forderten dich als Tier im Gegensatz zur Pflanze; dein Magen und Mund als höheres Tier jenseits etwa des Polypen; dein After, Blut und Gehirn als ganz hohes Tier mindestens jenseits des Wurms. Wohin nun? Über die Würmer erheben sich im System nur noch eine beschränkte Reihe äußerster Tier-Stämme. Vier im ganzen. Einen solchen Stamm oder Ast höchsten Stiles bilden zum Beispiel die Seesterne und Verwandten. Einen die Schnecken, Muscheln und Tintenfische, Einen die Krebse, Spinnen, In¬ sekten. Gehörst du da irgendwo hin? Diese Stämme sind alle so unter sich grundverschieden, daß du notwendig nur unter eine einzige Rubrik gehören kannst. Fragt sich also, welche. S chlage dich mit dem Finger vor die Stirn. Es ist die Geste des Menschen, wenn er sich als ganz dumm, ganz ratlos bezeichnen will. Hier aber, wo sich alles vergeistigt und tipp¬ test du auch auf die schier unmöglichsten Stellen deines Leibes, ist diese Geste der einfache Weg zur Antwort. Dein Leib antwortet dir abermals auf dein Klopfen. Gegen was prallt dein Finger an? Nicht unmittelbar unter der weißen Haut gegen dein Gehirn. Damit wärst du nur wieder beim Wurm. Zwischen Haut und Hirn liegt dir da eine harte Wand. Die Knochenwand des Schädels. Eine solide Schale umkapselt dein zartes Gehirn. Steh auf. Da stehst du im Sonnenglast in deiner ganzen Menschenschöne. Wie kommt es, daß dein weicher Leibesschlauch diese schwere Knochenkapsel an seinem Gipfel überhaupt tragen kann? Warum klappst du nicht elend zusammen damit? Dieser Schädel ist ja nur die Krone eines ganzen Knochen¬ gerüstes in dir, in dem sich alles stützt und trägt wie in einem wundervollen Säulentempel. Hier in der Mittellinie deines Rückens, zwischen den Schulterblättern abwärts zeigt sich unter der Haut in weicher Ornamentik gerade noch leise angedeutet die Hauptsäule dieses Tempels. Die Wirbelsäule. Das weiche Gehirn sendet in dieser gleichen Linie eine Art großer Wurzel herunter. Und wie der harte Schädel das Gehirn, so stützt, umfaßt, beschützt die Wirbelsäule diese Wurzel von Nervensubstanz, das Rückenmark. Soll dein weicher Körper wirklich als aufrecht gestellter Wurm-Schlauch einmal angesehen werden, so ist es, als sei mit der Wirbelsäule ein steifes Brett unter die Rückenwand dieses Schlauches gestoßen — ein Brett, das dem ganzen jetzt erst derartig den Halt und Stütz¬ punkt giebt, daß der Schlauch nachträglich beinah bloß wie ein Überzug und bauchseitiges weiches Anhängsel dieses Brettes erscheint. Dabei ist sehr interessant, wie dieses Brett in den Schlauch eingestoßen ist. Es liegt zunächst, wie gesagt, auffällig an der Rückenseite — das Wort Rückgrat trägt dem ja schon Rechnung. Die Haut mit ihrer darunterliegenden Muskelschicht, also die äußerste Schlauchwand, faßt zwar ganz darum herum. Der innere Separat-Schlauch des Magens und Darmes dagegen liegt wesentlich frei davor an der Bauchseite. Gehirn und Rückenmark, also die wichtigsten Nervensubstanz-Massen des Schlauches, sind für den ersten Anblick sozusagen hineingeraten in das Brett. Schaut man aber genauer zu, so hat man vor allem bei der Wirbelsäule doch den Eindruck, daß das Brett in seiner soliden Masse eigentlich so eingeschoben ist, daß es genau zwischen diesem Nervenmark und dem Magenschlauch steckt. Von dieser Basis erst haben dann Wirbel für Wirbel und endlich auch beim Schädel harte Brettteile (— also Kno¬ chenteile!) so nach oben um die weichen Gehirn- und Rücken¬ markteile herumgegriffen, daß schließlich diese Teile geradezu in die oberste Brettschicht wie in einen übergreifenden Kanal mit hineingeraten sind. Diese famose innere Rückenstütze deines Leibes ist nun des Rätsels Lösung, wo du oberhalb des Wurmes hingehörst. Da findest du in den Tierstämmen jenseits der Würmer ja allerlei ähnliche Versuche, den weichen Schlauchleib des Wurmes irgendwie zu festigen, zu stützen und zu schützen durch allerlei Verknöcherungen und Verhärtungen — durch so und so viel Bretter, die bald über, bald untergestülpt werden. Die Schnecke hat ihr Haus, die Muschel ihre Doppelschale, der Seeigel seine sonderbare Melone voller Stacheln, in der er wie eine Kastanie steckt, der Krebs seine prächtige Rüstung, die dem ganzen kom¬ plizierten Leibe in jedes Fältchen und Scharnier von außen folgt. Aber das alles hat nicht die leiseste Ähnlichkeit mit dir und deinem Rückgrat. Keiner dieser Tierstämme giebt dir den geringsten Anhalts¬ punkt, daß dieser dein „Rücken“ dort hingehören könnte. Trennte dich dein Bauch mit dem Magen und Darm vom Ur- Tier jenseits des Hydra-Polypen — so trennt dich diesmal dein schöner, stolz aufgereckter Rücken, diese Freude aller Künstler seit der alten Griechenzeit, von Muschel, Schnecke, Tintenfisch, Seestern, Seeigel, Krebs, Spinne und Käfer und Schmetter¬ ling. Dagegen weist er dir eine ganz bestimmte Linie nach oben hinaus über den Wurm nunmehr ebenso sicher als deine Linie. Da giebt es schon bei den höchst entwickelten wurm¬ ähnlichen Tieren ein seltsames Geschlecht. Es sind die soge¬ nannten Manteltiere oder Ascidien. Seetiere, dem Laien ab¬ solut fremd. In Neapel werden sie mit Liebhaberei gegessen. Was man da zu essen bekommt, sieht äußerlich wie eine ver¬ faulte Kartoffel aus. Das ausgewachsene Manteltier dieser Art bildet nämlich eine holzartige Borke um sich. Da drinnen liegt es wie ein gelbes Ei, und das holt der Neapolitaner sich als Leckerbissen vor. Solche Ascidie nun ist als junges Tier noch nicht so hölzern eingekapselt, sondern schwimmt lustig umher als glashelles Würmlein. Und in dieser frohbewegten Jugendzeit gewährt sie ein mit Rücksicht auf deinen menschlichen Rücken höchst eigenartiges Bild. Da siehst du oben in dem Wurmschlauch-Rücken ein Hirn mit einer Verlängerung als Rückenmark. Unten in dem Wurmschlauch-Bauch liegt ein Darm. Zwischen beiden aber — genau also an der kritischen Einschiebestelle für das harte Brett bei dir — steckt ein Stab oder Sparren aus immerhin schon etwas gefesteter Knorpelmasse: ein erster Anlauf zum Brett. Kaum ein Zweifel: hier geht irgendwie der Pfad zu dir weiter. An derselben italienischen Küste, zum Beispiel bei Messina, lebt aber still im Sande von Ufertümpeln verborgen ein Tier, das gleich noch ein Stück darüber hinausführt. Der Amphioxus oder Lanzettfisch. Zeit seines Lebens ist er so gebaut wie die jugendliche Ascidie: er trägt zwischen Rückenmark und Darm ein knorpeliges Stäblein. Rückensaite (Chorda dorsalis) wird es vorsichtig genannt. Noch könnte keiner von einem eigent¬ lichen harten Rückgrat sprechen. Das „Brett“, das dir als Geradehalter beim aufrechten Göttergang dienen soll, ist hier noch ein Kartenblättlein. Aber vorhanden ist es schon, da hilft nichts. Vom Nebelfleck im Sternbild der Andromeda bis an diese Stelle giebt es kein uns bekanntes Naturgebilde, das so sehr deinem soliden Wirbel-Brett gliche wie dieses Kartenblatt zwischen Mark und Darm des Amphioxus-Fisches. Und ein erster Fisch ist er. Der niedrigste von allen ja. Aber jedenfalls schon ein Fisch. Damit jetzt ist die Linie haar¬ scharf bezeichnet, in die dich der Sortier-Apparat geworfen hat. Mit dem Fisch beginnen die Wirbeltiere . Der vierte jener höchsten Äste des Tierreichs oberhalb der Würmer. Ein Wirbel¬ tier bist du — ein Tier vom Amphioxus an aufwärts. Von hier läßt sich die Leiter jetzt so gut wie ganz glatt abklettern. Du brauchst nur nochmals an deine Stirn zu klopfen, so siehst du den ersten engeren Schritt über den Amphioxus hin¬ aus. Du hast nicht bloß das allgemeine Rückgrats-Brett. Dieses Brett läuft dir oben in eine Kugel aus: den Schädel, die harte Schutzhülle des Gehirns. Davon hat der Amphioxus noch keine Spur, sein Knorpelstab zwischen Mark und Darm läuft vorne wie hinten einfach spitz zu. Das erste Wirbeltier, das einen Schädel hat, ist das Neunauge. Du kennst es als Feinschmecker, hast es aber schwerlich je so hoch geachtet. Es ist thatsächlich für unsere lebenden Tier¬ arten heute sogar das erste Wirbeltier, das überhaupt ein Gehirn hat. Wohl ist dieses Gehirn an sich schon ein Besitz¬ tum des höheren Wurmes und so sollte es schon der Amphioxus von dort mitbekommen haben. Aber der Amphioxus, wie er heute noch vor uns lebt, hat gewisse kuriose Lebensgewohnheiten angenommen, die ihn sozusagen etwas heruntergebracht haben. Er ist etwas degeneriert und hat durch sein Wühlen im Sande Augen, Ohren und Gehirnanhäufung nachträglich, wie es scheint, noch wieder eingebüßt. Das Neunauge dagegen besitzt ein regelrechtes, über den Wurm ordentlich schon hinaus entwickeltes Gehirn und zum Schutz dieses Gehirns hat sich vorne an der Scheide des einfachen knorpeligen Rückgrats eine halb häutige, halb knorpelige Blase angesetzt: ein erster Schädel. Wenn du unsere leckeren Oder-Neunaugen so wie kleine braune Aale in ihrer Brühe beim Kaufmann schwimmen siehst, ahnst du als Laie schwerlich, was dieses Tierlein bedeutet. Das Neunauge ist kein Aal, es ist kaum noch im gewöhnlichen Sinne, was man Fisch nennt. Ganz unten am Anfang aller Fische bildet es eine Gruppe altertümlich wunderlicher Wirbeltiere für sich. Diese Gruppe gerade bezeichnet aber eine Wende ohne gleichen. Mit dem Neunauge fängt das Organ all deiner Bewußtseins- Weisheit an: der Kopf mit Schädel und Hirn. Das Kopf¬ schütteln und die Hartköpfigkeit setzte erst von hier ein. Erst von hier an aufwärts konnten Schädel eingeschlagen werden. Aber auch alle Philosophie der Plato, Spinoza und Kant, alle Menschenliebe, alle Sehnsucht, Verzweiflung und Weltüber¬ windung des Kopf-Geistes — sie alle schwimmen in der Wiege dieses Fäßleins brauner Neunaugen beim Kaufmann ...... Aber du redest laut im Eifer deines Philosophierens, dein Unterkiefer bewegt sich wie im Takt zu jedem Worte an deinem Schädel und im Sturm der Debatte haut deine Faust auf den Tisch. Von alle dem hat das Neunauge trotz seines Gehirns und Schädels wieder noch nichts. Es hat keine Kiefer im Maul, es hat nicht den leisesten Ansatz am Leibe zu irgend welchen Gliedmaßen. Der Haifisch ist das erste Wirbeltier, mit dem du jetzt wieder diese Dinge teilst. Ein uraltes wildes Räubervolk beleben die Haifische noch heute alle unsere Meere. Als der Mensch Seefahrer wurde, lernte er den Hai zuerst mit Grausen kennen. Wo ein Schiffer über Bord fiel, da schoß ein Ungetüm in Fischesgestalt auf ihn los und riß ihm mit dem Biß furchtbarer Zähne die Glieder vom Leibe. Das Wort „Menschenhai“ wurde gebildet, ein Schreckwort aller, die an die See dachten. Und doch liegt in dem Worte noch ein geheimerer Sinn als Schrecken und Gefahr für das Menschenkind, das in des großen Fisches Element gerät. Ein viel tieferes, bedeutsameres Band verknüpft Mensch und Hai und läßt uns vom Menschenhai reden. Deine schwellenden roten Lippen, hinter denen die weiße Zahnkette wie ein kleines Schneegebirge blinkt — und weise Philosophenworte hervorquellend aus diesem Menschenmunde: — — und dann ein Haifisch-Rachen! Es scheint der äußerste Gegensatz. Und doch ist es eigentlich gerade ein Haifisch-Rachen, was du besitzt. Von allen Tieren der Haifisch zuerst zeigt dieses Gebilde eines Ober- und Unterkiefers. Von ihm an war das in der Welt. Bis zu ihm war der Mund ein Loch einfach am vorderen Ende des Darmes. Von ihm ab geht dieses Loch durch ein kompliziertes, schließlich knochenhartes und bewegliches Werkzeug. Der Haifisch ist der eigentliche Erfinder der Schnauze, des Schnabels, des Maules — des Mundes, wie grob oder liebenswürdig du die Sache nun nennen willst. Und er ist noch mehr, was dich angeht, ist noch in mehr Punkten ein wahrer Menschenhai. Was giebt einem nackten Menschenkörper eigentlich seine vollendet harmonische Schönheit? Schneide dir in Gedanken die Gliedmaßen, die Arme und Beine, herunter und es bleibt eine plumpe Ungestalt. Wohl würde dein Antlitz mit Stirn und Auge noch den Geistmenschen verraten. Aber wenn dieser Körper sich so bewegen wollte, müßte er mühselig auf dem Bauche rutschen wie eine große fleischfarbige Schnecke und selbst das Gesicht wendete sich mehr oder minder abwärts. Die Gliedmaßen erst sind es, die den „Menschen“ ermöglichen. Auf ihnen ist er um die Erde gewandert. Mit ihnen hat er diese Erde bezwungen. Erinnere dich, daß an der Existenz deiner Arme und Hände die Erfindung des Werkzeugs hing, die größte Erfindung, die der Mensch gemacht hat, seine Grenz- Erfindung gegen das Tier. Die Entstehung harter Kiefern mit Zähnen hätte ja einen Schatten dazu auch liefern können. Aber man muß sich aus¬ malen, was es hieße, wenn alle menschliche Werkzeug-Schaffung mit dem einzigen Leibesorgan des Gebisses sich hätte vollziehen sollen. Ein Feuersteinmesser auch nur, das erste Kulturprodukt, zurecht geschlagen mit dem Munde! Schon das allein wäre eine verzweifelte Thatsache gewesen, daß der Mund nur einmal da war und zwar genau in der Längsachse des Leibes. Wie unendlich viel glücklicher der doppelt vorhandene Arm — zwei Hände von rechts und links zugreifend, dazu diese beiden natürlichen Klammern unabhängig von den Thätigkeiten des Essens, Trinkens, Aus- und Ein¬ atmens und Sprechens, die alle auf die Mundgegend gehäuft sind. Auch diese deine Arme wie Beine gehen aber zurück auf den Haifisch, beginnen mit ihm. Sie beginnen in einer simpeln Form, die aber nichtsdestoweniger alle Fortentwicklung schon in der Nuß umschließt. Wunderbar genug ja, wie sich so etwas anlegte zunächst in einem ganz anderen Element. Der Fisch hatte vom Wurm die allgemeine Schlauchform, grundbedingt durch den vorne und hinten offenen Darm, mit¬ bekommen. Zur Stütze dieses Schlauchs legt sich in die Längs¬ achse das bewußte Brett, der Knorpelstab des werdenden Rück¬ grats. Das Neunauge zeigt diese einfache Schlauchgestalt äußerlich noch vortrefflich in einer wahren Grundform. Aber nun schwamm der mehr und mehr innerlich gefestigte Schlauch dahin und entwickelte sich im Haifisch fort. Es war eine Not¬ wendigkeit, daß die weiter entstehenden Organe mehr und mehr in Doppelform , an den zwei Seiten dieses Schlauches, ent¬ standen. Auch das begann schon beim Wurm, jetzt aber wurde es erst eigentlich Trumpf. Vergegenwärtige dir (es ist eine hochwichtige Sache, auf die ich noch bei der Entstehungsgeschichte der menschlichen Geschlechtsteile zurückkomme) zunächst einmal am Auge etwa, wie ich das meine. Hier steht ein Haus mit seinen vier Wänden. In der Vorderwand ist eine große Thür und in der Hinterwand ebenfalls eine. Jetzt will ich Fenster anlegen, um möglichst gut die Umgebung betrachten zu können. Es ist klar, daß ich in jede der beiden noch freien Wände je ein Fenster schlage, also im ganzen zwei Fenster, nach jeder Seite eines. Ein Auge ist am Leibe eines Tieres nun durchaus nichts anderes als ein Fenster, eine Sehluke in der Haut, durch die Licht (und damit Gestalten und Farben der Außendinge) ins innerliche Nervensystem, ins Gehirn, hineinbefördert werden kann. Das Gehirn des Wurmes, des Neunauges, des Hai¬ fisches lag am vorderen Schlauchende innen im Schlauch des Leibes. Vorne vor ihm öffnete sich die Hausthür des Mundes. So schlug es also auch seine Fenster rechts und links, nach jeder Seite je eines. Schon die Neunaugen haben wenigstens in ihrer be¬ kanntesten Form zwei schöne Augen genau so rechts und links in der vorderen Schlauchwand. Das Wort Neunauge, nebenbei gesagt, ist wohl so entstanden, daß im Volk die runden Kiemen¬ löcher, die an beiden Seiten hinter dem runden Äugelchen liegen, die aber der Atmung und nicht dem Sehen dienen, 6 zum teil mit in Rechnung gezogen sind. Ein drittes Auge noch nach der Bauchseite hätte wenig Zweck gehabt und wäre schlecht mit dem Gehirn zu verbinden gewesen, das nun einmal beim Wirbeltier konsequent über dem Mund und Darm lag. Eher hätte sich schon ein Cyklopenauge oben auf dem Schlauch, also auf dem Kopf, bilden lassen, und in der That ist bei einer Anzahl mittlerer Wirbeltiere (zum Beispiel bei aus¬ gestorbenen molchähnlichen Amphibien und verkümmert bei noch lebenden Eidechsen) ein solches Parietal- oder Scheitelauge vor¬ handen. Es hat sich erst bei den höheren Wirbeltieren wieder vollständig verloren, wahrscheinlich weil die Beweglichkeit des Kopfes, die bequem auch mit den Seitenaugen nach oben sehen ließ, es doch auch überflüssig machte — und andererseits in Kampf und Gefahr der exponierte Fleck da oben sich zu schlecht bewährte; lieber da oben einheitliche harte Schädelmasse, die gelegentlich auch einen derben Puff aushielt, als ein so zartes und zerbrechliches Ding, wie ein Auge. Du siehst aber: der Cyklop des Märchens ist an sich, wie das meiste solcher Menschen¬ märchen, gar nicht übel erfunden gewesen. Bloß dichtet er den Menschen nicht genügend darwinistisch-scharfsinnig nach vorwärts um — er läßt ihn zu etwas zurückkehren, was die Eidechsen schon als unpraktisch hinter sich gelassen haben. Mindestens wird dir so klar sein, wie die Doppel¬ entwickelung von Organen jetzt an beiden Schlauchseiten über¬ haupt eine Art Notwendigkeit werden mußte. Wie mit den Augenfenstern, so ging es auch mit den Telephonleitungen des Fisch-Hauses: je ein Ohr kam an jede der beiden freien Wände. Und vollends so mußte es gehen mit den Bewegungsgliedern, als solche beim Haifisch zuerst auftraten. Nimm noch einmal jenes Haus, das hinten und vorne eine Thür und rechts und links je ein Fenster hat. Ver¬ wandle es dir in einen Pferdebahnwagen, der sich vorwärts bewegen soll. Wo bringst du die Räder an? Rechts und links natürlich. Und wenn es ein schlauchartig langer Darm von Wagen ist, ebenso natürlich am besten je zwei solcher Paare, rechts vorne und links vorne ein Rad, und rechts hinten eins und links hinten eins. Aufs Haar genau nach diesem Prinzip eines Pferdebahnwagens sind die vier Gliedmaßen beim Haifisch entstanden, die heute noch als zwei Arme und zwei Beine an deinem eigenen nackten weißen Menschenleibe hier im Grase liegen. Der Haifisch schwamm geradeaus durchs Wasser. Anderes als Wasser kannte er ja noch nicht. Aber das zwei¬ seitige Räder-Prinzip paßte genau so auch aufs Wasser. Siehst du das gelbe Ruderboot mit der blauen Flagge dort im See, das die tändelnden Wasservögel wie eine Wolke vor sich her¬ scheucht? Vier schlanke tapfere Gesellen in weißem Rudertrikot und mit sonnenbraunen Hälsen, Armen und Knieen treiben es dahin, im Taktschlag ihrer Ruder. Jeder führt zwei Ruder, rechts eins und links eins. Und das Boot saust pfeilschnell durch die Sonnenfläche des Sees wie ein fideler Frühlingsfisch. Dasselbe Prinzip! Die sehnigen braunen Arme der halbnackten Ruderer führen Ruder als Werkzeuge, als gleichsam verlängerte, über Fleisch und Knochen des Armes künstlich noch hinaus fortgesetzte Gliedmaßen. Die Ruderschaufel packt das Wasser, wirft es dahin und das Boot fliegt, als liefe es auf Rädern. Der Haifisch kannte für sein Teil noch kein Werkzeug. Was er sich als Mittel erwarb, mußte ihm aus dem eigenen Leibe wachsen. Und so wuchsen ihm vier Ruder am Leibesschlauch, vier fest angewachsene Ruder: vier Flossen. Es ist noch einiger¬ maßen strittig, wie sie bei ihm zustande gekommen sind. Viel¬ leicht sind sie zunächst aus weichen Hautfalten an den Leibes¬ seiten entstanden. Wahrscheinlicher ist, daß sie sich aus hintersten Kiemenbogen an jeder Halsseite des Fisches, die Knorpelstacheln trugen, entwickelt haben, sodaß also zuerst zwei Paar Vorder- oder Brustflossen da gewesen wären, von denen allmählich erst das eine Paar gleichsam weiter am Leibesschlauche herabgerutscht und zu den Hinter- oder Bauchflossen geworden wäre. Das sei nun wie es wolle. Jedenfalls steckte in diesen Brust- und 6* Bauchrudern der Anfang alles dessen, was wir noch beim Menschen Gliedmaßen nennen. Aus den Brustflossen des Hai¬ fisches sind die Arme geworden, aus den Bauchflossen die Beine. Was ihm noch reines Ruder war, das wurde den späteren Landtieren zu „Rädern“, das heißt zu Vorder- und Hinter¬ beinen, die den Körper auch auf dem Lande dahinbewegten. A uf dem Lande! Das ist wieder ein Leitwort. Wohl — wie du da im Grase liegst und Arme und Beine in die erste heiße Frühlingssonne streckst: Du bist ein Wirbeltier oberhalb des Haifisches, weil du Arme und Beine hast. Aber oberhalb dieses Menschenhaies dehnen sich neue Straßen. Es giebt einen purpurnen Dämmerraum, wo auch du als werdendes Menschlein einmal bloß solche vier knospenhaften Leibes-Flossen trugst wie der wirkliche Hai: als Embryo im Mutterleibe auf bestimmter Stufe. Aber das hast du als Individuum längst hinter dir, wie die gesamte Menschheit den Hai. Du bist als vollendeter Mensch kein Hai mehr. Ja überhaupt nicht mehr ein Fisch. Alles Fischechte geht aus vom Hai. Da kommen unzählige Gestalten. Der Stör, der Aal, der Wels und der Hecht. Alles im Wasser, alles dem Wasser angepaßt, alles mit Flossen bald dieser, bald jener Form. Bei dir aber sind die Flossen ja wirklich Landgliedmaßen geworden. Wie geschah das? Wo¬ her kam der Begriff „Land“? Dein weiser Leib weiß es an einer anderen Stelle. Nur wenig im System oberhalb des Haies, dicht an der Grenze, wo der Hai zunächst zum Stör vorschreitet — da ist ganz deutlich vorgezeichnet die neue Ecke für dich. Du liegst am Lande hier. Goldene Frühlingsluft um¬ strömt dich wie ein Himmelsbad. Du nimmst sie auf mit dem Munde. An der gleichen Stelle, wo dein Darm nach oben sich öffnet zum Schlunde — da, wo die uralte Schlauchpforte der Gasträa, des Polypen, des Wurmes liegt — da saugst du auch diese Luft in dich ein. Aber sie sinkt hier nicht bloß in deinen Magen und Darm im ganzen hinab. Dicht an deinem Schlunde hängt da innen noch besonders etwas wie ein sepa¬ rater Sack, der gierig bloß Luft saugt. Ein doppelter Sack, nach rechts und links in dich hinein je ein Zipfel. Deine Lunge. Kein Zweifel: auch sie ist eine Art Darm im Kleinen. Ein Ernährungsapparat. Du brauchst ja als lebendes Wesen nicht bloß flüssige und feste Nährstoffe, die dein echter Darm in Körperkraft umsetzt. Du brauchst auch Luft. Und da du Tier bist, brauchst du Sauerstoff. Die Wände deiner Lunge besorgen diese Art Verdauung, die Luft-Verdauung. Freilich: dieser Luft-Magen hat bei dir keinen After hinten wie der echte Verdauungsmagen, durch den er das Unbrauchbare, das Ex¬ krement gleichsam seiner Luftnahrung wieder hinausbefördern könnte. Er muß das schlechte Luft-Exkrement, die unbrauchbare Kohlensäure, durch dasselbe Mundloch, durch die er die Nähr- Luft erhalten hat, auch wieder hinaus expedieren. Die Geschichte dieses deines Luftdarmes, Lunge genannt, ist nun überaus lehrreich zu deiner weiteren tierischen Einordnung jenseits des Fisches. Alle Wirbeltiere bis etwas über den Haifisch hinaus leben ausschließlich im Wasser. Auch sie bedürfen dort des Sauer¬ stoffs. Aber sie nehmen ihn mit dem Wasser in sich auf, nicht unmittelbar, wie du, bloß durch Verschlucken von Luft. So tritt die Atmung hier in einer Weise zunächst auf, die gewisser¬ maßen noch mit dem einfachen großen Nahrungsdarm allein auskommt. Das Maul säuft Wasser in sich hinein, direkt in den alten Darmschlauch. Die vorderste Hälfte dieses Darmes saugt aus dem Wasser die nötige Luftnahrung ebenso auf, wie weiter hinten feste Nahrung verarbeitet und verdaut wird. Löcher in den Seiten dieses Vorderdarmes lassen das über¬ flüssige Wasser einfach glatt wieder abfließen. Aus diesem Prinzip, das schon bei einzelnen Würmern klar gegeben und so schon jenem niedrigsten Amphioxus-Fisch überliefert ist, leitet sich glatt der sogenannte Kiemen-Apparat des Fisches ab: die Kiemen sind die eigentlichen Verdauungsstellen für die Luft jederseits am Schlunde; das Wasser kommt ihnen vom Maul zu und läuft durch ihre Spalten am Halse rechts und links wieder ab, nachdem der nötige Sauerstoff daraus verdaut ist. Den Übergang von dieser Fisch-Atmerei und deiner Menschen- Atmung liefert dir nun wirklich sonnenklar der sogenannte Molchfisch. Er besitzt noch regelrechte Kiemen gleich dem echte¬ sten Fisch — wie er denn überhaupt im Äußeren noch ganz und gar einem Fisch ähnelt, Schuppen und Flossen hat und in normalem Zustande im Wasser lebt. Aber gleichzeitig besitzt er an seiner vorderen Darmöffnung auch schon jene tiefe, sackartige Darm-Tasche, die wir bei uns als Lunge benamsen und die nicht mehr Luft aus dem Wasser zieht, sondern unmittelbar Luft schluckt und verdaut. Es ist auch in diesem Falle, gerade wie bei den vier Gliedmaßen, sehr drollig zu verfolgen, wie dieser luftschnappende Sack sich anfangs rein für Zwecke eines ausschließlich wasserlebenden Tieres angelegt hatte — ganz ohne Beziehung zunächst zur Atmung. Ein Fisch im Wasser kann Luft ja auch für etwas ganz anderes noch gebrauchen. Je mehr Luft er schluckt und im Leibe hält, desto mehr vermindert sich sein spezifisches Gewicht — er kann schließlich bewegungslos an jeder beliebigen Stelle im Wasser schweben wie ein Ballon im Luftmeer, ohne zu sinken, da sein Gewicht dem des Wassers genau die Wage hält. So haben sich also schon früh Fische gewöhnt, ab und zu das Maul aus dem Wasserspiegel zu stecken und statt bloßen Kiemen-Wassers auch mal pure Luft zu schnappen. Diese Luft sammelte sich ihnen vorne im Darm, und allmählich entwickelte sich an der oberen Schlundwand da eine besondere Falte, ja endlich ein regelrechter Sack dafür — ein Luftsack, mit dem der Fisch fortan beliebig sein Gewicht regulieren konnte. Nun ist zweierlei aber weiter möglich gewesen. Die Wand des Sackes enthielt Blutgefäße und diese schieden schon selber Luft aus. Das ließ sich für jenen reinen Ballon-Zweck verwerten. Bei Fischen im sehr tiefen Wasser beispielsweise konnte das Luftschnappen durch den Mund ganz eingestellt werden: die Wand des Darmsackes vorne erzeugte sich aber doch selbst die nötige Luftfüllung. Schließlich mochte der Sack vom Schlunde her gar ganz zuwachsen, also eine einfache geschlossene Blase bloß im Leibesinnern bilden: sie blieb dennoch mit Luft aus sich angefüllt. Das ist der Weg, den vom Haifisch und Stör an aufwärts die Mehrzahl der Fische gegangen sind. Der Sack wurde ihnen zur „Schwimm¬ blase“, also zu einem Organ, das nach wie vor bloß im Wasser einen Zweck und zwar einen Gewichts-Zweck hatte. Umgekehrt aber: der Nachdruck konnte auch gerade auf dem beständigen Einschlucken frischer Außenluft und dem Aus¬ strömen der inneren bleiben. Indem die Blutgefäße der Sack- Wand immerzu frische neue Luft zugeführt bekamen, gewöhnten sie sich, nicht bloß ihre Luftreste auszuscheiden, sondern auch von dieser neuen, sauerstoffreichen Luft Luftnahrung direkt in sich aufzunehmen. Sie machten einfach den Wasserkiemen im Stillen hier Konkurrenz — der Darm (der Sack war ja bloß eine eingestülpte Darmfalte) fing an einer neuen Stelle an zu fressen und zwar diesmal nicht bloß vom Wasser mitgeschwemmte Luft, sondern Luft als solche, die das Maul unmittelbar ein¬ gepumpt hatte. Eine Weile mochte das bloß so nebenher gehen. Der Luftsack diente noch hauptsächlich als Ballon für die Ge¬ wichtsverhältnisse, etwas aber doch auch schon als Ernährungs- Hilfsapparat. Nun laß aber Situationen gekommen sein, da das Wasser für die Kiemen einmal versagte , sei es, daß der ganze See, in dem ein Fischvolk etwa lebte, austrocknete, oder daß das Wasser zeitweise schlechte und mangelhafte Luft gab, weil es stagnierte und zu viel Bewohner auf engem Fleck alle zugleich die Luft herausdestillieren wollten. In solchem Falle wurden das freie Luftschlucken an der Oberfläche des Sees und die bisher nebensächliche Luftnahrungsfabrik da oben in dem Schlundsack plötzlich die Rettung und Hauptsache. Die Wasser- Kiemen umgekehrt wurden nebensächlich. Und wenn etwa gar das Wasser ganz schwand, so besorgte der Luftsack einfach dieses gesamte Ernährungsressort mit, fraß Sauerstoff und exkremen¬ tierte Kohlensäure für den ganzen Körper genug. Das frühere Wasserlufttier konnte als reines Lufttier fortan unter freiem Himmel auf dem Trockenen ausdauern, ohne am Lufthunger zu ersticken. Damit wurde von selbst jener Darm-Sack als Gewichts- Ballon ganz überflüssig — er versah jetzt die Dienste aus¬ schließlich wieder als Verdauungsmaschine — — er war eine Lunge geworden. Und das war, zweifellos, diesmal der Weg aus dem Fisch heraus auf den Menschen zu. Der Molchfisch in den Gewässern Australiens, Südamerikas und Afrikas be¬ zeichnet noch gerade die Grenze. Hat er sauerstoffhaltiges Wasser genug, so atmet er mit den Wasserkiemen. Trocknet sein Tümpel aus oder wird das Wasser darin arm an Sauer¬ stoff, so schluckt er nur noch unmittelbar Luft ein und atmet mit seinem Darmsack — mit der „Schwimmblase“, die natürlich bei ihm niemals ganz zuwachsen darf. Dem Molchfisch ver¬ dankst du als später Erbe, daß du da oben „atmest im rosigen Licht“ und nicht in die Purpurtiefe des flüssigen Elementes heute noch gebannt bist zu dem „stachlichten Rochen, dem Klippen¬ fisch und des Hammers gräulicher Ungestalt.“ Gleich das nächst höhere Tier jenseits des Molchfischs zeigt dir den ganzen ungeheuren Umschwung, den der Besitz der Lunge bedeutete. Die kleinen quarrenden Krötlein mit ihren weißen Kehlchen hier in ihrem Liebestümpel rudern ihn dir vor, — sie singen ihn dir vor. Wohl sitzen sie noch in der Pfütze bei ihrem Zeugungsfest. Aber sie sind auf dem Lande schon so gut zu Haus wie im Wasser. Beidlebige nennt sie der Naturforscher, Amphibien. In ihrer Jugend, als Kaulquäpplein, schwimmen sie zwar noch gleich echten Fischen kiemenatmend im Storchteich, wie nach ur¬ alter lieber Tradition, von der ihr Geschlecht sich noch nicht ganz losreißen kann. Aber auch du als Mensch hast ja noch Kiemenspalten im Mutterleibe. Dieser Tümpel mit seiner sonnenwarmen Flut ist gleichsam der Kaulquäppchen gemein¬ samer Mutterleib. Eines Tages wird aber die Kröte reiner Luftatmer wie du, sie verliert ganz ihre Kiemen und verdaut die Luft ausschließlich mit demselben Darmsack, den du auch hast — mit der Lunge. Und damit ist sie Bürger einer anderen Welt — nicht mehr der Fisch-Welt, sondern deiner Welt. Ihre vier Haifisch- und Molchfisch-Flossen sind echte Beine geworden. Zwei Vorderbeine, zwei Hinterbeine. Wie einst dort der Rücken im ganzen, so hat jetzt auch jedes dieser Glieder sein „Brett“ bekommen, das es innerlich stützt — sogar ein überaus verwickeltes, in Gelenken kunstvoll bewegliches Knochen- Brett. Und unten an jedem Gliede sitzt bei der Kröte schon die eigentliche Krone des ganzen Land-Bewegungsapparats: die Pfote, der Fuß. Schon siehst du da am Hinterfuß die be¬ rühmte Fünfzahl der Zehen. Hier, bei diesem Krötenfuß, be¬ ginnt ein weites, strahlendes Kapitel deiner eigenen Kultur¬ geschichte. An seinen fünf Fingern und fünf Zehen hat der Mensch in der Kindheit seiner Kultur zählen gelernt. Von hier ging die Grundlage seines Rechnens aus, noch heute im Dezimalsystem verewigt. Mit diesem Rechnen aber erschloß sich ihm die höchste aller Offenbarungen: die Gesetzmäßigkeit der Welt. Kein Gott im flammenden Dornbusch hat dem Menschen einen höheren Weg gewiesen als diese Zehnzahl seiner Finger. Aber es war auch dieser gleiche fünfzehige Amphibienfuß, der, selber herausgewachsen aus den Knorpelstrahlen einer Fisch¬ flosse, die Hand gab, mit der das Werkzeug gehandhabt wurde, das Werkzeug, das der Hebel des Archimedes geworden ist, mit dem der Mensch die Erde bewegt — und dazu jene andere Hand, die den Meißel des Phidias führte und den Pinsel Rafaels. Als aber der Körper des Landtiers einmal stattlich auf seinen vier Gliedmaßen wirklich da saß, als statt des Flossen¬ ruders die Pfote resolut den Grund faßte und den Körper Schritt für Schritt dahintrug: da fügte die Lunge noch ein neues aus sich hinzu. Sie quarren, schnurren, quäken dort in ihrem Frühlingsbad, deine Krötlein. Und wieder ist es, als reiße ein Thor auf gegen dich, gegen das weiße nackte Men¬ schenkind hier im Grünen. Die Lunge ist da; entsprechend jener Doppellagerung der späteren Organe des Schlauchleibes hat sie sich in zwei Sackzipfel jederseits vom Hauptdarm in die Brust gedehnt; aber indem die Luft durch die gemeinsame Schlund¬ öffnung bei ihr ein- und ausströmt, entsteht im Schlunde ein Wellenschlag, ein leiser Windhauch: eine erste Stimme. Auch deine Sprache legt sich hier beim Amphibium an! Lausche ihm mit Andacht, diesem Girren und Quaken des Froschgesangs. Von hier an war auch das wieder in der Welt, was bei dir das wundersamste Menschenband werden sollte. An dieser Sprache haben wir Menschen uns zusammengeschmiedet zu einem höheren Organismus, zu einem millionenköpfigen Sozial-Indi¬ viduum. Und an dieser Sprache sind wir in der rhythmischen Welt des Gesanges noch eine Stufe höher geklettert gegen die heilige Weltharmonie heran. Aus einem Teich der Urwelt aber, da zum erstenmal Amphibien plärrten, haben wir das mit auf den Weg bekommen. Ein Kinderlaut der Menschheit, die noch äonenfern im Schoße der Entwickelung ruht, ist es, wenn du die Kröten singen hörst. Weiter! Auch das Amphibium bist noch nicht du, obwohl es dich abermals in seinen Ring faßt. Jenseits der Kröte, des Molchs — was jetzt? D a liegt sie in der Sonne, die schlanke, lang geschwänzte, grüne Fee des Grasrains, reglos, als habe die Sonnenglut sie versteint — die Eidechse. In uralten Tagen hat sie schon einmal so an irgend einem Tümpelrand gelegen — als neuer Schritt zu dir über das Amphibium hinaus. Sie ist nicht mehr beidlebig, sondern nur noch einlebig. Aus dem Ei schon kriecht sie hervor als Lufttier, das keine kiemenatmende Kaul¬ quappe mehr kennt. Sie schwänzelt als grotesker Waran durch die brennende wasserlose Wüste, wohin kein Molch oder Frosch sich noch getraut hätte, ohne zur dürren Mumie zu schrumpfen. Sie wächst zum grimmen Ichthyosaurus aus, der, obwohl immerzu auch er nur noch lungenatmend, der wildeste Räuber wieder des Ozeans trotz allen Fischen wird. Sie hüpft auf¬ recht auf den Hinterbeinen als Iguanodon dahin, das erste echte „Bein- und Armtier“, das deinen sonnenaufgewandten Menschengang schon vorwegnimmt. Sie flattert endlich als Pterodaktylus durch die Lüfte, indem sie die alte Haut, die einst als Ruderflosse vorsprang, nun gar als Segel vom Finger zum Schenkel spannt. Und doch bist du auch diese Eidechse nicht mehr. Da liegst du — und da sie. Ihr beide im Sonnenbad, beide selig und wohlig ob dieser Sonne. Und doch so verschieden. Dein Leib freut sich der Sonne, ihre Wärme umschmeichelt dich wie eine wollüstig weiche Weltenhand, die da zwanzig Millionen Meilen weit herkommt, um dich zu streicheln, in die große Sehnsucht aller Kreatur gegen Licht und Sonne und Frühling einmal wieder — nach so viel Winterschmerz der Seele — einzuwiegen. Aber schließlich stehst du auf, ziehst deine Kleider an. Und auch ohne Sonne dringt es jetzt aus deinem weißen Leibe von innen heraus wie eine geheime Heizung. Kalt war dein Hemd, als es an dich rührte. Ein paar Minuten, und es ist warm. Von dir aus — von der eigenen Wärmequelle deines Leibes. Er weiß sich eben selber beständig bis zu einer gewissen Temperatur zu heizen, dieser Leib. Und da weiß er etwas, wovon die Eidechse dort noch keine Ahnung hat. Die Eidechse ist, was man mit gutem Wort so nennt, „wechselwarm“. Ihr Blut richtet sich nach der Lufttemperatur draußen. Brennt ihr die liebe Sonne wacker auf die Schuppen¬ haut, so durchglüht sich auch ihr Inneres. Wenn aber die Nacht und der kalte Tau kommt, oder gar wenn es Winter wird, dann sinkt auch ihre Bluttemperatur bang und immer bänglicher herab, da wird es auch in ihr eisekalt. Ihr Atmen, ihr Blutkreislauf, ihr Stoffwechsel im ganzen Leibe — sie haben noch nicht die Kraft, aus sich heraus so viel innerliche Wärme zu produzieren, daß der Körper sich dauernd ein ge¬ wisses Normalmaß wahren kann. Das giebt ihrem ganzen Dasein nun heute noch, wie es so vor dir steht, einen bestimmten Zug, der für dich nicht mehr existiert. Sie ist eigentlich in allem besten ein Sonnenkind. Nur wenn die liebe Sonne da oben für sie mitheizt, hat sie ihre gute Zeit. Da ist sie geistig regsam und munter, als ob sie einen köstlichen Feuerwein ge¬ schlürft hätte. Sobald aber auch nur eine gewisse Kühle mit der Sonnenwärme wechselt, sinkt alles jäh bei ihr, ihr Leben und Lieben und Herumtollen wird wie gelähmt. Und wenn es gar Winter giebt, Monde lang, dann liegt sie steif und starr wie ein regloser Klotz in irgend einem Winkel. Ein Persephone-Los ist ihr beschieden. Nur ein halbes Jahr wirkliches Leben im Licht; und ein halbes Jahr öder Tartarus- Schlaf. In einem dauernd kalten Lande könnte sie überhaupt nicht leben. So liegt sie hier mit ihrem grünen Schuppen¬ hemd, ihrem langen Schwänzlein und ihren lustig funkelnden Augensternchen doch in diesem Punkte vor dir nur wie ein stehengebliebener Nachzügler — ein kleiner Urwelts-Ritter, den die große Entwickelung schon einmal gewaltig hinter sich ge¬ lassen hat. In sehr alten Tagen war's. Bei jenem Reptilien-Volk, das heute in unsern Museen steht, in versteinert schemenhaftem Rest noch abgeprägt auf morschen Schieferplatten. In der Triaszeit, Jurazeit und noch früher. Da wurden in para¬ diesisch warmem Sonnenlande, wo von Frost und Eis wohl zu¬ nächst noch keinerlei Rede war, gewisse Onkel dieser Eidechse immer lustiger, immer mutiger auf ihrem Landboden, den sie sich durch ihre dauernde Lungen-Atmung so endgültig erobert hatten. Die einen hüpften wie die Känguruhs auf den Hinter¬ beinen über den warmen Grasplan. Die anderen stiegen auf die Urwaldbäume, kletterten von Ast zu Ast und sprangen und jagten sich schließlich in kühnsten Sätzen von Baum zu Baum. Ihre Brust atmete immer wilder, der Stoffwechsel im ganzen Leibe mit seinem chemischen Verbrennungsprozeß ging hastiger vor sich als je, das Blut strömte in immer besserem Kreislauf durch den Leib. Da entstand zum erstenmal jene dauerhafte Innenerwärmung, zunächst wohl eigentlich nur als eine mehr oder minder belanglose Begleiterscheinung. Aber, einmal er¬ worben, erwies sie sich dann bald als weit mehr als das. Wenn das Klima sich verschlechterte, die Nächte kalt wurden oder gar Schneewehen kamen, wo vorher Tropenglut geherrscht hatte — oder wenn der Daseinskampf mit Hungersnot, Über¬ völkerung oder Terrainveränderungen zu Wanderungen nach anderen, kühleren, nördlicheren Gegenden zwang — da rettete diese dauernde Innenwärme jetzt vor dem Persephone-Fluch und half, zuerst durch zunehmende Regsamkeit geschaffen, jetzt in mißlichem Außenstand selber diese Regsamkeit durchretten. In solcher Stunde ist aus dem wechselwarmen Reptil eine Gruppe dauerwarmer Geschöpfe als die nächst höhere, über¬ bietende, umfassende Entwickelungsstufe hervorgegangen. Und da auch du dauerwarm bist, so muß das abermals die Linie gewesen sein, die auf dich losging. Als das dauerwarme Blut aber einmal der äußeren Kühle gegenüber einen wirklichen Schutz-Zweck bekam, da muß Hand in Hand damit noch etwas sehr wichtiges Weiteres einge¬ treten sein. Da sitzst du und ziehst gemach Stück um Stück deine Kleider an, weil's dir denn doch hier oben auf der Nordhalb¬ kugel der Erde unter dem zweiundfünfzigsten Breitegrad selbst in der ersten Maienhitze eines märkischen Seeufers nachgerade zu kalt wird, um so splitterfasernackt den Teichhühnern und Haubensteißfüßen nachzuträumen. Deine innere Heizung des Leibes garantiert dir etwa siebenunddreißig Grad Celsius. Trotzdem fängt deine Haut hier in der unablässig bewegten Luft schon an, den steten Wärmeverlust an diese Luft mit einem gewissen Unbehagen zu empfinden. Sie möchte eine Decke, die gewissermaßen einen Abschluß nach da außen herstellte, einen Abschluß, der zwischen deine Haut und die äußere Luft einen möglichst schlechten Wärmeleiter setzte. Ein solcher schlechter Wärmeleiter ist nun der Woll- oder Baumwollstoff deiner Kleider. Am besten dient vor allem die Wolle. Wo nimmst du aber diese Wolle her? Vom Schaf. Also von einem Tier, einem höheren Wirbeltier. Daheim hast du noch einen anderen, eigentlich noch besseren Stoff: im Plumeau deines Bettes. Der Name giebt ihn schon: Plume ist die Feder. Und auch die kommt unmittelbar vom tierischen Leibe, bloß von einem anderen höheren Wirbeltier: dem Vogel. In diesen paar Begriffen: äußerer Schutz der Körperwärme durch einen schlechten Wärme¬ leiter, und als solche Schutzmittel hier das Wollhaar, dort die Feder, liegt der weitere Weg auch für jene alte Entwickelung. Als die Eidechsen Warmblütler geworden waren, wurde es der Nachtkühle oder gar Winterkühle gegenüber nützlich, wenn der Körper sich mit einer Schutzhülle der Art überzog. Zwei verschiedene Methoden solcher Hülle, solchen auf den Leib festgewachsenen „Kleides“ stellten sich aber ein. Hier die Feder. Dort das Haar. Beide müssen sich aus der schon vorhandenen Eidechsenhaut gebildet haben. Die echte Eidechse, wie sie dort liegt, hat heute noch Schuppen. Die Feder ist nun ganz sinn¬ fällig nichts anderes als eine etwas umgeformte, verfeinerte, fast möchte ich sagen: vergeistigte Hornschuppe. Vom Haar hat man das früher auch wohl behauptet, es scheint aber viel eher, daß das nicht eigentlich aus der Schuppe der Eidechsenhaut hervorgegangen ist, sondern aus kleinen Knötchen oder Zäpfchen zwischen diesen Schuppen, die anfangs rein als Sinnesorgane, als Tastorgane dienten. In solcher Form, als feinste Vor¬ sprünge der Haut, die dem Tasten dienten, finden sich haar¬ ähnliche Gebilde massenhaft in der ganzen Tierwelt entwickelt. Indem sie den Wärmeschutz jetzt übernahmen, wurde die Schuppe daneben bloß ein Hemmnis und verkümmerte in diesem Falle ganz. Wahrscheinlich ist in beiden Fällen, bei Feder sowohl wie Haar, die eigentliche umbildende und fortentwickelnde Macht die äußere Kälte selber gewesen. Der Gegensatz innerer Wärme und äußerer Kühle wirkte auf die Haut als Reiz, das Blut strömte kräftiger zu, die Haut wurde energischer ernährt und begann all ihre Gebilde strotzender, üppiger zu entfalten — und das Ergebnis war abermals etwas, das wieder dem ganzen Körper in seinem Wärmeschatz trefflich zu statten kam: die Aus¬ bildung von Haaren und Federn und damit einer köstlichen Schutzwand gegen die äußere Kälte selbst. Eine befiederte oder behaarte, warmblütige Eidechse mochte jetzt auch in recht bitterer Kälte ihre volle Lebensfrische sich wahren. Aber wenn sie so weit war, so war sie eben keine alte echte Eidechse mehr. Ein Tier mit warmem Blut und Federn: das war der Schritt zum Vogel. Ein Tier mit warmem Blut und Haaren: das war der Schritt zum Säugetier. Haar und Feder schließen sich aus. Hier liegen zwei verschiedene Wege, einer so, einer so. Wohin gehörst du? Laß deine Kleider einstweilen noch einmal bei Seite und frage deinen nackten Leib. Du hast keinen leisesten Ansatz zu Federn. Dagegen hast du am Kopf, unter den Achseln und über dem Geschlechtsteil ganz unzweideutige inselartige Flecken auf dir noch von Wollhaar. Und wenn du genau hinschaust, so siehst du auch sonst deinen Leib allenthalben noch wenigstens mit Miniatur-Härchen dicht überzogen, die allerdings aus irgend einem Grunde verkümmert und wieder bis auf die Stufe mehr von feinsten Tastspitzchen statt eigentlichen Wärme-Schutzhaaren herabgegangen sind. Ein Haartier bist du, kein Vogel. Der Vogel ist eine Separat-Anpassung für die Luft. Aus springenden Eidechsen, die von Baum zu Baum sausten, ist er geworden. Bei ihm erhielt die Warmblütigkeit noch eine besondere Ausdehnung nach einer Seite, wie sie im Wasser der Fisch sich durch die Schwimm¬ blase errungen hat. Der Vogel füllte seine hohlen Knochen mit heißer Luft und entwickelte so Eigenschaften eines echten Luftballons. Gleichzeitig machte er aus seinem äußeren Wärme¬ schutzmittel, der neu errungenen Feder, sofort auch noch ein Bewegungsvehikel: er vergrößerte sie zur Schwungfeder, bildete seine Vorderbeine zu einer kunstvollen Stütze dieser Bewegungs¬ federn um und erreichte so durch Kombination von Luftballon und Schwungflügel sein höchstes Entwickelungsziel, über das er nicht mehr hinausgekommen ist: den Flug. Der Flug hatte ja letzten Endes noch wieder seinen Gewinn umgekehrt auch für die Wärme-Frage; mit ihm war dem Vogel gegeben, der äußersten Winterkälte einfach auch noch durch Bewegung, durch 7 zeitweisen Ortswechsel aus dem Wege zu gehen. Die Schwalbe und der Storch wissen ein Lied davon. Sie wandern, wenn der Winter kommt, und Ozeane und Erdteile sind ihnen ein Spiel auf ihrer freien Fahrt durch das Luftblau. Aber das war auch der letzte Trumpf. Dabei ist der Vogel stehen ge¬ blieben. Folge dem Raubvogel da drüben über dem Wald. Wie er Kreise zieht, wunderbar, mit einer Kunst, die ihm selbst der kluge Mensch so individuell frei heute noch nicht nachmachen kann. Und nimm die grüne Eidechse hier daneben. Das ist die Eidechse dort, warmblütig geworden, luftballonleicht, mit Federkleid und mit Schwungfedern zum Flug. Und doch nur ein Vogel. Du bist mehr. Du mit deinen Haaren. Jedes Löckchen da an deinem Leibe, bis zu dem goldigen Flaum, der nur noch wie Stäubchen dir auf Arm und Schenkel schimmert — sie reden von deinem Schicksal, das den anderen, den höheren Weg ging. Über das Haartier. Das Säugetier. D ie große Sortiermaschine holt zum letzten Zuge aus, du klapperst die äußersten Löcher durch. Unendlich leicht ist aus hundert Gründen zu belegen, daß du wirklich ein regelrechtes Säugetier bist. Deine Brustwarzen, zum Milch¬ saugen angelegt, predigen es dir. Laß aber auch ein Tröpflein deines „ganz besonderen Saftes“, des Blutes, rinnen und be¬ trachte es im Mikroskop. Da treiben in der Welle rote Körperchen, von denen das Blut seine rote Farbe hat. Diese Blutkörperchen sind kreisrund, und in ihrem Innern weisen sie keinen Kern. Vergleiche damit die Körperchen im Blute anderer höherer Tiere. Seltsam: beim Vogel, bei der Eidechse, beim Molch, beim höheren Fisch giebt es im Blute auch welche. Aber dort sind sie nicht allemal rund, sondern länglich, und im Innern steckt allemal ein kleiner Kern. Vergleichst du da¬ gegen mit Säugetieren, wie Hund und Hase, Igel und Fleder¬ maus, Pferd und Affe: immer fehlt hier genau wie bei dir der bewußte Kern. Und wenn du bloß von den Kameelen absiehst, die ihre Eigenheit sich wahren, so hast du auch bei allen Säugetieren jene charakteristische runde Form der roten Blutkörperlein im Gegensatz zur länglichen, also auch wieder eben das, was du selber dein eigen nennst. Säugetiere! Schließlich ist auch das noch ein bunter Troß. Da teilen sich zunächst ab gewissermaßen drei Stock¬ werke. Im untersten sieht's noch ziemlich altertümlich, ziemlich ärmlich aus, wie in einer Großmutterstube im Erdgeschoß, wo noch das Spinnrad flirrt. 7* Da sitzen die Schnabeltiere, kurioseste Gesellen im heutigen Australien. Sie markieren noch mit unverwüstlicher Altentreue die Grenze vom Säugetier zur Eidechse. Noch heute legen sie Eier wie diese, wenn auch schon mit einigen fortschrittlichen Zuthaten hinsichtlich der Ernährung. Noch heute ist ihr Blut ganz auffällig schwach geheizt, daß man sich an die Scheide zum „Wechselwarmen“ zurückversetzt glaubt. Das hast du alles gründlich überwunden, und ein Schnabeltier bist du also un¬ bedingt nicht mehr. Ein Stockwerk höher hausen die sogenannten Beuteltiere, die zwar keine Eier mehr legen, aber ihre ganz unreif geborenen Jungen in einem warmen Brutbeutel am Bauche mit sich her¬ umschleppen. Dein Menschenbauch hat keine Tasche der Art mehr. Das neue Menschlein wächst sich bis zur reifen Geburt im Innern aus. Also Beuteltier bist du auch nicht: kein hüpfendes Känguruh, kein schwerfälliger Beutelbär, kein bissiges Opossum, das in Nordamerika nachts dem Farmer die Hühner murkst und aussaugt und, wenn du es fassen willst, hoch im Baum an seinem lustigen Wickelschwanze vom Ast baumelt. Jetzt kommt aber die oberste Schicht. Die eigentlich ganz echten Säugetiere im gangbaren Sinne. Gieb mir deine Hand. Diese schöne Hand. Ein Kunstwerk ist sie, sie, in der so viel Menschenkunst umschlossen liegt. Aber auch eine weise Hand. Der Mystiker suchte in ihren Linien das Schicksal zu lesen. Der Freigeist hat das verlacht. Es liegt aber mehr Schicksal wirklich in dieser Hand, als in tausend sibyllinischen Büchern unserer Klügsten. Schon einmal hat sie uns geleitet. Jetzt, zu den letzten Staffeln, brauchst du nichts mehr als sie. Laß sie im Geiste alle an dir vorbeiziehen, die Säugetier- Geschlechter oberhalb des Känguruhs. Wie eine große dumpfe trampelnde rasselnde brüllende Vision. Und recke bloß deine schöne weiße Hand hier dagegen aus — an diesem Felsen wird der ganze Spuk sich brechen, bis der Rechte vortritt, den du brauchst. Da drängt es sich heran von Gestalten aller Art, die haben alles mögliche, aber sie haben gerade von dem, was du ihnen da entgegenstreckst wie Fausts Zauberschlüssel, schlechter¬ dings selber gar nichts: sie besitzen keine Hand. Wie sollten sie sie haben! Auf vier gleichartigen Flossen stelzte sich der Fisch aus dem Wasser aufs Land. Das wurden vier Beine dann. Auf vier Beinen, normaler Weise mit je fünf Zehen, lief das alte Eidechsenvolk, aus dem das Säugetier heraufkam. Auf solchen vier Patschen läuft genau so noch das Schnabeltier. Also Vorderfüße, Hinterfüße. Aber wo soll die Hand zunächst herkommen? Was ist die Hand eigentlich im Gegensatz zum Fuß? Ein Greiforgan . Ja, da liegt ihr ganzer Zauber! Der Fuß tritt auf und bewegt den Körper auf der Fläche dahin. Die Hand aber faßt, langt, greift. Hier mischen sich in deinem Menschenkörper zwei wunderbare Dinge. Aufrechter Gang auf den Hinterbeinen. Und zugleich Umwandlung der Vorderbeine zu einem raffiniertesten Greiforgan. An diesem Sachverhalt laß jetzt die da drüben Revue passieren. Das Laufen auf zwei Beinen ist ja ganz tief bei den Eidechsen selber schon probiert worden. Alte Saurier der Ur¬ welt liefen, hüpften, balancierten sich so in kleinem wie riesigstem Format. Von da hat's der Vogel mitbekommen. Der verliebte Haubensteißfuß dort im See läuft in diesem Punkte genau so wie du: er hat echte „Beine“ mit Füßen daran. Aber seine Arme haben keine Hände entwickelt, sondern Flügel. Er wollte eben nicht greifen, sondern fliegen. Also Apage! Das Säugetier ist ja auch gar nicht über diesen Vogel weggegangen. Sondern für sich separat wieder von der schlichten vierbeinig laufenden Eidechse des flachen Bodens aus. Ihr entspricht jenes Schnabeltier, mit dem die Säugerreihe anhebt. Aber da ist im nächsten Stockwerk, bei den Beuteltieren, das Känguruh. Es läuft wie ein Vogel gewohnheitsmäßig jetzt auch als Säugetier auf den Hinterbeinen, und die Vorderbeine sind klein wie Zwergenärmchen. Bloß daß an diesen Ärmchen auch hier noch keine eigentliche Hand ist. Doch da sind andere Beuteltiere, die klettern auf Bäume. Ihre Pfoten nähern sich unverkennbar der Handform, wenn schon noch ohne Erreichen. Auch der Hüpffuß des Känguruhs ist ja noch durchaus kein echter Menschenfuß. Alles ist erst wie ein Ahnen. Wie Stücke, Fragmente, die da, dort herumschwimmen. Wer wird sie einigen, vervollkommnen? Es scheint geradezu unmöglich. Wie kann ein Tier zugleich klettern, um Hände zu bekommen — und auf den Hinterbeinen hüpfen, um sich echte Füße im mensch¬ lichen Sinne anzulegen? Es giebt ein Känguruh auf Neu- Guinea, das auf Bäume klettert. Aber es bleibt Zwitterei ohne echten Fortschritt. Nun kommen die höchsten Säuger-Gruppen. Die Beutel¬ tierstufe wird überhaupt verlassen. Anpassungen aller Art werden versucht. Das Prinzip, das wir suchen, scheint zunächst selbst in seinen Anfängen verloren, aufgegeben. Da ist die un¬ geheuer vielgestaltige Gruppe, die das Wort „Huftiere“ zusammen¬ faßt. Von Klettern wie von Hinterbein-Hüpfen keine Spur. Alle vier Gliedmaßen fassen die Erde. Auf ihnen laufen ist Trumpf. Es wird so gut gemacht wie denkbar. Da kommen die Elefanten. Da die Nilpferde, die Schweine, die Kameele, die Hirsche, die Ochsen und Schafe. Da kommen der Tapir, das Rhinoceros, das Pferd. Nicht zu rechnen so und so viel heute schon ausgestorbene Urweltler. Im Pferde ist das Lauf-Problem auf dem Gipfel seiner Lösung. Alle vier Beine stelzen nur noch auf einer einzigen Zehe, die ein solider Huf schützt. Weiter ab vom Problem „Hand und Fuß, Greifhand und Geh¬ fuß“ konnte die Entwickelung sich kaum verlieren. Also „vor¬ über, ihr Schafe, vorüber.“ Um deinen Zauberstuhl rauscht auf einmal das Meer. Als wollten die Fische noch einmal wiederkommen. Es kommen aber nur Säugetier-Gruppen, die sich nochmals dem Leben im Wasser rückwärts angepaßt haben. Walfische und Seekühe. Diese Fisch-Renegaten haben die Hinterbeine überhaupt ab¬ geschafft, ihre ungeschlachte Körperwalze läuft hinten zu wie in einen gekreuzten Wurstzipfel und die Vorderpfote ist Schaufel¬ flosse mit unbewegbaren Fingern geworden. Vorbei, vorbei! Da sind die Gürteltiere, Ameisenfresser, Schuppentiere und Erdferkel, noch ganz niedrige, urweltliche Gesellen, zum Teil in derben Panzern wie Schildkröten. Sie graben ursprünglich alle in der Erde, und ihre Füße sind Scharrschaufeln geworden. Wohl sind dann ein paar Formen im Urwald auch zu Kletterern geworden: das Faultier hängt träge im Blätterdach. Aber statt der Hände hat es starre Kleiderhaken sich entwickelt, die Grab¬ schaufel zu einem Ding beinah wie eine Eishacke, mit der es sich von Ast zu Ast zieht, umgeformt. Nichts für dich! Graue Gespensterscharen in der Luft, am Zweige hängend wie ein eingeklappter Regenschirm: die Fledermäuse. Zwischen ihre riesenhaft gespreizten Finger ist die Haut in breiter Fläche eingewachsen, bis ein schwaches Flugorgan entstanden ist. Ein Renegatenzug zum Vogel! Aber das äußerste Gegenteil von Lauffuß und Kletterhand. Vorbei! Die Raubtiere. Bei ihnen ist die Klaue in erster Linie Waffe geworden. In furchtbaren Krallen, nicht mehr zum Graben, sondern zum Packen der Beute, konzentriert sich ihre wichtigste Leistung. Die so bewehrte Pranke ist Messer, Schwert, Streitaxt. Aber die Waffen sind da¬ bei angewachsen, sind Organ. Wäre die Hand frei beweglich wie bei dir, so könnte sie sich Waffen jeder Art aus fremden Stoffen schmieden. Aber so ... vorbei! Die Nagetiere. Da hüpft die Springmaus wieder auf den Hinterbeinen wie das Känguruh. Folge dem Eichkätzchen, wie niedlich es Männchen macht und die Frucht mit den Vorder¬ füßchen zum Munde führt, wirklich fast wie mit Händen. Aber auch an diesen Händen sitzen noch keine Nägel, sondern scharfe spitze Krallen. Und der Fuß der Springmaus ist noch ganz und gar kein Gehfuß. Immerhin ist an diesen kleinen Gesellen etwas wie ein Ahnen, ein Vordeuten, als sollte es hier herum auf dich losgehen. Eine alte Gruppe sind diese Nager, sehr früh und vielleicht sehr für sich hervorgegangen aus den Beutel¬ tieren. Das gilt aber noch mehr von einer ganz kleinen anderen Säugergruppe. Siehst du die braunen Erdhügel dort im Grase — mit fabelhafter Wucht durch den zähen Uferboden heraufgestoßen von einem wühlenden Gesellen, der, ein Liliputer an Größe, doch eine Herkuleskraft in sich hegt — dem Maulwurf! Nur zwei Stammesbrüder hat er noch hier im Lande: die Spitz¬ maus und den Igel. Das Trio bildet die Gruppe der so¬ genannten Insektenfresser. Wie Schnabeltier und Känguruh sind sie Nachzügler einer entschwundenen Zeit. Sie haben wohl den Ichthyosaurus noch gekannt, wahrscheinlich sind sie über¬ haupt die allererste Säugersorte gewesen, die in der Entwickelung sich über Schnabeltier und Beuteltier erhoben hat. Ja, so viel der Volksmund auch über ihn scherzen mag, über den ehrsamen Herrn Swinegel: er ist ein Urweltfahrer, ein grauer Anachoret, der einst im Morgenrot des ganzen höheren Säugetiervolks gestanden hat — von allen Säugetieren deines deutschen Landes mindestens das älteste und merkwürdigste. Deine Hochachtung muß sich aber noch mehren, wenn du er¬ fährst, daß dieser Igel aller Wahrscheinlichkeit nach auch noch in deiner eigenen Menschwerdung auf Erden eine Rolle ge¬ spielt hat. Der Igel selber ist ja weder ein Hinterbeinläufer noch ein Handkletterer. Menschenunähnlicher kann nicht leicht ein Tier aussehen. Aber darauf kommt's hier nicht an. Schon sein Stachel¬ kleid verrät, daß Herr Swinegel ein uralter, den reptilischen Säugerahnen näherer Epigone in unserer Zeit ist. Dreimal im ganzen nur im Bereich der Haartiere kommt solche sonderbare Stachelei vor. Einmal noch bei sehr niedrigen und altertüm¬ lichen Nagetieren, den Stachelschweinen. Und dann, bezeichnen¬ derweise, beim Schnabeltier, das noch Eier legt und geradezu erst auf der Grenze von Reptil und Säugetier steht. Das Land-Schnabeltier von Australien und Neu-Guinea gleicht sehr auffällig in seinem Stachelrock dem Igel. Also in diesem Sinne knüpft der Igel noch ganz unten an. Die Linie läuft für ihn bloß: Eidechse, Schnabeltier, Beuteltier — dann kommt er. Was sich jenseits der Beuteltiere sonst an jenen anderen großen Säugergruppen herangebildet hat, geht ihn in seiner unmittel¬ baren uralten Angliederung nichts an. Umgekehrt aber: und jetzt kommt das eigentlich Entscheidende, hat der Igel nach oben über sich hinaus wieder eine Ent¬ wickelungslinie angeregt . Noch heute hat der Igel auf den tropischen Sundainseln gewisse entfernte Verwandte, die sogenannten Spitzhörnchen, die gleich Eichkätzchen auf den Bäumen klettern und zugleich treffliche Springer mit ziemlich langen Hinterbeinen sind. Aus solchen insektenfressenden Kletterkünstlern scheint sich nun in ebenfalls sehr grauen Tagen die letzte Säuger¬ gruppe entwickelt zu haben, die uns überhaupt jetzt noch übrig ist — nämlich die Affen. Den Übergang bildeten dabei die sogenannten Halbaffen, ein sonderbares, nächtlich lebendes Geschlecht bereits aus¬ gesprochener Kletterer, das, einst weit verbreitet, heute auf der Erde größtenteils ausgestorben ist und in einer Anzahl von Nachzüglern hauptsächlich nur noch die große geheimnisvolle Insel Madagaskar bewohnt. Diese Halbaffen oder Lemuren sind, wenn du auf der Suche nach dir selber zu ihnen kommst, nun endgültig der Zeichen und Vordeutungen allenthalben voll. Hier bei diesen Halbaffen ist der entscheidende Griff gethan, auf den du so lange gewartet hast. Gieb ihnen die Hand hin, den „schlottern¬ den Lemuren“, wie sie zu deinem Hexenkessel von den Urwald¬ ästen verschollener Tage und aus den Nachtwäldern Mada¬ gaskars huschen — eine Hand legt sich auch in deine Hand. Da stellt sich der Daumen schon beweglich den anderen Fingern gegenüber. Da formt sich die Kralle zum Nagel um. Es ist die erste Hand des Weltenwerdens, die sich zu dir reckt. Der Fuß der Igel und Schnabeltiere, zum endgültig praktischsten aller Greiforgane umgeschaffen im äußersten Triumph des Kletterberufs. Seltsamstes Volk fürwahr, diese Lemuren. Da ist das Koboldäffchen oder der Gespenstermaki, mit riesigen Nachtaugen. Auf den Gewürzinseln Asiens haust er. Mit seinen langen Springbeinen und Kletterhänden zugleich ist es, als sei that¬ sächlich eine Springmaus hier auf die Zweige gestiegen. Und in dieser aufrechten Gestalt starrt dich das Gespenstlein beinah schon an wie ein verwunschenes Menschen-Zwerglein. Gerade es steht deiner Ahnenreihe auch zweifellos irgendwie besonders nahe. In Amerika sind versteinerte Reste solcher Kobolde ge¬ funden worden, die in all ihrer Kleinheit doch so riesige Ge¬ hirnhöhlen haben, daß man sie geradezu „ Homunculus “, das Zwitter-Menschlein, benannt hat. Trotzdem ist jene scheinbare Vereinigung von Hüpfen auf langem Hinterbein und Klettern mit den Pfoten auch hier noch nicht das Entscheidende gewesen — das machte nur noch einmal dasselbe vor, was Kletter- Känguruh und Kletter-Igel schon früher vollbracht. Der wahre Weg zum gehenden und greifenden Menschen ging vielmehr über etwas, was zunächst wie ein Abweg aussah. Der Halbaffe, ganz allgemein, war, wie gesagt, der Gipfel zunächst im Klettern. Für die Zwecke des Kletterns formte er seine vordere Igelpfote zur Hand. Für die Zwecke des noch ausgiebigeren Kletterns ging er dann aber noch einen Griff weiter: er formte auch noch seine Hinterpfoten ebenfalls zur Hand. Nicht nur das erste „Handtier“ wurde er — er wurde sogleich das Extrem des Handtiers: — ein Vierhänder. Also etwas, was du nicht bist. Es scheint ein Abweg, gleich bei der ersten entschiedenen Staffel zu dir. Und doch ist es keiner. Aus dem Halbaffen wurde eines Tages der echte Affe. Jene bunte Reihe vom winzigen gelben Löwenäffchen bis zum grotesken rotnasigen Mandrill und bis zum unheimlichen schwarzen Gorilla, der dich an Größe und physischer Kraft überragt. Vom Halbaffen schon erbte dieser Affe die vier Hände — das heißt: die Umwandlung auch der Hinterfüße zu Greiforganen. Er aber kam damit noch eine Stufe weiter. Indem er die Kletterei so intensiv wie möglich forttrieb, entstand eine Weile ein Fortgang der Art, daß seine Vordergliedmaßen, seine Arme, die immer mehr vor griffen, während die Hinterhände bloß stützten beim Klettern im Geäst, sich länger entwickelten als die Hinterbeine. Das erreichte seinen Gipfel bei dem Gibbon- Affen. Einen Meter etwa hoch, klaftert er mit ausgebreiteten Armen das doppelte. Gerade diese Gibbon-Affen hatten sich nun sonst in allem sehr günstig weitergebildet. Ein solcher Gibbon hat hinten schon keinen Schwanz mehr, genau wie du. Ein solcher Gibbon singt dir die Tonleiter fehlerlos vor, was kein Säugetier sonst kann. Vom Nebelfleck an — es giebt kein Gebilde der ganzen dir bekannten Welt, das eine so verführerische Ähnlichkeit mit dir hätte wie ein solcher Gibbon-Affe. Bloß: auch er ist zunächst noch das ausgesprochenste Klettertier. Er hat deine Gehfüße noch nicht. Ihn jetzt mit dem Känguruh oder der Springmaus verquicken — und wir hätten dich! Halt aber. Er selber steigt vom Baum. Und nun macht er dir vor, daß er thatsächlich mehr ist als Känguruh und Springmaus. Durch seine Kletterei selbst hat er gerade sie überwunden — überwunden in demselben Augenblick, da er zum erstenmal vom Baum herabsteigt. G ibbons hausten in einem Gehölz. Der Ort ist ihnen verleidet. Sie werden hier verfolgt oder sonst etwas. Drüben, jenseits eines Stückes Flachboden lockt ein anderer Baumfleck, der ungestörter erscheint oder bessere Nahrung giebt. Es sind ja schon enorm kluge Tiere, die kalkulieren. Also auf dahin. Der Gibbon steigt vom Baum und schickt sich an, die zwischen¬ liegende Landstrecke zu nehmen. Im ersten Moment scheint das verzweifelt schwierig. Das nächste wäre ja: auf allen Vieren laufen, wie die Ahnen, die Igel, Beutelratten und Schnabeltiere gelaufen sind. Auf der Fläche aller vier Hände! Aber wie die Viere zugleich ins Tempo bringen? Die Vorder¬ arme sind viel länger als die Hinterglieder. Es geht nicht! Der Körper ist aber doch beim Klettern schon so unzählige Male frei aufgerichtet worden. Also versuchen wir's so, hoch auf den Hinterbeinen. Wie Känguruh und Springmaus hüpfend geht's freilich auch nicht — mit diesen aufgesetzten platten hinteren Handflächen und diesen schweren schlotternden Armen. Da muß nochmals die Schläue helfen. Das ganz beträchtliche Gehirn liefert sie ja. Die Hinterhände müssen als Gehfüße nicht hüpfend, sondern festschreitend Boden fassen, und zugleich müssen die Arme irgend¬ wie in die Balance gebracht werden. Ein ähnlicher großer Affe der Art, der Orang-Utan, stützt sich vorgebeugt einfach gehend auf die Vorderhände. Der Gibbon aber macht's noch schlauer. Er hebt die langen Schlenkerarme bis über den Kopf herauf, knickt die Hände nach außen um und läuft so, etwas torkelig wohl noch, aber immerhin im Gleichgewicht, schnell da¬ hin auf den nächsten Wald zu. Triumph! Mit dieser einfachen Leistung ist das „Bewegungsproblem Mensch“ gelöst. Auf Java sind die Knochenreste eines Gibbon- Affen gefunden worden, der im Gehirnraum seines Schädels genau schon die Mitte hielt zwischen Gorilla und Mensch und der gleichzeitig bereits so famos gestreckte Oberschenkel besaß, daß aufrechter Gang bei ihm schon feste Regel gewesen sein muß. Von diesem Wesen ist mit scharfer Definition nicht mehr auszusagen, ob es noch Affe — oder schon Mensch war. Es war der Affenmensch. Vom Baumleben hatte er sich dauernd entfremdet. Damit war jene übermäßige Kletter-Verlängerung der Vorderarme, wie sie der echte Gibbon zeigt, bei ihm von selbst wieder rück¬ gebildet worden. Bloß die Beweglichkeit des Armes und die famose Hand hatte er sich bewahrt. Seine Hinterhände aber hatte er zu dauernden Gehfüßen werden lassen. Du magst dich wehren oder nicht: mit einem Wesen dieser Art, dessen Knochen heute im Museum zu Leiden zu jedermanns Kenntnisnahme liegen, bist „du“ im wesentlichen einfach er¬ reicht . Die Sortiermaschine wirft dich ins letzte Loch. Du bist ein höchst entwickelter Affe . Du merkst wohl, was dein Leib, der alte Weise, dir eigentlich erzählt hat. Im Bilde dessen, was du bist, hat er dir gezeigt, wo du herstammst. Die Sortiermaschine, in der er dich weidlich hin und her geworfen hat, bis du endlich beim Affen herauskamst, ist in Wahrheit dein Stammbaum, das große heilige Pergament, das dir deine Ahnenreihe verbrieft. Er steht nicht in irgend welchen Phantasieen und visionären Träumen, sondern dein Leib selber lebt ihn noch heute in dir. Es ist eine ewige Gegenwart wirklich in den Dingen. Alles Gewordene schließt wie Jahresringe sein eigenes Werden ein. Nur dein Auge muß den Maßstab langsam dafür finden. Das Geistesauge der Menschheit nähert sich heute unverkennbar dem Punkte, wo auf langem Umweg durch tausend Einzelheiten der Forschung etwas derart sich auch bei ihm eingestellt. Es ist gleichsam, als strecke sich unser Zeitbegriff. Der Zeitbegriff ist ja etwas ganz relatives. Man kann ihn sich verengt und erweitert denken. Zum Beispiel du als Mensch in deinem gewöhnlichen Lebenszustande empfindest alles, was innerhalb etwa einer Sekunde liegt, als Eins, als Gleich¬ zeitiges, als „Augenblick“. Trotzdem kann sich in solcher Se¬ kunde zweifellos unendlich viel hintereinander abspielen, und rein gedanklich kannst du sie als Kreis eines ungeheuren Zifferblattes denken, auf dem der Zeiger genau so Schritt für Schritt dahin tickt wie der gröbere Zeiger deiner Stundenuhr. Wenn du dir denkst, dein Empfindungsvermögen sei plötzlich sehr verfeinert, so wäre nichts besonderes dabei, daß du wirklich in einer Sekunde eine Unmasse Vorgänge um dich her wohl geordnet nacheinander aufmarschieren sähest. Die Sekunde würde dir dann einfach stundenlang vorkommen. Es scheint sogar geradezu, daß unser Aufmerkungsvermögen in gewissen besonderen Lagen derartig erregt werden kann, daß es sich vorübergehend wirklich so stellt. In höchsten Gefahrmomenten erleben wir lange Ketten von Vorgängen, die uns endlos dünken, in einer Sekunde. Und im Traum hat wohl jeder schon mitgemacht, daß er einer langen, komplizierten Handlung folgt, die im Wachen viele Stunden, ja Tage in Anspruch nähme — wenn du aber hinter¬ her auf die Uhr siehst, so bist du kaum so lange eingenickt gewesen, als eine Uhr zwölf schlägt. Auf diesen letzteren Sach¬ verhalt führt sich (nebenbei gesagt) wohl auch jene oft beob¬ achtete Traumthatsache zurück: wir träumen eine lange Hand¬ lung, die auf einen Donnerschlag oder Schuß abzielt, vielleicht das Aufsteigen eines Gewitters oder Vorbereitungen zu einer Pulverexplosion oder ähnliches — endlich kommt auch der Schlag ... in diesem Moment aber erwachen wir und hören wirklich einen lauten Ton, etwa den Schlag des weckenden Hausknechts gegen unsere Zimmerthür. Man fragt sich, wie das möglich war. Haben wir prophetisch geträumt? In Wahr¬ heit hat sich die ganze Traumerfindung einfach innerhalb des winzigen Zeitbruchteils erst angesponnen und bewegt, die der Klopflaut selber umfaßt; im Wachen empfinden wir ihn als eine einzige momentane Schallempfindung; der Traum aber hat mit seinem schnelleren Zeitmaßstab eine lange Folgekette von Ereignissen zwischen seinen Anfang und sein Ende hinein¬ gedichtet. Solche Verschiebungen ließen sich nun leicht auch umgekehrt nicht bloß ins Kleine, sondern auch ins Große hineindenken. Stelle dir einen Zeit-Maßstab vor, bei dem ein Jahr etwa das Wesen einer Sekunde annähme. Alle seine Vorgänge drängten sich einem Auge, das so empfände, in einen einzigen Moment, in einen „Augenblick“ einheitlich zusammen. Was aber von Jahren gelten mag, ließe sich schließlich auch ganz genau so gut von Jahrhunderten, Jahrtausenden, ja von Jahr¬ millionen ausdenken. Da sähe ein Auge in ein einziges Mo¬ mentbild verschmolzen unermeßliche Entwickelungsketten, von Nebelflecken bis zu Planeten mit Menschenkunst und Menschen¬ liebe. Hast du aber wohl einmal daran gedacht, daß du mit deinen Menschenaugen in gewissem Sinne wirklich so siehst? Und daß alle deine Geschichts- und Naturforschung ins Detail des Alten und entwickelungsgeschichtlich Früheren hinein eigentlich nichts ist, als ein Versuch, in dein Augenblickssehen, das alles in eins sieht, wieder etwas von jenem feineren Sekunden- Maßstab zurückzubringen, auf daß das engere Entwickelungs- Gewebe noch einmal sichtbar werde? Du schaust deinen nackten Leib an. Als ein einheitliches Momentbild blitzt er in deine Seele. Aber in diesem nackten Leibe ist in Wahrheit alles umschlossen, was zwischen Nebel¬ fleck und Mensch liegt. Es ist in ein Schlußbild zusammen¬ fassend gezwängt — aber darin ist alles . Indem du die ganze Vorgeschichte daraus herauszulesen suchst, gliederst du dieses „Alles“ bloß dir Stück um Stück wieder in einen ver¬ tiefteren Zeit-Maßstab um — du liest gleichsam die Bruchteile der Sekunde Eindruck dieses nackten Körpers wieder hinein mit Hilfe eines bestimmten wunderbaren Traumes, über den sich die Menschheit als „Realität“ so ziemlich geeinigt hat: der Wissenschaft. Im Detail ist es ja vielfach noch so eine Sache sogar mit dieser Einigung, und mancher wird das, was der eine schon für Wissenschaft hält, noch schlechtweg und mit bösem Sinne Traum nennen. Das sei aber nun einerlei. Schließlich ist ja das ganze greifbare Ungetüm, das wir „Wirklichkeit“ nennen, überhaupt nichts anderes als ein durch Übereinkunft der sozial lebenden Kulturmenschheit von etwa fünftausend Jahren gleichsam konventionell anerkannter „Einzeltraum“ unter vielen — der logisch beste, glatteste, am häufigsten bei vielen gleichartig wiederkehrende und also sozial am einfachsten zu berechnende und zu verwertende Traum! Wobei denn immer noch kleine Grenzstreitigkeiten mit unterlaufen mögen ..... Über die darfst du dir nicht allzu viel graue Haare wachsen lassen. Die Hauptsache ist, daß du heute noch hier mit deinem warmen lebendigen liebesreifen Leibe an diesem hellen Maien¬ tag die ganze Entwickelungslinie vom Urnebel bis zur ersten Zelle, von der ersten Zelle zum Wurm, Fisch und Molch und endlich bis zum Menschen herauf in dir selber verkörperst . Je nachdem ich dich heute zerlege mit meinem Geschichts- Maßstab, bist du auch jetzt noch Nebelfleck, Urzelle, Wurm und Fisch. Mit all dem früheren zusammen bildest du eine einzige ungeheure Einheit. In der Sekunde, da ich dich hier an¬ schaue, durchdrungen von dem andächtigen Gefühl „Welch herr¬ liches Kunstwerk ist der Mensch“ — in dieser Sekunde strahlt dein Körper mir alle jene Jahrmillionen der Entwickelung wie aus einem Brennspiegel der Zeit entgegen. Wie dein Leib räumlich nicht hier endet, wo dein Auge lacht, sondern in Wahrheit bis zur Sonne und bis zum Sirius reicht, die er trotz ihrer räumlichen Entfernung von Millionen und Billionen Meilen mit dem kleinen Hautstückchen seiner Netzhaut im Auge noch leibhaftig tastet — so hört auch dein Zeitleib nicht auf mit dieser Sekunde, noch mit den paar Jahren deiner ganzen sogenannten Menschenexistenz — er hört nicht auf mit den paar Jahrhunderttausenden der ganzen sogenannten Menschheit; sondern er greift in sich zusammen wie ein kosmischer Winkel¬ ried die Speere aller Jahrmillionen hinter sich und aller Formen in diesen Jahrmillionen, die auf ihn angegangen, die „ er selbst “ jemals gewesen sind. Im Sinne dieser höchsten und freiesten philosophischen Betrachtung laß uns jetzt versuchen, unserm weisen Leibe auch die zweite und engere Frage vorzulegen: was ist die Liebe des Menschen? Die einzelnen Organe, Magen, Hirn, Rückgrat, Lunge, Hand haben uns so ziemlich durchgeholfen für eine Angliederung des heutigen Menschen an einen riesigen Organismus, der in Aonen der Zeit sich fort und fort gewälzt hat und endlich ganz und gar in ihm aufgegangen ist. Unsere zweite Frage jetzt muß nun ein engeres Organ nochmals herausgreifen und in dieser ganzen umfassenden Bahn uns vor Augen stellen. Du begreifst, was allein für ein Organ da in Betracht kommen 8 kann: das Geschlechtsorgan. Indem wir uns das Recht jenes Blumenstandpunktes vollends wahren, stellen wir es unbefangen jetzt in den Mittelpunkt unserer Erörterung, gleichwie wenn eines jener lieben Vergißmeinnicht-Blauäugelein oder Myrthen- Sternchen uns naiv seine Befruchtungsseite im hellen Lichte entgegen reckte. D ie friedliche Betrachtung der menschlichen Geschlechtsteile führt uns in allererster Linie vor die schon in diesem Plural gegebene Thatsache: daß es sich nicht um den Geschlechtsteil handelt, sondern um „die“ in der Mehrheit. Der Zweiheit. Der Mensch, wie er sich uns als Geschlechtswesen präsen¬ tiert, ist zunächst unabänderlich auch eines jener Doppelwesen mit Geschlechtertrennung. Hie Mann, hie Weib. Hie männ¬ liches Geschlechtsteil, hie weibliches. In Summa Geschlechtsteile. Diese Thatsache ist von Anfang an überaus wichtig. Sie lehrt uns nämlich folgendes. Bei der ganzen Organbetrachtung, der wir bisher gefolgt sind, bei Magen, Hirn, Knochengerüst, Lunge, Hand und so weiter, konnten wir immer von einem Körper allein ausgehen. Wohl ergab dieser Körper in sich schon gewisse Notwendigkeiten, wo er nach dem Fenster-, Räder-, und Ruderprinzip eine Zweiteilung der Organe in sich selbst möglich und nötig machte: zwei Arme und Beine, zwei Lungenflügel, auch zwei Gehirnhälften und so weiter. Aber schließlich blieb das alles im einen und gleichen Leibe umfaßt. Bei den Geschlechtsteilen dagegen kann ich nicht zu dir sagen: zieh dir die Kleider aus und wirf dich nackt ins Gras und laß dich von diesem deinem Leibe belehren. Hier mußt du in der Idee dir etwas ergänzen. Du mußt dir zwei Leiber so denken, einen männlichen und einen weiblichen. Mit dem kleinen Wörtchen „zwei“ springst du aber um einen wahren Weltenabstand. Eins heißt Einsiedelei. Zwei heißt Soziales. 8* Mit den Geschlechtsteilen, das mußt du dir geradezu als Grund¬ these einprägen, sprengst du auch beim Menschen den konven¬ tionellen Individual-Begriff nach oben hinaus . Das ist so zu verstehen. Du, — wie du hier vor mir sitzst und dir von der Ur¬ geschichte der Liebe erzählen läßt — was bist du? Ein Mensch. Ja wohl, aber es giebt 1500 Millionen Menschen rund gerechnet auf dem Planeten Erde. Was bist speziell du bei diesen Millionen? Du bist ein einzelner Mensch, ein ein¬ zelnes menschliches Individuum. Der Begriff Mensch oder allgemeiner gesagt, Menschheit zerspaltet sich auf der Erde in rund 1500 Millionen solcher Individuen wie du eines bist. Das Geheimnis dieser Zerspaltung beruht darauf, daß du dich, obwohl du „Mensch“ bist wie alle die anderen 1499 999 999 Menschen, doch noch als etwas besonderes darunter fühlst. Du fühlst dich als „Ich“, als gesonderten Punkt in dieser ungeheuren Kopfzahl, als Anschauungsmittelpunkt. Alle die anderen, obwohl auch zugestandenermaßen Menschen, stehen dir gegenüber als „Du“. In dir selber bist du der ewige Luther, der da sagt: „Hier stehe ich, ich kann nicht anders.“ Dieses Gefühl des Aufsichselbststehens, des eigenen Punktbildens, des innerlich unerschütterlichen Alpha und Omega, des aus dem Tiefsten herausgepreßten Bekenntnisses: „Hier stehe ich“, — das ist es, was man „Individuum“ nennt. Der Begriff ist eigentlich seelisch erschaffen worden, — oder besser noch gesagt: aus jenem reinen Grundzustande in uns heraus, der noch gar nichts mit der begrifflichen Trennung von Seele und Leib zu thun hat. Wenn du auf diese trennende Welt aber nachträglich dich einmal einläßt, so ist wohl zu merken, daß der Begriff des Individuums sich auch körperlich bei dir bis zu gewissem Grade fassen und greifen läßt. Du stehst nicht nur für dich, sondern auf einem gewissen Umwege greifbar auch für mich — also objektiv genommen — als etwas so zu sagen Einheitliches, im allgemeinen Menschentypus Individualisiertes vor mir, — obgleich ich in deine Seele nicht schauen kann, sondern mich an den sogenannten Leib halten muß. Und wenn du dich hier im Wasser abgespiegelt besiehst, also dich dir selber objektivierst, so siehst du da auch an dir einen Menschenkörper, der als solcher seine Besonderheiten wohl gegenüber allen anderen auf Erden hat. Das ist nun alles klar und hübsch, und wenn wir etz¬ welche Kunstausdrücke fortlassen, so wirst du sagen, daß das im Grunde eine wahre Bauern- und Barbiersweisheit sei, so selbstverständlich, daß es überhaupt nicht noch einmal gesagt zu werden brauchte. Nun habe ich dir aber früher einmal bekannt, du müßtest gerade zu dem Wörtchen Individuum noch ziemlich viel hinzulernen, um dieses Wortschifflein wieder ordentlich flott zu kriegen auf dem wilden Ozean moderner Welt-Ideen. Und da ist eine Hauptsache dieses. Du mußt dir sagen, daß eine Individualität zunächst nach unten zusammengesetzt sein kann aus so und so viel kleineren Individualitäten. Das sieht ja im ersten Moment aus wie eine Ungeheuer¬ lichkeit. „Ich“ soll aus etwas zusammengesetzt sein. Indivi¬ duum heißt ja grade: das Unteilbare. Ich bin ich und bin also nicht teilbar. Gemach. Nehmen wir einmal an, die Welt sei wirklich grob dualistisch geschieden in Seelisches und Körperliches. Ich halte diese Unterscheidung im Wesen für falsch und nehme sie ernstlich nur als nachträgliche begriffliche Trennung, die einen gewissen Finde-Wert hat. Aber einerlei. Es seien hier einmal wirklich zwei Wege des Erkennens. Und so nehmen wir also ein grobes Beispiel aus der körperlichen Welt. Hier ist ein dicker Sack und in dem Sack ist Sand. Der ganze Sandsack wiegt so und so viel. Er drückt auf die Wage mit dem und dem Gewicht. Diese Gewichtsziffer ist eine feste Größe. So viel Druckkraft übt der Sack als Ganzes aus. Sagen wir mal, diese Ziffer sei jetzt der Ausdruck der wirkenden Persönlichkeit, der Individualität „Sack“. Dieser Masse, die diese bestimmte Wirkung ausübt, entspricht auch hier eine äußere individuelle Form: wir sehen den Sack als solchen da stehen, sehen das Ding, das genau diese bestimmte Ziffer Druckkraft auf die Wage ausübt. Trotz alledem weißt du ganz genau: der Inhalt des Sackes besteht aus so und so viel einzelnen Sandkörnern. Jedes Sandkörnlein, für sich allein gedacht, würde nur ein Gewicht von höchstens so und so viel Prozent des Gesamtgewichtes haben. Für sich allein auf die Wage gelegt, wöge es das aber wirklich. Allein dahin gelegt, bildete es für sich eine ebensolche Einheit wie der ganze Sack, bloß eine in der Druckwirkung fast verschwindend schwächere Einheit. Nun sieh deinen Leib an. Auch zunächst rein körperlich. Er vollführt gewisse Leistungen, genau wie der Sack seinen Druck auf die Wage ausübt. Und doch kannst du auch in diesem deinem Leibe eine innere Vielheit körperlich sehr gut erkennen, — genau so wie im Sack die Sandkörner. Ich lasse beiseite, daß dein Leib aus kleinsten Teilchen seiner stofflichen Elemente und seiner chemischen Verbindungen zusammengesetzt ist: den sogenannten Atomen und Molekülen. Das ginge ja noch unter die Sandkörnlein hinunter. Wie aus diesen der Sack, so ist aber dein Leib zusammengesetzt aus seinen Zellen. Diese Zellen sind kleine Teilchen belebter Masse, die deinen lebenden Körper so zusammensetzen, daß jede ihre unverkennbare körperliche Einzelgestalt so weit bewahrt, dabei aber doch im Ganzen der neue, wieder ganz einheitliche Leib entsteht. Es geschieht das hier auf eine Weise, die an sich ja noch viel verwickelter ist als die einfache Zusammenhäufung der Sand¬ körnlein in unserm Sack. Die Zellenkörnlein haben sich näm¬ lich innerhalb ihres großen Leibessacks erst noch einmal zu kleinen Unter-Säcken gleichsam angeordnet: sie bilden Organe in dir, die als kleinere Zellgenossenschaften in dir so zu sagen erst eine Anzahl kleinerer Separat-Leiber bilden. Wir haben vorhin schon einmal davon gesprochen. Dein Magen, deine Lunge, dein Herz, dein Geschlechtsteil: das sind solche Separat- Leiblein in dir nochmals zwischen den Milliarden kleinster Zellen-Leiblein und deinem großen Gesamt-Leibe, den dein Ich gespiegelt sieht, wenn es hier ins blaue Wasser schaut. Doch das ist nur Nebensächliches. Nun aber zur Hauptsache: dein Leib existiert thatsächlich nicht bloß körperlich für dich als solches Spiegelbild im Wasser oder als greifbares, hörbares, sichtbares, objektives Ding für mich hier, — er ist zugleich innerlich und seelisch für dich dein „Ich“ selbst, — er ist deine geistige Individualität. Magst du dir vom Boden deiner Philosophie aus den Zusammenhang nun denken wie du willst. Im Sinne, daß der körperliche Leib das Seelische „bewirkt“ als eine Handlung so, wie der Sandsack als Ganzes einen bestimmten Druck auf die Wage bewirkte und sein „Gewicht“ hervorbrachte. Oder so, daß es überhaupt nur ein Ding bei dir giebt, das du je nachdem als Leib oder Geist auffassest. Oder so, daß du eigentlich nur Geist bist und der Leib erst durch eine Art Subtraktionsexempel in dir, aber stets per Denkprozeß , entsteht. Diese dunklen Wasser wollen wir hier nicht aufrühren. Das Wesentliche bleibt: der leiblichen Individualität bei dir zu deinen Lebzeiten entspricht offenbar auch eine seelische. Ist nun die leibliche Individualität nach unten zusammen¬ gesetzt aus kleineren, von ihr umschlossenen Individualitäten, — den Zellen und so weiter — so liegt mindestens eine hohe Wahrscheinlichkeit vor, das gleiche auch von der seelischen In¬ dividualität vorauszusetzen. Also von deinem „Ich“. Die Wahrscheinlichkeit wird fast zur Gewißheit im Moment, da du dir jene öfter zwischen uns jetzt schon erwähnte That¬ sache ins Gedächtnis rufst: daß mindestens jede Zelle auch eine seelische Individualität wirklich ist . Das klingt ja dem ungeübten Ohr immer wieder seltsam genug: jedes mikroskopisch kleine Zellchen da in deiner Haut, deinem Darm, deiner Leber oder Niere soll ein Seelchen für sich in sich tragen so gut wie es ein körperliches Einzel-Zellchen in dem großen Zellverbande deines Leibes darstellt! Und doch ist die Sache sehr wenig wunderbar, wenn du höchst simple, alltägliche Thatsachen ins Auge faßt. Da leben in Bazillen, Amöben, Moneren, Radiolarien und so weiter und weiter allerorten auf Erden dir lebende Wesen mit allen Zeichen selbständigen Lebens, die überhaupt nie etwas anderes darstellen als eine einzige derartige Zelle. Sie sind leiblich und seelisch vollkommenes Individuum wie du — und bilden doch nur eine Zelle, eines jener Körperchen, deren Milliarden deinen Leib aufbauen. Aus solchen Ein- Zellern hat geschichtlich sich erst der wunderbare Zellen-Staat deines Leibes entwickelt, — allmählich, erst als roher Zell¬ klumpen, dann, indem die Zellen dieses Klumpens eine feinere Arbeitsgenossenschaft mit Arbeitsteilung bildeten, sich in Organe sonderten, wie eine soziale Roh-Masse sich in Zünfte zerteilt, von denen diese die Stiefel macht, diese die Röcke und jene die Theaterstücke. Sollten die Einzel-Zellen dieses raffinierten Staates, den du als „Leib“ besitzst, in dir selbst keine Zell- Seele mehr besitzen, so müßten sie sie mindestens nachträglich noch wieder verloren haben! Aber haben sie das wirklich? Überlege dir nur eine einzige Thatsache, die aber so ein¬ dringlich spricht, daß eigentlich jeder Widerspruch augenblicklich verstummen muß. Denke dir, hier stände ein Mikroskop und durch dieses Mikroskop schautest du in das tiefste Wunder, das dein eigener Leib dir gewähren kann. Ein Tröpflein deines eigenen Samens soll in frischem warmem Zustande im Licht¬ felde des Mikroskops liegen. Das ist nun ein Teilchen, ein Tröpflein deines eigensten Leibes, ausgestreut, noch während deine leibliche und geistige Individualität als Ganzes fest besteht, gleichsam ins „Objektive“ hinein. Dir selber entgegentretend wie in geheimnißvoll ver¬ größertem Spiegelbild. Was siehst du? Dich durchdringt ein dumpfer Schauer. Du stehst in einem der ganz großen, ganz weihevollen Momente. Du siehst nicht in ferne Welten, in Doppelsonnen und Milchstraßen. Das hier ist ein Tröpflein von dir selbst. Ein Stücklein deines Ich. Sieh rasch zu. Es entschwindet, trocknet dir ein unter der Hand, es stirbt, roh losgelöst von dir. Aber noch lebt es. Ein weißer Fleck, ein kleines Meer. Und darin sich regend eine Menge winziger Körperchen. Sie zucken, bewegen sich von der Stelle, wimmeln stoßweise durcheinander. Jedes Körperchen ist ein einzelnes „Samentierchen“, eine einzelne losgelöste, befreite Zelle deines Leibes. An einer Stelle hat sich dein Zellenverband gelockert, hat so und so viel Einzelzellchen lebend aus sich entlassen. Das war der vortretende Samen. Und hier siehst du als Ganzes jetzt selber diese Zellchen. Sie bewegen sich, leben, jedes für sich. Jedes entspricht in seinen Lebensregungen auch äußerlich einem jener Urwesen, die nie etwas anderes darstellen als eine Zelle überhaupt. Warum soll nicht jedes dieser Samenzellchen auch ein echtes seelisches Individuum sein gleich diesen? Du erhebst aber den Blick vom Mikroskop. Dein Auge verliert das vergrößerte weiße Tröpflein, das aus deinem Leibe stammt. Und die große Welt taucht dafür vor dir auf. Sterne in unendlichen Weiten des Raumes. Und unendliche Folge der Dinge nacheinander in der Zeit. Sie sterben ja jetzt unter deinem Mikroskop hier, deine Samenzellen des Experiments. Ihre uns erkennbare Bahn ist vollendet mit dieser letzten That, daß sie dich vor eine der größten Offenbarungen über dich selbst gestellt, — daß sie dich dir selber in deinen individualisierten Teilen zeigten. Aber laß solches Samen¬ tierchen den rechten Ort erreichen, für den es die Natur bestimmt hat. Tief im Schooße eines liebenden Weibes die Ei-Zelle. Aus der Verschmelzung beider erwächst ein Kind. Es lacht dich an mit seinen lichten neuen Augen und greift nach dir mit seinen rosigen Händchen, — diesem Kinde wirst du doch die Seele nicht absprechen? Woher aber stammt sie? Aus jenen zwei vereinigten Zellen, der Samenzelle und Eizelle. Und du entdeckst im Charakter, in der Seele des Kindes Züge von dir. Es muß nicht bloß eine körperliche Zelle, — es muß Seele von dir eingeströmt sein in dieses Kind beim Zeugungsakt, — Seele mit jener einzelnen los¬ gelösten Zelle deines Leibes, der Samenzelle. Eine Seele mußte wohnen in diesem Zellchen, eine „Zell-Seele“, die, obwohl nur ein unendliches Bruchteilchen deines großen Mannes-Ich, doch eine Note trug von dir, ein geheimstes Erkennungszeichen, das der neuen Kindesseele einen Zug gab von „dir“. Was aber die Samen-Zelle bei dir besitzt, wenn du Mann bist, — die Ei-Zelle, wenn du Weib bist, — — warum soll es nicht jede Zelle deines Leibes besitzen? Jede auch eine Zell-Seele, jede auch einen seelischen Orientierungspunkt, ein „Ich“, eine echte geistige Individualität. Aus solchen Zell- Seelen, solchen geistigen Individualitäten setzt sich dann deine ganze Seele, deine geistige Ganz-Individualität genau so zusammen wie dein ganzer Körper, deine körperliche Ganz- Individualität aus den kleinen Zell-Leiblein. Dein „Ich“, subjektiv für dich die absolute Einheit, ist vom Standpunkt der kleinen Zellen-Ichs nur eine Klammer, ein Zusammenschluß. In der Klammer liegen die Zell-Seelen, vielleicht noch zu Organ-Seelen vereint, als Millionen subjektiver „Ichs“. Die Klammer aber ist abermals ein neues, höheres Ich, — als „Ich“ nicht teilbar, so wenig die Klammer als solche teilbar ist, — aber objektiv teilbar in dem, was innerhalb der Klammer steht. Bist du bis hierher dem Gedankengange gefolgt, so kann es eigentlich nichts Überraschendes mehr haben, wenn du dir nun auch solche Individuenzusammenschlüsse — seelisch wie körperlich — einmal noch oben über dich hinaus denkst. Ganze Menschen-Individuen, sich zusammenschließend zu In¬ dividuen nochmals höheren Grades ebenso, wie die Zell-Indi¬ viduen sich zu dir vereinigten! I m Grunde ist die Sache beinah eine Banalität. Im Pflanzenreich wie Tierreich hast du eine ganze Fülle von Prä¬ cedenzfällen, die dir den rechten Weg zeigen müssen. Häckel hat zuerst klare Worte dafür geschaffen. Er nennt ein Individuum, wie du hier eines bist, zur Unterscheidung von den Individuen deiner Milliarden Zellen, die dich zusammensetzen, „ Person “. Und eine Vereinigung solcher Personen zu nochmals höherer Genossenschafts-Einheit nennt er „ Stock “. Diese Unterscheidung ist eine sehr wertvolle zur Ver¬ ständigung. Stock ist natürlich nicht gemeint im Sinne eines Spazierstocks, sondern so, wie man es etwa in dem Worte „Bienenstock“ meint. Dieser Bienenstock ist ja gleich ein Exempel selbst. Jede einzelne Biene ist ein Individuum wie du, also eine Person. So und so viele Bienen bilden aber gleichzeitig zusammen einen in sich geschlossenen neuen Organis¬ mus, einen Bienenstock oder Bienenstaat oder kurzweg „Bien“. Und das nicht bloß gleichsam philosophisch, ideal, platonisch, — sondern völlig real. Die Bienengenossenschaft, der „Stock“, hat sich zusammengethan zu einem höheren Individuum thatsächlich so, wie deine Zellen in deinem Leibe sich zu deiner liebwerten Person vereinigt haben und wie es in jeder einzelnen Bienen- Person ebenfalls die betreffenden Zellen thun. Wie die Leibes¬ zellen unter sich Arbeitsteilung haben eintreten lassen und Organe gebildet haben, so sind auch die Bienen des Stockes in jener Weise, von der ich dir früher ausführlich erzählt habe, in eine gewisse Arbeitsteilung eingetreten, die sich sogar in äußer¬ licher körperlicher Zerspaltung des Volkes in drei etwas ver¬ schiedene Arten von Bienen-Personen: eierlegende Königin, be¬ fruchtende Drohne und geschlechtsverkümmerte, aber kinder¬ pflegende Arbeitsbiene, festgelegt hat. Die Biene ist als Beispiel ein verhältnismäßig schon ziemlich hoch stehendes Tier. Bei einer großen Masse niedrigerer lebender Wesen findet sich diese Stock-Bildung mit Arbeitsteilung der Genossen in einer noch viel durchgreifenderen Form, die geradezu in jedem Zuge im großen noch einmal wiederholt, was die lieben Zellchen im kleinen bei Bildung der „Person“ besorgen. Blicke von deinem wohligen Graslager auf zu dem sonnenflimmernden Walde dort. Da ragen die roten Kiefern¬ stämme mit dem rauchigen, wolligen Nadelpilz darauf. Was ist so eine Kiefer in jener Sprechweise, Person oder Stock? Sieh dir die kuriose da vorne an. Hier am offenen Wald¬ rande hört die starre Uniformierung Stammsäule an Stamm¬ säule, wie sie drinnen im Walde herrscht, auf. Hier recken sich einzelne Pracht-Individuen von Kiefern frei gegen See¬ luft und Licht vor, alte Kämpen, die noch einzeln jeder für sich in offener Schlachtlinie mit der Welt ringen, anstatt bloß kerzengrades Kanonenfutter für den Holzfäller zu sein. Diese hier steht unten auf Stelzen wie ein Ungetüm, dann geht der Stamm krumm vor wie eine Boa-Schlange und endlich hängt der Nadelbaldachin in breiten Terrassen gegen den Seeblick vor gleich einer schwarzen Libanonceder. Ein Kiefer-Individuum, sagte ich. Aber wir haben ja jetzt gehört, daß es eine Reihe von Individuums-Möglichkeiten giebt. Die Zelle ist eins, die Biene eins, der Bienenstock eins. Was für „eins“ ist diese knorrige Kiefer? Es ist ziemlich evident, daß sie ein „Stock“ ist. Unzählige Millionen von Zellen bauen sie. Aber diese Zellen vereinigen sich zunächst zu Pflanzen-Individuen, die der Einzel-Biene und dir als Einzel-Mensch entsprechen: zu den einzelnen Sprossen. Der Sproß ist im Kiefern-Stock die „Person“. Erst eine enge Genossenschaft solcher Sproß-Personen giebt den Kieferbaum. In diesem Falle ist es auch dem Laien, der nie von diesen verwickelten Sachen gehört hat, eine ausgemachte, ja überhaupt nicht mehr diskutable Sache, daß der ganze Stock trotzdem abermals ein scharfes „Individuum“ ist. Der Kieferbaum ist eine Einheit , genau so gut wie die einzelne Biene oder wie du! In der Seelen-Theorie des Volksmundes hat nie ein Zweifel bestanden, daß der Einzel-Baum eine so perfekte Ein¬ heit sei, daß sogar eine einheitliche Seele ihm zugestanden werden müsse: die Dryas oder Baumfee, — der beste Beweis, wie sehr das Individuum anerkannt wurde, obwohl es sich thatsächlich für den Naturforscher dabei um einen „Stock“ handelt, also eine Genossenschaft, die dem Bienenstock oder einer menschlichen Sozialgenossenschaft entspricht. Verwandte Fälle der Art kommen nun auch noch vielfach im niederen Tierreich vor. Du gebrauchst das Gerippe eines solchen Falls tagtäglich ganz friedlich bei deiner Morgenwäsche: den Schwamm. Das, was du als Badeschwamm da verwertest, ist das aus Hornfasern gebildete Gerippe eines Tier-Stockes, dessen Personen insofern noch viel inniger als die Bienen zusammen halten, als sie nämlich Zeit ihres Lebens körperlich aneinander gewachsen bleiben und als Ganzes eine Art Tier-Baum bilden, der jetzt „Schwamm“ genannt wird so, wie dort vom „Bien“ die Rede war. Die Sache ist in diesem Falle so verwickelt, daß sich seit langen Zeiten die Naturkundigen darüber in den Haaren liegen, wo die Person im einzelnen aufhört und der Stock anfängt, maßen dessen auch hier der Stock eben schließlich wieder zum Verwechseln genau wie eine Person aussieht und sich auch genau so benimmt. Daß sie sich in den Haaren liegen, ist eben bloß Wasser auf die Mühle unserer Betrachtungsart. Ein anderes Beispiel trägt deine Liebste im Ohr. Die rosenrote Kugel ihres Korallenohrringes ist aus einer Kalkmasse herausgeschliffen, die ursprünglich ähnlich wie dein Bade¬ schwamm das Gerüst oder Gerippe eines echten Tierstocks bildete: des Korallenstocks. Der gangbare Name hat auch hier schon das Wort Stock als das nächstliegende vorweggenommen. Das zierliche Korallenzweiglein, das den Stoff hergab, stellte in lebendigem Zustande im blauen Mittelmeer eine Kolonie ge¬ sellig hausender Korallentiere (also einer Art Polypen) dar. Auch diese Korallen sind, obwohl jede eine echte Person ist wie du, unter sich verwachsen. Ihre Kalkgerippe, die sie sich bilden, hängen als geschlossene Masse zusammen und durch diese ge¬ meinsame Knochenmasse fließt in Kanälen auch der Nahrungs¬ saft aller wie eine gemeinsame Suppe durch die ganze Kolonie. Ungeheuerlich sind die Mengen solcher Korallenpersönchen in einzelnen großen Stöcken. Millionen einzelner Persönchen drängen sich gelegentlich auf ein paar Kubikfuß Raum. Dabei sinkt die Einzelgröße natürlich oft bis ins „Unsichtbare“, ins Mikroskopische hinab. Um so riesiger aber dehnen sich wieder in ihrer Gesamtmasse die Stöcke aus. Indem beständig neue Kolonien sich auf den Kalkgerippen älterer, absterbender auf¬ thun, entstehen in den warmen Meeren jene kolossalen Korallen¬ riffe, deren größtes an der Nordküste Australiens zweihundert Meilen an Länge mißt. Von jenem hübschen Prinzip der Arbeitsteilung ist in diesen Korallenstöcken allerdings durchweg nur wenig entwickelt. Höchstens einmal kommen besondere „Trink-Personen“ vor, also bestimmte Einzelkorallchen im Stock, die keine Nahrung mehr fangen und geschlechtslos sind, dafür aber für die ganze Kolonie mit beständig Wasser ein¬ pumpen. Die Kolonie steht noch jenseits vom Alkohol, — also bloß staatlich angestellte Wassertrinker von Profession. Das tollste Exempel endlich, das zugleich die Arbeits¬ teilung auf die Spitze treibt, bieten jene Siphonophorenquallen, von denen wir schon einmal sehr ausführlich geredet haben. Es sind schwimmende Quallenstöcke, in denen auch Hunderte und mehr von Einzelquallen zusammengewachsen sind. Genau wie in deiner Person die Zellen, so haben hier die Quallen- Personen nochmals wieder sich zu regelrechten Organen im Ge¬ samtstock gegliedert: diese fressen nur noch, jene rudern, jene pflanzen sich fort — alle aber für alle anderen in der Genossenschaft mit. Du siehst: diese Neigung zur Stockbildung über die liebe Einzelperson hinaus ist durch die ganze Lebewelt, Pflanzen wie Tiere, von früh an verbreitet. Es hätte nicht mit rechten Dingen zugehen müssen, wenn der Mensch, dieser Sprößling des Tierreichs, nicht auch eine Tendenz dazu mitbekommen hätte. Und kein Zweifel, er hat sie wirklich in sich, so lange er be¬ steht und desto mehr, je länger er besteht. Allerdings: von einem „Menschenstock“ zu reden, fällt für gewöhnlich niemand ein, das Wort erscheint fremdartig. Es ist aber nur eben das Wort. Alle die andern Worte, die wir vorhin so gelegentlich dem Begriff als gleichbedeutend unter¬ geschoben haben, — Genossenschaft, Kolonie, Stamm, sozialer Verband — sie sind ja streng alle gerade dem bewußten Menschentier entnommen, dir und deinesgleichen, nicht Quallen, Korallen oder Kieferbäumen. Gleich dein oberstes Wort ist eine solche Stockbezeichnung: Menschheit. Das Wort ist in diesem Falle, wie so vieles, mit dem du alle Tage heute schon hitzig operierst, eigentlich ein Idealbegriff. Es ist wenigstens im klar bewußten Sinn noch nicht so, sondern es soll sich erst erfüllen, daß alle Menschen auf Erden eine einzige Hilfsgenossenschaft, einen Stock, ein höheres Individuum wirklich bilden. Wir hoffen es, haben es aber noch nicht. Immerhin kann die allgemeine Tendenz nach einer Universal-Stockbildung des Menschentiers auf Erden nicht schärfer bezeichnet werden, als gerade mit diesem äußersten Ideal¬ wort. Was die Quallen und Korallen sich wahrlich noch nicht träumen ließen, darauf steuern wir in all unseren besten Mo¬ menten bereits bewußt hin: auf den Versuch, sämtliche fünfzehn¬ hundert Millionen Menschen zu einem Stock, einem Baum, einem unermeßlichen erdumspannenden Riff zusammenzukeilen, — zu dem einen wahren Überindividuum, — dem Übermenschen „Mensch¬ heit“. Christus ist gewissermaßen der große Markstein, auf dem diese oberste Stockbildung zum ersten Mal als Wegweisung bewußt angeschrieben stand. Das Gebot „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“ war die allgewaltige Stockparole gegenüber der alten Personenweisheit. Aber lassen wir diese äußerste, immerhin ja doch auch jetzt noch ideale und so zu sagen hypothetische Sache. Auch ganz abgesehen von dem Menschheits-Begriff ist die gesamte engere Geschichtsüberlieferung des Menschentiers eine einzige große Folge von äußerst anschaulichen Stockbildungen. Alle unsere Begriffe von Dörfern, Städten, Gemeinden, Innungen, Kasten und Ständen, von Gesellschaft und Gesellschaftsschichten, von Staaten, Geschlechtern, Völkern, Nationen im modernsten Sinne, von sozialen Genossenschaften und so weiter und weiter, — sie fallen sämtlich hierher. Dabei mußt du allerdings gewisse charakteristische Unter¬ schiede gegen jene Pflanzen-, Korallen- und Siphonophoren- Stöcke nicht außer Acht lassen. Du bist eben beim Menschen turmhoch über diesen niederen Lebewesen. Der Zug zum Individualisieren, zur Individuen-Bildung, der aus geheimnisvoller Ur-Wurzel durch die ganze Natur heraufkommt, hat aus dir schon auf der Stufe der einzelnen Menschen-Person etwas so Eigenartiges geschaffen, daß darüber hinaus auch nur sehr eigenartige Wege offen bleiben. Schließlich ist es ja der Individualisierungstrieb der Natur selbst, der überall und so also auch bei dir wieder auf noch höheren Zusammenschluß drängt und die Personen mit Gewalt wieder genau so zu höheren Stock-Individuen vereinheitlichen will, wie er tiefer unten die Zellen zu Personen 9 geeint hat. Aber es fragt sich im Einzelfall stets, wie weit nun die Individualisierung der betreffenden Teile an sich schon vorgeschritten war. Und da liegt die Sache bei dem Menschen¬ tier total anders als etwa bei einem Pflanzensproß oder einer Qualle. Jener ganze Weg des Werdens zum Menschen, den dir dein eigener Leib vorhin erzählt hat, ist ja im Grunde nur eine fortgesetzte Arbeit zur Befreiung, zur Verstärkung auch des Menschen-Individuums. Wie du dich in Urtagen von der unmittelbaren mineralischen Ernährung der Pflanzen¬ stufe losgerungen hast. Wie du als Wurm dich dahinge¬ schlängelt hast, dir Augen und Ohren ausbildend, um deines¬ gleichen zu sehen und zu hören. Wie du aus dem immer noch trägeren Element, dem Wasser, aufgestiegen bist ans Land, ins Luftreich hinauf, und dir dort frei bewegliche tragende Gliedmaßen gebildet hast, gleichzeitig deine Sinne wunder¬ bar schärfend und deine Kehle zur Lautäußerung einübend. Wie du dich vom Klima emanzipiert hast durch die Bewegung und die innere Körperheizung. Wie du endlich Hand und Fuß dir geformt hast, diese wundervolle Doppelmöglichkeit, — den Fuß, der dich trug, und die Hand, die dein Werkzeug faßte ... Immer in all diesen Stufen ist ein Steigen, Wachsen, Sichfestigen auch deiner Individualität, deines Einzel¬ seins als Person mitgegangen ... Die wurzelnde Pflanze war noch ans Erdreich an bestimmtem Fleck gebunden; der Fisch an seinen Wassertümpel; die Eidechse an Sommer und Winter; der Affe an den Baumast, den seine vier Hände umklammerten; du erst bist bis zu gewissen Grenzen ganz frei, ganz auf dich gestellt. Denke dich als Robinson mit der Summe aller Menschenweisheit auf eine einsame Insel und du bist doch Herr der Insel. Du baust dir Werkzeuge und erzeugst in ihnen ein sonst totes, aber in deiner Hand wie von Gotteskraft belebtes Hilfsheer, wunderbarer als jene Eisenstreiter, die dem Sagenhelden aus seinen Drachenzähnen erwuchsen. Es ist der höchste Triumph der Individualisierung, daß wir uns sagen müssen, daß wenigstens in einem idealen Sinne ein Einzelmensch, der alle Weisheit der ganzen Mensch¬ heit in seinem Gehirn vereinigte, auch das ganze Werk dieser Menschheit aus sich allein wieder hervorgehen lassen könnte. Je größer uns in der Geschichte ein Mensch erscheint, desto näher ahnen wir ihn diesem Ideal. Von den ganz großen Genien, die den Wendepunkt für Jahrtausende bezeichnen, meinen wir, daß sie ihr Neues nicht hätten geben können, ohne das Alte wenigstens in seinem Kerngehalt vollständig zu besitzen. Ja, in diesem Sinne kann man gar nicht hoch genug davon denken, was die Individualisierung in den Menschen¬ personen erreicht hat. Wandern wir doch vergebens durch Milchstraßen und Nebelflecke, um für unsere Erkenntnis einen gigantischeren Volltypus von geschlossener Individualität zu finden als etwa Goethe! Solche Goethe-Personen kannst du aber nicht aneinanderreihen zu nochmals höherer Individuen¬ bildung wie Kiefernsprossen oder Korallen und Siphonophoren. Aber deswegen bleibt ebenso wahr, daß das tiefe heilige Naturprinzip der immer entwickelteren Individualisierung durch immer neues Einschmieden niederer Individuen in höhere auch bei diesen Goethe-Personen als solches nicht Halt machen kann. Die Sache läuft bloß etwas anders, sie läuft eben so, wie es Goethe-Personen zukommt. Menschen-Individuen konnten bei¬ spielsweise unmöglich wieder körperlich aneinander wachsen wie Quallen. Dafür ergaben sich aber gerade aus den großen Freiheiten und Beweglichkeiten ihrer Einzel-Individualität Mittel des genossenschaftlichen Zusammentretens, die wieder die Quallen niemals besaßen. 9* Nimm ein einfaches Beispiel. Hier sind zwei Quallen von jenem Siphonophoren-Schlage. Zwei Personen, jede an sich dir gleichwertig. Sie gehen aber eine höhere Genossen¬ schaft ein, versuchen ein neues höheres Individuum aus sich zu machen. Jede soll in dieser Genossenschaft nur ein Organ gleichsam wieder vertreten. Sagen wir: die eine soll Nahrung beschaffen und verdauen. Und die andere soll ihre Augen und Ohren anspannen, soll auf Gefahr achten, den Weg weisen und so weiter. Was sollen die beiden machen, um in ordentlichen Austausch ihrer Fähigkeiten zu kommen? Sie wachsen mit derbem Stiel aneinander. Durch diesen Stiel fließt die Nähr¬ suppe, die Qualle Nr. Eins gebraut hat, in Qualle Nr. Zwei über. Und gleichzeitig zieht die Seh- und Hör-Qualle Nr. Zwei die Suppen-Qualle Nr. Eins an dem Stiel dahin und dorthin, von der Gefahr fort, auf gute Orte zu wie ein Sehender einen Blinden an der Hand führt. Genau so ist es bei den lebenden Siphonophoren-Quallen wirklich ge¬ worden. Nun nimm zwei Kultur-Menschen im zwanzigsten Jahr¬ hundert. Auch sie wollen in eine höhere Interessen-Gemein¬ schaft eintreten, ihre beiden Personen-Individualitäten zur Stock-Individualität vereinigen. Der eine soll Nahrung be¬ schaffen, die den andern mit ernährt. Der andere soll gleich¬ sam Auge und Ohr für beide sein. Sagen wir etwa: der eine ist der Besitzer einer großen Zeitung in Amerika. Und der andere ist Reporter dieser Zeitung. Zu sehen und zu hören soll etwas für die Zeitung besonders Wichtiges in Europa sein, während der Brodherr, der Zeitungsbesitzer, absolut not¬ wendig seinen Sitz in Amerika wahren muß. Nun überdenke rasch, wie die Sache sich für diese Menschenpersonen vollzieht. Von körperlichem Aneinanderwachsen nach der Methode der Quallen, also Verwachsen der realen Zellen-Leiber mit¬ einander, kein Gedanke! Gewisse stoffliche Verbindungen werden allerdings auch hier hergestellt, aber unendlich viel feinere und — vor allem — immer nur momentane, die jeden nächsten Augenblick beliebig wieder abgestellt werden können. Zunächst verständigen sich die beiden Personen über einen festen Plan ihrer gemeinsamen Arbeit auf Gegenseitigkeit. Der eine soll für den andern etwas mit sehen, und der wird ihn so lange mit füttern. Diese Verständigung erfolgt ent¬ weder so, daß der eine bestimmte Luftwellen erzeugt, die das Ohr des anderen erreichen; und umgekehrt. Oder so, daß der eine mit der Hand auf Papier bestimmte Figuren malt, die bestimmte Lichtreflexe ergeben und diese reflektierten Lichtwellen treffen das Auge des zweiten; und umgekehrt. Nötig ist dazu ein längst vereinbartes Zeichensystem sowohl für die Schall¬ wellen wie für die Lichtwellen. Dieses System giebt die Sprache, eine schon alt überkommene Genossenschafts-Ein¬ richtung der Menschheit, die unseren beiden Personen schon von Kindheit auf durch eine Art sozialer Vererbung übermittelt worden ist. Je nach Bedarf äußert diese Sprache sich in gesprochenem Wort (durch Schallwellen) oder als geschriebenes Wort (durch Lichtwellen). Mindestens das geschriebene Wort hat dabei heute schon in vollem Maße die gute Eigenschaft, daß es bei ihm auf die Länge der räumlichen Entfernung zwischen den beiden Personen überhaupt nicht mehr ankommt. Der eine Mensch kann schon während Abschluß des Vertrages in Chicago sitzen und der andere in Berlin: Briefe kreuzen glatt hin und her, wenn auch mit etwas Zeitaufwand. Selbst dieser Zeitaufwand kann aber auf ein Minimum verkürzt werden durch Einschaltung elektrischer Wellen: der Genossen¬ schaftsvertrag kann telegraphiert werden. Für diesen Fall liegt allerdings zwischen Amerika und Europa ein Ding, das einige Ähnlichkeit mit einem ungeheuren Siphonophorenstiel hat: das transatlantische Telegraphenkabel. Aber unsere beiden Menschen¬ personen müssen keineswegs zeitlebens mit ihrem Zellkörper an dieses Kabel angewachsen bleiben, um es benutzen zu können. Ein solcher real festgewachsener Siphonophorenstiel zwischen Verleger und Reporter von der guten Länge des transatlan¬ tischen Kabels dürfte eine etwas ungemütliche und nicht gerade erleichternde Lebenszugabe sein! Jeder der Interessenten benützt also das bewußte Kabel nur als ideales Leibesende gerade so lange, als er dem andern etwas zu sagen hat, genau so wie er Feder und Papier nur so lange benutzt. Nach ihm mögen andere Menschenpersonen zu ihren besonderen Genossenschafts-Zwecken den langen Stiel verwerten oder er mag auch zeitweise wieder ganz tot, ohne jede Vermenschlichung durch durchtelegraphierte Sprachzeichen in der Abgrundschwärze seines Ozeans liegen, wo die Tiefsee-Leuchtfische über ihn hin¬ huschen und die Seelilien um ihn wogen. Doch welches Mittel nun gewählt werde: der Vertrag ist fertig und die eigentliche ergänzende Genossenschaftsleistung der beiden beginnt. Jetzt erst recht kein Zusammenwachsen nach Quallenart. Der Brodherr, der Verleger, bleibt in Amerika ruhig sitzen. Der Reporter aber eilt, als sein Mit-Auge und Mit-Ohr, in Europa an den vereinbarten Fleck. Nachdem er mit den klaren Sinnen seines individuellen Zellleibes genug gesehen und gehört, ohne so lange durch irgend einen Stiel von so und so viel Meilen Ausdehnung und horrendem Metall¬ gewicht in seiner freien einzel-individuellen Beweglichkeit ge¬ hemmt zu sein, — geht er dann abermals aufs Telegraphen¬ amt. Er setzt das Gesehene und das Gehörte wiederum in jene allgemein vereinbarten Menschheits-Zeichen, die Schrift¬ buchstaben, um und läßt diese Schrift Wort für Wort durch den ungeheuren Kabelstiel als elektrische Wellen nach Amerika „telegraphieren“. Dort erhält sie der andere annähernd so gut, wie wenn das Kabel ein echter Nervenstrang in einem einheitlichen Individuum wäre, der vom Ohr und Auge des einen unmittelbar zum Gehirn des andern leitete. Es ist zwar für den Leser drüben noch ein gewisser Phantasieakt nötig, der das Wort wieder in innere Bilder umsetzt, aber darauf ist das Menschengehirn eben schon geschult und die Methoden werden überdies alle Tage besser. Die Hör- und Seh-Person in Europa hat jedenfalls innerhalb der Möglichkeit ihre Schuldig¬ keit gethan. Nun kommt umgekehrt die Magen-Person in Amerika an die Reihe. Das Kabel, das eben Nervenstrang war, muß jetzt Magenschlauch werden. Natürlich auch das jetzt bei Leibe nicht auf die unappetitliche Art, daß es sich als eine transatlantische Nabelschnur von weit mehr als tausend Kilometer Länge zwischen dem Verdauungsdarm des Verlegers und dem Darm des hungrigen Schriftstellers aufthäte, worauf schon verarbeiteter Nährsaft etwa von einer Austernmahlzeit des einen in den andern, der wie ein Bandwurm saugte, zum Überströmen käme. Der Amerikaner berechnet vielmehr einfach den Wert, den das Hör- und Seh-Telegramm in Worten für ihn hat. Und er giebt den entsprechenden Nahrungswert zunächst ebenfalls in Worten zurück. Er telegraphiert auf demselben Kabelwege an ein Bankhaus in Berlin und weist dem Reporter eine ent¬ sprechende Summe Geldes an. Dieses Geld bedeutet aber eine neue Sorte schon althergebrachter Sozialeinrichtung der Kulturmenschheit, abermals eine gewisse Zeichen-Vereinbarung gleich der Sprache. Indem der Reporter bei der Bank seine Geldscheine erhebt, bekommt er eine ganz bestimmte Marke in die Hand, die ihm jeder europäische Restaurateur so und so oft in ein gutes Diner umwechselt, — er ist „gefüttert“. Betrachtest du dir die Menschheit um dich her im Lichte dieses Exempels, das erst das eigentlich Menschliche gegenüber dem Pflanzlichen und Siphonophorischen festlegt, so kann dir wohl vollends kein Zweifel bleiben, daß du allenthalben in einer Welt höherer Individuenbildung auch bei deinen Menschen lebst. Nicht bloß der Verleger und sein Reporter im Exempel bilden ein solches höheres Individuum mit Arbeitsteilung. Du und ich, wie wir uns hier unterhalten, wir bilden eins. Wie ich hier mit dir rede, habe ich den geheimnisvollen Siphonophorenstiel zwischen uns errichtet: Luftwellen, Licht¬ wellen, die von mir zu dir fließen. Gleich gehen wir aber jeder für sich nach Hause und der Stiel ist wieder abgebrochen. Das ist das große Wunder auch hier wieder, das der Mensch vollbracht hat: die ewige Abbreche- und Neubau-Möglichkeit der Brücke von Individuum zu Individuum. Es ist dasselbe heilige Prinzip, das in Wahrheit unser helfender Prometheus auf Erden gewesen ist: angewachsene Organe überhaupt zu ersetzen durch Werkzeuge. Du mußt dir eben bloß unter solchem Werkzeug nicht nur Messer und Hebel vorstellen. Auch die Schallwellen der Luft, auf bestimmte vereinbarte Zeichen geordnet, sind eines, auch die Lichtwellen eines, die vom reflektierten weißen Blatt des Buches dein Auge berühren und in deren Masse die anders oder gar nicht reflektierenden Stellen, wo die Buchstaben stehen, einen bestimmten Einschnitt oder schwarzen Fleck bilden, der deinem Hirn ein ebenso ver¬ einbartes Zeichen giebt. Erst durch diese Werkzeugs-Einschaltung bei der höheren Individualbildung, der „Stockbildung“ des Menschen, ist jene Personen-Freiheit, die ein so hohes Entwickelungsgut des Menschen war, recht eigentlich gekrönt und vollendet worden. Eins bleibt ja natürlich auch hier „vorbehaltlich“. Wir haben allenthalben heute da, wo wir soziale Einigungen der Menschen wahrnehmen, immerzu noch Vergewaltigungen, Unter¬ drückungen dieser Personenfreiheit auch bei uns in Hülle und Fülle. Wenn du jene Rubriken, die ich vorhin erwähnte, ansiehst: Staat, Gesellschaftsstände, Kasten und Gewerbezünfte, Parteien, — und so weiter und so weiter — ja du lieber Gott! Da siehst du allenthalben so himmelschreiende Verge¬ waltigungen des einzelnen Menschen-Individuums, daß das bischen Bewegungsunfreiheit bei den stielverwachsenen Siphono¬ phoren oft recht wie ein Kinderspiel dagegen erscheint. Denn im ganzen ist der Siphonophoren-Überleib darin wenigstens ein Abbild deines eigenen gesunden Zell-Leibes, daß unter normalen Verhältnissen niemand gröblich darin übervorteilt wird. Bei uns aber ...! Und doch darfst du dich dadurch nicht beirren lassen. Ob uns das historische Wirrsal noch so sehr um¬ stricke, dieses Wirrsal der Pfuschereien, Versuche und Opfer: — keinem Vernünftigen heute kann sich als Ideal doch mehr ver¬ schleiern, daß der Weg der Menschheit trotz alledem losgehe auf immer mehr soziale Hilfsverbände, also stockartige Individuen höheren Grades über die Person hinaus, — zugleich aber in diesen Hilfsverbänden auf immer größere Personenfreiheit nicht bloß in dem so zu sagen schon siphonophorisch selbstverständlichen Sinne, daß jede Vergewaltigung und Übervorteilung ausbleibe, sondern auch im Sinne höchster Aktionsfreiheit des einzelnen, unendlich weit über das Siphonophoren-Prinzip hinaus. Ja es bleibt jenes Robinson-Ideal, das ich dir vorhin erwähnte, immer als ideale Grundlage: daß nämlich, bei noch so viel Einschachtelung in höhere Sozialverbände, höhere soziale In¬ dividualitäten mit weitester Arbeitsteilung, jeder Einzelmensch auf einsamer Insel doch die ganze Kulturmaschine wieder auf¬ bauen könnte, anstatt bloß als verlassenes loses Rädchen oder Stiftchen elendiglich liegen zu bleiben. Jeder Einzelmensch in diesem idealen Sinne würde in dem Riesenindividuum der Menschheit jene Kraft besitzen, die in seinem eigenen Zellen- Leibe die Samenzelle oder Eizelle besitzt: die Kraft aller Kräfte, die aus einem mikroskopisch winzigen Teilchen des Leibes den ganzen herrlichen Menschenleib wieder zu erzeugen vermag. Geheimnisvoll wie ferne Duftinseln erheben sich über dem Blau dieser Menschheitsdinge noch weitere Probleme. Ob Insel, ob Fata Morgana. Die Zellen deines Leibes haben Seelen und diese Zell¬ seelchen schließen sich zusammen auch zu dem höheren seelischen Individuum in dir, wie die Zellleiblein sich einen zu deinem Leib. Nun trittst du aber wieder in höhere Individuen¬ bildungen ein, bildest wieder eine Person im Stock, eine Zelle in der Menschheit und so und so viel engeren Verbänden innerhalb dieser Menschheit. Entwickeln sich da über deine Person weg auch neue Genossenschaftsseelen, höhere psychische Zusammenschlüsse, die den körperlichen Hand in Hand laufen? Würde jede gemeinsame Handlung von Menschen-Personen der Keim sein auch zur Entstehung einer Seele, die sich über diesen Personen aufthäte, wie deine eigene Seele sich über den ge¬ meinsam arbeitenden Zellseelchen deines Leibes aufgethan hat? Die schlichte Phantasie des Volkes hat vor Jahrtausenden schon dem Baum, der auch ein solcher Stock, eine solche höhere Genossenschaft aus so und so viel Einzelpersonen ist, eine Dryas, eine Baumseele beigelegt, — und der materialistische Naturforscher von heute sieht, von einer ganz verschiedenen Ecke aus, doch auch in dem Stock jener Siphonophoren-Quallen, der als solcher absolut einheitliche Handlungen vollführt, wieder eine einheitliche Seele thätig, eine echte Stock- oder Genossen¬ schaftsseele. Bei uns Menschen selber aber reden wir seit Alters von Menschheitsseele, von Volksgeist, ja wir gebrauchen wie in geheimem Zwang im Tagesleben diese seelischen Be¬ zeichnungen geradezu öfter, wenn von unseren höheren Zu¬ sammenschlüssen die Rede ist, als die entsprechenden körperlichen. Wenn wir uns besinnen, pflegen wir allerdings hinzu zu setzen, daß das alles nur „symbolisch“ gemeint sei. Ich meine aber, es ließe sich immerhin einmal darüber diskutieren, ob die Sache nicht auch einmal eben nicht symbolisch gefaßt werden könnte. Der ganze neuere Individualbegriff, der uns jetzt so oft in unserer Debatte beschäftigt hat, scheint mir durchaus auf einen Punkt zuzusteuern, wo etwas derart mindestens möglich würde. Es ließe sich freilich der Ideengang kaum auf diesem Rocken weiterspinnen, es sei denn, daß die ganze Seelentheorie erst eine neue Grundlage erhielte auf dem Fleck, wo man bis¬ her Lebend und Tot, Organisch und Unorganisch, Mechanistisch und Psychisch, Bewußt und Unbewußt, „lebendes“ Körperorgan und „totes Werkzeug“ im Sinne von Weltentrennungen aus¬ einander geschnitten hat. Auch das liebe Wörtchen „Symbolisch“ müßte eine ordentliche Revision dabei erleben, da es heute etwas sehr in unseren Leichtsinn hineingeraten ist. Wir thun mit ihm so gern alles mögliche ab, als sei es nun erledigt — und übersehen total, wie verflucht einheitlich die Welt ist, wie unser scheinbar spielendes Vergleichen immer und immer wieder auf wirkliche Gleichheiten stößt, und wie wir echte Gleich¬ nisse gerade für die tiefsten Dinge wie Ich, Seele, Individuum gar nicht besitzen, sondern allemal dabei wieder auf ein gewisses Urphänomen hinauslaufen, das uns aus tausend Verkleidungen der Welt mit denselben glühenden Augen anblitzt. Doch nicht in dieses Zauberreich wollte ich dich weiter und weiter verführen. Meinem Zweck zunächst genügt, daß du höhere Individuenbildung auch beim Menschen zugiebst einfach im Grundsinne jenes schlichten Exempels vom Verleger und Reporter. Individuenbildung, die mehrere individuelle Menschen- Personen durch einen neuen, höheren Ring wieder zu einer neuen Einheit aneinanderfügt. Im Rahmen einfach einer solchen Bildung bewegt sich dann auch der Mensch , der liebt . Darum das große Wunder, daß bei der Liebe immer zwei Menschen-Personen in Betracht kommen. Daß du hier im Grase, obwohl ein ganzer „Mensch“ und frei, einsam, auf dich gestellt als solcher, doch im Liebessinne nur eine Hälfte bist. Über dir hier und deiner ergänzenden zweiten Liebeshälfte erhebt sich als höhere Einheit, die ihr erst beide zusammen verkörpert, das menschliche Liebes-Individuum . Wir wollen das Wort festhalten, da es ein sehr brauch¬ bares ist. Denke dir am besten immer ein festes Bild dabei: etwa eines der alten meisterhaften Adam- und Evabilder, — oder die antike Amor- und Psychegruppe. Diese beiden nackten Gestalten von verschiedenem Geschlecht bilden zusammen das typische menschliche „Liebes-Individuum“ und sie sind stets beide gemeint, wenn das Wort erklingt. Dieses Liebes-Individuum ist aber nun nicht bloß merk¬ würdig als höheres, überpersönliches Menschen-Individuum überhaupt, — sondern es ist auch von all diesen Überindividuen noch wieder im engern das allermerkwürdigste. Auf der einen Seite unterliegt es nämlich allem Wichtigsten, was wir eben als das Charakteristisch-Menschliche bei diesen Zusammenschlüssen nach oben festgestellt haben im Gegensatz zu den anderen Tier¬ stöcken. Auf der anderen aber geht es doch auch noch seinen Sonderweg und verwickelt alles noch einmal wieder für sich. D u brauchst bloß jenes Beispiel vom Verleger und Re¬ porter auf eine Liebesvereinigung hin durchzudenken und der springende Punkt drängt augenblicklich heraus. Ein Liebes¬ paar, von dem der eine Teil in Amerika und der andere in Europa sitzt, ist nur gerade bis zu einem gewissen Punkte möglich, dann weicht es aber augenscheinlich vom Exempel ab. Es äußert sich auch hier ja zunächst ganz deutlich, daß die Liebenden Kulturmenschen mit allen Mitteln der Kultur sind. Sie sind jedes für sich vollständig auf eigenen Füßen stehendes Lebens¬ individuum. Kein Gedanke an irgend welchen zeitlebens ver¬ knüpfenden Siphonophorenstiel. Der eine Partner kann ganz ruhig bis dahin in Amerika aufgewachsen sein und gewohnt haben und der andere in Europa. Ja es mögen die ganzen Prämissen der Liebe selbst sich noch genau auf dem Wege voll¬ ziehen, wie zwischen unserm Verleger und Reporter. Durch Schallwellen, Lichtwellen und elektrische Wellen. Durch über¬ sandte Photographien, durch Gespräche in Form von Briefen, durch letzte Entscheidungen in Telegrammen. Du mußt diese Prämissen, da es sich um Menschen von höchster Kultur handelt, nicht unterschätzen. Du mußt dich erinnern, wie sehr wir es heute schon in der Hand haben, unsere tiefste Seele in ge¬ schriebenes Wort zu ergießen. Denke dir unsere photographische Technik noch etwas erweitert — und unser Bild könnte weithin verschickt, vielleicht gar telegraphiert werden in einer Form, die dem unmittelbaren Anblick mindestens eine sehr ernste Konkurrenz machen, ja ihn durch eine Reihenfolge bewegter Momentbilder schließlich geradezu ersetzen könnte. Das steht, wenn nicht in der Erfüllung, so doch bereits in der Linie unserer Technik. Und doch begreifst du, daß das alles ein Ende hat in einem ganz bestimmten Moment. Die Liebes¬ individualität bedarf zu ihrer vollen Gründung mindestens eines einzigen Augenblicks, da es sich faktisch nicht mehr um Kilometernähen handeln darf, sondern nicht einmal mehr um Centi¬ meter. Der äußerste Liebesakt fällt plötzlich auch beim höchsten Kulturmenschen heraus aus der ganzen Welt der zwischen ge¬ legten Werkzeuge, der Buchstaben, Posten, Telephone, Kabel, — er lenkt für eine einzige Handlung in der Kette doch noch wieder zurück auf jenes alte Siphonophoren-Prinzip. Allerdings nur für einen Moment. In diesem Moment aber siegt das Prinzip des Aneinanderwachsens noch einmal wie in einer äußersten posthumen Vision, einem Aufleben eines Stückes Urnatur, Ur¬ welt, Kinderzeit vor einer Sekunde tiefsten Sichversenkens in das größte Mysterium des dunkeln Natur-Urgrundes, der keine Zeit, kein Alt und Neu kennt, sondern ewig wieder in uns mit seiner Dämonenkraft aufersteht: der Zeugung. In diesem Moment muß auch das Liebesindividuum heim, ans Herz der Urmutter, da hilft kein Sträuben. Es muß schöpfen aus dem innerlichsten Jugendbrunnen, — muß gleichsam hinabsteigen zu den Nornen wie Odhin, zu den Müttern wie Faust, — und da versinkt alle Kultur, da muß Zell-Leib zum Zell-Leibe, um in heißer Umarmung seinen Abstand auf das Mindestmaß zu reduzieren, das überhaupt so großen Körpern gegeben ist. Ja, der Akt geht in Wirklichkeit, jenseits dieser Mindest¬ nähe, noch tiefer. Gehen doch die losgelassene Samenzelle und die entgegenwandernde Eizelle im Schoße des einen Liebes¬ partners eine letztliche wahre Mischung Leibes und der Seele ein, gegen die gehalten, selbst die engste Aneinanderfügung der großen Hälften des Liebesindividuums das Ineinanderschieben zweier Attrappen bleibt. Erst der Inhalt vollzieht das End¬ gültige, indem Samenzelle mit Eizelle verschmilzt. Gieb dich selbst den kühnsten Phantasiebildern hin und male dir Vorgänge als möglich aus, wie sie bei der heute so bewährten künstlichen Fischzucht angewandt werden. Da be¬ mächtigt sich der Mensch der austretenden Samenzellen (Milch) und Eizellen (Rogen) von zeugungsreifen Fischen, füllt beide Produkte in Flaschen, die sich mehrere Tage bequem aufbe¬ wahren lassen, und vollzieht selber durch Zugießen des einen Stoffs zum andern je nach Bedarf die Zeugung, — schließt also gewissermaßen nachträglich und künstlich noch den Ring des Liebesindividuums. Denke dir kühnster Weise selbst so etwas beim Menschen möglich und denke dir, daß auch diese Produkte noch versandt werden könnten. Selbst in dieser äußersten Phantasie-Möglichkeit bleibt die endliche Vermischung der Ei¬ zelle und Samenzelle einzige, aber absolute Notwendigkeit. Der Vorgang wäre so zu sagen bis ins Mikroskopische getrieben, hier unter dem Mikroskop aber vollzöge sich doch noch die letzte Distance-Aufhebung, die Mischung Leib in Leib. Das menschliche Liebesindividuum ist also schlechterdings ein ganz bestimmter, mit nichts vergleichbarer Sonderfall inner¬ halb der allgemeinen Bildung menschlicher Überindividuen. Es hat eine einzige Stelle, wo es nicht denkbar scheint, daß der Raum von der einen Person zur andern im genossenschaft¬ lichen Individuum jemals durch künstliche Werkzeuge überbrückt werden könnte, die den Distance-Unterschied gleichgültig machten. Du kannst dir denken, daß du bei vervollkommneter Technik mit dem Mars durch Lichtsignale sprechen könntest . . . aber nicht, daß du eine echte Zeugung vollziehen könntest, bei der zwischen der Samenzelle und der Eizelle auch nur die Distance eines winzigen Millimeterbruchteils bliebe. Aus dieser That¬ sache ergeben sich nun weitere Folgerungen sofort. Auf das Liebesindividuum findet jenes Robinson-Ideal von vornherein keine Anwendung. Jener ideale Robinson auf Salas y Gomez könnte, mit dem gesamten Wissen der Menschheit im Kopf, wie eine Samenzelle die ganze Kultur aus sich allein wiedererzeugen. Aber er allein könnte niemals einen zweiten lebendigen Menschen erzeugen und im Augenblik seines Todes stürbe mit ihm beides, Menschheit und Kultur, jammervoll aus. Die Arbeitsteilung in den beiden Hälften Mann und Weib ist für diesen Punkt auch im Ideal nicht bloß eine freie Vereinbarung auf Kün¬ digung, sondern sie ist eine absolute mit vollem Zwang. Ohne Einheit von Mann und Weib ist jede Partei in der That nur ein loses Rad, das augenblicklich und für immer stehen bleibt, so lange die Maschine auseinander genommen ist. Die ganze eigentliche Verwickelung der Dinge erscheint dir aber nun in dem Moment, da du dir sagst: diese gleichen Liebeshälften, die hinsichtlich des einen äußersten Aktes noch so ganz siphonophorisch aufs „Verwachsen“ gebaut sind, — diese Liebeshälften laufen eben doch sonst und in allen Mo¬ menten außerhalb dieses Aktes als regelrechte Ganz-Individuen herum im Sinne anderer freier Personen in höheren mensch¬ lichen Verbänden. Sie besitzen in allem übrigen die volle Bewegungsfreiheit und Unabhängigkeit eben des Menschen. Alles, worin sich ihre ideale Einheit, ihre höhere Individualität als Liebesindividuum, abgesehen von dem speziellen körperlichen Mischakt, sonst noch bethätigt, geht entsprechend genau so vor sich, wie es bei Verbänden nach Art jenes Exempels Verleger und Reporter sonst Brauch bei uns ist. Lichtwellen vermitteln auch hier den Anblick der gegenseitigen Persönlichkeit. Schall¬ wellen, auf bestimmte vereinbarte Zeichen hin geordnet, ge¬ währen das schöne Menschenmittel auch hier der Sprache, die Gedanken von Gehirn zu Gehirn wie auf Elfenflügeln herüber und hinüber treibt. Wir haben das eben schon besprochen bei der Frage, wie weit die Vorbereitungen zu dem Mischakt per Distance gingen. Das gemeinsame Leben innerhalb eines Liebes-Individuums ist aber keineswegs so eingeschränkt, daß es bloß die mehr oder minder grobe und deutliche Vorbereitung zu jenem Mischakt umschlösse und weiter nichts. Erinnere dich an die unendliche Goldwelle, die sich zwischen Liebenden über jede Handlung, jede Seelenregung ausgießt. Denke bloß an das Aufblühen der Kunst, vor allem der Dichtung, unter diesem Sonnenschein. Denke an die Fülle der ganz feinen Regungen, die im edelsten Sinne als keusch zu bezeichnen sind, also mit jenem Mischakt nach unserem hergebrachten Wortsinn unmittelbar überhaupt nicht mehr zusammenhängen, dennoch aber ihre wahre Pflanzstätte auf Erden, ihr unschuldig reines Paradies nirgendwo anders haben als innerhalb des Ringes von Liebesindividualitäten. Und denke an den ungeheuren Reich¬ tum ganz allgemein, den jede höhere Individualität für beide umschlossenen Teile überhaupt bietet, die enormen Schutzfolgen und die moralischen Kräftigungen. Nicht umsonst ist unser höchstes Moralwort „Menschenliebe“ selbst im Wortlaut aus diesem Liebesring hervorgegangen. Alle und alle diese anderen Werte jenseits jenes einen Aktes unterscheiden sich aber gerade darin grundlegend von ihm, daß sie eben nicht auf Mischung hinauslaufen, sondern daß bei noch so viel selig süßer Geistes- und Leibeseinheit die Zweiheit der beiden Partner ihre Distance wahrt. Mag diese Distance groß oder gering sein, — sie bleibt stets so groß, daß jeder siphonophorische Verwachsungszug schlechterdings aus dem Spiele bleibt genau so, wie er es in jenem Exempel bei dem Verleger und Reporter blieb. Und der ganze riesenhafte Reigen der Erscheinungen im Liebes-Indi¬ viduum, — vom ersten rein lyrischen Morgenrot-Stadium, das jenen Mischakt noch gar nicht bewußt ahnt, bis auf jenes weiteste Feld hinaus, wo die bewußte Liebe als höchstes Geistesgut mit eigenen Adlerflügeln sich hoch ins Blau über jenen Akt hinaus erhebt, so hoch, daß auch sie ihn ganz wieder 10 aus ihrer Adler- und Sonnen-Perspektive verliert — dieser ganze Reigen arbeitet mit solcher Distance. Die verwickelte Sachlage im menschlichen Liebes-Indivi¬ duum ist aber selbst damit noch nicht erschöpft. Aus jenem Mischakt erwächst eine neue Komplikation des Liebes-Individuums: das Kind. Das Kind gehört seiner Entstehung nach durchaus nur dem Mischakt an und würde niemals durch irgend einen — und sei es der großartigste — jener Distanceakte zu stande kommen können. Es erwächst aus der verschmolzenen Samen- und Eizelle. Entsprechend dieser seltsamen Herkunft unter¬ scheidet sich das Kind denn auch wesentlich im weiteren Bunde mit dem Liebesindividuum von beliebigen gewöhnlichen Er¬ gebnissen eines menschlichen Über-Individuums. Nimm noch einmal unser Ur-Beispiel. Jene schlichte, flüchtige Individuenbildung zwischen Verleger und Reporter. Obwohl hier alles per Distance und sogar durch eine unge¬ heuer große Distance sich abwickelte, können oder müssen doch auch dort gewisse dritte Ergebnisse herausgekommen sein, die sich sehr wohl äußerlich dem Kinde vergleichen lassen. Sagen wir zunächst: der Zeitungsbericht, der fortan gedruckt vorliegt. Das Wort „geistiges Kind“ für ein solches Ergebnis ist uns ja täglich geläufig. Sagen wir meinetwegen auch eine Geld¬ summe, ein Reingewinn, der für eine der beiden Parteien schließlich übrig geblieben ist, auf Zinsen gelegt wird und vielleicht für alle absehbare Zeit so fort und fort eine be¬ stimmte Art dauernden „Lebens“ für sich weiter führt selbst über den Tod des eigenen Erzeugers hinaus. Als Distance¬ werte geschaffen, bleiben aber Zeitungsblatt wie Kapital auch in ihrem weiteren Dasein unabänderlich Distancewerte für das höhere Individuum, aus dessen Gemeinschaft sie hervor¬ gingen. Ganz anders das Liebeskind. Es bleibt zunächst neun lange Monate echt siphonophorisch verwachsen mit dem einen Partner des Liebes-Individuums, der Mutter. Wenn du einer Geburt beiwohnst und den gewaltigen regelrechten Stiel siehst, dessen eines Ende am Nabel des Kindes festhängt, während das andere eben noch an der Mutter saß, so bist du hier genau auf dem, was wir oben bei dem Telegraphenkabel, durch das der Verleger in Amerika seinen Reporter in Europa „nährte“, als geradezu lächerliches Bild verworfen haben, — und zwar nicht lächerlich, sondern ernsthaft. Durch dieses dicke Kabel der Nabelschnur ist wirklich Monate lang das Nährblut der Mutter übergeflossen in ihr Kind und das Kind hat mit dem Bauche daran gesogen wie ein Bandwurm. Ja noch nach der Geburt trinkt das Kind aus den Brüsten der Mutter buchstäblich mit dem Munde seine Nahrung ab. Diese letztere Handlung steht allerdings schon, wie sehr gut zu merken ist, auf der Grenze zu einem Distanceakt. Schon sind wir Kulturmenschen massenhaft dazu übergegangen, aus dem Mischakt hier einen regelrechten Distanceakt künstlich zu machen. An die Stelle der eigenen Mutter haben wir bald die fremde gesetzt, bald ein milchendes Säugetier ganz anderer Art eingeschoben; die Milch dieses Tieres haben wir kondensiert, sterilisiert, auf Flaschen gezogen und mit der Post über Land versendbar gemacht. Daß das aber möglich war, verdanken wir eben bloß dem Umstande, daß mit dem Austritt des Kindes aus dem Mutterleibe überhaupt die Grenze zwischen Mischakt und Distanceakt für diesen Fall zu verschwimmen beginnt. Wenig später: und Mutter und Kind sind ohnehin nur noch in einem Distanceverhältnis. Sie sehen sich durch Lichtwellen, verständigen sich nach und nach immer besser durch Schallwellen, kurz sie treten trotz aller intensivsten, unabänderlich fortbe¬ stehenden Liebesgenossenschaft miteinander dauernd in jenes einfache Genossenschaftswesen ein, das mit jeglicher siphono¬ phorischen Mischung schlechterdings gar nichts mehr zu thun hat. 10* Dieses weitere Verhalten des einen Partners im Liebes- Individuum, der Mutter, zum Erzeugnis, zum Kinde, macht aber dann nur dasselbe, was der andere Partner, der Vater, vom Zeitpunkt unmittelbar nach dem großen begründenden Mischakt an überhaupt nur gemacht hat. Dieser Vater wartet ja nicht einmal die wahre Vermischung von Samenzelle und Eizelle ab. Im Moment, wo die Samenzelle ihn durch einen letztlich rein automatischen Akt seiner Körperweisheit ver¬ lassen hat und er sich nur mehr als leere Attrappe fühlt, aus der der eigentliche Vermischungskernteil endgültig einmal wieder ausgeschieden ist, — in demselben Moment ist auch seine ganze Mischrolle dem Kinde gegenüber schon ausgespielt. Weibes-Mischakt und Kindes-Mischakt fällt für ihn in eins zusammen. Der gesamte Rest all seiner Beziehungen zum Kinde aber ist fortan Distanceakt! Auch hier mögen die Vater¬ liebe und Kindesliebe als solche so stark bleiben wie sie wollen, ja sich sogar noch wachsend mit den Jahren vertiefen und verstärken: das Verhältnis bleibt Distanceverhältnis. Bleibt doch sogar jenes auf uralter Naturweisheit beruhende Wider¬ streben des Vaters übrig, mit der eigenen Tochter (und der Mutter mit dem eigenen Sohne) nachträglich noch einmal eine echte neue Liebesindividualität im Sinne von Mann und Weib einzugehen, da hier abermals dann echte Vermischung zum Muß würde. Auf alle Fälle siehst du, daß in diesem Verhältnis des Liebes-Individuums zu seinen Kindern Mischakte und Distance¬ akte im seltsamsten Durcheinander auftreten. Und wenn wir ein charakteristisches Unterscheidungsmerkmal gegen jene erste reine Mischrubrik und jene zweite reine Distancerubrik für dieses dritte Verhältnis finden wollen, so müssen wir noch einen anderen Umstand dabei ins Auge fassen. Mischung wie Distance bedeuten räumliche Verhältnisse. Für das Kind aber kommt in ganz besonders aufdringlicher Weise die Dauer in Betracht, also ein zeitliches Verhältnis. Erinnere dich auf einen Moment an das, was wir ehe¬ mals über Unsterblichkeit geredet haben. Das Kind ist die sichtbarste Stelle, wo das Liebes-Indivi¬ duum die Möglichkeit einer Unsterblichkeit zeigt. Mag das Liebes-Individuum sich seelisch und körperlich noch so fest be¬ gründen. Mögen die Distancehandlungen den ganzen Rest des Lebens bei beiden Partnern erfüllen. Mag die körperliche Mischung, die ja an sich immer nur einen Moment dauert, sich in einer Kette von immer neuen Momenten wenigstens so lange fortsetzen, wie durch gewisse Altersgrenzen gewährt ist. Eines Tages läutet beiden Partnern dennoch unabänderlich das Sterbeglöckchen. Darüber hinaus existieren für den äußeren Anblick nur mehr bestimmte, nachgelassene Wirkungen, die nach einem großen Erhaltungsgesetz allerdings unabänderlich weiter rollen. Ich lasse hier ununtersucht, in wiefern du dir auch den Ring dieser weiter und weiter strahlenden Wirkungen immer noch philosophisch als weiterbestehende Individualität definieren könntest. Sicher jedenfalls, ja eine der sichersten Weltthatsachen überhaupt ist: daß eine der großartigsten und handgreiflichsten Wirkungen über den Tod hinaus das Kind ist. Im Kinde steckt die anschaulichste Zukunftswirkung, ja in der Kette der Kinder und Kindeskinder die sichtbarste Unsterb¬ lichkeitsthat des Liebes-Individuums. Das Kind und alles, was mit ihm im Liebes-Individuum an besonderen Handlungen über den erzeugenden Mischakt noch hinaus zusammenhängt: Elternliebe, Kindespflege und so weiter bis in das große hier anspinnende soziale Netz hinein, — es könnte also mit einem scharfen zeitlichen Wort als Gegenstand einer „ Dauerliebe “ bezeichnet werden, im Gegensatz zu der Mischliebe und Distanceliebe der Eltern untereinander. Mit diesen drei Worten glaube ich dir eine gewisse grobe, aber praktische Terminologie an die Hand zu geben, die uns im Labyrinth des menschlichen Liebeszaubergartens unbedingt gute Dienste thun wird. Grob ist sie, ganz gewiß. Aber das schadet, hoffe ich, durchaus nichts. Du wirst mit ihr ein ganzes Stück vorwärts kommen, wenn du dir nur von Beginn an klar darüber bleibst, daß solche Trennungen an sich nur menschliche Hilfsbegriffe sind, während die wirk¬ lichen Dinge natürlich überall im Fluß sind und tausend Übergänge zeigen. Die Übergänge liegen bei unseren drei Kraftwörtlein ja auf der Hand. Die Dauerliebe beispielsweise ist in ihrem äußersten, aller¬ ersten Akt, der Erzeugung des Kindes, identisch mit der echten Mischliebe. Die ganze weitere Vaterliebe innerhalb der Dauer¬ liebe, ist, wie wir gesehen haben, im engeren Sinne wieder eine Art der Distanceliebe. Die ganze echte Mischliebe mit ihrem siphonophorischen Akt der Körperverwachsung im Zeugungs¬ moment wäre im allgemeinen bei uns frei beweglichen und sonst so völlig körperlich getrennten Wesen fast ein Ding der Unmöglichkeit, wenn die Möglichkeit der Liebeserregungen per Distance, durch den Anblick (also durch Lichtwellen), durch die gedankenvermittelnde Sprache (Schallwellen) und so weiter und weiter nicht bestände; die Distanceliebe ist eben für uns Men¬ schen einfach die so gut wie unumgänglich nötige Voraus¬ setzung der Mischliebe. Zwischen Mischliebe und Distanceliebe existieren aber auch noch unmittelbare Übergänge. Ihr Haupt¬ spielplatz sind alle die Vorgänge, die nicht die eigentlichen Distancesinne, Ohr, Auge, Nase, und die Distancegedankenwelt des Gehirns betreffen, sondern den Haut-Tastsinn. Eine der merkwürdigsten Übergangsformen ist hier zum Beispiel der Kuß . In seinem ursprünglichsten Wesen gehört er offenbar dicht an die Schwelle der Mischliebe. Im Moment der körper¬ lichen Kußberührung ist die Distance zwischen den Personen des Liebesindividuums zweifellos dicht an der Minimalgrenze, — die Distanceliebe steht also auf dem Punkte, Mischliebe zu werden. Andererseits ist der Kuß aber thatsächlich noch keine Mischliebe. Die Organe der Mischliebe sind bei ihm noch gar nicht in Thätigkeit. Die Berührung ist noch eine reine Tast- Berührung und zwar eine solche vom Kopf aus, also der am meisten auf Distanceliebe eingestellten Gegend des Gesamt¬ menschen. Auf dieser Messerschneide können die beiden Lieben noch scharf getrennt werden, wenn auch dicht vor Thor¬ schluß. Und so hat sich um diesen Kußakt ein wahrer Ratten¬ könig der allerverschiedensten Wertungen und Deutungen herum¬ geknäuelt. Auf diesen Schlußwert hat sich gleichsam der ganze Ver¬ geistigungsprozeß der Distanceliebe wie mit äußerster Kraft konzentriert, — bis nahezu zum völligen Verlorengehen und Vergessenwerden seiner alten eigentlichen Rolle als Umschlag zur Mischliebe. Aus einer Introduktion der Mischliebe ist er zuerst zu einem Surrogat geworden da, wo die letzte Minimal¬ distance nicht mehr beseitigt werden konnte, als Grenzwert gleichsam des Kampfes und der Sehnsucht um die völlige Mischliebe. Dann ist aber aus dem Surrogat ein Symbol geworden, also schon eine rein geistige Sache: das denkende Gehirn war nicht umsonst so nahe. Und dieses Symbols hat sich jetzt gerade die ausgesprochenste Distanceliebe bemächtigt. In ihren Händen ist der Kuß zum Symbol der Liebe geworden, die ausgesucht niemals körperliche Mischliebe werden soll oder es überhaupt nicht werden kann . Die Dauerliebe, die jede spätere körperliche Neumischung von Eltern und Kindern als die wahre Sünde wider den hei¬ ligen Geist perhorresziert, hat sich gerade des Kusses als Ausdruck der Eltern- und Kindesliebe in umfassendem Maß bemächtigt. Die „keuscheste“, also vergeistigtste Unschuldsliebe per Distance, die den Mischakt eventuell gar nicht als möglich ahnt, mindestens ihn ignoriert als ihren Gegenpol, küßt unentwegt. Ja im erhabensten Moment der Kulturgeschichte, bei der bewußten Einsetzung der Menschenliebe als des fortan obersten Gesetzes im werdenden Menschheitsindividuum, wird der Kuß das Vertragszeichen! In dieser höchsten Neugeburt des alten Thürstehers am körperlichen Mischakt ist nunmehr völlig evident, daß er nur noch ein Symbol des höchsten geistigen Einigungs¬ aktes der menschlichen Distanceliebe ist! Wunderbare Pilger¬ fahrt. An diesem Kusse ließe sich die ganze Geschichte der menschlichen Liebe allein aufreihen, er ist wie ein kolossaler Knoten darin, der, wenn er allein gelöst würde, alle Fäden zugleich wiese. Die Erschwerung der scharfen Trennung bei diesen reinen Tastdingen wie dem Kusse ist im Grunde aber noch bis tief in den Mischakt selbst hinein gegeben. Und zwar aus dem einfachen Grunde (den sich allerdings nicht jeder stets gegen¬ wärtig hält): weil ja dieser Mischakt für die beiden Beteiligten als bewußte Wesen bis in seinen tiefsten Verlauf hinein immer noch in gewissem Sinne Tastakt mit Distance ist und erst jenseits jeglichen Bewußtseins, ja jenseits des Körperzusammen¬ hanges der beiden großen Partner echter Mischakt wird. Dazu mußt du dir immer wieder folgendes haarscharf klar machen. Es mischen sich: die Samenzelle und die Eizelle. Wo? In oder wenigstens mehr oder minder nahe der weib¬ lichen Gebärmutterhöhle. Wie? Die weibliche Eizelle rollt durch einen der Eileiter entgegen. Und die männlichen Samentierchen klettern von der Scheide her aufwärts. Den Vorgang der Begegnung habe ich dir seiner Zeit wohl so weit anschaulich dargelegt. Er ist selber noch wieder eine engere Begattung zweier Zellindividuen — und dieser intimste Begattungsakt erst führt zur eigentlichen wahren Mischung: die beiden Zellen „fressen“ sich gewissermaßen gegenseitig derart, daß jede lebendig in der anderen aufgeht, — nach dem Prinzip, wie zwei Tropfen bei einer bestimmten Höhe der Annäherung blitzschnell ineinander fließen und fortan einen einheitlichen neuen Tropfen bilden. Die ganze Begattung der beiden großen Liebespersonen Mann und Weib ist aber auch bei höchster und reinster Vollendung noch nicht im stande, die letzte Distance zwischen der Samenzelle und Eizelle zu über¬ winden, sie verringert sie nur auf das ihr erreichbare Mindest¬ maß; das allerletzte Distanceteilchen im Inneren des Weibes haben dann Eizelle und Samenzelle noch für sich zu nehmen. Aus diesem äußersten Sachverhalt erhellt also sonnenklar, daß auf der feinsten Goldwage selbst das, was wir Menschen seit Jahrtausenden für die absolute Geschlechtsmischung halten: der für unser seelisches und körperliches Erkennen vollendete Geschlechtsakt zwischen Manneskörper und Weibeskörper, als solcher noch immer innerhalb der Distanceliebe ist. Es ergiebt sich das ja noch besonders gut aus den zahllosen Fällen, wo gerade jene Restdistance zwischen Samenzelle und Eizelle trotz sonst vollendeten Aktes doch nicht mehr genommen wird, also dieses letzte Spannlein Distance die ganze Mischung wirklich noch vereitelt. Es tritt das ein, wenn die Samenzellen absterben, ehe sie eine Eizelle erreicht haben, — sei es nun, daß sie sie nicht früh genug finden konnten oder daß gerade gar keine reife Eizelle vom Eierstock her ihnen entgegen ge¬ wandert war. Und es ist ebenso mit der größten Leichtigkeit absichtlich hervorzurufen durch irgend eine beim Akt künstlich ge¬ zogene Trennungsschranke, die gerade auf jenem äußersten Ge¬ biet noch die Samentierchen an ihrer wirklichen Wanderung zur Eizelle hindert. Die dünne Scheidewand einer Fischblase genügt bekanntlich vollkommen, um noch während des Geschlechtsaktes diese haarscharfe Schranke vollgültig aufzurichten. Und du begreifst: besonders in diesem letzteren Falle bleibt der ganze Akt also genau so Distanceliebe, wie wenn der Mann in Amerika und das Weib in Europa säße. Ich gebrauche dabei mit Absicht doch das Wörtchen „Liebe“. Denn der Akt bleibt für die beiden beteiligten großen Menschen¬ personen in jedem Zuge ja doch ihr äußerster, intimster, seelisch wie körperlich bedeutsamster Liebesakt. Es ist bloß halt trotz aller Intimität typisch echte Distanceliebe und noch ganz und gar keine Mischliebe. Allerdings ist nicht zu leugnen, daß diese extremen Fälle nicht die eigentlich im großen Natursinne vorgesehenen sind. Im höchsten und allseitig harmonischsten Sinne bleibt der Gattungsakt zwischen Mann und Frau, obwohl auch er noch ein letztes winzigstes Distanceteilchen offen läßt, eben doch der endgültige Schritt zur Mischliebe. Unter dieser und keiner anderen Voraussetzung ist er von der Natur inszeniert worden als ein fester Liebesbrauch. Und alle jene weiteren Möglich¬ keiten, zumal die letztgenannte einer künstlichen Schranke noch innerhalb des Aktes, sind erst Sachen zweiten Grades, die den Anblick verwickeln, aber doch nicht die Grunddefinition aufheben können. Schließlich: magst du dir die Übergänge so bunt aus¬ malen wie du willst, — einen brauchbaren Sinn behalten unsere drei Liebesrubriken auf jeden Fall für unsere weitere Betrachtung. Wenn du nur immer grob im Auge behalten willst: die Mischliebe duldet kein winzigstes Bruchteilchen mehr eines Millimeters zwischen ihren Parteien; die Distanceliebe kann ihren einen Partner in Amerika haben und ihren anderen in Europa; und die Dauerliebe geht auf etwas, was zeitlich über beide Parteien hinausläuft in die Millionenfolge der Jahre hinein. Zur Mischliebe rechnen wir (trotz jener feinen Neben¬ punkte) summarisch alles, was mit Samenzelle und Eizelle und mit dem Bestreben, zwischen diesen jeden Raum aufzuheben, zusammenhängt, also Geschlechtsstoffe, Geschlechtsteile und damit ausgeführte Geschlechtshandlungen. Zur Distanceliebe werfen wir alle Liebesdinge, die bloß durch den Geist, durch vergeistigte Werkzeuge, durch Schallwellen, Lichtwellen, Sprache, Schrift, ästhetisches Empfinden und so weiter das Liebes-Individuum bauen und zusammenhalten. Und mit der Dauerliebe verknüpfen wir alles, was die Linie Eltern und Kinder berührt. In demselben Moment, wo du diese schlichte Dreiheit in der Liebe des Menschen erfaßt, diese große Dreieinigkeit, aus denen das Mysterium all unseres Liebens sich baut, — da ist es aber, als reiße gleich ein weiterer Schleier auseinander. Eine schwere graue Wolke zieht ab. Und vor dir liegen wieder Gefilde der Urwelt. Ein neues Stück des großen Plans, auf dem der Mensch heransteigt. In jener Dreiheit steckt etwas Geschichtliches. Stufen des Werdens. Die Mischliebe ist eine Urform . Die Distanceliebe und in allen mit ihr verknüpften Teilen auch die Dauerliebe sind jünger , sind neuer . Im Liebes-Individuum liegt es da wie geologische Schichten aufeinander. Wie du im Bergwerk Schicht auf Schicht siehst, — hier Steinkohle, die einen versteinerten Sumpfwald aus menschenferner Urwelt darstellt; hier wie eine Brodschnitte darüber einen Sandstein, der sich in jüngerer Zeit aus dem Wasser als Schlammgrund abgelagert hat; und viel¬ leicht auf dem wieder eine Basaltdecke, die in nochmals sehr viel jüngeren Tagen aus einem Vulkan hier darauf geflossen ist, und endlich ganz oben eine Deckschicht Lehm und lose Ge¬ steinsbrocken, die jetzt auch noch ein Gletscher hierher geschlittert hat und zwischen denen schon Steinwerkzeuge des Menschen liegen, — so hast du eine Schichtenfolge auch in dir als Mann und Weib, als Liebes-Individuum. Du kannst schon etwas derart vermuten, wenn du dich an eine uns allen geläufige Erscheinung unseres menschlichen Liebes¬ lebens erinnerst. Bei uns Kulturmenschen sind die verschiedenen Lieben viel¬ fach in eine Art Zwist miteinander geraten. Besonders die Distanceliebe ist es, die immer wieder den Versuch gemacht hat, sich als die einzig echte, heilige, menschenwürdige Liebe aufzu¬ spielen und die Mischliebe für eine niedrige, häßliche, ver¬ bergenswerte Liebesabart oder -unart, gleichsam für das Enfant terrible der Liebe, zu erklären. Alle jenen lieben Wörtlein, die der bewußte sogenannte Geist im Menschen gegen seinen eigenen Leib erfunden hat, sind auch hier zur Anwendung gebracht worden. Tierisch, fleischlich, sinnlich waren noch die harmloseren. In zweiter noch verbesserter Instanz kamen dann unsittlich, ekelhaft, menschenunwürdig, satanisch. Obwohl man zugab, daß diese schauderöse Mischliebe doch zum Zweck überhaupt der Fortsetzung des sonst gottlob so veredelten und vergeistigten Menschenvolkes nicht gänzlich aufgehoben werden könne, so haben sich doch Jahrtausende der Sittengeschichte eine immer größere Mühe gegeben, die Mischliebe wenigstens in der Achtung so weit herunterzuarbeiten gegenüber der Distanceliebe, wie nur möglich. Auf gewissen Höhepunkten dieses ungemein merk¬ würdigen kulturgeschichtlichen Zwistes der „zwei Seelen, ach“, in unserem Liebes-Individuum ist ja gar versucht worden, auch noch die Dauerliebe von jedem Mischrest zu entkleiden und zu erlösen. Wie der Heilige nicht mehr in den Armen eines Weibes gedacht werden konnte, so sollte er schließlich auch nicht mehr aus einem Mischakt stammen. Du weißt, wie Buddha sowohl wie Christus von der Legende aus mystischen Distance¬ akten ohne „Befleckung“ hergeleitet wurden. Auch in all diesen Dingen stecken ja nun große und ver¬ wickelte Wallfahrten des suchenden Menschengeistes, dieses neu geborenen Bewußtseinskindes, das auf seiner Suche nach Fortentwickelung durch höhere Ideale tausend Wege probiert und letztlich aus allen, auch den wunderlichsten, etwas gelernt hat. Unser Gespräch kehrt zu diesen besonderen Wertungen der Distance- und Mischliebe noch ausführlich zurück. Was uns hier nur interessieren soll, ist die einfache Thatsache eines solchen Zwistes überhaupt. Wo immer du in der Welt Rangzwiste dieser Art auftauchen siehst, da muß der Gedanke als erster nahe liegen: es handle sich wohl um einen Zwist zwischen Älter und Neuer. Verschiedene Altersschichten lasten wie in jenem Bergwerk da aufeinander. Und zwischen ihnen schwanken die Wertungen. So hast du es in unserem Völkerleben, im sozialen Klassen¬ kampf, in den Meinungen der Religion wie der Naturforschung über die Dinge Himmels und der Erden. Du hast es aber noch in einem uns hier viel näheren Beispiel. Jene liebens¬ würdigen Wörtchen von „fleischlich, sinnlich, tierisch“, die die ganz lilienweiß gewordene Distanceliebe der blutroten Mischliebe angehängt hat, weisen dir den rechten Weg. Es sind ja, wie gesagt, die gleichen herzlichen Adjektiva, die von der Geistes¬ seite gelegentlich immer wieder überhaupt dem Leibe beigelegt wurden. Zwischen dem Teil deiner Individualität, den du für ge¬ wöhnlich Geist betitelst und dem anderen, den du Leib nennst, besteht aber, das habe ich dir wohl genügend oben bewiesen — ein ausgesprochenes Verhältnis von Alt und Neu. Dein „Leib“ ist die ältere Weisheit in dir, — der engere Fleck da¬ gegen, auf dem du deinen „Geist“ regsam fühlst, die jüngere. Dein Leib besitzt die Schrift von Äonen, dein Geist ist deine paar Jahre alt. Obwohl beide in deiner Individualität als einem Höheren, Universaleren einbeschlossen, zeigen diese beiden Stücke deswegen doch eine gewisse Gegensätzlichkeit. Der Leib hat gegen den Geist etwas Plumpes, Riesiges, Erdrückendes. Zugleich hat er aber etwas Automatisches, etwas von einem eingedrillten Riesen, der Jahrmillionen auf dem Buckel schleppt, durch diese Last aber auch in der Beweglichkeit und Freiheit seiner Handlungen stark eingeengt und gleichsam abgestumpft ist. Der Geist erscheint daneben wie ein unruhiges Zwerglein, das auf einem kleinen weißen Felde, das ihm der brave Handlangerriese Leib gewährt und schützt, unablässig Zukunfts¬ werte, Neuwerte in größter Hast aufzubauen sucht. Diesem Zwerglein leuchten keine Millionen von Jahren unmittelbar voran in seinem Thun. Was es erfährt von der Welt, ja vom eigenen Leibe, das muß es in ein paar Jahren ins reine unbeschriebene Feld sich erst hastig hineinraffen. Aber mit diesen paar gerafften Stücken vollführt es nun ein solches freies Jongleurspiel in tausend neue Möglichkeiten hinein, sie zwingt es in einen solchen neuen Tanz über alle Körperweisheit hinaus, daß schließlich wirklich der ganze Fortschritt der Ent¬ wickelung auf diesem Erdplaneten durch die nervöse Neuarbeit dieser Geisteszwerglein läuft. Und da das Zwerglein mit seiner bengalisch hellen Bewußtseinsfackel das selber sehr genau sieht, so ists im Grunde kein allzu großes Wunder, daß es sich für das eigentlich Wichtige und den Leib etwa bloß für einen wirklichen ganz kreuzdummen Handlanger, eine Art notwendigen Übels, hält. Und so entsteht ein Konflikt im Innern des Individuums selbst, ein Konflikt in seinen Teilen, von denen der eine den anderen mit Injurien bewirft. Der Geist macht sich lustig über den dummen Leib. In Wahrheit ist's ja bloß eine Dummheit. Dein Indivi¬ duum braucht den Leib sowohl wie den Geist. Dein Leib ist die ungeheure Quaderfolge deiner Äonen-Vergangenheit. Dein Geist ist dagegen gleichsam die von allem Druck dieser Quader¬ last frei gegebene Stelle, auf der sich neues entwickeln, neues ansetzen soll, — die ideale Oberfläche. Gewiß: dein „Leib“ ist das Tierische, denn er umfaßt eben noch das ganze Tier, das einmal „Du“ war. Dein „Geist“ dagegen ist der nackte Sonnenjüngling da oben, der immerfort nach Zukunft swerten ausschaut und in dessen Gesichtsfeld allerdings nicht mehr das überstandene Beuteltier oder der überstandene Affe steht, sondern ein Ideal-Mensch, auf den dein Individuum im Ganzen als Menschheitsglied hin strebt. Du mußt aber nicht vergessen, daß dieser Ideal-Mensch dort eben nicht stände, wenn nicht der Leib den Affen und das Beuteltier schon in sich hätte. Trotzdem aber: dieser Gegensatz gerade von alt und neu, von dem man ahnt, daß er eigentlich nur ein geniales prak¬ tisches Hilfsmittel der großen umfassenden Individualität jedes Einzelmenschen ist, um überhaupt immer wieder vorwärts zu kommen, — dieser scheinbare „Gegensatz“ hat eben den Zwistpunkt auch hier hineingebracht wenigstens als vorüber¬ gehende Erscheinung der Menschheits-Entwickelung. Und wenn nun die Distanceliebe die Mischliebe gerade mit denselben freundlichen Invektiven beehrt, wie der Geist den Leib, so dürfte also wohl auch dort so etwas wie ein Gegensatz von alt und jung zu Grunde liegen. Und er liegt. Ja er hat sogar unmittelbare Beziehungen zu dem Gegen¬ satz in Geist und Leib. Setzt sich ja doch das höhere, das doppelmenschliche Liebes-Individuum aus zwei echten Menschen¬ individuen zusammen, deren jedes seinen Leib und seinen Geist hat, — die Sache liegt also nahe genug. Thatsache ist, daß die Mischliebe ein engeres Verhältnis zum Körper hat, die Distanceliebe ein engeres zum Geist, — diese Wörtchen Körper und Geist natürlich immer wohlverstanden als keinerlei absolute Gegensätze gefaßt. Die Mischliebe ist so zu sagen der Leib des Liebesindividuums. Der Zeugungsakt mit wirklicher nach¬ folgender Zellmischung ist der einzige wahre Moment, wo dieser Leib ernstlich hergestellt ist. Die Distanceliebe dagegen kann recht gut als der Geist des Liebes-Individuums angesehen werden. Blättern wir ein paar Seiten zurück im großen Ur- und Hauptbuch der Liebe. Da hast du am Anfang des ganzen riesigen Stammbaumes der Pflanzen und Tiere auf der alten dicken Erde jene winzigen Rumpelstilzchen, die Moneren, Amöben, Bazillen. Ihr ganzer Leib besteht nur aus einer einzigen Zelle und ihre ganze Liebe ist ursprünglich Selbst¬ teilung dieser Zelle in zwei oder mehrere Stücke. Auf einer unbedeutend höheren Stufe bei ihnen verschmelzen zwei solcher Teilstücke von zwei verschiedenen Individuen dann bei gelegent¬ licher Begegnung nochmals miteinander und erst das so ge¬ bildete Neuwesen teilt sich jetzt wieder. Hier denn hast du eine Art neutralen Urbodens der ganzen Liebe, die wahre Mutterlauge, aus der alles werden mag. In der Trennung der Zellenteile hast du den Uranfang aller Distance, in der Verschmelzung den Uranfang aller Mischung. Beides, scheint es, kommt hier gleichermaßen schon aus der Urwurzel herauf. Ja da ist wirklich in der Zellen- Verschmelzung schon der ganze Fundamentalakt der Mischliebe gegeben. Zugleich aber ist in der Nötigung, daß die beiden Mischzellen sich erst begegnen, erst finden müssen, daß sie von zwei Richtungen, zwei verschiedenen älteren Individuen her¬ kommen, auch eine Fundamentalthatsache der Distanceliebe ge¬ geben. Und in der Spaltung selbst, der Lösung eines Zell¬ bruchstückes vom anderen hast du endlich auch noch eine Fun¬ damentalsache der Dauerliebe, wenn schon in verschleiertster Form: die Losspaltung eines jüngeren, kleineren Individuums von einem älteren, großen durch einen neuen Schnitt, eine neue Distance. Vor diesem Akt als Ganzem ließe sich also von irgend welchem geschichtlichen Nacheinander der drei Liebes- Arten kaum reden. Aber wenn du genauer hinschaust, hellt sich dir doch folgendes Lichtstreifchen weiter auf. Dieser ganze Akt der Ur¬ liebe da wird heute noch von dir, dem hochgelobten weisen Menschenkinde im zwanzigsten Jahrhundert, ganz genau so in denselben uralten Bräuchen vollzogen, gleich als hätte sich da überhaupt nichts verändert in den Jahrmillionen seit dem ersten Tage, da im Urmeer eine erste Liebe jener Rumpel¬ stilzchen sich nach jenem Rezept abwickelte. Aber der ganze Akt erscheint bei dir gleichsam zusammengerückt doch bloß in eine Liebe recht eigentlich hinein: nämlich in die Mischliebe. Das, was in diesem Akt als Distanceliebe erscheint, das umfaßt jetzt nur jenes erwähnte, kleine Wegrestchen zwischen Samenzelle und Eizelle, — das winzige Distanceteilchen inner¬ halb des Weibes zwischen deiner eingespritzten Samenzelle und der entgegen wandernden Eizelle deiner Liebsten. Und ebenso umfaßt das, was in dem Urakt als Dauerliebe erscheint, nur mehr das kleine Wegrestchen umgekehrt, das ein Menschenkindlein im Moment der Geburt von der Gebärmutter bis an die Scheide¬ öffnung zurücklegt. Jenes ganze Ur-Meer von Jahrmillionen, in dem die ersten lebendigen Zellen sich suchten, mischten und wieder zerspalteten, ist in Wahrheit eingegangen und aufgenommen in den purpurnen Grund des Schoßes beim Menschenweibe. Damit aber tritt in Kraft, was wir eben uns selber begrenzt haben. Der ganze Urakt, von uns Menschen immer noch so treu bis heute bewahrt, fällt wesentlich doch bei uns ganz in die Mischliebe. Alle unsere echte menschliche Distanceliebe aber, die bei der Pforte des liebenden Weibes aufhört , und eben¬ so alle unsere echte menschliche Dauerliebe, die bei derselben Pforte der gebärenden Mutter nach außen zu anfängt : sie berühren gar nicht jenen alten und im Weibesleibe immer noch fortbestehenden Urakt der Liebe. Sie müssen jünger sein, müssen Ergebnis sein einer erst nachfolgenden geschichtlichen Weiterentwickelung in der Liebe. Und das sind sie allerdings. Denn ihre gesamten Voraus¬ setzungen liegen eingequadert in jüngere Entwickelungsdinge der Lebewesen überhaupt. Da sind ja beim Zeugungsakt selber bei euch beiden Menschen schon nicht bloß die Eizelle und Samenzelle, die sich 11 suchen, sich mischen, ein Kind machen. Über deinen Samen¬ zellen ragt vielmehr ein ungeheurer Zellendom: dein männliches Begattungsglied. Hinter diesem Gliede aber wächst in noch viel gigantischeren Massen der Milliarden-Zellen-Komplex deines gesamten Mannesleibes auf. Und entsprechend über der winzigen Eizelle der Herkules des Weibeskörpers. Jeder der beiden großen Liebespartner ist in Wahrheit ein Zellen¬ staat, und erst durch Wunsch und im Schutz dieser Staaten wird der alte Monerenozean der Urwelt für kurze Zeit da im innersten Weibesleibe noch einmal hergestellt. Hinterher aber gehen diese Staaten auseinander, weit fort, soweit mindestens, daß sie nur durch Schallwellen oder Lichtwellen für gewöhnlich noch miteinander verkehren können. Und auch das Kind, das schließlich geboren wird, ist ein solcher Zellenstaat schon, ein ganzes Reich mit Ministerien und Werkstätten aller Art. Und es reißt sich ebenfalls los von dem Mutterschoße, von dem alten Ozean, wächst groß wie Vater und Mutter und verkehrt mit beiden ebenfalls meist nur mehr durch Schallwellen und Lichtwellen, höchstens ab und zu noch durch einen Händedruck oder durch jenes wunderliche Symbol, den Kuß. Nun denn: diese ganze Vielzelligkeit, diese Staatenbildung bei den Zellen ist ja selber der erste große Fortschritt über jene Urwesen hinaus geschichtlich gewesen. Die Einzelzellen schlossen sich schon in sehr alten Tagen zu Zellklumpen zusammen. In diesen ersten rohen Zellgenossenschaften trat besonders gegen das Tierreich hin eine immer feinere Arbeitsteilung ein, es entwickelten sich die einzelnen Organe ... und so fort, — das weißt du. Unter diesen Organen waren aber mehrere, die der ganzen Lebenslage und Lebensmöglichkeit der Tiere nach und nach völlig neue Bahnen öffneten. Die Sinnesorgane Auge und Ohr rissen die große Distancewelt der Lichtwellen und Schallwellen auf. Mit der Lunge kam das Organ der eigenen Erzeugung von Schallwellen hinzu. Diese Distanceorgane wurden aber doppelt wichtig, da gleichzeitig die Bewegungsorgane, Flossen, Füße, Flügel, Hände, das Einzelindividuum, die „Person“, mehr und mehr vom „Haften an der Scholle“ befreiten und wirklich auf Distancen einschulten. Nun zu allem das rapide Wachsen des Überlegens, des Denkens, des Schließens im Gehirn: die Schallwellen werden zur Verständigungssprache benutzt, die Hand formt Werkzeuge ... aus dem Nebel taucht gerade auf diesem Wege das Tier der Tiere: der Mensch. Das äußerste, höchste Distancewesen der uns bekannten Welt ist ausgesucht dieser Mensch. Denke an sein Auge, das, im Werkzeug zum Fernrohr vervollkommnet, die Monde des Jupiter zählt, im Spektroskop die Chemie von Fixsternen analysiert, die hundert Billionen Meilen von uns entfernt sind, und den Durchmesser unserer Erdbahn um die Sonne, vierzig Millionen Meilen, als Basis eines Dreiecks benutzt, um die Parallaxen und damit die Entfernungen solcher Billionenmeilensterne zu errechnen. Du siehst aber in derselben Entwickelungsbahn noch anderes hervortreten. Diese Tiere, die Zellstaaten geworden sind und alle Sorten von Distancegaben räumlich entwickelt haben, legen sich auch mehr und mehr aufs Zeitliche. Das Erinnerungsvermögen wächst, und zugleich der Zukunftsblick. Alte Traditionen geben einen geheimnisvollen Zusammenschluß. Die Generationen kommen sich geistig immer näher. Die nächste wird schon ge¬ schaut, die letztvergangene noch erinnert. Jene höheren sozialen Zusammenschlüsse, die über die Person hinausgehen, dehnen sich nicht bloß räumlich, sondern auch zeitlich aus. Der Mensch endlich hat eine Geschichte, die über Jahrmillionen reicht, aber er denkt zugleich Kinder und Enkel greifbar in eben solche Millionen hinein. Du begreifst: das erst ist der goldene Boden, auf dem die wahre Distance- und Dauerliebe allmählich blühen konnten. Blühen Hand in Hand mit dieser ganzen ansteigenden Ent¬ wickelungslinie der höheren Tierwelt, — als eine parallele Entwickelung in der Liebe! 11* Ganz langsam so erst, Stück für Stück, ist das Liebes- Individuum, wie es heute in zwei liebenden Menschen vor dir steht, von der Natur zugesponnen worden. Ich sagte dir, du solltest dich von deinem Geschlechtsteil belehren lassen. Gleich der erste Schritt aber, der uns zum Liebes-Individuum mit seinen drei Liebesarten geführt hat, giebt dem ganzen Satze noch einen höheren Sinn. Dein eigentliches Geschlechtsorgan hier ist nur das der Mischliebe. Aber dein Leib ist noch voll anderer, gleichsam geheimer Geschlechtsorgane. Alle die, die zur Distanceliebe und Dauerliebe dienen. Ein Geschlechtsglied in diesem höheren Sinne ist deine Zunge, die Worte aussendet von einem Teil des Liebes-Individuums zum anderen. In ihrer Art ist sie ein aktives, ein männliches Organ der Distanceliebe. Eine Art weiblichen empfangenden Schoßes umgekehrt ist dazu dein Ohr, das diese Worte in sich aufnimmt. Ein Geschlechtsteil nicht minder ist dein Auge, und jede Lichtwelle, die von Mann zu Weib und Weib zu Mann strömt, ist in ihrer Art eine strömende Welle zeugenden Samens, den die Netzhaut in tiefem Schoße einsaugt. Ein denkender Forscher, der den Bau des Weibes ernst durchdacht hatte, hat einmal den Spruch gethan: an des Weibes ganzem Leibe sei eigentlich kein Fäserchen, das nicht seine Abhängigkeit darthäte von der Geschlechtsbestimmung als Weib. Das trifft zu, — trifft aber genau so auch zu auf den Mann. Wenn je ein Glaube wahr war, so ist es der alte naive: daß, wer liebt, mit Leib und Seele bis in jedes Haar seines Hauptes und jedes Sonnen¬ stäubchen seines Geistes liebt. Kein Titelchen weder von dir noch von deiner Liebsten kannst du fortdenken, ohne auch in das Liebes-Individuum, das ihr bildet, einen tiefen Riß zu reißen. Gerade weil das so ist, läßt sich aber aus der geschichtlichen Betrachtung deines „Menschwerdens“ überhaupt nun im engeren auch so unendlich viel gleich mitbegreifen von den heutigen Thatsachen deiner Liebe. Eine ganze Kette der seltsamsten, der quälendsten Erscheinungen werden da fast augenblicklich klar. C redo , — quia absurdum ! Ich glaube es, weil es sinnlos ist! Du kennst den alten Glaubenssatz, in dem die Menschheit solange ihre uralte Wiegeninschrift gesehen hat: der Mensch ist von Gott geschaffen worden so, wie er ist. Da stand er eines Tages, nackt auf grünem Plan, — mit all seinen Vor¬ zügen und Fehlern in der nackten Seele und dem nackten Leib. So lieblich gerade ob ihrer Schlichtheit diese Legende klingt, — für mich hat sie immer etwas Dämonisches gehabt. Wenn ich heute noch an sie buchstäblich glaubte, mit dem naiven Sinn des Kindes, so läge für mich jetzt, als reifen Mann im vierzigsten Lebensjahr, ein Zug, eine Stimmung darin, die mich mahnen könnten, in die Wüste zu ziehen. Als Anachoret in die Sandöde und Steinöde. Wo die Sonne glüht und glüht, ohne Schatten, ohne Quell. Und wo der Einsiedler alles hinter sich auslöscht wie einen irren Traum. Tausende haben es so gemacht, als dieser und verwandter Glaube einst wirklich lebendig die Menschenherzen durchschauerte und nicht bloß von Glaubenspapageien nachgeplappert wurde. Sie glaubten — und resignierten. Und zogen in die Wüste. Und ließen die unerbittliche Scheitelsonne ihr Gehirn dörren. Sie hatten den Glauben, sie wußten was die Welt war. Aber sie suchten als Symbol die Zelle des verschmachtenden Einsiedlers in der Wüste. Als Symbol der Gedankenwüste. Und der verdorrte Mund betete mechanisch: credo, credo, — credo quia absurdum ..... Wenn ich mir sagen sollte, daß dieser Mensch auch in seiner Liebe also gleich so geschaffen wurde. Als Mann und Weib, mit all den uns gegebenen Notwendigkeiten. Und daß dieser Mensch die Krone der Schöpfung sein sollte, als er geschaffen wurde. Mich ergriffe eine dumpfe, lähmende Ver¬ zweiflung über die vollkommene, bleischwere Unbegreiflichkeit dieser Dinge. Ein Kind kann das nicht fühlen und darum mag es von jenem Glauben nur das Liebliche empfinden. Aber ein Mann von vierzig Jahren, der dieses Menschenleben auch nur an der Küste befahren hat, — er muß es fühlen. Welche ungeheuerlichen Thatsachen der Liebe aus allen drei Liebesgebieten werden ihm zugemutet, die er also schweigend hinnehmen soll ohne eine andere Erklärung, als daß es so die Absicht Gottes war bei Erschaffung seiner Krone alles Weltenseins! Sagen wir, die Fortpflanzung des Menschen sei an sich etwas von Beginn an Eingesetztes. Es soll die Menschheit nach Gottes Wille nur so bestehen können, daß immer wieder diese kleine männliche Samenzelle sich mischt mit der weiblichen Eizelle und daß aus dieser Mischung das neue Menschenkind aufsproßt. Streng genommen hat selbst das schon keine noch so scharfsinnige Theodicee der Jahrtausende logisch erklären können. Aber es mochte wenigstens etwas Tröstliches darin sein, das einer dunkeln Ahnung von Logik nahe kam. Der einzelne Mensch, verantwortlich für seine Erdenthaten von Gott gemacht, hatte genug Mühe mit seinem Gang auf der Schärfe eines Messers zwischen Sünde und Heil in den Jahren seines Lebens. Es war ihm zu gönnen, daß diese Jahre eng um¬ grenzt waren, daß dieses Pilgerleben hier nicht ewig dauerte, sondern daß sehr schnell der Vorhang wieder darüber fiel und eine neue Generation zum Experiment an die Reihe kam. Wir zeugten diese Generation, — aber sie duldete dann für sich und ging über unsern Gräbern ihren Weg mit nackten Füßen auf dem Rasiermesser weiter. Mochte man sich dabei beruhigen. Aber du schaust um dich und du siehst, daß dieser ein¬ fache Akt noch wieder umwickelt ist mit einem ganzen Gewebe von Absurditäten. Da ist zunächst die ungeheure Verschwendung, die ihn um¬ giebt. Ein Vergeuden der Zeugungsstoffe ohnegleichen. Ein neuer Mensch soll stets nur entstehen durch die Mischung einer Eizelle mit einer Samenzelle, und damit diese Mischung zu stande komme, ist ein Geschlechtsakt zwischen Mann und Weib nötig. Gut. Das sei die Grundlage. Die Mensch¬ heit soll erhalten bleiben. In den fünfzehnhundert Millionen Menschen auf Erden soll jeder Sterbefall stets wieder ersetzt werden durch einen Geburtsakt. Zu dem Zweck sind ganz folgerichtig von diesen fünfzehnhundert Millionen Menschen die Hälfte Weiber und die andere Männer. Die genaue Ver¬ teilungsziffer schwankt im einzelnen etwas, so weit sie bekannt ist. Aber doch nicht so, daß man nicht im ganzen rund halbieren könnte. Diese Männlein und Weiblein einigen sich und aus der Einigung erwachsen Kinder. Zwei gesunde, weiter lebende Kinder, die Vater und Mutter bei deren Sterbefall ersetzen, — und das Problem der Menschheitserhaltung wäre gelöst. So überaus einfach. Zu diesen beiden Kindern wären aber ausgespart beim Weibe gerade zwei Eizellen und beim Manne zwei Samen¬ zellen nötig. Jede Eizelle hat die Größe des Pünktchens, das du mit einem sehr hart zugespitzten Bleistift auf dem Papier senkrecht eben noch erzeugen kannst. Ein Fünftel eines Milli¬ meters in Länge wie Breite. Die beiden zusammen ergeben aneinander gelegt also einen etwas dickeren Punkt von noch nicht ganz einem halben Millimeter Breite. Jedes männliche Samentierchen ist aber sogar nur ein Zwanzigstel eines solchen Millimeters lang, also mit bloßem Auge überhaupt nicht mehr sichtbar. Zwei geben ein Zehntel Millimeter, also auch noch für das bloße Auge ein Nichts. Diese vier Stäubchen nun in Summa wären die ganze nötige Stoffmasse zur Erhaltung der Menschheit. Jetzt liegen die Dinge freilich so, daß nicht alle Menschen¬ paare sich finden. Auch sterben kleine Kinder schon wieder in Masse. Und so weiter. Es könnte ja auch vorgesehen sein, daß die Menschheit nicht bloß sich erhalten, sondern allmählich noch zunehmen soll. Also ist es logisch gut begreiflich, daß jedem Weibe und Manne die Möglichkeit anerschaffen wurde, eventuell auch noch mehr als zwei Kinder zu erzeugen. Aber auch das findet in gewissen Umständen wieder seine gegebene Schranke. Jedes Kind entwickelt sich neun Monate lang im Mutterleibe. Für diese ganze Zeit sperrt es von selbst den Weg für eine neue Befruchtung. Da das Befruchtungs¬ vermögen auch nach der Geburt meist wenigstens noch eine kürzere oder längere Frist unter gesunden Verhältnissen pausiert so läßt sich rund jedenfalls ein Jahr Pause auf jedes Kind rechnen. Nun ist die gesamte Lebensdauer auch des gesundesten Weibes aber in ihren Jahren bereits eine beschränkte. Mehr wie neunzig bis hundert hat kein Weib zu vergeben. Selbst von diesen Jahren aber fällt mehr als die Hälfte ganz fort auf die noch geschlechtsunreife Jugend und das nicht mehr ge¬ schlechtsreife Alter. Die Zeugungszeit schränkt sich in runder Ziffer, die schon sehr hoch gegriffen ist, auf etwa dreißig Jahre ein. Das gäbe also nur mehr Raum für dreißig Kinder. Wir wissen aber alle, daß selbst das noch eine Patriarchen¬ ziffer ist, die nicht einmal ideal gelten darf. Sagen wir zwanzig, und sagen wir, daß es also einen logischen Sinn hätte, wenn jedem Weibe die Fähigkeit wenigstens für den eventuellen Fall gegeben wäre, zwanzig Kinder in die Welt zu setzen. Zwanzig Eizellen pro Person wären dazu nötig. Und auch für den Mann wäre damit eine Maximalgrenze gegeben: zwanzig Samenzellen. Zwanzig Eizellen würden ein Stückchen lebendigen Stoffes darstellen immer erst von der Größe eines bescheidensten Tintenklexchens, — zur Schnur gereiht überträfen sie nur unbedeutend die Länge dieses Gedankenstriches. Zwanzig Samenzellen so der Länge nach aneinandergelegt erschienen daneben erst gar wie ein feinstes Spritzchen, ein Komma von gerade einem Millimeter Ausdehnung. Mit diesen Mitteln also ließ sich alles erreichen. Es brauchte bloß noch der Geschlechtsakt so festgestellt zu werden, daß er unter allen Umständen, wenn er überhaupt zu stande kam, auch wirklich eine Samenzelle mit einer Eizelle zusammenbrachte. Vom Boden einer zweckmäßigen „Erschaffung“ hätte das wohl am wenigsten Mühe machen sollen. Wir Menschen selber, die wir doch überall erst in den Kinderschuhen des eigenen be¬ wußten Könnens stehen, wir vollziehen ja schon bei den ver¬ schiedensten Gelegenheiten den Akt der Übertragung von Körperzellen eines lebenden Wesens auf andere mit einer fast unfehlbaren Sicherheit. Wir okulieren und pfropfen als Gärtner ein Edelreis auf einen Wildling, zwingen also den Sproß einer besseren, feineren Obstpflanze zu einer Ver¬ wachsung, einer Art äußerlicher und nachträglicher Zeugung mit einer geringeren Sorte. Wir verpflanzen am Menschen¬ körper als Arzt, der die Kunst der Transplantation übt, lebende Hautstücke, um Wunden zu decken oder gar eine neue künstliche Nase zu bilden. Und bei unseren Schützlingen aus Tier- und Pflanzenreich nehmen wir mehrfach sogar geradezu den geschlechtlichen Befruchtungsakt in die Hand: wir be¬ fruchten künstlich Fischeier unserer Züchtereien mit Fischsamen, und seit uralten Tagen wird die Dattelpalme von Menschen¬ hand ganz gewohnheitsmäßig begattet, indem der Samen von dem männlichen Blütenkolben in die offene weibliche Blüte der Palme gestopft wird; Jahre lang kann dieser Palmsamen sogar aufbewahrt werden wie Schnupftabak und genügt immer noch, wenn der Gärtner ihn braucht. Wie viel mehr sollte der Schöpfer es verstanden haben, den Menschen so zu bauen, daß dem schlichten großen Zweck die größte Schlichtheit und Sicherheit des Mittels entsprach. Nun aber gegen alles das, welcher Kontrast der Thatsachen. Du betrachtest die Eierstöcke eines jungen, reifenden Mädchens. Es ging erst auf das Morgenrot seiner Liebe zu, und so erwartest du die noch unberührte Anlage zu jenen ganzen zwanzig Eiern, etwa zehn am rechten Eierstock und zehn am linken. Und du findest statt der zehn jederseits sechsunddreißig¬ tausend , — also im ganzen zweiundsiebzigtausend vor¬ bereitete Eier. Selbst bei einem Weibe, das zwanzig lebendige Kinder in die Welt setzt, immer einundsiebzigtausendneunhundertundachtzig Eier zu viel! Das Loos dieser Überzähligen kann selbst in diesem günstigsten Falle kein anderes sein als Vernichtung noch im Mutterleibe. Und wir sehen deutlich genug die Wege dieser Vernichtung. Weitaus die größte Masse verkümmert und zer¬ geht schon am Eierstocke selbst wie taube Beeren. Ein Teil aber stirbt, obwohl ausgereift, noch gerade vor dem Hauptpunkt durch jenen seltsamen Prozeß ab, der sich äußerlich in der Menstruation des unbefruchteten Weibes vor Augen stellt. Ganz unbekümmert darum, ob nun wirklich männliche Samenzellen von der Geschlechtspforte her eingeführt werden oder nicht, vollführt nämlich der Weibesleib jene oben schon einmal be¬ rührte automatische Handlung, daß er mindestens jeden Monat einmal ein Ei am Eierstock voll ausreifen und sich loslösen läßt. Es geschieht gleichsam auf den möglichen Fall einer Befruchtung hin. Kommt jetzt gerade eine Samenzelle, so ist die Sache geglückt. Aber in unzähligen Fällen glückt sie eben nicht. Es tritt statt einer Befruchtung und beginnenden Schwangerschaft das ein, was wir Menstruation nennen. Und das reife, losgelöste Ei stirbt dabei ebenso unbefriedigt ab, wie jene anderen verkümmernden am Eierstock selbst. Die Menstruation tritt bekanntlich unter gesunden Verhältnissen alle vier Wochen ein und setzt erst aus, wenn eine Schwangerschaft begonnen hat. Selbst bei zwanzig Schwangerschaften in dreißig Reife¬ jahren eines Weibes würde ein ziemlicher Spielraum bleiben für Eiverluste dieser Art vorher, dazwischen und nachher. Aber nun der ja unendlich häufigere Fall von weniger Schwanger¬ schaften bis zu gar keinen! Denke an jene zwei Kinder, die streng genommen allein nötig wären. Hier blieben achtund¬ zwanzig Jahre frei, jedes zu zwölf Monaten. Und jeder dieser Monate bedeutete mindestens ein reifes, losgelöstes, im weib¬ lichen Organ reifendes, wanderndes — und untergehendes Ei. Es wären dreihundertsechsunddreißig Eizellen, die auch so in ihrer Blüte noch elendiglich abstürben, ohne zum Ziel zu kommen. Bei einer alten Jungfer blieben gar dreihundertund¬ sechzig als Opfer. Du kannst dir ein hübsches Anschauungsbild der zweiund¬ siebzigtausend Beeren an der weiblichen Traube machen, wenn du dir einmal jedes Ei dabei zu der reifen Größe von einem fünftel Millimeter Durchmesser entwickelt denkst und dir dann diese Eier hintereinander reihst wie eine Perlenschnur oder auch wie eine jener Eierschnüre, die von den Kröten dort in ihrem Tümpel zur Frühlingszeit abgelegt werden. Du erhälst eine Schnur von rund vierzehn Meter Länge . Wenn sie die nötige Solidität hätte, könntest du dich daran aus den Fenstern des dritten Stocks einer turmhohen Berliner Mietskaserne herablassen. Und diese vierzehn Meter jetzt stehen gegen jenen Gedankenstrich von vier Millimetern, der für zwanzig Kinder genügte ..... An und für sich will ja solche Anhäufung von Zellen im großen Zellenstaate des menschlichen Leibes nicht viel bedeuten. In diesem unermeßlichen Gewimmel der Zellen verschwimmen diese zweiundsiebzigtausend noch mit wie eine Bagatelle. Die wenigsten Menschen machen sich ja einen Begriff davon, welche Längen herauskämen, wenn man sich überhaupt das gesamte Zellmaterial unseres Körpers glatt nebeneinander aufgereiht dächte. Die roten Blutkörperchen, die deinem Blute die rote Farbe geben und von denen jedes wenigstens eine verkümmerte Zelle darstellt, sind noch viel kleiner als die einzelnen Eizellen, und mit bloßem Auge gewahrst du bloß die rote Farbe am Blut, erkennst aber keines der Einzelkörperchen. Aber ihre Zahl geht in dir allein bis auf fünfundzwanzig Milliarden. Und denkst du dir diese fünfundzwanzig Milliarden roter Blut¬ körperchen ebenso als Perlenschnur aneinander gereiht, so kommt die ungeheuerliche Strecke jetzt heraus von rund zweihundert Kilometern, also mehr als die Kilometerlänge etwa der direkten Eisenbahnlinie zwischen Berlin und Dresden. Aber diese Masse der Blutkörperchen hat einen tiefen Sinn. Ihre enorme Fläche in den Menschenleib hinein auf¬ gewickelt und langsam immerzu wie an einer Walze durch die Lunge gezogen, giebt das riesige Saugfeld ab, das den dir nötigen Sauerstoff aus der Luft in sich nimmt und damit dein ganzes Leben nährt und erhält. Bei jenen zahllos verpulverten Eiern ist dagegen ein Zweck in diesem Sinne nicht zu entdecken. Wohl aber stellt sich gerade hier der Gedanke ein, welch köst¬ liches Gut an sich gerade da verpulvert werde. In jeder dieser Eizellen steckt nicht nur ein Individuum, ein Zellseelchen, — es steckt darin jene konzentrierteste Kraft des ganzen Eltern¬ daseins und aller Ahnenvergangenheit, — jene mysteriöse Kraft, die gerade solche Eizelle befähigt, im günstigen Falle (nach ihrer Vermählung mit der Samenzelle) einen ganzen neuen Menschen wieder auf den Plan zu stellen. Körper wie Seele der Mutter, alles, was das Kind von der Mutter un¬ mittelbar mitbekommt, liegen in diesem Zellchen schon wie der Halm im Weizenkörnlein eingegraben. Ein winzigstes Krystall¬ spiegelchen ist dieses lebendige Stäubchen Stoff, aber in diesem Spiegel steht noch einmal das ganze riesige Körperbild, — als wahrer Mikrokosmos enthält jedes dieser Eistäubchen den ganzen Makrokosmos der Mutter und all ihrer Ahnen noch einmal neu. Und so viel tausende und tausende gerade dieser köst¬ lichen Zellen unentrinnbar dem Verderben geweiht! Nimm die andere Seite, den männlichen Samen, und die grausige Phantasmagorie wächst. Jene Maximalziffer von zwanzig Samentierchen pro Mann wirkt in Wahrheit wie ein schlechter Scherz gegenüber selbst der bescheidensten Leistungsfähigkeit eines gesunden Menschen. Laß deinen Geist noch einmal wandern. Zu jenem Bilde des lebendigen Samentröpfleins unter dem Mikroskop. In dem einen Tröpfchen zieht eine Milchstraße zuckender, wimmelnder Samenzellchen dir vorüber. Das drängt sich und wirbelt und stößt, — was sind deine angesetzten zwanzig in diesem kleinen Hexenkessel der Homunkuli. Und nun: das Ver¬ größerungsfeld deines Mikroskops faßt vom Tropfen, den du mit bloßem Auge deutlich als solchen siehst, blos erst einen Ausschnitt, — giebt gleichsam eine Stichprobe. Durch den ganzen großen Tropfen zittert das gleiche Leben. Dieser Tropfen aber ist selbst nur wieder ein geringer Teil der ganzen lebendigen Welle, die bei einem einzigen Geschlechtsakt einem reifen Manne entströmt. Diese Welle durchwimmeln die Samenzellen in ent¬ sprechender Fülle, viel enger gedrängt, als die jungen Fischlein im grünen Krystall dieser wohligen Bucht, auf der die Frühlings¬ sonne brennt. Solcher Geschlechtsakte aber ist dieser Mann einer schier endlosen Kette fähig. Ja er ist nicht bloß dazu fähig. Sondern seine innerste Natur treibt ihn, zwingt ihn dazu. Ein winzigster Bruchteil jenes einen Tröpfleins würde genügen, um die angenommene Riesenzahl von zwanzig Kindern zu er¬ zeugen. In ihm aber hebt und hebt sich diese ganze Welle immer wieder neu. Gieb ihm nur dreißig Jahre der vollkommenen, der hochblühenden Reife meinetwegen wie dem Weibe. Aber in diesen dreißig Jahren regt sich in ihm die Kraft nicht bloß dreißigmal, sie regt sich allermindestens wöchentlich einmal darin. Das giebt zweiundfünfzig Wochen in jedem Jahr, — im ganzen also fünfzehnhundertundsechzigmal. Für ihn giebt es keine Pausen, auch wenn der Akt der wahren Zellmischung einmal stattgefunden hat, denn die Dauerliebe berührt ihn in diesem Punkte nicht mehr. Er wandert fort von dem einen Weibe, wo der heilige Naturzweck sich erfüllt hat, und die Kraft ist fast augenblicklich von neuem da, mit ihrer ganzen Siegergewalt, ihrem allfortreißenden Zwang und ihrer Gewißheit neuer Siege, sobald nur die rechte Gelegenheit vom Weibe her ge¬ geben ist. In diesem Falle ist das Mißverhältnis zwischen Zwang und Zweck so ungeheuerlich, daß es den Menschen zum Denken genötigt hat, so lange er überhaupt denken kann. Lange, ehe man von dem Verschwendungs-Mysterium beim Weibe auch nur eine Ahnung besaß. Beim Weibe vollzieht sich das alles ja geheimnisvoll innerlich. Man kannte weder die Eierstöcke, noch das Ei selbst. Und man ahnte nicht, was die Menstruation bedeutete. Aber in schlichtester Praxis hatte man der Weisheit des Leibes abgelernt, daß der Mannessamen unbedingt nötig sei, um ein Kind zu erzeugen. Jahrtausende lang glaubte man sogar, das Weib sei bloß das schwarze nährende Erdreich, in das der Mann durch seine Kraft erst die wahre göttliche Blume pflanze. Im Samentierchen hat man noch vor zweihundert Jahren ein ganzes Menschlein, einen wahren Homunkulus ge¬ gesucht, der im Mutterleibe sich nur auswickeln und wachsen sollte. Aber je höher man sich diese Ahnung nun treiben mochte und bis in was immer für Mißverständnisse hinein: um so furchtbarer mußte die Vergeudung jetzt gerade dieses kostbaren Samens vor Augen treten. Du kennst das herrliche Bild aus dem indischen Evangelium: wie Buddha der Königssohn in der Fülle seines Lebensmaies sich aus den heißen braunen Armen seines schönen jungen Weibes ringt und in seliger Lässigkeit auf goldenem Wagen durch den Blütenmorgen dahinfährt. Da sitzt am heiligen Strom, in dem die Sonne wie eine nackte Königin mit schimmerndem Goldhaar badet und die roten Lotosblumen schwanken, ein blinder Greis mit kahlem Schädel und gekrümmten Gliedern und bejammert sein Alter. Und im kühlen Märchenschatten des riesigen Banyanenbaumes, von dem die Luftwurzeln wie schwarze Tempelsäulen niedersteigen, liegt ein Todkranker und stöhnt und ein Pesthauch geht von den Schwären seines Leibes aus. Und wie der Wagenlenker die Rosse eilig wegpeitscht von diesem Ort des Grauens, da hemmt draußen im vollen Blütenzauber und Himmelsglanz ein schweigender Zug den Königswagen: sie tragen einen Toten zum Begräbnisplatz. Da steigt Buddha herab von seinem goldenen Wagen und wirft sich in den Staub, denn er hat das Elend der Welt erkannt. Und er ver¬ läßt Krone, Weib und Kind und zieht in die Wüste, um nachzusinnen ..... Aber dieser Königssohn der Menschheit hätte das Lager seines jungen Weibes gar nicht zu verlassen brauchen. An den Hekatomben seiner eigenen verschwendeten Samenzellen hätte er den furchtbaren Ernst der Weltenfrage ebenso schon lernen können. Tausende von Akten mit dem Weibe, — und die ganze Welle mit ihrer unendlichen Lebensfracht, in der jedes Stäub¬ chen die Bilder und Traditionen von Jahrmillionen trägt, tausendmal ins Nichts verschäumt, mit ihren tausend uralten Seelchen jede am unfruchtbaren Strande zerflossen gleich einem Wellenstoß der wirklichen Meeresflut, die ihre Muscheltiere und Quallen und Seesterne hilflos auf dem Sande läßt, bis die glühende Sonne sie auftrocknet oder der herbe Seewind sie zum bleichen Gerippchen dörrt. Verschmachtende, erblindende Greisennot, unerbittliche Todeskrankheit und ein nicht enden¬ der Leichenzug jeder einzelne treue, heiße, vom Licht und Blütenduft eines Königslagers umschmeichelte Liebesakt ..... Und wenn von den tausend und tausend Wellen selbst eine die wahre Lotosblüte trifft, die heilige Blüte mit dem Lebensei, — noch in dieser höchsten Welle selber nur ein Stäubchen, das die Blüte faßt, — selbst hier noch eine letzte Hekatombe anderer, die auf dem Berge stehen und die Stadt des Lichtes blinken sehen mit ihren Golddächern — und doch noch der Ritter des Märchens werden, der hundert Drachen erschlug und doch noch vom hundertundeinten gefressen wurde, weil seine Urahne im zwanzigsten Gliede nicht Rosamunde hieß. Buddah der Grübler müßte aber noch mehr denken. Welch „großer Aufwand, schmählich! ist verthan“, mit Mephistos Wort, um alle diese scheinbar sinnlosen Ver¬ schwendungen dem Menschen auch noch geradezu abzulocken und abzutrotzen! Mit dem Geschlechtsakt verbindet sich, dir wohlbekannt, eine ungeheure, geheimnisvolle Süße. Das Nervengewitter der Wollust. Eine wilde, man möchte sagen, fast barbarisch wilde Lustempfindung schlägt in stürmischer Welle über dir zusammen. Wie ein hilfloses Schiff, das der Strudel packt, schlingt dich dieses Gefühl in seinen Abgrund hinab. Du brauchst bloß daran zu denken und dich faßt es schon leise vibrierend wie der lockende Schwindel solchen willenlosen Versinkens. Die Welt zerflattert wie Wolkenrauch da oben. Und all dein Sein stürzt in trunkener Hingabe in die heilige Purpurtiefe ab. Eine reine Naturempfindung. Fern deinem bewußten Denken. Ein Plötzliches Aufleben deines physischen Unter¬ grundes, den du bisher nur merktest, wenn er dir Schmerzen wie Kraken und Seeungeheuer auf deinen Geistesstrand hinauf¬ trieb, der aber jetzt auf einmal dich in einer lavaheißen Lust¬ welle gegen die Sterne drückt. Dieses ganze Dunkelgebiet der „Natur“ tief unter deinem Bewußtsein jäh heraufstoßend. Und der Stoß ist Lust. Du hängst machtlos und beseligt zu¬ gleich darin wie ein Baumblatt, das nicht wandern und nicht reden kann, zu dem sich aber die goldene Sonne in tiefem Weltverhängnis von selber hingefunden hat. Und das nun glühend aufschauert unter dem niederstürzenden Regen von Licht, Wärme, Himmelsblau. Doch der Sturm verrauscht. Du sitzt wieder auf dem dürren Strand. Dem Strande deines Denkens. Und du denkst. Buddah stützt die Stirn auf die Hand. Seltsamkeit der Seltsamkeiten! Diese glutheiße, blutrote Nervenprämie da unten zahlt wohl der Geschlechtsakt. Aber nicht, wohlverstanden, der wahre Zeugungsakt. Es wäre in der Logik wieder so absolut selbstverständlich, daß die Dinge umgekehrt lägen. Die Zeugung war nötig. Sagen wir: nach göttlichem Gebot. Damit der Baum der Menschheit wachse, nachdem sein Samenkorn einmal in die Zeit geworfen war. Jetzt als Prämie dieser Zeugung wurde die Wollust erschaffen. Als Prämie, die mit Siegergewalt die Geschlechter zu einander zwang, — stärker als all ihr Denken. Wie einfach: der Moment der wahrhaft vollzogenen Zeugung mußte auch die Wollustempfindungen bei Mann wie Weib auslösen. Also der Moment, da die Samenzelle sich mit der Eizelle mischte, oder in jener Sprache, die wir uns vorhin gebildet: die Wollust mußte regelmäßig zusammenfallen mit der echten Mischliebe. Seltsamkeit der Seltsamkeiten! Es fällt der Wollust gar nicht ein, sich dieser Logik zu fügen. Mit der tief verborgenen, nachträglichen Mischung von Eizelle und Samenzelle hat sie überhaupt nichts zu thun. Gerade sie macht nicht den geringsten Unterschied zwischen einem Geschlechtsakt, der wirklich Mischliebe wird, und einem, der hoffnungslos in der Distanceliebe stecken bleibt. Und sie eben hat am meisten dazu beigetragen, daß die feine aber scharfe Grenzlinie zwischen Mischakt und Distance¬ akt unserem Erkennen sich immer wieder verwischt hat. Genau 12 so gut ist vor ihr ein Geschlechtsakt, bei dem die letzte Distance zwischen Eizelle und Samenzelle nie und nimmermehr ge¬ nommen werden kann, — wie einer, aus dem wirklich ein neues Menschlein entsprießt. Der Königssohn am Lotosufer eint sich seiner jungen Ge¬ liebten. Über die beiden rinnt der Schauer jenes tiefsten Seligkeitsempfindens. Als sei das Individuum tot. Und dieser Tod sei neues Leben. Leben in einer höheren Sonne, einem neuen Licht. Aber die Natur zahlt diese Prämie beim Manne auf die körperliche Trennung einfach von seinen Samenzellen, — auf die kleine Menschenmilchstraße, die sich in wilder Strömung von ihm reißt, als wolle sie hinausstürzen ins freie All. Ja mag sie hinausstürzen! Wohin sie kommt, ist dem Gefühl selber ganz gleichgültig. Beim Weibe steht die Prämie, sagen wir immerhin einmal: auf dem Moment der ersten, gröbsten Aufnahme dieser Lebenswelle, — auf dem Moment, da die fremde Milchstraße mit ihren tausend winzigen Sternpünktlein das große Sternbild seiner Weibes-Individualität überhaupt irgendwie schneidet. Streng genommen ist selbst das nicht scharf zu behaupten. So dunkel liegen die Dinge hier. Der Zwist der Meinungen bleibt möglich in noch viel loserem Sinne. Aber einerlei. Sicher ist: es kann gut und gern in dem gleichen Momente hier so sein, daß der gesamte Eierstock des Weibes mit seiner Riesenzahl von Eiern überhaupt keine einzige befruchtungsfähige Eizelle der Samenwelle von innen her entgegengesandt hat. Es kann ebensogut sein, daß in der Gebärmutter dieses Weibes zu derselben Zeit längst ein junges Menschlein wie eine liebe Lotosknospe auf den Wassern schwimmt und mit dem behaglichen Recht des Besitzes alle Straßen zu einer Neuzeugung sperrt. Und was der Gründe mehr sein mögen, die allen eindringenden Samentierchen den Todesbrief mitgeben können, ob auch der Mann sie noch so sorglos als heitere Wanderer entlasse und das Weib sie ebenso sorglos bei sich aufnehme zu trostloser Kerkerhaft und elendem Hungertod. Bis auf jene künstliche Wand einer Fischblase. Und doch die Prämie ausgezahlt in tausend und tausend Fällen, mit voller Kraft, der Blitz des Gefühls losstürmend auf seiner Bahn, der Rausch triumphierend, allgewaltig, Herr über zwei ganze Menschen, daß ihr Denken zerbricht und ihre Seelen hinströmen als seien sie plötzlich Sonne geworden, Licht, Naturkraft, Sphärenharmonie, das All selber, das sich in einem Höheren genießt, als bloß Seele und Leib in Zeit und Raum ..... Credo, quia absurdum. Und dann Buddha auf seinem Königslager, dann mag er träumen, was an diesen Dingen noch wieder hängt. Einmal die Wollust ins Blaue hinaus befreit von dem echten Zeugungs¬ akt, setzt die ganze pedantische Folgerichtigkeit der Natur ja auch hier ein, — die Logik, die, wenn schon einmal Berge eine Maus gebären sollen, jetzt auch einen Gaurisankar in Mäusen auszahlt. Ein unermeßliches Sehnen nach Wollust rauscht durch den großen grünen Blätterwald der Menschheit, durch jeden Frühlingswald einer neuen Generation neu, durch die Jahrtausende so und die Jahrtausende. Aber diese Wollust peitscht auch nun wirklich Milliarden und aber Milliarden von Liebespaaren zu einander, bei denen jeder Gedanke an wahre Zeugung Absurdität ist. Unfruchtbare, Schwangere, durch Zufall der Stunde Versagende bei den Weibern, über alle rauscht doch der Sturm. Sie alle reißt der Taumel der Sehn¬ sucht allein nach jenem anderen hin, das auch ohne Zeugung zu gewinnen ist, nach der Wollust. Und in diesen Wirbel hinein entlädt sich jetzt jene wahnsinnige Überproduktion der 12* Samenzellen des Mannes, von der wir geredet haben. Hier stürzen die Hekatomben hinab, die alle ohne jeden vagsten Streifen von Hoffnungsrot dem sicheren Verderben geweiht sind. Milliarden und Milliarden Akte, deren Sinn die Wollust ist und überhaupt nicht mehr die Zeugung. An diesem neuen Sinn aber sterbend Milchstraßen um Milchstraßen sehnenden Lebens, — in jedem verschmachtenden Samentierchen eine Welt. Und ein dumpfes Ahnen durchbebt die Menschheit, daß wirklich in diesem neuen Sinn ein Unsinn sei. Alle Schranken verschieben sich. Nachdem die Wollust sich im Akte selbst von der Mischliebe losgesagt und der Distanceliebe als einer gleich¬ berechtigten verschworen hat, erhebt sich diese Distanceliebe über sie zur Despotin in den wunderlichsten Akten eigenster Erfindung, die nicht einmal mehr das äußere Bild wahren. Auf einsam verschlagener Lebensplanke entdecken arme Seelen, daß die Wollust sich sogar finden läßt ohne ein zweites Wesen. Ganz allein. Oder es wird ein wahrer Mummenschanz erfunden eines karikierten Mischaktes mit einem zweiten Wesen gleichen Geschlechts. Zwischen Mann und Mann. Weib und Weib. Es ist im Grunde nur zu selbstverständlich, daß es bis dahin kommt. Wehe, wenn sie losgelassen, — eine Zauberin von solcher Kraft, wie die Wollust. Losgelassen vom goldenen Anker eines Sinnes im Zeugungsleben. Du hast gut ver¬ dammen in dieser Linie. Das eine sei die tiefste moralische Schande. Und das andere laufe gar gegen das Strafgesetzbuch im modernen Staate an. Mit solchen Reden kommst du aber in der Philosophie nicht einen Schritt weiter. Du sollst be¬ greifen. Aus solchem Begreifen rinnt unendliches Mitleid. Aber selbst dieses Mitleid giebt noch nicht die rechte Stellung. Du sollst die Tragödie begreifen in ihrer ganzen Wucht, die selbst mit dem weichen Mitleid nicht mehr zu fassen ist. Den Prometheus sollst du sehen, den armen, nackten, blutenden Prometheus Mensch, der hier angeschmiedet liegt auf dem messerscharfen Felsen eines Widerspruchs. Nicht der Mensch hat das Absurde geschaffen, sondern die Absurdität hat ihn zwischen ihre Gespensterschenkel gepreßt wie der Währwolf der Sage und den Keuchenden zu Schanden geritten. O, er hat gekämpft dagegen, dieser Mensch, — genug gekämpft für sein Teil. Schlage das ungeheure Buch auf, die wahre Bibel: die Kulturgeschichte. Da siehst du grell genug den Moment, da in dem Menschen dunkel etwas aufschauerte. Ein dumpfes Ahnen von einem Zweierlei. Dem wahren heiligen Zeugungs¬ akt. Und der wilden Jagd nach einem noch besonders vor¬ handenen Seligkeitsrausch, der in Millionen Fällen die Lebens¬ welle ins Blaue, ins Nichts verthat. Das kam wie ein furchtbares Erschrecken. Sicher wohl ist es zuerst vor jenen ganz sinnlosen Akten der Onanie und Päderastie aufgeblitzt. Dann aber wühlte es weiter. Umspann mit seiner Frage auch Mann und Weib. Hier geht die Schrift in blutigen Lettern weiter. Der Mensch im Meer des Widerspruchs griff nach einer Planke. Er schuf sich einen Sinn. Die Wollust war ihm auf einmal Satanswerk, eine Zuthat des Teufels, die Gottes Lebenswerk umlagerte. Wollust hieß Sünde. Wo sie ohne den Zeugungsakt aufwallte, da reckte Satanas vor allem sichtbar die Klaue vor. Und wer ihr nachgab, wer sie nur nannte als etwas Seliges, — der stürzte in schwarzer Sünde von Fall zu Fall, durch alle Stockwerke moralischer, sozialer Ver¬ achtung. Die rote Hölle brannte in der roten Sinnenglut. Von hier ist es gekommen, daß der Leib, der nackte Leib als Gefäß der Wollust schon zur Sünde, zum Sündenleibe wurde. Und schließlich kam dann doch auch von hier der tiefste Zweifel: wenn die Wollust Sünde war überall da, wo sie von der Zeugung getrennt auftrat: war sie dann nicht auch Sünde im Zeugungsakte selbst, — und war dieser Akt nicht in sich ver¬ derbt, von der Sünde angefressen bis ins Mark, weil er nicht ohne sie bestehen konnte? Immer blutigere Schrift. Die Geißel des Asketen knattert, der sein Fleisch kasteit. Arme Menschheit. Diese Moral mit ihrer Sündenlehre war erst recht der Geier, der dem Prometheus jetzt die Leber fraß. Und was half das alles. Buddha hat sich kasteit, daß das rote Blut zu den Wänden aufgespritzt ist. Fort mit diesem heißen Blute! Der klare be¬ wußte Geist verwirft die Wollust. Er will sich nicht mehr verschlingen lassen von der Welle seines rohen Naturgrundes. Mag die Menschheit lieber im ganzen inne halten, mag sie wieder fortgefegt werden von der Weltentafel wie ein Phantom. Ein hoher Frieden naht. Die Sehnsucht nach Wollust ist er¬ storben. Und damit ist alles hin, was an scheußlichen Kon¬ sequenzen kam. Ein welkes Blatt liegt der gequälte Körper zu Füßen dem Sieger, dem Geist .... Aber auch durch diesen Geist zittert Müdigkeit. Mag er den Lohn einheimsen. Nach so viel Arbeit jetzt selber ruhen. Es ist ja der Schlaf des Siegers, der überwunden hat. Und Buddha sinkt auf sein Büßerlager und schläft. Armer Thor! Der Schlaf ist ja selber nichts anderes als ein Einsinken in jenen großen Untergrund des Individuums, dem auch die Wollust entstammt. Buddha schläft. Die Außensinne schweigen, wie mit schwarzen Tüchern verhängt. Aber jetzt wird's von innen hell. Der Traum tritt auf die verschlossene Bühne. Und er zündet mit kühler Geisterhand die Lampen an und bringt alles zurück. Ein Zauberer, der alle Siegel löst, Schlösser sprengt, Ketten bricht. Da kommen die Befreiten. Der Leib. Der nackte Leib. Das Weib. Liebend. Geliebt. Schließlich vielleicht sogar die äußersten Gespenster; der ver¬ wegene Trost des Einsamen; das andere Wesen gleichen Ge¬ schlechts. Und die Halluzination greift durch den Körper ein¬ fach hindurch, — mit einer Einheitsgewalt, die der wache Geist nie erreichen könnte. Sie fragt nicht, sie philosophiert nicht und moralisiert nicht, — sie handelt. Mit strengem, geradem, zielsicheren Geisterschritt holt sie den Körper. Eins, zwei, drei, hat sie ihn da, wo sie ihn haben will. Die männliche Lebenswelle siedet auf — und entströmt. Und zu¬ gleich stürzt das ganze Individuum in die volle Rotglut der stärksten Wollustempfindung. Armer Asket, der mit einem Dämon ringen wollte, der Orionsterne zu Kränzen windet. Und er sollte dir nicht ein paar Samenzellen abnehmen können, die er vergeuden will ....... Ja, will. Und wenn wir die Wollust mit Stumpf und Stiel ausgerottet, unter Mühlsteinen begraben und wie einen Vampyr noch im Grabe gepfählt hätten: die Natur in uns verschwendete doch mit triumphierender Gewalt. Und Buddhas letzter Gedanke müßte sein, daß wir sogar gar nicht in dieser Weise auf das Lustgefühl losschlagen dürfen, wenn uns an der Zeugung selber liegt. Denn ob das Gefühl auch von der unabhängig seine Rolle noch so üppig spiele, in die wildesten Irrgärten hinein: es fragt sich, ob überhaupt noch ein Geschlechtsakt und damit also auch die einfachste Voraussetzung irgend welcher echten Zeugung irgendwo zu stande käme ohne die Wollust? Vor des Denkers Blick steigt in letzter, banger Vision auf, was diesen Akt an Widerstrebendem alles sonst umgiebt, an Dingen, die nicht lockend, sondern als wahre Schrecknisse erscheinen. Der höchste, heiligste Akt im Fortleben der Menschheit, dieser Geschlechtsakt. Alles Köstlichste, was der Mensch zu bieten hat, sollte von Rechtes wegen auf ihn gehäuft sein. Die Dichtung, die Kunst hat es wohl so geträumt. In einer Goldwelle, die wie Sonnenglast verklärend vom Himmel her ihr ganzes Sein durchdringt, sinkt Zeus in die Jungfrau. Warum konnte es nicht sein, daß der bannende Strahl des liebenden Auges die Kraftwelle vom Manne zum Weibe trug, vom Auge ins Auge, — die Welle, die den letzten Energie¬ einschlag gab zur Entwickelung eines neuen Menschen? Warum, wenn denn zwei Zellen dazu sich körperlich mischen sollten, löste sich nicht im Drucke der Hand ein einzelnes Mannes¬ zellchen und wanderte über in den Zellverband des Weibes? Ein Blick in echter Liebe, ein Händedruck in starker Empfindung, daß wir „zwei“ sein wollten und doch eins, ein Liebes- Individuum, — und die Uhr wäre aufgezogen und arbeitete leise tickend das Kind dieser Liebe aus bis zum Stundenschlage der Geburt ..... Und dieses Liebeskind, warum sollte es nicht reifen inmitten der reinsten Leibesschöne der Mutter? Warum sollte es nicht blühen aus ihr wie eine liebliche bunte Blume, eine Rose, die etwa zwischen ihren weißen Brüsten keimte und sich rötete? Oder sich von ihrer brennenden Lippe lösen wie ein großes Segenswort, ein Heilspruch der Mensch¬ heit, den ja ein solches neues Kindlein wirklich darstellt? Immer, wenn der Mensch sich eine kindlich reine Insel der Seligen ausgemalt hat, hat er geträumt, daß auch die Schaffung, das Werden des neuen Menschen irgendwie dort so sein müsse. In einem blauen See lagen die Kleinen und ein lustiger Vogel trug sie den Eltern zu. Oder eine rote Lotosblüte öffnete sich zu einem Kindergesicht. Oder eine jungfräulich schöne Göttin stieg an einem Jubelmorgen in nackter Reine aus dem Schaum der See. Oder aus dem zerspaltenen Denkerhaupte eines weltgebietenden Mannes sprang wie ein Geisteskind Pallas Athene hervor. Nun der wirkliche Hergang. Credo, quia absurdum! Giebt es eine absurdere, unglaublichere Thatsache, als daß der höchste, heiligste Liebesakt des Menschen gebunden ist an die Organe der Harnabscheidung? Organe, durch die all¬ täglich eine der häßlichen Kloaken des Leibes abfließt. Der feinste, höchste, edelste Extrakt alles Menschentums der Jahr¬ tausende strömt ein und aus durch dieselbe Pforte, die einen übelriechenden Abfallsstoff der Nahrung, den die Individualität des Einzelmenschen entrüstet zurückgewiesen hat, gewohnheits¬ mäßig wieder hinausbefördert. Der Abgesandte des fort¬ schaffenden Weltprinzips, der wahre große Dichter des ewigen Epos „Menschheit“, der Atlas, der uns alle auf seiner stolzen Schulter trägt: — ein- und auskriechend in der Menschheitsstadt durch den widerlichen Kanal einer Latrine in ein paar Zwischenmomenten, da die ekle Strömung, die gewohnheitsmäßig hierher gehört, knapp einmal pausiert ..... Groteskes Spiel! Was mit diesen Ausfuhrstoffen zusammenhängt, das hat schon das höhere Tier als verhüllenswert erkannt. Der Hund verscharrt seinen Abfall. Im Menschen entwickelt sich hier ein besonderer Moralkodex, dessen natürliche Grundlagen so durch¬ sichtig sind. Jeder weiß diese Dinge als notwendig. Aber sie sind das extremste Gegenteil von Gemeinschaftlichem. Wenn etwas, so hat jeder das möglichst mit sich allein abzumachen. Und nun die Forderung. Der höchste Liebesakt soll zu zweien gerade durch diese Harnwege gehen. Das Liebes-Individuum soll sich siphonophorisch schließen gerade an dieser scheußlichsten Stelle. Wer hat in seiner Jugend, als er naiv auch in diese Dinge hineinwuchs, nicht einmal den wirklich abscheulichen Moment gehabt, da ihm das zum erstenmal aufging: die ganze Sonnen¬ herrlichkeit der Liebe soll sich hindurchwürgen durch diesen Akt zwischen zwei Harnorganen! Ausgespart gerade diesen von allen des Leibes. Die Seelen wollten verschmelzen im höchsten, heiligsten Akt, dem Akt, da die große Sehnsucht des Individuums endlich, endlich das All erreicht, das Höhere, die Menschheit, die Folge der Generationen, den wahren Übermenschen, der in Kind und Enkel und Urenkel über Millionen Jahre lebt und lebt, — und dieses Verschmelzen soll den Weg des Urins gehen. In der unbegreiflichsten, dem freien Göttergange des Menschen widersprechendsten Stellung. Unter allen möglichen mißlichen bis zum Lächerlichsten gesteigerten Begleitumständen. Dann die Geburt! Die Schwangerschaft schon eine Ent¬ stellung des Weibes zu monströsester Unform. Das auftauchende Kind muß durch die gleiche häßliche Harnpforte wieder hinaus. Aber diese Pforte ist winzig zu seiner Größe. Schon das Losreißen im Innern erzeugt wilde Blutungen. In einem wahren Todeskampf, zwischen Blut und Wunden, ringt sich das Kind dann endlich durch den schmalsten Spalt vor. Die Mutter liegt dabei wie eine Sterbende. Ihr Verzweiflungsschrei ist vielleicht der grellste Laut, den menschliche Stimme überhaupt hervorbringen kann. Was für ein liebliches Friedensbild ist dagegen das bunte Ei, das der Vogel in ein warmes Nestlein legt. Und das der kleine neue Geselle wie ein Zuckerwerk von innen anknabbert, bis es bricht. Den ganzen Kontrast aber fühlst du in einem jener köst¬ lichen Citronenhaine der Riviera. An den grünen Zweigen hängen süße weiße Blüten mit berauschendem Duft und zu¬ gleich, nach dem Brauch dieser Wunderkinder, goldene Früchte. In Blüte wie Frucht feiert der Baum den Sieg seiner Schön¬ heit. Und dieser weiße Blütenstern ist doch das Geschlechts¬ glied, dieser Goldball doch die reifende Frucht. Du starrst aus dem stillen Thal, durch das sich Citronengarten um Citronengarten landeinwärts zieht, hinaus auf die hohe, blaue See, die wie ein sanftes Auge im Ausschnitt der Thalpforte schwimmt. Und dich ergreift die volle verzweifelte Unbegreiflich¬ keit deines Menschentums. Warum hat Gott seinen Menschen nicht geschaffen wie diese Citronenbäume hier? Warum ist die Wange des Weibes nicht eine süße Blüte, auf der ein Kuß Leben zeugt? Und warum reift der König der Erde nicht auch in einem goldenen Hesperidenapfel? Credo‚ quia absurdum. Geh in die Wüste, heiliger Antonius. „Blüh' auf, gefrorner Christ! Der Mai ist vor der Thür: Du bleibest ewig tot, Blühst du nicht jetzt und hier.“ Angelus Silesius A ber wir haben nicht die geringste Lust, in die Wüste zu gehen. Wir wollen uns auf den Rücken legen und fröhlich in das goldgrüne Laub hinaufträumen. Es giebt ja gar nicht jenes Zweierlei: jenen Gott, der den Menschen so und so gut erschaffen wollte; und diesen armen Jammermenschen, der nun gleichwohl so und so miserabel geworden ist. Es giebt nur eine Menschheit, die ein uralter Kämpfer ist. Was sie hat, hat sie aus sich. Sie war einmal Nebelfleck, Sonne, Urzelle, Wurm und Fisch. Und jetzt ist sie Mensch, nicht weil Gott sie so geschaffen hat, sondern weil ihr Riesenarm immer weiteres umgriffen hat, zum Nebelfleck die Sonne, zur Sonne die Urzelle, zur Urzelle den Wurm und zum Wurm den Fisch. Und endlich auch den äußersten Jahres¬ ring, den grünsten und letzten, — den du Mensch nennst. Alles was da hinstürmt über dich als wahnsinniger Liebes¬ widerspruch, — in allem ist, wenn du sie nur zu finden weißt, eine tiefe, ernste, feierliche Melodie. Eine Friedensmelodie. Sie geht ganz in der Tiefe. Es rauscht und rauscht. Geschichte ist es, was da unten rauscht. Deine Weltgeschichte. Mit dieser Weltgeschichte liegst du auf deinem Liebeslager. Du starrst deinen nackten Körper als Zweifler an. Starrst deine Geliebte an. Und du findest keine Antwort. Aber du mußt hindurch sehen durch die beiden. Sieh den weißen Leib deiner Geliebten sich leise, im Takte jener still rauschenden Melodie, auflösen zum bläulichen Nebelfleck, sieh ihn auf¬ flammen als Sonne, abglühen zum roten Stern. Sieh ihn mit tausend weichen Protoplasmafüßchen sich hinziehen am Strande des ältesten Ozeans. Als vielgliederigen, braunen Wurm sich ringeln, als silberschuppigen Fisch dahinschießen, als grüne Eidechse in der Sonne liegen. Und dann sieh deine Liebe in alle das hinein. Die Teufelsmaske des Absurden fällt. Du betest nicht mehr. Und fluchst nicht mehr. Du begreifst. Jede jener „Absurditäten“ ist als Thatsache richtig. Aber jede dieser Thatsachen ist zugleich ein Wegweiser zu einem Stück Geschichte. Die Geschichte als solche ist nun niemals und nirgendwo eine Absurdität. Sie liefert uns als Ganzes den höchsten Wert unseres Lebens, die Grundlage aller Philosophie: die große Hauptthatsache nämlich der fort¬ schreitenden Entwickelung. Ohne diese Geschichtsbasis wäre unsere Existenz eine Dummheit, eine Seifenblase, ein Spuk. Wenn also etwas sich in diese Geschichte einordnet, so er¬ steht es uns sogleich mit einem ganz anderen, einem ver¬ klärten Antlitz. Und zumal wenn es in unserer eigensten, engsten Menschheitsgeschichte uns aufersteht. Unter den heiligen Banyanenbaum magst du dich freilich hundert Jahre lang legen und auf Antwort warten, er wird es dir so nicht sagen. In die schwarzen Urwasser mußt du dich werfen und durch Jahr¬ millionen tauchen. Bis Koralleninseln ragen im blauen Meere Schwabens und der Ichthyosaurus dich umschwimmt. Und noch weiter zurück. In jenen Tagen wurde der Grund gelegt zu dem, was wir Menschen heute als Mischliebe noch vor uns, noch in uns und durch uns haben. Und durchaus mit jener frühen Fundamentlegung hängen noch jetzt alle die Dinge zusammen, die dich weisen Buddha wie Teufelsfratzen auf deinem Liebes¬ lager umstarren. Die erste Absurdität, die sich äußerst friedlich so löst, ist die ungeheure Samen- und Eierverschwendung. Du bist nicht als fertiges Kunstwerk aus dem Atelier eines himmlischen Phidias hervorgegangen. Deine Jugend lag bei den Rumpel¬ stilzchen. Du erinnerst dich, was ich dir von denen erzählt habe. Jeder dieser Ur-Rumpelstilze, in denen während eines gewissen ersten Aktes der Lebensgeschichte auch der Mensch noch restlos steckte, bestand nur aus einer einzigen Zelle, statt der Milliarden, die jetzt deinen Leib bauen. Wollten zwei Rumpel¬ stilze ein echtes Liebes-Individuum mit Mischliebe bilden, so blieb ihnen keine andere Wahl, als ganz miteinander zu ver¬ schmelzen, Leib mit Leib. Wie wenn du und deine Liebste zusammenschmölzen und das Verschmelzungsprodukt wäre jetzt das Kind. Die beiden machten einfach, was in deinem Misch¬ akt Samenzelle und Eizelle vollführen. Denn jedes Rumpel¬ stilzchen war ja eben nur eine einzige Zelle, das eine gleich einer Samenzelle, das andere gleich einer Eizelle. Erst später kam der Zustand als weitere Entwickelungs¬ stufe auf, daß solche einzelligen Rumpelstilze sich gewohnheits¬ mäßig zu dicken Genossenschaften zusammenthaten. Es bildeten sich Zellklumpen, die nach und nach zu regelrechten höheren Individuen auswuchsen. Und erst bei diesen Zellklumpen jetzt trat der Brauch ein, das Liebes-Individuum nicht mehr ganz durch Mischung zu bilden, sondern das Geschäft der Mischung gewissen gleichsam damit beauftragten Zellen beider Verbände zu überlassen. Es hing das wieder mit dem großen Prinzip der Arbeitsteilung zusammen, das in diesen Zellgenossenschaften alsbald eine so große Rolle zu spielen begann. Die einen Zellen der Genossenschaft legten sich ja bloß aufs Fressen, die anderen aufs Rudern oder Verteidigen und so fort, alle aber so, daß die Genossenschaft mit davon profitierte. Auf diesem Wege ist auch dein verwickelter Menschenleib schließlich ent¬ standen mit all seinen Organen, — eine riesige Zellgenossen¬ schaft, in der eine Zellgruppe hauptsächlich atmet (die Lunge), eine verdaut (der Darm), eine den äußerlichen schützenden Abschluß bildet (die Haut), und so weiter. Sehr früh, und noch zu einer Zeit, da du als Mensch vorläufig noch in ganz niedrigen Tieren, Zellklumpen anfänglichster Art, stecktest, ist im Gefolge solcher Arbeitsteilung eine Gruppe von Zellen in jeder Genossenschaft zu besonderen Mischliebeszellen gleichsam delegiert worden. Von Zeit zu Zeit wurden sie einfach aus dem Verbande mehr oder minder grob herausgeworfen, jede einzeln für sich, und mit dem ausgesprochenen Sinn, daß sie sich ebensolche Ausgesandte eines anderen Verbandes zur Mischliebe suchen sollten. Einmal im Freien allein, unab¬ hängig, fühlte jede dieser Externzellen sich wirklich auf den Urzustand des einsamen Rumpelstilzchens zurückversetzt. Sie wanderte nach deren altem Brauch oder wartete, bis so oder so eine fremde Genossenschaftsdelegierte sich zu ihr fand, — mit der verschmolz sie dann, aus dem Schmelzprodukt aber ging nunmehr wieder eine ganze neue, junge Genossenschaft hervor. Der Verschmelzungsakt zweier Delegierten von ver¬ schiedenen Verbänden muß erst die eigentliche Kraft gegeben haben zu solcher neuen Hervorbringung. Schon die alten Einzelrumpelstilzchen hatten sich zu dem Zweck in zwei Sorten getrennt: kleine bewegliche, und größere, trägere, und es hatten beim Mischakt gerade diese Extreme sich bevorzugt. Das blieb auch jetzt in der Form, daß die großen Zellverbände zweierlei Sorten von Delegierten auszuschicken pflegten: kleinere, hurtigere und größere, faule. Die einen zogen sofort nach der Entlassung aus auf die Suche. Die anderen nahmen nur ein Stücklein Weges, saßen dann fest und harrten, daß wer von drüben käme. Mit anderen Worten: es wurden schwän¬ zelnde Samenzellen und behäbige Eizellen entsandt. Anfangs produzierte jeder Verband beide Sorten zu freier Wahl. Nachher kam mehr und mehr als bequemer auf, daß man in diesem Verband bloß noch fechtendes Samenvolk auf die Walze schickte und in jenem bloß noch harrende Eiprinzeßlein. Es war rationeller so, damit keine Verwechslungen zwischen Geschwistern aus demselben Stammverband einträten. Es mischten sich stets nur Samenzelle und Eizelle, bei denen aber war es dann gewiß, daß sie nicht aus derselben Burg stammten, wenn jede Burg konsequent nur entweder Samen oder Eier erzeugte. Doch das haben wir früher alles schon durchgesprochen und ich rufe dir nur die große Linie ins Gedächtnis, — mit dem hier hauptsächlichen Vermerk, daß es auch beim Menschen auf einer bestimmten Vorfahrenstufe genau so angefangen hat. Nun aber zum wichtigsten weiteren Punkt als Konsequenz. Wenn du dir die Vorfahren des Menschen auf dieser Stufe angelangt denkst, getrennt in männliche Zellverbände, die bloß Samen ausschickten, und weibliche, die bloß Eier entsandten, — so wäre streng genommen schon hier die Rechnung richtig ge¬ wesen: daß zum Zwecke der Arterhaltung jedes Weib bloß just gespart zwei Eier und jeder Mann zwei Samentierchen auf die Walze zu schicken brauchte. Vorausgesetzt, daß diese beiden Samenzellen zwei fremde Eizellen wirklich abfaßten und diese beiden Eizellen dito zwei fremde Samenzellen. Diese Voraussetzung aber unterlag hier ebenso offenbar einer hart¬ näckigen Schwierigkeit, maßen dessen nämlich Samenzellen wie Eizellen einfach auf gut Glück ins Blaue geworfen wurden mit der allgemeinen Parole „Suchet und habt Erfolg — oder auch nicht“. Von einer „Begattung“ zwischen männlichem und weiblichem Tier war noch schlechterdings keine Rede. Die Eier traten bei der einen Partei einfach automatisch aus wie, na sagen wir wenigstens ungefähr so, wie ein Ei heute bei einer unberührten Jungfrau. Auch ohne jede Begattung löst sich da zu bestimmter Zeit ja ein Ei vom Eierstock und wandert im Leibesinneren ein Stück weit, bei welcher Gelegenheit die Menstruation erfolgt. Du brauchst dir bloß auszumalen, daß das Ei dieses Mädchens vollkommen lebensfähig nicht bloß den Eileiter und die Gebärmutter passierte, wie es wirklich der Fall ist, sondern auch noch die Scheide und die äußere Scheidenpforte, und daß es schließlich ganz für sich in seiner fast unsichtbaren Punktgestalt in die offene Welt hinaus¬ spazierte, — so hast du den völlig ähnlichen Hergang. Bei der anderen Partei aber traten ebenso die Samen aus wie sie einen einsamen, vom Weibe fernen Mann heute verlassen, sagen wir, bei einem onanistischen Akt oder auch etwas naturgemäßer durch eine jener vorhin besprochenen Pollutionen infolge eines erregten nächtlichen Traumes. Nun male dir mit diesen Bildern klar aus. Jene älteren Vorfahren, in denen damals der Mensch von heute noch steckte, lebten im Wasser. Du erinnerst dich: erst in der Gegend des Molchfisches und Amphibiums sind deine Ahnen zum erstenmal ans Land gestiegen. Alles frühere atmete und durchschwamm oder durchkroch Wasser, schönes helles grünes Meerwasser. Das Meer ist nun riesig und flutet von Erdteil zu Erdteil. Soweit wollen wir gewiß uns nicht die Männlein und Weiblein des damaligen wurm- oder fischähnlichen Vor¬ menschen voneinander getrennt denken. Mögen sie sich selbst so nahe gewesen sein, wie etwa ein Mann und ein Weib, die mit zwei Armbreiten Spielraum an einer gemeinsamen Bade¬ stelle nebeneinander schwimmen. Jetzt denke dir aber, es soll mitten auch bei diesem Schwimmen von dem Weibe sich ein einziges punktgroßes lebendes Eilein und von dem Manne ein einziges, mikroskopisch kleines, nur ein zwanzigstel eines Milli¬ meters langes Samentierchen frei ins rauschende Wasser hinein lösen. Ei wie Samentierchen sollen zwar die gute Eigenschaft vollauf besitzen, daß sie sich im kalten Salzwasser fidel erhalten können. Aber werden sie jemals zusammenkommen? Die Wahrscheinlichkeit ist sicher noch viel geringer als die für zwei Flöhe in einem Heuschober. Viel geringer, denn das unab¬ lässig bewegte Wasser wird sie auch noch auseinandertragen. Die Wahrscheinlichkeit würde indessen beträchtlich wachsen, wenn du dir dächtest, es gingen nicht eins, sondern hundert, oder tausend oder zehntausend Samentierchen ab. Oder es vermehrte sich auch die Zahl der Eier. Je mehr, je besser. Wenn erst die Zahl der beliebig ausgeströmten Geschlechtszellen anfinge, etwa den ganzen trennenden Kubikmeter Wasser zwischen den beiden Schwimmern mehr oder minder in dichter Wolke zu erfüllen, wäre eine Art Gewißheit erreicht, daß nicht nur die nötige einmalige Mischung zweier Zellen stattfände, sondern sehr wahrscheinlich noch eine Masse Überproduktion an Zeugung. Auch diese Überproduktion könnte aber sehr erwünscht sein, im Falle es sich um ein stark verfolgtes Wesen handelt, dessen Sterbeziffer beständig rapid anwächst, so daß die Zeugung auch gleichsam im Quadrat nach muß. Das jetzt ist die Situation, wo die Natur zuerst an¬ gefangen hat mit der „Verschwendung“ der Geschlechtsstoffe. Aus der Logik der Situation heraus ist es aber hier gar keine 13 Verschwendung. Die geschlechtliche Zeugung an sich bestand eben schon. Samenzelle mußte zu Eizelle. Aber die körperliche Be¬ gattung war gleichzeitig noch nicht erfunden. Die Geschlechtsstoffe gingen dem Manne wie Weibe jedem einzeln wie Pollutionen oder Menstruationsblut ab. Einziger Ausweg: die Masse dieser Ausscheidungen mußte so vergrößert werden, daß die Ströme draußen doch noch ziemlich sicher zusammenflossen. Oder mit anderen Worten: die uralte Grundthatsache der Mischliebe be¬ stand schon als Gesetz. Aber jener letzte, äußerste, engste Akt der Distanceliebe, die Begattung, fehlte noch. Samentierchen und Ei, ins Freie hinausgeworfen, hatten ein unvergleichlich viel größeres Distancestück noch selbständig zu nehmen. So wurde ihre Zahl ins gewaltige vergrößert, auf daß, wenn tausend Pioniere den Nordpol auf ihrer schweren Expedition nicht erreichten, doch der tausendunderste wenigstens hinkomme. Es mischten sich zweifellos noch andere Motive ein, die der Zahlvergrößerung ohnehin günstig sein mußten. So jenes schon gestreifte, das eine möglichst große Zahl von wirklichen Befruchtungen erwünscht erscheinen ließ. Die befruchteten Eier, die nicht im Mutterleibe, sondern im freien Wasser vom ersten Tage an reiften, waren den vielfältigsten Gefahren ausgesetzt. Junge Tiere, schutzlos sofort umherirrend ohne Elternpflege, gingen tausend- und tausendfach wieder ein, ehe sie selber zur Fortpflanzung kamen. So mußte jeder Akt möglichst weit für die Zukunft vorsorgen, wenigstens das Ideal auch einer wirklichen Massenzeugung hochhalten. Dieser Gesichtspunkt mußte besonders dazu führen, daß nicht bloß die Samenzahl möglichst üppig vermehrt wurde, sondern auch die der Eier. Dann mag aber etwas sehr Geheimes noch mitgespielt haben, dessen Geheimfächer wir freilich heute noch so gut wie gar nicht durchschauen. Ist es bloß reiner Zufall, wenn von tausendundeinen Nordpolfahrern grade einer hinkommt? Ist dieser tausendunderste Glücksfahrer nicht am Ende doch das größte Genie von allen, das spezielle Nordpolgenie? Etwa der, der am besten Strapazen bestimmter Art vertragen konnte? Oder eine bestimmte Sorte Geistesgegenwart gerade besaß? Oder am schlauesten voraus rechnete? Wohl, es kann auch Zufall sein. Aber bei Nansen zum Beispiel war der Erfolg ganz gewiß keiner, sondern es waltete eine Art gerechter Aus¬ lese. Nansen war schlauer und gesünder zugleich als seine Vor¬ gänger. So etwas kann nun auch für jene Samentierchen zutreffen. Indem eine Masse hingeworfen wird, ist immerhin wenigstens möglich , daß wesentlich die Besten, das heißt die Dauerhaftesten, Zählebigsten, Energischsten zum Ziel kommen. Jedes so offen ausgestreute Sämlingchen ist ja für die Zeit seiner Eisuche auf den Zustand eines freien Einzelwesens zurück¬ versetzt und damit auf den freien Existenzkampfboden als In¬ dividuum. In diesem Existenzkampf siegen aber nach Darwin immer nur die Besten und durch diese Auslese wird die Ge¬ samtart unablässig durchgesiebt zu Gunsten der Stärke und Gesundheit: alles Kränkliche, Schwächliche fällt unter den Tisch, — die Rasse wird emporgezüchtet. Und das brauchte man sich also bloß hier waltend zu denken, schon vor erfolgter Befruch¬ tung bei den Samenzellen. Es könnte wohl sein, daß bei der Masse der Samentierchen auch dem Ei eine Wahl bliebe. Wie ein Ei keineswegs gleichgültig etwa ganz fremden, einer andern Art ungehörigen Samen in sich aufzunehmen pflegt, sondern sehr wohl das Zugehörige unterscheidet und wählt (eine Eigen¬ schaft, die schließlich ja schon die Moleküle bei einfachen, chemischen Verbindungen — Wahlverwandschaft! — besitzen), so ließe sich sehr gut auch an eine Wahl noch indivi¬ duellerer Art denken. Etwa, daß die Eizelle nur ein be¬ 13* sonders kräftig sich benehmendes Samentierchen überhaupt an¬ nähme und Schwächlinge zunächst abwiese, bis der „Held“ kommt. Auch das führte zu einer Auslese in Darwins Sinn. Daß sozusagen der „klare Verstand“ der Eizelle eine wirkliche Rolle bei dem ganzen Aufnahmeakt spielt, zeigen gewisse Experimente, die Oskar Hertwig angestellt hat, als er 1875 in Ajaccio auf Corsika zum erstenmal den ganzen Hergang der Befruchtung bei den Eiern der Seeigeltiere be¬ obachtete. Hertwig chloroformierte im regelrechtesten Sinne eine lebendige Eizelle und sah nun, wie sie, bis zur Bewußt¬ losigkeit trunken, anders als sonst und zwar sinnlos handelte. Sie nahm mehr als ein Samentierchen in sich auf und brachte damit den ganzen echten Akt in bodenlose Verwirrung. Nichts ist vielleicht interessanter, als sich zu vergegenwärtigen, daß solche Dinge selbst heute in der Gebärmutter oder den Ei¬ leitern unserer Menschenweiber eine Rolle spielen könnten. Wer sagt uns, ob nicht jedesmal das Samentierchen, das die Eizelle wirklich okkupiert, allemal das erste, stärkste, schnellste seiner Mitbrüder wenigstens desselben Mannesergusses ist? Jedes Kind, das aus Eizelle und Samenzelle entspringt, hat seine besondere Eigenart. Also individualisiert sind diese Zellen selber sicherlich auch schon. Bei jeder Individualisierung werden aber Kraftunterschiede, Gesundheitsunterschiede eine Rolle spielen. Daß es geradezu kranke Samenzellen geben muß, ist sogar direkt nachweisbar. Denke an den durch Alkohol, durch Syphilis vergifteten Samen! Ein denkender Mediziner, Alfred Ploetz, hat gelegentlich in einem geistvollen Buche darauf hingewiesen, daß diese „Zucht¬ wahl unter den Samentierchen“ vielleicht einmal von höchster Bedeutung für die ganze Fortschrittsfrage der Menschheit werden könnte, — wenn wir nämlich mit Bewußtsein uns darauf ver¬ legten, sie auszunutzen und zu begünstigen. In der That ist ja oft von neueren, darwinistisch gefärbten Philosophen erkannt worden, daß vom reinen Boden jener Darwinschen „Auslese der Passendsten“ angeschaut unsere Kulturmenschheit eine an¬ scheinend verhängnisvolle Schwenkung gemacht hat. Indem wir auch schwächliche Kinder mühsam aufpäppeln, Kranke er¬ halten, alle möglichen degenerierten Elemente aus ethischen Gründen immer wieder in unseren lebendigen Gesellschaftskörper hineinziehen, scheinen wir mit unserer Moral jenem Prinzip der Ausmerzung des Schlechten zu Gunsten des Besten direkt ent¬ gegen zu arbeiten. Anderseits steckt aber gerade im allmählichen Eingehen dieser Mitleidsmoral in Fleisch und Blut der Mensch¬ heit der höchste Triumph und Fortschritt aller Kultur. Nun läßt sich ja darüber streiten, ob dieses Dilemma nicht doch einen Fehler in der Logik enthält, so daß es vor¬ läufig bloß Weisheit am grünen Tisch, aber nicht am grünen Baum des Lebens wäre. Es fragt sich, ob das Mitleid nicht in weit rascherem Gange als Grundlage sozialer Besserungen selber ungezählte Möglichkeiten der Degeneration und Krank¬ heit beseitigt und damit ein strahlendes Plus giebt, gegen das jenes Minus doppelt und dreifach verschwindet. Und es fragt sich ferner, wie viel wir denn im ganzen schon wissen von den tiefsten Geheimnissen des Entwickelungsfortschrittes über¬ haupt, trotz des an sich zweifellos richtigen, aber erst nach¬ träglichen Zuchtwahlprinzips. Nach Darwins Prinzip liest der Daseinskampf oder, allgemeiner, überhaupt die allgemeine Lebenslage auf Erden aus so und so viel aufsteigenden Varie¬ täten einer Tier- oder Pflanzenart beständig die brauchbaren, fortschrittlichen aus und wirft die unbrauchbaren unter den Tisch. Dieses Prinzip ist gewiß ein eisern logisches. Aber bis heute sind wir noch immer in voller Unkenntnis, welche Ursache nun das ursprüngliche Prozentverhältnis der auftauchenden brauchbaren und unbrauchbaren Lösungen unter den Varianten an und für bestimme. Wir wissen nicht, ob es selber wächst oder abnimmt und was in dieser Zu- und Abnahme für ein Entwickelungsurgesetz steckt. Denn eine Ursache müssen diese Varianten, aus denen gewählt wird, ja doch sämtlich für sich wieder haben, — fragt sich bloß welche und was für eine in was für einer noch um ein Stockwerk tieferen Kausalkette der Weltendinge. Das trifft aber nun auch auf den Menschen zu. Und hier haben wir beispielsweise, um nur das Gröbste zu erwähnen, vorläufig nicht die leiseste Ahnung, wie und nach welchem Gesetz die köstlichste unserer menschlichen Varietäten, ja die wahre Fortschrittsvarietät von Beruf: das Genie, ent¬ stehe. Daß es sich behauptet, sehen wir in Darwins Sinne, aufs Geistige übertragen, alle Tage, ja wir sehen selbst, wie es, im kurzen Raum eines Menschenlebens oft aufs härteste bedrängt und gar in Märtyrerflammen verbrannt, nach Jahr¬ hunderten, ja Jahrtausenden noch sich herausbeißt und schlie߬ lich die Köpfe doch noch zu sich herum erzieht. Aber das Gesetz seiner Enstehung ist vorläufig ganz dunkel. Wir sehen es weder abhängig von einer bestimmten Kulturrasse, noch etwa einem besonderen sozialen Milieu, oder besonderer Muskelstärke, Bazillenfestigkeit oder Langlebigkeit, wir können es weder her¬ vorfüttern noch hervorfasten und hervorprügeln. Es ist eben einfach so und so oft da, und wenn es da ist, bricht es durch und führt uns schließlich alle ein Stück weiter. Seine Kausal¬ verknüpfung in tiefen Ursachen, die zweifellos im innersten Ge¬ webe der Weltentwickelung eine ungeheure Rolle spielen, wird es ganz gewiß haben. Bloß daß wir sie vorläufig nicht sehen. So scheint mir also auch jenes Dilemma einstweilen nicht so sehr wichtig. Deßwegen ließe sich der Gedanke aber immer¬ hin wohl hören, daß der Fortschritt der Menschheit der Zucht¬ wahl auch noch an einigen Ecken unterliegen könnte, an die sich unser Mitleid im allgemeinen noch gar nicht heranwagt. So also beispielsweise bei der Konkurrenz der Samentierchen. Und daß wir vielleicht einmal danach trachten könnten, hier der Natur noch im fortschrittlichen Sinne nachzuhelfen, — indem wir dafür sorgten, daß stets möglichst viele kerngesunde und vollkräftige Samentierchen bei dem Akt zur Stelle wären. Worauf dann der uns unsichtbare Konkurrenzzwist da drinnen im Weibesschoße aus diesen nochmals stets den „allerbesten“ Helden auswählen würde und so die Rasse immer prächtiger entfaltete. Das Genie des Arztes müßte uns ersinnen, wann und wie unsere Liebesfracht wohl jedesmal auf ihrer Qualitäts¬ höhe sein könnte. Die Quantität gäbe dann bloß bessere Chancen zu jener letzten Auslese. Doch das mag immerhin der Zukunft anheimgestellt bleiben und soll uns hier nicht weiter von unserem Faden abbringen. Die Hauptsache ist: jene Geschlechtsverschwendung hatte jedenfalls einmal einen ganz bestimmten, vor dem Richtstuhl der Logik diskutabeln Sinn. Die Nützlichkeit einmal gegeben, ließ die Natur aber nun auch alle Register ihrer Üppigkeit spielen. Hatte sie die Wesen glücklich aus Einzelzellen zu Zell¬ kolossen von Millionen und Milliarden und immer mehr Zellen zusammengeschmiedet, — was lag ihr jetzt daran, aus diesen Kolossen wieder der Einzelzellen statt zwei oder drei gleich tausend, hunderttausend, Millionen abzuspalten zum Geschlechts¬ zweck. Seine wildesten Orgien feierte das bei allem Liebes¬ volk, das sich eine sitzende, fest haftende oder wurzelnde Lebens¬ art angewöhnt hatte. Da sind die schier unglaublichsten Vergeuder auf dem Lande die Pflanzen. Eine Unmasse unserer bekanntesten Pflanzen sind einzig und allein darauf angewiesen, daß der Wind ihren männ¬ lichen Geschlechtsstoff mitnehme und zu fremden Weibesgliedern verfrachte. Da gilt es aber nun diesem Helfer Wind auch die Schwingen so voll prusten, wie nur irgend möglich. Du stellst dir einen Zweig mit Haselkätzchen zwischen anderm Frühlings¬ zeug daheim ins Wasser und über Nacht ist der ganze Strauß und das ganze Glas und in breitem Kreise auch noch die Tischdecke darum herum überpulvert mit goldenem Staub, — mit dem Haselsamen. Wo immer du in ihrer Liebeszeit unter den grünen Sonnenkindern wandelst, da umschwebt dich dieser Samengruß, aus Millionen und Millionen Köpfchen, Zäpfchen, Kätzchen auf gut Glück der rauschenden Luftwelle anvertraut. Vom Grasplan und vom Kornfeld schwillt es wie zarter, be¬ rauschender Duft. Aus den Kiefernkronen des Waldes wogt es nieder wie aphrodisischer Rauch, jeder Zapfen da oben eine Liebesflamme, von der ungezählte Pfeile strahlen. Ja, un¬ gezählte, unzählbare. Um den Raum von fünf Metern zwischen zwei Nesselstauden zu überbrücken, werden Milliarden von Samenzellen verbraucht. Wo gesellige Pflanzen viele Quadrat¬ meilen des Erdbodens in geringem Abstande voneinander be¬ decken, da wird jene höchste Steigerung fast wahr gemacht, daß die ganze Luftsäule darüber sich zeitweise mit Samenstaub durchsetze. Zeus, der auf einer befruchtenden Wolke über seine schöne Nymphe kam, wird zur Wirklichkeit. Goldene Wolken erheben sich im Anstoß des Windes vom Kiefernwald und fallen weithin auf Laubgehölz und Wiesen ein. Der Regen greift hindurch: da ballt es sich im Gewitternaß zu goldenen Strömen, die das Volk abergläubisch als Schwefel¬ regen bestaunt. Ja, vor Äonen muß das auf Erden ein noch viel gigantischeres Schauspiel gewesen sein. Über Erdteile weg dehnten sich in der sogenannten Steinkohlenperiode endlose einförmige Urwälder von Farrnkräutern, Schachtelhalmen und Bärlappgewächsen. Du kennst den Bärlappsamen, das Hexen¬ mehl, das weich wie ein Hauch dahinschwillt. Denke dir Erd¬ teile überwuchert mit solchem Bärlappkraut in haushohen Stämmen, und davon zur Sonne empordampfend jetzt den Hexenrauch. Einem fernen Beschauer vom Weltraume her hätte es vielleicht wie ein zarter Goldschimmer über der Erd¬ kugel geschwebt. Und wenn die ungeheuren Platzregen einer feuchten Sumpfzeit durch dieses Liebesnetz brachen, rissen sich schwefelgelbe Schlammströme ihre Bahn und im Flußdelta färbte sich weithin das Meeresblau gelblich um, — Ströme von Liebessamen, ein Ozean, den Eros geküßt, die Liebe, ihre Kraft hinaufspeiend in die höchsten Luftschichten wie ein Vulkan, eine Erdkugel aufglimmernd unter ihrer Liebesfracht und ihre Farbe, die Farbe vom Mannessamen der Pflanze, hinaus¬ strahlend in den Weltenraum ..... Gegen diese haarsträubende Überproduktion erscheint selbst die ärgste Verschwendung, die von Tieren je getrieben worden ist, als ein Kinderspiel. Schon die höhere Pflanze, die bunte Blüten trägt, hat sich ja etwas eingeschränkt, indem sie die In¬ sekten als Liebesboten benutzen lernte, wobei nicht mehr so wüste Zahlung verlangt wurde wie bei den unkontrollierbaren Windstößen. Beim Tiere aber nahm die ganze Leistung wohl überhaupt nie Hasel- oder Kieferndimensionen an, wenn schon von eigentlichem Sparen auch hier keine Rede war. Schon früh löst sich ja das Tier an seinen entwickelungsbesten Stellen ziemlich energisch von der Hafterei und Wurzelei los. Die Geschlechter konnten zu einander schwimmen oder kriechen und so die Distance wenigstens vermindern auch damals schon, als Samen und Ei noch einfach ins Wasser geworfen wurden auf Gutglück des Findens. Schließlich aber sind die Ziffern auch des Tieres nicht übel, wenn man sie hört. Der Band¬ wurm erzeugt, wie du dich erinnerst, fünfzig Millionen Eier und entsprechende Samenmassen rein auf das Lotteriespiel hin, daß ein einziges befruchtetes Eilein davon den unendlich um¬ ständlichen Weg durch Menschendarm, Abtritt, Schweinefleisch und abermals Menschendarm wirklich zurücklege und wieder die alte Bandwurmkolonie neu erzeuge. Die Auster produ¬ ziert wenigstens ihre Million an Eiern. Welche Samenflut dazu gehörte, hat wohl noch nie einer zu berechnen gewagt. Das Interessanteste aber ist, wie hoch gerade diese Ver¬ schwendungs-Methode überhaupt hier beim Tier noch bis in deine menschliche Ahnenverwandtschaft hinaufreicht. Rufe dir jenes groteske Bild von der Liebesorgie der Heringe noch einmal vor Augen. Du stehst beim Fisch. Also hoch über dem Wurm, mit beiden Beinen in der engeren Reihe schon der Wirbeltiere. Schon sind Magen und After, Rückenmark und Gehirn aufs schönste vorhanden, schon ist jenes harte Brett, das Rückgrat, stützend in die Körperllänge eingefügt, schon hat die Kapsel um das Gehirn sich zum Schädel gefestigt und an diesem Schädel sich der beißende Kiefernapparat zur Schnauze geformt. Mit den Flossen sind die Gliedmaßen angedeutet und die Schwimmblase enthält gleichsam prophetisch bereits die Möglichkeit einer Lunge. Sicher: wenn du dich aufsuchst in all deinen tierischen Ahnen¬ stufen, so warst du als Fisch dem Menschen schon unvergleich¬ lich viel näher, als etwa die Urzelle es dem Fische gewesen ist. Dein Menschenhaus, dort noch ein einsamer Grundstein, stand hier im Rohbau schon völlig ausgezimmert. Und doch siehst du bei solchen Fischen noch die ganze alte offene Zeugungs¬ methode in fröhlichem Gange, und du siehst im Gange auch die üppigste Verschwendung der Geschlechtsprodukte. Sie sind längst nicht mehr angewachsen, diese Heringe unseres Bildes. Kein Wirbeltier ist es mehr. Das letzte Volk von in diesem alten, pflanzenartigen Sinne seßhaften Tieren, das deine Menschenlinie berührt, sind jene kuriosen Ascidien, die gleichsam auf der Brücke zwischen Wurm und Wirbeltier stehen, als junges Tierlein eine erste Anlage zu einem Rückgrat besitzen, später aber wie faule Kartoffeln fest¬ hocken und sich so als stehen gebliebener Seitenzweig, als ge¬ fallene Engel gleichsam der Menschheitsentwickelung, erweisen. Der Fisch also mag für gewöhnlich frei in seines Elementes weitesten Provinzen hausen, wo er will. Zur Reifezeit seiner Geschlechtsprodukte erst mag er sich dann näher zu seines Gleichen gesellen, und wirklich siehst du jetzt die fidelen Hering¬ lein aus allen Tiefen ansteigen zum heiligen Zeugungsfest. Es ist gewissermaßen der einzige große religiöse Moment ihres Lebens. Denn die Religion stellt diejenige Stimmung ja jedweden Wesens dar, da es sich am eigentlichsten über sich selbst erhebt in ein Höheres, Umfassenderes hinein, in einen Ring gleichsam einer höheren Individualität, die seine eigene kleine bloß als ein Stäubchen mit umfaßt. Der Hering, wenn er sich in diese Stimmung erheben soll, kann in seinem kleinen Fischgehirn, das bloß erst wie ein paar Knötchen in einem dünnen Strang durch seinen Schädel liegt, noch nicht bewußt sich versenken in die ewige Gottnatur des Meisters Goethe, die Nebelflecke umfaßt wie Menschen und Heringe. Der höchste Überakt seines Individuums ist die Zeugung, der Moment, da sein kleines Dasein eingeht in den großen Ring der Art, in den ewigen Hering gleichsam, der Jahr¬ hunderttausende durch die fortgepflanzten Generationen sich erhält, in die platonische Idee des Herings, die etwas gewaltig viel Höheres, Umfassenderes ist als der Einzelhering in seinem schnellen Lebensstündlein. Aber nun es zu dem großen Akte wirklich kommt, siehst du auch diese Heringe noch ganz nach der uralten, groben Methode ihr Liebesschifflein steuern. Vom Milchner, dem Manneshering, geht der Samen ab durch eine regelrechte Art Pollution, und vom Rogener, dem Heringsweibe, fallen die Eier einfach wie ein Tropfen Menstruationsblut, auf dem eine jungfräuliche Eizelle selbständig an Tageslicht schwimmt. In¬ dem die Männlein meist unten schwänzeln und eine tiefere Schicht Seewassers mit ihrer Pollutionsmilch erfüllen, während die Weiblein von oben her ihre Eier durch diese Samenwolke hindurchfallen lassen, entsteht auf gut Glück die eigentliche Hoch¬ zeit von Samenzelle und Eizelle, — auf gut Glück und dank einer braven Verschwendung von beiden Seiten. Die Masse thut's! Das einzelne Ei eines Herings ist bloß ein Milli¬ meter groß und das einzelne Samentierchen natürlich noch viel kleiner. Aber jeder weibliche Hering erzeugt dafür auch seine dreißig- bis vierzigtausend Eier. Und wenn du dir aus deiner Heringstonne eine leckere Milchmasse herausfischst, die ja nichts anderes ist als das prall gefüllte Samenreservoir des Bräutigams, — und sie mit der Größe des ganzen Tieres vergleichst — und dir sagst, daß jede Samenzelle einzeln mikroskopisch klein ist, — so mag dir das Entsprechende zu jener Eierhekatombe klar werden. Ein kurioses Volk im Grunde, — wir Menschen. Beim Hering haben wir uns ganz behaglich daran gewöhnt, als sei es etwas Selbstverständliches: die Samenmasse selbst als feinsten Leckerbissen zu verspeisen. Der Ekel vor irgend einer Kost, hat Oskar Peschel einmal gut gesagt, beruht nur auf Überein¬ kommen oder Grauen vor dem Unbekannten. Es klingt uns ziemlich grausig, wenn der Araber seinem Allah dankt, weil er ihm ein Gericht Heuschrecken bescheert hat; oder die hübschen Samoamädchen mit ihren gesunden Zähnen auf eine fette Bockkäfermade beißen, daß es nur so knackt und der Wurm sich zwischen den Lippen windet wie eine lebendig gewordene Zigarette; oder wenn die ebenfalls recht nette südamerikanische Bakairimaid ihrem Liebsten ein paar besonders wohlgenährte Läuslein ihres schwarzen Straffhaars als Leckerbissen aufhebt. Dabei schwelgen wir Kulturepikureer in sauren Schweinsnieren, obwohl wir ganz gut wissen, daß es die Harnorgane dieses appetitlichsten aller Säugetiere sind, und den thatsächlichen Gipfel aller kulturfeinsten Zungenästhetik bildet, wie unmöglich zu leugnen ist, der Schnepfendreck, dessen eigentliches Kräutlein Nießmitlust die Exkremente und klein zerhackten Bandwürmer des Darminhalts der Schnepfe sind. In dieser Linie hätte es nicht mit rechten Dingen zugehen müssen, wenn nicht auch jene tolle tierische Samenproduktion irgendwo ins Lichtfeld unserer Tafelfreuden geraten wäre. Was müssen diese kleinen Silber¬ fische aber in dieser Sorte produzieren, wenn man bedenkt, daß ein großer ausgewachsener Mensch, an dem jeder Finger halb so lang ist wie der ganze Fisch, an einer ganz beschränkten Zahl von ein paar solchen Milchnern sich geradenwegens mit eitel Fischsamen satt essen kann. Das kühle Walpurgisbad hat dich hungrig gemacht und da wir gerade von so leckeren Sachen reden, packst du deine Vorräte aus. Ein Kaviarbrödchen. Da sind wir ja gleich wieder auf einer anderen Ecke bei der kolossalen Eierproduktion der Fische. Ist dein Kaviar echt, also, sind es nicht Sagokörner in Heringsbrühe oder Zander- und Thunfischeier, so stammt er vom Fische Stör, und zwar ist jedes der kleinen schwarzen Perlchen ein einzelnes Ei dieses Stör. Der Stör ist aber ein höchst seltsamer, altertümlicher Fisch. Seine Vorfahren haben jedenfalls deinem menschlichen Stammbaum noch näher gestanden als der Hering. In der Gegend der Störe gerade hat sich vom Fischstamm jene Gruppe der Molchfische abgesondert, die ihre Schwimmblase zur Lunge wirklich umformte und damit den Weg aufs Land und den Weg auf den Menschen zu endgültig eroberte. Daraus macht sich freilich der fertig entwickelte Mensch heute verzweifelt wenig. Gerade an dieser Fischecke seines Stammbaums fällt er als Leckermaul über alle seine Altvordern her. Der berühmte allerniedrigste Fisch, der Amphioxus, ist zwar meines Wissens bisher nur ein einziges Mal kulinarisch gewürdigt worden, — nämlich bei dem Festessen zu Ehren des sechzigsten Geburtstages des tapferen Stammbaumforschers Ernst Häckel in Jena, wo Verehrer ein Fäßlein Amphioxi aus Neapel bezogen und zu Sardellenbrödchen verarbeitet hatten; der Ge¬ schmack soll, wie mir Häckel erzählt hat, die enge Verwandtschaft mit der nächst höheren Fischgruppe, den Neunaugen, bestätigt haben. Diese Neunaugen gelten um so länger. Haifischflosse ist ein Leckerbissen in den südlichen Gegenden. Der Molchfisch Ceratodus in Australien hat rotes Fleisch wie ein Lachs und wurde seinem Erforscher Semon unter der Hand von seinen schwarzen Leuten eifriger weggegessen, als dem Zoologen lieb war. Beim Stör aber ist die ästhetische Verschwendung des Menschen auf einen Gipfel gediehen, daß selbst die großartigste Geschlechtsver¬ schwendung der Fischnatur dagegen zu erlahmen droht. Nehmen wir an, daß jedes dieser Schwarzperlchen hier auf deiner gerösteten Brotschnitte von der Störart stammt, die am ergiebigsten für die Kaviarausfuhr ist, — vom sogenannten Hausen, der im Schwarzen Meer und seinen Zuflüssen haust. Aus jeglicher dieser Perlen konnte, wenn sie befruchtet wurde, ein wahrhaft dämonisches Fischuntier hervorgehen, beschildet und bebuckelt wie ein dekorierter römischer Legionar, vorne mit einer zahnlosen Mümmelschnauze wie ein Riesensäugling, und hinten in einer ungleichen Schwanzflosse wie einer Pflugschar endend. Wenn nichts dazwischen kam, konnte dieser groteske Herr auswachsen zu einem wahrhaften schwimmenden Baum¬ stamm von acht Metern Länge, also rund dem Fünffachen deiner eigenen werten Leibesspanne. Rechne nun, daß auf deinem Kaviarbrötchen hier bloß fünfhundert Stör-Eier sind, — die Ziffer ist gewiß sehr klein angesetzt. So giebt das auf fünfhundert Störe, jeder ausge¬ wachsen zu acht Metern, eine ideale Strecke Fischfleisch von vier Kilometern. Und diese vier Kilometer ißt du gewisser¬ maßen auf einem Butterbrot. Wie viele solcher Butterbrote aber außer von dir jährlich gegessen werden, das lehrt dich eine allgemeine Schätzungsziffer, die den Verbrauch an Kaviar auf rund zehn Milliarden Störeier pro Jahr annimmt. Da man zur Gewinnung der Eier den ganzen weiblichen Fisch zu fangen, zu töten und aufzuschneiden pflegt, müßten also zehn Milliarden Störweiblein jährlich den Fischern ins Netz gehen, falls der Stör nur je ein Ei pro Jahr erzeugte. Bei solcher Rechnung müßte das schwarze Meer etwa mit Stören erfüllt sein wie ein austrocknendes Frühlingstümpelchen mit Kaul¬ quappen oder noch ärger. Davon ist aber keine Rede. Denn thatsächlich setzt eben hier die enormste Ziffer der Eierproduktion jedes weiblichen Einzelstörs wieder ein. Es sind einzelne Hausenweiber gefangen worden, die bei vierzehnhundert Kilogramm Gesamtgewicht eine Eiermasse von vierhundert Kilogramm im Leibe trugen. Das macht mindestens drei Millionen Eier in einem einzigen Fisch auf einmal, — Stoff genug für sechstausend von deinen Kaviarbrötchen hier. Natürlich sind es nicht immer so viele. Im ganzen aber siehst du doch hier in eine Eierfabrik, die mit Millionen rechnen kann, — Millionen pro Weib. Dagegen sind die dreißig Tausend des Herings ein armer Notbehelf. Die Forelle hat gar nur windige tausend, der Stichling noch nicht hundert. Der Hecht erst bringt es wenigstens auf hunderttausend, der Karpfen nähert sich ernstlich der ersten Million. Der Kabel¬ jau allein geht wohl noch über den Stör hinweg, angeblich bis neun Millionen. Aber der Begriff der Million genügt. Ein Fisch, der eine Million regelrechter Eier in sich erzeugt! Er verdient, daß mit seinen Eiern fernab vom Schwarzem Meer mitten im Sande der Mark noch Butterbrote geschmiert werden. Aber er giebt uns zugleich auch eine tiefe Weisheit dabei mit, uns, die wir nicht bloß essen, sondern auch denken wollen. In dieser Million schwarzer Kaviarperlchen steckt das ganze Geheimnis deiner zweiundsiebzigtausend Eier am Eier¬ stock des Menschenweibes. In der riesigen Samenwolke, die dazu gehörte, um sie nach Heringsart durch Herumrühren im frei mit Mannespollutionen durchgesetzten Wasser zu befruchten, steckt das ganze Geheimnis deiner Millionen Samenzellen des Menschenmannes. Den Fisch, der er einst war, den uralten Fisch mußt du hineinsehen in den Menschen, — und du begreifst. Wohl haben sich die Dinge vom Fische an aufwärts hier ganz still mit der Entwickelung verschoben. Noch beim Frosch, also dem Amphibium schon, das vier Beine hat und Luft durch Lungen atmet, hast du eine gewaltige Eiermasse, die wirklich abgelegt wird, und immer noch gießt hier der Mann erst nach¬ träglich auf die schon abgelegten Eier seinen Samen aus. Dann aber ändert sich manches. Allmählich wird die äußerliche Freibefruchtung unmöglich. Schließlich zieht sich die ganze Entwickelung auch des befruchteten Eies in den Mutterleib zurück. Es wird ein Ding der absoluten Undenkbarkeit, Kinder durch männliche Pollutionen zu erzeugen. Und die lange, enge Verknüpfung von Mutter und Kind, die Größe und Reife, in der das Kind geboren wird, das Aufhören jeglicher weiblichen Eierlegerei beschränken die Zahl der Eier, die überhaupt zur Befruchtung und Reife kommen können, auf jenes Minimum, das wir auch beim Menschen zuletzt gewahren. Immer aber ist es, als wolle die Natur sich einen Schatten des Alten, Ältesten doch wie eine sorgliche Unterschicht bewahren. Als wenn sie jene Fischverhältnisse latent noch hinter dem Menschen halten müsse, für irgend einen nötigen Fall. So wahrt sich der Eierstock wenigstens die Anlage zu einer Stör- oder Karpfenproduktion en gros. So verfügt der Mannessamen über eine Flut, als sollten die Samentierchen immer noch eine freie Wasserfahrt zurücklegen. Erst so wird auch der Sinn, der historische Sinn gewisser automatischer Handlungen des Leibes klar. Wenn tief im Weibesleibe zu jeder Menstruation ein Ei sich selbsthätig auf die Wanderschaft nach der Gebärmutter begiebt, so ist das eigent¬ lich immer noch ein verstecktes Eierlegen, ein Loslassen und Fallenlassen gleichsam des unbefruchteten Eies ins Offene hinein, auf gut Glück, daß es Samen finde. Allerdings darf das Ei nicht mehr ganz hinaus ans Licht, sonst stirbt es. Aber der Eileiter und die Gebärmutter sind gleichsam in Vertretung das Wasser geworden, in das der Hering sein Ei wirklich hinaus¬ wirft. Erfolgt keine Befruchtung, so ist das Ei doch auch hier gleichsam expediert, es ist wegbefördert und für neue Sendung Raum. Die Möglichkeit der Befruchtung selbst, also die An¬ wesenheit grade von Mannessamen in diesem Geheimraum zur rechten Zeit, gehört freilich in ein anderes, später erworbenes Ressort, das mit der gleich zu besprechenden „Entdeckung“ der Begattung zusammenhängt. Aber der automatische Akt thut seine Schuldigkeit im alten Fischsinne für sich, soweit er es eben versteht, — der Fisch im Menschen legt noch jene zweiundsiebzig¬ tausend Eier am Eierstocke brav an und entläßt soviel es geht davon in periodischer Folge ebenso brav gegen die Gebärmutter hin, — mag dort von einer höheren Instanz aus weiter gesorgt werden. Und ganz ähnlich so beim Manne. Auch da ein Ur¬ stadium, eine Fischheit gleichsam als Grundstock hinter allem. Der Samen sich abspaltend in enormen Massen, als sollte er wie Citronensaft frei über weite Kaviarflächen fließen und nicht bloß tief drinnen im Weibe in engster Klausur eine einzige Eizelle erobern, die wie Kleopatra dem Antonius offenen Armes auf engem Nil entgegenschwimmt. Auch hier liegt die wahre Begattung in der Hand gleichsam eines oberen Stockwerks des Organismus. Sie ist etwas später Erworbenes, das in einem anderen Ressort auch hier verwaltet wird. Aber wenn dieses Ressort nicht eingreift, wenn dauernd überhaupt keine Direktive von da kommt: dann geht der Leib auch hier selbsthandelnd nach altem Fischbrauch vor. In nächtlicher Pollution, während sie da oben im Gehirndepartement schlafen, wirft das Samenorgan seine Zellen einfach auch ohne Weibes¬ nähe aus, nach Heringsmethode. Bloß daß diese hier den sicheren Tod der Zellen bedeutet. Aber das ist einerlei. Wenn das neue, jüngere Gesetz sich nicht erfüllen will, so tritt einfach das ältere in Kraft. Auch diesen Samenzellen ist an und für sich das Weib im Moment des Ausströmens noch ganz nebensächlich, ganz und gar ein Distancewert. Sie streben einfach ins Freie, ins „Wasser“ draußen. Ist dieses Freie die Weibesscheide, so mag es zur Befruchtung, zur Mischung im günstigsten Falle kommen. Aber wenn nicht, dann nicht. Ja kommen aus dem oberen Ressort selber die sinnlosesten Direktiven, wie bei onanistischen und päderastischen Akten, so schwillt die Lebenswelle unentwegt auch so vor. Nichts vielleicht ist wunderbarer als sich zu sagen, daß selbst diese Abnormitäten nicht möglich wären, wenn unser Leib nicht ein ungeheures Flötz aus so und so viel zoologischen Ent¬ wickelungsschichten wäre. Der Onanist, der seine Samenzellen 14 ins Blaue verstreut, steigt in seinem eigenen Menschenbau gleichsam noch einmal nachträglich um so und so viel Stock¬ werke wieder herab und schlägt eine Schicht an, die normaler Weise längst durch dicke Quadermassen der Entwickelung zwischen Fisch und Mensch überdeckt ist. Die erste ungeheure Quader, die sich da für die Misch¬ liebe darauf gelegt hat, war die Begattung . Die körper¬ liche Begattung zwischen den beiden großen Hälften des Liebes- Individuums. Ich sprach dir von einem oberen Ressort, einer späteren Instanz. Das geht hier herüber. Die Sache sieht als Fortschritt ja auf den ersten An¬ blick furchtbar einfach aus. Die Heringe wissen es offenbar schon ganz genau: die Geschichte geht bei aller Offenheit des vagen Samen- und Eier-Ausstreuens doch unmöglich so, daß der Bräutigam an der Küste von Nordamerika seine Samen¬ milch fahren läßt und die Braut ihren Rogen etwa an der Küste von Norwegen. Das gäbe die Geschichte von den Königskindern, die konnten zusammen nicht kommen, das Wasser war viel zu tief. Und das edle Volk der Heringe würde dabei aussterben. Die Liebenden kommen also immerhin auf eine gewisse Distance zusammen und produzieren so. Nun mußte aber bei etwas fortschreitender Logik der Dinge unweigerlich eine Tendenz sich geltend machen, die diese Distance auch dann immer noch verringern wollte. Je näher, desto sicherer. Desto unnötiger die ganz himmel¬ blaue Verschwendung. Bis endlich Leib an Leib rührte, Quelle des Lebensstroms an Quelle. Es unterliegt gar keinem Zweifel, daß die Urgeschichte dessen, was du Begattung nennst, wirklich in dieser einfachen „Logik“ liegt. Aber die Verwirklichung stieß nun doch auf den seltsamsten Knäuel besonderer Umstände. Und die Folge war abermals, daß sich für dich weises Endmenschenkind Dinge ergaben, die du mit einem freundlichen Wort jetzt als „Absurdi¬ täten“ brandmarken möchtest. Obwohl es äußerst brave historische Schachzüge sind, ohne die du wieder überhaupt nicht wärst, — sintemalen dich nicht ein Philosoph a posteriori , sondern die liebe Mutter Entwickelung sehr a priori herausgedacht hat. Auch aus allem scheinbar Absurden deines Begattungsaktes singt ein leises Stimmchen hervor. Ein Kinderstimmchen. Das Stimmchen des werdenden Homunkulus. Ja du bist es noch immer: der Homunkulus der Natur. Erst vor dir, in Herkules-Fernen, steht der wahre Homo, — der Mensch. Noch singt es aus dir allerorten etwas gläsern. Aber es ist die Gu߬ form. Und eines Tages wirst du ehern klingen, die Glocke ist fertig, die vielleicht dann schon durch die Planetenräume läutet. Menschenweib und Menschenmann also stecken in einem Fischrogener und Fischmilchner. Irgendwo in ganz grauen Tagen, noch weit jenseits der Ichthyosaurier in irgend einem verschollenen Meer, auf dessen versteinerten Schlammbänken heute Kegel geschoben werden oder eine Arbeiterversammlung die soziale Frage erörtert oder eine Prozession geht. Dieser Rogener und Milchner werden mehr und mehr dazu gedrängt, ihre Liebeserzeugnisse möglichst nah bei einander auszulassen, damit die Kleinen sich doch nur ja finden. Wie werden sie es anstellen? Es liegt unendlich nah, daß sie auf eine ganz einfache Praxis kommen, die aber doch einen kolossalen Schritt weiter bedeutet. Sie legen sich Leib an Leib. Eirogen wie Samenmilch ergießen sich ja aus bestimmten Öffnungen dieses Leibes. Also legen sie sich möglichst Öffnung gegen Öffnung. Auf daß Strom alsogleich rinne zu Strom. Die männliche Samenpollution zu den frei auswandernden Weibes¬ eiern gleich im Moment des jederseitigen Austritts. Ich habe dir früher erzählt, was solche körperliche Annäherung für die 14* Tiere bedeutete, die wilde Räuber waren. Wie da der Kon¬ flikt zwischen Liebe und Fressen akut wurde. Erinnere dich an die wundersame Spinnenhistorie. Aber bleiben wir jetzt einmal bei dem mehr mechanischen Problem, das damit auch in der Geschichte der Menschheit zum ersten Mal ordentlich gegeben war. Dem ich möchte fast sagen, rein gymnastischen Kunststück: Leib zu Leib, Geschlechtserguß möglichst dicht zu Geschlechts¬ erguß einzustellen. Alle möglichen Sorten der lustigen Wasserschwänzler, der Fische, machen dir heute noch die ganze äußere Steigerung aufs hübscheste vor. I ch gedenke eines köstlichen Wandertages in den Schweizer Alpen. Nach langen heißen Marschstunden eine wilde Pa߬ höhe. Jenseits der Tannengrenze. Nur noch ein Teppich¬ kranz Alpenrosen und dann ganz wildes, rohes, gelb¬ braunes Gestein mit harten Silhouetten zum milchig weißen Himmel. Nahe an zweitausend Meter. Ganz hier oben aber uoch in den letzten Fleck Alpenrosen und Genzianen eingesenkt wie zwei blaue Äuglein ein paar kleine Seen. Der abströmende Bach fiel wenig darunter in die nächst oberste Thalterrasse mit einem prachtvollen weiß zerschäumten Wasserfall ein und ging dann Stunde um Stunde langsam rauschend, zuletzt durch den großen dunklen Tann, in einen märchenhaft smaragdenen, ab¬ grundtiefen See, in dem riesige Hechte und dämonische schwarze Welse hausten und über dem jenseits eine schroffe Gebirgsmauer mit wahren Ruinenzinnen so senkrecht stand, daß kaum ein Baum oder ein Fleckchen Ziegenmatte hier und da in einer Ritze kleben konnten. Hier oben in diesen Blauäugleinstümpeln jenseits der Baumgrenze aber habe ich einen Fisch in seiner Herrlichkeit kennen gelernt: die Forelle. Irgendwo wer in den Kantonsgründen da unten, aus denen ab und zu eine bleiern weiße Wolke wie ein Pilz auf¬ dampfte, hatte die Fischerei hier im Olymp gepachtet nnd einen Wächter dazu gesetzt. Er hauste in einer Almhütte, um die das lustige Volk der Murmeltiere pfiff uud zu dem ab und zu die Gemsen äugten, die echten, nicht bloß die gefütterten aus dem Tartarin. Der Alte ein Original, halb noch Mensch und halb schon Murmeltier. Er schnauzte auf die Weiber, wie Busch's alter Kräkel, er hatte, ich weiß nicht wie viele in der Reihenfolge der Zeit unten im Thal gehabt und geheiratet und ich glaube, eine lebte sogar da unten noch. Im übrigen aber war sein Herz mitfühlend mit den Sünden und Begehrlichkeiten der Welt. Es gab keinerlei Restaurant hier oben und die Forellen waren für Geld nicht feil. Aber wer eindrücklich zu machen wußte, daß er fünf Stunden ge¬ klettert sei und den elenden Hungertod gewärtige, vor dem regte sich in dem alten Murmelvater das Gebot christlicher Nächstenliebe, das da lehrt, es solle der Nackende gekleidet und der Hungernde getröstet werden um höheren Lohn als Goldes¬ wert. Brot und Käse hatte er nicht und sein Enzianschnaps fiel in den hungernden Magen wie feurige Kohlen. So bat er denn endlich, mit einer Forelle vorlieb zu nehmen, wie sie Robinson dem Schiffbrüchigen giebt. Er nahm die Zappelnde aus dem Fischkasten und in prähistorisch primitiver Kaffeekasserolle wurde sie gekocht. Als Teller diente mir ein Zeitungsblatt, ein Berner „Bund“ mit einem Aufsatz Widmanns, als Gabel ein treuer Pfropfenzieher. Und der ehrwürdige Greis erzählte, derweil ich aß, wie er den Finger des unmittelbaren Schicksals allemal über die bloß traditionelle Lehre setze. So schieße er niemals Gemsen, da das durchaus verboten sei. Aber zum un¬ schuldigen Spiel, dem kein Mensch wehren dürfe, stelle er auf fernen Steinzacken, die gerade sein ungetrübtes Adlerauge noch erreiche, eine friedliche Selterswasserflasche auf und übe die Kraft seines Alters mit Schüssen nach diesem Ziel. Geschehe es nun allerdings, daß eine Gemse grade im Moment solchen Tellschusses zwischen ihn und die Flasche trete, so achte er das als den höheren Finger, dem der Weise sich zu beugen habe. Wenn ich wieder heraufkäme, meinte er, so wollten wir wohl einen guten Gemsenbraten zusammen schmausen. Denn so wunderbar es scheine: in diesen weltfremden Ureinsamkeiten walte das Schicksal gar eigenartig und gewaltsam zur Erprobung der Philosophen. In diesem romantischen Milieu also lernte ich zunächst die Forelle kennen, wie sie der Feinschmecker träumt, aber meist in seinem engen Erdenthal da unten nicht kennt. Mandelsüß das Fleisch, mit einer Blume der Hummerschere, und goldig ziegel¬ rot von Farbe. Es war die Bergforelle in ihrer kühnsten Entfaltung, der Fisch, der aus dem großen unsichtbaren See tief da unten, von dem die Wolkenpilze durch den Thalschrund zu mir dampften, sich verstiegen hatte in Adlers- und Lämmer¬ geierhöhen, zu Teichen, in deren Blau die Alpenrose rote Reflexe zeugt und aus denen die Gemse trinkt. Vor meinen Gedanken tauchte dann an diesem Ort zum Träumen aber das ganze Wundervolk dieser forellen- und lachsartigen Fische auf, das dem Zoologen unzählige Rätsel aufgiebt, zu deren Lösung er den Erdenglobus wälzen möchte wie ein Buch ..... Diese Forellen selbst haben noch eine gleichsam simple Liebesgeschichte. Nah verwandt jener alten Stichlingshistoria, wenn schon nicht ganz so epigrammatisch. Aber gerade in ihrer Nähe rührt es sich schon zu jener Wende, die ich meine. Im kleinen Silberbächlein oder im blauen Bergsee, wo die Forellen hausen, braucht es keine wüste Liebeskirmeß wie in der Heringsbucht. Alles vollzieht sich feiner, intimer hier. Jedes einzelne Forellenbräutchen sondert sich von den anderen, wenn ihm der Rogen im zierlichen Leiblein schwillt. Wohl folgen ihm meist mehrere männliche Werber. Aber es begünstigt nur einen, den ältesten wohl und ernsthaftesten, dessen echte Absichten ihm eine gewisse lebhaftere Körperfarbe andeutet, — gleichsam den Liebhaber mit den liebesrotesten Backen. Viele Köche, zumal junge, weiß es, verderben den Brei. Herrscht doch hier wie vielfach bei Fischen, der böse Brauch, daß noch unreife Männchen mit Liebhaberei die abgelegten Eier verspeisen, anstatt sie zu besamen. Fressen contra Liebe — das alte Lied! Ist sich die Forellenmaid aber eines Gewissenhaften im Gefolge sicher, der zugleich stark genug ist, das faule Volk fortzutreiben, wenn der kritische Punkt kommt, so geht sie flugs ans Werk zum Zweck. Mit dem netten gefleckten Schwänzchen fächelt sie im weichen Grundsande eine kleine Vertiefung aus. Da hinein läßt sie Eier fallen und räumt, so bald es geschehen, wieder den Platz. Alsbald nimmt ihn der Bräutigam ein und wirft seine Samenpollutionen auf die Eier. Dann schwänzeln beide noch so lange daran herum, bis der Sand die kleine Liebesfracht lose wieder bedeckt hat, — und das Werk ist für diesmal vollendet. Weitere Elternsorge um die Jungen findet nicht statt, die Kleinen kommen schon, wenn ihre Zeit da ist, von selbst aus dem Sande hoch. Ganz schlicht alles noch. Noch ist das äußere Wasser das Feld der Mischliebe. Freilich nicht mehr schrankenlos. Jene kleine Grube im Sandboden, die das Weiblein her¬ stellt, ist ja eine Art äußerlicher Gebärmutter. Wie der Ei¬ leiter im Menschenleibe die Weibeseier in die echte Gebärmutter entläßt, so die Forelle ihren Rogen in die äußere Grube. Und wie der Menschenmann seinen Samen in der Richtung auf diese Gebärmutter an ergießt, so der Forellenmann in jene Grube. Selbst darin wird die Grube zur Gebärmutter, daß sich in ihr, wie dort das Menschenkind, wohlumhegt hier die Jungen ent¬ wickeln. Ein einziger Schritt weiter: und die Grube im Teich¬ sande wird nicht mehr äußerlich hergestellt, sondern legt sich als körperliches Organ an. Sie wird zu einer Grube im Leibe des Weibchens. Zu dieser Grube steigen vom Eierstock innerlich die Eier herab. Und in diese Grube wirft das Männchen von außen seinen Samen. Und das Kind reift weiterhin in ihr. Du hast monatliche Ei-Wanderung, echte Begattung, eine in der Gebärmutter reifende Frucht. Das wäre: aus dem Fisch der Mensch. Aber wie viel Stationen lagen da noch dazwischen. Wie viel Ringen des Tieres, das Mensch werden wollte. Von der Grube im Teichsand zu der Grube im Weibesinnern, — das war der Weg. Aber wie? Recke die liebe kleine Forelle aus zur Länge eines Meters. Laß sie schwer werden bis zu sechzehn Kilo. Und du hast den Lachs. Unsere Dichter wissen wenig von Zoologie. Sonst wäre nicht zu begreifen, daß nicht längst einer das Epos vom Lachs gedichtet hat. Eine Odyssee aus dem Fischleben. Und dazu eine Liebes-Odyssee, deren Leiterin Aphrodite die Liebes¬ nackte ist und nicht die streng gepanzerte Pallas Athene. Das Epos hat einen Vorgesang, ein Schicksalsmärchen aus Urtagen, das gleichsam den Geheimschlüssel aller Ver¬ zauberungen giebt. In einem schönen kühlen Meer lebten voreinst Forellen¬ fische. Sie hatten Nahrung im Überfluß und fraßen sich zu Riesen heran, zu Lachsen. Aber wenn ihre Liebeszeit kam, ging's ihnen wie den Heringen. Sie suchten stille, seichte Ufer¬ stellen, wo die Liebenden sich haschen und finden mochten und das Weib seine Sandgrube nach Forellenart höhlen konnte. Zu diesem Liebesspiel wie zum Gedeihen der Jungen war hier ganz anders gut der Ort als draußen auf der wilden See. Einmal am Rande so eines Landes angelangt, boten sich den Suchenden aber noch viel geschütztere Schlupfwinkel dar als bloß landgedeckte seichte Buchten. Von dem Lande herab rannen lustige krystallhelle Wässerlein, kleine Flußadern, die durch grüne Wiesen daherkamen. Sie führten allerdings Süßwasser, und die leckere Tafel der Seekrebse, Heringe und so weiter, die den Lachsen in ihrem Ozean so üppig gedeckt stand, hörte hier auf. Aber was verschlug's, für die sonst so heiter bewegte Liebes¬ zeit etwas zu hungern! Die Hochzeiter gingen also tief in die Wasseradern hinein, schaufelten dort ihre Liebesgruben und freuten sich des unge¬ störten Glücks. Nachher ins Salzelement zurückgekehrt, holten sie dann rasch an der Futterkrippe nach, was sie dort entbehrt, und mästeten sich zur nächsten Liebesfreite. Die Jungen aber krochen im Süßwasser zunächst aus, lebten dort von dem kleinen Geziefer, so gut es ging, und kamen langsam mit dem Flüßlein abwärts treibend schließlich doch auch in den Ozean zu ihren Alten und deren besserem Mittagstisch. So ging das lange Zeit, als könnte es nie anders werden. Gewisse Stellen der Flüsse, die besonders hübsch ge¬ schützt lagen und alle Vorteile vereint boten, wurden Jahr¬ tausende lang immer und immer wieder bevorzugt, und schlie߬ lich wußte das neue Liebesvolk jedesmal gar nicht mehr anders, als daß man ausschließlich da und da, an dem und dem bestimmten Fleck, liebe und seine Grube grabe. Jeder Stamm hatte da seine besondere Tradition, die unverbrüchlich in den kleinen Lachsgehirnen von Generation zu Generation fest stand wie irgend ein Gewissensgesetz und Moralkodex bei einem Menschenstamm. Aber was die Menschen so oft haben erfahren müssen, das blieb auch diesem treuen Fischvolk nicht erspart. Wir stellen ewige Moraltafeln auf und die Natur, die ewig wan¬ delnde, zieht uns eines Tages lächelnd den Boden darunter fort; der Baum, in dessen Zweigen Gottes Gebot rauschen soll, wird eines Jahres morsch und purzelt um; der Stern, den unser Stamm sich zum Wahrzeichen gewählt, bleibt eines Abends aus, weil es da hinten irgendwo an der Milchstraße kosmischen Krach gegeben hat; und von dem Hügel, da du anbeten solltest, schwemmt nach Jahrtausenden ein Regentröpfchen das letzte Quarzkörnlein fort. Die Lachse erlebten, daß das Ufer immer mehr versandete, das Meer beständig zurückwich und der Lauf ihres geliebten Flusses sich streckte und streckte zwischen dem Ozean, wo die leckere Krebstafel den Schlemmern winkte, und dem geschützten Flußstellchen tief in den Wiesen da drinnen, wo man hungerte, aber dafür liebte. Was thun? Man schwamm eben das eingeschobene Flußstück mehr ab, hungerte etwas länger, liebte etwas strapaziöser. Aber schlie߬ lich eroberte die alte Moral das geologische Hemmnis, — wie so mancher Menschenglaube schließlich sich auch mit einem neuen Gottesbaum und einem zwei Kilometer vom alten Heils¬ ort entfernten anderen Gotteshügel beruhigt hat. Aber ein neues Hemmnis. Jetzt fing auch noch gerade in der Gegend, wo tief und tiefer im Lande die alten Aphroditeheiligtümer der Lachse lagen, der Boden an, sich nach oben zu erheben. Das Flachland reckte sich zum Hügel, die sanften Hügelein zum wilden Gebirge mit Eiszinken. Die Flüsse im Wiesenplan wurden Gebirgsbäche, die allmählich in reißendem Stoß, ja mit Wasserfällen zu Thal rauschten. Aber so ein zäher Traditions-Lachs kam mit seiner Liebe zum Hergebrachten auch noch über diese weitere Geologie. Er gewöhnte sich an kühne Schwimmtouren bergauf. Und wo ihm keine allzu großen Wasserstürze entgegen rauschten, da machte er sich, wohl genährt, wie er von der See heraufkam, und nervenstraff, wie er in seinem noch ungeschwächten Liebes¬ verlangen war, zum Gymnastiker. Er schnellte sich empor, sprang von Stufe zu Stufe die Stromschnellen hinauf — und trium¬ phierte. Denn der alte Liebesfleck selber lag dafür da oben im Gebirge jetzt geschützter als je und lohnte reichlich alle Beschwerde des Kletterschwimmens. Man darf vom Vater Homer nicht zu viel verlangen, auch wenn er als Zoologe kommt. Es ist heute noch nicht möglich, diese Lachsgeschichte in eine bestimmte geologische Epoche mit genauem Namen einzuordnen, — wie denn über¬ haupt noch manches einzelne dabei zu fragen bleibt. Aber im groben Umriß muß irgendwann einmal etwas der Art sich zu¬ getragen haben, denn sonst ist das Mysterium der Lachsliebe von heute schlechterdings unbegreiflich. Der liebesreife Lachs führt Jahr aus Jahr ein ein geo¬ graphisch geradezu ungeheuerliches Doppelleben. Heute findest du ihn beispielsweise als faulen Gesellen, der Seekrebse und Heringe frißt, jenseits der Rheinmündung im Salzwasser der Nordsee. Und etwas später begegnest du genau demselben Exemplar hoch oben in der Gotthardgruppe der Schneealpen, wie es als wahrhafter Akrobat in der wild schäumenden Reuß von Klippe zu Klippe aufwärts springt, — dreizehnhundert Meter über dem Spiegel jener Nordsee. Jener erste Lachs ist eben der „Freßlachs“, — und dieser letztere dasselbe Indivi¬ duum in seiner Eigenschaft als „Liebeslachs.“ Du hast eine neue Variante zu dem Thema „Fressen und Lieben“. Hier mit schönster Arbeitsteilung, — nach dem Muster: wer liebt, wird von der Liebe allein satt. Aber der Liebeslachs ist in diesem Falle zugleich der Akrobatenlachs, der Lachsgymnastiker. Der Faden des Epos ist nun folgender. Bleiben wir als Beispiel bei den Rheinlachsen. Die offene Nordsee rauscht draußen jenseits der Rhein¬ mündung. Da schwimmen Lachse, Männlein wie Weiblein. Jeder haust für sich und frißt, frißt unaufhörlich, bis sein Ränzchen so gemästet ist, daß in dem Zellenstaat seines Leibes jene tiefsinnige Überproduktion entsteht, die sich in Abspaltung von Eizellen und Samenzellen, Rogen und Milch, zu erkennen giebt. Auf einmal kommt ein neuer Beruf über Herrn und Frau Lachs. Sie sammeln sich zu Scharen von einem halben hundert Stück. Das Fressen wird ihnen Nebensache. Sie er¬ scheinen mit der Flut an der Flußmündung. Ein Trinkproblem beschäftigt sie zunächst ganz. In langsamer Schulung gewöhnen sie sich ans Süßwasser. Eines Tages scheint die Sache glück¬ lich wieder angelernt und jetzt beginnt eine geheimnisvoll feier¬ liche Auffahrt. Aufzug der Graalsritter. Zuerst die Rogener, also die trefflichen Jungfrauen, steigen in den Fluß. Sehr gemessen, wie ein Pilgerzug nach uraltem Brauch. Es liegt eine komische Gravität über all diesen Fischen, die steife Weihe einer Brüderschaft aus antediluvialer Zeit, deren Moralkodex mit ungeheurer Verachtung auf die paar tausend Jahre mensch¬ licher Sittenlehren herabblickt. Eine alte dicke Pilgerin schwimmt voran und der Rest geht zweizeilig in Keilarmen, wie die Wildgänse, hinterdrein. Erst später kommen in gleichem Zere¬ moniell die Ritter, die Milchner. In unablässig geradem Tempo geht es rheinaufwärts. An den holländischen Lehmufern lang, am heiligen Köln mit seinen hundert Bimmelglocken und Heiligenknochen vorbei, im Bogen um Nonnenwerth, durch das gelbgrün gestreifte Spiegel¬ bild der Weinberge, eng gedrängt um den Mäuseturm. Überall Verluste. Hier wird im wilden Ansturm ein Netz gesprengt. Aber dort hält eins aus. Grimme Lästrygonen fischen von oben her nach den Genossen des Dulders Odysseus. Es giebt da oben nicht bloß Heiligkeit. Der Lachs hungert im Süßwasser um der Liebe willen. Aber der böse Mensch hungert nach dem köstlichen Lachsfleisch, das jetzt gerade, bei diesen aufwärts schwimmenden Pilgern, die ganze Mast des Meeres mitbringt und das königliche Rot zeigt, dieses Rot eines alten Bücherschnittes, wenn der riesige Leib zerteilt liegt. Ein kostbares Buch, gut zu lesen in stillem Klosterstübli bei goldenem Rheinwein in grünen Römern ..... Aber die Glücklichen entrinnen auch dem. Sie drängen sich zwischen den flachen Weideninseln das mittleren Stromes durch. Unter der alten Baseler Brücke mit dem bunten Harlekinstürmchen geht's durch ein tiefgrünes Wasserthor ins Schweizerland. Fern die weißen Alpen wie Zuckerhütchen am Horizont. Aber ein letzter Ansturm. Gegen den Boden¬ see hemmt ein zu gewaltiger Wasserfall, der Schaffhausener. Der geht über die Kraft. Wohl springen Pilgerin und Pilgersmann mit all ihrer süßen Liebesfracht vor kleinerem Hemmnis wie die geschulten Cirkusfische. Den Schwanz gegen einen Stein aufgestützt — und ritsch empor, — sechs Meter Bogen und drei Meter hoch, wie die Würmer eines Limburger Käses, die den Tellerrand nehmen, im großen, — und da sind wir. Geht's nicht über Schaffhausen weiter, dann süd¬ wärts die Aar und Limmat. Vorüber am alten Zürich mit seinen starren Kirchen und seinen verträumten Schwänen, durch den langen blauen Zürichersee um Hutten-Ufenau im melancholischen Mondenschimmer, in den tiefen, bösen, menschen¬ fressenden, grünen, grünen Walensee, — und bis zum obersten Rhein. Oder unter der braunen, bilderbunten Holzbrücke von Luzern dahin, quer durch das goldgrüne Feigenblatt des Vier¬ waldstätter Sees, bei den klassischen Tellstätten vorüber und endlich kletternd von Strudel zu Strudel die kochende weiße Reuß hinan bis zu den ersten blutroten Alpenrosensträußchen am granitenen Hochgebirgsbusen. Die uralten Liebesstätten sind hier oben. Älter vielleicht als die Hebung dieser Alpenriesen. Älter jedenfalls als die ungeheure Absenkung des Rheinstroms ins endlos zurückgeflohene Meer. Und jetzt endlich, bei den Urväter-Penaten, kommt das Liebeswerk, — der Lohn dieser ganzen Kreuzfahrt durch halb Europa. Dem ausgewachsenen, voll reifen Lachsritter schwillt auch wieder einmal so zu sagen der Kamm vor Liebeslust, sein Bauch wird glutrot und auf dem Kopf fließen die gewöhnlichen roten Flecken zu Purpurzacken zusammen. Alsbald sind Ritter und Dame genau wie bei den Forellen einig, um die Liebesgrube zu graben. Die Dame gräbt sie im Sande aus, der Ritter wacht. Sind die ersten Eier gelegt, so besamt er sie, alles auch hier nach Forellenart. Zwar wird von manchem lustigen Inter¬ mezzo gemeldet, daß einem Nibelungen-Epiker endlosen Stoff böte. Es giebt da Scherze ganz ähnlich wie bei den Hirschen. Junges liebesgrünes, aber schon liebestolles Mannesvolk schlägt sich wohl herzu, während alles im ernsthaftesten Gange ist. Mit ritterlichem Zorn stürzt sich der stattliche Herr im Recht auf jeden Zudringlichen. Aber derweil er die Ehre der ehe¬ lichen Sandgrube gegen einen Bösen verteidigt, legt das Weib still seine Eier weiter und wehrt gelegentlich dabei einem anderen jungen Don Juan durchaus nicht, wenn er die Hitze des Gefechts da drüben schlau zu benutzen und die gerade herrenlose Eierschicht mit einem Hausfreundssegen zu bedenken weiß. Ist es wirklich dahin gekommen, so schwänzelt vielmehr die Friedliche auch über diese Fracht rasch ein paar schützende Sandkörnlein und geht weiter im Text. Nur wenn ihr der eigentliche treue Galan im Hochzeitsrock ganz verdrängt oder irgendwie genommen wird, wird sie selber unwirsch, kümmert sich nicht um die jungen Herrn und holt sich ein neues älteres und erfahreneres Verhältnis. Die Eier geben später Junge, ohne daß die Alten noch zu sorgen haben. Wie die Alten selbst, kehren diese Jungen zur rechten Zeit ins Meer zurück, fressen sich dort rund und beginnen das alte Spiel, die alte Pilgerfahrt neu. Unendliche Komik liegt über dieser Liebeskomödie der Lachse, vor allem diesem Kampf — noch nicht um des Weibes Leib, sondern um die Grube im Sand, die einstweilen die Scheide und Gebärmutter der Lächsin symbolisch-äußerlich verkörpert. Wie altfränkische Ritter im Tournier bloß um ein Kränzlein vom Haupt der Geliebten fechten, das mitten im Plan liegt, während die Geliebte selber hoch auf dem Altan, unnahbar für alle, sitzt! Und doch: wie nahe liegt es gerade vor solcher Sachlage, daß der Akt selber noch viel intimer wird! Wie nahe lag es, daß dieser Lachsritter, Gymnastiker ohne gleichen, wie er war, der Wasserfälle übersprungen hatte, — daß er sich nicht mehr begnügte, nach dem Weibe die Grube einzunehmen, — — sondern daß er eine noch weit zärtlichere Stellung suchte und Gewicht darauf legte, im Moment des Eieraustritts auf alle Fälle immer dabei zu sein und sein Teil zu der Sache zu geben in dem gleichen Moment, da von dort das Nötige kam, — daß der Akt also vertieft wurde zu einem engen Aneinanderdrängen der Leiber über der Grube. Ein drittes Volk forellenartiger Fische macht dir auch diesen Schritt wunderhübsch vor. Die Blaufelchen lieben in der That schon in solcher Weise intim. Vor langen Jahren schon hat Karl Vogt ihnen zugesehen. Es war im Neuen¬ burger See. Winterszeit. Mondschein. Da kamen die Blau¬ felchen an, kleine Lachse von fünfundsiebzig und weniger Zentimeter. Große Scharen. Aber aus der Masse einte sich je ein Paar. Und war solch ein Paar wirklich einig, dann kam es jäh heraufgeschossen aus dem mondbeglänzten Spiegel, zwei ringende Silberstreifen. Bauch stand gegen Bauch. Meterhoch übers Wasser, in die kalte Winterluft hinein blitzte der Sprung. Und während dieses Sprunges spritzte aus des Ritters Leib die Milch, aus der Dame Leib der Rogen ab. Kein Sprung zur Überwindung eines Wasserfalles. Sondern ein Hochsprung in die Liebe hinein. Die Gaben dieser Liebe aber dabei selber entströmend wie ein Wasserfall. Der Triumph der Gymnastik, — auf Wanderungen erworben, zum Liebes¬ spiel selber jetzt bewährt. Denke dir solchen Hochzeitssprung über der Nestgrube, die das befruchtete Ei aufnehmen soll, — und du bist abermals ein ganzes Stück weiter. Ein Stück weiter auf der Bahn zu dir. Laß deinen Blick einmal wieder fliegen, weit fort vom alten Fischsee, tief ins Menschentreiben von heute hinein. Tanzmusik. Lustige Paare schwingen sich lose verschränkt im Reigen dahin. Männlein und Weiblein. Heiße Backen, heiße Augen. Aber sonst nur ein naives, treues Spiel, harmlos, geweiht durch den Rhythmus der Musik und ganz herauf ge¬ hoben scheinbar durch ihn in ein höheres, vergeistigteres Stock¬ werk des Menschentums. Und doch, wie das Auge des Philosophen diese hübschen Tänzerpaare durchdringt, durchsinkt gleichsam, — auch hier uralte Anklänge. Anklänge erotischer Art. Vom Erotischen der Musik wird ja noch besonders zwischen uns zu reden sein. Hier meine ich nur die körperliche Stellung jetzt. In diesem halben Umschlingen bloß mit den Armen, wobei Leib zu Leib sich nur ganz lose schwebend hält und doch die Annäherung so stark ist, daß die warme Athemwelle der einen jungen Menschenbrust die der anderen streift, — in diesem Tanz-Individuum der beiden taucht noch einmal etwas von der einfachsten, ursprünglichsten Liebesstellung des Wirbel¬ tiers auf. Diese Arme, die sich bei Hand und Hüfte halten, sind die alten Brustflossen des Fischleins im See, mit denen die zwei Schuppenleiber sich lose zueinander balancierten. Diese Beine, die sich tanzend von der Erde hochheben, sind die alten Melusinenschwänzlein der springenden Lachse im Liebessprung. Wenn mit dem Atem des lieben Mädchens dort jetzt ein Eilein ausflöge, unmerkbar klein verloren unter den goldenen Stäubchen, die sonst der Tanz selber wirbelnd erregt; und wenn mit dem Atem zugleich des Tänzers ganz unsichtbare Elfchen von Samentierchen dahin flatterten; und diese Atemzüge kreuzend dieses geheime Leben einten, daß ein befruchtetes Ei zum Boden sänke; und dieser Parkettboden da unten die gute Liebesgrube im Sande wäre, aus der dieser Lebenskeim wirklich aufblühen soll ..... das alte Bild der Forellenliebe wäre ganz noch einmal zurückgebracht. So weit geht's nun freilich nicht. Ja der ganze Tanz hat sich in unserm heutigen Kulturleben unverkennbar einem jener höchst seltsamen Grenzprodukte angenähert, wie der Kuß 15 auch eins darstellt. Wie über diesem Kuß, so schwebt auch über ihm eine Art äußersten Engelsideals, eine letzte Ablösung ganz in höhere Harmonieakte der reinen blütenweißen Distance¬ liebe fern ab von aller blutroten Mischliebe. Aber in hohem Grade interessant ist, wie nun gerade in ihm die Reste und Reminiscenzen der ursprünglich auch hier herrschenden Misch¬ liebe in wahren Fossilformen auftreten, als Versteinerungen urältester Stationen der Begattungsentwickelung. Schwänzelnde Fischlein im See, die ohne spezifisches Gewicht in ihrem Wasser sich lustig mit einem graziösen Ruderschlag der Schwanzflosse zu einander treiben, sich tändelnd halten und wohl gar noch über das Wasser zusammen hoch hinausspringen, — das ist der Urpunkt, der Urbrennpunkt auch deiner Tanzstellung noch im elegantesten Salon. Bloß daß diese Fische dabei noch ein Stück weiter gingen im realen Sinne des Ganzen .... Drei Wege tauchen auf zwischen einem Fisch, der nach Blaufelchenart liebt, und dir, wenn du nicht bloß tanzen, sondern deinen heiligen Akt in ganzer Größe vollziehen sollst. Drei weitere Stationen. Drei Lichtstrahlen kannst du auch sagen, die vom Ge¬ schlechtsleben aus in deine Fisch-Menschwerdung fallen. Die erste Station war, daß nicht mehr bloß Leib zu Leib parallel eingestellt wurde in einer Tänzerstellung. Sondern daß an diesen beiden Liebesleibern die Stellen un¬ mittelbar aufeinander gepreßt wurden, an denen die Milch und der Rogen vordrängten. Indem innerhalb dieses Verschlusses Milch und Rogen sich mischten, also der wahre Mischakt zwischen Samenzelle und Eizelle sich vollzog, geriet die äußere Liebesgrube im Sande in das Liebes-Individuum selber hinein . Jene beiden Stellen waren aber zwei besondere Leibes¬ öffnungen, zwei Pforten der Körper, durch die der Rogen und die Milch aus dem Innern jener Körper herausgelangen. Der Verschluß war also eigentlich ein Aufeinanderdrücken zweier Öffnungen. Und so mußte für diese Station die Frage nach Art und Lage gerade dieser Öffnungen, dieser Leibeslöcher oder Pforten, entscheidende Bedeutung gewinnen. Das Wesen dieser Station wäre also grob etwa zu bezeichnen als die Loch¬ frage oder Thürfrage . Aus dieser Problemstellung jetzt ergaben sich aber die beiden weiteren Stationen mit zwingender Logik als Folgerung. Ein noch vertiefteres Stellungsproblem. Und ein seelisches Hilfsproblem. Das vertieftere gymnastische Problem bestand darin, daß das Aufeinanderpressen der beiden Leibeslöcher immer raffinierter umgestaltet wurde. Es wurde ein wahres Inein¬ anderwurzeln der Hälften versucht. Der eine Lochrand ent¬ wickelte buchstäblich eine Hand, um sich in den anderen einzu¬ klammern, ein Glied, das schließlich röhrenartig eingepreßt wurde. Eine wahre Liebesschraube enstand, mit der die großen Körper sich an dieser Stelle für die Dauer des Aktes regel¬ recht aneinander schraubten. Dieses Problem kann also als das Problem des Begattungsgliedes oder kurzweg als die Glied¬ frage bezeichnet werden. Das seelische Hilfsproblem aber gipfelte darin, daß die beiden Liebeshälften durch einen ganz bestimmten Nervenreiz gedrängt wurden, ihre Geschlechtslöcher überhaupt zu einander zu drücken und, später, auch jenes Scharnier so fest wie möglich einzuschrauben. Dieser Nervenreiz, der sich ausdrück¬ lich an den Lochrändern festsetzte, ist nichts anderes als die Wollust. So erhältst du als Inbegriff der dritten Station eine Lustfrage . Jede dieser drei Fragen umschließt indessen nun im engeren wieder ihren wahren Rattenkönig geschichtlicher Ver¬ 15* wickelungen. Jede hat ihren spannenden Roman auf der historischen Linie zwischen Fisch und Mensch. Davon laß uns dann also jetzt Etzliches weiter reden. Ich beginne mit der Thürfrage, — allein einer Historie, die an Kühnheit der Um- und Um-Wurstelung durch das prachtvoll aufwärtsringende, zugleich aber in tausend alte Traditionsschranken eingeengte Entwickelungsprinzip ihres¬ gleichen sucht. Es soll dir nicht bange werden: der Mensch kommt doch heraus. Und zwar der echte, unverfälschte Mensch „Du“. Der so ist, wie er ist, nicht „ quia absurdum “, sondern eben weil er in seinem Aufwärtsschwimmen ganz bestimmte Bedingungen in sich trug, weil er „determiniert“ war in sich selbst, — Bedingungen, die eben zugleich sein eigenstes Wesen ausmachten. Diese Bedingungen ermöglichten ihm wohl, vor¬ wärts zu schreiten, weil in ihnen selber ein Motiv war, das unaufhaltsam bergan steigerte. Aber sie gaben ihm niemals eine Kraft, die eigene Geschichte , die eigene Vergangenheit als Prinz vom Himmel hinter sich abzuschneiden. Hätte er sie je abgeschnitten: so war seine Zukunftsentwickelung augen¬ blicklich mit tot und er stürzte vorwärts ins Nichts, weil das Nichts plötzlich hinter ihm war. Also zur Thürfrage. „Ehe wir hierher gekommen, Haben wir's zu Sinn genommen, Schwestern, Brüder, jetzt geschwind! Heut' bedarf's der kleinsten Reise, Zum vollgültigsten Beweise, Daß wir mehr als Fische sind.“ Goethe (Aus der klassischen Walpurgisnacht.) D ie Thürfrage beim Begattungsakt löst dir gleich wieder eine „Absurdität“ reinlich auf. Sie giebt dir nämlich einen Schlüssel dafür, warum in deinem hochbelobten Menschenleibe von heute zwei so grundverschiedene Dinge wie der dreckige Urin und die ehrwürdig köstlichen Zeugungsstoffe bei ihrer Ausfahrt aus dem tiefen Purpurschachte dieselbe Pforte benutzen. Du weißt, wir haben schon einmal von den Thürverhält¬ nissen deines Körpers gesprochen. Ich lasse dabei die „Fenster“ beiseite, die ich nicht als rechte Thüren rechne, also Augen und Ohren. Dann hatten wir zunächst bei dir in deinen ur¬ alten tierischen Ahnenformen nur ein regelrechtes Leibesthor: das war der Mund. Du erinnerst dich: du warst einmal ganz auf der Schwelle deiner Tierwerdung ein roher Zellen¬ klumpen, eine Art hohler Blase aus gleichartigen Zellen. Dann trat eine erste klare Arbeitsteilung ein. Die eine Abteilung der Zellen etablierte sich als schützende und empfindende Haut. Die andere als verdauender Magen. Das Tier dieser Stufe nahm die Gestalt eines Bechers an statt der Blase, es hatte außen eine Haut und innen eine Magenwand und oben ließ diese Haut ein Loch: einen Mund, durch den die nötige Nahrung in den Magen hineingelangen konnte. Aus diesem becherförmigen Geschöpf jetzt wurde durch mancherlei Umwandlungen eine dritte Form, deren Grundriß nicht mehr die Blase ohne Loch und auch nicht mehr der Becher mit einem Mundloch, sondern der gestreckte Schlauch war, der sowohl vorne wie hinten ein Loch hatte, — vorne einen Mund und hinten einen After. Erst jenseits dieser doppelt durchlochten Schlauchform beginnt die Stufe des Fisches, bei der wir eben Halt gemacht haben. Nun haben wir oben bei Betrachtung dieser Lochver¬ hältnisse immer nur vom Fressen und Verdauen gehandelt, garnichts aber danach gefragt, wie und wo denn nun bei besagten Blasen, Bechern und Schläuchen deiner vorfischlichen Ahnenschaft die Geschlechtsstoffe, Samen und Eilein, angesetzt und aus dem Leibe heraus verfrachtet wurden. Bei der ganz anfänglich lochlosen Blase ist die Geschichte schlechterdings selbstverständlich. Wenn aus dem Verbande solcher Zellenblase sich einzelne Zellen als Samenzellen und Eizellen ablösen und frei ins Wasser hineinplumpsen sollten, so kann das nicht nach innen, in den geschlossenen, thürlosen Blasenhohlraum hinein geschehen sein, sondern es erfolgte von der Blasenhaut her nach außen. Von der Haut schilferten sich einfach jene Wanderzellchen, die zu neuen Koloniegründungen auszogen, herunter, wie dir da und dort ein Nagelwurzelchen oder Hautpickelchen gelegentlich abblättert. Und wenn du dir zwei solcher schlichtesten Zellblasen schon zu einem wahren Be¬ gattungsakt gleich jenen tanzenden Blaufelchen aneinander ge¬ preßt denken wolltest, so ginge denn hier heiligen Ernstes die Zeugung vor sich von Haut zu Haut, — beim einfachen An¬ einanderdrücken eines Tanzpaares. „Lehn' deine Wang' an meine Wang'“ ..... und ein rosiges Hautschilferchen der einen Wange dient als Samenzelle und zeugt mit einem Pickel¬ chen der anderen Wange regelrecht ein Kind. Diese naivste Methode „mit der Haut zu zeugen“ hat zweifellos lange Zeit bei deinen Urahnen ganz unbestritten und unstreitbar geherrscht. Ich habe dir schon so oft jetzt von dem lustigen kleinen Süßwasserpolypen erzählt. Er ist schon ein Kapitel weiter. Auf die Blase ohne Loch sieht er mit Verachtung. Er hat schon die regelrechte Becherform mit Haut, Magen und Mundloch. Ja selbst über die in ihrer einfachsten Urform hat er sich um ein Weniges hinaus spe¬ zialisiert. Gleichwohl: dieser Polyp ist noch ausgesprochenster Hautliebler. Noch immer schilfern sich ihm von der äußeren Leibeshaut Samen wie Eizellen pickelhaft ab, die Liebe schwillt ihm sozusagen in Hühneraugen heraus, die einfach zu ihrer Zeit herunterfallen und je nachdem bald Samen, bald Eier sind. Indessen: wenig jenseits dieses Polypen zeigt sich dann doch eine Wandlung, die, wie unschwer zu erkennen, jetzt dem Vorhandensein eines ersten Körperloches, des Mundes, Rechnung trägt. Die äußere Haut ist in der Arbeitsteilung der Zellen sozusagen zum Außenfort der Leibesfestung geworden, seit¬ dem die Becherform klar erreicht ist. Sie stellt den äußeren und exponierteren Körperteil fortan dar, dient allerhand Verteidigungs- und Orientierungszwecken, wird hart, panzerig, kalkig, mindestens borstig, gleichsam der ruppige, mit Krethi und Plethi sich prügelnde Außenressort des kunstvollen Geschäfts. Es scheint nicht gerade sehr praktisch, aus dieser Brandmauer fortan noch eben die zartesten, schutzlosesten und zugleich doch köstlichsten Gebilde der ganzen Fabrik, die Zeugungsstoffe, zu rekrutieren. Da ist aber ja nun gleichzeitig die Innenhöhle des Leibes jetzt sehr viel brauchbarer, scheint's, geworden. Sie ist nicht mehr die hermetisch verschlossene Blasenhöhle, sondern ein hübsches Magenkesselchen mit offenem Mund. Wo die Nahrungs¬ stoffe hereinspazieren, warum sollen da nicht die Zeugungsstoffe ebenso gut herausspazieren? Rekrutieren sie sich also aus den Zellen der Magenwand. An Stelle der Hautliebe fortan die Magenliebe! In der That siehst du dieses Stadium prächtig entwickelt bei einer großen Anzahl jener schönen Quallen oder Medusen, deren Leibesglocke ja eigentlich nichts ist als ein umgestülpter, schwimmender Polyp. Ganz folgerichtig sondern sich hier in bestimmten Winkeln des Magens die Samenzellen und Eizellen ab und gewinnen durch den offenen Mund des Erzeugers das Weite. Eine Begattung nach Blaufelchenart hätte hier nicht mehr im Hühneraugensinne, sondern allen Ernstes auf dem Wege des Kusses zu geschehen. Zunächst strenggenommen noch gröber: durch Erbrechen. Der Mund des einen Liebes¬ partners eruptierte Samen, der des anderen Eier. Und die Liebesthür wäre einfach die einzige hier vorhandene Leibesthür mit: der Mund. Es scheint aber, als habe sich die Geschichte früh schon etwas wirklich bloß Kußartigem angenähert aus guten Gründen. Auch das Innere des Magens erwies sich nämlich auf die Dauer als ein ebenso schlechter Venuswinkel wie die äußere Haut. Je mehr und verbesserter dieser Magen sich als reiner Freßapparat ausgestaltete, desto mißlicher mußte der Aufent¬ halt in ihm für alle Dinge werden, die selber nicht verdaut werden wollten. Sie gerieten in ein Gedränge von aller¬ hand eingepumptem Stoff, der auf die Verdauung hin unter¬ sucht, hin und her gewurstelt, mit scharfen Saucen übergossen und ausgesaugt wurde, — und die Gefahr war eine hoch¬ gradige, wenn nicht im Schwall erdrückt, so doch einfach nolens volens mitverarbeitet zu werden. Das wäre denn der Konflikt von Liebe und Fressen auf seinem Gipfel ge¬ wesen: ein Selbstfressen, Selbstverdauen der eigenen Geschlechts¬ stoffe. So etwas ging aber einfach nicht an. Als der Magen auf der Wurmstufe Schlauch wurde, also auch hinten eine Öffnung, einen After, bekam, wäre das Problem, aus dem Magen zur rechten Zeit herauszu¬ kommen, ja an sich immer bequemer geworden: die Samen¬ zellen und Eier brauchten jetzt nicht mehr auf dem Wege des Erbrechens durch den Mund zu gehen, sondern konnten auch mit den Exkrementen durch den After ins Freie, und durch eine wahre Art Afterliebe hätten sie sich zueinander bringen lassen. Indessen ehe das nun wieder überhaupt stark und allgemein in Frage kam, scheinen deine wurmartigen Ahnen schon sich aus jenem Hauptgrunde energisch gegen die ganze Magenzeugerei überhaupt erklärt zu haben, so daß es zu dieser unmittelbaren Afterliebe vorerst gar nicht mehr gedieh und auch die Mundliebe sich wesentlich abstellte zu Gunsten einer ganz neuen Methode. Bei den Würmern bildet sich nämlich im Gegensatz zu den Polypen, Quallen und so weiter zum erstenmal etwas im Leibe aus, das bei den einfach aus Haut und Magen be¬ stehenden Tieren noch ganz unbekannt ist. Zwischen der äußeren Haut und der Magenwand sackt sich ein Zwischenraum aus, eine neue Höhle des Leibes, die den Magen innerlich noch einmal wie ein weiterer Leibesschlauch umfaßt. Man nennt sie die Leibeshöhle und in deinem heutigen menschlichen Leibe ist es noch jene Höhle, auf die du zunächst stößt, wenn du deinen Leib öffnest. Denke dir, du solltest dir nach chinesisch-scheußlicher Weise selber den Bauch aufschlitzen. Da durchschlitztest du zunächst die solide Bauchwand aus Haut und Muskeln bis auf einen Innenraum. Du schnittest nicht gleich in den Darm (also den verlängerten Magen) ein, sondern erst aus der offenen Höhle drängten jetzt die Gedärme als in sich noch fest geschlossene Röhre vor. Du hättest eben bloß die Bauchhöhle oder Leibes¬ höhle mit deinem Schnitt geöffnet, also den Raum, in dem erst Magen und Darm als besonderer Schlauch, der gegen Mund und After natürlich aufgeht, eingebettet liegen. Bei dem Polypen ist das noch nicht so, — da würdest du beim Einschnitt in die Haut gleich in die direkt dagegen anliegende Darmwand mit hineinschneiden, ohne noch zwischen Haut und Darm eine besondere Leibeshöhle anzubohren. Erst bei den Würmern hat sich, wie gesagt, eine solche Leibeshöhle nach und nach wirklich gebildet und von da hast auch du sie mitbekommen. Der Her¬ gang war dabei, mindestens in der zu dir gehenden Linie, wie es scheint, nicht so ganz einfach, daß etwa bloß Haut und Darm innerlich auseinander gerückt wären und so einen leeren Raum zwischen sich gelassen hätten. Sondern es scheinen sich Zellen¬ massen von der Mundecke des Magens her jederseits taschenartig zwischen Hautwand und Magenwand hineingeschoben zu haben wie ein hohler Handschuhfinger, der zwischen zwei aufeinander¬ gelegte Servietten eindringt. Schließlich schloß sich der Finger oben wieder und lag nun ganz wie eine hohle Wurst zwischen Haut und Magen, wobei aber die inneren Wände seines Hohl¬ raums jetzt nicht unmittelbar von Magen und Haut, sondern von den eingestülpten neuen Zellmassen der Handschuhwand mit gebildet wurden. Die Details des Vorganges stehen hier noch keineswegs fest und du kannst dich damit trösten, daß, wenn das harm¬ lose Wörtchen „Leibeshöhle“ heute in der Zoologie erklingt, die Parteien auf dich losfahren wie Spinnen auf eine Fliege: jede wickelt dich in ein anderes Netz von Theorien, und volks¬ tümlich darzustellen ist die ganze Geschichte in ihrem eigentlichen Umfange überhaupt noch nicht. Wenn ich sie dir hausbacken hier zuschneide, so mußt du dir immer dabei klar bleiben, daß du nur einen gewissen Annäherungswert an die Wahrheit er¬ hältst, — wenn nur dabei ein annähernd in sich logisches Bild herauskommt. Halte also für dich bloß einmal an der ganz groben Vorstellung des Handschuhfingers fest, der jederseits sich von der Mundecke her einsenkte und, indem die Finger verschmolzen, schließlich einen neuen, innerlichsten Schlauch um den Magen¬ schlauch herum bildete: eben die bewußte Leibeshöhle. Es lag nun wirklich nahe, daß die Stellen des Tieres, wo sich ge¬ wohnheitsmäßig Samen oder Eier abspalteten, sich diese neu eingesackte Höhle gerade zu Nutzen machten. Die Cyklopen¬ höhle des verdauenden Magens, wo ihre kostbaren Zellen immerfort der Gefahr unterlagen, von Polyphem als einfaches Ernährungsschaf mitgeschlachtet und mitgefressen zu werden, war ihnen verleidet. So hatten sie sich nach Kräften schon nächst dem Höhleneingange, also am Munde, festgesetzt. Aber auch hier war noch ein windiger Fleck. Denke dir bloß einmal, bei dir heute sollten die Hoden¬ säcke oder Eierstöcke etwa da liegen, wo die Mandeln jeder¬ seits vom Schlunde sitzen. Ich rede jetzt nicht davon, wie sich der eigentliche Begattungsakt so vollziehen sollte, — wir halten ja einstweilen für den bloß erst das Bild jener Leib zu Leib tanzenden Blaufelchen fest. Aber überlege, welche mit Arbeit jeder Art überlastete Stelle dieser Schlund so wie so schon ist. Hinab fließt und würgt sich der Strom flüssiger und fester Nahrung. Hinab und hinauf weht die Luft für die ebenfalls hier einmündende atmende Lunge, noch kompliziert durch die Rolle der Kehle als Sprachorgan. Weiter vorne im Munde liegt in Gestalt der Zunge ein feines chemisches Sinnes¬ organ, das bei der Auswahl der Nahrung eine hochwichtige Rolle spielt. Dann liegen aber da auch schon gleichsam Vor¬ posten des Magens selbst, die schon hier die Verdauung ein¬ leiten: die Zähne zerkleinern als gröbste erste Handlanger die Nahrung, die Speicheldrüsen schütten die erste lösende Sauce darauf. Jetzt in diese wahrhaft schwindelnde Überlastung nun noch die Zeugungsstoffe! Welche schier unvermeidliche Gefahr, daß sie rein unwillkürlich hier zerbissen, vom Speichel ange¬ griffen, in den Magen mit hinabgeschluckt anstatt ausgestoßen würden; oder daß sie dort ins „falsche Hälschen“ gerieten, Erstickung und höchste Nöte der Sprachwege erzeugten. So verwickelt wie bei dir heute war ja nun die Sachlage bei den alten Wurmahnen noch nicht. Aber gewisse Gefahren wie das Verschlucktwerden waren zweifellos schon genau so da. Hier war es denn wahrlich kein Wunder, daß jene neu sich einsackenden Höhlen zwischen Magenwand und Hautwand gleichsam einen willkommenen Schlupfwinkel für den Samen- und Eierressort der großen Leibesfabrik darboten. Denke dir, die Mandeln am Halse wären etwa eine Zeitlang deine wirklichen Geschlechtsteile gewesen, und diesen Mandeln hätte sich nun eine Gelegenheit geboten, jederseits bis in die Bauchhöhle zwischen Darm und Außenwand des Leibes hinabzurutschen. Kein Zweifel, daß tief da drinnen ein sehr viel behaglicherer, bequemerer, weniger gefährdeter Ort zur Ablösung dieser köstlichsten, ja heiligsten Produkte des gesamten Geschäftsbetriebes dargeboten war. Dem Allerheiligsten des Individuums war jederseits neben der Cyklopenhöhle des Magens so eine besondere Kapelle reserviert, wo sich das höchste Mysterium: die Verknüpfung von Individuum und Art und damit die eine sichtbare Form der Unsterblichwerdung des In¬ dividuums durch die Samenzelle und Eizelle, in unnahbarer Herrlichkeit und Heimlichkeit zugleich vollziehen konnte. Der heilige Graal gleichsam des ganzen Organismus sank in zwei Nischen oder Heiligenschreine, wo es keinerlei Gefahr fortan mehr gab, daß dieses kostbarste Gefäß jemals zu profaner Mahlzeit in Gebrauch genommen werden könnte. Und die Sache wäre wirklich wunderschön gewesen, wenn sie nicht einen einzigen Haken gehabt hätte. Die Leibeshöhle hatte sich gebildet, und tief drinnen in dieser Höhle zwischen Magenwand und Außenwand des Leibes lagen im schönsten Tabernakel fortan die Stellen, wo Samen oder Eier abgespalten wurden. In ihrer guten Schutzlage gestalteten sie sich allmählich zu festen Organen aus, die zur rechten Zeit je ihren Samen oder ihre Eier von sich gaben. Von sich gaben aber jetzt — wohin? Eier wie Samen fielen ja jetzt nicht in den offenen Schlund, sondern zunächst in die rings ge¬ schlossene Leibeshöhle. Es hatte zweifellos seinen guten Zweck gehabt, daß die Handschuhfinger dieser Höhle hübsch zugewachsen waren, damit ja die Dinge, die sich in ihnen als intimstes inneres Körperleben zutragen und ausgestalten sollten, von außen nicht gestört würden. Aber damit wären die Geschlechts¬ stoffe der Gefahr ausgeliefert worden, wie Münchhausens Schiff in des Walfisches Bauch gesperrt zu werden. Fröhlich ist es hineingefahren durch einen offenen Rachen, — plötzlich macht das Ungeheuer aber das Maul zu und nun sind Schiff und Menschen im Bauche eingekerkert. Die Samen- und Eier¬ produktion mußte versuchen, nachdem sie ihren heiligen Graal glücklich im innersten Heiligenschrein hatte, nun doch wenigstens durch ein Mauseloch wieder herauszugelangen aus diesem Schrein, wenn ihre Zeit da war, sich öffentlich zu produzieren. Hier ergab sich nun eigentlich ein sehr simpler Weg. Die Bauchhöhle mußte eben, sei es nun wo es sei, irgendwo doch ein ganz kleines Loch wieder erhalten, gerade so groß, daß die Samen- und Eizellen hindurchflitschen konnten. Nimm ein Neunauge zur Hand. Du weißt, diese leckeren Tierchen stehen deinem Stammbaum sehr nahe und zeigen dir im Umriß wenigstens noch die Stelle, wo deine Ahnen standen, als sie zuerst sich einen Schädel um ihr kleines Gehirnchen bildeten. Beim Neunauge also ist die Sache wirklich so. Samen und Eier bilden sich offen im Hohlraume des Leibes zwischen Darm¬ wand und Körperdecke. Sind sie reif, so fallen sie in die Bauchhöhle und nun gilt's herauszukommen. Es verhilft aber dazu ein einfaches Loch der Körperwand, das sich hinter dem After aufthut, — ein wahres und echtestes Geschlechtsloch, be¬ sonders vorhanden eben für den Geschlechtszweck. Und das wäre dann sozusagen das Urbild, der Urtypus der weiteren Lösung des Thürproblems: eine besondere Geschlechtsthür am Bauch, die mit Mund so wenig wie mit After etwas zu thun hat. Du findest dieses Urbild auch noch bei einzelnen höheren Fischen ebenso klar entwickelt. Sehr leicht läßt sich von hier dann noch ein kleiner, aber wichtiger Fortschritt in gerader Linie denken. Die Geschlechts¬ pforte brauchte garnicht die ganze Leibeshöhle nachträglich wieder anzubohren. Die Geschlechtsorgane im Leibesinneren konnten allein eine Röhre bilden, deren Spitze irgendwo die Bauchwand bloß für sich durchbohrte. Statt in die Leibeshöhle, rutschten Milch und Rogen gleich in diese Röhre. Und mit der Öffnung der Röhre entrannen sie aus des Walfisches Bauch wie Jonas und Münchhausen. Genau hier aber ist nun von einem höchst amüsanten Wege der entwickelnden Natur zu sprechen, der erst des Mysteriums Schlüssel für dich als Menschen und deine heutigen Geschlechts¬ thürverhältnisse giebt. Mit dem eben genannten Fortschritt sind wir ja an¬ scheinend deiner menschlichen Situation schon kurzweg auf dem Hals. Eine Röhre kommt aus der Leibeshöhle, hinten an ihrem Grunde hängt der Apparat zur Erzeugung von Samen und Eiern — ja ist's denn bei dir viel anders? Mindestens beim Weibe scheint's genau so. Des Weibes Leib hat ja in vielen Zügen ein altertümlicheres Gepräge bewahrt als der des Mannes. Er ist konservativer sozusagen. Wenn du ein nacktes Weib mit sinnendem Philosophen¬ blick anschaust, so hast du ein zäheres Stück Urwelt oder Urwelts¬ erinnerung als bei dir vor Augen. Im Weibe hast du intensiver auf den ersten Blick das Säugetier vor dir. Das Weib weist, wie genaueste wissenschaftliche Messungen ergeben, in allen feinen Maßen seines Körperbaues stärkere Anklänge an das Kind auf, als der Mann, — das Kind aber wieder ist, in einem Zu¬ sammenhang offenbar mit jenem früher besprochenen bio¬ genetischen Grundgesetz, allemal dem Stammtypus, dem Ahnen¬ haften, Vorhergehenden noch weit ähnlicher als das erwachsene Wesen. Du wirst aus diesen ungemein feinen und sinnigen Schriftunterschieden der Natur bei ihrem Gesamtworte Mensch natürlich nicht gewisse alberne Folgerungen ziehen, als wenn das Weib nun etwa noch kurzweg das Tier wäre und der Mann etwa schon der Herrgott, und vollends wirst du das nicht hinauslügen bis auf mannesfreundliche Theorien über eine geistige Minderwertigkeit der Frauen. Solche Schlüsse wären etwa eben so albern wie wenn du sagen wolltest, der Mensch stehe in der Linie vom Fisch zum Gott unter dem Pferde, — sintemalen die Hand des Menschen mit ihren fünf Fingern thatsächlich im Vergleich zu dem Vorderfuß des Pferdes mit seiner einen Riesenzehe einen „altertümlicheren“ Zug hat, der vielmehr noch an die Eidechse erinnert, bei der die Hand¬ entwickelung mit jener Fünfzahl einsetzte. Gerade an der Hand kannst du aber recht sehen: es kommt darauf an, was damit ge¬ macht und inwiefern ein Ding vergeistigt wird, mag die Grund¬ form nun an sich altertümlich oder jung ausschauen. Nur zu oft in der Natur ist gerade das Altertümlichere, Kindlichere vor dem Fortschritt wieder das Biegsamere, das Brauchbarere gewesen, während das einseitig hoch Spezialisierte abfiel. Von solchem Abfallen wollen wir ja auch beim Manne bei uns nun nicht reden. In Wahrheit sind diese Alt- und Jungunterschiede der Menschenkörper überhaupt nicht so groß, um ernstlich in der Fortschrittsdebatte mitzusprechen. Ich erwähne sie hier nur für unseren speziellen Fall. Also beim Weibe liegen jene besagten Dinge, wie es scheint, thatsächlich noch im uralten Sinne. Am nackten Körper hast du zwischen den Schenkeln eine Öffnung, die nicht mit Mund noch After, also überhaupt dem Verdauungskanal, schlechterdings etwas zu thun hat. Sie geht in die zwischen Darmwand und Leibeswand liegende Bauchhöhle. Doch nicht mehr nach der Neunaugenweise in den Hohlraum dieses Bauches geradezu hinein. Sondern vielmehr durch eine Röhre in ein Organ, das die Eier von gewissen innerlichsten Erzeugungsstellen her aufnimmt. Es scheint also jene unbedeutend höhere Stufe bereits vollauf erreicht — aber weiter auch dann kein Unterschied. Beim Manne ist die Sache unverkennbar durch irgend eine Speziali¬ sierung verwickelter gemacht, — der Erzeugungsapparat des Samens erscheint in Gestalt des Hodensackes sozusagen aus der Leibeshöhle bruchartig vorgedrängt und entsprechend ist die zugehörige Röhre denn auch ganz äußerlich als „Glied“ sichtbar geworden. Doch das hängt erst wieder mit den Begattungs¬ sachen zusammen, die wir als Gliedfrage uns besonders reserviert haben, kommt also hier, wo sich's einfach um die Thür als solche handelt, noch nicht in Betracht. Aber du schaust genauer hin und dir fällt doch eins auf. Eben das nämlich, was wir oben mit einigem Pathos unter die Schrecknisse der menschlichen Liebe vom Boden einer über¬ natürlichen Erschaffungstheorie gezählt haben. Diese Leibes¬ pforte dient beim Menschen nicht bloß den Geschlechtsstoffen, sondern noch einer höchst widerwärtigen Sache, dem Urin. Wir wollen die Sache jetzt nun nicht pathetisch anschauen, sondern einmal recht friedlich naturgeschichtlich. Schließlich kommt's ja mit dem „Unappetitlichen“ auch so auf den Standpunkt an. Da hinten am Seeufer lag eine tote Katze angespült. Ich glaube wir sind uns darüber einig, daß eine solche vom Fäulnisgas prall aufgetriebene, von giftigen Fliegen umschwärmte, die schöne Frühlingsluft weithin verpestende Wasserleiche so ziemlich den untersten Abgrund alles ästhetisch Scheußlichen für uns darstellt. Und doch wette ich, wenn ich dich jetzt zur Größe eines Fäulnisbazillus herabzaubern könnte und dich dann in diese Wasserleiche versetzte, ohne dir zu sagen, wo du seiest, — ich wette, du würdest dich auf einem Böcklinschen Gefilde der Seligen voller Farbenwunder glauben. Da wölbte sich über dir eine smaragdgrüne, vom durchglühenden Lichtäther wunderbar magisch erhellte Himmelskuppel, und in ihrem Glanze schautest du in eine Landschaft, wie sie ein modernes Malerherz träumt: blutrote Berge, himmelblaue Wälder und ein ockergelbes Meer. Ein blauschwarzes Riesen¬ nilpferd wandelte mitten im Feld, und aus dem Meer schnellten sich silberweiße Delphine in der Größe von Walfischen. Der Himmel wäre nämlich die verwesungsgrün aufgetriebene Bauch¬ decke der Wasserkatze und die sämtlichen anderen Böcklinfarben gehörten den unterschiedlichen faulenden Eingeweiden und Flüssigkeiten an, zwischen die ein Mistkäfer eingedrungen ist und in denen die Maden wühlen. Es liegt eben alles an der Stellung. Wenn du umgekehrt als ein ungeheurer Licht¬ geist vom Sirius herabstiegest, so könnte es recht wohl geschehen, daß dir diese ganze Erde wie eine schmutzige Wasserleiche vor¬ käme, ausgespuckt vom großen Lichtsee der lebendigen Feuer¬ welten. Der heilige azurblaue Himmel mit seinen keuschen Wasserbläschen, der da oben über dir strahlt, erschiene dir wie eine ekle Verwesungshaut auf diesem armseligen, nicht mehr selbstleuchtenden Erdenexkrement, und unter dieser scheu߬ 16 lichen Blase wimmelten die Menschen als Maden und Mistkäfer, die ihre Löcher in den Moder treiben. Sehr viel anders ist es nun von der nötigen Perspektive aus mit dem Urin zunächst auch nicht. Ich denke, daß du eine ungefähre Vorstellung hast, was dein Urin jenseits von Gut und Böse ist. Lebendes Wesen, wie du als Mensch es bist, hast du als Gesetz deines Daseins in dir: Du mußt dich unablässig durch diese Welt durchfressen, solange du lebst. Wohl behauptet sich geheimnisvoll eine selbständige Individualität in dir. Aber diese Individualität ist gleichzeitig in eine Art Schraube ge¬ sperrt: sie muß sich zeitlich so vorwärts bewegen, daß sie sich fort und fort durchschrauben muß durch soundsoviel Bestandteile anderer, fremder Individualitäten. Sie nimmt diese Bestand¬ teile in sich, sie gehen räumlich durch sie hindurch. Gewisse Teile passen ihr in ihren Bau, bleiben bei ihr, werden „sie selbst“, — die anderen gehen ganz durch, fallen nachträglich wieder ab, schwinden hinter ihr wieder hinaus. Vom ersten Tage deines Lebens an geht das so. Du stopfst und stopfst fremde Welt in dich. Alle Sorten solcher Welt. Luft, Wasser, Tierisches, Pflanzliches. Die Atmosphäre, in der du schwimmst; die flüssige Ehe von Sauerstoff und Wasserstoff; uralte Onkel von dir, die Pflanzen; deine Ahnen und Vettern, die Tiere. Wie eine unablässig wühlende Made, vor dir der Käseberg, in den du eine Bresche gräbst, — und hinter dir eine endlose Spur von Durchgewürgtem, Wiederabgestoßenem, Verdautem. In drei Formen nimmst du das Fremde auf: fest, flüssig, luftförmig. In den drei Formen reißt es sich auch wieder von dir. Ein schwindelndes Bild, welche Mengen. Denke dir: du bekämst plötzlich einen Überblick über die ganze Lebensarbeit deiner Individualität in diesem Sinne. Vor dir die ganze Nahrung deines Lebens: vom Mutterblut, das dich als Embryo speiste, bis zu dem letzten Zuge Luft in die welke Lunge des sterbenden Greises. Und hinter dir die endlose Abfallstätte. Ein wahres Grausen würde dich fassen vor der Riesengröße eigentlich deines Individuums, der Masse der Dinge, die du in deinen Lebensjahren umspannt, durch¬ drungen hast. Hügel und Teiche von Nahrung; und hinter dir Hügel und Teiche von schon wieder Ausgelöstem. Und die Menschheit im ganzen wie ein ungeheuerlicher Regenwurm, der, wie dieser unablässig sein kleines Feld, so die ganze Erd¬ rinde durch die Jahrtausende hindurch immerzu in sich hinein¬ schlingt und wieder von sich gibt. Die Pflanzen kauen ihr die Mineralstoffe vor, sie verschlingt dann die grüne Pflanzen¬ decke, verschlingt das Tier, das selber schon von Pflanzen genährt ist. Und im höchsten Sinne, da doch Pflanze, Tier und Mensch alle nur wieder Teile der Erde sind, ist es diese Erdkugel selbst, die an ihrer Oberfläche sich wie ein enormer Magen immer neu verdaut, ihre eigenen Stoffe um und um kreisen läßt. In dieses große Bild gehört nun auch dein Urin, auch er ein unablässig rauschender Strom in diesem gigantischen Panorama, ein beständiger Platzregen, der von der Tier- und Menschheit niederrinnt, um wieder in den großen Kreislauf zurückzukehren. Nahrung ist in dich eingetreten, du hast dich wieder so und so viel Kubikzoll weiter in deine Umgebung, in das Erdreich, in dem du als Regenwurm steckst, eingefressen. Der Darmschlauch und sein Anhängsel, die Lunge (du erinnerst dich: sie ist ursprünglich nur ein Blindsack seiner Schlundseite) haben die Nahrung zunächst grob umfaßt. Das Blut zahlt sie dann erst verfeinert den ganzen Körpergeweben aus, pumpt 16* sie bis in jede fernste Ecke. Das Blut nimmt in der Lunge die Luftnahrung ein, saugt von den Darmwänden die fest¬ flüssige Nahrung ab und Iäßt die Nährstoffe nun treiben bis zu jeder millionsten und abermillionsten Zelle im äußersten Gehirnfäserchen oben oder in der letzten Zehenspitze unten. Aber nun gilt es, auch so und so viel Abfallsstoffe der großen Küche wieder hinauszubefördern, die feinen Exkremente des ganzen Organismus aus jeder Einzelzelle. Große un¬ verdauliche Massen der Darmnahrung wirft ja der Darm selber wieder aus. Aber das ist nur das überhaupt Über¬ zähligste, gleichsam die harte Schale nur der nährenden Nuß. Die viel feinere, engere Abfuhr dessen, was in jeder Zelle des ganzen Leibes überflüssig wird, muß ebenfalls das Blut besorgen. Und da gibt es denn nun zwei Wege. Das Luft¬ förmige, das wieder fort soll, pumpt es als Kohlensäure in der Lunge selber wieder aus. Für das Wässerige und in Flüssigkeit Gelöste dagegen passiert es in dir zwei famose Reinigungsstellen, die Nieren. Jede deiner beiden Nieren ist nichts anderes als ein vorzüglicher Filtrierapparat. Fest geschlossen in ihrem engen Röhrensystem kommt die Blutwelle daher gerauscht. Da plötzlich passiert sie die Niere. Sie schwebt auf der Filter, auf dem Sieb wie die Schmutzwasser einer Gosse über der durchlöcherten Platte der Kanalisation. Aber das Nierensieb hat die treff¬ liche Konstruktion, daß es nur ganz bestimmte Teile dieser Blutwelle durch seine Löcher läßt. Das flüssige Blut ist im Moment, da es die Niere passiert, zusammengesetzt wesentlich aus drei ganz verschiedenen Dingen. Erstens klarem Wasser, von dem gut und gern ein ordentliches Teil als überflüssig abgezapft werden kann. Zweitens den wirklichen Dreck- und Giftstoffen, die so schnell wieder hinaus müssen, wie nur möglich. Drittens aber der eben erst gewonnenen guten Nährbouillon, den kreisenden Eiweißstoffen, die absolut hier nicht mit in die Senke gehen dürfen. Entsprechend filtriert denn das Nierensieb auch nur das überzählige Wasser und den Exkrementstoff abwärts und hält die Eiweißteile zurück. Wenigstens in gesundem Zustand. Erkrankt in bestimmter Weise, lockert sich die Filterplatte so, daß auch das Eiweiß mitgeht, also des Leibes heiligste Nährbouillon abfließt, — und dann sieht's faul um den ganzen Menschen aus. Das „Abwärts“ aber bedeutet: diese Abfallsflüssigkeit geht in regelrechter Unterkanalisation anstatt im Blutkanal weiter jetzt durch eine Separatröhre von jeder Niere aus in ein großes gemeinsames Latrinenreservoir, die Harnblase. Und von dieser Harnblase rauscht sie durch eine letzte Riesel¬ röhre unmittelbar — aus dem ganzen Körper heraus. Da die Nieren ganz genau wie die Eierstöcke im Innern der Bauchhöhle liegen, kann das logischer Weise auch nur durch ein Loch geschehen, das in die Bauchwand geschlagen ist. Und jetzt denn seltsam genug: die innere Urinröhre mündet beim Weibe in dasselbe Thor zwischen den Schenkeln ein, durch das die Geschlechtsstoffe gehen. Auf ein letztes kurzes Stück, so zu sagen schon im Thorbogen selbst, ver¬ einigen sich beide Röhren sogar geradezu. Und beim Manne ist's noch weit intimer. Da laufen Urin und Samen das ganze große Kanalende, das man Mannesglied heißt, durchaus gemeinsam, als wären sie von Haus aus die verträglichsten Freunde von der Welt. Ich glaube, ein Gedanke liegt hier nahe genug. Die Natur hat, wie so oft, gespart . Sie hat nur eine Durch¬ bohrung der geschlossenen Leibeshöhle haben wollen. Da nun zwei Röhrensysteme aus dem Innenraum herauswollten, der Abfluß der Nierenfilter und der Abfluß der Geschlechtsorgane, so hat sie eben einfach diese Röhrenöffnungen so weit zu¬ sammengeschoben wie es ging. Sie hat ja schon sonst offenbar vereinfacht. Du er¬ innerst dich: das Leibeshaus deiner Ahnen vom Wurm an nahm eine Gestalt an etwa wie ein Wagen. In der Mitte der eine Darm als Grundstock. Rechts und links aber die weiteren Organe doppelt: zwei Augen, zwei Ohren, zweimal je zwei Arme und Beine, sogar zwei Gehirnhalbkugeln und zwei Lungen. In dieser allgemeinen Zweiheit aller später entstehenden Organe konnten nun auch die Geschlechtsorgane nicht zurückstehen. So hat deine Liebste heute noch zwei Eierstöcke, rechts einen und links einen. Es ginge ja auch mit einem. Bei den Vögeln zum Beispiel ist der eine (der rechte) fast immer völlig verkümmert, so daß du in einem Huhn, das du aufschneidest, allemal scheinbar nur einen ein¬ zigen echten Eierstock vorfindest. Aber die alte Doppel-Symme¬ trie hat sich trotzdem in den meisten Fällen und so auch bis zum Menschenweibe in der altertümlichen Weise treu erhalten. Auch beim Menschenmanne hast du ja noch (trotz sonst so auffälliger Wandlungen) zwei Samenorgane in dem gemeinsamen Hoden¬ sack, — jene beiden festen Körper, die der Volksmund „Eier“ nennt, obwohl sie gerade das Umgekehrte von echten Eiern, nämlich die Erzeugungsstätten des männlichen Samens sind. Trotzdem ist aber darin wenigstens ein konsequenter Weg sichtbar, daß nun schon früh durchweg nicht mehr jeder Eier¬ stock sein besonderes Loch sich nach außen gebohrt hat, — sondern beide Eierkanäle in ein einziges gemeinsames Loch mündeten. Schon bei den Fischen ist diese Vereinfachung der Lochfrage ganz allgemein verbreitet und von da an aufwärts kennt man es nicht anders. Dasselbe Prinzip waltete nun für sich auch wieder bei den Nieren. Auch sie sind paarig, das heißt in jeder Körper¬ seite je eine, entstanden und haben sich bis zu dir so erhalten. Einige Vögel, z.B. die Reiher, habens freilich hier nachträg¬ lich noch wieder bis zur Verwachsung in eine Gesamtniere ge¬ bracht. Unverkennbar aber bleibt auch dort wenigstens das vereinfachende Prinzip, nicht zwei Urinlöcher zu schaffen, sondern nur eines. Bei den Tieren, wo sich eine Harnblase als ge¬ meinschaftliches Reservoir für beide Nierenfilter entwickelte, blieb ja überhaupt ein Kanal als Schlußstück übrig, war also auch nur ein Loch nötig, und gerade du selbst gehörst als Säugetier hierher. In diesem Sinne hat es nun an sich wohl nichts Über¬ raschendes, sich zu denken, daß eines Tages auch das Urinloch und das Geschlechtsloch noch zusammenschmolzen in eines. Diesmal war thatsächlich aber die Entwickelung von vorne herein noch ein ganzes Stockwerk sparsamer, als die logische Linie ergibt. Jene Ausbildung eines besonderen Geschlechtsloches, das erst nachträglich wieder mit dem Urinloch hätte verschmelzen können, hat in der Hauptlinie deiner Ahnen überhaupt , wie es scheint, nicht stattgefunden, — sie hat gar nicht mehr statt¬ zufinden brauchen . Denn schon in sehr frühen Zeiten hatte sich da die Sache so eingestellt, daß die Urinröhre samt ihrem Urinloch einfach die Hinausbeförderung der Geschlechtsstoffe mit übernahm . Das klingt nun recht seltsam. Aber denke dich durch folgenden Hergang einmal durch. Hier ist ein Wurm. Bei ihm hat sich eine geschlossene Leibeshöhle entwickelt und in dieser Höhle liegen wie im schönsten Tabernakel die Geschlechtsorgane. Samen und Eier wollen heraus. Wie? Der eine Weg war jenes durchbrechende Geschlechtsloch. Aber wenn es dessen gar nicht besonders be¬ durfte? Die Eier oder Samentierchen treiben sich an der inneren Bauchwand herum wie Jonas im Walfisch. Da plötz¬ lich ein Lichtblick. Durch die Leibeswand öffnen sich feine kleine Luken. Schmale Schachte wie Fuchslöcher ziehen sich durch die Leibeswand nach außen. Diese feinen Schachte sind aber nichts anderes, als die erste Anlage dessen, was bei uns heute „Nieren“ heißt. Ihre Wände dienen als erste, noch recht schlichte Filter, durch die die unbrauchbaren Säfte des Wurmleibes ablaufen. Aber da sie thatsächlich regelrechte, wenn auch ganz feine Öffnungen in der Walfischhöhle darstellen, so wagen unsere kleinen Jonas und Münchhausen sich kühnlich hinein, klettern durch, — und das Problem ist auch ohne Geschlechtsloch ge¬ löst: Samen und Eier sind im Freien, einfach auf dem Wege des Urins . Es giebt eine ganze Menge Würmer, bei denen der gesamte Sachverhalt heute noch genau so ist. Bei anderen Würmern hat sich dann früh der Nierenapparat so geregelt, daß nicht mehr viele kleine Nierenkanälchen alle besonders nach außen mündeten. Die einzelnen Urinfilter ergossen vielmehr ihren Inhalt in einen größeren Schlauch, der jederseits im Leibe des Wurmes lag. Dieser ganze Schlauch öffnete sich aber selber jetzt wie ein einiges Filter¬ kanälchen der vorigen Art einerseits offen in die Leibeshöhle und andererseits offen nach außen ins Freie. In der Hauptsachlage war also nichts geändert: Samen und Eier konnten einfach jederseits auch diesen großen Urin¬ schlauch statt der vielen kleinen als Pforte aus dem Leibes¬ kerker in die Außenwelt benutzen. Auch diese Stufe findest du bei heute lebenden Würmern sehr gut noch entwickelt und zwar gerade bei solchen, die auch sonst unverkennbar deinem menschlichen Stammbaum nahe stehen. Und so und nicht anders, scheint es, hat die Geschichte bei den ältesten Wirbeltieren (also deiner engeren Sippe), bei den einfachsten Urfischen auch noch eingesetzt. Wenn gerade die Neunaugen es heute just nicht mehr so machen, so müssen diese wohl hier etwa einen Seitenweg für sich gegangen sein. Sie haben ja an und für sich genommen, wie du ge¬ sehen hast, auch eine völlig logische Straße mit ihrer besonderen Geschlechtspforte eingeschlagen. Aber deine echte Ahnenlinie brauchte die gar nicht, — sintemalen Eier und Samen sich längst im Ganzen resolut bequemt hatten, den Urinkanal als solchen, ja die Niere selber, deren größten Teil der ja aus¬ machte, für ihre Außenweltsreise einfach mit zu benutzen. Milch wie Rogen fiel in die Niere und schwammen mit den Filter¬ wässern heraus. Eine wahre und regelrechte Urinliebe konnte hier festgestellt werden, und wenn Männlein und Weiblein sich begatteten nach Blaufelchenart, so spritzten Ei und Samen thatsächlich im verwegensten Sinne dabei wie schmutziges Nieren¬ wasser, wie Urin hervor. In dieser äußersten Weise der Mischung von zwei so grundverschiedenen Dingen bloß aus Raumersparnis hat sich nun aber die Sache doch mit wachsender Entwickelung auch nicht endgültig halten lassen. Schon in der Gegend deines Stammbaums, wo der Fisch über den Molchfisch zum Amphibium, also zum Frosch und Molch, ansteigt, zeigt sich ein deutliches Bestreben, den großen innerlichen Urinschlauch wenigstens in zwei Fachwerke gleichsam zu teilen. Ein Fachwerk für die Geschlechtsstoffe, — und eines für den Urin. Der große Kanal spaltet sich. Durch die eine Abteilung floß der Urin nach wie vor ab. Die andere reserviert sich dagegen den Geschlechtssachen. Unten kommen beide Schläuche freilich wieder zusammen und münden natürlich doch ins gleiche Loch der Leibeswand endgültig hinaus. Dabei machte sich jedoch folgendes geltend als besondere Fügung. Bis an diese Stufe der Entwickelung heran ist der Sachverhalt vielfältig, ja ursprünglich vielleicht ganz allgemein, so gewesen, daß deine Ahnen Hermaphroditen waren. Das heißt: jedes Einzeltier erzeugte sowohl Samen wie Eier in sich. Erinnere dich an das, was ich dir früher von den Schnecken und den Blutegeln erzählt habe. Diese Zwitter- Anlage bedeutet nicht, daß jedes Wesen nun nach Begehr sich selber begatten konnte. Immer auch so mußten zwei Einzel¬ wesen zusammen. Bloß daß strenggenommen keines ganz Männchen, keines ganz Weibchen war. Jedes gab dem anderen Samen für dessen Eier und erhielt umgekehrt für seine eigenen Eier auch wieder Samen von dort. Jedes war zeitlebens ein „Hermaphroditos.“ Du kennst die hübsche Ge¬ schichte aus der griechischen Mythologie? Dieser Mythologie eines Volkes von Weisen, das alles dumpfe Grübeln des Orients in liebliche Kunstbilder umgeschaffen hat. Der brave Hermaphroditos ist ein Sohn des Hermes und der — mytho¬ logisch stets bereiten, obwohl anderweitig verheirateten, Aphrodite. Er badet in einer Quelle, die Quellnymphe, deren Wasserleib seine schönen Jünglingsglieder berühren, verliebt sich in ihn, und auf ihr Gebet lassen die Götter der Beiden Leiber zu einem einzigen Wesen zusamenschmelzen, das nun Weib zu¬ gleich ist und Mann. So hübsch kann die Zoologie es ja nicht erzählen. Sie berichtet dir von Schnecken und Regenwürmern. Aber als Thatsache jenseits von aller luftigen Mythologie stellt sie jedenfalls fest, daß auch ziemlich hoch in deinen Menschen¬ stammbaum hinauf noch eine ganz naive, uralthergebrachte Hermaphroditerei geherrscht hat. Bei deinen Wurmvätern war sie einfach gang und gebe. Jene kartoffelartig scheußlichen Ascidien an der Schwelle des Wirbeltiers, Onkels wohl mindestens von dir, wissen es noch nicht anders als so. Aber selbst echte Fische „zwittern“ ganz fidel. Eine Sorte Neunaugen entwickelt, wie die Auster, nacheinander im gleichen Leibe reifen Samen und reife Eier. Echte Fische aus der Gruppe der Barsche (die sogenannten Sägebarsche) und der Brassen (die Goldbrassen) sind Herm¬ aphroditen vom reinsten Wasser, die „übers Kreuz“ doppelt miteinander zeugen. Kein Göttergebot hätte bei dir einzu¬ greifen brauchen, als du noch in dieser Region stecktest. Und Aristophanes hätte hier eher Rat gewußt, der die Götter eines Tages die doppelgeschlechtigen Menschen erst in zwei Hälften, Mann und Weib, nachträglich auseinanderspalten läßt. Nun also: diese Zwitterei hat offenbar eine Weile noch in jene Urinfrage hineingespielt. Längere Zeit muß das Ausfuhr-Problem eigentlich ein dreifaches gewesen sein. In einem und demselben Individuum handelte es sich erstens um den Urin, zweitens um den Samen und drittens um die Eier. Wenn Samen und Eier zu verschiedenen Zeiten erzeugt wurden, wie bei den heutigen Inger-Neunaugen, so war es ja wohl sehr gleichgültig, ob sie jedes für sich denselben Ausgangskanal passierten: in die Gefahr einer inneren Mischung und Selbstbefruchtung kamen sie ja doch nicht. Aber sobald jene gleichzeitige Erzeugung beider Stoffe in jedem Individuum, wie wir sie noch bei den Barschen und Brassen haben, einmal eintrat, mußte ein Be¬ dürfnis nach Trennung der Kanäle auch für diese verschiedenen und gegensätzlichen Geschlechtsstoffe noch wieder unter sich stark werden, ganz abgesehen vom Urin. Hier scheint jetzt früh der folgende Ausweg eingetreten zu sein. Der jederseitige Urinkanal hatte sich allmählich in je zwei Kanäle vollständig bis zum Ausgang geteilt, der eine ausgesprochen als Urinkanal gespeist von den Nierenfiltern, der andere als Geschlechtskanal von den Geschlechtsorganen befrachtet. Jetzt regelte sich die Sache aber so, daß die beiden Geschlechtsorgane sich voneinander separierten hinsichtlich ihres Frachtweges. Das weibliche Organ, das Eier erzeugte, warf seine lebendige Post in den für Geschlechtsstoffe reser¬ vierten Teil der Urinröhre; — das männliche Organ dagegen benutzte, um nicht mit den Eiern in Kollision zu kommen, für seinen Samen lieber nach wie vor den echten Urinkanal selbst, — gleichsam als das kleinere Übel. Und wie das nun einmal lange Zeit zäh so Brauch gewesen war, blieb es auch traditionell bestehen, als schließlich jene Zwitterei als solche ganz aufhörte. Von den Amphibien, also den Molchen und Fröschen an, giebt es im höheren Wirbeltierbereich bis zu dir hinauf normaler Weise keinen Hermaphroditismus mehr. Bei jedem Einzelmolch, jeder Einzeleidechse, jedem Einzelvogel und jedem Einzelsäugetier wird in jedem Einzeltier nur mehr eine Sorte von Geschlechts¬ organ arbeitsfähig entwickelt: entweder Eierstöcke oder Mannes¬ hoden, — das Tier ist also entweder ganz Mann oder ganz Weib. Wenn aber so ein Mannesmolch etwa fortan nur mehr Samen produzierte und selber gar keine Eier mehr, so war völlig verständlich, daß bei ihm die Separatabteilung der Urinröhre, die von der Eierausfuhr bisher zäh einseitig be¬ legt worden war, wertlos wurde und abkümmerte. Seine ganze Geschlechtspost, die ja nur noch in Samen bestand, blieb dem Brauche nach wie vor treu, durch die Niere so zu sagen selber hinauszugehen und den echten Urinweg nicht zu scheuen. Und so war bei ihm eigentlich die Sache wieder auf den ursprünglichsten Stand zurückgebracht: sein ganzer Geschlechts¬ erguß lief wieder im echten Urinrohr. Umgekehrt der weibliche Molch, der bei der Eierproduktion blieb, hielt fest an dem Separat-Kanal für diese Eier und konnte ihn in keiner Weise entbehren. Dagegen war ihm vom Moment an, da er keinen Samen mehr produzierte, der echte Urin-Abflußteil für die Geschlechtspost ganz gleichgültig Sintemalen aber hier doch eben der Urin selber nach wie vor floß, durfte dieser Kanalteil nun doch auch hier nicht ver¬ kümmern, — und so behielt Frau Molchin hübsch beide Kanäle nebeneinander in voller Kraft, diesen bloß für die reinlichen Eier, jenen bloß für das dreckige Filterwasser der Niere. Jeder der kleinen bunten Teichmolche, den du dir aus dem Krötentümpel dort holen magst, zeigt dir diese ganze Stufe aufs hübscheste noch jetzt in seinem Leibe: die Eierfracht schon emanzipiert vom Urin, obwohl noch in einer von der Urinröhre ursprünglich abgespaltenen Röhre, — die Samen¬ fracht im Männlein dagegen noch geradezu durch die Niere in den Urinkanal fallend und dort hinausgeschwemmt, — also immerhin noch halbseitige Urin-Liebe. Oberhalb des Molchs, auf der Linie von der Eidechse zum Menschen, ist dann die Sache allerdings nochmals recht umgeknetet worden. Die Niere selber war diesmal daran schuld. Indem die Natur diese köstlichen Blutfilter immer praktischer ausgestaltete, schuf sie sie gemach zu einem eigent¬ lich ganz neuen Organ um. Am unteren Ende des alten Nierenapparats bildete sich so zu sagen ein großer Auswuchs oder Sproß, der sich in ganz anderer Lage in die Leibeshöhle einschob und fortan die eigent¬ liche Niere darstellte, der die ganze Filtriererei jetzt in einer noch viel kunstvolleren Art, als es früher geschehen, oblag. Diese neue Niere bildete sich alsbald auch einen eigenen neuen Urinkanal, und bei den Säugetieren entstand da, wo diese Kanäle beider neuen Nieren von rechts und links des Leibes sich einten, zunächst ein großes gemeinsames Urin- Reservoir, ein innerer Nachttopf gleichsam: die Harnblase. Erst aus diesem Topf führte ein letztes Kanalstück dann ganz ins Freie und ließ den Urin äußerlich abfließen. Und damit war denn auch beim Manne der alte Urinkanal ganz entlastet, der Samen brauchte nicht mehr durch die Niere und neben dem Urin in ihn einzufallen: die alte Röhre wurde auch hier gänzlich für die Geschlechtsfracht frei, — sie wurde ausschlie߬ lich „Samenleiter“ ohne Urin. Beim Weibe konnte der betreffende Kanal jetzt überhaupt einschrumpfen, da er, sobald der Urin nicht mehr durchging, hier sofort ganz arbeits¬ los war. Und so blieb schließlich bis zu dir selber herauf nur zweierlei von der schönen Odyssee der Eier, Samen und Urin übrig. Erstlich die Thatsache, daß deine sowie deiner Liebsten Ausfuhrkanäle für Samen sowohl wie Eier auch heute eigent¬ lich und von Rechtswegen immer noch ursprüngliche Urinkanale sind, die bloß allmählich okkupiert und endlich dauernd ein¬ genommen wurden von den Geschlechtsstoffen. Und zweitens eine Folgerung, die nahe genug lag: die alte Gemeinschaft, ja Identität von Urinkanal und Geschlechtskanal äußerte sich immerzu wenigstens noch in der ganz oder nahezu gleichen Mündungsstelle der beiden großen Leibeskanalisationen. Beim Menschenweibe mündet der Urinkanal noch immer mit dem Geschlechtskanal gleichsam in der Pfortenwölbung einer und derselben Öffnung zwischen den Schenkeln zusammen aus. Und beim Menschenmanne geht der Samenkanal sogar schon dicht unter der Blase immer noch in den Urinkanal selber ein, und das ganze äußere Mannesglied durch fließen Urin und Samen doch noch immer einträchtiglich zusammen derselben Mündung zu. Wobei freilich dieses Mannesglied erst noch wieder eine besondere Bildung als solches darstellt, von der wir gleich noch zu reden haben. Du aber erkennst: was dir als Inbegriff schon des Greulichsten erschienen ist — die Urinkanal-Liebe, — die Mit¬ benutzung der gleichen Öffnung gerade durch diese beiden wie Himmel und Hölle verschiedenen Körpersysteme, — das ist in Wahrheit schon die äußerste Verdünnung der Schemen und das Gespenst nur noch alter, unendlich viel gröberer Sach¬ lagen. In millionenjahrelanger Arbeit hat die Entwickelung dir erst die Eierstöcke, dann auch die Samenhoden herausge¬ fischt und herausgemeißelt aus der Niere, dem Urinapparat selber, in den sie sich eingenistet hatten einfach weil er ihren Lebensstoffen überhaupt einen Ausweg „aus des Walfischs Bauch“ bot. Bis dicht an die Pforte selbst hat sie dir die Stränge bereits wieder voneinander geflochten, die ein geschicht¬ liches Verhängnis verknotet. Willst du die natürliche Ent¬ wickelung Gott nennen, gut, so ist Gott seit der Devon-Zeit, da die erste Eidechse auftauchte, mindestens unablässig dabei gewesen, deine Geschlechtsstoffe vom Urin wieder zu trennen. Und nun die Sache beinah auf eines Fingers Länge, und beim Weibe noch weniger, gelungen ist, — nun kommst du mit deinem späten Lichtfeldchen im Gehirn, leuchtest heran und brichst in Deklamationen aus über die Schauderhaftigkeit der Welt, die den heiligen Graal der Zeugung abwechselnd auch als Nachttopf benutze ..... Ich will dich aber noch etwas stärker beschwören. Wir haben von der Vereinfachung gesprochen. Wie die Natur sparen wollte mit Leibespforten als ein kluger Architekt, der da weiß, daß allzu viel Thüren Diebe machen. Zwei Eier¬ stöcke mit zwei Eileitern gingen schließlich in eine Öffnung aus; zwei Manneshoden in ein Mannesglied; zwei Nieren in eine Blase und schließlich in ein Loch. Und dieses Nierenloch fiel auch noch beim Manne zusammen mit der Öffnung des Gliedes, beim Weibe mit der Mundhöhle gleichsam des großen Gebärloches. Aber warum ist da nicht noch eine letzte Ver¬ einfachung eingetreten? Eine winzige Spanne an deinem nackten Menschenleibe nur fort von dem Urin-Geschlechtsloch — und du bist an der anderen Pforte des unteren Rumpfendes: dem Afterloch. Beim Weibe zumal engen sich die Verhältnisse so ein, daß die Öffnungen bei einander sitzen wie die Gläser einer Brille. Warum ist das nicht auch noch überwunden worden? Zusammengeschmolzen. Du merkst, wir sind jetzt recht in einer anderen Art des Fragens. Welche Deklamationen, wenn's bei uns Menschen so wäre, nach jener anderen Methode! Der heilige Graal der Zeugung nicht bloß mit dem Nachttopf in Kollision, sonder auch noch mit dem Stuhl. Zeugen, Gebären, Urinlassen und nun gar noch Kotentleeren in derselben Thür! Gemach, es ist 'ja nicht so. Wir haben uns nur jetzt von einer Seite in die Dinge eingebohrt, daß uns geradezu die Frage auf¬ kommt: warum ist's denn nicht so? Das Prinzip der Ver¬ einfachung giebt uns zur Frage das Recht. Und hier ist denn zu sagen: es ist einfach bloß deßwegen nicht so, weil wir Menschen es diesmal schon in unsern Ahnenformen ausgeprobt und wieder verworfen haben. Da war's wirklich herzhaft genug. Du erinnerst dich, wie uns oben die Möglichkeit einer Afterliebe, einer echten Liebe durchs Afterloch, flüchtig auftauchte. Wo die Geschlechtsstoffe sich noch von der Magenwand abspalteten — und wo dann dieser Magen zum Schlauch mit einer vorderen und einer hinteren Öffnung geworden war, — da konnte der After natürlich an und für sich genau so gut zur Samen- und Eientleerung benutzt werden wie der Mund. Du weißt aber: diese Magenliebe spielt in deinem Stamm¬ baum schon früh überhaupt keine Rolle mehr, denn die Ge¬ schlechtsorgane etablieren sich ja in der Leibeshöhle und be¬ nutzen hier durchweg die Niere als Ausgang. Bei den Würmern fängt das schon an und geht von da ins Reich deiner engeren Ahnen, der Wirbeltiere, hinauf. Genau auf dieser Straße nach oben zeigt sich dir jetzt aber auch ein Be¬ streben, das nun doch den Darmkanal wenigstens nachträglich wieder mit der Liebe in Verbindung bringt. Da macht zunächst das niedrigste aller Wirbeltiere, jener famose Amphioxusfisch, der noch so gut wie auf der Grenze zwischen Wurm und Fisch steht, ein ganz besonderes Kunststück. Bei ihm münden Niere wie Geschlechtsstoffe schon ganz regel¬ recht in einen gemeinsamen Raum, der, obwohl er noch an¬ dere Zwecke außerdem hat, doch auch als Urinkanal bezeichnet werden kann. Dieser gemeinsame Kanal aber öffnet sich durch Spalten in den vordersten Teil des Darmes und durch die schwimmen die Eier des Weibleins wie die Samentierchen des Männchens schließlich doch noch ganz lustig dem Amphioxustier zum echten Munde heraus. Hätte sich das weiter eingebürgert, so wäre auch aus dieser Urinliebe zuguterletzt doch noch wieder eine Mundliebe geworden und du müßtest heute durch den Schlund außer Luft und Darmnahrung auch noch Urin, Samen und Kinder befördern. Jene vielfältigen Gründe, die über¬ haupt gegen jede Mundliebe sprachen, haben aber hier offenbar doppelt sich in den Weg gestellt, nachdem auch noch Liebe und Urin beisammen waren, — und so ist Herr Amphioxus das erste und zugleich auch das letzte Wirbeltier, das mit dem Munde liebt. Die Sache wurde um so unthunlicher, als die Urin¬ mündung bei den Wirbeltieren fortan mit größter Energie in der hinteren Körpergegend sich hielt. Damit kam sie nun not¬ wendig mit dem anderen Darmende, dem Afterloch, in eine gewisse Beziehung. An den Lippenrändern dieses Loches saßen keine scharfen Zähne, es bahnte sich hier keine Verdauung an, noch bestand die Gefahr einer wieder einwärts schlingenden 17 Bewegung wie beim Munde. Es war schließlich bloß eine Abfallsöffnung so gut wie der Urinausgang selbst, durchaus aufs Hinaustreiben gebaut und also in vieler Hinsicht ent¬ schieden brauchbar sowohl für den Urin, als auch für die (nun doch einmal durch ihn an Abfallsstoffe gewöhnten) Ge¬ schlechtssachen. Und so erleben wir's denn wirklich! Schon bei einer großen Masse von Fischen fließen Eier, Samen, Urin und feste Exkremente alle miteinander durch ein und dasselbe Loch schließlich heraus. So insbesondere bei deinen engeren Ahnen, den Haifischen. Das Amphibium, also Frosch und Molch, weiß es nur noch so. Alle Kanäle des Leibes, die nach hinten heraus wollen, strahlen in einen und denselben Punkt ein: der dicke Mastdarm, der jederseitige Urinkanal des Männleins, der zugleich Samenkanal ist, der entsprechende echte Urinkanal des Weibleins und das abgespaltene Urinkanal¬ stück, das die Weibeseier separat verfrachtet. Willst du eine Bezeichnung finden für diese noch wieder neue Sache, so müßtest du eine bilden, die Urinliebe und Afterliebe unter denselben Decktitel brächte. Der Naturforscher bietet dir nun ein Wort gerade hier, wenn schon keines von den besten. Er nennt solche Vereinigung von Urinausgang und After überall, wo sie bei Tieren ihm entgegentritt, kurz¬ weg „Kloake“. Und so ständen wir im Text also jetzt bei der Kloaken-Liebe. Tiere auf dieser Stufe, die sich nach Blaufelchen-Art durch möglichst nahes Zueinanderbringen ihrer Ausfuhrlöcher für Samen und Eier lieben, mußten bei dieser Sachlage einfach ihre „Kloaken“ einander zukehren im Liebesakt. Vom Molch herauf hat diese Kloakenliebe thatsächlich noch lange Zeit eine entscheidende Rolle gespielt. Von ihm bekamen sie sämtliche Reptilien mit, also die Eidechsen, Schlangen, Krokodile und Schildkröten, jedenfalls auch die ausgestorbenen reptilischen Ungetüme, die Ichthyosaurier, Flatterechsen, Schreckens¬ drachen und wie sie sonst alle heißen. Bloß eine hochent¬ wickelte, warmblütige, federnbedeckende Flugeidechse ist aber der Vogel. Und so findest du bei Huhn und Strauß, Adler und Nachtigall und all den tausend anderen Schwingenträgern in Feld, Wald, Meer und Luft unabänderlich auch die echteste Kloake entwickelt, — immer das harte Ei und der flüssige Samen, das Exkrement des Darmes und der (hier breiartige) Urin der Nieren austretend durch ein und dasselbe große hintere Leibesthor. Und erst beim Säugetier kommt wieder nachträglich ein großes Halt. So hoch der Triumph der Sparsamkeit war, der glücklich alle Löcher in eins verschmolzen hatte: — ganz durchhalten bis ins Höchste der Entwickelung hinein ließ sich die Sache doch nicht so. Noch heute lebt in Australien das Tier, das den Um¬ schwung zum strahlendsten Gipfel der ganzen lebendigen Natur auf Erden verkörpert: das Schnabeltier. Das Schnabeltier legt noch Eier in einer sehr ähnlichen Weise wie ein Vogel oder besser noch, wie eine Eidechse. Und das Schnabeltier hat heiligen Ernstes auch noch eine Kloake, — es allein von sämtlichen Säugetieren. Denn ein Säugetier, das seine Jungen mit Milch speist, ist es unbedingt schon. Aber die Kloake hat's doch noch. Man nennt zoologisch die Schnabeltiere vielfach geradezu „Kloakentiere“, woraus der Laie wohl den schlechten Schluß zieht, diese kleinen Schnabler hausten wie die Ratten unserer Großstädte in den Abzugskanälen der australischen Farmen, — was ihnen aber gar nicht einfällt. Der Misse¬ thäter, der durch die Kloake schwimmt, sind vielmehr ihre eigenen Eier und Samentierchen in ihnen selbst, und die Kloake ist das konföderierte After- und Urinloch ihres eigenen Leibes. Dann kommt aber das Beuteltier, — die Beutelratte und das Känguruh — und da hat's mit der Kloake jäh ein Ende. Auf einmal steht zwischen der Urin- und Geschlechts¬ öffnung und der Afteröffnung doch wieder ein fester Riegel, 17* eine Scheidewand. Fortan gibt's doch wieder zwei Löcher. Und das jetzt bleibt bis zu dir herauf. Du hast's schließlich so vom Affen geerbt. Die Kloakenliebe kennst du an dir nicht mehr, — es sei denn im Falle eines höchst mißlichen Gewalt¬ aktes, wenn nämlich bei der Geburt die Wand gegen den After noch nachträglich einreißt; das ist aber nichts normales mehr, sondern ein krankhafter Einzelfall. Ganz umsonst wäre jedenfalls der Versuch, den Zeugungs¬ akt selber noch einmal durch den After zu leiten. Niemals mehr ist vom Schnabeltier an aufwärts eine Samenzelle eines Säugetiers durch das hintere Darmende zu einem Weibesei gelangt. Und es läßt sich höchstens noch ein spaßhaftes Schattenbild des äußerlichen Versuches wiederfinden in dem päderastischen Akte. Indem der Päderast den Darmweg noch einmal als Geschlechtsweg sucht, kehrt er gewissermaßen zurück zum Schnabeltier, — bloß daß ihm zum Unsinn sich verkehrt, was dort den vollen und heiligen Natursinn besaß. Der gleich¬ zeitige Versuch, aus Mann und Mann ein Liebes-Individuum zu bauen, geht bei ihm freilich noch weiter zurück. Er greift herab bis auf jene hermaphroditischen Fische und Würmer, bei denen jede Geschlechtshälfte noch Mann und Weib zugleich war, also ein Mannesteil befruchten konnte in einem Leibe, der selber auch Mannesteile besaß. Die zähen Wurzeln der Päderastie im großen Aufwärts¬ ringen der Menschheit sind im Übrigen ja noch weit über diese alten Reminiscenzen hinaus verwickelt, und nur ein ganz oberflächlicher Beobachter wird sie mit einem einzelnen An¬ klang abthun wollen. Wenn auf einsamem Schiff im Ozean fernab von aller Weibergemeinschaft der Matrose zur Päder¬ astie greift, so erscheint hier unzweideutig eine andere Wurzel¬ faser, die den päderastischen Akt nur als eine Variante des onanistischen erscheinen läßt, als einen Akt der Notwehr, wo das Weib fehlte. Von hier aus ist er zweifellos in strenger Logik seit Alters immer wieder neu erzeugt worden. Wenn du dann in der höchsten Kunst, in der künstlerisch durchhauchten Ideenwelt von Alt-Hellas, im Antinous-Ideal, in der orien¬ talischen Poesie, und immer und immer so wieder durch Renaissance und Neuzeit päderastische Motive findest, so wirst du auf ein Wurzelende noch ganz anderer Art geführt. Das Päderastische entwickelt sich hier aus einer an sich absolut sittlichen That zunächst der Distanceliebe. Das Auge erfreut sich der Schönheit des Manneskörpers so gut wie der des Weibesleibes, und genießt aus dieser Schönheit heraus die höhere, vergeistigte Sinnlichkeit der Distanceliebe. In einer Verwirrung der Motive wird dann diese Distanceliebe aber als Mischliebe versucht, womit allerdings die ideale Höhe zu einer Situation herabsinkt, deren herbste Strafe zweifellos in ihrer Lächerlichkeit besteht. Und so lassen sich der Wege noch mehr aufweisen. Interessant bleibt aber auf alle Fälle auch in jenem Fisch- und Schnabeltier-Sinne der „zoologische Reak¬ tionär“, der im Päderasten allemal so gut steckt wie im Onanisten. Den tragikomischen Zug teilt er dabei mit allen Reaktionären. Warum übrigens die Kloake wieder verschwunden ist? Wir haben sicherlich gleich einen guten Fingerzeig. Das letzte Tier in deinem Stammbaum, das noch Kloaken-Liebe pflegt, das Schnabeltier, ist zugleich auch das letzte, das noch Eier legt. Das Gebären lebendiger Jungen in dem Zustande wie es beim Säuger vom Känguruh an aufwärts fester Brauch wurde, scheint dem Afterausgang widersprochen zu haben. Der ganze Geschlechtsapparat des Weibes wurde durch das immer längere und innerlichere Ausreifen des jungen Tieres im Mutterleibe mehr und mehr belastet, bekam also wohl auch ein intensives Anrecht auf eine möglichst eigene Thür. Um¬ gekehrt beim Manne führte ein ganz anderer Weg ebenso sicher zur Notwendigkeit einer Trennung: die immer kunstvollere Ausgestaltung nämlich des Begattungsgliedes. Doch damit berühren wir eine neue Rubrik. Bisher ist nur von der Pforte die Rede gewesen. Immer nahmen wir als Urbild der Begattung stillschweigend noch jene Blaufelchenart an: Pforte bloß zu Pforte gekehrt. Der Reihe nach sahen wir diese Pforten wechseln. Mundpforte, Bauchpforte, Urinpforte, Kloake und nochmals Urinpforte. Aber während die Pforten als solche sich wandelten, hatte auch der ganze Akt selber seine Fortschrittsbahn sich gesucht. Aus dem Stadium der einfachen Lochpforte war er übergetreten in das der Schraube, des Scharniers. Die Gliedfrage ist es, die sich da vor uns erhebt. Ein derbes Wort kann Huri nicht verdrießen; Wir fühlen, was vom Herzen spricht, Und was aus frischer Quelle bricht, Das darf im Paradiese fließen. Goethe (Im Buch des Paradieses) W allfahrt nach Italien. Was war der große Magnet, der dich hinzog? Der noch heute dein Herz klopfen läßt, wenn das Wort erklingt? Landschaft, lebendige Menschen und ihre Sitten. Ja das ist schließlich auch anderswo. Die Natur ist allerorten ein ewiges Jerusalem und jeder Schritt nach Süd oder Nord in sie ist ein Kreuzzug. Über der Wallfahrt gerade nach Italien liegt aber noch etwas besonderes. Du gehst in die Gesellschaft gewisser Männer und Weiber, die nie gelebt haben und doch unsterblicher sind als Millionen lebendiger. In die Gesellschaft des Menschen auf einem höheren Stockwerk. Zum Menschen gehst du zu Gast, wie ihn die Kunst gesehen hat. Herrliche Menschenleiber, von Malern, von Bildhauern geschaffen. Ja verachte du nur den Menschenleib. Die alle von der großen Griechenzeit bis auf Michelangelo, — sie wußten doch in Marmor und Farbe nichts anderes festzuhalten als diesen Leib. Dich aber strahlt er an mit mehr Geist, als deine ganze lebendige Mitmenschheit noch hat. Nackte Leiber schauen dich an. Du bist wie in einer ge¬ reinigten Welt, die das Gewand nicht mehr braucht. Und doch: seltsame Erfahrung. Groteske blecherne Feigenblätter gewahrst du; grobe Farb¬ flecken, aufgepinselt auf die ewige Herrlichkeit einer begnadeten Künstlerphantasie. Du lächelst. Wunderliche Menschheit. So reich schon und noch so arm. Weißt du noch die alte liebe Sage von Melusine? An Schönheit und Kraft war sie edler als jedes Menschenweib. Aber in ihren Sternen stand mit unerbittlicher Schrift, daß sie einmal in jedem Monat den alten Fischschwanz eines niederen Weltzusammenhanges an sich fühlen sollte. Und dann barg sie sich wie eine zerknirschte Sünderin im ver¬ riegelten Turm. Es ist der verriegelte Turm der Menschheit, dieses blecherne Feigenblatt auf dem Mannesgliede einer Schöpfung Michelangelos. Und dieses Glied selber ist Melusinens Fischschweif noch für unsere grobe Auffassung. Der Künstler hätte auch Melusine in der halben Fischheit ihrer bösen Stunde harmlos nachgebildet. Aber sie selber schämte sich. Und so fühlt der Sinn, der diese Feigen¬ blätter geschaffen hat, sich heute noch gekreuzigt gerade an diesem einen Punkte auf seine Tierheit, seine angebliche Niedrigkeit. Sonderbare Dämmerungswanderung. Das Organ seines ewigen Lichtgangs seit Jahrmillionen will der Mensch noch nicht gelten lassen. Seinen Anblick scheut er selbst in der Idealgestalt des größten Meisters wie ein Gorgonenhaupt. An diesem Stückchen Marmor, das hier als Symbol warm¬ lebendiger Menschlichkeit ragt, hat die Menschheit sich in Wahr¬ heit heraufgeklettert durch den unendlichen Strom der Zeiten. Hier lag die Unsterblichkeit, die Tier auf Tier schob und immer wieder abschob in immer stärkeren Beschwörungen, bis endlich der Pudel und das Nilpferd hinter dem Ofen des Weltenfaustus platzten und der Mensch hervorsprang. Hier warf und verschlang sich immer wieder das goldene Parzenseil, in dem jeder Knoten eine Seele ist. Und Seele um Seele giebt sich die errungene Entwickelung weiter, die Übertierheit zuerst, die Menschheit selbst, — dann in dieser Menschheit die Traditionen der Kultur, des Weltwissens, der Technik, der Kunst. Ja dieser Melusinenschweif war die Erde in Wahrheit, zu der Antäus ewig zurückkehrte, die zähe Wurzel, die sich immer und immer wieder mit jedem Individuum hinabbohrte in den heiligen Grund, wo Urdas Quell sie umrauschte. Gewiß, es liegt Vergangenheit in diesem Gliede. Es ist ein Melusinenglied. Der Mensch lenkt hier hinab an den Fisch, von dem er in purpurnen Tagen gekommen ist. Der ewige Nix streckt sich hier auf zu ihm. Aber es liegt mehr darin. Es steckt auch der ganze Weg empor zur Menschenkrone darin. Und selbst in dem blechernen Feigen¬ blatt liegt ein ungeheurer Weg Kulturgeschichte. Ein Weg des Erwachens zugleich und des Zweifelns, Irrens, Verfluchens. Am Tage, da dieses Feigenblatt fallen wird, wird noch wieder eine neue Lichtbahn offen sein. Ein freies Auge wird eine solche Marmorgestalt eines nackten Mannesleibes dann gerade auf zwei Punkte hin bewundernd wie auf ihre Brennpunkte beschauen. Auf die Stirn mit ihren Himmelslampen, den Augen, hinter denen der ewig fortzeugende Geist des Welt¬ alls wohnt. Und auf das Mannesglied, hinter dem die Aeonen- Perspektive der ewigen Generationen sich ins uferlose Blau der zeitlichen Weltenfolge verliert. Goethes Augen etwa. Und das Mannesglied eines gesunden Menschen, auf dem die Kraft weiter wandert, in Goethes Namen zu siegen, an Goethes Werk weiterzubauen und eines Tages selbst Goethe zu überbieten, so daß die Augen noch von abermals höheren Sternen strahlen. Es klingt heute vielleicht noch wie eine recht paradoxe Prophezeihung: aber ich glaube, daß die Abschätzung dieser Feigenblatt-Dinge sich in einer höchst überraschenden Kurve be¬ wegt. Eines Tages muß der große Umschwung kommen, der uns die Schuppen vor den Geschlechtsdingen von den Augen wirft. Gewisse Schutzzwecke geringerer Art werden sich von selbst erledigen und plötzlich wird eine Wahrheit sein, was so lange öffentliches Geheimnis war: daß Melusine nicht ein Tier¬ mensch ist, sondern ein Halbgott. Nicht als ob das Mysterium der Zeugung selbst hinaus¬ gezerrt werden sollte auf die Gasse. So wenig das Mysterium einer Beethovenschen Symphonie anders ausgeteilt und genossen werden kann, als von Wenigen in abgeschlossener Weihe der Stimmung und des Orts, — so wenig wird dieses allertiefste Mysterium der Menschheit jemals seine heilige Einsamkeit ver¬ lieren, die Einsamkeit des Doppelmenschen, der zum Liebes¬ individuum verschmilzt und dabei jede Gegenwart eines Dritten als profanste Störung empfindet, weil er in dem Augenblick sich als die ganze Menschheit fühlt und keine fremden Einzel¬ menschen noch abgelöst neben sich dulden kann. Aber was wir uns zurück erringen müssen, das ist die tiefe sittliche Überzeugung, daß diese Einsamkeit nicht die Iso¬ lierung der Schlechtigkeit, der Unanständigkeit, sondern die heilige Einsamkeit des Opfernden auf dem Altar der Mensch¬ heit bedente. Verhängnisvolle Kette der Irrtümer. Vor das Heilige, das übermenschlich Große wurde ein Schleier gezogen, um es vor Profanierung zu wahren. Und in der profanen Masse wohnte sich der Glanbe ein, der Schleier sei gezogen, um etwas ewig Unanständiges zu verdecken! Was auch nur als äußeres Symbol daran erinnerte, was als einzelner Licht¬ strahl hier und da doch durch den Spalt des Vorhangs drang, das verfiel dem Bann der entfesselten Unanständigkeit. Der heilige Tempelvorhang des Aktes wurde zum Kerker, in dem der unsaubere Geist an Ketten lag, um die unschuldige Welt nicht zu vergiften. Der Zug kehrt in der wirklichen Religions¬ geschichte öfter wieder. Geheimkulte von höchster Reinheit werden in der Meinung schließlich zu schauderhaften Teufels¬ orgien verkehrt. Das keusche Frühlingsopfer im geheimnis¬ vollen nachtverhangenen Maienwalde wird zum Hexenspuk, der das Taglicht ob seiner Unsauberkeit scheut. Mit diesem historisch begreiflichen, aber darum niemals vor der Logik gerechtfertigten Mißverständnis müssen wir endlich einmal aufräumen. Das Mene Tekel flammt wahrlich hell genug, wenn dieses Mißverstehen uns den Anblick unseres eigenen herrlichen Körpers verkürzen, die Kerkerwand gleichsam schon über ihn hinweg¬ ziehen will; und wenn vollends gar die ideale Auferstehung dieses Körpers in der Kunst Ketten und Narrenmützen er¬ halten soll, Fluchmale des Hexenspuks und der Unanständig¬ keit. Wenn das marmorne Mannesglied einer ewigen Schöpfung Michelangelos nicht mehr mit reinem Auge gesehen werden darf, so frage ich mich, ob man nicht auch das liebliche Kind¬ lein auf dem Arm der Mutter als unsittlich verbergen und auf tausend unsterblichen Werken übermalen müßte. Denn das Symbol des Liebesaktes steckt in ihm genau so gut wie in dem Mannesgliede. Wenn du aber das Kind bedeckt und die Mutter bis über die Brüste in formlose Gewandung ver¬ hüllt hast, so mußt du endlich auch über ihr Antlitz, ihr Haupt einen letzten Schleier ziehen. Denn auch das Auge ist, wie wir früher besprochen, in seiner Art ein Geschlechtsglied. Das Frauenhaar hat tiefe Geschlechtszusammenhänge, von denen wir noch reden werden. Verhüllen mußt du die Blumen, die auf Botticellis liebliche Göttin niederregnen, weil sie Zeugungs¬ glieder sind. Auslöschen mußt du die goldene Sonne, denn sie ist ohne jede Frage das allgewaltige Mannesglied unseres Planetensystems, das mit der Feuchte des Erdenballes dich und alles Leben seit Urbeginn der Tage gezeugt hat. Sollen die Symbole fallen, so fällt zuletzt die Welt. Aber das wird selber einstürzen wie der Koloß auf thönernen Füßen, und wenn nicht alle Zeichen trügen, so leben wir schon mitten im Anfang des Endes. Ich glaube an eine Zukunftsepoche einer idealen Reha¬ bilitierung des heute sogenannten geschlechtlich Unanständigen überhaupt. Ja ich erwarte diese Epoche inmitten aller Krisen eines Feigenblatts-Fanatismus mit immer stärkerer Zuversicht als eine einfach logische Vollziehung, deren Keim schon jetzt im Herzen gerade jedes echt reinen und keuschen Menschen lebt und leben muß, weil sich gewisse ganz schlichte, ganz bettelwahre Thatsachen der Erkenntnis weder mit Schlafrock¬ fetzen noch mit Rosenkränzen mehr dauernd verhängen lassen. Diese Rehabilitierung eines Unanständigen in etwas Heiliges wird eine ganz andere Waffe gegen alle wirkliche „Unsittlich¬ keit“ darstellen, ja die erste überhaupt brauchbare. Indem sie von dem an sich Heiligen des Aktes selber ausgeht wie von einer festen Burg und von da die groben Profanierungen mißt und verwirft. Während unser heutiger Kampf gegen das Unsittliche zumeist noch bloß ein versteckter Kampf wider die Sache selber ist, die man nicht als das höchste und reinste Mysterium des ganzen Menschenlebens, sondern als eine ver¬ hüllenswerte Schwäche, Niedrigkeit, ja als eine Art leidig notwendiger Teufelei anzusehen gelernt hat. Inzwischen wird die geschichtliche Auffassung von der Entstehung der Dinge aber auch hier ein Stück Weges zur Verständigung sein auf alle Fälle. Wenn es auf ihn regnet, so wird der Berliner so gut naß wie der Südsee-Insulaner. Deßwegen braucht weder die Regenwolke über den beiden die gleiche zu sein, noch muß der Berliner etwa deßwegen ein Samoaner sein. Ganz im Sinne dieses schlichten Satzes sind zu ganz verschiedenen Zeiten am ganz verschiedenen Ort von höchst unterschiedlichen Tieren doch gleiche Organe gebildet worden. Dieselbe körper¬ liche Erfindung ist so und so oft gemacht worden, je nachdem der Regen äußerer Nötigung fiel. Die Schnecke, das Insekt, der Fisch sind an drei grundlegend verschiedenen Ecken der Tierheit aus dem Wasser ans Land gekrochen und haben im Zwang der „Luft“ dabei alle drei lungenartig luftathmende Organe entwickelt. Der Flügel ist vom Vogel selbständig erfunden worden, aber ebenso von der Fledermaus, von der Flugeidechse Pterodactylus und in etwas veränderter Form bei gleicher Leistung auch vom Schmetterling. Bei so und so viel himmelweit getrennten Tiergruppen hat das Licht¬ bedürfnis regelrechte Augen geschaffen. Und so fort. In diesem Sinne ist auch das Begattungsglied ein Kollektivprodukt. Wo immer bei den streng gesonderten großen Tierstämmen das Bedürfnis auftauchte, die Begattung mög¬ lichst eng zu gestalten, da trat auch die ähnliche Bildung einer eingebohrten Liebesschraube auf. Die Geschlechter ver¬ nagelten sich momentweise ineinander und das Glied mußte den Nagel hergeben. Ein letztes Stück Distance noch in den Weibeskörper hinein wurde zum Mischakt abgekürzt und gleichzeitig ein mechanischer Halt während des Aktes für die großen Zellleiber der zeugenden Hälften des Liebes-Individuums geschaffen. Diese Grundmechanik war zu simpel, um nicht hundert¬ mal genau so sich zu ergeben wie die Regennässe auf der Haut jener beiden weit getrennten Menschenkinder. Und so findest du ein männliches Glied bei allerhand wirbellosen Tieren bereits. Du erinnerst dich an die Schnecken, von denen wir früher gesprochen haben, an die Insekten, an ge¬ wisse Würmer. Beim Tintenfisch, der den Schnecken zunächst steht, war ein Arm, also im buchstäblichen Sinne ein Glied, dazu umgeformt. Und die Spinne machte die Sache gar mit den Kiefern. Alle diese separaten Methoden aber interessieren uns jetzt nicht weiter. Wir suchen speziell nur noch in der menschlichen Linie vom Fisch etwa an aufwärts. Wie die Sache hier erfunden wurde, das trifft auf uns und erklärt uns selber unmittelbar. Erklärt unsere menschlichen „Liebes¬ absurditäten“. Aber ich denke, du bist schon nicht mehr so kühn, von solchen Absurditäten ernstlich zu sprechen. Die Geschichte mußte bei den Wirbeltieren vom Fisch an aufwärts, — den Menschentieren, wie man im geschichtlichen Sinne geradezu sagen könnte — thatsächlich erst noch einmal ganz von Anfang an neu erfunden werden. Der wunderbare Amphioxusfisch, dieser Thorhüter der Wirbeltiere, zeigt dir noch keine Spur eines Begattungsgliedes. Da er Samen und Eier durch den Mund herausspuckt, müßte auch geradezu der Mund bei ihm dazu umgebildet sein, sollte er eins haben. Aber auch beim Neunauge, wo du doch zuerst echte Ge¬ schlechtslöcher am hinteren Körperende hast, ist noch keinerlei leisestes Mittel da, diese Geschlechtsstellen als solche nun mit¬ einander zu verknüpfen. Und das bleibt so bei einer Unmasse auch noch von höheren Fischen. Wozu auch ein Glied, wenn die Begattung noch in zwei ganz gesonderten Akten vor der Liebesgrube besteht wie bei jenen Forellen und Lachsen? Das Weib legt ja unbefruchtete Eier in die Grube — und der Mann schüttet dann erst Samen darauf. Aber bei jenen Blaufelchen, die Leib gegen Leib ihren Liebessprung machen und gleichzeitig Beides fahren lassen, verstände man schon den Zweck. Wenn das Glied nur zunächst einmal eine Stütze gäbe, eine erste Senkrechte von den beiden Parallelen bloß als ersten Anhaltepunkt. Da siehst du denn, wie die Natur anfangs noch wieder sparsam mit dem experimentiert, was sie bereits hat. Ehe ein neues Glied, ein besonderes „Geschlechtsglied“, entwickelt wird, wird versucht, ob's nicht mit den schon vorhandenen Gliedern allein gehe. Hier zunächst wird der Mund noch einmal wichtig. Der Fischmund war vom Neunauge an ein sehr energisches Organ, — zum Packen, Festhalten, Beißen immer prächtiger gebaut. Schon das Neunauge hat wenigstens Zähne. Der Haifisch trägt diese Zähne dann bereits als Säge in einheitlichen Kiefern, und wir wissen ja, wie er damit zufassen kann. Warum diese Klammerfähigkeit des Beißens nicht für den Liebesakt verwerten? Skrupellos wird einmal wieder eine Freßsache für die Liebe mit benutzt. Das Neunauge, das noch keine eigentlichen Beißkiefern im Maule hat, versteht unter Zupacken mit dem Munde noch nicht eigentlich Beißen, sondern Ansaugen. Wie zu einem Kusse glühender Art preßt es sein Mäulchen auf den Gegenstand, an dem es haften möchte. Für gewöhnlich ist dieser Kuß allerdings das Gegenteil von Liebe. Als scheußlichste Plage schlängelt sich so ein kleines wurmartiges Vieh unter den Bauch eines viel größeren Fisches. Schwapp hat es geküßt, das heißt sich angesaugt. An einer Stelle, die der Fisch selber nicht erreichen kann gleich jenem berühmten Fleck in Siegfrieds Nacken, den er sich nicht mit Drachenblut salben konnte und der sein Tod wurde. Ein bitterer Kuß. Wie spröde kleine Mädchen, die noch nicht liebesweich zu küssen verstehen, sondern die spitzen Zähnchen mitbohren, so fühlt der arme Fisch als¬ bald hinter dem Küßmunde des Neunauges etwas wie eine Raspel, die seine Haut angreift. Es sind die Zähne des lieben Neunäugeleins, denn es will ja fressen und nicht küssen. Die Raspel raspelt denn auch ganz gemächlich die Schuppendecke durch, die Haut, das Muskelfleisch. Immer tiefer taucht der Küßmund in den Leib des unglückseligen Fisches, das Neun¬ auge frißt sich regelrecht einen Tunnel in den fremden Leib, bis der ganze Berg zu Tode gequält abstirbt. Es liegt wahrlich nahe, daß ein Tier, das sich so elegant und schlechterdings unabschüttelbar an seinen Feind anzuküssen wußte, sich auch Rat fand zum Aneinanderküssen des Liebes- Individuums. Du weißt, daß Berlin außer der Spree noch einen geheimnisvollen, so zu sagen unterirdischen Fluß hat, der sich unter Straßen und Häusern des Kolosses herwindet wie eines der schwarzen Grottenwasser von Adelsberg: die Panke. In der Panke ist zuerst das Liebesspiel der Neun¬ augen beobachtet worden. Auch die Neunaugen bauen eine Liebesgrube. Unfähig den Sand nach Forellenart mit den Flossen herbeizufächeln, heben sie Kiesel aus, indem sie sich daran festküssen, und bilden so tiefe Höhlungen im Grund. In der Grube aber vollziehen sie dann eine viel regelrechtere Begattung als jene sonst höher stehenden Fische. Das Männ¬ lein saugt sich am Nacken der Jungfrau fest, — natürlich jetzt bloß im echten Kuß ohne die bedrohliche Raspelei. Wie ein geschwenktes Strumpfpaar am Bändel umwickeln sich dann die aalartigen Leiber und die Samenmilch spritzt auf die Eier im Moment, da sie aus dem weiblichen Geschlechtsloch fallen. Als deine Ahnen jenseits dieser unheimlichen Panken- Küsser echte Kiefern erhielten, hörte die Saugerei von selbst auf. Aber nun wurde es mit den Kiefern versucht. Aus dem Saugekuß wurde ein stumpfer Biß als Begattungsstütze. Bei den prachtvollen chinesischen Großflossern, die in den letzten zwanzig Jahren eine Zier unserer Aquarien trotz allen altberühmten Goldfischen geworden sind, packen sich die Liebespartner im Geschlechtsspiel aufs niedlichste mit den Kiefern bei der Lippe und gaukeln und tollen so lange herum, bis der Bauch des Weibes nach oben die Eier aus¬ gespritzt und der Mann nach unten den Samen darauf pollu¬ tioniert hat. Obwohl der Liebesbiß gewiß stumpf sein soll, geht doch manche Lippe dabei in Fetzen, ein Beweis, daß solche scharfen Messer, wie die Zähne, für leidenschaftliche Spiele der Art denn doch nicht das rechte Stützmittel waren. Interessant bleibt aber, daß in gewissem Sinne das Ver¬ ankern und Verklammern der Sichgattenden gerade durch Beißen bis hoch in die Welt der Wirbeltiere immer noch gelegentlich wiederkehrt. Der allbekannteste Fall ist bei den Vögeln. Hier ist das eigentliche Begattungsglied durchweg unvollkommen geblieben oder fehlt vielfach ganz. Dafür aber packt der Hahn die Henne im kritischen Moment wie ein Rasender mit dem Schnabel über den Hals, daß man meint, er wolle sie ver¬ schlingen, und wirklich wenigstens mit einer Wucht, daß fast allemal ein paar Federn fliegen. Und bei uns Menschen sogar kann es keinem Zweifel unterliegen, daß gewisse Reminiszenzen an jenes Liebessaugen und Liebesverbeißen noch klar vorhanden sind. Du kennst das wundervolle Gedicht Heines: „Schlachtfeld bei Hastings“. Die nackte Leiche des gefallenen Königs Harald kann zwischen Blut und Toten nicht mehr herausgefunden werden. Da ruft man die schöne Edith Schwanenhals, die seine Geliebte ge¬ wesen. Und sie erkennt den König ..... „Auf seiner Schulter erblickt sie auch Und sie bedeckt sie mit Küssen — Drei kleine Narben, Denkmäler der Lust, Die sie einst hineingebissen.“ Und du brauchst dich nur an jene kleinen violetten Liebes¬ abzeichen eines weißen Hälschens zu erinnern, die der Volks¬ mund als Lutschflecke bezeichnet, um das Neunauge im Menschen wiederzufinden. Eine der einfachen geschichtlichen Wurzeln des Kusses überhaupt wird hierher zurückreichen, ob¬ wohl gerade der Mundkuß in dem früher erwähnten Sinne sich bei uns mit zu vielem verknüpft hat, um noch irgend eine bestimmte Altertümlichkeit rein zu spiegeln. Einerlei indessen, wie hoch diese Rückklänge an die Mundklammerei reichen mögen, — jedenfalls bekam der Körper des Wirbeltiers schon auf der Fischstufe zu dem einen und ersten Klammerorgan, dem Munde, sehr bald energische weitere Klammermöglichkeiten durch die erste Anlage der eigent¬ 18 lichen Gliedmaßen. Sie tauchen beim Haifisch zuerst auf als mindestens zwei paar Flossen an Brust und Bauch, — die Urstufe der späteren vier Reptil- und Säugetier-Beine und auch noch unserer zwei menschlichen Arme und Beine. Indem das verwertet wird, entsteht jene Tanz-Stellung. Die Fischlein fassen sich mit den Flossen. Auch diese Linie kannst du noch glatt bis zu dir selber herauf als äußerliches Hilfsprinzip verfolgen. Die Flossen wurden zu Bewegungs¬ gliedmaßen des Landlebens, zu entwickelten Beinen, Pfoten, Klauen, Zehen, Fingern, kurz einem ganzen Arsenal allent¬ halben von Klammerorganen, die dem Liebesakt geradezu von selbst zu gute kommen mußten. Beim Amphibium, also bei Fröschen und Kröten, die durchweg schon sehr gut ausgebildete Landbeine und Füße statt der Flossen besitzen, dagegen ein besonderes Begattungs¬ glied noch nicht haben, siehst du die glänzendsten Versuche nach dieser Seite. Deine Krötlein mit den weißen Kehlchen da drüben im Tümpel sind schon wahre Meister darin, sich zum Geschlechtszweck mit den Beinen festzuhalten. Oder, besser gesagt, mit den Armen. Denn die kurzen Vorderbeine arbeiten genau wie solche. Frosch wie Kröte haben keinen Schwanz hinten, sie können also nicht bloß Bauch gegen Bauch eng aneinander, sondern es glückt auch, wenn das Männchen sich auf das Weibchen setzt. Die Eier fahren nach hinten aus und der ebenfalls hinterwärts nachschießende Samen fällt von oben darauf. Aber dabei nun gerade dienen zum Festhalten die Arme des Froschprinzen. Huckepack auf der Prinzessin, packt er mit beiden Vorderpfoten die Jungfrau unter die Achseln oder um den runden Leib in die Leisten und bildet so viele Stunden, Tage, ja gelegentlich länger als eine Woche lang das solideste Liebes-Individuum im Zweck der Mischliebe. Die starken Arme des Mannes besorgen dabei gleich noch ein zweites Werk, an das ein Mann bei uns ja nicht eben denken würde bei solcher Beschäftigung, auch wenn sie noch so lange sich dehnen sollte: sie thun nämlich den Dienst einer derben Hebamme. Prall voll von Eiern, wie das Weiblein ist, bedarf sein Leib nur dieses Achsel- oder Leistendruckes der Manneshände, um seine dicken Eiergallerte oder langen Schnüre von Eiern aufs Glatteste hintennach von sich zu gebären. Sobald der Prinz aber merkt, daß sie kommen, läßt er, ohne vorne loszulassen, hinten ebenfalls seinen Samen darauf. Zu leugnen ist nicht, daß diese Methode bei allem hübschen Festpacken doch ihre Gewaltsamkeit sich wahrt. Gar manche arme Frosch- und Krötenprinzessin wird im langen Akte durch die Umarmung und gleichzeitige Massage seitens ihres Galans und Geburtshelfers jämmerlich totgequetscht. Immerhin ist aber das Festklammern mit den Armen auch noch oberhalb des Frosches zäh immer wiedergekehrt, wenn es irgend nötig war, selbst nachdem die eigentliche Aneinander¬ nagelung der beiden Körper durch das wirkliche Begattungs¬ glied längst erfunden war. Gebrauchst du doch noch bei dir selber die „Umarmung“ geradezu als ein mildes Wort für den Be¬ gattungsakt. Und als sich beim Menschen der ganze Begriff Gliedmaßen nochmals verdichtete und aufs Herrlichste vergeistigte in der „Hand“, diesem wahren Premierminister des Gehirns, — da bekam diese Hand sogar wieder eine starke Rolle im höchsten Akt, indem sie dazu half, das Glied in die Pforte einzuführen, — eine erste Spur gleichsam von geistiger Beherrschung des Aktes selber vom Gehirn, vom Bewußtsein aus, denen sonst noch bei uns kein Gebiet des eigenen Leibes unabhängiger und selbstherrlicher gegenübersteht, als gerade die Vorgänge der Begattung. 18* Indessen alle diese Befestigungsarten, so sinnreich sie sein mochten, gingen schließlich doch sämtlich nur wie die Katze um den heißen Brei herum. Wenn ich auf schwankendem Schiff aus einer Flasche in ein Glas gießen will, so ist ja eine erste Grundbedingung ge¬ wiß, daß ich Flasche und Glas mit Hilfe meiner Hände möglichst nahe nebeneinander bringe. Aber im entscheidenden Moment ist doch noch mehr nötig: ich muß sie „ineinander“ bringen, so weit, daß der Flaschenhals wenigstens den Glas¬ mund berührt und etwas in ihn eintritt. Nur so kann ich vermeiden, daß jeder Schwankungsstoß das Naß außerhalb verspritzt. Und so mußte der Haupttrumpf endlich doch noch ein¬ setzen: ein eigenes Glied ausdrücklich für den Geschlechtszweck. Ein Begattungsglied . Folgendes war der sinnreiche Weg dazu. Zuerst wurde es wieder mit dem Sparprinzip versucht. Die Natur knüpfte ans Vorhandene an. Der Fisch hatte seine Bewegungsglieder, die Flossen. Konnte da nicht einfach eins in den Dienst des Geschlechtsaktes noch viel enger treten als durch äußere Tanzstellung des Leibes? Denke dir 's einmal wieder an dir selbst. Eines deiner echten Glieder soll Mannesglied spielen. Der Samenöffnung immerhin am nächsten sind die Beine. Also denke dir, die Samenröhre ginge innerlich in deinen Schenkel hinein bis ans Knie. Am Knie erst öffnete sie sich nach außen. Jetzt solltest du zum Begattungsakt das Bein im Knie einknicken und dann mit der Knieecke voran in die Weibespforte pressen. In diesem Augenblick spritzte der Samen dir aus und in die Pforte hinein. Nach solcher Methode haben nun manche Fische un¬ gefähr die Sache wirklich versucht. Einige Zahnkarpfen haben eine überzählige Bewegungsflosse, die sogenannte Afterflosse am Bauch, sehr nett in ein solches „Begattungsbein“ verwandelt. Der Samenkanal kommt aus dem Leibe heraus, geht in den vordersten Ruderstrahl der Flosse ein und mündet erst an der Flossenspitze. Wird diese Flosse beim Liebestanz dicht an die Weibesöffnung genötigt, so dient sie heiligen Ernstes wie ein Mannesglied. Haifische und Seekatzen haben sogar die echten Bauchflossen, also die Urformen unserer wirklichen zwei Beine, ähnlich verwertet und zeugen also regelrecht mit den Beinen wie du in jener Kniephantasie thun würdest. Diese Geschichte hat sich aber einmal wieder ganz und gar so nicht halten lassen und du ahnst weshalb. Aus den losen Fischflossen wurden allmählich solide Rumpfglieder mit einem dicken Knochenapparat im Innern, auf den der Körper sich bei seiner Einbürgerung auf dem Lande stützen konnte. Als allgemeine Klammerorgane wurden diese Gliedmaßen ja immer famoser, wie dir der Frosch zeigt. Aber so subtile Innensysteme wie die ganze Samenleitung dauernd in diese strammen Säulen und Haken einzuführen, war je weiter je weniger thunlich. Jene Afterflosse des Fischs war ohnehin bei der Beschränkung auf bloß vier echte Glieder ganz unter den Tisch gefallen. Und so ist es eine lange Zeit gewesen, als sei jener alte Fischversuch gar nicht da gewesen. Der Frosch, der Molch wissen schlechterdings nichts mehr davon. Und wenn sie oder ihre Nachfolger doch wieder erneut Bedürfnis nach einem besonderen Begattungsglied bekamen, so mußte die ganze Historia nochmals neu anfangen, — diesmal ohne jede Anknüpfung an die ältere Gliederfrage. Du mußt dich inzwischen an etwas höchst Wichtiges erinnern. Deine Ahnenschaft kriecht aufs Land und wird aus einem Fisch zum vierbeinigen Landtier auf jener Stufe, da konsequent Urin, Kot, Eier und Samen durch ein und dieselbe Öffnung, nämlich die als „Kloake“ bezeichnete Aftermündung, das Licht der Welt erblickten. Ein Begattungsglied bauen, hieß also auf dieser Stufe deiner Menschwerdung: irgend etwas bauen, das vom Afterloch des Mannes ausging und ins Afterloch des Weibes wollte. Ein „Afterglied“ war die Preisaufgabe der Entwickelung, die der ganzen Sachlage nach zunächst nur gestellt und gelöst werden konnte. Bei Frosch und Kröte hast du, wie erzählt, noch rein nichts. Die Eier fallen aus dem After und der Samen fällt aus dem After. Aber sie treffen sich äußerlich. Hingegen beim eng verwandten Molch, also auf der geschwänzten Seite des Amphibiums, fangen mit besagtem After schon gewisse be¬ lehrende Experimente an, als wollte da etwas werden. Zuerst hast du da Molchweiblein, die mit ihrem After eine Art Saug¬ bewegung vollführen. Sie haben ihre Eier noch drinnen im Leibe. Aber der Molcher hat außen dicht vor dem Thore schon seinen Samen ausgelassen und das Wasser damit erfüllt. Jetzt also pumpt die Molchin solches samengeschwängerte Wasser in ihr Afterloch saugend ein und befruchtet so ihre Eier noch vor dem Austritt innerlich. Der nächste Akt darüber hinaus gestaltet sich toll genug. Sperrte das Weiblein schon so saugend ihr nehmendes After¬ loch weit auf, wie ein fressendes Maul, so sperren nun ihrer¬ seits gewisse Molchmännlein auch ihren gebenden After noch gewaltiger auseinander, bis er den Weibesafter geradezu um¬ faßt . Die Geschichte scheint hier auf dem Wege, schnur¬ stracks das Gegenteil von dem zu erreichen, was du heute in deiner menschlichen Veranlagung für selbstverständlich hältst. Anstatt nämlich, daß das Glied in die Scheide eintritt und von dieser umfaßt wird, stülpt sich hier der Mannesteil um die vorgeschobene weibliche Öffnung wie eine Kaffeetasse herum. Aber es ist nur ein Seitensprung ohne Belang im Feuer des Experimentierens. Da hast du eine kleine Gesellschaft dritter amphibienähn¬ licher Tiere, die weder Frosch noch Molch sind. Sie leben unscheinbar in den Tropenländern, wühlen sich ins feuchte Erdreich ein wie die Regenwürmer und haben bei solcher Lebensart im schwarzen Grunde ihre Augen so verkümmern lassen, daß man sie geradezu die „Blindwühlen“ heißt. Die Blindwühle steht zum Molch wie die Blindschleiche zur Eidechse: sie hat ihre Beine vollständig aufgesteckt, ringelt sich dahin wie eine Schlange und ist überhaupt ein solches Sonderwesen, daß die Beziehung zu Molch wie Frosch nahe am Rande des ganz Problematischen ist. Möglicherweise steckt in ihr der arme Nachzügler eines uralten Geschlechts riesiger Panzer¬ drachen, die an der Grenze von Amphibium und Eidechse standen und Labyrinthodonten genannt werden, maßen ihre Zähne im Querschnitt ein Labyrinth innerer Falten aufwiesen. Besagte Blindwühlen nun haben trotz ihrer Schlangen¬ form keinerlei Schwanz, sondern der After sitzt genau auf der hinteren Leibesspitze. Sintemalen dieser After aber auch hier noch zugleich echtes Liebesloch ist, so stülpt der Blindwühlerich die Wand dieses seines Afters als langen spitzen Kegel heraus bis der After selber wie ein echtes Begattungsglied ausschaut. Und das stößt er jetzt der Wühle tief in ihren Weibesafter als ein wirklich sinnvoller Päderast, bei dem die Sache noch ihren echten Zweck vollführt. Hübsch erdacht, — aber doch eben auch nur ein Ex¬ periment. Und weiter hat es das Amphibium überhaupt nicht mehr gebracht. Wie es in deiner Ahnenreihe vom Reptil abgelöst wird, so ist es denn auch erst dieses Reptil, das ein neues Kapital der Gliedfrage aufthut. Zum Reptil gehören von bekannten Größen die Eidechse, die Schlange, das Krokodil und die Schildkröte. Das Reptil hat als Grundlösung vom Molch und der Blindwühle übernommen: es muß unbedingt vom After her etwas vorgetrieben und ineinander gepreßt werden. Aber das Umfassen oder Heraustreiben des ganzen Afters will ihm nicht gefallen. So experimentieren die Eidechse und die Schlange zunächst weiter. Der Eidechserich stülpt nicht mehr die ganze Afterwand heraus und in den Weibesafter hinein. Sondern er treibt innerhalb seiner Afterhöhle bloß zwei Stülp¬ stellen gewissermaßen separatim vor, zwei, die so liegen, daß in jede gerade eine der beiden Samenmündungen den Samen eintrichtern kann. Es wächst also im Erregungsmoment der höchsten Liebe hier so zu sagen ein kleiner Operngucker aus dem großen Mannesafter heraus. Indem aber im Weibes¬ after ebenfalls die beiden Eiermündungen vorschwellen und im Akt Operngucker sich in Operngucker geradezu einschraubt, entsteht ein schon ganz famoses Zeugungs-Scharnier. Ja die beiden männlichen Röhren entwickeln gar noch an ihrer vorgestülpten Seite Stacheln und Warzen, die den Verschluß vorübergehend reinweg unlösbar machen. Wie die Kletten hängen die guten Freunde, so lange sie aufgeregt sind, ineinander. Manche Eidechsen, wie beispielsweise die blind¬ schleichenähnlichen Scheltopusiks, würdest du in Stücke reißen, wolltest du sie gewaltsam trennen, da sie gerade ihren Opern¬ gucker ineinander haben. Kreuzottern liegen vom Abend bis zum Morgen verknäuelt so da, und wenn du sie aufstörst, daß sie fortkriechen wollen, schleppt die größere die kleinere am doppelt vernagelten After mit. So wäre, scheint es, das große Problem hier gelöst. Aber wenn du genauer hinschaust, ist es das mindestens doch noch nicht für dich als hochbelobtes Schlußprodukt der Linie. Hier kommen zwei Mannesglieder, bestachelt und bewehrt wie die Igel, auf Verlangen aus dem Grunde des Afterloches vor. Aber das bist du doch wahrlich nicht, wenn's auch noch so fest schon schließt. Das Experiment stand eben auch hier noch nicht still. Machte die Eidechse es so, immer schon im Fortschritt, so glückte es — und ist es vielleicht sogar vor ihr schon geglückt — einem andern Reptil noch wieder anders, nämlich dem guten Krokodil. Das Krokodil entwickelte sich schlicht am Afterrande zu¬ nächst bloß eine Art Warze oder einen kleinen Fleischfortsatz. Unaufgeregt, lag er still da wie ein Hämorrhoidalknötlein. Wenn aber dem Krokodil im Liebeseifer so zu sagen das Blut zu After stieg, so schwoll das Wärzlein zum straffen Kegel, gleich als säße es an eines kollernden Truthahns Hals. Das Krokodil ist ein wilder Geselle im Liebeskoller. Es schmeißt sein Weib derb auf den Rücken und preßt Bauch zu Bauch. Prall wie er stand, geriet der vollblütige Zapfen des Mannes¬ afters in den Weibesafter hinein. Und wie jetzt innen im After von beiden Samenstellen her die Samenflut heranschwoll, zeigte sich, daß der derbe Zapfen zwar innen keinen Kanal besaß zum Ausspritzen dieser vereinigten Samenwelle, aber er hatte doch äußerlich gerade eine hübsche Rinne, — und wie an einer schrägen Dachfirst schoß durch diese vertiefte Regen¬ rinne das treffliche Lebenswässerlein zielgerecht abwärts in die Afterkloake der Frau Krokodilin hinab und der Mündung dort der Eierkanäle entgegen. Unleugbar: die Sache war nicht so hermetisch scharf, wie bei dem Operngucker des Herrn Eidechs. Aber sie hatte einen Vorteil: sie war vereinfacht. Statt der zwei Glieder bloß eines. Und die innere Afterwand war noch mehr entlastet. Das alte Fischprinzip mit der Flosse, an der die Samenwelle entlang stoß, war gewissermaßen noch einmal aufgenommen. Die aufrichtbare Warze hing lose am Asterrande wie eine kleine, beliebig einziehbare Flosse oder, besser noch, fortent¬ wickelt wie ein bald dünnes, bald dickes Fingerchen, dessen Leiste den Samen abgoß wie die Holzplanken das Wasser über einem Mühlrad. Du hast dir schon so manche seltsame Ahnenschaft ge¬ fallen lassen müssen. Bald das Neunauge, das du ißt, bald den Haifisch, der dich essen möchte. So laß dir auch das ungeschlachte Krokodil einmal in deiner Lichtbahn zum Halb¬ gott willkommen sein. Dieser einfache Rinnenzapfen des Krokodilafters ist die echte Urform deines eigenen Gliedes jetzt wirklich. Die Schildkröte nebenbei gemerkt, hat sie gerade so wie das Krokodil. Dieser Afterzapfen weist zum ersten Mal in streng gerader Magnetweisung auf dich als Pol. Freilich: vergegenwärtige dir immer noch den Unterschied. Ein im Erregungsrausch durch Blutzufuhr aufrichtbarer solider Fleischzapfen hängt am Afterrande. An ihm strömt in einer äußerlichen Rinne der Samen beim Akte ab. Der Zapfen ist keineswegs innen durchbohrt wie deiner. Es stießt nur der Samen an ihm ab, keineswegs aber auch der Urin. Der passiert vielmehr nach wie vor die große Afterpforte vollständig unbekümmert um das Puterzäpfchen da vorne. Da gibt es offenbar noch gute Stationen zwischen dem Krokodil und dem Doktor Faustus. Zunächst ist hier einzuschalten, daß die Vögel ein Seitenast der Reptilien in der Gegend von Krokodil und Schild¬ kröte sind. Die meisten Vögel haben allerdings, wie es scheint nach¬ träglich noch wieder, auf jedes Begattungsglied überhaupt ver¬ zichtet. Vielleicht war es ein Triumph der Gymnastik bei ihnen. Leicht, schwebend, an kühnste Stellungen gewöhnt durch ihre Luftschifferei, temperamentvoll zugleich und förmlich epi¬ grammatisch rasch in allen ihren Bewegungen, mag ihnen jeder solidere Scharnierverschluß beim Akt überflüssig erschienen sein. Ein Odysseus schließlich treibt seinen Pfeil durch die Ösen von zwölf Äxten rein durch die voraus rechnende Viel¬ gewandtheit seines Adlerblicks. Wenn man zwei Vöglein bei ihrem blitzschnellen, virtuos gewandten Gebahren zusieht, so ahnt man: die brauchen gar kein Glied. Da fliegt die Lebens¬ welle ein wie Odysseus Axt. In der Mark liegt ein guter Ort. Rings Wasserwiesen, smaragdgrün, wenn das Schilf hoch wallt, golden, wenn die Caltha blüht. Über dem Dorf ein Sandberg, mit leise summen¬ den, lerchenüberschwirrten Roggenwänden hier, dort kahl aus¬ gehöhlt wie ein Mondkrater, — der schönste Aussichtspunkt fernhin. Der Flecken heißt Gosen. Eine Seidenkolonie des alten Fritz. Hier ist wirklich gut sein, wenn auch nicht Milch und Honig fließt. Noch keine Bahn, bloß eine alte Rumpelpost von Erkner her. Grüne Moosdächer mit Wendenkreuzen auf allen Häusern. Ein verwunschener uralter Kirchhof, zuge¬ sponnen von einem Dornröschenwalde dicker, schwer duftender Fliederbüsche. Und Blumen, Blumen überall, vor jedem Hause, hinter dem moosgrünen Staket, auf das nach treuem Brauch des Hauses Nachttopf gestülpt ist. Die Dorfstraße sausen die stahlblauen Schwalben lang und zwitschern aus der Jugendzeit. Auf dem Dachfirst aber nistet, selbstverständlich, der Storch. In diesem Gosen habe ich das Liebesspiel der Störche mir angesehen. Und Respekt bekommen vor ihrer Balancier¬ kunst. Auf dem ehrwürdig struppigen Dach, das wie ein Auer¬ stier da lag, der sich im grünen Algensumpf gesiehlt, kühn das Nest. Im Nest, schwindelnd aufrecht, Frau Adebar. Und auf ihrem Rücken, ins Blau zwischen den Lämmerwölkchen hinein, Er, — jetzt einknickend in dieser Eiffelturmstellung, von hinten gegen sie anschlagend nach Hahnesart, — und gleich wieder aufrecht, lebhaft klappernd, mit der spaßhaften Gravität dieser Vögel, denen der Akt die höchste Würde umschließt. Sie sind unbewußt klüger als wir! Aber wer so überhaupt die Sache abmachen kann, der braucht kein Eidechsen-Scharnier. Gerade die Störche selbst haben ja noch eine Art Remi¬ niszenz vom Krokodil, — eine Warze als verwischten Rest des krokrodilischen Rinnenzapfens. Andere Vögel, die Enten, die Gänse, die Schwäne zeigen sogar den Zapfen noch sammt der Rinne. Und die altertümlichsten, in vielfältiger Hinsicht den Reptilien noch ähnlichsten Vögel von heute, die Strauße, haben ihn trotz dem besten Krokodil. Aber in der Masse der Fieder¬ welt sind das gleichwohl Ausnahmen. Hinzuentwickelt zur Reptilstufe hat in der Gliedfrage der Vogel auf alle Fälle nichts. Der Weg zu dir lief ja auch gar nicht über ihn, sondern unmittelbar zum Säugetier. Und da rollt die Kugel jetzt unaufhaltsam zum Ziel. Drei Akte vollzieht das Säugetier — und es ist bei dir. Den ersten Akt zeigt dir das vielgenannte Schnabeltier, dieser unentwegte Lehrer über alte Vormenschheits-Verhältnisse in Australien. Es hat noch Urin, Koth, Samen und Eier, wie du weißt, im gleichen Afterloch, — das erste und letzte Säugetier, das es so hat. Entsprechend wächst ihm denn auch noch der alte, nur etwas veränderte Krokodilzapfen direkt aus diesem After heraus. Aber doch ein gewaltiger Fortschritt. Aus dem Mühlradsbrett mit einer Rinne ist eine hohle Röhre geworden. Die Ränder der Zapfenrinne sind oben so mitein¬ ander verwachsen, daß ein Kanal im Zapfen geblieben ist. Statt einer Glitschfläche, an der er beim Krokodil abwärts rann, hat der Samen jetzt im Erregungsfall ein Pusterohr im After herausstehen, durch das er hervorspritzen kann. Den nächsten Akt inszeniert das Beuteltier, — also etwa das Känguruh. Im einheitlichen After bildet sich jene Scheide¬ wand, die fortan das echte Mastdarmende von der Ausfuhr¬ stelle für Urin und Samen oder Eier trennt. Jetzt hat der kanalisierte Samenzapfen natürlich auch nichts mehr im Darm¬ ende, dem fortan echten After, zu suchen. Er gehört zur anderen Seite hinüber. Sobald die Natur aber hier wieder Samenzapfen und Urinloch allein nur noch nebeneinander hat, beides Flüssigkeiten, die auszuspritzen sind, geht sie wieder nach dem Prinzip der Vereinfachung vor. Die Samenröhre wird auch als Urin¬ röhre unmittelbar benutzt. Prall mit Blut gefüllt, im Zu¬ stand der puterhaften Aufrichtung, dient sie dem Samen nach wie vor. In schlaffem Zustande aber läßt sie den Urin einfach abfließen. In diesem Moment, beim Känguruh, ist das Begattungs¬ glied in allem wesentlichen dein Glied! Ein vorspringender Fleischzapfen außer Zusammenhang mit dem Afterloch, — innen von einem Kanal durchbohrt — und in diesem Kanal abströmend je nach Bedarf der Samen und der Urin. Nur ein einziger, dritter und letzter Akt noch ist nötig, um etwas Äußerstes beizufügen, das direkt aber mit dem Begattungsgliede selbst nicht viel mehr zu thun hat; auch er beginnt schon beim Känguruh. Die eigentlichen männlichen Geschlechtsfabriken, in denen der Samen bereitet wird, die beiden Hoden, rutschen aus dem inneren Leibesverband abwärts, — so tief abwärts, daß sie schließlich unter dem Mannesgliede wie in einem Bruchsack frei herauskommen. Es ist, als wenn dieses Glied, immer größer, freier, entwickelter geworden und als gewaltiger Zapfen am Unterleibe schließlich so zu sagen offen vortretend, dieses ihm so eng zugehörige Bereich zu sich heranzitiert, herab- und heraus¬ beschworen habe. Jedenfalls wird vom Beuteltier an aufwärts in ganz allmählicher Folge, Stufe um Stufe, diese Umlagerung, dieses Absteigen der großen Fabrik selber sichtbar. Bis endlich das ganze Samenorgan wie eine dicke Kürbisflasche außen unter dem Spritzzapfen hängt: der Hodensack mit den „Eiern“. Bei einer Reihe sehr bekannter Säugetiere ist die Sache noch so gut wie ganz unklar. Der Walfisch, das Faultier und der Elefant beispielsweise haben ihre Samenfabrik noch voll¬ kommen tief im Leibe wie das Schnabeltier. Bei den uralten Igeln, bei Nagetieren und Fledermäusen ist die Geschichte noch heute im Fluß: die Hoden rutschen hin und her, kommen zur Liebeszeit herab in eine Sackfalte und flitschen in den Ruhepausen wieder in den Bauch zurück. Schließlich klärt und festigt sich aber alles doch. Schon der Halbaffe und vollends der Affe haben ihren Sack am rechten Fleck auf Lebenszeit. Und so ist's zu dir gekommen, als könnte es nie mehr anders sein. Urahn Affe hat's dir beigebracht, und wenn die weisen Zellchen deines werdenden Leibes heute ihren Bauplan „Mensch“ durchführen, so bauen sie folgerichtig hier den After separat, hier das Mannesglied für Urin und Samen, und unter das Mannesglied hängen sie das hochkostbare Beutelchen, das die Samenfabrik selber umschließt. Ein gewisser kleiner Kampf ist auch im Säugetier geführt worden um die äußerliche freie Lage und die innere Solidität des Mannesgliedes. Beim vierbeinig laufenden Tier wird das Glied von vorne herein möglichst an den Bauch angelegt. Erst die aufrecht flatternde Fledermaus läßt es im ruhenden Zu¬ stand senkrecht abwärts hängen. Das macht dann der Affe nach, dessen Leib sich beim Klettern ebenfalls aufstellt. Und endlich auch der gehende Mensch, bei dem diese Befreiung des Gliedes auf dem Gipfel ist. Vielfach ist bei jenen Vierfüßlern noch probiert worden, dem Gliede eine innere Solidierung zu geben durch eine besondere Knocheneinlage. Du kennst den tragikomischen Fall, wenn zwei Hunde ineinander stecken und nicht mehr los können. Der häufige Fall mag hier einerseits auf das Konto kommen, daß unsere Hunderassen so extrem in der Größe verschieden sind und doch nicht lassen können, alle¬ male wieder „Dachsmopswindspielpudel“ gründen zu wollen. Aber wichtig ist auch dabei, das gerade solcher Hund im Gliede einen starken Knochen stecken hat, einen sogenannten „Penis¬ knochen“. Auch Nager, Raubtiere und andere mehr besitzen dieses seltsame Brett im Gliede. Und selbst bei Fledermäusen und Affen findest du es noch. Aber auch das hat der Mensch völlig wieder abgeworfen als eine Sicherung, die schließlich doch die Freiheit im Akt nur wieder hemmte. Es läßt sich an deinem Mannesgliede wie an all deinen anderen Gliedern wundervoll jenes Prinzip der „Gliederlösung“ studieren, dem der Mensch zweifellos seine überlegene nervöse Gewandtheit verdankt. In deinem ganzen Gliederbau triumphiert die vergeistigte Beweglichkeit, und das so übermächtig, daß selbst das flinkste Tier im Grunde daneben wie ein aus Latten roh zusammengenagelter Hampelmann erscheint. Denke nur an den Bau deiner Hand, denke an die Zunge, denke an die Art, wie deine Wirbelsäule auf den aufrechten Gang eingestellt ist. Auf dieser allgemeinen Gliedervergeistigung zum Zweck eines wunderbar einheitlichen und zugleich wunder¬ bar verfeinerten, durchgearbeiteten Handelns beruht wesentlich auch die äußerliche Harmonie, die der nackte Menschenkörper für den Anblick gewährte, — die Schönheit des nackten Menschen. Zu dieser harmonischen Schönheit gehört nun durchaus auch das Mannesorgan in seiner charakteristischen Winkellage zwischen den Kapitälen gewissermassen der Schenkelsäulen, die den Leibestempel tragen. Und schon aus rein ästhetischem Grunde ist es also eine profanierende Albernheit, an der nackten Marmorstatue eines Kunstmeisters diesen notwendigen Teil der Harmonie durch einen absolut unzugehörigen Gegen¬ stand wie das Blatt einer Pflanze, durch ein „Feigenblatt“, zu verstümmeln. Rein ornamental bildet das Mannesorgan, Glied und gedoppelter Hodensack auf der Grenze gerade, wo die Einheit des Rumpfes durch die Zweiheit der Beinsäulen abgelöst wird, das schönste Form-Intermezzo durch seine kleine feine zwischen¬ geschobene Dreiteilung. Durch das Organ gerade an dieser Stelle verliert der Leib das von unten her Aufgespaltene, die Spaltstelle wird verdeckt, ein harmonischer Linienstrom vom Unterleib in die Beinsäulen hinein erzeugt. Dem ganzen schweren, massigen Rumpf-Schenkelstück aber verleiht das scharf individualisierte, selbständig bewegliche Glied zugleich eine Art vergeistigten Mittelpunktes, es bildet gleichsam einen Finger, eine kleine dritte Hand an ihm, die mit den Händen rechts und links in eine rhythmische Beziehung für das Auge tritt. Wenn du dir dazu nun aus der Kette der Bilder, die ich dir vorgeführt habe, vergegenwärtigst, welche unendliche Feinarbeit der Natur nötig gewesen ist, um gerade diesen Leibespunkt so herauszubringen, wie er da ist, — wie der Mensch auch in diesem Organ unaufhaltsam sich herauf- und heraus¬ gegipfelt hat, dieser innere, treibende Mensch, der über Nebel¬ flecke und Sterne, Planet und Lebensformen tausendfältiger Art durch die Natur heran- und immer herangeschwommen ist seit Äonen der Zeit, — — wirst du nicht selber erröten müssen über dein klägliches Wörtlein „Unanständig“? Nun ist bloß noch ein kurzes Wörtlein vom weiblichen Begattungsteil zu sagen. Zu seiner gleichzeitigen Ahnentafel. Die Hauptsache ist ja klar. Je deutlicher beim Manne der Keil, der Flaschenhals, — desto selbstverständlicher beim Weibe die einfache Öffnung, der Becher. Auch das Weib machte natürlich den Sprung mit beim Schnabeltier: daß nicht mehr ein und dasselbe Kloakenloch Koth, Urin und Eier ausgab und Samen einnahm. Es sonderten sich die Pforten: der After nur noch für den Koth — und ein zweites Thor fortan für Urin- und Eier-Export und Samen-Import. Diese letztere Öffnung war jetzt ausschließlich der Becher, der für den Akt in Frage kam. Schaust du indessen heute in diesen geheimnisvoll ehr¬ würdigen Becher der Natur genauer hinein, so merkst du, daß doch auch hier mancherlei kleine Kreuz- und Querwege der Entwickelung ganz in der Stille stattgefunden haben müssen, die noch heute in sichtbarlicher Schrift da drinnen verewigt stehen wie in einem alten Stammbuch. Denke jene Bilderreihe rasch noch einmal durch, aber beachte jetzt das Weib mehr als den Mann. Du bist noch einmal jenseits der Lostrennung des Afters vom Liebesthor. Zuältest hast du da die Außenzeugung der Frösche und Kröten: das Weib läßt die Eier aus dem After schießen und der Mann gießt außen erst den Samen auf. Dann hast du die Molche, wo sich After um After preßt, — das Weib behält die Eier noch drinnen, der Mann spritzt den Samen zu ihnen hinein, innen findet die Befruchtung statt und dann erst legt die Frau die Eier. Aber die Aftervorhalle beider Liebenden ist gar groß und hat verschiedene Separatpforten in sich. Es gilt, daß nun gerade der Erguß der männlichen Liebespforten genau auch an die engeren weiblichen Liebesthüren innerhalb der anein¬ ander gepreßten Vorhallen gelange. So siehst du das weise 19 Krokodil gleichsam ein Brettchen oder Falltrepplein aus seinem After hervorschieben, an dem gerade der Samen eine engere Direktive in den Orkus drüben hinunter erhält, — jenen be¬ wußten Fleischzapfen, mit dem dein Mannesglied beim aller¬ ersten echten Morgenrot eins war. An dieser Stelle kann es absolut nichts wunderbares für dich haben, wenn auch das Weib seinerseits innerhalb seiner Aftervorhalle ein Stückchen weit mit einem solchen Brett ent¬ gegengekommen wäre zur Aufnahme des Samens an die rechte Stelle, — wenn es der Samenleitung des männlichen Zapfens sozusagen eine Art Handhabe oder Kelle entgegen¬ gestreckt hätte in Gestalt eines ebensolchen, wenn auch kleineren weiblichen Fleischzapfens an seinem After. Und in der That jetzt: etwas dieser Art muß bei deinen Vorfahren in der Gegend der Reptilstufe wirklich wohl bestanden haben. Auch das Weib entwickelte ein kleines Glied, ein Fingerchen, das im aufgeregten Moment anschwoll und sich vorreckte, auf daß das Mannesglied sich daran füge und nun eine vollkommene Rinne für den Samenstrom von den Samen¬ pforten im Mannesafter zu den Eierpforten im Weibesafter auf die Dauer des Aktes hergestellt werde. Es muß eine ganze Weile lang den Anschein bei deinen tierischen Ahnen gehabt haben, als sollten Mann sowohl wie Weib jedes ein solides Geschlechtsglied erhalten, — ein Mannes¬ glied und ein Weibesglied, die erst aneinander gesetzt das wahre Begattungsglied im Ganzen ergaben. Nachher bei den Säugetieren ist aber dieses Doppelent¬ gegenkommen von den beiden Seiten her doch wieder mehr und mehr eingeschränkt worden. Die Sache hat sich einmal wieder vereinfacht. Auch beim Weibe trennte sich, wie gesagt, der After end¬ gültig von der Pforte für Urin-Ausfuhr und Samen-Einfuhr. Aber bei der Mehrzahl der Säugetiere ging es jetzt auf der weiblichen Seite keineswegs so weiter, daß nun auch die Rinne am Weibeszäpflein zum Kanal wurde, dieser Kanal die ge¬ samte Ein- wie Ausfuhr allein übernahm und das ganze übrige Loch hermetisch zuwuchs. Im Gegenteil. Das weibliche Gliedzäpfchen blieb ein einfaches solides Fleischspitzchen ohne Kanaldurchbohrung. Es schmolz aber gleichzeitig auf ein Minimum zusammen zu gunsten der großen Gesamtpforte. Diese Pforte blieb in ganzer Größe offen. Alles disponible Material in der Nähe des alten Glied¬ fingerchens und auch dieses selbst wurde gleichsam zu Por¬ tieren dieser Generalpforte verarbeitet. Ein Teil des alten Fingerchens zu einem Paar kleinerer, innerer Portieren. Ein paar nebenliegende Falten (die beim Manne den Hodensack schließen helfen) zu zwei großen dicken Außenportieren. Der letzte Rest des Fingerchens, das Spitzchen gerade noch, blieb bloß mehr wie eine Art oberer Dekorationsknoten in dem inneren Portierenpaar schweben. Erst jenseits aller dieser Portieren aber zeigten sich im innersten Heiligtum nach wie vor die zwei echten Einzelpforten: oben der Wasserhahn des Urin-Apparats, durch den der von den Nieren gespeiste Topf der Harnblase von Zeit zu Zeit regelmäßig umgestülpt wurde; und darunter das bedeutsame Thörlein zu dem eigentlichen weiblichen Geschlechtsapparat, durch das der Mannessamen hin¬ ein mußte, dem Ei entgegen, — und durch das dann später dieses Ei, zum Kinde gereift, selber heraus mußte. Kam jetzt nunmehr das straff gespannte und mit Samen geladene Mannes¬ glied heran, so ging es zunächst zwischen allen Portieren glatt hindurch, trat dann selbst in den innersten Raum mit den zwei Pforten ein und drängte sich in die untere, wichtigste Thür tief genug ein, um endlich seine kostbare Samenkolonie genau da abzusetzen, wo der Weg schlechterdings nicht mehr zu verfehlen war. Einen unwichtigen kleinen Portierenansatz auch dieser entscheidendsten Pforte noch, das sogenannte Jungfernhäutchen, 19* pflegte das Glied beim erstmaligen Eindringen mehr oder minder gewaltsam einzureißen, ohne sich dadurch irgendwie in seiner geraden Absicht zum heiligen Naturzweck stören zu lassen und ohne daß auch das Weib irgend einen ernsthaften Schaden davon gehabt hätte. Wir sind beim Menschen. Die äußeren Portieren sind die großen Schamlippen. Die inneren Portieren sind die kleinen Schamlippen. Das Restchen des alten weiblichen Zeugungsfingers aber ist die sogenannte Klitoris oder der Kitzler, wie er aus einem ganz besonderen Grunde heißt. Nichts ist erfüllt, scheint es, an diesem Kitzler von seiner uralten Mission. Nicht er bildet den Becher, in den der Flaschenhals seinen Unsterblichkeitstropfen gießt. Nicht einmal das Abflußrohr des Urins tritt in ihn ein. Und so scheint er wirklich bloß ein überflüssiges Stammbuchblatt dieses viel¬ bewegten Entwickelungsschauplatzes zu sein, — ein Stammbuch¬ blatt höchstens für die paar vorgeschrittenen Menschheitsgehirne, die anfangen, auch die halb verwischte Runenschrift der wahren Weltgeschichte mit Interesse zu lesen; aber ein Nichts für die Millionen, die ihren Leibesbesitz nur nach der praktischen Leistung messen. So einfach liegen die Dinge indessen doch nicht. Mit dem derben Worte „Kitzler“ wird eine ganz neue Melodie unseres merkwürdigen Liebesepos angeschlagen. Die dritte jener großen Fragen der Mischliebe, von denen wir ausgegangen sind: die Lustfrage. Davon wäre also noch besonders zu reden. Geheimnisse sind noch keine Wunder. Goethe (Sprüche in Prosa) D ie ganze Naturgeschichte der Liebe, wie wir sie hier besprechen, ist alles in allem genommen nur erst eine An¬ deutung. Eine Kette von Lichtpünktchen, von denen gar manches erst noch wieder verglimmen mag, ehe die Funkenreihe ein echter Sonnenstreifen wird. Die Naturgeschichte der Wollust ist aber noch einmal wieder nur das Surrogat eines solchen Pünktchens. Sie streift in das vorläufig dunkelste Feld unserer ganzen Weisheit: in das Feld nämlich der Empfindungen. Mit dem „Empfinden“ geht es uns Menschenkindern ja höchst drollig. Es ist ein Gebiet, wo jeder von uns die volle Ehre ge¬ nießt, Fachmann zu sein. Wir haben das nicht von Hören¬ sagen: wie es ist, wenn etwas uns gut thut und etwas an¬ deres schlecht, wenn's uns wohl ist und wenn's uns übel ist, wenn eine Rose uns duftet oder ein Dorn uns sticht. Der Dümmste kennt das als Thatsache so gut wie der Philosoph. Das Kind bringt es mit und alle Erziehung durch Lehre und Leben stützt sich auf diese seine Grundweisheit. Aber diese stolze Fachmannschaft erkaufen wir nun durch das gegensätzlich Mißliche, daß wir streng genommen auch bloß unsere eigene Empfindung in der Welt als Maßstab kennen. Die Empfindungen aller übrigen Menschen und Wesen um uns her erraten wir stets nur auf Grund eines Analogie-Schlusses. Ins Herz seiner Empfindungen selbst sehen wir keinem anderen hinein. Immer ist ein Umweg über einen Schluß nötig. Dich pikt einer mit einer Nadel und du schreist vor Schmerz auf. Du pikst einen anderen Menschen und er schreit auch. Schluß: er wird wohl auch Schmerz empfunden haben. Aber die Empfindung selber gewahrst du niemals, es ist eben nur ein Schluß, bei dem das wichtigste Glied ergänzt wird. Wenn ich eine Sprechmaschine erfinde, die auf einen Nadelstich hin Au! schreit, so ist der Schluß in dieser Nackt¬ heit schon bedenklich. Wenn ich fröhlichen Herzens und ver¬ liebt bin, singe ich. Wenn der Kuckuck im Sommerwalde Kuckuck ruft, so schließe ich, daß er auch lustig und der Liebe voll ist. Aber auch meine Kuckucksuhr zu Hause ruft zwölf¬ mal Kuckuck, wenn der Zeiger ihrer Maschine die Ziffer Zwölf berührt. Ich muß offenbar für meinen Empfindungsschluß noch anderes zu Hilfe nehmen. Ich betrachte mich also im Spiegel und schaue dann die anderen Menschen an. Und die Ähnlichkeit ist so frappant, daß ich einen engeren Beweis zu haben glaube. Ich sehe doch total anders aus als eine Kuckucksuhr, und du und der und jener Mensch ebenso. Nur wer auch wie ich annähernd wenigstens dreinschaut, der wird also wohl zwischen dem Nadelpiken und der Luftwelle „Au!“ eine Empfindung haben. Aber der Kuckuck schaut ja schon keineswegs wie ein Mensch aus. Nun so brauche ich eben noch eine Hilfe. Ich habe erkannt, daß das Piken und das Au bei den anderen Menschen in einem entschiedenen Zusammenhang stehen mit einer gewissen grauen Zellmasse, die als Nerven¬ gerank, Rückenmark und Hirn im Körper dieser Menschen steckt. Ich erkenne aber die sichersten Anzeichen dafür, daß solche kuriosen Sächelchen auch in meinem eigenen liebwerten Körper enthalten sind und daß sie hier gerade mit meiner Empfindung zu thun haben. Sind meine Armnerven durchschnitten, so kann ich in die Hand piken soviel ich will: es kommt keine Schmerzempfindung bei mir mehr zustande. Ich schließe also abermals, daß nun auch diese Nervensubstanz überall, wo sie besteht, einen Wahrscheinlichkeitsschluß auf Empfindung zuläßt. Solche Nervensubstanz hat aber die Kuckucksuhr ganz und gar nicht, — wohl aber hat sie der Kuckuck. Jetzt dieser Kuckuck jedoch ist immer noch ein sehr hohes, mir nahe stehendes Tier. Ich will aber tiefer hinab mit meiner Empfindungsfrage in die Welt des Lebendigen. Und abermals häufen sich Schwierigkeiten. Ich komme zu niedrigen Tieren herab, wo der Nervenapparat sich mehr und mehr auf¬ löst im Gesamtleibe, bis er endlich völlig darin verschwindet. Zugleich werden die Symptome des Au-Schreiens immer dünner und zweifelhafter. Bei der Pflanze vollends fangen die letzten Analogieschlüsse dieser Art an ganz ins Blau zu geraten. Ich mag aber hier noch eine Hilfe nehmen und die Empfindung jetzt ganz allgemein an die lebendige Substanz, an das Leben überhaupt knüpfen. Ich empfinde, weil ich lebe, sage ich mir, und also wird alles, was lebt, auch empfinden. Indessen das Leben wandert selber hinab in das Grenz¬ violett zum sogenannten Anorganischen, wenn wir streng bei der Stange bleiben wollen. In einem gewissen Moment meines Zuendedenkens und Zuendeanalogisierens sage ich mir, ob Empfindung nicht vielleicht eine Grundeigenschaft aller Materie sein könne. Das ganze „Sein“ erscheint mir nur als ein anderer Ausdruck für „Selbsterleben“. Ein Selbst¬ erlebnis setzt aber allemal eine Empfindung voraus. Das Ding, das nichts empfindet, kann auch nichts erleben. Es fragt sich jetzt nur noch, ob ich diese Empfindungs¬ fähigkeit bloß jedem winzigsten Teilchen einer atomistisch zer¬ splitterten Materie zuerkennen will. Oder auch verwickelteren, aus solchen Atomen aufgebauten Systemen. Ich sehe wieder auf mich, und es kann mir wahrscheinlich vorkommen, daß in mir ein System empfindet und nicht bloß ein einzelnes monaden¬ artiges Atom. Damit ist aber nun vollends eine ungeheure Analogie offen. Überall in der Natur, wo geschlossene Systeme auftreten, tritt auch die Denkbarkeit, ja Wahrscheinlichkeit auf, daß hier nicht bloß ein atomistisches Empfinden aller Teilchen, sondern auch eine Gesamtempfindung höherer Ordnung durch das ganze System stattfinde. Schon mit diesen beiden letzten Analogieen bin ich also der Kuckucksuhr nun doch noch seelisch auf den Hals gerückt. Sei es, daß ich bloß ihre winzigsten Teilchen empfinden lasse; sei es, daß ich sie als System gelten lasse und so sogar weiter schließe. Inzwischen reckt sich aber vom Moment an, da das An¬ organische überhaupt berührt worden ist, von dort unten her eine ganz andere Auffassung vor, die uns gern wieder aus allen früheren Positionen herauswerfen möchte. Da wird dir gesagt: wenn ein sogenannter anorganischer Körper fällt, — also ein Stein oder auch das Gewicht der Kuckucksuhr, so ist das einfach ein „mechanischer Vorgang“. Das Gesetz von der Erhaltung der Energie kommt da in Betracht und die Em¬ pfindung spielt in diesem überhaupt keine Rolle. Und nach dieser Analogie von unten her sollen wir nun aufsteigen auch ins Organische hinein. Da ist das Bakterium, — fassen wir es doch einmal rein als fallenden Stein oder mechanisch ab¬ rollendes Räderwerk, ob nicht so auch alles genau klappt, ja der exakten Rechnung schließlich zugänglich wird, die auf jenem Gesetz fußt. Da ist die Pflanze — treiben wir die Analogie weiter. Die Pflanze eine Maschine. Ist uns das aber so weit gelungen, so sei nun endlich das Tier wieder erklärt nach Analogie dieser mechanischen Pflanze. Wo ein Nervensystem auftritt, da wird es lediglich beschrieben als ein Apparat, den bestimmte Kräfte nach den Regeln des Energiegesetzes durchlaufen. Auch das Gehirn des Kuckucks wird so beschrieben. Und in das Tier, das mit der Nadel gepikt wird und Au schreit, wird eine einfache Kraftverbindung gelegt, bei der der Nadelstich in verwickelter Wirkung rein mechanisch das Au auslösen muß. Im nächsten Schritt hat diese Welle der Analogie von unten nach oben dich selber erreicht und umfaßt. War vorher die Kuckucksuhr auf dem Wege der Vermensch¬ lichung, so stehst du jetzt umgekehrt auf dem Satz: der Mensch ist eigentlich bloß eine Kuckucksuhr. Im Augenblick, da sich das vollzieht, hat sich aber nun doch auch hier etwas höchst Seltsames vollzogen. Anscheinend hat diese zweite Beweisführung dir von unten her ansteigend deine früheren Analogie-Schlüsse einen nach dem anderen zer¬ setzt und vernichtet. Selbst die graue Gehirnmasse ist nichts anderes als ein Beweis für mechanische Kraftvorgänge, ja sie ist sozusagen bloß ein einiger ineinander verwurstelter Strang Kraft. Genau in dem Moment aber, da du auch von hier aus im Menschen dich selber berührst, ist es, als sei das alles neuerdings wieder wie fortgeblasen und als klappe alles von sich aus nochmals um. Denn nun bist du selber also der Typus einer echten und rechten Maschine. Du selber aber bleibst doch, mit Verlaub, derselbe, der du auch vorher warst. Wenn die Nadel dich pikt, empfindest du das als Schmerz und weil du Schmerz hast, schreist du Au. Es bleibt nichts anderes übrig, als um deinet¬ willen in die Definition der Maschine noch etwas einzuschalten: nämlich eben diese Thatsache der Empfindung. Wie du das machen willst, ist ja wieder eine Historia für sich. Der Materialist von der extremen Sorte wird dir sagen: diese deine Empfindung ist eben bloß ein Vorgang innerhalb des Mechanismus. Etwa so: von außen kommt eine mechanische Kraftwelle bei jenem Nadelstich, diese Welle geht in dich ein, in deinem Gehirn setzt sie sich nach demselben Äquivalenz¬ verhältnis, wie Bewegung in Wärme übergeht, in Empfindung um und diese Empfindung wird dann wieder Ausgangspunkt für gewöhnliche Kraftwirkungen, deren letztes Ergebnis das Au ist Oder die Kraftwelle, die Mayerisch und Helmholtzisch ein¬ heitlich von dem Nadelstich bis zum Au deinen Leib durch¬ quert, giebt auf irgend einer Teilstrecke innerhalb des Gehirns so und so viel Prozent Kraft ab zur Entwickelung der kuriosen Nebenerscheinung, die wir Empfindung nennen. Du kannst aber auch mit Dubois Reymond (es hatten's andere vordem schon schärfer gethan!) jedes Durcheinander¬ schmeißen und Auseinanderentwickeln von mechanischer Kraft und Empfindung für ein logisches Unding erklären. Und du kannst im Sinne eines sogenannten Parallelismus die mechanische Kette auch durch dein Gehirn vom Piken bis zum Au für eine in sich geschlossene halten, über der aber gleich¬ zeitig die Empfindungslinie wie ein geheimnisvoller Regenbogen parallel erglänzt, ohne „erzeugt“ vom Mechanischen aus zu sein. Willst du konsequent sein nach dieser Seite, so wirst du diesen seelischen Regenbogen aber wohl noch viel weiter spannen müssen: du wirst sagen, daß schon jede ins Gehirn eintretende Kraftwelle eine seelische Parallele mitbringt. Also auch das Piken der Nadel. Und das dieses Piken also seelisch ebenso empfunden, als „Schmerz“ empfunden wird, wie mechanisch sein Stoß als Kraftwelle eine Rolle in dem Mechanismus spielt. Und daß mit dem Au eine seelische Parallele zum mechanischen Abströmen dich auch ebenso wieder verläßt. Die Lust mag dich an dieser Ecke anwandeln, diese wunderliche Parallelerei nochmals nachträglich zu vereinfachen. Zuerst wirst du fragen, ob sie nicht bloß ein Anschauen desselben Dings von zwei Seiten bedeute: nämlich erstens von einer innerlichen subjektiven und zweitens von einer veräußer¬ lichten, gewaltsam objektiven. Die Empfindung wäre der sub¬ jektive, die mechanische Kraftwelle der objektive Anblick desselben Dinges. Das Ding selber also wäre nicht mehr dualistisch, sondern die Zweiheit, der Dualismus steckte bloß noch in deiner Anschauungsweise. Hier denn endlich könnte dich sehr gut die Lust anwandeln, auch noch über diesen Anschauungs-Dualismus zu einem wenig¬ stens grundlegenden Monismus, einer Einheitslehre hinsichtlich deiner gesamten Erfahrungswelt überzugehen. Du könntest dich nämlich auf die einfache Thatsache be¬ sinnen, daß zunächst alle deine Erfahrung Empfindungserfahrung und also seelischer Natur ist, — während die ganzen Begriffe der Kraft und des Mechanismus erst innerhalb dieser grund¬ legend seelischen Erfahrung geschaffene Abstraktionen deines Denkens selber sind, die dir zur Ordnung des Weltbildes un¬ schätzbare Dienste thun, aber mit keinem Finger und dicken Zeh irgendwo aus deinem seelischen Welterlebnis positiv heraus¬ ragen können. Es wäre also schließlich die mechanistische Anschauungsart doch nur eine Loge sozusagen innerhalb des umfassenden psychischen oder seelischen Theaters, und damit wäre die Einheit auch von hier aus erreicht, die am anderen Pol der Materialismus er¬ rungen zu haben glaubte. Doch das mache nun mit dir ab wie du willst. Sei es nun so oder so oder noch so damit: in jenem entscheidenden Moment ist eben auf alle Fälle alles wieder beim Alten. Ich selber bin von neuem das Maß aller Ana¬ logien. Ich bin konsequente Maschine, — zur Definition gerade meiner Maschine gehört aber irgendwie auch die Empfindung. Ich sehe nun, daß alle anderen Menschen in allem mir Sicht¬ baren auch Maschinen sind wie ich, — folglich werden sie wohl auch Empfindung besitzen. Die Maschine dort, die ich einen lebendigen Kuckuck heiße, wird entsprechend ebenfalls wohl Lust empfinden. Und so geht das nun abermals abwärts ins Unaufhaltsame. Alle Lebensmaschinen da unten sind ja nur Unterschiede des Grades, nicht der Art gegen mich. Und end¬ lich überhaupt alles Mechanische. In alle Tiefen sinkt die Empfindungs-Analogie jetzt erst recht mit — und alles schein¬ bar vom Mechanismus Umgeworfene richtet sich auf wie strotzende Kornähren nach dem Regen. Es genügt, denke ich, wieder einmal vollkommen, die Dinge bis hierher gleichsam aus dem Hauptbuch der modernen Philosophie aufzurollen. Was erhellen soll und, meine ich, muß, ist die unab¬ änderliche Beschränkung bei uns auf den großen Analogie- Schluß, — den Analogie-Schluß, der von jeder Betrachtungs¬ weise aus in Vollkraft tritt, sobald das Wörtchen Empfindung überhaupt erklingt. „Ich“ bin an einem einzigen Weltfleck Fachmann gerade hier, — aber das erkaufe ich auch damit, daß der ganze Rest der tausendgestaltigen proteisch bunten Welt im Empfindungspunkte für mich ein Analogie-Schluß bleibt. Und alles Versteifen auf den Mechanismus nützt dazu im an¬ gedeuteten Sinne nicht einen Pfifferling. So hübsch es klingt: ich soll dich aus dir selbst begreifen lernen, den Kuckuck aus sich selbst, die Pflanze aus sich selbst, den Bazillus aus sich selbst, den Kristall und die Erdkugel aus sich selbst, — — im Moment, da ich überhaupt dieses „Aus sich selbst“ einführe in die Rechnung, setze ich mich selbst hinein vermöge eines Analogie-Schlusses. Ich muß es, — ich selber bin das einzige Mikroskop, um hierher überhaupt zu sehen. Aber ich fühle auch sofort die Schwierigkeiten, die Schranken meines Werkzeuges. Ich bedarf eines großen Glaubens an die geheimnisvolle Grundähnlichkeit aller Natur, um nicht völlig zu verzweifeln. Auch so aber werde ich im Einzelfalle schwanken, werde mich in einem Labyrinth sehen, werde nicht wissen, wo die Analogie zu weit geht oder nicht reicht. Es sind ja doch Unterschiede da. Ich als Mensch bin nicht der Pflanze, dem Bazillus ohne weiteres gleich. Die Maschine ist sichtbarlich verschieden, wenn schon nicht prin¬ zipiell. Für alles Empfindende aber habe ich nur eine einzige Schablone: — mich. Diese Dinge mußten hier gesagt werden, wenn sie auch ins Verwickelte menschlischer Denkprozesse greifen, die nicht jedermanns Sache sind. Sie beweisen einerseits die unkritische Leerheit der Forderung, Seelisches aus sich zu begreifen ohne Menschen¬ analogie. Andererseits aber deuten sie auch die Schwierigkeit an, die in dem einzigen und ewig uns gegebenen Analogie- Schluß von unserer eigenen Person aus liegt. Wo in der Liebe eine echte Empfindungsfrage nackt aus den Wellen des Körperlichen stößt, mußt du dich auf diese Sachlage mit derselben Unbefangenheit besinnen, die dich das Körperliche nackt hat anfassen lassen. Ein solcher Punkt aber ist die Wollust. Wir haben keine Ahnung davon, was eine einzellige Amöbe, was ein Bazillus empfinden, wenn sie sich in zwei Stücke teilen. Es ist ihr Liebesakt. Warum sollen sie nicht etwas dabei fühlen? Es ist nach allen Analogien selbstver¬ ständlich. Zugleich ist es der Urakt aller Liebe. Die Wollust wäre hier bei ihrem Urphänomen. Aber wie gesagt. Und wenn zwei jener einzelligen Wesen miteinander verschmelzen, — im Urbild aller späteren Geschlechtsliebe, — was dann? Man möchte sich ausdeuten, bei jenem Zerfallakt käme eine bestimmte Kette von Empfindungen vor, in denen Lust und Unlust wechseln. Zuerst ein Gefühl der Überfülle, des Strotzens, des überquellenden Dranges. Dumpfe Unlust. Dann der eigentliche Akt der körperlichen Spaltung. Höchst¬ wahrscheinlich doch scharfer Schmerz. Dann aber in den beiden neuentstandenen Teilwesen ein Gefühl der höchsten Ent¬ lastung, Frische, Erlösung. Die Analogie für diese ganze Kette läge für uns bei einem gebärenden Weibe. Bloß daß die Analogie hinkt. Denn die Selbstteilung geht als Schnitt durch das ganze Bazillus-Individuum. Der Akt der Teilung muß eine Art Tod enthalten und dann in den Teilen beiderseits ein Gefühl des Wiederauflebens. Jeder Teil ist ja Kind zugleich und Mutterhälfte. Die Empfindungen müssen also doch wohl noch viel kompliziertere sein, sie müssen noch ein Mysterium mehr in sich fassen — Tod und vergnügtes Weiterleben — das sich unserer Erfahrung entzieht. Ähnlich könntest du die Verschmelzung von zwei solchen einfachsten Urwesen in eine Analogie bringen mit den Hunger- und Sättigungsgefühlen bei dir. In jedem der beiden Wesen regt sich ein Gefühl der Lebensschwäche, das nach Auffrischung verlangt. Eine wirkliche Art Hunger. Also auch hier ein allgemeines seelisches Unbefriedigtsein zuerst, — dumpfe Unlust. Dann, mit der Begegnung der beiden, der Annäherung wohl schon, wachsende Lustgefühle. Vielleicht wird das Erkennen vermittelt durch gewisse Geruchsempfindungen. Diese würden bei beiden Teilen schon Lust erzeugen. Der Berührungsakt könnte das steigern. Die Verschmelzung enthielte die volle Befriedigung mit nachfolgendem erhöhtem Kraftgefühl, völliger Sättigung und Beruhigung. Diese Hunger- und Freß-Analogie ist aber doch eine recht mangelhafte. Man sucht unwillkürlich schärfere Analogien aus unserm menschlichen Zeugungsakt. Zuerst das allgemeine Unlustgefühl der liebesverlangenden, aber einsamen Seele. Also Liebeshunger, Liebessehnsucht. Es ist eine höchst eigen¬ artige Sorte Unlust, die lange eine starke Beimischung von Süße hat. Das braucht dir ja nicht besonders beschrieben zu werden, das Wörtchen Liebessehnsucht genügt. Dann die wirkliche Begegnung mit einem Gegenstand unserer Liebe. Die feinen Distancewerte des Sehens, Sichkennenlernens. Die körperliche Berührung. Der Mischakt endlich selbst. Die nachfolgende seelische Ruhe. Auch in dieser Analogie hinkt noch vieles. Es fehlt ja die wahre physische Verschmelzung der Ur¬ wesen. In dieser muß ebenso wie in jener Selbstteilung ein Todesmoment liegen. Gewiß ist es höchst merkwürdig, wie der Augenblick der äußersten Hingabe und Erlösung auch in unserm menschlichen Geschlechtsakt für Mann wie Weib etwas todesartiges besitzt: einen Moment des Zerfließens, der Auf¬ hebung der eigenen Individualität. Aber die Psychologie dieser höchsten Sekunde ist wohl kaum bisher klar durchdacht worden. Unser eigenes Empfinden steckt da so im Mysterium, daß wir mit Analogie nicht viel machen können. Ist dieser Todesmoment des Doppel-Individuums bei jenen Urwesen im Moment ihres Zusammenfließens zu einer einzigen neuen Individualität eine Lust- oder eine Unlust-Empfindung? Man möchte die Gegenfrage stellen: ist der Tod beim Menschen eine Lust- oder eine Unlust-Empfindung? Womit wir wieder an der Mauer sind. Hier hören nicht die Analogien auf, sondern unsere Kenntnisse über uns selbst. Es ist ja nicht auszusagen, wie dumm wir klugen Menschen in unserer eigenen Haut stecken. Wir wollen das Geheimnis der Bazillus-Empfindungen lösen durch Analogie mit unsern eigenen Empfindungen — und merken allerorten, wie wir selber uns selber ein rabenschwarzer Urwald sind, in dem der Knabe Simplicius verloren an einer Einsiedler¬ klause sitzt. Ja wohl: gewußt wird die Sache ganz sicher innerhalb unserer Leiber, — nur nicht von „uns“. Die einzig wahre Analogie zu jener Bazillus-Liebe bildet offenbar das Empfindungsleben unserer eigenen Samenzellen und Eizellen. Da wird alles noch nach der Ur-Schablone famos selber erlebt. Samenzelle und Eizelle verschmelzen genau so miteinander, und genau so spaltet die befruchtete Eizelle sich abermals in zwei Zellen auseinander. Was dabei an Lust und Schmerz zu empfinden ist, werden die Kleinen da unten schon genugsam erfahren. Aber wir großen Menschen-Individuen sind einmal wieder haarsträubend viel „dümmer als wir selbst“. Jeder Dichter, hat Vischer einmal gesagt, ist viel dümmer als er selbst und viel gescheiter als er selbst. Will sagen: in jeder Dichter-Individualität giebt's ein kleines Lichtfeld und eine ungeheure Abgrundtiefe darunter, die faktisch unendlich viel mehr umfaßt, als oben sichtbar wird. So schweben wir Menschen aber alle miteinander beständig über einem Ozean von Dingen, die eigentlich alle „wir“ sind und die wir gleich¬ wohl auf Verlangen nicht haben können. Das Seelenleben deiner eigenen Samentierchen ist dir so fremd wie das der Marsbewohner. Aber nehmen wir wirklich einmal an, wofür doch im Grunde alles spricht: das Zusammenfließen zweier Wesen, die jedes nur aus einer einzigen Zelle bestehen, in ein neues Einheitswesen bedeute für diese Wesen ihren höchsten fertigen Wollustmoment. Diese Wollust war dann offenbar die wirklich älteste der Lebewelt auf Erden. In irgend einem Urmeer vergessener Grautage der Erdgeschichte ist sie zuerst von Einzellern erlebt worden, — bei den Rumpelstilzen unseres Schöpfungsmärchens. Von solchen Einzellern ist sie dann in aller Folge myriaden¬ fach weiter erlebt worden. Und sie wird noch in uns selbst und in allen anderen höchsten Tieren täglich erlebt von den einzelligen Geschlechtszellen, dem Samen und dem Ei, wo immer diese den wahren Mischakt vollziehen. Wir ganzen Menschen aber, ich, und du, wie du hier vor mir stehst, und jeder sonst, — wir können überhaupt den Fertigwerdepunkt unserer Wollust nicht in diesem äußersten Mischmoment mehr haben, — denn wir sind riesige Zellstaaten, Genossenschaften von Zellen, die sich als solche gar nicht mehr miteinander im Ganzen vermischen. Hier tritt einfach in Kraft, was wir oben so eingehend durchgesprochen haben: daß nämlich für uns bewußte große Einheitsmenschen auch der intimste Begattungsakt immer noch im feinsten Sinne ein Distanceakt bleibt. Die Körper von Mann und Weib berühren sich bis in die diskreteste Innenwelt hinein, — aber sie verschmelzen nicht. Nur die jederseits los¬ gelöste Samenzelle und Eizelle vollführen den wahren Mischakt, aber erst nachträglich und ganz ohne unser weiteres Zuthun. Unsere gesamte Ganzmenschenliebe ist und bleibt von ihrem Alpha bis zu ihrem Omega, von der ersten Lichtwelle, die zwischen den Liebenden her und wieder fliegt, bis zu der tiefsten Versenkung des Liebesgliedes in die Liebespforte, eine einzige fortlaufende Distanceliebe. Daraus aber ergiebt sich geradezu zwingend eine weitere einfache Folgerung. Wir haben früher den Weg genau verfolgt wie aus ein¬ zelligen Urwesen vielzellige Tiere sich herausbildeten. Die Einzeller traten zu Zellgenossenschaften zusammen. Anfangs ist jede Einzelzelle in solcher Genossenschaft noch ein selbständiges Wesen. Jede Zelle besitzt alle Lebenseigenschaften in sich: sie frißt, verdaut, atmet, bewegt sich, empfindet Lichtwellen, Schall¬ wellen, Geruchs- und Geschmackseindrücke, sie orientiert sich in ihrer Umgebung nach Kräften und so weiter. Allmählich aber ordnen sich die Genossenschaftszellen dann nach dem Prinzip der Arbeitsteilung. Jede kultiviert in sich nur mehr ein Ressort, genießt aber die Arbeit aller anderen dabei mit. Bestimmte Zellen fressen nur noch, andere fangen bloß Lichtwellen auf, wieder andere bloß Schallwellen, gewisse bewegen die ganze Kolonie vorwärts, noch andere bilden eine Zentralstelle zur allgemeinen Orientierung. Kurz: die Zellgenossenschaft bildet schließlich ein neues Individuum, das wie eine vergrößerte, gesteigerte Auflage der ursprünglichen Einzelzelle erscheint. Auch dieses Gesamt-Individuum bewegt sich, frißt, atmet, hört, sieht wieder, bloß daß alle seine Organe engere Verbände 20 ursprünglicher Einzelwesen nach dem Prinzip der Arbeitsteilung sind. Im Triumph seiner Vereinheitlichung besitzt es natür¬ lich auch wieder die Lust- und Schmerzempfindungen wie jede jener früheren Einzelzellen. Ein Stich mit der Nadel bringt bei ihm eine Schmerzreaktion hervor genau wie bei dem Ein¬ zeller. Und wenn es in die Liebeserregungen gerät, so taucht auch dieses höhere Vielzell-Individuum in eine breite Gold¬ welle vielfältig verschlungener Lustgefühle mit einer geraden Steigerung auf einen Gipfelmoment der absoluten Liebeslust- Erfüllung los. Aber! Diese ganze Liebeslust muß sich mit all ihren Steigerungen doch in einem hier den Verhältnissen der Zellgenossenschaft im Gegensatz zur Einzelzelle anbequemt haben. Ihr ganzer Lauf mußte sich bis zum Schluß erfüllen innerhalb jener Distance-Liebe, die der Zellgenossenschaft ja allein gewährt ist. Von einer Erfüllung im wahren Mischakt konnte bei ihr keinerlei Rede sein, da die ganzen männlichen und weiblichen Vielzell- Wesen sich als solche gar nicht mehr mischten bis zum In¬ einanderfließen. Alles umfaßte bis zu dem gewissen Punkt ja das Liebes¬ leben auch der großen Zellgenossenschaften, wie du eine bist, wie ich eine bin, wie deine Liebste eine ist. Diese höheren, gesteigerten Individuen sahen sich, konnten sich aufeinander zu bewegen, hörten sich, fühlten sich durch hundert feine äußere Medien hindurch, sie schmolzen geistig einander zu, setzten sich in wunderbare Harmonie, — sie berührten sich endlich unmittel¬ bar mit den Hauptwänden ihrer Leiber — sie drückten sich die Hand, umarmten sich, küßten sich, — sie preßten sich immer fester aneinander, durchdrangen sich ein kurzes Stück Körper in Körper. In alle dem trug ihre Liebe die ganze Sache, trug sie tausendmal besser als die sich suchenden Einzelzellen es jemals vermocht, trug sie für die im Leibesinneren ver¬ borgenen Geschlechtszellen mit. Alle Lust- und Leidgefühle der Liebe wallten und wogten so lange durch den Gesamt¬ organismus in voller Wucht, wühlten das ganze obere, höhere, umfassendere Personen-Individuum auf bis in jede Tiefe hinein, verlangten, klagten, jauchzten, verströmten in ihm. Aber an ganz bestimmter Stelle dann machte das alles oben Halt. Die Samenzellen spritzten aus, die Eizelle fand sich zu ihnen, ein geheimes Innenleben kleiner separater Maul¬ würfe begann innerhalb des einen Über-Individuums. Eine letzte Distance wurde dort genommen und eine echte Zellmischung fand statt. Aber als das kam, war jede unmittelbare Verbindung mit dem Liebesleben der großen Individuen Mann und Weib vereits völlig abgerissen. Der körperliche Liebesakt war dort längst zu Ende. Seine eigene höchste Steigerung und Er¬ füllung mußte längst vorüber sein. Denkst du dir das klar in Erinnerung an einen Liebes¬ akt deines eigenen Körpers durch, so kann dir wohl kein Zweifel darüber bleiben, was geschehen mußte und geschehen ist. Der höchste Wollustmoment, bei den einzelligen Wesen in die völlige Verschmelzung naturgemäß gelegt, mußte sich für die Vielzeller ebenso naturgemäß gleichsam in eine andere Stufe der großen Liebesbahn verlegen . In eine frühere. In die dem wahren Mischakt nächste der Distance-Liebe. Also in den äußersten Punkt dieser Distance-Liebe, der von den großen Attrappen der echten mischfähigen Geschlechts-Einzeller, von den vielzelligen Über-Individuum selber noch erreicht wurde . Damit hast du den Schlüssel des ganzen Entwickelungs¬ ganges in der Hand. Auch die Liebe der Zellgenossenschaften wahrte sich ihren höchsten körperlichen Erfüllungspunkt, ihren Wollust-Punkt. Aber sie legte ihn ihrer ganzen Veranlagung nach an eine andere Stelle der großen Kette, — dahin, wo diese Kette sich für sie , als auf einem erreichten und nicht mehr zu überbietenden Gipfel, schloß. 20* Fragte sich jetzt nur in der großen aufsteigenden Linie der Tiere noch, wo diese Gipfelstelle überall war. Und hier ergiebt die wechselreiche Arabeske dessen, was ich dir vorher erzählt habe, wahrscheinlich die nötigen Fortschrittsstufen von selbst. Der äußerste körperliche Liebesakt der vielzelligen Wesen, dieser großen Zell-Pyramiden, unter deren Schutz und Deck¬ schild erst die kleinen Samen- und Eier-Maulwürfe ihre letzte Arbeit vollziehen, ist kein Mischakt, sondern im günstigsten Falle ein Berührungs-Akt . Wir haben aber gesehen, wie lange selbst das in deiner werten Ahnenschaft schwankte. Die liebenden Vielzell-Wesen suchten sich, näherten sich, sahen sich, empfanden sich in weitester Distance irgendwie, — dann spritzten Samen wie Eier ins Blaue los auf Gutfinden. Erst allmählich kommt die echte körperliche Berührung als Bedingung hier hinzu. Fische, die sich Leib zu Leib drücken. Die sich aneinander saugen, mit den Flossen halten. Endlich ein festes Pressen Liebespforte zu Liebespforte. Es ist lange Zeit die Afterpforte. Allmählich wächst in dieser beiderseits das Scharnier. Es wird, einseitig sich erhebend und endlich vom After befreit, zum Mannesgliede. Mit ihm vernageln sich die Geschlechter schließlich im Akt. Bis zu dir, wo's noch genau so ist. Dieser klar zu Tage gelieferte Weg der äußeren möglichen Distancenahme zwischen den großen Deck-Individuum Mann und Weib ist nun offenbar mit allen seinen Stationen auch der Weg der Wollust-Projektion dieser Individuen gewesen. Die Wollust soll als höchster Lustmoment die gegebene Liebeskette krönen. Es verschiebt sich nur eben von Stufe zu Stufe der Grenzpunkt dieser Liebeskette immer tiefer noch hinein. Und also geht die Wollust mit, ihren rechten Ort zu suchen. Kehre noch einmal zu jenem Ur-Bilde des vielzelligen Wesens zurück, das uns in unsere Betrachtung schon so oft ge¬ holfen hat. Der Stufe, die Häckel das Urmagentier oder die Gasträa getauft hat. Das ganze Tier besteht bloß aus Haut und Darm. Der Darm besorgt die Ernährung. Die Haut dagegen bewegt, ver¬ verteidigt — und ist der wesentliche Sitz der Empfindungen. Sie nimmt Lichtreize auf, Schallreize, äußere Stöße und Stiche und Berührungen jeder Art. Die Haut ist hier im ganzen Umfange das, was später das Nervensystem ist. Dieses ganze Nervensystem mit allen seinen Sinnesorganen und inneren Werkstätten ist eben ur¬ sprünglich aus der Haut hervorgegangen. Die feineren Ver¬ arbeitungsateliers wurden allmählich in Gruben, Rinnen, Säcke dieser Haut aus Schutzgründen mehr nach Innen verlegt. So ist das Gehirn, das Rückenmark, das ganze Nervennetz langsam von Stufe zu Stufe gleichsam eingesunken aus Hautstücken, in die sicherere Tiefe des Leibes hinein, — nach demselben Grund¬ prinzip, das zuerst den Magen nach innen sich hatte einstülpen lassen. Je feiner, je verwickelter das gesamte Innenkunstwerk des Tierkörpers sich ausgestaltete, desto feiner und verwickelter spann sich auch dieses ursprüngliche Hautnetz durch sein ganzes Inneres hindurch. Immer aber mußte auch jetzt noch die strengste Verbindung zwischen den Empfindungs-Werkstätten im Inneren und der Außenwelt bleiben. Zog sich auch der eigentliche Sitz des Empfindens tief in den harten Schädel und in die Wirbelsäule zurück als Gehirn und Rückenmark, — so wahrten doch diese uralten, einwärts gewanderten Hautteile fort und fort auch dann noch durch Nervenverbindungen, — also auch letzthin nur feinste Haut¬ verlängerungen, nach innen geleitete Hautspitzen gleichsam, — ihre „Fühlung“ im eigentlichsten Sinne mit der Körperober¬ fläche, also dem alten echten Sitze der Haut. Noch immer, auch bei dir, nimmt diese Außenhaut zunächst die Lichtwellen, wie die Schallwellen, das ärgerliche Piken der Nadel wie die behagliche Wärme der Maiensonne und so weiter und weiter zunächst auf. Der eigentliche Sitz der Empfindung ist dann freilich nicht mehr gleich an der Aufnahmestelle der Oberfläche, sondern es schaltet sich noch der Telegraphendraht des Nervs ein, der den Licht-, Schall-, Stoß- oder Wärmereiz ins innere Hautorgan, also das Rückenmark und Gehirn, be¬ fördert. Auch hat sich die Hautoberfläche mehrfach bei dir schon in bestimmter Weise selber wieder in die Arbeit geteilt. Zwei Stellen, die Augen, passen ausschließlich auf Lichtreize. Zwei, die Ohren, nur auf Gehörsreize. Zwei in der Nase ledig¬ lich auf Geruchsreize. In diesem Falle haben sich sogar diese äußeren Aufnahmestellen nochmals wieder etwas eingesenkt und geschützt: die Netzhautstellen für das Licht liegen tief hinter einer durchsichtigen Oberhautstelle; ebenso ist das Ohr eine geschlossene Kapsel geworden; und die Nase bildet mindestens eine Tasche mit ihrer riechenden Schleimhaut. Nur die Reaktion auf Druck und Temperatur ist fast der ganzen Hautoberfläche gemeinsam geblieben, — wo ich dich an Arm oder Bein oder Schulter oder Brust mit der Nadel pike, fühlst du es und zwar unangenehm als Schmerz, und ebenso fühlst du mit jeder dieser Stellen auch die wohlige Wärme der Sonne da droben. Indessen alle diese Verfeinerungen und Verwickelungen sind Schritt für Schritt erst zwischen den ältesten Hauttieren und dir entstanden. Noch hast du Tiere deutlich heute vor dir, bei denen die ganze wirkliche Oberhaut auch das ganze Gehirn noch darstellt und in ihrer Ganzheit hört oder Licht empfindet. Und erst allmählich siehst du das Gehirn sich sondern als eine Zentralstelle, die alle Empfindungen sämtlicher Haupt¬ zellen noch wieder in eins greift wie eine Spinne die Fäden ihres Netzes. Allmählich siehst du dann auch, daß zum Beispiel diese oder jene Stelle der Haut nur noch Licht empfindet für alle anderen mit. Du siehst diese Stelle nach innen in Kontakt bleiben mit jenem Gehirn durch eine bestimmte Haut¬ faser, den Sehnerv — und du siehst zugleich, wie sie außen einsinkt, eine Grube erst bildet, dann eine Tasche, endlich eine geschlossene, bloß vorne für Licht durchlässige Kapsel, — wie sie, mit anderen Worten, erst nach und nach zum Auge wird. Das ganze höhere Tierreich ist dieser sinnreichen Fortschritte fortlaufendes Exempel. Nun denn: auf die Haut also führt uns auch das ganze Empfindungsgebiet der Liebe bei den vielzelligen Wesen offen¬ bar zurück. Die Haut wurde der große Kuppler, der allherrschende Liebesvermittler und Liebesträger für die vielzelligen Tiere, die nicht mehr auf echte Ganzvermischung hinlieben durften, sondern nur mehr Distanceliebe, Berührungsliebe pflegten. Und so ist die Haut denn auch die ursprüngliche Wolluststätte geworden, der Schauplatz für den höchsten körperlichen Lust¬ triumph dieser Distanceliebe. Über die Anteilnahme der Haut an den Liebesdingen stelle da nun zunächst einmal mit dir selber ein kurzes Verhör an. Du bist allerdings mit deinem ungeheuren Gehirn, deinem endlose Weiten durchtauchenden Gedächtnis, deiner jederzeit fest gestaltenden Phantasiethätigkeit, deiner geheimen Schulung auf tausend Kulturmittel, Kulturabkürzungen, Kulturstenogramme ein äußerst schwieriges Beispiel. Trotzdem laß uns einmal grob hersagen. Deine Haut nimmt Anteil an deiner Liebeserregung zunächst als Netzhaut. Beim Sehen. Anblick des weiblichen Körpers, Anblick der speziellen Geliebten und so weiter. Dann als Tastorgan für Schallwellen. Als Ohr. Mensch¬ liche Stimme, Gespräch, Gesang, Musik. Über erotische Wir¬ kungen durch Musik besteht wohl schlechterdings kein Zweifel. Drittens als Nasenschleimhaut. Die Rolle des Geruchs im Erotischen ist bei uns ja eigentümlich verschleiert. Wir reden von wollüstigen Parfüms und das sehr mit Recht. Im Übrigen scheint der Geruch aber, worauf Gustav Jäger so verdienstlich hingewiesen hat, bei uns nur mehr eine Art Geheim¬ rolle zu spielen, über die unser Bewußtsein keine rechte Kontrolle besitzt. Das Thema liegt noch total im Argen und erfordert erst eine umfassende wissenschaftliche Klarlegung. Viertens durch körperliche Berührung. Hier tritt bei uns eine unverkennbare Steigerung der Intensität der speziellen Wollustneigung ein. Kuß. Umarmung. Kitzeln. Eine ganz bestimmte Form des angenehmen Kitzels, den warme weiche menschliche Haut auf Haut hervorbringt. Innerhalb dieses Allgemeinkitzels tritt aber fünftens eine ganz unverkennbare Lokalisierung jetzt ein. Die erotische Em¬ pfindung steigert sich im vollen Verhältnis der immer größeren Annäherung dieses unmittelbaren Berührungsreizes an — die Geschlechtspforte. Als Gipfelpunkt erscheint ein ganz bestimmt umschriebener Ort: beim Manne das aktive männliche Geschlechtsglied; beim Weibe jenes eigentümliche Überbleibsel eines weiblichen Ge¬ schlechtsgliedes: der Kitzler. Bei nachhaltiger Reizung dieser Stelle wird bei beiden Geschlechtern der höchste Wollustmoment erreicht. Bei beiden Geschlechtern besteht dabei irgend ein tiefer Zusammenhang zwischen der Reizfähigkeit gerade dieser Stellen und der Reife des großen Zellkörpers zur Abspaltung von Zeugungsstoffen. Ja beim Manne fällt der äußerste mechanische Akt dieses Abspaltungsverlaufes, das Ausschleudern der Samentierchen, unmittelbar mit dem höchsten Wollustmoment zusammen und steht in einem so intimen Verhältnis zu ihm, daß die beiden Vorgänge gar nicht zu trennen sind. Untersuchst du die betreffenden kritischen Körperstellen, an denen die volle Wollusterlösung bei dir lokalisiert ist, so findest du auch bestimmte Nervenbedingungen dazu, die uns geradezu von „Wollustorganen“ reden lassen. Indessen ist von einem echten komplizierten Geschlechts-Sinnesorgan, etwa so wie das Auge eines für das Licht darstellt, doch nicht die Rede. Der Hautzusammenhang im schlichten Sinne bleibt aufdringlich deutlich. Denke dir einmal einen Moment, etwa diese deine ganze weiße Körperhaut hier stellte eine Riesenreihe von Tasten eines Instruments dar, auf dem Musik gemacht werden soll. Da hast du einige Flecke der Haut, die eigentlich ja nur eine einzige Taste besitzen. Die Augen je eine für Licht. Die Ohren je eine für Schall. Aber gerade diese „eintastigen Organe“ besitzen in ihrer Taste recht einen Drücker zugleich für Öffnung eines ganzen herlichen Instruments, ja eines ganzen riesigen Orchesters, das die verwickelsten Stücke spielt. In einigermaßen ähnlicher, wenn auch geringerer Lage sind auch noch Zunge und Nase. Dagegen findest du eine ungeheure, weit überwiegende Masse von Hautstellen — auf ein paar Punkte deine ganze schöne nackte Leibeshaut da — die besitzen zwar jede mehrere Tasten, aber diese Tasten sind halt auch allein da, — ohne weiteres, zu öffnendes Klavier dahinter. Eine Taste reagiert auf Druck und Stoß, eine auf leichtes Kitzeln, eine auf Wärme und Kälte. Je nachdem mit Lust oder mit Schmerz. Aber mit diesem einfachen Rea¬ gieren ist auch alles gethan. Und in diese Reihe tritt nun eigentlich doch auch jene Stelle an den Geschlechtspforten, am Mannesglied und Weibeskitzler. Sie hat, scheint es, zwar auch wieder nur eine Taste. Doch nicht wie Auge, Ohr, Zunge und Nase eine ganz besondere, die die übrige Haut nicht hat, — sondern nur eine von den der Haut auch in der Masse der Stellen gegebenen: nämlich die Kitzeltaste. Diese Taste hat sie einseitig ausgebildet, doch nicht im Sinne von Auge und Ohr zu einem ungeheuren Orchester mit unendlich verwickeltem Harmonie- und Disharmonie-Spiel ins myriadenhaft Proteische hinein. Sondern sie hat eine bestimmte Luststimmung, die in der Taste schon allgemein lag, bloß als solche ins Heroische vergrößert . Im leichten, feinen Kitzeln liegt überall eine unverkenn¬ bare Lustwirkung. Die ist nun in der Wollustecke ins Un¬ geheure, Orkanartige heraufgeschraubt, ohne dabei doch innerlich jemals feiner gegliedert zu werden. Gegen das Gesicht, das Gehör ist die Wollust ein Ungetüm, ein klotziger Riese, der alle seine Kraft nicht aus der Verfeinerung ins Detailleben hinein, sondern einzig aus der kolossalen Übertreibung einer einzigen konkreten Lustwirkung schöpft, — allerdings eine Goliathskraft. Der Zusammenhang mit dem einfachen angenehmen Hautkitzel in deiner Wollust ist ein überaus deutlicher — so weit auf diesem verwickelten Empfindungsgebiet überhaupt etwas deutlich sein kann, wo wir immerzu mit Analogien schon beim nächsten Mitmenschen rechnen müssen und in uns selber nur auf einer dünnen Planke über der schwarzen See des eigenen Unbekannten hängen. Es ist vielleicht gar kein so übler Vergleich, wenn du dir einmal einen typischen Kitzelakt sonst mit dem, sagen wir mal hier bloß männlichen, Geschlechtsakt in Parallele bringst. Ich meine das Niesen. Irgend etwas kitzelt leicht die Schleim¬ haut deiner Nase. Es entsteht ein prickelnder Reiz mit rascher Steigerung. Endlich erfolgt eine Auslösung mit inpul¬ sivem, von deinem Willen unabhängigen Ausstoßen. Der Kitzel samt Erlösung dabei hat einen unverkennbaren Lust- Inhalt, ich brauche nur an seine Ausbeutung bei uns unent¬ wegten Lustsuchern im Schnupfen zu erinnern. Der ganze Akt aber hat thatsächlich eine frappante Ähnlichkeit wenigstens mit dem männlichen Geschlechtsakt. Auch hier fällt der höchste Lustmoment mit einer unwillkür¬ lichen Ejakulation, einer Herausschleuderung zusammen. Findet doch selbst das allbekannte „Zusammenknicken“ des Körpers im Geschlechtsakt seine deutlichste Ähnlichkeit im Verhalten eines Niesenden! Ja ich wüßte, wenn ich die beiden Akte in Gedanken miteinander vergleiche, bei bestem Willen überhaupt keinen stichhaltigen Unterschied anzugeben, — mit einziger Ausnahme der reinen Steigerung des Grades (nicht der Art) in dem Lustgefühl bei der Wollust. Es ist eben ein Kanonenschuß gegen — eine Priese Schnupftabak. Diese ungeheure, märchenhafte Steigerung der Kitzellust im Geschlechtsfalle, die kolossale Wucht des einen dumpfen Tones, der der Hautkitzeltaste hier und nirgendwo sonst ver¬ liehen worden ist, — das eben meine ich aber, ist die Folge einfach davon gewesen, daß dieser Geschlechtskitzelakt hier zu¬ gleich die äußerste Stufe der Distanceliebe der Zellgenossen¬ schaften Menschenmann und Menschenweib darstellte, — und damit das ganze riesige Plus auf sich bekam, das in dem höheren Individum an Lustempfindung frei geworden war durch den Verzicht auf das wirkliche Mischen und Verschmelzen der Einzeller. Das Glücksgefühl der Liebeserfüllung, von der realen Körper mischung abgetrennt bei allen vielzelligen Überindivi¬ duen, lokalisierte sich an dieser für die Distanceliebe äußersten Hautkitzelstelle. Damit nun freilich hat dieses „Wollustgefühl“, wenn es auch kein vergeistigtes Sinnesorgan nach Art des Auges oder Ohrs sich geschaffen hat, doch eine ungeheure Perspektive hinter sich erhalten, — es ist zu einem bestimmten Krönungsmoment in der allgewaltigen Liebesodyssee jedes Vielzellindividuums geworden. Du brauchst bloß an die Vergeistigung dieser Liebe gerade als Distanceliebe in all ihrer himmelblauen Herrlich¬ keit zu denken, um ein Gefühl zu erlangen, in welche Geistes¬ kette die Wollust damit eingetreten war. Ein Flug von einem gesteigerten Schnupftabaktitzeln zum großen Einschlag in einer wahren „göttlichen Komödie.“ Denn ob du nun die Wollust noch so sehr (in einem, wie du jetzt siehst, gar nicht einmal streng berechtigten Sinne) als blutrote Mischliebe bezeichnen und gegen die lilienweiße Augen-, Ohr- und Kuß-Distance-Liebe herabsetzen magst, — leugnen wirst du nicht können, wie das Brummen dieser einen einzigen, aber herkulesstarken Hauttaste deines Leibes einen Grundbaß dennoch spielt in allen, allen deinen noch so botticellisch-süßen Geistesmelodien. Und auch einen berechtigten Baß. Denn das, was du Körper nennst, ist in Wahrheit ja so gut Geist wie alles andere in dir. In das große Konzert gehört jedes Instrument gleichberechtigt mit hinein. Auch das. Von diesem Schluß aus hat nun, hoffe ich (immer im Wahrscheinlichkeitsrahmen!) die weitere geschichtliche Betrachtung keine besondere Schwierigkeit mehr. Nehmen wir eine befriedigende Wollust-Erlösung auch für alle vielzelligen Tier-Individuen nach unserer Menschen-Analogie einfach einmal als eine Grundthatsache hin, so mußte die Lokali¬ sierung dieser Wollust sich auch dort eben den verschiedenen Sachlagen anpassen, so gut es ging. Ein Fisch, der noch gar kein Geschlechtsglied besitzt, kann die höchste Wollust nicht lokalisiert haben im Geschlechtsglied wie du. Erinnere dich nur wieder an die lieben Blaufelchen. Sie finden sich, Männlein und Weiblein, zueinander, sehen sich, berühren sich mit dem ganzen Bauche im Liebesluftsprung — und gleichzeitig jetzt spritzen beim Mann der Samen, beim Weibe die Eier aus. Nach der Analogie deiner eigenen Liebes¬ erlebnisse wirst du sagen: hier genügt eben schon der einfache Kitzel bei Berührung der ganzen Bauchhaut, um die Wollust auf ihre Höhe zu bringen. Und mit dieser Höhe in engster Verbindung steht hier ein Geschlechts-Niesen beider Parteien — Mann und Weib spritzen ihr Liebesprodukt dabei vor. Es stände aber nichts im Wege, das darüber rückwärts hinaus sich noch viel einfacher zu denken. Laß selbst die allgemeine Bauchberührung, ja jede un¬ mittelbare Körperbetastung als Kitzelmoment fortfallen. Zwei Tiere verschiedenen Geschlechts sollen bloß ihre gegenseitige Nähe durch ein Sinnesorgan Auge oder Ohr merken, — sie sollen sich hören, oder sehen, oder auch riechen. Und dann beide losschießen. Hier bildete geradezu also das Auge oder das Ohr oder die Nase den Kitzelerreger, der sofort zur vollen Wollust führte. Du siehst: jede einzelne Stufe jener Steigerungsskala, die wir bei dir oben betrachtet haben, kann bei diesen oder jenen deiner tierischen Ahnen schon genügt haben, um das ganze so¬ fort auszulösen. Wie wenn du deine Geliebte bloß sähest oder reden hörtest oder gar bloß den Parfüm ihres Kleides einatmetest und das genügte, um die ganze Melodie des in¬ timsten Liebesaktes bei dir spielen zu lassen mit sämtlichen Empfindungen und unter Ausströmen der Lebenswelle. Bei den Blaufelchen wärst du doch wenigstens schon beim Händedruck. Den umgekehrten Weg vom Blaufelchen zu dir kannst du dir aber jetzt wirklich von selber abzählen. Die Kröten dort im Teich regen sich offenbar noch ganz durch äußere Hautreibung auf. Bei den Molchen, die Pforte an Pforte lieben, ist die Empfindung sicherlich schon stark auf diesen Pfortenrand lokalisiert. Aber es sind ja noch die Kloaken-Pforten. Also das Wollust-Centrum sitzt sehr im Gegensatz zu dir noch am After. (Der Fall ist, nebenbei be¬ merkt, wieder interessant zur Geschichte der Päderastie.) Dieser Sachverhalt hält sich auch noch bei Eidechse und Krokodil. Aber hier hört etwas anderes, dir fremdes schon auf. Das Weib behält nämlich seine Eier fortan auch über den Wollust-Akt hinweg im Leibe. Die Befruchtung, jener eigentliche Mischakt der Samen¬ zellen und Eizellen, findet im Weibesleibe selbst statt. Es bedeutete das einerseits einen Schutz für die Eier, und anderer¬ seits eine gewaltige Erhöhung der Wahrscheinlichkeit, daß jedes Ei ein Samentierchen fand, also der wahre Mischakt überhaupt eintrat. Der Fortschritt war aber eben erst möglich, nachdem ein Mannesglied sich ausgebildet hatte. Fortan brauchte also bloß noch beim Manne jener Nies-Akt der Samenausspritzung mit dem Höhepunkt des Wollust-Aktes vereint zu bleiben. Beim Weibe fiel jede Eier-Explosion im Wollustmoment end¬ gültig fort. Du erinnerst dich, daß gerade dieses Fortfallen beim Menschenweibe wieder einer der Punkte war, den du oben als Absurdität brandmarken wolltest. Daß nämlich beim Weibe der Wollustakt scheinbar ganz außer Beziehung geraten ist zu der Eierablösung im Eierstock! In Wahrheit kam von einer be¬ stimmten wichtigen Ecke der Entwickelung an alles darauf an, daß bloß der Samen möglichst tief in das Weib eingepumpt wurde. In diesem Einpumpen lag der äußerste Akt der Distanceliebe der beiden großen Deckindividuen Mann und Weib zu Gunsten der Mischliebe der Samen- und Eizelle. Also konzentrierte sich auf diesen Pumpakt auch beiderseits die höchste Wollust. Beim Manne mußte nach wie vor das Samen¬ auspumpen damit zusammenfallen, selbstthätig verknüpft wie Schnupftabakkitzel und Niesen. Beim Weibe aber brauchte schlechterdings nichts damit zusammenzufallen, als die best¬ mögliche innere Situation zum möglichst tiefen Einströmen¬ lassen der Samenwelle. Alles was die eigenen Weibeseier betraf, war längst so tief nach innen verlegt, und hatte hier so sehr seinen eigenen Mechanismus, daß der ganze Akt der beiden großen Leute sich darum überhaupt nicht mehr zu kümmern brauchte. In das eigentliche Eierland vorzudringen, war Sache der eingezeugten Samentierchen selbst. Mochte die eine eigene Wollustsehnsucht noch wieder für sich weitertreiben — Sehnsucht nach jener uns Großen körperlich unbekannten Urwollust der wirklichen Körperverschmelzung. Das hatte mit dem riesigen millionenzelligen Mutterorganismus über ihnen aber nichts zu thun und konnte also auch keine Beziehung zu dessen Wollust haben. Deine ganze Forderung vom Zusammen¬ fallen auch der Weibeswollust mit der Eierentsendung ist ein¬ mal wieder der Ruf nach etwas längst Antiquiertem, — nach einem Fisch- und Krötenstadium, wo auch dem Weibe die Wollust kam, wenn die Eier abgingen, — einem Stadium, das aber schon das Reptil endgültig aufgegeben hat, weil es unpraktisch war. Die Wege, wie die Pforte des Weibes zum einfachen Ein¬ pumpen des Samens immer rationeller ausgestaltet wurde, haben wir vorhin genügend besprochen. Die Afterliebe schwand bei beiden Geschlechtern. So konzentrierte sich die Wollust also folgerichtig nur noch um die Urin- und Geschlechtspforte. Inzwischen hatte sich beim Krokodil aber jener Fleischzapfen mit der Samenrinne als erste Form des Mannesgliedes ge¬ bildet. Die männliche Wollust, nach wie vor im engsten Bunde mit der Samenausspritzung und immer auf dem vordersten Vorposten, lokalisierte sich streng folgerichtig auf diesen Zapfen. Aber auch beim Weibe scheinen deine Ahnen hier herum ja einen entgegenkommenden Zapfen gebaut zu haben. Also der konzentrierte ebenso auf sich die weibliche Wollust. Nachher freilich erwies sich eine noch größere Vertiefung als noch rationeller. Der Mannessame wurde nicht bloß an dem Weibeszäpflein entlang auf die Eierpforte zugegossen, sondern das immer mehr vergrößerte und verfeinerte Mannes¬ glied wurde überhaupt so tief eingeführt, daß es sogar unter dem Zäpflein her direkt in die Eierpforte selber noch ein Stückchen vordrang. Damit aber nun war, wie gesagt, das weibliche Zäpflein als Pumphelfer völlig entlastet. Es saß indessen nach wie vor so günstig für den gleichzeitigen weiblichen Kitzelakt, daß eine Fortverlegung des Wollust-Centrums von hier geradezu ein Schaden gewesen wäre. Und so hielt es sich als Lust¬ zäpfchen fortan allein weiter, — heute von uns noch Kitzler getauft und damit in seiner Rolle anerkannt. Die Wollust als reine Augenblicks-Lustempfindung be¬ trachtet, spielt, sagte ich dir, gleichsam nur auf einer Taste. Sie macht dabei diese Taste nicht zu einem Orchester, sondern sie erzielt ihre dämonische Macht im Moment nur durch einfache Steigerung eines einzigen Tons. Von hier aus wird verständlich, daß in der Kette deiner tierischen Vor¬ fahren von da ab, wo überhaupt Lust- und Schmerz-Reak¬ tionen äußerlich ziemlich deutlich werden, die Wollust wie etwas mehr oder minder fix und fertiges erscheint. Schon das Benehmen von verliebten Fischen, die sich bloß aneinander reiben, noch ohne Begattungsglieder zu haben, hat eine so frappante Ähnlichkeit mit geschlechtlich erregten Menschenkindern, daß es den schlichtesten Beobachtern aufge¬ fallen ist. Vielleicht verteilt sich das Gefühl lange noch über eine größere Zeit. Vielleicht. Sagen läßt sich das nicht genau, da man nie weiß, wie viel Vorspiel ist, wie viel erst echter Akt. Man möchte meinen, beim Menschen sei alles, wenn es denn so weit ist, auch epigrammatisch zugespitzt. Wie er ja in all seinem Handeln dieses Konzentrierte, Spar¬ same, Epigrammatische auch sonst hat. Aber wenn man im übrigen bloß den Akt im Ganzen anschaut, so ist es wirk¬ lich schon ein Kunststück, auch nur den geringsten stichhaltigen Unterschied zu finden zwischen einem verliebten Frosch-Männchen und einem bloß von der nackten groben Wollust-Sehnsucht gepackten Menschen. Wie ein Wahnsinniger — ein Monomane thatsächlich der einen brummenden Taste seines Gefühlsorchesters — stürzt sich der Frosch auf ein beliebiges Froschweib. Auch er noch ohne Begattungsglied, — bloß allgemeiner Berührungs-Liebler. Aber er packt das Weib mit einer Gewalt um den Leib, daß es nicht selten daran stirbt. Ist kein echtes Froschweib seines Gleichen zur Hand, so packt er auch ein anderes gerade ver¬ fügbares Tier und regt sich daran zum Ziel auf. Ein Karpfen wird beritten, daß die Schuppen fliegen und nicht selten die Augen gar ausgekratzt werden. Eine Kröte im Goldfischglase hetzte die Goldfische schließlich zu Tode so. Aber Männchen des Frosches bespringen auch Männchen, wenn es nicht anders ist. Ein totes Weibchen wird genau so wüst umarmt wie ein lebendiges. Ein schon liebend vereintes Paar wird von ledigen Männern nochmals bestiegen, bis ein ganzer ekler Klumpen verworrenen Lebens entsteht. Ja ganz lebloses Holz wird schließlich erfaßt und begattet. Tolles Spiel. Denkst du nicht daran, was Menschen¬ unsinn alles versucht hat mit der Wollust? Alles, um in diesen dumpfen Grundbaß Abwechslung zu bringen. Liebe zwischen Mann und Mann, Weib und Weib. Liebe mit Eseln und Gänsen. Liebe mit Toten, mit Ge¬ quälten, mit Sterbenden. Liebe mit künstlichen Gegenständen, mit Puppen und Apparaten. Liebe zu Vielen. Liebe in den kautschukmenschenartig ausgeklügeltsten Stellungen. Es ist wohl nicht nötig, diese humoristische Schreckenskammer weiter auf¬ zuthun. Schließlich kommt der vollgeprüfte Liebesepikureer und spricht als Fazit aus, wie armselig wenig doch im Grunde dieses an Intensität so ungeheure Wollustgefühl zu variieren sei, — ein kleiner Kreis, ewig neu abgetrottet, und als Re¬ sultat eigentlich immer wieder gar nichts. Das alles hat aber — bis auf das Philosophieren — wirklich der Frosch schon vorgemacht, und du großer Raffine¬ 21 ments-Mensch so vieler Kulturjahrhunderte stehst da in Wahr¬ heit vor einem bänglich armen Zirkel von Jahrmillionen, die dich von deinem Menschen-Frosch trennen. Man muß sagen, die Menschheit hat in diesem Punkt einen wahren Don Quixote-Helden-Kampf bis zum Äußersten geführt, um Varian¬ ten im einfachen Gefühl zu schaffen. Und ist doch wahrhaftig nicht über den Frosch hinausgekommen. Nein, in dieser Linie war es nun einmal nicht zu machen. Ein ganz anderer Weg ist viel langsamer daneben hoch gekommen — und eben der doch schließlich ein mensch¬ licherer. Der Mensch ist einmal nun das Geistestier, das Tier des aufstrebenden Geistes — und da hilft alles nichts. So ist von hier eine ganz andere, entschieden aussichts¬ vollere Straße versucht worden. Etwas geräuschloser, aber doch übermächtig. Es ist nämlich, sintemalen der Kitzelakt der Wollust nun doch einmal in die große Liebeskette als fester Fels hineingeraten war, versucht worden, auch diesen Fels zu vergeistigen in eine höhere Linie hinein. Von einer höheren Linie ist das Zusammentreten der beiden Individuen Mann und Weib einer Revision unterzogen worden im Sinne einer nochmals höheren Einheitsbildung. Nicht jedes Weib als solches und nur deswegen, weil es „Weib“ ist, mit jedem beliebigen Manne und umgekehrt. Du verstehst, was ich meine. Das ungestüme Roß der Wollust, selber nicht entwickelungsfähig, ist zwischen die Schenkel eines allgewaltigen Geistes- und Kultur-Reiters gepreßt worden: der geistigen Begründung des Liebes-Individuums auf Grund individueller Harmonie zwischen diesem Manne und ausgespart gerade diesem Weibe. Von hier beginnt ein weiterer Werde¬ prozeß, der noch einmal wirklich alles umwertet. Das Wort Einzelehe bezeichnet ihn nur andeutend und vorläufig, nicht dauernd wesentlich. Aber es faßt ihn immerhin grob so, daß die Sache erkennbar wird. Die Wollust, die zwischen Männern, Weibern, mit Tieren, Leichen, Instrumenten und so weiter schließlich doch keine ernsthafte Fortentwickelung erfuhr, wird endlich als Faktor eingestellt in die Beziehungen zweier Menschen zu ein¬ ander, die von einem ganz anderen, seelischen Boden aus in eine höhere Gemeinschaft, eine ganz bestimmte Individuums- Bildung bereits eingetreten sind. Sie wird der rohe Natur¬ bursche zunächst auch solcher Alliance sein, zweifellos. Aber es fragt sich, ob sie von hier nicht doch zu erziehen ist, — sie, die von ihren Ur-Anfängen an eigentlich ein Harmonie- Gefühl zwischen zwei körperlich verschmelzenden Individuen war, — die dann sich auf eine Distance-Ecke zu äußerst fest¬ setzte bei den Vielzellern, den Deck-Individuen Mann und Weib, — und die jetzt die Möglichkeit hätte, wieder in einen echten geistigen Verschmelzungsversuch einzulenken. Die Bahn dieser Entwickelung liegt zum Teil schon offen in der Chronik der Einzelehe und alles dessen, was damit zusammenhängt, vor. Zum besten Teil freilich steckt sie in einer Ehe ( cum grano salis ), die noch nicht hinter uns Menschen von heute liegt, sondern erst vor uns . Das macht die Sache abermals grundschwierig. Ein ganz neues, fernes, dämmerblaues Schneegebirge taucht vor uns auf. Alles meldet sich, was wir voreinst bereits über die Ehe- Anfänge geredet haben. Das Wort fällt aber selber wie eine Deckhülle von einem noch sehr viel tieferen Problem. Wir haben vom Liebes-Individuum bisher immer nur gesprochen als überhaupt „Mann und Weib“. In dieser Gegensätzlichkeit lag alles. Wir beobachteten ihre Mittel, sich zu finden, zu binden, das höhere Individuum zu gründen, den Misch-Akt einzuleiten und so weiter. Wie nun, wenn sich in diesen Zusammenschluß von Mann und Weib nochmals viel feinere Motive mischen? Nicht mehr bloß Mann und Weib im Sinne des nötigen Geschlechtsgegensatzes. 21* Sondern ein Mann, ein ganz bestimmter Mann. Und ein Weib, ein ganz bestimmtes Weib. Individualisierende Wahl . Es ist gewiß wahr, daß gerade die Wollust vielleicht der ausgesucht seltsamste Punkt ist, um auf dieses neue Kapitel zu kommen. Gerade die Wollust mit ihrem einen groben, gleich¬ förmigen Grundbaß ist bisher bei uns Menschen selber noch stets positiv die stärkste Nivellierungswalze gewesen, die uns immer und immer wieder beibringen wollte, jede höhere, ver¬ geistigtere, individualisiertere Wahl beim Schließen des Liebes- Individuums sei eigentlich gleichgültig, da diese Grundmelodie doch spielt, ob nun das dümmste Augenblickswesen unserer Laune oder die verklärteste Idealliebe die Taste schlägt. Und es ist wirklich so, daß erst Zukunftswerte gerade hier vor dir auftauchen, wenn du von Individualisierung auch der Wollust reden willst, — von einem in gewissem Sinne befreiten Menschen redest, der für das Gefühl auch der wirk¬ lichen Wollust schlechterdings nur noch empfänglich wäre bei inniger Einigung mit dem anderen Wesen, das auch sein ganzer unendlich verfeinerter Kulturgeist, all seine Ethik und Ästhetik, all seine Idealität und Idealschaffungssehnsucht für das richtige, ihm entsprechende erkannt hätten, das also Ma¬ donna und Venus im höchsten Sinne zugleich für ihn wäre. Diese erhabene Harmonie ist offenbar bei uns selber noch ein Entwickelungs-Ideal, das wir wohl schon sehnend schauen, aber noch keineswegs besitzen. Erst dieses unablässige in¬ brünstige Schauen (dem wohl keine echte und reine Seele im Punkte der Sehnsucht je im Leben, in noch so viel stark da¬ gegen abstechenden Akten, eigentlich untreu geworden ist) soll uns ja den Besitz einmal verschaffen. Inzwischen scheint aber jene alte grobe Wollust-Form ihre gute Rolle darin zu spielen, daß sie überhaupt Liebes-Individuen auch jetzt unablässig — wenn schon rohe einstweilen, Mondkälber gleichsam des Ideals — schaffen hilft. Die Menschheit stürbe sonst aus und aller Ideal-Schaffung würde der Nerv damit durchgeschnitten von einer tieferen Schicht aus, die wir Ringenden so wenig in uns selber geringschätzen dürfen, wie das Riesenfräulein des Märchens den Bauer, der das Korn sät. Aber warum in unserer so absichtlich unsystematischen, nur intimen Gedankenreizen folgenden Betrachtungsart nicht gerade solchen Knoten des Ältesten mit dem Zukünftigsten zum Sprungbrett nehmen zum weiteren Satz! Grade weil's so ist. Hinauf in den stillen, aber steten Triumph der Indivi¬ dualität noch auf einer neuen Stufe, einer höheren. Nicht mehr bloß Mann und Weib. „Der“ Mann — und „das“ Weib. Eine Tiergeschichte zur Einleitung. Aber vorher noch — ein Wort. I ntermezzo .... Über der kleinen Kiefernsilhouette des Seeufers drüben treibt ein blendend weißer Wolkenblock langsam empor. Gegen die winzigen Bäumchen erscheint er riesig — wie ein Gebirgshang mit ewigem Schnee. Gegen die ungeheure blaue Himmelsschale ist er nur ein blinkendes Stückchen Zucker. Und es ist, als fresse ihn dieses heiße Blau schon, kaum daß er sich über den Horizont wagt. Der weiße Klumpen wird höckerig, bekommt Buckel wie Hamlets Kameel und fratzige Profile mit großen Napoleonsnasen. Dann bricht eine erste Nase oben ab, schwebt eine kurze Weile schwindelnd als lose Flocke für sich im Blau. Du schaust einen Augenblick auf den See und jetzt erst wieder hin. Fort ist das Flöckchen ganz. Geschmolzen. Auf¬ gesogen. Kaum noch, daß du ein schwächstes blasseres Feder¬ streifchen noch eben vom Ganzazur sich abheben siehst. Noch eine Minute und auch das ist hin. Das Blau blendet wieder in einheitlichem Erz. Inzwischen ist aber der ganze Schneeberg unten im vollen Zerfall. Noch zwei, drei Wölkchen lösen sich ebenso ab und schmelzen höher oben für sich. Dann ballt sich der ganze Hauptklumpen zu vielen kleineren Centren von einander, die nicht mehr steigen, sondern schon unten sich verkleinern. Wie bläuliche Gletscher schillert es auf einmal allenthalben in dem Schneegipfel. Aber schon werden die Gletscher zu blauen Strömen und wieder die Ströme werden zum offenen Riß in das Metallblau des Azurs hinein. Feine Fähnchen hängen jetzt gleich schillerigen Eiszapfen von den Schneerändern hinaus. Dann zerstieben die Zapfen ganz zu feinem weißen Staub, als würden es Wasserfälle, die in Schaum verfliegen ehe der Ab¬ grund durchmessen ist. Noch ein paar Minuten — und die ganze Wolke ist hin, — ein Nebelfleckchen nur noch im sieg¬ haften Blau, eine bleiche Trübung — nichts mehr. Aber tief unten auf dem Wald liegt wie ein äugender weißer Bär schon eine neue, die herauf will. Herauf in denselben Kampf. Und um auch so zu sterben ...... Ja wohl, das Geschichtliche gibt zweifellos einen tieferen Blick. Dieser Millionenjahre-Mensch, in dem so und so viel Welten aufeinander geschichtet liegen, der durch so und so viel Ungeheuer historisch durchgeklettert ist und von allen heute noch gleichsam Schwänze und Klauen an sich trägt, — dieser Mensch Darwins und der wahren Weltgeschichte ist wirklich ein ganz anders verständlicher Kerl als jener Paradies-Adam Jehovahs, der fix und fertig gedrechselt und lackiert auf den Markt gestellt wurde, um sogleich und für alle Folge jetzt das Ideal zu vertreten, und der dann doch so mangelhaft sich erwies, wie er — eben ist. Dieser geschichtlich gewordene Mensch gleicht dem Helden der Tolstoischen Novelle, dem sein Leben vorkam wie die fürchterliche Würgearbeit eines Lebendigen, der in einen Wollsack eingenäht ist, und der sich wälzen und wirbeln und stoßen muß, bis endlich, endlich der Kopf das eine Wurstende durch¬ gebohrt hat und ins Licht taucht. Es ist gewiß keine Ab¬ surdität, wenn dieser Mensch, im Lichte tief aufatmend, noch das Haar dick voll Wollflocken hat. Und solche Wollflocken einfach wären alle jene scheinbaren Verrücktheiten in deinem menschlichen Liebesleben von heute, die zahllos verpulverten Zeugungszellen, die Verknüpfung von Heiligem und Unappetit¬ lichem in dem Akt, und so fort. Gut, ich sehe in eine unendliche Verwickelung, und wenn diese geschichtliche Verwickelung noch heute Verwickeltes erzeugt, so ist das in sich wirklich ganz und gar nicht absurd, sondern es ist schlichteste Logik. Aber ich stütze den Kopf auf die Hand und schaue in die Wolken dort, die so schön weiß und solid aufsteigen und sich doch immer wieder ins blaue Nichts lösen. Auf dem See schnattern die ungezählten Pärchen liebender Vögel, eine große Hochzeit ist da unten, ein wildes Zeugen neuen Lebens. Aber oben kommen und gehen diese schweigenden Wolken, mit einer stillen Tragik wie ein großer Chor, der den Schluß zieht, die Moral von der Geschichte. Ja die Moral. Und ich träume mich hinein in das Schicksal eines jener Quadrillionen verpulverter Samentierchen und ich frage mich, ob wir die Absurdität mit alle dem nicht doch nur ein Stück weiter in den Kern der Weltendinge ver¬ schoben haben, ohne sie auch so ernstlich aus der Welt heraus¬ zubringen. Damit einer lebt und weiter liebt, müssen Quadrillonen sterben. Eine Samenzelle findet ihre Eizelle und es wird ein Mensch und wird groß und wandert ins Licht, ihm wachsen Augen und er sieht die Sterne und das märchenhafte Blau da oben. Dafür aber bleibt die ganze Pilgerfahrt von tausend Ei¬ zellen das armselige Stückchen Herumtappen in einem stock¬ finsteren Kanal zwischen Eierstock und Gebärmutter. Und Millionen Samentierchen erleben nichts als den kurzen, dummen, sinnlosen Weg von ihrer warmen Wiege im Mannesorgan bis zum Verschmachtungstode in einer ungeheuren, schauerlichen, kalten, fremden Welt draußen, die sie bloß begrüßt, um sie zu Tode zu quälen. Arme Bausteine zu Welten, aus denen doch keine Welt wird! Durch meinen Sinn zieht auch die famose Geschichte des Multatuli: wie der Vater sein Kind unterweist, wie schön alles in der Welt eingerichtet sei. Der Vogel legt seine Eier und zur rechten Zeit, da es Würmlein als Speise gibt, kommen die Jungen aus und ihr Gesang ist eitel Dank für so treue Fürsorge. „Singen die Würmer mit, Papa?“ fragt das Kind. Nein, sie werden gewiß nicht mitsingen, diese verschwendeten Samentierchen, wenn sie mit ihrer Jahrmillionen-Fracht an Vererbungen und Hoffnungen auf irgend einer Leinewand ver¬ dursten, ohne Mensch geworden zu sein. Ich merke es wohl, du willst mich ins Äußerste hinein beschwören. Bis ins Kernholz des Philosophischen. Ich aber möchte dir mit einem einzigen Bilde bloß antworten. Vielleicht daß es genügt. Mache dich leicht im Geiste, leicht wie ein Vogel, ein Ballon, — noch viel leichter, ganz schwerelos. Und schwebe empor. Hoch wie ein Eukalyptusbaum von fünfhundert Fuß. Die dreihundert Meter des Eiffelturmes. Die 8840 Meter des Gaurisankar. Wie ein blaues Auge ist der runde See hier unter dir eingesunken in dem graugrünen Kiefernteppich. Und der Teppich verschwimmt in dem allgemeinen Bunt einer unentzifferbaren Stickerei. Violette Höhen im Süden. Im Norden der Horizont auf dem hoch sich wölbenden Meer. Zuletzt die ganze deutsche Ebene noch wie in einem Riß, — dann der Riß sich schließend, Wolken, unendliche weiße Ein¬ samkeit. Die höchste Ballonhöhe: Berson im „Phönix“ mit 9000 Metern, der leere „Cirrus“ bis 18000. Im Sinne des Altertums müßtest du jetzt die berühmte kristallblaue Himmelsglocke schneiden, auf der die Götter wandeln. Aber kein Kristall taucht dir auf, kein schneeiger Venus¬ leib spiegelt sich darin. Nur die blaue Farbe hast du wirk¬ lich durchschnitten. Die feinen Wasserbläschen reflektieren über dir kein Blau mehr. Gespenstisch rabenschwarz ist der Himmel, — die Sonne weißglühend darin wie das scharf um¬ randete Loch eines Hochofens. Mit eisiger Hand greift hier schon die Polarkälte des Weltraums zu dir heran. Bei jenen 18000 Metern schon 67 Grad unter Null. Allmählich dann bis zur Hundert herab. Unten schmelzen jetzt auch die Wolken¬ bänke zu Flocken und Streifen ein. Die Erde erscheint wieder, aber tonnenartig nach innen eingewölbt wie ein gähnender Trichter. Höher. Die Atmosphäre geht zur Neige. Bei zwei¬ hundert Kilometern ist sie so gut wie fort. Geheimnisvoll zeigen sich an diesem Luftufer nur noch die letzten Auswürf¬ linge des tieferen atmosphärischen Ozeans angespült. Da schweben Teilchen vulkanischer Asche und leichteste Bakterien¬ keime, wohl das Einzige, was die sausende Erde unablässig in den Raum hinein verliert. Dazwischen aber schon Gäste des Neuen. Vielleicht durchquerst du die rätselvolle Gasschicht, die uns da oben in der bunten Strahlenkrone des Nordlichts erglüht. Der feine meteorische Nickeleisen-Staub des Alls beginnt reichlicher auf dich einzufallen. Unter dir verpufft wie eine platzende Bombe ein derber Meteorstein durch die Reibung an der unaufhaltsam rasend von West nach Ost gedrehten Lustwalze. Noch ein Ruck: der freie Raum. Frei bis zum Monde. Doch du beschleunigst deinen Flug. Lichtgeschwindigkeit nimmst du an. 40000 Meilen in einer Sekunde peitscht sich die Ätherwelle, die von uns als Licht empfunden wird, dahin. 51000 Meilen bloß steht der Mond von der Erde ab. Also noch nicht anderthalb Sekunden hast du bei solcher Geschwindig¬ keit bis zu ihm. Ein Sprung wie von einem Stuhl herab — und du sitzt auf dem Mond. Hexerei der Physik. Am Rande einer der ungeheuren Kraterhöhlen. Tausende von Metern unter Dir, unter schwindelnder Wand, eine endlose, wellige graugelbe Ebene. Der Schatten des Zackengrates, auf dem du hängst, fällt in gigantischen kohlschwarzen Hörner-Silhouetten weit in die blinkende Fläche ein. Fern ein einzelner steiler Pik, — der Zentralkegel des Kraterkessels. Mysteriöse Farb¬ flecke hier und da in der Ebene. Grüne, blaue. Sind es Wälder giftgrüner Kristalle ..... oder eine phantastische Pilzvegetation, mit eukalyptushohen Stengeln und Dächern wie Paläste groß? Doch du richtest den Blick in die Höhe. Da schwebt die Erde. Die Volva, wie Kepler sie in seinem „Traum vom Monde“ selenitisch getauft hat. Ein freier Riesenglobus. Das Polareis des Nordpols erzeugt einen Reflex, daß das Auge blinzelt. Es ist die Gegend gerade, die selbst der Mensch noch nie ganz durchmessen hat. Von da abwärts die Meere grünblau. Rötlichgelb die Sahara. In sattem Smaragdgrün der Tropengürtel Afrikas und Brasiliens. Über Teile von Europa dampft langsam eine blendend weiße Wolkenbank ab. Wo dein See hier liegen müßte, ist es gerade wieder ganz klar. Aber umsonst, daß du ihn suchst. Er ist viel zu winzig. Ein mikroskopisches Pünktchen. Kaum daß du den ganzen Raum zwischen Mittelmeer und Nordmeer gewahrst und die größten Tatzen, die der kleine Erdteil in diese Meere schiebt. Und keines unserer Riesenfernröhre, auf diese selenitischen Kraterzacken gestellt, würde dir je auch nur einen einzigen der Menschen zeigen, deren Lust und Weh zu dieser Stunde fünfzehnhundertmillionenfach sich auf dieser Kugelwölbung aus¬ jauchzt und ausweint. Schon nach 51000 Meilen Weg nur noch Wasser, Land und Eis, und die Kugel selbst, — aber kein Menschenantlitz mehr ..... Doch du rastest nicht. Weiter im Fluge. Was ist ein Weg von noch nicht anderthalb Sekunden Lichtbahn in diesem schwarzen, sterndurchglühten Raum. Nimm drei Minuten Lichtflug. Schon lange innerhalb der ersten schmilzt der Erden¬ globus zu einer kleinen glitzernden Mondsichel mit zartester Schattenzeichnung, neben der die wirkliche Mondsichel bloß als silberner Punkt steht. Am Ende der dritten Minute faßt du auf einem der kahlen ziegelroten Hochplateaus des Mars Posten. Es ist späte Nacht und am Dämmerhimmel der Seite, wo der Tag werden will, steht ein Morgenstern, so hell wie bei uns die Venus. Das ist die ganze Erde. Ein Lichtpunkt im Firma¬ ment. Weder Meer noch Erdteile unterscheidet dein bloßes Auge. Der Mond ist unsichtbar mit im Glanz. Auf diese Ferne von sieben Millionen Meilen existiert er für deinen Blick nicht mehr selbständig. Ein schöner Stern immerhin. Wie eine weiße Blume blüht er noch lange im Osten, während das Morgenrot darunter in roten Streifen über die Ebene da unten aufbricht und mit blutigen Reflexen in das weite Kanal¬ netz überall einschwimmt ...... Zehn Minuten Flug. Nach einer schon wieder ist der ganze Mars selber ein gelbroter Stern. Nach zehn wölbt sich über dir ein gespenstisch blasser Nebelbogen durch das Firma¬ ment. Du bist auf dem Saturn. Der Ring schwingt sich da oben hin. Im Himmelsausschnitt funkeln Sterne. Wo ist die Erde? Du suchst umsonst. Ihr Lichtpünktchen ist so klein, daß dein Auge sie ohne Glas nicht mehr findet. Auch die Sonne selber ist schon tief herabgeschmolzen wie eine kurzgedrehte Gasflamme. Vier Jahre Flug. Die Lichtkraft, die dich in noch nicht anderthalb Sekunden von der Erde auf den Mond warf, braucht vier Jahre, um die vier Billionen Meilen bis zum nächsten Fixstern zurückzulegen. Auf einem Planeten der roten Doppelsonne Alpha im Sternbild des Centauren machst du Halt. Und wieder ist Nacht und dein Auge sinkt erschauernd in das Sternenmeer. Ein Lichtpünktchen dort, im silbernen Staube zwischen den tausenden wirbelnd: die Sonne. Sie selber ist jetzt nur noch ein kleiner Stern. In dieses Stern¬ leins Licht zugleich aber stecken jetzt alle die Planeten unsicht¬ bar mit, die weiße Venus, der rote Mars, der riesige Saturn mit seinen Ringen, der endlos ferne Neptun. Und deine Erde selbst. Alles in allem nur noch ein Pünktchen. Ein Silber¬ stäubchen, das in Wirklichkeit die Größe der Neptunbahn, also mehr als neuntausend Millionen Kilometer Durchmesser, um¬ schließt. Doch auch das ist dir noch nicht fern genug. Du nimmst größere Geschwindigkeit, als das Licht besitzt. Du durchquerst die ganze Fixsternwelt. Bunte Doppel¬ sonnen und Triosonnen kreuzen deinen Weg. Planeten solcher Systeme, die heute eine blaue Sonne am Himmel haben, daß alles wie in die blaue Grotte von Capri eintaucht, morgen eine grüne, daß die Landschaft im smaragdenen Kristall des Vierwaldstätter Sees versinkt, und nächstens eine rote, daß es wie Höllenfeuer über Meer und Gebirge stammt. Und jeder Planet mit fühlenden Wesen, ähnlich dir. Die Sternbilder zerbrechen vor dir zu solchen Blütengärten, die Milchstraße fließt auseinander zu buntem Schaum. Dein Sonnensternchen aber ist längst untergegangen im Weltenmeer. Doch du fliegst und fliegst. Und du Ahasverus des Alls wirst eines Jahres alles überflogen haben, was wir Menschen von der Erde aus an Sternen kannten. Die ganze, ganze Fixsterninsel, zu der unsere Sonne im Engeren gehört, das ganze System von Fixsternsonnen, Sternhaufen, Nebelflecken schließlich, das noch dämmernd sein Licht da und dort zu uns nieder schickt, — das alles, alles hast du eines Tages hinter dir. Und wenn du nun im Fluge dich umschaust, so schmilzt es in seiner Allheit hinter dir zusammen zu einer leuchtenden Schneewolke, einem blanken länglichen Silberschild, einer fernen glimmenden Axenstelle des unendlichen schwarzen Raumes. Und wieder, da du eine lange Weile geradeaus vorwärts ge¬ flogen, wendest du dich: da ist dieser ganze Sternenhimmel mit all seinen Sonnen und Nebelflecken nur wieder ein ein¬ zelner Stern , — ein einziger Lichtpunkt in der Weite, aus der du steigst, — Millionen Weltkörper alle wieder in einen Punkt gebannt. Schau es recht an, dieses glimmende Sternchen. Deine Fingerspitze magst du davor halten — und sie verdeckt es. Es ist nicht größer, als das brennende Stäubchen, das von deiner Zigarre fällt. Und doch Millionen und Millionen Erden in diesem Licht, alle mit Hoffen und Sehnen der Menschenbrust. Und alles, was diese Menschenaugen sehen in ihrem höchsten Moment, dieses glühende Firmament mit all seinen brennenden Fragen, — alles, alles in dem einen, einen kleinen weltverlorenen Sternenpunkt. Nicht bloß du bist als früherer Mensch dort darin, sondern alles, was dieses Du im Weitesten war, die ganze Welt, die in diesem Du sich spiegelte, durch dieses Du hindurch ging. Ja, es ist eine „Welt“, dieser Stern dort, eine ganze, in sich geschlossene Welt .... Doch dein Auge wandert. Da sind ja noch mehr Sterne. Wieder Sternbilder, Sternhaufen, Nebelflecke, wie dort drinnen. Dein Weltenstern ist schlicht dabei. Sieh, er bildet sogar mit anderen ein Sternbild, ein geheimnisvolles Dreieck, und dieses Dreieck ist wieder das Schwert nur einer überweltlich riesigen, aus Weltensternen aufgebauten Oriongestalt. Alles wie bei uns. Bloß jeder Stern nicht eine Sonne, sondern eine ganze Welt. Du landest auf einem Planeten dieses Jenseitsreichs. Andere Wesen wohnen dort, in anders gewaltigen Dimensionen als die irdischen. Wie ihre Raumbegriffe Welten statt Sterne fassen, so ihr Zeitbegriff Jahrmillionen als Moment. Erst solche Momente aus Millionen setzen ihre Zeitenfolge zu¬ sammen. Ein solcher Mensch tritt vor seine Thür. Er schaut in seinen Sternenhimmel. Und wie es Tycho de Brahe einst ging, an jenem wunderbaren Abend des 11. November 1572, als er plötzlich die altvertraute Kassiopeja suchte und einen neuen, nie geschauten schneeweißen Funkelstern darin gewahrte von Jupitergröße, — so sieht er ein fernes Sternlein gerade aufglimmen an einer Stelle, die vorher dunkel war. Er wundert sich und merkt sich die Stelle. In der nächsten Nacht schaut er wieder hin. Und das Sternlein ist schon wieder verglüht. In einem Tage. Er sieht schon nichts mehr. Und der Mann des Überwelten-Sternes stützt die Stirn auf die Hand und sinnt. Armes Loos dieses Sternleins. Die ganze Vergangenheit hatte daran gebaut, daß es glühte. Und nun glüht es ein paar Stunden und fällt wie eine Rakete ab. Wie ist es uns hier ganz anders geworden. Seit Äonen unserer Zeit kommen wir in steter Entwickelung empor, in Äonen steigen wir weiter, da ist noch kein Absehen. Und dieser arme Stern von zwölf Stunden! Was hat er geleistet? Ein paar Stunden etwas Licht ausgestrahlt. Gerade genug, um meine Netzhaut hier eben zu berühren. Und dann sofort ins Nichts. „Singt der Stern auch, Papa?“ .... Die zwölf Stunden jenes Menschen waren inner¬ halb des verschollenen Sterns hunderttausend Trillionen Jahre. In diesen Jahren mußte für jeden Einzelstern die Epoche seiner Glut, die jener Mensch allein sehen konnte, vorüber sein, damit die herrliche Entwickelungsphase, die wir organisches Leben nennen, überhaupt eintreten konnte. Was jener Mensch in dem Augenblick sah, da ihn das Weltensternlein auf der Netzhaut kitzelte durch einen Lichtreiz, — war eigentlich nur die barbarische Urform seiner Geistwerdung, da es noch rein als Glut ausfloß; für die Entwickelungsform des Intellektuellen, die erst nachfolgte, hatte er keinerlei Sinn von seinem Stand¬ punkt aus. Ihm aber war mit dem Aufhören dieses plumpen Netz¬ haut-Reizes einfach „alles zu Ende“. Was sollte auch in Zeit von ein paar Stunden sich da viel entwickelt haben! Dummheit. Es war eben eine müßige Naturverschwendung, solcher Stern. Ein himmlisches Samentierchen, das nicht in die forttreibende Lebenswelle, sondern auf die kalte Leinewand gefallen und dort alsbald wieder verdurstet, vertrocknet war. Sie warfen mit ungleichen Würfeln da oben. Dieser nichts und jener alles. Trübe Welt! Und der Mensch dort unter seinen Weltensternen und mit seinem Millionenjahre-Zeitbegriff stützte den Kopf auf und schmollte. Trübe Welt. Dumme Welt. Unberechenbare Welt ..... Träume. Aber wenn du so tief ins Philosophische willst, hast du überhaupt nichts als Träume und Analogien. Immer, wohin du auch siehst und was du auch siehst: immer hast du nur Schnittflächen von Entwickelungen. In jedem Stäubchen schachteln sich Welten zusammen. In jedem Fall eines Stäubchens rauscht die Entwickelungswelle von Welten an dir vorbei. Ändere dir den Größenblick und jedes Tröpfchen Lebens¬ substanz deines Gehirns umfaßt Siriusweiten, Räume, durch die das Licht hundert Jahre zum Fluge brauchte. Ändere ihn, — und unser ganzes Fixsternsystem schmilzt zu einem Tröpfchen ein in einem Gehirn, und die Sonne dort ist ein schwingendes Molekül im ungeheuren Verbrennungsprozeß einer Gedankenfabrik, die Fixstern-Gedanken denkt. Das verschmachtende Samentierchen so gut wie der aus¬ wachsende Mensch sind Schnittecken solcher Entwickelung. Ein¬ mal siehst du nur einen Punkt, einmal ein längeres Stück im Schnitt, einen Stamm gleichsam, der im Querschnitt Jahres¬ ringe setzt. Was willst du? Ein Ganzes, ewig Fortschreitendes siehst du als solches hier so wenig wie dort. Dein Samen¬ tierchen, das dich hat bilden helfen, ist nicht auf einer Leine¬ wand eingetrocknet. Du bist daraus geworden. Aber was ist dieses Du? Morgen liegst auch du auf einer Leinewand, keuchst und ringst nach Wärme, Luft und Licht, — und stirbst ebenso, bloß so und so viel Jahre später, heraus aus einem Leben der vollen Kraft, das den Sternenhimmel geschaut, das Goethe gelesen, das unter Liebesschauern und Erkenntnis¬ schauern und Schönheitsschauern gezittert hat, — aber doch heraus — in dasselbe „Nichts“. Nämlich in denselben Längsteil unbekannter Entwickelungen hinein, von denen du unabänderlich dort wie hier nur den Querschnitt siehst, der sich gerade in deine Lebensebene projiziert. Ein Punkt hier, — ein kleiner Stammes-Querschnitt mit Jahresringen dort. Aber du hast in jenem Bilde gesehen: der Punkt schon, ein einsames leuchtendes Lichtpünktlein im All, kann eine ganze Welt von Trillionen Sonnen umschließen, um die Quadrillonen Erden voll sehnsuchtsvoller Menschen¬ augen kreisen innerhalb des einen Punktes. Den erwachsenen Menschen schneidest du im Gegensatz zum Samentierchen ein zeitlich längeres Stück, nicht mit einem Punktquerschnitt bloß, sondern mit einem erweiterten Querschnitt vieler konzentrischer Kreise, die sich im Laufe von vierzig oder sechzig Jahren um diesen Punkt legen. Schließlich aber hört dir der eine Schnitt für dein Sehen so gut wieder auf wie der andere. In dir liegt offenbar die Verschiedenheit. 22 Du lebst gerade in einer Weltenschau, die die vertrocknenden Samentierchen in ihrem Entwickelungsloos augenblicklich und für immer verliert, — während die anderen, aus denen ein Mensch von deinesgleichen wird, in deine Welt, so lange sie Mensch sind, hineinwachsen, sich dir sichtbar, hörbar, fühlbar machen. Nur was von Milliarden gerade in die Form der Menschwerdung tritt, siehst du, erlebst du weiter, — alles andere tritt für dich in die Versenkung ein. Aber wie willst du da nun werten, willst du abwägen? Wenn ein Sternen¬ punkt der Schnittpunkt eines ganzen Kosmos sein kann, — willst du einen Menschen ohne weiteres gegen einen Kosmos stellen? Das Wiederverschwinden aus deinem Gesichtskreise kann doch kein Werturteil für sich abgeben. Denn auch der Mensch in der Höhe all seiner Kraft entschwindet dir eines Tages ebenso doch noch, schließlich. Und was weißt du im Grunde von ihm so viel mehr als von dem vertrocknenden Samen¬ tierchen, das gerade das Loos hat, augenblicklich zu gehen? Aus dem „Nichts“ kommt ihr, ins „Nichts“ geht ihr. Dieses „Nichts“ zu verklären mit dem ewigen Entwickelungsgedanken, in ihm das Ganze zu ahnen, von dem wir nur die zufälligen paar Querschnitte sehen, durch die gerade unsere Existenzphase eben durchschneidet, — das ist zuletzt die wesentlichste Aufgabe aller Naturerkenntnis, aller Weltanschauung. Und so ist es auch die wahre Erlösungs-Philosophie des auf kalter Leinewand verschmachtenden Samentierchens. Tiefinnerlichste Wege scheiden sich hier. Wenn du in dem Weltgeschehen überhaupt bloß ein Nonsens, einen weltengroßen Unsinn siehst, — dann ist der weltengroße Goethe in seinem Sterbesessel auch nur ein armes verelendendes Samentierchen, das nach einem wilden Liebes¬ spiel auf der Bettdecke liegen geblieben ist und mit dem Schwänzchen zuckt, bis der letzte Rest Wärme und Feuchtig¬ keit entschwindet und der alte Schnitter Tod es in die kalte Garbe wirft. Laß deine Wolken ziehen. Und laß uns in der Kette dessen bleiben, was wir als grünen Plan mit bunten Blüten immerhin schon verfolgen können von unserer Selbstherrlichkeit. Setze das Fernrohr wieder von der Welt ab auf deinen Stern, den Stern Mensch. Auf dich hier im Grase, diesen handgreiflichen Querschnitt aus nackter weißer Haut, sehnenden Sternen-Augen und heiß wallendem Liebesblut .... Wir haben unser Problem auf einen neuen Moment gestellt. Der Mensch, noch im Tiere, aber prometheisch bereits aufwärts drängend, fand in seiner Liebe die engere Wahl . Mann war auf Weib, Weib auf Mann endlich wunder¬ bar eingestellt. Aber nun blitzt ein neues Licht. Ein neuer Entwickelungsquerschnitt wird im Großen auch hier sichtbar. Ein bestimmtes Individuum im anderen Geschlecht der¬ selben Art wird gewählt. Was tritt hier alles in Kraft? Eine hochbedeutsame Arabeske gilt es zunächst zu ver¬ folgen. Einen Distanceweg über das Auge . Aber hinter diesem Auge stehen geheimnisvolle Eigenschaften deines Urwesens, die schon im Tiere vorbrechen. Folgen wir ihnen zunächst im Tier — um sie dann für den Menschen fortan als ein Leitmotiv seines Menschheits¬ ganges zu besitzen wie etwas Selbstverständliches bei seiner Liebe. 22* E s war an einem goldenen Herbsttage in Dresden. Die Silhouette der Altstadt mit ihren span¬ grünen Dächern in einem Kranz tiefroter Blätter des wilden Weins; und in Stadt und Stimmung etwas übermütig Lustiges, das aller hergebrachten Herbstmelancholie Hohn sprach. Ich war ein paar Stunden lang durch die große Galerie gewandert, ohne Bädeker, bloß als behaglich freier Schwimmer im blauen Meer menschlicher Hochkunst. Ein¬ mal wieder war sie an mir vorbeigezogen: die ganze bunte Überwelt, die der Mensch auf dieser dunklen Erde sich selbst erschaffen — von der weinverwegenen Lebensfreude der Nieder¬ länder bis zu der strahlenden Idealgestalt der weltgewordenen Liebe, vor der Friedrich Albert Lange einst die Frage gestellt, welcher Philosoph wohl jemals die Sixtinische Madonna „widerlegen“ werde ... Ganz noch im Bann dieser Herrlichkeiten schlenderte ich durch den alten, lieben Zwingergarten mit seinen brennend roten Geranienbeeten und seinem Dornröschenzauber inmitten der rasselnden Großstadt. Schlenderte hinüber ins zoologische Museum, das stilvoller als wohl irgend ein zweites seines gleichen, in den Gängen und Pavillons dieses Zwingers seine Heimat hat. Es hat das vornehme Haus schon einmal mit seiner Existenz bezahlt, damals, als im Straßenkampfe von 1849 die Flamme hineinfiel und seine Schätze fraß. Aber aus den ver¬ kohlten Räumen ist es zu erneuter Kraft auferstanden, heute abermals der besten eines im deutschen Land. Wer mit dem frischen Kuß der Kunst auf der Stirn kommt, wie ich in diesem Moment, dem leuchtet aber alles in einem fremden Licht. Ich kam nicht, um lateinische Namen auf den Schildern trüber Spiritusgläser zu entziffern. Durch die schönen lichtfreien Zwingerfenster flutete auch hier das ganze Herbstgold herein. Ein Hauch des Lebendigen zitterte über die grotesken Fratzen ausgestopfter Tierwelt von nah und fern. Und mit dem Leben zugleich etwas, das im innersten noch mehr, noch höher war. Ich sah heute nicht die Drähte, die nachhelfenden Fäden, die diese tote Welt zu wissenschaftlichem Belehrungszweck noch einmal zusammenhielten. Aber mir war, als zögen sich feine, nur im äußersten Silberglast wahrnehmbare Fädlein hinüber von dieser reglos erstarrten Tierwelt des Naturforschers zu jener leuchtenden Farbenwelt in dem Kunsttempel da drüben. In solcher guten Stunde grübelst du, verbindest und vergleichst wie ein Sonntagskind, das den grünen Wald und den blauen Himmel auf einmal ganz neu anschaut und auch fühlt, daß es von ihnen mit den Augen eines viel tieferen, geheimnisvolleren Lebens angesehen wird. Das Dresdener Museum besitzt einen Schatz, für den Naturfreund an Rang sehr wohl vergleichbar jener nahen welt¬ berühmten Schatzkammer des „Grünen Gewölbes“ mit ihren gleißenden Edelsteinen, die jedermann kennt. Kaum daß du dich in das Labyrinth der Glasschränke voll zoologischer Selt¬ samkeiten etwas vertieft hast, zwischen schwarzhaarigen Gorilla- Leibern und zu Häupten ein ungeheueres, die Decke entlang gezogenes Skelett des Finn-Walfisches, — so liest du auf einer Tafel mit einem Richtungspfeil: „Zu den Paradiesvögeln.“ Das ist der Schatz. Gewaltige Spiegelscheiben, — und dahinter ein Schimmern und Gleißen der wunderbarsten Farben und Formen, ein leuch¬ tender Regenbogen, in wechselnden Lichtern gebrochen auf dem Federkleid tierischer Gestalten. Und das also jetzt eine der reichsten Sammlungen der Welt von jener Gruppe rabenähn¬ licher Vögel, die der gläubige Sinn einst in romantisch spielen¬ der Zeit einer kindlichen Naturforschung „Paradiesvögel“ getauft hat, mit einem jener glücklichen Griffe naiver Phantasie, denen die fortschreitende Erkenntnis doch immer wieder einen Sinn giebt. Es blüht kein Paradies heute auf Erden, auch in keinem entlegensten Tropenwinkel. Und doch ergreift auch den Sinn des schlichtesten Beschauers noch jetzt vor diesen seltsamen Wesen ein dunkles Ahnen, daß es etwas Besonderes um sie sei. Sie sind so schön ! Es ist wie ein Aufatmen, wenn du aus all den Fratzen und gaffenden Mäulern der Museumsgründe hier¬ her auftauchst. Das ist ja nicht mehr Wissenschaft hier, — das ist Kunst ! Wie vielen mag das auf der Lippe gelegen haben. Dort schwebt, zierlich ausgestopft, einer der kleinsten in der Reihe, der sogenannten Königsparadiesvogel. Ein zartes Tierchen, nicht so groß wie eine Drossel. Aber welches Juwel. Nimm einen Krammetsvogel und tauche ihn an Kopf, Rücken, Schwingen und Schwanz in ein förmlich aufflammendes Zinnober¬ rot, mit einem Glast gesponnenen Glases, der sich auf dem Kopf zu einem sammetenen Orange verklärt. Die Bauchseite sei seidenweiß, wo aber diese weiße Seide an den roten Sammet des Kopfes stoßen will, etwas unter der Kehle, da spinnt sich dazwischen noch ein Band von tiefem Smaragdgrün wie der Bausch einer Ordensschleife. Goldgelb sticht der Schnabel aus dem Rot, kobaltblau die Füße aus dem Weiß. Rechts und links von dem grünen Brustbande aber erheben sich, von den zimmetroten Schwingen unabhängig, je ein Büschel langer Federn fächerartig empor, jeder Fächer erst silbergrau, dann gegen den Rand abermals grün wie ein Reifen schillernder Smaragde. Und endlich aus dem roten Schwanz sich zu un¬ geheurer Länge leierartig herauslösend zwei dünne Federstrahlen, deren Spitzen halbseitig mit goldgrünem Fahnenbart versehen und spiralig eingerollt je ein schillerndes Smaragdplättchen abermals für sich bilden, — eine feenhaft nachschwebende Guir¬ lande, wie sie kein zweiter Vogel der Welt so besitzt. Sage und Naturforscher-Romantik weben sich gleichmäßig um diesen Prachtkerl. Um die Mitte des sechzehnten Jahrhunderts berichtet der alte Konrad Geßner von ihm. Mit allerlei Köstlichkeiten war von den Sunda-Inseln auch ab und zu ein Balg von ihm herübergekommen. Wo er eigentlich zu Hause war, konnte man nicht wissen, denn die ganze Wunderwelt von Neu-Guinea, das wahre Paradies dieser Paradiesier, lag der Geographie von damals ja noch im Nebel. Aber einen einheimischen Namen will Geßner schon kennen: Manucodiata, das „Vögelein Gottes“. Ohne Füße werden sie geboren, diese Vögelein Gottes, wie er meint. Nie berühren sie im Leben die profane Erde. Des Männleins Rücken bildet einen hohlen Winkel und das Weiblein hat einen vertieften Bauch. Indem die Eltern sich nun eng aneinander schmiegen, bilden sie so zwischen sich ein natürliches warmes Nest, in dem die Eier ausgebrütet werden, während das Elternpaar in den Himmeln schwebt. Und damit das treue Paar sich nicht zufällig löse, wickelt das Männlein jene beiden langen dünnen Schweiffedern die Zeit über fest wie einen „Schuhmacherdraht“ um den Leib der brütenden Mutter. Die Historie ist so sinnreich erfunden, daß man sich fast wundert, daß sie nicht wahr ist. Denn die Natur ist ja un¬ erschöpflich in ähnlich verwickelten Methoden bei erschwerter Brutpflege. Lieblich erfunden ist auch die kleine Wilden-Geschichte, die Geßner beifügt: vom Vöglein Gottes als Bekehrer zum Unsterblichkeitsglauben. „Die Könige Marmin in den Inseln Molukkis“, erzählt er, „haben vor wenig Jahren die Seelen untötlich seyn anfangen zu glauben, und das auß keinem andern grund, dann daz sie etwan ein sehr schönes vögelein, so nimmer weder auff die Erden, noch ander Ding sitze, vermerkt haben, sondern daz es zu zeiten auß der hohen Luft auff das Erdt¬ reich also todt hinabfalle. Und als die Machumeten, so dann umb Kauffmanschatz willen zu jhnen kommen, diesen vogel im Paradiß, welches dann das ort der abgestorbenen Seelen were, geboren seyn bezeugten, da haben die Könige die Machumetische Sekt angenommen, darumb daß dieselbge von diesem Paradiß viel großes verhiesse und zusagte.“ Dreihundert Jahre später folgt eine Stunde schillerndster Naturforscher-Romantik. Es ist im März 1857, auf einer der kleinen Aru-Inseln dicht bei Neu-Guinea. Ein englischer Sammler, Herr Alfred Russel Wallace, hat sich hier einquartiert, um Vögel zu schießen und Schmetterlinge und Käfer zu fangen. Es ist derselbe Wallace, der wenig später als Mitbegründer der Lehre von der natürlichen Zuchtwahl neben Darwin berühmt geworden ist. Die Aru-Inseln waren damals für einen Zoologen jungfräu¬ liches Gebiet. Wallace schickt seine Burschen auf die Jagd und einer bringt einen bunten Vogel heim. Es ist der erste Königsparadiesvogel, den ein Naturforscher an Ort und Stelle frisch vom Schuß erhält. Äußerst anziehend schildert Wallace, wie der Tag für ihn ein Fest war. Einer der Zwecke seiner ganzen Reise war damit erfüllt. „Die Empfindungen eines Naturforschers, welcher lange gewünscht hat, das Ding in Wirklichkeit zu sehen, das er bis jetzt nur nach einer Beschreibung, nach Zeichnungen und nach schlecht erhaltenen äußeren Körperdecken kannte — speziell wenn dieses Ding von außerordentlicher Schönheit und Seltenheit ist — bedürften einer poetischen Ader, wenn sie vollkommen zum Ausdruck gelangen sollten. Die entfernte Insel, auf der ich mich befand, in einem fast unbesuchten Meere, weitab von den Straßen der Kaufmannsflotten, die wilden, üppigen, tropischen Wälder, die sich weit nach allen Seiten hin ausbreiten, die rohen, unkultivierten Wilden, die mich umstarrten, — alles das hatte einen Einfluß auf die Empfindungen, mit denen ich diesen Inbegriff der Schönheit schaute.“ Er schwebte allerdings nicht im Sinne Geßners ewig durch den Äther, dieser Inbegriff der Schönheit. Wallace sah diesmal sehr genau die blauen Füße vor sich, die an früher bekannten Bälgen stets erst nachträglich von den Eingeborenen abgeschnitten worden waren. Aber der unmittelbare Reiz des Schönen blieb. „Ich dachte an die lang vergangenen Zeiten, während welcher die aufeinander folgenden Generationen dieses kleinen Geschöpfes ihre Entwickelung durchliefen — Jahr auf Jahr zur Welt gebracht wurden, lebten und starben, und alles in diesen dunklen, düsteren Wäldern, ohne daß ein intelligentes Auge ihre Lieblichkeit erspähte, — eine üppige Verschwendung von Schönheit.“ Der Gedanke stimmt ihn melancholisch. Er sagt sich, daß der Kulturmensch, wenn er wirklich in diesen entlegenen Wald¬ winkel kommt, die schwachen Vögelchen sogar rasch zum Aus¬ sterben bringen wird — eine Prophezeihung, die heute schon für das ganze Paradiesvogel-Geschlecht sich in Wirklichkeit zu verwandeln droht. Und so philosophiert er, daß diese köstliche Naturschöpfung nicht um des Menschen willen allein entstanden sein könne, sondern einen eigenen Selbstzweck der Existenz besitzen müsse. Ich bin auf diese Entdeckungsgeschichte hier so genau ein¬ gegangen, weil sie einen Maßstab dafür giebt, wie dieser Vogel immer wieder gewirkt hat. Der rohe Eingeborene, der geschäfts¬ kühle überseeische Händler, der hausbackene Gelehrte des sech¬ zehnten Jahrhunderts in seiner Apothekerstube daheim, und dann wieder der feinsinnige Philosoph und Naturforscher des neunzehnten Jahrhunderts, sie alle lassen im Anblick dieses Vogels die Tagesarbeit einen Augenblick sinken, sinnen, dichten Märchen; selbst der strenge Forscher sucht eine poetische Ader und philosophiert über Gott und Welt. Worte wie Gott, König, Paradies, Inbegriff der Schönheit werden beschworen, um ihm einen Namen zu geben. Und dabei ist dieser Königs-Paradiesvogel nur einer unter vielen in langer Reihe. Der zierlichste, aber nicht einmal auf¬ fälligste seiner Familie. Da ist in dem bunten Museumsbilde der sogenannte „große Paradiesvogel“, eigentlich der bekannteste Typus der Gruppe. Auch er im Grunde noch kein großer Vogel, einer Dohle etwa gleich. Aber die Empfindung der Größe entsteht durch die ungeheuerliche Verschwendung gewisser Federn. Der echte Vogel¬ leib ist beinah schlicht gefärbt, braunrot, nur im Nacken mit einem Goldband und von der Kehle bis über die Augen sammet¬ grün. Aber an den Seiten dieses Leibes, unter den Flügeln, an einer Stelle, wo man auffallende Federn sonst gar nicht erwartet, ergießt es sich wie eine riesige Welle wogenden Goldes, der eigentliche „Paradiesschweif“, dessen köstliche Federn überall geschätzt sind, der thatsächlich an dem Vogel bloß lose daran hängt, wie der Roßschweif an einem Helm — ein reines Schmuckstück, das mit der hergebrachten Reihe von Nützlichkeits¬ federn an Leib, Flügeln und echtem Schwanz schlechterdings gar nichts zu thun hat. Die Goldwelle beherrscht aber das ganze Bild des Tieres als das Auffällige, das eigentlich über¬ raschend Schöne, das Paradiesische. Wer das prachtvolle Geschöpf öfter gesehen hatte, mochte sich ausmalen, wie es wirken würde, wenn diese Welle statt in Gold in einer anderen Spektralfarbe strahlte. Was mochte das zähe Wunderland Neu-Guinea — so spät bekannt geworden, jetzt aber so heiß umworben — hier nicht noch alles bieten! Zu dieser Stunde steht in Dresden der Rudolfs-Paradiesvogel, benannt nach dem Schüler Brehms, Rudolf von Österreich. In der Farbenlehre sagt man: die Komplementär-Farbe zu gelb ist blau. So leuchten jene Schmuck¬ federn dieses Paradiesiers in einem wahren Capriblau, als sei alles Licht italischen Meeres darauf ausgegossen. Wunderbar ist dabei der Gegensatz zu gewissen karmoisinroten Federrändern unter dem Blau, die wie ein Korallenbusch in dieser Bläue liegen. Und auch hier ist diese blaue Welle nicht Flügel, nicht eigentlicher Schwanz, es ist ein Luxus, der aber wie ein magi¬ sches Nixenkleid beim Fluge das ganze Tier umwallt. Es ist das Bezeichnende aller schönsten Paradiesvögel, diese Luxusleistung. Dem Wallace-Vogel, der sonst ein graues Vöglein ist, blos mit einem violetten Krönchen auf dem Kopf, schießen aus der Brust wahre Standarten metallischen Grüns, und von den Schultern heben sich noch besonders vier schneeweiße Riesenfedern, die sich senkrecht gegen die Flügel aufrichten lassen. Dem König-Alberts-Vogel wallen zwei einzelne Federfahnen, um ein vielfaches länger als der ganze Vogel sonst, in ab¬ wechselnd blau und weißer Porzellanfärbung wie ein ungeheuer¬ liches buntes Akazienblatt hinter dem Ohr hervor. Noch andere der Reihe sind schwarz wie Anthracit und aus dem Muschelbruch dieses Anthracitkörpers bricht es plötzlich in grünem oder violettem oder goldrotem Erzglanz wie eine große Flamme heraus, ungeheuerliche Kopfhauben, lange Papa¬ geienschwänze, Fächer und Diademe aller Art. Und immer daß der Beschauer staunt: wie schön! Abbildungen zeigen dir durchweg nur ein ganz ungenügendes Bild, zumal sie meist die Metallfarben stumpf wiedergeben. Aber eine echte Sammlung wie diese Dresdener überwältigt, bezwingt. Du mußt nachdenken, mußt überlegen, was das soll: solcher Schönheitsrausch bei Geschöpfen eines entlegensten Ur¬ waldes. Noch heute ist Neu-Guinea ja im Innern das unbekannteste Land der Erde. Schon der brave Wallace empfand es, wie dieses spröde Heiligtum der Natur ordentlich verbarrikadiert war, als sollte der Mensch nicht heran. Unablässig rollt der volle Wellenschlag des Stillen Ozeans gegen die Nordküste an. „Das ganze Land ist felsig und gebirgig, überall mit dichten Wäldern bedeckt und bietet in seinen Sümpfen, Abgründen und gezackten Bergrücken ein fast unübersteigbares Hindernis gegen das unbekannte Innere hin. Die Bewohner sind gefähr¬ liche Wilde auf dem niedrigsten Zustande der Barbarei. In solch einem Lande und unter solch einem Volke findet man diese wundervollen Naturprodukte, deren auserlesene Schönheit in Form und Farbe und in der seltsamen Entwickelung des Gefieders darauf angelegt ist, die Bewunderung und das Staunen der zivilisiertesten und geistig am weitesten vorgeschrittenen Menschen zu erregen und dem Naturforscher unerschöpfliches Material für sein Studium, dem Philosophen für seine Spe¬ kulationen zu gewähren.“ So Wallace vor beinahe dreißig Jahren. Die Situation ist noch immer im wesentlichen scharf gezeichnet. Mir aber, wie ich so von der Sixtinischen Madonna zur Paradisea Rudolphi kam, durch die That weniger Schritte im Zwingergarten zu Dresden, drängte sich mit tiefem Nachdruck die Frage auf: wo liegt hier das Band? Und giebt es wirklich eins? Man muß notwendig einen Augenblick überlegen. Und es scheint so, als wenn du zunächst zweierlei gänzlich verschiedene Dinge von einander trennen müßtest. Hier steht die Madonna Rafaels oder sonst ein köstliches Gemälde der Dresdner Gallerie. Und ich schaue sie an und sage: das ist schön . Ich sage es, ich von meinem menschlichen Empfinden aus. Ich empfinde das als „schön“. Dabei bin ich mir einer Sache unbedingt gewiß. Jener Maler, Rafael, der das Bild geschaffen, war ein Mensch wie ich. Uns trennen Jahrhunderte, aber im Bereich künstlerischen Empfindens ist das eine kurze Frist. Phidias er¬ greift mich ebenso noch heute, und der ist über zweitausend Jahre älter. Also das fällt fort. Rafael war ein Genie als Maler, was ich nicht bin. Darauf beruht eben seine Kraft, Bilder so nach außen zu projizieren, daß ich heute noch in stiller Andacht davor stehe. Aber auch das berührt nicht die Grundthatsache. Er war ein Mensch. Ich bin einer. Er hatte Schön¬ heitsempfindungen und zwar unbedingt in der Wurzel ähnliche wie ich. Seine persönliche Kraft beruhte nur darin, diese Empfindungen „schaffend“ zu verwerten. Er „schuf“ und ich staune. Aber in Wahrheit kehrt nur das menschliche Schön¬ heitsempfinden, das im Kern auch in mir steckt, auf dem Um¬ weg über seine Meisterschaft zu mir zurück. Und indem ich vor seiner gemalten Madonna alle Tiefen meines Schönheitsempfindens aufgerissen und mit strahlenden Bildern belebt sehe, empfinde ich mich im tiefsten Wesen doch nur selbst . Rafael empfand „schön“. Ich empfinde „schön“. Er schuf auf Grund seines Empfindens „schön“. Ich empfinde sein Geschaffenes abermals als „schön“. Das ist eine einfache Linie, nicht wahr? Sie kommt vom Menschen und geht zum Menschen. Es schiebt sich ein bißchen Vergangenheit hinein, aber sie wird überbrückt. Rafael ist gestorben, sein Bild lebt aber noch. Es lebt mit mir und entzückt mich heute noch. Hier ist alles kristallklar. Nun aber nimm jenen märchenhaft blauen Rudolfs-Paradies¬ vogel. Ich brauche nicht in die Vergangenheit zu gehen. Er selbst lebt neben mir, mein Zeitgenosse — wenn schon in recht verrammeltem fernen Tropen-Eiland. Hier im Museum steht er aber unmittelbar vor mir, nicht als Werk, sondern er selbst. Und ich — ich finde ihn „schön“. Was heißt das jetzt? Ich als Mensch finde ihn schön. Er ist ein Vogel, ein lebendes Wesen weit entfernt von mir. Mir kommt das Wort auf die Lippen: welch herrliches Kunstwerk ist dieser Vogel. Aber da öffnen sich auf einmal die seltsamsten Fragen. Ist der Fall nicht doch ganz anders wie bei Rafael? Rafael, ein Mensch, projiziert Schönheitsdinge nach außen und ich finde sie wieder schön — ein glatter Kreislauf. Das Bild ist im Grunde nur ein Stück von Rafaels Gehirn, in die Zeitdauer hinein projiziert, das Gehirn selbst aber ist Ge¬ hirn des Menschen und ich finde nur wieder, was ich selbst habe, wenn ich auch jene Projizierungskraft für mein Teil nicht besitze. Bei dem Paradiesvogel ist scheinbar nur die halbe Kreis¬ linie ausgeschrieben. Mein Gehirn findet ihn schön, unmittel¬ bar so bald es ihn sieht. Aber ich vermisse zunächst die andere Kreishälfte. Welches Gehirn hat diesen Vogel ersonnen? Hat ihn als „Schönheit“ aus sich herausprojiziert? Auf den ersten Anblick fehlt mir jedes Band. Dieser Paradiesvogel des Rudolf mit seiner Farbenpracht der blauen Grotte von Capri — er flog vielleicht schon in den Urwäldern jenes verwunschenen Neu-Guinea, als zuerst Menschen auf der Erde entstanden. Woher kam seine „Schönheit“? Indem ich sie empfinde, träume ich, ich finde auch in ihr wie in jener Madonna Rafaels etwas wieder . Aber was? Ich gerate ja über jede Grenze des Mensch¬ lichen hinaus. Schön — und schön! Wären die Begriffe doch nicht die gleichen? Laß uns vorsichtig weitergehen, ob sich eine Lösung biete. Das Dresdener Museum zeigt nicht nur die prachtvollsten Paradiesvögel. Auch die übrige Vogelsammlung ist überaus reich gerade an den schönen Formen. Umsichtig aufgestellt, erzeugen sie einen Farbenrausch ohne gleichen. Da sind die Kolibris, deren ganze Farbenleistung meist auf einen kleinen Fleck an der Kehle zusammengedrängt ist, hier aber volle Edel¬ steinkraft besitzt. Da sind die Spechte, die gewisse Farben immer wieder kaleidoskopartig durcheinandergewürfelt zeigen; überblickst du sie, wie es die fast künstlerische Anordnung hier ermöglicht, in langen Farbenreihen, so siehst du, wie die einzelnen Kalei¬ doskopstellungen in Wahrheit Stufenfolgen bilden, eine die andere ablösen, ersetzen, sich auseinander entwickeln lassen. Da sind die Tauben, unsere einheimischen meist so sanft in den Farben, auf den tropischen von den Molukken aber der ganze Schiller üppigster Tropenpracht. Auf einmal dann aber, vor einer neuen Schrankflucht, ein ganz anderes Bild. Grau und braun, jenseits aller Lichterfülle, die zahllosen Arten der Nester all dieser Vögel. Es ist wirklich eine andere Welt. Auf den ersten Blick siehst du, wie alles auf die Nützlichkeit, die Sicherheit, den Schutz hier angelegt ist. Aber mit welchem Genie, unter wieviel tausend Möglichkeiten und Zwangslagen! Da ist das sogenannte eßbare Schwalbennest, das aus kittendem Speichel an die senkrechte Felswand geklebt ist. Das Nest des Schneidervogels, zu dem ein paar große Blätter vom Vogel selbst durch eigens gesponnene Fäden mit dem Schnabel als Nadel regelrecht aneinandergenäht sind. Die Nester der Rohrsänger zwischen Rohrstengeln wie ein Pfahlbau befestigt. Das schwimmende Insel-Nest des Wasserhuhns. Die tollen Flaschenkörbe, die Beutel und Schläuche der Webervögel und Beutelstare, die gleich riesigen Früchten am dünnen Zweig¬ ende, unzugänglich für jeden schwereren kletternden Räuber, zwischen Himmel und Wasser hängen. Bis zu den großartigen schwebenden Heuschobern des afrikanischen Siedelsperlings, die eigentlich nur ein Genossenschaftshaus darstellen, unter dessen sicherem Gesamtdach jetzt erst wieder viele hunderte von Einzel¬ nestchen ruhen. Nicht die äußere ornamentale Schönheit packt hier, so niedlich und sauber oft die Baukunst anmutet. Aber etwas anderes packt diesmal überwältigend: die Achtung vor dem Gehirn dieser lustigen Schar, vor diesem kleinen Organ unter dem dünnen Schädelchen, das du als Schlemmer beim Krammets¬ vogel als besonderen Leckerbissen dir herausklaubst, ohne eine Ahnung zu besitzen, welche feine Geisteswerkstatt da zwischen deinen Zähnen zergeht. Ich will in diesem Augenblick garnicht an die tiefere Frage rühren, wie der erste Siedelsperling oder Schneidervogel auf seine wunderbare Art des Nestbaues geraten ist. Ich will annehmen, daß durch einen geheimnisvoll vererbten Instinkt (wir wissen thatsächlich über diese Vererbung ihrem Wesen nach eigentlich gar nichts, als daß wir ein Wort uns gebildet haben, um etwas Dunkles zu kennzeichnen) jeder Vogel, der heute geboren wird, bereits ein allgemeines Bild seiner Nest¬ form mit auf den Weg bekommt. Was ich aber auch dann immer von neuem bewundern muß, ist die geradezu überwältigende individuelle Leistung nun doch wieder jedes Einzelvogels, dieses Nest nun für seinen Fall in Wirklichkeit herzustellen. Immer und immer wieder sind ja die äußeren Bedingungen etwas anders, immer und immer wieder muß der Nestbau gerade diesem Ast, gerade diesen Rohrstengeln in dieser indivi¬ duellen örtlichen Lage angepaßt werden. Und das vollbringen alljährlich in ihrer Nistzeit nun so und so viel Millionen kleiner und kleinster Vögelchen, mit einer schier unendlichen Beweglich¬ keit ihres winzigen Gehirns in der Wahl des Ortes für jeden neuen Einzelfall und in der Anpassung des allgemeinen Schemas der Nestform an die gegebene Einzelmöglichkeit dieses Ortes. Wer auch hier noch von blindem Instinkt reden will, wirft alles durcheinander. Jedem, der logisch vergleichen gelernt hat, erscheint in dieser Individualisierung das denkbar schärfste Merkmal einer geistigen Thätigkeit, die schlechterdings nur mit unserer eigenen verglichen werden kann. Nun meine ich aber, es sei für unsere ganze Erörterung doch nicht unwichtig, daß wir von einer anderen Stelle her gerade so aufdringlich an das Dasein eines denkenden Gehirns beim Vogel gemahnt werden. Auch unser schöner blauer Rudolfs-Paradiesvogel, von dem wir ausgingen, besitzt ein solches Gehirn. Unsere Kunstvergleichung hatte uns aber auf der Seite des Rafaelschen Gemäldes so sehr nachhaltig auf das Wörtchen Gehirn gestoßen. In Rafaels Gehirn lebte Gefühl für Schön¬ heit. In das Bild der Sixtinischen Madonna wurde dieses Gefühl — gleichsam ein Stück Gehirn Rafaels — hinein¬ projiziert. Durch diese Projektion, als dauerndes, in der Galerie hängendes Gemälde vermag das Gefühl heute noch auf mich zu wirken: es weckt meinen eigenen Schönheitssinn in meinem Gehirn. Der vollkommene Kreislauf! Bei dem Vogel wirkte auch etwas auf mich so, daß ich sagte: ich fühle meinen Schönheitssinn erregt, zur höchsten Be¬ wunderung hingerissen. Aber ich wußte nicht, wo diesmal die Schönheit herkam. Es fehlte mir die Hälfte der Kreislinie. Jetzt scheint ein Lichtpunkt mindestens mehr aufzudämmern. Der Paradiesvogel hat ja auch ein Gehirn! Es ist zunächst nur ein Lichtpunkt, ganz und gar nicht etwa schon das fehlende Kreisstück. Denn bei dem Gehirn Rafaels 23 ist allerdings auf der einen Seite alles klar: das Gehirn hat Schönheitsempfindungen, es projiziert sie in das Bild und das Bild wirkt wieder auf die Schönheitsempfindungen meines Ge¬ hirns. Aber beim Paradiesvogel ....? Welcher Zusammen¬ hang sollte wohl bestehen zwischen seinem kleinen Rabengehirn — und der Pracht seines Federkleides, die ich mit meinem Gehirn als „schön“ empfinde ....? B leiben wir ruhig noch ein Weilchen im trefflichen Dresdener Museum. Da steht neben den Schränken mit den vielen lustigen Vogelnestern ein besonderer Kasten mit einem Ding, das zunächst einen weiten Gedankenspaziergang ganz für sich nötig macht. Es ist ein hübscher Spaziergang und du sollst auf ihm vorerst noch einmal alle graue Theorie wie den Sandsack eines Luftballons, der steigen will, über Bord werfen. Du blickst in dem Kasten in eine australische Landschaft. Durch ein Stückchen niedlich gemalter Hintergrundskulisse ist die Phantasie im ganzen geweckt: du siehst australische Bäume, eine kleine Strecke jener eigenartigen Buschwald-Landschaft, die den alten merkwürdigen Erdteil der Schnabeltiere, Känguruhs und Molchfische auszeichnet. Vor dieser Landschaft steht dann vollständig naturgetreu wiederaufgebaut ein echter australischer Gegenstand der seltsamsten Art. Du sollst die Empfindung bekommen, daß du in diesem Augenblick wirklich durch den australischen Busch streifst — und auf einmal steht vor deinem Blick dieses Etwas, schwieriger zu bezeichnen als eine unendliche Fülle anderer Erzeugnisse der erfindungsreichen Mutter Natur. Es ist die Hochzeitslaube des Kragenvogels, der Chla¬ mydodera, wie der Vogel wissenschaftlich heißt. Hochzeit! Wir sind auf einmal bei einem Liebeswerk! Der Vogel gehört seinem Bau nach so eng zu den Para¬ 23* diesvögeln, daß er geradezu mit ihnen vereinigt werden kann, und auf alle Fälle ist er ein Muster dafür, was wir vom Gehirn etwa auch unseres blauen Rudolfs-Vogels zu gewärtigen haben. Bloß daß der Ort diesmal das Festland von Australien ist. Dort im „Skrub“, im echten neuholländischen Busch, hausen wundersame Tiere aller Art. Da huscht nachts das groteske Echidna-Tier aus seinem Versteck, das Land-Schnabeltier, das, obwohl ein Säugetier, doch noch Eier legt wie ein Vogel. Da scharrt das Skrub-Truthuhn, der berühmte Talegallus-Vogel, der irgendwie in seinem Vogelverstande doch ein großes Gesetz der Chemie dämmernd entdeckt hat: daß nämlich gewisse Gährungserscheinungen faulender Pflanzenstoffe Wärme erzeugen. Es ist das Gesetz, nach dem feuchte Heuschober sich so leicht im Innern selbst entzünden. Der Talegallus aber hat diese Sache von der praktischen Seite genommen: er scharrt Haufen von Blätter, Gras und Pilzen bis zu zwei Metern Höhe und vier Metern Umfang zusammen, und in diese kleinen Schober legt er seine Eier, damit die entstehende Wärme sie ausbrüte wie ein Brutofen. Dabei weiß er genau wie ein Kenner auf die Sache zu achten: täglich mehrmals kommen die Alten heran, lüften die Eier, die bis zu Metertiefe eingegraben liegen, schauen nach, ob die Hitze sich auch richtig entwickelt hat oder ob sie umgekehrt nicht zu hoch gestiegen ist. Zuletzt helfen sie dem ausgeschlüpften jungen Küken dann aus seinem warmen Neste heraus — nützliche Beiträge auch das zu dem oben an¬ geschlagenen Thema vom Vogel-Gehirn. Hier also im düsteren, einförmigen Busch, wo höchstens am Rande einmal ein paar gelbe Blüten etwas „Schönheit“ wecken — zwischen umgefallenen Stämmen, abgestorbenen Zweigen und jenen künstlichen Hügeln der Talegallus-Hühner, — hier lebt auch jener Kragenvogel oder Laubenvogel: die nicht minder bei allen Tierkundigen berühmte Chlamydodera. Richard Semon hat sie neuerdings wieder an Ort und Stelle genau beobachtet. Der Vogel selbst besitzt nicht die Schönheit der Paradiesier von Neu-Guinea. Ein schlichter Kerl, nicht ganz wie ein Eichelhäher groß, grau und braun mit helleren Tupfen, nur im Nacken mit einem kleinen Kragen hübsch rosenroter oder violetter Federn geschmückt. Aber gerade dieser schlichte Kauz wird dir zum Lehrmeister über ein ge¬ heimnisvoll bedeutsames Gebiet im Vogel-Gehirn, — für unsere Frage das allerbedeutsamste. Die Chlamydodera baut ihr echtes, für die Eier und Jungen bestimmtes Nest schlecht und recht wie jeder andere Vogel ihrer Verwandtschaft. Das ist eine ernsthafte Pflicht- Sache, die keinerlei Extravaganzen duldet. Wenn die rechte Zeit da ist, wird das Nest im Eukalyptusbaum oder Akazien¬ busch bereitet, napfförmig wie das einer Drossel, der Rohbau aus dürrem Reisig, das dann noch die zartesten Gräslein und Federchen den lieben Kleinen mollig machen müssen. Alles natürlich so verborgen und so unscheinbar wie möglich. Denn wenn Australien auch keine einheimischen Katzen hat, so hat es doch kletternde Beuteltiere, die frech wie Katzen räubern. Wo immer Vögel so zum Nestbau schreiten und um das Wohl der Jungen sich mühen, da sind sie in der sorgenvollen Zeit ihres Lebens, wo sie am wenigsten an eigene Bequemlich¬ keit und Lustbarkeit denken. Und doch: bei unserer Chlamy¬ dodera ist diese Bauzeit nur der zweite Akt. Sie hat schon einmal gebaut — vorher — nicht in nachdenklicher Familien¬ sorge, sondern im lustigen Rausch der ersten Liebeszeit. Eine besondere Art Nest galt es auch da, aber nicht eine Kinder¬ stube, sondern — eine Hochzeitslaube. Das jetzt ist das seltsame Ding, das sie in Dresden ganz wieder aufgebaut haben. Die Liebeszeit der Kragenvögel ist da. Die Liebespaare locken und suchen sich. Da ersteht durch die Arbeit der ver¬ liebten Vöglein am Boden des Buschwaldes, weit ab von den Stellen, wo später das wirkliche Nest hinkommt, eine Art von Liebestempelchen: das Hochzeitshaus. Es ist unvergleichlich viel größer als das spätere Kinder¬ nest. Auf die Länge von einem Meter und mehr bauen die Vögel (vor allem das Männchen) zunächst eine Art Hütte oder Zelt aus solidem Reisig auf. Die Reisigstücke werden von zwei Seiten her schräg aneinander gelehnt, genau so, wie wenn Kinder aus Streichhölzchen ein langes Zelt zusammensetzen, bloß daß die Größe gewaltig über Streichhölzchen hinaus¬ wächst. Ist das Zelt roh fertig, vorne und hinten mit einer spitzen Thür und innen mit einem schmalen Gang, über dem die schrägen Reisigsparren mehr oder minder bogig oder first¬ artig zusammenschlagen, so beginnt die feinere Arbeit. Und zwar, du magst nun Worte suchen, wie du willst: eine ästhetische Arbeit, die mit platter Nützlichkeit schlechter¬ dings nichts zu thun hat. Die grobe Reisigwand des Häusleins wird mit zierlichen grünen Grashalmen aufs glatteste tapeziert. Dann wird der Boden gepflastert, mit runden weißen Flußkieseln, die eine be¬ sondere künstliche Anordnung erhalten, hier zu Häufchen vereint, dort kleine Pfade frei lassend. Bunte Federn, grellrote Beeren, ein blaues Läppchen Tuch, das irgendwo stibitzt werden konnte, werden in die grünen Graswände an guter Stelle eingeordnet. Und endlich wird je vor dem Ein- wie Ausgang eine Art besonderer Schausammlung auffälliger und hübscher Gegenstände angehäuft. Wundervolle Muschelschälchen, die meilenweit erst vom nächsten Fluß im Schnabel hierher geschleppt werden mußten. Bunte, schimmernde Steine. Zwischen dem vielerlei Farbigen zum Kontrast schneeweiße Knöchelchen, die offenbar mit höchster Sorgfalt als weiße Musterproben ausgelesen sind, beson¬ ders die kleinen Schädel von Fledermäusen. Ein halber Scheffel solcher Reichtümer findet sich bisweilen an einem Fleck beisammen. Das ist die Liebeslaube der Chlamydodera. Ist sie endlich fertig und ragt strahlend in ihrem Prunk, so hebt eine frohe Zeit an. In dieser Laube suchen sich die Liebenden, springen und tanzen und jagen sich und kosten alle Seligkeit goldener Liebestage aus. Und erst wenn das alles vorüber ist, kommt fern davon der eigentliche Nestbau. Es bedarf nur eines Blickes auf diese Hochzeitslaube mit ihrem Schmuck — und man ist für immer überzeugt, daß in dem kleinen Gehirn dieses Vogels im einsam wilden australischen Busch nicht bloß ein gewisser Verstand wohnt, sondern auch eine unmittelbare ästhetische Freude am „Schönen“. Du wirfst vielleicht ein, daß ein paar rote Beeren oder eine schmucke Feder oder gar ein weißer Kieselstein doch äußerst armselige Schönheitsproben sind. Aber warum zieht sich der Wilde einen glänzenden Ring durch die Nase, hüllt seine Liebste in einen schreiend roten Lappen, hängt ein paar grelle Blumen an seine Hütte? Er findet das schön , seine kleine naive Ästhetik lebt sich darin aus. Und warum tragen wir eine rote Nelke im Knopfloch, einen Brillanten im Ohr? Lege ein paar gemeine grüne Blätter ins Fenster deiner Farm in Australien und da¬ zwischen eine rote Nelke: dein Kind wird zuerst nach der Nelke greifen und die Blätter liegen lassen — der Kragenvogel aber, verlaß dich darauf, wird es genau so machen, und deinen Brillantohrring schleppt er, es giebt Proben dafür, unter allen Umständen in seine Hochzeitslaube, wenn er ihn erreichen kann. Vollends beweisend aber für unsere allgemeine Schönheits¬ betrachtung ist, daß der Vogel in seine Laubenwand als Zier¬ stück geradezu auch bunte Vogelfedern steckt. Er selbst hat, wie gesagt, nicht viel Buntes am Leibe. Aber nehmen wir an, er fände eine jener Federn des Rudolfs-Paradiesvogels (dieser wohnt ja nicht dort, sondern in Neu-Guinea) mit ihrem Capri-Blau: kein Zweifel daß er sie aufpickt und heimträgt ins Liebeshaus als köstlichsten Fund. Warum? Weil er sie „schön“ findet. Und da haben wir's also jetzt: unser Gehirn empfindet auf Grund seines Schönheitssinnes den blauen Paradiesvogel als schön; hier aber ist ein Vogel, der aufs engste schon den Paradiesvögeln selber verwandt ist, und im kleinen Gehirnchen dieses Vogels entsteht ebenfalls beim Anblick der Paradies¬ vogel-Federn die Empfindung des Schönen. Der nächste, geradezu hahnebüchen grobe Schluß ist: so wird der Paradiesvogel selber wohl, wenn er sich selbst gespiegelt oder wenn er seinesgleichen sieht, das für schön halten. Auch im Gehirn des Paradiesvogels selber wird eine Empfindung für Schönheit leben. Und so hätten wir die Vergleichung thatsächlich noch einen Schritt weiter. Rafael hatte Schönheits¬ empfindung in seinem Gehirn, er schuf mit ihrer Hülfe die Sixtinische Madonna, die mir, der ich ebenfalls Schönheits¬ empfindung im Gehirn besitze, jetzt wieder als Schönheit er¬ scheint. Auch der Paradiesvogel hat ein Gehirn und er hat Schönheitsempfindungen, meinen eigenen vergleichbar, in seinem Gehirn. Mir aber, in meinem Gehirn, mit meinen Anlagen, erscheint sein Gefieder als Schönheit. Ich meine doch, du siehst deutlich: ganz ist der Kreis im zweiten Falle immer noch nicht geschlossen. Wir sind der Sache ein rechtes Stück näher dadurch, daß wir dem Vogel ein Gehirn geben und in diesem Gehirn nun auch noch einen dem unseren verwandten Schönheitssinn. Aber nun klafft doch noch die eine unheimliche Lücke. Rafael schafft kraft seines schönheitsschwangeren Gehirns die Madonna und ich finde sie schön. Der Paradiesvogel — schafft zunächst gar nichts. Er hat etwas. Er hat sein Gehirn und in dem Gehirn Schönheitsbewußt¬ sein. Ferner hat er seine prachtvollen karmoisinroten und himmelblauen Federn. Er selber hat Schönheitsbewußtsein genug, um diese Federn schön zu finden. Und ich finde sie auch schön. Er und ich sind uns unverkennbar näher gekommen — bis auf einen Punkt. Rafael schafft in der Kette der Ursachen sein Bild, proji¬ ziert gleichsam sein Gehirn darin nach außen. Aber was — und hier kommt die Grundfrage — was hat das Gehirn des Vogels (bei all seiner Verwandtschaft mit dem meinigen) mit dem eigenen Federkleide des Vogels hinsichtlich der Ent¬ stehung dieses Federkleides zu thun? Hat der Vogel etwa sich selber so schön gemacht, weil er es so für schön befand und so aussehen wollte ? Ist mit anderen Worten die That des schönheitsdurstigen Paradiesvogels sein eigenes Federkleid? Dann, ja dann wäre der Kreis auch hier geschlossen. Der Rudolfs-Paradiesvogel hat ein Gehirn mit Schönheitsidealen. Das ist genau so (natürlich ins Menschliche verstärkt) der Fall bei Rafael. Rafael schafft sein Bild, das mir schön erscheint, weil ich ein ähnliches Gehirn mit (wenigstens passiver) Schönheitsempfindung habe. Der Paradiesvogel schafft seine blaue Federnpracht, die mir schön erscheint, weil ich ein auch diesem Paradiesvogel immer¬ hin noch ähnliches Gehirn mit Schönheitsempfindung von einer ihm ebenfalls ähnlichen Art besitze. Aber wer in aller Welt giebt uns das Recht, ohne weiteres eine so ungeheuerliche Annahme zu machen, um jenen Kreis zu schließen? Der Vogel soll von seinem Gehirn und ästhetischen Können aus sich selber die herrlichen Federn an den Leib gebracht haben! Er soll sein eigener Künstler gewesen sein in einem Sinne, der alles andere Kunstschaffen wie ein Kinderspiel in den Schatten zu stellen scheint. Nehmen wir noch einmal Rafael als Vergleich. Er schaute innerlich ein herrliches Kunstideal, die Sixtinische Madonna, im Geist. Und seine Hand greift zum Pinsel und schafft äußerlich aus Ölfarben auf einer fremden stofflichen Fläche einen Abglanz dieses erhabenen ästhetischen Traums. Welche Aufgabe hätte jener schaffende Paradiesvogel ihm aber gestellt? Er selber als lebendiger Mensch müßte sich in sein Kunstideal verwandelt haben, und die Sixtinische Madonna müßte fortan als lebende Gestalt auf dieser Erde gewandelt sein. Die Ver¬ drehtheit des Gedankens scheint so handgreiflich, daß es nicht verlohnt, darauf einzugehen. Und unsere ganze Betrachtung scheint über Dresden, Neu-Guinea und den australischen Busch hinweg nun doch noch im wahren Wolkenkuckucksheim zu enden. Was aber bloß not thut, ist, daß wir abermals eine Weile die graue Theorie über Bord werfen und noch einige weitere Wirklichkeiten unseres Museums in Augenschein nehmen. Es ist eine alte Streitfrage in der Schönheitslehre: wer schöner sei: — Mann oder Weib? Die Maler und Bildhauer, denen wir doch wohl in diesen Dingen das Recht des Fach¬ mannes zugestehen müssen, haben diese Frage stets praktisch beantwortet. Sie sind für die absolute Gleichberechtigung ein¬ getreten. Das Scherzwort bleibt ja wahr, daß ein schöner Mann immer schöner sei als eine häßliche Frau und eine schöne Frau schöner als ein häßlicher Mann. Aber von einer ge¬ wissen Höhe der Schönheit überhaupt an ist ein Unterschied nicht mehr zu ziehen. Sobald Schön hier gegen Schön dort steht, weibliches Ideal gegen männliches Ideal, die Venus von Milo gegen den Hermes des Praxiteles, die Pieta des Michel Angelo gegen Michel Angelos David und Moses, stellen sich die Schalen der Wage gleich. Es bleibt der „schöne Mensch“ ein Wunderwerk der Entwickelung, das aber in sich kein Ge¬ schlecht mehr als Schranke kennt. Mache nun einen großen Sprung und vergleiche ein Tier mit dem Menschen, das nach deiner Schätzung wohl schwerlich als schön gelten kann und das dir höchstens komisch erscheint: den Igel. Du kennst die köstliche Geschichte vom Wettlauf des Hasen und Swinegel. Jedesmal, wenn der Hase ans Ziel saust, er¬ hebt sich dort aus der Ackerfurche Swinegel als „längst ange¬ kommen“. Der Kern des Scherzes steckt darin, daß Swinegel in Wahrheit gar nicht gelaufen ist, sondern nur seine Frau am Zielpunkt verborgen hat, die jedesmal „Ich bin schon da“ ruft, wenn der Hase keuchend anlangt. Swinegel und Swinegels Frau sind sich eben so ähnlich, daß der dumme Hase überlistet wird. Und das Märchen giebt die nette Nutzanwendung, daß, wer ein braver Swinegel ist, sorgen soll, daß er auch einen Swinegel zur Frau bekomme. Das Märchen hat aber auch eine zoologische Nutzanwendung, wie sich denn aus den meisten Offenbarungen des sinnigen Volksgeistes vielerlei „Wahres“ herauslesen läßt. Es hat zur Voraussetzung die wirkliche zoologische That¬ sache, daß der männliche und der weibliche Igel sich nur ganz verschwindend wenig von einander unterscheiden. Es bedarf hier nicht der Maßstäbe Schön und Häßlich: der Unterschied der Geschlechter fällt überhaupt so gut wie ganz für den äußeren Anblick fort. Nun ist der wohlbelobte Herr Swinegel aber, wie du dich erinnerst, eines der Tiere, die zwischen Beuteltier und Affe ziemlich nahe deinem eigenen menschlichen Stammbaum gestanden haben. Um so bedeutsamer, daß ihn nun schon das Volksmärchen benutzen darf als Vertreter einer zum Verwechseln ähnlichen äußeren Körpergestalt bei Swinegel- Mann und Swinegel-Frau. Man bekommt die Idee, daß selbst der positive Unterschied, der heute zwischen Mann und Frau beim Menschen besteht (der aber auch schon keinen Unterschied zwischen Schön und Häßlich bedeutet), bei diesen alten und niedrigeren Tierformen wie dem Igel (der an sich gar nicht mehr für Schön oder Häßlich in Betracht kommt) schon ganz verwischt sei. Die feine Individualisierung etwa in Frauenantlitz und Mannesantlitz wäre eben bloß erst eine Entwickelungs-Errungen¬ schaft des Menschen, und der Igel mit seiner Igel-Frau, die der Hase für den Igel-Mann hält, weil sie ihm aufs Haar gleicht, stellte uns noch die ursprüngliche, rohe Grundlage vor Augen — gleichsam den groben Marmorblock, aus dem erst höhere Geistesentfaltung jenen prachtvollen Doppelstern von Weibesschöne und Mannesschöne herausmeißeln sollte. Klingt hübsch — und ist verkehrt über alle Maßen. Mann und Weib sind schon tief, tief unten im Tierreich in tausend und abertausend Fällen so grundverschieden von einander, daß selbst der geistig und leiblich blindeste Hase sie nicht mehr mit einander verwechseln könnte. Und der Igel ist, alle seine Rolle in der edelsten Ahnentafel der Natur zuge¬ standen, nicht das maßgebende Beispiel für die ältere Tierschaft, sondern eine echte und rechte Ausnahme. Schon bei ganz, ganz niedrig stehenden Geschöpfen steigert sich die Verschieden¬ heit der Geschlechter zu Extremen, gegen die unsere menschlichen Verhältnisse igelartig harmlos werden. Erinnere dich nur allein an den grünen Wurm Bonellia, bei dem die Größen¬ verhältnisse zwischen Mann und Frau differieren, wie zwanzig Zentimeter zu ein bis zwei Millimetern; die Zwergmännlein wohnen als winzige Schmarotzer im Leibe ihrer Riesendame. Nun ist ja ein ein solcher unappetitlicher Wurm wie die Bonellia an sich gewiß noch viel weiter entfernt von jedem ästhetischen Vergleich, als Herr und Frau Swinegel in ihrer Ackerfurche. Die Frage wird aber wichtig für unsere Schön¬ heitsbetrachtung, wie sich in dieser Hinsicht jene Tiere ver¬ halten, von denen wir uns gestanden, daß sie unzweifelhaft „schön“ seien. Wir betrachten Paradiesvogel-Mann und Paradiesvogel- Weib. Die Erwartung sagt uns, daß wir wohl auch in diesem Punkte hier auf mehr oder minder menschliche Verhältnisse geraten werden: zwar Verschiedenheit der Geschlechter, aber im Punkte des Ideals dabei Schön gegen Schön wie bei uns in der Venus von Milo und dem Hermes des Praxiteles. Wieder gründlich daneben geschlagen! Wenn bisher von der „Schönheit“ des Paradiesvogels die Rede war, sei es bei dem großen goldenen oder bei dem kleinen rot-grün-weißen oder bei dem neuen blauen — immer sind wir, ganz ohne es zu wollen, „Partei“ gewesen. Wir haben einseitig den Mann betrachtet, den Mann bewundert, über den Mann Gedanken ausgesponnen. Alle diese wunderbaren Paradiesier, wie wir sie hier unten in den Schränken des Museums vor Augen haben: es sind erwachsene, voll entwickelte Paradiesvogel-Männchen . Dort oben aber, in schlichter Reihe, sitzen die Weibchen. Man fragt sich, was diese armseligen Vögel hier sollen. Denn der Kontrast ist so grell, daß selbst gewisse ganz hübsche sanfte Farben neben der Farbenorgie der Männchen notwendig arm¬ selig erscheinen müssen. Da ist die ausgewachsene Frau jenes großen Paradiesiers, der die märchenhafte Goldwelle hinter sich herschleift: diese Frau ist oben braun wie Kaffee, an der Kehle, wo der Ge¬ mahl eine Agraffe von Smaragden trägt, von einem trivialen Rauchviolett, am Bauche fahlgelblich; die ganze Welle ange¬ hängter Schmuckfedern fehlt vollkommen. Wenn man diesen weiblichen Vogel anschaut, so begreift man erst, daß die Para¬ diesier im System eng an die Krähen und an die Stare angeschlossen werden. Dieses Weib ist in der That kein Götter¬ vogel, sondern ein einfacher Starmatz von Neu-Guinea. Bei dem kleinen Juwel des Königsparadiesvogels ist die Überraschung beinah noch derber. Das Weibchen ist oben erd¬ braun mit einem kaum merkbaren Anflug von Orangerot, unten gelblich braun mit etwas dunklerer Zeichnung — ein Spatz statt eines Paradiesvogels. Man meint, ein Hofmann in über¬ schwänglicher Pracht eines brandroten Fracks, weißer Seiden¬ weste, grüner Ordensbänder und langer goldbetreßter Schöße habe jählings eine braune Nonnenkutte übergeworfen. Diese Nonne ist Zeit ihres Lebens der weibliche Königsparadiesvogel. Es bleibt nichts anderes übrig, als sich zu sagen, daß in diesem Falle nicht nur ein kolossaler Unterschied zwischen den Geschlechtern waltet, sondern auch ein gröbster Unterschied gerade der ästhetischen Begabung, der Schönheit. Der männliche Vogel ist schön bis zu einem Maße, daß die Sprache selbst des kunst¬ verwöhnten Menschen in paradiesischen Bildern schwelgt. Und der weibliche Vogel ist einfach ein Starmatz oder Spatz, dessen höchste Farbenvergleichung ein Bild wie „Kaffee“ ausspricht. Wo heute eine „Frauenbewegung“ besteht, da hört man so oft das Wörtchen Ungerechtigkeit. Es giebt in der That ein ganzes Sündenregister der Punkte, in denen die Frau in der Kulturgeschichte ungerecht behandelt worden ist, und zwar wesentlich Ungerechtigkeiten, die in einer Zurücksetzung gegen den Mann bestehen. Was wollen aber alle diese Vergewaltigungen, die uns vom „Menschentier“ grauslich erzählt werden, wohl besagen gegen die scheußliche Minderwertung des Weibes, die anscheinend von Mutter Natur hier bei den Paradiesiern von Neu-Guinea verübt worden ist. Der Mann in einer Pracht, als habe Rafael ihn gekleidet, und das arme Weiblein ewige Karthäuserin! Nun dazu noch das Unheimlichste, hergenommen aus jener früheren Betrachtung der Laubenvögel. Diese Paradieskinder im Urwald Neu-Guineas besitzen in ihrem Vogelverstande Sinn und Liebe für Schönheit, für bunte Federpracht ..... Also dieses Weibchen etwa des kleinen Königsparadiesvogels, dieses lebenslängliche und ewig neu geborene Aschenbrödel in Kaffee¬ braun und Unscheinbarkeit: wir müssen gewärtigen, daß es auch noch weiß , daß es häßlich und der Herr Gemahl ein Juwel an Farbenschöne sei. Oder sollen wir etwas anderes annehmen, im Grunde noch bitterer? Soll das Weib des Paradiesvogels keinen Schönheitssinn besitzen, während der Mann ihn hat? Es wäre die alte Schicksalsfrage: was besser sei, ewig blind und dumm sein — oder sehen und sich sehnen, aber ohne Erfüllung. Schließlich doch eine Wahl, bei der man sich entscheiden kann, ob man vom Tiger gefressen werden oder in den Abgrund springen will. Übrigens zeigen die Thatsachen bei dem Laubenvogel gar nichts von solcher Trennung des Schönheitssinns von Mann und Weib. Beide Gatten vergnügen sich an der Hochzeitslaube wie spielende Kinder. Man sieht von da aus nicht ein, daß es beim Königsparadiesvogel etwa anders sein sollte. Und dann verwirrt sich doppelt nicht nur unsere „Ungerechtigkeit der Natur“, sondern es schürzt sich auch ein neues Hemmnis in der ganzen Schönheitsfrage. Erinnere dich doch: wir waren darauf und daran, uns zu fragen, ob der Paradiesvogel, dessen Gehirn Schönheits¬ empfindungen hegt, nicht sein schönes Federkleid sich etwa gar selbst „gemacht“ haben könnte, ähnlich wie Rafael seine schönen Bilder geschaffen hat. Nun sehen wir plötzlich einen Doppel¬ fall innerhalb unseres Paradiesvogel-Beispiels. Angenommen, es haben wirklich beide Paradies-Gatten, das Männlein wie das Weiblein, in ihrem Gehirn Schönheitsgefühle. Beim Manne gelingt es, einerlei zunächst einmal wie, diese Schön¬ heitsgefühle äußerlich in einen herrlichen Federschmuck des eigenen Leibes zu projizieren: der Paradies-Mann wird als solcher ein Juwel an Schönheit. Umgekehrt aber: die Frau Paradiesierin erweist sich als absolut unfähig zu dem gleichen Akt. Mit all ihren Schönheitsgefühlen bleibt sie — eine alte graue Krähe. Und der Gegensatz ist so grell, daß man meinen soll, die ganze Voraussetzung muß über ihm den Hals brechen. Trotz Gehirn und Schönheitssinn scheint es nur einfach eine doppelte und dreifache Absurdität, daß der Paradiesvogel sich selber seine herrlichen Farben auf den Leib gemalt habe. Wir sind jetzt wirklich in einer engen Gasse. Die Dresdener Museumsschränke mit ihrem bunten Feder¬ volk und ihren klaren reinlichen Glasscheiben starren dich an, als hätten sie ihre Schuldigkeit gethan und wüßten nun auch nicht weiter. Wir müssen unseren größten Helfer beschwören: den Gedanken , den allgewaltigen spiritus familiaris , den wir Fauste dieses alten Erdplaneten nun doch allein besitzen und in dem uns kein häßlicher Swinegel oder bildschöner Paradies¬ vogel irre machen kann. Kein geringerer als Darwin hat an der Stelle, auf die ich dich jetzt geführt habe, einen Gedanken gehabt. Und der Gedanke, den er hatte, war kein geringerer als der: gerade diese Thatsache, daß nur das Männchen des Paradiesvogels schön gefärbt ist, giebt uns einen unmittel¬ baren Fingerzeig dafür, wie die Federpracht dieser Vögel über¬ haupt ihr eigenes Werk sein könnte. Und zwar ein Werk der Liebe ! Folgendes ist im Kern die Darwinsche Schlußfolge. Darwin hat sie allgemeiner ausgeführt für viele Vögel und noch andere Tiere. Ich dränge sie dir zusammen in ihren Kerngedanken auf unser Beispiel von den Paradiesvögeln, das zugestandener¬ maßen das lehrreichste und durchsichtigste aller bekannten ist. Es war in früheren Zeiten. Wie weit zurück, das ist einerlei, bloß nicht allzu weit. Schon hatten sich Vögel auf dem Wege über den uralten Eidechsenvogel Archäopteryx, dessen Reste — halb Eidechse, halb Vogel — heute im Berliner Museum liegen, aus Eidechsen entwickelt. Und diese Vögel hatten sich zerspalten in eine Unmasse von Gruppen in Wald und Steppe, Gebirge und Wasser. Die Gruppen größerer Art wieder in kleinere und die kleinsten zuletzt in einzelne Arten. Und da gab es denn auch die enge Sippe, die uns heute als die der Paradiesvögel im Bannkreise Australiens entgegen tritt. Wo diese Sippe entstanden war, — wer weiß es? Wo sind vor Zeiten die Ursprungsstätten der heutigen Tierfamilien gewesen? Schwere Fragen. Wo sind die Pferde, wo die Hirsche, wo die Elefanten entstanden? Wir sehen da in tausend Schiebungen, Wanderungen, deren alte Wegweiser vermorscht, deren Brücken im Ozean versunken sind. Genug: die Paradiesvögel tauchten eines Tages an der Grenze des australischen Gebietes, vor allem in Neu-Guinea, auf. Aber sie tauchten nicht als das auf, was sie heute sind, wenn wir ins Museum treten und sie bewundern. Alle, Männlein wie Weiblein, hatten einerlei Gestalt und Farbe. Unscheinbar war diese Farbe; es war die grau in grau oder braun in braun gemalte Federfarbe der heutigen Weibchen . Noch giebt es heute einen scharfen Hinweis, daß auch der männliche Paradiesvogel voreinst die schlichte Kutte seiner besseren Hälfte trug statt des Juwelenmantels, in dem er heute seine Paradiesiernatur zur Schau zu stellen weiß. Der junge Paradiesmann gleicht zunächst vollkommen dem Weibe, keine Goldwelle geht von ihm aus, kein grünes Kehlband trennt die weiße Seidenweste vom granatroten Rock, auch er als junger Fant ist Kaffee in Kaffee, unscheinbar wie ein Kuttenmönch. Ein seltsames Gesetz aber, weißt du, scheint durch die ganze Welt des Lebendigen zu gehen: die Jugend¬ 24 form, die Keimform und Kinderform wiederholt noch einmal das Bild der Ahnen. Der junge Frosch atmet noch einmal mit Kiemen wie ein Fisch, schleppt einen Schwanz hinter sich her, wie ein Molch. Auch der ganz junge Vogel im Ei zeigt noch solche Kiemenspalten, seine Flügel und Beine ähneln zuerst Flossen. Der junge Walfisch entwickelt zuerst statt der Fischbein¬ barten regelrechte kleine Zähne wie seine Vorfahren sie hatten. Der kleine neugeborene Löwe ist noch tigerartig gestreift, die junge Wildsau, der kleine amerikanische Tapier verraten ein Streifen- und Fleckenkleid einer fremden Ahnenwelt. Der Bei¬ spiele giebt es zahllose. Wenn im Jugendkleide Mann und Weib des Paradies¬ vogels heute gleich ausschauen, so ist es im höchsten Grade wahrscheinlich, daß dieses Jugendkleid in Wahrheit das Ahnen¬ kleid ist. Einst sah das ganze Volk dieser Vögel Zeit seines Lebens so schlicht und ärmlich aus. Das Weib muß dann das dauernd konservative Element gewesen sein. Es blieb bis heute so. Der Mann aber warf eines Tages das Ahnenkleid mit dem mannbaren Alter ab und ersetzte es durch ein strahlendes Prachtgewand ganz neuer Art. Wie kam das? Das ist die Frage. Darwin schließt weiter. Sieh dir zuerst dieses schlichte Kleid des heutigen Weibchens einmal unter dem Gesichtspunkte an, daß es das ehemalige allgemeine Kleid der Ahnen war. Es ist, wenn nicht alles trügt, ein sogenanntes Anpassungskleid. Ich denke, du weißt, im Umriß wenigstens, was das heißt. Der Kampf ums Dasein tobt in der Natur. Die Wesen ringen um ihr Leben. Starke, indem sie angreifen, Schwache, indem sie sich verbergen. Die Farbe ist ein Mittel in diesem Zwist. Sie verbirgt den Angreifer wie den Angegriffenen. Das Wüstentier auf gelbem Wüstenboden hat Vorteil, wenn es gelb ist, wie Löwe, Schakal, Wüstenfuchs, Sandviper und Sand¬ eidechse. Dem Polartier dient, wenn es weiß wie Schnee ist: weiß ist der Eisbär, der Polarfuchs, der Polarvogel in viel¬ fältigster Art. Grün nützt dem Laubfrosch, der Heuschrecke. Und so weiter. Eine naturgesetzliche Anpassung ist überall im Kampfe um die Existenz eingetreten. Darwin selbst meinte, daß von tausend verschiedenen Farben stets nur die beste, die „angepaßte“ sich erhielt. Wie durch ein Sieb fielen die un¬ praktischen Farben ab. In der Wüste erhielt sich nur gelb, — alles andere wurde ausgerottet. Auf dem grünen Blatt nur grün. Und so fort. Andere haben an noch direktere Zusammen¬ hänge gedacht. Das „Wie“ sei der freien Debatte ausgeliefert, für die auch Darwin dir nur eine Anregung sein mag. Aber die Thatsache einer allgemeinen Anpassung der Lebewesen zu Zwecken des Daseinskampfes, sei es Raub oder Schutz, kann schlechterdings nicht mehr angezweifelt werden. Ihr unterlag nun auch, scheint es, jene ursprüngliche schlichte Farbe der Paradiesvogelahnen. Hier spielte „Schönheit“ keinerlei Rolle. Was Schönheit, wenn es groben Lebenskampf gilt! Da ist ein Land, wo wilde Räuber, Katzen oder Halbaffen oder Eichhörnchen (echteste Nest¬ räuber auch diese!) den armen Vogel und seine Brut be¬ drohen. Als Parole gilt, so unscheinbar wie möglich aus¬ sehen. Glücklich der Vogel, der braun ist wie ein Spatz. Er drückt sich an den braunen Stamm und wird nicht erkannt. Der Räuber sieht ihn reglos auf dem Neste sitzen und denkt, es ist eine dürre Baumflechte, ein Stück krauser Rinde, ein welkes Blatt: Mutter und Brut sind gerettet. In solcher Zeit der Drangsal festigt sich die Anpassungs¬ farbe, — weltfern von aller „Schönheit“. Was denkt ein Soldat in der Schlacht an ästhetische Werte — und sei er selbst daheim eigens privilegierter „Professor der Ästhetik“. Das ist die Stimmung, in der die Ahnen der Paradiesier sich bildeten. Sie wurden, wie heute die Jungen, die Weiber sind: Anpassungsprodukte, bei denen Kaffebraun als Rindenfarbe Trumpf war. Bloß keine üppigen Federanhängsel! Sie 24* wären ein Ballast im harten Zwist gewesen. Nehmen wir noch einmal das Bild des Soldaten in der Schlacht. Wird er sich mit einem kostbaren Gemälde auf dem Tornister belasten in der Todesnot? In solcher Stunde wird Rafael Ballast. Es ist der Augenblick, wo die Byzantiner einst die stürmenden Goten von den Zinnen der Engelsburg zu Rom mit den Meisterwerken griechischer Plastik, die Hadrian gesammelt, bombardiert haben .... Da aber, — ein Wechsel der Dinge. Wer will den Schleier alter verschollener Wanderungen der Tiere lüften? Jahrtausendelang, ehe die Spanier die nackten Wilden Amerikas mit ihren Pferden erschreckten, hat Amerika selber Pferde beherbergt. Ihre Knochenreste liegen im Pampaslehm bis zum Feuerland hinab. Warum sie aus¬ gestorben waren, als Columbus kam — Mysterium. Woher sie gekommen, — ebenso unbekannt. Genau so müssen eines Tages die annoch unscheinbaren Paradiesvögel wie ein grau¬ brauner, schönheitsfremder, bloß vom Daseinskampf abgebrühter Krähenschwarm in die paradisisch abgeschlossenen Urwälder Neu- Guineas eingeflattert sein. Und dann? Hier beginnt im Ideengange Darwins ein neues Kapitel, das zweite und entscheidende. Neu-Guinea ist für Vögel wirklich ein Paradies. Ein ungeheures Land, diese Insel, — ein kleiner Weltteil fast für sich. Was könnten diese tiefen Dickichte nicht alles an bösen Räubern nähren ihrem Raum nach, Katzen und Marder, Affen und Halbaffen, große und kleine Eichhörner, die bei Tag und Nacht die arme gefiederte Welt bedrohten. Nichts derart aber ist der Fall. Mit Neu-Guinea beginnt schon das Wundergebiet Australien. Alle jene Räuber gehören höheren Säugetier¬ gruppen an. In Australien giebt es keine höheren Säuger. Uralte Ordnungen vertreten sie hier noch, graue Reliquien der Ichthyosauruszeit: Schnabeltiere und Beuteltiere. Und das hebt wesentlich schon in Neu-Guiena an. Es fehlen aber sogar hier die räuberischen, fleischfressenden Beuteltiere des australischen Kontinents. Wohl klettert, seltsam genug, ein großes Känguruh der Insel in die Baumäste hinauf. Aber dieses Baumkänguruh ist Vegetarier gleich seinen hüpfenden Verwandten in der Grasebene. Das große Landschnabeltier Neu-Guienas schleckt Ameisen und hat nicht einmal einen Zahn im schnabelartigen Munde, um auch nur den schwächsten Vogel fassen zu können. Dazu endlose Strecken weit einheitlich dichter, dunkler Wald, ein undurchdringliches Blättermeer, in dem selbst der Scharfblick eines kreisenden Raubvogels kaum Gefahren bringt. Eine Lust ist es hier, Vogel zu sein. Und wie ent¬ lastet erscheint alles vom groben Daseinskampf. Der Unschulds¬ vogel der Legende, die Taube, sicherlich der schutzlosesten Vögel einer, wird kühn und üppig hier, mehrt sich ins Ungemessene und spaltet sich in mehr Arten als sonst auf einem zweiten Fleck der Erde, — dabei jene Prachttauben, die mit den Papageien an Farbenglanz wetteifern. Das jetzt ist auch der Ort, wo der Paradiesvogel seinen entscheidenden Schritt that: von der mühsamen Behauptung im nackten Daseinskampfe zur Kunst. Die Paradiesvögel, selber noch graue Krähen ohne jeden Schönheitsreiz, besaßen doch jenen einfachen Schönheitssinn schon in ihrem kleinen Krähengehirn, den wir beim Laubenvogel gefunden haben. Eine grellrote Beere gefiel ihnen besser als eine schlichte grüne, eine der wundervollen großen Blüten des Urwaldes machte mehr Eindruck auf sie als ein beliebiges Blatt, ein reiner schneeweißer Kieselstein fesselte ihre Aufmerksamkeit stärker als tausend grobfarbige schmutzige Steine des Bach¬ randes daneben. Und zwar besaßen den ästhetischen Sinn Männlein und Weiblein gleichermaßen. Es ist ein altes, hübsches Wort, daß der ästhetische Sinn mit der materiellen Sorge für den nackten Kampf des Lebens in einem gewissen Druckverhältnis stehe. Die Sorge lastet auf der tieferen ästhetischen Seelenstimmung bildlich gesprochen wie eine schwere Masse auf einer moussierenden Flüssigkeit. Du nimmst etwas Masse, etwas Druck, etwas Lebenssorge fort — und die Flüssigkeit wallt augenblicklich mit impulsivem Stoß empor, das ästhetische Empfinden, die Freude am Schönen bricht entlastet herauf und beherrscht sogleich das ganze Feld, den ganzen Menschen. Dieser Vorgang hat etwas Zauberhaftes, er ist im Menschenleben aber eine uralte Erfahrung. Und er ist zugleich eine unserer tröstlichen Erfahrungen. Sie lehrt uns, daß wir den Kampf um Beseitigung einer gewissen Schicht grober Lebenssorgen nicht bloß deshalb führen, um nachher die Hände in den Schoß zu legen. Ist der „Notmensch“, wenn man es so ausdrücken soll, befreit, so wächst vom Druck ent¬ lastet alsbald ein tieferer Mensch herauf: der Kunstmensch, vor dem eine neue Welt der Arbeit, doch höherer, genu߬ reicherer, freierer und mehr selbstgewollter Arbeit, liegt. Gesagt wurden diese Dinge allerdings zunächst immer nur vom Menschen. Und oft wurde geradezu der entscheidende Unterschied zwischen Mensch und Tier auf dieses Verhältnis von Notwesen und Kunstwesen festgenagelt. „Die Kunst, o Mensch, hast du allein“, hat uns der Dichter gesungen. Dem Tier sollte jene tiefere Schicht fehlen, sie konnte also bei ihm auch nicht entlastet werden. Das Tier, hieß es, von der Not des täglichen Brotkampfes, von der großen Hatz und Flucht jäh befreit: es frißt und säuft, vegetiert roh weiter, wird fett und kommt schließlich noch in Faulheit herunter von dem letzten Stückchen tierischen Verstandes, das der Notkampf wenigstens immer wieder angespannt hatte bis zum äußersten. Das ist nun wieder eine der guten alten Behauptungen, wie sie früher die Philosophie hinter ihrem Ofen so trefflich gebrauchen konnte, — bis eines Tages sich die echte Tierkunde klar darüber war, daß sie einfach verkehrt sei. Jene Tierkunde, die sich darauf besann, daß der Mensch geschichtlich ja selber nur ein Tier sei, ein feiner Goldextrakt, destilliert aus Tierheit, ein Kristall, dessen Mutterlauge diese sogenannte Tierheit gewesen ist und nichts sonst. Daß Tiere ästhetisches Empfinden überhaupt besitzen, hat uns der Laubenvogel Australiens gezeigt. Gerade dieser Lauben¬ vogel weist aber auch schon auf jenes Verhältnis von Druck und Entlastung hin, das offenbar in dem kleinen Gehirn des Vogels sich ganz mit derselben Folgerichtigkeit entwickelt wie beim Menschen. Im Vogel, der vom Daseinskampfe durch irgend eine Ur¬ sache stärker entlastet wird, ohne daß sonst durch eine Begleit¬ erscheinung seine Kraft und Gesundheit leiden, quillt die tiefere ästhetische Schicht einfach genau so nach jener bildlichen Art entlasteter Kohlensäure in die Höhe, wie bei uns. Man kann etwas Derartiges schon bei jedem Tier, besonders jungen Tieren beobachten, wenn sie spielen. Das Spiel tritt un¬ mittelbar ein, sobald die wirkliche Sorge auf einen Augenblick pausiert. Und dieses Spiel zeigt in vielen, wenn nicht allen Fällen schon Anfänge ästhetischer Züge, es ist eine Art Dichten des Tieres. Aber es giebt da noch einen viel allgemeineren und großartigeren Punkt und just ist das gerade der, den wir für unsere Paradiesvögel brauchen und um dessentwillen ich dir überhaupt dieses ganze Tiermärchen erzähle. Jene Lauben des australischen Vogels sind „Hochzeits¬ lauben.“ Er baut sie in seiner Flitterzeit, im vollen Rausch der Liebe . Im Leben mindestens aller höheren und höchsten Tiere ist die Zeit der Liebe die ausgesprochenste Entlastungszeit ihres Lebens, was materielle Lebenssorge angeht. Das Tier in seiner Liebeszeit ist wie verzaubert. Es gehört einer anderen Dimension gleichsam aller seiner Stimmungen an, ist für eine mehr oder minder kurze Rauschzeit Bürger einer Welt, die himmelhoch über der gewöhnlichen Lebenssorge steht. Es greift etwas in ihm hinaus über das einzelne Individium: das besondere Leben der Gattung, das über Generationen, über Jahrtausende wandelt. Ich sagte dir schon: es ist seine religiöse Zeit. Doch lassen wir jede Definition fort. Die Hauptsache: es tritt eine Entlastung von der gewöhnlichen Lebenssorge durch das seelische Ungestüm der Liebesempfindungen ein. Und folgerichtig: im gleichen Augenblick erheben sich, vom Druck vorübergehend mehr entlastet, die ästhetischen Em¬ pfindungen. Die Zeit der Liebesgefühle wird zugleich eine Zeit des be¬ freiten ästhetischen Innenlebens, — eine Zeit der Schönheit . An einer Stelle kennt diesen Zusammenhang geradezu jedes Kind: beim Gesang der Vögel. Die rhythmischen Klänge des Vogelgesanges, die unser verwöhntes Menschenohr nicht weniger entzücken, wie das Farbenkleid des Paradiesvogels unser Auge begeistert, sind Liebeslieder, Lieder der Liebeszeit. Aber auch jener mehr malerische Sinn für schöne Farben und Formen, wie ihn der Laubenvogel bethätigt, lebt sich recht eigentlich aus in dieser Liebeszeit. Und unsere Paradiesvögel, dürfen wir wohl annehmen, werden ganz in derselben Weise schon in der Zeit, als sie noch als unscheinbar gefärbte Krähen im herben Daseinskämpfe standen, allemal ihre lebhafteste „Kunstzeit“ mit Freude an Bauten und Hübschem in der Rauschzeit ihrer Liebe gehabt haben. Mann und Weib mögen in diesen Tagen, wie es einige Arten heute noch thun, geradezu nach dem Brauche der Laubenvögel auch ihr Liebesversteck mit lustigen roten Blumen geschmückt haben wie ein Paar verliebter Schäfer, die sich mit Rosen bekränzen. Diesen Paradiesiern aber glückt es jetzt, sich in den Neu- Guinea-Wäldern festzusetzen. In diesen Wäldern, wo der pressende Druck des Daseins¬ kampfes überhaupt um ein beträchtliches Teil auch in der Nicht¬ liebeszeit heruntergeht! In einem im ganzen fortan fast ge¬ fahrlosen Leben wird die Liebeszeit jetzt ein dreimal freies und ideales Fest. Alles in ihr mag sich bis zur Neige aus¬ leben: also auch die Freude an der schönen Farbe und Form. Äußerst seltsam aber: sobald hier einmal offenste Bahn für alle Wirkungen geschaffen ist, erscheint es geradezu undenkbar, daß nicht auch folgendes eingetreten sein sollte. Etwas, was man gleichsam als einen Knoten bezeichnen kann, zu dem sich die Regungen des Liebeslebens und die Regungen des Schönheits¬ sinnes notwendig eines Tages verschlingen mußten. Die Empfindung für hübsche Farben und Formen begann eine Rolle zu spielen bei der Wahl innerhalb der Liebe. Bei unseren liebenden Paradiesiern herrschten im wesent¬ lichen Verhältnisse wie bei der Mehrzahl der übrigen Vögel. Es gab im allgemeinen stets mehr Männlein als Weiblein. Die Folge davon pflegt bei den Vögeln eine doppelte zu sein. Einerseits ist jeder Mann froh, wenn er eine Frau über¬ haupt gewonnen hat und wacht eifersüchtig über seiner Ehe, so daß sich bei diesen befiederten Liebesleuten thatsächlich in größter Zahl ganz ehrbar monogamische Ehen auf Lebenszeit finden. Anderseits aber fühlt sich das annoch unvermählte Mägdelein durchweg in der guten Lage, unter einem ganzen Heer liebenswürdiger Bewerber den aussuchen zu können, der ihr am liebsten scheint. In der possierlichsten Weise beobachtet man, wie die eifrigen Werber sich der Vielumworbenen vorstellen, ihre Reize vor ihr entfalten und irgendwie sich als der Begehrenswerteste um jeden Preis darstellen möchten. Welche Gründe aber, fragen wir uns, dürften dabei nun ihre, der Umworbenen Wahl in den meisten Fällen bestimmen? Im allgemeinen Getriebe der Weltdinge, die ja auch für ein Vogelhirnchen ihren Zwang unmöglich verleugnen können, wird das spröde Mägdelein wahrscheinlich den kräftigsten Be¬ werber zunächst auswählen. Ihr erster und primitivster Ge¬ schmack wird einfach der Geschmack etwa unserer Ritterzeit sein. Das Turnier tobt. Wer alle anderen, sei es auch nur im Kampfspiel und ohne Todesgefahr, aus dem Sattel wirft, ge¬ winnt die Hand der Königstochter. In der That führen, wie du weißt, verliebte, werbende Tiermännchen in solchen Fällen vielfältig die erbittertsten Tur¬ niere vor den Augen ihrer gemeinsamen Herzenskönigin auf, und die gute Unschuld wartet hübsch, bis einer alle heim¬ geschickt hat — und dann sagt sie Ja in der wohl begründeten Voraussicht, daß dieser entschieden der Stärkste sei. Aber wer will leugnen, daß dieses Kampfmotiv etwas Rohes hat. Die Vöglein im Baum sind zum großen Teil von Natur keine Kämpfer. Sollte es nicht noch andere Proben geben, die das Herz der Spröden öffnen und zwar weniger gewaltsame? Denken wir noch einmal an die Ritterzeit. Die Lanzen splittern, Staub dampft empor, mit Ächzen und blauen Flecken liegen alle Gegner im Sand. Die Königstochter aber schwankt. Draußen, jenseits aller Schranken, singt ihr Sänger ein süßes Minnelied zum Lobe der schönen Frau. Und das Unmögliche geschieht. Sie wirft dem Sänger die Rose zu. Wenn wir es hören, so meinen wir den Anbruch einer höheren Kultur in leisem Klingen zu vernehmen. Das Weib sucht den Besten, nach wie vor. Aber das Lied, der seine vergeistigte Extrakt der tiefsten Menschenkraft, gilt mehr als die derbe Faustkraft, die bloß mit der Lanze Bescheid weiß. Das Beispiel scheint ganz menschlich. Und doch: wie nah ist eben im Grunde das Tier dem Menschen. Eines Tages vollzog sich beim Vogel schon ein ganz ähnlicher Umschwung. Statt eines wilden Bewerbervolkes, das sich mit den Schnäbeln hackte, bis die Federn stoben und Blut floß, sah die minnigliche Maid auf einmal rings um sich einen Chor von Liebenden, die hübsche rhythmische Laute hervor¬ brachten, — sangen. Und der beste Sänger ersang sich die Braut. Der Sinn für ästhetische Reize, ausströmend in der Liebeszeit, wurde dem wählenden Weiblein ein Gradmesser für die Beurteilung der Bewerber und gab schließlich den Aus¬ schlag. Aber auch hier wieder gilt das Gleiche wie früher: nicht allein der Gesang der Nachtigall kommt als ästhetisches Motiv in Betracht. Anderswo, bei anderen Vögeln, hatte der ästhetische Feinsinn sich konzentriert nicht so sehr auf das Ohr, als auf das Auge . Und da jetzt taucht für die Paradies¬ weibchen der Punkt auf, wo sich bei ihnen die Liebeswahl verknotete mit ihrem Schönheitssinn . Da saß das Paradiesierweiblein. Zwölf Paradiesier¬ männlein saßen um es her und bemühten sich um seine Gunst. In einem solchen Vogelhirnchen vollziehen sich keine verwickelten Denkprozesse. Was kommt, kommt ziemlich auto¬ matisch. Aber es ist, als stecke doch eine tiefste Gedankenlogik gerade erst recht darin. Das Paradiesweiblein findet dank seinem angeborenen Schönheitssinn eine knallrote Beere hübscher als eine kaffeebraune. Da sitzen nun zwölf Männlein um es her. Noch ist, wohlverstanden, auch die Schar dieser Männer da¬ mals gewohnheitsmäßig simpel kaffeebraun. Aber ein einziges Männlein hat auf dem Kopfe zwischen den braunen Federn eine etwas lebhafter gefärbte: nicht mehr so ganz kaffeebraun, sondern etwas mehr schon rotbraun. Einerlei für jetzt, wie das gekommen ist. Warum hat unter uns Menschen hier ein¬ mal einer ein rotes Mal an der Stirn; oder im pechschwarzen Lockenhaar von Jugend an eine einzelne weiße Locke; oder diese oder jene ganz bestimmte Form von individueller Be¬ sonderheit? Sei es zunächst einmal auch dort bloß so: es hat eben einer eine mehr rote Feder. Und unsere Wahlmaid wählt diesen Bewerber gerade aus, sintemalen er am eigenen Leibe etwas hat, was mehr den roten Beeren als den braunen gleicht, also den Beeren, die der Paradiesierin einfach netter vorkommen. Nach demselben Gesetz gefällt ihr jetzt die rötliche Feder dort besser, und sie wählt diesen Vogel zum Gemahl unter Zwölfen. Hundertmal, tausendmal geht das ebenso. Immer ziehen die Paradiesier mit etwas mehr roten Federn am Kopfe das Loos der Mischliebe statt der Distance¬ schwärmerei und bringen es im Gegensatz zu allen anderen zur Gründung einer Familie mit entsprechender Dauerliebe. Nun fangen gewisse dunkle Vererbungsgesetze an, mit¬ zuarbeiten. Die Jungen mit roten Federn am Kopfe gewinnen überhaupt schon von vornherein das Übergewicht. Und zwar vererbt sich — hier arbeitet die Vererbung allerdings ganz in der dunklen Tiefe — die rote Federfarbe, die ja bei den Männchen stets ausgesucht wurde, mehr und mehr auch bloß auf diese Männchen und nicht ebenso auf die Weibchen. Warum? Ja, danach darf man bei „Vererbungsgesetzen“ heute noch nicht fragen. Warum entstehen überhaupt Männchen und Weibchen? Warum mehr Männchen als Weibchen? Lassen wir auch diese Frage hier einstweilen beiseite. Genug: so und so viel Zeit geht hin und es giebt über¬ haupt schließlich nur noch Paradiesvogelmännchen mit roten Köpfen. Da die Weibchen die Auswahl ins immer Intensivere getrieben haben, ist das Rot sogar schon ganz grell geworden, Zinnober, leuchtend, wie gesponnenes Glas so farbenschön. Aber nun ist's da und weiter läßt sich's nicht mehr treiben. Wieder sind die Liebeswerber gleich. Da tritt unter ihnen im Banne jenes ganz leichten, scheinbar zufälligen Abänderns unter Zwölfen etwa einer auf, der ist am Bauche nicht blaßgelblich braun, sondern so blaß, daß schon mehr ein Weißgelb entsteht. Der Kontrast gegen das schöne Rot am Kopfe wäre auch für unseren menschlichen Maßstab immerhin etwas netter. Das wählende Weibchen entscheidet ebenso. Nach so und so viel Zeit haben alle Paradiesier derart weißgelbe Bäuche. Schneeweiß wäre aber noch netter, und durch fortgesetzte Wahl der ästhetisch konsequenten Minnemägdulein sind die Bäuchlein endlich sämtlich seidenweiß. Jetzt kommt aber ein neuer Fall: hier ist eine „Mißgeburt“ von Mann, der hat zwischen dem korallenroten Kopfe uud dem seidenweißen Bauche eine grüne Feder, durch — sagen wir mal vorläufig — irgend eine chemische Zufälligkeit bei der Bildung seiner Halsfedern. Dem Weibchen erscheint das aber gar nicht als „Mißgeburt“. Grün zwischen rot und weiß, — wie hübsch! Es ist ja Farbensinn da, und der muß das sehen. Eine Weile — und alle Männchen haben zwischen dem roten Kopf und weißen Bauche gewohnheitsmäßig eine smaragdgrüne Binde. Wozu noch mehr ausmalen? Der männliche Königsparadiesvogel entsteht vor uns, ein Ergebnis des Farbensinnes seiner wählenden Weibchen, heraus¬ gezüchtet aus einem „Spatz“. Freilich wohlverstanden, nur der männliche wird so schön. Das wählende Weibchen „wählt“ sich nicht mit. Es bleibt stehen, bleibt selber dabei der alte graue Spatz. Aber vielleicht hat das sogar noch seinen Nutzen für sich. Das Weibchen ist, mag der Kampf ums Dasein im lieben Neu-Guinea noch so harmlos sein, doch als brütender Vogel auf dem Nest immer der gefährdetere Teil. Die alte Spatzenfarbe war eine Schutz farbe. Besser es behält sie auf alle Fälle für sich. Dem Schönheitssinn ist ja doch Genüge gethan, denn es geht ihm wie Rafael vor seinem Bilde . Es braucht nicht selber sich in sein Kunstideal zu verwandeln so wenig wie Rafael in die herrliche Kunstgestalt seiner Madonna selbst hineinzuschlüpfen braucht. Seinem Schönheitssinn ist alles Höchste erfüllt durch den Anblick dieser farbenprächtigen Männchen. Sie entfalten ihr Gefieder vor ihm, sie entzücken sein Auge. Immer noch wählt es die herrlichsten aus, in immer verfeinertem Kunstgeschmack. Alle sind sie so entstanden, der Königsparadiesier, der große goldene, der blaue des Kron¬ prinzen Rudolf. Und noch immer währt der Schönheitsstreit der Männchen bis auf diesen Tag. Höre noch einmal zum Schlusse Wallace, der die Para¬ diesier in den Wäldern ihrer Heimat belauscht hat, wörtlich. „Die Vögel hatten jetzt“, erzählt er im Reisebericht von den Aruinseln dicht bei Neu-Guinea, „was das Volk hier ihre scaleli oder Tanzgesellschaften nennt, begonnen. Sie finden sich auf gewissen Waldbäumen ein, die nicht Fruchtbäume sind wie ich zuerst meinte, aber weiter sich ausbreitende Zweige und große, zerstreut stehende Blätter haben und den Vögeln schönen Raum zum Spielen und zur Entfaltung ihres Gefieders geben. Auf einem der Bäume versammeln sich ein Dutzend bis zwan¬ zig vollbefiederter männlicher Vögel, strecken ihre Nacken aus und richten ihr exquisites Gefieder auf, indem sie es in be¬ ständiger zitternder Bewegung erhalten. Dazwischen fliegen sie in großer Erregung von Zweig zu Zweig, so daß der ganze Baum mit wallendem Gefieder in großer Manigfaltigkeit der Stellung und Bewegung erfüllt ist.“ Alles „Nützliche“ wird vergessen bei diesem Liebesspiel. Massenhaft schießen die Eingeborenen — ein letzter und allerdings schlimmster Feind — die prunkenden Werber aus dem Blätterdickicht mit Pfeilen herunter. Dabei wissen die heute so herrlichen Männchen selber offenbar ganz sicher, daß „Schönheit“ ihr Liebespfeil gegenüber dem Weibe ist. Vor den Spiegel gestellt, beschaut sich das gefangene Paradiesvogelmännchen mit unverkennbarer Eitelkeit, und hundert andere Züge mehr weisen darauf hin. So wäre die alte Linie wirklich geschlossen. Der männliche Paradiesvogel in seiner Schönheit erscheint als das Produkt des Schönheitssinnes seines Weibchens, ge¬ nau so wie Rafaels Sixtinische Madonna das Produkt von Rafaels künstlerisch erhabenem Schönheitssinn ist. Auch hier erscheint das Schöne auf der vollkommenen Wanderschaft durch den Geist zurück zum Geist. Die Mittel sind gröber, es bedarf gewaltiger Zeit dazu, Vererbung muß in dunkler Arbeit fixieren, was Rafael in der Gunst kurzer Stunden eines kurzen Menschenlebens mit Hand und Pinsel zum Gemälde festigt. Aber in der Grundlage ist der Kreis der Dinge dort geschlossen wie hier. Rafael mit seinem mir verwandten Schönheitssinne schafft die Madonna, und sie wirkt auf mich kraft meines eigenen von ihr geweckten Schönheitssinnes. Das Paradiesvogelweibchen mit seinem mir verwandten Schönheitssinne schafft die Farbenpracht des männ¬ lichen Paradisiers, und sie wirkt auf mich kraft meines eigenen, von ihr nur geweckten Schönheitssinnes. Es liegt in dem Gedankengange Darwins, wie er hier im Kern wenigstens zu Grunde gelegt ist, eine logische Gewalt ersten Ranges. Alle haben das empfunden, die aus der gang¬ baren älteren Schulästhetik zum erstenmale vor diese scharfe Schlu߬ kette des Naturforschers gerieten. Zum erstenmale zeigte sich eine Möglichkeit, eine Schönheit wie die des Paradiesvogels wirklich in den Rahmen echter menschlicher Schönheitslehre einzuordnen. Zugleich aber erschien etwas innerlich noch viel bedeut¬ sameres. Der Weg, wie dieses Tier „Schönes“ schuf, war ein umständlicher, grober, niederer. Aber die Wurzel auch seines Schaffens war im Grunde genau die gleiche wie bei Rafael: ein geheimnisvolles „Schönfinden“ gewisser Dinge in den seelischen Tiefen seines Gehirns. Nie ist das Tier in der neueren Naturforschung seelisch dem Menschen näher ge¬ rückt worden als hier. Die ganze Frage war, das darf nicht vergessen werden, übergespielt in das seelische Gebiet, trotz aller Strenge naturwissenschaftlichen Denkens. W o immer auf einem Gebiete menschlicher Gedanken¬ anstrengung die ehrwürdige Gestalt des alten Darwin auftaucht, da ist geweihte Erde. Auch die Geschichte des Liebeslebens dankt ihm einen Alexanderzug. Aber du wirst mir erlauben, nachdem ich die „Idee Darwins“ in ein einzelnes Bild, soweit es ging, zu¬ sammengedrängt, ohne dazwischen zu reden: — daß ich jetzt auch noch ein kleines eigenes Wörtchen anhänge. Im Voll¬ gefühl, daß wir heute nicht Darwin in einer billigen Manier zu „überwinden“, — wohl aber mit gutem Bemühen fort¬ schreitend im Sinne seines eigenen Zieles zu vertiefen haben. Charles Darwins Ideen über diese sogenannte „Geschlecht¬ liche Zuchtwahl“, wie wir sie seit dreißig Jahren jetzt besitzen, sind in dieser Zeit Gegenstand der heftigsten, zum Teil aber recht fruchtbarer Debatten gewesen. Die wesentlichsten Thatsachen sind dabei unbestritten ge¬ blieben. Mein Paradiesvogel ist ja nur ein auf Darwins Grundsätze abgehandeltes Exempel. Ähnliche Dinge findest du in der höheren Tierwelt massenhaft. Prachtvolle Hochzeits¬ kleider der Männchen. Ein Wählen der Weibchen. Dann verwandte Sachen fürs Ohr. Geigen, Singen, Musizieren der Männchen. Vom zackigen Kamm des verliebten Teichmolchs bis zum Liede der Nachtigall. Was man zunächst nur bestritt, war der verknüpfende Gedankengang des Alten von Down. Darwin war in seiner Zuchtwahltheorie so vielen zu „mechanisch,“ Allzugrob und roh durch reine Kampf- ums Dasein-Auslese der Passendsten sollte die große Entwickelungslinie sich dahin gedrängelt haben! Jetzt umgekehrt die ästhetische Auslese bei der Liebe, dieses „Sichvermehren der Wohlgefälligsten“, wie einer die Sache gut bezeichnet hat, war so und so viel anderen wieder zu „seelisch“, zu „menschenähnlich“, zu sehr Gehirnarbeit des In¬ dividuums. Manche dieser Argumente fallen gleich wie windige Spreu ab. So das: der Mensch habe allein Ästhetik, Freude an Schönem, das Tier nicht. Warum? Ja weil der Mensch halt „Mensch“ sei, himmelhoch von jedem Tier getrennt. Das richtet sich von selbst durch Darwins weitere, umfassendere Tier- und Menschanschauung, von der wir keinerlei Grund haben, auch nur ein Titelchen nachzugeben. Diesen Standpunkt brauche ich dir nicht zu widerlegen, nachdem wir uns jetzt zwei Bände lang unterhalten haben. Zieh dich nackt aus, be¬ frage deinen Leib, sage dir, daß Leib und Geist Eines sind, und frage nichts mehr .... Weiter aber. Die ganze Pracht des Paradiesvogel- Männchens (und sonst ad infinitum bei Tieren) sei, heißt es, ein unmittelbarer „Überschuß von Kraft“, ausgemünzt im Liebesstadium mit seiner Entlastung von Kampfessorge bei Tieren, die ohnehin im Daseinskampfe schon stark entlastet. Das Weibchen soll stets nur das aufdringlichste, auffälligste, üppigste Männchen wählen, das kräftigste eben, dessen Kraft es an dieser Üppigkeit merkt. Besonderes Wohlgefallen aber an dieser oder jener Farbe oder am feinen Rhythmus des Gesanges soll keinerlei Rolle dabei spielen, also nichts eigent¬ lich Ästhetisches. Diese Meinung, mit viel Energie vorgeführt, hat einen dunkeln Punkt und einen direkt falschen Punkt. Der falsche 25 liegt darin, daß vergessen wird, wie der Vogel — denke nur an unsere Chlamydodera oben — ja bunte Sachen (Federn, Beeren) sammelt auch unabhängig vom Männchen und seiner Kraft. Jede knallrote Beere und blaue Feder an der australischen Liebeslaube wirft diese ganze Ecke des Arguments um: der Vogel hat eben überhaupt Freude am Bunten, am ästhetisch Hübschen — und weil er sie ohnehin hat, hieße es in der Liebeswahl einen Sinn bei ihm ausschalten , wollte man von der ästhetischen Wahl hier absehen. Erdrückend sind aber die Beweise wieder, daß die Liebe wahrlich keine Sinne und Geistesanlagen ausschaltet, sondern im Gegenteil alles auf die denkbar höchste Höhe schraubt. Der dunkle Punkt dagegen scheint mir darin zu stecken, daß diese Ansicht noch durchaus nicht ohne weiteres die Ent¬ stehung etwa der Prachtfarben eines Königsparadiesvogels aus Kraftüberschuß im Liebesstadium wirklich erklärt. Das „Wie?“ wird hier einfach mit einem Wort übersprungen. Gut, ich glaube gern, daß die Liebeszeit alles im Leibe eines Vogelmännchens zur Hochglut gleichsam bringt. Wie der Blick feuriger wird, so wird auch die Haut lebhafter durch¬ blutet werden. Ich will zugeben, daß das als Reiz auf das Wachstum der Federn wirkt. Die Federn werden zur Liebes¬ zeit vielleicht selber dicker, größer, üppiger werden. Zumal bei Vögeln im geschützten Urwald, wo der Kampf ums Dasein wenig eine Rolle spielt. Und zumal gewisse Federn der be¬ sonders hoch geheizten Geschlechtsgegend. Ein solches verliebtes Vöglein könnte ganz gut stärkere, längere Schwanzfedern als „Hochzeitskleid“ entwickeln. Ja ich will sogar zugeben, daß — in einer mir im Engeren allerdings schon unbekannten Weise — diese verschärften Reize gewisse chemische Wirkungen derart in den Federn hervorgebracht haben könnten, daß irgend eine veränderte Farbe aufgetreten wäre. Eine früher braune Feder mag meinetwegen, wie, weiß ich nicht näher, im Hochzeits¬ fieber rot geworden sein. Aber jetzt sieh dir den Königsparadiesvogel an. Wie soll der Farbenrhythmus von Zinnober und Weiß, getrennt durch eine smaragdgrüne Binde, so entstanden sein? Er gerade ist eigentlich das, was so zauberhaft „schön“ auf unser Auge bei dem Tierchen wirkt. Er gerade ist das, was bei Darwin erst die ästhetische Wahl der Weibchen in einer Kette von tausend Generationen langsam aus hundert Möglichkeiten herausgesucht hat. Solche ästhetische Auslese soll nun gar nicht existiert haben. Und doch existiert der Farbenrhythmus. Muß er also wohl auch direkt durch jenen Kraftüberschuß von den federbildenden Zellen des Vogelleibes erzeugt worden sein! Aber das ist, so einfach hingestellt, zunächst mindestens eine ganz dunkle Sache. So ist denn oft betont und auch von Darwin selber ge¬ glaubt worden, daß der Vorstoß auch von dieser Seite an seiner teilweisen Verkennung einfachster Thatsächlichkeiten, also am falschen Punkt, und gleichzeitig seinem Versagen vor der fast wesentlichsten Grundfrage, also am dunklen Punkt, vollständig gescheitert sei. Indessen ließe sich doch überlegen, ob man nicht eine Syn¬ these beider Meinungen in ein noch Höheres und Besseres hin¬ ein vornehmen könnte. Die ästhetische Auslese des jedesmal schönsten Männchens durch das freiende Weibchen stehe im Sinne Darwins fest, und alles hier unmittelbar Anknüpfende bleibe genau so, wie es oben geschildert ist. Aber nun fragt sich doch noch, ob nicht in der Gegend jenes anderen dunklen Punktes dem Auslese- Prinzip wirklich noch etwas wenigstens entgegengearbeitet habe. Ich meine das — immer jetzt bloß im Aper ç u ohne strenge Beweise geredet — so. Auch bei Darwin liefern die Männchen schließlich doch das Material der Auslese. Es tritt einmal eine rote Feder auf — und die wird dann von dem Weibchen bevorzugt und so fixiert. Nachher kommt eine grüne, der es ebenso geht. Und eines Tages hat sich an Rot und Grün eine Fläche weißer 25 * Federn geschlossen, die nun abermals treu gepflegt und so kon¬ serviert worden ist. Auch in Darwins Sinne kann hier nichts entgegenstehen, wenn man sagt: diese zunächst regellos auftretende lebhafte Färbung einzelner Federn überhaupt dürfte wohl in jenem Sinne der gesteigerten Erregung des Vogels in der Liebeszeit ganz im allgemeinen zuzuschreiben sein. So gerätst du auch von hier wenigstens an die Grenze jenes dunklen Punktes der anderen Betrachtungsart. Der Körper des Männchens thut jedenfalls auch aus sich etwas hinzu. Er liefert eine Art Pa¬ lette, aus deren regellosen Farben dann das Auge und Gehirn der Weibchen von so und so viel Generationen erst den ästhe¬ tisch schönen Farbenrythmus allmählich herausdestillieren. Hier könnte sich bei dir nun die Frage wenigstens ein¬ stellen, ob dieser rhythmischen Wahl nicht vom Federkleide, also allgemeiner gesprochen, der Haut des Paradiesvogelmännchens aus doch auch schon etwas selber Rhythmisches, ästhetisch Ord¬ nendes entgegengearbeitet hat . Wohl verstanden: nicht vom Gehirn des Vogelmannes. Das wird hier nach wie vor so wenig Macht gehabt haben, wie wir Menschen regelrechter Weise etwa durch reines „Denken“ von Rot, Grün, Weiß nun auch unsere Haut entsprechend färben können, oder so wenig wir überhaupt Macht über unseren Körper und seine Organe direkt von Innen heraus aus unserer „Bewußtheit“ zu besitzen pflegen. Aber wir haben ja so vielfältig vom „Leibe“ als tieferer selbständiger Schicht der Individualität gesprochen. Laß also die Hautzellen einmal eine selbständige Macht am Vogel sein und überlege, ob die nicht ganz für sich in einem Stadium der höchsten Energie des gesamten Organismus, das bis in jede Zelle wetterleuchtet, etwas vermöchte, das jenes „Entgegen¬ kommen“ thatsächlich ermöglichte. Darwins ganze Idee von der Auslese der Passendsten (hier im Falle sind es die ästhetisch Passendsten!) hat ja die merkwürdige Eigenschaft, daß sie immerfort auf die Thatsache einer tieferen Schicht herabdeutet, — und daß sie in dieser Schicht zugleich vor das große Problem führt, ob von dieser Schicht etwas der Auslese entgegenarbeitet oder nicht. Nimm Darwins einfache Zuchtwahl-Theorie. Auf grünem Zweig leben Laubfrösche. Sie zeigen ver¬ schiedene Farbenvarietäten. Darunter auch grüne. Im Daseins¬ kampfe bleiben bloß die grünen fort und fort erhalten und pflanzen sich immer grüner fort, sintemalen Grün auf Grün allein die Schutzfarbe ist, die für Feind und Beutetier möglichst unsichtbar macht. Das ist äußerst plausibel und schließt die alte hausbackene Herrgotts-Zwecktheorie vollkommen aus. Aber es bleibt die Grundsache, daß die grüne Variante eben gelegentlich auftauchen muß . Ja es läßt sich nicht leugnen: sie mußte früh , mußte oft erscheinen, sonst kam die Sache wohl nicht vor Vernichtung des ganzen Froschvolkes ins helfende Schutzgeleise. Auch ohne jede altertümliche Zwecktheorie ist also die Frage laut geworden: kam nicht der Entstehung gerade grüner Varianten doch von Beginn an etwas entgegen , so daß die natürliche Zuchtwahl bloß mit ihrer schnellen Logik nachzuhelfen und zu fixieren brauchte? Der Nachweis solchen Entgegenkommens brauchte wohl¬ verstanden keineswegs in die alte Zwecktheorie zurückzufallen, sondern er konnte recht so „mechanisch“ oder besser so logisch im naturwissenschaftlichen Kausalitätssinne sein, wie nur irgend ein Teil der weiteren Darwinschen Theorie. Als Aper ç u wieder magst du dir da einmal folgenden Gedanken bei der Anpassungs-Zuchtwahl der Laubfrösche aus¬ gestalten. Es sei jetzt nicht untersucht, wie Farben im Einzelnen in tierischen Hautzellen oder sonstwo entstehen. Ich lasse alle mir soweit wohlbekannte Bildung von bestimmten Farb- Pigmenten mit so und so viel Mineraleinlagen beiseite, ebenso alle sogenannten Interferenz-Farben, und so weiter. Ich sage grob bildlich: Licht fällt auf eine Körperfläche. Es ist einfache Wirkung der Lagerung kleiner Teilchen in dieser Fläche, wie das Licht behandelt wird: ob diese Licht¬ strahlen verschluckt, jene zurückgestrahlt werden. Eine be¬ stimmte Lagerung dieser Art bedingt beispielsweise, daß die grünen Strahlen zurückgestrahlt werden, — daß also die Körperfläche im ganzen grün erscheint. Eine solche Lagerung, die Grün erzeugt, haben nun die Teilchen des grünen Blattes, auf dem der Laubfrosch sitzt. Wäre es nicht möglich, daß bei längerem Aufenthalt die Teilchen seiner Hautdecke sich dieser Richtung ihrer Unterlage¬ teilchen nach Kräften annäherten? Du könntest dir das rein physikalisch denken. Nimm ein Verhältnis an wie zwischen zwei Drähten, in deren einem ein elektrischer Strom läuft und im anderen einen Induktionsstrom erzeugt. Oder nimm einen Krystall, der, in eine Lösung ge¬ taucht, eine bestimmte „Richtkraft“ auf die neu sich bildenden Kristalle dieser Lösung ausübt und sie zu seiner bestimmten Form nötigt. Ganz ähnlich stellten sich Teilchen der Laub¬ froschhaut allmählich auf die Richtung der Teilchen der Blatt¬ haut wie kleine Magnetnadeln ein — und das Ergebnis wäre ein grün werdender Laubfrosch. Eine bestimmte Macht erzöge entgegenkommend grüne Varietäten. Und mit denen hätte dann der Daseinskampf, in dem gerade „Grün“ hier Schutz bedeutet, leichtes Spiel zum endgültigen Züchten einer grünen Art gehabt .... Da es sich bei der Laubfroschhaut übrigens um lebende Zellen (und wenigstens Produkte solcher) handelt, so könntest du die Sache auch „seelisch“ erzählen. Also Zellteilchen der Froschhaut empfänden durch irgend einen eigentümlichen Reiz die räumliche Lagerung der Blatt¬ teilchen so lange als „unangenehm“, bis sie sich möglichst in derselben Ordnung gelagert hätten. Es erfolgte also die Grün- Werdung des Laubfroschs ursprünglich aus einem Harmonie- Bedürfnis , — doch nicht dem seines Gehirns, sondern direkt dem seiner Hautteilchen. Doch einerlei, ob seelische oder physikalische Deutung: das Ergebnis bliebe so wie so. Es arbeitete etwas der groben Schutzauslese im Überleben der Passendsten schon entgegen: von Anfang an zeigte sich eine Variations-Tendenz zu Grün, die der Daseinskampf bloß zu hätscheln brauchte, um ein Geschlecht schließlich absolut grüner Laubfrösche zu erzeugen. Jetzt in diese Unterschicht entgegenkommender Wirkungen von den kleinen Lebensteilchen der Körperoberfläche aus hättest du also bei den Prämissen der geschlechtlichen Zuchtwahl auch einzutauchen. (Immer im Aperçu, nicht wahr?) Hier handelte es sich aber nicht um physikalisch konforme oder seelisch har¬ monische Anpassungs-Lagerungen kleiner organischer Deckteilchen. Der Paradiesvogel-Mann entwickelt ja nicht rot-grün-weiße Helgolandfedern, weil er etwa auf einem Helgoland sitzt, wo rot die Kant, grün das Land, weiß der Sand ist. Sondern es handelt sich, um es kurz heraus zu sagen, darum, ob in der organischen Welt ein besonderes rhyth¬ misches Prinzip noch walte . Ein Prinzip, das lebendige Teile, die eine rote Feder gebildet, zwingen könnte, aus (physikalischen wie psychischen) Gründen daneben gelegentlich eine grüne Feder zu setzen und wiederum in Ergänzung eine weiße nach der Skala ungefähr unseres menschlichen ästhetischen Gehirn-Empfindens. Ein Prinzip, das also solchergestalt, wenn schon in roher Anlage nur, an einem und demselben Tierkörper der geschlechtlichen Zuchtwahl ihr Material schon entgegengebracht hätte. Es ist nicht zu leugnen, daß solchem rhythmischen Prinzip von unten auf im Organischen vielerlei in die Hände arbeitet. Ich will jetzt nicht, woran du vielleicht bei der Ganz¬ natur denkst, fragen, wer die Doppelsterne etwa so für jeden Astronomen auffällig in Komplementärfarben gesondert und wer die Krystalle gefügt hat, — das könnte zu sehr ins Weite und ganz Ungewisse verführen. Aber sieh dir die Ge¬ bilde auf Seite 29 an, — Skelette aus Kieselstoff, die sich gewisse Urwesen bilden, die nur aus einer Zelle bestehen, die sogenannten Radiolarien. Diese Formen, in der Schutz-Praxis zum Zweck des Schwedens gallertartiger Leiblein im freien Wasser ausgenutzt, stellen viele Hunderte feinster rhythmischer Gebilde dar, wie sie prächtiger kaum gedacht werden können, — von uns ästhe¬ tischen Menschengeistern gedacht! Und dabei Produkte einzelliger Schleimklümpchen. Nun denke weiter an die wahrhaft berauschende rhythmische Pracht etwa von Schneckengehäusen, also den Hautabscheidungen zwar höherer, aber doch noch gegen uns gehalten recht niedriger Vielzelltiere. Und so weiter und so weiter. Willst du Bilder, so blättere Haeckels famoses Tafelwerk „Kunstformen der Natur“ durch. Dieses rhythmische Prinzip, wie ich es wirklich nennen möchte, scheint durch die ganze organische Natur allenthalben heraufzukommen und zwar als eine, wenn denn ziemlich myste¬ riöse Eigenschaft aller beliebigen Protoplasmateilchen, — sei es nun, daß sie sich selber danach lagern, oder sei es, daß sie es, wie in Radiolarienskelett und Schneckenschale, als kristallinisch wirkende „Richtkraft“ in ihre abgeschiedenen Pro¬ dukte hinein bewähren. Nun aber etwas äußerst merkwürdiges, obwohl im Grunde höchst simples. Dieses selbe rhythmische Prinzip kehrt uns wieder in der Freude des Gehirngeistes der höheren Tiere an „Schönem“!! Es kehrt wieder in der Kunstempfindung bei uns Menschen und in dem aktiven Bestreben, Ästhetisches zu schaffen ... Was Wunder aber! Sind doch unsere Gehirnzellen auch nur „Zellen“, ja gerade ursprüngliche Hautzellen. Ist doch alles „Geistige“ in unserem bewußten Sinne nur ein höheres Stockwerk innerhalb unserer Gesamt-Individualität , — ein Stück höher projizierten Leibes selbst. Was unten tief darin lag als einfache Körperhandlung, kommt hier nur als komplizierte Geisteshandlung auf der gleichen Basis wieder heraus . Und da jetzt zeigt sich für mich (immer im Aper ç u!) der eigentlich verknüpfende Punkt. Der Leib bahnt Rhythmisches in Farben an. Nicht vom Centralbewußtsein aus. Bei den Hautteilchen für sich, die sich rhythmisch lagern. Mag wohl sein: die Liebeszeit mit ihrer er¬ höhten leiblichen Energie giebt da einen großen Drücker. Zumal jenseits aller Kampf- ums Dasein-Anpassungen. So kommt von hier reiches rhythmisches, schon auf Schönheit gestimmtes Material entgegen. Das nun faßt aber das obere Stockwerk der Liebes-Individualitäten durch das Auge und Gehirn des wählenden Weibchens und baut es nach dem Prinzip der ge¬ schlechtlichen Zuchtwahl aus . Die Schlange beißt sich in den Schwanz. Der „dunkle Punkt“ erscheint in dieser Betrachtungsart nur wie die untere Hälfte desselben Prinzips, das oben vom Gehirn aus wählt. Unten dumpfer rhythmischer Drang der Hautteile, sich, wenn Rotlagerung gegeben, nun auch zu Grünlagerung und endlich Weißlagerung daneben zu ordnen. Die Einzelteilchen fühlen sich physikalisch und seelisch beruhigt dabei. Zugleich aber wirkt das nach oben in andere, höhere Zellenressorts als An¬ lage zu „Schönem“, wie man es vergeistigt dort faßt. Die eigentlich ästhetische Auslese nimmt von oben jetzt das Heft in die Hand, dirigiert die letzte plumpe Unvollkommenheit, wählt so zu sagen von tausend Modellen stets wieder das vom über¬ schauenden Auge aus vollkommenste — und schafft so endlich das große Fazit in Darwins Sinn. Es ist das Hübscheste immer, wie hier das obere Prinzip bloß als Entwickelungsstufe des unteren erscheint. Im Geistigen bricht das Ästhetische sehend und wählend aus, das unten schon ein Grundprinzip der ganzen lebendigen Welt war. Die Materie wird einmal wieder Geist, — weil alles Materielle in Wahrheit schon von Urbeginn an ein Geistiges ist. Nicht der Geist sinkt zur Materie herab, — sondern die Materie erscheint als das Ur-Geistige. Doch da thun sich Fragen über Fragen noch auf. Der Band aber will zu Ende. Es wird aus dem zweiten der dritte Tag. Von der Liebe reden, ja das heißt kein Ende finden. Wir sind nun mit voller Wucht — wenn schon gerade zuletzt, wie ich selber sage, auf dünner Stange — ins Geistige geschritten. Hier aber wird's erst eigentlich interessant ...... Einen Händedruck für diesmal, Freund am blauen Weltensee. Und ein Wort vom alten lieben Angelus Silesius. „Freund, es ist nun genug. Im Fall du mehr willst lesen, So geh und werde selbst Die Schrift und selbst das Wesen.“ Verlag von Eugen Diederichs in Leipzig Von gleichem Verfasser erschien: W. Bölsche, Das Liebesleben in der Natur. 1. Folge. 5. und 6. Tausend. Mit Buchschmuck von Müller- Schönefeld . 402 Seiten. Preis brosch. M. 5.–, geb. M. 6.–. W. Bölsche, Vom Bazillus zum Affenmenschen. Ge¬ sammelte Essays. 3. Tausend. Mit Kopfleisten von J. V. Cissarz . 341 Seiten. Preis brosch. M. 4.–, geb. M. 5.–. Inhalt : Bazillus-Gedanken — Wenn der Komet kommt! — Vom klassischen Boden des Ichthyosaurus — Das Geheimnis des Südpols — Aus dem Schicksalsbuch der Tierwelt in den Polar¬ ländern — Die Urgeschichte des Magens — Ein lebendes Tier aus der Urwelt — Der Affenmensch von Java — Vom dicken Vogt — Das Märchen des Mars. Urteile in katholischer Weltauffassung: Kölnische Volkszeitung : Wir können der Arbeit von Bölsche, die Stellen von einiger dichterischer Schönheit aufweist, den Vorwurf nicht ersparen, daß sie von Anfang bis zu Ende in der Vermenschlichung des Tieres und der Vertierung des Menschen schwelgt. Das Gefühl unendlichen Ekels ergreift uns, wenn selbst eine so erhabene Verkörperung religiöser Ideen, wie die Sixtinische Madonna, aus den lichten Höhen der Apotheose in die dumpfe Atmosphäre der Erotik herabgezogen wird. Aber wenn die Natur alles und der Mensch nicht individuell unsterblich ist, wie man uns in diesem wie in so vielen derartigen Büchern an der Hand der berüchtigten Häckelschen Heraldik und des biogenetischen Grundgesetzes beweist, dann muß man allerdings erotische Betrachtungen, wie sie hier mit liebevoller Aufmerksamkeit über alle Klassen, Ordnungen und Familien des Tierreiches erstreckt sind, für die edelste Blüte der Hirnthätigkeit halten. Zweifellos würde einen wirklichen Natur¬ freund die trockenste wissenschaftliche Behandlung desselben Stoffes weit mehr befriedigen . (Dazu bemerkt die Frankfurter Zeitung in einer politischen Betrachtung: Wir lasen kürzlich in der „Kölnischen Volkszeitung“ eine Kritik über Bölsches „Liebesleben in der Natur“, die sehr abfällig war. Das Schamgefühl dieses Blattes , das etwa dem einer Maid von vierzehn Jahren entspricht , ist durch das Buch verletzt worden — durch ein Buch von höchst belehrendem Inhalt und meister¬ hafter Form.) Allgemeines Litteraturblatt , herausgegeben durch die österreichische Leogesellschaft : Aber der Ton, in dem der Verfasser dieses Thema erörtert, ist der des Hymnus, des Panegyricus, des Stammelns, der halben Worte und Sätze, der ein mystisches Gewand um den Gegenstand weben und ihn seiner naturwissen¬ schaftlichen Qualität entkleiden, ihn zum Gegenstand der Dichtung, der Kunst, des Ge¬ heimnisses machen soll. Der nackte Darwinismus in seiner ganzen Brutalität — in freie Rhythmen gebracht. Als Kopfleisten findet man die aus Häckel bekannten ge¬ fälschten Blätter des Katzen- und Menschenembryos (S. 44) und ähnliche Geschmack¬ losigkeiten. Für wen ein derartiges Buch berechnet ist, Iäßt sich nicht leicht erkennen: der Naturhistoriker wird, abgesehen davon, daß er nichts Neues daraus erfährt, abgestoßen durch die langweilige Geschraubtheit und Umständlichkeit der Sprache , der Philosoph wird vergebens nach einem Gedanken in dem Wust von Worten suchen ... bleibt nur die Klasse jener, welche der Titel oder das eigen¬ artige Umschlagblatt verlockt. Ob es dem Verfasser aber gerade um diese Sorte von Lesern zu thun ist? Verlag von Eugen Diederichs in Leipzig Neueste Erscheinungen : Arnold, C. Fr., Die Vertreibung der Salzburger Protestanten und ihre Aufnahme bei den Glaubensgenossen. Ein kultur¬ geschichtliches Zeitbild aus dem 18. Jahrhundert. Mit 42 zeit¬ genössischen Kupfern. Brosch. Mk. 4.–, geb. Mk. 5.–. Die Blaue Blume. Eine Anthologie romantischer Lyrik von Friedr. v. Oppeln-Bronikowski und Ludwig Jacobowski . Brosch. Mk. 5.–, geb. Mk 6.–. Driesmans, H., Das Keltentum in der europäischen Blutmischung. Eine Kulturgeschichte der Rasseninstinkte. Brosch. Mk. 4.–, geb. Mk. 5.–. Rossetti, Dante Gabriel, Das Haus des Lebens. Eine Sonetten¬ folge. Brosch. Mk. 3.–, geb. Mk. 4.–. Ruskin, John, Ausgewählte Werke in vollständiger Übertragung. Bd. I . Die sieben Leuchter der Baukunst. Übersetzt von W. Schoelermann . Brosch. Mk. 6.–, geb. Mk. 7.–. Bd. II . Sesam und Lilien. Übersetzt von Hedwig Jahn . Brosch. Mk. 3.–. geb. 4.–. Salus Hugo, Ehefrühling. Gedichte. 2. Tausend. Mit künstlerischer Ausstattung von H. Vogeler-Worpswede . Brosch. Mk. 2.–, geb. M. 3.–. Schultze-Naumburg, Paul, Häusliche Kunstpflege. 2 Auflage. Brosch. Mk. 3.–, geb. Mk. 4.–. — Studium und Ziele der Malerei. 2. Auflage. Brosch. Mk. 44. geb. M. 5.–. Spitteler, Carl, Olympischer Frühling. I. Die Auffahrt. Preis brosch. M. 2.50, geb. M. 3.50. von Stendhal (Henry Beyle). Rot und Schwarz . ( Le Rouge et le Noir .) Aus dem Französischen von Fr. v. Oppeln-Bronikowski . 2 Bände. Brosch. à Mk. 3.–, geb. à M. 4.–. Tolstoi, Leo, Auferstehung. Nach der einzigen ungekürzten Ori¬ ginalausgabe mit Genehmigung des Verfassers übersetzt von W. Czumikow . 4. und 5. Tausend. 3 Bände brosch. Mk. 6.–, geb. Mk. 8.50, in 2 Bände geb, Mk. 8.–. — Patriotismus und Regierung. 6. Tausend. Brosch. Mk. –.50. Tschechoff, A., Gesammelte Werke. Bd. I . Ein bekannter Herr. Einzig autorisierte Ausgabe. Übersetzt von W. Czumikow . Brosch Mk. 3.–, geb. Mk. 4.–. Verlag von Eugen Diedrichs in Leipzig Weltanschauungsbücher! Julius Hart, Zukunftsland. T. der neue Gott. Ein Ausblick auf das kommende Jahrhundert. Preis brosch. M. 5.–, geb. M. 6.–. — Das Reich der Erfüllung. Flugschriften. Heft 1. Preis brosch. M. 1.–. In der Serie Zukunftsland, die drei Bände umfassen soll, entwickelt Julius Hart in erschöpfender Weise die Grundgedanken seiner neuen und originellen Welt¬ anschauung, einer ersten Philosophie der Entwicklung und Verwandlung, welche die alten Gegensätze der idealistischen und realistischen Erkenntnis überwindet und auflöst und die Wahrheiten der großen religiösen und philosophischen Systeme der Vergangen¬ heit mit den Ergebnissen der modernen Naturwissenschaft zu vereinen und daraus eine neue Auffassung von Werden und Vergehen der Dinge herzuleiten sucht. Die Flugschriften leiten zu dieser Weltanschauung hinüber. Kassner, Rudolf, Die Mystik. die Künstler und das Leben. Über englische Dichter und Maler (W.Blake,P.S.Shelley, John Keats, D. G. Rossetti, A. C. Swinburne, W. Morris, E. Burne-Jones, Browning). Brosch. Mk. 6.–. m. Maeterlinck. Der Schatz der Armen. Autorisierte Ausgabe. Übersetzt durch v. Oppeln-Bronikowski . Brosch, Mk. 6.–, geb. Mk. 7.–. — Weisheit und Schicksal. Autorisierte Ausgabe. Über¬ setzt durch v. Oppeln-Bronikowski . Brosch. Mk. 4.50, geb. Mk. 5.50. In Vorbereitung sind: Bonus, Artuhr, Sind wir noch Christen? Schwann, Matthieu, Liebe! Ein Hymnus auf das Leben. Wille, Bruno, Offenbarungen des Wachholderbaums. Roman eines Allsehers. 2 Bände. Verlag von Eugen Diederichs in Leipzig Möchten doch literarisch-artistische Unternehmungen dieser Art durch Alle, welche Kraft, Vermögen und Einfluß haben, gebührend befördert werden, damit uns die große und riesenmächtige Gesinnung unserer Vorfahren zur Anschauung ge¬ lange , und wir uns einen Begriff machen können von dem, was sie wollen durften. Die hieraus entspringende Einsicht wird nicht unfruchtbar bleiben. Goethe, Dichtung und Wahrheit. Monographien zur deutschen Kulturgeschichte Herausgegeben von Dr. G. Steinhausen . In reich illustrierten, vornehm ausgestatteten 8—10 Bogen starken Bänden. Preis broschiert M. 4.—, geb. M. 5.50. Dem deutschen Volke die Kenntnis seiner früheren Kultur¬ verhältnisse durch Wort und Bild zu vermitteln und dadurch deutsches Volkstum und nationale Eigenart zu stärken und zu neuer Blüte zu erwecken , ist der Grundgedanke des weitangelegten Unternehmens . Dasselbe ist auf ca. 30 Bände berechnet und umfaßt die Entwicklung der Stände, Berufe und Volksgruppen sowie auch Sitten- und Zeitbilder. Die entwicklungs¬ geschichtliche Darstellung eines jeden Standes setzt mit dem Beginn der Kultur ein und endet mit dem Anfang des 19. Jahrhunderts. Fern aller weitschweifigen Ge¬ lehrsamkeit wird in anregender, leicht verständlicher Darstellung ein anschauliches Bild unserer vergangenen Kultur gegeben, das durch systematisch ausgewählte Original¬ faksimiles der Holzschnitte und Kupferstiche unserer alten Meister wie Baldung , Beham , Burgtmair , Dürer , Holbein , Schäuffelein , Schongauer ꝛc. ergänzt wird. Dadurch sind die Monographien in hervorragender Weise geeignet, den Nibelungenschatz der alten deutschen Kunst zu heben und bei billigem Preis Jedermann zu ermöglichen, sich an der Gefühlswelt, der Phantasie und der Naivität unserer Vorfahren zu erfreuen. Bisher erschienen: I . Georg Liebe , Der Soldat. Mit 183 Kupfern und Holzschnitten. II . G. Steinhausen, Der Kaufmann. Mit 150 Kupfern und Holz¬ schnitten. III . H. Peters, Der Arzt und die Heilkunst. Mit 153 Kupfern und Holzschnitten. IV . F. Heinemann, Der Richter und die Rechtspflege. Mit 159 Kupfern und Holzschnitten. V . H. Boesch, Das Kinderleben. Mit 149 Kupfern und Holz¬ schnitten. VI . A. Bartels, Der Bauer. Mit 168 Kupfern und Holzschnitten. VII . E. Reicke, Der Gelehrte. (Erscheint im Oktober.) Preis je brosch. Mk. 4.—, geb. Mk. 5.50. Ausgabe A altertümlich. Ausgabe B modern.