Heinrich Sanders, Professors am Gymnasium illustre in Carlsruhe, der Gesellschaft Naturforschender Freunde in Berlin, und der Fuͤrstlichen Anhaltischen deutschen Gesellschaft in Bernburg Ehrenmitgliedes Beschreibung seiner Reisen durch Frankreich, die Niederlande, Holland, Deutschland und Italien; in Beziehung auf Menschenkenntnis, Industrie, Litteratur und Naturkunde insonderheit. Zweiter Theil. Leipzig, bei Friedrich Gotthold Jacobaͤer und Sohn, 1784. Heinrich Sanders Leben. a Heinrich Sander’s Leben Diese Lebensbeschreibung ist aus der Feder des Herrn Superintendent Kuͤttner in Seyda, der vom Verle- ger den Auftrag dazu erhielt, und diese Arbeit um desto lieber uͤbernahm, da er Sandern nicht nur von Person kennen lernte, und seiner Verdienste wegen sehr hoch schaͤtzt, sondern sich auch durch briefliche und andere zuverlaͤßige Nachrichten in den Stand gesetzet sah, die Goͤtzische Lebensbeschreibung, die der gegenwaͤrtigen zur Grundlage dient, zu ergaͤnzen. Herausgeber. . W enn man das Verdienst eines Mannes richtig bestimmen, und den Verlust, den die Welt durch seinen Tod erlitten hat, ge- nau berechnen will, so muß man nicht blos auf das sehen was er geleistet hat, sondern man muß auch das in Anschlag bringen, was er bei laͤn- germ Leben haͤtte leisten koͤnnen, und aller Wahr- scheinlichkeit nach geleistet haben wuͤrde. In dieser Hinsicht ist Sander’s fruͤhzeitiger Tod a 2 nicht nicht nur ein unersetzlicher Verlust fuͤr seine Braut, fuͤr seine Eltern, fuͤr seine Freunde, fuͤr Karlsruhe und die Baaden schen Lande, son- dern er ist zugleich ein Nationalverlust fuͤr ganz Deutschland. Seine Schriften werden in Wien und in Hamburg, in Muͤnchen und in Koͤnigsberg, und uͤberall wo man sich um neue deutsche Buͤcher bekuͤmmert, mit Nutzen und Beifall gelesen. Alle Theile der Wissen- schaften erwarteten von seinem aufgeklaͤrten und thaͤtigen Geiste, wenn gleich nicht allemahl neue Entdeckungen, doch mannigfaltige Bereicherun- gen und zweckmaͤssige Anwendungen zum gemei- nen Besten, und schon seine ersten Versuche weis- sagten ihm das seltne Gluͤck, einer von Deutsch- land’s Lieblingsschriftstellern zu werden. Sein unerwarteter Tod machte daher auch uͤberall, wo sein Name genennet wird, die lebhafteste Sensation. Nicht nur in Karlsruhe und Koͤndringen floß die Thraͤne der Freundschaft und Liebe um ihn, sondern auch Deutschland’s klagender Genius umwand seine Urne mit Kraͤn- zen. Er ward am 25. November 1754. zu Koͤn- dringen in der Baaden schen Marggrafschaft Hochberg gebohren. Sein Vater ist Herr Niko- Nikolaus Christian Sander, Kirchenrath und Specialsuperintendent in Koͤndringen, ein wuͤrdiger und aufgeklaͤrter Gottesgelehrter, der sich unter andern durch eine 1773. veranstal- tete Sammlung verbesserter und neuer Kirchen- gesaͤnge, um sein Vaterland verdient machte; seine Mutter, Frau Auguste Bernhardi- ne, eine gebohrne Boskin. Beide sind noch am Leben. In dem elterlichen Hause genoß er eine Erziehung, die seinen Talenten und seinem vortreflichen Herzen vollkommen angemessen war, und der Erfolg davon entsprach nicht nur der Erwartung, die sein aufbluͤhendes Genie erreg- te, sondern uͤbertraf sie auch. Er betrat schon die Laufbahn der Schriftsteller in einem Alter, da man sonst erst anfaͤngt Kenntnisse zu sammeln, und in den Jahren, wo der empfindsame Juͤng- ling in lydischweichen Toͤnen Wein und Liebe singt, war er schon ein ernster Lehrer der Natur, der Weisheit und der Religion. Der Grund davon ist ohnfehlbar in der ersten Bildung zu su- chen, die er in seiner Kindheit empfing, und die- ser Umstand gereicht seinen Eltern und Erziehern zum unsterblichen Ruhme. In seiner fruͤhen Jugend hielt er sich mit seinen Bruͤdern, wovon der eine noch iezt als Prorector in Pforzheim a 3 lebt, lebt, der andere aber in seinem achtzehenden Jah- re als Doctorand starb, und an dessen Seite iezt unser Sander schlummert, ein Jahr auf der damaligen Realschule zu Loͤrrach in der Herrschaft Roͤteln auf. Von da kam er nach Koͤndringen zuruͤck, und blieb bis in sein vier- zehntes Jahr in dem Hause seiner Eltern. Vom sechzehnten bis zum achtzehnten genoß er den Unterricht der oͤffentlichen Lehrer auf dem Gym- nasium zu Karlsruhe, blieb dann noch ein Jahr bei seinem Herrn Vater, bezog darauf die hohe Schule zu Tuͤbingen, und ging endlich von da auf die Akademie nach Goͤttingen, wo er sich der Gottesgelahrheit mit dem groͤsten Eifer widmete. Der Aufenthalt bei seinem Herrn Vater war keine leere Pause. Er wandte diese Zwischen- zeit vielmehr dazu an, das Gehoͤrte und Erlernte zu uͤberdenken, zu berichtigen und zu ordnen. „Unsere Gedanken,“ sagt Young, „werden nur erst dann unser, wenn sie uͤber unsere Lippen gehen.“ Sie werden von andern bestritten, von uns vertheidigt, und dann entweder als problematisch ad referendum angenommen, oder ganz weggeworfen, oder sie schließen sich als er- kannte und bestaͤtigte Wahrheit an unser System an. Es kann seyn, daß ich irre, aber ich habe San- Sander’s Aufenthalt bei seinem Vater, der ein aufgeklaͤrter und praktischer Theolog ist, immer als die Quelle seiner fruͤhen und gluͤcklichen Au- torschaft angesehen. Der Weg in das innere Heiligthum der Wissenschaften wird an der Hand eines eben so erleuchteten als zuverlaͤßigen Freun- des ungemein abgekuͤrzt. In Goͤttingen fand sein nach allen Arten von Kenntnissen, beson- ders der Naturkunde, hungriger Geist die reichste und befriedigendste Nahrung. Michaelis, Miller und Beckmann waren nicht nur seine Lehrer, sie wurden auch seine Freunde. Ein neuer und grosser Vortheil fuͤr den edeln und wiß- begierigen Juͤngling. Er hatte einen entschiede- nen Geschmack fuͤrs Reisen. Schon von Goͤt- tingen aus that er in den Ferien gelehrte Rei- sen nach Niedersachsen bis an die Ostsee. Madame Grotian, seine Verwandte, eine sehr verehrungwuͤrdige Frau in Hamburg, wurde verschiedenemal von ihm besucht, und er unterhielt einen sehr lehrreichen und freundschaft- lichen Briefwechsel mit ihr bis an sein Ende. Er eignete ihr auch die auf einer Reise durch Schwa- ben und Bayern gemachten Bemerkungen, die den Anfang des zweiten Theils seiner Reisen ausmachen, in den zaͤrtlichsten und freundschaft- a 4 lichsten lichsten Ausdruͤcken zu. Sobald er von Goͤt- tingen zuruͤckkam, unterwarf er sich den ge- woͤhnlichen Pruͤfungen, legte die herrlichsten Pro- ben seines Fleißes und seiner Talente ab, und ward so gleich als Professor am Gymnasium il- lustre zu Karlsruhe angestellt. Ganz seinem Lieblingswunsch war diese Versorgung nicht ge- maͤs. Er wuͤnschte lieber irgendwo auf dem stil- len Lande eine kleine geschloßne Gemeinde zu un- terrichten, wo er, wie er in seinem Erbauungsbuche behauptet, viel besser, viel offenherziger wir- ken, auch mehr sich selber leben koͤnnte. Allein, waͤre dieser Wunsch erfuͤllt worden, so haͤtte er dann seine Gemeinde nicht so oft, wie seine Zu- hoͤrer in Karlsruhe, verlaßen, nicht so viele gelehrte Reisen anstellen, nicht so viele Men- schen und Laͤnder kennen, nicht so viele Erfah- rung einsammeln und benutzen, nicht so tiefe und sichere Blicke in das menschliche Herz thun, und sich so gemeinnuͤtzig nicht machen koͤnnen, als es zu seiner Ehre geschehen ist. Waͤre es ihm auch nicht ergangen, wie manchen Dorfpfar- rern, die mit grossen Gaben und Kenntnissen ausgeruͤstet, und mit tausend litterarischen Pro- jecten erfuͤllt aufs Land ziehen, aber bald von Haus- und Nahrungssorgen belagert werden, bald bald Mangel an Buͤchern und gelehrten Freun- den leiden, bald Neid und Unterdruͤckung finden, wo sie Beyfall und Aufmunterung erwarteten, und nachdem sie anfaͤnglich viel thun wolten, endlich damit aufhoͤren, daß sie nichts thun, was der Erwartung, die sie erregten, nur einigermas- sen entspraͤche, haͤtte er, sag’ ich, als Landpre- diger dieses Schicksal auch nicht gehabt, so wuͤrde er doch auf dem Lande auch bei den besten Vorsaͤtzen, das nicht haben leisten koͤnnen, was er als Professor in Karlsruhe wirklich geleistet hat, und in der Folge geleistet haben wuͤrde. Ich fuͤrchte nicht, daß irgend ein geschickter, fleis- siger und thaͤtiger Landprediger diese Aeußerung als eine Herabwuͤrdigung des Predigerstandes ansehen werde. Ich weis es recht gut, wie viel alle Zweige der Wissenschaften den Landpredi- gern zu danken haben. Ich rede nicht von den Ausnahmen, ich rede von der Regel. Die haͤu- figen Klagen geschickter Landgeistlichen uͤber die Menge laͤstiger Haus- und Wirthschaftssorgen, uͤber den Mangel der Buͤcher, der Journale, der Aufmunterung, Unterstuͤtzung und des gelehrten Umgangs rechtfertigen meine Meinung, daß Sander als Professor in Karlsruhe sich ge- meinnuͤtziger machen konnte, als es auf dem Lande a 5 wuͤrde wuͤrde haben geschehen koͤnnen. Folglich schei- nen die in seinen Schriften haͤufig vorkommen- den Klagen uͤber das Unangenehme seiner Situa- tion, und uͤber die undankbare Muͤhe des Schul- standes ein wenig uͤbertrieben zu seyn. Die Vor- sicht wußte besser, was ihm und andern gut war. Nicht nur die oͤftern Unterredungen mit gelehr- ten Maͤnnern, sondern auch die Kollisionen mit ihnen, gleichen den physikalischen Friktionen, die den elektrischen Funken hervorlocken, und das Feuer des Genies in Bewegung setzen, welches bei einer ruhigen Lebensart zwischen Wald und Straͤuchen am schilfbekraͤnzten Bach oft nur glimmt und dann verloͤscht. Ueberdies ward ja das Unangenehme des Schulstandes durch die vielen Reisen, wozu er die Erlaubnis seines weisen und gnaͤdigen Fuͤrsten erhielt, gar sehr versuͤßt. Im Anfange des Mays 1777. trat er seine Reise nach Frankreich an, wurde aber in Straßburg von einer schmerzhaften Krankheit befallen, wo er, wie er in der Vorrede zum Buch Hiob zum allgemeinen Gebrauch sagt, die Kraft der Religion an seinem Herzen sehr lebhaft erfuhr, und unter stillen Betrachtun- gen uͤber Welt und Menschenleben die froͤmmsten Entschließungen sich tief in die Seele druͤckte. Als Als er wieder voͤllig genesen war, setzte er seine Reise uͤber Luͤneville, Nancy, St. Dizier und Chalons nach Paris fort. Wer diese Reisebeschreibung ließt, wird uͤber seine Kennt- nisse erstaunen, seinen Beobachtungsgeist bewun- dern, und seine Freimuͤthigkeit hochschaͤtzen. Menschenkunde, Litteratur, Oekonomie, Kuͤnste und Handwerker, Sitten und Gebraͤuche, Geist und Karakter der Voͤlker, Statistick, und alles was dem Menschen, dem Gelehrten und dem Naturforscher merkwuͤrdig ist, zog seine Auf- merksamkeit auf sich. Er machte, wie man aus seiner Beschreibung sieht, mit vielen Gelehrten und andern merkwuͤrdigen Personen Bekannt- schaft. Er besuchte Kabinette, Bibliotheken, Gemaͤldesammlungen, besah die Merkwuͤrdigkeiten der Sorbonne, die Spiegelfabri k , das Opern- haus, die Komoͤdie, die oͤffentlichen Plaͤtze, die vorzuͤglichsten Gebaͤude und Kirchen, und gab auch einmahl in einer theologischen und naturhi- storischen Vorlesung einen Zuhoͤrer ab. Von Frankreich aus ging er in die Niederlande und nach Holland. Im Herbst des Jahres 1780. unternahm er abermals eine Reise durch Ober- und Niedersachsen, und Hessen, und bemerkte nicht nur alles sehenswuͤrdige genau, sondern sondern zeichnete auch seine Beobachtungen mit unermuͤdetem Fleiße auf. Im Jahr 1781. that er drei verschiedene Reisen, die erste in die Schweiz, die zweite nach Speier, und die dritte nach St. Blasien. Auf allen sammelte er wieder viel neue Kenntnisse ein, der Welt und seinen Zoͤglingen damit zu nutzen. Im December dieses Jahres verlobte er sich mit der aͤltesten Demoiselle Tochter des Herrn Geheimen Hofraths und Geheimen Referendars Gerstlacher, und im April 1782. unternahm er, leider! seine letzte Reise nach Tyrol, Oe- sterreich, Ungarn und Venedig. In Wien fand er eine Aufnahme, die seine Er- wartung weit uͤberstieg. Sein Erbauungsbuch traf er in vielen Haͤusern an. Seine Verehrer und Freunde ließen nicht ab; er mußte den 5. May in der daͤnischen Gesandschaftskapelle predi- gen, und diese durch den Druck bekanntgemach- te Predigt wurde in der Wien er Predigerkritik sehr gepriesen. Auch ließen ihn seine Freunde durch den Kuͤnstler Loͤschenkohl, dem selbst Pius VI. saß, in Kupfer stechen. In Italien wurde er von der nordischen Influenza befallen, und reißte als er schon den verderblichen Einfluß dieser Krankheit auf seinen Koͤrper Koͤrper fuͤhlte, in 12. Tagen von Venedig nach Karlsruhe zuruͤck, wo sich bald nach seiner Zuruͤckkunft ein heftiges Blutspeien mit allen Kennzeichen einer voͤlligen Auszehrung einstellte, und ihn ums Leben brachte. Einige Wochen vor seinem Ende wurde er von seinem kummer- vollen Vater nach Koͤndringen abgehohlt, in dessen Armen er am 5. Oktober 1782. im acht und zwanzigsten Lebensjahre entschlief. Wenn man die vielen Schriften, die er ge- schrieben, die Reisen, die er gethan, und den ausgebreiteten Briefwechsel, den er unterhalten hat, in Erwaͤgung zieht, so kann man die rast- lose Thaͤtigkeit dieses jungen Mannes nicht genug bewundern, und er ist ein redender Beweis, wie viel sich in kurzer Zeit thun laͤßt, wenn man Ordnung in seinem Studiren beobachtet, und mit seiner Zeit haushaͤlterisch umgeht. Er ward, wie er einem seiner Freunde sagte, von Jugend an zur Verfertigung schriftlicher Aufsaͤtze ange- halten, und hatte sich angewoͤhnt, aus den Buͤ- chern, die er las, sich das merkwuͤrdigste und beste auszuzeichnen; dadurch erlangte er nicht nur eine Fertigkeit, seine Gedanken leicht und natuͤr- lich auszudruͤcken, sondern auch seinen Styl in- teressant und sachreich zu machen. Er ließ schon als als Juͤngling eine Menge Abhandlungen und klei- ne Gedichte drucken, die als Voruͤbungen in verschiedene Monathsschriften eingeruͤcket wurden. Die meisten dieser Aufsaͤtze sind etwas fluͤchtig geschrieben. Als sein schriftstellerischer Karak- ter mehr Festigkeit erhielt, und seine Schreibart maͤnnlicher ward, bekam er Antheil an der all- gemeinen deutschen Bibliothek. Unter sei- nem Namen hat er folgende Schriften herausge- geben: 1) Schreiben an den Verfasser des Ka- techismus der Christlichen Religion fuͤr das Landvolk. Basel 1776. eine nur 2. Bogen starke Schrift, die aber viel Aufsehen machte. 2) Von der Guͤte und Weißheit Gottes in der Natur. Karlsruhe, bey Schmieder 1778. Diese Schrift ist nicht nur aufs neue aufgelegt, sondern auch zu Utrecht 1780. ins Hollaͤndische uͤbersetzet worden. Sie enthaͤlt zwar keine neue Entdeckungen und tiefsinnige Untersuchungen, aber sie ist stellenweise mit hin- reißender Beredsamkeit geschrieben, und fand un- gemeinen Beifall. 3) Das Buch Hiob zum allgemeinen Gebrauch. Leipzig, bey Weygand 1780. Die Erklaͤrung der Bibel hat durch diese Schrift kei- nen nen bedeutenden Beytrag erhalten, deswegen wird auch der Werth derselben in der Doͤder- lein schen, so wie in der allgemeinen deutschen Bibliothek nicht hoch angegeben, indes kann es den Lesern, fuͤr die er dieses Buch verfertigte, we- gen den darin enthaltenen praktischen Stellen im- mer sehr nuͤtzlich seyn. 4) Ueber die Vorsehung. Leipzig, 1ster Band 1780. 2ter Band 1781. bey Jacobaͤer und Sohn. Eine Fortsetzung des Buchs: Nichts von ohngefaͤhr. Wird auch einzeln verkauft. Ein sehr lesbares, und fuͤr tausend Leser nuͤtzli- ches Buch! Fuͤr den Gelehrten und Denker aber ist es doch nicht ganz befriedigend. Er ver- liert sich in mancherlei Digressionen, kommt vom Wege ab, und macht von seinen Kollektaneen einen gar zu haͤufigen Gebrauch. Beide Baͤnde haͤtten gar fuͤglich in Einen zusammengeschmolzen werden koͤnnen, und manche Beweise haͤtten noch eine groͤßere Schaͤrfe vertragen. Es koͤmmt mir mit diesem Buche vor, wie mit manchen Predigten, — bei aller deklamatorischen Weit- laͤuftigkeit sind sie dennoch zu kurz, was die Hauptsache betrift. Indes wird man immer durch herrliche Stellen, große Gedanken, uner- wartete Anspielungen und interessante Anekdoten mit mit dem Verfasser wieder ausgesoͤhnt. Man schuͤttelt manchmal den Kopf, und liest doch mit Vergnuͤgen weiter. 5) Ueber Natur und Religion fuͤr die Liebhaber und Anbeter Gottes. Leipzig, bey Weygand 1781. 2. Baͤnde. So wie uͤberall, also auch hier, wendet der Verfasser seine ausge- breitete Kenntniß der Natur zur Erweckung und Nahrung religioͤser Empfindungen an. 6) Ueber das Große und Schoͤne in der Natur. Leipzig, bey Weygand 1780. 1782. 4. Baͤnde. Auch wenn Sander sich zu wie- derhohlen scheint, betrachtet er doch immer die Gegenstaͤnde der Natur von einer neuen und in- teressanten Seite. 7) Erbauungsbuch zur Befoͤrderung wahrer Gottseligkeit. Leipzig 1781. bey Ja- cobaͤer und Sohn. Haͤtte Sander auch nur blos dieses Buch geschrieben, so verdiente er schon den waͤrmsten Dank aller seiner Leser. Es ist in vielen Familien ein Lieblingsbuch, und hat gewis schon viel Gutes gestiftet. An der Spitze stehen Unterredungen mit Gott, die den schoͤn- sten und vorzuͤglichsten Theil desselben ausma- chen. Wie schoͤn sind folgende Gedanken: „Wenn neben mir der Eigennutz, wie ein Wolf „an „an fremdem Gute nagt, so laß mir ein gutes „Gewissen mehr werth seyn, als Gold und Sil- „ber. — Du samlest jede Asche, und laͤssest „nichts umkommen in deiner schoͤnen Natur. „Erhalte auch in mir jeden guten Keim, laß ihn „aufwachsen und in der Ewigkeit Fruͤchte tra- „gen. — Ehe die grauen Haare am Scheitel „wehen, entwoͤhne mich vom Spielplatz der „Welt. — Sey fuͤr die Blume gepriesen, die der „Biene und mir Honig traͤgt. — Nimm um „deines Sohnes willen die Gefallenen auf, die „sich mit der Tugend aussoͤhnen, und uͤber ihre „Verirrungen weinen. — Laß mir die Freude, „am Ende eines jeden verlebten Tages, wenn „ich das Zimmer schließe, zu denken, daß ich „dir und deinem Heil naͤher bin, daß wenigstens „die Buͤrden dieses Tages getragen sind, daß „wenigstens diese Leiden nicht wieder kom- „men.“ — „Dank sey dir, mein Vater, fuͤr unvermu- „thete Wohlthaten, fuͤr die Liebe von andern „Menschen, fuͤr heilsame Zuͤchtigungen, fuͤr noͤ- „thige Demuͤthigungen, fuͤr vaͤterliche Pruͤfun- „gen, fuͤr lehrreiche Truͤbsale, fuͤr jedes uͤber- „standne Leiden, fuͤr die ganze Summe deiner „Gutthaten, und deiner an mich gewendeten b „Bemuͤ- „Bemuͤhungen. — Gewoͤhne mich, von Men- „schen wenig, von dir alles zu erwarten. Be- „wahre mich vor dem schwarzen Undank, um ei- „ner Truͤbsal willen, alle Gutthaten von dir zu „vergessen. Erinnere mich daran, daß ich ge- „gen dich nie mit Recht murren kann.“ Dieß mag eine Probe von seiner Denkungsart und von seinem Stil seyn. Haͤtte Sander immer so geschrieben, so wuͤrde man ihn nie den Vor- wurf der Affectation, des Schwulstes und der Weitschweifigkeit gemacht haben. Fehler, die er mit der Zeit gewiß ganz abgelegt haben wuͤrde! 7) Oekonomische Naturgeschichte fuͤr den deutschen Landmann und die Jugend in den mittlern Schulen. Leipzig, bey Jacobaͤer und Sohn 1781. 1782. 3. Theile. Der Abdruck des letzten Theils ist nach seinem Tode herausge- kommen, und ein vierter Theil, wird von einem Fortsetzer, der dergleichen Arbeiten gewachsen ist, erwartet. Diese uͤberaus nuͤtzliche, und in ei- nem populaͤren Ton abgefaßte Schrift macht dem seligen Mann ungemein viel Ehre, und fin- det verdienten Beyfall. Es ist sehr zu bedau- ern, daß ihn der Tod an der Vollendung dieser Arbeit gehindert hat. Sein Fortsetzer uͤbernimmt immer ein schweres Werk, wenn er sich in San- ders der’s Denkungsart versetzen, und in seinem To- ne fortsprechen will. 9) Ueber die Kunstsprache der Natur- forscher. 8. Basel, bey Serini. 1783. 10) Predigten fuͤr alle Staͤnde. 2. Baͤnde. 8. Leipzig, bey Jacobaͤer und Sohn 1783. Diese Predigten sind nach seinem Tode herausgekom- men, und der Verleger buͤrgt fuͤr ihre Aechtheit. Sie sind ein Beweiß, daß nicht nur der Kathe- der, sondern auch die Kanzel durch Sander’s Tod viel verlohren haben. Keine von diesen Pre- digten ist ganz schlecht; die meisten sind sehr gut, und einige vorzuͤglich schoͤn. 11) Beschreibung seiner Reisen durch Frankreich, die Niederlande, Holland, Deutschland und Italien, in Beziehung auf Menschenkenntniß, Industrie, Litteratur und Naturkunde insonderheit, 2. Theile, 8. bey Jacobaͤer und Sohn 1783. Diese ebenfalls nach seinem Tode herausgekommene Beschreibung seiner Reisen ist mit einer vortreflichen Tittelvig- nette von der Erfindung des Herrn Geyser’s in Leipzig geziert. Das en Medaillon angebrachte Bildniß des Seel. ist sehr gut getroffen, und am Fuße des Monuments ließt man die Worte, die nicht schicklicher gewaͤhlt werden konnten: b 2 Ον Ον οι ϑεοι φιλουσιν, αποϑνησκει νεος. Der Vater des Seligen, der Herr Consistorialrath San- der, hat dieß nachgelassene Werk dem Durchl. Prinz Friedrich von Baaden in einem Brie- fe, der ganz mit der ruͤhrenden Wuͤrde eines frommen dem Grabe sich naͤhernden Greises ge- schrieben ist, zugeeignet. Der seelige Mann hatte dieß Buch ganz zum Druck fertig gemacht, und nur der Tod verhinderte ihn an der Ueber- sendung des Manuscripts an den Verleger. Der weitumfassende Geist des Verfassers lies zwar nichts unbemerkt, was einen aufmerksamen und forschenden Reisenden interessiren kann, er rich- tete aber doch sein Augenmerk vorzuͤglich auf die Naturgeschichte, und jeder reisende Naturforscher kann daher dieß Werk als ein vollstaͤndiges und lehrreiches Handbuch gebrauchen. Der seelige Sander hat sich durch dasselbe ein immerwaͤh- rendes Denkmahl seines mit den mannichfaltig- sten Kenntnissen bereicherten Geistes, seiner un- bestechlichen Wahrheitsliebe und seines zaͤrtlichen und freundschaftlichen Herzens gestiftet. Er haͤtte die Laufbahn seines kurzen, aber durch gemein- nuͤtzige Thaͤtigkeit ruhmvollen Lebens nicht schoͤ- ner kroͤnen koͤnnen. Kleine Unrichtigkeiten, Luͤcken, mangelhafte Nachrichten und Nachlaͤs- sigkeiten sigkeiten in der Schreibart wird man freilich wohl hie und da bemerken, aber welche Reisebeschrei- bung ist ie ganz davon frey gewesen? Oder kan es bey der Einschraͤnkung des menschlichen Gei- stes seyn? ubi plura — nitent, non ego pau- cis offendar maculis. — Alle diese Schriften, die Gedichte, die er bald einzeln drucken, bald in verschiedene Mo- nathsschriften einruͤcken lassen, ungerechnet, schrieb Sander vor dem acht und zwanzigsten Jahre! Was wuͤrde er nicht noch geleistet haben, wenn ihm die Vorsehung ein laͤngeres Leben verliehen haͤtte! Hier ist noch eine Schilderung seines Cha- rakters, wozu ich die Zuͤge aus einer oͤffentli- chen Schrift entlehne, die ich um desto eher be- nutzen darf, da sie meine eigene Arbeit ist. Sander war von mittlerer Groͤße, braͤun- lich von Gesichtsfarbe, und mehr mager als flei- schigt. Sein Anzug war simpel, und so lange er nicht sprach, schien er ganz zu der Classe von gewoͤhnlichen Menschen zu gehoͤren, nur sein gros- ses feuriges Auge kuͤndigte die rastlose Thaͤtigkeit seines Geistes an. So bald er aber den Mund oͤfnete, sprach er mit Feuer und Energie, und alle Zuͤge seines Gesichts wurden beseelt. Er besaß jene Leichtigkeit im Umgange, die man nur b 3 durch durch die Bekanntschaft mit der Welt erlangt; seine Gespraͤche wußte er durch eingestreute Anek- doten, kleine Erzaͤhlungen und treffende Anmer- kungen anziehend zu machen. Man ward nie muͤde ihn zu hoͤren, und seine Unterredungen nahmen fast immer eine ernsthafte Wendung. Er war hoͤflich ohne Ceremonie, heiter ohne Ausgelassenheit, anstaͤndig ohne Zwang, und freymuͤthig ohne Unbescheidenheit. Rang, Ti- tel und Reichthuͤmer machten keinen Eindruck auf sein Herz, und man ward es bald gewahr, daß er im Umgange mit den Großen nie seine menschliche und christliche Wuͤrde verleugnete. Je mehr man ihn sah und sprechen hoͤrte, je mehr mußte man ihn hochachten und liebgewinnen. Er erkundigte sich nach allem, bemerkte alles mit dem feinsten Beobachtungsgeiste, und mußte von allem, was er sah und bemerkte, einen schnellen Gebrauch zu machen. Haͤufige Beyspiele davon findet man in seinen Schriften. Er deklamirte vortreflich, und muß als Redner große Wirkung hervorgebracht haben. In Wien hoͤrte man ihn mit Entzuͤcken, und seine neuerlich herausge- kommenen Predigten enthalten herrliche Stellen. Von Mosheim war er ein großer Verehrer, und war fuͤr die magern und von allem redneri- schen schen Schmuck entbloͤßten Kanzelvortraͤge, die mehr Dissertationen als Volksreden sind, nicht eingenommen. Vielleicht war aber doch sein Stil zu blumenreich und zu uͤberladen, und er schien nicht sorgfaͤltig genug zu seyn, das Trivia- le vom Interessanten zu scheiden. Von dem Nutzen der Kennikotschen Arbeit machte er sich keine großen Begriffe, und gerieth mit einem Gelehrten, der sich groͤßere Vorstellungen davon machte, in einen lebhaften Wortwechsel. Er war bey dieser Gelegenheit ganz Leben. Feuer- blick des Auges, Ton der Stimme, Fluß der Rede — alles kuͤndigte das Feuer seines Ge- nies an. Er arbeitete, wie er mir sagte, mit großer Leichtigkeit, und hatte sich von fruͤher Jugend an gewoͤhnt, sich Auszuͤge aus Buͤchern zu machen, die er las. Er besaß eine gluͤhende Imagination, ein treues viel umfassendes Ge- daͤchtniß, eine gluͤckliche Erinnerungskraft, und eine Gabe, wie sie der selige Klotz hatte, das Nachmittags zu lehren, was er Vormittags ge- lernt hatte. Er war immer voller Plane. Was er sah, hoͤrte und las wurde gleich zum kuͤnftigen Gebrauch bestimmt. Wie haͤtte er auch sonst so viel schreiben koͤnnen? b 4 Mit Mit seiner Lage war er nicht ganz zufrie- den. Ueberhaupt blickt ein gewisser Mißmuth, den man leicht fuͤr Egoismus halten koͤnnte, fast aus allen seinen Schriften hervor. Er spricht, wie Montagne, oft von sich, und ver- liehrt sich wie Roußeau, so wenig aͤhnliches er sonst mit ihm hat, in bittere Klagen, uͤber den Undank, die Kaltsinnigkeit und Bosheit der Menschen. Zum Beweiß mag folgende Stelle aus seinem Erbauungsbuche dienen: „Wenn „man mich verfolgt, herabsetzt und laͤstert, wenn „ mich die, die mich unterstuͤtzen solten, selbst „hindern, das kleine Brod in Ruhe zu essen, und „in deinem Reiche Gutes zu stiften, so erinnere „mich daran, daß dein groͤßter Apostel dir auch „unter vielen Anfechtungen, und oft mit Thraͤ- „nen dienen mußte.“ --- Er besaß uͤbrigens ein großes wohlwollen- des Herz. Er war nichts weniger, als stolz, neidisch und verleumderisch. Niemand war be- reitwilliger als er, großen Maͤnnern Gerechtigkeit wiederfahren zu laßen. Er sprach mit Entzuͤ- cken von einem Weisse, Morus, Zolliko- fer, Nikolai, Teller, Semler, Spal- ding, und andern großen Maͤnnern, die er auf seinen seinen Reisen hatte kennen lernen, ob er gleich ihre Ideen nicht durchgaͤngig adoptirte. Beim Geheimderath Goͤthe in Weimar, sagt’ er, habe ich einen herrlichen Abend gehabt, den ich in meinem Leben nie vergessen werde. Wenn *** fuhr er fort, von sich erhalten koͤnnte, so ungekuͤnstelt, natuͤrlich, und doch stark und kraftvoll zu schreiben, als er im gesellschaftlichen Umgange spricht, so waͤren wir alle Stuͤmper gegen ihn. Seine Urtheile uͤber Menschen und Buͤcher hatten immer das Gepraͤge der freymuͤ- thigen Wahrheitsliebe, ohne ins Beleidigende zu fallen. Schroͤckh war einer von denenje- nigen Gelehrten der neuern Zeit, die er vorzuͤg- lich hochschaͤtzte. Alle Wunderwerke der Na- tur und Kunst machten auf seine gefuͤhlvolle See- le den tiefsten Eindruck. Die Bergvestung Koͤnigstein, und das freyherrlich Ucker- manni sche Schloß Wesenstein zogen seine Bewunderung vorzuͤglich auf sich. Ich hatte das Vergnuͤgen, ihn an beide Orte zu begleiten, und war ein Zeuge von der Sensation, welche die durch die Kunst verschoͤnerte Natur in ihm er- regte. Mit Vergnuͤgen verweilte er sich auf der Hoͤhe von Meusegast, wo er die ganze pa- radiesische Gegend von Koͤnigstein, Pirna, b 5 Stol- Stolpen, Pillniz, Sedliz und Dreßden uͤbersehen konnte. Die Kette von Weinbergen, die sich von Pirna bis Meißen laͤngst der Elbe hinzieht, und mit unzaͤhlichen Gebaͤuden und Lusthaͤusern gleichsam uͤbersaͤet ist, war fuͤr sein Kennerauge die angenehmste Weide. Der Standort, von dem wir die vor uns liegende, durch die Elbe verschoͤnerte Landschaft uͤbersa- hen, war ehemals eine buschigte Anhoͤhe voller Steine und Dornen; allein der erfinderische Geist seines Besitzers, des seel. Herrn Geheim- deraths Freyherrn von Uckermann hatte die- sen wilden, fast undurchdringlichen Platz in ei- nen geschmackvollen Englischen Garten umge- schaffen, ihn mit einem Pavillon, Fontainen, Wasserbehaͤltern, amerikanischen Gewaͤchsen, Birken- und Buchenhecken, und wilden Pro- menaden geziert. Anstatt der Hecken und Mau- ern ist er mit Buchen- und Eichengestruͤppe, wo- mit sonst der ganze Huͤgel bekleidet war, einge- fasset, und dadurch mit den angrenzenden frucht- baren Saatfeldern verbunden, wodurch die gan- ze Anhoͤhe die Gestalt eines großen unuͤbersehli- chen Gartens bekoͤmmt, welcher alle Fremde, besonders reisende Englaͤnder, zur entzuͤckendsten Bewunderung dahin reißt. Man fuͤhrte San- dern dern durch Schlangengaͤnge an einen Ort, wo ihn das aus dem Grunde hervorsteigende herrli- che Schloß, nebst den dazu gehoͤrigen Gaͤrten und Haͤusern auf einmal ins Auge fiel. Nie werde ich den Eindruck vergessen, den diese ro- mantische Gegend auf ihn machte. Er stand ei- nige Minuten mit in einander geschlagenen Ar- men in uͤberhangender Stellung, und schien zu untersuchen, obs Feerey oder Natur waͤre, was sein Aug’ erblickte. „Nein,“ sagte er endlich, „das muß ich gestehen, ein solches Schloß haͤtt’ „ich hier nicht vermuthet. Die kuͤhnste Einbil- „dungskraft wagt sich das kaum zu denken, was „Kunst und Natur hier realisiret haben.“ Die hohen Berge, die das Schloß von allen Seiten umgeben, und sich gleichsam in einander winden, sind, einige Plaͤtze ausgenommen, mit lebendi- gem Holz bewachsen. Sie bilden in der Ge- gend, wo das Schloß liegt, einen großen Kes- sel, vereinigen sich nach und nach, und lassen endlich nur so viel Land uͤbrig, als noͤthig zu seyn scheint, um der durchs Thal rauschenden Muͤglitz den Aus- und Eingang zu verstatten. In der Mitte des Thals erhebt sich ein maͤßiger Huͤgel, welcher mit dem herrlichsten Schloß, der Bewunderung aller Fremden, uͤberbaut ist, aus dessen dessen Mitte sich der Thurm der Schloßkapelle erhebt. Zu den Sehenswuͤrdigkeiten dieses mit der Muͤglitz umflossenen Schlosses, kommt noch der Garten, das Badehaus, die in Fels gehauenen Keller, die reichen Zimmer, die Ka- pelle, und die reizenden Promenaden und Aus- sichten. Wie ungemein Sander von allen diesen Schoͤnheiten, noch mehr aber von der guͤ- tigen und gastfreien Aufnahme des Besitzers und seiner hochachtungswuͤrdigen Gemahlin geruͤhrt ward, davon legt die Beschreibung seines Auf- enthalts in dieser Gegend im 2ten Theile dieser seiner Reisebeschreibung den uͤberzeugendsten Beweis ab. Die Bergvestung Koͤnigstein erreg- te seine Bewunderung ebenfalls in einem sehr ho- hen Grade, und die Politesse des dasigen Com- mendanten, des Herrn Grafen zu Solms Ex- zellenz ward von ihm sehr gepriesen. Ueber- haupt war er aͤußerst empfindlich gegen alle Aeus- serungen eines edlen und wohlwollenden Her- zens. So sehr er aber die Großen schaͤtzte, wenn sie sich durch aufgeklaͤrte Kenntnisse und ein leut- seliges Betragen auszeichneten, so sehr sah er sie uͤber die Achsel an, wenn sie die Duͤrftigkeit ih- res Geistes durch eine vornehm sproͤde Miene zu decken, und den Mangel einer schoͤnen und tu- gend- gendhaften Seele durch zufaͤllige Vorzuͤge der Ge- burt oder des Vermoͤgens zu ersetzen suchten. Seine Anmerkungen, die er uͤber diesen Gegen- stand machte, waren so freymuͤthig als bitter. Schade, daß er den Brief des Koͤnigs von Preus- sen nicht gelesen hat, der neulich in den oͤffentli- chen Blaͤttern stand, worinne der gekroͤnte Phi- losoph blos das persoͤnliche Verdienst auf Ko- sten aller zufaͤlligen Vorzuͤge erhebt, die er ohne Umschweife fuͤr Narrenspossen erklaͤrt, so bald sie nicht durch Weisheit und Tugend gel- tend gemacht werden. Dieser Brief wuͤrde ihm unendlich viel Freude gemacht haben, da er ein so erklaͤrter Feind der Unwissenheit und des win- dichten Stolzes war. Von der Religion Jesu war sein Herz ganz eingenommen; auch in seiner froͤhlichsten Laune entwischte ihm nichts, was mit seinem Eifer fuͤr Weisheit und Tugend, wo- von alle seine Schriften voll sind, in Widerspruch gestanden haͤtte. Das Lob, welches ihm ein oͤf- fentliches Blatt ertheilt, ist gewiß nicht uͤbertrie- ben, und jeder, der ihn von Person kannte, oder ihn aus seinen Schriften kennt, wird es unter- schreiben: „Alle seine Schriften athmen tiefe „innige Verehrung der Christlichen Religion mit „Waͤrme und Feuer vorgetragen, und sind bey „einen „einem guten Styl hinreissend, belehrend und „uͤberzeugend.“ Er hoͤrte in Sachsen eine elende Predigt, voll schematischen Unsinns und homiletischen Geschwaͤtzes, und noch obendrein mit der ein- schlaͤferndsten Monotonie hergeleyert, aber an- statt daruͤber zu spoͤtteln, und seinen Witz zu zei- gen, klagt’ er mirs mit einer Art von Wehmuth, die mich ganz fuͤr ihn einnahm. „Wie sehr,“ sagt’ er,“ ist die arme Gemeinde zu beklagen, die „sich mit so ungesunder und ungenießbarer Kost „abspeisen lassen muß!“ Auch auf seinem Sterbebette verleugnete er seinen ofnen und rechtschaffenen Charakter nicht. Als ihn sein bekuͤmmerter Vater fragte: ob er zum Sterben willig sey? antwortete er: Ich lerne alle Tage an dieser Lection. Wenig Tage vor seinem Tode dictirte er seiner Jungfer Schwester folgenden Brief an seine Braut: Liebe Gute! „Wir haben das viele empfangen, das Sie „uns geschicket haben. Wie schwach und matt „ich „ich jetzt bin, sehen Sie daraus, daß meine „Schwester schreiben muß, was ich vom Bette „muͤhsam rede. Der Husten plagt mich manche „Nacht und verjagt allen Schlaf. Auch am „Tage ist er eine erschreckliche Plage fuͤr mich. „Ich komme fast den ganzen Tag nicht aus dem „Bette. Sehen Sie, so bringe ich meine Zeit „zu. Sagen Sie das Ihren Eltern und Groß- „eltern, und denken Sie meiner vor Gott.“ Einige Zeit vorher schrieb er ihr eigenhaͤndig: „Es ist keine große Hofnung zur Genesung da, „und ich schreibe Ihnen dieß ohne Angst und „Schrecken. Gott wirds besorgen und gut ma- „chen.“ Der 1ste October machte allen seinen Pla- nen, die er zum Besten seiner Mitmenschen, und zur Verherrlichung Gottes noch auszufuͤhren ge- dachte, so wie seinen Leiden, ein Ende. Sein Wunsch ist nun erfuͤllt, den er in seinem Erbau- ungsbuche mit so viel Feuer ausdruͤcket: „Muͤde Glieder, wenn werdet ihr in die Er- „de gesamlet werden! Unruhiger und geplagter „Geist, wenn wirst du zur Ruhe kommen! Du „Leben voll Unbestaͤndigkeit und Kummer! wenn „wirst „wirst du einmal mit der Ewigkeit abwechseln! „Treue Zeugen des Erloͤsers, wenn werden wir, „so wie ihr, zu den Auserwaͤhlten kommen, und „mit Jesus Christus Freud’ und Wonne haben! „Ja, komm, Vollendeter, Geprießner, Er- „wuͤrgter! komm und fuͤhre mich dorthin, wo „tausend Millionen schoͤner Seelen im glaͤnzen- „den Chor, im Jubelgesang des Himmels sich „bruͤderlich lieben, und sich die Wollust mittheilen, „fuͤr die die Erde keine Wohnung, und die Spra- „che der Sterblichen keinen Namen hat! Heinrich Heinrich Sander ’s Bemerkungen auf einer Reise durch Schwaben und Bayern. Im Herbste 1779. An Madame Grotian in Hamburg. Wie der Gedanke des Manns eilt, der mancherley Lande Hat durchwandelt, und des in seiner Brust sich entsinnet: Hier bin ich gewesen, und dort; er denket an vieles. Homers Ilias von Stollberg. XV. V. 83. S. 62. Zweiter Theil. A Bemerkungen auf einer Reise durch Schwaben und Bayern. Im Herbste 1779. I ndem ich noch das Vergnuͤgen habe, Sie mit mei- nen Reisenachrichten von Frankreich und Hol- land zu unterhalten, hab’ ich wieder eine kleine Reise nach Ulm, Augspurg und Muͤnchen gemacht, und er- lauben Sie mir, daß ich alles, was ich gesehen, gefun- den, und beobachtet, so mit Ihnen theile, als wenn ich jetzt das Gluͤck haͤtte, bei Ihnen zu seyn, und mit Ih- nen zu sprechen. Freilich ist das nur eine Reise in Deutschland gewesen; aber glauben Sie mir, in un- serm Vaterlande ist noch manches, das noch gar nicht bekannt ist, und das doch die Aufmerksamkeit eines Rei- senden verdient. Vielleicht kan ich Ihnen fuͤr die Na- turkunde, fuͤr die Oekonomie, fuͤr Kuͤnste und Handwer- ke, und fuͤr die Geschichte der Menschheit einiges, das nicht ganz uninteressant ist, erzaͤhlen. Mein Fuhrwerk war ein Pferd. Im Trabe ha- be ich die ganze Reise gemacht, und ich muß Ihnen sa- gen, daß ich in meinen Jahren diese Art zu reisen selbst A 2 der der Extrapost vorziehe: denn Sydenham hat dem Ge- lehrten mit Recht das Reiten sehr empfohlen. Nichts erschuͤttert so sehr den ganzen Koͤrper, bringt die stocken- den Fluͤssigkeiten in den feinsten Gefaͤssen wieder in Be- wegung, staͤrkt die Muskeln des Unterleibs, befoͤrdert die Verdauung, erweckt den Appetit, hilft zur unmerklichen Ausduͤnstung, ruft den angenehmen Schlaf herbei, er- heitert den Geist, und beschleunigt die Wirkungen der Phantasie und des Verstandes, als ein maͤssiges, aber anhaltendes Reiten. Was ist es fuͤr ein unnennbares Vergnuͤgen, wenn das Auge in der weiten Natur herum- schweifen, und in einer Sekunde den ganzen Gesichts- kreis, der vor mir liegt, durchschauen kan! Wie gros ist die Freude, am fruͤhen Morgen dem Erwachen des Ta- ges auf der Hoͤhe des wiehernden Pferdes zuzusehen, und so wie’s immer lichter und heller wird, die grauen Nebel, die an den Bergen haͤngen, das frische Gruͤn der Wie- sen, den Dampf der Aecker, das sanfte Fliessen der Ge- waͤsser, das Zwitschern der Voͤgel im Walde zu hoͤren, zu sehen, und in wenigen Augenblicken diese Kruͤmmung zuruͤckzulegen, um jenen Berg herumzukommen, und jetzt wieder andre Aussichten vor sich zu haben, und so in ei- nem Tage ein halbes Land zu durchstreifen! Auch lieb’ ich diese Bewegung deswegen, weil dem freien uneinge- schlossenen Auge nichts, kein schoͤner Anblick der Natur, keine Heerde, keine Gruppe spielender Kinder, keine Bauerhuͤtte, kein kuͤhles Thal, kein schattichtes Waͤld- chen entgehen kan, und wie das Auge des Matrosen scharf in die Ferne sieht, weil es immer auf der unermeßlichen Flaͤche des Meeres hinauslaufen kan, so glaube ich auch an mir bemerkt zu haben, daß meine Augen viel frischer, heller und gesuͤnder sind, wenn ich mich wieder von der Studir- Studirstube losgerissen, und das goͤttliche Vergnuͤgen, der Natur auf dem Lande naͤher zu seyn, genossen habe! Das Pferd des Europaͤers ist auch, meiner Meinung nach, dem Elefanten, dem Elenn, dem Rennthiere, dem Kameel, dem Ochsen ꝛc. weit vorzuziehen. Es verei- nigt Geschwindigkeit und Lebhastigkeit mit der Kraft, lan- ge auszudauern. Der immer gleiche Schritt des Ka- meels wuͤrde mir wenigstens unertraͤglich langweilig und einfoͤrmig vorkommen, und das allzurasche Laufen des Elenn und des Rennthiers wuͤrde mir die Wonne rauben, die schoͤnen Gegenden der Natur zu geniessen, und muͤßte nothwendig Wallungen im Gebluͤt erregen, die dem Koͤr- per schaͤdlich werden koͤnnten. Zum Erstaunen ist es auch, was fuͤr grosse Strecken man mit einem guten und wohlgepflegten Pferde in Einem Tage zuruͤcklegen kan. Ohne Zweifel lebte unser seel. Martini noch, haͤtt’ er das Reiten fruͤher angefangen, und oͤftrer wiederholt. Zu naturhistorischen Reisen ist ohnehin das Pferd die al- lerschicklichste Voiture. Es klettert auf jeden Berg, trabt auf jedem kleinen Wege fort, geht in Thaͤlern und Ber- gen zwischen den rauhsten Steinen seinen Weg fort, frißt sich schnell wieder zu Kraͤften, und schlaͤft nur wenige Stunden. Auch ist das Spaͤtjahr die bequemste Zeit zu solchen Expeditionen. Man kan alsdann noch eher auf bestaͤndige Witterung hoffen, als im Fruͤhjahre. Die Hitze des Sommers ist groͤstentheils vorbei, die Insekten verschwinden allmaͤhlich, und der Tag hat noch seine ge- hoͤrige Laͤnge. Im Fruͤhjahre ist immer zu viel Wasser in der Natur, das stoͤrt manches Vergnuͤgen, auch ist der Koͤrper des Studirenden durch die kuͤnstliche Waͤrme im Winter so weich, so zart und empfindlich geworden, A 3 daß daß er die Abwechselungen der Witterung nicht so leicht, wie am Ende des Sommers ausstehen kan. Zwar bereitete sich jetzt freilich die Natur zum Gra- be, und legte ihren Schmuck ab. Sie gab von den Baͤu- men ihre letzte Geschenke her, die Traube schwoll auf, und rief dem Winzer, die Winterfrucht sproßte schon wieder aus den braunen Feldern hervor, und erwartete den Schnee, der sie decken sollte. In vielen Gegenden sang kein Vogel mehr. Hie und da kuͤndigte sich ein Rabe durch sein Geschrei an. Mit der sanften Farbe der Wie- sen wechselte das Gruͤn der Tannen ab, und zwischen den Tangeln der Fichten hingen die gelben, rothen, fle- ckichten, und schon halb verdorrten Blaͤtter der Laubbaͤu- me, wovon oft viele durch eine losgerissene Frucht nieder- geschlagen und vom Stiel gerissen wurden. Doch mach- te die unsaͤgliche Menge des Obsts, besonders der Zwet- schen und der Aepfel, einen angenehmen Eindruck auf mich. Auch noch an alten und verdorrten Staͤmmen, die fast ganz Holz zu seyn schienen, sah man den Segen der Natur. Ueber Nacht drang die Zeitlose, ( Col- chicum autumnale L. ) aus dem Schooße der Erde hervor, und verschoͤnerte mit ihrem rothen und silbernen Stoff meine Lieblinge, die Wiesen. Von Pforzheim nach Vayhingen geht der Weg groͤstentheils an der Enz hin. Man hat immer auf der einen Seite Wiesen, auf der andern Berge, die mit vie- ler Muͤhe Terrassen weise gebaut, mit steinernen Mauern vorne an der Strasse eingesaßt, und ganz mit Rebstoͤcken bedeckt sind. So muͤssen etwa die Berge in Palaͤstina ausgesehen haben, die jetzt unter der Tuͤrkischen Regie- rung rung nicht gebaut, und durch Wind und Regen ihres fruchtbaren Bodens beraubt worden sind. Zwischen den Weinstoͤcken pflanzt man noch Gurken und Kuͤrbisse, deren goldgelbe Fruͤchte uͤber die Terrassen und Mauern herabhaͤngen. Sie waren in diesem Jahre sehr klein, vermuthlich wegen der heissen und trockenen Witterung, aber die aͤussersten Spitzen dieser Rankenpflanzen hatten schon wieder die zweite Bluͤte. Auch sind die frischen Quellen, die aus diesen Weinbergen hie und da herabrie- seln, ungemein lieblich. Sie sickern unter der Strasse durch nach den Wiesen und waͤssern sie. Daß man in Schwaben den Strassenbau versteht, wird wohl je- der Reisender zugeben muͤssen. Nur ist es mir auch hier, wie uͤberall unbegreiflich gewesen, daß es unmoͤglich seyn soll, auch in Doͤrfern selber, wo man oft versinken koͤnn- te, einen bessern Weg zu erhalten. Es kan nicht an- ders seyn, als daß die Gesundheit des Landbauern, die doch der Polizei werth seyn sollte, darunter leiden muß. Sonst fand ich in dieser Gegend, daß die Weibspersonen gemeiniglich Mannshuͤte tragen. Hanf wird hier nicht viel gebaut. Man bleicht ihn auf den Hecken und Zaͤu- nen, wo er unter dem Einfluß der Luft schneeweis wird. Von Stuttgard nach Eßlingen geht der Weg uͤber einen ungeheuern Berg, der mit den groͤbsten Stei- nen gepflastert ist. Zu beiden Seiten sind Weinberge, die sich in ein herrliches Wiesenthal verlieren. In Eß- lingen selbst haben die Hrn. von Palm ein reiches Na- turalienkabinet, wo ich sehr viele Mineralien, Versteine- rungen und Insekten aus dieser Gegend sah. In Blochingen einige Stunden weiter hin, fand ich in einem Gasthofe einen Tyroler Burschen, der A 4 mit mit Stein-Skorpionoͤl, Theriak, Roßfalben u. dergl. im Lande herumzieht. Unmoͤglich kan ich Ihnen sagen, was das fuͤr eine Figur war. Mehr Pavian, als Mensch! die allerunverstaͤndlichste und unangenehmste Sprache, die ungeschliffenste Seele, ein dicker zottichter Koͤrper, halb nackend, mit wilden borstenartigen Haaren besetzt, fast eckelhaft in allen Manieren, blos fuͤr Saufen und Schlafen eingenommen, rauh und wuͤst, wie die Gebir- ge, hinter welchen sein Land liegt. Die Leute trieben auch ihren Spaß mit ihm, und misbrauchten ihn gewal- tig. — Bei den vielen Bergen dieses Landes ist ein Ueber- fluß von Wasser da. Nach wenigen Stunden kommt man immer wieder an ein andres Fluͤßchen, und in jedem Orte sind viele Roͤhrbrunnen, die in der Landwirthschaft gute Dienste thun, und der Fremde hoͤrt sie in der Nacht bestaͤndig laufen und rauschen. Zuweilen laufen aber auch die kleinsten Wasser schrecklich an. Man findet da- her viele und gute Bruͤcken. Bei Blochingen ist eine schoͤne bedeckte Bruͤcke, die sehr lang ist, wie ein Haus aussieht, und zu beiden Seiten auf dem festen Lande auf- steht. Der Nationalkarakter der Schwaben ist gewis gut. Sie sind ehrlich, treu, zuverlaͤssig, willig, mit den feinen Kniffen und Raͤnken andrer Deutschen wenig bekannt, uͤberall gutmuͤthig, und dienen gern Jeder- mann. Ich wuͤßte nichts, das ihnen fehlte, als etwas mehr Thaͤtigkeit und Elastizitaͤt. Auf der Strasse thei- len sie jedem Fremden Obst, Nuͤsse, Trauben mit. Die Mutter schickt den Jungen mit einem Hut voll noch schoͤn- rer Aepfel zuruͤck, wenn er nur einen Kreuzer vom Rei- senden senden bekommen hat. Man kan sie am Morgen fruͤh in den Haͤusern singen hoͤren, und um Mittag hoͤren Sie im stillen Dorfe fast in jedem Hause das Gebet der Kin- der zum Essen. Ich gestehe Ihnen, liebste Freun- din! daß mir das ungemein wohl gefiel. In Frank- reich hab’ ich das aufm Lande nie gefunden. Hinter Blochingen kommt man in das Filsthal, eine wirklich sehr tiefliegende Gegend, die von der Fils durchstroͤmt wird. Goͤppingen scheint ein sehr nahrhaf- ter Ort zu seyn. Seine Felder lagen jetzt meist in der Brache, und so ganz mit Steinen bedeckt, hab’ ich noch nirgends die Aecker gefunden, wie hier. Die Bauern aber sagten mir, daß sie demohngeachtet viele Fruͤchte truͤgen, sie muͤßten den Duͤnger zwischen die Stei- ne hineinbringen. Am fruͤhen Morgen sah ich da, daß die Schwalben sich schon (den 25. Sept.) zum Weg- ziehen versammelten. Weiter hinein wird das Land rau- her, Gebuͤrge, wie die Alpen, schliessen es von beiden Seiten ein, das ist dem Reisenden sehr unangenehm, aber die Majestaͤt dieser waldichten Berge ist doch wirklich mehr, als eingebildet. Dazu kommt das hundertfaͤltige Geklimper der Viehheerden, die auf diesen Abhaͤngen in der Weide gehen. Fast jedes Stuͤck Vieh hat eine Glo- cke am Halse, weil sie sich oft verirren, und durch das Klingeln der Glocke wieder gefunden werden. Oft ist man ganz von diesen hohen Bergen eingeschlossen, und hat ein Thal und Wasser und Wald und Felder vor sich, die ungemein schoͤn von der Natur zusammengestellt sind. Wie oft dacht’ ich, wenn die Sonne so lieblich ih- re Stralen uͤber die Gipfel der Berge in den schlaͤngeln- den Bach warf: A 5 Schoͤn Schoͤn ist die Welt, die Gott gemacht, Wenn sie sein Licht umfließt! Geißlingen ist das Staͤdtchen, dem wir jetzt am naͤchsten sind, und da hielt ich mich gerne einige Stun- den auf. Geißling er Arbeit haben Sie gewis schon oft gesehen. Sie geht mit dem Nuͤrnber ger Tand in der halben Welt herum. Der Ort ist ein Beweis von der Richtigkeit der Anmerkung: daß in rauhen und unfrucht- baren Gegenden die Industrie der Menschen erweckt und geschaͤrft wird. Ganz in einem Kessel, auf allen Seiten von den greulichsten Bergen umgeben, liegt das Staͤdt- chen, das uͤbrigens nicht schlecht gebaut, und heitrer ist, als Ulm. Man graͤbt uͤberall Bausteine aus der Erde. Auch die Plaͤtze, die etwa noch fuͤr Ackerfeld angesehen werden koͤnnten, sind ganz mit Steinen angefuͤllt, welche die Farbe des Paris er Bausteins haben, aber viel fester und haͤrter sind. Die Leute wissen ihre Kuͤnsteleien dem Fremden mit vieler Beredsamkeit anzuschwatzen. Ich war kaum abgestiegen, so war ich schon von Weibern und Kindern umringt, die alle einen Korb voll Sachen hat- ten, und jede Frau ruͤhmte ihre Waare mehr, als die andre. Man kan fuͤr einen halben Gulden vielerlei kau- fen, und man muß es thun, will man Ruhe haben. Das war mir aber nicht hinreichend. Ich lies mich zu einem Beindrechsler fuͤhren, und sah selbst der Arbeit zu. Sie erhalten die Knochen von Strasburg, Schafhau- sen, Muͤnchen. Die Knochen der Ochsen, die man oft durch unser Vaterland Heerdenweise aus der Schweiz nach Strasburg treibt, werden in Geißlingen verar- beitet. Man kauft sie nicht dem Gewichte nach, sondern Tausendweise. Sie bekommen sie ungebleicht, und um das thierische Fett herauszubringen, werden die Gebeine in in der Lauge einen ganzen Tag gekocht. Man sieht hier keine andre Knochen vom Ochsen, als die Vorder- und die Hinterfuͤsse. Die Schenkelknochen, sagten die Leute, sind zu hart, und werden nicht rund. Hundert Knochen Postfrei von Strasburg nach Geißlingen in eignen Guͤterfuhren gebracht, kosten 3. Gulden und 20. Kr. Die Vorderknochen sind etwas breiter, die hintern sind schon von Natur mehr rund. Knochen von gar zu jun- gen Kaͤlbern koͤnnen sie nicht brauchen, sie sind zu weich und brechen unter der Arbeit. Aber vom Schmahlvieh werden die Knochen gebraucht, doch gelten sie nicht so viel, als die von den Ochsen. Der Mann, dessen Werk- staͤtte ich besuchte, war ein gelernter Holzdreher, und er versicherte mich, daß er ohne Muͤhe, wiewohl doch einige Instrumente anders aussehen, das Beindrechslen in Am- sterdam gelernt habe. Der Knochen wird eben so, wie das Holz, in einen Drehstuhl eingespannt, und laͤuft, indessen, daß der Kerl daran arbeitet, bestaͤndig herum. Zum Schraubendrehen haben sie eigne Werkzeuge. Sie machen Nadelbuͤchschen, Spulen, Geldbuͤchschen, Spie- le, kleine Schraͤnke, Knoͤpfe, Aufsaͤtze, Leuchter, Ohren- loͤffel, Kinderspielsachen, Becher, Kugeln ꝛc. Wohl- feil ist die Arbeit sehr, man begreift kaum, wie die Leute davon leben koͤnnen, und doch sind fast 30. Meister in dem Staͤdtchen. Die Geißling er schicken viel Waaren nach Stras- burg, von dort gehen sie nach Bordeaux, Aix, Au- xerre ꝛc. Ich fragte auch nach der Anwendung, die sie von den abfallenden Spaͤnen machen, die sehr fein, wie Staub werden. Ehemals holten sie die Bauern vom Lande, und duͤngten die Felder damit, zahlten aber fast nichts nichts dafuͤr. Seitdem aber das Gypsen der Felder auch in diesen Gegenden angefangen hat, haben die Arbeiter auch diesen kleinen Gewinn verloren, und werfen jetzt die Spaͤne weg. Auch Rosenholz und Horn wird hier ver- arbeitet. Elfenbein auch, aber nicht viel, es ist fuͤr diese Arbeit zu theuer; in Nuͤrnberg selber kostet das Pfund gutes Elfenbein 3. Gulden. Die Leute wuͤnschten, daß sie’s von Duͤnkirchen bekommen koͤnnten, aber es scheint, als wenn sie von der Obrigkeit in Ulm nicht genug unter- stuͤtzt wuͤrden. Einige ausserordentlich schoͤn geschnitzte Stuͤcke habe ich in ihren Magazinen gesehen, die den Schwaben Ehre machen. Ihre Frauen machen die so- genannte Spittelarbeit. Das sind Schachteln mit kleinen Schnizeln von allerhand gefaͤrbtem Papier besetzt, wovon man immer eine in die andre setzen kan, und die bei Weinachtsgeschenken den Kindern grosse Freude ma- chen. Aber daran ist noch weniger als an der Knochen- arbeit zu verdienen. In Ulm sahe ich bei Hrn. Rektor und Prof. Miller eine schoͤne Naturaliensammlung, die der liebenswuͤrdige Mann vor kurzem erst angefangen hat, und bei seinem Unterrichte zum Besten der jungen Leute anwendet. Ich fand da sonderlich Kiesel aus der Iller, Donau, Blaw; in einem getrockneten Schwamme die Haͤlfte von einer weissen Kammmuschel, auf welcher oben Tu- buli vermiculares sitzen; Eichenholz, dergleichen an der Iller waͤchst; die Rinde vom Gewuͤrznelkenbaum, ( Caryophillus aromatica L. ) die ungemein wohl riecht, und die ich selber nebst vielen andern, durch die Guͤtigkeit des Hrn. Rektors besitze. Apfelholz in sei- ner reichen Holzsammlung, das halbgruͤn ist; Marmor aus aus Tyrol, Bayern, Salzburg; Marmor mit Schwefelkies; ein Stuͤck Marmor, auf welchen ein weis- ser Circellus mit einem schwarzen Mittelpunkt; und alle diese Stuͤcke sind im Zuchthause, wie Spiegel polirt worden; Marmor von Altorf mit grossen Ammoniten; drei Korallenzinken, die oben so zusammen gewachsen sind, daß sie uͤberall geschlossen sind; eine sehr grosse Granate, (die auch in Augspurg sehr wohlfeil geschlif- fen worden;) ein Stuͤck Bernstein, roth und hell, wie der schoͤnste Honig; Stuͤcke von einem versteinerten Ochsenkopf, die im Ulm ischen gefunden worden, und welche die Metzger noch erkannt haben; Steinkohlen von Lebstein, auch im Gebiete der Stadt Ulm; Ga- gat aus dem Wuͤrtemb ergischen, und bei dieser Gele- genheit will ich Ihnen sagen, daß wir im Lande eben so schoͤnen Gagat haben, naͤmlich bei Ober-Eggenen in der Landgrafschaft Sausenberg. Das Ulmer Muͤnster kan Sie, wenn Sie ein- mal dahin kommen, einen halben Tag beschaͤftigen. Ein altes, massives, weitlaͤuftiges, ehrwuͤrdiges Gebaͤude, an dem man die Geduld, die Arbeitsamkeit, den festen Sinn, und den soliden Geschmack der Vorfahren bewundern muß. In der Sakristei haͤngt eine herrliche Geburt Christi von Rottenhammer. Das Gebaͤude selber ist im 11. Jahr- hundert aufgefuͤhrt worden. Bis auf den Platz, wo die Waͤchter wohnen, geht man 401. Stufen hinauf. Kai- ser Maximilianus I. war auch hier oben, und schenkte hernach sein Gemaͤlde hierher. Es haͤngt ohne alle Ein- fassung und Bedeckung an der Wand, und doch haben sich die Farben ungemein wohl erhalten. Der Kaiser war, nach diesem Bilde zu urtheilen, ein schoͤner lieber Mann. Mann. Man hat oben auf dem Kranze eine unver- gleichliche Aussicht nach den Tyrol er Gebuͤrgen, nach Dillingen, Donauwerth. Man sieht die eisernen Stangen, an welchen im Fall einer Feuersnoth grosse La- ternen nach der Stadt, wo der Brand entstanden ist, ausgehangen werden. Im Anfange dieses Jahrhun- derts hatten die Franzosen oben auf dem Kranze des Thurms ein Wachfeuer angemacht. Da ging einer von den Waͤchtern, Namens Rumey, herab zu seiner Obrig- keit, und fragte an, ob er nicht einen Franzosen nach dem andern beim Kopfe nehmen, und herabstuͤrzen duͤrfe? Sehen Sie die Vaterlandsliebe, den Muth, und die ed- le Dreistigkeit dieses ehrlichen Schwaben. Es verdroß ihn, daß so ein altes ansehnliches Gebaͤude, die Zierde seiner Stadt, an der man 111. Jahre gebaut hatte, durch den Muthwillen der Franzosen in Brand gerathen sollte. Wegen der Feuersgefahr sind oben 36. Wasserkessel, die aber durch die Laͤnge der Zeit ganz ausduͤnsten. Im Glockenhause haͤngen Glocken von 75. und andre von 85. Zentnern. Die eisernen Schwengel verwittern und schillern ab, aber nicht die bronzenen Glocken selber. An den steinernen Pfosten sieht man Spuren von der fuͤrch- terlichen Gewalt, womit der Blitz in der Neujahrsnacht 1779. hier in der Nachbarschaft eines eisernen Gitters herablief, so wie man sie auch unten in der Kirche am Fusse der Orgel sehen kan. Und doch gibt es noch im- mer Leute, die, wenn sie den sichtbaren Nutzen der Ablei- ter ruͤhmen hoͤren, den albernen Einfall wiederkaͤuen: Man soll der Vorsehung Gottes nicht vorgreifen. Gra- de als wenn wir armen Sterblichen durch unsere Gewit- terstangen die tausendfachen Kraͤfte der Natur so baͤndi- gen koͤnnten, daß uns Gott mit aller seiner Macht, nicht mehr mehr toͤdten koͤnnte. Der steinerne Fuß des Glockenhau- ses ist ganz mit Moos bewachsen. So hoch fliegt also der Saamen dieser feinen Pflanzen mitten in der Stadt herum. Unbegreiflich ist’s, wie die Leute ehemals die greulichen Massen da herauf gebracht haben. Und durch die ungeheuren Brocken von Steinen gehen eiserne Haf- ten und Baͤnder hier und da ganz durch. Aber jeder Buͤrger und Einwohner der Stadt half damals, als der Bau unternommen wurde. In der Kirche selber sieht man alte Gruften, Kapellen, alte und verdorbene Ge- maͤlde von Duͤrer, Familienwappen ꝛc. An den alten schoͤnen Bildschnitzereien von Eichenholz im Chore ist noch nicht eine wurmstichige Stelle, da hingegen alles, was in neuen Zeiten daran ansgebessert worden ist, aus viel schlechtern unausgetrocknetem Holze gemacht wird. Wenn man Sonntags in dieser Kirche der Kommunion zusieht, so kan man sich wohl auch bei der feierlichsten Handlung nicht enthalten, zuweilen eine laͤchelnde Mine zu machen. Dazu zwingen den Fremden die Ulm er Kleidertrachten, die so mannichfaltig, so eckicht, so steif, so gothisch, so abgeschmackt, so gefaͤltelt, so frisirt, so sonderbar ausge- schnitten, so buntschaͤckicht, so unbeschreiblich widerlich und grotesk sind, daß man sie in manchen andern Staͤd- ten auf der Redoute brauchen koͤnnte. Abzeichnen und illuminiren sollte man sie um der Sonderbarkeit willen, wie die Russische Kaiserin ihre Nation abmalen lies. Die alten Matronen, die sich der Welt nicht gleich stellen wollen, vermuthlich weil sie nicht mehr koͤnnen, halten noch fest an diesen hergebrachten und veralterten Kleider- moden. Und bei der Kommunion sonderlich sieht man alle moͤgliche Editionen. Wer’s nicht weis, der wuͤrde wahrhastig uͤber manche Figuren erschrecken. Der groͤ- ste ste Theil des aufwachsenden Frauenzimmers verlaͤst indes gern die Sitten des vorigen Jahrhunderts, und kleidet sich natuͤrlicher, freier und simpler. Die Buͤrgermaͤdchen gehen recht artig und niedlich gekleidet, ohne sich mit Putz, Poschen, Straussen- und Reiherfedern unnatuͤrlich zu verunstalten. Sonst hab’ ich noch in Ulm ischen Kir- chen eine Unanstaͤndigkeit bemerkt, die ich zu Steuer der Wahrheit nicht verschweigen kan. Man erlaubt auch jungen, starken, und gesunden Leuten, die grossen Huͤte waͤhrend dem Gottesdienste aufzusetzen. Auch hat fast jede Person ihren eignen Sitz, der aufgeschlagen und nie- dergelassen werden kann. Da entsteht nun beim Anfan- ge der Predigt ein solcher Laͤrmen in der grossen weiten Kirche, daß man bei ganz andern Anlaͤssen zu seyn glaubt. Der Apostel wuͤrde eine Vorschrift der Wohlanstaͤndigkeit und der Sittsamkeit wiederholt haben, wenn er das ge- hoͤrt haͤtte. Auch ist es vielleicht keine gute Einrichtung, daß man am fruͤhen Morgen schon zu singen anfaͤngt, und erst nach etlichen Stunden predigt. Waͤhrend dem Singen, das doch ein Gebet zu Gott ist, hoͤrt das Lau- fen nicht auf. Viele, die aus der Gottseligkeit ein Ge- werbe machen, singen sich fast heiser, und denken nichts dabei. Andre kommen gar nicht zum Singen, und ver- lieren, um nicht uͤberladen zu werden, diese Art der Er- bauung ganz. Auch faͤllt es dem Fremden sehr auf, wenn Leute, die sonst einen Namen haben, die Liturgien und Gebete so unverstaͤndlich, eilfertig und unangenehm herablesen, daß man nichts denken, nichts fuͤhlen kan, auch nicht zuhoͤren mag. Ein Beweis, meine Liebste! daß wir wahrhaftig auch in protestantischen Kirchen am oͤffentlichen Unterrichte noch manches zu verbessern haben. Darf ich es sagen, man hoͤrt zu wenig die pia desideria, die die Klagen und Beschwerden des edlern Theils der Zuhoͤ- rer. Die Konsistorien sind gar oft zu gelinde, und uͤber- sehen manchem Prediger unverzeihliche Fehler, Nachlaͤs- sigkeit, und die allerschaͤdlichsten Gewohnheiten. Oft nimmt gar ein Konfrater die Maͤngel des andern in Schutz, und bedeckt alles mit dem Mantel der bruͤderli- chen Liebe. Doch jetzt sind wir auf der Reise. Also St! St! — — Ulm ist uͤbrigens ein Ort, wo man sich mit guten Freunden viel unschuldige Freude machen kan. Die Stadt hat wenig reizendes, aber die Leute sind umgaͤng- lich, gesellschaftlich. Ihre Lage hat den Vortheil, daß bestaͤndig Fremde da einkehren. Die Kreisversamm- lung belebt den Ort alle Jahre einmal. Ein eignes Haus dazu ist nicht da, der Rath weicht alsdann dem Kreise, und versammelt sich anderswo. Das Stein- heile ist ein Lustwaͤldchen an der Donau, wo taͤglich muntre Gesellschaften zusammen kommen. Durch die Brunnenstube wird die Stadt mit Wasser versehen, denn es sind nicht genug Quellen da. Die barbarischen Gesetze, die man ehemals gegen die Juden gab, haben noch hier zur Schande der Christenheit ihre Kraft. Man sieht in der Stadt keine Juden, sie muͤssen jede Stunde bezahlen, die sie in Ulm zubringen wollen: nur etliche wenige Familien haben darin mehr Freiheit. Grade als wenn wir Herren der Erde waͤren, und unsern Mit- menschen verwehren koͤnnten, irgendwo Luft zu schoͤpfen! — Der Wall um die Stadt heißt der Bau, weil er groͤstentheils gemauert ist, und auch bestaͤndig verschlossen wird. Man hat aber fast in jedem mittelmaͤssigen Hause einen Schluͤssel dazu, und es ist wegen der Ab- Zweiter Theil. B wechselung wechselung und der schoͤnen Aussichten ein sehr angeneh- mer Spaziergang. Als ich einmahl an dem Thore bei der Donau bruͤcke war, kamen 5. englische Matrosen da- her gelaufen, die ihrer Aussage nach verungluͤckt waren, und von Livorno zu Fuß nach England gehen wollten. Hier waren die armen Leute, unter welchen drei Irrlaͤn- der waren, wie vom Himmel herabgefallen. Sie ver- standen nicht deutsch, und in Ulm sind wenig Menschen, die Englisch sprechen. Ich machte den Dolmetscher zwi- schen ihnen und dem wachhabenden Offizier, und half ih- nen so gut ich konnte, daß sie nach der Stadt gehen, und Brot und Bier kaufen konnten. Sie koͤnnen nicht glauben, wie sich die Leute freuten, da sie doch jemand fanden, der sie verstehen und ihnen das Noͤthigste wieder sagen konnte. Die Denkungsart und Lebensart der Ul- m er Reichsbuͤrger wird durch die Bemuͤhungen ihrer jun- gen Theologen und andrer Leute, welche die Auswelt ge- sehen haben, immer mehr verbessert. Von Ulm nach Augspurg geht der Weg zuerst uͤber die schoͤnsten Fruchtfelder hin. Um Guͤnzburg herum wird viel Hopfen gebaut, ich sah uͤberall die Ho- pfenstangen haufenweis beisammen stehen, und Bier ist in diesen Gegenden das allgemeine Getraͤnke. In eini- gen Oertern knitschten die Weiber Hanf. Die Ma- schine zu diesem Zerknacken der Hanfstengel ist bei uns so niedrig, daß die Weibsperson stehen, und den Hanfbuͤ- schel immer weiter vorziehen muß. Hier fand ich die Knitsche oder Breche hoͤher, die Frau sitzt auf einem Klotze dazu, vorne an die Maschine hin, hebt den obern Theil auf und schlaͤgt immer auf den Hanf mit der rechten Hand hin, indem sie ihn mit der linken immer weiter vorzieht. vorzieht. Weiter hin findet man Waldungen, in wel- chen es wegen der herumstreichenden Bettler eben nicht gar sicher ist. Kinder und Weiber muͤssen den Fremden mit Betteln erst aufhalten, indessen zeigen sich oͤfters baumstarke Kerle, die im Walde liegen, und im Muͤs- siggange Bosheiten ausuͤben. Burgau ist ein artiges wohlgebautes Staͤdtchen, die Leute sind hoͤflich, und scheinen in vielem Wohlstande zu leben. Man ruͤstete sich eben auf den Jahrmarkt, und da wurde keines Schweines geschont, und ganze Haufen von Gaͤnsen abgeschlachtet. Unter dem Haber baut man hier viele Wicken, und die Pferde fressen das Gemengsel sehr gern. Sommerhausen, die letzte Station vor Augspurg, gehoͤrt zum Bisthum Dillingen, oder in das Trier i- sche, und wenn man das nicht wuͤste, so wuͤrde man’s an der Menge Bettler sehen, die der Polizei des Landes wahrhaftig zum Vorwurfe gereichen. Ich theilte in der Stunde, die ich im Gasthofe zubrachte, manchem mit, und doch holte mir einer vor meinen Augen mit der groͤ- sten Unverschaͤmtheit das Brot, das ich mir hatte geben lassen, vom Tische weg. O ihr Fuͤrsten! wenn werdet ihr doch einmahl die grosse Weisheit lernen, auf jeden Menschen, auf jeden Buͤrger, der euch gebohren wird, einen Werth zu setzen, und eure politischoͤkonomische Sorg- falt wenigstens so weit erstrecken, daß jeder Gelegenheit zur Arbeit bekommt, und keine Kraͤfte fuͤr den Staat ver- lohren geben! Eine eigne Art von Kopfputz sah ich hier an einigen Frauenzimmern. Die Haare werden auf dem Kopfe zusammengeflochten, fast so wie in Strasburg. damit sie zusammen halten, steckt das Frauenzimmer eine B 2 silberne silberne Haarnadel durch, die aber breiter ist, als ein Loͤf- felstiel, und vorne, wo sie aus den Haaren heraussteht, ist ein silbernes rundes Plaͤttchen daran, das mit Grana- ten, und mit Edelgesteinen besetzt, und daher theuer ist. Zur deutschen Sprachkunst muß ich Ihnen doch auch einen kleinen Beitrag liefern. Die Aussprache ist nicht immer schoͤn, und richtig. Olfe sagt man statt Eilfe; klone sagt man statt kleine; Hir i heist ein Huhn, (bei Frankfurt sagt man: ein Hinkel, statt eine Henne! ) Aber viele gute sonst nicht mehr uͤbliche Woͤrter haben die Schwaben noch erhalten, z. B. ein handsamer Mensch heist ein schoͤner artiger Mensch, den man brauchen kan. Ist dieses nicht das englische handsome? — Ein be- haltsames Gedaͤchtnis. Sagt da der Schwabe nicht mit Einem Worte, was sonst umschrieben werden muß? Aber ein ganz besondrer Provincialismus ist es, wenn Schaffen in diesen Gegenden so viel heist als Fragen, verlangen, demander: was schaffen Sie? das heist: Was befehlen, was wollen Sie? Es ist aber un- moͤglich, daß das gemeine Volk Richtigkeit und Reinig- keit der Sprache lerne, da selbst in Befehlen, oͤffentlichen Nachrichten, Anschlaͤgen und Verordnungen, die von der Kanzlei ausgehen, die groͤbsten Fehler gegen die Regeln der Konstruktion und der Ortographie vorkommen, wo- von ich Ihnen viele Beispiele geben koͤnnte. Ausser Hamburg ist wohl keine alte Stadt, die so schoͤn waͤre, als Augspurg. Sie hat die ganze Magni- ficenz des vorigen Jahrhunderts, und uͤbertrift von dieser Seite Ulm unendlich. Die Strassen sind hell, einige sehr breit, grade und lang, die Haͤuser alle hoch, aber nach einem mannichfaltigen, doch regelmaͤssigen Geschmack gebaut; gebaut; das Pflaster in der Stadt ist gut, man laͤuft eben weg, und es wird mit Sorgfalt unterhalten; vor den Haͤusern stehen oft Strebepfeiler von Bayr ischen Marmor. An einigen Gegenden sieht die Stadt grade so, wie Strasburg, aus. Inwendig in den Haͤusern ahmt man die hollaͤndische Reinlichkeit und Pracht nach: aber die Sprache der gemeinen Leute ist sehr unverstaͤnd- lich, und man stoͤßt auf gewaltige Spiesbuͤrger. Eini- ge Adeliche haben neue Haͤuser gebaut, die so gros und schoͤn sind, daß man den finstern Platz bedauren muß, auf dem sie stehen. Schon in der Ferne praͤsentirt sich Augspurg sehr schoͤn. Die Stadt liegt in einer Ebne, hat Kirchthuͤrme, und doch nicht zuviel, ist mit Festungs- werken und Spaziergaͤngen umgeben, hat etwas anzie- hendes, so daß man nicht lange darinnen ist, ohne den Gedanken zu haben, daß Augspurg zu einer deutschen Kaiserstadt recht bestimmt zu seyn scheint. Schade, daß so wenige Gaͤrten und Landguͤter dazu gehoͤren. Die Stadt hat gar kein Gebiet. Sie lebt von Schwaben und Bayern, und muß diesen beiden Nachbarn alles theuer abkaufen. Die Gleichheit beider Religionen hin- dert ohne Zweifel, daß mancher guter Wunsch nicht aus- gefuͤhrt werden kan. Die katholischen Geistlichen thun und behalten alles, weil die Lutherischen auf sie Acht ge- ben, und um der Pfaffen und um des Poͤbels willen bleiben die protestantischen Lehrer auch bei manchem, das freilich besser seyn koͤnnte. Die Intoleranz der Ka- tholicken ist noch so gros, daß ein protestantischer Predi- ger in seinem geistlichen Kleide sich nicht getraute, mit mir in die Exjesuiterkirche zu gehen, um einige Gemaͤlde zu besehen, er muste befuͤrchten, vom Poͤbel insultirt zu werden. Man macht dem edlern Theile der Buͤrgerschaft B 3 den den Vorwurf, daß sie ungesellig waͤren, und es ist wahr, sie halten nicht einmahl unter sich selber Gesellschaften. Der niedre Theil der Buͤrgerschaft aber kommt unfehlbar alle Abende im Bierhause zusammen, wo beim Toback manche Stunde verplaudert wird. Man hat zum An- zuͤnden der Pfeifen in diesen, so wie in vielen andern Ge- genden, duͤnne lange, vermuthlich mit einem Ziehmesser abgezogene lange Spaͤne von Tannenholz, die leicht Feuer fangen. Alle Pfeifen aus Thon muß man aus Holland, oder von Koͤlln kommen lassen, daher raucht man meist aus hoͤlzernen oder hornenen Pfeifen. Un- glaublich ist die Menge des Biers, aber man hat es auch sehr gut. Am oͤffentlichen Unterrichte fehlt es in Augspurg nicht. In den 6. Kirchen, die den Prote- stanten gehoͤren, wird an jedem Sonntage 15. mahl und in der Woche 28. mahl gepredigt! Wenn wird man doch einmahl den wichtigen Schaden einsehen, den das taͤgli- che und uͤberfluͤssige Predigen auf die Prediger, auf die Zuhoͤrer, und auf den Vortrag selber nothwendig haben muß? Artig ist es, daß das Allmosen beim Eingang und Ausgang der Kirche in den Klingelbeutel gesammelt, und die Unruhe, die dadurch entsteht, waͤhrend der Predigt vermieden wird. Freilich kan auf diese Art der, welcher sonst nichts geben wuͤrde, aber doch aus Schande gibt, weil er in einer Reihe andrer sitzt, die auf ihn schauen, durch- kommen, ohne daß sein Geiz durch eine andre Leidenschaft uͤberwunden wird. Allein ganz uͤberfluͤssig, duͤnkt mir, ist der Meßner, oder Kuͤster auf der Kanzel hinter dem Prediger. Dieser Mann geht auch schwarzgekleidet sorg- faͤltig mit, macht die Thuͤre auf, setzt sich oben hin, und servirt den Prediger ordentlich, nimmt die Buͤcher weg, gibt andre her, macht sich ein unnoͤthiges Geschaͤft, oder soll soll wohl gar im Fall, daß der Herr Senior ohnmaͤchtig wuͤrde, Ihro Hochwuͤrden herabbringen! In der Bar- fuͤsser und in der katholischen Kreuzkirche sind schoͤne Ma- lereien von Goetz Gottfr. Bernh. Goetz. geb. 1708. zu Klosier Welch- rod in Maͤhren, lernte beim Freskomaler Ekstein in Bruͤnn und arbeitete dann bei Bergmuͤller in Aug- spurg, ließ sich auch daselbst nieder und trieb neben der Ausuͤbung seiner Kunst einen Kunsthandel. Sei- ne Gemaͤlde sind Altarblaͤtter und Frescomalereien, in denen man gute Zeichnung, sinnreiche Erfindung und ein angenehmes Kolorit bemerkt. S. N. Bibl. d. sch. Wiss. 1. B. S. 159. In der kathol. Kreuzkirche ist besonders auch das Altarblatt merkwuͤrdig; weil es eins von Rotten- hammers besten Werken ist. Es stellt die Herrlich- keit der Heiligen im Himmel vor. Herausgeber. und in der Exjesuiterkirche Al- tarblaͤtter von Schoͤnfeld, auch sonst viel schoͤnes von Lucas Cranach; so wie man uͤberhaupt in allen Kir- chen sehr reiche, schwere und praͤchtig gearbeitete Vasa sacra sehen kan, die von reichen Leuten geschenkt worden. Ein merkwuͤrdiges mechanisches Kunststuͤck in Aug- spurg ist der sogenannte Einlaß. K. Maximilian hielt sich wegen der Gemsenjagd oft in diesen Gegenden auf. Die Reichsstadt blieb aber bei ihrem alten Ge- brauch, und schloß die Thore fruͤhzeitig. Der Kaiser, dem dies unangenehm war, sann auf einen Ausweg, und brachte 1514. aus Tyrol einen sehr geschickten Hufschmidt mit, der auf Kosten der Stadt auf einer Seite des Walls dem Kaiser zu Gefallen folgende Einrichtung machen mu- B 4 ste. ste. Auf dem Walle ist ein bedecktes Haus, wie ein Schoppen mit einer Thuͤre, die durch eiserne Zuͤge, die zu beiden Seiten laͤngst des Dachs hinlaufen, sobald eine aussen angebrachte Glocke dem Waͤchter auf dem Ein- lasse das Zeichen gibt, daß er eine gewisse in seinem Zim- mer angebrachte Stange loslassen soll, sich von selbst oͤf- net. Dann trat der Kaiser durch dies Haus, und hin- ter ihm schlos sich die Thuͤre. So wie er vom Walle naͤher zum Hause kam, oͤfnete sich ein eisernes Gitter, und zugleich sank eine grosse Ziehbruͤcke langsam herab, und brachte den Kaiser uͤber den Graben in das erste Theil des Hauses. So wie er da war, stieg die Ziehbruͤ- cke wieder in die Hoͤhe, dadurch wurde es in dem ersten Viereck des Hauses dunkel. Aber so wie es finster ward, oͤfnete sich im Hause, ohne daß man die Triebwerke sah, die erste Thuͤre, der Kaiser ging durch, hinter ihm schlos sie sich, die zweite hingegen oͤfnete sich, und indem sich diese zuschlos, oͤfnete sich die dritte, und durch diese kam Maximilian in die Stadt. Lange verweilen darf man sich nicht zwischen zwei Thuͤren, sonst ist man in einem dunkeln Gemach gefangen, und das ganze Spiel muß wieder von vorne angefangen werden, um den Eingeschlos- senen zu befreien. Um das zu verhuͤten, brachte der Hufschmidt an jeder Thuͤre noch einige Haken an, so daß die Thuͤre fuͤr einen, fuͤr 2. fuͤr 3. Menschen geoͤfnet, und eine Zeit lang so erhalten werden kan. Dies ist beson- ders im letzten Zimmer, wo man die Leute eben so, wie unter dem Thore ausfragen konnte. Auch sind oben Gal- lerien angebracht, damit die, welche das Werk trieben, sehen konnten, wie viel Personen eingelassen werden woll- ten. Auch ist da ein kupfernes Koͤrbchen, das in der Ab- sicht, daß die Fremden die Bezahlung hineinlegen konn- ten, ten, herabgelassen wurde. Aussen sieht das Gebaͤude wie ein Thurm, wie ein Gefaͤngnis aus. Inwendig sind die Maschinen selber tief im Boden versteckt; in der Wohnung des Aufsehers sieht man fast nichts, als ein Rad, das ohne Muͤhe von einer Weibsperson in Bewe- gung gesetzt werden kan, und das Obertheil von einem eisernen Baume, auf dem im ganzen Werke das Meiste ankommen soll, und der daher nicht gezeigt wird. Der Mann hat mit grosser Genauigkeit die Staͤrke und die Wirkung aller Triebfedern uͤberdacht und berechnet. Denn wenn das Werk jetzt von Zeit zu Zeit ausgebessert wird, so machen oft die geschicktesten Schlosser einen Fehler, der so versteckt, so klein seyn kan, daß man ihn oft kaum ent- deckt, und doch stockt gleich die ganze Maschine. Man hat seither diesen Einlaß immer gebraucht. Vor kur- zem aber hat man eine andre Einrichtung mit den soge- nannten Bazenthoren getroffen, und das Werk wird jetzt nur, als ein wuͤrdiger Beweis von der Geschicklichkeit eines Tyrol er Grobschmidts erhalten. Bei Hrn. Brander Dieser wuͤrdige Kuͤnstler ist gegenwaͤrtig nicht mehr am Leben. Herausgeber. kan man einen vortreflichen Vorrath von mathematischen, optischen, astronomischen und mikroskopischen Instrumenten sehen. Ich bewun- derte besonders die Skala oder das Mikrometer an sei- nen Vergroͤsserungsglaͤsern, die er mit Diamanten in boͤhmisches Glas unendlich fein schneidet. Im bischoͤflichen Pallaste sieht man noch die zwei Fenster des Zimmers, in welchem 1530. die aug- spurgische Konfession verlesen wurde. In das Zimmer B 5 selber selber konnten so viele Leute nicht gehen, aber der Vorle- ser stand am Fenster, und der untere Platz, auf dem wohl zweitausend stehen konnten, war ganz mit Menschen bedeckt. Man hat jetzt, wie man mir sagt, im Zimmer selber einige Aenderung vorgenommen. Hr. Kupferstecher Kilian hat in seinem Hause viele Naturalien, Kupferstiche, elfenbeinerne Waaren, und andre Seltenheiten der Kunst aufgestellt. Ich hatte nicht Zeit genug, alles zu beschauen, aber ich sah auch in einer Stunde viel schoͤnes, und seine Guͤte beschenkte mich mit einem schoͤnen Oculus Cati, und mit der Frucht vom Pinus Cembra L. oder Zirbelnuß, die das Wappen der Stadt ist. Ich sah bei ihm Goldschlick aus Benzenzimmern in Tyrol; einen Ammoniten, dessen Gelenke auseinander fallen; einen versteinerten Elephanten Backenzahn; eben die Zirbelnuͤsse, die man jetzt aus Tyrol bekommen muß, denn um die Stadt herum sind nur noch wenige Baͤume; Goldstuffen aus Siebenbuͤrgen; Echiniten in bayer ischen Eisengru- ben; einen Chalcedonier, darin eine sehr natuͤrliche braune Silhouette von einem Moͤnchskopfe war, ohne Zweifel einer aus der neuen Fabrike in England, Die bekannte Fabrik von Wedgwood and Bentley in Engelland. Herausgeber. wo alle Steine nachgemacht werden. Der Besitzer hatte ihn auch von einem Englaͤnder gekauft. In Ulm er- zaͤhlte man mir auch von einem Saphir oder Smaragd, worin ein Papillon eingeschlossen seyn soll. Ferner hat Hr. Kilian unter vielen andern Kunststuͤcken ein Glas, eine Bouteille mit einem Halse und einem breiten niedri- gen gen Bauche. Dieser Bauch laͤßt sich, wenn man weis, wie man hineinblasen soll, weil man es sonst zersprengen koͤnnte, mit einem kleinen Knall aufblasen. Ich sah auch ein von Hrn. Kilian fuͤr seinen eignen Gebrauch tu- schirtes Exemplar von seiner Ausgabe der Herkulan ischen Alterthuͤmer. Ich habe Ihnen oben vom Einlaß in Augspurg erzaͤhlt. Nun sollen Sie auch mit mir auf den Ablaß gehen. Da koͤnnen Sie keine Vergebung der Suͤnden bekommen, aber kaltes Wasser, so viel als Sie wollen. Das meiste Wasser, was in der Stadt verbraucht wird, ist das Wasser vom bayer ischen Fluß Lech. Man hat dazu eine halbe Stunde von der Stadt in einen Arm vom Lech an der bayer ischen Grenze ein Wasserwerk ge- baut, ihn dadurch aufgefangen, in 3. Arme getheilt, und ihn so nach der Stadt geleitet. Die Holzfloͤsse gehen uͤber diese Einrichtung nach der Stadt hin. In der Stadt selbst wird das Wasser in einem Brunnenhause ge- sammelt, und von da aus in viele einzelne Baͤche in der Stadt vertheilt. Schon mehr als einmahl hat die Stadt das Recht, den bayr ischen Strom auf diese Art abzu- daͤmmen, dem Churfuͤrsten theuer bezahlen muͤssen. Die Hrn. Haid hab’ ich auch besucht, und ihrer Arbeit zugesehen. Sie arbeiten mit dem Schabeisen und haben zum Abdruck der gestochenen Kupferplatten eine schoͤne Einrichtung. Man legt die Platte, indem man sie schwaͤrzt, auf Kohlen. Die Farbe ist le Noir d’Allemagne von Frankfurt. Dann wird sie auf das sorgfaͤltigste abgeputzt, so daß nirgends, als in den gegrabnen Zuͤgen ein Troͤpfchen Farbe liegen bleibt. Nun wird sie unter eine Walze geschoben, das genetzte Papier daruͤber daruͤber gelegt, uͤber dieses noch ein anderes, nun treibt man mit einer Kurbel die Walze herum, sie laͤuft uͤber die Kupferplatte hin, und dadurch wird sie abgedruckt. Die Gewalt ist so stet, und doch so stark, daß die Kupfer- platte sich von jedem Abdrucke zusammenbiegt. Man versicherte mir, daß man von einigen Kupferplatten wohl 200. Abdruͤcke machen kan. Doch kommt es hierin sehr auf den Stich, auf die Tiefen und Hoͤhen an ꝛc. Ich besah auch das Magazin eines Silberarbeiters, und lies mir von ihm besonders zeigen, wie die Wellen- striche z. B. auf Stockknoͤpfen gemacht werden. Der Mann zeigte mir die Maschine dazu, und wie die Stri- che wuͤrklich entstehen. Allein das laͤßt sich besser sehen, als beschreiben. Die viele schoͤne Fayence, und das Por- zellaͤn, das immer mehr Mode wird, hat dem Abgange der Silberarbeiten in Augspurg grossen Schaden ge- bracht. Als ich diese Kuͤnstler verlies. besah ich das Rath- haus, und kam mit Vergnuͤgen wieder herab. Schon die Aufschrift uͤber dem grossen Eingange gefaͤllt dem Frem- den: Publico consilio, publicae saluti. Das heist, — wenn Sie nicht Latein verstehen, — den oͤf- fentlichen Berathschlagungen, dem gemeinen Be- sten gewidmet. Aber das schoͤnste ist die Kuͤrze und Buͤndigkeit der roͤmischen Sprache. Das vorzuͤglichste in diesem Hause ist der goldne Saal, der 110. Schuh lang, 58. Schuh breit, und 56. hoch ist, und keine Saͤu- le, kein Gewoͤlbe, und doch 60. Fenster im 3ten Stock- werke hat. Das ganze Gebaͤude ist sechsstoͤckicht. In diesem Saale sind manche Kongresse, Roͤmische Koͤnigs- wahlen, Reichstagskonvente gehalten worden. Ueber der Hauptthuͤre Hauptthuͤre und sonst an vielen Orten sind Gemaͤlde von Matthaͤus Kager, Sinnbilder von der Stadt, von den Fluͤssen bei Augspurg, von den Wissenschaften und Kuͤnsten, von der Gerechtigkeit, vom Fleisse ꝛc. An ei- nem sieht man den Kopf des Baumeisters. Das Rath- haus steht jetzt 169. Jahr. Im goldenen Saale ist der Fußboden von Salzburger Marmor. Darneben sind 4. Fuͤrstenzimmer, die sich alle in den goldnen Saal oͤfnen. In jedem sind viele Holzschnitzereien. Das Holz ist gelb, und lauter kleine nur viertelzolldicke Stuͤcke von einem pohlnischen Maser. In jedem Zimmer steht ein schoͤner Ofen, von einem gewissen Landsberg. Man sollte, wenn man die vielen Figuren und Verzie- rungen davon sieht, alles verwetten, daß sie gegossenes Eisen waͤren, aber an abgeschlagenen Stuͤcken sieht man, daß sie nur von Erde, und Toͤpferarbeit sind. Einer hat 500, der andre 800. Gulden gekostet, und jeder ist nach einem andern Risse verfertigt. Auch in jedem Zim- mer ist ein andres Dessein. Man sieht hier viele bibli- sche Malereien von Joh. Freiberger War von Augspurg gebuͤrtig; und lebte zu Anfang des 17ten Jahrh. Soviel sich aus den ziemlich un- kenntbargewordenen Ueberresten seiner Gemaͤlde am Barfuͤsserthurme und aufm Rathhause gedachter Stadt schliessen laͤst, war sein Pinsel ziemlich hart. Herausgeber. . Im dritten ist die Belehnung Moritzens von Sachsen mit der Churwuͤrde, abgemahlt, die von K. Karl V. in Aug- spurg geschah, und diese Stuͤcke sind von Rothmay- er Joh. Franz. Rothmayer, Freiherr von Rosenbrunn, geb. in Salzburg, lernte bei C. Loth in Venedig. Seine . Im vierten sind die Demokratie, die Monar- chie, chie, und die Aristokratie von Johann Koͤnig Lebte als Geschichtsmaler zu Augspurg ums Jahr 1600. und verfertigte daselbst viele gute Gemaͤlde. Herausgeber. 1624. gar schoͤn gemahlt. Darneben sieht man die Gefaͤngnis- se, die so wie das ganze Rathhaus, mit Kupfer gedeckt sind. So lange Session ist, wird der Platz vor dem Rathhause mit Ketten abgeschlossen, damit das Fahren der Wagen die weisen Maͤnner nicht stoͤren soll. Im Rathszimmer selbst ist kein Ofen. Die Waͤrme kommt von unten herauf, durch eine kupferne Platte im Fußbo- den in der Mitte des Zimmers. Die Archonten gehen alle schwarz, sitzen nicht auf Wollsaͤcken, wie die Parla- mentsherren in London, sondern auf gruͤnen Kuͤssen. An den Waͤnden haͤngen einige biblische Stuͤcke von Ka- ger, z. B. Isabel, wie sie von Hunden gefressen wird, schoͤner aber ist Simson, dem Delila im Schlaf die Haare abschneidet, von Lucas Cranach 1529. auf Holz gemahlt. Ueber den Plaͤtzen der Rathsherren hat Ka- ger die Gesetzgeber, Numa, Solon, Moses, Chri- stus, Likurgus und Minos abgemahlt. Muß es nicht grosse Aufmunterung fuͤr den jungen Kuͤnstler seyn, wenn er sieht, daß die Denkmale des Fleisses von geschick- ten Maͤnnern da aufgehangen, und bewahrt werden, wo man zusammen kommt, um das Beste des Vaterlands zu Seine Gemaͤlde sind ziemlich vernachlaͤssigt, beson- ders sind die Haͤlse seiner Figuren zu lang, indes hat- te er doch gute malerische Gedanken. Die Kirchen in Wien und Breßlau sind voll von seinen Werken. Er starb in Wien 1727. in hohem Alter. Herausgeber. zu besorgen? In manchen Staaten denkt man gar nicht auf solche Dinge, die wahrhaftig Patriotismus und Nach- eiferung in jungen Koͤpfen erwecken koͤnnten. Vielleicht warten Sie schon lange auf die Kattun- und Zizfabrik des Herrn von Schuͤle in Augspurg, und ich bin so gluͤcklich gewesen, diese schoͤnen und vor- treflichen Arbeiten zu sehen. Ein koͤnigliches Haus, auf- serhalb der Stadt an der Strasse nach Muͤnchen gele- gen, worinnen wohl 1000. Menschen ihr Brot finden. In allen Einrichtungen herrscht Ordnung, Regelmaͤssig- keit und viel Geschmack. Der Besitzer ist nicht nur ein reicher, sondern auch ein sehr belebter, feiner und gefaͤlli- ger Mann. Das Drucken der gewoͤhnlichen Kattune geschiehet durch Weiber. Sie tunken die Form in die Farben, setzen sie auf die Leinwand, die vor ihnen auf dem Tische liegt, und schlagen mit einem hoͤlzernen Ham- mer darauf. So oft die Frau Farbe genommen hat, traͤgt ein Junge darneben neue Farbe auf, und wischt sie sorgfaͤltig auseinander. Bei einigen Stuͤcken muß mit dem Pinsel den Farben nachgeholfen werden. In einigen Zimmern sitzen bestaͤndig Formschneider, auch andre, welche die alten und abgenutzten Formen wieder ausstechen und verbessern. Die schoͤnsten Desseins wer- den auf Kupferplatten gestochen und so abgedruckt. Ich sah zu, wie eine Kupferplatte von einer betraͤchtlichen Groͤsse abgedruckt ward, und bewunderte die Akkuratesse, die dazu noͤthig ist. Das Glaͤtten der gedruckten Zeuge geschieht mit grossen Kieseln, die zum Theil theuer bezahlt werden, und in hoͤlzernen Stangen eingesetzt sind, die von Mannspersonen in Bewegung gesetzt werden. Die Kieselsteine werden so glatt, und so heis, daß man sie kaum anruͤhren kan. Bei Bei Herrn Diakonus Steiner sah ich eine schoͤne Naturaliensammlung, besonders Eier und ausgestopf- te Voͤgel, unsre neusten Schriften in der Naturgeschichte, und an ihm selbst fand ich einen vortreflichen liebenswuͤr- digen Mann, der warm und innig in der Freundschaft ist. Er zeigte mir versteinerte Knochen, mit Kalkspat und Quarz; Remitznester aus Italien, die der liebe Mann mit mir theilte; drei Steinbrocken, die per lusum naturae wie kleine Brote geformt, und an einander gesetzt sind; von Perlhuͤnern dreierlei Eier, wovon eins in der Mitte weis, und an beiden Enden ge- faͤrbt ist; ein Kasuarei, das in der ovalen Figur vom Straussenei sehr verschieden, und Chagrinartig ist; Trap- peneier; ein Kranichei; das Ei vom Rohrdommel, das olivengruͤn mit Flecken ist; das Gukuksei; ein Ei, das von der Zeichnung, die Hr. D. Bloch in IV. B. der Berlin. Beschaͤft. gegeben hat, und von dem Exem- plar, das mir als ein Gukuksei aus dem Walde gebracht wurde, sehr verschieden ist. Wir sprachen zusammen daruͤber, und der Hr. Diak. versicherte mich, daß jenes Ei zuverlaͤssig das Ei der Wasserschnepfe sei. Er hat- te es auch in seiner Sammlung, und auch in den Zeich- nungen des seel. Zorns, die Herr Steiner besitzt, und der bekanntermassen sehr viel in der Voͤgelgeschichte gear- beitet hat, war Hr. Bloch’s und mein Ei als das Ei der Wasserschnepfe angegeben. Das wahre Gukuksei ist viel kleiner. — Monstroͤse Eier, wie Flaschen mit allerhand Ansaͤtzen, ein Ei mit einer Schale in einem an- dern Ei mit der Schale; unausgeblasene Amphibien- eier, die sich, ohne stinkend zu werden, erhalten haben; Hr. Pr. Webers Luft-Elektrophor, der bei einem eingeheizten Zimmer Funken gibt. Das Hofmanni- sche sche Mikroskop, wobei wir die schwaͤchste und staͤrkste Vergroͤsserung an einem Muͤckenfluͤgel probirten. Die Eier blaͤst Herr Steiner in der Mitte aus, fuͤllt sie mit Sand und beigemischter Kleie aus, und verklebt oben die Oefnung. Zuverlaͤssig wuͤrden die Freunde der Natur aus der Sammlung dieses vortreflichen Mannes viel Schoͤnes erfahren, wenn er meine Bitte Statt finden las- sen, seine liebenswuͤrdige Bescheidenheit uͤberwinden, und uns seine Beobachtungen mittheilen wollte. In seiner Bibliothek stehen die besten Exegeten, Ascetiker, Mora- listen und Prediger neben den neusten und lehrreichsten Schriften der Naturkuͤndiger. Wie ehrwuͤrdig wuͤrde die Klasse der Prediger uͤberall werden, wenn sich unsre jungen Kandidaten so einen edlen und auf eine wahrhaf- tig weise und brauchbare Art geschaͤftigen Mann zum Muster nehmen, und nebst dem Studium der Religion auch die Offenbarungen Gottes in seiner Natur nicht ver- saͤumen, oder irgend einen andern Zweig der Gelehrsam- keit sich zur Beschaͤftigung, und zur Empfehlung waͤhlen wollten, wie z. B. Hr. Diak. Hoͤrner an der Kreuzkir- che, der die gelehrte Geschichte von Schwaben bearbei- tet, und den ich auch hier aus Dankbarkeit und Hochach- tung nennen muß! Aber leider! sind wir mit einer Men- ge Kandidaten und Prediger versehen, die ihren Dienst wie ein Handwerk ansehen, die dazu noͤthige Geschicklich- keit sich nicht einmal mit dem Eifer, womit mancher Kuͤnstler und Professionist lernt und wandert, erwerben, und wenn sie dann einmal eine Pfarre und eine Frau ha- ben, die Guͤter der Kirche, die gewis manchem im Ueber- flus gegeben sind, in Unthaͤtigkeit verzehren, und weil sie an der wahren Gelehrsamkeit keinen Geschmack finden, zuletzt Bauern und Zehendknechte werden. Verzeihen Zweiter Theil. C Sie Sie mir diesen Eifer! Menschenliebe und dankbare Wert- schaͤtzung meines Freundes, der mit diesen sogenannten geistlichen Lehrern sichtbar kontrastirt, haben mich dazu hingerissen. In der Gesellschaft dieses lieben Mannes, und mei- nes Freundes des Hrn. Christoph, an der Hospitalkirche, der seitdem wir uns kennen, auch ganz von der Groͤsse und Gemeinnuͤtzigkeit unsers Studiums eingenommen ist, besuchte ich noch den alten Greis, Hrn. Senior Deg- maier, der dem Tode nahe ist, des Lebens Muͤhe und Unruhe erfahren, und gluͤcklich uͤberstanden hat. Der ehrwuͤrdige Mann bedauerte nichts so sehr, als daß er sein Gedaͤchtnis verlohren, und schon lange ausser Stan- de ist, oͤffentlich zu arbeiten. So gewis ist es, daß al- lein Wirksamkeit und Thaͤtigkeit die Mutter des Ver- gnuͤgens ist. „Sammeln Sie,“ sagte er zu mir, und druͤckte mir mit aller noch uͤbrigen Lebhaftigkeit die Hand, „viel in Ihr Herz, und stisten Sie viel Gutes fuͤr das „Reich Gottes in der Welt. Ich weis es jetzt, daß „uns am Ende das, und sonst nichts Freude machen „kan.“ Sie koͤnnen leicht denken, mit welchen Empfin- dungen ich diesen langsam sterbenden Mann, der das Lob der Edlen und Guten mit sich ins Grab nimmt, ver- lassen habe. An Herrn von Cobres fand ich noch einen Kauf- mann, der sich durch eine weitlaͤuftige Bekanntschaft mit der Natur, und durch einen unermuͤdeten Eifer fuͤr diese Wissenschaft, und einen edlen Aufwand vor tausenden sei- nes Standes auszeichnet. In seiner Bibliothek sind die aͤltesten und die neusten Schriften der Naturforscher bei- beisammen Er hat davon 1782. einen Katalog in 2. Median- ocavbaͤnden unter dem Titel: Deliciae Cobresianae: J. P. von Cobres Buͤchersammlung zur Naturge- schichte; herausgegeben. Herausgeber. . Ich sah da Sepp ’s Insektenwerk, und die Flora Londinensis, und einen ganzen Tag wuͤrde ich im Naturalienkabinet haben zubringen muͤssen, wenn ich alles haͤtte besehen wollen. Aber zur Probe nur Ei- niges: Fische auf Schiefern von Verona; einen Scher- ben aus dem italiaͤn ischen Meer mit Korallen und Tere- bratulen bewachsen, den ein junger Baumeister, ein Mann, der zur Malerei der Naturstuͤcke viel Anlage hat, und den ich gerne an einen reichen Mann, oder irgend ei- nen Verleger von Naturhistorischen Werken empfehlen moͤchte, herrlich abgezeichnet hat; unter vielen schoͤnen Konchylien die Prinzenflagge; Korallen auf Meer- eicheln; Konchylien, die mit der Saͤge aufgeschnitten, oder aufgeschliffen sind, unter welchen besonders die Per- spektivschnecken, und die Oliven mir gar wohl gefie- len, eine Wendeltreppe aus Frankreich mit sechs Windungen: Pholaden von Rimini und Trieste; die unaͤchte Kaiserskrone; Listers Rhombus ventrico- sus aus Malabar; eine Muschel mit einem blauen Cardo, die D’Argenville in seinen Supplementen be- schrieben hat; eine Terrebratula mit ihrem Bewohner; sehr grosse Schinken, sieben und zwanzig verschiedene Arten aus dem Sand von Rimini; ein Pektinit aus England, darin ist ein Belemnit, und in diesem noch einer, aber das dickere Theil des zweiten steckt im engern des ersten; ein Pentakrinit aus Altorf; die fuͤnf Stuͤ- C 2 cke cke der Pholaden so neben einander geklebt, daß man sie sehen kan; ein ganzer Ammonit aus Altorf mit al- len Cellen, und mit Schwefelkies uͤberzogen; das Ge- biß der Meerigel, oder Laterna Aristotelis, und es sieht wirklich wie eine Laterne aus. Der Besitzer hat von diesem schoͤnen Werke der Natur, das ich, seitdem ich Bastern gelesen hatte, immer zu sehen wuͤnschte, grosse und kleine Exemplare. Er hatte auch einige ins Wasser gelegt, da gingen die fuͤnf Stuͤcke von einander. Auch laͤst sich der vordere Zahn auf- und abschieben. Gar eine kuͤnstliche Maschine und ein herrliches Zeugnis von der Guͤtigkeit des Schoͤpfers gegen jeden Wurm in seiner Schale. Der Anblick machte mir Freude, aber der grosmuͤthige Besitzer theilte seinen Vorrath mit mir, und ich habe daran ein schaͤtzbares Andenken an seine Guͤte. Und nun, meine Theureste, verlassen wir Schwa- ben, und reisen am Lech nach Bayern. Man sieht in der Ferne bei heiterm Himmel die Tyrol er Gebuͤrge. Auf den Wiesen machten die Leute das dritte Gras. Ge- gen Friedberg zu reist man uͤber die schoͤnsten Felder. In Adelshausen fand ich, daß Metzgersfrauen ihre Unschlittlichter selber verfertigten, und dabei etwas zu ersparen glaubten. Auch hat in diesen Gegenden jeder Bauer eine eigene Fruchtputzmaschine, wodurch ein Mann mit leichter Muͤhe in der Scheune den Duͤnkel zur Aussaat, und die Gerste zum Bierbrauen von allem Un- rath saͤubern kan. Muͤnchen selbst liegt in einer Ebne, die, wenn sie immer gebaut worden waͤre, sehr fruchtbar seyn muͤste, sie hat aber keine besonders schoͤne Avenue. Im Bau der Haͤuser ist nicht viel Geschmack, einige neue Gebaͤude ausge- ausgenommen. Die Hauptstrasse ist so eng, daß man den Wagen kaum ausweichen kan. Der Marktplatz ist gros, regelmaͤssig, und ringsum mit Gewerbslauben be- deckt, durch die man bequem gehen kan, sie sind aber dun- kel und niedrig. Einige Strassen sind heller, breiter, und Nachts ist die ganze Stadt mit Laternen, die an den Haͤusern haͤngen, erleuchtet. Ausserordentlich volkreich ist die Stadt. Man zeigte mir ein schmales Haus, worin 13. Familien wohnten. Der Aufseher uͤber das Bierbrauen versicherte mich, daß alle Jahr 40000. Ei- mer Bier in Muͤnchen gebraut wuͤrden, der Eimer haͤlt 64. Maas, das Maas kostet 6. Kreuzer. Unter jener Zahl ist aber das Bier nicht begriffen, das vom Lande eingefuͤhrt wird, auch das nicht, was der Hof selber braut, auch das nicht, was Herrschaften, Kavaliere ꝛc. brauen lassen, und diese drei Rubriken sollen beinahe ein eben so grosses Quantum ausmachen. Man rechnet wenig, wenn man auf einen Mann im Jahr 12. Eimer rechnet, denn das Maas ist klein. Viele trinken taͤglich 6, 7, andre 10-12. Maas, und Biersaͤufer koͤnnen 18-20. Maas in einem Tage trinken. Ein Kutscher trinkt 3. Maas, wenn man nur eine Viertelstunde ausbleibt, und ihm er- laubt, ein Glas Bier zu trinken. Offenbar hat es auf den dicken schweren Koͤrper der Bayern viel Einfluß. Viele sind wahre Kloͤtze, rund, wie die Bierfaͤsser selbst, und lange nicht so ruͤstig, wie die Schwaben. Der Wein, den man in den Gasthoͤfen findet, ist theils Oe- sterreicher, theils Wuͤrzburger, theils Neckar wein ꝛc. Das Merkwuͤrdigste in der ganzen Stadt ist Die Residenz, oder das Schlos. Aussen sieht es schlecht wie ein Gefaͤngnis aus, aber innen ist die Magni- C 3 ficenz ficenz unbeschreiblich. Die sogenannten schoͤnen Zim- mer haben 100000. Louisd’or gekostet. Schliessen Sie daraus auf die Pracht der Meublirung. Es ist ein Bette da, von Kaiser Karl VII, das er als Churfuͤrst machen lies. Es hat 400700 Gulden gekostet, es sind 24. Zentner Gold daran, und 36. Personen haben 7. Jah- re ununterbrochen daran gearbeitet. Gueridons stehen hier, wovon einer 2000. Gulden gekostet hat. Von italiaͤnischem Marmor, von chinesischem Porzellan, von japanischen Vasen ꝛc. sieht man hier die schoͤnsten Stuͤ- cke. Im Migniaturkabinet sind 130. Stuͤcke, jedes ist 200. Louisd’or werth, das macht eine Summe von 234,000. Gulden Den Louisd’or zu 9. Gulden Reichsgeld gerechnet. . Von vielen Migniaturen, die hier haͤngen, sind die Originale in Schleisheim. Man zeigt auch einen elfenbeinernen Leuchter, den Maximi- lian I. selbst gedreht hat. Auf der Gemaͤlde gallerie sind vorzuͤglich: die Skiz- ze von Rubens Abnehmung vom Kreuz, davon ich das Original in Antwerpen bewundert habe Man s. S. 453. des 1sten Theil dieser Reisen. Herausgeber. ; viele Stuͤcke von Vandyck, Paul Veronese, Zucchi, ein Christuskopf von da Vinci, Rubens dritte Frau, von ihm selbst. Vieles von B. Murillo, einem Spanier, eine Caͤcilia von Dominichino, eine Venus und Kupido von Annib. Carracci, eine Grab- legung Christi von Poussin, wo alle Affekten, sonder- lich der Schmerz des Johannes, schoͤn ausgedruckt sind; manches von Duͤrer, Holbein ꝛc. Im Eß- zimmer zimmer sind Buͤsten aus Marmor und Alabaster, die Welttheile vorstellend; jede hat 3000. Gulden gekostet. In der Kapelle ist der Fußboden aus Marmor, Ja- spis, und Porphyr; ein Altar von schwarzem Ebenholz mit silbernen Basreliefs, die Geschichten aus dem Alten Testamente vorstellen: ein Kaͤstchen mit Karneolen und Tuͤrkissen ganz besetzt, die Fensterthuͤren sind von Fels- krystallen mit eingeschnittenen Figuren, und uͤberall sieht man eine Menge geschmolzenes Gold, woran die Arbeit unendlich, aber mit vielem Geschmack gemacht ist: un- zaͤhliche Edelsteine; grosse orientalische Perlen; Bluts- tropfen Christi auf einem Stein; ein Finger von Pe- trus; die Hand von Johannes dem Taͤufer; antike Steine; viel durchbrochene Arbeit; die Kreuzigung Chri- sti in einer Kapsel von Holz geschnitten: Ein Kaͤstchen woran 22. Pfund Gold sind, die Basreliefs daran stel- len das Paradies vor und sind von geschmolzenem Golde, alle Saͤulen daran sind gegossenes Gold; ein Nepo- mukknochen, auf einem Stativ von Brillanten; noch so ein Traͤger, der auf eine Million geschaͤtzt wird. Am Antikenkaͤstchen sitzen viele grosse und kleine Antiken, Saͤulen von Krystall auf Postementen von Lasurstein, darinnen etliche unschuldige Kinder, die Herodes umge- bracht, liegen sollen. Eine Monstranz, daran 23. Pfund arabisches Gold sind, von herrlicher Arbeit, und unbegreiflich schoͤnem Schmelzwerk. Inwendig soll ein Stuͤck von der Dornenkrone seyn, die unser Erloͤser tra- gen muste, auch von dem Schwamm, aus dem er die letzte Erquickung trank; Dinge, auf die freilich kein Ver- nuͤnftiger achtet: aber die Architektur, den richtigen Ge- schmack, die schoͤne Erfindung, die leichte Komposition, C 4 die die feine Manier, womit die ehemaligen Goldschmiede arbeiteten, kan man nicht genug bewundern. Diese Monstranz steht hinter dem Altarblatt, welches man auf und niederwinden kan, so daß sie davon bedeckt wird. Eine Orgel von Silber und Gold mit Antiken, wovon jede auf 1000. Thaler geschaͤtzt wird. Mosaiken so schoͤn, als Sie sie denken koͤnnen. Ein Christus am Kreuz aus Wachs, oben uͤber ihm ein Smaragd, in welchem die grossen Buchstaben J. N. R. J. Platz haben, der Berg unter dem Kreuz ist eine Grotte aus Edelstei- nen und einer gediegenen Goldstufe. Viele andre Hei- lige ganz aus Lapis Lazuli, eine Mutter Gottes und ihr Kind, ganz aus kostbaren Steinen. Knochen von den Aposteln hinter Saͤulen von gegossenem Gold mit allen moͤglichen Farben. Viele Aufsaͤtze auf den Al- tar, die uͤberall mit Antiken, Diamanten und Malereien besetzt sind. Orientalische Granaten, wie Daumen. Das Abendmahl en basrelief geschmolzen, mit Stuͤck- chen vom Tische und vom Tischtuch Christi. Elfen- beinerne Sachen mit Korallen und Topasen, unter wel- chen letztern einige wie kleine Zitronen sind. Kelche von geschmolzenen Gold mit Platten von Gold. Kisten mit allen griechischen Schriften. — — Vieles ist aus dem jetzt groͤstentheils versiegelten Schatz, manches aus der Heidelberg er Bibliothek hieher gebracht worden. Im Marmorsaal sind oben vier Schimmel ge- mahlt, die einen uͤberall anschauen, man mag stehen, wie man will. — Man hat da einige perspektivische Anla- gen gemacht. Auch sieht man hier die Buͤsten des ver- storbenen Churfuͤrsten und seiner Gemahlin. Man hat auch da die Aussicht in den Hofgarten, — der aber eine eine Kleinigkeit ist, — und auf einen Arm von der Iser. Schoͤner ist der Kaisersaal, wo Kaiser Joseph I. bei seiner Kroͤnung in Augspurg etlichemahl speisete, oder der Akademiesaal, weil da Musik gemacht wird. Darin steht eine Virtus aus Porphyr. Bei einem Ball, welcher der Koͤnigin von Frankreich, als Dau- phine, zu Ehren gegeben wurde, brannten hier 2500. Lichter, man oͤfnete die Thuͤren, wodurch man auf eine marmorne Treppe sehen kan, die 50. Stuffen hat, wovon jede aus Einem Stuͤck und 17. Schuh lang ist. Auch steht auf dieser Treppe eine Bildsaͤule von Kaiser Lud- wig dem Bayern. Wenn das alles erleuchtet ist, soll es gar praͤchtig aussehen. Aber leider! ist vor 27. Jah- ren ein grosser Theil dieses reichen Schlosses abgebrannt. Unten sieht man auch eine Grotte im hollaͤndischen Geschmack, aus vielen tausend Muscheln zusammen ge- setzt. Man sagt, sie habe 80000. Speziesthaler geko- stet, 31. Wasser springen in die Schale, und man sieht nicht, wo so viel Wasser herkommt. Die Stammgallerie ist ein herrlicher mit Familien- gemaͤlden uͤberfuͤllter Saal. Kaiser Karl VII. ist der Stifter davon. Die majestaͤtische Kleidung der Alten praͤgt Chrfurcht ein. Karl der Grosse von Desma- rets, Karl XII. Gustav Adolph ꝛc. sind auch da. Besonders ist Kaiser Ludwig der Bayer gros abge- mahlt. Das Antiquarium ist ein grosser Saal voll aufge- stellter antiker Koͤpfe. Die Isis und noch etliche andre Gottheiten sind da. In der Mitte steht eine Tafel en C 5 Mo- Mosaique von Lasurstein, Jaspis und Porphyr gemacht, auf 60000. Thaler angeschlagen, 5. Ellen lang, 6. Span- nen breit. Schwerlich wird man in Rom etwas Schoͤ- neres von der Art sehen, als diese Tafel. Alle Staͤdte und Schloͤsser des Landes sind hier abgemahlt. Man sieht viele alte Geschirre, alte Kaiser, mein und Ihr Freund Marc Aurel Antonin ist aus Bronze hier, aber von einer Antike abgegossen; Vitellius hat ein Schlemmer-Gesicht; Pompejus eine niedrige Stirne, tiefliegende Augen; Julius Caͤsar und sein Vater; ein schlafender Kupido aus Alabaster; zwei herrliche Koͤpfe, Mann und Frau von Rom; viele schoͤne wohl- proportionirte Haͤnde Als der beruͤhmte Cavaceppi aus Rom im J. 1768. mit Winkelmann hier war, fand er unter den Anti- ken besonders einen Kopf des Pertinax vortreflich, auch den neuern Arbeitern der Kuͤnstler aus dem 16ten Jahrhundert gibt er seinen ganzen Beifall. Man sehe davon die dem 1. Th. seiner Raccolta d’antiche Statue, et cet. Fol. vorgesetzte Beschreibung seiner nurerwaͤhnten Reise nach. Herausgeber. ꝛc. Wer die Kunst studiren will, der muͤste sich hier einschliessen, und vier Wochen zubringen. In der Stadt selber ist in der Augustiner Kirche zum Altarblatte eine schoͤne Kreutzigung Christi von Tintoret. Aber denken Sie die Unwissenheit der Moͤn- che! In ihrer eignen Kirche schnitten sie das Meisterstuͤck durch, und schaͤndeten es, um mit einer Leiter aus dem Chor hervor steigen zu koͤnnen, und die Lichter zu putzen! In Die Kirche unsrer lieben Frauen ist von aussen alt, aber inwendig schoͤn. Die Kanzel war eben neu aufgesetzt worden, und der Eingang dazu zeugt von vie- lem Geschmack. Im Chor ist das Grabmahl vom Kai- ser Ludwig dem Bayer von Bronze. Unten liegt aber nur das Herz des Kaisers. Die alte Kleidung ist sowohl am Kaiser, als an den vier Soldaten, die das Monu- ment bewachen, sehr majestaͤtisch. Das Stuͤck ist von eben dem Meister, der die Augspurg er Brunnen gegos- sen hat. Das Haus, worin sich die Akademie der Wis- senschaften versammelt, ist schoͤn, und ward zuerst fuͤr eine Maitresse erbaut. Das Naturalienkabinet ist reich, aber es koͤnnte in eine bessere Ordnung gebracht seyn. Manche Stuͤcke liegen dem Staube und dem Ver- derben ausgesetzt. Schlangen, Monstra, Foetus, Rau- pen sind in Weingeist aufbehalten. Ein terrifizirter Ele- phantenzahn. Aus Konchylien hat der spielerische Geist des ehemaligen Besitzers Blumenbuͤschel zusammenge- setzt. An einigen Eiern sind ebenfalls solche Kuͤnsteleien angebracht. Schwaͤmme von Hrn. D. Schaͤfer in Regenspurg in Wachs abgedruckt. Viele, aber weder mit Gyps, noch mit Baumwolle ausgefuͤllte, Fische. Ein Aster. Cap. Med. leider! in eine enge Schachtel zusammen gepreßt. Bayer ische Marmor; viele Holz- arten; manches aus Tyrol, Italien ꝛc. Ein Berg- krystall 250. Pfund schwer aus Unterwalden ꝛc. Ei- nige Hoͤrner auch vom Steinbock. Die schoͤnste Zinn. G r aupe, die ich je gesehen habe. Physikalische und mathematische Instrumente, auch Modelle zu Kuͤn- sten und Handwerkern. Auch ein Muͤnzkabinet. Die Paͤbst- Paͤbstlichen waren nur Abdruͤcke in Zinn, und schon vom Pabst Benedikt XIV. sind keine mehr da. — An Mit- teln fehlt es in Muͤnchen nicht, aber die Anwendung, der Nutzen, der dadurch gestiftet wird, ist zur Zeit noch klein. Es ist bei Hof eine Bibliothek, aber sie wird nicht zum allgemeinen Gebrauch eroͤfnet. Den andern Tag fuhr ich nach Nymphenburg. Der Weg dahin ist eine halbe Meile durch eine Allee von Fruchtba ͤ umen mit schiffbaren Kanaͤlen von der Ammer zu beiden Seiten. Das Schlos ist, wie alle in Bayern, gros, weitlaͤuftig, und hat eine herrliche Treppe, die noch der letztverstorbene Churfuͤrst gebaut hat. Inwendig sieht man Familiengemaͤlde von Horemanns; herrliche Statuen von Elfenbein und Holz, die ein Bauer verfer- tigt hat; Proben von Nymphenburger Porcellan, das aus Passauer Erde gemacht wird; sehr reiche Betten; ein Gemaͤlde von Kaiser Joseph I. der leider! fruͤh ster- ben muste; sehr kuͤhne Figuren von Wink; hundertjaͤh- rige Platfonds, deren Kolorit sich sehr wohl erhalten hat. In einem chinesischen Zimmer eine vortrefliche Aussicht in den Lustgarten; im Speisesaal Mosaiken von einem Zimmermann, der Maler und Stukkaturer zugleich war, und dies ist ein Zimmer, woran man 3. Jahre ge- arbeitet hat, weil aber die Farben mit Zuckerwasser ange- macht waren, so konnte man vor den vielen Fliegen und Schnacken da gar nicht mehr speisen, bis man sie mit Leimruthen fing. Ein herrliches Frauenzimmer von Vandyck; ein Kabinetchen von lauter gruͤn lakirten Kupferstichen; in einer andern Gallerie Gemaͤlde von al- len Staͤdten und Schloͤssern des Landes; ein Tisch, der in Florenz aus Agat, Lasurstein, Karneols, und Jaspis zusam- zusammengesetzt, und mit 60000. Gulden bezahlet wurde; in eben dem Zimmer, wo dieser Tisch steht, haͤngen von Teniers sehr schoͤne Stuͤcke, z. B. gar kostbar ist die Unterredung Christi mit dem Pharisaͤer wegen des Schwersten im Gesetz. Der Ketzermacher blaͤttert mit einer redenden Begierde, und mit sichtbarer Geschaͤftig- keit in der Thora, um eine Antwort auf Christi In- stanz zu finden. Man sieht ihm den Eifer, den hei- ligen Ernst, den orthodoxen Unwillen uͤber die Neuerun- gen an. Ein Stuͤck, woran Teniers und Rubens ge- arbeitet haben. Auch das Gesicht von Teniers Frau. Kaminsteine, die in Paris gar praͤchtig gearbeitet sind. In einem Gange haͤngen zehn Gemaͤlde von Maitres- sen. Darneben eine Landschaft von Lucas von Uden, die unvergleichlich gemahlt ist. Der Garten allein erfordert etliche Stunden. Durch eine von Marmor aufgesetzte Kaskade ist er geschlossen. Im Schwezinger Garten ist mehr Geschmack, mehr Abwechslung und Mannichfaltigkeit. Die ewigen geradegeschnittenen Alleen, die so unnatuͤrlich, so steif und kalt da stehen! Am Wasser stehen viele Bildsaͤulen, und Figuren, alle von Blei und mit Dukatengold vergol- det. Unter den Statuen, die in den Spaziergaͤngen ste- hen, sind einige alt und aus Rom, andere sind von Holz, sie sollen aber alle aus Marmor aufgestellt werden. Im Garten selber sind wieder vier kleine Schloͤsser: 1) Eine Eremitage, und darin eine Grotte, ein simpler Altar, und eine kleine Bibliothek; ein alter Invalid hat die Aufsicht daruͤber. Das Beste hier ist eine herrliche Magdale- na von M. A. Buonarotti. 2) Pagodenburg, wo inwendig alle Waͤnde mit blau und weissen porzella- nenen nenen Fliessen ausgesetzt sind. Das Schloͤschen hat zwei Stockwerke, ein Eßzimmer, Kabinetter, und eine Aussicht auf 45. Fontainen. 3) Badenburg, wo al- les von Marmor ist, und im Eßzimmer sieht man antike Kaiserkoͤpfe. Die Badwanne ist mit Blei ausgelegt, sie fuͤllt sich uͤber Nacht selber mit warmen, mit kalten, mit Seifenwasser, mit Milch, und hat auch wieder ihren Abfluß. Sie ist so gros, daß die Prinzen hier schwim- men lernen konnten. 4) Amalienburg, das noch Kai- ser Karl VII. gebaut hat. Ein Speisesaal, Jagdstuͤ- cke von Horemanns, und gar vortreflich abgemahlte Kaninchen. — Hierbei eine kleine Anekdote: Als Ama- lienburg einsmahls erleuchtet war, wollte ein altes Weib den Glanz des Fests auch in der Naͤhe sehen. Die Wache sties sie zuruͤck, das Weib aber sagte ganz natuͤr- lich, und laut: „Ich habe geglaubt, fuͤr unser Geld duͤrf- ten wir auch was sehen!“ Hr. Prof. Rittershausen aus dem Theatiner Klo- ster, der mir in diesen Tagen sehr viele Freundschaft er- wies, begleitete mich nach Tische auch nach Schleis- heim, das ebenfalls gros, weit, noch nicht ausgebaut, und in einer ungesunden Gegend angefangen ist. Der Garten dabei ist viel kleiner als der Nymphenburg er, und hat auch noch ein kleines Schloͤschen, das Lustheim heist. Aber im Schlosse selber sind anderthalb tausend Gemaͤlde Man hat davon ein Verzeichnis, das 1775. in gr. 8. zu Muͤnchen unter dem Titel herauskommen ist: Beschreibung der Churfuͤrstlichen Bildergallerie in Schleisheim. Es enthaͤlt 1050. Stuͤcke, gibt aber blos deren Sujets und Groͤsse an. Herausgeber. , unter welchen keins schlecht ist. In einem Saal Saal die vorigen Churfuͤrsten zu Pferde. Thierstuͤcke, z. B. ein Wolf mit einer Ziege; ein Schaaf, wo man den Pelz, die Wolle greifen koͤnne. Sandrart ’s zwoͤlf Monatsstuͤcke. Ebendesselben Jaͤger mit Hasen auf dem Ruͤcken. Als dies Stuͤck ankam, sprang ein Hund an dem Hasen hinauf. — So natuͤrlich ist alles. Ein Herkules von Spagnoletto. Ein Mosaikenkabi- net. Gemaͤlde von einem noch lebenden Doͤrner. Die Drehbank des verstorbenen Churfuͤrsten. Ein Stuͤck von Quintin Messis, der in Antwerpen erst ein Schmidt war. Christi Ausfuͤhrung von Alb. Duͤ- rer, unvergleichlich kolorirt, und das Original zu Sade- ler’s Kupferstich, den ich in Paris im Cab. d’Estam- pes du Roi sah. Von Teniers ein Markt in einer niederlaͤndischen Stadt. Es sind gewis uͤber tausend Figuren darauf, Koͤpfe, Vieh, Buden, Thiere, Wa- gen, Karren, Chaisen ꝛc. und alles so leuchtend, so deut- lich, so sichtlich, so kennbar! Von Tintoret eine Ma- ria, wie sie unter dem Kreuze weint, da ist das Wuͤhlen und Toben des Schmerzes im Mutterherzen unnachahm- lich ausgedruͤckt. Von Alb. Duͤrer zwei Apostel mit einem Buche in der Hand, und einem Faltenwurf im grossen Styl, und doch in der Naͤhe so glatt gemahlt, als wenn die Stuͤcke geschliffen waͤren! Unter vielen Fa- miliengemaͤlden haͤngen zwei Bataillenstuͤcke, die mit unendlicher Muͤhsamkeit gemacht sind. Auch ein Cur- tius se devovens von 1540. Baͤren von Domi- nicus Nollet. Tod und Gericht von Frank, wo alle Kuͤnste und Wissenschaften gestuͤrzt da liegen. Ein Bergstuͤck von Schoͤnefeld. Bildnisse franzoͤsischer Koͤnige von Rigaud. Vieles von Holbein, Otto Veen Veen ꝛc. Eine sterbende Maria von Sandrart, die klagenden Weiber jammern und liegen um das Bett herum, Petrus kniet unten, und betet. Die Genauig- keit des Malers hat sogar den Staub, der an der nack- ten Fußsohle des Morgenlaͤnders klebt, ausgedruͤckt. Loͤ- wen von Abr. Jansen mit ihrer ganzen natuͤrlichen Grosheit. Ein alter Mann von Rembrandt. Ein juͤngstes Gericht von Poelemburg. Apostel von Rubens. — Dies sind nur einige von den Stuͤ- cken im Untertheil des Schlosses, die mir besonders ge- fielen. Ausserordentlich reich aber ist das Flamlaͤndische Kabinet, wo nur von den groͤsten Meistern Prachtstuͤ- cke aufgestellt sind. Eine Feuersbrunst von Bril. Ein Blumenstuͤck mit ungemein gluͤcklich gewaͤhlten Far- ben, von Breughel. Von Rubens zwei Koͤpfe, die dem Manne ewig Ehre machen. Von Teniers ein saufender Bauer. Von Van Huysum zwei Blumen- stuͤcke, davon jedes 2000. Gulden kostet. Von Franz Mieris eine Frau im Sammtkleide, das gar natuͤrlich dahin gezaubert ist. Von eben diesem ein besoffener Bauer, dem man, je laͤnger man ihn betrachtet, die Besoffenheit immer mehr ansieht. Er lehnt sich an, die Zunge ist ihm schwer, die Augen rollen ihm im Kopfe herum, die Minen reden Sinnlosigkeit, und das ganze Gesicht druͤckt das Seelenvergnuͤgen, die guͤldenen Traͤu- me, die gaͤnzliche Vergessenheit des Besoffenen aus. Man muß lachen, wenn man das Stuͤck ansieht. Von Gerhard Douw viele Stuͤcke, die mit der groͤsten Wahr- heit gemacht sind, z. B. ein Korb zum Wegnehmen oder Anfassen! Anfassen! Von Rubens noch einmahl Petrus und Paulus. Eine Lukretia von Giordano. Der Bethlehemitische Knabenmord, Rubens schoͤnstes Stuͤck ausser der Abnehmung vom Kreuz ꝛc. Man muß uͤber die Phantasie des grossen Mannes, aber noch mehr uͤber die Leichtigkeit, womit er alles hinwarf, er- staunen. Wie die Weiber mit den Soldaten umgehen! Wie sie sie hernehmen, ihnen in die Haare, ins Gesicht fallen, sie in den Arm beissen, sie anpacken, wie gereitzte Tyger! Es faͤllt in die Augen, daß in der Seele des lie- benswuͤrdigen Kuͤnstlers Gedanken und Bilder sich draͤngten, wie Wellen auf Wellen stuͤrzen. Diesem feu- rigen Stuͤcke gegenuͤber haͤngt ein herrliches Frauenbild von Vandyck, das eben so ruhig, fest und bestimmt ist, als jenes hinreissend und uͤberwallend. Nach diesem folgt noch die Gallerie, und erlauben Sie mir, nur noch einige Stuͤcke auszuzeichnen. Die Geschichte der Ehebrecherin von Lukas Cranach. Da bringt ein Pharisaͤer, ein abscheulicher Boͤsewicht, mit einem greulichen abgefeimten Gesicht, so recht wie ein Erzbonze, schon einen Hut voll Steine, und will eben auf das arme Weib werfen, und Christus steht so ruhig, so mitleidig, so menschlich darneben, und winkt nur. Ei- ne Dido mit dem Askanius und Aeneas von Laires- se. Zwei herrliche Dominichinos, naͤmlich Herku- les, wie er spinnt, und ein rasender Herkules. Von Vandyck seine eigene Frau, ein Karl V. und Correg- gio ’s heilige Familie, die sich gleich vor allen andern aus- zeichnet. Zweiter Theil. D Unter Unter so vielen schoͤnen und reizenden Gegenstaͤnden hatte ich auch das Vergnuͤgen, den Hrn. Sekretaͤr Zau- pser kennen zu lernen, der die Ode auf die Inquisition geschrieben hat. Er hat daruͤber manche Verfolgungen und Schmaͤhungen ausgestanden. Die Pfaffen schrien alle dagegen, und paukten auf ihrer Kanzel, wiewohl er unter dem Schutze der Obrigkeit sicher war. Die ge- woͤhnlichen Waffen des Aberglaubens, und der scheinhei- ligen Dummheit, wenn sie gezuͤchtigt und in ihrer Bloͤs- se dargestellt werden! Sehr umstaͤndliche, unterhaltende und lehrreiche Nachrichten von Muͤnchen ꝛc. besonders in Beziehung auf Litteratur und Kunst liefern Bianconi’s zehen Sendschreiben an den Hrn. Marchese Hercolani, die Merkwuͤrdigkeiten des Churbayrischen Hofes, und die Residenzstadt Muͤnchen betreffend. Aus d. Ital. Lpz. 1764. 8. Herausgeber. Die Ruͤckreise ging uͤber Schwabhausen, Aichach und Holzheim nach Donauwerth. Eine der ange- nehmsten Strassen, die ich je gewandelt habe, voll Ab- wechslung und Mannichfaltigkeit. Man sieht das fol- gende Dorf schon wieder, wenn man kaum das vorige verlassen hat. Winterweitzen und Winterkorn waren schon wieder hoch uͤber der Erde. Die Hopfenstangen wurden im Felde auf Haufen zusammengestellt. In manchen Haͤusern fand ich recht gesunde Grundsaͤtze der Erziehung, die ich in Bayern nicht vermuthet haͤtte. Die Kinder werden sehr zum Respekt gegen die Eltern ge- woͤhnt. woͤhnt. Ich fand Stallknechte so religioͤs, daß sie, als die Glocke um 12. Uhr gelaͤutet wurde, vor der Haberki- ste niederknieten, und ihr Gebet verrichteten. Das Staͤdtchen Aichach hat 200. Buͤrger, braut alle Jahre 800. Eimer Bier, und gibt davon als Ohmgeld an den Churfuͤrsten, vermoͤge einer Konvention, 600. Gulden. Auf diesem Wege sah ich auch einer Bayerischen Kirmes oder Kirchweihe zu, und ich wuͤnschte, Sie haͤtten die Bayer ischen Taͤnze gesehen. Mit der groͤsten Ehrerbietung fragte ich erst um Erlaubniß, ehe ich mich auf den Tanzboden wagte, aber die Bauerkerl waren hoͤflich, und boten mir ihre Taͤnzerinnen an, wenn ich Lust gehabt haͤtte. Allein ich glaube, das Blut waͤre mir aus allen Adern hervorgedrungen, wenn ich nur eine Viertelstunde so haͤtte rasen sollte, wie diese. Wer am laut- sten stampfen, und am Ende das Maͤdchen recht herzhaft aufheben, und es wieder auf den Boden stossen konnte, daß das Haus zitterte, der war Meister in der Kunst, und bekam das schoͤnste Band auf den Hut. Doch be- merkte ich nicht die geringste Verletzung des Wohlstandes oder der Ehrbarkeit. Bei Donauwerth kommt man auf beiden Seiten der Stadt etlichemahl uͤber die Donau, und von dort ging der Weg nach Dillingen uͤber die schoͤnsten Frucht- felder hin. Anderthalb Stunden vorher ist das Staͤdt- chen Hoͤchstadt, wo 1703. unsre Nachbarn, die Franzo- sen, nach Verdienst geklopft wurden. Sie koͤnnen leicht denken, daß ich mit wahrem deutschen Patriotismus uͤber die Graͤber der Franzosen hinritt. — D 2 In In Dillingen selbst merkte ich nichts von der Uni- versitaͤt. Die Studenten waren meist in den Ferien. Ich sah aber einer Exekution zu, die mir von der Polizei der Stadt einen schlechten Begriff machte. Ein Dieb, der Eicheln im Walde vor der Zeit gestohlen hatte, ward auf dem Markte mit den Fuͤssen in den Block gespannt, die Haͤnde aber waren so schlecht und nachlaͤssig einge- zwaͤngt worden, daß er sie losmachen, und mit Steinen auf die umstehenden Buben werfen konnte. Man er- laubte ihm dies, so wie die boͤsen und zornmuͤthigen Reden, die der Kerl aussties. Das Gerichtshaus war der Sce- ne gegenuͤber, und doch stand keine oͤffentliche Person da- bei, die den Dieb in der Furcht erhalten haͤtte. Natuͤr- lich machte die Strafe unter diesen Umstaͤnden gar keinen Eindruck auf die Zuschauer, und dieser Akt der strafen- den Gerechtigkeit verwandelte sich in eine Opera buffa oder in ein Possenspiel fuͤr den Poͤbel. Was nuͤtzen denn Strafen, wenn der Richter nicht einmal so viel Klugheit hat, ihnen ein feierliches Ansehen zu geben, und wenn dem Missethaͤter noch gestattet wird, in dem Augenblicke, da er Strafe leiden soll, seinem Muthwillen auf die al- lergroͤbste Art freien Lauf zu lassen? Auf dieser Strasse traf ich eine eigne Spielart von Schweinen an, die fast am ganzen Leibe roth, fuchs- roth, und sehr klein waren. Die Leute sollten die Gat- tung durch Eber aus andern Gegenden verbessern. Man sagt auch, daß in Bayern fast alle Schweine die Finnen haͤtten. Ueberhaupt sollte sich die Polizei mehr um die- ses Thier bekuͤmmern, weil es in der Haushaltung des Bauern unentbehrlich, und doch mehr als irgend ein oͤko- nomisches Thier zu Krankheiten geneigt ist. Der Der Weg nach Giengen und von dort nach Hei- denheim ist bergicht und auch waldicht, und beschwerlich. Aber dann folgt das herrliche Thal um Koͤnigsbrunn, das von der Kocher, von der Brenz, und von dem Fluͤßchen Aal durchwaͤssert wird. Ich eilte nach der Reichsstadt Aalen, wo ich an Hrn. Stadtschreiber Schubart einen alten guten Freund hatte, in dessen Gesellschaft ich nicht nur ausruhen, und das suͤsse Vergnuͤgen der Freundschaft geniessen, sondern auch die schoͤnen Koͤnigsbrunner Eisenwerke besehen wollte. Ich muß dieser Reichsstadt Aalen viel Gutes nachsagen. Sie ist klein, aber wohl eingerichte t . Sie hat keine Schulden und in den Kassen ist Geld. Die Lebensart ist frei, munter, und im geringsten nicht Reichs- staͤdtisch. Der Ort liegt so, daß bestaͤndig eine starke Passage nach Stuttgard, Nuͤrnberg ꝛc. ist. Alle Donnerstage Vormittags ist Rathssession, und die Ge- schaͤfte gehen ihren ordentlichen Gang. Die Polizei ist gut, und auf alles aufmerksam. Zum Beweis dient die wahre Bemerkung, daß ich in dieser Stadt in zwei Ta- gen nicht ein einzigesmal angebettelt worden bin, wiewohl ich grade auch hier zur Kirchweihe kam, wo den Leuten am Ende der muͤhsamen Feldgeschaͤfte Musik, Tanzen, Freischiessen, Schmausereien ꝛc. gestattet werden. Der Burgermeister ist ein sehr vernuͤnftiger Mann, und be- handelt z. B. die Waldungen, die der Stadt gehoͤren, mit der groͤsten Sparsamkeit. Er hat dem Ansuchen der Buͤrger, die Hut- und Weidgerechtigkeit im Walde zu gestatten, bisher, aller Beispiele der Nachbarn ungeach- tet, immer widerstanden, und laͤßt den jungen Anflug D 3 des des Holzes sorgfaͤltig einschliessen, damit bei der starken Konsumtion der Holzkohlen auf den Wuͤrtembergischen Eisenwerken doch fuͤr seine Nachkommenschaft gesorget wird. Wenn Kirchengeschaͤfte vorkommen, wird eine ausserordentliche Rathsversammlung gehalten, und die Geistlichen darzu gezogen, so daß die Sache auf den Fuß der protestantischen Konsistorien behandelt wird. Ehe die Rathssession anfaͤngt, muß der Syndikus allemal einen eigenen Morgensegen vorlesen. Dann nimmt man erst die Geschaͤfte vor. Ich finde diese alte Einrich- tung sehr gut. Unsre Vorfahren wuften, daß Religion und Gottesfurcht der staͤrkste Antrieb zur Rechtschaffen- heit und Gewissenhaftigkeit ist. Daher flochten sie die Religion uͤberall mit ein. In unsern Zeiten ist man so stolz worden, daß man sich der Verehrung Gottes an oͤf- sentlichen Orten schaͤmet; aber die betruͤbten Wirkungen dieser eingebildeten Aufklaͤrung vervielfaͤltigen sich leider! auch alle Tage. Man denkt hier auch ernstlich auf die Verbesserung der Schuleinrichtungen, und man sprach eben so eifrig von der Einfuͤhrung eines neuen Gesang- buchs, wozu ich den lieben Leuten auch das Gesangbuch meines Vaters schicken muste. Der Wall um die Stadt ist dem Fremden ein angenehmer Spaziergang mit einer schoͤnen Aussicht auf die umliegenden Gegenden. In der Stadt wird viel wollenes Tuch oder Fries gemacht, auch wird viel Baumwolle von den Handelsleuten aus Wien ꝛc. die mit Wagen hierher kommen, gesponnen, gekauft, und als gesponnenes Garn verkauft. Auf dem Grunde und Boden der Stadt sind die er- giebigen Eisengruben, in welchen das Haus Wuͤrtem- berg berg von alten Zeiten her das Recht hat, Stuferz zu gra- ben. Doch gehoͤrt die Jurisdiktion auf dem Platze noch jetzt der Reichsstadt Aalen, und man weis sie zu be- haupten. Die ganze Gegend, und jeder Feldweg hier- um ist roth von Eisen. Man hat schon ganze Berge ausgehoͤhlt. Ausgemacht ist es, daß Wuͤrtemberg dem Buͤrger, unter dessen Aecker oder Wiese gegraben wird, etwas bezahlen muß, weil der Boden leicht abstuͤrzt. Alle Jahre werden wenigstens 130,000 Zentner Stuferz da ausgegraben, und Wuͤrtemberg zahlt der Stadt nichts, als vom Zentner 2 Kreuzer Weggeld. Um diese Gruben zu besehen, ging ich nach dem Brundel, einem kleinen Huͤgel vor der Stadt, oder nach dem sogenannten Burgstall, weil K. Friedrich I. der Rothbart hier seine Burg gehabt haben soll. Er steht auch auf dem Brunnen der Stadt ausgehauen. Man hat auf der Stadtschreiberei noch einen alten Sessel, der eine Reliquie von diesem Kaiser seyn soll. Als man ein- mal auf dem Berge grub, fand man nicht nur roͤmische Silbermuͤnzen, sondern auch allerlei Kuͤchengeraͤthschaf- ten und ein grosses Kaiserliches Insiegel, das durch ei- nen Zufall verlohren gegangen seyn muß. Ich ging in einen Stollen, der mehr als 1000. Schritte lang war. Die Schachte sind 13.-15. Lachter tief. Die Leute ar- beiten 9. Stunden, und erhalten fuͤr die Stunde nicht mehr, als 2. Kreuzer. Ihre Werkzeuge sind, wie ge- woͤhnlich, Schlaͤgel, Faͤustel, Keile. Selten wird in der Nacht gearbeitet. Der Stollen wird mit Tannen- holz ausgezimmert, der Gang ist etwa 5.-9. Schuh maͤchtig, und unter diesem liegen Steine die roth sind, D 4 die die aber nicht als Erz genuͤtzt werden koͤnnen. Man kan nicht uͤberall im Stollen aufrecht stehen! Die Arbeiter haben Lampen von Rebsoͤl, und an diesen Lampen, die sie Tiegel nennen, wissen sie in der Tiefe die Zeit. Ei- ne brennt gemeiniglich einen halben Tag. Jede Woche braucht der Mann ein Pfund Oel, auch wohl mehr. Von ungesunden Duͤnsten sagten mir die Arbeiter nichts, doch koͤnnen nicht alle das Arbeiten in den Gruben aus- halten. Aus diesen Gruben wird das Stuferz nach Koͤ- nigsbrunn, oder zu den Brenzthaler Werken, die hier, in Heidesheim, und in Belberg sind, auf der Achse gefuͤhrt, und dort verschmolzen. Die Brenz ist dort nicht sehr gros, und treibt doch gleichwohl 2. Oefen, und 6. Hammer. In einem Ofen koͤnnen wohl 200. Zentner auf einmahl geschmolzen werden. Der Stein, womit sie’s in Fluß bringen, ist ein gemeiner Kalkstein, der dort gegraben wird. Mit Holzkohlen, welche die einfaͤltigen Leute Steinkohlen nennen, wird gefeuert. Daher kaufen viele Leute den umliegenden Herrschaften das Holz ab, und verkohlen es im Walde. Man giest hier Masseln, Platten, Kugeln, Oefen, viel kleines Kuͤchengeschirr ꝛc. der Zentner vom gegossenen Eisen, z. B. an Oefen, kostet 20. Gulden. Die Herzogliche Kam- mer verpachtet das ganze Werk an einen Faktor. Der Absatz ist gros, und die Waaren sind unstreitig schoͤn. Ausserhalb Deutschland gehen sehr viele Oefen nach Holland ꝛc. Sie wissen ihnen allerlei Fa ç ons zu ge- ben, und schoͤne Farben aufzutragen, setzen sie wieder ins Feuer, und lassen diese verglasen. Auch hier macht man aus den Farbenmischungen ein Geheimnis, die Ma- terialien dazu sind die gewoͤhnlichen aus dem Mineral- reich. reich. Man sagt, daß sie’s von Italiaͤnern gelernt ha- ben. Der Zentner Stuferz hat 75, 80, ja schon 90. Pfund Eisen gegeben, und doch sind die Proben, die ich fuͤr meine Sammlung mitgenommen, und mir im Stol- len selber losschlagen lies, nicht besonders schwer. Die aus dem Ofen herausgeschafte Schlacken werden auf die Puchwerke gebracht, und gewaschen, weil darin noch viel Eisen steckt, aber von den letzten Schlacken wissen sie kei- nen Gebrauch zu machen. Die Brenz und die Pfefer treiben, wie gesagt, die Wasserwerke, welche die Haͤm- mer treiben. Unter den Hammer kommt oft ein Bro- cken von 125. Pfund. Seit wenigen Jahren hat ein Mann von Kopf, Hr. Faktor Blezinger einen Wasser- bau ganz von Eisen angegeben, und gluͤcklich zu Stande gebracht. Nur die untersten Traͤger sind von Holz, aber auf Steinen aufgesetzt. Das uͤbrige alles, Raͤder, Gaͤn- ge, Schaufeln, ein Werk von mehr als 80. Schuh lang, ist alles von gegossenem Eisen. Wenn es nicht zusam- men rostet, und dadurch in kurzer Zeit unbrauchbar wird, so ist es einzig in seiner Art, und macht Deutsch- land und den Schwaben Ehre. Eben dieser Mann hat auch eine Statue vom jetztregierenden Herzog von Wuͤrtemberg gegossen. Sie ist aus purem Eisen, vergoldet, stellt Sr. Durchlaucht zu Fuß vor, und steht, wie man mir sagt, — denn gesehen hab’ ich sie nicht, — zu Hohenheim. Von Aalen, und aus den Umarmungen meines Freundes, reißte ich fort nach Schwaͤbisch Gemuͤnd, wieder eine Reichsstadt, ziemlich gros, mit vielen schoͤ- nen Haͤusern, breiten Strassen, und von den bekannten D 5 Sil- Silberarbeitern bewohnt. Ehe man hinkommt, reißt man hie und da an Waldungen vorbei. Aussen vor der Stadt werden viele neue Haͤuser gebaut, wodurch sie sehr verschoͤnert wird. Da faͤngt auch das herrliche Ramsthal an, das von einem Fluͤßchen den Namen hat. Unbeschreiblich schoͤn sind diese Gegenden. Zur rechten Hand steigen immer die schoͤnsten Weinberge in die Hoͤhe, und linker Hand sind Wiesen, Felder, und das Wasser darzwischen, das alles belebt und erfrischt. An eben dem Tage, da ich dies herrliche Land durch- streifte, war die Weinlese angegangen, und auch der Fremde kan bei der Hoͤflichkeit und allgemeinen Mun- terkeit der Einwohner an diesen Freuden Theil nehmen. Ich fand da unter andern auch eine rothe Claͤfner Traube, die einige weisse und doch zeitige suͤsse Beeren zwischen ihren uͤbrigen rothen hatte. Vermuthlich ist bei dem ungleichen Bluͤhen, woruͤber man dieses Jahr geklaget hat, Blumenstaub von einer gemeinen weissen Claͤfner Traube heruͤbergeflogen. Der Weg fuͤhr- te mich durch Lorch, wo eine reiche Abtei ist, wovon der jedesmalige Kanzler in Tuͤbingen, Abt ist. Aus- ser seiner Weinbesoldung hat dieser Praͤlat noch, ver- moͤge alter Stiftungen, 24. Eimer Wuͤrtemberg ischen Wein unter dem Namen Schlaftrunk, womit er, wie man sagt, ehemals den Gesandten oder andern vorneh- men Personen, die da uͤber Nacht blieben, die Zunge loͤsen, und Geheimnisse ablocken sollte. Ich dachte an das, was Pope sagt: „Abteien im Schatten der Weinstoͤcke, wo „die Aebte des Nachts roth, wie ihre Weine, „schimmern!“ Schorn- Schorndorf war ehemals fest, und ist jetzt ein Landstaͤdtchen. Eben so Waiblingen, und mancher andrer Ort an der Strasse. Canstadt liegt von wei- tem sehr schoͤn, in einem Thal am Neckar, der hier sehr breit wird, durch einen Damm, den man in den Strom gebaut hat. Aber man betruͤgt sich in der Er- wartung. Die Stadt ist finster, eng, am schoͤnsten ist es vor der Stadt, aussen am Neckar, wo das Rau- schen des Stroms in der stillen Nacht sehr angenehm ist. Im Posthause ist ein Brunnen mit einigen Roͤh- ren in der Wirthsstube, und dabei ein Fischkasten fuͤr Aale, Hechte ꝛc. Finden Sie das nicht sehr bequem? Auch hier belebte der Herbst alles. Man hoͤrte im- mer das freudige Schiessen, Raketen stiegen in die Hoͤhe, und kleine Feuerwerke wurden am Wasser ange- zuͤndet. Als ich nach Hause kam, bluͤhete (im Oktober) in unserm botanischen Garten Curcuma longa L. eine Pflanze, die Linne’e schwerlich in der Bluͤte gesehen hat. Die Bluͤte kam unten aus dem Sten- gel, die Blumenblaͤtter waren weis, sehr zaͤrtlich, eine Bluͤthe steckte in der andern, und sie verwelk- ten bald. Da haben Sie nun, meine Beste! die kleinen Bemerkungen, die ich gesammelt habe. Wollte Gott, daß Sie einmal in dieser schoͤnen Jahrszeit zu mir kom- men, und so mit mir durch Berg und Thal, durch Feld und Wald, durch Staͤdte und Doͤrfer reisen koͤnn- ten! Wie vergnuͤgt wuͤrden wir seyn! Wie vieles wuͤr- de de ich in Ihrem Umgange lernen! Wie viel wuͤrden Sie in Kunst- und Naturaliensammlungen bemer- ken, das mir entgangen ist! Ach, daß wir so viele gute Wuͤnsche ersticken muͤssen! Leben Sie indessen recht wohl, und verzeihen Sie meine Weitlaͤuftigkeit. Tagebuch Tagebuch der Reise durch Franken, Ober- und Nieder-Sachsen und Hessen. Im Jahre 1780. Tagebuch der Reise durch Franken, Ober- und Nieder-Sachsen und Hessen. Im Jahre 1780. Reise von Carlsruhe nach Nuͤrnberg. Den 24sten Jul. H eute langte ich von Carlsruhe in Stuttgardt an. Ich war im J. 1773. schon einmal ein Paar Tage hier und lernte die Stadt ziemlich kennen. Daher war mirs jetzt, und da ich beim weiter hinausgesteckten Ziel meiner Reise mich hier nicht lange verweilen konnte, nur darum zu thun, das zu besehen, was damals noch nicht existirte, und dies war die Herzogl. Militairakademie Seit dem Dec. 1781. ist sie vom Kaiser zur Universi- taͤt erhoben worden und heißt nun die Herzogl. Karls- universitaͤt. Herausgeber. . Was die Welt von diesem Institute schon weis, oder aus andern Schrif- ten Schloͤtzers Briefwechsel. Deutsches Museum ꝛc. Herausgeber. erfahren kan, mag ich hier nicht wiederhoh- len, len, nur sagen, was ich bemerkte. Der Intendant und Obriste, Hr. von Seger, ist ein Mann von grossen Ga- ben, wird aber auch in Allem vom Herzoge nachdruͤcklich unterstuͤtzt. Alles ist hier auf militairischen Fuß und nach der strengsten Taktik eingerichtet. Das Aufstehen der Eleven, ihre Unterweisung, ihr Speisen, — so gar ihr Gebet bei Tisch, — ihr Schlafengehen; kurz alles. Sie sind in Divisionen abgetheilt. Jede davon hat ih- ren Offizier oder Aufseher. Sie marschiren Kolonnen- weise, mit ihren Aufsehern an der Spitze, zu und von Ti- sche. Mit einem Tempo falten alle die Haͤnde zum Ge- bet, ruͤcken den Stuhl, setzen sich nieder u. s. w. So sonderbar dies Manchem im ersten Augenblicke scheinen moͤchte; so hats doch seinen gar grossen Nutzen. Die jungen Leute werden in fruͤhen Jahren an Ordnung in ih- ren Geschaͤften, und an eine gute Eintheilung ihrer Zeit gewoͤhnt; Eigenschaften, die sie hernach gewis ihr gan- zes Leben hindurch nicht ablegen. Man gewoͤhnt sie fer- ner zur Hoͤflichkeit und Lebensart. Sie duͤrfen keinen Namen nennen, ohne ein Ehrenwort vorzusetzen. Man macht daher unter Eleven von vornehmerer und geringe- rer Geburt keinen Unterschied. Es waren jetzt ein paar junge Grafen von Isenburg hier: sie wurden gemeinen Kindern gleich gehalten. Man sucht einen edlen Stolz bei ihnen zu erwecken, um sie dadurch zum Fleis und gu- ten Betragen anzuspornen. Sechs bis 7. ganz eminen- te Juͤnglinge sah ich an einem eigenen Tische speisen. Eleven von vorzuͤglichen Verdiensten haben sogar die Ehre, manchmahl mit dem Herzoge an einer beson- dern Tafel zu speisen. Herausgeber. Beim Unfleiß und andern Vergehungen werden ihnen papierne papierne Schandzeichen angeheftet. Fuͤr ihre Gesund- heit traͤgt man die groͤßte Sorgfalt. Sie werden zu al- len Leibesuͤbungen angefuͤhrt; sie haben einen Platz zum oͤffentlichen Baden in Badekleidern; auf onanitische Ver- suͤndigungen wird scharfe Obsicht genommen. Schon um 8. Uhr muͤssen sie sich niederlegen, aber um 5. Uhr wieder aufstehen. Heute Abend sah ich sie saure Milch und Suppe speisen, und bloßes Wasser trinken. Jetzt waren ohngefaͤhr 300. Eleven von allen Nationen hier, und darunter sogar der Sohn eines Protopopen: desglei- chen 2. Enkel des seel. Kanzlers von Mosheim und Soͤhne des Churhannoͤver ischen Gesandten dieses Na- mens Dieser Herr ist in diesem Jahre aus Churhannoͤv. in Herzogl. Wuͤrtemb. Dienste getreten. Herausgeber. am hiefigen Hofe. Man zeigte mir verschie- dene Arbeiten der jungen Leute, Kupferstiche, Malereien, einen Anfang zu einer Flora Würteb. Aber klein sind die Besoldungen der Lehrer von 300. bis 700. Gul- den Reichsgeld. — In gegenwaͤrtigem Jahre haben 3. der dortigen Leh- rer, Hr. Werthes, Lehrer der italiaͤnischen Sprache, Hr. Seger, Prof. der Rechtsgelartheit und ein dritter, dessen Namen uns nicht gleich beifaͤllt, ihren Abschied gefordert und erhalten. Herausgeber. Den 25sten Jul. Da Naturgeschichte immer einer der Hauptzwecke aller meiner Reisen ist, so besah ich heute auch das Naturalien- Zweiter Theil. E Naturalienkabinet des Hrn. Prof. Roͤslers. Ich fand darin besonders: — Ammonshoͤrner von Aalen und Kirchen, die durchschnitten ganz marmorirt waren. — Dergl. von Aalen, die so viel Eisen haben, daß sie mit andern Stuferzen sch m elzen. Sie sind sehr schwer, und oft fast ganz schwarz. — Kobold. Er hat nicht einmal immer einerlei specifische Schwere, die doch sonst jedes Metall hat. — Japanische Muͤnzen. In die eine Haͤlfte der Muschelfchaale klebt der Japane- ser ein mit Farben und Gold gemahltes duͤnnes Haͤutchen oder Papierstuͤck. An Kunstsachen zeigte mir der Besitzer 1) Tie- demann’s Tubus. Man konnte dadurch in der Stadt die Traubenbeeren an den Stoͤcken in den Weinbergen sehr hell und deutlich erkennen. Der Verfertiger ist hier Kirchenmeßner. 2) Brander’s Goniometer, der 130. Gulden kostet und wobei man keine Horizontallinie braucht. 3) De la Lande ’s Rhomboidalnetz, zu Mes- sung der Sternwinkel, von Brander in Augspurg in Glas geschnitten. Der Besitzer meint, der Kuͤnstler schneide sie mit Kupferstiften. Hierauf wohnte ich der Komischen Oper, der lustige Schulze im Dor- fe bei. Das Stuͤck ward von Eleven und Stadtmaͤd- chen aufgefuͤhrt. Man faͤngt um 4. Uhr schon an, und nach 6. Uhr ist alles aus. Das hitzige Ballet- tanzen hinten nach kan den jungen Leuten nicht gesund seyn. — Den Den 26sten Jul. Heute Vormittags besah ich die Gegend zwischen Stuttgard und Kanstatt. Sie scheint ein ausgetrock- netes Sumpfmoor zu seyn, doch aber noch kein wahrer Torf, mehr Kalk und Sand, als Petrolium; man be- merkt aber eine Menge Wurzeln ꝛc. die zum Theil noch gruͤn sind, und da, wo sie in den Steinbruͤchen der Luft ausgesetzt sind, wieder reviresziren. Kanstatt muß einen herrlichen Salzschatz in seinen Gebuͤrgen haben, es ist eine Menge mineralischer Wasser da. Einige warme Quellen im Muͤhlenbach machen, daß das Wasser auch im Winter nicht zufriert. Das ei- gentliche Badwasser ist gut gegen gichterische Zufaͤlle und kontrakte Glieder. Getrunken schmeckt es wie Sel- ter wasser. Der Krug kostet ½. Kreuzer. Es wird ver- fuͤhrt, setzt uͤberall Ocker, und Kalksinter in den Roͤhren ab, hat aber einen starken vitriolartigen Nachgeschmack. D. Ofterdinger war jetzt hier, der sonst in Vayhingen war, und Zuͤckerten fortgesetzt hat. Er kannte die Schlammbaͤder noch nicht (s. S. 410. des 1sten B.). Man baut hier herum viel Einkorn. Das Wild soll ihm wegen der Stacheln nicht so viel Schaden thun, als andern minder stachlichten Cerealibus. Aufm Ruͤckwege machte ich Bekanntschaft mit Hrn. Pfarrer Schuͤtz von Rohracker einem guten Oekono- men, der viel Obst, sonderlich Aprikosen zieht. Nachmittags, war ich erst in Kornwestheim beim Hrn. Pfarrer Hahn, seine Rechenmaschine Man sehe davon den deutschen Merkur nach. E 2 und und sein Sonnensystem zu besehen. Er hat eine artige kleine Frau, die ohne Praͤtension den Fremden alles zeigt, und die Kunstnamen wohl inne hat. Ins Innere des Kaͤstchens laͤst er nicht sehen; es ist voller Raͤder. Oben sieht man nichts als emaillirte Zifferblaͤtter. Man dreht eine Kurbel herum, wie an der Kaffeemuͤhle. Die Frau machte Proben von allen 5. Rechnungsarten, wie ich sie ihr aufgab. Schoͤner noch ist das Sonnensy- stem mit grossen Uhrwerken, die alle 8. Tage aufgezogen werden muͤssen, und schwer zu transportiren sind. Es ist eine Erd- und Himmelskugel. Im Hause hat er immer etliche Arbeiter von Augspurg sitzen. Der Hr. Pfarrer kalkulirt, und die Leute machen’s. Schade, daß sich der Mann jetzt mit apokalyptischen Rechnungen ab- gibt, auch das N. Testament schlecht uͤbersetzt hat. Es ist eine eigne Uhrentafel am Sonnensystem, wo die Schei- be in 6000. Jahren, und die ganze verflossene und noch kuͤnftige Geschichte der Welt nach Bengel ’s und Andrer Traͤumen, sonderlich der Chiliasmus, und die erste und zweite Auferstehung, in ihre Faͤcher und Epoken abge- theilt sind. Auch Jahruhren, die sehr simpel sind, und des Jahrs nur einmal aufgezogen werden muͤssen, sah ich bei ihm. Von ihm fuhr ich nach Ludwigsburg. Der Ort hat grosse und schoͤne, aber unvollendete und schon wieder ihrem Ende nahe An- lagen. Das Haus der Graͤfin von Hohenheim, welches sie hier besitzt, soll voller Kostbarkeiten seyn. Es wird aber weder den Fremden noch den Inlaͤndern, ohne be- sondere Erlaubnis gewiesen. Im Im Schlosse hier sind die Deckenstuͤcke alle schlecht gemahlt, auch sieht man keine einzige schoͤne Stukkatur- arbeit. Die sogenannten neuen Zimmer aber sind mit vielem Geschmack angelegt. In der Bildergallerie haͤngen ausser einigen meisterhaften Gemaͤlden von Ha- milton, die Eidechsen, Schnecken, Schmetterlinge dar- stellen, viele gemeine Stuͤcke. Im Migniaturgemaͤl- de saal befindet sich in der Wand ein Cabinet de For- nication, wo alle moͤgliche wolluͤstige Stellungen und Unflaͤtereien aufs feinste gemalt sind. Einige Tische be- merkte ich, die aus einem herrlichen rothen regulaͤrgezeich- neten Landmarmor gemachtwaren. Auch sind im Schlosse die protestantische und die katholische Hofkapelle, in je- ner sieht das Untertheil der Kanzel einer Krautstaude nach. Im Waisen- Zucht- und Tollhause, das seit 1736. hier angelegt ist, spinnt alles Wolle, die aber in der Hitze entsetzlich stinkt. Es war jetzt eines Superin- tendenten Tochter hier im Zuchthause, die von einem Manne geschieden worden, den andern mit Gift vergeben wollte, Ehebruch trieb, und doch schwatzen konnte, wie ein Engel. Das hiesige militaͤrische Waisenhaus gehoͤrt zu des Herzogs besten Anstalten. Hundert arme Kinder, davon 50. Knaben und 50. Maͤdchen sind, werden darin umsonst gekleidet, ernaͤhrt und unterrichtet. Ein Haupt- mann und seine Frau haben die Aufsicht uͤber sie. Viel Reinlichkeit herrscht darin, aber alles ist auch militaͤrisch, selbst bei den Maͤdchen. Sie spinnen Flachs, Hanf und Baumwolle, 120. schnellerliche Faden machen sie aus fei- ner Wolle aus Cayenne. Doch war das Tischzeug sehr zerlumpt und voller Loͤcher. Die Knaben brauchen nicht E 3 alle alle Soldaten zu werden. Sie assen Suppe und Brod zu Nacht. Den 27sten Jul. Setzte ich meine Reise nach Schorndorf, einem huͤbschen und wohlhabenden Staͤdtchen an der Reins, Gemuͤnd und Aalen Von letztern beiden Stuͤcken s. S. 53.-57. dieses 2ten Bandes. fort. In Gemuͤnd strickt Mann und Frau, Jung und Alt. Es ist zu bewundern, wie die Leute ihre Waaren so wohlfeil geben koͤnnen. Den 28sten Jul. Heute kam ich erst durch Ellwangen, dann durch Adelmannsfelden, einem Staͤdtchen nicht weit von Ellwangen. Es hat wohl fuͤnferlei Herrschaften, naͤhrt sich vom Ackerbau, der Viehzucht, dem Verkohlen des Holzes zu den vielen Schmelzhuͤtten in der Gegend, macht auch Schaufeln, Joche, Meßle, Sester ꝛc. aus ihren vielen Buchen ꝛc. und die hohlen die Schwaben den Ein- wohnern vor der Thuͤre weg. Duͤnkelspuͤl, eine Reichsstadt. Sie hat viele Seen, die zuweilen ausgefischt, und die Fische nach Ulm und Augspurg verfuͤhrt werden; doch verwachsen jetzt viele mit Schilf ꝛc. Man wird hier von Bettlern beina- he aufgefressen. Feuchiwangen. So wie man nach Franken koͤmmt, findet man viele Tannen und viel Sorbus aucu- paria paria L. Dieser herrliche Baum trug jetzt seine schoͤ- nen Fruͤchte. Die Erndte fing erst an, aber manches war auch uͤberreif. Anspach praͤsentirt sich von weitem sehr gut. Die Stadt ist gros, hat aber enge, krumme Gassen; Alleen gibts indes doch hin und wieder in der Stadt. Das Schloß ist im alten Geschmack. Das Gymnasium ist ein herrliches Gebaͤude. Ich fand die Leute hier sehr hoͤflich ꝛc. Und so kam ich Den 29sten Jul. uͤber Kloster Hailsbronn nach Nuͤrnberg, und trat im rothen Hahne auf dem Kornmarkte ab. Der Sandboden um die Stadt wird durch Blut, Knochen, Haare, Urin ꝛc. durch alles was die Bauern aus der Stadt hohlen, sehr gut geduͤngt und fruchtbar gemacht. Man pflanzt auch viel Tobak. Die Stadt ist bergicht und hat meist krumme und winklichte Strassen. Die meisten Haͤuser sind mit allerhand Far- ben angestrichen. Im Ganzen sieht diese bunte Male- rei doch gut genug aus, ohne dies waͤre die Stadt noch viel finstrer. Ueberhaupt herrscht hier viel Reichsstaͤdti- scher Ton. Schneider, Schuster und mehrere Hand- werker tragen noch schwarze, blaue, violette Maͤntel beim Ausgehen. Man ist im Umgange noch sehr feierlich, und macht viel steife Komplimente. Sonst aber sind die Einwohner warlich herzgute Leute. E 4 Mein Mein erster Besuch heute war bei Hrn. Panzer, Schaffer So wird in Nuͤrnberg der erste und vornehmste Geist- liche an den beiden Haupt oder Parochialkirchen St. Sebald und Lorenz genannt. Herausgeber. an der Kirche zu St. Sebald. Er ist ein gelehrter Mann, wie er durch ver- schiedene Uebersetzungen, auch eigne Schriften bewiesen hat, besitzt auch eine herrliche Sammlung von aͤltern seltenen, zur Litteraͤrgeschichte gehoͤrigen Buͤchern, und von alten Bibelausgaben ꝛc. Ich sah unter andern bei ihm Luther’s 7. Pußpsalmen, 4. Wittenb. 1517. Mit diesen fing Luther seine Uebersetzungan. Sie ward aber bald nachgedruckt, woruͤber er in der Vorrede schon sehr klagt. Im Jahr 1522. kam das ganze N. Test von ihm heraus; da sind bei der Apokalyse Holz- schnitte von Lukas Kranach. Drauf machte er sich ans A. Test. 1532. kamen die Propheten, und 1534. die ganze Bibel zum Erstenmahle heraus. Darauf folg- ten bestaͤndig neue Editionen und Verbesserungen. Im Jahre 1541. nahm er eine grosse Revision vor. Vom J. 1545. ist die letztere Ausgabe, die er besorgte. Ferner sah ich hier Embser’s, Ecken’s, Ullenberg’s ꝛc. Bibeln, — die alle Luther ’s Bibel gebraucht haben; auch die Bibel, welche der Churfuͤrst durch eine Kommission wieder nach Luther ’s letzter Arbeit revidiren lies; einen Nach- druck von ihr mit einem falschen und mit einem aͤchten Titelblatte ꝛc. Viele alte Urkunden zur Geschichte der Formschneider- und Buchdruckerkunst, und dergleichen mehr. Von ihm ging ich auf die Stadt- Stadtbibliothek. Sie ist alt, und aus Kloster- bibliotheken zusammen getragen. Man s. von Murr’s Beschreibung der vornehmsten Merkwuͤrdigkeiten in des H. R. R. freien Stadt Nuͤrnb. ꝛc. 8. Nuͤrnb. 1778. Herausgeber. Neue Schriften findet man fast gar nicht darin. Man wies mir — Besleri Hort. Eichstaedt. Fol. 2 . Vol. — Falv- ler ’s Er ward zu Altorf 1633. gebohren, und starb da- selbst 1689. Er war ein geschickter Uhrmacher. Mehr von ihm findet man in Doppelmaiers Nach- richten von Nuͤrnb. Mathem. und Kuͤnstl. woselbst auch sein Wagen in Kupfer gestochen ist. Herausg. Wagen; der Verfertiger hatte im 3ten Jahre seines Alters das Ungluͤck durch einen Fall gelaͤhmt zu werden, und machte sich doch den Wagen selbst, schob sich auch selber darin fort. — Grosse Schildkroͤten, — versteinerte Holzbrocken, — Gemaͤlde der ehemaligen hiesigen Meistersaͤnger, worunter auch Hans Sachs ist, — das schoͤne Evangelistarium, — Persische Ge- dichte. Die Sebalduskirche. Schoͤn ist darin sonderlich Alb. Duͤrer ’s Abnehmung Christi vom Kreuz. Dieses trefliche Gemaͤlde ist nicht von A. Duͤrer, sondern von Joh. Creuzfelder, der ums Jahr 1593. bei Nic. Jouvenel in Nuͤrnberg lernte, und 1636. starb. S. Doppelmaier von Nuͤrnb. Kuͤnstl. S. 222. Herausgeber. An St. Sebald ’s Grabe ist viele Arbeit, alles ist daran gegossen, ohne daß nachher ein Feilstrich daran gethan oder die Arbeit verschnitten worden waͤre. Peter Fischer der aͤltere, hat dieses Kunstwerk ums Jahr 1519. gegossen. Mehreres davon, nebst der E 5 Bemer- Bemerkungen. An den verschiedenen Kirchen hier stehen 62. Geist- liche, davon aber nur 2. wahre Parochi sind und Mini- sterialia verrichten Diese sind eben die Schaffer. Herausgeber. . Die andern alle sind zwar auch Prediger und Diakonen, predigen aber blos. Auch sind nur 2. Pfarrkirchen, St. Sebald und Lorenz; die andern heissen alle Nebenkirchen. Im Rathe sitzt ein Ephorus oder Kirchenpfleger. Unter den Dia- konen ist nur ein Senior. Alle Jahre einmal wird ein Kirchenkonvent gehalten. So oft hier Pathen vorbeifahren, wird ihnen von jedem Thurme, wo sie vorbeifahren, geblasen, gegen Be- zahlung. Den 30sten Jul. Heute wartete ich die Predigt des Hrn. Pfarrers Spoͤrl in der L. Frauenkirche ab. Sie heist auch die Kaiserskapelle, daher noch alle Sonntage hier 2mal Musik ist. Das Verlesen und Aufbieten geschieht, ehe der eigentliche Gottesdienst angeht. Die Predigt war uͤber das Evangellum Dom. X. p. Tr. von der Pflicht der Christen im Gotteshause. Der Meßner und ein Chorschuͤler fuͤhren den Prediger in ihrer Mitte auf und von der Kanzel. Die Alten predigen sitzend und tragen Chorhemde und Barret. Nach der Predigt folgt die Absdlution und Litanei. Bei der Fuͤrbitte fuͤr den Kai- ser der Abbildung des Grabmahls liefert Doppelmaier ꝛc. S. 285. Herausgeber. ser und den Rath werden keine Formalitaͤten gebraucht. Es geschehen hier viele Fuͤrbitten und alle mit Reichsstaͤd- tischen Weitlaͤuftigkeiten. Nachher singt ein Diakon die Kollekte, halb lateinisch und macht das Kreuz dazu; dies warten aber die wenigsten Zuhoͤrer ab. Das Gesang- buch ist 1750. zum letztenmal revidirt worden. Der Meßner geht hier gekleidet, wie die Geistlichen in mei- nem Vaterlande. Ich bemerkte viel aͤusserliche Andacht. Mittags aß ich bei Hrn. Spoͤrl dem aͤltern, an den ich empfohlen war. — Im Anfange sind die lieben Nuͤrnberger etwas foͤrmlich. — Er kan weder Bier noch Wein trinken, wenn’s nicht wenigstens durch ein Licht er- waͤrmt ist. Nach der Predigt spricht er eine Viertel- stunde gar nichts, predigt aber gleichwohl nicht lebhaft; auch muß er des Morgens einen kritischen Schweis ab- warten. Nach Tische besuchte ich den Hrn. von Mure. Er ist hier Oberwagamtmann, ist ledig und haßt das Heirathen eben so, wie Hrn. Ni- kolai in Berlin. Er beschuldigt denselben, er sei ihm feind worden, weil er’s mit Klotzen gehalten. Er sam- melt viel alte Buͤcher, schimpft auf alle deutsche Litteratur, schaͤtzt blos die alte und die auslaͤndische, und pralt mit grosser Korrespondenz. Vormahls hat er eine Wochen- schrift, der Zufriedene, geschrieben. Die angekuͤndig- te Revision der Allg. deutschen Bibl. hat er im 8ten Theil seines Journals wieder aufgegeben. Als ich mich wegen der Reichskleinodien bei ihm erkundigte, sagte er mir, die Reichsstadt lasse sie Niemanden sehen, als Reichsfuͤrsten; nicht einmal apanagirten Prinzen: doch habe man beim Herzog Ferdinand von Braunschweig eine Ausnahme gemacht. Einem Privatmanne zeige man sie sie nicht fuͤr 100. Dukaten. Es muͤsten allemal 3. Ma- gistratspersonen dabei zugegen seyn. Er schenkte mir sei- ne Schnurre: Laudatio funebralis Unkepunzii, gab mir Nachricht von Sheid ’s in Harderwick vorha- bender neuer Edition des Gianhari Lexic. arabic. das mehr werth seyn soll als Golius. Ich fand eine artige Buͤcherleiter bei ihm, die sich wie ein Tisch zusam- men legen laͤßt. Er hatte sie nach einer englischen Zeich- nung machen lassen. Im Gasthofe, wo ich logirte, machte ich heute noch angenehme Bekanntschaft mit Hrn. Prof. Briegleb von Koburg, mit Hrn. Prof. Schwarz Er besitzt sehr viele seltene und wichtige Buͤcher vom Anfange der Erfindung der Buchdruckerkunst bis in die Mitte des 16ten Jahrhunderts. und mit Hrn. Siebenkees, Prof. der Rechte. Letztere beide sind in Altorf. Den 31sten Jul. Reise nach Altorf. Der Weg bis dahin betraͤgt 6. Stunden, ist sehr sandig und geht durch Tannen- und Lerchenwald, uͤber 2. Doͤrfer. Man zieht hier Haidschnucken und pflanzt Pataten. ( Lathyr. tuberosus L. ) Ich nahm mein Quartier im schwarzen Baͤr. Die Stadt ist klein, alt, schlecht, und still. Die Ein- wohner ziehen nicht viel Nutzen von der Universitaͤt. Es sind kaum 100. Studenten hier und diese sind meistens Nuͤrn- Nuͤrnberger, die jeden Strumpf dort flicken, jedes Hemd dort waschen lassen, und den groͤsten Theil ihrer Zeit da zubringen. Die 3. Professores Theolog. sind zugleich Prediger, muͤssen Fruͤhkirche halten und mit zu jeder Leiche gehen. Das Rektorat ist jaͤhrig. Das Kollegengebaͤude ist schoͤn. Die Universitaͤt gibt viele Stipendien und Freitische; daher trift man hier eine Menge alter Kandidaten an. Nach einem Besuche bei Hrn. D. Doͤderlein Der nachher nach Jena berufen worden ist. Herausgeber. besah ich Trew ’s Bibliothek und Naturalienkabinet. Der Besitzer war zuletzt D. Med. in Nuͤrnberg und An- spach scher Geheimerrath. Er hatte viel Praxis und Patriotismus fuͤr Altorf, vermachte daher alles Ausser 2000. Baͤnden, die er der Universitaͤt Erlan- gen vermachte. S. Hrn. Nicolai ’s Beschreibung sei- ner Reise durch Deutschland ꝛc. 1. Band S. 171. Herausgeber. da- hin, weil einer seiner Vorfahren da Professor gewesen war. Bis zu seinem Tode sammelte er alle Schriften, die in die Arzneiwissenschaft, Naturgeschichte, Chirurgie, Physik, Mathematik einschlagen, und alle Journale und akademische Schriften. Nach seinem Tode ward alles aus Nuͤrnberg auf das Kollegengebaͤude hierher gebracht, aber in der groͤsten Unordnung, und so ists noch. Dieser Unordnung ist ohne Zweifel nach der Zeit, da der Verfasser hier war, abgeholfen worden, denn Hr. Nicolai fand 1781. diese beinahe 24000. Baͤnde starke Bibliothek in 4. geraͤumigen Zimmern aufge- stellt, und in deren Mitte einen Saal, fuͤr die Natu- ralien, Auf Auf den uͤbrigen Fond von Legaten sind Besoldungen und Stipendien angewiesen, so daß seither die Bibliothek fast um nichts vermehrt worden ist. Ich sah das Portrait vom Stifter, dessen Absicht aber nicht erreicht wird. Vieles aus Engelland; alle Kupferbuͤcher von Pflan- zen und Thieren, aber, wie gedacht, alles in der groͤsten Unordnung, und doch waͤre Platz genug da. Das Chi- nesische Werk uͤber die Naturgeschichte (man sehe davon v. Murr im Naturforscher ) wolte man mir im Ernst zeigen und konnte es doch nicht finden. Ausser der Cen- turia I. Plant. select. Ehret. Trew. Fol. 1773. die Haid in Kupfer gestochen, Ehret gemahlt und Trew herausgegeben hat, hat man noch wohl 200. Tafeln von Ehret, die er einzeln in London gemahlt hat. Denn es waren hier 15. Plat t en, Plantae et Papiliones Eh- retianae rariores zusammen gebunden; die erste bildet eine Martynia und Cytisus ab vom Jahr 1748. die letzte ein lasminum 1759. — Auch ist ausserdem noch eine grosse Menge anderer gemahlter Pflanzen da. Das Naturalienkabinet besindet sich ebenfalls in der groͤsten Unordnung. Bei keinem einzigen Stuͤcke ist Name und Ort angegeben, die Sachen liegen in Schub- laden, halb dem Staube ausgesetzt und werden unver- antwortlich verwahrloset. Ein D. und Prof. Vogel soll die Aufsicht haben, aber die besten Sachen verderben, die Konchylien fahren an einander herum und sind durch- loͤchert. In der Mineralogie ist gar wenig da, aber wohl ralien, Praͤparata ꝛc. S. dessen schon gedachte Rei- se. 2ter B. S. 320. Herausgeber. wohl grosse Herbaria, welche aber die Motten fressen. Was mir bemerkenswuͤrdig war, bestand in folgenden: a) Alle Fische aus der Pegnitz, an den Waͤnden, aber bestaubt. b) Ochsenhoͤrner von einem in Nuͤrnberg geschlach- teten Ochsen. Sie waren wohl 3. Schuh lang, und weisgrau mit schwarzen Enden. c) Ein Buccinum mit der groͤsten Gruppe von Vermi- culiten. d) Eine Scapula vom Trichechus. Sah wie ein Bret aus. Ist wohl eher vom Wallsisch. e) Grosse und kleine Saͤgen vom Saͤgesisch. f) Eine favago conchar. wie sie Ellis abgebildet hat. g) Backenzaͤhne vom Rhinoceros, auch ein ganzes Knochenstuͤck. h) Ein Vogelkasten, aus dem ein pestilenzialischer Ge- stank herauskam. Einige Voͤgel waren ganz aufge- fressen, einige im Lande gefangene Mewen arten wa- ren darin. i) Ein Specht nach Schaͤfer ’s Manier zugerichtet. Alle Federn waren in Baumrinde gesteckt. k) Viele schoͤne Sachen in Weingeist, als Pholas ana- tifera; Tarantula; Scorpio afer; Bradypus. l) Ein Uterus , in dem das Kind noch im Durchgange ist. Die Mutter starb im Gebaͤhren. Der Ge- heimerath Trew lies das Stuͤck im Kaͤstchen voll Weingeist aus Boͤhmen heraus tragen. m) Schoͤne Skelette von Delphin’s und Rosmarus Koͤpfen ꝛc. Hierauf Hierauf ging ich in den Botanischen Garten. Hr. D. Vogel und die geschickten Gaͤrtner Schack, Vater und Sohn, haben die Aufsicht und Bestellung desselben. Er ist klein, aber ganz gepfropft voll, und enthaͤlt ohngefaͤhr 4000. Pflan- zen. Ich traf an: a) Cincho biloba Rudbeckia: Yucca gloriosa, in der Bluͤthe. b) Olea europ. der hier schon gebluͤht und kleine Oliven angesetzt hat. c) Lonicera caprifolium , bluͤhte wirklich zum zwei- tenmale. d) Euph. divaricata , die Linne’ noch nicht hat. e) Saxifraga stolonifera , s. irregularis, weil 3. Petala lang, und 2. kurz sind. f) Valeriana fibirica , Betula nana etc. g) Calendula pluvialis , stand bei der druͤckenden Hitze auch schoͤn ausgebreitet da. h) Eine schweizerische hohe Achillea. i) Eine herrliche roth und weisse Malve. k) Sedum Libanoticum , Iatropha urens etc. l) Canna indica , an der die Bluͤthe heraus kam, Hæ- manthus pumiceus etc. Die hiesigen Gelehrten, welche ich besuchte und ken- nen lernte, waren Hr. Prof. Nagel, schon in Jahren, aber noch mun- ter, und hat ein gutes Gesicht. Ein Gelehrter voller Wissenschaft, ohne Praͤtension und ein grosser Orienta- list. Er zeigte mir die Amsterdam er grosse Ebraͤische Bibel mit den Scholien der besten Rabbinen. Er ist eigent- eigentlicher Bibliothekar der Trew schen Bibliothek, dem auch der Erblasser alles uͤbergeben hat. Der Erblasser habe manches seiber noch vor dem Tode rangiren wol- len, und habe ihm angerathen, nur alles so viel als moͤg- lich vor der Luft zu bewahren. Hr. D. Dietelmaier, erster Professor und Predi- ger, bereits 68. Jahr alt, aber noch bei guten Kraͤften. Er hat schon 35. Jahr hier gelehrt, auch Semlern zum Doktor kreirt. Er glaubt, daß die Propheten des Alten Testaments manches geredet und geschrieben haben, was sie selbst nicht verstanden. Er jammert daruͤber, daß man Christum sonderlich im Alten Testamente, uͤberall ausstreiche, auch da, wo Interpretatio authentica da sei, und nur es Akkomodi ren nenne. Der Kirche, glaubt er, stehe eine grosse Verschlimmerung bevor. Die Berliner Bibliothek sei nur fuͤr Maͤnner, habe aber viel Schoͤnes, nur setze man zu sehr das Alte herab. — Im Hiob Kap. 19. erzwinge er Christum nicht. Leß sollte nur kein Buch des neuen Testaments mehr uͤbersetzen, Benner sei so recht der Mann gegen ihn. — Seine Frau ist eine Gelehrte. Sie hat ihr eigenes Museum, liest alles, schreibt lateinisch, schreibt auch ihrem Manne fast alle Briefe. Er besitzt eine Thalersammlung von Koͤnigen, Kaisern, Fuͤrsten, Paͤbsten ꝛc. Ich sah darin z. B. den Glockenthaler, und den auf die Religions- veraͤnderung der Braunschweig ischen Prinzess in Elisa- beth, Kaiser Karls VI. Gemalin, geschlagenen Thaler, mit der Umschrift: Coetum, non numina mutat. Bambergae 1707. Ausserdem hat er auch noch eine vollstaͤndige Sammlung aller Kirchenvaͤter bis zur Re- formation, viele schoͤne Stephan ische, Wech elische Ausgaben ꝛc. Zweiter Theil. F Hr. Hr. D. Vogel. Ich traf bei ihm noch mehr Ehret- sche Pflanzen an; ferner Forster’s Genera Planta- rum; Bergii materia medica; Giseke Index Lin- neanus in Pluckenet.; der aber nicht vollstaͤndig seyn soll ꝛc. Ruͤckreise nach Nuͤrnberg. Den 1sten Aug. Heute war ich abermahl beim Hrn. Schaffer Pan- zer, und sah seine Sammlung von Muͤnz abdruͤcken in Zinn durch. Jede Muͤnze liegt in einem schwarzuͤberzo- genen Stuͤcke Pappe, so daß man die Stuͤcke mit den Muͤnzen nachschieben kan, wenn man mehrere bekommt, besser, als wenn Einschnitte im Holze selber sind. Er und seine Frau haben sie ehemals auf dem Lande selber in Modell von Gyps gegossen. — Auch einen Otho in Kupfer, der nicht nachgemacht, sondern aͤcht ist, hat er in einem bleiernen Abdruck. Das Original ward 4000. Gulden geschaͤtzt; ein hiesiger Kaufmann besaß es, und ward endlich durch seine Umstaͤnde gezwungen, es fuͤr 1000. Gulden dem Kaiserlichen Hofe zu verkaufen. Ich fand auch bei ihm Abdruͤcke von alten und neuen Ka- meen in rother Masse. — z. B. die Roͤmische Histo- rie von Daßier, — die man von Goͤzinger hier in Nuͤrnberg fuͤr 13. Gulden haben kan. Auch Pichler’s Koͤpfe von allerhand Antiken in Rom kan man fuͤr 6. Gulden in einem Buche, und fuͤr 5. Gulden in einem Kaͤstchen haben. Desgleichen die Reformatoren vor und nach 1517. ꝛc. von eben diesem Meister im Buche fuͤr 7. Gulden. Sie sind so schoͤn, wie Lippert’s Dakty- liothek. Hr. Panzer schenkte mir seinen Schwiegerva- ter ter, Hrn. D. Janke in Altorf, in einem Schwefelab- druck. Durch den Hrn. Schaffer Panzer lernte ich auch seinen Sohn kennen. Er ist ein Schuͤler von Jacquin in Wien. Er besitzt in seinem Herbario viele Pflan- zen von den Oesterreichischen und Schweizerischen Alpen. Wir sahen Saxifraga und Salvia mit einander durch. Er schreibt mit am Frankfurt er medizinischen Wochen- blatte. Er meinte, Gisecke habe seine Indices nur aus Linnei Specif. Plant. gesammelt. Zum Beschluß meines hiesigen Aufenthalts erwarb ich mir noch die Bekanntschaft zweier wackerer Maͤnner, des Hrn. Dr. Wittwer ’s von hier, und des Hrn. Pfar- rer Strodel’s von Woͤhrd. Erster kam eben vom Lande, und speiste in der Auberge mit, als ich zum letz- tenmale da as. Ein Mann von vielen Kenntnissen. Die Sigaudsche Operation haͤlt er nicht fuͤr nuͤtzlich, man gewinne dadurch nicht viel, und muͤsse doch oft den Kai- serschnitt machen. Der andre, ein stiller, guter, sanf- ter Mann, schon in mittlern Jahren, und ungemein belesen. Er sammelt viel seltene alte Buͤcher, hat alle Schriften Melanchthon’s ꝛc. In den hiesigen gelehrten Zeitungen sind die theo- logischen Artikel meistens von Hr. Prof. Schwarz ꝛc. und andern Gelehrten in Altorf. Hr. v. Murr — der eingebildete Vielwisser, — und Hofrath Zapf in Oettingen, — der mir als unertraͤglich beschrieben wird, — bekommen zuweilen darin offenbare und ver- steckte Lehren. Und so verlies ich denn Nachmittags das gute Nuͤrn- berg, — wo ich mich gern noch laͤnger verweilt, und F 2 mehrere mehrere dortige Merkwuͤrdigkeiten besehen haͤtte, haͤtt’ ich nicht mit meiner Zeit so genau haushalten muͤssen, — und begab mich auf die Reise nach Erlangen. Zwischen diesem Orte und Nuͤrnberg gehen immer Landkutschen oder Universitaͤtskutschen hin und her. Der Weg dahin ist meist Sand, zuletzt koͤmmt noch ein Tan- nenwaͤldchen bis nahe an die Stadt hin. Den 2ten Aug. Erlangen. Ich logirte im Wallfische, nahe bei der franzoͤsischen Kirche. Die Stadt ist meistens neu und groͤstentheils regelmaͤssig gebaut, hat aber doch mit unter viel hoͤlzerne Haͤuser und ein uͤbles Pflaster, ist auch uͤberall offen. Sie hat viel Aehnlichkeit mit Carls- ruhe. Hier und da trift man einige artige Plaͤtze an. Das Schlos, wo die Frau Marggraͤsin, Wittwe des 1763. mit Tode abgegangenen Marggrafen Friedrich von Bayreuth residirt, scheint nichts mehr, als ein grosses Haus eines Partikuliers zu seyn. Sprache und Klei- dung kamen mir hier besonders vor. Die Universitaͤt mochte jetzt etwan aus 300. Stu- denten bestehen. Sie betragen sich still, machen aber gewis soviel Staat, als in Goͤttingen. Viele sah ich mit ofnen Hemdkragen gehen Vermuthlich haben einige diese Tracht uͤbertrieben, und dadurch die 1781. ergangene Landesfuͤrstliche Verord- nung wegen austaͤndigerer und gesitteter Kleidung der . Mein Mein vorzuͤglichstes Geschaͤft heute war Hrn. Hofrath Schreber meinen Besuch zu ma- chen. Wir gingen gleich in sein Naturalienkabinet. Ich fand darin viel herrliche Sachen; worunter mir be- sonders bemerkenswuͤrdig waren: 1) Ein Colymbus, der nur eben in dieser Gegend geschos- sen worden und noch ganz frisch war. 2) Hoͤrner, an denen noch das Bast ist. 3) Sehr breite Hoͤrner vom Dammhirsch. 4) Hoͤrner von der Antilope Scythica. 5) Ein sehr hohes Nashorn. 6) Ungar ische Schaafbockhoͤrner, mit gegliederten Aufsaͤtzen oder Schuͤssen, eine Varietaͤt. 7) Gruͤner Marmor aus Schweden, mit Serpentin- stein. 8) Sibirischer Marmor, wie Quarz. 9) Blankenburg ischer Marmor mit nach allen Richtun- gen durchschnittenen Korallen. 10) Ooliten marmor von Halle. 11) Berliner Kalksteine, wie Marmor. 12) Bayreuth. Marmor. F 3 13) Ein der Studirenden in Erlangen veranlaßt; weil es in derselben unter andern ausdruͤcklich heist: „Da es „dahin gediehen ist, daß viele unter ihnen (Studiosi) „mit einem beynahe nach Art der Wilden entbloͤsten „Koͤrper zu offenbaren Scandal den ganzen Tag „umherlaufen; so haben Wir der Behoͤrde gemessen „angefuͤgt, dergleichen ungesittete Studenten zu den „Schranken der Menschlichkeit zuruͤckzufuͤhren.“ Herausgeber. 13) Ein rother Marmor, worin ein Orthoceratit mit ungleichen Kammern befindlich. 14) Boͤhm ischer Korallen marmor. 15) Ein Stuͤck Pentakrinit von Altorf. 16) Viele Salzburgische, braune, gruͤne Marmor. 17) Semesanto, ein italiaͤnischer Marmor. 18) Alabaster aus dem hiesigen Lande. 19) Durchsichtige Serpentin steine, mit herrlichen gruͤnen Flecken, aus Italien und aus dem Bayreu- th ischen. 20) Groͤnlaͤnd ische Schneidesteine, oder Lapis ol- laris, auch welche von Goͤpfengruͤn hier im Lande. 21) Viele Carlsbader Stalaktiten. 22) Eine Menge Terrae sigillatae von Halle. Sind da bei einem Kommissionrath Stuck zu haben. 23) Viele Kalkschiefer, hier aus dem Lande. 24) Ein Fischschiefer aus Groͤnland. 25) Tropfstein artiger Chalcedon. 26) Chalcedon mit Zeolith. 27) Afrika nische Karniole, Achate und Quarze, voͤllig wie unsre Europaͤischen. 28) Kaschelons, die sich im Wasser wie Weltaugen verhalten. 29) Rochlitzer Stein, oder ein schoͤner brauner Achat aus Sachsen, der jetzt selten ist. Koͤnig August III. ließ ihn zum Bauen auffuchen. 30) Wurststeine. In Nuͤrnberg werden sie mit Haut eingefaßt, daß sie voͤllig wie eine Wurst aussehen. 31) Gruͤne Achate. Schreber erklaͤrt die Zeichnun- gen mit Huͤlfe des Mikroskops ohne Bedenken fuͤr Spec. Byssus et Confervae. 32) Band- 32) Bandjaspis von Gnanntstein. Das ist ein Ort, In einem neuen Buche trennte man das Wort. — 33) Neuseelaͤnd ische Nierensteine. 34) Chrysopras aus Schlesien. 35) Labrador steine. Man hat rothe, gelbe, blaue ꝛc. 36) Pechsteine von Dresden und Meissen, die Schre- ber zu den Opalen rechnet. 37) Insekten aus Quarz, oder auch aus Komposition auf Quarz, die der Schleifer Wanderer in Bay- reuth macht. 38) Ceylon ische Quarze. 39) Ganze Suiten von Saͤchs. Graniten; Auf unsern Baadenschen Graniten spielen einige Flecken zuweilen wie Labradorstein. Einer in Thon verwandelt, von Steinbacher Zeiten. 40) Gneis, d. i. Saxa lamellosa, worin keiner, oder nur koͤrnichter Feldspat ist. 41) Ein weicher gruͤner Porphyr mit Pyrites. 42) Breccia von einer roͤmischen Antike, d. i. ein na- tuͤrliches Mosaik. 43) Gruͤne Turmaline oder Smaragde aus Brasilien, die Asche ziehen. 44) Ganz schwarze Turmaline, die Hr. Schreber von Danz gekauft hat. 45) Rothe Turmaline, die nicht ziehen. 46) Papierartiger Quarz aus Ungarn, der mit Mes- sing gerieben, Feuer gibt, und auch Glas schneidet. 47) Quarz mit Wassertropfen, oder Luftblasen aus Chemnitz. — Auch aus den Lumagis ists Schre- bern verduͤnstet. F 4 48) Ro- 48) Rosen- oder Anemonenfoͤrmiger Spat aus Un- garn. 49) Amethyst mit Spat aus Ungarn. 50) Ganz Kugelfoͤrmiger Spat aus Ungarn, so daß man damit schiessen koͤnnte. 51) Spießglas mit Spat. 52) Rothes Blei von Katharinenburg in Sibirien. 53) Gediegen Gold aus Salzburg auf einem grauen Stein. 54) Ein grosses Stuͤck Hornerz von Johanngeorgen- stadt. 55) Fuͤrstenberg isches gediegenes Silber. Nach ei- nigen Versuchen mit Acido nitr. sei es nur ein Sil- bererz. 56) Federerz aus Ungarn, wie Schnee. 57) Braunes Blaͤttererz aus der Dorothea zu Klausthal. — Es sieht aus wie Bergkork, und ist silberhaltig. 58) Viele Edelsteine in Wachs auf einer Tafel, wie die Juweliere die Steine aufsetzen. 59) Derber Bleiglanz. 60) Stuͤcke von des Pallas gediegenem Eisen, poroͤs, aber gewis aͤcht. S. Berl. Beschaͤft. Naturf. Fr. 61) Stalaktitisches Eisen, woran die untern Spitzen umgebogen sind. 62) Schwefelkiese, die ihren Schwefel verloren, und zu Eisenstein geworden sind, von allerlei Formen. 63) Eisen von der Insel Elba, das die Magnetnadel zieht. 64) Phosphorirende Blende von Scharfenberg. 65) Grobes Asphaltum. Er nennt es Maltha. 66) Ko- 66) Kobold farben von verschiedenen Blaufarbewerken, in Glaͤsern. 67) Tusche aus Erdkohlen, in Sachsen gemacht. 68) Glaskies oder Leberfaͤrbiger Pyrites. 69) Kupferkies vom Kaukasus, den Hr. Schreber von Guͤldenstaͤdt erhalten. 70) Sanderz d. i. Kupfererz mit Sand und Holzkoh- len verbunden. 71) Poreuser Kalkstein aus China, den er durch Ka- pit. Eckebrecht bekommen. 72) Oesterreich ischer Wasserstein, d. i. Spat mit stralichten Theilen. 73) Eisenbluͤthe d. i. zackigter Sinter aus Oesterreich und Wuͤrtemberg. 74) Amethystfaͤrbige Spate aus Derbyshire in En- gelland. 75) Steatites aus China, bricht auch in Bengalen. 76) Weisse Talkerde von Gera. 77) Saͤchs. Porzellanerde. 78) Gruͤne Thonerde aus Rußland. An Kunstsachen fand ich noch bei Hrn. Schre- ber viele Modelle von Maschinen zum Bergbau, die sich noch von seinem seligen Vater aus Leipzig herschrei- ben, als Goͤpel, Pochwerke ꝛc. und dann noch ein Elek- trophor, der nicht gerieben, sondern mit Fuchsschwanz gepeitscht wird. Von ihm ging ich zum Hrn. Kommerzienrath Beichold, einen Schwager des Hrn. Schaffer Panzer’s. Er besitzt auch Insekten, Versteinerungen und Karlsbader Naturprodukte. Die- F 5 se se kan man hier leicht haben, weil man nahe an Boͤh- men ist. Hierauf besah ich Die Universitaͤtsbibliothek. Hr. Hofrath Har- les, und Hr. D. Pfeiffer sind als Bibliothekare uͤber sie gesetzt. Sie besteht aus mehrern einzeln aufgestellten Bibliotheken, welche theils vorige Landesherren, theils Privatpersonen hierher vermacht Man sehe hieruͤber Hrn. Nikolai’s Beschreibung sei- ner Reise durch Deutschland ꝛc. 1ter B. S. 170. 171. nach. Herausgeber. haben. Es herrscht viel Unordnung darin. Das Beste ist aus Kloͤstern ꝛc. Man zeigte mir: a) Ein Evangelistarium, 7-800. Jahr alt, die ersten anderthalb Kapitel des Evangel. Matthaͤi fehlen. Es ist auf Pergament, leserlich ge- schrieben. Je aͤlter dergleichen Handschriften sind, desto schoͤner sind sie. b) Den Lukan, Horaz, Juvenal in Handschrift. Nachdem ich hierauf bei Hrn. Hofrath Breyer, Prof. der Logik und Metaphysik, und bei Hrn. Prof. Huf- nagel, Besuche abgelegt hatte, so ging ich zum Buchhaͤndler Hrn. Walther, sein Naturalienka- binet zu besehen. Er ist selbst Kenner, und hat sich auch durch den Verlag von Schreber ’s Saͤugthieren und Esper ’s Schmetterlingen, um die Naturgeschichte verdient gemacht. Ich sah bei ihm, — sehr viel schoͤne Insekten. — Grosse Kugeln von Labrador stein. — Klingende Quarze, die er auf der letztern Leipzig er Messe gekauft hatte. — Zeolith. Hr. Walther glaubt glaubt aus etlichen Stuͤcken, daß er endlich in Kaschelon und Chalcedonier uͤbergehe. Die letztern riechen gerie- ben, wie der Hekla, wo sie her sind. — Neuseelaͤnd i- sche Konchylien. — Eine Schnecke mit dem Zahn, f. Berl. Besch. Naturf. Fr. — Eine Klipkleber mit der andern Haͤlfte. — Ganz gelbe Chalcedonier. — Den 3ten Aug. Heute wohnte ich einer Vorlesung des Hrn. D. Seiler ’s in der Dogmatik bei. Er han- delte vom Glauben im alten und neuen Testamente. Er sagte, es sei Vertrauen, daß Gott seine Verheissungen erfuͤllen werde, und fuͤhrte dabei Beispiele an Abraham, Jakob ꝛc. an. Ueber die Theile des Glaubens. Fi- ducia uͤbersetzte er Zuneigung, nicht Zuversicht. Auch Kindern schrieb er Glauben zu. — Nach der Stunde besuchte ich ihn, und da betraf unsre Unterredung seine vorhabende Bibelausgabe, wozu ihm die Regierung 1600. Gulden vorschiest, er muß aber selbst noch 600. Gulden dazu thun: ferner das alte Testament, die jun- gen Leute unsers Zeitalters ꝛc. Als ich ihn verlassen hatte, besuchte ich Hrn. Geh. Hofrath Delius, Med. D. ein guter Chemiker. Er sammelt fuͤr sich viel schoͤne Naturalien und fuͤr die medizinische Fakultaͤt eine Materia medica. Ich sah bei ihm 1) Spatfoͤrmiges Eisen aus dem hiesigen Lande. 2) Gelbes Blei aus Sibirien, so er von seinem ver- storb. Vetter Delius erhalten. 3) Ei- 3) Eisenschaum, aus dem Bayreuth ischen. 4) Equisetum auf Abdruͤcken, hatte noch die gruͤne Farbe. 5) Krebsabdruͤcke, noch ganz und die Dublette. 6) Bayreuthische Perlen aus Myis, in der Schweß- nitz, bei Rehau, und in der Rednitz; Sie sind artig, hell, gros, von allerlei Figur. Die Fr. Marggraͤfin sammelt alle, die vorkommen. Hr. Delius besitzt das aufgetrocknete Thier, worin die Perlen immer an einer gewissen Stelle sitzen; daher er sie doch fuͤr einen orga- nischen Theil des Thiers haͤlt. 7) Calculus felleus, braun, wie ein Taubenei, den er einen Kranken durch den After abgetrieben, und jetzt zeichnen laͤst. 8) Opale in der Matrix. — Ist offenbar Thon. 9) Kaystein, d. i. schoͤner Caillou de Ceylon. 10) Knopfstein; ist nicht Gagat, sondern ein Stein, der hier im Lande vorkoͤmmt, auch Knoͤpfe, Tobacks- koͤpfe, Dosen gibt, und ohne allen Zusatz im Feuer schmelzt. 11) Berlinerblau, das er aus alten Peruquen und alten Stiefeln gemacht hat. Mittags speiste ich bei meinem Freunde Schreber mit Harles. Ich bemerkte, daß man hier die Beeren vom Vitis Idea einmacht und zum Braten speist; sie sind angenehm, und blutreinigend. Nach Tische besah ich Das Naturalienkabinet der Universitaͤt. Es steht im Bibliothekgebaͤude, und ist von Bayreuth hier- her gekommen. Klein ’s in Danzig Sammlung macht die Grundlage davon aus. Hr. Hofr. Schreber ran- girt girt es jetzt. Es enthaͤlt viele schoͤne Konchylien, Meer- koͤrper, Versteinerungen, Hoͤrner von Thieren, besonders sehr viele Amphibien und Fische in Weingeist. Merk- wuͤrdig war mir: 1) Ein Kopf vom Seeloͤwen. Aus der Mukedor ser Hoͤle hat man hier viele Stuͤcke von dieser Art. Hr. Delius besitzt auch welche. 2) Zaͤhne von dem fleischfressenden Elephanten am Ohio, der verloren gegangen seyn soll. 3) Eine Froschmaschine vom verstorb. Lieberkuͤhn aus Berlin, den Kreislauf des Bluts zu zeigen. 4) Ein grosses Stuͤck Kopal, das viele Psund wiegt. Von Bernstein kommen solche nie vor. 5) Eine Schale, aus Madrepora Astroites gedreht. 6) Test. Midas, ganz, und auch einzelne Schilder. 7) Ampelis Cotinha; hat ein praͤchtiges Himmel- blau. 8) Ein Rhinoceros kopf, Sceleton fossile, aus der Ukraine. 9) Cardium retusum, das Hr. Chemnitz fuͤr so sel- ten ausgibt. 10) Eine aufgeschnittene Vol. Mit. gar schoͤn; nichts als die Spindel der aͤussern Schale ist ganz weg. 11) Ein Studiolo oder Italiaͤnische Marmorsammlung. 12) Gothlaͤndische Korallen, Marmor. S. Linn. Dissert. de Cor. Gothl. 13) Marmorartige Stalaktiten, die man oft fuͤr Ala- baster nimmt. 14) Ein Lituit, wo noch der Sipho darinnen ist. 15) Ein Pentakrinit, von Boll im Wuͤrtemberg i- schen, auf Schiefer; Wurzel, Stiel und Kopf. Das Stuͤck Stuͤck ist 7. Spannen lang, und 4. breit, ist aber ge- sprungen, weil es in Bayreuth aufgehangen war, jetzt aber liegt es horizontal. 16) Gediegenes Silber auf Eisen aus Schweden. 17) Elfenbein stuͤcke. Zu Trinkgefaͤssen verarbeitet. 18) Eben solche als Szepter von Indianischen Koͤni- gen. 19) Ein Tophus, der sich auf den Schaufeln eines Muͤhlrads angesetzt hat. Reise nach Weimar. Den 4ten Aug. Von Erlangen ging mein Weg auf Bamberg. Die Gegend zwischen diesen Staͤdten ist meistens Sand, doch baut man Hirse und Hopfen. Mit unter kommt man durch Fohrenwaͤlder. Oberhalb Forchheim, einem festen Bamberg ischen Landstaͤdtchen, kam ich uͤber den Mayn, und drauf nach Bamberg, das sich von weiten besser als innen praͤ- sentirt. Die Residenz des Fuͤrstbischofs liegt auf einem Berge, der Petersberg genannt, das Thal ist uͤberall von Waͤldern umgeben. Ich hielt mich hier nicht auf, sondern fuhr noch bis Lichtenfels, einem Bamberg ischen Staͤdtchen am Mayn gelegen, wo ich Abends blieb. — Ich bemerk- te, daß die Leute hier viele grosse tygerartig gefleckte Hunde hielten, auch waren sie sehr hoͤflich, und mehr als mans sonst in katholischen Laͤndern findet. Hier und da trift man herrliche Triften, Felder und Wiesen an. Den Den 5ten Aug. Heute passirte ich erst noch einen Forst, der noch ins Bamberg ische gehoͤrt, und dann betrat ich Obersach- sen, das sich gleich durch eine schoͤne Aussicht ankuͤndigt. In der Ferne erblickt man den beruͤhmten Thuͤring er Wald. Eine halbe Stunde vor Judenbach faͤngt die Strasse an, den steilen und steinichten Weg hinan zu gehen. Die Fuhrleute binden daher im Herabfahren Klapperstecken an die hintern Achsen, die zwischen die Felgen des Rads eingreifen, und vorhindern, daß der Wagen nicht stuͤrzt. Sie warnen dadurch zugleich einen andern Wagen, der ihnen etwa entgegen kommen koͤnnte, weil’s oft fast unmoͤglich ist, auszuweichen, Man be- gegnet immer Guͤterwagen, die uͤber Koburg, Schlaitz, Gera ꝛc. Franken wein nach Leipzig fuͤhren. Dagegen gehen auf der Strasse, die ich nahm, bestaͤndig. Wagen mit hallischem Salz durchs ganze Land herab. Die Fuhrleute tragen alle weisse leinene Kittel. Man baut hierherum Korn, Hafer, Gerste, Grundbirnen, auch etwas Flachs und Hanf. Die Erndte fing jetzt erst an. Judenbach, worauf ich nun zukam, ist ein ziem- lich grosser Flecken, und gehoͤrt Sachsen-Meinungen. Gleich vor dem Orte sieht man neben der Landstrasse viele Kohlenbrenner, die eine Menge Holz verhauen, ihre Meiler dampfen unaufhoͤrlich. Sie sind eine ehrliche, grade, simple Art von Menschen. Das Gebuͤrge ist ganz mit Tannen, Fohren, Lerchenbaͤumen, Wachhol- dern u. dergl. bewachsen, und besteht ganz aus Schie- fer, der an der Luft verwittert. Man deckt auch durch- gaͤngig hier im Lande damit. Einige Schiefer sind schwarz, schwarz, andre verwitterte braune Jaspisbrocken. Zwi- schen den Bergen faͤllt eine Menge Wasser herab, und man muß oft lang durch Wasser fahren, auch stehen uͤber- all Muͤhlen. Daher sucht man auch immer auf der Strasse dem Wasser eine Leitung von Holzstaͤmmen zu machen, sonst reist es alle Strassen ein. Im Winter soll die Gegend oft ein einziges Eisfeld seyn. Eine un- geheure Last von Schnee faͤllt auf diesen Wald herab. Von Judenbach kam ich nach Reichmannsdorf. 3. Stunden von Saalfeld, und uͤbernachtete da. Ich sah, daß man hier die Och- sen, wegen den rauhen steinichten Gegenden, mit Eisen beschlaͤgt. Auf jede Klaue wird ein eignes Eisen aufge- legt, an den Hinter- und Vorderfuͤssen. Im Winter aber macht der Schmidt das Eisen aus Einem Stuͤck. An der Grenze der verschiedenen Saͤchsi schen Her- zogthuͤmer stehen an den Schlagbaͤumen alte Invaliden und wollen die Reisenden ausfragen: ein Saalfeld er hatte das Bajonet geschwind statt des Seitengewehrs angesteckt. Die Leute feuern hier Sommer und Winter ein, kochen alles im Ofen, rauchen Toback dabei, trinken elen- den uͤber Wachholder, Pomeranzen und dergl. abgezoge- nen Brantewein ꝛc. Den 6ten Aug. Heute traf ich in Saalfeld ein. Bis hierher ist die Gegend rauh und kalt, hier hoͤrt aber der Thuͤringer Wald auf. Das Staͤdtchen selbst ist klein, und ziemlich mittelmaͤßig. Es Es liegt an der Saale, die ich nun noch oft sehen wer- de. Ich lenkte nach dem Fuͤrstenthum Schwarzburg hin, um Rudolstadt zu erreichen. In der That sind auch die dasselbe einschliessende Gebuͤrge in der Naͤhe und in der Ferne ganz schwarz. Ich passirte das Staͤdtchen Schwarzach, und einige Doͤrfer, die zwischen lauter Bergen in der Tiefe des Thals die schoͤnsten Felder ha- ben, und langte drauf in Rudolstadt an, einem ziemlich grossen und wohl- habenden artigen Staͤdtchen, ebenfalls an der Saale ge- legen. Das Schlos oder die Burg liegt angenehm auf einem hohen Berge. Die Einwohner sind alle Evan- gelisch-Lutherisch, und nur wenige Katholicken unter ih- nen. Die Weibspersonen sitzen hier mit blauen Manns- maͤnteln, die mit breiten goldnen Borten eingefaßt sind, in der Kirche. Ich erfuhr, daß grade heute der Erbprinz zur Kom- munion ging. Folglich konnt’ ich zu meinem grossen Bedauern, sein Naturalienkabinet Dieses vortrefliche Kabinet steht in einigen Zimmern auf dem Schlosse Ludwigsburg wohl geordnet, und ist besonders in den Konchylien und Mineralien sehr vollstaͤndig, und an seltenen Stuͤcken reich; aber auch in der Zoologie kan es viel Schoͤnes aufweisen. Da- bei befinden sich noch die kostbarsten Werke aus der Natnrgeschichte, als Regenfuß, Lister, Gualtie- ri, Clerk, Merianin ꝛc. Der Hr. Erbprinz ist selbst gruͤndlicher Kenner. Mehreres von diesem Kabinette findet man S. 306. u. f. des 10. B. der bernoull ischen Samml. kurzer Reisebeschr. Herausgeber. nicht zu sehen krie- gen. Zweiter Theil. G gen. Ich ging also in die Stadtkirche, und hoͤrte ei- nen Collabor. Gymn. Liebmann uͤbers Evang. Luc. XV. Dom. XI. p. Tr. predigen. Er handelte: Von der Gefahr des Selbstbetrugs. I) Von diesem selbst. II) Von der Gefahr. Die Anwendung machte er auf die in voriger Woche in 2. Tagen fast ganz abge- brannte Stadt Ilm im Rudolstaͤdti schen, wo bei 300. Brandstellen waren. Die Warnung vor Irreligion, Profanitaͤt und Verdammungsurtheil dabei war sehr schoͤn und gefiel mir. Er ruͤhmte die bereits, auch von Ka- tholicken, auch von Nachbarn eingesandten Beisteuern, ermahnte zur Kollekte, und sagte dabei, die Armen im Volk sollten wenigstens fuͤr die Ungluͤcklichen beten. Im Kirchengebete waren die Salz- und Bergwerke des Lan- des mit eingeschlossen, aber bei der Fuͤrbitte fuͤr den Fuͤr- sten zu viel Titulatur; sein Name und alle seine Her- schaften und Grafschaften wurden hergelesen, darauf folg- te noch eine Danksagung, da ein Sohn vom Erbprinzen ein Jahr aͤlter geworden. Ich ging in die Sakristei, gab dem Prediger meinen Beitrag, und fuhr fort nach Weimar. Der Weg dahin geht groͤstentheils durch die Grafschaft Gleichen, Hazfeld ischen Antheils, und laͤuft uͤber die angenehmsten Fruchtfelder hin, wo man aber kaum angefangen hatte, zu schneiden. Ich kam durch Lengefeld, Neckerrode, Blankenhayn, wo’s wegen der Feuersgefahr bei 5. Thaler Strafe verbothen war, mit der brennenden Tobakspfeife uͤber die Strasse zu ge- hen. Das Weimar ische Land selbst scheint bei weitem nicht so gut zu seyn, als diese Grafschaft. — Das deutsche Reichs-Conventions-Geld geht noch in ganz Judenbach; auch in Reichmannsdorf nimmt nimmt mans noch, doch verliert man dran. In Saal- feld kursirt es schon nicht mehr, dort soll auch die schlech- teste Muͤnze seyn. Ich wechselte sie gar nicht ein. Die Rudolstaͤdt ische geht im Weimar ischen. Die silber- nen Sechspfennigstuͤcke, oder halbe Groschen sind wirk- lich sehr artig, und bequem zum Zaͤhlen. 24. Groschen machen einen Thaler. Weimar liegt im Thale, so daß mans kaum sieht, bis man nahe dran ist. Die Stadt ist klein, unansehn- lich, und irregulaͤr. Die Ilm fliest dran vorbei. Vom Schlosse stehen seit dem letztern Brande nur noch trauri- gen Ruinen. Es war gros, aber alt; man ist jetzt wil- lens, es mit mehrerm Geschmack wieder aufzubauen. Der Hof wohnt jetzt in einem Hause, das die Landstaͤn- de zu ihren Versammlungen erbaut haben, und von dem- selben hat man die traurige Aussicht auf das abgebrannte Schlos. Eine halbe Stunde vor der Stadt liegt Bel- vedere, ein Lustschlos, das sehr schoͤn seyn, und beson- ders eine herrliche Orangerie, worin sich Staͤmme von erstaunender Groͤsse und Alter befinden, haben soll. Die Herzogin Frau Mutter ist auf dem Lande, und auch des Herzogs Bruder, der Prinz Konstantin, nicht immer in der Stadt. Ich nahm mein Logis im Adler, nicht weit vom Markte. Den 7ten Aug. Mein erstes Geschaͤft war heute dem Hrn. Diak. Schroͤter meinen Besuch zu machen, und sein Naturalienkabinet zu besehen. Es enthaͤlt ohn- G 2 gefaͤhr gefaͤhr 3000. Erze, 4000. Konchylien, und unsaͤglich viele Versteinerungen. Er fing klein an zu sammeln, weil er kein Vermoͤgen hat; sammelt aber nun 13. Jahr, und nun haͤlt ers auf 3000. Thaler; es muß ihm auch jetzt durch das, was er daruͤber schreibt, Zinsen tragen, denn seine Besoldung ist nur 600. Thaler. Ich fand darin besonders bemerkenswuͤrdig: 1) Herrliches gruͤnes Koburger Holz. Es soll verstei- nert seyn, mir ists ein wahrer Stein. 2) Madrepor. fungites, versteinert, mit Mytilis, von Halle. 3) Eisenhaltige Hoͤlzer von Schmalkalden, die ge- schmolzen werden. 4) Alcyonium in Kalk. Hr. Schroͤter beruft sich dabei immer auf die ausserordentliche Schwere. 5) Ein Schlackenartiger Koͤrper von Altorf, der doch nicht Schlacke ist, und mit dem Ac. nitri braust. 6) Alcyon. aus Champagne, — wie mehrere andre dortige Sachen, — in materia silicea, z. B. Ammonshoͤrner. 7) Gar schoͤn versteinerte Maͤntel aus Passau. 8) Eine versteinerte Fluͤgelschnecke aus Verona. 9) Kybitzeier von der Insel Faxoe bei Faroe. 10) Eine Volute in schwarzen Jaspis aus Maltha. 11) Ein Turbinit in Chalcedonyx verwandelt, vom Regenstein im Halberstaͤdt ischen. 12) Ein Buccinum in Kiesnieren. 13) Millionen zusammengewaschene Schnecken und Muscheln. 14) Runde Orthoceratiten, auch geschlaͤngelte. 15) Ein 15) Ein ganzer dergleichen in einer Kiesniere von Altorf. 16) Belemmten. Sind, wie Orthoceratiten, Lituiten, und Entrochiten, noch unbekannte Konchylien. Man hat Stuͤcke, wo der Alveolus unten noch leer ist; da saß das Thier. Das uͤbrige von der Hoͤlung ist geschlossen. Koͤmmt unzaͤhligemal vor, und ist Be- lemnit. Man hat auch Stuͤcke, wo man den Ner- vengang des Thiers noch sieht. S. Einleitung ins Steinreich, 4. B. Tab. III. 17) Echinit, worin Krystalle sitzen, von Faxoe. 18) Schraubensteine. Sind Entrochiten, die in Eisen verwittert sind. Entrochiten sind Stuͤcke von Zoophiten, die man nicht genug kennt. 19) Kroͤtensteine, fossilia von Maltha. Schroͤter haͤlt sie fuͤr Backzaͤhne von Fischen; sie sehen aus wie Augensteine oder Achatstuͤcke. 20) Gelenksteine; sollen das seyn, was dem Enerinus zunaͤchst unter der Krone sitzt. 21) Asteria ophiura, versteinert auf Sand, von Ko- burg. 22) Gegrabne Konchylien; eine starke Sammlung, worunter einige neue Gattungen sind. 23) Herrliche Meerkoͤrper aus Norwegen; als Ko- rallinen, Myxine glutinosa, Doris, Clio, Asci- dia, Austern, Echinus im Weingeist, Phalangi- um marinum, Nereis, Cap. Medusae, Aster. pectinata etc. 24) Quecksilberstuffen, wo sich der Zinnober abreibt, aus Ungarn. 25) Herkuleskeule, s. davon den Naturforscher. 26) Dentalium. 27) Eine gruͤne neue Patelle. — Eine Glaspatelle. G 3 28) Ein 28) Ein Midasohr, woran noch das Seemoos sitzt. 29) Bulla amplustrae, aperta, das Theeloͤffelchen, Terebellum, und auch aufgeschnitten. 30) Nautili, ausm Sand bei Rimini, aufgeschliffen, hat unterm Mikroskop 38.-40. Kammern. 31) Voluta oliva, oder Waldesel; abgeschliffen ist sie die rare Voluta, s. Martini ’s Kabinet, S. 565. 32) Kapuziner, ist Conus Miles abgeschliffen. 33) Admiraͤle. — Murices, auch aufgeschnitten. 34) Bootshacken, Mur. Lambis, Mur. haustel- lum ist gar schoͤn. 35) Helix ampullacea, die Koth oder Schlamm- Schnecke, weil sie in Reisfeldern, wenn er abgemaͤht worden, vorkoͤmmt. — Auch mit dem Deckel. 36) Aufgeschliffene Spindeln; Stockwerk auf Stok- werk. 37) Mohrenbinde, die auch dahin gehoͤrt; gar schoͤn. 38) Murex dispectus, heist mit Recht so, aber in- wendig wie Gold. 39) Zebra; hat Linne’ nicht. Soll sehr selten seyn, und sich beim Vorgeb. d. g. H. auf den hoͤchsten Bergen finden. 40) Pabstskrone, aus suͤssem Wasser; aufgeschnitten. 41) Schrauben. — Wendeltreppen. 42) Oelkruͤge, weil sie aufgeschnitten inwendig einen Goldglanz haben, und wie gestandenes Oel aussehen. 43) Bienenkoͤrbchen, ein Trochus aus China. 44) Perlhuͤhnchen, das ich auch besitze, eine Fluß- konchylie, die Linne’ nicht hat. 45) Ein Mytilus, der wie Opal spielt. 46) Eine Ostrea, die Linne’ nicht hat; rauh. 47) Grosse 47) Grosse Kompasdubletten, rothgestreift, aus Japan. 48) Afterarchen, wo ein Stuͤck wirklich groͤsser ist, als das andre, aus Westindien. 49) Pohlnischer Hammer, und 50) Sattel; es kan kaum eine Messerschneide dazwi- schen. 51) Mactra Spengleri, ein schwer zu klassifizirendes Stuͤck. 52) Die blaue Hure, ist die abgeschliffene Mactra stul- torum. 53) Herrliche Solenes, unter andern, radiatus, die den Tellinis sehr gleichen. 54) Anomia Terebratula, aus Ostindien. Das Original zu so viel tausend Versteinerungen. Linne’ redet in der Mantissa von einer Norwegica; diese ist auch hier, auch noch mit dem ausgetrockneten Thie- re; alle mit den Oefnungen oben, wodurch das Thier- den Ruͤssel steckt. 55) Chiton, glatt und gestreift. Eine Schnecke von 8. zusammengegossenen Ribben, nicht Oskabioͤrn. S. Spengler in Beschaͤftigungen ꝛc. 56) Lepas, gar schoͤn, sonderlich Tulpen. Testu- dinaria auf Walsischhaut. Galeata auf einem Horngewaͤchs, aus Island. 57) Linkgewundene Schnecken. 58) Asterias, aufgeschnitten zur Anatomie, — sechs- strahlicht; — einige, an denen man die Repro- duktionskraft sieht. G 4 59) Ue- 59) Ueberhaupt herrliche Suiten aus allen Geschlech- tern Weitere gute Nachrichten von diesem beruͤhmten Na- turforscher und dessen Kabinette findet man in der klei- nen Reise ins Thuͤring ische im J. 1782. die in den 10ten B. der bernoul lischen Samml. kurzer Reisebeschr. eingeruͤckt ist. Seite 320. u. f. Herausgeber. Von Hrn. Diak. Schroͤter ging ich und machte den Hrn. Generalsuperintendenten und Oberkonsistorialrath Herder meinen Besuch. Ich fand ihn recht gesund und munter. Ein Mann von unbescholtenem Karakter. Er hat eine wuͤrdige Frau und 4. schoͤne Knaben und lebt gluͤcklich. Wir sprachen uͤber Verschiedenes. Vom Zenda-Vesta, und der aͤltesten Urkunde mag er jetzt gar nichts mehr hoͤren. Uebers Gekreisch der Ketzermacher lacht er. Er sagte mir, er sei auf die Kabbala durch Lightfoot gebracht worden, sei aber nun uͤberzeugt, daß kein Menschenverstand darin ist. Seinen Styl habe er vom Rektor Haman in Preussen, — denn Hr. Her- der ist aus Mohrungen in Preussen gebuͤrtig; — der die Apologie des Buchstabens H geschrieben hat. Er besitzt viel schoͤne Buͤcher, die zu den Alterthuͤmern und zur griechischen, englischen und spanischen Litteratur gehoͤ- ren. Leztere liebt er jetzt vorzuͤglich. Gegenwaͤrtig schreibt er Briefe, uͤber die rechte Art, Theologie zu stu- diren. Er braucht nur aller 4. Wochen einmal zu pre- digen. Nachdem ich ihn verlassen, hatte ich die Gnade Sr. Durchl. dem regierenden Herzoge aufzuwar- ten. Ein noch junger, aber viel versprechender, men- schen- schenfreundlicher Fuͤrst, der ohne Affektation ist, auch Pracht nicht liebt. Dem Herzoge von Gotha zu Gefal- len, der keine Haare hat, und doch keine Peruͤke tragen wollte, lies er sich seine auch abschneiden, traͤgt also den Kopf fast ganz glatt. Er unterhielt sich sehr leutselig mit mir von Karlsruhe, vom Zwecke und Nutzen des Rei- sens, von der Naturgeschichte, die er selbst liebt, von Gymnasien, Universitaͤten, dem hiesigen Kabinetten u. dergl. Die Einsichten, die er hierbei an Tag legte, er- regten meine Verwunderung und Verehrung. Nachdem ich gnaͤdig entlassen worden, besuchte ich den Hrn. Oberkonsistorialrath Schneider, mit dem ich ehemals von Goͤttingen aus, wegen einer gewissen An- gelegenheit korrespondirt hatte, und nach ihm Das Herzogl. Naturalienkabinet. Ehemals wars eigentlich eine Kunstkammer; der vorige Herzog aber kaufte das Heidenreich sche Kabinet dazu, und der jetztregierende lies das Aeussere einrichten, und setzte Hrn. Diak. Schroͤter zum Aufseher daruͤber, gibt auch alle Jahr 100. Thaler zu Anschaffung neuer Sachen her, weil er selbst Liebhaber der Naturgeschichte ist. Ich fand un- ter andern Merkwuͤrdigkeiten: 1) Angeblich verfteinerte Muskatnuͤsse ꝛc. 2) Scholle, Karpe, Hecht, kenntlich auf Schiefer abgedruckt. 3) Hipperit, in Eisenstein. 4) Ein Aalfoͤrmiger Fisch auf Schiefer von Ilme- nau; der ganze aufgeschlagene Koͤrper ist in Spat verwandelt. 5) Kastanien. Schroͤter haͤlt sie fuͤr Fischzaͤhne. G 5 6) Eine 6) Eine Tafel voll Heliciten, angeschliffen; vermuthlich aus der Schweiz. 7) Eine Terrebratula in Karniol verwandelt. 8) Ein Echinus in Jaspis verwandelt. 9) Kaͤfermuschel; oder Concha triloba rugosa des Links: in Wachs poussirt, wie er sie verschickte, wenn sie jemand sehen wollte. Soll ein Krebs seyn. 10) Schoͤne Stuͤcke von Encrinis. 11) Kragenstein, oder Gyps von Wieliczka in Poh- len. Schober hat ihn entdeckt; enthaͤlt aber nichts salzichtes. 12) Ein grosser Dendrit von Solenhofen im Pap- penheim ischen. Man koͤnne sie noch groͤsser haben, die Leute aber spalten die Stuͤcke wegen des Trans- ports. 13) Suiten von herrlichen Spaten vom Harz. 14) Ein Schweizer Bergkrystall, 250. Pfund schwer. Ein Schweizer fuͤhrte das Stuͤck von dorther, bis auf Weimar, und da zahlte ihm der vorige Her- zog 75. Thaler dafuͤr. 15) Truͤbe, auch gefleckte Krystalle; das sollen die un- tern im Keller oder im Gewoͤlbe seyn. 16) Patella chinensis, mit der Kammer inwendig. 17) Westind ischer Orangen-Admiral. 18) Teufelsklaue und Kamisolknopf, roth, Troch. Pharaonis, selten. 19) Kleine Kompas dubletten. 20) Chama Hippopus, voͤllig wie ein Pferdefuß. 21) Ein unbekanntes Cardium. 22) Spannenlange Solenes. 23) Le- 23) Lepas Diadema, den Walch im Naturforscher Lepas Polythal. nannte, bis ihn Martini in den Berl. Mannichfaltigkeiten belehrte. 24) Aster. reticulata, — ein herrliches Stuͤck. Man schneidet auch die Aster. durch, um die innere Orga- nisation in jedem Strahl zu sehen. 25) Rauchtopas vom Gotthardsberge; ein Spiel der Natur. Ueber einander geschobene Taͤfelchen, und die Krystalle an beiden Seiten ausgeworfen. 26) 270. Stuͤck Kiesel aus aller Welt, angeschliffen. Sind von Rumbricht in Blankenburg fuͤr 20. Tha- ler zu haben. 27) Eine Mumie, ein Kind. 28) Majolica. Blau und gelbe Teller von 1550. aus Raphael’s Zeit Wenn diese Majolica von obbesagtem Jahr ist; so kan sie aus Raphael’s Zeit nicht wohl seyn, denn die- ser starb 30. Jahr zuvor, nemlich 1520. Ueberhaupt ist wohl die wenigste Majolica, die man hin und wie- der in Kabinetten antrift, von Raphael selbst, son- dern vielmehr von guten Schuͤlern desselben und son- derlich von seinem Vetter Guido Durantino zu Urbi- no, aber nach Raphael’s Zeichnungen gemahlt worden. Herausgeber. . 29) Herrl. Baͤume aus dem Meere. 30) Ein Cap. Med. auf Marmor von Altorf. Ko- stete 50. Thaler. 31) Isis nobilis mit starken Zacken. Jeder Ast gilt einen Dukaten. 32) Ganze Kasten voll Elfenbeinernes Schnitzwerk. 33) Ein 33) Ein Pelikan, der hier im Lande bei Schwanen- see gefangen worden. 34) Ein Skelet von einem Elephanten, aber unter ein- ander geworfen. 35) Ein ausgestopfter Manati, der sich aber an eine Ecke hinter sich lehnt. 36) Eine Robbe und ein dazu gemachter Groͤnlaͤnder im Kajack aus Fischhaut. 37) Eine Wallsischrippe, wiegt 294. Pfund. 38) Grosse und kleine Harpunen, Krokodille, Saͤ- gefische ꝛc. Aber No. 34.-38. ꝛc. lagen in einer Nebenkammer ganz mit Staub bedeckt. Das war Schade! Als wenn folche Stuͤcke nicht wichtiger waͤren, als Versteinerungen! Gegen Abend machte ich einen Spaziergang mit mei- nem lieben Herder und seiner guten Gattin an der Ilm hinab, durch eine anmuthige Gegend. Wir sprachen vom Landpredigerstande. Er fuͤhrte daruͤber viele Kla- gen und sagte, Jena mache, daß alle Bauerjungen studirten, die Eltern schickten ihnen Butter, Fleisch ꝛc. hinein — — Bei einer Praͤsentation habe ihm einer, der sonst famam hatte, uͤber Evang. D. X. p. Tr. von der Geissel Christi, und von der Pflicht der Obrigkeit, den Tempel zu reinigen ꝛc. vorgepredigt, auch habe man seither noch immer nach dem Bayer examinirt. — — Auf den Abend mußt’ ich bei ihm speisen, und drauf nahm ich ungern Abschied von dem wuͤrdigen Manne. Den Den 8ten Aug. Mein erster Besuch fuͤr heute war beim Hrn. Gehei- menrath Goͤthe, und drauf beim Hrn. Hofrath Wie- land, liebenswuͤrdig in seinen Werken, in seiner Fa- milie, in seiner Gesellschaft, und ein gluͤcklicher Vater von 3. Soͤhnen und 4. Toͤchtern. Mittags speißte ich beim Hrn. Diakon. Schroͤter. Der gute Mann beschenkte mich mit verschiedenen schoͤ- nen Naturalien, versprach mir auch noch ein Cap. Med. zu schicken, dagegen ich ihm Verschiedenes verschaffen soll. Nach Tische hatte ich das Gluͤck, Ihro Durchl. der Frau Herzogin vorgestellt zu werden. Eine Prin- zessin, von einem uͤberaus gnaͤdigen, liebreichen, guten, reinen Karakter. Sie sprach von Wieland und Vol- taire, und ihre Urtheile waren ungemein richtig und tref- fend. Sie erzaͤhlte, erster habe ihr und der Herrschaft in Gotha den Oberon in Handschrift vorgelesen ꝛc. Hierauf besuchte ich den Hrn. Rath Bertuch in sei- ner angenehmen Gartenwohnung, Davon macht der ungenannte Gelehrte in seiner kurzen Reise ins Thuͤringische 1782. eine sehr rei- zende und malerische Beschreibung, die man S. 323. u. f. des 10ten B. der bernoul lischen kleinen Reise- beschr. findet. Herausgeber. und dann aß ich auf den Abend bei meinem Freunde Wieland in seinem Garten. Als ich diesen um sein Portrait bat, sagte er, alle Kupferstiche von ihm taugten nichts, Geyser in Leipzig aber werde ihn stechen. Sein bestes Portrait habe sich die verstorbne Herzogin von Wuͤrtemberg ma- chen chen lassen. Mit dem Karakter der Nation und ihrer Verfassung war er gar nicht zufrieden, und wuͤnschte sie ganz umgestuͤrzt zu sehen. Weil ich Morgen Weimar verlassen wollte, so nahm ich Abschied von dem herrlichen Kopf und seiner wuͤrdigen Familie. Den 9ten Aug. Reise nach Jena. Ich kam durch herrliche Fruchtfelder, uͤber ein Dorf Frankendorf und Ketschau, wo ein Salzwerk ist, hierher. Jena ist ein finstrer, enger, alter, winklichter Ort, hat aber doch einen schoͤnen Markt, aber keinen gu- ten Gasthof. Ich logirte in der Sonne auf dem Mark- te. Es war grade das jaͤhrliche Vogelschiessen der Buͤr- ger und Studenten. Letztre halten viel Hunde, wie ich bemerkte. Ich machte gleich dem beruͤhmten Zergliede- rer, dem Hrn. Hofr. und Prof. Loder, einen Besuch, und speiste auf seine freundschaftliche Einladung Mittags bei ihm in Gesellschaft des Hrn. Geheimterath Goͤthe. Nach Tische besah ich Walch’s, oder das nunmehrige Herzogl. Na- turalienkabinet. Es steht in 4. Zimmern auf dem Schlosse. Des Herzogs von Weimar Durchl. hat es (die Bibliotheck mit dazu gerechnet) der Wittwe des seel. Walchs 1779. abgekauft, und gibt ihr jaͤhrlich, so lan- ge sie lebt, 300. Thaler. Das kleine Kabinet, was der seel. Walch zu den Vorlesungen brauchte, kauste Hall- bauer. Hr. Hofr. Loder hat die Aufsicht daruͤber. Hr. Hr. Mag. Lenz aber soll es rangiren. Man schmeichelt sich, der Herzog werde das Weimarische Kabinet dazu schenken Dies ist auch seitdem geschehen. Der Herzog hat zu dem Heidenreich schen das Walch ische und Weimari - sche geschlagen, und aus diesen dreien Eins machen lassen, das nun an Vollstaͤndigkeit, da uͤberdies im- mer noch dazu gesammelt wird, zu den ersten Naturali- entabinettern in Deutschland gehoͤrt. Es ist nun sehr gut geordnet, und mit einem vollstaͤndigen Katalog versehen. Jeder, der sich beim Ober- oder Unterauf- seher meldet, bekoͤmmt es zu sehen. Es wird auch kuͤnftig alle Wochen ein paarmahl geoͤfnet werden. Mehrere Nachrichten von demselben und dessen beiden Aufsehern, den wuͤrdigen Gelehrten, Loder und Lenz, kan man nachlesen in Hrn. Nikolai ’s Reisen durch Deutsch. 1. B. Beil. S. 44. 45. und kleine Reise ins Thuͤringische, im 10. B. der bernoul lischen kleinen Reisebeschr. S. 315. u. f. Herausgeber. . Jetzt sah noch alles, wie ein Chaos aus. Der seel. Walch schrieb selten das Locale dazu. Mir waren darin besonders merkwuͤrdig: 1) Versteinerte Nautili, sehr schoͤn. Es waren noch Stuͤcke von der Schale vorhanden. 2) Ein Enkrinit um Jena herum gefunden. 3) Sehr grosse Belemniten aus Anspach. 4) Etliche Kaͤfer muscheln. 5) Marmor mit Patellen. 6) Sehr grosse Stuͤcke von Fraueneis. 7) Krokodill eier in Weingeist, weis mit braunen Flecken, wie Apricosen. 8) Ein 8) Ein Dasyp. decemcinctus. 9) Ein ganz vortreflicher Cyclopterus. 10) Viele Fische in umgekehrten Kaͤstchen von Pappdeckel. 11) Aster. mit vier Strahlen. 12) Cap ische Pflanzen. 13) Ampelis garrulus hat die rothen Endspitzen an den Federn und ist in diesem Lande nicht selten. 14) Ein Hamster, die grosse Plage dieses Landes. 15) Ein Auerhahn, recht gut ausgestopft. 16) Vultur barbatus aus der Schweiz. Der untre Kiefer ist erschrecklich scharf und spitzig. Hat unten greulich viel Federn. 17) Ein himmelblaues Kolibri. 18) Ein schwarzer dergl. mit gelbbraunen Kopf. 19) Raupen durch eine Nadel mit Baumwolle angefuͤllt, gefirnißt und aufgesteckt von dem geschickten Hr. M. Lenz. 20) Wiedehopfe, ein Paͤrchen. 21) Ein sehr grosses weisses Korallenstuͤck. 22) Korallenmoos, mit einer Pholade darin. 23) Dermest. Imperialis. Herrlich sind die Reihen unter dem Mikroskop. Kostet 5. Louisd’or. 24) Eine schoͤne Bernstein sammlung. 25) Ein Nest von einer Schwanzmeise in einer Gabel von Aesten. Von da stattete ich dem Hrn. D. und Prof. Theol. Griesbach einen Be- such ab. Er war eben zum Erstenmahle Prorektor. Ein wuͤrdiger Gottesgelehrter. — Er hat eine Schwe- ster des Hrn. Prof. Schuͤtz zur Ehe, aber keine Kinder. Aber sie ist eine vortrefliche angenehme Frau, besitzt Witz, Bele- Belesenheit, ist Dichterin, Malerin, Tonkuͤnstlerin und alles dies groͤstentheils ohne Anweisung. Ist der Mann im Besitz eines solchen Weibes nicht gluͤcklich! Ich aß auf den Abend bei ihnen, mit Hrn. Prof. Schuͤtz, Hrn. Kammerrath Wiedeburg, und Hrn. Maler ꝛc. einem jungen Studirenden. Wir waren alle herzlich vergnuͤgt. Den 10. Aug. Mein erster Besuch war heute beim Hrn. Kirchenrath Danov, Das 1782. erfolgte traurige Ende dieses Gelehrten ist bekannt. Herausgeber. einem grossen, dicken und starken Manne. Wir sprachen von Doͤderlein’s Schristen, von Noͤsselt’s theologischer Buͤcherkenntnis ꝛc. Er forderte mich auf, meine Naturbetrachtungen ja fort- zusetzen ꝛc. Von ihm ging ich zum Hrn. Prof. Weber, der von Rostock hierher ge- kommen ist; der gute Mann aber leidet seit 4. Jah- ren an den Haͤmorrhoiden Er ist auch 1781. mit Tode abgegangen. Herausgeber. . Er ist Verfasser des Buchs von der Aehnlichkeit mit Gott, und einiger Pre- digten. Er liest hier sonderlich praktische Sachen, und uͤbt die Studenten fleissig im Predigen. Darauf machte ich ferner Besuche beim juͤngern Hrn. Schroͤter, dem Sohne des Hrn. Diakons Schroͤ- ter in Weimar, der hier Sprachen und Schulwissenschaf- ten fleissig studirt Dieser hofnungsvolle junge Mann ist zur groͤsten Betruͤbnis seines guten Vaters 1782. gestorben. Herausgeber. ; beim Hrn. Hofrath Waich, Hrn. Prof. Ulrich ꝛc. und dann ging ich aufs Ana- Zweiter Theil. H Anatomische Kabinet beim Hrn. Hofr. Loder. Er erzaͤhlte mir, daß er aus Wagler’s Sammlung fuͤr beinahe 200. Louisd’or gekauft habe und nun fuͤgt er noch feine eigenen Praeparata hinzu. ꝛc. Er macht gegenwaͤrtig auf Kosten des Herzogs eine gelehrte Reise durch Italien, Frankreich ꝛc. Herausgeber. Der Herzog will ihm auch einen eignen Zeichner halten, und die Stuͤ- cke sollen wie Hunter’s praͤchtiges Werk de utero hum. grav. in Kupfer gestochen werden. Mir war darin vor- zuͤglich bemerkenswuͤrdig: 1) Ein Mohren- Foetus schwarz, aber unzeitig abge- gangen. 2) Foetusse von 4. Monaten ꝛc. 3) Molae, wo man die Amnios, aber nichts mehr vom foetu sieht. 4) Eine Mola vesicularis. 5) Zwei uteri bicornes , auch molae bicornes aus ihnen. 6) Ein uterus obliquus , und doch noch virgineus. 7) Hymenes. — Corpora lutea. 8) Praeparata von Uteris durch Maceration. 9) Stuͤcke, wo die flocculi Placentae noch ganz, an- dre, wo sie schon nur halb den uterum umziehen, an- dre, wo sie sich schon ganz oben hingezogen haben. 10) Carunculae myrtiformes. 11) Ein Vterus Simiae , sehr aͤhnlich. 12) Eine Spina bifida. 13) Hydrops funic. umbilicalis in ovo, abortus causa. 14) Ein 14) Ein Ovum human. noch in einer eigenen Cistilla. 15) Vasa anastomotica aus der Plac. in utero. 16) Musculus orbicularis Ruyschii d. i. die innere Flaͤche des Uterus. 17) Ansehnliche Stuͤcke, wo die Placenta uterina noch dran haͤngt. 18) Placenta trimellorum. Die 3. Funic. umbili- cales neben einander. 19) Arteria thyroidea inferior ex arcu aortae , s. Neubaur. Das ist die mehrmals beobachtete Varie- taͤt am Herzen, daß aus dem Bogen ausser den 3. Ge- faͤssen noch ein 4tes kleines kommt. 20) Clitoris an foetub. foemin. sehr lang, sieht aus wie ein Penis. 21) Descensus Testiculi , und Gubernaculum Hunteri. 22) Wagler’s injicirter Vierus , wo die Placenta auf dem Orif. uteri anhaͤngt. 23) Verschiedene Beschaffenheit des Muttermundes. 24) Ein voͤlliges Kind, wovon der groͤste Theil des Kopfs noch nicht ossificirt war. 25) Ausgespruͤtzte Stuͤcke von Intest. wo man alle Ana- stomoses sehen kan. Ich besuchte von da den beruͤhmten Hrn. Prof. Eichhorn. Wir sprachen uͤber die Ur- geschichte. Dagegen hat Rau in Erlangen ein Pro- gramma geschrieben, darin er Gen. 1. nicht fuͤr eine Ficktion, sondern fuͤr ein historisches Lied haͤlt. Drauf ging ich mit H 2 Hrn. Hrn. Kammerrath Wiedeburg spazieren, um die Gegenden von Jena ein wenig zu besehen; nahm dann Abschied von Hrn. Dr. Griesbach und seiner liebens- wuͤrdigen Gattin, und soupirte noch zum Beschluß mei- nes hiesigen, fuͤr mich allerdings nur zu kurzen, Aufent- halts bei Hrn. Prof. Eichhorn mit den Herren Loder und Weber. Inter bonos bene! Den 11ten Aug. Reise nach Halle. Von Jena bis nach Halle sind 8. Meilen, die Land- strassen sind schmal und laufen an der Saale hin. Man sieht erst viel Schieferberge, hernach aber liebliche Frucht- felder. Ueber Mittag war ich in Naumburg, einer alten saͤchsischen Stifts- stadt, die zwischen Bergen, die theils mit Holz, theils mit Weinbergen bedeckt sind, eine ungemein romantische und reizende Lage hat. Darauf kam ich nach Lauchstaͤdt, einem seines mineralischen Bades we- gen sehr bekannten und im Sommer stark besuchten Staͤdt- chen, und dann endlich nach Halle, der Stadt, wo ein Baumgarten, ein Wolf, ein Segner lehrten, und wo Miller, wo mein Vater, Onkel, Bruder, Schwager, und so viele meiner Lehrer und Freunde ihre Jugend zubrachten, guten Sa- men einsammelten und dann wieder ausstreuten. — Ich nahm mein Quartier im blauen Hecht neben der Markt- kirche. Den Den 12ten Aug. Mein erster Besuch war heute beim Hrn. D. Semler. Dieser verehrungswerthe Ge- lehrte nimmt gleich durch seine geistvolle Mine ein. Ich fand ihn noch munter und frisch. Er nahm mich sehr freundschaftlich auf. Wir unterhielten uns uͤber Ver- schiedenes. Ueber seine Umstaͤnde sagte er: „Ich be- „rechne mich vor Gott und vor einer unendlichen Ewigkeit. „Man muß auch etwas leiden in der Welt. Es wird „keinem geboten von der Providenz, der nicht viel Anla- „ge hat. Der Weg der Vorsehung wird sich oͤffnen. „In froͤlicher Unterwerfung gegen Gott fang’ ich jeden „Tag an ꝛc.“ Als ich diesen treflichen Mann verlassen hatte, ging ich, Das Naturalienkabinet des Hrn. Kriegsraths von Leyser in der Steinstrasse zu besehen. Der Be- sitzer ist Kammerdirektor und hat erstaunend viel Ge- schaͤfte, sonderlich wegen des Departements der Berg- werkssachen im Lande, und doch nur 700. Thaler Besol- dung. Er ist vorsitzender Rath in der Naturforschenden Gesellschaft, die sich hier formirt hat, sammelt Minera- lien, Konchylien und Insekten ꝛc. Ich fand unter an- dern hier: 1) Quarz in Zinnober eingeschlossen, sieht, wenn er angeschliffen ist, wie ein roth und weisser Edelstein aus. 2) Morio , oder schwarzer Krystall. 3) Chrysopras, auf der einen Seite sieht man noch holzartige Fibern. 4) Oktaedrischer Rubin. H 3 5) Blaues 5) Blaues Sal gemmae mit Eisenoker. 6) Succinum fossile , das hier oft in braunen Kohlen vorkoͤmmt. 7) Steinkohlen, in denen zwischen den Lamellen, feiner Schwefelkies sitzt, daher sie sich oft entzuͤnden, von Gerbitz bei Wettin. 8) Pyrites cellularis , und die Bleikugeln liegen noch darin. 9) Bleiglanz in Galmei. 10) Zink aus Kupferschiefern. 11) Saalfelder Sandkobolde. 12) Saͤchs. Zinnzwitter, d. i. kleine Krystalle. Grau- pen heissen sie, wenn sie gros sind. 13) Polyedrischer Bleiglanz. 14) Sand von Rimini, ein Sack voll. Im kleinsten sieht man Welten. 15) Eisen-Krystall von Fahlun. 16) Sibirische Kupfererze, eine ganze Suite. 17) Oktaedrisch krystallisirtes Silber, von Kongs- berg. 18) Eine Goldstuffe von der Eule in Boͤhmen, so sel- ten, daß sie Hr. von Born selber gern gehabt haͤtte. 19) Waschgold aus der Saale. 20) Alabaster aus Thuͤringen. 21) Serpentinstein, gar viele angeschliffene Taͤfelchen mit Kalkspat; einer mit Amiantfaͤden, die man heraus nehmen kan. 22) Trigla volitans , versteinert, auf Kupferschiefer von Mannsfeld. 23) Eisensand von Gexholm in Schweden, den der Magnet zieht. 24) Herrliche Phytholiten, Schilf ꝛc. von Wettin. Zu Zu Mittage war ich beim Buchhaͤndler Hrn. Ge- bauer zu Gaste. Er ist ebenfalls Liebhaber der Natur- geschichte, sammelt, besitzt auch bereits viel schoͤne Sa- chen, und kostbare Buͤcher in diesem Fache. Nach Tische besuchte ich folgende Gelehrte: Hrn. Dr. Noͤsselt. Ein Gelehrter, den das viele Studiren alt und mager gemacht hat, sonst aber ein ge- lehrter, biedrer Mann. Hrn. Prof. J. A. Eberhard, der ein aufgeklaͤrter Kopf und scharfsinniger Philosoph ist. Er wuͤnscht die Fortsetzung der Abhandlungen von der Aehnlichkeit der Natur bei aller Unaͤhnlichkeit ꝛc. Vom seel. Martini erzaͤhlte er mir, daß er zuweilen eine kleine Debauche ge- macht habe, sei auch oft in 6. Wochen nicht aus seinem Kasten gegangen. Hr. Dr. Bahrdt sieht braͤunlich und wild aus. Er liest hier uͤber die Beredsamkeit, hat auch Etwas daruͤ- ber drucken lassen, klagte sehr uͤber akademischen Neid. — — Er lebt von Vorlesungen, Schreiben und Sub- skriptionen von Berlin. Jetzt ist er mit Basedow gegen Semlern alliirt, und ist der Saame von allen Uneinigkeiten. Ob er sich hier mainteniren werde, steht zu erwarten. Noch immer naͤhrt er seine Lieblingsidee von einer allgemeinen Religion. Hrn. Prof. Knappe fand ich nicht zu Hause. Hr. Prof. Theol. Niemeier war mit mir uͤber den Hiob einig, und meinte auch, Wesley der Engellaͤnder habe abgeschmacktes Zeug daruͤber gesagt ꝛc. H 4 Hierauf Hierauf machte ich mit Hrn. Dr. Semler einen Spaziergang, und aß dann Abends bei ihm in seinem Garten. Den 13ten Aug. Heute war ich in der Stadtkirche, oder wie sie heist, die Moritzkirche, und hoͤrte Hrn. Senf predigen. Die Dispositionen wer- den hier sehr weitlaͤuftig gedruckt. Das Exord war 1. Cor. VI. Preiset Gott mit dem Leib ꝛc. Thema. Die Pflicht der Christen, Gott auch durch Geberden zu ver- herrlichen. I ) Ursache. II ) Wie? — Statt des Kirchengebets ward die Absolution verlesen. Drauf folg- ten viele umstaͤndliche Danksagungen. Die Prediger tragen hier nichts als Mantel und Ueberschlag. Das Gesangbuch ist schlecht. Mittags war ich beim Hrn. Kriegsrath von Ley- ser zu Tische. Ich bemerkte bei dieser Gelegenheit, daß man hier den fuͤssen Kirschenwein sehr liebt, auch macht man im Herbst den sogenannten Loͤffelkrautwein, d. i. die Cochlearia officin. wird klein gehackt, und mit Most infundirt. Das Getraͤnke wird sehr piquant, und haͤlt sich, wenns wohl zugepfropft wird, sehr lange. Nach Tische bekam ich Hr. Prof. Goldhagen’ s Naturalienkabinet zu se- hen. Es enthaͤlt Mineralien, Konchylien, Voͤgel, war aber in keiner sonderlichen Ordnung. Der Besitzer kor- respondirt mit D. Koͤnig in Ostindien, und bekam eben jetzt Thierhaͤute aus Koppenhagen geschickt. Ein Ei voll Eiweis blos ohne Dotter sei allerdings sonderbar. Das Das schoͤnste Stuͤck, was ich hier fand, war ein aufge- trockneter Lemur volans L. den Linne’ aber nicht gese- hen, und der schwer zu ordnen ist. In der obern Kinn- lade hat er gar keine Incisores, die in der untern sind pectinati, sie haben die feinsten Einschnitte; canini oder laniarii sind auch keine da. An den Fluͤgelhaͤuten, die wollicht sind, aber wie getrocknetes Pergament ra- scheln, sind vorne scharfe umgebogene Klauen ꝛc. Un- ter die Primates gehoͤrt er nun gewis nicht. Von hier ging ich und besah die Insektensammlung der beiden Bruͤder Schaller, auf dem Domplatze. Es ist sehr nett und vollstaͤndig, und enthaͤlt in- und auslaͤndische Insekten in Kasten, die uͤber und in einander gesetzt werden koͤnnen. Der Buprestis Chrys. Fabr. aus Indien war haͤufig da, und gar praͤchtig. Die Besitzer haben schon zweimahl ihre Sammlung nach Wien und Wernigerode verkauft, sammeln aber immer wieder. Sie verstehen die Kunst, Fluͤgel, Koͤrper ꝛc. fein zusammen zu setzen. Sie sind ihrem eigentlichen Gewerbe nach Strumpfstricker. Auf den Abend war ich beim Hrn. Dr. Noͤsselt im Gartensaal mit Hrn. Prof. Niemeier und seinem Bru- der, einem Glauchi schen Prediger zu Tische. Die Un- terredung fiel auch auf die Todesstrafen, und da gestand Hr. Dr. Noͤsselt doch, daß der Geschaͤftstraͤger, oder der Akten gelesen hat, manches besser einsieht, als der akademische Gelehrte ꝛc. Bei Gelegenheit erfuhr ich auch, daß er in Paris gewesen war, daher er mich nach Manchem von dorther fragte. H 5 Den Den 14ten Aug. Mein erstes war heute das hiesige beruͤhmte Waisenhaus zu besuchen, und so machte ich auch dem Hrn. Prof. Freylinghausen meinen Besuch. Schon alt aber noch munter. Ein sanfter, gutmuͤthi- ger, rechtschaffener Gottesgelehrter. Hr. Inspektor Fischer fuͤhrte mich herum, und so gingen wir zuerst durch die Klassen. Jede ist Gros und Klein, nur Septima nicht. Selecta existirt gar nicht. Sie liegen nahe an einander. Ich bemerkte darin viel Ordnung und Stille, aber auch Verschieden- heit der Lehrer. In Grossekunda hoͤrte ich eine Dispu- tation uͤber die Ewigkeit der Hoͤllenstrafen!! — Die Apotheke ist vortreflich eingerichtet, reichlich versehen, und gehoͤrt mit zu den besten in Deutschland. Man sagte mir, daß jaͤhrlich wohl ein Zentner Rhabar- ber und 100. Pfund China verbraucht werde. Erstere ziehen sie uͤber Luͤbeck aus Moskau, die Kaͤferthal- s che halte sich in der Art nur 3. Jahre. Das Konviktorium und die Kuͤche. Zum Ko- fend und Bier braucht man zinnerne Becher. In der Kuͤche sind grosse kupferne Kessel, in denen eben Schoͤp- senfleisch gekocht ward. Das Brod war herrlich. Das Waisenhaus hat seine eigene grosse Landwirthschaft, und doch muß noch viel Milch, Butter ꝛc. gekauft werden. Es werden aber auch wohl an die tausend Menschen hier ernaͤhrt Im J. 1771. waren darin 731. Lehrer, Schuͤler und 181. Studenten, die Unterricht gaben. Siehe Ma- gazin . Das Das Naturalienkabinet ist schlecht rangirt, und wird nicht recht genutzt. Man hat keinen eigenen Leh- rer fuͤr die Naturgeschichte hier. Mir waren sehens- wuͤrdig: 1) Eine grosse Chama Gigas, 22. Pfund schwer. 2) Eine ganz weisse Eule. 3) Unter den vielen Spirituosis waren Eidechsen und Dasypusse ganz weis geworden. 4) Grosse Gallensteine von Kindern. 5) Topasfaͤrbige Drusen. 6) Sehr dicke Staͤmme von Meergewaͤchsen. 7) Modelle von der Stadt Jerusalem und dem Tem- pel Salomons vom ehemaligen M. Semmler. 8) Syst. Copernic. sehr gros, aber zerbrochen. 9) Eine Peruͤcke aus gesponnenem Glasfaͤden. 10) Ißlaͤndische Schuhe aus Fischhaut. 11) Malabarische Goͤtzen. 12) Poͤnitenzpantoffeln daher. Sie sind mit lauter Stacheln besetzt. 13) Oekonomische Modelle. 14) Der Kasack eines Groͤnlaͤnders. 15) Die ganze Malabarische Bibel auf Palmblaͤttern. Sie haͤngt buͤschelweis in Faͤden. Ganz oben uͤber dem Naturalienkabinet sieht man auf dem mit Kupfer gedeckten Altan, die umliegenden Gegenden, und hier wird zuweilen gesungen. Das gazin des Buch- und Kunsthandels 1780. 4tes St. S. 333. Herausgeber. Das Kanstein sche Bibelwerk steht in einem ei- genen Gebaͤude zwischen dem Waisenhause und dem Paedag. Reg. Das Bild des frommen Stifters, eines Barons von Kanstein, haͤngt darin. Die Bibel in gros 8. hat 80. Bogen, und jeder macht wohl einen Zentner Schrift aus. Diese ist bis jetzt 185mal abgedruckt; ko- stet nur 7. Groschen, ehemals gar nur 6. Groschen. Die kleine hat 60. Bogen, und ist bis jetzt 184mal ge- druckt. Man verwahrt in dem Saale eine Sammlung aller Ausgaben. Jedesmal druckt man 5000. Exempla- re. Das Papier dazu kommt meist aus dem Voigt- lande. Der Platz, wo die Schuͤler ihre Recreationen ha- ben, ist gegen den Regen bedeckt, und jede Klasse hat ihren eignen Ort. Das Paedag. Reg. liegt ganz hinten, hat ein schoͤ- neres Aeusseres, aber jetzt kaum 20. Schuͤler. Wir tra- fen gerade in eine historische und geographische Stunde. Man findet hier einen Anfang zu einer Mineralien- sammlung — viele mathematische Instrumente — Plane zu Festungen, von den Eleven gezeichnet, weil die meisten Offiziers werden, auch Holzstuͤcke, zum Zusam- mensetzen der Festungen auf den Boden. Mittags aß ich bei Hrn. Gebauer, und erhielt einen Bupr. Chrys. von ihm zum Geschenke. Nachmittags besuchte ich Hrn. Prof. Meckel, der seines seel. Vaters herrliche anatomische Praͤparate besitzt. Weil er aber eben mit Heirathen und Ausziehen beschaͤftigt war; so bekam ich ausser den Knochen nichts bei ihm zu sehen. Ein sprechendes Bild von Huntern in London hatte er, den er uͤberhaupt sehr lobte. Hierauf Hierauf besah ich die Salzkothen. Hr. Prof. Noͤs- selt’ s Vater, ein hiesiger Kaufmann, besitzt eine der be- sten, und diese besah ich. Die Sohlen sind hier gewoͤhn- lich 11.-14. loͤthig: Gradierhaͤuser braucht man nicht. Die Sohle in der Kothe, wo ich war, ist 16. loͤthig. In 6. Stunden setzen sich 2. Kegel Salz an, wovon je- der 75. Pfund wiegt, oder 1. Dresdener Scheffel oder 28. Hallische Metzen ausmacht. Man feuert mit Holz- kohlen und auch mit Steinkohlen. Ich versuchte die Sohle, es ist wahre Solutio salis, ganz saturirt. Auf dem Darrboden kan man vor Hitze kaum athmen. Der Brunnen, aus dem das Wasser geschoͤpft wird, liegt mit- ten in der Stadt, heist Gutjahr, ist 80. Ellen tief, soll schon vor Christi Geburt gebraucht worden seyn, und hat unten noch den ersten Bau, daran alles von Holz ist. Das Salz ist herrlich, weis und klar. Alle Wasser hier sind merkurialisch, daher zahlt man Etwas fuͤr die Ein- richtung mit reinem Wasser. Auf den Abend aß ich bei Hrn. Prof. Westphal in Semlers Gesellschaft. Den 15ten Aug. Reise nach Leipzig. Ich machte diese kleine Tour auf dem Postwagen. Die Strasse geht uͤber Groskugel, welches noch eine preussische Poststa- tion und der halbe Weg ist. In Haͤnichen ward ich von meinem Verleger, dem jungen Hrn. Jakobaͤer in Leipzig, auf eine sehr angenehme Art uͤberrascht. Er war mir bis hierher entgegen gefahren, ich muste mich zu ihm ihm in seine Chaise setzen, und so hielt ich in seiner lieben Gesellschaft meinen Einzug in Leipzig. Mein Lands- mann, Hr. Sicherer aus Heilbronn, der hier studirt, war auch mit von der Parthie. Den 16ten Aug. Leipzig. Ich muste bei meinem Freunde Jako- baͤer auf der Reichs strasse logiren. Er wollte es nun nicht anders. Mein erster Besuch heute war zuerst bei Hrn. Jakobaͤer, dem Vater, schon in Jahren, aber noch thaͤtig, ganz fuͤr seine Kunst eingenommen, und ein aͤchter Biedermann. Ich besah seine Druckerei, die sehr wohl eingerichtet ist. Sie haben immer 7. Pressen ge- hen und koͤnnen jede Woche an 50,000. Bogen drucken. Das Haus, welches er bewohnt, heist das grosse Fuͤr- stenkollegium oder das schwarze Bret. Neben ihm wohnte ehemals Gellert. Man wies wir seine Woh- nung. Hier war es also, dacht’ ich, wo dieser Weise in einem stillen Winkel so unendlich Gutes fuͤr die Welt wirkte, wo er in das Herz so vieler Juͤnglinge von nahe und fern Religion und Tugend pflanzte, ihren Geschmack bildete, und Fruͤchte schafte, deren Nutzen sich auf Tau- sende verbreitete. Drauf besah ich verschiedene Hoͤr- und Disputati- onssaͤle der Universitaͤt, die Wahlzimmer, das Konvik- torium, das neue Juristenfakultaͤtsgebaͤude ꝛc. Die Universitaͤt hat viele weitlaͤuftige, zum Theil schoͤne Ge- baͤude. Dann ging ich, um Hrn. Dr. Platner lesen zu hoͤren. Er hat sehr viel Beifall. Ich kam in eine Stunde, wo er uͤber die Diaͤ- tetik tetik las. Er sagte: „Das Fleischessen mache gesund „und stark; das sehe man an den Hottentotten, die „das gesuͤndeste, schoͤnste und staͤrkste Volk auf der Erde „waͤren. Man koͤnne von ihnen weiter den Schluß „machen; denn diese Voͤlkerschaft nehme ein Land ein, „groͤsser als Frankreich, Deutschland und noch halb „Deutschland. Auch Spirituosa prieß er sehr an, sag- „te, sie waͤren beim Fleischessen noͤthig. Der Kaffee „habe ein Principium die Nerven zu beruhigen, daher „ermuntre er, und vertreibe oft den Schlaf. Er wun- „dre sich, warum man nicht mehr medizinschen Gebrauch „in gewissen Fiebern davon mache. Milchkaffee nuͤtze „nichts, des Morgens fruͤh sei er den meisten Koͤrpern „gut, aber zum Ermuntern nicht noͤthig. Weil die „Aerzte die Ursachen mancher Krankheiten nicht wuͤsten, „so schoͤben sie solche auf Kaffee und Thee ꝛc.“ Er nahm es als ein Theorema an, daß durch langen Ge- brauch manches unschaͤdlich werde. — — Nach der Stunde ging ich auf die Universitaͤtsbi- bliothek. Sie steht auf dem Paulinum. Dies war vormals ein Kloster, auch siehts noch recht alt und moͤn- chisch, aber ehrwuͤrdig aus, hat viele zum Theil dunkle Kreuzgaͤnge, Spitzboͤgen, hohe Fenster ꝛc. Zu ihrer Vermehrung ist kein Fond da, als von jeder Inskription eines Studenten, Promotion, Auktion ꝛc. etliche Groschen und freiwillige Geschenke der Buchhaͤndler und Gelehrten. Jetzt war Hr. Prof. Schwabe Bibliothekar. Seit des Hrn. Hofrath Bel’s Tode ist Hr. Prof. Reiz Direktor der Universitaͤts- sowohl, als Boͤhmi - schen Bibliothek geworden. Herausgeber. Die zu zu jeder Wissenschaft gehoͤrende Buͤcher stehen in einer Art von Vermachung, die wie eine verschlossene Kam- mer ist. Die Naturgeschichte steht hier noch mit der Arzneikunde verbunden. Ich sah Marsigli Hist. de Danube 6. fol. an. Neuere wichtige Werke aus der Naturgeschichte fand ich nicht. Als eine der groͤsten und schaͤtzbarsten Seltenheiten der Bibliothek zeigte man mir ein Manuskript von Homer’ s Ilias, das Ernesti auch verglichen hat. Es mag etwa aus dem 13. und 14. Jahrhundert seyn. Lippert’ s Daktyliothek hatte man auch. Der Churfuͤrst hat sie hieher geschenkt. Durch die aus 6513. Baͤnden bestehende auserlesene historische Buͤchersammlung, welche der 1780. ver- storbne Hr. Hofrath Boͤhme der Universitaͤtsbiblio- thek vermacht hat, ist sie neuerlich sehr ansehnlich ver- mehrt worden. Dieser Buͤcherschatz nimmt in besag- ter Bibliothek einen eignen Platz ein, und wird in 12. Schraͤnken, welche die Ueberschrift haben, Biblio- theca Boehmiana, aufbewahrt. Das darin haͤn- gende Bildnis des wohlseel. Erblassers dient ihr zu- gleich zur Verschoͤnerung. Um diese Bibliothek herum stehen die schaͤtzbaren Handschriften der Universitaͤts- bibliothek, die sich auf 2000. Stuͤck belaufen. Herausgeber. Ueber den Schraͤnken haͤngen viele Bildnisse vormahliger beruͤhmter Lehrer auf hiesiger Universitaͤt. Die Rathsbibliothek hat ein weit schoͤnres Aeusse- res als erstere, aber in der N. G. wenig neue Werke. Doch fand ich eine herrliche Mumie in einem glaͤsernen Sarge, zwei grosse Globi von Coronelli ꝛc. Im Zu- ruͤckgehen fuͤhrte mich mein Weg durch den so beruͤhm- ten Auerbach’s Auerbach’s Hof, wo in den hiesigen beruͤhmten Messen, Pracht, Reichthum und Geschmack aus allen Gewoͤlbern einem entgegen schimmern soll. Sonst ist er ein altes, winklichtes, unregelmaͤssiges Gebaͤude. Den Nachmittag fuͤhrte mich mein Freund Jako- baͤer, der mir meinen hiesigen Aufenthalt auf alle Art angenehm zu machen wuste, nach Raschwitz, ohngefaͤhr ¾. Stunde von der Stadt, wo ein Garten mit ungemein reizenden Spaziergaͤngen ins Gehoͤlz und uͤber Wiesen ist. Wir tranken da Kaffee. Ein heftiger Platzregen aber stoͤhrte unser Vergnuͤgen ein wenig, und erinnerte uns, daß keine Freude in der Welt vollkommen sei. Abends sah ich im Gros-Bosischen Garten ein ar- tiges Feuerwerk abbrennen, wozu der Namenstag der Churfuͤrstin Veranlassung gab. Es war eine Illumina- tion dabei, mit Musik hinter den Laubwaͤnden. Die Zu- schauer sassen unter Zeltern. Den 17ten Aug. Der heutige Tag war bestimmt, mehrere der hiesigen Gelehrten kennen zu lernen, also wartete ich zuvoͤrderst eine Vorlesung des Hrn. Prof. Morus ab. Ich traf eben in eine exegetische Stunde, wo er uͤber 1. Petr. II. 7. 8. 9. las. Er sagte, der Apostel akkomodire den Ti- tel des juͤdischen Volks auf die Christen. Ιερατευμα βασιλειον sei nur Collegium sacerdotum illius, qui est rex: αρετας sei nach den LXX. soviel wie gloria, laus, excelsa illius attributa. Wider die Seele streiten, heisse, wider die gesunde Vernunft, und Zweiter Theil. J die die bessern Religionserkentnisse streiten. ϒμερα επισκο- πης meinte er, sei das kuͤnftige Gericht. — Er gibt blos den sensum litteralem an, aber nicht ein Wort von der Sache selbst, oder vom Gebrauch der Stelle. Sein Vortrag ist ganz und sehr rein lateinisch. Hierauf besuchte ich nach der Reihe Hrn. D. Ernesti. Da fand ich aber mehr die Truͤmmer des Mannes, als ihn selbst. Fast unbeweg- lich saß er aufin Sessel, doch hatt’ er noch den Gebrauch aller Sinne Dieser grosse Gelehrte ging auch ein Jahr nachher, im 74sten Jahre seines Alters mit Tode ab. Herausgeber. . Er lebt jetzt blos von Arzeneien. Um so sonderbarer ist es, da er in seinem ganzen Leben mit Gemaͤchlichkeit gearbeitet, und sich nie sehr angestrenget haben soll. Er soll ein Mann von heftigen Leiden- schaften gewesen seyn. Von seiner Undienstfertigkeit weis man hier viel zu erzaͤhlen. Hr. Prof. Reiz, ein grosser Philolog und ungemein bescheidener, guter Mann. Hr. Pastor Zollikofer. Schon bemerkte ich Furchen im Gesicht des vortreflichen Mannes. Er ist in seiner Unterredung sehr unterhaltend und lehrreich. Von ihm ging ich zu meinem Freunde Hrn. Prof. Leske. Wir gingen seine Naturalien- Sammlung durch, und mir war darin besonders merk- wuͤrdig: 1) Ein unbekanntes Midas ohr. 2) Eine Bulla mit einer Plica. 3) Ein 3) Ein meergruͤner Turbo aus Otaheite, s. den Na- turforscher. 4) Eine schoͤne Pennatula L. in Weingeist. Auch die in der Zool. Dan. Prodr. beschriebene. 5) Eine Lacerta mit weissen Streifen. 6) Taeniae ex cerebro ovium. S. seine Ab- handlung von Drehen der Schaafe, in 8. 7) Taeniae ex fele. — Goͤtze meint, alle Katzen haͤtten Bandwuͤrmer, sie waͤren ihnen natuͤrlich; Les- ke habe aber bei ihm eine Katze aufgeschnitten, die keine hatte. 8) Eine asiatische Lac. vivipara , die nicht als Larva zur Welt kommt. 9) Balist. Monoceros L. 10) Ein amerika nischer Luchs, den er in den Samm- lungen zur Physik und Naturgeschichte S. 325. u. f. des 1ten Bandes beschrieben hat. 11) Klingende Quarze aus Schlesien. 12) Tafelartiger Quarz aus Sachsen. 13) Saͤchsischer Achat mit Sternen. 14) Die reinste Terra alum. aus dem Garten beim Paedag. Reg. in Halle. 15) Rohe und geschliffene Labrador steine; die Gelben sind die seltensten. 16) Oktaedrischer Wolframm, den er zu den Thonar- ten mit Eisen rechnet. 17) Chrysopras, noch ganz weich aus Thon. 18) Grosse saͤchsische und russische Granaten. Nachmittags machte ich einen Spaziergang nach Gohlis, einem sehr angenehmen Landsitze, der dem Hrn. Hofrath Boͤhme gehoͤrt, der aber eben gestorben war. J 2 Inwendig Inwendig ist er praͤchtig meublirt. In dem einen Saa- le ist ein Plafond, erst kuͤrzlich von Oeser gemahlt, der hier Professor bei der Churfuͤrstl. Akademie der bildenden Kuͤnste ist. In vielen Zimmern haͤngen vortrefliche Kupferstiche, besonders Bildnisse, unter Glas. Auch steht in einem eignen Zimmer eine herrliche Sammlung von Dichtern, die das Gluͤck des Landlebens besungen haben, in praͤchtigen Baͤnden. Man geht durchs Ro- senthal dahin. Das ist ein ungemein reizendes Lust- waͤldchen, gleich vor dem einen Thore der Stadt. Die Pleisse schleicht sehr angenehm hindurch. Tiefer im Gehoͤlze sind Alleen durchgehauen, in deren einer sich Goh- lis uͤber der Pleisse druͤben, herrlich praͤsentirt. Den 18ten Aug. Heute besuchte ich zuerst des Direktor Heinicken’s Institut zur Bildung der Stummen. Er ist eigentlich ein Schulmeister aus Hamburg, der vom Pastor Goͤ- tze beschuldigt ward, er wolle durch seinen Unterricht die Wunder Jesu zu Schanden machen. ꝛc. Der Chur- fuͤrst bot ihm sein Land, — weil er doch ein Sachse ist, — und 300. Thaler Gehalt an. Wie Hr. Heinicke unterrichtet, laͤst er nicht sehen. Die Zoͤglinge lernen durch Artikulation die Sprache, daher, sagt er, koͤnnen sie sie auch nicht vergessen, dahingegen, wer das Gehoͤr einbuͤßt, auch die Sprache verliert. Das sonderbarste aber ist, daß sie auch hoͤren. Man muß nur langsam, laut und deutlich reden. Ein gewisser junger von Moh- renschild war sehr weit, las mir alle Residenzen von Europa laut von der Tafel ab, las den Glauben vor, schrieb was ich haben wolte, gab auf alles Acht, behielt alles alles gleich ꝛc. Er hat fuͤr eine an den Churfuͤrsten gehal- tene Anrede von demselben eine goldne Uhr zum Geschenk erhalten. Andre fingen erst an. Da bemerkte ich dann schreckliche Verzerrungen der Lippen und unbegreifliche Toͤne, sonderlich klang es bei einem jungen Frauenzim- mer in der That erbarmenswuͤrdig. Ich probirte die 5. Vokalen mit ihr. A war ihr der leichteste, E der lieb- ste, J der schwerste, O der deutlichste, aber bei U flos- sen schon Konsonanten zusammen. Das R ist immer das schwerste. Die Kinder lernen alle schreiben, malen ꝛc. Einer der jetzt weggegangen ist, malte den Direktor und ist ein grosser Maler geworden. Schlecht aber ist’s, daß oft ein unsinniges Gelaͤchter entsteht, und daß der Di- rektor den Ungluͤcklichen Sottisen ꝛc. diktirt. Weiter besah ich heute noch das Jablonowsky sche Palais und Garten. Es heist auch sonst der Chur- prinz. Ein schoͤnes Gebaͤude, das den Vorstaͤdten ge- wis zur Zierde gereicht. Der Garten ist im alten Ge- schmack mit graden Alleen ꝛc. steht aber jedem offen. Gellert’ s Monument in des Buchhaͤndler Wend- ler’ s Garten, aus Saͤchsis chen weissem Marmor von Oeser verfertigt. Idee und Ausfuͤhrung sind vortref- lich. Sein Grab, auf dem Gottesacker bei der Johan- niskirche, mit einem ganz simpeln viereckigten Steine bedeckt, der blos anzeigt, wer darunter liegt, nebst dem Geburts- und Sterbejahre und Alter. Er starb 1769. und das Jahr darauf sein Bruder, der hier Oberpostkom- missar war. Beide ruhen nebeneinander. — Friede sei mit ihren Schatten, und das Andenken des frommen Dichters sei unsterblich, sei im Segen! — J 3 Sein Sein Denkmahl in der Johanniskirche an der Wand, neben der Mittelthuͤre. Die verschleierte Reli- gion uͤberreicht der Tugend Gellert’ s Brustbild aus ver- goldeter Bronze. Diese hat schon einen Kranz fuͤr ihn in Haͤnden. Buͤcher und Attribute des Dichters liegen unten. Die Inschrift besagt, daß es ihm von einer Gesellschaft guter Freunde und Zeitgenossen errichtet wor- den, unter denen viele Pohlen sind. Die Statue des jetzt regierenden Churfuͤrsten vor dem Peter sthore, auf einem schoͤnen viereckigten gruͤnen Rasenplatze mit neuangelegten Linden-Alleen, die ins Viereck herumgezogen sind. Sie ist ihm vom Fuͤrsten Jablonowsky und dem hiesigen Rath errichtet worden, und erst neulich mit grosser Feierlichkeit und Illumination aufgedeckt und eingeweiht worden. Eine Art von Tem- pel auf 4. Saͤulen stand jetzt noch uͤber der Statue. Der Churfuͤrst steht in roͤmischer Kleidung mit blossem Haupte da, und haͤlt in der einen Hand einige Lorberkraͤnze. Aber das Fußgestelle ist doch fuͤr die Statue zu hoch und schwerfaͤllig, und schadet ihrer Wirkung. Den 19ten Aug. Erst war ich heute beim Mechanikus Hofmann, einem geschickten Optikus, und bestellte mir bei ihm ein Mi- croscop. compos. das 51. Millionenmahl vergroͤssern soll, mit dem ganzen dazu gehoͤrigen Apparat und Be- schreibung ꝛc. Ich ward mit ihm auf 60. Thaler ei- nig. Wir betrachteten Schuppen vom Paͤrsch und vom Schlammbeitzker. Drauf wollte ich das Link- Link sche Naturalienkabinet besehen; der Besitzer war aber auf dem Lande. Nicht besser ging mir’s mit dem Richter schen Kabinet auf der Haynstrasse. Es war wegen des Todes des Eigenthuͤmers noch versiegelt. Weil mir’s hier nicht gelang, so ging ich in einige Hiesige Gaͤrten. Sie sind noch meist altmodisch, haben geschnittene Hecken, Pyramiden, Thiere, Kana- pees von Buxbaum, Taxus und ewige Alleen; fangen zum Theil auch an einzugehen. Drauf machte ich einen Besuch beim Hrn. Kreissteuereinnehmer Weisse. Ich fand ihn so liebenswuͤrdig und angenehm in seiner Unterhaltung, als ers in seinen Schriften ist. Menschenliebe spricht aus seiner freundlichlaͤchelnden Mine. Unleugbar ists doch, daß er sich durch seine Schriften uͤber die Verbesse- rung der Erziehung um die Welt und Nachwelt sehr ver- dient gemacht hat; dafuͤr ist er aber auch ein gluͤcklicher Gatte und Vater. Daß er ein grosser Freund der Phi- lantropine sei, ist leicht zu erachten. Von Basedow sagte er, daß er doch das Verdienst habe, Aufmerksam- keit auf das Erziehungswesen erregt zu haben ꝛc. Den 20sten Aug. Heute war ich in der Reformirten Kirche, und hoͤrte Hrn. Zollikofer predigen. Die Kirche ist eigent- lich nur ein Saal im Amthause, ganz ohne das Gepraͤn- ge andrer hiesigen Kirchen, und ohne Interimisterei. Ich fand einen sehr simplen reinen Gottesdienst. Die Gebete und Gesaͤnge sind von Hrn. Zollikofer. Der Meßner liest aber lange Kapitel aus der Bibel ab, dann J 4 folgt folgt der Gesang und ein kurzes Gebet. Er predigte uͤber 1. Tim. IV. 17. Uebe dich ꝛc. und handelte von den Folgen der Lehre, daß unser Leben nur Vorbereitung sei ꝛc. Seine Stimme schien mir schwach zu seyn, auch hatte er eben nicht viel Deklamation. Sie war etwas weinerlich, aber doch nicht unangenehm. Die meisten seiner Zuhoͤrer sind Lutheraner. Einige nennen die Be- suchung dieses Gottesdienstes Galanterie, und verbieten den Ihrigen hinein zu gehen, sehen es fuͤr Syncretis- mus an, und halten sich lieber an ihre Priester. Mich duͤnkt doch, dieser sonst so vortrefliche Prediger versieht es offenbar darin, daß er den Text nicht beruͤhrt, und sonst im Verlauf des Vortrags keinen einzigen Spruch aus der Bibel anfuͤhrt, auch nicht von der evangelischen Verpflichtung des Christen, nicht von der Liebe Gottes und Jesu Christi die Beweggruͤnde zu seiner Tugend her- nimmt. Es gefaͤllt und verfliegt. — Mittags war ich beim aͤltern Hrn. Jakobaͤer zu Gaste. Nachmittags wollt’ ich den Loͤhr ischen Garten besehen, und auf dem Wege dahin ging ich einen Augen- blick aufs Richter sche Kaffeehaus. Warlich eins, wie’s weder in Paris, noch viel weniger in Amsterdam gibt. Das Haus uͤbertrift manches Schlos. Man trift eine ganze Enfilade von schoͤnen Zimmern darin an, wo in einigen gespeist, in andern Toback geraucht wird. Von da ging ich in den Loͤhr schen Garten spazieren. Da der Apel sche und Grosbosi sche in Verfall kommen; so dient dieser Leipzig zu neuer Zierde. Vorne steht ein ungemein geschmack- volles volles Gebaͤude, das noch nicht ganz ausgebaut ist. Der Garten ist ganz im englischen Geschmack angelegt, aber zu klein dazu. Man trift Wasserpartien, Inseln, Schlan- gengaͤnge, fremde Holzarten, Lusthaͤuschen ꝛc. darin an. Auch ist der Besitzer so gefaͤllig, und erlaubt jedermann, d a rin frei zu spazieren. Drauf besuchte ich den Friedrich Richter ’schen Garten. Ob er gleich auch im alten Geschmack ist, viele lauge grade Alleen u. s. w. hat; so findet man doch viel angenehme Partien darin. Schon der Eingang uͤber eine schoͤne Bruͤcke ist empfehlend; dann koͤmmt man rechter Hand in einen Bogengang, in dessen gruͤnen Schatten man bei druͤcken- der Hitze sich herrlich erquickt. Aber uͤber alles geht ein niedliches japani sches Haͤuschen, 2. Stock hoch, das hin- ten in einem einsamen Winkel des Gartens gar reizend liegt. Von da geniest man eine bezaubernde Aussicht uͤber Wasser und ein rauschendes Wehr, auf gruͤnende Wiesen und lebhafte Doͤrfer. In der Gesellschaft, die ich bei meinem Freund Hr. Jakobaͤer heute Abend fand, war auch ein hiesiger bra- ver Kaufmann, Hr. Jungkherr, der 1755. in Lissabon das Erdbeben mit erlebt hatte. Seine Erzaͤhlung inter- essirte mich ungemein, zumal da sie durch ihre Simplizi- taͤt so ganz das Gepraͤge der Warheit hatte. Er war auch verschuͤttet worden, als er schon die Hausthuͤre er- reicht gehabt, war aber in einem Raum, den die zer- brochenen Balken und Mauern formirt, so sonderbar ein- geschlossen worden, daß er zwar aus diesem Gefaͤngnisse nicht herausgekonnt, aber doch nicht beschaͤdigt worden. In der schrecklichen Angst, immer noch zerschmettert zu werden, habe er uͤber 2. Stunden aushalten muͤssen, J 5 bis bis er endlich noch durch Huͤlfe eines treuen Bedienten, eines Spaniers, sich herausgearbeitet. Nun habe er immer noch unter tausend Gefahren von den noch be- staͤndig nachstuͤrzenden Mauern auf den Strassen alle Au- genblicke erschlagen zu werden, das freie Feld erreicht. Aber so entsetzlich auch der Anblick der Ruinen und der immer noch nachstuͤrzenden Mauern gewesen; so sei er doch noch nichts in Vergleich des nach einigen Stunden an vie- len Stellen ausgebrochenen Feuers. Dies habe 4. Tage angehalten und alles verzehrt, was das Erdbe- ben noch stehen lassen. Eine Meile lang und breit sei die Stadt nur Eine Flamme gewesen. Alle Elemente haͤtten mit einander gekaͤmpft. Die See habe wie Ber- ge hoch gestanden. Aber das allererbarmungswuͤrdigste, wo auch dem Unempfindlichsten das Herz habe bluten muͤssen, sei der Anblick so vieler tausend Todten, das Aechzen der Verwundeten, der Verschuͤtteten, der Ster- benden, das Angstgeschrei der Weiber, der Kinder gewe- sen. Vor dem einen Thore fand er eine Menge vorneh- mer Frauenzimmer in ihren schwarzen Kleidern, wie sie in der Kirche waren, Denn es war eben Allerheiligen, und alle Kirchen mit Menschen angefuͤllt. die auf den Knien lagen, sich die Haare ausrausten, die Brust zerschlugen, die Haͤnde rangen, und Gott um Barmherzigkeit anflehten. Die Anzahl der theils durch den Einsturz der Haͤuser, theils durchs Feuer ums Leben gekommenen, schaͤtzte er auf 50,000. Menschen. Doch genug von dem traurigen Gemaͤlde. — Den Den 21sten Aug. Heute machte mir der liebe Hr. Weisse einen Ge- genbesuch. Unsere Unterredung fiel wieder auf Erzie- hung. Bei der Erziehung seiner Kinder, sagte er, ha- be er sich’s zur Vorschrift gemacht, sie immer nuͤtzlich zu beschaͤftigen, daher laͤßt er ihnen auch Unterricht in der Naturgeschichte geben. Meine Guͤte und Weisheit Got- tes habe er mit ihnen auf dem Lande gelesen. Von Hr. von Born aus Wien bekomme er manchmahl Natura- lien fuͤr sie geschickt. Heute kriegte ich dann auch des Hrn. Kommerzienrath Link e’s Kabinet zu sehen. Sein Grosvater fing schon an zu sammeln, der Vater fuhr fort, schrieb auch de stell. mar. der Enkel sammelt noch weiter. Schade, daß es an Platz gebricht. Das Kabinet enthaͤlt Naturalien aus allen Reichen, besonders ist es aber an Konchylien und Sachen in Weingeist, und darunter vorzuͤglich Schlangen, reich. Der Besitzer hat die vorzuͤglichsten Stuͤcke seines Ka- binets in einem Katalog beschrieben unter dem Titel: Index Mus. Linck. oder kurzes system. Verz. d. vor- nehmsten Stuͤcke d. Link. Natural. Samml. 1ter Theil, 8. Lpz. 1783. Herausgeber. Unter den Naturalien stehen auch Kunstsachen. Der Besitzer war sehr artig, und zeigte mir alles mit vieler Gefaͤlligkeit, war auch ausdruͤcklich deswegen vom Lande in die Stadt gekommen. Eine Sammlung von naturhistorischen Buͤ- chern befindet sich auch hier. Ich merkte mir folgendes besonders: 1) Beutel- 1) Beutelratze, Maͤnnchen und Weibchen im Weingeist. 2) Embryones von Loͤwen, Baͤren. 3) Chinesischer Goldmaulwurf in Weingeist. 4) Mus dorsigera mit langen Schwanz. 5) Embryo von Hottentotten, schon ein wuͤster Mensch. 6) Raja Torpedo. 7) Colibrine st, mit 2. Jungen, ganz aus Baumwolle, wie eine Schuͤssel, sehr niedlich. 8) Ein gruͤnes Colibri mit kohlschwarzem Schwanz. 9) Ei von der Eider, lang, sehr spitzig an einem Ende, schmutzig. 10) Embryo von einem Wallros, da sieht man an den pedibus lobatis durch die zarte Haut noch die pha- langes und alle Artikulationen. 11) Chamaͤleon, ist nach dem Tode ganz fleischfarbig. 12) Sepia und noch eine schoͤnere, mit dem Os sepiae. 13) Doppelter Spinnenkopf. 14) Radix Bryoniae , eine Schnecke, die Lister voͤllig so abgebildet hat, mit abgestumpfter Spitze. 15) Drei Admiraͤle. 16) Zimmtrinde in der Holzsammlung, auf ander Holz aufgeleimt. 17) Lignum stercoris , das abscheulich stinkt. Der Besitzer kennt es selbst weiter nicht. 18) Kunkel sche Glasfluͤsse, ein violetter und ein gruͤner. Nachmittags fuhr ich mit meinem Freund Jako- baͤer nach Konnewitz, wo ein sehr gut eingerichteter oͤffentlicher Lustort mit einem artigen Garten ist, der von den besten Gesellschaften aus Leipzig haͤufig besucht wird, weil er ohngefaͤhr nur eine halbe Stunde von der Stadt liegt, und man da sehr gute Bewirthung findet. Auf Auf den Abend sah ich noch ein Feuerwerk in Apel’s Garten abbrennen, das recht huͤbsch war. Und damit beschloß ich meinen Aufenthalt in Leipzig, einer Stadt, die ohne Streit unter die angenehmsten und schoͤnsten Staͤdte gehoͤrt, die ich besucht habe. Sie hat meist gra- de, breite, helle, wohlgepflasterte, und des Nachts mit Laternen erleuchtete Strassen, praͤchtige Haͤuser, und die angenehme Bequemlichkeit, daß man sie in ohngefaͤhr einer kleinen Stunde Zeit unter angenehmen Alleen ganz umgehen, und alle Viertelstunden wieder ein Thor errei- chen kan. Die Einwohner sind in ihrem Umgange un- gemein hoͤflich und verbindlich, ohne steife Komplimente. Besonders verbindet das schoͤne Geschlecht mit allen die- sen Vorzuͤgen noch viel Liebe zur Lektuͤre, und die Kunst, sich ohne uͤbertriebene Pracht mit dem feinsten Geschmack zu kleiden. Die Universitaͤt war alleweile ziemlich bluͤ- hend. Man rechnete mir die Anzahl der gegenwaͤrtig hier Studirenden auf 1400: die meisten waren nicht reich aber anstaͤndig gekleidet, auch in den Vorlesungen mei- stens ruhig. Reise nach Dresden. Den 22ten Aug. Heute fruͤh um 5. Uhr must’ ich dann meinen wuͤrdi- gen Freund und lieben Wirth verlassen. Dieser Abschied ging mir wirklich sehr nahe. Thut’s einem gefuͤhlvollen Herzen nicht weh, den Umgang guter Menschen, wenn man kaum ihren Werth kennen gelernt hat, schon wieder entbehren zu muͤssen! Wie froh verflossen mir nicht die Tage meines hiesigen Aufenthalts. Wie viele Beweise aufrichtiger Freundschaft erhielt ich nicht von ihnen! Der beste beste Segen des Himmels ruhe auf den Redlichen, seiner wuͤrdigen Gattin, und der lieben kleinen hofnungsvollen Tochter! Die erste Poststation auf der Route von Leipzig nach Dresden ist Wurzen. Kurz zuvor eh’ man dieses Staͤdtchen erreicht, wird man auf der Faͤhre uͤber die Mulde gesetzt. Mein Freund Jakobaͤer gab mir bis auf den halben Weg das Geleite, wir druͤckten einander noch zuletzt mit deutschem Biedersinn die Haͤnde, eine Thraͤne zitterte im Auge, und dann sahen wir uns nicht mehr. Von Wurzen koͤmmt man auf Wermsdorf. Darneben liegt das herrliche Hu- bertsburg er Jagdschloß. Unbeschreiblich schoͤn ist hier herum die Gegend, mein Auge weidete sich an den herli- chen Fruchtfeldern, Waͤldern und Wiesen, und so gelang- te ich dann nach Stauchitz. Hier fangen schon die sanft aufsteigen- den Gebuͤrge an. Die silberhelle Elbe hat man immer seitwaͤrts zur Begleiterin. Die Leute schnitten hier her- um erst die Winterfrucht. Zuletzt vor Meissen kamen schon schreckliche Felsen. Meissen ist, so viel ich beim Pferdewechseln bemer- ken konnte, ein ziemlich schlechter Ort, hat aber eine herr- liche Lage an der Elbe, auch erblickt man Weinberge und Lusthaͤuser in Menge zu beiden Seiten, auch stand der Wein gar schoͤn. Das alte Schloß, worin die beruͤhmte Porzellaͤnfabrike ist, liegt sehr malerisch auf einem Berge. Naͤher gegen Dresden hin traf ich Sand und Morast an, auch schlechte Doͤrfer und zuweilen Haͤuser mit Stroh gedeckt. Endlich gelangte ich Abends um 8. Uhr nach Dresden. Dresden. Schon von weitem sieht man Nachts auf der breiten stillen Elbe die Lampen auf der schoͤnen Bruͤcke schimmern. Ein angenehmer Anblick! Ueber- haupt wird die ganze Stadt des Nachts so wie Leipzig durch Laternen auf Pfaͤlen erleuchtet. Den 23sten Aug. Dresden hat zu viele Schoͤnheiten und Sehens- wuͤrdigkeiten, als daß ich bei der kurzen Zeit meines Auf- enthalts alles haͤtte in Augenschein nehmen koͤnnen. Dar- um begnuͤgte ich mich nur das Vorzuͤglichste zu besehen, nnd dies war fuͤr heute Das Churfuͤrstl. Schloß. Ich habe es nur von aussen betrachtet, und da fand ich’s nicht schoͤn. Es ist alt und irregulaͤr. Hinein bin ich nicht gekommen, es soll aber sehr praͤchtige Zimmer enthalten. Die katholische Hofkapelle, ein gar edles Gebaͤu- de, Sie ist nach der Angabe des grossen Architekten Gae- tano Chiaveri erbauet. Herausgeber. allerwegen mit den vortreflichsten Statuen von Evangelisten, Aposteln, Heiligen geziert Dieser Statuen sind in allen 64. Sie sind nach Torelli ’s Zeichnungen von Mattielli verfertigt. Herausgeber. . Auch der Thurm daran ist herlich Er ist mit dem Kreuze 151. Ellen hoch. Herausgeber. . Am Hochaltar ist das beruͤhmte Meisterstuͤck von Mengs. Es stellt die Himmelfahrt Christi vor, und soll 30,000. Thaler geko- stet stet haben. Es ist zum Entzuͤcken schoͤn! Eine vortrefliche Beschreibung dieses Gemaͤldes aus der Feder des Hrn. Prof. Casanova steht im 3ten B. der N. Bibl. der schoͤnen Wiss. und Kuͤnste. Herausgeber. Dem Hauptaltare zur Seiten sind die Porkirchen fuͤr den Hof, roth mit Gold ausgeschlagen. An einem Nebenaltare gefiel mir besonders der Tod des heil. Franciskus Xaver in Japan Vom Grafen Rotari gemahlt. Herausgeber. . Ein herrliches Stuͤck. Die Kanzel ist eine Gruppe von alabasternen Figuren Sie ist von dem beruͤhmten Balthasar Permoser verfertigt, aber nicht aus Alabaster, sondern blos aus Holz, das aber mit einem Lack so taͤuschend uͤber- zogen ist, daß man dadurch verfuͤhrt wird, es fuͤr Stein zu halten. Herausgeber. . Die Saͤulen alle aus saͤchsischem Marmor Besonders ist der Hochaltar aus einem inlaͤndi- schen, bei Maxen gebrochenen Marmor. Herausgeber. . Nicht weit davon ist die herliche Elbbruͤcke. Sie ist weit schoͤner, als Pontneuf in Paris, hat jetzt 19. Pfeiler, in der Mitte steht ein vortrefliches stark vergoldetes Kruzifix, und gegenuͤber das Saͤchsische und Pohlnische Wappen. Zu beiden Seiten der Bruͤcke sind erhoͤhete und mit grossen Quader- steinen belegte Wege zur Bequemlichkeit der Fußgaͤnger, und dabei die Einrichtung, daß die von Dresden nach Neustadt gehen, auf einer Seite alle hinter einander, und die, welche aus letzterm Orte nach erstern wollen, auf der andern Seite und zwar alle hinter einander gehen muͤssen. muͤssen. Wer dies nicht beobachtet, wird von den an jedem Ende der Bruͤcke stehenden Schildwachen zurecht gewiesen. Man hat von hier eine ganz unbeschreiblich angenehme Aussicht die Elbe hinunter nach Torgau zu, und auch den Strom hinauf nach Pirna hin. Von er- sterm Orte sieht man bestaͤndig Schiffe mit Holz, Getrei- de, Salz ꝛc. herauf kommen, und von letzterm Schiffe mit Steinen ꝛc. den Fluß hinuntergehen. Die Statue Koͤnig Augusts des II. zu Pferde im Gallop, in Roͤmischer Kleidung, stark vergoldet. Sie soll ihm sehr aͤhnlich seyn. Ein Kupferschmidt hat sie verfertigt Er hies Wiedemann, war aus Augspurg gebuͤrtig und in Chursaͤchßl. Diensten Obristlieutenant. Er hat die Statue nicht gegossen, sondern aus Kupfer getrieben. Herausgeber. , nur ist der Schweif des Pferdes zu breit, und sieht aus wie ein Bret. Meißner Porzellan-Niederlage in Altdres- den In dem ehemaligen graͤflich Bruͤhlischen, nunmehro aber Churfuͤrstl Pallaste. Herausgeber. . Hr. Poetzsch, an den ich vom Hrn. Hofrath Schreber aus Erlangen einen Empfehlungsbrief hatte, ist Aufseher daruͤber, kommt aber jetzt als Mitaufseher an das Churfuͤrstl. Naturalienkabinet. Drei Zimmer stehen gedraͤngt voll, und das Auge irrt ungewiß auf Millionen Schoͤnheiten herum. — Da sieht man Va- sen, Teller, Service, Aufsaͤtze, Koͤpfe, Antiken, Blu- men, Gruppen, Bauern, Thiere ꝛc. Oft schwarze Malerei, und das feinste Gold dazwischen. Landschaf- ten Zweiter Theil. K ten, Thiere und Schaͤferstuͤcke von der feinsten Mignia- tur, auf Tellern, Schuͤsseln, Tassen ꝛc. Kurz uͤberall herrscht der edelste Geschmack. Andre Stuͤcke sind blen- dend weis. Kruzifixe fuͤr 6, 8, 10,-30. und mehr Thaler, je nachdem das Postement ist. An einem Kaf- feeloͤffelchen macht oft eine Kleinigkeit in der Malerei oder in der Verzierung einen Umstand von 1. Thaler. Mei- ne zwei kosten 2. Gulden. Man packt das Porzellaͤn in feuchtes Moos ein. Im obern Stock dieses Gebaͤudes steht noch ein ganzes Service, das die Fabrik dem Chur- fuͤrsten zum Geschenk gemacht hat. Man schaͤtzt diesen Tisch voll auf 10,000. Thaler. Man hat jedem Teller andre Farben, andre Desseins gegeben. Es sind ganze Jagden auf manchem. Alle Wissenschaften und Kuͤnste sind in weissen Figuren, und die Postemente von Saͤch- sischen Steinsorten. Man wird betaͤubt von den unend- lichen Schoͤnheiten. — Der Bruͤhlische Garten neben dem Zeughause in der Altstadt. Er kommt in Verfall, aber der schoͤne Gang an der Elbe hin, und die praͤchtige Aussicht daran macht doch, daß man noch gern hineingeht. Zu beiden Seiten erblickt man Berge, mit Oertern gleichsam besaͤet. Der grosse Garten vor dem Pirnaischen Thore. Da steht in etlichen Pavillons die herliche Antikensamm- lung, wo immer eine Menge junger Kuͤnstler zeichnen. Hier sah ich auch den Direkteur der Akademie, den Prof. Casanova Dessen Discorso sopra gl’Antichi e varj Monu- menti loro et cet. 4. In Lipsia 1770. vortrefli- che Urtheile uͤber diese Kunstschaͤtze enthaͤlt. Man hat . Die Die Bildergallerie uͤber dem Churfuͤrstl. Stalle und der Reitbahn. Sie enthaͤlt an 2000. Stuͤcke, und keins darunter ist Kopie. Eine Menge Stuͤcke sind aus Mangel des Platzes nicht aufgehaͤngt. Hier ge- raͤth man ganz in Entzuͤcken! Da man den Katalog davon gedruckt hat; so will ich nur anzeigen, welche Stuͤ- cke ich mir beim fluͤchtigen Durchlaufen, und als ein in den Geheimnissen der Kunst Nichteingeweihter, besonders gemerkt habe, 1) Grosse Stuͤcke von Teniers. 2) Herliche Wouwermanns. 3) Atalanta und Meleager, von Rubens. 4) Oliver Cromwell von Vandyck. 5) Karl I. und seine Gemalin, von Gonzalo Coc- ques. 6) Ein alter Manns- und Frauenkopf, von Sey- bold. Besonders sind der Bart und das Fleisch zum Angreifen. 7) Ein Kopf des Kupido, der seinen Pfeil schaͤrft, von Mengs. Schoͤner ists nicht moͤglich, den Amor zu mahlen. 8) Ruben ’s 2. Soͤhne, von ihm. 9) Sehr grosse und wohl erhaltene Holbeins. 10) Von van der Werft, das Urtheil des Paris. Ganz die nackte Natur! 11) Ruben ’s juͤngstes Gericht. An einigen Figuren haͤngen Schlangen und Furien. Schauderhaft! — K 2 Um hat davon auch eine deutsche mit lehrreichen Erlaͤu- terungen begleitete Uebersetzung. Herausgeber. Um aber doch uͤber den vielen Schaͤtzen der Kunst die liebe Natur nicht zu vergessen, machte ich Hrn. Poͤtzsch einen Besuch, und besah sein Mineralienkabi- net. Er will es verkaufen, und verlangt 1500. Thaler dafuͤr S. dessen mineralogische Beschreibung der Gegend um Meißen. 8. Dresden 1779. . Er hat 30. Jahr daran gesammelt, und es systematisch geordnet. Es enthaͤlt wirklich viele seltene und lehrreiche Stuͤcke. Mir war vorzuͤglich merkwuͤrdig: 1) Unreifer Quarz an Porzellanthon. 2) Litomarga von Rochlitz; ein gar feiner Thon. 3) Rother Thon, woraus Boͤttcher sein erstes Porzel- lan machte. 4) Blaue Eisenerde von Eckartsberge in Thuͤrin- gen. Ist in der Grube weis, wird aber zu Tage an der Luft blau. 5) 30. Arten von Sand. 6) Teutenfoͤrmiger Tophus aus Schweden, s. Cron- staͤdt. 7) Gruͤner Glimmer von Johanngeorgenstadt. 8) Asbest, bandirt, in Serpentinstein. 9) Saͤchs. Schiefertafel, voll Schoͤrl, gar gros. 10) Suiten von Serpentinstein. Die verschiedenen Sorten entstehen am Ende des Ganges. Die Ar- beiter schleifen die Sachen mit einem schlechten Instru- ment von Glimmersand, und poliren sie mit Trippel. 11) Feldspat von Nossen. Dieser koͤmmt zum Por- zellan; die klaren Kiesel geben nur die Glasur. 12) Chacedonier druse, mammelloneé, aus Kalk- gebuͤrgen. 12) Chal- 13) Granaten in Serpentinstein. 14) Dergl. in Feldspat von Ragusa. 15) Schoͤn gruͤner Jaspis, der ehemals auch in Frei- berg brach. 16) Verschobene Achat c onfigurat. in Einem Stuͤcke. 17) Karniol und Korallen-Moos darin, aus Lit- thauen. 18) Einer mit Asteriis, ganz klein, aus dem Orient. 19) Opal in Granit von Eibenstock. Streitet ge- gen Delius Theorie. 20) Granate, groͤsser als die groͤste Pfirsche. 21) Polirbares Zinnober erz. 22) Abdruͤcke von Equiset. palustre oft hintereinander iu Einem Stein. 23) Von versteinerten Holze hatte er einige Plaͤttchen so duͤnn abschleisen lassen, daß er mit dem Mikroskop noch den Bau und die Saftgefaͤsse hatte erkennen koͤnnen. 24) Eine Wacke mit einem eingeschlossenen Nagel, aus einem Saxo, wohl 100. Centner schwer, in einer Lach- ter Teufe bei Meissen gefunden, wo auch versteinertes Holz vorkoͤmmt. 25) Sonderbare Meerkoͤrper aus dem Plauen schen Grunde, der viele Katastrophen erlitten haben muß. 26) Stolpener Basalt. Die Saͤulen gehen dort 20- 30. Ellen zu Tage aus. Die ganze Stadt und Schloß steht darauf. Alle Brunnen in der Stadt sind in Basalt gehauen. Er ist auf Granit aufgesetzt. Hier sind die Strebepfeiler an den Haͤusern alle dar- aus. Man wuͤnscht fuͤr die Kabinetter duͤnne Saͤul- chen, aber 8-9. Zoll dick ist die duͤnnste, und diese ist schon Seltenheit, die groͤsten haben eine halbe Elle im Durchmesser. K 3 27) Bi- 27) Bituminoͤses Holz mit Spat und Steinkohlen, aus Altorf. 28) Bernstein aus Meissen uͤber Thonlagern. 29) Korallen mit Schwefelkies. 30) Federigte Arsenik erze. 31) Rothes Antimonien erz, aus Freiberg. 32) Suiten aller Kobolde, Erdkobolde ꝛc. 33) Dendritischer Wißmuth auf Horn, auch auf Spat. 34) Wißmuth auch federig, wie Antimonium. 35) Kobold auf Horn. 36) Opal in Eisenstein aus Eibenstock. 37) Gelber Glaskopf. 38) Dendritisches Eisen. 39) Natuͤrliches Holz und Eisen daran. 40) Zinnstuffen, die jetzt hier auch nicht mehr haͤufig vorkommen. 41) Blei in Asbest aus Rußland. 42) Ein ganzer Gang gediegen Kupfer von Cams- dorf in Thuͤringen. 43) Kupferkies mit Aßbest. 44) Kupferkies, dendritisch gestrickt und so angeflo- gen. 45) Malachit, so gros wie eine Hand, und mit Ko- bold unten. 46) Kupferpecherz aus dem Zipser land; sieht aus wie Eisenschlacke, schwarz. 47) Grosser Fisch auf Kupferschiefer, s. in Wolfart’s Niederhess. Nat. Hist. Bild. einen Karpfen ꝛc. 48) Hornstein durchgestrickt mit gediegenem Silber, von Johanngeorgenstadt. 49) Nieren von Hornsilber, weich wie Speck. 50) Blaͤtterichtes Glaserz. 51) Tyger- 51) Tygererz, d. i. weis und graugeflecktes Silbererz, von Freiberg, bricht nicht mehr. 52) Fahlerze aus Sicilien. 53) Goldhaltiger Aßbest, vom goldenen Esel in Schlesien. Der brave Mann machte mir viel angenehme Ge- schenke, die mir denn sein Andenken lebenslang erhalten sollen. Den 24sten Aug. Mein Erstes war heute ein Besuch bei Ihro Exc. dem Hrn. Konf. Min. u. Geh. Rath von Wurmb, dem ich empfohlen war. Er empfing mich mit ungemeiner Politesse und unterhielt sich mit mir uͤber mancherlei poli- tische und litterarische Gegenstaͤnde aufs gefaͤlligste. Nach- dem ich mich beurlaubt hatte, besah ich Das Japanische Palais, in der Neustadt mit einem angenehmen Garten, in welchem in 22. Souter- rains alle das Japanische, Chinesische und Meiß- ner Porzellain steht, womit Koͤnig August II. diesen Pallast meubliren wollte, daruͤber aber starb. Ein Schatz der Millionen gekostet, und seines Gleichen in der Welt nicht hat. Das Auge ermuͤdet uͤber der Men- ge, und keine Beschreibung erreicht die Schoͤnheit. Man zeigte mir unter andern: Boͤttcher ’s Verschiedene Umstaͤnde aus dem Leben dieses beruͤhm- ten Erfinders des Saͤchsischen Porzellaͤns enthaͤlt Dasdorfs Besch. von Dresden. S. 670. u. f. Herausgeber. erstes Porzellaͤn aus rothen Thon. Sein erstes weisses, hernach sein K 4 blaues, blaues, 2. Tische voll; wird jetzt den Antiken gleich ge- schaͤtzt. Aus Meißner Porzellaͤn Thiere, als Fuͤchse, Gaͤnse, Pfauen die ein Rad schlagen ꝛc. Vier Ge- woͤlber voll indianisches Porzellaͤn. Vasen, halben Man- nes hoch. Orangerietoͤpfe oder Kuͤbel in schrecklicher Groͤsse und Menge. Buͤsten von den Hofnarren Schmiedel und Joseph. Viele tausend Indianische Tassen. 22. Vasen vom Koͤnig von Preussen gegen ein ander wichtiges Praͤsent uͤbernommen. Viele tau- send kleine Indianische Flaͤschchen liegen in den Vasen und waren zur Garnirung bestimmt. Becher, darein man Baͤume setzen koͤnnte. Ein Gewoͤlbe voll alt In- dianisches gemahltes Porzellaͤn von unermeßlichem Werth. Indianisches Schlangenporzellaͤn; es sieht von aussen und innen wie gesprungen aus, und ist weis mit feinen rothen Streifen. Schwarzes, violettes, gelbes, seladongruͤnes Porzellaͤn. August III. zu Pferde mit vielen Figuren, blendend weis aus Meißner Porzel- laͤn: sollte nur Modell Es sollte darnach eine Statue in Lebensgroͤsse aus Meißner Porzellaͤn verfertigt werden: der inzwi- schen ausgebrochene siebenjaͤhrige Krieg aber verhin- derte die Ausfuͤhrung. Das hiergedachte Modell ist von Kaͤndler, der Hofbildhauer und Modellmeister bei der Porzellaͤnmanufaktur war, und 1775. starb. Herausgeber. seyn, kostet 12000. Thaler, und nimmt einen ganzen Tisch ein. Saͤchsische Male- reien, die jetzt gar nicht mehr gemacht werden. Viele tausend Saͤchsische Tassen, wovon jede ein eigenes Mo- dell hat. Saͤchs. und Pohln. Wappen auf Meißner und auf asiatischen Porzellaͤn; Koͤnig August II. lies sie sie hinschicken. Porzellaͤn mit Perlenmutterglanz. Chi- nesisches und Japanisches Porzellaͤn in Meissen nach- gemacht. Eine Menge Teller und andres Geschirre von Raphael gemahlt, blau und gelb; sonderlich zwei Va- sen von ihm, wo jede 300. Dukaten gekostet hat. Ja- panisches Geschirr, wo allemahl 5. kleine wieder in ein- ander stecken. Toͤpfe mit erhabenen Blumen. Eine schreckliche Menge Gold an allen Stuͤcken, an manchen die Arbeit von einem Jahr. Fuͤnf Vasen fuͤr 5000. Tha- ler. Praͤchtige Punschnaͤpfe. Chinesische Goͤtzentem- pel und Goͤtzenpriester. Gewoͤlbe voll Thiere aus Meis- sen; eine Fasanhenne mit Jungen, ein Kasuar, Raub- voͤgel mit einem Karpen, koͤstliche Schwane, Elephan- ten, ein Schwedischer Hund, den Koͤnig August II. hatte ꝛc. Christi Kreuzigung aus Meißner, ganz weis mit vielen Figuren; war ein Praͤsent fuͤr die letzte Koͤnigin. Maria, mit einen Arm auf den Bo- den gestuͤtzt, kehrt das Gesicht weg, eine andre von den heiligen Weibern faßt sie am Arm, Magdalena sinkt hin und schreit; zur Seite haͤlt ein Engel Christi Schweis- tuch, worin sein Antlitz nur schwach schattirt ist. Das Stuͤck nimmt einen Tisch ein, und hat 16000. Thaler gekostet ꝛc. Die Bildsaͤulen des heil. Xavers, Hu- berts, ein Mutter Gottes Bild ꝛc. Auf dem Boden steht noch uͤberall alles herum. — Oben soll die Chur- fuͤrstl. Bibliothek hin zu stehen kommen. Das Churfuͤrstl. Naturalienkabinet. Es steht im Zwinger in der Altstadt, oder dem eigentlichen Dresden, und wird in 9. Gemaͤchern aufbewahrt. Hr. Dr. Titius, den ich in Holland kennen lernte, hat die Aufsicht daruͤber. Am schoͤnsten ist der Mineraliensaal. K 5 Rings Rings herum stehen Glasschraͤnke mit Schubladen, oben auf liegen grosse Stuͤcke Mineralien zur Zierrath, und an der Wand ist uͤber jedem Schranke eine Saͤchsische Bergstadt gemahlt, z. B. uͤberm Arsenikschranke die Gifthuͤtte bei Geier, lange krumgebogene Sublimati- onsfaͤnge u. dergl. Schoͤn und selten fand ich im gan- zem Kabinette folgendes: 1) Spanischer Marmor, braust ungern: ein gruͤner, wie Verde antico. 2) Kalkspat, mit rother Koboldsbluͤte auf buntem Fluß. 3) Krystall mit vielem Schoͤrl. 4) Rochlitzer Agathe, sollen unter dem Mikroskop gar schoͤn seyn. 5) Aventurino biancho, fester Quarz mit Glimmer; nicht gemacht. 6) Rubin balais mit Schoͤrl, roh. 7) Goldstuffen mit Alaunfoͤrmigen Krystallisationen aus Siebenbuͤrgen. 8) Ein roher Saͤchs. Magnet, zieht 120. und wiegt nur 12. das Verhaͤltnis ist wie 1. zu 10. 9) Ein Englischer, wiegt nur 3. Loth, und zieht 25. Pfund, also ist seine Kraft wie 1. gegen 72½. 10) Hornsilber, laͤßt sich mit dem Messer und Nagel schneiden. Kleine Stuͤcke sind durchsichtig wie Horn. Ein herlicher Vorrath davon, auch aus Potosi wel- ches. Aus Sachsen ein Stuͤck 33. Mark schwer, davon der Centner 150.-180. Mark gibt. Eins das 15. Mark schwer ist. 11) Caͤmentkupfer von Altenberg in Sachsen, wie das Ungarische. 12) Lasur 12) Lasur in schoͤrlartigen Quarz aus Ungarn. 13) Verhaͤrtete Bleierde von Rautenkranz in Sach- sen; der Centner gibt 40.-50. Pfund. 14) Eisenbohnen und Eisenwuͤrfel vom Loͤwenberg am Vorg. d. g. Hofn. 15) Schindelnageleisenstein aus Boͤhmen, broͤckelt nicht. 16) Molybdaena aus Engelland mit braunen Thon; auch aus Island mit Kupfergruͤn. 17) Dendritischer und stalaktitischer Braunstein. 18) Kobolde, wohl 300. Stuͤcke aus dem Lande, pur- purrothe; ganze Bloͤcke. 19) Rothes Antimon. von Rheinsdorf in Freiberg. 20) Oktaedrischer krystallisirter Schwefel, 3. Meilen von Kadix gefunden. 21) Zwei sehr grosse Tischplatten aus Lava vom Vesuv. 22) Ein versteinerter Eichenblock, 75. Centner schwer, 2½. Elle im Durchmesser, polirbar, bei Chemnitz, im Morast gefunden. Von welcher Zeit mag dieser seyn? 23) Ein Stuͤck, das Hr. D. Titius fuͤr versteinerte Dattelpalme haͤlt. 24) Gordii, Taeniae, auf Abdruͤcken. 25) Pohlnische Versteinerungen, aber nichts besonders. 26) Ein Encrinus kopf ganz auseinander, und Kalk zwischen den Theilen. 27) Pentacrinus mit vielen Ramifikationen. 28) Dreihundert Holzarten, ohne Rinde; alle wie klei- ne Schubladen gemacht, laufen auf duͤnnen Holze mit Tuch uͤberzogen; hinten steht an jedem der Na- me, und vorn ist ein Knoͤpfchen zum Herausziehen. 29) Drei 29) Drei Statuͤen von Cypressen, die auch ohne ge- rieben zu werden, stark riechen. Die Staͤmme muͤs- sen huͤbsche Baͤume gewesen seyn. 30) Tisch aus Tamarinden aus Amerika. 31) Ein Kindskopf. — Ruysch injizirte daran die va- sa subcutanea mit Wachs. 32) Zwei Kinder, die nur Ein Hirn hatten, ohne al- les septum, und wovon doch das Eine Abends und das andre erst am Morgen starb. 33) 150. Spirituosa. Die Namen sind aus Glas ge- schrieben. Sie koͤnnen nicht ausduͤnsten, Tropfen haͤngen an den untern Seiten des Glases an. 34) Krokodil im Ei. 35) Mus jaculus aus Sibirien. 36) Kinnbacken vom Wallfisch. 37) Ein Biber, weis, mit schuppichten Schwanz. 38) Monoceros. Kam zur Zeit Aug. des II. bei Hamburg in die Elbe, man schlug ihm einen Anker durch den Schwanz und zog es ruͤckwaͤrts bis nach Dresden hinauf. Es hat nur Einen Zahn, und ist noch ein junges. ꝛc. 39) Foetus vom Hippopotamus. 40) Cataphractes maximus, hat schreckliche Flossen. 41) Schoͤne Wendeltreppe, die 800. Thaler gekostet hat. 42) Perlen aus der Elster. 43) Unter den Meergewaͤchsen ein Stuͤck schwarze Ko- rallen, mit der Rinde, in der Mitte gebrochen. Soll natuͤrlich seyn. 44) Ein Bernsteinschrank mit Schubladen und Inla- gen und herrlicher Arbeit. Ist ein Geschenk vom verstorbenen Koͤnig von Preussen. 45) Viel 45) Viel ausgestopfte Thiere, Pohlnische Baͤre, weisse Baͤre, Skelet vom Elenn, von vielen andern, in einem besondern Saale. 46) Das Gerippe von einem Hengst aus Merseburg, den August III. oft ritt, dessen Schweif 13½. Elle, und die Maͤhne 12. Ellen lang war. Man konnte aber keine solche Zucht von ihm bekommen. Die Stallknechte mußten allemahl mitgehen. Es haͤngen jetzt geflochtene Zoͤpfe daran. Weitere Nachrichten von diesem Kabinette enthaͤlt Dasdorf’s Beschreib. der Merkw. von Dresden. S. 491.-512. Herausgeber. . Den 25sten Aug. Heute besah ich Vor- und Nachmittags die herr- liche Churfuͤrstl. Bibliothek. Sie steht im Zwinger, in 3. Saͤlen eng zusamengepreßt. Man schaͤtzt sie auf 150,000. Stuͤck. Urspruͤnglich besteht sie aus 3. Biblio- theken, nemlich aus der laͤngst vorhandenen ansehnlichen Churfuͤrstlichen, und der nachher noch hinzu gekommenen Buͤnau ischen und Graͤflich Bruͤhli schen, welche beide der Churfuͤrst dazu gekauft hat. Ich hatte die beste Gelegenheit, sie zu besehen, da ich an den Hrn. Biblio- thekar Dasdorf von Hrn. Kreissteuereinnehmer Weis- se aus Leipzig ein Empfehlungsschreiben hatte, und die- ser wuͤrdige Gelehrte mir mit ungemeiner Gefaͤlligkeit alle Seltenheiten zeigte. Meine Aufmerksamkeit zogen beson- ders folgende Werke auf sich: 1) Lo- 1) Lobelii Stirpes, illum: 2) Malpighi Anatome Plantarum. Fol. mit herli- chen Kupfern. Der Verfasser war Arzt in Bologna. 3) Grew Anatome Plantarum. London. Ist fast zu gleicher Zeit mit vorhergehenden im vorigen Jahrhundert herauskommen. 4) Aus den Zeiten der ersten rohen Versuche der Buch- druckerkunst. Ars memorandi notabilis per fi- guras Evangelistarum. Ferner Biblia Paupe- rum 1440. — und Ars moriendi. — Alle drei in 4. mit Holzformen abgedruckt, allemahl 2. Blaͤtter zusammen geklebt. Aeusserst selten. 5) Ein Psalterium von 1457. von Fust und Schoͤffer, auf Pergament in Folio gedruckt. Ist das erste ge- druckte Buch, wo sich der Drucker genannt hat. 6) Guil. Durandi Rationale divinorum officior. Libri VIII. Dieses Buch haben Fust und Schoͤf- fer zuerst mit kleinen beweglichen gegossenen Typen 1459. gedruckt. 7) Pauli Briefe. Eine Handschrift vom Ende des 8ten Jahrh. noch ohne Spir. und ohne Accente, mit der Versio vetus itala interlinearis. 8) Brand’s Narrenschiff 1494. in 4. mit Holzschnit- ten. Das Buch ist in Versen und eine Satyre auf die Thorheiten der damaligen Zeiten. Es ist bald in alle Sprachen uͤbersetzt worden. Z. B. 3. Jahr nach- her, 1497. (als in Frankreich jedes gedruckte Buch uͤberhaupt noch selten war,) schon ins franzoͤsische un- ter dem Titel: a nef des folz du monde, in 4. auf Pergament, schoͤn illuminirt. Das hiesige Exem- plar ist aus Colberts Bibliothek. 9) Das 9) Das Original von Maximilian ’s I. Jugendleben in Holzschnitten von Hanns Burgmayr. Sie ge- hoͤren zu dem Buche der weissen Koͤnige von Treiz- sauerwein, das Hr. von Heinicke in Graͤz gefun- den und bekannt gemacht hat, und das in Wien 1775. in 4. gedruckt ist, wobei die Holzschnitte nachgestochen sind. Die Originale sind viel schoͤner. 10) Theuerdank. Davon sind hier 7. verschiedene Ausgaben, die von 1517. mit Illuminationen und ohne; auch die von 1519. die auch selten ist. 11) Francisci de Marchi della Architettura mi- litare. Fol. Brescia. 1519. hoͤchst selten. Der beruͤhmte Vauban kaufte alle Exemplare auf, und verbrannte sie, wollte allein in der Befestigungskunst originel und gros seyn, und hat doch alles aus diesem Buche genommen. Prinz Heinrich und Herzog Ferdinand haben es durchstudirt. S. von diesem Buche Winkelmann ’s Briefe von Daßdorf her- ausgegeben, 1. Th. S. 43. Und auch Einleitung zur mathem. Buͤcherkenntnis 1ster B. S. 127. 574. Im 2ten B. S. 105. eben dieses Buchs wird die Frage aufgeworfen, ob Vau- ban seine Manier aus dem Marchi, oder vielleicht aus dem aͤusserst seltenen Buche Ambroise de Bachot le Gouvernail. Paris. 1598. Fol. mit Kupfern, genommen habe? Herausgeber. 12) Viele herliche alte Ausgaben von alten Autoren, besonders Aldin ische Editionen. 13) Biblia latina von Joh. Fust und Peter Schoͤf- fer. Maynz. 1462. Fol. herlich auf Pergament gedruckt. Die Anfangsbuchstaben schoͤn gemahlt. 14) At- 14) Atlas Royal fuͤr Koͤnig August II. in Holland in 19. Folianten gesammelt. Enthaͤlt viele Homan- n ische Karten, aber auch viele eigengestochene, und besonders viele Handzeichnungen; alle praͤchtig illumi- nirt. Jede hat eine andere Marginaldekoration. Zeichnungen von allen Orten in Sachsen sind auch darin. Ein Band ist darunter voll der koͤstlichsten Malereien, ehemaliger und damaliglebender englischer hoher Personen, Anna faͤngt an, auch Karl I. ist darin, dessen Gesicht viel Aehnlichkeit mit dem ge- woͤhnlichen Christuskoͤpfen haben soll. Cromwell ꝛc. Dieses Werk soll viel tausend Thaler kosten Hr. Dasdorf sagt in seiner oftangefuͤhrten Beschrei- bung von Dresden S. 319. daß August der 2te da- fuͤr 20000. Thaler bezahlt habe. Herausgeber. , ist aber unique und wahrhaftig koͤniglich. 15) Eine ganz sonderbare Mexikanische Handschrift, hoͤchst selten. Wahrscheinlich ein Kalender. Die Spanier als sie nach Mexico kamen, verbrannten diese Buͤcher aus heiligem Eifer, in der Meinung, es waͤren Zauberbuͤcher. 16) Ein herlicher Koran auf Seidenpapier mit des Kaisers Namen. Ein Saͤchsischer Lieutenant eror- berte ihn beim 2ten Entsatz von Wien, im Jahre 1683. 17) Migniaturgemaͤlde von den Gelehrten des 16ten und 17ten Jahrh. aus der Bibliothek des Grafen Bruͤhl, der sie mit schwerem Gelde einem englischen Lord abkaufte. Manche sind nach Lukas Kranach- schen Gemaͤlden gemacht, naͤmlich alle, die auf gruͤnen Grunde Grunde sind, denn so mahlte Kranach meist. Koͤst- lich sind die Bildnisse Luther ’s, Melanchthon ’s, Hussen ’s, Erasmus, Grotius, Lipsius ꝛc. 18) Ein Ebraͤischer Codex mit dem vollstaͤndigen Tar- gum. Sehr schoͤn Umstaͤndlichere Nachrichten von der Churfuͤrstl. Biblio- thek uͤberhaupt, und von den meisten der hier ange- fuͤhrten seltenen Buͤchern insonderheit, theilt Hr. Bi- bliothekar Dasdorf in seiner oftangezogenen Beschr. von Dresden von S. 266.-322. mit. Wer war dies zu thun, auch wohl faͤhiger, als dieser wuͤrdige und fleißige Gelehrte? Herausgeber. . Mittags hatte ich die Ehre bei des Ministers von Wurmb Exc. zu speisen. Es fehlte mir hierbei nicht an Gelegenheit, die tiefen Einsichten und den Patriotis- mus dieses grossen Staatsmannes zu bewundern. Den 26sten Aug. Heute, als an dem letzten Tage vor meiner Streife- rei in die Gegenden von Pirna und Koͤnigsstein, war ich fruͤh noch im grossen Garten, und dann besah ich bei dem Hofjuwelier, Hr. Neuber, den kostbaren, aus lauter saͤchsischen Steinen auf einer vergoldeten Silberplatte mit vielem Geschmack in Mosaik zusammen gesetzten Tisch, den der Churfuͤrst dem franzoͤsischen Minister von Bre- teuil wegen des Teschen er Friedensschlusses zum Ge- schenk bestimmt hat; daher sind aus Meißner Porzellan Medaillons darin, die sich auf diesen Frieden beziehen Die Erfindung dieses Tisches ist vom Hrn. Akade- miedirekt. Schoͤnau. Eine ausfuͤhrliche Beschreibung des- . Und alsdann begab ich mich auf die Reise Zweiter Theil. L Reise nach Pirna. Der Weg bis dahin betraͤgt 2. Meilen. Die Ge- genden sind herlich. Immer hat man die Bergfestun- gen vor den Augen. Man erndtete eben den Hafer, die Hirse stand noch, viele Leute stapelten die Garben auf dem Felde auf. Ich passirte die Mieglitz, die aus dem Erzgebuͤrge koͤmmt, oft greulich anlaͤuft, und wenn sie so gros ist, daß Eisen und Zinnerze darin gewaschen wer- den koͤnnen, bestaͤndig blutroth aussieht, daher sich keine Karpen, wozu sie sich sonst herlich schickte, darin erhalten. Pirna. Ein kleines nahrhaftes Staͤdtchen an der Elbe. Die weissen Sandsteine zum Bauen, welche hier- herum gebrochen werden, gehen auf der Elbe nach Dres- den, Meissen, Torgau, Leipzig, ins Preussische ꝛc. ja sogar bis nach Holland. Es wohnen auch hier viele En gros Haͤndler, die nach Boͤhmen handeln, wozu die Schiffahrt auf dem Strome viel beitraͤgt, die uͤherhaupt hier viele Leute ernaͤhrt. Vom Koͤnigstein herab bringt man Ziegelerde auf Schiffen. Viele hun- dert wilde und zahme Katzen-Marder-Otternfelle wer- den hier betruͤglich wie Zobel gefaͤrbt, und gehen nach Hamburg, Luͤbeck ꝛc. Ohnweit diesem Staͤdtchen darneben liegt auf einem Berge die alte Bergfestung Sonnenstein, die man seit dem siebenjaͤhrigen Kriege verfallen laͤst. Kasematten sind noch da, uͤber die- sen aber liegt viele Ellen hohe Dammerde, in welcher Baͤume wachsen. Man hat von hier eine herliche Aus- sicht. desselben findet sich S. 141. u. f. des 2ten St. des Mag. des Buch- und Kunsthandels fuͤrs J. 1781. Herausgeber. sicht. Man sieht den Strom, die Berge ringsum Dresden, die Meißner terrassirten Weinberge, von wei- tem Sedlitz, — wo der Koͤnig von Preussen bei dem bekannten Pirnai schen Lager sein Hauptquartier hatte, — die Kotter Spitze, und hinter sich Boͤhmen. Die Sonne ging eben unter und roͤthete den Strom und das Thal, als ich hier ankam, wo mich Hr. D. Ursi- nus aus Pirna, an den ich von Hrn. Jakobaͤer em- pfohlen war, erwartete. Einen heissen Sommerabend kan man hier vortreflich zubringen. Den 27sten Aug. Heute fuhren wir uͤber lauter Sandfelder an der boͤhmischen Grenze hin nach Gersdorf, einem Landgute, das einem alten Ge- heimen Kriegsrath Hr. von Leyser aus der beruͤhmten Familie dieses Namens gehoͤrt, der hier seinen Tod er- wartet. Er war vormals erster Oberkonsistorialrath, und ist Wittwer, hat aber seine 3 Toͤchter bei sich, davon die eine an einen Obristlieutenant Hr. von Ponickau verheirathet, die andre Wittwe, und die juͤngste noch ledig ist. In Borna, einem ihm gehoͤrenden Dorfe, war eben heute Erndtepredigt, die der Diak. Wagner von Lieb- stadt hielt. Man singt 3. Lieder, das Evangelium wird erst vor dem Altare abgesungen, dann noch einmal auf der Kanzel verlesen. Der Text war: „Ich will die Er- „de nicht mehr verfluchen um des Menschen willen;“ dies erklaͤrte der Prediger per Eminentiam um des Gott- menschen willen ꝛc. L 2 In In dieser Kirche sind Altar, Kanzel und Taufstein von graulichem Marmor, der hier in der Gegend bricht, und von Pirnai schen Sandstein. Darin ist auch ein Grabmahl, das Hr. von Leyser seiner verstorbenen Frau und sich vivus adhuc setzen laͤßt, und womit er sich nun im 88sten Jahre seines Lebens ganz beschaͤftigt. So gros ist die Liebe des Menschen zum Leben, und der Wunsch nicht vergessen zu seyn! Prof. Hiller in Wittenberg hatte die Inschrift und etliche Distincha dazu gemacht. Wir waren hier Mittags zu Gaste, und hatten sogar Ananasse ꝛc. Nach Tische spazierten wir mit den Da- men im Garten, und dann fuhren wir nach Ottendorf, wo ich Hrn. M. Kuͤttner, der hier Prediger Dieser wuͤrdige Geistliche ist in diesem Jahre Super- intend in Sayda geworden. Herausgeber. ist, meinen Besuch machte. Ich fand an ihm einen helldenkenden Theologen und angenehmen Ge- sellschafter, der mir viele Freundschaft und Hoͤflichkeit er- zeigte. Ich erwarb mir dabei noch die Bekanntschaft meh- rerer wuͤrdiger Personen, als des Hrn. Hauptmanns von Carlowitz, der Fraͤulein von Carlowitz, die mir mit einem Fraͤulein von Stangen ihren Garten zeigte, wo jetzt erst die Aprikosen reif waren. Nachts waren wir in Pirna beim Hrn. Superint. Essenius im Garten, und hier jagte eine hereingefloge- ne Fledermaus die Damen in nicht geringe Angst. Den 28sten Aug. Wir machten heute eine sehr angenehme Lustreise nach Wesenstein, Wesenstein, 2 Stunden von Pirna. Ich ritt auf Hr. M. Kuͤttner ’s Pferde hin. Dieser wichtige Rittersitz liegt in einer ganz unbeschreiblich reizenden Ge- gend, und gehoͤrt dem Hess ischen Geheimenrath Hrn. Baron von Uckermann, der es fuͤr 120,000. Thaler er- kauft hat Es gehoͤren viele Doͤrfer dazu. . Er war erst Kaufmann, ward aber im siebenjaͤhrigen Kriege Generallieferant bei der Aliirten Armee, erwarb sich dabei grosse Summen, setzte sich darauf zur Ruhe und kaufte sich in Sachsen an, wie er denn noch ein herliches Guth Bendeleben in Thuͤringen be- sitzt. Vorher hat er sich lange Zeit mit seiner Gemah- lin Die Frau von Uckermann hat von einer Englischen Lady eine Uhr gekauft, deren Gehaͤus ein Einziger Tuͤrkis ist, auch die Kette ist aus lauter Stuͤcken von Tuͤrkissen zusammen gesetzt. Man sieht noch weisse Streifen hie und da darin. in Engelland aufgehalten. Der Koͤnig von Preussen bot ihm etlichemahl alle Vortheile an, wenn er sich in seinen Staaten niederlassen wollte, er dachte aber anders. — Er ist uͤbrigens schon sehr bei Jahren, ein wahrer edler Menschenfreund, ohne Stolz, nimmt daher auch die Excellenz nicht an, besitzt ein grosses kommerzirendes Genie, und liebt eine vernuͤnftige Lektuͤre. Dabei lebt er auf einen, seinem grossen Vermoͤgen angemessenen und anstaͤndigen Fuß. Er ist im engli- schen Geschmack herrlich meublirt, fuͤhrt eine delikate Ta- fel, und hat einen herrlichen Weinkeller. Oft kauft er fuͤr 2000. Thaler Bacharacher, Nierensteiner und dergl. L 3 auch auch den besten Kap wein, — weil einer seiner guten Freunde Bewindhebber von der ostindischen Kompagnie ist, — sogar Lacrymae Christi hat der Mann. So viel Ananasse werden hier gezogen, daß die Fr. Geheime- raͤthin uns welche auf den Koͤnigstein mit gab. Er hat weiter keine Kinder als einen einzigen Sohn, der in Leipzig sehr fleissig den Wissenschaften obgelegen, auch da mit vielem Beifall disputirt hat und jetzt nach Goͤttingen geht. Das Schloß ist seit vielen Jahrhunderten, da’s der Buͤnau ischen Familie gehoͤrte, ganz in einen Stein- felsen gehauen, und dieser schreckliche Fels geht bis in den Thurm hinauf. Es hat 8-9. Etagen, viele Hoͤfe uͤber- einander, uͤberall sind die Mauern der Fels selbst. Er sieht uͤberall durchs Mauerwerk hervor. Oft hat man ihn durch die Kunst nur ausgegleicht. Es ist ein trock- ner Felsen, nur unten sickert hie und da Wasser hervor, und das wird ins Fischhaus und in die Kuͤche geleitet. 90. Stuffen geht man aus dem Hause ins Badhaus hinab, und etliche 80. Stuffen bis in die Wohnzimmer. Zu den Kellern geht man 3. Treppen hinauf, und doch sind sie im Sommer kuͤhl, und im Winter warm. An den Luftloͤchern sieht man, daß die Mauern wohl 2¼. Fuß dick sind. Sie stellen wahre Stollen oder Gaͤnge vor. Alles ist mit Pulver gesprengt und gewoͤlbt, und doch sind Fuͤrstliche Zimmer Reihenweise darin. Unten ist das Gerichtshaus und die Kanzlei. Ringsum her zie- hen sich schreckliche mit Wald bewachsene Gebuͤrge, von denen das Holz auf der Mieglitz hergefloͤsset wird. Durch diesen Wald geht ein Englischer Garten mit einem Schlangenwege. Oben ist ein Pavillon angelegt, wo man man nach Sedlitz, Pirna, Lilienstein, Koͤnigstein, Dohna ꝛc. vortrefliche Aussicht hat. Erst wohnten Moͤnche da. Die nachherigen Besitzer bauten alle daran. Man sieht in der Hoͤhe das weite Thal in seiner gan- zen Breite und Laͤnge nicht. Die Mieglitz rauscht herrlich durch, und aus meinem Schlafzimmer sah ich, wie sie an 3. verschiedenen Orten Kruͤmmungen macht. Schlott- witz, wenige Stunden davon, hat die herrlichsten Jasp- achat und Amethystbaͤnke, die Charpentier in seiner Mineralogischen Geographie von Sachsen beschrieben hat. Mit solchen Stuͤcken sind die Fontainen im Gar- ten besetzt. Wenn dann diese springen, und die Sonne grade darauf scheint, so macht das den herrlichsten An- blick. Um diese Stuͤcke zu schleifen wuͤnscht der Hr. Baron Riß und Leute von Oberstein S. Seite 621. u. f. des 1ten B. dieser Reisen. Herausgeber. zu haben. Ei- ne daraus geschliffene herrliche Dose verwahrt er als ein Prachtstuͤck. Ein Brauhaus ist in den Felsen gehauen, das hat 4. Boͤden uͤber einander, es koͤnnen 30,000. Dresdener Scheffel da liegen, es sind Kommunikationsloͤcher von ei- nem Boden zum andern da. Man macht Darrmalz und doch kommt kein Feuer darzu, alle Darren sind ge- flochten, und die Waͤrme koͤmmt durch lauter Zuͤge hin. Schreckliche grosse Braukeller sind ebenfalls in den Felsen gehauen. In der 9ten Etage trift man 3-4. Gewoͤlber hinter einander an, wo man in jedem mit Pferd und Wagen umkehren koͤnnte. Hinter diesen liegt das Archiv und L 4 hinter hinter diesen sind Gewoͤlber fuͤr das Silbergeschirr und das Porzellan des Besitzers. Aus den obern Etagen gehen senkrechte Gewoͤlber in das Haus hinab, in welche man ganze Kisten und Kuffer voll Kostbarkeiten mit Silber und dergl. ange- fuͤllt hinablassen kan. Kein Feind findet’s, wenn’s nicht verrathen wird. Viele Domestiken kommen nie im gan- zen Hause herum. Schrecklich hoch oben liegt ebenfalls im Felsen ge- hauen, die Schloskirche, worin ebenfalls Chor, Altar und Kanzel aus Fels sind. Man kan hinten herum ge- hen und den blosen Felsen sehen. Die Kirche hat so grosse Vermaͤchtnisse, daß eine eigene Hofkapelle ordent- lich gehalten wird. Man empfing uns auf der Orgel mit Paucken und Trompeten, die in der Felsenhoͤhe vor- treflich schallten. Heute fruͤh verliessen wir diesen wuͤrdigen Mann, reisten nach Pirna zuruͤck, und von dort gleich den Stein- weg hinauf nach dem Koͤnigstein, hart an der Voͤhm ischen Grenze. Er ist eigentlich eine grosse Sandklippe 1400. Fuß uͤber die Oberflaͤche der unten vorbeifliessenden Elbe erhaben. Rings herum ist er mit Wald umgeben, der von oben herab nur wie niedriges Gebuͤsche erscheint. Die Breite ist 50°. 57′. und die Laͤnge 36° 44′. 3. Meilen ostwaͤrts von Dresden. Nicht weitab, aber uͤber der Elbe, liegt der Lilienstein. Der ist noch 14. Ellen hoͤher und fast unzugaͤnglich. Als der jetzige Churfuͤrst einmal oben speißte, lies der Hr. Graf Markolini einige Stangen aufrichten. Zur Seite liegt an der Elbe das Dorf, wo der der Prophet vom vorigen Kriege wohnt. Er ist ein Fi- scher, kein Schwaͤrmer, und jetzt schon ein alter Mann. Er sagt, er hoͤre eine Stimme und fuͤhle einen Drang, es zu sagen ꝛc. Ferner liegen in der Naͤhe der Pfaffen- stein, der Jungfernsprung, der mit Holz bewachsene Berg Querl, der einzige, wo sich eine dem Koͤnig- stein gefaͤhrliche Armee postiren koͤnnte, daher sind auch auf der Festung oben die schwersten und groͤsten Kanonen und fuͤrchterlichsten Moͤrsern auf den Berg gerichtet. Innerhalb ist eine natuͤrliche Hoͤle, die Diebshoͤle ge- nannt, darin sich 2. Kompagnien Soldaten verstecken koͤnnten; nicht weit davon liegt das Staͤdtchen Koͤnig- stein, das Rabener das Doͤrfchen Querlequitsch nannte. Im Jahr 1639. brannten es die Schweden ab, weil aus der Festung auf sie war gefeuert worden. In der Ferne sieht man den boͤhmischen Schneeberg und bis nach Toͤplitz hin. Ehemals gehoͤrte Berg und Schloß zu Boͤhmen. Im Jahr 1403. kam es an Sachsen, 1425. ruinirten es die Hussiten, 1516. stiftete Herzog Georg ein Coele- stiner Kloster hier. Durch die Reformation 1529. aber zerstreuten sich die Moͤnche: 1553. fing Churfuͤrst August eine reelle Befestigung an, baute ein Bergschloß, legte mehr Besatzung hinein, und fing den Brunnen zu graben an, der erst nach 40. Jahren fertig wurde. Im Jahr 1586. ward der Fels mit Mauerwerk ausgefuͤllt, und ein neuer Eingang durch den Felsen gehauen. Der Zugang ist aͤusserst steil; die alten Invaliden tragen daher das Frauenzimmer in Tragsesseln hinauf. Am Thore wird nach dem Passe gefragt, und eines Jeden Name gleich auf die Hauptwache hinauf gemeldet, und L 5 hernach hernach werden die Fremden durch einen Offizier herum- gefuͤhrt, und so wieder ans Thor gebracht. Es sind 3. Thore und Fallbruͤcken daran, so glatt, daß man Kano- nenkugeln herunter rollen kan. Der Kommendant kan aus seinem Zimmer den Eingang uͤbersehen. Man sieht, wo im Felsen der erste, der andere und der jetzige Eingang gehauen sind, um es nur etwas flacher und ebener zu ma- chen. Jetzt lagen 500. Mann Besatzung oben, der obe- re Umfang des Felsens macht eine starke halbe Stunde aus, und darauf liegen die Festungswerke, Wohnungen, Magazine, Pulverthuͤrme, Kasematten, Zeughaus, Kir- che ꝛc. Ein aͤusserst angenehmes Waͤldchen ist auch oben, darin stehen die Pulvermagazine. Der Blitz hat schon oft da eingeschlagen, doch aber nur in Baͤume. Eine Brauerei ist nicht oben. Eine Cisterne aber liegt im Walde, in welche alles Regenwasser geleitet wird. Es gibt darin Karauschen und Karpen, sie werden aber nicht fett, auch sollen sehr wenige Voͤgel hier nisten. Im J. 1778. brachte man wegen des Kriegs viel Pulver und Munition aus Dresden hierher, und verstaͤrkte die Besatzung. 1779. zog aber die Verstaͤrkung wieder ab, und das uͤberfluͤssige Pulver brachte man auch wieder weg. Kanonen auf Lavetten stehen ringsherum auf dem Wall. Einige schiessen 24. Pfund. Sie sind schoͤn gearbeitet, alt, und mit Churfuͤrstl. Namen, Wappen und Versen geziert. Dazwischen stehen immer schreckli- che Moͤrser auf hoͤlzernen Kuffen. Man kan damit bis in die Gegend von Pirna reichen. Ueberall stehen Krahne, damit wird Holz, Steine, Lebensmittel ꝛc. hinaufgezogen. Was Was mir hier besonders sehenswuͤrdig war, ist fol- gendes: Der Heldensaal. Johann Georg der I. hat ihn 1631. angelegt. Er liegt an der Wohnung des Kom- mendanten. Es haͤngen Gemaͤlde von Churfuͤrsten, Damen, Fuͤrsten, Kommendanten, Generalen darin. Auch eine Vorstellung des Saͤchsischen Prinzenraubs ꝛc. Koͤnig August II. lies an diesen Saal noch Aufziehema- schinen anbringen, worzu nur 8. Mann gehoͤren, und durch welche der Fußboden des Saals aufgehoben werden kan Denn der Heldensaal liegt uͤber dem Eingange. Herausgeber. , so daß der Feind noch todt geworfen werden kan, wenn er auch schon eingedrungen waͤre. Die Staatsgefaͤngnisse liegen zu aͤusserst an der Spitze, man laͤst sie aber keinen Fremden sehen. Ein eigener Hauptmann hat die Aufsicht daruͤber. Man bekoͤmmt aber die Crellenburg zu sehen, wohin 1591. der Kanzler Crell von Dresden gesetzt ward, weil er des Crypto- Calvinismi verdaͤchtig war, bis er endlich 1601. in Dresden enthauptet ward. 1720. ward auch hier ein Baron von Klettenberg, ein falscher Goldmacher wegen einer in Frankfurt am Mayn begangenen Mordthat enthauptet. Auf der Koͤnigsnase, welches eine Spitze vom Wall ist, liegt deswegen noch ein Stein. Die Neue Kirche fuͤr die Besatzung, ward 1676. in Gegenwart des Churfuͤrsten Johann Georg II. vom Oberhofprediger Geyer eingeweiht. Der Churfuͤrst schenkte schenkte auf den Altar einige Drechseleien von seiner eige- nen Hand. Auch stehen daran 2. roͤmische Saͤulen, die der Pabst dazu schenkte. Sonst war die Besatzung in dem dabei liegenden Staͤdtchen eingepfarrt, aber 1671. kam der erste Guarnisonprediger dahin. Die Todten werden gleich von der Festung herunter gebracht. Die Friedrichsburg, ein Haus auf dem Wall zum Spielen, Kaffeetrinken und dergl. bestimme. Hier schlief 1678. ein Page Heinrich von Grunau, der mit dem Churfuͤrsten Johann Georg dem II. hier war, sich be- trunken hatte, und zur Schießscharte herauskroch, auf dem aͤussersten Absatze der Mauer ein. Der Churfuͤrst lies ihn, ohne ihn aufzuwecken, mit Stricken festbinden, und so am Rande des schauervollen Abgrundes aufwa- chen Daher dieser Ort auch bis jetzt noch das Pagenbette heist. Herausgeber. . Nachher stuͤrzte der naͤmliche Mann, als er dem Churfuͤrsten in Dresden uͤber die Elbb ruͤcke, die damals noch kein Gelaͤnder hatte, vorritt, in den Strom herab, ward aber auch da errettet, und wurde 108. Jahr alt. Die Kasematten gehen um die ganze Festung her- um. Seit 1767. baut man an den neuen. Sie sollen so fest seyn, daß die Bomben, wenn sie auch etlichemahl an dem naͤmlichen Orte aufschluͤgen, und die obersten La- gen durchloͤcherten, auf dem Schutt, der unter diesen liegt, alle Elastizitaͤt verloͤhren, und die untre doch nicht durch- schluͤgen. In den obern kan man aufrecht gehen. Selbst die Abtritte sind Bombenfest. Fuͤr den Winter sind Zugoͤfen und franzoͤsische Kamine gebaut. Diese Ka- sematten sematten gefielen dem Prinz Heinrich von Preussen, als er im letztern Kriege hier war, ganz ausserordent- lich. 1698. war auch Czar Peter der Grosse hier oben. Das Grosse Faß, welches man hier hat, ist schon das 3te. Es ist 1725. gebaut, und mit eisernen Reifen gebunden. Aus graden Baͤumen kan man so grosse Dauben nicht schneiden, daher sucht man lauter krumme Baͤume dazu aus. Es ist so gros, daß man einen Co- tillon darauf tanzen koͤnnte. Es ist voll Meißner Wein, den man den Fremden mit einem Stechheber her- aushebt. Es haͤlt 3709. Dresden er Eimer. Das Zeughaus ist nicht sonderlich gros, doch aber stehen 2. Ctagen ganz voll. Man sieht auch darin viele alte Waffen und Kriegswerkzeuge, Kuͤrasse ꝛc, Hau- bitzen, die als Kanonen und als Moͤrser gebraucht wer- den koͤnnen, Schuwalows, eine Art kleiner Kanonen, Orgelgeschuͤtze, wo man 7, 10, 15. Stuͤcke auf ein- mahl losschoß, Doppelhacken, um uͤber die Mauern zu schiessen ꝛc. Der Brunnen ist ein wahres Meisterstuͤck. Er ist durch den ganzen Felsen, 900. Ellen tief, gehauen. Aus dem Felsen sickert unten das Wasser, und in der Tiefe ist eine Quelle, daher es der Besatzung nie an Wasser ge- brechen kan. Die Invaliden treten ein grosses hoͤlzer- nes Rad, das zieht den einen Eimer herauf und laͤst den andern hinab, der sich in dem Augenblicke fuͤllt, da der andre ausleert. Hinabgeschuͤttetes Wasser faͤllt erst in 40. Sekunden hinab. Zuletzt erscheinen 6. Lichter nur noch wie ein Stern der kleinsten Groͤsse am truͤben Him- mel. mel. Es ist ein sehr reines, frisches und schmackhaftes Wasser. Im Jahr 1706. ward wegen des Schwed ischen Einfalls das Archiv und die Kostbarkeiten aus Dresden hierher gebracht, und die Besatzung ward verstaͤrkt. We- gen des Preuss ischen Kriegs wurden 1756. 1324. Mann hinaufgelegt, man schoß auch mit Kugeln und Bomben aus der Festung auf die Feinde, bis hernach fuͤr die Fe- stung eine Neutralitaͤtskonvention errichtet ward. 1763. den 19. Maͤrz zog die Verstaͤrkungs-Guarnison wieder ab. Gouverneur dieser wichtigen und sehenswerthen Bergfestung war jetzt der Hr. General von der Infante- rie, Graf von Solms. Man nimmt immer Maͤnner, die schon in Jahren sind, dazu. Sie folgen gemeinig- lich schnell auf einander. Der jetzige bat es sich selbst aus. Ich war ihm von des Ministers von Wurmb Exc. empfohlen, und hatte die Ehre in sehr vornehmer Gesellschaft bei ihm zu speisen, worunter unter andern auch der Koͤnigl. Preußl. Gesandte an hiesigem Hofe, Hr. von Alvensleben war. Den 30sten Aug. Ruͤckreise nach Pirna. Der heutige Tag war dazu bestimmt, das Lustschloß Pillnitz, wo sich der Churfuͤrstl. Hof im Sommer aufhaͤlt, zu besehen. Wir fuhren auf der schoͤnen Elbe hin, und gingen dann durch einen Tannen- und Foͤhren- wald vollends zu Fuß hinein. Hr. D. Ursinus, der so gefaͤllig war, diese Lustpartie anzustellen, hat hier einen Schwager, Schwager, der Amtsverwalter ist. Das eigentliche Schlos ist alt, es sind aber noch 2. herrliche Pavillons da und diese bewohnt der Hof. Im Garten hat der Churfuͤrst eine Partie im Englischen Geschmack mit gros- sen Kosten anlegen lassen, und man will von den benach- barten hohen Gebuͤrgen das Wasser herableiten, und eine Art von Kasselschen Winterkasten machen. Es fehlt aber grade in der heissesten Jahrszeit an Wasser. Das Schoͤnste fuͤr mich war, daß hinten am Garten die Elbe fließt, wo schoͤne Jatchen und Gondeln liegen. Im Garten findet man allerlei Spiele. Auch ist darin ein eigner kleiner Garten, mit dessen Wartung sich der Chur- fuͤrst selbst vergnuͤgt. Er stand eben, gegen seinen Be- fehl, offen. Im Venustempel, einem schoͤnen und grossen Saal, in dem man viele Bildnisse vormaliger beruͤhmter Damen antrift, sahen wir den Hof zu Mittage speisen. Es ward dazu Mufik im Nebenzimmer gemacht. Die Zimmer des Churfuͤrsten bekoͤmmt Niemand zu sehen. In den Zimmern der Churfuͤrstin lagen die Rhein Beitr. und Hist. univ. profane \& sacrée, ein Rahmen, worin sie arbeitete. ꝛc. Ein Klavier, ei- ne Voliere von Kanarienvoͤgeln war auch darin, und darneben ein Huͤnerhaus, das sie erst jetzt mit vielen Kosten bauen laͤst. Man kan hier Schnallen von Pinschbeck zu Kauf be- kommen, die ein Mann in Peterswalde in Boͤhmen, ganz im Englischen Geschmack macht. Die Kaiserin hats ihm dort lernen lassen. Die Meinigen kosten mich 1. Thaler 18. Groschen. Er macht sie nach allen moͤglichen Dessein, die man ihm schicken muß. Abends Abends kehrten wir wieder nach Pirna zuruͤck, und waren im Garten beim Apotheker Hrn. Hofmann, dem der Teschener Friede ein schoͤnes Lusthaus gebaut hat, mit der Inschrift: Hanc pax nobis dedit unbram. 1779. Den 31sten Aug. Reise nach Stolpen. Ein Kranker in Bischofswerde schickte dem Hrn. D. Ursinus einen Wagen und lies ihn holen. Diese Gelegenheit benutzte ich, und begleitete ihn, um bei der Gelegenheit die Stolpener Basaltsaͤulen zu besehen. Den ganzen Weg bis hin trift man Sand an, dann kommt ein Granitberg, und auf diesen die Basalte. Un- zaͤhlig viele gibt es deren hier. — Das Pflaster, alle Sitze vor den Haͤusern, alle Stadtmauern, das Schloß, die Mauer um den Berg und Thiergarten — alles ist aus Basalten, ja Schloß und Staͤdtchen stehen darauf. Das Schlos ist seit dem siebenjaͤhrigen Kriege demo- lirt. Man will es auch verfallen lassen. In den schoͤ- nen Brunnen haben die Preussen eiserne Kanonen, Stei- ne ꝛc. geworfen, und man hat ihn noch nicht raͤumen koͤnnen. Dabei sieht man, daß einige Basaltsaͤulen noch 25. Fuß hoch am Tage herausstehen, und 287. Fuß tief ist der Brunnen, der in sie hineingehauen ist. Ein Steiger sagte, er haͤtte gar keinen Absatz gefunden, so- nach waͤren die Saͤulen 312. Fuß hoch. Sie sind meist 5eckigt; 3, und 6eckigte sind seltener, als 7eckigte. Ganz kleine 4eckigte brechen zuweilen zwischen den 5eckigten. Schoͤrl- Schoͤrlkrystalle, die von Einigen Granaten genannt werden, kommen zuweilen darinnen vor. Im Schlosse sieht man in der Kirche alte wohlerhal- tene Malereien, desgleichen die Zimmer der beruͤhmten Graͤfin Cosel, die zuletzt naͤrrisch, und eine Juͤdin wurde. Man genießt von hier aus eine schoͤne Aussicht nach Boͤh- men. Oben hat das Schloß doppelte Mauern ꝛc. Den 1sten Sept. Ruͤckreise nach Dresden. Den heutigen Tag brachte ich damit zu, von allen meinen Goͤnnern und Freunden Abschied zu nehmen. Vorzuͤglich beurlaubte ich mich von dem liebenswuͤrdigen Staatsmanne, dessen viele Beweise seines gnaͤdigen Wohl- wollens gegen mich, meinem Herzen ewig unvergeßlich sind. Darneben besah ich noch Die Kunstkammer. Da sieht man eine Menge der kuͤnstlichsten Uhren unter mancherlei Gestalten, z. B. als Spinnen, als galoppirende Pferde ꝛc. viele kuͤnstliche Sachen, in Elfenbein, Holz und Stein gearbeitet; el- fenbeinerne Kugeln, die in einander stecken, und tausend Dinge mehr. Die Ruͤstkammer. Neun Saͤle stehen voller Kost- barkeiten und Pracht. Eine ungeheure Menge Gold, Silber und Edelsteine sind hier verschwendet. Man sieht ausgestopfte Pferde, wie sie August III. geritten, mit reichgestickten Schabracken, silbernen vergoldeten Steig- buͤgeln, tuͤrkische Pferdegeschirre, Sattelzeug ꝛc. Redou- tenkleider von allen nur erdenklichen Erfindungen ꝛc. Das Hochzeitkleid Churfuͤrst Augusts. Panzer; viele alte sel- Zweiter Theil. M tene tene Gewehre von allen Nationen, schreckliche Henker- schwerdter, wobei ich mir an Hals grif, Sachen zum Karoussel, zu Turnieren ꝛc. Unmoͤglich konnt’ ich alles merken, und dazu in der kurzen Zeit, die ich aufs Be- sehen wenden konnte. Den 2ten und 3ten Sept. Reise nach Berlin. Der Weg von Dresden bis Berlin betraͤgt 20. Meilen, ist aber ein ewiges Sandmeer mit Tannen- und Fichten waͤldern untermengt. Ach, da schlich der Wagen so traurig im Flugsande fort, oft fuhr ich 6. Stunden Weges ohne ein Dorf, eine Huͤtte, oder nur einen Menschen zu sehen. Die Oerter, durch die ich auf dieser Route kam, sind Grossenhayn, Elsterwerde, Dobriluck, Sonnewalde, Luckau, Baruth, Mit- tenwalde; alles kleine Staͤdtchen. Bis Baruth ist alles Saͤchsisch, aber 1. Meile hinter diesem Orte ist es Brandenburgisch. Den 4ten Sept. Heute kam ich in Berlin an, und fand mein Logis in der Fr. Praͤsid. von Dankelmann Hause auf der Bruͤderstrasse. Hr. Nikolai hatte es fuͤr mich bestellt. Ich lies es mein Erstes seyn, verschiedene Besuche zu machen, und meine Empfehlungsschreiben abzugeben, ich ging daher gleich zu Hrn. Nikolai, der mich sehr freundschaftlich em- pfing. Von ihm ging ich zum Hrn. Regimentsseld- scheer Kleemann, der aber nicht zu Hause war, zum Hrn. Hrn. Stadtchirurgus Streccius, zu Hrn. geh. Gene- ralpostsekretair Otto, zu Hrn. Oberkonsistorialrath Tel- ler, wo ich Hrn. Prof. Ramler, und Hrn. Oberkonsi- storialrath von Irwing kennen lernte. Drauf ging ich unter den Linden in der Neustadt spazieren, wo ich Hrn. Generalchirurgus Schmucker antraf, und besah dabei den Wilhelmsplatz und die darauf stehenden Bildsaͤulen der preussischen Helden Schwerin und Winterfeld Seitdem ist noch das Standbild des General von Seydlitz, von Taßaert verfertigt, daselbst aufgestellt worden. Auf die 4te Ecke dieses Platzes wird die Statue des General-Feldmarschalls Keith zu stehen kommen. Herausgeber. . Auf den Abend war ich in dem gelehrten Klub, wo ich Hrn. Generalchirurgus Theden, Hrn. Oberberg- rath Gerhard, Hrn. Prof. Bernoulli ꝛc. kennen lernte. Im Heimgehen begegnete uns Mad. Karschin, und machte gleich folgenden Vers aus dem Stegreife: Ich bin so von den deutschen Alten Und bin gerade zu. Verzeiht, daß ich euch aufgehalten, Ich wuͤnsch’ euch allen suͤsse Ruh! Den 5ten Sept. Heute besuchte ich nach der Reihe Hrn. Oberkonsistorialrath Dietrich. Schon in Jahren, ein guter und rechtschaffener Mann. Hrn. Moses Mendelssohn. Wir sprachen von seiner Psalmenuͤbersetzung. Er sagte, es fehle noch mei- M 2 stens stens der Zusammenhang. Die alphabetischen Psalmen sieht er nur fuͤr pensées detachées an, die man nach- her gesammelt habe. — Je weiter man hinauf steige in der Voͤlkerwelt und in der Geschichte der Religion, je we- niger abgoͤttische Voͤlker finde man. Dies ist gegen Mei- ners. Die Hieroglyphe habe zur Vielgoͤtterei Anlaß ge- geben, man habe das Zeichen mit der Sache verwechselt, habe Hieroglyphen von Thieren genommen, weil das Thier einen bestimmten, der Mensch hingegen einen un- bestimmten Karakter habe, daher man auch nachher noch so ein Thier neben den Menschen gestellt habe. — Hrn. Oberkonsistorialrath Spalding. Ich fand ei- nen schon alten, aber noch frischen und lebhaften Mann an ihm. Er klagte auch, daß er gegen so viele mittel- maͤssige Koͤpfe kaͤmpfen muͤsse. Man sehe immer im Volksunterrichte die Religion als etwas fremdes, vom Herzen abgeschnittenes an ꝛc. Hrn. Luͤdke, Prediger an der Nikolaik irche, ein wackrer, thaͤtiger Mann. Mittags war ich bei Hrn. Oberkonsistorialrath Tel- ler zu Gaste. Er ist Censor von Allem was in Berlin gedruckt wird. Er sagte, er habe sich vom Groskanzler die Instruktion ausgebethen, was mit den allgemeinen Grundsaͤtzen der Religion bestehen kan, zu dulden. Ani- mositaͤten aber streiche er gradezu aus. Nach diesen Be- suchen war ich in einer Versammlung der Naturforschenden Gesellschaft in Hrn. Apothe- ker Rebelt ’s Garten. Hr. Bode war Direktor. Hr. Prof. Gleditsch zeigte einige Semina der Dioec. vor, und sagte, sie gaͤben blos foem. andre blos mase. sie zu erkennen sie unmoͤglich. — Man soll an keinen Baum klopfen, klopfen, es stehe hier Festungsbau drauf, weil sich me- dulla bis in den Liber erstrecke, wie eine gelat. ani- malis; er koͤnne aus Eicheln, Steineichen, schwarze Ei- chen ꝛc. unterscheiden. In der Zahl der Stamin. sei viel Ungleichheit oder Unbestaͤndigkeit: Figur und Pro- portion sei ihm lieber ꝛc. Ich lernte auch bei dieser Ge- legenheit Hrn. Oberkonsistorialrath Silberschlag kennen. Den 6ten Sept. Mein erster Besuch war heute bei Hrn. Rode, dem Maler. Seine Gattin wies mir folgende Gemaͤlde von seinem Pinsel. Christus, wie er das Brod bricht, gar herlich; — Julius Caͤsar, wie er ermordet vom Stuhle sinkt; — viele Stuͤcke aus der Preussischen Geschichte, als Friedrichs I. Kroͤnung, der vorige Koͤnig und der alte Fuͤrst von Dessau neben ihm. In allen muß man die Erfindung, die neuen, edlen Gedanken dieses schoͤpferischen Geistes bewundern Nach Le Sueur’s Tode ist er Dircktor der Koͤnigl. Akademie der Kuͤnste geworden. Herausgeber. . Hierauf besah ich die Wasserkunst fuͤr das Schlos. Sie liegt bei den Werder schen Muͤhlen, und ein Druckwerk, das durch ein Einziges Wasserrad in Bewegung gesetzt wird, treibt bestaͤndig 7000. Tonnen Wasser einen Weg von 250. Schuh horizontal unter der Strasse bis aufs Schlos, 100. Fuß hinauf, — denn so hoch ist das Schloß bis zum kupfernen Dach. — Hier laͤuft das Wasser noch 10. Fuß schraͤg unter dem Dache fort, vertheilet sich durch M 3 bleierne bleierne Roͤhren allerwegen im Schlosse, so daß man uͤberall Wasser haben kan. Unter dem Dache stehen 24. grosse und kleine Kessel, die bestaͤndig voll seyn muͤssen. Der Koͤnig gibt alle Jahr 700. Thaler zur Erhaltung dieser Wasserleitung. Oben auf dem Dache hat man ei- ne angenehme Uebersicht der Stadt, und die Aussicht nach Spandau, Charlottenburg ꝛc. Als der Gros- fuͤrst vor etlichen Jahren seinen Einzug hielt, standen und fassen viele tausend Menschen hier oben, sogar Frauen- zimmer. Im Herabgehen sah ich die Treppe ohne Stuffen, auf der man mit einem Wagen im Schlosse hinauf und herabfahren kan, neben der Stufentreppe. Sie ist mit lauter Backsteinen gepflastert. Hierauf wartete ich eine griechische Vorlesung des Hrn. Gedicke, Direktors des Gymnasiums vom Friedrichswerder ab. Er las uͤber des Aristophanes Wolken. Der Minister, Freiherr von Zedlitz, — ge- gen welchen grossen Mann sich mancher kleine Senator gewaltig blaͤht, — war auch zugegen. Schoͤn ist doch der Ausdruck des Griechen: Schimpfe den Vater nicht einen alten Narren, Du bist eine junge Vogelbrut von ihm erzogen. Nachher besah ich das Naturalienkabinet beim Hrn. Oberbergrath Ger- hard, unter den Linden neben der Stadt Rom. Es besteht aus 4000. Stuͤcken; der Besitzer will es à la Tontine verkaufen. Durch den Minister, Hrn. von Heinitz bekoͤmmt er alles. Er liest und schreibt jetzt Mineralogie, gibt Kupfertafeln von der Theorie der Ge- buͤrge buͤrge heraus, will auch eine metallurgische und minera- logische Technologie liefern. Die Mineralien, welche er besitzt, hat er alle im Feuer probirt, sich dabei der Porzel- lantiegel und Porzellanoͤfen bedient, und dabei manche Entdeckung gemacht. Das Verhalten des Minerals im Feuer steht uͤberall dabei. — Ich sah bei ihm; — sehr grosse Granaten aus Schweden; — Rubine in der Mutter, ein wahrer talkartiger Stein. — Blaue Tur- maline. — Sehr viel von dem Quarzo inciso. — Krystallisirten Feldspat. — Krystallisirten Schoͤrl, Bergleder, Haarsilber und Kalkspat an einander, von Allemand in Dauphine’. — Viel schoͤnes gediegenes Silber, Rothguͤlden, eben daher. — Weisses Blei, gar schoͤn. — Ich erfuhr bei dieser Gelegenheit, daß die klingenden Quarze, in denen man die Lamellen deutlich sehen kan, von Krumersdorf in Schlesien herkommen. Auf den Abend sah ich eine Ilkumination im Krausens chen Garten. Man zahlte 4. Groschen fuͤr die Entree, fuͤr die Musik ward besonders kollektirt. Es waren viele artige Erfindungen dabei, ein fliegender Ad- ler mit Lichtern, eine Menge Lampen mit buntgefaͤrbtem Wasser. Ueberall erblickte man das FR. und Fr. W. Im Garten waren unuͤberfehbare buntgemischte Gesell- schaften, aber ohne Getuͤmmel. Drauf soupirte ich in Gesellschaft Hrn. Nikolai ’s und Hrn. O. K. R. Tel- ler ’s. Den 7ten Sept. Ich fuhr heute mit Besuchen fort, und ging zu Hrn. D. Kruͤnitz. Er arbeitete eben den Art. Hals zu seiner oͤkon. Eneykl. aus. Ein fleissiger Ge- M 4 lehrter. lehrter. Die ganze Woche arbeitet er, und nur Sonn- tags geht er aufs Land oder in Gesellschaft. Hrn. Prof. Ramler, schon in Jahren, schreibt jetzt keine Oden mehr, nur manchmal eine Naͤnie. Von Wieland denkt er wie ich, nennt aber ihn und Les- sing unsre besten Beaux-Esprits. Er sagte, die Mes- siade habe er nicht ganz lesen koͤnnen. Er spottet uͤber Kl. Oden und Gel. Rep. und meint, Kl. sei nie vor- waͤrts, sondern immer ruͤckwaͤrts gegangen, an vielen Orten schreibe er Nonsense. Hrn. Medailleur Abraham Abramson, der Sohn eines Juden Der Vater Jakob Abraham ist ein Petschierstecher und Stempelschneider bei der Koͤnigl. Muͤnze. , aber im cultu externo nicht Jude, noch jung und ledig. Die Ideen und die Inschriften zu seinen Medaillen auf beruͤhmte Leute gibt ihm Ram- ler an. Wieland’s Stempel hat gelitten, sonst haͤtt ich die Medaille genommen. Jedes Stuͤck kostet 3. Thaler, und die ganze Suite 30.-40. Thaler. Von Mendelssohn, sagte er, waͤren wohl 500. abgegangen, von andern Gelehrten etwa 50. Der wackere Kuͤnstler ist willens, eine Reise zu machen. Hrn. Prof. Engel am Joachimsthal er Gymna- sium, ein Mann von etwa 40. Jahren. Seine ver- stopfte Leber macht ihn krank und hypochondrisch. Den Minister, Baron Zedlitz, lobt er sehr, er thue sehr viel, habe viel Bereitwilligkeit. Auf Herdern war er nicht zu sprechen. Ich erfuhr auch von ihm, daß der Mini- ster Zedlitz dem Hrn. Adelung in Leipzig aufgetragen habe, eine deutsche Grammatik fuͤr die preussischen Schu- len len zu schreiben, Die auch, wie bekannt, 1781. bei Voß in Berlin her- ausgekommen ist. Herausgeber. , weil Heynatz dazu nicht Philosoph genug sei ꝛc. Mittags aß ich wieder bei meinem Freunde Nikolai, und besah hernach des Hrn. Apotheker Rebelt ’s Naturalienkabinet. Es ist in der Mineralogie vollstaͤndig, enthaͤlt auch schoͤ- ne Konchylien, Kunstsachen, Abdruͤcke ꝛc. Mir war besonders merkwuͤrdig 1) Moosachat in einem Ringe, und unter diesem in einem Kaͤstchen ein Schiff mit 3. Seegeln, aus El- fenbein geschnitzt. 2) Zwei Tabatieren aus Bayreuther Kiesel aus dem Ganzen, und weis wie unreifer Quarz. 3) Lanze, Kolbe, und viele alte Gewehre. Ein De- gen, worauf die ganze Chursaͤchs. Genealogie steht. 4) Eine indianische Angelruthe aus Bambusrohr wie ein Stock. Wird immer in einander geschoben. 5) Ganz schwarzer Marmor aus Romagna. 6) Ein Puddingstone bei Berlin, von Hrn. Sieg- fried entdeckt. 7) Ein Schwanz von einem jungen Wallfisch. 8) Ein altes deutsches Opfermesser aus Silex; kom- men in Urnen vor. 9) Bernstein sachen, davon die Fabriken nicht hier, son- dern in Koͤnigsberg und Stolpe in Pommern sind. 10) Eisenstuffen von der Insel Elba 2. Schubkasten voll von einem guten Freund in Italien erhalten. Vie- le sind ganz blau. M 5 11) Chry- 11) Chrysopras aus Schlesien, — vielleicht gibts gar keinen im Orient. Auf den Abend aß ich bei dem guten Manne mit Hrn. Rendant Siegfried und seinem Schwiegersoh- ne, Hrn. D. Piel. Seine Frau mochte sich gern mit mir von der Mlle. Biheron in Paris (S. 1. Th. S. 89. u. f.) unterhalten. Den 8ten Sept. Beim Hrn. O. K. R. Silberschlag war ich heute zuerst. Der Koͤnig wollte ihn vom geistlichen Stande wegnehmen, und zum Major, hernach zum Obristen ma- chen. Er hat die Aufsicht uͤber alle Bruͤcken, Wasser- baue u. dergl. Ich sah bei ihm Proben von dem, was die Schuͤler in der Realschule zeichnen, schreiben ꝛc. Es ist aber hierbei viel Ostentation; weil hier viele Schulen sind, so buhlt man bei den Eltern um die Kinder. Hierauf machte ich Ihro Exc. dem Minister, Frei- herrn von Zedlitz meine Aufwartung. Ein grosser und verehrungswuͤrdiger Staatsmann. Alsdann besuchte ich den Hrn. Geh. Kriegsrath von Steck, der mit vieler Achtung und Lobe von unserm Ministerio sprach. Madame Martini. Eine empfindsame Frau, die noch den Tod ihres Mannes beweinte. Sie erzaͤhlte mir, wie edel und gros Hr. von Rochow, Hr. Graf von Borke, Hr. Sekr. Otto, Hr. O. K. R. von Ir- wing ꝛc. an ihr gehandelt haͤtten. Von den Mannich- faltigkeiten hat sie alle Jahr 100. Thaler. Mittags Mittags speiste ich beim Hrn. O. K. R. Teller, wo auch Hr. Hofr. Troschel war. Nachmittags wiederfuhr mir die hohe Gnade, Ih- ro Koͤnigl. Hoheit der Prinzessin von Preussen vorgestellt zu werden. Eine ungemein gnaͤdige Fuͤrstin, die Musik und Malerei sehr liebt. Sie hielt sich jetzt hier auf, weil ihr Gemal gegenwaͤrtig in Petersburg ist. Zum Beschluß von heute besah ich noch des Hrn. Rendant Siegfried’s Kabinet, und muste auch zum Abendessen bei dem lieben Manne bleiben. Er ist ein Schwager von Hr. D. Semler in Halle. Ich fand hier: 1) Einen Puddingstone, wo alle Kiesel eine Einfassung auf beiden Seiten haben. 2) Charpentier’s aus Freiberg, Suiten von Saͤchßl. Mineralien, darunter aber viele kleine und schlechte Stuͤcke waren. 3) Eine schoͤne Bibliothek. Den 9ten Sept. Heute machte ich wieder Besuche, und zwar zuerst beim Hrn. Geh. Rath Formey. Ich fand einen alten, schon baufaͤlligen Mann. Er denkt selbst veraͤchtlich von der franzoͤsischen Litteratur. Er lud mich ein, auf den Donnerstag die Aufnahme des Mr. Prevôt in der Akad. d. W. mit abzuwarten. Beim Hrn. O. K. R. Sack. Ein ehrwuͤrdiger Greis von 79. Jahren. Litt heftig am Podagra. „Ich „warte „warte meine Vollendung ab,“ sagte er zu mir. „Un- „ser Leben waͤhret 70. Jahr“ ꝛc. ꝛc. Ueber die Sitt- lichkeit der Stadt machte er die Bemerkung, in jedem Hause sei ein Franzos, dieser beurtheilte den Menschen nicht nach der Moralitaͤt, sondern sage nur: Il est amu- sant, c’est un homme d’esprit. Er wuͤnschte mir die groͤste Freude des Menschen, viel Gutes in der Welt gestiftet zu haben. ꝛc. Bei Madame Therbusch sah ich einige schoͤne Ge- maͤlde. Sie ist schon in Jahren, aber eine vortrefliche Kuͤnstlerin. Beim Hrn. Hofrath Gleditsch. Ein grosser Bo- taniker. Er korrespondirt selber mit dem Koͤnige wegen Versuchen uͤber Verbesserung des Tobacks. Man solle ihm die Schaͤrfe zu nehmen suchen, und unter den Land- kraͤutern eins ausfuͤndig machen, das man mit dem To- back verbinden koͤnne. Er sei aber doch nach allen Ver- suchen eine ganz eigne Mixtio, eine planta sui gene- ris ꝛc. Dieser Gelehrte hat so viele Feinde und verdient Ehrensaͤulen. Auswaͤrts wird er angebetet und hier we- nig geschaͤtzt. — Licet sapere sine invidia, sagt Dr. Kruͤnitz immer. Beim Hrn. Prof. Bernoulli auf der Koͤnigl. Stern- warte. Er hoͤrt schwer, hat daher immer ein Hoͤrrohr bei sich. Er, und Hr. Schulze sind die Astronomen der Koͤnigl. Akad. d. W. Hr. Bode ist nur Offiziant dabei. Mittags war ich bei des Minister, Freiherr von Zed- litz Exc. zur Tafel. Seine Gemalin hatte meine Schrif- ten gelesen, und verglich meine Physiognomie mit einem gewissen Chevalier Gossin. Ueber Tafel ward der Freuden- Freudengesang der Judenschaft auf die Kaiferin von Rußland vorgelesen. Der Minister lies den Kupfer- stecher Meil Zeichnungen von Gegenstaͤnden aus alten Autoren machen. Diese werden nun in der Porzellanfa- brick auf ein Dejeune’ gebrannt. Es ward eben die erste Probetasse geschickt. Darauf war Demosthenes, wie er sich am Meer im Lautreden uͤbt, und Milon von Cro- ton, der sich gewoͤhnt, alle Tage mehr zu tragen Dieses geschmackvolle Dejeune’ hat der Herr Rath Adelung zu Leipzig von dem Minister, Freiherr von Zedlitz, fuͤr die ihm aufgetragene Ausarbeitung der zuvorgedachten deutschen Sprachlehre, zum Geschenk erhalten. Man findet es umstaͤndlich beschrieben im 27. Bande der N. Bibl. d. sch. W. S. 345. u. f. Herausgeber. . Nachmittag besuchte ich Hrn. D. Bloch. Er ist praktischer Arzt, und dabei ein sehr fleissiger und einsichts- voller Naturforscher. Er fing mit Versteinerungen an zu sammeln, und besitzt jetzt eine herliche Sammlung, sonderlich aus dem Thierreiche. Ich fand darin vorzuͤg- lich merkwuͤrdig: 1) Den Kopf vom Bandwurm aus Katzen und mehr Thieren, mit den Haken. 2) Eine Warze von einem Wallfisch, gros und hervor- stehend. 3) Embryones von Hasen und Kuͤhen, 3. Tage alt. 4) Tubularia concatenata , das Original zum Ketten- stein. 5) Viele Eier, in einer Schublade voller Faͤcher, auf Baumwolle, unter Glas, mit aufgeschriebenen Namen. 6) Hals- 6) Halsorgane von vielen Voͤgeln. Bei dem Weib- chen sind sie immer grade. Eine ganz eigene Samm- lung. 7) Kopal und Bernstein, wohl sortirt: von jenem ein Stuͤck mit einer Flosse. 8) Gummi elasticum , gefaͤrbt, daß es wie Kopal aus- sieht, dem Chinesischen nachgemacht. 9) Ein Echinorynchus , und 10) Taeniae hydatigenae , beide aus dem Schwein. 11) Taeniae mit Franzen, aus der Trappe. 12) Berghahn, — Strandlaͤufer — Ardea mi- nuta. 13) Der Magen eines Kukuks, ganz haaricht. 14) Plumier’s Reisejournal nach Amerika, mit vie- len illuminirten Zeichnungen, die jetzt im Caresby stehen. Gar eine herliche Anatomie vom Krokodil soll darin vorkommen. — Dieses Werk kam aus Paris durch Erbschaft hieher. 15) Bernstein mit Wassertropfen. 16) Ein erstaunlich grosses Weltauge. 17) Schwaͤmme in Haaramethyst aus Schlesien. 18) Holz in reinem Quarz. Vieles in Achat, der- gleichen auch Hr. Siegfried besitzt. Holz noch auf der einen Seite, und Stein auf der andern. 19) Versteinerungen in Pierre d’Egypte. 20) Vier Hahnenkaͤmme aneinander. 21) Vortrefliche ganz metallisirte Belemniten. 22) Lituit. — Die grossen, (s. den Naturforscher ) sah ich bei Hrn. Siegfried. 23) Ein Ammonshorn versteinert mit Bleierz. 24) Orthoceratiten — wo die Kammern von einan- der gehen, und andre, wo die Kammern mit Onyx ausgefuͤllt sind. 25) Pan- 25) Pantoffelsteine, die Huͤbsch in Koͤlln zuerst be- kannt machte. Sie sehen fast so aus. Seitdem man Stuͤcke mit einem Deckel gefunden hat, weis man, daß es eine Austerart ist. 26) Ein ganzes Konvolut von Enkriniten aus Braun- schweig. Einer mit 11. Strahlen, da sie sonst alle nur 10. am Kopfe haben; auch einer in silice. 27) Ein Kreuzstein aus Spanien so gestaltet. Ist ein Stuͤck von einem Gypsspat. 28) Eine Englische Zinngraupe, 19. Loth schwer. Man nennt sie Visir, weil die Krystallisationen schief auslaufen, daß man sie an Backen legen kan. Den 10ten Sept. Weil heute Sonntag war, so ging ich in Die Nikolaikirche, den Gottesdienst abzuwarten. Die Kirche ist alt, gothisch, mit dicken Pfeilen verfin- stert. Hr. O. K. R. Spalding predigte. Evange- lium und Epistel werden vor dem Altare verlesen, dann das Lied: Allein Gott in der Hoͤh sei Ehr ꝛc. darauf das zur Predigt sich schickende Lied, und zuletzt der Glaube gesungen. Der Text war das Evangel. Dom. XIV. p. Trin. und das Thema: Vom fruͤhen Sterben der Menschen. 1) Unser Urtheil und unser Verhalten da- bei. 1) Warnung vor dem Selbstmord ꝛc. Die Stimme des Redners ist schwach, die Deklamation we- nig und einfoͤrmig, die Sachen gut, und die Worte sehr gewaͤhlt. Das Chorhemde und viele katholische Ge- braͤuche trift man noch in dieser Kirche an; weil der jetzi- ge Koͤnig bei seiner Regierung jeder Kirche frei stellte, es mit den aͤussern Gebraͤuchen zu halten, wie sie wollte. Nach dem Gottesdienste sah ich Die Die grosse Wachparade vor dem Schlosse, aufzie- hen. Sonntags koͤmmt die ganze Wache da zusammen. Wenigstens 2500. Mann ziehen alle Tage auf. Nur allein 150. Mann ziehen ins Schloß. Die Artilleristen besetzen die Posten unten am Park, an der Spree, bei den Pulvermagazinen ꝛc. Der kommandirende Obrist ritt an der Fronte, und zwischen den Gliedern fuͤrchterlich durch, und die Leute standen wie Mauern. Ein schreckliches Getoͤse machts, wenn 80. Trommelschlaͤger und 40. Queer- pfeifer auf einmal anfangen. Die Janitscharenmusik der Artilleristen klingt am besten. Jetzt hatte die Infante- rie eben die neuen, gleichaus dicken und schweren Ladestoͤ- cke bekommen, die gar nicht brauchen umgekehrt zu wer- den, und doch die Patrone gewisser, sichrer und fester hinabgestossen, so daß 2. Tempos erspart werden. Statt 1, 2, 3. zu kommandiren, kommandirt man jetzt nur 1. Die Offiziere tragen alle Spontons. Um den inlaͤndi- schen Fabriken einen bestaͤndigen Absatz zu geben, hat der Koͤnig so viele kostbare Uniformen eingefuͤhrt, dem Offi- zier wird das Geld dafuͤr monathlich an der Loͤhnung ab- gezogen. Das Regiment der Gens d’Armes ist un- streitig das schoͤnste und praͤchtigste Korps in der ganzen Armee. Die Gemeinen gehen fast wie unsre Garde, die Offiziere auch roth. Die letztern muͤssen lauter reiche Leu- te seyn. Der General kam von der Ferne der Stadt auf den Paradeplatz unter den Linden geritten. Da zeigte man mir 2. Majors von Kleist, Verwandte des Dich- ters und Zwillingsbruͤder, die schwer zu unterscheiden sind. Die katholische Kirche zu St. Hedwig. Sie ist voͤllig wie die Rotunda in Rom gebaut, mit korinthi- schen gereifelten Saͤulen. Der Koͤnig hat selbst den Riß Riß dazu angegeben. Der hohe Altar ist edel und sim- pel, und hat eine einzige Gruppe Sie ist aus weissem karrarischen Marmor von Mer- chiori in Venedig 1750. verfer t igt worden. Herausgeber. , welche ein Noli me tangere vorstellt. Darneben steht Die neue Bibliothek, ein verdorbenes Gebaͤude. Es steht daran: Nutrimentum spiritus, weil der Koͤ- nig sagte, man solte Nourriture d’Esprit, oder so was daran setzen. In dem Stockwerke unter dem Dache ist nicht einmal eine Treppe. Jetzt steht die Bi- bliothek noch nicht darin, sondern noch auf dem Schlosse. Nachmittags ging ich in den Park oder Thiergarten spazieren. Man geht unter den Linden zum Brandenburger Thore hinaus. Es ist ein Gehoͤlz voll theils gerader, theils schlangenfoͤr- miger Alleen, die aus einer angenehmen Mischung von Laub- und Nadelholz bestehen. Hinten stoͤßt er an die Spree. Es gibt darin viele Haͤuser, wo man Kaffee, Wein, Erfrischungen, Essen, u. dergl. bekommen kan. Es wird auch Musik darin gemacht. An einer Ecke standen ehemals die Zelter, jetzt sinds nur Zirkel und vie- le Sitze im Kreise herum, wo die ganze hohe und niedre beau monde von Berlin sich Sonntags zusammen draͤngt. Spectatum veniunt — Viele tausend Menschen von allen Staͤnden wandeln darin herum, plaudern, sind froͤlich, und doch hoͤrt man keinen Pari- ser Laͤrmen. Immer gehen Schiffe auf der Spree nach Charlottenburg vorbei. Ueber der Spree druͤben sieht man die Pulvermagazine liegen, die jetzt sehr leicht gebaut Zweiter Theil. N gebaut werden, und dabei die Koͤrn- und Trockenhaͤuser. Der Koͤnig gibt alle Jahr 800. Thaler zur Unterhaltung des Thiergartens her. Niemand als der Oberfoͤrster darf die Hasen und Rehe darin schiessen. Aber unangenehm ist der ewig herumfliegende feine Staub von der feinsten Sanderde, der Manchem Augen und Lunge verderbt, und wenns regnet, erschrecklichen Koth macht. Auf den Abend speißte ich mit Hrn. Rendant Sieg- fried und Hrn. Kammergerichtsrath Meier, seiner Frau und Schwester. Den 11ten Sept. Heute sah ich einen Rekrutentransport in die Stadt bringen. Es mochten wohl 100. Mann und druͤ- ber seyn, ein buntes Gemisch. Viele Reichslaͤnder wa- ren darunter, viele sahen traurig aus, undhingen den Kopf. Neben ihnen defilirte eben ein Regiment znm Thore hin- aus. Da konnten sie sehen, was sie waren; und was sie werden sollten! — — Weil man wegen der Ankunft des Koͤnigs im Schlos- se heute nichts zu sehen bekommen konnte; so ging ich mit der gestrigen Gesellschaft noch einmahl in andre Ge- genden des Thiergartens spazieren, und besahen den Neptun, des Hofjaͤgers Wohnung, Inseln, Statuͤen, eines Offiziers Eremitage, Schlangenwege, und tran- ken hoch oben unter einer Linde Kaffee. Mittags kam der Koͤnig in einem ganz simpeln Wagen! — Nachmittags besuchte ich den Kupferstecher Hrn. Meil, und besah seine vortrefliche Werke, und seine artige Sammlung von Buͤsten, Malereien, Anti- ken ꝛc. Nach ihm ferner Die Die Realschule. Auf der Modellkammer zeigte man mir einen Roͤmischen Triumphzug, einen Dresch- wagen, Silberschlag’s Maschine, versandete Stroͤme zu reinigen u. dgl. Aber grade die oͤkonomischen und nuͤtz- lichen Werkzeuge, Pflug und dergleichen sehlten. Was hier das Naturalienkabinet heist, ist ein nicht nennens- werther Rumpelkasten, den ein Kandidat Sander aus Magdeburg in Ordnung bringen soll. In dem der Realschule gehoͤrenden botanischen Garten vorm Tho- re, war jetzt alles durch die Duͤrre erschrecklich verkroͤpelt; der Boden ist aber auch der klaͤrste und trockenste Sand. Kleine Asters, kleine Palmen, kleine Zinniae standen da. Auch im Sande werfen hier Maulwuͤrfe, die sich von den benachbarten Orten, um dem Wasser zu ent- gehen, daher ziehen. Die Koͤnigl. Porzellanfabrik. Man hat mit vie- len schlesischen Thonarten Versuche gemacht. Auch hier laͤst man einem nichts sehen, als das Waarenlager. Blendend weis ist das Porzellaͤn, aber auch schwerer als das Meißner, und das von Seve. Der Direktor be- hauptete zwar, daß die Arbeiter immer noch zu viel Mas- se zu jedem Stuͤcke naͤhmen, er habe bei genauen Versu- chen einerlei specifike Schwere mit dem Meißner bekom- men. Alles hat hier seine Taxe, und wird fuͤr des Koͤ- nigs Rechnung gemacht. Der Absatz ist gros. Be- staͤndig kommen Bestellungen aus Rußland ꝛc. sonder- lich geht es sehr stark nach Pohlen. Man macht hier jedem alles so, wie es bestellet wird. An der Malerei und Vergoldung mangelt nichts. Der Platz des Waa- renlagers ist viel zu eng. Der Koͤnig war aber heut selbst da, und befahl, daß noch ein Fluͤgel gebaut werden sollte. N 2 Am Am Abend war ich in einer astronomischen Stun- de des Hrn. Bode. — Mit einem Dollondschen Sehrohr sah ich den Mond ganz zackicht, die Spitzen der Berge darin, die noch nicht erhellten dunklern Gegen- den, sein schnelles Fortruͤcken ꝛc.; Zwei Fixsterne vom Steinbock, die mit blossen Augen bei einander zu ste- hen schienen, und doch weit weg waren; wie Flimmer- spitzen am schwarzen Himmel, den Schwanz des gros- sen Baͤren; den untersten Stern Alcor, und den ober- sten, wo noch ein kleiner Stern uͤber ihm steht, den man mit blossen Augen nicht sieht ꝛc. Zur Milchstrasse war der Mond zu hell ꝛc. Es ward an einem sehr bequemen Sonnensystem demonstrirt, und besonders der Raum ge- zeigt, wo der grosse Lambert so viele Kometen vermu- thete. Den 12ten Sept. Heute hatte ich das Gluͤck, die Revuͤe des Koͤnigs uͤber die bei der Stadt zu- sammengezogenen Regimenter anzusehen. Die Thaͤtig- keit des Monarchen ist bewundernswuͤrdig. Er schlief auf dem Gesundbrunnen, eine Stunde vor der Stadt, am fruͤhen Morgen geschah schon wieder der Vortrag vom Koͤnig, und um 7. Uhr kam er daher geritten, gros, gnaͤ- dig, heiter, in seinem Alter thaͤtig am Geist, und leben- dig am ganzen Koͤrper. Hell und glaͤnzend ist sein Auge, stark und doch gewoͤhnlich, nicht schrecklich seine Stimme. Majestaͤtisch sieht er aus, wenn er mit dem Degen in der Hand auf dem stolzen Pferde unter seinem Heere mit einem Winke alles beseelt. Ziethen, Ra- min, Prittwitz, Prinz Friedrich von Braun- schweig schweig ꝛc. neben ihm, aber immer Er voran, Er die Seele von Allem! Mit Einem Blicke uͤbersah er und zaͤhlte im Uebersehen seine Krieger, ritt an der Fronte auf und nieder, und war mit seinem Heere zufrieden. Gottlob! sagten viele Buͤrger und Offiziere laut; er sieht so gesund aus! Der gute, liebe, alte Koͤnig! Er sprach mit vielen gemeinen Soldaten, lies, nachdem die Re- gimenter abmarschirt waren, erst aus den Feldstuͤcken, dann aus den schweren Kanonen und aus Haubitzen feu- ern; auch Bomben werfen ꝛc. Mit den Kanonen ward nach Scheiben geschossen, keine traf, aber die Linie hiel- ten alle, einige flogen noch weiter. Es soll blos seyn, den Feind zu etourdiren. Von da fuhr der Koͤnig wieder nach Potsdam zuruͤck und arbeitete in seinem stillen Sanssouci fuͤr das Gluͤck seines Volks. Ein jeder seiner Unterthanen darf an ihn schreiben. Wer ihm heute schreibt, hat morgen schon Antwort. Ich ha- be hier Gelegenheit gehabt, dergleichen eigenhaͤndige Ant- worten von ihm zu sehen. Sie sind immer ganz kurz und nervoͤs. Jemanden, der ihm einen Raphael an- bot, den er aber nicht haben mochte, schrieb er unter an- dern: „Gold kan ich nicht machen, und neue Imposten „einfuͤhren, ist meine Sache nicht.“ — Hierauf besuchte ich Hrn. D. Kruͤnitz Er zeigte mir sein Stamm- buch, worein der Kronprinz schon vor 20. Jahren die Stelle des Virgils, die so vortreflich auf ihn paßt, ge- schrieben hat: animo repetentem exempla meorum Me pater Aeneas, et avunculus excitat Hector. N 3 und und Mosheim schrieb ihm 1748. hinein: Magna au- ctoritas, magna existimatio, magna fama — magna mala, o beata obscuritas! — Ich muste mich auch einschreiben. Von ihm ging ich in die Ges e llschaft der naturforschenden Freunde, die sich heut bei Hrn. Dr. Bloch versammelte. Er verlas die Haͤlfte seines Aufsatzes von Band- und andern Intesti- nalwuͤrmern, und legte Zeichnungen vor. Die aus ei- nem Echinoryncho suis nur eben herausgedruͤckten Eier sah man unter dem Mikroskop. — Seine Mei- nung, daß diese Thiere eine eigene Familie ausmachen, und bestimmt waͤren, nur allein in thierischen Koͤrpern zu leben, unterstuͤtzt er mit 12. Gruͤnden, z. B. weil ihre Eier in Trillionen gehen, — weil sie durch die uͤbrigen star- ken Verdauungskraͤfte des Magens nicht destruirt wuͤrden, — weil jedes Thier seine eigene Gattungen habe, — weil sie sich nicht verpflanzen liessen ꝛc. Nur zweierlei Arten von Bandwuͤrmern gebe es: Breit- und schmal- gliedrichte. Nach geendigter Versammlung behielt er mich zum Abendessen, und da hatten wir so viel mit einander zu schwatzen, daß ich erst um Mitternacht diesen gelehrten und guten Israeliten verlies. Gestern bereits hatte ich ein sehr angenehmes Geschenk von Bernstein von ihm zum Andenken bekommen. Verschiedene Juden haben die Erlaubnis gepachtet, uͤberall im festen Lande Bern- stein zu graben. Man findet fast, so oft als man Brun- nen graͤbt, grosse Stuͤcke. Er geht sonderlich stark nach der Tuͤrkei, Pohlen, Persien ꝛc. zum Raͤuchwerk. Stuͤcke mit Insekten muß man nur bei den Arbeitern be- stellen. Eine Tonne von kleinen Bernstein an den Kauf- mann mann verkauft, kan 30.-36. Thaler gelten. Besonders wenn die See stuͤrmt, wird viel ausgeworfen. Es ist ein Stuͤck da, wo Balanus ansitzt. Den 13ten Sept. Zum Hrn. O. K. R. Teller ging ich heute zuerst. Unsre Unterredung betraf das neue Berliner Gesang- buch, das er und Hr. Spalding besorgen. Es kom- men ungefehr 20. Lieder, die ganz neu, und zum Theil von Hrn. Teller sind, hinein. Es wird mit dreierlei Schrift gedruckt. Der Buchhaͤndler, Hr. Mylius, ist Verleger davon. Wegen des Deutschen ist viel Unge- wißheit, weil in jeder Provinz dieser Monarchie anders geredet wird. Adelung muß hieruͤber entscheiden. Tel- ler’s Grundsatz dabei ist: Man muͤsse durch das Gesang- buch die Sprache des gemeinen Mannes bereichern und erheben. Matt ist an einigen Orten die Verbesserung von: O Gott, du frommer Gott. Die Verbesserung des Liedes: Wie schoͤn leuchtet uns der Morgenstern ꝛc. ist von Hrn. Teller. Ich gab noch einige an, die er gleich zur zweiten Auflage schrieb, als: Die muͤden Seelen Ruhe schaft, statt: Die Ruhe muͤden Seelen schaft. Die Staatszimmer im Schlosse bekam ich heute auch zu sehen. Alle sind sehr reich meublirt, aber alt, und in schlechtem Geschmack. Manches ist altmodisch, die Tapeten sind verschossen, das Gold, Silber und die Stickerei ist angelaufen, die Fußboͤden sind auch ganz ge- mein. Eine Menge silberne Leuchter und Tische von schrecklicher Schwere und Werth sieht man allerwegen. Ich ward in den sogenannten Rittersaal gefuͤhrt, wo die alten Churfuͤrsten stehen, dann in die Kapelle, wo N 4 ehemals ehemals Gottesdienst gehalten wurde, in des Koͤnigs Wohnzimmer, in sein so sehr simples Schlafzimmer, wo sein Bett eben so war. Buͤcher, Karten, ꝛc. lagen darin. Schirme liebt der Koͤnig sehr, an jedem Tische ist einer. Man hat von da die Aussicht grade auf die Statuͤe des grossen Churfuͤrsten auf der Bruͤcke. Ein Damenbret von Bernstein, ein Klavier ꝛc. standen auch da, auch hing das Bildnis der Taͤnzerin Barberini Von Pesne gemahlt. Herausgeber. in des Koͤnigs Zimmer. Die sogenannten Schwedi- schen Zimmer, wo die Koͤnigin von Schweden zuletzt logirte, sind allein nach dem neuen Geschmack. Hrn. Holzverwalter Ebels Holzsammlung besah ich nachher auch. Sie ist die groͤste und schoͤnste, die ich jemahls gesehen habe, und enthaͤlt uͤber 700. Arten. Viele Stuͤcke liegen in niedrigen Schublaͤden neben ein- ander, sind meist von einer Groͤsse. Viele Stuͤcke sind fournirt und viele von einem geschickten Tischer zusammen gesetzt und polirt, wie Achat. Viele Hoͤlzer von Straͤu- chern sind auch hier. Das Stinkholz S. S. 140. dieses Bandes. Herausgeber. soll, einer al- ten Reisebeschreibung zufolge, von den Molukkisch en Inseln seyn, wo erzaͤhlt wird, daß einer dem andern zum Spas einen Span davon unter das Bett gesteckt habe. Das Baͤnderholz fehlte hier noch. Gar schoͤn ist das spanische Rohr, der Laͤnge und Queere nach durchschnit- ten, desgleichen Knorren oder Warzen an den Aesten. Die Birken geben ein herrliches braunes Holz, davon ist hier ein Tobakskaͤstchen. Abends Abends aß ich in Gesellschaft des Pagenhofmeisters Hrn. Fuchs und Hrn. Rendant Siegfrieds. Jener ist ein geschworner Feind vom guten D. Bloch. Den 14ten Sept. Heute kriegte ich das Zeughaus zu sehen, eins der praͤchtigsten Gebaͤude dieser Stadt. Ich war vom Generalchirurgus, Hrn. Theden, an den Zeugkapit. Hrn. Lehmann empfohlen, und auf diese Weise kam ich hinein. Unten im Viereck des Hauses stehen schrecklich viel Kanonen auf Lavetten, und Haubitzen, von jenen welche, die 24. Pfund schies- sen, und vor welche 18-20. Pferde gespannt werden. Haubitzen, die 12. Pfund Pulver schiessen und schwere Kugeln. Darneben ist eine Stuͤckgiesserei und Bohre- rei, worin die Arbeit Tag und Nacht fortgeht. Der Bohrer wird von einer Maschine, die 4. Pferde treiben, hineingetrieben. Man sieht auch die im letztern Kriege von den Oesterreichern erbeuteten Kanonen, die aber eingeschmolzen werden; nur 2. waren noch uͤbrig. Sie sind auch viel plumper, und haben keine Proportion. Oben liegt eine Last von Gewehren, dreimahl so viel, als die ganze Preussische Armee stark ist, fuͤr Infanterie und Kavallerie. Husarensaͤbel liegen auf Haufen beisammen. Fuͤr jedes Regiment allemahl ein Haufen besonders. La- destoͤcke in greulichen Kasten. Trommeln auf einander gesetzt bis an die Decke. Saͤttel und Zaͤume greulich viele. Pistolen immer Paarweise an einander. Kuͤ- rasse auf einander gesetzt. Karabiner fuͤr die Husaren. Musketierpallasche auf dem Boden aufgehaͤuft. Bajo- netscheiden in Kasten. Es kommt einem ein Schauer N 5 an, an, wenn man die Menge Werkzeuge des Todes und der Verwuͤstung sieht. — Aber alles ist wohl gereinigt, blank, nett und in bester Ordnung. Auf jedem Stuͤcke steht das Zeichen: Potsdammer Gewehrfabrik. Oben- auf haben noch viele Regimenter ihre Montirungskam- mern, die sonst in der Stadt vertheilt sind, auch sind hier viele Sachen fuͤr die Offiziere. Alte verschossene Fah- nen stehen ebenfalls in den Ecken herum. Auch 3. neue oͤsterreichische im vorigen Kriege eroberte standen hier. An einer hing noch ein Flor, weil das Regiment um sei- nen Chef trauerte. Eine Buͤste vom alten General von der Artillerie, von Dieskau, steht auch hier oben. Das ganze Zeughaus umgibt eine Gallerie, auf welcher man die Stadt uͤbersehen kan. Mittag, war ich beim Hrn. Kammergerichtsrath Meier, mit Hrn. K. G. R. von Poͤnicke und Hrn. Musikdirektor Andre’ zu Gaste. Die beiden erste r n hatten auch in der bekannten Sache des Muͤllers Arnold zu thun, sie gaben aber Arnold nicht Recht, und zwar deswegen: 1) hatte Arnold die Muͤhle so gekauft; 2) der Obermuͤller hatte noch Wasser, folglich der Unter- muͤller auch. 3) Man brachte Dokumente von 1546. herbei, daß der Edelmann das Recht gehabt habe, abzu- graben. — Das Kammergericht machte dem Koͤnige wegen der Unschuld der 3. Kammergerichtsraͤthe lebhafte Vorstellungen, er nahm es nicht ungnaͤdig auf, gab aber auch keine Antwort. An dem Tage, da der Groskanz- ler von Fuͤrstenberg kassirt wurde, standen uͤber 200. Karossen vor seinem Hause, alles besuchte ihn, sogar die Prinzen vom Koͤnigl. Hause. Sie boten ihm ihre Boͤrse an, der Koͤnig laͤrmte daruͤber, verbot es aber nicht. So So sonderbar ist die Mischung des Despotismus und der Freiheit in diesem Staate! Der gewesene Kanzler lebt noch mit Figur von seinem ansehnlichen Vermoͤgen, kommt noch zur Koͤnigin nach Hofe ꝛc. Er war zu klein fuͤr den Koͤnig, gruͤbelte in Kleinigkeiten, war nicht fuͤr das Weite und Grosse, das der Koͤnig liebt, hatte aber viele Jahre mit unveraͤnderlicher Rechtschaffen- heit erstaunend gearbeitet. Das Publikum wuͤnschte ver- gebens, daß ihm der Koͤnig doch die Besoldung lassen moͤchte. — Nachmittags war ich in einer Versammlung der Koͤnigl. Akademie der Wissenschaften. Sie hat ein schoͤnes Gebaͤude unter den Linden zu ihren Ver- sammlungen, zu Aufbehaltung der Bibliothek, mathe- matischer Instrumente, Kabinette ꝛc. inne. Der Geh. Rath Formey ist ihr bestaͤndiger Sekretaͤr. Der Mini- ster, Freiherr von Zedlitz, war auch als Mitglied zuge- gen. Hr. Hofr. Gleditsch las erst eine kurze Beurthei- lung eines Forstbuchs ab, das Jemand aus dem Lande eingeschickt hatte, worin ein kostbares Instrument, den Holzinhalt der Baͤume zu bestimmen, vorgeschlagen war. Prevot, der heute auf Befehl des Koͤnigs an Sulzers Platz kam, las sein Antrittskompliment franzoͤsisch vor, worin er Sulzers Verlust bedauerte. Darauf dankte ihm Formey, und sprach etwas von dem Karakter der wah- ren Philosophen, Enseignez nous à douter, à igno- rer, sagte er, et après avoir saisi ce point, nous serons des philosophes. Darauf las Prevot noch eine Abhandlung uͤber die Probabilitaͤt in den Wissen- schaften vor, womit die Sitzung beschlossen ward. Hin- ter dem Versammlungszimmer steht die Biblothek der Akademie, Akademie, die aber nicht viel bedeutet, die Schriften der alten Aerzte sind aber sehr gut da, desgleichen die Schrif- ten der Akademien und gelehrten Gesellschaften in Euro- pa, auch viele Journale ꝛc. Das Naturalienkabinet ist klein, und Hr. Gleditsch, der die Aufsicht daruͤber hat, rangirt es nicht. Im Saale haͤngt Leibnitzens Bild- nis uͤber der Thuͤre, und ihm gegenuͤber das vom zweiten Praͤsidenten, dem Hrn. von Maupertuis. Den 15ten Sept. Ich besuchte heute zuerst Hrn. Achard. Dieser wuͤrdige und unermuͤdete junge Naturforscher ist blos Mitglied der Akademie, und wohnt weit draussen in der Spandauer Vorstadt, weil ihn seiner vielen Maschinen und seines Experimentirens wegen nicht leicht jemand in der Stadt einnaͤhme, es ihm auch zu kostbar in der Stadt zu wohnen seyn wuͤrde. Ich sah bei ihm: 1) Die Maschine, womit die kuͤnstli- chen Krystalle gemacht werden. Es geschieht durch Ab- troͤpfeln, und waͤhrt der Versuch 3.-4. Monate. Sie werden auch lamelloͤs. 2) Die Maschine, wodurch ver- mittelst dephlogistisi r ter Luft eine viel staͤrkere Hitze er- regt werden kan, als mit dem besten Brennspiegel; das Eisen troͤpfelt, Platina schmelzt, und alles zusammenge- loͤtete schmelzt zusammen ꝛc. Von ihm ging ich auf die Koͤnigl. Bibliothek auf dem Schlosse. Man steigt auf engen und finstern Treppen zu ihr hinauf. Auf jedem Buche steht oben FR. Den Fond zieht der Koͤnig ein, und gibt jaͤhrlich was er will, oft kauft er ganze Bibliotheken darzu. Der Hofr. Stosch und der Abt Pernetti sind Bibliothekare. Sie enthaͤlt viele alte seltene seltene Bibeln, Kirchenvaͤter, Acta Conciliorum etc. viel Werke von den Kuͤnsten, aus Italien ꝛc. Eine Maschine, aufgeschlagene Folianten herum zu drehen, daß sie doch immer aufgeschlagen liegen bleiben, einen grossen Globus von Weigeln aus Jena, eine Luftpum- pe von Otto Guericke ꝛc. sieht man auch hier. Der Koͤnig meinte neulich, man koͤnnte, um des Platzes wil- len, alle theologische und juristische Buͤcher verbrennen, — zwar nein, fuhr er fort, es muͤsten auch Denkmaͤler des menschlichen Unsinns vorhanden seyn. Mittags as ich bei Hrn. Nikolai, und besuchte nach Tische Hrn. Ober Konsist. Rath Buͤsching. Ein sehr thaͤ- tiger Gelehrter, obgleich schon an die 60. Jahr alt. Er sagte, es lebe sich recht gut in den Buͤchern, er arbeite alle Tage 14. Stunden, schlafe nach Tische ein wenig, und zaͤhle alle Minuten. So lange er in Berlin sei, waͤre er noch zu keinem angemeldeten Besuche gewesen ꝛc. Nach ihm besah ich Das Kabinet der Gesellschaft der Naturf. Hr. Siegfried thut jetzt viel daran, noch ists nicht ganz ran- girt. Fuͤr das Thierreich ist eigentlich Niemand da. Viele Naturalien sendet Hr. Chemnitz ohne Namen. Hacquet schickte die Quecksilberstuffen alle aus Idria. Eine Spongia fluviatilis aus der Spree fand ich hier. Auf den Abend war ich bei Hrn. Rendant Sieg- fried zu Tische. Den Den 16ten Sept. Reise nach Potsdam. Der Weg von Berlin dahin ist 4. Meilen, und Eine schreckliche Sandwuͤste. In der Mitte des Wegs liegt Zehlendorf, ein kleiner Ruhepunkt. Taͤglich geht 2mahl eine Journaliere ab, mit der man hinkommen kan. Am Thore ist viel sorgfaͤltiges Examiniren von der Wa- che, drauf vom Wirth, und noch einmahl in der Auberge von einem Offizier oder Adjutanten des Koͤnigs. Ehe man nach Potsdam koͤmmt, passirt man uͤber die Glinick sche Bruͤcke Die Havel. Dieser Fluß fließt bei Potsdam vorbei und gibt der Gegend ein heiteres Ansehen. Auch liegen um die Stadt herum einige Berge, auf denen Wein waͤchst, der aber selten reif wird und nur zum Es- sig zu brauchen ist. Det Koͤnig hat auch jetzt den fran- zoͤsischen Essig verbothen, er wird aber selbst in guten Jahren, je aͤlter, je schlechter, wiewohl man das nicht Wort haben will. Die Stadt hat viele schoͤne Strassen und grosse Plaͤ- tze, auch viele praͤchtige Haͤuser, aber aus den schoͤnsten Pallaͤsten nach italiaͤnischer Bauart und mit Statuͤen be- setzt, haͤngen der Soldaten Stiefeletten und gewaschene Hosen zu den Fenstern heraus. Der Koͤnig baut immer fort, aber jetzt dauerhafter als ehemals, denn die alten Haͤuser bekommen alle Risse und wollen einfallen. Man baut auch jetzt keine von 4. Geschossen mehr. Fuͤr die innre Einrichtung des Hauses muß der Eigenthuͤmer sor- gen. Was Was ich waͤhrend meines kurzen Verweilens hier besehen habe, ist: Das neue Palais. Der grottirte Saal ist uͤberladen. Der Koͤnig liebt das Bunte. Im Kon- zertzimmer stand ein herliches Notenpult von Schildkroͤte und Perlmutter. Seit dem Teschen er Frieden blaͤßt der Koͤnig nicht mehr Floͤte. Des Koͤnigs Wohnzim- mer, Schlaf- und Schreibkabinet sind praͤchtig. Aller- wegen ist eine erstaunende Menge karrar ischer Marmor verbraucht. Ein herrlicher Opernsaal ist auch darin. Viel vortrefliche Antiken aus der Poligna c schen Samm- lung finden sich ebenfalls da. Der Garten von Sanssouci. Als Garten be- trachtet, nichts Besonders. Viel lange, grade und langweilig geschnittene Alleen mit einigen Abwechselun- gen, aber voller kosibarer Statuͤen ꝛc. Wasser kan der Koͤnig mit Millionen nicht hineinbringen. Schade, daß die Natur so wenig fuͤr diese Gegend gethan hat! — Wachen trift man gar nicht darin an, sondern nichts als Gaͤrtner und Invaliden. Kleine Dammhirsche laufen hier und da darin herum. Wenn Hunde kommen, so ist der Koͤnig nicht weit! Hier lebt er immer, um allein zu seyn, damit nicht jeder sehen soll, was er macht. Fuͤr Generale und gute Freunde ist ein eigen Haus erbaut. Das Schloß selbst ist nur von einem Stockwerke. Oben laͤuft eine Gallerie herum. Grosse Terrassen liegen da- bei, auf welchen eigene Gaͤrten angelegt sind, und von denen man auf den Ruinenberg und rings umher eine unermeßliche weite Aussicht hat. Die Bildergallerie in Sanssonci. — Vorne stehen viele schoͤne moderne Statuͤen und Vasen, auch ei- nige nige antike. Herliche Gemaͤlde sieht man hier, aber auch darunter viele unzuͤchtige von italiaͤnischen Malern, mehr als in einer andern Sammlung. Schoͤn sind be- sonders die auf den Tischen liegenden Figuren. Darne- ben ist noch ein Kabinet, wo mehr Auswahl in den Stuͤ- cken ist. Der Koͤnig hat manches fehlerhafte Stuͤck ge- kauft, weils ihm gefiel, und manches schoͤne nicht, weils ihm nicht gefiel. Nachher machte ich noch einen Besuch beim Hrn. K. R. Bamberger, reformirten Hofprediger, und seiner gelehrten Frau, die eine Tochter des Hrn. Sacks ist. Ich war vom Hrn. Kammergerichtsrath Meier an ihn empfohlen. Den 17ten Sept. Ich fuhr heute mit Besehen fort, und ließ mich im Koͤnigl. Schloß in Potsdam herumfuͤhren. Es ist noch reicher meublirt als das neue, steht aber auf feuch- tem Boden. In vielen Zimmern sind die Tapeten schon verschossen und zerrissen. Des Koͤnigs Hunde zerreissen mit den Knochen in seinem Zimmer alle Sessel, und er laͤßt nichts neu machen. Herliche aus Chrysopras zu- sammengesetzte Tische sieht man hier, auch koͤstliche Kron- leuchter von Felskrystall, an denen unten gedrehte Kugeln haͤngen, die groͤsser als ein Kindeskopf, und rein wie Wasser sind. Ueber 30,000. Thaler hat mancher Leuch- ter gekostet. Des vorigen Koͤnigs Zimmer sind alt. Man zeigt das Zimmer, wo er Tobackskollegium hielt, Stuͤhle, die er selbst gedreht, und Malereien, die er selbst gemalt hat. Man sieht auch noch die grosse Glas- scheibe, scheibe, die er nach dem Lustgarten zu einsetzen lies, als er vor Alter nicht mehr auf die Parade herabgehen konn- te. Dies ist in dem Zimmer, wo man noch das Bette sieht, auf welchem er gestorben ist. Darneben ist eine Treppe fuͤr den Rollwagen, in dem er sich fahren lies. Praͤchtig sind des jetzigen Koͤnigs Winterzimmer. Er kan die Parade durch Spiegel in seinem Zimmer, die in jeder Ecke angebracht sind, sehen, ohne ans Fenster zu treten. In allen Sachen liebt er die blaue Farbe, so wie Prinz Heinrich die gelbe. Unbeschreiblich kostbar sind die Zimmer fuͤr die fremden Herrschaften. In des Koͤnigs Zimmer haͤngen auch Kupferstiche von seinen Landstaͤdten. Sonderbar ists, daß in allen diesen Schloͤs- sern keine ordinaͤre Wohnzimmer fuͤr die Koͤnigin, Kron- prinz, Kronprinzessin ꝛc. sind, auch keine Schloskapelle. Alles ist ganz nach dem jetzigen System vom Koͤnige ge- baut worden. Weils heute eben Sonntag war, so bekam ich die Kirchenparade zu sehen. Von 9.-10. Uhr versam- melt sie sich theils im Lustgarten, theils jenseits der Gar- nisonkirche auf einem grossen Platz. Die Garde hat stark mit Silber besetzte Montirung. Ein herliches Korps von Offiziers ist hier. Auf den Schlag 10. Uhr formirt sich das praͤchtigste Schauspiel. Vorher rauscht das Geschwaͤtz der Menge, wie Meerwasser oder wie auf einer Boͤrse. Man sollte nicht glauben, daß man viele 1000. Menschen so orbilisiren koͤnnte, daß sie solche Zieh- und Dratpuppen wuͤrden ꝛc. In die Kirche geht in Frie- denszeiten nur wer will, im Felde sieht aber der Koͤnig sehr darauf. Man erzaͤhlte mir hier, der Koͤnig sei ein- mahl bei der Huldigung in Berlin, einmahl in Dres- den, nach der Einnahme dieser Stadt, und einmahl in Zweiter Theil. O Breßlau, Breßlau, nach Eroberung dieses Orts, in der Kirche gewesen, sonst nie. Der Prinz von Preussen kommu- nizirt des Jahrs einmahl. Der Koͤnig raͤumt den Ein- fluß der Religion aufs Volk ein, und setzt sie doch oft vor Offiziers und Pagen herab. Blutschande, Sodomite- rei ꝛc. nennt er Peccadilles, und Hurerei menschliche Schwachheit. Man solle den Bauer nicht noch mehr von Geld enerviren, lieber ein Paar Monat Festungs- bau. Nach jedem Kriege will man bemerkt haben, daß er etwas haͤrter geworden. Es liegen ohngefaͤhr 8000. Mann Garnison hier. Die Soldaten vom ersten Bataillon der Leibgarde zu Fuß muͤssen immer in Parade seyn, duͤrfen nicht arbeiten, und haben woͤchentlich einen Gulden. Die Soldaten sind alle im 2ten Stock einquartirt. Mancher Buͤrger hat 8. bis 10. Mann, mancher 6, alle aber 4. Mann. Der Buͤrger muß ihnen auch kochen, und das Essen auf die Wache schicken. Die Klafter Holz kostet hier uͤber 2. Thaler, der Koͤnig verkauft aber jedem Buͤrger 6. Klaf- tern fuͤr 1. Thaler 6. Groschen, aber das Fuhrlohn bezahlt der Buͤrger. Die Soldaten duͤrfen es nicht einmahl spalten. Es sind noch einige Soldaten vom vorigen Koͤ- nige hier, z. B. der Fluͤgelmann vom ersten Bataillon. Er mißt 18. Zoll uͤber 5. Schuh, ist eine schreckliche Ma- schine, geht aber schon gebuͤckt. Auch von der Kollin er Bataille sind noch welche hier. Diese bekommen zu ih- rem Traktament 1. Gulden Zulage Vor Kurzem lebte in Berlin noch ein Jude, der Sol- dat, und am Sonnabend, als seinem Schabbes, frei war. Er war recht stolz auf seine Montur, und trug sie bestaͤndig. . Jene vom 1sten Bataillon Bataillon muͤssen Tag vor Tag exerziren. Das Regi- ment Prinz von Preussen, wozu der Koͤnig gar nichts gibt, liegt auch hier. Drauf war ich in der Garnisonkirche und hoͤrte den Hrn. K. R. Bamberger uͤber Matth. VII. „Es werden nicht alle ꝛc.“ predigen. Man singt hier aus der kleinen Sammlung: Lieder und Gebete fuͤr Soldaten, die hier ohne den geringsten Widerspruch eingefuͤhrt wurden, dahingegen Spalding und Teller in Berlin davon an einem Sonntage predigten, und dadurch ein solches Feuer anfachten, daß Spaldings Name an den Galgen ge- schlagen gefunden ward. Mittags speiste ich beim Hrn. K. R. Bamberger, und Nachmittags gingen wir in den Garten bei Sansouci. Wir besahen noch das Japanische Haus; die reizende Venus mit dem Amor von Papenhoven, die Kleist In folgenden Versen: Bezaubernd Vild, des Meissels Meisterstuͤck, Ach! schluͤge deine Brust! Ach! waͤr dein Auge helle! Ein jeder, der dich sieht, wuͤnscht dir Elisens Gluͤck Und sich an Amors Stelle. Und: Sieh Papenhovens Meisterstuͤck, der schoͤnen Venus, ins Gesicht! Sieh an den Mund des Marmorbildes! Man sieht die Stimm und hoͤrt sie nicht. Herausgeber. besang, eine Medize- ische Venus mit dem griechischen Gesicht, eine Kopie von dem beruͤhmten Cavaceppi in Rom, den Tem- O 2 pel pel der Freundschaft, wo die nun verstorbene Marg- graͤfin von Bayreuth, des Koͤnigs Schwester, mit Buch und Hund sitzend vorgestellt ist, und wo an den 8. Saͤu- len Medaillons alter durch Freundschaft beruͤhmt gewor- dener Helden haͤngen, den Antikentempel, der aber ver- schlossen ist, die Kolonnaden, den schoͤnen Merkur mit dem schlauen Gesicht, von Pigalle, die Orange- und Treibhaͤuser ꝛc. Abends macht’ ich der Madame Bierstaͤtt, geb. Mamsell Holzhausen, einen Besuch. Sie ist Gouver- nante und Erzieherin der juͤngsten Tochter der Prinz. v. Preussen K. H. Sie trug mir auf, ihr die Silhouet- te der Frau von Guͤnderrode in Carlsruhe zu ver- schaffen. Alsdann war ich in der Synode von Potsdam, wo heute beim lutherischen Hofprediger alle Geistliche mit ihren Frauen zusammen kamen. Den 18ten Sept. Ruͤckreise nach Berlin. Der heutige und morgende Tag gingen mit Abschied- nehmen, Packen, Postbestellen ꝛc. hin. Ich beurlaubte mich daher heute zuvoͤrderst bei der Prinz. v. Preussen K. H. Dann war ich schon wieder bei meinem guten Ni- kolai Mittags zu Tische, machte Nachmittags bei den lieben Dr. Bloch, und Rendant Siegfried Abschieds- besuche, ging drauf in den gelehrten Club, wo ich Hrn. Prof. Ramler, Hr. Bergr. Gerhard, Hr. Hofr. Oes- feld, und Hrn. K. G. R. von Poͤnicke traf, und von ihnen ihnen Abschied nahm, und dann ging ich mit Hrn. Meil, dem sanften Freunde der sanften Kunst, nach Hause. Den 19ten Sept. Machte ich zuerst Ihro. Exc. dem Minister von Herzberg meine Aufwartung. Schon aͤltlich. Ein grosser und einsichtsvoller Liebhaber der Landwirthschaft. Er erzaͤhlte mir unter andern, daß er die Luzerne auf seinem Guthe Brietz nicht weit von der Stadt, auch in diesem duͤrren Jahre viermahl habe abmaͤhen koͤnnen. Hierauf besorgte ich noch Verschiedenes zu meiner Reise nach Hamburg, und war Mittags bei Hrn. Prof. Bernoulli, der mich auf die Koͤnigl. Sternwarte fuͤhr- te, und mir da viele herliche astronomische Werkzeuge wies. Unter diesen befand sich auch der bewegliche Qua- drant, den Maupertuis 1736. mit in Lappland hat- te ꝛc. Nachmittags nahm ich von dem wuͤrdigen und gros- sen Minister von Zedlitz, von Madam Martini, Hrn. O. K. R. Teller, und mehrern werthen Freunden Ab- schied, und war auf den Abend noch einmahl in der Naturhistorischen Gesellschaft, die sich diesmahl bei Hrn. Bode versammelt hatte, und worin Gleditsch eine Abhandlung von der Sasapadilla vorlas, worin er sagte, sie sei ein auslaͤndisches Veratrum. Drauf em- pfahl ich mich auch dieser Gesellschaft. O 3 Den Den 20sten Sept. Reise nach Hamburg. Heute fruͤh trat ich dann meine Reise an. Ich kam auf Betzow, Fehrbellin am Ryhn durch lauter Sand, und war Den 21sten Sept. Morgens in Kyritz, Mittags in Perleberg, und Abends in Lenzen. Wenn man uͤber diesen Ort hinaus ist; so koͤmmt man in das traurige Mecklenburg ische Sand- und Heideland, wo kein Bluͤmchen bluͤht, kein Strom fliest und kein Vogel singt. Den 22sten Sept. Heute Morgen war ich in Boitzenburg an der Elbe. Mittags betrat ich das Luͤneburg ische, wo schon schoͤnrer Boden ist, kam drauf nach Luͤneburg selbst, und endlich nach Escheburg, 3. Meilen vor Hamburg, wo ich zu meiner unaussprechlichen Freude, Hrn. Grotjahn fand, der mich hier einholte. Den 22sten Sept. Hamburg. Meine heutigen Geschaͤfte waren Be- suche bei Hrn. D. Schulze, dessen herliche Insekten- sammlung ich gleich anfing zu besehen, Hrn. D. Groop, Hrn. Past. Crone, wo ich alte Bibeln, Kirchenvaͤter ꝛc. sah, die er besitzt; bei Hrn. Licent. Grotjahn, Hrn. D. Bolten, und Hrn. D. Schnecker von Hildesheim. Den Den 24sten Sept. Heute war ich wieder bei Hrn. D. Schulze, und fuhr mit Besehung seiner Insekten fort. Mittags speiste ich in sehr angenehmer Gesellschaft bei Hrn. Grotjahn aufm Garten, und dann machten wir eine Spazierfahrt an der Elbe nach Dockenhu- den, auf Stuhlwagen, wo wir auch Knaben nach dem Ziel springen liessen. Auf den Abend waren wir wieder aufm Garten, und unsere Herzen waren froͤlich. Den 25sten Sept. Fruͤh machte ich Hrn. D. Reimarus, dem Sohne des seel. Sam. Reimarus, einen Besuch, war alsdann wieder bei Hrn. D. Schulze, und ging die Versteine- rungen durch. Hierauf nahm ich die Neue Michaeliskirche in Augenschein. Die alte ward durch einen Blitzstrahl in die Asche gelegt. Diese neue kostet 100,000. Mark, und ist noch nicht fertig. Sie steht ganz auf einem herlichen Gewoͤlbe fuͤr die Lei- chen, und ist mit schwedischem Kupfer gedeckt, das der Koͤnig lizentfrei ausfuͤhren lies. Das Altarblatt stellt die Auferstehung vor, und ist von Tischbein. Die Hauptfigur taugt nichts, das Morgenroth und das Schre- cken der Huͤter aber sind gar vortreflich ausgedruͤckt. Der Thurm hat 566. Stufen; 436. stiegen wir hinauf, und hier hatten wir auf der Kuppel eine herliche Aussicht. Man sieht durch ein englisches Teleskop Luͤneburg, das Silber der Elbe, die Schiffe, wie sie ankommen und ab- gehen, das Baumhaus umringt von Schiffen! O, die grosse Stadt! Die Kuppel wird von 10. kupfernen Saͤu- len getragen! In der Mitte ist ein hohler kupferner Cy- O 4 linder. linder. Durch den wird das Holz hinaufgewunden, und um ihn herum schlingt sich, wie um eine Spindel, eine Schneckentreppe, so daß man keine Leitern braucht. Der Baumeister will sich hier oben eine Sternwarte anlegen. Gegen den Zugwind sind in der Kirche die Thuͤren dem Altar gegenuͤber vielfach, und so an einander gesetzt, daß sie selbst zufahren. Nachmittags besuchte ich in Wandsbeck den Hrn. Claudius. Ganz simpel ist er in omni suo cultu. Er spielte mir Benda ’s Klavierstuͤcke mit vielem Affekt und grosser Leichtigkeit vor. Er hat 3. schoͤne Maͤdchen, die er ganz nach der Natur erzieht; sie lagen auf der Erde. Er lebt groͤstentheils von der Freimaͤuerei. Wir gingen mit einander in des Grafen von Schim- melmanns Garten spazieren, wo ich eine Ardea pa- vonia sah. Dieser Vogel traͤgt auf dem Kopfe einen schwarzen Busch, der sich aufrichtet wie eine Buͤrste, der weisse Kranz oben sieht schoͤn aus. Ich nahm hierauf meinen Ruͤckweg durch die Alster, und kam mit mancher Faͤhrlichkeit nach Hrn. Grotjahns Garten, wo Musik und Gesang uns erwartete. Den 26sten Sept. Heute besah ich Das Fortifikationshaus. Das ist ein Theil des Walls am Altonaer Thore, wo ein grosser Garten mit 3, 4fachen, bald hellern bald dunklern Alleen, ist. Es ist viel Wasser dabei. Einen schoͤnen Anblick hat man hier uͤber die mit Schiffen bedeckte Elbe bis nach Har- burg hinuͤber. Auch sind Zelter hier aufgeschlagen, Spiel- und Trinkhaͤuser sind auch da. Hr. Hr. Buch’s Garten. Er zeigte mir seine Zeich- nungen, die heftweise herauskommen. Ich fand darin die Parkinsonia, die Dionaea Muscipula. Diese ist klein, waͤchst wie eine Cryptog. im Moos, treibt nur etwan 4. Blaͤtter, die andern verdorren gleich wieder; an jedem Blatte ist ein Ansatz, und dieser nur ist zu bei- den Seiten mit Stacheln besetzt, die freilich sehr elastisch sind. Wenn die Pflanze bluͤht, steigt ein Stengel aus der Mitte in die Hoͤhe. Sie kostet dem Besitzer 15. Thaler. Hrn. D. Bolten’s Naturalienkabinet, worin die Konchyliensammlung uͤber allen Ausdruck, reich und schoͤn ist Die vorzuͤglichsten und seltensten Stuͤcke dieses Kabi- nets fuͤhrt Hr. D. Titius aus Dresden in seinem Reisejournal an, das in den 9. Theil der bernoulli- schen Samml. kl. Reisebeschr. eingeruͤckt ist, Seite 179. u. 180. Er sagt daselbst, daß dieses Kabinet 6000. Stuͤck Konchylien enthalte. Herausgeber. . Beim Anblick so vieler Konchylien muß es einem beifallen, daß es ein erstaunendes Mei- sterstuͤck des Schoͤpfers ist, die simple Idee einer Schne- cke so tausendfaͤltig bei der Ausfuͤhrung zu veraͤndern. Wie gros ist Gott! — Unter den Amphibien ist auch das Krokodil mit dem schmalen langen Rachen, das in den Philos. Transact. beschrieben ist. Viele Sachen von Otaheite ꝛc. Auf den Abend as ich auch bei dem wuͤrdigen Manne mit mehrern lieben Freunden. O 5 Den Den 27sten Sept. Heute ergoß sich denn endlich die schreckliche Duͤrre in einen Landregen. Und Hamburg hat nicht einmahl Fiakers noch eine Pennypost!! — Ich besuchte aber doch Hrn. Klopstock. Der Mann waͤre simpel, wenn man ihn nicht vergoͤttert haͤtte. — Hrn. Gisecke, Prof. der Naturgeschichte am hiesigen Gymnasium. Ein angenehmer, lieber Mann. Er schenkte mir die Addenda und Emendanda zu seinem Indic. Plucken. et Dillen. Er besitzt ein Bouquet von D. Biebers Manier in Schachteln gesetzt. Hy- osciam. Datura, Physal. Alkekengi etc. an einan- der. Zum Bewundern weis sind diese Pflanzen, und man weis nicht, wie er sie bleicht. Auch sah ich noch bei ihm eine Sertularia im Glas, an der man noch die Polypen sieht. Hrn. Kirchhof. Ein Kaufmann, der in der Phy- sik viele Einsichten hat, schoͤne Instrumente von Nairne aus London besitzt, und viel scharfsinnige Versuche da- mit anstellt. Er war so gefaͤllig und zeigte mir ein engli- sches Mikroskop, wodurch ein Haar einen halben Zoll dick erscheint. Ein Muͤckenauge, sah so aus: Am Muͤckenfluͤgel schienen die Vasa keine Kommunika- tion zu haben. Eine Elektrisir-Masch ine. Er machte einen Versuch, daß der Blitz nicht abspringt, wenn er am Metall fortlaufen kan. Ein kleiner Eisendrat wird ganz gluͤhend, wenn der Blitz uͤbergeht. Die Zu- ruͤstung an einer Waage, um damit zu beweisen, daß die die Erde die Gewitterwolke anzieht Er hat sie in einer eigenen Schrift beschrieben unter dem Titel: Beschr. einer Zuruͤstung, welche die anzie- hende Kraft der Erde gegen die Gewitterwolke, und die Nuͤtzlichkeit der Blitzableiter sinnlich beweißt. Nebst 1. Kupf. 8. Berlin. 1781. Herausgeber. . Er sagt, es sei falsch, daß irgend ein Blitz aus der Erde komme, die Erde sei allemahl negativ. Als er im luftleeren Raume den bekannten Versuch machte, daß ein Dukaten und ei- ne Feder zu gleicher Zeit den Boden erreichen, fragte ihn ein hiesiger Herr des Raths, als wieder Luft unter die Glocke gelassen wurde, ob nun der Dukaten noch floͤge? Hr. D. Groop’s Kabinet von Konchylien, Meer- koͤrpern, Buͤchern, Malereien, Kupferstichen ꝛc. Mir war darin merkwuͤrdig: 1) Auch linksgewundene Lazarusklappen. 2) Gever’s Konchylienwerk, schlecht gezeichnet, schlecht gestochen und schlecht illuminirt. 3) Voet’s Kaͤferwerk. 4) Das herliche Portrait vom Cadet à la Perle, von Masson gestochen. Die Haare scheinen nur auf dem Papiere zu liegen; schoͤner macht sie gewiß keiner. Hrn. Pastor Ryter an der Nikolai kirche besuchte ich heute auch. Ein frommer, guter, ehrlicher Mann, ohne Prunk. Er hat vormals in Jena und Leipzig studirt, liest fleissig Baumgarten’s und Mosheim’s Schriften. Heute Heute sah ich auch die hiesige Buͤrgerwache aufzie- hen, die alle Abend den Wall besetzt. Sie sieht freilich komisch aus. Die Offiziere tragen rothe mit Gold be- setzte Roͤcke, und ziehen vor Bekannten im Marschiren den Hut ab. — Den 29sten Sept. Heute besuchte ich nach der Reihe Hrn. Klopstock, dem ich aus meinem Hiob das 28ste Kap. bis zum Ende vorlas. Das Wort Maga- zin tadelte er, es sei in der erhabenen Poesie unedel, Be- haͤltnis besser; Degen im 29. Kap. klinge lange nicht so gut, als Schwerd. Wir sprachen verschiedenes uͤber seine neue Ortographie. Er gibt dreierlei Editionen vom Messias heraus. Fuͤr einen Ton sagte er, muͤsse man nicht zwei Zeichen waͤhlen. z. B. V. und F. aber eins sei so gut, wie das andre. Eine grosse Beugsamkeit der Sprachorganen besitzt er, auszusprechen, was er will. Hrn. Prof. Buͤsch, einen alten werthen Freund. Hrn. Buckius. Er besitzt ein schoͤnes Voͤgelka- binet, hatte auch lebendige Psittac. Arauna. Diese Voͤgel stehen auf Einem Fuß, halten mit 2. Zehen der andern das Brod, wie mit einer Zange fest, und schneiden es mit dem Schnabel entzwei, und klettern wie Katzen. Die Nasenloͤcher sind nicht im Schnabel, sondern an der Wurzel. — Viele ausgestopfte Tanagra, Ember. Ampelis etc. in Wachs nachgemachte Fruͤchte, und dergleichen sah ich hier auch. Hrn. Bode, den Vater des Berliner Astronomen. Gros ist doch die Freude der Eltern uͤber wohlgerathene Kinder. Kinder. Der gute Alte klagte, daß er auch im Schul- stande vor der Zeit alt geworden sei. Abends war ich bei Hrn. Busmann, mit verschie- denen guten Freunden zu Gaste. Er hat Pfauen, die den Regen lieben und sich hinein setzen. Einer rief: Bravo, Herr Doktor! Den 29sten Sept. machte ich erst Hrn. Past. Sturm an der Petrik irche einen Be- such, wo ich auch Hrn. Past. Rambach kennen lernte, der eben zu ihm kam, und nahm drauf vom Hrn. Past. Crone Abschied. Der gute Mann leidet an der Phtisi nervosa! Mittags war ich im Garten der Frau Oberalte Grotjahn mit Hrn. Dr. Gerling an der Jakobik irche, und vielen andern Bekannten. Den 30sten Sept. Reise nach Braunschweig. Heute verließ ich denn nach einem sehr traurigen Ab- schiede von so vielen Lieben und besonders dem theuern Grotjahn schen Hause, das gute Hamburg, und war um 12. Uhr auf dem Baumhause, wohin mich Hr. Grotjahn und Hr. D. Schulze begleiteten, fuhr drauf mit halben Winde in 3. Stunden uͤber die Elbe nach Harburg und kam die Nacht durch bei einem erschreck- lichen Sturme nach Zarendorf, und war Den Den 1sten Oct. Mittags in Witzendorf. Die Gegend hier herum ist nichts als Sand, Heideland, doch traf ich viel Enten, wilde Gaͤnse, Krammetsvoͤgel, Rehe, Hasen ꝛc. an. Hier und da stehen nur einzelne Hoͤfe, die aber stark be- wohnt sind. Die Bewohner gingen, weils Sonntag war, Karavanenweise zur Kirche. Ihre Sprache ist schlecht. Beier statt Bier sagen sie. Abends traf ich in Celle ein, reisete von da Den 2ten Oct. weiter, bald uͤber Fruchtfelder, bald uͤber Heideland, war Mittags in Elze, und Abends traf ich in Braunschweig ein. Man sieht auf dieser Strasse in Dorfwirthshaͤusern, leider! Zettel angeschlagen, wo man in Hamburg alle Gold- und Silberarbeiten auch fuͤr den Landmann haben koͤnne. Eine Viertelstunde vor der Stadt liegt ein Dorf Watenmuͤttel, mit einem Gasthofe, das Spinnrad genannt; weil hier im 15ten oder 16ten Jahrh. das erste Spinnrad erfunden worden. Noch jetzt ist hier der Handel mit Garn aus diesen Landen einer der wichtigsten Handelszweige; es geht sogar nach England. Den 3ten Oct. Braunschweig. Ich besuchte heute gleich Hrn. Prof. Eschenburg. Ein angenehmer, lie- benswuͤrdiger, verbindlicher, junger Gelehrter. Hrn. Prof. Zimmermann, schon mehr bei Jah- ren, aber sehr thaͤtig. Er studirte erst Mathematik in Leyden, Leyden und dann in Petersburg bei Euler, und wollte ehemals in Linne’e’s Gesellschaft mit dem Sextanten in der Hand nach dem Kap gehen; der Stadthalter wollte ihm aber nicht genug geben. Wir sprachen vom 2ten Theile seiner zoolog. Geogr. Er erzaͤhlte mir, Wag- ler haͤtte seine Wuͤrmernachrichten meist Goͤtzen in Quedlinburg gegeben, die andern Sachen aber habe er. Hrn. Hofr. Lessing, der eben von Wolfenbuͤttel hier war. Ein witziger, muntrer, scharfsinniger Kopf. Aus dem Ruhm und dem vielen Geschrei mache er sich nichts, wie er sagte, und zweifle, ob er wieder etwas her- ausgeben wuͤrde. Hrn. Hofr. Ebert, ein feiner, feuriger, lebhafter, edler Mann. Hrn. Landschaftssekretaͤr Leisewitz. Er hat eine recht gute Stelle, und wenig dabei zu thun, ist aberkraͤnk- lich und hypochondrisch, und will nicht viel mehr schrei- ben. Hrn. Domprediger Feddersen, bei mittlern Jah- ren. Ein wuͤrdiger Theolog. Die Hrn. Gebruͤder Gravenhorst. Sie sollten Anfangs Kaufleute werden, studirten aber erst Mechanik, und Hydraulik fuͤr sich ohne allen Unterricht, und erfan- den eine Maschine, die das Wasser ohne alle Bewegung hoch hebt, und darauf Chemie. Sie sollten oft ins Preussische gehen, blieben aber hier. Sie suchten nie um Befehle oder Freiheiten von der Regierung fuͤr ihre Waaren an. Alles, was sie brauchen, werden sie fuͤr Geld habhast. Sie zahlen jedem Hause etwas fuͤr den Urin zum Salmiak. Vielen Armen geben sie ihr Sal mirab. Glaub. umsonst. Jetzt haben sie viele Gebaͤude auf einem Hofe gekauft, wo sie keinen Fuͤrsten hineinlas- sen. sen. Sie nehmen ihre Leute alle in Eid und Pflicht, be- zahlen sie gut, lassen aber keinem das Ganze sehen, las- sen sie nicht einmahl mit einander sprechen. Alles ver- richten sie selber, z. B. die Oefen mauert der Juͤngste sel- ber, und veraͤndert oft des Nachts alles. Sie haben an die 3000. Korrespondenten, und halten doch keinen Buchhalter. Es sind ehrliche, fleissige, stille, unermuͤ- dete Leute, ohne Charlatanerie. Der aͤlteste ist hernio- sus und haemorrhoidarius, und lies mich an sein Bette kommen. Auch in diesen Umstaͤnden haͤlt er sich den Leib bestaͤndig durch Sal mirab. Glaub. offen. Bei- de haben viel suadam, besonders der juͤngere. Hrn. Arnold Schmidt, Hr. Prof. Eschenburg ’s Schwiegervater. Ein ehrlicher, guter Alter, und mun- ter noch, wie Anakreon, liest noch streng im Gymna- sium oder im Kollegium, wie sie’s hier nennen. Hrn. Abt Jerusalem. Der belebteste, feinste Theo- log, den ich je kennen lernte, und gar kein Freund von Komplimenten. Er sieht weg, wenn man ihn einen grossen Mann nennt, ist billig gegen jedes andern Ver- dienste. Er sagte mir mehr als eimahl, er lese mei- ne Schriften gern. Er ist bereits 70. Jahr alt, und geht doch noch zu Fuß in der Stadt. Aber mit innigster Ruͤhrung erblickte ich Falten — Spuren des Kum- mers — im Gesichte des verehrungswuͤrdigen Mannes. Er sieht mager und blaß aus. Er ist Wittwer und hat 3. Toͤchter, die auch nicht mehr jung sind, aber keinen Sohn, als einen Stiefsohn, der Legationsrath in Wei- mar ist. Er ist Abt von Riddagshausen, einem Klo- ster, eine Viertelstunde von hier, wohin er alle Diensta- ge geht, und bei den jungen Stud. Theolog. Visitation haͤlt. haͤlt. Er ist auch Probst von etlichen Stiftern in der Stadt, die aber ihre Dominas haben, und wovon er nur die Einkuͤnfte zieht. Er predigt schon seit 12. Jah- ren nicht mehr, geht auch nicht in die Sessionen des Kon- sistoriums, davon er Vicepraͤsident ist, und das in Wol- fenbuͤttel ist. Dann war ich wieder Beim Hrn. Prof. Zimmermann, und sah bei ihm: 1) Wagler ’s Zeichnungen und Handschriften von Polypen, Sertularien, Eiern ꝛc. Sie nahmen die schwarzen, auf dem Wasser schwimmenden Polypeneier, hoben sie in wollenen Tuͤchern bis zum Fruͤhjahr auf, und liessen sie dann ausschluͤpfen. 2) Adam ’s Mikroskop aus London. Wir be- trachteten die Schuppen auf den Muͤckenfluͤgeln unter N. 1. bei Nacht. Es befinden sich auch blau-schwarz- violettgefaͤrbte Glaͤser beim Apparat ꝛc. 3) Blankenburgischer Marmor, etliche 30. Sor- ten. Sie kosten 2. Thaler 12. Groschen. Ich bekam einen rothen Achat aus der Bude von ihm. Die Jerboa capensis wird im 3ten Th. seiner Zoo- log. Geogr. vorkommen. Dieses Thier hat mit dem Kaͤnguruh die groͤste Aehnlichkeit. Es soll Saphan oder das Kaninchen in den Psalmen und Mischle seyn. Er trug mir auf, ihm Nachrichten zu geben, wo Vulka- ne in unserm Lande gewesen waͤren. Wir sprachen noch uͤber verschiedene Materien, sahen vielerlei Briefe, Buͤ- cher ꝛc. durch, trafen uns oft im Urtheil, und trennten uns Nachts sehr ungern. Zweiter Theil. P Den Den 4ten Oct. Heute besah ich Die Malereien der Hrrn. Waitsch, Vater und Sohn. Der Vater war vormahls Unteroffizier, hat nie einen Lehrmeister gehabt, sondern von sich selbst ge- lernt, und nur blos die Duͤsseldorfer Gallerie gesehen. Der Vater zeichn e t besonders gern Landschaften, Thier- stuͤcke, Wasserfaͤlle. Ich sah Jerusalem ’s Bildnis gar schoͤn; es war nach Lausanne bestimmt; — des Prin- zen Heinrichs von Preussen, der ein ganz ander Ge- sicht, als der Koͤnig hat; — des Herzogs von Braun- schweig; — Zeichnungen vom Regenstein, — auf dem Brocken — von der Baumannshoͤhle, — vom Roßtrapp ꝛc. Das Herzogl. Kunst- und Naturalienkabinet. Alles ist darin vortreflich erhalten, nett und wohl geord- net, und von unermeßlichem Werth. Mir war beson- ders merkwuͤrdig: 1) Eine erstaunende Menge von kuͤnstlichen Arbeiten aus Elfenbein. 2) Dergleichen aus Bernstein; ganze Schraͤnke voll. 3) Sehr schoͤne chinesische Kunstwerke aus Speckstein. 4) Ganze Vasen von Reisstein. 5) Vieles aus Wachs und Holz von Alb. Duͤrer. 6) Vasen, 11. Zoll im Durchmesser, aus Krystall. — Die Berliner Kugeln an den Kronleuchtern haben nur 7. Zoll. 7) Gar viel Emaille auf Kupfer, Koͤpfe, grosse Plat- ten. 8) Eine unsaͤgliche Menge Edelsteine an allen Sachen. 9) Jas- 9) Jaspis, Achate, Porphyr, Heliotr. ganz unver- gleichliche Stuͤcke ausm Orient. 10) Ein Saal voll der herlichsten Majolica. 11) Unter den Antiken ein Vitellius, dem’s, dem Ge- sicht nach, noch gut schmeckt. 12) Das beruͤhmte mantua nische Gefaͤs aus einem ein- zigen Onyx. Es wird auf eine halbe Million Thaler geschaͤtzt. Schon als Stein ohne Arbeit ist es un- schaͤtzbar. Es gehoͤrt der ganzen Braunschweig- schen Familie. Der Aufseher ist darauf besonders be- eidigt. Ehemals ward es in Wolfenbuͤttel nur mit 2. Mann Wache gezeigt Man hat von diesem Gefaͤße eine Beschreibung auf einem Quartbogen mit 2. Kupfern, welche es vorstel- len, und die Tyroff nach einer Zeichnung von Oeding gestochen hat. In Hr. D. Tirius zuvorangefuͤhrten Reisejournale findet man S. 164.-171. sehr umstaͤnd- liche Nachrichten, sowohl von dem Herzogl. Kabinet- te uͤberhaupt, als auch besonders von diesem mantua- n ischen Gefaͤße. Er erzaͤhlt, daß es der regierende Herzog im Erbe fuͤr 150,000. Thaler augenommen, und daß ihm von der Russischen Kaiserin bereits 600,000. Thl. dafuͤr gebothen worden. Herausgeber. . 13) Eine Elfenbeinerne Dose, die der jetzige Koͤnig von Engelland selbst gedreht, und der regierenden Herzogin, seiner Frau Schwester, geschenkt hat. Die Maschine, womit er dreht, ist auch dabei. 14) Eine kostbare Voͤgelsammlung. Viele Animalia in Weingeist, Quadrup. 15) Ein Schrank voll Kameen und Onyxe von unsaͤgli- chem Werth. P 2 16) Eine 16) Eine kleine naturhistorische Bibliothek dabei. 17) Eine herliche Kupferstichsammlung aus allen Schu- len. Die Porzellanniederlage, in die mich die Herren Eschenburg und Ebert fuͤhrten. Man findet die Er- de dazu im Lande, man will aber nicht einmal sagen, ob man den Kobold auch habe oder nicht. Es ist artig weis, aber auch schwer. An der Malerei, besonders der Thiere und Blumen, fehlt nichts. Nach Rußland gehts nicht anders, als mit schrecklichen Imposten. Ich sah schoͤne Vasen, Floͤten, Stuͤckweise in Kaͤstchen ein- gepackt, artige Flacons, grosse Buͤsten, als: vom Kai- ser, aber auch eine Suite von kleinen Buͤsten, z. B. Virgil, das Stuͤck zu 1. Thaler und einigen Groschen. In ordinaͤren Servicen hat man hier viel Geschmack. Des Hrn. Leibmedicus Bruͤckmann’s Kabinet von Edelsteinen und Versteinerungen; Verglichen mit Hr. D. Titius vorerwaͤhnten Reise- journale ꝛc. S. 171. u. f. Herausgeber. worin mir be- sonders merkwuͤrdig war: 1) Eine Tabatiere aus einem einzigen Steyermaͤrk schen Granat. 2) Bernstein mit Wassertropfen. 3) Viele geschnittene Steine, z. B. wie die Alten den Tod bildeten, als Juͤngling. Lessing fand den Stein in Italien, nachdem er seine Schrist schon geschrie- ben hatte, verlor ihn nachher, und Bruͤckmann kaufte ihn. 4) Der Gott Pister geschnitten. 5) Rohe 5) Rohe Smaragde. Sonst wenige Steine in der Mut- ter. 6) Ganze Suiten von allen Nuͤancen, mit ihrem Ver- halten im Feuer. 7) Ein Exemplar von seines Vaters Buche de Asbesto, auf Asbestpapier gedruckt, in Quart. Man hat nicht viele davon. Es ist recht huͤbsch, und das Papier steif. Gar viele Steine in dieser Sammlung sind gefaßt, und haben Folie untergelegt. Drauf besuchte ich noch Hrn. Prof. Eschenburg, und war dann Abends bei Hrn Prof. Ebert zu Gaste. Den 5ten Oct. Heute fuhr ich mit dem Kaufmann, Hrn. Krause, Hrn. Grotjahns Korrespondenten, an den ich von ihm empfohlen war, und dem Maler Hrn. Waitsch dem Vater, nach Salzdahlen. Ein altes verfallendes Lustschloß mit einem Garten, in dem aber die Bildergallerie sehens- wuͤrdig ist. Mir gefiel besonders: 1) Abraham, wie er seinen Sohn Isaak wieder um- armt, von Lievens. 2) Ein Winterstuͤck von van der Neer. 3) Ein vortreflicher Ruysdal, und sonst noch einige herliche Wasserfaͤlle. 4) Ein perspektivisches Stuͤck, Petrus, wie er vom Engel aus dem Gefaͤngnisse gefuͤhrt wird, von Steen- wyck. P 3 3) Ce- 5) Cephalus und Procris, von Guido. 6) Steen’s Eheverloͤbnis. Die Gesichter des Va- ters, des Braͤutigams, der Braut, der Mutter, des Wirths, des Notars, sind ungemein karakteristisch. 7) Judith und Holofernes, von Rubens. 8) Ein Familienstuͤck mit einem schoͤnen Kinde, das recht hervorstechend gemalt ist, von Ravesteyn. 9) Das Bildnis der Eva von Trotta, der Maitresse von Herz. Heinr. II. die zur Zeit der Reformation zum Schein begraben wurde. Man hat von dieser Gallerie 2. Beschreibungen: 1) Querfurts kurze Beschreib. des Lustschlosses Salz- dahlum. 4. 3. Bogen, mit einem Kupfer, ohne An- gabe des Jahrs. 2) Beschreib. der Bildergallerie zu Salzthalum. 8. Braunschw. 1776. Letztere ist ausfuͤhrlicher. Herausgeber. Auch das Aeussere ist schoͤn, die Saͤle sind breit und hel- le. Als wir uns hier umgesehen hatten, ging meine Fahrt weiter nach Wolfenbuͤttel, eine Stunde davon. Zwischen beiden Orten ist die schoͤnste Gegend, wo man den Harz, den Brocken ꝛc. herlich uͤberschauen kan. Die Stadt ist noch mehr befestigt als Braunschweig, und kan in einer halben Stunde unter Wasser gesetzt werden, uͤbri- gens aber schlecht gebaut. In der Bibliothek, die im Amphitheater 3. fach, und in der Hoͤhe noch einmahl herumsteht, sind keine neue Buͤcher, aber 2. vortrefliche Handschriften und Bibelkabinette. Besonders merkwuͤrdig waren mir: 1) Lu- 1) Luthers Bibel in 2. Fol. auf Pergament. 1558. angefangen, bis 1560. gedruckt, mit Vignetten. 2) Zwei Handschriften von der Vulgata, sehr klein. 3) Die 34ste Ausgabe der Kanstein schen Bibel, wo Exod. 20. V. 14. S. 80. steht: „Du sollst ehebre- chen.“ Sie ist konfiszirt. Das hiesige Exemplar ward fuͤr 50. Thaler erkauft. 4) Ein Katalog der Bibliothek, vom Herzog August, als dem Stifter, selbst geschrieben, aus dem 17ten Jahrh. 5) Noch ein Buch von ihm, uͤbers Schachspiel, in gros 4. 1616. 6) Ferner ein Chifre von ihm. Er nannte sich Gu- stavus Seldenus. 7) Alte franzoͤsische Vulgata. 8) Ein altes Missale von 1519. mit herlichen Male- reien. 9) Eine Islaͤnd ische Mythologie auf Fischhaut ge- druckt. 10) Agrimensores veteres, eine Handschrift, die im 6ten Jahrh. geschrieben seyn soll. Ein Fronti- nus etc. 11) Ein handschriftlicher Kommentar uͤber den Per- sius. Ist noch aus des Ungarischen Koͤnigs Mat- thias Corvinus Bibliothek, 1584. 12) Eine hollaͤndische Bibel, worin alle Kupfer ausm Saurin sind, aber das ganze Exemplar ist auf Sei- denpapier gedruckt. P 4 13) Eine 13) Eine Lateinische Bibel, gedruckt 1462. in 3. Fo- lianten. 14) Eine von 1466. in 3. Fol. hat 600. Thaler geko- stet. 15) Luther’s Bibel in 4. Hermantown in Ameri- ka, 1743. gedruckt. 16) Eine Tamulische Bibel, 1723. in Tranquebar gedruckt. 17) Eine Islaͤndische Bibel, in klein Folio. 18) Ulphilas, Vers. goth. 19) Photius und Euclides; altgriechische Handschrif- ten. 20) Euclides arabicus. Romae ex Typogr. Medi- cea 1594. in Kleinfolio. 21) Eine Handschrift vom neuen Testamente, in 2. kleinen Folianten. Das Exemplar, so Luther 1521. bis 1522. dem Kaiser Karl V. von seiner Ueberse- tzung uͤbergab. Es ist blos das neue Test. Das alte ist noch in Schweden. Das neue kaufte Herz. Albrecht 1648. dem Schwedischen Kanzler ab, der es bekommen hatte, als Koͤmgsmark Prag ein- nahm. Der Herzog kaufte es fuͤr 200. Thaler. Die Malerei ist von Glockenthon. Abends war ich von meiner kleinen Streiferei zu- ruͤck, und bei Hrn. Krause in Gesellschaft. Den Den 6ten Oct. Reise nach Goͤttingen. Ich fuhr mit Extrapost uͤber Barum, Lutter, Seesen, Nordheim, nach Goͤttingen, wo ich Abends antraf und bei Hrn. D. Miller logirte. Den 7ten Oct. Heute lies ichs gleich mein Hauptgeschaͤft seyn, mei- ne ehemaligen Lehrer und Freunde zu besuchen, ging da- her zu den Hrrn. Prof. Beckmann, Walch, Puͤtter, Gatterer, Ritter Michaelis, Leß, Koppe ꝛc. Den 8ten Oct. Mittags war ich beim Hrn. Ritter Michaelis in Gesellschaft eines von Konstantinopel zuruͤckgekomme- nen Schweden Namens Norberg, Nachmittags bei Hrn. Hofr. Heyne, Hrn. Prof. Beckmann, und Abends bei Hr. D. Miller. Den 9ten Oct. besuchte ich wieder Hrn. Hofr. Puͤtter, drauf Hrn. Prof. Murray, Hrn. Hofr. Richter, und dann ging ich auf die Universitaͤts-Bibliothek, wo ich des Koͤnigs Buͤste fand. Sie wird noch immer erstaunend vermehrt. 13. bis 1400. Thaler zahlt man hier alle Jahre an Buch- binderlohn, und doch kommen alle italiaͤnische, franzoͤsi- P 5 sche sche und englische Schriften, schon gebunden her. 1800. Thaler kosten alle Jahre die Journale, die akademischen Schriften mit eingerechnet. Bei Tische sprach ich mit Hr. D. Miller, uͤber Siegwart, Burgheim ꝛc. Von der Freimaͤurerei denkt er wie ich. Manche schmaussen gern bei andern, und geben der Sache einen heiligen Namen. Nur die Meister vom Stuhl werden dabei reich. Nachmittags besuchte ich Hrn. Hofr. Schloͤzer, und war Abends bei Hrn. Prof. Walch. Den 10ten Oct. fuhr ich mit Besuchen fort, und ging zu Hrn. Prof. Klaproth, Hrn. Hofr. Boͤhmer, Hrn. Mag. Duͤrr, und dann aufs Universitaͤtskabinet. Prof. Blumenbach hat es noch nicht rangirt. Es sind keine Meerkoͤrper darin, keine Konchylien, keine Insekten, keine Halbmetalle, kei- ne Erdarten, uͤberhaupt unendlich viele Luͤcken, und was da ist, befindet sich in grosser Unordnung. Ich sah die Russischen Marmor, und Baron Asch’s Geschen- ke an, dessen Bild auch hier ist Eine Geschichte dieses Kabinets steht im Goͤttinger Taschenkalender fuͤrs Jahr 1779. Herausgeber. . Heute beehrte mich auch Hr. Hr. Prof. Murray mit seinem Besuch. Er traͤgt das Groskreuz vom Wasa -Orden an einem meergruͤnen Bande auf der Brust. Den 11ten Oct. Heute besuchte ich Hrn. Prof. Gmelin und aß Mit- tags bei Hrn. Hofr. Puͤtter mit Hrn. Prof. Spittler. Nachmittags besuchte ich die Hrrn. Pfeffel, Walch, Michaelis, und war Abends bei Hrn. Prof. Beckmann mit den Hrrn. Baldinger, Schloͤzer, Loder von Je- na, Spittler und Buͤttner. Den 12ten Oct. Reise nach Cassel. Zum Beschluß meines hiesigen Aufenthalts besuchte ich noch Hrn. Walch und Miller, und denn fuhr ich uͤber Muͤnden an der Weser mit Extrapost nach Kassel. Den 13ten Oct. Kassel. Mein erster Gang hier war, den Hrn. Inspektor Glaß am Kadettenkorps zu besu- chen, und dann besah ich Die Menagerie. Alle fleischfressende Thiere sind gestorben und stehen im Naturalienkabinet ausgestopft. Dies verrichtet ein gewisser Schilpach, der auch eine artige Holzsammlung hat, wo inwendig Bluͤthe, Frucht, Zweig, Blatt und Skelet ist. Der Elephant, der hier doch doch 7. Jahr lebte, starb, als er 13. Jahr alt war, schnell, vermuthlich aus Geilheit, oder weil er sich nicht baden konnte. Man hat ein Skelet davon, und die Haut mit kleinen Holzstuͤcken ausgestopft. Sie wog 1200. Pfund und nach der Gare 702. Pfund. Die Bibliothek. Sie steht jetzt nebst Antiken, Kunstsachen und dergl. in einem neuen Gebaͤude, aber Luͤchet und andre Franzosen stellen sie in der groͤsten Un- ordnung auf. Man hat hier eine Rubrik: Literae, Diaria, Hist. Europaeana und Hist. exeuropaea- na. Cicero ’s Briefe stehen bei der Kirchengeschichte und ein Kommentar uͤber Hugo Grotius de lure b. et p. steht bei der Oekonomie. Mittags war ich bei dem guten Hrn. Insp. Glaß zum Gaste und er Abends bei mir. Den 14ten Oct. Besuchte mich Hr. Rath Tischbein, ein alter braver Mann und verdienstvoller Kuͤnstler. Er sagte mir, daß seinen Herrmann der Fuͤrst von Waldeck gekauft habe. Alsdann machte ich dem Hrn. Prof. Forster einen Besuch. Er schimpft mit Prof. Simmering auf alles, was deutsch ist, auf Berlin, Goͤttingen, auf Universitaͤten, Journale, Lexika, Musea ꝛc. Drauf ging ich auf den Paradeplatz, wo ich mit einem Hauptmann von Muͤnchhausen, einem wuͤrdigen Offizier, der in Ante- ka bei Howe’s Armee diente, bekannt wurde, und dann verlies verlies ich Kassel und reiste nach Wabern ab, wobei ich einen schwedischen Architekten Karlsberg, der in Italien und England gewesen war, zum Reisegefaͤhr- ten hatte. Den 15ten Oct. Reise nach Frankfurt am Mayn. Die Nacht waren wir in Jesberg, fruͤh in Holz- dorf, und kamen dann auf Marpurg und Giessen. Den 16ten Oct. fruͤh fuhr ich durch Nauheim, und langte dann bald nachher in Friedberg an, wo ich Hrn. Tabor besuchte, der ein Gartenhaus hat, das mit schoͤnen Kupferstichen geziert ist. The Death of General Wolfe war darunter einer der neuesten und schoͤnsten. Hr. Tabor nahm mich mit nach Ockstadt, einem Landguthe, das dem Hrn. v. Frankenstein gehoͤrt, bei dem wir Mit- tags speißten. Seine Gemalin ist eine Dame von einem ungemein sanften und liebenswuͤrdigen Karakter. Abends waren wir wieder in Friedberg zuruͤck, und beim Hrn. Geh. Rath Tabor. Den 17ten Oct. Heute reisete ich in Gesellschaft des Hrn. v. Fran- kenstein und Hrn. Tabors nach Frankfurt, wo wir den Hrn. Hofr. Tabor besuchten und Mittags bei ihm speißten. Nachmittags fuhren wir uͤbern Mayn nach Sachsenhausen. Auf der Sachsenhaͤuser Bruͤcke stand stand eine Ehrenwache, bis an das deutsche Haus, weil der Koadjutor, der Erzherzog Maximilian, diesen Abend erwartet wurde. Den 18ten Oct. Der heutige Tag ging mit verschiedenen Besuchen bei Madam Stark, Hr. und Madame Bernus, Hr. Hofr. Tabor, Hr. Klose, Hr. D. Mosche ꝛc. hin, und auf den Abend war ich im Ehrenmannschen Gar- ten vor dem Sachsenhaͤuser Thore, wohin mich Mada- me Bernus eingeladen hatte, und wo Ball, Soupe’, und Feuerwerk war. Vormahls ward die Stadt sehr fruͤh geschlossen, aber man hat mit dem Einlaß am Thore bis 12. Uhr im Som- mer, und bis 10. Uhr im Winter nachgegeben. Auf jeder Seite der Stadt bleibt ein Thor offen. Die Per- son zahlt 4. Kreutzer Einlaß, und dieses Geld wird zum Besten eines Armenhauses verwendet. Den 19ten Oct. Reise nach Hanau. Ich fuhr auf dem Marktschiff dahin. Im Som- mer geht es alle Tage hin und her, im Winter aber nur einen Tag um den andern. Das Schiff ziehen 3. Pfer- de, die oft im Mayn bis an den Bauch gehen, an den meisten Orten aber kan der Schiffer mit dem Loͤffel den Boden erreichen. Herlich sind die hiesigen Gegenden. Wir kamen an Offenbach, an Bergen, wo die bekann- te Schlacht vorfiel, und an andern Schloͤssern vorbei. Hanau. Hanau. Hier wartete meiner schon der gute Hr. Kandidat Goͤtz, empfing mich gleich beim Aussteigen aus dem Schiffe, und stellte mich der Durchlauchtigen Prinzess in Friedrike vor. Der uͤbrige Theil dieses Tags verging mir in seiner und des theuren Stockhausens Gesellschaft nur gar zu geschwind. Den 20sten Oct. Fruͤh war ich wieder bei Hrn. Stockhausen, und dann besah ich Das Naturalienkabinet der Durchl. Prinzessin. Es ist noch im Werden. Eine Klapper von Crotal. horr. von 24. Ringen war darin. — Weisse hier er- naͤhrte Maͤuse hatten diese Nacht Junge geheckt. Hier- auf machte ich dem Hrn. Regierungsrath Wagner, der hier Bibliothe- kar und Muͤnzkabinets-Inspektor ist, einen Besuch, und bekam dann Das Muͤnzkabinet selbst zu sehen. Es ist sehr reich und wohl rangirt. Geburts-Begraͤbnis-Kroͤ- nungs-Vermaͤhlungs-Kriegs-Friedens-Stiftungs- vermischte Muͤnzen sind darin. Jedes Fach ist wieder nach den Staaten und Laͤndern, und diese wieder nach der Chronologie rangirt. Die fehlenden laͤst man von den Stempeln in London, Versailles ꝛc. nachpraͤgen, und bezahlt das Silber und Praͤgelohn. Die Muͤnzen liegen auf gruͤnem Tuch unter Glas, ohne Einschnitte. Im- mer sind die Daͤnischen die schoͤnsten, und dann die von den Hammerani aus Rom. Die Brandenburgischen sehen alle schlecht aus. Der Nummus unicus , 2. Pfund etliche etliche Loth schwer, auf die Passage des Belts mit der schwedischen Armee ꝛc. sah ich auch hier. Bei den Muͤn- zen vom Preussisch Schlesischen Kriege ist auch die, welche der Koͤnig wieder aufkaufen lies, und die daher sehr selten ist. Sie fuͤhrt die Umschrift: Henricus Boruss. princeps sine clade victor. Ferner alle Muͤnzen auf Goͤttingen. — Schandmuͤnzen auf den Utrechter Frieden und mehrere. Nach Tische fuhren Hr. Goͤtze und ich nach der Fasanerie, wo wir die vielen Goldfasanen, und die Weibchen mit Maͤnnchenfedern besahen (S. davon das Hanauische Magaz. 1779.) In der Menagerie waren: a) Ein Paar Kronenvoͤgel von der Insel Banda. Sie haben eine herliche crista, die auch blau ist. Wie schlaͤft der Vogel mit der Krone? b) Eine Gemse aus Tyrol, mit schwarzen Streifen auf dem Ruͤcken, in einem Tannewaͤldchen. Sie hat- te einen Ziegenbock zur Gesellschaft und frißt Heu. c) Bengalensche Hirsche, ein ganzer Rudel. Sind fahl mit weissen runden Flecken und zeugen Junge hier. d) Eine Mus marmota ? genannt Ouramente. Graugruͤnlicht, statt der gewoͤhnlichen Farbe. Drauf besuchten wir das Willhelmsbad Es wird beschrieben in den Briefen eines Schwei- zers uͤber das Wilhelmsbad bei Hanau. Zweite sehr , das jetzt von Englischen durch die Truppen in Amerika erworbenen Guineen erbaut wird. Der Der Prinz macht selbst den Wirth. Die Frankfurter tragen viel Geld hierher. Man druckt auch die Liste der Badegaͤste. Ich besah die Quelle zum Trinken und zum Baden, sie hat das Gute, daß sie wenigstens nicht scha- det. Saͤle, Alleen, Teiche, Seen mit Schiffen drauf ꝛc. sind angelegt, auch ist eine neue Burg im alten Ge- schmack erbaut worden. Philippsruhe. Ein Lustschloß, das noch die Gra- fen von Hanau erbaut haben, am Mayn anmuthig gelegen. Der Weg von Wilhelmsbad dahin ist eine Obstallee. Als wir wieder von unsrer Spazierfahrt zuruͤck wa- ren, besuchte ich Hrn. Prof. Bergstraͤsser, der auch kein Freund der Philantropine ist, war dann in der Komoͤdie, wo ich Weissens Edelmuth in Nie- drigkeit, und Jeannette vorstellen sah, aß hierauf bei Hr. Stockhausen mit Hrn. Goͤtz, und nahm trau- rig von den Redlichen Abschied. Den 21sten Oct. Ruͤckreise nach Frankfurt. Ich fuhr dahin wieder auf dem Mayn. In Of- fenbach besuchte ich den Hrn. Geh. Rath Brauer, der mir nach Frankfurt Gesellschaft leistete. Den sehr vermehrte Auflage, 8. 1780. Man hat auch einen Kupferstich von der Gegend und den neuern Gebaͤuden. Herausgeber. Zweiter Theil. Q Den 22sten Oct. Frankfurt. Ich war Mittags und Abends bei Hrn. D. Mosche. Den 23sten und 24sten Oct. Reise nach Carlsruhe . Heute fruͤh begab ich mich denn auf die letzte Tour nach meinem lieben Carlsruhe. Ich kam uͤber Darm- stadt, Heppenheim, Weinheim, Heidelberg, — wo ich Hrn. Schoͤnemann, Hrn. Prof. Wund, und Hrn. K. R. Mieg sprach, — Den 25sten Oct. uͤber Wisloch und Bruchsal, gluͤcklich in Carlsru- he an. Reise Reise nach Costanz am Bodensee und nach Schafhausen zum Rheinfall . Im April des Jahres 1781. An Hrn. Prof. Beckmann in Goͤttingen. Q 2 Reise nach Costanz am Bodensee und nach Schafhausen zum Rheinfall. Im April 1781. S chon lange, mein verehrungswuͤrdiger Freund, ging ich mit dem Gedanken um, eine Reise nach der Schweiz zu thun, und Sie werden sich vielleicht wun- dern, wie ich’s so lange anstehen lassen konnte, und in- dessen in Deutschland, Frankreich, Holland ꝛc. herumwandern, da ich doch diesem fuͤr die Naturforscher so merkwuͤrdigen Lande naͤher bin, als jenen Laͤndern. Aber zu meiner Entschuldigung muß ich Ihnen sagen, daß ich nicht blos deswegen noch nicht nach der Schweiz gereist bin, weil man gewoͤhnlich am spaͤtesten zu dem koͤmmt, was man immer haben kan; sondern vorzuͤglich deswegen, weil die Merkwuͤrdigkeiten der Schweiz so sehr getrennt, und zum Theil wenigstens so weit von ein- ander entfernt sind, daß man entweder ein ganzes halbes Jahr darinn herumreisen, oder mehrmals, und an ver- schiedenen Orten hineingehen muß. Der letztere Plan gefaͤllt mir fast noch besser, als der erstere, und ich will ihn suchen auszufuͤhren, wenn ich Leben und Gesundheit behalte. Sie meinen vielleicht, ich sollte noch hinzuse- Q 3 tzen: tzen: Wenn mich mein Vaterland auch dafuͤr belohnt, daß ich auf das Studium der Natur so manches hundert Gulden wende, so manche Bequemlichkeit entbehre, die sich andre neben mir verschaffen, und mich zu dem be- schwerlichen Amte des oͤffentlichen Unterrichts immer tuͤch- tiger mache. — Aber, ich habe mich schon gewoͤhnt, diese Gedanken zu unterdruͤcken. Die Wissenschaften sterben meistens, wenn sie sich nicht selber helfen koͤnnen, und von der Pflege andrer leben muͤssen. Ich bin, wie eine Pflanze in einem Boden, der eben nicht sehr wuchert. Wenn unsre Musen wie das Thier waͤren, von dem die Fabel sagt, es lebe von der Luft, so kaͤme Deutschland allen andern Nationen in Ruhm der Gelehrsamkeit vor, aber zum Ungluͤck wollen die schoͤnen Kinder auch Saft haben. Ich habe seit einigen Jahren Erfahrungen in der Menschenwelt gemacht, die eben so unerwartet sind, als die neuen Entdeckungen in der Thiergeschichte. Taͤg- lich sehe ich es mehr, daß in der Welt gar viel Wind, Luͤgen, Unwahrheit und falscher Schein ist. Oft ist man mit dem besten Herzen, und mit dem feurigsten Ent- schluß, seinen Mitbruͤdern nuͤtzlich zu werden, nicht mehr weit von dem traurigen Wunsch, daß man nicht mehr gelernt haͤtte, als so viele, die mit dem ganz gewoͤhnlich- sten Schlendrian in der Welt fortkommen, und steigen, als wenn sie das Original der Menschheit waͤren. Doch ist der Anblick der Natur, und ihrer Prachtstuͤcke mit Kopf und Gefuͤhl dagegen ein herrliches Mittel, und es ist eine Guͤte vom Schoͤpfer, daß er in das Innre der Wissenschaften einen gewissen Reiz legte, der die junge Seele immer staͤrker an sich zieht, wenn man gleich vor Augen sieht, daß man im Tempel der Wissenschaften nie ein aͤusserliches Gluͤck machen werde. Shakespear sagt: „Wissen- „Wissenschaft ist der Fittig, mit welchem wir zum Him- mel emporfliegen.“ Doch, was plaudre ich nun davon? Ich wollte Ihnen ja meine kleine Reise erzaͤhlen. Da ich nicht mehr als vierzehn Tage wegbleiben durfte, so schraͤnkte ich mich diesmahl auf den Boden- see, auf Costanz, auf Schafhausen und den Rhein- fall ein. Da ich zu Pferde war, so konnte ich den naͤch- sten Weg durch das Wuͤrtemberg ische, und durch einen Theil des Schwarzwaldes nehmen. Es war in der angenehmsten Jahrszeit: der April des Jahrs 1781. war nicht Aprilmonat. Es war ein wahrer, schoͤner, frucht- barer Maimonat. Alles in der Natur geschah wenig- stens in unsern Gegenden um drei Wochen fruͤher. Das Wetter war bestaͤndig, war heiter, nicht kalt, oft schon sehr heis, besonders in den Thaͤlern der Schweiz, und selbst die Naͤchte schadeten nie den fruͤh herausgekomme- nen Bluͤten. Ich bin manchen Morgen im Nachtigal- lengesang geritten, und habe manchen wilden Vogel im Walde pfeifen gehoͤrt, der sonst mein Ohr noch nie ergoͤtzt hat. Ganze Reihen von bluͤhenden Baͤumen dufteten am fruͤhen Morgen um mich herum, und schienen, ein einziger Blumenstraus zu seyn. So wie die Hitze des Tages zunahm, ward auch das geschaͤftige Summen der Bienen um diese mit den schoͤnsten Bluͤten ganz bedeck- ten Aeste immer staͤrker, und begleitete mich, je naͤher ich dem heissen Italien, dem gebuͤrgvollen Tyrol, und der kraͤuterreichen Schweiz kam. Nicht ein einziges Was- ser, weder die groͤssern noch die kleinern Fluͤsse liefen jetzt an. Denn wir hatten im vergangenen Winter uͤberall wenig Schnee gehabt. Sonst muß man in andern Jah- ren, wenn man um diese Zeit in unsern Gegenden reisen Q 4 will, will, befuͤrchten, daß Fluͤsse ausgetreten, Wege ausge- fressen, Bruͤcken weggerissen, Felsen herbeygefuͤhrt, und am Fuß der Berge alles verwuͤstet seyn moͤchte. Aber es war, als wenn die Natur ihrem Freunde selber den Weg gebahnt haͤtte. Mein Engel ging vor mir her, die bluͤhende Schoͤpfung enthuͤllte ringsum ihre mannichfalti- gen Schoͤnheiten, die guͤtige Natur hielt ihren Schild uͤber mich, die Goͤttin der Jugend goß die Schale der Gesund- heit wieder voll, und die guten Wuͤnsche meiner Freunde folgten mir, als ein unschaͤtzbarer Segen, hinten nach. Von hier nach Pforzheim ist der Weg so bekannt, daß ich Ihnen nichts davon zu sagen wuͤßte. Aber se- hen sollten Sie ihn einmal, Sie wuͤrden besonders die schoͤne Strasse von Carlsruhe nach Durlach bewun- dern: Eine schnurgrade Allee, von zwo Reihen italiaͤni- scher Pappeln, die, wenn sie im Sommer ganz mit Laub bedeckt sind, voͤllig wie eine gruͤne Wand, wie dunkel- gruͤne Tapeten aussehen. Von Pforzheim geht der Weg gleich uͤber einen steilen waldichten Berg, auf dem fuͤrchterliche Steinmassen im Wege liegen. Man muß mit dem schmalsten Wege vorlieb nehmen, bis man nach Huchenfeld kommt, einem noch Baad ischen Orte. Hin- ter diesen muß man wieder den sogenannten Beutelberg herab. Dieser Weg ist noch schrecklicher als der vorige. Der Berg ist gewis etliche tausend Schuhe hoch, und fast immer jaͤher als ein Dach. Mein Pferd ging zwar sicher, es kletterte wie eine Katze, Bergauf und Bergab, aber zuletzt verlohr ich doch allen Muth, weil ich immer die abscheulichsten Tiefen vor mir sah. Ich stieg ab und lies es durch einen Bauer fuͤhren. Der ganze Berg ist mit Tannen und anderm Nadelholz besetzt, davon die grossen grossen und langgestreckten Wurzeln eben so weit uͤber dem Boden hinlaufen, und an der Luft eben so wahres Holz, als der Stamm ist, werden, wie es Brydone von den Baͤumen auf dem Aetna erzaͤhlt. Ich zweifle gar nicht, daß man nicht hier hundertschuhige Tannen finden sollte. Der Pfad des Reisenden ist so abschuͤssig, daß man froh ist, wenn man sich an einen der Laͤnge nach am Berge hinabgestuͤrzten Baum halten kan. Im Winter sollen hier grauenvolle Glacieren von Schnee und Eis entstehen. Wer etwa nicht glauben wollte, daß die Bergbewohner fuͤr ihre gesunde Luft, gutes Wasser und andre Vortheile, auch wieder ihre Plage haben, der darf nur hierher kommen. Es ist unbegreiflich, wie man hier fahren kan, und doch geschieht es alle Tage. Unten aber am Fuß des Berges faͤngt das schoͤnste Thal an, und lauft noch etliche Stunden fort bis nach Calw. Dies herliche Wiesenthal ist nicht sehr breit, aber es wird von der Nagold, die bei Pforzheim in die Enz faͤllt, durch- stroͤmt. Zu beiden Seiten ist es mit ziemlichen Bergen eingefaßt, die alle mit Holz mehr oder weniger ange- pflanzt sind, und schon hier sieht man, daß das ganze Herzogthum Wuͤrtenberg nichts ist, als ein grosser Haufen von ineinandergeschobenen, zusammen geworfe- nen, aufgethuͤrmten Bergen mit darzwischen liegenden fruchtbaren Thaͤlern. Beim Liebezeller Bad ist die Gegend, wie bei allen Baͤdern, wieder etwas rauher, als vorher, und die Badhaͤuser selber machen auch keine son- derliche Figur. Man findet greuliche Steinbrocken im Wege, die alle durch die Waldwasser aus den Bergen herbeigefuͤhrt worden sind, und neben ihnen liegen ganze Haufen von Steinen, von den schoͤnsten Felsen, und haͤr- testen Waͤcken, ( Saxa ) die man an andern Orten, wo Q 5 man man zum Bauen und Pflastern nichts als Sandsteine hat, gerne theuer bezahlen wuͤrde. Auch die Nagold selber laͤuft zuweilen gewaltig an, wie man an den hohen Bruͤcken sieht, die uͤberall, weil sie viele Kruͤmmungen macht, uͤber sie gebaut sind, und dem Reisenden fast laͤ- cherlich vorkommen, wenn er zu einer Zeit daruͤber reiset, wo nur ein kleines Wasser unten vorbeifließt. Ausser- dem, daß die Nagold zum Waͤssern sehr gut ist, gehen auch bestaͤndig Holzfloͤße auf ihr nach Pforzheim. Man hoͤrt bestaͤndig die Axt des Holzmachers in den Tannen- waͤldern schallen, und die schoͤnsten Baͤume stuͤrzen mit ihren breiten Aesten um. Calw an sich ist eine kleine, aber freilich eine alte Stadt. Die meisten Haͤuser sind von Holz, schlecht, und eng in einander hineingehaͤngt. Die Stadt ist auf der einen Seite an einen Berg gebaut, in der Mitte laͤuft die Nagold durch, und, wenn man auf der Bruͤcke steht, so hat man schoͤne Aussichten. Alle Strassen sind gepflastert, aber freilich sind die wenigsten gerade und eben. Der Handel, einige Fabriken, und sonderlich das Floͤßen des Holzes hat viele Leute reich gemacht. Die Calw er Kompagnien sind bekannt. Doch nun nimmt der Luxus auch hier uͤberhand. Noch vor 30. Jahren wuste man in Calw kaum, was eine Kutsche ist. Selbst die reichsten Frauenzimmer waren gewohnt, scharf uͤber die Berge weg zu reiten, aber nun lernen sie das nicht mehr. Gleich vor Calw aussen klettert das Pferd wieder et- liche tausend Fuß Steinweg hinauf, und auf dem Wege nach Herreberg hin kommen immer hoͤhere, und zum Theil auch unfruchtbare Berge. Man reiset auch durch Wal- Waldungen, die bereits sehr licht geworden sind. In diesen hoͤrte ich heute (den 15. April) schon ganz deutlich viele Guckucke rufen, und fast auf der ganzen Reise be- gleitete mich die Stimme dieses sonst fuͤr selten gehaltenen Vogels. In den Doͤrfern sind die Wege aͤusserst schlecht, aber weil die meisten Wuͤrtemberg ischen Doͤrfer an Ge- buͤrgen liegen, von welchen das Wasser bestaͤndig hinun- ter sickert, so laͤßt sich das schwerlich aͤndern. Auch Herreberg ist eine alte, kleine, gebuͤrgige Stadt. Auf den Berg, wo die Stadkirche steht, steigt man uͤber grosse Treppen. Die Hauptstrasse ist eng, das alte Schlos auf der Spitze des Berges selber verfaͤllt. Es muß aber eine herliche Aussicht oben seyn, weil es so hoch liegt, daß man es schon von weitem sieht. Von da geht die sogenannte Landstrasse, im Gegen- satz der schon fertig gewordenen Chaussee nach Tuͤbin- gen. Sie ist unnoͤthig breit, oft schmal, oft unkennt- lich, oft tief und loͤchericht. Fast dies ganze Feld bis an die Stadt hin steckt voll Eisen, wie man an dem hoch- rothen eisenschuͤssigen Thon sieht, der besonders kurz vor Tuͤbingen sehr reich zu seyn scheint. Erlauben Sie mir, daß ich von Stadt und Univer- sitaͤt Tuͤbingen nichts sage. Die Leute haben bekann- termassen eine erstaunliche Vorliebe zu ihrem Vaterlande, und zu allen ihren Sachen, weil die Wenigsten reisen, und die lokalen Vorurtheile ablegen. Daher kommt ih- nen oft wahre, treue Schilderung gar seltsam vor, oder sie sehens wohl gar fuͤr Laͤsterung an. Doch wissen die Verstaͤndigsten wohl, an welchen Wunden man die Kur anfangen sollte. Eine vortrefliche Strasse laͤuft fuͤnf Stunden lang von Tuͤbingen nach Hechingen fast immer grade, uͤber Feld, Feld, Wiesen, Weideplatz und Waldungen. Aber je naͤher man jenem Staͤdtchen kommt, je rauher wird die Luft, je rauher wird der Wind. Man kan auch He- chingen als den Anfang des Schwarzwaldes ansehen. Die Sprache ist schlecht, aber die Leute sind hoͤflich, wohl gesitteter, als man vermuthen sollte: ohne Zweifel, weil ein kleiner Hof, und etwas Handel hier ist. Gegen- waͤrtig lagen etwa 40. Mann Soldaten in Hechingen. Das Land ist zur Jagd sehr bequem, und der Fuͤrst liebt sie. Es gibt hier auch wilde Fasanen. Die Residenz ist so bergicht, und so schlecht gepflastert, daß der Reiter immer fuͤr seines Pferdes Fuͤsse besorgt seyn muß. We- nigstens koͤnnen sie die Hufeisen darin verreissen, oder bre- chen. Aber die Buͤrger sind es gewohnt, und klettern si- cher Tag und Nacht, wie Katzen auf den steilen Wegen herum. Sobald der geringste Regen faͤllt, so hat man in Hechingen kein gutes Wasser meht, es wird gleich truͤbe. Ich sah einen unvollendeten Kirchenbau, den der Fuͤrst, die Stadt, und einige Pfleger zu gros ange- fangen haben, daher ist der Bau jetzt ins Stecken gera- then. Der Baustein ist ein weislichter Sandstein aus lauter feinen Quarzkoͤrnern. Im Schlosse sind etwa vierzig Bedienten: so sagte man mir, wer aber in dieser Zahl mit begriffen ist, oder nicht, weis ich nicht. Der Fuͤrst haͤlt einen Kanzler, zwei Hofraͤthe, einen Gehei- menrath, der Finanzminister ist, und einige Sekretaͤre. Man hatte eben am Ostermontage, wiewohl es Feiertag war, Jahrmarkt. Dazu kamen viele Menschen und Vieh weit her, viele Kraͤmer von Reutlingen, Ro- thenburg ꝛc. Ueberhaupt ist hier eine starke Passage nach Schaffhausen und Zurzach ꝛc. Ausser dem Schlosse und dem Amthause wird man das Staͤdtchen freilich freilich nicht fuͤr eine Residenz halten. Im Schlosse sind die Gemaͤlde der lebenden Familie von einer Malerin in Berlin. Das Billardzimmer theilt die zwei Fluͤ- gel des Schlosses. In der Schloskirche ist nichts Merk- wuͤrdiges. Im Eingange des Schlosses ist ein wildes Schwein und ein Hirsch von ungewoͤhnlicher Groͤsse ab- gemahlt, dergleichen hier zuweilen vorkommen. Die Unterthanen prozessirten aber noch vor wenigen Jahren, (vielleicht noch) mit der Herrschaft, wegen der Jagd, die sie nun ganz an sich gezogen hat, und wurden daruͤber von Wuͤrtemberg ischen Exekutionstruppen gezuͤchtiget. In der Stadtkirche ist vor dem Altare das Begraͤbnis der Fuͤrstl. Familie. Ein schwerer Aufsatz von Metall, der oben mit Inschriften und Wappen geziert ist, muß alsdann herabgenommen werden. Nicht weit von der Stadt steht ein Nonnenkloster Gnadenthal, und in der Stadt selber sind Franziskaner und Kapuziner. Man sieht wenige Rebberge, ohne Zweifel ist die Gegend schon zu rauh dazu. Schoͤne, blumichte Wiesen, vortrefliche Viehheerden, starke Melkkuͤhe, viel Milch, Butter, Kaͤ- se, Fische ꝛc. gibts hier. Der Handel der Hechinger mit Wacholderbeeren ist bekannt. Zu einem Jagdhau- se, der Lindig genannt, fuͤhrt eine stundenlange Allee durch den Wald. Auch liegt nicht weit vom Stamm- schlosse ein andres Sommerhaus. Aber das Wichtigste fuͤr den Reisenden ist freilich die alte Bergfestung Hohenzollern, das Stammhaus des grossen Koͤnigs, den Europa bewundert. Es liegt auf einem ungemein hohen, und ziemlich steilen Berge. Man geht durch eine angenehme, natuͤrliche Wildnis hinauf, die dem Ermuͤdeten Ruheplaͤtze genug zur Erholung an- bietet. bietet. Ehedessen war es nur eine Kirche auf dem soge- nannten Michelsberg. Die Kirche steht auch noch, ist wenigstens 800. Jahr alt, und wurde 1618. wieder er- neuert. Nachgehends wurde dieses muͤhsam, aber aͤus- serst starke und massive Werk dazu gebaut, und Schade waͤre es, wenn dem Einstuͤrzen dieses schaͤtzbaren Denk- mals des Alterthums nicht Einhalt gethan wuͤrde. Die Festung hat vorne 9. Thore, die mit eisernen Banden und Beschlaͤgen fast ganz uͤberzogen sind. Gleich im Hofe sieht man einen kupfernen Kessel, der im Boden eingemacht, und mit einem hoͤlzernen Haͤuschen umge- ben ist. Er ist 30. Schuh tief, das Kupfer ist nur, wo man sehen kan, Fingersdick; oben ist der Durchmes- ser 10. Schuhe; am Rande steht: Maria Sidonia, Margaraͤfin von Baaden. Sie soll ihn in ihrem Wittwenstande haben machen lassen. Seine Bestim- mung war zum vorraͤthigen Wasser in Kriegszeiten. Denn nicht weit davon ist ein Brunnen, der zwar nicht so tief ist, aber doch klares und gutes Wasser hat. Von diesem Brunnen gingen drei Kanaͤle unter dem Boden hin nach dem Kessel, wovon die Spuren noch sehr sicht- bar sind, und diese Leitungen fuͤllten den kupfernen Sack in zween Tagen, wenn das Wasser in die Kanaͤle gerich- tet wurde. Durch Huͤlfe dieses Wasserbehaͤltnisses konn- te man immer vor der groͤsten Gefahr, wenigstens fuͤr ei- nige Zeit, gesichert seyn, und man gab auch davon her, was zum Waschen und Viehtraͤnken noͤthig war. Das ganze Gebaͤude selber ist mit einer Mauer umgeben, wo der Vertheidigungsgang, die Schiesscharten, und die Schilderhaͤuser noch merklich sind. Erst oben sieht man den grossen Umfang dieser Anlage. Unten, und von Ferne gesehen, scheint es nur ein kleines Landhaus zu seyn. Auf Auf jener Ringmauer liegen drei kleine Stuͤcke, die zwei Pfund Eisen schiessen, und immer geladen sind, damit sie den Ausbruch eines Brandes der umliegenden Gegend gleich verkuͤndigen koͤnnen. Es steht die Jahrzahl 1579. darauf. Im Zeughause sieht man ganze und halbe Panzer, Kappen, Hemden und Hosen aus kleinen Ket- ten von Drath geflochten, Schwerdter, Standarten, Hellebarden, ꝛc. An den Panzern haͤngen noch die sammtne Baͤnder, wodurch der eherne Ueberzug an den Gliedern befestigt, und gelenksam gemacht wurde. Alle diese Panzer sind sehr dick, und man sieht an einem Stuͤ- cke, wie wenig eine Kugel dadurch konnte. Man sieht noch deutlich, daß an den Kuͤrassen der Vornehmern die Schnallen und Knoͤpfe vergoldet waren. An den Sei- ten liegen noch ganze Haufen von Granaten, grossen und kleinen Kugeln. In der hintern Ecke stehen zwei Lavet- ten zu den groͤsten Stuͤcken, die aber verschwunden sind. Pulverduͤrren, Armbruͤste, Pfeile, Doppelhacken ꝛc. sind auch noch da. Zwei Marschallsstaͤbe mit dem graͤflichen Wappen und der Jahrszahl 1598. sind noch jetzt sehr schoͤn. Unter diesen Sachen liegen auch die Stuͤcke zu einer Geldmuͤnze, und es sind Stempel zu Dukaten und zu Thalern da. Ferner kan man hier ein Schlos sehen, das sechs massive Vorschlaͤge hat, die alle Ein Schluͤssel auf einmal schließt. Oben haͤngt ein ausgebaͤlgtes Kalb, das vor mehr als zehn Jahren mit zwei Koͤpfen geboh- ren wurde. Von da kommt man zu Muͤhlen, die Ein Mann mit Einem Fuß treten kan. Als vor ohngefaͤhr 15. Jahren das Wasser in dieser Gegend selten war, mahl- te man wirklich hier oben auf der Festung. Unter diesen sind auch zwei Roßmuͤhlen, die durch ein gemeinschaftli- Werk in Bewegung gesetzt werden. Neben daran ist ein ein Gewoͤlbe, worin man Wein, Brantewein, Speck ꝛc. aufbewahrte. Man muß sich dahin leuchten lassen, und findet alsdann oben in der Mauer nur eine ganz klei- ne Oefnung, wo man eine ganz ungewoͤhnliche Dicke der Mauer, auf der Seite nach Hechingen, etwa zwanzig Schuhe, zwar vermuthen, aber nicht ganz sehen kan. Auf der andern Seite ist das Gemaͤuer etwa 11. Schuh dick. Auch kan man noch den wirklich niedlichen Back- ofen des Kommisbeckers, und neben daran seine besondre Handmuͤhle zum Weitzen sehen. Durchs ganze Schlos laufen unten Kasematten, die freilich nicht so schoͤn sind, als die neugebaueten, die ich auf der Festung Koͤnigstein gesehen habe, aber sie sind doch eine eben so sichre Zuflucht gegen alle Bomben. Auf dieser Seite begegnet man auch den Gefaͤngnissen, den Pritschen, den eisernen Thuͤ- ren beim Ausfall ꝛc. Auf der andern Seite ist unter der Kirche die kuͤhle Gruft der Erbauer. Die Kirche selbst hat, ausser ihrem Alter, nichts erhebliches. Sehr deut- lich kan man noch den Platz der gewesenen Kanzlei erken- nen; darneben stehen unter andern Bildern und ungewis- sen Inschriften, an der Decke eines kleinen Zimmers, das vermuthlich das Archiv war, auch die simplen Por- traite des Stammvaters der jetztlebenden Familie, und seines Bruders. Dabei stehen folgende Worte: „ Bru- „no, Koͤnigs Wittekind des Grossen leiblicher Bru- „der, Herzog zu Sappen und Engern, der jetztlebenden „Grafen von Hohenzollern Stammvater.“ An der Sei- te steht die Jahrzahl 957. Man findet auch durch das ganze Schlos Bruchstuͤcke von genealogischen Anmer- kungen, die aber oft durch den Pinsel des Maurers unle- serlich gemacht worden sind. Oben ist die Kuͤche, das rothe, oder das Kammerjungfernzimmer, Stuben fuͤr die die Offizianten, und Wohnzimmer fuͤr die Herrschaft. Darneben Schlafstuben, Kabinetter, Gewehrzimmer, und in der Ecke ein Saal von neun Kreuzstoͤcken mit ei- nem Balkon vor dem Fenster. Allein, alle diese Zimmer sind leer, oͤde und wuͤste. Man sagte mir, der Fuͤrst haͤtte ehemals jaͤhrlich fuͤr die Unterhaltung des Schlos- ses 6000. Gulden, und einige Wagen voll Tyroler Wein gehabt, jetzt aber habe er jaͤhrlich nur 1000. Wiener Gul- den. Die Aussicht auf diesem Berge ist zum Entzuͤcken. Man sieht uͤber viele Berge weg in entfernte Laͤnder, aber nach dem Elsaß ist die Aussicht durch einen waldichten Berg verdeckt. Bei hellem Wetter soll man, sonderlich am Morgen, mit einem maͤssigen Fernrohre zweihundert Oerter uͤberschauen koͤnnen. Es ist so hoch, daß man das Wehen der Luft immer recht stark empfindet. Wind und Donnerwetter sollen, wie die Waͤchter erzaͤhlen, entsetzlich in dem leeren Gebaͤude rasen. Im Winter ist die Kaͤlte ebenfalls ausserordentlich strenge. Der Berg hat einige Seiten, die wegen der jaͤhen Gestalt, und ihrer schwin- delnden Hoͤhe von niemanden koͤnnen bestiegen werden. Man sieht noch die Strasse, deren man sich ehemals mit Kutschen und Pferden bediente. Es ist gemeiniglich nie- mand oben als einige alte abgelebte Soldaten. In die- sem Jahrhunderte machten die Franzosen einmal einen reichen Fischzug auf Zollern. Ganze Faͤsser von Mehl, Wein, Ammunition ꝛc. wurden weggefuͤhrt, und auch aus dem Zeughause ward manches fortgeschleppt. Aber ein Korps Oesterreich ischer Husaren uͤberfiel sie ploͤtzlich, und jagte sie auch so in Angst, daß sie das Fleisch auf dem Tische stehn liessen und den Ruͤckweg suchten. — Ich verlies diese schoͤne, und nun so veroͤdete Hoͤhe mit dem betruͤbten Gedanken an die menschliche Hinfaͤlligkeit, und Zweiter Theil. R Ver- Veraͤnderlichkeit aller Dinge. Wo sind die beruͤhmten Stammvaͤter dieses Hauses? Wo sind die kuͤhnen Er- bauer dieses Schlosses? Wo sind die ruͤstigen Streiter, die mit Helm und Panzer, mit Lanzen und Reisigen auszogen und sich furchtbar machten? Wer kennt jetzt noch alle die grossen und mit Trompetenschall ausgerufe- nen Ritter, die im Turnier siegten und den Kampfpreis erfochten? Die Ewigkeit hat sie alle verschlungen; die Gemaͤlde verbleichen, die Steine verwittern, und die Na- men verschwinden. Wie ist die Gestalt aller Dinge seit etlichen Jahrhunderten so veraͤndert worden! Deutsch- land kennt seine ehemaligen Soͤhne nicht mehr, und wenn sie wiederkaͤmen, die ehrwuͤrdigen Helden, die zu Tausenden entschlafen sind, wuͤrden sie dann ihr Erbland, die Zwergennation, die unmuͤndigen Streiter, die un- baͤrtigen Ritter, und so viele ausgeartete Nachkommen noch erkennen koͤnnen? Zwar der koͤnigliche Urenkel derer, die diese Felsen auffuͤhrten, ist der Stolz Europens! Er wuͤrde selbst seinen grauen Vaͤtern gefallen, und er- haͤlt noch, indes ihr Geist bereits unter den Sternen wan- delt, deutsche Kraft unter den Deutschen! Von Hechingen nach Bahlingen ist der Weg eben, und weil er meist zwischen Wiesen hingeht, sehr ange- nehm. Kostbare Morgen, wo ich zu Pferd, sobald die Sonne aufgegangen war, den ersten Duft des Tages ge- noß, und den weisen und guten Urheber der Natur in je- dem Thautropfen, der am Grase zitterte, erblickte! In der Mitte des Wegs faͤngt ein schoͤnes, maͤchtiges, schwarz- schiefriges Floͤzgebuͤrge an, das weit in das Land hinein- geht. Bahlingen scheint beinahe eine einzige lange Gasse zu seyn, ganz von Holz, unvernuͤnftig und recht unuͤberlegt unuͤberlegt gebaut. Wenn einer eine Stadt in der Ab- sicht anlegen wollte, daß das geringste Feuer sie einmahl ganz, wie Gera, auffressen sollte, so koͤnnte er die Haͤu- ser nicht enger in einander haͤngen und verschieben. Von dem Gestank, der mir entgegen kam, und mich verfolgte, bis ich wieder in der freien offenen Natur war, will ich gar nichts sagen. Von Bahlingen uͤber Schoͤmberg (ein Oesterrei- ch ischer Ort) nach Altingen. An diesem Theile des Landes haben wohl sieben Herren Antheil, daher ist die Chaussee zuweilen gemacht, zuweilen nicht. Welch ein Weg, und welch ein ewiger Wechsel von Hoͤhen und Tie- fen das sei, das weiß und glaubt niemand, als der, der’s selber erfahren hat. Alle Unbequemlichkeiten des rauhen Landes, des Schwarzwaldes und der steinigten Ge- buͤrge. Doch was immer fuͤr den Reisenden das Beste ist, noch uͤberall gute, ehrliche, huͤlfreiche, willige Men- schen. Wo auch die Strasse nur etliche hundert Schrit- te durch das Wuͤrtemberg ische geht, da ist sie gemacht, aber weil hier kein Sand zum Ueberfuͤhren und Ueberschuͤt- ten der Strassen ist, so muß man auf den blosen, klein- gehackten, spitzigen, vieleckigten, harten, und doch immer ausweichenden, lettigen Kalksteinen gehen, reiten und fahren. Und doch geht hier ein ordinairer Postwagen von Stuttgard uͤber Engen nach Schafhausen, und die Extrapost geht sehr stark aus der Schweiz uͤber Al- tingen. Altingen selber liegt auf einer breiten, ebenen, frucht- baren Hoͤhe, doch ist die Gegend rauh. Man kennt hier z. B. den Weizen nicht. Nur Spelz, Korn, Haber, Kartoffeln, Wicken werden gebaut. Wein, Krapp und R 2 Tobak Tobak waͤchst hier auch nicht mehr. Sonderbar ist es, daß nach der Versicherung mehrerer Leute die Gerste hier ausraͤth. Die Altinger holen Gerste in Rotenburg, brauen Bier daraus, und fuͤhren es nach der Schweiz, wo es theurer ist, als Wein, und nehmen dafuͤr rothen und weissen Schafhauser Wein, den ich auch hier zum erstenmal fand. Auch ist es ein Mangel fuͤr Altingen, daß in der ganzen Gegend kein grosses Wasser ist. Fast alle Haͤuser sind noch mit Schindeln von Tannenholz ge- deckt. Diese Daͤcher sind nur einfach, und halten doch 60-80. Jahre, wenn man nur jede Luͤcke gleich im An- fange wieder zumacht. Sie ruͤhmen diese Daͤcher, weil sie den Schnee gar gut abhalten; aber freilich bei ent- standenem Feuer sind sie sehr gefaͤhrlich, weil sie ausein- ander springen. Ziegel koͤnnen sie auch nicht leicht in der Naͤhe haben, und ihre Waldungen sind auf der Seite nach Doneschingen zu sehr betraͤchtlich. Die Weiber gingen hier alle, in einer Art von Uniform gekleidet, in die Kirche, schwarz, weisse Hinterklappen, rothe Struͤm- pfe und kurze Roͤcke. Das ist eine von ihnen selbst ein- gefuͤhrte Kleiderordnung. Die kurzen Roͤcke, sagen sie, waͤren zum Bergsteigen und Arbeiten bequemer und fast unentbehrlich. Von dort geht der viel bessere und angenehmere Weg nach Duttlingen, meist uͤber katholische Doͤrfer, wo der Kapellen, Kreuze, Wallfahrten und Bettler kein En- de ist. Immer eine angreifende Empfindung fuͤr mich, im herrlichsten, fruchtbarsten Lande so viele Bettler! So viel Aberglauben und Blindheit! So viel — Man ist hier nicht weit vom Ursprung der Donau; bei Duttlingen fließt sie vorbei, und ihr Anfang ist 6. Stun- 6. Stunden davon. Vor der Stadt ist eine Bruͤcke daruͤber gebaut, unter welcher sie schon sehr breit und rau- schend vorbeifließt, weil man in der Mitte einen Abfall hineingebaut hat, wie in den Neckar vor Canstatt. Solche Plaͤtze liebe ich ungemein; am Abend war ich beim Untergang der Sonne hier, und konnte gar nicht wegkommen. Durch wilde Wasser aus den Bergen wird die Donau oͤfters so gros, daß sie uͤbertritt, das ganze Thal einnimmt und in die Stadt kommt. In Duttlingen ist alles noch mehr Schwarzwaͤl- disch, als bisher. Fast alle Personen von beiderlei Ge- schlecht sind starke, dicke, in der Groͤsse mittelmaͤssige, aber runde, stammhafte Menschen, mit gesundem Blut und derben Fleisch. Man heizte noch in jedem Zimmer ein, und die Leute koͤnnen, wie alle Bauern, starke Hitze ertragen. Noch war hier kein Lattich, noch war kein Ret- tich zu bekommen. Im Felde und Garten waren noch sehr wenige Bluͤten. Am Morgen war ein starker Reif und ziemlicher Frost eingefallen. Die kleinen eßbaren Hopfen, die in unsrer Gegend schon lange vorbey wa- ren, und anfingen mit den Spargeln abzuwechseln, fin- gen hier erst an. Die Viehzucht ist betraͤchtlich in diesem Staͤdtchen. Ihr bestes Brod ist Spelzbrod. Der Karakter der Leute ist Offenherzigkeit, Ehrlichkeit, Mun- terkeit, Lustigkeit ohne Ausgelassenheit und Wildheit, selbst an Feiertaͤgen! Man sagte mir hier den naͤchsten Weg nach Costanz, und ich ritt zwischen zwei Poststrassen, zwischen Engen, Stockach und Zell am Untersee, auf einer Strasse, die nur Fuhrleute machen, und die ich mir meistens mu- ste zeigen lassen, uͤber einige Glashuͤtten, uͤber ein ade- R 3 liches liches Landgut Rocherwiese, nach Eicheldingen in der Grasschaft Nellenburg. Schmal und steinigt ist dieser Weg, und geht meist zwischen Tannen- und Birkenwaͤl- dern hin. Die Stimme der Guckucke ertoͤnte von allen Seiten. Das Auge erfrischte sich am fruͤhen Morgen an dem herlichen Gruͤn der Thaͤler, an der waldichten Stirne der Berge, die von weitem ihr Haupt erhoben, und an den Stauden, die an der Seite des Wegs nun anfingen zu bluͤhen. Doch ist hier auch so kaltes Land, daß die Schlehen, die bei uns schon im Maͤrz verbluͤht hatten, nun erst ihre Knospen entwickelten. Achtzig- neunzig- auch hundertjaͤhrige Leute sind in diesen Gegenden gar nicht selten. Ein 68jaͤhriger Mann lief vor mir her, um mir den Weg zu zeigen, und lief uͤber eine Stunde immer so schnell, daß das Pferd seinen gewohnten Reit- trap fortgehen konnte. In Eicheldingen trank ich zuerst den Seewein, d. h. weisser Wein, der am Bodensee waͤchst, und fand da eine recht artige Nation. Katholisch sind sie, aber nicht dumm und nicht plump, vielmehr recht hoͤflich und gesittet. Weil dieser Ort nur noch wenige Stunden von Costanz ist, so wird man hier schon recht gut bedient, und kan allerlei haben. Auch ist die Sprache, die Mund- art des Landes viel verstaͤndlicher und angenehmer, als im Herzogthume Wuͤrtemberg. Noch lief der Weg uͤber einige Doͤrfer, Orsingen, Wallwich, Stahringen, Mardelfingen ꝛc. fort, bis ich den Bodensee erblickte. Hier ist meistens gemachte Chaussee, und schon schweizerische Prospekte. Man hoͤrt schon uͤberall in den Bergen und Waldungen die Floͤ- ten und Schallmeien der Hirten. Man hoͤrt schon uͤberall die die schallenden Glocken am Halse der Kuͤhe. Die Hir- tenbuben fallen die Reisenden auf allerlei Art an und bet- teln. Sie machen allerlei Kunststuͤcke, spannen eine Schnur uͤber die Strasse ꝛc. Bei Stahringen verlies ich die Strasse, und lies mich, zufolge meines schriftlichen Wegweisers, an Guͤntingen vorbei auf einen naͤhern Weg durch einen Wald fuͤhren. Diese Abweichung von der Strasse verschafte mir den allerangenehmsten Anblick. Ich ritt durch ein angenehmes Lustwaͤldchen, und schickte meinen Fuͤhrer wieder zuruͤck. Einmal konnte ich schon, ehe ich aus diesem Walde herauskam, zwischen zwei Berg- spitzen durchschauen, und erblickte in der Entfernung ei- nen Theil vom Bodensee. Aber noch viel uͤberraschen- der ist das Ende des Waldes selber. Ploͤtzlich hoͤren die Baͤume auf, der Weg zieht sich krumm herum, sie sind auf einer Hoͤhe, sehen hinab ins Thal, und in diesem Thal liegt der See, der Bodensee, den ich schon einige Tage suchte! Die Sonne schien eben mit ihrer sanften Pracht in das kleine deutsche Meer; die majestaͤtischen Berge, die Staͤdte, Doͤrfer, Thuͤrme, Kloͤster, Aeb- teien, Fischerhuͤtten, Gaͤrten, Inseln ꝛc. die in und an dem See sind, spiegelten sich darin; ich sah das Ziel meiner Wuͤnsche schon halb vor mir, und stand so ploͤtz- lich dabei, lange ehe ich es vermuthete. Das alles machte so einen starken Eindruck auf mich, daß ich laut uͤber die Natur jauchzte, und im freudigen Jubel hinab zum See, zu dem stillen, ruhigen, vertraͤglichen See mehr flog als ritt! Da brachte mich der Weg nach Mar- delfingen, ein Dorf, das schon ganz am See gebaut ist, und wo man sogar das Ende des Sees, Zoll am Untersee, ganz deutlich erkennen kan. Nun laͤuft die Strasse bald naͤher, bald weiter weg vom See nach Co- R 4 stanz stanz fort. Bei Allenspach verliert man den See aus dem Gesicht, der Weg zieht sich mit grossen Kruͤmmun- gen uͤber einen waldichten Berg hin. Auf diesem liegt ein Lustschlos, Garten und Weinberg, Haͤgenheim, das dem Fuͤrstbischoff von Costanz gehoͤrt, und das wegen seiner hohen Lage und wegen seiner herlichen Aussicht uͤber den ganzen See, und selbst in die jenseitige schweizerische Seite, eins der schoͤnsten und anmuthigsten Landhaͤuser seyn muß, die ich je gesehen habe. Sonst stossen oft Fruchtfelder, oft aber Rebberge bis an das Ufer des Bo- densees hin. Er wirft zuweilen hohe Wellen, aber er bleibt doch in seinem Bette. Sein freundliches Wasser verheert nichts, es nuͤtzt nur. Wurmedingen ist der letzte Ort vor Costanz. Diese Stadt selber hat nun die allervortreflichste Lage. Ganz am See gebaut, grade da, wo der Rhein aus dem Bodensee herausgeht, also zum Handel ausseror- dentlich bequem. In der Mitte zwischen Deutschland, Italien, Schweiz, Tyrol. Das Auge kan nichts schoͤne r s sehen, als den stillen See, wie ihn, in einer zwoͤlf Stunden langen Entfernung, die Vorgebuͤrge der Schweizeralven einschliessen, und nun zu beiden Seiten deutsche, oder schwaͤbische und schweizerische Landschaften. Von der schwaͤbischen Seite kommt man gleich uͤber die Rheinbruͤcke in die Stadt. Diese heist so, weil sie uͤber den Ausfluß des Rheins gebaut ist. Bei Rhei- neck geht er in den See, hier unter der Costanz er Bruͤ- cke geht er heraus, fliest fort nach Schaffhausen, macht bei Lauffen den Rheinfall, und geht so immer weiter nach Deutschland herab. Die Stadt Costanz selbst ist gros, hat viele schoͤne Strassen, meistens steinerne und hohe Haͤuser, die nicht alle alle schlecht gebaut sind, — aber sie ist entvoͤlkert. Es werden kaum 7000. Menschen darin seyn, und die Stadt koͤnnte 30000. fassen. Es liegen nicht viel Oesterreichi- sche Soldaten da, die Stadt haͤlt auch eine Buͤrgerwa- che. Der an sich sehr kleine Hof des Bischoffs ist ge- woͤhnlich in Mersburg. Die geistliche Curia gibt in der Stadt einen Ton an, der freilich nicht jedem gefaͤllt; in der ganzen Stadt sind gar keine Fabriken; der Religi- onshaß hindert gar manches, Freiheit und Aufmunterung fehlt, viele gute Anlagen verfallen, viele Vortheile blei- ben ungenutzt; im Volke scheint es, ist etwas Kraft und Trieb; man koͤnnte Geist in sie wirken; sie klagen dem Fremden, daß sie nicht sind, was sie werden koͤnnten und gewesen sind; sie sehen das Beispiel, und das Gluͤck ihrer geschaͤftigen Nachbarn in der Schweiz, und wuͤn- schen, daß es ihnen auch so gut wuͤrde. Angenehm ist es, daß man innerhalb der Stadt, und doch hinter der Stadt, ungesehen, theils unten, theils in der Hoͤhe, auf einem bedeckten hoͤlzernen Gang um die ganze Stadt herumspatzieren kan. Aber auch diesen stil- len Gang, der fuͤr viele Menschen so angenehm ist, laͤßt man verfallen. Der Damm, oder die Faͤhre, die Rheede des Bo- densees, wo die Schiffe anlanden und auslaufen, ge- hoͤrt gewis zu den reizendsten Plaͤtzen, die ein Reisender sehen kan. Man muß das Baumhaus in Hamburg, das grosse Schifferhaus in Rotterdam, und den Ha- fen von Amsterdam freilich vergessen, wenn man da steht; aber eben das, daß alles hier kleiner, stiller, ruhi- ger ist, das war mir hier das Anziehendste dabei. Es gehen immer nur sehr wenige, und nur kleine Nachen da R 5 aus, aus, aber die Aussicht uͤber den See nach der Schweiz und nach Schwaben ist vortreflich. Das Rathhaus ist so schlecht gebaut, als moͤglich; ist klein, und aussen blau angestrichen. Das ehemalige Jesuiterkollegium ist noch eins der besten Gebaͤude, und zu wuͤnschen waͤre, daß es kuͤnftig das Gebaͤude einer zahlreichen und wohleingerichteten Universitaͤt werden moͤge, von der nicht nur die Stadt, sondern auch die ganze Katholische Kirche wahren Nutzen ziehen koͤnnte. Das Kaufhaus oder das ehemalige Konzilium- haus, nicht weit vom Damm, und von dem Thore, wo Pabst Johannes gefangen sas, und entwischte. Unten wird nun Korn, Mehl ꝛc. verkauft. Weiter oben sieht man die Wohnungen der Kardinaͤle; im folgenden Stock die Wohnung des Kaisers Sigismund; neben ihm wohnte der Pabst. Man sieht auch noch den Saal, wo die Sitzungen gehalten worden sind, der freilich gros, breit, und lang genug ist, daß das Ketzergericht da ver- sammelt werden konnte. Aus den Wohnzimmern ist das Innere schon laͤngst herausgerissen; es war aber auch alles nur von schlechtem Holz gemacht. Man sieht oben in einer Kammer, wo die Stadt allerlei Sachen auf be- wahren laͤßt, auch noch zwei alte Stuͤhle, worauf der Kaiser und der neue Pabst immer neben einander gesessen haben. An der Eingangsthuͤre sieht man noch den Schie- ber, oder die Oefnung, wodurch den Kardinaͤlen das Es- sen gereicht wurde, als sie hier Konklave hielten, und den Pabst Martin V. waͤhlten. Den Costanzer Buͤrgern ist dies das Wichtigste vom ganzen Konzilium, daß in ihrer ihrer Stadt ein Pabst erwaͤhlet worden sei. Davon re- den sie immer im Siegeston, und ich fragte immer weh- muͤthig und traurig: Wo hat Huß gesessen? Wo ward er verurtheilt? Wo verbrannt? Die Stephanuskirche, die Paulskirche, die Franziskanerkirche, sind alle bunt; besonders war, wegen der Ostertage, der Hochaltar der Franziskaner mit allen moͤglichen Farben geziert. Hie und da haͤngt ein gutes Gemaͤlde, aber es ist alsdann gewaltig versteckt, und verliert viel von seinem Werth, unter dem Wust von schlechten Sachen. Ueberhaupt scheint es, als thaͤ- te man in dieser Stadt fuͤr die Kunst gar nichts. Da muß man Costanz nicht mit Nuͤrnberg und Augspurg vergleichen. Der Fanatismus ist desto groͤsser. Gan- ze Schaaren von Maͤnnern und Weibern lagen in der Kirche auf ihren Knien, und kuͤßten sehr ehrerbietig den steinernen Fußboden neben dem Altar. Die Domkirche, oder das Muͤnster von Costanz ist wirklich schoͤn, und meist nach neuem Geschmack ge- baut. Die Kirche ist weis, sehr hell, nicht zu gros, und doch majestaͤtisch. Nicht weit vom mittlern oder Haupt- eingang sieht man noch im Fußboden der Kirche, eine grosse steinerne Platte, die fast 12. Schuh ins Gevierte hat, und doch ein einziger Stein ist. Es ist zu bewun- dern, wie man diese grosse Platte hereingebracht hat. Und das ist der Stein, auf dem man dem armen Huß die Weihung genommen hat, wie der Katholick sagt. Denn in dieser Kirche geschah die voͤllige Degradirung, nachdem er schon zum Tode bestimmt war. Unter der Kanzel steht statt des Fußgestells eine elende hoͤlzerne Mannsfigur, die so monstroͤs und unfoͤrmlich gemacht ist, ist, als moͤglich, und unten in den Kopf von einem Thier, das ich fuͤr einen Ziegenbock erkennen muste, (aber es ist mit Fleiß so schlecht als moͤglich gemacht) auslaͤuft. Der gemeine niedrigə Poͤbel sieht das Unbild fuͤr Hus- sens Figur an, schlaͤgt ihm eiserne Schuhnaͤgel in den Kopf, in die Augen, in die Brust, und speit voll heili- gen Eifers die Aftergeburt des rasenden Unsinns an. Das thut der Poͤbel, aber wer stellte denn diesen schlech- ten Fuß unter die schoͤne Kanzel? Ohne Absicht geschah das doch schwerlich bei der letztern Verschoͤnerung der Kir- che? Oder, wenn das Fußgestelle auch alt ist, warum wirft man nicht das scheusliche Denkmal der ehemaligen Blindheit weg, und laͤßt den freiern Geist der Christus- religion, der Liebe athmet, und auf seinem Fittich Liebe mitbringt, seine Fluͤgel ausbreiten, und alles umspannen? Im Chor dieser Kirche, das alle moͤgliche Schoͤnheiten hat, stehen ausser der Orgel, die in der Kirche ist, noch zwei kleine Orgeln gegen einander uͤber an den Seiten. Ich sah auch da die kostbaren Altaͤre von Silber, die fast ganz vergoldet sind, und jetzt in den Feiertagen ohne Ueberzug gezeigt wurden. Ferner einige Kruzifixe und Leuchter, die einen Zentner, und gar viele, die einen hal- ben Zentner schwer, und ganz von Silber waren. Das sind Stiftungen von den vorigen Bischoͤfen. Das gan- ze Chor ist neugemacht, und kuͤndigt sich mit vieler Ma- jestaͤt an. Das Dominikanerkloster steht auf einer anmu- thigen Insel, die der Rhein macht, hat einen huͤbschen Garten, und nicht weit davon steht ein Haus mit einem Krahne, um die ankommenden Schiffe ans Land zu zie- hen. Dominikaner moͤchte ich eben nicht werden, aber da da wohnen, da an manchem Morgen Sonne, Morgen- roͤthe, Bodensee, Schiffe, Schwaben, Schweiz, Rhein, Berge, Schnee, Wolken, Heerden sehen, — das moͤchte ich, das saͤhe ich als eine grosse Gluͤckseligkeit im Leben an! Das Zeughaus der Stadt hat manches Stuͤck ver- loren; doch ist noch manches, das ich nicht erwartet haͤt- te, darinnen. Mir waren, ausser vielen Armaturen und Panzern, folgende Stuͤcke merkwuͤrdig: 1) Der Baldachin, unter welchem Kaiser Sigis- mund beim Konzilium gesessen. Es ist ein rothseidner gebluͤmter Damast mit Schnuͤren und Quasten und Trod- deln, die ebenfalls von rother Seide und Knopfmacher- arbeit sind. Man bewahrt das hier in einer Schachtel zusammengelegt, und bringt es nur alle zwei Jahre ein- mahl an die Luft und in die Sonne. Ein merkwuͤrdiges Stuͤck fuͤr die Geschichte der Handwerker und Kuͤnste. Denn man muß daran nicht nur das feste Gewebe, die solide, starke Arbeit, und den guten Geschmack in der Zeichnung und im Blumenwerke bewundern; sondern das ist in meinen Augen noch merkwuͤrdiger, daß sich die Farbe so vollkommen und so vortrefflich erhalten hat. Noch jetzt ist das Zeug so schoͤn karmoisinroth, als wenn es eben aus der Fabrik oder aus dem Laden kaͤme. Oh- ne Zweifel ist es italiaͤnische Arbeit, mit deutscher oder pohlnischer Kochenille gefaͤrbt. Und die Schnuͤre und Quasten sind so schoͤn, und so fein gedreht, so gustoͤs, als wenn sie in unsern Zeiten gemacht worden waͤren. Es sind auch noch die Stangen da, womit der Baldachin aufgeschlagen und unterstuͤtzt wurde. 2) Ein 2) Ein Hagelgeschuͤtz, wo 24. Geschosse auf ein- mahl losgeschossen werden koͤnnen, um z. B. Platz zu machen auf einer Bruͤcke. Man sieht 36. Oefnungen in 3. Reihen, aber die untersten 12. sind nur blind. 3) Steigbuͤgel, die ein Costanzer Buͤrger von ei- nem Tuͤrkischen Bassa erobert, und hernach hieher ge- schenkt hat. Es sind nicht nur eiserne Staͤbe und Rin- ge, wie an unsern Steigbuͤgeln, sondern es sind ganze Stuͤcke, so schoͤn damaszirt, wie Degenklingen. 4) Kleine Handmuͤhlen, im Nothfall. 5) Schilde, wenigstens 20. Pfund schwer, inwen- dig mit Leder ausgepolstert; man sieht den Probeschuß darauf. 6) Allerlei Arten von Patrontaschen, welche die Alten an die Degen hingen; eine ist ein hoͤlzernes Buͤchs- chen zu vier Patronen. 7) Vierschneidige Panzerstecher. 8) Armaturen, uͤblich in der Schwedischen Bela- gerung; da hatte man fuͤr jede Patrone eine eigne hoͤl- zerne ovale Buͤchse; diese hingen alle an Schnuͤren, so daß es ein gewaltiges Geklimper gewesen seyn muß. Und wenigstens vier Klafter Lunten band man um den Leib. Auf dem Kaufhause liegen noch viele hundert Zentner Lunten, die alle durch die Erfindung und den Gebrauch der Flintensteine uͤberfluͤssig wurden. 9) Allerlei Pulverhoͤrner. 10) Drei von den Schweden bei der Belagerung vergeblich abgeschossene Bomben, dergleichen auch zwei im Dom haͤngen. Aber Aber Sie verlangen ohne Zweifel schon lange, daß ich Ihnen das erzaͤhle, was ich fuͤr die Naturgeschichte, fuͤr die Oekonomie, fuͤr Kuͤnste und Handwerker, fuͤr die Litteratur, fuͤr die Menschenkenntnis wichtiges in Co- stanz gefunden habe. Und das will ich Ihnen nun auch sagen. Fuͤr die Naturgeschichte ist in der Stadt nichts, als Herrn Stadtamtmann Freners Sammlung. Der jetzige Besitzer will sie verkaufen. Sein Vater, der mehr Dilettant als Kenner war, sammelte Naturalien, Gemaͤlde, Muͤnzen, Porzellain ꝛc. alles, was er bekom- men konnte; manches Stuͤck ist unendlich vielmahl da; vollstaͤndig ist kein Fach, aber schoͤne Stuͤcke kommen in jeder Sammlung vor. z. B. 1) Ein ganz rothes Stuͤck von einer grossen Steck- muschel. (Pinna L.) 2) Ein sehr wohl erhaltener Echinus mammil- laris L. 3) Eine Spielart von Bulla ampulla, braun und weisgeript. 4) Ein Koͤrper unter dem Namen Meermelone, den ich fuͤr eine Haarkugel halte. 5) Eine Elendsklaue, blaulichtschwarz. 6) Ein sogenannter Durchschlechtenstein, den ihm Geßner in Zuͤrich geschickt hat. Durchschlech- ten ist ein Provinzialname fuͤr Kinderblattern. Der Stein ist so gefleckt, wie das Gesicht der Kinder in jener Krankheit. 7) Weisse Korallen. — Eins der schoͤnsten Stuͤ- cke, die ich je von dieser Art der Meerkoͤrper gesehen ha- be. Es ist zwei Spannen lang, und hat viele in einan- der der verschlungene Zinken. Der Besitzer schaͤtzt es auf 3. franz. Louisdors. 8) Ein Bezoar vaccinum aus Appenzell: soll auf den dortigen Alpen entstanden seyn; in der Mitte liegt der wahre Bezoar; es ist eine durchgeschnittene Kugel in einer hoͤlzernen Kapsul. 9) Ein herrlicher Dendritenmarmor, von der Ge- gend unter Baaden in der Schweiz. An grossen und ungeschliffenen Stuͤcken sieht man, daß die feinsten Zeich- nungen durch den ganzen Stein durchgehen. Ich er- hielt von der Guͤte des Hrn. Stadtamtmanns ein schoͤnes Stuͤck zum Geschenk, auf welchem die feinste Zeichnung nicht anders aussieht, als wenn die Natur selbst die Schweizerischen Gebuͤrge haͤtte malen wollen. Unten niedriges Gebuͤsche, uͤber welches hohe Tannen in die Hoͤ- he steigen. 10) Ein silberner Thaler, den die Stadt noch schlug, als sie noch frei war. Constantia 1623. steht darauf. 11) Die drei Schweizerischen Bundesstifter auf einer silbernen und vergoldeten Muͤnze, mit der Jahr- zahl des ersten Anfangs 1296. Auf der andern Seite sind schon die Wappen der XIII Kantons. 12) Ein silberner Nikolaus von Fluͤe: sein Bild und die Jahrzahl des Todes 1488, nebst allerlei Visio- nen. Wir kennen diesen Mann aus einem, wo ich nicht irre, nicht gar alten Stuͤck des T. Merkur’s. 13) Eine goldene Muͤnze, welche die Stadt Zuͤrich auf Ulrich Zwinglis Tod schlug. Er starb den be- kannten traurigen Tod im 45. Jahr seines Lebens. Die Muͤnze zeigt sein Bildnis. Verzeihen Sie, daß ich die Muͤnzen zu den Natu- ralien rechne. Zwar es sind Abbildungen, es sind Denk- male mahle von Menschen, und ist nicht immer der Mensch das Vorzuͤglichste in der Schoͤpfung? Fuͤr die Oekonomie ist in Costanz das Paradeis oder der Bruͤel sehenswerth. So heist die Gegend zu- naͤchst vor dem Thore, wodurch man auf der Schweizer Seite nach Gottleben und Schafhausen reiset. Auf der einen Seite hat man schon den See und den Rhein, auf der andern die Schweiz, in der Mitte lauft die Landstrasse. Das Feld ist nun meistens Gartenland; einige kleine Wiesenplaͤtze liegen darzwischen. Hie und da stehen die Wohnungen der Gaͤrtner und ihrer Fami- lien. Zuweilen auch eine kleine Schenke fuͤr die Costan- zer, wenn sie spatzieren gehen. Dann, wenn hier alles gruͤn ist, sieht es sehr schoͤn und angenehm aus. Ei- nige Gartenplaͤtze gehen bis in den See hinein. Man sieht immer Schiffe abgehen, und ankommen. Es ist da- her der allgemeine Konversationsplatz, und im Sommer die gewoͤhnliche Promenade. Die ganze Stadt, ein grosser Theil der Schweiz, Turgau und Argau erhal- ten aus diesem Paradies alle moͤgliche Arten von Garten- gewaͤchsen. Alle Freitage geht ein grosses wohlbeladenes Schiff vom Paradiese nach Schafhausen, und alle Wochen geht ein andres, eben so grosses, und ebenfalls mit allen Gattungen von Gartenkraͤutern beladenes Schiff nach Roschach bei St. Gallen. Nur nach Roschach verkauft man jaͤhrlich von Martini-Tage bis Konradi- Tag (vom 11 — 26. Nov.) blos Kappiskraut, woraus Sauerkraut gemacht wird, fuͤr mehr als 5000 Gulden allein aus dieser Gegend. Und unter dieser Summe ist noch das Kappiskraut nicht begriffen, was die Gaͤrt- ner selber, was die Stadt, was Schwaben, Turgan ꝛc. Zweiter Theil. S braucht. braucht. Aber es waͤchst hier so im Ueberflus, und wird so schoͤn, daß um seibige Zeit alle Wochen etliche Schiffe abgehen. Die Gegend an sich ist nicht gros. Der Spatzierplatz nimmt einen grossen Theil davon weg, und doch naͤhren sich wirklich funfzig Familien, deren Namen mir ein Gaͤrtner vorsagte, von dieser Gaͤrtnerei. Ein paar kleine Gartenfelder im Paradiese sind Ausstat- tung fuͤr Kinder, die sich heirathen wollen, und sie hei- rathen hier mit 15. und 22. Jahren. Unter sich machen die Paradieser eine eigne Nation aus; sie heirathen nicht in die Stadt, und Stadtkinder verheirathen sich hoͤchstselten in das Paradies. Jene funfzig Familien machen, nach der Versicherung des Hrn. Stadtamtmanns Freners, uͤber 400 Menschen aus, die alle hier woh- nen und recht gut leben. Arbeitsam sind die Leute im hoͤchsten Grad. Im Sommer gehn sie fruͤhe, schon um 2. Uhr aufs Feld, bauen alles mit der Hacke, mit der Hand, nehmen ihr Essen und ihre Kinder mit, und kommen vor Nachts nicht zuruͤck. Gegenwaͤrtig gilt das Jauchert dieses Feldes zwischen 1000 und 1500 Gulden. Wenn Kappiskraut darauf gebaut wird, so setzen sie 4800 Stuͤck auf ein Jauchert. (Das koͤnnen wir auch an einigen Orten in der Marggrafschaft Hachberg. ) Aber freilich nutzen sie alsdann das Feld im Jahre nur einmahl. Sonst koͤnnen sie das Feld gewoͤhnlich drei- mahl anblumen, oder besaͤen. Den Duͤnger dazu kau- fen sie zum Theil in der Stadt; doch werden sehr viele Jauchert vom Paradies umsonst geduͤngt, mit einem weissen Wassermoos, das sie aus dem Bodensee mit langen Stangen, an welchen vorn eiserne Rechen sind, hervorziehen. Mit Erlaubnis des Oberamtmanns Rei- chenau, in dessen Gebiet der beste Ort dazu ist, fischen sie sie dies Moos im Spaͤtjahr, drei Wochen, und jetzt im Fruͤhjahr erlaubt man ihnen eine Woche; sie lassen es erst eine Zeitlang faulen, und fuͤhren es dann Karren- weise hieher. Dadurch wird zugleich der See und der Rhein gereinigt, und das Bette immer offen erhalten. Zum Spargel soll der Boden des Paradieses lange nicht so gut seyn, wie die Gegend bei Ulm; aber dort waͤchst auch, so viel ich weis, das Kappiskraut nicht so schoͤn, wie in Costanz. Der Nutzen dieser Felder, und die Menge der Leute, die sich hier im Sommer um des Ver- gnuͤgens willen sammelt, ist so gros, daß ein Buͤrger dem andern 60 Gulden Zins zahlte, nur um in einem kleinen Haͤuschen diesen Sommer hindurch Wein schen- ken zu duͤrfen. Auf dem gruͤnen Rasenplatze, der in der Mitte ist, linker Hand der Strasse, wenn man aus der Stadt kommt, da soll, nach der Tradition, Hussens Schei- terhaufen gestanden haben. Urkunden hat man nicht davon, aber in solchen Sachen glaub’ ich der Tradition. Ist es nicht begreiflich. daß so ein grausames, und die Menschheit empoͤrendes Schauspiel auch bei aller Verfin- sterung der Zeiten doch immer auf viele gute Menschen gewirkt haben muß, und daß noch lange nachher die Vaͤ- ter nie da vorbeigegangen sind, ohne ihren Kindern von dem merkwuͤrdigen Tode der zwei beruͤhmten Maͤnner aus Boͤhmen zu erzaͤhlen? Die Reformation kam darzu, und gab dem Urtheil uͤber Huß und Hieronymus eine veraͤnderte Richtung. Die Protestanten in der Schweiz koͤnnen fuͤr die Erhaltung dieser betruͤbten Merkwuͤrdigkei- ten ihrer Kirche nicht ganz unbesorgt gewesen seyn. So kam die Nachricht bis auf unsre Zeiten. Eine lange Reihe S 2 von von Jahren loͤscht das Feuer des blinden Religionseifers aus. Die Natur behauptet ihre Rechte wieder, die Menschheit fuͤhlt einen Schauer, so oft man so etwas hoͤrt, zuletzt zeigt der Katholick den Platz selber, und schweigt mit tauber Empfindung des Unrechts, das seine Vorfahren einem frommen Manne anthaten. Ich weis nicht, wie mir ward, als ich auf dem Platze stand, wo der Trotz der Menschen sich neben dem Throne Gottes ei- nen Stuhl bauen. und mit Feuerflammen dem Gewissen Gesetze geben wollte. Man gibt es dieser gewaltsamen Hinrichtung Schuld, daß auf diesem Platze noch jetzt kein Gras wachse. Aber so viel man sehen kan, ist dar- an das ewige Laufen und Spazierengehen der Leute Schuld: wiewohl mir die Costanzer selber sagten, es kaͤme ihnen sonderbar vor, daß die bereits vor 14. Jahren in der Ab- sicht, Schatten zu haben, dahin gepflanzte Baͤume noch keine starke Staͤmme geworden waͤren. Damals, als Huß verbrannt wurde, sah freilich diese Gegend noch nicht aus, wie jetzt. Um der Kuͤnste und Handwerker willen muß ich Sie bitten, mit mir auf die herrliche Rheinbruͤcke zu gehen. Sie steht auf lauter Pfaͤlen; sie brannte vor etwa hundert Jahren ab, da gaben die bischoͤflichen Unterthanen das Holz dazu her, und bedungen sich dafuͤr die Freiheit vom Bruͤckenzoll. Die Ordnung, die auf der Bruͤcke beobachtet werden muß, schrieb jemand mit einer Feder sehr schoͤn in ein Kaͤstchen, das auf der Bruͤcke haͤngt. Man sollte es fuͤr gestochen oder gedruckt halten. Der Zoll muß jaͤhrlich etwas Ansehnliches ausmachen. Ein Reiter zahlt einen Groschen. Das Wichtigste auf der Bruͤcke ist die grosse Muͤhle, die auf ihr ruht, und auf auf sie gebaut ist. Sie hat 10. Gaͤnge zum Mahlen der Fruͤchte, und noch 5-6. Gaͤnge zu andern Werken. Jeder Gang hat sein eigenes Rad; das Rad lauft zwi- schen zwei Gassen, in jeder Gasse stehn 32. Pfaͤle, und auf diesen Pfaͤlen allen zusammen genommen ruht das ganze Werk. Auf den Pfaͤlen liegen Schwellen, und vermittelst dieser Schwellen kan man die Wasserraͤder an dicken Seilen auf- und niederwinden. Der Spielraum betraͤgt 9. Schuh. Im Sommer, wenn der Rhein steigt, geht man mit den Raͤdern in die Hoͤhe; im Win- ter, wenn das Wasser klein ist, laͤßt man sie herab. Sie werden oft herabgelassen bis auf die Eisschemel, der- gleichen oft im Winter welche geschwommen kommen, die 40-50. Schuh lang und breit sind. Von dieser Einrichtung hat man sonderlich den Vortheil, daß man zu aller Zeit, beim hoͤchsten wie beim niedrigsten Wasser- stande mahlen kan. Es ist eine Zwangsmuͤhle fuͤr die Buͤrger in Costanz. Man mahlt um den sogenannten Molzer, und nur in Streitsachen wird nach dem Ge- wichte gefragt. Ausser dem Mahlen der Fruͤchte wird auch Gerste geroͤllt. Alles geschieht auf Rechnung der Stadt; es ist ein eignes Muͤhlenamt deswegen niederge- setzt; die Aufsicht daruͤber, was den Bau und seine Er- haltung betrift, hat ein Meister vom Handwerk; alle Mittwoche kommen die zwei Muͤhlherren, und messen dem Bestaͤnder den Molzer; der Muͤller muß alle Jahre Rechnung ablegen; sie kan in einer Woche 50-80 Vier- tel nach dem grossen Maas, (wo beinahe 10 Sester auf das Viertel gehen) abwerfen, im Winter aber oft nur 18-20. Viertel. Man sieht auf der Bruͤcke einen Ort, wo das Wasser immer kaum drittehalb Mannstiefe hat, aber auch einen, wo es 32-40. Schuhe tief ist. In S 3 manchen manchen Jahren hat diese Muͤhle nach Abzug aller Un- kosten, Bedientenlohn, und Reparaturen 2000 Gulden abgeworfen. In diesem Jahre, sagt man mir, habe man schon, nur seit dem Neujahr, 600 Gulden uͤber den Gewinn hineinbauen muͤssen. Man kauft dazu Ei- chen, Tannen, Buchen aus der Schweiz und aus Schwaben. Die andern Werke, die freilich nicht alle bestaͤndig arbeiten, aber, sobald es noͤthig ist, mit leich- ter Muͤhe koͤnnen in Bewegung gesetzt werden, und wo- von ich die meisten beschaͤftigt sah, sind: Schleifmuͤhle, Bleicherwalke, Weisgerberwalke, Rothgerberei, Ge- wuͤrzstampfe, Waschmaschinen ꝛc. Man schleift hier Eisenwaaren, Aexte, Messer, Beile, Scheermesser, Degenklingen, Federmesser ꝛc. kurz, alles von der Art wird aus der Schweiz hieher geschickt. Man hat viele Scheiben, damit man nach Belieben gleich eine andre einsetzen kan. Auch die Sandsteine, die man dabei braucht, kommen aus der Schweiz. In der Bleicher- walke wird das Tuch blos gewaschen, es ist keine eigent- liche Walke, es kommt weder Seife noch Urin dazu. Sechzehn Staͤmpfe schlagen in die Loͤcher. Man kan in ein Loch vier Stuͤck grobes Tuch, oder Leinwand legen, wovon jedes hundert Ellen hat. Acht bis zehn Stunden bleibt das groͤbere Zeug darin liegen. Am Rade dieser Maschine sind hoͤlzerne Kuͤbel angebracht. diese schoͤpfen Wasser, dies Wasser fließt in eine messingene Roͤhre mit Hahnen, und aus diesen Hahnen fließt immer, so viel als noͤthig ist, Wasser in die Loͤcher zu. Aber freilich steht im Winter dieses Werk still. In der Weisger- berwalke waͤscht man Hosen, Handschuhleder ꝛc. In der Lohgerberei liefern die Gerber selber die Rinden von Eichen und Tannen, und lassen sie hier stampfen. Sie werden werden ziemlich sein gestossen, es staͤubt gewaltig dabei. Fuͤrs Viertel gestampfte Rinde zahlen sie der Muͤhle nicht mehr als 6. Pfennige. Ausser diesen sind noch andere Maschinen zum Waschen und Reinigen da. In der Gewuͤrzstampfe stoͤßt man den Tyrol er Kaufleuten, oder andern Kraͤmern in der Stadt und in der Gegend, den Pfeffer, Ingwer, oder was sie fuͤr ein Gewuͤrz schi- cken; es koͤnnen sechs Stempel in drei Loͤcher fallen, in wenigen Stunden sind fuͤr sehr wenig Geld etliche dreissig Pfund gestampft. Die Muͤhle hat sechs Stockwerke, ohne den ausserordentlich hohen und geraͤumigen Dachstuhl dazu zu rechnen, und erst seit 8. Jahren hat man unter diesem Dachstuhl eine Saͤgemuͤhle erbaut, und laͤßt das Holz auch durch das Wasser von der Bruͤcke hinauf- ziehen. Dabei sind noch uͤberall ausserordentlich viele Werkstuben fuͤr die Muͤhlaͤrzte im Sommer, und eigene im Winter. In der Wohnstube des Muͤllers steht am Fenster angeschrieben und gemalt, daß 1684. im Februar der Rhein und der Bodensee zugefroren gewesen sei, so daß man die Voͤgel mit den Haͤnden greifen, und auf dem Eis von Ueberlingen und Mersburg heruͤber lau- fen konnte. War diese Muͤhle nicht der Muͤhe werth, daß ich fast einen ganzen Vormittag damit zubrachte, sie zu besehen. Die besten und liebenswuͤrdigsten Menschen. die ich in Costanz kennen gelernt habe, das sind: Ihro Excel- lenz die Frau Geheimeraͤthin von Ramschwag, und Hr. Baron von Reinach, Kanonikus von Costanz und Wuͤrzburg. Ich hatte an diese vornehme Personen Addresse von unsrer verehrungswuͤrdigsten Praͤsidentin, Ihro Excellenz der Frau von Hahn, nnd ich muͤßte S 4 im im hoͤchsten Grade undankbar seyn, wenn ich die gros- muͤthige Liebe, und die edle Denkungsart dieser beiden vortreflichen Personen verschweigen wollte. Herr von Reinach ist ohne Zweifel einer der gescheitesten Maͤnner in der Stadt, frei von allen Vorurtheilen, in welchen sonst die meisten in Costanz aufgezogen werden, aber die Klugheit befiehlt oft Stillschweigen. Bibliotheken sind gar keine hier. Ein einziger Buchhaͤndler ist in der Stadt, und der darf fast nichts verkaufen, als die gewoͤhnlichsten Gebetbuͤcher, Quin- que vulnerum etc. Die geistliche Curia wird alle- mahl die Aufsicht uͤber die Buͤcher behalten, wenn auch des Kaisers Maj. die Druck- und Lesefreiheit erweitern wird. Man hat hier Muͤhe, wenn man nur die naͤchste gelehrte Zeitung aus Deutschland, z. B. die Frank- furt er bekommen will. Ich erfuhr von einem im Jure und Hist. Eccles. sehr geschickten Manne, Prof. Buͤ- zenberger, der, aller seiner Verdienste ungeachtet, durch die Allgewalt der Vorurtheile schon oft verlaͤumdet, ge- hindert, und selbst im Kabinet der verstorbenen Kaiserin als ein irreligieuser und profaner Mensch, sogar als ein Aufruͤhrer abgemalt wurde. Ach, daß es doch bald uͤberall helle werden, und die Wahrheit uͤberall siegen moͤchte! Und nun erlauben Sie mir noch einige vermischte Anmerkungen uͤber diese Stadt, so wie sie mir beifallen. Es ist ein einziges Haus, die Herren Leiner hier, die flaͤchsene Leinwand vertreiben, und auch in Genna eine Niederlage haben. Sie kaufen den Flachs, lassen ihn in der Schweiz spinnen, weben, und am Boden- see bleichen. Eine Eine erstaunende und uͤberfluͤssige Menge von Hun- den gibts in der Stadt. Wo man an einem Hause an- klopft, wird man angebellt. Besonders lausen die Geist- lichen damit. Mancher fuͤhrt gar zwei grosse Hunde mit sich, und weis im Wirthshause gar viel von ihren Kuͤn- sten zu erzaͤhlen. Zwischen Costanz und Zurzach gehen immer Tyro- ler und italienische Kaufleute hin und her. Von der natuͤrlichen Beschaffenheit des Bodensees selber kan ich Ihnen nicht viel sagen. Ich erfuhr wenig, weil hier niemand auf solche Dinge achtet. Es sind Fo- rellen, Karpfen, Krebse darin; bei Gottleben faͤngt man auch Aale, aber es ist auch hier, wie uͤberall: man faͤngt den Fisch zur Laichzeit. Fuͤr die wahre Kunst der Alten selbst hat man hier oft nicht Achtung genug. Im Muͤnster, oder im Chor der Domkirche fand ich, daß man die schoͤnen Holzschnitzereien mit weisgelber Oelfarbe uͤberfirnißt hatte. In der Stadt zirkulirt das deutsche Reichs- oder Konventionsgeld, und vom Schweizerischen Gelde sieht man meistens St. Galler Geld, weil die Stadt viel mit St. Gallen handelt. Ihr Salz bekommt die Stadt aus Hall in Tyrol uͤber Bregenz am Bodensee. Der meiste Handel der Stadt ist mit ihren Garten- kraͤutern und mit ihrem Wein; beides geht nach Argau, Turgau, Schwaben ꝛc. Wenn auch der Fuͤrstbischoff hier ist, wie er ge- genwaͤrtig war. so kommt doch von den Adelichen in der Stadt niemand zur Cour, als der, dem sie angesagt S 5 wird. wird. Auch speisen nicht alle bei Hofe, sondern nur die, welche besonders gebeten werden. Er hat einen Mar- schall und zwei Kavaliers, die gewoͤhnlich am Hofe sind. Einige Stellen sind wirklich unbesetzt. Seine Residenz in Mersburg, wo er auch seinen Kanzler hat, soll sehr schoͤn seyn. Er selber traͤgt das Groskreuz von Mal- tha. In den landuͤblichen Kalendern stehen die der Geist- lichkeit in diesen Laͤndern angewiesene und vorgeschriebene Betstunden fuͤr das ganze Jahr, fuͤr Tag und Nacht in einer Tabelle verzeichnet. Was muß das fuͤr Begriffe unter den gemeinen Mann pflanzen, oder vielmehr un- terhalten? Heißt das nicht, das opus operatum pre- digen? In diesen Ostertagen ward uͤberall stark getanzt, und die Leute, besonders die Maͤdchen, sagten, sie haͤt- ten auch in der Fastenzeit dies Vergnuͤgen so lange ent- behren muͤssen. — Zu meinem Erstaunen verkaufte man noch das schoͤn- ste Obst hier, das vortreflich erhalten war. Bergamot- ten und Borsdorfer sahen so schoͤn aus, als wenn sie erst vor einem Monate vom Baume genommen worden waͤ- ren. Ich konnte nicht erfahren, wie das Obst hier so schoͤn erhalten wird, als daß es aus der Schweiz hieher gebracht, und gar wohlfeil verkauft wird. Vor dem Kreuzlinger Thore der Stadt Costanz faͤngt gleich das Schweizerische Gebiet an. Das befoͤr- dert sehr das Ausreissen der Oesterreichischen Soldaten, wenn sie von ihren Offizieren streng gehalten werden, wie sich der Fall ereignete, als ich eben nicht weit vom Thore war, und durch den Laͤrm aufmerksam gemacht wurde. Der Der Deserteur lief vom Posten in das Schweizerische Ge- biet. Man schoß nach ihm, traf ihn aber nicht, und er war frei. Zwei Offiziere gingen zu ihm, sie konnten ihn aber nicht wieder zuruͤckbringen. An einem Hause, nahe bei diesem Thore, sieht man auch noch einen in Stein ausgehauenen Kopf von Jo- hann Huß, weil man den verfolgten Mann in diesem Hause wieder ergriff, als er aus seinem Gefaͤngnis ent- sprungen war. Hier soll er zum letztenmale, als Prie- ster der katholischen Kirche, die Hostie konsekrirt haben. Da ergriff ihn die Tygerklaue der Verfolgung wieder, und schleppte das schuldlose Lamm nach der Festung Gottle- ben, wo er, wie die Geschichte sagt, grausam behandelt wurde. Der Kaiser haͤlt hier einen Stadthauptmann, den aber die Stadt bezahlen muß. Das Gassenbetteln ist unendlich arg, wegen der schlaͤfrigen Polizei, wegen der vielen Kloͤster, und wegen der Lage der Stadt an der Grenze von zwei Laͤndern. Wird in Schwaben, wie oft geschieht, gestreift, so laͤuft das schlechte Gesindel nach der Schweiz und bleibt im Durchgehen hier liegen. Auch gemeinern Leuten muß ich’s zum Lobe nachsa- gen: Sie geben sich alle Muͤhe, den Fremden zu unter- halten. Den Vernuͤnftigen thut der Verfall der Stadt wehe. Es ist wohl noch eine Folge der ehemaligen Reichs- staͤdtischen Verfassung, daß die Leute hier mit grossen Titeln sehr freigebig sind. Niemand sagt hier Costnitz, durchgaͤngig redet man von Costanz. Es heissen auch viele Leute Constantin. Man Man behauptet, daß nach der Wasserwaage die Rheinbruͤcke bei Costanz eben die Hoͤhe habe, welche die Wuͤrtemberg ische Festung Hohentwiel hat. So viel sah ich, daß von Aicheldingen an, wo man das Bergschlos Twiel gegenuͤber zum erstenmal sieht, das Land immer hoͤher und bergan geht. Auch noch am letzten Abend machte ich mir das Ver- gnuͤgen, das Sinken der Sonne, und den kommenden Abend auf der Bruͤcke uͤber dem stillen See anzusehen und zu bewundern. Keine Sprache erreicht die praͤchtige Feier der Natur, und keine menschliche Kunst kan ein aͤhnliches Schauspiel darstellen. Noch waren die aͤusser- sten Schweizergebirge oben mit Schnee bedeckt. In der Mitte waren sie blau, und unten schon gruͤn. Je weiter der Sommer kommt, desto gruͤner werden sie. Zuletzt bleibt auf ihnen nicht so viel Schnee liegen, als man auf einmal sehen konnte. Ehe die Bruͤcke geschlos- sen ward, ging ich noch einmal hin, und nahm mit stil- len Empfindungen Abschied von dem schoͤnen See, den eben ein purpurrother Kranz der untergehenden Sonne umgab. Es war nicht anders, als wenn man einen feuerrothen Guͤrtel, ein flammendes Band um den See gezogen haͤtte. Von Costanz nach Schafhausen geht der Weg meistens am Rhein hinab, wo zuweilen ganz vortrefliche Landschaften vorkommen. In den Doͤrfern sieht man uͤberall Faͤhren, Schiffe, Tonnen ꝛc. Die Schweizer schaͤtzen die Entfernung nur auf 8-9. Stunden, aber es sind 12. von den gewoͤhnlichen. Erst reiset man durch das Paradies, an der Festung Gottleben vorbei, wo Huß gefangen sas; hernach durch ein grosses Dorf Gott- leben, leben, durch Ermatingen, das Staͤdtchen Steckborn, den Flecken Steinen, und das Staͤdtchen Diessen- hofen. Auf diesem Wege sah ich eine schoͤne, mir ganz neue Spielart von Tauben, ganz weis mit schwarzem Schwanze. Das Feld ist meistens schwerer Boden. Sie span- nen sechs Stuͤcke Rindvieh vor jeden Pflug. Sie ziehen aber nicht am Joch, sondern an Stricken, die uͤber die Brust und den Ruͤcken hingehn, also auch nicht an den Hoͤrnern. In Steinen ist eine hoͤlzerne Bruͤcke uͤber den Rhein, und auf dem Berge jenseit des Stroms stehen etliche Haͤuser fuͤr die Hohewacht. Da sitzt naͤmlich immer ein Waͤchter oben, der durch einen rothen Laden nach allen Strassen sehen kan. Er schießt mit Doppel- haken und Stuͤcken, wenn er 6. Reiter beisammen, oder eine Chaise mit 4. Pferden von Ferne kommen sieht. Ich vermuthete, das geschaͤhe deswegen, damit man einan- der in den schmalen Wegen begegnete. Wenn Sie aber die Leute in dem Staͤdtchen fragen, so sagen sie Ihnen in ihrer groben Sprache: Nein, es sei nur ein alter Brauch, den man nicht wollte abkommen lassen. Denn wahr fand ich es gleich beim Eintritt in die ei- gentliche Schweiz, was man mir vorher gesagt hatte. Der vornehme und der reiche Schweizer ist stolz und grob, und das gemeine Volk ist aͤusserst vernachlaͤssigt, steckt in tiefer Unwissenheit, hat gemeiniglich gar keine Sitten, schimpft gleich, setzt seine Ehre und Freiheit im- mer oben an, begegnet dem Fremden kalt, ist gar nicht die die Nation, wie man sie etwa auf den hoͤchsten Alpen, und in den innersten Thaͤlern finden moͤchte. Man hatte noch vor vielen Fenstern die aͤussern, oder doppelten Fenster vom Winter her, weil von der ploͤtz- lichen Hitze und ploͤtzlichen Kaͤlte oft Winde entstehen, die alles durchfahren. Viele Papil. Rhamni frangulae L. flogen in die- sen heissen Thaͤlern vor mir her. In manchem grossen Orte ist nur ein Roͤhrbrun- nen. Man kan oft kein anderes Trinkwasser haben, als das, was ausm Rhein geschoͤpft wird. Sollten Sie das zwischen den Bergen und Thaͤlern der Schweiz vermuthen? Das Rheinwasser kuͤhlt den Durst nicht, ist hier noch sehr hart, rauh, voll Unreinigkeiten, und schwimmt voll feiner duͤnner Moosfaͤden, die gleich beim ersten Anblicke alle Lust benehmen. Desto koͤstlicher dagegen ist die Milch mit der Sah- ne, die man aber doch auch nicht zu allen Stunden des Tags, und in allen Haͤusern haben kan. Wenn man saure Milch haben will, so muß man dicke Milch sa- gen, um verstanden zu werden. Von der Hitze der Berge sehen die Eewachsene meist sehr haͤßlich aus, und fast alle Kinder sind so unnatuͤr- lich roth im Gesicht, als wenn sie mit Mennig uͤberstri- chen waͤren. Im Staͤdtchen Diessenhofen, 2. starke Stunden von Schafhausen, geht eine hoͤlzerne bedeckte Bruͤcke uͤber den Rhein, und uͤber diese laͤuft der Weg fort auf der andern Seite. Man muß den Schweizern nach- sagen, sagen, daß sie das Bruͤckenbauen verstehen. Die Noth zwingt sie, sich auf diese Kunst zu legen. Schafhausen an sich ist eine alte schlechtgebaute, meist enge und bergigte Stadt. Der Ton, der unter den Buͤrgern herrscht, ist erbaͤrmlich. Der dumme Stolz sitzt den meisten Schweizerbuͤrgern auf der Stirne. Nach aͤussrer Kultur und Politur, nach feinen Sitten und gu- ter Lebensart, nach einem gewissen Maas von allgemein verbreiteter Aufklaͤrung und Wissenschaft muͤssen Sie in Schafhausen nicht fragen. Der Fremde ist der Erste, dem sie es zum Vorwurf machen, daß er ein Fremder sei, und erst jetzt, wie sie sagen, in ihr Land geschmeckt habe. Mir geschah nichts Unangenehmes, aber ich sah wohl die Denkungsart der Leute und hoͤrte manches erzaͤh- len, woraus ich mir gleich den Geist des Volks abstra- hiren konnte. Indessen ist Schafhausen eine reiche Stadt. Die Buͤrger haben Geld, und das ist es eben, worauf sie trotzen. Alles handelt hier; es sind Kattun- fabriken, seidene Struͤmpf- und Schnupftuͤcherfabriken da; noch mehr aber leben sie davon, daß wegen den Faͤl- len, die der Rhein hier macht, alles was auf dem Stro- me von Bregenz, Costanz ꝛc. herabkommt, vor der Stadt ausgeladen, und auf der Achse bis unter Lauffen gefuͤhrt werden muß. Damit beschaͤftigt sich dann ein grosser Theil der Schafhaͤuser Buͤrger. Ferner duͤrfen auch alle andere Guͤter, die irgend woher nach der Schweizer Grenze kommen, und in das Innre des Landes gehen sollen, von keinen andern Fuhrleuten, als von Schafhaͤusern gefuͤhrt werden. Hier muͤssen selbst Boͤhmische Fuhrleute abladen, und umkehren. Sie duͤrfen nicht weiter, und wenn sie keine Fracht zur Ruͤck- kehr kehr bekommen, muͤssen sie leer zuruͤckgehen. Und wenn auch die Waaren unterhalb Lauffen wieder auf dem Rhein fortgehen, so darf sie doch niemand unter den Rheinfall fuͤhren, als ein Schafhaͤuser Fuhrmann. Daher nennt man diese Stadt den Schluͤssel zum ganzen Schweizerischen Handel. Der Rhein treibt nahe an der Stadt, da wo man nach Lauffen geht, in der Seyleri schen Zitzfabrike, die Mange, wo die Zitze und Kattune geglaͤttet werden. Es sind dazu 4. Stangen. Unten werden grosse Brocken Achate eingesetzt. die sie aus Italien erhalten. Man sagte mir, sie koͤnnten keine Mangeglaͤser brauchen, weil sie leicht springen. Diese 4. Stangen koͤnnen taͤglich 100. Stuͤcke mangen, wovon jedes 30. Ellen hat. Man sieht hier die vielen schoͤnen bunten, und immer abwechselnden Zitze entstehen, die hernach auf der Zurzacher, Base- ler, Frankfurter Messe in alle Welt gehen. Sie faͤrb- ten mit dem Krapp, den wir hier in Carlsruhe bauen, und den Schweizern verkaufen. Den Glanz giebt man dem Stuͤcke mit weissem Wachs, das aus Italien kommt. — Es bedarf keiner Erinnerung, daß ich Fa- brikanten angetroffen habe, die in der Auswelt und auf Reisen gelernt haben, den Schweizerstolz mit guter Le- bensart zu vertauschen. So wie sie ihr Wachs kaufen, so kommt auch alle Seide, die hier zu Tuͤchern und Struͤmpfen verarbeitet wird, aus Italien, und zwar bekommen sie dieselbe sehr wohlfeil. Einer sagt es dem andern nach, daß die Maulbeerbaͤume in der Schweiz nicht fortkaͤmen. Sagt man ihnen nun, daß dies auf Versuche ankaͤme, daß Triewald diese Baͤume in Schweden einheimisch ge- macht macht habe, daß sich jede Pflanze nach und nach natura- lisire, und an Klima, Boden, Luft und Witterung, gleich den auswaͤrtigen Thieren, gleich den Menschen sel- ber gewoͤhne, — so haben die Schweizer dafuͤr keinen Sinn. Es sind groͤstentheils schwerfaͤllige Leute, die nichts wissen wollen. Weil sie einmal von Jugend auf gehoͤrt haben, daß man dies und jenes fuͤr Geld hier oder dort haben koͤnne, so scharren sie nun nur Geld zusam- men, und sehen gar nicht uͤber ihre Gebuͤrge weg. Weit steht das Volk unter der geschaͤftigen, regsamen Nation der Deutschen, und was noch gut an ihnen war, wird durch die Mischung mit Franzoͤsischem Tand nun vollends verdorben. Bei einem Rathsherrn Deggeler sah ich eine kleine Sammlung von raren Erzstuffen: doch waren es mehr Auslaͤndische, Saͤchsische ꝛc. dergleichen ich oft gesehen hatte, als Einheimische, die ich hier suchte. Ich habe aus seiner guͤtigen Hand ein Stuͤck Schwefelerz aus dem Lande Wallis erhalten, und bewahre das, als ein Andenken an Schafhausen in meiner Sammlung. Die beiden Herren Ammann besitzen ein reiches und schoͤnes Kabinet, das ich ohne Zweifel durch die Addresse eines alten Freundes von ihnen wuͤrde gesehen haben, wenn nicht in der Stunde, da ich meine Empfehlung hinschick- te, die langwierige Krankheit eines der Besitzer so eine schlimme Wendung genommen haͤtte, daß das ganze Haus seinen Tod erwarten muste, der nun, da ich dies schreibe, ohne Zweifel schon lange erfolgt ist. Auf der andern Seite der Stadt sieht man ein Mu- ster von einer schoͤnen Bruͤcke uͤber den Rhein. Sie ist von Holz, ein Sprengwerk, hat nur 2. Schwibbogen, Zweiter Theil. T der der Name des Baumeisters ist mir entfallen, man kan in das Innre der Bruͤcke hineingehen, und sich den Me- chanismus zeigen lassen, und um ihrer billigen Schonung willen ist es scharf verboten, mit mehr als 40. Zentnern von Waaren uͤberzufahren. Doch nun eilen Sie mit mir zum Rheinfall hinaus. Das ist und bleibt denn doch das Wichtigste in dieser gan- zen Gegend. Gleich vor der Stadt Schafhausen hat der Strom einen kleinen Fall, der von verborgenen und zum Theil sichtbaren Klippen entsteht, wobei der Schaum und das stuͤrzende Wasser, wiewohl es gar keine betraͤcht- liche Hoͤhe ist, schon sehr viele schoͤne Farben wirft im Sonnenschein. Um der Muͤhlen- und Fabrikenraͤder willen, die er dort treibt, hat man noch eigene kleine Mauern in den Strom hineingebaut. Lauffen selber ist ein kleiner Flecken, eine kleine Stunde nach deutschem Maas von Schafhausen weg; da fließt der Rhein mit vielen Kruͤmmungen hin, der Reisende geht uͤber frucht- bare und unfruchtbare Berge dahin, und nur eine kleine Viertelstunde ausserhalb Lauffen stuͤrzt sich der Rhein uͤber hohe Klippen herab, und macht den bekannten gros- sen Fall. Man hoͤrt schon auf der Haͤlfte des Wegs das Getoͤse, wie von vielen stark laufenden Muͤhlen. In der Nacht kan man ihn, je nachdem der Wind weht, zu- weilen nicht weit vom Schafhaͤuser Thor, also eine Stunde weit, hoͤren. Die obere Flaͤche, von welcher der Strom herabfaͤllt, ist gewis 200. Schritte breit, und die untre, da wo der ruhige Fluß wieder anfaͤngt, unge- faͤhr 500. Zu beiden Seiten stehen Berge, zwischen diesen arbeitet sich der Strom durch. Auf diesen Ber- gen, die nicht sehr hoch sind, steht linker Hand noch ein Drathzug, Drathzug, den der Rhein im Fall treiben muß. Auf der rechten Seite steht ein Schlos, das in das Zuͤricher Gebiet gehoͤrt und bewohnt wird. Man sollte denken, von diesem Schlosse oben herabgesehen; muͤste der Fall noch schoͤner seyn, aber man irrt. Man kan ihn oben nicht ganz sehen, und sich endlich in die Mitte, der gan- zen Majestaͤt der Natur grade gegenuͤber stellen. Ei- gentlich sind vier Faͤlle nebeneinander, der fuͤnfte kleinere ist um des Drathzugs willen gemacht. Daß unter dem Wasser viele schreckliche Klippen, viele zackichte Spitzen seyn muͤssen, ist augenscheinlich. Man sieht aber nur noch eine grosse Felsenspitze, die zwischen dem zweiten und dritten Fall hoch in die Hoͤhe steht, aussen mit Moos be- wachsen ist, durch die Laͤnge der Zeit von dem unaufhoͤr- lichen Anschlagen des Wasse r s schon ein grosses Loch in der Mitte bekommen hat, wodurch man gar deutlich se- hen kan, und die wahrscheinlich einst gar nicht mehr vor- handen seyn wird. Der Strom wird mit seiner ganzen Gewalt so lange an sie anstossen, bis er sie endlich ausge- fressen und umgeworfen hat, so wie vermuthlich schon vie- le Felsklippen hier durch die Wuth der Wellen zerstoͤrt worden sind. Indem nun das Wasser auf die Hoͤhe koͤmmt und herabfaͤllt, wird der ganze Strom in Schaum verwandelt. Ich wuͤste nicht, wie ich Ihnen kuͤrzer die ganze Sache beschreiben sollte. Der ganze Rheinstrom wird Schaum, sobald er dies Felsenbette erreicht hat. Man sieht nichts als ein Meer von der allerreinsten Milch. Man glaubt in einen unaufhoͤrlich siedenden Kessel von Milch zu schauen. Dabei ist das zartaufstaͤubende Was- ser, das wie der allerfeinste, duͤnnste Rauch in die Hoͤhe geworfen wird, und gen Himmel fliegt, ein unbeschreib- lich schoͤner Anblick. Je laͤnger man hinsieht, desto T 2 maͤch- maͤchtiger, desto tobender, so glaubt man, werde das Sprudeln und Brausen des hier gleichsam noch jungen Stroms, und das ist doch nur Betrug der Augen. Nur bei sehr grossem Wasser merkt man eine betraͤchtliche Ver- staͤrkung des Getoͤses. An jedem hervorstehenden Zacken faͤhrt das Wasser schrecklich in die Hoͤhe, bricht sich, und faͤhrt in sich selber zusammen. Es ist nicht anders, als wenn das stuͤrzende Wasser an hundert tausend Orten auf- kochte, und mit grossen Wallungen emporsieden wollte. Scheint die Sonne in den kochenden Berg, in das Meer von Schaum, so ist nicht Einer, so ist ein tausendfaͤltiger Regenbogen um den ganzen Fall, jeder Tropfen stellt ei- nen Spiegel vor, die Bogen durchkreuzen sich, sie laufen und schneiden in einander, fliessen zusammen und glaͤnzen staͤrker, theilen sich, und werden schoͤner — da entsteht eine Farbenpracht, die keine menschliche Sprache beschrei- ben kan. Allen guten und empfindenden Menschen wuͤn- sche ich so einen schoͤnen, und unter dem reinsten Vergnuͤ- gen zugebrachten Nachmittag. Es schwebte eben ein grosser Schweizerischer Geier uͤber den Fall, und stieg, als wenn er dem Werke der Natur eben so erstaunt, wie ich, zusaͤhe, immer hoͤher und hoͤher. Man kan sich auch schon laben, wenn man mit dem Gesicht unten am Becken, oder am Fuß des Falls eine Zeitlang verweilt, wo das Wasser wieder zu seinem waagerechten Stande gekommen ist. Denn da schwimmt der liebliche Schaum noch in unzaͤhligen Streifen, in langen milchweissen Stras- sen gar angenehm fort, bildet tausend schoͤne Farben, mischt sich langsam, verliert sich in die kleinste Troͤpfchen, und geht unmerklich wieder in gruͤnlichtes Wasser uͤber. Um dem majestaͤtischen Falle so nahe zu seyn, als moͤg- lich, trat ich in einen Fischerkahn, und fuhr uͤber den Strom Strom hinuͤber. Als das Boot lange genug hinabgeru- dert war, um hernach in die Diagonale zu kommen, zog das Wasser wenige Ruthen von der Tiefe des Falls den Kahn ausserordentlich schnell und heftig hinuͤber. Da stieg ich, und ein gefaͤlliger Fremder, den ich in Schaf- hausen kennen lernte, aus, und wir gingen an dem Berge rechter Hand hinauf; alsdann kommt man uͤber Terrassen herab, da ist ein kleines hoͤlzernes Haͤuschen an der Felsenwand gebaut, in dieses tritt man hinein, und ist alsdann dem Sturze des Stroms so nahe, als man ohne Gefahr kommen kan. Und hier versteht einer des andern Worte nicht mehr — So rauschts, so laͤrmts, so schlaͤgts und donnerts hier! Man meint, mit einem ewigen, unaufhoͤrlichen, tausendmal wiederhallenden Donnerwetter umgeben zu seyn. Man glaubt, in eine grosse und breite Strasse von Milch hinab zu sehen, die sich aus unerschoͤpflichen Abgruͤnden immer mehr und mehr ergießt. Da kan man die Millionen einzelner Pa- rabeln von Wasser, die auf- und unter einander entstehen, und im Augenblick, weggedraͤngt von andern Millionen aufspringender Wassersaͤulen, in einander fliessen, selbst Schaum sind und Schaum bleiben, bis sie die Felsenbahn hinabgerast sind, unterscheiden. Aber unmoͤglich ist’s auch hier, den feinen Wasserstaub genauer zu bemerken. Man sieht ihn, man wird unmerklich naß davon, er steigt gleich duͤnnen Wolken in die Hoͤhe, und Wolken auf Wolken; der Wind faßt ihn, traͤgt ihn davon, und em- pfaͤngt gleich wieder neuaufgestaͤubtes Wasser, aber der feinste Puder ist grober Sand gegen diese aͤusserst subtili- sirte Wasserkuͤgelchen. Dies alles zusammengenommen begeisterte mich und meinen Gefaͤhrten. Wir wagten etwas, das ich nicht zur Nachahmung hieher schreibe, T 3 etwas, etwas, das wir allerdings im jugendlichen Feuer nicht ge- nug bedachten, das wir nachher beinahe bereueten, das ich wenigstens jetzt, da ich mit kuͤhlerm Blute daran den- ke, schwerlich wieder thun wuͤrde. Ich hatte Lust, an der Felsenwand noch hoͤher hinauf zu klettern, und von oben herab in den stuͤrzenden Strom zu schauen. Das Haͤuschen ist durch hoͤlzerne Stangen, die an den Klippen zur Seite hinauflaufen, an der Wand des Berges befe- stigt. Der Bediente muste unsre beide Huͤte unten hal- ten, weil sie sonst der oben heftig wehende Wind davon gefuͤhrt haͤtte. Ob er uns nicht auch nehmen wuͤrde, daran dachten wir nicht. Auch fiel’s weder mir noch meinem Freunde ein, wie wir wieder herabkommen wuͤr- den. Voll Muth und rascher Entschlossenheit kletterten wir an den schmalen hoͤlzernen Stangen, hart neben dem Sturz, noch etwa 100. Schuhe hoͤher hinauf, und sahen nun von oben immer deutlicher in den besonders maͤchti- gen ersten Wirbel, und erblickten da, was wir unten nicht sehen, nur vermuthen konnten, viele Felsenzacken, an welchen das Wasser schrecklich anprellt, und sich uͤber das Gewinde von Klippen hinuͤber arbeiten muß. Ich kan Ihnen aber wieder nichts bessres sagen, als: Stellen Sie sich einen wellenwerfenden Ocean von siedender und schaͤumender Milch vor. Die Luft wehte hier oben so stark, und unsre Grundflaͤche, die wir uns sehr breit vor- gestellt hatten, war so schmal, daß wir einander beim Ueberbuͤcken und Hinabsehen abwechseln, und einer den andern halten muste. Aber als ich hinab sah in die grosse Szene der Natur, da nahm sie mir alle Sprache. Ich konnte nicht mehr jauchzen, nicht mehr Jubel und hohen Jubel rufen, alle Sinnen vergingen, und alle Ge- danken schwanden. Ganz deutlich weis ich mich noch der der Minuten zu erinnern, wo ich wirklich nichts mehr sah und hoͤrte, alles Selbstgefuͤhl verlor, und nur schwebend uͤber dem prachtvollen Abgrunde hing. Ich bilde mir ein, als ich wieder aufsah, ich hatte die Natur in ihrer Geburtsstunde angetroffen. So mag etwa Erde und Meer gebraust, getobt, gewuͤthet haben, als die gebaͤh- rende Natur den Rhein und den Savannah aus ih- rem allmaͤchtigen Becken ausgoß, und ihnen diese Riegel, diese Daͤmme, diese Felsenwaͤnde entgegenpflanzte! Die Fische kommen selten so weit, was aber daher koͤmmt, wird unaufhaltsam fortgerissen. Darneben ist ein Forellenfang angelegt. Auch von Sand, Schlamm, Kies ꝛc. sieht man nichts in der Menge von Schaum. Die Ruͤckreise nahm ich uͤber die Rheinischen Wald- staͤtte, uͤber Lauchingen, Thuͤngen, Waldshut, Lauffenburg, Seckingen und Rheinfelden. Eine herrliche Strasse; oft lange hart am Rhein hin, oft weit davon, aber alsdann zieht sie sich durch die schoͤnsten Felder, und uͤber kleine zu beiden Seiten mit Oertern be- setzte Berge. Man stuͤrzte eben die Brachfelder, und hatte oft 6. Pferde, oft 6. Ochsen, hintereinander gespannt am Pfluge. In die Huͤgel saͤen sie Klee. Das Joch der Ochsen ist nur ein leichter uͤber den Nacken gebogener Bengel zur Befestigung der Stricke. Der bluͤhende Rebs verschoͤnerte ganze Fluren. Ueberall fand ich auf dieser Strasse Baaden schen Wein, koͤstlichen Luzern er Kaͤse und herrliche Milch. Die Wutach uͤberschwemmt oft bei Thuͤngen und Waldshut grosse Gegenden mit Steinen. Wegen der erschrecklichen Hitze kam ein Don- nerwetter, (schon den 20sten April) das in den Gebuͤrgen majestaͤtisch toͤnte. Die Strassenbettelei ist unmaͤssig. T 4 Die Die Hirtenbuben stehen auf dem Kopfe, um Geld zu verdienen. Bei Lauffenburg ist das Bette des Rheins nicht weit von der Bruͤcke durch schreckliche Felsen von bei- den Seiten eingezwaͤngt, und auch in der Mitte verengt, davon entsteht ein ganz artiger Fall. Ausserhalb der Stadt fuͤhrt ein angenehmer Wald nach Seckingen, das jenseit des Rheins sehr angenehm liegt. In Rhein- felden stunden fast vor jedem Hause schon die schoͤnsten bluͤhenden gelben Veilchen. Von dort an wird das schoͤnste Land ein einziger Weinberg. Man reist an dem jenseit des Stroms liegenden Roͤmischen Augst vorbei. Eine Stunde vor Basel kam ich im Flecken Krenzach wieder in mein Vaterland, sah meine Aeltern und An- verwandte, und war nach wenigen Tagen wieder hier. Leben Sie wohl. Lustreise Lustreise von Carlsruhe nach Speier am Rhein, im Jahr 1781. An Hrn. Prof. Bernoulli in Berlin. T 5 Lustreise nach Speier am Rhein. 1781. A ls ich vor einigen Jahren aus Holland zuruͤckkam, war ich zwar auch in Speier. Aber ich hielt mich nur wenige Stunden auf, und schon lange war es in meinem Plan, einmal eine eigene Reise dahin zu thun. Sie ist nun geschehen, und ich muß sagen, mit grossem Vergnuͤgen. Lassen Sie mich Ihnen, mein Freund, erzaͤhlen, was ich da gesehen, gehoͤrt und erfahren habe. Der naͤchste Weg von Carlsruhe nach Speier ist, uͤber Graben, wo Postpferde gewechselt werden, nach Rheinhausen, wo man sich uͤber den Rhein setzen laͤßt; alsdann hat man nur noch eine kleine Stunde bis zur Stadt. Rheinhausen ist ein kleines unbedeutendes Doͤrfchen, das in das Gebiet des Bischofs von Speier, der bekanntermassen in Bruchsal wohnt, gehoͤrt. Der Rhein waͤchst hier oͤfters in zwei Tagen so stark an, daß die Schiffer die kleinen hoͤlzernen Bruͤcken, wo man an- landet, schnell abbrechen, und an einen andern Ort setzen muͤssen. Dadurch wird der Fremde gar oft aufgehalten. Bei der Ueberfahrt selber bezahlt man alles nach einer von der Herrschaft bestimmten Taxe. Die Schiffer sind nur die Knechte der Obrigkeit. Sie muͤssen das Geld, das bestimmt ist, abliefern, und bekommen ihren Lohn. Man Man hat hier grosse Frachtschiffe oder Nachen, wie man sie nennt. Man hat schon drei Kutschen in ein Schiff gestellt, und drei Kerl arbeiteten sie hinuͤber. Die Schiffer fahren nicht in der Nacht. Licht, sagen sie, koͤnne man dabei nicht brauchen. Im hoͤchsten Nothfall, wenn ein Reisender gar nicht warten will, wer- den sie von eigenen dazu bestellten Waͤchtern aus dem Schlaf geweckt. Oft wird die Nacht uͤber dem Strome sehr schwarz, dem Ansehen nach schwaͤrzer, als auf dem Lande. Gar oft wird der Strom truͤbe. Ueberhaupt ist der Rhein in diesen Gegenden bei weitem nicht mehr so angenehm, so hell und klar, als in der Schweiz. Die vielen kleinen Wasser, die er aufnimmt, und die unzaͤh- ligen Giesbaͤche, die hineinfallen, haben ihm ganz seine eigene Farbe benommen. Die wildesten Pferde stehen still, wenn sie im Schiffe sind. Einige wollen fast im- mer beim Ueberfahren saufen, und fallen dabei in den Strom. Der Weg von der Ueberfahrt nach der Stadt geht jetzt noch durch kleine Suͤmpfe, und Wildnisse. Man arbeitet aber wirklich daran, eine Chaussee zu machen. Praͤchtig zeigt sich die lang ausgedehnte Stadt von wei- tem, und herrlich sind die Gegenden am Rhein, beson- da, wo man nach Schwezingen und Mannheim reist. Es steht dort am Rhein ein Krahn zum Ausladen der Schiffe, den ein Bauverstaͤndiger aus der Reichsstadt angegeben und gebaut hat. Die Maschine ist sehr sim- pel, und hebt doch achtzig bis neunzig Zentner. Man tritt ihn alsdann mit zwei Raͤdern; wenn er nicht ange- schlossen ist, kan man ihn mit einer Hand drehen. Man hat das Modell davon schon nach Maynz kommen lassen. Wenn Wenn man sich aus der Geschichte der schrecklichen Verwuͤstungen erinnert, welche die Franzosen in der Pfalz und auch in Speier angerichtet haben, so muß man es bewundern, daß die Stadt so schnell wieder aufgebauet worden. Es ist aber ein Beweis vom Wohlstande der Einwohner, von der Kostbarkeit des Landes am Rhein. Die Stadt hat schoͤne breite Strassen, alle sind gepfla- stert, und man sieht nur noch einige wenige Brandstaͤt- ten. Freilich sind die neuen Haͤuser nicht in dem Ge- schmack, und mit der Pracht aufgefuͤhrt worden, wie in Dresden; aber sie sind doch fuͤr Buͤrger, die sich mehr von der Landwirthschaft, als von Fabriken und Handwer- kern naͤhren, ganz gut. Man findet auch einige neu- modige und schoͤne Gebaͤude. Mancher Platz wuͤrde auch bereits uͤberbaut seyn, wenn nicht die beiden Reli- gionspartheien in der Stadt, die Lutheri sche und die Katholi sche, zuweilen wegen Ankauf der Plaͤtze und Er- bauung der Haͤuser in Streit geriethen. Indessen ist die Lutheri sche Kirche und Religion immer die herrschende in der Stadt. Es sind hier kaum 30. katholische Buͤrger. Die Gebaͤude, in welchen sich ehemals das Kammerge- richt versammelte, sehen freilich betruͤbt aus, und stehen in ihren Ruinen zur Schande des Volks da, das so schrecklich mit Feuer und Schwerd wuͤten konnte. Von der alten Bartholomaͤus kirche stehen nur auch noch die Ringmauern da, und darneben ein fester, uralter Thurm, dergleichen freilich jetzt keiner mehr gebaut wird. Der Thurm hat oben ein steinernes gewoͤlbtes Dach. Die Stadt liegt in einer so sehr gesegneten Gegend, daß ihr beinahe kein natuͤrliches Beduͤrfnis mangelt. Ich habe da mit Vergnuͤgen, auch am fruͤhen Morgen, wie ich ich gewohnt bin, kaltes Wasser getrunken, und fand es, wiewohl der Rhein so nahe ist, sehr schmackhaft. An einigen Orten ist das Rheinwasser nicht hundert Schrit- te von der Stadt. Von Neustadt an der Hardt kommt die Speierbach herab, und theilt sich in drei Arme. Ein Theil dieses Wassers laͤuft durch die tadt, und faͤllt in den Rhein. Der andre Arm koͤmmt vor dem Thore der Stadt zu jenem, und fließt mit im Rhein. Alle drei Arme treiben viele Muͤhlen, laufen durch lauter gute Felder, thun wenig Schaden, und sind mit Kar- pfen, Hechten, und mit einem Ueberfluß von Krebsen versehen. Zum Waͤssern der Wiesen koͤnnen sie nicht ge- braucht werden, weil sie zu tief laufen. Im Rhein selber faͤngt man hier Karpfen, Hechte, Salmen, Nasen, aber Krebse sind nicht darin. Auch nicht in den sogenannten Altwassern, dergleichen er viele macht. Die staͤrkste Schifffahrt auf dem Rhein geht nach Strasburg und Frankfurt. Die Schiffer von Speier fahren nicht selber nach Strasburg, wohl aber nach Frankfurt am Mayn, bis nach Maynz. Uebrigens ist Speier eine Stapelstadt. Die Stras- burger, Mannheimer und Maynzer Schiffe heissen Rangschiffe, und diese sollten eigentlich alle hier ausla- den, und drei Tage feil haben, wenn sie naͤmlich Fasten- speisen und Fettwaaren fuͤhren. Weil man es aber hier nicht noͤthig hat, so bleiben die Guͤter im Schiffe, und werden nicht ausgeladen. Aber die Schiffer muͤssen dem- ohngeachtet alles, was befohlen ist, an die Stadt bezah- len. Doch ist dieses Einkommen nicht mehr so betraͤcht- lich, wie ehemals. Da man jetzt uͤberall gute Chausseen hat, so werden auch gar viele Guͤter auf der Achse ver- fuͤhrt, fuͤhrt, vornehmlich im Winter die Stockfische ꝛc. Mit dem Rheinwasser kan man auch hier nicht waͤssern. Sein Wasser schadet vielmehr den Wiesen, wenn es aus- lauft. Im Jahr 1758. war die staͤrkste Ueberschwem- mung, deren sich alte Leute erinnern koͤnnen, und vor wenigen Jahren war der Strom eben so gros, wie da- mals. Alle Felder und Wiesen rings um die Stadt her- um waren ein einziger See. Man hat Daͤmme von aufgeworfener Erde zu beiden Seiten, mit Weidenbaͤu- men eingefaßt. So lange sie nicht durchbrechen, kostet ihre jaͤhrliche Unterhaltung nicht viel. Auf den Weideplaͤtzen sind auch einige Seen; man nennt einen unter ihnen die Goldgrube, weil sehr viele Fische darin sind. Zuweilen setzt man hinein, doch sind auch schon Fische durch andre Anstalten der Natur hin- eingekommen, die man nicht anpflanzen wollte. Im hohen Rheinwasser kommen einige Arten Fische in den See, und andre gehen mit dem hohen Wasserstande da- von. Die Seen haben unterirdische Quellen. Man weis aber hier nichts davon, daß man sie zuweilen ab- lassen, austrocknen, und eine Zeitlang in Aecker ver- wandeln soll. Man kan beinahe mit Recht behaupten, daß in Speier keine allgemeine Hungersnoth entstehen kan. Das Erdreich und das Wasser ernaͤhrt die Menschen; man hat allerlei Feld und Boden; man hat Winter- und Sommerfruͤchte. Die Witterung mag noch so unguͤn- stig seyn, so geraͤth doch einiges. Mislingen die Ge- waͤchse auf den Feldern, so waͤchst noch eine erstaunliche Menge von Nahrungsmitteln in den schoͤnen Gaͤrten, die theils innerhalb, theils ausser der Stadt sind. Und, weil weil das Domkapitel so viele Gefaͤlle hat, so kommt in der Stadt alle Jahre ein aͤusserst betraͤchtlicher Vorrath von Frucht oder Getreide zusammen, worein sich Einwoh- ner und Auswaͤrtige theilen. Herr Stadthauptmann Grether gab mir die Zahl der Buͤrger gegen 500, und die Zahl der Beisassen oder Hintersassen uͤber 200. an. Spelz ist die vorzuͤglichste Winterfrucht, die von diesen Leuten gebaut wird. Sie brauchen den Spelz zu Brodmehl und zu Weismehl. Er wird auch in die nahe liegenden Gebuͤrge verkauft, d. h. in das Elsaß, nach Landau ꝛc. Allemal verkauft man ihn, so lange er noch in Huͤlsen ist, man verkauft niemals Kerne. Weizen wird gar nicht gebaut. Etwas Korn pflanzt man hier, theils im Winter, theils im Sommer, aber doch nicht genug. Die Buͤrger muͤssen es selber von den Geistlichen kaufen. Es ist naͤmlich in dieser Reichs- stadt die grosse Niederlage von allen Zehenden und Guͤl- den, die das Domkapitel in der ganzen Gegend zu be- ziehen hat. Dadurch kommt eine gewaltige Menge von Getreide hieher. Mehr als 20,000. Malter werden ge- wis alle Jahre in die Stadt gefuͤhrt. Ein einziger Dom- herr hat oft 1000. Malter. Man kan aber die Total- summe nicht gewis bestimmen, weil bei der katholischen Geistlichkeit alles geheim gehalten wird. Jeder katholi- sche Geistliche hat einen Vorrath von Fruͤchten; auf dem Wochenmarkte wird das Wenigste davon verkauft. Es sind aber viele und grosse Speicher hier, und aus diesen kaufen die Baͤcker und Muͤller ihr Getreide. Die Stadt Speier haͤlt deswegen immer vier Kornmesser, und aus- ser diesen haben noch die Geistlichen ihre eigene Korn- messer messer am Domspeicher. Doch ist die Menge des Ge- treides, das die Geistlichkeit in der Stadt verkauft, noch unbedeutend gegen das, was ausserhalb der Stadt ver- kauft wird. Sehen Sie nun in diesen Umstaͤnden einen sehr natuͤrlichen Grund, warum die Buͤrger in Speier so wenig Weizen und Roggen bauen, und ihre Felder zu andern Fruͤchten und Gewaͤchsen verwenden koͤnnen. Auch Gerste wird hier gebaut. Die Wintergerste malzt nicht so gut als die andre, daher braucht man sie, um Brod daraus zu backen. Die Sommergerste hin- gegen wird zum Bierbrauen verwendet. Wenn der Acker schon zwei Jahre nacheinander ge- tragen hat, so wird im dritten noch Haber hineingesaͤet, und erst alsdann wird der Acker wieder geduͤngt. Linsen und Erbsen pflanzt man hier fast gar nicht. Einige wenige Buͤrger bauen Erbsen, aber diese und die Linsen kommen von Hochstaͤdt bei Landau, und aus andern Doͤrfern in jener Gegend. Nachdem der Spelz, das Korn und die Gerste von den Aeckern abgeerndtet worden sind, saͤet man noch Ruͤ- ben in das Stoppelfeld. Es sind lauter weisse Ruͤben. Man braucht sie im Winter um das Vieh damit zu fuͤt- tern, und viele davon werden fuͤr Menschen gekocht. In den Loͤchern im Boden kan man sie bis Fastnachten und oft noch laͤnger erhalten. Sie gerathen immer so wohl, daß mancher Buͤrger zwanzig und mehrere Loͤcher voll Ruͤben hat. Gemeiner Tabak wird sehr stark gepflanzt. Wenn die Felder eben frisch geduͤngt worden sind, so waͤren sie zu fett, um Spelz zu tragen; deswegen setzt man zuerst Zweiter Theil. U Tabak Tabak hinein. Der Zentner Tabaksblaͤtter gilt 6, 7. auch 8. Gulden. Fremde Handelsleute kaufen ihn in der Stadt auf, doch bleibt zuweilen viel Tabak liegen. Er geht gewoͤhnlich auf dem Rhein nach Coͤlln, doch wird auch ein Theil davon durch die Franzosen aufgekauft. In der Stadt selber sind zwei Tabaksfabriken, wovon besonders die Menzer ische starken Absatz hat. Sie ma- chen hier Rauch- und Schnupftabak. Noch eine sehr betraͤchtliche Pflanzung um Speier herum ist der Krapp. Hier ist es, wo dieser Bau an- gefangen hat. Von Speier aus ist die Pflanzung in der Pfalz in alle Rhein ische Gegenden, und auch in die Marggrafschaft Baaden verbreitet worden. Herr Pfannenschmid, der jetzt ein wuͤrdiges Mitglied des Senats ist, ist der Urheber, und hat sich dadurch ein grosses Vermoͤgen erworben. Ich hatte das Vergnuͤgen, diesen verdienten Mann auf dem Rathhause zu sprechen, weil er aber eben in der Session beschaͤftigt war, konnte ich seinen Umgang nicht lange geniessen. Er hat uns hieher, nach Carlsruhe und Durlach sehr viele Pflan- zen geliefert, und diese haben eine unzaͤhlbare Nachkom- menschaft erhalten. Die allerersten Pflanzen hatte er selber aus dem Elsaß bekommen. Es ist aber keinem Zwei- fel unterworfen, daß schon die Vorfahren diese Pflanze gekannt haben. Sie war schon vor dem ungluͤcklichen Brande hier. Nach der Einaͤscherung verlor sich die Kenntnis davon. Man hatte mit der Wiederaufbauung der Stadt zu thun, und lies die Kultur des Krapps fahren. Daher war es den Enkeln eine ganz fremde Pflanze, und eine neue Entdeckung. Herr Senator Pfannenschmid fand sie wild wachsen, an einem Gra- ben ben vor der Stadt, und als er sie ausstechen lies, fand man greulich grosse Wurzeln; einige waren so lang, als ein Mannsarm. Vor dem Brande hatte die Gaͤrtner- zunft das Monopolium mit dem Krapp, aber jetzt nicht mehr. Wer Krapp pflanzen will, kan ihn bauen. Das Feld ist hier vorzuͤglich gut dazu, daher geht er nach der Schweiz, nach Saͤchsen, und wird auch auf dem Rhein versuͤhrt. Man hat hier drei Krappmuͤhlen erbaut. Drei Gulden gilt der Zentner von rohen Wur- zeln, aber 30. und 32. Gulden, wenn er gemahlen wor- den ist. Er bleibt zwei Jahre im Boden, muß aber auch hier im Anfange wohl geduͤngt werden. Man un- terscheidet hier die Roͤthe, und den eigentlichen Krapp. Ich habe sie nicht nebeneinander gesehen, vermuthlich sind es blos Spielarten, die aus der Kultur entstanden sind. Wenigstens ist die gemeine Roͤthe schlechter, man muß zu einerlei Zweck mehr Roͤthe haben als Krapp. Die Leute bepflanzen auch grosse Felder mit Welsch- korn oder tuͤrkischem Weizen. Man braucht es zur Mastung der Schweine und des Gefluͤgels. Viele Doͤr- fer, bei welchen es nicht fortkommt, holen es in Speier. Als vor einigen Jahren Theurung in diesen Gegenden war, ward sehr viel davon nach dem Wuͤrtenbergischen gefuͤhrt. Die Stadt hatte ihre Magazine schon ange- fuͤllt, und war ausser Gefahr. Die Leute machten da- mals Gries aus dem Welschkorn, und kochten es mit Milch zu einem Brei. Auf den Aeckern bauen sie Klee, den rothen, den weissen und andre Gattungen. Man fuͤttert ihn frisch dem Vieh, und maͤht ihn meistens zweimal; man doͤrrt ihn aber auch, und macht Heu daraus. U 2 Vom Vom Kohlkraut haben die Gaͤrtner ganze Stuͤcke. Die andern Einwohner pflanzen das Kraut im Welsch- korn, im Krapp und im Tabak. Man glaubt, daß das Kraut im Tabak das beste sei. Seitdem man einige duͤrre und trockne Jahre nach einander erlebt hat, verdorren die rothen Grundbirnen oder Kartoffeln. Daher zieht man jezt, wie auch in meinem Vaterlande geschieht, meistens weisse Kartoffeln. Ich vermuthe freilich, daß zuletzt auch diese, wenn sie nicht von Zeit zu Zeit aus Saamen gezogen werden, abnehmen, und schlechter werden muͤssen. Rebs pflanzt man uͤber Winter, und wenn er dann aus den Feldern koͤmmt, so wird Tabak in das Feld ge- setzt. Den Saamen davon preßt und schlaͤgt man zu Oel, wozu vier Oelmuͤhlen vorhanden sind, die von der Speierbach getrieben werden. Auch beschaͤftigt man sich sehr mit Erziehung des Mohns oder des Maagsaamens. Daraus wird sehr viel Oel bereitet, das, wenn es kalt geschlagen worden ist, sogar zu den Speisen gebraucht werden kan. Der Weinbau ist bei Speier so gros nicht, als Sie vielleicht vermuthen, weil keine Berge in der Gegend sind. In den Gaͤrten innerhalb der Stadt werden etwa hundert Fuder Wein alle Jahre gewonnen, und mehr als 200. Fuder Wein ausserhalb der Stadt. Davon wird das meiste in der Stadt verzapft und getrunken, zum Verkauf bleibt nicht viel uͤbrig. Weisser Wein ist gewoͤhnlicher, als rother. Der Speirer Wein ist hi- tzig, und haͤlt sich nicht lange, wenn nicht Wein aus den Gebuͤrgen gekauft und darunter geschuͤttet wird. Den Wein- Wein- oder Rebensticher spuͤrt man hier nicht so stark, wie in der Pfalz. Der weisse Wein hat sehr viel erdig- tes und fettiges im Geschmack. Mancher wird erst durch den Gebuͤrgwein trinkbar. Beim Abschied gaben mir meine Freunde noch sehr guten rothen und weissen Spei- rer Wein zu kosten, der viel Lieblichkeit und Feuer hat- te, nicht im Kopfstieg, und doch nicht besonders alt war. Um Obst zu bekommen, hat man ganze Baum- stuͤcke angelegt. Erstaunlich viel waͤchst in den Gaͤrten innerhalb der Stadt, und noch weit mehr ausserhalb. Es sind die angenehmsten Spaziergaͤnge, wenn man vor den Thoren zwischen diesen Baumgaͤrten hingeht, und in der Ferne immer den silbernen Fluß des Stroms im Auge hat. Ich war im August dieses sehr schoͤnen und ausser- ordentlich obstreichen Jahres da, und ich kan Ihnen die Fuͤlle nicht beschreiben, womit alle, alle Baͤume uͤber- laden waren. Gar viele waren unter der Last zur Erde gebeugt, und andre prangten, unterstuͤtzt auf allen Sei- ten mit dem Reichthum der Natur. Ich sah uͤberall sehr viele gute Obstarten, Renettes ꝛc. aus franzoͤsischen Gaͤrten. Die Borsdorfer aͤpfel sind hier sehr gewoͤhn- lich, und fast alle Arten von Birnen werden hier erzogen. Wittwen erhalten sich und ihre kleine Familien mit dem, was sie in den Obst- und Weingaͤrten gewinnen. Man hat in Speier schon oft 130 schoͤne Pflaumen fuͤr einen Kreuzer verkauft, und zuletzt braucht man sie doch nur zur Maͤstung der Schweine. Ich habe einen Mira- bellenbaum gesehen, wo eine Frucht an der andern hing. Nachdem alle im Hause zum Ekel davon gegessen, und man allen Bekannten geschenkt hatte, verkaufte man end- lich 100. Mirabellen um 4. Kreuzer, und man erhielt U 3 noch noch von dem einzigen Baume 2. Gulden und 45. Kreu- zer. In diesem Jahre hatte der naͤmliche Baum wieder so viele, daß man anfing, sie zu doͤrren, und wieder auf- gekocht waren sie als ein Beiessen bei Braten sehr schmack- haft. Auch hat man daran eine koͤstliche Erquickung fuͤr die Kranken. Weil jedermann so viel Obst hat, so macht man auch Cyder oder Aepfelmost davon; das Maas kostet insgemein 4. Kreuzer; im Sommer gibt man diesen Trank den Weingaͤrtnern, Tageloͤhnern, und andern Handwerksleuten. Mancher Cyder ist freilich schlechter als Wasser, weil ihn viele Leute nicht zu berei- ten und nicht zu erhalten wissen. Wenn man nicht un- ter einen Fuhrling Cyder ein Maas Branntwein mengt, so haͤlt er sich nicht. Ehemals hatte man Apfelmost in der Stadt, der zwei, auch drei Jahre alt, und alsdann vorzuͤglich gut war. Die Sommerbirnen kan man nicht dazu brauchen, weil sie schnell teig werden, desto besser sind diese zum Doͤrren und Essen im Winter. Aus Cyder kan man keinen Essig machen, und wenn das Obst von der Kelter, wo es ausgepreßt wurde, abgenom- men wird, so fressen es die Schweine nicht einmahl. Es ist zu weiter nichts mehr gut, als daß man es auf den Misthaufen wirft. Die Wiesen, die der Stadt gehoͤren, liegen nach einem Dorfe am Rhein zu, gegen Otterstadt. Die meisten aber sind uͤber den Strom, wo 5—6000. Mor- gen aneinander sind, lauter kostbare Wiesen, die gewaͤs- sert und zweimal gemaͤht werden koͤnnen. Aber freilich thut der Rhein auch zuweilen grossen Schaden. Der Speirer Weidgang ist ein langer Bezirk, dessen Umfang etwa zwei Stunden betraͤgt. Man un- terschei- terscheidet die Rheinhaͤuser Weide, die Altspeirer Weide vor dem Wormser Thor, und die Hasenpfuler Weide. Das letzte ist der Namen einer Vorstadt, die viel tiefer liegt, als die Stadt selber. An der Rhein- haͤuser Weide haben alle Buͤrger Antheil, aber die bei- den andern sind den Einwohnern jener Vorstaͤdte eigen. Man hat auch in Speier schon von der Abschaffung die- ser Almenden geredet, aber noch wollen die Buͤrger nichts davon hoͤren. Sie wissen, daß in Reichsstaͤdten das Gute immer etwas langsamer waͤchst, und spaͤter zu Stande kommt, als in andern Verfassungen, wiewohl es nicht allgemein wahr ist. Man zaudert an andern Orten auch, und bedenkt sich uͤber jede Kleinigkeit oft un- ertraͤglich lange. Zu den Waldungen der Stadt gehoͤrt der sogenann- te Streitwald, worinnen Fichten, Foͤhren, Eichen, Espen, Birken und andere Baͤume vorkommen. Nicht eine einzige Tanne, das Klima ist zu warm dazu. Ei- chen gedeihen nicht sonderlich, weil der Boden Sand ist. Man sieht dem Walde auch noch die gewaltige Hand der grossen Mordbrenner an. Die Stadt laͤßt alle Jahre in diesem Walde Holz fuͤr das Rathhaus schlagen, und so viel, als zu Besoldungen noͤthig ist, hauen. Die Buͤr- ger muͤssen alle ihr Holz kaufen. Von der Murz kom- men grosse Floͤße an, auch aus Neuburg und aus den Pfaͤlzischen Waldungen. Am Rheinufer ist immer eine starke Niederlage von Holz, man kan sicher in jedem Jahre viel tausend Klaftern rechnen. Daher es auch nach dem eigenen Urtheil der Buͤrger nicht theuer ist. Sechs Guldeu kostet die Klafter Buͤchenholz. Ferner verkauft die Stadt, und auch die Hospitaͤler verkaufen U 4 jaͤhrlich jaͤhrlich beinahe 60,000 Stuͤck Wellen, oder Hecken- holz; meist ist es Birken- oder Weidenholz. Der soge- nannte Voͤrd, eine schoͤne Rheininsul, hat auch huͤbsche Waldungen und Gestraͤuche. Sie muͤssen es, indem ich Ihnen das alles erzaͤhlte, selbst bemerkt haben, daß die Leute in diesen Gegenden eben so fleißig sind, als ihr Land reich und kostbar ist. Man hat hier keine Brache; die Nutzung der Felder geht ununterbrochen fort, der Bauer arbeitet immer, und die Erde traͤgt immer. Saat und Erndte folgt bestaͤndig auf einander. Ich habe Ihnen die vornehmsten Pflan- zen genannt, nun muß ich Ihnen auch einiges vom Zu- stande der Viehzucht sagen. Etwa hundert Buͤrger halten Pferde, kaufen oder erziehen sie zum Ackerbau, einige halten sie auch um des Fuhrwerks willen, aber Stuttereien sind nicht da. Weit groͤsser ist die Anzahl des Rindviehes in Speier, wiewohl man mehr mit Pferden als mit Ochsen pfluͤgt. Aber es ist in der Stadt eine grosse Menge Kuͤ- he. Auf den oben genannten drei Weidgaͤngen sind auch drei grosse Heerden Kuͤhe um des Hausbrauchs willen. Butter und Kaͤse macht sich jede Familie selber, aber Milch wird unter den Leuten in der Stadt wechselsweise verkauft. Es ist noch eine Heerde Schaafe vorhanden, weil aber uͤber ihren Weidgang viel Verdruß entstanden ist, so ist sie nicht mehr so gros, als ehemals. Auch erziehen die Buͤrger keine Ziegen, ausser, wenn einer um seiner Gesundheit willen Ziegenmilch trinken muß. Hingegen Hingegen werden sehr viel Schweine hieher ge- bracht, und auch viele gezogen. Im Walde ist keine Mast fuͤr sie, aber mit Welschkorn werden auch diese gemaͤstet. Ein sehr erfahrner Hauswirth versicherte mir, daß er an seiner Katze einen ziemlich zuverlaͤssigen Wetterpro- pheten habe. Wenn es bald regnen will, so laͤuft sie im Garten, und frißt Gras. Vielleicht bedarf diese Anmerkung bei manchen Lesern eine Entschuldigung, aber gewis nicht bei allen. Schade ist es, daß die Bienenzucht fast ganz ab- koͤmmt. In unserm Theil von Deutschland gruͤnt dieser Zweig der Landwirthschaft fast nirgends. Es scheint, der Bauer hat zu viel mit andern Dingen zu thun. Das Land ernaͤhret ihn leichter durch seine uͤbrigen Reichthuͤmer. Auch in Speier hat man in diesem Jahre die Be- merkung gemacht, daß alle Erscheinungen im Thier- und Pflanzenreiche fruͤher waren, als sonst. Acht Tage vor Jakobitag verkaufte Hr. Rektor Hutten schon ganze Koͤrbe voll von seinen blauen Trauben am Hausgelaͤnder. Auch sollen in diesem Jahre die Stoͤrche viel fruͤher weg- gezogen seyn, als sonst. Sollte man nicht daraus den Schluß machen duͤrfen, daß wir nach diesem heissen Som- mer fruͤhe Kaͤlte bekommen werden? Fuͤr die Mineralogie ist in Speier nichts wichtiges, als das Kabinet des Hrn. von la Roche. Dieser lie- benswuͤrdige Mann, der vorher Geh. Staatsrath am Trieri schen Hofe war, lebt nun hier fuͤr sich in den Ar- men seiner vortreflichen Gemahlin, der bekannten schoͤnen Schriftstellerin, die der Stolz und die Zierde von Deutsch- U 5 land land ist. Er lebt im Schoosse seiner Familie, die zwar zum Theil schon in der Welt zerstreut ist, und im Hause eines eben so schaͤtzungswerthen und einsichtsvollen Man- nes, des Hrn. Baron und Domherrn von Hohenfeldt. Sie koͤnnen nicht glauben, mit welcher edeln, zaͤrtlichen und suͤssen Freundschaft diese drei gleich ehrwuͤrdige Per- sonen mit einander in philosophischer Ruhe leben. In langer Zeit habe ich nicht drei Menschen von so herrlichem Karakter beisammen gefunden. Die feinen Empfindun- gen der Frau von la Roche sind aus ihren Schriften bekannt. Aber so gros auch das Bild war, das ich mir von dieser Dame phantasirte, als ich nur die Sternheim gelesen hatte, so uͤbertraf sie doch weit meine Erwartung. Meine Mutter und diese vortrefliche Dame waren in ih- rer ersten Jugend Gespielinnen gewesen, aber seit vielen Jahren waren sie durch die Schicksale ihrer Eltern, und durch ihre eigene Verbindungen ganz von einander getrennt worden. Dieser kleine Umstand war ein grosses Gluͤck fuͤr mich. Er diente mir zur Empfehlung bei einer Da- me, die mehr wahre und brauchbare Einsichten, und doch weniger Schein davon hat, als alle gelehrte Frauenzim- mer, die ich gesehen habe, und als ein ganzes Tausend von meinem Geschlecht. Wie eine Minute gehen viele Stunden in ihrem Umgange hin. So ganz ohne Praͤ- tension, ohne die geringste Begierde zu schimmern, zu glaͤnzen, und was noch mehr ist, ohne mit der unglaub- lichen Seuche unsers Zeitalters, mit der Empfindsam- keit, wie die meisten Frauenzimmer, behaftet zu seyn! Ihr heller maͤnnlicher Verstand, ihr lebhafter Witz, ihre Gabe der Unterhaltung, ihr Gefuͤhl fuͤr Freundschaft und Liebe, ihr thaͤtiger Geist, ihr grosses und viel fassendes Herz, das in jeder Mine ausgedruckt ist, ihre einnehmen- de de Sprache, ihr richtiges und freimuͤthiges Urtheil, die- se und noch viele andere Vorzuͤge erheben sie in meinen Augen uͤber unzaͤhlige Personen von ihrem Geschlecht, die entweder nicht werden wollen, was sie seyn koͤnnten, oder kleine Vorzuͤge durch grosse Thorheiten wieder verdunkeln. O, daß doch alle Toͤchter und junge Frauen in Deutsch- land bei Madame von la Roche in die Schule gehen, und auf ihr erhabenes Muster sehen moͤchten! Ihr Ge- mahl und sein wuͤrdiger Freund studiren besonders den mineralogischen Theil der Naturgeschichte, und haben eine sehenswerthe und zahlreiche Sammlung von Eisen- stufen aus den Churtrier schen Landen zusammengebracht. Ich will Ihnen nur einige von den vornehmsten Stuͤcken nennen, wie wohl ich selber nicht glaube, daß ich alle Ka- binetsstuͤcke bemerkt habe. 1) Ein ganz schwarzer Achat. Wir haben im Vater- lande schoͤne Sammlungen von Achaten. Die Spiel- arten laufen ins Unendliche. Aber schwarze Stuͤ- cke gehoͤren immer zu den grossen Seltenheiten. 2) Eine Eisenstufe mit Nadeln, die sich bewegen. 3) Gar feine Eisenstufen mit allerlei Pyramiden und Spitzen. 4) Vulkan ische Produkte aus dem Trier schen, womit man bauen kan. 5) Ein Stuͤck von einem terrificirten Elephantenzahn. Man fand den Zahn bei Koblenz, in einer Tiefe von 18. Fuß unter dem Sande. 6) Lignum fossile aus dem Nassauweilbur gischen Land, 14. Lachter tief unter der Erde. Die Bauern brauchen es als Brennholz. Es sind auch Stuͤcke da mit Schwefelkies. 7) Auch 7) Auch Lignum fossile von Horrhausen, fuͤnf Stunden von Koblenz. — Darunter kommen Wur- zelstuͤcke vor, die sich schleifen lassen. 8) Federblei zwischen zwo Gangadern. 9) Eine Grode mit Eisensand — denn so kommen sie im Trier schen vor. 10) Langhecker Federbleistufen. 11) Noch eine aus versoffenen Gruben, wo 14. auch 16. Loth Silber im Zentner waren; es waren aber auch die reichsten Silbergruben im Lande. Man hat mir in diesem Hause erlaubt, wieder zu kommen, und Sie koͤnnen leicht denken, wie stolz ich auf diese Erlaubnis war. Man hat das Beste in Speier gesehen, wenn man im la Roch eschen Hause gewesen ist. Doch hoͤren Sie, was ich Ihnen noch von der Lit- teratur in Speier sagen kan. Das Geschlecht der Nachdrucker ist wenigstens hier auch nicht unbekannt. Hr. Endteres hat seine Werk- staͤtte hier aufgeschlagen. Die Prediger und Lehrer am Gymnasium, das nicht gros ist, haben eine kleine Lese- gesellschaft unter sich errichtet. Der Senat hat zwei Konsulenten, die fuͤr die Rathsherren studiren muͤssen, und in schweren Faͤllen, oder in Rechtssachen um Rath gefraget werden. Man hat den Geistlichen aufgetragen, ein neues Gesangbuch zu verfertigen, aber, wenn ich nicht irre, so habe ich von gar sonderbaren Bedingungen, die dabei gemacht wurden, gehoͤrt, z. B. alle alte Reime sollten in jedem Liede beibehalten werden. Ein Prediger, Hr. Spatz, hat vor einigen Jahren eine kleine Schrift von der Reformationsgeschichte der Stadt Speier be- kannt gemacht, daruͤber soll viel Verdruß und Uneinig- keit keit zwischen den Buͤrgern entstanden seyn. Die katho- lische Geistlichkeit will mit den Lutherischen Buͤrgern, Handwerkern ꝛc. nichts mehr zu thun haben, wenn die Lutherische Geistlichkeit fortfaͤhrt, gegen sie zu schreiben. Einige, wie ich glaube, rare Buͤcher sah ich hier: I) In der Rathsbibliothek. Sie steht auf dem neuen Rathhause in einem schoͤnen Saal, wird von Zeit zu Zeit vermehrt, ist schon ansehnlich, und wuͤrde freilich an Alterthuͤmern reicher seyn, als sie ist, wenn nicht bei dem ungluͤcklichen Brande der Stadt manches im Rauch aufgegangen waͤre. Man zeigte mir: 1) Die Merianische Topographien. 2) Ortelii Theatrum orbis. Antwerp. 1603. 3) Das nuͤev Testament. — In der Kaiserlichen stat Speier volendet, durch Jacobum Beringer Leviten. In Jar deß heiligen Reichtags. 1526. — Das ist eine deutsche Uebersetzung des N. T. die ein katholischer Dom-Vikarius, (denn das bedeu- tet der Name Levita, ) verfertigt hat. Herr Kuhl- mann, von dem ich Ihnen bald mehr sagen will, hat sie einmahl in Strasburg auf dem Troͤdelmarkt gefunden. Ich schlug darinnen auf a) Roͤm. III, 28. und wiewohl die Uebersetzung von einem Katholicken herruͤhrt, so stand doch das Woͤrtlein Allein ganz deutlich im Text. b) 1. Joh. v. 7. In Gegenwart, und unter den Augen des Bibliothekars verglich ich diese Stel- le mit Luthers Bibel, so wie sie jetzt ist, und fand, daß die zweifelhaften Worte auch hier nicht im Text aufgenommen waren. Es stand auch am Rande kein Zeichen, keine Erinnerung an den Leser. Die Die ganze Stelle heißt Fol. CCVI. in ihrer Schreibart also: „Dieser ists, der da kumpt mit „Wasser und Blut, Jesus Christus, nicht mit „Wasser allein, sunder mit Wasser und Blut. „Und der Geist ists, der da zuͤget, das Geists „Warheit ist, denn drey sind, die da zuͤgen, der „Geist und das Wasser, und das Blut, un die „drey sind eins. So wir der Menschen Zuͤgnis „annehmen.“ 4) Eine lateinische Uebersetzung aller Psalmen Da- vids im Ovidischen Carmine elegiaco. Excu- sum Schmalkaldiae. 8. Vom Landgraf Moritz von Hessen. — Glauben Sie wohl, daß unsre Prin- zen sich auch noch mit lateinischen Versen, und mit Uebersetzung ganzer biblischer Buͤcher beschaͤftigen werden? 5) Antonini , Erzbischof in Florenz, Summa, etliche kleine Folianten, 1487. und 1488. in Speier gedruckt, von Petr. Trach , Consularem. Die Lettern sind sehr scharf, und die Schrift ist noch jetzt sehr schwarz. II) Bei Hrn. Advokat Grether sahe ich: 1) Europae totius Theatrum, per Matthiam Quadum , Coloniae. 1596. klein Fol. mit schoͤnen gestochenen Charten. 2) Pasquillorum Tomi duo. Eleutheropoli. 1544. kl. 8. Die aͤchten Buͤcherkenner schreiben im- mer bei diesem Titul, daß das Buch sehr rar sei, ver- muthlich weil es konfiszirt wurde. 3) Ein Manuskript vom verstorbenen Konrektor M. Georg Lizel, der die ganze Aeneis des Virgils in in griechische Hexameter uͤbersetzte. Es sind 9991. Verse, alle sauber und leserlich in Quart geschrieben. Er war in Ulm gebohren, und ein sehr thaͤtiger Juͤng- ling und Mann. In Strasburg studirte er 11. Jah- re, und als er 1729 den 28. Maͤrz mit diesem Werke fertig war, wollte er von Strasburg nach Sachsen gehen. Er kam aber hieher und wurde erst Konre- ktor, nachher Rektor. Ungefaͤhr vor 10. Jahren starb er: seine Wittwe zog wieder nach Ulm. Man hat auch eine Ebraͤische Grammatik, und noch viele andre Manuskripte von ihm. Den griechischen Vir- gil kaufte der jetzige Besitzer in der oͤffentlichen Ver- steigerung nach des Verfassers Tode. Lizel selber hat den ersten Bogen davon, vermuthlich als ein Pro- bestuͤck, drucken lassen. Ich habe diesen Bogen er- halten, und schreibe Ihnen hier den Titel ab: Ho- merus Mantuanus, sive P. Virgilii Maronis Aeneis XII. Libris comprehensa, et eodem carminis genere Graece reddita. Liber I. Cui accedit Virgilius ex Homero illustratus Liber II. Opera et studio Georgii Lizelii . Spirae ex officina Göthelii, 8. 1745. Das Werk sollte Manibus Homeri et Virgilii sacrum seyn. Nach einer kleinen Praͤfation folgen die ersten 96 Verse, lateinisch und griechisch neben einander. Vermuthlich hofte der Verleger keinen Absatz und lies es liegen. Der ruͤhmliche Fleis dieses Mannes ver- dient es, daß ich ihn hier, in unsern Zeiten, wo die Nation wenigstens Mine macht, als wollte sie die Griechen ernstlicher lesen, als bisher, oͤffentlich nenne. Unsre Juͤnglinge, die jetzt mehr durch die Klassen ren- nen, als darin sitzen, damit sie ja als unbaͤrtige Kin- der der auf Universitaͤten, und nach anderthalb und zwei Jahren zuruͤckkommen, moͤgen an dem Beispiel dieses wahren Schulmannes sehen, wie weit man es durch anhaltenden Fleis, und fortgesetztes Studiren brin- gen kan. Alle Stellen, die ich im griechischen Vir- gil ausschlug, gefielen mir wohl, und Lizel hat, so viel ich beurtheilen kan, den Sinn des Dichters voll- kommen erreicht. 4) Von eben diesem Manne bekam ich auch einen Bo- gen: Historische Nachricht von dem Rheinwein uͤberhaupt, und besonders von dem Speirer und Rulandswein. Speier, 1758. 8. Bei dieser Schrift unterschreibt sich der Verfasser als Mitglied der gelehrten Gesellschaft in Duisburg. Der Natur- forscher lernt freilich nicht viel aus dieser Nachricht. Nur muß ich anfuͤhren, daß auch in der Gegend bei Speier Mandelbaͤume sehr haͤufig sind. Daher ist es gar laͤcherlich, was neulich ein Rezensent in der Allgem deutschen Bibliothek, Th. XLVI. St. 1. S. 255. bei Gelegenheit einer Stelle in meinen Schrif- ten, von der Mandelkraͤhe gesagt hat, dieser Vogel koͤnne nicht von den Mandeln seinen Namen haben, weil wir ja in unsern Gegenden keine Mandelbaͤume haͤtten. Grade als wenn das, was nicht in Sachsen waͤchst, sonst nirgends in Deutschland wachsen duͤrfte! Es waͤre traurig fuͤr uns, wenn wir hier in diesen Ge- genden nicht ganze Koͤrbe voll Mandeln auf jedem Markte verkaufen koͤnnten. — Von zwei Arten Weintrauben, die in Speier haͤufig sind, von den sogenannten Gaͤnsfuͤssen und Rulandstrauben gibt Lizel einige Nachricht. Damit Sie aber den Geschmack, der wenigstens damals in dieser Reichs- stadt stadt herrschte, an einer Probe kennen lernen, so will ich Ihnen Lizel ’s Zuschrift an den Buͤrgermeister Deines unten beschreiben Ew. Hochweisheit werden Sich entsinnen, daß wir an der erfreulichen Hochzeittafel des H. J. B. den 4ten Nov. 1756. gesessen. Tags darauf hat uns dessen Hr. Vater J. C. betruͤbte Gedanken verursacht. Wir hoͤrten und sahen, wie er sich nicht wohl befinde. Die Unpaͤßlichkeit nahme bald ab, bald zu, und wir mußten ihn endlich nach etlichen Wochen zu Grabe begleiten. Die beruͤhmte Gold- und Silberfabrik ist zwar dadurch nicht abgestorben. Die Fr. Wittwe und der Herr Sohn fuͤhren dieselbe gluͤcklich fort. Doch sahe jene wohl ein, daß Sie einen Beystand noͤthig habe. Ew. Hochweisheit wollten Sich davon nicht entschlagen. Beyden ist Ihr Wunsch gelungen. Wenn mir erlaubt ist, von der ausnehmenden Schoͤnheit, und mehr als maͤnnlichen Klugheit der Frau Hochzei- terin zu reden, so ist es, was ich mit Wahrheit anzei- gen muß. Der Herr Burgermeister haben sich einen Engel und eine kluge Susanna Catharina auserse- hen. Anstatt eines Hochzeitsgedichts uͤbergebe ich hiemit etliche Weinblaͤtter. Ich hoffe dadurch mei- ner alten Schuldigkeit ein Genuͤgen zu thun, und mich ferner in Dero liebreiches Andenken zu setzen. Gott gebe zu der neuen Ehe alles Wohlseyn, und lasse die Fabrik immer weiter sich ausdehnen. ; auf Reifen hat man’s gern Zweiter Theil. X gern, wenn man zuweilen Anlaß zum Lachen findet. Von eben diesem Manne habe ich Beschreibung ei- nes steinernen Sargs, worin eine Roͤmerin lag, und der in Speier gefunden wurde, und auch Histo- rische Beschreibung der Kaiserlichen Graͤber im Dom, wie sie vom Jahr 1030. bis 1689. beschaffen gewesen. Diese beiden Schriften habe ich, seitdem ich von Speier zuruͤckgekommen bin, noch nicht ge- lesen. Ich kan Ihnen also auch davon nichts sagen. Auf die letztere bin ich aber sehr begierig. 5) Leben des beruͤhmten Christoph Lehmanns, nebst vielen unbekannten und geheimen Nach- richten. Von Erhard Christ. Bauer, erst. Raths-Consul, Frankf. 1756. 8. Dabei ist ein Kupfer, welches das Portal am alten Dom, und die ehemalige Inskription des kaiserlichen Privilegiums fuͤr die Domkirche zu Speier vorstellt. Diese Platte ist jetzt um so merkwuͤrdiger, weil man am neuen Domgebaͤude gar nichts mehr davon sehen kan. Das innre Chor der Domkirche ist dreifach, und im mittelsten liegen unten die kaiserlichen Leichen. Als man den Bau so einrichtete, war lange ein kaiserli- cher Agent deswegen in Speier. Man zeigt den Fremden weiter nichts, als den Eingang in das Ge- woͤlbe, wo die Asche unsrer Kaiser ruht. III. In der Privatsammlung des Hrn. Kuhl- manns, der am Kaufhause eine Bedienung hat, befin- det sich sehr viel Schoͤnes. z. B. 1) Eine 1) Eine Tabula Peutingeriana, davon das Original in Wien ist; sie ist 1. Schuh breit und 22. Schuh lang; Ortelius in Antwerpen hat sie gestochen 1598, auf Welsers Veranlassung. Das Original kam mit der Bibliothek des Prinzen Eugens von Sa- voyen nach Wien. Ueber ihre Entstehung ist viel gestritten worden. Dieser Abdruck war in der Lizel- schen Bibliothek. 2) Noch viele Handschriften von Mag. Georg. Lizel. 3) Roͤmische Urnen und bei Speier gefundene Roͤmi- sche Muͤnzen. 4) Handschriften von Samuel Glonerus. Dieser Mann war erst Lehrer der vierten Klasse, als das Gymnasium, das jetzt in Carlsruhe ist, noch in Durlach war. Von dort kam er nach Stras- burg, und starb daselbst. Er war ein guter Freund von Lizel, daher kaufte dieser nach Gloner ’s Tode seine Papiere. In einem unter diesen Manuskripten sind alle Psalmen in lateinische Verse gebracht. Es ist vom Jahr 1617. In Strasburg arbeitete er das alles, als er einmahl lange das Fieber hatte, und diese Handschrift ist dasselbige Exemplar, das Glo- ner dem Markgrafen Georg Friederich uͤbergab, oder wenigstens vorlegte. Lizel, der eine Beschrei- bung von allen bekannt gewordenen lateinischen Dich- tern in Deutschland hinterlassen, die Hr. Kuhl- mann auch besitzt, sagt von ihm, er habe auch das Buch Hiob, und andre Stuͤcke der heiligen Schrift eben so behandelt. X 2 5) In 5) In Schwaben ist es ein sehr bekanntes Spruͤch- wort: „Nach Adam Risens Rechenbuch;“ doch kennen viele Rechenmeister das Buch gar nicht, und tausend Menschen brauchen die Redensart, und haben das Buch nie gesehen. Hr. Kuhlmann hat es, und ich schrieb mir den Titul ab: Rechnung auf der Linien und Federn, auf allerlei Handthierung, durch Adam Risen. Mit seinem Holzschnitt 1553. Aufs new durchlesen und zurecht bracht. kl. 8. Er war ein Deutscher, lebte in An- naberg, und seine darin gegebene Exempel sind so kuͤnstlich und sinnreich, daß man damals den fuͤr den vollkommensten Rechner hielt, der alles aufloͤsen konn- te, was in Adam Risens Buch stand. Er starb im Jahr 1559. Ausser der Buͤrgerwache, womit die Thore besetzt werden, haͤlt die Stadt 22. Soldaten. Einige davon stehen auf dem Rathhause. Als Kontingent zum Zwei- bruͤck schen Kreisregiment waͤre sie nur 16. Mann zu stel- len schuldig. Ausser diesen liegen aber hier Kaiserliche, Preussische, Franzoͤsische, Daͤnische, Hessische, Pfaͤlzi- sche und Zerbster Werber. Daher die Franzoͤsischen Ausreisser gern nach Speier laufen. Es entstehen aber gar oft Haͤndel und Uneinigkeiten unter so vielerlei Werbern. Jeder pralt mit dem Monarchen, dem er dient, und jeder will der vornehmste seyn. Zuletzt noch etliche Worte von Kuͤnsten und Hand- werkern, damit Sie sehen, daß ich auch darnach gefragt habe. Man druckt hier musikalische Noten mit Zinn ab, ab, und es faͤllt nicht schlecht aus. Jetzt laͤßt das Domkapitel fuͤr den Thurm auf dem neuen Dom eine Glocke giessen, die zwischen 120-130. Zentner schwer seyn soll. Einige alte Glocken sollen mit eingeschmolzen werden. Der Kern der Glocke ist aus gebrannten Stei- nen gemauert. Daraus entsteht die innre Hoͤlung, oder die Weite, der Umfang der Glocke selber. Daruͤber kommt ein sogenannter Mantel, oder Ueberzug von Thon, der aber vollkommen austrocknen muß, ehe man die Glocke giessen kan. Die Krone, welche die Glocke be- kommen soll, ist von gelbem Wachs, ebenfalls mit ei- nem Mantel von Thon. In diesen Thon wirft und knetet man kleingestoßne Kohlen, daher sieht er schwarz aus. Im Wachs sind die Namen und die Jahrzahlen, welche die Glocke bekommen soll, eingeschnitten. Nun muß nothwendig beim Uebergiessen der gluͤhenden Ma- terie das Wachs herausschmelzen, und dadurch wird der Aufsatz so wie er seyn soll, naͤmlich hohl. Aber ein Hauptumstand bei der ganzen Sache ist es, die Dicke der Glocke zu bestimmen. Zu diesem Guß hat man ein eigenes Haus und darin einen grossen Ofen in Speier gebaut. Die Vorbereitungen darzu waͤhren schon seit Ostern, und man rechnet, daß man bereits 3000. Gul- den aufgewendet habe. Der Ofen wird mit Holzkohlen gefeuert. Der Artilleriehauptmann, Hr. Roth von Maynz, hat die Aufsicht und die Besorgung uͤber- nommen. Sehen Sie, Lieber, das ist das, was ich in Speier gesehen und gehoͤrt habe. Vielleicht haͤtte ich noch mehr erfahren, wenn mich nicht sehr wichtige Briefe, die ich X 3 eben eben erhielt, als ich fortreisen wollte, genoͤthigt haͤtten, so bald als moͤglich, wieder zuruͤck zu kehren. Der Rhein trug den Reisenden auf seinem blauen Ruͤcken zu- ruͤck, und ich kam von einer sehr vergnuͤgten Reise wie- der nach Hause. Leben Sie wohl. Reise Reise nach St. Blasien. Um Michaelis 1781. An Hrn. Prof. Bernoulli in Berlin. X 4 Reise nach St. Blasien um Michael 1781. I ch hatte wieder fuͤr einige Wochen Freiheit. Man erwartete den Herbst, und sprach mit der groͤsten Hofnung davon. Es war noch so Manches in und um mein Vaterland, das ich nicht gesehen hatte, und doch gerne sehen wollte. Von einigen Kloͤstern in der Gegend hatte ich ohnehin schon oft lockende Beschreibungen gehoͤrt. Meine Freunde erwarteten mich zu den Freuden der Wein- lese, die zu den angenehmsten auf dem Lande gehoͤren. Der wieder lang genug gesessene Koͤrper erforderte Er- schuͤtterung und starke Bewegung. Die Seele, die seit Ostern immer wieder uͤber ihren gewohnten Gegenstaͤnden gebruͤtet hatte, flog mit Ungeduld aus den engen Waͤn- den des Zimmers, und verlangte wieder neue Gegenstaͤn- de, neue Bilder, neue Menschen, neue Aussichten, und neue Unterhaltungen. Dabei fuͤhlte ich es wieder so stark, daß man im Zirkel des menschlichen Lebens, so wie er insgemein aussieht, wahrlich nicht sich selber lebt, sondern mehr fuͤr andre geplagt ist, von andern abhaͤngt, von andern uͤberall eingeschraͤnkt wird, und eben deswegen auch manches unschuldige Vergnuͤgen, das die Natur darbietet, und das von der schmachtenden Seele begierig ergriffen wird, nur halb genießt. Sehen Sie da, mein Lieber, die vielen Ursachen, warum ich mir in der Mitte des Septembers ein Pferd satteln lies, und alles zu einer X 5 kleinen kleinen Spazierreise vorbereitete. St. Blasien sollte wenigstens erreicht werden. Wenn alsdann Witterung und Jahrszeit es noch erlauben wuͤrden, so wollte ich noch kleine Streifereien in die Schweiz machen. So lags — schoͤn und leicht auszufuͤhren, eine lange Reihe von Ver- gnuͤgungen, die schon in Gedanken alle um mich herum- gauckelten — in meiner Seele, und es ging auch mei- stens meinen Wuͤnschen nach. Nur hielt ich mich unter- weges uͤberall so lange auf, und blieb auch so lange in dem herrlichen Stift St. Blasien, daß ich den weitern Plan, wieder zu den Schweizern zu gehen, aufgeben mußte. Nun hoͤren Sie den Weg, den ich genommen habe, damit ich mir in meine Reisecharte manches ein- flechten koͤnnte, das ich sonst nicht angetroffen haͤtte, und ruͤsten Sie Sich auf allerlei, Oekonomische, Naturhi- storische, Litterarische, Theologische und Politische Nach- richten. Auch von Reliquien und heiligen Bildern, von Moͤnchen und Nonnen werde ich Ihnen erzaͤhlen. Da ich Landaufwaͤrts und zwar nach den hoͤchsten Bergen, zwischen welchen das beruͤhmte Reichsfuͤrstl. Kloster versteckt ist, reisen muste, so nahm ich von Carls- ruhe die gerade Strasse uͤber Rastadt, Buͤhl und Ap- penweiher nach der Reichsstadt Offenburg. Die bei- nahe unuͤbersehliche Flaͤche von Sand, die wir hier noch in ziemlich grossen Entfernungen hinter der Stadt auf der Seite nach dem Rhein hin haben, begleiteten mich bis zu einem Dorfe Sindsheim, das zwischen Buͤhl und Appenweiher in der Mitte, also schon in der Or- tenau, oder in einem Theil der vorderoͤsterreichischen Lande liegt. Dort faͤngt, wie wir hier sagen, der Ober- laͤnder gute Boden an, oder die kostbaren Felder, die alles alles tragen, was man von ihnen verlangt, die oft im Jahre dreimal tragen, die nach den schon oft gemachten Berechnungen weit reicher sind, und mehr tragen, als al- le andre fuͤr fruchtbar gehaltene Striche in Deutschland, als selbst die sogenannte goldene Aue, und die immer besser werden, je naͤher sie der Herrschaft Mahlberg, Hachberg und Badenweiler kommen. Seit einigen Jahren ist die Kultur des Sandbodens auch ausseror- dentlich gestiegen. Man hilft uͤberall dem Boden nach, durch Duͤngung, Waͤsserung, oͤsteres Bearbeiten und Bepflanzen. Ich ritt beinahe von Carlsruhe bis Sindsheim durch lauter tuͤrkischen Weizen, oder Welschkorn ( Zea Linn. ), und diese Pflanze, die den Sandboden liebt, gerieth heuer vortreflich. So weit das Auge oft hinauslaufen konnte, sah ich nichts, als Welsch- kornfelder, und freute mich der grossen Erndte, die jetzt eben zur Sichel reif war. Es war gerade Sonntag, und die Bauern sammel- ten sich gegen Abend in den Wirthshaͤusern. Dabei muß ich Ihnen sagen, daß ich einige Reflexionen daruͤber ge- macht habe, wie es oft moͤglich ist, daß der Wirth, mit- ten im groͤßten und lange anhaltenden Getuͤmmel von be- soffenen und schreienden Bauern, doch zu seiner Bezah- lung koͤmmt, wie seine Haushaltung bei dem taͤglichen, meistens bis in die Nacht fortgesetzten Laͤrmen doch noch bestehen kan, wie er bei der bekannten Untreue und Fahr- laͤssigkeit der Bedienten doch noch Vermoͤgen sammeln, und an der Wirthschaft, die oft so bunt und kraus aus- sieht, noch gewinnen kan. Freilich gehen auf dem Lan- de viele Haushaltungen auf diese Art zu Grunde, beson- ders wenn entweder der Mann, oder die Frau selber dem Spiel Spiel oder dem Trunk ergeben ist. Aber ich kenne doch auch einige oͤffentliche Haͤuser an der Strasse, deren Be- sitzer reiche Maͤnner geworden sind, und wo oft die Stu- ben so stark mit Menschen angefuͤllt wurden, daß der Mann 5 — 6 Keller oder Bedienten halten mußte. Zu- verlaͤssig geht manches Glas Wein verlohren, die Leute wissen es aber einzubringen, und rechnen andre Artickel desto hoͤher. Doch bleiben allemal auf dem Lande dieje- nigen Wirthshaͤuser die eintraͤglichsten, und auch die un- schaͤdlichsten fuͤr den Staat, wo die Guͤterfuhrleute ein- mahl gewoͤhnt sind, uͤber Nacht zu bleiben, und wegen schwerer Ladung, oder bei uͤbelm Wetter, oder, weil sie nun uͤber einen hohen Berg fahren muͤssen, vom Wirth Vorspann zu nehmen. Dergleichen Einrichtungen naͤhren ihren Mann am besten. Der Wirth hat einen bestaͤndigen und sichern Absatz; denn unsre Strasse zwischen Basel, Zurzach, Muͤllhausen und Frankfurt, Hanau, Maynz ꝛc. ist bestaͤndig mit Guͤterwagen besetzt. Wo diese einkehren, da wird auch insgemein weniger gespielt, und weniger gesoffen, als da, wo Bauern zusammen- kommen, um zu saufen, oder einander im betruͤgerischen Spiel das Geld abzunehmen, das die Hausfrau so noͤ- thig haͤtte. Ein Reisender, der ein Reitpferd oder Kut- sche und Pferde bei sich hat, muß auch, wenn diese gut besorgt werden sollen, immer nur in diesen grossen Gast- hoͤfen, wo Heu, Haber, Stallung und Hausknechte, die mit Pferden umzugehen wissen, bestaͤndig vorhanden sind, liegen bleiben, oder auch nur fuͤr einige Stunden einkehren. Sonst habe ich an diesem Tage, als blosser Zuschauer auf den oͤffentlichen Plaͤtzen wieder bemerkt, daß es gut waͤre, waͤre, wenn man den Bauern alle Geldspiele und Kar- tenspiele schlechterdings verboͤte. Die Trunkenheit ist schon schlimme Seuche genug fuͤr sie. Dagegen hilft aber, wie ich aus vielfaͤltiger Erfahrung weis, morali- scher Unterricht und koͤrperliche Strafen fast gar nichts, weder in einem ganzen Dorfe, noch bei einzelnen Perso- nen. Man koͤnnte auch das, wiewohl ich weit entfernt bin, des Lasters Sachwalter zu seyn, noch eher entschul- digen. Der Bauer baut das ganze Jahr in seinen Re- ben, daher freut er sich immer auf den Herbst, und schweift hernach aus in der Freude. Er arbeitet immer harte Arbeit, und vergießt manchen Schweistropfen. Fuͤr das alles soll ihn nun Wein schadlos halten, und wenn dann zuweilen, wie jetzt geschah, so viel eingesam- melt wuͤrde, daß man nicht Faͤsser genug haͤtte, warum soll ihn der Bauer nicht auch bis zur Froͤlichkeit trinken duͤrfen? Er ist und bleibt doch allemal der geplagteste Stand im ganzen Staat, und er hat allemal das erste Recht an das, was er mit seiner Haͤnde Arbeit gewon- nen hat. Aber zur Entschuldigung des Spielens unter den Bauern laͤßt sich nichts sagen, und die damit ver- knuͤpften schaͤdlichen Folgen liegen am Tage. Der ge- meine Mann weis nicht Maas und Ziel zu halten. Im Uebermaas der Lustigkeit zieht er gleich die ganze Schweins- blase voll Geld aus der Tasche, und schuͤttet es auf den Tisch. Er macht gleich Bruͤderschaft mit jedem, ver- gißt Frau, Kinder, Haushaltung, Abgaben, richtige Besorgung seines Viehes, Gesetze und Obrigkeiten. Auch ihnen wird das Spiel gleich zur herrschenden Leidenschaft. Auch unter ihnen gibt es feine Betruͤger und einschmei- chelnde Beutelschneider. Auch unter ihnen entstehen daraus Feindschaften, garstige Reden, ein grenzenloses Schwoͤ- Schwoͤren, ein unsinniges Fluchen, zuletzt Haͤndel, Schlaͤgereien, — nun koͤmmt die Strafe der Obrigkeit hintennach, dagegen straͤubt sich der trotzige Sinn des Bauern, und sein falscher Ehrgeitz, grosse Herren nach- zuahmen; man verabredet nach und nach heimliche Spiel- gesellschaften in Privathaͤusern, und wie lange waͤhrt es dann noch, bis der Ruin der Familie sichtbar wird? Mir duͤnkt, die Polizei sollte das alles durchaus nicht gestatten in oͤffentlichen Haͤusern auf dem Lande, die Ge- legenheit, in Strafen zu verfallen, abschneiden, und den Wirth desto ernstlicher strafen, wenn er Karten oder Wuͤrsel hergibt, oder seine Gaͤste dazu ermuntert, damit sie ihm immer mehr Wein abtrinken sollen. Ich habe auch mit Erstaunen gesehen, daß besonders die Katholicken an Sonntaͤgen, nachdem die Fasttaͤge vorbei sind, der schrecklichen Hitze ungeachtet, sehr viel und oft verschiedenes Fleisch essen koͤnnen, weit mehr, als unsre Lutherische Bauern, denen das Fleischessen an keinem Tage in der Woche verboten ist. Dazu koͤmmt der erstaunliche Absatz, den die kleinen Kraͤmer uͤberall auf dem Lande haben, wodurch freilich der Luxus immer mehr unter den gemeinen Leuten gepflanzt wird. Man wird sich nicht wundern, daß so oft Feuers- bruͤnste auf dem Lande entstehen, wenn man die erstaun- liche Unachtsamkeit sieht, womit Stallknechte, Fuhrleute und Bedienten mitten zwischen Heu und Stroh in Stal- lungen und Scheuren oft offne Lichter herumtragen, und Tabak rauchen. Die Polizei sollte sich billig darum be- kuͤmmern, daß in jedem oͤffentlichen Stall, wo oft um Mitternacht die Arbeit wieder anfaͤngt, in den Waͤnden Loͤcher ausgehauen wuͤrden, worein die Pferdeknechte, Drescher Drescher und andre Arbeiter die Lichter stellen, und nicht herausnehmen duͤrften, wie in unserm Lande befohlen ist. Ach, wie sicher schlaͤft oft ein Reisender in einem oͤffent- lichen Hause, und wuͤrde wahrhaftig nicht eine Minute ruhen koͤnnen, wenn er wuͤßte, welche Gefahren ihn um- ringen! Wenn man auch da nicht viel, sehr viel auf den Schutz der Vorsehung rechnen wollte, was huͤlfe dann menschliche Vorsicht und Bedachtsamkeit? Mit dem neuen Wein, wenn er einmal im Fasse ist, muß man so sehr eilen, daß selbst am Sonntage die Weinfuhren nicht stille liegen duͤrfen. Angenehm ist es, wenn man da immer Wagen begegnet, wo lustige Bau- ern, gleich dem Bachus, auf den Tonnen liegen, und einen Zug nach dem andern thun, aus dem vollen Faß. Sie saufen aus Strohhalmen, die sie wie Heber in das Spundloch stecken, wenn man ihnen sonst keine Geraͤth- schaft dazu erlaubt. Beim Aufladen der gefuͤllten Wein- faͤsser ist viel Vorsichtigkeit noͤthig. Oft bricht das La- degeschirr, und ein ganzes Faß geht zu Grunde. Da entsteht hernach ein Prozeß zwischen dem Verkaͤufer, dem Kaͤufer und dem Kiefer (Boͤttcher), der den Wein gela- den hat, und die Werkzeuge dazu entweder aus dem Kel- ler des Verkaͤufers genommen, oder selber hergegeben hat. Weil die Bauern oft selber schreckliche Lasten aus der Stelle heben und tragen koͤnnen, so trauen sie auch ihren Stangen und Bretern mehr Staͤrke zu, als sie insgemein haben. Als ich durch Achtkarren reisete, das ein grosser und sehr ansehnlicher Ort in der Landvogtei Ortenau ist, versah der katholische Geistliche eben einen Sterbenden mit den Sakramenten. Weil es der Sonntags Abend war, war, standen eben alle Leute auf den Strassen muͤssig, und als man das Venerabile vorbeitrug, kniete das Volk Schaarenweise auf den Strassen nieder, und fing ein lautes Gebet an. Der Fremde kan ungestoͤrt seine Strasse ziehen, aber ich weis nicht, was es immer fuͤr einen Ein- druck auf mich macht, wenn ich die Zeichen des oͤffent- lichen Aberglaubens, und der Ceremonienreligion unter einer grossen Menge Volks finde, das eben so, wie mei- ne Glaubensbruͤder, besser unterrichtet, und zu einer ver- nuͤnftigern Religion gewoͤhnt werden koͤnnte. Ich schlief in Offenburg; nach dem heissen Tage folgte in der Nacht ein schreckliches Donnerwetter und starke Platzre- gen. Da laͤutete man alle Glocken so fuͤrchterlich zusam- men, daß sie haͤtten zerspringen moͤgen. Solche Wir- kungen des Aberglaubens sind wahrlich unangenehm fuͤr einen Reisenden. Stellen Sie Sich vor, in einer Stadt zu schlafen, die geflissentlich alles thut, um den Blitz her- beizuziehen? Die Muͤdigkeit der Reise uͤberwaͤltigte mich endlich, und ich schlief ruhig unter allen diesen wunder- baren Anstalten, das wohlthaͤtige Gewitter zu vertreiben. Den andern Tag verlies ich grade die Heerstrasse, und nahm meinen Weg linker Hand hinter Offenburg nach dem Kitzinger Thal. Die Natur war ganz ab- gekuͤhlt, und ungemein erfrischt. Die Voͤgel sangen am fruͤhen Morgen mit herzhafter Stimme zu dem hellern und gereinigten Himmel hinauf. Die letzten Gewaͤchse im Felde erhoben noch einmahl ihr vorher welkes und ge- senktes Haupt, und warteten auf ihre Einsammlung. Das Laub an den vielen Obstbaͤumen, womit die Stras- sen hier sehr stark besetzt sind, hatte seine natuͤrliche Leb- haftigkeit wieder bekommen. Auf den Feldern stand in jeder jeder Furche helles Wasser, und sank allmaͤhlig, so wie die Sonne kam, hinab, oder stieg in Duͤnsten auf. Kurz, die herrlichen weiten Felder um mich herum wa- ren alle gleichsam erfreut uͤber die sturmvolle Nacht, und die Landleute gingen in die Weinberge und machten An- stalt zum Herbst. Der Weg nach dem Reichskloster Gengenbach fuͤhrte mich uͤber Ortenbach und Stauf- fenberg, und ist etwa 3. Stunden lang. So heissen die zwei Orte, wo der vortrefliche Wein waͤchst, den jeder, der durch dies Land reist, als Arznei trinken muß. Man kan aus beiden Orten rothen und weissen Wein ha- ben, und ich wuͤßte nicht zu sagen, welcher vor andern den Vorzug haben muͤßte. Sie gehoͤren nicht nur zu den vorzuͤglichsten Gewaͤchsen dieses Landes, sondern man kan sie, wie ich glaube, mit Recht zu den besten und edelsten Produkten von Deutschland rechnen. Ja, Freund! wenn alle Dichter, die an Musenalmanachen arbeiten und vom Wein singen, solchen Wein alle Tage haͤtten, da moͤchten wir wohl bald feurige Lieder und noch schrecklichere Genie-Spruͤnge sehen. Alle Berge, die sich auf der linken Seite nach dem Thal hinaufziehen, oder vielmehr mit noch hoͤhern Gebuͤrgen zusammenhaͤngen, und nach dem ebnen Lande hinlausen, sind ganz mit Weinreben bis an die oberste Spitze besetzt. Angenehm sind insbesondre die Rebhaͤuser, die hie und da um der Gesellschaft willen, zum Vergnuͤgen, gegen Regenwet- ter, und zur Aufbewahrung der Geraͤthschaften angelegt sind, und oft in ihrer einsamen Hoͤhe recht schoͤn aussehen. Die Bibelerklaͤrer haben also nicht noͤthig, zur Erlaͤute- rung einiger Stellen in der heil. Schrift, nach dem Mor- genlande zu reisen. Sie koͤnnen bei uns noch jetzt alle Tage sehen, was in Palaͤstina Mode war. Wenn man Zweiter Theil. Y an an dem alten Schloß Ortenberg, das jetzt in seinen Truͤmmern vom Berge herabsieht, vorbeigereist ist, so koͤmmt man nach Ortenberg selber, das ein grosses vorderoͤsterreichisches Dorf ist. Sie koͤnnen Sich die allgemeine Freude uͤber den Herbst, und die geschaͤftige Vorbereitung, das hundertfaͤltige Klopfen, Saͤubern und Reinigen an den Faͤssern nicht vorstellen. Hinter diesem Ort ritt ich zwischen Wiesen durch, und kam bald darauf wieder an die Kinzing, von der das liebliche Thal den Namen hat. Sie koͤmmt von Wittichen, hat einen sehr ungleichen Lauf, fuͤhrt in ihrem Bette sehr groben Kies und derbe Wacken, geht an Offenburg vorbei, fließt nach der Seite von Strasburg hin, und faͤllt bei einem Dorfe in den Rhein. Zuweilen schwillt sie gewaltig an. Ich bin selber schon durch Offenburg gereist zu einer Zeit, wo die Kinzing so sehr angelaufen und ausgetreten war, daß man kaum uͤber die Strasse nach Basel kommen konnte. Die Reichsstadt Gengenbach selber ist klein, liegt am Berge, hat einige Vorstaͤdte, aber kein einziges schoͤ- nes oder regelmaͤssiges Gebaͤude. Sie naͤhrt sich vom Wein- und Getreidebau, doch werden auch viele Arbei- ten von Holz hier verfertigt. Denn da am folgenden Tage Jahrmarkt in Offenburg war, so sah ich, daß ganze Wagen von Spinnraͤdern, Faßreifen, Schau- feln ꝛc. aus Gengenbach ausgefuͤhrt wurden. Das Kloster Gengenbach aber ist ein schoͤnes Ge- baͤude von drei Stockwerken. Ringsum stehen viele Keller und Wohnungen fuͤr alle Handwerker. Die Klau- sur oder das Konvent ist, wie gewoͤhnlich, hinten, und im mittlern Stock ist die Abtei oder der Hof des Reichs Reichspraͤlaten. Der jetzige Abt ist ein alter, ehrwuͤrdi- ger, und gelehrter Mann. Sein Karakter ist Leutselig- keit und muntre Freundlichkeit. Ich muß ihm nach- ruͤhmen, daß ich viel Gnade in seinem Kloster genossen habe. Er studirt noch immer sehr fleissig, lebt sehr maͤssig und ordentlich, macht fuͤr sich wenig Aufwand, und haͤlt seine Religiosen streng in der Ordnung. Die Geistlichen, die bekanntermassen zum Benediktiner- Orden gehoͤren, sind zugleich alle Pfarrer in der Stadt und in den dazu gehoͤrigen Thaͤlern. Denn in der Stadt selber sind sonst keine Geistliche, und einige Oerter, die noch in geistlichen Angelegenheiten vom Kloster bedient werden, sind zwei Stunden entfernt. Fuͤr die Stadt wohnt immer Ein Geistlicher ausserhalb den Klostermau- ern, aber doch noch im Gebiet des Klosters, und dieser heißt deswegen der Reichspfarrer. Die uͤbrigen Geschaͤf- te auf dem Lande werden dem P. Prior angezeigt, und dieser steckt jedem Religiosen Abends auf eine Tafel zu seinem Namen die Arbeit auf, die er verrichten soll. Hier und in der Stadt Zelle am Harmerspach (nicht Hammerspach, wie die meisten Geographen schreiben) hat der Reichspraͤlat das Recht, den Schul- zen zu erwaͤhlen. Die Offizianten des Reichspraͤlaten sind: Ein Kanz- leidirektor, ein Sekretaͤr und ein Oberschaffner. Man sagte mir noch viel vom verstorbenen Abt Seeger, der ein grosser Mann gewesen seyn soll, und deswegen noch immer sehr bedauert wird. Neben seiner Gelehrsamkeit war er selber auch ein geschickter Maler, sein Bild habe ich im Speisesaal des Konvents gesehen. Y 2 Die Die Patres verstehen fast alle Musik, und spielen beim Hochamt selber die Orgel und die Violin. Da ei- ner unter ihnen, P. Aloysius, der Sohn unsers hiesi- gen Kapellmeisters Schmittbauers ist, der von Jugend auf von seinem geschickten Vater Musik gelernt hat, so ist dadurch noch mehr Eifer und Liebe zur Tonkunst unter die Geistlichen gekommen. Innerhalb den Ringmauern des Konvents ist ein kleiner Garten voll Blumen, in welchem sich diejenigen, welche die Gaͤrtnerei lieben, ein Stuͤck Land aussuchen, und es selber bepflanzen und bauen koͤnnen. Man zeigte mir hier schoͤne Monstranzen, die der Hofjubelirer hier in Carlsruhe gemacht hat. Wiewohl an der groͤßten und schoͤnsten nur falsche Steine sind, so kostet sie doch 4000. Gulden. Da sah ich deutlich die silberne Lunula, auf welcher die geweihte Hostie, oder das Sanctissimum, wie sie es heissen, zur Anbetung ausgesetzt wird. Vorne ist das Kaͤstchen mit Glas ein- gefaßt, und von hinten wird es geoͤfnet. Auch sah ich hier silberne Abtsstaͤbe, doch geht in- wendig ein hoͤlzerner dadurch. Ferner Infuln von allen Farben, wie sie nur infu- lirte Aebte tragen duͤrfen. Diese und den Abtstab braucht der Reichspraͤlat, wenn er an hohen Festen selber pon- tifizirt, d. h. das Hochamt verrichtet. So oft das geschieht, muͤssen ihm nicht nur seine Kanzleibedienten, sondern auch der Reichs-Schulz der Stadt, weil er ihn waͤhlt, kredenziren, wie man sagt, oder assistiren Zwei Zentner weisses Wachs braucht das Kloster alle Jahre. Sie lassen es von Augsburg, vermuth- lich lich aus Italien kommen. Die sogenannte Osterkerze wiegt allein acht Pfund. Man fuͤhrte mich auch in die Kapitelstube, wo nebst andern Verrichtungen auch Aspeticker gelesen wer- den, und wirklich las man den Augustin vor. Auf die Bibliothek fuͤhrte mich ein junger Mann, P. Bernard, der noch nicht lange auf diesem Posten ist, aber viel Eifer, Fleis und Thaͤtigkeit zu haben scheint. Das Wichtigste, was ich gesehen habe, ist: 1) Ein Martyrologium und Necrologium, das im vierzehnten Jahrhundert angefangen wurde. 2) Von Ioa. Bollandi Acta Sanctorum, 4to, schon mehr als 40. Baͤnde. 3) Ein altes Missale aus dem neun- ten, vielleicht gar aus dem achten Jahrhundert. Es ist auf Pergament sehr schoͤn geschrieben und wohl erhalten. Ein Zeichen seines besonders hohen Alters ist die Vorstel- lung Christi am Kreuz. Hier ist er noch gemalt mit ei- ner Schuͤrze um die Mitte des Leibes bis auf die Knie, und unten sind die Fuͤsse nicht uͤbereinandergeschlagen, sondern sie stehen nebeneinander auf einem Bret, ( Sub- pedio ). Nun weis man aus der Kirchengeschichte, daß dies die aͤlteste Art, die Kreuzigung des Erloͤsers abzu- malen gewesen ist. 4) Ein Psalterium aus dem zehn- ten Jahrhundert. 5) Noch ein schoͤnes Missale auch aus dem zehnten Jahrhundert. Diese Zahlen und An- gaben gruͤnden sich meistens auf die Aussage des jetzigen Fuͤrsten von St. Blasien, der vor einigen Jahren in Gengenbach mit seinem geuͤbten Auge, und mit seinen grossen Kenntnissen diese Handschriften beurtheilte. Aber hier gilt gewis die Regel: Artifici in sua arte cre- dendum. 6) Eine geschriebene deutsche Uebersetzung Y 3 vom vom Jus Canonicum, die ein Dominikanermoͤnch aus dem sechszehnten Jahrhundert hinterlassen hat. 7) Eine lateinische Bibel, in Paris gedruckt, von Ulrich und Michael Martin. Diese zwei Bruͤder in Deutschland lies ein Karthaͤuser nach Paris kommen, dort ward die Bibel im Jahr 1476. gedruckt. 8) Ein Jus Canoni- cum vom Jahr 1474. gedruckt in Reutlingen bei Zeu- ner. 9) Eine alte Bibel, gedruckt ohne Namen, Ort und Jahrzahl. Nur einige Bruchstuͤcke aus der Bibel sind es, und scheinen von den ersten Proben zu seyn, die man in Strasburg verfertigte. 10) Eine ebraͤische Grammatik von Reuchlin, die jetzt selten geworden ist. Zu diesen litterarischen Merkwuͤrdigkeiten setzen Sie noch eine natuͤrliche Seltenheit, die ich auf der Bibliothek fand. Es steht hier ein hoͤlzerner Stab, den man von Rom bekommen hat. Das soll das natuͤrliche und wah- re Laͤngenmaas des heil. Benediktus gewesen seyn. Ich maas es mit der Hand, und fand es eilf starke Spannen lang. Noch merkwuͤrdiger aber ist es, daß dieser Mann eine Zwillingsschwester hatte, deren Laͤngemaas ebenfalls hier aufbewahrt wird, und nur um eine halbe Spanne kuͤrzer ist. Wenn die Sache wahr ist, so ist die Erschei- nung von zwei so grossen Kindern in einer Gebaͤhrmutter allemal ausserordentlich, wenn auch der Bruder nachher keinen Orden gestiftet haͤtte. Im Garten der Abtei, der ungemein niedlich und angenehm ist, fand ich Mirabellenbaͤume, die in die- sem Jahre auch so viele Fruͤchte getragen hatten, daß man endlich, nachdem man schon lange genug Mirabel- len gegessen hatte, noch zwoͤlf volle Koͤrbe davon doͤrrte. Wenn Wenn an den Feigenbaͤumen die letzte Frucht im vori- gen Jahre nicht mehr reif wird, so bleibt sie den ganzen Winter durch am Baum, erfrieret auch in dieser Ge- gend nicht, und ist in diesem Jahr schon im Mai zeitig gewesen. Diese eingerechnet, erndtet man hier dreimal im Jahr Fruͤchte von den Feigenbaͤumen. Man soll- te der Lage nach vermuthen. daß das Thal kalt und rauh seyn wuͤrde, aber im geringsten nicht. Der Garten des Praͤlaten ist eine Mischung von allerlei Pflanzen, davon man viele aus dem hiesigen Schloßgarten bekommen hat, und sie kommen fast ohne alle Wartung fort. Ich sah hier Birnen, deren ausserordentliche Groͤsse mich in Er- staunen setzte. Am Ende des Gartens ist recht mit vie- lem Geschmack ein schoͤner Wasserfall angebracht, dessen Wasser, nachdem es durch den Garten geflossen ist, im Klosterhofe noch die Muͤhle treiben muß. Ich fand hier Bohnenschoͤfen, oder Schoten, die laͤnger sind, als der Arm eines Mannes. Die Bohnen selber sind nicht gut, aber wenn man die langen Schoten allein nimmt, sie klein schneidet, und dann auf die gewoͤhnliche Art zu- bereitet, dann sind sie sehr schmackhaft. Fuͤr meine Sammlung von Saamen nahm ich auch diese Spielart von Bohnen mit, und werde sie im kuͤnftigen Sommer selber aussaͤen. Noch muß ich vom Garten anmerken, daß man hier gefuͤllte, und wie man mir versichern woll- te, recht sehr dicke und ganz gefuͤllte Pfersischbluͤten hat, die doch Fruͤchte tragen, und daß man oft die Orangenbaͤume vor Allerheiligentag nicht in das Ge- waͤchshaus fluͤchtet. Von der Geschichte dieses Klosters wußte man mir nichts zu erzaͤhlen, als daß hier ehemals eine Wildnis Y 4 gewesen, gewesen, die durch die Moͤnche angebaut worden sei; daß das Gotteshaus schon im neunten Jahrhundert exi- stirt habe, daß es ehemals ein adeliches Stift gewesen sei. — Doch das alles erwarten wir am zuverlaͤssigsten von der gelehrten Feder des Fuͤrsten von St. Blasien, wenn es Ihm gefallen wird, uns die versprochene Geschichte der Benediktiner -Kloͤster auf dem Schwarzwald zu liefern. In der Wohnung des P. Kuͤchenmeisters und Groskellers sieht man drei Sammlungen von einheimi- schen Schmetterlingen, unter welchen freilich die mei- sten dieselbigen sind, die auch in meinem Vaterlande ge- fangen werden, doch sind auch einige besondere Arten dar- unter. Die uͤbrigen Insekten haben insgemein nicht das Gluͤck, daß sie gesucht und gesammelt werden, weil sie nicht so schoͤn sind, wiewohl wir uns bei ihrer grossen Schaͤdlichkeit mehr um ihre Kenntnis, als um eine glaͤn- zende Sammlung von Papillionen bekuͤmmern sollten. Man rechnet die Buͤrger in der Stadt gegen 200. Koͤpfe, darunter diejenigen, die in den drei Vorstaͤdten leben, und etwan auch noch hundert Mann ausmachen koͤnnen, nicht begriffen sind. Vierzehn Oerter gehoͤren zum Kloster und zu der Stadt, und alle diese Oerter werden von den Geistlichen versehen. Alle Handwerks leute und Tageloͤhner, welche die Aecker und Wiesen des Klosters besorgen muͤssen, holen allemahl am Donnerstag im Kloster gegen Rechnung ihre Brodfrucht, weil sie fuͤr sich nicht genug bauen koͤn- nen. Am Ende des Jahres rechnet man mit ihnen ab. Das Das Kloster hat nur den grossen Zehenden, von dem, was in Menge gebaut wird, naͤmlich von Wein, Weizen, Korn und Haber. Fuͤr sich selber baut das Kloster Weizen und Korn; von Gerste nur so viel, als man fuͤr das Gefluͤgel noͤthig hat. Die Leute in der Stadt bauen auch Hanf, Welschkorn, Erdaͤpfel, Boh- nen, Erbsen; aber Krapp und Taback hat man hier nicht. Ein grosser und betraͤchlicher Markgraͤflich Baa- discher Ort, Ichenheim in der Herrschaft Mahlberg, woselbst das Kloster Gengenbach den Fruchtzehenden hat, ist, nach dem eigenen Gestaͤndnis der Religiosen, ihre Kornkammer, wiewohl sie doch nicht Getreide ge- nug haben sollen. Den meisten Weizen bekoͤmmt das Kloster dorther, auch Erbsen, Bohnen und Linsen kom- men von Ichenheim. Der Reichspraͤlat hat dorten einen Expositus, der es einziehen, die Kosten am Quan- tum abziehen, auch seine Unterhaltung am Zehenden ab- rechnen, und das Uebrige zum Kloster liefern muß. Ehemals hatte das Kloster eine eigene Scheuer dort, und sie praͤtendiren noch jetzt, wiewohl nicht ohne Wider- spruch, Decimator universalis zu seyn. Auch der meiste Haber, den man hier hat, ist Zehendhaber von Ichenheim. Eben so geraͤth hier kein Kohl. Im Kloster braucht man alle Jahre sechszehn hohe hoͤlzerne Gefaͤsse, die man Standen nennt, voll Sauerkraut, und diese bekommen sie auch von Ichenheim. Zur jaͤhrlichen Konsumtion gehoͤren auch zehn Stan- den eingemachte Ruͤben. Der Wein, der hier einen Hauptartickel ausmacht, waͤchst meistens in Gebuͤrgreben; man hat wenige Feld- Y 5 reben. reben. Elber, Reußlinger, Muskateller und Claͤf- ner Arten sind die gewoͤhnlichsten. Man hat auch viel rothen Wein hier. Im Jahr 1753. und 1766. wuch- sen gewis vortrefliche und gute Weine. Doch hat man hier so viel, daß jetzt die Ohm von beiden Weinen fuͤr 14-15. Gulden verkauft wurde. Weine, die nur sieben oder acht Jahre alt sind, gelten, wiewohl sie alle gut sind, 6. 7. Gulden; der geringste gilt wenigstens 3 Gulden. Es sind vier Keller im Kloster und alle Faͤsser sind in Ei- sen gebunden. Es ist ein so grosses Faß da, daß man vierzehnhundert Ohm hinein legen kan. Fast lauter Ortenberger und Gengenbacher Wein liegt hier; das Kloster hat fast in der ganzen Gegend den Zehenden, weil es aber nur sehr wenige Unterthanen hat, so muß es sich seinen Wein selber holen. So kommen alle Jahre acht bis neuntausend Ohme Wein hieher, sie haben aber auch noch in Offenburg viel liegen. Der Verkauf des Weins geht bestaͤndig fort. Nach Schwaben verkau- fen sie den meisten Wein. Der jaͤhrliche Verbrauch des Weins steigt auf drei-bis viertausend Ohme. Immer halten sie so viel im Vorrath fuͤr sieben, auch fuͤr acht Jahre. Innerhalb den Gebaͤuden der Abtei treibt auch das Kloster bestaͤndig Wirthschaft mit seinem Wein, und einmal im Jahre haben sie auch das Recht, in der Stadt zu wirthen, aber nur 3. Wochen. Der Klosterwirth verkauft das Maas um 8. Kreuzer; 24. Maas rechnet man hier auf eine Ohm Wein. Es ist ein kleiner Muth- wille, daß der dunkle, enge Keller, in welchem noch die besten und aͤltesten Weine meist in kleinen Faͤssern liegen, das heilige Grab genannt wird. Man kan hier unbe- schreiblich guten Wein vom Jahr 1718. 1728. 1753. trinken, und so ein Glas alter, starker Wein muß frei- lich lich mehr werth seyn, als alle Arzneien, verdient mit Recht der Balsam des Alters zu heissen. Das Gesinde im Kloster trinkt keinen schlechtern Wein, als achtjaͤhrigen, nach der bereits gemeldeten Einrichtung im Keller. Auch im Konvent haben die Patres keine bestimmte Portion; jeder kan trinken so viel, als er will. Sehr gut ist es fuͤr das kaufende Publikum, daß man nichts mit dem Weine vornimmt, was einer kuͤnstlichen Verbesserung oder Ver- schoͤnerung gleich sehen koͤnnte. In diesen Kellern hat man keine andern Kuͤnste, als Reinigkeit, Ablassen, Auf- fuͤllen ꝛc. Der P. Groskeller, der uͤber das alles die Aufsicht traͤgt, hat darzu vier Kiefer unter sich. Waldungen sind hier uͤberall, und sind sehr be- traͤchtlich. Das Kloster hat das Direktorium daruͤber, und hat deswegen auch immer einen Jaͤger oder Foͤrster. Fuͤr das abgaͤngige Holz, das den Buͤrgern gelassen wird, muß jeder alle Jahre Einen Groschen an das Kloster be- zahlen. Da, wo die Koboldfabrike angelegt ist, hat das Kloster noch eigene Waldungen. Man braucht alle Jahr im Kloster 900. Klafter Holz. Daher lassen sie auch durch das ganze Jahr von ihren Tageloͤhnern Holz machen, und bezahlen sie nach einer gewissen Taxe. Gar viel Holz kan erst im Winter auf Schlitten im Schnee herabgebracht werden. Gemeiniglich bezahlt der Buͤr- ger 1. Gulden und 30. Kreuzer, auch 2. und drittehalb Gulden fuͤr eine Klafter. In den Waldungen stehen Eichen, Buͤchen und Tannen. Von der Koboldfabrike, die das Kloster hat, ha- be ich schon an einem andern Orte Nachricht gegeben. S. Hrn. Prof. Beckmanns in Goͤttingen Beitraͤge zur Oekonomie, Polizei, Technologie und Kameral- wissen- Da Da ich jetzt selber in Gengenbach war, sprach ich mehr- mals davon mit dem Herrn Reichspraͤlaten, und mit den vernuͤnftigsten Patribus, aber gesehen habe ich sie nicht, weil sie weiter, als man mir zuvor gesagt hatte, vom Kloster entfernt ist, und ich das Anerbieten des Praͤlaten, mich dahin bringen zu lassen, nicht annehmen konnte. Die Kompagnie, wovon das Kloster nur Ein Mitglied ist, besteht etwa dreissig Jahre. Erst der letztverstorbe- ne Abt Seeger hat sie errichtet. Nur 3. Schillinge zahlen die Interessenten dem Kloster fuͤr die Klafter Holz. Ehe man die Koboldfabrike anfing, zahlten die Stras- burger nur einen halben Groschen fuͤr die Klafter, und wollten doch nicht mehr holen, weil sie wegen der muͤhsa- men und kostbaren Fracht nicht bestehen konten. Zwei- mahl hunderttausend Gulden soll die Kompagnie schon Schaden gelitten haben. Im ersten Anfang kam gar kein Nutzen heraus, und nun schadet der hollaͤndische Krieg, sie haben fast gar keinen Absatz. Alle Kobold- erze kommen nun, wie mir der Reichspraͤlat selber sagte, aus dem Piemontes ischen, und machen den groͤsten Theil des Weges von dort bis hieher mit ungeheuren Kosten, getragen auf dem Ruͤcken der Esel und Maulesel. Auf dem Platz kostet der Zentner von diesen Erzen 80. Louis- ďor. Ich besitze durch die Guͤtigkeit des Hrn. Reichs- praͤlaten Probstuͤcke davon in meiner Sammlung. Das Gengenbacher Kloster hat Wiesen in allen Thaͤlern. Man braucht jaͤhrlich etliche hundert Wagen Heu, und 60. Zentner werden auf den Wagen gerechnet. In wissenschaft Th. II. Goͤtting. 1779. gr. 8. S. 315. 316. In den Stallungen des Klosters stehen 18. Pferde; 18. Ochsen, wovon im Winter auch einige gemaͤstet werden; ferner 18. Stuͤcke Melkvieh, ohne das Vieh zu rechnen, das auf den Meierhoͤfen ist. Achtzig Schweine braucht man alle Jahre, 80. Schaafe und 200. Kaͤlber, fast in jeder Woche zwei bis drei. Diese alle muß der Kloster- metzger anschaffen. Eigene Schaafe haͤlt das Kloster nicht. Man kan in Schwaben so viel Wolle kaufen, als der Hausgebrauch erfordert. Zwoͤlf bis funfzehn Paar Tauben, und nicht mehr, werden im Kloster ge- halten. Ich hoͤrte es aber ungern, daß auch in diesen bluͤhenden Thaͤlern die Bienenzucht so sehr vernachlaͤs- sigt wird. Einige Patres haben angefangen, sich da- mit in Konventsgarten zu beschaͤftigen. Koͤnnten sich diese Herren besser und wuͤrdiger unterhalten, als wenn sie ein grosses Bienenhaus bauten, Beobachtungen mach- ten, Versuche anstellten, fremde Vorschlaͤge pruͤfen, und sie der Welt mittheilen wollten? Einige Aecker, die dem Kloster zugehoͤren, muͤssen freilich auch schlecht seyn. Denn viele Leute pachten dem Stifte die Aecker ab um die Haͤlfte des Ertrags. Was die innere Ordnung und Einrichtung des Klo- sters betrift, so hat darin Gengenbach freilich viel Ue- bereinstimmendes mit allen andern Kloͤstern; indessen will ich Ihnen einiges davon erzaͤhlen, weil dergleichen Dinge nicht jedermann bekannt sind. Zur gewoͤhnlichen Bedienung des Reichspraͤlaten ist nur Ein Kammer- diener angestellt, sonst aber muͤssen ihm alle Offizianten zu Gebote stehen. Dem Bischoff in Strasburg, und dem Erzbischoff in Maynz zahlen sie nichts, als die Ta- xen fuͤr die Ordines. Der Praͤlat hat mehrere Kreuze, oder oder Pectoralia; er hat ein besendres kostbares mit Steinen besetzt, er darf sich auch neue, wenn er will, an- schaffen. Alle drei Jahre muß der Praͤlat den Aeltesten des Klosters Rechnung ablegen. Zu diesem Concilium Seniorum gehoͤren P. Prior, P. Sub-Prior, P. Gros- keller, und P. Senior vom Konvent. Doch fordert man die Rechnung nicht vom Praͤlaten, wenn man sonst uͤberzeugt seyn kan, daß er ein guter Haushaͤlter ist; aber der P. Groskeller, P. Prior, Kuchenmeister und der Reichspfarrer muͤssen alle Jahre dem Praͤlaten ihre Rech- nung ablegen. Findet er darin Fehler, so werden diese mit Buͤssungen, oder auch mit Absetzungen gestraft. Den Weinverkauf hat der Abt selber unter sich. Dem P. Kuͤchenmeister muß der P. Groskeller das Geld schaffen. Die Kanzlei braucht alle Jahre drei bis vier Ries Pa- pier. Der Kanzleidirektor hat 600. Gulden Geld, und uͤberdies Wein, Fruͤchte, Holz, Brod, Mehl, Milch ꝛc. Mit allen einzelnen Vortheilen hat er allemahl eine Besoldung von 1200. Gulden. Nicht allein der Abt, sondern das Domkapitul nimmt ihn an. Aber die Un- terbedienten werden allein vom Praͤlaten angenommen. Der Sekretaͤr hat 60. Gulden, freie Kost und Wohnung. Alles was mit Messelesen verdient wird, oder was sonst an das Kloster geschenkt wird, zieht der P. Prior ein, und schaft davon Wachs, Federn und Papier an. Eine Messe kostet 20. Kreuzer. Ein Pater, der vom Praͤla- ten auf Reisen geschickt wird, muß fuͤr das ihm mitgege- bene Geld Rechnung thun. Der Prior gibt auch zwi- schen der Zeit Essen und Trinken, wenn es verlangt wird. Jeder Religiose kan gegen einen Zeddel vom Prior beim Kaufmann auf Klosterrechnung so viel Taback holen, als er verlangt. Am Dienstag und Donnerstag gehen alle Patres Patres mit einander spatzleren, und nachher bekommen sie einen Vespertrunk. Doch muͤssen die Fratres darum anhalten. Die Unschlittlichter schaft ein Kaufmann an, mit welchem der Groskeller in Absicht auf den Schoͤpsen- talg einen Akkord getroffen hat. Beim Essen im Kon- vent wird die Bibel, das Jus Canonicum - und wirklich die franzoͤsische Geschichte vorgelesen. An Sonn- und Feiertaͤgen duͤrfen die Patres, die keine Geschaͤfte auf dem Lande haben, nicht spatzieren gehen; statt dessen wird ihnen aber alsdann gestattet, mit einander zu sprechen. Alle Kleidung der Religiosen schaft P. Groskeller an. Jeder bekoͤmmt alle Jahre einen Habit, doch ist auch hierin keine Zeit bestimmt, weil einer mehr zu thun hat, als der andre. Im Winter haben sie allerdings dickere und waͤrmere Kleider. Zwei Hemden bekoͤmmt jeder alle Jahre. Ein Novitius muß, wenn er anders Ver- moͤgen hat, gleich beim Eintritt fuͤr die Kleidung 75. Gulden bezahlen, weil sonst das Kloster, wenn er wieder zuruͤckgeht, verlieren wuͤrde. Stirbt ein Pater, so laͤßt der Prior alles in ein Vestiarium setzen, die guten Stuͤ- cke werden unter die Fratres und Novizen ausgetheilt, die schlechtern bekommen die Armen an der Pforte. So wie einer ein neues Kleidungsstuͤck bekoͤmmt, so muß er auch das alte fuͤr die Armen hergeben. Ist es nicht wahr, daß diese Leute im Kloster, aller Nahrungssorgen uͤber- hoben, blos fuͤr ihre Seele leben duͤrfen, wenn sie nur ernstlich wollen? Man laͤutet ihnen mit der Glocke zum Essen und Trinken, man sorgt fuͤr ihre Bequemlichkeit, fuͤr ihre Kleidung, und hier in Gengenbach haben sie auch mehr, als an andern Orten Gelegenheit, geschaͤftig zu seyn, und wirklich das ehrwuͤrdige Amt der Religion, wozu sie sich bekennen, unter ihren Bruͤdern zu fuͤhren. Ich Ich stieg auch auf den Thurm der Kirche, um die schoͤne Aussicht zu geniessen, die man dort oben hat. Man uͤbersieht das Kitzinger und das Nordracker Thal, so heißt naͤmlich die Gegend bei Zelle. Die Einwohner jenes Thals haben auch ihre alte Privilegien von Kaisern, und es soll daher, wie mir ein Fuͤrstenbergischer Be- dienter aus Doneschingen erzaͤhlte, ganz eine eigene und zum Theil sonderbare Verfassung dort seyn. Auf diesem Thurme haͤngen vier Glocken. Die mittelste ist sehr dicke, und hat doch einen sehr reinen silbernen Ton, wenn man nur mit der Hand daran schlaͤgt. Im Staͤdtchen Gengenbach fuͤhrten die Schuͤler eben als ich da war, eine Komoͤdie auf: Fritzel von Mannheim, oder die ungleiche Vaterliebe. Den Vater machte ein grosser dicker Barbier, der unter einer weisen Leitung ein guter Schauspieler werden koͤnnte. Auch konnte man mit einigen von den Schuͤlern zufrieden seyn. Von Gengenbach reisete ich fort nach dem soge- nannten Prechtthal. So heißt ein Thal, das beinahe zwei Stunden lang, an der Grenze der Vorderoͤster- reich ischen und Fuͤrstenberg ischen Lande, das ehemals mit mehrern andern Thaͤlern in dieser Gegend ein ganzes ausmachte, und ein Reichsfreies Thal war, auch noch jetzt seine eigene Rechte und Gebraͤuche hat, nun aber halb dem Markgraͤflich Baad ischen, halb dem Fuͤrstl. Fuͤrstenberg ischen Hause gehoͤrt, und von diesen Con- dominis so regiert wird, daß der Vorrang, das Recht der ersten Unterschrift, der Vorsitz beim Jahrsgericht ꝛc. zwischen den Baad ischen und Fuͤrstenberg ischen Beam- ten von Jahr zu Jahr abwechselt. Die Religion ist uͤberall uͤberall in diesen Thaͤlern gemischt. Die Leute wohnen einzeln, jeder hat seinen Hof, und um diesen Hof herum liegen seine Aecker, Wiesen, Weideplaͤtze, Waldungen, Saͤgemuͤhlen ꝛc. Bei der Kirche, die den katholischen und lutherischen Gliedern gemeinschaftlich ist, wohnen die beiden Pfarrer, die Schulmeister, ein Wirth, und noch einige sehr wenige Bauern. Die andern Familien lie- gen alle zerstreut hier und da im Walde herum. Das Thal ist etwa eine halbe Stunde breit, zu beiden Seiten ist es mit steilen, aber fruchtbaren Bergen eingefaßt. Auf der einen Seite zieht sich das Thal immer hoͤher und schmaͤler nach Triperg auf dem Schwarzwald zu. Auf der andern Seite faͤllt das Thal immer mehr in das ebne Land herab, oͤffnet sich immer mehr, und laͤuft fort nach Elzach, Waldkirch, Freiburg ꝛc. Der Weg dahin, der einzige, den man von Gen- genbach nehmen kan, ist uͤber ein Dorf Biberach, durch ein andres, Steinach, und von dort nach dem Fuͤr- stenberg ischen Staͤdtchen Haßlach, wo ein Oberamt ist. Ich ritt zwischen lauter fruchtbaren und wohl aussehen- den Feldern hin, und ergoͤtzte mich nicht wenig daran, wenn ich so oft durch die Thaͤler, die jetzt geschlossen zu seyn schienen, und sich ploͤtzlich wieder in das Unendliche oͤfneten, auf die angenehmste Art getaͤuscht wurde. In der Nachbarschaft des Dorfs Biberach sieht man auf einem abscheulich hohen Berge die Ueberbleibsel des alten Schlosses jener ehrwuͤrdigen Grafen von Geroldseck, de- ren letzter Zweig an einen Baad ischen Marggrafen ver- heirathet wurde. Ich erinnerte mich in dem Augenbli- cke an die neue und alte Geschichte dieses Hauses. Wie manches ist doch in der Welt erlaubt, und wird noch mit Zweiter Theil. Z grossen grossen Namen verschoͤnert, das doch gegen alle Gesetze der Billigkeit und Gerechtigkeit streitet! Die Lehrer des Staatsrechts und der Geschichtskunde werden mich hier verstehen. Im Staͤdtchen Haßlach fand ich im Wirthshause zwanzig wallfarthende Personen, die auf dem Ruͤckwe- ge begriffen waren, und hier zusammen ein Fruͤhstuͤck nahmen. Es waren Maͤnner, Weiber, erwachsene Toͤchter und ledige Soͤhne; lauter Vorderoͤsterreich i- sche Unterthanen, aus dem Dorfe Saspach, nicht weit vom Rhein, da wo Turenne erschossen wurde. Sie gestanden mir, daß sie von Marien-Einsiedel kaͤmen, und eine Reise von 55. Stunden gemacht haͤtten. Sie waren schon acht Tage auf der Strasse, und brauchten noch einige Tage, bis sie nach Hause kamen. Da ich sehr wenig rathen wollte, aber doch von fuͤnf bis sechs Gulden sprach, die jedes unter ihnen auf dieser Wallfahrt schon ausgegeben haben wuͤrde, so gestanden sie das sehr gerne zu, und laͤugneten nicht, daß es auch noch groͤssere Kosten machen koͤnnte. Als ich sie um die Ursache die- ser Reise fragte, und ihnen die Thorheit dieser Einbildung, als waͤre das Gebet zu Gott in Marien-Einsiedel kraͤf- tiger als in Saspach, vorstellte, gab mir eine Frau sehr vernuͤnftig zur Antwort: Es kaͤme in solchen Sachen nur auf den Glauben, und auf das eigene Gewissen eines je- den Menschen an. Wenn ich mich auch einmahl dazu in meinem Gewissen verpflichtet faͤnde, so wuͤrde ich auch dorthin gehen. Indem ich dieser Frau wegen ihrem ir- renden, aber doch zaͤrtlichen Gewissen Recht geben muste, so wurde ich auch mit innerm Unwillen uͤber die gewissen- lose Lehrer erfuͤllt, die das gutmuͤthige, lenksame Volk der gemeinen gemeinen Christen immer in solchen falschen und schaͤdli- chen Einbildungen staͤrken, und ihnen ihr Geld bald da, bald dort, bald auf diese, bald auf eine andre schaͤndliche Art auspressen. Es ist nicht moͤglich, daß nicht die Weisen unter ihnen die betruͤbten Folgen solcher blinden Ceremonien einsehen sollten. Wenn aber sie und ihre Untergebene gleichwohl nicht aufhoͤren, das Spiel im- mer fortzusetzen, und ganze Schwaͤrme von Leuten aus ihren Haͤufern wegzujagen, um in einer entfernten Ka- pelle zu beten, und unterdessen, daß das Hauswesen ver- saͤumt, die Kinderzucht vernachlaͤssigt, und das sauer erworbene Geld auf die allerunnuͤtzeste und unbesonnenste Weise ausser Landes verschwendet wird, auf dem Wege, in Scheuren und Stallungen, und uͤberall, wo man um des Regenwetters willen liegen bleiben muß, im heiligen Muͤssiggang und der innigen Vertraulichkeit, die aus langen gemeinschaftlich gemachten Reisen entsteht, alle moͤgliche Ausschweisungen und Wolluͤste zu treiben; wenn die Lehrer der Kirche das und manches andre, das hierbei in Betrachtung kommen muß, nicht bald einsehen wol- len, so muͤssen wir freilich fuͤr das Beste der Menschheit wuͤnschen, daß Gott den Monarchen, den er dazu be- stimmt zu haben scheint, fromme Weisheit uͤberall lehren zu lassen, und das Ungeheuer der Intoleranz zu verjagen, mit Klugheit und Macht ausruͤste, und ihn auf seinem Kaiserthron schuͤtze und befestige, bis der Irrthum ge- stuͤrzt und die Priesterherrschaft zu Boden geworfen seyn wird. Aus dem Taumelkelch, der in Marien Ein- siedel geschenkt wird, trinken gar viele. Vielleicht ist es in dieser ganzen Gegend die staͤrkste Wallfahrt. Z 2 Nur Nur eine Viertelstunde von Haßlach entfernt, liegt das Dorf Muͤhlbach, das seinen Namen von einem kleinen Wasser hat. Dieser Ort ist wenigstens eine klei- ne halbe Stunde lang, besteht auch groͤßtentheils aus einzelnen Hoͤfen und zerstreuten Haͤusern, die an steilen Felsen haͤngen. Vor den Haͤusern laͤuft nur ein schmaler steinichter Weg, der fuͤr den Reiter beschwerlich genug zu machen ist. Wenn er aber zuruͤckgelegt ist, dann rei- set man uͤber eine Stunde durch die angenehmsten Ab- wechselungen von Bergen und Thaͤlern, die ich Ihnen nicht beschreiben kan. Es war eben Vormittag um 10. Uhr, als ich mit meinem Wegweiser durch die fuͤrchter- lich schoͤnen Wege wanderte, und die Sonne trat eben hinter dunkeln Wolken hervor, und erleuchtete die Ge- gend, als wenn sie mir mit dieser Pracht der Natur ein Vergnuͤgen machen, und mich locken wollte, mehrmals hieher zu kommen. Ich war bald auf einer schauderhaf- ten Hoͤhe, bald wieder in einem stillen, ruhigen Thale. Gute freundliche Bergbewohner fand ich uͤberall, und friedliche Huͤtten standen hie und da herum. Das Vieh kletterte an den steilsten Hoͤhen; das Laub der Waͤlder hatte schon allerlei Farben, und vergnuͤgte das Auge. Wasser, so klar und hell, daß Mann und Roß mit Her- zenslust davon tranken, flossen vor meinen Fuͤssen hin. Die ganze Gegend kam mir so romantisch vor, daß ich mir es fest vornahm, einmal in meinem Leben, wenn einer meiner Zuhoͤrer Prediger im Prechtthal seyn wuͤr- de, hieher zu reisen, im schoͤnsten Sommermonat hier einen Brunnen zu trinken, und an manchem Morgen in diesen praͤchtigen Gegenden spazieren zu reiten. Zuletzt war ich auf der Hoͤhe bei einem Kreuz. von dem man mir gesagt hatte, und sah von da hinab in das Precht- thal, thal, wo stille Huͤtten so schoͤn und ruhig da standen. Voll Bewunderung dieser Naturszene stieg ich vom Pfer- de, sah lange im Glanz der Mittagssonne nach allen Ge- genden des Thals hin, lies das Pferd fuͤhren, und ging den Berg zu Fusse hinab, mit dem innigen Wunsch, daß, wenn ich auch mein Leben in Staͤdten beschliessen sollte, es mir doch so gut kommen moͤchte, von Zeit zu Zeit auf das Land zu kommen, und die schoͤne Natur zu geniessen. Im Prechtthal hielt ich mich einige Zeit auf, be- suchte einen von den groͤßten Hofbauern, und nahm ihn uͤber seine Landwirthschaft zum Protokoll. Der Mann wußte gar nicht, was er dabei denken sollte; er meinte, die vornehmen Leute und Herren bekuͤmmerten sich nicht um das. Ich will Ihnen aber doch einiges aus diesen Papieren erzaͤhlen. Im Winter ist im Prechtthal nicht laͤnger, als von halb acht Uhr des Morgens bis vier Uhr Nachmittags Tag. An einigen Orten stossen die Berge von beiden Seiten fast zusammen, so daß beinahe kein Thal dazwischen ist. Die Winterseite ist merklich kaͤlter, als die Sommerseite. Jene wird oft im Winter kaum zwo Stunden von der Sonne beschienen. Die Leute bauen wegen der heftigen Winde lauter hoͤlzerne niedrige Haͤu- ser mit strohernen und sehr weit herabhaͤngenden Daͤchern. Wenn hier ein Bauer nicht 30 — 33. Stuͤck Vieh halten kan, so heißt er kein grosser Bauer. Wer 18, 22, 24. Stuͤcke hat, der ist ein mittlerer Bauer; die klei- nen haben nur 12, 15, 18, und nach diesem Viehstand wird ihnen auch die Schatzung, oder die Abgabe an die Herrschaft bestimmt. Sie lassen die Hoͤfe nicht theilen, sondern der Erstgebohrne bekoͤmmt ihn, der heißt der Z 3 Hof- Hofbauer, und die andern Geschwister sind meistens sei- ne Sklaven Die Bauern sind solche rohe Naturmenschen, daß ei- ner einmahl zum Pfarrer kam, die Geburt seines er- sten Sohnes anzeigte, sich aber dabei vom Pfarrer recht ernstlich ausbat, er sollte ihm diesen Buben rechtschaffen, d. h. stark, vollstaͤndig taufen, dann dieser muͤßte nach seinem Tode den Hof haben! . Die Ehen sind fruchtbar, und die Leute werden alt. Koͤstliches Trinkwasser ist hier uͤberall, im Sommer sind manche Brunnen eiskalt, und im Winter sind sie so warm, daß sie nicht gefrieren. Die Leute trinken alle Bergwasser, und man sieht doch keine Kroͤ- pfe. Die Witterung ist sehr abwechselnd. Schrecklich ist die Hitze im Sommer; oft faͤllt schon um Michaelis Schnee. Die Bauern sind es gewohnt, immer Ofen- waͤrme zu haben; sie kochen alles im Ofen, und koͤnnen die schrecklichste Hitze aushalten. Hasen sind hier in gros- ser Menge vorhanden, und werden nach Strasburg verkauft. Die Maͤnner machen hoͤlzerne Uhren, und die Weiber und die kleinsten Kinder lernen alle von Ju- gend auf Strohhuͤte flechten, aus weissem und feinem Roggenstroh. Jeder Bauer braucht alle Jahre einen Strohhut, aber viele tausend werden nach der Schweiz verkauft. Indem sie unterweges sind, betteln, und den Rosenkranz beten, flechten sie immer Stroh. Auf den steilsten Bergen wird Frucht gebaut, aber in trockenen Jahren bekommen sie oft blos die Saat. Sie brennen Kohlen, verkaufen Bauholz, Dielen, Planken, Latten ꝛc.; daher sind an der Elz gar viele Saͤgemuͤhlen erbaut. In gar vielen Haushaltungen wird aus rothen und schwarzen Kirschen Kirschwasser gebrannt. Die Leute trinken dieses statt statt des Weins Glaͤser- und Schoppenweise. Aus zu- sammengestampften, und in Gaͤhrung gebrachten Birnen machen sie einen Brandtewein. Im Oberthal machen sie aus Ahorn hoͤlzerne Schuh und Pantoffeln, und ver- kaufen was sie nicht brauchen. Ihre Wiesen tragen mei- stens ein Gras, das besser ist, als an andern Orten der Klee. Es gibt Stellen, die viermahl im Jahre abge- huͤtet werden koͤnnen. Nach dem zweiten Heumachen haben sie uͤberall noch die Herbstweide. Sie brennen kein Oel, sondern haben statt dessen in allen Haͤusern Lichtspaͤne, die sie selber im Winter auf einem Stuhle, wozu drei Menschen gehoͤren, schneiden, und auch in Handel bringen. Erstaunlich viel Milch, Butter und Kaͤse wird gegessen. Die Schweine ringeln sie im Win- ter einfach, oder doppelt, weil sie sie bis im April herum- laufen lassen. Alle nuͤtzliche und noͤthige Handwerker sind im Thal, aber freilich muß man oft weit laufen, bis man den Handwerksmann erreicht. Der Schulz im Thal hat einige Gewait, und heißt der Thalvoigt. Die Leute sind langsam, schwerfaͤllig, haben einen versteckten Stolz, sind gerade solche Reichsthaͤler, wie die Reichs- staͤdter, bilden sich gewaltig viel darauf ein, daß sie hier wohnen, und nicht anderswo, und muͤssen mit vieler Klugheit behandelt werden. Die Weibsleute tragen alle sehr kurze Roͤcke, die nur wenig uͤber das Knie herabge- hen, und kaum die Waden erreichen. Die Regierung hat schon mehr als einmal strenge befohlen, daß sie die neuen Roͤcke bis auf den Knoten am Fuß machen sollten. Aber sie beh au pten, daß sie mit den kurzen Roͤcken auf den Bergen besser arbeiten und fortkommen koͤnnen, und lassen es sich nicht wehren. Mir ward auf dem Hofe des Bauern mit Honig, Butter, Kaͤse und Kirschen- Z 4 wasser wasser aufgewartet. — Doch vielleicht habe ich Ihnen schon zu lange von diesen Prechtthaͤler Bauern erzaͤhlt. Ihre besondre Landwirthschaft gehoͤrt freilich mehr in die Topographie meines Vaterlandes, als in die Geschich- te dieser Reise. Also muß ich Sie wieder in eine Stadt fuͤhren. Aus dem Thal wegzukommen, ritt ich immer an der Elz, die hier entspringt, fort, und bewunderte ihren krummen und wandelbaren Lauf. Ich kan Ihnen nicht sagen, wie oft man uͤber eine Elzbruͤcke muß in kurzer Zeit. Es vergeht beinahe kein Jahr, so entstehn von diesem Wasser fuͤrchterliche Ueberschwemmungen. In den an sich engen und schmalen Wegen liegen Felsbrocken, und grobe, wuͤste Steine, die das Wasser herbeigefuͤhrt hat, in grosser Menge. Man zeigte mir den Ort, wo die Elz noch vor kurzer Zeit eine katholische Kapelle zer- stoͤrt hat. In einer Nacht waͤchst sie oͤfters zu einer un- begreiflichen Hoͤhe, und thut auf dem ebnen Lande, wenn sie uͤber die Wiesen laͤuft, oder die Weideplaͤtze uͤber- schwemmt, auf welchen man meistens um die Zeit des Anlaufens Hanf zum Trocknen und Bleichen aufgestellt hat, der alsdann vom Wasser entweder fortgefuͤhrt, oder doch unter einander geworfen und verdorben wird, gros- sen Schaden. Nicht weit von meinem Geburtsorte, Koendringen in der Marggrafschaft Hachberg, ver- einigt sich die Elz mit der Treysam, und faͤllt hernach mit ihr in Rhein. Angenehm ist es, zwischen den einzelnen Hoͤfen, die bald mehr, bald weniger von einander entfernt sind, durchzureiten. Die Leute essen alle gewaltig viel Brod. Auf einmahl verbackt man oft in einer mittelmaͤssigen Fa- milie milie acht, neun bis zehn Sester Mehl, und in acht Tagen ist das alles aufgegessen. Brod, Grundbirnen und Milch ist die taͤgliche Nahrung dieser Leute. Sonderbar ist es, daß in diesen Huͤtten das Brodbacken mehr die Sache des Mannes, als der Frau ist. Hier ist es durchgaͤngige Gewohnheit, daß der Mann den Ofen ein- heitzen, kneten, Teig machen, Laibe formiren, und ein- schieben muß. Und auch dieses Geschaͤft, so wie jedes andre auf dem Felde und im Hause, verrichten sie in ih- ren groben hoͤlzernen Schuhen. Es ist kein Haus, wo nicht eine hoͤlzerne Uhr von denjenigen, die auf dem Walde selbst gemacht werden, vorhanden waͤre. Es ist natuͤrlich, daß die Leute auf diese Art von Beschaͤftigung gefallen sind, da sie alle ein- sam wohnen, und die Kirchenuhr nicht hoͤren koͤnnen. In der Woche haͤlt der Lutherische Pfarrer Betstunde, wenn der Schulmeister meldet, daß einige Wenige in dieser Erwartung beisammen waͤren. Denn, wer hoͤrte es, wenn er allemahl an den sonst uͤblichen Tagen wollte laͤuten lassen? Am Ende des eigentlichen Prechtthals ist das Staͤdtchen Elzach, das sehr nahrhaft ist. Nur wenige Schritte vorher koͤmmt man zu dem Ladhof, oder zu dem Hauptwirthshaus im Prechtthal, wo die wechsel- seitigen Beamten absteigen, und die Geschaͤfte vorgenom- men werden. Das Koͤstlichste, was man im Precht- thal essen kan, das sind die kleinen schwarzen Forellen, die man in den Bergwassern so haͤufig findet. Unter der Haut haben diese Fische ein aͤusserst zartes, weiches und schmackhaftes Fleisch, das in einer Butterbruͤhe dem Z 5 muͤden muͤden Wanderer, der von Gebuͤrgen koͤmmt, treflich behagt. Mit dem Staͤdtchen Elzach sind Sie wieder in die vorderoͤsterreichischen Lande gekommen, und nun fuͤhrte mich die Strasse durch Ober und Niederwinden, nach dem Doͤrfchen Colnau, und endlich nach Waldkirch. Dieser Weg, der einige starke Stunden ausmacht, hat ungemein viele Schoͤnheiten und Abwechselungen. Einige Thaͤler sind unbeschreiblich schoͤn, und hie und da eine Aussicht zwischen den Bergen nach den entferntern Ge- genden des Schwarzwaldes, nach dem sogenannten Simonswald ꝛc. hin, die mir am fruͤhen Morgen im- mer angenehmer wurde, je mehr die Sonne auf das Thal wirkte und die Nebel zertheilte. Waldkirch ist eine kleine Stadt an der Elz, die ihren Namen mit Recht fuͤhrt, denn hinter der Stadt ist lauter dicker, schwarzer Wald, der nach dem Gloder- thal, und weiter hinauf auf die Gebuͤrge des Schwarz- waldes hinlaͤuft. Das Wichtigste in der ganzen Stadt, und auch die Ursache meiner Reise hierher ist das Bohren und Schleifen der Granaten und die Krystallarbeiten, die hier, so wie in Freiburg, gemacht werden. Es ist der Muͤhe werth, daß ich Ihnen davon etwas erzaͤhle, um so mehr, da schoͤne, grosse, helle und feingeschliffene Granaten noch immer zum Schmuck unfrer Schoͤnen gehoͤren. Es sind gegenwaͤrtig in Waldkirch 28. Muͤhlen, oder Granatenschleifen angelegt. Die Arbeiter machen eine eigene Zunft aus, hundert und vierzig Meister wa- ren jetzt in der Stadt. Die rohen Granaten kommen alle aus Boͤhmen, wo sie an verschiedenen Orten, bei Collin, Collin, und besonders auf den Graͤflich Hatzfeldischen Guͤtern gefunden werden. Die Leute, die sie zuweilen selber bringen, wissen weiter nichts von ihrer Gewinnung zu erzaͤhlen, als daß sie im Gestein steckten. Man gra- be, sagen sie, diese Steine aus, lasse sie klein stossen und zerklopfen, alsdann leite man Wasser uͤber das Ge- mengsel, dadurch wuͤrden die Granaten herausgewaschen, und diese lasse man durch Kinder aufsuchen, und sam- meln. Eben so brauche man kleine Kinder dazu, wenn durch starken Regen oder grosses Wasser die Granaten im Berge selber herausgeschwemmt werden. Bei Ueber- sendung der rohen Granaten zahlen die Boͤhmischen Her- ren Porto und Zoll. Wie das Bohren und Schleifen der boͤhmischen Granaten nach Waldkirch gekommen ist, ist unbekannt. So viel weis man, daß man hier eher Achate und Krystalle geschliffen hat, als Granaten, und auf die Anlegung jener Schleismuͤhlen verfielen ver- muthlich gescheidte Koͤpfe, welche die Armuth des Volks, und die Duͤrftigkeit des Bodens hier einsahen. Unsre Achatschleife im Sponheimischen ist ebenfalls in einer rauhen Gegend angelegt. Doch werden jetzt hier keine Achate mehr geschliffen, nur Granaten und Krystalle. Wenn rohe Granaten ankommen, so werden sie Pfund- und Lothweise gewogen, damit man ihren Werth bestim- men kan. Gehen dreihundert Granaten auf ein Loth, so gilt das Pfund nur zwei Reichs-Gulden. Es gilt aber drei und einen halben Gulden, wenn nur 250 Gra- naten auf ein Loth gehen. Braucht man gar nur zwei- hundert Granaten auf ein Loth, so gilt das Pfund 6. bis 8. Gulden. Wenn sie aber so leicht sind, daß man vier- hundert Granaten zu einem Loth haben muß, so ist das Pfund nicht mehr als dreissig Kreuzer, auf das hoͤchste, wenn wenn sie sehr schoͤn sind, sechzig Kreuzer, oder einen Gulden werth. Wenn tausend geschliffene und gebohrte Granaten ein Pfund wiegen, so haͤlt man diese fuͤr die besten. Nachdem die Probe mit Waͤgen und Zaͤhlen der rohen Granaten gemacht worden ist, so werden sie tau- sendweise an die Meister verkauft. Sie kommen in Saͤ- cken und Kisten Zentnerweise an. Es gibt tausend Stuͤ- cke, die nicht mehr als vier Loth wiegen, und gibt Tau- sende aller Art, deren Gewicht zwischen vier und zwei und dreissig Loth faͤllt. Ich sah gerade Granaten schlei- fen, wovon Tausend nur achtzehn Loth schwer waren. Ehe sie aber geschliffen werden koͤnnen, muͤssen sie gebohrt werden. Bei dieser Arbeit, die in Haͤusern, in jeder Wohnstube, neben allen andern haͤuslichen Geschaͤften geschehen kan, werden sie erst mit einem grossen und sicht- baren Diamanten angebohrt. Das ist insgemein die Sache des Vaters, des Mannes, oder doch eines star- ken Knaben, weil dazu einige Gewalt gehoͤrt. Hierbei wird die Granate umgekehrt und auf beiden Seiten ange- bohrt. Jede muß einzeln vorgenommen und in die klei- ne Maschine, die auf dem Tische liegt, damit sie unter dem Druck nicht ausweiche, eingezwaͤngt werden. Das voͤllige Durchbohren der angebohrten Granaten geschieht meistens von jungen Maͤdchen, die einen Stift, in wel- chen zwei kaum sichtbare Diamantstuͤcke eingesetzt sind, in der Hand haben, ihn in die festgemachte Granate, da wo sie angebohrt sind, einsetzen, und nun diesen Stift, vermittelst eines kleinen Bogens und anderer geringer Maschinen, so lange herumtreiben, bis die Granate von oben herab ganz durchgebohrt ist. Tausend, auch 1200 Granaten von mittlerer Groͤsse und Art werden in Einem Tag angebohrt. Durchgebohrt koͤnnen nur 4. oder 600. werden, werden, je nachdem sie gros oder klein sind. Weil man durchaus Diamanten zum An- und Durchbohren der Granaten haben muß, so ist dies eine viel kostbarere Ar- beit, als das Schleifen. Der Karat von den dazu uͤbli- chen Diamanten gilt zwei Reichsgulden. Ein guter Dia- mant kan in der Hand eines vernuͤnftigen Arbeiters ein Jahr dauren, manche springen aber entzwei, wenn man sie kaum ein Vierteljahr gebraucht hat. Die gebohrten Granaten werden geschliffen, damit sie die Seiten, Flaͤchen, Facetten, kurz die Abtheilun- gen, die Spiegel und den Glanz bekommen, den sie ha- ben sollen. Dazu sind vor den Thoren der Stadt, weil man dabei dem Wasser nahe seyn muß, viele kleine nie- drige Haͤuser erbaut, und in jedem ist eine Schleifmuͤhle. Ein Wasserrad mit Schaufeln, das von der Elz getrie- ben wird, treibt eine Daumwelle; an diesen Baum sind 4. grosse rothe Sandsteine befestigt, mit der Daumwelle muͤssen auch diese herumlaufen; vor den Sandsteinen liegt der Arbeiter, nicht ganz auf dem Boden, wie beim Achatschleifen im Sponheimischen, sondern mit der Brust liegt er erheben auf einer Art von hohlen, ausge- schnittenen Stuhl. Indem der Sandstein herumgetrie- ben wird, laͤuft aus einem Kanal auch immer etwas Wasser auf den Stein. Nun nimmt der Arbeiter einen hoͤlzernen Stiel in die Hand, der etwas laͤnger ist als eine Spanne, hinten dicker zum Anfassen, und vorne zugespitzt. Dieser hoͤlzerne Stiel, der blos deswegen noͤthig ist, weil die Granate zu klein ist, als daß man sie mit der Hand fassen und schleifen koͤnnte, (der Achat- schleifer muß den Achakiesel selber in die Hand nehmen,) ist hohl; der Arbeiter steckt durch diesen hoͤlzernen Kanal einen einen Stift von Eisendrath, etwas dicker gemeiniglich, als eine starke Strickenadel; auf die aussen hervorstehende Spitze des Eisens steckt er Eine Granate, denn mehrere zugleich kan er nicht schleifen; damit sie nicht wieder her- abfalle, druͤckt er die in ihrer gebohrten Hoͤhlung aufge- steckte Granate in einem Stuͤck gelben Leders, das er neben sich liegen hat, fest, legt sich nun auf seinen Stuhl und schleift. Die Sandsteine werden auf der Achse hie- her gebracht von Heimbach und Tennenbach in der Marggrafschaft Hachberg. Einer kan 24. auch 26. Gulden kosten, und wenn die Schleismuͤhle nicht oft stil- le steht, waͤhrt er doch kaum ein Jahr. Man kan nie mehr als 4. Sandsteine neben einander stellen, und mit einander herum laufen lassen, well sonst ein Arbeiter dem andern im Lichte stuͤnde, und helle muß es bei dieser Ar- beit seyn. Als ich mich daruͤber wunderte, warum man nicht lieber einige grosse Gebaͤude, lang und schmal, mit vielen Raͤdern und Steinen in einer Reihe aufgesuͤhrt haͤtte, als so viele kleine einzelne Muͤhlen, erzaͤhlte man mir einen Versuch, den man nur mit fuͤrf Steinen neben einander angestellt hatte, und der nicht gelingen konnte, weil der Arbeiter in der Mitte bei dieser Einrichtung nichts mehr sah. Die Sandsteine springen auch zuweilen in der Mitte ploͤtzlich entzwei. Man zeigte mir solche Stuͤ- cke von einem Stein, der von sich selber unvermuthet zer- brach. Ueberhaupt ist das Schleifen ein gefaͤhrliches Handwerk fuͤr den Arbeiter. Wenn er 30. bis 40. Jahre alt ist, ist er insgemein blind, kan in das Elend gehn und betteln. Beim Schleifen kommt alles darauf an, daß der Arbeiter die Granaten gehoͤrig in Rauten abthei- le. Er muß es im Kopfe machen, und mit den Augen abtheilen. Den Anfaͤngern zeigt man es an schon ge- sprun- sprungenen, an halben oder Viertels-Granaten. Man laͤßt sie auch nur an den schlechtesten die Probe machen. Die kleinste Zahl der Seiten oder Facetten ist sechs. Man schleift 12, 16, aufs hoͤchste 32. Seiten daran. Ein geschickter Arbeiter schleift in einem Tage 1000. Granaten, auch 1100, je nachdem mehr oder weniger Facetten dar- an seyn sollen. Dafuͤr ist sein Tagelohn nur 18. Kreu- zer. Bei diesem Schleifen springen viele Granaten ent- zwei, oft vom Hundert 28. bis 30. Stuͤcke. Wenn sie geschliffen sind, werden sie gleich von Weibsleuten, die auch in der Schleife sitzen, mit Trippel auf einer runden Scheibe polirt, und alsdann sieht man erst das Feuer, womit sie spielen, und den herrlichen Glanz, den sie von sich werfen. Die Meister der Schleifer fassen sie auf, Taufendweise an Faͤden von tuͤrkischem Garn. Wer im Ort ein Taufend kauft, dem werden sie noch auf Seiden- faͤden aufgezogen. Auch fuͤr 5. Gulden kan man ein ar- tig geschliffenes Tausend haben, aber auch Tausend fuͤr 6, 8. und mehrere Louisd’or. Von Waldkirch und Freiburg gehen sie in die ganze Welt. Man bestellt insgemein, wann, wie viel, wie gros, und wie geschlif- fen man sie haben will. Nach Italien, Frankreich, und nach der Tuͤrkei gehen gar viele. Auch haben die Fabriken guten Absatz auf der Frankfurter und Zur- zach er Messe. Ein Mann hat selten eine Schleife al- lein, oft haben ganze Familien an Einer Theil. Daß der Absatz seit ungefaͤhr zehn Jahren sehr abgenommen hat, daruͤber klagen die Meister nicht sowohl die Mode, als vielmehr die waͤlschen Faktore in Freiburg an, und sagen ihnen nach, daß sie oͤfters Bestellungen abweisen, oder zuruͤckhalten, um die Granaten immer in einem nie- drigen Preise zu erhalten. Ehemals mußten alle Arbei- ter ter schwoͤren, daß sie sich nirgends anderswo festsetzen oder niederlassen wollten, als hier oder in Freiburg. Aber mit Huͤlfe eines aus Freiburg davon gelaufenen Schlei- fers soll ein Graf in Boͤhmen eine Schleife haben bauen lassen. Ob die Sache ihren guten Erfolg hatte, weis ich nicht. Nur das muß ich Ihnen noch sagen. Die Leute in diesen Muͤhlen waren nun alle in der groͤßten Un- ruhe, weil das Geruͤchte ging, daß Ihro Majestaͤt, der Kaiser, die Ausfuhre der rohen Granaten aus Boͤhmen verboten haͤtten. Sollte sich das bestaͤtigen, so ist zu wuͤnschen, daß eben dieser geliebte und angebe- tete Monarch, wenn er den Boͤhmen ihre einheimischen Schaͤtze der Natur lassen will, auch seinen Unterthanen am Fuß des Schwarzwaldes andre Nahrungsquellen eroͤfne, damit nicht etliche hundert Familien ploͤtzlich an den Bettelstab gerathen. Und sollte sich diese schoͤne Ar- beit in diesen Gegenden wieder ganz verlieren, und der Granatenhandel einen andern Weg nehmen, so ist es mir um so angenehmer, daß ich alles noch zu rechter Zeit gesehen habe. Der Bergkrystall, der hier verarbeitet wird, kommt aus der Schweiz, und wird auf eben die Art, wie die Granaten geschliffen. Man macht Kleiderknoͤpfe, Stock- knoͤpfe, Triangel, Prisma, Pettschafte, Kelche, Kir- chenlampen, Kronleuchter ꝛc. daraus, in der Stadt sind ganze Magazine davon, und der Handel wird mit den Granaten zugleich getrieben. Vielleicht setzen einige diese Arbeit fort, wenn keine rohe Granaten mehr zu haben sind. Oft wuͤnsche ich, immer einer solchen Muͤhle nahe zu seyn. Wie manchen schoͤnen Kiesel, den ich am Wasser und auf der Strasse finde, wuͤrde ich an- schleifen, schleifen, und mir in kurzer Zeit eine praͤchtige Samm- lung von inlaͤndischen und wohlfeilen Schoͤnheiten ver- schaffen! Von Waldkirch ritt ich durch einige Hochberg ische Doͤrfer, z. E. Denzlingen, Gundelfingen, um wie- der auf die gerade Strasse zu kommen, die nach der Schweiz zulaͤuft. Sie fuͤhrt durch Freiburg wo ich mich jetzt nicht aufhielt, um so weniger, da mein Freund, der einzige, den ich in der Stadt besuchen wollte, nicht zu Hause war. Von Freiburg ritt ich noch eine Sta- tion fort nach Grozingen, und fand unterweges die Oberlaͤnder Bauern uͤberall stark mit ihrem Herbst be- schaͤftigt. In Wolfenweiler (Oberamts Baaden- weiler ) hat man meistens weisse Weine, weil sie lau- ter Mostrauben haben, keine rothe, und keine Ebertrau- ben, indem sie blos auf die Menge des Weins sehen. Die Schwaben und sogenannte Waͤlder kaufen ihnen diesen Wein meistens ab, sie verlangen aber, daß der Wein gelber seyn soll; daher thun sie auch, was an so vielen Orten in der Welt, im Grossen und im Kleinen geschieht, sie lassen Zucker uͤber dem Feuer schmelzen, und thun ihn in den Wein. Man rechnet auf Ein Saum Wein Ein Pfund Zucker. Wenige Tropfen vertheilen und ziehen sich im ganzen Fuhrling herum. Die Marg- graͤflich Baad ische Unterthanen lernen diese Kuͤnste von den Einwohnern des Schwaben landes. Denn die Schwaben treiben das ungescheut, und faͤrben gleich im Baad ischen Wirthshause den Wein, den sie gekauft ha- ben. Sonst ist der Wein hier so gut, daß man schon zweijaͤhrigen Wein insgemein als einen sehr guken Wein Fremden vorsetzen kan. Und heuer galt das Maas vom zweijaͤhrigen Wein in Wolfenweiler nicht mehr als Zweiter Theil. A a 16. Kreuzer 16. Kreuzer. Das ist einer von den Landweinen, die Sr. Majestaͤt der Kaiser bei Ihrer Durchreise durch das Land, allen fremden Weinen vom Rhein, von der Mosel, aus Ungarn ꝛc. vorzogen, und so lange Sie im Lande waren, mit grossem Beifall beehrten. In Grozingen trieb man am Abend eine Heerde von 300. Schaafen ein, die lauter Einschuͤrige waren. Der Ort ist Oesterreichisch und hat auch einige blaue Wollen-Manufakturen. Ich fand da, daß die Maͤuse auch stark an den getrockneten Stockfischen fressen, die von den Katholicken in Kellern gehalten werden. Im- mer waren jetzt die blauen Gipfel der Berge auf der lin- ken Seite mit Wolken bedeckt. Sieht man das, so kan man mit optischer Wahrheit sagen: Die Wolken ruhen auf den Gebuͤrgen. Regen und Sonnenschein wechseln auch hier oft in Einem Tage gar vielmahl ab, und Frei- burg ist ohnehin die bekannte Wetterscheide im Breis- gau. Die meisten Voͤgel waren nun (den 19. Sept.) schon vom platten Lande weg. Noch vor drei Tagen war das Vieh gewaltig von Insekten geplagt, weil aber ge- stern in diesen Gegenden ein starkes Donnerwetter ausge- brochen, so waren die meisten Insekten ebenfalls weg, und die Luft war abgekuͤhlt; am fruͤhen Morgen, als ich die Reise fortsetzen wollte, war die Kaͤlte schon merklich. Weil auch das Laub in den Waͤldern schon sehr gelb und roth war, so weissageten die Bauern alle fruͤhe Kaͤlte. Aber sie betrogen sich doch. Denn, bis jetzt in der Mitte des Novembers, da ich dies schreibe, haben wir keinen Winter, sondern die gewoͤhnliche Nebel, dicke Lust und die regnerische Jahrszeit gehabt, wodurch der November bei uns insgemein eben so unangenehm als ungesund wird. Einmahl Einmahl fand man am Morgen duͤnnes Eis in den klein- sten Graͤben, das aber zerschmolz, so bald die Sonne hervortrat. Den andern Tag war ich in Muͤllheim, und ruhte unter guten Freunden aus. Es ist das ein sehr grosser und ansehnlicher Flecken, der in manchem Lande gar eine huͤbsche Stadt heissen wuͤrde. Alle herrschaftliche Be- diente fuͤr das Oberamt Badenweiler wohnen hier, und man genießt die herrlichen Schaͤtze der Natur in der Ru- he auf dem Lande, und in der gluͤcklichen Entfernung von der Eitelkeit der Stadt, und dem Laͤrm vieler muͤssiger Menschen, hier vielleicht besser, als an vielen andern Or- ten. Der Oberamtmann sagte mir, daß er Hofnung habe, in diesem Jahre die zweite reife Traube zu bekom- men. Wenigstens war sie schon ganz ausgewachsen, und faͤrbte sich bereits. Ich sprach davon bei Tisch mit dem P. Groskeller aus dem Kloster St. Peter, der eben auch wegen Geschaͤften in der Kanzlei hier war, und er versicherte mir, daß er auch auf den Aeckern seines Klo- sters, das doch ziemlich hoch und kalt liegt, den Fall er- lebt haͤtte, daß in Einem Sommer zweimahl Flachs ge- wachsen sei. Der zweite Flachs ward nicht ausgesaͤet. Er wuchs nur vom ausgefallenen Saamen auf, und ward wieder voͤllig zeitig. Bei guten Freunden verrauscht ein Tag sehr schnell. Zwei von ihnen begleiteten mich am folgenden Morgen bis auf die Probstei Buͤrglen, die schon dem Fuͤrsten von St. Blasien gehoͤrt, und die Gefaͤlle und Zehenden, die das Kloster in der Gegend hat, einziehen muß. Sie liegt auf einem hohen, fast unzugaͤnglichen Berge, der hinter Feldberg und Obereggenen in die Hoͤhe steigt. A a 2 Schreck- Schrecklich ermuͤdend, gefaͤhrlich und muͤhsam fuͤr Men- schen und Thiere sind oͤfters die Wege in diesen bergigten Gegenden. Das Colchicum autumnale L. oder die Zeitlose bluͤhte schon in der Mitte des hohen Berges; der Arzt in Muͤllheim versicherte mir aber, daß sie schon vor drei Wochen gebluͤht habe. Schliessen Sie daraus auf die Hoͤhe dieser Berge. Im platten Lande bei uns bluͤht die Zeitlose oͤfters erst im Dezember, auch wohl erst um Weinachten. Als wir weiter hinkamen, fanden wir an den Felsen das herrliche Bluͤmchen, Euphrasia officinalis L. War es gleich fuͤr uns kein besondrer Augentrost, so war es uns doch eine angenehme Augen- weide, und ich habe lange ein kleines Straͤuschen davon auf dem Hute getragen. Wir hatten endlich die Hoͤhe erstiegen und kamen gegen Mittag auf einen gebahnten Weg, der uns in die Probstei fuͤhrte. Zum Ungluͤck fuͤr uns war der P. Probst nicht zu Hause, und ich verlor also das Vergnuͤgen, einen geschickten und fleissigstudi- renden Mann, der sein Otium auf die edelste Art an- wendet, kennen zu lernen. Im Katalogus der saͤmtli- chen Glieder des Stifts St. Blasien, den ich nachher aus der gnaͤdigen Hand des Fuͤrsten erhalten habe, heißt dieser wuͤrdige Mann: P. Fintanus Linder , Zellensis Acron. Er hat bei Wohlern in Ulm eine hebraͤi- sche Grammatik drucken lassen, und arbeitet gegenwaͤr- tig, wie man mir sagt, an einem noch schwerern Werke. Seiner Abwesenheit ungeachtet wurden wir von dem Hausmeister mit aller Hoͤflichkeit empfangen und so be- wirthet, daß wir den Schweis, den wir waͤhrend dem Bergsteigen vergossen hatten, nicht bereuten. Wir gin- gen erst auf der Probstei herum, und nahmen alles in Augenschein. Ein kleiner niedlicher Garten ist um das Haus Haus herum angelegt. Doch bemerkte ich, daß auch auf dieser Hoͤhe, wo die Kaͤlte sehr scharf ist, und noch in die- ser Jahrszeit kleine Gartenschnecken im Garten das Kraut so ganz kahl frassen, daß es wie Besenreisig da stand. Der Probst hat, weil er einsam wohnt, einen Karpfenteich, und tiefer, unter diesem Teiche, noch einen Aalteich angelegt. Weil man aber das Wasser aus ei- nem Teiche in den andern lassen kan, so geschah es, daß doch einmahl durch den Ablaß junge Karpfen in den Aal- teich kamen, und von den Aalen gefressen wurden. Das kan den Landwirthen zur Warnung dienen. Noch tiefer unten ist ein Kabinettchen angelegt, wo man sich mit dem Maisenkloben ein Vergnuͤgen machen, und mit dem Fern- rohre die grosse und weite Aussicht geniessen kan. Unter diesem Kabinettchen, wo es auch Freude seyn muß, im Sommermorgen zu lesen, oder die Natur zu studiren, ist noch ein tiefes und geraͤumiges Wasserbehaͤltnis, das zu- gleich als Badkasten dienen kan. Ausser dem Schreiber oder Hausmeister und sechs Bedienten wohnt niemand hier, als der P. Probst. Auf der Terrasse vor dem Hause, und aus einigen Zimmern sieht man eine Gegend von 16. Stunden im Umfang. Mit dem Fernrohre kan man hundert Oerter unterscheiden. Man sieht einen Theil vom Baad ischen Lande, Basel, Huͤnningen, den Rheinstrom, Dann, an den Elsaͤss ischen Gren- zen, und auf der Schweizer ischen Seite sieht man die Eisberge, die besonders schoͤn sind, wenn vorher ein Re- gen gefallen ist. Im obern Stock des Gebaͤudes ist eine simple Uhr, die doch an sieben Orten sieben Scheiben re- giert, naͤmlich in den vier Ekzimmern, auf der Treppe, im Saal ꝛc. Ferner laͤutet die Uhr, ohne angezogen zu seyn, gieich einem Wecker, um 8, um 7, und um 12. Uhr. A a 3 Ein Ein Franzose, Masson, sing die Uhr an, endigte sie aber nicht. Ein geschickter Baad ischer Schlosser in Candern vollendete sie. Der letzte Kuͤnstler sitzt aber gegenwaͤrtig im Pforzheim er Zuchthause, weil er seine Kunst misbrauchte, und falsches Geld muͤnzte, das aber bald entdeckt wurde. Im Kreuzgange, und uͤber allen Thuͤren im obern Stock sind artige Gemaͤlde von Bischoͤf- fen, Aebten, Probsteien, Prioraten und Pfarreien, die zu St. Blasien gehoͤren. Auch sieht man hier noch ein Gemaͤlde von dem ehemaligen und verbrannten Stift Blasien. In den Zimmern sieht man herrliches Schreiner- werk, das ein Schreiner in Grozingen gemacht hat, be- sonders schoͤn ist ein Buͤffet aus Masern, oder Holzwur- zeln mit Tannenleisten eingefaßt. Die alabasternen Ti- sche sind aus dem Blasier Gebiet. Schoͤn ist auch die kleine Kirche fuͤr den Probst, und fuͤr die Leute auf den Meierhoͤfen, und fuͤr die Feldarbeiter. Ich sah hier Ka- cheloͤfen, die gerade wie Buͤssets aussehen; die Kacheln sind braun, die Leisten sind gelb, so werden sie in meinem Vaterlande, in Candern, gemacht. Noch schoͤner aber, als das alles, ist der Saal, der mit vielen kostba- ren Gemalden ganz behaͤngt ist. Besonders merkwuͤrdig ist uͤber dem Eingang ein herrlicher todter Koͤrper. Un- ter andern sieht man hier auch den letztverstorbenen Fuͤr- sten von St. Blasien, der gar ein schoͤner Mann gewe- sen seyn muß. Das Blumengaͤrtchen hat einen magern Boden, doch hatte es schoͤne Asters, und ziemlich grosse Kuͤrbisse. In der Kuͤche ist ein verschlossener, und fuͤr den, der es nicht weiß, ganz unkenntlicher Eingang in den Keller. Hundert und achtzig Saum kan der Probst in einen Keller legen. Seine meisten Weine kommen von Rentweiler am Rhein. Die meiste Frucht ist Gefaͤlle Gefaͤlle im Baad ischen Land. Die Arbeiter auf dem Felde werden mit blechernen Sprachrohren kommandirt. Das Wasser fuͤr die Probstei muß vom Berge Blauen, der eine halbe Stunde davon entfernt ist, hergeleitet wer- den. Jetzt geschieht die Leitung in eichenen Kanaͤlen, die man hie und da im Boden laufen sieht. Das Was- ser hat Fall genug, und ist sehr frisch und gesund. Weil die Probstei einsam steht, so ist eine eigene Schreinerei, eine Schmiede, und sonst noch einiges Handwerksgeschir- re da. Nach Tische trennte ich mich, gleich ausserhalb dem Thore der Probstei Buͤrglen, von meinen lieben Freun- den aus Muͤllheim, und ritt uͤber Sizenkirch, um im Flecken Candern andre gute Freunde aufzusuchen. Er liegt an einem Wasser, das die Cander heißt, ob aber das Wasser dem Orte, oder der Ort dem Wasser den Na- men gegeben, ist ungewiß. Da sah ich insbesondre bei Hrn. Oberforstmeister von Adelsheim den schoͤnen Gar- ten, den er an einem Orte, wo vorher nichts als Wild- nis war, angelegt hat. Ferner seine Voliere von allerlei Land-Wasser- und Bergvoͤgeln, die aus dieser Gegend zusammengebracht, und wobei er schon manche schoͤne Bemerkung gemacht hat, die jetzt nicht hieher gehoͤren. Man muß die Geschicklichkeit, den Fleiß, und die patri- otischen Bemuͤhungen des Mannes bewundern, der in dieser wirklich rauhen Gegend alle Arten von Pensylvani- schen Weizen, Tulpenbaͤume, Nux Juglans Ameri- cana, mehrere Platanoides- Arten, Rhus Sumack Americ., die bluͤhende Aesche, Robinia Pseudaca- cia, Cytisus alpinus Bignonia Catalpa etc. gluͤck- lich angebaut und fortgepflanzt hat. Man koͤnnte diesen Garten beinahe als einen Auszug aus dem Carlsruher A a 4 Schloß- Schloßgarten ansehen. Ehe der Abend kam, fuhren wir beide hinten am Garten aus, um noch einen kleinen Spazierweg zu machen nach einer Cremitage, die der Hr. Oberforstmeister an der Strasse, zwischen Candern und Sizenkirch angelegt hat, und ich muß gestehen, ich habe eine schoͤne, sehr passende, und angenehme Anlage gese- hen. Auf einem wohl zwanzig Schuh hohen Felsen, der aus lauter spitzigen und dreieckigten Steinen von Natur selber fast Pyramidenfoͤrmig aufgefuͤhrt ist, auf einem Felsen, den der Oberweginspektor oben weggesprengt hatte, steht nun oben auf der Spitze eine sehr wohl gera- thene, aus Holz geschnittene und mit einem Firniß uͤber- zogene Gemse. Auf dem Kopfe traͤgt sie ein natuͤrliches Paar Gemsenhoͤrner, die nicht wenig dazu beitragen, daß man in der Ferne glaubt, eine natuͤrliche Gemse zu sehen. An einem Eichenbaum, der darneben steht, haͤngt eine Sonnenuhr. In einem schmalen hoͤlzernen Kasten darneben ist ein Barometer angebracht. Weil ihn der Muthwille der Unwissenden oft verdorben hat, lies ihn der Besitzer mit Drath einflechten. Ein natuͤrlicher Vortheil dabei ist noch das Echo, das gegenuͤber im Wal- de gar vortreflich schallt, wenn der Jaͤger bei dem Felsen steht, und auf dem Horn blaͤst. Der Felsen, der Gem- sengrund, der Eichbaum mit der Sonnenuhr, und der Barometerkasten sind mit Platanus, mit Eschen, Malven, Balsaminen ꝛc. bewachsen. An andern Orten ist alles mit einem grossen, starken Waldgras, das lange Stengel hat, uͤberzogen. In der Mitte stehen ei- nige Tische und Baͤnke, damit man mit guten Freunden froͤlich seyn kan. Ueberhaupt ist die ganze Anlage im Geschmack der neuesten Englischen Gaͤrten, und es waͤre gewiß ewig Schade gewesen, wenn der Felsen zerstoͤrt worden worden waͤre. Wir machten uns noch vor dem Nacht- essen ein Vergnuͤgen mit den Kindern des Hrn. Oberforst- meisters, die ihre gute Erziehung der vortreflichen Mut- ter zu danken haben. Wir hoͤrten mit Freuden ein Ge- dicht uͤber Jaͤgerei und Forstwesen, das Hr. von Adels- heim selber verfertigt, und mit manchen wahrlich neuen und schoͤnen Bemerkungen uͤber die Natur, uͤber Waͤlder und Thiere bereichert hat. Zuletzt sahen wir noch den Koͤniglich Preussischen Orden pour la Générosité, den der Vater des Hrn. Oberforstmeisters bereits getragen, und den der Koͤnig dem Sohne zuruͤckschickte, als er ihn nach dem Tode des Vaters Seiner Majestaͤt wieder zu Fuͤssen legte. Das eigenhaͤndige Schreiben des Koͤnigs, womit diese Gnade begleitet war, ist so wie alle Hand- schreiben des Monarchen, ein vielsagendes Werk Seines Geistes, und ganz in Seinem Karakter geschrieben. Den andern Morgen sassen wir sehr fruͤh wieder zu Pferde, und ritten in den Wald hinaus, um einige sehr hohe, andre sehr wilde, oder auch angenehme und romantische Oerter zu besehen. Da wir zuruͤckkamen, stieg ich auf meine R osin ante, und setzte meine Reise uͤber lauter Baad ische Doͤrfer, Schlechtenhausen, Wisleth ꝛc. nach dem Staͤdtchen Schopfen im Wiesenthal fort. Meine Freunde begleiteten mich dahin, wo ich etwas mir Neues und Lehrreiches sehen wollte, naͤmlich zu dem Dratzug, der hier in einer kleinen Entfernung von der Stadt angelegt ist. Grether heißt der jetzige Besitzer. Ob er auch derselbige ist, der das Werk angefangen hat, weis ich nicht. Das Eisen, das hier in Drat gezogen wird, ist lauter Stangeneisen, und koͤmmt Zentnerweise von Hausen, wo ein Eisenhammer und eine Baad ische A a 5 Faktorei Faktorei ist. Weil aber das Eisen an sich zu streng waͤ- re, so werden diese Stangen in grossen Ringen oder Buͤ- scheln in eigenen Oefen noch einmahl gegluͤhet; das ge- schieht auf eigenen Rosten von Eisen, wozu die Stangen gegossen werden muͤssen. Sie sind sechs Schuh lang, wiegen etliche Zentner, und verzehren sich doch nach eini- nigen Jahren. Indem das Eisen noch gluͤhet, wird es in kleinere schicklichere Ringe gezogen, und alsdann bringt man es erst unter die Zange. Hier sind eilf Zan- gen, und von diesen entstehen die verschiedenen Nummern des Drats. Das Eisen koͤmmt aber unter manche Zan- ge drei bis viermahl. Man hat sich hier an deutsche Nummern gewoͤhnt, von 30. bis 22. Nach diesen koͤmmt Nro. 1. Grob. Nro. 1. Mittel. Nro. 1. Rein. Eben diese drei Gattungen Drat hat man auch von Nro. 2. und von Nro. 3. Von Nro. 4. und 5. hat man nur Grob und Rein, (keine Mittelart) und so laufen die Zahlen und Verschiedenheiten fort von Nro. 6. bis Nro. 13. Von Nro. 30. bis 22. heißt aller Drat Kupferschmidts- Drat. Was noch feiner ist als Nro. 13. heißt Perlen- drat. Immer noch feinerer Drat heißt Einloch, Ein- blei bis Vierblei. Man macht hier auch den sogenann- ten Fuͤnfblei, das ist ein Drat, feiner noch als ein Haar. Hingegen ist Nro. 30. Fingersdicker Drat. Den feinsten brauchen unter andern auch die, so die Karten fuͤr die Wollfabriken machen. Der meiste Absatz, den man hier hat, ist nach der Schweiz. Der Drat von Ein- blei bis Fuͤnfblei kostet viel Arbeit und gibt doch wenig aus. Es muß ein geschickter Arbeiter seyn, wenn er zehn Pfund Fuͤnfblei in vierzehn Tagen macht. Das Eisen wird freilich durch das Ziehen der Zange sehr warm, doch kan man es, ohne Blattern auf der Haut zu besorgen, angreifen. angreifen. Die Zieheisen werden mit staͤhlernen Stiften ausgeschlagen. Auch koͤmmt bei den Zieheisen immer viel darauf an, daß die Loͤcher immer rund erhalten wer- den. Es sind drei Schaufelraͤder da, die vom Wasser getrieben werden, und die hernach die Zangen in Bewe- gung setzen. Nach dem Ziehen wird der Drat abge- schlagen, das heißt, er wird auf einem Haspel schnell herum getrieben, damit die Ungleichheiten abgeschl i ssen werden. Die Fabrike verarbeitet alle Jahre sechs bis siebentehalbhundert Zentner Eisen. Aber vom ewigen Gehaͤmmer, das dabei unvermeidlich ist, wird man im Hause fast taub, und das Gebaͤude selber leidet an seiner Festigkeit, wegen der unaufhoͤrlichen Erschuͤtterung. Sonst zeigte man mir hier oben manche Traube, die mehr als ein Pfund wog, und manche Grundbirne oder Kartoffel, die ein halbes Pfund schwer war. Am folgenden Morgen setzte ich meine Reise immer uͤber hoͤhere Berge fort, und naͤherte mich der Graͤnze meines Vaterlandes. Fuͤnf Viertelstunden nach Scho- psen (nach dem Maas der gemeinen Leute) liegt in rau- hen, waldichten Gegenden das Dorf Hasel, uͤber dessen Landwirthschaft und natuͤrliche Beschaffenheit ich an ei- nem andern Orte mehr sagen werde. Der Weg dahin geht uͤber den Eichener See, den ich schon beschrieben habe S. Beschaͤftigungen der Berlinisch. Gesellsch. Natur- forsch. Freunde, Th. IV. S. 619—623. . Ich fand den See jetzt ganz ausgetrocknet. Die Bauern hatten Heu und Oehmd auf dem Platze ge- sammelt, und es wuchs noch immer wieder Gras darauf. Doch sahe man wohl, daß das Land hier tiefer, flacher, als als sonst ist; hie und da stehen auch Wasserpflanzen, und Sand und Steine verrathen dem aufmerksamen Beob- achter, daß hier vor kurzem Wasser gestanden haben muͤsse. Die Gegend, in welcher Hasel liegt, ist kalt und unfreundlich. Im Winter wird man hier so einge- schneiet, daß es unmoͤglich wird, von einem Dorfe zum andern zu kommen. Das Fruͤhjahr spuͤrt man hier vier- zehn Tage spaͤter, als auf dem Lande. Aber die Hitze, die alsdann zwischen Bergen und Thaͤlern einfaͤllt, ist auch so gros, und gleich so eindringend, daß man doch Heu sammeln, und erndten kan in einerlei Zeit mit den Bewohnern des platten Landes. Im Sommer 1780. war die Hitze in diesen Waldungen und Gebuͤrgen so er- staunlich gewesen, daß sich das Wild im Walde nicht nur in das dickste Gebuͤsch versteckte, sondern daß es oft aus Mattigkeit gar nicht aufstand, wenn auch die Bauern bei den Treibjagden, mit dem Stock darauf schlugen. Auch hier erfuhr ich, daß das Lob, das man sonst den Berg- und Waldbewohnern gern gegoͤnnt hat, sehr ein- geschraͤnkt werden muß. Es sind auch unter den Waͤl- dern, wie uͤberall, sehr boͤse Leute, die oft am Schaden anderer grosse Freude haben. Traͤgheit und Eigensinn scheint besonders ihr Fehler zu seyn. Sie thun nichts, als was sie muͤssen, und wollen immer zu allem getrie- ben seyn. Es war grade Sonntag. Der Geistliche im Orte, bei dem ich auch mein Quartier genommen hatte, war nicht nur mein naher Blutsverwandter, er war auch mein sehr guter Freund, und verdiente freilich aus vieler Ruͤck- sicht eine bessere, seinen nicht gemeinen Talenten gemaͤs- sere, und fuͤr die Erziehung seiner Kinder schicklichere Stelle. Stelle, als diesen Ort zwischen Felsen und Tannen, wo er freilich seine irrdischen Beduͤrfnisse, aber keine Gesell- schaft, keinen Umgang, keine Buͤcher, keine Ermunte- rung hat. Ach, es ist ein grosses Raͤthsel in der Lehre von der Vorsehung, warum so viele Menschen, wenn man alle Umstaͤnde zusammen nimmt und abwaͤgt, gar nicht am rechten Platze sind, und warum so viel Gutes, das wirklich geschehen koͤnnte, unterbleibt, und fuͤr das Ganze, wenigstens fuͤr das Ganze, wie’s gegenwaͤrtig ist, verloren geht! — Ich ging in die Kirche und hoͤrte meines Freundes Predigt. Popularitaͤt und Simplizi- taͤt ist hier die groͤßte Kunst, und das wahre Verdienst um diese Leute. Wie erbaͤrmlich wuͤrde man die armen Christen betruͤgen, wenn man hier, nach Art der jungen Kandidaten, ohne vorher gedacht und empfunden zu ha- ben, schoͤne Worte zusammensetzen, und wie ein gelehrter Papagei lallen wollte, was man selber nicht versteht? Jakobi in seiner Abhandlung uͤber die Erziehung der Geistlichen (s. das Journal fuͤr Prediger ) hat wohl Recht, daß man doch einmal einen Unterschied machen sollte, zwischen denen, die zu hoͤhern Stellen in der Kirche be- stimmt sind, und zwischen denen, die kaum so viele Tuͤch- tigkeit erlangen werden, daß sie an den gemeinsten Chri- sten mit Nutzen arbeiten koͤnnen, und daß man doch nicht immer von Allen Alles, von Allen Einerlei verlan- gen solle. Daher koͤmmt es, daß so Viele in der Ju- gend die Zeit mit Dingen verderben, die sie im ganzen Leben nie brauchen werden, und daß so manche gerade das, was ihnen allein noͤthig und nuͤtzlich ist, nicht ler- nen, und daher, wenn sie nach der Ordnung der Jahre, ohne Wahl und Unterschied, ohne Ruͤcksicht auf die Um- staͤnde des Orts, auf die besondern Beduͤrfnisse der Ge- meinde, meinde, und auf die individuelle Tuͤchtigkeit oder Un- tuͤchtigkeit der Personen, in Aemter gesetzt werden, oft so wenig Gutes, und so grossen Schaden stiften. Denn Unterlassungen duͤrfen wir doch wohl auch in Anschlag bringen. Aber wo ist in vielen deutschen Laͤndern das Konsistorium, das an Ausfuͤhrung solcher nuͤtzlicher Vor- schlaͤge denkt? Die Weisen sagen es, und jammern uͤber den gewohnten Gang der Sachen, aber deswegen aͤndern die Vorsteher nichts. Es ist mit den Verbesserungen in Kirchen und Schulen, wie mit der Erziehung uͤberhaupt. Man redet ewig davon, und im Ganzen ruͤcken wir kei- nen Schritt weiter, und wer einmal durch den Wider- spruch ermuͤdet worden ist, thut freilich am Ende am besten, wenn er umkehrt, und auch mit dem Strome schwimmt, in dem die meisten schon geschwommen ha- ben, und wahrscheinlich noch lange schwimmen werden. O utinam Dii meliora darent! Diese Reise fuͤhrte mich sonst immer auf Berge. Aber heute stieg ich auch in eine ziemliche Tiefe hinab, und besah eine Tropfsteinhoͤle, die nur wenige Schrit- te von den letzten Haͤusern des Dorfes Hasel entfernt ist. Die Leute nennen diese Hoͤle, die mit der Baumanns- hoͤle viele Aehnlichkeit hat, das Erdmaͤnnleinsloch, weil der Aberglaube immer noch Bergmaͤnnchen und Menschen im Meer und unter dem Boden annimmt. Ich mußte meine Kleider ablegen und Bauerkleider anziehen, nahm zwei Bauern, die schon mehrmals darin gewe- sen waren, mit mir, und mit dem Lichte in der Hand gingen wir erst gerade hinein, sodann auch in eine grosse und weite Seitenhoͤle, und als wir wieder aus dieser her- vorkamen, verfolgten wir den geraden Weg mitten durch die die Hoͤle, aller Beschwerlichkeiten, und der unzaͤhligen Steine des Anstosses ungeachtet, so lange fort, als es nur moͤglich war. Zuletzt kamen wir an einen starken und reissenden Bach, der wenigstens in einer Tiefe von zwanzig Klaftern im Boden laͤuft. Ueber diesem Bache ist die Hoͤle viel hoͤher, als ein gewoͤhnlich steinernes Haus. Ich bemerkte, was nach der Aussage meiner Begleiter noch niemand bemerkt hatte, daß naͤmlich das Wasser vorne kalt, und hinten merklich warm ist. Ich fand das, da ich so lange hineinging, als ich festen Bo- den vermuthen konnte, das Wasser auf der Zunge ver- suchte, und mir die Augen damit auswusch. Unzaͤhlig sind die schrecklichen Massen von Kalksteinen, die hier haͤngen, schweben, allerlei Figuren bilden, herabstuͤrzen, unten entstehen, von oben herabwachsen und den untern begegnen. — Unzaͤhlbar sind alle diese Brocken, wie- wohl man schon schreckliche Lasten davon abgeschlagen und herausgeschaft hat. Doch die naͤhere Beschreibung die- ser fuͤrchterlich schoͤnen unterirrdischen Merkwuͤrdigkeit ge- hoͤrt nicht hieher, ich werde sie an einem andern Orte den Naturforschern mittheilen. Von Hasel mußte auf Befehl des lieben Oberforst- meisters, Hrn. von Adelsheim, der Jaͤger, oder wie die Leute hier sagen, der Schuͤtze mit mir reiten, und mich die naͤchste Straffe nach St. Blasien fuͤhren. Ich kam dabei an die diesseitigen Grenzen meines Vaterlan- des, und sah einige Waldungen und Waldorte, die ge- sehen zu werden verdienen. Wir ritten (der Jaͤger mit seiner Kugelbuͤchse und Jaͤgertasche bewafnet voran) uͤber manchen steilen Felsen, uͤber langgestreckte Baumwur- zeln, und verwachsenes Gestraͤuch, uͤber leere Heide- plaͤtze, plaͤtze, und uͤber schreckliche Steinbrocken hinweg, und kletterten immer hoͤher. Schade, daß mir die dicken Nebel, durch die wir einander kaum selber sehen konnten, das Vergnuͤgen raubten, so manche schoͤne und weite Aus- sicht, ganze Reihen von Felsen, die wie Pyramiden da stehen, und so manche herrliche Wasserfaͤlle deutlich zu sehen und zu bewundern. Denn weil ich um Mittag nur noch wenige Stunden von St. Blasien entfernt seyn, und heute das Stift gewiß erreichen wollte, so wa- ren wir mit dem Anbruch des Tags ausgeritten, und scheuten die Kaͤlte nicht, die am 20sten September auf diesen hohen Gebuͤrgen schon sehr stark war. Wenn ich nun auf die Ebene, auf das tiefe Thal, in welchem Carlsruhe liegt, zuruͤck sah, wie hinabgesunken kamen mir jene Gefilde vor! Wie viele tausend, tausend Schuhe war ich nun hoͤher, als die Spitze des Schloßthurms, auf welcher man dort eine weite Aussicht haben kan! Das erste Stuͤck des Weges, als wir den guten Pfarrer in Hasel verlassen hatten, fuͤhrte uns durch einen Wald, der auf einer Seite dem Hause Oesterreich, und nun der Schoͤnau ischen Familie, und auf der andern mei- nem Fuͤrsten gehoͤrt. Wir kamen an einige enge und schmale Paͤsse, deren sich auch die Bosheit schon oft be- dient hat, um einem armen Wanderer aufzulauern, und ihn todt zu schlagen. Der Unmensch, der auf das Leben des Unschuldigen Jagd machen will, damit er ihn desto leichter berauben kan, versteckt sich hinter den Felsen, die oft senkrecht in die Hoͤhe stehen, und springt ploͤtzlich zu, wenn der andre, wie ein ruhiges schuldloses Geschoͤpf, durch die todte Stille der Waͤlder seinen einsamen Pfad fortwandelt. Ausweichen ist hier unmoͤglich. Unter dem Felsen ist oͤsters Wasser, das vielleicht seinen eigenen Boden Boden schon lange ausgewaschen hat. Rechter Hand steigt ein Berg in die Hoͤhe, den auch ein Hase nicht leicht besteigen wuͤrde. Linker Hand faͤllt der Berg ploͤtz- lich hinab, und bietet dem Auge eine grauenvolle Aus- sicht in eine schwarze, schauderhafte Tiefe an. Das sind auch die gefaͤhrlichen Stellen, wo schon mancher ehrlicher Bauer beim Holzfahren oft von seinem eigenen, oft von einem andern Wagen todtgequetscht, und wie ein weicher Kuchen an die Felsen hingedruͤckt worden ist. Wie ge- schwind ist auf solchen aͤusserst beschwerlichen Wegen beim Schleifen langer und schwerer Baͤume ein Ungluͤck geschehen, wenn ploͤtzlich der Wagen in Schuß koͤmmt, oder wenn der Baum sich hinten unvermuthet wendet, oder wenn ein Stuͤck Vieh nur einen Fehltritt thut, oder scheu wird, oder von den stechenden Insekten zur Unge- duld gereizt, am Geschirre so lange reißt und zerrt, bis etwas gebrochen ist, oder alles zu Grunde geht, ehe der Bauer helfen kan! Als sich die Nebel, die das Land ganz bedeckten, daß man kaum den Weg sah, in die Hoͤhe gezogen hatten, sah ich oͤfters kostbares, krystall- helles Wasser aus den Felsen sprudeln, und an den senk- rechten Klippen herabfallen. In der Ferne stieg der Dampf von manchem Kohlenhausen auf, und erinnerte uns daran, daß doch auch noch Menschen in dieser Ge- gend waͤren. Die Bauern verkohlen hier viel Holz. Es ist ihnen aber nicht erlaubt, die Kohlen irgend anderswo hin zu fuͤhren, als allein nach dem Bergwerk in Hausen, wo sie ihnen immer abgenommen und billig bezahlt wer- den. Man goͤnnt ihnen ihr Verdienst, aber man sorgt auch mit landesvaͤterlicher Weisheit fuͤr die Nachkommen, und schont das Kapital, das in den Waldungen steckt, und wenn es einmahl angegriffen oder gar verzehrt ist, Zweiter Theil. B b erst erst in Jahrhunderten wieder gesammelt werden kan; denn was Hr. von Wangenheim bei Gelegenheit der amerika nischen Waͤlder sagt, daß die meisten Eingebohr- nen die Gewohnheit haͤtten, blos fuͤr das gegenwaͤrtige zu sorgen, das gilt wahrhaftig auch von den deutschen Bauern. Die letzten Baad ischen Doͤrfer, die wir auf diesem We- ge fanden, sind Gerspach, und der kleine Ort Fezen- bach. In diesen Waldorten haben die Leute lauter Daͤ- cher von Stroh, oder von angenagelten Schindeln. Sie muͤssen solche haben, weil der Wind, der auf diesen Hoͤ- hen gar stark weht, alle Ziegel herabwerfen wuͤrde, und weil es gewis ist, daß sie unter diesen Daͤchern viel mehr Waͤrme haben, als unter andern. Freilich ist die Feu- ersgefahr dabei groͤsser, und wir spuͤren diese Daͤcher alle Jahre in den Rechnungen der Brandassekurationskasse. Allein, was ist zu thun? Man muß sich nach den Um- staͤnden richten, man kan die Natur nicht uͤberall zwin- gen; die allgemeinen Regeln, die viele Oekonomen und Kameralisten geben, leiden gar manche Ausnahme, wenn sie sollen angew e nde t werden. Glauben Sie in- dessen nicht, daß hier lauter arme Leute wohnen. Die Waldbauern sind in Schwaben fast immer die reichsten. Sie handeln mit Vieh und Holz, und sammeln unver- merkt Geld. Im Hause dieser Bauern merkt man es nicht, daß der Besitzer reich ist. Man hat schon oft den Fall gehabt, daß ein Mann, oder eine reiche Wittwe ploͤtzlich gestorben ist, und die Frau, oder die erwachse- nen und verheiratheten Kinder haben nicht einmahl den Ort gewußt, wo der Vater sein Geld aufgehoben hat. Zuweilen verstecken sie es in einen Balken, der an der Decke durch die Wohnstube laͤuft. Im Sommer stecken sie oft ganze Saͤcke voll Geld in das Kamin, in den den Stubenofen ꝛc. Oft dient ihnen ein alter Strumpf zum Geldbeutel, und, wenn er voll ist, stecken sie ihn oft an einen Ort hin, der zwar sicher ist, wo man es aber bewundern muß, wie sie auf den Einfall gekommen sind. Es ist schon oft geschehen, daß Sterbende, die ploͤtzlich eine Apoplexie bekommen und die Sprache ver- loren, ihren Kindern immer an einen gewissen Ort in der Stube mit der Hand hingewiesen haben, um ihnen zu sagen, wo sie ihr Vermoͤgen suchen sollen. Geht zuwei- len ein Haus im Feuer auf, so zieht man nachher gar oft aus dem Aschenhaufen ganze Klumpen von zusam- mengeschmolzenen Gelde hervor. Im Gerspach er Wal- de ist eine ganz besondre Art der Eintheilung, die ein al- tes Herkommen ist, und von den Bauern mit vielem Ei- ser behauptet wird. Ich kan sie Ihnen aber ohne Weit- laͤuftigkeit nicht beschreiben, und finde vielleicht anderswo Gelegenheit dazu. Praͤchtige Tanuen sah ich in diesen Waldungen, und mein Freund, von Adelsheim, hatte dem Schuͤtzen Befehl gegeben, mich auch aus dem Wege in das Innerste des Waldes zu fuͤhren, damit ich die Koͤnigl. Baͤume, dergleichen man nicht uͤberall in Deutschland sehen wird, und die uns alle Seemaͤchte, besonders bei dem jetzigen Kriege, gern abkaufen wuͤr- den, vollkommen beschen koͤnnte. Gar viele sind hun- dert, hundert und zehn, manche sind hundert und zwan- zig, einige sind auch hundert und dreissig, bis hundert und vierzig Schuhe hoch. Die Tannen der letzten Art haben oͤfters vier bis fuͤnf Schuhe im Umfang des Stocks. Aus dem Stamm haut man vier bis fuͤnf Kloͤtze, ohne den Gipfel oder die Dolde zu rechnen. Der dickste, oder der unterste Klotz gibt 24, auch 28. Dielen oder Plan- ken, wovon jede fuͤnf Viertelszoll dick ist. Der zweite B b 2 Klotz Klotz gibt 20. Dielen, der dritte 18, und der vierte 16. Die Breite der Dielen oder Breter aus dem Klotz uͤber dem Stock ist vier bis fuͤnf Schuhe. Der Gipfel, oder die Dolde, muß noch Kohlen geben, und das kleinere Holz, oder die Aeste, dienen zum Einheitzen und zum Feuer auf den Heerd. Es sind deswegen uͤberall Saͤ- gemuͤhlen vorhanden, und die Dielen gehen fast alle nach Basel, aber das Holz selber, in natura, darf der Bauer bei schwerer Strafe nicht nach Basel fuͤhren, wiewohl sie es ihm theuer bezahlten. Eichen sind hier nicht, aber Buͤchen von 80, 90. Schuh in der Hoͤhe, und wenn sie alt sind, etwa 3. Schuh im Umfang uͤber dem Stock. Man braucht die Buͤch en meist zu Koh- len, nur die Tanneu werden versaͤgt. Starke und gesunde Leute koͤnnen Sie hier auch noch finden. In Gerspach lebt wirklich noch eine Bauersfrau, die mit drei Kindern auf einmahl in die Wochen kam, und als sie alle drei gluͤcklich bekommen hatte, stand sie gleich vom Bette auf, nahm das Scheermesser, holte Wasser und Seife, stand hin und nahm dem Manne den Bart ab, damit er auch sauber seyn, und nun gleich hingehen sollte, um dem Pfarrer den grossen Segen Gottes anzu- zeigen, und die Taufe zu bestellen. — Lesen Sie das einigen von unsern weichlichen und verzaͤrtelten Frauen- zimmern vor. Es wird sie vielleicht ein Schauder an- kommen, wenn sie hoͤren, daß eine Frau ihren Mann selber barbiert, und zwar in der Stunde nach der Nie- derkunft mit drei Kindern, die sie wie junge Kuͤchlein in Ein Bette warf. Aber wer ist gesuͤnder und lebt leichter? Die Frau, die mit heroischem Sinn das alles aushalten kan? Oder die, welche gleich schreit, wenn nur ein kal- tes Luͤftchen weht, und fast in Ohnmacht faͤllt, wenn sie mitten mitten in einem grossen Wagen durch ein kleines Wasser fahren soll? Als wir unser Vaterland hinter uns zuruͤck liessen, kamen wir nach Schwarzenbach, das schon in das St. Blas ische Gebiet gehoͤrt. Da sitzt ein Maier, der zwanzig Kinder hat, und noch einmahl heirathen will! Dafuͤr, daß er die Weldplaͤtze, die dem Stifte gehoͤren, mit seinem Vieh betreiben darf, gibt er unter andern alle Tage ein Maas Butter, oder statt dessen alle Tage einen Gulden. Je weiter wir in die Berge hineinkamen, je mehr fanden wir schon die Zeichen des Winters, Schnee und Eis in den Thaͤlern. Ich mußte es oft bedauern, daß ich auf diese Bergreise nichts, als Sommerkleider mitgenommen hatte, weil ich nicht vermuthete, daß St. Blasien so hoch liegen, und daß der Winter so fruͤh anfangen wuͤrde. Doch fanden wir immer noch das Vieh auf den Bergen in der Weide gehen, und der Schnee, der etwa gefallen war, schmolz wieder weg, so- bald Regen dazu kam, oder die Sonne zwischen den Wolken freundlich auf die Wanderer herabblickte. Man versicherte mir auch, daß oͤfters die Witterung auf diesen Bergen sehr warm sei, zu einer Zeit, wo im Thale schon strenge Kaͤlte angefangen habe. Die muͤden Pferde und die hungrigen Reisenden ka- men endlich gegen Mittag, nachdem sie lange im Waldo herumgeschweift, und sich uͤber Hecken und Stauden ei- nen Weg gemacht hatten, auf dem Todtmoos an. Das ist ein Superiorat, oder eine vom Stift St. Blasien abhaͤngende Probstei, wie Buͤrglen, Gro- zingen, und viele andere. Weil hier eine grosse Wall- fahrt ist, so stehen neben der Kirche und neben der Woh- B b 3 nung nung der Geistlichen einige Wirthshaͤuser fuͤr die Wall- fahrenden, die aber blos von Holz sind, mit vielen Zim- mern, und mit hoͤlzernen Daͤchern gedeckt. Daher sieht das Doͤrfchen, vom Berge herabgesehen, ganz schwarz aus. Wer hier wohnt, ist entweder ein Wirth, oder er lebt vom Holzhandel und von der Viehzucht. Alles Getreide kaufen die Leute auf dem Markte in Stauffen, das auch dem Fuͤrsten von St. Blasien gehoͤrt. We- gen der Wallfahrt sind auch immer viele Kraͤmer hier, die mit Lebkuchen, und andern solchen Waaren, die in Einsiedeln und Zurzach verfertiget werden, handeln. Auch einige wenige Handwerker sind hier, und leben von der Wallfahrt. Ein Superior verwaltet hier die Guͤter in der Nachbarschaft, die dem Fuͤrsten gehoͤren, und bekoͤmmt seinen Unterhalt unmittelbar aus dem Stift. Im Jahr 1781. fiel hier noch in der Fastnacht eine greu- liche Menge Schnee, doch ging er wieder allmaͤhlich durch die Wirkung der Sonne weg, ohne daß ein gros- ses Wasser entstanden waͤre. Es ist der sogenannte Todrenbach dabei, der gewoͤhnlich gros genug ist, eine Muͤhle zu treiben. Im Sommer vertrocknet er oͤfters ganz wegen der schrecklichen Hitze in diesen Thaͤlern, und im Winter schwellt er oft schrecklich an. Man erzaͤhlt, daß die Namen Todtmoos und Todtenbach von den giftigen Moraͤsten und moosigten Suͤmpfen entstanden waͤren, die ehemals hier so haͤufig waren, daß alle Voͤ- gel, die daruͤber flogen, todt herabfielen. Die Glie- der des Beuediktiner ordens bauten zuerst auch diese Gegend in Deutschland an, und um das Volk dahin zu gewoͤhnen, gaben sie eine Erscheinung der heiligen Jungfrau Maria vor. Das ist kurz der Inhalt einer mit vielen Fabeln und wunderbaren Erdichtungen ge- schmuͤckten schmuͤckten Legende, die an den Waͤnden der Kirche in Todtmoos abgemalt ist. Diese Kirche hat einige Schoͤnheiten, sie ist zwar nur von Holz, entweder ver- goldet oder marmorirt. Auch hier sieht man, wie uͤber- oll in katholischen Laͤndern, die Agathenzettel an allen Thuͤren und Eingaͤngen angeklebt. Ich muß gestehen, daß ich vorher die Bedeutung der drei Buchstaben, C. M. B., die gewoͤhnlich unten beigeschrieben sind, nicht gewußt habe. Ein Pater aus dem Superiorat erklaͤrte mir es so: Es waͤren die Anfangsbuchstaben von den Namen der heiligen drei Koͤnige, Caspar, Melchior, Balzer oder Balthasar. Denn diese Zettel werden a m Agathen- und am Dreikoͤnigs tage in der Kirche geweiht. Ein anderer Pater hatte in dieser Probstei ei- nen schoͤnen Sperber an einer Leine vor dem Fenster. Er war in diesen Gegenden gefangen worden, und trug ein herrliches schwarzes Band auf dem Ruͤcken. Nach Tische setzte ich die Reise fort, und war nach wenigen Stunden in St. Blasien. Auf dem Todtmoos hatte ich schon den P. Ober- pfleger angetroffen, der eben von seinen halbjaͤhrigen Schulvsitationen zuruͤckkam und nach dem Kloster ritt, um dem Fuͤrsten seinen Bericht zu erstatten. Er war bereits in alter, aber ein ehrwuͤrdiger, einsichtsvoller und liebeicher Mann. Wir sprachen zusammen uͤber die Einrchtung der Oesterrei chischen und Baad ischen Schulen und manches, das ich ihm erzaͤhlte, gefiel ihm sehr wohl. Er setzte sich nachher in seine Chaise, und lies sch die schrecklichen Berge hinaufziehen. Ich hatte das Vergnuͤgen, an und vor seinem Wagen zu reiten, u nd so erreichten wir endlich die letzte Hoͤhe, die B b 4 man man besteigen muß, wenn man St. Blasien sehen will. Zuweilen ging der Weg uͤber ein Stuͤck ebenen Feldes, aber es waͤhrte nicht lange, so mußte man entweder wie- der auf Felsen klettern, oder sich an gefaͤhrlichen Abhaͤn- gen vor den jaͤhen Sturz bewahren. Zuletzt faͤllt der Weg durch einen angenehmen Wald wieder tief herab, und in dieser Tiefe, die indessen immer, in Vergleichung mit dem platten Lande, sehr hoch ist, sieht man endlich, wie sich die praͤchtige Kuppel der neuen Kirche in St. Blasien in der Ferne zeigt. Ich muß gestehen, daß mir dieser Anblick uͤberaus angenehm war. Nicht sowoh deswegen, weil ich hier das Ziel meiner Reise sah, son- dern weil man gleich beim ersten Anblick etwas Grosses und Schoͤnes vermuthet. Man wird durch ein so sehr praͤchtiges Werk der Kunst in dieser rauhen Gegend an- genehm uͤberrascht, und die fuͤrchterliche Majestaͤt der Berge, und der schwarzen Waͤlder, die das Stift um- geben, tragen nicht wenig dazu bei. Zu beiden Seiten rauschen immer starke Wasser den Berg hinab, und eilen den Thoren des Stifts mit herrlichem Sturze zu. Als wir der Einfahrt nahe waren, stand eben ein vollkom- mener Regenbogen uͤber dem Kloster, und ich ken Sie versichern, daß ich noch nie einen so schoͤnen, breiten, hellgefaͤrbten und einnehmenden Regenbogen gese h en ha- be, als dieser war zwischen den Bergen und T haͤlern. Hoch stand er in den Wolken des Himmels, und ver- kuͤndigte Gnade und Segen vom Schoͤpfer. Sine bei- den Schenkel schienen auf der Erde zu ruhen. und lange verweilte die Sonne ihm gegenuͤber, als wem sie sich selber gern in ihrem Gegenbilde gesehen haͤtte. Man Man wies mir in der Abtei, oder bei Hofe ein Zim- mer an. Weil St. Blasien ein wahres Schloß ist, worinnen man die groͤsten Gaͤnge, die weitesten Hallen, und eine unendliche Menge von Zimmern antrift, so hat man, um jederman das Aufsuchen der Geistlichen und der Fremden zu erleichtern, uͤber jede Thuͤre ein Thier ge- mahlt. Im mittlern Stock bei Hofe sind die vierfuͤssi- gen Thiere, im obern sind die Voͤgel, von Meisterhaͤnden abgemahlt. Da koͤnnen Sie nun beim Loͤwen, bei der Katze, beim Elephanten, beim Papagei ꝛc. wohnen; ich ward, ich weis nicht, warum? gerade beim Tyger ein- quartiert. Da hat man Stube, Kammer, die noͤthi- gen Meubles, gute Betten, und alle moͤgliche Bedienung und Aufwartung. St. Blasien ist eine grosse Anstalt, aber uͤberall sieht man Ordnung, Regelmaͤssigkeit, gute Einrichtung, und einen gewissen festen Plan, der nie ver- lassen wird. Der geschaͤftige Geist des Fuͤrsten regiert uͤberall, und pflanzt sich vom gesalbten Haupt auf alle willige Glieder fort. Es geschieht in diesem Hause taͤg- lich sehr viel, und die Ruhe und Stille, die darinnen wohnen soll, wird dadurch nicht gestoͤrt. Ich habe man- ches, das ich sonst in andern viel kleinern Kloͤstern ungern gesehen habe, hier gar nicht bemerkt, und bin uͤberhaupt beinahe fuͤnf Tage mit grossem Vergnuͤgen und mit vie- lem Nutzen hier gewesen. Man ist im Kloster und doch nicht abgeschnitten von der Welt. Man ist von Geistli- chen umringt, aber ihre Kenntnis geht auch uͤber den en- gen Kreis der Zelle hinaus. Man leidet in keinem Stuͤ- cke Mangel, aber die ganze Denkungsart dieser religioͤsen Gesellschaft ist doch hoͤher gestimmt, als blos auf Essen und Trinken. Irdisches Wohlleben und geistlicher Muͤs- siggang ist in St. Blasien gar nicht der herrschende Ton. B b 5 Die Die Religion hat hier ihre inbruͤnstige Verehrer, aber die Wissenschaften haben auch ihre Pfleger und Freunde. Der Fleis des Benediktiner ordens hat hier auf dem Schwarzwalde innerhalb den Mauern dieses Stifts seinen Sitz aufgeschlagen, und wetteifert mit den Genos- sen des Ordens jenseits des Rheins und jenseits der Al- pen. Das grosse und vortrefliche Muster, das alle im- mer am Vorsteher dieser Gesellschaft erblicken, wirkt Nach- eiferung bei allen, beschaͤmt den Traͤgen, ermuntert den Schlaͤfrigen, und spornt den edlen Fleis noch mehr an. Hier waͤre Faulheit Schande. Die heiligen Uebungen, welche die Regul vorschreibt, werden ohne Ausnahme, zu allen Zeiten, bei Tage und in der Nacht, befolgt. Aber auch die uͤbrige Zeit wird ausgefuͤllt, und je weniger die Unfreundlichkeit des Klima, die Strenge der Witterung, und die unangenehme Lage des Stifts andre Ergoͤtzungen oder Zerstreuungen erlauben, desto mehr schraͤnkt sich der Fleis der Religiosen in St. Blasien, nach dem Exem- pel ihres wuͤrdigen und weisen Vorgaͤngers, auf Buͤcher, Urkunden, Sammlungen, Handschriften, Denkmaͤler der alten Geschichte, Naturalien, Muͤnzen und Land- karten ein. Der erleuchtete Fuͤrst pruͤft ihre Faͤhigkeiten, und theilt die Geschaͤfte ab. Jeder hat sein Tagewerk und seine Bestimmung. Einige werden wenigstens da- mit beschaͤftiget, daß sie die gelehrten Werke ihres Vor- gesetzten abschreiben, den Druck besorgen, und die Bogen durchsehen. Man schickt deswegen von vielen Oertern dem Fuͤrsten immer junge Leute zu, damit sie unter seinen Augen gebildet werden, an allen seinen loͤblichen und nuͤtz- lichen Einrichtungen, die gewis das Wohl der Kirche, der Staaten, und der Menschheit zum Zweck haben, Theil nehmen, und an Ihm selber die wahre Wuͤrde des Gottes- Gottesgelehrten lernen sollen. Auch die weltlichen Be- dienten des Fuͤrsten ahmen seinen leutseligen, gefaͤlligen, freigebigen und menschenfreundlichen Karakter nach, und man hoͤrt auch nicht, daß die Unterthanen murren oder klagen. Kurz, so wie ich vor einigen Jahren mich in der Abbaye St. Germain in Paris sehr wohl befun- den habe, so lebte ich auch hier in St. Blasien. Dies vorausgesetzt, will ich Ihnen nun allerlei vermischte Nach- richten, wie sie mir beifallen, mittheilen. Ich hatte mich kaum angezogen, so durfte ich vor den Fuͤrsten kommen, und fand das alles wahr, was ich von ihm gehoͤrt habe. Ungemein viel Gelehrsamkeit mit einem edlen Herzen, und mit einer liebenswuͤrdigen Simplizitaͤt im Karakter verbunden. Man ist gleich bei ihm empfohlen und mit ihm bekannt. Man erkennt gleich in ihm den Mann, der viel gereiset, mit vielen Menschen umgegangen ist. Und welch ein Vergnuͤgen, wenn zwei Personen beisammen sind, von denen man sa- gen kan: Multos hominum mores vidit et urbes! Nach den Angaben im Catalogus von St. Blasien ist Fuͤrst Martin Gerbert gebohren zu Horb im Wuͤr- temberg ischen 1720. that Profeß 1737. ward Priester 1744, ward zum Abt erwaͤhlt im Oktober 1764. und an seinem Namenstag in eben dem Jahr eingeweiht. Er ist der sechs und vierzigste Praͤlat oder Abt im Blasier Kloster. Wir sprachen gleich den ersten Abend von sei- ner Lieblingswissenschaft, von alter deutscher Geographie und vaterlaͤndischer Geschichte. Bei den Alten hieß die Gegend um St. Blasien Alpegovia. Die Karten vom Schwarzwald, die wir von der Sorgfalt des Fuͤr- sten zu erwarten haben, werden die Sache sehr aufklaͤren. Die Die Alpen im Wuͤrtemberg ischen sei nur eine lateini- sche Uebersetzung vom Schwarzwald. Das Stift liegt an der Alb; dieses Wort sollte aber Alp geschrieben werden, und eben so das Fluͤßchen Alb, das von Her- renalb, Frauenalb kommt und nach Carlsruhe laͤuft. Ach sei ein altes Celti sches Wort, und heisse Fluß, da- her haͤtten viele Oerter, die am Wasser liegen, ihren Na- men bekommen: z. B. Schwarzach, Haßlach, Zur- zach ꝛc. Vergleichen Sie damit, was der Fuͤrst davon im Iter Allemannicum \&c. Edit. 2. p. 301. 302. gesagt habe. Von der Alb, die hier vorbei laͤuft, hieß man ehemahls die Patres hier Fratres ad Albam. Sie entspringt zwei Stunden von hier auf dem Feldberg, und faͤllt nicht weit von Waldshut, bei dem dem Klo- ster zugehoͤrigen Eisenwerk Altbruͤgg, in den Rhein. In der Abtei selber ist auf jeder Treppe eine Uhr in einem eigenen Haus, und der Reisende oder Fremde merkt gleich, daß hinter jeder Uhr auch eine Kommodite’ ange- bracht ist. Auf diese Art ist dieses wesentliche Stuͤck in einem Hause uͤberall leicht zu finden, und ist doch bedeckt, und auf eine sehr schickliche Art gleichsam maskirt. Es sind in diesem nach allen Regeln der Baukunst aufgesuͤhr- ten Gebaͤude mehrere solche sehr schickliche und zugleich schoͤne Einrichtungen. Das Chor der Kirche scheidet die Abtei und das Konvent von einander. Der Fuͤrst wohnt gern hoch, seine Zimmer kuͤndigen mehr den Gelehrten, und immer beschaͤftigten, als den vornehmen Mann an. Sie sind dabei gros und geraͤumig, damit er, sobald er wegen Fremden, oder Personen aus dem Kloster, die ihn sprechen wollen, die Arbeit abbrechen muß, gleich mit ih- nen auf- und abgehen, und sich Bewegung machen kan. Nur Nur um den Advent und um die Fastnacht wohnt er ei- ne kurze Zeit um seiner Rekollektion willen im Kloster. Es war, wie ich schon erinnert habe, eben die Zeit, da die Visitatores zuruͤckkamen. Der Fuͤrst laͤßt naͤm- lich allemahl im Fruͤhjahr, und wieder im Spaͤtjahr, durch seinen P. Archivarius und P. Hofkaplan die Schulen visitiren. Mancher hat neun Stunden zu rei- sen. Gleich am folgenden Morgen nach der Ruͤckkunft in das Kloster muß dem Fuͤrsten Nachricht erstattet wer- den; das geschieht theils muͤndlich, theils schriftlich. Im Stift St. Blasien heißt Dekanus und Sub- dekanus, was sonst an andern Orten Prior und Sub- prior heißt. Im Refektorio lieset man wirklich in lateinischer Sprache den Fleury und in der deutschen Sprache Rol- lin vor. Die Patres trinken alle aus silbernen und ver- goldeten Bechern. Eine Menge Fratres conversi, oder Laici sind hier, die zwar Profeß gethan haben, auch schwarze Klei- dung tragen, aber keine Priester sind und es auch nicht werden. Sie tragen deswegen zum Unterschied von den Priestern kleine Stutzbaͤrte; besorgen das Hauswesen, haben nicht studirt, verstehen und treiben im Kloster ihr Handwerk, sind Buchdrucker, Setzer, Buchbinder, Apo- thecker, Schreiner ꝛc. Am 24sten Sept. kam ich dahin, und man muste schon in allen Zimmern einheizen. Es regnete auch bei- nahe die ganze Zeit, die ich hier zubrachte. Am fruͤhen Morgen lag Schnee auf den Bergen. Das Regenwet- ter war immer kalt, unfreundlich, bald mit starken Win- den, den, bald mit kleinen hartgefrornen Wassertropfen ver- mischt. Gar oft fiel, indem es regnete, besonders am fruͤhen Morgen, auch ein feiner Schnee darzwischen, der freilich nicht liegen blieb. Ploͤtzlich entstand oft ein brau- sender Schlagregen, und ein tobender Wind, daß man fuͤr alle Fensterscheiben bange seyn sollte. Der Fremde bemerkt die schnellen Abwechselungen der Witterung mehr, als die Leute in St. Blasien, die schon lange an die rau- he Gegend gewoͤhnt sind, und wovon der groͤste Theil die meiste Zeit des Lebens im stillen Zimmer zubringt. Wenn Regen, Schnee und Sturmwind hier einmahl anfangen, wie jetzt geschah, so ganz entsetzlich zu wuͤthen, daß der, der es nicht gesehen hat, sich gar keine Vorstellung davon machen kan, so weis man aus Erfahrung, daß diese dem Fremden, der immer nach der Strasse hinaussehen will, so unangenehme Witterung auch nicht eher aufhoͤrt, bis das Wasser nicht mehr truͤbe, sondern hell und klar von den Vergen, die das Kloster uͤberall umschliessen, herab- fließt, und statt des Nordwindes wieder der Ostwind an- faͤngt zu wehen. Daher koͤmmt es, daß Reisende hier oͤfters gleichsam Gefangene, und durch Regen und Schnee im Kloster eingeschlossen werden. Man hat schon den Fall gehabt, daß, wenn die Fremden endlich voll Unge- duld wurden, und nicht mehr laͤnger warten wollten, daß man Wagen und Chaise aus einander schlagen, alles auf Schlitten laden, und sie so fortfuͤhren lies, bis sie wieder im Thal und in gelindern Gegenden waren. Mir waͤre es beinahe eben so gegangen. Immer sah ich an den Berg hinauf, der gerade vor meinen Fenstern in die Hoͤ- he stieg; aber am fruͤhen Morgen war er mit duͤnnem Schnee wie uͤberpudert, und nach Tische mochte ich ihn nicht ansehen, weil er noch immer Wasser in sich schluck- te, te, und also noch kein helles Wasser herabkommen wollte. Zwar, wenn ich auch durch die Ungewitter der Natur ge- zwungen worden waͤre, von der Gnade des Fuͤrsten noch laͤnger Gebrauch zu machen, waͤre es dann nicht ein lehr- reicher Aufenthalt fuͤr mich gewesen? Indessen behauptet man doch, daß sieberhafte Leute hier wieder gesund werden. Traͤgt etwa die reine Luft und das gesunde, starke, eindringende Wasser etwas da- zu bei? Fuͤr viele Menschen waͤre wohl in St. Blasien nichts beschwerlicher, als der Mangel an koͤrperlicher Be- wegung durch langsames Spaziergehen. Man muß auf dies Vergnuͤgen Verzicht thun, sobald man in dieser Tie- fe ist. Wenn auch die Witterung guͤnstig ist, so muß man auf allen Seiten Berge besteigen. Die ebnen We- ge in der Tiefe bedeuten nichts, und hoͤren nach wenigen Schritten auf. Indessen kan man in den langen Gaͤn- gen des Gebaͤudes selber sich die Fuͤsse muͤde laufen. Im Garten, der aber klein ist, weil die rauhe Na- tur hier nicht viel zarte Gartengewaͤchse pflegen und erzie- hen kan, ist an einer Grotte eine artige Wasserkunst, ein verstecktes Springwerk angebracht. Man kan es, ohne daß es der Fremde bemerkt, anlassen, leiten und lenken, wie man will. Darneben ist auch ein kleines Sommer- haus, das an der Alp eine angenehme Lage hat, und hin- ter sich und vor sich so viel Aussicht, als man in St. Blasien erwarten darf. Gemeiniglich traͤgt der Fuͤrst nur ein blosses goldenes Kreuz von mittelmaͤssiger Groͤsse auf der Brust. Er wies mir aber, als ich darum bat, zwei andre Pektora- lien, lien, die er durch die Gnade der verstorbenen Kaiserin er- halten hat. Beide sind sehr gros, sehr reich; eins ist ganz mit Smaragden, das andre ganz mit Diamanten besetzt. An beiden haͤngen auch reiche und gestickte Baͤn- der. Ihro Majestaͤt liessen ihm, als Sie das letzte schenkten, sogar die Wahl unter mehrern. Da er, wenn er will, in einem eignen Zimmer neben seinen Wohn- und Visitenzimmern Messe lesen kan, so bewahrt er auch dort ein kostbares Meßgewand, an welchem die verstor- bene Kaiserin ebenfalls Selbst gearbeitet haben. Man weis, daß Ihro Hoͤchstseel. Majestaͤt eben so geschickt, als fleissig in allen weiblichen Kuͤnsten gewesen sind, und der Fuͤrst von St. Blasien ist nicht der einzige, auch viele Evangelische Gesandten und Agenten haben mir versichert, daß die Kaiserin auch waͤhrend der Unterredung mit ihnen immer ein Naͤhzeug, oder sonst eine weibliche Arbeit un- ter den Haͤnden gehabt habe. Ist es nicht Pflicht, auch noch nach dem Tode, recht oft solche schoͤne und edle Ka- raktere zu ruͤhmen, damit so viele andre minder wichtige Personen des weiblichen Geschlechts daran lernen moͤgen, was ihre Pflicht ist, und wodurch sie sich wahren Ruhm erwerben koͤnnen. Seit einiger Zeit fangen viele Da- men, die vielleicht sonst die ganze Woche nicht viel arbei- ten, die sonderbare Gewohnheit an, am Sonntage in Gesellschaften Filet zu stricken, oder mit andern spieleri- schen Arbeiten ans Fenster zu treten, und sich dadurch vom gemeinen Volk, das in die Kirche geht, zu unter- scheiden. Muß der Weise nicht oͤfters laͤcheln, oder spot- ten, wenn er solche seltsame Grillen unter jenem wunder- baren Geschlecht herumschleichen sieht? Die verstorbene Kaiserin belohnte auf diese Art die seltenen Verdienste des gelehrten und menschenfreundlichen Fuͤrsten Fuͤrsten von St. Blasien, und es waͤre freilich zu wuͤn- schen, daß auch in der protestantischen Kirche viele Fuͤr- sten waͤren, welche die Talente und den gemeinnuͤtzigen Fleis der faͤhigen Koͤpfe im Lande durch aͤhnliche Belohnungen erweckten und unterstuͤtzten. Der Fuͤrst ist Erzkaplan vom Kaiserlichen Hause in den Vorderoͤsterreich ischen Landen. Er muß deswegen, so oft jemand von dieser hoͤchsten Familie in das Land koͤmmt, sich da, wo der Hof ist, einfinden, Messe lesen, bei der Tafel das Tisch- gebet verrichten, und so hatte der jetzige Fuͤrst auch das traurige Geschaͤft, der letztverstorbenen Monarchin in Freiburg die Exsequien zu halten, und die Stimme der Religion, und so vieler klagender Voͤlker am Grabe dieser wohlthaͤtigen Frau zu seyn. Was die Regierung des kleinen geistlichen Staats betrift, so haͤlt der Fuͤrst einige wenige weltliche Beam- te, die in eigenen Gebaͤuden neben dem Kloster wohnen, und die Tasel bei Hofe haben. Mit diesen haͤlt er alle Woche Konferenz, laͤßt sich Briefe und Rechnungen vorlegen, und arbeitet selber viel mit ihnen. Unmittel- bar steht der P. Groskeller unter ihm. Alle Rechnun- gen von Probsteien, Amtleuten, Superioren und Schaff- nern sieht der P. Oberrech ner durch, und erhaͤlt dafuͤr von jedem Rechner, sobald die Rechnung abgehoͤrt worden ist, und er ihm sein Absolutorium, das der Fuͤrst selber un- terschreibt, zugeschickt hat, elnen Dukaten nach der Taxe. Diese Dukaten verwendet der P. Ober rechner fuͤr das Naturalienkabinet, wovon ich Ihnen bald mehr sagen will. Als Graf von Bondorf haͤlt der Fuͤrst 3. gemeine Soldaten, die einander am Portal alle 2. Stunden ab- loͤsen. Zu seiner Bedienung ist ein Kammerdiener, ein Zweiter Theil. C c junger junger Husar, ein Leibkutscher und ein Vorreuter ang- stellt. Sie werden leicht vermuthen, daß wir auch oft von dem ungluͤcklichen Brande, der vor sechszehen Jahren fast das ganze Klostergebaͤude auffras, gesprochen haben. Am heilen Tage, Mittags um Eilf Uhr, schlug die Flam- me an mehrern Orten zu den Fenstern und zum Dache hinaus, und es war keine Rettung moͤglich. Nur ein Theil des Aussengebaͤudes blieb stehen, und steht auch noch. Man hat uͤber die Entstehung dieses Brandes viel ge- sprochen, geschrieben und gelogen, das ich hier nicht wie- derholen und nicht beurtheilen mag. Einigen war es nicht unwahrscheinlich, daß es noch Folge von einem Blitz seyn moͤchte, der acht Wochen vorher das Kloster getrof- fen hatte. Da dieses geschehen war, packte man das Geld, die Urkunden und Pretiosa ein, und wollte es nicht wieder auspacken, bis man etwa nach dem gewoͤhnlichen Lauf der Natur keine Donnerwetter in jenem Jahr mehr zu besorgen haben wuͤrde. Dieser Vorsicht hatte man es zu danken, daß, als das Ungluͤck entstand, manches, das sonst im Rauch aufgegangen waͤre, leicht zu retten war. Indessen verbrannte immer manches Wichtige und Unersetzliche, auch ward beim Brande selber, wie es immer geschieht, nicht wenig gestohlen. Da endlich der Aschenhausen da lag, war es ein trauriger Anblick. Man sah einander mit Wehmuth und Niedergeschlagenheit an, und dachte im Anfange nur auf Ausenthalt und Unter- kommen, bis man sich wieder sammeln koͤnnte. Die saͤmmtlichen Patres wurden hie und da verstellt. Der Fuͤrst, der doch auf dem Platze bleiben muste, wohnte beim Kanzler, und nahm sich vor, weil ihn doch einmahl das grosse Ungluͤck getroffen hatte, nun auch keine Aus- gaben gaben zu scheuen, und ein mustermaͤssiges Gebaͤude auf- zufuͤhren, um so mehr, da ihm nach seiner Ruͤckkunft aus Italien, wo sich sein Geist an den hohen Schoͤnheiten der Kunst geweidet hatte, die deutschen Gebaͤude im Kon- trast mit den Pallaͤsten in Welschland gar nicht mehr gefallen konnten. Es haͤlt schwer, wenn man in St. Blasien etwas Gewisses von Einkuͤnften und Ausgaben erfahren will; aber das ist doch wohl zuverlaͤssig, daß der Bau des Klosters und der Kirche, mit Inbegrif der Or- gel, beinahe eine Million Gulden gekostet hat. Sie wuͤrden das gern glauben, wenn Sie den Tem- pel gesehen haͤtten. Die Kirche verdient diesen Namen mit allem Recht. Sie ist ganz nach dem Muster der Notunda in Rom, und laͤßt die katholische Kirche in Berlin weit hinter sich. Als ich jene sah, bewunderte ich sie. Aber nun, da ich in St. Blasien beinahe ei- nen ganzen Tag in dieser Kirche zugebracht habe, zweifle ich, ob mir jene noch gefallen wuͤrde. Am Martins- tage im November 1781. wird die erste Messe darin gele- sen worden seyn. Die voͤllige Einweihung aber mit Pracht und Pomp ist bis auf das Jahr 1783. verschoben worden, weil die erste und aͤlteste Charta Regia, die das Kloster als eine Abtei hat, im Jahr 983. vom Kai- ser Otto II. gegeben worden ist. Die Kirche ist also Zirkelrund; ihre Laͤnge betraͤgt 112. Schuh, mit den Mau- ern ist der Durchmesser 134. Schuh; das Chor ist auch 112. Schuh lang; in der Kirche stehen 20. Saͤulen von Quadersteinen, wovon jede nach dem gemachten Ueber- schlag wohl 100,000. Zentner traͤgt, oder doch tragen kan; bis an die Malerei der Kuppel ist eine Hoͤhe von 108. Schuh; ausser diesem einzigen Gemaͤlde ist alles ganz C c 2 weis, weis, nichts sieht man als Stukkaturarbeit; der reinste, simpelste Geschmack herrscht uͤberall, vereinigt mit Maje- staͤt und Wuͤrde, recht so, wie eine Christliche Kirche seyn soll. Ich muß gestehen, es wuͤrde mir ein wahres Fest seyn, wenn ich in so einem praͤchtigen Tempel, wo doch uͤberall edle Einfalt und Wuͤrde hervorleuchtet, in die solemni et augusta, eine feierliche Rede halten duͤrfte. Wir ahmen sonst gern den Griechen und Roͤmern nach, aber in solchen oͤffentlichen Anstalten, die doch so maͤchtig auf den Geist des Volks, und dessen, der zum Volke reden soll, wirken, treten wir leider! nicht in ihre Fustapfen. Dixnar, ein Gascogner, und Pigage in Mannheim haben den Riß dazu gemacht. Das Gemaͤl- de oben in der Kuppel stellt eine Glorie vor, und lauter Heilige, die Benediktus besonders verehrte. Ausser diesem ist nur noch ein Gemaͤlde, uͤber dem Eingange ins Chor. Da sieht man den sterbenden Benedikt, unge- mein schoͤn perspektivisch gemalt. Beide Stuͤcke sind von Wenzinger in Freiburg. Vor dem Thore steht ein majestaͤtisches eisernes Gitterwerk, das der letztver- storbene hiesige Hofschlosser Hugenest verfertigt hat. Es sind viele Zentner Eisen und unglaublich viele Verzierun- gen daran. Der Kuͤnstler war ein Blasier von Geburt, kam auf seinen Reisen hieher nach Carlsruhe; der Hof wollte ihn behalten, und das Stift machte damahls keine Schwierigkeiten. Als das eiserne Thor oder Gitter ganz fertig war, stellte er es hier in seinem Hofe auf, und die ganze Stadt bewunderte seine Arbeit. Man ruͤckte eine kleine Beschreibung davon in die Zeitung, dadurch wur- den viele Kuͤnstler und Schlosser aus entfernten Staͤdten hierher gelockt, es zu besehen. In St. Blasien faͤllt es aber an seinem Platze noch viel mehr in die Augen. Und Und damit es gegen die weisse Kirche recht abstechen moͤch- te, so hat der Fuͤrst auch nicht eine Rose daran vergolden lassen. Es behaͤlt seine natuͤrliche Farbe, und bleibt ganz schwarz. Gleich beim Eintritt in das Chor findet man zu beiden Seiten Nischen; uͤber diesen stehen marmorne Urnen; in diese kommen die Gebeine des h. Blasius, und des ersten Abts. Hochaltar und Kanzel sind von schwarzem Marmor. Der Hochaltar bekoͤmmt eine Tumbam, weil man in der alten Kirche nicht Messe lesen durfte, als uͤber den Gebeinen eines Maͤrtyrers. Zugleich wird er doppelt gemacht, so daß er den Geistli- chen, wenn sie im Chor versammelt sind, und auch der Gemeine dient. Oben uͤber dem Chor ist eine Gallerie, und auf jeder Seite wieder sechs freistehende Saͤulen. Ganz hinten steht eine Orgel, die 50. Register und noch ein Positiv hat. Sie ist noch vom alten Silbermann, und hat 17000. Gulden gekostet. Aber ihr Ton ist kost- bar, und Herzeinnehmend. Vor dem Portal stehen Do- rische, in der Kirche Korinthische, und im Chor Joni- sche Saͤulen. Unbeschreiblich sollen die Fundamente der Kirche seyn. Man hat in lauter Felsen gehauen und ge- graben. Am Anfang des Chors sind oben auf der Gal- lerie sehr schoͤne Oratoria, aus welchen man in das Chor und in die Kirche sehen kan. Der ganze Chor ist mit einheimischem Marmor und Alabaster uͤberkleidet. Be- sonders laͤuft unten ein handbreiter Kranz an der Wand herum, der von einer braunen Alabasterart gemacht ist, die von weitem gerade so aussieht, als wenn es versteiner- tes Holz waͤre. Die Chorgestuͤhle sah ich noch in der Werkstaͤtte des Schreiners und Bildhauers, wo sie unter der Aufsicht eines Laienbruders gemacht werden. Sie sind alle von Eichenholz, und sehr schoͤn gearbeitet. Zu C c 3 jedem jedem Sitz ist ein eignes Speichelkaͤstchen. Weil das Beten und Singen im Chor oft drei Stunden waͤhrt, so hat man diese Stuͤhle so bequem machen lassen, daß sie auch stehend doch halber sitzen koͤnnen. P. Oberrech- ner und ich brachten fast einen ganzen Vormittag damit zu, daß wir die Kirche besahen, wiewohl wir nicht ein- mahl auf dem Gesimse, auf welchem die Kuppel ruht, herumgingen, aus Furcht, es moͤchte uns ein Schwindel ankommen. Und doch fuͤhrte mich der Fuͤrst Selber nach der Tafel noch einmahl hinein, und zeigte mir noch man- che Schoͤnheit, die ich uͤbersehen hatte; z. B. Auf der obersten Stufe des Eingangs in den Chor ist linker Hand am Gitter ein weisses Ammonshorn in dem schwarzen Marmor, das ziemlich gros ist, aber doch nur anderthalb Windungen hat. Der Fuͤrst hat es mit Fleis erhalten, und hier anbringen lassen, weil er viel bessre Einsichten in die wahre Schoͤnheiten der Natur und der Religion hat, als ein ganzes Heer von seinen Glaubensgenossen. Man hat rothe und schwarze Kupferstiche vom Kloster und von dem Portal dieser Kirche. Ich habe beide aus der gnaͤ- digen Hand des Fuͤrsten zum Geschenk erhalten, und be- wahre sie als eine angenehme Erinnerung an angenehm verlebte Tage. Wir gingen aus der Kirche nach dem Hause, das, um eine Glocke zu giessen, aufgebauet worden ist. Zur neuen Kirche gehoͤrte freilich auch ein ansehnliches und feierliches Gelaͤute. Der Fuͤrst gab einige alte Glocken und Glockengut genug her, und lies zwei Glocken giessen, deren Ton harmonisch seyn sollte. Nach der genauesten Berechnung verhalten sie sich gegen einander, wie Eins zu Vier. Jetzt ward diejenige gegossen, die hundert und und zehn Zentner wiegen sollte. Ich habe aber bei der Einrichtung nichts verschieden gefunden von der Anstalt, die ich in Speier gesehen habe S. Seite 325, . Es war gut, daß man hier die Materie nicht gespart hatte. Denn der Ofen bekam schnell eine Ritze, das geschmolzene Gut fing an auszulaufen, der Meister bei der ganzen Sache wollte es sich vorher vom Fuͤrsten ausbitten, daß Er mit seiner geweihten Hand anstechen moͤchte; es ward ihm aber ab- geschlagen, und die Umstaͤnde des Ofens noͤthigten ihn, in der Eile die Materie auslaufen zu lassen, und den Guß zu wagen. Es gelang ihm aber recht gut, so viel man nachher an der neuen Glocke sehen konnte, ehe sie ganz gereinigt war. — Man konnte den kostbaren Bau der Kirche, und so manches andre in St. Blasien um so viel leichter ausfuͤhren, da die Vorsehung auf den un- gluͤcklichen Brand jene theuren Jahre folgen lies, wo besonders die Brodfrucht, und das Getreide, wovon St. Blasien einen Ueberfluß hat, in sehr hohem Preise stand. Mit eben so grossem Vergnuͤgen besah ich im ober- sten Stock bei Hofe, da wo uͤber der Thuͤre ein Papagei gemalt ist, das Naturalienkabinet. Es steht unter der Aufsicht des P. Franz, Oberrechner, dessen Guͤtig- keit, Hoͤflichkeit und Dienstfertigkeit gegen mich ich uͤber- haupt nicht genug ruͤhmen kan. Schade, daß dieser fleissige und gescheute Mann nicht mehr Zeit auf das Stu- dium der Natur wenden, und sich nicht die besten und unentbehrlichsten Buͤcher anschaffen kan. Wir wuͤrden gewis aus dieser noch unbekannten, und nicht untersuch- ten Gegend des Schwarzwaldes manchen wichtigen Beitrag zur Summe unsrer naturhistorischen Kenntnisse C c 4 erhal- erhalten. Aber seit vielen Jahren ist er mit der Dire- ktion des Bauwesens, mit dem Abnehmen der Rechnungen, mit der Abkuͤrzung der P. Hergot tischen Werte beschaͤf- tigt, und Er ist es, dem der Fuͤrst den ehrenvollen, aber freilich muͤhsamen Auftrag gegeben hat, die Geschichte des Vaterlandes zum Unterricht in den Schulen zu liefern. Ist es moͤglich, so werden wir bis Ostern dieses nuͤtzliche Buͤchlein erhalten. Man wird dabei drei Charten liefern, wovon ich die Erste schon gezeichnet ge- sehen habe, naͤmlich: den Ursprung und den Lauf des Rheins und der Donau, wie sie in den aͤltesten Zeiten waren, mit den Namen und Grenzlinien der aͤltesten Voͤlker. Auf der zweiten Charte wird man eben das sehen, wie es zur Zeit der Allemannen und der Caro- linger war. Und endlich wird die dritte Charte alles das so zeigen, wie es jetzt unter unsern Augen liegt. Mit diesem Werke ist P. Franz nun Tag und Nacht beschaͤftigt, und freut sich nur daruͤber, daß der Kirchen- bau, wobei ihm fast jeder Nagel durch die Hand ging, indessen zum Ende eilt. Die vielseitige Brauchbarkeit des Mannes zieht ihm eine Menge von Geschaͤften zu, die eben nicht allemahl angenehm sind. Es geht ihm, wie vielen andern: Er wuͤnscht, daß er seine Stelle bei Hofe, wo so viele Bauern und Bedienten bestaͤndig nach ihm fragen, wieder mit der stillen Zelle im Kloster ver- tauschen koͤnnte, damit er in einer lehrreichen Einsamkeit studiren, und ungestoͤrt in seinen Empfindungen und Ge- danken auch sich selber leben koͤnnte. Eben dieser Mann hat auch an der Hoftafel des Fuͤrsten den Auftrag, das Wichtigste aus den politischen Zeitungen vorzulesen, und er thut das mit einer sehr hellen Stimme, nimmt, so so oft er wieder lieset, allemal seine Muͤtze ab, und ver- gißt gißt sich beinahe oft selber daruͤber. Auch er hat in sei- nem Kabinet noch gar viele betruͤbte Erinnerungen an die Verwuͤstung, die das Feuer angerichtet hat. In- dessen sind doch schon wieder sehr viele schoͤne und seltene Stuͤcke darin, und die Anordnung der vorhandenen Sa- chen zeugt von dem gelaͤuterten Geschmack des Besitzers. Wir beide waren gleich in den ersten Stunden gute Freunde geworden, aber beim frohen Anblick der schoͤnen und unerschoͤpflichen Natur wurden wir es noch mehr. Wir erzaͤhlten uns wechselsweise von tausend Sachen, welche die Natur in ihrem weiten Reiche hat, und brachten einige Stunden mit innigem Vergnuͤgen zu. Darf ich Ihnen einige von den nicht gemeinen Stuͤcken, die ich besonders bemerkt habe, hersetzen? 1) Ein ausgestopfter Zebra. Sollten Sie wohl den schoͤnen afrika nischen Esel hier auf dem Schwarz- walde erwarten? Hr. Bernoulli in Basel hat das Fell gekauft, und mit andern Sachen hieher geschickt. Ich vermuthe, daß dies Exemplar ein Maͤnnchen ist; denn er hat ein starkes Kammhaar, dergleichen ich sonst noch nie an so vielen Zebras, die ich gesehen, bemerkt habe. 2) Ein Groͤnlaͤnders- Kleid aus Seehunds- fellen. 3) Viele Schlangen vom hiesigen Schwarzwal- de, in Weingeist recht gut aufgehoben. Eine ist fuͤnf Schuh lang, und sie lebte noch eine halbe Stunde, nach- dem sie schon im Weingeist gelegen war. Man hat diese auf einem Berge gefunden, auf welchem kupferhaltige Quellen sind. 4) Eine sehr dicke Schlange, die uͤber den Schup- pen noch die schoͤnsten Reihen von Blaͤttern hat. C c 5 5) Eine 5) Eine andre, die eben so noch mit besondern Fi- guren gezeichnet ist. Diese Figuren sehen hier aus, wie Apfelkerne. Vielleicht ist diese und die vorhergehende Maͤnnchen und Weibchen zusammen. Ich habe es un- endlich bedauert, daß ich meinen Linne’e nicht bei mir hatte, und hier kein Systema Nat. haben konnte. Die Geschichte der Schlangen wuͤrde gewis gewinnen, wenn man diese raren Schlangen sorgfaͤltig untersuchen, ver- gleichen und genau beschreiben wollte. 6) Zwei zusammengewachsene Katzen aus Frei- burg. 7) Ein schoͤner Foetus von einem Hirsch, den P. Franz mit warmen Wein geputzt hat. Da ward dieser, und viele andre Foetusse so weis, als wenn er von Wachs waͤre. 8) Ein menschlicher Foetus, der schon zwei Tage vergraben war und eben so behandelt wurde. 9) Ein abscheulich grosser und dicker Salamander, ohne Zweifel aus dieser Gegend. 10) Allerlei, und zum Theil auch sehr grosse Gat- tungen von Eidechsen, die also nicht nur in heissen Laͤn- dern eine besondere Groͤsse erreichen. 11) Zaͤhne von einem todt im Wald gefundenen Haasen. Es sind zwei; sie sehen aus, als waͤren sie vom wilden Schwein, oder vom Sus Babyrussa; sie sind aus der untern Kinnlade herausgewachsen, sind ei- nige Zolle gros, sind weis, und wurden endlich so gros und so monstroͤs, daß der Haase verhungern mußte, als er wegen tiefen Schnees kein hohes Gras mehr finden konnte. 12) Auf 12) Auf einer Tafel: Nachricht und Abbildung von einem Menschenkind, das nur 1⅝ Zoll lang war, zu Schwaz in Tyrol 1774. den 18ten April gebohren; ward getauft und lebte sechs Stunden. Es war ein Knaͤbchen; das Kind ist nackend und eingewickelt abge- zeichnet; die Glieder sind alle da, und ausgebildet, aber alles en Migniature. — Die Namen der Eltern, und die Zeugnisse der Obrigkeit stehen dabei. 13) Ein Peruanischer Balsam noch in der runden Fruchtkapsel, und oben verschmiert, so wie er zu uns koͤmmt. ehe er von den Apothekern und Materialisten geoͤfnet und verfaͤlscht wird. P. Franz hat ihn von ei- nem Groskreuz in Maltha erhalten. 14) Ein schoͤner violetter Meerigel, auch aus Maltha. 15) Ein gelbes Ei von einer Haushenne. 16) Ein Haushennen-Ei, das nicht groͤsser ist, als das Ei eines Kanarienvogels, und doch nicht das Erste und das Letzte. Die Henne legt sonst schon lange, und legte nachher wieder gewoͤhnlich grosse Eier. Man hat das Ei von einer sichern Hand in Freiburg erhalten. 17) Seekrebse — schoͤne Sammlung von Kon- chylien — Seepflanzen und Lana penna, die P. Franz mit mir theilte. Zwei sehr schoͤne Nautili papy- raceii — Ein ganz kleiner Admiral. 18) Eine Schnecke, deren Spindel man sieht, weil beim Putzen auch noch das temperirte Scheidewasser die Schaale durchgefressen hat. 19) Ein herrlicher Einsiedler-Krebs aus dem mittellaͤndischen Meere. 20) Eine 20) Eine ausserordentlich grosse Sturmhaube. 21) Ein Specht mit rothen Extremitaͤten an den Fluͤgeln. Man sieht diese Art hier nicht immer. 22) Ein an der Aar geschossener Kybitz. — Ein grosser Reiher aus der Nachbarschaft. 23) Erdarten — Zuͤrich er Porzellanerde, Tyrol. metallische Erdfarben ꝛc. 24) Chinesischer Saͤnd — kleine unregelmaͤssige hellweisse Steine. 25) Goldsand aus der Aar, wobei man hier be- hauptet, daß eigentlich durch die Aar das Gold in den Rhein komme. 26) Zwanzig Arten von Alabaster aus den Stifts- landen, die Leute nennen sie Marmor, aber keine Pro- be brauset mit Saͤuren; eine Art ist ganz weis. Hier kam auch die braune holzfaͤrbige wieder vor, wovon der untere Kranz im Chor gemacht worden ist, und ich habe diese und mehrere schoͤne Probestuͤcke auf Befehl des Fuͤr- sten und durch die Guͤtigkeit meines Freundes zum Ge- schenk in meine Sammlung erhalten. 27) Davon sind sieben Arten von Marmor, die auch in den Stiftslanden brechen, sehr verschieden. Man sieht hier einen Marmor, der ganz schwarz ist, und ei- ner mit Marcassit. 28) Blaͤtterspat mit Schwefelkies, von Witti- chen. — Auch einheimische Jaspachate. 29) Aus Tyrol Aßbeste, Amianthe, gar schoͤne Turmalinen — auch schwedis che — Gar vortrefliche Schaͤrte von Hrn. von Born. 30) Ein 30) Ein Krystallstuͤck aus der Schweiz, zum ewigen Denkmal der Gewinnsucht und des schaͤndlichen Betrugs! Es sollte eine Druse, eine ganze Sammlung von einzelnen Zacken seyn, daher ward es theuer verkauft. Es waren aber nichts, als allerlei kleine verstuͤmmelte Stuͤcke, die der Schurke in verschiedenen Richtungslinien eingekuͤttet, und den Kuͤtt mit Thon uͤberschmiert hatte. Nun stand das gekaufte Stuͤck kaum im warmen Zim- mer, so schmolz unten der Kuͤtt, und die Stuͤcke fielen, eins nach dem andern, ab. 31) Ein Buccinum von Maltha, das oben schoͤn und ganz mit Wuͤrmern inkrustirt, und inwendig noch gewoͤhnliche Muschel ist. 32) Versteinerte Venus-Muschel vom Randen- berg, d. h. der Anfang des Bergs Abnoba, wie ihn die Roͤmer nannten. Von diesem Namen erzaͤhlt der Fuͤrst in seinem Iter per Allemann. an mehrern Orten. Denn daß die Roͤmer wirklich ehemals so weit gekommen sind, das beweiset eine Inschrift D. D. Abnobae auf einem grossen Stein, den eine Wasserfluth noch vor nicht gar langer Zeit abgewaschen und ausgespuͤlt hat. 33) Abdruͤcke von Krebsen und von Grillen. 34) Zahlreiche Sammlung von Gold- und Sil- berstufen, blaͤttrichtes Gold aus Tyrol, Proben vom ganzen Prozeß, mit dem dortigen Goldsand. — Ein kleines Stuͤckchen, wo gediegenes Gold, Fahlerz und Bleiganz aneinander sitzen. 35) Gruͤnes Bleierz — das ist bei uns, die wir den schoͤnen Gruben nahe sind, nicht mehr grosse Selten- heit. Aber hier sitzt es auf Quarz, und so habe ich es noch nie gefunden. 36) Ein 36) Unter vielen Lothringischen Eisenstufen ist eine minera martis specularis da, ganz roth, voll Arsenik. 37) Blaues gediegenes Kochsalz, aus Tyrol, hat Kupfer. 38) Modell aus Glas von einer Salzpfanne. 39) Hierher gehoͤrt auch noch ein steinerner Streit- hammer aus der Zeit der alten Deutschen. In der Mitte ist ein Loch, worein der Stiel gesteckt wurde. Das Stuͤck war schon vor dem Brande im Kabinet, kam aber unversehrt wieder aus dem Schutt hervor. Es sieht ge- rade so aus, oder das Exemplar ist vielleicht gar dassel- bige Stuͤck, das Montfaucon in seinen erlaͤuterten Al- terthuͤmern, franz. T. V. p. 200. abgebildet hat, und ist ein Lapis apyrus. Sonst habe ich in dieser Sammlung noch eine merk- wuͤrdige Gattung von Schlangen gesehen, uͤber die es schwer ist, zu urtheilen. Ich will aber hier nichts da- von sagen, weil ich an einem andern Orte mit den Na- turforschern daruͤber reden werde. Einen andern sehr angenehmen Morgen brachte ich auf der Bibliothek mit P. Aemylianus zu. Sie steht im Konvent, und hat ein sehr schoͤnes, angenehmrothes Aussehen. Pigage gab einen sehr hellen Saal mit sechszehn Kabinettern an, und in der Hoͤhe laͤuft eine Gallerie. In den Kabinettern kan man eine Menge Buͤcher aufstellen, und durch die angebrachte Gallerie sind die grossen Leitern erspart worden. Manche Buͤcher sind freilich verbrannt. Doch hat die Herzhaftigkeit des damaligen Bibliothekars noch manches, besonders aus dem dem Bibelfach, das zum Gluͤck fuͤr St. Blasien nahe bei der Thuͤre war, gerettet. Wir sahen: I) Alte gedruckte Buͤcher. 1) Eine lateinische Bibel, in drei Folianten, das A. Test., auf Pergament, vom Jahr 1450, von Gut- tenberg. ohne Namen, Ort und Zahl; die naͤmliche Bibel ist auch in Paris, Berlin, Braunschweig, es sollen kaum 5. Exemplare davon in der Welt seyn, (s. Beschreibung in M. de Bure Bibliograp̀hie in- structive. Vol. de Théologie, à Paris 1763. p. 32. 33.) Auch am Ende des letzten Theils ist gar keine Subskription. Es scheinen schon litterae fusae zu seyn, weil Buchstaben und Zeilen gar gleich sind. 2) Eine ganze deutsche Bibel, wahrscheinlich vom Jahr 1462. Clement kennt sie nicht; sie ist nicht schwer zu lesen; die 2. Buͤcher Samuelis heissen hier wie in der Vulgata, L. I. II. der Koͤnige, daher vier I. L. Regum da sind; die Acta Apostolorum, oder das Buch der XII. Boten, stehen erst hinter dem Briefe an die Ebraͤer; die Epistel an die Laodicenser ist auch in dieser Bibel; sie steht nach dem Briefe an die Gala- ter, ist kurz, scheint meistens aus dem Briefe an die Philipper zusammengestoppelt zu seyn; zuletzt steht dar- inne, man soll diesen Brief auch nach Kolossis schicken. Gar zu deutlich sieht man, daß dies das Flickwerk einer spaͤtern Hand ist. Auch in dieser Bibel steht Roͤm. III, 29. das Wort allein nicht. II) Handschriften. Es sind hier keine andern als Lateinische; unter diesen sah ich: 1) Alte 1) Alte Grammatiker aus Sec. VII. VIII. Die Skriptur ist noch die alte Angel Saͤchsische. 2) Ein altes Meßbuch, woraus man die Noten sieht, die damals in der Kirche waren, ehe Guido Are- tinus die jetzigen Musikzeichen erfand. Es scheint dies ein Choralbuch aus Sec. X. zu seyn. 3) Ein Codex fumigatus ebraicus, ist fuͤr D. Kennicott verglichen worden; am Ende des fuͤnften Buchs von Mose steht in der Masora die Jahrzahl 1277. 4) Ein Missale aus Sec. IX. gerade so, wie das, das ich in Gengenbach gesehen habe. Auch in Solo- thurn soll eine von der Art und dem Alter seyn. Christus der Herr am Kreuz, ist auch abgemalt, mit einer Schuͤr- ze, und mit vier Naͤgeln, doch ohne ein Subpedancum. Auf dem Einband ist eine Himmelfahrt Christi in El- fenbein. 5) Canones Conciliorum, sollen aus dem Sec. VIII. seyn. 6) Noch eine andre Sammlung, in welcher erst die Titel der Canonum, hernach erst die Canones selber sind. Sie faͤngt bei dem Concilio Nicaeno an, und ist unabgesetzt aneinander fortgeschrieben. 7) Hieronymus in Ecclesiasten, aus Sec. VII. oder VIII, hat noch den Merovingischen Karakter; doch konnten wir einiges lesen. 8) Capitula Legis Allemannorum, worin viele stehen, die Baluzius nicht hat; man schickte die, so ihm fehlten, nach Paris, daher stehn sie nun in der neuen Ausgabe. Dies Buch ist offenbar unter Karl dem Dicken geschrieben. Der Schriftsteller sagt es sel- ber, ber, da er am Ende ein Stuͤck aus der franzoͤsischen Ge- schichte erzaͤhlt, und von Arnulph redet, „qui adhuc „vivit, et utinam vivat, ne extinguatur lucerna „Ludovici magni Domini“. Auch erzaͤhlt er Chlo- dovichs Bekehrungsgeschichte bei Zulpich, und zum Beweis seines wahren Christenthums fuͤhrt er folgende Rede des Koͤnigs an: „Waͤre ich in Jerusalem gewe- „sen, ich wollte den Tod Jesu an den Juden mit mei- „nen Soldaten geraͤcht haben“. Im Ganzen ist dies Buch fuͤr die damaligen Zeiten noch sehr gut geschrieben. Wenn der Verfasser von schlechten Kaisern reden soll, sagt er: Humanae verecundiae consulentes jam ta- ceamus. 9) Ambrosius de fide, ad Imperatorem Gra- tianum. — Fuͤrst von St. Blasien meint, es sei liber coaevus cum Ambrosio wenigstens aus Sec. V. Geschrieben noch mit roͤmischer Schrift. 10) Ein Calendarium Martyrum et Sancto- rum, aus dem Oesterreichisch-Habspurg ischen Hause. Lauter schoͤne Malereien auf Pergament, mit kurzen schriftlichen Beisaͤtzen. Geht fort bis auf Maximilians Zeiten. Zuletzt sah ich auch die Ein und zwanzig Oktavbaͤn- de, die der Fuͤrst schon geschrieben hat. Alle Theile der katholischen Theologie hat er bearbeitet. Leider kan man Manches gar nicht mehr haben, weil beim Brande die Exemplarien im Rauch aufgingen, z. B. ein schoͤnes Buch de Radiis Divinitatis in Operibus Provi- dentiae, Naturae et Religionis. In Spanien werden diese Schriften in den Kloͤstern uͤber Tisch vorge- lesen. Auf einem Oktavblatt Libri in S. Blasio im- pressi stehen nur die Titel derjenigen Werke, die nicht Zweiter Theil. D d ver- verbrannt, und die noch jezt zu haben sind. Wohl dem Manne, der in seiner Jugend fleissig ist! Gluͤcklich ist er, wenn er alsdann in einem Staat, oder in einer Kir- che lebt, die das Verdienst unterscheidet, hebt und be- lohnt, und Leute um sich hat, die so viel Rechtschaffen- heit und Esprit du Corps haben, daß sie edeln Juͤng- lingen forthelfen, damit die Kirche immer grosse Maͤn- ner aufweisen koͤnne! Freilich ein scharfer Sporn fuͤr die faͤhigen Koͤpfe in der Roͤmischen Kirche, wenn sie die glaͤnzende Laufbahn sehen, die man ihnen mit Vergnuͤ- gen eroͤfnet, sobald sie nur Lust bezeigen, sich vor andern hervor zu thun. Unsere frommen Kirchenverbesserer ver- gassen, auf solche aͤusserliche Dinge, die zum Wachs- thum der Kirche doch auch unentbehrlich sind, hinlaͤng- liche Ruͤcksicht zu nehmen, und versprachen sich zu viel Gutes von den weltlichen Fuͤrsten. Aber unsre Musen in Deutschland sind Fuͤrstenlos, wie Winkelmann sagt. Wollt ihr mehr lernen als ein Dorfpfarrer? Gut, dafuͤr sollt ihr Schulmeister werden, und eure beste Bluͤ- the des Lebens in der Schulstube, unter einem wilden Hausen ungezogener Bursche verkuͤmmern duͤrfen. — Das ist Sitte in einem grossen Theil von Deutschland! Das ist der erbaͤrmliche Weg, auf welchem die Prote- stantische Kirche ihre besten Koͤpfe meistens kriechen, und schmachten laͤßt. Ists nicht so, — lieber Freund? Schlagen Sie die Geschichte der Gelehrten auf. Aber, wenn es dann Wahrheit ist, warum soll man, warum soll ich es nicht sagen? Eben der liebe P. Aemylianus, der mir seine Buͤ- cher zeigte, fuͤhrte mich auch in das Muͤnzkabinet, das neben der Bibliothek steht, und die Bewunderung aller Kenner Kenner erhalten wird, wenn einmahl alle seine Schaͤtze werden in Ordnung gebracht seyn. In allem sind etwa 24000. Stuͤcke da. Ich sah 1) einige Paͤbstliche Muͤnzen, weil ich mich erin- nerte, daß ich in der Koͤniglichen Muͤnzensammlung in Paris diese nicht gesehen hatte. Alle Paͤbstliche Muͤnzen von Petrus, Paulus, Clemens ꝛc. sind falsch. Vor Martin V. hat man keine aͤchte Paͤbst- liche Muͤnze. a) Von Alexander VIII. ist der erste Nummus argenteus deauratus vom Jahr 1689. b) Clemens XI. hat keinen Bart mehr, c) so wie Hadrian I. ist, der keinen Bart trug. 2) Kaiserliche, als a) Hadrian ist der aͤlteste, der einen Helm traͤgt. b) Von Albert II. ist ein sehr grosser Medaillon da, aus Erz und vergoldet, vom Jahr 1493. c) Eine Muͤnze aus Erz von Otto IV. , sehr rar. d) Ein Karl V. bronzirt, vergoldet, gros. Ich wollte diese lieber sehen, als die Muͤnzen von den alten Roͤmischen Kaisern, wiewohl man diese hier vorzuͤglich sammelt, weil man seltener Gelegenheit hat, jene zu sehen, als diese. 3) Eine Bronze von Fleury, 1711. Minerva Pa- cifera. 4) Ein Mazarin, Er selber und Sonne und Was- ser mit der Umschrist: Hinc crdo, hinc copia re- rum. 5) Ein alter silberner Virgilius Rosarius, Cardi- nal de Spoleto. D d 2 6) Schwei- 6) Schweizer ische Muͤnzen nach allen Kantons. 7) Spanische Muͤnzen, silberne, sind noch vier- eckigt, und an jeder Ecke noch eingeschnitten. 8) Eine zinnerne Muͤnze, Jud Suͤß aus Oppen- heim im Staatskleid, auf der Kehrseite ebenderselbe in einem Kaͤsig mit der Umschrift: „Aus diesem Vogelhaus „Schaut Jud Suͤß, der Schelm heraus.“ 9) Eine Juͤdische Muͤnze von Blei. 10) Juͤdische Silberlinge, worauf die bluͤhende Ruthe Aarons, der h. Sexkel, und Jerusalem steht. 11) Eine silberne Juͤdische Muͤnze, wo auf einer Seite das Brustbild von Jesus ist, und auf der Kehr- seite eine abbreyirte ebraͤische Inschrift, wahrscheinlich eine Satyre. Diese Muͤnze ist hier gros und klein. 12) Eine silberne Muͤnze mit einem Hirsch, der ein grosses Geweih hat, mit der Umschrift: Ich trage die Hoͤrner, daß jedermann schauet, Ein andrer traͤgt sie, der es nicht trauet. Und auf dem Revers steht: Vom Hahnrey red nicht scoptice, Denn dieses ist verissime, Daß mancher Stuͤmper per Cornua Erlangt hat hohe Officia. Anno Mundi! ! 13) Erlau- 13) Erlauben Sie mir noch eine Muͤnze, die auch nicht gemein ist, kurz zu beschreiben. Silber und ver- goldet, sehr gros, wie Sie aus dem Folgenden sehen wer- den; auf einer Seite hat sie viel Gravuͤre, und die In- schrift: Propter scelus Populi mei percussi eum. Esai. LIII. Auf der Kehrseite steht das ganze Symbo- lum Athanasii: Haec est fides Catholica, ut unum Deum in Trinitate, et Trinitatum in uni- tate veneremur. Alia est persona Patris, alia Filii, alia Spiritus sancti, una est divinitas, ae- qualis gloria, coaeterna majestas. O veneran- da Unitas, o veneranda Trinitas! Per Te sumus creati, vera Aeternitas! Per Te sumus redemti, summa Tu Charitas! Te adoramus, omnipo- tens, Tibi canimus, Tibi Laus et Gloria. Am Rand: Hunc grossum Lipsiae excudebat Anno MDCXLIIII. Mense Januar. Regnante Mauritio, Duce Saxoniae. Der Professor Theologiaͤ im Kloster hatte den Auf- trag, mir den Kirchenschatz zu zeigen, und in St. Blasien ist es der Muͤhe werth hineinzugehen. 1) Zuerst sah ich da ein Evangelistarium aus Sec. IX. , inwendig ist es ein Codex Mscptus, aussen ist Jesus Christus und Maria daran, von Silber und vergoldet, mit grossen Steinen. 2) Ein Reliquienkaͤstchen, das ein Geschenk von der letztverstorbenen Kaiserin; im Deckel ist ein Ge- bein vom Fridolinus, der am Ende Sec. V. und in- D d 3 wendig wendig ein Arm vom Pirminius, der Sec. VII. ge- lebt hat. 3) Viele andere Knochen und Reliquien, uͤber die ich keine Anmerkung machen will. Ich denke, die Zeit wird bald da seyn, wo die selber, die seither das h. Ge- bein gekuͤßt haben, es bei Seite legen, und nicht ver- missen werden. Das Maͤdchen vergißt die Puppe, wo- mit es im Kinderalter gespielt hat, sobald der Verstand reif wird, von sich selber, und holt sie nicht wieder. 4) Ein hundertjaͤhriges Antipendium, Kupfer und vergoldet, mit vielen silbernen Figuren. 5) Schwere und reiche Meßgewande. Maͤntel, Patenen, Kelche, Kelchtuͤcher, silberne und vergoldete Kel- che zum Wein, und zum Wasser bei der Messe. 6) Eine silberne Tafel von einem gewissen Herzog Carl von Lothringen, der 1678. uͤber das Todtmoos und uͤber den ganzen Schwarzwald seine Armee in das Elsaß fuͤhrte, und zum Andenken dieses hieher stiftete. Das Stuͤck ist theils gegossen, theils geschlagen. 7) Eine Statue vom h. Blasius, Kupfer und ver- goldet. Man hat sie erst in neuern Zeiten in Augspurg machen lasseu. 8) Mehrere Lampen fuͤr die Kirche, von purem Silber, auch Augspurg er Arbeit. 9) Sil- 9) Silberne und vergoldete Kelche mit vielen Emaille- Gemaͤlden. Ich als ein Laie durfte sie nur mit dem Tuch in der Hand anruͤhren. 10) Ganz goldene Kelche. — In jedem ein klei- nes Loͤffelchen, um etliche Tropfen Wasser in den h. Wein zu thun. 11) Ein ganz goldner Kelch, den Kaiser Karl VI. hieher schenkte. 12) Eine goldne Monstranz, neun Pfund schwer, mit aͤchten Steinen, hat einen Werth von 60,000 Gulden. 13) Ein Reliquarium vom h. Leopold, das Maria Theresia hieher schenkte. 14) Ein silberner Kelch von Innocentius XI. mit Reliquien vom Benedikt. 15) Ein grosses Krucifix mit einer Menge aͤchter Steine, worin in der Mitte noch Stuͤcke vom Kreuz Christi und noch Loͤcher von seinen Naͤgeln seyn sollen. Man hat dasselbige mit einer alten Fassung. Ueber die Beschaffenheit des Holzes werden Sie mich wohl nicht hoͤren wollen. Ich schone das irrende Gewissen, und ehre die fromme Einfalt, die sich an Holzspaͤnen erbauen kan. Erlauben Sie, daß ich hier abbreche. Ich habe Ihnen freilich noch einiges von St. Blasien, und noch D d 4 manches manches von der Ruͤckreise zu erzaͤhlen Ein brauchbarer Beschluß dieser Reise hat sich unter den Papieren des Wohlsel. leider! nicht gefunden. Herausgeber. . Aber ich bin schon weitlaͤuftiger gewesen als ich seyn wollte. Sobald ich wieder von andern Geschaͤften einige Stunden eruͤbri- gen kan, will ich das Reisebuch wieder vorsuchen. Leben Sie indessen wohl. Tagebuch Tagebuch der Reise durch Tyrol, Oesterreich, Ungarn und das Venetianische. Im Jahre 1782 . Ον οι ϑεοι φιλουσιν, αποϑνησκει νεος. D d 5 Tagebuch der Reise durch Tyrol, Oesterreich, Ungarn und das Vene- tianische. Im Jahr 1782 . Reise von Carlsruhe nach Inspruck. Den 31sten Maͤrz. H eute trat ich nun abermahls eine Reise an, und kam uͤber Stuttgard nach Tuͤbingen. Unterweges sah ich in Enzweihingen welsche Huͤhner mit ganz blau- em Kopf und lichtbraunen Federn am ganzen Koͤrper. Auch haben die Kuͤhe hier den schoͤnen seidenen Schwanz, den sie in Thibet haben. — Ich hielt mich in keiner von diesen Staͤdten, weil ich sonst schon mehr als einmahl da gewesen war, auf, sondern setzte meinen Weg Den 1sten April. uͤber Reutlingen, Pfullingen, Hostelfingen, Hau- ingen bis nach dem Kloster Zwyfalten fort. Diese Gegend nennt man die Oberwuͤrtembergische Alp. Es ist ein rauhes Land, wo man nur Korn, Haber, Ger- ste ꝛc. baut, wo aber viel Holz und Buschwerk waͤchst. Die Die Stadt Reutlingen versieht sich ganz mit Holz von dieser Alp, dort ist keins, und ist doch wohlfeil. Man haut aber auch junge Waldungen um. Bis 7. Klaftern Holz bekoͤmmt ein Buͤrger aus den Gemeinde- Waldungen. Wer einen Zug hat, kauft Holz, und verfuͤhrts im Winter, das ist alsdann die meiste Be- schaͤftigung. Die Leute fahrens bis nach Tuͤbingen, und bringen dafuͤr Wein zuruͤck. Die Schaafzucht ist hier herum sehr betraͤchtlich, daher auch so grosser Handel mit Schaafkaͤsen getrieben wird, daß sie oft den Leuten selbst ausgehen. Hanf wird auch viel gebaut. Dagegen ist Man- gel an Wasser zwischen den Bergen. Die Bauern traͤnken daher ihr Vieh mit Regenwasser, oder mit Lache. Oft schmelzen sie Schnee. Oft ist in einem Dorfe nur Ein Brunnen, der im Sommer nicht versiegt. In der Erndte muß man oft zwei Leute mehr halten, um das Wasser fuͤr das Vieh weit her zu hohlen. Es sind Pfar- ren hier, wo die Gemeinde der Frau Pfarrerin allemahl im Kindbette ein Faß Wasser schenken muß. Man saͤet im April, wenns die Witterung erlaubt, und erndtet doch oft erst 10-14. Tage nach Jakobi. Es hat schon in den zeitigen Haber, den sie abmaͤhen, ge- schneiet, dieser war zur Saat unbrauchbar, und zum Fuͤttern war er nicht viel. Von Hauingen geht der Weg wieder herab in die Gauen, so nennt der Bauer das Thal. Den 2ten April. Kloster Zwyfalten. Da war ich heute. Und wenn man alle Tage im Jahre einen Wagen voll Korn auf auf dieses Kloster rechnete, so waͤren’s doch nicht alle sei- ne Einkuͤnfte an Fruͤchten. Der Name des Klosters soll so viel bedeuten, als ad duplices aquas, weil nicht weit von hier 2. kleine Ge- waͤsser entspringen. Es hat eine neugebaute aber mit Zierrathen uͤberla- dene Kirche. In der Bibliothek, die mir Hr. Pater Tiberius zeigte, fand ich merkwuͤrdig: a) Viele schoͤne Handschriften aus dem 14, 15. Jahr- hunderte. b) Eine ganze Bibel, die sich Herzog Wilhelm von Sachsen 1576. selbst geschrieben, auf herrliches duͤn- nes Pergament in klein Oktav. c) Viele geschriebene Kommentarien uͤber biblische Buͤcher. d) Eine Doctrina canonica, metro compre- hensa, sehr zierlich geschrieben. e) Ein geschriebener lateinischer Flav. Josephus , auf Pergament, vom Frater Egidius. f) Eine alte Handschrift de regimine principum, 1434. g) Abschriften von einzelnen Schriften des Kanzler Gerson’s. h) Hutteri N. Test. in 12. Sprachen. 2. Fol. Norimb. 1599. i) Alte Choralbuͤcher im allerschrecklichsten Foliofor- mat, gros und breit. Den Den 2ten April. Heute kam ich uͤber Huttenweiler nach Biberach. Man nennt diese Gegend die Zwyfalter Alp. Die Wege sind schrecklich, und doch trift man artige schoͤne Doͤrfer auf den Bergen und in den Thaͤlern an. Die Witterung war noch so rauh und hart, daß die Leute alle unter den Huͤten noch Pelzkappen trugen. Sie sind gewaltig neugierig, trinken viel Bier und Korn- brandtewein, See- und Marggrafenwein, haben aber oft kein Brod, keine Butter und keinen Kaͤse im Hause. Sie reden eine garstige Sprache, z. B. Clauster statt Kloster, drui statt drei, may statt mehr, baͤrig statt kaum ꝛc. Wegen Abschaffung der Aposteltage und des Oster- dienstags ist jetzt viel Gaͤhrung unter ihnen. Marder gibts hier oben viele, ich sah eine Henne, der ein Marder den Hals verdreht hatte und sie war doch wieder erhalten worden. Gegen Biberach hin erblickt man uͤberall viele Seen und viele Suͤmpfe. ꝛc. Die alten Invaliden in Biberach machen doch Fronte vor den Fremden. Den 3ten April. Mein Weg brachte mich heute uͤber verschiedene Fle- cken und das schoͤne Kloster Ochsenhausen und Klein- berga nach Memmingen. Im Wirthshause nahm die Magd einen Haufen kleiner Kinder nach dem Mittagsessen in die Kuͤche und lehrte sie lateinische Gebete erbaͤrmlich herplaͤrren. Hr. Hr. Fabrikant Schelhorn hat hier eine Fabrik von Zitzen, ꝛc. und davon starken Absatz nach Italien. Er schickt sie bis nach Verona ꝛc. Zu den Formen kan man kein andres als Birnbaum -Holz brauchen, duͤnne Stuͤcke werden auf Eichen aufgesetzt. Die Abschaffung der Katholischen Feiertage schadet den Protestanten; Hr. Schelhorn konnte seine Fabrikwaaren seither immer wohlfeiler liefern, und hatte deswegen den Vorzug. In Hrn. Past. Schelhorns Bibliothek fand ich viele seltene Stuͤcke. Viel davon hat er vom seinem Va- ter geerbt, der die Amoen. litt. etc. schrieb. — Die aͤlteste deutsche gedruckte Bibel, viele Handschriften, Di- plomata aus Lud. Bav. Zeiten, viele Paͤbstl. Bullen ꝛc. waren mir vorzuͤglich bemerkenswuͤrdig. Der Ton der Stadt ist viel besser, als in Ulm. Man sieht auch meist gut gebaute Haͤuser. Abends aß ich im weissen Ochsen bei Hrn. Rei- neck, an dem ich einen sehr musikalischen und poetischen Wirth hatte. In Buxheim soll ein Karthaͤuser seyn, voll Ge- lehrsamkeit, Lebensart und Weltkenntnis. Den 4ten April. Heute gings durchs Ottobeur ische und Kemptische Gebiet bis nach Kaufbeuren, lauter rauhe Winterge- genden. Es schneite in das Habersaͤen. Die Leute lei- den oft viel Wetterschaden, und jammerten jetzt selber uͤber die lange rauhe Witterung, weil sie kein gruͤnes Futter fuͤr das Vieh bekamen. Es fras duͤrres Korn- stroh, und 60. kleine Wellen kosteten 5-6. Gulden. Un- terwegs terwegs sah ich viele ganz hoͤlzerne Haͤuser. Im Win- ter fuͤhren die Mannspersonen Mergel auf die Felder, oder spinnen auch. Kaufbeuren. Ich logirte hier beim Fabrikant, Hrn. Wagenseil vorm Thore. Bemerkungen. Auch Protestanten fasten hier meistens am Freitag und Sonnabend. Man trinkt hier fast durchgaͤngig Bier, doch rauchen auch einige viel Tobak zum Wein, welches Seewein S. S. 262. dieses 2ten Theils. Herausgeber. ist. Der Buͤrger und Bauer fuͤhlt die Oberherrschaft des Herrenstandes zu wenig, daher herrscht unter ihnen Starr- sinn, Eigensinn, Widerspruch, Unsittlichkeit, Eigenduͤn- kel ꝛc. Der Herrenstand kan sein Ansehen nicht genug geltend machen, theilet es daher willig mit dem Volk, fuͤrchtet sich und kriecht vor ihm, daher werden die besten Gesetze nicht geachtet, und das Gute waͤchst langsam. Den 5ten April. Ich hielt heute hier Rasttag, und hatte mannich- faltige Unterredungen mit Hrn. Wagenseil uͤber littera- rische Gegenstaͤnde, und dann machte ich Besuche beim Hrn. Syndikus Dr. Hartlieb, einem sehr gescheuten Kopfe, beim Hrn. Buͤrgermeister Steck, Hrn. Kanzleidirektor Hoͤrmann, einem schon bejahrten Manne, aber dem lebendigen Lexikon von Kaufbeuren ꝛc. bei Hrn. Cau- berth, dem Tochtermann von Hrn. Wagenseil, beim Hrn. Hrn. Adjunktus Am Ende, einem soliden, fleissigen, in der Reformationsgeschichte wohl belesenen Gelehrten; Hrn. Pfarrer Serpilius aus Ungarn, der gute Mann war krank, hat ein ehrliches Gesicht; er sagte mir, daß er noch willens sei, eine Unga rische Kirchengeschichte herauszugeben. Zwei Kandidaten Steck und Serpilius, faule, dicke Baͤuche, sprach ich auch noch. Auch bekam ich heute von verschiedenen Katholicken und Protestanten, die meine Schriften haben, viel ehr- lich gutgemeinte Danksagungen. Einer meinte, ich muͤste wenigstens 80. Jahr alt seyn. Abends wohnte ich einem Konzerte bei. Bemerkungen. In der Stadt herrscht viel Wohlleben. Zu allen Zeiten am Tage praͤsentirt man Kaffe, Chokolade, Wein, Liqueurs: 3-4mahl nimmts mancher in einem Tage. Bei Namens- und Geburtstagen muß gratulirt werden. Die alten Frauen hier sagen noch Mein Herr vom Manne, bei meinem seel. Herrn, und gehen ganz be- scheiden, die Toͤchter aber uͤbertreiben den Staat ꝛc. Die Stadt ist altfraͤnkisch gebaut, hat aber schoͤne Gegenden, viel Holzfloͤssen auf dem Wertach, hat auch viel Nahrung von den Wallfahrten zum Grabe der heil. Crescentia, deren Wunder selbst Fuͤrst Martin von St. Blasien glaubt! Gutes Scheidlinger Badwasser hat man hier, auch zum Trinken. Es sind wohl 70. Quellen, die warm im Winter, und kalt im Sommer sind. Es ward nach dem Lissabon er Erdbeben staͤrker befunden, als vorher; Zweiter Theil. E e ver- vermuthlich laufen seitdem gute neue Quellen zur Haupt- quelle. Den 6ten April. Meine Reise ging heute schon wieder weiter uͤber Stetten, Fuͤssen ꝛc. nach Tyrol. Die Nacht blieb ich in Reutheim. Angenehm ists, Sonne und uͤberall Schnee zu se- hen. Am Morgen roͤthet die Sonne die Spitzen der Berge, dann kommen alle moͤgliche Schattirungen, blau, schwarz ꝛc. zum Vorschein. So kalt ists hier oft, daß die Leute bestaͤndig runde Kieselsteine auf den Ofen haben, die man in die Hand nimmt, wenn man aus der Kaͤlte koͤmmt, oder ins Bette zu sich legt. Manns- und Weibspersonen trugen auch jetzt alle noch Pelzkappen unter den Huͤten. Nachmit- tags war hinter Fuͤssen ein Berg noch so voll Glatteis, daß die Pferde fielen, weil sie nicht rauh beschlagen wa- ren. Die Bauern stemmen sich oft mit schrecklicher Staͤrke an das Wagenrad, und haltens auf, daß es nicht hinter sich kan. Auch Weibsleute fahren hier allein mit mit einem beladenen Wagen. Man ißt hier viel Fische und Sauerkraut — und das war selten, daher bekam ich jetzt nichts als Mehl- speisen zu essen. Es gibt viel Viehzucht hier herum. Aus grossen Staͤllen tragen Knecht und Magd auf einer indessen von der dritten Person geladenen Trage den Mist auf den Hau- fen heraus, das geht viel schneller, als wenn man ihn mit der Gabel zieht. Der Der Eingang in Tyrol geschieht durch Einlaͤsse, oder Zaͤune von starken Planken, wobei man scharf exa- minirt und der Koffer versiegelt wird. Auch den Sitz in der Kutsche untersuchte der Kerl, und stach mit einem Eisendrath auf beiden Seiten in einen Habersack. Man passirt verschiedene Bergfestungen und Paͤsse, die jetzt verfallen und nur von einigen alten Invaliden besetzt sind. In Reutheim ist ein Mautamt; da ward der Kof- fer aufgesiegelt, und wieder uͤberall visitirt, man bekommt dann ein Pollet, und ist hernach frei. Den 7ten April. Bald nach dem Nachtlager passirte ich die Ehren- berger Klause, eine in einer schrecklichen Hoͤhe erbaute massive Bergfestung. Man koͤmmt durch etliche gewal- tig dicke Thore. Der Kaiser laͤßt sie verfallen, und will sie verkaufen, wenn er Kaͤufer faͤnde. Es liegen nur Invaliden und einige Kommandirte darin. Noch immer ist Tyrol auf beiden Seiten eine Ket- te von Bergen, und Berg an Berg mit schmalen We- gen und Thaͤlern darzwischen, wo nichts als Holz und Holzhandel ist, aber jemehr ich hineinkam, jemehr er- weiterte sich das Land, und man sah auch Aecker und Wiesen. Auch praͤchtige Waldungen von den schoͤnsten Tannen, deren mannichfaltiges Farbenspiel unbeschreib- lich ist, erblickte ich. Man sieht auch viele, aber kleine Doͤrfer, doch weiter hinein sollen auch welche von 200. Haͤusern seyn ꝛc. Die Haͤuser sind alle ganz von Holz gebaut, sogar mit hoͤlzernen, fast platten Daͤchern. Unter den Einwohnern gibts viele grosse Leute. Welche von 6. Schuh hoch und breit wie eine Stuben- E e 2 thuͤre, thuͤre, sind gar keine Seltenheit. Ich sprach mit Ei- nem, der sich fuͤr einen Riesen sehen lassen konnte, aber schoͤne Proportion hatte, und solche Waden und Fuͤsse, daß er sich, wie er versicherte, seine Struͤmpfe immer be- stellen muͤßte. — Die Fuhrleute, die jetzt so viel Bran- dewein trinken, gehoͤren nicht hieher. — Dabei sind sie hoͤflich und viel gesitteter als Schwaben bauern. Sie ziehen vor jedem Fremden den Hut ab. Ich sah Kin- der, die nach dem Tischgebet dem Vater die Hand kuͤß- ten. Sie tragen gruͤne Huͤte, die im Lande gemacht werden von gruͤnem Filz und mit gruͤnseidenen Baͤndern uͤber und uͤber besetzt, alle ohne Krempe. Dabei tragen sie Guͤrtel, wo das Leder mit Silber beschlagen ist. Sonn- tags laufen sie weit her nach einer Messe, und saufen zwi- schen der Messe und dem Hochamt ꝛc. Ehemals hatten die Tyroler mehr Freiheiten. Unter Kaiser Karl VI. aber fing ein Minister Sinzendorf an, die Mauth und andre Auflagen einzufuͤhren. Ein Buͤrgermeister Gunner wehrte sich maͤnnlich wi- der den Hof, er ward nach Wien berufen, der Mi- nister begegnete ihm sehr sproͤde, und sagte endlich: „Man wird euch eben Boͤhmische Hosen anziehen muͤssen.“ Geschwind antwortete der Tyroler: „Nein, „Ihro Excellenz, in dem Fall stuͤnden uns die Schwei- „zerhosen besser an.“ Aber einer seiner eignen Ver- wandten oder Soͤhne half nachher das Land seiner Freiheiten berauben, er durfte sich aber nicht oͤffent- lich sehen lassen, er waͤre todtgeschlagen worden. In jedem Thal von Tyrol ist andre Kleidung, Sprache, Sitte ꝛc. In den Wirthshaͤusern ist Kaiserl. Taxordnung von Eßwaaren, Heu ꝛc. angeschlagen. Heute trank ich auch auch zum erstenmahle rothen und weissen Etschwein von sonderbarem Nachgeschmack. Der Tyrol er Wein waͤchst meistens auf der Seite nach Italien, man hat weissen und rothen, der rothe haͤlt sich auch hier nicht, verliert bald seine Suͤssigkeit, alle aber sind hitzig. Den 8ten April. Inspruck. Hier war ich heute. Die Stadt liegt schoͤn am Inn hin, und erinnerte mich im Kleinen an Hamburg. Ueber den Strom gehen hoͤlzerne Bruͤcken. Er ist sehr wuͤtend, und versandet ganze Gegenden. Er entspringt in Graubuͤndten, und faͤllt bei Passau in die Donau. Die Theresien stadt oder Vorstadt ist eine schoͤne gerade Strasse, und schoͤner als die Stadt. Ich logirte im Loͤwen bei Ugonia. Die Stadt hat keine einzige Quelle, man leitet aber Wasser durch Roͤh- ren von Muͤhlen, von Ambras und von allen Gegen- den hin. Das goldene Daͤchlein an dem alten Universitaͤts- gebaͤude, — jetzt eine Kaserne, — das der Erzherzog Friedrich IV. von Oesterreich verfertigen lies, zum Beweis, daß man ihn unrecht den mit der leeren Tasche hies, verdient gesehen zu werden. Die Ziegel sind alle wohl eines Fingers dick vergoldet. Das Daͤchlein ist nicht gros, doch thut’s in der Sonne eine schoͤne Wirkung. Schade, daß es nicht in der Residenz ist. Am Inn hinab liegt der Flecken Muͤhlen Der Ort hat seinen Namen von den vielen Muͤhlen, die hier sind, Saͤge-Oel-Schmidtmuͤhlen ꝛc. Ein Bach, der , wo die Frau von Sternbach, eine Schwester der Frau E e 3 Praͤsi- Praͤsidentin von Hahn in Carlsruhe, wohnt. Ihr Gemahl hat Pension, und war vorher Landvoigt in Stockach. Ich war ihr empfohlen und wartete ihr auf. Sie ist eine dicke, starke, engbruͤstige Dame, hat 4. Toͤchter und 1. Sohn. Ihr Kaplan zeigte mir die An- lage des Gartens, und darin folgendes: — ein schoͤ- nes Gartenhaus auf einem See, das zugleich Fischhaus ist, mit einem Fischkasten im Fußboden und einer Einrich- tung, Fische einzutreiben und zu fangen. Ich bemerk- te hier rothe Fische aus Ungarn, man nannte sie Nervling, die aber mehr zum Sehen als zum Essen sind, auch hier keine Junge zeugen. Mitten in einem Berceau von Tannen war auch eine schoͤne Wasserkunst, und uͤberall reizende und mannichfaltige Aussichten. Da sah ich auch den Weg zwischen 2. Bergen durch, der nach Italien fuͤhrt. — Ach ich haͤtt’ ihn lieber nicht gesehen! Auf den Bergen, die hier liegen, und zunaͤchst um Inspruck herum, trift man Gemsen an, aber selten im Sommer, sie suchen Schatten auf hoͤhern Bergen, weil diese ihnen zu heis werden. 70 — 75. Pfund schwer ist schon eine schwere und grosse Gemse. Im Sommer wird es hier oft so heis, daß das Harz von den Tannen schmelzt, man kan das Kleid verderben, wenn man darunter sitzt ꝛc. aber auch schrecklich kalt ists im Winter. Auf diesen Bergen schmelzt der Schnee im Sommer ganz weg. Gewaltig der zwischen 2. Felsen herauslaͤuft, ernaͤhrt hier eine Menge Menschen ꝛc. Gewaltig viel Schneehuͤhner, Haselhuͤhner, Reh- boͤcke, Haasen ꝛc. gibts hier, aber auch viel Wilderer, die den ganzen Sommer durch auf den Bergen liegen, die Gemsen wegschiessen, und im Winter als Hafenbinder herum laufen. Ich fuhr in der gnaͤdigen Frau Wagen mit dem Ka- plan herein, und sah noch — den Berg Martinswand mit dem Kruzifix oben, wo Maximilian I. sich einmahl so sehr verstieg, — das Aeussere der Burg oder die Re- sidenz, wobei ich zugleich die Erzherzogin und Aebtissin vom Stifte, Elisabeth, halb schwarz halb weis geklei- det, mit 6. Schimmeln ausfahren sah. Zwei Kammer- damen sassen bei ihr, aber beide ruͤcklings. Die Kanz- lei, die ein Theil der Burg ist, — den Redouten- saal und das Komoͤdienhaus, — das Collegium No- bilium , ehemals das Jesuiterkollegium, wo Herr Vize- direktor und erster Hofmeister, Hr. Bobb, ein sehr ge- faͤlliger Mann war. Darauf machte ich bei Hrn. Baron und Gubernial- rath Ignatz von Sternbach einen Besuch, der auf einen Brief von Muͤhlen mir Erlaubnis nach Hall zu geben versprach. Den 9ten April. Das hiesige Adeliche Damenstift stiftete erst die verstorbene Kaiserin, Maria Theresia, und lies zum Andenken des Todes ihres Gemahls aus dem Orte, wo er starb, eine Kapelle machen, welches nun die Stifts- kapelle ist, wo alle Tage 2. Franziskaner Messe lesen muͤssen. Ich besah heute das E e 4 Natura- Naturalienkabinet der Universitaͤt. Es ist noch klein Ein laͤngst verfaulter Mann sammelte es fuͤr sich zum Vergnuͤgen und in der Unordnung, wie ers ohne Kunst und Wissenschaft hinterlies, ist es bisher noch ge- blieben. , und enthaͤlt lauter Sachen aus Tyrol, sonder- lich viele Kupferstufen; schoͤne Dendriten, die den Florentinern voͤllig gleich kommen; eine Pinna mar- garitifera aus der Syll, die aus dem Berg Bronner koͤmmt; Granaten, auch aus dem hiesigen Lande, sie sind sehr gros, halten aber das Schleifen nicht aus, son- dern springen; wohl 200. Sorten Marmor, ebenfalls aus dem Lande; vielerlei Versteinerungen und Inkru- stationen, auch Roͤmische Alterthuͤmer, vielerlei Farben von Sal Gemmae . — Die Staͤdte Inspruck, Schwag, und Hall aus Stuͤcken von Sal Gemmae geschnitten. Die Bibliothek der Universitaͤt. Sie ist erst von der verstorb. Kais. Mar. Th. gestiftet worden, aber doch schon an die 30,000 Baͤnde stark. Merkwuͤrdig war mir besonders a) Der erste Theuerdank, in Knuͤttelversen, auf Per- gament geschrieben, mit schoͤnen Malereien, von des Kaisers Maxim. des 1 ten Kaplan, Melchior Pfin- zing, der sich unter der Dedikation unterschreibt. b) Senecae Tragoediac, eine Handschrift aus dem 14. Jahrhundert. c) Virgil, auch eine Handschrift aus eben der Zeit, aber herrlich geschrieben, und mit Plaschgold, wie man’s gar nicht mehr so haltbar machen kan, und mit un- endlich feinen Zeichnungen und Zierrathen ausge- schmuͤckt. d) Eine d) Eine Kupferstichsammlung von Albr. Duͤrer an. e) Ein schoͤnes Meßbuch aus der Zeit des Erzherzogs Leopolds. Der Bibliothekar, Prof. Schwaͤrzle, brauchte das, um einige Verfaͤlschungen in neuen Meßbuͤchern daraus zu beweisen. f) Ein altes Historienbuch, worin die Geschichte ab- gemalt ist, wie Babb von Abensperg 1445. mit 32. Soͤhnen auf den Reichstag zum Kaiser kam. Die Familie existirt noch unter dem Namen Trane und Abensperg. g) Les Annales de la Societé de lesus par M. Philibert . In Wien darf noch kein Student dies Buch lesen, aber hier ists allgemein erlaubt. h) Charten, Globen und Bildnis von Peter Anich, der 1766. starb. Er war ein Tyrol er Bauer, der ohne Unterricht und Anleitung einen Atlas Tyrolen- sis verfertigte, und alles mit der Feder zeichnete, als er noch kaum lesen und schreiben konnte. Zuletzt ge- noß er einigen Unterricht, war aber prodigium na- turae et gentis suae, erhielt von der Kaiserin ein Ehrenzeichen und eine Pension, lag aber schon auf dem Sterbebette, und genoß es nicht lange. Er hat einen Nachfolger seines Namens. Den Disputations- und Promotionssaal der Universitaͤt. Er ist schoͤn, und mit den Bildnissen Marien Theresiens, des Kaisers und andrer Befoͤr- derer der Universitaͤt geziert. Die Modellkammer, oder das Armarium der Universitaͤt. Ich fand darin Modelle von den Fernern oder den Eisbergen, wie sich da Seen erzeugen — von den alten und neuen Salzpfannen in Hall — von ei- E e 5 ner ner Dreschmaschine, die, wenn sie vorne leer ist, die Maschine selber zuruͤcktreibt — von einem Seidenha- spel, wo 300. Menschenhaͤnde erspart werden — von einer Maschine Feilen zu hauen — Spiegel, die Pul- ver in einer Weite von 58. Schuh anzuͤnden — auch Ellipti sche Spiegel, alle in Inspruck gemacht. — Durch einen Tubus sah ich das Gestraͤuche mitten im Schnee der hoͤchsten Gebuͤrge, ganz unvergleichlich. Ich machte hierauf bei dem kranken Rektor einen Besuch, bei dem ich viele elektrische, mathematische, aerometri- sche Werkzeuge fand. Die Franziskanerkirche. Sie ist die Beicht- oder Pfarrkirche fuͤr den Hof, und versieht auch die Stifts- kirche. Ein Kaiserlicher Stuhl mit dem doppelten Adler ist darin. Der Pater Guardian, ein alter, aber hoͤf- licher Mann, wies mir oben 1) Ferdinandi Magnan. Grabmahl mit den schoͤnsten Figuren in Basrelief, aus Tyrol er Marmor. 2) Eben so das von seiner Gemahlin, einer Welserin aus Augspurg. 3) Darneben eine Orgel, die gar keine zinnerne Pfeifen hat, und doch einen huͤbschen Ton gibt, alles aus Ce- dernholz. Sie ward vom Pabst jenem Prinzen ge- schenkt. 4) Ein Altar von schwarzen Ebenholz, mit vielen Haupt- und Nebenfiguren aus Silber, daher heißt die Kapelle die Silberkapelle. 5) In der Kirche selbst ist das Monument von Ma- ximilian I. sehenswerth. Er liegt in Wien begra- ben, hat aber hier ein Grabmahl, an welchem ein hier hier begrabener Kuͤnstler Alexander Collin Ein von ihm aus Cedernholz vortreflich geschnitzter Sabinerraub, war ehemals in der Kunstkammer des Schlosses Ambras zu sehen. Herausgeber. von Mecheln auf allen 4. Seiten in Marmor die schoͤnsten Gruppen ansgehauen hat. Es ist eine unendliche Ar- beit darin, ganze Schlachten, Waͤlder, Berge ꝛc. Zelte, Kanonen, Wagen, Schanzkoͤrbe, gestuͤrzte Pferde ꝛc. Des Kaisers Gesicht ist sich immer gleich. An den Hufeisen sind die Naͤgel sogar nicht vergessen, oben auf steht der Kaiser selbst in Bronze und Tu- genden um ihn herum, und um das Mausoleum her- um stehen im mittlern Gange der Kirche zu beiden Seiten 12. Maͤnner in damaliger Kriegskleidung, aus Bronze gegossen und geschlagen, die machen einen er- staunlichen Eindruck, wenn man sie sieht. Im Hofgarten, der freilich nicht viel bedeutet, stehen allerlei Figuren in Bronze, Wassergoͤtter ꝛc. ins- besondere aber verdient die Bildsaͤule des Erzherzogs Fer- dinand Bewunderung. Er ist zu Pferd im Gallop, und das Pferd steht nur auf den Hinterfuͤssen. Bei der Universitaͤt hat ein Prof. juris 1000. Gul- den, ein Prof. med. 900, Theolog. 500, weil sie nicht verheirathet sind, und einige noch Pfruͤnden dabei haben, ein Prof. Philos. Theol. 500, die weltl. Philos. 900 — alles von der verstorbenen Kaiserin. Mittags speiste ich auf dem Landguthe Muͤhlen bei der Fr. von Sternbach. Da traf ich noch im Ge- waͤchshause einen Orangebaum an, der immer Frucht in in Frucht traͤgt, auch thun es Abkoͤmmlinge von ihm, die man dem Fuͤrsten von Kempten schickte. Das Glashaus hat keinen Ofen, keine Platten, keine Roͤh- ren, wird aber dadurch warm, daß oben und unten ein Haͤuschen steht, worin ein Heerd mit Kohlen ist, deren Dampf laͤßt man durch einen Stein, den man oͤfnen kan, in die Hoͤhe, oben ist eine Oefnung vom Glashause, da- durch zieht auch der Dampf hinein, und so braucht man in Tyrol Winterszeit kaum fuͤr 2—3. Gulden Holz, der Gaͤrtner aber hielt nichts darauf und meinte, die Waͤrme komme sonach nur oben hin, nicht auch unten. Nachmittags bekam ich Besuche von Hrn. Rath und Prof. de Luca Er hat sich durch sein gelehrtes Oesterreich und ver- schiedene andere Aufsaͤtze beruͤhmt gemacht, und arbei- tet jetzt an einer statistischen Topographie des Landes ob der Ens. Im 6ten Bande der Bern. Samml. kurzer Reisebeschr. des Jahrgangs 1782. S. 10. be- findet sich auch ein Beitrag zur Topogr. des Landes ob der Ens von ihm. Herausgeber. , einem Freunde und Korrespondenten von Hrn. Prof. Bernoulli in Berlin. Wir plauderten uͤber verschiedenes. Er erzaͤhlte mir, als er hierher gekommen, habe man Joͤchers Gelehrten-Lexicon noch nicht dem Namen nach gekannt. Von Hrn. von Laicharting, der die Nachricht und Beschreibung der Tyroler Insekten bei Fueßlin in Zuͤrich in 8 vo herausgegeben Es ist davon bis jetzt nur der erste Theil erschienen, der die Kaͤfer enthaͤlt. Herausgeber. . Er hofte hier Prof. der Nat. G. zu werden, aber seine Lehrstelle ist noch nicht errichtet. errichtet. Er muß auf der Kanzlei Akten schreiben ꝛc. Der wuͤrdige und fleissige Mann klagte uͤber den Mangel eines vernuͤnftigen Umgangs, und allgemeine Unachtsam- keit auf sein Lieblings-Studium. — In der Mitte der Tyrol er Berge finde man wohl Insekten, aber nicht in der Hoͤhe, dort ists wahrscheinlich auch fuͤr Kaͤfer zu kalt. Wir sprachen viel uͤber Linne’e, Fabrizius, Goͤtze ꝛc. Von Hrn. Vizedir. Bobb, der auch von Muͤhlen mit herein gefahren war. Ueber die Augenkrankheit des Kaisers sprechen die Pfaffen und Moͤnche immer mit einem gewissen haͤmischen Laͤcheln: sie sagen laut, das sei die Strafe Gottes an dem Monarchen wegen dem, was er an den Kloͤstern thue. — Andre troͤsten sich ganz philosophisch damit, daß der katholische Glaube existirt habe, und existiren werde, ohne Kloͤster. — Es ging aber in diesen Tagen das Examen aller Klostergeistlichen, beim Bischof an, nach dem Befehle des Kaisers. Den 10ten April. Beim Hrn. Gubernialrath, Baron v. Stern- bach, sah ich heute Abdruͤcke von Kupfern in Pasta und mit einem solchen Firnis uͤberzogen, daß man’s fuͤr ein Gemaͤlde unter weissem Glas halten sollte. Der Firnis wird hernach abgeschliffen und polirt. In der Stiftskirche war ich heute auch. In der- selben ist da, wo Kaiser Franz I. vom Schlage geruͤhrt wurde, ein goldenes breites Kreuz in einer Nische; vor diesem stehen 3. Figuren aus Alabaster, die Maria mit dem todten Christus, und 2. Weiber. Neben dem goldenen goldenen Kreuz sind Engel, Wolken, Heilige ꝛc. so taͤu- schend gemalt, daß man’s fuͤr Stukkaturarbeit, oder fuͤr Basreliefs haͤlt, wenn man hinten in der Kapelle steht. Das ist die Wahrheit der Sache, nicht ein weisses Kreuz auf dem Boden, wie man hat erzaͤhlen wollen. Dar- auf ging ich zu Hrn. von Laicharting, der am Wege nach Muͤhlen wohnt. — Die Berge dieser Gegend linker Hand tragen ganz andre Pflanzen als die rechter Hand, z. B. linker Hand von Inspruck nach Muͤhlen waͤchst Rhododendron hirsutum, rechter Hand hingegen Rhododendr. ferrugineum. Links sind die Berge lauter Kalk von Rautenau bis weit hinein, rechts lau- ter Schiefer ꝛc. Er zeigte mir seine Insekten. Diese steckt er alle blos auf in Rahmen festgespanntes Papier, verkehrt, weil er nicht glaubt, daß auf diese Art ein andres Insekt daran fressen koͤnne, und schiebt dann diese Bretchen in ein Repositorium hinein. Darunter fand ich insbesondre eine Cetonia Fabricii aus China, de- ren Elytra die ganze Pracht des Smaragden haben. Ich erhielt von ihm verschiedene angenehme Geschenke, als einen Curculio imper. Drury — Tyrol er Turma- line, Granaten ꝛc. Ich besah hierauf noch eine Voͤgelsammlung bei einem Manne, der Jaͤgerei liebt. Ich fand darin die Mandelkraͤhe, die in Oe- sterreich so haͤufig ist, — Mergus Aethiops Sco- poli , der einen kohlschwarzen Hals hat und eine blaß- roͤthliche Brust ꝛc. Dann ging ich auch ins Lesekabinet. — Auf dem Landschaftshause kan jeder jaͤhrlich gegen 1. Dukaten Journale, Zeitungen, Magazine, Reisebeschr. ꝛc. von 10. bis 12. Uhr Vormit- tags, tags, und von 3. bis halb 8. Uhr Nachm. taͤglich — Sonn- und Feiertags ausgenommen — lesen. Der Katalog wird gedruckt, es ist ein Aufseher da, der Buͤ- cher gibt, und wieder aufhebt; nach Haus nehmen darf aber niemand etwas. Diese Einrichtung gefaͤllt mir in einer Stadt besser als Lesegesellschaften. Im Schlosse Ambras sieht man nichts mehr, als ausgeschuppte Harnische, das Beste soll laͤngst nach Wien gekommen seyn, von aussen sieht’s auch einem guten Bauernhause gleich. Reise nach Hall. Unterwegs begegneten mir ganze Truppe von Pfer- den, die 2. Saͤcke voll Salz ins hoͤchste Gebuͤrge auf steilen Wegen trugen. Die Leute sind das seit alten Zei- ten so gewohnt. Der ganze Hals des Pferdes ist mit Schellen behaͤngt ꝛc. Die Stadt selbst liegt hinten am Berge, praͤsen- tirt sich aber eben deswegen in der Ferne sehr gut. Die Vorstadt ist neuer und schoͤner. Die Leute sind traͤg, schwerfaͤllig, bigott, dumm, es ist keine rechte Art in ihnen ꝛc. Ich machte gleich beim Hrn. Salzamstrath Le Noble, an den ich Brie- fe vom Hrn. Gubernialrath von Sternbach aus In- spruck wegen des Salzwerks hatte, einen Besuch. Die Kanzleigeschaͤfte sind auch hier sehr uͤberhaͤuft, des Nach- mittags sind mehr Stunden als Vormittags. Man ver- mindert die Dienerschaft und vermehrt die Geschaͤfte. Ich fand ihn im Amte, er war aber doch so gefaͤllig und zeig- te mir die die Salzpfannen. Fuͤnfe werden mit Holz, 2. seit kurzer Zeit, — aber nur kleine, — mit Steinkoh- len gefeuert. Was ich mir bei diesen Salzwerken ange- merkt habe, ist folgendes: 1) Die aͤltesten Urkunden, die man hier von dem Werke hat, sind von 300. Jahren her, aber die Direktion war bald hier, bald in Schwatz ꝛc. 2) Die Sohle, die man hier Suhr nennt, wird durch Roͤhren vom Berge herab geleitet, und fließt von selbst in die Pfannen. An jeder Pfanne sind 2. Haͤhne. 3) Jetzt hat man keine so grossen Pfannen mehr, wie vormals. Die sonst 62. Schuh langen und 62. Schuh breiten hat man um der Muͤhe und Gefahr willen ab- geschaft; man sieht noch den Platz von einer alten. 4) Vierzehn Tage waͤhrt es jetzt, so ist die groͤßte Pfanne ganz leer. Man siedet Tag und Nacht fort. Alle 3. Stunden wird auf beiden Seiten das ganze krystallisirte Salz herausgenommen, aber es fließt immer wieder frische Sohle hinzu. 5) Das Sieden des vorhandenen Steinsalzes geschieht blos deswegen, um das Salz von seinen Unreinigkei- ten, Thon, Kalk, Mergel, Kupfer und Eisen zu befreien. 6) Das aus der Siedpfanne genommene Salz trocknet schon ein wenig darneben ab auf einem plano incli- nato, von welchem das Wasser wieder hinabfliessen kan in die Pfanne. 7) Durch einen sehr kleinen Handgrif wird das halbtro- ckene Salz in hoͤlzerne Wandkaͤsten gebracht, aus welchen es durch ein Loch auf horizontale breite Flaͤchen herabfaͤllt. Auf diesen wird es grob verbreitet, und diese diese werden von unten erwaͤrmt, man kehrt es um, und in kurzer Zeit ist es trocken. 8) Am hellen freien Tage sieht man wirklich keinen rothen Schein mehr davon. 9) Der Dampf ist gewaltig, und man behaͤlt ihn gern in der Niedrigkeit beisammen, weil sonst der Verlust groͤsser ist. 10) Das schoͤnste ist, daß man Mittel gefunden hat, die uͤberfluͤssige Waͤrme bei der Pfanne aufs sorgfaͤltigste zu menagiren. Die Feuerwaͤrme wird durch schlan- genfoͤrmige Gaͤnge dahin verbreitet, wo die kalte Sohle ist, (so daß diese schon zum Sieden vorbereitet wird,) dahin wo das Salz anfaͤngt zu trocknen, und dahin wo’s voͤllig trocken wird. Es ist alles nahe beisammen, nichts Gekuͤnsteltes, man sieht keine Weitlaͤuftigkeit. Die duͤmmsten Tyrol er besorgen alles. 11) Die Niederlage, wo die Faͤsser der Spedition uͤber- geben werden, ist ein ungeheurer grosser Platz, gleich dem groͤßten Exerzierplatz. Da wird bestaͤndig an Faͤssern gearbeitet. 12) Alle Faͤsser, alles Holz und Steinkohlen gibt Tyrol selber her. 13) Tyrol, ein Theil von Italien oder das welsche Tyrol, ein Theil von Oberoͤsterreich, und ein Theil von Deutschland, auch ein Theil vom vene- tiani schen Gebiete, wird von Hall mit Salz ver- sehen. 14) Der Steinkohlendampf verursachte erst in den Tyrol er Nasen und Koͤpfen eine Revolution. Es kam eine Kommission, die Proben machen lies, ob man auch mit Steinkohlen Salz sieden koͤnnte ꝛc. Und sie stinken nicht sehr, weil man erst am Kopf der Gru- Zweiter Theil. F f be be ist. Der Direktor Menz vermischte endlich den Dampf der Sohle mit dem Steinkohlengeruch, indem er die Kamine oben zusammenfuͤhren lies, das gefiel den Leuten. 15) Zwei Gulden hat ein Arbeiter woͤchentlich, hat aber nach 12. Stunden 24. fuͤr sich frei. 16) Von der haͤusigen Asche hat das Amt bisher noch keinen besondern Gebrauch gemacht. Die Leute neh- men sie. 17) Den Sedimentstein, woran noch viel Salz sitzt, kaufen die Italiaͤner wohlfeil, und fuͤhren ihn fort. 18) Wenn die Sohle vom Berge koͤmmt, ist sie wirklich so stark als moͤglich gesaͤttigt. 19) In jedem Fasse sind 515. Pfund Salz. 45000. Zentner Salz rechnet man des Jahrs auf Eine Pfan- ne, 7. Pfannen sind es, also ist die ganze jaͤhrliche Erzeugung des Salzes 250,000. Zentner Salz. 20) Zum Gluͤck ist oben auf der Hoͤhe des Berges suͤsses Wasser, das zum Lecken gebraucht werden kan. Das wird auch in hoͤlzernen Roͤhren nach der Stadt herabgeleitet, sonst haͤtten sie kein gutes Wasser. 21) Eine Pfanne, so wie man sie jetzt hat, ist 25½ Schuh lang und eben so breit. Sie besteht aus 357. eisernen zusammengesetzten Platten, jede Platte ist 1½ Schuh lang und eben so breit. Diese Pfannenplatten sind auf allen 4. Seiten abgebogen, und in jeder Abbeu- gung befinden sich 4. Loͤcher, wodurch man Schrau- ben anbringt, durch deren Huͤlfe die Platten zusam- mengesetzt werden. 22) Neben jeder Pfanne sind noch 2. kleine angebracht, jede 32. Schuh lang und 9. Schuh breit. Diese sind es, es, wodurch die Sohle, ehe sie in die Hauptpfanne eingelassen wird, erwaͤrmt wird. 23) Die Hauptpfanne ruht auf 49. Saͤulen, die von Eisengußschlacken in Ziegelform gegossen werden. Und dazu verwendet man hier zu Lande alle Eisenschlacken. 24) Das Feuer unter der Pfanne ist voͤllig im Mittel- punkte angebracht, und vertheilt sich nach den 4. Ecken der Pfannen, indem durch die schlangenfoͤrmigen Waͤrmpfannen der Zug uͤberall hingebracht wird. 25) Eine Herausmachung des Salzes nach 3. Stun- den gibt dem Mittel nach 18. Zentner und 25. Pfund, der Sud in 14. Tagen ist 2100. Zentner. 26) Des Tags werden verbrannt 1½ Klafter Holz, in 14. Tagen 21., im Jahr 420. Klaftern bei Einer Pfan- ne. Eine Klafter ist lang 7. Wien er Schuh, hoch 10. Schuh; die Holzlaͤnge ist 5. Schuh 3. Zoll ꝛc. 27) Die Laͤnge der Herableitung der Sohle vom Ber- ge bis zur Pfanne betraͤgt perpendikulaͤr wenigstens 600. Klafter. Schraͤg am Berge hinauf hat man 2. starke Stunden zu reiten. Mein Quartier hier hatte ich beim Hrn. Buͤrgermei- ster Mayr, an den ich von seinem Tochtermann Hrn. Haber in Kaufbeuren addressirt war. Den 11ten April. Ich fruͤhstuͤckte erst noch bei dem guten Hrn. Le No- ble, und dann trat ich mit Hrn. v. Laicharting die Bergreise in die Tyroler Alpen zum Halleinthalischen Salzstock an, ich zu Pferde, er zu Fuß, oder vielmehr am Schwanze meines Pferdes. F f 2 Der Der Salzstock oder Salzberg liegt eine starke Stun- de gegen Mitternacht von Hall weg. Es leben wohl 1000. Maͤnner, und viele mit Familien davon. Schwer- lich geht zu irgend einem Bergwerke in der Welt so eine praͤchtige Chaussee, als man hier eine gemacht hat. Oben kamen wir freilich wohl eine Stunde in Tiefen und Berge von Schnee und Eis, wo weder Mann noch Roß festen Fuß hatte, und wo Bergleute zum Fuͤhren unent- behrlich sind. Erica carnea L. wuchs uͤberall und ver- schoͤnerte die Felsen. Zu beiden Seiten sieht man immer die Sohl-Leitung, und die Leitungen des suͤssen Was- sers. Jene ist der Sicherheit wegen auf dem ganzen langen Wege mit Steinen bedeckt. Noch rauschen zu beiden Seiten uͤberall wilde Wasser herab. Da kan man recht sehen, wie die grosse Maschine der Erde spielt und wirkt. Ueberall quillt alles. Viele hunderttausend Quellen sind da, die einen schrecklichen Sturz haben, in die Hoͤhe springen, wo sie gehindert werden, hernach wieder in ein natuͤrliches Bassin von Steinen herabstuͤr- zen, daß das Pferd vom Geraͤusch scheu wird, und die Wanderer sich gar nicht mehr verstehen. Man sieht auch die abscheulichen Wege, auf welchen die armen Alpen- bauern ihr Heu und Holz, erst im Winter, wenn alles voll Schnee liegt, herabrutschen koͤnnen. Oft ist man ganz zwischen den schrecklichsten Bergen in Kluͤften ein- geschlossen, und hoͤrt und sieht nichts mehr von der uͤbri- gen Welt. Wie Obelisken stehen auf pyramidenfoͤrmi- gen Felsen ganz abgerissen hoͤhere Stuͤcke empor, und trotzen allen Stuͤrmen der Luft. Dem Direktor Menz macht das schoͤne steinerne Haus, das er oben am Eingangs-Schurf dem Berg- meister meister gebaut hat, gewis viel Ehre. Wer erwartet ei- nen Pallast mit Saͤaͤlen, Altanen, Kabinetten ꝛc. auf der Hoͤhe der Alpen? Der Berg selbst, in dessen Innern der Salzstock liegt, besteht meistens aus Kalk, doch ist auch Gyps und thonartiges Gestein damit vermischt. Die Thon- lage ist theils mit Laub-theils mit Nadelholz bewachsen. Nach einer 1673. vorgenommenen Messung betraͤgt, wenn man alle Salzwerke vom untersten bis zum ober- sten dazu nimmt, die ganze Hoͤhe vom Pfannhaus zu Hall 920½. und die Ebensolle 7537½. Bergstaͤblein. Ein Bergstaͤblein gibt beinahe 39⅔ Wien er Zoll. Es sind wirklich 7. Salzberge oder Salzwerke auf- geschlagen, und zwar 1) Erz Carlberg, aufgeschlagen _ _ 1648. 2) Kaiser Ferdinand, _ _ 1563. 3) Kaiser Maximilian, _ _ 1492. 4) Steinberg, _ _ 1400. 5) Mitterberg, _ _ —— 6) Oberberg, _ _ 1190. 7) Wasserberg, _ _ —— Am tiefsten liegt der Salzstock im Berge Nro. 1. auf einem Kalkstein, der sich gegen Abend verflaͤcht. Man findet ihn an sehr wenigen Orten, wie sonst, mit Letten bedeckt. Auch werden hier selten ganze Strecken von dem so- genannten Lautersalz angetroffen, sondern das Meiste besteht aus dem sogenannten Haselgebuͤrge, d. i. Thon mit Salz vermischt. Es sind 2248. hoͤlzerne Roͤhren, jede 13. Wien er Schuh lang, dadurch die Sohle nach Hall geleitet wird: F f 3 aber aber nicht eher, als bis die Sohle vom Salzamt gut und wagrecht gesprochen ist. Man hat eine messingene Senkwage in Gestalt einer Kugel, auf der Oberflaͤche sind 32. Grad angemerkt; beim Eintauchen muß Grad 16. angezeigt werden, wenn die Sohle Sudwuͤrdig ist. Um aber auch der aussersten Ersparung des Holzes beim Sieden versichert zu seyn, macht man noch neben dieser Probe die sogenannte Feuerprobe. Man laͤßt naͤmlich von der Sohle nach dem verjuͤngten Maasstabe 100. Pfund nehmen, es in einer kupfernen Pfanne langsam abduͤnsten, und das zuruͤckgebliebene Salz trocknen. Haͤlt es nun die Probe aus; so ist es Sudwuͤrdig, d. h. es loͤst sich darin kein Salz mehr auf. Erst wird der Salzstock in der Hoͤhe, da wo sich eine Halde am besten anbringen laͤßt, angestochen, dann wird ein Schacht (hier sagt man: eine Schachtricht ) in gerade aufsteigender Linie so weit hineingetrieben, bis man den Salzstock erreicht: alsdann kehrt man sich rechts und links, und auf diesem Kehren werden nun die Werksaͤtze abgeteuft, und damit so lange fortgefahren, bis der Salzstock der Laͤnge und Breite nach voͤllig durch- loͤchert ist. ( S. v. Born in den Prager Abhandl. 3. B. S. 172.) Diese Werksaͤtze, oder wie sie Born nennt, Woͤhre, sind unterirdische in den Salzstock aus- gehauene sehr grosse Weitungen. In diese laͤßt man das Wasser, dieses loͤst das in dem Gebuͤrge enthaltene Salz auf, und saͤttigt sich damit. Falsch ists, daß es regel- maͤssige Stuben, Kammern, Parallelepipeda ꝛc. waͤ- ren. Auf den Charten beim Salzamt sieht man, daß es irregulaͤre Loͤcher sind. Um Um aber den ganzen Salzstock, besonders auch seine Tiefe, zu benutzen; so werden allemahl nach 27, 30, 32. Seigermaas wieder neue Salzberge mit Haupt- Schachtrichten, und Kehren durchgearbeitet, darin die Werke, wie in den ersten angelegt, und so bemaͤch- tigt man sich des ganzen Salzstocks. Ich ging mit einem alten Bergoffizier in das Werk. Bald nach dem Mundloche hoͤrte das Unterzimmern des Bergs mit Holz auf, und es folgte fester, harter Stein. Wir gingen an Seitenschachten, Senkwerken, Kommunikationen mit den obern Werken vorbei; die letz- tern waren 200. Stufen hoch. Wir begegneten Leuten mit der Trutsche oder Schubkarren, die noch mit Salz durchdrungenes Gestein in die Sohle fuͤhrten. Sie ha- ben, das Licht unter dem Schubkarren und schieben von hinten fort. Wir trafen auch Leute an, die das Zim- merwerk oben und an den Seiten erweitern. Das muß bestaͤndig geschehen. In manchem Werke alle 2, in andern alle 5—6. Jahre, sonst wuͤrde der immer nach- wachsende Berg alles zersprengen, und den Weg ver- schuͤtten. Auch sah ich, wie die Sohle von einem Werke in das andre, vom hoͤchsten bis zum niedrigsten gelassen werden kan. Ferner den Kommunikationsbehaͤlter fuͤr die Sohle, der 22. Bergstaͤbe tief ist, aber freilich vielen Bodensatz hat. Dieser ist deswegen noͤthig, damit man indessen gleich wieder suͤsses Wasser in die obern Werke lassen kan. Ich besah auch ein Werk, an dem gegraben ward, eins, das halb voll Wasser war, und eins, das eben verluttirt wurde, d. h. zugemacht, daß die Sohle nicht weglaufen kan, als durch eine in einer Thuͤre angebrachte Roͤhre. Man nimmt Letten, laͤßt F f 4 ihn ihn von der Sohle sich vollsaugen, macht alsdann Cu- bos, die man Kugeln nennt, daraus, aus diesen duͤn- nen Platten und mit diesen wird die Oefnung durch greu- liches Schlagen verschlossen. Darauf kommt sehr viel an. Die Arbeiter brennen hier nur rohe Stuͤcke von Unschlitt, mit grobem Tocht, keine Lichter. Die Bergluft und die Reise selber machten uns muͤ- de und hungrig, aber wir fanden nichts als hartes Brod, Tyroler Fleischknaͤutel in einer Suppenbruͤhe, und nicht einen Tropfen Bier. Jeder nimmt nur fuͤr sich mit hinauf. Wir tranken also kaltes, frisches Wasser, das im Sommer noch frischer seyn soll. Den 12ten April. Reise nach Salzburg. Diese ging uͤber Rottenburg, Mittags war ich in Wuͤrgel, und Abends in St. Johanns. Bemerkungen. Das Land ist voll Doͤrfer, Flecken, alter Schloͤsser, Eisenhaͤmmer, Schmelzoͤfen ꝛc. Aber fast immer ist die Strasse zu beiden Seiten mit Zaͤunen und hoͤlzernen Gattern eingefaßt, die gewaltig viel Holz fressen. Die Daͤcher in den Doͤrfern sind hoͤlzern, bestehen aus grossen Schindelstuͤcken, welche die Leute aber nicht einmahl zusammennageln, weil es zu viel kosten wuͤrde, sondern sie statt dessen gegen den Wind mit vielen grossen Steinen beschweren. Das ganze Haus fassen sie mit Beugen von gehaue- nen Holz ein, wodurch kaum etwas Licht und Luft hinein- gelassen wird. Aus Aus Schwaz gehen am Morgen ganze Schwaͤrme von Menschen in die dortigen Bergwerke. Fast die gan- ze Stadt naͤhrt sich davon. Der Aberglaube ist in diesem Lande so gros, daß sie auf die Briefe schreiben; † C † M † B Caspar, Melchior, Balthas. Herausgeber. . Die Einrichtungen des Kaisers sind fuͤr Manchen sehr druͤckend. z. B. Hr. von Laicharting war beim Stras- senbau angestellt, und hatte 400. Gulden, alle diese Leute fielen in die Reduktion, weil die Strassen kuͤnftig vom Militaͤr besorgt werden sollen. Auch hatte er 4. Schwe- stern in Kloͤstern, und diese kommen nun mit ihm zum Vater zuruͤck; von 200. Gulden, sagt man, kan keine leben. Die Erbitterung gegen den Monarchen ist ganz unglaublich. Man erzaͤhlt die unvernuͤnftigsten Dinge von ihm. „Und wenn hundert Kaiser Josephs kaͤmen,“ sagen die Bigotten, „so thun wir das doch nicht.“ Die Vernuͤnftigern befuͤrchten im Ernst eine Spaltung in der katholischen Kirche selbst. Daher bleibt es auch, wenigstens im Lande Tyrol, oft beim Publiziren der Befehle, und die Befolgung geschieht nicht, z. B. ver- botene Feiertage werden gefeiert, abgeschafte sinnlose Ceremonien und Prozessionen wurden noch ganz neuerlich gehalten. Man glaubt, Se. Maj. werden nicht eher durchdringen, bis Sie fremde Geistliche, fremde Kreis- hauptleute und Beamte schicken, und in der ganzen Monarchie umwechseln werden. Wie abscheulich luͤgt man einem Monarchen, wenn man bei seinem Leben oder Tode von ihm sagt: Er habe seine Unterthanen gluͤcklich gemacht! Und man kan doch F f 5 ganze ganze Tage in seinem Lande reisen, ohne eine Spur von Kultur oder nur von mittelmaͤssig geschliffenem Menschen- verstande zu finden. Stiermaͤssig sind die meisten Men- schen in diesen Gegenden. Sagt man nur zu einem statt: „Gelobet sei Jesus Christ,“ Guten Tag, oder Guten Morgen ꝛc. so ist der Mensch schon ganz perplex, und sieht einen gleich mit dem Ketzerrichterischen Gesicht an. Die Weibspersonen erschrecken, sehen weg, machen ein Kreuz, und die Maͤnner antworten anfangs gar nicht mehr. Den 13ten April. Heute fragte man mich, ob ich die Suppe vor dem Braten oder nach dem Fleisch essen wolte? Das Gesinde weis bei Tisch von Dr. Faust gar viel zum Gelaͤchter zu erzaͤhlen. — Das hoͤren sie von ihren Pfaffen auf der Kanzel. Die, welche ich in Wirthshaͤusern gesehen habe, sind auch die allerunwuͤr- digsten, unwissendsten, und schlechtesten Geschoͤpfe. Ein Wirth in Tyrol, zeigte mir ein Kraut, sonst Petersschluͤssel genannt, das aber zu sehr vertrocknet war, als daß ichs botanisch kennen konnte, etwa ein Sym- phytum etc. Sechs Blaͤtter auf jeder Seite, sollten die 12. Apostel, ein fol. apice pinnatum oben solte Jes. Chr., und der Stengel der Fruktifikation sollte den Petro vom Erloͤser geschenkten Schluͤssel bedeuten. Ge- gen alle Hexereien, Teufeleien, und besonders wenn ein Mensch nicht sterben koͤnnte, solte es vortreflich seyn, es wachse nur auf den hoͤchsten Gebuͤrgen ꝛc. Dergleichen Dinge machen ihnen offenbar die Pfaffen weis; die Pfaffen, deren Leben Muͤssigang und Wohlleben ist, statt, statt, daß ihr Geschaͤft Volksunterricht seyn sollte! Der Wirth wolte mir von diesen Gewaͤchsen eins auf die Rei- se schenken, und erschrak nicht wenig uͤber meinen Leicht- sinn, als ich’s nicht annahm. Hr. Le Noble in Hall erzaͤhlte mir viele aͤhnliche Dinge. Wer nicht die aber- glaͤubische Dummheit in ihrem Sitze gesehen hat, glaubts nicht. In der Mitte des heutigen Vormittags kam ich wie- der durch eine Klause aus dem Lande Tyrol heraus, aber vorher war die Gegend wieder so rauh, und so Schnee- voll als der Eingang. Im Salzburg schen fliest die Unke, oft in roman- tischen Gegenden, zwischen schrecklich aufgethuͤrmten Fel- sen, und mit maͤchtigem Getoͤse uͤber schreckliche Stein- brocken. Darin sind koͤstliche Aeschen ( Salmo Thy- mallus L. ), die ich am Fasttage zu essen bekam. Nach schrecklichen Gebuͤrgen kommt man endlich auch wieder auf ebenes Land, aber die Stadt Salzburg sieht man von weitem gar nicht. Sie ist zwischen Bergen und Festungswerken ganz versteckt. Das Thor ist in schreckliche Berge hineingehauen, und geht wie ein Stollen, schraͤg durch den Felsen hinab. In der Stadt sind viele schoͤne Haͤuser, von 5.-6. Ge- schossen. Die Unke, die jetzt Salza heist, und gros ist, stroͤmt mitten durch die Stadt, und daruͤber geht eine hoͤlzerne Bruͤcke. Die groͤsten Zimmer im Wirths- hause wurden in 2. Stockwerken uͤbereinander am Sonna- bend Abend mit Spielern aus allen Staͤnden angefuͤllt. Den Den 14ten April. Reise nach Linz. Das Land wird immer besser, doch sieht die Land- strasse oft noch mehr einem Feldwege gleich, geht auch haͤufig uͤber Berge ꝛc. Das Fruͤhjahr kam jetzt Stuffenweise heran. Viehbremen liessen sich sehen, Voͤgel fingen an am fruͤhen Morgen zu singen, die Haselstauden hatten ge- trieben, doch wolte der Wald noch nicht gruͤn werden. Durchgaͤngig hat man hier zu Lande der Kaͤlte we- gen Vorfenster, und viele lassen sie auch im Sommer wegen der Schlagregen stehen, damit es nicht ins Zim- mer regne. Zwischen diesen doppelten Fenstern erzieht man gelbe und rothe Levkoien ꝛc. aber oft erfrieren sie doch auch. Auch in den Landstaͤdtchen und Flecken sieht man, wie in Salzburg, viele italiaͤnische flachdachich- te Haͤuser. Der Aberglaube ist so gros, daß sie I. N. R. I. an jedes Butterstosfaß schreiben. Sonntags fruͤh und Mittags kan man alle Wirths- haͤuser voll Bauern antreffen, die saufen und spielen, mit Weibsleuten dazwischen. Sie laufen mit der To- bakspfeife im Maule an die Kirchenthuͤre. Der Sonn- tag hat wegen den vielen Feiertagen wenig feierliches fuͤr sie. In Neumarkt lief Nachmittags alles in die Kir- che, weil der geistliche Herr den Kreuzweg abbet- ten thaͤte, sagten sie mir, aber 3.-4. Leute, die ich dar- um befragte, wußten mir das Ding nicht zu erklaͤren. Armes Volk! — Den Den 15ten April. In Frankenmark errieth ein Postmeister, der 1744. mit der Armee uͤber den Rhein ging, daß ich zwischen Rastadt und Durlach zu Hause waͤre. Er ruͤmhte noch die schoͤnen Gegenden bei Offenburg und die Gut- muͤthigkeit der Schwaben ꝛc. Man findet noch weiter hin, als hier, uͤberall Tische von Salzburger Marmor, der roth mit Kalkspatadern hie und da fein durchlaufen ist. Das Land ob der Ens ist schoͤnes Land, und das gute Wetter beguͤnstigte den Ackerbau. In Lambo trank ich zuerst Ofener Wein. Er ist roth, etwas suͤslicht, steigt aber in Kopf. — In Essen und Trinken merkt man in dem Lande einen sichtbaren Unterschied gegen Tyrol. Die Leute leben im Wohl- stand, und doch wird man auf den Strassen von den Bettlern fast gefressen, und unter so vielen sah ich einen einzigen Taubstummen — die andern waren alle gesund und stark. Die Strasse wird bestaͤndig mit weissem Kalk- und Sandsteinen, die man zu beiden Seiten aus der Erde graͤbt, im Stande erhalten, daher entsteht der weisse fei- ne Kalkstaub ꝛc. Die Ens fliest immer truͤb; auf der Jage wird ge- floͤßt ꝛc. Zuweilen trift man gewaltig lange hoͤlzerne Bruͤ- cken an, weil die Wasser oft schrecklich anlaufen. Linz. Da traf ich heute ein. Die Stadt ist klein, aber artig, hat einen schoͤnen Marktplatz, liegt aber in einem Winkel. Man muß wieder hinten hervor, wenn man auf die Wien er Strasse will. Es war eben Mes- se se hier, die allemahl 14. Tage waͤhrt, an Ostern und an Bartholomaͤi. Auf dem Markte fand ich doch auch einige Buͤ- cherstaͤnde, die freilich viel Wiener isches, aber auch neue Goͤttinger, Leipziger ꝛc. Sachen verkauften. Hier steht an einer Dreifaltigkeitssaͤule: O sancta Trinitas, ora pro nobis. — Bei wem denn? Als Hr. Nikolai 1782. hier war, ward diese Dreifal- tigkeit eben reparirt, und der Bart Gottes des Vaters vergoldet. Eine Bildsaͤule des donnernden Jupiters ist ihr naͤchster Nachbar. S. dessen Reisen 2ter B. S. 497. Herausgeber. Ich lies hier mein erstes seyn, dem Hrn. Abt Schiffermuͤller, Direktor des hiesigen Collegii Nor- dici zu besuchen. Er ist ein Exjesuit, und war vor- her Prof. am Theresiano in Wien. Er ist mit der saͤmtlichen Aufsicht auf das ganze Institut sehr beschwert. Es fuͤhrt den gedachten Namen, weil’s fuͤr die katholi- schen Soͤhne guter Familien in Mecklenburg, Daͤn- nemark, Schweden, Norwegen ꝛc. gestiftet ist. Es hat in Schwerin eine Pepiniere und dort gewisse Per- sonen, nach deren Bericht Schiffermuͤller die Eleven allein waͤhlen darf. Lehrer hat das Stift nicht, son- dern die Eleven gehen in die ordinaͤren Stadtschulen. Eine Viertelstunde vor der Stadt hat das Nordi- sche Stift ein anmuthiges Landguͤtchen, das Berg- schloͤssel genannt, da legte Hr. Schiffermuͤller einen amerik anischen Baumgarten an, setzte alle Baͤume selbst, pflanzte Alleen, zog eine Mauer herum — deliciae et et Tusculum boni viri. Das Stift haͤlt ihm Wa- gen und Pferde. Abends aß ich im Stifte in Gesellschaft der Haͤlf- te der jungen Zoͤglinge. Es waren Grafen, Barone ꝛc. meist aus Norden, und meist Majoratsherren, oder einzige Soͤhne — die Hofnung vieler Familien! Sie gehen blau gekleidet mit schwarz sammtnen Aufschlaͤgen; Doch waren viele im Surtout da. Fernere Nachrichten von der Stadt Linz — und von dem Nordischen Stifte — liefert Hr. Niko- lai im 2ten B. seiner vortreflichen Reisebeschr. von S. 496.-592. Die Betrachtungen, welche dieser auf- merksame Beobachter und denkende Kopf bei Gelegen- heit des gedachten Stifts anstellt, verdienen doch ge- wis die ganze Beherzigung des vernuͤnftigen Prote- stanten, ohne deswegen menschenfreundliche und to- lerante Gesinnungen zu unterdruͤcken. Herausgeber. Ich erkundigte mich beim Hrn. Abt Schiffermuͤller nach seinem Werke uͤber die Wiener Schmetterlinge. Er sagte mir, er und Hr. Rath Denis haͤttens umsonst geschrieben, und vom Buchhaͤndler 12. Exemplare da- fuͤr erhalten. Von Hr. Schiffermuͤllers Hand illumi- nirte Exemplare kan man nicht mehr haben, Hr. Rath Denis hat ihm die Fortsetzung ganz uͤberlassen, und kreibt immer daran, aber der brave Mann hat keine Zeit, und wirds nicht fortsetzen. Sein Verdienst dabei ist die Bezeichnung der Raupenfamilien zu den darzu gehoͤrigen Schmetterlingen. Wo diese Karakterisirung nicht ist, da ist das Kapitel von Denis. Seine Sammlung konn- te ich, weil es Nacht war, nicht sehen. — In In Ansehung der jetzigen oͤffentlichen Landesangele- genheiten meinte er, des Kaisers Einrichtungen koͤnnten in diesem Lande leicht noch Revolten verursachen, und vielleicht wuͤrden dann selbst die Soldaten nicht Dien- ste thun wollen. — Die Nonnenkloͤster bedauerte er sehr, weil wir ja selbst gestuͤnden, daß uns solche Insti- tute fehlten, und weil’s gewis nicht wahr sei, daß sie alle in Zank und Streit leben. Den 16ten April. Reise nach Wien. Das Land unter der Ens ist noch schoͤner und herr- licher, als das ob der Ens. Zwischen der ersten und zweiten Station von Linz nach Wien sieht man mit einmahl auf einem Berge das Gewaͤsser der Donau, wie es sich majestaͤtisch durch die schoͤnsten Felder hinzieht, und man verliert sie hernach lange wieder aus dem Gesicht. In Moͤlk steht hoch oben auf einem Berge ein praͤchtiges Benediktiner kloster, vielleicht noch groͤsser, als St. Blasien. Man sollte es von weitem fuͤr eine Kaiserl. Burg halten Den neusten Zeitungsberichten zufolge ist dieses Klo- ster vor Kurzem ebenfals aufgehoben worden. Herausgeber. . Wenn hier und da die Postmeister und ihre Leute recht sehr grob sind, so sind auch wieder einige artig und gefaͤl- lig, z. B. der in Ens sagte mir die Route sehr hoͤflich. Die Frau des Postmeisters in Kaͤmmelb. gab mir, als ich ich nichts zu essen haben konnte, und auch kein Bier zu haben war, schoͤnes Obst umsonst, und der in Moͤlk theilte eben so wohlfeil sein schmackhaftes Hausbackenbrod mit mir. Groͤber aber war keiner, als der in Bur- gersdorf. Den 17ten April. Reisen ist ein wahres Bild des menschlichen Lebens. Man stoͤßt tausendmahl an, geraͤth in unzaͤhliche Schwie- rigkeiten, findet oft uͤberall Hindernisse, leidet oft da, wo’s am meisten schmerzt, Schaden, verliert bestaͤndig einen Theil seiner Guͤter, wird oft mismuͤthig und sehnt sich nach Ruhe, lernt sich in die kleinsten Umstaͤnde schi- ckea, gewoͤhnt sich mit allen Menschen umzugehen, wird immer unruhig wegen der Zukunft — nnd unvermerkt kommt wieder bessre Zeit, man findet gute Menschen, man reist einen ebenen Weg, man erfreut sich der Dinge, die den Weg umgeben, man vergißt im Arm der Ruhe und der Freundschaft das ausgestandene Ungemach, man gewinnt andre Menschen lieb, und lebt mit ihnen, als wenn man sie schon Jahre lang kennte, man vergißt der schnellen Flucht der Zeit, und meint, es waͤre gut, wenn das ganze Leben so dahinfloͤsse. — Ach Philosophie und Menschenweisheit! wie bist du so klein und duͤrftig, wenn man dich am noͤthigsten hat! Eben mit dieser Betrachtung beschaͤftigt, kam ich nach 4. zuruͤckgelegten Stationen endlich gluͤcklich in Wien an, das sich sehr schoͤn Ueberhaupt wird in der Welt wohl keine Residenz seyn, die von allen Seiten einen so herrlichen Anblick darbietet, als Wien. praͤsentirt. Wahrhaftig ein deutsches Zweiter Theil. G g deutsches Paris in Absicht auf Volksmenge, Karossen und Getuͤmmel in den Strassen. Durch die Thore der Stadt kan man zu allen Zei- ten ungehindert durchkommen. Der ankommende Rei- sende wird nicht nach Namen, Karakter, Logis ꝛc. ge- fragt. Ich fuhr durch die Vorstadt Mariaͤhuͤlf, die breite Gassen und neue Haͤuser hat. In der Stadt sind die Haͤuser gewaltig hoch, und die meisten Strassen eng. Mein Logis bekam ich bei Hrn. von Stockmaier, Herzogl. Wuͤrtemberg. Gesandten am hiesigen Hose Er ist aber auch noch einigen andern Reichsfuͤrstl. Hoͤfen hier bedient. , in der Wohlzey So spricht der Wiener aus, was Waldzeile heis- sen solte. im 4ten Stock eines der hoͤch- sten Haͤuser in der Stadt, das so hoch ist, wie das Ob- servatorium. Ich hatte von hier die Uebersicht der gan- zen Stadt, die viel groͤsser ist, als Berlin. Um doch etwas heute zu besehen, ging ich noch in die grosse Stephanskirche, die wegen der vielen Ue- berladungen mit Zierrathen doch finster war, wiewohl jede Seitenkapelle und jedes Bild Eine Kreuzigung Christi von Sandrart haͤngt in dieser Kirche, und dies ist das einzige schoͤne Gemaͤl- de in allen Wiener Kirchen. schon mit vielen Lichtern erhellt waren. Es war nur Abends Gottesdienst, und doch eine abscheuliche Menge Menschen in der Kir- che, und als sie alle heraus waren, bemerkte man auf der Strasse kaum eine Verstaͤrkung. — So voll Menschen ist ist hier alles! Der Thurm der Kirche ist wohl so hoch als der Strasburg er Muͤnsterthurm. Verglichen mit dem, was Hr. Nikolai im 2ten B. seiner Reisen S. 655.-665. von dieser Kirche und dem Thurme sagt. Herausgeber. Bemerkungen. Spiel, Komoͤdie und Lotterie sind auch hier die taͤglichen Beschaͤftigungen und Unterredungen so vieler Menschen. Wenn beim Souverain etwa in Schoͤnbrunn, oder bei einem Ambassadeur wegen irgend einem Anlaß ein grosses Fest ist, Tanz und Ball von 1500, auch 2000. Personen; so wird zweimahl soupirt, um 10. Uhr, und um 1. oder 2. Uhr, man theilt Billets aus, gemeiniglich gibts aber Unordnungen beim zweiten ꝛc. Davon spricht man denn hernach lange in den vornehmsten Gesellschaften. Man bemerkt bald, daß in Wien stark gegessen und getrunken wird. Dafuͤr sollen aber auch fast alle aͤchte Wien er die Haͤmorrhoiden haben. Der Fremde sieht manchem mit Bewundrung zu, wie viel er hinter- einander zu sich nehmen kan. — Zu Mittage trinkt man weissen Oesterreich er, rothen Ofen er und Tokay- erwein, Nachts meist nur weissen. Das Mittagsessen ist um 2. halb 3. Uhr, und Nachtessen um 10, 11. Uhr. Hier soll es Mode seyn, aus allem eine Suͤlz zu machen. Beim ersten Mittagsessen hatten wir eine blaue Veilchen-Suͤlz, die sehr hellblau aussah und wohl schmeckte. G g 2 Die Die Bedienten in vornehmen Haͤusern haben mei- stens Kostgeld und gehen vorher zum Essen. Den 18ten April. Heute machte ich verschiedene Besuche in der Stadt und zwar bei Hrn. Vogel, der auf des Baron Fries Comtoir Handelsbedienter ist und an den ich Addresse hatte; bei Hrn. Hofr. von Born, den ich aber nicht zu Hause fand; beim Hrn. Archivar. Schmidt, der im Ar- chive war; beim Hrn. v. Retzer, an den ich von Mada- me La Roche aus Speier ein Empfehlungsschreiben hatte; beim Hrn. Geh. Reichsrefer. v. Leykamm, an den ich einen Brief von Hrn. Oberlin aus Strasburg hatte; beim Hrn. von Lassolaye; beim Hrn. von Son- nenfels, der mich aber nicht annehmen konnte und beim Kandidat Hr. Reismann, an den Hr. Hofr. Schreber in Erlangen meinetwegen schrieb, er war aber nicht zu erfragen. So viel ich bei dieser Gelegenheit bemerken konnte, sind die Haͤuser durchgaͤngig von Stein, auch die Zwi- schenwaͤnde und die Treppen, daher hier die Feuersgefahr nicht sehr gros ist. Viele fragen: In welchem Stock? und koͤnnen sich sicher auf die guten Anstalten verlassen. Sehr theuer sind hier die Hausmiethen. Ein einziger unterer Stock kostet jaͤhrlich 1000. Gulden, davon sah ich einen Kontrakt und nur auf 1. Jahr. Waͤre die Stadt selbst so schoͤn und weitlaͤuftig gebaut, wie die Vorstaͤdte, so wuͤrde man die vielen Pallaͤste besser erkennen. Vie- le Haͤuser gehen hinten hin bis an die andre Gasse, daher entstehen die Durchgangshaͤuser, die eine grosse Bequem- lichkeit sind. Das Trattner ische Haus, eins der schoͤn- sten Gebaͤude hier, traͤgt allein seinem Herrn jaͤhrlich so- viel viel ein, als das ganze Fuͤrstenthum Hechingen, e t li- che 30,000. Gulden. Das Benediziren des Pabstes hoͤrte heute Mittag um 11. Uhr auf; Da geschah es zum letztenmahle, um 12. Uhr jagte die Wache das Volk vom Platze und oben von den Basteien weg. Man sagt, der Kaiser habe das Laufen des Landvolks nach der Stadt endlich nicht mehr leiden wollen. Ich sprach Leute aus Oedenburg in Ungarn, die mit zehnjaͤhrigen Kindern hieher reisten, beim Pabst Audienz suchten, ihm die Kinder vor- stellten, und ihn baten, sie einzusegnen. — Grade, wie man unserm Erloͤser Kinder zufuͤhrte! Um Mittag sah ich den Kaiser in einem simplen Wagen mit 2. Engellaͤndern bespannt, ausfahren, ohne Vorreiter, hinten stand ein einziger Bedienter auf. Es war wieder so kalte rauhe Luft in der Stadt, daß das Gehen sehr muͤhsam war. Ueberhaupt gestehen die Einwohner, daß immer eine sehr kalte Lust, und strenge Winde in Wien herrschend waͤren; es hatten auch gar viele Leute das Fieber. Nach Tische machte ich einen Spaziergang nach der Leopoldsvorstadt, die einen unglaublichen Umfang hat. Schoͤn sind besonders die umliegenden Gegenden und die breiten Wege zwischen der Stadt und den Vorstaͤdten. Bemerkungen. Die Kleidung des Wien er Frauenzimmers ist wirk- lich niedlich und der Kopfputz bei weitem nicht so unmaͤs- sig und naͤrrisch, wie in andern Staͤdten. Kommt das etwa daher, daß keine Kaiserin, keine Monarchin in der Stadt ist, die den hohen Ton angibt? G g 3 Man Man sieht hier immer alle moͤgliche Nationen, Un- gar ische Bauern mit Pelzroͤcken, Griechen, Juden aus entfernten Laͤndern, Wallachen, Tuͤrken ꝛc. Sehr leichte, duͤnne Betten, mehr Decken als Fe- derbetten sind hier Mode. Ueber Wanzen und Floͤhe klagt man hier gewaltig, aber von Ratten spricht man als von einer hier ganz unerhoͤrten Plage. In jeder Strasse geht immer ein Polizeiwaͤchter auf und ab. Man kennt sie an den gelben Kamisoͤlern. Diese sind das Schrecken der Fuhrleute, Fiakers ꝛc. wenn diese grob sind. Aber viel schoͤner sind hier die Fiakres und Lohnkut- schen, als in Paris. Neben den Reihen von Kaffeehaͤusern sind auch zwi- schen der Stadt und den Vorstaͤdten grosse Bordels mit frechen Dirnen angefuͤllt. Die grossen Herrschaften, Kavaliers ꝛc. geben freilich auch oft ein schlechtes Bei- spiel: von vielen erzaͤhlt man garstige Geschichten, auch ist oft der Ton in Gesellschaften vom Stande ziemlich frei, zuweilen gar schmutzig. Vortreflich erhaltenes Obst, und eine unglaubliche Menge suͤsser Pomeranze nverkaufte man noch jetzt uͤber- all und wohlfeil. Das Kraͤuter- und Gartenwerk, das in der Stadt verkauft wird, ist ganz unuͤbersehlich, und doch verliert es sich in der Menge der Leute so, daß das Gemuͤse bei Tisch immer die kleinste Schuͤssel ausmacht. Man trinkt hier bei Tisch nach der Suppe einen Wermuthwein, auch hat man einen braunen Cham- pagner, bei dem man aber das Moußiren erst durch ein- gestreuten Zucker ins Kelchglas erregt. Den Den 19ten April. Die Karl Borromaͤuskirche vor dem Stubenthor, jenseits dem Wasser, in einer Vorstadt, welche ich heute auch besah, gehoͤrt zu den schoͤnen Kirchen Wiens: es scheint, die Rotunda in Rom sollte das Modell dazu seyn. Das Aeussere kuͤndigt mit seinen vielen Seiten- gebaͤuden und Saͤulen eine viel groͤssere Kirche an, als sie wirklich inwendig ist. Marmorsaͤulen, ein praͤchtiges, ovales Gewoͤlbe oben, mit schoͤner Malerei, und auf der Hauptkuppel noch ein kleines Gewoͤlbe, schoͤne Tischerar- beit und dergl. findet man wohl darin, aber doch nicht den reinen simplen Geschmack, wie in der Kirche zu St. Blasien (S. S. 403.). Drauf ging ich zu Hause die Bibliothek des Hrn. von Stockmater s durch. Es ist ein guter Anfang in allen publizistischen Werken darin. Hier in Wien aber hat der Hr. Besitzer aufgehoͤrt zu kaufen, weil er doch auch keine Zeit mehr hat zu lesen. Denn sonderlich vor und an Positagen hat so ein Mann, der mehrern Hoͤ- fen dient, ganz unsaͤglich viel zu expediren, muß vieles selber 2-3mal abschreiben, weil ers niemanden anvertrau- en darf, muß oft Staffetten, Kuriere abschicken, sieht seine Familie und seine Freunde nicht, als beim Essen, und ißt oft Nachts um 1, 2. Uhr zu Nacht. Der Kaiser ist gegen Hrn. von Stockmaier ungemein gnaͤdig gesinnt. Wenn dieser Monarch Kuriere an einen von den Hoͤfen abfertigen laͤßt, deren Angele- genheiten Hr. von Stockmaier hier besorgt, so laͤßt Er es ihm immer einige Stunden vorher wissen, wenn er etwan auch was mitzusenden habe. G g 4 Der Der Prater, wo ich heute auch war, ist bei Wien das, was der Thiergarten bei Berlin ist; ein mit ge- raden Haupt- und Queralleen durchschnittener weiter Platz im Walde zu Spaziergaͤngen und Ergoͤtzungen ꝛc. eingerichtet, zwischen 2. Armen der Donau, die unter ihm sich wieder vereinigen, eine Stunde lang und wohl eine Stunde breit. Man trift darin eine Menge Bou- tiquen und Wirthshaͤuser, und alle moͤgliche Gelegenheiten zu allen Arten von Spielen an, und alle Jahre werden neue Lust- und Wirthshaͤuserchen gebaut. Hier und da sind in dickem Gebuͤsche dunkle und einsame Gaͤnge, und dann kommen wieder breite Wege zum ewigen Fahren und Reiten, und wo man die grosse Welt beisammen se- hen kan. Hier geht an schoͤnen Abenden ganz Wien hin, und alle Tische und Baͤnke werden besetzt. Oft machen die Soldaten an einem eigenen Platz Janitscharenmusik dazu. Ehemals war der Prater weit von der Stadt, nun aber laͤßt der Kaiser wirklich eine neue Strasse anlegen, und eine neue Bruͤcke uͤber einen Arm der Donau bauen, wodurch der Weg nicht nur sehr abgekuͤrzt, sondern auch sehr verschoͤnert wird. Er hat viele da gestandene Haͤu- ser bezahlt, und wegreissen lassen: er laͤßt Hoͤhen abtra- gen, Tiefen erhoͤhen, Thaͤler und Suͤmpfe ausfuͤllen, faßt grosse Stuͤcke mit Staketen ein, und legt inwendig junge Holzschlaͤge an. Er hat eine Verbindung zwischen dem Augarten und dem Prater machen lassen, so daß er in einer schnurgraden Allee aus seinem Lusthause im Augarten weit hinabsehen kan, und in der Mitte des Eingangsplatzes laufen 5-6. Alleen zusammen, so daß man zugleich in alle sehen kan. Eine der schoͤnsten Vergnuͤgungen im Prater sind die Feuerwerke, die von Zeit zu Zeit gegeben werden. Darzu Darzu bleiben die grossen hoͤlzernen Geruͤste ein fuͤr alle- mahl stehen. Vor ihnen stehen 4—5. Queerreihen Pfaͤhle, auf welchen wieder Fronten erbaut werden, die eine nach der andern abbrennen und zusammenstuͤrzen. Ich besah die Maschinen des Melina, und des ihn uͤber- treffenden Stuvers. Vorne sind Gallerien fuͤr die Da- men gebaut. Wenn der Pabst den Segen gibt — denn er se- gnete heute doch wieder — so hoͤrt man wenig oder nichts von der Formel, man sieht nur die Zeichen mit der Hand, das Kreuzmachen nach allen Gegenden, und das Erheben der Haͤnde. Das aberglaͤubische Volk kniet dabei nieder. — „Vergelts Gott, vergelts Gott“, sagte eine Frau, und weinte vor Freuden. Man siehts ihm aber an, daß er die Gestikulation recht studirt hat, und an solchen pomp- haften Austritten, da er lange erwartet, und endlich wie ein Gott empfangen ward Gescheute Maͤnner sagen doch, der Pabst haͤtte besser gethan, wenn er nicht gekommen waͤre, er werde ge- wiß den Kaiser in keinem Punkte detourniren. , Freude hat. Moore In seinem Abriß d. Gesellsch u. Sitten in Italien. Aus dem Engl. Lpz. 1781. Herausgeber. hat ihn nach der Natur gezeichnet. Man merkts gleich, daß er ein Freund vom Ceremoniel ist. Aber was denkt der Weise, der aufgeklaͤrte Freund und Verehrer der Re- ligion von dieser heiligen Maskerade! So ein elender Mensch, den andre Menschen in der Welt zu Etwas ge- macht haben, stellt sich dahin, und thut nicht anders, als wenn er Leben und Gluͤckseligkeit ganzen Voͤlkern aus- spenden koͤnnte! Indem man das aberglaͤubische Volk mit Mitleiden ansieht, geht man mit unendlichem Un- G g 5 willen willen von den faulen Auch ein alter Ungarischer Petriner von Oedenburg, der ins Stockmaier sche Haus kam, war aͤusserst un- wissend, und bloͤdsinnig, aber essen und trinken konn- te er rechtschaffen. Des Kaisers neue Einrichtungen haben einen panischen Schrecken unter alle gebracht. Nun sprechen sie von den Herren Evangelischen, meinen, daß wir uns uͤber ihre Annaͤherung freuen wuͤrden, und wissen sich nicht zu helfen, wenn man sie auf das Kapitel von Kloͤstern bringt. Pfaffen weg, welche die Mensch- heit so lange in den Banden der Dummheit erhalten haben Der Aberglaube hat keine Grenzen. Georgi erzaͤhlt (in seinen Bemerk. auf einer Reise durchs Russ. Reich, Petersb. 1771. 4.) von den Tungusen im russischən Reich, daß sie die Pferde weihen lassen, und gar viel auf diese Pferdsweihe halten. Die koͤstlichen Baͤder schaͤtzen sie nicht so hoch, als die Zeddel ihrer Scha- monen. . Der Pabst setzte auch heute dem Bischof von Pas- sau und dem Primas von Ungarn, dem Kardinal Bathiani die rothen Huͤte auf. Beide waren schon vorher Kardinaͤle, hatten aber den rothen Hut bisher noch nicht in Rom abgeholt. Der Pabst dispensirte sie nun davon, und setzte ihnen heute zwischen 12. und 1. Uhr den Hut im Spiegelsaal auf. Es war aber stren- ge Ordre gegeben, daß Niemand, als wer Apartement- faͤhig ist, hinein durfte, weil sonst der Zulauf des Volks unermeßlich gewesen waͤre. Hr. v. Stockmaier, der als Gesandter hinein durfte, erzaͤhlte mir, der Kaiser sei incognito unter dem Haufen zugegen gewesen, der Pabst habe habe eine lateinische Rede nicht uͤbel deklamirt, er habe aber wenig verstanden, weil der Pabst das Lateinische mit dem Welschen Accent ausgesprochen haͤtte. Bemerkungen . Wer hier nach Wissenschaften, Bibliotheken, Ka- binettern ꝛc. fragt, von dem ziehen sich die meisten Leute gleich zuruͤck. Der Monarch wird viele Muͤhe haben, einen bessern Ton unter diese Leute zu bringen. Essen, Trinken, Spielen und Spazierengehen — das ist hier der Ton und die Lebensart der meisten. Man sagte es mir gleich voraus, daß ich’s mich nicht verdriessen lassen muͤsse, gar oft zu einem Inspektor, Bibliothekar, Direktor ꝛc. zu laufen, ehe ich meinen Zweck erreichen wuͤrde. Der Zerstreuungen sind zu viel, und die Nation schaͤtzt das Solide noch nicht. Viel gelesen wird hier auch nicht. Man hoͤrt in grossen und illustern Gesellschaften nicht ein Wort von Litteratur. Einige thun, als waͤren sie mit den Neusten von uns bekannt, aber es fehlt noch viel. Ihr erster Unterricht taugt nichts. Sie kommen kaum in der Sprache fort, und machen viele Fehler. Selbst die besten Wien er Gelehrten, Geistliche und Exjesuiten sind nicht einmahl unter ihren eigenen Geistlichen bekannt. Ich fragte einmahl beim Durchgang durch das Profeßhaus, als der Lohnbediente einige Haͤuser nicht zu finden wußte, bei einem ganzen Haufen Geistlicher, die da standen, wo die Herren Mastalier, Denis, Rautenstrauch ꝛc. wohnten, aber sie hoͤrten die Namen zum erstenmahle. „Die kenn’ i halter nit“, sagte einer, der doch dicker war, als ein rechter Bayr ischer Bauer und Biersaͤufer. — Wer Wer sind sie? fragte der andre, Donus, Donas machte der dritte aus dem Namen des Dichters, nun hatte ich genug, und lies die Unwuͤrdigen ohne Kompli- mente stehen. — Trauriges Schicksal der hellsten und faͤhigsten Koͤpfe, daß ihre Lichtstralen immer mehr in der Ferne wirken, als in der Naͤhe! Bei solchen und aͤhnli- chen Auftritten dankt man’s freilich der Vorsehung, daß sie einmahl einen Fuͤrsten auf den Thron setzte, der nicht vergeblich leben und die Majestaͤt seiner Wuͤrde geniessen will. Mir wiederfuhr indessen doch hier die Ehre, daß ein Hildburghaͤusi scher Geh. Rath Hr. von Fischer mit sei- ner Gemahlin, und ein Kaiserl. alter christlicher General von Frise, der ebenfalls mit seiner Gemahlin meine Schrif- ten, besonders die von der Vorsehung ꝛc. liest, mich zu sich bitten liessen. Obgleich Buͤrger und Handwerksleute hier sehr leicht viel Geld verdienen, und sich alles schrecklich bezah- len lassen, so verzehren sie auch wieder alles eben so schnell; denn Jedermann ist hier, wie ich schon gesagt, in der Ueppigkeit ersoffen, und einer lernt das Schwelgen vom andern, z. B. Leute von der gemeinsten Gattung gehen in den Prater spazieren, fahren im Karoussel einen ganzen Nachmittag, und fressen und saufen bis auf den Abend. Daher ists kein Wunder, daß auch die Domesti- ken verdorben sind. Wer im Hause ißt, z. B. Haus- knecht, Koͤchin, Stubenmagd ꝛc. verlangt nicht nur alle Mahlzeiten Suppe, Rindfleisch, Gemuͤse und Beilage, sondern man muß ihnen noch ausserdem das sogenannte Fastengeld geben, d. h. statt des Bratens gibt man dem dem einen alle Wochen an baarem Gelde 20. Kreuzer, als z. B. dem Hausknecht, andern gibt man 40. Kreu- zer, der Koͤchin, die doch ohnehin essen kan, was sie will, 1. Gulden baares Geld. Und bei der geringsten Er- schwerung dieses vollen Lohns verlassen sie die Dienste und sind sicher, morgen andre zu finden in dieser Welt von Menschen. Die Menge der maͤnnlichen und weiblichen Domestiken hier, mag sich in die 20000. belaufen. Ehemahls gehoͤrte der zweite Stock in jedem Hause dem Kaiser. Weil’s aber vielen unangenehm war, ins Logis zu nehmen, wen der Hof schickte, so ist dies gegen eine Taxe aufgehoben. Eine Brandassekurationskasse ist noch nicht in der Stadt errichtet. Vielleicht aus der S. 468. gedachten Ursache. Man ißt hier kein andres Fleisch, als von Waid- ochsen, es wird gar keiner geschlachtet, der im Stalle gefuͤttert worden waͤre. Meistens sind es Ungar ische und Pohln ische Ochsen, und meistens von weisser Far- be. Um der Reinigkeit und der Sicherheit willen darf bei hoher Strafe, weil durch die wilden Thiere sonst gros Ungluͤck entstand, keiner von diesen Ochsen in die Stadt gebracht werden, sondern in der Leopoldsstadt und an der Langstrasse ist ein eigner Platz dazu, und alle Don- nerstage werden die Ochsen dort verkauft, und unter die Metzger vertheilt. In der Stadt sind nichts als Fleisch- baͤnke. Auf dem Fischmarkte verkauft man auch Schild- kroͤten aus Ungarn. Man verkauft hier beim Obst auch 6. Feigen schei- benfoͤrmig geschnitten, an Einem Stiel um Einen Kreuzer. Den Den 20sten April. Heute war fuͤr mich ein merkwuͤrdiger Tag, weil ich unter so Vielen zum Handkuß beim Pabst gelangte. Dies geschah um 10. Uhr Vormittags im Schlosse, nach- dem er stille Messe gelesen hatte. Er hatte eine weisse Muͤtze auf, und das patriarchalische rothe mit Gold ge- stickte Kleid, das Pectorale und ein schleppendes weis- ses Unterkleid an. Hinter ihm stand ein Stuhl, er stand aber auf, weil er wegen der vielen Damen sich nur die Hand, und nicht den Fuß kuͤssen lassen wollte. Doch lagen viele auf dem Boden, und kuͤßten den Fuß. Sein Gesicht ist rund, voll, eben nicht sehr frisch gefaͤrbt, aber lieblich, freundlich, und zum Einsegnen wie gemacht Wenn der Pabst nur einen Augenblick sich selbst uͤber- lassen ist, und ruhig da steht, so macht er die aller- gemeinste Miene, das platteste Gesicht. Sobald er aber wieder seine Rolle spielen muß, ist niemand ge- schickter als Er. . Im Munde und in den Lippen hat er etwas Sanftes, Einnehmendes, das durch das Alter und die grauen Haare noch erhoͤht wird. Er hatte einen weisseidenen Handschuh an, und wechselte bald mit der hohlen, bald mit der obern Hand ab. Die Kaiserlichen Kammerfou- riere fuͤhrten die Leute vor, hielten Ordnung, trieben die, welche schon gekuͤßt hatten, hinaus, und hatten warlich ein ermuͤdendes Geschaͤft. Man brachte auch eine Men- ge kleiner Kinder herbei, die im groͤßten Staat dieses Gluͤck geniessen sollten. Hr. von Heyfeld, der beim Kontrolleuramte angestellt ist, und Aufsicht auf Kuͤchen u. dergl. hat, fuͤhrte mich auf Empfehlung des Hrn. von Stockmaiers zu einem sehr gluͤcklichen Zeitpunkte hinein, hinein, wo ich alles beisammen und recht sehen konnte. Die andaͤchtigen Frauen blieben oft lange auf den Knien liegen, und baten gar sehnlich um Segen. Zuweilen sprach der Pabst einige Worte, aber die Leute wechselten einander schnell ab, jeder Katholick kniete ganz vor ihn hin, und kuͤßte dann erst die Hand Beim Empfang des Pabsts wollte Erzherzog Maxi- milian, als Geistlicher, ihm die Hand kuͤssen, der Pabst aber lies es nicht zu, sondern umarmte ihn. Der Fuͤrst von Kaunitz machte dem Pabst keinen Be- such, der Pabst wohl aber ihm, und als dieser ihm die hohle Hand zum Kuͤssen, wie gewoͤhnlich, darbot, ergrif der Fuͤrst die Hand des Pabsts, ohne sie zu kuͤssen, und druͤckte sie recht freundschaftlich, und als ihm der Pabst auch in seinem Garten eine Visite mach- te, setzte er im 3ten Zimmer seinen Hut auf, der Pabst seinen rothen Hut auch, und so gingen sie beide durch die italiaͤnische Geistlichkeit, die immer auf die Knie niederfiel, so oft sie kamen, mitten durch. . Ich trat zuletzt beinahe mit einem ganzen Zirkel von Italiaͤnischen Bi- schoͤffen und andern vom Gefolge Sr. Heiligkeit hinzu Ich machte ihm dabei ein lateinisches Kompliment, worauf er sich umsah, als wenn er noch einmahl fra- gen wollte, wer ich sei, worauf einer von den italiaͤni- schen Praͤlaten ihm laut sagte: Questo è un eretico. Demungeachtet segnete er mich recht ernstlich ein. Als der Pabst noch einmahl fragte: wer ich sei, war sein Latein sehr im italiaͤnischen Accent. , kuͤßte die Hand ohne nieder zu knien, nachdem ich mich nur sehr tief verbeugt hatte. Benedictio Dei maneat super Vos — sagte er zuletzt zu uns allen, in nomi- ne Dei Patris \&c. Und nun ging er durchs Schloß die Treppen hinauf in seine Zimmer. Ueberall fiel alles vor vor ihm auf die Knie nieder, und immer bot er sein Zei- chen des Kreuzes zu beiden Seiten an. Ich war indes- sen durch Hrn. von Heyfeld den italiaͤnischen Praͤlaten bekannt worden, die wunderten sich uͤber den Protestan- ten, wurden hoͤflich, und fuͤhrten mich hinauf in des Pabsts Zimmer. Als er kaum sich ein wenig erholt hat- te, oͤfnete man die Fenster am Balkon wieder, und leg- te ihm auf die eiserne Gallerie da, wo er sich festhaͤlt, ein rothes scharlachenes Tuch hin. Unten standen wohl 6000. Menschen. Der Pabst ging dann hinaus, und benedizirte. Hinter ihm standen die italiaͤnischen Bischoͤf- fe, Hayfeld und ich: die Katholicken knieten alle. Als er seine Gestikulation gemacht hatte, kam er zuruͤck, gab uns noch einen besondern Segen, und ging dann in sein Zimmer. Das Volk unten kniete auf und uͤber einan- der, und was konnte ich fuͤr Freude haben, als ich so weit umher eine ganze Schaar blinder Bruͤder, eine Menge kniendes Volk sah, das den sterblichen Menschen mit lautem Geschrei fuͤr die lateinischen Worte dankte, die es nicht gehoͤrt hatte! — Der Aberglaube geht so weit, daß man dem Pabst, indem er geht, nach dem Zipfel seines Kleids greift, und den Saum seiner Schlep- pe mit Andacht kuͤßt. Ach, er ist nicht Dein Statthal- ter, grosser und liebenswuͤrdiger Erloͤser! Du stiegest nie in die Hoͤhe und liessest Dich sehen, um bewundert zu werden! Du wandeltest selber unter dem Volke, gingst in ihre Huͤtten, halfst wirklichen Beduͤrfnissen ab, und ver- langtest nicht Ehre und Anbetung von Menschen, die noch nicht Erkenntnis von Gott und seinen Anstalten hatten! Hierauf machte ich dem Herrn General von Frise meine Aufwartung. Er ist ein Protestant und von Colberg Colberg in Pommern gebuͤrtig, aber schon etliche 40. Jahr hier Wer 10. Jahr in Kaiserlichen Landen ist, muß dar- in bleiben, und darf nicht mehr heraus. . Er ist kraͤnklich und hat sich ganz zur Ruhe gesetzt, genießt aber noch seine Gage von 2000. Gulden, und 500. G. von einem Orden. Er besitzt eine erstaunende Belesenheit in allen Faͤchern, und hat eine Bibliothek von 6000. Baͤnden. Er erkundigte sich nach Schlettwein, nach Goͤtting er Gelehrten ꝛc. Seine eben so belesene, muntere und rechtschaffene Gemahlin klagte auch sehr uͤber die diesjaͤhrigen Katarrhe. Wir drei husteten erstaunlich zusammen, und alles Theetrinken half bei der rauhen Witterung nichts. Bemerkungen . Was hier von Berlin oder Preussen kommt, das hat schon das Vorurtheil der ganzen Nation gegen sich, daher ward z. B. die Saͤngerin Mara nicht sehr bewun- dert. — Und die Regierung ahmt doch so manches von Berlin nach! Durchgaͤngig klagt man uͤber die strenge Oekonomie des Monarchen. Er wendet auf Vergnuͤgungen fast gar nichts, und vermindert uͤberall die Zahl uͤberfluͤssiger Diener Unter der vorigen Regierung gabs aber auch Hofraͤ- the hier, die weder lesen noch schreiben konnten. Wer korrekt schrieb, der hieß schon ein Gelehrter. . Man will aber bemerkt haben, daß seit den Reduktionen nur in Einem Monat betraͤchtliche Ver- minderungen in der Mauth nur in Einer Rubrik erfolgt seyn. — Auch beschweren sich viele uͤber die grosse Ar- mee, Zweiter Theil. H h mee, die mit der Volksmenge der Staaten in keinem Verhaͤltnis stehen, und uͤber 300,000. Mann stark seyn soll. In Ungarn macht Er sich so souverain als moͤglich. Ohne neue Auflagen koͤnnte keiner, der nur halb Depensen liebte, das alles bestreiten. Wirklich be- schaͤftigt den Kaiser nichts so sehr, als Soldaten, und Oekonomie zur Tilgung der Schulden von den vorigen Kriegen. Es sind Fuͤrsten hier, die 150-200. Pferde halten, eigene Stuttereien auf ihren Guͤtern haben. Wer nur halb von Stande ist, haͤlt Wagen und Pferde. Fiakres sind etwa 500. hier; ferner sind gewiß immer mehr als 1000. Pfer- de hier von Roßhaͤndlern zum Verkauf vorraͤthig. Der Erste Staatsminister Fuͤrst von Kaunitz soll kaum 24000. Gulden Besoldung haben mit Inbegrif der Tafelgelder; weil er viel traktiren muß. Als der Pabst den Kaiser auf seinem Zimmer be- suchte, noͤthigte der Monarch die italiaͤnischen Haus- praͤlaten, die sich sonst in Gegenwart des Pabsts nie- mals setzen duͤrfen Der Pabst wird immer auf ganz oder halbgebogenen Knien bedient. Wer ihm nur ein Glas Wasser bringt, wirft sich dreimahl nieder. , zu sitzen. Ein anderesmahl eben so den Leibarzt des Pabsts. Der Pabst meinte, er sollte ihn auch wegen seiner Augen konsultiren, der Kai- ser aber gab ganz kurz zur Antwort: „Er habe seine „Leute“. Die verstorbene Kaiserin sagte zum ersten Staats- minister: Er. Der jetzige Kaiser redet alle seine Raͤthe, und alle Nichtunterthanen mit Sie an. Ein Gesand- schafts- schaftssekretaͤr, mit dem der Kaiser schon oft so gespro- chen hatte, und der nach dem Tode Mar Ther. als Kurier an mehrere Hoͤfe geschickt wurde, fand es freilich sehr unschicklich, daß ein gewisser deutscher Fuͤrst, der ihm noch darzu fuͤr alle Arbeiten in seinen Assairen noch niemals etwas gegeben hatte, Er zu ihm sagte. Wenn in Wien ehemals die Evangelischen Ge- sandten und Residenten fuͤr ihre Fuͤrsten Lehn empfangen und schwoͤren mußten, so verlangte man, sie sollten die katholische Eidesformel: bei Gott und allen Heiligen schwoͤren. Daher stellten sie meist einen Katholicken an ihre Stelle fuͤr diesen Aktus. Der billigdenkende Kaiser hat das aufgehoben, der Protestant schwoͤrt: bei Gott dem Allmaͤchtigen, und bei seinem heiligen Evangelium! Die Hofkammerkapelle hier ist klein, und hat gar nichts besonders, ist auch blos zum Hausgottesdienst. Unter der verstorbenen Kaiserin wimmelte die Burg immer von Pfaffen aller Art, und in allen Farben, jetzt sind sie wegen der Anwesenheit des Pabsts wieder darin, aber sonst, wenn der Kaiser allein da ist, kan man wohl hundertmal durchgehen, man sieht keinen. An jedem Hause in der Stadt steht zwar meistens uͤber dem Eingang die Zahl des Hauses angezeichnet, aber nicht der Name der Gasse. Weil in manchem Hause so viele Weine aufgehoben werden, so geht auch oft der Keller unter dem Hause bei- nahe eben so tief hinab, als das Haus hoch ist. Es sind verschiedene Stockwerke in den Kellern uͤber einander. Man behauptet, daß die Oesterreichischen Weine, wenn sie recht alt geworden sind, so gut waͤren, als ein Rhein wein. H h 2 Heute Heute aß ich von einem Hausen. Diese kommen mit den Huchen, einem hier sehr beliebten Fisch, aus dem Kaspischen Meere in die Donau. Ihr Fleisch verbessert sich immer mehr, je weiter sie im Strome stei- gen. Einen Gulden gilt hier das Pfund Forelle, und eben so viel das Pfund Aal. Nun fing man erst an, junge Rettiche zu verkau- fen; Erdbeeren sah man auch hie und da, die aber in Gewaͤchshaͤusern gezogen waren. Den 21sten April. Weil heute Sonntag war, so wohnte ich dem Got- tesdienste in der Schwedischen Gesandschaftskapelle bei. Sie besteht aus 3. grossen Zimmern, die sich in einander oͤfnen, hat keine Orgel, statt der Kanzel einen schlechten Stuhl und einen Altar, der mehr ein Kranz oder ein runder Tisch um eine Saͤule herum ist. Das Nuͤrnberg er Gesangbuch ist hier eingefuͤhrt. Der Prediger traͤgt Mantel und Kragen. Die Kom- munion war vorm Gottesdienst. Sechs bis sieben Per- sonen knieten zugleich um den Altar herum, und nachher sprach er uͤber alle zusammen ein Votum. Der Gottes- dienst fing nicht mit der Absolution an, sondern mit ei- nem Gebet um Vergebung der Suͤnden, dann sang man: Allein Gott in der Hoͤh ꝛc. Nun sprach der Prediger, der immer schon auf der Kanzel war, das Evangelium, darauf folgte der Hauptgesang, nach diesem betete er laut das V. U., las den Text ab, und fing an zu predigen. Der jetzige Prediger ist Hr. Suck, schon ein Mann bei Jahren, aber von gutmuͤthiger Miene. Der Text war die Unterredung J. Chr. mit dem Missethaͤter am Kreuz, der der aber gar nicht exegesirt wurde. Exord. Pauli Frage an den K. Agrippas: Warum wird das fuͤr unmoͤglich unter euch gerichtet ꝛc. Trans. Unter den Christen laͤugneten auch viele die Unsterblichkeit der See- le, also Thema: Von der Unsterblichkeit der Seele. I) Beweise aus der Bibel. Das N. Test. ist ganz voll davon, Christus wollte keine blos irrdische Gluͤck- seligkeit lehren. In der Zwischenzeit von Christus bis auf Malachia, sieht man die Spuren dieses Glaubens im B. d. Weish. Kap. 11. besonders, und im Buch der Makk. Aus den Propheten ward der Schluß vom Daniel, und die Stelle im Esaia: „Die richtig ge- „wandelt haben, ruhen“ ꝛc. angefuͤhrt, das koͤnne nicht blos vom Leibe verstanden werden, sonst gelte es auch von den Gottlosen ꝛc. Von Davids Psalmen ward wegen der Menge keiner angefuͤhrt!! Aus Sauls Zuflucht zur Betruͤgerin in Endor ward auch auf die Existenz dieses Glaubens geschlossen. Aus Mosis Schriften ward die Stelle: „Gott blies ihm einen lebendigen Odem in seine „Nase“, erbaͤrmlich gedreht, daß sie etwas beweisen sollte. Henochs Geschichte und die Redensart von Abrahams Tode: „Er ward zu seinem Volke ver- „sammelt“, da er doch nicht bei seinen Vorfahren be- graben ward, wurden allein angefuͤhrt, (Gen. 49, 10. nicht einmahl). Daß es Moses bei seinen Geboten nicht ausdruͤcklich als Motiv brauchte, ward seicht und verworren beantwortet. II) Beweise aus der Vernunft. Da ward nur kurz die Perfektibilitaͤt des Menschen in Erinnerung gebracht. III) Beweise aus dem Consen- su Gentilium . — Sonst haͤtte Gott den Israeliten nicht so strenge verboten, die Todten zu fragen. Tar- tarus der Roͤmer, Minos, Rhadamanthus, Furiae — H h 3 die, die, so zweifelten, hieltens doch fuͤr einen suͤssen Irrthum, den sie behalten wollten. — Die Wilden in Amertka glaubens selber. Die ganze Anwendung war in sechs Worten, daß also die Christen, die es nicht glauben, entweder bloͤdsinniger oder lasterhafter als die Heiden waͤ- ren! — So eine Predigt, wie Baer auch eine in Pa- ris (s. S. 65. des 1ten Th.) hielt, sagt man, ist in so grossen Staͤdten, wo Libertinage und Freigeisterei herrscht, noͤthig. — Aber die, welche ein solch System haben, gehen nicht hinein; es fassen lauter Handwerks- bursche, Professionisten, Soldaten, Bediente, Buͤr- ger und Buͤrgersfrauen, und etwa junge unverstaͤndige Fraͤulein von einigen Gesandten und Agenten da. Fuͤr die Kommunikanten sagte er nun vollends kein Wort. Leicht ist so eine Predigt, viel leichter, als alle dogmatische und moralische, denn das alles ist vorgearbeitet in so vie- len Systemen, Kompendien, Wahrheiten der christli- chen Religion, von Lardner, Abbadie, Leß ꝛc. Nach der Predigt ward gar kein allgemein umfassendes Gebet gesprochen, der Prediger ging mit dem V. U. und dem Segen weg. Man sang noch ein Lied, wiewohl viele schon hinausliefen. — Betruͤbter Anblick von einer Menge Protestanten, die sich eng zusammenziehen muß, um Gottes Wort zu hoͤren, in einer Stadt, die so viele Pallaͤste, so viele leere Plaͤtze hat! Hierauf bekam ich einen Besuch von Hrn. Vo- gel auf dem Baron Fries schen Comtoir. Der gute Mann beschwerte sich, daß er keinen Tag frei habe, als den Sonntag. Er sei schon 24. Jahr hier, und doch noch wie fremd, weil er nicht immer essen, trinken, spielen wolle, und andre Unterhal- tung tung gaͤbe es hier nicht. — Mancher Schneider und Schuster lebe hier besser, als der groͤßte Kaufmann in Leipzig und Frankfurt. Die Wien er Messe sei nur fuͤr die hiesigen, man bekomme in den Gewoͤlbern alles wohlfeiler. Darauf machte ich eine Visite bei Hrn. Suck. So alt und mit Steinschmerzen er auch behaftet ist, ist er doch noch munter. Er ist aus dem Meklenburg ischen und noch ein Schuͤler vom grossen Wolf und Fabrizius in Hamburg. Er kan der Steinschmerzen wegen nicht mehr fahren, sondern muß sich meist tragen lassen. Oft hat er sie schrecklich unter der Predigt. Er sprach von seinen im Haag, Friedberg und Hamburg zerstreu- ten Kindern. Die aͤlteste und die juͤngste Tochter sind diesem alten Vater allein noch uͤbrig geblieben. Hr. Kandidat Reismann besuchte mich heute auch. Er ist von Plauen gebuͤrtig, kam erst als Hofmeister nach Erlangen, und dann hierher. Er ist mit vielen Sachen in der Stadt gut bekannt. Hr. General von Frise schickte ihn zu mir. Jetzt privatisirt er, und gibt hie und da Lehrstunden. Heute erzaͤhlte man mir vom Pabste folgende Anek- doten, die von sichrer Hand sind: Als ihn der Kaiser von Neustadt nach Wien an Baaden vorbeifuͤhrte, und zu ihm sagte: „Sehen Sie, „da sind unsre Baͤder“, versetzte er: „Ja, die herrlichen „Wasser von Spaa “! So klein ist seine Kenntnis der Welt, so armselig sein Urtheil von der Groͤsse des Roͤmi- schen Reichs. Man sagte ihm vom Archivarius Schmidt. Dem Namen nach hielt er ihn fuͤr einen Ketzer. Man sagte ihm, Hr. Schmidt waͤre schon beim Bischoff H h 4 von von Wuͤrzburg und Bamberg geistlicher Rath gewe- sen, und schon die verstorb. Kaiserin Mar. Ther. habe ihn hierher gebracht; so wußte der Pabst von keinem Bi- schoff von Bamberg und Wuͤrzburg in seiner Kirche. Er wiederholte den Namen etlichemal, und endlich sagte er nach langem Besinnen: „das muͤßte ein Bischoff in partibus infidelium seyn“!! — Die Schwaͤche des Pabsts zeigte sich auch gar deut- lich dadurch, daß er immer eine Menge Kreuze und Ro- senkraͤnze weihte, die man ihm brachte. Ich sah selber einen ganzen Sack voll Kreuze hineintragen. Mehr als 150,000. soll er hier geweiht haben. Sie kamen von ganzen Landschaften zusammen, und waren alle fuͤr jeden Besitzer gezeichnet. Man warf oft 6000, 20,000. zu- sammen in eine Kiste, und stellte sie vor ihn hin. Er er- klaͤrte, daß wer so ein Kreuz hat, Ablaß habe in der Stunde des Todes, so lange das Kreuz nicht auf den Boden faͤllt. Sobald aber das geschieht, so ist Segen, Kraft und Ablaß fort. Man bezahlte die Bedienten, die es hinein trugen. Als der Pabst in der Porzellan- fabrik war, segnete er die Tassen und alles Geschirr ein, daher ein witziger Kopf ein Sinngedicht an die Maͤdchen in Wien machte; nun sei es erst recht gut, Kaffee zu trinken. Unter den Geschenken des Pabsts waren auch Reliquien, kostbar eingefaßte Stuͤcke vom Schleier der heil. Jungfrau, vom Kleide Pabsts Pius I. — Das letztere bekam schon erwaͤhnter Hr. von Hayfeld, bei dem ichs selbst gesehen habe. In der hiesigen Michaelis kirche wurde um diese Zeit ein neuer Hochaltar gebaut. Die Geistlichkeit ver- anstaltete, daß er geschwind geweiht wurde. Denn, wenn ihn ihn der Pabst geweiht haͤtte, so waͤre das Volk aus al- len Kirchen dahin zum Beten gelaufen, als wenn es da kraͤftiger waͤre, zu beten. Am Pasquino in Rom fand man 2 Gemaͤlde an- geheftet. Ein Mann mit einer erschrecklich langen Nase, und der andre fragt diesen: „Freund, was ist das fuͤr „eine Nase“? „O,“ antwortet jener, „sie ist noch lange „nicht so gros, als die, welche sich unser heil. Vater in „ Wien holen wird“. Der Pabst soll vor seiner Ab- reise den Kaiser gebeten haben, das Fuͤrstendiplom fuͤr seinen Neffen Onesti ihm lieber nachzuschicken, als mit zu geben, weil sonst der Pasquino in Rom sagen wuͤr- de, er habe die Rechte der Kirche dagegen verkauft Im Journal Encyclopedique, Ian . 1783. wird erzaͤhlt, als der Pabst nach seiner Ruͤckkunft von Wien nach Rom in eine Kapelle gegangen, sein Gebet zu verrich- ten, habe er auf dem Betaltar ein Papier gefunden, worin ihm wegen seiner Reise die bittersten Vorwuͤrfe gemacht worden; unter andern habe darin gestanden: Quod Gregorius VII. Pontifex maximus, exstruxit, Id Pius VI. pontifex minimus, destruit. Der Pabst habe es durchgelesen, habe drauf feinen Bleistift genommen, und drunter geschrieben: Regnum Christi non est de hoc mundo, non eripit mortalia qui regna dat coelestia, Caesari quae sunt Caesaris, Deo quae sunt Dei, und habe es auf der Stelle, wo ers gefun- den, liegen lassen. Herausgeber. . Die Geistlichen sagen und schreiben: Es bete ja niemand mehr in der boͤsen Welt, wenn Moͤnche und Nonnen nicht beten. Der Kaiser sollte sich an den Exem- H h 5 peln peln der Israelitischen Koͤnige spiegeln, die sich an den Schaͤtzen der Kirche vergriffen. Im vorigen Sommer stand im Augarten angeschla- gen: Ioseph premier, aimable et charmant; Ioseph second, scorpion et tyran. An des Kaisers eigenes Schlafkabinet schlug man folgendes Pasquill an: Wittwenmark und Waisen-Gut, Ist fuͤr Kaisers Augen gut. — So boͤs ist das Volk hier! Ein andres gab man ihm im Kontrolleur gang, als ein Memorial, wovon der Schluß war: „Ein rechter „Kahlmaͤuser, ist unser Kaiser.“ Als die Hofdamen und andre Hofoffizianten, die sonst bei Hofe gewohnt hatten, im vorigen Jahre aus- ziehen mußten, und ein gewisses Geld dafuͤr nehmen, ward folgendes Pasquill in der Burg angeschlagen: Allhier sind im ersten und zweiten Stock Zimmer zu ver- lassen ( Wiener isch anstatt vermiethen). Wer solche bestehen (miethen) will, hat sich beim Hausherrn im er- sten Stock zu melden. Bei eben der Gelegenheit kam ein haͤßliches Bild heraus: Die Hofdamen gehen jede mit ihrem Buͤndel fort. Der Oberhofmeister kehrt mit dem Besen hinten- nach, und der Kaiser steht mit einer Hetzpeitsche in der Ecke. Als das Toleranzedikt in Kroatien publizirt wurde, zogen alle auf dem Rathhause den Saͤbel, und schrien: Moriamur omnes pro religione nostra! Nach und nach dringt der Kaiser doch durch, aber so schnell nicht. In Oedenburg bekamen 2. Protestanten Dienste, die Eide erforderten. Sie schworen den Protestanteneid, und und erhielten also den Dienst. Der Bischoff aus dem Eisenburg er Komitat, dems gar nichts anging, schrieb nach Oedenburg: Licet sit voluntas Sacrae Cae- sareae Majestatis, tamen hoc contrarium esse videtur sanctissimae religioni nostrae. — Er ward zur Verantwortung nach Presburg fuͤr den Locum- tenentialrath gefordert, und wird vermuthlich kassirt wer- den, oder ists schon. Graf Joseph Deleggi ward vorm halben Jahre zum Vizegespann in Ungarn ernannt, weil er aber Pro- testant war, so lehnten sich 5. Komitatoren oder Statt- halter von Gespannschaften gegen ihn auf, der Kaiser aber bestand darauf, und er ists noch. Bemerkungen. Es ist wahr, der Fremde kan in Wien in den er- sten Tagen immer essen. Man ist bestaͤndig hungrig, die scharfe Luft zehrt ab, und ermuͤdet. Das spaͤte Mit- tagessen gewohnt mancher Jahrelang nicht, das eben so spaͤte Nachtessen ist fast nichts. An den Fastenspeisen verderbt man sich, weil sie so fett sind, den Magen, ich wenigstens muste mich oft nachher uͤbergeben. Ist das Getuͤmmel auf den Strassen an Werkelta- gen gros, so ist es an Feier- oder Sonntagen, besonders in der Nachbarschaft der Kirchen, ganz unbeschreiblich. Im Anfang geht man warlich immer mit Furcht und Zittern aus, bis man das Schleichen an den Haͤusern gewohnt ist. Darin ist Wien vollkommen wie Paris, doch ist das Volk hier viel ehrlicher, traktabler, hoͤflicher. — Auch sogar die Wache darf nichts thun, als erinnern. Im Schlosse Schlosse kan man sagen, daß man ein Fremder sei, und man kommt wieder einige Schritte weiter. Es geht auch eine Klapperpost durch die Stadt, die in 3. Stunden herumkoͤmmt. Den 22sten April. Heute machte ich verschiedene Besuche, als bei Hrn. Vogel, und fruͤhstuͤckte bei ihm auf Wie- n er Porzellan, — wobei er mir sagte, daß man vor ei- niger Zeit vorgegeben habe, eine weisse Erde, wie die Saͤch sische, gefunden zu haben. — Da er schon lange hier ist; so kennt er die Wien er sehr genau und erzaͤhlte mir so allerhand von ihnen, als unter andern: Es waͤ- ren eine Menge lediger Leute hier, die des Luxus wegen das Heirathen scheuen. — Es sei unglaublich, mit wel- chen dummen und unwissenden Leuten der Kaiser zu thun habe, die besten und arbeitenden Leute waͤren Konvertiten. Die meisten Adelichen lernten auch hier nichts, als essen, trinken, huren, spielen, reiten, jagen ꝛc. Doch gebe es auch noch Leute und Kaiserliche Beamte, die mit 600, 800, 1000. Gulden eine artige Haushaltung fuͤhren. — Aber im Ganzen sei es nirgends noͤthiger als hier, daß die Obrigkeit das Volk Oekonomie lehre. — bei Hrn. von Jakobi, dem Koͤnigl. Preuß. Resi- denten an hiesigem Hofe. Er sagte mir, daß der Hr. Reichshofrath von Heß ein Kabinet habe, es aber selber, und deswegen niemals anders zeige, als wenn eine starke Gesellschaft beisammen ist, (wo insgemein keiner etwas recht sieht); doch versprach er, zu sorgen, daß ichs zu se- hen bekaͤme. beim beim Herzogl. Braunschw. Gesandten, dem Hrn. Baron von Vockel, an den ich ebenfalls empfohlen war. Dieser war der erste, mit dem ich in Wien mehr als ei- ne Stunde schnell wegplaudern konnte, weil er auch ein litterarisches naturhistorisches Gespraͤch anfing. Er hat ein Kabinet von seinem Schwiegervater, Hrn. Moll, geerbt, das aus Petrefaktis, Steinen und Stuffen be- steht. Meistens sind es Austriaca, das Wort im vol- len Verstande genommen. Der vorige Besitzer reiste selber alle Jahre 3-4. Monate deswegen, und lies sich die Sachen an Ort und Stelle brechen. Er reiste vom Ende der Karpath ischen Gebuͤrge bis an die Tyrol er, und an die Saͤchsi sche Grenze, so daß es ihn freilich sehr viel kostete. Hr. Baron von Vockel wuͤnscht es zu ver- kausen, weil ein grosser Theil des nicht sehr betraͤchtlichen Vermoͤgens seiner Frau in solchen Sachen besteht. Er hat einige Kenntnisse in dieser Wissenschaft erst hier von Mr. de Balljou erlangt, der auch die erste Grundlage zum Kaiserlichen Kabinet gesammelt hat. Der Mann errichtete sich sein eignes System, seine eigene Leiter der Natur, fing an mit den Erdarten, ging uͤber ins Pflan- zenreich mit den Erdpechen, und darnach rangirte auch Baron Vockel seine Sammlung, die ich dann zu sehen bekommen sollte. — Uebrigens leidet dieser gute Mann schon seit vielen Jahren gewaltig an der Arthritis va- ga, die ihm oft sogar die Zunge zum Sprechen laͤhmt. Seine Augen zittern und sind so schwach, daß er am hel- len Tage einen gruͤnen Schirm vor den Augen traͤgt. Als er eine Zeitlang gestanden hatte, konnte er kaum zum Kanape’ kommen, und als er eine Weile gesessen hatte, konnte er, ohne von mir gehalten zu werden, weder gehen noch stehen. Darauf Darauf fuhr ich auf das Landgut des Hrn. v Stock- maier in Nußdorf. Der Weg dahin ist nur eine hal- be Stunde vom Thor, und man bekommt weder am Morgen noch am Abend die Sonne ins Gesicht. An dem Dorfe haben 9. Herrschaften Antheil und jede hat ihren ei- genen Richter da. Hrn. von Stockmaier gehoͤren von seiner Frau her nur 18. Haͤuser. Aus dem Edelmaͤnni- schen ehemals verfallenen Hofe hat er ein sehr bequemes Landhaus gemacht. Man sieht vorne den Garten, das Dorf, die Do- nau, den Wald, und uͤber die Donau die Bruͤcke nach Boͤhmen vor sich. Aus manchem Zimmer uͤberschaut man einen Theil der Stadt, und hat immer die Muͤn- ster- oder Stephanskirche im Gesicht. Neben dem Schlafzimmer ist durch ein Oratorium fuͤr die katholische Frau v. Stockmaier, eine Verbindung mit der Kirche im Orte gemacht worden, die surprenant ist. Ueber- haupt steht das Haus am Berge, und in die alte gothi- sche Form, die es hatte, ist so viel Geschmack hineinge- bracht worden, als moͤglich. Wo vorher Heuboͤden wa- ren, da sind jetzt Arbeitszimmer. Ringsum liegen viele Guͤter, und noch kuͤrzlich wurde fuͤr 2000. Gulden viel gekauft. In der Kelter ist die Einrichtung so gemacht, daß die Weinlese aus dem Berge in die Trotte fließt. Neben dem Keller ist ein Obstkeller, wo das schoͤnste Obst auf Repositorien, nicht auf Hurden liegt. Der fern- dige hiesige Wein war schon sehr hell, feurig, und doch war die Gaͤhrung noch nicht ganz vorbei. Man Man erzaͤhlte heute, daß gestern beim letzten Se- gen des Pabsts Ein Maͤdchen, das des Pabsts Segen haben wollte, kam nach vielen Stunden heim, und sagte: Es waͤre endlich Einer herausgekommen, der haͤtte immer mit der Hand gewinkt, daß es Nichts sei, daß sie heute umsonst warteten. — Und das war die Gesti- kulation des Pabsts! um 3. Uhr eine alte Frau, die vom Knien nicht gleich wieder aufstehen konnte, niedergedruͤckt und todt getreten worden sei, und es fand sich wahr. Hr. von Hayfeldt schaͤtzte die letzte Fete, die der franzoͤsi sche Botschafter wegen der Geburt des Dauphins gab, auf 14000. Gulden. Mehr als 1000. Bouteillen Champagner wein wurden dabei getrunken oder gestoh- len. Er lies zwar alles kommen, muste aber Mauth, Zoll ꝛc. bezahlen, denn die Gesandten haben diese Frei- heit verlohren, weil die Leute des vorigen franzoͤsi schen Botschafters sie misbrauchten, mehr, als sie brauchten, kommen liessen, und damit handelten. Bemerkungen. In vielen hiesigen Gassen lassen sich viele Zimmer gar nicht durchluͤften, wenn man auch am fruͤhen Morgen die obern Fenster oͤfnet, weil die Gassen zu eng sind. Ein Zimmer einer einzelnen Person, wo ihr Bett und alles beisammen ist, kan ohne Aufwartung jaͤhrlich 100, und an einem guten Theile der Stadt 120, 130. Kaisergulden kosten. Jeder- Jedermann traͤgt jetzt hier mit Seide oder reich ge- stickte Kleider. Tressen ist die Sache der Bedienten, oder gehoͤrt nur auf ein Negligee’kleid. Soͤhne und Toͤchter werden hier von den Eltern nicht mit in Gesellschaft genommen, daher sind sie auch zu Hause gegen jeden Fremden bloͤde, schuͤchtern, und schwei- gen immer still. Toͤdtend ist der Diskurs von der Kleidung ’ der Damen bei dem und dem Spektakel, Ball, Festin ꝛc. weil er auch bei Tisch oft kein Ende nimmt. Und viele Damen gestehen am Ende, nachdem sie alle ihre Neuig- keiten ausgekramt haben, daß sie sie von ihrem Peruͤcken- macher haͤtten. Der Ton der Wien er Welt erfordert, daß Gesandte und die vornehmsten Maͤnner an diesen Un- terredungen Theil nehmen, und Galanterien, mit unter auch wohl Zoten, dabei anbringen. Nun bluͤhten doch die Maikirschen, und der Wein- stock sing an zu treiben. In der Ferne ward der Wald gruͤn, und schon vor einigen Tagen hatte man die Gu- ckucke rufen gehoͤrt. Das Obst erhalten die Obsthoͤfler in eigenen Kellern sehr kuͤnstlich, wickeln jede Birne, und jeden guten Apfel eigen in Papier ein, weil sie ihnen um diese Zeit das Stuͤck mit 2. Kreuzer bezahlt werden. Das Recht, einen Obststand oder Obstboutique in der Stadt zu haben, kostete ehemals 3-4000. Gulden, jetzt ohngefaͤhr 100. Dukaten, der Kaiser erlaubt es Je- dem. In den Gaͤrten um Wien herum spruͤtzen die Leute die Felder sehr artig mit einer Roͤhre, in welcher ihnen vom Berge Wasser zufließt. In In den Vorstaͤdten besonders ist die Kraͤmerei ganz unendlich. Da ist Laden an Laden gebaut, und wenn man lange nicht in eine Gegend gekommen ist, so kan man in eine ganz neue Strasse von Haͤusern kommen, die indessen gebaut worden sind. Der Toback, den man hier rauchen muß, ist tuͤr- ki sche Blaͤtter, und der sogenannte Knaster, und bedeutet nicht viel; doch ist er besser als der in Paris. Man deckt hier auf dem Lande das Dach nicht mit Ziegeln oder Schindeln, sondern nimmt dicke hoͤlzerne rautenfoͤrmige Stuͤcke darzu, die mit einem rothen Firnis uͤberzogen, lange an der Luft dauern. Den 23sten April. Heute bekam ich das Kaiserliche Naturalienkabi- net zu sehen. Ich fuhr mit Hrn. Hofrath von Born hin. Der Kaiser will nichts haben, als Mineralien und Konchylien. Die von Hrn. von Born angefan- gene Beschreibung hat ein Ende, weil der Kaiser den Ma- ler, der die Originale zeichnete, und 800. Gulden jaͤhr- lich bekam, (denn fuͤr das Illuminiren sorgte der Kupfer- stecher) abschafte. Hr. Heydinger, der Adjunkt am Kabinet ist, will nun ein kleines Verzeichniß auf Sub- skription herausgeben. In 2. mittelmaͤssigen Saͤlen steht alles beisam- men, und zwar in nußbaͤumenen Schraͤnken an der Wand, die oben Glasthuͤren und unten Schubladen hinter Thuͤ- ren haben. Darin steht und liegt jedes Stuͤck auf einem weis angestrichenen hoͤlzernen Fuß, noch ohne Nummer und Namen, denn der Katalog soll erst gemacht werden, und es ist noch gar nicht lange, daß das Kabinet in die- Zweiter Theil. J i ser ser Ordnung ist. Was mir hier besonders bemerkens- wuͤrdig war, ist Folgendes: 1) Die Gold- und Silberstuffen. Diese sind freilich sehr schoͤn da, — aber meistens aus dem Lande, wie fast alles im Kabinet, selten auswaͤrtige, Saͤchsi- sche oder Nordi sche Stuͤcke. 2) Blaues Kupfer unvergleichlich, aus dem Ban- nat, d. h. Temeswarer Bannat. 3) Blauer Malachit, eben so stralicht, und laͤßt sich eben so poliren, wie der gruͤne, auch aus dem Ban- nat. 4) Kupfererz in Buͤscheln; man solte es fuͤr die feinsten Flaumenfedern halten. 5) Sibiri sche Malachiten mit Dendriten. 6) Sibiri scher Saͤulenfoͤrmig krystallisirter Ma- lachit. 7) Weisser Zinnspat aus Boͤhmen. 8) Ein Stuͤck von Pallas gediegenen Eisen, aber Hr. Heydinger wollte es auch noch nicht recht glauben; es waren Stellen da, wo’s voͤllig wie geschmolzen, wie eine Schlacke aussieht. 9) Eisenglaskoͤpfe, vom Huͤttenberge aus Kaͤrn- then, mit allerlei feinen Zeichnungen, die man auf ab- geputzten Stuͤcken fuͤr natuͤrlich halten sollte, wenn man sie nicht auch auf ungeputzten Stuͤcken saͤhe. 10) Ein Eisenerz, das zerfaͤllt und zerspringt wie in lauter Basaltsaͤulen, aus Boͤhmen. 11) Ein Zinnober aus Siebenbuͤrgen, mehr als Spannelang, und eben so breit. Steht wie eine rothe Platte da, wiegt aber wenigstens 250. Pfund. 12) Das 12) Das sogenannte Korallenerz, d. h. Quecksil- bererz, das Erbsenfoͤrmig in anderes Gestein eingesprengt ist. 13) Eine schoͤne Sammlung von Zinks tuffen und krystallisirten Blenden. — Auch ein ganz weisser Zink. 14) Koboldbluͤthen. a) Ein Stuͤck, wo vom Kobold der Quarz, und b) Eins, wo der Spat roth gefaͤrbt worden ist. Beide aus Sachsen. 15) Herrl. Nadelfoͤrmiges Antimonium, von Kremnitz. 16) Antimon. plumosum , ein gar wohl konservir- tes Stuͤck. Die weissen oben aufliegenden Koͤrperchen sind kleine Quarzkrystalle, die mit doppelten Endspitzen gleichsam in der Luft haͤngen. 17) Eine herrliche Edelstein-Sammlung. — Das Wenigste liegt in den Glasschraͤnken, das Meiste unten in 2. Schubladen, wo eine Menge silberner vergolde- ter Schuͤsseln ihre Einschnitte im Boden haben, und dar- uͤber ein Glas, das herabgenommen und beschlossen wer- den kan. Viele Steine sind auch schon in Ringe ge- faßt vorhanden gewesen, aber au jour ohne Folie. Man kan den Stein von oben und unten sehen. a) In der Mutter hat man nach Hr. Heydingers Versicherung keinen, als einen Smaragd in Kalkspat, und einen in Quarz. Beide sind sehr gros, aus Brasilien. b) Ein Quarz, voͤllig wie eine Zitrone; an beiden Enden hat er platte Warzen. Aus Boͤhmen. c) Viele Kry- stalle mit allerlei eingeschlossenen Koͤrpern. d) Ro- he Diamanten von verschiedenen Krystallisationen. e) Eine natuͤrliche Dublette, Chrysolith auf der einen Seite, und Saphyr auf der andern Seite. f) Ein ku- bischkrystalli sirter Topas. g) Ein Stein, der Hya- J i 2 einth, einth, Rubin und Amethyst ist, aus Brasilien. h) Gefaͤrbte Diamanten, natuͤrlich, von allen Farben. i) Katzenaugen aller Art ꝛc. 18) Der groͤste Opal in der Welt. Er fuͤllt die ganze Hand, und ist unbeschreiblich schoͤn. Die Hol- laͤnder haben schon 30000. Gulden dafuͤr geben wollen. 19) Zwei sehr grosse und hochrothe Karneole. 20) Eine Dose von allen Saͤchsischen Steinen. Im Deckel sind kleine Sektores in Gold gefaßt. Unter dem Boden der goldenen Dose schiebt sich das geschriebene Verzeichnis der Steine aus und ein. 21) Auch eine Tabatiere aus Steyermaͤrk ischen Granaten, die in Stein stecken. 22) Sehr viele Krystallisationen von Feldspat, die Delisle Rome’ nicht kennt. 23) Ungar ischer Serpenti nstein. 24) Blaue Madreporen; uͤberhaupt eine schoͤne Sammlung von Lithophyten und Zoophyten. Pallas hat viele von den zarten Zoophyten hierher geschickt, — Hr. Heydinger sprach von einer neuen Edition des Elen- chus Zoophyt., die er besorgen will. — Sehr schoͤne vielaͤstige Korallen. — Ein Stuͤck mit vielen Zinken, unten weis, in der Mitte ganz roth. 25) Ein Monodons zahn, wohl 9. Schuh lang. 26) Ein Haygebiß. 27) Zwei grosse Elephantenzaͤhne. 28) Gruͤner Kalkspat, aus Tyrol. 29) Sehr grosse angeschliffene Brocken von verstei- nertem Holz, und noch vermoderte Adern auf der einen Seite. 30) Ein schoͤner Klumpen von versteinerten Ver- tebris, Cochleis und Belemnitis. Der Der Kaiser kauft noch immer zu Die Erzherzogin Mariane besas ehemals auch ein schoͤnes Kabinet, sie hats aber, als sie nach Klagen- furth ging, der Universitaͤt in Ofen kaͤuflich uͤber- lassen. . Erst neulich sind Cachelons, Chalcedonier und Laven vom Hecla fuͤr 1500. Gulden, von Hrn. Spengler in Kopenha- gen gekauft worden, die noch unterwegs seyn sollen. Hr. Hofrath von Born thut nicht viel mehr. Er ist alt, und seit 8. Jahren krank, geht elend, schief, nimmt immer Arzeneien ein, muß auch jetzt wegen Aufhebung der Hofquartiere ausziehen, und hatte doch kurz vor der Kaiserin Tode erst eins bekommen, hofte darin lebenslang in Ruhe zu sitzen, steckte mehr als 1000. Gulden hinein, und dafuͤr gibt ihm niemand nichts. Als Hofrath muß er alle Tage viel erpediren, zuweilen in die Session gehen, hat immer den Tisch voll Akten liegen. Neben dem Kabinet ist noch ein Zimmer, wo die Gemaͤlde haͤngen, die Franz I. in Florenz aus Flo- rentinischer Arbeit machen lies. Sie haben schrecklich viel gekostet. Es ist eine Art Mosaischer Arbeit aus Stei- nen zusammengesetzt; auch Tische von der Art hat man hier. Die Zeichnungen sind Szenen aus Europa und Asien. — Auch ist ein Bouquet da, kostbar aus Edelsteinen zusammengesetzt, Insekten ganz aus gleich- farbigen Steinen geschnitten ꝛc. Alles von unendlichem Werth. Man schenkte mir hier auf Hrn. von Borns Be- fehl ein Stuͤck von dem rohen Kaͤrntner opalisirenden Marmor, den er zu den Petrefakten rangirt, weil die J i 3 glaͤn- glaͤnzenden Stellen zuverlaͤssig nichts anders sind als Schaalenstuͤcke von Nautilis. Hierauf machte ich Besuche bei Hrn. Eckhof, dem Koͤnigl. Daͤni schen Gesandtschaftsprediger. Er beklag- te sich, daß das Allmosen fuͤr die vielen protestantischen Armen und Kranken, die er zu besorgen habe, nicht zu- lange. Der Gesandte gaͤbe nichts dazu, auch bestehe das Personale der Gesandschaft uͤberhaupt nur aus 20. Personen. Indessen habe er doch jetzt einen Platz in ei- nem Hospitale fuͤr Einen Kranken ausgewirkt; die Barm- herzigen Bruͤder muͤssen auch welche nehmen. — Aber was bei der Schwedi schen Gesandtschaftskirche nicht ist, das hat Chemnitz hier zu Stande gebracht, naͤmlich eine Schule. Der Schulmeister hat doch schon 150. Gulden. Der Koͤnig bezahlt auch einen Organisten. Neulich konnte Hr. Eckhof doch einmahl hier eine Anzahl Kin- der konfirmiren. beim Sachsenkoburg. Hrn. Geh. Rath von Fi- scher, der mich kennen lernen wollte. — Seine Ge- mahlin konnt’ ich nicht sprechen, weil sie nothwendig hat- te ausfahren muͤssen. Ein noch nicht sehr alter, aber an Fuͤssen ganz perpendikulaͤr hinab gleich dicker Mann. Waden und Hinterfuß in einer geraden Linie ohne Ein- beugung. Den 24sten April. Mein erstes war heute, den Hollaͤnd ischen Gesand- schaftsprediger, Hrn. Hilchenbach zu besuchen. Er wohnt sehr angenehm auf der Bastei, der Karoli Borom. Kirche gegenuͤber. Er ist aus Frankfurt gebuͤrtig. Mit der deutschen Litteratur ist er sehr bekannt. Er be- schwerte schwerte sich, daß ihn die Dessauer auch mit ihren Sa- chen, und Lavater mit seinem Kirchenboten ꝛc. plager. Seine reformirte Gemeinde ist klein. Die Schweizer halten sich auch zu ihm. Er predigt deutsch. Der Ge- sandte wohnt auch in der Vorstadt, in einer auf hollaͤn- d ische Art ganz laͤndlich eingerichteten Wohnung. Hier- auf besah ich die Kaiserliche Bibliothek, auf dem Josephs platze in der Burg. Hr. von Kollar, und Hofr. von Mar- tiniz sind die Vorsteher; der letztere zeigte sie mir. Lam- becius Fleis ist noch nicht vergessen. Diese ganze unermeßliche Bibliothek steht in Einem, aber einem der schoͤnsten Saͤle beisammen. In der Mitte wird eine herrliche Kuppel von praͤchtigen Saͤulen getragen, die von Daniel Gran vortreflich gemahlt ist Verglichen mit Hrn. Nikolai’s Reisen, 2ter B. S. 604. u. f. Herausgeber. . Oben laufen Gallerien herum, wozu ansehnliche Treppen hinter den Buͤchern hinaufgehen. Noch eine Menge Kabinetter liegen an den Seiten, wo alles ange- fuͤllt ist, und doch stehen an den meisten Orten die Buͤ- cher doppelt. Man hat einen Katalog daruͤber nach dem Alpha- bet der Autoren, wobei der Schrank und das Bret steht, und eben diese Zahlen stehen im Buche, auch wieder mit Lateinischen und Arabischen Zahlen. In der Bibliothek selber liest niemand, aber darne- ben ist ein Lektuͤrekabinet, wo man das Buch aufschla- gen, fordern, lesen und excerpiren kan, doch muß man Papier und Feder selber mitbringen. J i 4 Neben Neben dem Hauptsaale ist auf jedweder Seite noch ein Saal fuͤr die Handschriften und erste gedruckte Buͤcher. Von den erstgedruckten Buͤchern aus dem 15ten Jahrh. bis 1500. incl. sind 4000. Stuͤcke hier. Diese sind alle nach ihren Jahren numerirt. Aus manchem Jahre sind gar viele da. Ich fand darunter: 1) Fausti Psalterium, das erste von ihm gedruckte Buch. 2) Lorenz Coster sche Arbeit noch mit unbeweglichen Schriften nur auf einer Seite. 3) Die erste deutsche gedruckte, und 4) Die erste ebraͤische gedruckte Bibel. Die letztere ist gar schoͤn und leicht zu lesen, vom J. 1488. 5) Unter den vielen Griechischen Handschriften ist ein Dioskorides mit gemahlten Pflanzen, der aͤlteste aus dem 6ten Jahrh. Wir konnten Mandragora und andere noch gar wohl erkennen. 6) Einige Blaͤtter aus dem Koran mit alter Kufi scher Schrift, aus dem 9ten Jahrh. Man hat schon bei jedem beigeschrieben, aus welcher Sure die Stuͤcke ge- nommen sind. 7) 2. Stuͤcke vom Papyrus, wo Sachen vom Con- cilio Eccles. darauf geschrieben sind. Mabillon hat sie schon beschrieben. Es sieht schwaͤrzlichtbraun, am Ende zasericht, oder wie ein ausgefasertes Zeug aus. 8) Ein Codex purpuraceus, auf duͤnnem Pergament, mit der wahren aber blassen Purpurfarbe auf beiden Seiten uͤberstrichen. Sieht angenehm roth aus. 9) Mexikanische Schriften, lauter Symbola, Haͤu- ser und andre Figuren. Das Volumen ist ein Stuͤck, das sich in Notenformat zusammenlegen laͤßt. Ausser Ausser diesen Seltenheiten zeigte man mir noch 1) das Original von der Tabula Peutingeriana, wornach sie abgestochen worden. 2) Fausts Bildnis. 3) Viele sehr grosse Etrur ische Gefaͤsse, die ihres hohen Alters ungeachtet, ihre schwarzen Streifen, und an- dre Farben behalten haben. 4) Eine eherne, jetzt schoͤn eingefaßte, und in ihrem gruͤnen Rost wohl verwahrte Tafel, 1527. von Abruz- zo hieher geschickt, woselbst man sie fand. Darauf ist ein Roͤmisches Senatus Consultum de Baccha- nalibus et Libertate coercenda eingegraben. Der Rechnung nach ward 142. Jahr vor Christi Ge- burt haec Lex in Tabulis aeneis suspensa. 5) Ein Systema Copernicanum, das aufgezogen 8. Tage geht, Planeten und sogar Trabanten in ihrem Lauf zeigt, von einem Kuͤnstler aus dem Reich. 6) Auch an die 700. Baͤnde Kupferstiche, von allen Meistern nach den verschiedenen Schulen, mit den Portraits. 7) Eben so werden die Landcharten gesammelt, und moͤchten jetzt wohl schon an 60. Baͤnde ausmachen. Die Bibliothek steht alle Tage von 9 — 12. Uhr offen. Heute sah ich auch den Kaiser nach dem Augarten fahren. Ein einziger Bedienter war hinten drauf, und dieser durfte sitzen. — Der Edelmann laͤßt oft 4 — 5. Bediente so lange zu seiner Ehre stehen, daß ihnen die Fuͤsse brechen moͤchten. Vor manchem Fuͤrstl. Palais sieht man 10 — 12. Bediente warten, jeden in einer an- dern Livree. Manche kostet 500. Kaisergulden. J i 5 Falsch Falsch verbreitete man hier das Geruͤcht, der Kai- ser sei bei der Begleitung und dem endlichen Abschied vom Pabste vor ihm auf die Knie gefallen, habe geweint, und sich seinen Segen ausgebeten. In der Kirche ver- richteten sie die Andacht mit einander, aber sonst erfolgte nichts von der Art. Sie umarmten sich zuletzt wie beim Empfang. Bemerkungen . Viel schoͤne Gesichter sieht man hier nicht. Ent- weder sind sie geschminkt, oder bleich, oder gelblicht, kurz, sie haben die ungesunde Farbe der Unordnung und des schwelgerischen Lebens. Auch gibt’s hier keine Jungfern, sondern lauter Fraͤulein, und ausser den Bedienten ist niemand buͤr- gerlich, sondern alles adelich, gnaͤdig. — Man er- zaͤhlt, daß Kaiser Franz I. einmal im Scherz einen Bedienten, der ihm in Weg lief, auch Herr von nann- te. Der Mann hatte Gegenwart des Geistes, nahm den Kaiser beim Wort, bedankte sich zugleich allerunter- thaͤnigst fuͤr die Nobilitirung, und seine Familie ist noch jetzt im Adelstande. Man kan hier ganze Boutiquen von eingefaßten Ringen sehen, mit allen moͤglichen aͤchten und falschen Steinen, mit Koͤpfen, mit Blumen, mit nachgemach- ten Insekten, mit dem Bildnis des Kaisers, des Pabsts. Man bringt eine Menge lebendiger Karpfen aus Boͤhmen hieher, setzt sie bei Nußdorf eine Zeitlang wieder ins Donau wasser, und verkauft sie hernach fuͤr Donau karpfen. Wenn auch einer einen Teich anlegen, und erst mit Setzkarpfen besetzen will, kan er 130 — 140. Stuͤcke auf einmal verschreiben, und bekommt sie richtig. Den Den 25sten April. Heute fruͤh um 10. Uhr fuhr ich mit Hrn. von Stock- maier zum Hrn. Reichsreferendar, Baron von Ley- kamm, auf die Reichskanzlei. So heißt diese, im Ge- gensatz der Staatskanzlei, oder jener von Oesterreich, Boͤhmen ꝛc, Die Kaiserl. Raͤthe muͤssen zwar fruͤh auf die Kanzlei; aber sie nehmen oben Visiten an. Hr. Baron von Laykamm ’s Geschaͤfte selber gehen erst um 11. Uhr an. Ich fand an ihm einen muntern, gespraͤ- chigen Mann, der viel von alten Buͤchern, Handschrif- ten, Urkunden, Schaͤtzen der Kloͤster Neuburg, Te- gernsee ꝛc. erzaͤhlte. In Scherzii Glossario meinte er, haͤtten die Schwaben noch manches Wort liefern koͤnnen. Von Schmid ’s Geschichte der Deutschen, 4ter B. denkt er, wie ich und andre, — Quantum mutatus ab illo. — Zuletzt erzaͤhlte er mir die Ge- schichte des Reichsarchivs, daß es eigentlich keine Pa- piere vor dem 16ten Jahrh. enthalte. Ehe der Kaiserl. Hof Sedes fixa, und ehe der Reichshofrath gestiftet ward, wars nicht moͤglich Akten zu sammeln. Der Kaiser schenkte weg und gab daruͤber ein Instrument, aber ihm gab niemand nichts. Man habe sogar ehemals die Schenkungsbriefe im Vorrath gehabt, und nur fuͤr etliche Hauptworte Platz gelassen, da schrieb man nach- her hinein, das waren zweierlei Handschriften, daraus entstand zuletzt oft Streit. Und bei Gelegenheit solcher Prozesse uͤber Kaiserliche Schenkungsbriefə forderte man, daß die Partheien die Originalien produciren mußten, und so machte man sich nach und nach die Kopialbuͤcher, die jetzt schon eine betraͤchtliche Menge ausmachen. Von ihm fuhr ich ins Examen Examen in der Kaiserl. Normalschule. — Sie hat schoͤne grosse Saͤle, und man sieht, daß es Lehrern und Vorstehern ein Ernst seyn soll. Die Schule war sehr zahlreich. Die Kinder sitzen einander gegenuͤber, in immer hoͤhern Baͤnken. Am Ende fragt man sie, ob sie sich wollen um des Studirens willen fuͤr die lateini- sche Klassen examiniren lassen, oder nicht? Der Ober- aufseher hatte das Register in der Hand, und rief im- mer zu jeder Frage den Antwortenden, ausser der Ord- nung selber auf. Die Schuͤler geben so lange und weitlaͤuf- tige Antworten, daß es beinahe dem blos Auswendig- gelernten gleich kommt. Die Lehrer sind alle Geistliche, Exjesuiten ꝛc. Die Kompendien fuͤr die Normalschule sind bekannt. Ich hoͤrte uͤber Religion und biblische Geschichte examiniren Die Examinatoren hatten doch alle das Kompendium in der Hand, und examinirten aus dem Buche. . Ganz Katholisches kam da- bei nicht vor, im Gegentheil wurden die Beweise fuͤr das Daseyn Gottes bei Roͤm. I, 21. besser entwickelt, und scheinen im Lehrbuche besser angegeben zu seyn, als bei uns. Auch einige Damen waren da, doch nicht mehr als 3-4. von Stande. Ich machte hier Bekanntschaft mit dem Vorsteher der Schule fuͤr die Arabische, Per- sische, Griechische und andre Sprachen, wo die jungen Leute in diesen Sprachen nicht um der Bibel willen, sondern wegen des Gebrauchs, den der Kaiser in Geschaͤften mit jenen Voͤlkern von ihnen macht, unterrichtet werden. Dieser Vorsteher wohnt in dem naͤmlichen Hause, dem ehemaligen Jesuiterkollegium, war aber auch hier nur als Zuhoͤrer. Bemer- Bemerkungen . Gestern und heute sah ich Prozessionen durch die Stadt ziehen mit Sang und Klang. Heute war fruͤh um 7. Uhr das Kreuzfahren, oder so etwas; da ging der Kardinal Migazzi in seiner ganzen rothen Kardinals- kleidung selbst mit. Der Kaiser hat zwar auch viel da- von abgeschaft, z. B. die Bruͤderschaften duͤrfen nicht mehr prozessioniren; ferner werden nicht mehr so viele ge- halten als vorher, drittens duͤrfen sie dabei die Gassen nicht mehr sperren, wie ehemals. Sie muͤssen sich jetzt gefallen lassen, daß man durch sie durchgeht und faͤhrt. Die verstorbene Kaiserin, die man fuͤr eine bigotte Dame ausschrie, gab der katholischen Frau von Stock- maier, als sie ihren Lutherischen Gemahl heirathete, diese Regel: „Plage sie ihren Mann mit ihrer Religion „nicht, fuͤhre sie sich lieber so auf, daß ihm ihre Reli- „gion schaͤtzbar werde“ (1 Cor. VII. ). Fast alle, auch die Gescheutesten, wenn man mit ihnen von Religionsveraͤnderung spricht, sehen den Unterschied zwischen Lutherisch und Katholisch fuͤr gar klein an, sagen, man koͤnne Gott und den Menschen uͤberall lieben, auf welche Weise aber einer glaube, daß er Gott mehr Ehre anthue, Rosenkranz, Wallfahrten ꝛc. das sei sehr gleichguͤltig. — Man sei nicht schuldig nach besserer Erkenntnis zu streben, am sichersten bleibe man in der Religion, worin man erzogen sei ꝛc. Folgen von dem abscheulichen Vorurtheil, als waͤre Religion nur eine spekulative Sache fuͤr den Verstand, und nicht taͤgliches Geschaͤft des Lebens und des Herzens. Die vornehmen Protestanten hier behandeln auch ihre Religion sehr kaltsin- nig und nachlaͤssig. Essen, Trinken und Schauspiele sind ihnen ihnen lieber als Gottes Wort. Man hat in manchen Haͤusern keine, oder aufs hoͤchste eine, grosse, dicke und schwere Hausbibel, die niemand braucht. Vom Gebet bei und nach Tische weis man auch nichts. Die Kinder- erziehung ist erbaͤrmlich; alberne Stubenmaͤdchen, die den Kindern dummes Zeug vorsagen, behalten sie unter den Haͤnden in den besten Jahren ꝛc. Die Freßgewohnheit der Wien er geht unglaublich weit. Sie bedaurens laut, auch Damen Schrecklich ists, wie man schon die Kinder hier verwoͤhnt. Die groͤßten Stuͤcke Rindfleisch, Tockaier, Burgunder, Ofenerwein ꝛc. alles unter einander gibt man ihnen. , wenn sie nicht mehr essen koͤnnen, beklagen eine Koͤchin, die gut kocht, weil sie nicht noch 25. Jahr zu leben und zu kochen hat, machen sich wieder Appetit mit Burgunder, empfehlen einander die Lebern oder andre fette Bissen, freuen sich mit grossem Geschrei uͤber den Braten, wenn er herein- kommt, gestehen es den andern Tag ohne Umstaͤnde, daß sie gestern und schon vorgestern zu viel gegessen haben, machen fast an jedem Tische wieder einen Schmaus aus, lassen an jede Suppe, an jede Bruͤhe so vielerlei Sachen thun, und essen uͤberhaupt so mancherlei durcheinander Die Wiener machen so einfaͤltig gekuͤnstelte Saucen zum Rindfleisch, und an mehrere andre Speisen, daß dadurch mancher gute Bissen verdorben wird. , daß es unmoͤglich gesund seyn kan. „Bei ihm ißt man „sehr gut“, das ist ein grosser Lobspruch fuͤr ein Haus in Wien. „Seine Diners sind nicht besonders, und „der Kaffee ist gar nichts nutz“, das ist das Endurtheil, das uͤber einen Mann gesprochen werden kan. Denn redet redet gewis niemand mehr in der Gesellschaft ein Wort von dem Manne. Tantum sumus, quantum edi- mus et consumimus, heißt es hier! Blumauers Travestirung des 2ten Buchs der Aeneis, des Virgils, im Michaelis- und Scar- ron schen Geschmack wollte man hier fuͤr eine Satyre auf den Pabst halten. Ich fand aber keinen aͤhnlichen Zug darin, und auch bei weitem nicht die leichte Laune des verstorbenen Michaelis, und seinen zaͤrtlichen Geschmack gar nicht. Der Dichter sagt vom Aeneas, als er die Frau verloren: „Seine Seufzer knallen“, und laͤßt ihn endlich mit Verachtung von der verlornen Creusa spre- chen, ihn, der sie immer so zaͤrtlich regrettirte! Den 26sten April. Heute machte ich zuerst bei Sr. Gnaden, dem ver- ehrungswuͤrdigen Fuͤrst von St. Blasien, der eben auch hier war, meine Aufwartung. Dieser vortrefliche Praͤ- lat bezeugte eine grosse Freude, mich hier wieder zu sehen, und in seiner, des Hrn. von Mechel aus Basel und Hrn. Baron von Gemmingen Gesellschaft besah ich drauf die Kaiserl. Bildergallerie in Belvedere Ein ausser Wien auf einer Anhoͤhe liegendes Kaiserl. Lustschloß, das der Prinz Eugen 1724. zu seinem Som- merpalaste erbaute, nach dessen Tode es an den Kaiserl. Hof fiel. Herausgeber. . Hr. von Mechel hat sie in Ordnung gebracht, Namen, Nummer und Namen des Malers dazu zeichnen lassen. — Eine Arbeit von 2. Jahren. Die erste Ordnung ward durch den Tod des Prinzen Karls in Bruͤssel und andre Erledigungen der Gemaͤlde in Maͤhren und Ungarn ver- nichtet. nichtet. Man nahm uͤberall die besten heraus. Jetzt sind im untern Stock 7. Zimmer mit Italiaͤnischen Gemaͤlden und 7. Zimmer mit Niederlaͤndischen ange- fuͤllt. Im obern Stock haͤngt die deutsche Schule, und zwar von Entstehung der Oelmalerei an, von Jo- hann von Eyck, der Chronologie nach, bis auf lebende Maler. Besondre Stuͤcke anzuzeigen, ist hier unnoͤ- thig, da Hr. von Mechel wirklich den Katalog davon drucken laͤßt Dieser ist auch im jetzigen 1783sten Jahre unter dem Titel erschienen: Verzeichn. der Gem. der K. K. Bil- dergallerie in Wien, verfaßt von Christian von Me- chel, nach der von ihm auf allerhoͤchsten Befehl im J. 1781. gemachten neuen Einrichtung, in gr. 8. Wien, mit Vignetten und 4. Kupfertafeln, welche die Grund- und Aufrisse und Facaden von Belvedere vorstellen, geziert. Zufolge dieses Verzeichnisses be- laͤuft sich die Anzahl aller Gemaͤlde in dieser Gallerie auf 1300. Stuͤcke. Die wenigen Gemaͤlde von fran- zoͤsischen Meistern sind denen ihnen am naͤchsten ver- wandten Niederlaͤndern beigesellt worden. Man hat noch eine fruͤhere Schrift, die verschie- dene gute Nachrichten von besagter Gallerie enthaͤlt, und betitelt ist: Kurze Nachr. von der Kais. Bilder- gallerie zu Wien und ihrem Zustande, 8. Frst. bei den Eichenb. Erben. 1781. Herausgeber. . Aus der Franzoͤsischen Schule ist gar keins da. Viele wollen behaupten, Hr. von Mechel habe von manchem Stuͤcke einen unrechten Meister angegeben, wie er denn uͤberhaupt sehr gelobt, und von andern tief herabgesetzt wird. Freilich hat er mehr als ein grosses Zimmer voll Gemaͤlde von Rubens. Sollten nicht manche nur Stuͤcke aus seiner Schule seyn? Ein Ein Abraham, der seinen geretteten Isaak um- armt; ein Vater, der seinen verlornen Sohn wieder aufnimmt; einige Naturstuͤcke fallen mir noch jetzt als besonders schoͤn bei. Auch ein durch ein Fenster schau- ender Kopf betrog den Fuͤrsten von St. Blasien so, daß er an die Fensterrahmen greifen wollte. Das Theresianum. — In dieses schoͤne Gebaͤude fuhren wir, als der Fuͤrst weggegangen war, um den Hrn. Rath Denis zu sprechen. Er sprach gleich viel von Klopstocks sonderbarer Ode uͤber Pabst und Kaiser, und wie er sie doch zweimahl an verschiedene Leute geschickt haͤtte, um sie dem Kaiser zu zeigen, wenn man anders glaubte, daß sich keine Seele in Wien daruͤber aͤr- gerte; und doch nennt er den Pabst den Obermoͤnch, die Engelsburg die Teufelsburg ꝛc. Denis zeigte uns sein neues Werk uͤber die aͤltesten gedruckten Buͤcher, in der Garell schen Bibliothek Bibl. Garelliana heißt sie noch immer, weil Garell ehemaliger Leibmedikus und Kaiserl. Bibliothekar sie gesammelt, zum oͤffentlichen Gebrauch nach seinem Tode vermacht, und die verstorbene Kaiserin sie bei Errichtung des Theresianums hieher angewiesen hat. Zweimahl im Jahr wird sie, Stuͤck vor Stuͤck, ab- gewischt und gereinigt. . Ueber den 6. Kreu- zer Brochuͤren blieb das Werk laut des Datums in der Vorrede lange im Laden liegen. Man irrt sich, wenn man es als eine Fortsetzung der Buͤcherkunde von De- nis ansieht, es ist ein eigenes Werk. Dafuͤr bekam er auch nichts vom Wien er Buchhaͤndler. Aus dem 15ten Jahrhundert selber ist nichts mehr da. Hinten Zweiter Theil. K k Hinten wo die Saͤaͤle aufhoͤren, ist ein Lektuͤre- kabinet, darin haͤngt eine Handzeichnung, vom jetzi- gen Kaiser verfertigt als er jung war, zur Erweckung des Fleisses der jungen hier studirenden Kavaliere. Es ist ein Stuͤck von einer Festung, mit Wall, Graben, Ba- stionen ꝛc. Die Materien stehen in der Bibliothek eben nicht in der schoͤnsten Ordnung beisammen; nur nach dem zu urtheilen, was der Bibliothekar selbst sagte. Vom Celtes ꝛc. ward einiges vorgezeigt, man war aber wirklich am Abputzen. Nachmittags besah ich des Fuͤrsten Kaunitz Gar- ten und Landhaus in Mariahuͤlf. Man sieht da eine herrliche Sammlung von Gemaͤlden in allen Zimmern. Desgleichen niedliche thoͤnerne Oefen von allerlei Facons, die in dieser Vorstadt gemacht werden. Auch Wandmalerei von Wasser- und Oelfarben, Thuͤrstuͤcke ꝛc. Auf dergleichen Malereien verstehen sich die Wien er vortreflich. Herrliche Schreibpulte stan- den auch hier und da mit neuem Mechanismus. Im Kompagniesaal genießt man eine praͤchtige Aussicht auf einen grossen Halbzirkel der Stadt. Der grosse Minister soll viel Besonderheiten haben. Er haͤlt Mittagstafel um 6, und invitirt Leute dazu, trinkt doch den Tag durch nur 2. Tassen Chokolade, und will die ganze Zeit fuͤr sich haben. Sein Pallast in der Stadt steht Tag und Nacht allen offen, die ihm einmahl auf- gefuͤhrt sind. Da kan man zu allen Stunden hingehen, und alle Arten von Spiel haben. Seine Gemahlin und die Graͤsin Clary empfangen bestaͤndig die Gesellschaft. Oft kommt der Minister nach dem Essen zum Billard, er sieht dabei zu, und unterschreibt die Depeschen, die ihm ihm die Sekretaͤrs Stoßweise bringen. Er schaͤtzt sehr Leute, von denen er glaubt, daß sie Verdienste haben; mit vielen hundert andern Edelleuten, deren Namen ihm genannt worden sind, und die sich des Zutritts in seinem Hause auf obige Art ruͤhmen, hat er noch nie ein Wort gesprochen. Den regierenden Kaiser hat er, seitdem er allein regiert, nur ein einzigesmahl besucht: der Kai- ser koͤmmt aber zu ihm. Zur hoͤchstsel. Kaiserin fuhr er oft. Er ist fast immer nur im Ueberrock, und wechselt diesen gar oft in. Einem Tage, waͤrmere, duͤnnere, dicke- re, je nachdem er eine Sensation hat. Das thut er auch waͤhrend dem Essen, er thuts in Gegenwart des Kaisers sogar. Er ist 70. Jahr alt, und reitet noch taͤglich zwischen 3-4. Uhr auf seiner Reitschule. Heute ritt er nur Ein Pferd, daruͤber wunderten sich die Be- dienten, dann faͤhrt er nach der Stadt, und da begegne- te er uns in einem vierspaͤnnigen Wagen. In Maͤhren hat er eine Herrschaft, die auch abgemalt in seinem Land- hause haͤngt. Dort haͤngt er auch selbst in der praͤchti- gen rothen Ordenskleidung vom goldenen Vlies abgemalt. Zwischen den Vorstaͤdten und der Stadt wuͤtete heu- te fruͤh ein solcher Sturmwind, daß man im Wagen hinter den Glaͤsern vor dem Staube nicht sicher war. Er wirft hier oft ganze Wagen um. Bemerkungen . Hier werden besonders gute Feuerspruͤtzen gemacht, der Fuͤrst von St. Blasien bekuͤmmerte sich auch darum. Heute assen wir den ersten Spargel, aber turio- nes excisos, und kalt und trocken ohne Bruͤhe. K k 2 Den Den 27sten April. Heute war mein Erstes, das Kaiserliche Begraͤb- nis in der Kapuzinerkirche zu besuchen. Die Kirche und die Gruft haben gar nichts besonders. Man geht in der Kirche linker Hand eine Treppe hinab, und findet nicht sehr tief — das Tages Licht macht noch ziemlich helle — einen Gang, zu dessen beiden Seiten die Kai- serlichen und Erzherzogl. Leichen meistens in kupfernen Saͤrgen, deren Deckel mit allerlei Figuren gezeichnet sind, hinter eisernen Gittern liegen. In der Mitte steht das noch zu Lebzeiten erbauete Grabmahl der Kaiserin Mar. Ther. Ein Altar zum Meßlesen ist auch da, und hinter diesem erblickt man in der Mitte eine grosse weibliche Figur, zu beiden Seiten weinende Statuen mit kleinen Genien darzwischen. — So viel konnte ich sehen, weil eben Messe vor dem Altar von einem Kapu- ziner gelesen wurde, um derentwillen auch einige sehr An- daͤchtige hinabgestiegen waren, und auf den kalten Stei- nen vor dem eisernen Gitter knieten. — In der That, das Herz wird sehr empfindlich angegriffen, wenn man den erbaͤrmlichen, lateinischen, unverstaͤndlichen, trost- losen und Geberdevollen Gottesdienst, der doch das vornehmste Stuͤck der Roͤmischen Gottseligkeit ausmacht, zuweilen in der Naͤhe sieht. Warum muß denn der Kirchenbediente dem Pfaffen das Kleid kuͤssen, wenn er das Sakrament zurichtet? Warum hat man doch aus der simpeln, schoͤnen, ruͤhrenden, liebevollen Handlung Jesu Christi so ein wunderbares Spiel gemacht, worzu hunderterlei Stellungen und Verbeugungen des Koͤrpers gehoͤren, die man lange lernen und mit vieler Muͤhe sich angewoͤhnen muß. Traurig und wie von Gott verlassen steht das arme Volk der Christen da herum, sieht dem Wunder- Wundermann zu, meint es bekomme Kraft und Segen und betet sich fast heiser nach den hoͤlzernen Kugeln seines Rosenkranzes! Von da ging ich ins Lektuͤrekabinet des Hrn. von Trattners. Wer sich darin abonnirt, zahlt monatlich 2. Gulden, ein Fremder gibt fuͤr einmahl 7. Kreuzer. Man findet eine Last Zeitungen, und eine ganz artige Biblio- thek aus allen Faͤchern. Von 8. Uhr fruͤh bis 8. Uhr Abends steht das Kabinet offen. Drauf machte ich eine Spazierfahrt nach Nußdorf. Im Wirthshause schmeckte es den Bauern, die Holz gefuͤhrt hatten, ganz ungemein. Viele kommen oft so zusammen, daß sie nicht alle mit einander auf den Vor- rathsplaͤtzen abladen koͤnnen, und daher lange vor der Stadt halten muͤssen. Bemerkungen . Des Pabsts Gegenwart hat die Protestanten in der Verachtung des Roͤmischen Gottesdiensts bestaͤrkt. Die Katholicken schliessen aus den aͤusserlichen Ehrenbe- zeigungen, die ihm der Kaiser anthat, daß wieder Ruhe in ihrer Kirche seyn werde, und sind in Ceremonien wie- der eifriger, als vorher. Die Feinde und Spoͤtter der wahren Religion haben ihren Koͤcher mit neuen, spitzigen Pfeilen gefuͤllt. — Warum kam er denn? Man sieht erbaͤrmliche Malereien von Verdamm- ten in der Hoͤlle. — Schreiende Menschengesichter zwischen rothen Flammen, mit der Unterschrift: „Er- „barmt euch uͤber mich“! Schliesse man daraus auf den ganz unbrauchbaren Unterricht der faulen Pfaffen, auf ihre Beweggruͤnde zur Tugend, auf ihre Empfehlungen K k 3 der der christlichen Gottseligkeit. Sehr begreiflich, daß die, welche sich des unvernuͤnftigen Gottesdienstes schaͤmen, und in Gesellschaften als Esprits forts glaͤnzen wollen, weil sie gar nichts bessers kennen und wissen, in gaͤnz- liche Irreligion und Profanitaͤt verfallen. Eine Den- kungsart, die jetzt durch die misverstandene wechselseitige Toleranz von beiden Partheien, leider! sehr befoͤrdert wird, und in gaͤnzliche Religionsgleichguͤltigkeit uͤbergeht. Gescheute Leute sind gleich mit der Antwort fertig: „Ich „glaube im Herzen die christliche Religion, wie sie in „der Bibel steht“. Aber auch die wesentlichen und Hauptgrundsaͤtze der christlichen Religion rechnen sie zur Schultheologie und zu besondern Meinungen der kirchli- chen Partheien. So weit waͤre es nicht gekommen, wenn das klare Wort Gottes selber mehr in den Haͤnden der Christen geblieben waͤre. Man redet nicht genug Got- tes Wort, und menschliche Weisheit veredelt die Gemuͤ- ther nicht, sie zwingt nicht einmahl die Gewissen, sie haͤlt nicht einmahl grobe Ausbruͤche der menschlichen Lei- denschaften zuruͤck, wie man in unsern Tagen klar an Genf sehen kan. Wer hier nur 5 — 6000. Gulden zu verzehren hat, macht noch wenig Figur. Acht bis zehntausend kostet hier manche vornehme Haushaltung ohne die Kleidung der Herrschaft und Kinder. Eilf bis zwoͤlf Gulden hat ein Kutscher monatlich, 14 — 15. Gulden ein Bedienter, 70. Gulden jaͤhrlich die Koͤchin, 25-40. Gulden das erste und das zweite Stubenmaͤdchen. — 24. Groschen kostet wirklich die Metze Haber auf dem Markte, im Sommer gibt man dem Kutschpferde, weil es staͤrker ge- braucht wird als im Winter, mehr als Eine Metze Ha- ber ꝛc. ber ꝛc. Aus Ungarn und Oesterreich koͤmmt der meiste. Die Klafter Holz kostet 8. Gulden. Hr. von Stock- maier ’s Kuͤche frißt alle Woche 1. Klafter Holz; im Winter hat man oft 14 — 15. Oefen bis nach Mitternacht zu feuern, daher die Holzzufuhren gar nicht auf hoͤren ꝛc. Kaffee und Zucker koͤmmt in manchem Hause uͤber 500. Gulden jaͤhrlich zu stehen. Fast jedem Sohne wird von fruͤher Jugend an ein eigener Hofmeister gehalten. Vier, fuͤnf Bedienten stehen auf mancher Kutsche hin- ten auf. Ausser dem Hausknecht und den Kutschern ist in manchen Haͤusern unten noch ein alter Mann, der Hausmeister genannt, der nur auf- und zumacht, den Fremden und Bedienten die Treppe zeigt ꝛc. Die Grossen in Wien sind so stolz, daß sie auf die untere Klasse der Menschen kaum herabsehen. Eine Edel- dame behauptete ganz ernstlich gegen mich, man sollte keinen gemeinen Menschen lesen und schreiben lernen, er wuͤrde gleich insolent. Vielleicht weil viele Adeliche im Lernen nicht so weit gekommen sind! — Ich hielt ihr end- lich unser ganzes Land entgegen. Eine andre adeliche Frau gab einer Bedienten Frau, die mit schwangern Lei- be um Allmosen bat, und die Zahl ihrer Kinder vorschuͤtz- te, laut zur Antwort: „Warum laßt ihr euch so viele „Kinder machen“? Und wenige Tage vorher hatte sie mir geklagt, daß sie viele Kinder schnell hinter einander bekommen, und wahrscheinlich noch nicht fertig sei! Ich hoͤrte selber Adeliche vom adelichen Vieh in Wien sprechen, und der Ausdruck scheint bei vielen nicht uͤber- trieben zu seyn. Bei des Kaisers liebenswuͤrdiger Menschenfreund- lichkeit, besonders wenn er bei einigen Damen ganz als K k 4 Privat- Privatmann in Gesellschaft ist, wuͤnscht mancher, daß fuͤr die Brutalen unter den deutschen Fuͤrsten eine eigene Fuͤrstenhoͤlle seyn moͤchte! — Der gemeine Soldat wird hier sehr wohl gehalten, und sieht auch meistens sehr gut aus. Nach Abzug aller seiner nothwendigen Beduͤrfnisse bleiben ihm des Tags noch 2. Kreuzer uͤbrig. Auf der Wache hat er einen grauen Kittel, den er anziehen darf, sobald nur kalte Luft weht, und der weit uͤber die dadurch beschuͤtzten Knie herabgeht. Ueberhaupt ist die Kleidung nicht so eng und klein zugeschnitten, als die Preussische. Man ruͤhmt in ganz Deutschland besonders die Wien er Schuhe fuͤr Maͤnner und Weiber, auch Pan- toffeln, Stiefeln ꝛc. weil hier viel ungarisches und orienta- lisches Leder verarbeitet wird. Viele Damen aus Stutt- gard und andern Staͤdten im Reich, haben immer ei- nen Schuh hier bei einer Freundin, der zum Muster dient. Jetzt tragen die Damen lauter weisse oder graue; rosenfarbne ist jetzt die Mode der Bedientinnen. Am Fasttage hatten wir eine Suppe von lauter Fischrogen, wahrscheinlich Karpfenrogen mit nur weni- gem Brode darin. Den 28sten April. Heute wartete ich in der Daͤnischen Gesandschafts- kapelle den Gottesdienst ab. Es ist nur ein Saal in der Wohnung des Gesandten, des Hrn. von Vierecks. — Man singt auch aus einem Nuͤrnberger Gesangbuche, — vermuthlich weil viele Protestanten, Kaufleute, Fabri- kanten, Professionisten ꝛc. Nuͤrnberg er sind; — doch ist hinten an diesem Buche eine Centurie von eigenen Lie- dern dern mit dem Titel: „Fuͤr die hiesige Daͤnische Gesand- „schaftskirche“, angebunden. Fast jedem geben die Meßner ein Liederbuch, das man hernach auf dem Stuh- le liegen laͤßt; daher sind alle numerirt und signirt. Die Orgel ist ein kleines Positivchen, die Kanzel aber doch mehr Kanzel als in der Schwed ischen Gesandschaftska- pelle. Man singt auch genug in dieser Kirche; erst ein allgemeines Loblied, hernach folgt ein Gebet, darauf ein ganzes andres Lied, und ununterbrochen nach diesem: Herr Jesu Christ dich zu uns wend ꝛc. Darauf ward das Evangelium verlesen, das Vater Unser laut gebetet, aber ziemlich schnappelnd, und darauf von Hrn. Eckhof uͤber die Epistel Jak. I, 17. gepredigt. Der Text ward gar nicht erklaͤrt, auch manches falsch angenommen. z. B. Schnell zu hoͤren, langsam zu reden. Kurz, es ward eine allgemeine moralische Rede: Ueber die Pflicht der Christen gegen ihren Wohlthaͤter — gehalten. Daß Gott an der Suͤnde nicht Schuld habe, ward weit- laͤuftig behauptet, doch von der Reparat. damni per J. Ch. wenig, und nur mit allgemeinen Worten erin- nert. Der Redner hatte viel Anstand, war aber doch steif, fast ohne alle Gestus, und im Vortrage langsam, langweilig, wortschweifig. Er preßte oft einen Gedan- ken und zerrte ihn so lange herum, bis fast kein Saft mehr darin war. Auch ging er nicht genug ad specia- lia, als gezeigt werden sollte, daß auch Ehre, irrdi- sches Gluͤck und Ansehn von Gott komme. Im zwei- ten Theile wurden die Pflichten gegen diesen Wohlthaͤ- ter kaum genannt; wegen der verstrichenen Zeit war die- ser gar kurz, und ward ohne alle Ordnung mit Versen angefangen und beschlossen. Nachher sang man wieder ein ganzes Lied. Unschicklich ist es, daß viele, sonder- K k 5 lich lich vornehme Damen und Herren erst kommen, wenn das zweite Lied bald zu Ende ist. Weil alles auf Stuͤh- len sitzt, die man hin nnd her traͤgt; so gibt das auch viel Unordnung. Ehemals hielten sich mehrere Protestanten zur Daͤ- nischen als zur Schwedischen Kapelle. Chemnitzens Nachfolger, Burkhardi, ein schlechter Mann, um dessen Abrufung die Kaiserin in Kopenhagen selbst Vor- stellungen that, verdarb es aber. Es scheint auch, daß wohl nach Suck ’s Tode kein Schwedischer Gesand- schaftsprediger mehr angestellt werden duͤrfte. Man kan hier immer an die 6000. Protestanten rechnen. Sie ha- ben aber gar keine Aeltesten, keinen Ausschuß, keine Re- prasentanten, jeder geht, wohin er will, und thut was er will. Nun wuͤnschen die Gescheutern unter ihnen, eine eigene Kirche zu bauen, moͤchten gerne 2. Prediger, eine Knaben- und eine Maͤdchenschule haben, wollten entweder bauen, oder ein leer gewordenes Kloster darzu kaufen, und wuͤrden in Engelland und in allen prote- stantischen Laͤndern kollektiren Die Reformirten sind schon sehr emsig, eine Kirche zu bauen und Fonds fuͤr die Geistlichen zusammen zu bringen, gewesen. Sie sollen bereits ein ansehnliches Kapital in verschiedenen Laͤndern gesammelt haben. . Sie machen jetzt schon einen Ueberschlag von 50,000. Gulden, und rechuen auf hiesige Stadt aufs hoͤchste 10,000. Gulden. Sie wuͤr- den die Legata zu protestantischen Kirchen, die jetzt halb bei der Daͤnischen, halb bei der Schwedischen Ka- pelle liegen, dazu reklamiren, hoffen auch, daß vielleicht die beiden Kronen, um ihre Kapellen zu ersparen, leicht etwas etwas jaͤhrlich oder zum Kapital hergeben wuͤrden. Sie wollten dann den Oberpfarrer recht gut setzen ꝛc. Nur haͤlt es schwer, so viele Koͤpfe unter Einen Hut zu brin- gen, um einmal die Sache anzufangen. Die 6. pro- testantischen Reichshofraͤthe und andre Vornehme helfen gar nicht dazu, und sind die ersten, welche die Zwei- fel rege machen: Wer weis, wie lange der Kaiser lebt? Wie der Nachfolger denkt? Ob man uns laͤßt, was man uns jetzt gibt? ꝛc. Um des Kinderunterrichts wil- len wuͤnschens viele, denn man bekoͤmmt schlechte Leute zu Hauslehrern, und sie sind theuer. Mittags speiste ich beim Kaufmann Hr. Wucherer, in Hr. Hartmanns und Hr. Meusels von Nuͤrn- berg Gesellschaft, und besah dann Nachmittags das Kaiserl. Zeughaus. — Man unterscheidet es vom buͤrgerlichen Stadtzeughause. Fremden Gesellschaften wird es auch am Sonntage gegen ein Billet gezeigt. Aus- ser der unendlichen Menge Gewehre sieht man im Hofe viele Kanonen, Bomben, Moͤrser ꝛc. und an den lan- gen Waͤnden herum haͤngt die schreckliche Kette, womit in der Tuͤrkenbelagerung 1683. die Donau gesperrt war. Ihrer schrecklichen Laͤnge ungeachtet besteht sie nur aus 2. Stuͤcken, wiegt aber viele Zentner. — Oben sind viele Tuͤrkische Roßschweife von Bassa’s, auch mit dem Mond aus Hoͤrnern. Man zeigt hier ferner den Kollar, den Gustaph Adolph in der Schlacht bei Luͤtzen ange- habt haben soll, aus Elennshaut, — Kanonen mit ge- zogenen Laͤufen, die erstaunend weit schiessen. — Eini- ge Zeichnungen vom Kaiser Karl VI. selber. — Sehr leichte doppelte Flinten. — Panzer, von Friedrich I. Barbarossa. — Panzer, wo das ganze Pferd bedeckt war. war. — Aber die ganze Anordnung hier ist in Nuͤrn- berger Geschmack, buntscheckig, spielerisch. An der ganzen Decke aller der langen und weiten Saͤle sind spa- ni sche und jetzige Degen, Bajonets, Saͤbel, Hellebar- ten, Spiesse ꝛc. Tornister und Schnapsaͤcke sind gar nicht da, alles ist zerstreut ꝛc. so rangirt, daß daraus Sonnen, Mon- de, Sterne, Kronen, Ringe, Regenbogen, doppelte Adler, Wappen, Muͤnzen, Schilder ꝛc. entstehen, die ein gar possirliches Ansehn haben. Es schimmert und flimmert nicht anders als in einer Galanteriebude. Ne- ben den Gewehren hat man auch Figuren aus Gewehren zusammengesetzt, die Europa, Asia, Afrika ꝛc. vor- stellen sollen. Man kan sich des Lachens nicht enthalten, und die Demonstratores zeigens mit der Mine der groͤ- sten Wichtigkeit, und sind froh, daß sie einmahl so schoͤ- ne Werke zu Stande gebracht haben. Bemerkungen. Ich mag nicht — heißt in diesem Lande: Ich kan nicht. Ein Offizier in Steiermark wußte das nicht, und haͤtte einen Rekruten, der sich beim Exerziren immer so entschuldigte, beinahe todt pruͤgeln lassen. Den Wermuthwein, den man hier trinkt, macht man gleich im Herbste mit Most. Man wirft Wermuth und noch viele andre Kraͤuter zerschnitten in das Faß, und laͤßt sie immer darin liegen. Die Leute in Oedenburg verkaufen das Paket solcher Kraͤuter, machen aber ein Geheimniß daraus. Man hat auch einen Tockaier Wermuth, d. h. vom Tockaier wein. Die Bouteille kostet 2. Kaisergulden. Den Den 29sten April. Heute war mein Erstes, daß ich beim Hrn. Kano- nikus Stuͤz einen Besuch ablegte. Er hat verschiedenes zur Naturgeschichte von Oesterreich in den Prager Ab- handl. Th. I-V. geschrieben, ein kleines — aber nicht vollstaͤndiges — Kabinet, meist aus Landprodukten ge- sammelt, sich systematische Kenntnisse, und auch in poe- tischen Stuͤcken einigen Ruhm erworben. Ich fand in seinem Kabinet merkwuͤrdig: 1) Sehr viele Quarze, Spate, und schoͤne Eisenstuffen. 2) Chalcedonier, wieder in Porzellanerde verwittert, vom Huͤttenberg in Kaͤrnthen. 3) Cylindrische Quarze, artige Saͤulen herabhaͤngend. 4) Quarze mit eingeschnittenen Ecken, statt, daß sie sonst bei allen herausstehen. — An einigen sah man’s und fuͤhlte es deutlich mit dem Finger, doch erkann- ten meine Augen auch nicht wenige Stuͤcke an der Dru- se, deren Spitzen die gehoͤrige Schaͤrfe und Richtung hatten. Wiederum wie Nr. 3. eben daher, wo Nr. 2. 5) Antimon. plumosum auf Eisenstein, auch aus Kaͤrnthen. 6) Ein Eisenstein in der Mitte mit dem schoͤnsten Sar- donyx. 7) Bleispiegel. — Man kan sich wirklich darin sehen, und ist von Natur so. Kein Bleiglanz, sondern auf schieferigen Steinen ausgezogen. Von Villach in Kaͤrnthen. 8) Das sogenannte Ferrum retractor. , das 200. Loth Silber haͤlt, von Windischleiten in Ungarn. 9) Ein Achat aus Jamaika, dessen Besitzer Reihen- weise erzaͤhlt worden. Mit dunkeln Farben, und un- kennlicher kenntlicher Zeichnung; da sind die Europaͤischen schoͤner. 10) Ein geschliffener Rubin, der wie eine Asteria aus- sieht. — Es thun es keine, als die so achteckigt sind. Ich erhielt zum Andenken vom Hrn. Kanonikus, als er um 9. Uhr in den Chor mußte, von ihm Opale und Weltaugen in der Mutter ꝛc. zum Geschenke. Von da ging ich wieder auf die Kaiserliche Biblio- thek, und dann besuchte ich den Hrn. Direktor Wolf an der Realschule. Man unterscheidet diese von der Normalschule, und nimmt kei- ne junge Leute, als die schon 15-16. ꝛc. Jahr alt sind, auf, daher von der Religion gar nichts gelehrt wird, son- dern blos die zum Kaufmann, Kuͤnstler und Professioni- sten noͤthigen Huͤlfskenntnisse. Es sind 2. Klassen; an jeder sind mehrere Lehrer, und 50-60. junge Leute in jeder: der Cursus waͤhrt 2. Jahr, die meisten kommen hernach zur Handlung nach Trieste ꝛc. In der untern Klasse hat der Direktor keine eigene Lehrstunde, an der obern aber alle Tage Eine. Aus der untern wurde heute, auch hier, sehr uͤber Versaͤumnisse von einem Lehrer ge- klagt, es waͤren kaum 6. da gewesen, als er kam. Hr. Wolf freute sich sehr, als ich ihm sagte, daß ich sei- nen Sohn in Halle gesprochen, und wuͤnschte, daß er alle Klassen auf dem Waisenhause durchlaufen moͤchte, denn das sei die beste Schule in ganz Europa; er erkun- digte sich nach meinen Eltern und Bruͤdern, und meinte, er waͤre schon lange todt, wenn er laͤnger in dem ungesun- den Loͤrrach geblieben waͤre. Er habe seinen Sohn jung verlangt, gewis nicht um ihn Katholisch zu machen, „denn, „denn,“ sagte er, „bis ich ihm die Gruͤnde, die mich „darzu bewogen, haͤtte beibringen koͤnnen, haͤtte er erst „muͤssen Mann seyn, Theologie und Philosophie studi- „ren“ — „Und hernach falsche Schluͤsse daraus zie- „hen,“ antwortete ich, und brach die Unterredung ab. Er haͤtte, sagte er, auch immer Hofnung gehabt, mich zu sehen, denn Jemand, der mich in Berlin gesprochen, haͤtte ihm von mir gesagt. Caeterum secum con- tentus senescere videtur. Heute wars wieder so kalt und unfreundlich, daß man bald anfing, wieder einzuheizen. Auf den Ber- gen lag Schnee. Heute begegnete mir auch Hr. Dr. Ingenhouß auf der Strasse. Er war in einem schwarzen Kleide, und trug einen silbernen Degen und einen Stock, den er horizontal hielt, gegen dessen Laͤnge Goliaths Spies klein war. Ein singulaͤrer Hollaͤnder! Als er ins Stock- maier sche Haus zog, wollte er gleich einen Gewitterab- leiter im Hause anbringen. Hr. v. Muͤhlen, der Han- noͤveri sche Agent, urtheite von seinem Buche uͤber die Pflanzen, „er mache einen so furchtsam, daß man zuletzt „nicht wisse, wo man den Fuß in der Natur hinsetzen „solle.“ Den Abend brachte ich groͤstentheils beim guten und kranken Hrn. Prediger Suck und seinen 2. Toͤchtern zu. Bemerkungen. Man verkaust hier den Pabst erbaͤrmlich in Kupfer gestochen fuͤr 1. Kreuzer. Alte Troͤdelweiber rufen ihn in der Stadt aus, und die Marktbauern kaufen ihn, wie warme Semmeln. Wenn Wenn ich mit dem Wiener Getuͤmmel den Laͤrm auf den Pari ser Strassen vergleiche, so bemerke ich zum Ruhm der hiesigen Einwohner, daß das schreckliche Schwoͤ- ren und Fluchen nicht Mode ist. Man hoͤrt es auch von Kutschern und Stallknechten hier nicht. Wenn man lange zum Fenster hinaussieht, hoͤrt man auch im Gedraͤnge selten eine unanstaͤndige Rede. Ueberhaupt geht jeder still seinen deutschen Gang weg, und man tril- lert nicht bestaͤndig, wie die Franzosen. Wo nicht ge- fahren wird, da ist auch da, wo viele Kramladen stehen, fast gar kein Getuͤmmel. Das ist der Unterschied des Karakters in der Nation. Die Grossen und Reichen, die gar kein Amt und keine Geschaͤfte haben, wollen fast vor Langerweile sterben, wenn sie nicht des Wetters wegen um 12. Uhr herumlaufen koͤnnen, und koͤnnen den Abend kaum erwar- ten, wo das ewige Spiel die Zeit toͤdtet. Als es hies, daß die Hazardspiele wieder erlaubt werden sollten, freuten sich schon viele Leute darauf, und vertheidigten sie damit, „das Geld bleibe ja im Staat, es gehe nur aus „einer Hand in die andre ꝛc.“ Wirthe, die fuͤr das Recht, ein Kaffeehaus zu halten, viel an die Obrigkeit und viel an den Eigenthuͤ- mer des Hauses bezahlen muͤssen, werden doch reich, wenn sie unten 2-3. Billards, und oben Lomber tische halten. Die Billards stehn meist Tag und Nacht nicht leer. Am Tage kostet die Parthie 4, Nachts 7. Kreuzer, daher man ein Billard des Tags leicht auf 15. Gulden rechnen kan. — Es sind Haͤuser in der Stadt von der Art, wo den ganzen Tag durch kein Mensch hingeht, aber Nachts um 10. Uhr faͤngt das Spiel an. Erstaunend ists, was mancher, mancher, der die Karten zum Lombre hergibt, taͤglich einnimmt. Den 30sten April. Den Vormittag brachte ich in der Leonischen Dratzugfabrik in einer Vorstadt von Wien zu. Sie hat einige Privilegien, und wird mit Recht fuͤr so schoͤn gehalten, daß sie der Kaiser selbst dem Grosfuͤrsten und der Grosfuͤrstin von Rußland zeigte. Ehemals gehoͤrte sie einem Kaufmann Sonnenleitner, der jetzt ein alter Mann ist. Unter ihm gerieth sie aber in Verfall, und stand lange unter Administration. Viel- leicht wuͤrden die Administratoren sie zuletzt selbst an sich gerissen haben, haͤtte sich der Eigenthuͤmer nicht an Hrn. Wucherer gewendet, der eben damahls etwas Eigenes anfangen wollte. Bis in Junius steht sie nun Ein Jahr unter dessen Aufsicht, beschaͤftigt ungefaͤhr 250. Menschen, und scheint bei dieser Veraͤnderung gewonnen zu haben. Das Kupfer zum Drat kommt aus Steiermark, Un- gar isches koͤnnen sie nicht brauchen. Jaͤhrlich braucht man 350-400. Zentner davon. Es wird mit Holz- kohlen in Passauer dreieckigten Tiegeln geschmolzen, wozu der Thon bereits aus einer gewaltigen Tiefe der Erde heraufgebracht wird. Ich sah Masseln giessen. Ein halber Zentner Kupfer gibt 2. Masseln, und je- de gibt unter dem Hammer 3. Stangen, oder Stuͤcke. Diese Stuͤcke sind zapfenfoͤrmig, hinten dicker als vor- ne, etwa 2½. Spannen lang, und etwa 1½. Zoll im Durch- messer. Die meisten von diesen Stuͤcken werden zu Silberdrat bestimmt. Dieses Silber, womit sie uͤber- zogen werden, ist feines Marksilber, und kommt von Zweiter Theil. L l Nuͤrn- Nuͤrnberg in duͤnngeschlagenen Plaͤttchen. Man braucht alle Monat 40. Mark. Die Stuͤcke werden dreimahl uͤberlegt, einmahl kalt, und zweimahl nach- dem sie im Feuer gewesen sind. Damit die ersten Sil- berplaͤttchen auf den kalten Stuͤcken haften, wird das Stuͤck Kupfer mit einer scharfen Feile auf der ganzen Oberflaͤche aufgeraucht. Die davon abfallenden Ku- pferspaͤne sammeln sich unten in einem Becken, und werden nachher wieder eingeschmolzen, wo aller Schmutz verbrennt. Wenn das Silber aufgetragen wird, so wird das Stuͤck von 2. Maͤnnern, die gegen einander stehen, mit flachen oder plattgedruckten Eisen geglaͤttet. Das geschieht auch mit dem Stuͤck, so oft es aus dem Feuer koͤmmt. Alsdann wird es unter die Zangen ge- bracht. Man hat mehr als 50. Nummern, die ersten 14. oder 15mahl geht es durch Zangen, und so weit ist auch alles fast blos Maͤnnerarbeit. Nachher geht der Drat durch die Ziehloͤcher, wobei schon Weiber und Kin- der arbeiten koͤnnen. Unter diesen sind freilich einige Oefnungen feiner, als ein Seidennadeloͤhr. Man macht hier vorzuͤglich viel platten Drat. Denn davon ist ein starker Absatz nach der Tuͤrkei zu ihren Bunden ꝛc. Der Drat wird platt gedruͤckt, indem er zwischen 2. auf einander gesetzten Scheiben von blanken Stahl, die her- um getrieben werden, langsam durchgezogen wird. Die- se Scheiben kommen aus Frankreich, und sind vorzuͤg- lich schoͤn. Man macht auch gelben Drat in Menge, aber es ist kein Messing, das Kupfer wird immer nur rein geschmolzen. Arsenik und Spiauter wird dazu ge- nommen, und soll nur oben darauf liegen. Gesehen ha- be ich diese Operation nicht, sie nennens eine blosse Caͤ- mentation. Der Arsenik und der Spiauter sollen Ost- Ostindisch seyn. Weil sie davon nicht sehr viel brauchen, so wird es nur von den hiesigen Kaufleu- ten genommen. Wenn alles zum Verkauf fertig ist, so wird alles auf hoͤlzerne Spulen von aller Art und Groͤs- se aufgerollt. Diese werden von 6. eigenen Drechsler- meistern der Fabrik bestaͤndig in Menge geliefert. Die Weibspersonen, die es aufrollen, haben jede eine eigene Waage bei sich, denn alles wird nach dem Gewichte ver- kauft. Die mit feinem Drat uͤbersponnene Spulen werden von einer eigenen Weibsperson mit einem blauen in schmale Riemen geschnittenen Papier uͤberwunden, und mit einem rothen Zwirn zugebunden. Sehr schoͤn, be- quem und nuͤtzlich ist der Stuhl, wo allerlei Zwirn mit feinem Silberdrat, auch Silberdrat von der feinsten Sorte mit Seide von allen Farben, und Silberdrat mit Goldfaͤden uͤbersponnen wird. Oben sind die Zwirne und die Silberdrate, in der Mitte die Spulen, die es uͤberspinnen, und unten rollt sich das uͤbersponnene Zeug auf. Sechszehn Spulen setzt eine Weibsperson durch eine leichte Kurbel auf einmahl in Bewegung. Eben so sehenswerth ist die Maschine, wo das soge- nannte Bouillon oder Kraussilber gemacht wird. Der einlaufende Silberdrat wird durch eine im Stift ein- gesetzte und herum laufende Nadel von Stahl wieder in solche Circinnos verschnitten. Zugleich stoͤßt sich selber alles das, was schon verarbeitet ist, heraus, und haͤngt in langen krausen Faͤden herab. Je nachdem man enge oder weite Kraͤuselung haben will, darf man nur allerlei Nadeln einsetzen. Man hat auf der Fabrik ein ganzes Sortiment oder Musterbuch von solchem Kraussilber, und man macht auf eben diese Art auch gelben Bouillon ꝛc. L l 2 Die Die Landleute kaufen dieses vorzuͤglich. Die Kupfer- stuͤcke werden also 3mahl mit Silber uͤberlegt, und da die Blaͤttchen allemahl 3fach genommen werden; so ist es also eine neunfache Versilberung. Am kalten Stuͤck wuͤrden die Plaͤttchen nicht haften ohne jene Rauhigkei- ten, am warmen bleiben sie gern kleben. Man hat auch aͤcht vergoldeten Drath, der nach der Mark bezahlt werden muß. Auch macht man hier die duͤnnen silber- nen Palletten oder kleine Plaͤttchen, die an Hochzeit- und Todtenstraͤuschen geklebt werden. Gar eine uner- wartet sonderbare Arbeit. Dazu wird der silberne, nicht gar duͤnne Drat erst kraus gesponnen, dann mit einer Scheere aufgeschnitten; nun sind es halbe Zirkel, von solchen wirft ein Kind etliche mit einander einem Arbei- ter zu, der vor einer eisernen Schlagmaschine sitzt, der hebt diese auf, laͤßt sie fallen, und so werden diese hal- ben Zirkel in ganze runde Plaͤttchen geschlagen, die in der Mitte ein Loch haben. Ich sah auch die falschen Tressen machen. Der Zet- teb ist ein schlechter gelber Zwirn, und zwischen diesen wird der Eintrag mit Caͤmentgoldfaͤden gemacht. Der Stuhl, das Schiffchen, die Schemmel, die Nadeln ꝛc. sind wie bei einem ordinaͤren Posamentirstuhl. Man nimmt auch statt des Zwirns Seide, und statt des gel- ben Draths aͤchte Goldfaͤden, wenn man aͤchte Bor- ten machen will. Nur allein in der Gegend von Nuͤrnberg soll noch eine aͤhnliche Fabrike seyn. Den Nachmittag war ich in Hrn. von Jacquin ’s botanischen Garten. Alles stand noch im Gewaͤchs- hause. Im Garten bluͤhte nur Leontodon, Fritilla- ria, ria, Imper. L. Der Garten ist gros, breit Aber fuͤr die Baͤume zu klein, daher keine inlaͤndischen gezogen werden koͤnnen. und zieht sich bei den Bosquets schoͤn in die Hoͤhe; ist aber weit von der Stadt, und doch werden die botani- schen Vorlesungen hier gehalten. Sie fangen aber erst den 1ten Junii an. Hr. von Jacquin hat seine Flora und seinen Hortus liegen lassen, denn weder die verstor- bene Kaiserin, noch der jetzige Kaiser wendeten etwas darauf; die Verleger zahlen auch nichts. Bei seinem ersten Werke von den Amerika nischen Pflanzen hat er die Haͤlfte der Kupfer auf eigene Kosten stechen lassen muͤssen. Das ist nun die Sprache, die Born, Jac- quin, Hell, Well, Denis und Schiffermuͤller fuͤh- ren. — Sein erstes Werk uͤbergab er der Kaiserin, dem Kaiser, und dem ganzen Hofe, lies es praͤchtig binden, bekam aber nicht das Geringste dafuͤr. Er hatte noch darzu die Exemplare auf hollaͤndisch Papier drucken las- sen. — — Doch sah ich ein neues Werk bei ihm: Selectarum Americanarum stirpium historia , fol. Tab. 264. Es sind die naͤmlichen Pflanzen, wie bei vorigen und Ersten, nur mit dem Unterschiede, daß 80. Pflanzen mehr in diesem Werke sind, und daß die Pflanzen, die in jedem Werke nur halb, abgekuͤrzt und verstuͤmmelt vorgestellt sind, in diesem ganz mit Stengel, Blaͤttern, Aesten, Bluͤten, Frucht ꝛc. abgebildet sind. In Ku- pfer sind die Tafeln bei diesem Werke nicht gestochen, son- dern es sind nur 12. Exemplare gedruckt worden, und da- zu malte sein Maler die Tafeln, um nur etwas zu ver- dienen. In 2. Jahren malt der Maler nur 3. vollstaͤn- L l 3 dige dige Exemplare. Eins kostet 300. Gulden. Ich blaͤt- terte in dem noch einzig uͤbrigen Exemplare, das Hr. von Jacquin hatte. Eine Tillandsia auf andern Baͤumen ist gar schoͤn ausgemalt. Er hat sich uͤbrigens auf seinen vorjaͤhrigen Reisen in Amerika sehr wohl erhalten, ist munter, gespraͤchig, sobald man mit ihm von seiner Wissenschaft spricht, und weit affabler als Hr. von Born. Er bat mich noch einmal zu kommen, weil sein Sohn ein kleines Natura- lienkabinet haͤtte, das ich sehen sollte. Man spricht hier, als wenn er nach Rußland gehen wollte, so gros ist sein Misvergnuͤgen uͤber die hiesigen Umstaͤnde. Guter Mann, du bist nicht der Einzige in Deutschland! — Den 1sten Mai. Dieser Monat fing mit einer empfindlichen Kaͤlte an. Am fruͤhen Morgen war auf dem Lande Eis, das Wagen trug, das fruͤhe Obst und die Weinberge hatten sehr gelitten Der Schaden der Kaͤlte in den Weinbergen war im Grunde ein Vortheil fuͤr die Gutsherren. Seither fragte niemand nach Wein und die Keller lagen voll. Seither war kein Preis in Wein, jetzt zog er auf ein- mahl an. . In der Stadt war die Luft unausstehlich rauh, alles hustete, viele bekamen das Fieber wieder, man fing von neuem an einzuheitzen, und ging mit Pel- zen und Muͤffen wieder herum. Ich brachte einen Theil des Vormittags beim Daͤni- schen Hrn. Ges. Prediger Eckhof zu, wo wir uͤber die Verfassung der Gesandschaftskapelle ꝛc. ꝛc. sprachen, wo- bei bei er mir folgendes sagte. Der vornehmsten Reichshof- rathsfamilie, und der Kaufmannsfamilie kostet ihr Platz in der Kirche jaͤhrlich nicht mehr, als einige Dukaten am Neujahr an den Prediger. Die Daͤnische und Schwedische Hoͤfe wuͤrden freilich gern etwas zu einem Bethause beitragen: aber jene Bequemlichkeit mache, daß die Evangelischen so mit ihren Anstalten zaudern. Es waͤren einige reiche Wittwen da, die etwas verma- chen koͤnnten, aber sie haͤtten Familie ꝛc. — Auch seine Beichtkinder koͤnnten es bei dem allgemeinen Ton der Stadt nicht recht begreifen, daß er nicht taͤglich in die Komoͤdie gehe, immer schmause und spiele ꝛc. — Er meint, zum Bethause und zu den noͤthigen Fonds wuͤr- den wohl 15000. Thaler erfordert werden, aber man koͤnn- te dabei sehr viel auf Hamburg rechnen. Die beiden protestantischen Prediger hier sind in kranken Tagen und arbeitsamen Zeiten ohne alle Huͤlfe. Jetzt war der einzige Kandidat Hr. Reismann aus Franken hier, den man aber nicht gern hoͤrte. Hr. Suck schont ihn, damit er ihn in seinem Kurmonat August substituiren kan, wo er mit einem Kavalier auf ein Landgut nahe bei Schoͤn- brunn geht. Hr. Chemnitz hat das elende Nuͤrn- berg er Gesangbuch in der Daͤnischen Kirche eingefuͤhrt. Er haͤtte zu seiner Zeit schon einige bessere Sammlungen haben koͤnnen. Den Abend brachte ich bei Hrn. General von Fries zu. Seine Fr. Gemahlin war seither an der Kolik schreck- lich krank gewesen, doch war sie nun wieder munter. Sein hollaͤndisches Quispedoor auf dem Tische, wenn es gleich von Silber zu seyn scheint, war eben nicht appetitlich. Wir sprachen von Presburg und von den dortigen Ver- L l 4 fassungen. fassungen. Dort hat ein alter evangelischer Prediger, der den Lutherschen Pabst macht, 2. junge Ungarn, die von Goͤttingen kamen, und auf der Kanzel lieber ge- hoͤrt wurden, als er, weggebissen. Des Herzogs von Sachsen-Teschen Gemahlin, als sie noch Statthalterin in Ungarn war, wollte sie hoͤren, und schickte nach ihnen, er lies sie aber nicht mehr Nachmittags predigen. Nun sind sie in kleinern Landstaͤdten angestellt. Etiam in Eccle- sia pressa tantaene animis coelestibus irae? Bemerkungen . Man bezahlt hier grosse Summen mit Kaiserlichen Bankozetteln. Man bekommt so viel, als man baar Geld der Bank schickt, von 5 — 6000. Gulden. Jede Kaiserl. Kasse im Lande ist schuldig, diese Zettel anzu- nehmen, und darauf auszuzahlen, daher man damit sicherer, als mit baarem Gelde reisen kan. Wer Lehnguͤter auf dem Lande hat, muß sein De- putat an die Landesregierung, z. B. zwischen dem 13 — 15. Junius gewis bezahlen, man wartet nur wenige Ta- ge, sonst fordert man gleich 10. pro Cent Strafe, den Unterthan hingegen darf man nicht pressen, ausser wenn man ihm das Haus ganz abschaͤtzen lassen will. Man kan hier noch Leichen sehen, die 3000. Gul- den kosten. Es soll nicht seyn, aber die Adelichen hal- ten auf solche grosse Thorheiten. Zur Schande der Stadt bemerke ich. daß hier noch von Zeit zu Zeit eine Thierhetze gehalten wird. Vor der Stadt ist ein grosser Platz, und so oft eine seyn soll, wird es ausgetrommelt, einer reitet voran, und die Fuß- gaͤnger theilen Zettel aus. Das Volk ist erstaunlich sinnlich, sinnlich, und will nur immer etwas zum Vergnuͤgen ha- ben. Es ist hier, wie in kleinen Staͤdten, ein ewiges Ein- und Ausziehen der Miethleute. Die Gesetze ha- ben genau bestimmt, wie viel von dem Gelaß 8. Tage nach dem 22. Georgi oder April an den kuͤnftigen Be- sitzer geraͤumt werden soll, doch entsteht daruͤber immer viel Streit. Das schlechte Volk der Bedienten sucht hier, wie aller Orten, den Fremden zu betruͤgen, und zu bevor- theilen, wo es kan. Und wenn sie befuͤrchten, der Fremde wisse die Taxe oder den ordinaͤren Preis, so for- dern sie doch einen Kreuzer von jedem Stuͤck mehr, oder verlangen unter besondern Rubriken und Titeln noch mehr, als man ihnen akkordirt hat. Putzwaͤscherinnen thun das sogar Frauen, denen sie lange dienen, oft hal- ten sie’s in der Stille mit dem Stubenmaͤdchen, die doch zuerst uͤber das Weib, wenn sie Geld fuͤr jene holt, bei der Herrschaft klagt, und sich stellt, als sorge sie auf das Redlichste fuͤr das Interesse ihrer Frau. Eine sonderbare Gewohnheit hat man hier, Ein Pferd oder einen Ochsen nur an Eine Seite des Wa- gens, der Kalesche, oder was es nun fuͤr ein Fuhrwerk ist, zu spannen, und so in- und ausserhalb der Stadt zu fahren. Kabriolets oder Landwieden fuͤr Ein Pferd sieht man nicht. Auf diese Art fahren viele Leute vom Lande nach der Stadt, und viele Waaren werden so her- eingebracht. Den 2ten Mai. Die Luft war heute wieder so scharf, daß sie ei- nem von vielen Gegenden her wie scharfe Messer in den L l 5 Mund Mund fuhr und alles zerschneiden wollte. Man befand sich recht wohl, wenn man in die Sonne treten und sich waͤrmen konnte. Aber da, wo sie immer hin scheinen kan, ist gleich ein solcher feiner duͤrrer Staub, daß man wieder davon in den Augen und im Halse leidet. Es soll auch hier mitten im Sommer, wenn es nur einige Tage regnet, gleich sehr kalt, und nachher wieder sehr heis seyn. Ich brachte den Vormittag wieder auf der Kaiser- lichen Bibliothek zu, wo ich Taube ’s Beschreibung von Sklavonien und Syrmien las. Was wuͤrde Joseph II. seyn, wenn er alle seine Laͤnder nuͤtzen koͤnnte, wie’s moͤglich waͤre! Man erstaunt uͤber die Reichthuͤmer der Provinzen. Die Natur scheint da fast eine Ver- schwendung gemacht zu haben. Aber die Bauern sind faul, es fehlt an Kultur und Thaͤtigkeit, der Adel hat alles, und der Bauer muß Sklave seyn. Die Landguͤ- ter sind zu gros, die wahre Oekonomie kennt man noch nicht; mit dem bestaͤndigen Weiden verlieren die Bauern allen Duͤnger; wenn Stroͤme austreten, versteht kein Mensch die Moraͤste auszutrocknen, und niemand denkt daran, die Moraͤste und Ueberschwemmungen zu huͤten, oft fehlt es auch wirklich an Absatz der uͤberfluͤssigen Lan- desprodukte. Das Land ist nicht bevoͤlkert nach Maas- gabe seiner Groͤsse und Guͤte, und im Bauer ist so we- nig Thaͤtigkeit, daß er, wie Taube sagt, lieber im Winter seinen Zaun ums Haus verbrennt, als daß er in den Wald faͤhrt und Holz macht. Taube ist schon lange todt, scheint einen vernuͤnftigen Patriotismus ge- habt zu haben, gab sich sehr viel Muͤhe, fand aber auch keinen Dank und Ehre bei Hofe. — Um Um Mittag fuͤhrte mich Hr. Direktor Wolf in den Angarten. Einem Carlsruh er kan er so wenig, als der Prater, besonders merkwuͤrdig seyn. Es ist nicht einmahl so viel Abwechselung und Natur darin, als in unsern Gaͤrten. Der ewigen lang und grade geschnit- tenen Alleen wird das Auge bald muͤde. Er hat nichts als Ausdehnung, Weite und Groͤsse vor unserm Schloß- garten voraus. Der Kaiser hat viele neue Plaͤtze dazu gekauft, und legt diese f ehr schoͤn an. Bekannt ist die Abkuͤrzung des Wegs dazu, durch eine neue Strasse in der Leopoldsstadt, und durch 2. Bruͤcken, eine oben, eine unten uͤber einen Arm der Donau. Vor Josephs Regierung war er nur fuͤr Herrschaften offen, der men- schenfreundliche Kaiser aber, der uͤberall Luft macht, wo vorher alles verschlossen war, gab ihn gleich jedermann frei. Nur fahren darf man nicht darin. Es sind herr- schaftliche Koͤche und Traiteurs da, bei denen wir auch recht gut zu Mittag assen. Wir sahen, als wir herausgingen, die Haͤuser, in welchen bestaͤndig fuͤr die vielen Donau bruͤcken gearbei- tet wird, weil sie immer durch den Eisgang beschaͤdigt werden. Hr. Wolf sah einmal zu, wie der Stoß der Eisschemel eine ganze Bruͤcke mit fortnahm. An einem Arm der Donau besahen wir auch die Fabersche Farbeholzschneidefabrik. Man schnei- det, stampft und mahlt das Holz, zuletzt wird es das feinste Mundmehl. Man schneidet alle Arten von Asiat ischen und Amerika nischen Holz, theils fuͤr sich, theils den Kaufleuten, die es schicken. Man schneidet auch ein Ungar isches Gelbholz. Weil man gerade mit dem Mahlen von rothem Sandelholz beschaͤftigt war, war, so war die ganze Muͤhle inwendig roth, und wir wurden roth bestaͤubt. Unten ist auch eine kleine Stampf- muͤhle fuͤr die Gifte, Arsenik und Opperment ange- bracht, die wegen des giftigen Staubs immer verschlos- sen gehalten wird. Die meisten Hoͤlzer werden erst ge- schnitten, dann gestampft, dann gemahlen. Man be- koͤmmt sie meistens aus Holland. Wie oft das Ge- stampfte zum Mahlen wieder aufgeschuͤttet wird, das hat keine gewisse Zahl. An der Muͤhle sind ordentliche Kasten und Beutel fuͤr das Holzmehl wie in den Brod- muͤhlen. Im Vorrath hat man eine Menge eiferner Messer, die man zum Schneiden einsetzen kan. Be- kanntermassen ist das Blauholz oder Kampescheholz das haͤrteste. Wir hoben einen Klotz auf, er war wie Stahl und Blei. Die ganze Muͤhle steht auf 2. Schif- fen, damit sie durch die Hoͤhe und Tiefe des Wassers nicht gehindert wird, zu mahlen. Im Winter kommt oft die ganze Anstalt aufs Land. Das Wasserrad hat grosse lange Schaufeln, uͤber welche eiserne Baͤnder hin- laufen, die hoͤlzernen Schaufeln dauern aber doch nicht laͤnger als ein Jahr. Hr. Wolf und ich fuhren in dem Schiffe uͤber die Donau, um nach der Stadt zu kommen, und kamen an dem Platze an, wo das viele Brennholz aus Ober- Oesterreich bestaͤndig auf Schiffen ankommt. Man fuͤhrt es in Schubkarren vom Schiffe ans Land, und la- det es auf einem unermeßlichen Platze ab, der nie leer wird. Bemerkungen. In der That geht nichts uͤber die Impertinenz ade- licher Jungen in dieser Stadt. Sie koͤnnen nicht ru- hig hig im Wagen fahren, wollen die Pferde selber leiten, hauen sie immer oben uͤber den Bug heruͤber, daß sie in den volkreichsten Strassen aufspringen und traversiren muͤssen, dabei schreit dann der adeliche Fuhrknecht im Wagen trotz jedem andern Bauerfuhrmann, und so zeigt er sich, seinen Wagen und seine Pferde in einer Strasse nach der andern. Den 3ten Mai. Mit dem fruͤhen Morgen und einigen warmen Son- nenblicken machte ich mir die Freude wieder, zu Hrn. von Jacquin in den Botanischen Garten hinauszufahren, und brach- te da den ganzen Vormittag zu, bis er mich in seinem Wagen zuruͤckfuͤhren lies. Er ist ein gar guter Mann. Man sieht in ihm gleich den Mann, der fruͤh, viel und ernstlich studirt hat, und sein Wissen gern jedem mittheilt, dessen Wiß- begierde nicht Charlatanerie ist. Man spricht den Ge- lehrten, der viel gereißt ist, und daher uͤber Gnaden, Unterthaͤnig, und anderes Wiener isches Schwaͤtzwerk weit weg ist; den Mann, der gern mit jedem vom Hand- werk Freundschaft macht, aber auch tief den Undank und die Ungerechtigkeit des Hofes fuͤhlt. — Man hat ihm die Pension genommen, die ihm vermoͤge eines Kon- trakts mit Kaiser Franz I. gehoͤrte, als er auf dessen Befehl die Reise nach Amerika that: man hat ihm und allen Professoren auf der Universita ͤ t ihre Hofquartiere genommen, Born bekam doch noch Quartiergeld, aber Jacquin und die andern alle nichts. Man spricht auch schon von Verminderungen der Besoldungen, und will, die die Professoren sollen nebst wenigen hundert Gulden von den Studenten leben, als wenn Wien schon waͤre wie Goͤttingen, Halle ꝛc. Fuͤr den botanischen Garten muß ihm auch bange seyn, weil der Kaiser ringsum alles zu Belvedere zieht, wiewohl der Garten zunaͤchst nicht dem Kaiser, sondern der medizinischen Fakultaͤt gehoͤrt. Er habe nach Rußland kommen sollen, wie er mir er- zaͤhlte, ehe er hier engagirt ward, Lehmann kam her- nach an seine Stelle, und man muͤsse freilich mit Frau und Kindern auf die Zukunft denken. Zu hoffen sei nichts fuͤr die Wissenschaften, aber alles zu fuͤrchten. Doch heißt es, der Kaiser wolle auch eine Akademie der Wissenschaften errichten. — Vielleicht aus Born, Jacquin, Hell und Denis. Ich sah bei ihm ein von ihm selbst angegebnes Ge- waͤchshaus, worin er von aller Waͤrme profitirt. Die Waͤrme wird vom Ofen, der in einer Ecke angebracht ist, durch unterirdische Kanaͤle uͤberall herumgeleitet, und muß immer in die Hoͤhe steigen, bis zuletzt der Rauch eiskalt herausgeht. Darin erzieht er besonders seine amerikanischen und exotischen Pflanzen, und hat manche zur Bluͤte gebracht, die sonst nirgends in Europa ge- bluͤht haben. Viele sind noch aus den Saamen, die er selbst mitbrachte. Ich fand bei ihm a) Burseria gummifera L. — In Amerika tropft dieser Baum oft so stark von Gummi, daß der ganze Mannsdicke Stamm damit bezogen wird. Wir durften nur die Rinde an einer Knospe stark rei- ben, so roch es schon gewaltig an den Fingern. b) Nyssolia fruticosa L. eine Art amerika nischer Lia- nen, treibt oben und unten Stricke aus, die, wenn man man sie nicht wegschneidet, auf allen 4. Seiten des Gewaͤchshauses herumlaufen, zaͤhe wie Stricke sind, auch mit den Fingern wirklich nicht zerrissen werden koͤnnen. In Amerika uͤberspinnts ganze Baͤume, haͤngt Waldungen zusammen, und druͤckt endlich gan- ze Baͤume nieder. Hr. Jacquin schickte es an Lin- nee’, der hatte grosse Freude daruͤber, und lies es im Gewaͤchshause wuchern, wie es wollte. Sein gan- zer Stamm ist mit diesen halbfingersdicken Stricken vielfach umwunden; die Vegetation ist unendlich. c) Adansonia , oder der dickste Baum in Afrika- Er ist noch jung, will aber nicht bluͤhen. d ) Viele von den Kanarischen Inseln. e ) Viele von Otaheite, deren Saamen ihm von Pres. Banks in London mitgetheilt wurden. Banks hat ihm auch schon einige Hefte von seinen neusuͤd- laͤndischen Pflanzen geschickt; praͤchtigere Arbeit kan man nicht sehen. Ehre dem englischen Kupferstecher! An mancher Pflanze hat der Kuͤnstler mehr als eine Woche gearbeitet. Ich moͤchte sie lieber schwarz als illuminirt haben. Auch The moving plant aus Bengalen fand ich hier, aber noch klein und in der ersten Jugend. f ) Auch Pflanzen vom Pik auf Teneriffa sind hier. Ein ziemlicher Botaniker stieg bis auf den Gipfel des Piks, holte Pflanzen und Saamen, und schickte sie an Jacquin. Einige hat er schon ganz gut be- stimmt, von andern muß es die Bluͤthe entscheiden; aber alle Picopflanzen sind mehr oder weniger wol- licht, tomentosae pubescentes — um der Kaͤl- te willen. Eine Pflanze nannte er ein Miagrum L. Jac- Jacquin ward zweifelhaft, als es ein Baͤumchen werden wollte, aber jetzt kommen doch junge Schoͤß- linge heraus mit ganz kleinen Myagrumsbluͤthen. Eine Pico pflanze bluͤhte wirklich gar schoͤn. Schade, daß sie gerade Dioecia seyn mußte, und jener Rei- sende nur die maͤnnlichen Bluͤtenstengel erwischte. Hr. D. Ingenhouß, Hr. Jacquins Schwager, hat ein Zimmer hier zu seinen Versuchen. Er hatte al- lerlei Wasserpflanzen, die feinsten Conferven, Bys- sus etc. in Glaskugeln hier stehen, damit sich ihm die verschiedene Arten von Luftgattungen erzeugen sollten, die er zu seinen Versuchen zur Widerlegung der Engellaͤn- der, die ihn angegriffen haben, noͤthig hat. Fuͤr mich war hier besonders der Anblick einer ganz weissen Was serpflanze in der holen Glaskugel merkwuͤrdig. Hr. Jacquin erklaͤrte es mir. — Auch die so sehr ans Wasser gewoͤhnten Pflanzen verwelken gleich, sobald sie in destillirtes Wasser gesetzt werden. Die Afrik anischen Pflanzen, besonders die vom Kap machten Jacquin, weil sie nirgends bluͤhen wol- ten, viel Muͤhe Im eigentlichen warmen Gewaͤchshause bluͤhten sie nicht, sondern gingen eher ab. . Er machte ihnen also in unserm Winter durch Lohe, Kuhmist, Glasfenstern und Breter ihren Sommer, und in unsern Sommer nimmt er das alles weg, damit sie ihren Winter haben, und in der Erde schlafen koͤnnen. Sie regten sich in unserm Herbst, weil das ihr Fruͤhling ist, und unser Fruͤhjahr ihre Herbst- monde. Das leitete ihn auf den Gedanken, und wir sahen noch einige bluͤhen. Bizarr sind die afrika nischen Gewaͤchse Gewaͤchse immer, haben schrecklich lange, spitzige und doch zusammengerollte Blaͤtter, krumme Stengel, eini- ge haͤngende, andre aufrechtstehende Petala an ein und derselbigen Blume, oder sonst so etwas. Schade, daß das eigentliche exotische Gewaͤchs- haus nicht hoͤher ist. Die Riesen im Pflanzenreich wollen immer in die Hoͤhe, da werden die Baͤume alle Jahr gekappt. Sie stehen da alle in Lohe, jedes einzel- ne Gefaͤs hat wieder sein warmes Treibe- und Mistbeet, und doch ist die Hitze nicht so jaͤhe und Luftbenehmend, wie in andern Gewaͤchshaͤusern. Wir konnten lange sprechen, ohne es zu spuͤren. Bei Jacquin’s aͤltesten Sohne, — er hat deren zwei und Toͤchter — der fruͤh das Studium angefan- gen hat, sah ich, — in einer freilich unordentlichen und zerstreuten Naturaliensammlung — grosse Stuͤcke von Kaͤrnthner Muschelmarmor, wo man, zerschlagen, ganze Schnecken und Muscheln darin findet, so daß der spielende Glanz ohne allen Zweifel von Konchylien her- ruͤhrt. Man muß das rohe Stuͤck nur auf gut Gluͤck zerschlagen. Bei den Pisangs, die Jacquin aus Amerika recht gut kennt, versicherte er mich, daß er nie ein In- sekt darauf gefunden habe, auch in Amerika nicht. Wenn rundum alles von Insekten zerfressen ist, stehen diese doch gruͤn. Er lies mir durch den Gaͤrtner 2. Fruͤch- te abnehmen, eine aß ich roh, und eine, nachdem sie tro- cken, so wie sie ist, auf dem Rost gebraten worden war, bis die aͤussere zaͤhe Haut, die man in beiden Faͤllen ab- zieht, schwarz ist. Roh schmeckte sie mir besser, ist zum Durststillen vortreflich, wie pulpa mollissima. Zweiter Theil. M m Gebra- Gebraten, wie sie die Amerika ner auf den Tisch brin- gen, schmeckte sie, wie gekochte suͤsse Birnen. Nach diesem amerika nischen Fruͤhstuͤck hoͤrte ich der Musik zu, die seine Kinder mit Singen und Instru- menten machten. Der Lehrer war ein Italiaͤner, und man laͤßt hier die Kinder eher Welsch als Englisch ler- nen. Jacquin vergnuͤgt sich auch selbst mit der Mu- sik, auch hat er noch so ein gutes Gesicht, daß er eine Pflanze auf 30. Schritt erkennt, aber bei jeder Gelegen- heit erwacht der Seufzer des ehrlichen Mannes, den Nahrungssorgen auspressen. Ungluͤckliches Land, wo man sich vor dem Monarchen fuͤrchtet, und sobald man seinen Namen hoͤrt, traurig wird! Warum muß doch alles in der Welt zwo Seiten haben? — Warum ma- chen wir sogar nichts Vollkommenes im Menschenleben? Ist’s nicht der weiseste Wunsch: Nicht ohne Nutzen, aber schnell zu leben? Er hat auch ein grosses Zimmer zum Seminarium bestimmt. Da stehen viele tausend Pflanzen-Saamen in Glaͤsern mit Namen, in Repositorien, wie in einer Apothecke, uͤber einander. Einheimische Pflanzen-Saa- men werden aber hier nicht aufgehoben. Bemerkt er an einem Saamen einen besondern Geruch, wie z. E. einen starken Erdbeerengeruch am geriebenen Saamen einer Nigellenart, so macht er im Winter Versuche in der Che- mie damit. Denn im Sommer denkt er an nichts als Botanik, und im Winter weis er von nichts, als von Che- mie. Ach, und der edle Fleiß soll darben! Ich fragte ihn auch, ob er nicht amerikanische Farbhoͤlzer bei uns ziehen koͤnnte? Er meinte, es sei unmoͤglich, weil die zu uns kommenden Hoͤlzer wenig- stens stens 100. Jahre alt waͤren, das junge Holz habe die Far- be nicht, es wachse auch langsam, in der Jugend flechte man das Kampescheholz als Spaliere in einander; er habe auf Jamaika die jungen Baͤume gesehen, womit man zu Sloane ’s Zeiten angefangen habe, das Holz zu gewinnen, und sie waͤren noch duͤnne Reiser gewesen. Als ich beim Abschied mit ihm uͤber die immer stei- gende Unermeßlichkeit dieses Studiums sprach, versi- cherte er mich, daß er oft im Fruͤhjahr, wenn er wieder zu seinen lieben Pflanzen zuruͤck kehre, manches Gewaͤchs als fremd und unbekannt ansehe. An den Otaheit ischen Gewaͤchsen sei die Mannichfaltigkeit der Natur gar un- beschreiblich, wenn man auch nur noch wenige Proben vor sich habe. Den 4ten Mai. Diesen Tag brachte ich meistens auf dem Zimmer zu, und studirte die Predigt, die ich hier den Protestan- ten zu Gefallen morgen in der Daͤnischen Gesandschafts- kirche halten sollte. Nachmittage machte ich mir Motion und fuhr zu Hrn. von Birkenstock, an welchen ich Empfehlungs- Briese von Madam La Roche aus Speier hatte, traf ihn aber nicht an. Meine Lektuͤre zu Hause waren indessen Labats eu- ropaͤische Reisen, und heute ward ich mit dem 6ten Theil fertig. Der Mann schreibt munter, lebhaft, kan gut beschreiben, faͤllt auch zuweilen in satyrischen Ton. Um so seltsamer ist es, daß so ein geschenter und weitgereister Mann noch an alle Heiligthuͤmer und Reliquien, die man M m 2 in in Spanien und Italien zeigt, glauben konnte. Der deutschen Nation war er nicht hold, er schimpfte bei jeder Gelegenheit auf sie. Die naturhistorischen Anmerkungen sind nicht gemein, aber sie sind gewaltig versteckt in einer Wust von andern Sachen, man muß sie aus den langen Beschreibungen von Prozessionen und andern katholischen Feierlichkeiten herausklauben. Bemerkungen. Es ist erstaunlich, welche scharfe Winde hier zwi- schen dem Thor und den Vorstaͤdten wehen. Man holt sich gleich einen Schnupfen, und einen Rheumatismus. Es gibt hier in der Naͤhe von Wien ganze Doͤrfer, die allein vom Weinbau leben, und man behauptet, daß sie nicht uͤbel stuͤnden. Sie keltern ihren Wein nicht einmahl, sondern verkaufen die Trauben alle in Wien. Ein kleiner Korb voll gilt 2. Gulden. Heute assen wir nach vielen Fastenspeisen auch die er- sten Erdbeeren, aber sie waren doch im Gewaͤchshause gezogen, und hatten ihren natuͤrlichen Geschmack nicht. Das Sauerkraut, das man hier alle Tage speist, ist erstaunlich lang, weil die Kohlhaͤupter sehr gros wer- den. Auch ist es in sehr schoͤne lange Faͤden geschnitten. Man kocht an Fasttagen allerlei darin, das oft schwer zu errathen ist, heute schien mir Fischrogen darin zu seyn. Aber so koͤstlich und kuͤnstlich man auch in Wien kocht — so machts der Schwabe doch noch natuͤrlicher, gesuͤnder, und schmackhafter. Den Den 5ten Mai. Meine heutige Predigt Sie handelte vom Gebet der Christen nach dem Mu- ster des Erloͤsers. Herausgeber. in der Daͤnischen Ge- sandschaftskapelle lief ganz gut ab. Die Menge der Leu- te erregte aber so eine erschreckliche Hitze, daß ich wider alle meine Erwartung schon in dieser Jahrszeit schwitzte. Der Koͤnigl. Daͤnische Hr. Gesandte war das zweite- mahl waͤhrend seines Hierseyns in der Kirche, und lies mich gleich auf Morgen zur Tafel bitten, es ward aber verschoben. Der Reichshofrath, Hr. Graf von der Lippe, suchte mich auch auf, und praͤsentirte mich an seine Fr. Gemahlin, als den Verfasser des Erbauungs- buchs. Dem Hrn. von Stockmaier, der in der Nacht dem Herzoge von Wuͤrtemberg entgegen gefah- ren war, mußte ich das Manuskript, waͤhrend meiner Reise nach Ungarn, zuruͤcklassen. Viele gestanden, sie waͤren mit dem Entschluß hingegangen, nur den Eingang zu hoͤren, sie blieben aber da, und hielten aus. Es waren auch Katholicken und Reformirte zugegen. Nach geendigtem Gottesdienste fuhr ich nach Schoͤnbrunn, wohin mich Hr. Vogel mit noch einer Gesellschaft nach 12. Uhr fuͤhrte, um dort zu speisen. Im zweiten Wagen waren verschiedene junge Kaufleute, die aus Petersburg kamen, und weit gereist waren. Das Schloß in Schoͤnbrunn ist im italiaͤn ischen Geschmack, mit grossen Fluͤgeln am Corps de Logis, worin unendliche Hallen, oder bedeckte Gaͤnge sind. Weil im obern Stock eben diese sind, so hat man, um mehr M m 3 Licht Licht in die untern zu bringen, weil zu beiden Seiten Gastzimmer, Saͤle, Kuͤchen, Traiteurswohnungen ꝛc. sind, in der Decke von Zeit zu Zeit einige Roste ange- bracht, wodurch aber die Hellung nicht sehr vermehrt wird. Die Avenuͤe dazu ist schoͤn, aber Karl der 6te hatte den Geschmack, es nicht auf die kleine angenehme Hoͤhe, sondern mitten in ein Loch ins Thal zu bauen. Man koͤmmt also von kleinen Bergen herab, und im Garten laufen einige Alleen den Berg hinauf. In einer von diesen sieht man auch das Lustschloß Gloriette. In den Zimmern selber ist nichts besonders zu se- hen. Die Muͤnchen er sind meines Erachtens schoͤner. Im Garten sieht man kuͤnstlich uͤber einander geleg- te Ruinen mit Wasserfaͤllen, — einen Obelisk, den der Kaiser und seine verstorbene Mutter, nach der In- schrift, errichten lassen: man hat Hieroglyphen einge- hauen; besonders hoch ist er nicht: oben schmuͤckt ihn ei- ne goldene Kugel. — Eine Menagerie, die aber nicht mehr viel bedeutet. Das Vornehmste ist noch ein Ele- phant, der sehr jung aus Holland hieher gekommen, schnell gros gewachsen, aber ganz braun ist. Wir konn- ten ihn, wegen der Menge der Leute, nur durch das Git- ter in seinem Hofe herum spatzieren sehen, und seinen Waͤrter, den ich wegen der Fuͤtterung sprechen wollte, fand ich nicht. Einer unter dem gemeinen Volke, der dem andern das Fressen des Thiers erklaͤren wollte, sagte zu ihm: „Schauts, er hat halter sein Maul unterm „Hahls!!“ Die andern Thiere sind arab ische Schaafe, kleine Ziegen, Dammhirsche aus Amerika, einige Was- servoͤgel ꝛc. Die herrliche Voliere, die Franz der 1te unter- unterhielt, ist ganz eingegangen; man hoͤrte und sah nichts, als das haͤßliche Geschrei eines Kakadu. — In diesem Garten sind auch die vielen Ananashaͤuser, die Franz I. mit grossen Kosten erbaute, aber sie sind versteckt und zerstreut. Auf diesem Schlosse, so wie auch im Prater und im Augarten speist man vortreflich. Die fremden Weine, ohne welche die Wien er nicht leben, wenigstens das viele Essen nicht verdauen koͤnnten, z. E. Tockaier, Burgunder, Champagner ꝛc. nimmt man aus der Stadt mit. Hingegen in den meisten auch in vorzuͤglichen Aubergen in der Stadt, soll eine greuliche Saͤuerei herr- schen, und man oft lange warten muͤssen. Die hier be- stellten Traiteurs fuͤhren ihre Sachen Wagenweise aus der Stadt. Aber von Musikanten und Bettelweibern wird man hier und im Augarten fast gefressen. An Sonn- und Feiertagen fahren gemeine Leute auf den sogenannten Beiselwagen, wo Sitz an Sitz ge- macht wird, Schaarenweise nach Schoͤnbrunn, beson- ders um des Elephanten willen. Fuͤr 1. Groschen koͤmmt man von der Linie bis hieher. Auch fuͤr viele andre Leute ist es der gewoͤhnliche Aus- flug. Denn es sind gar viele Menschen hier, die wie Handwerksbursche keine andre Zeit haben, als den Sonn- tag, z. B. Kontoirbedienten, besonders die, so die Post besorgen muͤssen. Heute Abends las ich das 1ste Stuͤck der woͤchent- lichen Wahrheiten fuͤr und uͤber die Prediger in Wien, und fands gut geschrieben. Besonders wischte er den Mann uͤber die Sticheleien auf die Kaiserl. Ver- M m 4 ordnun- ordnungen. Sie sprechen von Zeiten, wo man dem Al- tare lieber nimmt als gibt ꝛc. Den 6ten Mai. In dieser Nacht erhob sich ein fuͤrchterlicher Sturm- wind, der nicht nur in der Stadt, sondern auch auf dem Lande schrecklich raste. Man wohnt in Wien in starken steinernen Haͤusern, aber doch war manchem ban- ge. In der Hoͤhe des vierten Stocks, wo ich schlief, tobte er noch gewaltig, und eben so unten auf den Stras- sen. Viele standen aus den Betten auf, und konnten nicht schlafen. In diesem Stuͤcke ist Wien gerade das Gegentheil von Paris. Dort spuͤrt man das ganze Jahr durch fast keinen Wind, und hier in Wien hoͤrt er beinahe nicht auf. Gluͤck war’s, daß der Wind nicht kalt wehte, sonst wuͤrde er noch mehr Schaden gethan haben. Es war warm dabei, vermischt mit fruchtbarem Regenwetter. Auch sah ich doch den andern Morgen, daß nicht alle Bluͤten von den Baͤumen abgeschuͤttelt waren. Die Reise nach Presburg war festgesetzt. Ein wenig legte sich der Wind am Mor- gen. Man rechnet 10. Meilen dahin. Fuͤr einen Sieb- zehner kan man auf der Donau hinabfahren, aber die Schiffer landen oft an, und jetzt war kein Wetter dazu. Man kan aber auch alle Tage mit der Deligence fuͤr 2. Gulden hinkommen, und diesen Weg erwaͤhlte ich. Windsturm und Regen mit Schnee untermischt, dauerten bis gegen Mittag fort. Der Wind wehete die schoͤnsten Wellen in der Winterfrucht, die zu beiden Seiten die vortreflichen breiten und weiten Felder deckte. Das Das Oesterreichische laͤuft fort, bis eine Stunde vor Presburg. Da macht eine Bruͤcke und ein kleiner Graben die Grenzscheidung zwischen Deutschland und Ungarn. Die Chausseen sind schoͤn, sehr breit, und werden immer mit Kieseln uͤberschuͤttet. Ganze Haufen gelbe Kiesel liegen deshalb hier und da an der Strasse. In meiner Reisegesellschaft war auch ein Franzis- kaner, P. Karl, aus dem Kloster in Presburg, der, weil er bald examinirt werden sollte, vor 8. Wochen von Presburg nach Wien geschickt worden war, um noch etwas zu lernen, und jetzt zuruͤckging. Wir mußten fuͤr ihn bezahlen und ihn frei halten. In Wien bezahl- te er mit einem elenden Rosenkranze. Nach den gewoͤhnlichen Gespraͤchen von Pabst, Kai- ser, Geistern und Gespenstern ꝛc. kam das Gespraͤch auf Gellert, Yorik, den Siegwart ꝛc. Buͤcher, die seit- her vielen tausend Menschen in Wien unbekannt waren, nun aber durch Schmieder ’s Buchladen in der Messe mehr unter die Leute kommen. Da war’s dann ein Ver- gnuͤgen, halb im Schlafe, die Urtheile der Frauenzimmer, der Pfaffen, eines jungen Menschen ꝛc. anzuhoͤren. Der Kondukteur zog sogar eins aus der Tasche, und las. Der Franziskaner sprach davon, wie ein Mensch, dessen Welt die Zelle ist. Die Gellert schen Schriften, sag- te er, muͤßte er doch einmahl lesen, die Poesie aber, meinte er, kaͤme jetzt ganz ab. Man kan sich die tiefe Dummheit dieser Leute gar nicht vorstellen, wenn man’s nicht gehoͤrt hat. Die meisten sind aus lauter Glauben blind. M m 5 Den Den Mittag machten wir in Regelsburg, und nachher kamen wir auf die letz- te Station Teutsch-Altenburg, wo der Posthalter nach einer seltsamen Einrichtung den Wagen nicht hinab — son- dern nur heraufzufuͤhren schuldig ist. Die Presburg er Pferde bleiben da stehen, und erwarten die Diligence von Wien. Weil nun der graͤßliche Wind den Pres- burg er Wagen nicht uͤber die Donau gelassen hatte, so bekamen wir hier keine Pferde, und im Posthause war nicht einmahl eine Passagierstube. Ehe wir nun auf der Strasse liegen, im Wagen erfrieren, hier uͤber Nacht bleiben und Morgen noch bis Mittag die Zeit versaͤumen wollten, legten wir noch 3. Gulden zusammen, und be- zahlten die Pferde. — Dies zum Lobe der Kaiserl. Koͤnigl. Posteinrichtungen! — — Wir passirten hernach ein kleines Staͤdtchen, das Hainburg heißt. Auf der Mauth machte der Kon- dukteur alles aus; es ward nichts visitirt. Erst spaͤt bege- gnete uns der Presburg er Wagen, der endlich, da sich der Wind auch auf dem Wasser gelegt hatte, spaͤt genug her- uͤber fuhr. Ein ungluͤcklicher Tag fuͤr uns! Der Kon- dukteur wußte sich seit 7. Jahren erst zweimahl des Falls zu erinnern, da ihm auch wegen dem Winde kein Wa- gen entgegen gekommen war. Presburg liegt an einem Berge, jenseits der Do- nau, hat zwei Vorstaͤdte, die schoͤner sind als die alte Stadt. Man passirt den Strom mittelst einer fliegen- den Bruͤcke. Sie ward entsetzlich mit Wagen und Men- schen beladen, geht aber sehr geschwind hinuͤber. Die Passa- Passagiers auf der Diligence zahlen nichts, dagegen aber verfolgen die Bettler sie auch auf der Bruͤcke. Weil die Donau oͤsters austritt, so ist schon eine gute Strecke vor der Stadt die Strasse zu beiden Seiten mit Pfaͤhlen eingefaßt, unten ist Wiesengrund, Baumzucht, kleine Huͤtten, artige Spaziergaͤnge ꝛc. Die Post ist in der aͤussern Vorstadt, nachdem man durch die Stadt gekommen ist, und darneben hatte ich mein Logis in der Krone, wo grade die Tischler ihren jaͤhrlichen Tanz schon seit 3. Ta- gen hatten. Man tanzte bis Morgens um 6. Uhr. Den 7ten Mai. Mein erster Gang war heute in Hr. Loͤwens Buch- laden. Er ist hier Buchdrucker und Buchhaͤndler, reist alle Jahre nach Leipzig, hat selber artige Kenntnisse, breitet am meisten gute Buͤcher in diesen Landen aus, steht unter keiner Censur, ist also weniger gebunden, als die in Wien und Oesterreich. Er hat Windischs Geographie und Historie gedruckt, auch jetzt ein Un- garisches Magazin angefangen, worin vaterlaͤndische Naturgeschichte, Historie, Alterthuͤmer ꝛc. vom Hrn. von Windisch gesammelt werden. Gegenwaͤrtig wa- ren schon 6. Stuͤcke davon heraus. Zuweilen sollen Ku- pferstiche darzu kommen. z. B. die Trappe, aber sie ist doch in einer unkenntlichen Stellung abgebildet. Nach ihm besuchte ich Hrn. Hummel, einen Kaufmann, an den ich von Hrn. Wucherer aus Wien ein Empfehlungsschreiben hatte. Auch ein christlicher, gutmuͤthiger, ehrlicher Nuͤrnberg er. Er handelt mit kurzen Waaren. Der liebe Mann lies meine Sachen aus der Auberge holen, ich ich mußte bei ihm Quartier nehmen, und in Hr. Loͤwens Gesellschaft gleich Mittags bei ihm essen. Hr. Loͤwe und ich wollten die 2. Evangelischen Geist- lichen, Rippini und Dovai besuchen; aber jener war nicht in der Stadt, und dieser war im Examen des Gym- nasiums, oder der 6. Klassen. Wir gingen also auch in das Lateinische Examen der protestantischen Schule. Das Gebaͤude ist alt, eng, schlecht. Hr. Subkonrektor Wendler examinirte grade aus dem Cornelius, uͤber den Datames, lies die grammatischen Regeln anwen- den, und diktirte hernach eine Imitation. Nachher ward aus der Geographie die europaͤische Tuͤrkei vor- genommen. Das Examen wird auch hier, wie in der Wien er Normalschule, vorher genau verabredet oder anbefohlen. Die Vorsteher und anwesenden Vaͤter hat- ten Bogen in der Hand, worin fuͤr jede Stunde die Ma- terie des Examens aufgeschrieben ist. Alle Wissenschaf- ten, alles Repetiren, alles Fragen, Antworten, Exa- miren ꝛc. geschieht Lateinisch. Das kan nach der Aus- sage des Hr. Rektors Rethsko, der in Goͤttingen Mosheims Toͤchter unterrichtete, nicht anders seyn, weil in der Schule ein Mischmasch von allen Nationen ist, Illyrier, Slawaken, Raͤtzen, Ungarn, Kroa- ten, Deutsche, Griechen ꝛc. Hierauf besah ich die neue Evangelische Kirche. Die Protestanten freuen sich ihrer noch immer. Sie konnten sie vor etlichen Jahren endlich bauen. Im Lan- de, wo vorher Druck und Gewissenszwang war, erregt ein Gluͤck von der Art in allen Gemuͤthern eine unaus- loͤschliche Freude. Man ruͤhmt das gleich, und fuͤhrt den den Fremden hin, sie zu sehen. Sie kostet 40000. Gulden. Das Geld mußte vorher ganz beisammen seyn, ehe man den Bau anfing, nach den Kaiserlichen Befeh- len, damit die Unterthanen nicht zu sehr gedruͤckt wur- den. Sie ist aber gros, wohleingerichtet, helle und faßt eine Menge Menschen. Das Altarblatt ist von Oeser aus Leipzig, der aus Presburg gebuͤrtig ist, und es fuͤr die Kirche zum Geschenk mahlte. Es stellt die Juͤnger von Emaus vor. Die Geistlichen haben keine andre als eine geschriebene Agende. Im Lande ist ihnen vermuthlich noch keine erlaubt worden zu drucken, und Auswaͤrtige darf man nicht einbringen. Im Pulte oder Stuhl hat jede Person in der Kirche einen verschlos- senen Kasten, worin ihr Gesangbuch bestaͤndig bleibt. Diese Schloͤsser mußten sie bei Erbauung der Kirche be- sonders bezahlen, und jeder Sitz kostete damals 1. Du- katen. An diesem Kasten ist auch der Name mit ange- schlagen. Auch ist noch eine Ungarische Kirche hier, die auch den Protestanten gehoͤrt, klein und niedlich ist, und worinnen abwechselnd zwischen den Sonntagen Ungarisch und Boͤhmisch gepredigt wird. Dazu ist ein eigener Prediger da, und in Presburg kommen diese Natio- nen immer zusammen. Eins der schoͤnsten Gebaͤude ist der Palast des Kar- dinals und Primas Regni Bathiani. Ferner die ehemaligen Jesuiter -Kollegien, die Koͤnigl. Kammer, das Rathhaus ꝛc. Im Jesuiter-Kollegium ist jetzt ein Kaffeehaus, und andre Leute wohnen darin. Auch wohnt hier der Prinz von Koburg, wie man hier sagt: er ist in Kaiserlichen Diensten, hat aber seinen seinen Stuhl in der protestantischen Kirche. Er wohnt zur Miethe, und hat ein schoͤnes Haus inne, das ein Kaufmann gebaut hat. Die Theisse war weiter hinunter ausgetreten, und hatte grossen Schaden gethan. Nach Tische bekam ich einen Besuch von Hrn. Sub- rektor, und machte einen beim Hrn. Rektor. — Sie sind auch mit neuen Vorschlaͤgen und Verbesserungen sehr gebunden, stehen unter Senatoren, die nichts verstehen ꝛc. Hr. von Windisch, der auch Senator ist, ward zum Abendessen bei Hrn. Loͤwe gebeten. Ein Mann, den man als αυτοδιδακτος ansehen muß, und der in seiner Jugend eigentlich nicht studirt hat. Ein Kaiserlicher Hoskammerrath hier, Kempele, hat eine Moschine erfunden, die von sich selber Schach spielt. Der Kaiser hat ihm erlaubt, damit auf Reisen zu gehen, er hat Addressen an die Koͤniginnen von Frankreich, Neapel ꝛc. und ist mit seiner ganzen Fa- milie auf diese Reise gegangen. Man lebt hier viel besser, als in Wien. Das Getuͤmmel auf den Strassen ist bei weitem so gros nicht, man ißt zur rechten Zeit, man steht fruͤh auf. Bemerkungen . Gewaltig viele Maͤrkte sind in Ungarn: in Tyr- nau achtmahl im Jahr, in Presburg siebenmahl 3. Tage, in Pest, das der Hauptort ist, viere, in De- brezin auch viere im Jahr. — Das ernaͤhrt die Faul- heit, und das Fressen und Saufen der Ungarn. Den Den 8ten Mai. Dieser Tag war zur Reise nach Esterhas bestimmt. Die fliegende Bruͤcke an der Donau muß in jeder Stunde zweimahl heruͤber. Der Fußgaͤnger zahlt gewoͤhnlich nichts, desto mehr aber Pferde und Wagen. Wer also zu spaͤte kommt, darf nicht laͤnger als eine halbe Stunde warten. Der Himmelsstrich in Ungarn ist wirklich so be- sonders, so kalt und windicht, daß man sich bestaͤndig mit Pelzen versehen muß. Alle Ungarn haben und tragen daher bestaͤndig Pelzkleider, Pelzkappen und noch ganze Pelze daruͤber. In den Hundstagen reist niemand in diesem Lande, ohne Pelze mitzunehmen, wegen den kalten Abenden. Heute war ein schoͤner Tag, auf der Donau spiegelte sich die Sonne im Wasser, aber kaum ging der Wagen, so wehete von allen Seiten ein solcher scharfer Wind, daß ich des Pelzes froh war, den mir Hr. Hummel geliehen hatte, und den ganzen Tag brach- te ich ihn nicht vom Leibe. Man kan auf der Stelle von einem kalten Windstos einen Rheumatismus im ganzen Koͤrper bekommen. Der Weg war keine Chaussee, sondern lief uͤber unabsehliche Weideplaͤtze und breite Triften weg. Das Erdreich ist schwarz von vielem Fett. Diese ganze Gegend scheint ein einziges grosses Torfmoor zu seyn. Man sieht Maͤnner mit weit hinabhaͤngenden Ma- trosenhosen, an welchen unten Baͤnder sind, mit wel- chen chen sie eine Schuhsohle unter den Fuß binden, gleich den Moͤnchen, ohne Struͤmpfe, so fahren sie ins Feld. Auch kleine Maͤdchen tragen Stiefeln mit Pelz gefuͤttert, bis an die Knie. Die Weibspersonen haben bei der Arbeit im Felde das Gesicht der Laͤnge und der Queere nach ver- bunden, und anders geht man gar nicht aus. Schoͤn sind die zahlreichen Heerden von Vieh aller Art, die man hie und da sieht, und die dem Reisenden begegnen, indem sie von einem Weideplatze getrieben wer- den. Mehr als tausend Stuͤck sind oft beisammen. Man sieht Heerden von ganz weißgrauen Ochsen und Kuͤhen, und das sind die meisten, auch wieder ganze Heerden von schwarzem Rindvieh, beide sind sehr hochbeinicht, kurz- staͤmmig oder gedrungen am Leibe, und haben die schoͤn- sten Mondfoͤrmigen Hoͤrner. Ein Ungar ischer Stier ist ein wahres Prachtstuͤck in der Natur. Noch zahlrei- cher sind die Schaaf heerden, die, wenn der ganze Schwarm zu laufen anfing, kein Ende zu haben schie- nen. Auch Pferde heerden sah ich; die Ungar ischen Pferde sind alle klein, und werden schlecht gefuͤttert, sind aber dauerhaft. Die Ungar ischen Doͤrfer sehen gut aus. Man bauet die Haͤuser alle in einer geraden Linie, und die vordere Seite muß schneeweis mit Kalk beworfen seyn. Die Daͤcher sind alle der Waͤrme wegen mit dicken Buͤ- scheln von Rohr bedeckt, das man aus dem Neusie dler See bekoͤmmt Dieses Dachrohr ist Typha latifolia und Arundo frachnites L. . Ich fuhr auch an vielen grossen und kleinen kleinen Landseen vorbei, deren Wasser brauste, und ein starkes Rauschen verursachte, wenn der Sturmwind so maͤchtig daruͤber fuhr. Fuͤr 1. Groschen trank ich in Golz, wo die Pferde gefuͤttert wurden, einen gros- sen Schoppen herrlichen Wein. Der Wein, den die gemeinsten Leute trinken, kostet beinahe gar nichts, und sieht gruͤnlicht aus. Der Schlickewitz- oder Zwet- schenbrantewein, von dem Windisch in seiner Geo- graphie von Ungarn redet, ist auch hier schon bekannt. Er sieht so gelb aus wie der schoͤnste Tockaier wein. Je naͤher man Esterhas koͤmmt, desto merkwuͤrdi- ger wird die Gegend. Man koͤmmt zu dem Neusied ler See, der eine sehr ansehnliche Laͤnge und Breite hat. Der ganze See ist mit Schilf und Rohr bewachsen. Mir schienen es einige Carex -Arten und Eupatorium Cannabinum L. zu seyn. Da kan man recht sehen, wie Eine Pflanze wuchert, und sich da, wo sie Platz hat, ausbreitet. An einigen Orten ist alles so dick verwach- sen, daß man es gar fuͤr keinen See halten sollte. Eine Menge Voͤgel nistet in diesem Gebuͤsche. Die Leute fah- ren mit kleinen Kaͤhnen hinein und scheiden das Rohr ab. Daher ist es immer lebhaft in dem See. Man hoͤrt sie reden, scherzen, lachen, und sieht sie doch nicht, denn das Rohr wird mehr als Manns hoch, aber, ehe man es vermuthet, fahren einige Jungen mit niedlichen Boo- ten auf kleinen Wegen, wo man das Rohr nicht auf- kommen laͤßt, in krummen Stroͤmen aus dem Walde her- aus, und fuͤhren das abgeschnittene Rohr nach Hause. Nun hat Fuͤrst Esterhasy, der hier seine Guͤter hat, einen festen Damm durch den ganzen See der Laͤnge nach Zweiter Theil. N n fuͤhren fuͤhren lassen, der ihm gewiß Ehre macht. Man faͤhrt auf demselben einen kurzen und angenehmen Weg grade nach Esterhas, und kan den ganzen See zu beiden Seiten sehen. Unten am Anfange des Dammes ist ein grosses Dorf, Bamlach, das sich ganz vom Rohrhandel zu naͤhren scheint. Auf allen Seiten standen um den Ort herum die groͤsten Haufen von geschnittenen und schon zugerich- teten Rohrbuͤscheln, daß sie in der Sonne trocknen sollten. Es sah in der Ferne nicht anders aus, als wie Hopfen- stangen, oder als wie schoͤner, grosser Hanf bei uns. Am andern entgegengesetzten Ende des Sees scheint der Bo- den schon etwas fester zu seyn. Da waͤchst Gras, und ich sah Vieh darin auf der Weide gehen. Freilich ist die Gegend bis an die Fuͤrstl. Gebaͤude hin, auch noch sehr sumpfig und morastig. Am Ende der letzten Bruͤcke fiel ich mit der Kalesche in einen so tie- fen schwarzen Sumpf, daß die Pferde, die ohnehin muͤ- de waren, sie kaum wieder herausziehen konnten. Das letztere Regenwetter hatte freilich das Uebel noch vergroͤssert. In einer kleinen Entfernung praͤsentirt sich das Schloß Esterhas So heißt der Ort, und Esterbasy der Fuͤrst. Y be- deutet im Ungarischen daher: also Esterhasy, einen der aus Esterhas ist. Die deutschen Namen der Staͤdte klingen im Ungarischen ganz anders, z. B. Oedenburg heißt im Ungarischen Sopron — So- prony heißt einer aus Oedenburg. sehr schoͤn, und der Fuͤrst hat in schoͤnster Simmetrie so viele andre Gebaͤude darneben auffuͤhren lassen, daß der Ort einem kleinen Staͤdtchen aͤhnlich sieht. Die Die Fremden werden hier sehr wohl aufgenommen. Ein Soldat meldete mir gleich, daß ich noch eben recht zur Komoͤdie kaͤme, aber Schlaf und Ruhe waren mir lieber. Den 9ten Mai. Esterhas. Die Naͤchte sind in Ungarn — wie in allen heissen Laͤndern — kalt, und doch sind die Ungri- schen Betten nur duͤnn, und haben oben weiter nichts, als eine schlechte leichte Decke. Ich deckte meinen Pelz daruͤber, und befand mich ganz gut dabei. Mein erster Gang war in die Gaͤrten des Fuͤrsten, die mir beinahe lieber sind, als Prater und Augarten. Hohe Alleen wechseln mit kleinem Buschwerk ab. Die breiten Strassen, die auf das Schloß zulaufen, gehen im Walde Stundenlang fort. Jede Allee schließt ein Gebaͤude, ein Sonnentempel, ein Lusthaus ꝛc. Vor vielen andern schoͤnen Gaͤrten hat dieser Garten schoͤne Springbrunnen voraus. Im Park darneben sind Fa- sanerien, Plaͤtze fuͤr die Hirsche, fuͤr die wilden Schwei- ne ꝛc. so daß man zur Jagd alles sehr nahe bei der Hand hat. In allen Anlagen des Gartens herrscht der neueste Englische oder Naturgemaͤsse Geschmack. Es sind We- ge im Gebuͤsche, wo man gewiß von niemanden gesehen oder gehoͤret wird. Weil die Vorfahren des Fuͤrsten au den Nebellionen in Ungarn nicht Theil nahmen; so ward dieser Familie vom Kaiserlichen Hause erlaubt, eigene Soldaten zu halten, die hier und auf einer kleinen Forteresse liegen, die der Fuͤrst zu Bewahrung des Familienschatzes auf ei- nem seiner Guͤter hat. Es sind 120 — 125. Mann, ei- gene Unterthanen. Sie tragen blau und weis, sind N n 2 schoͤne schoͤne Leute, viele von 6. Schuh, gar viele zu 5. Schuh 10 — 11. Zoll. Der jetzige Fuͤrst hat das alles, was man hier sieht, erst gebaut. Er ist nur Kapitaͤn bei der Ungar ischen Leibgarde, und hat keine Stelle bei Hofe; daher ist er meistens hier, und geht nur im Winter auf einige Wo- chen nach Wien. Er ist bereits 68. Jahr alt, liebt Musik, Komoͤdien, Opern ꝛc. Im Schlosse sowohl Der Oberpfleger mußte mir es zeigen. als im sogenannten Gewoͤl- be, wo man aufhebt, was man nicht immer braucht, fand ich folgendes besonders merkwuͤrdig und sehenswerth: 1) Drei und funfzig Gastzimmer fuͤr ganze Familien. — In einem andern Gebaͤude sind noch 24. Gastzimmer fuͤr ledige Kavaliere. 2) Ein Sommermusiksaal ganz mit Gemaͤlden behan- gen, unter welchen besonders zwei sehr rar und schoͤn seyn sollen; — schoͤne Aussichten auf den Neusied- ler See hinaus hat man hier auch. 3) Ein Speise- und darneben ein Gesellschaftssaal fuͤr Fremde, sehr hoch, herrlich und doch niedlich moͤ- blirt. Dabei auch immer sehr hell. Im letzten Saale stehen zwoͤlf blaue Vasen aus Seve, die 1050. Dukaten kosteten. 4) Ein Zimmer, dessen Waͤnde mit ausgesuchten Chi- nesischen Papierstuͤcken tapezirt sind. 5) Einige Saͤle voll Buͤcher. — Man unterscheidet auch noch die grosse und die Handbibliothek, die ich auch zu sehen bekam. 6) Ein goldenes Service, das gebraucht wurde, als die verstorbene Kaiserin hier war. 7) Ein 7) Ein Kabinet von Porzellan aus China, Japan, Dresden, Wien, mit vielen Pagoden und Chine- sischen Figuren. 8) Darunter auch eine, die den Attlia in seiner kriege- rischen Ruͤstung vorstellen soll. 9) Ein ganzes Dèjeuné aus Orient alischem weissen Achat. 10) Ein Spinnrad, das den ganzen Tag, indem es herumgeht, Musik macht. 11) Eine Geige aus Schildkroͤtschalen. Sie gibt ei- nen vortreflichen Ton. Noch viele andre Sachen aus Schildspat. 12) In Wien gemachte Buͤffete von sanft gruͤn ge- beitztem Holz, mit weis und braun eingelegter Arbeit dazwischen. 13) Uhren, wo in 2. und mehrern Stockwerken uͤber einander ganze Parthien tanzender Bauern und Her- ren koͤnnen in Bewegung gesetzt werden. 14) Kleinere Stockuhren, wo Zifferblatt und die gan- ze Einfassung mit Edelsteinen aller Art kostbar besetzt sind. 15) Eine Uhr, wie nur noch eine in Paris und in Konstantinopel ist. Sie geht einen ganzen Monat, unten ist eine Weltkugel. Nur ein Astronom oder ein Mathematiker kan sie recht richten. 16) Schreibtische, mit aller nur moͤglichen Bequem- lichkeit, die sich auch selber schliessen. 17) Eckschraͤnke, deren Thuͤre ein gemaltes konvexes Glas ist, man hat sie in einer Wiege und vielen Pfun- den Baumwolle hieher gebracht. 18) Toiletten fuͤr Damen mit allem moͤglichen, ans Bette zu stellen. N n 3 19) Ein 19) Ein reizendes Gemaͤlde von der Erzherzogin Chri- stine, jetzigen Gouvernantin in Bruͤssel. 20) In des Fuͤrsten Wohnzimmern Figuren von Ala- baster und kleine Vasen, vom Koͤnig in Neapel dem vorigen Fuͤrsten geschenkt. Koͤstlich ist insbesondre ein auf dem Arme liegendes nacktes Maͤdchen. 21) Der Toisonorden lag da geruͤstet zum Anziehen des Fuͤrsten, den konnten wir also in der Naͤhe sehen. — Sechs Ringe lagen auch dabei. 22) Eine Uhr mit einem Glockenspiel, wo hintennach ein Kanarienvogel, der oben steht, pfeift. 23) Im Schlafzimmer stehen auch uͤberall vortrefliche Buͤsten und Figuren herum. 24) Eine Uhr, die den franzoͤsischen Musquetiermarsch spielt. 25) Im Kabinet sind die Waͤnde mit Schwarz und geschlagenem Golde uͤberzogen, — Stuͤcke, die man jetzt gar nicht mehr macht. 26) Ein kohlschwarzer Gimpel ward der Sonderbar- keit wegen in einem Kaͤfig gefuͤttert. Das Opern und Komoͤdienhaus war abgebrannt, da baute es der Fuͤrst noch schoͤner auf; es ist niedlich, nicht klein, wenn alles illuminirt ist, glaͤnzt und schim- mert alles. An den Waͤnden sind noch viele Meublen, Porzellan ꝛc. angebracht. Ich sprach da auch den Mann, der fuͤrstlicher Auf- seher uͤber den Neusiedler See ist, und im Dorfe Baumhagen wohnt, und erfuhr folgendes, diesen See betreffendes, von ihm: Im vorigen Jahre trug er dem Fuͤrsten 6000. Gulden an Hechten, Karpfen, Krebsen, an Federwildpret, als Schnepfen, Rebhuͤnern ꝛc. ein. Man Man hat eigene Haͤndler an der Hand, welche die Fi- sche alle Woche bei ihm holen. Ein Theil des Sees ist Edelwald und morastig. Gefriert aber der See aller 8. oder 9. Jahre, so kan man alsdann hinein gehen, und gewinnt nur allein aus diesem Theil wieder fuͤr 6000 Gulden Holz. Durch immer mehreres Ableiten des Wassers entstehen immer mehr Aecker, Wiesen ꝛc. fuͤr die Unterthanen. Man behauptet auch, daß das, was im Wien er Wirbel auf der Donau verlohren gehe, als Truͤmmer, Breter ꝛc. nach einiger Zeit, oft nach Jah- ren, in diesem See wieder zum Vorschein komme. Ein Rohrdach, dazu das Rohr, wie ich schon erwaͤhnt habe, aus diesem See geholt wird, dauert etliche 30. Jahre. Hundert Buͤschel Rohr koͤnnen 1. Gulden, auch 1. Gul- den 30. Kr. bis 2. G. kosten. Ein Theil des Sees ge- hoͤrt dem Kaiser, oder der Stadt Oedenburg. Von Esterhas aus machte ich 3. starke Stunden weiter eine kleine Reise nach Oedenburg. Das Regenwetter hatte aus dem tief hinunter fetten und guten Boden hie und da einen einzigen Morast ge- macht. Ich begegnete den Heerden der tuͤrkischen Schweine, die durch Ungarn weiter hinein getrieben werden. Sie sehen alle schwarzgrau aus, wie lauter kleine Baͤre. Die Hauptabsicht meiner Reise hierher war, meinen alten Goͤtting er Universitaͤtsfreund, Hrn. Dr. Conra- di zu besuchen. Wir erkannten uns auf der Stelle wie- der. Die Stadt N n 4 Oeden- Oedenburg praͤsentirt sich von weitem sehr schoͤn auf einem Berge. Sie hat aber freilich innerhalb eben nicht viel vorzuͤgliches, die Vorstaͤdte noch weniger; aber die Gegend ist herelich. Den 10ten Mai. Oedenburg. Hr. Pillich, auch ein Goͤtting er Bekannter, fand sich am fruͤhen Morgen bei mir ein, und wir plauderten das alles, was man zu schwatzen hat, wenn man einander in 7. Jahren nicht gesehen hat. Beim lieben Dr. Conradi sah ich 1) Donaukiesel, zum Theil so weis, wie unser Rhein- kiesel, aber auch einige, die geschliffen so aussehen, wie Rauchtspase. 2) Ein Turmalin aus Ceylon, wohl ¾ Zoll lang, der- gleichen man in den groͤßten Sammlungen nicht sieht. Zieht vortreflich. 3) Viele andre Steine aus Ceylon, von einem dorti- gen guten Freunde, wovon viele Turmaline sind, und ich auch einige zum Geschenk bekam. 4) Roͤmische Urnen und Muͤnzen, die man allent- halben in Roͤmischen Graͤbern, die hier gar keine Sel- tenheit sind, findet. Darunter waren: a) Goldene Muͤnzen von Nero und Domitian. b) Ein sil- berner Alexander. c) Ein silberner Kaiser Ves- pasian. d) Auch ein silberner Otho Caes. Aug. die bekanntlich allemahl selten sind. Um zu sehen, wie die Ungarn ihre Weinstoͤcke bauen, fuhren Hr. D. Conradt, Hr. Pillich und ich spazieren. Der Wein steht zum Theil auf Gebuͤrgen, zum Theil aber auch auf ebenem Lande. Jeder Stock bekoͤmmt seinen seinen Stecken Die Rebstecken sind auch hier theuer, sie kommen alle aus dem Oesterreichischen. , der aber nur halb so gros ist, wie die Rebstecken bei uns. Sie lagen in Unordnung auf dem Boden. Mit den Reben war noch gar nichts zu machen, weil wegen der kaltanhaltenden Witterung man kaum die Knospen aufschwellen sah. Von den Weinbergen fuhren wir in das Wolfser Bad, eine kleine Stunde von der Stadt. Das Was- ser fuͤhrt sehr viel Schwefelleber mit sich, die durch Kalk mit dem Wasser verbunden ist. Der Geruch da- von kam mir gleich beim Eintritt ins Badehaus entgegen. D. Conradi ’s Vater hat vom Nutzen dieses Bades ein kleines Buͤchelchen geschrieben. Die Gebaͤude, Bad- haus, Wirtshaus, Kapelle ꝛc. sind neu gebaut, und an- sehnlich. Die Quelle liegt auf einem nahen Huͤgel, und wird durch bleierne Roͤhren in die Kessel geleitet. Man fing an zu waͤrmen, es waren schon einige Leute da, aber vor einigen Jahren waren oft um diese Zeit schon so viele Leute hier beisammen, daß man nicht Wasser genug hatte. Man baut auch hier eine neue Evangelische Kirche wirklich mit grossem Fleis. Es halten sich viele Prote- stantische Landorte, die seither keine Geistlichen hatten, zum Gottesdienste in dieser Stadt. Man hat hier auch nur geschriebene Agenden. Gesangbuͤcher hat man endlich duͤrfen drucken, aber noch keine Bibeln. Die Protestantischen Geistlichen, wenn sie nun auf dem Lande nach dem Toleranzedikt einen Sterbenden berichten sollen, bekommen noch immer Haͤndel mit den Katholi- schen Pfaffen. In Wolfs fiel neulich so ein Auftritt N n 5 vor, vor, da der Franziskaner den Oedenburg ischen Geistli- chen waͤhrend dem Konsekrationsaktus anfiel, und aus der Stube riß. Die Evangelischen Geistlichen sind da- her auch noch schuͤchtern, seig, furchtsam ꝛc. In Un- garn ist der Pabst aͤusserst verhaßt. Die Protestanten reden laut gegen ihn. Das ist die alte Empfindlichkeit wegen den ehemaligen Bedruͤckungen. In der Gottes- ackerkirche ist eine eigene Gruft, worin die Evangeli- schen Geistlichen begraben werden. Bemerkungen. Der Ton in Oedenburg ist gut, Buͤrger und Unterbuͤrger sind sehr hoͤflich, jedermann gruͤßt sich. Es stehen viele schoͤne starke, hohe, steinerne Haͤuser in der Stadt. Das Volk ist nicht dumm. Vom Kirchthurm gibt der Zinkenist alle Viertel- stunden bei Tag sowohl als bei Nacht ein Zeichen. Jedermann, auch der Bediente, spricht hier Latein, aber erbaͤrmlich, z. E. Sartor est exterius — Quo- modo dignatur valere Vestra Dominatio? — Felicem vesperam! Auch Frauenzimmer sprechen so Latein, es ist unter so verschiedenen Nationen die allge- meine Mutter- oder Landessprache. Viele Ungarn, die auch keine Soldaten sind, tragen Schnautzbaͤrte mit langen Zipfeln an der Seite. So war ich mit einem vornehmen Ungarn, der reiste und seinen Schreiber bei sich hatte, seinen Flaschenkeller mit herrlichem Wein ꝛc. in einer Auberge, der hatte einen er- staunlichen Schnautzbart. Es ist wahr, was man zuweilen im Reiche erzaͤhlt vom greulichen Fressen und Saufen der Ungarn bei allerlei allerlei Gelegenheiten, z. B. bei Leichen, Haͤuserbauen ꝛc. Oft baͤckt man 15, 20. Pasteten, oft waͤhrt das Leben drei und mehrere Tage, oft werfen sie das Ueberfluͤssige zum Fenster hinaus ꝛc. In der Vorstadt sah ich einen sehr grossen Vieh- und Fruchtmarkt. Die Strassen werden ganz mit Koth und Duͤnger bedeckt, und die Ungar ische Oekono- mie haͤlt das nicht zusammen. Der Frucht- Das Getreide, womit hier alle Montage erstaunend starker Markt ist, bringt man wohl 20. Meilen weit her. und Weinhandel macht hier viele Leute sehr reich! Koͤstlicher grosser und dicker Spargel waͤchst hier; fast Ellengros sind die Spargeln, und mehr als Fingers- dick. In meines Freundes und andrer Gaͤrten sah ich, warum der Spargel so hoch werden und doch so weis bleiben kan. Man stuͤrzt uͤber jeden Spargel eine Glo- cke von rothem Thon, die oben eine Oefnung hat. Gan- ze Felder sind mit diesen rothen Glocken bedeckt. In ih- nen kan die Pflanze wachsen, weil sie aber vor der Luft bewahrt ist, so bleibt sie immer weich, muͤrbe und weis. Bei Tische aß ich noch heute koͤstliche Ungarische Trauben. Auch die eingetrockneten Beeren waren noch immer wie Oliven. — Eine sogenannte Gattung von Weihrauchtrauben schmeckte gar vortreflich aro- matisch, hatte kleinere Beeren und eine graue Haut. Zum Wermuthwein nehmen die Leute auch, D. Con- radi ’s Aussage nach, die Wurzeln von Angelica, von Helenium ꝛc. Es koͤmmt auch Zimmt- und Muskaten- bluͤte bluͤte dazu. Die Fabel von Goldfaͤden an den Re- ben entstand von ausgetretenen und in der Sonne am Stocke wie Harz so zaͤhe gewordenen Saft der Trauben. Der Ungar ische Wein haͤlt sich 16, 18. auch 20. Jah- re, verliert immer mehr von seinem Feuer, wird milder, bleibt aber doch so lange immer trinkbar. Das Jahr 1779. war eins der besten und reichsten Weinjahre. Die Schlesier holen insbesondre ihren Wein in Oeden- burg. Damals wurden 70-80000. Ungar ische Ei- mer Wein hier verkauft, zu 20. bis 40. Gulden. Also kamen allein fuͤr selbigen Wein zwischen 2. bis 300,000. Gulden ins Land. In dem Weinreichen Lande braut man doch sehr gu- tes Bier, und auch reiche Leute trinken es bei Tisch. Denn die guten Weine gehen alle aus dem Lande. In der Kunst, Kaͤse zu machen, sind die Ungarn hinter den Schweizern noch weit zuruͤck. Ich konnte von zweierlei Sorten nicht einen Bissen geniessen, sie hat- ten alle einen unangenehmen Beigeschmack. Man hat ganz schwarzen Schnupftoback, der im Lande fabrizirt wird. Doch ist die Nation weder an das Schnupfen, noch an das Rauchen stark gewohnt. Schwerze Wolfspelze, die hier nicht selten sind, sehen mit einem rothen Ueberzug und weisser Einfassung sehr schoͤn aus. Ein Ungar ischer Bettler, der seinen Mantel und Pelz aus mehr als 100. Stuͤcken zusammengeflickt hat, und so dahergeht, sieht ekelhaft und wirklich fuͤrchterlich aus. Vierzig Stuͤhle blauwollenes Tuch sind hier. Das Tuch geht meistens nach Sklavonien. Den Den 11ten Mai. Dieser Tag ging mit der Ruͤckreise von Oedenburg nach Wien hin. Der Weg lief auf der herrlichsten Strasse, und durch die angenehmsten Gegenden hin. Auch war’s ein vortreflicher heitrer Tag, aber um der Winde willen konnte man doch den Pelz immer auch im Zimmer beim Mittagessen anhaben. Es war grade Fasttag, da trift man freilich immer nur Eierspeisen und Fische auf der Strasse an. Die Leute backen schnell einen Fisch auf dem Rost, streuen ge- riebenen Meerrettig daruͤber und stellen ihn so auf. Man- cher ißt/ gesottene, gebratene und gebackene Fische auf einmahl. In Winpassin kommt man auf dieser Seite wieder aus Ungarn Weitere unterhaltende und interessante Nachrichten, obwohl von aͤlterm Datum, von Presburg, Oeden- burg, Esterhas und Ungarn uͤberhaupt, finden sich in v. R. Reisen durch einen Theil von Ungarn im J. 1763, die in den 9ten und 10. B. der Bernouilli- schen Samml. k. Reiseb. Jahrgang 1783. eingeruͤckt sind. Herausgeber. . Die Fuhrleute haben die Gewohnheit, den Pferden unterwegs von Zeit zu Zeit einen Wisch grobstenglich- tes Heu in einem Vocke vorzusetzen, sich aufs hoͤchste eine Viertelstunde aufzuhalten, und dann wieder davon zu ja- gen. Mir duͤnkt, daß diese Gewohnheit den Pferden mehr schade, als nuͤtze. Ich Ich war kaum in Wien angelangt, als mich der Daͤnische Hr. Gesandte zur Mittagstafel auf Morgen einladen lies. Den 12ten Mai. An diesem Sonntagsabend war, weil es ein schoͤner Tag war, halb Wien im Prater. Ganze Reihen von Karossen hielten hintereinander, so daß man oft nach 2. Schritten schon wieder stille halten muste. Wo man nur hinsah, saß eine Gesellschaft, und aß und trank. Manche hatten im aͤchten Geist der Wien er um 4. Uhr schon wieder eine ordentliche Mahlzeit, eine voͤllig servir- te Tafel. Es laufen immer Italiaͤner herum, die von langen Knackwuͤrsten jedem herabschneiden. Man baͤckt hier junge Huͤhner und Tauben, wenn ihre Knochen noch wie Sperlingsknochen sind, und ihr Fleisch noch gar kei- nen Bestand hat. Am Lusthause wechselten die Leute zu Tausenden ab, um der Aussicht willen. Nun ward doch der Wald auch gruͤn, und das Gebuͤsche schattig. Die Haͤuser der Aubergisten hier sind meistens grosse hoͤl- zerne Schoppen, sie machten aber wohl ein kleines Dorf aus, wenn sie alle beisammen stuͤnden. Heute versah der Daͤnische Gesandschaftspredi- ger den ersten lutherischen Offizier im Soldatenhospital mit dem heil. Abendmahl. Der Intendant des Hospi- tals lies ihm wissen, er habe besondern Befehl darzu vom Kaiser, und er stehe ihm fuͤr alle Insulte von den Katholicken. Es ging auch ganz ruhig ab. Vor einigen Jahren noch waͤre man, in den Vor- staͤdten besonders, todt geschlagen worden, wenn man nicht vor dem Venerabili gekniet haͤtte. Jetzt seit des des Kaisers Regierung Vom Kaiser glaubt das Volk in Boͤhmen durchgaͤn- gig, er sei lutherisch. Der Monarch lachte, als mans ihm erzaͤhlte. geht der Protestant mit ab- gezogenem Hute vorbei, und niemand darf ihm etwas sagen. Noch vor wenig Jahren ward die Frau eines Hannoͤverischen Gesandten, die einer Prozession in die Haͤnde fuhr, aus dem Wagen gerissen, zum Knien gezwungen, und einer kniete ihr auf die Fuͤsse, so daß sie recht auf den Boden kam. Der Hof muste freilich eine eklatante Satisfaktion geben, die Frau ward sehr geehrt, und bekannt gemacht, daß die abscheuliche That ohne das geringste Vorwissen des Hofs geschehen sei. Das 2te Stuͤck der woͤchentlichen Wahrheiten fuͤr und wider die Prediger machte noch mehr Ge- schrei. Es waren darin die herrlichsten Wahrheiten ge- gen die Anbetung der Mariaͤ gesagt. Der Kardinal Migazzi soll zweimahl Vorstellungen daruͤber beim Kai- ser gemacht haben, der Monarch gab aber zur Antwort: „Sie sollten sich nur in Acht nehmen, daß sie die Geis- „sel der Kritik nicht verdienten.“ Noch immer theilte einer dem andern Klopstocks Ode uͤber die Toleranz und den Pabst heimlich mit. Denn weil sie der Kaiser nicht gedruckt haben will, und sie doch wahrscheinlich gedruckt werden wird, so will kei- ner es wissen lassen, daß er sie hat. Der Inhalt ist in Klopstocks Geist. Man sagt — andre laͤugneten es aber — er habe 300. Dukaten dafuͤr vom Kaiser zum Geschenk bekommen. Bemer- Bemerkungen. Das Klima ist hier so, daß viele Krankheiten, wie die Aerzte versichern, leicht in Entzuͤndung uͤbergehen. Vom Staub, der hier die dicksten Wolken macht, und ein feiner ausgetrockneter Kalk und Sand ist, bekom- men viele Menschen, viele Fremde sonderlich, boͤse Augen. Bei manchem wird der Reiz so heftig, daß Eiter aus den Augen fließt. Den 13ten Mai. Ich brachte einige Morgenstunden mit der Revision des Manuskripts meiner in der Daͤni schen Gesand- schaftskapelle gehaltenen Predigt fuͤr die Druckerei zu. Hr. Kaufmann Wucherer hatte die Sache uͤbernom- men, und waͤhrend meiner Abwesenheit mit dem Buch- drucker von Schoͤnfeld akkordirt. — Man versicherte mir, daß ich hier unter Lutheranern und Katholiken mehr Leser und gute Freunde haͤtte, als ich kennen lernen koͤnn- te; es wurden mir auch verschiedene Stammbuͤcher ins Haus geschickt, oder hie und da, wo ich zuweilen hin- kam, angeboten, daß ich Leuten, deren Namen ich nicht behalten konnte, hinein schreiben mußte. Die Frau Graͤfin von Hohenheim aus Stuttgard hatte, wie mir Hr. von Stockmaier sagte, mein Buch von der Guͤte und Weisheit Gottes ꝛc. bei sich auf der Reise. Darauf be- sah ich das Naturalienkabinet des Braunschw. Gesandten, des Hrn. Baron von Vockels. — Es steckt zwischen einer einer ansehnlichen Bibliothek, in 4. Glasschraͤnken und vielen Schubladen ganz versteckt, ist den beiden Eheleu- ten wegen des Platzes sonderlich sehr verleidet, sie betrach- ten es mit verdrießlichen Augen als ein todtes Kapital, zumahl da er immer krank ist und 6-7. Kinder, meistens Toͤchter, hat. Es ist wahr, Hr. von Moll trieb als Partikulier die Liebhaberei zu weit. Von versteinerten Holz sind ganze Kasten voll da, und jedes Stuͤck ist ein, gar viele zweimahl angeschliffen. Stuͤcke von der Wurzel sind da, wobei der Schleifer allein zum Poliren 20-30. Pfund Schmirgel brauchte. Sind nun aber diese Brocken alle Achat, oder Holz, so kommen die schoͤnsten Farbenmi- schungen, meist dunkle und schwarzbraune vor, die man mit Worten nicht beschreiben kan. Meistens sind es austriaca, und man erstaunt, wenn man nur sieht, wie vielerlei um Wien herum ist. Der Katalog dazu er- klaͤrt die Nummern und die Buchstaben. In systema- tischer Ordnung ist es nicht, es liesse sich aber mit leichter Muͤhe darein bringen. Noch ein Kasten ist mit Ver- steinerungen von Muscheln, Zaͤhnen, Wirbeln ꝛc. an- gefuͤllt. In mancher Schublade soll freilich gar eine grosse Raritaͤt seyn, und auch der jetzige Besitzer verthei- digt die einfaͤltigen Namen, die man zum Theil diesen Koͤrpern gegeben hat. — Da muß man wohl an Lin- nee′ ’s herrlichen Ausspruch denken: Sapiens coarctet infructuosam scientiam. Ausserdem sind eine Menge Landcharten vorhan- den, sonderlich von Deutschland und von Ungarn. Der Katalog davon macht 44. Foliobaͤnde aus. Es sind aber auch alle Roͤmische Steine und Inschriften, die Zweiter Theil. O o der der Mann in der Gegend fand, darin abgezeichnet. Vie- le Charten sind nur mit der Feder gezeichnet. Auch die sind bemerkt, die noch zur Vollstaͤndigkeit der Sammlung fehlen. Der Sammler war in allen Dingen gar scien- tifisch und systematisch. — Und nun sagt seine eigene Tochter: „Sie fuͤrchte nur, ihr einziger Sohn moͤchte „einmahl an allen diesen Sachen Geschmack finden.“ Die Buͤcher verkauft ein Antiquarius einzeln in der Bu- de auf dem Markte. Eine Sammlung Konchylien trift man auch darin- nen an, worunter schoͤne und wohlkonservirte Stuͤcke sind. Ganz besonders schoͤn und reich aber ist die Samm- lung von Oesterreichischen Steinen, alle Arten von Marmor, Alabaster, Sandsteine, Kiesel, Granite und Porphyre. Es sind wohl uͤber 300. Spielarten allein von Marmor im Oesterreich ischen. Jede Sorte ist doppelt da, jede Schublade hat 2. Einsaͤtze, also 3. La- gen uͤber einander, die ovale Figur gefiel dem Manne besser als die viereckigte. Darunter kommen praͤchtige Stuͤcke vor, im Kaiserlichen Kabinet hat man diese Land- sammlung nicht so vollstaͤndig, und so schoͤn zubereitet. Eine grosse Vase aus Boͤhm ischen Puddingstone ist alles was man schoͤn heissen kan. Hr. Prediger Eckhof und ich assen Mittags beim Hrn. Baron von Vockel. In Gesellschaften ist er noch munter. Der Sohn ist ein feuriger offener Junge, das Gesicht der Toͤchter hat aber fast durchgaͤngig etwas Schiefes. Wir sprachen viel vom Pabst, den jetzigen Schriften, Einrichtungen der Kirchen, Unrechtmaͤssigkeit des Kniens beim Venerabili ꝛc. Bemer- Bemerkungen. Man nennte mir heute eine ganze Reihe Evangeli- scher Reichshofraͤthe und Residenten her, die seit we- nigen Jahren alle katholische Frauen genommen, und alle ihre Kinder katholisch werden lassen. Den 14ten Mai. Meine erste Beschaͤftigung fuͤr heute war, daß ich die Kaiserliche Sternwarte besah. Sie ist im Uni- versitaͤtshause, und noch von der verstorbenen Kais. M. Ther. unter Hr. P. Hell ’s Direktion erbaut worden. Hr. P. Hell ist ein gebohrner Ungar, aber seine Vaͤ- ter waren Deutschboͤhmen. So gros seine Wissen- schaft ist, so gros ist auch sein moralischer Karakter, grade, edel, simpel, offen, schon ein grauer, aber in sei- ner Wissenschaft noch thaͤtiger und muntrer Mann. Auch er erwartet mit Zittern die Reformen des Kaisers. Das Jahr, wo alles in statu quo bleiben sollte, ist bald zu Ende, er hat einen Adjunkt, und einen Bedien- ten, sonst aber gesteht er selber, daß die philosophischen Professoren uͤberhaͤuft sind. Fuͤr manche Wissenschaft ist ein deutscher und ein lateinischer, dabei aber kam es ihm doch fremd vor, daß der Kaiser alles auf Goͤtting ischen Fuß setzen, kleine Besoldungen geben, und den Studen- ten das Bezahlen der Kollegien aufbuͤrden will. Ich sah bei ihm a) Eine Mittagslinie, die er selbst gezogen hat, und die in einer beweglichen Schnur besteht. b) Einen sehr grossen Quadranten, von 9. Wien er Schuh im Radius, in Wien gemacht. Es ist eine O o 2 Stiege Stiege daran, und weil er oft gar lange observirt, so sind die Stuffen alle gar so eingerichtet, daß man sie zu Sitzen aufschlagen kan. Der Quadrant ist sehr wohl auf Minuten getheilt, auch kan man den Tubus da- ran so richten, daß man vertikal ausser dem Observa- torium hinaufsehen kan. c) Einen Stegmann schen Tubus, durch den ich das 2. Stunden von hier entfernte und nun aufgehobene Kamaldulenserkloster sehr klar und deutlich sah. d) Einen astronomischen Tubus, sehr hell. Man durfte nur an einer Kurbel darneben drehen, so ging die ganze Gegend vor dem Auge voruͤber. e) Eine Uhr von Graham aus London, an welche Hr. Hell aber ein neues zusammengesetztes Pendel an- bringen ließ. Sie steht so, daß er mit dieser Uhr an mehrern Orten zugleich beobachten kan. f) Die Oefnungen. Sie gehen durchs ganze Haus vom Keller an, so daß man auch hier die Sterne, wie an mehrern Orten, am hellen Tage sehen kan. g) Seine Observatoria, eins gegen Norden, eins gegen Suͤden. Er observirt die Sterne lieber am Tage, als in der Nacht, es sei viel sichrer. Er sieht die Sterne der 3ten und 4ten Groͤsse am hellen Tage. h) Einige Maschinen, grosse Magnetnadeln ꝛc. die der Kaiser aus Prinz Karls in Bruͤssel Verlassen- schaft hieher schenkte. Man hat zum Andenken an jede oben einen Schild mit einer Inschrift gemacht. Sonst wird nichts neues angeschaft, auch Mar. The- res. gab von 1756. an nichts mehr dazu her. i) Die Terrassen oben wurden immer durch das Re- genwetter verdorben. Die Kaͤlte zog den Kuͤtt zwi- schen den Steinen zusammen, von der Hitze sprang er wieder: wieder: damit lies Hr. Hell es endlich so einrichten, daß das Regenwasser ordentlich zwischen den Steinen auf ein kupfernes Dach hinablaufen kan, und nun sind die Terrassen immer trocken. k) Auf diesen Terrassen lies er 4. Kammern zum Ob- serviren bauen, in welche er geht, wenn ihm in den untern Observatorien durch 2. benachbarte Thuͤrme die Gelegenheit benommen wird. l) Eine schoͤne Camera obscura, wo er alle Parthien der Stadt auf einem grossen Tische vorbeigehen lassen kan. Man sieht sogar Wagen und Pferde und Menschen, aber erschrecklich weit weg, aus der Vor- stadt. Es war ein Ort in der Stadt, wo er auch Menschen sehen konnte, aber er ward ihm verbaut. Durch einen in der untern Etage angebrachten Spie- gel kan er ein Spiel auf dem Boden machen, als wenn sein Bedienter aus dem Boden stiege, die Uhr, Schnupftobacksdose ꝛc. herausnaͤhme, Komplimente mache, das thut der Kerl nehmlich unten wirklich. Darneben sind auch Einrichtungen zum Sonnenmi- kroskop. Bis zu P. Hells Wohnzimmer sind es 126. Stufen. Vom Wohnzimmer sind noch etliche 80. Stufen, uͤber- haupt etwa 230. ohne den Keller. Da hat der hiesige Wind eine solche Gewalt, daß er Adler und andre ange- brachte Figuren alle zerbrach. Eine praͤchtige Aussicht uͤber die Stadt nach Boͤhmen, Maͤhren, Ungarn, und auf die Donau, genießt man hier. Nicht weit davon liegt das alte Observatorium der Jesuiten, wo auch noch Instrumente sind; denn das neue hat die Kaiserin erbaut. Besser stuͤnde es freilich bei Belvedere, auf einem Huͤgel, und so waͤre aller Rauch und Staub der Stadt hinter dem Beobachter. O o 3 Von Von den metereologischen Anstalten in Carls- ruhe, Mannheim, Muͤnchen ꝛc. urtheilte er: die Herren verstuͤnden die ersten Grundsaͤtze nicht, der ganze Plan sei falsch, er habe keine Hand darin, und die hie- sige Akademie habe es auch auf sein gefaͤlltes Parere zu- ruͤckgeschickt. Er sagte: Man muͤßte a) dazu eigene Leute bestellen, wenn aus den Beobachtungen etwas Ge- wisses werden sollte. b) Bei Festsetzung der 3. Zeiten am Tage habe man gleich die Differenz der Meridiane, z. B. von Wien und Paris vergessen. c) Wer die Abweichung der Magnetnadel recht beobachten wollte, der muͤßte nicht nur 3mahl, sondern alle Stunden nach- sehen. So habe ers mit 2. andern Personen in Ward- hus gemacht, und haͤtte diese Beobachtungen, die noch ungedruckt bei ihm liegen, 3. Monate fortgesetzt. Da habe er auch gelernt, daß das maximum und mini- mum immer in Zeit von 30. Tagen falle, und daß also der Mond, wenn man von so kurzer Zeitbeobachtung Schluß machen duͤrfe, allerdings einen Einfluß habe. Wenn man aber nur 3mahl am Tage observiren, und nachher einen Cyclum festsetzen wolle, so werde man 80 — 100. Jahre vergeblich die Magnetnadel und das Barometer beobachten. d) Die Gleichheit in den Beobachtungen koͤnne auch deswegen nicht Statt haben, weil z. B. nach Ofen und Prag die Instrumente ver- dorben angekommen waͤren, also haͤtte man sie dort erst fuͤllen muͤssen. — Man sieht in diesem Hause, das uͤberhaupt ein sehr schoͤnes Gebaͤude ist, auch noch den Statuͤen saal, das Zimmer, wo nach der Natur gezeichnet wird, die phy- sikalischen Zuruͤstungen und dergl. Nachdem Nachdem ich diesen grossen Astronomen verlassen hatte, sah ich einer Kaiserlichen Lehnsreichung zu. Der Probst von Berchtoldsgaden sollte die Lehen em- pfangen. Ein Domherr von St. Stephan, ein Herr von Hinkel empfing sie fuͤr ihn. In der Burgstrasse muß der lange Zug der Kutschen halten, der Lehnempfaͤn- ger muß dort aussteigen, und in einem bekannten Hause warten, bis ihm der Kaiser sagen laͤßt, daß er kommen soll. Im Belehnungssaale sieht man des Kaisers Thron, und zu beiden Seiten Tribunen fuͤr die Zuschauer. Die Zuschauer und die Noble Gardisten sammeln sich, end- lich kommen auch die Ministers des Kaisers, hernach stellt sich die deutsche Noble Garde in der Staatsuniform mit blossen Hellebarden oder Spiessen rings im Zimmer herum. Der Kaiser kam aus seinem Zimmer Er hatte die gruͤne Dragoneruniform und weisseidne Struͤmpfe an. , einer trug ihm das blosse Schwerdt vor, nun kam der Dom- herr, ganz in einen schwarzen Mantel gehuͤllt, herein, bei der 2ten Kniebeugung hob der Kaiser den Hut, der Lehnsempfaͤnger kniete an die unterste Stuffe des Throns, und hielt seine Rede, die der Reichshofrathsvizepraͤsident beantwortete; darauf stieg er hoͤher herauf, kniete auf der ersten Stufe des Throns, las den langen Eid ab, und der Reichshofrathsvizepraͤsident las in einer Abschrift nach. Der Kaiser gab den Hut so lange weg, als er schwor, lies ihn nachher das blosse Schwerdt am Griffe kuͤssen, worauf er wieder unten eine Danksagung hielt, und hinter sich hinausging. Der Kaiser stand mit vieler Majestaͤt auf, zog den Hut ab, wendete sich dabei be- sonders gegen den Herzog von Wuͤrtemberg und seine Graͤfin, und ging hinaus. O o 4 Bei Bei dieser feierlichen Handlung suchte mich der Ku- pferstecher Hr. Loͤschenkohl auf, und ich mußte mit ihm nach Hause gehen, damit er mich zeichnen konnte. Ein junger Kuͤnstler voll Erfindungskraft und Genie, der schon sehr viel gestochen, und noch mehr gezeichnet hat, aber uͤbrigens ein Bonvivant, wie alle Kuͤnstler, ist. Ich sah bei ihm folgende Zeichnung: Ein Greis sitzt im Augarten und weint, mit der Inschrift: „Ach, bald „werd’ ich die Bluͤten und das Gruͤne nicht mehr sehen! „Guter Gott! verzeih es mir, wenn ich weine, dann „ Joseph macht die Welt erst schoͤn“. Dieses Stuͤck machte, daß der Kaiser selber gut von dem Kuͤnstler sprach. Aus meinem Buche: von der G. und W. Gottes hat er die Stelle in der Einleitung vom Regen- wurm, abgebildet. Ein Juͤngling haͤlt einen Wurm in der Hand, und stuͤtzt sich auf einen Stein, in welchem meine Stelle eingegraben ist. Er nahm erst meine Silhouette in einer dunkeln Kammer mit Licht, hatte das Papier auf einen Rahmen aufgenagelt, der so aus- geschnitten ist, daß er dem, dessen Silhouette man haben will, auf der Schulter aufsitzt. Nachher mußte ich neben ihm sitzen, damit er das Gesicht vollends zeichnen konnte. Der Grosfuͤrst und die ganze Wuͤrtemberg ische Familie, als sie hier war, sind ihm gesessen Auch der Pabst. Herausgeber. . Abends sah ich noch eins von den herrlichen Feuer- werken, die man nur in Wien sehen kan. Der Ita- liaͤner Mellina gab es, es ward durch Schuͤsse von Vier- telstunde zu Viertelstunde angekuͤndigt, hatte 6. verschie- dene Fronten, viel buntes Feuer, und verrieth viel Er- findungs- findungsgeist. Jede Fronte bestand aus 4, einige aus 6. Stuͤcken, auch waren 2. nur Ein Stuͤck. So wie eine Fronte abgebrannt ist, werden die Maschinen herab- geworfen, und verloͤschen vollends auf dem Boden. Kaum war wieder nur an wenigen Orten angezuͤndet, so machen die Direkteurs ein Geschrei, und im Augenblicke steht wieder alles im Feuer. Ein Garten mit Terrassen, Saͤulen und zuletzt ein grosses Hauptgebaͤude mit den Seitengebaͤuden gefiel mir am besten. Oft rauschte das Brennen zusammen wie Meerwasser rauscht. Oft meint man, man hoͤre sieden und kochen. Oft sieht man durch Oefnungen hinein, und erblickt Feuermaschinen, eine hinter der andern. Oft schiessen die verschiedenen Stuͤcke in einer Fronte gegen einander, und entzuͤnden sich oft von neuem ganz, wenn sie schon wie abgebrannt scheinen. Zwischen den verschiedenen Fronten fuͤllen romanische Lich- ter, grosse Raketen, die endlich noch mehrere Dutzende von Sternen auswerfen, die Zeit aus. Es waren wohl gegen 4000. Menschen da. Bis es Nacht ist, geht und speist man im Prater, und die Janitscharenmusik amu- sirt das Publikum. Bemerkungen. Am Sonntage wird hier um Mittag im Univer- sitaͤtshause den Handwerksleuten, Lehrpurschen ꝛc. Mechanik gelehrt. In der Woche laͤßt man ihnen keine Zeit dazu; am Sonntage besteht ihr ganzer Gottesdienst in der Fruͤhmesse, daher kommen wirklich immer noch viele ins Kollegium. O o 5 Den Den 15ten Mai. Auf Veranstaltung des Hrn. Meusels von Nuͤrn- berg, der an Tuͤrkische Kaufleute Glas, Messingwaa- ren und dergl. verhandelt, und dafuͤr Tobackspfeisen- koͤpfe ꝛc. von ihnen nimmt, ging ich heute fruͤh mit ihm und Hrn. Hartmann zu einem gewissen Molla Mam- muth, der schon viele Jahre hier ist, an der Bastei wohnt, und bei dem viele andre Tuͤrken einkehren. Wir fanden sie auf ihren Teppichen und Sophas an der Wand rings herum, einen halben Schuh uͤber dem Boden sitzen, die Fuͤsse ganz zu sich und unter sich gezogen, wie kleine Kinder gern sitzen. Da schlafen sie in Pelzen, da beten sie, und haben auch dabei eine Art von Rosenkranz in der Hand, da essen sie, und, wenn es ein Schmaus seyn soll, so haben sie einen ledernen Tisch, den sie dadurch ausspannen, daß ihn jeder an sich anknuͤpft. Man gab uns auch solche Polster, doch leg- ten wir 2. auf einander, damit wir als Europaͤer sitzen konnten. — Aber es sieht grade so aus, wie das Sod des Ebraͤers, und der Devan des Sultans beschrie- ben wird. Alles ist sehr reinlich. Ein tuͤrkischer Knabe brachte uns koͤstlichen Kaffee ohne Milch mit Zucker, und Tobak, tuͤrkische Blaͤtter, fein geschnitten, in Koͤpfen von rothem Bolus, aber schoͤn vergoldet, mit Roͤhren, laͤnger als mein Stock, oben mit einem hornenen Mund- stuͤck, das zum Festhalten fuͤr die Lippen beinahe zu dick ist, doch gewohnte ich es bald. Wir sahen auch das Schreib- zeug, das sie im Orient immer bei sich haben, inwen- dig sind einige Federn aus Rohr, die Dinte ist in einem Schwamm, und aussen haͤngt eine kleine Schreibtafel daran. — Grade wie’s der Prophet anfuͤhrt. (s. Mi- chaelis chaelis Ebraͤische Antiq.) Molla Mammuth schenk- te mir eine tuͤrkische Feder, eine Teute voll tuͤrkischen To- bak, und versprach mir einen rothen und vergoldeten Kopf nachzuschicken Auch hier fordert man fuͤr einen unbeschlagenen To- bakspfeifenkopf 6 — 8. Gulden. Die Duͤrken ver- kaufen sie nicht einzeln, sondern 100 — 1000 weise. Der ehrliche Muselmann hielt auch nach einigen Ta- gen sein Wort. Auch verehrte mir Hr. Meusel einen weissen, leichten, ganz reinen, zum angenehmen An- benken. . Nachdem ich den Tuͤrken verlassen hatte, besah ich das herrliche Kaiserliche Muͤnzkabinet. Es steht in der Burg neben dem Naturalienkabinet. Der Aufseher uͤber die aͤltern Muͤnzen war nicht da, es war mir aber lieber, die neuern zu besehen. Ich machte dabei folgende Be- merkungen: 1) Aeltere goldene Kaiserliche und Oesterreichische Muͤnzen gibts nicht, als von Friedrich III. 2) So gibts auch keine aͤltern silbernen Thaler, als von Maximilian I. 3) Vor der Entdeckung von Amerika waren alle Muͤn- zen gar klein, aber gleich nachher wurden alle groͤsser. 4) Sie liegen hier alle in Schraͤnken mit Schubladen in viereckigte Faͤcher abgetheilt, nach der Chronologie, nach Gelstl. Fuͤrst, Kaiser, Fuͤrsten, Staͤdte ꝛc. Unter jeder liegt auf einer viereckigten Charte eine Ab- schrift von ihren beiden Inschriften, und die Bemer- kung ihres Werths, meist nach Dukaten. 5) Man 5) Man hat auch einen Katalog von allen vorhandenen Muͤnzen nach den Inschriften, wobei Lochner, Koͤhler, und andre Buͤcher, worinnen die Muͤnze beschrieben und abgebildet ist, angefuͤhrt sind. 6) Von Lothringischen Herzogl. Muͤnzen ist die ganze Suite da. Kaiser Franz I. lies sie nachpraͤgen. 7) Auch sind von Louis XV. alle in Gold da. — Die Nation schlug eine goldene Muͤnze darauf, daß der Koͤnig einmahl auf der Jagd war Verglichen mit S. 192. des 1sten Theils. Herausgeber. . 8) Von Ludwig XIV. sind sie auch alle da, aber nur von Silber. 9) Noch seltener sind die aus Schlesien und 10) aus Siebenbuͤrgen. — Was aber aus Ungarn und Siebenbuͤrgen vor dem Hause Oesterreich in der Welt ist, das sind keine Medaillen, sondern lau- ter Muͤnzen. 11) Eine goldene, die Michael Woda, Fuͤrst in der Wallachei, geschlagen hat. 12) Von Modena, Savoyen und andern italiaͤni- schen Fuͤrsten. 13) Goldene Muͤnzen der Reichsstaͤdte nach dem Alphabet. 14) Sehr grosse goldene Medaillen, von 50 — 100. Dukaten, als z. B. a) Eine von Sigismund III. Koͤnig in Pohlen, auf die Einnahme von Smolens- ko, wiegt 313. Dukaten. b) Eine von Christian V. von Daͤnnemark, auf die 3. gegen die Schweden gewonnene Schlachten. Die Schiffe sind auf der Kehrseite herrlich in Basrelief gearbeitet. Wiegt 377. Dukaten. 15) Eine 15) Eine Suite von Dukaten von Florenz, als Stadt und Land noch eine Republik waren. Es ist immer einerlei Stempel, nur durfte der jedesmalige Praͤsi- dent vom Muͤnzamt sein Wappen oben an die Seite darzu schlagen. 16) Kleine silberne Muͤnzen, Gulden und Thaler; als a) von Karl dem Grossen an bis auf den jetzigen Kaiser. b) Von Karl dem Grossen sind 10. Stuͤ- cke da, ein Stempel wie der andere, nur immer eine besondere Stadt dabei. 17) Eine Sammlung von nachgemachten Muͤnzen, von Kaiser August an bis auf Karl VI. gut zum Unterricht. 18) Muͤnzen vom grossen Mogul. — Unter diesen sind 12. Stuͤcke, welche die Bilder des Thierkreises vorstellen, vom Jahr 1610, 1612 ꝛc. 19) Tartarische Muͤnzen. — Man kan nicht erra- then, was darauf steht. 20) Muͤnzen von den arabischen Koͤnigen in Spanien. 21) Chinesische. Sie schlagen keine andere als kupfer- ne. In der Mitte ist ein Loch, dadurch reihen sie sie an Schnuͤre auf. 22) Larini. — So heissen Muͤnzen von Silber ge- schlagen in Lar, einer Hauptstadt in Persien. Sie sehen aus wie eine kleine Zuckerklemme. 23) Japanische, theils noch viereckigt, theils oval. 24) Siamische — sehr grotesk. 25) Muͤnzen von Pondichery, dort nur kurrent; von Europaͤern geschlagen. 26) Viri illustres, eine starke Sammlung. Die ku- pfernen lies Franz I. nachgiessen, und hernach aus- arbeiten. 27) Die 27) Die Muͤnze Non exoratus exorior ist hier, gros wie ein Konventionsthaler: sie steht beschrieben und abgebildet in Lochners Sammlung merkwuͤrdiger Medaillen. Th. V. p. 217. und in Koͤhlers Muͤnz- belustigungen T. XIX. p. 65. In Hr. von Schoͤnfelds Druckerei Die katholischen Setzer haben, wenn man ihnen auch ein richtig geschriebenes Mspt. in die Haͤnde gibt, doch die allerfehlerhafteste Orthographie im Kopfe. Ich korrigirte den ersten Bogen meiner Predigt, der von Fehlern wimmelte, und es sollte doch nur die letzte Revision seyn. brachte ich einen Theil des uͤbrigen Tages zu. Er hat hier und in Prag 13. Pressen. Die Verleger gestehen doch selber, daß manches Schriftchen ganz erbaͤrmlich sei, aber jeder hat das Privilegium, sie bezahlens, und das Wien er Publikum liest und verdaut auch alles. Bemerkungen. Hier kan Niemand etwas anfangen, der nicht ein starkes Kapital in Haͤnden hat. Eine Barbierstube in einer Vorstadt kan 4000 — in der Stadt selber 8 — 10000. Gulden kosten. Allein die Freiheit mit Kaͤse zu handeln, kommt auf 3000. Gulden zu stehen. Aber freilich ist Wien auch der Ort, wo ein auf diese Art an- gelegtes Kapital grosse Zinsen traͤgt. Gebettelt wird hier sehr stark, besonders in den Vorstaͤdten, im Prater und im Augarten, und weil man keine kleinere Silbermuͤnze hat, als 1. Groschen, und keine kleinere Kupfermuͤnze als 1. Kreuzer, und so viele viele vornehme Leute hier sind, die kein Kupfer bei sich tragen; so ist das Betteln, wie man aus Erfahrung weis, ein gutes und eintraͤgliches Handwerk. Mancher bet- telt bald des Tags 2 — 3. Gulden zusammen. Auf die Stube kamen viele zu mir, die im Staat bettelten, vacirende Kanzelisten, Sekretaͤrs, ein Baron v. Gries- heim aus Anspach, Leute, die ehemals beim Grafen Hodiz in Roswalde in Schlesien in Diensten waren. Einige gaben vor, sie wollten wieder ins Reich reisen, andre wollten mich in Berlin gesehen haben ꝛc. Unter der verstorbenen Kaiserin war zwischen der Stadt und den Vorstaͤdten eine sehr beschwerliche Sperr. Wer nach den festgesetzten Stunden zu Fuß kam, mußte 1. Kreuzer, und der im Fiakre fuͤr sich, den Kerl und jedes Pferd 3. Kreuzer bezahlen. Das hinderte die Ge- meinschaft zwischen der Stadt und den Vorstaͤdten, son- derlich mit den Arbeitsleuten. Es soll nach Abzug der Beamten etwa jaͤhrlich 80000. Gulden eingetragen ha- ben. Der jetzige Kaiser hobs auf; man mußte immer lange am Thore warten. Den 16ten Mai. Nachdem wir kaum einige Tage Waͤrme gehabt hat- ten, windete und stuͤrmte es heute schon wieder; die Vorbereitung der Natur zum Regenwetter war schon wie- der mit Kaͤlte verbunden. Hr. Loͤschenkohl zeichnete mich heute vollends aus, und bemerkte dabei, daß es ein Fehler sei, wenn die Maler allen Koͤpfen einerlei Ohr zeichnen. Es sei ein grosser Unterschied in der Hoͤhe, Tiefe, Breite und Weite der Muschel. Jeder Mensch habe auch hier seine eigene eigene Bauart. Er schenkte mir auch einen wohlgetrof- fenen Abdruck vom Pabst. Hr. Dr. Rebsaamen besuchte mich drauf. Ein sehr aufgeklaͤrter Katholik, und Mitglied von der Gesell- schaft, welche die woͤchentliche Wahrheiten fuͤr die Prediger ꝛc. ꝛc. schreibt. Er hat auf den Pabst aller- lei Sinngedichte gemacht, die vielleicht einmahl werden gedruckt werden. Ich machte auch heute dem Hrn. Reichshofrath und Grafen von der Lippe meine Aufwartung. Ein uͤber- aus gnaͤdiger und gefaͤlliger Herr. Er ist reformirt, geht aber immer in die Lutherische Kirche, und kollektirt nun zu einem reformirten Bethause. Seine Gemahlin ist auf dem Lande erzogen, liebt die grossen Staͤdte nicht, hat einen sanften Karakter, kraͤnkelt aber an der Em- pfindsamkeit, beklagte noch sehr den Tod ihrer Tochter, weinte fast, als sie von Rousseau sprach, verehrt sehr seine Schriften ꝛc. Heute ward ein grosser Staatsrath bei Hofe gehalten, ob die woͤchentlichen Wahrheiten fuͤr die Prediger ꝛc. fortgehen sollten oder nicht, weil der hiesige Kardinal Migazzi gewaltige Vorstellungen dagegen machte, und seine Geistliche dagegen predigen lies. Er lief aber so ab, daß der Kaiser deklarirte, das Gutachten seiner ver- nuͤnftigsten Theologen gehe dahin, daß durch dies Blatt mehr Gutes gestiftet werde, als wenn man noch 6. Pro- fessores Theologiae aufstellte. Also gehen sie fort, und bei dem reissenden Abgang hier erhoͤhte der Verleger den Preis von 4. auf 10. Kreuzer fuͤrs Stuͤck. Im heu- tigen 3ten Stuͤck ward meine Predigt rezensirt, gut, aber aber so wie’s moͤglich gewesen war, sie vom blossen Zu- hoͤren zu fassen. Die Titelnarrheit kan in keiner Stadt weiter ge- hen, als hier. Ueber Tische beklagte es ein vornehmer Mann recht ernstlich, daß er gestern Einem, der doch nur Gnaͤdiger Herr sei, die Excellenz gegeben. — Und daruͤber entstand ein langer Diskurs, wie er in aller Welt dazu gekommen sei. Man hat hier einen greulichen Laͤrmen mit den Na- menstagen. Da muß gratulirt werden. Die Be- dientin werden herum geschickt, die Haussekretaͤre ver- saͤumen nicht, dem Verwandten vom Hause an solchen Tagen im Staat aufzuwarten. Die Laternen, womit Wien erleuchtet wird, thun auch in der Stadt, bei den engen Strassen keine sonder- liche Wirkung. Und erst seit einiger Zeit sind es runde aus Einem Stuͤck; die viereckigten und zusammengesetz- ten that man in die Vorstaͤdte. Die Taxen, die hier auf der Reichskanzlei beim Taxamt fuͤr Standeserhoͤhungen entrichtet werden muͤssen, sind ungeheuer, oft 2000. Gulden auf einmahl. Der Churfuͤrst von Maynz kan die ganze Reichskanzlei da- mit eralten. Man redet hier von 80. Millionen Gulden Ein- kuͤnfte, die der Kaiser haben soll. Ofener Wein, Boͤhm isches Glas, und andre Dinge, die im Lande gemacht werden, kosten hier in der Stadt, wegen der Mauth, Tranksteuer, und an- dern schweren Auflagen mehr, als sie ausser Land kosten. z. E. der Eimer Ofener Wein kan im Ankauf 6. Gul- den, und mit Mauth und Transport auf der Achse 13. Zweiter Theil. P p Gulden Gulden kosten. Ein kleines Boͤhmisches Kelchglas zum Tockaier wein kostet hier 17. Kreuzer. Man hatte dem h. Nepomuk auf den Bruͤcken jetzt wieder eine gruͤne Huͤtte von Zweigen gemacht. Vor dieser kniet das blinde Volk nieder und betet an! — Den 17ten Mai. Auch heute war die Witterung wieder so kalt und unfreundlich, daß die Wiener selbst uͤber Katarrhe klagten. Heute besah ich das Naturalienkabinet der Uni- versitaͤt. Es steht im Jesuiterkollegium, im zweiten Stock da, wo ehemals physikalische Experimente gemacht wurden. Hr. Prof. Well, ein guter Freund von Hrn. Dr. Conradi aus Oedenburg, hat es rangirt, und die Aufsicht daruͤber. Er ist eigentlich hier der erste Prof. Hist. Natur. vorher war er ein Apotheker, er hat es aber durch seinen Fleis weit gebracht. Er liest hier oben an grossen, schoͤnen, offenen Plaͤtzen, hat ein eigenes Sommer- und ein eigenes Winterauditorium, und hohlt dabei die Sachen aus den Schraͤnken vor. Die Natura- lien sind in blauangestrichenen mit vergoldeten Leisten ge- zierten Glasschraͤnken aufbewahrt, die in einer doppelten Reihe den langen Saal ganz huͤbsch hinablaufen. Hin- ten und vorn liegen Mineralien. Die Ordnung ist meist Lehmann isch. Jedes Metall ist meist von der lockern Erde da, bis zuletzt einige Praeparata kommen, als Regulus, Minium etc. Die Thiere sind vierfuͤssige und Voͤgel ausge- stop f t auch in Glaskaͤsten an der Wand. Von den er- stern sind nicht viele da, meist Glires und Mustelae. Die Die Voͤgel halten sich freilich, weil sie mit Arsenik aus- gestopft sind. Es sind sehr viele aus allen Ordnungen da, denn die Schraͤnke sind gewaltig hoch, breit, mit vielen Absaͤtzen, aber meist inlaͤndische. Der in Schoͤn- brunn abgelebte Kasuar war hier, ferner viele Am- phibien in Weingeist: diese waren vorher in der Bilder- kammer, oft waren 3 — 4. beisammen in Einem Glase. Well mußte das alles auseinander lesen, rangiren ꝛc. Auch von Fischen und Molluscis viele in Glaͤsern. — Ein ziemlich grosses Aster. Caput Medusae, trocken. Die Insekten hinter Glasplatten, stehen da wo er liest, noch wenig. Konchylien sind da in 16. Pyramiden, die zwischen und hinter den Kasten stehen, angebracht. Darunter ist nichts besonders. Aus dem Pflanzenreich nichts, als einige Semi- na, wieder in Pyramiden. Vieles in der Sammlung ist Eigenthum des Hrn. Well. Er hat alle diese Stuͤcke mit einem aufgedruckten W. gezeichnet. Alle Edelsteine sind sein; sie stehen im Winterauditorium. Versteinerungen beurtheilte er richtig, und hat davon fuͤr die Liebhaber eine kleine Pyramide angefuͤllt. Um Schaustuͤcke ists ihm auch nicht zu thun, son- dern mehr um eine instruktive Sammlung; doch fand ich hier folgende Merkwuͤrdigkeiten: 1) Krystallisirtes durchsichtiges Rothguͤldenerz von Ste. Marie aux mines. 2) Ein Stuͤck Kalkspat, an dem man gar deutlich se- hen kan, daß die Natur die Spate aus Lamellen zu- sammensetzt, denn man kan, wiewohl er hart ist, doch die einzelnen Blaͤttchen unterscheiden. P p 2 3) Kalk- 3) Kalkspat, auf welchem kleiner glaͤnzender Selenit uͤbergesprungen ist. Solche Stuͤcke brausen daher nicht gleich, wenn gleich Acidum darauf gegossen wird. Laͤßt man sie aber eine Zeit lang darin liegen, so verrathen sie doch ihre wahre Natur. Der Name Selenit sei recht gut, denn man kenne den Gyps immer an einem gewissen sanften Glanz. 4) Ein Stuͤck Gyps, das sich in den Tyrol-Hall ischen Salzroͤhren angelegt hat; sehr dick, Kruste uͤber Kruste, man sollte es fuͤr Kalk halten; aber die Pro- be bewies den Gyps, und das bestaͤtigt in meinen Au- gen die Bergmaͤnnische Regel: daß man da wo Gyps liegt, fast allemahl Salz erwarten kan. 5) Gestrikter Gyps, oder Gypsum reticulatum, gar sein. 6) Eine greulich grosse und breite Platte heller Gyps aus Ungarn. 7) Molybdaena aus Ungarn, Maͤhren und Boͤh- men. — Er hat sie bei den fetten Steinen liegen. 8) Rosenkraͤnze aus Sal Gemmae, Kisten aus Gagat, eine Mutter Gottes mit dem Kinde im Kleinen ꝛc. 9) Vulkanische Produkte aus Neapel, zwei Pyra- midenvoll. 10) Roher Labradorstein, der doch an einer Stelle schon ganz artig glaͤnzt. 11) Ein Crotalus horridus, der nur 6. Ringe hat. Sie scheinen also mit den Jahren zu wachsen. — Darneben auch ein Crotalus mutus, der am Schwanze nur einen schwarzen Fleck hat. 12) In den 8. Schraͤnken voll ausgestopfter Thiere ist auch ein Geschoͤpf, das aussieht wie Siren lacerti- na L. es hat aber 4. Fuͤsse, ganz hinten auch wieder 2. 13) Testu- 13) Testudo Midas L. indem sie aus dem weissen Ei herausschluͤpft, auch mit dem Kopfe zuerst. 14) Ein ganz schwarzer Salamander und kein Was- sersalamander, sondern er wurde oben auf dem Schnee- berge bei Wien gefangen. Und sein Schwanz ist nicht zusammengedruͤckt, sondern cauda teres. 15) Eine Boa Scytale mit einem Ei von ihr, oval, wie eine recht grosse Ringlotte. — Und in diesem kleinen Raume brachte die Natur das grosse Thier in seiner Jugend an! Im Arrangement der Thiere sind noch hier und da kleine Unordnungen, die dem fleissigen Manne entwischt sind, und freilich ist Mineralogie und Cheinie sein Hauptfach. Man erzaͤhlte mir hin und wieder viel Laͤcherliches von Hisgerto, den ich in Paris kennen lernte S. S. 76. des 1ten Theils dieser Reisen. Herausgeber. , und der seither auch hier war, z. B. er wuͤnschte, daß Baron Vockels Steine alle viereckigt waͤren, damit er sie wie Fliessen an den Fenstern seines Kabinets brauchen koͤnn- te. In so vielen Jahren auf Reisen sollte er doch das Spanische Wesen abgelegt hben. Er ging nach Un- garn bis zu den Bergwerken, weil er aber einen ver- haßten Pfaffen, der sich hier an ihn addreissirte, mit- nahm, so zeigte man ihm dort nichts. Bemerkungen. Man sagt hier laut in allen Gesellschaften, wo vom Reiten die Rede ist, daß der Kaiser sehr krumm und P p 3 gebuͤckt gebuͤckt zu Pferde sitze, er sei von jeher so geritten, habe es nicht anders lernen wollen Auf den neuen Kaiserlichen Dukaten steht ein ziemlich getroffenes Brustbild des Kaisers. . Wenn man das Gloͤckchen, welches das Venerabile ankuͤndigt, aus der tiefen Strasse herauf hoͤrt, so knien die Bedienten im 4ten Stock, ohne daß sie etwas sehen koͤnnen, bei ihrer Arbeit eine Minute nieder, machen das Kreuz und schlagen an ihre Brust. Viele Liebhaber tapezieren hier ihre Zimmer nicht mit Tapeten, sondern mit lauter grossen und kleinen Ku- pferstichen hinter Glas, mit goldenen Rahmen, von un- ten an bis oben auf. Dann setzen sich oft Damen und Kinder dazu, und kopiren die Stuͤcke. Jetzt hatte man die kleinen Monatrettiche, die bisher noch selten gewesen waren, im groͤßten Ueberfluß. Ausserordentlich gros ist doch die Thorheit, Hunde zu halten, nicht in dieser Stadt. Den 13ten Mai. Heute erhielt ich einen Befuch von 2. Ungar ischen Kandidaten, Hrn. Heinrich und Hrn. Hagen. Un- sre Unterredung fiel auch auf den jetzigen Zustand der protestantischen Kirche in diesem Lande. Die armen Evangelischen haben zwar das Toleranzedikt, aber ehe die sogenannte Freiheit vom Kaiser koͤmmt, duͤrfen sie doch an die Errichtung eines Bethauses nicht denken. — Der Kaiser darf in Ungarn nicht so befehlen, wie im Oesterreich ischen, er muß immer die Landstaͤnde hoͤren. — Auch gehen noch viele Sachen desto langsamer, weil Er sich sich noch nicht hat kroͤnen lassen. — Die Krone ist in Presburg, und das ist die Kroͤnungsstadt, aber man spricht davon, als wenn er sich in Ofen wollte kroͤnen lassen. Mar. Ther. ward in Presburg gekroͤnt. Der liebe Hr. Hummel aus Presburg besuchte mich auch heute. Er kam hieher auf die Messe, um einzukaufen. Mittags und einen grossen Theil des heutigen Tages war ich bei Hrn. Wucherer. Bemerkungen. Die Lungensucht ist hier eine gewoͤhnliche Krank- heit, wegen der hohen Treppen, und der grossen Entfer- nung, in welcher einer von dem andern wohnt. Beson- ders sterben Peruquiers und Barbiers meistentheils sehr jung. Auch junge Aerzte, die gleich viel Praxis bekom- men, und doch nicht Roß und Wagen halten koͤnnen, werden selten alt. Wenn einer hier zuweilen 4. Kranke hat, so koͤmmt er Abends muͤde und abgemattet nach Hause. Ich hatte 108. Staffeln bis zu meinem Zim- mer zu steigen. Die Groͤsse der Sterblichkeit in dieser Stadt sieht man auch aus der woͤchentlichen Todtenliste, die der Zeitung beigedruckt wird. Gar oft kommen Studenten und andre junge Leute darin vor. Immer hoͤhrte man von Auktionen der den aufgeho- benen Kloͤstern zustaͤndig gewesenen Gebaͤude, Aecker, Wiesen, Muͤhlen ꝛc. Man hat hier die Gewohnheit, jedes neue Buch und jeden gedruckten Wisch durch ein eigenes Oktav- oder P p 4 Quart- Quartblatt mit einer kurzen Rezension anzuzeigen, und alle diese Blaͤtter werden jedesmahl der Wiener Zeitung beigelegt. Jetzt war es allemahl ein dickes Paket, und meistens noch Sachen uͤber den Pabst. Auch Gemaͤlde, Kupferstiche, Auktionen werden auf diese Art angezeigt. Wenn Portraits gestochen werden, so hat man immer die Rahmen in Menge schon abgedruckt. Selten wird ein neuer gemacht. Dann druckt ein andrer unten in den leeren Raum von einem schmalen Kupferblaͤttlein den Namen ein, und der dritte nimmt erst den Ecusson, und setzt ihn in die Mitte und druckt es so ab. Heute war der Spargelmarkt ganz unermeßlich. Man ging zwischen 2. Reihen von Haufen lang hin. Zwei Gulden kostete, was vor 8. Tagen 12—15. Gul- den galt. Auch Maͤnner gehen hier auf den Markt. Den 19ten Mai. Ein elender Pfingstsonntag war das heute. — Regen, Kaͤlte, Wind, Koth, daß man nirgends hin- gehen mochte. Am Morgen fruͤh sah ich, daß es an meinen Fenstern herab schneite und hornigelte. Gar viele Leute hatten hier schon die Krankheit, die in Europa herumzog. Man bekam Schnupfen, Husten, Kopfweh, verlor den Appetit, ward matt in allen Gliedern, und war den ganzen Tag schlaͤfrig. Wer um der Messe willen aus dem Reich kam, Mann oder Frau, jung oder alt, ward unfehlbar angegriffen. Vie- le, die schon viele Jahre in Wien sind, und schon vor 5. Jahren das Fieber gehabt haben, koͤnnen es nicht ganz los werden, und brauchen seither Arzneien dagegen. Der Der betruͤbten und ungesunden Witterung ungeach- tet fuhren ganze Familien nach den Landhaͤusern, wo man gestern die Fresserei bestellt hatte. In Wien ist es Sitte am Pfingstsonntage, sei es uͤbrigens Wetter, wie es wolle, seidene Kleider an- zuziehen, wie ich auch heute sah, trotz der Witterung. Mittags aß ich bei Hrn. Wucherer, weil ich fuͤr Kirling, Nußdorf, Prater und Augarten bei dem Wetter herzlich dankte. Heute sagte Jemand zu mir: Ich kaͤme also, wenn ich nun diese Woche abreiste, grade recht nach Venedig zur Feierlichkeit auf den Himmelfahrtstag. — So wenig wissen die Leute nur das Aeusserliche ihrer Religion! So leben sie in den Tag hinein, und bekuͤmmern sich nicht um Wahrheit, Festtage, Zeitordnung im Leben ꝛc. Durum genus hominum, quod acres morum castigatores expetit! Non illis sensus communis, non externa sacrorum reverentia, non sapien- tiae honor, non scientiae gloria inter illos ha- betur. Qui plurimum gulae indulget, is opti- mus, is sodalis. is amicus. Est si quem tan- quam eruditum suspiciunt, quasi rarum quod- dam, ab exteris oris allatum, et quod abhor- reat a communi hominum sorte, adspiciunt, cum illo rara consuetudo. Quare et eruditi vi- ri, qui inter illos nati sunt, si non peregrinas terras adierunt, vix habent, in quo excellant, deficiente stimulo, deficiente existimatione pu- blica. Baccho et Cereri libant cives, non Apol- lini et Musis. Seculum fere adhuc decurret, donec in literarum studio, ardore et ingenio, quos ubivis imitantur, Berolinenses longe adse- P p 5 cuti cuti fuerint. Diffunditur etiam stolidi aliquid, et serpit stupiditas ex Romanensium Ecclesia, inter nostrates, quo sit, ut instituta. vel opti- ma, fere semper inficiantur. Bemerkungen. Das Allmosen in der Daͤn ischen Kirche ist an ei- nem gemeinen Sonntage 5—5½. Gulden; als ich pre- digte, fielen 17. Gulden. Da zehren aber viele Arme davon, und die Kirchenbediente bekommen auch jede Woche ihr Gewisses davon. Jeder Brief muß hier bis an die Grenze nahe oder weit, mit 6. Kreuzer bezahlt werden, und kan nicht wei- ter frankirt werden. Und jeder Brief im Lande kostet 4. Kreuzer, er gehe 2. Stunden, oder bis ins Temes- warer Bannat. So eine hoͤlzerne Huͤtte, oder Stand, dergleichen die Kraͤmer zeilenweise auf dem Markte, sonderlich auf dem Graben haben, kostet den ganzen Markt durch nicht mehr als 60. Kreuzer. Aber Gewoͤlbe sind kaum noch zu haben, man muß sie fast ein halbes Jahr vorher be- stellen, und also auch so lange kostbar bezahlen. Die Logis sind hier in manchen Haͤusern erbaͤrm- lich. Angebaͤude, Winkel, Erker ꝛc. sind unzaͤhlich. Beim Abtritte ist oft aus Mangel des Platzes eine grosse Unflaͤterei. Die wenigsten Kaufleute wohnen da, wo sie ihr Gewoͤlbe haben. Es gibt Staatsstuben, die kaum helle sind, kalt, unfreundlich ꝛc. Auf mancher engen Wendeltreppe begreift man kaum, wie die Leute ihre Meublen hinauf und herabbringen koͤnnen, weil 2. Menschen einander kaum ausweichen koͤnnen. Aber die Sessel- Sesseltraͤger tragen beim bestaͤndigen Wechsel der Woh- nungen alles wohin man will. Auch hier weis man- cher, an dessen Thuͤre man klingelt, gar oft nicht, was sonst fuͤr Leute um ihn herum leben und wohnen. Den 20sten Mai. Auch der Pfingstmontag war nicht viel schoͤner. Gegen Abend schien das Wetter kaum etwas besser zu werden, so kam wieder ein solcher entsetzlicher Sturm mit Wind und Schlagregen vermischt, daß alle Fenster zit- terten. Aber die meisten Wiener merken nicht, daß ei- ne Witterung von der Art dem Fremden ausserordentlich auffallen muß. Denn sie sind den Anblick der schoͤnen ruhigen Natur gar nicht gewohnt. Die schoͤnsten Mor- gen werden verschlafen, und die Abende verspielt. Son- ne, Mond und Sterne sieht man an vielen Orten gewis nie. Denn auch noch im 5ten Stock sind vor jedem Fen- ster Gitter von Eisen, und auch an den Dachfenstern sind sie, weil oft noch oben ganze Familien mit kleinen Kindern wohnen. Diese hindern zwar das Ausfallen, aber auch die Aussicht. Man ist uͤberall wie ein Gefan- gener. Keine Gebaͤude sind geraͤumiger, weiter, heller, als die, so ehemahls den Jesuiten, oder andern Geistli- chen gehoͤrten. Sie meinten, sie duͤrften getrost fuͤr die Ewigkeit bauen, ihres Reichs wuͤrde kein Ende seyn Heute urtheilte einer ganz bedeutend von des Kaisers Einrichtungen, daß das weiter nichts sei als eine Abwechslung in der Welt mehr, er meinte, es koͤnne uͤber Nacht wieder anders kommen. — Das ist die Sprache der Leute, die im Laufe der Welt die Vorse- hung Gottes gar nicht gelten lassen, und weiter nichts als . Heute Heute machte ich Bekanntschaft mit dem Hausarzt des Hrn. von Stockmaier, dem Dr. Schreiber, der sich schon einen tuͤchtigen Bauch an seiner Patienten Ta- fel gegessen und gewis in vielen Jahren kein Buch mehr angesehen hat; ein Mann, der nach seiner langen Routi- ne fortschreibt. Aber ganz ein andrer Mann ist der Leib- chirurgus des Herzogs von Wuͤrtemberg. Hr. Klein. Der Herzog gab ihm 5000. Gulden, — denn er selbst hatte nichts — davon studirte er in Strasburg, Pa- ris, Havre de Grace und London; Er war 7. Jahr auf Reisen, und kam nachher noch mit dem Herzoge an manchen Ort hin. Preis und Ehre dem Fuͤrsten, der das Genie pflegt, und die Wissenschaften foͤrdert! Schimpf und Schande dem geizigen Regenten, dem der stumpfe Kopf wie der mittelmaͤssige, und der halbgute wie der vorzuͤgliche ist, der gleich erschrickt, wenn er von dem Vermoͤgen des Landes wieder zum Besten seiner Buͤrger herausgeben soll. Es sind wenigstens 600. Doktores Medic. hier. Ueber alle diese ist Baron von Stoͤrk Praͤsident. Aber die Fakultaͤt haͤlt keine woͤchentliche oder monatliche Zusammenkuͤnfte; daher koͤmmts, daß hier in Praxi die allerwidersprechendsten Grundsaͤtze herr- schen. Bemerkungen. Die Ausgelassenheit der Wiener Damen geht so weit, daß heute eine bei der Tafel vom Stuhle fiel, weil sie sich von den benachbarten Chapeatur so sehr kuͤtzeln lies. Der Ton der hiesigen Damen im Reden ist meistens schreiend, strudlend und unverstaͤndlich. Hier als die Launen und Kapricen der Menschen darin er- kennen. Hier ist es Mode, bei Tisch eine Schuͤssel suͤsse Pomeranzen in Schnirte geschnitten, aufzustellen. Man streut wahrscheinlich schon in der Kuͤche Zucker daruͤber, damit er zergangen sei, wenn man sie ißt. Den 21sten Mai. Mit Hrn. von Stockmaier fuhr ich heute zuerst auf die Reichskanzlei zum Hrn. Baron von Lassolaye; einem Manne, der ganz schwarzbraͤunlicht aussieht, als wenn er wenigstens ein Mulatte waͤre. Von dort zum Hrn. Hofrath und Archivarius Schmidt, der ein kurzer, dicker, untersetzter Mann ist, aber nichts Wien erisches, sondern von Reichslaͤnder Art in seinem Wesen hat. — Er sagte: er finde hier aller- dings sehr viel zu seiner Geschichte, er habe einen ganz neuen Faden gefunden, daher werde es langsam gehen, es sei uͤber die vorraͤthigen Aktenstuͤcke gar kein Reperto- rium da. Es koͤnnten wohl noch 4-6. Baͤnde werden. Im Archiv zu Maynz muͤsse auch noch viel liegen, man gebe sich wirklich Muͤhe, manches von dorther gegen einen Revers zu entlehnen, aber man werde nichts hergeben. Ab- schreiben lassen oder Exzerpiren sei ein unsichrer Weg, al- so moͤge einmahl Einer dort Supplemente zu seiner Ge- schichte herausgeben. — Das Archiv liegt in starken Gewoͤlbern, (die wir nur von aussen zu sehen bekamen) in einem Theil der Burg; oben sind die Arbeitszimmer, dem Komoͤdienhause sehr nahe, daher der Kaiser immer meint, es sei zu viel Feuersgefahr dabei. Von dort fuhr ich zum Hrn. Baron von Leykamm, um Abschied zu nehmen. Heute Heute war um 7, 8. Uhr so herrliches Wetter, daß mancher schon uͤber Hitze klagte, und ehe es Mittag ward, war es so stuͤrmisch, kalt und unfreundlich, als wenn wir im November lebten. Gestern schneite es in Schoͤn- brunn recht ernstlich. Bemerkungen. Von Wittingau in Boͤhmen wurden heute an die hiesigen Aerzte 6. abscheulich grosse Steine geschickt, die der dortige verstorbene Posthalter in der Blase hatte. Kein Prof. Anat. und kein Doktor an einem Hospital wird leicht so grosse gesehen haben. Sie waren groͤsser und dicker als die staͤrkste Mandel mit ihrem wolligen Ue- berzug und fuͤllten ein ganzes Schaͤchtelchen aus. Der Mann muß erschreckliche Schmerzen ausgestanden haben. Den 22sten Mai. Der heutige Tag ging mit Packen, Abschiednehmen und Anschicken zu Abreise hin. Indessen sprach ich doch noch die Herren Denis, Mastaller und von Me- chel an der Tafel des Hrn. von Stockmaiers. De- nis erschrack uͤber Maepherson’s neue Ausgabe. We- gen der vielen Veraͤnderungen haͤlt er nun selber den Text fuͤr unrichtig. Er arbeitet auch an einer neuen Ausgabe seiner Uebersetzung, aber sie wird viele Muͤhe kosten. Mastalier ist Professor der Aesthetik, und ein muntrer Mann, klagt aber, daß man hier zu Lande auf das Fach gar nicht Ruͤcksicht nehme. Die Oesterreich ischen Stu- denten bekuͤmmern sich um diese Wissenschaft gar nicht. Er disputirte uͤber Tisch daruͤber, daß das Wort be- traͤchtlich gar nicht gut sei, Adelung und andre haͤttens auch auch nicht, man muͤsse immer ansehnlich dafuͤr sagen. „Stehen wir auf,“ sagte endlich Hr. von Mechel, als der Streit lebhaft ward, „sonst verlieren wir noch die „halbe deutsche Sprache.“ Rautenstrauch ist von diesen beiden Maͤnnern ver- achtet. Er schreibt, sagen sie, 14. Kreuzerbrochuͤren. Die Frau von Stockmaier gab uns zuletzt, weil heute Quatember war, noch eine Mahlzeit von Fastenspeisen. Abends ward die Reise mit Hrn. Reichsreferenda- rius von Leykamm Sohn verabredet. Man zeigte heute ein aktenmaͤssiges Verzeichnis aller Kloͤster in den Oesterreich ischen Landen, so wie sie zur Zeit der Reformation waren; da war die Zahl der Pfaffen, der Weiter, der Beischlaͤferinnen, der Kinder, der alten und der neuen Einkuͤnfte angegeben. Den 23sten Mai. Reise nach Wienerischneustadt. Der erste fuͤr mich interessante Ort, auf dem ich zu- kam, nachdem ich Wien verlassen hatte, war Wiene- rischneustadt, 2. Stationen von Wien. Ehe man dahin kommt, sieht man Theresienfeld, ein schoͤnes Dorf, im Hollaͤnd ischen Geschmack von lauter einstoͤcki- gen Haͤusern. Oben und unten liegen an jedem Hause eingefaßte Gaͤrten. So ist es eine lange Reihe von Haͤu- sern zu beiden Seiten, doch wohnet niemand als Bau- ern da. Neustadt selber ist alt, hat Vorstaͤdte und viel Nah- rung wegen der starken Passage nach Wien. Ich mach- te gleich einen Besuch beim Hrn. Hauptmann v. Born, der der hier Aufseher bei der Militaͤrschule und ein Bruder des Wiener ist. Nie sahen 2. Bruͤder einander so aͤhn- lich, als diese beiden. Er hat starke Familie, und wohnt deswegen nicht in der Akademie selbst. Den 24sten Mai. brachte ich damit zu, daß ich die hiesige Kaiserl. Militaͤr- akademie besah. Es ist ein altes Kaiserl. Schloß an der Seite dazu bestimmt. Um 5. Uhr muß der Hauptmann, der die Auf- sicht hat, in der Akademie seyn. Wir sahen zuerst im Park, wie die aͤltesten Eleven zu Pferde manoeuvrirten. Der Rittmeister lies sie sich einigemahl schwenken. Man haͤlt deswegen 60. Pferde bei der Akademie, welche einige alte Dragoner warten muͤssen. Von der 10ten Klasse an lernen sie reiten. Es ist auch ein hoͤlzernes Pferd da, an welchen man ihnen die vornehmsten Fehler eines Pferdes zeigt. Ferner ler- nen sie daran, ein Pferd im Kriege aufzupacken, Heu zu spinnen und es in Netze zu packen. Im Artilleriesaal stehen die Kriegsmaschinen alle im Kleinen, auch ist ein eigner Saal mit Maschinen zur buͤrgerlichen Baukunst angefuͤllt. Auch ein Badhaus ist angelegt, worin die jungen Leute in Schwimmkleidern schwimmen lernen. Man laͤßt nach dem Thermometer warmes und kaltes Wasser hinein, bis die Juͤnglinge endlich ins voͤllig kalte Was- ser kommen. Sie baden daher mitten im Winter, man waͤrmt die Nebenzimmer zum Anziehen, es sind alle- mahl Aufseher dabei. Gele- Gelegenheit zum Voltigiren und Fechten ist nicht weniger vorhanden. Im Tanzsaal haͤngen die Musterbilder aller Kaiserl. Regimenter, damit sie sich diese nach und nach imprimiren. Im Park haͤngt an jedem Baum sein Name, da- mit sie auch das zum Fouragiren lernen, auch die ver- schiedenen Getreidearten werden darin gebaut. Sie werfen auch Schanzen darin auf; es sind Distanzen da, das Augen- maas zu schaͤrfen, zum Laufen ꝛc. In diesem Garten hat der General, der Obrist, und noch mehrere Herren wieder ihre eigenen Gaͤrten. Es sind auch noch eigene Bad- und Schwimmhaͤuser darin, man wuͤrde kaum in einem Tage alle die verschiedenen Sachen besehen koͤnnen. Im Haͤuse selber sind in der Lehrstube, in den Schlaf- kammern ꝛc. alle Waͤnde durchaus gruͤn, und alle Klassen uͤberall hell, bequem, schoͤn. Man putzte eben in den Schlafsaͤaͤlen wieder auf, und darin wird alle 2. Stun- den mit Essig geraͤuchert. Es sind sehr gute Feueranstalten im Hause. Der General laͤßt oft zur Uebung blinden Feuerlaͤrm machen. Der erste, der mit der Feuerspritze auf seinem Posten er- scheint, bekoͤmmt eine Belohnung, der letzte, wenns Nachlaͤssigkeit ist, 25. Pruͤgel. Man hat die herrenhuth ischen Oefen vor kurzem eingefuͤhrt. Das Wasser wird durch Roͤhren im ganzen Hause herumgefuͤhrt; sie waschen sich an gemeinschaftlichen Plaͤ- tzen, wo Haͤhne an den Roͤhren sind. Alle Kammerbecken und alle Stiefeln werden durch eine eigene Maschine zur Erleichterung der Bedien- ten herabgelassen, und wieder hinaufgezogen. Zweiter Theil. Q q Im Im ganzen Hause haͤngen runde Glaslampen, wo- ein man das Oel auf den Boden gießt, der Tocht schwimmt auf einem blechernen Dreifus, diese machen sehr helle. Auch ist eine eigene Kirche da; die kleinern gehen oben, die groͤssern unten hinein. In dieser Kirche sind schoͤne alte gemahlte Fenster. Die Leute essen des Tags 7. Speisen, fast zuviel! Ihr Fruͤhstuͤck und Abendbrod ist ein Viertel von Ei- nem Laibbrod fuͤr jeden. Wer seinen Wein nicht trinkt, dem wird er am Sonnabend bezahlt. Im Speisesaal haͤngen eine Menge Generale an den Waͤnden abgebil- det, zur Ermunterung! In jeder Klasse der obern Schulen steht ein billard, damit sie sich im Winter vergnuͤgen koͤnnen. Im Hause tragen die Eleven die leinenen Kittel, welche die ganze Armee hat, sonst haben sie eine asch- graue Montur. Man inokulirt die Juͤngern jetzt im Hause selber. In der Stadt ist eine Apotheke fuͤr die Akademie, aber im Hause selber ist noch eine kleine fuͤr den Nothfall, und alle chirurgische Instrumente. Im Rangirsaal ist das ganze Kaiserliche Haus abgemahlt. Man hat viele Famulirbuben, die trommeln, pfei- fen, frisiren muͤssen, auch diese werden unterrichtet, und werden hernach meistens Unteroffiziere. Kein Unteroffizier darf hier den Kadets im Ge- ringsten etwas befehlen, oder nur einwenden. Sie wer- den alle Faͤhndriche, Lieutenants ꝛc. Man sagt auch zu allen Sie, zu den Kleinsten wie zu den Groͤsten. Wer Wer heraus will, darf es nur sagen, er kan es gleich, es ist gar kein Zwang, auch der Offizier, wenn er weg will, kan wieder zu seinem Regimente. Es sind meist Kinder von Landstaͤnden und Offizieren aus allen Kaiserlichen Landen, Ungarn ausgenommen. Es sind 400. Eleven darin, und das Personale er- streckt sich bis auf 200. Mann. Das Etablissement kostet 140000. Gulden, und die- ses Geld koͤmmt vom Kaiser und von den Landstaͤnden zusammen. Meine Reisegesellschaft war indessen von Wien ge- kommen, und ich hatte Gelegenheit zur Bemerkung, daß der Wiener auch auf dem Lande frißt. Fuͤr 5. Per- sonen ward ein Mittagessen auf 12. bestellt, und ob sie gleich wußten, daß man das und jenes auf dem Lande nicht gut haben koͤnne, so wards doch gefordert, und als man nimmer essen konnte, doch mit Geschrei verlangt, es auf den Tisch zu setzen, und das Frauenzimmer ergrif die Gelegenheit, dem Wirthe grobe Spoͤttereien zu sagen. Der 24sten — 28ste Mai gingen mit der Reise nach Trieste hin. Man rechnet 122. Stunden dahin. Der Weg ist meistens bergicht und steinicht, und geht durch Stei- ermark und Krain, ist aber uͤberall gemachte Chaussee’, und faͤllt zuletzt in die neue Strasse, die der Kaiser zum Behuf der Transportwagen von Trieste anlegen lassen. Q q 2 Graͤtz Graͤtz ist ein grosser und volkreicher Ort, treibt star- ken Handel, und liegt lang ausgedehnt. In der Mit- te der Stadt liegt ein Berg, und auf demselben eine starke Bergfestung. Den ganzen 26sten Mai fuhren wir von Burg aus, an der Muhr hin, die ein wuͤstes, schleimichtes Wasser ist. Steiermark hat fast lauter Tannenwaͤlder, und sieht an gar vielen Orten aus, wie die Schweiz oder wie Tyrol. Eine Menge Holzfuhren begegnen einem uͤberall, und von den Gebuͤrgen wehen scharfe Winde herab. Ein Korps Truppen marschirte eben wieder aus dem Lager nach Obersteier, daher bekamen wir an 2. Orten kein Nachtlager, weil alles schon fuͤr die Offiziers bestellt war. Den 27sten bemerkte ich um 9. Uhr am heitern Himmel gegen Mittag zu, ungemein viele lange, sehr zarte Streifen, nur in einer Gegend. Auch hier feiern die katholischen Bauern den Sonn- tag schlecht. Sie fuͤhrten Heu, und liefen Abends mit gekauften Sachen aus den Staͤdten zuruͤck. In die schoͤnsten Blumenreichsten Wiesen pflanzen sie Baͤume, Gestraͤuche, Buschwerk ꝛc. Auch hier zu Lande gehen die Weibspersonen we- gen der Winde nicht anders aus, als mit stark verbun- denem Kopf. In Krain sind die Leute meistens Wenden und re- den auch eine abscheuliche Sprache. Selten kan das gemeine Volk deutsch. Der Kaiser laͤßt nun die Jugend darin unterrichten. Viele Viele Kuckucke hoͤrt man uͤberall im Lande rufen. Dieser Vogel ist in Deutschland so haͤufig, und doch ist seine Nat. Gesch. noch dunkel. Man trift uͤberall auf dem Felde grosse hoͤlzerne Geruͤste an, auf welchen die Bauern Erbsen, Linsen ꝛc. trocknen sollen. In einem schlechten Wendischen Wirthshause muste ich den Koch machen und eine Milchsuppe kochen, die Milch war aber koͤstlich. Wir hatten etlichemahl wegen der schrecklichen Ber- ge Vorspann von Ochsen, sie zogen aber gar sicher. Laybach scheint unter den vielen Landstaͤdten eine der unansehnlichsten zu seyn. Das weibliche Geschlecht ist hier recht sehr heßlich und kleidet sich noch heßlicher. Die Mannspersonen tra- gen alle schlechtes braunes Tuch. Wir sollten einmahl Thee, den wir uns gekocht hat- ten, von flachen Tellern trinken, da nahmen wir doch lie- ber Schoppenglaͤser dazu. Gluͤckseliges Land, wo Kaf- feetassen noch unbekannt sind! Ein gar praͤchtiger Anblick ists, wenn man vom Berge herab das stille blaue Meer zum erstenmahle er- blickt! An der Grenze Deutschlands, nicht weit vom Ufer Italiens! — Trieste. Ich logirte im sogenannten grossen Wirthshause, in eben dem, worin Abt Winkel- mann ermordet ward. Meine Fenster gingen aufs Meer hin, und ich konnte den herrlichen Anblick, den ich bald nicht mehr haben werde, nicht genug geniessen. Auf dem Ruhebette sah ich das Meer, und die untergehende Sonne vor mir. Q q 3 Ich Ich machte gleich ein Paar Besuche, den ersten bei den Kaufleuten, den Hrrn. Wagnern, zweien Bruͤdern, an die ich vom Bar. Fries ischen Comtoir aus Wien em- pfohlen war. Die guten Leute waren sehr dienstfertig und bestellten mir gleich noch selbigen Abend einen Platz auf einem Schiffe. Den andern bei Hrn. Trapp von Speier, der hier schon lange etablirt ist. Die Stadt ist hie und da bergicht, an andern Or- ten aber eben und tief, und wird jetzt immer groͤsser, denn man baut viele neue Haͤuser, weil der Zusammen- fluß der Fremden immer staͤrker wird. Man sieht auch hier alle moͤgliche Nationen, sehr viele haben ihre Got- tesdienstliche Haͤuser hier, Griechen, Unirte und nicht Unirte, Illyrier, Armenier ꝛc. Und obwohl nur 9. Evangelische Familien hier ansaͤssig sind; so hat ihnen der Kaiser doch erlaubt, eine Kirche zu bauen, wozu man wirklich allerwegen kollektirt: aber von Schweden kam eine ganz abschlaͤgliche Ant- wort zuruͤck. Hr. Pastor Fischer von Reutlingen hat das Schreiben fuͤr die Kollekte gemacht. Bei der hiesi- gen Kirchenverfassung hat ausser dem Vorsteher noch je- des einzelne Mitglied seine Stimme, die Aufsaͤtze werden herumgeschickt, man aͤndert darin, und am Ende des Sonntaͤglichen Gottesdienstes werden die Angelegenheiten vorgenommen. Bemerkungen. Auch hier nimmt die Schwelgerei gewaltig uͤber- hand. Die Reichslaͤnder, die sich hierher gewendet ha- ben, unterscheiden sich noch. Bewun- Bewundernswuͤrdig sind die grossen Festungswer- ke, die man in das Meer hinein gebaut hat. Man faͤhrt dahin spatzieren. Den 28. 29. 30sten Mai. Reise nach Venedig. Ich ging noch den 28sten Abends um 9. Uhr mit Padron Spolar unter Segel und brachte 1. Tag und 2. Naͤchte auf der Reise zu. Sonst ist’s eine kurze Ue- berfahrt, die man bei recht gutem Winde in 8. Stunden machen kan. Aber wir hatten fast gar keinen, und oft noch widrigen Wind. Die Barken werden schrecklich beladen, und haben nur Schiffskammern und keine Kajuͤte. Weil’s nun in jenen zum Ersticken warm war, und es mir unbegreiflich blieb, wie so viele Menschen die dicke, stinkende Luft aus- halten konnten, so lies ich mir aufm Verdeck im freiem Schiffsgange meine Matratze hinlegen, der Sternenhim- mel war mein Dach, und der grosse Baͤr oder der Wa- gen stand gerade uͤber mir, und erinnerte mich an die praͤchtige Stelle im Hiob, und so schlief ich Tag und Nacht ungemein suͤsse auf die Ermuͤdungen der bisherigen Reise. Ebbe und Fluth ist in diesem Meere sehr regelmaͤssig und sehr stark. Einmahl hatten wir eine voͤllige Wind- stille, (Calmaria); wer da nicht schlafen kan, stirbt fast vor Langerweile. Ein Zug Sardellen ging einmahl am Schiffe vor- bei, man hat sie auch in Venedig in ungeheurer Menge. Q q 4 Die Die Italiaͤner auf dem Schiffe vertreiben sich da- mit die Zeit, daß einer nach dem andern anfaͤngt, eine Rede uͤber einen laͤcherlichen Gegenstand zu halten, es fließt ihnen vom Munde, alles schweigt gleich, und end- lich beschließt ein allgemeines Gelaͤchter die Rede. Den 30sten weckte mich der Donner der Kanonen in Venedig, fruͤh um 4. Uhr aus dem Schlafe. Er kuͤndigte den Frohnleichnamstag an. Praͤchtiger An- blick, wenn der Tag kaum grauet, im stillen Meere vor sich das Italiaͤn ische Ufer, und die Thurmspitzen ei- ner der beruͤhmtesten Staͤdte zu sehen! Die Segel wurden bald eingenommen, und die Bar- ke legte sich vor Anker. Es kam ein Langboot mit ei- nem Soldaten von der Stadt, das holte den Patron und die Passagiere nach dem Sanitaͤtsamte ab, und da wurden wir nur der Zahl nach eingeschrieben und gar nicht ausgefragt. Der Kapitaͤn muß dem Amte und dem Soldaten etwas zahlen. Drauf fuhren wir wieder zur Barke zuruͤck, ich nahm meine Sachen darein, und fuhr nun wieder nach der Stadt zur Sgra. Maria Hut- lingerin al Ponte della Panada, einer Triest erin, die gleichsam das Wirthshaus der Deutschen haͤlt, und deutsch spricht. Diese Fahrt nach dem Sanitaͤtsamt geht grade durch den schoͤnsten Theil der Stadt, uͤber das Meer, da wo’s am breitsten ist, durch eine Menge Schiffe im Hafen, und zwischen den praͤchtigen rothen Galeeren, welche die Stadt da liegen hat, nach dem Matkusplatze hin, denn darneben ist das Sanitaͤtsamt. Der Patron und die Passagiere wollen eine Messe hoͤren, und so kam ich gleich in die Markuskirche, aber fuͤr diesmal nur im Vorbei- gehen. gehen. Doch wunderte ich mich, daß ich in dieser Kir- che alle Augenblicke angebettelt wurde. Ich ging heute noch zu Hrn. Wagner, einem Freun- de von denen in Trieste. Ich lernte in ihm einen Mann kennen, der nicht blos Kaufmann ist, sondern viel gele- sen und studirt hat, sonderlich die Erziehung seiner Kin- der, (nicht hier, sondern in Augspurg, wo er her und Patricius ist,) mit vielen Kosten besorgt, und wirklich seinen Sohn von Erlang nach Lautern schickte. Er ließ sich sonst oft Hofmeister vom Hrn. Prof. Freylingshau- sen aus Halle schicken, aber viele wurden, wie er sagte, in kurzer Zeit Welsch! Man wird der Schiffe und des Meers hier so ge- wohnt, daß einem Wasser wie Land, und Land wie Wasser vorkoͤmmt. Eine Menge kleiner Inseln im Meer, die bald groͤsser bald kleiner sind, gab wohl An- laß zur Erbauung dieser Stadt. Doch macht die Anla- ge dem Menschenverstande allemahl Ehre. Amsterdam ist nur an das Meer, Venedig aber mitten ins Meer gebaut. Von der Hoͤhe des Markus thurms soll man die vielen Inseln recht gut uͤbersehen koͤnnen. Bemerkungen. Die Gondeln muͤssen alle schwarz seyn, damit nicht auch hier der Luxus in Ausschweifungen wetteifere. Sie sehen aber wirklich finster und traurig aus, und alles ist schwarz daran, schwarze Huͤtten darauf, schwarze Bre- ter, schwarze Kuͤssen, schwarze Vorhaͤnge ꝛc. Sie sind 30. Schuh lang, schmal, und schiessen schnell uͤber das Wasser hin. Auf jeder sind 2. Gondoliers gemeiniglich in weissen Kitteln. Man akkordirt mit ihnen nach der Q q 5 Entfer- Entfernung des Orts, sonst muß man bezahlen, was sie fordern Haͤndel mit den Gondoliers zu bekommen, ist eine gefaͤhrliche Sache. Kein Nobile legt sich darzwischen, weil sein Ansehen da nichts gilt. Sie stossen einem das Ruder auf die Brust und stuͤrzen den Fremden ins Wasser; daher man vorher wohl mit ihnen akkordi- ten muß. . An einigen Orten stinkt allerdings das Wasser in den Kanaͤlen, auch zuweilen bei der Ebbe abscheulich, und sieht haͤßlich aus. Das ist aber nur da, wo die Leute Markt halten, und wo immer viel hineingeworfen wird. Sonst bewahrt die bestaͤndige Bewegung das Wasser vor der Faͤulung. Die Hitze ist bis Abends um 5. Uhr sehr gros, dann weht ein so kuͤhler Wind von der See her, daß man sich im Sommerkleide erkaͤlten kan. Man hatte hier jetzt Erdbeeren im Ueberfluß, und auch Kirschen alle Tage mehr. Man verkaufte auch schon bluͤhende Nelken oder Grasblumen in Menge, desgleichen Brockelerbsen, die man auf den Tisch brachte. Doch versicherte man mir, daß die Waͤrme auch erst seit etlichen Tagen so gros sei, auch hier war das Fruͤhjahr unfreundlich gewesen. Im Winter schneiet es nicht nur hier, sondern es ge- friert oft auch so, daß man uͤber den Kanal auf das Land laufen kan. Und die daͤnischen, schwedischen und andre Schiffer versichern, daß ihnen die hiesige Kaͤl- te viel empfindlicher sei, vielleicht weil der Koͤrper um Mittag doch mehr geoͤfnet wird. Viele Venetianer, aber bei weitem nicht alle, gehen nicht anders aus, als mit einem weissen fliegenden Mantel Mantel uͤber das Kleid. Den traͤgt auch der Schneider und der Schuster. Viele haben darunter einen Degen. Zu einem schwarzen Kleide steht der Mantel schoͤn, im Gehen macht er auch immer etwas Wind gegen die Hitze. Masken sieht man um diese Zeit gar keine, wiewohl ganze Laͤden voll davon da sind. Die Nobili gehen schwarz mit Maͤnteln und greulich belockten Alongeperuͤ- cken, wenn sie in der Kirche, oder im Senat sind. Viele lassen sich ihre eigene Haare in viele hundert Locken legen, und unten 2. Zipfel daran machen. Ueberhaupt traͤgt man hier mehr Peruͤcken, als ich in dem heissen Lande vermuthete. Die Kleidung der vornehmen und mittelmaͤssigen Venetianerinnen gefaͤllt mir recht wohl. Ueber jedes Kleid werfen sie ein Stuͤck schwarzes seidenes Zeug, das sehr lang ist, und huͤllen den Kopf und die Haͤnde damit ein. Viele tragen auch immer einen schwarzseidenen Ueberrock. Wenn der neu, schoͤn schwarz und glaͤnzend ist, so sieht es gewiß schoͤn aus. Sie sind gleich angezogen, und so gehen sie Abends noch in die Kirche, so sitzen sie in der Gondel ꝛc. Den 31sten Mai. Heute machte ich verschiedene Besuche, und zwar zuerst wieder bei Hrn. Wagner, der mir Zechinen oder vene- tianische Dukaten fuͤr hollaͤndische gab. Die Vene- tianer praͤgen das Geld nicht, sie schlagen es nur. Im Handel und Wandel gehen keine andre Dukaten, als ihre. Die Kaufleute wechseln sie ein, waͤgen nicht Eine ein- zeln, sondern Dutzendweise mit einander, und sehen dann, was am Gewichte fehlt. Sie geben sie auch nicht wieder wieder aus, sondern schicken sie in die Muͤnze, wo sie andres Geld dafuͤr bekommen, und wo die Dukaten alle eingeschmolzen werden. Dann bei Hrn. Reck und Laminith, auch deutsche, ge- faͤllige, hoͤfliche Leute, die hier ein ansehnliches Comtoir haben. Ich hatte Addresse vom Baron Fries schen Hause in Wien an sie. Im Herrmann schen. Der Mann, der so hies, ist zwar todt, aber seine Erben fuͤhren bis auf eine ge- wisse Zeit die Handlung noch unter diesem Namen fort. Ich war ebenfalls vom Baron Fries schen Comtoir em- pfohlen. Der jetzige Principal ist ein Mann, der sich sehr fuͤr die Veraͤnderungen, die der Kaiser macht, in- teressirt. Vom Pabst sagen die Leute auch hier: C’est un Prince d’italie. Bei Sgr. David Foscati , an den ich vom Hrn. von Mechel einen Empfehlungsbrief hatte. Ich traf ihn nicht an, die Leute im Hause sprachen alle nichts als italiaͤnisch, ich nur franzoͤsisch oder deutsch, das war ein laͤcherlicher Auftritt. — Endlich fuͤhrte mich doch eine Tochter die Treppe hinauf zu einem Geistlichen aus Muͤn- chen, nun sprachen wir deutsch, und er machte den Interprete. Nachmittage schickte Sgr. Foscati gleich seinen Sohn mit Vermelden, daß er mich morgen ab- hohlen wollte. Nach der Hitze ging ich auf den Markusplatz. — In der That ein herrlicher Anblick! Er ist erstaunend lang und breit, und ringsum mit bedeckten Hallen, Bou- tiken und Kaffeehaͤusern eingefaßt. Tuͤrken und alle Nationen wimmeln hier unter einander. Je kuͤhler und spaͤter es wird, desto mehr sammeln sich die Menschen. Alle Alle moͤgliche Waaren werden feil geboten, und zum Theil ausgeschrien. Man spuͤrt keinen Staub, alles ist wohl gepflastert und mit den schoͤnsten Steinen belegt, oben auf der einen Seite steht ein hohes Gebaͤude, an wel- chem die herrlichsten Platten von blauem Schmelzwerk, aus dem Alterthume noch vortreflich erhalten, befindlich sind. In der Mitte des blauen mit goldenen Sternen besaͤeten Feldes steht der vergoldete Loͤwe, der das Evan- gelium haͤlt, und weiter unten die Bildsaͤule des h. Mar- kus selbst. Aufgerichtete Obelisken mit goldenen Knoͤ- pfen sieht man hier auch. Die Gebaͤude sind alle alt, gothisch, schwarzgrau, aber ihre Hoͤhe, Breite, Groͤsse und das Massive daran erweckt gleich die Idee des Gros- sen. Auf der einen Seite zieht sich der Platz nach dem Meere hin, und man hoͤrt gern zuweilen das Kanoni- ren der Schiffe, wenn sie ankommen, oder weggehen. Keine Stadt in der Welt hat so viele Bruͤcken, als Venedig. Dadurch hat man die vielen kleinen Inseln mit einander verbunden. Sie sind sehr hoch, und er- muͤdeten mich immer sehr. Oft geht der Weg uͤber 3, 4. gerade hintereinander. Die schoͤnste ist freilich Il Ponte Rialto. — Rialto heißt eine ganze Ge- gend der Stadt. Auf dieser Bruͤcke, die freilich aus einem Einzigen ganz vortreflichen Bogen uͤber Einen der breitesten Kanaͤle besteht, stehen viele Boutiken. Es gehen auch 3. grosse Treppen hinauf, darneben ist ein gewoͤlbter Platz, der den Kaufleuten zur Boͤrse dient, wo sie gegen 12. Uhr nach deutscher Uhr sich einfinden. Der Bogen ist so gros, daß ich 5. Gondeln auf der einen, und 6. auf der andern Seite unter ihm liegen sah, und es war doch noch Platz genug fuͤr die durchfahrenden Gondeln. Bemer- Bemerkungen. Venedig wird des Nachts mit Lampen erleuchtet, aber es sind deren viel zu wenig, hin und wieder haͤngt eine. In den engen Gaͤßchen ist es stockfinster. Das Volk hat Nachts alle Freiheit. Man hoͤrt singende Gesellschaften, die abscheulich boͤlken, und so in der Stadt herumlaufen. Es sind Gondoliers, Packer, Lasttraͤger ꝛc. Ueberall hoͤrt man Musik, alle moͤgliche Instrumente. Es sollte morgen in einer Kirche, nicht weit von mir, Kirchweihe seyn, da fingen sie schon Abends um 9. Uhr an, bauten auf der Strasse fuͤr die Musikan- ten Geruͤste, schlugen Zelter an der Kirche auf, erschreck- licher Zulauf vom Poͤbel war da. Schlechtes Brod hat man hier, so gar unschmack- haft waͤre es nicht, aber es fehlt am Backen und man knetet es in einander wie verdrehte Kegel. Man lies mir endlich welches vom franzoͤsischen Becker holen. Den 1ten Jun. Das Erste, was ich heute besah, war die St. Markusbibliothek. Sgr. Foscati kam sehr fruͤh, und hohlte mich dahin ab. Man geht zuerst durch ein kleines Vestibulo, das mit antiken Statuͤen und Koͤ- pfen angefuͤllt ist. Dann steht die Bibliothek in einem einzigen langen Saal, und im Kabinet darneben werden die Handschriften aufgehoben. Der Bibliothekar, P. Morelli, sprach etwas franzoͤsisch, schaͤtzte seine Buͤcher auf 20,000. Stuͤck, das duͤnkte mir aber zu viel zu seyn. Fuͤr die Wissenschaften ist es keine Bibliothek, sondern blos fuͤr die Griechische Litteratur, und fuͤr Sprachgelehr- samkeit, die an Sylben und Worten haͤngt. Daher findet findet man keine andre Akademische Schriften hier, als die Mem. de l’ Acad des Inscriptions. Zu ihrer Vermehrung ist nur ein kleiner Fond da, und der Bibliothekar, der einen Nobile zum Praͤsidenten hat, darf nichts kaufen, als Graeca oder Philologica. In der Nat. Gesch. war weder Linne’e noch Buffon da, doch kannte P. Morelli die Namen, und bedauerte sei- nen Mangel. Von gedruckten Buͤchern fand ich nur Salviani Historia aquatilium Animalium, Ro- mae 1554. cum formis. So sagte man damals statt figuris. Es war ein illuminirtes Exemplar, aber durch die Laͤnge der Zeit sind die Farben verschossen. Von Manuskripten sind fast lauter Griechische vorhanden, kaum 1-2. Orientalische. Ich sah 1) eine Historie des grossen Moguls von Niccolo Manuzzi. Neben der kurzen Geschichte von jedem grossen Mogul ist er und seine Thaten auf Pergament schoͤn abgemalt. 2) Ein Griechisches Mskpt. von den LXX, etwa aus dem 9ten Jahrh. es war schwer zu lesen. 3) Ein Mskpt. von der Geschichte des Concil. Trident. von Fra Paolo Sar- pi. Man kan deutlich seinen Kopisten und die Noten oder Verbesserungen im Text von des Sarpi eigener Hand unterscheiden. 4) Das Original von des Guarini Pastor fido, ein ganzer Band voll Verse. Als ich nach dem Evangelio Marci fragte, ge- stand P. Morelli, daß er dergleichen nicht in seiner Bibliothek habe, es sei in der Stadtbibliothek, aber man sei einig daruͤber, daß es nicht von Markus sei; es sei Lateinisch, etwa aus dem 4ten Jahrh. In Friaul habe er in einem Codex von allen 4. Evangelisten voͤl- lig das naͤmliche gesunden. Drauf Drauf machte ich beim Senatore Sgr. Angelo Querini einen Besuch. Ein Mann, der die Fremden sehr liebt, und ein Freund von Malereien, Kupfersti- chen ꝛc. ist. Man schickte sich eben in seinem Hause an, in villeggiatura zu gehen. Er sprach Franzoͤsisch, aber es kostete ihm Muͤhe. Als ich ihn verlassen hatte, besah ich den Palazzo di S. Marco. Das Gebaͤude ist, wie alle in Venedig, alt, gothisch, aber erstaunend hoch und weitlaͤuftig. Man geht die Scala degli Gi- ganti hinauf, die so heißt, weil oben 2. Bildsaͤulen von Riesen stehen aus karratischem Marmor. Man zeigte mir einen Theil von den Wohnzimmern des Doge und anderer Rathsherren. Den Saal, wo der Doge die Nobili empfaͤngt, wenn sie ihn in den Senat abholen, sah ich auch. Sein Stuhl ist roth und vergoldet, wie die andern, steht aber allemahl etwas hoͤher. Die Sala dei Banchetti — wo Gesandte, Rathsherren ꝛc. tra- ktirt werden. Alles ist gros, lang und weit. Ueberall sieht man steinerne Fußboͤden von den schoͤnsten Steinen. Hr. Wagner schickte mir Abends seinen Instruktor, Hr. Algeyer. Ein Mann schon von 40. Jahren. Er ist von Augspurg gebuͤrtig, hat Theologie studirt, gibt hier in vielen Haͤusern Unterricht, und studirt doch immer noch fleissig fuͤr sich. Wir stiegen zuerst miteinander auf den Markusthurm, um das Vergnuͤgen der herrlichen Aussicht zu geniessen. Man geht sehr leicht hinauf und herab, weil keine Stufen und Treppen sind, sondern der Weg zieht sich unvermerkt wie eine Wendeltreppe im Thurme herum, und so kommt man hinauf. Es ist einmahl einer mit einem Bergroͤßchen hinauf geritten, und und das ist sehr wohl moͤglich. Man erstaunt uͤber die Dicke der Mauern, und uͤber das Solide der Alten im Bauen. Der Thurm soll im 9ten Jahrh. erbaut wor- den seyn, und steht ganz frei. Oben ist man zu hoch, als daß man die Kanaͤle der Stadt sehen koͤnnte. Man sieht nur die Groͤsse der Stadt und die Menge der Ge- baͤude mitten im Meere. Die hin und wieder auf den kleinen Inseln im Wasser einzeln zerstreuete Gebaͤude ma- chen auch einen schoͤnen Prospekt. In der Markuskirche waͤre mir der Fußboden das Liebste. Er ist ganz in Mosaik. So ist er in allen Ka- pellen, und hat alle moͤgliche Desseins. Dieses Pfla- ster ist uneben, bald erhaben, bald vertieft: daher strei- tet man, ob das mit Fleis so gemacht worden sei, oder ob es sich etwa bei der letzten Ueberschwemmung des Meers, da man auf dem Markusplatze mit Gondeln fuhr, gesenkt habe. Mir duͤnkt, es ist mit Fleis so gemacht worden. Denn Erhoͤhungen und Vertiefungen sind unmerklich, egal, und erschweren das Gehen nicht. In der Markuskirche ist auch die Kapelle des Doge. Diese Kirche ist nicht immer offen, sondern wider die Gewohnheit anderer katholischen Kirchen zuwei- len geschlossen. Dann fuhren wir wohl eine Stunde lang auf dem Canale grande, der durch die ganze Stadt geht, und zu beiden Seiten mit Haͤusern eingefaßt ist. Er ist auch sehr breit, und wohl mehr, als 2. Mannshoͤhen tief, da sonst die andern meistens nur eine Mannstiefe haben. Hier wohnen die meisten Nobili, vor ihren Haͤusern stehn einige Stoͤcke im Meer. Hier sieht man viele Pal- laͤste, aber alle sind alt, rauchicht, die Italiaͤner putzen Zweiter Theil. R r nicht nicht einmahl die Fenster. Man zeigte mir das Haus, wo der Herzog von Wuͤrtemberg, wo der Erzherzog Maximilian, und wo der Kaiser logirte. Bemerkungen. Man kan zwar Stunden lang in der Stadt zu Fusse gehen, (denn hinter den Haͤusern und Kanaͤlen ist Ve- nedig ein wahrer vielwinklichter Irrgarten, und eine Menge kleiner, aber wohl mit bleiernen Platten belegter Gaͤßchen, verbindet hinten alles mit einander,) aber keine Gegend der Stadt (den Markusplatz ausgenommen) ist so gros und breit, daß man mit einer Kutsche fahren koͤnnte. Der Gefahr, von Kutschen auf der Strasse uͤberfahren zu werden, ist man also hier uͤberhoben. Daher hat auch Niemand Wagen und Pferde in der Stadt Man sieht auch keinen Menschen in der Stadt zu Pferde; ausser in der Fastenzeit, da reiten viele zu- weilen um Narrheiten zu treiben, uͤber die hoͤch sten Bruͤcken. ; in Terra firma aber haͤlt sie wer kan und will. An vielen Orten aber nimmt das Was- ser die ganze Breite der Strasse ein. So wie man aus dem Hause tritt, muß man in die Gondel steigen, und so sieht man oft im Fahren in viele Seitengassen hinein, deren Haͤuser auch unmittelbar am Meer stehen; alsdann geht aber meistens hinteuaus ein Fußweg. Will man da nur von einer Seite zur andern, so braucht man die Gondel; in andern Strassen ist doch an den Seiten der Haͤuser zu beiden Seiten ein erhoͤhter Fußweg, auf dem man etwa bis zu einer Bruͤcke lausen kan. Auch Auch in Privathaͤusern haben alle Zimmer steinerne Fußboͤden von einer rothen Breccia. Im Winter le- gen sie Matten darauf. Man rechnet hier 300,000. Einwohner, 5000. Gondeln und 400. Kaffeehaͤuser Auf den Kaffeehaͤusern findet man weder inlaͤndi- sche noch auswaͤrtige Zeitungen. Die Venetianer kommen nur zusammen, um zu plaudern, siə sind gar nicht wißbegierig, und bekuͤmmern sich nicht um das, was sonst in der Welt vorgeht, Sonetti, Romanzi und Musik — das ist ihre ewige Beschaͤftigung. . Der Luxus ist hier so gros, daß nach dem Aus- spruch einiger Venetianer selber nichts mehr helfen kan, als Pest oder Krieg. Die Obrigkeit kan dem Strome nicht mehr Einhalt thun. Die groͤßten und reichsten Haͤuser stecken in schrecklichen Schulden, und die Armuth ist auch hier sehr gros. Die Strassenbettelei ist daher hier ganz unausstehlich. Die Protestanten haben hier auch ihren Versamm- lungsort, aber in der Stille Zu ihrem Gottesdienste haben sie hier keine Erlaubnis vom Staat, sondern halten ihn nur connivendo. Daher setzten auch die Vorfahren die Stunde darzu sehr spaͤt an, naͤmlich fast um Mittag, wenn das Volk vom Markusplatze zum Essen weglaͤuft, wo ein groß Getuͤmmel auf der Strasse ist, so daß der Poͤbel nicht Acht gibt, was da fuͤr Leute auf, und abgehen. Es darf auch kein fremder Protestant noch fremder Deutscher darzu kommen, ich durfte auch nicht hin- ein, sondern nur was von der Nation ist, d. h. in der Stadt ansaͤssige Deutsche. Der Prinz von Wuͤr- temberg, als er hier war, wollte hinein, die Zeit war zu . Ein Gewisser, der sich R r 2 Hofrath Hofrath von Ziegler nennt, ist der Geistliche. Er lebt aber uͤbrigens wie ein Kaufmann, und treibt Handlung, damit man ihn nicht kenne. Hr. Algoͤwer findet seine Arbeit schlecht — und viele meinen, daß es unnoͤthig sei, so ein tiefes Geheimnis aus der Sache zu machen. Sie kommen im sogenannten deutschen Hause beim Rialto zusammen, gesungen wird nicht, sondern nur gepredigt und gebetet. Wenn der Prediger krank wird, liest einer von den Kirchenvorstehern eher etwas aus einer Postille ab, als daß sie einen von ihren Instruktoren oder Informatoren predigen liessen, deren es hier aus Ulm, Augspurg ꝛc. gibt. Den 2ten Jun. Weil es heute Sonntag war — der hier lange nicht so heilig als ein Marientag gefeiert wird — machte ich zu kurz, es der Ordnung nach durch das ganze Kapi- tel zur Anfrage kommen zu lassen, indessen fragte ein Vorsteher einen von den Obersten bei der Regierung, ob man’s dem Prinzen gestatten duͤrfe? Allerdings, sagte dieser, es waͤre ein grosser Fehler es dem Prin- zen abzuschlagen. Indessen duͤrfen die Protestanten doch ihre Kinder nicht selber taufen, sondern der ka- tholische Pfarrer, in dessen Parochie sie wohnen, tauft sie. Sie duͤrfen nicht einmahl lauter lutherische Ge- vattern haben, es muß wenigstens Ein Katholick da- bei seyn. In einer Handelsstadt erwartete man mehr allgemeine Religionsfreiheit. Daher fragte einmahl ein Fremder einen Nobile hier, warum sie den Evan- gelischen keine oͤffentliche Kirche gestatteten, da sie sie doch den Juden, Armeniern, Tuͤrken, Griechen ꝛc. erlaubten? „Ja“, sagte dieser, „erlaubten wir euch „eine Kirche, so wuͤrden unsre eigne bald leer stehen“. ich mit Hr. Algoͤwer einen Spaziergang in der Stadt herum, wobei wir allerlei besahen. Zuletzt wird man freilich der engen Gaͤßchen, der Winkel und der Bruͤcken muͤde. Man sieht auch viele eingefallene Haͤuser, welche die Armuth nicht wieder auf bauen kan. In den Kirchen haͤngen frcilich hie und da schoͤne Gemaͤlde, aber die meisten Kirchen sind zu finster, als daß man sie recht genau sehen koͤnnte. In allen Kirchen, in welchen ich war, sind 2. Kan- zeln gegen einander uͤber, da werden oft Disputationen gehalten. Die Kanzeln sind weit, breit, haben einen langen Eingang. Wir gingen bis an das Kastel oder an das Ende der Stadt, und besahen die Kirche des Patriarchen. So heißt hier der erste Geistliche. Die Kirche ist voͤllig Kreuzfoͤrmig und modern gebaut, und dabei hell. Im Chor hat der Patriarch seinen Sitz unter einem Baldachin. Wir hoͤrten auch einem italiaͤnischen Prediger zu. Im praͤchtigsten Meßgewand redete er uͤber die h. Messe und den Fronleichnamstag, schnell, lebhaft, aber wie ein vollkommener Komoͤdiant auf dem Theater. Zu- weilen deklamirte er eine Stelle sehr schoͤn, nachher mach- te er wieder die alleruͤbertriebensten Gestus. Sein Schnupf- tuch hatte er auch neben sich liegen. Zuweilen ging er einige Schritte hin und her. An der linken Hand hatte das Kleid Quasten, oder so etwas herabhaͤngendes, das an der rechten Hand nicht war. Damit spielte er nun bestaͤndig, drehte es zusammen, schlug es mit ein, wenn er die Haͤnde zusammenfaltete. Am Sonntage wird auf dem Markusplatze oͤf- fentlich gepredigt mitten im Ab- und Zulaufen, und im R r 3 hundert- hundertfaͤltigen Getuͤmmel des Volks. Es geht einer dabei herum mit einer Glocke, und laͤutet immer Still- schweigen, aber der Laͤrm wird immer groͤsser. — So entweihen sie Deine Religion, grosser und weisheitsvol- ler Lehrer! Wir sahen auch die Zuruͤstungen zu einer Prozes- sion, die wegen der Fronleichnamswoche heute Abend um 8. Uhr noch in Gondeln gehalten werden sollte. Man behing die Bruͤcken, unter welchen der Zug durchgehen sollte, mit den kostbarsten Tapeten, man brachte ein Schiff voll junger umgehauener Haselnußbaͤume, und pflanzte diese in die Kanaͤle an beiden Seiten, man hing oben zu den Haͤusern seidene Tuͤcher, wie Fahnen her- aus, in welche das Wappen von Venedig gestickt war; man ruͤstete eine Menge Lampen und Oelkessel — und was am Sonderbarsten ist; bei allen Prozessionen ba- cken sie oͤffentlich auf der Strasse eine Menge kleiner Kuͤch- lein, deren Geruch oft nicht uͤbel war. Aber die vielen Oellampen stinken. Um Mittag war Regen und ein kleines Donner- wetter in der Stadt, worauf es so kuͤhl wurde, daß man uͤber den duͤnnen Kleidern den dicksten Ueberrock leiden konnte. Ich bekam heute auch Besuch von einigen Herren auf dem Reckischen Comtoir. Sie gestehen alle gern, daß ihnen Trieste, Livorno, Ancona ꝛc. Schaden thue. Die meisten Deutschen wuͤnschen sich nach etlichen Jahren wieder zuruͤck, weil hier nichts ist als Seeluft, und jedes Vergnuͤgen schon Kosten und Muͤhe erfordert. Die Kleidung ist auch hier sehr kostbar, man muß 2. Alltags- Alltagsmaͤntel, 2. Sonntagsmaͤntel, und hernach noch rothe scharlachne Wintermaͤntel haben Auch die kleinsten Buben hier muͤssen schon Maͤntel tragen, an denen sie der Wind oft aufheben koͤnnte. Viele Nobili versetzen hier, sobald der Sommer kommt, ihre Winterkleider. Daher entstehen, wenn oft noch spaͤte Kaͤlte eintritt, viele Krankheiten, die Leute koͤnnen sich nicht warm anziehen. . Hr. Algoͤwer aß noch zu Nacht mit mir, nach dem ermuͤdenden Laufen. Bemerkungen. Ich hatte heute manche Gelegenheit uͤber den Ka- rakter der Nation allerlei Bemerkungen zu machen. Die Italiaͤner lieben zu sehr das Buntscheckigte, Lebhaf- te, Gemischte, recht stark in die Augen fallende, z. B. in der Kleidung. Sie tragen oft rothe Struͤmpfe, schwarze Hosen, weisse Weste, gelben Rock, und noch viel bizarrere Zusammensetzungen. Dabei ist die Nation aͤusserst faul. Die gesundesten und staͤrksten Maͤnner und Weiber betteln, und gibt man ih- nen nicht genug, so schimpfen sie oft noch. Denn die Frei- heit, die sich die Leute herausnehmen, ist unglaublich. Ein Nobile wollte einen Bettler in sein Haus nehmen, ihm alle Tage nebst dem Essen und Trinken zwei Pfund geben, nur sollte er taͤglich fuͤr ihn so viel Ave Maria ꝛc. beten, der Bettler nahms aber nicht an, er rechnete nach, und fand, daß er beim Betteln besser stuͤnde. Der Venetianer ißt um 2. Uhr, dann haͤlt er seine Mittagsruhe bis 5. Uhr, wenns kuͤhle wird. Dann R r 4 trinkt trinkt er Kaffee. Auch noch Abends um 9. Uhr kom- men ganze Gesellschaften zum Kaffee, und bleiben bei- sammen sitzen bis 12. Uhr, essen hernach, gehen dann nach Hause und legen sich nieder. Wenn der folgende Tag Sonntag oder Feiertag ist, so nimmt der Katho- lick, wenn er um 3. oder 4. Uhr aus der Conversazione koͤmmt, unterwegs gleich seine Messe mit, so ist sein Sonntag gefeiert, und nun geht er zu Bette, die Pre- digt gehoͤrt fuͤr den Poͤbel. Man ißt hier eine erstaunliche Menge Gefluͤgel, Enten, Huͤner, Tauben ꝛc. Gemuͤse und Rindfleisch kommen viel seltner auf den Tisch. Man trinkt hier kein andres Wasser als Regenwas- ser, das in Eisternen gesammelt wird, und doch nicht uͤbel schmeckt. Geht man Nachts nach Hause, so ist es in man- chen Gaͤßchen finstrer, als in Bergwerken oder Stollen, bis man wieder zu einer Lampe oder auf einen offenen breiten Platz kommt. In den engen Gassen werden oft des Nachts, besonders im Winter, Leute von ganz unbekannten Personen angefallen, der seidenen Maͤntel, des Goldes ꝛc. beraubt, oft noch gemishandelt, sonder- lich Frauenzimmer. Die Polizei hat keine Waͤchter in der Stadt vertheilt, es steht nirgends Wache, man kan also keine Huͤlfe haben. Den 3ten Jun. Heute machte ich in Hr. Algoͤwers Gesellschaft wie- der einen Spaziergang, und da gingen wir auch durch die Judenstadt. Man unterscheidet die alte und die neue. neue. Sie bauen auch jeden Winkel an, und gehen mit den Haͤusern gewaltig in die Hoͤhe. Doch ist der Gestank so gros nicht hier, als in andern aͤhnlichen Or- ten. Sie tragen keine Baͤrte, und unterscheiden sich kaum durch die Sprache. Bemerkungen. Ehemals, da die Nobili noch selbst handelten, nahm man mehr Ruͤcksicht auf den Handel, und auf die Polizei. Jetzt aber, da die meisten Familien das erwor- bene Geld in Landguͤter gesteckt haben, und davon le- ben, bekuͤmmert man sich um manches nicht. Es wird fast uͤber keinem Polizeigesetz gehalten, als noch uͤber dem, daß alle Gondeln schwarz seyn muͤssen. Mancher Edel- mann hat 2, 3. Landguͤter, einen Verwalter, und eine voͤllig eingerichtete Haushaltung auf jedem, so daß er nur kommen darf, die Bauern aber sollen auch hier un- ter dem Joche des Edelmanns erbaͤrmlich stehen. An Lohnlaquaien, Peruͤckenmachern und Barbiern sieht man die Dummheit und den gaͤnzlichen Mangel an Bildung, der unter dem gemeinen Volke herrscht. Lesen und Schreiben koͤnnen gar viele Leute in Venedig nicht, viele in seidenen Maͤnteln nicht. Der Pfaffen- und Nonnenkloͤster ist hier eine er- schreckliche Menge. Die Pfarrer an mancher Kirche haben sehr grosse Einkuͤnfte, und predigen doch nicht sel- ber, sondern haben ihre Vicarios. Als der Pabst hier war, sagten die Pfaffen oͤffent- lich: Sein Segen sei so kraͤftig wie eine zweite Taufe. Man lies in einer Nacht durch mehr als 2000. Arbeiter eine Tribune bauen, von welcher er den Segen herabgab. R r 5 Er Er warf auch 2. Ablaßzettel herab, die fielen auf einen armen Mann, der ward fast daruͤber todtgedruͤckt. Heute verkaufte man schon ganze Koͤrbe voll rother Herzkirschen, desgleichen gruͤne Erbsen. Den 4ten Jun. Nach dem letzten Gewitter am Sonntage war es kuͤhle gewesen, und die Borea hatte geweht; heute aber war wieder heitrer Himmel und mehr Hitze, auch fing der Scirocco wieder an zu blasen. Ich besah heute il Museo di Storia naturale del Monsignor Morosini. Der Besitzer ist ein Bruder vom Bischoff in Verona, und artig in seinem Betragen, hat aber einen mittelmaͤssigen Verstand. Er versteht etwas Mi- neralogie. Sgr. Querini ließ es durch den 69jaͤhrigen Foscati, fuͤr mich bestellen. Monsignor Morosini wohnte wieder am Ende der Stadt, und beinahe ver- lohnte es sich nicht der Muͤhe, so weit darnach zu gehen. Zuerst fuͤhrte er mich in ein Zimmer, wo Versteinerun- gen, Marmore, und andre Steine alle aus dem vene- tianischen Gebiet unter einander ohne Ordnung liegen. Aus den ersten machte er gewaltig viel. Es waren un- ter andern da: a) Ein schoͤner versteinerter Elephantenbackenzahn. b) Ein versteinertes Stuͤck Ebur, an dem man die La- gen uͤber einander unterscheiden kan, es schuͤfert sich gleichsam ab. c) Ein herrlicher Hahnenkamm, den man ganz abneh- men kan. d) Auch ein kalcinirtes Stuͤck Zahn. e) Dendriten, wie meiner aus Costanz. f) Ortho- f) Orthoceratiten, die in der Mitte von einander fallen. Er laͤßt alle Stuͤcke, und sonderlich die, wo viele Muscheln ganz und einzeln beisammen sind, als Merk- wuͤrdigkeiten zeichnen und mahlen. Oben hat er seine Mineralien, worunter ich merkwuͤrdig fand: 1) Schoͤne Spatkrystallisationen von Longharia. 2) Ein mehr als Faustgrosses Stuͤck gediegener Schwe- fel vom Vesuv. 3) Rothkrystallisirter Schwefel eben daher. 4) Achate in vulkanischen Produkten wieder gebildet. 5) Gruͤne Moose, oder Entenspeiseplaͤttchen in einem schwarzen Stuͤck vulkanische Produkte. 6) Ein Vizenzer Stein, lang wie ein kleiner Finger, darinnen ein kleiner Strom von Wasser ist. 7) Bergkrystalle voll fremder eingeschlossener Koͤrper. Ich erhielt von der Guͤtigkeit dieses Mannes einen Achat vom Vesuv, und ein schwarzes Stuͤck schwarze vulkanische Produkte, aus ihren Bergen. Das that er, wiewohl er nicht franzoͤsisch, und ich nicht italiaͤnisch reden konnte. Foscati machte den Dollmetscher. Das Arsenal, welches ich auch heute zu sehen be- kam, ist wohl eins der wichtigsten Stuͤcke in Venedig. Man sieht da, was der Staat gewesen ist. Es hat an- derthalb deutsche Stunden im Umfang; wer alles sehen wollte, brauchte Einen Tag dazu. Ich sah 1) Fregatten, gleich im Hofe, wenn man von der Landseite hereinkommt, uͤber die Bruͤcke, wo die 2. stei- nernen Loͤwen zu beiden Seiten stehn. 2) Ein Saal vom mit 16000. Flinten fuͤr die Infanterie Auch Pyramiden aus Pistolen zusammengesetzt. . 3) Kuͤ- rasse von allerlei Generals, deren Namen ausser der Republik sonst nicht bekannt sind, z. B. Schulenbur gs seiner. 4) Tuͤrkische Beuten, grosse Schiffslaternen. 5) Das Thor, wodurch die grossen Schiffe aus dem Meer hereingelassen werden. Es sind schreckliche Ma- schinen dabei, die alle unter dem Wasser arbeiten. 6) Ganze Reihen grosser und kleiner Kanonen, sie schiessen 12. und 24. Pfund, liegen aber in freyer Luft. 7) Schulenburgs Monument, an einer Wand. 8) Die Roͤhren, wodurch alle Tage 120. Maas Wein an die Arbeiter ausgetheilt werden. 9) Ganze Reihen von Ankern, 5000. Pfund wiegt der groͤste, und 700. Pfund das Seil dazu. 10) Die Ankerschmiede blos fuͤr die Republik; das Eisen kommt aus Steiermark, Kaͤrn- then ꝛc. 70. Arbeiter sind hier bestaͤndig. 11) Holz- magazin. — Eichen, Tannen, Fichten, kommen aus den eignen venetianischen Staaten. 12) Der Plaz, wo Schiffsseile mit Pech gekocht werden. 13) Et- serne Kanonen, eine greuliche Menge. 14) Magazine von Salpeter. 15) Ein Magazin, aus welchem an die Kapitaine Seile, Brcter, Eisen ꝛc. verkauft werden. 16) Viel Lignum sanclum aus Amerika wird hier verarbeitet. 17) Colombini, oder kleine Kanonen fuͤr die Galeeren. 18) Der Ort, wo die haͤngenden Bet- ten fuͤr die Galeeren gemacht werden. 19) Das Ma- gazin der Armatur fuͤr die Kavallerie, 4. grosse Saͤaͤ- le vell mit 60,000. Stuͤck Gewehre in allen. 20) Ein schoͤner Saal, wo fremde Prinzen pflegen traktirt zu wer- den den. 21) Scanderbegs Ruͤstung, sehr leicht, nied- lich, nicht so deutsch schwer. 22) Ein ganzer Hof voll grosser und kleiner Kugeln, haufenweise aufgesetzt. 23) Ein Schoppen voll Lavetten. 24) Ein Magazin fuͤr das Holz von der Insel Kandia. 25) Schiffe, an welchen man eben baute. 26) Das Gerippe einer Galeere. 27) Zuletzt ruͤhte ich auf dem Bucentauro aus; eine schoͤne grosse Maschine, unten sind die Ruder- baͤnke, 41. auf jeder Seite; 4. Mann gehoͤren zu jedem Ruder. Oben sind die Plaͤtze fuͤr 300. Nobili, und am Ende des Schiffs ein erhabener Platz fuͤr den Doge. Innen und aussen ist alles am Schiffe mit vieler Kunst in Holz gearbeitet und vergoldet. Der Admiral steht bei der Feierlichkeit oben auf dem Schiffe und komman- dirt durch eine Pfeife, wie die Ruderer das Schiff wen- den sollen. Die Maschine geht aber nicht tief, daher ists bei stuͤrmischen Wetter nicht rathsam. Beim Pla- tze des Doge sieht man den Ort, wo er den Ring durch die Insignien des Schiffs hinunterwirft. Die Italiaͤner, die das alles zeigen, sind wortrei- che Praler, schreien wie Zahnbrecher, und gestikuliren gleich dabei, als wenn sie eine Rede halten muͤssen, uͤber einen blossen Zimmerplatz, und sind dabei die unverschaͤm- testen Bettler. Bemerkungen. Zu meiner grossen Verwunderung wird man hier, auch in der Sonne, nicht sehr von Insekten, Muͤcken, Fliegen ꝛc. geplagt. Im Hause merkte ich fast gar kei- ne, aber in der Stadt, freilich bei Fleisch- und Obstlaͤ- den den ꝛc. Vielleicht hat das naßkalte Fruͤhjahr die mei- sten getoͤdtet. Junge kleine Squali werden hier viele gefangen und verkauft. Man nennt sie hier auch Hund. Auch Rochen sieht man uͤberall auf den Fischerbaͤnken liegen. Vom Krampfisch habe ich aber nichts gehoͤrt. Cancer spinosus L.? wird auch im adriatischen Meer haͤufig gefangen. Sie brechen ihnen hernach die Schale hinten am Ende des Ruͤckens auf, um dem Kaͤufer zu zeigen, daß das Fleisch noch frisch ist. Den 5ten, 6ten, 7ten Jun. brachte ich leider damit hin, daß ich auf Wind und Wet- ter warten muste, bis die Barke ging. Vier Wochen muß mancher im Winter warten. Oft faͤhrt man nach Lido, und koͤmmt wegen Mangel des Windes wieder zuruͤck. Ost kehrt man auf der Reise nach Trieste un- terwegs in einem Loche ein, und steckt da etliche Tage. In dieser verdruͤslichen Wartezeit ruhte ich vom Lau- fen in Venedig auf dem Bette aus, oder las und schrieb. Den 7ten um 11. Uhr brachte ich dem Triester Padrone di Barca Antonio d’Este meinen Kuffer und Lebensmittel in einer Gondel mit Hrn. Algoͤwer am St. Markusplatz, und Abends wolte er endlich abfah- ren. Hinuͤber duͤrfen die Triester keine Waaren laden, als etwa Kleinigkeiten, daher kostet es dem Passagier mehr. Ich kam fuͤr 8. Lire heruͤber, und muste 14. hinuͤber akkordiren. Den Den 8ten Jun. Ruͤckreise nach Trieste. Abends fuhr der Padrone endlich ab, und nach 2. Naͤchten und 1. Tag kam ich Den 9ten Jun. endlich wieder in Trieste an, logirte beim Kaufmann Hrn. Georg Heinrich Trapp, und reißte Abends mit seiner aus Speier gebuͤrtigen Frau, und einem Kaufmannsdiener Erlach in ihrem Wagen mit Extrapost ab. Den 10ten bis 17ten Jun. Ruͤckreise nach Carlsruhe. Wir passirten Kraͤin, Kaͤrnthen, Tyrol auf ei- ner andern Seite, das Bißthum Augspurg, und sodann die gewoͤhnliche Strasse uͤber Augspurg, Ulm, Kan- statt nach Enzweihingen, wo meine Reisegesellschaft uͤber Reutlingen nach Speier, und ich nach Pforz- heim reißte. Zwischen Laybach und Klagenfurt liegt der soge- nannte Loͤwenberg. Er ist abscheulich hoch und steil, aber vortreflich konkerscarpirt. Oben stehen 2. Obelis- ken, weil Krain und Kaͤrnthen sich da von einander scheiden. In Velden sprach ich den Msgr. Garampi, der von des Pabsts Begleitung bis Bologna zuruͤckkam. Hier Hier ist auch ein mittelmaͤssig grosser See, der Werthsee. Praͤchtige Gegenden, Wasserfaͤlle und Wiesen trift man doch immer in Tyrol an. Auch haben die blauen und rothen Blumen viel hoͤhere und lebhastere Farbe, als bei uns. Viele kroͤpfichte Menschen aber sieht man hier. — Sonst sterben nicht viele, nicht einmahl Kinder, die uͤberhaupt hierherum schoͤn, gesund und munter aussehen, an den Blattern. Hundert Jahre wird niemand in diesen Bergen alt, wegen der schweren Arbeit, und der harten Lebensart in den Bergen. Man hoͤrt hier oft das Spruͤchwort: „Schast er das „Haͤslein, so schaft er auch das Graͤslein“. Abends kam ich bei meinem Bruder in Pforzheim an, und blieb da uͤber Den 18ten Jun. um auszuruhen, von da ich dann nach wenig Tagen vol- lends nach Carlsruhe abging. Vermischte Vermischte Bemerkungen auf zwei Reisen durch Nieder-Sachsen; in den Jahren 1774. und 1775. Als ein Anhang. Zweiter Theil. S s Vermischte Bemerkungen auf zwei Reisen durch Nieder-Sachsen; in den Jahren 1774. und 1775. Reise von Goͤttingen nach Hannover; im Herbste 1774. A uf der einen Seite liegen Berge und Thaͤler, auf der andern aber viele fruchtbare Ebnen, Wiesen und dergl. Man sieht da wenig schoͤne und gerade Staͤm- me, die Waͤlder liegen aber auf der andern Seite, und sind betraͤchtlich, Nordheim z. B. hat viel Wald. Durch das Land laufen viele steinichte Striche, und viele Tiefen von Morast. Daher sind auch die besten Stras- sen immer holpricht, wie im Wuͤrtemberg ischen. Auf den Bauerhoͤfen sieht man wenig Ochsen, sie haben aber viele gute, grosse, starke, und meistens schwarze Pfer- de. Kummte sind hier nicht uͤblich, die Pferde ziehen an der Brust, und uͤber den Hals geht blos ein Riemen. Tobak wird im Lande viel gebaut, und mit Vortheil. Man reihet die Blaͤtter, wie im Elsaß, auf Faͤden, und haͤngt sie an die Erde, an die Hecken, an die Haͤu- S s 2 ser, ser, auch wohl an die Staͤlle. Fadenweise werden sie auch verkauft; die untersten Blaͤtter der Tobakspflanze taugen aber wenig. Die Bauern tragen haͤufig weisse, blaue ꝛc. leinene Kittel, wie Oberhemden. Ihre Haͤu- ser sind meist von Leimen, und haben vom Boden auf Riegelwaͤnde, ohne alle steinerne Einfassung. Doch sieht man meistens Ziegeldaͤcher. Die Ziegel sind aber alle schmal, und lauter Hohlziegel. Die Leute halten keine Mistgruben, sie haͤufen auch den Duͤnger nicht so auf Haufen wie die Reichslaͤnder, er liegt im ganzen Hofe zerstreut. Gaͤnse sind hier haͤufiger als Huͤhner. Auch ist beinahe auf jedem mittelmaͤssigen Bauerhose ein Hund. Nuͤtzliche Baͤume stehen keine an der Strasse. Man faͤhrt aber uͤber viele Felder mit Kartoffeln, Flachs, Korn, Bohnen ꝛc. Sonst ist auch das Obst ein betraͤchtliches Stuͤck der Nahrung, aber Wein laͤßt sich nicht pflan- zen. Die Leute sprechen hier schon ziemlich plattdeutsch, und verstehen den Hochdeutschen nicht alle, der uͤber sie lacht, und auch nicht verstanden wird. Die gemeinen Leute scheinen sich hier besser zu stehen, als in Hessen. Man sieht nicht uͤberall Spuren der Armuth. Sie tragen die Kinder in einem um den Leib gewickelten Tu- che. Man spannt hier Ochsen, auch wohl in Landern, haͤngt ihnen ein Kummt uͤber, und paart sie auch wohl am Wagen mit einem Pferde. Die Regierung des Landes ist milde, gnaͤdig, und uͤberaus wohlthaͤtig. Das Oberappellationsgericht in Celle ist vortreslich eingerichtet. Man appellirt an das- selbe sogar gegen den Koͤnig, und in zweifelhaften Faͤl- len spricht es allemahl gegen den Koͤnig. Die Kochart des Landes ist von der Schwaͤbischen und Rheinlaͤndischen ganz verschieden, und bei weitem nicht nicht so gut. Butter im Spaͤtjahr einzusteden ist gar nicht uͤblich. Man hat hier lauter eingesalzene Butter, und hebt sie in Tonnen den ganzen Winter durch auf. Die gemeinsten Leute sind so an die Butter gewoͤhnt, daß sie, wenn sie in Haͤusern arbeiten, lieber Butter als Fleisch fordern. So arbeitsam, wie die Preussen, sind die Leute hier nicht. In Staͤdten ist der Kleiderstaat, der Kaffee, und ein gutes Leben Schuld daran, daß so viele Buͤrger immer mietelmaͤssig bleiben. Brantewein saufen die Leute erschrecklich. Tobak rauchen Maͤnner, Weiber und Kinder. Besatzung liegt fast in allen Staͤdtchen. Gezwungen wird niemand zum Soldatendienste; wie der Krieg war, ward eine Repar- tition auf die Aemter angelegt. Hier zu Lande kan man etwas schon, was sonst im Morgenlande nur uͤblich ist: nemlich, den Leinsaamen, der so leicht aus den Aehren faͤllt, dreschen die Bauern auf dem Felde. Am Wege begegnet man einigen Klo- steraͤmtern, die aber keine Jurisdiktion haben. Noͤrden ist ein langgebaueter schmaler Flecken, von einem Thor, die Haͤuser stehen fast alle aneinander ge- baut, sind elend, hoͤlzern, und nach einem Bauer-Ge- schmack angestrichen. Die Hausthuͤre ist auch zugleich bei manchem das Hosthor. Inwendig haͤngen die Leute Tobaksblaͤtter hin; doch soll dieser kleine Ort eine artige Apotheke haben. Nordheim hat viele gute Haͤuser, ein wohlgemach- tes neues Pflaster, starke Passage, wohlfeile Taxen, ei- nige adeliche Familien, und eine ziemliche Garnison. S s 3 Salz- Salzderhelden, ein grosser Flecken, wo betraͤchtli- che Gradirhaͤuser sind. Es wird so viel Salz da berei- tet, daß man es noch ausfuͤhren koͤnnte. Eimbeck ist ziemlich gros, hat starke Thore, viele hohe Haͤuser, Besatzung und gepflasterte schoͤne Stras- sen. Hube, ist ein grosser Berg, eine Viertelstunde vor der Stadt. Es bricht viel Mergel auf demselben, alles ist voll Kalksteine. Auf der einen Seite hat man ange- fangen, einen schoͤnen Weg mit Alleen und Rasenbaͤn- ken anzulegen, man ist aber noch nicht weit damit gekom- men. In dieser Gegend zuͤnden die Leute haͤufig die Dornen und Stoppeln des Nachts auf dem Felde an, und verbrennen sie. Auch Irrwische zeigen sich den Reisenden haͤufig. Noch im Oktober sieht man da Johanniswuͤrmchen. Es ist was bekanntes hier zu Lande, daß in der Mitte des Oktobers noch viel von der Erndte und dem Heu auf dem Felde steht, denn der Nachsommer ist gemeiniglich schoͤn, und dauert bis in November. Bruͤcken, ein schlechter kleiner Ort, ist eine Sta- tion. Elze, ein hildesheim isches Staͤdtchen. Die Pas- sagiere pflegen hier beim Apotheker abzusteigen und Bindfaden zu trinken. So weit das Gebiete des Stifts geht, so weit sind auch die Wege schlecht. Diedeswiese ist auch eine Station, hat nur weni- ge Haͤuser. Nun kommen schoͤne Strassen bis Hannover. Die Stadt ist alt, doch sind die mei- sten Gassen breit und helle. Es werden immer mehr neue und praͤchtige Haͤuser gebaut. Der Markt ist schoͤn, aber abhaͤngig. Die Thore sind das Calenber- g er, g er, das Clev er, das Stein- das Aegidien thor. Die Kirchen sind voll hoher Altaͤre, Leuchter, Bilder, Ver- goldungen, Gitterwerk, recht katholickenmaͤssig, sonder- lich die Marktkirche. Der Landstaͤndner Hof ist ein schoͤ- nes Gebaͤude. Das Rathhaus hat einen schoͤnen Saal, wo Redoute gehalten wird. Man rechnet hier 18,000. Seelen. Die Stadt zeigt sich von weitem, wie Heidel- berg am Neckar. Es stehen wohl 800. Gartenhaͤuser rings herum, Die Altestadt hat ihren eigenen Burger- meister, eigene Waldungen, wo nur ihre Buͤrger jagen duͤrfen, eigene Rechte und eine ganz eigene Verfassung und Lebensart, die etwas ungezwungener ist, weil der Hof nicht da ist, ausser Prinz Karl von Mecklenburg, des- sen Regiment darin liegt. Der Koͤnig erhaͤlt indessen ei- ne ganze Hofstaat da, Reithaus, Marstall, Pferde, Lakaien, Bereiter, Stallmeister, Pagen, Hofkapelle, Schloßkirche und Schloßprediger ꝛc. Die Buͤrger wuͤn- schen nichts so sehr als seine Gegenwart. Es ist die Koͤ- nigl. Regierung da, die in des Monarchen Namen han- delt, aber in nur halb wichtigen Dingen die Unterschrift des Koͤnigs einholen muß. In London sind eigene Minister, welche die Churhannoͤver ischen Angelegen- heiten referiren. Der vorige Koͤnig war etlichemahl im Lande, war ungemein gnaͤdig, leutselig, gab freie Ko- moͤdie im Garten, hielt offne Tafel, stand fruͤh auf, ging in Herrenhausen im Gartenmeisterskleide herum, visi- tirte alles selbst, sprach mit der Schildwache auf den Posten, ohne sich zu entdecken, erkundigte sich nach ihrer Bezahlung und Behandlung, gab ihnen dann Gulden und Brandweingeld ꝛc. Er befahl, daß ein gewisser Anjou, der Soufleur in der Komoͤdie gewesen war, hernach so lange er lebte, ohne alle weitere Dienste 200. Thaler S s 4 geniessen geniessen sollte, und so haben viele Leute Pensionen. Die Bibliothek hat einen seltenen Codex, das meiste in der Civilhistorie, und Spezialgeschichte der deutschen Haͤuser, Leibnitz ens Papiere, und eins von den 3. Exemplaren der unter George II. auf Pergament ge- druckten Englischen Bibel. In der Stadt sind viele Kaufleute und folgende betraͤchtliche Fabriken. Die Zuckerfabrik des Hrn. Winkelmanns. Er bekoͤmmt den rohen Zucker aus Frankreich und zwar uͤber Bremen auf der Leine. Es gehen da bedeckte Schiffe, mit einem Mast, die schwer beladen sind, und vom Vieh am Ufer gezogen werden. Der Zucker wird in grossen Kesseln gesotten. Aus diesen wird er in eine andre Stube gebracht, wo die Kuͤhlpfannen stehen. Aus diesen koͤmmt er in die Hutformen, die aus Holz und wie Faͤsser mit Reisen gebunden sind. Die Spitze der Form steckt in einem irdenen Kruge, in welchen der Sy- rop waͤhrend des Trocknens wieder hineintropft. Indeß der Zucker in diesen Formen steht, kommt alles darauf an, daß und wie er geruͤhrt wird, damit er an den Sei- ten glatt werde, und keine Gruben bekomme. Er wird zugleich mit angeruͤhrter Erde zugedeckt. Der Syrop wird allemahl wieder gekocht, und so der Zucker wohl 6mahl gesotten. Man setzt die Formen halbtausend weise auf viele uͤber einander stehende Buͤhnen, es gehoͤren 6-8. Wochen gute Witterung dazu, bis er recht austrocknet. So wie er hart wird, so wird er auch weis. Der Can- dis wird noch in besondern Duͤrr- oder Trockenstuben auf- behalten, wo es so heiß ist, daß man beinahe beim er- sten Eintritt erstickt. Das Feuer unter den Kesseln wird durch Steinkohlen unterhalten. Siedet der kochende Zucker Zucker ungefaͤhr zu sehr in den Kesseln, so wird nur ein gar kleines Stuͤckchen Talg hinein geworfen und dadurch alles gedaͤmpst. Zum Laͤutern wird in den ersten Sud etwas Ochsenblut, oder ein Eierdotter eingegossen. Der schlechteste Syrop, aus dem alles genommen ist, gibt noch einen starken Brantwein oder Rum, der statt Arak zum Punschmachen gut ist. Die Wachstuchfabrik hat Benece vor der Stadt. Die Leinwand wird aufgespannt, und zuerst mit Bimssteinen glatt abgerieben. Dann bekoͤmmt sie einen schwarzen Grund, der aus Kuͤhnruß und Firniß gemacht ist. Nun muß sie lange Zeit immer ausgespannt, in der freien Luft trocken werden. Dann hat man For- men und Modelle und verschiedene Farben, Auripigment, Rauschgelb, Berlinerblau, Umbra und Kreide. Der Firnis, mit dem zuletzt alles uͤberzogen wird, wird aus Bernstein gekocht. Das Verdrießlichste dabei ist, daß man es so oft trocknen, und so lange, zumal bei unguͤn- stiger Witterung, warten muß. Es werden lauter Stuͤ- cke gemacht, 6. Viertel breit, und 12-16. Ellen lang; 12. solcher Stuͤcke machen 1. Haufen, und nach der Zahl dieser Haufen werden auch die Arbeiter bezahlt. Man hat eine Farbenkammer, ein Arbeitshaus, Formen- schraͤnke, Wiesen dabei zum Trocknen und Aufspannen, und oben Vorrathskammern, wo die allerschoͤnsten Stuͤcke haͤngen, die das Auge ganz irre machen. Das grobe Wachstuch, das nur zur Emballage dient, ist groͤbere Leinwand, und wird weniger bearbeitet; das Wachstuch, womit man Huͤte uͤberzieht, braucht mehr Arbeit und ist theuer. Man hat auch Wachstuch fuͤr die Fußboͤden, und kan ihm solche braune Farben und Figuren geben, S s 5 daß daß mancher den Boden fuͤr gewixt ansehen sollte. Man macht auch einerlei Muster mit verschiedenen Farben ꝛc. Solche Tapeten sind hier zu Lande beinahe in allen mittel- maͤssigen Haͤusern. Es wird uͤberhaupt hier splendider gebaut, als im Reich. So viele Naturprodukte hat man hier nicht, aber es ist unstreitig mehr Geld im Lan- de, als in jenen Gegenden. Die Salpetersiederei, — hat Hr. Apotheker An- dreaͤ angefangen. Er laͤßt fuͤr ein geringes Geld den Stadtkoth auf den Gassen sammeln. Eben so sammelt er auch den Urin auf dem Koͤnigl. Schlosse, und in gros- sen Haͤusern. Den Koth haͤuft er auf einen Haufen in freier Luft unter einem Dache, begießt ihn mit dem schar- fen Wasser, kocht ihn dann ab, das Wasser zieht den Salpeter heraus, nun schuͤttet er es wieder hinaus, laͤßt ihn etliche Jahre liegen, kehrts oft um ꝛc. Montbrillant und Herrenhausen, 2. Koͤnigl. Lusthaͤuser und Schloͤsser, haben eben nichts Besonders, sind aber doch angenehm. In dem Garten bei dem letz- tern sind viele Fontainen, die durch Druckwerke, — denn das Wasser hat nirgends einen Fall, es ist blos das Was- ser aus der Leine — das Wasser wohl 180. Fuß hoch treiben, wenn alle Raͤder durch 5, 6. Mann in Bewe- gung gesetzt werden. Die Roͤhren sind von Blei, greu- lich dick zum Theil, und gehen im ganzen Garten her- um. Die Franzosen mußten sie verschonen, und durften nicht, wie in Cassel, alles verderben, weil in der Kon- vention von Kloster Seven ausbedungen war, alle Koͤnigl. Gebaͤude zu verschonen. Man sieht den Ort, wo der Koͤnig im Garten oͤffentlich Komoͤdie halten lies. Wer Wer hier zu Lande ein schoͤnes junges Pferd liefert, das bei der Kavallerie gebraucht werden kan, der bekommt 50. Thaler Geschenk vom Koͤnig, und die Koͤnigl. Hengste werden noch dazu den Bauern geliehen, damit sie ihre Stuten bespringen lassen koͤnnen. Kloster Loccum. Etliche Meilen von Hanno- ver. Eine sehr alte Kirche ist da. Es war ein Cister- cienserkloster, jetzt hat es 4. Conventual. 4. Hospi- tes und einen Abt. Der Abt hat den Titel: Hochwuͤr- digen Gnaden. Er traͤgt gemeiniglich ein goldenes Fin- gerslanges Kreuz, das am Knopfloche haͤngt. Als Abt muß er bei Feierlichkeiten einen seidenen Mantel umhaͤngen. Er hat wohl 5000. Thaler jaͤhrlich, und wohnt in Han- nover im Loener Hof. Das Kloster haͤlt ihm Wagen und Pferde, und Bediente, versieht ihm auch die Kuͤche und den Keller. Er muß die Aufsicht uͤber die dortigen jungen Geistlichen haben, die sich im Predigen und Ka- techisiren uͤben, muß auch alle Tage in die Kirche gehen. Es dependirt ganz von ihm, wen er hinein nehmen will. Sie gehen heraus, wenn sie Pfarreien bekommen. Sie haben herrliches Essen, 13. Gerichte und alles ganz frei. Jeder hat seinen eignen Bedienten. Ordinaͤr bekommen sie keinen Wein, aber Bier, und wenn sie das nicht wollen, taͤglich 2. Groschen Biergeld dafuͤr. Sie gehen immer schwarz, aber Mantel und Kragen nur dann, wenn sie in die Kirche gehen. Jeder kan einen Fremden mit an Tisch bringen, und alsdann bekommen sie gleich Wein, daher ist 4. Tage in der Woche immer ein Frem- der da, und sollte es auch ein kleiner Junge seyn. Die Kandidaten werden faul bei dem guten Leben. Eine ho- miletifche praktische Bibliothek hat erst Abt Chappuz ange- angefangen. Der vorige war Ebel, der in der Predigt stecken blieb. Das Kloster hat Zehendeinnehmer, Amt- leute ꝛc. Es muß auch oft mit Preussen streiten. Man kan nicht sagen, wie reich es ist. Fuͤr den ersten Landstand muß der Abt bei Vermeidung der Ungnade erkannt werden. Reise von Hannover bis Hamburg; im Fruͤhjahr 1775. D er Weg ist beinahe uͤberall nichts als Sand und Wasser Indessen ist doch wohl 6. Meilen in der Laͤnge und 4. Stunden in der Breite das schoͤnste ebne Land. Waͤre es ein Boden wie am Rhein, so waͤre der Morgen 300. Gulden werth, jetzt kaum 1 Groschen, denn man kan nichts mit anfangen, lauter magrer Sand ist alles. Man hat allerlei vorgeschlagen, aber der wichtigste Umstand ist immer der Mangel an Wasser. Fehlte dies nicht, so koͤnnte man da Staͤdte und Doͤr- fer anlegen, und eine Menge Volk sich ernaͤhren. Jetzt sieht man nichts als elende kleine Schaafe; schlechte, armselige Bauerhuͤtten, worin das Feuer auf der Erde brennt, ein Schaafstall auf der Erde darneben. Brei- hahn und grobes Roggenbrod ist alles, was die Leute haben. Fichten und Tannen, die man da angelegt hat, bleiben immer Straͤucher und werden niemals Stammholz. . Man sieht nichts als rothes Moos, Heidekraut, und wenige Baͤume. Aber Suͤmpfe und Moraͤste sind desto haͤufiger, besonders zwischen Han- nover und Celle, wo man immer durch Wasser faͤhrt, gleich gleich als ob man auf der offenbaren See schwoͤmme. Ich muthmasse, daß das viele Wasser in diesen Gegen- den von der Nachbarschaft der Elbe und der Ostsee entsteht, und mit jenen Wassern einen unterirrdischen Zusammenhang habe. Denn es sind keine Waldungen da, die durch ihre Ausduͤnstungen so viel Regen verur- sachen koͤnnen. In den Suͤmpfen erzeugt sich nothwendig Torf. Das kan der Reisende schon an den Rippenstoͤssen merken, die ihm zu Theil werden. Denn die ganze Heide ist mit langen, dicken, sich weit ausbreitenden Baumwur- zeln durchflochten, an denen der Wagen allemahl zuruͤck- stoͤßt. Die Oberflaͤche der Suͤmpfe sieht auch schmutzig aus, hat eine oͤhlichte Haut, und uͤberall stehen die Wur- zeln von den Heidepflanzen. Ehemals war das alles ein Wald. Die Herzoge von Celle waren Liebhaber der Parforcejagd. Franz besonders, — er ritt so oft und so schnell, daß er, wie man ihn sezirte, unter den Lenden ein fingerdickes Fell hatte. In dieser Gegend sind einige Bauerhoͤfe frei von allen Abgaben. Die vorigen Herzoge schenkten ihnen diese Freiheit, wenn sie sich auf der Jagd mit einem Stuͤck Wild verspaͤtet hatten, nicht mehr nach Hause konnten, und bei einem Bauer uͤber Nacht bleiben mußten. Weil von den Ueberschwe m mungen des Wassers auf der Heide die benachbarten Wiesen grossen Schaden lit- ten; so hat die Regierung 2. Meilen von Celle einen grossen breiten Graben mit vielen Kosten ziehen lassen, wodurch dem Wasser ein Abzug verschaft, und viele Wiesen trocken gemacht wurden. Celle. Celle. Eine mittelmaͤssig grosse Stadt, mit Wall und Graben. Sie hat gutes Pflaster, breite Strafsen, franzoͤsische Gaͤrten, ein schoͤnes Schloß auf einer Anhoͤ- he, ein Regiment zur Besatzung ꝛc. Die Aller laͤuft an der Stadt vorbei, und hat vor dem Thore einen ge- waltigen Fall. Die Celler Honigkuchen werden von vielen gekauft. Harburg. Die letzte hannoͤver ische Stadt dies- seits der Elbe. Sie hat meist steinerne Haͤuser von gebrannten rothen Steinen. Die Hauptstrasse ist schoͤn, gerade, lang, breit, wohl gepflastert, und stoͤßt ans Wasser. Man ißt hier schon Seefische, z. B. kleine Sturen gebraten und gesotten, die aber voll Graͤten sind. Das Fleisch dieser Fische ist sehr wels und etwas hart. Die Leute setzen zerlassene Butter darzu auf, in die man die Fische tunkt, nachdem man sie vorher mit Pfeffer be- streut hat. Schweizerkaͤse findet man hier uͤberall. Die Butter ist ungesalzen und f ehr gelb. Die Franzweine sind hier wohlfeil. Die Ueberfahrt von hier nach Hamburg uͤber die Elbe geschieht in einem Ever. Wahrscheinlich ist die- ses Wort von hinuͤber oder hohleber entstanden. Es ist ein plattes Boot, das keinen Kiel, aber einen Mast mit einem Segel hat. Mit gutem Winde kan man in einer Stunde uͤbersetzen. Man weis aber, daß man wohl 2, 3, ja bis 7. Stunden damit zugebracht hat Man hat Faͤlle, daß Ever umgeschlagen sind, aber daß Leute ertrunken waͤren, weis man schon lange nicht mehr. Am Umschmeissen ist oft der Brantewein im Kopfe der Schiffer Schuld. . Erst Erst faͤhrt man lange auf andern Wassern, sieht Har- burg, Hamburg, Altona, Wandsbeck ꝛc. bald von dieser, bald von jener Seite. Wenn man endlich in der Elbe Die Schiffer haben auf der Elbe grosse Freiheiten. Eine Ohrfeige kostet dem Passagier 10. Thaler. selbst ist, so merkt man es bald daran, daß das Schiff alsdann hoͤher geht, und in dem schweren Wasser so tief nicht sinkt. Die Farbe der Elbe ist schmuziggelb. In den Nebenwassern sind viele Untiefen und Sandbaͤnke. Um die Schiffer davor zu warnen, hat man an solche Oer- ter Tonnen mit eisernen Zacken eingeschlagen, die man auf der obern Flaͤche des Wassers gewahr wird, und davor fliehet. Hamburg zeigt sich in seiner ganzen Groͤsse un- gemein schoͤn. Man faͤhrt in den Hafen hinein, wo grosse und kleine Schiffe in Menge liegen Wenn alle da sind, so sind es wohl uͤber 200. Sie bedecken die eine Seite der Stadt, da wo man auf dem Wasser nicht weiter kommen kan, heißt die Ge- gend der Kehrwieder. Im Fruͤhjahr gehen wohl 60. Schiffe mit einmahl ab. Die Staatsjachten sind un- vergleichlich. Sieht man uͤber den Hafen hin, so kan man durch die vielen Stangen, Masten, Segel und Tauwerke nicht durchsehen, es ist wie ein Wald. . Einige sind sehr schoͤn angestrichen, fast alle sind mit ihren Na- men gezeichnet, einige haben Portraits von Frauenzim- mern. Zwischen diesen Schiffen steht ein Gebaͤude, die Schifferboͤrse, da ist die Wache von Hamburg ischen Stadtsoldaten, und die Reisenden muͤssen, weil man auf diesem Wege kein Thor passirt, hier gleich Namen, Be- dienung und Aufenthalt angeben Und hier beim Blockhause wird Nachts der Hafen mit starken eisernen Ketten, auf die man neben einan- der genagelte Balken legt, verschlossen. . Man steigt bei dem dem Baumhause, einem praͤchtigen Gasthofe, ab. Die von Magdeburg ꝛc. oben auf der Elbe herabkommen, steigen beim obern Baumhause aus Die Aussicht auf dem Baumhause ist ganz zum Ent- zuͤcken. . Die Matrosen gehen meist in schwarzen leinenen, oder auch blauen Kit- teln. Sie sind so grob, daß sie gleich Hure rufen, wenn ein Frauenzimmer auf einem Schiffe dadurch faͤhrt. Hamburg. — Eine Welt im Kleinen — vielleicht noch groͤsser als Strasburg. Man kan die Menge der Buͤrger nicht bestimmen. Einige rechnen 300,000. See- len auf die Stadt. Alle Tage kan man bekommen, was man will. Ordentliche Messen wie in Frankfurt, Braunschweig oder Leipzig hat man nicht. Um Mar- tini ist im Dohm ein Markt von Kleinigkeiten und Ga- lanteriewaaren. Der groͤßte Theil der Einwohner sind Kaufleute, die mit allen moͤglichen Dingen handeln. Der Kornhandel ist aber einer von den eintraͤglichsten, weil diese Waare nie aus der Mode koͤmmt. Mit einer Sache handeln wohl 100, 150, 200 ꝛc. Man kan alle Tage En- gellaͤnder, Hollaͤnder, Portugiesen, Franzosen ꝛc. sehen. Die Stadt ist weit groͤsser und volkreicher als Luͤbeck. Die Lust scheint gesund zu seyn, man findet keine stinkende Gassen, einzelne Plaͤtze nur riechen uͤbel, doch sind die meisten Strassen zu eng und zu finster. Ein gutes Pflaster kan man nicht erwarten, weil bestaͤndig so stark gefahren wird. Doch wird das meiste zu Wasser herein gebracht. Der Rath besteht aus 24. Rathsherren und 4. Syn- dicis, 13. davon sind unstudirte Kaufleute, alle muͤssen schlechterdings lutherisch seyn. Buͤrgermeister sind allemal 4. ihr Titel ist Magnifizenz, 2. davon fuͤhren allemal das das Praͤsidium. Der Bediente von ihnen geht neben dem Wagen mit einem silbernen Degen, und noch andre Bediente gehen in mit Silber besetzten Kleidern, oder blauen bordirten Maͤnteln nebenher, wenn er zu Rathe faͤhrt. Dies geschieht alle Tage um halb 9. Uhr. Alle Raths- herren gehen zu Rath schwarz, mit einem weissen Ge- kroͤse und einem samtnen Ueberrock. Jeder muß seinen eigenen Wagen haben. Wird einer erwaͤhlt und er hat noch keinen, oder er zerbricht, so hat die Stadt etliche sogenannte Stadtwagen, die leihet sie ihnen allemahl, um zu Rath zu fahren, umsonst. Sie heissen nicht Rathsherren, sondern Herren des Raths, und stehen in grossem Ansehen. Die groͤßte Bequemlichkeit der Stadt sind 3—5. Ka- naͤle, die durch dieselbe gehen. Auf diesen gehen Schiffe mit Waaren beladen, in die Mitte der Stadt herein, und bringen Korn, Holz, Steine, Kalk, Torf, Wein, und alle Kaufmannsguͤter bis vor die Haͤuser der Kauf- leute, und so erspart man die schweren Frachtkosten auf der Achse. Die Kaufleute haben meist lange, aber schmale Haͤuser. Der hinterste Theil des Hauses macht eigent- lich das Waarenlager aus, da sind unten der Keller, und dann 3, 4, 5. Buͤhnen uͤbereinander, wo man eine unge- heure Menge Waaren, viele 100. Tonnen aufspeichern kan. Unten ist eine Thuͤre, die gegen den Kanal zu ge- oͤsnet wird, und auf jeder Buͤhne ist hinten auch eine Thuͤ- re. Nun ist die simple, wohlfeile und bequeme Einrich- tung, Waaren hinauf zu bringen, diese; zu oberst im Hause ist eine Welle, an jedem Ende der Welle ein gros- ses hoͤlzernes Rad. Um die Welle winden sich 2. dicke, starke Seile, und diese Seile gehen in Loͤchern durch alle Buͤhnen im Hause durch bis hinunter. Nun kommt die Zweiter Theil. T t Fracht Fracht im Schiffe auf dem Kanale bis vor das Haus. Man oͤfnet die Thuͤre auf dem Boden, auf welchem die Tonnen liegen sollen. Die beiden Seile werden an den Tonnen befestigt, oben bei der Welle steht ein Kerl, der treibt mit leichter Muͤhe das Rad herum, so windet sich der Strick um die Welle, und die Tonne wird herauf- gezogen. Ist sie abgenommen, so dreht er oben das Rad auf die entgegen stehende Seite, so geht der Strick wieder hinab, und so werden in einem Nachmittage ge- waltig viele Zentner heraufgezogen. Man weis keine Stadt, die eine so bequeme Einrichtung haͤtte, als Amsterdam, wiewohl dort auch Kanaͤle durch die Stadt gehen. Die Kanaͤle dienen uͤberdies zur Reini- gung der Geraͤthschaften, zum Waschen, zu vielen Fa- briken, z. B. die Kattunmacher haben eine Stellage im Wasser, waschen da das Zeug, ehe es gedruckt wird, den ganzen Tag, und schlagen es mit Dreschflegeln — so sieht man ganze Reihen an einem Kanal, aber es ist eine harte Arbeit. Die Einfassung der Kanaͤle zu beiden Seiten ist kostbar. Sie geschieht mit hoͤlzernen Pfaͤh- len oder mit steinernen Saͤulen. Jeder Buͤrger muß das vor seinem Hause thun, und in baulichem Stande erhalten. Viele machen es mit Steinen, das kostet viel, es dauert aber auch laͤnger. Das Korn wird bis an die Boͤrse auf Schiffen gebracht und da verauktionirt, oder abgeladen. Eine Menge Korn koͤmmt aus Des- sau, und eben so viel als Kontrebande aus dem Mag- deburg ischen, der strengen Befehle des Koͤnigs von Preussen ohngeachtet. Die Boͤrse ist der Sammelplatz der Kaufleute und Maͤkler. Es ist ein grosses Gebaͤude, steht am Wasser, und darne- darneben ist ein Krahn und eine Stadtwaage. Von 12. bis 2. Uhr kommen hier alle Kaufleute zusammen. Man kan wohl 1200. Personen rechnen, Juden, Christen, Quaͤcker ꝛc. alle Nationen sieht man da. Oben ist ein Boͤrsensaal, und unten ein offener, freier, mit Saͤu- len eingefaßter bedeckter Platz, der heißt die innere Boͤrse. Der Platz aussen herum heißt die aͤussere Boͤrse, und wird auch ganz besetzt. Die Juden duͤr- fen nicht in die innere Boͤrse. An den Saͤulen werden die Zeddel angeschlagen, wenn ein Schiff oder eine Waa- re angekommen ist, die niemand abholen will, oder et- was verauktionirt werden soll, oder ein fremder Kauf- mann, oder Schiffskapitain gearrivirt ist. Die mei- sten Kaufleute haben einen gewissen Platz, wo sie zuerst hingehen, da sucht sie jeder auf, der sie sprechen will, die Kornhaͤndler, die Engellaͤnder und Maͤckler ꝛc. ha- ben auch ihre gewissen Plaͤtze. Es ist ein angenehmes Getuͤmmel von Leuten, man hoͤrt ein verwirrtes Gesum- se, man sieht wunderbare Editionen von Kleidermoden, Peruquen, Huͤten ꝛc. — man sieht allerlei Karaktere im Gesicht, der eine ist verdrießlich, der andere munter, der hat Bankozeddel, der hat einen Brief, der rechnet in der Schreibtafel, der invitirt den andern, der hat eine Waarenprobe, dort begegnen sich 2. unversehens, kuͤssen sich ꝛc. Auf dem Rathhause ist die Bank — davon wis- sen die Kaufleute hier sehr vernuͤnftig zu sprechen. Sie be- haupten, nur in Republiken sei eine Bank Sie bringt der Stadt grossen Vortheil. Maͤkler duͤr- fen nicht Theil daran haben. moͤglich. T t 2 Sie Sie entstand aus der Unbequemlichkeit, die mit dem bestaͤndigen Geldzaͤhlen verbunden ist. Da traten An- fangs 10-20. Personen zusammen, jeder deponirte etwa 20000. Gulden. Das hat er nun da gut; soll er nun einem andern von der Kompagnie etwas auszahlen, so geschieht das blos durch einen Zettel auf dem Bankhau- se. Da schreibt man es an, und rechnets gegen einan- der ab Man hat 6. Bankschreiber, die muͤssen ihren Dienst theuer kaufen, werden aber von den Buͤrgern sala- rirt, bekommen zum Neujahr Geschenke, und fuͤr je- den Bankozettel unter 40. Mark, einen Doppelschil- ling. Alles Bankogeld muß Speziesthaler seyn. . Daher muͤssen einige grosse Kaufleute die Bedienten alle Tage auf die Bank schicken, andre nur 2mahl in der Woche. Die Bank ist offen von 7 bis 9. Uhr des Morgens. In der Stadt sind 5. Hauptkirchen, und an jeder 4. Prediger, und an der Neukirche 5, ausser den Kan- didaten. Das Ministerium wird von einem Senior dirigirt. Das Seniorat wechselt aber nicht ab. Die Prediger heissen Priester, und stehen in grossem Ansehen. Sie duͤrfen nicht ohne Mantel und Gekroͤse ausgehen, muͤssen wenigstens allemahl eine lange Kutte anhaben. An der Wahl hat die Gemeine oder das Kirchspiel (d. i. die 16. Kirchherren) vielen Antheil. Bei jeder Va- kanz muͤssen einige zur Probe predigen, und unter denen wird einer gewaͤhlt Man druckt die Namen auf einen Zettel, das heißt der enge Ausschuß. Dreimal wird fuͤr die Wahl ge- beten. Sie geschieht Somitags um 11. Uhr nach der Predigt im Kirchensaal, und wird durch den Organi- sten . Nebst dem hat jede Kirche ihre ihre Oberalten, Subdiakonen, Verwalter ꝛc. Die letztgenannten koͤnnen zu den erstgenannten promovirt werden, und dann haben sie erst Besoldung. Das All- mosensammeln wechselt unter den Subdiakonen ab. Wer zur Kirche gehoͤrt und in officio ist, muß schlech- terdings schwarzes Kleid, Mantel und eine runde Peru- que tragen, wenn er gleich sonst eine Haarbeutelperuque traͤgt. Alle Morgen ist in irgend einer Kirche eine Pre- digt. Die andern Kirchen heissen Nebenkirchen. Eine von den schoͤnsten soll die Katharinenk irche seyn, die schoͤnste die Neuekirche. Auf der Spitze des Thurms an der Katharinen kirche steht eine goldne Krone, die von 2. Seeraͤubern soll hinauf geschenkt worden seyn. Die Kuppel des Nikolai kirchthurms steht auf 10. ver- goldeten Kugeln. Vortrefliche Glocken und Glocken- spiele sind auch hier, und grosse Orgeln, die alle mit den zinnernen Pfeifen nach der Kirche zu gerichtet sind, und den Organisten hinter sich haben. Die Kanzeln sind breit, mit weissen marmornen Saͤulen geziert, meist aus einem schwarzen Stein, wahrscheinlich Jaspis. Ader sie sind sehr niedrig, kaum 2. Schuh uͤber den Zuhoͤrern, ja sehr viele Zuhoͤrer stehen hoͤher. Sonst sind die Kir- chen noch voll papistischen Unraths, an jeder Seite der dicken Pfosten haͤngt eine schmuzige Tafel mit breiten Verzierungen, uͤberall sind Gemaͤlde, auf den Altaͤren grosse Aufsaͤtze, schwere Leuchter. Das Chor ist mit schweren starken Thuͤren eingeschlossen, die aus lauter metallnen Pfosten in der obern Haͤlfte bestehen. Die Kanzel ist mit eisernen Gittern eingefaßt, die Beicht- T t 3 stuͤhle sten zum Fenster hinaus dem versammelten Volke be- kannt gemacht. stuͤhle stehen an allen Ecken der Kirche, sind gros, und haben Fenster, 2, 3. Kronenleuchter haͤngen in der Mitte herab, und dienen bei den Leichen des Nachts. Alle Kirchen sind dunkel, die Stuͤhle haben Thuͤren, viele Abtheilungen und fast gar keine Plaͤtze. Alle Waͤn- de sind weis. Ferner sind alle Schritte in der Kirche mit Grabsteinen besetzt, und laͤngst der ganzen Kirche hin liegen Todte. Man geht darin so weit, daß viele Familien ihre eigene Erbbegraͤbnisse in den Kirchen ha- ben; daß jeder Grabstein oben einen dicken eisernen Ring hat, an dem man ihn aufhebt, uͤber den man aber auch fallen kan, und wie sehr verunstaltet es den Fußboden der Kirche? daß man es sogar an den Kirchthuͤren ge- druckt anschlagen laͤßt, wenn einige Graͤber feil sind, und daß man sogar in die Sakristei begraͤbt. — Der Dohm oder Dumm ist hier gar das nicht, was an andern Or- ten. Es ist die elendeste und schlechteste Kirche, wo auch Buchlaͤden aufgeschlagen sind. Solche Nebenkir- chen brauchen die Leute als Passagen, um den Weg abzukuͤrzen. Die Michaeliskirche ward vor einigen Jahren vom Wetter angezuͤndet, brannte bis aufs Mauerwerk ab, und ward mit schweren Kosten wieder erbaut — noch ist kein Thurm daran. Die Engli- schen Kaufleute haben hier das Englische Haus, wo ihnen ihr Prediger Englisch predigt. Sie beobachten das Reciprocum in London. Man kan auch ein Schiff Das ist ein altes sehr grosses Konvoyschiff, das ehe- mals wider die Tuͤrken gebraucht worden. Man weis, daß es in Lissabon und in Cadix eingelaufen. Jetzt ist es schadhaft und man laͤßt es abgehen. Man steigt an einer Treppe hinauf. sehen, auf dem gepredigt wird. Das Mini- sterium sterium versammelt sich etliche Tage in der Woche in des Seniors Hause, und deliberirt uͤber die Angelegen- heiten. Die Kandidaten predigen des Morgens fruͤhe. Die Dorfprediger erscheinen in einer langen, traurigen, schwarzen Kutte und Kragen. Das Gymnasiums- Gebaͤube hat nichts Wichtiges. Die Handlungsaka- demie hat weitlaͤuftige Gebaͤude, Spaziergaͤnge, Gaͤr- ten und gute Anstalten. Leichen sind meist Nachts. Die Stadt hat Leichen- wagen darzu, die Himmelwagen heissen — gleich als wenn alle Hamburg er in Himmel kaͤmen. — Die Kin- der werden meist im Hause getauft, der Taufstein steht in der Kirche auch in einer unzudringlichen eisernen Einfas- fung. Die Katechisationen geschehen alle in der Woche, und nur mit Kindern. Oeffentliche Konfirmationen hat man nicht. Der Gesang geht langsam, man singt auch 2, 3. Lieder allemahl. Die Prediger singen und machen das Kreuz auf der Kanzel. Im Gottesdienste ist uͤberhaupt fuͤr einen Frem- den hier viel Sonderbares. In den Nebenkirchen ist Sonntags weiter nichts, als um 7. Uhr eine Predigt. In den Hauptkirchen ist an jedem Sonntage die Fruͤh- predigt, die Hauptpredigt, die Zwoͤlfepredigt, (fuͤr die Domestiken) und die Nachmittagspredigt. Der Haupt- pastor thut ausser der Sonntagspredigt nichts. Die 3. andern, die Kapellane heissen, muͤssen taufen, Kom- munion halten, Beichte sitzen Die Prediger stehen zum Theil sehr gut, 3-4000. Thaler haben einige. Sie haben viel Ansehen, und mischen sich oͤffentlich in Staatssachen. Ihre Soͤh- ne haben meist Stipendien, Goͤtzens seiner hat 2-3. . Der Oberkuͤster muß T t 4 studirt studirt haben, um im Fall der Noth predigen zu koͤnnen. In den Predigten werden viele Verse angefuͤhrt. Der Prediger laͤßt den Tag vor der Predigt eine weitlaͤuftige Disposition drucken, die heißt der Text. Hier kostet das Kirchgehen Geld. Ein Platz, den man in einer Hauptkirche kauft, kostet wohl 1000. Mark, das thun die Leute nicht gern, um nicht an eine Kirche gebunden zu seyn. Wer also keinen gekauften Platz hat, der muß, wenn er sitzen will, die Stelle mit 1. oder 2. Schillingen bezahlen. Alle nicht verkaufte Plaͤtze sind in jeder Kir- che an gewisse Weiber gegen schweres Geld verpachtet. Diese Weiber weisen nun den Fremden Stuͤhle an, ha- ben auch eine Menge Sessel bei der Hand, und lassen sich noch in der Kirche oder beim Weggehen bezahlen. Sie loͤsen viel, weil in Hauptkirchen am Sonntage 4. Gottes- dienste sind. Man meint hier, es liesse sich dies nicht abstellen, theils wegen der vielen Fremden, die bestaͤn- dig in der Stadt sind, theils weil der Unterhalt der Kir- che und der Armen so hoch kommt. Beinahe bei jeder Predigt hat der Prediger eine Menge Danksagungen und Fuͤrbitten zu thun. Man bittet fuͤr alle Schifffahrende, fuͤr abgehende Studiosos, fuͤr reisende Kaufleute, fuͤr ein junges Ehepaar, wenn sie sich versprochen haben, wenn sie aufgeboten werden, wenn die Frau im 8ten Monat schwanger ist, wenn sie entbunden worden, wenn sie wieder ausgeht. Man bittet fuͤr die Predigerwahlen, wenn welche sind, fuͤr die Bekehrung der Juden, man liest Lebenslaͤufte ab, und wuͤnschet den Eltern, Schwe- ster, Frau, Schwiegermutter, nahmentlich, Gottes Troͤ- stungen, und das alles in weitlaͤustigen Formeln, die oft sehr ungeschickt gewaͤhlt sind, z. B. „dem allerhoͤch- „sten Gott wird hiermit schuldiger Dank abgestattet“. Das Das Gesangbuch ist, wie alle bisherige, und eine grosse Parthei hindert immer die Verbesserung. Die Prediger haben fuͤr jede Danksagung 1. Thaler, auch wohl einen Dukaten. Fuͤr die Bestellenden aber ist dies eine kost- bare Sache. Sie muͤssen oft 2, 3, 4. Predigern zu- gleich geben, wegen der Familienkonnexionen. Zur Zeit des letztern siebenjaͤhrigen Kriegs waren die Haͤuser hier sehr theuer. Es zogen viele Leute hie- her, um sicher zu seyn, fingen einen Handel an, und kauften Haͤuser à tout prix. Da ward die Stadt erweitert. Man fuͤhrte noch einen Kanal durch die Stadt, und baute Haͤuser Der Kalk, womit man hier die Haͤuser mauert, ver- dient Aufmerksamkeit. Er ist Muschelkalk, oder Steinkalk. Die Muschelschalen werden an der Nord- see gesammelt, dort von den Leuten gebrannt, und als Kalk hieher gebracht. Der Steinkalk kommt aus Luͤneburg und Seeberg, und heist der Steinber- ger Kalk. Er wird in grauen Steinen gegraben, bringt man die ins Feuer, so werden sie weis, zer- fallen aber nicht in ein Pulver. Loͤscht man sie, so werden sie auch kein Pulver, sondern bleiben Stein. Ja, mit Wasser uͤbergossen, werden sie vielmehr haͤr- ter und fester. Man sieht dies sogar an denen Stei- nen, die auf einem grossen Haufen liegen, und dem Regen ausgesetzt sind. Die wenigen Tropfen ver- mehren die Dichtigkeit des Steins. Wie brau- chen sie ihn denn? Sie lassen ihn zwischen 2. grossen Steinen zerreiben, und vermischen ihn dann mit Mu- schelkalk. Der Steinkalk fuͤllt aus, der Muschelkalk bindet. . Nun sind die Haͤuser wohlfeil, und wer eins verkaufen muß, leidet Schaden. T t 5 Man Man hat hier eigne Plaͤtze, wo die Ochsen ge- schlachtet werden, grosse steinerne, vielstoͤckige Haͤuser, wo niemand wohnt, die man blos als Packhaͤuser braucht, Rathsapotheken und Rathskeller, die unmittelbar unter dem Rathe stehen. Die meisten Haͤuser sind hoch, ha- ben viele Stockwerke, gehen spitzig zu und sind schmal. Die neuern sind alle von gebrannten Steinen, und geben einen guten Anblick. Der Pferdemarkt ist ein Platz, wo alle Jahre zweimahl eine erschreckliche Menge Ochsen zu- sammen kommen, welche die Schlaͤchter, und die Buͤr- ger kaufen, denn jeder Buͤrger schlachtet hier alle Spaͤt- jahre einen Ochsen, poͤckelt das Fleisch ein, und verspeißt es den Winter durch. Auf diesem Platze ist auch die Nachtwache, denn es gehen alle Nacht starke Patroul- len, theils weil die engen Strassen leicht den Spitzbuben zum Aufenthalt dienen, theils wegen Feuersgefahr; — sie haben deswegen auch immer Eimer bei sich, und sind bei entstehender Gefahr gleich bei der Hand. Man hat hier grosse Zuchthaͤuser, wo die Betruͤ- ger hinein kommen. Es sind lange Gebaͤude, worin 2. grosse Thore immer offen stehen; dadurch sind viele un- versehens gefangen worden. Die Eltern oder Vormuͤn- der sagen, sie wolten mit dem jungen Verschwender spa- zieren fahren, und ehe er sichs vermuthet, faͤhrt die Kut- sche bei dem Thor hinein, und das Thor faͤllt zu. Die Arbeiten werden nach Maasgabe der Vergehungen aus- getheilt. Die schwerste ist, Fernambucksholz raspeln, denn das ist so schwer und hart wie Stein- oder Tauwerk spinnen, oder grobe Tuͤcher, die sie Feil nennen, und beim Scheuren gebrauchen. Hingegen unehrliche Leute, Diebe, Kindermoͤrderinnen, Landhuren ꝛc. kommen ins Spinn- Spinnhaus, das dabei liegt. Waisenhaͤuser sind auch da Diese Gebaͤude und das Waisenhaus nebst dem Pest- haus oder Siechenhaus, wo taͤglich wohl 900. Per- sonen verpflegt werden, kosten der Stadt sehr viel. . Einer der schoͤnsten Plaͤtze in der Stadt, ist der Inngfernstieg, an der Alster. Die Alster, ein brei- tes, klares, gruͤnlichtes, sanftes Wasser kommt bis in die Stadt hinein, wird da en quarré von einem Spa- ziergange, von Haͤusern und vom Wall eingeschlossen, und geht noch viele Meilen weit uͤber die Stadt hinaus. An der Seite, wo das Wasser anstoͤßt, ist ein trockner, zu beiden Seiten mit Baͤumen, und auf der Stadtseite noch mit schoͤnen Haͤusern umgebner, wohl ein halbtau- send Schuh langer Spaziergang angelegt. Auf dem Wasser stehen uͤberall kleine Schuͤten, die man des Sommers miethet, um sich da zu vergnuͤgen. Man faͤhrt auch wohl auf ein Wirthshaus vor der Stadt, und speiset dort, oder man nimmt das Essen mit in die Schuͤ- te, und divertirt sich dabei auf dem Wasser mit Musik. Die Schuͤten heissen Archen, oder Stubenschiffe, wenn ein kleines Gebaͤude mit Tischen und Fenstern dar- in ist. Der Wall um die Stadt ist sehr breit, mit Baͤu- men auf beiden Seiten bepflanzt, und wohl eine Meile lang mit grossen und kleinen Kanonen, mit Wachen, Kon- stablerhaͤusern und Magazinen besetzt. Man geht da uͤber 3-4. Thore weg, das Steinthor ist eins von den groͤsten. Man darf oben fahren und reiten. Es ist die praͤchtigste Aussicht uͤber die Elbe und den Hafen hin. Bei heiterm Wetter kan man bis nach Harburg sehen. Die Die Thore der Stadt werden fruͤh geschlossen, in jedem Monat zu einer andern Zeit, in Wintermonaten schon um 7. Uhr, spaͤtestens um halb 10. Uhr, und dann wird weder Rathsherr noch Burgermeister herein gelassen. Fuͤr die Freiheit ist ein Theil der Stadt sehr einge- nommen. Dieser sagt: die Buͤrgerschaft thue alles, Burgermeister und Rath sei nur Ceremoniel, andre aber reden mit mehr Ehrerbietung und glauben sogar, daß es dem Fremden wichtig sei, wenn sie auf der Gasse ihnen die Haͤuser zeigen, wo ein Herr des Naths wohnt. Der Rath kan keinen Prediger und niemand absetzen, die Buͤrgerschaft muß einwilligen. Die Lebensart der Stadt ist eccentrisch. Man ist von der Gewohnheit, der sich alte Leute noch erinnern koͤnnen, um 12. Uhr zu essen, um 10. Uhr zu Bett zu ge- hen, und um 5. Uhr aufzustehen, abgekommen. Das thun jetzt nur noch die Handwerksleute und Geringen. Die Kaufleute und Vornehmen trinken um 7. Uhr Thee oder Kaffee, um 9. Uhr koͤmmt Butterbrod und Schnaps, von 12-2. Uhr ist man an der Boͤrse, um 2. oder halb 3. Uhr ißt man, aber nur eine Stunde, um 5, halb 6. Uhr trinkt man Kaffee und um halb 9. Uhr geht man zum Abendessen und sitzt da bis 11. Uhr. Das spaͤte Mit- tagsessen entsteht von der Boͤrse, und das Nachtessen kan nicht fruͤher geschehen, weil die Comtoirbedienten die Po- sten erst besorgen muͤssen, die zum Theil Nachts um 9. Uhr abgehen. Ganz Vornehme schlafen von Nachts um 12. bis Mittags um 11. Uhr, trinken dann Kaffee um 11. Uhr, essen zu Gast um halb 3. und zechen bis wieder in die Nacht. So oft der Kaffee getrunken ist, wird wird Thee aufgesetzt, und Abends ebenfalls Thee. Je- der hat ein Kohlenbecken und einen Theekessel in einem schoͤnen hoͤlzernen, und mit Messing beschlagenen Ka- sten des Tags 2mahl bei sich stehen, und glaubt’s dem Arzte nicht, daß der Dampf schadet. Beim Eingang in die Haͤuser trift man viele Ki- sten und Schraͤnke an, die zum Theil Bettkasten sind. In den Staatszimmern ist der Boden sehr oft mit stei- nernen Fliessen bedeckt, schwarz und weis abwechselnd — die weissen, aus einem weissen Marmor aus Italien, kommen uͤber Bremen, und sind sehr theuer. Die groͤsten Haͤuser sind aus lauter Backsteinen aufgebaut. Tapeten sind nicht allgemein, und meistens nur gemahl- tes Papier. Zu den Tabakspfeifen hat man ein langes schmales Schraͤnkchen in der Wand mit einer Thuͤre, wo sie aufgestellt werden. Der Tisch, an dem man ißt, wird schon gedeckt hereingetragen. Marmorne Platten auf kleinen Tischen sind haͤufig. Viele Leute haben das feinste Porzellan. Kanapees sieht man hier gar nicht. Mit rothem Sammt sind die Sessel meist uͤberzogen. Auch von Stroh geflochtene hat man noch viele. Bei Tische hat man lauter Kelchglaͤser und gruͤne Bouteillen. An einigen Haͤusern ist hinter der Thur eine Kette ge- spannt, die kein Bettler und Fremder aussen herabwerfen kan. Viele haben Familiengemaͤlde oder andre Stuͤcke von Duͤrer ꝛc. an den Waͤnden haͤngen. Betten mit gruͤn damastnen Vorhaͤngen sind hier sehr schoͤn. Die Fußboͤden werden sehr glatt und reinlich gehalten. Sie schuͤtten etwas Wasser auf den Boden, und fahren darin mit einer Buͤrste an einem langen Stock sogleich hin und her. Man hat eigene Muͤhlen, wo der Tufstein gerie- ben ben wird. Ein Pferd, das am Halse vermittelst einer Stange an die Welle befestigt wird, treibt den Stein herum, und wird selbst dadurch getrieben. Man nimmt gern ein Blindes dazu, oder verbindet dem Sehenden die Augen. In den Speisen kan man hier alle Monate abwech- seln. Besonders wird viel eingepoͤckeltes Fleisch verspei- set. Man hat ausser den sonst bekannten Fischen hier Seefische, Doͤrsche, Butten, Schollen, Schellfische ꝛc. Alle diese haben ein weisses Fleisch und gehen im Ge- schmack wenig von einander ab. Seekrabben bekommt man aus Luͤbeck. Man ißt gedoͤrrten Lachs zum Spi- nat, und thut Rosinen in die Kloͤse oder Knoͤpflein in der Fleischbruͤhsuppe. Roggenbrod hat man hier haͤufig in Haͤusern. Bier brauen sie auf Berliner art. Seefische bestreut man bei Tische mit geriebenem Meerrettig, und thut dann erst die Buttersauce daran. Man stellt Pflau- men auf, die in Brantewein und Liqueurs aufgehoben werden. In den Kuͤchen hat man Pumpen und Roͤh- ren fuͤr das Wasser, und viele kupferne aber verzinnte Gefaͤsse. In einigen Haͤusern hat man ein Trinkwasser, das von Altona hereingeleitet wird. Zum Einpoͤckeln brauchen sie etwas spanis ches Salz, sonst bekommt die ganze Stadt all ihr Salz von Luͤneburg, und die Buͤr- ger kaufen es tonnenweis. Zum Kaffee setzen sie Milch und Rohm in 2. besondern Kannen auf, sie essen den Zwieback nachher, tauchen ihn aber nicht ein. Das Frauenzimmer raucht nicht Tobak, ist aber an den Ge- ruch gewohnt. Beim Spieltisch werden Kirschliqueur und andre starke Getraͤnke herumgegeben. Bei Traktamen- ten biegt sich der Tisch unter der Last der Schuͤsseln, und einer will den andern uͤbertreffen. Die Die Kleidung der alten Kaufleute ist simpel, gros, weit, aber ohne Pracht. Die jungen und die Damen lie- ben desto mehr das Putzen. Die Vornehmen gehen mit einem rothen scharlachenen Mantel uͤber dem Kleide. Der Hut ist gros und hoch. Peruͤcken sind sehr gewoͤhnlich. Degen werden selten getragen. Die Frauenzimmer ge- hen mit einem grossen Tuche verhuͤllt, bei schlechten und bei angenehmen Wetter, zum Theil in die Kirche. Wer mehr von der Kleidung wissen will, der gehe Sonntags um 2. Uhr auf den Kirchensaal in der Michaelis kirche. Die Sprache der Hamburg er sollte eigentlich Platt- deutsch seyn, und die Sprache, wenn man sie in der Ge- walt hat, ist nervoͤs, angenehm, zum Singen geschickt, hat ihre eigenen Redensarten und eigenen Schoͤnheiten. Man hat Hochzeitgedichte, die zum Scherz in dieser Spra- che verfertigt sind, und wahre Meisterstuͤcke heissen koͤnnen: aber viele verstehen sie gar nicht, und lernen sie nicht. Man redet Hochdeutsch, aber in einem erbaͤrmlichen Dialekt; man sagt Maude statt Mode; blift statt bleibt; Tschesus statt Jesus; bettken statt bischen; Wa- ter statt Wasser; Groͤte statt Groͤsse; Eten statt Essen; Tit statt Zeit. Lat mick mit Free. Win statt Wein. ꝛc. Franzoͤsisch und Englisch lernen alle junge Leute, und zum Theil von gar elenden Sprach- meistern. Bei Hrn. Pastor Goͤtze sieht man eine Bibelsamm- lung, die 400. Stuͤcke enthaͤlt, und zwar nicht vollstaͤndig, aber ausgesucht ist. Er hat eine deutsche Bibel, die vor Luthern in Augspurg 1473. bei Sorger gedruckt ist, blos nach der Vulgata, sie ist von Wort zu Wort aus dem Lateinischen. Genesis heist darin Buch der Schoͤpfung, Exodus, Exodus, Buch des Ausgangs, Leviticus, Buch der Leviten, Numeri, Buch der Zahl, Deuteronomium, Buch der andern Ee, Ee heist im alten Deutschen Ge- setz, Legislator heist in dieser Bibel immer Eetraͤger, die Kronick heist Buch der Efrung; effern, ein altes deutsches Wort, heist wiederholen: Luther hat das Wort noch, Prov. XVIII. „Wer eine Sache effert “, d. i. wie- der aufwaͤrmt, die Neuern haben aus Unwissenheit ei- fert daraus gemacht. Die Ap. Gesch. hat den Titel: Wuͤrkungen der 12. Boten. Die Bibel ist in gros Fo- lio, ziemlich deutlich geschrieben, aber weil alles verbo- tenus aus der Vulgata uͤbersetzt ist, so ist oft im Hiob und in den Propheten kein Menschenverstand. Die al- ten Bibeln und Psalmen haben zum Theil viel geschlage- nes Gold in den Anfangsbuchstaben. z. B. das B bei Beatus im Ps. 1. hat wohl so viel Gold als 1 Dukaten werth ist, man muß dergleichen Buͤcher vor den Juden sehr in Acht nehmen. Ein andres rares Stuͤck ist Ru- delii Vulgata, Koͤln 1527. und Schoͤffers Vulga- ta, Maynz 1542. der sichs herausnahm, die Vulgata an etlichen tausend Stellen zu korrigiren, und Gen. III. 15. ipsum lieset. — Er war es, der sich auf dem Concil. Trident. der Vergoͤtterung der Vulgata ent- gegen setzte. Ferner sind da ganze Suiten von Luthers und Erasmus Uebersetzungen und Anmerkungen, ein- zeln und ganze Bibeln. — Luther hatte Anfangs in ei- nem Psalmen: „Meine Seele vertroͤpfelt vor Truͤbsal“. Er hatte nie Vaterunser in seiner Bibel, aber im Ka- techismus hatte er es. Man sieht hier auch Ecks Bi- beluͤbersetzung, womit er Luthers seine verdraͤngen wollte. In einer Uebersetzung — oder Auflage vielmehr, — die nach Luthers Tode von Melanchthon besorgt wurde, sind sind viele den Synergisten zu Gefallen gemachte Veraͤn- derungen, z. B. 2. Cor. III. 5. „von uns selbst Rath zu finden“ — Die alten Theologen brauchten die Bibeln als Stammbuͤcher, sie schrieben einander vorn und hin- ten eine kurze Betrachtung uͤber einen biblischen Spruch hinein; Hr. Pastor Goͤtze besitzt solche Betrachtungen von Melanchthon, Luther, Flacius, Justus Jo- nas ꝛc. Die Alten hielten viel auf Gemaͤlde. Man hat Bibeln von Lukas Kranach gemahlt, es sind gro- be Holzschnitte, sie haben aber ein vortrefliches noch jetzo schimmerndes Kolorit. Eine starke Sammlung nieder- saͤchsischer plattdeutscher Bibeln hat er auch, s. seine Hi- storie davon. Die wichtigsten Bibeln ist er kritisch durchgegangen, und hat in den freiwilligen Beytraͤgen davon Nachricht gegeben. Die Roͤmische LXX. hat er in einer Auktion mit 60. Thalern bezahlt. Er hat viele al- te Stuͤcke von Kaͤsehoͤcken bekommen, oder als alte Fa- milienstuͤcke gekauft, auch vieles aus der Baumgarten- schen Bibliothek erstanden. Bengel war nicht der er- ste, der das N. T. so in einem weg drucken, und die Verse an Rand setzen lies, man hat schon Testamente aus dem 17ten Jahrh. auf diese Art. Man kan bei ihm auch ein Originalexemplar vom Liber Conformitatum se- hen; — es existirt also gewis Viel Lesenswuͤrdiges zur Litteraͤrgeschichte dieses aͤus- serst seltenen Buchs gehoͤriges, enthaͤlt die Hallische Bibliothek des seel. Dr. Baumgarten, der es selbst besaß, und es einstmahls in einer Anktion fuͤr 29. Thaler erstand. Herausgeber. und Luther s Weissa- gung, die Katholicken wuͤrdens unterdruͤcken, und sein Daseyn Zweiter Theil. U u Daseyn laͤugnen, ist eingetroffen. Die Menschenver- goͤtterung ist darin aufs hoͤchste getrieben. Franziskus wird mit Christo nicht ins Gleiche, sondern er wird uͤber ihn gesetzt. Was Bayle und Basnage von Calvini Institution. die unter dem Titel Alcuini herausge- kommen sind, gesagt haben, ist zuverlaͤssig falsch. Goͤ- tze hat eine Edition, wo Kalvin auf dem Titel und in der Dedikation, (die so eingerichtet ist, als wenn sie an Karl den Gross en waͤre) Alcuinus heißt. Das Buch ist ein duͤnner Foliant, ging unter diesem Titel in die ka- tholischen Laͤnder, und die Inquisitoren wurden eine Zeit- lang betrogen, sie dachten an Karls des Grossen Se- kretaͤr Alcuinum. Herr Goͤtze besitzt auch Abschriften von des Serveti L. III. de Trinitate, und eine von seinen L. II. de Erroribus in Trinitate, das letzte hat er selbst in Jena von dem dortigen Exemplar abge- schrieben. Man sieht bei ihm auch eine Uhr, die ein Bauer gemacht hat, die 4. Chorale und 2. Arien spielt, Viertel und Stunden schlaͤgt, und bei jedem Viertel ei- nen Akkord schlaͤgt, mit einer einzigen Walze. Hr. Dr. Bolten hat ausser einer vortreflichen Bi- bliothek, und vielen silbernen chirurgischen Instru- menten, auch viele sehenswerthe Naturalien. Ein junger Crotalus horridus in einer Brantweinflasche; die Schlange kam lebendig bis nach Amsterdam, und fras auf der Reise nichts, sie starb erst auf dem Wege nach Hamburg. Ruͤttelt man an der Flasche, so hoͤrt man noch eine kleine Bewegung in der Klapper. Unter den Konchylien hat er eine Wendeltreppe, andre unaͤchte Wendeltreppen, die in Holland am Ufer der Nordsee haͤufig vorkommen, etliche Perspektivhoͤrner, die man umkehren umkehren muß, wenn man ihre Schoͤnheit bewundern will, viele grosse und kleine, ganze und durchschnittene Nautili, viele Seenadeln, Strombi, Buccina, Mi- trae, Tiarae, Cypraeae \&c. Unter den Kegel- schnecken kommen seltene Stuͤcke vor. Er hat auch eine ungemein niedlich gezeichnete, mit Streifen und Puͤnkt- chen, rothe und gelbe Muschel aus der Suͤdersee. Auch einen Cancer Bernhardus, der ganz gelb, und in sei- ner Schaale vertrocknet ist. Viele Muscheln mit Sta- cheln, mit Hacken, mit natuͤrlichen Oefnungen, mit chi- nesischen Zeichnungen und Kuͤnsteleien, auch eine linksge- wundene Schnecke; auch eine Zebramuschel ꝛc. Die Einrichtung seines Kabinets ist diese: Ein grosser Kasten ist in 4. Theile der Laͤnge nach, von oben bis unten ge- theilt. Alle diese Theile stehen voll Schubladen, die ein paar Zoll tief sind, und weit in den Kasten hineingehen. Darin liegen die Muscheln, nicht allemahl nach Linne ’i- schen Geschlechtern, oft blos nach der Symmetrie und Schoͤnheit. Die Boden der Schubladen sind mit gel- ben, blauen, rothen ꝛc. Zottelsammt ausgeschlagen, und die Seitenwaͤnde hellblau angestrichen. Die Wen- deltreppe liegt auf Baumwolle und Flockseide in einem glaͤsernen Gefaͤs, auf welchem ein Deckel mit einem gel- ben Rande eingeschraubt ist. So kan man sie sehen, ohne sie zu zerbrechen. Andre seltene Stuͤcke liegen un- ter den andern noch auf einem kleinen Schachteldeckelchen, worin ein rothes oder weisses seidnes Fleckchen liegt. Die meisten Muscheln sind aus Ost- und Westin- dien. St. Juͤrgen heist eine Vorstadt von Hamburg. Man faͤhrt zwischen lauter Gartenhaͤusern hinaus. Die U u 2 Leute Leute dort bringen Milch und Butter nach der Stadt. Man zeigt den Fremden die dortige Kirche, weil sie im Kleinen das ist, was die Michaelis kirche in der Stadt. Bei dem Doͤrfchen stehen viele Gartenhaͤuser und Alleen, in denen sich die Hamburg er in Sommernaͤchten aufhalten. Der Pesthof vor der Stadt, nahe bei Altona, (oder plattdeutsch: allzunahe,) ist eine Gegend zwischen den Hamburg er Gaͤrten, wo das Lazareth steht, und hat eine eigene schoͤne neumodische Kirche. Die Kanzel ist fast so wie die in der Karlsruh er Schloskirche. Es ist ein eigener Prediger dabei. Um den Unterhalt der Ar- men zu erleichtern, pflegt man in der Charwoche in die- ser Kirche eine praͤchtige, affektvolle, die Leidenschaften der auftretenden Personen wohl ausdruckende Passionsmusik aufzufuͤhren, und lockt damit ganz Hamburg hinaus. Die Poesie ist 50. Jahr alt, herzlich schlecht, voll her- renhuthischpapistischer Taͤndeleien, aber die Musik ist von Telemann, einem beruͤhmten Hamburg er Kompo- nisten. Vor dem Teichthore sieht man einen sandsteiner- nen weissen Gedenkstein, an dem steht: „Die Elbe von „den Regenguͤssen eines truͤben Sommers angeschwollen, „trat uͤber unsre Fluren, drohte der Stadt ungewohn- „te Gefahren, und stieg bis an die bezeichnete Linie,“ und unten ist in der Hoͤhe meiner Brust eine Linie gegra- ben, und druͤber steht: „Der 1te Jul. 1771.“ Ehedem hatte die Stadt immer Zwistigkeiten mit dem Koͤnige von Daͤnnemark, und noch vor kurzem mußte sie viel Geld geben. Der Kaiser aber und das Reich forderten fuͤr die Stadt einen Revers, daß man nun nun weiter keine Forderungen mehr an sie machen wolle. Nur eine Viertelstunde vom Thor liegt Altona, eine ar- tige Stadt, diese schon unter Daͤn ischer Hoheit steht. Der Koͤnig von Preussen hat dem Handel der Stadt auch Schaden gethan. Die Kaufleute sagen, er schade sich und seinen Unterthanen zugleich, denn der Handel muͤsse Freiheit haben. Der neueste Befehl ist, daß keine Hamburg ische und Hollaͤnd ische Heringe mehr nach dem Koͤnigreiche gefuͤhrt werden sollen. Gegen das Betteln auf der Strasse, das ehemals hier gewaltig stark war, sind Arbeitshaͤuser angelegt, und Voͤgte bestellt. Aber viele hundert Maͤdchen sollen im- mer ohne Dienst herumlaufen, und ihr vorher Erworbe- nes verzehren, weil Domestiken hier sehr eigensinnig sind, viel Lohn bekommen, aber sich selbst Kaffee ꝛc. halten und aufkuͤndigen koͤnnen, wenn sie wollen. In vielen Haͤu- sern sind alle halbe Jahre andre Maͤdchen. Die Haus- frauen beschweren sich selbst daruͤber. Jetzt haͤlt die Republik nur 1500. Soldaten, ehe- mals 2000, aber das Geld fehlt. Dazu kommen noch 40-50. Dragoner mit schoͤnen Pferden. Die Kleidung ist roth mit blauen Aufschlaͤgen, weissen Beinkleidern und blechernen Muͤtzen. Der Generalmajor von Loo ist ein vortreflicher Mann, und eine schoͤne Person. Um 9. Uhr ist Wachparade. Es stehen wohl 300. immer Schildwache. Die Hauptwache ist 30. Mann stark. Ein gemeiner Mann bekoͤmmt monatlich 2. Thaler. Der Offizier 8, 10, 12 ꝛc. Thaler. Das Exerzitium ist das Kaiserliche, geht aber lahm. Im Mai muͤssen sie auch im freien Felde exerziren, abfeuern, Bomben werfen. Man sieht viele alte, kleine Leute darunter. Die auf U u 3 die die Wache gehen, muͤssen ihren rothen schweren Mantel auf dem Ruͤcken tragen, und mit einem Strick zusam- menbinden. Nachts wird der Wall von Buͤrgern be- setzt. Es ist auch an einem andern Platz der Stadt eine Buͤrgerwachparade. An der einen Seite der Stadt gehen die Garten- haͤuser wohl eine Meile lang fort. Sie sind zum Theil sehr gros, ganze Pallaͤste, und werden mit vielen Kosten unterhalten. In manchen koͤnnen 18, 20-30. Perso- nen logiren. Im Sommer halten sich die Kaufleute daselbst auf, sonderlich Nachmittags und Nachts. Des Rathsherrn Voghts Garten ist fuͤrstlich. Es sind grosse Seen darin, worin Haͤuser gebaut sind, mit Bruͤcken zu beiden Seiten, viele Treibhaͤuser, eine gan- ze Reihe Weinstoͤcke unter Glasfenstern, Kabinette, die inwendig mit einer Menge grosser und kleiner Muscheln Reihenweise, in verschiedenen Figuren ausgekleidet sind. In der Mitte des Kabinets haͤngt ein grosser, aber zu- sammengesetzter Spiegel. Die Muscheln werden durch einen eigenen Kuͤtt festgemacht. Sie leiden aber etwas von der Luft. Im Winter wird das Kabinet mit Bretern verschlossen. Viele Statuͤen aus der Mythologie von Holz stehen uͤberall im Garten. Man haͤlt auch Pfauen und Papageien. Ein kleiner Thiergarten, worinnen Rehe, islaͤndische ganz weisse Rehe, unterhalten werden. Auf der andern Seite sieht man Wasserkuͤnste, die praͤch- tig sind. Die Grotten sind ebenfalls mit Muscheln aus- gesetzt. — Von hier faͤngt die Gegend Ham und Horn an. Altona. Eine ziemlich grosse Stadt mit vielen schoͤnen Haͤusern, die 2te Stadt im Koͤnigreich Daͤn- nemark. nemark. Sie hat grosse Plaͤtze, schoͤne Kirchen, ein Gymnasium, viele Alleen, eine Menge Einwohner, auf der einen Seite ist die Gegend sehr schoͤn. Man sieht aus den Gartenhaͤusern die praͤchtige Elbe, und beson- ders machen die abgehenden Schiffe, und lavirenden Evers einen angenehmen Anblick. Man kan vom Tho- re fast in 10. Minuten da seyn. Wandsbeck. Ein Gut auf einer andern Seite der Stadt nach Luͤbeck zu, das jetzt dem Baron von Schimmelmann gehoͤrt, und unter seinen Haͤnden seit 15. Jahren viel verschoͤnert worden ist. Einige Gegen- den sind in der That romantisch. Das Schloß ist neu gebaut, hat viele Zimmer, aber einen kleinen Sallon, und ein Portrait vom Koͤnig von Daͤnnemark. Der Garten ist fuͤrstlich, hat viele Veraͤnderungen, praͤchtige Haͤuser, viele Statuͤen. Reise von Hamburg nach Luͤbeck. Der Weg betraͤgt mit der Post 7. Meilen. Drei Meilen sind meistentheils Sand, dann koͤmmt die Sta- tion Schoͤnberg, wo ein elendes Posthaus ist. Das Gebiet ist bald hannoͤverisch bald daͤnisch. Vier Mei- len nach Luͤbeck zu liegt die Strasse voll der schreck- lichsten Steine, woruͤber alle Reisende klagen. Man sieht von weitem nur einen kleinen Theil der Stadt, naͤ- her zu praͤsentiren sich die Thuͤrme gut. Luͤbeck. Die Stadt ist alt, die meisten Haͤuser sind gothisch, die Daͤcher mit Absaͤtzen wie Treppen, oder mit ausgeschweiften Bogen seltsam verunstaltet, und sehr hoch und eng neben einander. Die Strassen sind U u 4 ziemlich ziemlich gerade, besser gepflastert als Hamburg, mei- stens breit, aber die Stadt ist vielmal kleiner als Ham- burg. So viel Handelschaft und Leben ist auch bei weitem nicht hier, wie dort. Hingegen sind die Leute fei- ner, hoͤflicher, die Sprache hat einen schoͤnen Accent, die Leute werden alt, 50, 55. Jahr ist bei ihnen noch kein Alter. Essen, Trinken, und uͤberhaupt die ganze Lebensart ist von der Hamburg ischen wenig unter- schieden. Die Kirchen sind ungeheuer gros, aber eben so sehr mit ekelhaften Zierrathen angefuͤllt, die grosse Marien kirche besonders. Da steht das praͤchtige Uhr- werk, das den Tag, den Monat, die Himmelszeichen, die Sonnen- und Mondfinsternisse zeigt, und wie man sagt, 100. Jahre laufen soll. Es ist eine praͤchtige gros- se Scheibe, hinter einem von Eisendrat geflochtenen Git- ter. Die Uhr ist alt, und vor kurzem von einem ma- thematischen Pastor Becher reparirt und mit neuen In- schriften vermehrt worden. Unten steht eine Adjuration wider den, der das Werk beschmuzen oder verderben woll- te, in plattdeutscher Sprache. Darneben ist das Wahr- zeichen der Stadt, eine Katze, die auf eine Maus lau- ert, abgemalt. Oben uͤber sieht man, wenn es Mit- tags 12. Uhr geschlagen hat, nach dem letzten Streich eine kleine Thuͤr aufgehen, daraus kommen, vom Uhr- werk getrieben, die 12. Apostel in alten wunderlichen Klei- dungen. Sie stehen auf einem halben Zirkelbogen, sind nicht gros, graulicht, vermuthlich von Holz, bieten den untenstehenden Zuschauern den Ruͤcken, und ruͤcken ganz langsam, allmaͤhlig von einer Seite zur andern. In der Mitte der halben Zirkellinie, die sie beschreiben, steht in einer Nische ein Bild von unserm Erloͤser, der durch die Stralen am Haupt kenntlich wird. So wie einer von von den Aposteln, indem sie fortruͤcken, grade vor den Heiland zu stehen kommt, so zuckt er Achseln und Kopf, vom Drath und dem Gange des Uhrwerks so bestimmt, zusammen, macht eine Verbeugung, die possirlich ge- nug aussieht, vor ihm, und geht dann weiter. Die schaͤrfer sehen als ich, sagen, daß Judas nur ein haͤ- misches tuͤckisches Kompliment mache. Sind sie alle vorbei passirt, so gehen sie auf die andre Seite, und der Weg geht nach der Stellung der Zuschauer von der Rech- ten nach der Linken, wieder zu einer Thuͤre hinein, die gerade nach dem Judas zufaͤhrt. Fast alle Tage kom- men Fremde daher, der Kuͤstersjunge soll sich ganz gut dabei befinden, indem er gegen ein Biergeld eine Be- schreibung anbietet, die man ihm gern laͤßt, wenn man das Spiel mit angesehen hat. In allen Kirchen sind schoͤne Uhren, Kanzeln und praͤchtige Orgeln, besonders im Dohm. Aber in der Marienkirche ist sogar eine ganze Reihe eines Todtentanzes abgemalt. Da stehen die abgeschmacktesten Fratzen, Knochenmaͤnner, Ske- lete ꝛc. zum Anblick fuͤr Christen, die sich Protestanten nennen, und noch halb Papisten sind. Das Rathhaus macht keine ganz schlechte Figur. Der innere Audienzsaal uͤbertrist an Pracht und Male- reien den Hamburg er weit. Die Boͤrse ist ein einge- schlossenes Gebaͤude, aber klein. Neue Haͤuser sieht man, aber es ist doch noch viel altes dran, sie behalten die alte Form, die Daͤcher bei. Sie haben meist eiser- ne Oefen, aber sie setzen sie inwendig mit hollaͤndischen Klinkern, die sie auf die Kante stellen, aus. Das er- haͤlt die Waͤrme eben so lange, als wenn es ganz Kachel- ofen waͤre. In allen hiesigen Oefen wird Torf gebrannt, U u 5 und und man riecht ihn nicht. Die Strassen lernt der Fremde bald kennen, sie gehen zum Theil parallel neben einander. Der Klingenberg ist eine kleine, aber nicht unangeneh- me Hoͤhe. Das Trinkwasser bekommt die Stadt aus einer Wasserkunst vor dem Thore, die aus Pump- und Saugwerken besteht, von der Wackenitz getrieben wird, das Wasser auf einen hohen Thurm hinaufpreßt, oben in ein grosses Bassin zusammenschuͤttet, von da es her- abfaͤllt, und in 240. Haͤuser der Stadt gegen theure Be- zahlung geleitet und vertheilt wird. Die Waͤlle sind an einigen Gegenden, z. B. bei Bellevue , sehr hoch und angenehm. Man sieht von da an der einen Seite die Schiffe in der Trave liegen. Die Gartenhaͤuser sind nahe bei der Stadt. Vor einem Thore ist uͤber die Trave eine steinerne Bruͤcke, lang und breit aus Fel- senstuͤcken und unten liegenden Pfaͤhlen erbaut worden, die noch mit Bildsaͤulen soll geschmuͤckt werden. Sie decken hier haͤufig mit Schiefer, die uͤber Holland aus der Pfalz kommen. Die Wirthe haben hier einen seltsamen Stolz in den Schilden die vornehmsten Per- sonen zu haben, z. B. der Koͤnig von Engelland, der Koͤnig von Daͤnnemark. Einige Kaufleute sammeln Naturalien, z. B. Tesdorf. Eine Frei- maͤurerloge ist auch hier. Der Superintendent ist der erste Geistliche, hat aber nicht einmahl Inspectionem. Das kam Carpzoven sehr sonderbar vor, er wollte wie in Sachsen visitiren, der Magistrat litt es aber nicht. Nach Cramers Abzug will man nur einen Senior ha- ben. Den Englischen Stapel, den Hamburg hat, haͤtte Luͤbeck, wenn nicht der Magistrat damals, als es die Engellaͤnder anboten, den Geistlichen, die schrien, es wuͤrden viele Religionsveraͤnderungen zu befuͤrchten seyn, seyn, zu viel Gehoͤr gegeben haͤtte. In Hamburg tha- ten die elenden Prediger eben das, aber man kehrte sich nicht an sie, und das hat einen so grossen Unterschied zwi- schen Hamburg und Luͤbeck gemacht, der jedem Frem- den gleich in die Augen faͤllt. Travemuͤnde, — 2. Meilen von Luͤbeck, mit einer Schanze oder Festung, wo Garnison und ein Kommandant ist. Da ist die Rhede, wo man die Schiffe ankommen und abgehen sieht. Man faͤhrt auf der Trave nach dem Leuchtthurm, steigt 101. Stufen auf, da haͤngen die Nachtlampen, und man sieht 6. Meilen in die See. Am Strande liegen die praͤchtig- sten Naturalien. Die Doͤrsche Asterias ophiura thut hier den Doͤrschen viel Scha- den. , Krabben und Ku- chen werden hier von allen Reisenden gelobt. Ende des zweiten und letzten Theils. Verbesserungen im Ersten Theil. S. 81. Z. 20. statt Felsobania ließ Fatsopanya. S. 474. Z. 6. von unten statt 12. Hefte ließ 74. Aus- gaben, 80. Kupfertafeln enthaltend. S. 545. Z. 5. statt Krayers ließ Kruyers. Das Portrait des sel. Hrn. Prof. Sanders, so a part gedruckt ist, aber doch jedem Exemplare beygelegt wird, gehoͤrt neben den Titel des Ersten Theils.