S ammlung Critischer, Poetischer, und anderer geistvollen S chriften, Zur Verbesserung des Urtheiles und des Witzes in den Wercken der Wohlredenheit und der Poesie. Sechstes Stuͤck. Zuͤrich , Bey Conrad Orell und Comp. 1742 . Fortsetzung Der Echo Des Deutschen Witzes. V. Eroͤrterung der Frage: Wie ferne die Koͤniginn von Saba, und der Koͤnig Herodes mit der Christ- lichen Religion einen Zusammen- hang haben? E S ist nichts in der Welt so wunderlich, das man nicht von einem boͤsen Scri- benten, der durch eine Satyre in Wuth gebracht ist, vermuthen muͤsse. Leute dieser Art wissen in solcher Angst nicht, was sie thun. Sie sehen, daß jedermann ihre Thorheit er- kennt, und daß niemand ist, der sich ihrer an- nimmt. Wenn sie dann nicht wissen, wo sie sich hinwenden sollen, so fassen sie aus Ver- zweifelung die Hoͤrner des Altars. ‒ ‒ ‒ ‒ Man darf sich nicht wundern, warum die noth- leidenden Scribenten ihre Verfolger, mit de- nen sie nicht auskommen koͤnnen, allemahl ei- ner Gottlosigkeit beschuldigen. Dieses ist un- streitig das gemaͤchlichste, sicherste und kraͤftig- ste Mittel, seinen Feind zu unterdruͤcken, und man koͤmmt weiter damit, als wenn man sich in einen ordentlichen Kampf einlassen wollte. A 3 Es Echo Es gleicht, wie ein gewisser Scribent sagt, einer Mine, durch welche der Feind, ehe er sichs versiehet, in die Luft gesprenget wird, und es ist selten ohne Wuͤrckung. Liscov Bl. 209. D Je christliche Religion ist eine Lehre der Wahrheit zur Gottseligkeit. Der Lehrbe- griff derselben ist ein Zusammenhang der erha- bensten theoretischen und practischen Wahrhei- ten, welche die Vernunft, nachdem sie einmahl geoffenbaret worden sind, nicht genugsam be- wundern kan. Diese heilsamen Lehrsaͤtze gruͤn- den sich auf gewisse historische Begebenheiten, ohne welche sie weder gruͤndlich erkennt; noch derselben Wahrheit und Goͤttlichkeit sattsam er- wiesen werden kan. Daher leget die H. Schrift, in welcher die goͤttliche Offenbarung enthalten ist, auch eine historische Erzehlung zum Grund voraus, die mit denen geoffenbareten Wahr- heiten in einem genauen Zusammenhange stehet. Daraus laͤßt sich aber keineswegs schliessen, daß alle absonderlichen Geschichten, die in den Heil. Schriften erzehlet werden, eine gleich nahe und nothwendige Verbindung mit dem Wesentlichen in der Religion haben; zumahlen da einige der- selben nur als Nebenumstaͤnde zu betrachten sind, welche alleine in der Absicht angefuͤhret werden, um der gantzen Erzehlung einen mehrern Grad der Wahrscheinlichkeit mitzutheilen, und dieselbe in des deutschen Witzes. in ein helleres Licht zu setzen. Von dieser Art ist z. B. alles, was hier und da beylaͤuftig von der Bosheit, List und Gewalt der geschwornen Feinde und Verfolger der Wahrheit angebracht wird. Alle diese absonderlichen Begebenheiten haben eine bloß zufaͤllige Verbindung mit der Religion. Die Wahrheit wuͤrde immer Wahr- heit geblieben seyn, wenn sie schon von niemand waͤre angefochten oder verfolget worden. Da nun aber die Predigt von Jesu, die den Juden ein Aergerniß und den Griechen eine Thorheit gewesen, ungeachtet alles Widerspruchs und al- ler Gewalt, in der Welt uͤberall sieghaft durch- gedrungen, so ward dadurch offenbar, daß die- ser Sieg uͤber den Unglauben und den After- glauben ein Werck der goͤttlichen Kraft gewesen sey. Mithin da die Absicht dieser Feinde und Verfolger keineswegs gewesen ist, den in den goͤttlichen Absichten gegruͤndeten Triumph der Wahrheit zu befoͤrdern, oder durch ihren Wi- derstand desto herrlicher zu machen; sondern vielmehr denselben durch List und Gewalt zu hin- tertreiben, und zu verdunckeln; so wird hoffent- lich kein Verstaͤndiger verlangen, daß man, we- gen dieses fuͤr die Wahrheit so vortheilhaften Erfolges, von den boshaften Absichten dieser Feinde und den angewendeten an sich selbst hoͤchst- strafbaren Mitteln gelinder, als es die Natur der Sache erlaubet, oder noch gar mit einer andaͤchtigen Ehrerbietung dencken und reden soll. Die Religion ist die koͤstlichste Gutthat, die Gott dem menschlichen Geschlechte gegoͤnnet hat, weil A 4 sie Echo sie alleine ihm den Weg zu einer wahren Gluͤck- seligkeit anweiset. Nun ist es freylich nicht nur eine unbesonnene Thorheit, sondern eine rechte Unsinnigkeit, mit solchen Dingen Schertz zu treiben, die unsre sorgfaͤltigste Ueberdenckung und Bemuͤhung erfodern, und von denen unsre Gluͤckseligkeit lediglich abhaͤngt. Und wenn ich der Religion uͤberhaupt ein solch ehrwuͤrdiges Ansehen zuschreibe, so begreiffe ich darunter al- les, was mit derselben einen nothwendigen Zu- sammenhang hat, alles, was dienet, sie be- liebt und ansehnlich zu machen, oder die Aus- uͤbung derselben zu befoͤrdern. Bey diesem al- lem aber wird es mir kein Vernuͤnftiger verden- ken, wenn ich behaupte, daß nicht alle Stuͤcke der Historie, die in der Heil. Bibel erzehlt wer- den, eine gleichnothwendige Verbindung mit der Religion haben, und hiemit auch in Anse- hung ihrer Moralitaͤt nicht eine gleiche Ach- tung und Ehrerbietung verdienen. Die Heil. Scribenten erzehlen eine wahrhafte Geschichte, mit allen Umstaͤnden, wie sie sich verlauffen hat; eine Geschichte, welche uns in deutlichen Bey- spielen die grimmigste Wuth der unglaubigen Welt, und den haͤftigsten Widerstand, den die Wahrheit jemahls erlitten hat, vor Augen le- get. Sie beschreiben darum auch diese Feinde und Verfolger nach ihrem wahren Character; sie entdecken uns ihre boshaften Anschlaͤge und Raͤncke, ihre verkehrten Grundsaͤtze und Schluͤsse, ihre verdammlichen Luͤgen und Laͤsterungen u. s. f. Wahrhaftig nicht in dem Absehen, uns eine Ehr- des deutschen Witzes. Ehrfurcht, sondern einen Abscheu fuͤr dieselben einzujagen. Wer demnach behaupten wollte, daß alles, was in der Heil. Bibel erzehlet wird, eine gleich nothwendige Verbindung mit der Religion habe, und eben darum, weil es in der Bibel stehet, fuͤr was heiliges und geweihe- tes muͤsse geachtet werden; der wuͤrde sich auf diesen Grund gemuͤssiget sehen, die boshaftesten Luͤgen, die greulichsten Laͤsterungen, die schand- barsten Unternehmungen, die grausamsten Tha- ten der Feinde der Wahrheit niemahls anderst, als mit der andaͤchtigsten Ehrerbietung zu erwaͤh- nen, und den Teufel selbst zu canonisieren. Pon- tius Pilatus stehet auch in der Christen Credo, aber als ein ungerechter Richter, und als ein abgesagter Feind der Wahrheit; und man wuͤr- de sich laͤcherlich machen, wenn man denjenigen fuͤr einen Religions-Spoͤtter ausschreyen wollte, der diesen ungerechten Richter neben der Canzel ohne eine andaͤchtige Mine etwann bey Anlasse eines seiner Amtsnachfahren mit ins Spiel zie- hen wuͤrde. Koͤnnte man nicht in solchem Falle mit eben so gutem Recht die scheinheilige Antung thun, die der Leipzigische Kunstrichter in dem Herbstmonat seiner Belustigungen in der 13ten Anmerckung Bl. 267. mit einem rechten Amts- eifer gethan hat, und sagen: „Diese Gelehr- „samkeit ist aus Matth. XXVII. ‒ und aus den „ XII. Artickeln des Christl. Glaubens. Jch „will mich mit demjenigen nicht aufhalten, was „nicht allein von den so genannten theologischen „Sauertoͤpfen, sondern auch von manchem A 5 „ver- Echo „vernuͤnftigen Weltmanne schon so oft gesagt „worden ist, daß ein kluger Spoͤtter, der mit „seinen lustigen Einfaͤllen wuͤrcklich hochgeschaͤzt „zu werden suche, sich allezeit, wenn er auch „die gantze Welt antaste, doch von dem, was „mit der Religion einen Zusammenhang hat, „in einer gewissen Weite entfernt halten muͤsse: „Sonst muͤsse er sich gefallen lassen, daß ihn „hitzige Eiferer einen Religionsspoͤtter nennten: „Leute von kaͤlterer Natur aber sagten, daß, „wenn er gleich die Religion vielleicht nicht eben „laͤcherlich zu machen suche, er sich doch wenig- „stens auch nicht viel aus der Religion mache. „Jch setze nur dieses hinzu: Die Schrift ist uns „einmahl zu dem allerernsthaftesten Zwecke, und „nicht zum Lustigthun und Laͤcherlichmachen, ge- „geben worden.„ ꝛc. ꝛc. Diese Strafpredigt ist in der That hoͤchstbe- gruͤndt, und in unsren Tagen, da ein unver- schaͤmter Spottgeist in die Welt ausgegangen, wohl zu gebrauchen: Aber sie bleibt dabey in ihrer besondern Anwendung auf dem angefuͤhr- ten Blatte hoͤchstungerecht, und eine Art der Verleumdung, so lange nicht erwiesen ist, oder erwiesen werden kan, daß Pontius Pila- tus, Herodes, und die Koͤniginn von Saba, darum weil sie in der Heil. Bibel angefuͤhrt wer- den, mit der Religion einen nothwendigen Zu- sammenhang haben. Was das Exempel Hero- des insbesondere angehet, so hat der Heil. Ge- schichtschreiber Matthaͤus die erschreckliche Ge- schichte von dem betlehemitischen Kindermorde aus des deutschen Witzes. aus gantz besondern und eben denen Absichten erwaͤhnet, aus welchen man glaͤubt, daß der juͤdische Geschichtschreiber Josephus dieselbe mit Stillschweigen uͤbergangen habe. Aber damit hat er die grausame und unmenschliche That die- ses Tyrannen weder entschuldigen, noch zu einem Stuͤcke der Religion einweihen wollen. Ob nun gleich Herodes dieses blutige Vorhaben nicht selbst in eigener Person ausgefuͤhrt, sondern die Bewerckstelligung dessen seinen Schergen und Buͤtteln anbefohlen, so wird dennoch von ihm gesagt, er habe alle Kinder zu Betlehem getoͤ- det. Welche Ausdruͤckung den allgemeinen Grundsatz zum Grund hat; daß einem dasjeni- ge, was er durch andere, als seine Untergebe- ne und Jnstrumente hat ausfuͤhren lassen, mit Recht als eigen koͤnne zugeschrieben werden. Da ich nun diesen allgemeinen Grundsatz gegen Hrn. D. Triller angewendet, so habe ich zur Erlaͤute- rung, als ein aͤhnliches Beyspiel von der Impu- tatione facti alieni, eben dieses Exempel des Herodes angefuͤhrt, und mein Absehen in der Vergleichung nicht so fast auf die moralische Be- schaffenhett dieser beyden Handlungen, als viel- mehr auf die Aehnlichkeit der Zurechnung gerich- tet. Was hat aber dieses fuͤr einen Zusammen- hang mit der Religion, wenn ich sage: Hero- des hat etwas durch andere bewerckstelligen las- sen; und es wird ihm mit Recht, als ob er es selbst gethan haͤtte, zugerechnet: Hr. D. Tril- ler hat gleichfalls etwas durch andere thun lassen; so kan es ihm mit demselben Recht als seine ei- gene Echo gene That zugeschrieben werden. Was hier- naͤchst das Exempel der Koͤniginn von Saba an- langet, so habe ich selbiges zum Beweisthum angefuͤhrt, daß es solche Lobredner gebe, die, wie Horatz sagt, Laudes alicuius culpa ingenii deterunt, die mit aller ihrer Wohlredenheit das erhabene Lob eines Salomons bey weitem nicht erreichen. Jch hatte dabey noch eine be- sondere Ursache, dieses Beyspiel der Lobredner Salomons in Absicht auf Hrn. D. Triller vor andern zu erwehlen, weil er naͤmlich sich auf sei- ne botanische Wissenschaft, die er auch den leb- losen Geschoͤpfen in seinen Fabeln leihet, nicht viel weniger als ein anderer Salomon einbildet. Jch hatte daher nicht ohne Ursache besorget, es moͤgte mir in Ansehung Hrn. D. Trillers wie den Lobrednern Salomons bey der Koͤniginn von Saba ergehen, naͤmlich daß der Augen- schein meine Lobeserhebungen beschaͤmen moͤgte. Nun muß ich aber bekennen, daß ich bisdahin nicht gewußt habe, daß diese Lobredner Salo- mons Heilige von dem ersten Range gewesen sind, und daß sich kein anderer Mensch ohne ei- ne offenbare Religionsspoͤtterey mit denselben vergleichen darf. Was zulezt das bey den Ju- den so gewohnte Vorurtheil, daß aus Galilaͤa und insbesondere aus Nazareth nichts vortreff- liches herkommen koͤnne, antrift, so ist dieses, ob es gleich in der Bibel stehet, und von dem Leipzigischen Tartuͤffe mit zu der Christl. Reli- gion gerechnet wird, eine unvernuͤnftige und recht laͤcherliche Meinung gewesen, welche auch von des deutschen Witzes. von den Heiden selbst verworffen worden, wie aus dem bekannten ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ cujus prudentia monstrat Summos posse viros \& magna exempla daturos Vervecum in patria, crassoque sub aere nasci. zu ersehen ist. Zeiget nun dieses nicht die Schwaͤ- che des scheinheiligen Aberglaubens, da man aus einem bloͤden Unverstande dergleichen laͤcherliche Meinungen der heiligsten und vernuͤnftigsten Re- ligion selbst in die Rechnung schreibet? Heißt dieses nicht, profana sacris mixta perinde ha- bere, welches zu allen Zeiten der Character ent- weder dummer, oder leichtsinniger, oder bos- hafter Menschen gewesen ist? VI. Echo VI. Von der Critischen Hoͤflichkeit Einiger hochdeutscher Kunstrichter. Quis tulerit Gracchos de seditione querenteis? D As wichtigste, was der unsichtbare Ver- fasser der Anmerckungen in dem Augustm. der Monatlichen Belustigungen zur Vertheidigung seiner beleidigten poetischen Hel- den zu wiederholten mahlen angebracht, und womit er die bittern Wahrheiten, die ihnen von den Zuͤrchischen Kunstrichtern in ihren Schriften zu kauen gegeben worden, verhaßt zu machen suchet, bestehet in einer kahlen Beschuldigung einer schweitzerischen Unhoͤflichkeit, baͤurischen Grobheit und Unbescheidenheit, die er so oft und mit solcher arglistiger Kunst und Dreustig- keit vorbringet, daß er zulezt selbst vergißt, daß dieses sein Vorgeben nichts weniger als eine baare Wahrheit sey. Denn die unverschaͤmte- sten Beschuldigungen dieser Leute empfangen ihr groͤstes Gewicht und ihr meistes Ansehen von der Wiederholung und der angenommenen Zuver- sicht, womit dieselben ausgesprochen werden. Jch halte in Ansehung billiger Leser, die nicht geneigt des deutschen Witzes. geneigt sind, auf anderer Leute Worte und gute Treue und Glauben, ohne genugsamen Beweis und eigene Pruͤffung etwas arges von ihrem Naͤchsten zu dencken, vor gantz unnoͤthig, den Ungrund dieser Beschuldigung weitlaͤuftig zu entdecken; die Schriften der Zuͤrichischen Kunst- richter sind in jedermanns Haͤnden, und werden begierig gelesen: Wer nur die Faͤhigkeit und den Willen hat, selbst zu untersuchen, wie ferne sie Lob und Tadel nach Verdienen ausgetheilet ha- ben, und ob sie in dem Tadel allzu scharff und unbescheiden gewesen seyn, der bedarf keines fremden Berichts, um einen billigen Entscheid davon zu geben. Was aber solche Leser ange- het, die entweder zu unvermoͤgend oder zu un- geduldig sind, mit ihren eigenen Augen zu sehen, und die deswegen ihr Urtheil andern gleichsam verpachtet haben, die verdienen nicht, daß man sich Muͤhe gebe, sie zu noͤthigen, daß sie sich vor muthwilligem Betruge in Acht nehmen. Nur kan ich hier nicht unberuͤhrt lassen, daß diese critische Schriften der Schweitzer das Gepraͤge einer unparteyischen Gerechtigkeit mit sich zu fuͤhren scheinen, angesehen dieselben eben so viel Eifer blicken lassen, die Vollkommenheiten ei- nes Poeten zu erheben, als seine Fehler zu ruͤ- gen; und die so oft eingefuͤhrten Exempel der zween beruͤhmten deutschen Poeten Hr. Koͤnigs und Hr. Brockes zeigen genugsam, daß es ih- nen eben so viele Lust und Vergnuͤgen gebe, das, was sie in eben derselben Schrift fuͤr gut erken- nen, zu loben, als das Fehlerhafte darinnen zu Echo zu tadeln: von welcher Billigkeit man eben nicht gar haͤufige Exempel bey den deutschen Kunst- richtern antreffen wird. Allein da die critische Gerechtigkeit der Schweitzer bisdahin unange- fochten geblieben, und die ungebetenen Ver- fechter des deutschen Witzes sich nicht getraut haben, einen einzigen Lehrsatz oder eine critische Beurtheilung derselben absonderlich anzugreif- fen; so will ich hier zum Schutz ihrer angefoch- tenen Bescheidenheit in der Art des Vortrages den unsichtbaren Verfasser der Leipzigischen An- merckungen offentlich herausgefodert haben, daß er aus allen denen critischen Wercken, welche die Zuͤrichische Kunstrichter im Jahre 1740. ans Licht gestellt haben, und die zusammen gegen die zweyhundert Bogen ausmachen, die unhoͤflichen, unbescheidenen, und anzuͤglichen Redensarten und Ausdruͤckungen zusammenlese, auf die er seine Beschuldigung gruͤnden will. Dadurch wird dann offenbar werden, daß diese Beschul- digung ohne Grund, und nur eine boßhafte Ver- leumdung sey. Dafern er aber diese Anklage der Grobheit und Unbescheidenheit nur auf das Absonderliche ziehen, und von der groͤstentheils ironischen Art des Vortrags, deren ich mich in meinen Anmerckungen zu dem Trillerischen Er- gaͤntzungsstuͤcke bedienet habe, wollte verstan- den haben; so hat ers mit mir, als seinem Er- gaͤntzungsstuͤckler, absonderlich auszumachen: Und da wuͤrde ich wahrhaftig an dem guten Men- schen alle Muͤhe und Arbeit verlieren, wenn ich ihn von der Natur und der Freyheit der ironi- schen des deutschen Witzes. schen Schreibart unterrichten, oder ihn sonst uͤberzeugen wollte, daß der Hamburgische Zei- tungsschreiber und Hr. Prof. Gottsched keine groͤssere Ehrerbietung und Hoͤflichkeit verdienet haͤtten. Jch will ihn darum lieber seinem ver- kehrten Sinne uͤberlassen, und mich zu dem un- parteyischen Leser wenden, denselben mit aller Hoͤflichkeit, deren ein Schweitzer faͤhig ist, zu bitten, daß er doch so billig seyn, und zuvor in dem XXIV. St. der Crit. Beytr. den IV. Art. in Absicht auf des Verfassers desselben (Hrn. Prof. Gottscheds ) Hoͤflichkeit und Gerechtig- keit mit Bedacht durchlese, eh er meine daruͤber gemachten Anmerckungen einer lieblosen und un- bescheidenen Grobheit verdaͤchtig haͤlt. Jch bin sicher, daß er in Vergleichung der beyderseitigen Schreibart meinen Anmerckungen die relatife Gelindigkeit und Hoͤflichkeit in dem Ausdrucke nicht absprechen, und daß er mehr Ursache fin- den wird, in meiner Verantwortung den Man- gel, als den Ueberfluß, an Ernsthaftigkeit und Lebhaftigkeit zu tadeln. Jch darf auch mit Keck- heit sagen, daß die critische Sprache der Hoch- deutschen Kunstrichrer in der Unbescheidenheit auf einen solchen Grad der Vollkommenheit hinan- gestiegen, daß ich sie fuͤr einen Schweitzer fuͤr allerdings unnachahmlich halte. Jch verlange nicht, daß man mir auf mein blosses Wort Glau- ben zustelle; ich will es mit Anfuͤhrung so vieler Exempel beweisen, daß auch der hartnaͤckigste Zweifler wird gestehen muͤssen, daß dieselbigen, naͤmlich diejenigen, mit denen ich zu thun habe, [Crit. Sam̃l. VI. St.] B denn Echo denn die unschuldigen geht dieß alles nichts an, an critischer Grobheit und Unbescheidenheit alle andern, auch die groͤbsten Nationen der Welt, noch weit hinter sich zuruͤcke lassen. Jn dem Urtheile von Hrn. Doctor Heumanns uͤbersezten Rede Ciceronis vor den T. A. Milo kommen in dem VI. St. der Beytraͤge Bl. 530. u. f. folgende hochdeutsche critische Hoͤflichkeiten vor: „Einer Hauptstelle darf ich nicht vergessen, „welche Hr. Heumann so uͤbel gehandelt hat, „ daß es mich fast erbarmet.„ 2.) „Er hat un- „terschiedene Saͤtze, welche gantz unertraͤglich „sind. Kein Deutscher hat jemahls vor ihm so „geschrieben, der den Vorsatz gehabt hat, ge- „lesen und verstanden zu werden. Er hat also „in dieser gewiß schweren Schreibart das Eis „gebrochen.„ 3.) „Noch ein Satz ist uͤbrig, „darinn sich Hr. Heumann selbst uͤbertroffen „hat: Er wuͤrde viel von seiner Schoͤnheit ver- „liehren, oder doch wenigstens gantz und gar „nicht zu verstehen seyn, wenn das lateinische „nicht dabey stuͤhnde.„ 4.) „Hier hat den Hrn. „Doctor ohne Zweifel ein menschlicher Fehler „uͤbereilet, daß er seines Versprechens voͤllig „vergessen hat. Denn wenn er sich dessen haͤtte „entsinnen koͤnnen, waͤre es ihm wohl unmoͤglich „gewesen, einen solchen seltsamen und uͤbelge- „stalteten Satz vor sein Werck zu erkennen?„ 5.) „Wir hoffen bald eine andere Rede mit dem „Geiste uͤbersetzet von ihm zu lesen, den er in „dieser Probe mit Fleisse scheinet aufs kuͤnftige „gesparet zu haben.„ Jn des deutschen Witzes. Jn dem XIII. St. dieser Beytraͤge, wo eben dieses Hrn. Doctor Heumanns VI. Reden Ci- ceronis beurtheilt werden, habe ich folgende aus- nehmende critische Formeln der hoch deutschen Hoͤflichkeit angetroffen, die man sich zur Nachah- mung bemerken kan. 1.) „Der Hr. D. hat schon „vor zwey Jahren einen feinen Versuch gethan, „wie weit Cicero im Deutschen unkeñtlich zu ma- „chen sey.„ 2.) „Der Hr. D. geberdet sich nicht „anders, als ob er noch einen von seinen Schuͤ- „lern vor sich haͤtte, dem er einen derben Ver- „weis geben muͤßte. Er ist boͤse, er schilt, er „strafet, er warnet, er ermahnet, er schwa- „zet von Muthwillen, er leget mir neue Auf- „gaben vor, er redet mich oͤfters an: Glaube „er ja nicht, mein lieber Hr. Magister.„ 3.) „Es ist mir nie in den Sinn gekommen, an „dem Hrn. D. Heumannen Ehre einzulegen.„ 4.) „Bey meiner Beurtheilung habe ich mich „freylich nicht darum bekuͤmmert, wie alt seine „Bestallung sey.„ 5.) „Jn der gantzen Vor- „rede herrschet der Pilatismus literarius, der „den Verfasser gantz durchsaͤuret hat; Was „dieser geschrieben hat, das hat er geschrieben, „und das ist unwiderruflich.„ 6.) „Das muß „ich glauben, weil er es selbst sagt! Jch goͤnne „ihm und seinem Hrn. Bertram ihre Ohren „gern.„ 7.) „Die arme Uebersetzung ist an „sich elend genug, man muß sie wohl bekla- „gen; aber hassen kan man sie nicht.„ 8.) „Mein wohin verleitet doch den Hrn. D. der „blinde Pilatismus, und die ungemeine Be- B 2 „gierde Echo „gierde der Unfehlbarkeit nicht? Nun muß „ich erst lachen, da mir der Hr. D. solche sau- „bere Quellen zeiget! Aus dem heiligen Le- „xico soll ich lernen, ‒ ‒ ꝛc. Jn dem IV. St. der Beytraͤge finde ich einen gantzen Artickel, in welchem diese hochdeutsche Hoͤflichkeit gegen den Hrn. Wocken, Conrector auf dem koͤnigl. Gymnasio zu Neu-Stettin ver- schwendet wird. Jch will nur ein Paar Stellen zur Probe anfuͤhren: 1.) „Er hat dieses ge- „ringe Werck, (welches Beywort ich ihm aus „Furcht einer strengen Antung nicht streitig ma- „chen darf,) vor junge Gemuͤther geschrieben, „die kein judicium haben.„ 2.) „Man wird „in den Exempeln uͤberhaupt dasjenige kaum „antreffen, was ein nothduͤrftiger Versma- „cher brauchet, die Sylben uͤber Hals und „Kopf in Reimen zu bringen.„ 3.) „Da ist „alles kalt, schlaͤfrig, matt, kriechend und „niedertraͤchtig.„ Jn dem XXIV. St. koͤmmt ein neues Muster von dieser critischen Hoͤflichkeit zum Vorschein, in der Beurtheilung uͤber Hrn. Prof. D ‒ ‒ Abhandlung vom oratorischen Frost. 1.) „Wir „ersehen daraus, daß gegenwaͤrtiger Frost den- „noch auch einigen Nutzen mit sich gebracht „habe, da er die Feder des Herrn Prof. zu ei- „ner Ausfuͤhrung gelencket hat, die sonst allem „Ansehen nach der gelehrten Welt unentdeckt „geblieben seyn wuͤrde. Und gewiß diese Schrift „duͤrfte ihrem Leser bey weitem nicht so gut ge- „fallen haben, wenn sie in den Hundstagen „ge- des deutschen Witzes. „geschrieben waͤre, als itzo, da sie im Winter „bey einem so strengen Froste zum Vorschein „gekommen ist. Wir schmeicheln uns daher „mit der Hoffnung, es werde der gelehrte Hr. „Verfasser, da er sich so gut in die Zeit zu schi- „ken weis, in den kuͤnftigen Hundstagen uns „etwas von dem oratorischen Feuer zu lesen ge- „ben: Wozu wir ihm dann die gewohnliche „Musse abermahls nicht mißgoͤnnen wollen.„ 2.) „Der erste Anblick des Titels machte schon, „daß ich mir einbildete, ich saͤhe ein Meisterstuͤck „aus der werthen Pegnitzer-Gesellschaft, oder „aus der Schule Philipp Zesens. Die Jahr- „zahl aber uͤberfuͤhrte mich, daß ich was neues „saͤhe. ꝛc.„ 3.) „Jch will nach diesem Mu- „ster auf eine unwidersprechliche Art recht ma- „thematisch darthun, daß ein Reifenrock keine „Schlafmuͤtze sey.„ Der Verfasser des IV ten Art. in dem XXI. St. der Crit. Beytraͤge besitzet diese hoͤfliche Sprache der deutschen Critick in einem hohen Grade. Proben davon koͤnnen seyn, da er von dem ungenannten Verfasser der reimfreyen Ue- bersetzung der Aeneis folgendergestalt urtheilet: 1.) „Jch wuͤrde um deswillen seine Fehler nicht „gut heissen, wenn er gleich seine Ahnen so „weit herholen wollte, als derjenige, von des- „sen Stammvater Juvenal auf die lezte spricht: Aut pastor fuit, aut illud, quod dicere nolo. „Hoffentlich wird es kein Schulmann seyn, der „solche Fehler wider die griechische Prosodie B 3 „bege- Echo „begehen kan. Denn wer hat ihm die Erlaub- „niß gegeben, das η kurtz zu machen, da es „doch schon so viele Jahrhundert hindurch lang „gewesen ist, und auch in Ewigkeit also blei- „ben wird.„ 2.) „Es will ihm gar nicht in „den Kopf, daß er schlechtere Verse machen „soll, als ein anderer. ‒ ‒ ‒ Er glaͤubt, „daß er der groͤste Poet, und daß seine Ueber- „setzung die beste sey. Deswegen schreyet er „uͤber lauter Ungerechtigkeit.„ 3.) „Nun- „mehro bringt er etwas vor, woruͤber er sich „billig zu schaͤmen Ursach haͤtte.„ 4.) „Wann „ich mich nicht schaͤmte, leere und abgeschmackte „Possen vorzubringen, so koͤnnte ich sagen: Er „habe die Pallas zu einer wilden Sau gemacht, „denn sie wuͤhlet das Meer auf, und von den „wilden Schweinen sagt man auch, sie wuͤh- „len.„ Von Hrn. Damms Uebersetzung der Briefe des Fuͤrsten Cicerons werden folgende hoͤfliche Beurtheilungs-Formeln geschickt angebracht. 1.) „Hrn. Damms zwoͤlfjaͤhriger Fleiß wird „alle gordische Knotten aufloͤsen.„ 2.) „Er „wird finden, daß diese vier Zeilen Worte ohne „Saft und Kraft sind, und ohne Vermoͤgen „sich einen Begriff davon zu machen.„ 3.) „Wenn wir alles untersuchen wollten, es wuͤr- „den wenig Briefe hingehen, wo der Hr. Con- „rector uns nicht anzeigen wuͤrde, wie schwer „es sey, sich vor Fehlern zu huͤten.„ 4.) „Wenn etwann der deutsche Priscianus gar „schlecht bewillkommet worden, so stehet den- „noch des deutschen Witzes. „noch zu dessen Troste eine weitlaͤuftige Ent- „schuldigung auf der Seite.„ 4.) „Die An- „merckungen scheinen mehrentheils aus den „Woͤrterbuͤchern genommen zu seyn. ‒ ‒ ‒ „Es wird auch aus dem so beliebten Schatze „des Fabers viel hergeholet worden seyn.„ Und in dem XXIII. St. der Beytraͤge wird Hr. Conrector dann mit folgenden critischen Complimenten beehret. 1.) „Gleichwohl wenn „der Hr. Conr. recht haben will, so habe er „recht.„ 2.) „Dieses sagen wir aber nicht, „um den Hrn. D ‒ zu verbessern, sondern nur „um ein wenig seinen Zorn zu stillen, oder zu „haͤuffen.„ 3.) „Wenn uns der Hr. Conr. „den Unterschied unter einem subtilen und plum- „pen Videri aus seinen Randglossen, die er „ vielleicht zu Langens Grammatick geschrieben, „haͤtte mittheilen wollen, so wuͤrde er uns ihm „sehr verbindlich gemacht haben. ꝛc.„ 4.) „Wir wollen uns hier in keine Gefahr setzen, „sondern auch ins kuͤnftige diese und seine uͤbri- „gen Anmerckungen verehren, und dem Hrn. „Conr. zu keinem hertzbrechenden Seufzer uͤber „uns, und die critischen Beytraͤge uͤberhaupt, „Gelegenheit geben.„ 5.) „Die deutsche „Sprache ist noch uͤbrig, der er sich bedienet: „Und es ist an dem, er hat hierinne seines glei- „chen nicht. Es wird auch wohl keiner von „denen, die die Befoͤrderung der deutschen „Sprache zu ihrem Zwecke haben, sich nur „wuͤnschen koͤnnen, solche Ausdruͤckungen nach- „zuahmen. Wir erstaunen dahero nicht un- B 4 „billig Echo „billig, daß wir in der Beurtheilung seiner „Ciceronischen Briefe, auf die unerhoͤrten Ge- „dancken gerathen sind, nur einige Stellen zu „tadeln, und uns nur von diesen zu uͤberreden, „als wenn sie nicht gut deutsch waͤren.„ NB. Jn dem VI. St. der Beytraͤge wird Hr. Damm unter die besten Uebersetzer, und Hrn. Prof. Gottsched an die Seite gesezt, beyde aber Hrn. D. Heumann als Muster angepriesen. Bl. 530. „Hr. Prof. Gottsched hat ja die Reden vor den „Archias und Ligarius, und Hr. Damm in „Berlin die vor den Roscius so nachdruͤcklich, „maͤnnlich und zierlich uͤbersetzet, daß man nicht „leicht etwas daran auszusetzen finden wird.„ Daß diese critische Hoͤflichkeit mit den Jah- ren zu ihrer Vollkommenheit angewachsen sey, kan der Herausgeber des von Neukirchen uͤber- sezten Telemachs aus eigener Erfahrung bezeu- gen. Jn dem XXIV. St. auf der 106ten u. f. Seite kommen folgende Ausdruͤckungen eines zaͤrtlichen Affectes vor. 1.) „Es ist leider! dem „Hrn. Neukirch, wie vielen andern grossen Leu- „ten ergangen, deren Schriften das Ungluͤck „gehabt, in die Haͤnde eines solchen halbwei- „sen und kuͤtzelhaͤrigen Herausgebers zu fallen, „der durch sein unuͤberlegtes und tadelsuͤchtiges „Geschmiere, auch die besten Gemuͤther gegen „die Schriften des Verfassers zu vergaͤllen, faͤ- „hig ist.„ 2.) „Unser Held heißt Hr. Johann „Cristoph Hirsch, und mag es dem Schicksale „verdancken, daß es einen grossen Neukirch „gegeben, ‒ ‒ ‒ sonst wuͤrde dieser Hr. Jo- „hann des deutschen Witzes. „hann Christoph Hirsch die beste Gelegenheit „verlohren haben, uns seinen hochwerthen Nah- „men zum erstenmahl gedruckt vor Augen zu le- „gen.„ 3.) „Hr. Johann Christoph Hirsch, „(der geneigte Leser wird es nicht uͤbel nehmen, „daß wir seinen Nahmen etliche mahl von An- „fang bis zu Ende hersetzen; es ist um mehre- „rer Deutlichkeit willen sehr noͤthig, daß man „einen Menschen, dessen gesammte Wercke nur „noch erst in fuͤnf und einer halben Seite in groß „Quart bestehen, fleissig nenne, damit die ge- „lehrte Welt wisse, mit was fuͤr einem neu- „hervorgeschossenen Kunstrichter sie zu thun ha- „be,) dieser Hr. Johann Christoph Hirsch „nimmt es sehr uͤbel, daß die Welt, nachdem „sie eilf Jahre vergebens auf die Fortsetzung „des Neukirchischen Wercks gehoffet, sich un- „terstanden hat zu glauben, sie wuͤrde gar nicht „kommmen. Jst das nicht ein erschreckliches „Ungluͤck!„ 4.) „Wir schlafen deswegen oh- „ne Sorgen, wenn es gleich den Hrn. Hirsch „und alle seine ehrlichen Mitbruͤder verdreußt.„ 5.) „Wir haben diese Nachricht bekommen von „eines Hofraths Sohne, der kurtz darauf eine „Wuͤrde erhalten, an welche Hr. Hirsch viel- „leicht sein lebenlang nicht wird dencken duͤr- „fen.„ 6.) „Dieses nun thut er, wie es ei- „nem Menschen, der zum erstenmahl in die ge- „lehrte Welt guckt, anstaͤndig ist, auf eine „gantz unerhoͤrte Art.„ 7.) „Dem Hrn. Hirsch „mag wohl bey seinem bisherigen loͤblich gefuͤhr- „ten Copistenamte, ausser dem deutschlateini- B 5 „schen Echo „schen Canzleystyl keine andere Sprache vorge- „kommen seyn.„ 8.) „Er hat in keinem Stuͤ- „ke der Gelehrsamkeit (das Abschreiben und „Federschneiden nehme ich aus) etwas geler- „net.„ 9.) „Wofern ihm noch einmahl ein „Buch in seine Haͤnde fallen sollte, welches wir „jedoch aus christlicher Liebe keinem einzigen „wuͤnschen wollen.„ Jch koͤnnte aus dem zweyten und vierten Ar- tickel des XVI. Stuͤcks der Beytraͤge u. a. noch eine Menge dergleichen Muster von der critischen Hoͤflichkeit der Hochdeutschen anfuͤhren: Jch will aber nur aus dem lezten Artickel desselben noch ein Paar Stellen zu mehrerer Bekraͤftigung bey- bringen. Diese Hoͤflichkeiten betreffen den Goͤ- tingischen Sammler. 1.) „Er gehoͤrt mit un- „ter die Anzahl der Gernschreiber.„ 2.) „Der „gute, liebe Mann! hat sich um nichts weni- „ger bekuͤmmert, als was zu einem moralischen „Blatte gehoͤret.„ 3.) „Er hat vielleicht ein- „mahl etwas von einem franzoͤsischen Glaneur „gesehen oder gelesen, und so gleich die Ent- „schluͤssung gefasset, seinen Deutschen einen „Sammler zu schreiben.„ 4.) „Jch wollte „wetten, daß man aus unsrem Sammler al- „lein ein halbes Woͤrterbuch, aller derjenigen „Woͤrter und Redensarten, die man im Deut- „schen nicht versteht, und nicht brauchen soll, „zusammenbringen koͤnnte.„ 5.) „Jch glau- „be, daß der Sammler diese Frage den Men- „schenfressern, oder seinen Troglodyten, mit „denen er, wie es scheint, besser bekannt ist, „als des deutschen Witzes. „als mit uns, thun muͤßte: Diese wuͤrden es „ihm ohnfehlbar zu sagen wissen, ob die Goͤt- „tinger nahrhafter sind, als andere Leute, und „welcher Nation sie in diesem Stuͤcke am aͤhn- „lichsten kommen?„ 6.) „Es geht mit seiner „Schrift alles gantz natuͤrlich zu! so sehr mir „bey seinen 24. Jahren bange war, es moͤgte „etwas Hexerey mit unterlauffen. Allein was „thut eine gute Erbschaft von nuͤtzlichen Anmer- „kungen nicht? Nunmehro weis ich, wie es „den Lesern gehen wird. Unser 24. jaͤhriger „Moraliste wird es machen, wie jener junge „Arzt, der von seinem Vater ein Faß voll al- „ter bewaͤhrter Recepte ererbte. So bald ein „Krancker zu ihm schickte, fiel er vor diesem Fasse „nieder, betete andaͤchtig, und griff darauf „hinein. Das erste Recept, welches ihm in „die Hand kam, das gab er hin; vors uͤbrige „ließ er den Himmel und die gute Natur des „Patienten sorgen. So wird es mit unsrem „jungen Sittenrichter auch ergehen. Darum „verdient er wohl, daß seine Leser einen andaͤch- „tigen Seufzer fuͤr ihn thun; damit seine Hand „stets zur nuͤtzlichsten Anmerckung gelenckt wer- „de.„ 7.) „Es waͤre ewig schad, wenn die „menschliche Gesellschaft ein so theures Mitglied „vor seinem 90. Jahre verlieren sollte!„ 8.) „Wer haͤtte das gedacht, daß der stoltze Samm- „ler, welcher sich Anfangs keinen geringern, als „die Schweitzer-Maler, zum Vorbilde an- „nimmt, nunmehro denen Gelehrten nachah- „men will, welche, wenn sie Buͤcher schreiben, „so Echo „so blindlings lincks und rechts um sich greiffen. „Ey! der Sprung ist zu arg! und fast so tief, „als moͤglich ist.„ Das merckwuͤrdigste Beyspiel von einer aus- nehmenden critischen Deemuth und Geduld fin- det sich in dem XVI. St. der Beytraͤge auf der 610ten Seite, wo der ungenannte Verfasser eines critischen Schreibens die unverschaͤmte Un- hoͤflichkeit und Grobheit begangen, und sich selbst bey dem Schlusse des Briefs einen aufrichtigen Goͤnner der Verfasser der Critischen Beytraͤge hat nennen duͤrffen. Sein grobes Compliment nach der Schweitzerischen Hoͤflichkeit lautet: „Uebrigens koͤnnen sie sich mich als einen auf- „richtigen † Goͤnner ihrer Bemuͤhungen vorstel- „len. Jch werde es mit Vergnuͤgen lesen, „wenn sie mich in ihren Beytraͤgen versichern „wollen, daß ihnen diese Zuschrift angenehm „gewesen. Und ich moͤchte nur wuͤnschen, alle „Unannehmlichkeiten in derselben vermieden zu „haben. Fahren sie fort, dem menschlichen „Geschlechte Nutzen zu schaffen, und leben sie „wohl und vergnuͤgt.„ Ein anderer waͤre uͤber so viele grobe Unhoͤflichkeiten in einen rechten Ei- fer gerathen; aber unsre sanftmuͤthigen Hoch- deutschen lassen es bey folgender deemuͤthigen Antung bewenden: „† Das klingt ein wenig „groß! Es fehlt nur noch, daß uns der Hr. „Verfasser auch seinen Schutz und seine Gnade „versprochen haͤtte. Gleichwohl scheinet aus „allen diesen bisher gemachten Anmercknngen „nicht, daß ihr Urheber viel vornehmer sey, „ als des deutschen Witzes. „ als so viele Mitglieder unsrer Gesellschaft sind, „die theils ihrer Geburt, theils ihren Bedie- „nungen nach nicht weniger Hochachtung „verdienen. Denn Personen von noch hoͤherm „Stande pflegen sich mit grammatischen Klei- „nigkeiten so bekannt nicht zu machen, als un- „ser Hr. Kunstrichter sich gemacht hat; es waͤre „denn, daß er etwa mit einem fremden Kalbe „gepfluͤget haͤtte, welches wir aber um verschie- „dener Ursachen halber dießmahl nicht vermu- „then koͤnnen.„ Andere wohlgesittete hoch- deutsche Kunstrichter fuͤhren eine gantz andere Sprache, wenn sie von der deutschen Gesellschaft und ihrer Hochachtung gegen dieselbe reden wollen. Jch will zum Beweise ein Paar Stel- len aus des Hrn. Amtmann Gottfr. Behrnds Antrittrede in der deutschen Gesellschaft anfuͤh- ren: 1.) „Bin ich schon nicht vermoͤgend, in „ihren glaͤntzenden Haarschmuck Juwelen und „Loorberzweige einzuflechten; so werde ich doch „nicht unterlassen, ihren Fuͤssen mit Ehrerbie- „tung niedrigen, doch immer gruͤnen Epheu „unterzustreuen.„ 2.) „Welches aber hiemit „nebst der gantzen Abhandlung hochgeneigt zu „beurtheilen meinen hochgeehrtesten Herren „anheim gebe, und schließlich zu dero reifliche- „ren Erwegung und Verbesserung, nebst mir „selber, mich dienstergebenst uͤberlasse.„ Das klingt in deutschen Ohren politer, als der auf- richtige Goͤnner, wenn man sich, nebst sich sel- ber, (denn ich und ich selber sind zweyerley,) zur Verbesserung dienstergebenst uͤberlaͤßt. Diese Echo Diese critische Hoͤflichkeit besizt unter allen deutschen Kunstrichtern Hr. Prof. Gottsched in dem hoͤchsten Grade der Vollkommenheit; Er hat erst neulich in seinen Anmerckungen uͤber des beruͤhmten Baylens Abhandlung von Cometen seine Staͤrcke darinne in den vortrefflichsten Pro- ben an den Tag geleget; allermassen er daselbst Anlaß genommen, auch von gantzen Nationen und gesalbeten Haͤuptern zu urtheilen: Nehmet folgende Stellen zur Probe. 1.) Jn der fuͤnf- ten Anmerckung zum ersten Th. „Es ist sehr gut, „daß Boileau und Racine das Amt der koͤnig- „lichen Geschichtschreiber so schlecht verwaltet „haben, daß sie uns nichts davon zu lesen ge- „geben: Sonst wuͤrden sie uns gantz gewiß Vati mens præsaga futuri. „eine Reihe ungeheurer Fabeln aufgezeichnet „haben. Wenn man wenigstens aus des Boi- „leau Gedichten schliessen soll, wie er in der „ungebundenen Rede geschrieben haben wuͤr- „de, so kan man nichts anders als Wunder- „wercke und Abentheuer vermuthen.„ 2.) Jn der fuͤnfzehnten Anmerck. zum ersten Th. „Es „ist recht laͤcherlich, wenn man die franzoͤsche „Nation, die in der Selbstliebe gantz ersoffen „ist, von ihren Vorzuͤgen reden hoͤret; ob sie „sich gleich genoͤthiget sieht, sich so gleich durch „die That selbst zu widerlegen: wie hier Hr. „Baile, den alle Geschichten uͤberfuͤhren, daß „seine Landsleute beynahe noch aberglaͤubischer „als andere Voͤlcker gewesen sind.„ 3) Jn der 72sten Anmerck. zum 2ten Th. „Gewiß, „wenn des deutschen Witzes. „wenn jemahls der franzoͤsische Geist auf Nar- „renpossen verfallen ist, so ist es heut zu Tage. „Unter hundert Buͤchern, die zu Paris gedruckt „werden, ist kaum ein kluges; denn die Ro- „manenseuche hat alles uͤberschwemmet, so daß „man fast dencken sollte, die gantze Nation „sey von einer rechten Kranckheit angesteckt, „die man die Fabelsucht nennen koͤnnte.„ 4.) Jn der 83sten Anmerck. zum 2ten Th. „Lud- „wig der XIV. ist uͤber diese Schwachheit weg! „Es ist ihm gleichviel, ob er mit Betrug oder „durch Tapferkeit siegt; ob er seine Feinde „schlaͤgt, oder die Generale besticht; die Ve- „stungen erobert, oder von verraͤtherischen Com- „mendanten erkauffet. Vortrefflicher Ruhm!„ 5.) Jn der 105ten Anm. „Und vielleicht sind „die Zeiten schon gekommen, da es uns an „einem so muthigen und lebhaften Geiste unter „den deutschen Printzen nicht mehr fehlet, dem „es nur noch an einer gelinden Lenckung „und Bestimmung fehlet, sich fuͤr die Rechte „Deutschlands wider Franckreich zu erklaͤren.„ 6.) „Welcher Franzose ist doch wohl vermoͤgend, „die sclavische Neigung, seinem Koͤnige zu „schmeicheln, bey sich zu baͤndigen: Da man „so gar auch mit Eckel und Abscheu sehen muß, „daß sie ihren itzigen Koͤnig bis an den Himmel „erheben; der doch, nach aller Vernuͤnftigen „Gestaͤndnisse, sehr wenig von dem guten „Ludewigs des XIV. an sich hat.„ Zeigen nicht diese Exempel unwidersprechlich, daß die hochdeutsche Hoͤflichkeit von der niedertraͤchtigen Schmei- Echo Schmeicheley himmelweit entfernet sey? Und daß diese Scribenten dieser Schwachheit selten unterworffen seyn, wenn es sie nicht selber an- gehet. Jch darf es nun auf das Urtheil meiner Leser lediglich ankommen lassen, zu entscheiden, ob diese Deutschen im Ernst glauben, daß Un- partheylichkeit, Bescheidenheit, Billigkeit, Hoflichkeit und Maͤssigung die nothwendigen Eigenschaften eines wahren Kunstrichters seyn: Ob sie die Wahrheit reden, wenn sie sagen: 1.) Daß es nicht ihre Art sey, um einiger Per- sonen willen, die ihre Gewogenheit nicht haben, mit einer Dorfschultzen-Mine gantze Nationen als dumm und ungeschliffen auszuschreyen. 2.) Daß jede Nation ihre groben Exemplare habe ꝛc. Es wird auch niemanden schwer fallen, in de- nen obigen Proben die Sprache der Gesellschaft vom groben Jahrhunderte zu erkennen, welche Gesellschaft nach dem sichern Bericht eines wuͤr- digen Mitglieds derselben, sich ungefehr vor ze- hen Jahren in Leipzig zusammengethan, und erst vor kurtzem uͤbernommen hat, in zehen Jah- ren die Zeiten wieder herzustellen, wo man bey allen Streitigkeiten einander mit einem Haufen von Schimpfwoͤrtern und Grobheiten liebkose- te, und wo das ridiculum rusticum das beste Ge- wuͤrtze war, dergleichen Schriften angenehm zu machen. Wer diese critische Sprache besagter Gesellschaft vom groben Jahrhunderte, und die spitzfuͤndigen Idiotismos derselben gerne lernen moͤgte, dem werden meine oben gegebene Aus- zuͤge gute Dienste thun koͤnnen. Jch bescheide mich des deutschen Witzes. mich auch gar gerne, daß die Respective Hoch- geehrten Hrn. C ** in L** keinem andern, als einem offenbaren und erklaͤrten Mitgliede dieser Gesellschaft ein so unverschaͤmtes und schimpfli- ches Urtheil von Sr. K. Maj. in Franckreich wuͤrden zu gut gehalten haben. Ohne diese Ge- lindigkeit wuͤrde das Wachsthum einer so nuͤtz- lichen Gesellschaft nur gehindert worden seyn. [Crit. Sam̃l. VI. St.] C Von Echo VII. Von der Critischen Gerechtigkeit Einiger Hochdeutschen Kunstrichter. J Ch habe oben schon angemercket, daß die Leipzigischen Kunstrichter in den Schrif- ten der Schweizerischen Kunstlehrer, (ungeachtet es ihnen an dem guten Willen nicht gemangelt hat), bisdahin nichts haben finden koͤnnen, was derselben ausgefaͤllte Urthei- le von den deutschen Poeten nur im geringsten einiger Ungerechtigkeit haͤtte verdaͤchtig machen koͤnnen. Da ich nun behaupte, daß ein billi- ges und gerechtes Urtheil niemahls zugleich grob und unhoͤflich seyn koͤnne; so koͤnnte ich dieses zu meinem Vortheil anwenden, und das eigene Gestaͤndniß der Leipzigischen Kunstrichter gebrau- chen, meine critischen Landsleute gegen diese An- klage der Grobheit und Unhoͤflichkeit zu schuͤtzen. Allein, ob ich gleich diese Art der Verth eidigung nicht noͤthig habe, so wird es dennoch nicht aus- ser dem Wege seyn, wenn ich die Begruͤndniß derselben ein wenig beleuchte. Jch mercke vor allen Dingen an, daß das fuͤr einen Scribenten vor- des deutschen Witzes. vortheilhafte Urtheil oder Lob, wenn es nicht auf den innern Werth einer Schrift gegruͤndet, weñ es hiemit ungerecht ist, eben darum auch grob und unhoͤflich seyn koͤnne. Niemand wird sagen, daß derjenige hoͤflich sey, der einen Tiresias we- gen seiner Scharfsichtigkeit, einen Euclio wegen seiner Freygebigkeit, eine Cleopatra wegen ih- rer Keuschheit offentlich oder ins Angesicht lobet, weilen dergleichen Lob eine offenbare Luͤgen, und eben so viel als eine Vorruͤckung der schaͤndlich- sten Laster ist. Doch ist die Eitelkeit der Men- schen so groß, daß sie dergleichen critische Unge- rechtigkeiten, die allezeit mit einer Unhoͤflichkeit gepaaret gehen, gemeiniglich ohne Verdruß an- hoͤren, und man weiß wenig Exempel, daß sich einer uͤber diese Art Unbill, die er sich vortheil- haft zu seyn glaͤubt, beschweret habe. Hinge- gen sind die Menschen gantz anders gesinnet, wenn die critischen Urtheile ihre Unvollkommen- heiten entdecken; da sind sie so empfindlich, daß sie also bald uͤber Ungerechtigkeit und Unbill, oder wenn sie gar nichts anders zur Entschuldigung offenbarer Fehler vorzubringen wissen, wenig- stens uͤber Unhoͤflichkeit und Grobheit klagen: Sie fodern eine Hoͤflichkeit, die andere gegen ihre Fehler und Unvollkommenheiten mit sehen- den Augen blind, oder wenigstens stumm mache: Und sie rechnen es einem schon fuͤr eine Unhoͤflich- keit und Grobheit an, daß er sich vermessen hat, ihre Gebrechen, die sie selbst ohne Noth entdeckt haben, zu offenbaren und zu anten. Nach die- ser Leute Meinung ist die Critick in so fern sie in C 2 Ent- Echo Entdeckung der Unvollkom̃enheiten eines Schrift- stellers geschaͤftig und scharfsichtig ist, schon fuͤr sich selbs strafbar, und sie koͤnnen nicht glauben, daß ein wohlgezogenes, sittsames und beschei- denes Gemuͤthe sich jemahls die Freyheit andere zu tadeln anmassen koͤnne, es geschehe denn mit boͤsen Absichten. Die Grundsaͤtze, womit sie diese stoltzen Gedancken zu beschoͤnen suchen, sind folgende: Man sey nicht berechtiget, jemand zu tadeln, oder ihm seine Unvollkommenheiten vorzu- ruͤcken, bis man selbs ohne Fehler sey; die christ- liche Liebe decke die Fehler des Naͤchsten zu, u. s. f. Und dadurch meinen sie die Critick als eine Un- gerechtigkeit, die gerade gegen die Pflichten der Liebe anlaͤuft, anzuschwaͤrtzen, und verhaßt zu machen. Andere hingegen erkennen zwar, daß die Critick bey Entdeckung anderer Leute Fehler und Unvollkommenheiten gantz heilsame Absich- ten haben koͤnne, und daß sie zur Warnung und Verbesserung solcher, die sich erst durch offent- liche Schriften beliebt und nuͤtzlich zu machen su- chen, einen guten Einfluß haben koͤnne: dessen ungeachtet setzen sie dieselbe in der Ausuͤbung ih- res Strafamts in so enge Schrancken, daß sie dennoch bey diesem zugestandenen Recht der Cri- tick ungestraft und sicher fortschwaͤrmen koͤnnen. Sie entziehen sich, und alle, die den Athem noch in der Nase haben, ihrem Gerichtsbann, und geben ihr allein die todten und vermoderten Scribenten Preis. Die Gottschedischen Schuͤler haben als ein Funda- mental-Gesetze der critischen Gefaͤlligkeit auf und angenom- men, Sie bereden sich, daß man des deutschen Witzes. man die Todten, die keine Empfindung haben, nicht mehr beleidigen koͤnne, und weil sie sich nicht mehr verantworten oder vertheidigen koͤn- nen, so koͤnne man ihrer ohne Gefahr leicht mei- ster werden. Wann sie auch etwann unter Le- benden noch einige wenige vor das Gericht der Critick zu ziehen erlauben, so sind es gemeinig- lich so arme Suͤnder, an denen man sich wegen ihres geringen Ansehens durch Unhoͤflichkeit nicht versuͤndigen kan, die durch ihr Exempel niemand C 3 ver- men, daß man keinen Scribenten tadeln solle, er habe es dann mit seinem Tode verschuldet. Zwar binden sie sich an diese Regel nicht so aberglaͤubisch, daß sie sich dann und wann nicht die Freyheit herausnehmen sollten, einem und dem andern noch lebenden Schriftverfasser, der das Ungluͤck gehabt ihnen zu mißfallen, ihre critische Ungnade haͤrtiglich empfinden zu lassen: Wie denn in dieser Absicht, (dem zufolge, was ich in dem vorhergehenden Abschnitte ausfuͤhrlich gezeiget habe,) die Leipzigischen Critischen Bey- traͤge mit gutem Recht als ein Kampfplatz anzusehen sind, auf dem diese critischen Klopffechter manchen ehrlichen Rit- ter, der ihnen zu gefallen nicht hat sterben wollen, un- barmhertziger Weise herumgetrillt haben. Sie haben sich auch bey der Beobachtung des obenerwaͤhnten Fundamen- tal-Gesetzes bisdahin so wohl befunden, daß noch erst neulich Hr. Prof. Gottsched selbst in dem XXVII. St. der Crit. Beytr. Bl 436. fuͤr dienlich erachtet hat, diese kluge und heilsame Verordnung mit folgender sinnreichen Schutzschrift zu verfechten: „Wir wollen, weil der Herausgeber des „Ergaͤntzungsstuͤcks zur Trillerischen Vorrede doch einmahl „diese Beytraͤge fuͤr einen Kampfplatz ausgegeben hat, „auf dem man muthige Ritter erlege, nur noch eine ein- „zige Anmerckung machen, die ihn selbst angeht. Es ist „diese, daß man aus Zesens Exempel sehen kan, es habe „auch Echo verfuͤhren koͤnnen, und die es, wenn sie getadelt werden, noch vor eine Ehre halten muͤssen, weil sie dadurch aus dem Staube der Vergessenheit hervorgezogen werden: Aber, daß man Leuten, die in einigem Ansehen und Ruff bey der iztleben- den Welt, wiewohl oͤfters ohne ihr Verdienen, stehen, ihre Unvollkommenheiten vorhalte, das ist schon eine strafbare grobe Vermessenheit und Unhoͤflichkeit; es moͤgte auch der Tadel an sich selbst „auch schon vor diesem Leute gegeben, bey denen man „es mit seinem Tode verschulden muͤssen, wenn man von „ihnen oͤffentlich habe getadelt seyn wollen. Wir unter- „suchen hier nicht, ob der gedachte Herausgeber recht oder „unrecht hat, wenn er dieses an den itzigen Kunstrich- „tern mißbilliget. Jndessen hat er den Trost, daß einige „Schriftsteller, die zu leben wissen, sich nach seinen Grund- „saͤtzen und Neigungen zu bequemen scheinen, und ihn „noch bey seinen Lebzeiten tadeln.„ Weil diese Schutz- schrift aus der Feder eines beruͤhmten Lehrers der Welt- weisheit hergflossen, so will ich dieselbe um mehrerer Deut- lichkeit willen in ihre Schlußsaͤtze aufloͤsen, und die Pruͤf- fung seinen Schuͤlern nach seiner Vernunftlehre anzustellen uͤberlassen. Der erste ist: Wer erlaubt, daß man die izt- lebenden Scribenten, die es verdienen, tadeln duͤrffe, der kan es nicht zugleich billigen, daß man die schon ver- storbenen elenden Scribenten tadele. Der zweite ist: Juncker Filipp von Zesen hat schon zu seiner Zeit die todten Scribenten unter die helikonische Hechel genommen, wa- rum sollte es denn Hrn. Prof. Gottsched Suͤnde seyn, wenn er diesem ruͤhmlichen Exempel folget. Sonsten muß ich noch berichten, daß die Kunstrichter, die zu leben wissen, und mich tadeln, ob ich gleich noch nicht gestorben bin, der Hr. Prof. Gottsched selbst und sein Spießgesell Magi- ster Theod. Lebrecht Pitschel sind. Diesen zu misfallen mache mir eine Ehre. des deutschen Witzes. selbst so begruͤndet und gerecht seyn, als er im- mer wollte. Endlich schreiben sie der Critick in Ansehung des Ausdrucks und Vortrags, in die sie ihre Ausspruͤche einkleiden soll, so harte Ge- setze vor, daß sie bey aller ihrer Gerechtigkeit nothwendig unhoͤflich und unbescheiden werden muß. Sie koͤnnen es nicht vertragen, daß man eine Abhandlung, die durchgehends voller Feh- ler ist, ungluͤcklich nenne; oder uͤber das, was laͤcherlich ist, das Maul verkruͤmme. Sie wol- len, daß man sie zuerst um Verzeihung bitte, und die Erlaubniß von ihnen erhalte, sie zu er- innern, daß sie nicht ohne Fehler sind; daß man die Fehler, die man tadelt, als Theile der Voll- kommenheit des Gantzen anpreise; daß man, auch wo es umgekehrt ist, Horatzens Ubi plura nitent in carmine, non ego paucis Offendar maculis. voraussetze. Allein ich habe in Vergleichung mit diesen Leuten gantz paradoxe Gedancken von der Freyheit der Critick: Jch habe mich beredet, daß die Critick niemahls unhoͤflich oder unbe- scheiden seyn koͤnne, so lange sie gerecht ist; und ich sehe die critische Unhoͤflichkeit als eine Art der Ungerechtigkeit an; denn wenn die getadelten Fehler durch die Art des Vortrags vergroͤssert werden, so ist dieses eine Art der Verlaͤumdung; und hiemit diese Unhoͤflichkeit eine offenbare Un- gerechtigkeit. Die Hoͤflichkeit bestehet in einer Maͤssigung der Affecten und des Willens nach den Regeln oder Gewohnheiten des aͤusserlichen Wohlstands; und die Natur der Hoͤflichkeit er- C 4 fodert, Echo fodert, daß man nicht auf Recht und Verdienst, sondern auf das Vergnuͤgen dessen, den man nuͤtzlich gewinnen will, sehe. Die Critick hingegen muß ihre Absicht von dem aͤusserlichen Range, Ansehen und Credit, und andern dergleichen Vorzuͤgen gaͤntzlich abkehren, sie muß nur auf das innerliche Vermoͤgen des Geistes, Verstan- des und Witzes sehen, und ihre Beurtheilun- gen auf die Wahrheit gruͤnden. Geist, Ver- stand und Witz aber sind nicht an einen gewissen Rang oder an gewisse Aemter in der Welt ge- bunden; sie werden nicht angeerbt, sie koͤnnen nicht mit Geld erkauft, noch wie Titel und Eh- renstellen verliehen oder verpachtet werden. Es ist keiner gezwungen, seinen Geist und Verstand durch offentliche Schriften auf die Probe zu se- zen, und es kan einer ein ehrlicher und nuͤtzlicher Patriot, ein kluger Staatsmann, ein erfahr- ner Arzt, und doch daneben ein schlechter Reim- held, ein matter Dichter, ein elender Scribent seyn, gleichwie es hingegen nicht unmoͤglich ist, daß einer bey einem schlechten aͤusserlichen Cre- dit und Ansehen ein geistreicher Poet, Redner, oder Schriftsteller seyn kan. Aber wenn einer sich durch offentliche Schriften freywillig zum Lehrer des menschlichen Geschlechts aufwirfft, und den Nahmen eines geistreichen Schriftver- fassers affectiert, so muß er von der gerechten Critick erwarten, daß sie ihm den verdienten Rang unter den Scribenten anweise; und wo- fern er sich nicht gegen die Ausspruͤche derselben gruͤndlich vertheidigen, und sie der Ungerechtig- keit des deutschen Witzes. keit uͤberfuͤhren kan, so mag er uͤber Unbill, Un- hoͤflichkeit und Grobheit schreyen, so lange er will; dieses wird ihm bey unparteyischen Lesern von gutem Geschmack, er mag auch so vornehm seyn als er will, wenig helffen. Jch mache aus diesem allem den Schluß, daß die in dem ge- meinen Leben uͤbliche Hoͤflichkeit, die sich nur nach dem aͤusserlichen Rang in der Welt richtet, und jedermann angenehm und gefaͤllig zu seyn suchet, bey der gerechten Critick keinen Platz habe; sondern daß dasjenige, was man in der Critick Hoͤflichkeit heißt, von der Gerechtigkeit, die ohne Ansehen der Person Lob und Tadel nach Verdienen austheilet, nicht unterschieden sey. Jch sehe darum auch die in dem vorigen Abschnitt eingefuͤhrten Exempel der critischen Unhoͤflichkeit einiger deutscher Kunstrichter an, als so viele Pro- ben der critischen Ungerechtigkeit in dem Aus- druck und Vortrage, angesehen selbige nicht nur an sich selbs betrachtet unbescheiden und schimpf- lich sind, sondern auch zu nichts dienen, als klei- ne Fehler groͤsser zu machen, als sie wuͤrcklich sind. Jch will demnach in gegenwaͤrtigem Abschnitte mit einigen Exempeln darthun, daß eben diese hochdeutsche Kunstrichter in ihren Beurtheilungen nicht nur in Absicht auf den Vortrag, sondern auch in Absicht auf die Natur der Sache selbst neben der Wahrheit vorbeygehen, und sich der critischen Ungerechtigkeit schuldig machen. Jch habe in dem vorhergehenden Abschnitte beylaͤuf- tig drey Exempel von dieser Art beruͤhret: Das erste ist das Beyspiel Hrn. Damms, den man C 5 in Echo in dem VI. St. der Beytraͤge Bl. 530. neben Hrn. Gottsched wegen seiner grossen Geschicklich- keit im Uebersetzen selbst dem gelehrten Hrn. D. Heumann zum Muster vorgestellet hat. Wenn nun das Urtheil, welches in eben diesen Bey- traͤgen an zweien Orten von seiner Uebersetzung der Briefe Cicerons auf eine unbescheidene Weise ausgefaͤllet wird, Grund haben soll; so folget gantz natuͤrlich, daß das ihm vorhin mit- getheilte Lob wegen seiner so grossen Geschicklich- keit im Uebersetzen eine schmeichelhafte Ungerech- tigkeit gewesen sey. Denn wer wird sich wohl als glaublich vorstellen koͤnnen, daß Hr. Damm, nachdem er Cicerons Rede fuͤr den Roscius so nachdruͤcklich, maͤnnlich und zierlich uͤbersezt hat, hernach bey der Uebersetzung der Briefe dieses Roͤmers so ungluͤcklich sollte gewesen seyn, und eine so harte und schimpfliche Bestraffung verdienet haben? Das zweite Exempel, das ich oben beruͤhret habe, ist das Beyspiel des Herausgebers der Neukirchischen Uebersetzung des Telemachs Hrn. J. Chr. Hirsch. Was hat dieser gute Mann verschuldet? Nichts anders, als daß er in der kurtzen Vorrede zu diesem Neu- kirchischen Wercke, welche nicht mehr als fuͤnf und eine halbe Seite betraͤgt, das uͤbereilte Vorgeben, als ob Neukirch die Uebersetzung des Telemachs nicht vollendet, und man also ausser dem ersten Theile nichts weiters von seiner Arbeit zu erwarten habe, welches durch die Crit. Beytraͤge ausgestreuet worden, um etwas empfindlich geantet hat. Aber man lese die plum- des deutschen Witzes. plumpe und gantz ungeschliffene Jnvectif, die der gute Mann deswegen in dem XXIV. St. der Beytraͤge auf der 601sten u. f. Seite empfan- gen hat, woraus ich oben nur was weniges zur Probe angefuͤhrt habe, und sage mir dann, ob das heisse: Poenas peccatis irroget æquas. Zuge- schweigen, daß die Verfasser dieser Beytraͤge in dem XXV. St. Bl. 172. offentlich bekennt, daß sie in der Person geirret, und Hrn. Hirsch gantz unschuldiger Weise-angegriffen haben. Das dritte Exempel giebt uns der ungenannte Verfasser der reimfreyen Uebersetzung der Aeneis, wovon in dem XVII. St. der Beytraͤge im IV. Art. eine Probe angefuͤhrt, und dieselbe durch eine ungeschickte Vergleichung mit einer schlech- ten gereimten Uebersetzung eines jungen Schuͤ- lers heruntergemacht worden. Die Ungerech- tigkeit dieses Urtheils in Lob und Tadel ist in dem zweiten Theile der Critischen Dichtkunst Hrn. Prof. Breitingers in dem IV ten Abschn. von der Kunst der Uebersetzung von Bl. 157. an aus- fuͤhrlich dargethan worden, wohin ich auch mei- ne Leser verweise. Noch das vierte Beyspiel soll uns endlich die Uebersetzung Hrn. Prof Bod- mers von Joh. Miltons verlohrnem Paradiese an die Hand geben. Von derselben stehet in dem II ten St. der Beytraͤge Bl. 291. „So „viel ist indessen wahr, daß wenn nach dem Ge- „staͤndniß der Engellaͤnder, ihre Sprache selbst „unter dem Milton eingesuncken; so hat in der „That Hr. Prof. Bodmer eine solche Staͤrcke „unsrer Sprache gewiesen, daß man sagen „koͤnnte, Echo „koͤnnte, daß Milton durch diese Verdollmet- „schung noch mehr Kraft und Nachdruck gewon- „nen habe, als er in seiner Muttersprache be- „sizt. Jndessen hat es ihm aus Bescheidenheit „beliebt, sich uͤber den Mangel genugsamer „Kundschaft in unsrer Sprache zu beschweren, „der doch in Absehen auf die Staͤrcke seiner uͤber- „all praͤchtigen und erhabenen Ausdruͤckungen „gewiß nirgends zu spuͤren ist. Sollte aber ja „im Absehen auf die Zierlichkeit der Wortfuͤ- „gung hier und dar etwas unterlauffen, so in „rein gewoͤhnten deutschen Ohren rauh und „widrig klinget, so wird dieses dem Vaterlan- „de des Hrn. Uebersetzers mehr, als seiner Un- „faͤhigkeit zuzuschreiben seyn. Und doch muß „man gestehen, daß uns noch kein Schweitze- „rischer Scribent vorgekommen, dem man sein „Vaterland weniger als Hrn. Bodmern hat „anmercken koͤnnen.„ Und in dem XIX. St. der Beytraͤge in der Beantwortung auf die Ein- wuͤrffe wegen der Unvollkommenheit der deutschen Sprache Bl. 448 heißt es: „Gewiß alle Ken- „ner Miltons sind erstaunet, als sie die Dol- „metschung Hrn. Prof. Bodmers gelesen ha- „ben: Denn wer haͤtte sichs eingebildet, daß „dieses mit Gedancken so beschwerte Gedichte, „dessen Ausdruck so koͤrnicht, sinnreich und tief „ist, sich so nach druͤcklich und vollstaͤndig deutsch „wuͤrde geben lassen. Und doch hat es der Hr. „Bodmer gethan. Jn Wahrheit, wer nun- „mehr unsre Sprache noch matt, seicht, und „plauderhaft nennen will, der verdienet, daß „man des deutschen Witzes. „man ihn damit auslachet.„ Hergegen in dem XXIV. St. dieser Beytraͤge ist aus der Feder eben desselben Kunstrichters, des Hrn. Prof. Gott- scheds, folgendes Urtheil geflossen, Bl. 653. „Es hat sich in der Schweitz eir Uebersetzer ge- „funden, der uns denselben (Milton) so gut „er gekonnt, deutsch geliefert hat, wie wir „gleichfalls in diesen Beytraͤgen vor etlichen „Jahren gemeldet haben.„ Und Bl. 664. „Man hat an der seltsamen und widerlichen „Art des deutschen Ausdrucks, der sonst in „allen unsren Buͤchetn unerhoͤrt ist, gar bald „einen Eckel bekommen.„ Sehet da einen Philosoph, der in seinen critischen Ausspruͤchen sich nicht so sclavisch an den Grundsatz: Impos- sibile est idem simul esse \& non esse, bindet; son- dern sich die Freyheit vorbehaͤlt, seine Hoͤflich- keiten, so bald er vermuthet, daß sich einer der- selben unwuͤrdig gemacht, zuruͤckzunehmen und zu modificieren. Will aber jemand wissen, wie geschickt diese philosophischen Koͤpfe einen offen- baren Widerspruch mit sich selbst vergleichen koͤn- nen, der sehe in der 47sten Anmerckung des Weinmonats der Belustigungen Bl. 379. und schaue, wie er sich des Lachens erwehren koͤnne. VIII. Echo VIII. Wie die Unvollkommenheit des Gottschedischen Versuches einer Critischen Dichtkunst am sichersten koͤnne entschuldiget und gegen alle Vorwuͤrffe sicher gestellt werden. J Ch finde die Art, mit welcher der Verfas- ser der Anmerckungen in dem Weinmonat der Leipzigischen Belustigungen in der 36. und 37sten Anmercknng dieses geleistet hat, so fremd, neu, und unerhoͤrt, daß ich mich nicht entbrechen kan, die Kunst, die in dieser Art der Vertheidigung stecket, in ein helleres Licht zu setzen. Hr. Prof Gottsched hat sein Werck von der Dichtkunst einen Versuch genennet: Da nun diese Benennung selbst ein Gestaͤndniß einer Un- vollkommenheit mit sich fuͤhret; so ist der Ver- fasser der Anmerckungen sorgfaͤltig genug, uns zu berichten, daß diese willkuͤrliche Benennung der des deutschen Witzes. der Vollkommenheit des Wercks nicht nachthei- lig seyn koͤnne, weil der Nahme die Sache nicht aͤndere, und Hr. Prof. Gottsched sein Buch nur aus Bescheidenheit einen Versuch genennt habe: Nicht als ob er es selbst fuͤr einen blossen Versuch angesehen, oder als ob ihm die Voll- kommenheit desselben waͤre verborgen gewesen; sondern aus einem niedertraͤchtigen Hochmuth, nach welchem einer sein Heu Stroh nennen kan, solches aber niemahls thut, als wenn er zum voraus sicher ist, daß andere seine Absicht durch die Erniedrigung den Werth der erniedrigten Sache zu erhoͤhen, unfehlbar mercken und erra- then muͤssen. Daß also die Benennung eines Versuches auf dem Titel des Gottschedischen Buches per antiphrasin muß verstanden werden, wie Lucus, quasi minime lucus. Doch muß man sich wohl in Acht nehmen, daß man diese ironi- sche Figur der Bescheidenheit nicht auf den gan- zen Titel erstrecke, als ob er sein Buch auch eine Critische Dichtkunst per antiphrasin genennt ha- be, in dem Verstande, als wenn er sie selbst fuͤr nichts weniger, als fuͤr eine Critische Dicht- kunst gehalten habe; wie er sie in der That einen Versuch genennet, darum, weil sie in seinem Sinne nichts weniger als ein blosser Versuch war. Daß also diejenigen, welche die Gott- schedische Dichtkunst fuͤr einen blossen Versuch ausgeben, eben so unhoͤflich handeln wuͤrden, als wenn einer das Compliment eines gehorsa- men Dieners im Ernst aufnehmen, und es mit der Antwort: Ja, ihr seyd mein gehorsamer Diener! erwidern wuͤrde. Wollte Echo Wollte man zweitens die Zuͤrichische Dicht- kunst anfuͤhren, und in Vergleichung mit der- selben den Gottschedischen Versuch einer Unvoll- kommenheit belangen; so weiß der Verfasser der Anmerckungen, durch einen listig erweckten Ver- dacht, die Zuͤrchische Dichtkunst so geschickt nie- derzudruͤcken, daß sein Leipzigischer Versuch be- hend wieder empor koͤmmt. Das einige Spruͤch- lein: Inventis facile est aliquid addere, hat die Kraft dem Leipzigischen Versuche den Preiß der Erfindung gantz zuzueignen, und den Verdacht zu erwecken, daß die Zuͤrichische Kunstrichter sich diese Leipzigische Erfindung wohl zu Nutze gema- chet, und ihre mehrere Vollkommenheit dersel- ben lediglich zu verdancken haben. Er braucht dabey die noͤthige Behutsamkeit, daß er sich nicht ins Absonderliche hineinlaͤßt, und die ihm vorgelegte Parallel mit Stillschweigen gaͤntzlich vorbeygehet; denn solches haͤtte zu nichts an- ders gedienet, als dem Leser unnoͤthige Scru- pel zu erwecken, ob und wiesern es moͤglich sey, daß von zwey Wercken, die in ihren Grundsaͤ- zen, in ihrer Materie, und in ihrer Form gantz unterschieden, ja einander beynahe zuwider sind, eins durch das andere habe koͤnnen veranlasset werden? Da hingegen bey der blossen Ver- gleichung des aͤhnlichen Titels niemand leicht in den Sinn kommen wird, zu zweifeln, daß nicht eines von dem andern sey abgesehen worden: Und da man insgemein nur gleiche Sachen mit gleichen Nahmen zu belegen pfleget, so wird ja niemand vermuthen, daß vielleicht das eine von diesen des deutschen Witzes. diesen Wercken den Nahmen einer Crit. Dicht- kunst nur zur Zierde trage, ohne daß es ihn eben wuͤrcklich verdiene: Wie jener ungeschickte Mahler die Figur, die er an ein Haus gemah- let, ein Pferd genennet hat, ob sie gleich einem Geißbocke viel aͤhnlicher war; und es dießfalls wohl heissen mag: Amphora coepit Institui, currente rota cur urceus exit? Der dritte Grund, womit der Leipzigische Ver- fasser der Anmerckungen den Vorwurff der Un- vollkommenheit in Ansehung der Gottschedischen Dichtkunst geschickt ablehnet und entschuldiget, ist von den geheimen und besondern Absichten her- genommen, die ein Verfasser bey Schreibung eines Buchs mag gehabt haben. Wer haͤtte es vermuthen koͤnnen, daß Hr. Prof. Gottsched die Vollkommenheit, die sich in der Art und Proportion der in seiner Dichtkunst abgehandel- ten Materien, befinden soll, nicht nach dem Privatgebrauche einzelner Leser, sondern allein und vornehmlich nach dem academischen Gebrau- che wolle beurtheilt wissen, in so fern nemlich dieses Buch hauptsaͤchlich zur oͤffentlichen Vor- lesung bestimmt war? Jch sage, wer haͤtte die- ses wohl vermuthen koͤnnen, wenn es der Ver- fasser der Anmerckungen nicht so deutlich berich- ten wuͤrde? Da nun diese besondere Absicht er- fodert, daß ein solches Buch eben nicht vollstaͤn- dig seyn muß, damit der muͤndlichen Erklaͤrung auch noch was uͤbrig bleibe; so kan man ja auf diese Weise alle Unvollkommenheiten eines sol- [Crit. Sam̃l. VI. St.] D chen Echo chen gedruͤckten Buches, die vermuthlich in dem muͤndlichen Vortrage koͤnnen verbessert und ersezt werden, leicht entschuldigen. Dieser Fund ist eben so listig, als wenn die Papisten die vorge- gebene Unvollkommenheit der Heil. Schrift durch die muͤndlichen Traditionen ergaͤntzen wollen. Es hat auch einer von meinen Freunden die Muͤ- he genommen, die ins Kurtze gefaßten Regeln der Gottschedischen Dichtkunst aus dem ersten Theile mit Fleiß herauszuziehen, um die zierli- che Ordnung und Proportion dieses Lehrgebaͤu- des in das rechte Licht zu setzen; wenn er sich ent- schliessen koͤnnte, uns diesen Auszug durch den Druck mitzutheilen, so haͤtte man Gottschedii ar- tem poeticam in nuce. Aber der Vertheidiger der Gottschedischen Dichtkunst, der dieses Buch gegen alle Vor- wuͤrffe recht sicher stellen wollte, hat es nicht al- lein bey blossen Moͤglichkeiten und Vermuthun- gen bewenden lassen; sondern wuͤrcklich behaup- tet, daß Hr. Prof. Gottsched alle Maͤngel und Unvollkommenheiten, die in seinem gedruͤckten Buche koͤnnten bemercket werden, in der Pri- vaterklaͤrung seinen Schuͤlern durch den muͤndli- chen Vortrag wuͤrcklich ersetzt habe. Und diesen historischen Beweißthnm weiß er gar geschickt mit Einfuͤhrung solcher Zeugen, die es selbs sol- len mit angehoͤrt haben, und mit einer Betheu- rung zu befestigen. Er sagt: „Jch will dem „Hrn. Schweitzer mit gantz eigentlichen Wor- „ten bey meiner Ehre versichern, (wo anders „ein Deutscher so schwoͤren kan,) daß es noch „Leute in Leipzig giebt, die den Hrn. Prof. „Gott- des deutschen Witzes. „Gottsched von den meisten Materien, die in „dessen Dichtkunst fehlen sollen, schon vor sechs „und acht Jahren wollen haben reden hoͤren.„ Und etwas ferner: „Und in der That sagen „die Leute, deren ich gedacht habe, daß es „eben bey der Ausuͤbung gewesen sey, wo er „mit ihnen davon gesprochen haͤtte.„ Es feh- let auch diesem Beweise im geringsten nichts, als einestheils, daß er die Anzahl dieser Zeugen von einer so geheimen Wahrheit nicht mit Nah- men entdeckt, deren ohne Zweifel mehr als drey- mahl drey gewesen sind; und anderntheils, daß er das Factum, welches er mit einer Betheu- rung bekraͤftiget, um etwas zweideutig ausdruͤckt; massen das haben wollen reden hoͤren nicht noth- wendig sagt, daß sie ihn wuͤrcklich von diesen Materien reden gehoͤrt haben: Denn wenn sei- ne Betheurung nur dahin gehen sollte, zu be- kraͤftigen, daß es wuͤrcklich schon vor 6. und 8. Jahren in Leipzig Leute gegeben, die diese Un- vollkommenheiten und Maͤngel in der Gottsche- dischen Dichtkunst angemercket, und daher Hrn. Prof. Gottsched selbst muͤndlich daruͤber anzuhoͤ- ren Lust bezeuget haben, so waͤre dieses fuͤr Hrn. Gottsched eben nicht so gar ruͤhmlich, zumahl da er auch in der zweiten und verbesserten Auf- lage seines Buchs diese Maͤngel und Unvollkom- menheiten gelassen hat, wie er sie in der ersten Herausgabe gefunden hat. Sonst ist freylich diese Art des Beweises an sich selbst unwider- sprechlich. Ein Buch, das vornehmlich zur oͤf- fentlichen Vorlesung bestimmet ist, kan ohne die muͤndliche Erklaͤrung nicht als ein Gantzes ange- D 2 sehen, Echo sehen, oder beurtheilet werden. Wer will aber ohne Verwegenheit von der Vollkommenheit oder Unvollkommenheit eines Buchs uͤberhaupt, davon er nur ein unvollkommenes Stuͤck gesehen hat, urtheilen koͤnnen? Wenn demnach ein unverleumdeter Mann hinter der Wand stehet, der, ob er gleich von niemanden gesehen werden kan, bey seinen Ehren gantz deutlich versichert, daß durch die muͤndliche Erklaͤrung alle Maͤngel eines gedruͤckten Buchs seyn verbessert und er- gaͤnzt worden; wer will solches widersprechen duͤrffen, wenn er nicht die Richtern und Buͤr- gern so dienliche Regel hoͤren will: Quilibet præ- sumitur bonus \&c. Auf deutsch, daß man Leute, die man nicht kennt, bis auf Gegenbeweiß fuͤr ehrliche Leute halten muß, von denen man nicht so schlechterdings dencken soll, daß sie ihre eigene unbekannte Ehre darauf setzen wuͤrden, wenn es nicht um die Rettung der Wahrheit zu thun waͤre. Es ist darum die Betheurung in criti- schen Streitigkeiten von einem ungemeinen Ge- wichte und ein Ende alles Widersprechens; denn dadurch kan man die geheimsten Nachrichten, die niemand sonst glauben wuͤrde, befestigen, und den Gegner so enge einthun, daß er entwe- der stillschweigen und uns einen herrlichen Sieg uͤberlassen, oder uns auf eine unverschaͤmte und jedermann verhaßte Weise an unsrem ehrlichen Nahmen als Ehrlose und Meineidige angreiffen muß, wozu sich aber niemand so leicht verstehen wird. Vermoͤge dieser Nachricht aber werden dieje- nigen, welche Lust haben, die Grundwahrhei- ten des deutschen Witzes. ten, so zu dem Wesen der Dichtkunst uͤberhaupt gehoͤren, und in Hrn. Prof. Gottscheds gedruͤck- tem Buche entweder gar nicht, oder nur gantz fluͤchtig und obenhin angefuͤhrt werden, gruͤnd- lich zu verstehen, sehr wohl thun, wenn sie sich an diesen Unvollkommenheiten nicht stossen; son- dern dafern sie nicht Gelegenheit haben, bey Hrn. Prof. Gottscheden in die Schule zu gehen, mit Ernst trachten, ein geschriebenes Collegium, wel- ches der Hr. Prof. vor 6. und 8. Jahren uͤber seinen Versuch gehalten hat, und worinn alle diese Unvollkommenheiten verbessert und ergaͤnzt sind, zur Hand zu bringen: Da werden sie die Grundlehren von der Nachahmung der Natur, von dem poetischen Schoͤnen, von dem Wunder- baren und Wahrscheinlichen, von der Wahl der Umstaͤnde und ihrer Verbindung nach einer ge- wissen Hauptabsicht, von den Charactern, und den Hertzensgedancken ꝛc. ꝛc. die Hr. Gottsched nur zum Detail rechnen soll, (wovon ein Kuͤnst- ler seinen Lehrlingen die Anmerckungen erst bey der Ausuͤbung beybringen muß, um sie im An- fange nicht zu uͤberhaͤufen,) ausfuͤhrlich abge- handelt finden: Und zwar so, daß sie fast auf die Vermuthung fallen duͤrften, der Zuͤrichi- sche Kunstrichter habe bey Verfertigung seiner Dichtkunst ein solches 6. oder 8. jaͤhriges ge- schriebenes Collegium sich wohl zu Nutze gemacht, angesehen in derselben groͤstentheils nur diejeni- gen Hauptmaterien ausfuͤhrlich abgehandelt sind, die Hr. Gottsched zum Detail gerechnet, und zur muͤndlichen Erklaͤrung mit Fleisse verspart und aufbehalten hat. D 3 IX. Echo IX. Ob es wahr sey, daß die Deut- schen an Miltons verlohrnem Pa- radiese keinen Geschmack finden. E S ist in moralischen Sachen eben so noͤ- thig, als in physicalischen, daß man sich zuerst recht vergewissere, daß etwas sey, eh und bevor man untersucht, warum und wie es sey. Ohne diese Behutsamkeit wird man nicht selten die Ursache von etwas suchen, welches sel- ber nicht ist. Jch fuͤrchte, daß eben dieses den- jenigen begegne, welche entdecken wollen, wa- rum die Deutschen kein Belieben an Miltons verlohrnem Paradiese haben. Die gute Mei- nung, die ich von dem erhabenen Geist, und dem feinen Geschmack der wahrhaften Deutschen habe, macht mir den Satz selbst, dessen Ursa- che sie suchen, allzu verdaͤchtig. Jch sehe auch, daß man seinen Witz und Verstand gewaltig recken und foltern muß, wenn man diese beyden Stuͤcke, den Abscheu fuͤr Miltons Gedichte und den scharfsinnigen Geschmack zusammenreimen will. Es ist in der That unerweislich, daß die Deutschen von Miltons Paradiese Verdruß em- pfangen. Eine kleine Aufmercksamkeit auf zwo oder drey Betrachtungen wird uns dessen uͤber- fuͤhren. Erst- des deutschen Witzes. Erstlich machen diejenigen Deutschen, welche dieses Gedichte in Miltons Sprache lesen koͤn- nen, keine Zahl, daß man sie fuͤr die deutsche Nation nehmen koͤnnte. Derjenigen, welchen Milton aus dem Franzoͤsischen bekannt gewor- den, moͤgen wohl mehrere seyn, aber von die- sen kan man eigentlich nicht sagen, daß sie ihn gelesen haben: Der Hr. Uebersetzer von St. Maur hat sich allzu viele Freyheit damit herausgenom- men. Doch wenn man dieses nichts achten will, so ist dennoch auch die Anzahl dieser Leser gantz klein. Das Franzoͤsische ist den Deutschen uͤber- haupt noch gantz ungewoͤhnlich, wovon ich nur dieses vor einen Beweis anziehen will, daß man genoͤthiget worden, Baylens Lexicon ins Deut- sche zu uͤbersetzen, und daß es in dieser Uberse- zung so viele Liebhaber findet: denn es ist gewiß, daß niemand es im Deutschen lesen wird, der es im Franzoͤsischen lesen kan. Die Uebersetzung des Hrn. Rolli ist gantz getreu und genau, aber in Deutschland noch nirgend gesehen worden. Mit der Hollaͤndischen wohlgerathenen und ziem- lich nachdruͤcklichen Uebersetzung des Hrn. von Zante will sich niemand gerne beladen, weil man den Leuten eine Furcht beygebracht hat, daß sie die reine hochdeutsche Sprache mit dieser ver- dorbenen Mundart derselben beflecken moͤgten. Jn der hochdeutschen Uebersetzung des von Berg sieht Milton gantz verfinstert aus, er hat darin- nen von seinem urspruͤnglichen Glantze nicht so vieles behalten, als die Engel bey dem Poeten nach ihrem tiefen Falle von den Zinnen des Him- D 4 mels; Echo mels; Milton hat in dieser Uebersetzung auch einen eben so haͤßlichen Fall gethan. Aus dieser Ursache konnten wir von derselben nichts weiters erwarten, als daß sie bey poetischen Koͤpfen ei- nige dunckle Empfindung der Vortrefflichkeit der Materie des Miltonischen Werckes, und einige Neugier dem Originale nachzufragen, haͤtte erwecken sollen. Hr. Bodmers erste Ueber- setzung ist groͤstentheils in der Schweitz geblie- ben, wo sie von den Graubuͤndern, den Appen- zellern, und andern geistreichen Eidsgenossen mit Empfindlichkeit gelesen worden. Eine ge- ringe Anzahl davon hat man nach Sachsen ge- sandt, welche aber dasige Leser nicht haben lesen koͤnnen, wenn sie ihre Ohren nicht wollten zer- fleischen lassen, und die Wahrheit zu bekennen, nicht verstanden haben, weil ein gantz anders Deutsch darinnen gebraucht wird, als sie auf ihren Marcktplaͤtzen, in ihren Krambuden, und Spielzimmern, ja in den Hochzeit- und Begraͤb- nißgedichten ihrer Poeten gelernet haben. Jch habe dieses von Hrn. Prof. Gottscheden, der es mit diesen Worten gesagt hat: „Es ist etwas „so fremdes, sagt er, rauhes und hartes in „Bodmers Uebersetzung, daß ein haͤßlicher „Uebelklang daher entsteht, und hundert und „hundert Leser sind uͤber diesen so gar nicht weg, „daß sie ein gantz Buch hindurch ihren Ohren „Gewalt anthun koͤnnten, und daß sie aus Be- „gierde nach den Sachen eine neue Art Deutsch „zu reden lernen sollten.„ Jn der That ist das Deutsche in dieser Uebersetzung, nicht nur allein durch des deutschen Witzes. durch den Gebrauch der schweitzerischen Mund- art, sondern uͤberdieses und weit mehr durch die ungewoͤhnlichen rauhen und hoͤllischen Gedan- ken Satans und seiner Engel so fremd und selt- sam geworden, daß man es wohl eine neue Art Deutsches nennen mag: Denn gleichwie man bisdahin mit diesen Personen, ihren Empfin- dungen und Meinungen in Deutschland noch nicht bekannt gewesen, also hat man auch ihre Ausspruͤche in unsrer Sprache noch nicht gehabt. Wenn denn die Sachsen, oder was vor Deut- sche es seyn, das Miltonische Gedicht entwe- der nicht in seiner urspruͤnglichen Natur empfan- gen, oder nicht gelesen, wenigstens nicht ver- standen haben, so ist es noch zu fruͤhe zu sagen, sie haben kein Belieben daran. Man muß ihnen nicht zumuthen, daß sie von etwas in Empfin- dung gebracht werden, womit sie keine Bekannt- schaft haben, und was von ihnen so weit abge- legen ist, daß es ihre Sinnlichkeiten nicht errei- chen mag. Was Miltons Gedicht bey den Sach- sen noch endlich wuͤrcken koͤnnte, wuͤrde man erst aus einer Uebersetzung desselben sehen, die von der geschickten Freundin des Hr. Prof. Gott- scheds verfertiget wuͤrde, worinne wenigstens die schweitzerische und die satanische Mundart den Sachen nicht zum Nachtheil gereicheten. Die Stellen, so sie in dem Zuschauer aus demselben uͤbersetzet hat, lassen uns daran nicht zweifeln, weil sie des Poeten und seiner feltsamen Perso- nen eigene Gedancken und Ausdruͤcke gantz ge- schickt in das gewoͤhnliche Saͤchsische zu verwan- D 5 deln, Echo deln, und hier und da noch zu erweitern gewußt hat. Sie hat dieses leztere auf eine merckwuͤr- dige Art in der Erzehlung von der Erschaffung der Thiere gethan, wo sie sagt: Ein jeder Graskloß kalbt iezt einen jungen Kloß. Anstatt daß der Poet nur gesagt hatte: „ Das „Viehstieg aus dem Boden hervor, die Gras- „kloͤsser kalbeten.„ Sie brachten nemlich in Miltons Wercke nur Kaͤlber von Rehen, Hin- dinnen, Kuͤhen, hervor; nicht Graskloͤsser. Dieses neue Wunder uͤber das erstere hat ihm die Frau Uebersetzerinn aus ihrer Sprache gelie- hen. Hr. Professor Gottsched selbst wird ver- muthlich durch dergleichen Uebersetzungen noch gewonnen, und auf andere Gedancken von Miltons Werthe gebracht werden. Wir wollen aber die Freyheit nehmen, dieses Mannes Aussage von der Deutschen Unempfind- lichkeit im Absehen auf Miltons Gedichte in Zwei- fel zu ziehen, und uns einbilden, es seyn meh- rere Deutschen, als er uns bereden will, welche Miltons Vorstellungen in Hrn. Bodmers Ueber- setzung haben lesen und verstehen koͤnnen: Wo- her versichert man uns dann, daß solche in ihrer alten Gleichguͤltigkeit gegen dasselbe geblieben seyn? Eben dieser Hr. Professor Gottsched hat es schier allein gesagt. Ein Paar andere, die es nach ihm gesagt haben, sind mit ihm so nahe verwandt, als wie der Widerhall mit der Stim- me des Ruffenden. Jn den unbetruͤglichen und authentischen Urkunden der gelehrten Zeitungs- schreiber und Journalisten wird es nicht gesagt. Und des deutschen Witzes. Und besagter Hr. Professor verwickelt sich in sei- nem Berichte von dieser Sache so offenbar, daß er sich selbst alles Glaubens unwuͤrdig machet. Denn eben dieselbe Feder, die geschrieben hat, das Vortreffliche, das man im Milton gefunden, komme ihm nicht als sein Eigenthum zu; es sey ihm nur von Addison geliehen worden; die Deutschen haben durch den Gebrauch der Phi- losophie die Vernunft sehr gelaͤutert, und zu- gleich den Geschmack verbessert, und eben die- sem philosophischen Lichte haben sie es zu verdan- ken, daß sie im Milton den Lohensteinischen und Zieglerischen Schwulst wahrnehmen; hat auch geschrieben, das beruͤhmte Gedicht Miltons habe die Ehre verdienet, einer Jlias und Aeneis an die Seite gesetzet zu werden; dieses Gedicht sey Milton so gelungen, daß alle nach ihm kom- mende Englische Poeten dasselbe bewundert, und seine geistreiche Schreibart zwar nachzu- ahmen gesucht, doch selbst gestanden haben, daß sie selbige nicht erreichen koͤnnten. Seht im I. St. der Crit. Beytr. den 4ten Art. Bl. 85. und 89. Eben derselbe Kunstrichter, der den deutschen Aus- druck der Bodmerischen Uebersetzung als uner- hoͤrt und widerlich verworffen hat; hat densel- ben so hoch erhoben, daß er gesagt, Milton ha- be in dieser Uebersetzung noch mehr Kraft und Nachdruck bekommen, als er in seiner eigenen Sprache besitze. Seht im II. St. der Crit. Beytr. den 9ten Art. Bl. 291. Unter diesen widerwaͤrtigen Aus- Echo Ausspruͤchen hat der Leser die freye Wahl; er kan mit eben so vielem Recht dem erstern beyfal- len, daß Milton vortrefflich sey, als dem an- dern, daß er nichts tauge; und dieses kan er thun, ohne daß der Hr. Professor Ursache habe, zu klagen, er traue ihm nicht. Wenn nichtsdestoweniger jemand Hrn. Gott- scheden den erfoderlichen Glauben zu einem solchen historischen Bericht von dem Urtheile der Deut- schen einraͤumen wollte, so wuͤrde solcher doch nur allein die Sachsen angehen, mit welchen Hr. Gott- sched vertrauten Umgang hat, und es von ihnen selbst insgeheim hat wissen moͤgen. Von diesen liesse sich aber auf andere Provinzen Deutsch- lands nichts schliessen, diese koͤnnten einen an- dern Geschmack haben, der eben nicht Gottsche- dischsaͤchsisch waͤre. Jch habe mich mit allem Fleisse erkundiget, ob in Oesterreich, in Tyrol, im Schwabenland, in Beyern, die Leute, so daselbst leben, von Miltons verlohrnen Para- diese Vergnuͤgen oder Eckel empfangen, ob der Ausdruck ihnen widerlich, die Gedancken selbst schrecklich und wild, schienen: Allein die wenig- sten haben gewußt, daß jemahls ein solches Ge- dichte gewesen, die meisten wußten noch nicht, daß Milton selbst gewesen waͤre. Und dennoch wird man obige Nationen zu den Deutschen zeh- len muͤssen, nachdem sie zu unsren Zeiten um die Herrschaft im deutschen Reiche streiten. Was mir aber die Aussage Hrn. Gottscheds am meisten verdaͤchtig macht, ist der Schimpf, der damit verknuͤpfet ist, und daher auf die Saͤch- des deutschen Witzes. Saͤchsische Nation, ja, wenn man seine Deut- schen in dem weitlaͤuftigen Verstande nehmen wollte, auf die gantze deutsche Nation fallen muß; daß sie naͤmlich eines so plumpen und niedrigen Geistes sey, der sich zu Miltons erhabenen, groß- muͤthigen und ausserordentlichen Gedancken und Empfindungen nicht erheben koͤnne. Hr. Gott- sched hat zwar sein Vorgeben von dem Unwillen der Deutschen gegen das verlohrne Paradies da- mit bekraͤftigen wollen, daß er etliche Einwuͤrf- fe gegen dasselbe vorgebracht, welche diesen Eckel rechtfertigen sollen: Allein eben diese Einwuͤrffe sind in ihrer Natur und ihrem Vortrage so be- schaffen, daß wir ohne Abbruch unsrer Hochach- tung fuͤr die bescheidenen, scharfsinnigen, und wohldenckenden Deutschen, insbesondere die Sachsen, nicht glaͤuben koͤnnen, daß sie auf diese Art urtheilen, dencken, und sich ausdruͤ- ken. Dieselben sind in der dreissigsten Anmer- kung uͤber das Trillerische Ergaͤntzungsstuͤck Bl. 355. u. f. auf einen Haufen getragen; und der Hr. Mag. Theodor Leberecht Pirschel hat sie da- selbst in ihrem schoͤnsten Lichte vorgestellet. Das ist der Ehrennahme des Verfassers dieser von uns so vielmahl gelobten Schrift, welcher sich bisdahin vor uns unsichtbar gemachet hatte. Die Geduld sich laͤnger in dem Winckel (worin- nen er sich verstecket hatte, damit er das Ver- gnuͤgen haͤtte, sich suchen zu lassen,) verborgen zu halten, ist ihm endlich ausgegangen, er hat so laut gekraͤhet, daß ihn seine eigene Stimme entdecket hat. Der Besitzer dieses beruͤhmten Nah- Echo Nahmens traͤgt nun besagte Einwuͤrffe gegen das Paradies ausdruͤcklich als Einwuͤrffe der deut- schen Nation vor, mit der er sich gantz vertrau- lich anstellet, massen er ohne Cerimonial von ihr und sich so redet: „Die deutschen Starrkoͤpfe, „sagt er z. Ex. werden sich nicht bereden lassen, „daß das verlohrne Paradies ein vollkomme- „nes Heldengedichte sey. ‒ ‒ Es ist dieses nicht „so gemeint, als ob wir am Milton schlechter- „dings keine Schoͤnheit finden. ‒ ‒ Wir geste- „hen ihm viel hohe Gedancken zu. ‒ ‒ Dieses „blendet aber uns Deutsche nicht.„ Auf seine Einwuͤrffe selbst zu kommen, so zweifelt er erst- lich im Nahmen der Deutschen, ob nicht Mil- ton einen Fehler begangen, daß er theils so fuͤrchterliche, theils so ernsthafte Wesen und Handlungen zu den Gegenstaͤnden der Fabel gemachet. Er wisse zwar wohl, daß Hr. Bod- mer diesen Einwurf zu heben gesucht; er zwei- fele aber wieder, ob seine Gruͤnde alle Schwie- rigkeiten gehoben haben. Sollten die wahren Deutschen wohl so unbillig seyn, und ein Werck um eines Fehlers willen verwerffen, von wel- chem sie noch im Zweifel stehen, ob es einer sey? Und wenn sie nicht allein den Einwurf, sondern auch die Beantwortnng desselben erwogen haben, koͤnnen sie noch zweifeln, ob er gehoben sey? Sollten sie nicht ohne dieses wissen, daß kein Wesen und keine Handlung vor die Poesie zu ernsthaft sey, daß die ernsthafteste Wenigstens kan weder Hr. Gottsched noch Hr. Pit- schel von ihr auf des deutschen Witzes. auf eine geschickte Art ihrem Ernst gemaͤß vor- gestellet werden koͤnne? Wer kan den Deutschen ohne Unbilligkeit zulegen, daß sie die Poesie an ihr selbst vor etwas so lustiges halten, daß ernst- hafte Sachen, wenn sie darinnen ihrer Wuͤrde nach eingekleidet werden, mit einer laͤcherlichen Lustigkeit angestecket werden? Daß sie glauben, etwas goͤttliches, das mit dem Schmack der Poesie angethan wird, werde dadurch zur Fa- bel gemachet? Was izo die fuͤrchterlichen We- sen anlanget, die Milton zu den Gegenstaͤnden seiner poetischen Handlungen gemachet hat, wa- rum sollten die witzigen und vernunftreichen Sachsen, oder andere Deutschen sie aus dem Gedichte verbannen? Vielleicht wegen ihres er- schrecklichen Aussehens, und ihrer teuflischen Un- ternehmungen? Allein sie sind zu tapfer, als daß ihnen vor einem Blicke des Teufels und sei- ner Engel grauen sollte; sie duͤrffen diesen Fein- den des menschlichen Geschlechts mit einer sol- chen Mine unter Augen stehen, mit welcher sie schon vor Alters die Gallier aus dem Felde ge- jaget, wie Caͤsar bezeuget, sæpenumero Gallos cum Germanis congressos ne vultum quidem eorum atque aciem oculorum ferre potuisse. Wem es unter ihnen an Muth mangelt, und wen die boshaften Unternehmungen Satans besorgt ma- chen, der weis sich nach der Vorschrift der Re- ligion im Glauben und Leben, mit Lehre und Wan, schel nur eine Stelle zeigen, wo Milton seine ernsthaftesten Wesen nicht nach ihrem wahren Character haͤtte reden und handeln lassen. Echo Wandel dergestalt vorzusehen, und zu bewaff- nen, daß das gantze Reich der Hoͤllen, und der Tod, dieser Koͤnig des Schreckens selbst, ihm nichts abgewinnen kan. Jch erinnere mich hier, was Hr. Gottsched im ersten St. der Beytraͤge ( IV. Art.) wider die Anlage des Miltoni- schen Gedichtes eingeworffen hat: „Satan sey Miltons „Held, der sich ungeachtet alles Widerstands an dem „Hoͤchsten raͤche. Diese Vorstellung waͤre erschrecklich. „Aber Milton sey ohne Zweifel zufrieden gewesen, daß „er diese Saͤtze in der Schrift und Religion gegruͤndet be- „funden, wiewohl er besser gethan haͤtte, wenn er den „Fall Satans, darinn unstreitig Gott selbst die Oberhand „behalten, zum Jnhalte seines Gedichtes erwehlet haͤtte.„ Eine so ungereimte Antwort, als der Einwurf ist! Derglei- chen verkehrte Critick koͤnnte uns zu glauben bewegen, Hr. Gottsched habe Satans Reden in Miltons Gedichte mehr Glauben zugestellt, als des Poeten, oder Michaels. Nur in Satans Reden herrschen die Gedancken, daß er dem Hoͤchsten Anbether entzogen, daß er ihm Abbruch gethan, seine Herrschaft vermindert, seine Rathschlaͤge hintertrieben, ein Reich neben dem seinen aufgerichtet, das menschliche Geschlecht mit sich in die Hoͤlle gezogen habe. Jn den Re- den der himmlischen Personen und des Poeten wird uns der Messias im Himmel und auf Erden, als der vollkom- mene Held und Sieger vorgestellt; der das aufruͤhrische Heer in die Hoͤlle gestuͤrtzet, dem Satan, daselbst zu regie- ren, sein Reich angewiesen, aus Satans Uebelthaten lau- ter gutes hergeleitet, den Menschen mit Gott versohnet, allen Zorn von ihm abgeweltzet, und ihn mit einer trostvollen Ruhe in der Brust aus dem Paradiese geschickt. Und diese Vorstellung ist unsrer Religion gemaͤß; damit streitet diejenige, die Hr. Gottsched aus Satans Reden gelernet, daß Satan sich am Hoͤchsten geraͤchet habe, offenbar; und er hat allzu leichtsinnig gesagt, daß dieser Satz in der Schrift gegruͤndet sey. Milton muß sich desto weniger aͤrgern, daß man so wenig Aufmercksamkeit und Verstand an seine Vor- stellungen gewandt, nachdem man vor die Vorstellungen der Schrift und Religion eben so wenig bezeiget. Der des deutschen Witzes. Der Vormund der Deutschen sagt uns in dem Verfolge mit einem absolutern Tone, als einer der izo weis, was er sagt, und nicht mehr zweifelt: Eine deutsche Einbildung koͤnne sich, wenn nicht bald ein anderer Zusammen- hang der Dinge entstehe, nimmermehr Geister von so feinem Zeuge, daß ein Weltkreis unter ihnen erschuͤttert, wenn sie den Fuß regen, als wahrscheinlich vorstellen. Fragen wir die ge- lehrtesten und die unwissendsten Deutschen, ob ihnen dieses in der That so unwahrscheinlich vor- komme, so werden die leztern geradezu beken- nen, daß es ihnen noch niemahls in den Sinn gekommen, die Frage bey sich selbst zu machen, ob dieses wahrscheinlich sey oder nicht. Die Un- wissenden pflegen nicht zu untersuchen, sie sparen sich diese Muͤhe, und glauben etwas lieber. Was die Gelehrten anlanget, so wissen sie, daß eine gantz geringe Staͤrcke dazu vonnoͤthen ist, einen Planeten, oder gantzen Weltkreis zu bewegen, so fern einer nur von dem Wirbel desselben, oder dessen anziehenden Kraft frey ist. Archimedes hat nichts weiters gefodert, als ein Plaͤtzgen, worauf er den Fuß setzen koͤnnte, so wollte er die Erden aufheben. ‒ ‒ Des ubi stem, \& terram tibi sede movebo. Nun sind die Englischen Geister nicht mit uns in den unsrigen oder sonst einen Weltkreis einge- schlossen. Wir koͤnnen daneben mit vielen Exem- peln beweisen, daß Gelehrte und Ungelehrte in ihrer Einbildung dergleichen Vorstellungen ohne Muͤhe haben vertragen koͤnnen. Als der Schutz- [Crit. Sam̃l. VI. St.] E geist Echo geist Asiens in Hr. Pietschens Versuche von Carl dem VI. vor Achmets Thron getreten, fuͤhlet Achmet ‒ ‒ des Serrails geruͤhrten Grund erschuͤttern. Hr. Gottsched selber hat in der Ode auf Frie- derich August geschrieben, daß unter Apollons Priesterinn ‒ ‒ ‒ ‒ die Kluͤfte keichen, Gantz Delphos bebt, der Tempel kracht. Von ihm mag sich denn Hr. Pitschel sagen las- sen, wie es die deutschen Einbildungen machen muͤssen, wenn sie dieses bey dem gegenwaͤrtigen Zusammenhange der Dinge vor wahrscheinlich ansehen sollen; und von was vor Zeuge der Geist oder Abgott gewesen, der dieses Erdbeben ver- ursachet hat. Allein Hr. Pitschel kennt die Wei- te und Groͤsse der deutschen Einbildungsfaͤhig- keit noch nicht. Diese hat sich in Hrn. Pietschens unverbesserlichen Armee nicht daran gestossen, daß er den Grund der Erden nicht von einem Geiste, sondern nur von Menschen hat erschuͤt- tern lassen: Der Grund erschuͤttert sich durch einen gleichen Tritt. Und hat nicht Hr. Buchka mit einer deutschen Einbildung auf denselben Ton gesagt: Man geht, der gleiche Tritt erschuͤttert Land und Luft. * Es faͤllt das starcke Knie, so daß der Boden schuͤttert. * ‒ ‒ ‒ ‒ Der Erden Feste zittert Wenn die vereinte Faust die Waffen sincken laͤst. Meint des deutschen Witzes. Meint der metaphysicalische Hr. Magister, die- ses sey darum wahrscheinlicher, weil die Fuͤsse dieser Musketierer von grobirdischem Zeuge sind, so daß sie auf die massive Erde mit einem Nach- druck anschlagen koͤnnen, welches Geistern we- gen ihrer feinen und luftigen Gliedmassen nicht moͤglich ist? Er bildet sich vermuthlich den Zeug der Geister als etwas so zartes ein, daß er einer durchbrochenen Arbeit gleich sey, an welcher der Meister so lange gefeilet, bis er sie endlich gar verschwaͤchet hat; oder sie koͤmmt ihm vor, wie ein allzu duͤnne geschliffenes Messer, welches alle Schaͤrffe verlohren hat, und gantz biegsam gewor- den ist. Er kan allein in den Fées illustres und andern solchen Siebensachen, wie er sich zierlich aus- druͤckt, dem eckeln deutschen Geschmack erlau- ben, so etwas, als ein Geist ist, der einen Erd- kreis erschuͤttert, noch mitunterlauffen zu las- sen. Denn, sagt er, in solchen tiefsinnigen Wercken erwartet ein Mensch, der ein wenig Verstand hat, ohnedem keine Wahrscheinlich- keit. Wenn die verstaͤndigen Leute, die er kennet, in dergleichen Erzehlungen von Feyen keine Wahrscheinlichkeit erwarten, so thaͤte Hr. Pitschel sehr kluͤglich, wenn er selber, statt daß er vornaͤhme Lustspiele oder Trauerspiele zu schrei- ben, solche Siebensachen verfertigete. Er koͤnn- te dann zum voraus versichert seyn, daß er es ihnen recht machen wuͤrde. Allein es giebt noch eine andere Art von Verstaͤndigen in seinem Va- terlande, und in andern Laͤndern, die selbst in E 2 den Echo den Maͤhrgen einen gewissen Grund des Wahr- scheinlichen haben wollen, der sich auf einen all- gemeinen Wahn, einen Glauben oder Aberglau- ben, einen Betrug der Sinnen, oder der Ein- bildung, oder etwas dergleichen beziehen muß; worauf der Dichter seine Fabel auffuͤhren, und in dem Zusammenhange nichts muß einfliessen lassen, welches wider sich selbst anstosse. Diese wuͤrden ihm rathen, mit seinem eckeln Geschma- ke und unwahrscheinlichen Siebensachen nach An- ticyra zu reisen, eh er Maͤhrgen schriebe. Der Hr. Mag. weiß im Verfolge so geschickt zu unterscheiden, daß er zwischen Erzehlungen von Feyen, und epischen Gedichten einen Un- terschied festsetzet. Er ist gegen diese leztern eben so hart und steif, als er gegen die erstern weich- muͤthig gewesen. Am verlohrnen Paradiese, in einem dafuͤr ausgegebenen vollstaͤndigen Hel- dengedichte kan er solche Sieben sachen nicht vertragen. Und er findet noͤthig, uns den Grund seiner Meinung zu sagen, damit man sehe, daß er nicht aus Dummheit/ sondern aus Ueberle- gung handle, denn es ahnet ihm, daß jemand das erstere von ihm glauben moͤgte; mith in muß er uns selbst bekennen, er wisse nicht, ob die menschliche oder deutsche Natur ihn seinen Satz gelehrt habe. Dieser wird von ihm also gegeben: Alles sey nicht unter allen Umstaͤnden gleich wahrscheinlich. Ein geistiger Athos wuͤrde in den Hexenmaͤhrchen geduldet werden koͤnnen/ weil man gar keine wuͤrckliche und absolute Wahrscheinlichkeit darinnen suche/ aber doch hypothe- des deutschen Witzes. hypothetisch annehme, daß es der Zauberey moͤglich sey/ ein solch Riesengespenst zu machen. Es mußte eine solche gemeine und von niemand in Zweifel gezogene Wahrheit seyn, zu bewei- sen, daß er nicht aus Dummheit handelte. Die- se mußte aber in eine ziemliche Dunckelheit ein- gehuͤllet werden, damit sie neu und vortrefflich schiene. Es ist unleugbar, daß nicht alle Vorstellun- gen, sie moͤgen seyn wie sie wollen, und mit was vor Umstaͤnden sie gleich begleitet seyn, fuͤr alle Leute gleich viel Wahrscheinlichkeit haben. Es ist genug, daß eine Erdichtung auf ein ange- nommenes Systema einer Religion, einer Sec- te, eines Aberglaubens, Wahnes, Betruges der Sinnen, oder der Phantasie gebauet werde. Wenn hernach nur alle Umstaͤnde in derselben unter sich zusammenhangen, so bekoͤmmt sie eben so viel Wahrscheinlichkeit, als das Systema, worauf sie sich bezieht, selber in sich hat, oder ein Leser selbigem in seinen Gedancken einraͤumt. Der Hr. Pitschel wuͤrde nun einen geistigen Athos, so nennet er Miltons Satan wegen seiner aus- serordentlichen Groͤsse, den er sonst auch mit dem Titel einer Teufelsmaschine beehret, in den He- renmaͤhrchen dulden weil er darinnen zwar kei- ne absolute Wahrscheinlichkeit findet, jedoch sich nach der Hypothesis bequemet, daß ein solch Riesengespenst durch Zauberey gemacht werden koͤnne. Er thut den Schwartzkuͤnstlern, Ne- gromanten und Teufelsbeschweerern die Ehre an, daß er mit dem Poͤbel voraussetzet, sie koͤn- E 3 nen Echo nen Riesengespenster machen; aber dem Sa- tan, von welchem diese doch alle ihre Kuͤnste, nach eben dieses Poͤbels Glauben, gelernet ha- ben, ihrem Meister und Lehrer, goͤnnet er die Ehre nicht zu glauben, daß er eben so viel fuͤr sich selbst, als fuͤr andere, thun, und selbst ei- ne solche Riesengestalt an sich nehmen koͤnne. Dieses duͤnckt ihn nicht wuͤrcklich und absolute wahrscheinlich, wie es in einem dafuͤr ausgege- benen Heldengedichte seyn sollte. Die Vorsiel- lungen in einem solchen, meint er, sollten nicht, nur allein nach einem aberglaubigen Systema des Poͤbels, wahrscheinlich seyn, sondern einen Wahrheitsgrund in der gegenwaͤrtigen Reihe der Dinge, in der wahren Religion, und mit derselben zusammenstimmenden strengen Meta- physick haben. Sein Verstand laͤßt ihm nun in der gegenwaͤrtigen Reihe der Dinge keine sol- che Teufelscoͤrper begreifen: Jn unsrer Welt, meint er, sey nichts dergleichen in der Natur der Dinge: Die Poesie muͤsse eine Nachahmung seyn; wie Milton etwas habe nachahmen koͤn- nen, das nicht vorhanden war, wovon kein Urbild da war; und wie man sagen koͤnne, daß er unsre Natur nachgeahmet habe? Man sieht wohl, wo es dem schulgerechten Hrn. Magister mangelt. Er hat kein Licht von den unermeßlichen Kraͤften, die in der Schoͤ- pfung und der Natur liegen; er hat nicht be- griffen, daß solche mit dem, was darinnen zur Wuͤrcklichkeit gebracht ist, nicht endigen, oder erschoͤpft sind. Sein materialischer Coͤrper hat ihn des deutschen Witzes. ihn mit allzu schweren Banden an den Erdboden angeheftet, und vergoͤnnt ihm nicht uͤber die At- mosphaͤr seines Geburtsortes wegzusteigen, an- dere Gegenden ausser demselben, mit andern Einwohnern bevoͤlckert, und mit andern Geschaͤf- ten und Unternehmungen bemuͤhet, zu besuchen; solche Dinge, welche darum, daß sie sich sei- nem Gesichte, und seiner Erkenntniß entzogen haben, nichtsdestoweniger zu der gegenwaͤrtigen Reihe der Dinge gehoͤren, und so gut, als die Erde, die Menschen und die Handlungen und Zufaͤlle der Menschen, ein Stuͤcke derselbigen sind. Mit einem Worte, er hat allzu viel ge- meinschaft mit den Coͤrpern, u. hat daruͤber schier vergessen, die Bekanntschaft mit den Geistern, denen sein vornehmerer Theil verwandt ist, zu unterhalten. Wuͤßte er sich von den Fesseln, die ihn in dieser coͤrperlichen und sichtbaren Welt angebunden haben, zu befreyen, und ohne daß es ihn das Leben kostete, in die Welt der Gei- ster zu fliegen, so wuͤrde er bald sehen, daß auf der Leiter der lebendigen und der vernuͤnftigen Dinge unzaͤhlig mehr Arten von Wesen stehen, als ihm noch bisdahin in seine Einbildung gekom- men sind. Und wenn er Muthes genug haͤtte, sich mit reisenden Fuͤssen in den finstern/ bo- denlosen/ unendlichen Abgrund zu wagen/ oder seinen Flug mit unermuͤdeten Fluͤgeln uͤber die ungemessene Kluft zu nehmen, damit er sich eine deutlichere Erkenntniß von der Wohnung, dem Staat und den Sitten der gefallenen En- gel erwuͤrbe, so koͤnnte er uns zuverlaͤssiger sa- E 4 gen, Echo gen, ob dasjenige, was Milton uns davon er- zehlet, der diese Reise in Begleitung der himm- lischen Muse gethan, in der gegenwaͤrtigen Rei- he der Dinge wuͤrcklich vorhanden sey; ob es wenigstens auf wuͤrcklich eingefuͤhrte Gesetze ge- gruͤndet, und von dem gewoͤhnlichen Laufe der Natur als etwas moͤgliches nachgeahmet sey, oder ob es damit in einem voͤlligen Widerspruche stehe. Jch bin versichert, wenn er nur ein Paar Minuten durch die Pforte der Hoͤlle hindurch ge- gucket, oder einmahl in dem Saal des Pandaͤ- monium gestanden waͤre, daß er bald wahrge- nohmen haͤtte, daß solche Teufelsmaschinen we- der fuͤr die Hoͤlle zu groß, noch diese fuͤr dieselben zu enge sey. Jzo mag er sich wohl eine Vorstellung von Satan gemachet haben, wie sein Lands- mann, der fromme Schmied von Juͤtterbock, als von einem Maͤnnchen, das sich in einen Ko- lensack stecken laͤßt, und in seinem gantzen Be- tragen, Gedancken, und Anschlaͤgen gantz pursch- maͤssig aussiehet. Dieser ist ohne Zweifel einer von den Teufeln, von denen Hr. Pitschel sagt, daß sie fuͤr die Deutschen und ihre Kinder ge- machet sind. Es scheinet in der That, daß ihm die ungeheure Groͤsse Satans am meisten anstoͤs- sig gewesen. Einen kleinen artigen Teufel, der mehr nach dem menschlichen Maasse proportio- niert gewesen waͤre, haͤtte er noch koͤnnen ver- tragen; wie etwann derjenige gewesen, den der Schweitzerische Zuschauer in einem seiner Blaͤt- ter in der Bedienung eines Complimentierteu- fels aufgefuͤhrt hat; das war ein wohlgepuzter, starck- des deutschen Witzes. starckbebisamter, mit gekrausten und pudrier- ten Haaren vom Kopf an bis zum Wadel seines Schwantzes ausgezierter junger Teufel, der uͤber- dies auf seinem Angesicht etliche Schoͤnflecken nach der neuesten Mode aufgekleibt hatte. Jn- dessen wollte ich gerne wissen, was es Hrn. Pit- schel mehr zu schaffen machete, sich einen Teufel von der Groͤsse eines Riesen, als hingegen ei- nen von Zwergesgestalt einzubilden. Und haͤlt er alles, was groͤsser ist, als die menschliche Sta- tur, vor Ungeheuer? Nimmt er denn das Maaß aller uͤbrigen Geschoͤpfe bey seinem eigenen? Demnach wuͤrde er, wenn er in Liliput geboh- ren waͤre, unsre grossen, ansehnliche deutschen Leiber in seiner Einbildung vor Ungeheuer und Rie- sengespenster halten. Er sollte sich doch besinnen, und dem Satan zum wenigsten eine so ansehnli- che Gestalt einraͤumen, als diejenige ist, mit wel- cher Homer die Zwietracht versehen hat: Er sagt von ihr im vierten B. der Jlias v. 443. sie habe den Kopf in dem Himmel droben, und gehe auf dem Erdboden; welches Hr. Koͤnig noch so sehr vergroͤssert hat: Sie steigt vom Abgrund an mit einem einzgen Schritte Bis an des Himmels Thor. ‒ ‒ ‒ ‒ Sollte Satan nicht zum wenigsten so groß und ansehnlich seyn, als die Zweitracht, ein Ens ra- tionis, und zum hoͤchsten seine Tochter? Vir- gil hat das Geruͤchte, welches doch nichts meh- rers als ein Geschoͤpfe des Poeten ist, nicht ei- nen Schuhe kleiner gemacht, als diese Zwei- E 5 tracht, Echo tracht, wenn er im vierten B. der Eneis v. 177. mit Homers Ausdruͤcke sagt: Ingrediturque solo, \& caput inter nubila condit. Alle diese Betrachtungen haben die Deutschen schon vor mir gemacht, und darum haben auch die Pitschelschen Einwuͤrffe und Lehrsaͤtze gegen Miltons Vorstellungen bey ihnen nicht aufstei- gen koͤnnen. Sie haben sich weiter aus ihrer Atmosphaͤr herausgewaget, und einen genauern Umgang mit den Einwohnern der Geisterwelt ge- pflogen, als der Hr. Magister. Nichtsdesto- weniger muß ich den besagten Einwendungen ei- ne solche Kraft zugestehen, welche genugsam sey, bey dem Hrn. Pitschel und seinem Lehrmeister einen Abscheu fuͤr Miltons Gedichte zu verursa- chen, und denselben auch zu rechtfertigen. Ei- nen seichten Witz und schwachen Verstand zu hintergehen, sind die elendesten Gruͤnde zulaͤng- lich. Nicht die wahren Deutschen zweifeln demnach daran, daß nicht Gott selbst, gute und boͤse Engel, die ernsthaftesten und die fuͤrchterlichsten Wesen, in einem epischen Gedichte ihrer Wuͤrde gemaͤß aufgefuͤhrt werden koͤnnen; daß nicht je- ne einen Weltkreis in Erschuͤtterung setzen koͤn- nen; daß nicht ein Poet auf die Grundgesetze der Natur etwas erfinden duͤrfe, welches noch nicht im Wercke vorhanden war; daß er nicht den Geistern einen Coͤrper, er mag groß oder klein seyn, anziehen duͤrffe: Nicht die Sach- sen schreiben der Engellaͤndischen Nation, die sie des deutschen Witzes. sie allen Voͤlckern in der Welt vorziehen/ und Hrn. Addison/ fuͤr den sie so viel Hochachtung als je fuͤr einen Schriftsteller in der Welt ha- ben/ eine ausschweifende Einbildungskraft zu/ in welcher sie sich ein Bild durch oͤfters An- schauen als ein Ungeheuer vorstellen; nicht der eckle deutsche Geschmack erwartet in den F e es illustres keine Wahrscheinlichkeit; nicht die Deut- schen schelten die alten griechischen und lateini- schen Poeten vor mythologische Hocuspocusma- cher; sondern Pitschel. Nur dieser hat aus List seinen schlimmen Geschmack der scharfsinni- gen deutschen Nation zugeschrieben, damit er dadurch seinem eigenen verderbten ein Ansehen erwuͤrbe. Oder es war ein unverstaͤndiger Hoch- muth, nach welchem er sich schmeichelte, daß er den Deutschen mit seinem Geschmack vorgehen wollte, daß diese ihren eigenen abdancken und sich zu dem seinigen bekennen wuͤrden. Allein er muß zu einem Betruge von dieser Art mehr Ge- schicklichkeit haben, wenn ihn nicht die Ohren, die Hoͤrner, oder der Schwantz verrathen sol- len. Waͤre sein Vorhaben gewesen, seine Lands- leute mit allem Fleisse zu beschimpfen, so haͤtte ers nicht besser anstellen koͤnnen, als daß er ih- nen solche Urtheile, Gedancken, Saͤtze und Aus- druͤcke in den Mund leget. X. Echo X. Ein halbes Hundert Vorschlaͤge zu wichtigen und gantz lehrreichen Critischen Untersuchungen. A Us der Abhandlung so vieler seltsamen und lehrreicher critischen Materien, auf wel- che mich die Leipzigischen Anmerckungen zu dem Trillerischen Ergaͤntzungsstuͤcke gefuͤhrt haben, kan jedermann abnehmen, wie frucht- bar an sonderbaren Lehrsaͤtzen und critischen Ent- deckungen die Schule sey, aus welcher sie geflos- sen sind. Dasjenige, was in den Schriften ih- rer Scribenten ausdruͤcklich gelehret, und mit duͤrren Worten vorgetragen wird, ist mit dem nicht zu vergleichen, was sie zu erfinden veran- lassen, und worauf sie den nachsinnenden Leser leiten. Man muß ihnen das Lob zugestehen, daß ihre angenommenen und behaupteten Saͤtze weiter fuͤhren, als ihr Vorhaben ihrer abson- derlichen Absicht gemaͤß von ihnen erfoderte. Sie sagen mehr, als sie dencken; und machen da- durch ihre Schreibart, die sonst gantz leichtbe- laden scheint, voll innerlichen Nachdruckes. Jn den oftgedachten Anmerckungen des Hrn. Pit- schels allein ist noch der Stof zu einer ziemlichen Menge Themata und gelehrten Aufgaben ver- borgen, welche den bereits abgehandelten an Neu- des deutschen Witzes. Neuigkeit und Nuͤtzlichkeit nichts nachgeben, und schon groͤstentheils die Grundregeln, nach wel- chen sie sicher untersucht und beurtheilt werden koͤnnen, mit sich fuͤhren. Es giebt mir keine Muͤhe, ein halbes Hundert dergleichen zusammen- zulesen, von welchen ich versichern darf, daß eine ausfuͤhrliche und gruͤndliche Abhandlung der- selben in der Critick ein neues Licht anzuͤnden, und so wohl den geschickten Mann, der sich da- mit bemuͤhete, als den Herr Magister, der die Gedancken darauf gefuͤhrt, und den Leitfaden zur Ausfuͤhrung an die Hand giebt, mit Ehre und Lob uͤberschuͤtten wuͤrde. Jch haͤtte mich sel- ber entschlossen, mich an diese Materie zu machen, und meine Liebe zur strengen Arbeit ferner zu ex- ercieren, wenn mir nicht die drohungsvolle Regel de Tri, ein Bogen giebt neune, was geben fuͤnf Bogen ? welche der vorsichtige Hr. Pit- schel sich schon in den ersten zwantzig Zeilen sei- ner Anmerckungen zur Maͤssigung seines Ueber- flusses an geschickten Antworten vorgestellet hatte, den Muth auf einmahl daniedergeschlagen und die Lust benommen haͤtte. I. Ob die Leipzigischen Kunstrichter von dem allgemeinen Ausspruch, daß jede Nation ihre groben Exemplare habe, eine Ausnahme ma- chen? Sehet in den Belustig. Bl. 173. II. Ob man aus Hrn. Prof. Gottscheds Re- de- und Dichtkunst lernen koͤnne, was Jronie heisse; Echo heisse; und was es auf sich habe, dieselbe vom Anfange bis ans Ende nicht zu verlassen, oder aus dem Fußstege nicht herauszukommen/ und ins dicke zu treten? Sehet Bl. 174. 175. III. Ob es nicht eben so wohl vor, als nach Herausgebung der Gottschedischen Dichtkunst moͤglich gewesen/ ein Gedicht zu verfertigen/ das den Beyfall aller Kenner haͤtte erhalten koͤnnen? Und wenn dieses zugestanden wird, ob daraus folge, daß man Hrn. Gottscheds Dichtkunst wohl haͤtte entbehren koͤnnen ? Jn der fuͤnfzehnten Anmerckung Bl. 273. wird gesagt, es wuͤrde moͤglich gewesen seyn, ein Gedicht zu verfer- tigen, das den Beyfall aller Kenner erhalten wuͤrde, ohne Hrn. Breitingers Dichtkunst gesehen zu haben. Damit wollte man beweisen, was unmittelbar vor diesen Worten gesezt worden: Es lasse sich in einem gewissen Verstande gar wohl sagen, ohne des Herren Breitingers Ehre und Wissenschaft zu beleidigen, daß man allen- falls seine Dichtkunst haͤtte entbehren koͤnnen. IV. Ob dieses nicht eine wuͤrckliche Klughoit und hoͤchstens zu loben sey, daß man durch Ta- del niemand beleidige, der sich noch vertheidi- gen kan, und sich keine Feinde mache, so man es ersparen kan ? Jn der sechszehnten Anm. wird gesagt: Ein jeder muͤsse billig an dem Hrn. Prof. Gottsched als eine wuͤrckli- che Klugheit loben, daß er sich nicht auf eine strenge Beurthei- lung der Jztlebenden einlaͤßt. Was sollte er sich Feinde machen, heißt es eben daselbst, da er es ersparen konnte? V. Ob des deutschen Witzes. V. Ob und seit wie viel Jahren Hr. Prof. Gottsched im Gewissen verbunden sey, die Jzt- lebenden durch eine gerechte Beurtheilung nicht zu erzoͤrnen? Jn derselben sechszehnten Anm. stehet: Jch halte ihn gar in so ferne gewissermassen un Gewissen verbunden, so zu handeln, wie er gehandelt hat. VI. Ob es nicht fuͤr die allgemeine Sicherheit der elenden Scribenten sehr vortraͤglich seyn wuͤr- de, daß diese Gottschedische Gewissensregel, die Jztlebenden mit Criticken und Tadel zu verscho- nen, von allen Kunstrichtern als ein Funda- mentalgesetze auf und angenommen wuͤrde? VII. Ob die Pflicht, die Hrn. Gottsched im Gewissen zur Beobachtung dieser Regel verbun- den, daß man die Jztlebenden mit Criticken gaͤntz- lich verschone, den Eigennutzen oder das billige Mißtrauen in seine eigene Schriften zum Grund habe? VIII. Ob die von Hrn. Prof. Gottsched bis- her streng beurtheilten Schriftverfasser alle fuͤr Todte zu halten seyn? Denn in der 16ten Anm. wird 274. S. 8. Z. vorausge- sezt, Hr. Gottsched lasse sich auf eine strenge Beurthei- lung der Jztlebenden nicht ein. IX. Ob die Gefahr den Geschmack junger Leute zu verderben, von Seite der Jztleben- den geringer sey, als von Seite der sel. Ver- storbenen? und warum? Hr. Echo Hr. Pitschel will in der sechszehnten Anmerckung: Das Stillschweigen Hrn. Prof. Gottscheds, da er die iztle- benden elenden Poeten ungetadelt laͤßt, habe keinen schaͤd- lichen Einfluß in die Erzichung junger Dichtet, in den Geschmack der Nation, und in die gesunde Vernunft uͤberhaupt. Und er fordert einen Beweis, warum es unmoͤglich sey, einen Schuͤler der Dichtkunst durch das Exempel verstorbener Dichter kraͤftig vor Fehlern zu war- nen, ohne die lebendigen ins Gesicht zu radeln. X. Ob das Opposita juxta se posita magis elu- cescunt, wenn es auf Hrn. Prof. Gottscheds Versuch einer Dichtkunst in Vergleichung mit der Zuͤrichischen Dichtkunst angewendt wird, der erstern zum Lobe oder Tadel gereiche? Hr. Mag. Pitschel beruͤhrt diese Frage in der neunzehn- ten Anm. Bl. 276., jedoch ohne daß er sie entscheide. XI. Ob dieses allein beym Mangel aller an- dern, ein untruͤgliches Kennzeichen von der in- nerlichen Guͤte der Gottschedischen Dichtkunst abgebe, daß sie noch nicht zum Ladenhuͤter geworden ? Sehet die 19te Anm. XII. Ob Hr. Prof. Gottsched bey seiner Dicht- kunst sein Absehen darum nicht auf die Lapplaͤn- der und Spitzberger mitgerichtet habe, weil er sie zwar fuͤr Menschen, aber fuͤr keine Deut- schen gehalten? Jn der 29sten Anm. sagt Hr. Pitschel: Hr. Gottsched habe sein Absehen etwas mehr auf die Deutschen, als auf die Lapplaͤnder und Spitzberger gerichter. XIII. Ob des deutschen Witzes. XIII. Ob der weitlaͤuftige Abschnitt in der Zuͤrichischen Dichtkunst, wo von der Aesopischen Fabel gehandelt wird, die Natur der Fabel eben so wenig beruͤhre; als der Leipzigische Versuch die Natur des Wunderbaren und Wahrschein- lichen in besondern dazu gewiedmeten Capiteln beruͤhrt hat? Sehet die 34ste Anm. Bl. 365. XIV. Wenn Hrn. Prof. Gottscheds Versuch einer critischen Dichtkunst etwas mehr ist als ein blosser Versuch, was er denn eigentlich sey? Der Hr. Mag. sagt in der 36sten Anm. Bl. 366. daß der Hr. Prof. Gottsched sein Buch aus Bescheidenheit einen Versuch genannt habe, ob es gleich seines Erach- tens noch etwas mehr sey, als ein blosser Versuch. XV. Wie es komme, daß die Frage †: Ob denn eine Fabel nothwendig moralische Absich- ten haben, d. i. eine Fabel seyn muͤsse: nicht eher koͤnne eroͤrtert werden, bis man mit der Untersuchung von der Natur der Fabel vollkom- men fertig ist? Die Beantwortung dieser Frage † steht in Hr. Gottscheds Dichtkunst erst nach der voͤlligen Untersuchung von der Na- tur der Fabel. Sehet die 38ste Anm. Bl. 369. XVI. Ob Hr. Prof. Gottsched eine Suͤnde begehe/ wenn er nicht so leicht glaͤubt/ daß man guten Wein finde/ wo kein Kraͤntzchen ausgehaͤngt worden? Sehet die 33ste Anm. Bl. 364. [Crit. Sam̃l. VI. St.] F XVII. Echo XVII. Warum Hr. Prof. Gottsched die bey- den iztlebenden Poeten Deutschlands Hrn. Koͤ- nig und Hrn. Brockes ohne dringende Noth niemahls mit Nahmen nennen mag? Und ob er dadurch zuwegen gebracht habe, daß sie nicht mehr zu der besten deutschen poetischen Welt mitgerechnet werden? Sehet die 39ste Anm. Bl. 396. XVIII. Ob denn beruͤhmt und gut in Deutsch- land durchgehends nicht einerley sey? Und ob es Hrn. Prof. Gottscheds Geschmack ruͤhmlich sey, diesen Unterschied auf die beyden beruͤhm- ten Poeten Deutschlands Hrn. Brockes und Koͤnig zu erstrecken? Hr. Gottsched hatte Hrn. Koͤnig und Hrn. Triller ein Paar der beruͤhmtesten Poeten genennt. Nun fuͤrchtete Hr. Pit- schel, man moͤgte dieses so verstehen, als ob derselbe sie fuͤr die besten, oder doch fuͤr gute Poeten hielte. Daher erklaͤrete er sich, daß beruͤhmt und gut nicht einerley sey. Sehet die 39ste Anm. Bl. 369. XIX. Ob noch Hoffnung uͤbrig sey, daß die Todten ihre Thorheiten und Fehler verbessern koͤnnen. Sehet Bl. 275. u. 371. die 16te und die 40ste Anm. XX. Ob Hrn. Prof. Gottscheden in den cri- tischen Beytraͤgen nichts als eigen zugehoͤre, als was in denselben untadelhaft ist? Jn der 41sten Anm. nicht weit vom Ende Bl. 372. Wenn in den critischen Beytraͤgen gesuͤndigr seyn soll, so des deutschen Witzes. so muß es durchaus der Hr. Professor Gottsched gethan haben. XXI. Ob denn Hr. D. Triller ein schlechterer Poet und Kunstrichter sey als Hr. Prof. Gott- sched? Oder welchem es eine Unehre sey, wenn sie beyde mit einander verglichen werden? Man hatte Hrn. Gottsched den groͤsten Poeten und Kunst- richter nach Hrn. Triller genannt; das schien Hrn. Pitschel etwas recht erbaͤrmliches: Das Mitleiden, sagt er, das ich mit dem Verfasser habe, macht daß ich hierzu nicht viel sagen kan. Sehet die 43ste Anm. Bl. 373. XXII. Wenn die Schuͤler Hrn. Prof. Gott- scheds, die das XXIV. St. der crit. Beytraͤge noch nicht gelesen haben, sich verreden wuͤrden, das selbe nimmer zu lesen; Ob denn der Schwei- zer darum zum Luͤgner wuͤrde, weil er vorgege- ben, daß ihm alle seine Schuͤler Beyfall gege- ben haben? Sehet die 44ste Anm. Bl. 375. XXIII. Ob es denn wohl glaublich sey, daß Hr. Magister Pitschel auch ein Schuͤler vom Hrn Prof. Gottsched und ein Deutscher sey? Jn der 44sten Anm. legt Hr. Pitschel das Bekenntniß. ab: Jch sage es ohne mich zu schaͤmen, und zu fuͤrch- ten, daß ich in einigen Wissenschaften auch ein Schuͤler vom Hrn. Gottsched bin. Jch bin auch ein Deutscher. Bl. 375. XXIV. Ob einige von den Gottschedischen Schuͤlern klug handeln, daß sie ihren Beyfall F 2 so Echo so lange zuruͤckhalten, bis sie gesehen, ob etwann noch jemand etwas dawider sagen moͤchte? Jn derselben 44sten Anm. heißt es: „Wie wann nicht „alle Gottschedischen Schuͤler gleich ein Endurtheil gefaͤllt „haͤtten, sondern zum Theil warten wollten, ob etwa „noch jemand etwas dawider sagen moͤchte?„ XXV. Ob Gottscheds, Trillers u. a. deut- sche Gedichte, weil sie nicht rauh, sondern wohl- fliessend sind, darum nothwendig ohne Nach- druck und arm an Gedancken seyn muͤssen? Denn, sagt Hr. Pitschel in der 47sten Anm. im Rau- hen steckt der Nachdruck. Bl. 379. XXVI. Ob Hr. Prof. Gottsched und seine ge- heimen Schuͤler das Geheimniß einem Buche das Prognosticon von seinem kuͤnftigen Schick- sal zu stellen, besser verstehen als alle Schweitzer, und warum? Jm vierten Art. des 24sten Stuͤckes der critischen Beytraͤge wird gesagt: „Nach vielen Wahrscheinlich- „keiten, die man in Leipzig besser, als in der Schweitz „haben koͤnne, zu urtheilen, sollte man eher glauben, „daß die Zuͤrchische Dichtkunst vielmehr hinderlich als be- „foͤrderlich seyn werde, den Milton in Ansehen zu bringen.„ XXVII. Ob es wahr sey, und woher es kom- me, daß die Deutschen keine Neigung haben, von den Franzosen etwas zu lernen? Jn der 25sten Anm. sagt Hr. Pitschel: „Daß aber der „Hr. Verfasser sagt, wir waͤren geneigt, den Franzosen „unsre Verbesserung zu dancken, darinnen betriegt er „sich gewaltig; und zeigt daß er wenig Kenntniß von „den Neigungen meiner meisten Landesleute habe. Bl. 281. XXVIII. des deutschen Witzes. XXVIII. Ob dieses ein untruͤgliches Zeichen der Gelindigkeit und Gefaͤlligkeit an oͤffentlich bestellten Buͤcher-Censoren sey, wenn sie nicht vertragen koͤnnen, daß man uͤberhaupt diejeni- gen, die andere ohne Grund tadeln, Luͤgner nennet? Jn der Anklage des verderbten Geschmackes, einer critischen Schrift, die 1727. wider den Hamburgischen Pa- trivten herausgekommen, werden Bl. 38. diejenigen, die andere ohne genugsamen Grund tadeln, Luͤgner geschol- ten. Dieses haben die Censoren in L. wo das Werckgen hatte gedruckt werden sollen, nicht vertragen koͤnnen, wie aus der Note Bl. 38. besagter Schrift zu sehen ist. Und das ist die Gelindigkeit und die Gefaͤlligkeit, von welcher der Text zu Hr. Pitschels zehnten Anm. redet; Bl. 179. XXIX. Ob Hr. Pitschel und andere deutsche Magistri nostrandi, darum keine Gemuͤthesge- dancken haben oder leiden koͤnnen, weil sie alle die ihrigen ans den Fingern hervorsaugen? Hr. Pitschel setzt in der 35sten Anm. Bl. 365. die Ge- muͤthesgedancken den Gedancken des Leibes entgegen. XXX. Ob dieses ein Beweisthum von der Scharffsinnigkeit der Deutschen sey, daß sie in Miltons Gedichte viel rauhe Ausdruͤcke; eine Menge von Schwulst; eine Einbildungskraft/ der der Zuͤgel gaͤntzlich gelassen ist/ und die dar- aus entspringenden haͤufigen Unwahrscheinlich- keiten, nebst andern Fehlern bemercken, wo die Engellaͤnder, die Hollaͤnder, die Jtaliaͤner, die Franzosen, die Schweitzer keine sehen koͤn- nen? Und ob sie dadurch klar zeigen, daß ih- F 3 nen Echo nen das Gesicht nur nicht voͤllig so sehr verdor- ben sey/ als dem Milton? Sehet Bl. 356. die dreissigste Anm. XXXI. Ob und auf was Weise Milton von dem Lohensteinischen Geschmacke sey angesteckt worden? Ibid. XXXII. Ob dieses, daß Addison ein Engel- laͤnder gewesen, einen zulaͤnglichen Grund der Wahrscheinlichkeit abgebe, damit zu behaupten, daß derselbe in der Vertheidigung Miltons geir- ret, und rechte Ungeheuer gelobt habe? Eben daselbst Bl. 360. 361. XXXIII. Warum der Teufel in Miltons Ge- dichte den Deutschen nicht glaͤublich vorkomme? Und worinn er von denen Teufeln, die fuͤr sie und ihre Kinder gemachet sind, unterschieden sey? Daselbst Bl. 359. XXXIV. Ob der als dumm oder unglaͤubig anzusehen sey, der nicht zugestehen will, daß die Engellaͤnder eine ungeheure und ausschweif- fende Einbildungskraft haben? Bl. 360. daselbst. XXXV. Ob eine Handvoll Schweitzer alle Klugheit allein eingenommen habe/ und alle andere Leute/ so fern sie nicht auf ein Haar wie sie dencken/ unvernuͤnftig seyn? Bl. 276. in der achtzehnten Anm. XXXVI. des deutschen Witzes. XXXVI. Ob die folgende Schlußrede in ihrer Materie und Form richtig und unwidersprechlich sey: Niemand als ein Deutscher kan die Gott- schedische Dichtkunst verstehen; Die Schwei- zer sind keine Deutsche; derohalben koͤnnen sie dieselbe weder verstehen/ noch davon urtheilen? Bl. 355. der 29sten Anm. XXXVII. Ob die franzoͤsischen und schweitzeri- schen Missionarien in Deutschland keine Prose- liten gemachet? Und die beyden Schweitzer, Werenfels, Muralt, ‒ ‒ dem verderbten Ge- schmack der Deutschen nichts angewonnen? „Daß die Schweitzer unsre vornehmsten Lehrmeister „seyn sollten, das weis ich eben noch nicht. Und es ist „gantz wahr, daß wir der klugen Nachbarn noch mehr „haben, die sich einbilden, daß sie Missionarien zu uns ge- „schickt, welche uns aus der Barbarey gerissen haͤtten.„ Sehet die 35ste Anm. Bl. 281. XXXVIII. Warum die Critick keinen Deut- schen menschlicher Fehler beschuldigen darf, wenn sie nicht so buͤndigen Beweis fuͤhren kan/ der allenfalls auch in der Gerichtsstube gelten koͤnn- te? Bl. 364. Zeile 1. 2. der ein und dreissigsten Anm. XXXIX. Jn wieferne man unvermeidliche Fehler verbessern koͤnne? Hr. Pitschel sagt in der 9ten Anm. daß man von dieser Redensart eine sehr gute Erklaͤrung geben koͤnne Bl. 178. XL. Ob unfoͤrmliche Ausdruͤckungen und F 4 un- Echo unbequeme Redensarten fuͤr richtig gedacht koͤn- nen ausgegeben werden? Sehet eben daselbst. XLI. Ob derjenige, welcher der Trillerischen Fabel vom Affen/ der zum Buchdrucker ge- worden ist/ die Kranckheit nicht gleich ansie- het/ werth sey/ daß er habe lesen lernen? Bl. 271. in der 14ten Anm. XLII. Ob das Stoßgebethlein: Es behuͤte mich der Himmel in Gnaden/ daß ich vor meinem Ende nicht noch ein Criticus werde! wenn es vom Hrn. Magister Pitschel Morgens und Abends fleissig und mit Jnbrunst gebethet wird, gar keine Erhoͤrung zu hoffen habe? Bl. 272. in der 14ten Anm. XLIII. Ob denn die juͤdischen Spruͤchwoͤrter die in der Heil. Bibel stehen, durchgehends so heilig seyn, daß sie nothwendig entweihet wer- den, wenn sie von den Leyen neben der Cantzel gebraucht werden? Sehet Bl. 352. die 28ste Anm. XLIV. Ob daraus folge, daß man des Ari- stoteles Werckgen von der Poesie allenfalls wohl haͤtte entbehren koͤnnen; weil Homer seine bey- den so hochgeschaͤzten epischen Gedichte verferti- get, ohne dieses Aristotelische Werckgen jemahls gesehen zu haben? Sehet die 15te Anm. XLV. des deutschen Witzes. XLV. Ob es eine Beschimpfung sey, wenn man von jemand sagt, daß er zwar Verstand, aber keinen Menschenverstand habe? Jn der 29sten Anm. heißt es: „Man koͤnnte sagen, „daß der Ergaͤntzungsstuͤckler zwar Verstand habe, aber „keinen Menschenverstand.„ Bl. 354. XLVI. Ob das de gustibus non est disputandum ein unwidersprechliches Axioma sey? Bl. 361. in der 30sten Anm. XLVII. Ob Hallers und Hagedorns Gedichte darum rauh koͤnnen genennet werden, weil sie nachdruͤcklich sind? Und ob der Nachdruck im Rauhen stecke ? Daß der Nachdruck im Rauhen stecke, sagt Hr. Pit- schel in der 47sten Anm. und daß Hr. Haller und Hr. Ha- gedorn nachdruͤcklich schreiben, bekennen auch Hr. Gottsched und Hr. Triller selbst. Jm VIII. Art. des XXII. St. der critischen Beytraͤge heißt es, Hr. Hagedorn bringe seine Gedancken oft so ins Kurtze, daß man eine Stelle mehr als einmahl lesen muͤsse, um selbiger eigentlichen Sinn zu errathen. Und Hr. Triller bezeuget in der Ode an Hrn. Haller: Verstand und Witz herrscht uͤberall, Kein Wort erfuͤllt umsonst die Reime. Dein Vers scheint wenig in den Ohren, Als gantz und gar dem Geist gebohren. XLVIII. Ob man mit Grund urtheilen koͤnne, daß einer ein guter oder schlechter Dichter sey, F 5 wofern Echo des deutschen Witzes. wofern man nicht drey grosse Octav-Baͤnde Ge- dichte von ihm gelesen hat? Ob der Hr. Hofrath Koͤnig ein guter oder schlechter Dichter sey, ist eine Frage, auf welche sich der Hr. Mag. Pitschel in der neun und dreissigsten Anm. nicht ein- mahl einlassen darf. Warum? Er sagt es selbst: Weil er zu wenig von seinen Gedichten gelesen hat. Und doch sind nicht wenige Gedichte desselben in jedermanns Haͤnden. XLIX. Daß neun und vierzig critische Anmer- kungen eine gemeine Lehre in der Absicht des Verfassers haben koͤnnen, die keine Seele er- rathen wuͤrde, wenn der Verfasser selbs nicht die Gutheit haͤtte, solche zu entdecken? Er sagt in der 49sten und letzten Anm. „Jch gebe ihm „zum Abschied die Lehre, daß, eh er sich weiter ins Rich- „ten einlassen will, Unbedachtsamkeit, Unachtsamkeit, „und Unhoͤflichkeit nothwendig abgedanckt werden muͤs- „sen. Denn bloß um dieser Lehre willen habe ich alle „meine Anmerckungen gemacht.„ L. Wenn man gleich zugestehen wuͤrde, daß der Leipzigische Notenfabricant in den monat- lichen Belustigungen in allen neun und vierzig Anmerckungen recht haͤtte, wenn folglich fuͤr erwiesen angenommen wuͤrde, daß der Schwei- zerische Herausgeber des Ergaͤntzungsstuͤcks in seinen Anmerckungenn unbescheiden, unhoͤflich, oder gar -nv-rsch-mt gewesen: Ob dadurch Hrn. Prof. Gottscheds critische und poetische Ehre genugsam geschuͤzt, oder etwas gegen die critischen Schriften der Zuͤrichischen Kunstrich- ter, die sie im Jahr 1740. ans Licht gestellt haben, mit Recht koͤnne geschlossen werden? Herren Herren Johann Christoph Gottscheds der Weltweish. u. Dichtk. oͤffentl. Lehrer zu Leipzig Seltsame Vorrede Zu seinem eigenen Drey mahl wiederholten Versuche Einer Critisch. Dichtkunst fuͤr die Deutschen. Um weiterer Ausbreitung willen absonderlich aufgeleget und mit gruͤndlichen Anmerckungen uͤber die Kunstmittel des Vorredners versehen von Wolfgang Erlenbach, Conrect. Zuͤrich bey Conrad Orell und Comp. 1742. drey Monathe nach der ersten Ausgabe. Neue Vorrede zur dritten Auflage der Gottschedischen Dichtkunst von 1742. M Ein Vergnuͤgen, das ich bey der an- dern Ausgabe dieses Buches, vor vier bis fuͤnf Jahren bezeuget habe, hat sich billig bey dieser dritten verdoppeln muͤs- sen. Die wiederholten zahlreichen Abdruͤcke desselben, haben sich in der halben Zeit verkauf- fen lassen, Die zahlreichen Abdruͤcke haben sich in der halben Zeit verkauffen lassen, darinn ꝛc.) Die erste Auflage dieses Gottschedischen Buches ist schon im Jahre 1729. zum Vorschein gekommen; die zweyte aber im Jahre 1737. und die dritte zu Anfang dieses lauffenden 1742sten Jahr wie- derholet worden. Also verhaͤlt sich die Progression, nach welcher der gute Abgang der Gottschedischen Dichtkunst, und zugleich das Vergnuͤgen des Hrn. Verfassers zugenom- men hat, just wie 8. zu 4. Und auf diesen Grund laͤßt sichs mit eben so vieler Wahrscheinlichkeit, als man den Umlauff und die Wiederkunft der Cometen vorherbestim- men will, vermuthen, daß die vierte Auflage von dieser Dichtkunst noch vor den Hundstagen des 1744sten Jahrs, in dem naͤchst darauf folgenden Jahre aber die fuͤnste, und An. darinn die erste Auflage von 1729. abgegangen war; und mir also einen doppel- star- Neue Vorrede starcken Beweis, von der guten Aufnahme die- ser poetischen Anweisung an die Hand gegeben. Wollte ich mich nun den angenehmen Empfin- dungen eines Schriftstellers uͤberlassen Wollte ich mich nun den angenehmen Empfindun- gen eines Schriftstellers uͤberlassen) Es giebt eine ge- wisse Rhetorische Figur, die uns lehret, wie wir ohne Ver- letzung der Bescheidenheit groß thun, und uns selbst auf eine so verdeckte Art loben koͤnnen, daß ob es gleich jeder- mann mercket, uns doch niemand das bekannte Eigen- ruhm stinckt mit Recht verwerffen kan. Hr. Prof. Gott- sched hat uns durch sein Beyspiel gelehret, daß diese Figur in den Vorreden der Buͤcher mit gutem Vortheil angewen- det werden koͤnne. Sie bestehet darinnen, daß man bey Gele- , womit ihn An. 1746. die sechste und zugleich die siebende Auflage ans Licht hervortreten werden, es waͤre denn Sache, daß man bey den kuͤnftigen Auflagen die Zahl der Abdruͤcke verdop- peln, oder daß sich sonst der Geschmack der deutschen Schu- le fuͤr dieses Buch ungluͤcklicher Weise verlieren sollte. Wenn aber bey denen kuͤnftigen so geschwind auf einander folgenden Auflagen, sich jedesmahl das suͤsse Vergnuͤgen des Hrn. Prof. Gottscheds verdoppeln sollte, so stehet zu besorgen, die Groͤsse desselben duͤrfte sein Gemuͤthe endlich wie eine Last erdruͤcken: Hic puer, ut sit vita- lis metuo! Sonsten wird es schwer zu errathen oder vor- herzusagen seyn, wie oft die Auflage dieses Buches etwa noch moͤchte wiederholet werden: denn zukuͤnftige Dinge sind (nach dem Ausspruche des deutschen Sirachs Crit. Beytr. St. XXIV. Bl. 666.) ungewiß. Und Hr. Prof. Philippi mag sich wohl ehedem eben so sehr mit der suͤssen Hoffnung geschmeichelt haben, seine Sechs Reden durch oͤfters wiederholte Auflagen vermehrt zu sehen, eh und be- vor sie das schwere Ungluͤck gehabt, dem Hrn. Liscov be- kannt zu werden. Zur III. Gottsch. Dichtk. ihn die Eigenliebe bey solchen Vorfaͤllen erfuͤl- len kan Womit ihn die Eigenliebe erfuͤllen kan) Non ego, cum scribo, si forte quid aptius exit, Quando hæc rara avis est! si quid tamen aptius exit, Laudari metuam. Neque enim mihi cornea fibra est. PERS. Sat. I. ; so haͤtte ich hier die schoͤnste Gelegen- heit dazu. So haͤrte ich hier die schoͤnste Gelegenheit dazu.) ‒ ‒ A fronte capillata est, post est occasio calva. Es ist in der That eine schwere Versuchung eine so schoͤne Gelegenheit, die man nicht alle Tage wieder haben kan, sein eigenes Lob auszuposaunen, mit Stillschweigen zu uͤbergehen. Wenn andre, deren Buͤcher La- denhuͤter bleiben, auf den verderbten Geschmack Wenn andre, deren Buͤcher Ladenhuͤter bleiben, auf den verderbten Geschmack ꝛc.) Es giebt gewisse Kunstrichter, die hier den Text mit einer kleinen Veraͤn- derung also lesen wollen: Wenn andrer ihre Buͤcher La- denhuͤter bleiben, weil sie auf den verderbten Geschmack u nsrer Landesleute schmaͤhlen. Sie wollen diese Ver- besse- unsrer Gelegenheit, die einem nicht leicht mangeln kan, die Sum- marien und Jngredienzen zu seiner Lobschrift fein ordent- lich und specificierlich an den Fingern herzehle, und endlich damit schliesse: Doch ich will mir lieber selbst Gewalt und Unrecht thun, als unbescheiden heissen. Die Formeln, deren sich diese Figur gerne bedient, sind folgende: Jch muß es bekennen, ich habe einen vortrefflich guten Ge- schmack, ich bin ein recht nuͤtzlicher Mann, aber ich will es nicht selbst gesagt haben, die unparteyische Nachwelt wird mir schon Recht wiederfahren lassen, und den Leu- ten zeigen, was man an mir vermisse ꝛc. Neue Vorrede unsrer Landes-Leute schmaͤhlen Auf den verderbten Geschmack schmaͤhlen) Da Herr Prof. Gottsched zugestehet, daß der Geschmack sei- ner Landesleute verdorben, dabey aber verabscheuet, daß gewisse Scribenten auf denselben schmaͤhlen; so giebt er ja deutlich zu verstehen, daß er seines Orts eben kein Be- dencken trage, den verderbten Geschmack zu loben. : so doͤrfte ich nur auf den oͤffentlichen Beyfall der Kaͤufer und Leser meiner Dichtkunst trotzen Jch doͤrfte auf den Beyfall meiner Kaͤufer und Leser trotzen.) Doch der Gottsched, der den Versuch der crit. Dichtkunst gemachet hat, ist diesfalls gantz an- dern Sinns, als der Verfasser von dieser Vorrede ist. Jener ; und daraus entweder den gereinigten Geschmack der deut- schen Nation, oder doch den Beweis herleiten, daß besserung des Textes damit rechtfertigen, daß bey dieser Lesart der Gegensatz weit besser in die Augen leuchte, nach welchem Hr. Gottsched den gluͤcklichen Abgang seiner Buͤcher vornemlich der uͤbernommenen Vertheidigung des herrschenden Geschmacks und seiner Gefaͤlligkeit gegen seine Verehrer zu dancken hat. Denn da die kleinen Gei- ster allezeit die staͤrckere Partey ausmachen, so wird der- jenige, der den Beyfall des groͤssern Haufens suchet, sei- ne Rechnung gewiß hinter dem Wirthe machen, wenn er sich vermißt, den verderbten Geschmack desselben anzu- greiffen. Und diese andern, die sich die Verachtung der kleinen Geister Deutschlands zugezogen, sind vermuth- lich der Hr. von Mauvillon, und die zween Zuͤrichische Kunstrichter; diese letztern haben schon vor vielen Jahren eine Anklage des verderbten Geschmacks der deutschen Nation aus Licht gestellt, und dieselben durch ihre criti- schen Schrifften von Zeit zu Zeit immerfort beunruhiget. zur III. Gottsch. Dichtk. daß mein Buch nicht ohne Nutzen gewesen Daß mein Buch nicht ohne Nutzen gewesen) Denn ein Buch, es mag im uͤbrigen so schlecht seyn, als es immer will, wenn es nur einen guten Abgang hat, ist niemahls ohne Nutzen, naͤmlich fuͤr den Buchdrucker, und folglich auch fuͤr den Verfasser. seyn muͤsse. So gerecht aber hierinnen meine G Fol- Jener sagt Bl. 133. „Nicht der Beyfall macht eine Sa- „che schoͤn; sondern die Schoͤnheit erwirbt sich bey Ver- „staͤndigen den Beyfall.„ Und Bl. 95. sagt er: „Der „allgemeine Beyfall einer Nation kan nicht eher von der „Geschicklichkeit eines Meisters in freyen Kuͤnsten, ein „guͤltiges Urtheil faͤllen, NB. als biß man vorher den gu- „ten Geschmack derselben erwiesen hat.„ Er beruft sich daselbst mit Recht auf den Ausspruch des Seneca: Non tam bene cum rebus mortalium agitur, ut meliora pluri- bus placeant: Argumentum pessimi turba est. Da nun von denen, welche die Gottschedische Dichtkunst gekauf- und gelesen haben, just nicht alle, keinen ausgenommen, derselben Beyfall gegeben; und der Geschmack derjeni- gen, die ihr Beyfall gegeben haben, nicht allerdings unverdaͤchtig ist; so ist der Abgang und der Beyfall eben kein gewisser Beweis von der Guͤte dieses Buchs, so daß Herr Gottsched eben grosse Ursache haͤtte maͤchtig auf den- selben zu trotzen. Die Entrevü en und Gespraͤche im Rei- che der Todten hatten wohl ehedem einen staͤrckern Abgang und Beyfall bey der deutschen Nation erhalten, als Hr. Gottsched immer fuͤr seine Dichtkunst verhoffen kann; und gleichwohl wird er nimmer zugeben, daß man den Vorzug dieses Buchs vor dem seinigen darnach bestimmen sollte. Allein da seine Haupt-Absicht bey seinem Buͤcherschreiben diese ist, daß er gekauft, gelesen und gelobet werde; und er sich damit begnuͤgen will, wenn er diese Absichten er- reichen kann; wer will ihm zumuthen, daß er sich edlere Absichten vorsetzen, oder daß er noch ein Mißtrauen auf die Guͤte seiner Schrifften werffen sollte? Er ist nicht so alber, daß ers sich noch fuͤr eine Ehre rechnen sollte; wenn seine Buͤcher Ladenhuͤter bleiben; wie der eigensinnige Horatz davon großspricht: B. I. Sat. X. [Crit. Sam̃l. VI. St.] ‒ ‒ Ne- Neue Vorrede Folgerungen vielleicht seyn So gerecht aber meine Folgerungen vielleicht seyn) Diese Folgerungen sind: 1.) Wer meine Buͤcher kauft, lieset, und gutheisset, der hat den gereinigten Geschmack: Die deutsche Nation hat meine Dichtkunst begierig gekauft, gelesen, und gutgeheissen: Ergo hat sie den gereinigten Geschmack. 2.) Wenn ein Buch gekauft wird, so kann es nicht ohne Nutzen seyn: Mein Buch ist gekauft worden: Ergo ist es nicht ohne Nutzen gewesen. Daß nun diese Folgerungen gerecht seyn, wird wohl niemand zweifeln, der sich erinnern wird, daß sie von einem deutschen Lehrer der neuen Weltweisheit herkommen; ob er gleich aus blos- ser Bescheidenheit ein zweifelhaftes vielleicht beysetzet. Denn da Hr. Prof. Gottsched nicht zweifeln kan, daß sein Geschmack der gute und reine sey, so koͤnnte er ja keinen siche- wuͤrden, so will ich sie ‒ ‒ Neque te, ut miretur turba, labores, Contentus paucis Lectoribus. An tua, demens Vilibus in Ludis dictari carmina malis? Non ego. ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ Er ist auch nicht so eckel wie Persius, der von sich selbst bezeuget: ‒ ‒ Recti finemque extremumque esse recuso Euge tuum \& Belle: Nam Belle hoc excute totum, Quid non intus habet? ‒ ‒ ‒ ‒ Vielmehr gehet seine einzige Sorge dahin: Quis leget hæc? ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ Vel duo, vel nemo. Turpe \& miserabile! zur III. Gottsch. Dichtk. sie doch nicht selber machen So will ich sie doch nicht selber machen) Es wird sonst fuͤr ein unwiedersprechliches Axioma angenommen: Quod factum est, infectum fieri nequit. Allein durch die Kraft der oben erklaͤrten Figur der Bescheidenheit kan man wircklich geschehene Dinge gar leicht zernichten. Gleich- wie das letzte Testament alle vorhergehenden aufhebet, als waͤren sie niemahls geschrieben worden, und allein rechts- guͤltig bleibet, so gelten auch in dieser Figur allein die letz- ten Erklaͤrungen, Kraft deren man das, was gesagt ist, nicht will gesagt haben. Was hiemit Hr. Gottsched in die- ser neuen Vorrede bisdahin gesagt hat, das soll nicht ge- sagt seyn: Doch kan es der unparteyischen Nachwelt zum Unterricht dienen, wie sie etwann ihr freyes Urtheil uͤber seine Buͤcher abfassen koͤnnte. , sondern es lieber der unparteyischen Nachwelt uͤberlassen, ein freyes Urtheil davon zu faͤllen; welches weder ein Freund, der mir eine Vorrede dazu machte Ein Freund, der mir eine Vorrede dazu machte) Vordem hat Hr. Magister Schwabe Hrn. Gottsched des- falls gute Dienste geleistet: Aber nachdem Hr. Gottsched die schamhaften Bewegungen eines angehenden Schrifft- stellers großmuͤthig uͤberwunden, und seinen Credit so feste gesetzet hat, daß er in seinen Vorreden sich und seine Buͤ- cher mit der groͤsten Zuversicht selbst loben und anpreisen darf; so hat er keines fremden Fuͤrsprechers mehr vonnoͤthen. , noch ein Feind, dem das Gluͤck meines Buchs ein Dorn in den Augen Dem das Gluͤck meines Buchs ein Dorn in den Augen) Er erkennet hiermit selbst, daß er den guten Abgang waͤre, mit solchem Nachdrucke abfassen koͤnnte. G 2 Jch sicherern Probierstein fuͤr den Geschmack seiner Landesleu- te haben, als seine eigenen Schrifften, die vollkommen nach seinem Geschmack verfasset sind. Neue Vorrede Jch uͤbergehe also diese schmeichelhafte Be- trachtung billig mit stillschweigen; und rechne es mir mit groͤsserm Rechte fuͤr eine Ehre an, daß ich in dem Vorsatze, eine Critische Dicht- kunst zu schreiben, seit einiger Zeit einen Nach- folger bekommen Jch habe in dem Vorsatze eine crit. Dichtkunst zu schreiben, einen Nachfolger bekommen) Hr. Gottscheds Vorsatz war demnach, eine critische Dichtkunst zu schreiben. Allein wenn man die Ausfuͤhrung mit diesem Vorsatze ver- gleichet, so muß man voll Verwunderung fragen: ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ Amphora cœpit Institui: Currente rota cur urceus exit? Denn anstatt einer critischen Dichtkunst ist ein magerer Versuch einer sogenannten crit. Dichtkunst vor die Deut- schen herausgekommen. Er hat also einen Nachfolger, in Absicht auf seinen Vorsatz, bekommen; keineswegs aber in der Ausfuͤhrung. Denn wenn Hr. Gottsched seine Pflicht recht erfuͤllet, und sein Vorhaben zulaͤnglich aus- gefuͤh- habe. Ein gelehrter Mann und Abgang seines Buches nicht dem gereinigten Geschmacke seiner Landesleute; sondern dem blinden Gluͤcke zu dan- ken habe, und dieses Gluͤck wird ihm niemand mißgoͤnnen als etwa ein neidischer und gewinnsuͤchtiger Buchfuͤhrer. Die Vorrede des zweiten Theils des Baͤylichen Woͤrter- buchs ruͤhmet von einem andern Gluͤck der Gottschedischen Schrifften: „Jch bin bisdahin mit meinen eigenen „geringen Schrifften, vielleicht ohne Verdienst, so gluͤck- „lich gewesen, fast keinem, oder doch sehr wenigem „Widerspruche unterworffen zu seyn.„ Das ist: Jch will von allem Widerspruche, dem meine Schrifften bis- dahin nicht ohne Verdienst unterworffen gewesen, durch- aus nichts wissen; sondern mich mit Verhoͤhlung desselben raͤchen. zur III. Gottsch. Dichtk. und Kunstrichter in Zuͤrich hat sich die Muͤhe ge- nommen, diejenige Bahn Diejenige Bahn, die ich nunmehr vor dreyzehn Jahren, als ein junger Schrifftsteller, gebrochen) Diese verbluͤmte Redensart ist undeutlich: Sie beziehet sich mehr auf den Vorsatz, als die Ausfuͤhrung des Gottschedischen Versuches. Wer dieselbe deutlich verstehen will, der muß die Vorrede zu der ersten Auflage von 1730. inne ha- ben, (die Hr. Prof. Gottsched in der letzten Herausgabe mit Fleisse weggelassen, damit er desto dreister ohne zu erroͤthen großsprechen koͤnnte.) Jn dieser Vorrede trac- tiert er die Poesie noch als eine brodtlose Kunst und als ein blosses Nebenwerck; und er bekennet daselbst gar zu offenhertzig, daß Hr. D. Pietsch ihm die ersten Begriffe von einer rechten Dichtkunst beygebracht; und daß die Zuͤrichische Mahler ihn auf den critischen Geschmack ge- fuͤhret haben. Von seinem Wercke selbst sagt er: „Jtzo „liefere ich meinem Vaterlande den Versuch; den ich ge- „wiß nicht aus meinem Gehirne angesponnen; sondern „aus allen oberwehnten Scribenten, und uͤberdas, aus „den vortheilhaften muͤndlichen Unterredungen Hrn. Co- „sten, des Hr. Geh. Secretar Koͤnigs, und Hr. Prof. „ Krausens, gesammelt und in einige Ordnung gebracht.„ Will man genauer wissen, was obige Prahlerey, daß er die Bahn gebrochen, eigentlich sagen wolle, so erklaͤrt er sich eben daselbst hieruͤber gantz deutlich: „Jch hatte „mir nur vorgesetzt dasjenige, was in so unzehlich vielen „Buͤchern zerstreut ist, in einem einzigen Wercke zusam- „men zu fassen.„ Ein seltener Ruhm, daß er in dieser brodtlosen Kunst die Bahn gebrochen! , die ich nunmehr vor dreyzehn Jahren, als ein junger Schrift- G 3 stel- gefuͤhret haͤtte, so wuͤrden sich die Schweitzer gewiß nicht zum andernmahle daran gemachet haben, und er also sich der Ehre in diesem Vorsatze einen Nachfolger zu haben, beraubet sehen muͤssen. Neue Vorrede steller Als ein junger Schrifftsteller) Denn itzo ist er un- gefehr dreyzehn Jahre aͤlter, und um soviel ansehnlicher. zuerst gebrochen, auch zu betreten, und ein doppelt staͤrckeres und folglich theureres Buch Ein doppelt staͤrckeres und folglich theureres Buch) Hr. Prof. Gottsched mißt die Nutzbarkeit der Buͤcher nach ihrer Groͤsse und ihrem aͤusserlichen Preise, wie die Buch- haͤndler: Denn da sein Buch um die Helfte kleiner, und um etwas wohlfeiler ist, so ist es auch fuͤr die deutschen Schulen brauchbarer. Dieser locus commendationis ist ab opposito. , als dieses meinige ist, von der Dicht- kunst ans Licht zu stellen. Und was das ange- nehmste bey der gantzen Sache ist, so hat dieser tiefsinnige Mann, seiner gelehrten Waare kei- nen bessern und reitzernden Titel geben zu koͤn- nen geglaubet, als wenn er ihn meinem Buche abborgete Als wenn er ihn meinem Buche abborgete) Der- jenige hat, meines Erachtens, das beste Recht zu dem Titel eines Buches, der das am gruͤndlichsten ausgefuͤh- ret hat, was der Titel eines solchen verspricht, nach dem bekannten Axioma: Cui competit definitio, illi quoque competit definitum. Hr. Gottscheds Titel verspricht ei- nen Versuch einer critischen Dichtkunst fuͤr die Deutschen. Auf den Titel Dichtkunst hat weder Gottsched, noch je- mand anders ein Eigenthums-Recht. Aristoteles hat schon eine Dichtkunst verfertiget. Da nun aber die Gott- schedische Dichtkunst nichts weniger als Critisch ist, so ver- diente sie auch diesen Titel nicht. Hr. Gottsched bezeuget selbst in der Vorrede: „Jch hatte mir die Regel gemacht, „gar keinen lebenden Dichter zu tadeln oder zu critisieren: „Daraus , und das seinige gleichfalls eine Critische Dichtkunst betitelte. Jch zur III. Gottsch. Dichtk. Jch weis wohl, daß es eigensinnige Koͤpfe giebt, die sich einbilden, ein Schrifftsteller, der sich einmahl gewisser Woͤrter bemaͤchtiget hat, seiner Schrifft einen Nahmen zu geben, der ha- be sich dadurch, nach dem Rechte der Natur, das Recht des Eigenthums darauf erworben, und sey nunmehro befugt, alle andere von dem Gebrauche derselben auszuschliessen. Noch an- dre glauben mit dem scharfsinnigen Baͤyle, und nach dem Beyspiele gewisser Schrifftsteller vori- ger Zeiten: es sey eine Beschimpfung fuͤr den Urheber eines Buches, wenn sich bald darauf ein andrer uͤber dieselbige Materie hermacht, und in einerley Absichten die Feder ansetzet. Denn sagen sie, glaubte dieser neue Schrifft- steller, daß sein Vorgaͤnger seine Pflicht recht G 4 erfuͤl- „Daraus floß nothwendig die andre, daß ich auch keinen „loben muͤste.„ Nun ist ferner bekannt, daß er in denen beyden ersten Ausgaben durchgehends seine eigenen poeti- schen Exempel zu Mustern gegeben hat, die er dieser ange- nommenen Regel nach weder loben noch tadeln duͤrfte, weil er unter die noch lebenden Dichter mitgehoͤret, und nicht die erste Ausnahme von einer so fest gesetzten Regel werden wollte. Dieses Buch verdiente darum den Titel einer Cri- tischen Schrift mit keinem Recht: Und also haͤtte der Zuͤ- richische Verfasser ihm nichts geraubt, darauf er eine recht- maͤssige Ansprache machen koͤnnte, wenn es gleich Grund haͤtte, daß er seinen Titel dem Gottschedischen Buche abge- borget. Allein auch dieses Vorgeben ist ziemlich zweydeu- tig, allermassen der Zuͤrichische Kunstrichter sein Buch nicht einen Versuch fuͤr die Deutschen; sondern schlechtweg eine Critische Dichtkunst genennet hat. Siehe das Stuͤcke der Schutzvorrede fuͤr die Trillerischen Fabeln Bl. 66. 67. Neue Vorrede erfuͤllet, und sein Vorhaben zulaͤnglich ausge- fuͤhret haͤtte: so wuͤrde er sich gewiß nicht zum andernmale daran gemachet haben. Eine Jlias nach dem Homer zu schreiben, das heißt also nach der Meinung dieser Richter, eben so viel, als diesen Dichter mit seiner Arbeit ver- werffen, und ihm auf eine verdeckte Art in die Augen sagen, daß sein Werck nichts tauge, und noch einmahl ausgearbeitet werden muͤsse. Allein so wahrscheinlich auch immermehr diese Schluͤsse zu seyn scheinen moͤgen: so kan ich mich doch denenselben nicht ergeben. So kan ich mich doch denselben nicht ergeben) Po- pulus me sibilat; At ego mihi plaudo ipse domi. Jch sehe es gar zu deutlich ein, daß man mir durch solche Einstreuungen die Freude versaltzen will, die ich uͤber einen critischen Nachfolger von solcher Wichtigkeit billig empfunden habe. Ohne Ruhm zu melden, bin ich der erste gewesen Ohne Ruhm zu melden, bin ich der erste gewesen) Versteht sichs, der seinem Buche, wider alles Verdienen, den Titel einer Critischen Dichtkunst zuzulegen das Hertz oder die Verwegenheit gehabt; obgleich in dem gantzen Buche nichts critisches zu finden ist: Daß also das Joch der Beurtheilungskraft, welches Hr. Gottsched der Poe- sie aufgeleget hat, nur in einer blossen Prahlerey bestehet. , der unserer Nation eine Critische Dichtkunst zu lie- fern das Hertz, oder die Verwegenheit gehabt. Haͤtte ich nun darinn, nach dem Urtheile der Kenner, eine unnoͤthige Muͤhe uͤbernommen; und waͤren andre aufgestanden, welche die Poe- sie von dem Joche der Beurtheilungskunst zu befreyen zur III. Gottsch. Dichtk. befreyen unternommen haͤtten: so waͤre dieses unstreitig eine Kraͤnckung fuͤr mich gewesen, zu- mahl, wenn diese gar einen groͤssern Beyfall bekommen, und das Andencken aller Critick gleichsam verhaßt und ehrlos gemachet haͤtten. Allein dieses harte Schicksal hat mich, zu allem Gluͤcke, nicht betroffen. Die gelehrtesten Maͤn- ner in Zuͤrich bestaͤrcken durch ihren Beyfall mein Urtheil, daß es noͤthig sey, eine Dichtkunst cri- tisch einzurichten: ja, was das meiste ist, sie folgen meinem Exempel selber nach Ja sie folgen meinem Exempel selber nach, und) Gottsched traͤgt sich mit dieser schmeichelhaften Einbildung so sehr, daß er auch diejenigen Schriften fuͤr Nachahmun- gen von den seinigen haͤlt, welche etliche Jahre vor den sei- nigen existiert haben. Siehe die Nachrichten von dem Ursprunge der Critick bey den Deutschen Bl. 172. u. 173. Die verdiente Abfertigung findet er in der Aesopischen Fa- bel vom Wolfe und dem Schafe: Ante hos sex menses male, ait, dixisti mihi. Respondit Agnus. Equidem natus non eram! , und fuͤhren etwas von demjenigen, nach ihrer Art, weitlaͤuf- tiger aus, was ich mit so gutem Grunde und Beyfalle angefangen hatte. Was ich mit so gutem Grunde und Beyfalle ange- fangen hatte.) Zum rechten Verstand dieser Ausdruͤckung dienet zu wissen, daß Hr. Prof. Gottsched diese zwey Dinge mit gutem Grunde und mit Beyfalle fuͤr gleichguͤltig haͤlt: angesehen er sich beredet, daß eine Schrift desto gruͤndli- cher seyn muͤsse, je allgemeiner der Beyfall ist, den selbige erhaͤlt. Bey dieser Vorstellung nun ruͤhren mich die vorigen Einwuͤrffe gar nicht. Der Gebrauch G 5 der Neue Vorrede der Woͤrter ist ja von der Art derjenigen Dinge die in dem Reiche der Naͤtur, nach Art der Luft, des Sonnenlichtes und des Wassers grosser Fluͤsse, bey allem Gebrauche derselben, uner- schoͤpflich sind, und also allen gemein bleiben muͤssen. Warum sollte also nicht ein Schrifft- steller das Recht haben, sein Kind zu tauffen wie er will, wenn gleich ein andrer dem Seini- gen eben den Nahmen gegeben hat? Warum sollte dasjenige in Zuͤrich niemanden frey stehen, was mir in Leipzig freygestanden hat? Oder, warum sollte ich boͤse werden, daß ein andrer meine Erfindung auf die kraͤftigste Art, die nur erdacht werden kan, gebilliget hat? Daß ein andrer meine Erfindung auf die kraͤftigste Art gebilliget hat.) Dieses beziehet sich nur auf die Er- findung des Titelblats zu der Gottschedischen Dichtkunst: Denn in dem gantzen uͤbrigen Wercke ist, die Exempel aus- genommen, nichts von seiner Erfindung, wie die Vorrede zu der ersten Auflage solches rund und offenhertzig bekennt. Siehe die Nachrichten von dem Ursprunge der Critick bey den Deutschen Bl. 164. 165. Der andre Einwurff scheint noch gefaͤhrli- cher zu seyn, ist es aber in der That nicht; wenn man nur die Sache in genauere Betrachtung zieht. Es koͤmmt bey den Buͤchern nicht nur auf ihren Titel, sondern auch auf den Jnhalt an. So gleichlautend oft jener auf zweyen Wercken ist, so ungleich kan doch dieser letztere seyn; und ich darf mich, ohne stoltz zu thun, nur auf die zuͤrcher, und leipziger critische Dicht- kunst beruffen. Der Jnhalt unsrer Buͤcher ist in zur III. Gottsch. Dichtk. in den allermeisten Stuͤcken und Capiteln so weit von einander unterschieden Der Jnhalt unsrer Buͤcher ist so weit von einandrr unterschieden, daß) Es ist in der That so, daß die Zuͤrchi- sche und die Leipzigische Dichtkunst ausser der Aehnlichkeit des Titels sonst wenig oder gar nichts mit einander gemein ha- ben, wie in dem Ergaͤntzungsstuͤcke zu den Trillerischen Fabeln Bl. 66. 67. u. f. bis 72. ausfuͤhrlich dargethan worden: Welches aber Hr. Gottsched hier gar kluͤglich mit Stillschweigen uͤbergehet. Jch habe darum auch den Schluß daraus gemachet, daß also nothwendig eins von die- sen Buͤchern den Titel einer Critischen Dichtkunst nicht ver- dienete. , daß man sie schwer- lich fuͤr einerley Buch halten wird, wenn man sie nur ein wenig betrachten will. Z. E. Da ich in meiner Dichtkunst, nach der allgemeinen Ab- handlung des Zubehoͤrs zur Poesie, von allen uͤblichen Arten der Gedichte gehandelt Jch habe in meiner Dichtkunst von allen uͤblichen Arten der Gedichte gehandelt) Die Art zu schliessen, deren sich Hr. Gottsched hier bedienet, koͤmmt mir just so vor, als ob er beweisen wollte, eine Perruͤque waͤre keine Schlafmuͤtze; oder eine Hausbibel waͤre darum nicht gantz, weil die so genannten Apocryphischen Buͤcher nicht dabey gebunden waͤren. Der Zuͤrchische Kunstrichter hat sich in die besondere Abhandlung von denen verschiedenen uͤblichen Arten der Gedichte mit Fleisse nicht einlassen wollen, weil man daruͤber anderwaͤrts zulaͤnglichen Unterricht finden kan: Sondern sein Vorhaben war allein, dasjenige, was eigentlich zu dem Wesen der Poesie uͤberhaupt gehoͤret, in so ferne sie eine Nachahmung der Natur ist, aus gewissen Grundsaͤtzen so vollstaͤndig auszufuͤhren, als noch von kei- nem andern geschehen; und die Gewißheit und den Nu- zen , uud einer Neue Vorrede einer jeden ihre eigenen Regeln vorgeschrieben Und einer jeden ihre eigenen Regeln vorgeschrieben) Jch will zu einem Muster davon nur was weniges aus dem Hauptstuͤcke oder Capitel von poetischen Sendschreiben anfuͤhren. Jch habe daselbst nicht ohne Ergoͤtzen folgen- des gelesen: „Von einem solchen Briefe ist erstlich dieses „zu bemercken, daß er im Anfange denjenigen anreden „muß, an den er gerichtet ist: Es sey nun, daß es „gleich in der ersten Zeile geschieht, oder doch bald hernach „koͤmmt. So faͤngt Neukirch z. E. einmal an: Mein Koͤnig, zuͤrne nicht, daß mich dein Glantz bewegt. „Dieses ist, so zu reden, das eigentliche Merckmaal eines „Briefes von dieser Art: denn was ist ein Brief uͤberhaupt „anders, als eine geschriebene Anrede an einen Abwesen- „den?„ ꝛc. Diese einzige Entdeckung, daß man den- jenigen anreden muß, an den man schreibt, giebt der Gottschedischen Dichtkunst einen grossen Vorzug vor der Zuͤrchischen. Es ist nur Schade, daß diesem Kunstlehrer nicht auch beygefallen ist, die wichtige Frage zu entschei- den, ob ein poetisches gereimtes oder reimfreyes Send- schreiben nicht auch in Prosa koͤnne abgefaßt werden? habe; dadurch Anfaͤnger in den Stand gesetzt werden, sie auf untadeliche Art zu verfertigen; Liebhaber hingegen, dieselben richtig zu beur- theilen: so haͤlt die zuͤrcherische Dichtkunst nichts von dem allen in sich. So haͤlt die Zuͤrchische Dichtkunst nichts von dem allen in sich) Ja in dem ersten allgemeinen Haupttheile des Man wird daraus we- der zen seiner Lehrsaͤtze in critischer Pruͤffung der vornehmsten Gedichte der beruͤhmtesten Alten und Neuern jedermann zu bewaͤhren. Allein Hr. Gottsched ist nicht gewohnt die Vollkommenheit eines Wercks nach gewissen und bestimm- ten Absichten abzumessen. zur III. Gottsch. Dichtk. der eine Ode, noch eine Cantate; weder ein Schaͤfergedichte, noch eine Elegie; weder ein poetisches Schreiben, noch eine Satire; weder ein Sinngedicht, noch ein Lobgedicht; weder ei- ne Epopee, noch ein Trauerspiel; weder eine Comoͤdie noch eine Oper machen lernen. Alles dieses stehet in der zuͤrcher Dichtkunst nicht Alles dieses stehet in der Zuͤrcher Dichtkunst nicht) Wenn ich nach Gottscheds Logick beweisen sollte, daß seine Critische Dichtkunst des Aristoteles Poetick an Vollstaͤndig- keit und Nutzbarkeit weit uͤbertreffe; so wuͤrde ich sagen, daß man beym Aristoteles nichts von den Regeln finde, wie eine Cantate, ein Schaͤfergedichte, eine Elegie, ein poetisches Sendschreiben, ein Sinngedichte, ein Madri- gal, ein Rondeau, eine Oper eingerichtet seyn muͤssen: Folglich, daß man daraus keins von diesen Gedichten ma- chen lerne; aber wohl aus Hrn. Gottscheds Versuch einer Critischen Dichtkunst fuͤr die Deutschen. „Wer also „Aristoteles Poetick in der Absicht kauffen wollte, diese „Arten der Gedichte daraus abfassen zu lernen, der „wuͤrde sich sehr betruͤgen, und sein Geld hernach zu „spaͤt bereuen.„ : es sey nun, weil etwa in allen diesen Stuͤcken die Critick des Gottschedischen Versuches werden die wichtigsten Fra- gen fuͤr einen Poeten eroͤrtert, die man in der Zuͤrchischen Dichtkunst vergeblich suchen wird: als z. E. ob der Mensch gesungen haben wuͤrde, wenn er gleich keine Voͤgel in der Welt gefunden haͤtte? Cap. I. §. 3. Ob die alte Schwe- dische Sprache eine Tochter der Scythischen und alten Cel- tischen gewesen sey, wie die Deutsche? §. 7. Ob man den Ursprung der Poesie dem ersten Rausche zu dancken habe? §. 18. Ob man mit besserm Recht sage, die Kinder seyn wie Affen; oder die Affen seyn wie Kinder? Cap. II. §. 9. ꝛc. ꝛc. Neue Vorrede Critick nichts zu sagen hat; oder weil man ein Poet seyn kan, ohne eins von allen diesen Stuͤ- ken zu verfertigen. Wer also dieselbe in der Ab- sicht kauffen wollte, diese Arten der Gedichte daraus abfassen zu lernen, der wuͤrde sich sehr betruͤgen, und sein Geld hernach zu spaͤt be- reuen. Jch weis gewiß, daß viele hier voller Ver- wunderung fragen werden: was denn nun end- lich in einer Dichtkunst von zween starcken Oc- tavbaͤnden Jn einer Dichtkunst von zween starcken Octav- baͤnden) Es nimmt mich schier wunder, daß er dieses ungeheure Buch nicht auch gewogen hat. Siehe das Complot der deutschen Poeten am Ende. stehen koͤnne, wenn es an den we- sentlichsten Theilen eines solchen Buches fehlet Wenn es an den wesentlichsten Theilen eines solchen Buches fehlet) Da der besondere Theil der Gottschedi- schen Dichtkunst das wesentliche des Buchs ausmachet; so ist hiemit der erste allgemeine Theil nur als eine Zugabe zu betrachten. ? Allein diese Frage wird mir gewiß niemand ma- chen, als der sich nicht besinnet, daß der Urhe- ber derselben einer von den bekannten Zuͤrcher Malern sey, welche vor zwantzig Jahren, in ih- ren sogenannten Discursen, die Sitten ihrer Stadt abgeschildert haben. Hat nun Herr von Fontenelle richtig geurtheilet, daß jedermann die Welt mit solchen Augen ansehe, die sich zu seinen Absichten schicken; der Held z. E. fuͤr ei- nen schoͤnen Platz, Menschen zu erwuͤrgen; der Gaͤrtner fuͤr einen bequemen Raum, Gaͤrten zu pflan- zur III. Gottsch. Dichtk. pflantzen; der Verliebte, fuͤr eine gute Gegend zu buhlerischen Abentheuern u. s. w. was war wohl von unserm Maler anders zu vermuthen, als daß er die gantze Dichtkunst in eine Kunst zu malen, verwandeln Daß er die gantze Dichtkunst in eine Kunst zu mah- len verwandeln) Dieses mag Horatz verantworten, der mit seinem, Ut pictura Poesis erit, schon manchen ehr- lichen Mann verfuͤhrt hat: Und insbesondre auch den scharffsinnigen Duͤbos, der sich gleichfalls so weit vergan- gen hat, daß er zween Octavbaͤnde mit Betrachtungen uͤber die Vergleichung der Dicht- und der Mahler-Kunst angefuͤllet. , und von lauter poetischen Malereyen, und denen dazu noͤthigen Farben handeln wuͤrde? Faͤllt nun dabey jemanden die nuͤtzliche Regel ein, die obgedachten Zuͤrcher Malern, von einem Kunstverstaͤndigen aus Ham- burg, in einem schoͤnen Sinngedichte gegeben worden Die nuͤtzliche Regel ‒ ‒ in einem schoͤnen Sinnge- dichte gegeben worden) Jch will dieselbe anfuͤhren; da- mit jedermann ein neues Muster von Hrn. Gottscheds reinem Geschmack in der Critick und Morale vor Augen habe. Jhr Maler scheinet euch vergeblich liebzukosen, Wenn ihr euch an der Pracht der groͤsten Dichter wag’t, Und dennoch wenig Teutsch in teutschen Zetteln sagt. Denn eure Schreibart hat Neapler und Franzosen. Soll euer Werck gemalt, und nicht geschmieret seyn; So tunckt den Pinsel nicht mehr in den Nacht-Stul ein. Horn. Dieser saubere Dichter haͤtte einen vornehmen Preis in den Lustspielen verdienet, welche die Goͤttin der Dummheit in , das im III. B. der Poesie der Nieder- sach- Neue Vorrede sachsen, auf der 250sten S. steht; und verlangt er von mir zu wissen, ob sie in diesem Buche besser beobachtet worden, als in jenen sittlichen Malereyen? so muß ich ihm aus Hoͤflichkeit So muß ich ihm aus Hoͤflichkeit) Jch habe in der Echo des deutschen Witzes, in einem besondern Abschnit- te die critische Hoͤflichkeit der Leipziger mit Anfuͤhrung einer Menge Exempel ausser alle Nachrede gesetzet, und gewiesen, daß unsere Bergbauren ihren natuͤrlichen Talent zum Hoͤf- lichseyn in der Gottschedischen Schule trefflich verbessern und zu seiner Vollkommenheit bringen koͤnnten. Denn daß ein schweitzerischer Scribent einen Geschmack an so saftigen und garstigen Possen gefunden, wie Hr. Gottsched, das ist bisdahin noch unerhoͤrt. die Antwort so lange schuldig bleiben, bis wir in Leipzig die Zuͤrcherische Bergsprache besser werden gelernet haben. Wie also, damit ich wieder auf meinen Zweck komme, die Jlias Homers, durch die neuere Jlias desjenigen Dichters nicht um ihren Werth gebracht worden, der sich vorgenommen hatte, den gantzen trojanischen Krieg zu besingen, und tausend schoͤne Sachen nachzuholen, die sein Vorgaͤnger uͤbergangen hatte; indem vielmehr diese vermeinte groͤssere Jlias, vom Aristoteles, in Ansehung der Homerischen, die kleine Jlias genennet worden: also koͤnnte es leicht kommen (doch ohne mich auf einige Weise mit dem Ho- mer zu vergleichen, als mit dessen Wercke mein Buch in der Dunciade mit ihren Helden vornimmt, wo derjenige den besten Danck erhaͤlt, der sich am hertzhaftesten in ei- ner stinckenden Pfuͤtze untertaucht. zur III. Gottsch. Dichtk. Buch gar keine Aehnlichkeit hat) daß auch die zuͤrcherische Dichtkunst, so starck sie ihrer Groͤsse und Absicht nach ist, dennoch bey dem Mangel so vieler noͤthigen Hauptstuͤcke, von allen uͤbli- chen Arten der Gedichte, gegen die meinige zu rechnen, bey der Nachwelt, nur eine kleine Dichtkunst genennet wuͤrde. Bey der Nachwelt nur eine kleine Dichtkunst genen- net wuͤrde) Ja, wenn die Nachwelt aus lauter Gott- scheden bestehen sollte, welche die aͤusserliche Forme eines Gedichts fuͤr das Wesen der Poesie halten wuͤrden, so muͤßte sich die kleine Zuͤrchische Dichtkunst vor der grossen Gottschedischen buͤcken und neigen. Jch habe mich bisher mit Fleiß nur immer auf Zuͤrich, und nicht auf die gantze Schweitz bezogen; gantz anders, als bisher von vielen unsrer mißvergnuͤgten Schriftsteller geschehen; die insgemein die Schuld von ein paar Kunst- richtern, der gantzen loͤblichen Eidgenossenschaft Die insgemein die Schuld von ein paar Kunstrich- tern, der gantzen loͤblichen Eidgenossenschaft) Man hat sich doch die groͤste Muͤhe von der Welt gegeben, Hrn- Prof. Gottsched den Wahn auszureden, als ob die gantze Schweitzerische Nation sich von ein paar Kunstrichtern habe verfuͤhren lassen: Allein es scheint, daß er diesem Vorge- ben keinen Glauben zugestellet, bis daß ihn erst kuͤrtzlich, nachdem diese neue Auflage seines Versuches schon fast wieder abgedruͤckt war, ein paar wackere und gelehrte Maͤnner, aus benachbarten Cantons, eines gleichen be- lehret und versichert haben. Sehet in dem zweiten St. [Crit. Sam̃l. VI. St.] der auf den Hals gewaͤlzet haben. Und gesetzt, ich H waͤre Neue Vorrede waͤre selbst bisher, auch wohl in dieser neuen Auflage meiner Dichtkunst, in dieses Versehen gefallen: so will ich doch hiermit selbiges allen andern Einwohnern dieses ansehnlichen Landes abgebethen haben Abgebethen haben) Wer die Auszuͤge aus den zweien Schreiben der wackern und gelehrten Maͤnner aus benach- barten Cantons, wodurch diese Busse des Leipzigischen Cri- ticus gewircket worden, gelesen hat, der wird erkennen muͤssen, quod non plus sit in effectu, quam in caussa. ; seit dem ich von etlichen wackern und gelehrten Maͤnnern Von etlichen wackern und gelehrten Maͤnnern) Wenn , aus benach- barten der Zuͤrichischen Sammlung critischer Schriften die Ab- lchnung des Verdachts, daß die schweitzerische Nation sich habe uͤberreden lassen, an M. V. P. einen Geschmack zu finden: Jn dieser Schrift steht Bl. 76. „Jch kann „zwar nicht leugnen, daß nicht ein halb duzt ungerathe- „ne Landeskinder in Zuͤrich und Bern zur Secte Addisons „uͤbergegangen; allein mit dem grossen Haussen hat es „keine Gefahr; insbesondere kann mir Hr. G ‒ ‒ glau- „ben, daß die Einwohner der Alpen, je tieffer sie in „den Spaͤlten der Berge wohnen, destoweniger von den „Zuͤrchischen Kunstrichtern eingenommen sind; man koͤnn- „te also noch richtig zu 50000. Eidsgenossen zehlen, „ohne Weiber und Kinder, welche desfalls noch gantz „unschuldig sind.„ Zu diesen kommen itzo noch etliche wackere und gelehrte Maͤnner aus benachbarten Cantons, und insbesondere die zween ‒ ‒ ‒ erische Correspondenten Hrn. Gottscheds, die er aus druͤcklich als Zeugen anfuͤhret. Und Bl. 77. stehet: „Der Eifer fuͤr die Ehre meiner Landes- „leute hat mich nicht ruhen lassen, bis ich Hrn. G ‒ ‒ „davon Nachricht gegeben, und ihn gebethen haͤtte, daß „er guͤtiger von uns dencken, und das Verbrechen, des- „sen sich etliche wenige unter uns schuldig machen, nicht „der gantzen Nation in die Rechnung setzen moͤgte.„ zur III. Gottsch. Dichtk. barten Cantons Aus benachbarten Cantons) Solche sind Bern, Schafhausen, und Zug. , belehret und versichert wor- den: daß die gantze Schweitz den zuͤrcherischen Kunstrichtern in ihren Lehrsaͤtzen und Urtheilen eben nicht beypflichte, vielweniger dieselben da- zu bevollmaͤchtiget habe, allem deutschen Witze Hohn zu sprechen. Allem deutschen Witze Hohn zu sprechen) Diese Ausdruͤckung ist mit der oben angemerckten, auf den ver- derbten Geschmack der Deutschen schmaͤhlen, gantz gleich- guͤltig: daher bin ich auf die Muthmassung gefallen, es muͤsse hier anstatt Witz, Unwitz gelesen werden: Aller- massen ich versichern kan, daß diese Zuͤrchischen Kunstrich- ter eben so wenig von der gantzen Schweitz bevollmaͤchtiget worden, dem deutschen Unwitze Hohn zu sprechen. Jch will doch, weil man mir in Zuͤrich das Exempel dazu gegeben hat, einmal auch als ein Mathanasius thun Als ein Mathanasius thun) Es wollen einige fuͤr M athanasius, Mataiologus lesen; denen ich aber nicht beypflichten kan; ungeachtet jedermann weiß, daß Matha- nasius es sich bey seinen Anzuͤgen nicht vollkommen so einen Ernst seyn lassen, als der Leipzigische Mathanasius bey den seinigen. , und H 2 Stel- Wenn alle diejenigen, die Gottscheds reinen Geschmack in der Poesie und der Critick mit gutem Hertzen verehren, und den Zuͤrcherischen Kunstrichtern in ihren Lehrsaͤtzen und Urtheilen eben nicht beypflichten, sich eben dadurch des Ti- tels wackerer und gelehrter Maͤnner wuͤrdig machen, so sind derselben so viel in der Schweitz, daß man schwerlich wird errathen koͤnnen, welche und wie viel eigentlich hier gemeint seyn. Neue Vorrede Stellen aus ein paar Briefen anfuͤhren, die ich deswegen, nur vor kurtzem, und in waͤhren- dem Drucke dieses Buches erhalten habe. Der erste vom 1. des Wintermonats Der erste vom 1. des Wintermonats) Dieser neue Mathanasius ist sehr sorgfaͤltig die historischen Umstaͤn- de zu bemercken, um die vorgegebene Authentie seiner Aus- zuͤge dadurch glaubwuͤrdig zu machen, weil die Auszuͤge selbst so viel deutliche Merckmahle einer geistigen und ver- nuͤnftigen Sittsamkeit und Bescheidenheit, so wohl als ei- ner fried fertigen Neigung und Liebe zum Natuͤrlichen an sich haben, daß man leicht auf die Vermuthung gerat- hen koͤnnte, die Herrn Verfasser dieser Briefe waͤren mehr denn hundert Meilen von dem helvetischen Sibcrien entfernet, und in einem Lande auferzogen worden, wo Witz und Verstand eben so allgemein sind, als sie leider in der Schweitz nicht seyn sollen: Die Bergsprache ver- raͤth sie doch, daß sie Schweitzer seyn, und zwar solche, die eben keine grosse Woͤrter- und Sprachmaͤnner sind, und die sich keine grosse Muͤhe geben werden ihren Mit- buͤrgern die reine Hochdeutsche Sprache gelaͤufiger und beliebter zu machen. Es hat deswegen auch Hr. Gott- sched alle die Unrichtigkeiten oder vielmehr Idiotismos dieser Bergsprache unveraͤndert, wie er selbige gefunden, ab- druͤcken lassen, damit er diesen Briefen das Ansehen wah- rer Schweitzerischer Urkunden durch eine Veraͤnderung oder Uebersetzung in die reine hochdeutsche Sprache nicht vermin- derte. Aus welchem Canton dieses wohlgezogene paar Correspondenten eigentlich sey, das laͤßt sich so gewiß nicht bestimmen; das einzige laͤßt sich mit Grund schlies- sen, daß sie Glieder von einem benachbarten Canton seyn, der eben nicht voͤllig hundert Meilen von Zuͤrich entfernt, und in welchem einige wenige ohnmaͤchtige Seelen sich als uͤber hat folgendes: „Wir zur III. Gottsch. Dichtk. „Wir haben hier mit Freuden und Vergnuͤ- „gen gesehen, daß B ‒ ‒ und Br ‒ ‒ hin „und her in Deutschland nach Verdienen her- „genommen werden. Der Hochmuth und die „Einbildung dieser Leuten ist unertraͤglich. Es „ist sich aber nicht zu verwundern: die Herren „von Zuͤrich haben grosse Einbildung, weilen „sie in dem ersten Canton der Schweitz geboh- „ren sind. Es ist unglaublich, wie groß die Ein- „bildung der Herren von Zuͤrich wegen diesem „Vorsitz ist, der doch nichts zu bedeuten hat. Jch „versichere sie aber, daß Zuͤrich von allen ver- „nuͤnftigen Schweitzern als das helvetische Si- „berien, in welchem grosse Woͤrter- und Sprach- „Maͤnner entstanden, da aber Witz und Ver- „stand wenig Platz finden, angesehen wird. „Die Sitten, die Sprache, die Lebensart, „die Kleidung der Zuͤricher ist von uns so un- „terschieden, daß man glauben sollte, sie waͤ- „ren mehr denn hundert Meilen von uns entfer- „net. Das ist gewiß, daß sie arbeitsame Leu- „te, aber in geist, und vernuͤnftigen Sitten, „werden sie noch lange Zeit grobe Schweitzer „bleiben.„ Das andere Schreiben ist vom 3ten desselben Monats, und darinn druͤcket man sich so aus. H 3 „Wir uͤber einen wahren Verlust aͤngstlich quaͤlen, daß das miß- guͤnstige Gluͤck sie unter dreyzehn Bruͤdern nicht den aͤlte- sten oder erstgebohrnen werden lassen; da doch diese Erst- gebuhrt eben kein ander Vorrecht hat, als das Eins un- ter den Zahlen. Neue Vorrede „Wir nehmen an dem Kriege, den unsre „Landsleute von Zuͤrich wider die gantze deut- „sche Nation vorgenommen haben, kein Theil. „Fertiget man sie ferner ab, wie es in einem „periodischen Wercke erst vor kurtzem geschehen „ist, so wird ihnen die Lust vergehen. Wir „wuͤnschen unsren Landsleuten mehrere Liebe „zum Frieden und zum natuͤrlichen; so werden „sie von Deutschland ablassen, und mit Mil- „tons Liebhabern anbinden.„ Nach solchen feyerlichen und einstimmigen Erklaͤrungen zweener beruͤhmten schweitzerischen Gelehrten, habe ich meinem Gewissen nach, nicht anders gekonnt Habe ich meinem Gewissen nach, nicht anders ge- konnt, als daß ꝛc. Denn nachdem Hr. Gottsched durch diese zwey Schreiben auf das nachdruͤcklichste uͤberzeuget worden, daß diese zween beruͤhmte Schweitzerische Ge- lehrte eine gaͤntzliche Abneigung gegen Zuͤrich, seine Sit- ten, Sprache, Lebensart und Kleidung, seine grosse Woͤrter- und Sprachmaͤnner; wie auch gegen Milton und Miltons Liebhaber bezeigen; sich zu einer voͤlligen Neutralitaͤt erklaͤren; mithin aber die Gottschedische Par- tey mit hertzlichen Wuͤnschen unterstuͤtzen, und mit Freu- den und Vergnuͤgen zusehen, wie ihre Landsleute in wiederholten Scharmuͤtzeln von den critischen Panduren und Tolpatschen der Gottschedischen Faction hergenom- men und empfangen werden: So hat er ja mit Recht den Schluß gemachet: Wer nicht wieder uns ist, der ist fuͤr uns: Und daß folglich nicht eben die gantze Schweitz den Zuͤrchischen Kunstrichtern gewogen sey: Zumahlen da diese zween beruͤhmten schweitzerischen Gelehrten ein an- sehn- , als daß ich an statt der allge- zur III. Gottsch. Dichtk. allgemeinen Benennung die besondere erwaͤhlet; werde es auch kuͤnftig allemal so halten, wenn man mich noͤthigen sollte, wider meine Neigung, meine Feder zu critischen Streitschriften zu er- greiffen. Kuͤrtzlich noch etwas von den Vorzuͤgen dieser neuen Ausgabe zu erinnern, muß ich dem ge- neigten Leser folgendes melden. Zufoͤrderst ha- be ich in diesem Buche vom Anfange bis zum Ende, die Schreibart nochmals mit der groͤß- ten Sorgfalt und Aufmercksamkeit ausgebes- sert Die Schreibart nochmahls mit der groͤsten Sorg- falt und Aufmercksamkeit ausgebessert) Jch will zur Probe einige Beyspiele anfuͤhren, damit man die genaue Sorgfalt unsers Kunstrichters erkenne. Jn der ersten Herausgabe war der Titel: Versuch einer critischen Dichtkunst vor die Deutschen: Jn der zweyten ward das vor die Deutschen in fuͤr die Deutschen veraͤndert: Jtzo aber in dieser neuen Auflage hat er sich die critische Lection, die man ihm in dem Ergaͤntzungsstuͤcke zu Trillers Fa- beln Bl. 66. u. 67. gegeben, so zu Nutze gemachet, daß er diesen Anhang des Titels fuͤr die Deutschen gaͤntzlich ausgeloͤschet, und also sein Buch durch diese leichte Veraͤn- derung zum allgemeinen Gebrauche aller Nationen ohne Un- terschied tuͤchtig gemacht hat. Jn der ersten Ausgabe hat er sein Buch in Capitel abgetheilt: Jn der zweiten als ein neuer Puritaner die Capitel in Hauptstuͤcke verwandelt: Jn ; als worinn man immer, nach Verflies- H 4 sung sehnlicher Theil von der gantzen Schweitz sind. Dahero er sich im Gewissen verpflichtet befunden, anstatt der allgemeinen Benennung der Schweitz die besondere von Zuͤrich zu erwaͤhlen. Neue Vorrede sung einiger Zeit, kleine Unachtsamkeiten ent- decket Kleine Unachtsamkeiten entdeckt, die man gleich anfangs nicht wahrgenommen.) Daß dieses auch in Absicht , die man gleich anfangs nicht wahrge- nom- Jn dieser neuen Auflage aber die erstere Eintheilung in Ca- pitel den Hauptstuͤcken wieder vorgezogen. Die Capitel hat er in der zweiten Auflage in §§. unterscheiden; Jn der dritten zwar diese §§. beybehalten, aber per Anagramma durchaus an statt §. 1. §. 2. ꝛc. aus einem zureichenden Grunde 1. §: 2. §: ꝛc. hingesetzet: Auch die Abschnitte in §§. hier und da anders abgetheilt, wie z. Ex. in dem I. Cap. in dem 20. §. II. 1. 2. 19. 20. III. 26. IV. 5. 6. ꝛc. zu sehen ist. Beyspiele von den wichtigsten Ausbesserun- gen in der Schreibart koͤnnen folgende seyn: Cap. I. 1. Und geht ihn also weit naͤher an: Nunmehr liest er: Und also geht sie ihn weit naͤher an. C. II. 1. Diejeni- gen haben sichs gemeiniglich angemasset. Nunmehr liest er: Gemeiniglich haben sichs diejenigen angemas- set. C. I. 10. Das heißt ausser der gebundenen Schreib- art. Jzo liest er: Das heißt in ungebundener Schreib- art. ꝛc. Wo in den vorigen Ausgaben Musicus gestan- den, das hat er in der neuen in Tonkuͤnstler verwandelt; und dadurch eine neue Probe abgeleget, daß er ein wuͤrdiger Zesianer sey. Cap IV. Dasjenige so der Ursprung und die Seele der Dichtk. ist. Anitzo schreibt er: Dasjenige, was der Ursprung und die Seele der Dichtk. ist. Da- selbst §. 8. Ein Stuͤcke aus einer andern Welt. Jzo schreibt er: Ein Stuͤcke von einer andern Welt. Da- selbst §. 11. Nur als was fremdes: Anizo: Nur als etwas fremdes. §. 16. Eines Sohns Oedipi und Jo- castaͤ: Anizo: Eines Sohns des Oedipus und der Jo- casta. Cap. 5. §. 4. Das erste Wunderbare, so die Goͤt- ter verursachen: Anizo schreibt er: Das erste Wunder- bare, was die Goͤtter verursachen. zur III. Gottsch. Dichtk. nommen. Zweytens habe ich auch in den Re- geln und Vorschriften, zu mehrerer Erlaͤuterung H 5 und Absicht auf diese neue gereinigte Auflage seinen Grund ha- be, will ich gleichfalls mit ein paar Exempeln weisen. Cap. IV. §. 3. Man macht zum Ex. ein verliebres trauriges lustiges Gedichte im Nahmen eines andern. Kuͤnstliche Vernischung von ungleichen Eigenschaften in einem Ge- dichte! Jn demselben §. Man muß den Unterscheid des Gekuͤnstelten von dem Ungezwungenen angemercket ha- ben. §. 29. Der eingebildete Universal Monarch. Jn dem V. Cap. 7. §. 175. Bl. ziehet er in einem kleinen neu- en Zusatze Tassoni geraubtes Siegel an als ein schertzhaf- tes Episches Gedicht; wo er aus Unwissenheit einen Was- ser-Eimer in ein Siegel metamorphosiert, und sich da- durch verraͤth, daß er dieses Wercklein weder gesehen noch gelesen habe. Jn der Uebersetzung von Horatzens Dicht- kunst steht V. 473. Bl. 50. Entweder ein Poet sucht Nutzen oder Lust; Auch beydes liebt er wohl zugleich mit reger Brust. Welches nicht allein ein Muster von seiner Ungeschicklich- keit im Uebersetzen; sondern auch wider die Richtigkeit der Sprache anstoͤssig ist: Und ich erinnere mich dabey jenes dummen Schulmeisters, der, als er seine Lehrlinge uͤber die Frage aus dem Catechismus, Wer hat dich erschaf- fen ? in Ansehung ihres Begriffs erforschen wollte, die Fra- ge also umgekehrt hat: Erschaffen wer hat dich ? Eben daselbst V. 426. Bl. 46. ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ Jch trachte den Poeten Hinfort ein Sporn zu seyn, ein Wetzstein ihrer Floͤten. Wie dieser Eisen schaͤrft. ‒ ‒ ‒ ‒ Jn der neuen Auflage ist zwar der Wetzstein der Floͤten in einen Antrieb der Floͤten verwandelt worden: doch ist der Ausdruck noch abentheurlich genug. Jn dem III. Cap. 1. §. steht: Man hat endlich gar die Regel gemacht: Ein Neue Vorrede und Bestaͤrckung derselben, noch manches bey- gefuͤgt Noch manches beygefuͤgt, das in den vorigen Aus- gaben nicht gestanden) Diese Zusaͤtze sind meistens histo- risch und von schlechter Erheblichkeit: Sie bestehen entwe- der aus blossen Versetzungen, wie Cap. I. §. 8. III. 24. oder aus historischen Erzehlungen von poetischen Abentheu- ren, wie III. 25. oder aus eingeschalteten Citationen aus lateinischen Scribenten, wie II. 5. und aus den Schriften der deutschen Gesellschaft, wie IV. 5. Dahin gehoͤret, daß auch die in den Anmerckungen angefuͤhrte Stellen aus franzoͤsischen, englischen ꝛc. Scribenten ins Deutsche uͤber- sezt werden. Zu diesen Veraͤnderungen muß auch die Aus- mertzung verschiedener Stellen aus Boileau, wie II. 10. 16. 17. ꝛc. gerechnet werden. , das in den vorigen Ausgaben nicht ge- standen; auch hin und wieder manchen Scri- benten angefuͤhrt, worinn dasjenige mit meh- rerm nachgelesen werden kann, was ich nur kurtz hatte anfuͤhren koͤnnen. Drittens habe ich auch an verschiedenen Orten, denen Einwuͤrffen be- gegnen muͤssen, die man in oͤffentlichen critischen Schriften, zumal aus Zuͤrich her Denen Einwuͤrffen ‒ ‒ ‒ zumahl aus Zuͤrich her dagegen gemacht) Freylich hat er allen diesen Einwuͤrf- fen, , dagegen gemacht: Ein Poet muͤsse einen guten Geschmack haben. Diese Regel nun nach meiner Art zu erklaͤren und zu erweisen, das ist meine Absicht in diesem Capitel. Diese Regel koͤmmt mir eben so spaßhaft vor, als wenn ich sagte: Man hat endlich gar eine Regel gemacht: Ein Tantzmeister muß Beine und Gelencke haben. Weiß denn der deutsche Sprach- richter und Philosophus, der so viel Kuͤnste in Regeln will gebracht haben, noch nicht, was eine Regel ist, und wie sie von einer Forderung unterschieden ist? zur III. Gottsch. Dichtk. gemacht: doch habe ich mich sowohl der Namen mei- fen, die mit so vieler Gruͤndlichkeit gegen seinen Versuch gemacht worden, begegnen sollen; aber er hat es lieber bey der blossen Erkenntniß dieser Schuldigkeit bewenden lassen. Man durchgehe nachfolgendes Verzeichniß von Beschuldigungen, so von den Zuͤrchischen Kunstlehrern in verschiedenen Wercken mit Nahmen gegen ihn gemachet wor- den; und erkundige sich hernach durch sein eigenes Nach- schlagen, ob und wo er auch nur den kleinsten Versuch ge- than, eine von denselben, gesetzt es waͤre auch nur mit einigen scheinbaren Worten, von sich abzulehnen. Man wird finden, daß er deßfalls zum Anstoß seiner geringsten Schuͤler, welche zu ihrer Belehrung sich darnach mit der dazu noͤthigen Lernensbegierde umgesehen hatten, als stumm und mundtodt geblieben. Critische Abhandlung von Gleichnissen. Bl. 170. 171. wird Hrn. Gottsched vorgehalten, daß er eine Stelle aus Canitzen Gedichten, wo er Virgils Charac- ter der Dido erhebet, auf eine unverstaͤndige Weise verbes- sern wollen, aber wuͤrcklich verderbet, und den Character, den er doch anpreiset, gantz verstellt habe. Siehe Gottsch. Dichtk. IV. Cap. §. 5. Eben daselbst Bl. 179. wird das Lob, welches Hr. Gottsched Amthors Uebersetzung von der Rede der erzuͤrn- ten Dido beym Virgil, beygeleget, in eine critische Unter- suchung genommen, und als ein Beweis von dessen uͤblem Geschmack angegeben. S. Gottsch. Dk. X. Cap. §. 4. Eben daselbst Bl. 198. wird Hr. Gottscheds Eroͤrterung, wie ferne die Gleichnissen sich in die Schreibart der Tragoͤ- dien schicken? weitlaͤuftig gepruͤffet, und als undeutlich, ungewiß und verworren dargegeben: zugleich auch gezei- get, daß Gottsched die Regel: Ahmet der Natur nach: die er so oft in dem Munde fuͤhret, bis itzo nicht verstan- den habe. S. Gottsch. Dk. II. Th. X. Cap. §. 25. Eben Neue Vorrede meiner Gegner, als aller Anzuͤglichkeiten billig ent- Eben daselbst Bl. 266. wird Gottscheds Critick uͤber des Hrn. von Lohenstein Leichrede auf den Hrn. von Hofmanns- waldau mit guten Gruͤnden verworffen. Eben daselbst Bl. 494. u. ff. wird Neukirchs von Hr. Gott- sched so gelobtes Gedichte auf die geschuͤtzten Nachtigallen in einer ausfuͤhrlichen Untersuchung vieler Ungeschicklichkei- ten beschuldiget. S. Gottsch. Dk. Cap. XI. §. 29. Critische Dichtkunst. I. Th. Bl. 304. wird Hr. Gottscheds Urtheil von Achilles Schild beym Homer, welches er nur einem Franzosen ab- geborget, als unbescheiden abgefertiget. S. Gottsch. Dk. VI. Cap. §. 5. Eben daselbst II. Th. Bl. 331. wird gezeiget, daß Hr. Gottsched wider alle Vernunft das gemeine Recht neue Me- taphoren in die deutsche Sprache einzufuͤhren einschrancken wolle. Jm III. St. der critischpoetischen Sam̃l. Bl. 17-28. und Bl. 107. sind ihm uͤber eben diese Materie deutliche Vorstellungen gethan worden. S. Gottsch. Dk. IX. Cap. §. ult. Critische Betrachrungen uͤber poet. Gemaͤhlde. Bl. 348. wird Hr. Gottscheds Urtheil von ein paar Stellen in Canitz und Bessers Trauergedichten widerlegt. Siehe Gottsch. Dk. V. Cap. §. 25. und XI. Cap. §. 26. Daselbst Bl. 505. wird Hr. Gottscheds Uebersetzung von der Rede der Scythischen Abgesandten beym Curtius ge- tadelt. Daselbst Bl. 339. wird dessen Schutzschrift fuͤr die Lehre von der Baukunst der Figuren widerlegt. S. Gottsch. Dk. X. Cap. §. 2. Amthors Schreibart in der Uebersetzung eines Stuͤckes der Aeneis ist eben daselbst Bl. 89. 104. und 245. und in der critischen Dichtk. II. Th. Bl. 160. 175. 181. der Platt- heit, zur III. Gottsch. Dichtk. enthalten Jch habe mich der Nahmen meiner Gegner ent- halten) Dieses gehoͤrt zu der unergruͤndlichen Schreib- art, und muß verstanden werden, wie das Mater timidi flere non solet: Es hat naͤmlich Gottsched alle die von Zuͤ- rich her in vielen critischen Schriften wider seine Dichtkunst gemachten Einwuͤrffe, nicht beruͤhrt, sondern fuͤr unge- schrieben gehalten, und deswegen alles dieses gantz un- veraͤndert aus der zweiten Auflage in die neue hinuͤberge- bracht: darum auch keinen Anlaß gehabt, die Nahmen seiner Gegner anzufuͤhren. Jm Gegentheil hat er die Nahmen dieser Gegner aller Orte, wo sie etwa vorhin gelobt waren, aus einer recht sorgfaͤltigen Unparteylichkeit, ausgeloͤschet. Als z. E. I. Th. IV. Cap. 1. §. stuhnd in der Edition von 1737. Man kan hierbey mit Nutzen nachlesen, was Herr Bodmer in seinen vernuͤnftigen Gedancken und Urtheilen von der Beredsamkeit fuͤr feine Regeln und Anmerckungen davon gegeben hat. IV. C. 3. §. beym Ende: Man darf nur die Discurse der Maler nachlesen, wo unterschiedene solche Censuren vorkom- men, die hieher gehoͤren. Also VI. 22. Jm II. Th. IX. Cap. ; als welche nichts zur Sache thun, und heit, Mattigkeit, und Ungeschicklichkeit uͤberwiesen worden; Jn der Gottsch. Dichtk. hatte man sie Cap. XI. §. 14. vor die rechte Schreibart angepriesen, die sich zu einem Heldenge- dichte schickt; und uns versichert, daß Amthor die edle Einfalt Virgils voͤllig erreicht habe. Jn der Sammlung crit. und poet. Schriften. I. St. Bl. 67. u. ff. und II. St. Bl. 152. sind seine ver- wirrten Begriffe von dem Sinnreichen und dem Scharf- sinnigen von neuen aufgeklaͤret worden, wie schon 1728. in der Anklage des verderbten Geschmacks geschehen war; ohne daß er es sich zu Nutzen gemacht habe. Eben daselbst II. St. Bl. 173. 174. wird seine verwirrte und eitele Erklaͤrung des Geschmackes, so er im III. Cap. seiner Dichtk. §. 9. gegeben, jedermann vor Augen geleget. Critische Abhandlung von dem Wunderbaren in der Poesie. Bl. 97. u. f. wird Hr. Gottscheds Urtheil uͤber Miltons Bau des Pandaͤmoninm, welches er Voltairen nachgespro- chen hat, weitlaͤuftig widerlegt. Aber in der neuen Auf- lage der Dichtkunst VI. Cap. 22. §. 23. §. ist es ungeaͤn- dert geblieben, wie es in der vorhergehnden Auflage ge- standen hat, ausser daß er den ihm so sehr verhaßten Nah- men Hrn. Prof. Bodmers ausgestrichen, und anstatt, welches uns von Hrn. Pr. Bodmern noch neulich im Deutschen geliefert worden, hingeschrieben hat: Wel- ches uns vor etlichen Jahren in der Schweitz im Deut- schen geliefert worden. Nicht anders hat ers mit den uͤbrigen Beschuldigungen gemacht, welche er groͤstentheils aus Voltairen abgeschrieben, als, die Einwuͤrffe von der abscheulichen Blutschande Satans und der Suͤnde, von dem Satanischen Geschosse, von den Anzuͤgen aus der Mytho- Neue Vorrede und vielmehr einen Uebelstand machen wuͤrden. Habe Mythologie, von der Abwechselung des Tages und der Nacht im Himmel vor Erschaffung der Welt, von den Weltgegenden, Berg und Thal, ja einem Boden vol- ler Metalle, daraus die Teufel allerley kuͤnstliche Dinge machen. Alle diese Sachen sind in Hrn. Bodmers Ab- handlung von dem Wunderbaren auf gewisse Grundsaͤtze gebracht, und die Einwuͤrffe, welche Hr. Voltaire und Hr. Magny mit einem weit bessern Scheine, als Hr. Gott- sched sie ihnen nachgesagt, dagegen gemacht haben, gruͤnd- lich und zusammenhangend aufgeloͤset worden. Auf das alles hat Hr. Gottsched nichts anders gethan, als seine Anklage oͤfters wiederholet, als ob sie von einer jeden Wie- derholung ein neues Gewichte bekaͤme. zur III. Gottsch. Dichtk. Habe ich aber, was den miltonischen Geschmack betrifft, den man uns, nach Verbannung des marinischen, mit Gewalt aufdringen Man will uns den Miltonischen Geschmack mit Gewalt aufdringen) Hr. Prof. Gottsched will durch diese Klage seinen Eifer, den er wider das besorgliche Uebel des Miltonischen Geschmacks in denen wichtigen Zusaͤtzen des neuen Versuches einer crit. Dichtkunst mit einer ihm sonst nicht gewohnten Ernsthaftigkeit ausgestossen hat, um etwas entschuldigen: Es scheint, daß er die foͤrmliche Ablehnung des Verdachts daß die Schweitzerische Na- tion sich habe uͤberreden lassen, an Miltons verlohrnem Paradiese einen Geschmack zu finden, nur fuͤr einen blos- sen Schertz aufgenommen habe; sonst wuͤrde er wohl er- kennt haben, daß die Gefahr diesfalls von Seite der schweizerischen Nation keineswegs so groß sey, als er in seinem fantasierenden Kopfe zu traͤumen Lust hat. Und ich wollte mich viel eher unterstehen, einen Raben zu blei- chen, oder einen Mohren weiß zu waschen, als den steif- fen Sinn dieses eigenmaͤchtigen Richters in andere Falten zu biegen, oder ihm etwas aufzudringen, daran er sich verredet hat, keinen Geschmack zu finden. Jch will diese wichtigen Zusaͤtze, die ihm sein Eifer wieder den einreis- senden miltonischen Geschmack in die Feder gefloͤsset hat, und wodurch er sein Mißfallen an Miltons Gedichte mit einem richterlichen Ansehen, und mit solchen Ausdruͤckun- gen, die er sonst ungerne braucht, entdecket, hier bey- fuͤgen, damit jedermann die nachdruͤckliche und immer sieghafte Schreibart dieses philosophischen Kunstrichters be- wundern koͤnne. Hrn. will, mich IX. Cap. 17. §. So daß der Nahme Hrn. Prof. Bodmers in der neuen Auflage nirgends mehr zu lesen vorkoͤmmt, als in dem Register, welches unveraͤndert geblieben. Neue Vorrede mich bisweilen, von der Sache selbst harter Redens- Hrn. Gottscheds Versuch einer crit. Dichtkunst. II. Cap. 17. §. wird nach dem Satz: Von den Jtalie- nern und Spaniern hat uns Bouhours in hundert Exem- peln die Fruͤchte gar zu hitziger Geister gewiesen, die keine Pruͤffung der Vernunft aushalten: folgender Zu- satz gemacht: „Unter den Engellaͤndern aber, die uͤber- „haupt sehr starck zu den Ausschweiffungen der Phan- „tasie geneigt sind, hat Milton, alles was man dadurch „ schwaͤrmendes machen kan, in seinem verlohrnen Pa- „radiese gewiesen.„ IV. Cap. 16. §. in der neuen Auflage 15. §. nach dem Urtheil von der kleinen Jlias, steht folgendes eingeschal- tet: „Dahin gehoͤrt auch Milton, der in dem verlohr- „nen Paradiese nicht nur den Fall Adams, und seine Ur- „sache, naͤmlich die Verfuͤhrung Satans; sondern auch „die Schoͤpfung der Welt, ja was vor derselben vorge- „gangen, naͤmlich den Fall Lucifers, erzaͤhlet.„ VIII. Cap. 19. §. nach den Worten: Da doch der Gebrauch verbluͤmter Reden die Sachen weit lebhafter vorstellen, und empfindlicher machen sollte: bemercket folgenden Zusatz: „Nicht nur im vorigen Jahrhunderte „hat die marinische Schule den dunckeln Wust in die „Dichtkunst gebracht; sondern auch izo will uns die „miltonische Secte von neuem uͤberreden: Nichts sey „schoͤn, als was man kaum verstehen, oder doch mit „vielem Nachsinnen und Kopforechenkaum errathen kann. IX. Cap 7. §. Nach den Worten: Oder sie meinen doch, um eines guten Gedanckens halber, stehe es ih- nen frey, die Sprache zu verstuͤmmeln: wird folgendes beygeruͤcket: „Einige aber meinen gar, es bestehe die „Schoͤnheit der poetischen Schreibart in solchen Verkeh- „rungen der Woͤrter; indem man sich dadurch von der „prosaischen Rede sehr entfernen koͤnnte. Siehe die Vor- „rede zu dem schweitzerischen Milton.„ IX. Cap. zur III. Gottsch. Dichtk. Redensarten bedienet: so bedencke man, daß J der IX. Cap. 28. §. Gegen dem Ende, zaͤhlet er unter die Barbarismos in der deutschen Mundart, durch einen neu- en Zusatz, die Mittelwoͤrter, die auch von einigen ge- schwornen Participianern, sehr unverschaͤmt gebraucht werden. X. Cap. 2. §. Nach dem Einwurff von der Unnuͤtzlich- keit des Unterrichts von Figuren, wird folgendes einge- schaltet: „Zu dieser Zahl ist noch neulich ein schweizeri- „scher Kunstrichter getreten, der anstatt der Figuren, „ein unverstaͤndliches Mischmasch, und eine sclavische „Nachahmung des, in seiner eignen Sprache barbari- „schen Miltons einzufuͤhren wuͤnschte. XI. Cap. 16. §. Zu Ende wird gantz neu beygesetzet: „Eben hierinn ist auch Milton tadelhaft, dessen Erzaͤh- „lungen durchgehends gar zu verbluͤmt, stoltz und praͤch- „tig sind. Er verschwendet tausend Bilder, Gleichnisse „und Beschreibungen. Er bringt, gleich dem lohenstei- „nischen Arminius, alle seine Gelehrsamkeit und Bele- „senheit an, und verfaͤllt auf langwierige Ausschweif- „fungen, die den Sinn des Lesers zerstreuen. Tasso „und Voltaire, koͤnnen die Kunst zu erzaͤhlen unzaͤhlige- „mal besser, als dieser Englaͤnder.„ Nach so vielen wiederholten Ausspruͤchen eines so kuͤh- nen und maͤchtigen Kunstrichters, der sein Ansehen allen Gruͤnden dreiste entgegen setzen darff; wird wohl niemand mehr zweifeln, daß Hr. Gottsched nicht von Hertzen glau- be, daß seine Aussage die baare Wahrheit sey: Also wird nun Milton kuͤnftighin in Deutschland von allen rechtschaf- fenen Gottschedianern als ein dunckler und unergruͤndlicher Scribent, als ein poetischer Schwermer und Quacker, als ein in seiner eigenen Sprache barbarischer Dichter, verruffen werden, weil der Schweitzer, so ihn uͤbersetzt und neben Addison angepriesen, das Ungluͤck gehabt, sich [Crit. Sam̃l. VI. St.] der Neue Vorrede der Eifer wider ein besorgliches Uebel, welches den der Gewogenheit des Hrn. Profess. G. unwuͤrdig zu ma- chen. Denn zuvor bis gegen das Jahr 1737. hat eben der Gottschedische Geschmack, der sich keineswegs unter das Joch der Critick biegen laͤßt, sondern die Sachen allemahl finden kann, wie es ihn geluͤstet, Miltons Ge- dichte, und dessen Uebersetzung mit vollem Munde gelobet. Nachdem aber der Schweitzerische Vertheidiger Miltons diese Gewogenheit des Vormunds der deutschen Nation verwuͤrcket hat; und also der Grund des vorigen fuͤr ihn so vortheilhaften Urtheils hingefallen ist, so war Hr. Gott- sched nach der willkuͤhrlichen Freyheit seines Geschmacks wiederum berechtiget, sein ersteres Urtheil zu wiederruffen, und eine gleiche Sache gantz anders zu finden, als vorhin: Denn solche Herren sind keine Sclaven ihrer Wor- te, und wenn diese gleich hundertmahl offentlich gedruckt waͤren. Jch will zum Beweißthum dessen ein paar neue Proben anfuͤhren. Die groͤste und wichtigste Veraͤnderung, die in dieser neuen Auflage des Gottschedischen Versuches gemachet worden, findet sich in dem I. Cap. 25. §. nach der alten Ausgabe auf der 85sten nach der neuern aber auf der 86sten Seite: Jch will beyde neben einander vor Au- gen legen, damit man sehe, wie wenig es ihm zu schaf- fen gebe, dasjenige was er einmahl ohne Grund gelobet hat, so bald es ihm gefaͤllt, zu wiederruffen, und mit eben demselben Rechte zu schelten. Ausgabe von A. 1737. Bl. 85. Hingegen was die gros- sen Gedichte der Alten, nem- lich Heldengedichte, Tragoͤ- dien und Comoͤdien anlangt, so haben wir noch nicht viel (nichts rechtes: Ausg. von 1730.) Ausgabe von A. 1742. Bl. 86. Was die grossen Gedichte der Alten betrifft, so haben wir gewiß in allen Arten et- was aufzuweisen, das, wo nicht gantz vollkommen, doch nicht so gar zu verwerffen ist, wenn zur III. Gottsch. Dichtk. den bisherigen Glantz Den bisherigen Glantz unsrer Muttersprache) Beyspiele davon koͤnnen folgende seyn. Jch nehme sie aus solchen Gedichten Hrn. Prof. Gottscheds, die er seiner Dicht- unsrer Muttersprache und J 2 freyen 1730.) in unsrer Sprache aufzuweisen, so nach den gehoͤrigen Regeln ausgear- beitet, und aus keiner frem- den Sprache uͤbersetzt waͤre. Die Jtaliaͤner uͤbertreffen uns durch ihren Tasso, wie die Engellaͤnder durch ihren Milton, denen wir noch nichts entgegen setzen koͤn- nen, was Stich hielte. Denn Postels Wittekind taugt nichts, und alle uͤbri- ge Heldengedichte so wir ha- ben, sind nur elende Ueber- setzungen. Pietschens Sieg Carls des VI. in Ungarn, wo er jemahls voͤllig heraus- koͤmmt, nachdem sein Ver- fasser verstorben, wird eher einer lucanischen Pharsal, als einer Eneis des Virgil aͤhnlich sehen; weil derselbe sich nicht nach den Regeln eines Heldengedichts hat rich- ten wollen. Augnst im La- ger, davon man nur den ersten Gesang hat, hat kei- ne so ernsthafte Handlung zum Jnhalte, daß daraus ein Heldengedichte werden kan, gesetzt, daß es dem Poeten gefiele es zum Ende zu bringen. Denn ein blos- ses wenn man es mit den Ge- dichten der Auslaͤnder ver- gleicht. Von Heldengedich- ten haben wir nicht nur un- ter den Alten, den Theuer- danck und Froͤschmaͤuseler; sondern auch einen Habspur- gischen Ottobert, die geraub- te Proserpina und den saͤchsi- schen Wittekind. Sind die- se noch nicht so gut als Ho- mer, Virgil und Voltaire; so sind sie doch nicht schlech- ter, als das, was Mari- no, Ariost, Chapelain, St. Amand und Milton in die- sem Stuͤcke geliefert haben. Man muß sich nur uͤber die sclavische Hochachtung alles dessen, was auslaͤndisch ist, erheben, die uns Deutschen bisher mehr geschadet, als genutzet hat. Pietschens Sieg Carls des VI. den wir neulich gantz zu sehen bekom- men haben, zeigt uns zwar, daß der Verfasser Faͤhigkeit genug gehabt, ein Helden- gedichte zu machen; wenn ihm die Regeln desselben be- kannt gewesen waͤren: Aber selbst verdienet es noch nicht, in diese Classe zu kommen. Neukirchs Telemach aber, ist Neue Vorrede freyen Kuͤnste bald wieder verdunckeln koͤnnte, uns ses Spielwerck, wenn es auch noch so praͤchtig und Koͤniglich ist, kan zu keinen grossen Leidenschaften Anlaß geben, und folglich in kei- nem Heldengedichte besungen werden: So wenig als Frischlinus in Beschreibung der Wuͤrtenbergischen und Hohenzollerischen Hochzeiten, ein paar Heldengedichte ver- fertiget hat. Die Franzosen haben izo an ihrem Voltaire einen Poeten, der ihre Ehre gegen die vorerwaͤhnten bey- den Nationen durch seine Henriade so gut behauptet, als selbige durch den Chape- lain war geschmaͤlert wor- den. Jn Tragoͤdien und Comoͤdien aber sind sie die groͤsten Meister, und koͤn- nen durch ihre Corneille, Ra- cine, Moliere und verschie- dene neuere, nicht nur uns Deutschen, sondern so gar den alten Griechen und Roͤ- mern trotzen. ist nur eine Uebersetzung, und kan uns also zu keiner Ehre gereichen. Jn Trauerspielen haben wir den Auslaͤndern nicht nur den Gryphius, Hallmañ und Lohenstein, son- dern sehr viele andre neuere Dichter entgegen zu setzen, die sich seit zwoͤlf Jahren, da diese Dichtkunst zum erstenmal er- schienen, (ich schreibe dieß 1741.) hervorgethan haben, und schon im Begriffe stehen, ans Licht zu treten. Thun es diese schon einem Corneille und Racine noch nicht in al- lem gleich, so haben sie auch viele Fehler dieser beyden Franzosen nicht an sich; und koͤnnen es doch, theils mit den neuern Franzosen, theils so wohl mit den Wel- schen als Englaͤndern auf- nehmen, deren Schaubuͤhne in sehr grosser Verwirrung ist. Jn der Comoͤdie haben wir nicht nur Dedekinds, Gryphii, Riemers, und Weisens, son- dern eine grosse Menge an- drer Stuͤcke in Haͤnden, die seit 200. Jahren bey uns ge- druckt worden. Und sind die- se gleichfalls mit des Moliere und Des Touches Lustspielen nicht zur III. Gottsch. Dichtk. uns leicht zuweilen einnehmen, und solche Aus- J 3 druͤcke nicht zu vergleichen, so doͤr- fen wir doch weder den Wel- schen noch Englaͤndern das allergeringste nachgeben; es waͤre denn in der Liebe unsers Vaterlands; darinnen es uns jene unstreitig zuvorthun. Doch zeigen sich auch hier schon einige muntre Koͤpfe, die durch gluͤckliche Proben uns Hofnung machen, daß wir auch den Franzosen nicht lange mehr werden den Vor- zug lassen doͤrfen. Man sehe das Verzeichniß unsrer Schauspiele vor meiner deut- schen Schaubuͤhne. Eben diese Fertigkeit von einem Seil auf das andre zu springen, ohne sich den Hals zu brechen, hat dieser ge- schickte Kuͤnstler auch in folgender Stelle erwiesen: II. Th. IX. Hauptst. §. 17. Man hat, wie bekannt, den Vers auf ihn gemacht: Illa Capellani dudum exspe- ctata Puella, Post tot in lucem tempora prodit Anus. Man kan bey uns Deutschen von dem Habspurgischen Ot- tobert, und von Postels Wit- tekind eben das sagen. Diese Fabeln an sich, oder die Ge- dichte selbst sind besser gera- then, II. Th. IX. Cap. 17. §. Man hat, wie bekannt ist, den Vers auf ihn gemacht: Illa Capellani dudum exspe- ctata Puella, Post tot in lucem tempora venit Anus. Mit besserm Rechte ist Fene- lon mit seinem Telemach hie- her zu rechnen, den Neukirch bey uns in Verse uͤbersetzet hat. Man kan von uns Deut- schen von dem Habspurgischen Otto- Neue Vorrede druͤcke in den Mund legen kann, die man sonst ungern gebrauchen wuͤrde. End- then, als ihre rauhe und gar- stige Verse: Daher sich sehr wenige uͤberwinden koͤnnen, solche verdrießliche Wercke zu lesen. ‒ ‒ ‒ ‒ Milton hat hingegen in Engelland ‒ ‒ ‒ die Hochachtung sei- ner gantzen Nation erlanget. ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ Noch neulich hat uns Hr. Prof. Bodmer eine neue deutsche Ueberse- zung in ungebundener Rede davon geliefert; die von gros- ser Staͤrcke ist, und ihrem Grundtexte eine voͤllige Ge- nuͤge thut. Siehe crit. Bey- traͤge. Ottobert und von Postels Wittelind eben das sagen. Diese Fabeln an sich oder die Gedichte selbst sind besser gerathen, als ihre rauhe und garstige Verse: daher sich sehr wenige uͤberwinden koͤn- nen, solche verdrießliche Wer- ke zu lesen. ‒ ‒ ‒ Mil- ton hat hingegen in Engeland die Hochachtung seiner gan- zen Nation erlanget. ‒ ‒ ‒ ‒ Noch neulich hat man uns in der Schweitz eine neue deut- sche Uebersetzung in unge- bundner Rede davon gelie- fert, die aber von grosser Haͤrte ist, und ihrem Grund- texte keine voͤllige Gnuͤge thut, ausser daß sie das ungeheure, rauhe und widrige des Ori- ginals in seiner voͤlligen Groͤsse ausdruͤckt. Man sehe hier- von den Auszug im I. B. der crit. Beytraͤge und das erste Stuͤck des Dichterkrie- ges im I. Bande der Belusti- gungen des Verstandes und Witzes nach. zur III. Gottsch. Dichtk. Endlich so ist das Wichtigste, und wodurch diese Ausgabe unfehlbar einen grossen Vorzug vor allen vorigen erhalten wird, dieses: daß ich nicht nur im ersten Theile dieses Buches, mehr Exempel aus guten und schlechten Dichtern an- gefuͤhret; sondern auch im andern Theile, bey allen Capiteln, wo vorhin Exempel von meiner eigenen Arbeit stunden, lauter Meisterstuͤcke von J 4 uns- Dichtkunst als Muster einverleibet hat: II. Th. 382. S. So brich denn an, erwuͤnschtes Licht! Sonst wird des Himmels Angesicht, Von unserm Haupte Stralen borgen, Von Guͤnthern, der dem Phoͤbus gleicht. Der spitzfuͤndige Poet bedrohet die Sonne, woferne sie den Geburtstag des Fuͤrsten nicht fein bald zu beleuchten aufsteige, so werde sie dann viel zu spaͤthe kommen: Warum? Der Fuͤrst Guͤnther werde selbst Tag machen; Fragest du, wie dieses moͤglich sey? so berichtet dich der Poet, daß der Fuͤrst dem Phoͤbus gleiche, und daß der Himmel aus Ungedult die Stralen von diesem Phoͤbus borgen werde: Und an diesem geheimnißreichen Unter- richt must du dich begnuͤgen lassen. Jn eben dieser Ode: Der Sonnen Gold streut Blitz und Glantz. Jn einer andern auf der 389sten Seite: So schmuͤckt das Gold der Einigkeit Das Ruh erfuͤllte Sondershausen. Einen besondern Glantz giebt unsrer Muttersprache die bis- Neue Vorrede unsren besten Dichtern eingeschaltet habe. Jch habe aber dieselben mit gutem Bedachte nicht eben aus den neuesten, die ohnedem in aller Haͤn- den sind, und die auch ohne mein Zuthun gele- sen werden; sondern aus den aͤltern, als Opi- tzen, Flemmingen, Dachen, Racheln, Neu- kirchen u. d. m. die nicht ein jeder hat, oder lie- set, hergenommen. Jch will aber dadurch, daß ich sie zu Mustern anfuͤhre, nicht eben alle kleine Feh- bisherige Hoͤflichkeit unsrer Poeten: Jn eben diesem Lied 388. S. Denn, Landesmutter, solch ein Tag, Erlaube, daß mans sagen mag, (Jch wollte wohl wetten doͤrfen, daß niemand die folgen- de Zeile errathen wuͤrde:) Erscheint nicht allzu oft auf Erden. Das ist, als wenn ich sagte: Jch bin; erlaubet mirs zu sagen, euer gehorsamer Diener. Eben daselbst: Der Gnadenblicke Seltenheit ꝛc. Jst dieses ein Lob oder Tadel? Auf der 513. S. in einer Elegie an seine erlesne Braut die Jgfr. L. A. V. Kulmus: Mein auserwehltes Licht! Acht Tage sind nur hin, So werd ich laut und frey den theuren Eyd beschweren, Daß ich dir ewig treu und ganz dein eigen bin. Jch freue mich darauf! O waͤr es schon geschehen! Der Seufzer in dieser lezten Zeile ist in dem Munde eines Braͤutigams, der in 8 Tagen zum erstenmal Beylager halten soll, recht geheimnißreich. zur III. Gottsch. Dichtk. Fehler der Wortfuͤgung, des Sylbenmaasses und der Reime billigen; die man noch hin und her, als Ueberbleibsel des vorigen Jahrhun- derts anmercken wird. Nein, ich will nur den gesunden und maͤnnlichen Geschmack dieser Hel- den in unsrer Sprache und Dichtkunst anprei- sen, und bekannter machen; um wo moͤglich, der neuen Sucht, gekuͤnstelt, versteckt und un- ergruͤndlich zu schreiben, die sich hin und her re- get, zu steuren. Erlange ich dieses, so wird mich auch in diesem Stuͤcke mein gefaßter Ent- schluß niemals gereuen. Geschr. im Jenner 1742. Gottsched. J 5 Ecloga. Ecloga. Ecloga. V Erlaß einmal Elpin die Mauren, das Gedraͤnge, Die eingesperrte Luft, des Sonnen-Lichtes Enge, Wo die bemuͤhte Kunst des Schoͤpfers Werck verdringt, Und die Natur verkehrt in Mißgestalten zwingt: Komm auf das weite Land und schau’, und hoͤr’, und fuͤhle- Und rieche der Natur jungfraͤulich-edle Spiele, Die sanft, gelind und rein, in die geruhge Brust Gesunde Regung fuͤhrt, und ungemischte Lust; Wovon ich juͤngst gehoͤrt den Schaͤfer Hylas singen, Der an die Lindemag die Musen pflegt zu bringen. Jhr Gruͤnde, fieng er an, ihr Matten, Busch, und Feld, O Land, das alle Lust der Sinnen in sich haͤlt; Der Winter hat zweymal verderbet euer Glaͤnzen, Zweymal sich euer Schooß verneut im frischen Lenzen, Seit daß ich euch gemißt, wiewohl ich mit dem Leib Bey euch vorhanden war, seitdem ein schoͤnes Weib, Seit Emma mich gehabt, und mich euch gantz entzogen. Eur Glanz, und eure Lust war weg, sie war verflogen, Weil ich ihr nicht genoß; ich war in dieser Zeit Nicht euer, und nicht mein, von euch und mir sehr weit, So lang’ auf Emmens Stirn das Jungfernkraͤnzgen bluͤhte, Und Scham, der Unschuld Bild, auf ihren Wangen gluͤhte; So Ecloga. So lang’ ihr leichter Schwur bey mir Gehoͤre fand, Sie haͤtte mir ihr Hertz alleine zugewandt: Nun da nicht meine Hand, wo bleibet ihr Gewissen, Seit Aegons wilde Hand das Kraͤnzgen ihr zerrissen, Den Guͤrtel aufgeloͤßt, so bin ich wieder mein, So bin ich wieder eur, ihr Matten, Feld und Hain! Gesicht, Gehoͤr, Geruch, Gefuͤhle sind entbunden, Der Liebe schwartze Kunst zerstoͤrt und uͤberwunden. Empfange dann, o Land, mich in den kuͤhlen Raum Und schattenreichen Grund, wo Tann- und Fichten-Baum, Mit dichtverschraͤncktem Ast, sich fest umschliessend gatten, Aus freundlicher Begier in dem vereinten Schatten Den Gast, der sie besucht, mit Kuͤhlung zu erfreun; Die Sonn’ erhizte mich, doch mehr der Emma Schein, Allhier ist Kuͤhlung gnug die Glieder zu erlaben, Die in der Liebes-Glut sich ausgezehret haben. Wie hoch ist deine Farb’ o Rose, wie so rein, Wie schoͤn ist die Viol, wie unbefleckt, wie fein, Wie lieblich lacht das Land, erfreuet Aug’ und Sinnen, Die uͤber dem Gesicht verjuͤngte Kraft gewinnen; Zumahl wenn abends sich der regen Sonnen Strahl Tief in die Wolken druͤckt, und faͤrbt den blauen Saal: Zulange hat der Glanz auf Emmens Mund und Wangen Den euren ausgeloͤscht, zulang’ euch aufgefangen. Horcht, Ecloga. Horcht, horcht, was vor Musick erfuͤllet das Revier, Die Bache lispelt sanft, die Lerche fuͤllet hier Die Gegend mit Gesang, die holden Nachtigallen Ermuͤden Wald und Feld mit steigen und mit fallen; Wozu zulezte noch der Schafe Bloͤcken koͤmmt, Und mehrt die frohe Lust, die Hertz und Sinnen nimmt. Wie fremde deucht mich iezt, daß uͤber meinem Lieben Fuͤr so viel Melodie die Ohren taub geblieben; Daß solche Melodie ein blosser Thon verdrang, Wann Emma redete, wann Emma Lieder sang. Erfuͤlle mich, o West, mit lebendem Geruche, Durchstreiche Berg und Thal, erforsche und besuche Ein jedes Kraut und Blatt, wo der Wachholder riecht, Cypreß und Quendel gruͤnt, und wo die Erdbeer kriecht. Der Emma Athem hat mir euch zulang’ entzogen, (Und war doch nicht so suͤß,) zulange mich betrogen. Wie weich ist, wie so sanft das wolligte Gewand, Das meine Laͤmmer deckt! Wie glatt das Feder-Band An einem Dauben-Hals! Wie kuͤhle sind im Schatten Die Weste, welche sich mit Sonnenstrahlen gatten! Der Schafe Woll’ ist weich, der Dauben Hals ist zart, Des Westes Schatten kuͤhl, anbey vor Gift bewahrt: Wie kam es, daß ich sie so lange nicht gefuͤhlet, Als Emmens weiche Hand mit meiner Hand gespielet; Und Ecloga. Und doch, weil Emmens Hand mit meiner Hand gespielt, Hat meine bange Brust ein heimlich Gift gefuͤhlt. O Liebe reisse mich von meiner Landlust nicht Und laß mir das Gefuͤhl, Gehoͤr, Geruch, Gesicht. Kein Maͤgdgen muͤsse mehr in meinen innern Sinnen Mit ihrer Bildungs-Art so grosse Macht gewinnen, Daß sich vor ihrem Reiz der Landlust Reiz zerstreut, Fuͤr diese sag ich ab, der Schoͤnheit Trefflichkeit. Nun du, der hell wie Glaß die reinen Wellen treibt, Und an den Kieslingen mit sanftem Rauschen reibt; Vergoͤnne mir bey dir den Schlaf hinfuͤr zu finden, Der gern sich aufenthaͤlt in deinen stillen Gruͤnden, Wo der gedaͤmpfte Schall die Augenlieder neigt; Der wieget mich nun ein, seitdem die Liebe schweigt, Und mir an deinem Rand die Ruhe nicht verwehrt, Daran ihr Lermen mich zulange nur gestoͤrt. ENDE. Druckfehler. Jm dritten Stuͤcke ist in dem Complot der herrsch. Poet. S. 178. Z. 25. aus Uebereilung der Nahme Telpisch ausgelassen worden. Es sollte stehen: Wenn er in ih- rem Gebiete betreten wuͤrde, Kintzen, Nohren, Ma- hanen, und Telpischen uͤbergeben werden, daß sie ihn mit ihren poetischen Schellen zu Tode klingelten. Jm 5ten St. Bl. 17. fuͤr Attilius, leset Attila. Jn Miltons verl. Par. S. 95. Z. 6. leset statt Boltzen, Schloͤsser.