Geschichte Alexanders des Großen von Joh. Gust. Droysen. Ὥσπεϱ ϑεὸν ἐν ἀνϑϱώποις εἰκὸς εἶναι τὸν τοιοῦτον ..... Κατὰ δὲ τῶν τοιούτων οὐκ ἔστι νόμος· αὐτοὶ γάϱ εἰσι νόμος. Aristoteles. Mit einer Karte. Hamburg, bei Friedrich Perthes. Seinem Freunde Dr. Gottlieb Friedlaender, Custos der Koͤniglichen Bibliothek in Berlin. Mein lieber Freund, H at mir seit Jahren dieß Buch vom Alexander bei mancher Muͤhe und mancher Besorgniß, das Rechte wuͤrdig zu sagen, viele und stets neue Freude gewaͤhrt, so mag es mir jetzt zum Schlusse die noch bereiten, es Dir zu widmen mit dem einen Wunsche, daß es Dir meiner herzlichen Liebe ein Zeug- niß sei. Vielleicht, daß mir spaͤtere Arbeiten besser gelingen, lieber wird mir nicht leicht eine sein, als diese, von der ich wohl weiß, daß ich mit ihr von den schoͤnen Jahren der Ju- gend Abschied nehme; Dir aber wollte ich geben, was mir das Liebste ist. Da Du weißt, daß ich die Geschichte Alexanders in der Absicht, die Zeit der Diadochen und weiter die des Hellenis- mus zu bearbeiten, entworfen habe, so wirst Du es nicht unrecht finden, wenn ich sie nicht als Monographie noch als Biographie behandelt, sondern den großen Mann, der Ansicht gewiß, daß seine Persoͤnlichkeit nur das Organ seiner That, seine That nur der erste Impuls einer Wirkung auf Jahrhunderte ist, in seiner geschichtlichen Groͤße darzustellen versucht habe. Vieles Andere haͤtte ich vor Dir noch zu rechtfertigen, oder auch Deiner Nachsicht zn empfehlen: doch da ich deren gewiß bin, so will ich auch das nicht zu beschoͤnigen versu- chen, was sich nicht selbst vertritt. Findest Du aber in den Noten verhaͤltnißmaͤßig wenig citirt, von den Iskandersagen Unbedeutendes, von mittelalterlichen Traditionen gar nichts benutzt, von neueren Historikern fast nur St. Croix erwaͤhnt, so wolle nicht das eine oder andere Uebelste meinen, es sei Fahrlaͤssigkeit oder Misachtung. Vergiß es lieber, wie oft ich auf der Bibliothek, Dir damals noch ein Fremder, mit meinem Fragen und Suchen nach Buͤchern und wieder Buͤ- chern deine Geduld zu versuchen genoͤthigt war. Daß ich von allen nur wenige genannt habe, dazu zwang mich der schon zu große Umfang des Buches; Alles, was irgend entbehrlich war, mußte uͤber Bord geworfen werden; ein Schicksal, das ich selbst den Tabellen der Chronologie, der Satrapien und des Heerwesens, so wie den Stammtafeln Persischer und Mace- donischer Familien nicht habe ersparen koͤnnen. Berlin, den 24. December 1833. Joh. Gust. Droysen. Geschichte Alexanders des Großen. Erstes Kapitel. Einleitung. W enigen Menschen und wenigen Völkern wird das Vorrecht zu Theil, eine höhere Bestimmung als die Existenz, eine höhere Unsterb- lichkeit als zeitloses Vegetiren, als das Nichts der körperlosen Seele zu haben. Berufen sind alle; aber denen, welche die Geschichte zu Vorkämpfern ihrer Siege, zu Werkmeistern ihrer Gedanken auser- wählt, giebt sie die Unsterblichkeit des Ruhmes, in der Dämmerung des ewigen Werdens gleich einsamen Sternen zu leuchten. Wessen Leben also über die öde Dämmerung der Zeitlichkeit emporsteigt, dem ist der Friede des Lebens und der Genuß der Ge- genwart versagt, und auf ihm lastet das Verhängniß einer Zukunft; seine That wird ihm zur Schuld, seine Hoffnung zu einsamer Sorge und rastloser Arbeit um ein Ziel, das doch erst sein Tod erfüllt; und noch die Ruhe des Grabes stören die lärmenden Kampfspiele um seine Heldenwaffen und ein neues, wilderes Ringen der aufgerüttelten Völker. Also drängt sich das Chaos des Menschengeschlechtes Fluth auf Fluth; über den Wassern wehet der Geist Gottes, ein ewiges Werde, eine Schöpfung ohne Sabbath. Und wie an dem ersten Schöpfungstage Gott das Licht von der Finsterniß schied, und aus Abend und Morgen der erste Tag ward, so hat der erste Tag der Geschichte die Völker aus Abend und Morgen zum ersten Male geschieden zu ewiger Feindschaft und dem ewigen Verlangen der Versöhnung; denn es ist das Leben des Geschaffenen, sich aufzuzehren und zurückzusinken in die alte friedliche 1 Nacht des ungeschaffenen Anfangs; drum ringen die Völker aus Abend und Morgen den Kampf der Vernichtung; sie sehnen sich nach endlicher Ruhe. Diese Sehnsucht der Völker ist ein verlornes Paradies; aus sei- nem Paradiese trieb den Sohn des Morgenlandes die Angst des erwachten Gedankens, der umsonst nach Freiheit rang; gebannt in die weitlagernde Einöde von Höhen und Tiefen, umfluthet von den heimathlosen Horden der Urzeit, die er nur zu knechten, nicht zu ordnen vermochte, verdammt zum ewigen Arhimanskampfe des Ge- setzes und der Ohnmacht, zog er umsonst gen Abend, gegen die Völ- ker der Freiheit. Dieselbe Sehnsucht ist das Mährchen von der goldenen Zeit, von der der Grieche träumte und sang und nicht müde wurde zu dichten; denn da herrschte der Friede der seligen Götter und die Menschen lebten fromm und glücklich und wandelten mit den Göt- tern im heiligen Haine, ihr Himmel war auf Erden und der Freude kein Ende. So dichtete der Grieche, und seine Sehnsucht gestaltete sich zu den Kämpfen und Leiden der Heroen, zur Freiheit der Kraft und des Willens; seine Welt ward die Bühne eines steten Ringens, die Palästra des Gedankens, sein Leben dem großen Kampfspiel der Zukunft geweiht, dessen Siegespalme jenseit des Meeres, jenseit des erkämpften Perserreichs, an den stillen Ufern des Ganges grünt. Dann ist die Zeit erfüllt, dann kämpft und siegt der Heldenjüng- ling mit seinen Getreuen, dann jauchzen und frohlocken die Völker vom Aufgang bis zum Niedergang; er aber kehrt ohne die Palme des Ganges zurück, und um sein frühes Grab fluthet ein neues, wilder gährendes Chaos. Denselben Kampf wiederholen die Jahrhunderte unablässig; die- selbe Angst treibt die Völker Asiens gen Westen, dasselbe Verlangen den Abendländer zum heiligen Grabe, zu den Schätzen Golkondas, zum verschollenen Golde des Altai; mit allen Waffen der Gewalt und List, der Wildheit und Bildung, des Glaubens und Wissens, der Masse und des Gedankens treten neue und neue Völker in die Schranken, und nur die Potenzen ihrer Gewalt unterscheiden sie. Schon nistet Asien nah am Herzen Europas, schon hat Europa die Thore des hohen Asiens erbrochen; wer kennt die Zukunft? Aber einst, wenn aus Abend und Morgen der letzte Kampf entschieden ist, dann wird die Ruhe des schweigenden Anfangs wieder sein und die Geschichte hinwegeilen in eine neue Welt. Beginn und Ende dieses Kampfes der Jahrhunderte hat die Veste der alten Welt in ihrer geographischen Bildung präformirt; es scheidet sich Asien und Europa im Griechischen Meere, es vereint sich in den weiten Steppen der Wolga. — In Asien selbst schließen mächtige Bergwälle die Länder In- diens, Chinas, des Buddhaismus; in sich versunken haben sie in den großen Kämpfen der Geschichte nie fördernd und selten leidend Antheil genommen; von ihnen westwärts erst wohnen die Völker des geschichtlichen Kampfes. Er ist in dem Stromthale Mesopota- miens zum ersten Male erwacht; aber die Völker von Babylon und Assyrien wies der Lauf ihrer Ströme dem Südmeere zu, ihre Züge gen Westen haben sie mit frühem Untergange gebüßt. Auch an den Küsten regte sich das Leben der Völker; aber Aegypten war für immer der Erde verfallen, Israel ein verstoßener Liebling Got- tes, der Phönicier ein Fremdling in seiner Heimath. Dann zog Medien gen Westen, und die Turanier bedrehten es im Rücken; es drang siegend nach Süden vor, um in der Ueppigkeit des Thal- landes zu verkommen. Erst das Geschlecht der Perser war beru- fen, diese Völker alle zu beherrschen und von der hohen Burg Iran hinab seine Waffen und seine Ketten bis in das Abendland zu tra- gen; ihr Reich lehnte sich an den Westabhang des großen Gebirgs- walles, der Asien theilt, es knechtete die Tiefländer nordwärts und südwärts, die Völker von Baktrien und Syrien, es bezwang die Länder des Taurus und Libanon, des Halys und Nilstromes, die Brücken nach Europa und Afrika; aber das Meer und die Wüste ward seine Grenze; hier brach seine Kraft an der todten Gluthitze Lybiens, dort an der lebendigen Kraft der Europäischen Freiheit; die Riesenmasse des Reiches, nur durch die mechanische Bewegung wei- ter Eroberungszüge zusammengehalten, begann sich zu lösen und zu verwesen; das Herz des Reiches war die Todtenstadt Persepolis. Der traurigen Einförmigkeit des Asiatischen Festlandes gegen- über steht die schöne Gliederung des Europäischen Erdkörpers; eine reichere, raschere Entwickelung des geistigen Lebens vorgestaltend, in- 1 * dividualisirt sich derselbe zu einem Cyklus von Länderformen, deren geschichtliche Stellung unzweideutig ausgeprägt ist. Die Halbinsel des Hämus, dem Festlande des geschichtlichen Asiens am nächsten, ist durch ihre geographischen Verhältnisse als der unmittelbare Ge- gensatz von Asien gezeichnet. Im reichsten Wechsel von Bergen und Thälern, durch tiefeindringende Meerbusen, die den einzelnen Land- schaften den Zugang zum beweglichen Element der Wellen öffnen, in sich gleichsam vervielfacht, an den Erzeugnissen eines ewig heitern Himmels zu reich, um das Menschenleben mit Mangel und Elend kämpfen zu lassen, arm genug, um es nicht in gedankenloser Wol- lust zu schwächen oder zu träger Sicherheit zu verwöhnen, weckt es Thätigkeit, Kraft und Lust am raschen Genuß und bedingt nach der Verschiedenheit von Thälern und Bergen, von Küsten und Binnenland, von fruchtbaren Geländen und dürftigem Felsboden auf einem kleinsten Raum den größten Wechsel von Lebensweisen und Bedürfnissen, von Betriebsamkeit und Verkehr. Zu der allgemeinen Familie der abend- ländischen Völker gehörig, entwickelten die Autochthonen jenes glücklichen Landes frühzeitig eine eigenthümliche Beweglichkeit und Mannich- faltigkeit des Lebens; bald verschwanden die Pelasger vor den Hel- lenen, der Naturzustand vor der Regsamkeit der erwachten Bildung und Wanderlust, die die Hellenen nach Osten und Westen verbrei- tete; vor allen lockten die schönen Inseln der Aegäischen See, die Küsten im Osten, die in gleicher Weise wie die Heimath von Meer- buchten durchschnitten, von Gebirgen umschlossen und geschützt sind. Die Natur selbst hatte den Hellenen diesen östlichen Gegenden zuge- führt; denn dorthin senken sich die Berge und Thäler seiner Hei- math, dorthin öffnen sich die Meerbuchten, deren Fahrwasser sich mit regelmäßigen Etesien, die bis Sonnenuntergang wehen, vereint, um die Schiffe in kleinen und gefahrlosen Tagefahrten von Insel zu Insel bis an die Küste Asiens zu führen. Bald füllten sich die Inseln und die schönen Gestade Joniens mit Griechischen Ansiedlun- gen, und wetteiferten mit dem Heimathlande an Reichthum, Lebens- lust und heiterer Kunst; die Gesänge der Homeriden sind das Ver- mächtniß dieser glückseligen Zeit, da der Grieche in dem engen und doch so reichen Kreise des heimathlichen Lebens die Anfangsgründe des Lebens gelernt hat. So die Heimath des hellenischen Volksthums; Gebirge umzie- hen das Gebiet des Aegäischen Meeres vom Hellespont bis zum Isthmus, von hier bis zum Tänarischen Vorgebirge; selbst durch das Meer hin bezeichnen Cythere, Kreta, Rhodus diese Umschließung, die auf der Karischen Küste in mächtigeren Gebirgsformen hervor- tritt, und in reichen Thälern und Berghängen zum Meere hinab- sinkend bis zum schneereichen Ida und dem Hellespont hinzieht. Jahrhunderte hat sich das Hellenische Leben in diesem Kreise bewegt; und jene Richtung gen Osten, die dem Geist des Volkes von dem Boden der Europäischen Heimath mitgegeben war, schien sich in je- ner zweiten Heimath, die er auf der Küste Asiens fand, erfüllt und bewährt zu haben. Und doch blieb in dem ahnenden Gefühl des Volkes das Mor- genland, die Völker des Ostens der stete Gegensatz des Griechen- thumes; in Sagen und Gesängen gestaltete sich die eigene Zukunft vor; ein goldener Hort oder ein schönes Weib wurden der unmit- telbare Ausdruck einer tieferen Sehnsucht. Aus dem Morgenlande entführt der Olympier Zeus das Sidonische Fürstenkind und nennt Europa mit ihrem Namen; nach dem Morgenlande flüchtet Jo, um dort den Hellenischen Gott zu umarmen, den ihr in der Heimath die Göttinn von Argos versagt. Auf dem Widder mit goldenem Vließ will Hella gegen Osten flüchten, um dort Frieden zu finden; aber sie versinkt in das Meer, das ihre Heimath vom Lande des Friedens trennt. Die Argonauten ziehen aus, das goldne Vließ heimzuholen aus dem Walde von Kolchis; das ist der erste Kriegs- zug gegen das Morgenland; mit den Helden zurück kommt Medea, die arge Zauberin, die Haß und Blutschuld in die Königshäuser von Hellas bringt, bis sie, verstoßen und misehrt von dem Heros Athens, zurückflüchtet in die Medische Heimath. Dem Argonautenzuge folgt ein zweiter Heldenkampf, der hei- mathliche Krieg gegen Theben, das traurige Vorbild des Hasses und der brüderlichen Kämpfe, die Griechenland lange zerrütten sollten. In verhängnißvoller Verblendung hat Laios gegen das Orakel des Gottes einen Sohn gezeugt, hat Oedipus sein Vaterland miskannt und kehrt, die Fremde suchend, zur Heimath zurück, erschlägt den Vater, zeugt mit seiner Mutter, und herrscht in der Stadt, der bes- ser das Räthsel ihres Untergangs nie gelöst wäre. Und als er end- lich seiner Schuld inne wird, so blendet er in frecher Wildheit sein sehendes Auge, verflucht sich, sein Geschlecht, seine Stadt, und das Schicksal eilt seinen Spruch zu erfüllen, bis der Bruder den Bru- der erschlagen hat, bis ein Trümmerhaufe die Stätte dreifacher Blutschuld deckt. Und schon beginnt Frevel und Blutschuld heimisch zu werden unter den Menschen, die Zeit der Heroen eilt ihrem Ende zu; die Fürstensöhne, die um die schöne Helena geworben, sitzen daheim bei Weib und Kind, und kämpfen nicht mehr gegen Riesen und Frevel. Da rufen die Herolde der Atriden zum Heereszuge gen Osten auf; gen Osten ist Helena entführt von dem Gastrechtschänder Paris. Von Aulis aus ziehen die Fürsten Griechenlands gen Asien, und mit den Fürsten ihre Getreuen und ihre Völker. Lange Jahre hindurch kämpfen und dulden sie, und Achilles feiert die Leichenspiele seines Freundes Patroklus; dann trifft ihn selbst der Pfeil des Ver- räthers und des Kampfes Ende ist gekommen; Troja fällt. Wohl haben die Achäer erreicht, was sie wollten, aber die Heimath ist für sie verloren; die einen sterben in den Fluthen des empörten Meers, andere zerstreuen sich in die fernen Länder der Barbaren, oder er- liegen der blutigen Tücke, die am heimathlichen Heerde ihrer harrt. Die Zeit der Heroen ist vorüber, und von dem entarteten Geschlecht wenden die Götter ihr Antlitz. So die Sagen und die Ahnungen des Volks; und als an den Küsten des Aegäischen Meres die Gesänge der Homeriden verstumm- ten, begannen sie sich zu erfüllen. Aus fernem Osten drangen die Heere der Perser heran, sie kämpften am Halys, bald unter den Mauern von Sardes, und mit dem Lydierreiche fielen die Hellenischen Städte der Küste, die, jetzt in Barbarenhand, den Blick der freiern Hellenen von Neuem gen Osten lenkten und zu unablässigen Kämpfen für die Freiheit aufriefen. Jene Städte empörten sich, von den Athenern unterstützt drangen die Jonier siegreich bis Sardes vor, aber nur um desto tiefer zu fallen. Mit der Einnahme Milets war die ganze Küste geknechtet; die Inseln unterwarfen sich, die See ward von Phönizischen Flotten beherrscht, ihre Nordküste von Persern besetzt, schon kamen Gesandte des großen Königs nach dem Griechischen Festlande und forderten Erde und Wasser. Aber in der Ebene von Marathon retteten die Athener ihre junge Frei- heit, und schützten die Hellenische Heimath vor dem Joche Asiatischer Sklaverei. Und zum zweiten Male rüstete der große König, und die Völker vom Indus und vom Nil strömten über den geknechte- ten Hellespont nach Europa, die dreihundert Männer der Thermo- pylen kämpften vergebens, und Theben verbündete sich mit dem Sklavenheere des Xerxes; Athen fiel in seine Hände, die Tempel, die Gräber wurden zerstört; die dreihundert Schiffe der Griechen, ihre letzte Zuflucht, waren von der Perserflotte umzingelt in der Salaminischen Bucht, und auf der Düne thronte Xerxes auf golde- nem Throne, um von dort herab den Sieg seiner Völker und den Untergang der freiheittrotzenden Hellenen zu sehen. Da brachen die Griechen mit freudigem Schlachtgesang hervor, sie kämpften und siegten, Scheiter und Leichen bedeckten die See und die Gestade; der große König zerriß lautjammernd sein Kleid, und floh in blinder Flucht heimwärts. Die Ueberbleibsel seiner Geschwader vernichtete der Tag von Mykale, der Jonien zur Freiheit rief; und unter den Mauern Platää’s fielen die letzten Perserschaaren, die Griechenland gesehen. Mit diesen Kämpfen war unter den Hellenen ein neues, wun- derreiches Leben erwacht, das der gefährdeten, ihrer selbst sich be- wußten Freiheit. Dies Bewußtsein war zugleich Frucht und Saame der Freiheit, aber die Freiheit, die es zeugte, eine höhere als jene bewußtlose, natürliche, autochthonische, die, in sich selbst geschlossen, ohne Kampf, ohne Bethätigung und Berechtigung geblieben war. Diese bewußtlose Freiheit der vorpersischen Zeit ist in den Dorischen Staaten, namentlich in Sparta festgehalten worden; alte Ein- fachheit und Tüchtigkeit, Ernst und Stätigkeit in öffentlichen, Ehrer- bietung und Tugend im häuslichen Leben sind ihre Vorzüge; Unter- drückung neben Privilegien der edleren Geschlechter, Geistesarmuth neben Herrschsucht, Brutalität neben Heimtücke und Heuchelei, wenn einmal Begierde die Fesseln der strengen Lykurgischen Zucht zerreißt, das sind ihre großen Mängel und zugleich die Mittel, die dem Volke der Spartaner einmal zur höchsten Macht in Hellas verhelfen sollten. Dem gegenüber steht die demokratische Freiheit Athens ; ihre Grundlage und der Impuls ihres Fortschrittes und ihrer Ho- heit ist jenes Bewußtsein der gleichen Berechtigung aller Bürger, denn alle haben Theil gehabt an dem Kampfe für die Freiheit; das- selbe Bewußtsein treibt sie zu immer neuem Kampfe, so lange ihrer Freiheit noch Gefahr von den Persern droht, so lange die Freiheit in sich noch Elemente der Ungleichheit verbirgt; und diese selbst arbeitet der Kampf gegen die Barbaren hinweg; mit Cimon, dem letzten Aristokraten Athens, hörte der Perserkrieg auf, Perikles lenkte den Staat; die Demokratie und die Macht Athens war auf ihrem Gipfel. Aber die Consequenzen dieser Freiheit selbst führten zum Un- tergange. Warum sollten Wenige, durch die Zufälligkeiten der Ge- burt und des Reichthums ausgezeichnet, größeren Einfluß, höhere Achtung als jeder andere freie Bürger haben? so fiel die Aristokratie und die Stätigkeit des gemeinen Wesens. Warum sollte ferner, was irgend wer vor Zeiten für und durch das Volk gethan, ihn später noch über Andere und Alle erheben, die Zukunft an eine längst verbrauchte Vergangenheit gefesselt sein? so wurde Aristides, The- mistokles, Cimon, Thucydides durch den Ostracismus verbannt, so der Areopagus gestürzt, so alle Entscheidung an das Volk gegeben, das Perikles mit immer neuer Kraft zur höchsten Entwickelung des demokratischen Bewußseins, endlich zum offenbaren Krieg mit den Dorischen Staaten führte. Dasselbe Bewußtsein entwickelte in der Philosophie Anaxagoras, des Perikles Freund, der die Ordnung der Dinge von den Göttern auf den Verstand hinüber trug, der den Glauben der Menge durch das Bewußtsein der Verständigen Lügen strafte. Und als der Peloponnesische Krieg begann, übernahmen es die Sophisten, jenes zerstörende Warum weiter zu verfolgen, die Dema- gogen, es in alle Adern des Volkslebens wie ein süßes Gift zu ver- breiten; sie nannten Gesetz und Recht Willkühr und Satzung, das eigne Gewissen letzte Entscheidung, den eignen Nutzen höchsten Zweck, die Macht zur Herrschaft berechtigt, den Staat um des Einzelnen Willen und zu dessen Förderung groß und reich. In den Mysterien war bisher verborgen und der Frivolität des Geschwätzes, dem Tau- mel des öffentlichen Lebens entrückt gewesen, was allem Zweifel und allem Spott unerreichbar sein mußte, wenn der Demokratie noch irgend Charakter und Haltung bleiben sollte; auch von ihnen wich jetzt die alte Ehrfurcht; alles Gemeinsame ging unter, das Volk löste sich auf in die Atomistik der Ochlokratie, die Theilnahme an dem öffentlichen Leben in ein wildes Gewirr persönlicher Leiden- schaften und Lächerlichkeiten, der Glaube der Väter in den Atheis- mus der sophistischen Aufklärung. Mit gleichem Rechte war es, daß Athen der strengen alterthümlichen Macht der Spartaner erlag, und daß es jenen Weisen zum Giftbecher verdammte, der statt der heimathlichen Götter dem eigenen Dämon gehorchte, der die Jugend verführte, daß sie Vater und Mutter verließen, um der neuen Lehre zu folgen. Das Ende des Peloponnesischen Krieges ist ein entschei- dender Wendepunkt in der Geschichte Griechenlands; der lineare Gang der an Athen geknüpften Entwickelung, welche die andern Staa- ten theils als Feinde, theils als Unterthanen von der Höhe der Bildung und des Bewußtseins ausgeschlossen hatte, mußte sich über alle Griechen ausbreiten, und allen jene Freiheit, wie sie der Zeit entsprach, mittheilen. Die Hegemonie kam an den Staat der vor- persischen Zeit; aber je weiter Sparta hinter der Zeit zurück geblie- ben war, desto unnatürlicher und drückender wurde eine Herrschaft, die die Hoffnung aller mehr als betrog, und Freunde und Feinde in dasselbe Joch zu zwingen begann. Auch war es nicht mehr die alte Spartanerstadt; Armuth, Mäßigkeit, Gehorsam waren die er- sten Forderungen ihres großen Gesetzgebers gewesen; jetzt strömten die reichen Tribute Joniens und der Inseln nach Sparta zusam- men, jetzt herrschten die daheim zu blindem Gehorsam Gewöhnten in frecher Willkühr über die Städte von Hellas, und brachten Wol- lust, Goldgier, jegliche Entartung zurück in die Stadt Lykurgs. Sie kämpften gegen die Perser, aber nicht in dem großartigen In- teresse der Hellenischen Freiheit, über die sie mit dem Golde der Barbaren triumphirt hatten; sie sandten ein Söldnerheer, mit dem der Empörer Cyrus gegen seinen Bruder und Herrn auszog; sie sandten an die Asiatischen Städte, die sich in ihre Arme geworfen, Feldherren und Hauptleute, um nicht die reichen Tribute an Per- sien zu verlieren; sie sandten endlich ihren hochfahrenden König Agesilaus zum Kampf gegen die reichen Satrapien Kleinasiens, den dieser voll eitlen Stolzes, als wäre er ein zweiter Agamemnon, von Aulis aus mit einem großen Opfer beginnen und als Nationalkrieg aller Hellenen angesehen wissen wollte, obschon von den größeren Staaten keiner Antheil nahm. Vielmehr brach während seiner Ab- wesenheit eine Reaktion aus, die um so bedenklicher war, je weni- ger Sparta selbst auf seine alten Bundesgenossen rechnen konnte; kaum hatte Agesilaus Zeit, aus Asien zurückzukehren, um in der Ebene von Koronea seinem Staate wenigstens die Herrschaft auf dem Festlande zu sichern, indem die Flotte, durch Konons Sieg mit Persischen Schiffen, fast vernichtet war; die Inseln erhielten von Konon ihre Autonomie, Athen seine langen Mauern wieder; und Sparta, zu erschöpft, um allein gegen Athen, Argos, Korinth, The- ben auftreten zu können, eilte sich durch Vereinigung mit dem Per- serkönige zu behaupten. Antalcidas machte mit dem Groß- könige jenen verrätherischen Frieden, nach dem alle Hellenischen Städte in Asien nebst Cypern den Persern zufallen, alle andern Städte groß und klein selbstständig sein, endlich, wer den Frieden nicht anerkannte, von den Persern und den Theilnehmern des Frie- dens bekriegt werden sollte. Wurde durch diesen Frieden auch die Küste Asiens Preis ge- geben, so war er doch, freilich wider Spartas Willen, für die Ver- breitung der demokratischen Freiheit von der größten Wichtigkeit. Ueberall lösten sich die alten Bande, die mehrere Ortschaften einer Stadt unterthänig gemacht hatten, und die Bewohner kleiner Städte nannten sich fortan mit demselben Stolz, wie die Männer Athens oder Thebens, freie Bürger; Griechenland begann in eine Menge von Mittelpunkten atomistisch zu zerfallen, und auf diese Weise zu der fruchtbaren Gährung eines vielfältigen Einzellebens aufgelöst alle Kräfte und Formen zu entwickeln, die zur Bewältigung und Durchgeistigung Asiens, dem letzten Ziele des griechischen Lebens, nöthig waren. Scheinbar hatte der Antalcidische Frieden die entgegengesetzten Folgen; Sparta setzte die Autonomie der kleineren Gemeinden und die Auflösung von Gauvereinen überall durch, wo es mächtige Staaten zu schwächen galt; aber weit entfernt, die eignen Schutz- bündner und Unterthanen frei zu geben, machte es vielmehr seine Obergewalt in der Peloponnesischen Symmachie mehr als jemals geltend, führte wo es irgend möglich war, oligarchische Verfassun- gen ein, und benutzte jede Gelegenheit, um unter dem Vorwande, die Selbstständigkeit der Städte zu gründen, seine Macht über ganz Hellas auszubreiten; ja mit offenbarem Unrecht wurde Theben von den Spartanern besetzt, eine Oligarchie eingerichtet und Alles, was nicht Spartanisch war, vertrieben. Aber damit hatte Sparta sich selbst den Tod gebracht. Einige Flüchtlinge, Pelopidas an ihrer Spitze, kehrten nach Theben zurück, er sc hlugen die Oligarchen mit ihrem Anhang, und riefen das Volk a uf, mit ihnen die Demokra- tie zu vertheidigen, und die alte Ma c ht über Böotien wieder zu er- kämpfen. Die Städte Böotiens, die durch den Frieden unabhän- gig geworden waren, traten wi e der zum Böotischen Bunde, nur Orchomenos, Platää und Thspiä weigerten sich; sie wurden be- zwungen, ihre Gemeinden aufgelöst, die Bürger exilirt und zu Sclaven gemacht. Dann drang Theben unter Pelopidas und Epaminondas nach Süden und Norden weiter vor, und rief die Städte des Festl a ndes zur Selbstständigkeit und Demokratie auf. Die Schlacht von Leuktra öffnete den Weg zum Peloponnes, in dem sich, seit di e Furcht vor den Spartanischen Waffen geschwun- den war, ein nues Leben regte; überall wurde das Joch der Oli- garchie abgesch ü ttelt, mit Thebens Beistand machte sich selbst Messe- nien frei; und als endlich die Schlacht von Mantinea gekämpft war, hat te Spartas Macht ein Ende, der Peloponnes eine neue demokrati s che Gestalt im Sinne der Zeit. In jener Schlacht war Epami n ondas und mit ihm die Stütze der Thebanischen Macht gefallen die, getragen und geadelt durch die Persönlichkeit einzelner Männe r , schnell zu der alten Unbedeutendheit zurücksank, und durch den k urzen Rausch eines Vorranges in Hellas zu Uebermuth und In so lenz verwöhnt, die alten Laster und die neue Ohnmacht nur de st o widerlicher vermengte. Auch Athen, das sich im Kampf zwi- s chen Sparta und Theben stets in der Rolle einer dritten Macht den Ausschlag zu geben bereit gehalten und sich noch einmal eine große Reihe von Seestaaten zu verbünden gesucht hatte, ließ bald, durch Habsucht, Sorglosigkeit und unwürdige Demagogen verleitet, alle Rücksicht auf die Verbündeten und ihre Anrechte so außer Acht, daß diese die nächste Gelegenheit zum Abfall wahrnahmen; Athen verlor zum zweiten Male seine Seeherrschaft. So war in Griechenland kein Staat weiter, der gegen die übrigen ein Ueber- gewicht hätte geltend machen können; die Selbstständigkeit aller ein- zelnen Gemeinden, wie der Antalcidische Friede sie verheißen, war fast durchweg verwirklicht; die Freiheit hatte sich bis zur Gleichheit abgestumpft; Hellas war reif für fremde Herrschaft. Man darf nicht ungerecht gegen diese Zeit sein; es ist wahr, daß Bestechlichkeit, Gesinnungslosigkeit, Liederlichkeit sie brandmar- ken; es ist wahr, daß aus d em öffentlichen Leben aller Ernst, daß aus dem häuslichen Leben a lle Tugend und Schaam gewichen war, daß die Führer des Volk es sich, gleichviel von wem, erkaufen ließen, daß Griechische Söldner durch die Welt zerstreut für und gegen die Perser, für und gegen Fr e iheit, Tyrannei und Vaterland kämpften; aber es beweiset dies alles nur, daß die Zeit des alten demokratischen Lebens, der herrschenden Stadtgemeinden, des engen bürgerlichen Interesses vorüber, daß eine n eue Weise des staatlichen Lebens nöthig war. Zu viel Kraft war in d en Kämpfen von einem Menschenalter entbunden, zu viel Bedürfnisse u nd Genüsse zur Ge- wohnheit, zu viel Leben Bedingung des Lebens geworden, als daß der enge Raum eines Städtchens oder der klei n liche Streit zwi- schen städtischen Gemeinden hätte genügen können. Es hatten sich ungeheure Elemente der Gährung entwickelt, die eine Welt umzu- gestalten fähig waren; in die engen Schranken der Helle n ischen Hei- math gebannt konnten sie nur zerstörend wirken. Es k am alles darauf an, daß ihnen die rechte Richtung gegeben und ein w eiteres Feld zugetheilt wurde. Niemals ist in Griechenland der Gedanke, den Fe in d im Osten zu vernichten, ganz vergessen worden. Alcibiades pha n tasti- sche Pläne scheiterten an seinem und seines Volkes Leichtsinn, Age- silaus war zu sehr Spartaner, um Grieche zu sein; die Tyran n en Thessaliens vergaßen, daß Tyrannei nicht das Werk der Freihe it zu Ende zu führen vermöge. Aber je lebendiger der Verkehr mit Asien wurde, je deutlicher die Ohnmacht und Zerrüttung des gro- ßen Reiches am Tage lag, je leichter und einträglicher die Ar- beit erschien, es zu vernichten, desto lebendiger und allgemei- ner wurde dieser Gedanke in den Völkern von Hellas. Tiefer blik- kende Geister erkannten, daß das Leben des Hellenischen Volkes, schon zu reich und beweglich für den engen Raum der Heimath, erst dann Einheit und Ruhe gewinnen könne, wenn es nach Außen hin die hochentwickelte Kraft versuche, und Isokrates rief mit lau- ten Worten die Staaten von Hellas auf, sich zum letzten Kampf gegen Asien zu vereinen. Da übernahm es König Philipp von Macedonien, und begann das große Werk, die Staaten Griechen- lands zum Kriege gegen Persien zu vereinen; und man muß geste- hen, daß er mit bewundrungswürdiger Gewandtheit diese mehr als herkulische Arbeit vollbracht hat; will man die Reinheit seiner Mit- tel in Abrede stellen, so trifft die Griechen der größere Tadel, daß es solcher Mittel bedurfte, um sie zu dem Zwecke zu vereinen, den der edlere Theil des Volkes noch immer als das wahre und ein- zige Nationalwerk vor Augen hatte. Philipps Erfolge gründen sich auf die Einheit, Schnelligkeit und Consequenz seiner Unternehmungen, die so lange von den Grie- chen übersehen wurden, bis ihnen nicht mehr zu widerstehen war. Während die Athener auf den Bundesgenossenkrieg, die Thebaner auf den heiligen Krieg alle Aufmerksamkeit wandten, die Spartaner sich vergebens bemühten wieder einigen Einfluß im Peloponnes zu erlangen, rückte Philipp nach Süden und Osten hin seine Grenzen so weit vor, daß ihm die Bergwerke von Philippi ihre reichen Goldminen, die Küste Macedoniens den freien Zugang zum Meere, die Einnahme von Methone den Weg nach Thessalien öffnete. Dann riefen die Thessalier, von den Phocäern bedroht, ihn zu Hülfe; er kam, besetzte die Städte Thessaliens, um sie desto besser schützen zu können, und war im Begriff, die Phocäer durch die Thermopy- len bis in ihr Land zn verfol g en; da gingen den Griechen die Au- gen auf, sie sahen, was sie von dem Macedonier zu erwarten hät- ten, und Athen unter Demosthenes Leitung begann den Kampf für die Selbstständigkeit der Ohnmacht und den Flitterstaat der alt- modischen Freiheit. Man muß gestehen, daß Demosthenes, der Wortführer der antiphilippischen Parthei, alle Kraft und alle Mittel aufgeboten hat, um die Pläne des feindlichen Monarchen zu vereiteln, und daß na- mentlich sein Eifer gegen Macedonien nicht aus so unlautrer Quelle zu strömen scheint als der des Aeschines und der meisten andern Demagogen für den reichen König; und dennoch zeigt die Geschichte wenig so traurige Gestalten, wie die des großen Redners von Athen; er miskannte seine Zeit, sein Volk, seinen Gegner und sich selbst; sein Leben, die ermüdende Consequenz eines Grund- irrthums, hat keinen andern Erfolg gehabt, als den Sieg Macedo- niens nur entschiedener und erfolgreicher zu machen; und mit dem Eigensinn der Ohnmacht und Gewohnheit ließ er selbst nach dem vollkommenen Siege Macedoniens, nach dem Beginn einer neuen, die Welt umgestaltenden Aera, seine alten Pläne und Hoffnungen nicht, die mit ihm sich selbst überlebt hatten. Philipp dagegen ging mit der größten Besonennheit und Si- cherheit Schritt vor Schritt auf dem Wege vor, den die Zeit for- derte; Athen war der gefährlichste Feind; es mußte vereinzelt, um- schlossen, endlich erdrückt werden. Philipp zerstörte die Städte der Chalcidice, gewann Euböas Tyrannen, unterwarf sich das Thraci- sche Küstenland des Kersobleptes, landete dann mit seinen Schiffen auf Lemnos, Imbros, selbst in Attika, und führte die Salamischen Triere als Trophäe nach Macedonien. Der Friede, den er jetzt mit Athen schloß, gab ihm Muße, dem Rufe der Thebaner gegen Phocis, die noch immer den heiligen Krieg fortsetzten, zu folgen; und während Athen noch eine gütliche Auskunft hoffte, und den Phocäern ehrenvollen Frieden verhieß, war auf Philipps Betrieb von den Amphiktyonen bereits das Urtheil über sie gesprochen; ihre Gemeinden wurden aufgelöst, ihre Städte zerstört, ganze Schaa- ren nach Macedonien verpflanzt, ihre Stimme im Amphiktyonen- rathe zugleich mit der Aufsicht der Pythischen Spiele an Philipp übergeben, so daß sich dieser jetzt mit dem besten Rechte in die Angelegenheiten Griechenlands mischen durfte. Den Peloponnes gewann oder entzweite er durch Gold und durch die Vorgespiege- lung eines gemeinschaftlichen Angriffes auf Sparta; seine Parthei war vorherrschend in Elis, Sicyon, Megara, in Arkadien, Messe- nien und Argos. Dann setzte er sich in Akarnanien und Aetolien fest; die Macht Athens war von der Landseite so gut wie gelähmt. Aber noch beherrschte sie das Meer, dessen Besitz der Chersones und die Küste der Propontis sicherte; dorthin wandte Philipp sein Auge; während er wiederholentlich den Athenern seine Freundschaft und Friedlichkeit versicherte, drang er weiter und weiter vor, schon war Perinthus und Byzanz, der Schlüssel des Pontus, gefährdet, fielen diese Städte, so war Athen vernichtet. Mit der größten Anstrengung rüsteten sich die Athener, mit ihnen verbündeten sich Rhodus, Kos, Chios, der Perserkönig gab seinen Satrapen Befehl, mit aller Macht Perinth zu schützen, — Philipp mußte weichen; Athen stand noch einmal siegreich da, um desto tiefer zu fallen. Die Lokrier von Amphissa hatten Delphisches Tempelland be- baut, Aeschines klagte sie vor dem Rathe der Amphiktyonen an, man beschloß sie zu züchtigen; sie schlugen die Amphiktyonen und Delphier zurück, und der Rath dekretirte eine außerordentliche Ver- sammlung, um die Heiligkeit des Gottes und des Amphiktyonen- rathes an den Lokrischen Bauern genügend zu rächen; nur die Ge- sandten Athens kamen nicht, vielmehr erhielten die Lokrier auf De- mosthenes Antrag Unterstützung und jagten Alles, was den Am- phiktyonen anhing, aus ihrem Gebiet. Jetzt wurde Philipp aufge- fordert, „dem Apollo in den Amphiktyonen beizustehen, und nicht zu- zugeben, daß der Gott von den gottlosen Amphissäern so misachtet werde, und auch darum nicht, weil ihn die Hellenen, die an der Versammlung der Amphiktyonen Antheil hätten, zum unumschränk- ten Anführer erwählt hätten.“ Er kam, aber nicht bloß um Am- phissä zu bestrafen; die Athener baten um Waffenstillstand, bevor noch offener Krieg war; auch Theben, seit dem heiligen Kriege noch erbittert, weil Orchomenos von Philipp geschützt, Nicäa von ihm besetzt worden war, erkannte bald, daß Philipp nicht umsonst den Winter hindurch in Lokris blieb; während beide durch freundliche Briefe oder geschickte Redner in Unthätigkeit gehalten wurden, besetzte Philipp Elatea, eine der wichtigsten Positionen gegen The- ben und Athen. Das erfüllte seine Gegner mit panischem Schrek- ken; Demosihenes beschwor das Volk, Alles aufzubieten, um dem Könige entgegenzutreten; er eilte nach Theben, und die Gewalt sei- ner Rede bewirkte, daß die Thebaner ihren alten Groll gegen Athen vergaßen, und mit gleicher Anstrengung sich rüsteten; das Bundes- heer, mit Euböern, Megarern, Korinthiern und Leukadiern verstärkt, rückte ins Feld und errang in zwei Gefechten nicht unbedeutende Vor- theile; endlich begegneten sich die ganzen Heeresmassen, etwa 32,000 Macedonier gegen nah an 50,000 Verbündete in der Ebene von Chäronea ; nach sehr hartnäckigem Kampfe siegte Philipp, das Schicksal Griechenlands lag in seiner Hand. Er verschmähte es, Griechenland zu einer Provinz Macedoniens zu machen; nur für den einen Plan des Perserkrieges hatte er alles begonnen und vollbracht. Der Friede, den er nach der Schlacht von Chäronea gab, bezweckte nichts als die freien Griechischen Staa- ten unter seiner Hoheit zu jenem Kriege zu vereinen. Er ließ fast überall und in aller Beziehung den bisherigen Zustand der Dinge, nur Theben wurde für seinen treulosen Abfall bestraft, es mußte 300 Verbannte wieder in die Stadt nehmen, die Feinde Philipps des Landes verweisen, seine Freunde an die Spitze der Regierung stellen, endlich eine Besatzung in die Kadmea nehmen, die nicht bloß Theben, sondern zugleich Attika und das ganze Hellas zu be- obachten und in Ruhe zu halten vermochte; ferner wurden Orcho- menos und Platää, die von Theben zur Zeit seiner Hegemonie zer- stört waren, wieder aufgebaut. Mit so viel Strenge wie Theben, mit eben so viel Nachsicht wurde Athen behandelt, dessen Gebiet der König nicht betrat; für die Insel Samos wurde es mit dem Gebiet von Oropus entschädigt; es erhielt alle Gefangenen ohne Löse- geld frei, und mußte sich nur verpflichten, zum Bundestage nach Korinth im nächsten Frühling Gesandte zu schicken. Dann zog der König nach dem Peloponnes, und ordnete die dortigen Angelegen- heiten, namentlich die Grenzen der Messenier, der Argiver, der Te- geaten und Megalopolitaner gegen Sparta. Dann kamen die Ge- sandten aller Griechischen Staaten, mit Ausnahme Spartas, auf dem Isthmus von Korinth zusammen; Philipps Freigebigkeit und Leutseligkeit gewann die Gemüther, seine Redner trugen die Wün- sche des Königs vor, denen sich niemand zu widersetzen wagte; er wurde zum Oberfeldherrn der Griechen mit unumschränkter Gewalt erwählt, um im Namen aller Griechen den Frevel, den die Bar- baren an den heimischen Tempeln geübt hätten, zu rächen, und den großen Nationalkrieg der Griechen gegen Persien zu vollenden. Dann kehrte er nach Macedonien zurück, um alle Vorbereitungen zum großen Kriege zu treffen. So stand Philipp an der Spitze des freien Griechenlands, das, in sich zu vielbewegtem Einzelleben atomistisch aufgelöst, und, so lange alle Kraft nur nach Innen gewandt war, in furchtbaren Kämpfen zerrissen, doch eine Beweglichkeit und Ueberfülle individuellen Lebens entwickelt hatte, die allein im Stande war, die abgestorbenen Völ- kermassen Asiens mit einem neuen Leben zu durchgähren. — Die Griechen wurden weder ihrer Freiheit noch Selbstständigkeit be- raubt, nur mußte diese Selbstständigkeit, die in sich ohnmächtig und nicht mehr das Höchste der Zeit war, mit der monarchischen Hoheit Macedoniens überwölbt, und ihre Freiheit, in jener endlosen Zer- splitterung und Beweglichkeit, zu der einen That, die ihre Erfüllung sein sein sollte, vereint werden. Die Spartaner der Thermopylen hat- ten für die Freiheit zu sterben, die Athener bei Salamis und am Eurymedon für sie zu siegen gewußt; aber das Reich der Knecht- schaft vernichten konnte nicht Athen noch Sparta, sondern nur ein König Macedoniens an der Spitze des freien Griechenlandes. Wenn in dieser Weise auf der Europäischen Seite alles zum letzten, entscheidenden Kampfe bereit war, so hatte in entsprechender Weise das große Reich der Perser alle Stadien der Entwickelung und der Auflösung durchgemacht, um jetzt, zum Untergange reif, vor den siegreichen Schaaren Griechenlands zu fallen. Das Perserreich hatte zur Aufgabe, die durch natürliche Bestimmungen geschiedenen Völker Asiens zu einer Gesammtheit zu vereinen; die Berechtigung dazu lag in der höheren ethischen Kraft, mit der die Perser den anderen Völkern gegenüber auftraten; reli- giöse Sagen haben die Erinnerung daran auf unzweideutige Weise aufbewahrt; Dsjemschid und Gustasp, die Hom- und Zerdutsch- Religion bezeichnen die Epochen dieses Fortschrittes. Denn die Hochebene Irans durchschwärmten vom Indus bis zum Kaspischen Meere nomadische Horden; da erschien der Ver- künder des alten Gesetzes, der Schutzgeist der Menschen, Hom, und verkündete seine Lehre dem Vater Dsjemschids, und die Menschen begannen sich anzusiedeln und den Acker zu bebauen; und als Dsjemschid König wurde, ordnete er das Leben seiner Völker und die Stände seines Reiches; unter dem Glanze seiner Herrschaft starben die Thiere nicht, an Wasser und Früchten war kein Man- gel, es war nicht Frost noch Hitze, nicht Tod noch Leidenschaft. Und er sprach: „Verstand ist durch mich, gleich mir ist noch keiner gekrönt, die Erde ist geworden wie ich verlangt, Speise und Schlaf und Freude haben die Menschen durch mich, die Gewalt ist bei mir und den Tod habe ich von der Erde genommen, drum müssen sie mich den Weltschöpfer nennen.“ Da wich der Glanz Gottes von ihm, und es begann eine Zeit wilden Aufruhrs, aus der end- lich siegend der Held Feridun hervorging. Nach diesen Kämpfen und durch sie gekräftigt und erstarkt, war das Volk von Iran reif zu der neuen Lehre und zu dem 2 neuen Leben, das ihrem Könige Gustasp Zerdutsch, der Bote des Himmels, brachte. Die Grundlage der neuen Lehre war der ewige Kampf zwischen dem Lichte und der Finsterniß; Ormuzd gegen Arhiman und die sieben Erzfürsten des Lichts und die sieben der Finsterniß, beide mit ihren Heerschaaren, kämpfen ewig um die Herrschaft der Welt; alles Geschaffene gehört dem Licht oder der Finsterniß, und muß mit Antheil nehmen an dem großen Streit; nur der Mensch steht zwischen beiden, um nach freier Wahl für das Gute oder Böse zu kämpfen; die Söhne des Lichtes, die Ira- nier, kämpfen so den großen Kampf für Ormuzd; und seinem Reiche die Welt zu unterwerfen, sie nach dem Vorbilde des Lichtreiches zu ordnen und für das Gute zu gewinnen, das ist der große Impuls ihres geschichtlichen Lebens, auf daß einst die goldne Zeit Dsjem- schids der Erde wiederkehre. So die religiösen Sagen des Volkes, die sich in seiner Ge- schichte bestätigt finden. Cyrus hatte am Medischen Hofe jenen Hochmuth und jene Erschlaffung des Glückes gesehen, die ihn sein strengeres Volk zur Herrschaft aufzurufen ermuthigte; er ließ sie den einen Tag ein Stück Feld urbar machen und die ganze Last der Knechtschaft fühlen, dann berief er sie den anderen Tag zum festlichen Mahle; er forderte sie auf zu wählen zwischen jenem trau- rigen, knechtischen Leben, das am Boden haftet und dem herrlicheren des Siegers; sie wählten Kampf und Sieg. So zog er gegen Medien, und unterwarf es dem Persischen Volke; und weiter trieb ihn das neuerwachte Leben, das Bahylonische, das Lydische Reich unterlag dem kräftigeren Volke des Iranischen Hochlandes; Cyrus Sohn Cambyses fügte der neuen Herrschaft Aegypten hinzu; dem neuerwachten geschichtlichen Leben widerstand keines der Asiatischen Völker, sie alle wurden von diesem Strudel unwiderstehlicher Ge- walt ergriffen. Aber viele sehnten sich zurück nach der kampflosen und glückseligen Zeit der Medischen Herrschaft; die Magier, die Priester der alten Lehre, benutzten Cambyses Abwesenheit zur Em- pörung, sie machten einen aus ihrer Mitte zum König und nann- ten ihn Cyrus jüngeren Sohn, sie erließen den Völkern die Kriegs- dienste und den Tribut auf drei Jahre, und die Völker waren mit der neuen Herrschaft zufrieden und glücklich; nur die Perser nicht. Sieben Edle des Volkes vereinten sich, dem Magier dle Krone zu entreißen, sie ermordeten ihn und seinen Anhang, sie riefen das Volk der Perser auf, ihrem Beispiel zu folgen, und viele Magier wurden an jenem Tage erschlagen; dann erhielt der Achämenide Darius, Hystaspis Sohn, die Herrschaft der Perser, der größte ihrer Könige. Darius hat das Reich organisirt; da weder durch eine eigenthüm- lich Persische Bildung, noch durch die Religion des lebendigen Wortes, die Kampf und Vernichtung, aber nicht Verschmelzung oder Bekehrung wollte, die unterworfenen Völker zu einer Einheit zu gestalten waren, so blieb nichts übrig, als über sie alle ein möglichst enges und festes Netz der Knechtschaft zu werfen. So wurden die Völker, ohne be- deutende Veränderung in ihrem religiösen Leben und den inneren politischen Zuständen zu erleiden, in Satrapien vertheilt, die edle Perser, meistens aus dem Geschlecht der Pasargaden, als Satra- pen des Königs erhielten; ihr Verhältniß zum Reiche bestand nur in der Leistung des Tributes und des Heerdienstes, wenn ein allge- meines Aufgebot erging, in der Ernährung des Satrapen mit sei- nem Hofstaate, seinem Heere und den stehenden Besatzungen der Städte. Indem so die Völker ihre Nationalität und Religion, oft ihre heimischen Fürsten und Verfassungen behielten, war das einzige Band, das sie an die hohe Pforte zu Persepolis knüpfte, die Treue der einzelnen Satrapen gegen den Großkönig; seine Despotenmacht hielt die ganz verschiedenen Elemente des ungeheu- ren Reiches zusammen; er war die Sonne, um die sich die Sy- steme der Völker in fernen und ferneren Kreisen bewegten; seine Satrapen, „Könige nur dem Großkönige unterthan,“ hafteten für ihre Satrapien, zu deren Schutz, so wie zur Mehrung des Tributs und Vergrößerung des Gebiets, sie mit und ohne Befehl des Groß- königs Krieg und Frieden machten; nur selten rief der König zum allgemeinen Kriege; dann folgten alle Völker aus allen Sa- trapien, und der König führte sie selbst an. Das sind die Grund- züge einer Organisation, die, aus dem Leben des Persischen Volkes hervorgegangen, sich nur so lange bewähren konnten, als das herr- schende Volk sich selbst, seiner alten Strenge und seiner blinden Verehrung gegen den Gott König getreu blieb; unter Darius hat die Persische Macht die höchste Blüthe gehabt, deren sie fähig war. Aber bald begannen sich die Spuren des Verfalles zu zeigen, 2 * dem das Reich anheim fallen mußte, sobald es aufhörte siegend und erobernd vorzudringen; einer innern Entwickelung unfähig, versank es seit dem Tage von Salamis tiefer und tiefer in Ohnmacht und Entartung. Diese offenbarte sich als Erschlaffung der despotischen Kraft in den folgenden Herrschern und in dem damit überhand nehmenden Einfluß des Harems und des Hofes; bald folgte von der andern Seite das Streben der Völker, ihre Nationalität und die alte Selbstständigkeit wieder zu erringen; je glücklicher dagegen die Satrapen ankämpften, und je unfähiger sie den persönlichen Willen und die Kraft ihres Königs sahen, desto natürlicher war ihr Ver- langen nach selbstständiger und erblicher Herrschaft in ihren Satrapien. Schon die Regierung des ersten Artaxerxes wurde durch eine Reihe gefährlicher Empörungen beunruhigt; sein Bruder suchte sich in Baktrien unabhängig zu machen, Aegypten, von den Athe- nern unterstützt, die einheimische Regentenfamilie wieder zur Herr- schaft zu bringen, der edle Megabazus durch wiederholte Empörun- gen sich und seinen Eid zu retten; und wenn es dem Könige auch gelang, im Innern des Reiches den Schein seiner Macht zu be- wahren, so mußte er doch den schmachvollen Bedingungen des Ci- monischen Friedens faktisch die Bestätigung geben, daß sie Persischer Seits nicht übertreten wurden. Bei seinem Tode zeigte sich in der Ermordung des rechtmäßi- gen Thronerben und den Kabalen der Weiber und Eunuchen bereits die tiefe Entartung im Herzen der Persischen Macht. Als endlich das Reich in der Hand seines Bastards Darius Ochus blieb, wurden zwar die Empörungen mehrerer Großen und die frechen Pläne eines Eunuchen, der selbst schon nach dem Diadem trachtete, vernichtet, aber dem Aufstande in Aegypten war der große König nicht mehr gewachsen, er mußte dem Volke einen Fürsten aus dem alten Saïtengeschlechte bestätigen und sich mit einem Tribute begnü- gen. Noch mehr gefährdet wurde das Ansehn des Königthums, als gegen seinen älteren Sohn und Nachfolger Artaxerxes der jüngere Sohn Cyrus, der das untere Asien als Satrapie hatte, sich em- pörte; Cyrus Verbindung mit Griechenland und die Griechische Söldnerschaar, die er nach den Ufern des Euphrat führte, brachte ein neues, höchst gefährliches Element in jene gährende Verwirrung, die bereits das Reich ergriffen hatte; und wenn auch durch Cyrus Tod der Sieg bei Kunaxa vergeblich wurde und der Lydische Sa- trap Tissaphernes selbst auf der Küste des Aegäischen Meeres die Persische Macht geltend zu machen wußte, wenn auch Agesilaus, nach glücklichen Unternehmungen in Lydien und Phrygien, durch Kriege in Griechenland, die durch Persisches Gold befördert wurden, aus Asien, ohne bleibenden Einfluß errungen zu haben, zurückgerufen wurde, so war doch gerade diese widernatürliche Verbindung Per- siens mit dem Volke der Freiheit und besonders jener Cnidische Sieg einer Persischen Flotte unter Führung des Atheners Conon ein deutli- ches Zeichen, daß die Persermacht, die, unfähig sich durch sich selbst zu retten und emporzuheben, Griechischen Soldaten und Griechischen Feldherrn sich anvertraute, schon den eignen Untergang in sich hegte und pflegte. Der Antalcidische Friede gab dem großen Könige zwar die Tribute der reichen Jonischen Städte zurück, aber nur, um ihn fortan in den heftigen Kampf der Griechischen Staaten desto mehr zu verwickeln, und den natürlichen Feinden Persiens eine Stelle mehr zu bieten, an der jede Wunde tödtlich wirkte. Der König Artaxerxes erlangte von dem Fürsten in Cypern durch zehnjährige Kämpfe nichts, als daß dieser wieder den alten Tribut zahlte; die Kadusier am Kaspischen Meere vermochte er mit aller Anstrengung nicht zu unterwerfen, und der Fürst von Aegypten be- hauptete gegen die Persische Macht, die unter den Befehl des Atheners Iphikrates gestellt war, glücklich das Feld; die Empörung sämmtlicher Satrapen Kleinasiens, denen sich der Dynast von Ka- rien, desgleichen die Jonier, Lycier, Pisidier, Pamphylier, Cilicier, Syrer, Phönicier anschlossen, und selbst die Spartaner und Athener ihren Beistand zusagten, scheiterte nur durch den Verrath des Rheomithres und Orontes, und durch Artabazus unerschütterliche Treue, der des Königs Ansehn gegen die Empörer behauptete. Noch trauriger offenbarte sich Artaxerxes Unfähigkeit zu herr- schen im Bereich seines königlichen Hofes; die Kabalen seiner wilden Mutter Parysatis sind das Scheußlichste, was jemals ein Asiatischer Harem gesehen hat; der König, eben so schwach wie gut- müthig, eben so voll Mistrauen wie ohne Character, war ein Spiel- ball in den Händen seiner Sklavinnen und Eunuchen. Nun war er ein Greis und sah mit tiefer Bekümmerniß, wie sich schon jetzt seine Söhne um die Thronfolge beneideten, und der Hof in Partheien zerfiel; er wollte allem Streit vorbeugen, und bestellte seinen ältesten Sohn Darius zum Nachfolger, mit der Erlaubniß, schon jetzt den königlichen Turban tragen zu dürfen. Nach Persi- scher Sitte war demnächst dem Darius eine Bitte erlaubt, die der Vater zu erfüllen nicht weigern durfte. Darius bat um Aspasia, die schöne Jonierin, die dem Könige unter allen seinen Weibern die liebste war; er wagte nicht sie zu verweigern, und ver- mochte nicht sie hinzugeben; er sprach, sie sei eine freigeborne Grie- chin, sie allein dürfe über sich entscheiden, gewähren oder versagen. Aspasia wählte den königlichen Prinzen; und der König befahl, sie nach Ekbatana in den Tempel der Anytis zu bringen; Darius war in seiner schönsten Hoffnung getäuscht. Den Hofleuten ent- ging seine Erbitterung nicht; unter ihnen war Tiribazus, der längst schon geheimen Groll gegen den greisen König hegte; denn Artaxer- xes hatte ihm seine schöne Tochter Amestris zur Ehe versprochen, dann, selbst nach ihrem Genuß lüstern, ihm eine jüngere Prinzessin Atossa verlobt, und auch diese wieder in seinen Harem genommen. Tiribazus, ein ächt barbarischer Charakter, trotzig im Glück, frech im Unglück, überall voll Tücke und Treulosigkeit, schlich sich jetzt in des gekränkten Darius Vertrauen; er stellte ihm vor, wie die Schande, die unerträglicher als der Verlust sei, ihn selbst in der Thronfolge gefährden würde, da der Vater nach der Beleidigung ihn hassen und fürchten, die Perser, wenn er sie ungerächt lasse, ihn verachten und vergessen würden, zumal da sein Bruder Ochus dar- auf sinne, ihn zu verdrängen. Darius, voll Gram und Erbitte- rung, gab sich ganz in seine Hände; der Mord des Königs, der Tag zum Morde wird bestimmt, schon dringen die Mörder in des Königs Gemach; aber der Plan ist verrathen, Tiribazus, und bald nach ihm Darius, büßen mit dem Leben. Unter den vielen Söhnen des Königs waren jetzt noch beson- ders drei, zwischen denen die Thronfolge schwankte; die größte Hoff- nung machte sich Ochus , nicht bloß weil er der älteste war, son- dern weil eine mächtige Parthei am Hofe für ihn wirkte, und er namentlich seine Schwester Atossa, die jetzt unter den Weibern sei- nes Vaters die Favorite war, durch das Versprechen, sie einst zu heirathen und zur rechtmäßigen Königin zu machen, gewonnen hatte. Die Perser dagegen verlangten den sanften und offenen Ariaspes zum Könige, und Artaxerxes selbst schien für seinen eben so ge- wandten als kühnen Bastard Arsames entschieden. Beide mußte Ochus verderben, um seine Pläne durchzusetzen; der von Allen geliebte Ariaspes war am meisten hinderlich; Ochus misbrauchte seine Bescheidenheit, um Mistrauen, seine Sanftmuth, um Besorg- niß in ihm zu erwecken; der König, sein Vater, möge ihn nicht, hasse ihn, wolle ihm schaden, ihn morden, das hinterbrachten die Getreuen des Königs, die Ochus bestochen hatte, dem nur zu will- fährig Glaubenden, der, nicht zum Widerstand, nicht einmal zu lau- ter Klage fähig, in der bittern Qual der Verzweiflung sich selbst vergiftete. Der fast hundertjährige König argwöhnte wohl den traurigen Zusammenhang, aber er wagte nicht ihn zu enthüllen; noch blieb ihm sein Liebling Arsames, auf ihn wandte er alle Liebe und Hoffnung, die Perser mit ihm. Ochus durfte nicht zaudern, List schien gefährlicher als Gewalt; Tiribazus Sohn, des Endes eingedenk, das sein Vater genommen, war bereit zur verruchten That; Arsames wurde meuchlings ermordet; den Schlag überlebte Artaxerxes nicht; Ochus folgte ihm fast um dieselbe Zeit, da in Macedonien Philipp das Reich übernahm. Ochus war seinem innersten Wesen nach Asiatischer Despot; zu- gleich blutdürstig und feig, zugleich finster und wollüstig, erscheint er in der kalten und wohlberechneten Entschiedenheit seiner Handlungen nur desto entsetzlicher. Ein solcher Charakter konnte die im Inner- sten verderbte Persermacht noch eine Zeit hindurch halten und mit dem krampfhaften Schein von Kraft und Frische beleben, konnte die Völker und die empörten Satrapen zur Unterwürfigkeit zwingen, indem er sie auch seine Launen, seine Mordlust, seine wahnsinnige Wollust schweigend anzusehen gewöhnte. — Ochus begann seine Herrschaft mit dem Morde seiner Brüder, das sicherste Mittel, sich vor ihnen und ihrem Anhange zu schützen; und der Persische Hof nannte ihn voll Bewunderung mit dem Namen seines Vaters, der keine Tugend als die Sanftmuth gehabt hatte. Unter den Satrapen des Reichs war der des unteren Asiens, Artabazus , einer der mächtigsten; er hatte unter dem vorigen Kö- nige jenen gefährlichen Aufstand unterdrückt, und seitdem den Be- fehl in jenen Gegenden erhalten; seine Anhänglichkeit an das könig- liche Haus war eben so bekannt wie sein würdiger und edler Cha- rakter, und Ochus durfte weder hoffen ihn für sich zu gewinnen, noch dem Macht, Ruhe und Leben gönnen, der wider ihn sein mußte. Artabazus schien die nothwendigen Folgen dieses Verhält- nisses vorauszusehen, und ihnen zuvorkommen zu wollen; seine Macht war bedeutend genug, um eine Empörung gegen den König glücken zu lassen, zumal da Griechische Söldner in Kleinasien leicht zu bekommen waren, da zu gleicher Zeit Aegypten und die Grie- chischen Hauptmächte leicht gewonnen werden konnten, und nament- lich Sparta, aufgebracht über den Verlust von Messenien, den der Perserkönig nach der Schlacht von Mantinea trotz des Antalcidi- schen Friedens bestätigt hatte, seinen König Agesilaus nach Aegyp- ten zum Kriege gegen Persien gehen ließ. Artabazus hatte zwei junge Rhodische Männer, Mentor und Memnon , die beide als Kriegsleute ausgezeichnet waren, an sich gezogen, sich mit ihrer Schwester vermählt, ihnen selbst im Bereich seiner Macht bedeutende Ländereien angewiesen, und Griechische Söldnerhaufen unter ihren Befehl gestellt; der Athenische Feldherr Chares war unter der Bedingung, daß Artabazus den Athenern reichliche Subsidien zum Bundesgenossenkriege zahlte, bereit, ihn mit der ganzen Macht, die unter seinem Befehle stand, zu unterstützen. Und schon rückten auf König Ochus Befehl die nächsten Satrapen mit großen Streitmas- sen ins Feld; sie trafen das wohlgeordnete Heer des Empörers, und wurden besonders durch Chares Hülfe geschlagen. Dem Kö- nige blieb kein anderer Ausweg, als Gesandte nach Athen zu sen- den, die Chares verklagten, daß er gegen Persien gekämpft habe, seine Zurückberufung forderten, und, falls sie verweigert würde, mit einer Perserflotte von 300 Segeln die Bundesgenossen zu unter- stützen drohten. Zwar verlor jetzt Artabazus die Athenischen Hülfstruppen, dennoch behauptete er sich glücklich; sein Schwager Memnon unternahm einen Feldzug gegen Leukon, den kriegerischen Tyrannen am Cimmerischen Bosphorus, mit dem die Herakleoten lange schon im Kriege waren, deren Einfluß auf der Küste des Pontus für Artabazus Pläne von der entschiedensten Wichtigkeit werden konnte. Artabazus selbst hatte Theben zu gewinnen gewußt; Pammenes, der berühmte Thebanische Feldherr, wurde ihm an der Spitze von fünftausend Böotiern zu Hülfe gesandt, und besiegte die Satrapen in zwei großen Schlachten. Aber die Wendung, die der heilige Krieg in Griechenland nahm, und die Subsidien, die Ochus den Thebanern versprach, bewirkten die Zurückberufung ihres Feld- herrn; das königliche Heer, unter Führung des Autophradates, ge- wann einen Vortheil nach dem andern, Artabazus selbst wurde ge- fangen; seine Schwäger Mentor und Memnon hielten sich noch, sie gewannen den Athenischen Feldherrn Charidemus, daß er nach Asien käme, und ihre Unternehmungen unterstützte. Endlich gelang es ihnen, man weiß nicht, ob durch Gewalt oder List, ihren Schwager zu befreien, und ihm den Besitz von Lydien, Phrygien und Paphlagonien wieder zu gewinnen; aber ein schneller Glücks- wechsel läßt ihn noch einmal unterliegen, er flüchtet mit Memnon nach Macedonien zum König Philipp; Mentor rettet sich nach Aegypten zum Fürsten Nektanebus. Kleinasien war wieder unter Persische Botmäßigkeit gebracht, und zeigten auch die Siege des Chares und Pammenes, die Ver- bindung des Griechisch gebildeten Artabazus mit Griechenland und Macedonien, seine Verschwägerung mit Griechischen Männern, des Königs Unterhandlungen in Athen und Theben deutlich genug, wie das Persische Wesen bereits sich selbst untreu und seiner selbst un- gewiß geworden, so war doch der Schein auf eine glänzende Weise gerettet. Dasselbe sollte noch mehr an einem anderen Punkte geschehen. In Aegypten nämlich hatte der Fürst Tacho , nach jener mis- glückten Unternehmung des Artaxerxes, in Einverständniß mit den empörten Satrapen des untern Asiens gegen die Syrischen Provin- zen losbrechen wollen; und wenn schon jene Empörung unterdrückt wurde, so schienen doch seine achttausend Aegypter, seine zehntausend Griechischen Söldner, mehr noch, daß König Agesilaus und der Athe- ner Chabrias sie anführen sollten, einen glücklichen Ausgang zu versprechen. Aber Tacho hatte sich durch kleinliche Eifersucht den König Agesilaus, durch übermäßige Erpressungen das Aegyptische Volk so verfeindet, daß, als er mit seinen Heeren in Syrien stand, in Aegypten sein Neffe Nektanebus , von Agesilaus geleitet, sich zum Fürsten machte, und für Tacho kein anderer Rath blieb, als sich dem Perserkönige in die Arme zu werfen. Der Aufstand eines Mendesiers gegen Nektanebus wurde durch Agesilaus Hülfe bald unterdrückt, ein Angriff der Perser unter Anführung des nachmali- gen Königs Ochus und des vertriebenen Tacho Führung zurückge- schlagen; und als nun Artaxerxes gestorben war, und der König Ochus, der selbst den Krieg nicht sehr zu lieben schien, einzelne Heere vergebens gegen die Aegypter sandte, da erhob diese das stolze Bewußtsein ihrer wieder auflebenden Größe, und nach der Weise ihres Volkes war frecher Spott der nächste Ausdruck ihrer Freude und ihres Nationalgefühls; sie ahneten nicht, was jener König Esel, wie sie Ochus nannten, noch über sie verhängen würde. Den Anlaß dazu gab die Empörung Phöniciens. Die Sido- nier nämlich, unter ihrem Fürsten Tennes, durch das Beispiel Ae- gyptens aufgeregt und durch den frechen Stolz des Persischen Sa- trapen erbittert, beredeten auf dem Tage zu Tripolis die Phönici- schen Städte zum Abfall von den Persern; man eilte sich mit Nektanebus zu verbünden, man zerstörte die königlichen Gärten und Schlösser, verbrannte die Magazine, ermordete alle Perser, die sich im Bereich der Phönicischen Städte befanden; alle, namentlich das durch Reichthum und Erfindsamkeit so ausgezeichnete Sidon, rüsteten sich mit der größten Lebhaftigkeit. Die Gefahr für Persien war groß; wenn Phönicien verloren wurde, so war das Meer und die Provinzen am Meere nicht mehr zu behaupten; Ochus befahl da- her, während sich die Völker seines Reiches zum großen Heeres- zuge gegen Phönicien und Aegypten nach Babylon sammelten, den Satrapen von Syrien und Cilicien, sofort einen Angriff auf die Sidonier zu machen. Aber Tennes, unterstützt von zwölftausend Grie- chischen Söldnern, die ihm Mentor vom Fürsten Nektanebus zu- führte, widerstand glücklich den beiden Satrapen. Zu gleicher Zeit erhoben sich die neun Cyprischen Städte, sie verbanden sich mit den Phöniciern und den Aegyptern, unter ihren neun Fürsten wie jene unabhängig zu sein. Auf Befehl des Königs Ochus zog jetzt der Karische Dynast Idrieus gegen Cypern, mit ihm der Athenische Feldherr Phocion, und Euagoras, der frühere Fürst von Salamis auf Cypern, der von dem Perserkönige für Salamis, das er seinem ältern Bruder Protagoras abtreten mußte, mit einer Satrapie entschädigt worden war; der Ruf dieser Feldherren, noch mehr die Schätze der reichen Insel lockten von allen Seiten Söldner in Menge herbei; die ein- zelnen Fürsten mußten sich unterwerfen, nur Salamis widerstand noch seinem ehemaligen Herrn; es begann eine langwierige Bela- gerung. Indessen hatten sich auch die Heere in Babylon versammelt, und als nun Ochus aufbrach, und sich mit seiner ungeheueren Uebermacht den Phönicischen Städten nahete, da verzagte der Si- donische Fürst, und begann auf Mentors Rath heimlich Unterhand- lungen; er versprach, sich und seine Stadt zu unterwerfen und an dem Zuge nach Aegyten Theil zu nehmen; Ochus war zu allem bereit; er zog mit seinen Heeren vor Sidon; umsonst hatten die Sidonier mit der größten Hingebung Alles gethan, um den Persern Widerstand zu leisten, selbst ihre Schiffe verbrannt, damit jede Flucht unmöglich würde; Mentor und Tennes verriethen die Stadt; und als die Sidonier bereits die Burg und die Thore in Feindes Hand, und jede Rettung unmöglich sahen, zündeten sie ihre Stadt an, und suchten den Tod in den Flammen; vierzigtausend Menschen sol- len umgekommen sein. Um dieselbe Zeit fiel auch Salamis auf Cypern, und Euagoras wurde in seine alten Rechte wieder ein- gesetzt. Jetzt endlich konnte Ochus an die Ausführung seines Haupt- zweckes, an die Unterwerfung Aegyptens gehen; er hatte bei den Griechen in Europa und Asien werben oder um Söldnerschaaren bitten lassen; nur Sparta und Athen hatten mit Vorbehalt ihrer guten Gesinnung für den Perserkönig solche Verbindung ausgeschla- gen; die Thebaner dagegen sandten tausend Schwerbewaffnete unter Lakrates, die Argiver zweitausend Mann, denen sie auf des Königs ausdrückliches Verlangen den tollkühnen Nikostratos als Feldherrn gegeben hatten; außerdem waren in den Asiatisch-Griechischen Städ- ten sechstausend Mann geworben, die unter Bagoas Befehl standen; dazu kam die große Zahl der Asiatischen Schaaren unter ihren Sa- trapen. Das große Heer zog nun südwärts an der Küste entlang; nicht ohne bedeutenden Verlust gelangte es durch die Sumpfwüste, welche Asien und Aegypten scheidet, unter die Mauern der Grenz- festung Pelusium, welche von fünftausend Griechischen Söldnern verthei- digt wurde; die Thebaner unter Lakrates, voll Begierde ihren Waf- fenruhm zu bewähren, griffen sie sogleich an, wurden aber zurück- geworfen, und nur durch die einbrechende Nacht vor bedeutendem Verluste bewahrt. Nektanebus hatte sich auf das Trefflichste gerü- stet, und, obschon die Zahl seiner Streiter geringer war, so gab ihm doch das Andenken früherer Siege die beste Hoffnung; freilich fehlten ihm die trefflichen Griechischen Generale von damals; aber noch hatte er zwanzigtausend Griechen unter den Waffen, dazu eben so viel Libyer und sechzigtausend Aegyptische Krieger; eine unzählige Menge von Nilschiffen war im Stande, den Feinden jeden Flußübergang unmöglich zu machen, selbst wenn sie die Reihe von Verschanzun- gen, die am rechten Nilarm entlang lagen, überschritten. Das Perserheer vor Pelusium war in drei Colonnen getheilt, von denen die eine, die Böotier mit sehr vielem Persischen Fuß- und Reutervolk unter Lakrates und dem Lydischen Satrapen Roisa- kes Pelusium beobachtete, die zweite, aus den Argivern und fünftausend ausgewählten Persern unter Nikostratus und Aristazanes bestehend, auf achtzig Schiffen jenseits Pelusium die Landung forciren, endlich die dritte, die aus Mentors Söldnern und den sechstausend Griechen, die Bagoas führte, und vielem anderen Volke bestand, sich südlich wen- den sollte, um wo möglich Pelusium abzuschneiden. Durch die Kühn- heit des Nikostratus und seiner Argiver gelang die Besetzung einer wichtigen Position innerhalb des Delta, im Rücken der feindlichen Linie, die nun Nektanebus, eben so muthlos in der Gefahr, wie vorher voll Selbstvertrauen, aufzugeben eilte, um sich in die Burg von Memphis zu werfen. Pelusium, der Schlüssel Aegyptens, war umzingelt, nach sehr tapferem Widerstande ergab sich die Griechi- sche Besatzung unter ehrenvollen Bedingungen. Jetzt rückte Men- tor und Bagoas gegen Bubastus vor; die Aufforderungen zur Un- terwerfung, die Drohung, bei unnützem Widerstande die Strafe, welche Sidon erlitten, zu wiederholen, verfeindeten in allen Städ- ten die Griechischen Besatzungen, die bereit waren bis in den Tod zu kämpfen, mit den feigeren Aegyptiern; der Einnahme von Bu- bastus, die dem Lieblinge des Königs, Bagoas, das Leben gekostet hätte, wenn nicht Mentor zu seiner Rettung herbeigeeilt wäre, folgte schnell die Besetzung der anderen Städte des niederen Landes; die Perserheere rückten der Hauptstadt immer näher. Jetzt hielt sich Nektanebus nicht mehr sicher in seiner Hauptstadt; er gab es auf für ein Reich zu kämpfen; er rettete sich mit seinen Schätzen stromauf nach Aethiopien. Ungehindert rückte Ochus in Memphis ein, entschlossen, das Land seinen ganzen Zorn fühlen zu lassen; die Zeiten des Königs Kambyses erneuten sich; viele Aegyptier wurden hingerichtet, den heiligen Apis durchbohrte der König mit eigener Hand, befahl die Heiligthümer ihres Schmuckes, ihres Goldes, selbst ihrer heiligen Bücher zu berauben, und nur mit schwerem Gelde konnten diese wieder zurückgekauft werden. So wurde Aegypten für eine sechzig- jährige Unabhängigkeit mit der blutigsten Strenge gestraft; Ochus erhielt in hieroglyphischen Tempelannalen wie im Munde des Volks den Namen „der Dolch“. Nachdem Pherendakes zum Satrapen ein- gesetzt, und die Griechischen Söldner reich beschenkt entlassen waren, kehrte der König mit großer Beute und noch größerem Ruhme nach Babylon zurück. Das Persische Reich stand gewaltiger als jemals, nur daß es nicht Persische, sondern Griechische Feldherren und Truppen gewe- sen waren, die den Sieg entschieden hatten. Der König Ochus, der sich in dem ächt despotischen, launenhaften Wechsel wilder Kraftäußerung und gedankenloser Erschlaffung fortan ganz seinem Hang zur Wollust hingab, überließ das Innere des Reiches seinem Liebling, dem Chiliarchen Bagoas, während Mentor die Provinzen des unteren Asiens erhielt; beide, Bagoas und Mentor, waren mit einander im Einverständniß, sie lenkten den König, sie hatten alle Macht, das Wohl und Wehe des Reiches lag in ihren Händen. Zunächst benutzte Mentor sein Ansehn dazu, seinen Bruder Memnon, seinen Schwager Artabazus und dessen Familie, die bis- her bei dem Macedonischen Könige einen Zufluchtsort gefunden hatten, wieder zu Macht und Ehre zu bringen. Sodann ging er daran, die Dynasten Kleinasiens, die sich während des Aegyptischen Krieges allzu frei benommen hatten, wieder zu unterwerfen; er be- gann damit, in Verbindung mit seinem Bruder Memnon den Ty- rannen Hermeas von Atarnea in Aeolis, den Verwandten des großen Aristoteles, und seine Anhänger durch Hinterlist zum Gehor- sam zurückzubringen; dieß und die Bewältigung der andern Klein- asiaten, die sich empört hatten, machte sein Ansehn beim Könige und seine Macht im untern Asien noch entschiedener. — Indeß hatte Memnon bei seinem Aufenthalte in Macedonien wohl zu er- kennen Gelegenheit gehabt, wohin sich des Königs Philipp Plane richteten; sie traten immer deutlicher hervor, je näher die Grenzen Macedoniens den Persischen Satrapien kamen; Athenische Ge- sandte unterließen nicht, auf die dringende Gefahr aufmerksam zu machen; jetzt rückte Philipp gegen Perinth und Byzanz; wenn er diese Städte wegnahm, so stand ihm der Uebergang nach Asien offen. Darum wurden in aller Eile einige Griechische Schaaren die im Persischen Solde standen, unter Apollonius nach Perinth gesendet, und sie waren stark genug, in Verbindung mit den By- zantinern die kräftigen Angriffe des Macedonischen Königs zurück- zuschlagen. Jedenfalls waren Mentor und Memnon die Urheber dieser Maaßregel; an der Spitze der Griechischen Söldnerschaaren im untern Asien waren sie die Stütze der Persischen Macht und deren Verfechter, im Falle daß von Europa her irgend eine Gefahr drohen sollte. Nach dem kurz darauf erfolgten Tode Mentors ging diese wichtige Stelle eines Befehlshabers des stehenden Heeres für Kleinasien an Memnon über, und bald genug sollte er Gelegenheit haben, sein nicht gewöhnliches Feldherrntalent zu bewähren. Während auf diese Weise die Satrapien im äußersten Westen des Reiches, entweder in sich selbst von Kämpfen und Insurrectionen bewegt, oder alle Aufmerksamkeit auf die Verhältnisse in Europa gewendet, in immer lebhafteren Verkehr mit Griechenland kamen, herrschte der König auf seiner Hofburg zu Susa in zügelloser Wild- heit und Grausamkeit fort; Alle haßten und fürchteten ihn, der Ein- zige dem er Vertrauen schenkte, misbrauchte es. Der Aegyptische Eunuch Bagoas , sein oberster Kämmerer, tückisch und herrschsüch- tig von Natur, dem blinden Aberglauben seines Vaterlandes, zu dessen Untergang er selbst hülfreiche Hand geleistet hatte, ganz er- geben, hatte dem Könige die Schändung seiner vaterländischen Hei- ligthümer und den Tod des heiligen Apisstieres nicht vergessen. Je mehr sich der König durch seine Grausamkeit verhaßt machte, desto kühner wurden die Plane seines tückischen Lieblings; Bagoas gewann den Arzt des Königs, ein Gifttrank machte dem Leben des verhaßten Despoten ein Ende; und so groß war die Bosheit des Eunuchen und seine Frechheit, daß er den Leichnam des Großkönigs nicht nach der Sitte der Väter in die Königsgräber von Persepolis bringen, sondern ihn in Stücke zerreißen, und, was den Persern das Scheußlichste ist, von Katzen auffressen ließ. Das Reich war in seiner Hand; um desto sicherer seine Stelle zu behaupten, ließ er des Königs jüngsten Sohn Arses zum Könige weihen, die Brü- der desselben ermorden; nur der eine, Bisthanes, rettete sich. Das geschah etwa zu der Zeit der Schlacht von Chäronea. Indeß ertrug Arses nicht lange den frechen Stolz des Eunu- chen, er vergaß ihm nicht den Mord seines Vaters und seiner Brü- der; Bagoas eilte ihm zuvorzukommen; nach kaum zweijähriger Regierung ließ er den König mit seinen Kindern ermorden; zum zweiten Male war die Tiara in seinen Händen. Aber das könig- liche Haus war verödet; durch Ochus Hand waren Artaxerxes Söhne, durch Bagoas Ochus Söhne und Enkel ermordet; der ein- zige von ihnen, Bisthanes, war vor dem Eunuchen geflohen, zwi- schen ihnen konnte keine Gemeinschaft sein. Noch lebte ein Sohn jenes Darius, dem sein Vater Artaxerxes die Tiara gegeben, die schöne Jonierin verweigert hatte; aber die Augen der Perser wand- ten sich auf Kodomannus ; er war Arsames Sohn, dessen Vater Ostanes ein Bruder des Königs Artaxerxes gewesen war, seine Mutter Sisygambis, desselben Artaxerxes Tochter; er wurde be- wundert wegen seiner Sanftmuth, seiner Schönheit und Tapferkeit; in dem Kriege, den Ochus gegen die Kadusier führte, hatte er allein die Herausforderung ihres riesigen Anführers zum Zweikampf an- zunehmen gewagt, und ihn bewältigt; damals war ihm von den Persern der Preis der Tapferkeit zuerkannt, sein Name von Alt und Jung gefeiert worden, der König Ochus hatte ihn mit Ge- schenken und Lobpreisungen überhäuft, und ihm die schöne Satra- pie Armenien gegeben. — Mochte Bagoas jener Stimmung der Perser nachgegeben, oder sich mit der Hoffnung geschmeichelt haben, daß Darius Kodomannus für die Tiara, die er durch ihn erlangt hätte, treu ergeben bleiben würde, früh genug sollte er erkennen, wie sehr er sich getäuscht hatte. Der König haßte den Mörder und verachtete seinen Rath; Bagoas beschloß ihn aus dem Wege zu räumen, er mischte ihm Gift in den Becher; aber Darius war gewarnt, er rief den Eunuchen, und hieß ihn, als wäre es ein Zei- chen seiner Gunst, den Becher trinken. So fand Bagoas eine späte Strafe. Die Zügel der Herrschaft waren in der Hand eines Königs, wie ihn Persien lange nicht gehabt hatte; schön und ernst, wie der Astate sich gern das vollkommene Bild seines Herrschers denkt, von Allen verehrt und gegen Alle liebreich, an allen Tugenden seiner großen Ahnen reich, frei von den scheußlichen Lastern, die das Le- ben der letzten Könige geschändet und zum Verderben des Reichs gemacht hatten, schien Darius berufen, dem Reiche, das er ohne Schuld und Blut erworben, den Frieden und das Glück wieder zu geben, um die der früheren Könige Ohnmacht oder Verruchtheit das edle Volk der Perser betrogen hatte. Keine Empörung störte den glücklichen Beginn seiner Herrschaft; Aegypten war dem Reiche wiedergegeben, Baktrien, Syrien dem Könige treu und ergeben; von den Küsten Joniens bis an den Indus priesen die Völker den Namen des milden Darius. Und dieser König sollte der letzte Enkel des Cyrus sein, der über Asien herrschte, gleich als ob ein unschuldiges Haupt den Fluch des Unterganges, der auf dem Volke der Perser ruhte, hätte auch auf sich nehmen müssen. Denn schon begann im fernen Westen das dunkle Wetter, das Persien vernichten sollte, emporzusteigen, schon kamen in die Hof- burg von Susa die Boten der seeländischen Satrapen, daß Philipp von Macedonien seine Heere zusammenziehe, um mit dem nächsten Frühling in die Provinzen Asiens einzubrechen, daß einzelne Schaa- ren auf der Küste gelandet seien, und sich in den Griechischen Städten des untern Phrygiens festsetzten. Darius wünschte auf jede Weise diesen Krieg zu vermeiden; er wußte, daß gegen die vereinigte Macht der Macedonier und Griechen seine Völker un- möglich das Feld würden behaupten können, er mochte ahnen, wie das ungeheure Reich, in sich erstorben und verweset, nur eines äußeren Anstoßes bedürfte, um in sich zusammenzusinken. Aber eben darum war jener Krieg nicht zu vermeiden; das Reich des Cyrus, dies große Grab der Astatischen Völker, mußte erbrochen, und die Völker aus ihrem Scheintode zu neuem Leben erweckt werden; und auch die Hellenische Freiheit, einst die schönste Blüthe, die den Frühling des Menschengeschlechtes geschmückt hat, war zur überreifen Frucht gezeitigt. Die Griechen hatten in dem reich bewegten Leben vieler Jahrhunderte alle Kraft entwickelt und geübt, mit der sie von der Natur verschwenderisch ausgestattet wa- ren; und je höher sich in ihnen das Bewußtsein ihrer Freiheit und Kraft, Kraft, das Verlangen nach dem fernen Ziele ihres geschichtlichen Lebens entwickelt hatte, desto heftiger bewegt, desto leidenschaftlicher und blutiger waren die Kämpfe geworden, in denen sie den letzten großen Kampf vorbereitet hatten. Auf den Feldern von Chäronea hatte endlich Macedonien den Sieg davon getragen, in der großen Versammlung zu Corinth war Philipp von den Griechen zum Füh- rer des Griechenthums ernannt worden; er stand bereit, das große Nationalwerk der Griechen zu vollenden. 3 Zweites Kapitel . Das Macedonische Koͤnigthum. Alexanders Regierungs- antritt. A ber waren Philipp und seine Macedonier Griechen, um den Perserkrieg im Sinne des Griechischen Volkes und der Griechischen Geschichte übernehmen zu können? Die Vertheidiger der alten de- mokratischen Freiheit haben oft und laut das Gegentheil behauptet, und ihr großer Wortführer Demosthenes geht in seinem patriotischen Eifer so weit, zu versichern, daß Philipp weder ein Grieche, noch mit Griechen verwandt, sondern zu den Barbaren zu zählen sei, die man nicht einmal als Sclaven brauchen könne Demosth. Olynth. II. p. 23. Philipp III. p. 69. . Aber uralte und glaubwürdige Traditionen beweisen das Gegentheil; sie berich- ten, daß in grauer Vorzeit drei Brüder aus dem Heraklidischen Fürstengeschlechte von Argos gen Norden in das Land der rossekun- digen Päonier gewandert seien, sich am Ostabhange des Gebirges in der Stadt Edessa niedergelassen, und die Landschaft Emathia in Besitz genommen hätten; der jüngste dieser drei Brüder, Perdikkas, wurde der Stammvater des Macedonischen Königshauses Herod. V. 22. VIII. 139. Thucyd. II. 99. Die Sage von Karanus ( Diod. I. 18. 20. VII. 8. etc. ) ist jüngeren Ursprungs. . In allmähligem Wachsthum dehnte sich das neue Reich über den gan- zen Landstrich aus, der, von der Natur auf eine augenfällige Weise abgegränzt, bis in späte Zeiten den Namen des eigentlichen oder unteren Macedoniens behielt, und die Landschaften Emathia, Am- phaxitis, Mygdonia, Bottiäis und Pieria umfaßte Die nähere Einsicht in die höchst eigenthümlichen und einfluß- reichen Naturverhältnisse des kleinen Macedonischen Landes ist erst seit Cousinery’s Werk ( voyage dans la Macedoine ) möglich geworden. . Die Ur- einwohner dieser Gegenden waren dieselben Pelasgischen oder Thra- cischen Stämme, welche einst das ganze Hellenische Land inne ge- habt hatten, späterhin aber der höheren Entwickelung des Helleni- schen Lebens gegenüber als Barbaren erschienen. So hatten die Macedonischen Herakliden das gleiche Loos mit allen ihren Stam- mesgenossen, in ein fremdes Land eingewandert ihre Macht auf die Unterwerfung der einheimischen Urvölker gründen zu müssen, freilich mit dem wichtigen Unterschiede, daß hier wie in keinem Dorischen Lande das Alte mit dem Neuen zu einem Ganzen verschmolz, wel- ches im Stande war, die urkräftige Frische der Heroenzeit bis in späte Jahrhunderte zu bewahren. Und wenn berichtet wird, daß die Trophäen des ersten Sieges, den Perdikkas über die einheimi- schen Stämme davon trug, durch den Willen der Götter über Nacht von einem Löwen umgestürzt worden, zum Zeichen, daß man nicht Feinde besiegt, sondern Freunde gewonnen habe Paus. IX. 40. , so spricht sich in dem Sinne dieser Sage die eigenthümliche Kraft des Macedoni- schen Reiches und dessen Beruf aus, den letzten Krieg Griechen- lands gegen den Orient glücklich hindurch zu führen, da ja nicht über Unterworfene triumphirt, sondern die Völker Asiens für Grie- chisches Leben und Wesen gewonnen werden sollten. Während im übrigen Griechenlande das Königthum, das sich in dem niederen Volke eine Stütze zu gewinnen versäumt hatte, ge- gen die Anmaaßungen eines ebenbürtigen Herrenstandes zu Grunde gegangen war, während gegen diesen Herrenstand selbst das niedere Volk, der Rechtlosigkeit und des unerträglichen Druckes müde, sich endlich empört, die edlen Geschlechter ihrer Vorrechte beraubt und in die gährende Masse des demokratischen Gemeinwesens hinabgezo- gen hatte, um selbst bald in Selbstsucht und Partheiung zu zerfal- len, hatte Macedonien in seiner ruhigen und alterthümlichen Weise fortbestehen können, da hier jene Elemente der Reibung und des Hasses in dem Verhältniß der verschiedenen Stände nicht vorhan- 3 * den waren. Denn die edlen Dorischen Geschlechter in Macedonien hatten keinesweges, wie etwa die Spartaner und andere Dorier, die alten Landesbewohner zu Penesten und Heloten erniedrigt; wie dürftig auch die Nachrichten über das innere Leben Macedoniens sind, so viel steht fest, daß das Volk frei, daß Jeder des Volks trotz dem edelsten Herakliden Macedonier war, daß er das Recht zu freiem und unabhängigem Besitz, und Zutritt in die Volksver- sammlung hatte, daß endlich die Volksversammlung selbst zu Ge- richt und Berathung dem Könige zur Seite war, um durch lauten Zuruf zu billigen oder zu verwerfen. Indem das freie Volk zu glei- cher Zeit die Masse des Heeres bildete, so konnte sich nicht im Adel des Landes eine einseitige Vorliebe für den Krieg hervorbil- den, und der ritterliche Dienst, zu dem er im Falle eines Krieges verpflichtet war, ließ den Heerdienst des Fußvolks in gleichem Maaße ehrenvoll und selbstständig. Der Adel selbst war kaum als Herrenstand zu bezeichnen; was ihn auszeichnete, waren nicht Privilegien auf Kosten des Volkes, sondern größeres Besitzthum, die Erinnerungen edler Abstammung, nähere Beziehung zu der Per- son des Königs, der treue Dienste mit Ehren und Geschenken be- lohnte. Selbst die Familien von fürstlichem Adel, die früher in den benachbarten Landschaften Orestis, Lynkestis, Stymphäa und anderen selbstständig geherrscht, und, nachdem sie von den mächtigeren Köni- gen Macedoniens abhängig geworden, doch den Besitz ihrer frühern Herrschaft behalten hatten, traten wohl mit ihrem Volke in die Verhältnisse ein, welche für das übrige Macedonien galten. Man muß gestehen, daß die alterthümliche Einfachheit der Verhältnisse, wie sie die Grundlage des in den Homerischen Ge- sängen geschilderten Lebens bildet, und Jahrhunderte lang in Macedo- nien bestand, in der That einst allen Hellenen gemeinsam gewesen, aber im Kampf der Jahrhunderte untergegangen war. Freilich dankte das Griechenthum diesen Kämpfen die hohe Bildung, die es, wenn auch auf Kosten des Glückes und der Tugend, erreicht hat, und Macedonien war mit seiner alterthümlichen Rauheit und Ein- falt weit hinter der Zeit zurückgeblieben; aber dafür konnte es auch, glücklich und umsichtig geleitet, die Resultate jener langen und mü- hevollen Entwickelung, bei der Griechenland seine Kraft erschöpft hatte, mit ungeschwächter Kraft aufnehmen; es konnte die Gedan- ken der neuen Zeit, deren Keime schon in den Formen des heroi- schen Königthumes lagen, mit dem, was es selbst bewahrt hatte, vereinigen und erfüllen, und so das verwirklichen, was die größten Denker im Hellenischen Volke als das Höchste volksthümlicher Ver- fassung darstellten. Dieß Neue und Zeitgemäße mußte Macedonien, so lag es in der Natur der Sache, durch die Vermittelung seiner Könige er- halten; und in der That, seitdem diese durch die Perserkriege, die ja in allen Hellenen das Bewußtsein und Bedürfniß der Einheit erwachen ließen, mit in den großen Verband des Hellenischen Le- bens eingetreten waren In den Olympischen Spielen; cf. Herod. V. 22. , verfolgten sie mit mehr oder minder Bewußtsein, Geschick und Kraft diesen Plan, ihr Volk, unbeschadet der hergebrachten Rechte und Verhältnisse, in unmittelbaren Zu- sammenhang mit den Staaten von Hellas und zur Theilnahme an der gemeinsamen Hellenischen Bildung zu bringen. Die Nähe der reichen und handelkundigen Colonien in Chalcidice, die durch sie veranlaßten vielfältigen Berührungen mit den Hauptmächten von Hellas, die um ihren Besitz kämpften, und den Einfluß Macedo- niens suchten oder fürchteten, die fast ununterbrochenen Kämpfe in Hellas selbst, welche manchen berühmten Namen die Heimath zu meiden und an dem reichen Hofe von Pella Ruhe und Ehre zu suchen veranlaßten, das alles begünstigte die ruhigen und sicheren Fortschritte Macedoniens. Vor allen wichtig und erfolgreich war die Zeit des weisen Königs Archelaos , und während das übrige Hellas von dem Peloponnesischen Kriege verwirrt und zerrissen wurde, verbreitete sich unter seiner weisen Leitung das Licht höherer und zeitgemäßer Bildung bis in die entferntesten Thäler seines schönen Landes; sein Hof, der Sammelplatz von Dichtern und Künst- lern aller Art Thucyd. II. 100. Gellius. XV. 20. Aelian. XIV. 17. II. 21. und der glückliche Vereinigungspunkt des Mace- donischen Adels, wurde das Vorbild für das Volk und dessen fort- schreitende Entwickelung; Archelaos selbst galt in dem Munde der Zeitgenossen für den reichsten und glücklichsten Mann von der Welt Plato Gorgias, p. 83. ed. Heind. . Indeß scheint durch die wichtigen und erfolgreichen Neuerun- gen, wie sie namentlich durch Archelaos ins Leben getreten waren, eine Reaction hervorgerufen zu sein, welche durch die neuen Elemente, die Macedonien bereits in sich aufgenommen, nur desto heftiger und gefährlicher werden mußte. So lange Archelaos herrschte, wagte kein Unwille laut zu werden; aber als mit seinem Tode das Reich an seinen unmündigen Sohn Orestes überging, da schien es Zeit gegen das Neue anzukämpfen, und die alte gute Zeit wieder in ihr Recht einzusetzen, eine Tendenz, die ihrer Natur nach den hohen und herrschenden Geschlechtern angehören mußte, da nur sie durch die Förderung des Volkes und der Bildung im Volke, so wie durch die höhere und einflußreichere Stellung des Königthums beeinträchtigt sein konnten, wogegen das Volk selbst, wie es scheint, an allen den folgenden Kämpfen und Zerwürfnissen nicht viel An- theil gehabt hat, sondern die einmal aufgenommenen Elemente langsam und ruhig sich weiter entwickeln ließ. Das Genauere jener Bewegungen ist dunkel; doch bestätigen die wenigen Andeutungen, die sich vorfinden, diese Ansicht. Aeropus , der Reichsweser und Verwandter des königlichen Hauses, raubte dem königlichen Knaben Krone und Leben; Aeropus stammte wahrscheinlich aus dem alten Bacchiadischen Fürstengeschlecht der Lynkestier Diese Wahrscheinlichkeit gründet sich namentlich darauf, daß der Lynkestier Alexander, eines Aeropus Sohn, späterhin in der Hoff- nung auf den Macedonischen Thron Verbindungen mit dem Perser- könige angeknüpft hat. , das mit dem Kö- nigshause verschwägert war; was er und seine Familie in den näch- sten Zeiten ausgeführt, bezeichnet sie als Gegner der neuen Ord- nung der Dinge und als Vertreter des Althergebrachten. Es ist begreiflich, wie durch eine Partheiansicht, für welche sich der fürst- liche Adel des Landes entscheiden mußte, Aeropus den Thron be- haupten und auf seinen Sohn Pausanias vererben konnte. Aber die Anhänglichkeit für die königliche Heraklidenfamilie war zu groß, als daß sich die Usurpation für lange gegen ihre gerechten An- sprüche hätte halten können. Obschon aus der jüngeren Linie des königlichen Hauses entsprungen, begann Amyntas den Kampf gegen Pausanias, und entriß ihm den Thron; sein kühnes Auftreten und die trefflichen Eigenschaften, die er als Herrscher entwickelte, moch- ten das nähere Anrecht, welches der noch lebende jüngste Sohn des Archelaos auf das Reich hatte, vergessen lassen. Doch war die Zeit der Ruhe, so sehr das Land ihrer bedurfte, noch nicht gekommen; die Verwirrungen, die das Reich zu entkräf- ten und zur leichten Beute jedes kühnen Ueberfalls zu machen schie- nen, hatten die Illyrier an die Grenze gelockt, und vielleicht von den Gegnern des Amyntas aufgemuntert, fielen sie in das Land, besiegten ein königliches Heer und zwangen den König selbst zur Flucht aus seinem Reiche. Die zwei Jahre seiner Abwesenheit be- nutzte Archelaos jüngster Sohn Argäus zu einem Versuch, sich des väterlichen Reiches zu bemächtigen; aber mit Thessalischer Hülfe kam Amyntas zurück, und gewann in Kurzem das Verlorene wie- der. Die großen Gefahren und Zerrüttungen, welche die Parthei- ungen über das Land gebracht hatten, mochten empfindlich genug gezeigt haben, wie nothwendig Versöhnung und Eintracht sei; Amyn- tas vermählte sich mit Eurydice aus dem Lynkestischen Fürstenhause. Altes und Neues ward in Einklang gebracht, und zwanzig Jahre hindurch regierte Amyntas, wenn auch nicht in völligem Frieden, doch zum Wohl und zur Förderung seines Landes. Aber bei sei- nem Tode offenbarte sich, daß die Parthei der Lynkestier ihre alten Hoffnungen und Pläne noch nicht aufgegeben; sie fand in der Köni- gin Eurydice eine eben so kühne wie furchtbare Vertreterin. Als Amyntas Sohn und Nachfolger Alexander in Thessalien kämpfte, stand von ihr veranlaßt Ptolomäus von Alorus, mit dem sie schon lange ein heimliches Verhältniß pflegte, gegen den König auf, und kämpfte glücklich; ein Vergleich zwischen beiden schien nur ge- macht, um den König desto sicherer zu verderben; während eines festlichen Tanzes ward er ermordet Marsyas ap. Athen. XIV. p. 629 d.; Diod. XV. 71. 72. nennt ihn Bruder des Alexander, gegen das ausdrückliche Zeugniß des Dexip. ap. Syncell. p. 500. ed. Bonn.; cf. Aristot. Polit. V. 8. 12. , und dem Mörder Ptolomäus gab die Königin ihre Hand und den Thron. Jahr und Tag herrschte der Usurpator, bis Alexanders zweiter Bruder herangereift war; mit dem Morde des Ptolomäus bahnte er sich den Weg zum Throne. Seine Herrschaft währte zu kurze Zeit; mitten in der einflußreichsten Wirksamkeit für die Bildung und Erweiterung seines Reiches rafft ihn der Tod hinweg, seine Mutter Eurydice soll ihn ermordet haben. Aber schon war ihr und des Amyntas dritter Sohn Philipp da, die Regierung für seines Bruders Perdikkas unmündigen Sohn zu übernehmen; mit gleicher Vorsicht und Ge- wandtheit rettet er das Reich vor den drohenden Einfällen der Il- lyrier und Thracier, die Krone vor den beiden Prätendenten Pau- sanias und Argäus, das königliche Haus vor neuen Intriguen und Verwirrungen; in Kurzem waren die alten Partheiungen verschwun- den. Von der Parthei der Lynkestier war Eurydice und Ptolo- mäus todt, und von den Söhnen des Aeropos wurde der älteste, Alexander, durch Vermählung mit des treuen Antipaters Tochter, die beiden jüngeren, Hieromenes und Arrhabäus, durch andere Gunstbezeugungen gewonnen, Arrhabäus Söhne Neoptolemus und Amyntas am Hofe erzogen Arrian. 1. 20. . Von der älteren Linie des Hau- ses hatte noch Argäus gegen Philipp um das Reich gekämpft, er verschwindet aus der Geschichte; wahrscheinlich wurde ihm von Phi- lipp verziehen, und sein Sohn Heraklides erscheint später unter den Befehlshabern der Macedonischen Armee Arrian. VII. 16. . Auch der zweite Prätendent Pausanias, von dessen Abstammung und Ansprüchen nichts Genaueres überliefert wird, verschwindet aus der Geschichte. Den rechtmäßigen Thronerben endlich, des Perdikkas Sohn Amyn- tas , in dessen Namen Philipp wirklich im Anfange die Regierung geführt hatte, knüpfte er durch die Vermählung mit seiner Tochter Kynane an sein Interesse v. interp. ad Curt. VII. 9. 17. . So war Macedonien in die Hände eines Fürsten gekommen, der mit bewundernswürdiger Planmäßigkeit und Gewandtheit die Kräfte seines Reiches zu entwickeln, zu benutzen und bis zu dem Grade zu erhöhen wußte, daß sie dem großen Gedanken, an der Spitze des Griechenthums das Morgenland zu unterwerfen, ge- wachsen wurden. Fast hat die Geschichte über die staunenswürdi- gen Erfolge die Mittel, durch welche sie errungen wurden, aufzu- zeichnen vergessen, uud während sie die Hand, die einen Staat Griechenlands nach dem andern zu sich herüber zog, in jedem ein- zelnen ihrer schlauen Griffe auf das Genaueste verfolgt, läßt sie uns über den Körper, dem diese Hand angehört, und dem sie ihre Kraft und Sicherheit dankt, fast ganz im Dunkeln; das verführeri- sche Gold, das sie dieselbe Hand zeigen und zur rechten Zeit spen- den läßt, erscheint fast als das einzige oder doch größte Mittel, durch welches Philipp seine Erfolge errungen. Aber faßt man das innere Leben des Reiches näher ins Auge, so treten deutlich zwei Momente hervor, die, schon früher angeregt, aber durch Philipp erst zu voller Kraft entwickelt, die Basis seiner Macht wurden. Das Macedonische Volk hatte allerdings schon früher Kriege mannigfacher Art zu bestehen gehabt, und nach dem alten Brauch war dann jeder wehrhafte Mann ausgezogen, um nach Beendigung des Krieges wieder zu seinem Pfluge oder zu seiner Heerde zurück- zukehren. Die Gefahren, unter denen Philipp die Regierung über- nahm, die Kämpfe, welche namentlich die ersten Jahre seines Kö- nigthums fast unablässig fortwährten, gaben die Veranlassung, jene Kriegspflichtigkeit der Macedonier zur Bildung eines stehenden Natio- nalheeres zu benutzen, das, anfangs zehntausend Mann Fußvolk und sechshundert Ritter stark, bald genug auf das Doppelte gebracht wurde. Die Erfolge dieser Einrichtung mußten außerordentlich sein; sie bewirkte, daß sich die verschiedenen Landschaften des Reiches als ein Ganzes, als eine Nation fühlen lernten; sie machte es mög- lich, daß die neu erworbenen Thracischen, Päonischen, Agriani- schen Völkerschaften, wenn sie auch ihre einheimischen Fürsten behielten, mit dem Macedonischen Volke zu einem Ganzen ver- schmolzen; vor allem aber gab sie in dieser Einheit und in der kriegerischen Tendenz, die fortan vorherrschend wurde, dem Volke schnell und durchgreifend jene höhere ethische Kraft und jenes stolze Gefühl des geschichtlichen Lebens, dessen höchstes Ziel der Ruhm ist. Ein Heer dieser Art mußte den Söldnerschaaren der Griechischen Staaten, eine Nationalität von dieser Jugendfrische und diesem Selbstgefühl dem überbildeten, durch geistige und körperliche Ge- nüsse bis zur Fieberhaftigkeit oder Gleichgültigkeit überreizten Grie- chenthume überlegen sein. Die Gunst des Schicksals hatte in Ma- cedonien die Weise eiuer alten und urkräftigen Zeit so lange bestehen lassen, bis es mit ihr in das geschichtliche Leben eintreten sollte, sie hatte im Kampf des Königthums mit dem Adel nicht, wie in Hellas Jahrhunderte früher, dem trotzigen Herrenstande, sondern dem Königthume den Sieg gegeben; und dieses Königthum eines freien und kräftigen Volkes, diese Monarchie im edelsten Sinne des Wortes gab jetzt dem Leben des Volks die Form, Kraft und Rich- tung, welche die Demokratien von Hellas wohl als wesentlich er- kannt, aber vergebens erstrebt hatten. Dagegen mußte die Hellenische Bildung, das schöne Resultat jenes vergeblichen Strebens, ganz und vollkommen dem Macedoni- schen Volksleben gegeben, und so das schon von früheren Fürsten mit Erfolg begonnene Streben mit Sorgfalt und Nachdruck fort- gesetzt werden. Das Vorbild des Königs und seines Hofes war hier von der größten Wichtigkeit, und der Adel des Landes trat bald in die eben so natürliche wie ehrenvolle Stellung, den gebilde- ten Theil der Nation auszumachen; ein Unterschied, der sich in kei- nem der Griechischen Hauptstaaten zu entwickeln vermocht hatte, indem die Spartaner alle roh und nur Herren den unfreien La- konen gegenüber waren, die freien Athener aber sich wenigstens selbst ohne Ausnahme für höchst gebildet hielten. Schon Philipp sorgte, so scheint es, durch Einrichtung von Lehrvorträgen aller Art, die zunächst für die Edelknaben in seiner Umgebung bestimmt wa- ren, für die Hellenische Bildung des jungen Adels, den er so viel als möglich an den Hof zu ziehen, an seine Person zu fesseln, und für den unmittelbaren Dienst des Königthums zu gewinnen suchte; als Edelknaben, und bei reiferer Jugend in den Leibschaaren und als Leibwächter (Somatophylakes) des Königs, als Commandi- rende bei den verschiedenen Abtheilungen des Heeres, in Gesandt- schaften an Hellenische Staaten, wie sie so häufig vorkamen, hatte der Adel Gelegenheit genug sich auszuzeichnen oder den Lohn für aus- gezeichnete Dienste zu empfangen; überall aber bedurfte er jener Bil- dung und feinen Attischen Sitte, wie sie der König wünschte und selbst besaß. Sein eifrigster Gegner mußte gestehen, daß Athen kaum einen an feiner Geselligkeit ihm Aehnlichen aufzuweisen habe Demosthen. de fal. log. p. 575. ; und wenn der König im häuslichen Kreise Macedonisch und einfach lebte, so waren die Hoffeste, der Empfang fremder Gesandten, die Feier der großen Spiele desto glänzender und Beweis genug, daß das Macedonische Königthum in Bildung und Geschmack nicht mehr zurück war; das Macedonische Volk seinerseits sah mit gerechtem Stolz auf seinen König und dessen Hof, an dem alles prächtig und großartig, nichts kleinlich und karg war. Und in der That, dieser Hof von Pella, wie er zur Zeit des Königs Philipp war, mußte durch Glanz und Adel ausgezeichnet sein, wenn man der edlen Geschlechter gedenkt, die dort versammelt waren. Mehrere von diesen waren fürstlichen Ursprungs, so das Bacchiadengeschlecht von Lynkestis, das vierzig Jahre früher ja selbst die Macedonische Krone in Händen gehabt hatte; so ferner das Geschlecht des Orontes, das einst in der Landschaft Orestis ge- herrscht hatte, aber um die Zeit des Peloponnesischen Krieges, wo es von dem Fürsten Derdas von Elymiotis, wie es scheint, ver- drängt war Denn Derdas heißt Fürst von Orestis, Thye. I. 57; Perdik- kas aber war nach Curt. X. 7. 8. aus fürstlichem Geschlecht, nach Arrian. Ind. 18. aus Orestis. , in Macedonien Schutz gesucht hatte; der ältere Sohn des Orontes erhielt späterhin die Führung des Phalanx von Orestis, derselben, wie es scheint, welche demnächst, als er selbst Führer eines Geschwaders wurde, an seinen Bruder Alketas über- ging. Das bedeutendste unter diesen fürstlichen Geschlechtern war das von Elymiotis, entstammt von dem eben erwähnten Fürsten Derdas aus der Zeit des Peloponnesischen Krieges; um das Jahr 380 hatte ein zweiter Derdas, wahrscheinlich des vorigen Enkel, den Besitz des Landes, und war damals mit Amyntas von Mace- donien und den Spartanern verbündet gegen Olynth gezogen Xenoph. hist. V. 2. 39. ; noch bei Philipps Regierungsantritt war er unabhängiger Fürst ge- wesen, und hatte seine Schwester Phila mit dem Macedonischen Könige vermählt Athen. XIII. 557. e. ; mit diesem war er um das Jahr 350 gegen Olynth gezogen, und in die Gefangenschaft der Feinde gerathen Theopomp. lib. XXIII. ap. Athen. X. p. 436. . Diese Gelegenheit mochte Philipp benutzt haben, um sein Fürsten- thum mit Macedonien zu vereinen; Machatas, der Bruder des Derdas wagte wohl nicht Ansprüche zu erheben, sondern ging an den Hof des mächtigeren Fürsten; es blieb zwischen Philipp und die- ser Familie stete Spannung, die nicht immer geschickt genug ver- hehlt und von dem Könige vielleicht absichtlich erhalten wurde, um durch zweifelhafte Gunst sie etwas fern und in Besorgniß zu hal- ten. Kaum konnte Machatas in einer Rechtssache, in welcher der König zu Gericht saß, einen gerechten Spruch erlangen, und Phi- lipp eilte, eine Unrechtlichkeit, die ein Verwandter des Hauses sich zu Schulden kommen ließ, zur öffentlichen Kränkung der Familie zu benutzen; die Bitten, die des Machatas Sohn Harpalus, dem der König durch Uebertragung einer politischen Mission jüngst Vertrauen bewiesen hatte Demosth. in Arist. p. 600. , für ihn einlegte, wurden nicht ohne Bitterkeit zurückgewiesen Plut. apophth. . Der Glanz, den diese Familie in späterer Zeit erreicht hat, begann erst mit Philipps Tode. Harpalus Bruder war Philipp, der Vater des berühmten Antigonus, dessen Sohn, der Städtezertrümmerer Demetrius, Gründer der neuen Macedoni- schen Dynastie wurde, die bis zum Untergange des Reiches gewährt hat. — Es ist nicht möglich, alle die edlen Geschlechter, die an dem Hofe von Pella versammelt waren, aufzuzählen; doch verdienen zwei derselben wegen ihrer besondern Wichtigkeit Erwähnung, das des Antipater und des Philotas. Philotas Sohn war jener treue und gewandte Feldherr Parmenion, dem Philipp wiederholentlich die Führung der wichtigsten Expeditionen anvertraute; seine soldatische Biederkeit machte ihn zum Mann des Volkes; seine Brüder Asan- der und Agathon Corp. Inscr. 105. , und noch mehr seine Söhne Philotas, Ni- kanor und Hektor nahmen später bedeutenden Antheil an dem Ruhme des Vaters; seine Töchter verbanden sich mit den vornehm- sten Söhnen des Landes; die eine mit Könus, dem Phalangenfüh- rer, die andere mit Attalus Curt. X. 7. 8. , dem Oheim einer späteren Ge- mahlin des Königs. In nicht minder einflußreicher und ehrenvoller Stellung war Antipater oder, wie ihn die Macedonier nannten, Antipas; das bezeichnet des Königs Wort: „ich habe ruhig geschla- fen, denn Antipas wachte“ Plut. apophth. cf. Athen. X. 435 c. ; seine erprobte Treue und die nüchterne Klarheit, mit der er vorliegende Verhältnisse zu betrachten pflegte Anonym. apd. Boissonnade anecdota vol. II. p. 468. , machten ihn für das hohe Amt eines Reichsverwesers, das er bald genug einnehmen sollte, vollkommen geeignet; die Vermäh- lung mit seiner Tochter schien das sicherste Mittel, die hohe Familie der Lynkestier zu gewinnen; seine Söhne Kassander, Archias und Jollas erhielten erst später Bedeutung. — So der Hof, so die Nation, wie sie durch Philipp gestaltet waren; man darf hinzufügen, daß das monarchische Element in dem Macedonischen Staatsleben eben so durch die geschichtliche Stellung des Volkes, wie durch die Persönlichkeit Philipps ein entschiedenes Uebergewicht erhalten mußte. Erst in dem Ganzen dieses Zusam- menhanges ist des Königs Charakter und Handlungsweise begreif- lich. In dem Mittelpunkte von Widersprüchen und Gegensätzen der eigenthümlichsten Art, Grieche im Verhältniß zu seinem Volke, Macedonier für die Griechen, übertraf er jene wieder an Macedo- nischer Treuherzigkeit und Fröhlichkeit, diese an Griechischer Feinheit und Hinterlist, beide an Klarheit des Bewußtseins und an Ge- wandtheit nie so zu scheinen, wie man erwarten mußte; sein Cha- rakter war, keinen Charakter zu haben, sondern Zwecke; Frivolität und Offenheit verbarg seine Absichten, die feinste gesellige Bildung die Laster und Verbrechen, die man ihm vorwirft; von Natur zu Wollust und Genuß geneigt, war er in seinen Neigungen eben so unbeständig wie glücklich, in seinen Leidenschaften eben so zügellos wie vorsichtig; über beide schien er Herr zu sein, um sich ihnen ganz hinzugeben, und man kann zweifeln, ob seine Tugenden oder seine Fehler für erkünstelt zu halten seien; jedenfalls stellt sich in ihm die sophistische Bildung seines Zeitalters, ihre Klugheit und Gesinnungslosigkeit und die Einseitigkeit des vollendeten Egoismus auf das Bestimmteste dar. Das entschiedene Gegentheil von ihm war seine Gemahlin Olympias, die Tochter des Epirotenkönigs Neoptolemus, aus dem Geschlechte Achills; Philipp hatte sie in seinen jüngeren Jahren bei der Mysterienfeier auf Samothrace kennen gelernt und mit Ein- willigung ihres Vormundes und Oheims Arymbas geheirathet Plut. Alex. 2. . Schön, verschlossen und voll glühender Leidenschaftlichkeit, war sie dem geheimnißvollen Dienste des Orpheus und Bacchus und den dunklen Zauberkünsten der Thracischen Weiber eifrigst ergeben; in den nächtlichen Orgien sah man sie vor Allen in wilder Begeiste- rung, den Thyrsus und die Schlange schwingend, durch die Berge stürmen; ihre Träume wiederholten die fantastischen Bilder, deren ihr ahnendes Gemüth voll war; sie träumte in der Nacht vor der Hochzeit, es umtose sie ein mächtiges Gewitter, und der Blitz fahre flammend in ihren Schooß, daraus dann ein wildes Feuer her- vorbreche, und in weit und weiter zehrenden Flammen ver- schwinde Plut. l. c. . — So schien das Schicksal aus der Vereinigung der äußersten Gegensätze, zu denen das Griechenthum sich entwickelt hatte, den erzeugen zu wollen, in welchem dem Griechischen Geiste die Welt zu überwinden und sich zu erfüllen bestimmt war Ueber die Zeit seiner Geburt genügt es auf Idler’s Abhandlung über das Todesjahr Alexanders (in den Abhandl. der Berl. Academie 1820 u. 1821) zu verweisen. Es fällt Alexanders Geburt auf den Boedromion Ol. 106. 1. d. i. 356 v. Ch. zwischen den 15. Sept. und 14. Oct. (Meton. Cyclus). . Und wenn die Sage berichtet, daß außer vielen anderen Zeichen in der Nacht, da Alexander geboren wurde, der Dianentempel zu Ephesus, nach Griechischer Ansicht das eigentlich Morgenländische Heiligthum, niedergebrannt sei, daß ferner der König Philipp die Nachricht von der Geburt des Sohnes zu gleicher Zeit mit dreien Siegesbotschaf- ten erhielt, so spricht sie bedeutungsvoll den Sinn des reichsten Hel- denlebens und den großen Gedanken eines Zusammenhanges aus, wie ihn die Geschichte nachzuweisen sich oft umsonst bemüht und öfter überhoben hat. Und doch zeigt gerade Alexanders Leben von der ersten Kind- heit an diesen Zusammenhang aller Verhältnisse eben so unleugbar wie überraschend. Man muß eingestehen, daß Philipps Blick bei aller Klarheit und Schärfe, die ihn über die Verhältnisse der Ge- genwart mit rascher Sicherheit entscheiden und zu deren weiten und weiteren Folgen hinauseilen ließ, dennoch nicht weiter zu rei- chen vermochte, als bis zu dem unbestimmten Gedanken eines Per- serkrieges, den er für die Aufgabe seines Lebens hielt; wohl erkannte er jenseits des Meeres das Land der Siege und der Zukunft Ma- cedoniens, dann aber trübte sich sein Blick, und seine Pläne wichen den unbestimmten Gestaltungen seiner Wünsche. Dasselbe Verlan- gen nach jenem großen Werke theilte von ihm sich seinen Umgebun- gen, dem Adel, dem gesammten Volke mit, es wurde der stets durchklingende Grundton des Macedonischen Lebens, das lockende Geheimniß der Zukunft; man kämpfte gegen die Thracier und siegte über die Griechen, aber der Orient war das Ziel, für das man kämpfte und siegte. Unter solchen Umgebungen wuchs Alexan- der auf, und früh genug mögen die Sagen vom Morgenlande, vom stillen Goldstrom und dem Sonnenquell, dem goldnen Wein- stock mit smaragdnen Trauben, und der Nysawiese des Dionysus des Knaben Seele beschäftigt haben; dann wuchs er auf und hörte von den Siegen bei Marathon und Salamis, und von den heiligen Tempeln und Gräbern, die der Perserkönig mit seinen Sklavenhee- ren zerstört und geschändet habe, und daß Macedonien gen Asien ziehen und sie rächen müsse; und mit dem Knaben wuchs das Ver- langen nach Asien und nach Siegen über den großen König in Susa. Und als einst Gesandte aus der Persischen Königsburg nach Pella kamen, und er, noch ein Knabe, sie empfing, so fragte er sorgsam nach den Heeren und Völkern des Reichs, nach Gesetz und Brauch, nach Verfassung und Leben der Völker; und die Per- ser staunten über das Kind Plut. Alex. und de fort. Alex. II. . — Von nicht minderer Wichtigkeit war, daß Aristoteles, der größte Denker des Alterthums, ihn erzog. Philipp hatte bei der Geburt seines Sohnes ihn darum ersucht: „wisse daß mir ein Sohn geboren ist,“ schrieb er an den Stagiriten; „nicht daß er ge- boren ist, sondern daß er in deinen Tagen geboren ist, macht mich froh; von dir erzogen und gebildet wird er Unserer würdig und der großen Bestimmung, die einst sein Erbe ist, gewachsen sein“ Die Aechtheit die- ses von Gellius aufbewahrten Briefes ist zweifelhaft. . Der die Welt dem Gedanken erobert hat, erzog den, der sie mit dem Schwerte erobern sollte; ihm gebührt der Ruhm, in dem lei- denschaftlichen Knaben jene Hoheit und Strenge des Denkens ge- weckt zu haben, die ihn den Genuß verachten und die Wollust flie- hen lehrte In der That ist die Keuschheit eine seiner schönsten Tugenden und durch viele Beispiele bewährt. Als Jüngling war er so entfernt von Wol- lust, daß seine Aeltern, voll Besorgniß, ihn durch eine schöne Hetäre , die seine Leidenschaft adelte und seiner Kraft Maaß und Bewußtsein gab. Alexander bewahrte für seinen Lehrer allezeit die innigste Verehrung; er sagte oft, seinem Vater danke er nur sein Leben, seinem Lehrer, daß er würdig lebe. So in jeder Weise vom Glücke begünstigt, bildete sich Alexan- der und sein Charakter früh, glücklich und entschieden aus; voll Tha- tendurst und Ruhmbegier trauerte er oft um die Siege seines Va- ters, die ihm nichts mehr zu thun übrig ließen. Sein Vorbild war Achilles, aus dessen Geschlecht er sich gern entstammt zu sein rühmte, und dem er durch Glück und Leid und Ruhm ähnlich wer- den sollte. Wie jener seinen Patroklus, so liebte er den Freund seiner Jugend Hephästion; aber einen Homer fand er nicht. Er liebte mehr seine Mutter als seinen Vater, von jener hatte er den Enthusiasmus Unter den vielen dahin gehörigen Er- zählungen zeichnen wir die von dem wunderbaren Einfluß aus, den die Musik über ihn ausübte; als Antigenides einst ein Kriegslied zur Flöte sang, sprang Alexander auf, und griff nach den Waffen. Plut. de fort. Alex. II. und die Innigkeit, die ihn vor allen Helden aus- zeichnen. Dem entsprach sein Aeußeres; sein heftiger Gang, der funkelnde Blick, das zurückfliegende Haar, die Gewalt seiner Stimme bekundeten den Helden; wenn er ruhte, bezauberte die Milde seiner Miene, das sanfte Roth, das auf seiner Wange spielte, sein feucht- aufblickendes Auge, das ein wenig zur Linken geneigte Haupt. In ritterlichen Uebungen war er vor Allen ausgezeichnet; schon als Knabe bändigte er das wilde Thessalische Roß Bucephalus, an wel- ches sich kein Anderer wagen wollte, und das ihm späterhin auf allen seinen Zügen als Schlachtroß diente. Die erste Waffenprobe legte er unter seines Vaters Regierung ab; er bezwang, da Phi- lipp Byzanz belagerte, die Mäder, und gründete dort eine Stadt mit seinem Namen; noch höheren Ruhm gewann er in der Schlacht von Chäronea, die durch seine persönliche Tapferkeit gewonnen wurde. Sein Vater sah und liebte in ihm den einstigen Vollender seiner eigenen Hoffnungen; er hörte sich gern von den Macedoniern ihren zu verführen suchten, die sich in sein Schlafgemach schleichen mußte; Alexander wandte sich voll Schaam von ihr, und beklagte sich bitter über das Geschehene. ihren Feldherrn, Alexander ihren König nennen; er war stolz dar- auf, in ihm einen Nachfolger zu haben, dem das Macedonische Reich zu klein sein, und der nicht wie er selbst, vieles, was nicht mehr zu ändern, zu bereuen haben würde Plut. apophth. . Indeß währte dies Verhältniß zwischen Vater und Sohn nicht lange; Alexander sah seine Mutter von Philipp vernachlässigt, Thes- salische Tänzerinnen und Griechische Hetären ihr vorgezogen; dop- pelt gekränkt fühlte sich der Jüngling, als sein Vater sich eine zweite Gemahlin aus den edlen Töchtern des Landes, des Attalus Nichte Kleopatra, auserkohr. Das Beilager wurde nach Macedoni- scher Sitte glänzend und lärmend gefeiert; man trank und lachte, schon waren Alle vom Wein erhitzt; da rief Attalus, der jungen Königin Oheim: „Bittet die Götter, ihr Macedonier, daß sie un- serer Königin Schooß segnen und dem Lande einen rechtmäßigen Thronerben schenken mögen!“ Alexander war zugegen; im heftig- sten Zorne schreit er: „Ich ein Bastard, Lästerer?“ und schleudert den Pokal gegen ihn. Der König sieht es, springt wüthend auf, reißt das Schwert von der Seite, stürzt auf den Sohn zu, ihn zu durchbohren; aber der Wein, die Wuth, die Wunde von Chäronea machen seinen Schritt unsicher; er taumelt und sinkt zu Boden. Die Freunde eilen Alexander aus dem Saale zu entfernen; und hinaasgehend weiset er mit bitterem Hohn auf den trunkenen Kö- nig: „Seht, lieben Freunde, mein Vater will von Europa nach Asien gehen, und kann nicht den Weg von Tisch zu Tisch vollen- den.“ Dann eilt er zur trauernden Mutter, sie beschließen Mace- donien zu verlassen, sie flüchten nach Epirus, dem Heimathlande Olympias. Man weiß nicht, was Alexanders Pläne waren; er selbst ging bald darauf nach Illyrien, wo er den Grenzen Macedo- niens näher war Plut. Alex. 9. Justin. IX. 7. cf. Freinsheim suppl. ad Curt. I. 9. 8. Athen. XIII. p. 557. . Nicht lange darnach kam Demaratus, der Gastfreund aus Ko- rinth, nach Pella an den Königshof; nach dem Gruße fragte der König, wie es unter den Griechen aussähe, und ob sie Fried’ und Eintracht hielten? Mit edler Freimüthigkeit antwortete der Gast- freund: „O König, schön fragst du nach Fried’ und Eintracht im 4 Griechischen Lande, und hast dein eigen Haus also mit Unfrieden und Haß erfüllt, und die dir die nächsten und liebsten sein sollten, von dir entfremdet!“ Der König schwieg; er wußte, wie Alexan- der geliebt wurde, was er galt und war, er fürchtete den Griechen Anlaß zu bösem Leumund und vielleicht zu böseren Plänen zu ge- ben. Demaratus selbst mußte das Geschäft des Vermittlers über- nehmen; bald waren Vater und Sohn versöhnt, Alexander kehrte zurück Plut. l. c. Justin. l. c. Curt. VI. 9. 17. c. interp. . Aber Olympias vergaß nicht, daß sie misehrt und verstoßen war; sie lebte in Epirus bei dem Könige Alexander, ihrem Bruder; wie sonst Liebe, war jetzt Rache ihr einziger Gedanke. Sie drang in ihren Bruder, er möge Krieg mit Philipp beginnen; die Zeit sei gekommen, daß er in Wahrheit freier Herr in Epirus werden könne; Philipp wisse wohl, daß er selbst den Thron von Epirus ihm, ihrem Bruder, großmüthig gegeben habe Justin. IX. 6. et 7. ; nun sei sie verstoßen, bald würde der verstoßenen Gemahlin Bruder in seinem Reich, sie selbst in ihrer letzten Zuflucht gefährdet sein; jedes Zaudern bringe doppelte Gefahr, nur ein schneller Krieg könne sie und ihn retten. Dann wieder schrieb sie an ihren Sohn Plut. l. c. , warnte vor den Rän- ken des Vaters, vor der Heuchelei des Hofes, vor dem Anhange der jungen Königin; er möge sich bei Zeiten Freunde erwerben, da- mit er durch sie einst sein Recht und sein Erbe behaupten könne, das der König, sein Vater, an Buhlerinnen und Bastarde vertheilen zu wollen scheine. Alexander fand ihre Besorgnisse nur zu wahr; überall sah er sich zurückgesetzt und durch Attalus Parthei in den Hintergrund gedrängt; und als gar den Gesandten des Karischen Dynasten Pexodorus, der sich durch Verschwägerung mit dem Ma- cedonischen Königshause zu einem Kriege gegen den Perserkönig vor- bereiten wollte, sein blödsinniger Stiefbruder zum Eidam angeboten wurde, ohne daß von ihm selbst auch nur die Rede war, da glaubte er sich von seinem Vater verrathen, in seinen schönsten Hoffnungen gefährdet; seine Freunde stimmten bei, sie riethen, mit Entschlossen- heit und höchster Eile den Plänen des Vaters entgegenzuarbeiten. So wurde ein Vertrauter, der Schauspieler Thessalus, zum Kari- schen Dynasten gesandt: Pexodorus möge doch seine Tochter nicht dem blödsinnigen Bastard Preis geben; Alexander, des Königs recht- mäßiger Sohn und einstiger Thronerbe, sei bereit, eines so mächti- gen Fürsten Eidam zu werden. Da erfuhr Philipp die Sache, und erzürnte auf das Heftigste; in Gegenwart des Philotas und anderer Altersgenossen Alexanders warf er ihm die Umwürdigkeit seines Mistrauens und seiner Heimlichkeiten vor; er sei seiner hohen Ge- burt, seines Glückes, seines Berufes nicht werth, wenn er sich nicht schäme, eines Kariers Tochter, des Barbarenkönigs Sclavin, heimzu- führen. Alexander zu strafen, wurden mehrere seiner Freunde, na- mentlich Harpalus, Nearchus, der Lagide Ptolemäus, die Brüder Erigyius und Laomedon, als Anstifter jener Intrigue, vom Hofe und aus dem Lande verwiesen, Thessalus in Ketten geworfen Plut. Alex. 10. Arrian. III. 6. 8. ; Alexander war ohne Einfluß. So kam das Jahr 336. Die Rüstungen zum großen Perser- kriege waren mit der größten Lebhaftigkeit betrieben, die Contin- gente der Bundesstaaten aufgerufen, die der tributpflichtigen Stämme herangezogen, nach Asien eine bedeutende Heeresmacht un- ter Attalus und Parmenion vorausgesendet, um die Hellenischen Städte auf der Küste zu befreien und dem großen Bundesheere den Weg zu öffnen Diod. XVI. 91.; nach Justin war auch Amyntas bei diesem Heere; offenbar des Arrha- bäus Sohn, der später die Recognoscirungen vor der Granikusschlacht leitete. . Indeß entgingen dem Könige die Bewegun- gen in Epirus nicht; sie schienen einen Krieg zu verkünden, der nicht bloß den Perserzug noch mehr zu verzögern, sondern doppelt gefährlich für die Treue der Griechischen Staaten zu werden drohte, und so, wenn er glücklich beendet wurde, keinen bedeutenden Ge- winn gebracht, im entgegengesetzten Falle das mühsame Werk, das der König in zwanzigjähriger Arbeit vollendet hatte, mit einem Schlage zerstört haben würde. Der Krieg mußte vermieden, dem Epirotenkönig durfte nicht seine zweideutige Stellung gelassen wer- den; er wurde durch einen Antrag gewonnen, der ihn zugleich ehrte und seine Macht sicherte. Philipp verlobte ihm seine und Olym- pia’s Tochter Kleopatra; noch im Herbst desselben Jahres sollte das 4 * Beilager gehalten werden, welches der König zugleich als das Fest der Vereinigung aller Hellenen und als die gemeinsame Weihe für den Perserkrieg mit der höchsten Pracht zu feiern beschloß, damit die Völker staunend erkennten, er sei der Held, den die Götter zum siegreichen Kriege gegen das Morgenland erkoren hätten; denn das Orakel hatte ihm geantwortet: „Siehe der Stier ist gekränzt; nun endet’s; bereit ist der Opfrer.“ Philipp stand in der Scheitelhöhe seines Glückes; er vergaß, daß keines Menschen Leben bis an das Ziel seiner Wünsche reicht, und daß, sobald das letzte Warum, das Mysterium des Daseins, offen- bar wird, der Staub dem Staube verfallen ist. Unter den Leibwächtern des Königs war Pausanias, aus der Landschaft Orestis, ausgezeichnet durch seine Schönheit und des Königs hohe Gunst; er hatte, da er noch Edelknabe war, Enteh- rendes von Attalus erlitten, er verlangte Rache an dem Schänder seiner Ehre zu nehmen; nicht ohne Lächeln hatte der König des entrüsteten Knaben Klage gehört, ihn reich beschenkt, ihn in die Schaar seiner Leibwächter aufgenommen, vor allen andern ihn hoch geehrt, aber ihn nicht gerächt. Darauf vermählte sich Philipp mit Attalus Nichte, Attalus mit Parmenions Tochter; Pausanias sah keine Hoffnung sich zu rächen; desto tiefer nagte der Gram und das Verlangen nach Rache und der Haß gegen den, der ihn um sie betrogen. In seinem Hasse war er nicht allein; die Lynkesti- schen Brüder hatten nicht vergessen, was ihr Vater, was ihr Bru- der gewesen war; ohne besondere Auszeichnung an Philipps Hofe knüpften sie geheime Verbindung mit dem Perserkönige an, und wa- ren um desto gefährlicher, je weniger sie es schienen Arrian II. 14. I. 25. . Im Stillen fanden sich mehr und mehr Unzufriedene zusammen, Her- mokrates der Sophist schürte die Gluth mit der argen Kunst seiner Rede; er gewann Pausanias Vertrauen. „Wie erlangt man den höchsten Ruhm?“ fragte der Jüngling. „„Ermorde den, der das Höchste vollbracht hat,““ war des Sophisten Antwort Nach Diod. XVI. 94. und Val. Maxim. VIII. 14. Plutarch erzählt die Anekdote in Beziehung auf Alexander; cf. Arist. Polit. p. 1311. b. 1. ed. Beck. . Es kam der Herbst, mit ihm die Hochzeitfeier; in Aegä, der alten Residenz, und, seit Pella blühte, noch der Könige Begräbniß- ort, sollte das Beilager gehalten werden; von allen Seiten strömten Gäste herbei, in festlichem Pomp kamen die Theoren aus Griechen- land, die Häuptlinge der befreundeten Bergvölker, die dienstpflichti- gen Fürsten der Agrianer, Päonier, Odrysier, die Großen des Rei- ches, der ritterliche Adel des Landes, unzähliges Volk. In lautem Jubel, unter Begrüßungen und Ehrenverleihungen, unter Festzügen und Gelagen vergeht der erste Tag; Herolde laden zum nächsten Morgen in das Theater, die Wettkämpfe anzuschauen. Ehe noch der Morgen graut, drängt sich schon die Menge durch die Straßen zum Theater in buntem Gewühl; von seinen Edelknaben und Leib- wächtern umgeben naht endlich der König im festlichen Schmuck; er sendet die Begleitung vorauf in das Theater, er will sich trau- lich unter die Menge mischen, die ihm doppelt fröhlich zujauchzen wird. Da stürzt Pausanias auf ihn zu, durchbohrt seine Brust mit einem Dolch, und, während der König niedersinkt, eilt er zu den Pferden, die am Thore des Hauses bereit stehen; so ent- flieht er Diod. Justin. Paus. VIII. 7. . In wilder Verwirrung lös’t sich die Versammlung; Alles ist in Gährung, Alles in Gefahr; wem soll das Reich gehören, wer es retten? Alexander ist der Erstgeborne des Königs; aber man fürchtet den wilden Haß seiner Mutter, die dem Könige zu gefallen Mancher verachtet und misehrt hat; schon ist sie in Aegä, die Tod- tenfeier ihres Gemahles zu halten; sie scheint das Furchtbare geah- net, ja vorausgewußt zu haben; den Mord des Königs nennt man ihr Werk, sie habe dem Mörder die Pferde bereit gehalten; auch Alexander habe um den Mord gewußt, ein Zeichen mehr, daß er nicht Philipps Sohn, sondern unter schwarzen Zauberkünsten em- pfangen und geboren sei; daher des Königs Abscheu gegen ihn und seine wilde Mutter, daher die zweite Ehe mit Kleopatra; dem Kna- ben, den sie eben geboren, gebühre das Reich; und habe nicht Atta- lus, ihr Oheim, des Königs Vertrauen gehabt? der sei würdig die Regentschaft zu übernehmen. Andere meinten, das nächste Recht am Reiche habe Amyntas, Perdikkas Sohn, der als Kind die Zügel des vielbedrohten Reiches an Philipp habe abgeben müssen; nur Philipps Trefflichkeit könne seine Usurpation entschuldigen, nach un- verjährbarem Recht müsse Amyntas jetzt die Herrschaft erhalten, deren er sich in langer Entsagung würdig gemacht habe. Dagegen behaupteten die Lynkestier und ihr Anhang, wenn ältere Ansprüche gegen Philipps Leibeserben geltend gemacht würden, so hätte vor Amyntas Vorfahren ihr Vater und ihr Bruder das Reich besessen, dessen sie nicht länger durch Usurpatoren beraubt bleiben dürften; überdies seien Alexander und Amyntas fast noch Knaben, dieser von Kindheit an der Kraft und Hoffnung zu herrschen entwöhnt, Alexan- der unter dem Einfluß seiner rachedürstenden Mutter, durch Ueber- muth, verkehrte Bildung im Geschmack des Tages, und Verachtung der alten guten Sitte den Freiheiten des Landes gefährlicher, als selbst sein Vater Philipp; sie dagegen seien Freunde des Landes und aus jenem Geschlecht, das zu aller Zeit die alte Sitte aufrecht zu erhalten gestrebt habe; ergraut unter den Macedoniern, mit den Wünschen des Volkes vertraut, dem großen Könige in Susa be- freundet, könnten sie allein das Land vor dessen Zorne schützen, wenn er Genugthuung für den tollkühn begonnenen Krieg Philipps zu fordern käme; zum Glücke sei das Land durch die Hand ihres Freundes früh genug von einem Könige befreit, der das Recht, der des Volkes Wohl, der Schwüre und Tugend für nichts geachtet Außer einzelnen mehr oder minder deutlichen Andeutungen, s. besonders Justin. XI. 1. Plut. de fort. Alex. I. . So die Partheien; aber das Volk haßte die Königsmörder und fürchtete den Krieg nicht; es vergaß Kleopatras Sohn, da der Ver- treter seiner Parthei fern war; es kannte den Sohn des Perdikkas nicht, dessen Thatlosigkeit Beweis genug für seine Unwürdigkeit schien; auf Alexanders Seite war alles Recht und die Theilnahme, die unverdiente Kränkungen erwecken, außerdem der Ruhm des Mä- dischen Krieges und der Schlacht von Chäronea, der schönere Ruhm der Bildung, Leutseligkeit und Hochherzigkeit; selbst den Geschäften des Reiches hatte er schon oft mit Glück vorgestanden; er besaß das Vertrauen und die Liebe des Volkes, namentlich des Heeres war er sicher. Der Lynkestier Alexander erkannte, daß für ihn keine Hoffnung blieb; er eilte zu Olympias Sohn, und war einer der Ersten, die ihn als König der Macedonier begrüßten Arrian I. 25. . Alexander, der zwanzigjährige Jüngling, ergriff die Zügel der Herrschaft mit sicherer Hand, und die Verwirrung ordnete sich schnell und ruhig. Er berief nach alter Macedonischer Sitte das Heer, die Huldigung desselben zu empfangen; nur der Name des Königs sei geändert, die Ordnung der Dinge, die Hoheit des Rei- ches, die Hoffnung auf große Eroberungen dieselbe; demnach erlasse er seinem Volke alle anderen Lasten und Dienste, nur zum Kriegs- dienst sei Jeder pflichtig; im Uebrigen werde er die verbrecherischen Empörungen zu strafen wissen, die das Blut des Königs vergossen, um das Recht des Thronerben gefährden zu können. In der That war die strengste Bestrafung der Mörder Philipps das sicherste Mittel, das neue Regiment zu befestigen. Es kam an den Tag, daß die Lynkestischen Brüder vom Perserkönige, der den Krieg mit Philipp fürchtete, bestochen waren, und in der Hoffnung, durch Per- sische Hülfe das Reich an sich zu reißen, eine Verschwörung gestif- tet hatten, für deren geheime Pläne Pausanias nur das blinde Werkzeug gewesen war; die Mitverschwornen wurden am Grabe Philipps hingerichtet, unter ihnen die Lynkestier Arrhabäus und Heromenes; ihr Bruder Alexander wurde begnadigt, weil er sich unterworfen hatte Auch Amyntas, Perdikkas Sohn, scheint unter den Hingerichteten gewesen zu sein; s. Polyaen. VIII. 60. Arrhabäus Sohn Neoptolemus floh nach Asien und nahm Dienste im Persischen Heere; Amyntas, sein Bruder, hatte, da er beim Heere in Asien stand, wohl keinen Antheil an der Versch w örung, er zeichnete sich in den späteren Feldzügen aus. . Während auf diese Weise die Ruhe im Innern schnell herge- stellt wurde, gingen von Außen her die beunruhigendsten Nachrich- ten ein. In Kleinasien hatte Attalus, auf die Treue der ihm un- tergebenen Truppen fußend, den Plan gefaßt, unter dem Scheine, die Ansprüche seines Großneffen, des Sohnes der Kleopatra, zu vertreten, selbst die Herrschaft an sich zu reißen; seine Heeresmacht, und noch mehr die Verbindungen, die er mit den Feinden Mace- doniens angeknüpft hatte, machten ihn sehr gefährlich. Dazu kam, daß ganz Griechenland sich von Macedonien losreißen zu wollen schien. Unmittelbar nach Philipps Ermordung hatten die Athener ein Freudenfest zu feiern und den Mörder mit goldnen Kränzen zu ehren dekretirt; Demosthenes, der alte Gegner Philipps, setzte Alles in Bewegung, Athen, Theben, Thessalien, ganz Griechenland zum offenen Bruch mit Macedonien und zum Protest gegen die in Ko- rinth anerkannte Hegemonie zu vermögen; er unterhandelte mit Persien über Subsidien gegen Macedonien; Athen rüstete sich eifrig zum Kriege; Theben dekretirte die Vertreibung der Macedonischen Besatzung und die Weigerung der Hegemonie; die Aetolier beschlos- sen, die von Philipp aus Akarnanien Verjagten mit gewaffneter Hand zurückzuführen; die Ambracioten verjagten die Macedoni- sche Besatzung und richteten Demokratie ein; die Argiver, Sparta- ner, Eleer, Arkadier, alle waren bereit, das Macedonische Joch von sich zu werfen. Umsonst schickte Alexander Gesandte aus, die sein Wohlwollen und seine Achtung für die bestehenden Freihei- ten versicherten; die Griechen schwelgten in der Hoffnung, die alte Zeit des Ruhmes und der Freiheit wieder aufleben zu sehen; sie meinten, der Sieg sei unzweifelhaft; bei Chäronea hätte die ganze Macedonische Macht unter Philipp und Parmenion mit Mühe die Heere Athens und Thebens besiegt; jetzt seien alle Griechen vereint, ihnen gegenüber ein Knabe, der kaum seines Thrones sicher sei, und lieber in Pella peripathisiren, als mit Griechen zu kämpfen wa- gen werde; sein einziger Feldherr Parmenion sei in Asien, mit ihm ein bedeutender Theil des Heeres von den Persischen Satrapen ge- drängt, ein anderer unter Attalus bereit, sich für Griechenland ge- gen Alexander zu erklären; selbst die Thessalischen Ritter, selbst das leichte Fußvolk der Thracischen und Illyrischen Bundesgenossen sei der Macedonischen Macht entzogen, nicht einmal der Weg nach Griechenland offen, wenn Alexander wagen sollte, sein Reich den Einfällen der nordischen Nachbarn und den Angriffen des Attalus Preis zu geben. In der That drohten die Völker im Norden und Westen, sich der Abhängigkeit von Macedonien zu entziehen, oder bei dem ersten Anlaß die Grenzen des Reiches räuberisch zu über- fallen. Alexanders Lage war peinlich und dringend; seine Freunde ver- zagten; sie beschworen ihn, nachzugeben, ehe Alles verloren sei, sich mit Attalus zu versöhnen und das vorausgesandte Heer an sich zu ziehen, die Griechen gewähren zu lassen, bis der erste Rausch vorüber sei, die Barbaren durch Geschenke zu gewinnen, die Abtrünnigen durch Gnade zu entwaffnen. So hätte sich freilich Alexander in Macedonien recht fest setzen und ein glücklicher König seines Landes werden mögen, er hätte vielleicht einst denselben Einfluß über Grie- chenland und dieselbe Macht über die Barbaren, die sein Vater gehabt hatte, gewinnen, ja endlich wohl auch an einen Zug nach Asien denken können. Aber Alexanders Heldensinn verschmähte zu zögern und zu erschleichen, wo er handeln und entscheiden konnte; er wollte nicht wie sein Vater die Kraft der Jugend in kleinlichen Kämpfen vergeuden; es drängte ihn nach Osten. — Das Gewirr der Gefahren ordnete sich in drei Massen, der Norden, Asien, Grie- chenland. Zog er gegen die Völker im Norden, so gewann Atta- lus Zeit, seine Macht zu verstärken und vielleicht nach Europa zu führen; das Bündniß der Griechischen Städte erstarkte und zwang den König, das als Treubruch und offene Empörung der Staaten bekämpfen zu müssen, was jetzt noch als Partheisache und als Einflüsterungen verbrecherischer und von Persischem Golde bestochener Demagogen bestraft werden konnte. Zog er gegen Grie- chenland, so konnte auch eine geringe Macht den Marsch durch die Pässe sperren und lange aufhalten, während Attalus durch nichts gehindert war, in seinem Rücken zu operiren und sich mit den auf- rührerischen Thraciern zu vereinen. Das Unstatthafteste war, gegen Attalus selbst zu ziehen; Griechenland wäre zu lange sich selbst überlassen gewesen, Macedonier gegen Macedonier zum Bürgerkriege geführt, in dem vielleicht Persische Satrapen den Ausschlag ge- geben hätten, endlich Attalus, der nur als Verbrecher angesehen werden mußte, als eine Macht behandelt worden, gegen die zu kämpfen den König in den Augen der Griechen und Perser er- niedrigt hätte. Demnach wurde Attalus als des Hochverrathes schuldig zum Tode verurtheilt; einer der Getreuen, Hekatäus, er- hielt den Befehl, an der Spitze eines ansehnlichen Corps nach Asien überzusetzen, sich mit den treuen Truppen Parmenions zu vereinigen, und Attalus lebend oder todt nach Macedonien einzu- bringen. Der König selbst beschloß, da von den Feinden im Nor- den schlimmsten Falls nicht mehr, als verwüstende Einfälle zu fürch- ten waren, und ein späterer Zug sie leicht unterwerfen konnte, mit seinem Heere in Griechenland einzurücken, bevor ihm eine bedeu- tende Heeresmacht entgegengestellt werden konnte. Um diese Zeit kamen Boten von Attalus an den König, welche die Gerüchte, die über den Feldherrn verbreitet seien, Verläumdung nannten, in schönklingenden Worten seine Ergebenheit versicherten, und zum Zeichen seiner aufrichtigen Gesinnung die Briefe, die er von Demosthenes über die Rüstungen in Griechenland empfangen hatte, in des Königs Hände legten. Der König, der aus die- sen Dokumenten und aus Attalus Annäherung auf den geringen Widerstand, den er in Griechenland zu erwarten hatte, schließen konnte, nahm seinen Befehl nicht zurück; Attalus möge, wenn er sich unschuldig fühle, ohne Arg dem Willen des Königs gehorchen, wenn er sein Verbrechen bereue, Gnade bitten und erwarten, wenn nicht, so sei Vollmacht für jeden Fall ausgefertigt. So wurden die Boten entlassen Diod. XVII. 5. . Alexander brach jetzt gegen Thessalien auf; er zog an der Meeresküste entlang den Pässen des Peneus zu; den Hauptpaß Tempe, so wie den Seitenpaß Kallipeuke fand er von Thessalischen Truppen besetzt; sie mit blanker Waffe zu nehmen war unmöglich, jeder Verzug gefahrbringend; Alexander schuf sich einen neuen Weg. Südwärts vom Hauptpaß erheben sich die Felsmassen des Ossa, weniger steil vom Meere her als neben dem Peneus emporsteigend; zu diesen minder steilen Stellen führte Alexander sein Heer, er ver- suchte emporzusteigen, ließ, wo es nöthig war, Stufen in das Ge- stein sprengen, und von Fels zu Fels vorauf klimmend kam er in die Ebene Thessaliens Polyaen. IV. 3. 23. , im Rücken des Thessalischen Heeres. So war er ohne Schwertstreich Herr des Landes, das er gewon- nen, nicht unterworfen haben wollte, um für den Perserkrieg der trefflichen Thessalischen Ritter gewiß zu sein; er erinnerte an ihre gemeinschaftliche Abstammung vom Geschlecht Achills Diodor nennt Herakles; und auch Ulpian in einem höchst verwirrten Scholion zur ersten Olynthischen Rede, bezeichnet die Aleuaden als Herakliden; Hellani- kus nennt sie Pyrrhiden, und Herodot leitet die Thessalier aus dem Thesproterlande her; cf. Buttmann von den Aleuaden (Abhandlun- gen der Berliner Academie 1822). , an die Wohlthaten seines Vaters, der das Land von dem Joche der Pheräi- schen Tyrannen befreit und durch die Wiederherstellung der uralten Tetrarchien des Aleuas Theopomp. apd. Harpocrt. voce τετϱαϱχία. für immer vor Aufständen und Tyrannei gesichert habe; er verlangte nichts, als was sie freiwillig seinem Vater gegeben hätten, nämlich die Hegemonie, das Aufgebot der Ritterschaft zum Kriegsdienst und die Erhebung der Hafen- und Marktzölle Demosth. Olynth. I. p. 15. mit Ulpian. ; er versprach, die einzelnen Familien und Landschaf- ten, wie sein Vater, in ihren Rechten und Freiheiten zu lassen und zu schützen, in den Perserkriegen ihren Rittern den vollen Antheil an der Kriegsbeute zu geben, die Landschaft Phthiotis aber, die Heimath ihres gemeinsamen Ahnherrn Achilles, durch Steuerfreiheit zu ehren Flavius Philostr. in heroicis. . Die Thessalier eilten, so günstige und ehrenvolle Bedingungen anzunehmen, durch gemeinsamen Beschluß Alexander in den Rechten seines Vaters zu bestätigen, endlich, wenn es Noth thäte, mit Alexander zur Unterdrückung der Unruhen gen Hellas zu ziehen Aeschin. adv. Ctes. p. 436. Alexander scheint wie sein Vater die Parthei der Aleuaden begünstigt zu haben; cf. Buttmann l. c. p. 207. Die letzten Aleuaden, die in der Geschichte vorkommen, sind nicht, wie Buttmann meint, Medius zu Alexanders und Thorax zu Antigonus Zeit, sondern noch viel später werden Echekrates und dessen Sohn Antigonus ( Liv. XL. 54.) genannt. . Zugleich wurde mit den anwohnenden Bergvöl- kern Friede und Freundschaft geschlossen, und Alexander konnte un- gehindert nach den Thermopylen vorrücken. Die schnelle Einnahme und Beruhigung Thessaliens hatte den Griechischen Staaten nicht Zeit gelassen, sich gehörig zu rüsten und die wichtigen Pässe des Oetagebirges zu besetzen; auf der anderen Seite lag es nicht in Alexanders Plänen, durch gewaltsame Maaß- regeln einem Widerstande, der als das Werk von Partheien angese- hen werden mußte, Vorwand und Bedeutung zu geben. Die Grie- chen, erschreckt durch die Nähe der Macedonischen Heeresmacht, be- eilten sich den Schein des Friedens anzunehmen, und weil demnach die früheren Verhältnisse, wie sie von Philipp gegründet waren, noch bestanden, so berief Alexander als Vorstand der Hellenischen Amphiktyonie die Abgeordneten der Völkerschaften nach den Ther- mopylen, und ließ sich durch gemeinsamen Beschluß die Hegemonie zuerkennen. In derselben Ansicht geschah es, daß der König gleich darnach an die Ambracioten, die sich demokratisirt hatten, Gesandte schickte, und in den freundlichsten Ausdrücken Erneuerung der alten Verträge antragen ließ; er bestätigte ihnen die Freibeit und Selbst- ständigkeit, die sie zu gründen ihm nur zuvorgekommen seien Diod. Justin. . Mit wie prunkenden Beschlüssen indeß die anderen Hellenen die Hegemonie Macedoniens anerkannt hatten, die beiden wichtig- sten Stimmen der Dorier und Jonier hatten im Amphiktyonenrathe gefehlt, und mit Sparta und Athen war Theben durch seine tumul- tuarischen Dekrete vielleicht ein Aeußerstes zu wagen genöthigt. Freilich gerüstet waren sie nicht; Sparta hatte, seit Epaminondas am Eurotas gelagert, sich nicht erholen, Theben der Macedonischen Besatzung in der Kadmea noch nicht frei werden können, in Athen war wie immer, viel deklamirt und wenig gethan Demades p. 489. ; selbst als die Nachricht kam, daß der König bereits in Thessalien sei, daß er mit den Thessaliern vereint in Hellas einrücken werde, daß er sich über die Verblendung der Athener sehr erzürnt geäußert habe, wa- ren, obschon Demosthenes nicht aufgehört hatte den Krieg zu predi- gen, die Rüstungen nicht eifriger betrieben worden Aeschin. adv. Ctes. p. 436. . Alexander rückte indeß aus den Thermopylen in die Böotischen Ebenen hinab und lagerte sich unter den Mauern der Kadmea; von Widerstand der Thebaner war keine Rede. Als man in Athen erfuhr, daß Theben in Alexanders Händen sei, so daß jetzt ein Marsch von zwei Tagen den Feind vor die Thore der Stadt bringen konnte, so erwachte das Volk aus seinem Freiheitstaumel plötzlich zu der Muthlosigkeit, wie sie der Nähe des zürnenden Königs und der eigenen Ohnmacht angemessen war; es wurde beschlossen, in Eile die Mauern in Vertheidigungsstand zu setzen, alles bewegliche Gut vom Lande in die Stadt zu flüchten, falls Alexander, wie fast zu erwarten, sie seinen ganzen Zorn fühlen zu lassen Willens sei Demades l. c. , zugleich aber auf Demosthenes Antrag bestimmt, Gesandte entgegen zu schicken, die seinen Zorn besänftigen, und dafür um Verzeihung bitten sollten, daß seine Hegemonie nicht sofort von den Athenern aner- kannt worden wäre. Demosthenes, der mit unter den Gesandten war, kehrte heimlich auf dem Kithäron um, entweder aus Furcht vor Alexander, oder um seine Verhältnisse mit Persien nicht bloß zu stellen Aeschin. p. 436. ; er überließ es den andern Gesandten, die Bitten des Athenäischen Volkes zu überbringen. Alexander nahm sie mit der höchsten Huld auf, verzieh das Geschehene, und verlangte nur, daß Athen Bevollmächtigte nach Korinth senden sollte, um dort Frieden und Bündniß mit ihm zu beschwören Diod. XVII. 4. Hierher gehört die Ehre, welche die Megarenser ihm erwiesen, indem sie ihm das Bürger- recht in ihrer Stadt dekretirten; Alexander nahm es lächelnd an, da nur Herakles der gleichen Ehre gewürdigt worden war. Plut. de monarch. . Er selbst zog gleichfalls nach Korinth, und berief dorthin die Abgeordneten der Staaten innerhalb des Peloponneses, um sich auch von dem Bundestage der alten Peloponnesischen Symmachie die Hegemonie gegen Persien übertragen zu lassen Diod. οἱ συνεδϱεύειν εἰωϑότες. Arrian. I. 1. . Nur Sparta ließ seine Beistimmung verweigern: es sei nicht Herkommen bei den Spartanern, Anderen zu folgen, sondern selbst zu führen. Leicht hätte sie der König zwingen können, doch es wäre weder klug, noch der Mühe werth gewesen; er wollte nichts, als die Hegemonie freier Staaten und den Ruhm, an der Spitze der Griechen die Barbaren zu bekämpfen und die Schändung der Hellenischen Heiligthümer zu rächen. Nach diesen Ansichten wurde die Formel des Bundes- vertrages abgefaßt und beschworen. Die Hauptpunkte waren, daß die Griechischen Staaten frei und souverain sein, und auch im Uebrigen das Bestehende gelten sollte; wer den Versuch machen würde, in irgend einer der Bundesstädte Tyrannen einzusetzen, oder überhaupt die bestehende Verfassung umzugestalten oder umzustürzen, der und dessen Heimath solle als Feind des Bundes angesehen und durch die Bundesglieder mit Gewalt der Waffen zur Pflicht ge- zwungen werden; wenn die Verbannten irgend einer Bundesstadt von einer anderen Bundesstadt aus die Heimkehr zu erzwingen ver- suchten, so solle dieselbe Stadt aus dem Bunde ausgestoßen werden, damit die gefährdete Bundesstadt sich mit Hülfe des gesammten Bundes schützen könne; im Uebrigen sei zwischen den Bundesstaaten unverbrüchlicher Friede; ferner hätte der Bundesrath und die zur gemeinsamen Hut Bestellten darauf zu achten, daß in den Bundes- städten weder Hinrichtungen, Verbannungen, Confiscationen gegen die bestehenden Gesetze, noch Theilung des Grundbesitzes, Freilas- sung der Sklaven, Schuldenerlaß, um Neuerungen zu veranlassen, vor- komme; allen an dem Bunde Theilnehmenden sei freie See, und bei Ausstoßung aus dem Bunde keinem erlaubt, Schiffe der Ver- bündeten aufzubringen oder sonst zu behindern; indeß bleibe für Kriegsschiffe jeder andere Hafen, namentlich für die Macedonischen der Piräeus geschlossen Pseudo Demosth. de foed. Alex. . So die Hauptpunkte für die inneren Verhältnisse des Bundes; für den Perserserkrieg solle Alexanders unumschränkte Hegemonie anerkannt, und jeder der Bundesstaaten sein Contingent für den Krieg nach dem Aufgebot des Königs zu stellen verpflichtet sein Diod. . So hatte Alexander erreicht, was er wollte; es würde von Interesse sein, die Stimmung zu kennen, welche gegen ihn herrschte; jedenfalls war sie nicht so empört und erheuchelt, wie es uns die zweideutige Freiheitsliebe des Demosthenes oder der affectirte Ty- rannenhaß Griechischer Moralisten aus der Römischen Kaiserzeit möchte glauben machen. Theben allein hatte mit Recht den Un- tergang seiner Freiheit zu betrauern; in Athen war die Stimmung der leichtfertigsten Menge, die je geherrscht hat, abhängig von den Demagogen, deren Parthei gerade die Oberhand hatte, und Sparta in seinem dumpfen Hinbrüten war seit lange schon hinter der Ge- schichte und der Bildung der Zeit zurückgeblieben; so viel ist klar, daß der bessere Theil des Griechischen Volkes für den jugendlichen Helden und seine hochherzigen Pläne eingenommen sein mußte; und die Tage, welche Alexander in Korinth zubrachte, schienen den deutlich- sten Beweis dafür zu liefern; denn von allen Seiten waren Künst- ler, Philosophen, Gebildete jedes Alters und Standes dorthin zu- sammengekommen, den königlichen Jüngling zu sehen und zu be- wundern, alle drängten sich in seine Nähe und suchten einen Blick, ein Wort von ihm zu erhaschen; nur ein Sonderling, Diogenes aus Sinope, kümmerte sich nicht um den König und blieb ruhig in seiner Tonne am Cypressenhain des Kraneums. So ging denn Alexander zu ihm; er fand ihn vor seiner Tonne liegen und sich sonnen; er begrüßte ihn herablassend und fragte ihn, ob er irgend einen Wunsch habe? „Geh mir ein wenig aus der Sonne,“ war des Philosophen Antwort. Und voll Bewunderung wandte der Kö- nig sich zu seinem Gefolge: „Beim Zeus, wenn ich nicht Alexan- der wäre, möchte ich Diogenes sein.“ In der That, wer nicht die Kraft in sich fühlt, Alles zu erreichen, dem bleibt der nächste Ruhm, Alles entbehren zu können; dies ist weise, jenes königlich Plut. Paus. II. 2. 4. etc. Auf diese Zeit bezieht sich wahr- scheinlich die artig erfundene Geschichte, die sich bei Alexanders Be- such in Delphi zugetragen haben soll: da die Pythia nicht weissagen wollte, weil es nicht der Tag war, so ergriff sie Alexander am Arm, um sie wider ihren Willen zum Dreifuß zu führen; sie rief: „o Sohn, du bist unwiderstehlich!“ und freudig nahm Alexander ihren Ausruf als Orakel an. . Alexander kehrte gegen den Winter nach Macedonien zurück, um sich zu dem bis jetzt verschobenen Zuge gegen die barbarischen Völker an der Grenze zu rüsten. Attalus war nicht mehr zu fürch- ten; Hekatäus mit seinen Macedoniern hatte sich mit Parmenion vereinigt, und als er Attalus weder geneigt, sich zu unterwerfen, noch sein eigen Corps, den Feldherrn aus der Mitte seiner Solda- ten gefangen fortzuführen, bedeutend genug sah, so kam er mit Parmenion überein, in Gemäßheit des königlichen Befehls den Hochverräther meuchlings ermorden zu lassen; die verführten Trup- pen, theils Macedonier, theils Griechische Söldner, kehrten dann zur Treue zurück Diod. XVII. 5. Curtius VII. 1. 3. . So in Asien; in Macedonien selbst hatte Olympias ihres Sohnes Abwesenheit benutzt, die Wollust der Rache bis auf den letzten Tropfen zu genießen; der Mord des Königs war, wenn nicht ihr Werk, doch ihr Wunsch und von ihr begünstigt gewesen; aber noch lebten die, um deren Willen sie und ihr Sohn Unwürdiges hatten dulden müssen; auch die junge Wittwe Kleopa- tra und ihr Säugling sollten sterben. Olympias ließ das Kind im Schooß der Mutter ermorden, und zwang die Mutter, sich am eige- nen Gürtel aufzuknüpfen Plut. Alex. 10. Diod. XVII. 2. Justin. IX. 7., nach St. Croix Emendation; Paus. VIII. 7. erzählt die Todesart abweichend. . Man muß Alexanders Unwillen über die ungestüme Rachsucht seiner Mutter ehren; aber, weit ent- fernt, es ihm zum Vorwurf zu machen, daß er die kindliche Liebe nicht schweigen hieß, um der kalten Strenge des Blutrechts das Haupt der Mutter zu opfern, ist sein Schicksal zu preisen, das nicht ihm die Schuld aufbürden wollte, die Keime neuer Zwietracht erstickt zu haben. — Der Frühling des Jahres 335 kam heran, mit ihm die Zeit zur Unterwerfung der Barbaren, welche auf drei Seiten Macedo- nien umwohnen. Diese Barbaren, theils Thracische, theils Illyri- sche Völkerschaften, und in uralter Zeit Herren des gesammten Hämuslandes, dann aus den tieferen Landschaften durch die wach- sende Macht der Macedonier in die Berge, durch die Griechischen Colonien von der Seeküste und der Theilnahme am freien Völker- verkehr zurückgedrängt, später von dem Macedonischen Königthume, das mit der Griechischen Bildung auch das Bewußtsein seiner Macht und seines Rechtes über Barbaren zu herrschen überkommen hatte, mehr und mehr in der uralten Unabhängigkeit beeinträchtigt, endlich von den letzten Königen, namentlich von Philipp, theils zu Unterthanen, theils zu tributpflichtigen Schutzgenossen des Reiches gemacht, waren sie dennoch nicht von dem Joche der neuen Herr- schaft so niedergedrückt, noch von dem Gifte einer ihnen aufgedrun- genen Civilisation so geschwächt worden, daß sie die Gewohnheit der Raublust und Unabhängigkeit vergessen, oder die Armuth ihrer unwirthbaren Berge auch ohne Freiheit zu ertragen vermocht hätten. Mit Philipps Tode schien die Zeit gekommen, die neuen Verbindungen zu zerreißen und unter ihren Häuptlingen in alter Unabhängigkeit zu leben. So standen die Illyrier unter ihrem Fürsten Klitus auf, dessen Vater Bardylis erst die verschiedenen Stämme zu gemeinsamen Raubzügen vereint hatte, aber von Per- dikkas und Philipp bis hinter der Lychnidischen See zurückgeworfen war; wenigstens die alte Unabhängigkeit wollte jetzt Klitus geltend machen Diod. XVI. 4. Hellad. apd. Phot. p. 530 a. 37. Cic. de Off. II. 11. . In demselben Sinne machten ihre nördlichen Nach- barn, die Taulantiner, Neuerungen; ihr Fürst Glaukias verband sich sich mit Klitus, um, wenn es nöthig würde, zur Vertheidigung oder zum Angriff möglichst gerüstet zu sein Arrian. I. 5. cf. Mannert tom. VII. p. 305. . Selbst in den stil- len Thälern der Dinarischen Berge schickten sich, von der allgemei- nen Bewegung ihrer Stammesgenossen und der Lust nach Beute ergriffen, die Autariaten, bisher ein friedliches Alpenvolk, zu einem Einfall in das Macedonische Gebiet an Arrian. I. 5. Strab. VII. p. 180.ed. Tauch. . Noch gefährlicher schien der mächtige, den Macedoniern feindliche Stamm der Triballer Justin. IX. 3. ; der nordwärts vom Hämusgebirge bis an die Ufer der Donau über eine Landschaft von funfzehn Tagereisen ausgebreitet wohnte Thucyd. IV. 101. Strab. l. c. ; sie hatten schon einmal den Weg über das Gebirge bis an das Aegäische Meer gefunden und sich für den Miswachs in ihren Ebenen mit der Beute der Griechischen Küstenstädte entschädigt Diod. XV. 36. ; wenn sie irgend etwas unternahmen, so würden die Thracischen Stämme, die, selbst den Räubern als Räuber furchtbar, an den Pässen des Hämus hauseten, nicht etwa die hereinbrechenden Schwärme aufgehalten, sondern sich mit ihnen vereint und die Ge- fahr verdoppelt haben. Auch die südlicher in der Rhodope und dem Nessusthale wohnenden Stämme der sogenannten freien Thra- cier hatten früher mit den Triballern den Weg nach den Griechi- schen Küstenstädten gefunden, und namentlich Abdera arg heimge- sucht. Selbst die Völkerschaften innerhalb des Hämus und in den neuerworbenen Landstrichen zwischen dem Strymon und Nessus Strab. VII. p. 133. , namentlich die Mäder und Päonier Erst in dem Heere, das nach Asien ging, kommen Päonier vor. , wenn schon sie für den Augenblick ruhig waren, schienen nur auf eine sichere Gelegenheit zum Abfall zu warten. Noch unzuverlässiger waren die seeländi- schen Thracier, die von König Philipp erst nach langem Wider- stande unterworfen waren Diod. XVI. 71. , und ihre nördlichen Nachbarn, die Odryser, die, seit Darius Scythenzuge zu einem Königthume, das dem Persischen nachgebildet war, vereint, einst von Byzanz bis zur Grenze der Triballer geherrscht, und nach den wildesten Parthei- kämpfen doch noch Kraft genug behalten hatten, dem Könige Phi- 5 lipp lange zu widerstehen, bis sie ihm endlich unter einheimischen Für- sten zu Tribut und Kriegsfolge pflichtig wurden. Ohne daß diese Völker die Verwirrung nach Philipps Ermordung zu offenbaren Feindseligkeiten benutzt, oder mit den Verschwornen, mit Attalus, mit den Athenern in Verbindung gestanden hätten, war die Besorg- niß vor ihnen im Rath Alexanders so groß, daß Alle Nachgiebigkeit und selbst, wenn sie abfielen, Nachsicht für gerathener hielten, als mit Strenge Unterwürfigkeit und Achtung gegen die bestehenden Verträge zu fordern. Aber Alexander erkannte, daß Nachgiebigkeit und halbe Maaßregeln Macedonien, das, wenn es angriff, unüber- windlich war, zur Ohnmacht der Defensive erniedrigt, die wilden und raublüsternen Barbaren kühner, den Perserkrieg unmöglich ge- macht hätten, da man weder die Grenzen ihren Angriffen Preis ge- ben, noch sie als leichtes Fußvolk in den Perserkriegen entbehren konnte. Jetzt waren die Angelegenheiten Griechenlands glücklich been- det und die Jahreszeit so weit vorgerückt, daß man die Gebirge ohne bedeutende Hindernisse zu durchziehen hoffen durste. Da von den bezeichneten Völkerschaften diejenigen, welche zu Macedonien gehör- ten, noch nichts Entschiedenes unternommen hatten, oder wenigstens seit Alexanders Rückkehr nach Macedonien an weitere Unterneh- mungen nicht zu denken schienen, auf der anderen Seite aber, um sie von jedem Gedanken an Abfall und Neuerungen abzuschrecken, die Ueberlegenheit der Macedonischen Waffen und der bestimmte Wille, dieselben geltend zu machen, gleichsam vor ihren Augen ge- zeigt werden mußte, so beschloß der König einen Zug gegen die Triballer, welche noch nicht dafür gestraft waren, daß sie Philipp auf dem Rückmarsche vom Scythenzuge überfallen und beraubt hat- ten Justin. IX. 3. , und gegen die Geten, ihre Nachbarn jenseits der Donau, gegen welche der sogenannte Scythenzug Philipps, wie es scheint, ge- richtet gewesen war. Dem Könige standen zwei Wege über das Gebirge in das Land der Triballer offen, entweder am Axiusstrom aufwärts durch das Gebiet der durch ihre Treue ausgezeichneten Agrianer über den Paß von Skupi zu den Quellen der Morawa in die Ebene der Triballer, das sogenannte Amsclfeld, hinabzusteigen, oder ostwärts durch das Gebiet der freien Thracier bei der Quelle des Hebrus, wo Hämus und Rhodope zusammenstoßen, durch den Paß von Su- kis Daß dieser Paß, später porta Trajani, nicht etwa der von Grabova oder Bocazzi von Alexander zu wählen war, wenn er gegen die Triballer wollte, versteht sich von selbst; cf. v. Valentini der Türkenkrieg, ed. 2. 1829, p. 290 sq. die Feinde an ihrer Ostgrenze zu überfallen; dieser zweite Weg war vorzuziehen, weil er durch das Gebiet unsicherer Völkerschaften und an den Grenzen der seeländischen und Odrysischen Thracier vorüber- führte. Das Heer, mit welchem der König aufbrach, bestand aus den sechs Divisionen der schwerbewaffneten Phalanx, dann den Chi- liarchien der etwas leichteren Hypaspisten, aus zweitausend Mann Bogenschützen und Agrianern, und aus den acht Geschwadern der Ritterschaft; zugleich wurde Byzanz aufgefordert, eine Anzahl Kriegsschiffe nach den Donaumündungen zu senden, um den Ueber- gang über diesen Strom möglich zu machen Es ist zu bedauern, daß wir nichts Näheres über diese Verbindung des Königs mit By- zanz wissen, die offenbar eine Folge der Schlacht von Chäronea gewesen ist. . Antipater blieb zur Verwaltung des Reiches in Pella zurück Dinarch p. 152. . Von Amphipolis aus zog der König zuerst gegen Osten, um die sogenannten freien Thracier, den linken Flügel an Philippi und die Symboleberge gelehnt, das Nessusthal hinauf und tief in das Gebirge hineinzudrängen Der Weg, welchen, nach St. Croix, der König genommen haben soll, geht allem tactischen und kritischen Sinn schnurstracks entgegen. Nach P. Lucas Bericht und der Karte bei Cousinery beginnt nicht weit östlich von Philippi eine Ebene, die sich am Nessus einige Meilen hinzieht; diese aufwärts rückte das Heer, den rechten Flügel durch den Strom, den linken erst durch Philippi, dann durch die Berge gedeckt. Der Nessus wurde offenbar auf dem Wege von Philppi nach Beröa an der Arda überschritten, an deren Quellen einer der wenigen Paß- wege durch die waldige Rhodope führen soll, den auch Cousinery’s Karte noch andeutet. . Darauf ging er über den Nes- susfluß und die Rhodope, um durch das Gebiet der Odryser, den 5 * Hebrus aufwärts, zu den Pässen zu gelangen, während der Lynke- stier Alexander, mit einem Theile des Heeres die andern Thraci- schen Landschaften zu durchziehen, ostwärts ging Arrian I. 25. 4. . Nach einem Mar- sche von zehn Tagen kam Alexander vor denselben an; der Weg, der sich hier eng und steil zwischen den Höhen der Rhodope und des Hämus hindurchdrängt Ammian. Marcell. XXI. 20. , war von den Feinden besetzt, die mit aller Macht den Urbergang hindern zu wollen schienen, theils Ge- birgsbewohnern dieser Gegend Die schlechte Lesart bei Arrian τῶν δὲ ἐμπόϱων πολλοὶ hat Mitford zu einer eben so gelehrten als gedankenlosen Auseinander- setzung über antike Schleichhändler benutzt. Eine genauere Prüfung des Zusammenhanges und der Lokalität macht die Emendation τῶν ἐκ τῶν ὄϱων πολλοί unwiderleglich; es sind wohl die Bessier ge- meint, die Vorsteher des Dionysosheiligthumes in den Bergen. Dio Cass. LI. 25. LIV. 34. Herod. VII. 110. , theils freien Thraciern, die hier den Macedoniern mit besserem Glücke zu widerstehen hofften, als im Thalbette des Nessus. Nur mit Dolch und Jagdspieß bewaff- net, mit einem Fuchsbalg statt des Helmes bedeckt Herod. VII. 75. Thuc. II. 98. Arrian. I. 1. , so daß sie gegen die schwerbewaffneten Macedonier nicht das Feld halten konnten, wollten sie die feindlichen Phalangen, wenn sie gegen die Höhen anrückten, durch das Hinunterrollen ihrer vielen Wagen, mit denen sie die Höhen besetzt hatten, zerreißen und in Verwirrung bringen, um über die aufgelös’ten Reihen mit gewohnter Heftigkeit herzufallen. Alexander, der die Gefahr sah, und sich überzeugte, daß der Uebergang an keiner anderen Stelle möglich sei, gab seinen Phalangen die Weisung, sobald die Wagen herabrollten, überall, wo es das Terrain gestattete, die Reihen zu öffnen, und die Wa- gen durch diese Lücken hinfahren zu lassen; wo sie aber sich nicht nach den Seiten hin ausbreiten könnten, sollten sie, das Knie gegen den Boden gestemmt, die Schilde über ihre Häupter fest an einan- der schließen, damit die niederfahrenden Wagen über sie wegrollten. Die Wagen kamen und jagten theils durch die Oeffnungen, theils über die Schilddächer hinweg, ohne den geringsten Schaden zu thun. Mit lautem Geschrei drangen jetzt die Macedonier auf die Thracier ein; die Bogenschützen vom rechten Flügel aus der Schlachtlinie vorgeschoben, wiesen die anprallenden Feinde mit ihren Geschossen zurück, und deckten den bergaufsteigenden Marsch der Schwerbewaffneten; so wie diese in geschlossenen Phalangen nach- rückten, vertrieben sie mit leichter Mühe die schlechtbewaffneten Bar- baren aus ihrer Stellung, so daß sie den aus dem linken Flügel mit den Hypaspisten und Agrianern anrückenden König nicht mehr Stand hielten, sondern Jeder, so gut er konnte, die Waffen weg- warf und den jenseitigen Ebenen zuflüchtete. Sie verloren funf- zehnhundert Todte; ihre Weiber und Kinder und alle ihre Habe wurde den Macedoniern zur Beute, und unter Philotas und Pau- sanias in die Seestädte auf den Markt geschickt Arrian I. 1. Polyaen. IV. 3. 11. . Auf den Höhen des Gebirges ist ein Heiligthum des Dionysos, des uralten Gottes der freien Thracischen Völker; dort opferte der königliche Jüngling nach der Weise des Landes; und als er den Wein in die Opferflamme goß, schlug sie hochflackernd gen Himmel empor, nach der Deutung der Eingebornen ein göttliches Zeichen für die künftigen Siege des Königs Sueton Aug. 94. ef. Aristot. p. 842. a. 14. ed. Beck. . Alexander zog nun die sanfteren Nordabhänge des Gebirges hinab in das Land der Triballer, über den Lyginos- oder Oiskos- fluß, der hier etwa drei Märsche von der Donau entfernt ost- wärts strömt Wir haben den sonst un- bekannten Lyginus Arvians für den Oiskus oder Isker, den östlichen Grenzfluß der Triballer, genommen, an dessen Mündung sich die spä- tere Hauptstadt der Triballer, Oeskus, befand, und zu dem hin die von Alexander eingeschlagene Straße führte. Arrians Ausdruck, der Fluß sei drei Märsche von der Donau, scheint freilich zu bezeichnen, daß er sich nicht in diese ergießt; das könnte nur von einem der kleinen Küstenflüsse gelten, was ganz unstatthaft, zumal wenn nach diesen Gegenden der Lynkestier Alexander detachirt ward. . Syrmus, der Triballerfürst, längst schon von Alexanders Zuge in Kenntniß gesetzt, hatte die Weiber und Kinder der Triballer zur Donau voraus geschickt, und sie auf die Insel Peuce Diese Insel wird bei Strabo und Arrian Peuce genannt, und von den In- terpreten für die große Peuce, nicht weit von der Mündung des überzusetzen befohlen; eben dahin hatten sich be- reits die den Triballern benachbarten Wahrscheinlich die Treres des Thucydides, die durch den Oiskus von den Triballern geschieden werden. Thracier geflüchtet; auch Syrmus selbst war mit seinen Leuten dahin geflohen; die Masse der Triballer dagegen zog sich rückwärts dem Flusse Lyginus zu, von dem Alexander Tages zuvor aufgebrochen war. Kaum hatte das der König erfahren, so kehrte er schnell zurück, um sie aufzu- suchen, und überraschte sie, da sie sich eben lagerten, und jetzt in der Eile am Saume des Waldes vor dem Flusse aufrückten. Wäh- rend nun die Kolonnen der Phalanx heranzogen, eilten die Bogen- schützen und Schleuderer vorauf, mit Pfeilen und Steinen die Feinde aus dem Walde herauszulocken. Diese brachen hervor, und indem sie, namentlich auf dem rechten Flügel, sich zu weit vorwag- ten, sprengten rechts und links drei Geschwader der Ritterschaft auf sie ein; schnell rückten im Mitteltreffen die anderen Geschwader, und hinter ihnen die Phalanx vor; der Feind, der bis dahin das Gefecht mit Bolzen und Jagdspeeren kräftig erwiedert hatte, hielt den Andrang der schwergeharnischten Ritter und der geschlossenen Phalanx nicht aus, und floh durch den Wald zum Fluß zurück; dreitausend kamen auf der Flucht um, die anderen retteten sich, durch das Dunkel des Waldes und der hereinbrechenden Nacht begünstigt Arrian I. 3. . Alexander setzte seinen früheren Marsch fort, und kam am dritten Tage an die Ufer der Donau, wo ihn bereits die Schiffe Stromes, gehalten; s. Kruse de Istri ostiis. Wratisl. 1820, p. 79 seqq. Aber wie hätten sich die Triballer über funfzig Meilen von ihren äußersten Grenzen flüchten sollen, und zwar nach der Richtung hin, wo der Feind am nächsten war? Wie hätte Arrian vermeiden können, von den vielen Donauarmen zu sprechen, die, wenn bei die- sem Peuce gekämpft wäre, von der größten militairischen Wichtigkeit sein mußten? Selbst die Zeit hätte zu diesen Märschen nicht hinge- reicht; gegen Ende Juli stand Alexander vor Pellion, das wohl hun- dertundfunfzig Meilen entfernt ist, und mit dem Frühling war er aus Amphipolis aufgebrochen, von wo Peuce in geradem Abstande wohl hundert Meilen entfernt ist. Vielleicht nannten die Geschicht- schreiber Alexanders mit dem Namen der bekanntesten Donauinsel die in Frage stehende, die viel weiter stromauf liegen mußte. aus Byzanz erwarteten; sofort wurden sie mit Bogenschützen und Schwerbewaffneten bemannt, um die Insel, auf welche sich die Tri- baller und Thracier geflüchtet hatten, anzugreifen; aber die Insel war zu gut bewacht, die Ufer zu steil, der Strom zu reißend, der Schiffe zu wenige; Alexander zog seine Schiffe zurück, und beschloß den Angriff auf die Geten am jenseitigen Ufer sofort zu unterneh- men; wenn er durch ihre Demüthigung Herr der beiden Ufer war, so konnte sich auch die Donauinsel nicht halten. Die Geten, etwa viertausend Mann zu Pferde, und mehr als zehntausend zu Fuß, hatten sich am Nordufer der Donau vor einer schlechtgebauten Stadt, die etwas landeinwärts lag, aufgestellt; sie meinten, der König werde, da seine Schiffe nicht einmal zur Lan- dung auf der Insel hingereicht hatten, eine Schiffbrücke schlagen lassen, und ihnen so Zeit und Gelegenheit zu Ueberfällen geben; Alexander kam ihnen zuvor. Es war in der Mitte des Juni, die Felder neben der Getenstadt mit Getreide bedeckt, das hoch ge- nug in den Halmen stand, um landende Truppen dem Auge des Feindes zu entziehen; alles kam darauf an, die Geten durch einen schnellen Ueberfall zu bewältigen; aber da die Schiffe aus Byzanz nicht Truppen genug fassen konnten, so brachte man aus der Ge- gend eine große Menge kleiner Nachen zusammen, deren sich die Einwohner bedienen, wenn sie auf dem Strome fischen oder Frei- beuterei treiben oder Freunde im anderen Dorfe besuchen; außer- dem wurden die Felle, unter denen die Macedonier zelteten, mit Heu ausgefüllt und fest zugeschnürt; in der Stille der Nacht nun setzten funfzehnhundert Ritter und viertausend Mann Fußvolk unter Befehl des Königs über den Strom, und landeten unter dem Schutze des weiten Getreidefeldes, unterhalb der Stadt. Mit Tagesanbruch rückten sie mitten durch die Saaten vor, vorauf das Fußvolk, mit der Weisung, das Getreide mit den langen Lanzen niederzuschla- gen, und bis sie an ein unbebautes Feld kämen, vorzurücken. Dort ritt nun die Reiterei, die bisher dem Fußvolke gefolgt war, unter des Königs Anführung bei dem rechten Flügel auf, während links an den Fluß gelehnt, die Phalanx in ausgebreiteter Linie unter Nikanor vorrückte. Die Geten, erschreckt durch die unbegreifliche Kühnheit Alexanders, der so leicht den größten aller Ströme, und das in einer Nacht, überschritten, eilten, weder dem Andrang der Reuter, noch der Gewalt der Phalanx gewachsen, sich in die Stadt zu werfen; und als sie auch dahin die Feinde nachrücken sahen, flüchteten sie, indem sie von Weibern und Kindern mit sich nahmen, was die Pferde tragen konnten, weiter in die Haiden des inneren Landes. Der König rückte in die Stadt ein, und zerstörte sie, sandte die Beute unter Philippus und Meleager nach Macedonien zurück, opferte am Ufer des Stromes dem Retter Zeus, dem He- rakles und dem Strome Dankopfer. Es war nicht seine Absicht, die Grenzen seiner Macht bis in die weiten Ebenen, die sich nordwärts der Donau ausbreiten, auszudehnen; der breite Strom war, nachdem die Geten die Macht der Macedonier kennen gelernt hatten, eine sichere Grenze, und in der Nähe weiter kein Volksstamm, dessen Widerstand man zu fürchten gehabt hätte. Nachdem der König mit jenen Opfern das nördlichste Ziel seiner Unternehmungen bezeichnet hatte, kehrte er noch desselben Tages von einer Expedition, die ihm keinen Mann gekostet hatte, in sein Lager jenseits des Flusses zurück Arrian I. 4. . Nach einer so schnellen und erfolgreichen Unternehmung eilten die freien Völkerschaften, die in der Nähe der Donau wohnten, sich dem Könige zu unterwerfen; die Gesandtschaften der einzelnen Stämme kamen mit den Geschenken ihres Landes, und baten um Friede und Freundschaft, die ihnen gern gewährt wurde; auch der Triballerfürst Syrmus, der wohl einsah, daß er seine Donauinsel nicht zu halten im Stande sein würde, unterwarf sich, und wurde unter der Bedingung zur Bundesgenossenschaft aufgenommen, daß er fortan Kriegsschaaren zum Heere der Macedonier stellte Dies beweiset die Anführung bei Dio- dor XVII. 17. . Und schon war Alexanders Ruhm weithin unter den streitba- ren Völkerschaften der Donauländer verbreitet; selbst von der fernen Nordspitze des Adriatischen Meeres kam eine Gesandtschaft Celti- scher Männer, die, wie ein Augenzeuge erzählt, groß von Körper sind und Großes von sich denken, und, von des Königs großen Tha- ten unterrichtet, um seine Freundschaft werben wollten. Und der junge König sah sich gern von den einfachen Söhnen des fernen Westlan- des bewundert; sein edler Stolz, der den feilen Wortschwall Grie- chischer Rhetoren verachtete, freute sich einer Anerkenntniß, die nicht seiner Gunst und seiner Macht, sondern dem Ruhme und dem Schrecken, der seinen Waffen vorausging, galt; er fragte sie, was sie wohl am meisten fürchteten? Mit dem Selbstgefühl und dem treffenden Witz, der ihr Volk stets ausgezeichnet hat, antworteten sie: „nichts, als daß etwa der Himmel einfallen möchte; aber eines solchen Helden Freundschaft ehren wir am meisten.“ Der König nannte sie Freunde und Bundesgenossen, und entließ sie reich be- schenkt, meinte aber nachmals doch, die Celten seien Prahler Arrian I. 4, Ptolemaeus apd. Strab. VII. p. 82. ed. Tauch.; ein Gewährsmann, der in der That mehr gilt, als St. Croix’s kriti- sche Bedenken. . Nachdem so mit der Bewältigung der freien Thracier auch die Odrysischen und seeländischen zur Ruhe gezwungen, mit dem Siege über die Triballer die Macedonische Hoheit über die Völ- ker südwärts der Donau gegründet, durch die Niederlage der Geten die Donau als Grenze gesichert, somit der Zweck dieser Expedition erreicht war, eilte Alexander südwärts, über die Pässe von Skupi durch das Gebiet der mit Macedonien verbündeten Agrianer und Päonier in sein Reich zurückzukehren; denn bereits hatte er die Nachricht erhalten, daß der Fürst Klitus seine Abwesenheit benutzt habe, um mit seinen Illyriern in die Westgrenze des Reiches einzubrechen, daß der Taulantinerfürst Glaukias schon heranziehe, sich mit Klitus zu vereinen, daß die Autariaten mit ihnen im Ein- verständniß sich anschickten, das Macedonische Heer in seinem Mar- sche durch die Gebirge zu überfallen. Alexanders Lage war schwie- rig; noch mehr als acht Tagemärsche von den Pässen der West- grenze entfernt, welche die Illyrier bereits überschritten hatten, war er nicht mehr im Stande, die wichtige Festung Pellion, den Schlüs- sel zu den beiden Flußthälern des Haliakmon und Erigon zu ret- ten Die Lage von Pellion, die Mannert, durch Nicht- beachtung der bei Livius XXXI. 40 aufbewahrten Notizen, um einige Tagereisen zu weit nordöstlich gesetzt hatte, ist durch Barbi é du Bocage im Ganzen richtig bestimmt; etwas nordwärts von der Biegung des Eordaikus und etwas südwärts von dem heutigen Fiorina; vg. Pou- queville’s Reise II. p. 378. ; hielt ein Ueberfall der Autariaten ihn auch nur zwei Tage auf, so hatten sich die Illyrier und Taulantiner vereint, und waren mächtig genug, von Pellion aus bis in das Herz Macedoniens vor- zudringen, die wichtige Linie des Erigonstromes zu besetzen, und, während sie selbst die Communication mit der Heimath durch die Pässe oberhalb Pellion offen hatten, den König von den südlichen Landschaften seines Reiches und von Griechenland abzuschneiden, ohne daß Antipater das Feld zu behaupten, oder Alexander selbst mit siche- rem Erfolg die Uebermacht der tapferen Feinde anzugreifen hätte wagen dürfen; ein unglückliches Treffen wäre hinreichend gewesen, in Griechenland, wo bereits gefährliche Bewegungen merkbar wur- den, alles das zusammenstürzen zu lassen, was er und sein Vater mühsam erreicht hatten. Langarus, der Fürst der Agrianer, der schon bei Philipps Leb- zeiten unzweideutige Beweise seiner Anhänglichkeit an Alexander ge- geben und mit ihm in freundlicher Verbindung gestanden, und des- sen Contingent in dem eben beendeten Feldzuge mit ausgezeichne- tem Muthe gefochten hatte, war gerade damals mit dem Kern seines Kriegsvolkes, trefflich bewaffneten und eingeübten Hypaspisten, dem Könige entgegengekommen; und als nun Alexander, voll Besorgniß über den Aufenthalt, den ihm die Autariaten verursachen könnten, sich nach ihrer Macht und Bewaffnung erkundigte, so berichtete ihm Langarus, er brauche vor diesen Menschen, den schlechtesten Kriegs- völkern im Gebirge, nicht besorgt zu sein; er selbst wolle, wenn der Könige es gestatte, in ihr Land einfallen, so daß sie genug mit sich selbst zu thun haben, und an feindliche Ueberfälle nicht weiter den- ken sollten. Alexander gab gern seine Zustimmung, und Langarus drang plündernd und verwüstend in ihre Thäler ein, so daß sie den Marsch der Macedonier nicht weiter störten. Der König ehrte die Dienste seines treuen Bundesgenossen auf das Ausgezeichneteste, verlobte ihn mit seiner Schwester Kyna, Amyntas junger Wittwe, und lud ihn ein, nach Beendigung des Krieges nach Pella zu kom- men, um die Hochzeit zu feiern. Leider starb Langarus gleich nach dem Zuge auf dem Krankenbette. — Ueber die Kanalovischen Berge, welche die Wasserscheide der Illyrischen und Macedonischen Ströme bilden, führen die gangbar- sten Pässe in der Nähe des Lychnidischen Sees; der Besitz dieser Gegend war für Macedonien von der größten Wichtigkeit, weil nur durch ihn die Illyrier im Zaume gehalten werden konnten; des- halb hatte Philipp nicht eher geruht, als bis er sein Gebiet bis an den See erweitert hatte; unter den Positionen und Kastellen, welche die einzelnen Gebirgswege beherrschten, war die Bergfestung Pellion die letzte und wichtigste; auf den Vorbergen nach Macedonien zu belegen, die sie im Kreise umgeben, schützte sie auch den Weg, der aus dem Thale des Erigon südwärts zu dem des Haliakmon und in das süd- liche Macedonien führte, und welcher namentlich in der Nähe der Stadt zwischen steilen Felswänden und dem Eordaikus, einem südlichen Nebenflüßchen des Erigon, so eng wurde, daß ein Heer kaum zu vier Schilden hindurchziehen konnte Das Terrain der Gegend ergiebt sich ziemlich bestimmt aus Ar- rians Erzählung. Die Breite des Weges ist entweder 12 oder, wohl richti- ger, 24 Fuß, je nachdem dem Schilde, d. h. dem Mann, die Breite, die er in Paradestellung oder in geschlossener Reihe einnimmt, gegeben ist. . Diese wichtige Position war bereits in den Händen des Illyrischen Fürsten; Alexander rückte in Eilmärschen den Erigon aufwärts, um wo möglich die Festung vor Ankunft der Taulantiner wieder zu nehmen; vor der Stadt angekommen, bezog er am Eordaikus ein Lager, um am folgenden Tage die Mauern Stadt zu berennen. Auch die Illyrier rüsteten sich, besetzten die waldigen Höhen, welche die Stadt rings umgeben, schlachteten zum Opfer drei Knaben, drei Mädchen, drei schwarze Widder, und rückten vor, als wollten sie mit den Macedoniern handgemein werden. Doch sobald diese nahe kamen, verließen die Illyrier ihre feste Stellung, ließen sogar die Schlachtopfer liegen, die den Macedoniern in die Hände fielen, und zogen sich in die Stadt zurück, unter deren Mauern sich jetzt Alexander lagerte, um sie, da er sie nicht durch Ueberrumpelung genommen hatte, mit ei- ner Umwallung einzuschließen und zur Uebergabe zu zwingen. Aber schon am folgenden Tage zeigte sich Glaukias mit einer star- ken Heeresmacht auf den Höhen, und Alexander gab den Gedanken auf, mit seinen gegenwärtigen Steitkräften die Stadt zu nehmen; er mußte sich begnügen, eine Stellung zu nehmen, welche die Ver- einigung beider Heere hinderte. Doch bald trat in der schon ver- wüsteten Gegend Mangel ein; Philotas mit einem Trupp Reuterei zum Fouragiren abgeschickt, wäre fast in die Hände der Taulanti- ner gefallen; nur Alexanders schnelles Nachrücken mit einigen leich- ten Corps rettete den wichtigen Transport und dessen Bedeckung. Indeß wurde die Lage des Heeres von Tage zu Tage peinlicher; in der Ebene fast eingeschlossen, hatte er weder Truppen genug, et- was Entscheidendes gegen beide Fürsten zu wagen, noch hinreichend Proviant, um sich bis zur Ankunft der Verstärkungen zu halten; er mußte zurück, aber der Rückzug schien doppelt gefährlich. Klitus und Glaukias hofften nicht ohne Grund, den König auf diesem höchst ungünstigen Boden in ihren Händen zu haben; die überra- genden Berge hatten sie mit zahlreicher Reuterei, mit vielen Wurf- schützen, Schleuderern und Schwerbewaffneten besetzt, die das Heer in jenem engen Wege überfallen und niedermetzeln konnten, wäh- rend die Illyrier aus der Festung dem Heere in den Rücken fielen. Durch eine kühne Bewegung, wie sie nur ein Macedonisches Heer auszuführen im Stande war, machte Alexander die Hoffnun- gen der Feinde zu Schanden. Während die meisten der Reuterei und sämmtliche Leichtbewaffnete, dem Feinde in der Stadt zugewandt, jede Gefahr von dieser Seite unmöglich machen, rücken die Schwer- bewaffneten mit gefällter Lanze, fast im vollständigen Rechteck von hundertundzwanzig Mann Tiefe und etwas breiterer Fronte, die Flan- ken mit zweihundert Rittern gedeckt, ins Feld mit der größten Stille, damit die Kommando’s schnell vernommen werden. Die Ebene ist bogenförmig von Höhen umschlossen, von welchen die Taulantiner die Flanken der vorrückenden Masse bedrohen; aber das ganze Viereck macht plötzlich rechtsum, und bietet dem Feinde die Spitze; wieder ein anderer Haufen der Feinde bedroht die neue Flanke, und von Neuem kehrt sich diese gegen ihn; so abwechselnd, vielfach und mit der größten Präcision eine Stellung mit der anderen tauschend, rücken die Macedonier zwischen den feindlichen Höhen hin. Bei dem Anblick dieser unangreifbaren und mit eben so viel Ordnung als Schnelligkeit ausgeführten Bewegungen wagen die Taulantiner kei- nen Angriff, und ziehen sich von den ersten Anhöhen zurück. Als nun aber die Macedonier den Schlachtgesang erheben und mit den Lanzen an ihre Schilde schlagen, da bricht ein panischer Schrecken über die Barbaren herein, und eiligst fliehen sie über die Höhen nach der Stadt herum. Nur eine Schaar hält noch eine Anhöhe besetzt, über welche der Weg führt; Alexander befiehlt den Ritter- geschwadern und der Leibschaar der Hypaspisten, die zu jenen auf die Pferde steigen, gegen die Anhöhe vorzusprengen; wenn die Feinde Miene machten, sich zu widersetzen, sollten die Hypaspisten von den Pferden springen, und unter die Ritter gemischt kämpfen; aber die Feinde ziehen sich, sobald sie die Bewegung bemerken, rechts und links von der Anhöhe hinab. Der König besetzt nun diese, läßt die noch übrigen Geschwader der Ritterschaft, die zwei- tausend Bogenschützen und Agrianischen Jäger, so wie die anderen Hypaspisten, welche die bisherigen Bewegungen im Rücken gedeckt hatten, eilig nachrücken, dann diese Hypaspisten und nach ihnen die Phalangen von der Anhöhe an den Fluß defiliren, dort, um den engen Weg am Flusse zu vermeiden, durch den Fluß waten, und jenseits in Schlachtordnung links aufrücken. Alexander selbst bleibt indeß auf jener Anhöhe mit der Nachhut, und beobachtet die Be- wegungen der Feinde, welche kaum den Uebergang des Heeres be- merken, als sie auch schon an den Bergen hin vorrücken, um über die mit Alexander zuletzt Abziehenden herzufallen. Ein Ausfall des Königs gegen sie und der Schlachtruf der Phalangen jenseits des Flusses schreckt sie zurück, und Alexander führt seine Bogenschützen und Jäger im vollen Laufe in den Fluß. Er selbst geht zuerst hinüber, und läßt, sobald er sieht, daß seine Nachhut vom Feinde gedrängt wird, das Wurfgeschütz gegen die Feinde jenseits spielen, und die Bogenschützen mitten im Fluß umwenden und schießen; wäh- rend nun Glaukias mit seinen Taulantinern sich nicht in die Schuß- weite wagt, gehen die letzten Macedonier über den Fluß, ohne daß Alexander bei dem ganzen gefährlichen Manöver auch nur einen Mann verloren hätte Arian. I. 6. ; er selbst hatte mit ausgezeichneter Tapfer- keit und an den gefährlichsten Punkten gefochten, und war am Halse durch einen Keulenschlag, am Kopfe durch einen Steinwurf verwundet Plut. de fort. Alex. I. . Durch diese Bewegung hatte Alexander nicht bloß sein Heer aus augenscheinlicher Gefahr gerettet, sondern er konnte von seiner Stellung am Ufer des Flusses aus alle Wege und Operationen der Feinde übersehen, und sie in Unthätigkeit halten, bis seine Verstär- kungen eintrafen. Indeß gaben ihm die Feinde früher Gelegenheit, einen Handstreich auszuführen, der dem Kriege ein schnelles Ende machte. Sie hatten sich, in der Meinung, jener Rückzug sei ein Werk der Furcht gewesen, in breiter Linie vor Pellion gelagert, ohne dasselbe mit Wall und Graben zu schützen, oder auf den Vor- postendienst die nöthige Sorgfalt zu wenden. Das wußte Alexan- der; in der dritten Nacht ging er unbemerkt mit den Hypaspisten, Agrianern, Bogenschützen und zweien Divisionen der Phalanx über den Fluß, und ließ, ohne die Ankunft der übrigen Kolonnen abzu- warten, die Bogenschützen und Agrianer vorrücken; diese brachen an der Seite des Lagers ein, wo am wenigsten Widerstand mög- lich war; und die Feinde, aus tiefem Schlafe aufgeschreckt, ohne Waffen, ohne Leitung oder Muth zum Widerstande, wurden in den Zelten, in der langen Gasse des Lagers, auf dem regellosen Rück- zuge niedergehauen, viele zu Gefangenen gemacht, den anderen bis an die Berge der Taulantiner nachgesetzt; wer entkam, rettete sich mit Verlust seiner Waffen. Klitus selbst hatte sich in die Stadt geworfen, sie dann angezündet und sich unter dem Schutz der bren- nenden Stadt zu Glaukias in das Taulantinerland geflüchtet Arrian I. 5. 6. . — So wurde die alte Grenze auf dieser Seite wieder gewonnen, und den besiegten Königen, wie es scheint, unter der Bedingung der Friede gegeben, daß sie die Oberhoheit Alexanders anerkennten, und bestimmte Contingente zu seinem Heere stellten Das Illyrische Königthum blieb in der Familie des Bardylis und Klitus noch lange erblich; Illyrier kommen in Alexanders Heeren vor. Diod. XVII . 8. . Man muß behaupten, daß die glückliche Raschheit in allen Unternehmungen dieses Jahres, und namentlich in dem Kriege, der unter den Mauern von Pellion geführt wurde, eben so sehr in dem Charakter des jungen Königs begründet, wie von den Zeit- umständen gefordert war; denn während man im Norden noch voll- auf zu thun hatte, war im Süden eine Bewegung ausgebrochen, die, wenn sie nicht schnell gedämpft wurde, den großen Plan eines Perserzuges noch lange hindern, wenn nicht für immer unmöglich machen konnte. Die Griechen hatten zwar mit hochklingenden Dekreten Alexan- ders Hegemonie anerkannt, und das Bündniß mit ihm auf dem Bundestage zu Korinth beschworen; aber je ferner die Macedoni- schen Waffen waren, desto lockender klangen die Worte der exaltir- ten Demagogen und die Persischen Dariken, und die schönen Na- men der alten Freiheit und des alten Ruhmes. Freilich, so lange der Perserkönig noch Alexanders Jugend verachtete, war auch Grie- chenland still; ja, die Athener, die Enkel der Marathonischen Sieger, mußten sich von dem Perser schreiben lassen: „ich will euch kein Geld geben, bittet mich nicht, denn ihr bekommt doch nichts Aeschin. adv. Ctes. p. 484. .“ Aber bald sah dieser, was für ein Feind ihm in Alexander erstan- den sei, und daß er, um im hohen Asien sicher zu sein, Macedo- nien in Griechenland und durch Griechen bekämpfen müsse. Zehn- tausend Dariken brachte Ephialtes aus Asien nach Athen mit, und die Redner durften das Volk der Athener, dem von dieser Summe nicht viel zu Gute kam cf. Aeschin.; bid. Dinarch. adv. Demosth. p . 149. spricht gar von 300 Talenten. , wegen ihrer Besonnenheit und Ach- tung gegen die in Korinth beschworenen Verträge rühmen. Aber seit Ephialtes Rückkunft sah man Demosthenes eifriger und häufiger als je, in den Volksversammlungen; die Entfernung Alexanders gab ihm und den Volksrednern seiner Parthei Muth und Gelegen- heit, von Niederlagen im Lande der Triballer und von neuen Hoff- nungen zu reden Demades p . 496. . Auch in anderen Staaten erwachte die alte Neuerungssucht und neue Hoffnungen; vor allen fühlten die Theba- ner das Joch der Macedonischen Herrschaft; die Besatzung in ihrer Burg schien sie unablässig an ihre jetzige Schmach und den Verlust ihres einstigen Ruhmes zu mahnen. Da verbreitete sich das Gerücht, Alexander sei todt; es wurde um so mehr geglaubt, je unerwarteter es selbst die kühnsten Wün- sche übertraf; und damit keinem Zweifel Raum gelassen wurde, brachte Demosthenes einen Menschen vor das versammelte Volk, der eine Wunde aus derselben Schlacht aufzuweisen hatte, in der Alexander vor seinen Augen gefallen sein sollte Justin. XI . 2. . Schnell hob die antimacedonische Parthei ihr Haupt empor, und versuchte noch einmal die Gemüther des Volkes zum Abfall zu reizen: die Zeit sei gekommen, des Macedonischen Joches frei zu werden; Verträge, die man mit Alexander geschlossen, hätten mit seinem Tode aufge- hört; der Persische König, bereit die Freiheit der Griechischen Staa- ten zu schützen, habe bereits reichliche Subsidien in die Hände der Männer, welche mit ihm nichts als das Wohl und die Freiheit Griechenlands im Sinne hätten, zur Unterstützung aller gegen die Macedonier gerichteten Unternehmungen niedergelegt. Nicht weni- ger, als das Persische Gold half der Coalition, daß neben Demo- sthenes der unbestechliche Lykurg für sie sprach; aber das Nothwen- digste war, daß ungesäumt gehandelt und dadurch allen Wünschen und Bemühungen ein Mittelpunkt gegeben wurde. Theben allein hatte vollen Grund über sein Schicksal zu kla- gen; seit der Schlacht von Chäronea seiner Selbstständigkeit be- raubt, war es durch den Bundestag von Korinth den Macedoniern überlassen, und durch seine Burg in den Händen seiner Herren; wa- ren auch die unruhigsten der Bürger seit der Schlacht von Chäronea des Landes verwiesen, so hatte doch das Volk schon Philipps Tod zu einer Empörung zu benutzen sich bereit gezeigt; durch Alexanders schnelle Ankunft war es damals eingeschüchtert, und das frühere Joch nicht erleichtert, murrend trug es das einst freie Volk; das wußten die Vornehmen der Stadt, die Leiter der Coalition, die verbannten Thebaner, deren sich besonders in Athen viele aufhielten. Schon einmal waren Verbannte von Athen aus zur Befreiung der Kad- mea ausgezogen, Pelopidas hatte sie geführt, die Siege von Leuktra und Mantinea waren die schönen Früchte jener Heldenthat gewesen. So kehrten auch jetzt, in Uebereinstimmung mit mehreren Vorneh- men der Stadt, die Verbannten nach Theben zurück, ermordeten in der Stille der Nacht zwei Hauptleute der Macedonischen Be- satzung, riefen am Morgen zur Versammlung, und beriethen, was geschehen, was zu hoffen sei; sie beschworen das Volk bei dem theuren Namen der Freiheit und des alten Ruhmes, das Joch der Macedonier abzuschütteln, ganz Griechenland und der Persische Kö- nig sei bereit ihnen beizustehen; und als sie verkündeten, daß Alexander nicht mehr zu fürchten, daß er in Illyrien gefallen sei, da beschloß das Volk, die alte Freiheit wieder herzustellen, die Ma- cedonische Besatzung aus der Kadmea zu vertreiben, und an die an- deren Staaten Gesandte um Hülfe zu senden. Alles schien ihrer Unternehmung den glücklichsten Erfolg zu versprechen; die Eleer hatten bereits die Anhänger Alexanders ver- jagt; jagt, in Aetolien waren Unruhen ausgebrochen, die Arkadier bereit gegen Macedonien zu kämpfen, auf Argos konnte man rechnen; Athen dekretirte seine Sympathie für Theben und versprach Bei- stand. Und als die Gesandten des Macedonischen Reichsverwesers Antipater nach dem Isthmus kamen, an die Verträge über Zurück- führung der Verbannten und an das den Macedoniern garantirte Besatzungsrecht in Theben zu erinnern, da hörte man nicht auf sie, sondern auf die flehende Bitte der Thebanischen Gesandten, die mit wollenumwundenen Oelzweigen in den Händen, zum Schutz der heiligen Sache aufriefen Dinarch. p . 152. . Schon stand ein Arkadisches Söldnerheer am Isthmus bereit, nach Böotien zu rücken, die Kad- mea war mit Wällen und anderen Werken eingeschlossen, so daß den Macedoniern in ihr weder Hülfe, noch Lebensmittel zu- kommen konnten; die Thebaner hatten ihre Sclaven freigegeben, sie und die Metöken zum Kriege gerüstet; sie waren mit allen Vorrä- then und einer Menge Waffen versehen, die namentlich Demosthe- nes ihnen zugesandt hatte Nach Aeschines Darstellung in einer et- wa fünf Jahre später gehaltenen Rede erscheint Demosthenes Benehmen in dieser Zeit ganz anders; die Arkadier, behauptet er, hätten das An- geld zum Kriegsdienste aus den Persischen Subsidien verlangt, aber da Demosthenes in seinem Geize nichts habe zahlen, sondern alles für sich behalten wollen, seien sie heimgegangen; auch die Macedonische Besatzung habe man mit einigen Talenten zum Abzuge bewegen kön- nen, aber Demosthenes habe nichts herausrücken wollen. Weit ent- fernt Demosthenes Integrität behaupten zu wollen, gegen welche die Papiere, die Alexander später in der Burg zu Sardes fand, nur zu deutlich zeugen, haben wir dennoch nicht Vorwürfen glauben mögen, deren Unhaltbarkeit der Zusammenhang der Verhältnisse beweiset. Oder verstand Demosthenes seinen Vortheil so schlecht, daß er, um ei- nige Talente für sich behalten zu können, das Glück einer Un- ternehmung aufs Spiel setzte, deren Mislingen ihm nicht bloß seine Popularität, sondern sein Vermögen und sein Leben kosten konnte? Und wenn wirklich die Besatzung der Kadmea zu bestechen möglich war, konnten die Thebaner nicht mehr fünf Talente aufbringen? Daß Dinarch in seiner Rede gegen Demosthenes ungefähr dasselbe mit Aeschines berichtet, hebt den apokryphischen Charakter dieser Angaben nicht auf; cf. Decret. I. apud Plut. ; bald mußte die Kadmea fallen, 6 dann war Theben und ganz Griechenland frei, dann die Schande von Chäronea gerächt, und der Bundestag von Korinth, dies Trug- bild von Selbstständigkeit und Sicherheit, verschwand vor dem fröh- lichen Lichte eines neuen Morgens, der schon über Griechenland heranzubrechen schien. Da verbreitete sich das Gerücht, die Mace- donier rückten in Eilmärschen heran, sie ständen nur zwei Meilen entfernt in Onchestus. Die Aufrührer beschwichtigten das Volk: es werde Antipater sein, seit Alexander todt sei, brauche man die Macedonier nicht zu fürchten. Dann kamen Boten: es sei Alexan- der selbst; sie wurden übel empfangen: Alexander, der Lynkestier, Aeropus Sohn sei es, der wahrscheinlich das Reich geerbt habe, den brauche man nicht zu fürchten. Tags drauf stand der König Alexander, der todtgeglaubte, mit zwanzigtausend Mann Fußvolk und dreitausend Reutern unter den Mauern der Stadt. In der That war dies plötzliche Erscheinen Alexanders ein Räthsel, das nur die Kühnheit seiner Operationen und die außer- ordentliche Geübtheit seiner Truppen erklärte. Noch vierzehn Tage früher hatte er fern im Norden vor Pellion gestanden, und die Il- lyrier und Taulantiner über die Grenzgebirge zurückgeworfen; da erhielt er die Nachricht von der Empörung der Thebaner, und rückte durch die Landschaften Eordäa und Elymiotis, das Thal des Haliakmon hinab, durch die Perrhäbischen Pässe nach Thessalien hin- ein, von da durch die Thermopylen nach Onchestus Wir dürfen nicht unbemerkt lassen, daß nach dem Aeschines, welchen Mitford gelesen, in Thessalien ein Aufstand der Perrhäber, welche unterthänige Schutzgenossen der eigentlichen Thessalier gewesen seien, gleichzeitig mit dem Thebanischen erfolgt sei, und der Thessali- schen Bundesversammlung Veranlassung gegeben habe, den Thebanern und Athenern den Krieg zu erklären. Dafür citirt der gelehrte Eng- länder Aeschin. de cor. p. 548 ed. Reisk . Wir finden in der gan- zen Rede nichts dem Aehnliches; denn was p . 436 und p. 439 ed. Beck . erwähnt wird, gehört nach dem unmittelbaren Zusammenhang jener Stellen in ganz andere Zeiten. Vielmehr muß man annehmen, daß die Thessalische Ritterschaft von Pelline aus mit zu Felde gezo- gen ist; die dreitausend Ritter im Heere vor Theben bestehen unleug- bar aus funfzehnhundert Macedoniern und eben so viel Thessaliern; . Sein schnelles Erscheinen hatte zunächst den wichtigen Erfolg, daß die Arkadischen Hülfsvölker nicht über den Isthmus hinauszurücken wag- ten, daß die Athener ihre Truppen so lange inne zu halten beschlos- sen, bis sich der Kampf gegen Alexander entschieden hätte, daß sich die Orchomenier, Platäer, Thespier, Phocier und andere Feinde der Thebaner, die sich schon der ganzen Wuth ihrer alten Peiniger Preis gegeben glaubten, mit doppeltem Eifer um ihn versammelten. Indeß hatte der König nicht im Sinn, sofort die Waffen zu ge- brauchen; voll Verlangen nach den Kämpfen im Morgenlande, wünschte er die Streitigkeiten in Griechenland möglichst schnell und friedlich zu beenden; er ließ sein Heer unter den Mauern der Stadt lagern, um durch den Anblick seiner Streitkräfte den Muth der Thebaner zu lähmen, und wenn sie ihre bösen Anschläge bereue- ten und um Verzeihung bäten, durch Milde selbst die ihm feind- lich Gesinnten zu gewinnen. Aber die Thebaner waren so weit entfernt sich zu unterwerfen oder einem gütlichen Vergleich entgegen kommen zu wollen, daß sie, von aller Hülfe entblößt und selbst durch traurige Zeichen gewarnt, nicht allein in der Volksversamm- lung beschlossen mit freudigem Muthe für ihre Freiheit kämpfen und sterben zu wollen, sondern sogar ihre leichten Truppen einen Aus- fall gegen das feindliche Lager machen und die feindlichen Vorposten beunruhigen ließen. Auch jetzt noch zögerte Alexander, einen Kampf zu beginnen, der gegen Griechen, die ihr Unglück und ihr heißes Verlangen nach Freiheit entschuldigen konnte, und durch die be- deutende Uebermacht auf seiner Seite schon so gut wie entschieden war. Am zweiten Tage rückte er an das südöstliche Thor, welches nach Athen hinausführt, und an welches innerhalb die Kadmea stößt; er bezog hier ein Lager, um zur Unterstützung der in der Burg liegenden Macedonier in der Nähe zu sein; noch einmal ver- suchte er die Sache auf dem Wege der Güte, und ließ die Theba- ner auffordern, ihre Waffen niederzulegen; er versprach ihnen Verzei- hung, wenn sie den Phönix und Prothytes, die Urheber ihres trauri- gen Beginnens, auslieferten; und verwürfe das verblendete Volk denn daß diese sich nicht bloß, wie die Theilnehmer des Korinthischen Bundes, zur Heeresfolge nach Asien verpflichtet hatten, beweiset Aeschin. p . 436. 6 * selbst diese Anträge, so möchten wenigstens die Gutgesinnten sich von dem verbrecherischen Unternehmen lossagen, zu ihm ins Lager kommen und künftig an dem gemeinsamen Frieden aller Hellenen Antheil haben. Zwar verlangten jetzt diejenigen Thebaner, welche das allgemeine Beste im Auge hatten, daß man an Alexander sen- den und Verzeihung für den Abfall des Volks bitten sollte; aber die Böotarchen, die Verbannten und alle die, welche sie zur Rück- kehr aufgefordert hatten, von Alexander keiner freundlichen Auf- nahme gewärtig, reizten die Menge zum hartnäckigsten Widerstande, und setzten es durch, daß von einem der höchsten Thürme herab geantwortet wurde: wenn Alexander den Frieden wolle, so möge er ihnen Antipater und Philotas ausliefern; die Gutgesinnten aber und die mit dem großen Könige in Asien und mit den Thebanern gemeinschaftlich Griechenland befreien wollten, möchten zu ihnen in die Stadt kommen, und künftig an der gemeinsamen Freiheit aller Hellenen Antheil nehmen. Und doch ließ Alexander die Stadt auch jetzt noch nicht angreifen Diod. Plut. Arrian . . Perdikkas mit seiner Division hatte die Vorhut des Macedo- nischen Lagers, und stand in der Nähe der feindlichen Außenwerke. Die Gelegenheit zu einem Angriffe schien so überaus günstig, daß er Alexanders Befehl nicht abwartete, sondern gegen die Verschan- zungen anstürmte, sie durchbrach und über die Vorwache der Feinde herfiel. Schnell brach auch Amyntas mit seiner Division, die zu- nächst an der des Perdikkas stand, aus seinem Lager hervor, und folgte ihm zum Angriff auf den zweiten Wall. Der König sah ihre Bewegungen und fürchtete für sie, wenn sie allein dem Feinde gegenüber blieben; deshalb ließ er eilig die Bogenschützen und Agria- nischen Jäger in die Umwallung eindringen, und die Leibschaar nebst den anderen Hypaspisten ausrücken, aber vor den äußeren Werken Halt machen. Da fiel Perdikkas schwer verwundet beim Angriff auf den zweiten Wall, doch die zwei Divisionen, in Ver- bindung mit den Schützen und Agrianern, erstürmten den Wall, und drangen durch den Hohlweg des Elektrischen Thores in die Stadt bis zum Herakleum vor. Da aber wandten sich plötzlich und mit lautem Geschrei die Thebaner, stürzten sich mit der wilde- sten Heftigkeit auf die Macedonier, so daß diese sich mit bedeuten- dem Verluste fliehend auf die Hypaspisten zurückzogen. In diesem Augenblick rückte Alexander, der die Thebaner ohne Ordnung die Fliehenden verfolgen sah, mit geschlossener Phalanx schnell auf sie ein; sie wurden zurückgeworfen, und ihr Rückzug war so übereilt, daß die Macedonier mit ihnen in das Thor eindrangen, wäh- rend an anderen Stellen die Mauern, die wegen der vielen Außenposten ohne Vertheidiger waren, erstiegen und besetzt wur- den. Jetzt war die Stadt so gut wie verloren; die Besatzung der Kadmea warf sich mit einem Theile der Hereingedrungenen in die Unterstadt auf das Amphieum, Andere stiegen über die Mauern und rückten im Sturmschritt auf den Markt; umsonst kämpften die Thebaner mit der größten Tapferkeit, von allen Seiten drangen die Macedonier ein, überall war Alexander und befeuerte die Seinigen durch Wort und Beispiel; die Thebanische Reiterei, in die Stra- ßen zersprengt, jagte durch die noch freien Thore ins offene Feld hinaus; von dem Fußvolk rettete sich jeder, so gut er konnte, ent- weder ins Feld oder in die Häuser oder in die Tempel, die mit wehklagenden Weibern und Kindern angefüllt waren. Voll Erbit- terung richteten jetzt nicht sowohl die Macedonier, als die Phocier, Platäer und die übrigen Böotier ein gräßliches Blutbad an, selbst Weiber und Kinder wurden nicht geschont, ihr Blut besudelte die Altäre der Götter Wir haben uns streng an Arrian oder vielmehr an dem Berichte des Lagiden Ptolemäus gehalten, der selbst Zeuge dieses Sturmes gegen Theben, und ein ausgezeichneter General war. Die Schilderung Diodors, aus den rhetorischen Büchern Klitarchs ent- lehnt, ist ohne allen militärischen Werth, und was mit Arrian über- einzukommen scheint, beweiset nur noch mehr ihre Unbrauchbarkeit. Alexanders Plan war wohl, durch Einnahme der Außenwerke die Thebaner zur Kapitulation zu zwingen; daß gleich beim ersten An- griff die Stadt fiel, war ein Werk der Umstände. Klitarch macht daraus einen förmlichen Operationsplan mit drei Treffen, von denen eins die Werke stürmen, ein zweites die Thebaner beschäftigen, ein drittes die Nachhut bilden sollte; man erkennt darin den Angriff des Perdikkas, das Nachrücken des leichten Fußvolkes, den Sturm der Phalanx wieder. Polyän’s Darstellung, daß der König einen Schein- angriff gemacht und die Thebaner ins freie Feld gelockt habe, wäh- . Erst das Dunkel der Nacht machte dem Plündern und Morden ein Ende; von den Thebanern sollen sechstausend umgekommen sein, von den Macedoniern fünfhundert, unter ihnen der Anführer der Bogenschützen. Am folgenden Tage ließ der König die gefallenen Macedonier ehrenvoll bestatten, berief sodann eine Versammlung der Bundes- genossen So Arrian. Diodor spricht von σύνεδϱοι τῶν Ἑλλήνων. , welche an dem Kampfe Theil genommen hatten, und überließ ihnen das künftige Schicksal der Stadt. Er konnte keine besseren Vollstrecker eines Gerichtes finden, das nach so schnödem Verrath, nach so freventlicher Verachtung aller Milde, nach so hartnäckigem Widerstande nur zu gerecht war. Die Richter über Theben waren dieselben Platäer, Orchomenier, Phocier, Thespier, Böotier, welche den furchtbaren Druck der Thebaner lange hatten erdulden müssen, deren Städte ehemals von ihnen verwüstet, deren Söhne und Töchter von ihnen geschändet und als Sklaven verkauft waren; jetzt sollte die schuldbelastete Stadt den Verrath im Persi- schen Kriege und die oft gebrochenen Schwüre und die Tyrannei, die sie über Böotien ungestraft geübt, büßen; es schien sich mit dem frechen Hochmuth und der gottlosen Verstocktheit des Oedipus auch sein Fluch und sein furchtbares Verhängniß auf sie vererbt zu haben. Es wurde beschlossen: die Stadt sollte dem Erdboden gleich- gemacht, das Land, mit Ausnahme des Tempellandes, unter Alexan- ders Bundesgenossen vertheilt, alle Thebaner mit Weib und Kind in die Sklaverei verkauft, und nur den Priestern und Priesterinnen, den Gastfreunden Philipps, Alexanders, der Macedonier die Frei- heit geschenkt werden; Alexander gebot auch Pindars Haus und Pin- dars Nachkommen zu verschonen. Dann wurden dreißigtausend Menschen Wir nehmen diese Zahlen von dreißigtausend Verkauften und jedes Alters und Standes verkauft und in die weite rend ein Theil des Heeres unter Antipaters Führung über eine un- bewachte Stelle der Mauer gestiegen sei und so die Stadt besetzt habe, ist gleichfalls ohne bedeutenden Werth; Antipater möchte als Reichsver- weser in Macedonien wohl kaum der Belagerung beigewohnt haben, und unzweifelhaft ist für den blutigen Tag das Anrücken der Phalanx und ihr Eindringen in das Elektrische Thor entscheidend gewesen; cf. Agatharchid. apd. Phot. p. 441 ed. Beck . Dort sah man noch in spä- ter Zeit das Polyandrion der gefallenen Thebaner; Paus. IX . 10. Welt zerstreut, dann die Mauern niedergerissen, die Häuser ausge- geräumt und zerstört; das Volk des Epaminondas war nicht mehr, die Stadt ein grauenvoller Schutthaufen, „der Kenotaph ihres Ruhmes;“ eine Macedonische Wache oben auf der einsamen Burg hütete die Tempel und „die Gräber der Lebendigen.“ In der That, das Schicksal Thebens war erschütternd; kaum ein Menschenalter früher hatte es die Hegemonie in Hellas ge- habt, seine heilige Schaar Thessalien befreien, seine Rosse im Eu- rotas tränken sehen, und jetzt war es von der Erde vertilgt. Die Griechen aller Partheien sind unerschöpflich in Klagen über Thebens Fall, und nur zu oft ungerecht gegen den König, der es nicht retten konnte. Wie weit Alexander von Grausamkeit und stolzer Härte entfernt war, beweiset sein edles Benehmen gegen die Thebaner, die später unter den Söldnerschaaren Asiens als Kriegs- gefangene in seine Hände fielen; aber auch schon jetzt, während der Kampf kaum beendet war, gab er schöne Beweise von Milde und Hochherzigkeit. Eine edle Thebanerin wurde gefangen und gebun- den vor ihn gebracht; ihr Haus war von Alexanders Thraciern niedergerissen, sie selbst von dem Anführer derselben geschändet, dann unter wilden Drohungen nach ihren Schätzen gefragt; sie hatte den Thracier an einen im Gebüsch versteckten Brunnen geführt: darin seien die Schätze versenkt; und als er sich über denselben hin- beugte, hinabzusehen und in die Tiefe zu spähen, hatte sie ihn hin- eingestürzt, und Steine auf ihn hinabgeschleudert, bis er todt war; nun brachten die Thracier sie vor des Königs Richterstuhl; sie sprach: „ich bin Timoklea, jenes Theagenes Schwester, der als Feldherr bei Chäronea gegen Philipp für die Freiheit der Hellenen fiel.“ Alexander bewunderte das hochherzige Weib, er schenkte ihr und ihren Verwandten die Freiheit Plut. Alex . 12. und de virt. mulier . . sechstausend Todten ohne großes Bedenken an, da nicht bloß Theba- ner, sondern auch Freigelassene und Metöken kämpften und verkauft wurden. Uebrigens sagt Agatharchides, auf den sich St. Croix angeb- lich stützt, auch nicht ein Wort davon, daß diese Zahlen übertrieben seien; seine Kritik bezieht sich auf die übertriebenen Bilder gewisser Rhetoren, die über Thebens Fall klagten. Gleiche Milde bewies Alexander gegen die Griechen, welche, durch Thebens Abfall und die Bemühungen der von Demosthenes geleiteten Coalition verführt, die Verträge von Korinth so lange misachtet hatten, als Alexanders Entfernung und das Gerücht von seinem Tode das Gefühl ihrer Ohnmacht mit blinden Hoffnungen und gedankenlosem Freiheitstaumel übertäubt hatte. Jetzt eilten die Eleer, alle Anhänger Alexanders, die sie verbannt hatten, wieder heimzuführen; die Arkadier riefen ihre Kriegsschaaren vom Isth- mus zurück, und verdammten die zum Tode, die zu diesem Hülfs- zuge gegen Alexander aufgemuntert hatten; die einzelnen Stämme der Aetolier schickten Gesandte an den König und baten um Ver- zeihung für das, was bei ihnen geschehen sei. Die Athener hatten sich am lebhaftesten für Theben ausgesprochen; sie erniedrigten sich am tiefsten, um Alexanders Zorn von sich abzuwenden. Sie feier- ten gerade die großen Mysterien (im Anfang September), als ei- nige Flüchtlinge die Nachricht von dem Falle der Stadt brachten; in höchster Bestürzung wurde die Feier unterbrochen, alles beweg- liche Gut vom Lande in die Mauern der Stadt geflüchtet, dann eine Versammlung gehalten, die auf Demades Vorschlag beschloß, an Alexander eine Gesandtschaft von zehn Macedonisch gesinnten Männern zu senden, um ihm wegen seiner glücklichen Rückkehr aus dem Triballerlande und dem Illyrischen Kriege, so wie über die Unter- drückung und gerechte Bestrafung des Aufruhrs in Theben Glück zu wünschen, zugleich aber um die Vergünstigung zu bitten, daß ihre Stadt ihren alten Ruhm der Gastfreundschaft und Barmherzigkeit auch an den Thebanischen Flüchtlingen bewähren dürfe. Huldreich war des Königs Bescheid, nur forderte er die Auslieferung des De- mosthenes, Lykurgus, Charidemus, Ephialtes und einiger anderen Demagogen, die mit dem Perserkönige in offenbarer Verbindung und die Anstifter und Beförderer der letzten Unruhen in Griechen- land gewesen waren; denn diese seien nicht bloß die Ursache der Niederlage, die Athen bei Chäronea erlitten, sondern auch aller der Unbilden, die man nach Philipps Tode sich gegen sein Anden- ken und seinen rechtmäßigen Nachfolger erlaubt habe; ja den Fall Thebens hätten sie nicht minder verschuldet, als die Unruhestifter in Theben selbst. Die Forderung Alexanders veranlaßte die heftigsten Erörterungen in der Volksversammlung zu Athen; Demosthenes beschwor das Volk, nicht wie die Schaafe in der Fabel ihre Wäch- terhunde dem Wolfe auszuliefern. Das Volk wartete in seiner Rathlosigkeit auf des strengen Phocion Meinung; der rieth um jeden Preis des Königs Verzeihung zu erkaufen, und nicht durch unbesonnenen Widerstand zum Unglück Thebens auch Athens Unter- gang hinzuzufügen; jene zehn Männer, deren Auslieferung Alexan- der fordere, möchten jetzt zeigen, daß sie aus Liebe zum Vaterlande sich auch der größten Gefahr zu unterziehen bereit wären. De- mosthenes aber bewog durch seine Rede das Volk, durch fünf Ta- lente den Macedonisch gesinnten Redner Demades, daß dieser an den König gesandt wurde, und ihn bat, diejenigen, welche strafbar seien, dem Gerichte des Athenischen Volkes zu überlassen. Der König that es, theils aus Achtung für Athen, das, wie er gesagt haben soll, sein Augenmerk auf Griechenland richten müsse, weil ihnen, wenn er todt sei, die Hegemonie über Griechenland zukäme Die Notizen zu dieser Darstellung bei Plutarch, im Leben des De- mosthenes und Phocion, bei Diodor und Arrian; an der zweiten Gesandt- schaft soll Phocion bedeutenden Antheil gehabt haben; Plutarch schreibt ihm die ganze Verhandlung mit Alexander und ihren glücklichen Ausgang zu. , theils aus Eifer für den Zug nach Asien, während dessen er keine verdächtige Unzufriedenheit in Griechenland zurücklassen wollte; nur die Verbannung des Feldherrn Charidemus, jenes wilden Wüst- lings, den selbst Demosthenes verabscheute, wurde vom Könige ver- langt; Charidemus floh nach Asien zum Perserkönige. Nicht lange darauf verließ auch Ephialtes Athen und ging zur See fort Dinarch. adv. Demosth. p . 156 stellt Charide- mus Flucht als freiwilligen patriotischen Entschluß dar; wir folgen Arrian; cf. Demosth. ct. Arist. p . 600 und ep. 3. p . 643. . Nachdem auf diese Weise Griechenland wieder beruhigt war, und durch die Vernichtung Thebens und die Macedonische Besaz- zung in der Kadmea auch für die Zukunft neue Bewegungen un- möglich schienen, brach Alexander aus dem Lager vor Theben auf, und eilte im Herbst 335 nach Macedonien zurück. Ein Jahr hatte hingereicht, sein vielgefährdetes Königthum unerschütterlich fest zu gründen, und des Gehorsams der Barbarischen Nachbarvölker, der Ruhe in Griechenland, der treuesten Anhänglichkeit seines Vol- kes gewiß, den großen Tag zu bestimmen, den der Aufbruch nach dem Morgenlande für das Schicksal von Millionen und für die Geschichte von Jahrhunderten entscheidend machen sollte.. Der Winter war den Rüstungen zum großen Kriege geweiht; aus Griechenland, aus Thessalien, aus den Gebirgen Thraciens, von der Donau her, aus den Thälern Illyriens kamen die Schaa- ren der Verbündeten; Söldner wurden geworben, Schiffe zur Ueber- fahrt nach Asien gerüstet. Der König und seine Generale hielten Berathungen, die Operationen des Feldzuges nach den genauen Er- kundigungen, die über die Kriegsmacht und Organisation des Per- sischen Reiches, über die Beschaffenheit der östlichen Länder, über die militärische Wichtigkeit der Stromthäler, der Bergzüge, der Städte und Landschaften eingezogen waren, zu entwerfen. Dann wurden die Angelegenheiten der Heimath geordnet, Antipater zum Reichsverweser bestellt, ein Heer von zwölftausend Mann seinem Befehle übergeben, mit dem er Griechenland sichern, die Grenzen des Reiches schützen, die Barbaren im Gehorsam halten konnte, und fortwährend neue Schaaren der großen Armee nachzusenden be- reit hätte Diod. XVII. 17. , die Fürsten der verbündeten Barbarenstämme zur persönlichen Theilnahme am Kampfe aufgefordert, damit das Reich vor Neuerungen desto sicherer, die Stammesgenossen unter ihrer Führung desto tapferer wären Frontin II. 11. 3. . Noch eine Sorge wurde im Kriegsrathe besonders von Antipater und Parmenion angeregt: wes- sen, im Fall eines unvorhergesehenen Unglückes, die Thronfolge im Reiche sein solle? Sie beschworen den königlichen Jüngling, sich vor dem Feldzuge zu vermählen, und die Geburt eines Thronerben zu erwarten. Er aber verwarf ihre Anträge: es sei seiner und der Macedonier und Griechenlandes unwürdig, an Hochzeit und Ehe- bett zu denken, wenn Asien zum Kampfe bereit stehe. Asien nur war sein Gedanke; was daheim ihm gehörte, Landgüter, Waldun- gen und Dörfer, selbst die Zehnten und Hafenzölle verschenkte er an seine Freunde. „Was bleibt denn dir, o König,“ fragte Per- dikkas, als fast alles vertheilt war. „Die Hoffnung!“ antwortete der König. Da verschmähte auch Perdikkas seinen Antheil; „laß uns, die wir mit dir kämpfen werden, die Hoffnung mit dir theilen;“ und viele Freunde folgten dem Beispiele des hochherzigen Mannes. So herrschte der gleiche Enthusiasmus in Alexanders Generalen, in dem ritterlichen Adel, der ihn umgab, in dem gesammten Heere, das ihm folgte; den Heldenjüngling an ihrer Spitze, forderten sie stolz eine Welt zum Kampfe heraus. — Drittes Kapitel . Der Feldzug in Kleinasien. A lexanders Pläne erscheinen auf den ersten Anblick in nicht geringem Misverhältniß mit den Hülfsmitteln, die ihm zu Gebote standen. Der räumlichen Ausdehnung nach kam sein Reich, selbst Griechenland mit eingerechnet, kaum dem funfzigsten Theil des Per- sischen gleich; noch ungünstiger stellten sich die Zahlenverhältnisse sei- ner und der Persischen Streitkräfte zu Wasser und zu Lande; fügt man hinzu, daß der Macedonische Schatz bei Philipps Tode er- schöpft, daß das meiste Krongut verschenkt, daß die meisten Abga- ben und Leistungen erlassen waren, daß endlich, während in den Schatzkammern des Persischen Reichs ungeheuere Vorräthe von Gold und Silber aufgehäuft lagen, Alexander nach Beendigung sei- ner Rüstungen, die ihm achthundert Talente (etwa zweimalhundert- tausend Thaler) kosteten, nicht mehr als siebenzig Talente übrig hatte, den Krieg gegen Asien zu beginnen, so erscheint freilich das Unter- nehmen tollkühn und fast chimärisch. Indeß ergiebt eine genauere Betrachtung der Umstände, daß Alexanders Pläne allerdings kühn, aber nicht unbesonnen, sondern durch die vorhandenen Kräfte und Mittel ausführbar waren. Um die Möglichkeit der Unternehmungen und die Nothwendigkeit ihres Erfolges, um die Organisation der Armee und die Eigenthümlichkeit ihrer Operationen zu begreifen, muß man die Analogie neuerer Feldzüge vergessen, da ja der Krieg, so wenig, wie alles Geschicht- liche, von normalen Bedingungen und Gesetzen abhängig, mit den loka- len und geschichtlichen Verhältnissen, auf die er sich bezieht, seine Mittel, seinen Zweck und seine Theorie ändert; die Heere, die den Orient be- zwungen, vermochten nicht der Römischen Legion zu widerstehen. Was die finanziellen Verhältnisse anbetrifft, so hat man vor allem zu berücksichtigen, daß Alexander in Feindes Land zog, in dem er Schätze und Vorräthe aller Art zu finden hoffen durfte; war einmal sein Heer gerüstet, und Geld und Lebensmittel für so lange vorräthig, bis man dem Feinde gegenüber stand, so bedurfte es im Uebrigen einer großen Kriegscasse nicht, da die Kriege jener Zeit nicht durch kostbaren Schießbedarf und weitläuftiges Gespann- werk vertheuert wurden. Auf diese Weise war Alexander durch den Mangel an Geld nicht behindert, während der Großkönig und die Persischen Satrapen mit ihren vielgepriesenen Schätzen den Macedonischen Soldaten desto willkommnere Feinde waren. Wesentlicher erscheint das Misverhältniß der Macedonischen Seemacht. Der Perserkönig konnte über vierhundert Segel gebie- ten; seine Flotte war die der Phönicier, der besten Seeleute der alten Welt; sie hatte, wenigstens in der letzten Seeschlacht, die Hellenen besiegt. Die Macedonische Seemacht, von Phi- lipp gegründet, aber bisher noch nicht erprobt, war von keiner Bedeutung; die Flotte, die jetzt gegen die der Perser ausziehen sollte, bestand zum großen Theil aus den Trieren der Griechischen Bundesstaaten, von denen natürlich nicht immer die größte Hinge- bung erwartet werden konnte. Alexanders Pläne waren ganz auf die Trefflichkeit seiner Landmacht gegründet, und die Flotte nur dazu da, um jene in ihren ersten Bewegungen zu sichern. Nach- dem sie diesen Zweck erfüllt, wurde sie lästig und hinderlich; Alexan- der nahm deshalb bald die Gelegenheit wahr, sie aufzulösen. Was endlich das Macedonische Landheer anbelangt, so erkennt man in dessen Einrichtung ein seltenes Zusammenwirken glücklicher Umstände und großer militärischer Talente. Die moralische Ueber- legenheit Griechischer Heere gegen die materielle der Persischen hatte sich seit fast zwei Jahrhunderten in jedem Kriege immer herr- licher bewährt; je mehr sich die Kriegskunst bei den Griechen in heimischen und auswärtigen Kämpfen entwickelte, desto gefährlicher wurde sie den Kriegsvölkern des Persischen Reiches; Alexanders Heer voll Kampflust und stolzer Erinnerungen, in aller Technik des Kriegshandwerkes ausgezeichnet, und in seiner durchaus zweckgemä- ßen Organisation der erste strategische Körper, den die Geschichte kennt, trug in sich selbst die Gewißheit des Sieges Die Vorzüge der Hellenischen Waffen im Kampfe gegen die Barbaren sind sehr glücklich in Jul. Africanus cp. 1. (Math. Vett. p. 277. sq.) auseinandergesetzt. . Die Heere Asiens sind zu aller Zeit durch ungestümen Angriff, durch erdrückende Massen und durch ihr wildes Umherschwärmen, das selbst ihre Flucht gefährlich macht, ausgezeichnet gewesen. Dazu kam, daß stets viele Tausend Griechen im Persischen Solde standen, daß also Alexander wenigstens nicht ausschließlich auf Kämpfe gegen Barbaren zu rechnen hatte, sondern auch Hellenische Bewaffnung, Tapferkeit und Kriegskunst auf Seite der Feinde erwarten durfte; endlich mußte dem natürlichen Zwecke der großen Unternehmung gemäß die Beweglichkeit, welche die Offensive, die Stätigkeit, welche die Occupation fordert, in der Zusammensetzung seines Heeres zu- gleich berücksichtigt sein. Die Macedonische Kriegsmacht bestand schon zu Philipps Zeit aus dreißigtausend Mann Fußvolk und zweitausend bis dreitausend Pferden; ungefähr die gleiche Truppenzahl hatte Alexander gegen Theben geführt; bei seinem Aufbruch nach Asien ließ er zwölftau- send Mann Fußvolk und funfzehnhundert Reuter unter Antipaters Befehl in Macedonien zurück; ihre Stelle ersetzten achtzehnhun- dert Thessalische Ritter, fünftausend Mann Griechische Söldner, und die siebentausend Schwerbewaffneten, die von den Griechischen Staaten gestellt waren; außerdem folgten ihm fünftausend Tribal- ler, Odryser, Illyrier u. s. w., und tausend bis zweitausend Bo- genschützen und Agrianer als leichtes Fußvolk, sechshundert Mann Griechischer, neunhundert Mann Thracischer und Päonischer Reuterei; die Gesammtzahl seiner Truppen belief sich demnach auf nicht viel mehr als dreißigtausend Mann Fußvolk und etwas über fünftausend Pferde. So, mit geringen Abweichungen, wie sie der Verlauf der Geschichte an die Hand giebt, die Angaben Diodors. Der Lagide Ptolemäus hatte in seinen Denkwürdigkeiten dieselben Zahlen; nach ihm wiederholt sie Arrian. Wenn Anaximenes vierunddreißigtausend Mann zu Fuß und fünftausendfünfhundert Pferde zählt, so rechnet er vielleicht das Corps, das schon von Philipp nach Asien voraus- gesandt war, mit hinzu. Kallisthenes Angabe auf vierzigtausend Mann Fußvolk, ist offenbar zu groß. Die Gesammtmassen des Fußvolkes und der Reuterei waren nicht nach Art der Legionen oder Brigaden, sondern nach der Waffe in Massen und zum Theil nach Landsmannschaften getheilt; gerade die Vorzüge des Macedonischen Heeres bedingten diese nach den heutigen Verhältnissen mangelhafte Anordnung; die Phalanx wäre nicht mehr Phalanx gewesen, wenn sie mit Reuterei, mit leichtem Fußvolke, mit Thracischen Schleuderern zu kleineren Ganzen vereint gekämpft hätte. Erst das Allgemeinerwerden des kleinen Krieges hat es nöthig gemacht, daß die Theile des Heeres selbstständig und von der Gesammtorganisation Wiederholungen im Kleinen sind; gegen Feinde, wie die Völkermassen Asiens sind, die ohne Ordnung und Uebung zu einem Hauptschlage zusammengerafft, mit einer Nieder- lage Alles verloren geben, mit einem Siege über organisirte Trup- pen nichts als erneute Gefahr gewinnen, gegen solche Feinde haben gleichförmig geordnete, gediegene Massen den Vorzug der Einfachheit, Massenwirkung und innerer Stätigkeit; und in denselben Gegenden, wo Alexanders Phalanx Darius Heere übermannte, unterlagen sie- ben Römische Legionen den ungestümen Angriffen der Parther. Im Großen und Ganzen war Alexanders Heer zu solchen Haupt- schlägen eingerichtet; seine Phalangen, seine schwere Reuterei waren darum die Hauptmasse des Heeres. Das Eigenthümliche der Phalanx bestand in der Bewaffnung der Einzelnen und in ihrer Zusammenordnung. Sie waren schwer- bewaffnet im Griechischen Sinne, gerüstet mit Helm, Harnisch und einem Schilde, der den ganzen Leib deckte, ihre Hauptwaffe war die Macedonische Sarissa, eine Lanze von mehr als zwanzig Fuß Länge, und das kurze Griechische Schwert. Ganz bestimmt für das Nahgefecht in Masse, mußten sie so geordnet sein, daß sie einerseits den heftigsten Anlauf des Feindes ruhig erwarten, anderer- seits die feindlichen Reihen mit einem Anlaufe zu durchbrechen sicher sein konnten; darum standen sie in der Regel sechszehn Mann tief, indem die Lanzen der ersten fünf Glieder über die Fronte hinaus- ragten, dem gegen sie anstürmenden Feinde eine undurchdringliche, ja unangreifbare Mauer; die folgenden Reihen legten ihre Sa- rissen auf die Schultern der Vordermänner, so daß der Angriff der Phalanx durch die furchtbare Doppelgewalt der Schwere und Bewegung durchaus unwiderstehlich war. Nur die vollendete gym- nastische Ausbildung der Einzelnen machte die Einheit, Präcision und Schnelligkeit, mit welcher die auf engen Raum zusammenge- drängte Menschenmasse die künstlichsten Bewegungen ausführen mußte, möglich. Alexander hatte etwa achtzehntausend dieser Schwerbewaffneten, das sogenannte Fußvolk der Getreuen πεζέτειϱοι cf. St. Croix p. 433. , die in sechs Divisionen vertheilt, bei Eröffnung des Feldzuges unter den Generalen Perdikkas, Könus, Kraterus, Amyntas Andromenes Sohn, Meleager und Philipp Amyntas Sohn standen; wenigstens der Kern dieser Truppen war Macedonisch, und die Divisionen nach den Macedonischen Landschaften benannt, aus denen sie rekru- tirt wurden; so war die des Könus aus Elymiotis, die des Perdik- kas aus Orestis und Lynkestis, die des Philipp, die später Polysper- chon führte, aus Stymphäa u. s. w. Diod. XVII. 57. . Was die Phalanx unter dem Fußvolke, waren die Macedo- nischen und Thessalischen Ilen unter der Reuterei; beide be- standen aus Schwergeharnischten, sie waren der ritterliche Adel Macedoniens und Thessaliens; gleich an Waffen, Geburt und Ruhm, wetteiferten sie, unter den Augen des Königs sich auszuzeichnen, der in der Regel an ihrer Spitze focht. Von welcher Bedeutung diese Waffe für Alexanders Unternehmung war, zeigt sich fast in jedem Gefechte; gleich furchtbar im Einzelnkampf und in Massenangriffen, waren sie durch Ordnung und Rüstung der leichten Asiatischen Reuterei, in wie großen Schwärmen sie auch erscheinen mochte, überlegen, ihre Angriffe auf das feindliche Fußvolk in der Regel entscheidend. — Nach Diodors Angabe bestand die Thessalische und Macedonische Ritterschaft jede aus funfzehnhundert Rittern; aber er rechnet mit Kallisthenes im Ganzen nur viertausendfünf- hundert Mann Reuterei im Macedonischen Heere, während die besseren Autoren mehr als fünftausend angeben; und nimmt man eine alte Correctur, die sich in einem Manuscripte Diodors befindet, und jedem der beiden Corps achtzehnhundert Mann giebt, an, so erhält man die offenbar richtige Gesammtzahl von fünftausendein- hundert Mann Reuterei. Beide Ritterschaften waren auf gleiche Weise bewaffnet; den Oberbefehl über die Thessalische hatte Kalas, des Harpalus Sohn, über die Macedonische Philotas, des Parme- nion Sohn. Letztere hatte natürlich den ersten Rang in der Ma- cedonischen Armee überhaupt, und führte den Namen Ritterschaft der der Getreuen oder die Getreuen des Königs ἵππος τῶν ἑταίϱων, τό ἑταιϱικόν, ἵππος ἑταιϱική, οἱ ἀμφ̕ αὐτὸν ἱππεῖς. . Sie besteht aus acht Ilen oder Geschwadern, die bald nach Macedonischen Kreisen, bald nach ihren Ilarchen (Obersten) benannt werden. In der Schlacht von Arbela stehen die einzelnen Geschwader unter Klitus, Glaukias, Ariston, Sopolis, Heraklides, Demetrius, Meleager und Hegelochus, der an Sokrates Stelle eingerückt war. Das Geschwader des So- polis hieß nach Amphipolis am Strymon, das des Heraklides nach der Landschaft Bottiäis, das des Sokrates nach Apollonia auf der Chalcidice, drei andere Geschwader nach Anthemus, nach Aegä Arrian II. 9. τὴν Λευγαίαν καλουμένην hält St. Croix für eine Anspielung auf den Lagiden Ptolemäus; ich lese Αἰγαίαν nach der alten Hauptstadt des Reiches. und dem oberen Macedonien; das des Klitus endlich wurde die königliche Ile genannt, hatte wieder unter der Macedonischen Rit- terschaft den ersten Rang Curt. V. 4. 21. verglichen mit Arrian. III. 18. 8. , und bildete das Agema oder königliche Geleit der Ritterschaft. — Außer diesen Rittern Macedoniens und Thessaliens befanden sich noch sechshundert Griechische Reuter beim Heere; sie waren in der Regel den Thessalischen zugeordnet, und offenbar mit ihnen gleich bewaffnet und geübt; den Befehl über sie hatte Philipp, des Menelaus Sohn. — Dem Range nach sogleich hinter der Ritterschaft folgte die eigenthümlich Macedonische Truppe der Hypaspisten . Schon der Athener Iphikrates hatte, um eine Waffe zu haben, die behen- der zum Angriffe als die Hopliten, und schwerer als die Leichtbe- waffneten wäre, ein Corps mit linnenen Panzern, mit leichterem Schild und längerem Schwert, als die Hopliten trugen, unter dem Namen von Peltasten errichtet. In Macedonien war diese neue Waffengattung mit Beifall aufgenommen; für den Dienst um die Person des Königs war der Phalangite zu schwer, der Leichtbewaff- nete weder würdig noch brauchbar; so wurde diese Mittelgattung dazu ausersehen, indem sie von dem hohen Schilde, der sogenann- ten Aspis, den sie von den Phalangen annahm, den Namen der Hypaspisten erhielt. Zu einem Kriege gegen Asiatische Völker war gerade diese Waffe von außerordentlichem Nutzen; denn nur zu oft 7 hinderte das Terrain den vollen Gebrauch der Phalanx, öfter noch waren Ueberfälle, rasche Züge, Handstreiche jeder Art zu wagen, zu denen die Phalangen nicht beweglich, die leichten Truppen nicht fest genug waren; Höhen zu besetzen, Flußübergänge zu forciren, Cavallerieangriffe zu unterstützen und zu benutzen, waren diese Hy- paspisten vor Allen geeignet. Daß ihre Zahl sich auf sechstausend Mann belief, sieht man daraus, daß in der Schlachtlinie des schweren Fußvolkes vier Divisionen der Phalanx, im Belauf von zwölftausend Mann, den linken Flügel, zwei andere Divisionen, im Belauf von sechstausend Mann, und diese Hypaspisten den rechten Flügel bildeten Noch in späterer Zeit bestand dies Corps im Macedonischen Heere, und zwar ziemlich in derselben Stärke; Polyb. IV. 37. 67. Perseus Heer, das dem Alexanders nahe kam, enthielt dreitausend Cetrati und zwei Agemen von dreitausend Mann; Liv. XLII. 51. . Das ganze Corps führte Nikanor, dessen Bruder Philotas die Ritterschaft der Getreuen befehligte, und dessen Vater Parmenion als General der Phalangen bezeichnet wird. Die sechs Chiliarchien, aus denen es bestand Chiliarchien der Hypaspisten werden mehrfach genannt; Arrian. V. 23. IV. 30. I. 22. Nach Curt. V. 2. 3. sollte man meinen, daß erst seit der Veränderung im Heere, die zu Babylon vorgenommen wurde, die Hypaspisten nach Chiliarchien vertheilt seien, und daß frü- her je fünfhundert Mann eine Abtheilung bildeten; Curtius irrt und verwirrt, wie oft. Allerdings war fünfhundert bei den Hypaspisten, wie bei den Phalangen Fundamentalzahl ( cf. Jul. African. cp. 72. p. 312 ); denn dreitausend Mann bilden stets eine Taxis (Division) von sechs Abtheilungen zu fünfhundert Mann, die sechszehn Mann tief und einunddreißig Mann Front stehen, die zweiunddreißigste Reihe enthält die vier Hauptleute über je hundertundvierundzwanzig Mann; im Flankenmarsch bildet jede dieser Abtheilungen eine Fronte von sechszehn Mann, mit der Tiefe der doppelten Phalanx (zweiunddreißig Mann). Zu erwähnen bleiben noch die verschiedenen Arten der σωματοφύλακες, die sonderbarer Weise alle in gleicher Art βα- σιλικοὶ heißen. Nämlich die βασιλικοὶ πκῖδες, die Edelknaben des Königs, sind, wie man an Pausanias Beispiel und aus vielen Stellen des Diodor und Curtius steht, die königliche σωματοφυλακία, das seminarium ducum praefectorumque, die Edelgarde des Königs. Die sogenannten sieben σωματοφύλακες, wie Leonnatus, Ptolemäus, Ba- , scheinen in ähnlicher Weise, wie die Phalangen, nach Landschaften getheilt gewesen zu sein. Die erste Chiliarchie war die des Seleukus, welche den Namen der königlichen Hypaspisten führte, und in der die Söhne edler Fami- lien ihre ersten Kriegsdienste als Edelknaben des Königs machten Cf. Curt. V. 2. 3 etc. ; die zweite führte den Namen des königlichen Geleites der Hypas- pisten, und hatte die Wache vor dem Königszelt Arrian V. 13. 8. . Von eigenthümlicher Wichtigkeit waren die leichten Trup- pen des Macedonischen Heeres; sie kamen aus den Ländern der Odryser, Triballer, Illyrier, Agrianer und dem oberen Macedo- nien; je nach der Art ihres Landes mit Schutz- und Trutzwaffen gerüstet, durch das in ihrer Heimath übliche Jagen und Wegela- gern, und die unzähligen kleinen Kriege ihrer Häuptlinge geübt, waren sie zum fliegenden Gefecht, zur Deckung des Marsches, zu alle dem, was in neueren Kriegen Sache der Panduren, Kroaten, Bergschotten zu sein pflegt, von entschiedenem Nutzen. Am berühm- testen sind die Agrianischen Jäger und Macedonischen Bogenschützen geworden, zusammen vielleicht ein Corps von zweitausend Mann So viele nennt Arrian I. 6. Diodor im Katalog nur tausend. Daß die Schützen Macedonier hießen und auch wohl größten Theils waren, sieht man aus Arrian III. 12.; doch folgten dem Könige auch Kretensische Bogenschützen als Söldner; Arrian. II. 9. 5. ; es ist fast kein Gefecht, in dem sie nicht eine wichtige Rolle spiel- ten; mit welcher Hingebung sie kämpften, beweiset der Umstand, daß in einem Jahre dreimal die Stelle eines Toxarchen neu be- setzt werden mußte; bei Eröffnung des Feldzuges hatte sie Klearch, so wie Attalus das Kommando über die Agrianer. Die übrigen leichten Truppen, gewöhnlich mit gemeinschaftlichem Namen Thra- cier genannt, standen in der Stärke von fünftausend Mann Eine Randglosse zum Diodor nennt siebentausend. unter des Thracischen Fürsten Sitalces Befehl. Es ist klar, daß Alexander in diesen Truppen ein strategisches Element in Aufnahme brachte, welches bis dahin so gut wie nicht vorhanden gewesen war; lacer, möchte man genauer ἀϱχισωματοφύλακες mit der späteren Zeit nennen; es scheint nicht, daß sie Befehlshaber der Hypaspisten oder dem Aehnliches, sondern gleichsam Generaladjudanten des Kö- nigs waren. 7 * wenigstens hatten in den Griechischen Heeren vor ihm die leichten Truppen weder durch ihre Anzahl, noch durch ihre Anwendung große Bedeutung erlangen, auch einer gewissen Geringschätzung nicht frei werden können, die bei der Neigung der Griechen zum Kampf mit blanker Waffe, und noch mehr wegen des Umstandes, daß ihr leichtes Fußvolk theils aus der Hefe des Volkes, theils aus Bar- barischen Söldnern bestand, natürlich war; jetzt traten leichte Trup- pen auf, deren nationale Eigenthümlichkeit sich gerade in dieser Kampfweise bewährte, und deren Stärke und Ruhm in jener Kunst heimlicher Ueberfälle, lärmender Angriffe, scheinbar verwirrter Rück- züge bestand, die Griechischen Kriegern zweideutig und zwecklos er- schien. Der berühmte Spartanische Feldherr Brasidas selbst ge- stand, daß der Angriff dieser Völkerschaften, mit ihrem wildschallen- den Feldgeschrei und dem drohenden Schwenken ihrer Waffen et- was Schreckendes, ihr willkührliches Ueberspringen aus Angriff in Flucht, aus Unordnung in Verfolgung etwas Furchtbares habe, da- vor nur die strenge Ordnung eines Hellenischen Kriegshaufens zu sichern vermöchte. In der That konnten diese Schaaren ihren Zweck vollkommen erfüllen, weil sie, von Natur leichte Truppen, mit den geschlossenen Massen des Heeres combinirt, zu nichts wei- ter, als was ihrer Natur entsprach, verwendet zu werden brauchten. Ein ähnliches Verhältniß war das der leichten Reuterei im Macedonischen Heere; sie bestand besonders aus Odrysern, Thra- ciern und Päoniern, Völkerschaften, deren Tüchtigkeit im Reuter- dienst seit den ältesten Zeiten berühmt gewesen ist. Sie waren zu- sammen, nach Diodors vielleicht zu geringer Angabe, neunhundert Pferde stark; wenn derselbe angiebt, daß sie ein Corps unter Kas- sanders Führung ausgemacht hätten, so ist das ein Irrthum; viel- mehr standen die Päonier unter Aristons, die Odrysischen Thracier unter Agathons, die vier Ilen Thracischer Plänkerer oder Sarisso- phoren unter Protomachus Führung Viele Schriftsteller rühmen die Waffe der Dimachai (ähnlich den früheren Dragonern), die von Alexander erfunden sein soll; das We- sentliche der Sache scheint darauf hinauszulaufen, daß Alexander zu rascherer Verfolgung bisweilen Schwerbewaffnete aufsitzen ließ; s. Arrian. III. 4. cf. Freinsh. ad Curt. V. 13. 8. . Die Fundamentalschlachtordnung des Macedonischen Heeres war folgende: das Heer bildete zwei Flügel, von denen der linke unter Parmenions Anführung stand, der rechte unter Alexander in der Regel den Hauptangriff machte. Das Fußvolk beider Flügel, vier Divisionen Phalanx links, und zwei Divisionen nebst den Hypaspistencorps rechts, bildeten die Hauptlinie; an diese schloß sich die leichte und schwere Reuterei und das leichte Fußvolk an, und zwar waren auf dem rechten Flügel stets die acht Ilen der Macedonischen Ritterschaft, die Päonischen Reuter und Plänkerer, die Agrianischen Jäger und Bogenschützen; auf dem linken Flügel stets die Thessalische Ritterschaft nebst den Griechischen Reutern, die Odrysischen Thracier des Agathon, endlich die Masse des leich- ten Fußvolkes, die oft aus der Schlachtlinie zur Deckung des La- gers und der Bagage ausgesondert wurde. Zur Entwickelung der ganzen Schlachtlinie war bei der gedrängtesten Aufstellung, wenn die Phalanx verschildet und sechszehn Mann tief, die Reuterei acht Pferde tief stand, wenigstens eine Ebene von einer halben Meile Breite erforderlich; in der Regel aber bildete die Phalanx allein eine Linie von fast fünftausend Schritten. — So die Armee, mit der Alexander das Morgenland zu erobern gedachte; verhältnißmäßig gering der Zahl nach hatte sie in ihrer organischen Gestaltung, in der trefflichen Kriegsübung der einzelnen Corps, in der moralischen Kraft Aller, endlich in der Persönlichkeit des Königs und der Generale alle Aussicht auf glücklichen Erfolg; das Perserreich war nicht dazu angethan, Widerstand zu leisten; in seiner Ausdehnung, in dem Verhältniß der beherrschten Völker, in dem mangelhaften Charaker der Verwaltung und der Heeresmacht lag die Nothwendigkeit seines Falles. Betrachtet man den Zustand des Perserreiches, wie er zu der Zeit war, als Darius Kodomannus den Thron bestieg, so erkennt man leicht, wie alles in Auflösung und zum Untergange reif war. Der Grund war nicht die Sittenverderbniß des Hofes, des herr- schenden Stammes, der beherrschten Völker; stete Begleiterin des Despotismus, thut sie niemals der despotischen Gewalt Abbruch, und das größeste Reich der neueren Zeit giebt den Beweis, wie mitten unter der scheußlichsten Liederlichkeit des Hofes, unter steten Kabalen und Schändlichkeiten der Großen, unter gewaltsamem Thron- wechsel und unnatürlicher Grausamkeit gegen die eben noch all- mächtige Parthei der Despotismus immer weitere und weitere Grenzen gewinnt. Persiens Unglück war eine Reihe schwacher Re- genten gewesen, welche die Zügel der Herrschaft nicht so fest anzu- ziehen vermocht hatten, wie es zum Bestehen des Reiches nöthig war; daraus folgte, daß in den Völkern die sclavische Furcht, in den Satrapen der blinde Gehorsam, im Reiche die einzige Einheit schwand, die es zusammenhielt; so nahm in den Völkern, die überall noch ihre alte Religion, ihre Gesetze und Sitten, und zum Theil einheimische Fürsten hatten, das Verlangen nach Selbstständig- keit, in den Satrapen, zu mächtigen Statthaltern großer und ent- fernter Länderstrecken, die Begier nach unabhängiger Macht, in dem herrschenden Volke, das im Besitz und der Gewohnheit der Gewalt die Bedingungen ihrer Gründung und ihrer Dauer vergessen hatte, die Gleichgültigkeit gegen den Großkönig und gegen das Geschlecht der Achämeniden überhand. In den hundert Jahren fast gänzlicher Unthätigkeit, welche auf Xerxes Kriegszug nach Eu- ropa gefolgt waren, hatte sich in dem Griechischen Lande eine eigen- thümliche Kriegskunst entwickelt, mit der sich Asien zu messen ver- lernt hatte; Griechische Waffe erschien mächtiger als die ungeheueren Völkerheere Persiens, ihr vertrauten sich die Satrapen, wenn sie sich empörten, ihr der König Ochus, als er den Aufstand in Aegyp- ten zu unterdrücken auszog; so daß das Königthum, auf die Siege der Persischen Waffen gegründet, sich durch Griechische Söldner zu schützen genöthigt war. Allerdings hatte Ochus noch einmal die Einheit des Reiches äußerlich hergestellt, und mit der fanatischen Strenge, die den Des- poten gebührt, seine Macht geltend zu machen gewußt; aber es war zu spät; er selbst versank in Unthätigkeit und Schwäche, die Satrapen behielten ihre allzumächtige Stellung, und die Völker, namentlich der westlichen Satrapien, vergaßen unter dem erneuten Druck nicht, daß sie schon nahe daran gewesen, ihn abzuthun. Nach neuen und furchtbaren Verwirrungen war endlich der Thron an Darius gekommen; er hätte statt tugendhaft energisch, statt sanftmüthig grausam, statt ehrwürdig Despot sein müssen, wenn das Reich durch ihn sollte gerettet werden; er hatte die Achtung der Perser, und alle Satrapen waren ihm ergeben, aber das rettete nicht; er wurde geliebt, nicht gefürchtet, und bald sollte sich zeigen, wie den Großen des Reiches ihr eigener Vortheil höher galt, als die Gunst und die Vertheidigung eines Herrn, an dem sie Alles, nur nicht Herrschergröße bewunderten. Darius Reich erstreckte sich vom Indus bis zum Hellenischen Meere, vom Jaxartes bis zur Libyschen Wüste. Seine oder viel- mehr seiner Satrapen Herrschaft war nicht nach dem Charakter der verschiedenen Völker, über die sie herrschten, verschieden; sie war nirgends volksthümlich, nirgends durch eine von ihr ausgehende Or- ganisation gesichert, sie beschränkte sich auf momentane Willkühr, auf stete Erpressungen, und auf eine Art Erblichkeit, wie sie, ganz gegen den Sinn einer despotischen Herrschaft, unter den schwachen Fürsten üblich geworden war, so daß der Großkönig kaum noch eine andere Gewalt über sie hatte, als die der Waffen oder die, welche sie aus persönlichen Rücksichten anerkennen mochten. Die volksthümlichen Zustände, welche in allen Ländern des Persischen Reiches fortbestanden, machten den morschen Koloß nur noch unfä- higer, sich zur Gegenwehr zu erheben; die Völker von Iran, Tu- ran und Ariana waren allerdings kriegerisch, und mit jeder Art von Herrschaft glücklich, so lange sie diese zu Krieg und Plünderung führte, und Hyrkanische, Baktrische, Sogdianische Reuter bildeten die stehenden Satrapenheere in den meisten Provinzen; aber beson- dere Anhänglichkeit für das Persische Königthum war keinesweges bei ihnen zu finden, und so furchtbar sie einst in den Völkerheeren des Cyrus und Cambyses zum Angriff gewesen waren, eben so un- fähig waren sie zur ernsten und gehaltenen Vertheidigung, zumal wenn sie Griechische Kriegskunst und Tapferkeit gegenüber hatten. Die westlichen Völker gar, stets nur durch Gewalt und oft mit Mühe in Unterwürfigkeit gehalten, waren, wenn ein siegreicher Feind ihren Grenzen nahete, gewiß bereit, die Persische Sache zu verlassen; kaum waren die Griechen der Kleinasiatischen Küste durch Tyrannen, deren Existenz von der Macht der Satrapen und des Reiches abhing, in Abhängigkeit zu erhalten, und die Völker im Inneren der Halbinsel hatten, seit zwei Jahrhunderten im härtesten Druck, weder die Kraft noch das Interesse, sich für Persien zu er- heben; selbst an den früheren Empörungen der Kleinasiatischen Sa- trapien hatten sie nicht Theil genommen, sie waren stumpf, träge und ohne Erinnerung ihrer Vergangenheit. Dasselbe galt von den beiden Syrien diesseits und jenseits der Wasser; die Knechtschaft langer Jahrhunderte hatte die Völker zur tiefsten Erschlaffung hin- abgedrückt, und mit widerlicher Gleichgültigkeit ließen sie über sich ergehen, was auch kommen mochte; nur an der Küste Phöniciens war das alte bewegliche Leben, mit ihm mehr Gefahr, als Treue für Persien, und nur die Eifersucht gegen Sidon und der eigene Vortheil vermochte Tyrus den Persern treu zu erhalten; Aegypten endlich hatte niemals seinen Haß gegen die Fremdlinge aufgegeben oder verleugnet, und die Verwüstungen des Ochus konnten es wohl lähmen, aber nicht gewinnen. Alle diese Länder, von dem Per- sischen Reiche zum eigenen Verderben erobert, waren bei einem Angriffe von Westen her schon so gut wie verloren. Deshalb hatte die Persische Politik, die mit der wachsenden Schwäche des Reiches immer eifriger und intriguanter geworden war, keine höhere Sorge, als die Eifersucht der Griechischen Staa- ten zu nähren, die Mächtigen zu schwächen, die Schwachen aufzu- reizen und zu unterstützen, und durch ein ausgebildetes System von Bestechungen und Verfeindungen eine Gesammtthätigkeit, wie sie von den Edlen des Volkes laut gefordert wurde, und der Persien nicht Widerstand zu leisten vermocht hätte, zu hintertreiben. Lange war dies gelungen, bis endlich das Macedonische Königthum, schnell und sicher vorwärts schreitend, alle diese Bemühungen zu Schanden zu machen drohte; umsonst hatte Persisches Gold dem Könige Phi- lipp wirksamen Widerstand zu erwecken versucht; er siegte bei Chä- ronea, er ward in Korinth zum Feldherrn gegen Asien ernannt; die Rüstungen wurden begonnen, mit dem Frühjahre 336 setzte ein Macedonisches Heer von etwa zehntausend Mann unter Attalus und Parmenion nach Asien über, und drang siegreich vor; es war am Tage, daß die größere Gefahr nahe sei. Der König Darius hatte eben jetzt den Thron bestiegen; dem Rhodier Memnon, dem Bruder des kürzlich verstorbenen Mentor, dem Freunde und Ver- wandten des treuen Artabazus, wurde der Befehl, schleunigst den Macedoniern entgegenzuziehen und die Grenzen des Reiches zu schützen. Dieser ausgezeichnete Feldherr zog in der Eile viertausend Griechische Söldner zusammen und rückte mit diesen gegen Mag- nesia, bis wohin Attalus bereits vorgedrungen war; es gelang ihm, durch geschickte Manöver dem Feinde vielfachen Verlust beizubrin- gen, und durch eine stark verschanzte Position in der Nähe der Stadt den Attalus, welcher das Kommando weniger seinem Feld- herrntalente, als der Verschwägerung mit König Philipp verdanken mochte, am weiteren Vordringen zu hindern Polyaen. V. 44. cf. Diodor XVII. 7. . Indeß war leicht zu sehen, daß auf diese Weise wohl ein einzelnes Corps, nicht aber das Macedonisch-Griechische Heer, dessen Avantgarde es war, und welches bereits sich zum Uebergange nach Asien rüstete, aufzuhalten sei; eben so wenig konnte bis zu dessen Ankunft ein Persisches Reichsheer aufgeboten, zusammengezogen und nach Kleinasien gesandt sein; es schien am leichtesten und gerathensten, die Gefahr in ihrer Wurzel zu ertödten. So wurden Verbindungen am Macedonischen Hofe angeknüpft, die Parthei der Lynkestier durch Aussicht auf den Thron gewonnen, König Philipp ermordet; das gefürchtete Un- ternehmen schien mit einem Schlage vereitelt, die Unruhen, die in Thessalien, Griechenland, Thracien, Illyrien ausbrachen, ließen die letzte Besorgniß verschwinden; und als nun gar Attalus an der Spitze seines Heeres, und gewiß im Einverständniß mit Persien, sich gegen Alexanders Thronbesteigung erklärte, da schienen die Per- sischen Intriguen noch einmal den vollständigsten Sieg über Mace- donien davon getragen zu haben. Indeß hatte Alexander bald die Angelegenheiten Macedoniens geordnet, Griechenland beruhigt, Atta- lus war als Hochverräther angeklagt und hingerichtet, die Truppen schnell zur Treue zurückgekehrt, die Feindseligkeiten auf der Astati- schen Küste von Neuem begonnen; Parmenion mit dem einen Theile des Heeres suchte sich von Grynion aus (denn die Stellung von Magnesia scheint Attalus aufgegeben und sich von dort gegen den Hellespont zurückgezogen zu haben) der Aeolischen Küstenstädte zu bemächtigen, Kalas aber, des Harpalus Sohn, sich an der Spitze der übrigen Truppen in der Landschaft Troas festzusetzen. Der Eifer, mit dem diese Unternehmungen betrieben wurden, und die erneuten Verpflichtungen der Hellenischen Staaten zum Perserkriege, zeigten, daß man sich Persischer Seits in der Hoffnung auf Frieden ge- täuscht habe; die Abwesenheit Alexanders in Thracien und Illyrien wurde benutzt, um neue Empörungen in Griechenland zu erregen; und Memnon erhielt zum zweiten Male Befehl, gegen die Macedo- nier auf der Küste zu kämpfen. An der Spitze von fünftausend Griechischen Söldnern eilte er aus seinen Besitzungen am Skaman- der Namentlich die Städte Ilion, Cebren und Skepsis an den Aesopusquellen; Demosth. in Aristoer. p. 602. über das Idagebirge nach Cyzikus, dem wichtigsten Hafen- platz an der Propontis, von wo aus die Küste bis zum Hellespont beherrscht wurde; fast wäre es ihm gelungen, sich der Stadt, deren Thore, da man Kalas Heer zu sehen glaubte, nicht geschlossen wa- ren, zu bemächtigen; da das mislang, verwüstete er das Gebiet der Stadt Polyaen. l. c. und eilte gen Aeolis, wo Parmenion schon Pitane be- lagerte; Memnons Erscheinen entsetzte die Stadt. Dann brach er schnell nach Troas auf, wo Kalas bereits bedeutend vorgedrungen war; die Stadt Lampsakus, ganz der Persischen Sache ergeben, gab seinen Bewegungen einen trefflichen Stützpunkt v. Freinsheim supplem. Curl. I. 3. 28. Aristol. Oecon. II. p. 1351. b. ; an Truppen überlegen, siegte er in einem Gefechte, und Kalas war gezwungen, sich an den Hellespont zurückzuziehen und sich auf die feste Stellung von Rhötion zu beschränken Diod. XVII. 7. . Es ist auffallend, daß Memnon hier seine Bewegungen einstellte, bevor er die Mace- donier ganz aus Asien verdrängt hatte, daß er sie auf einer Küste, die ihnen bei der überlegenen Seemacht Persiens leicht gesperrt werden konnte, im Besitz zweier so wichtigen Positionen ließ, von denen die eine den Hellespont und den Uebergang nach Asien be- herrschte, die andere nicht nur der Macedonischen Seemacht in der Cumäischen Bucht eine treffliche Rhede bot, sondern auch mitten unter den Aeolischen Stämmen und dem befreundeten Mitylene nah auf die ersten Erfolge eines Krieges entscheidenden Einfluß ausüben konnte. Einem Feldherrn, wie Memnon war, konnten diese Uebel- stände nicht entgehen; die Satrapen warfen ihm späterhin vor, daß er, um sich unentbehrlich zu machen, den Krieg zu verlängern suche; entweder das, oder die Eifersucht der Satrapen nahm ihm die Mittel, jene Fehler zu verbessern. Der Gang, welchen die Verhältnisse in Hellas zu Gunsten Alexanders genommen hatten, die Rüstungen, welche während des Winters 335 in Macedonien gemacht worden waren, ließen keinen Zweifel mehr obwalten, daß der gefürchtete Heereszug des Mace- donischen Königs mit dem nächsten Frühling begonnen werde. Deshalb erhielten die Satrapen Vorderasiens Befehl, mit ihren Heeren in die Gegend des Hellesponts vorzurücken und dem Ma- cedonier an der Schwelle Asiens die Spitze zu bieten, während zu- gleich die Phönicische und Cyprische Flotte aufgeboten wurde, nach den Hellenischen Gewässern zu eilen. Demnach versammelten sich die Heere der Satrapen, gegen zwanzigtausend Mann Persische, Medische, Baktrische, Hyrkanische Reuter in der Ebene von Zeleia am Aesopus; eben so viel So Arrian, und die Art der ersten Schlacht bestätigt seine Angabe vollkommen. Diodor nennt zehntausend Reuter und hundert- tausend Mann Fußvolk, Justin gar sechshunderttausend Mann. Griechische Schwerbewaffnete, theils Söldner, theils Kleinasiatische Griechen wurden zusammengezogen, und auf diese Weise ein Heer zusammengebracht, das, wie es der Erfolg zeigte, tapfer und groß genug war, um, gut geführt, den Feinden Widerstand zu leisten; aber der Großkönig hatte Nieman- den den Oberbefehl übertragen, sondern die gemeinschaftliche Bera- thung der Anführer sollte über den Gang der Unternehmungen ent- scheiden; es waren namentlich Arsites, Satrap von Phrygien am Pontus, der zunächst bedrohten Landschaft, Spithridates, Satrap von Lydien und Jonien, Atizyes, Satrap von Großphrygien, Arsames, Satrap von Cilicien, Mithrobarzanes, Hyparch von Kappadocien, der Perser Omares und der Rhodier Memnon, die Führer des Griechischen Fußvolks, und mehrere Persische Große Arrian II. 4. Diod. XVII. 19. . Unfehl- bar war unter diesen Memnon der bewährteste, wenn nicht der einzige Feldherr; doch als Grieche und Liebling des Königs verhaßt, hatte er im Kriegsrathe weniger Einfluß, als für die Persische Sache zu wünschen gewesen wäre. Während dieser Rüstungen in Kleinasien war Alexander mit den seinigen so weit gediehen, daß er jetzt, mit Anbruch des Frühlings 334, den Zug gegen das Morgenland beginnen konnte. Nach vie- len und großen Festlichkeiten, namentlich der Feier der Olympien zu Aegä Ueber diese Feste weichen Arrians Angaben von denen ande- rer Autoren ab; die Sache ist von keinem Belang. , die mit dem versammelten Heere auf das feierlichste begangen wurden, zog die Armee auf der großen Heerstraße Das Detail dieses Weges s. Cousinery p. 136 sqq. , der sich indeß über den Bau der Macedonischen Flotte auf dem Kerkinissee in unhaltba- ren Hypothesen ergeht. über Amphipolis am Strymon hin, über den Nessusfluß zum Cher- sones nach Sestos, wo sie am zwanzigsten Tage ankam; hier nahm Alexander von seiner Mutter und von der Heimath Abschied; schon war die Macedonische Flotte in den Hellespont eingelaufen, um das Heer nach Asien hinüberzusetzen, das sich auf der Küste des Meerarmes aus- breitete; Alexander selbst ging nach Eläus, den Troischen Gestaden ge- genüber, auf dem Grabhügel des Protesilaus, des ersten Helden, der im Kriege gegen Troja gefallen war, zu opfern, damit ihm glückli- cher als jenem der Zug gen Osten würde. Dann wurde das Heer eingeschifft; zweihundert Trieren und viele Lastschiffe kreuzten in diesen Tagen zwischen den schönen, in aller Frühlingspracht grünen- den Gestaden des Hellesponts, den einst Xerxes gejocht und gegeißelt; Alexander, selbst am Steuer seines königlichen Schiffes, lenkte vom Grabe des Protesilaus aus nach der Bucht hinüber, die seit den Zeiten Achills und Agamemnons der Hafen der Achäer hieß, und an der die Grabhügel des Aias, des Achilles und Patroklus em- porragten. Auf der Höhe des Hellesponts opferte der König und spendete für Poseidon und die Nereiden aus goldener Schaale. Dann nahete man dem Gestade; Alexanders Triere war die erste am Ufer; vom hohen Bord des Vorderschiffes schleuderte der Kö- nig seine Lanze in das Land der Feinde, und sprang dann, der erste von Allen, in voller Rüstung an den Strand. Altäre, gebot er, sollten fortan die Stelle bezeichnen, wo Asiens Boden zuerst von dem Fuße seines Ueberwinders betreten worden. Dann zog er mit seinen Generalen und dem Geleit der Hypaspisten Mit Alexander fuhren sechszig Trieren; Diod. nach den Ruinen Ilions, opferte im Tempel der Troischen Pallas, weihte ihr seine Waffen, und nahm statt deren von den heiligen Waffen aus der Zeit des Troischen Krieges. Auch am Altare des heerdschirmenden Zeus opferte er dem Schatten des Priamus, um dessen Zorn gegen Achills Geschlecht zu versöhnen, da Achilles Sohn den greisen König am heiligen Heerde erschlagen hatte. Vor al- lem aber ehrte er das Andenken seines großen Ahnen Achilles, er kränzte und salbte des Helden Grab, das Grab des Patroklus sein treuer Freund Hephästion; dann wurden Wettkämpfe und Spiele dem Helden gefeiert, den Alexander bald um nichts, als den Herold seiner Thaten beneiden sollte. Endlich gebot er Troja wieder her- zustellen, gab den Bürgern der neuen Stadt Freiheit und Immu- nität, und versprach ihrer noch weiter zu gedenken Die Citate zu diesen Sachen stehen bei Freinsheim suppl. Curt. II. 4.; cf. Boeckh corp. inscr. 1564. Uebrigens bezieht sich Strabo’s ἀναβάντα μετὰ τὴν νίκην natürlich auf den Zug nach dem oberen Asien, nicht auf einen zweiten Besuch in Troja, wie Wesseling sonderbarer Weise meint. . Nach diesen Festlichkeiten zog der König nach der Ebene von Arisbe, wo das übrige Heer, das unter Parmenions Führung Es wird nicht auffallen, daß derselbe Parmenion noch kurz zuvor in Grynion commandirte. Das darum, da nur Diodor jene frühere Expedition erwähnt hat. bei Abydos gelandet war, ein Lager bezogen hatte. Unverzüglich brach man auf, um den Feinden zu begegnen, von denen man wußte, daß sie etwa zwanzig Meilen ostwärts um Zeleia versam- melt waren. Der Marsch ging über Perkote nach Lampsakus; diese Stadt hatte sich bisher entschieden für das Persische Interesse ausgesprochen, und durch ihr Benehmen gegen Memnon und seine Söldner Alexanders gerechten Unwillen auf sich geladen; jetzt wußten die Bürger keine andere Rettung, als durch eine Gesandtschaft des Königs Gnade zu erflehen; an ihrer Spitze stand Anaximenes, der als wissenschaftlicher Mann berühmt, und bei König Philipp frü- her gern gesehen war; auf seine Fürbitte verzieh Alexander der Stadt Paus. VI. 18. Suidas v. Alexander, so heißt es, schwur, das Entgegengesetzte von dem zu thun, was die Gesandten von Lampsakus bitten würden, worauf denn der Sophist ihn beschwor, die abtrünnige Stadt zu strafen. . Von Lampsakus aus rückte das Heer unweit der Küste weiter, indem der Lynkestier Amyntas, der durch längeren Aufenthalt in dieser Gegend bekannt war, mit fünf Geschwadern Reuterei vor- ausgesandt, die Gegend recognoscirte; es ergab sich die Stadt Priapus an der Propontis; durch ihren Hafen eine wichtige Po- sition für das Weiterrücken des Heeres, wurde sie mit einer Ma- cedonischen Besatzung versehen. Gerade jetzt war diese Stadt, die den Lauf des Granikus und die von demselben durchströmte Ebene Adrastea beherrscht, von doppelter Wichtigkeit, da nach den Berichten des Amyntas das Persische Heer an die Ufer des Granikus vorge- rückt war, und demnach Alles den entscheidenden Schlag, nach dem Alexander und sein Heer so sehr verlangte, herbeizuführen sich vereinte. Je wichtiger für Alexander ein möglichst baldiges Zusammen- treffen mit dem Feinde sein mußte, desto mehr hätten es die Per- sischen Feldherrn vermeiden sollen. Memnon sah das sehr wohl ein, er hatte im Kriegsrathe zu Zeleia auf das lebhafteste wider- rathen, einen Kampf zu beginnen, der kaum einen Sieg, und wenn man siegte, kaum einen Vortheil hoffen ließe: die Macedonier seien an Fußvolk den Persern weit überlegen und doppelt gefährlich, da sie unter Führung ihres Königs kämpfen würden, während Darius dem Persischen Heere fehle; selbst angenommen, daß die Perser siegten, so würde den Macedoniern der Rücken gedeckt und ihr Ver- lust nur der eines vergeblichen Angriffes sein; die Perser dagegen verlören durch eine Niederlage das Land, das sie zu vertheidigen hätten; das einzig Ersprießliche sei, jedes entscheidende Gefecht zu vermeiden; Alexander sei nur auf kurze Zeit mit Lebensmitteln ver- sehen, man müsse sich langsam zurückziehen, eine Einöde hinter sich las- sen, in der die Feinde keinen Unterhalt, kein Vieh, kein Obdach fän- den, dann werde Alexander ohne Schlacht besiegt sein, durch kleinen Schaden dem größeren und unberechenbaren vorgebeugt werden. So Memnons Meinung; aber sie fand im Rathe der Persischen Feldherren kein Gehör, man hielt sie der Hoheit Persiens nicht würdig; namentlich widersprach Arsites, der als Satrap von Phry- gien am Pontus durch jene Maaßregel allein verloren hätte: auch nicht ein Haus werde er anzünden lassen; er verlange, daß man kämpfe, des großen Königs Heere würden zu siegen wissen. Die übrigen Perser stimmten eben so sehr aus Kampflust, als aus Ab- neigung gegen den Griechischen Fremdling, der schon zu viel beim großen Könige gelte, und den Krieg nur, um seine Unentbehrlichkeit zu zeigen, verlängern zu wollen schiene, wider seinen Plan; so rück- ten sie den Macedoniern bis an den Granikus entgegen, und be- schlossen, an den steilen Ufern dieses Flusses gelagert, jedes Wei- terrücken Alexanders zu hindern; sie hatten sich an dem rech- ten Ufer so aufgestellt, daß unmittelbar am Flusse die Persische Reuterei, in einiger Entfernung hinter ihr die Griechischen Söldner lagerten. Indeß rückte Alexander über die Ebene Adrastea dem Grani- kus zu, das schwere Fußvolk in die zwei Colonnen des rechten und linken Flügels getheilt, auf der rechten Flanke die Macedonische, auf der linken die Thessalische und Griechische Reuterei; die Pack- thiere mit dem größeren Theil des leichten Fußvolkes folgten im Rücken; die Vorhut bildeten die Plänkerer und etwa fünfhundert Mann leichtes Fußvolk unter Hegelochus Führung. Schon näherte sich die Hauptmasse dem Flusse, als eilends einige von den Plänke- rern zurückgesprengt kamen, mit der Nachricht, die Feinde ständen jenseits des Flusses in Schlachtordnung, und zwar die Reuter in ausgedehnter Linie längs dem steilen und lehmigen Flußufer, eine Strecke rückwärts das Fußvolk auf den Anhöhen, welche die Ebene jenseits beherrschten. Alexander durchschaute die Fehler der feindli- chen Disposition, welche die Waffe des ungestümen Angriffs zur Vertheidigung eines schwierigen Terrains, und die trefflichen Grie- chischen Söldner zu müßigen Zuschauern eines Kampfes machte, dem nur sie gewachsen waren; ein Angriff seiner ritterlichen Schaa- ren mußte hinreichen, das jenseitige Ufer und damit die Schlacht zu gewinnen, deren Erfolge zu sichern und zu benutzen ihm seine Phalangen und Bundesgenossen zu Gebot standen. Sofort ließ er rechts und links aufrücken in die Disposition der üblichen Schlacht- ordnung, während sich seine Generale um ihn zur Berathung versammelten. Einige widerriethen den Kampf, namentlich der vorsichtige Parmenion: es sei rathsam, sich vorerst an dem Ufer des Flusses zu lagern, denn der Feind, an Fußvolk schwächer, werde nicht wagen, in der Nähe der Macedonier zu übernachten, er werde sich zurückziehen und es so möglich machen, daß man am andern Morgen, bevor die Perser ausgerückt und aufgestellt seien, den Uebergang ohne Gefahr bewerkstellige; jetzt dagegen scheine ein Uebergang nicht ohne Gefahr, der Tag neige sich, der Fluß sei an manchen Stellen tief und reißend, das Ufer jenseits steil, man könne nicht in Linie passiren, man müsse colonnenweise durch den Fluß setzen; die feindliche Reuterei werde sie in die Flanke nehmen und niederhauen, ehe sie zum Fechten kämen; der erste Unfall aber sei nicht bloß für den Augenblick empfindlich, sondern für die Ent- scheidung des ganzen Krieges höchst bedenklich Die Erzählung bei Plutarch, daß Alexander, weil der Mo- nat Daesius von den Macedonischen Königen nicht zu Schlachten ge- braucht zu werden pflegte, denselben den zweiten Artemisius genannt habe, beweist wenigstens so viel, daß die Schlacht gegen Ende Mai oder Anfang Juni (Thargelion) vorfiel; cf. Plut. Camill. 19. . Darauf ant- wortete Alexander: „Wohl erkenne ich das, o Parmenion, aber ich würde mich schämen, wenn ich den Hellespont leicht überschritten hätte, und dies kleine Wasser uns abhalten sollte überzusetzen, wie wir sind; auch würde das weder mit dem Ruhme der Macedonier, noch mit meinem Sinn, der Gefahr gegenüber, stimmen; die Per- ser, glaube ich, würden Muth fassen, als könnten sie sich mit Ma- cedoniern messen, weil sie nicht sofort erführen, was sie fürch- ten!“ Mit diesen Worten entsandte er Parmenion an den linken Flügel, während er selbst zu den Geschwadern des rechten hinab- sprengte. An dem Glanze seiner Waffen und an der weißen Feder sei- nes Helmes, an der tiefen Ehrfurcht der um ihn beschäftigten Um- gebung, sahen die Perser jenseits, daß Alexander ihrem linken Flü- gel gegenüber stand, und daß von dorther der Hauptangriff zu er- warten sei; sie eilten den Kern ihrer Reuterei in dichten Reihen ihm gegenüber an das Ufer zu stellen; dort war Memnon mit seinen Söhnen und der Cilicische Satrap Arsames mit der Persi- schen Reuterei; dann folgte in der Schlachtlinie der Phrygische Sa- trap Arsites und der Lydische Spithridates, dann die weiteren Reu- terhaufen des Centrums und die des rechten Flügels unter Rheo- mithres. Eine Zeitlang standen beide Heere schweigend einander gegenüber, voll banger Erwartung der nächsten Zukunft. Dann schwang schwang sich Alexander auf sein Schlachtroß, rief seinen Macedo- niern zu, ihm zu folgen und als Männer zu kämpfen, und gab das Zeichen zum Vorrücken. Voran die Edelschaar des Sokrates, die Päonier und Plänkerer, und eine Abtheilung der Hypaspisten, unter Amyntas und Ptolemäus. Etwas später ging Alexander an der Spitze des rechten Flügels, unter dem Schall der Trompeten und des Schlachtgesanges gegen den Fluß; er wollte, während Ptole- mäus durch seinen Angriff den äußersten linken Flügel beschäftigte, mit den Macedonischen Geschwadern des rechten Flügels halb links aufrückend, rechts an Ptolemäus, links an die nachrückende Phalanx gelehnt, auf das Centrum der Feinde einbrechen und dasselbe spren- gen. Parmenion selbst sollte den rechten Flügel der Feinde in Un- thätigkeit halten, während seine Fronte sich gleichfalls allmählig dem Flusse zu in schräger Linie in Bewegung setzte Wir weichen in der Entwickelung des Manövers bedeutend von Guichard ab, der namentlich über die Richtung des Angriffes sehr irrt. . Sobald sich nun Sokrates und Amyntas dem rechten Ufer des Flusses naheten, begann das Gefecht; die Perser widersetzten sich mit aller Macht ihrem Hinaufdringen, indem sie theils vom hohen Ufer herab ihre Wurflanzen schleuderten, theils unmittelbar an das Wasser aufrückten und die heraufkämpfenden Macedonier zurückdrängten; diese, durch den schlüpfrigen Lehm am Ufer noch mehr behindert, mußten trotz des tapfersten Kampfes und nachdem viele niedergehauen waren, sich auf Alexander zurückziehen. Denn schon war der König mit seinen Macedonischen Rittern im Strome, er stürmte schon gegen die Stelle des Ufers an, wo die dichteste Masse der Feinde und die Heerführer zusammen waren. Sofort begann der heftigste Kampf um die Person des Königs, während dessen eine Abtheilung nach der anderen das linke Ufer erreichte und sich zum Durchwaten und zum Angriffe formirte. Es begann eine Reuterschlacht, die in ihrer Hartnäckigkeit, Stätigkeit und der Wuth des Handgemenges eher einem Kampfe des Fußvolkes glich; Roß an Roß, Mann an Mann gedrängt, kämpften die Macedonier mit ihren Speeren, die Perser mit ihren leichteren Wurflanzen und bald mit ihren krummen Säbeln, jene, um die Perser vom Ufer zurück 8 auf das Blachfeld zu werfen, diese, um die Macedonier nicht auf das Land zu lassen oder sie in den Strom zurückzustoßen. Alexan- ders weißen Helmbusch sah man im dichtesten Getümmel; in der Wuth des Gefechtes zersplitterte sein Speer, er rief seinem Stall- meister zu, ihm einen anderen zu reichen; auch dem war sein Speer zerbrochen, so kämpfte der König mit dem umgekehrten Stumpf, und machte sich freie Bahn. Aber kaum hatte ihm der Korinthier Demaratus seinen eigenen Speer gereicht, so sprengte auch schon ein neuer Schwarm erlesener Persischer Reuter auf ihn los, der wilde Mithridates, ihr Führer, jagte weit voraus und auf Alexander zu, sein Wurfspieß verwundete des Königs Schulter; ein Speerstoß Alexanders streckte den Persischen Fürsten todt zu Boden; laut auf schrieen beide Heere. In demselben Augenblick jagte des Gefallenen Bruder, Rhösaces, auf Alexander los, und zerschmetterte mit einem Hiebe dessen Helm, so daß der Säbel noch die Stirnhaut ritzte; Alexander bohrte ihm den Speer durch den Harnisch bis tief in die Brust, und Rhösaces stürzte rücklings vom Pferde. Zugleich war der Lydische Satrap Spithridates an Alexander hinangesprengt, schon hatte er über des Königs Nacken, ohne daß dieser es merkte, seinen Säbel zum tödtlichen Schlage erhoben, da kam ihm der schwarze Klitus zuvor, mit einem Hiebe trennte er des Barbaren Arm vom Rumpfe und gab ihm den Todesstoß. Immer wilder wurde der Kampf, die Perser fochten mit ungeheuerer Tapferkeit, den Tod ihrer Fürsten zu rächen, während von den Macedoniern immer neue Schaaren über den Fluß setzten, eindrangen, nieder- metzelten; umsonst suchten die Feldherren Niphates, Petines und Mithrobuzanes zu widerstehen, umsonst Pharnaces, des Darius Schwager, und Arbupales, der Enkel des Artaxerxes, die sich schon lösenden Massen zu halten; bald lagen sie erschlagen auf dem Felde; das Centrum der Perser war völlig durchbrochen, die Flucht wurde allgemein; etwa tausend, nach Anderen zweitausendfünfhundert Per- ser waren geblieben, die übrigen flohen weit zersprengt vom Schlacht- felde Sämmtliche Berichte stimmen in den Hauptsachen überein, kleinere Abweichungen von Arrians Schilderung sind nicht von Be- deutung. Plutarchs Angabe, daß die Söldner vergebens um Capitu- . Alexander verfolgte sie nicht weit, da noch die ganze Masse des feindlichen Fußvolkes unter Omares auf den Höhen stand, entschlossen den Ruhm Griechischer Söldner gegen die Ma- cedonischen Waffen zu bewähren. Es war das einzige, was ihnen übrig blieb; müßige Zuschauer eines blutigen Kampfes, den ihre Mitwirkung gewonnen haben würde, ohne bestimmte Befehle für den Fall, den der Stolz der Persischen Fürsten unmöglich geglaubt hatte, blieben sie von Erstaunen und Rathlosigkeit gefesselt auf ihren Höhen, die wenigstens einen ehrenvollen Rückzug zu sichern vermocht hätten. Die blinde Flucht der Reuterschaaren hatte sie Preis gegeben; auf sich beschränkt, erwarteten sie den Angriff des siegreichen Heeres und den eigenen Untergang, den sie so theuer als möglich zu machen bereit waren. Alexander rückte mit der Phalanx auf sie ein, und ließ zugleich von allen Seiten seine Reu- ter angreifen; nach kurzem, aber sehr hartnäckigem Kampfe, in wel- chem dem Könige ein Pferd unter dem Leibe erstochen wurde, wa- ren die Söldner, von allen Seiten zugleich angegriffen, bald bewäl- tigt; es entkam niemand, außer wer sich etwa unter den Leichen verborgen hatte; zweitausend von diesen Söldnern wurden gefangen genommen. Alexanders Verlust war verhältnißmäßig gering: beim ersten Angriff waren fünfundzwanzig Mann von der Macedonischen Ritterschaft geblieben, außerdem etwa sechszig Mann von der Reu- terei und dreißig vom Fußvolke gefallen. Am folgenden Tage wur- den sie in ihrer Waffenrüstung und mit allen militärischen Ehren begraben, ihren Aeltern und Kindern daheim alle Steuern erlassen. Für die Verwundeten trug Alexander persönlich die größte Sorg- falt, er ging zu ihnen, besah ihre Wunden, fragte, wie sie sie em- pfangen, und hörte eines Jeden Erzählung theilnehmend an. Die Persischen Heerführer ließ er beerdigen, so wie auch die Griechischen Söldner, die im Dienste des Feindes den Tod gefunden hatten; lation gebeten, ist wohl eine Philhellenische Unrichtigkeit. Von man- chen Schriftstellern wird an dieser Schlacht dem Fußvolke ein bedeu- tender Antheil eingeräumt, und Guichard geht so weit, zu behaup- ten, daß erst mit dem Erscheinen der Phalanx die Persischen Reuter gewichen seien; in offenbarem Widerspruche mit Arrians Erzählung und der Prophezeihung bei Diodor. XVII. 17., die nicht weniger als eine historische Angabe gilt. 8 * die gefangenen Griechen dagegen wurden in Fesseln geschlagen und zu öffentlicher Strafarbeit nach Macedonien abgeführt, weil sie wi- der den gemeinsamen Beschluß Griechenlands und für die Perser gegen Griechenland gefochten hatten; nur die Thebaner erhielten Verzeihung. Das reiche Persische Lager fiel in Alexanders Hände; die Beute des Sieges theilte er mit seinen Bundesgenossen; seiner Mutter Olympias schickte er nach Macedonien eine Menge der goldenen Becher und purpurnen Teppiche und anderer Kostbarkeiten, die in den Zelten der Persischen Fürsten gefunden waren; zugleich gebot er zum Andenken der fünfundzwanzig Ritter, die zuerst im Kampfe gefallen waren, eben so viel Bronzestatuen von dem be- rühmten Bildhauer Lysippus gießen und in Dium aufstellen zu lassen. Endlich sandte er dreihundert vollständige Persische Rüstun- gen nach Athen, als Weihgeschenk für Pallas Athene, mit der Auf- schrift: Alexander Philipps Sohn und die Griechen, mit Ausnahme der Lacedämonier, von den Persischen Bar- baren Plut., Arrian., Diodor. . Die Folgen des Sieges am Granikus waren außerordent- lich Das bezeichnet Strabo XIII. p. 89. ed. Tauch. ; die Macht Persiens diesseits des Taurus war vernichtet, die Heere der Satrapien, welche die Vormauer des Reiches bilde- ten, zerstreut, entmuthigt und so zusammengeschmolzen, daß sie nicht wieder im offenen Felde mit den Macedoniern zusammenzutreffen wagen durften; auch die Persischen Besatzungen der einzelnen gro- ßen Städte, zu klein, um einer siegreichen Armee zu widerstehen, konnten als überwunden gelten; dazu kam, daß viele Führer der Perser, namentlich der Lydische Satrap, gefallen waren, daß Arsi- tes, der Satrap am Hellespont, bald nach der Schlacht, wie es hieß, aus Reue und Angst vor Verantwortlichkeit sich selbst entleibt hatte, daß endlich die wichtigen Küstenstriche um so leichter eine Beute der Macedonier werden mußten, da sich in den reichen Grie- chischen Städten noch immer demokratisch gesinnte Männer fanden, denen sich jetzt, des Persischen Joches und der Persisch gesinnten Oli- garchen frei zu werden, die schönste Gelegenheit darbot. Alexander konnte nicht zweifelhaft sein, wohin er sich wenden müsse, um die Erfolge seines Sieges auf die vortheilhafteste Weise zu benutzen: ein schnelles Eindringen in das Innere Kleinasiens hätte ihn un- fehlbar Land und Leute gewinnen lassen; aber sein Zweck war, die Persermacht von Grund aus zu vernichten; und noch war eine Perserflotte im Aegäischen Meere, die, wenn er ins Innere vorge- drungen wäre, hinter seinem Rücken operiren und sich der Küsten bemächtigen konnte; seine Operationsbasis mußte so breit und so sicher als möglich sein; stützte er sich nur auf den Hellespont, so waren die Satrapien am Aegäischen Meere stets im Stande, seine Flanke zu beunruhigen. Es war nothwendig, die ganze Küste Klein- asiens zu besetzen, um von dort aus gegen Osten vordringen zu kön- nen. Es kam dazu, daß diese Küstenstriche, von Griechen bevölkert, vor allem dazu geeignet schienen, für das Interesse des siegenden Griechenthums gewonnen zu werden. Alexander übergab die Satrapie des Arsites, das sogenannte Kleinphrygien am Hellespont Kalas, dem Sohne des Harpalus, der durch zweijährigen Aufenthalt in diesen Gegenden und durch seine Beliebtheit bei den Griechischen Städten der Küste vor allen geeig- net schien, diese in militärischer Hinsicht höchst wichtige Satrapie zu verwalten; es wurde nichts Weiteres in der Verwaltung geändert, auch die Abgaben blieben dieselben, wie sie an Darius entrichtet worden waren. Die Landeseingeborenen aus dem Idagebirge ka- men größten Theils, sich freiwillig zu unkerwerfen, und wurden ohne Weiteres in ihre Heimath entlassen. Die Zeliten, die mit dem Perserheere an den Granikus ausgezogen waren, erhielten Verzei- hung, weil sie gezwungen am Kampfe Theil genommen hatten. Parmenion wurde nach Daskylium, der Residenz des Phrygischen Satrapen detaschirt, er nahm die Stadt, die von der Persischen Besatzung bereits geräumt war, in Besitz, sie wurde der letzte Po- sten auf Alexanders Operationslinie. Weiter ostwärts in dieser Richtung vorzudringen, war für den Augenblick nicht nöthig, da die Bithynischen Völkerschaften unter ihrem Häuptling Bas so gut wie unabhängig von Persien gewesen waren, und deshalb die Fortschritte Alexanders nicht hinderten; doch behielt er sich vor, zu gelegener Zeit ihre Unterwerfung durch Kalas versuchen zu lassen Memnon apd. Phot. p. 228. a. 17., der den Führer Kalantos nennt, wofür Vaillant wunderlicher Weise Karanos vorschlug. . Alexander selbst wandte sich südwärts, um auf Sardes, die Residenz der Satrapie Lydien loszugehen. Sardes war berühmt wegen seiner alten Burg, die auf den schroffen Felsenvorsprüngen des Tmolus gelegen und mit dreifacher Mauer umgeben für unan- greifbar galt; dazu kam, daß sich in derselben der Schatz der rei- chen Satrapie befand, welcher dem Befehlshaber der Stadt Gele- genheit bieten konnte, die überdies bedeutende Besatzung zu vermeh- ren und zu versorgen, so daß Alexanders Vorrücken wenigstens eine Zeitlang aufgehalten worden wäre. Desto erfreulicher war es dem Könige, als ihm etwa zwei Meilen von der Stadt Mithrines der Persische Befehlshaber der Besatzung nebst den angesehensten Bür- gern der Stadt entgegenkam, diese die Stadt, jener die Burg mit den Schätzen zu übergeben. Der König sandte den Stymphäer Amyntas voraus, die Burg zu besetzen, er selbst folgte nach kurzer Rast nach; den Perser Mithrines behielt er fortan in seiner Nähe, und zeichnete ihn auf jede Weise aus, gewiß eben so sehr, um seine That zu belohnen, als um zu zeigen, wie er sie belohne. Den Sardern und allen Lydiern gab er die Freiheit und die Verfas- sung ihrer Väter wieder, deren sie zwei Jahrhunderte lang unter dem Druck Persischer Satrapen entbehrt hatten, offenbar der beste Weg, ein Volk, das sich ehemals wenig oder gar nicht von den Griechen unterschied, für Griechisches Leben und Wesen wieder zu gewinnen. Um die Stadt zu ehren, beschloß der König, die Burg mit einem Tempel des Olympischen Zeus zu schmücken; als er sich nach der tauglichsten Stelle dazu im Bereiche der Akropolis um- sah, erhob sich plötzlich ein Wetter, unter Donner und Blitz ergoß sich ein heftiger Regenschauer über den Platz, wo einst der Lydische Königspallast gestanden hatte; Alexander erkannte das glückliche Zei- chen des Gottes im Donnergewölk, und wählte diesen Ort für den Tempel, der fortan die hohe Burg des unglücklichen Krösus schmük- ken sollte. Sardes wurde der zweite wichtige Punkt in der Operations- linie Alexanders, das Thor zum Inneren Kleinasiens, zu dem viel- fache Straßen von diesem Mittelpunkte des Vorderasiatischen Handels hinausführen. Die Statthalterschaft Lydiens erhielt des Parme- nions Bruder Asander; eine Schaar Reuter und leichtes Fußvolk wurde als Besatzung der Satrapie unter seinen Befehl gestellt; mit ihm blieben Nicias und Pausanias aus der Schaar der Getreuen zurück, dieser als Befehlshaber der Burg von Sardes und der Be- satzung, zu der das Contingent der Argiver bestimmt wurde, je- ner zur Vertheilung und Erhebung der Abgaben. Ein anderes Corps, das aus den Contingenten der Peloponnesier, der Thessalier und der meisten übrigen Griechen bestand, wurde unter Kalas und dem Lynkestier Alexander nach den Gegenden, die dem Rhodier Memnon gehörten, abgesandt; Alexander hatte derselben bisher ge- schont, wie es hieß, um dem Perserkönige Verdacht gegen seinen besten, ja einzigen Feldherrn einzuflößen Polyaen. IV. 3. 15. ; jetzt aber war dieser Winkel Asiens von Alexanders Marschrouten eingeschlossen, und durfte nicht länger den Zusammenhang der Occupation unterbrechen. Der König selbst wandte sich mit der Hauptmacht von Sar- des aus nach Jonien, dessen Städte seit langen Jahren das Joch Persischer Besatzungen oder Persisch gesinnter Oligarchen ertragen hatten, und sich, wie sehr sie auch durch die lange Knechtschaft er- niedrigt sein mochten, nicht ohne lautes Verlangen ihrer alten Ho- heit und Freiheit erinnerten, die ihnen jetzt noch einmal wie durch ein Wunder der Götter wiederkehren zu wollen schien; nicht als ob sich diese Stimmung überall geäußert hätte; wo die oligarchische Parthei stark genug war, mußte das Volk schweigen; aber eben das Volk, stets, wenn auch irregeleitet oder niedergedrückt, für das Rechte und Große bereit, zeigte, sobald es des Druckes frei war, daß es des Griechischen Ursprunges nicht vergessen; ungezügelte Freude und leidenschaftlicher Haß gegen die Unterdrücker waren der Beginn der neuen Freiheit. Ephesus, die Königin unter den Jonischen Städten, ging den anderen mit einem großen Beispiele voran. Noch zu Philipps Zeit, und vielleicht durch ihn veranlaßt, hatte sich das Volk frei gemacht; ein Persisches Heer unter Autophradates war umsonst gegen die Stadt gerückt, und das heitere Volk der Ephesier, unbesorgt um den Perser, lustwandelte und freute sich auf der Wiese, während die Aeltesten der Stadt mit Autophradates unterhandelten; seit der Zeit war wieder eine Persische Besatzung in Ephesus, und die Gewalt in den Händen des Syrphax und seines Geschlechtes. Bald nach Philipps Tode war ein edler Macedonier, Amyntas, nach Ephesus geflüchtet; er war der Sohn des Antiochus, eines unter Philipp hochangesehenen Mannes Plut. apophth. v. Ἀντίοχος. , und sein Bruder He- raklides führte das Geschwader der Ritterschaft von Bottiäa Arrian. I. 2. III. 11. ; obschon Alexander ihn nie anders, als höchst gütig behandelt hatte, war Antiochus, mochte er sich irgend einer Schuld bewußt sein, oder argen Wünschen Raum geben, voll Haß gegen Alexander, und entschlossen, ihm zu schaden, wo er konnte. So war er nach Ephe- sus gekommen, hatte mit dem Persischen Hofe Verbindungen ange- knüpft, während ihn die Oligarchie der Stadt auf alle Weise ehrte. Indeß war die Schlacht am Granikus geschlagen, Memnon hatte sich mit einigen Ueberresten der geschlagenen Truppen nach der Jonischen Küste gerettet, und flüchtete auf Ephesus zu; hier hatte die Nachricht von der Niederlage der Perser die heftigste Auf- regung hervorgebracht; das Volk hoffte, die Demokratie wieder zu gewinnen, die Oligarchie war in der höchsten Gefahr; da erschien Memnon vor der Stadt; die Parthei des Syrphax eilte, ihm die Thore zu öffnen, und begann in Verbindung mit den Persischen Truppen auf das fürchterlichste gegen die Volksparthei zu wüthen; das Grab des Heropythus, des Befreiers von Ephesus, wurde aufgewühlt und entweiht, der heilige Schatz im großen Tempel der Artemis geplündert, des Königs Philipp Bildsäule im Tempel um- gestürzt, kurz es geschah alles, was den Untergang der Gewaltherr- schaft noch mehr, als ihren Beginn zu schänden pflegt. Indeß rückte Alexanders siegreiches Heer immer näher, Memnon war be- reits nach Halicarnassus gegangen, um dort möglichst kräftige Ver- theidigungsmaaßregeln zu treffen; und Amyntas, der bei der Auf- regung des Volkes sich nicht mehr sicher, noch die Stadt gegen die Macedonier zu behaupten für möglich halten mochte, eilte an der Spitze der in der Stadt liegenden Miethsvölker, sich zweier Trieren im Hafen zu bemächtigen, und flüchtete zur Persischen Flotte, welche vierhundert Segel stark bereits im Aegäischen Meere erschienen war. Kaum sah sich das Volk von den Kriegsschaa- ren befreit, als es auch in allgemeiner Empörung gegen die oli- garchische Parthei aufstand; eine Menge angesehener Männer flüchtete, Syrphax und sein Sohn und die Söhne seiner Brüder retteten sich in die Tempel, das wüthende Votk riß sie von den Altären hinweg und steinigte sie; man suchte die Uebrigen, bereit sie dem gleichen Tode zu opfern; da rückte Alexander, einen Tag nach Amyntas Flucht, in die Stadt ein, that dem Morden Ein- halt, und befahl, die um seinetwillen Verbannten wieder aufzuneh- men; er hob für alle Zeiten die Oligarchie auf und stellte die Volks- herrschaft wieder her, er befahl, daß die Abgaben, die bisher an Persien entrichtet worden waren, der Artemis gezahlt werden sollten Die Anecdote, daß Alexander den Ephesiern den Bau ihres Tempels zu vollenden versprach, wenn er seinen Namen in den Fries des Gebäudes setzen könne, gehört einer späteren Zeit an, wie der Ana- chronismus in der Antwort der Ephesier zeigt: es gebühre sich nicht, daß der Gott der Göttin einen Tempel weihe; man würde die Ge- schichte für eine Erfindung der Deklamationsschulen halten, wenn sie nicht schon Artemidorus der Ephesier berichtete (bei Strabo XIV. p. 175). . Nach Ephesus hin kamen zum Alexander Abgeordnete aus Tralles und Magnesia am Mäander, um ihm die beiden Städte, die wichtigsten im nördlichen Karien, zu übergeben; Parmenion wurde mit einem Corvs von viertausend Mann Fußvolk und zwei- hundert Pferden abgesandt, die Städte in Besitz zu nehmen. Zu gleicher Zeit wurde Antimachus, Lysimachus Bruder, mit eben so viel Truppen nach den Lesbischen, Aeolischen und Jonischen Städ- ten detaschirt, mit dem Befehl, überall die Oligarchie aufzuheben, die Volksherrschaft wieder einzurichten, die väterlichen Gesetze wie- der herzustellen und alle bisher an Persien entrichtete Abgaben zu erlassen. Alexander selbst verweilte noch einige Zeit in dem schönen Ephesus, ihm doppelt lieb durch den Umgang mit Apelles, dem größten Maler des Alterthums; das Bild Alexanders, mit dem Blitze in der Hand, das noch lange eine Zierde des großen Tem- pels der Artemis war, entstand in dieser Zeit Plin. XXX. V. 10. Aelian. V. H. II. 2. XII. 34., letzterer jedoch mit vielfacher Verwirrung; die Geschichte mit der nack- ten Pankaste scheint nach Plut. 21. ein artiges und zum Lobe Alexan- ders erfundenes Mährchen. . Zu gleicher Zeit beschäftigten ihn mancherlei Plane für das Wohl und den Handel der Griechischen Küstenstädte; vor allem befahl er, die Stadt Smyrna, die seit der Zerstörung durch die Lydischen Könige sich in mehrere Flecken aufgelöst hatte, wieder herzustellen, die Stadt Kla- zomenä durch einen Damm mit ihrer Hafeninsel zu verbinden, und die Landenge von Klazomenä bis Teos zu durchstechen, damit die Schiffe nicht nöthig hätten, den weiten Umweg um das schwarze Vorgebirge zu machen; das Werk ist nicht zu Stande gekommen, aber noch in später Zeit wurden auf der Landenge in einem dem Könige Alexander geheiligten Haine Wettkämpfe von dem Bunde der Jonier, zum Gedächtniß ihres Befreiers gehalten S. die Angaben bei Mannert, der in seinem Critisiren of- fenbar zu weit geht, wie sich aus seinen eigenen Citaten ergiebt. . Nachdem Alexander noch im Tempel der Artemis geopfert und eine Musterung seines Heeres, das in vollem Waffenschmucke und wie zur Schlacht aufgestellt war, unter den Augen der staunenden Ephesier gehalten hatte, brach er folgenden Tages mit seinem Heere, das aus vier Geschwadern Macedonischer Ritter, den Thracischen Reutern, den Agrianern und Bogenschützen, und etwa zehntausend Mann Hopliten und Hypaspisten bestand, auf der Straße nach Milet auf, das wegen seines geräumigen Hafens für die Persische Flotte, wenn sie das Aegäische Meer halten sollte, beim Herannahen der späten Jahreszeit von der größten Wichtigkeit sein mußte. Der Kommandant der Persischen Besatzung von Milet hatte früher in einem Schreiben dem Könige die Uebergabe der Stadt angebo- ten, aber, von der Nähe der großen Persischen Flotte unter- richtet, die wichtige Hafenstadt den Persern zu erhalten und sich mit seinen Söldnern und den Milesiern, die sich für die Persische Sache entschieden, den Macedoniern auf das hartnäckigste zu widersetzen beschlossen. Desto eifriger war Alexander, die Stadt zu erobern. Milet liegt Die Lage Milets ergiebt sich mit ziemlicher Sicherheit aus Ar- rian selbst; cf. Mannert. auf einer Landzunge im Süden des Latmi- schen Meerbusens, etwa eine Meile südwärts von Samos und Mykale, die man am fernen Horizont noch aus dem Meere hervor- ragen sieht; die Stadt selbst, in die äußere und die mit starken Mauern und tiefem Graben versehene innere Stadt getheilt, öffnet nach dem Meerbusen zu vier Häfen, von denen der größte und wich- tigste auf der Insel Lade etwas von der Küste entfernt liegt; groß genug, um einer Flotte Schutz zu gewähren, ist er mehr als ein- mal Veranlassung gewesen, daß Seekriege in seiner Nähe geführt und durch seine Besetzung entschieden sind; die zunächst an der Stadt liegenden Häfen werden durch kleine felsige Inseln von ein- ander geschieden, sie sind für den Handel sehr bequem, aber weni- ger geräumig, und werden durch die Rhede von Lade mitbe- herrscht. — Darum war es von entscheidender Wichtigkeit, daß Alexanders Admiral Nikanor vor Ankunft der überlegenen Perser- flotte die Höhe von Milet erreichte, und mit seinen hundertund- sechszig Trieren bei der Insel vor Anker ging. Zu gleicher Zeit war Alexander unter den Mauern der Stadt erschienen, hatte sich der äußeren Stadt bemächtigt, ein Lager bezogen und mit einer Circumvallation eingeschlossen, zur Verstärkung der höchst wichtigen Position von Lade etwa viertausend Mann auf die Insel übersetzen lassen, und seiner Flotte die Weisung gegeben, von der Seeseite Milet auf das sorgfältigste zu sperren. Drei Tage darauf erschien die Phönicische Flotte; die Perser steuerten, da sie die Meerbucht von Macedonischen Schiffen besetzt sahen, nordwärts, und gingen, vierhundert Segel stark, bei dem Vorgebirge Mykale vor Anker. Dies nahe Zusammensein der ganzen Macedonischen und der ganzen Persischen Seemacht schien ein entscheidendes Seegefecht un- vermeidlich zu machen; viele Generale Alexanders wünschten es; man glaubte des Sieges gewiß zu sein, da sogar der alte vorsich- tige Parmenion zum Kampfe rieth; ja die Götter selbst schienen es so zu wollen, denn ein Adler war gesehen worden, der sich beim Spiegel des Admiralschiffes am Ufer gesetzt hatte. Parmenion sprach: Stets hätten die Griechen zur See über die Barbaren gesiegt, und das Zeichen des Adlers lasse keinen Zweifel, was der Götter Wille sei; ein gewonnenes Seegefecht würde der ganzen Unternehmung von außerordentlichem Nutzen sein, durch eine ver- lorene Seeschlacht könne nichts weiter verloren werden, als was man schon jetzt nicht mehr hätte, denn mit ihren vierhundert Se- geln seien die Perser doch Herren zur See; er selbst erklärte, er sei bereit an Bord zu gehen und an dem Kampfe Theil zu neh- men. Alexander erwiederte: unter den jetzigen Verhältnissen eine Seeschlacht zu wagen, würde eben so nutzlos, wie gefährlich, es würde tollkühn sein, mit hundertsechszig Schiffen gegen die Ueber- macht der feindlichen Flotte, mit ungeübten Seeleuten gegen die Cyprier und Phönicier kämpfen zu wollen; die Macedonier, unbe- zwinglich auf dem festen Lande, dürften den Barbaren nicht auf dem Meere, das ihnen fremd sei, und wo überdies tausend Zufäl- ligkeiten mit in Betracht kämen, Preis gegeben werden; der Ver- lust eines Treffens würde den Erwartungen von seinem Unterneh- men nicht bloß bedeutenden Eintrag thun, sondern für die Griechen die Loosung zum Abfall sein; der Erfolg eines Sieges könnte nur gering sein, da der Gang seiner Unternehmungen auf dem festen Lande die Perserflotte von selbst vernichten werde; das sei auch der Sinn jenes Zeichens, das die Olympischen Götter gesendet hät- ten; so wie der Adler sich auf das Land gesetzt, so würde er die Persische Seemacht vom Lande aus überwältigen; es sei nicht ge- nug, nichts zu verlieren; nicht zu gewinnen, sei schon Verlust. So blieb die Flotte ruhig auf der Rhede von Lade. Indeß kam Glaucippus, ein angesehener Milesier, ins Lager des Königs, im Namen des Volkes und der Söldnerschaaren, in deren Hand jetzt die Stadt sei, zu erklären: Milet sei bereit, seine Thore und Häfen den Macedoniern und Persern gemeinschaftlich zu öffnen, wenn Alexander die Belagerung aufheben wolle. Alexander erwiederte: er sei nicht nach Asien gekommen, um sich mit dem zu begnügen, was man ihm werde zugestehen wollen, er werde seinen Willen durchzusetzen wissen; von seiner Gnade möge man Strafe oder Verzeihung für die Wortbrüchigkeit erwarten, die jetzt die Stadt Milet zu einem eben so strafbaren als vergeblichen Wider- stand veranlaßt habe; Glaucippus möge schleunigst in die Stadt zu- rückkehren und den Milesiern melden, daß sie eines Sturmes ge- wärtig sein könnten. Mit dem nächsten Tage begannen die Sturm- blöcke und Mauerbrecher zu arbeiten, bald lag ein Theil der Mauer in Bresche, und die Macedonier drangen in die Stadt ein, wäh- rend ihre Flotte, sobald sie von ihrem Ankerplatze aus den Sturm gegen die Stadt gewahrte, dem Hafen zu ruderte und den Eingang desselben sperrte, so daß die Trieren, dicht an einander gedrängt und die Schnäbel hinausgewendet, der Perserflotte, Hülfe zu leisten, und den Milesiern, sich zur Perserflotte zu retten, unmöglich machten. Die Milesier und Söldner, in der Stadt von allen Seiten ge- drängt und ohne Aussicht auf Rettung, suchten ihr Heil in der Flucht; die einen schwammen auf ihren Schilden zu den Felsen- inseln im Hafen, andere suchten auf Kähnen den Macedonischen Trieren zu entkommen; die meisten kamen in der Stadt um. Jetzt Meister der Stadt, setzten die Macedonier, von ihrem Könige selbst geführt, nach den Hafeninseln über, und schon waren die Leitern von den Trieren an die steilen Ufer geworfen, um die Landung zu erzwingen; da befahl der König, voll Mitleid mit jenen Tapferen, die sich auch jetzt noch zu vertheidigen oder rühmlich zu sterben bereit waren, ihrer zu schonen, und ihnen Gnade unter der Bedingung anzubieten, daß sie in seinem Heere Dienste nähmen; so wurden dreihundert Griechische Söldner gerettet. Eben so schenkte Alexan- der allen Milesiern, die nicht beim Sturme umgekommen waren, Leben und Freiheit Diodor weicht namentlich darin von Arrian ab, daß er Mem- non als Befehlshaber von Milet bezeichnet; weder in der Stadt, noch auf der Flotte war Memnon, Arrian hätte es nicht unerwähnt gelas- sen; auch würde die Einnahme der Stadt dem Könige schwerer ge- worden sein, wenn sie Memnon vertheidigt hätte. . Die Perserflotte hatte den Fall Milets von Mykale aus mit angesehen, ohne das Geringste zur Rettung der Stadt thun zu können. Jeden Tag lief sie gegen die Macedonische Flotte aus, in der Hoffnung, sie zum Kampfe herauszulocken, und kehrte Abends unverrichteter Sache nach der Rhede des Vorgebirges zurück, einem höchst unbequemen Ankerplatze, da sie ihr Trinkwasser aus dem Mä- ander, etwa drei Meilen weit herholen mußte. Indeß wollte sie Alexander ganz aus ihrer Position treiben, ohne jedoch seine Flotte ihre zugleich sichere und sichernde Stellung aufgeben zu lassen; ein Corps von drei Divisionen Fußvolk und sämmtlicher Reuterei, unter Philotas Führung, rückte deshalb an der Küste entlang nach dem Vorgebirge Mykale, mit dem Befehle, jeden Landungsversuch der Perser zu vereiteln; nun auf dem Meere gleichsam eingeschlossen, waren sie, bei gänzlichem Mangel an Wasser und Lebensmitteln genöthigt, sich auf Samos zurückzuziehen. Von dort aus wollten sie einen letzten Versuch machen, die Griechische Flotte zu einer Schlacht zu nöthigen; das ganze Geschwader der Perser erschien auf der Höhe von Milet, aber da die Macedonische Flotte ruhig im Hafen von Lade blieb, so sandten sie fünf Schiffe dem Hafen zu, der, zwischen dem Lager und den kleinen Inseln belegen, das Heer von der Flotte trennte, in der Hoffnung, die Schiffe unbe- mannt zu überraschen, da es bekannt war, daß sich das Schiffsvolk in der Regel von den Schiffen zerstreue, um Holz, Vorräthe und andere Bedürfnisse aufzutreiben. Sobald nun Alexander jene fünf Schiffe heransteuern sah, ließ er von dem gerade anwesenden Schiffs- volke zehn Trieren bemannen, in See stechen und auf den Feind Jagd machen, so daß die Perser schon in der Ferne umkehrten und zu ihrer Flotte zurückflüchteten; eines von den Schiffen fiel, da es schlecht segelte, den Macedoniern in die Hände und wurde eingebracht; es war aus Jassus in Karien. Das Persische Geschwader zog sich, ohne weitere Versuche gegen Milet, auf die Höhe von Samos zurück. Der König hatte sich durch die letzten Vorfälle davon über- zeugt, daß die Perserflotte auf die Bewegungen seiner Landmacht nicht nur keinen hindernden Einfluß ausüben, sondern durch eine hinreichende Besetzung der Küsten so abgeschnitten werden würde, daß sie sich weder ergänzen und verproviantiren, noch die Bewegun- gen der Persischen Landmacht begleiten und unterstützen könne. Offensiv in allem Uebrigen, mußte Alexander sehen, daß seine See- macht, da sie unmöglich gegen den dreimal stärkeren Feind die See halten konnte, sich auf die Vertheidigung beschränkte; von großer Wichtigkeit beim Beginn des Feldzuges und zur Deckung der ersten Bewegungen des Landheeres, war sie, seit die Persische Macht in Kleinasien unterlegen, ohne besonderen Nutzen, dagegen der Auf- wand, den sie verursachte, außerordentlich; hundertsechszig Trieren forderten zweiunddreißigtausend Mann Matrosen und Schiffssolda- ten, fast eben so viel Menschen, als das Perserreich über den Hau- fen stürzen sollten; sie kosteten monatlich mehr als funfzig Talente Sold, und vielleicht eben so viel für Unterhalt, ohne, wie das Land- heer, das nicht viel theuerer zu unterhalten war, mit jedem Tage neue Eroberung und neue Beute zu machen. Dazu kam, daß ge- rade jetzt Alexanders Kassen erschöpft waren, offenbar weil den rei- chen Griechischen Städten selbst ihre Abgaben erlassen, und die in- ländischen weder gebrandschatzt, noch geplündert, sondern nach dem alten, sehr niedrigen Ansatz besteuert wurden. Dies waren die Gründe, die den König veranlaßten, im Spätherbst 334 seine Flotte aufzulösen; er behielt nur wenige Schiffe zum Transporte längs der Küste bei sich, unter diesen die zwanzig Schiffe, die Athen ge- stellt hatte, sei es, um dadurch die Athener zu ehren, oder um ein Unterpfand ihrer Treue zu haben, falls die feindliche Flotte, wie zu vermuthen, sich nach Hellas wenden sollte Diodor sagt, daß einige Schriftsteller in der Auflösung der Flotte ein strategisches Mittel des Königs bewunderten, die Macedo- nier zur Tapferkeit durch die Unmöglichkeit zur Rückkehr zu zwingen. Es würde dies weder dem strategischen Talent des Königs, noch dem Muth seines Heeres zur Ehre gereichen. . Jetzt, nach Auflösung der Flotte, wurde es für Alexander dop- pelt wichtig, jede Küstenlandschaft, jede Seestadt, jeden Hafen zu besetzen, um dadurch jene Continentalsperre durchzusetzen, mit wel- cher er die Persische Seemacht zu vernichten hoffte. Noch war an der Küste des Aegäischen Meeres Karien und in Karien Halikar- nossus übrig, doppelt wichtig durch seine Lage am Eingange dieses Meeres, und dadurch, daß sich in diese sehr feste Stadt der letzte Rest der Persischen Macht in Kleinasien zum Widerstande gesam- melt hatte. Karien nämlich, von einheimischen Fürsten unter Persischer Ho- heit regiert, war vor etwa funfzig Jahren zur Zeit des zweiten Artaxerxes ganz unter die Herrschaft des Dynasten Hekatomnus von Halikarnassus gekommen, der, von dem Persischen Hofe bis auf den zweideutigen Schein der Heeresfolge unabhängig, und bereit, diese Unabhängigkeit bei der ersten Veranlassung mit gewaffneter Hand geltend zu machen Theopomp. ap. Phot. cod. 176. Isocrates panegyr. c. 43. , seine Residenz nach dem Inneren sei- nes Landes, nach Mylassa, verlegt, und von hier aus seine Herr- schaft bedeutend auszudehnen gewußt hatte. Sein Sohn und Nach- folger Mausolus verfolgte die Pläne des Vaters, er vergrößerte auf jede Weise seine Macht und seine Reichthümer; zum Lyciarchen ernannt, beherrschte er zwei wichtige Seeprovinzen Kleinasiens; der Plan, eine Seemacht zu gründen, lag nahe; er verlegte darum die Residenz wieder nach Halikarnaß, das er durch Zusammenziehung von sechs kleinen Ortschaften vergrößerte; er erregte den Bundes- genossenkrieg gegen die Athener, um ihre Seemacht zu schwächen. Nachdem seine Schwester und Gemahlin, die ihm nach Karischer Sitte in der Herrschaft folgte, gestorben war, übernahm der zweite Bruder Idrieus die Regierung; in demselben Sinne, wie sein Vater und Bruder das Reich zu vergrößern bemüht, von den Zeitumstän- den begünstigt, brachte er Chios, Kos und Rhodos in seine Gewalt. Seine Schwester und Gemahlin Ada folgte ihm, wurde aber schon nach vier Jahren des Reiches durch ihren jüngeren Bruder Pixo- dorus beraubt, so daß ihr nichts als die Bergfestung Alinde blieb. Pixodorus beabsichtigte, durch eine Verbindung mit dem Macedoni- schen Königshause, dessen Pläne in Beziehung auf Asien kein Ge- heimniß mehr waren, sich zu einem Kampfe um seine Unabhängig- keit vorzubereiten; ernstliche Differenzen am Hofe Philipps zerstör- ten seine Pläne, so daß er dem Wunsche des Perserkönigs, seine Tochter mit dem edlen Perser Orontobates zu vermählen, entge- genkam; so wurde Orontobates sein Schwiegersohn, und nach sei- nem, im Jahre 335 erfolgten Tode, Herr der Karischen Dy- nastie Arrian. cf. Strabo XIII. p. 128. und Wesseling ad Diodor. XVI. p. 569. Clinton fast. Hell. appendix cp. 14. . Sobald jetzt Alexander in Karien einrückte, eilte Ada ihm ent- gegen und legte es in seine Hand, sie wieder in ihre Rechte einzu- setzen, um die sie offenbare Gewalt betrogen habe; sie versprach, ihn auf jede Weise bei der Eroberung Kariens zu unterstützen, ihr Name selbst würde ihm Freunde gewinnen, die Wohlhabenden im Lande, unzufrieden über die erneuete Verbindung mit Persien, wür- den sich sofort für sie entscheiden, da sie im Sinne ihrer Brüder stets gegen Persien und für Griechenland Parthei genommen; sie bat den König, als Beweis ihrer Gesinnung, ihre Adoption anneh- men zu wollen, daß sie, selbst kinderlos, einst ihrem Sohne Alexander die Karische Dynastie erblich überlasse. Alexander willfahrte gern der würdigen Fürstin, und es mag eben so sehr seinem Ruhme und seiner Macht, als dem Beispiele Ada’s zuzuschreiben sein, daß die die Karier sich dem Könige zu ergeben wetteiferten. Namentlich erklärten sich die Griechischen Städte für Alexander, der ihnen so- fort Selbstständigkeit und Steuerfreiheit gab, und die Demokratie wieder herzustellen befahl. Nur Halikarnaß war noch übrig; dorthin hatte sich Oronto- bates zurückgezogen; ebendahin war Memnon, nachdem er in Ephe- sus und Milet weder die Gelegenheit günstig, noch die Zeit hinrei- chend gefunden hatte, um gegen den Macedonischen König erfolg- reichen Widerstand zu organisiren, mit wenigen Resten der am Granikus geschlagenen Armee gekommen, um mit dem Karischen Satrapen vereinigt die letzte wichtige Position auf der Kleinasiati- schen Küste so lange als möglich zu halten; er schickte Weib und Kind an den Großkönig, angeblich, um sie außer aller Gefahr zu wissen, in der That aber, um ein Zeichen und Unterpfand seiner Treue zu geben, die sein Griechischer Ursprung nur zu oft schon zu verdächtigen Gelegenheit gegeben hatte. Diese Hingebung zu ehren und seinem anerkannten und oft erprobten Feldherrntalent die gebüh- rende Wirksamkeit zu eröffnen, hatte ihm der Perserkönig den Ober- befehl über das untere Asien und die gesammte Persische Seemacht übertragen, und in der That, wenn noch etwas für Persien zu retten war, schien er der Mann zu sein, der retten konnte; mit a u ßeror- dentlicher Thätigkeit hatte er die Werke von Halikarnaß wieder her- stellen lassen, die aus Persern und Söldnern bestehende Besatzung verstärkt und mit reichlichen Vorräthen versehen, die im Hafen der Stadt liegenden Trieren ausgerüstet, damit sie die Operationen in der Festung unterstützen, und die Stadt im Fall einer längeren Belagerung mit Lebensmitteln versehen konnten, hatte die kleine Insel Arkonnesus, welche den Hafen beherrschte, befestigen lassen, in Myndus, Thera, Kallipolis, Triopium und Kos, also rings um den Meerbusen von Doris, Besatzungen gelegt Ich nehme keinen Anstand, die beiden sonst unbekannten Namen Thera und Kallipolis (vielleicht Leukopolis) an die Küste zwischen Knidos und Halikarnassus zu setzen, wo auch Plinius eine Reihe sonst unbekannter Namen hat. , kurz alles so vorbereitet, daß Halikarnaß der Mittelpunkt höchst erfolgreicher Be- 9 wegungen und ein Bollwerk gegen das Vordringen der Macedo- nier werden konnte. Indeß rückte Alexander heran, und lagerte sich, auf eine lang- wierige Belagerung gefaßt, etwa tausend Schritte vor den Wällen der Stadt. Die Feindseligkeiten eröffneten die Perser durch einen Ausfall auf die so eben anrückenden Macedonier, der jedoch ohne viele Mühe zurückgeschlagen wurde. Wenige Tage nachher zog sich der König mit einem bedeutenden Theile des Heeres nordwestlich um die Stadt hin, theils um die Mauern zu besichtigen, besonders aber, um von hier aus die nahe Stadt Myndus, die für den Fort- gang der Belagerung von großer Wichtigkeit sein konnte, zu be- setzen, da ihm von der Besatzung der Stadt die Uebergabe verspro- chen war, wenn er um Mitternacht vor den Thoren der Stadt sein wollte. Er kam, aber Niemand öffnete; ohne Sturmleitern und Maschinen, da das Heer nicht wie zu einem Sturm ausgezogen war, ließ der König, erzürnt über diese Treulosigkeit, sofort seine Schwerbewaffneten unter die Mauern der Stadt rücken, und das Untergraben derselben beginnen. Ein Thurm stürzte, ohne jedoch Bresche genug zu geben, daß man mit Erfolg hätte angreifen kön- nen; indeß hatte man in Halikarnaß mit Tagesanbruch den Abzug der Macedonier bemerkt, und sofort zur See Unterstützung nach Myndus geschickt, so daß Alexander unverrichteter Sache in seine Stellung vor Halikarnaß zurückkehrte. Die Belagerung der Stadt begann; zunächst wurde der Wall- graben, der fünfundvierzig Fuß breit und halb so tief war, unter dem Schutz mehrerer sogenannter Schildkrötendächer ausgefüllt, da- mit die Thürme, von denen aus die Mauern von Vertheidigern gesäubert werden, und die Maschinen, mit denen Bresche gelegt wird, gegen die Mauern vorgeschoben werden konnten. Schon standen die Thürme den Mauern nah, als die Belagerten über Nacht einen Ausfall machten, die Maschinen zu verbrennen; schnell verbreitete sich der Lärm durch das Lager; aus dem Schlafe ge- weckt, eilten die Macedonier ihren Vorposten zu Hülfe, und nach kurzem Kampfe bei dem Lichte der Lagerfeuer, mußten die Belagerten in die Stadt zurück, ohne ihren Zweck erreicht zu haben. Unter den hundertfünfundsiebenzig Leichen der Feinde fand man auch die des Lynkestiers Neoptolemus, der, ein Bruder des Macedonischen Generales Amyntas, nach der Ermordung des Königs Philipp als einer der Verschworenen zum Tode verurtheilt, nach Asien geflohen war und im Persischen Heere Dienste genommen hatte. Macedo- nischer Seits waren nur zehn Todte, aber dreihundert Verwundete, da man bei der Dunkelheit der Nacht sich nicht so vorsichtig hatte vertheidigen können. Die Maschinen begannen zu arbeiten, bald lagen zwei Thürme und die dazwischen liegende Mauer, auf der nordöstlichen Seite der Stadt, in Schutt; ein dritter Thurm war stark beschädigt, so daß eine Untergrabung ihn leicht zum Sturz bringen mußte; vielleicht hätte Alexander schon jetzt die Stadt mit Sturm nehmen können, wenn er nicht seine Soldaten so viel als möglich hätte schonen wol- len. Da saßen eines Nachmittags zwei Macedonier aus der Phalanx Perdikkas unter ihrem Zelt beim Wein, und sprachen gegen einander groß von sich und ihren Thaten, sie schwuren ganz Halikarnaß auf ihre Lanzenspitze zu nehmen, und die Persischen Memmen in der Stadt dazu; sie nahmen Schild und Speer und rückten selbander gegen die Mauern der Stadt, sie schwangen ihre Waffen und schrieen nach den Zinnen hinauf; das nun sahen und hörten die auf der Mauer, und machten gegen die zween Männer einen Aus- fall; diese aber wichen nicht vom Platz, wer ihnen zu nahe kam, wurde niedergemacht, und war zurückwich, ausgelacht; aber die Zahl der Feinde mehrte sich mit jedem Augenblick, und die zwei Män- ner, die überdies tiefer standen, erlagen fast dem Andrange der Mehrzahl. Indeß hatten ihre Kameraden im Lager diesen sonder- baren Sturmlauf mit angesehen, und eilten jetzt, da die Gefahr wuchs, zu ihrer Hülfe herbei; auch aus der Stadt mehrte sich der Zulauf, und es entspann sich ein hartnäckiger Kampf unter den Mauern; bald waren die Macedonier im Vortheil, warfen den Feind in die Thore zurück, und da die Mauern im Ganzen von Verthei- gern entblößt und an einer Stelle bereits eingestürzt waren, so schien nichts als der Befehl des Königs zum allgemeinen Angriff zu fehlen, um die Stadt einzunehmen. Alexander gab ihn nicht; es war bereits hinter jener Bresche eine neue Mauer mit einsprin- gendem Winkel erbaut worden, so daß ein Sturm nicht ohne gro- ßes Blutvergießen hätte bewerkstelligt werden können. Sofort ließ Alexander seine Maschinen gegen diesen Theil der 9 * Mauer vorrücken; Schirmwände aus Weiden geflochten, hohe höl- zerne Thürme, Schilddächer mit Mauerbrechern füllten den einsprin- genden Winkel, der schon von Schutt und Trümmern gereinigt und zum Beginn der neuen Sturmarbeiten geebnet war. Und wieder machten die Feinde einen Ausfall, um die Maschinen in Brand zu stecken, während von den beiden Thürmen und der Mauer aus ihr Angriff auf das lebhafteste unterstützt wurde; schon brannten meh- rere Schirmwände und selbst ein Thurm, und kaum vertheidigten die zur Feldwacht aufgestellten Truppen die übrigen; da erschien Ale- xander mit seinem Geleit, und in eiliger Flucht warfen die Feinde Fak- keln und Waffen hinweg, und zogen sich hinter die Mauern zurück. Bald arbeiteten die Maschinen von Neuem, und Alexander selbst war zugegen, den Angriff zu leiten. In der Stadt war der Athener Ephialtes, der um Alexanders Willen seine Heimath ver- lassen hatte; der beschwor jetzt den Feldherrn Memnon, es nicht bis zum Aeußersten kommen, sondern einen allgemeinen Ausfall machen zu lassen, um die Macedonier aus ihrer Stellung zu ver- drängen. So brach denn der eine Theil der Besatzung unter Ephialtes Führung bei der vielgefährdeten Stelle der Mauer heraus, während die anderen an einem entgegengesetzten Thore, wo man es nicht erwartet hatte, einen Ausfall gegen das Lager hin machten. Ephialtes kämpfte mit dem größten Muthe, seine Leute warfen Feuerbrände und Pechkränze in die Maschinen; aber ein kräftiger Angriff Alexanders, der von den hohen Belagerungsthürmen mit einem Hagel von Geschossen und großen Steinen unterstützt wurde, zwang die Feinde nach sehr hartnäckigem Kampfe zum Weichen; viele, unter ihnen Ephialtes, blieben auf dem Platze, noch mehrere unterlagen auf der Flucht über den Schutt der eingestürzten Mauer und durch die engen Thoreingänge. Indeß hatten sich auf der anderen Seite den Feinden einige Abtheilungen Hypaspisten und leichtes Fuß- volk unter Ptolemäus Führung entgegengestellt; lange währte der Kampf, Ptolemäus selbst und der Anführer der Bogenschützen und man- cher andere namhafte Macedonier war bereits gefallen, als es endlich gelang, die Feinde zurückzudrängen; unter der Menge der Fliehenden brach die enge Brücke, die über den Graben führte, viele stürzten hinab und kamen theils von ihrem Kameraden erdrückt, theils von den Speeren der Macedonier getroffen, um. Bei dieser allgemei- nen Flucht hatten schnell die in der Stadt Zurückgebliebenen die Thore schließen lassen, damit nicht mit den Fliehenden zugleich die Macedonier den Eingang erzwängen; vor den Thoren drängten sich nun große Haufen unglücklicher Flüchtlinge zusammen, die, ohne Waffen, ohne Muth und Rettung, den Macedoniern preisgegeben, sämmtlich niedergemetzelt wurden. Mit Entsetzen sahen es die Be- lagerten, daß die Macedonier, von so großen Erfolgen angefeuert und von der hereinbrechenden Nacht begünstigt, im Begriff standen, die Thore zu erbrechen, in die Stadt selbst einzudringen; da ertönten durch die Dunkelheit hin die Trompeten des Lagers, sie riefen zum Abzuge. Alexander wünschte noch immer die Stadt zu retten; er hoffte, daß nach diesem Tage, der ihm nur vierzig Todte, dem Feinde dagegen an tausend gekostet und deutlich genug gezeigt hatte, daß einem neuen Angriff wohl der Fall der Stadt folgen dürfte, von Seiten der Belagerten Anträge gemacht werden würden, die er nur erwar- tete, um diesem unnatürlichen Kampf von Griechen gegen Griechen ein Ende zu machen. In Halikarnaß beriethen die beiden Befehlshaber, Memnon und Orontobates, welche Maaßregeln zu ergreifen seien; es entging ihnen nicht, daß sie unter den jetzigen Umständen, da bereits ein Theil der Mauer eingestürzt, ein anderer dem Einsturz nahe, und die Besatzung durch viele Todte und Verwundete außerordentlich geschwächt war, die Belagerung nicht länger würden aushalten kön- nen; und wozu sollten sie die Stadt halten, da doch das Land be- reits verloren war; der Hafen, den zu behaupten für die Flotte von Wichtigkeit war, konnte durch Besetzung der Burg von Ha- likarnaß und durch die Behauptung der am Meerbusen von Do- ris belegenen festen Plätze genugsam gesichert werden; sie beschlossen, die Stadt Preis zu geben. Es war um Mitternacht, als die Ma- cedonischen Feldwachen über den Mauern der Stadt eine Feuers- brunst emporlodern sahen; Flüchtende, die aus der brennenden Stadt sich ins Feld zu den Macedonischen Vorposten retteten, berichteten, daß der große Thurm, der gegen die Macedonischen Maschinen er- richtet war, und die Waffenmagazine und die Stadtviertel zunächst an den Mauern brennten; man sah, wie ein heftiger Wind die Feuersbrunst in die Stadt hineintrieb; man erfuhr, daß das Um- sichgreifen der Flamme von denen in der Stadt auf alle Weise ge- fördert würde. Sogleich ließ Alexander trotz der Nacht aufbrechen, um die brennende Stadt zu besetzen; wer noch beim Anzünden be- schäftigt war, wurde niedergehauen, Widerstand fand man nirgend; die Einwohner der Stadt verschonte man. Endlich graute der Morgen; die Stadt, ein weiter Trümmerhaufen, war von den Feinden geräumt, sie hatten sich auf die Burg Salmakis und die Hafeninsel zurückgezogen, von wo aus sie den Hafen beherrschen, und, selbst fast vollkommen sicher, die Trümmerstätte, die in den Händen der Feinde war, beunruhigen konnten. Dies er- kannte der König; um sich nicht mit der Belagerung aufzuhalten, die ihm unter den jetzigen Umständen nicht mehr entscheidende Re- sultate bringen konnte, ließ er, nachdem die in der letzten Nacht Gefallenen begraben waren, den Park seiner Belagerungsmaschinen nach Tralles vorausgehen, die letzten Ueberbleibsel der Stadt, die sich so hartnäckig der gemeinsamen Sache aller Hellenen widersetzt hatte, und überdies die Nähe der Perser in der Salmakis und auf Arkonnensus nur gefährlicher machte, von Grund aus zerstören; die Bürgerschaft wurde in die sechs Flecken aufgelöset, die etwa vierzig Jahre früher der Dynast Mausolus in seiner Residenz vereint hatte Wenn Plin. V. 29. angiebt, daß Alexander der Stadt Hali- karnaß sechs Städte, unter diesen Pedasum, geschenkt habe, so bezieht sich das auf eine spätere Zeit, und hat offenbar den Sinn, daß er, was auch sonst berichtet wird, nach Halikarnaß die Bürger der sechs Ortschaften wieder zusammenziehen ließ; denn Pedasum ist nach Strabo eine der von Mausolus nach Halikarnaß verlegten Gemeinden. . Ada erhielt, unter dem Namen einer Königin, die Herrschaft über ganz Karien, indem die Städte, die mehr oder minder gräcisirt waren, demokratische Verfassung bekamen; die Ein- künfte des Landes fielen der Königin Ada zu; Alexander ließ zu ihrem und ihrer Lande Schutz zweitausend Mann vom fremden Fuß- volk und etwa zweihundert Reuter unter Ptolemäus Wahrscheinlich der Sohn Philipps. Oberbe- fehl zurück, der den Auftrag erhielt, zur gänzlichen Vertreibung der Feinde aus den einzelnen Küstenstrichen, die sie noch besetzt hielten, sich mit dem Befehlshaber von Lydien zu vereinigen, demnächst die Belagerung der Salmakis durch Circumvallation zu beginnen Diod. XVII. 27. . Die späte Jahreszeit war herangekommen; mit dem Fall von Halikarnaß konnte Alexander die Eroberung der Westküste Klein- asiens für beendet ansehen; die neubegründete Freiheit in den Grie- chischen Städten der Küste und die Macedonischen Besatzungen in Mysien, Lydien und Karien sicherten diese Gegenden vor neuen Angriffen der Perserflotten. Diesen auch die Südküste Kleinasiens zu sperren, so wie die Landschaften im Inneren Kleinasiens zu unterwerfen, mußte der Zweck der nächsten Operationen sein. Da indeß vorauszusehen war, daß weder in den Küstenstädten, denen wegen der Jahreszeit von der See her nicht leicht Hülfe kommen konnte, noch auch im Innern des Landes, das längst von den Per- sern geräumt war, der Widerstand groß sein würde, so war es un- nöthig, das ganze Heer an diesem beschwerlichen Zuge Theil neh- men zu lassen; dazu kam, daß zu den großen Bewegungen, die den Feldzug des nächsten Jahres eröffnen sollten, das Heer mit frischen Truppen aus der Heimath verstärkt werden mußte, da eines Theils die einzelnen Gefechte, anderen Theils die Besatzungen dem großen Heere viele Truppen kosteten. Nun befanden sich bei dem Heere eine Menge Kriegsleute, die sich jüngst erst verheirathet hatten; diese wurden auf Urlaub nach der Heimath entlassen, daß sie den Winter über bei Weib und Kind zubrächten; ihre Führung übernahmen drei Neuvermählte aus der Zahl der Befehlshaber, nämlich des Seleu- kus Sohn Ptolemäus, einer der Leibwächter des Königs, Könus, des alten Parmenion Schwiegersohn, und Meleager, beide Anführer von Divisionen der Phalanx; diese erhielten den Auftrag, zugleich mit den Beurlaubten so viel als möglich frische Mannschaften nach Asien mitzubringen, und im Frühling in Gordium zur großen Ar- mee zu stoßen. Man kann sich vorstellen, mit welchem Jubel die- ser Urlaub angenommen wurde, mit welcher Freude die heimkehren- den Krieger von den Ihrigen empfangen und angehört wurden, wenn sie von ihren Thaten und ihrem Könige, von der Beute und den schönen Ländern Asiens erzählten; es schien, als ob Asien und Macedonien aufhörten, einander fern und fremd zu sein. Von den in Asien zurückbleibenden mobilen Truppen (denn etwa neuntausend Mann waren als Besatzungen verwendet) bildete Alexander zwei Marschcolonnen, von denen die kleinere unter Par- menions Befehl, welche, bis auf einige Geschwader der Macedoni- schen Ritterschaft, die gesammte Reuterei, so wie den Park der Wa- gen und Maschinen enthielt, über Tralles nach Sardes ging, um in den Lydischen Ebenen zu überwintern und mit dem Beginn des Frühlings nach Gordium hin aufzubrechen. Die größere Colonne, bestehend aus den Hypaspisten, den Divisionen der Phalanx, den Agrianern, Bogenschützen, Thraciern und dem größeren Theil der Macedonischen Ritterschaft, brach, unter Führung des Königs selbst, von Karien auf, um die Seeküste und die inneren Landschaften Kleinasiens zu durchziehen und in Besitz zu nehmen. Der Marsch ging durch Karien über Hyparna, das durch Ka- pitulation mit den in der Festung liegenden Söldnern genommen wurde, nach der Landschaft Lycien. Lycien war zwar seit der Zeit des Cyrus dem Persischen Reiche einverleibt Herod. I. 176. , hatte aber nicht blos seine eidgenossische Verfassung behalten, sondern auch bald seine Unabhängigkeit so weit wieder erlangt, daß es nur einen bestimm- ten Tribut nach Susa zahlte, der an den jedesmaligen Lyciarchen entrichtet wurde, eine Stelle, die in der letzten Zeit den Karischen Dynasten gehört hatte und wahrscheinlich an Orontobates überge- gangen war; noch in den letzten Jahren hatte der Perserkönig die Ge- birgslandschaft Milyas, auf der Grenze gegen Phrygien hin, zu dem Bereich des Lyciarchen geschlagen; Persische Besatzungen stan- den in Lycien nicht; Alexander fand kein Hinderniß bei der Besitz- nahme dieser an Städten ziemlich reichen und durch Seehäfen aus- gezeichneten Provinz. — Telmissus, und jenseit des Xanthusflusses Pinara, Xanthus, Patara und an dreißig kleinere Ortschaften im oberen Lycien, ergaben sich den Macedoniern; dann rückte das Heer, es war in der Mitte des Winters, an die Quellen des Xanthus hinauf, in die Landschaft Milyas Strabo sagt: Diese Landschaft er- streckt sich von den Engpässen oberhalb Telmissus und dem darüber bis zum Taurus liegenden Lande, bei Isinda vorüber bis Sagalassus und Apamea. Auf Leakes Karte steht demnach der Name Sinda oder Isinda zu weit nordostwärts. . Hier empfing Alexander die Gesandtschaften der Phaseliten und mehrerer anderer Städte des unteren Lyciens, die freundlich empfangen wurden, und nach des Königs Befehl die Detaschements, die er zur Besetzung der einzelnen Städte mitschickte, in deren Mauern aufnahmen; den Phaseliten, die ihm nach Griechischer Weise einen goldnen Kranz zum Ehrengeschenk gesendet hatten, versprach er, auf einige Zeit ihre Stadt zu besuchen; sie war ihm werth als die Vaterstadt des ihm befreundeten Theodektes, der, gleich ausgezeichnet durch seine Schön- heit Eustathius ad Dionys. perieg. 835. und durch sein poetisches Talent Man vergleiche die Fragmente bei Stobäus, und namentlich die artigen Räthsel, ἡ Θεοδέκτου τέχνη nennt sie Antiphanes bei Athen. IV. 134. C . , ein Liebling ihres gemeinschaftlichen Lehrers Aristoteles Athen. XIII. 566. E.; Plut. , eben jetzt zu Athen ge- storben war, nachdem er kurz zuvor noch eine Lobrede auf Alexan- der herausgegeben hatte cf. Toup emend. in Suid. I. 223. Ein Beweis seines Ruhmes sind die, natürlich erdichteten, An- gaben bei Aristeas ep. ad fratr. und Josephus. . Die Stadt Phaselis, Dorisch ihrem Ursprunge nach, und mächtig genug, einen Freistaat für sich zu bilden, lag außerordent- lich günstig an der Pamphylischen Meerbucht und den drei Häfen, de- nen die Stadt ihren Reichthum dankte; gegen Westen erheben sich steile, terrassenförmige Berge, bis zur Höhe von siebentausend Fuß s. Beaufort in Nouvelles annales des voyages t. V. p. 37. , die sich halbkreisförmig um die Pamphylische Meerbucht herum bis Perge hinziehen, dem Ufer des Meeres so nah, daß der Weg an mehreren Stellen nur dann nicht von der Brandung be- deckt wird, wenn Nordwind das Wasser von der Küste zurücktreibt; will man diesen Weg vermeiden, so muß man den bei weitem beschwerlicheren und längeren durch die Berge einschlagen, der gerade damals durch einen Pisidischen Stamm, der sich beim Eingang des Gebirges ein Bergschloß gebaut hatte, und von da aus die Phase- liten heimsuchte, gesperrt wurde. Alexander griff in Verbindung mit den Phaseliten dies Raubnest an, und zerstörte es. Freuden- mahle feierten diese glückliche Befreiung der oft geängstigten Stadt und die Siege des Macedonischen Königs; es mochte seit Cimons Siegen am Eurymedon das erste Mal sein, daß die Stadt ein Hel- lenisches Heer in ihren Mauern sah; auch Alexander scheint in die- sen Tagen sehr heiter gewesen zu sein, man sah ihn nach einem der Gastmahle mit seinen Getreuen im frohen Festzuge nach dem Markte ziehen, auf dem die Bildsäule des Theodektes stand, und sie mit Blumenkränzen schmücken, das Andenken des ihm werthen Mannes zu feiern Plut. Alex. c. 17. . In eben diesen Tagen war es, daß ein verruchter Plan, der nichts Geringeres als die Ermordung des Königs beabsichtigte, ans Licht kam, doppelt verrucht, weil er von einem der ersten Generale ausging, dem Alexander Großes verziehen und Größeres anvertraut hatte; der König war vielfach gewarnt worden, noch vor Kurzem hatte Olympias in einem Briefe ihren Sohn beschworen, vorsichtig gegen frühere Feinde zu sein, die er jetzt für seine Freunde halte. Selbst die Götter, so wird erzählt, hatten ihm ein bedeutsames Zei- chen gesandt; denn als er eines Tages vor den Mauern von Hali- karnaß, vom Kampf ermüdet, Mittags sich zur Ruhe niedergelegt hatte, war eine Schwalbe mit viel lauterem Gezwitscher, als er je gehört, über seinem Haupte hin und her geflogen, hatte sich bald da, bald dort auf sein Lager gesetzt, wie um ihn zu ermuntern, und als sie der König, der sich vor großer Müdigkeit des Schlafes gar nicht erwehren konnte, sanft mit der Hand hinwegscheuchte, sich auf sein Haupt gesetzt, immer heftiger gezwitschert, und nicht eher aufgehört, als bis er völlig wach gewesen. Aristander, der Zei- chendeuter aus Telmissus, sagte damals: Dies deute auf Verrath von einem seiner Freunde, zugleich aber, daß der Verrath an den Tag kommen werde; denn die Schwalbe sei dem Menschen befreun- det, und heimlicher und geschwätziger, als jeder andere Vogel. — Und in der That geschah es, wie es das Zeichen der Götter ver- kündet hatte. Der Verräther war Alexander der Lynkestier, in dem die zwei- deutigen Ansprüche seiner Familie auf den Macedonischen Thron einen eben so heimtückischen wie hartnäckigen Vertreter fanden. Theilnehmer an jener Verschwörung, die dem Könige Philipp das Leben gekostet hatte, wurde er, weil er dem Könige Alexander sich sofort unterworfen und ihn zuerst als König begrüßt hatte, nicht blos freigesprochen, sondern Alexander behielt ihn mit Auszeichnung in seiner Umgebung, übergab ihm manches wichtige Commando, und noch zuletzt die Anführung der Thessalischen Ritterschaft, mit der er- jetzt an der Seeküste von Aeolis cantonirte. Aber selbst das edle Vertrauen des Königs vermochte nicht, des finsteren Mannes Gesin- nung zu ändern; das Bewußtsein eines vergeblichen, aber nicht be- reuten Verbrechens, der ohnmächtige Stolz, doppelt gekränkt durch die Großmuth des glücküberhäuften Jünglings, das Andenken an zwei Brüder, deren Blut für den gemeinsamen Plan geflossen, die eigene Herrschsucht, die desto heftiger quälte, je hoffnungsloser sie war, kurz Neid, Haß, Wunsch und Furcht, das mögen die Trieb- federn gewesen sein, die den Lynkestier die Verbindung mit dem Persischen Hofe wieder anzuknüpfen oder vielleicht nicht abzubrechen bewogen. Des Antiochus Sohn Amyntas, der, landesflüchtig aus Macedonien, beim Herannahen des Macedonischen Heeres Ephesus verlassen hatte, brachte schriftliche und mündliche Eröffnungen in Alexanders Namen an den Perserkönig, und Asisines, einer von Darius Vertrauten, kam, angeblich um Aufträge an den Phrygi- schen Satrapen zu bringen, mit geheimen Aufträgen nach Klein- asien, zunächst bemüht, sich in die Cantonirungen der Thessalischen Ritterschaft einzuschleichen. Von Parmenion aufgefangen, gestand er den eigentlichen Zweck seiner Sendung, den er, unter Bedeckung nach Phaselis an den König geschickt, dahin bezeichnete: daß er im Namen des Königs Darius die von dem General angebotene Er- mordung Alexanders habe billigen und dafür versprechen sollen, daß Darius dem Lynkestier nach vollbrachtem Morde den Macedonischen Thron, wie er gefordert, verschaffen, und überdies tausend Talente Gold zum Geschenk senden werde. Sofort berief der König die Freunde, sich mit ihnen zu berathen, wie gegen den General zu verfahren sei. Diese waren der Meinung, daß derselbe als Hoch- verräther anzusehen sei, falls er nicht entscheidende Beweise für seine Treue vorzubringen habe; sei es früher schon nicht wohl ge- than gewesen, einem so zweideutigen Manne den Kern der Reuterei anzuvertrauen, so scheine es jetzt um so nothwendiger zu sein, ihn wenigstens sofort unschädlich zu machen, bevor er die Thessalische Ritterschaft noch mehr für sich gewinne, und sie in seine Verräthe- rei verwickele; wenn irgend je, so hätten diesmal die Götter durch ein bedeutsames Zeichen gewarnt, das von der Hand zu weisen, mehr als unvorsichtig sein würde. Demnach wurde einer der ge- treuesten Officiere, Amphoterus, Kraterus Bruder, an Parmenion abgesandt; in der Landestracht, um unkenntlich zu sein, und von einigen Pergäern begleitet, gelangte er unerkannt an den Ort sei- ner Bestimmung; nachdem er seine Aufträge gesagt hatte, denn Alexander hatte so gefährliche Dinge nicht einem Briefe, der leicht aufgefangen und misbraucht werden konnte, anvertrauen wollen, wurde der Lynkestier in der Stille aufgehoben und festgesetzt; ihn zu richten, verschob der König auch jetzt noch, theils aus Rücksicht auf Antipater, dessen Schwiegersohn der Hochverräther war, beson- ders aber, um nicht zu beunruhigenden Gerüchten im Heere und in Griechenland Anlaß zu geben Arrian. Diod. XVII. 32. 80. Curt. VII. 1. . Nach diesem Aufenthalt brach das Heer aus der Gegend von Phaselis auf, um Pamphylien und den wichtigsten Ort des Landes, Perge, zu erreichen. Einen Theil des Heeres sandte Alexander auf dem langen und beschwerlichen Gebirgswege, den er durch die Thracier wenigstens für das Fußvolk hatte gangbar machen lassen, voraus, während er selbst, wie es scheint, mit der Ritterschaft und einem Theile des schweren Fußvolkes den Küstenweg einschlug; in der That ein kühnes Unternehmen, da gerade jetzt in der Winter- zeit der Weg von der Brandung bedeckt war; den ganzen Tag brauchte man, um das Wasser zu durchwaten, das oft bis an den Nabel hinaufreichte, aber das Beispiel und die Nähe des Königs, der das Wort „unmöglich“ nicht kannte, ließ die Truppen wetteifern, alle Mühe mit Ausdauer und mit Freudigkeit zu überstehen; und als sie endlich am Ziele angelangt, auf ihren Weg, auf die schäu- mende Brandung des weiten Meeres zurücksahen, da war es ihnen wie ein Wunder, das die Götter durch Alexander vollbracht, und sie erkannten staunend, was sie selbst vermochten unter ihres Hel- denkönigs Führung. Die Kunde von diesem Zuge verbreitete sich, mit mährchenhaften Zusätzen geschmückt, unter den Hellenen: der König sei trotz des heftigen Südwindes, der das Wasser bis an die Berge hinaufgepeitscht, an das Gestade hinabgezogen, und plötzlich habe der Wind sich gedreht, und von Norden her die Wasser zu- rückgejagt Arrian. ; Andere wollten gar wissen, daß er sein Heer trock- nen Fußes durch das Meer geführt habe Appian. de bell. civil. II. 119. Joseph. ant. II. extrem. ; der König selbst schrieb an seine Mutter nichts als die einfachen Worte: er habe sich durch die Pamphylische Leiter, so nannte man die Bergabhänge dort, einen Weg gebahnt, und sei von Phaselis aus hindurch- gezogen Plut. Alex. 17. Strab. . So rückte Alexander in den Küstensaum der Landschaft Pisi- dien, der in der Regel Pamphylien genannt wird, mit seinem Heere ein; diese Küstenlandschaft erstreckt sich, vom Taurusgebirge im Norden begränzt, bis jenseits der Stadt Side, wo das Gebirge sich dicht an die Küste drängt, um sich nordöstlich über Cilicien, der ersten Landschaft jenseit des Taurus, hinzuziehen, dergestalt, daß Alexander mit der Besetzung Pamphyliens die Unterwerfung der Seeküste diesseit des Taurus beendet nennen konnte. Perge, der Schlüssel zum Uebergang über die Gebirge und zu den inneren Landschaften, ergab sich, die Stadt Aspendus schickte bevollmäch- tigte Gesandte an den König, um sich bereit zur Uebergabe zu er- klären, zugleich aber zu bitten, keine Macedonische Besatzung ein- nehmen zu dürfen, eine Bitte, die Alexander unter der Bedingung gewährte, daß Aspendus außer der Unterhaltung einer bestimmten Anzahl Pferde, wodurch sie dem Perserkönige ihren Tribut abge- tragen, noch funfzig Talente zur Löhnung seiner Soldaten zahlen sollte. Er selbst brach nach Side auf, der Grenzstadt Pamphyliens, zugleich der letzten Hellenischen Kolonie auf der Küste Kleinasiens; denn die Siditen nannten ihre Stadt von Kymäern aus Aeolis gegründet; aber die Sprache ihrer Heimath hatten sie seit ihrer Ankunft vergessen, ein trauriges Mittelding zwischen Griechischer Bildung und Barbarischer Entartung. Alexander ließ in ihrer Stadt eine Besatzung zurück, die, so wie die gesammte Küste der Pamphylischen Bucht unter Nearchus Oberbefehl Arrian. III. 6. gestellt wurde. Darauf trat Alexander den Rückweg nach Perge an; umsonst ver- suchte er die mit einer Besatzung von Landeseingeborenen und frem- den Söldlingen versehene Bergfestung Syllion Die Lage dieser Festung ergiebt sich nach Arrian zwischen Side und As- pendus; Mannerts Ergänzung bei Strabo XIV. 983. (281 ed. T.) ist höchst zweifelhaft. zu überrumpeln; er überließ sie einzunehmen seinem Statthalter, um selbst nicht Zeit zu verlieren, da ihm bereits die Nachricht zugekommen war, daß die Aspendier weder die versprochenen Pferde ausliefern, noch die funfzig Talente, zu denen sie sich verpflichtet, zahlen wollten, son- dern sich zum ernsthaften Widerstande gerüstet hatten. Alexander rückte gegen Aspendus, besetzte die von ihren Einwohnern verlassene Unterstadt, und, weit entfernt sich durch die Festigkeit der Burg, in die sich die Aspendier geflüchtet hatten, und durch den Mangel an Sturmzeug zur Nachgiebigkeit bewegen zu lassen, antwortete er den Gesandten, welche die Aspendier, durch seine Nähe geschreckt, an ihn abgesandt hatten, um sich auf die Grundlage des früheren Vertrages zu ergeben, daß die Stadt außer den früher ver- langten Pferden und funfzig Talenten, noch funfzig Talente zahlen und die angesehensten Bürger als Geißeln ausliefern, wegen des Gebietes, das sie ihren Nachbarn gewaltsam entrissen zu haben be- schuldigt wurde Nach Polyb. V. 73. möchte man die Siditen für die beein- trächtigten Nachbarn halten. , sich einer gerichtlichen Entscheidung unterwer- fen, dem Statthalter des Königs in dieser Gegend gehorchen, und jährlichen Tribut an Macedonien zahlen sollte. Die Aspendier wagten nicht, die Bedingungen des erzürnten Königs zu verwerfen. Jetzt brach Alexander nach Perge auf, um von dort aus durch die von freien Pistdiern bewohnten Berge nach Phrygien hinüber zu gehen. Es konnte um so weniger seine Absicht sein, sich mit der Unterwerfung dieses, in viele Stämme getheilten und zum Theil unter sich in Fehde begriffenen Bergvolkes aufzuhalten, da dasselbe eben so wenig seinem großen Plane hinderlich werden, als sich, wenn die benachbarten Landschaften von Macedonien besetzt waren, auf die Dauer dem Macedonischen Einfluß entziehen konnte; es genügte ihm für den Augenblick, sich den Durchzug durch ihre Berge zu erzwingen, indem er die Bergstraße, die fortan Phrygien und Pamphylien verbinden sollte, für künftige Zeiten zu sichern, seinen Befehlshabern in den benachbarten Provinzen überließ. Die Bergstraße führte von Perge aus zunächst in ein sehr gefährliches Defilee, welches, von der Pisidischen Bergstadt Telmis- sus beherrscht, durch eine kleine Truppenzahl selbst einem großen Heere leicht gesperrt werden konnte; denn von der Stadt aus läuft eine steile Bergwand bis an den Weg, der von einem eben so stei- len Berge auf der anderen Seite überragt wird. Beide Berge fand Alexander von den Barbaren, denn ganz Telmissus war aus- gezogen, so besetzt, daß er vorzog, sich vor dem Paß zu lagern, überzeugt, daß die Feinde, wenn sie die Macedonier sich ruhig la- gern sähen, die Gefahr für nicht so dringend halten, den Paß durch eine Feldwache sichern, und in die Stadt zurückkehren würden. So geschah es; die Menge zog sich zurück, nur einzelne Posten zeigten sich auf der Höhe; sofort rückte Alexander mit leichtem Fußvolk vor, die Posten wurden zum Weichen gebracht, die Höhen besetzt, das Heer zog ungehindert durch den Paß, und lagerte sich unter den Mauern von Telmissus. Dort empfing Alexander die Gesand- ten der Selgier, die Pisidischen Stammes, wie die Telmissier, aber mit denselben in fortwährender Fehde, mit dem Feind ihrer Feinde Vergleich und Freundschaft schlossen und fortan treu bewahrten. Die Stadt zu erobern würde längeren Aufenthalt nöthig gemacht haben; Alexander brach daher ohne vielen Verzug auf. Er rückte gegen die Stadt Sagalassus Leake glaubt in der Position von Aglason die Lage dieser Stadt wiederzufinden; Asia minor p. 150. , die, von den streitbarsten aller Pisidier bewohnt, am nördlichen Abhange der Pi- sidischen Alpenlandschaft liegt, und den Eingang in die Hochebene Phrygiens öffnet; die Berge auf der Südseite, an denen die Stadt bergauf gebaut war, hatten die Sagalasser, mit Telmissiern verei- nigt, besetzt, und sperrten nun den Macedoniern ihren Weg. So- fort ordnete Alexander seine Angriffslinie: auf dem rechten Flügel, wo er selbst commandirte, rückten die Schützen und Agrianer, auf dem linken, den der Lynkestier Amyntas führte, Sitalkes Thracier vorauf; schon war man bis an die steilste Stelle des Berges vor- gerückt, als sich plötzlich die Barbaren rottenweis auf die beiden Flügel des heranrückenden Heeres stürzten, mit doppeltem Erfolg, da sie bergab gegen die Bergansteigenden rannten. Die Bogen- schützen des rechten Flügels traf der heftigste Angriff, ihr Anführer fiel, sie mußten weichen; die Agrianer hielten Stand, schon war das schwere Fußvolk nahe heran, Alexander an der Spitze; die hef- tigen Angriffe der Barbaren zerschellten an der geschlossenen Masse der Geharnischten, im Handgemenge erlag der leichtbewehrte Bar- bar unter der schweren Waffe der Macedonier; überall stürzten sie verwundet, fünfhundert lagen erschlagen, die anderen flüchteten, der Gegend kundig entkamen sie; Alexander rückte auf dem Hauptwege nach, und nahm die Stadt beim ersten Sturm Diodor erwähnt einer Unternehmung gegen die Marmarer, die vielleicht hierher gehört. . Nach der Eroberung von Sagalassus wurden von den übrigen Pisidischen Burgen die einen mit Gewalt, die anderen mit Kapi- tulation genommen. Es ist nicht mit Bestimmtheit zu sagen, in wie weit auf diese Weise die Pisidier unterworfen worden sind, und welches Verhältniß zum Reiche ihnen gegeben wurde; indeß scheinen spätere Begebenheiten dafür zu sprechen Wir beziehen uns auf Alketas Aufenthalt in Termessus bis zum Jahr 319. , daß sie ihre alte Unabhängigkeit behaupteten, daß Alexander sie mehr seine Ueber- macht habe fühlen lassen, als sie derselben unterwerfen wollen, daß sie überhaupt, zu roh, um das Wort Unterthan zu begreifen, zu arm, um in Frieden zu leben, zu naturkräftig, um ein ehrlich We- gelagern anstößig zu finden, mehr eine Naturgrenze zwischen dem Inneren und den Seeküsten, als ein Glied in der großen Kette der Eroberungen geworden sind, durch welche Alexander Asien an Eu- ropa zu fesseln gehofft hat. Im Besitz von Sagalassus hätte der König, wenn ihm um einen möglichst schnellen Einbruch in das obere Asien zu thun war, sich sogleich auf der Straße von Ikonium nach Kappadocien und Cilicien wenden können; aber sein großer Plan forderte Occupation jedes einzelnen, durch natürliche Grenzen selbstständig abgesonderten Gebietes; Phrygien, das seine Ströme dem Westen und Norden zusendet, durfte nicht übergangen werden, die Länder jenseit des Taurus, namentlich Kappadocien, das sich zum Euphrat hinabsenkt, gehörten dem neuen Feldzug an. So zog sich Alexander scheinbar rückwärts an dem Abhange der Phrygischen Hochebene und am Askanischen See vorüber, nach den Quellen des Mäander hin, um dann dann bei den Pässen von Kelänä zu dem nach Norden sich senken- den Theil Phrygiens überzugehen. Wie Sagalassus gegen Süden, so ist Kelänä gegen Westen der Schlüssel von Phrygien; überdies durch seine natürliche Lage, und namentlich durch seine außerordent- lich feste Burg ausgezeichnet, war es vor allen andern Städten ge- schickt, der Mittelpunkt der Groß-Phrygischen Satrapie zu sein. Alexander fand diese Burg des geflüchteten Satrapen in den Hän- den einer aus Karischen und Griechischen Söldnern bestehenden Be- satzung, mit der er, da er dieselbe nicht ohne bedeutenden Zeitver- lust hätte nehmen können, das Abkommen traf, daß, wenn in sechs- zig Tagen kein Entsatz Persischer Seits herankomme Curt. III. 1. , die Burg an die Macedonier übergehen sollte. Er konnte um so eher diesen Vergleich eingehen, indem nicht nur sein bisheriger Zug, sondern noch mehr der Plan seiner nächsten Operationen das Anrücken einer feindlichen Armee durchaus unmöglich machte. Er ließ demnach ein Corps von etwa funfzehnhundert Mann in Kelänä zurück, über- trug dem bisherigen Anführer der Bundesgenossen, Antigonus, die Satrapie Phrygiens, und rückte, nachdem er seinem Heere zehn Tage Ruhe gegönnt hatte, nach der als Sammelplatz für den näch- sten Feldzug bestimmten Stadt Gordium am Sangarius, von der aus die große Straße stromauf nach dem Inneren Kleinasiens und nach Kappadocien führt Die Gesandtschaft der Athener, die um die Entlassung der Athener, welche sich unter der Zahl der zweitau- send am Granikus gefangenen Söldner befanden und nach Macedo- nien abgeführt waren, bitten sollte, wurde dahin beschieden: wenn der nächste Feldzug glücklich geendet sei, wieder einmal anzufragen. Curtius läßt diese Gesandtschaft in Kelänä, Arrian, scheinbar wenig- stens, in Gordium eintreffen. . 10 Viertes Kapitel. Der Syrische Feldzug . P ersischer Seits war die Nachricht von der Schlacht am Grani- kus mit mehr Unwillen als Besorgniß aufgenommen worden; die nächsten Erfolge der Macedonischen Waffen übertrafen Alles, was man je möglich geglaubt hatte; man übersah, daß Alexander, so kühn im Felde, und so besonnen in seinen Plänen, als Befreier der Völker, als Rächer ihrer Volksthümlichkeit, als Vorkämpfer einer neuen Zeit doppelt gewaltig war, und daß er die Völker durch den Zauber seiner Größe und durch ihre eigenen Hoffnungen an sich kettete. Man glaubte, Alexanders Siege seien das zufällige Glück eines Tollkühnen, seien durch die Fehler, die sie nur erleichtert, ver- schuldet worden; meide man diese, so werde allen weiteren Gefah- ren vorgebeugt, und des Macedoniers Glück am Rande sein. Vor allem schien Mangel an Einheit und planmäßiger Führung des Heeres das Unglück am Granikus herbeigeführt zu haben; Mem- nons Rath, man bekannte es jetzt, hätte befolgt werden, er selbst das Heer von Anfang her führen sollen. So wurde ihm jetzt we- nigstens der alleinige unumschränkte Befehl über die Persische Land- und Seemacht in den Seeprovinzen übertragen. In der That schien in diesem General dem Macedonischen Könige ein gefährlicher Gegner gefunden zu sein; schon die hart- näckige Vertheidigung von Halikarnaß zeigte sein Talent und seinen Charakter; dann bis auf wenige Punkte von der Küste verdrängt, faßte er, begünstigt durch die Auflösung der Macedonischen Flotte, den großen Plan, Alexander von Europa abzuschneiden, den Krieg nach Griechenland hinüberzuspielen, und von dort aus in Verbin- dung mit Macedoniens zahlreichen Feinden in Hellas, namentlich den Spartanern, die Kraft Alexanders in ihrer Wurzel zu zerstö- ren. Von der Rhede von Samos wandte sich die Perserflotte nach der Insel Chios, die durch den offenbaren Verrath der frühe- ren Oligarchen genommen und in deren Hände zurückgegeben wurde Demosth. de Rhod. lib. p. 176. Arrian. III. 2. . Dann segelte Memnon gegen Lesbos; die meisten Städte, in den Händen von Tyrannen, die sich gern zur Persischen Parthei zurückwandten, wurden, trotz des mit Alexander beschwore- nen Bundes, den Persern übergeben. Mitylene, das sich, in Ver- trauen auf die in der Stadt befindliche Macedonische Besatzung, zu halten hoffte, ward von der Landseite durch einen doppelten, mit fünf Schanzen versehenen Wall eingeschlossen, durch ein Geschwa- der, das den Hafen sperrte, und ein anderes, welches das Fahrwas- ser nach Griechenland beobachtete, aller Aussicht auf Hülfe beraubt, und auf das Aeußerste gebracht. Da erkrankte Memnon, und nachdem er dem Pharnabazus, seinem Neffen, dem Sohne des Ar- tabazus, bis zur weiteren Entscheidung des Großkönigs seine Ge- walt übertragen, und seine Pläne anvertraut hatte, sank er, wenn nicht für seinen Ruhm, doch für Darius Hoffnungen zu früh, ins Grab. Auf die traurige Botschaft seines Todes berief Darius sofort einen Kriegsrath, unschlüssig, ob er dem Könige Alexander, der rast- los vorrückte, die nächsten Satrapen entgegenschicken, oder in Per- son und an der Spitze des Reichsheeres begegnen sollte. Die Per- ser verlangten ein Reichsaufgebot; unter den Augen des Königs werde das Heer zu siegen wissen, eine Schlacht genüge, Alexander zu vernichten. Aber der Athenische Feldherr Charidemus, der, durch seine Kriegszüge berühmt und vor Alexander flüchtig, dem Perser- könig doppelt erwünscht gekommen war, rieth, nicht ohne Billigung des Königs, vorsichtig zu sein, nicht Alles auf einen Wurf zu setzen, nicht am Eingange Asiens Asien selbst Preis zu geben, das Reichs- aufgebot und die Gegenwart des durch seine Tapferkeit hochbe- rühmten Großkönigs auf die letzte Gefahr aufzusparen, zu der es nie kommen werde, wenn man dem tollkühnen Macedonier mit Geschick und Vorsicht zu begegnen wisse; an der Spitze von hun- 10 * derttausend Mann, von denen ein Drittel Griechen, verbürge er sich dafür, den Feind zu vernichten. Auf das heftigste widerspra- chen die stolzen Perser: jene Pläne seien des Persischen Namens unwürdig; sie seien ein ungerechter Vorwurf gegen die Tapferkeit der Perser; sie anzunehmen, werde ein Zeichen des traurigsten Arg- wohns, das Bekenntniß einer Ohnmacht sein, an deren Statt des Großkönigs Gegenwart nichts als Begeisterung und Hingebung finden werde; sie beschworen den schwankenden König, nicht auch das Letzte einem Fremdling anzuvertrauen, der nichts wollte; als an der Spitze des Heeres stehen, um das Reich des Cyrus zu ver- rathen. Im heftigsten Zorne sprang Charidemus auf, er beschul- digte sie der Verblendung, der Feigheit und Selbstsucht; sie kenne- ten ihre Ohnmacht und die furchtbare Macht der Griechen nicht, sie würden das Reich des Cyrus in das Verderben stürzen, wenn nicht des Großkönigs Weisheit ihm jetzt folge. Der Perserkönig, ohne Vertrauen zu sich selbst, und doppelt gegen Andere mistrauisch, überdies in dem Gefühl Persischer Hoheit verletzt, berührte des Fremdlings Gürtel, und die Trabanten schleppten den Hellenischen Feldherrn hinaus, ihn zu erwürgen; sein letztes Wort an den Kö- nig war: „meinen Werth wird Deine Reue bezeugen, mein Rä- cher ist nicht fern“ Diod. XVII. 30. Curt. III. 2. . Der Kriegsrath des Königs aber beschloß, den Macedoniern bei ihrem Eintritt in das obere Asien ein Reichs- aufgebot entgegenzustellen, das der König selbst zu führen über- nahm; schon waren die Befehle durch alle Lande erlassen, daß sich die Völker im Frühling in der Ebene von Babylon zusammenfin- den sollten; es wurde bestimmt, daß von der Flotte so viel als möglich Griechische Söldner herangezogen würden, und daß Phar- nabazus sie möglichst bald zu Tripolis an der Phönicischen Küste ausschiffen sollte. Thymondas, Mentors Sohn, erhielt den Auf- trag, gen Tripolis zu gehen, dem Pharnabazus dagegen die ganze Gewalt Memnons zu übertragen, und die Völker dem Reichsheere zuzuführen Arrian. II. 1. . Pharnabazus hatte indeß die Belagerung von Mitylene fort- gesetzt und glücklich beendet; die Stadt hatte sich unter der Bedin- gung ergeben, daß gegen die Zurückführung der Verbannten und die Vernichtung der dem Macedonischen Könige errichteten Bild- säulen die Macedonische Besatzung frei abziehen, und die Stadt nach den Bestimmungen des Antalcidischen Friedens wieder Bun- desgenossin von Persien sein sollte. Aber sobald Pharnabazus im Besitz der Stadt war, achtete er des Vertrages nicht weiter, son- dern ließ sie durch Erpressungen aller Art, durch eine Persische Be- satzung, durch die Einsetzung eines Tyrannen aus der Zahl der früher verbannten Oligarchen die ganze Schwere des Persischen Joches fühlen. Dann eilte er, die Griechischen Söldner, unter de- nen sich der landesflüchtige Amyntas mit den Anträgen des Lyn- kestiers Alexander befand, nach Syrien zu bringen, und empfing dafür den Oberbefehl Memnons, dessen Pläne freilich durch dies Zurückrufen der Griechischen Söldner so gut wie zerstört waren; ihre Kraft, die angreifend im Aegäischen Meere das Macedonische Reich zu erschüttern vermocht hätte, sollte jetzt an falschen Punkten vergeudet werden, und den Operationen der Flotte fehlte fortan jene Energie, die das Bewußtsein der höchsten Entscheidung zu er- wecken und des Sieges gewiß zu machen pflegt. Pharnabazus suchte dennoch, zu seiner Station nach Lesbos zurückgekehrt, die Pläne seines kühnen Oheims zu verwirklichen. Ein Geschwader von zehn Schiffen wurde unter Datames nach den Cycladischen Inseln und in die Nähe des Peloponneses abge- sendet, während hundert andere Schiffe nach Tenedos hinüber segel- ten, und die Insel, obschon sie ganz der Sache Alexanders ergeben war, nöthigten, in den Gehorsam der Perser zurückzukehren. Au- genscheinlich war es auf die Besetzung des Hellespontes abgesehen; deshalb beeilte sich Alexander, wenigstens die Communikation mit Macedonien durch eine Flotte zu sichern, zu deren Bildung Hege- lochus an die Propontis gesandt wurde, mit der Weisung, sämmt- liche aus dem Pontus herabkommende Schiffe anzuhalten, und zum Kriegsdienst einzurichten; zu gleicher Zeit wurden auf Antipa- ters Befehl einige Schiffe aus Euböa und dem Peloponnes zusam- mengezogen, um das Geschwader des Datames, das schon bei der Insel Siphnos vor Anker lag, zu beobachten, eine Maaßregel, die um so wichtiger war, da die Athener bereits auf die Nachricht, daß ihre aus dem Pontus zurückkehrenden Getreideschiffe angehalten und zum Kampf gegen die Perserflotte verwendet würden, von Demo- sthenes aufgeregt, eine Flotte von hundert Segeln unter Menestheus in See zu schicken dekretirt hatten Demosth. de foed. Alex. p. 195. Plut. X Orat. Dem. , die beste Gelegenheit zu ei- ner näheren Vereinigung mit der Perserflotte. Darum war es von großer Wichtigkeit, daß der Macedonier Proteas mit einem Geschwader von funfzehn Segeln die Phönicischen Schiffe nicht nur in ihrer Stellung festhielt, sondern durch einen geschickten Ueberfall so überraschte, daß acht derselben sammt ihrer Mann- schaft in die Hände der Macedonier fielen, die beiden anderen Trieren die Flucht ergriffen, und, von Datames geführt, zu der übrigen Flotte entkamen, die in der Gegend von Chios und Milet kreuzte und die Küsten plünderte Arrian. II. 1—2. Curt. III. 4. 1. . Auf diese Weise war die erste, und wohl die größte Gefahr, die Memnons Plan hätte bringen können, glücklich beseitigt; der rasche Angriff des Proteas hatte einem Abfall der Griechen vorge- beugt, Hegelochus Eifer den Hellespont gerettet. Aber zeigten nicht diese Erfolge selbst, daß Alexander Unrecht gethan hatte, seine Flotte aufzulösen, da er nach kaum sechs Monaten von Neuem eine Flotte zu bilden genöthigt war? Alexander kannte seinen Feind, so wie ihn der Erfolg gezeigt hat; wenn aber die Griechen auch zum Abfall geneigt, und ihre Schiffe mit den Persischen zu verei- nigen bereit waren, so konnte Antipater sie auf dem festen Lande im Zaume halten; endlich war es keinesweges so schwierig, in Eile eine neue Flotte aufzustellen; die Schiffe Macedoniens brauchten nur bemannt zu werden, um gegen den Feind die See zu halten, und die Küsten zu decken; Alexander konnte, um den Seekrieg un- bekümmert, seinen großen Plan weiter verfolgen, und das um so mehr, da jeder Schritt vorwärts die Existenz der feindlichen Flotte selbst gefährdete, indem er derselben die Küsten der Heimath nahm. Dies ins Werk zu setzen, war Zweck des nächsten Feldzuges. Mit dem Frühling 333 versammelten sich in Gordium die verschiedenen Abtheilungen des Macedonischen Heeres; von Süden her aus Kelänä rückten die Truppen ein, welche mit Alexander den Winterfeldzug gemacht hatten; von Sardes her führte Parmenion die Reuterei und den Train der großen Armee herbei; aus Mace- donien kamen die Neuverheiratheten von ihrem Urlaub zurück, mit ihnen eine bedeutende Zahl Neuangeworbener, namentlich dreitau- send Macedonier zu Fuß und dreihundert zu Pferde, zweihundert Thessalier zu Pferde und hundertundfunfzig Eleer, so daß Alexan- der trotz der zurückgelassenen Besatzungen nicht viel weniger Mann- schaften In Karien waren dreitausend Söldner und zweihundert Pferde, vor Kelänä funfzehnhundert Mann, andere Besatzungen in Side, in Lydien und Kleinphrygien wenigstens im Belauf von drei- tausend Mann zurückgeblieben; diese achttausend Mann möchten doch wohl kaum von den Söldnern ergänzt sein, die hin und wieder aus Persischem in Macedonischen Dienst übertraten, und es ist keine sichere Spur dafür vorhanden, daß sich etwa Contingente Asiatischer Grie- chen mit dem Macedonischen Heere vereinigt hätten. Kallisthenes Angaben bei Polyb. XII. 19 bedürfen kaum einer Widerlegung: fünf- tausend Mann Fußvolk und achthundert Reuter seien neu hinzuge- kommen; diese zu den vierzigtausend und viertausendfünfhundert des Granikus hinzugerechnet, gäbe für die Schlacht am Issus fünfundvier- zigtausend und fünftausenddreihundert Mann. Wo blieben dann die Besatzungen? auch Polybius rechnet auf diese zu wenig, nämlich nur dreitausend Mann. als am Granikus beisammen hatte. Wie der Geist dieser Truppen war, läßt sich aus dem, was Alexander bereits voll- bracht, und noch mehr aus dem, was er ihnen als den Preis ihrer Kämpfe zeigte, abnehmen; unüberwindlich in dem Stolz der errun- genen Siege und dem Enthusiasmus der kühnsten Hoffnungen, sa- hen sie Asien schon als ihre Beute an; sie selbst, ihr König und die Götter waren ihnen Gewähr für neue Siege. Die Stadt Gordium, berühmt als der uralte Sitz Phrygi- scher Könige, hatte auf ihrer Burg die Palläste des Gordius und Midas, und den Wagen, an dem Midas einst erkannt worden war als der von den Göttern zur Herrschaft Phrygiens erkorene; das Joch an diesem Wagen war durch einen aus Baumbast geschürzten Knoten so künstlich befestigt, daß man weder dessen Anfang noch Ende bemerken konnte; es war aber ein Orakel, daß, wer den Knoten lösete, Asiens Herrschaft erhalten würde. Alexander ließ sich die Burg, den Pallast, den Wagen zeigen, er hörte dies Orakel, er beschloß es zu erfüllen und den Knoten zu lösen; umsonst suchte er ein Ende des Bastes, und verlegen sahen die Umstehenden sein ver- gebliches Bemühen; so wäre Asiens Herrschaft nicht sein? er zog sein Schwert und durchhieb den Knoten; das Orakel war, gleich- viel wie, erfüllt. Und in der That, der kühne Schwertstreich war seiner würdiger und für die Zukunft bedeutsamer, als die müh- samste Geduld; ja mit dieser hätte er aufgehört Alexander und der Ueberwinder Asiens zu sein, nur sein Schwert vermochte das Un- entwirrbare zu entwirren, vermochte den todten Völkerknäuel und das Joch Asiens zu lösen nach dem Spruche der Götter; die Götter selbst verkündeten in der Nacht mit Donner und Blitz, daß Alexander ihren Willen erkannt und erfüllt habe, und Alexander opferte den Götttern , daß sie die Lösung des Joches seinem Geiste offenbart und ihm das Zeichen in der Nacht gegeben hätten Eine andere Darstellung hat Aristobul von dieser Begebenheit gegeben: Der König habe den Spannnagel, der durch den Deichsel gesteckt den Knoten zusammenhielt, herausgezogen. Selbst angenom- men, daß die Sache so richtig sei, so wird zuverlässig das ganze Heer das Zerhauen mit dem Schwerte lieber geglaubt und nacherzählt ha- ben, als die in der That unbedeutende Operation mit dem Spannna- gel; wie beim Ei des Kolumbus, ist nicht das Resultat, sondern die Neuheit der Lösung ein Zeugniß des Genies. . Das Heer brach Tages darauf von Gordium auf und mar- schirte am Südabhange der Paphlagonischen Grenzgebirge nach An- cyra; dorthin kam eine Gesandtschaft der Paphlagonier, dem Könige die Unterwerfung ihres Landes unter der Bedingung anzubieten, daß keine Macedonischen Truppen nach Paphlagonien kämen. Ale- xander willigte gern ein; Paphlagonien blieb unter einheimischen Dynasten; es trat unter die Hoheit der Statthalterschaft von Phry- gien am Hellespont Nach Curtius III. 1. 2. 3. soll Alexander selbst in Paphlagonien eingerückt sein; das ausdrückliche Zeugniß des Arrian beweiset das Gegentheil. Sonst würde auch nicht Dionysius, der Tyrann von Heraklea, ein getreuer Anhänger des Perserthums, seine Herrschaft aufrecht erhalten haben, sondern es wäre schon jetzt dort die Demokratie eingerichtet worden, welche einige Zeit später die Exulirten von Heraklea durch Alexan- ders Einfluß wieder herzustellen wünschten. Memnon apd. Phot. p. 223. b. 40. . Weiter ging der Zug über den Halys nach Kappadocien, das gleichfalls ohne Widerstand durchzogen, und, obschon der nördliche Theil dieser wichtigen Provinz nicht occupirt werden konnte, doch als Macedonische Satrapie an Sabiktas übertragen wurde Sowohl die Natur der Sache, als das ausdrückliche Zeugniß Arrians bestätigen die Unterwerfung Kappadociens. Wenn Hierony- mus bei Appian. bell. Mith. 8. behauptet, Alexander habe Kappado- cien nicht berührt, sondern sei längs der Küste von Pamphylien und Cilicien gegen Darius gezogen, so irrt er offenbar. Da aber Aria- rathes späterhin wirklich noch als Fürst von Kappadocien erscheint, so ergiebt sich, daß der Theil des Landes, der am Pontus liegt, in seiner Gewalt blieb. Man kann mit Gewißheit behaupten, daß Alexander die wichtige Position von Mazaca (Cäsarea), am Fuß des Ardisch Berges und in der Ebene des Flusses Melas, welche den Weg gen Armenien beherrscht, nicht unbeachtet ließ. Von hier zog er zwischen dem Ardisch und der Bergfeste Nora, die unter den Diadochen so wichtig werden sollte, auf Tyana, cf. Kinneir p. 105. 110. Es ist bemer- kenswerth, daß sich Alexander lange in Kleinasien aufhielt, und erst im September nach Cilicien hineinzog; gewiß wurde die Zeit benutzt, um in diesen wichtigen Ländern die neue Herrschaft möglichst durch- greifend zu organisiren. ; mit den Griechischen Coloniestädten am Pontus waren längst Verbin- dungen angeknüpft, und wenigstens einige von ihnen nahmen die Demokratie, die Alexander hergestellt wünschte, wieder an, so na- mentlich Amisus; in anderen blieb die Persische Parthei und die Macht der Tyrannen überwiegend, so in Sinope und Heraklea, das am Granikus für die Perser gekämpft hatte; doch schien es nicht nothwendig, die wichtigeren Unternehmungen länger hinauszu- schieben, um die abgelegene Küste des Pontus zu besetzen; Alexan- der eilte den Küsten des Mittelmeeres zu. Der Weg, den er nahm, führte in südöstlicher Richtung am Nordabhange des Taurus zu den Cilicischen Pässen oberhalb Tyana, denselben, welche vor etwa siebzig Jahren der jüngere Cyrus mit seinen zehntausend Griechen überschritten hatte Der Weg, den Alexander nahm, ist genau nach Kinneir a. a. O. wieder zu erkennen. Dieser fand zwei Meilen südwärts von dem Aquadukt, der die Lage von Tyana zu bezeichnen scheint, beim nördlichsten Eingange in die Defileen des Ge- birges die Spuren eines Römischen Lagers, ungefähr eben da, wo Cy- . Alexander fand die Höhen mit starken Posten besetzt; deshalb ließ er das übrige Heer lagern, und brach selbst mit den Hypas- pisten, den Schützen und Agrianern um die erste Nachtwache auf, um die Feinde beim Dunkel der Nacht zu überfallen; kaum hörten die Wachen ihn anrücken, so verließen sie in eiligster Flucht den Paß, welchen sie mit leichter Mühe hätten sperren können, wenn sie sich nicht auf verlorenem Posten geglaubt hätten; denn Arsames, der Cilicische Satrap, schien sie nur vorgeschoben zu haben, um Zeit zu gewinnen, das Land zu plündern und zu verwüsten, und sich dann sicher, eine Einöde in seinem Rücken, auf Darius, der bereits vom Euphrat her anrückte, zurückziehen zu können. Desto eiliger zog Alexander durch die Pässe, und mit seiner Reuterei und den leichtesten der Leichtbewaffneten auf Tarsus los, so daß Arsa- mes, der die Feinde weder so nah, noch so rasch geglaubt hatte, in eiliger Flucht, ohne die Stadt oder das Land geplündert zu haben, sein Leben für einen baldigen Tod rettete. Von Nachtwachen, Eilmärschen und der Mittagssonne eines heißen Sommertages ermattet, kam Alexander mit seinen Geschwa- dern zum Cydnus, einem klaren und falten Bergstrome, der durch die Stadt Tarsus hinströmt. Schnell und nach dem Bade verlan- gend, warf er Helm, Harnisch und Kleid ab, und eilte in den Strom; da überfiel ihn ein Fieberschauer, er sank unter; halbtodt, rus gelagert hatte. Von hier steigt der Weg bergauf, bald gelangt man an den Sihoun (Sarus), an dem der Weg nach Cilicien hin- führt; ungefähr sieben Meilen seitwärts von Tyana theilt sich der Weg, südöstlich gen Adana, südlich gen Tarsus; auf dem letzteren zog Alexander und Cyrus; drittehalb Meilen von der bezeichneten Stelle südwärts beginnt der eigentliche Engpaß, wird immer enger und gefährlicher, bis er zwei Meilen weiter durch ein Castell auf dem ho- hen Felsen zur Seite gesperrt wird; cf. Kinneir p. 118 und 120., der die Schwierigkeiten dieses Terrains genau beschreibt. Etwa vier Meilen südwärts erreicht man in der Richtung S. S. O. die Ebene von Tarsus, der Weg wendet sich ein wenig südwestwärts, bis er an das Ufer des Cydnus gelangt ist. In vielen neueren Karten erhält der Sihoun (Sarus) einen sehr weit ostwärts entfernten Ursprung; er ist kleiner als der Gihoun (Pyramus), und entspringt in der Richtung von Tyana; cf. Ebn Edrisi p. 196. (ed. Paris. 1619). bewußtlos, zog man ihn aus dem Strom und trug ihn in sein Zelt; Krämpfe und brennende Hitze schienen die letzten Zeichen des Lebens, das zu erretten alle Aerzte verzweifelten; die Rückkehr des Bewußtseins wurde zur neuen Qual, schlaflose Nächte und der Gram um den zu nahen Tod zehrten die letzte Kraft hinweg; die Freunde trauerten, das Heer verzweifelte, der Feind war nah, Nie- mand wußte Rettung. Endlich erbot sich der Akarnanische Arzt Philippus, der den König von Kindheit an kannte, einen Trank zu bereiten, der helfen würde; Alexander bat um nichts als eilige Hülfe; Philippus versprach sie. Zu derselben Zeit erhielt Alexan- der von dem alten, treuen Parmenion einen Brief des Inhaltes: er möge sich hüten, Philippus, der Arzt, habe von Darius tausend Talente und das Versprechen, mit einer Tochter des Großkönigs ver- mählt zu werden, erhalten, um Alexander zu vergiften. Alexander gab den Brief seinem Arzte, und leerte, während jener las, den Kelch, den ihm Philippus gemischt hatte. Ruhig las der Arzt, er wußte sich aller Schuld rein, dann beschwor er den König, ihm zu trauen und zu folgen, bald werde dann sein Leiden vorüber sein; er sprach mit ihm von der Heimath, von seiner Mutter und seinen Schwestern, den nahen Siegen und den wunderreichen Ländern des Ostens; seine treue Sorgfalt ward durch des Königs baldige Genesung belohnt, und Alexander kehrte zurück in die Reihen seiner Macedonier Arrian und Andere; Seneca de ira II. 23. sagt, daß Olym- pias den Brief der Warnung geschrieben. Aristobul in seiner nüch- ternen Weise spricht von dem Bade im Cydnus nicht, sondern sagt, der König sei an zu großer Anstrengung erkrankt. . Sofort wurden die Kriegsoperationen mit doppeltem Eifer fortgesetzt. Der Besitz Ciliciens war dem Könige wegen der Pässe nach Kleinasien und nach dem oberen Asien von der größten Wichtigkeit; deshalb schien es nothwendig, sich dieser Landschaft ganz zu versichern Man hat ge- glaubt, Alexander sei darum so lange in Cilicien hin und her gezo- gen, damit Darius in die Cilicischen Pässe hereingelockt würde; das ist unrichtig, da Alexander bei der ersten sicheren Nachricht von seiner Rähe ihm sofort entgegenrückte; es wäre keine besondere Taktik, so lange nichts zu thun, bis der Feind vielleicht einen Fehler macht. . Während Parmenion mit den Söldnern und Bundestruppen, mit den Thessaliern und den Thraciern des Sitalces ostwärts vorrückte, und die Pässe nach Oberasien besetzte, ging der König westwärts, um sich des Weges von Iconium und des sogenannten rauhen Ciliciens zu versichern, dessen Bewohner, freie räuberische Bergvölker, wie ihre Pisidischen Nachbaren, leicht die Verbindung mit Kleinasien stören konnten. Er ging demnach von Tarsus nach der Stadt Anchiale, die, von Sardanapal Cf. O. Müller im Rheinischen Museum 1829. ge- gründet, das Standbild dieses Assyrischen Königs aufbewahrte, mit der merkwürdigen Inschrift: „Anchiale und Tarsus hat Sardana- pal an Einem Tage gegründet; du aber Fremdling, iß, trinke, liebe; was sonst der Mensch hat, ist nicht der Rede werth.“ — Dann kam der König nach der Stadt Soli, der Heimath der Solöcis- men, die, obschon Griechischen Ursprungs Sie war von Argivern gegründet, s. interpp. ad Curt. III. 7. 2. Ihre Be- ziehung auf Solon (Diog. Laert.) dankt sie der sehr oberflächlichen Namensähnlichkeit. , den Persern so an- hing, daß sich Alexander bewogen fühlte, nicht nur eine Besatzung in der Stadt zu lassen, sondern ihr eine Buße von zweihundert Talenten Silber aufzulegen. Von hier aus machte er mit drei Divisionen der Macedonier und mit den Schützen und Agrianern einen Streifzug in das rauhe Cilicien; in sieben Tagen hatte er theils durch Gewalt, theils in Güte die Unterwerfung dieser Ge- birgsbewohner vollendet und somit seine Verbindung mit den west- lichen Provinzen gesichert. Er kehrte nach Soli zurück, und, um den Hellenischen Ursprung der Stadt zu ehren und sie für die Helle- nische Sache zu gewinnen, veranstaltete er in derselben zur Feier seiner Wiedergenesung und des glücklichen Beginns des Feldzuges jenseits des Taurus mannichfache Festlichkeiten, deren Freude durch die Botschaft aus Karien, daß die Perser aus allen Plätzen der Küste, so wie aus Cos verjagt seien, erhöht wurde; durch das große Opfer, das dem Asklepios gebracht wurde, durch den Fest- aufzug des gesammten Heeres, durch den Fackellauf, durch die gymnischen und künstlerischen Wettkämpfe mag in den, der Grie- chischen Sitte fast schon entwöhnten Soliern die Erinnerung an die Heimath und an den eigenen Ursprung auf das Lebhafteste er- weckt worden sein; nun war die Zeit der Barbaren vorüber, Griechi- sches Leben gewann Raum in den Ländern vieljähriger Knechtschaft, Griechischer Ursprung, sonst in Mitten Asiatischer Barbarei verach- tet und vergessen, wurde der schönste Ruhm und die höchste Berech- tigung. Alexander gab den Soliern demokratische Verfassung; er benutzte die nächste Gelegenheit, ihnen die Brandschatzung zu erlas- sen und ihre Geißeln zurückzugeben Arrian. II. 12. 4. . Nach Tarsus zurückgekehrt, ließ der König seine Reuterei, un- ter Philotas Führung, über das Aleische Feld an den Pyramus- strom vorrücken, während er selbst mit dem anderen Heere an der Küste entlang über Magarsus nach Mallus zog, zweien Städten, deren alte, mit den Heroensagen der Hellenen verknüpfte Erinne- rungen dem Könige Gelegenheit gaben, sie durch das ehrenvolle Anerkenntniß ihres mit den Macedoniern gemeinsamen Ursprungs näher an sein Interesse zu knüpfen; auch hatte sich, namentlich in Mallus, das Volk schon vor dem Erscheinen Alexanders gegen seine bisherigen Unterdrücker erhoben und sich laut für die Macedonische Sache erklärt; den blutigen Kampf zwischen der Persischen und der Volksparthei entschied und stillte erst Alexanders Erscheinen; er gab der Stadt die Freiheit, erließ ihr die bisher an den Perserkönig entrichteten Tribute und hielt für den Argivischen Heros Amphi- lochus, den angeblichen Gründer der Stadt, mit dem er selbst als Nachkomme der Argivischen Herakliden sich verwandt nannte, ein feierliches Todtenopfer Arrian. II. 5. Strab. XIV. p. 233. . — Noch während des Aufenthaltes in Mallus erhielt Alexander die Nachricht, daß der König Darius mit einem ungeheuren Heere vom Euphrat herangerückt sei, und bereits einige Zeit in der Sy- rischen Stadt Onchä oder Sochi, kaum zwei Tagereisen von den Pässen entfernt stehe Rennel hat in der Gegend von Derbesak, ostwärts unter den Pässen von Beylan, dies Sochi (Onchas bei Curt. IV. 1. 3.) zu finden geglaubt, und offenbar wäre auf diesem so oft zu Schlach- ten gebrauchten Felde (Strabo XVI. p. 357.) , ohne Darius Marsch durch die Amanischen Pforten, auch der Kampf mit den Macedoniern ent- schieden worden; die zwei Tagereisen Entfernung von den Amanischen . Alexander versammelte sofort einen Kriegsrath und theilte die Nachricht mit; Alle waren der Meinung, man müsse eiligst aufbrechen, durch die Pässe vorrücken, und die Perser, wo man sie auch fände, angreifen; die Truppen seien voll Verlangen nach einer Schlacht, durch einen Sieg wollten sie ihrer Seits des Königs Genesung feiern. Der König entließ seine Ge- nerale mit gebührenden Lobsprüchen und mit dem Befehl, am näch- sten Morgen aufzubrechen; der Marsch ging von Mallus aus um den Issischen Meerbusen hin nach Issus. Von hier führen zwei Wege nach Syrien; der eine, beschwerlichere, geht ostwärts durch die Schluchten und über die Höhen der Amanischen Berge; Alexander wählte diesen nicht, indem theils seine Soldaten durch den Wechsel von Berg und Thal und durch die Unwegsamkeit der Gegend doppelt ermüdet an den Feind gekommen wären, besonders aber, weil er seine Bewegungen nicht früher von der Cilicischen Seeküste entfernen durfte, als bis sie ganz in seiner Gewalt und den feindlichen Schiffen gesperrt war; darum rückte er, mit Zurück- lassung der Kranken, die im Rücken der Armee am sichersten wa- ren, von Issus aus auf der gewöhnlichen und den Griechen durch Xenophons Beschreibung bekannten Straße südwärts an der Mee- resküste hin, und durch die sogenannten Strandpässe nach der Kü- stenstadt Myriandrus, unfern vom Eingang der Syrischen Haupt- pässe, um von hier aus mit dem nächsten Morgen in die Ebene von Syrien und nach Onchä aufzubrechen. Ueber Nacht aber be- gann heftiges Unwetter, es waren die ersten Novembertage; Sturm und Regen machten den Aufbruch unmöglich; das Heer blieb im Lager von Myriandrus, etwa drei Meilen südwärts der Strand- pässe, in wenig Tagen hofften sie den Feind auf der Ebene von Onchä zur entscheidenden Schlacht zu treffen. In der That, entscheidend mußte das nächste Zusammentreffen der beiderseitigen Heere werden. Darius hatte ein ungeheures Heer zusammengezogen, in dem sich allein an hunderttausend wohl- be waffnete und disciplinirte Asiaten und dreißigtausend Griechische Söldner befanden; Darius vertraute auf diese Macht, auf seine Pforten bringen Sochi oder Onchä etwa dahin, wo Niebuhr Anzas (Ezas auf neueren Karten) bezeichnet; es liegt acht Meilen von dem Paß, fünf von Aleppo, am Eingang des sogenannten Blutackers. gerechte Sache, auf seinen Kriegsruhm; er glaubte gern den stolzen Versicherungen seiner Großen und gewissen Träumen, die ihm gün- stig genug von den Chaldäern zu Babylon, wo sich eben damals das Reichsheer versammelte, gedeutet waren; er hatte das Macedoni- sche Lager in dem Scheine einer ungeheuren Fcucrsbrunst, den Macedonischen König in Persischer Fürstentracht durch Babylons Straßen reiten, dann Roß und Reuter verschwinden sehen. Und als sich dann in der Ebene von Babylon seine Völker versammelt hatten, als das bunte Gewimmel der reichgeschmückten Neuterschaa- ten, der schwergewaffneten Griechen und Kardaker, der Völker vom Indus und vom Nil, von Turan und Iran in endlosem Zuge an ihm vorüberzog Curtius Angabe, Darius habe durch ein Gehege die Zäh- lung seines Heeres, wie einst Xerxes, vorgenommen, ist ein etwas müßiger rhetorischer Schmuck. , da mochte er mit hohem Selbstgefühl ei- nem Feinde entgegen gehen, dessen Macht kaum dem zwanzigsten Theile seines Heeres gleich kam. Umgeben von der ganzen Pracht eines Asiatischen Sultans, begleitet von seinem Hofstaat und Ha- rem, von den Harems der Persischen Satrapen und Fürsten, von den Schaaren der Eunuchen und Stummen, zu den Hunderttau- senden unter den Waffen eine endlose Karavane geschmückter Wa- gen, goldener Baldachine, lärmenden Trosses, so war der König über den Euphrat in die Ebene von Ouchä gezogen; dort wurde gelagert, dort in der weiten Ebene, die der Persischen Reutermacht vor allen günstig und der Menge leichten Volkes nicht gefährlich war, wollte man den Feind erwarten, ihn zermalmen. Da kam der flüchtige Satrap aus Cilicien ins Lager; er brachte die erste beunruhigende Nachricht von Alexanders Nähe, von der Schnellig- keit seiner Bewegungen; man erwartete täglich die Staubwolke im Westen. Es verging ein Tag nach dem anderen, man wurde gleich- gültig gegen die Gefahr, die nicht näher kam, man vergaß, was schon verloren, man verspottete den Feind, der das enge Küstenland nicht zu verlassen wage, der wohl ahne, daß die Hufe der Persi- schen Rosse hinreichen würden, seine Macht zu zertreten; nur zu gern hörte Darius die übermüthigen Worte seiner Großen: der Macedonier werde, eingeschüchtert durch die Nähe der Perser, nicht aus Tarsus gehen, man müsse ihn angreifen, man werde ihn ver- nichten. Vergebens widersprach der Macedonier Amyntas: Alexan- der werde den Persern nur zu bald entgegenrücken, sein Säumen sei nichts als ein Vorzeichen doppelter Gefahr, um keinen Preis dürfe man sich in die engen Thäler Ciliciens hinabwagen; das Feld von Onchä begünstige vor allen die Persische Macht, hier könnte die Menge siegen oder besiegt sich retten. Aber Darius, mistrauisch gegen den Fremdling, der seinen König verrathen, durch die Schmeichelreden seiner Großen und durch die eigenen Wünsche berauscht, endlich durch die Unruhe der Schwäche und durch sein Verhängniß vorwärts getrieben, beschloß die Stellung von Onchä aufzugeben und den Feind, der ihn meide, aufzusuchen. Das un- nöthige Heergeräth, die Harems, der größte Theil des Schatzes, kurz Alles, was den Zug hindern konnte, wurde unter Kophenes, dem Bruder des Admirales Pharnabazus, nach Damaskus gesandt, wäh- rend der König, um nicht den Umweg über Myriandrus nehmen zu brauchen, durch die Amanischen Pässe nach Cilicien einrückte und in Issus ankam. Dies geschah an demselben Tage, da Ale- xander nach Myriandrus gezogen war. Die Perser fanden in Is- sus die Kranken des Macedonischen Heeres, sie wurden unter grau- samen Martern umgebracht; die frohlockenden Barbaren meinten, Alexander fliehe vor ihnen, sie glaubten, er sei von der Heimath abgeschnitten, sein Untergang gewiß. Ungesäumt brachen die Völ- ker auf, die fliehenden zu verfolgen. Allerdings war Alexander abgeschnitten; man hat ihn der Un- vorsichtigkeit angeklagt, daß er die Amanischen Thore nicht besetzt, daß er keine Besatzung in Issus zurückgelassen, sondern die zurück- bleibenden Kranken einem grausamen Feinde Preis gegeben habe; ja sein ganzes Heer, sagt man, hätte elend untergehen müssen, wenn die Perser eine Schlacht vermieden, das Meer durch ihre Flotte, die Rückzugslinie Alexanders durch eine hartnäckige Defensive ge- sperrt, jedes Vorrücken durch ihre Reuterschwärme beunruhigt und durch Verwüstungen, wie sie Memnon gerathen, doppelt gefährlich gemacht hätten. Alexander kannte die Persische Kriegsmacht; er wußte, daß die Verpflegung von so vielen Hunderttausenden auf sei- ner Marschlinie und in dem engen Cilicien auf längere Zeit eine Unmöglichkeit sei, daß jenes Heer, nichts weniger als ein organi- sches sches Ganze, zu einem System militärischer Bewegungen, durch die er hätte umgarnt werden können, unfähig sei, daß im schlimmsten Falle eine Reihe rascher und kühner Märsche von seiner Seite jene unbehülfliche Masse zum Nachrücken gezwungen, verwirrt, auf- gelöst und jedem Ueberfall bloßgegeben hätte. Darius hätte für seine Völkermasse das einer Massenwirkung günstige Terrain be- halten müssen; in seiner Verblendung war er jetzt in die enge Strandebene am Pinarus vorgerückt; von flüchtigen Landleuten be- nachrichtigt, daß Alexander kaum einige Stunden entfernt jenseits der Strandpässe stehe und nichts weniger als auf der Flucht sei, mußte er sich jedenfalls, da er sein ungeheures Heer weder schnell genug zurückziehen konnte, noch gegen diese Thermopylen Ciliciens vorzuschieben wagte, in der engen Ebene gelagert zu einer Schlacht vorbereiten, für die er jetzt die Vortheile des Angriffs dem Feinde überlassen mußte. — In der That, hätte es irgend ein Strategem gegeben, den Großkönig zum Aufbruch aus der Ebene von Onchä und zu dieser folgereichen Bewegung nach Cilicien hinab zu nöthi- gen, so würde es Alexander, selbst wenn es einen größeren Verlust, als den der Lazarethe von Issus gegolten hätte, mit Freuden ge- wagt haben; so unglaublich schien ihm das erste Gerücht von Da- rius Nähe, daß er einige Officiere auf einer Jacht an der Küste entlang fahren ließ, um sich von der Nähe des Feindes wirklich zu überzeugen. Einen anderen Eindruck machte dasselbe Gerücht auf die Trup- pen Alexanders Daß diese Angaben bei Curtius historischen Grund haben, sieht man aus dem Anfang der Rede Alexanders bei Arrian. ; sie hatten den Feind in einigen Tagen und auf offenem Felde zu begegnen gehofft; jetzt war Alles unerwartet und übereilt; jetzt stand der Feind in ihrem Rücken, schon morgen sollte gekämpft werden; man werde, hieß es, was man schon be- sessen, dem Feinde durch eine Schlacht entreißen, jeden Schritt rückwärts mit Blut erkaufen müssen; vielleicht aber seien die Pässe schon besetzt und gesperrt, vielleicht müsse man sich, wie einst die Zehntausend, durch das Innere Asiens durchschlagen, um statt Ruhm und Beute, kaum das nackte Leben in die Heimath zu brin- gen; und das alles, weil man nicht vorsichtig vorgerückt sei; man 11 halte den gemeinen Soldaten nicht werth, und gäbe ihn, wenn er verwundet zurück bleibe, seinem Schicksal und den Feinden Preis. So und ärger noch murrten die Soldaten, während sie ihre Waf- fen putzten und sich zum Kampfe anschickten, weniger aus Misver- gnügen, als weil es anders, wie sie erwartet hatten, gekommen war, und um sich des bangen Gefühls, das die tapfersten Truppen bei der Nähe einer langerwarteten Entscheidung ergreift, mit lau- tem Scheltworte zu entschlagen. Alexander kannte die Stimmung seiner Truppen; er störte diese Ungebundenheit nicht, die der Krieg erzeugt und fordert. Sobald die Jacht von ihrer Expedition zurückgekehrt war und Ale- xander den Bericht erhalten hatte, daß die Ebene von der Pinarus- mündung bis Issus mit Zelten bedeckt, daß Darius in der Nähe sei, so berief er die Generale, Reuterobersten und Befehlshaber der Bundesgenossen, theilte ihnen die Berichte, die er empfangen, mit, und zeigte, daß unter allen denkbaren Möglichkeiten die jetzige Stellung des Feindes den sichersten Erfolg verspreche; sie möchten sich nicht durch den Schein, umgangen zu sein, täuschen lassen, sie hätten zu oft rühmlich gekämpft, um den Muth bei scheinbarer Ge- fahr sinken zu lassen; stets Sieger, gingen sie stets Besiegten ent- gegen; derselbe Gott, der den Perserkönig verblendet, die Ebene von Onchä mit den Schluchten Ciliciens zu vertauschen, werde sie zum Siege führen; Macedonier gegen Meder und Perser, erfahrene, unter Waffen ergraute Krieger gegen die längst der Waffen ent- wöhnten Weichlinge Asiens, freie Männer gegen Sklaven, Grie- chen, die für ihre Götter und ihr Vaterland freiwillig kämpften, gegen entartete Griechen, die für armseligen Sold ihr Vaterland und den Ruhm ihrer Vorfahren verriethen, die streitbarsten und freiesten Antochthonen Europas gegen die verächtlichsten Stämme des Morgenlandes, kurz, Kraft gegen Entartung, das höchste Wollen ge- gen die tiefste Ohnmacht, alle Vortheile des Terrains, der Kriegs- kunst, der Tapferkeit gegen Persische Horden, könne da der Aus- gang des Kampfes zweifelhaft sein? Der Preis dieses Sieges aber sei nicht mehr eine oder zwei Satrapien, sondern das Perserreich; nicht die Reuterschaaren und Söldner am Granikus, sondern ein Reichsheer Asiens, nicht Persische Satrapen, sondern den Perser- könig würden sie besiegen; nach diesem Siege bleibe ihnen nichts weiter zu thun übrig, als Asien in Besitz zu nehmen, und sich reichlich für alle Mühsale zu entschädigen, die sie gemeinsam durch- kämpft. Und nun erinnerte er an jedes Einzelnen Großthaten, er dankte dem greisen Parmenion für seine Treue, er dankte dem küh- nen Philotas für den Tag am Granikus, dem Perdikkas für den ersten Sturm auf Halikarnaß, dem Agrianer Attalus für seine Dienste bei Sagalassus; er wünschte dem Antiochus Glück, die Bo- genschützen zu führen, deren Kühnheit der Tod zweier Führer in einem Jahre rühmlichst bezeugte; er selbst gestehe, nichts sehnlicher zu wünschen, als seiner Generale und seiner Truppen sich würdig zu zeigen; er trage seine Narben stolzer als sein Diadem Nach Arrians authentischen Auszügen. . Das und vieles Andere, was vor der Schlacht im Munde des tapferen Feldherrn tapfere Männer anzufeuern geeignet ist, sprach Alexander mit der ihm eigenthümlichen Hoheit und Begeisterung; Niemand, den nicht des jugendlichen Helden Worte ergriffen hätten; sie drängten sich zu ihm und schüttelten ihm treuherzig die dargebotene Rechte, sie verlangten, gleich aufzubrechen, gleich zu kämpfen. Ale- xander entließ sie mit dem Befehl, zunächst dafür zu sorgen, daß die Truppen gehörig gespeis’t würden, einige Reuter und Schützen vorauszuschicken, um den Weg bis zu den Strandpässen zu recog- nosciren und diese zu besetzen, mit den übrigen Truppen für den Abend zum Marsch bereit zu sein. Am späten Abend brach das Heer auf, erreichte um Mitter- nacht die Pässe, machte Halt, um sich etwas zu ruhen, während Alexander seine Vorposten mit der größten Vorsicht auf die Berge vorschob. Nach wenigen Stunden wurde aufgebrochen; während der König bei Fackelschein auf der Höhe opferte, zogen die Ko- lonnen am Fuße derselben vorüber; mit dem ersten Tagen verließ man die Defileen und rückte in die Strandebene Der Kar- dianer Eumenes erzählt in seinem Briefe oder Bericht an Antipater Folgendes: Am Morgen vor der Schlacht kam Hephästion in des Königs Zelt, und entweder vergaß er sich, oder er war, wie ich selbst, aufgeregt, oder ein Gott gab es ihm in den Mund, kurz, er sagte: „Behüt’ Dich Gott, o König! es ist Zeit!“ Als über diesen sehr unpassenden Gruß Alle sehr beunruhigt und Hephästion voll Schaam . 11 * Diese Ebene erstreckt sich von den Strandpässen etwa zwei Meilen nordwärts bis zur Stadt Issus; auf der Westseite vom Meere, auf der Ostseite von den zum Theil hohen Felsen einge- schlossen, erweitert sie sich mehr und mehr, je weiter sie sich von den Pässen entfernt. In der Mitte, wo sie über eine halbe Meile breit ist Kallisthe- nes bei Polyb. XII rechnet die Breite der Ebene auf vierzehn Sta- dien. Angenommen auch, daß die Zahlen des Persischen Heeres über- trieben sind, nicht einmal die Macedonische Fronte hatte auf diesem Raume Platz, wie Polybius zur Genüge nachweiset; übrigens reichte die beiderseitige Schlachtordnung bis auf die Vorberge hinauf. Die Lokalität ergiebt sich aus Rennels Untersuchungen und Kinneirs An- gaben (Journey p. 136 sqq.) ; auch die Zeitungen des Jahres 1832 ent- halten in den Berichten des Pascha von Aegypten, vom 1., 2. und 3. August, manche Notiz. Die oft genannten Pässe, über die Alexander zurückging, sind die der jetzt zerstörten Burg Merkes, längs dem Strande; die Straße von Beylan war die, auf welcher er gegen Onchä vorrücken wollte; für den Pinarus muß man das trockene Fluß- bett, das sich nicht weit südwärts von Issus (Pias) in die Berge hineinzieht, halten. , durchströmt sie südwestwärts ein kleines Gebirgswas- ser, der Pinarus, dessen nördliche Ufer zum Theil abschüssig sind; er kommt nordöstlich aus den Bergen, die, seinen Lauf begleitend auf seinem Südufer eine bedeutende Berghöhe in die Ebene vor- schicken, so daß sich mit dem Laufe des Pinarus die Ebene etwas bergein fortsetzet. In einiger Entfernung nordwärts vom Pinarus begann das Persische Lager. Sobald Darius Nachricht erhielt, daß Alexander zu den Strandpässen zurückgekehrt, daß er bereit sei, eine Schlacht anzu- bieten, und bereits anrücke, wurde so schnell und so gut es sich thun ließ, die Persische Heeresmasse geordnet. Freilich war das sehr beschränkte Terrain der Uebermacht nicht günstig, desto mehr schien es eine ruhige Defensive zu begünstigen; der Pinarus mit seinen abschüssigen Ufern war wie Wall und Graben, hinter dem sich die Masse des Heeres ordnen sollte. Um dies ohne alle Stö- und Bekümmerniß war, sprach Alexander: „ich nehme, o Hephästion, den Gruß als freudiges Zeichen an; er verheißt mir, daß uns ein Gott behüten und wir wohlbehalten aus der Schlacht zurückkehren werden.“ Lucian. pro lapsu in salutando §. 8. rung bewerkstelligen zu können, ließ Darius viele Tausend Reuter und leichtes Fußvolk über den Fluß gehen Arrian giebt dreißigtausend Reuter und zwanzigtausend Mann Fußvolk an; diese Zahlen sind unfehlbar übertrieben; und wie hoch auch sonst die Glaubwürdigkeit des Ptolemäus und Aristobul sein mag, in diesem einen Punkt der Zahlen feindlicher Truppen ha- ben sie bisweilen ihren Muth und ihren Ruhm mit eingezählt. , mit der Weisung, sich demnächst rechts und links auf die Flügel der Linie zurückzu- ziehen. Sodann wurde die Linie des Fußvolkes so geordnet, daß den rechten Flügel die Griechischen Söldner, in der Zahl von drei- ßigtausend Mann, unter Thymondas Befehl, den linken bis in die Berge hinein die schwerbewaffneten Kardaker einnahmen. Auf die Berge zur Linken rückten zwanzigtausend Mann schwerbewaffneter Barbaren unter Führung des Thessaliers Aristomedes aus Pherä vor, bestimmt, den rechten Flügel Alexanders zu gefährden; sobald die Macedonier zum Angriff an den Pinarus gerückt waren, stand wenigstens ein Theil jenes Corps im Rücken des rechten Flügels. Der enge Raum gestattete Persischer Seits nur, die bezeichneten Truppen zur unmittelbaren Theilnahme an der Schlacht zu dispo- niren; die Mehrzahl der Völker, aus leichtem und schwerem Fuß- volke bestehend, rückte hinter der Linie colonnenweise auf, so daß immer neue Truppen ins Treffen geführt werden konnten. Nach- dem so Alles geordnet war, wurde den verschiedenen Reuterschwär- men das Zeichen zum Rückzuge gegeben; sie vertheilten sich rechts und links auf die Flügel; aber das Terrain schien auf dem linken Flü- gel den Gebrauch der Reuterei unmöglich zu machen, weshalb auch die dorthin Bestimmten auf den rechten Flügel verlegt wurden, so daß nun der Küste zunächst die gesammte Reuterei, die eigentlich Persische Macht, unter Führung des Nabarzanes vereint war. Darius selbst nahm nach der Persischen Sitte auf seinem Schlachtwagen im Centrum der gesammten Linie seine Stellung, umgeben von einer Reuter- schaar der edelsten Perser, die sein Bruder Oxathres commandirte. Der Schlachtplan war, daß das Fußvolk seine Stellung hinter dem Pinarus behaupten sollte, zu welchem Ende die weniger steilen Stel- len des Ufers mit Verschanzungen ausgefüllt wurden; auf dem rechten Flügel dagegen sollte die Persische Reuterei sich mit aller Gewalt auf den linken Flügel der Macedonier werfen, während die Truppen von den Bergen her den Feinden in den Rücken fielen Die Stellung des persischen Heeres ist dunkel genug, indeß ergiebt sich die obige Darstellung aus Arrian und den Irrthümern des Kallisthenes. Ist der Lauf des Pinarus südwestlich, wie man schon nach der durchherrschenden Richtung der Taurischen, Amanischen, Cy- prischen Berge schließen muß, so bleibt, indem die Linie des Fußvol- kes sich ziemlich winkelrecht an die Küste anlehnt, auf dem rechten Flügel ein bedeutender Raum zwischen den Griechischen Söldnern und dem Flusse, in welchem sich die Reuterei zum Angriff auf Alexanders linken Flügel aufstellte. Daher bei Curtius III. 9. 1. Nabarzanes equi- tatu dextrum cornu tuebatur … in eodem Thymondes Graecis prae- positus; daher auch die Angabe, daß die anderen Schaaren hinter den Griechen und der Barbarenphalanx ( Arrian. ), nicht aber hinter den Reutern standen. Ueber die Ausdehnung der Persischen Linie läßt sich nichts Sicheres sagen. Jedenfalls aber reichten die dreißigtausend Griechischen Söldner dreitausend Schritte weit von der Küste auf- wärts. . Alexander seiner Seits hatte, sobald das Terrain freier wurde, aus seiner Marschcolonne, in der das schwere Fußvolk, die Reuterei, die Leichtbewaffneten nach einander heranzogen, die einzelnen Di- visionen in Schlachtlinie zu sechszehn Mann Tiefe aufrücken las- sen Die Macedonischen Hopliten waren zweiunddreißig Mann tief, also in der Doppelphalanx aufgestellt, so lange noch die Marschcolonne beibehalten wurde; sobald aber die Schlachtlinie for- mirt wurde, rückten die Reihen der zweiten Linie in die der ersten ein, so daß die Phalanx sechszehn Mann tief, und der Mann auf drei Fuß Breite stand. ; beim weiteren Vorrücken öffnete sich die Ebene mehr und mehr, so daß auch die Reuterei, auf dem linken Flügel die der Peloponnesier, auf dem rechten, der wie gewöhnlich den Angriff machen sollte, die Thessalische und Macedonische einschwenken konnte. Schon erkannte man in der Ferne die lange Linie des Perserheeres; die Höhen zur Rechten sah man mit feindlichem Fuß- volke bedeckt, man bemerkte, wie sich eben vom linken Flügel der Feinde große Schwärme Reuterei längs der Schlachtlinie hinab- zogen, um sich auf dem rechten feindlichen Flügel, wo das Terrain freier war, wie es schien, zu einer großen Reuterattake zu vereinen. Alexander befahl sofort der Thessalischen Reuterei, hinter der Fronte, damit der Feind es nicht sähe, nach dem linken Flügel hinabzu- sprengen, und sich zunächst nach den Kretensischen Bogenschützen und den Thraciern des Sitalkes, die eben jetzt in die Schlachtlinie links bei den Phalangen einrückten, aufzustellen, indem er zugleich an Parmenion, der den linken Flügel commandirte, den Befehl sandte, mit den Peloponnesischen Reutern, die links auf die Thessalier folg- ten, sich so dicht als möglich an das Meer zu halten, damit die Schlachtlinie nicht, was bei der Uebermacht der gegenüber stehenden feindlichen Reuterei zu befürchten war, von der Seeseite her umgan- gen und eingeschlossen würde. Zugleich detaschirte der König gegen die auf den Bergen in seiner Rechten aufgestellten Kardaker ein aus Agrianern, Schützen und Griechischen Reutern zusammengesetz- tes Corps, während an die Stelle der Thessalier die Päonier, die Plänkerer und demnächst die Macedonischen Bogenschützen in den rechten Flügel einrückten; diese sollten, wenn die Macedonischen Ge- schwader und die Hypaspisten den Hauptangriff auf das feindliche Centrum machten, den linken Flügel desselben beschäftigen. Aber je näher man dem Pinarus kam, desto deutlicher erkannte man die bedeutende Ausdehnung der feindlichen Linie, die weit über den rech- ten Flügel des Macedonischen Heeres hinaus bis in die Berge reichte; Alexander sah sich genöthiget, zwei von den Macedonischen Geschwadern aus seiner Linie nach dem äußersten Flügel vorzuschie- ben, indem zugleich die Agrianer, die Bogenschützen und einige Eriechische Reuter von dem Fuß der Höhen zur Rechten mit in die Linie gezogen wurden; denn ein heftiger Angriff auf die dort postirten Barbaren hatte diese auf die Höhen der Berge zurück- geworfen, so daß jetzt dreihundert Reuter, längs den Höhen aufge- stellt, hinreichend schienen, die Bewegungen der Schlachtlinie von dieser Seite her zu sichern. Auf diese Weise reichte der rechte Flügel des Königs über den der Feinde hinaus, indem zugleich die auf die Berge detaschir- ten Corps des Feindes von der Persischen Linie so gut wie abge- schnitten waren; die beiden Macedonischen Geschwader, die auf dem äußersten Flügel standen, die Schützen und Agrianer, die leichte Reuterei, schienen hinreichend, den linken Flügel der Perser vollauf zu beschäftigen, während Alexander mit den übrigen Mace- donischen Geschwadern und den Hypaspisten den Hauptangriff auf das Centrum der feindlichen Linie machen wollte. War dies durchbrochen, so hoffte er den rechten Flügel der Feinde, die durch ihre ausgezeichnete Reuterei und durch die Phalangen der Griechi- schen Söldner eine entschiedene Uebermacht über seinen linken Flü- gel hatten, durch einen gleichzeitigen Front- und Flankenangriff zu vernichten; er konnte voraussehen, daß jenes Manöver um so ent- scheidender werden mußte, da Darius sich nicht bei der Reuterei auf dem rechten Flügel, die Persischer Seits den Hauptangriff ma- chen sollte, sondern im Mittelpunkt der Defensive befand, die, wenn schon durch die natürlichen Uferwände des Pinarus und durch Erdaufschüttungen geschützt, einem heftigen Angriff der Ma- cedonier nicht widerstehen zu können schien. Alexander ließ seine Linie langsam vorrücken und von Zeit zu Zeit Halt machen, um mit der größten Ordnung und Energie auf die Feinde einbrechen zu können; er ritt an der Fronte auf und ab, sprach zu den einzelnen Corps und ihren Führern, und von allen Seiten jauchzten ihm die Schaaren freudig entgegen und forderten wetteifernd, sich auf die Barbaren stürzen zu dürfen. Sobald sich nun die ganze Linie in der schönsten und geschlossensten Ordnung auf Pfeilschußweite den Feinden genähert hatte, begann der Schlacht- gesang; im vollen Sturmlauf warf sich Alexander an der Spitze der Ritter und Hypaspisten in den Pinarus; ohne von dem Pfeil- hagel des Feindes bedeutenden Verlust zu erleiden, erreichten sie das jenseitige Ufer und warfen sich mit solcher Gewalt auf das Centrum der feindliche Linie, daß diese nach vergeblichem kurzen Widerstande sich zu lösen und zu weichen begann. Schon sah Alexander des Perserkönigs Schlachtwagen, er drang auf diesen los; es entspann sich der blu- tigste Kampf zwischen den edlen Persern, die ihren König verthei- digten, und den Macedonischen Rittern, die ihr König führte; der Kampf schwankte, es fielen Arsames, Rheomithres, Atizyes und der Aegyptische Satrap Sabazes, Alexander selbst ward im Schenkel verwundet, desto wüthender kämpften die Macedonier; Darius, be- sorgt für seine persönliche Sicherheit, wandte seinen Wagen aus dem Getümmel, ihm folgten die nächsten Reihen; bald war die Flucht allgemein. Die Päonier, die Agrianer und die beiden Ge- schwader des Macedonischen Flügels stürzten sich von rechts her auf die verwirrten Haufen und vollendeten an dieser Seite den Sieg. Indeß hatten dem heftigen Vorrücken Alexanders die schweren Phalangen so wenig folgen können, daß sich eine bedeutende Lücke in der Macedonischen Fronte bildete; der Eifer des Angriffs, durch die steilen Ufer gehemmt und vermehrt, löste die Reihen immer mehr; mit der Unordnung wuchs der Eifer, sie zu vermeiden, und die Gefahr, sie zu vergrößern; und als Alexander schon in dem Centrum der Feinde wüthete und ihr linker Flügel wankte, stürzten sich die Griechischen Söldner mit der größten Wuth in die Lücken der Phalanx, der sie sich an Muth, Waffen und Kriegskunst gewach- sen wußten; jetzt galt es, den schon verlorenen Sieg wieder zu ge- winnen; gelang es, die Macedonier wieder hinter die steilen Ufer zurückzudrängen, so war Alexander in der Flanke gefährdet und so gut wie verloren; dasselbe feuerte die Phalangen zu doppelter Tapferkeit an; wichen sie jetzt, so hatten sie den Sieg, den Alexan- der schon gewonnen, Preis gegeben. Den Kampf des gleichen Mu- thes und der gleichen Kräfte machte der alte Haß zwischen Grie- chen und Macedoniern noch blutiger; man wüthete doppelt, weil der Feind des Feindes Fluch und Todesseufzer verstand. Schon lagen hundertundzwanzig Macedonier, unter ihnen der Phalangenführer Ptolemäus, erschlagen, und noch währte das unentschiedene Ge- metzel. — So schwankte die Schlacht hier, die sich in der Nähe des Gestades bereits für die Perser zu entscheiden schien; denn die Persischen Reuter waren über den Pinarus gesetzt und hatten sich mit solchem Ungestüm auf die Thessalischen Reuter geworfen, daß eines der Geschwader ganz zersprengt wurde, und die anderen sich nur durch die Geschicklichkeit ihrer raschen Pferde, indem sie sich auf anderen und anderen Punkten stets von Neuem in die Persi- schen Schwadronen warfen, zu behaupten vermochten; es war nicht möglich, daß sie auf die Dauer der Uebermacht und der ungeheue- ren Wuth der Persischen Reuter widerstanden. — Da gerade be- gann der linke Flügel vor dem Schwerte Alexanders zu weichen, und Darius statt in der Schlacht und bei seinen Getreuen, sein Heil in der Flucht zu suchen. Alexander sah seine Phalangen in Gefahr und eilte, sie zu retten, ehe er den flüchtigen König wei- ter verfolgte; er ließ seine Hypaspisten links schwenken und den Söldnern in die Flanke fallen, die, unfähig dem Doppelangriff zu widerstehen, geworfen, zersprengt, niedergemacht wurden. Das Geschrei der Fliehenden riß Schaar auf Schaar mit sich; die Per- sischen Reuterschaaren, eben noch im kühnsten Kampfe, vernahmen das Geschrei „der König flieht“ mit Panischem Schrecken, sie be- gannen, sich zu lösen, zu wenden, zu fliehen; sie jagten durch die Ebene, durch die schreienden, fliehenden, rettungslosen Schaaren; Alles stürzte den Bergen zu, die Schluchten füllten sich; das Ge- dränge aller Waffen und Nationen, der zermalmende Hufschlag der stürzenden Pferde, das Geschrei der Verzweifelnden, die mörderische Wuth ihrer Todesangst, dazu die schneidenden Klingen der verfol- genden Macedonier und das jubelnd: Siegesgeschrei — das war das Ende des glorreichen Tages von Issus. Der Verlust der Per- ser war ungeheuer, der Wahlplatz mit Leichen und Sterbenden be- deckt, ganze Schluchten des Gebirges mit Leichen gesperrt, und hinter dem Wall von Leichen des Königs Flucht sicher. Denn Darius, der, sobald Alexanders erster Angriff glückte, sein Vierge- spann gewendet hatte, war durch die Ebene bis zu den Bergen hingejagt, dann hemmte der jähe Boden die Eile, er sprang vom Wagen, ließ Mantel, Bogen und Schild zurück und warf sich auf ein Pferd, das zu seinem Füllen im heimischen Stalle mit der Eile, die Darius verlangte, heimjagte. Alexander setzte ihm nach, so lange es Tag war; den König zu fangen, schien der Sieges- preis des Tages; er fand in der Schlucht des Königs Schlacht- wagen, seinen Schild, Mantel und Bogen, der König selbst war meilenweit voraus; mit diesen Trophäen kehrte er ins Lager der Perser zurück, das ohne Kampf von seinen Leuten besetzt und zur Nachtruhe eingerichtet war Diodor sagt gedankenlos genug, daß Alexander den Darius fünf Meilen weit verfolgt habe, und doch zu Mitternacht im Lager zurück gewesen sei. Uebrigens sind wir in der Darstellung der Schlacht den Angaben Arrians gefolgt und somit von den Ansichten neuerer Schrift- steller abgewichen. Man darf sich durch die Richtung der Flucht in die Berge nicht zu dem Glauben verleiten lassen, daß Darius Schlacht- ordnung in südöstlicher Richtung gestanden habe; der Lauf des Pina- . Die Beute, die man machte, war außer dem üppigen Prunke des Lagers und den kostbaren Waffen der Persischen Großen, an Geld und Geldeswerth nicht bedeutend, da die Schätze, die Feld- geräthschaften, die Hofhaltungen des Königs und der Satrapen nach Damaskus gesendet waren. Von desto größerer Bedeutung war es, daß die Königin Mutter Sisygambis, die Gemahlin des Darius und deren Kinder mit dem Lager, in dem sie über die Verwirrung der Flucht vergessen waren, in des Siegers Hände fielen. Als Alexander, vom Verfolgen zurückgekehrt, mit seinen Generalen im Zelte des Darius zu Nacht aß, hörte er das Weh- klagen und Jammern weiblicher Stimmen in der Nähe und erfuhr, daß es die königlichen Frauen seien, die Darius für todt hielten, weil sie gesehen, wie sein Wagen, sein Bogen und Königsmantel im Triumph durch das Lager gebracht war; sogleich sandte Alexan- der einen seiner Getreuen an sie, mit der Versicherung: Darius lebe, sie aber hätten nichts zu fürchten, er sei weder ihr noch Da- rius persönlicher Feind, es handele sich im ehrlichen Kampf um Asiens Besitz, er werde ihren Rang und ihr Unglück zu ehren wis- sen. Und in der That suchte er auf jede Weise sein königliches Wort zu halten; nicht allein, daß sie die Schonung genossen, die dem Unglück gebührt, auch die Ehrerbietung, an die sie in den Ta- gen des Glückes gewöhnt waren, wurde ihnen nach wie vor gezollt, ihr Hofstaat ihnen gelassen und mit vielleicht größerem Aufwande als früher ausgestattet; Alexander wollte sie nicht als Kriegsgefan- gene, sondern als Königinnen gehalten, er wollte den Unterschied von Griechen und Barbaren vor der Majestät des Königthums verschwinden sehen; zum ersten Male offenbarte sich deutlich, wie er sein Verhältniß zu Persien zu gestalten dachte. Unter gleichen Verhältnissen hätten die Athener und Spartaner ihren Haß oder ihre Habgier das Schicksal der feindlichen Fürstinnen bestimmen lassen; Alexanders Benehmen war eben so sehr das Zeugniß einer feineren Bildung und umfassenderen Staatskunst, wie eine Aeuße- rus und somit die Linie der Perser ist entschieden südwestlich. Die Entfernung der Amanischen Thore vom Schlachtfelde kann man auf zwei Meilen angeben. Für die Lokalität ist zu vergleichen Kinneir p. 153 sqq. rung seines hochherzigen Charakters; seine Zeitgenossen priesen die- sen, weil sie oder so lange sie jene nicht begriffen; fast keine That Alexanders haben sie mehr bewundert, als diese Milde, wo er den stolzen Sieger, diese Ehrerbietung, wo er den Griechen und den König hätte zeigen können; bewunderungswürdiger als Alles schien ihnen diese Tugend des Jünglings, daß er, diesmal größer als sein großes Vorbild Achilles, den süßesten Preis des Sieges verschmähete, da doch Darius Gemahlin für die schönste aller Asiatischen Frauen galt; von ihrer Schönheit auch nur zu sprechen, wo er nahe war, verbot er, damit auch nicht ein Wort den Gram der edlen Frau vermehre. Gern und mit Begeisterung erzählten sich die Macedo- nier von ihrem König, der, so menschlich, wo er siegte und doppelt siegreich, wenn er seinem Herzen folgte, selbst die Feinde zu Freun- den gewann; und manche Sage hat, wenn auch nicht den Werth des Faktums, doch den höheren, ein Ausdruck der gerechten Be- wunderung für den König zu sein und zu zeigen, was man als seiner würdig glaubte. So erzählte man sich in jenen Tagen: der König sei, nur von seinem Lieblinge Hephästion begleitet, in das Zelt der Fürstinnen gekommen, dann habe die Königin Mutter, ungewiß, wer von beiden gleich glänzend gekleideten Männern der König sei, sich vor Hephästion, der höher von Gestalt war, in den Staub geworfen, nach Persischer Sitte anzubeten; aber da sie durch Hephästions Zurücktreten über ihren Irrthum belehrt, in der höch- sten Bestürzung ihr Leben verwirkt geglaubt, habe Alexander lä- chelnd gesagt: „Du hast nicht geirrt, o Mutter, auch der ist Ale- xander.“ Dann habe er den sechsjährigen Knaben des Darius auf den Arm genommen und ihn geherzt und geküßt Diese Erzählung, die sehr oft in den alten Autoren erwähnt wird, wäre besonders darum zweifelhaft, weil Alexander in einem, wahrscheinlich etwas später geschriebenen Briefe ( Plut. c. 23.) versichert, nie die Gemahlin des Darius gesehen zu haben; eine Angabe des Plut. de Curios . und Athen. XIII. p. 603. wiederholt es; doch ist die Aechtheit dieses Briefes nicht zu verbürgen. . — Wie sehr solche Herzlichkeit im Sinne des jungen Königs war, zeigte vor allen auch seine Sorge für die am Tage der Schlacht Ver- wundeten; obschon selbst verwundet, besuchte er sie und dankte ih- nen für ihre Hingebung und rühmte ihre Tapferkeit; die Gefalle- nen wurden mit allem militärischen Gepränge, indem das ganze Heer wie zur Schlacht ausrückte, bestattet; die drei Altäre am Pi- narus wurden ihr Denkmal Cic. ad Fam. XV. 4. Freinsheim. ad Curt. III. 12. 17. Skan- deroun beherrscht die Syrischen Pässe vom Meere her; cf. Eckhel D. N. P. I. V. III. 250. , die Stadt Alexandria am Ein- gange der Syrischen Pässe das Denkmal des großen Tages von Issus, der mit einem Schlage die Persische Macht vernichtet hatte. Das Persische Heer war durchaus aufgerieben; die wenigen Schaaren, die sich gerettet hatten, suchten über die Berge nach dem Euphrat und zu ihrer Heimath zu gelangen; andere Haufen waren nordwärts in die Cilicischen Berge geflohen, und hatten sich von dort nach dem nahen Kappadocien und Groß-Phrygien geworfen; ein Angriff des Phrygischen Statthalters Antigonus jagte sie aus- einander Curt. IV. 1. . Die Griechischen Söldner, wie sehr sie auch in der Schlacht gelitten hatten, zeigten nach der Niederlage sich ihres Ruhmes würdig; etwa zwölftausend Mann, zogen sie von dem Schlachtfelde über die Berge Syriens in ziemlich geordnetem Rück- zuge nach Tripolis, wo sich auf dem Strande die Trieren befanden, auf denen sie von Lesbos nach Asien gekommen waren; sie ließen von diesen Schiffen so viele, als zu ihrer Flucht nöthig waren, in See, verbrannten die anderen, um sie nicht den Feinden in die Hände fallen zu lassen, und setzten dann nach Cypern über. Dort aber trennten sich die Schaaren; achttausend Mann gingen nach Tänarum unter Segel, um im Peloponnes neue Dienste gegen die Macedonier zu suchen Curt. I. c. Diod. XVII. 48. . Mit den anderen viertausend Mann wandte sich der Macedonier Amyntas nach Pelusium, um Aegyp- ten nach des Satrapen Sabazes Tod, im Namen des Perserkönigs zu beherrschen und zu vertheidigen; schon war er siegreich bis vor die Thore von Memphis vorgedrungen, schon Herr des wichtigsten Theiles von Aegypten, als seine Söldner, durch ihre frechen Plün- derungen verhaßt, und wieder, um zu plündern, in der Gegend zerstreut, von den Aegyptiern überfallen und sämmtlich, Amyntas mit ihnen, erschlagen wurden. Das war das Schicksal eines Man- nes, der, statt der ruhmwürdigen Laufbahn, zu der ihn seine Geburt und die Güte des edelsten Königs berief, sein Leben und seine Ehre einem blinden und ohnmächtigen Hasse gewidmet hatte, um endlich mit Verbrechen und Schande einen ruhmlosen Tod zu erkaufen Curt., Diod., Arrian. . Darius selbst, der unter den Ersten geflohen war, hatte zu Onchä etwa viertausend Mann zusammengebracht und mit diesen in unab- lässiger Eile seinen Weg fortgesetzt, bis er hinter dem Euphrat sich vor jeder Gefahr sicher glaubte. Mehr als der Verlust der Schlacht und einiger Satrapien mochte ihn der der Seinigen, mehr als die Schande der Niederlage und der Flucht die Schande, der er seine Gemahlin, die schönste Perserin, in den Händen des stolzen Feindes Preis gegeben fürchtete, sein Herz kränken; er begriff eben so we- nig die Tugend, wie die Pläne seines Gegners; und indem er über sein häusliches Unglück und seinen Kummer die Gefahr und Ohnmacht seines Reiches vergaß, glaubte er kraft der Hoheit und Rechtmäßigkeit seines königlichen Namens den Feind in großmü- thiger Nachgiebigkeit mit einigen Zugeständnissen abfinden zu kön- nen. Verblendet in diesem nichtigen Stolz ererbter Majestät, der den Hellenen stets als ein Zeichen der Barbarei und des Despo- tismus erschienen ist, schickte er nicht lange nach der unglücklichen Schlacht durch Miniskus und Arsimas an Alexander ein Schreiben folgenden Inhaltes Wir halten diesen Brief, so wie die Antwort Alexanders (bei Arrian) für authentisch; sonst würde nicht der König Ochus, wie ihn das Antwortschreiben nennt, in dem Briefe des Darius mit dem königlichen Namen Artaxerxes genannt sein. Die Auszüge bei Curtius und die wenigen Worte bei Plut. c. 29. bestätigen diese Annahme. : „Dein Vater Philippus war des großen Königs Artaxerxes „Freund und Bundesgenosse; aber schon während der Herrschaft sei- „nes Sohnes Arses, Unseres Vorgängers, begann Dein Vater zu- „erst und ohne den geringsten Anlaß von Seiten Persiens, viel- „fache Feindseligkeiten gegen Unsere Satrapen an den Hellenischen „Meeren; als dann Uns die Herrschaft Asiens übergeben wurde, „versäumtest Du nicht blos, Gesandte an Unseren Hof zu senden, „um die alte Freundschaft und Bundesgenossenschaft zu befestigen, „sondern brachest sogar mit Heeresmacht in Unser Land Asien ein, „und schufest den Persern vieles und mannichfaches Unglück. Des- „halb zogen Wir selbst mit Unseren Völkern hinab, Unsere Lande zu „beschützen und das Reich Unserer Väter zu bewahren. Die „Schlacht hat entschieden, wie es den Göttern gefiel. Jetzt aber „fordern Wir als König von Dir dem Könige Unsere Gemahlin, „Unsere Mutter und Kinder, die sich in Deinen Händen befinden, „zurück; Wir sind geneigt, mit Dir Freundschaft zu schließen und „verbündet zu sein. Imgleichen fordern Wir Dich auf, mit Mi- „niskus und Arsimas, Unseren Botschaftern, Bevollmächtigte an „Uns zu senden, die Deine Zusicherungen an Uns bringen und die „Unsrigen entgegennehmen mögen.“ Auf dieses Schreiben und die anderweitigen mündlichen An- träge der königlichen Botschafter antwortete Alexander in einem Schreiben, das er seinem Gesandten Thersippus, welcher mit den Persischen Botschaftern an den Hof des Darius abging, an den König abzugeben befahl, ohne sich auf weitere mündliche Unterhand- lungen einzulassen. Das Schreiben lautete folgendermaßen: „Eure Vorfahren sind nach Macedonien und in das übrige „Griechenland gekommen, und haben, ohne den geringsten Anlaß „Griechischer Seits, mannichfaches Unglück über uns gebracht. Ich, „zum Feldherrn der Griechen erwählt, und entschlossen, die Perser „entgelten zu lassen, was sie an uns gethan, bin nach Asien hin- „übergegangen, nachdem Ihr neuerdings Veranlassung zum Kriege „gegeben habt. Denn die Perinthier, die meinen Vater beleidiget „hatten, habt Ihr unterstützt, und nach Thracien, über das wir „herrschen, sandte Ochus ein Heer; mein Vater ist unter den Hän- „den von Meuchelmördern, die, wie Ihr selbst auch in Briefen an „Jedermann erwähnt habt, von Euch angestiftet wurden, umgekom- „men; mit Bagoas gemeinschaftlich hast Du den König Arses er- „mordet, und Dir den Persischen Thron unrechtmäßiger Weise, „nicht nach dem Herkommen der Perser, sondern mit Verletzung „ihrer heiligsten Rechte angemaßet; hast in Beziehung auf mich „Briefe, die nichts weniger als freundschaftlich waren, den Helle- „nen, um sie zum Kriege gegen mich aufzureizen, zukommen lassen; „hast an die Spartaner und andere Griechen Geld gesendet, das „wenigstens von jenen angenommen ist; hast endlich durch Deine „Sendlinge meine Freunde bestochen und den Frieden, den ich den „Hellenen gegeben habe, zu stören gesucht. Aus diesen Gründen „bin ich gegen Dich zu Felde gezogen, indem die Feindseligkeiten „von Dir begonnen sind. Im gerechten Kampfe Sieger zu- „erst über Deine Feldherren und Satrapen, jetzt auch über Dich „und die Heeresmacht, die mit Dir war, bin ich durch die Gnade „der unsterblichen Götter auch des Landes Herr, das Du Dein „nennest. Wer von denen, die unter Deiner Fahne wider mich „gekämpft haben, nicht im Kampfe geblieben ist, sondern sich zu mir „und in meinen Schutz begeben hat, für den trage ich Sorge; „Keiner ist ungern bei mir, vielmehr treten Alle gern und freiwil- „lig unter meinen Befehl. Da ich so Herr über Asien bin, so „komm’ auch Du zu mir; solltest Du jedoch zu irgend einer Be- „sorgniß, im Fall Du kämest, Grund zu haben glauben, so sende „einige Deiner Edlen, um die gehörigen Sicherheiten entgegenzuneh- „men. Bei mir angelangt, wirst Du um die Zurückgabe Deiner „Mutter, Deiner Gemahlin, Deiner Kinder und um was Du sonst „willst, bitten, und geneigtes Gehör finden; was Du von mir ver- „langen wirst, soll Dir werden. Uebrigens hast Du, wenn Du „von Neuem an mich schickest, als an den König von Asien zu „senden, auch nicht an mich wie an Deines Gleichen zu schreiben, „sondern mir, dem Herren alles dessen, was Dein war, Deine „Wünsche mit der gebührenden Ergebenheit vorzulegen, widrigen- „falls ich mit Dir als dem Beleidiger meiner königlichen Majestät „verfahren werde. Bist Du aber über den Besitz der Herrschaft „anderer Meinung, so erwarte mich noch einmal zum Kampf um „dieselbe im offenen Felde und fliehe nicht; ich für mein Theil „werde Dich aufsuchen, wo Du auch bist.“ Allerdings athmet diese Antwort des jugendlichen Königs stol- zes Selbstbewußtsein und die Strenge eines Siegers, dem das Errungene nur als der Anfang neuer und größerer Siege er- scheint; er verschmähete es, mit diplomatischer Heuchelei die Wahr- heit zu verhüllen, die ja doch Niemanden verborgen sein konnte; er durfte sich schon jetzt, auf der Schwelle Asiens, die Resultate einer Zukunft zusprechen, die zu erfüllen sein Wille und sein Beruf war, und für welche ihm der wohlberechnete und durchgreifende Er- folg seiner bisherigen Unternehmungen Gewähr leisten konnte. — Alexan- Alexander hatte die Perserflotte und ihre Bewegungen in den Hellenischen Gewässern nicht mehr zu fürchten. Freilich war sie ausgezogen, die Macedonische Macht da anzugreifen, wo jede Wunde tödtlich werden mußte; ein Sieg an der Küste von Hellas, ein energisches Auftreten im Peloponnes konnte den Plan Alexanders von Grund aus zerstören. Aber eben so war ihre Existenz mit dem Vordringen Alexanders gefährdet, und die größere Kühnheit und Consequenz des Willens durfte des ersten Sieges, und damit der mittelbaren Bewältigung des Gegners gewiß sein. Dazu kam, daß der Perserkönig die Wichtigkeit der Flotte und des Planes, den Memnon mit ihr gehabt hatte, verkannte; er hatte ihr im Laufe des Sommers die Griechischen Söldner genommen und die- selben nach Tripolis beschieden, um sie mit den übrigen Völkern bei Issus aufzuopfern. Die Flotte, um eine bedeutende Anzahl von Schiffen und Kämpfern vermindert, war in ihren Bewegungen ge- lähmt; dazu kam die sichtliche Unfähigkeit ihrer Befehlshaber; wäh- rend Alexander in Cilicien vordrang, hatten Pharnabazus und Au- tophradates, statt mit der gesammten Macht zu einem Hauptschlage auszuziehen, ihre Flotte in einzelne Geschwader aufgelöst, trieben sich selbst mit einem Theil ihrer Schiffe in der Gegend von Chios umher und brandschatzten, wo sie konnten, ohne sich darum zu be- kümmern, daß die wenigen Plätze, die noch an der Karischen Küste in den Händen der Perser waren, von den Statthaltern Alexanders erorbert wurden. Ein anderes Geschwader bei Cos behauptete diese Insel, den größten Theil der Flotte ließ man auf der Rhede von Siph- nos vor Anker, vielleicht in der Hoffnung, daß die Parthei des De- mosthenes in Athen, so wie die ihrer Heimath beraubten Thebaner einen Aufstand gegen Alexander beginnen würden; doch begnügten sich beide, zunächst Gesandte an den Großkönig zu senden. Eifriger war der Lacedämonische König Agis; nur mit einer Triere, aber mit offenbar sehr zweckmäßigen Plänen kam er zu den Admiralen nach Siphnos; bereit, gegen die Macedonier zu kriegen, verlangte er Subsidien und eine möglichst große Land- und Seemacht, um mit dieser nach dem Peloponnes abzugehen, und von da aus, mit den einzelnen Griechischen Staaten vereint, die nur das Zeichen zum Ab- fall zu erwarten schienen, gegen Antipater vorzurücken. Da gerade traf die Nachricht von der Schlacht bei Issus ein, die den Plänen 12 der Persischen Admirale den letzten Stoß gab; man eilte zu retten, was noch zu retten war; Pharnabazus segelte mit zwölf Trieren nach der Insel Chios, deren Abfall man fürchten mußte; statt ei- ner großen Land- und Seemacht zum Angriff gegen Antipater, er- hielt Agis dreißig Talente und zehn Trieren, die er sofort nach Tänarum an seinen Bruder Agesilaus sandte, mit der Weisung, nur schleunigst nach Kreta zu gehen und sich der Insel zu verge- wissern. Agis selbst segelte nicht lange darnach gen Halikarnaß, um sich mit Autophradates zu vereinen; an Unternehmungen zur See konnte nicht weiter gedacht werden, indem die Phönicischen Geschwader nur die Jahreszeit abwarteten, um in die Heimath zu segeln, die sich vielleicht schon an Alexander ergeben hatte; auch die Cyprischen Könige glaubten für sich besorgt sein zu müssen, sobald sie die Phö- nicische Küste in Alexanders Händen wußten. Dies geschah während der Wintermonate in den Griechischen Gewässern, indeß Alexander kurz nach der Schlacht von Issus, etwa mit dem Anfang December, nach Süden hin aufgebrochen war, um dort die Früchte seines Sieges zu ärndten. Nicht blos Asien diesseit des Euphrat war sein; wichtiger war es, daß die Küstenländer sich ihm entweder freiwillig ergeben mußten, oder, von aller Hülfe Persischer Seits abgeschnitten, zur Uebergabe gezwun- gen werden konnten, daß auf diese Weise Phönicien, dies uner- schöpfliche Arsenal des Perserreichs, seine Flotte zur Selbstverthei- digung aus den Griechischen Meeren zurückziehen mußte, daß so die von den Spartanern in Hellas begonnenen Unruhen, aller Un- terstützung von Seiten Persiens beraubt, bald gedämpft werden konnten, daß endlich mit der Besetzung des Nillandes, dem kein wesentliches Hinderniß weiter im Wege stand, eine breite und sichere Operationsbasis für den Feldzug gen Oberasien gewonnen war. Dem entsprechend mußte im Allgemeinen der Gang der Bewegun- gen sein, wenn der Sieg von Issus in seiner ganzen Ausdehnung be- nutzt werden sollte. Alexander sandte deshalb den Parmenion an der Spitze der Thessalischen und verbündeten Reuter und mit eini- gem Fußvolke das Thal des Orontes aufwärts gen Damaskus, der Hauptstadt der Satrapie Cölesyrien, wohin die Kriegskassen, das Feldgeräth, die ganze kostbare Hofhaltung des Perserkönigs, so wie die Weiber, Kinder und Schätze seiner Großen von Onchä aus gesendet worden waren. Durch Hülfe des Syrischen Satra- pen, der mit den Schätzen und der Karavane von edlen Perserin- nen und ihren Kindern flüchten zu wollen vorgab, fielen diese und zugleich die Stadt in Parmenions Hände. Die Beute war unge- heuer; unter den vielen Tausend Gefangenen Curtius sagt dreißigtausend Menschen; eine Zahl, die nicht unwahrscheinlich ist, wenn man damit das Fragment aus Parmenions Bericht an Alexander ( Athen. XIII p. 607.) vergleicht, welches aus der ungeheueren Masse nur einen kleinen Theil enthält; es heißt: „Dirnen des Königs zu Musik und Gesang fand ich dreihundertneunundzwanzig, Kranzflechter sechsundvierzig, Köche zum Zubereiten zweihundertsieben- undsiebzig, Köche beim Feuer neunundzwanzig, Milchmänner dreizehn, Getränke zu bereiten siebzehn, den Wein zu wärmen siebzig, Salben zu mischen vierzig.“ — Uebrigens ist nicht Artabazus Sohn Cophe- nes, der die Karavane von Onchä nach Damaskus eskortirte, für den Verräther zu halten. — Parmenions Kriegslist bei Transportirung der Lastthiere, s. Polyaen. IV. 5. befanden sich die Gesandten von Athen, Sparta und den Thebanern, die vor der Schlacht von Issus an Darius gekommen waren. Auf Parme- nions Bericht von dieser Expedition befahl Alexander, Alles, was an Menschen und Sachen in seine Hände gefallen sei, nach Da- maskus zurückzubringen und zu bewachen, die Griechischen Abgeord- neten dagegen ihm sofort zuzuschicken. Sobald diese angekommen waren, entließ er die beiden Thebaner ohne Weiteres in ihre Hei- math, theils aus Rücksicht für ihre Person; indem der eine des be- rühmten Ismenias Sohn, der andere ein Olympischer Sieger war, theils aus Mitleid gegen ihre unglückliche Vaterstadt und den nur zu verzeihlichen Haß der Thebaner gegen Macedonien; den Athener Iphikrates, den Sohn des berühmten Feldherrn gleiches Namens, behielt er aus Achtung für seinen Vater und um den Athenern einen Beweis seiner Nachsicht zu geben, in höchsten Ehren um seine Person; der Spartaner dagegen, dessen Vaterstadt gerade jetzt offenbaren Krieg gegen Macedonien begonnen hatte, wurde vor der Hand als Gefangener zurückbehalten, späterhin jedoch, als die immer größeren Erfolge der Macedonischen Waffen das Verhältniß zu Sparta änderten, in seine Heimath entlassen. Während Parmenions Zug nach Damaskus war Alexander 12 * selbst, nachdem er Menon, Kerdimmas Sohn, zum Satrapen von Syrien bestellt hatte, nach der Phönicischen Küste vorgerückt. Die Stellung der Städte Phöniciens war eigenthümlich und eine Folge ihrer geographischen Lage und ihrer inneren Verhältnisse; seit Jahr- hunderten zur See mächtig, entbehrten sie des für Seemächte fast unentbehrlichen Vortheils der insularen Lage; sie waren nach ein- ander eine Beute der Assyrer, der Babylonier, der Perser gewor- den; aber auf der anderen Seite durch die hohen Bergketten des Libanon fast vom festen Lande abgeschnitten und theilweise auf klei- nen Küsteninseln erbaut, die wenigstens dem unmittelbaren und fort- währenden Einfluß der auf dem Festlande herrschenden Macht nicht zugänglich waren, behaupteten sie mit ihrer alten Verfassung die alte Selbstständigkeit in soweit, daß sich die Perserkönige gern mit der Oberherrlichkeit und der Befugniß, über die Phönicische Flotte zu disponiren, begnügten. In der häufigen Berührung mit den Griechen war, wenn nicht der Reichthum der Phönicier, doch ihre Industrie, wenn nicht die Macht, doch der Ruhm ihrer Marine gewachsen; und während in allen dem Perserreiche einverleibten Ländern die frühere volksthümliche Civilisation entartet oder verges- sen war, blieb in Phönicien der alte Handelsgeist und so viel Sinn für Unabhängigkeit, als sich mit ihm verträgt. Wenn sich dennoch bei der immer deutlicher hervortretenden Erschlaffung der Persischen Macht Phönicien nicht befreiete, so lag der Grund in der inneren Verfassung der unter einander eifersüchtigen Städte; denn als zur Zeit des Königs Ochus Sidon auf dem Bundestage zu Tripolis die beiden anderen Hauptstädte des Bundes, Tyrus und Aradus, zur Theilnahme an der Empörung aufrief, versprachen sie Hülfe, warteten aber unthäthig das Ende eines Unternehmens ab, das, falls es glückte, sie mit befreiete, falls es misglückte, durch Sidons Untergang ihre Macht und ihren Handel mehren mußte. Sidon unterlag, wurde zerstört, verlor die alte Verfassung und Selbststän- digkeit, und Byblus, so scheint es, trat statt ihrer in den Bundes- rath von Tripolis, oder hob sich wenigstens seit dieser Zeit so, daß es fortan neben Aradus und Tyrus eine Rolle zu spielen ver- mochte. Die neun Städte von Cyprus, in ihrem Verhältniß zum Perserreiche den Phönicischen ähnlich, aber durch ihren zum Theil Griechischen Ursprung mehr zu Neuerungen geneigt, hatten zu glei- cher Zeit mit Sidon, den Fürsten Protagoras von Salamis an der Spitze, sich empört, waren aber durch Protagoras Bruder Euagoras bald nach Sidons Fall zum Gehorsam zurückgebracht; und wenn nach einiger Zeit Protagoras die Herrschaft von Salamis wie- der erhielt, so war eine völlige Hingebung an das Persische Reich die Bedingung gewesen, unter der er, wie ehedem, der Erste unter den kleinen Fürsten Cyperns sein durfte. Zwanzig Jahre waren nach jenem Aufstande verflossen, als Alexander seinen Krieg gegen Persien begann. Die Schiffe der Tyrier unter ihrem Fürsten Azemilkus, die der Aradier unter Ge- rostratus, die von Byblus unter Enylus, ihnen zugesellt die von Sidon So ausdrücklich Arrian. II. 20. Curtius und einige andere Schriftsteller nennen um diese Zeit einen König Straton von Sidon; aber mit Unrecht. Der Vorgänger des Königs Tennes, der sich ge- gen Ochus empörte, heißt bei Hieronymus Straton (s. Perizon. ad Ael. V. H. XII. 2. ) und denselben bezeichnet Theopomp. ap. Athen. XII. p. 532. cf. Boeckh corp. inscr. 87. , ferner die Cyprischen Schiffe unter Protagoras und den anderen Fürsten, waren auf des Perserkönigs Aufruf in die Griechischen Gewässer gegangen. Die Schlacht von Issus verän- derte plötzlich alle Verhältnisse. Sidon war am glücklichsten daran, es durfte hoffen, durch Alexander wieder zu erhalten, was es im Kampfe gegen die Persischen Despoten eingebüßt hatte; Byblus, durch Sidons Fall gehoben, mußte eben so besorgt sein Alles zu verlieren, wie es, auf dem Festlande gelegen, unfähig war dem siegreichen Heere Alexanders zu widerstehen; Aradus und Tyrus dagegen lagen im Meere; doch hatte Aradus, weniger durch aus- gebreiteten Handel als durch Besitzungen auf dem Festlande mäch- tig, durch Alexanders Heranrücken mehr zu verlieren als Tyrus, das, überdies noch im Besitz von achtzig Schiffen, sich auf seiner Insel ganz sicher glaubte und wie früher bei dem Aufstande der Sidonier eine neutrale Stellung anzunehmen beschloß, in der jeder Ausgang des Krieges ihrem Vortheil dienen sollte. — Als nun Alexander vom Orontes her sich dem Gebiete der Phönicischen Städte nahete, kam ihm zunächst auf dem Wege Straton, des Aradischen Fürsten Gerostratus Sohn, entgegen, über- reichte ihm einen goldenen Kranz und unterwarf ihm das Gebiet seines Vaters, welches den nördlichsten Theil der Phönicischen Küste umfaßte und sich eine Tagereise weit landeinwärts bis zur Stadt Mariamne erstreckte; auch die große Stadt Marathus, in der sich Alexander einige Tage aufhielt, gehörte zum Gebiete von Aradus. Auf seinem weiteren Zuge nahm er Byblus durch vertragsmäßige Uebergabe. Die Sidonier eilten sich dem Sieger der verhaßten Persermacht zu ergeben, Alexander nahm auf ihre ehrenvolle Ein- ladung die Stadt in Besitz, gab ihr ihr früheres Gebiet und ihre frühere Verfassung wieder, indem er den Abdollonymus, einem in bitterer Armuth lebenden Nachkommen der Sidonischen Könige, die Herrschaft übertrug Dies scheint der einfache Inhalt der durch Ausschmückungen aller Art sehr entstellten Geschichte zu sein, die Diodor nach Tyrus, Plutarch (de fort. Alex. II.) nach Paphos verlegt; gegen beide s. die Noten zu Curt. IV. 1. , und brach dann nach Tyrus auf. Unter- weges begrüßte ihn eine Deputation der reichsten und vornehmsten Bürger von Tyrus, an ihrer Spitze der Sohn des Fürsten Aze- milkus; sie erklärten, daß die Tyrier bereit seien zu thun, was Ale- xander verlangen würde; der König dankte ihnen und belobte ihre Stadt: er gedenke mit seinem Heere nach Tyrus zu kommen, um im Tempel des Tyrischen Herakles ein feierliches Opfer zu halten. Diese Antwort brachten die Abgeordneten zurück. Der Rath von Tyrus war einig, daß Alexanders Besuch in der Inselstadt zu ge- fährlich sein würde, daß den Macedoniern der Eintritt in die Stadt um jeden Preis verweigert werden müsse; unter den jetzigen so schwierigen Verhältnissen müsse die Stadt die strengste Neutralität be- obachten, um ihr Verhältniß zum Perserkönige nicht unbesonnener Weise bloß zu stellen, zumal da die Tyrische Flotte trotz der im Aegäischen Meere befindlichen Geschwader bedeutend genug sei, den Beschlüssen der Inselstadt Achtung zu verschaffen; noch habe die Persische Seemacht in allen Meeren die Oberhand und Darius rüste schon ein neues Heer, um Alexanders weiteres Vordringen zu hemmen; wenn er siegte, so würde die Treue der Tyrier um so rei- cher belohnt werden, da bereits die übrigen Phönicischen Städte die Persische Sache verrathen hätten; unterliege er aber, so würde Alexander, ohne Seemacht wie er sei, vergebens gegen die Stadt im Meere zürnen, Tyrus dagegen noch immer Zeit haben, auf seine Flotte, seine Bundesgenossen in Cypern, im Peloponnes und Libyen, so wie auf die eigenen Hülfsmittel und die unangreifbare Lage der Stadt gestützt, mit Alexander die Bedingungen, die dem Interesse der Stadt entsprächen, einzugehen. Ueberzeugt, eine Auskunft, die zugleich schicklich, gefahrlos und ersprießlich sei, gefunden zu ha- ben, meldeten die Tyrier dem Macedonischen Könige ihren Beschluß: sie würden sich geehrt fühlen, wenn er ihrem heimischen Gott in dem Tempel von Alttyrus auf dem Festlande seine Opfer darbrächte; sie seien bereit ihm zu gewähren, was er sonst fordern würde, ihre Inselstadt müsse für Macedonien und Persien geschlossen bleiben. Alexander brach sofort alle weiteren Unterhandlungen ab, und beschloß das zu erzwingen, was er unter so freundlicher Form ge- fordert hatte. Er berief einen Kriegsrath, theilte das Geschehene mit, und eröffnete seine Absicht, Tyrus um jeden Preis einnehmen zu wollen: einerseits sei der Marsch nach Aegypten unsicher, so lange die Perser noch eine Seemacht hätten; andererseits den König Da- rius zu verfolgen, während man die Stadt Tyrus mit ihrer offen- bar feindlichen Gesinnung, und Aegypten und Cypern, die noch in den Händen der Perser seien, im Rücken habe, sei namentlich wegen der Griechischen Angelegenheiten noch weit unsicherer; leicht könnten sich die Perser wieder der Seeküsten bemächtigen, und während man auf Babylon losgehe, mit noch größerer Heeresmacht den Krieg nach Hellas hinüberspielen, wo die Spartaner schon offen- bar aufgestanden seien, und die Athener bisher mehr die Furcht als die Neigung für Macedonien zurückgehalten habe; würde da- gegen Tyrus eingenommen, so hätte man Phönicien ganz, und die Phönicische Flotte, der schönste und größte Theil der Persischen Seemacht, würde sich an Macedonien halten müssen; denn weder die Matrosen, noch die übrige Mannschaft der Phönicischen Schiffe würde, während ihre eigenen Städte besetzt wären, den Kampf zur See auszufechten geneigt sein; Cyprus würde sich gleichfalls entschließen müssen zu folgen, oder sofort von der Macedonisch-Phöni- cischen Flotte genommen werden; habe man aber einmal die See mit der vereinten Seemacht, zu der auch noch die Schiffe von Cyprus kämen, so sei Macedoniens Uebergewicht auf dem Meere ent schieden, und zugleich der Zug nach Aegypten sicher und des Erfol- ges gewiß; und sei erst Aegypten unterworfen, so brauche man we- gen der Angelegenheiten in Griechenland nicht weiter besorgt zu sein; den Zug nach Babylon könne man, über die heimischen Dinge beruhigt, mit desto größeren Erwartungen beginnen, da dann die Perser zugleich vom Meere und von den Ländern diesseits des Euphrat abgeschnitten seien Arrian. II. 17. Die Rede scheint nicht fingirt zu sein. — . — Die Versammlung überzeugte sich leicht von der Nothwendigkeit, die stolze Seestadt zu unterwer- fen; aber ohne Flotte sie anzugreifen, geschweige denn sie zu er- obern, schien unmöglich. Alexander wollte ; kühne Pläne durch kühnere Mittel zu verwirklichen gewohnt, beschloß er die Inselstadt dem Festlande wiederzugeben, um dann erst die ei- gentliche Belagerung zu beginnen; ein Unternehmen, für dessen Größe und Schwierigkeit in der That des Königs Traum vom Herakles, an dessen Hand er in die Thore der Stadt hineinzugehen glaubte, bedeutsam genug war. Neutyrus, auf einer Insel von einer halben Meile Umfang erbauet, war vom festen Lande durch eine Meerenge von etwa tau- send Schritt Breite getrennt, die in der Nähe der Insel etwa noch drei Faden Fahrwasser hatte, in der Nähe des Strandes da- gegen seicht und schlammig war. Alexander beschloß an dieser Stelle einen Damm durch das Meer zu legen; das Material dazu liefer- ten die Gebäude Curtius und Diodor haben wohl nicht Unrecht, wenn sie von Alexander Alttyrus, das noch existirte (Scylax p. 42. ed. Hudson), für den Zweck des Dammbaues zerstört werden lassen; die Bevölke- rung hatte sich nach der Inselstadt geflüchtet, und gehörte mit zu den ξένοις bei Arrian. II. 24. 9. Was sonst von den beiden oben genann- ten Schriftstellern bei der Belagerung der Inselstadt erzählt wird, ist nur so weit glaubwürdig, als es durch Arrian bestätigt wird. Die Entfernung der Insel vom Festlande giebt Scylax auf vier Stadien, Plinius auf siebenhundert Passus an. des von den Einwohnern verlassenen Alt- tyrus und die Cedern des waldigen Libanon; Pfähle ließen sich leicht in den weichen Meeresgrund eintreiben, und der Schlamm diente dazu, die eingelassenen Werkstücke mit einander zu verbinden. Mit dem größten Eifer wurde gearbeitet, der König selbst war häu- fig zugegen Es wird erzählt, Alexander habe zuerst einen Schanzkorb mit Erde gefüllt und herangetragen, worauf dann die Macedonier mit lautem Jauchzen die mühselige Arbeit begonnen hätten; Polyaen. IV. 3. 3. ; Lob und Geschenke machten dem Soldaten die schwere Arbeit leicht. Die Tyrier hatten bisher ruhig zugesehen; jetzt war der Damm der Insel bis auf wenige hundert Schritte genahet; sie brachten deshalb auf die dem Lande zugewendete Stelle ihrer hohen Mauer so viel Geschütz als möglich zusammen und be- gannen Pfeile und Steine gegen die bloßgestellten Arbeiter auf dem Damm zu schleudern, während diese zugleich von beiden Sei- ten durch die Trieren der Tyrier hart mitgenommen wurden. Zwei Thürme, die Alexander auf dem Ende des Dammes errichten ließ, mit Schirmdecken und Fellen überhangen und mit Wurfgeschütz versehen, schützten die Arbeiter vor den Geschossen von der Stadt her und vor den Trieren; mit jedem Tage rückte der Damm, wenn auch wegen des tieferen Meeres langsamer, vor. Dieser Ge- fahr zu begegnen baueten die Tyrier einen Brander in folgender Weise. Ein Frachtschiff wurde mit dürrem Reisig und anderen leicht entzündbaren Stoffen angefüllt, dann am Galeon zwei Mast- bäume befestigt und mit einer möglichst weiten Gallerie umgeben, um in derselben desto mehr Stroh und Kien aufhäufen zu können; überdies brachte man noch Pech und Schwefel und andere Dinge der Art hinein; ferner wurden an die beiden Masten doppelte Raen befestigt, an deren Enden Kessel mit allerlei das Feuer schnell verbreitenden Brennstoffen hingen; endlich wurde der hintere Schiffsraum schwer geballastet, um das vordere Werk möglichst über den Wasserspiegel empor zu heben. Bei dem nächsten günstigen Winde ließen die Tyrier diesen Brander in See gehen; einige Trieren nahmen ihn ins Schlepptau und brachten ihn gegen den Damm; dann warf die in dem Brander befindliche Mannschaft Feuer in den Raum und in die Masten, und schwamm zu den Trieren, die eiligst das brennende Gebäude mit aller Gewalt gegen die Spitze des Dam- mes trieben. Der Brander erfüllte, von einem starken Nordwest- winde begünstigt, vollkommen seinen Zweck, in kurzer Zeit standen die Thürme, die Schirmdächer, die Gerüste und Faschinenhaufen auf dem Damm in hellen Flammen, während sich die Trieren an den Damm ober dem Winde vor Anker legten, und durch ihr Geschütz jeden Versuch, den Brand zu löschen, vereitelten. Zugleich machten die Ty- rier einen Ausfall, ruderten auf einer Menge von Böten über die Bai heran, zerstörten in Kurzem die Pfahlrosten vor dem Damm und zündeten die Maschinen, die noch etwa übrig waren, an. Durch das Fortreißen jener Rosten wurde der noch unfertige Theil des Dammes entblößt und den immer heftiger anstürmenden Wel- len Preis gegeben, so daß der vordere Theil des Werkes durch- rissen und hinweggespült in den Wellen verschwand Arrian sagt an dieser Stelle nicht genug, Curtius wie im- mer zu viel; überdies verwirrt letzterer die Zeitfolge, um einen Ef- fekt zu erhaschen. . Von mehreren Schriftstellern wird behauptet, Alexander habe nach diesem unglücklichen Ereigniß, das ihm nicht blos eine Menge Menschen und alle Maschinen gekostet, sondern auch die außeror- dentliche Schwierigkeit, Tyrus vom Lande her zu bewältigen, gezeigt habe, daran gedacht, die Belagerung ganz aufzugeben, den von Ty- rus angebotenen Vertrag anzunehmen und nach Aegypten zu ziehen; eine Behauptung, die weder mit dem Charakter, noch den Plänen des Königs übereinstimmt; je mächtiger und unabhängiger Tyrus seiner Landmacht gegenüberstand, desto nothwendiger war es, die stolze Stadt zu demüthigen, je zweifelhafter der Ausgang besorg- licheren Gemüthern erscheinen mochte, desto bestimmter mußte Ale- xander ihn im Auge behalten; ein Schritt rückwärts, ein aufgege- bener Plan, eine halbe Maaßregel hätte Alles vereitelt. In dieser Zeit mag es gewesen sein, daß von Neuem Gesandte des Darius eintrafen, die für des Großkönigs Mutter, Gemahlin und Kinder ein Lösegeld von zehntausend Talenten, ferner den Besitz des Landes diesseits des Euphrat, endlich mit der Hand seiner Tochter Freund- schaft und Bundesgenossenschaft anboten. Als Alexander nun seine Generale versammelte und ihnen die Anträge des Perserkönigs mittheilte, so waren die Ansichten sehr getheilt; Parmenion nament- lich äußerte, daß, wenn er Alexander wäre, er unter den gegenwär- tigen Umständen allerdings jene Bedingungen annehmen und sich nicht länger dem wechselnden Glück des Krieges aussetzen würde. Alexander antwortete: auch er würde, wenn er Parmenion wäre, also handeln, doch da er Alexander sei, so laute seine Antwort an Darius dahin: daß er weder Geld von Darius brauche, noch des Landes einen Theil statt des Ganzen nehme; was Darius an Land und Leuten, an Geld und Gut habe, sei sein, und wenn es ihm beliebe Darius Tochter zu heirathen, so könne er es, ohne daß Darius sie ihm gebe; suche derselbe aber Freundschaft mit ihm, so möge er nur in Person kommen. So Alexanders Antwort. Mit doppeltem Eifer wurden die Belagerungsarbeiten fortge- setzt, namentlich der Damm vom Lande aus in größerer Breite wieder hergestellt, um einerseits dem Werke selbst mehr Festigkeit zu geben, andererseits mehr Raum für Thürme und Maschinen zu gewinnen. Zu gleicher Zeit erhielten die Kriegsbaumeister den Auf- trag, neue Maschinen sowohl für den Dammbau als für den Sturm auf die mächtigen Mauern zu errichten. Alexander selbst ging während dieser vorbereitenden Arbeiten mit den Hypaspisten und Agrianern nach Sidon, um dort eine Flotte zusammenzubrin- gen, mit der er Tyrus zu gleicher Zeit von der Seeseite her blocki- ren könne. Gerade jetzt, es war um Frühlingsanfang, kamen die Schiffe von Aradus, Byblus und Sidon aus den Griechischen Ge- wässern zurück, wo sie auf die Nachricht der Schlacht von Issus sich von der Flotte des Autophradates getrennt und, sobald es die Jahreszeit erlaubte, zur Heimfahrt aufgemacht hatten; es waren an achtzig Trieren unter Gerostratus und Enylus; auch die Insel Rhodus, die sich vor Kurzem für Alexanders Sache entschieden hatte, sandte zehn Schiffe; kurze Zeit darauf lief auch das schöne Geschwader der Cyprischen Könige, von wenigstens hundertundzwan- zig Segeln, in den Hafen von Sidon ein; dazu kamen einige Schiffe aus Lycien und Cilicien und selbst ein Macedonisches, das Proteas, der junge, durch seinen Ueberfall bei Siphnos ausgezeichnete Neffe des schwarzen Klitus, führte, so daß sich Alexanders Seemacht wohl auf dreihundert Segel belief Curtius sagt hundertundachtzig, Plutarch zweihundert; aber Arrian giebt außer den im Text bezeichneten Zahlen noch zu verste- hen, daß vor der Ankuft der Phönicischen und anderen Geschwader dem Könige schon eine Anzahl Trieren zu Gebote stand. . Während die Flotte vollständig ausgerüstet und der Bau der Maschinen beendet wurde, unternahm Alexander einen Streifzug gegen die Arabischen Stämme im Antilibanon, deren Unterwerfung um so wichtiger war, da sie die Straßen, die vom Thale des Orontes nach der Küste führen, beherrschen und die reichen Kara- vanen aus Chalybon und Damaskus von ihren festen Bergschlössern aus überfallen konnten. Von einigen Geschwadern der Ritterschaft, von den Hypaspisten, den Agrianern und Bogenschützen begleitet, durchzog der König mit gewohnter Kühnheit und Schnelligkeit die schönen Thäler der Libanonketten; mehrere Schlösser der Araber wurden erstürmt, andere ergaben sich freiwillig, Alle erkannten die Oberherrschaft des Macedonischen Königs an, der nach eilf Tagen schon wieder nach Sidon zurückkehrte Die hier bezeichneten Stämme sind die späteren Ituräer (d. i. Dursen oder Drusen im Mittelalter), gegen die Pompejus in ähnlichem Sinne gekämpft hat. Curtius seinerseits glaubt, Alexander habe gegen die Araber gekämpft, weil sie einige Macedonier beim Fällen von Cedern im Libanon erschlagen hätten. Die Bravourge- schichte des Chares (bei Plutarch) mag sich im Munde der alten Mace- donischen Krieger besser gemacht haben als in den Berichten des Hi- storikers. , wo kurz vorher sieben- tausend Mann Griechische Söldner, unter Kleanders Führung, sehr zur rechten Zeit eintrafen. Denn eben jetzt waren die Rüstungen zur förmlichen Belagerung des mächtigen Tyrus so weit beendet, daß Alexander, nachdem er die Bemannung seiner Schiffe, um in offener Seeschlacht und namentlich im Entern ein entschiedenes Uebergewicht über die Tyrier zu haben, mit seinen trefflichen Hy- paspisten verstärkt hatte, von der Rhede von Sidon aus in See stechen konnte. In voller Schlachtlinie steuerte er auf Tyrus los, in der Absicht, die Tyrische Flotte wo möglich sogleich durch eine Schlacht von der See zu verdrängen und dann durch Sturm oder Blockade die Stadt zur Uebergabe zu zwingen. Die Tyrier hatten, so lange sie nicht wußten, daß sich die Cy- prischen und Phönicischen Geschwader unter Alexanders Befehl be- fanden, die Absicht gehabt, ihm zu einer Seeschlacht entgegenzuse- geln; jetzt sahen sie am Horizont die ausgedehnte Schlachtlinie der feindlichen Flotte herauffahren, mit der es ihre Schiffe, an Zahl wohl dreimal schwächer, um so weniger aufzunehmen wagen durf- ten, da die beiden Häfen der Insel, von denen der eine nordwärts gegen Sidon zu, der andere südwärts nach Aegypten hin lag, vor einem Ueberfall zu bewachen waren, wodurch die Zahl der dispo- nibeln Schiffe noch mehr verringert wurde. Die Tyrier begnügten sich demnach, die enge Mündung des Nordhafens, der dem ersten Angriffe ausgesetzt war, durch eine dicht gedrängte Reihe von Trie- ren mit seewärts gewandten Schnäbeln so zu sperren, daß jeder Versuch zum Durchbrechen unmöglich war. Alexander seinerseits hatte, sobald seine Geschwader auf die Höhe von Tyrus gekommen waren, Halt machen lassen, um die feindliche Flotte zum Gefecht zu erwarten, dann aber, als kein feindliches Schiff ihm entge- gen kam, unter lautem Ruderschlage gegen die Stadt losgesteuert, vielleicht mit der Hoffnung, durch einen heftigen Anlauf den Ha- fen zu gewinnen. Die dichte Reihe der Trieren in der engen Hafenmündung zwang ihn diesen Plan aufzugeben; nur drei Schiffe, die am weitesten aus dem Hafen hinaus lagen, wurden in den Grund gebohrt, dann ging die Flotte unter der Küste in der Nähe des Dammes vor Anker. Alexander begann jetzt die Stadt einzuschließen, um von allen Seiten her anlegen und seine Maschinen gegen die Mauern arbei- ten zu lassen. Die Cyprischen Schiffe unter dem Admiral Andro- machus und ihren eigenen Königen sperrten den Nordhafen, wäh- rend die Phönicier, deren unmittelbare Leitung sich Alexander selbst vorbehalten hatte, den Südhafen blockirten. Das Nächste war nun, die Maschinen und Thürme nahe genug an die Mauern zu brin- gen, um entweder Bresche zu legen oder Fallbrücken auf die Zin- nen von Tyrus zu werfen. Zu dem Ende war nicht blos der Damm mit einer Menge von Maschinen bedeckt, sondern auch eine große Anzahl von Lastschiffen und alle Trieren, die nicht besonders segelten, zum Theil auf das kunstreichste mit Mauerbrechern, Kata- pulten und anderen Maschinen ausgerüstet. Aber den Maschinen vom Damme her widerstand die feste, aus Quadern erbauete Mauer, deren Höhe von hundertfunfzig Fuß, noch vermehrt durch die Auf- stellung hölzerner Thürme auf die Zinnen, die Macedonischen Thürme mit ihren Fallbrücken unschädlich machte. Schwächer und niedriger waren die Mauern nach der Seeseite zu; mit desto größerer Auf- merksamkeit beobachteten hier die Belagerten jede Bewegung der feindlichen Maschinenschiffe; schon aus der Ferne wurden diese mit einem Hagel von Geschossen, Steinen und Brandpfeilen empfangen; und als sie dennoch näher an den Strand hinruderten, um endlich anzulegen, fanden sie namentlich in der Nähe des Dammes die nähere Anfahrt durch eine Menge versenkter Steine unmöglich ge- macht. Die an sich schon mühselige Arbeit, von den schwankenden Schiffen aus diese Steine vom Meergrunde fortzubaggern, wurde dadurch verdoppelt und oft ganz vereitelt, daß Tyrische mit Schirm- dächern versehene Fahrzeuge die Ankertaue der arbeitenden Schiffe kappten und sie so der treibenden Strömung und dem Winde Preis gaben; Alexander ließ eben so bedeckte Fahrzeuge vor den Ankern beilegen, um die Taue zu schützen; aber Tyrische Taucher schwammen unter dem Wasser bis in die Nähe der Schiffe und zerschnitten deren Kabel, bis endlich die Anker an eisernen Ketten in den Seegrund gelassen wurden. Jetzt konnten die Schiffe ohne weitere Gefahr arbeiten, in Kurzem waren die Steinmassen aus dem Fahr- wasser in der Nähe des Dammes hinweggeschafft, so daß die ein- zelnen Maschinenschiffe sich bereits der Mauer nähern konnten. Den Tyriern entging keinesweges, wie sich mit jedem Tage die Gefahr mehrte, und wie ihre Stadt ohne Rettung verloren sei, wenn sie nicht mehr die Oberhand auf dem Meere hätten; sie hatten auf Hülfe, namentlich von Karthago her gehofft, sie hatten erwartet, daß die Cyprier wenigstens nicht gegen sie kämpfen wür- den; von Karthago kam endlich das heilige Schiff der Festgesandt- schaft, es brachte die Botschaft, daß der Mutterstadt keine Hülfe werden könnte. Und schon war Tyrus so gut wie eingesperrt, da vor dem Nordhafen die Cyprische, vor dem südlichen die Phönici- sche Flotte ankerte, so daß sie nicht einmal ihre ganze Marine zu einem Ausfall, der noch die einzige Rettung zu sein schien, ver- einigen konnten. Mit desto größerer Vorsicht rüsteten sie hinter einer Reihe ausgespannter Segel, die den Nordhafen verdeckte, ein Geschwader von drei Fünfruderern, eben so vielen Vierruderern und sieben Trieren aus, bemannten diese mit auserlesenem Schiffs- volk und benutzten die Stille der Mittagsstunde, in der Alexander selbst auf dem Festlande in seinem Zelte zu ruhen, so wie die Mannschaften der meisten Schiffe sich, um frisches Wasser und Lebensmittel zu holen, auf dem Strande zu befinden pflegten, zu einem Ausfall. Un- bemerkt aus dem Hafen gesegelt ruderten sie, sobald sie den auf der Nordseite stationirten und fast ganz unbewachten Schiffen der Cyprischen Fürsten nahe kamen, mit lautem Schlachtruf auf die- selben los, bohrten mehrere in den Grund, jagten die übrigen auf den Strand und begannen sie zu zertrümmern. Indeß hatte Ale- xander, der diesen Tag früher als gewöhnlich zu seinen Schiffen auf der Südseite zurückgekommen war und sehr bald die Bewe- gung vor dem Hafen jenseits der Stadt bemerkt hatte, schleunigst seine Schiffe bemannt, den größten Theil derselben unmittelbar vor dem Südhafen auffahren lassen, um einem Ausfall der Tyrier von dieser Seite zuvorzukommen, und war dann mit fünf Trieren und allen Fünfruderern seines Geschwaders um die Insel herumgesteuert, den bereits siegreichen Tyriern entgegen. Von der Mauer der Stadt aus gewahrte man sehr bald Alexanders Nahen; mit lautem Geschrei, mit Zeichen jeder Art suchte man den Schiffen die Ge- fahr kund zu thun und sie zum Rückzuge zu bewegen; über den Lärm des anhaltenden Gefechtes bemerkten es die Kämpfenden nicht eher, als bis das feindliche Geschwader sie fast schon erreicht hatte; schnell warfen die Tyrischen Schiffe herum und ruderten in der größten Eile dem Hafen zu, den aber nur wenige wohlbehalten er- reichten; die meisten wurden in den Grund gebohrt oder so beschä- digt, daß sie für künftigen Seedienst unbrauchbar waren, und ein Fünfruderer und einige Vierruderer dicht vor der Münde von Alexander genommen, während sich die Mannschaft durch Schwim- men rettete. Dieser Ausgang des Tages war für Tyrus Schicksal entschei- dend; die Tyrische Flotte, von der See gänzlich verdrängt, lag fortan nutzlos in den Häfen, die von den Macedonischen Schiffen auf das strengste bewacht, Tyrischer Seits durch Sperrketten vor einem Ueberfalle gesichert wurden. Die Maschinen legten an den Mauern an, ohne daß ihnen die Tyrier anders als von den Zin- nen herab entgegen arbeiten konnten; es begann das letzte Stadium einer Belagerung, die, von beiden Seiten mit dem größesten Auf- wand von Kraft, mechanischer Kunst und außerordentlichen Entwür- fen geführt, Alles übertraf, was bisher in dieser Art von Griechen und Barbaren unternommen war; und während die Tyrier, deren Maschinen- und Kriegsbauwesen das ausgebildetste der damaligen Zeit war, alle Mittel und Kräfte anstrengten, um sich zu schützen, waren Alexanders Ingenieure, aus der Schule des Polyidus, unter ihnen der berühmte Deimachos, auf das Eifrigste bemühet, die Er- findsamkeit der Phönicier zu überbieten. Jetzt, nachdem Alexander durch seinen Damm einen festen Angriffspunkt und für seine Schiffe einen ziemlich sicheren Ankerplatz gewonnen, nachdem er den Mee- resgrund gereinigt und seinen Maschinen das Anlegen an den Mauern möglich gemacht, nachdem er die Tyrische Seemacht vom Meere verdrängt hatte, so daß ihm nichts mehr zu thun übrig blieb, als die Mauern zu übersteigen oder zu durchbrechen, erst jetzt wurde die mühevollste und gefährlichste Arbeit begonnen. Dem Damme gegenüber waren die Mauern zu hoch und zu dick, um erschüttert oder erstiegen zu werden; nicht viel mehr richteten die Maschinen auf der Nordseite aus; die Mächtigkeit der in Gyps gelegten Quadermassen schien jeder Gewalt zu trotzen. Mit desto größerer Hartnäckigkeit verfolgte Alexander seinen Plan; er ließ auf der Südseite der Stadt die Maschinen anrücken, arbeiten und nicht eher ruhen, als bis die Mauer, bedeutend beschädigt und durchbro- chen, zu einer Bresche zusammenstürzte. Sogleich wurden Fallbrük- ken hineingeworfen, ein Sturm versucht; es begann der härteste Kampf; die Tyrier schlugen die Macedonier zurück, Alexander gab die zu kleine Bresche auf, welche bald von den Tyriern hinterbauet wurde. Nichts weniger als entmuthigt Diodor und Curtius versichern das Gegentheil; gerade die Ge- nauigkeit ihrer Angaben offenbaret deren Unrichtigkeit. wartete Alexander nur stille See ab, um den Sturm zu wiederholen; drei Tage später, es war am 20sten August Das Datum ergiebt die Angabe Arrians, daß Tyrus im Monat Hekatom- bion (22sten Juli bis 20sten August 332 incl. ) erobert sei, in Verbin- dung mit Plutarchs wunderlicher Geschichte von Aristanders Ausspruch, nach welchem die Stadt, obgleich man schon den letzten Tag des Mo- nats hatte, doch noch in demselben Monat erobert werden sollte; die Ausschmückung mag autoschediastisch sein, das zum Grunde lie- gende Datum ist es wohl nicht. , wurde der entscheidende Angriff gemacht. Das Meer war ruhig, die Luft klar, der Horizont wolkenlos, Alles so, wie wie es Alexander wünschen mochte. Er begann damit, die mächtig- sten seiner Maschinenschiffe gegen die Mauer anrücken und arbeiten zu lassen, während zwei andere Schiffe, das eine mit den Hypas- pisten Admets unter des Königs Führung, das andere mit Frei- willigen aus der Phalanx Könus bemannt, bereit lagen, um, so- bald die Bresche groß genug sei, zum Sturm anzulegen; zu gleicher Zeit ließ er sämmtliche Schiffe in See gehen, einen Theil der Trieren sich vor die Häfen legen, um während des Sturmes vielleicht die Hafenketten zu sprengen und in die Bassins einzudringen; alle anderen Schiffe, welche Bogenschützen, Schleuderer, Ballisten, Kata- pulten, Sturmblöcke oder Aehnliches an Bord hatten, vertheilten sich rings um die Insel, mit dem Befehl, entweder wo es irgend möglich wäre zu landen, oder innerhalb Schußweite unter der Mauer zu ankern und die Tyrier von allen Seiten so zu be- schießen, daß sie, unschlüssig, wo am meisten Gefahr oder Schutz sei, desto leichter dem Sturme erlägen. Die Maschinen begannen zu arbeiten, von allen Seiten flogen Geschosse und Steine gegen die Zinnen, an allen Punkten schien die Stadt gefährdet, als plötzlich der Theil der Mauer, auf den es Alexander abgesehen hatte, zer- trümmert zusammenstürzte und eine ansehnliche Bresche öffnete. Sogleich legten die beiden Fahrzeuge mit Bewaffneten an der Stelle der Maschinenschiffe bei, die Fallbrücken wurden hinabgelas- sen, die Hypaspisten drangen vor, Admet war der Erste auf der Mauer, der Erste, der fiel; mit doppelter Wuth, Alexander voran, stürzten die Getreuen nach, bald waren die Tyrier aus der Bre- sche verdrängt, bald ein Thurm und ein zweiter erobert, die Mauer besetzt, der Weg nach der Königsburg frei, der gegenüber eine breite Straße in die Stadt hinab führte. Während dessen waren die Phönicischen Schiffe in den Südhafen, dessen Sperrketten sie gesprengt hatten, eingedrungen, und hatten die dort liegenden Schiffe theils in den Grund gebohrt, theils auf das Ufer getrieben; eben so waren die Cyprischen Schiffe in den Nordhafen eingelaufen und hatten bereits das Bollwerk und die nächsten Punkte der Stadt besetzt, während Alexander mit den Hypaspisten und der Schaar des Könus bereits von der Mauer hinabstürmte. Die Tyrier hatten sich von der Mauer zurückgezogen, sich vor dem Agenorium gesam- melt, und erwarteten dort die von allen Seiten heranrückenden 13 Macedonier. Nach kurzem aber höchst blutigen Kampfe wurden auch diese bewältigt und niedergemacht; die Macedonier wütheten furchtbar, achttausend Tyrier fanden den Tod. Denen, die sich in den Heraklestempel geflüchtet hatten, namentlich dem König Aze- milkus, den höchsten Beamten der Stadt und einigen Karthagischen Festgesandten ließ Alexander Gnade angedeihen; diejenigen aber, die sich der Unterwerfung widersetzt und die harnäckige Vertheidi- gung der Stadt angestiftet hatten, wurden ans Kreuz geschlagen, der größte Theil der Bevölkerung in die Sklaverei verkauft Polyb. XVI. 39. ἐξηνδϱαποδισμένον μετὰ βίας. Nach Diodor wären siebentausend Mann (sechstausend bei Curtius) im Kampfe ge- fallen, zweitausend kriegsfähige Männer ans Kreuz geschlagen, drei- zehntausend Greise, Weiber und Kinder (der größere Theil sei gen Karthago geflüchtet gewesen) verkauft worden; Curtius dagegen sagt, daß die Sidonier funfzehntausend Tyrier auf ihre Schiffe retteten; Arrian giebt die Zahl der Todten auf achttausend, die der Gefange- nen auf dreißigtausend an. Es versteht sich, daß die Stadt mehr als vierzigtausend Einwohner, wie man aus Arrian schließen möchte, ge- habt hat. Die achtzig Trieren erforderten allein schon sechszehntau- send Mann. Enggebauet und voll hoher Häuser, wie sie war, konnte die Inselstadt bei dem Umfange von zweiundzwanzig Stadien (Plin.) nach dem Verhältniß des heutigen Paris achtzigtausend Einwohner zählen. Von diesen waren wohl Tausende vor Anfang der Belagerung geflüch- tet, sie fanden sich allmählig wieder zusammen. — Der obigen Erzäh- lung liegt Arrians Bericht von der Belagerung zum Grunde (wört- lich wiederholt von dem Anonymus de urbium defensione in den Vett. Mathem. p. 317 ). Diodor hat mit abentheuerlichem Geschmack die Maschinen der Macedonier und Tyrier beschrieben, und wenn wirklich jene Stangen mit Widerhaken, jene Fangnetze und Harpunen, jene Marmorräder und Säcke mit Seegras und Werg in dieser merkwür- digen Belagerung vorgekommen sind, was ich weder bezweifeln noch vertreten mag, so gehört dies zu sehr dem Technischen des alten Be- lagerungswesens an, um hier ausführlich erklärt werden zu können. Uebrigens wimmelt jener Bericht von Unrichtigkeiten; die Darstel- lung des Sturmes unter Admet giebt den deutlichsten Beleg dafür. Noch weniger brauchbar ist die Darstellung des Curtius, der, ohne allen Sinn für den wesentlichen Zusammenhang militärischer Sachen, durch blendende Bilder und rührende Antithesen das Interesse, wel- . Es konnte Alexanders Absicht nicht sein, Tyrus zu vernichten; er würde seinem neuen Reiche eine der wichtigsten Städte, seiner Seemacht vielleicht die beste Station auf dieser Küste entzogen ha- ben; und wenn schon ihm die Hartnäckigkeit dieser einen Stadt sie- ben kostbare Monate und ungeheuere Anstrengungen gekostet hatte, so schien sie doch durch ihr eigenes Schicksal, durch die Hinrichtung so vieler Vornehmen, durch den tödtlichen Stoß, den ihr Handel und Wohlstand erlitten hatte, genug gestraft zu sein. Auf der an- deren Seite aber wäre es gefährlich gewesen, der so lange wider- spenstigen Stadt dieselben Vergünstigungen zuzugestehen, mit denen die Ergebenheit der anderen Phönicischen und Cyprifchen Städte belohnt wurde; es kam dazu, daß es für jeden Fall nothwendig war, mitten unter den kleinen Seestaaten in diesen Gewässern, die ihre Fürsten und ihre Flotten, wenn auch unter Macedonischer Ho- heit, behielten, einen bedeutenden Posten inne zu haben, um selbst der Versuchung zu Neuerungen vorzubeugen. So wurde Tyrus seiner alterthümlichen Verfassung beraubt Zwar spricht sich keiner der alten Schrift- steller deutlich über diesen Punkt aus; ja Arrians Angabe, daß dem Azemilkus verziehen sei (ἄδεια), und Diodors verwirrter Bericht über Abdolonymus könnten leicht das Entgegengesetzte zu beweisen scheinen. Indeß spricht außer dem Zusammenhange der Begebenheiten die spätere Geschichte für die obige Darstellung; denn in den Strei- tigkeiten der Diadochen werden Könige auf Cypern und in Sidon, Byblus, Aradus erwähnt, dagegen Macedonische Phrurarchen in Ty- rus; und in Tyrus verwahrte Perdikkas seine Kassen. Diod. XVIII. 37. , und Hauptwaffenplatz auf dieser Küste; der Macedonische Befehlshaber der Stadt erhielt die Weisung, für den Wiederaufbau ihrer Befestigungen zu sorgen, das Wiederaufblühen ihres Handels auf alle Weise zu begünstigen. Alexander selbst hielt demnächst zur Feier des Sieges das Herakles- ches der factische Verlauf von selbst erweckt, vergeblich hervorzubrin- gen strebt. Die vielen Träumereien und Wunder, die Curtius, Diodor und Plutarch um die Wette erzählen, mögen immerhin im Macedonischen Lager erzählt worden sein; doch sollte man mit sol- chen Geschichten nicht die Geschichte aufklären wollen. — Polyaen. IV. 3. 4. ist unbrauchbar. Justin. XI. 10. meint, die Stadt sei durch Verrath gefallen. 13 * opfer, das ihm von den Tyriern geweigert war, im Herakleum der Inselstadt, indem das Heer in voller Rüstung dazu ausrückte und die gesammte Flotte auf der Höhe der Insel im Festaufzuge vor- übersteuerte; unter Wettkampf und Fackellauf wurde die Maschine, welche die Mauer gesprengt hatte, durch die Stadt gezogen und im Herakleum aufgestellt, und das Heraklesschiff der Tyrier, das schon früher in Alexanders Hände gefallen war, dem Gott ge- weiht Arrian. II. 24. . Im Besitz der beiden Städte Tyrus und Damaskus, und durch sie Herr der Küste und des inneren Syriens konnte Alexan- der gegen das Palästinische Syrien hin aufbrechen, wo er mehr- fachen Widerstand erwarten mußte. Er hatte von Tyrus aus die Juden und Samaritaner aufgefordert, sich zu unterwerfen; unter dem Vorwande, durch ihren Unterthaneneid dem Persischen Könige verpflichtet zu sein, hatten sie die Zufuhren und anderweitigen Lei- stungen, die Alexander forderte, verweigert. Noch gefährlicher schien die Grenzfestung Gaza; in dem Palästinischen Syrien bei weitem die wichtigste Stadt, und, wegen ihrer glücklichen Lage auf der Handelsstraße vom rothen Meere nach Tyrus, von Damaskus nach Aegypten, und noch mehr als Grenzfestung gegen die so oft unru- hige Aegyptische Satrapie, für die Perserkönige stets ein Gegenstand besonderer Aufmerksamkeit, war sie von Darius einem seiner treuesten Diener, dem Eunuchen Batis anvertrauet worden, der kühn genug dem Vordringen des siegreichen Feindes ein Ziel zu setzen gedachte, überzeugt, daß, wenn er jetzt den Macedonier aufzuhalten ver- möchte, einerseits die reiche Satrapie Aegypten den Persern erhal- ten, andererseits der König Darius Zeit gewinnen würde, seine großen Rüstungen im oberen Asien zu vollenden, in die unteren Satrapien herabzukommen und den tollkühnen Macedonier über den Taurus, den Halys, den Hellespont zurückzujagen. Der lange Widerstand, den Tyrus geleistet hatte, erhöhete den Muth des Eu- nuchen um so mehr, da die Flotte, der Alexander die endliche Ein- nahme der Inselstadt dankte, vor Gaza nicht anzuwenden war; denn die Stadt lag eine halbe Meile von der Küste, die überdies, mit Sandbänken und Untiefen gesperrt, einer Flotte kaum zu lan- den gestattete; von der Küste an erstreckte sich landeinwärts eine tiefe Sandgegend bis zum Fuße des Erdrückens, auf dem Gaza erbauet war. Die Stadt selbst hatte bedeutenden Umfang und war mit einer hohen und mächtigen Mauer umgeben, die jedem Sturmblock und jedem Geschoß widerstehen zu können schien. Dem- nach hatte sich Batis auf eine lange Belagerung vorbereitet, eine Menge Vorräthe aufgehäuft und Araber aus der nahen Wüste in Sold genommen, die bald genug Proben ihrer vielgerühmten Tap- ferkeit geben sollten. Alexander brach mit Anfang September mit dem Heere von Tyrus auf; ohne bei der festen Stadt Acco, welche den Eingang in das Palästinische Syrien schließt, Widerstand zu finden, rückte er in das Land der Samaritaner ein; durch schnelle Unterwerfung beugten sie der gerechten Strafe ihrer Hartnäckigkeit vor; Jerusa- lem folgte diesem Beispiel, und Alexander, so wird berichtet, hielt im Tempel Jehovahs ein feierliches Opfer; er zeigte sich in Al- lem milde und nachsichtig gegen die Nachkommen Abrahams Es ist schwierig, bei dem gänzlichen Schweigen glaub- würdiger Schriftsteller, Gewisses über Alexanders Benehmen gegen Samaria und Juda aufzuzeichnen, da sich die Lügen der Samarita- ner und Juden wechselseitig aufheben; cf. St. Croix p. 547 sqq., der frei- lich dem Abderiten Hekatäus, dem Erfinder des vielbesprochenen Osy- mandyaspallastes in Theben, zu viel Glauben schenkt. , deren aufrichtige Ergebenheit ihm bei dem Angriff auf die Phili- sterstadt von mannichfachem Nutzen sein konnte. Andromachus, den Parmenion in Damaskus als Befehlshaber zurückgelassen, erhielt auch über das Land des Jordan die Aufsicht Curt. IV. 5. 10. c. intpp. . So langte das Heer ohne weiteren Aufenthalt vor Gaza an, und lagerte sich auf der Südseite, wo die Mauer am leichtesten angreifbar schien; Alexander befahl sofort die erforderlichen Maschi- nen zu zimmern und aufzustellen. Aber die Kriegsbaumeister er- klärten, es sei bei der Höhe des Erdrückens, auf dem die Stadt liege, unmöglich, Maschinen zu errichten, die sie zu erreichen und zu erschüttern vermöchten. Alexander erkannte die Wichtigkeit des Platzes und die größere des Ruhmes, über die größesten Schwierig- keiten gestegt und das Unmögliche selbst möglich gemacht zu haben; trotz aller jener Bedenklichkeiten wollte er Gaza mit stürmender Hand erobert wissen, da er weder Truppen genug hatte, um vor der Festung ein eigenes Belagerungscorps zurückzulassen, noch bei den Rüstungen im oberen Asien sich die Zeit lassen durfte, mit dem ganzen Heere die Stadt einzuschließen und auszuhungern. Er be- fahl daher auf der am meisten zugänglichen Südseite einen Damm gegen die Stadt hin aufzuschütten, der die Höhe des Erdrückens, auf dem die Mauern standen, erreichte. Die Arbeit wurde möglichst beeilt; sobald sie vollendet war, wurden die Maschinen gegen die Mauer aufgefahren, und begannen mit Tagesanbruch zu arbeiten; während dessen opferte Alexander gekränzt und im kriegerischen Schmucke den Göttern und erwartete ein Zeichen; da flog ein Raubvogel über den Altar hin und ließ einen Stein auf des Kö- nigs Haupt hinabfallen, fing sich selbst aber in dem Tauwerk einer Maschine; der Zeichendeuter Aristander deutete das Zeichen und sprach: „Du wirst, o König, zwar die Stadt erobern, doch hast Du Dich an diesem Tage wohl zu hüten“ Arrian. II. 26. Curt. IV. 6. 12. Plut. 25. . Alexander glaubte dem Zeichen der Götter und hütete sich, er blieb in der Nähe der Maschinen, die nicht ohne Erfolg gegen die mächtigen Mauern ar- beiteten. Da machten die Belagerten plötzlich und mit großer Hef- tigkeit einen Ausfall, warfen Feuer in die Schirmdächer und Ge- schütze, beschossen von der hohen Mauer herab die Macedonier, welche in den Maschinen arbeiteten und zu löschen suchten, und drängten diese so, daß sie bereits sich von ihrem Damme zurückzu- ziehen begannen. Länger hielt sich Alexander nicht; an der Spitze seiner Hypaspisten rückte er vor, half, wo am meisten Gefahr war, brachte die Macedonier von Neuem in den Kampf, so daß sie we- nigstens nicht ganz von dem Damme zurückgeworfen wurden; da traf ihn ein Katapultenpfeil und fuhr ihm durch Schild und Panzer bis tief in die Schulter hinein. Der König sank, die Feinde drängten jubelnd heran, überall loderten die Maschinen auf, die Macedonier wichen von der Mauer der Stadt zurück. Alexanders Wunde war schmerzhaft, aber nicht gefährlich; sie hatte Aristanders Weissagung zur Hälfte wahr gemacht, und der König war überzeugt, daß sich nun auch der glücklichere Theil jenes Zeichens erfüllen werde. Eben jetzt waren die Maschinen, mit denen er Tyrus erobert hatte, im nahen Hafen Majumas an- gekommen; um sie anwenden zu können, befahl er sosort, einen mäch- tigen Damm von zwölfhundert Fuß Breite und zweihundertfunfzig Fuß Höhe concentrisch mit den Mauern der Stadt aufzuschüt- ten Diese Angaben Arrians sind auf eine sonderbare Weise mis- verstanden worden; man hat gemeint, sein χῶμα χωννύναι ἐν κύκλῳ πάντοϧεν τῆς πόλεως bezeichne eine völlige Circumvallation der Stadt; ein ungeheueres Werk; wäre der Umfang der Stadtmauer nur viertausend Schritte gewesen und hätten zwanzigtausend Men- schen täglich gearbeitet, so würden sie, nach einer sehr einfachen Be- rechnung, über drei Jahre gebraucht haben, um einen Wall bis zu dieser Höhe aufzuschütten; überdieß wäre dann zum Unterminiren der Mauer kein Platz übrig geblieben. Arrian ist nur darin undeutlich, ob dieser zweite Damm an der Stelle des ersten gebauet ist oder nicht; letzteres scheint wahrscheinlicher. Die zwölfhundert Fuß Breite (zwei Stadien) sind natürlich von der Stirn des Dammes zu verste- hen, da sich die Länge desselben (diametrale Richtung) nach dem Winkel, den man bei Arbeiten dieser Art braucht, bestimmen mußte. ; zu gleicher Zeit wurde das Erdreich unter der Mauer unterminirt, so daß sie bald durch ihre eigene Schwere und durch die Gewalt der Sturmblöcke an mehreren Stellen zusammenstürzte. Man hatte Bresche genug und begann zu stürmen; zurückgeschla- gen wiederholte man den Angriff zum zweiten, zum dritten Mal; endlich beim vierten Sturm, als die Phalangen von allen Seiten heranrückten, als immer neue Stücke der Mauer zusammenstürzten, und die Maschinen immer furchtbarer wirkten, als die tapferen Araber schon zu viele Todte und Verwundete zählten, um noch an allen Orten den gehörigen Widerstand zu leisten, gelang es den Hypaspisten, Sturmleitern in die Breschen zu werfen und über den Schutt der eingestürzten Mauern einzudringen, die Thore auf- zureißen, und dem gesammten Heere den Eingang in die Stadt zu öffnen. Ein noch wilderer Kampf begann in den Straßen der Stadt; die tapferen Gazäer vertheidigten ihre Posten bis auf den Tod, ein gräßliches Blutbad endete den heißen Tag; an zehntau- send Barbaren sollen gefallen sein; ihre Weiber und Kinder wur- den in die Sclaverei verkauft. Doch war die Lage der Stadt in jeder Beziehung zu vortheilhaft, als daß Alexander sie hätte vertil- gen sollen; deshalb bevölkerte er sie von Neuem aus den benach- barten Ortschaften, und benutzte sie als Waffenplatz für seine wei- teren Unternehmungen Curtius ist in der Darstellung dieser Belagerung im Ganzen mit Arrian in Uebereinstimmung; doch hat er Manches aus dem He- gesias hinzugethan, was ohne historischen Werth ist, so namentlich den Mordversuch des Arabischen Ueberläufers, und die Rache an dem von Philotas und Leonnatus gefangenen Eunuchen Batis ( cf. Dionys. Hal. de structur. or. c. 18.); Curtius nennt jene zwei Namen nicht, weil nach ihm Philotas in Tyrus zurückgeblieben war. St. Croix giebt nach Josephus ant. XI. 8., dem er viel zu viel glaubt, die Zeit der Belagerung von Gaza auf zwei Monate an, für die Errichtung so großer Dämme gewiß eine zu kurze Zeit; hätte die Belagerung nicht länger gewährt, so wäre Alexander mit dem Anfang November, wo das Nilwasser noch nicht wieder in seinem Bette zu sein pflegt, in Aegypten eingerückt. Daß er erst nach dem 14ten November (1 Thoth 417 aer. Nab. ) nach Memphis gekommen ist, beweiset der Umstand, daß im Kanon der Könige sein erstes Jahr 417 ist; wäre er vor dem 14ten November dorthin gekommen, so müßte ihm schon das Jahr 416 zugeschrieben sein; cf. Ideler Chronol. l. p. 120. . Jetzt endlich konnte Alexander nach Aegypten hin aufbrechen, der letzten Mittelländischen Provinz des Perserkönigs, die, wenn sie treu oder in treuen Händen gewesen wäre, vermöge ihrer günstigen örtlichen Verhältnisse lange Widerstand zu leisten vermocht hätte. Aber wie sollte sich das Aegyptische Volk für die Sache eines Kö- nigs, an den es durch nichts als die Ketten einer ohnmächtigen und darum doppelt verhaßten Herrschaft gefesselt war, zu kämpfen bereit fühlen? Ueberdies lag in der Natur der Aegypter weniger Neigung zum Kampf als zur Ruhe, mehr Geduld und Arbeitsamkeit als Geist und Kraft, und wenn dessen ungeachtet während der zweihun- dert Jahre der Dienstbarkeit öfter Versuche gemacht worden waren, die fremde Herrschaft abzuschütteln, so hat an diesen das Volk im Ganzen um so weniger Antheil genommen, da es seit der Aus- wanderung der einheimischen Kriegerkaste daran gewöhnt war, Grie- chische und Libysche Söldner für Aegypten kämpfen und höchstens einige Tausend Eingeborene als Packknechte mitziehen zu sehen. Ueberhaupt kann man den damaligen Zustand Aegyptens als den der vollkommensten Stagnation bezeichnen; alle inneren Verhält- nisse, Ueberreste der längst untergegangenen Pharaonenzeit, standen im offenbarsten Widerspruche mit jedem der geschichtlichen Wechsel- fälle, deren das Land seit dem Sturze des priesterlichen König- thums so viele erfahren hatte; die Versuche der Saitischen Könige, ihr Volk durch Handel und Verbindung mit fremden Völkern zu beleben, hatten scheitern müssen, da sie selbst Aegypter und aus dem Geschlecht der priesterlichen Pharaonen waren; die Funken des neuen Lebens, die sie erweckt hatten, fanden unter der Persischen Herrschaft keine andere Nahrung, als den dumpfen, stets zunehmen- den Abscheu gegen die unreinen Fremdlinge, ohne daß das Volk durch diesen jemals zu einem allgemeinen und entschiedenen Abfall von Persien gekräftigt wäre; in sich versunken, Sclaven der ärm- lichsten Betriebsamkeit, deren sie doch nicht froh wurden, belastet mit allen Nachtheilen und aller Superstition eines Kastenwesens, von dem die Zeit nichts als die abgestorbene Form übrig gelassen hatte, bei dem Allen durch die überreiche Fruchtbarkeit ihres Lan- des, der kein freier und lebendiger Verkehr nach Außen hin Werth und Reiz gab, mehr gedrückt als gefördert, bedurften die Aegypter mehr als irgend ein Volk einer entschiedenen Regeneration, wie sie durch Alexander über den ganzen Orient kommen sollte Die Charakteristik des Aegyptischen Volkes, wie sie Curtius giebt, gens vana et novandis quam gerendis rebus aptior, ist ein Anachronismus, und paßt selbst in späterer Zeit besonders nur auf die Bevölkerung von Alexandrien. . Aegypten war, sobald Alexander nahete, für den Perserkönig verloren; sein Satrap Mazaces, des bei Issus gefallenen Sabaces Nachfolger, hatte die unter Amyntas Führung gelandeten Griechi- schen Söldner aus Eifersucht oder misverstandenem Eifer, statt sie zur Vertheidigung des Landes in Sold zu nehmen, niedermetzeln lassen; jetzt, nach dem Fall von Tyrus und Gaza, nachdem durch Alexanders Occupation, die bis in die Wüste Arabiens hinaus- reichte, Aegypten vom oberen Persien durchaus abgeschnitten war, blieb dem Satrapen und den wenigen Persern um ihn freilich nichts übrig, als sich möglichst schnell zu unterwerfen. So geschah es denn, daß, als Alexander von Gaza aus nach einem Marsche von sieben Tagen in Pelusium eintraf, Mazaces ihm ohne Weiteres Aegypten übergab. Während der König seine aus Phönicien bereits gelandete Flotte auf dem Pelusischen Nilarm stromauf sandte, ging er selbst über Heliopolis nach Memphis, um sich mit der Flotte dort wieder zu treffen; alle Städte, zu denen er kam, öffneten ihm die Thore; ohne das geringste Hinderniß be- setzte er Memphis, die große Hauptstadt des Nillandes, dessen Un- terwerfung mit diesem Zuge vollbracht war. Indeß wollte Alexander mehr als unterwerfen; es sollte den Völkern seines Reiches der Genuß und das Bewußtsein ihrer durch die Perser gewaltsam und darum vergebens zurückgedrängten Volks- thümlichkeit unter der Aegide des Griechischen Lebens zurückgegeben werden, damit der große Gedanke einer völligen Verschmelzung bei- der desto leichter Raum und Kraft gewönne. So opferte der Macedo- nische König in den Tempeln der Acgyptischen Gottheiten, vor Allen dem Apis, an dessen Heiligkeit sich die Erinnerung der alten Pharaonenweihe knüpfte Die romanhaften Schilderungen von Alexanders Leben und Thaten (so Pseudo-Callisthenes bei St. Croix p. 164, Jul. Valerius p. 47.) machen aus diesem Opfer eine förmliche Pharaonen- weihe, wie sie unter Alexanders Nachfolgern in Aegypten seit dem fünften Ptolemäus, unter dem Namen der Anakleterien, wieder einge- führt wurde; s. das Nähere in meiner Abhandlung de Lagidarum regno p. 57. Doch war es Alexanders Absicht nicht, sich in jedem Theile des Perserreiches die Krone früherer Könige übergeben zu lassen, da er vielmehr ein Reich in Asien und Europa zu gründen hoffte. ; zugleich ließ er in den Vorhöfen der Tempel Griechische Wettkämpfe und Musenspiele halten, zum Zei- chen, wie fortan das Fremde hier heimisch, das Einheimische auch den Fremden ehrwürdig sein werde. Die Achtung, die er überdies den Aegyptischen Priestern zollte Plut. 27. , mußte ihm diese Kaste um so mehr gewinnen, je tiefer sie von der oft fanatischen Intoleranz der Persischen Fremdlinge herabgewürdigt worden war. Uebrigens lag es am Tage, daß, wenn dies von der Natur so reich ausgestattete Aegypten nicht in entsprechender Weise blü- hend und glücklich war, die Schuld davon besonders darin lag, daß die unter Psammetich und seinen nächsten Nachfolgern eröffnete Verbindung mit der See und den überseeischen Völkern während der Persischen Herrschaft fast ganz aufgegeben und der Handel nach außerhalb in die Hände anderer Völker übergegangen war. Die- sen den Aegyptern wieder zuzuführen und sie zugleich in den raschen und belebenden Verkehr der Völker mit hineinzuziehen, anderer Seits aber dem Griechischen Leben einen Mittelpunkt unter den frem- den Völkern, die Alexander mit jenem zu verschmelzen wünschte, so wie seiner Herrschaft über das Mittelmeer und dessen Küsten einen neuen Haltpunkt zu schaffen, beschloß er die Gründung einer neuen Stadt an der Küste Aegyptens; die Eigenthümlichkeit des schlammführenden Nilstromes, die oft wechselnde Gestalt seiner Mündungen, endlich die Schwierigkeit der Einfahrt in dieselben, veranlaßte ihn, nicht eine von diesen dazu auszuersehen, sondern eine etwas westlichere Stelle der Küste, die mit der vorliegenden Insel Pharos den Griechen aus Homers Gesängen bekannt, von den Aegyptischen Königen aber unter dem Namen Rakotis als Grenzposten gegen Libyen gebraucht war, wovon sowohl die Insel als auch der Landsee Mareotis, gleich oberhalb Rakotis, den Na- men führten Ma-areh (oder Are-phot ), der Name des Sees, enthält eben so wie Ph-areh das Aegyptische Wort für Wache; über den Namen Rakotis ist kein Zweifel, wohl aber über den Namen No, wie nach Hieronymus und Cyrillus dieser Ort von den Hebräern soll genannt worden sein. . Mit den Hypaspisten und dem königlichen Ge- schwader der Macedonischen Ritterschaft, mit den Agrianern und Bogenschützen fuhr Alexander von Memphis aus stromabwärts nach Kanobus, von dort längs der Küste an die bezeichnete Stelle, und überzeugte sich mit eigenen Augen, wie überaus günstig der Strand zwischen dem See Mareotis und der Küste zur Gründung einer Stadt, und der Raum zwischen der Insel und der Küste zur An- legung eines sehr geräumigen und fast gegen jeden Wind sichernden Hafens gelegen sei. Sofort beschloß Alexander den Bau der Stadt beginnen zu lassen; er selbst, so wird erzählt, wollte den Plan der Stadt, die Straßen und Märkte, die Lage der Tempel für die Griechischen Götter und für die Aegyptische Isis seinem Baumeister Dinokrates bezeichnen; da eben nichts Anderes zur Hand war, ließ er seine Macedonier ihr Mehl als Grundriß der neuen Stadt ausstreuen, worauf unzählige Vögel von allen Seiten herangeflogen kamen und von dem Mehle zu fressen begannen, ein Zeichen, das der weise Aristander erfreulich genug auf den künftigen Wohlstand und aus- gebreiteten Handel der Stadt deutete Cf. intpp. ad Curt. IV. 8. . Es ist bekannt, auf wie außerordentliche Weise dieses Zeichen und Alexanders Wün- sche erfüllt worden sind; in Kurzem sollte die Bevölkerung der Stadt ins Ungeheuere wachsen, ihr Handel Indien und Europa ver- binden, sie sollte der Mittelpunkt für das Hellenistische Leben der nächsten Jahrhunderte, die Heimath der aus dem Orient und Oc- cident zusammenströmenden Weltbildung und Weltliteratur, das herr- lichste und dauerndste Denkmal des großen Alexander werden Es ist nicht der Mühe werth, die vielen zum Theil abgeschmackten Sagen über die Gründung Ale- xandrias hier zu wiederholen. Das politische Verhältniß der neuen Stadt, obschon von keinem der Geschichtschreiber Alexanders genauer bezeichnet, ergiebt sich ziemlich deutlich; sie war durchaus Griechische Koloniestadt, und nur die Griechischen Einwohner galten als Alexan- driner ( Polyb. XXXIV. 14.). Die früheren Bewohner von Rakotis dagegen und die Kaufleute aus Kanobus, die in die Stadt aufgenom- men wurden ( Aristot. Oecon. III. 33.), so wie die sonstigen Aegypter und Libyer in der Stadt, mögen in dem Verhältniß von Metöken in ihr gewohnt haben; cf. Plin. ep. X. 5. Ueber die Privilegien der Juden, die sich hier ansiedelten, s. Niebuhr über den Armenischen Eusebius p. 61. (Abhandl. d. Berl. Akadem. 1821). . Fünftes Kapitel. Der Babylonisch-Persische Feldzug . S tets ist das stolze Recht des Sieges der Sieg eines höheren Rechtes; der Heldenkraft des geschichtlichen Berufes gegenüber wird die Ohnmacht persönlicher Tugenden und ererbter Rechte offen- bar; die geschichtliche Größe, die höchste Herrlichkeit des Men- schengeistes, ist mächtiger als Recht und Gesetz, als Tugend und Pflicht, als Raum und Zeit; sie siegt, so lange sie wagt, kämpft, zerstört, so lange dem Helden der That der Held des Leides ent- gegen ist; erliegt dieser, so ist der Sieger Erbe des Leides, das er verschuldet; des Zerstörens müde, der Gefahren frei, ohne Feind und Wunsch, beginnt er zu gründen auf der Zerstörung und seinen Thron zu bauen aus den Trümmern alter Rechte und Erinnerun- gen; die Stufen seines stolzen Thrones sind Furcht, Haß und Verrath. Die Nemesis der Geschichte, so gerecht gegen die Größe, scheint in großen Zeiten die Ohnmacht desto bitterer zu verfolgen, je mehr sie in ererbtem Recht und persönlicher Güte Anspruch auf Ruhe und Verehrung, auf das Glück des Friedens und der Häuslich- keit vereint. So Darius dem Macedonischen Eroberer gegenüber; treu, ernst und milde, ein Muster der Ehrerbietung gegen seine Mutter, der Liebe und Herzlichkeit gegen seine Gemahlin und seine Kinder, den Persern einst so werth wegen seines königlichen Sinnes, seiner rit- terlichen Tap f erkeit, seiner Gerechtigkeit, für ruhige Zeiten ein Kö- nig, wie ihn die Throne Asiens selten sehen, ward er von dem Strome der Begebenheiten ergriffen, dem zu entgehen, zu wider- stehen vielleicht einem Ochus oder Cambyses gelungen wäre, ward er von dem Bestreben seinen Völkern den Frieden zu bewahren, zu unwürdigen und verbrecherischen Plänen gegen das Leben seines Feindes verlockt, ohne dadurch mehr zu erreichen, als den traurigen Trost, nicht unschuldig zu leiden. Und mit der wachsenden Gefahr mehrte sich die Verwirrung, die Haltungslosigkeit und das Unrecht in Allem, was er that oder versuchte; immer dunkler umzog sich die Zukunft für das Persische Königthum und die gerechte Sache; schon war das Thor gen Asien erbrochen, schon die reichen Satrapien der Küste des Siegers Beute, schon die Grundfeste der Achämeniden- pforte erschüttert. Und hätte vielleicht des Königs frommer Sinn all den Verlust und noch größere Opfer zu ertragen und einst im stillen Kreise der Seinen zu belächeln gelernt, so trafen die Schläge des Schicksals die empfindlichste Stelle seines Herzens, das weniger an Thron und Reich als an Weib und Kind zu hangen schien; ihn sollte das größte Maaß des Schmerzes, wie er ihn em- pfand, die Größe seines Sturzes empfinden lassen. Seine Mutter Sisygambis, seine Kinder, seine Gemahlin Statira, die schönste der Frauen Asiens, ihm doppelt theuer, da sie ein Kind unter dem Herzen trug, sie waren in Alexanders Händen. Die Hälfte seines Reiches und ungeheuere Schätze bot er dem Feinde für die Gefan- genen, und der stolze Feind forderte Unterwerfung oder neuen Kampf. Da mochte der Großkönig Asiens noch einmal seiner Macht, seiner Hoheit, seines einstigen Waffenruhmes gedenken, es mochten die Großen des Reiches und der Stolz despotischer Herr- schaft neue Hoffnungen in ihm nähren, es mochte die Gerechtigkeit der Selbstvertheidigung und das lockende Vielleicht einer letzten Ent- scheidung ihn erheben, alles Menschliche und sein Verhängniß trieb ihn, was schon verloren war, zu vergessen, die Schande von Issus zu vergessen und die Völker von Iran und Turan aufzurufen zum neuen Kampfe. Um diese Zeit kam Tireus, der treue Eunuch, der gefangenen Kö- nigin Hüter, als Flüchtling in die Hofburg von Susa und brachte dem Könige die Trauerbotschaft, die Königin sei in den Geburts- wehen gestorben. Da schlug sich Darius die Stirn und jammerte laut, daß Statira todt sei, daß die Königin der Perser selbst der Ehre des Grabes entbehren müsse. Und der Eunuch tröstete ihn: weder im Leben noch im Tode habe es ihr der Macedonische König ver- gessen, daß sie eines Königs Gemahlin sei, er habe sie und die Mutter und die Kinder in höchsten Ehren gehalten bis auf diesen Tag, er habe die königliche Leiche mit aller Pracht nach Persischer Weise bestatten lassen und mit Thränen ihr Gedächtniß geehrt. Bestürzt fragte Darius, ob sie keusch, ob sie treu geblieben, ob Alexander sie nicht gezwungen habe zu seinem, wider ihren Willen. Da warf sich der treue Eunuch ihm zu Füßen und beschwor ihn, nicht das Andenken seiner edlen Herrin zu beschimpfen, und sich nicht selbst in seinem endlosen Unglück den letzten Trost zu rauben, den, von einem Feinde überwunden zu sein, der mehr als ein Sterb- licher zu sein scheine; er schwur es mit den höchsten Eiden, daß Statira treu und keusch gestorben, daß Alexanders Tugend eben so groß sei als seine Kühnheit. Und Darius hob die Hände gen Himmel und sprach: „Du, großer Ormuzd, und Ihr, Geister des Lichtes, wollet das Reich mir erhalten, das Ihr in meine Hand gegeben; doch soll ich nicht länger Asiens Herr sein, so gebt die Tiara des großen Cyrus keinem Anderen als dem Macedonier Alexander“ Wir haben uns erlaubt, diese Erzählung mit den meisten Schriftstellern, denen auch Plutarch cp. 30. gefolgt ist, zu wiederho- len, da sie Arrian IV. 20., der manches Abweichende hat, nicht nach Ptolemäus und Aristobul zu erzählen scheint. Namentlich läßt sie Arrian noch bei Lebzeiten der Königin, von deren Schwangerschaft er nichts erwähnt, und zwar bald nach der Schlacht von Issus vorfal- len, wobei auffallen müßte, daß der treue Eunuch von seiner Herrin, deren Hüter er war, entflohen, und ohne Vorwurf von Darius an- genommen wäre. Curtius in seiner manierirten Weise läßt, damit Alexander bei der Leiche der Königin schön thun kann, Statira un- mittelbar vor der Schlacht von Arbela, also zwei Jahre nach ihrer Gefangennehmung, sterben, was dem gelehrten St. Croix Anlaß zu einer eben so seichten wie equivoquen Kritik gegeben hat. Will man für jene Flucht des Eunuchen eine Zeitangabe, so möchte sie wenig- stens vor der Einnahme von Tyrus zu setzen sein. . — Und schon waren die Boten des Königs ausgesendet in alle Satrapien des Reichs, von dem, wenn auch große, doch im Ver- hältniß zum Ganzen nicht bedeutende Länderstrecken in Feindeshand waren. Noch war alles Gebiet innerhalb und jenseits der Gebirge von Iran, noch diesseits der bei weitem größere Theil unter Persi- schen Satrapen; es waren die tapfersten und treuesten Völker Asiens, die nur auf des Königs Befehl warteten, um ins Feld zu rücken; was galt Aegypten, Syrien, Kleinasien gegen die ungeheuere Länder- strecke vom Taurus bis zum Indus, vom Euphrat bis zum Jaxartes; was der Verlust stets treuloser Völker gegen die treuen Reuter- schwärme von Turan und die wilden Bergvölker von Ariana und Iran; ja die verlorenen Küstenländer und die Bemühungen um die Seeherrschaft, zu denen sie nöthigten, waren es eben gewesen, welche bisher alles Unheil über das schöne Reich des Cyrus ge- bracht und die Perser zum eigenen Unheil in die ewigen Streitig- keiten der Hellenen verwickelt hatten. Jetzt galt es, das Innere des Morgenlandes zu retten, die hohe Burg Iran zu vertheidigen, die Asien beherrscht; jetzt rief der König der Könige die Edlen sei- nes Stammes, die Enkel der sieben Fürsten, die getreuen Satra- pen, an der Spitze ihrer Völker für den Ruhm und die Herrschaft Persiens zu kämpfen; in ihre Hand legte er sein Schicksal; nicht Griechische Söldner, nicht Griechische Feldherren sollten die Eifer- sucht und das Mistrauen der Seinen wecken, die wenigen Tausend Fremdlinge, die mit ihm von Issus geflüchtet waren, hatte das gemeinsame Unglück mit den Söhnen Asiens vereinigt; ein ächt Asiatisches Heer sollte dem Heere Europas vor den Bergwällen Irans entgegentreten. Die Ebene von Babylon war der Sammelplatz des großen Völkerheeres. Aus dem fernsten Asien führte Bessus, der Baktri- sche Satrap, die Baktrianer und ihre nördlichen Nachbaren, die Sogdianer, und die streitbaren Indischen Völker aus dem Berg- lande des Indischen Kaukasus heran; ihm hatten sich das Turke- stanische Reutervolk der Saker unter Mabaces und die Daher aus der Steppe des Aralsees angeschlossen. Die Völker aus Aracho- sien und Drangiana und die Indischen Bergbewohner der Para- vetiberge kamen unter ihrem Satrapen Barsaentes, ihre westlichen Nachbaren aus Aria unter dem Satrapen Satibarzanes, die Per- sischen, Hyrkanischen und Tapurischen Reuterschwärme aus Korassan, dem Schwertlande Irans, unter Phrathaphernes und seinen Söhnen. Dann die Meder, einst die Herren Asiens, deren Satrap Atropa- tes zugleich die Kadusier, Sakasener und Albaner aus den Thälern des des Kur, des Araxes und des Urmeases führte. Von Süden her, von den Küsten des Erythräischen Meeres kamen die Völker Persiens, Gedrosiens und Karamaniens unter Okontobates und Ariobarzanes, dem Sohne des Artabazus, unter Orxines, aus dem Geschlechte der sieben Fürsten Curt. IV. 12. 8. . Die Susianer und das tapfere Bergvolk der Uxier führte Oxathres, der Sohn des Susianischen Satrapen Abulites; die Schaaren von Babylon sammelten sich unter Bupales Befehl, die aus Armenien kamen unter Orontes und Mithraustes, die aus Syrien diesseits und jenseits der Wasser unter Mazäus; selbst aus dem Kappadocischen Lande, dessen We- sten der Zug des Macedonischen Heeres berührt hatte, kamen Rei- sige unter ihres Dynasten Ariarathes Führung Arrian. III. 8. . So sammelte sich während des Frühjahres 331 das Reichs- heer des Perserkönigs in Babylon, an vierzigtausend Pferde und viele hunderttausend Menschen, dazu zweihundert Sensenwagen und funf- zehn Elephanten, die vom Indus hergebracht waren. Es heißt, daß gegen die sonstige Gewohnheit von dem Könige für die Bewaffnung dieses Heeres, namentlich der Reuter, gesorgt worden sei Curt. IV. 9. 4. . Wich- tiger war es, einen Kriegsplan zu finden, in dem das Perserheer die ganze ihm eigenthümliche Vehemenz der Massen entwickeln konnte. Zwei Ströme, der Euphrat und Tigris durchschneiden in diagona- ler Richtung das Syrische Tiefland, das sich an dem Fuße der Iranischen Berge hinabzieht; über sie führen die Wege von den Küstengegenden zum oberen Asien. Es war ein glücklicher Gedanke des Großkönigs, dem Feinde an den Stromübergängen entgegenzutre- ten; es war verständig, die Hauptmacht hinter dem Tigris aufzu- stellen, da dieser einerseits schwerer zu passiren ist, andererseits eine am Euphrat verlorene Schlacht ihn nach Armenien zurückgeworfen, und Babylon, so wie die großen Straßen von Persis und Medien Preis gegeben hätte, wogegen eine Stellung hinter dem Tigris Babylon deckte, eine gewonnene Schlacht die Feinde in den weiten Ebenen von Mesapotamien aller Verfolgung Preis gab, eine ver- lorene Schlacht den Rückzug nach den östlichen Provinzen offen ließ. Darius begnügte sich, an den Euphrat einige Tausend Mann unter Mazäus vorauszusenden, um die Passage des Flusses beob- 14 achten zu lassen; er selbst ging von Babylon aus in die Gegend von Arbela, einem Hauptorte auf der großen Heerstraße, vor dem sich eine weite Ebene westwärts bis an das linke Ufer des reißen- den Tigris und nordwärts bis an die Vorhöhen des Zagrosge- birges ausdehnt; von hier aus gedachte er, sobald Alexander heran- käme, an die Ufer des Stromes zu rücken und jeden Uebergang zu hindern. — Während der König Darius für die Osthälfte seines Reiches mit allen Streitkräften, die sie aufbringen konnte, an ihrer Schwelle zu kämpfen bereit stand, war im fernen Westen der letzte Rest der Persischen Macht unterlegen. Memnons Plan, durch einen Angriff auf Griechenland Alexanders Siege zu paralysiren, hätte das Reich retten, er hätte gelingen können, wenn dieser Angriff mit dem ge- hörigen Nachdruck gemacht wäre. Aber die anfangs so gewaltige Perserflotte war durch die Absendung der zweihundert Schiffe gen Tripolis, durch die Zurückberufung der Söldner, durch den Abzug der Phönicischen und Cyprischen Segel endlich so geschwächt, daß sie sich mit Mühe und zum Theil nur durch die Beihülfe der von den Persern begünstigten oder eingesetzten Tyrannen in dem Besitz von Tenedos, Lesbos, Chios und Kos zu behaupten vermochte. Durch die Vorsicht Antipaters alles Einflusses im übrigen Grie- chenland beraubt, stand sie nur noch mit dem Spartanerkönige Agis in unmittelbarer Verbindung; aber die Bewegungen, die die- ser im Einverständniß mit den Persischen Admiralen im Pelopon- nes zu erregen gehofft hatte, waren durch die allmählige Auflösung der Seemacht gleichfalls ins Stocken gerathen, so daß er sich be- gnügen mußte, durch seinen Bruder Kreta besetzen zu lassen. In- deß entwickelte die Macedonische Flotte unter den Nauarchen He- gelochus und Amphoterus während des Jahres 332 in den Griechi- schen Gewässern ein so bedeutendes Uebergewicht, daß zunächst die Tenedier, die nur gezwungen das ehrenvolle Bündniß mit Alexan- der gegen das Persische Joch vertauscht hatten, den Macedoniern ihren Hafen öffneten und das frühere Bündniß von Neuem pro- klamirten. Ihrem Beispiele folgten die Chier, die, sobald sich die Macedonische Flotte auf ihrer Rhede zeigte, gegen die Tyrannen und die Persische Besatzung einen Aufstand machten und die Thore öffneten; der Persische Admiral Pharnabazus, der damals mit funf- zehn Trieren im Hafen von Chios lag, so wie die Tyrannen der Insel kamen in die Gewalt der Macedonier; und als während der Nacht Aristonikus, der Tyrann von Methymna auf Lesbos, mit einigen Kaperschiffen vor dem Hafen, den er noch in den Händen der Perser glaubte, erschien und einzulaufen begehrte, so ließ ihn die Macedonische Hafenwache ein, machte dann die Mannschaft der Trie- ren nieder und brachte den Tyrannen als Gefangenen in die Burg. Immer mehr schwand das Ansehen der Perser und ihrer Parthei; auch die Koer erklärten sich bereit zur Sache Alexanders überzutre- ten, und während Amphoterus mit sechszig Schiffen dorthin abging, wandte sich Hegelochus mit der übrigen Flotte nach Lesbos, das allein noch durch Tyrannen und Persische Besatzungen in Unterthä- nigkeit gehalten wurde; die Besatzung von Mytilene wurde bewäl- tiget und die Stadt eingenommen, worauf sich die übrigen Städte der Insel durch Vertrag unterwarfen, ihre Tyrannen auslieferten und die Demokratie proklamirten Demosth. de foed. p. 191. ; dann segelte Hegelochus südwärts nach Kos, das sich bereits in Amphoterus Händen be- fand. So waren die Perser vertilgt, alle Inseln des Aegäischen Meeres gewonnen, nur Kreta noch von den Lacedämoniern be- setzt; Amphoterus übernahm ihre Unterwerfung und segelte mit einem Theil der Flotte dorthin ab. Hegelochus dagegen ging nach Aegypten unter Segel, um selbst die Nachricht zu überbringen, daß die Persische Seemacht bis auf die letzte Spur vernichtet sei; zu- gleich übergab er dem Könige die Gefangenen bis auf Pharnaba- zus, der auf der Insel Kos zu entweichen Gelegenheit gefunden hatte. Alexander befahl, die Tyrannen der einzelnen Städte ihren Gemeinden zum Gericht zurückzusenden; diejenigen aber, welche die Insel Chios an Memnon verrathen hatten, wurden mit einer star- ken Eskorte nach der Nilinsel Elephantine, dem südlichsten Grenz- posten des Reiches, ins Elend geschickt Arrian. III. 2. Curt. IV. 5 und 8. . — So war mit dem Anfang des Jahres 331 der letzte Rest einer Persischen Seemacht, die das Macedonische Heer im Rücken zu gefährden und dessen Bewegungen zu hindern vermocht hätte, ver- nichtet, das Mittelländische Küstenland, so weit es jemals unter 14 * Persischer Herrschaft gestanden hatte, unterworfen, und damit alle Bedingungen für den großen Zug ins Innere Asiens erfüllt; die Reihe von Waffenplätzen, die sich vom Thracischen Bosporus über Kleinasien und Syrien bis zu dem neu gegründeten Alexandria hin erstreckte, diente eben so sehr zur vollkommenen Behauptung der unterworfenen Provinzen, wie sie die weiteren Unternehmungen Alexanders von allen Seiten her zu stützen vermochte. — Der neue Feldzug sollte den Macedonischen König in eine durchaus neue und fremde Welt und unter Völker bringen, denen die Grie- chische Weise fremd, das freie Verhältniß der Macedonier zu ihrem Fürsten unbegreiflich, denen ein König ein Wesen höherer Art war. Alexander, erfüllt mit dem Bewußtsein seiner hohen Sendung, ver- kannte nicht, daß die Völker, die er zu einem Reiche zu vereinen gedachte, ihre Einheit zunächst nur in ihm finden würden und er- kennen mußten. Und wenn ihn der heilige Schild von Ilion als den Hellenischen Helden verkündete, wenn die Völker Kleinasiens in dem Löser des Gordischen Knotens den verheißenen Ueberwinder Asiens erkannten, wenn in dem Heraklesopfer zu Tyrus und der festlichen Weihe im Apistempel zu Memphis der siegende Fremd- ling sich mit den besiegten Völkern und ihrer heiligsten Sitte ver- söhnt hatte, so sollte ihn jetzt in das Innere des Morgenlandes eine geheimere Weihe, eine höhere Verheißung begleiten, in der die Völker ihn als den zum König der Könige, zum Herrn von Auf- gang bis Niedergang Erkorenen erkennen mochten. In der weiten Einöde Libyens, an deren Eingang das ver- witterte Felsenbild der hütenden Sphinx und die halbversandeten Pyramiden der Pharaonen stehen, in dieser einsamen, todtstillen Wüste, die sich vom Saume des Nilthales abendwärts in unabseh- barer Ferne erstreckt, und mit deren Flugsand ein glühender Mit- tagswind die mühsame Spur des Kameeles verwehet, liegt wie im Meere ein grünes Eiland, von hohen Palmen überschattet, von Quellen und Bächen und dem Thau des Himmels getränkt, die letzte Stätte des Lebens für die rings ersterbende Natur, der letzte Ruheplatz für den Wanderer in der Wüste; und unter den Palmen der Oase steht der Tempel des geheimnißvollen Gottes, der einst auf heiligem Kahne vom Lande der Aethiopen zum hundertthorigen Theben gekommen, der von Theben durch die Wüste gezogen war, auf der Oase zu ruhen und dem suchenden Sohne sich kund zu ge- ben in geheimnißvoller Gestalt. Ein frommes priesterliches Geschlecht wohnte um den Tempel des Gottes, fern von der Welt, in heiliger Einsamkeit, in der Ammon Zeus, der Gott des Lebens, nahe war; sie lebten für seinen Dienst und für die Verkündigung seiner Orakel, die zu hören die Völker von nah und fern heilige Boten und Geschenke sandten. Zu dem Tempel in der Wüste beschloß der Macedonische König zu ziehen, und große Dinge den großen Gott zu fragen. Was aber wollte er fragen? Die Macedonier mit ihm er- zählten sich wunderbare Geschichten aus früherer Zeit; damals von Wenigen geglaubt, von Vielen verlacht, von Allen gekannt, waren sie durch diesen Zug von Neuem angeregt worden; man erinnerte sich der nächtlichen Orgien, die Olympias in den Bergen der Hei- math feierte; man wußte von ihren Zauberkünsten, um deren Wil- len sie König Philipp verstoßen Plut. Alex. 3. ; er habe sie einst in ihrem Schlafgemach belauscht und einen Drachen in ihrem Schooß gese- hen, vertraute Männer, die er darum gen Delphi geschickt, hätten ihm des Gottes Antwort gebracht, er möge dem großen Ammon Zeus opfern und ihn vor allen Göttern ehren; man meinte, auch Herakles sei einer sterblichen Mutter Sohn gewesen; man wollte wissen, daß Olympias ihrem Sohne auf dem Wege zum Helles- pont Itiner. Alex. 18. das Geheimniß seiner Geburt vertrauet. Vieles der Art besprachen die Macedonier, aber des Königes Willen wußten sie nicht; nur wenige Truppen sollten ihm folgen. Von Alexandria brach der Zug auf und wandte sich zunächst längs der wüsten Meeresküste gen Parätonium, der ersten Ortschaft der Cyrenäer, deren Gesandten und Geschenke Alexander freundlich empfing, indem er sie als Griechen und Bundesgenossen ehrte Curt. IV. 7. 9. Diod. XVII. 49. . Von hier führte der Weg südwärts durch wüste Sandstrecken, über deren eintönigen Horizont kein Baum, kein Hügel hervorragt; die Luft voll Staubwolken, der Sand so lose, daß jeder Schritt unsicher war; nirgend ein Grasplatz zum Ruhen, nirgend ein Brunnen oder Quell, der den brennenden Durst hätte stillen können; — Regen- wolken, die bald, ein Geschenk der Jahreszeit, wiederholentlich Er- quickung gaben, galten für eine Wundergabe des Gottes in der Wüste. So zog man weiter; keine Spur bezeichnete den Weg, und die niedrigen Dünen in diesem Sandmeer, die mit jedem Winde Ort und Form wechseln, vermehrten nur die Verwirrung der Führer, die schon die Richtung zur Oase nicht mehr zu finden wußten; — da zeigten sich an der Spitze des Zuges ein Paar Ra- ben Nach Ptolemäus zwei Schlangen. Uebrigens leidet dies Wunder nicht weiter an Unnatürlichkeit, da es in der Oase wirklich auch Raben giebt. , sie erschienen wie Boten des Gottes, und Alexander be- fahl, im Vertrauen auf den Gott, ihnen zu folgen. Mit lautem Krähen flogen sie vorauf, sie rasteten mit dem Zuge, sie flatterten weiter, wenn das Heer weiter zog. Endlich zeigten sich die Wipfel der Palmen und die schöne Oase des Ammon Zeus empfing den Zug des Königs. Alexander war überrascht von der Heiterkeit dieses heiligen Bezirkes, der, reich an Oliven und Datteln, an krystallischem Salz und heilsamen Quellen, von der Natur zu dem frommen Dienste des Gottes und dem stillen Leben seiner Priester bestimmt schien. Als der König darauf das Orakel zu hören verlangte, be- grüßte der Aelteste unter den Priestern ihn in dem Vorhofe des Tempels, gebot dann seinen Begleitern allen, draußen zu verweilen, und führte ihn in die Zelle des Gottes. Nach einer kleinen Weile kam Alexander heiteren Angesichtes zurück und versicherte, die Ant- wort sei ganz nach seinem Wunsche ausgefallen. Dasselbe wieder- holte er in dem Briefe an seine Mutter: wenn er sie wiedersähe bei seiner Rückkehr, wolle er ihr die geheimen Orakel, die er em- pfangen, mittheilen Plut. Diod. XVII. 51. Callisthenes apd. Strab. XVII. 459. . Dann beschenkte er den Tempel und die gastfreundlichen Bewohner der Oase auf das reichlichste, und kehrte nach Memphis in Aegypten zurück Aristobul sagt, Alexander sei auf dem früheren Wege zurückgekehrt; Ptolemäus, der spätere König Aegyptens, dagegen, er habe den geraden Weg nach Memphis einge- schlagen. Trotz der unklaren Kritik Barbi é s ist letztere Angabe wohl richtiger, da der Umweg über Parätonium und Alexandria jetzt, nach dem Vertrage mit Cyrene, keinen Zweck mehr gehabt hätte. . Alexander hatte die Antwort des Gottes verschwiegen, desto lebhafter war die Neugier oder Theilnahme seiner Macedonier; die mit im Ammonium gewesen waren, erzählten Wunderbares von jenen Tagen; des Oberpriesters erster Gruß, den sie alle gehört hätten, sei gewesen: „Heil Dir, o Sohn!“ und der König habe erwiedert: „o Vater, so sei es; Dein Sohn will ich sein, gieb mir die Herrschaft der Welt!“ Andere verlachten diese Mährchen; der Priester habe Griechisch reden und den König mit der Formel „Paidion“ anreden wollen, statt dessen aber, mit einem Sprach- fehler „Paidios“ gesetzt, was man wahrlich für „Sohn des Zeus“ nehmen könnte. Aus sämmtlichen Erzählungen bildete sich endlich folgende Sage: Alexander habe den Gott gefragt: ob Alle, die an seines Vaters Tode Schuld hätten, gestraft seien; darauf sei geant- wortet: er möge besser seine Worte wägen, nimmermehr werde ein Sterblicher den verletzen, der ihn gezeugt; wohl aber seien die Mörder Philipps des Macedonierkönigs alle gestraft. Und zum zweiten habe Alexander gefragt, ob er seine Feinde besiegen werde, und der Gott habe geantwortet, ihm sei die Herrschaft der Welt bestimmt, er werde siegen bis er zu den Göttern heimgehe Plut. Curt. Diod. . Diese und ähnliche Erzählungen, die Alexander weder bestätigte noch widerrief, dienten ganz dazu, um seine Person den geheimniß- vollen Schein zu verbreiten, der dem Glauben der Völker an ihn und seine Sendung Reiz und Gewißheit lieh, und selbst den Blick der Hellenen zu blenden vermochte. — Nach Memphis zurückgekehrt fand Alexander eine Gesandt- schaft der bei den Isthmischen Spielen dieses Jahres versammelt gewesenen Griechen, die dem siegreichen Könige einen goldenen Kranz und Glückwünsche für seine großen Erfolge überbrachten; andere Gesandtschaften einzelner Städte wurden nicht minder freundlich empfangen, und fast allen ihre Anträge und Bitten gewährt. Mit ihnen zugleich waren neue Truppen angekommen, namentlich vier- tausend Mann Arrian sagt zwar ausdrücklich vierhundert, eine gar zu unbedeutende Zahl; wenn seine spätere An- gabe für die Schlacht von Arbela Sinn haben soll, so müssen wenig- stens viertausend Mann gekommen sein. Eine Emendation wäre frei- lich gewagt. Griechische Söldner und fünfhundert Thracische Reuter, die dann sofort an die gehörigen Abtheilungen des Heeres vertheilt wurden, welches schon in den Rüstungen zum Aufbruch begriffen war. Dann ordnete Alexander die Verwaltung der Aegyptischen Länder mit ganz besonderer Vorsicht, indem er na- mentlich in eines Mannes Hand zu viele Gewalt zu legen vermied, was bei der eigenthümlichen Lage dieser Satrapie allerdings gefähr- lich werden konnte. Peucestes und Balacer, der Sohn des Amyn- tas, erhielten die Feldhauptmannschaft dieser großen Satrapie und den Befehl über die zurückbleibenden Truppen, mit Einschluß der Besatzungen von Pelusium und Memphis, im Ganzen etwa vier- tausend Mann; den Befehl über die Flotte von dreißig Trieren erhielt der Admiral Polemon; die in Aegypten ansässigen oder ein- wandernden Griechen wurden unter eine abgesonderte Behörde ge- stellt; die Aegyptischen Kreise oder Nomen behielten ihre alten No- marchen, mit der Bestimmung, an diese nach der früheren Taxe ihre Abgaben einzuzahlen; die Oberaufsicht über die sämmtlichen ächt Aegyptischen Kreise wurde anfangs zweien, dann einem Aegyp- ter, so wie die über die Libyschen Kreise einem Griechischen Manne übertragen; der Verwalter der Arabischen Kreise Kleomenes, der, ein Grieche aus Naukratis in Aegypten, die Sprache und Sitten des Landes kannte, erhielt zugleich die Weisung, die von den No- marchen aller Kreise gesammelten Tribute in Empfang zu nehmen, so wie ihm auch insbesondere die Sorge für den Bau der Stadt Alexandrien übertragen wurde Arrian. III. 5.; cf. Justin. XIII. 4. Diese Einrichtungen Aegyptens, so sehr sie von denen der Lagidenzeit verschieden sind, müssen doch aus denselben erklärt werden, weshalb wir auf die dahin gehörigen Paragraphen unserer Abhandlung de Lagidarum regno ver- weisen. Kleomenes ist ἐπὶ τῶν πϱοςόδων aller Nomen; seiner Stel- lung und noch mehr seiner Gewandtheit dankte er bald den größten Einfluß in der Aegyptischen Satrapie, wie er sich sechs Jahre später nur zu deutlich offenbarte. . Nach diesen Einrichtungen, nach einer Reihe von Beförderun- gen in der Armee, nach neuen Festlichkeiten in Memphis und ei- nem höchst feierlichen Opfer, das Zeus dem Könige dargebracht wurde, brach Alexander im Frühling 331 von Memphis nach Phönicien auf; zugleich mit ihm traf die Flotte in dem Hafen von Tyrus ein. Die kurze Zeit, die der König hier verweilte, verging unter großen und prächtigen Festlichkeiten nach Hellenischem Brauch; zu den Opfern, die im Tyrustempel auf die großartigste Weise ge- feiert wurden, hielt das Heer Wettkämpfe aller Art; die berühm- testen Schauspieler Griechenlands waren berufen, um diese Tage zu verherrlichen, und die Cyprischen Könige, die nach Griechischer Sitte die Chöre stellten und schmückten, wetteiferten an Pracht und Geschmack mit einander Plut. Alex. 29; cf. Grysar de Gr. trag. Demosth. aet. p. 29. . Dann lief das heilige Schiff der Athener, die Paralos, die stets nur in heiligen oder höchst wichti- gen Angelegenheiten gesendet wurde, in den Hafen der Stadt ein; die Gesandten, die sie brachte, kamen dem Könige Glück zu wün- schen und die unverbrüchlichste Treue ihrer Vaterstadt zu versichern, eine Aufmerksamkeit, die Alexander mit der Freilassung der am Granikus Gefangenen ehrte. Zugleich unterrichtet von den Bewe- gungen im Peloponnes, die neuerdings von den Lacedämoniern be- gonnen waren, und von der Anhänglichkeit, welche die meisten Land- schaften der Halbinsel für die Macedonische Sache zeigten, trug er dem Admiral Amphoterus, der zur Zeit bei Kreta stationirte, auf, den treuen Peloponnesiern zu Hülfe zu eilen, und befahl zugleich den Cypriern und Phöniciern, hundert Schiffe ihm nach dem Pe- loponnes nachzusenden. Zu gleicher Zeit wurden einige Verände- rungen in der Verwaltung der bisher unterworfenen Länder vorge- nommen Arrian. III. 6. , namentlich nach Lydien hin an die Stelle Asanders, der auf Werbung nach Griechenland ging, der Magnesier Menan- der gesendet, an dessen Stelle Klearchos den Befehl über die frem- den Völker erhielt, und die Statthalterschaft Syriens von Mem- non, der nicht mit der gehörigen Sorgfalt für die Bedürfnisse des durch seine Provinz ziehenden Heeres gesorgt hatte, auf Asklepio- dor übertragen, zugleich diesem der unmittelbare Befehl über das Land des Jordan, dessen bisheriger Befehlshaber Andromachus von den Samaritanern erschlagen worden war, und die Bestrafung der Sama- ritaner aufgetragen Curt. IV. 5. 10; 8. 10. . Endlich wurde die Finanzverwaltung der unterworfenen Länder von der Kriegskasse, in welche bisher die Abgaben unmittelbar eingezahlt wurden, in der Art gesondert, daß die Provinzen westwärts vom Taurus an Philoxenus, die Syrischen Länder aber und namentlich die Phönicischen Fürsten an Koiranus zur Tributeinzahlung gewiesen wurden, wogegen die Verwaltung der Kriegskassen Harpalus erhielt Arrian. l. c. . Dann brach das Macedonische Heer, etwa vierzigtausend Mann zu Fuß und siebentausend Pferde, von Tyrus auf, und zog die ge- wöhnliche Heerstraße zum Euphrat hinauf; Anfangs August erreichte man Thapsakus Thapsakus (in der Bibel 1. Kö- nige 4. 24. Thiphsach, i. e. transiit ), das in den Reichardschen Kar- ten viel zu weit nördlich, bei Rennel zu weit stromab (denn er hält den Chalus des Xenophon für den Koik oder Kowaih bei Aleppo, statt für den Ifrin) bezeichnet ist, war nach Xenophon etwa fünfundsechs- zig Parasangen, also etwa funfzig Meilen von Myriandrus entfernt, vom Chaboras oder, wie er ihn nennt, Araxes dagegen funfzig Pa- rasangen, also sechsunddreißig Meilen; wodurch sich die Lage der Stadt ungefähr auf die Gegend des heutigen Rakka bestimmt; den Weg von Aleppo nach Rakka s. Ebn Edrisi p. 196. Alexander ließ da, wo heute Rakka ist, eine Stadt Nicephorium gründen ( Isidor. p. 3. Plin. VI. 26.), die sich bald durch ihren Handel sehr hob, denn bei Thapsakus war der Strom zum Durchwaten seicht, cf. J. Williams two essays on the geogr. of anc. Asia. London 1829. Man darf sich durch das Mährchen bei Plin. XXXIV. 15. nicht irre leiten lassen. , den gewöhnlichen Uebergangsort, nach wel- chem auf Alexanders Befehl eine Abtheilung Macedonier voraus- gegangen war, um zwei Brücken über den Strom zu schlagen, da- mit der Marsch nicht verzögert würde. Alexander fand beide Brük- ken unvollendet, denn das jenseitige Ufer hatte der Perser Mazäus, mit dreitausend Reutern Daß Arrian. III. 7. 2. zu emendiren sei, ergiebt sich auch daraus, daß die Griechischen Söldner nicht als Reuter dienten; man muß statt ἱππέας μὲν ἔχων τϱισχιλίους καὶ τούτων ἑλλη. μισϑοφ. δισχιλίους offenbar mit Gronow καὶ ἐπὶ τούτων schreiben. und zweitausend Griechischen Söld- nern zur Deckung des Flusses abgesandt, bisher besetzt gehalten, so daß es den Macedoniern nicht möglich gewesen war, die Brücken bis an das jenseitige Ufer fortzuführen. Mazäus zog sich beim An- rücken der großen Armee eilends zurück, um die ihm anvertrauten Truppen nicht unnöthiger Weise aufzuopfern; zu schwach, um den Posten gegen Alexanders Uebermacht zu behaupten, hätte er höch- stens das Vorrücken der Feinde etwas verzögern können, was für Darius, dessen Rüstungen bereits vollendet waren, kein erheblicher Gewinn gewesen wäre. Alexander ließ sofort den Bau beider Brücken vollenden und sein Heer auf das Ostufer des Euphrat hinüberrücken; selbst wenn er vermuthete, daß das Persische Heer in der Ebene von Babylon, in der es sich gesammelt hatte, zum Kampfe und zur Vertheidigung der Reichsstadt bereit stand, durfte er nicht, wie siebzig Jahre frü- her die Zehntausend, den Weg längs des Euphrat, den jene ge- nommen hatten, einschlagen. Die Wüsten, durch welche derselbe führt, wären in der Hitze des Sommers doppelt mühselig gewesen und die Verpflegung eines so bedeutenden Heeres hätte die größten Schwierigkeiten gehabt. Er wählte die große nördliche Straße, welche nordostwärts Cf. Ebn Edrisi p. 201. über Nisibis durch die blühenden Mygdo- nischen Hügelketten an den Tigris und dann an dem linken Ufer des Stromes hinab in die Ebene von Babylon führt. — Da brachte man eines Tages einige feindliche Reuter, die in der Gegend um- herschwärmten, gefangen vor den König; sie sagten aus: daß Da- rius bereits von Babylon aufgebrochen sei, und auf dem linken Ufer des Tigris stehe, entschlossen den Feinden mit aller Macht den Uebergang über den Strom zu wehren; seine jetzige Macht sei viel größer als die in den Issischen Pässen; sie selbst wären auf Kundschaft ausgesendet, damit sich das Perserheer zur rechten Zeit und am rechten Orte den Macedoniern gegenüber am Tigris aufstellen könne. Alexander durfte es nicht wagen, einen so reißenden Strom wie der Tigris ist, unter den Pfeilen der Feinde zu passiren; er mußte erwarten, daß Darius die Gegend von Ninive oder Mosul, wo der gewöhnliche Heerweg über den Strom führt, besetzt halten würde; es kam alles darauf an, sich möglichst bald auf derselben Seite des Stromes mit Darius zu befinden, und den Uebergang über den Strom unbemerkt zu bewerkstelligen. Alexander veränderte deshalb plötzlich die Marschroute, und ging, während ihn Darius in der weiten Ebene jenseits Mosul erwartete, nordöstlich in Eil- märschen auf Bedzabde los Barbi é du Bocage hat . Kein Feind war in der Nähe, die Truppen begannen den sehr reißenden Strom zu durchwaten; mit der größten Anstrengung, doch ohne weiteren Verlust gewannen sie das östliche Ufer. Alexander gewährte seinen erschöpften Kriegern für diesen Tag Ruhe; sie lagerten sich längs den schönen bergigen Ufern des Stromes. Das war am 20sten September. Der Abend kam, die ersten Nachtwachen rückten auf ihre Posten am Fluß und auf den Bergen, der Mond erhellte die Gegend, die nach Vieler Meinung manches mit den Macedonischen Bergen Aehnliche hatte; da begann sich plötzlich das Licht des Vollmondes zu verdunkeln; bald war die Scheibe des hellen Gestirnes völlig in Dunkel gehüllt; es schien ein großes Zeichen der Götter; besorgt traten die Kriegsleute aus ihren Zelten; Viele fürchteten, daß die Götter zürnten, Andere erinnerten, daß, als Xerxes gegen Grie- chenland gezogen, seine Magier die Sonnenfinsterniß, die er in Sardes gesehen, dahin gedeutet hätten, daß die Sonne das Gestirn der Hellenen, der Mond das Gestirn der Perser sei Herod. VII. 37. , jetzt ver- hüllten die Götter das Gestirn der Perser, zum Zeichen ihres bal- digen Unterganges. Dem Könige selbst deutete der zeichenkundige Aristander, das Ereigniß sei zu seinen Gunsten, noch in demselben Monate werde es zur Schlacht kommen; dann opferte Alexander dem Mond, der Sonne, der Erde, und auch die Opferzeichen ver- hießen Sieg. Mit Anbruch des Morgens brach das Heer auf, um dem Heere der Perser zu begegnen Arriau. III. 7. Curt. IV. 9. 5. c. intpp. . In südlicher Richtung, auf der linken Seite die Vorhöhen der Gordyäischen Gebirge, auf der rechten den reißenden Tigris, zog das Macedonische Heer weiter, ohne auf eine Spur der Feinde zu sto- ßen. Endlich am 24sten wurde von der Vorhut gemeldet, im Blachfelde zeige sich feindliche Reuterei, wie stark, lasse sich nicht Mosul als den Ort bezeichnet, wo Alexander den Tigris passirte; er hat übersehen, daß Alexander von dort noch vier Tagemärsche bis in die Nähe der Feinde brauchte ( Arrian. ), und Gaugamela liegt doch wenige Stunden östlich von Mosul. Jene vier Tagemärsche führen ungefähr auf Bedzabde, eine im Alterthum mehrfach genannte Posi- tion am Tigris, deren Wichtigkeit der heutige Ort Dschesireh, sechs- zehn Meilen oberhalb Mosul, bezeichnet; cf. Rennel p. 125 und 156. errathen. Sofort ordnete der König sein Heer, und rückte zur Schlacht fertig vor. Bald kam ein neuer Bote herangesprengt: man könne die Zahl der Feinde auf ungefähr tausend Pferde schätzen. Da nahm Alexander das königliche und ein anderes Geschwader der Getreuen und von den Plänkerern die Päonier, und eilte mit diesen, indem er dem übrigen Heere langsam nachzurücken befahl, dem Feinde entgegen. Sobald die Perser ihn heransprengen sahen, jag- ten sie mit verhängtem Zügel davon; Alexander setzte ihnen hitzig nach; die meisten entkamen, manche stürzten, sie wurden niedergehauen, einige gefangen Curtius und Diobor fügen noch eine Menge Einzelnheiten hinzu, namentlich daß die fliehenden Reuter wie Kosacken die Dör- fer verbrannt hätten ( cf. Polyaen. IV. 3. 18.); nur Schade, daß sie mit der Lage des Euphrat und Tigris nicht recht im Reinen sind. Trotz St. Croix’s Eifer ist Arrian selbst in der Chronologie der ein- zige zuverlässige Führer. . Vor Alexander gebracht, sagten sie aus, daß Darius etwa drei Meilen südwärts bei Gaugamela an dem Flusse Bumodus, in einer nach allen Seiten hin offenen Gegend stehe, daß sein Heer sich wohl auf eine Million Menschen und mehr als vierzigtausend Pferde belaufe, daß sie selbst unter Mazäus auf Kundschaft gesendet gewesen seien Diese Zahlenangaben, obschon von Arrian überliefert, sind eben so wenig für genau zu halten, wie die der anderen Schriftsteller; da Darius Heer dem Heere Alexanders gegenüber unverhältnißmäßig groß war, so genügt es, sich eine ungeheuere Menschenmenge vorzustellen. Die Angaben Arrians über Alexanders Heer (vierzigtausend Mann Fußvolk, siebentausend Reuter) sind von Guichard und St. Croix ohne allen Grund verdäch- tigt worden. Dagegen rechnet Arrian offenbar fehlerhaft die Entfer- nung von Arbela bis zum Bumodus (dem kleinen Fluß Chaser, der sich auf der rechten Seite in den großen Zab ergießt, auf sechshun- dert Stadien (zwölf Meilen), da nach Niebuhr und Anderen von Erbile ( Kinneir Persia p. 152) bis zum Zab vier und eine halbe Meile, vom Zab bis zum Chaser kaum anderthalb Meilen ist. . Sofort machte Alexan- der Halt; ein Lager wurde aufgeschlagen und sorgfältig verschanzt; in der Nähe einer so ungeheueren Uebermacht war die größte Vor- sicht Noth; vier Tage Rast, die den Truppen gegönnt wurde, reich- ten hin, alles zur entscheidenden Schlacht vorzubereiten; da sich weiter keine feindliche Truppen zeigten, so war vorauszusetzen, daß Darius eine für seine Streitkräfte günstige Gegend besetzt habe und sich nicht wie früher durch das Zögern seiner Feinde und seine eigene Unge- duld in ein ihm ungelegenes Terrain wolle hinauslocken lassen. Ale- xander beschloß deshalb, ihm entgegen zu rücken; während alle un- nöthige Bagage und die zum Kampf untauglichen Leute im Lager zurückblieben, brach das Heer in der Nacht vom 29sten zum 30sten September, etwa um die zweite Nachtwache, auf; gegen Morgen erreichte man die letzte Hügelkette, und sah, als man über sie hin- rückte, in der weiten Ebene, etwa eine Stunde entfernt, die dunk- len Massen der feindlichen Linie. Alexander ließ seine Kolonnen Halt machen, berief seine Getreuen, die Generale, die Reuterober- sten, die Anführer der Bundesgenossen und Soldtruppen zum Kriegsrath, und legte ihnen die Frage vor, ob man sofort angrei- fen oder an Ort und Stelle sich lagern und verschanzen, und das Schlachtfeld zuvor recognoscisren sollte? Die Meisten waren da- für, das Heer, das von Kampflust brenne, sogleich gegen den Feind zu führen; Parmenion dagegen rieth zur Vorsicht: die Truppen seien durch den Marsch ermüdet, die Perser, schon längere Zeit in dieser für sie günstigen Stellung, würden wohl nicht versäumt ha- ben, sie auf jede Weise zu ihrem Vortheil einzurichten; man könne nicht wissen, ob nicht gar eingerammte Pfähle oder heimliche Gru- ben die feindliche Linie deckten; die Kriegsregel erfordere, daß man sich erst orientire und lagere. Diese Ansicht des alten Generals drang durch; Alexander befahl, die Truppen nach den Abtheilungen der Schlachtordnung, in der sie auch angerückt waren, auf der Hü- gelkette, im Angesicht der Feinde, sich lagern zu lassen. Das ge- schah am 30sten September Morgens. Darius seinerseits, obschon er lange Zeit die Ankunft der Ma- cedonier erwartet und in dem weiten Blachfelde von Gaugamela jedes Hinderniß bis auf das Dornengestrüpp und die einzelnen Sandhügel, die den stürmischen Angriff seiner Reuterschwärme oder den Lauf der Sensenwagen hätten stören können, aus dem Wege geräumt hatte, war durch die Nachricht von Alexanders Nähe und dem sehr eiligen Rückzuge seiner Vorposten unter Mazäus in einige Unruhe versetzt worden; doch in der stolzen Zuversicht seiner Satra- pen, die kein unberufener Warner mehr störte, und den endlosen Reihen seines Heeres, vor denen kein Charidemus oder Amyntas dem dichten Häuflein der Macedonier den nur zu gerechten Vorzug zu geben wagte, endlich in den eigenen Wünschen, die sich so gern mit Blindheit statt mit besonnener Kraft waffnen und die süßen Worte der Schmeichler lieber hören, als die ernsten Mahnungen des schon Geschehenen, fand der Perserkönig bald Beruhigung und Zuversicht; seine Großen überzeugten ihn leicht, daß er bei Issus nicht dem Feinde, sondern dem engen Raume erlegen sei, jetzt sei Raum für die Kampflust seiner Hunderttausende, für die Sensen seiner Kriegs- wagen, jetzt sei die Zeit gekommen, dem Macedonier zu zeigen, was ein Persisches Reichsheer sei. — Da sah man am Morgen des 30sten auf der Hügelreihe nordwärts das Macedonische Heer geordnet und wie zur Schlacht geschaart heranrücken; man erwar- tete, daß sofort die Schlacht beginnen würde; auch die Persischen Völker ordneten sich über die weite Ebene hin zur Schlacht. Es erfolgte kein Angriff, man sah die Feinde sich lagern; Alles blieb ruhig, nur ein Reuterhaufe mit einigen Schaaren leichten Fußvolkes untermischt, zog von den Hügeln herab, durch die Ebene hin, und, ohne sich der Linie der Perser zu nahen, wieder zum Lager zurück. Der Abend kam; beabsichtigten die Feinde einen nächtlichen Ueber- fall? Das Persische Lager, ohne Wall und Graben, hätte nicht Schutz gegen einen Ueberfall gewährt; so erhielten die Völker den Befehl, die Nacht hindurch unter den Waffen und in Schlachtord- nung zu bleiben, die Pferde gesattelt neben sich bei den Wachtfeuern zu halten Curt. IV. 14. 12. . Darius selbst ritt während der Nacht an den Linien entlang, um die Völker durch sein Antlitz und seinen Gruß zu begeistern. Auf dem äußersten linken Flügel standen die Reutervölker des Bessus, namentlich die Massagetischen Scythen, tausend erlesene Baktrianer, dann die übrigen Baktrianer, die Daer und Sogdianer, vor ihnen hun- dert Sensenwagen; jenen zunächst die Arachosier und Bergindier Arrian. III. 11. An dieser Stelle scheint Arrian die Arier ausgelassen zu haben, die er in dem ersten Katalog c. 8. mit aufführt; die dort genannten Bergindier standen wohl neben den Arachosiern, unter deren Satrapen sie gehörten. ; ihnen folgte eine Masse Perser, die aus Reuterei und Fußvolk ge- mischt war, dann die Susier und die Kadusier, welche sich an das Mitteltreffen anschlossen. Dies Mitteltreffen umfaßte zunächst die edelsten Perserschaaren, die sogenannten Verwandten des Königs nebst der Leibwache der Apfelträger; zu beiden Seiten derselben waren die Griechischen Söldner, die sich noch im Dienst des Kö- nigs befanden, aufgestellt; ferner gehörten noch zum Mitteltreffen die Indier mit ihren Elephanten, die sogenannten Karier, die Mardischen Bogenschützen und funfzig Sensenwagen. Das Centrum, welches in der Schlacht am Pinarus so bald durchbrochen war, zu verstärken, waren hinter demselben die Uxier, die Babylonier, die Küstenvölker des Ery- thräischen Meeres und die Sitacener aufgestellt; es schien so fest und dicht genug, um den König in seiner Mitte aufzunehmen. Auf dem linken Flügel, zunächst an den Mardiern, standen die Albaner und Sacasiner, dann Phrataphernes mit seinen Parthern, Hyrka- nern, Tapuriern und Sakern, dann Atropates mit den Medischen Völkern, nach ihnen die Völker aus Syrien diesseits und jenseits der Wasser, endlich auf dem äußersten linken Flügel die Kappadoci- schen und Armenischen Reutervölker mit funfzig Sensenwagen. Die Nacht verging ruhig; Alexander hatte, nachdem er mit seinen Macedonischen Geschwadern und dem leichten Fußvolke vom Recognosciren des Schlachtfeldes zurückgekommen war, seine Officiere um sich versammelt und ihnen angezeigt, daß er morgen den Feind anzugreifen gedenke: er kenne ihren und ihrer Truppen Muth, mehr als ein Sieg habe ihn erprobt; vielleicht würde es nothwen- diger sein ihn zu zügeln, als anzufeuern, sie möchten ihre Leute vor Allem erinnern, schweigend anzurücken, um desto furchtbarer beim Sturm den Schlachtgesang zu erheben; sie selbst möchten beson- ders Sorge tragen, seine Signale schnell zu vernehmen und schnell auszuführen, damit die Bewegungen rasch und mit Präcision vor sich gingen; sie möchten sich davon überzeugen, daß auf Jedem der Ausgang des großen Tages beruhe; der Kampf gelte nicht mehr Syrien und Aegypten, sondern den Besitz des Orientes; es werde sich entscheiden, wer herrschen solle. Mit lautem und frohem Zu- ruf antworteten ihm seine Generale; dann entließ sie der König, und gab voll Zuversicht den Truppen Befehl, zur Nacht zu essen und sich dann der Ruhe zu überlassen. Bei Alexander im Zelte waren noch einige Vertraute, als Parmenion, wie erzählt wird, hereintrat, und nicht ohne einige Besorgniß von der unendlichen Menge Menge der Persischen Wachtfeuer und dem dumpfen Tosen, das durch die Nacht herübertöne, berichtete: es sei die feindliche Ueber- macht zu groß, als daß man bei Tage und in offener Schlacht sich zu messen wagen dürfe; er rathe, jetzt während der Nacht anzugreifen, das Unvermuthete und die Verwirrung eines Ueber- falles werde durch die Schrecken der Nacht verdoppelt werden. Alexander antwortete: „ich stehle den Sieg nicht.“ Weiter wird erzählt, daß Alexander sich bald darauf zur Ruhe gelegt und ruhig den übrigen Theil der Nacht geschlafen habe; schon sei es hoher Morgen, schon Alles bereit zum Ausrücken gewesen, nur der Kö- nig habe noch gefehlt; endlich sei der alte Parmenion in sein Zelt gegan- gen und habe ihn dreimal bei Namen gerufen, bis Alexander sich endlich ermuntert und gerüstet habe; zwei Erzählungen Plut. 32. Arrian. , die man weder verbürgen noch verwerfen darf, und die, wenn sie geschicht- lichen Grund haben, die ruhige Zuversicht und den klaren Blick des großen Königs eben so schön wie der Sieg, dessen Vorboten sie sind, bewähren; wie der Held vor der Schlacht der Entscheidung ruhig schläft, wie er die zweideutigen Vortheile eines heimlichen Ueberfalles verachtet, um den Sieg im offenen Felde zu ertrotzen, das sind lebendige und sprechende Züge von Feldherrngröße, unter denen auch die Helden unserer Zeit in dem Gedächtniß ihrer Krie- ger und ihres Volkes fortleben. Am Morgen des 1sten Oktobers Es war einer der letzten Tage des Monats Boedromion, und diesen Monat bezeichnete Aristanders Prophezeiung. rückte das Macedonische Heer aus dem Lager auf den Höhen, zu dessen Deckung ein Theil der leichten Thracier zurückgelassen wurde. Bald stand das Heer in der Ebene in Schlachtordnung: die Linie von dem schweren Fuß- volke gebildet, an die sich rechts bei den Hypaspisten die Macedo- nische Ritterschaft, links bei der Division Kraterus die Ritter- schaft der Bundesgenossen und Thessalier anschloß; der rechte Flü- gel unter Alexander, der den Hauptangriff machen sollte, war in der Flanke durch einen Theil der Agrianer, der Bogenschützen und Schleuderer gedeckt. Da aber bei der ungeheueren Uebermacht der Feinde Ueberflügelung unvermeidlich, zugleich aber besonders darauf 15 zu sehen war, daß, damit der Hauptangriff mit möglichst großer Gewalt gemacht werden könne, alle anderen Punkte nur eben stark genug wären, um die angreifenden Corps in ihren Bewegungen, und namentlich den Rücken der Linie zu decken, so wurde hinter den beiden Flügeln eine zweite Linie geordnet, hinter dem linken Flügel ein Theil der Verbündeten und die Odrysischen Reuter, ein Corps leichter Thracier unter Sitalkes, und am weitesten links ein Theil der fremden Söldner zu Pferde, unter Andromachus; hinter dem rechten Flügel ein Theil der Agrianer, die Macedonischen Bogenschützen und nach ihnen die fremden Veteranen Kleanders; rechts hin von den Agrianern die Geschwader der Plänkerer unter Aretas, die Päonier Aristons, endlich die neuangeworbenen Griechi- schen Reuter des Menidas, die heute an der gefährlichsten Stelle ihre Waffenprobe machen sollten. Die Heere beginnen vorzurücken; Alexander mit der Macedo- nischen Ritterschaft, dem rechten Flügel, steht dem feindlichen Cen- trum, den Elephanten der Indier, dem Kern des feindlichen Hee- res, der doppelten Schlachtlinie gegenüber; er ist von dem ganzen linken Flügel der Feinde überragt; er läßt demnach seine Linie aus der rechten Flanke vorrücken, und zwar, um sich mehr und mehr der feindlichen Linie zu nähern, in etwas schräger Richtung Diod. XVII. 52. ; Bewegungen, die mit der größten Ordnung ausgeführt werden, während die Feinde bei ihren großen Massen einige Gegenbewe- gung aus ihrer linken Flanke nicht ohne große Störung zu machen versuchen. Noch überragt ihre Linie die der Macedonier bei Weitem, und die Scythischen Reuter des äußersten Flügels traben schon zum Angriff gegen die leichten Truppen in Alexanders Flanke heran, ohne daß diese Demonstration von Einfluß auf die Haupt bewegung der Macedonier ist. Alexander rückt vielmehr ohne Aufenthalt rechts hinab; nicht lange mehr, und er ist an den zum Gebrauch der Sensenwagen geebneten Stellen vorüber, von deren vernichtendem Anlauf, es stehen hier hundert Wagen der Art, der Perserkönig sich ganz besonderen Erfolg versprochen hatte; dieser giebt deshalb den Scythischen und tausend Baktrischen Reutern Befehl, den feindlichen Flügel zu umreiten und so am weiteren Vorrücken zu hindern; Alexander läßt gegen sie die Griechischen Reuter des Menidas ansprengen; ihre Zahl ist zu gering, sie werden geworfen; die Bewegung der Hauptlinie fordert hier möglichst festen Widerstand, die Päonischen Reuter unter Ariston werden vorgeschickt, zugleich rückt Cleander mit seinen Veteranen gegen die Scythen an; schon beginnen die Scythen und Baktrier zu weichen, da jagen die Schwärme der anderen Baktrischen Reuter an Alexanders Flügel vorüber gegen die Päonier und Griechen, die Ihrigen sammeln sich, sie beginnen von Neuem den Kampf, Viele fallen Macedoni- scher Seits, die Scythen, Mann und Roß gepanzert, setzen ihnen hart zu; doch weichen die Macedonier nicht, sie stehen dem wilden Anrennen der Feinde, sie brechen, Schaar um Schaar, in die feind- lichen Reihen, sie drängen die Uebermacht für den Augenblick zu- rück. — Indeß ist die Macedonische Linie unablässig rechts hinab- gerückt, schon sind die Macedonischen Geschwader und die Hypas- pistencorps den hundert Sensenwagen des linken Flügels gegen- über, da brechen diese los und jagen rasselnd gegen die Linie heran, die sie zerreißen sollen; aber die Agrianer, die Bogenschützen und Schleuderer empfangen sie unter lautem Geschrei mit einem Hagel von Pfeilen, Steinen und Speeren; viele werden schon hier auf- gefangen, die stutzenden Pferde bei den Zügeln ergriffen und nieder- gestochen, das Riemenzeug durchhauen, die Knechte herabgerissen; die anderen, welche auf die Hypaspisten zu jagen, werden entweder von den dicht verschildeten Rotten mit vorgestreckten Lanzen em- pfangen oder jagen durch die Oeffnungen, welche schnell von Rotte zu Rotte gebildet werden, unbeschädigt und ohne zu be- schädigen, hindurch, um hinter der Fronte den Reitknechten in die Hände zu fallen. — Und schon hat sich die ganze unabseh- bare Linie des Perserheeres in Bewegung gesetzt, sich nach wenigen hundert Schritten im Sturmlauf auf den Feind zu werfen. Anderer Seits rücken die Macedonier immer lebhafter halb rechts hinaus, und schon nähert sich Alexander an der Spitze der Geschwader dem linken Flügel des Feindes, während das Ge- fecht in seinem Rücken von Cleander, Ariston und Menidas nur mit der größten Anstrengung unterhalten wird. Dem Feinde auf Pfeilschußweite nahe, befiehlt Alexander jetzt, im entscheidenden Au- genblicke, daß Aretas mit seinen Reutern sich in das Gefecht hinter 15 * der Linie stürzen soll, um durch dies momentane Uebergewicht die Kraft der Scythen und Baktrier zu hemmen. Aber zugleich jagen neue Reuterschwärme aus der Mitte des feindlichen Flü- gels in das Gefecht, das um so gefährlicher zu werden droht, da hier bereits die ganze zweite Linie bis auf zwei Abthei- lungen leichtes Fußvolk im Gefecht ist. Zugleich kommen vom lin- ken Flügel der Phalangen Reuter mit der Botschaft Parmenions her- angesprengt, daß beim raschen Vorrücken sich die Linie getrennt habe, daß die Parthischen, Indischen, Persischen Reuter sich in die Lücke geworfen, sich unwiderstehlich hindurch geschlagen und das Lager überfallen hätten, daß die Reuterschaaren des rechten feindli- chen Flügels bereits die Flanke bedroheten, Alexander müsse Sue- curs senden, oder Alles sei verloren. Alexander sendet sie ohne Weiteres zurück: Parmenion müsse von Sinnen sein, Hülfe zu ver- langen, er werde wissen, den Degen in der Hand, mit Ehren zu sterben. Dann läßt er zum Angriff blasen, wirft sich auf den Bu- cephalus und führt die Kolonne der Ritterschaft im vollen Carriere zu dem Keilangriff, auf den die Entscheidung des Tages berechnet ist. In die Lücke des linken Flügels, die durch das Vorbrechen des letzten Reuterhaufens entstanden war, wirft sich der König an der Spitze seiner Macedonischen Ritter; im Sturmschritt folgen die Hypaspisten, und während die Schützen, Agrianer und Schleu- derer die nächsten Haufen beschäftigen, wüthen die Macedonier in den Reihen der Feinde. Schon stürmen auch die nächsten Phalangen mit vorstarrenden Lanzen auf die Schlachthaufen der Susianer, der Kadusier, auf die Schaaren, die den Wagen des König Darius decken; nun ist kein Halten, kein Widerstand mehr, Darius, den wüthenden Feind vor Augen, in Mitten der plötz- lichsten, wildesten, lärmendsten Verwirrung, sieht sich selbst gefährdet, giebt Alles verloren, wendet sich verzweifelnd zur Flucht; nach der tapfersten Gegenwehr folgen die Perser, ihres Königs Flucht zu schirmen; die Flucht, die Verwirrung reißt die Schlachthaufen der zweiten Linie mit sich, das Centrum ist vernichtet. — Zugleich hat die ungeheuere Heftigkeit, mit der Aretas in die feindlichen Haufen einbrach, das Gefecht im Rücken der Linie entschieden; die Scythi- schen, Baktrischen, Persischen Reuter suchen, von den Griechischen und Päonischen Reutern auf das heftigste verfolgt, das Weite. Der linke Flügel der Feinde ist vernichtet. Anders der rechte Flügel der Perser. Durch die breite Lücke der Macedonischen Linie hindurchbrechend, hatten sich die Persischen, Indischen und Parthischen Reuter, ohne Widerstand zu finden, auf das Lager geworfen; die wenigen Thracier, leicht bewaffnet und keines Angriffes gewärtig, vermochten den mörderischen Kampf in den Lagerpforten nur mit der größten Anstrengung zu halten; da brachen die Gefangenen los, und fielen ihnen während des Kampfes in den Rücken; die Thracier wurden bewältigt; schreiend und jubelnd warfen sich die Barbaren ins Lager zu Raub und Mord. Da jagten die Odrysischen und Griechischen Reuter und die Thracier des Si- talkes aus der zweiten Linie des linken Flügels mit verhängtem Zügel heran, sie warfen sich auf den schon plündernden Feind, sie überwältigten ihn nach kurzem Gefecht; viele Barbaren wurden niedergemacht, die anderen jagten ohne Ordnung rückwärts, auf das Schlachtfeld zurück, den Macedonischen Geschwadern ins Eisen, mit denen sich Alexander, sobald das Centrum durchbrochen war, links herum geworfen hatte, um Parmenion zu helfen. Das Reuter- gefecht, das sich hier entspann, war furchtbar und lange schwankend; die Perser kämpften um ihr Leben, jeder Einzelne suchte sich durchzuhauen; an sechszig der Ritter wurden erschlagen, sehr viele, unter ihnen He- phästion und mehrere Obersten, schwer verwundet; endlich war der Sie gauch hier entschieden; die sich durchgeschlagen, überließen sich un- aufhaltsam der Flucht. — Während dessen hatten auch die Thessalischen Ritter auf dem äußersten linken Flügel das Gefecht wieder hergestellt und mit glänzen der Tapferkeit die Kappadocischen und Armenischen Schwärme zurückgeschlagen; Alexander kam, als sie bereits beim Ver- folgen waren; er selbst jagte darum in der Richtung, die Darins ge- nommen zu haben schien, über das Schlachtfeld; er setzte ihm nach, so lange es noch hell war; er erreichte, während Parmenion das feindliche Lager am Bumodus, die Elephanten und Kameele, die ungeheuere Bagage nahm, den Lykus-Fluß, drei Stunden jenseits des Schlacht- feldes. Hier fand man ein furchtbares Gewirre flüchtender Barba- ren, noch gräßlicher durch die Dunkelheit der einbrechenden Nacht, durch das erneuete Gemetzel, durch den Einsturz der überfüllten Flußbrücke; bald war der Heerweg frei, aber Alexander mußte, da Pferde und Reuter von der ungeheueren Anstrengung auf das äu- ßerste ermüdet waren, einige Stunden rasten lassen. Um Mitter- nacht, als der Mond aufgegangen war, brach man von Neuem auf gen Arbela, wo man Darius, sein Feldgeräth, seine Schätze zu erbeuten hoffte. Man kam im Laufe des Tages dort an, Da- rius war fort; seine Schätze, sein Wagen, sein Bogen und Schild, sein und seiner Großen Feldgeräth, ungeheuere Beute fiel in Ale- xanders Hände. Dieser große Sieg auf der Ebene von Gaugamela kostete den Macedoniern nach Arrian nur hundert Todte, dagegen waren über tausend Pferde, von denen die Hälfte bei der Macedonischen Ritter- schaft, gestürzt oder getödtet; nach den höchsten Angaben fielen Ma- cedonischer Seits fünfhundert Mann; Zahlen, die gegen den Ver- lust der Feinde, deren an hunderttausend und mehr gefallen sein sollen, unverhältnißmäßig erscheinen, wenn man nicht bedenkt, daß einerseits, bei der trefflichen Bewaffnung der Macedonier, im Hand- gemenge nicht Viele tödtlich verwundet wurden, und daß anderer- seits erst beim Verfolgen das Fleischhandwerk beginnen konnte; alle Schlachten des Alterthums beweisen, daß der Verlust der Fliehen- den bis ins Unglaubliche größer ist, als der der Kämpfenden Natürlich ist die ganze Darstellung dieser Schlacht aus Ar- rian entnommen, dessen Bericht sich durch sich selbst und durch die handgreiflichen Mißgriffe der anderen Autoren, bis Polyän herab, als der allein glaubwürdige zeigt. Man hat seine Angabe über die Größe des feindlichen Heeres in Zweifel gezogen; indeß bleibt es sich ziem- lich gleich, ob die ungeheuere Uebermacht der Feinde einige Hunderttan- send mehr oder weniger betrug. — Die Schlacht war für Alexander ver- loren, ohne jenen glänzenden Angriff auf den linken feindlichen Flü- gel; er siegte durch den großen strategischen Grundsatz, im entschei- denden Momente am entscheidenden Punkte die höchste Kraft concen- trirt zu haben. Das feindliche Heer erlag der eigenen Masse; hätte es gegen Alexanders schräge Schlachtlinie die Fronte schnell genug zu verändern, hätten sich die Massen der zweiten Linie gehörig zu ent- wickeln vermocht, hätte endlich das Zurückströmen der geworfenen Massen nicht furchtbarer als die kleine Zahl der Siegenden auf die nahe stehenden Haufen gedrängt, der Ausgang des Tages wäre ein . Mit der Schlacht von Arbela war Darius Macht gebrochen und so gut wie vernichtet; von seinem zersprengten Heere sammel- ten sich einige tausend Baktrische Reuter, die Ueberreste der Grie- chischen Söldnerschaar, die Melophoren und Verwandten, im Gan- zen ein Heer von etwa dreitausend Reutern und sechstausend Mann zu Fuß; mit diesen wandte sich Darius in unaufhaltsamer Flucht oftwärts durch die Pässe Mediens gen Ekbatana; dort hoffte er vor dem furchtbaren Feinde wenigstens für den Augenblick sicher zu sein, dort wollte er abwarten, ob sich Alexander mit den Reichthü- mern von Susa und Babylon begnügen und über sie das Altpersi- sche Land vergessen werde, das mächtige Gebirgswälle von dem Aramäischen Tieflande scheiden; erstiege der unersättliche Eroberer dennoch die hohe Burg Irans, dann war es sein Plan, weit und breit verwüstend über die Nordabhänge des Hochlandes nach Tu- ran, dem letzten Quartier des einst so ungeheueren Reiches zu flüch- ten. — Zu gleicher Zeit hatte sich auf der Südstraße, nach dem hohlen Persien zu, ein zweiter Haufe aus fünfundzwanzigtausend, nach anderer gewesen; ja Alexanders Sieg über den linken Flügel hätte vielleicht nicht der Niederlage Parmenions das Gleichgewicht zu hal- ten vermocht, wenn sich die durchbrechenden Reuterschwärme auf die zweite Linie geworfen hätten; die Thessalier hätten gegen Mazäus erliegen müssen. Alexander hat dieser ungeordneten Kampfweise der Bar- baren, auf die er rechnen durfte, eben so viel zu danken, als seinem in der That großen Entschluß, um die Gefahr Parmenions unbeküm- mert seinen Angriff zu machen und die Hauptmacht des Feindes zu zerschmettern. — Guichards Darstellung dieser Schlacht, so geist- reich sie ist, leidet an mehreren Fehlern; namentlich meint er, die vorgeschobenen Corps seien nicht in, sondern vor der Linie aufgestellt gewesen, eine Meinung, die eben so sehr dem Charakter der Griechi- schen (nicht der Römischen) Taktik, wie der besonderen Physiognomie dieser Schlacht, der gegenseitigen zwiefachen Ueberflügelung, wider- speechen würde. — Die Chronologie anlangend bemerken wir, daß St. Croix in seinem Eifer gegen den sorgfältigen Arrian ungerecht ist. Ideler hat in seiner durch Gründlichkeit und Eleganz gleich ausgezeichneten Weise alles hierauf Bezügliche erklärt und berich- tigt. — Endlich erwähnen wir, daß die Ansicht, als seien in dieser Schlacht in Alexanders Heere bereits Asiatische Truppen aus den er- oberten Ländern gewesen, gänzlich falsch ist. Anderen aus vierzigtausend Mann Curt. V, 3. 17. Diod. XVII. 56. Arrian. III. 18. bestehend, unter Führung des Persischen Satrapen Ariobarzanes, geflüchtet, die Persischen Pässe besetzt und sich hinter ihnen auf das sorgfältigste verschanzt. Wenn irgend wo, so war an dieser Stelle noch das Persische Reich zu retten; es wäre vielleicht gerettet worden, wenn Darius nicht den nächsten Weg gesucht, nicht durch seine Flucht nach dem Nord- abhang von Iran die Satrapien südwärts sich selbst und der Treue der Satrapen überlassen hätte; denn diese waren nicht alle wie Ariobarzanes gesinnt, sie mochten in ihrer eben so schwierigen wie verführerischen Stellung gern den landflüchtigen König vergessen, um sich der Hoffnung einer vielleicht längst ersehnten Unabhängig- keit hinzugeben, oder durch freiwillige Unterwerfung von dem groß- müthigen Sieger mehr zu gewinnen, als sie durch die Flucht ihres Königs verloren hatten. Die Völker selbst, die, wenn Darius an den Pforten Persiens für sein Königthum zu kämpfen gewagt hätte, nach ihrer Weise zu neuem Kampf zusammengeströmt wären, und die natürliche Grenze ihres Landes, die sich so oft und so glücklich in der Geschichte geltend gemacht hat, vielleicht mit Erfolg verthei- digt hätten, diese kriegerischen Reuter- und Räubervölker, die Ale- xander zum Theil mit Mühe und spät bewältigt, zum Theil nie auzugreifen gewagt hat, waren durch jene Flucht des Darius sich selbst überlassen und gleichsam auf verlorenen Posten gestellt, ohne daß die Sache des Königs von ihnen den geringsten Vortheil gehabt hätte. — So gewann der Sieg von Gaugamela durch die unglaub- liche Verwirrung, in welche Darius, um sich oder irgend etwas zu retten, immer tiefer versank, jene riesenhaft wachsende Gewalt, welche die Persische Macht bis auf die letzte Spur vertilgen sollte. — Alexander dagegen benutzte den errungenen Sieg auf die ein- fachste und erfolgreichste Weise; ohne sich weiter um die Verfol- gung des flüchtigen Königs zu kümmern, ging er von Arbela aus auf der großen Straße Alexander kam am vierten Tage nach dem Aufbruch aus Arbela gen Mennis (Ekbatana, Plut. ), wo Bitumenquellen waren ( Curt. V. 1. 16.). „Kerkuk ist nur zwanzig Stunden und Dus Churmatu etwa fünfund- dreißig Stunden von Arbela; vielleicht also ist letzteres das ehemalige gen Babylon, der Königin im weiten Aramäischen Tieflande, und seit Darius Hystaspis Zeit der Mittel- punkt des Persischen Reiches; der Besitz dieser Weltstadt war der Preis des Sieges von Gaugamela. Alexander erwartete Wider- stand zu finden; er wußte wie ungeheuer die Mauern der Semira- mis seien, wie ein Netz von Kanälen sie umschließe, wie lange die Stadt des Cyrus und Darius Belagerung ausgehalten hatte; er erfuhr, daß sich Mazäus, der bei Arbela am längsten und glücklichsten das Feld behauptet, nach Babylon geworfen habe; es war zu fürchten, daß sich die Scenen von Halikarnaß und Tyrus wiederholten. Deshalb ließ Alexander, sobald er sich der Stadt nahete, sein Heer schlagfertig vorrücken; aber die Thore öffneten sich, die Babylonier mit Blumenkränzen und reichen Geschenken, die Chaldäer, die Ael- testen der Stadt, die Persischen Beamten an der Spitze, ka- men ihm entgegen; Mazäus übergab die Stadt, die Burg, die Schätze, und der siegreiche König hielt seinen Einzug in Semira- mis Riesenstadt. Hier wurde den Truppen längere Rast gegeben; es war die erste wahrhaft morgenländische Fürstenstadt, die sie sahen; ungeheuer in ihrem Umfange, voller Bauwerke der staunenswürdigsten Art, die Riesenmauer, die hängenden Gärten der Semiramis, des Be- lus Würfelthurm, an dessen ungeheuerem Bau sich Xerxes wahn- sinnige Wuth über die Salamische Schmach vergebens versucht hatte, dazu die endlose Menschenmenge, die hier aus Arabien und Armenien, aus Persien und Syrien zusammenströmte, dann die überschwengliche Pracht und Lüsternheit des Lebens, der tausendfäl- tige Wechsel der süßesten Wollust und der berechnetesten Genüsse, kurz dieser ganze mährchenhafte Zauber morgenländischer Taumel- lust ward hier zu Babylon den Söhnen des Abendlandes als Preis Mennis; denn H ê t, wo gleichfalls Bitumenquellen sind, liegt wohl zu weit, als daß es Alexander in vier Tagen hätte erreichen können“. Niebuhr II. p. 349; Strabo XVI. p. 345 bezeichnet den Weg so: erst Arbela, dann die Berge des Sieges, wie sie Alexander nannte (Ka- radjag bis zur Mündung des großen Zab), dann der Uebergang über den Kapros (kleinen Zab), dann die Naphtaquellen (ich glaube die von Kerkuk, s. Ker Porter II. p. 440), dann Sardacä, Darius Hystas- pis Schloß, dann der Cyparissus (Torna), dann der Kapros (?) nahe bei Seleucia (offenbar die Diala, Silla bei Isid. Char. ). so vieler Mühen und Siege; wohl mochte der kräftige Macedo- nier, der wilde Thracier, der lüsterne Grieche hier Sieges- und Lebenslust in überreichen Zügen schlürfen und auf duftigen Teppi- chen, bei goldenen Bechern, im lärmenden Jubelschall Babylonischer Gelage schwelgen, mochte mit wilderer, kühnerer Begier den Ge- nuß, mit neuem Genuß sein brennendes Verlangen, mit beiden den Durst nach neuen Thaten und neuen Siegen steigern. So begann sich Alexanders Heer in das Asiatische Leben hineinzuleben und sich mit denen, die das Vorurtheil von Jahrhunderten gehaßt, verachtet, rohe Barbaren genannt hatte, zu versöhnen und zu verschmelzen, es begann sich Morgen- und Abendland zu durchgähren und eine Zukunft vorzubereiten, in der beide sich selbst verlieren sollten. Mag es klares Bewußtsein, glückliches Ohngefähr, nothwen- dige Folge der Umstände genannt werden, jedenfalls traf Alexander in den Maaßregeln, die er wählte, die einzig möglichen und rech- ten. Hier in Babylon war mehr als irgendwo bisher das Ein- heimische mächtig, naturgemäß und eigenthümlich; während Klein- asien dem Hellenischen Leben nahe, Aegypten und Syrien demsel- ben zugänglich war und mit ihm durch das gemeinsame Meer in Verbindung stand, in Phönicien Griechische Sitte schon länger in den Häusern der reichen Kaufherren und vieler Fürsten eingeführt, im Lande des Nildelta durch Griechische Ansiedelungen, durch Cyre- nes Nachbarschaft, durch mannichfache Verhältnisse mit Hellenischen Staaten seit der Pharaonenzeit bekannt und eingebürgert war, lag Babylon fern von aller Beziehung mit dem Abendlande, tief stromab bei dem Doppelstrome des Aramäischen Landes, das durch die Natur, durch Handel, Sitte und Religion, durch die Ge- schichte vieler Jahrhunderte eher gen Indien und Arabien als gen Europa hinwies; in dies fremde, buntgemischte, in sich längst durch- lebte Völkerleben kamen jetzt die ersten Hellenischen Elemente, der Masse nach unbedeutend gegen das Heimische, und nur durch die Fähigkeit, sich ihm anzueignen, überlegen. Dazu ein Zweites: das Perserreich war so gut wie vernichtet, mit ihm nichts Morgenlän- disches mehr als bestehende Macht, um gegen sie anzukämpfen oder sie anzuerkennen; es war ja Alexanders Absicht, Asiens Herr zu sein, so wie er König in Macedonien war. Wollte er als Mace- donier, als Grieche über das neue Reich herrschen, so war er schon zu weit gegangen, als er die Grenzen Abendländischer Nachbar- schaft überschritt und jenseits der Syrischen Wüste seine Völker zum Siege führte, wollte er Asiens Völker nichts als den Namen der Knechtschaft tauschen, ja sie nichts als den härteren, unnatürli- chen Druck höherer geistiger Entwickelung empfinden lassen, so war kaum der Augenblick des Sieges ihres Gehorsams gewiß, und ein Angstschrei der Völker, ein sengender Sommer, ein zweifelhafter Erfolg hätte genügt, die Chimäre selbstsüchtiger Eroberung zu zerstö- ren. Anders Alexander; er siegte als Vorkämpfer eines freien Volkes, und seine Siege sollten die Völker befreien, so viel sie frei zu sein vermochten; seine Macht selbst, so unendlich gering ihrem materiellen Gehalte nach, sollte in der Zustimmung der Völker Halt und Erfolg gewinnen; sie mußte sich gründen auf die Anerkenntniß jeder Volksthümlichkeit in Sitte, Gesetz und Religion; was die Perser so tief gedrückt hatten und so gern erdrückt hätten, was nur ihre Ohnmacht oder Sorglosigkeit der That, nicht dem Rechte nach hatte gewähren lassen, das mußte nun neu und frei erstehen, und sich unmittelbar zum Hellenischen Leben verhalten, um mit ihm verschmelzen zu können. Das hatte der König in Memphis und Gordium, in Tyrus und Jerusalem erreicht; das war der Sinn der neuen Opfer, die er, von Chaldäischen Priestern unterstützt, dem großen Baal darbrachte, das der Grund seines Befehles, die von Xerxes geplünderten Heiligthümer von Neuem zu schmücken, den Belusthurm wieder herzustellen, den Dienst der Babylonischen Göt- ter fortan frei und prächtig, wie zu Nebukadnezars Zeit, zu bege- hen. So gewann er die Völker für sich, indem er sie sich selbst und ihrem volksthümlichen Leben wieder gab; so machte er sie fä- hig, auf thätige und unmittelbare Weise in den Zusammenhang des Reiches, das er zu gründen im Sinne trug, einzutreten, eines Reiches, in dem die Unterschiede von Abend und Morgen, von Griechen und Barbaren, wie sie bis dahin die Geschichte entwickelt hatte, untergehen sollten zu der Einheit einer Weltmonarchie. Wie aber? sollten fortan die Satrapen, die Umgebung des Königs, die Großen des Reichs nur Macedonier sein, so war ja jene Ineinsbildung nur Vorwand oder Illusion, die Volks- thümlichkeiten nicht anerkannt, sondern nur geduldet, die Vergan- genheit nur durch das Unglück und schmerzliche Erinnerungen an die Zukunft geknüpft, und statt der Asiatischen Herrschaft, die we- nigstens in demselben Welttheile erwachsen war, ein fremdes, un- natürliches, doppelt schweres Joch über Asien gekommen. Die Ant- wort auf diese Fragen bezeichnet die Katastrophe in Alexanders Heldenleben, es ist der Wermuth in dem Becher seiner Freuden, der Wurm, der an der Wurzel seiner Größe nagt, das Verhängniß seiner Siege, das ihn besiegt. Während der König Persiens die letzten Wege flieht, beginnt Alexander sich mit dem Glanze des Persischen Königthums zu schmücken, die Großen Persiens um sich zu sammeln, sich mit dem Namen, den er bekämpft und vernichtet, zu versöhnen. Er mußte es ; König in Abend- und Morgenland mußte er dem Macedonischen Adel einen Adel des Morgenlandes hinzufügen, und der Adel Asiens war nach der Natur der Dinge, nach der Ansicht der Völker und dem Bedürfniß des neuen König- thums der letzte herrschende Stamm Asiens, die Perser. Es wäre Wahnsinn gewesen, plötzlich alle Verhältnisse umgestalten, alle Zu- stände in Frage stellen, aller Gewohnheit und allem Vorurtheil mit einem Machtworte entgegentreten zu wollen. Was auch der Hochmuth der Hellenen und der Siegerstolz der Macedonier sagen mochte, Alexander mußte, wenn er dem Diadem Macedoniens die Tiara der Asiatischen Herrschaft hinzufügen wollte, nach der gro- ßen Weltscheidung von Osten und Westen, die in Babylon ihr Centrum hatte, fortan Macedonier und Asiate zugleich sein, Mace- donischen und Asiatischen Adel in gleichem Rechte anerkennen, den Völkern des Abend- und Morgenlandes gleich befreundet und gleich erhaben sein, und nur das Heer, mit dem er noch weite Strecken zu erobern hatte, durfte und mußte Macedonisch und dem Könige in alter Kameradschaft vertraulich sein. Wenn in irgend etwas, so verdient Alexander hierin die höchste Bewunderung, und die Ge- schichte hat bis auf diesen Tag die Richtigkeit seiner Grundsätze be- stätigt; er hat bewiesen, was den Europäern in Asien und wie es ihnen möglich ist, und vielleicht zeigt seine Lösung des großen Räthsels, daß es unauflöslich ist. Stets, wenn in sich wahre und nothwendige Gedanken in die Wirklichkeit treten, bewähren sie sich zugleich als die nützlichsten Maximen und als die unter den jedesmaligen Umständen zweckmä- ßigsten Mittel. Nicht ohne pragmatischen Scharfsinn hat man be- hauptet, daß Alexander mit seinen wenigen tausend Macedoniern sich in dem weiten Asien kaum hätte behaupten, geschweige denn weiter dringen können, wenn er nicht durch ein fein berechnetes Benehmen gegen die Persischen Großen zum Abfall zu reizen und an seine Person zu fesseln gewußt hätte. Und allerdings mag seit der Schlacht von Gaugamela mancher der Persischen Großen sich ein Beispiel an Mithrines von Sardes, an Amminapes und Mazaces aus Aegypten, die in höchsten Ehren bei dem Könige lebten, ge- nommen haben. Noch lockender wurde der Uebertritt zur Sache Alexanders, als dieser die reiche Satrapie Babylonien an Mazäus, die Armenische Satrapie an Mithrines gab; und von dem siegrei- chen Könige geehrt begannen sich die Persischen Großen allmählig um ihn zu sammeln, die Persischen Satrapen die Sache des land- flüchtigen Darius aufzugeben, da ihnen Alexander die Aussicht auf Macht, Ehre und den ungestörten Besitz ihrer Satrapien öffnete. Es verstand sich übrigens von selbst, daß neben diesen Persischen Satrapen fortwährend die bewaffnete Macht in dem Centralpunkte der Satrapie aus Macedoniern gebildet war und unter Macedoni- schen Befehlshabern stand, so wie auch in der Regel das Einsam- meln der Tribute Macedonischen Männern übertragen wurde. Letz- tere Stelle erhielt für die Babylonische Satrapie Asklepiodor; in Babylon selbst blieben tausend Mann als Besatzung der Burg un- ter Agathon, dem Bruder Parmenions, während Apollodor aus Amphipolis die Feldhauptmannschaft der Satrapie mit einem der Wichtigkeit des Landes angemessenen Corps erhielt; außerdem wurde eine mobile Colonne von zweitausend Mann unter Menes Befehl dazu bestimmt, die große Passage von Babylon zur Küste Ciliciens und die verschiedenen Transporte aus dem Mor- genlande nach Europa und umgekehrt zu sichern Curt. V. 1. 43. Diod. XVII. 64; cf. Boeckh Corp. Inscr. 105. , eine Ein- richtung, die wegen der Raubsucht der in der Wüste hausenden Beduinenstämme doppelt nothwendig wurde. Der erste Transport war eine Summe von etwa dreitausend Silbertalenten, von denen ein Theil nach Europa an Antipater gehen sollte, damit er den eben jetzt beginnenden Krieg gegen Lacedämon mit Nachdruck füh- ren konnte, das Uebrige aber zu möglichst ausgedehnten Werbungen für die große Armee bestimmt wurde. Während des etwa dreißigtägigen Aufenthaltes in Babylon war Susa, die Stadt der Persischen Hoflager und der königlichen Schätze, auf gütlichem Wege gewonnen worden. Denn schon von Arbela aus hatte Alexander den Macedonier Philoxenus, wie es scheint an der Spitze eines leichten Corps, vorausgesandt, um sich der Stadt und der königlichen Schätze zu versichern; er erhielt jetzt von ihm den Bericht, daß sich Susa freiwillig ergeben hätte, daß die Schätze gerettet seien, daß sich der Satrap Abulites der Gnade Alexanders unterwerfe Nach Diod. XVII. 65. erzählten einige Schriftsteller, Abulites habe von Darius den Befehl erhalten, sich und die Schätze von Susa den Macedoniern hinzugeben, um Alexander aufzuhalten, damit er selbst Zeit zur Flucht und zu neuen Rüstungen gewönne; eine sonder- bare Kriegslist; cf. Curt. V. 2. 8. . Alexander langte zwanzig Tage nach seinem Aufbruch von Babylon in Susa an Nach Klitarch bei Cur- tius und Diodor läßt Alexander seine Truppen in der Ebene von Sitacene auf dem Wege nach Susa rasten, um ihnen Zeit zu geben, sich von der Ausschweifung und Trunkenheit, der in Babylon das Heer fast erlegen, zu erholen. Es war nur nicht viel Zeit übrig, wenn die große Armee einen Weg von sechszig Meilen in zwanzig Tagen machen wollte. ; er nahm sofort die ungeheueren Schätze in Besitz, die in der hohen Burg der Stadt, dem Kissischen Memnonium der Griechischen Dichter, seit den ersten Perserkönigen aufgehäuft lagen Strabo XV. p. 317. 329. ; allein des Goldes und Silbers waren funfzigtausend Talente Ar- rian. III. 16. 12. Curt. V. 2. 11; andere Zahlen bei Plut. 36. Strab. p. 322. , dazu noch die aufgehäuften Vorräthe von Purpur, Rauchwerk, edlen Gesteinen, der ganze überreiche Hausrath des üppigsten aller Höfe, auch mehrfache Beute aus Griechenland von Xerxes Zeit her, na- mentlich die Erzbilder der Tyrannenmörder Harmodius und Aristo- giton, die Alexander den Athenern als Geschenk zurücksandte. Während das Heer noch in Susa und an den Ufern des Choaspes verweilte, kam Amyntas, der General der vierten Pha- lanx, welcher vor einem Jahre von Gaza aus auf Werbung nach Griechenland gegangen war, mit neuen Truppen heran; es waren an sechshundert Macedonische Ritter und sechstausend Macedonier zu Fuß, aus Thracien sechshundert Reuter und dreitausendfünfhun- dert zu Fuß, aus dem Peloponnes viertausend Mann zu Fuß und nah an tausend Reuter, endlich waren aus den edlen Macedonischen Familien an funfzig jüngere Söhne gesandt, um in die Schaar der Edelknaben einzutreten und sich im Dienste um des Königs Person aus- zubilden Diod. XVII. 65. Curt. V. 1. 40. . Diese sehr bedeutenden Verstärkungen veranlaßten mannigfache Veränderungen in der Organisation des Heeres; na- mentlich sollten die einzelnen Geschwader der Ritterschaft fortan aus je zwei Abtheilungen bestehen, und die Unterscheidung nach den Provinzen der Macedonischen Heimath aufgehoben sein; ferner wurde die neue Waffe der reutenden Schützen errichtet; die Zahl der Phalangen wurde, so scheint es, gleichfalls mit Aufhebung pro- vinzieller Unterschiede vermehrt Arrian. III. 16. 19. Curt. V. 2. 3. Letzterer sagt: neun besonders tapfere Männer wurden zu Chiliarchen gemacht, denn es traten fortan Chiliarchien statt der früheren Abtheilungen von fünfhundert Mann ein. Die Sache ist etwas unklar; sie kann sich nur auf die Phalangen bezie- hen, und ich vermuthe, daß deren demnächst neun bestanden, wie drei Jahre später ihrer zwölf waren. Man muß einen Begriff von Cur- tius Gedankenlosigkeit haben, um das mit seinen Worten vereinbar zu finden. , der Hypaspisten blieben nach wie vor sechstausend So viele sind ihrer noch in der Schlacht am Hy- daspes; s. oben Seite 98 Note 7. ; über Veränderungen der anderen Heeres- abtheilungen ist keine weitere Nachricht aufbewahrt; überhaupt be- ginnt von dieser Zeit an das Macedonische Heerwesen unklar zu werden. Alexander gedachte demnächst, es mochte Mitte December sein, nach den Reichsstädten der Landschaft Persis aufzubrechen, mit de- ren Besitz der Aberglaube der Völker die Herrschaft über Asien untrennbar verbunden zu denken gewohnt war; dort auf dem Throne der Großkönige, in den Pallästen des Cyrus, Darius und Xerxes wollte Alexander den Sturz der Achämenidendynastie ver- künden; er eilte deshalb, die Angelegenheiten des Susianischen Lan- des zu ordnen. Er bestätigte dem Satrapen Abulites die Satrapie, übergab die Burg der Stadt Susa an Mazarus Curt. V. 2. 16. nennt den Xenophilus, der es wenigstens in späterer Zeit war; Diod. XIX. 17. , die Feld- hauptmannschaft der Satrapie nebst einem Corps von dreitausend Mann an Archelaus; er wies die Schlösser von Susa der Mutter und den Kindern des Perserkönigs, die bisher in seiner Nähe ge- wesen waren, als künftige Residenz an, und umgab sie mit könig- lichem Hofstaat; man erzählt, daß er einige Griechische Gelehrte an dem Hofe der Prinzessinnen zurück ließ, mit dem Wunsche, sie möchten von diesen Griechisch lernen Diod. XVII. 67. . Nach diesen Einrichtun- gen brach er mit dem Heere gen Persien auf. Der Weg von Susa Die Lage von Susa anlangend, hat noch neuerdings v. Hammer in einem Aufsatze, den ich leider nicht benutzen konnte, zu beweisen gesucht, daß Shuster die alte Perserstadt und der Karounfluß der Choaspes, daß dagegen die Ruinen von Shus am Kerahfluß das alte Elymais seien. Doch scheinen die Bemerkungen von Kinneir und Monteith ( cf. Ker Porter II. 412 sqq. ) hinreichend, zu beweisen, daß wirklich Shus das liebliche Susa, Shuster dagegen die „lieblichere“ Residenz des Shapor gewesen. Die Flüsse, die auf dem Wege von Susa nach Persien passirt wurden, sind folgende: der Choaspes bei Susa (der Kerah und tiefer stromab Fluß von Hawiza); zwei Meilen ent- fernt der Eulaeus (der Ulai im Lande Elam bei Prophet Daniel, über den die Steinbrücke des Shapour bei Dez Foul führt, Cheref- feddin III. c. 22. p. 171, jetzt der Fluß von Absal genannt; cf. Ousely I. 358. 421. 423.); dann acht Meilen weiter der Fluß von Shuster; Tchehar Donke bei Chereffeddin l. c., heute der Karoun, von den Alten nicht genannt, zumal da der Weg wohl unterhalb seiner Einmündung über den Eulaeus führte; hiernächst folgen zwei Flüsse, die, den Al- ten unbekannt und auf neueren Karten nicht verzeichnet, von Timur auf dem Wege von Shuster nach Ram Hormuz übersetzt wurden; zwei Tagemärsche hinter Shuster erreichte er den Dudanke, wieder zwei Tage später den Chourukan Kende, am fünften Tage endlich den Fluß von Ram Hormuz, den Kopratas der Alten, sechszehn Mei- len von Shuster. Dieser, so wie der Fluß von Fey sind Nebenflüsse des Pasitigris (Abargoun bei Chereff. III. c. 24. p. 185. Dscherahi heute); und etwa eilf Meilen von Ram Hormuz liegt Babehan an der Grenze nach Persien führt anfangs durch die die schönen und überaus bevölkerten Ebenen Susianas, über den Euläus, den Kopratas, den Pasitigris im Lande der Uxier, die theils die Ebenen an diesem Flusse, theils die Berge, in denen er entspringt, bewohnten; zwischen dem Pasitigris und Arosis folgen, so scheint es, jene schwierigen Pässe, welche den Weg zur Persischen Landschaft beherrschen, und bei denen die räuberischen Berguxier den Karavanen aufzulauern pflegten; den Perserkönigen nie unter- worfen, waren sie seit alter Zeit gewohnt, den Hoffahrten gen Persepolis nur für reiche Geschenke den Durchzug zu gestatten. Jenseits dieser Pässe, die die Susischen Thore genannt wurden Diese Paß- gegend von der Ebene von Zohrah bis Babehan, der steten Grenze gegen Farsistan, scheint den Namen der Susischen Pässe geführt zu haben, wie Curt. V. 3. 17. und Diod. XVII. 68. irrig die Persischen nennen; Strabo ( XV. p. 20.) unterscheidet ausdrücklich die Pässe im Lande der Uxier und die Persischen Pässe. , führte der große Heerweg über die Ebene von Lachter erst süd- wärts, dann ostwärts zu den Persischen Pässen von Kelah-i-Sefid; ein näherer, aber beschwerlicherer Weg ging im felsigen Thale des Arosisflusses hinauf zu eben diesen Steilpässen, die so eng sind, daß wenige Tapfere hier wohl ein Heer aufzuhalten im Stande sein würden Daß die Persischen Pässe die der weißen Burg (Kelah-i-Sefid, ἡ κλίμαξ) und nicht ( cf. Ousely II. 456. III. 567. Ker Porter I. 445. II. 35.) die von Ourtchiny oberhalb Istakar (ἡ μεγάλη κλίμαξ) sind, ist ziemlich gewiß. Denn letztere Pässe be- herrschen den Sommerweg nach Isfahan, und Alexander hätte Per- sepolis erreichen können, ohne sie anzugreifen. Von Babehan bis zu den Persischen Pässen sind etwa funfzehn Meilen, und Curtius setzt die fragli- chen Pässe drei starke Märsche von der Persischen Grenze entfernt. Freilich macht derselbe Schriftsteller wieder die Schwierigkeit, daß Alexander von den Pässen aus in einem Nachtmarsch den Araxes erreicht habe. — Den bequemeren Weg glaube ich den nennen zu können, welchen Ti- mur genommen, und der ihn in sechs Tagen von Babehan bis zu den Pässen brachte; der nähere Weg ist der von Kinneir beschriebene. . Das war der Weg, den Alexander zu nehmen hatte, um Per- Persiens, zwischen dem Pasitigris und dem nördlichsten Nebenfluß des Aro- sis (Oroatis bei Strab. , Abchirin bei Chereff. III. 24. p. 185, heute Tab genannt). Curtius entfernt irrig den Pasitigris nur vier Tagemärsche von Susa, Diodor ( XIX. 17.) gar nur einen. 16 sepolis und Pasargadä zu erreichen; die Jahreszeit war nichts we- niger als günstig, denn es mußte schon tiefer Schnee in den Ber- gen liegen, es mußten die kurzen Tage, die langen und kalten Nächte den an sich schon beschwerlichen Weg noch schwieriger ma- chen; es kam dazu, daß man Widerstand von Seiten der Uxier und noch mehr von Seiten des Ariobarzanes, der sich nach der Schlacht von Gaugamela mit vielen Tausenden nach Persien geworfen hatte, erwarten konnte. Dennoch eilte Alexander gen Persien, so- wohl um sich des Landes, der Schätze von Persepolis und Pasar- gadä und des Weges ins Innere Irans zu versichern, als auch wohl besonders, damit nicht durch längeres Zögern dem Perserkönige Zeit zu ausgedehnten Rüstungen gelassen würde, und er sich etwa von Medien hierher wendete, um die Heimath des Persischen Kö- nigthumes und die hohe Pforte der Achämeniden hinter den so schwierigen Persischen Pässen zu vertheidigen. — So zog Alexan- der mit seinem Heere über die Ebene Susianas; in wenigen Tagen überschritt er den Pasitigris und betrat das Gebiet der thalländischen Uxier, die, schon dem Perserkönige unterworfen und unter der Herrschaft des Susianischen Satrapen, sich ohne Weite- res ergaben. Die Berguxier dagegen sandten Abgeordnete an Ale- xander mit der Botschaft: nicht anders würden sie ihm den Durch- zug nach Persis gestatten, als wenn sie die Geschenke, die die Per- serkönige gegeben hätten, auch von ihm erhielten. Je wichtiger die freie Passage nach dem oberen Lande war, desto weniger konnte Alexander sie in den Händen eines so trotzigen Bergvolkes lassen; er ließ ihnen sagen, sie möchten nur in die Engpässe kommen, und sich dort ihr Theil holen. Mit der Leibschaar und den anderen Hypaspisten, mit noch etwa achttausend Mann meist leichter Truppen wandte er sich, von Susianern geführt, bei Nachtzeit auf einen anderen sehr schwierigen Gebirgspfad, der von den Uxiern unbesetzt geblieben war; mit Ta- Diodor ( XIX. 21.) bezeichnet diesen großen Weg von Susa gen Perse- polis sehr anschaulich: er sei bis zu der Klimax (den Persischen Päs- sen) Hohlweg und mühsam, dann frei in einer luftigen Bergebene, vom Pasitigris bis Persepolis habe das Heer vierundzwanzig Tage gebraucht (es sind gegen funfzig Meilen). gesanbruch erreichte er die Dorfschaften derselben, die meisten der Bewohner wurden in ihren Betten ermordet, die Häuser geplün- dert und den Flammen Preis gegeben; dann eilte das Heer zu den Engpässen, wohin sich die Uxier von allen Seiten versammelt hatten, um die Pässe zu sperren. Alexander sandte Kraterus mit einem Theile des Heeres auf die Höhen hinter dem von den Uxiern besetzten Paßwege, während er selbst gegen den Paß mit größter Eile vorrückte, so daß die Barbaren, umgangen, durch die Schnelligkeit des Feindes erschreckt, aller Vortheile, die der Eng- paß gewähren konnte, beraubt, sich sofort, als Alexander in geschlos- senen Reihen anrückte, fliehend zurückzogen; viele stürzten in die Abgründe, viele wurden von den verfolgenden Macedoniern, noch mehr von Kraterus Truppen auf der Höhe, nach der sie sich retten wollten, erschlagen. Alexander war anfangs Willens den ganzen Stamm der Berguxier aus diesen Gegenden zu versetzen; Sisy- gambis, die Königin Mutter, legte Fürbitte für sie ein; man sagt, Madates, ihrer Nichte Gemahl, sei ihr Anführer gewesen. Alexan- der ließ auf der Königin Bitten diesen Hirtenstämmen ihr Bergland, er legte ihnen einen jährlichen Tribut von tausend Pferden, fünf- hundert Haupt Zugvieh, dreißigtausend Schaafen auf; Geld und Gewerbe hatten sie nicht Arrian. III. 17. Curt. V. 3. 16. sagt, daß sie unter den Susischen Satrapen gestellt worden. Nach Arrian. Ind. 40 suchte der König diese Hirtenvölker zum Ackerbau zu gewöhnen und bauete ih- nen Städte in den Bergen. . So war der Eingang in die Gebirge geöffnet; und während Parmenion mit der einen Hälfte des Heeres, namentlich den Schwer- gewaffneten und dem Train, auf der großen Heerstraße weiter zog, eilte Alexander selbst an der Spitze der Getreuen zu Fuß und zu Roß, der Agrianer, Schützen und Plänkerer auf dem nächsten, aber beschwerlichen Gebirgswege, die Persischen Pässe zu erreichen; Eilmärsche brachten ihn am fünften Tage an den Eingang dersel- ben, den er durch mächtige Mauern gesperrt fand; der Satrap Ario- barzanes, so hieß es, stehe mit vierzigtausend Mann Fußvolk und siebenhundert Reutern hinter der Mauer in einem festen Lager, entschlossen den Eingang um jeden Preis zu wehren. Alexander 16 * lagerte sich; am nächsten Morgen wagte er sich in die von hohen Felsen eingeschlossene Paßgegend hinein, um die Mauer anzugreifen; ihn empfing ein Hagel von Schleudersteinen und Pfeilen, Felsmas- sen von den Abhängen hinabgestürzt, von drei Seiten ein erbitter- ter Feind; vergebens suchten Einzelne die Felswände zu erklimmen, die Stellung der Feinde war unangreifbar, Alexander zog sich in sein Lager, eine Stunde vor dem Paß, zurück. Seine Lage war peinlich; nur dieser Paß führte nach Persepolis, man müßte denn den Medischen Weg, der vierzig Tagereisen nordwärts durch die Gebirge führt Diod. XIX. 19. , nehmen wollen; die Straße, die Parmenion eingeschlagen, führte nur auf bequemeren Wegen zu eben diesen Pässen; sie mußten genommen werden, wenn nicht eine gefährliche Unterbrechung eintreten sollte; aber an diesen Felsenwänden schie- nen die höchsten Anstrengungen der Kunst und des Muthes schei- tern zu müssen; und doch hing Alles von der Einnahme dieser Pässe ab. Von den Gefangenen aus dieser Gegend erfuhr Alexan- der, daß die Gebirge meist mit dichten Wäldern bedeckt seien, daß kaum einzelne gefährliche Fußsteige hinüber führten, daß sie jetzt doppelt mühselig wegen des Schnees in den Bergen sein würden, daß andererseits nur auf diesen Felsenpfaden die Pässe zu umgehen und in das von Ariobarzanes besetzte Terrain zu gelangen sei; Alexan- der entschloß sich zu dieser, vielleicht der gefährlichsten Expedition seines Lebens. Kraterus blieb mit seiner und Meleagers Phalanx, mit einem Theile der Schützen und der Macedonischen Geschwader im Lager zurück, mit der Weisung, durch Wachtfeuer und auf jede andere Weise dem Feinde die Theilung der Armee zu verbergen, dann aber, wenn er von jenseits der Berge herüber die Macedonischen Trompeten hörte, mit aller Gewalt gegen die Mauer zu stürmen. Alexander selbst brach mit den Divisionen Amyntas, Perdikkas, Kö- nus und Polysperchon, mit den Hypaspisten und Agrianern, mit einem Theile der Schützen und sechs Macedonischen Geschwadern unter Philotas in der Nacht auf, und stieg nach einem sehr be- schwerlichen Marsche von etwa zwei Meilen über das mit tiefem Schnee bedeckte Gebirge. Er war am anderen Morgen jenseits; rechts die Bergkette, die an den Pässen und über dem Lager der Feinde endete, vor der Fronte das Thal, das sich zur Ebene des Araxes, über den hin der Weg nach Persepolis führt, ausbreitet, im Rücken die mächtigen Gebirge, die, mit Mühe überschritten, vielleicht bei irgend einem Unfalle den Rückweg, die Rettung un- möglich machten. Alexander theilte nach einiger Rast sein Heer; er ließ Amyntas, Polysperchon, Könus, Philotas mit ihren Corps in die Ebene hinab gehen, sowohl um auf dem Wege nach Perse- polis über den Fluß eine Brücke zu schlagen Unmöglich kann der Araxes gemeint sein, der ja kaum eine Stunde weit von Persepolis vorüberfließt; eher dürfte der Arosisfluß bei Sul überbrückt worden sein. , als auch um den Persern, wenn sie bewältigt wären, den Rückzug auf Persepolis zu sperren; er selbst rückte mit seinen Hypaspisten, mit der Phalanx Perdikkas, mit dem Geleit der Ritterschaft und zwei anderen Ge- schwadern, mit den Schützen und Agrianern rechts gegen die Pässe hin; ein höchst beschwerlicher Marsch, durch die Waldung des Ber- ges, durch den heftigen Sturm, durch das Dunkel der Nacht dop- pelt schwierig. Vor Tagesanbruch traf man die ersten Vorposten der Perser, sie wurden niedergemacht; man nahete den zweiten, we- nige entkamen zu der dritten Postenreihe, um sich mit diesen nicht in das Lager, sondern in die Berge zu flüchten. Im Persischen Lager ahnete man nichts von dem, was vorging, man glaubte die Macedonier unten im Thale, man hielt sich in diesem winterlichen Sturmwetter in den Zelten, überzeugt, daß Sturm und Schnee dem Feinde das Angreifen unmöglich machen werde; so war Alles im Lager ruhig, als plötzlich, es war in der Frühstunde, rechts auf den Höhen die Macedonischen Trompeten schmetterten, und von den Höhen herab, aus dem Thale herauf zugleich der Sturm- ruf ertönte. Und schon war Alexander, der sich mit dem größeren Theile seines Heeres in den Rücken der Perser hinabgezogen hatte, gegen diese Seite des Lagers im Anmarsch, während Ptolemäus mit zweitausend Mann von der Höhe herabstürmte; auch Kraterus hatte vom Thale herauf den Sturm gewagt und die in der Ver- wirrung schlecht vertheidigten Eingänge erbrochen; so trafen von allen Seiten die Macedonier im Lager zusammen. Hier begann ein gräßliches Gemetzel, Fliehende stürzten den Macedoniern in die Schwerdter, viele in die Abgründe, Alles war verloren; Arlobarza- nes schlug sich durch, er entkam mit wenigen Reutern in die Ge- birge und auf heimlichen Wegen nach Medien Cf. Arrian. III. 18. Diod. XVII. 68. Curt. V. 9. Polyaen. IV. 3. 21. . Alexander dagegen brach nach kurzer Rast gen Persepolis auf; um desto schneller die Stadt zu erreichen, ließ er das Fußvolk zu- rück und jagte mit den Reutern voraus; mit Tagesanbruch war er an der Brücke, die bereits von der Vorhut geschlagen war, und eilte, ohne lange zu ruhen, in höchst angestrengten Märschen wei- ter; er besorgte, daß die ungeheueren Schätze von Persepolis ge- plündert werden möchten. Seine unvermuthet schnelle Ankunft, er war fast der Kunde von dem Gefecht vorausgeeilt, machte allen Widerstand und alle Unordnung unmöglich; die Stadt, die Palläste, die Schätze wurden ohne Weiteres in Besitz genommen. Eben so schnell fiel Pasargadä dem Sieger mit neuen größeren Schätzen zu; viele tausend Talente Gold und Silber, unzählige Prachtgewebe und Kostbarkeiten wurden hier aufgehäuft gefunden, und man erzählt, daß zehntausend Paar Maulthiere und dreitau- send Kameele dazu nöthig gewesen, um die Schätze der beiden Perserstädte von dannen zu bringen Diod. Curt. Plut. Die Summen der Schätze werden sehr verschieden angegeben; Curt. V. 6. 9. und Diod. XVII. 71. sagt hundertzwanzigtausend Talente; Strabo XV. p. 322. in Susa und Persien seien vierzigtausend, nach Anderen funfzigtausend Talente erbeutet. Die Verschiedenheit von Persepolis und Pasargadä ist bei den vollkommen klaren Zeugnissen des Alterthums unzweifelhaft; Cy- rus Grab erkennt man auf das deutlichste in dem Grabe der Sulei- mansmutter bei Murghaub, im NO von Tschil Minar. Die be- rühmte Streitfrage kann nach den trefflichen Arbeiten der Engli- schen Reisenden, die diese Gegenden besucht haben, für abgethan gelten. . Wichtiger noch als diese Reichthümer, die Alexanders Freigebigkeit aus den todten Schatzgewölben in den Verkehr der Völker, dem sie so lange ent- zogen gewesen, zurückzuführen eilte, war der Besitz dieser Gegend selbst, der eigentlichen Heimath des Persischen Königthums. In dem Thale von Pasargadä hatte Cyrus die Medische Herrschaft be- wältigt und zur Erinnerung des großen Sieges dort sein Hoflager, seine Palläste und sein Grab gebaut, zwischen den Monumenten höchster irdischer Pracht ein einfaches Felsenhaus, bei dem fromme Magier jeden Tag opferten und beteten. Ein Felsenweg voll Skulpturen und Grotten führt südwärts in das schöne Thal von Persepolis; Darius, des Hystaspis Sohn, der zuerst Erde und Wasser gefordert von den Hellenen, der Ordner des Persischen Reiches hatte hier seinen Pallast, seinen Säulenhof und sein Grab gebaut; von vielen seiner Nachfolger war mit neuen Prachtgebäu- den, mit Jagdrevieren und Paradiesen, mit Pallästen und Königs- gräbern das Felsenthal des Bundemir erfüllt; die Königspforte der tausend Säulen, der stolze Felsenbau auf dreifacher Terrasse, die lagernden Riesenbilder am Eingange, ein Riesenplan von Ge- bäuden der höchsten Pracht und feierlichsten Größe schmückten die- sen heiligen Bezirk, den die Völker Asiens ehrten als die Wiege des Achämenidengeschlechtes, als den Ort der Königsweihe und der Huldigungen, als die Grabstätte des Persischen Fürstenhauses, als Heerd und Mittelpunkt des einst so mächtigen Reiches. Dies Reich war jetzt gestürzt; Alexander saß auf dem Throne desselben Xerxes, der einst so stolz auf der Düne des Salaminischen Stran- des gethront, dessen frevelnde Hand die Tempel der Hellenischen Götter niedergebrannt und die theuern Gräber zerstört hatte; der Rächer der Hellenen war jetzt mit dem Rechte des Siegers in Xerxes Pallast; es schien die Zeit gekommen, altes Unrecht zu rä- chen und die Götter und die Todten im Hades zu versöhnen; hier an diesem Heerde der Persischen Herrlichkeit sollte das Recht der Vergeltung geübt und die alte Schuld gesühnt werden. In dem Hochgefühle des Rächers der Hellenischen Geschichte, des Siegers über Xerxes Reich gebot Alexander, den Feuerbrand in das Cedern- getäfel des Königspallastes zu werfen; er hörte nicht Parmenions Warnung, des schönen Gebäudes, seines Eigenthumes, zu schonen, nicht die Perser zu kränken in den Denkmälern ihrer einstigen Größe und Herrlichkeit. Der König antwortete: „ich will die Per- ser strafen für den Brand Athens und für den Frevel an den Helleni- schen Tempeln, ich will alle das Unheil rächen, das sie über Hel- las gebracht“ Klitarch, der Segur Alexanders, der mit außerordentlichem . So brannte ein Theil des Pallastes von Per- sepolis nieder, zwischen Persern und Hellenen der letzte feindliche Akt, das letzte Opfer einer alten Blutrache Schon im Alterthume haben Parmenions verständige Reden mehr Beifall gefunden, als die rasche That Alexanders, die sie hin- dern sollten; man hat hinzugefügt, daß solches Wüthen gegen den todten Stein, gegen Kunstdenkmale, gegen Erobertes zugleich kindisch, barbarisch und beklagenswerth sei; und in der That scheinen diejeni- gen mit Recht so zu sprechen, welche in dem Charakter eines Helden nichts als ihre eigenen Tugenden, Bestrebungen und Maximen in er- höheter Potenz zu finden hoffen. Indeß haben große Männer das Recht, nach ihrem Maaße gemessen zu werden, und in dem, was man ihre Fehler nennt, liegt ein tieferer Sinn als in der ganzen Moral, gegen die sie zu verstoßen den Muth haben. Träger der Gedanken ihrer Zeit und ihres Volkes, handeln sie mit jener dunklen Leiden- schaft, die, eben so weit als ihr Beruf über den Horizont der Alltäg- lichkeit hinaus, sie in die einsame Region der geschichtlichen Größe trägt, die nur der Blick der Bewunderung zu erreichen vermag. Mag darum der Brand von Persepolis denen ein Aergerniß sein, die in einem Tugendhelden das Ideal menschlicher Herrlichkeit sehen; in dem Heldenleben Alexanders ist dennoch dieser Tag von Persepolis die Sonnenhöhe und das Fest der lautersten Freude. . Fortan war kein Haß und keine Rache mehr gegen die Ueber- bleibsel des gestürzten Perserthums; und als Alexander feierlichst den Thron der Persischen Könige, als deren Nachfolger in der Herrschaft Asiens er gelten wollte, bestiegen, und unter goldenem Talente, aber auf Kosten der Geschichte Geschichten gemacht hat, ist für diese Winterrast in Persepolis überschwenglich reich an geist- reichen Zügen. Seine Plünderung von Persepolis, jene Griechen, die vergreis’t, verstümmelt, gebrandmarkt, voll Schaam und Verzweif- lung dem Könige entgegen treten, endlich jene Athenische Tänzerin Thais, die in der Begeisterung des Tanzes einen Feuerbrand vom Altare reißt und in den Pallast wirft, deren Beispiel trunken und in wilder Siegeslust Alexander und seine Getreuen folgen, das alles sind Mährchen ( cf. Plut. cp. 38. οἱ δ̕ἀπὸ γνώμης ταῦτα γενέσϧαι φασίν), die, aus derselben Quelle geschöpft, von einer Reihe spät- geborener Schriftsteller so oft und mit solcher Zuversicht wiederholt werden, daß sie mit der Zeit zu historischer Gewißheit geworden sind. Wer weiß, wie einst der Brand des Kremls und die gebrandmarkten Reste des Polnischen Adels in den Bergwerken Sibiriens späteren Geschlechtern erscheinen werden? — Cf. Ker Porter I. p. 647. — Thronhimmel die Huldigungen empfing, und der treue Korinthier Demaratus sprach, daß die Hellenen, die vor diesem Tage gestor- ben, der höchsten Wonne entbehrten Plut. 37. Es ist sehr wahrscheinlich, daß Alexander hier eine solenne Königsweihe gefeiert hat, und daß in dem Zu- sammenhange dieser Feierlichkeit der Brand des Pallastes selbst die oben angedeutete Beziehung hatte. Curt. V. 2. 14. scheint die Thronbesteigung nach Susa zu verlegen. , da war der Macedoni- sche König nicht mehr ein Feind Asiens oder ein glücklicher Wi- dersacher des Persischen Namens, sondern Herr und Großkönig über Asien und Erbe der Herrschaft, die zuletzt in der Perser Hän- den gewesen. So sah er es selbst an; er ehrte das Gedächtniß der Könige, die das Reich gegründet, er ehrte das Grab des gro- ßen Cyrus, und ließ es schmücken und wohl behüten Strabo XV. p. 321. . Er ließ dem Tiridates die Aufsicht in den Pallästen von Persepolis, er gab dem edlen Phrassaortes, dem Sohne des Feldherrn Rheomithres, der bei Issus gefallen war, die Satrapie Persiens; er zog selbst, es war im strengsten Winter, gegen die räuberischen Bewohner der nahen Gebirge aus, um das Land für immer gegen ihre Einfälle zu sichern. Es waren namentlich die Mardier Von diesem Zuge berichtet nur Curtius mit Ausführlichkeit, be- gnügt sich aber mit einigen pittoresken Uebertreibungen, so daß man weder die Richtung noch den Gang der Unternehmung erkennt; er setzt sie vor dem Brande in Persepolis und sub ipsum Vergiliarum tempus; der Frühuntergang der Plejaden ist im November, der Spät- untergang Anfang April, der Frühaufgang im Mai, der Spätaufgang im September; die einzige Zeit, die passen könnte, wäre der Spätun- tergang im April; aber auch dies scheint schon zu spät und würde den Anfang der Frühlingszeit bezeichnen, statt daß Curtius diese Bezeich- nung der Plejaden erdichtet zu haben scheint, um mit beliebter Phrase die Winterlichkeit, die er schildern will, anschaulich zu machen. Von der- selben Unternehmung sagt Diod. XVII. p. 73: nach dem Brande habe Alexander die übrigen Städte Persiens angegriffen, und die einen mit Güte, die anderen mit Gewalt genommen. Arrian. Ind. 40. sagt, daß alle diese räuberischen Bergvölker, die Uxier, Mardier, Kossäer, in Winterzeit, wo sie sich in ihren Bergen am sichersten geglaubt, besiegt seien. Es scheint, daß die Sitze dieser Mardier in den südlichen Bergen von Persis waren, da die westlichen von den Uxiern, die nördlichen von den Kossäern besetzt waren; es kommt dazu, daß Hamdulla (bei Ou- in den südli- chen Gebirgen, die, ähnlich den Uxiern, bisher in zu großer Unab- hängigkeit und in tiefer Barbarei gelebt hatten. Durch f ehr müh- selige Züge in ihre schneebedeckten Bergthäler, zwang sie Alexander sich zu unterwerfen, und es wurden wenigstens die ersten Anfänge zu ihrer Ansiedelung und Cultur gemacht. Die Satrapie Karamanien, der sich Alexander bei diesem Zuge genahet haben mochte, unterwarf sich und der Satrap Aspastes wurde in ihrem Besitze bestätigt Curt. IX. 10. 21. . Nach einem Monate kehrte der König wieder nach Persepolis zu- rück; es schien nöthig, nach so vielen anstrengenden Unternehmun- gen den Truppen noch einige Rast zu gönnen, bevor die Verfol- gung des Königs Darius begonnen würde; es kam dazu, daß die Wege gen Medien während der Jahreszeit noch nicht füglich zu passiren waren; erst nach viermonatlichem Aufenthalte in dem schö- nen Thale des Araxes brach Alexander, es mochte Ende April sein, gen Medien auf Plut. 37. , wohin Darius mit dem Reste des Heeres von Arbela geflüchtet war. — Darius nämlich hatte sich nach dem Verlust der Schlacht durch die Medischen Pässe gen Ekbatana geflüchtet Es scheint wohl ziemlich sicher, daß das heutige Hama- dan die Lage des alten Ekbatana bezeichnet; cf. Ker Porter II. p. 90 sqq. Ousely III. an mehreren Stellen. , mit der Absicht, hier abzuwarten, was Alexander unternehmen würde, und sobald derselbe ihm auch hierher nachsetzte, verwüstend in den Nor- den seines Reiches zu flüchten; zu dem Ende hatte er bereits die Karavane seines Harems, seine Schätze und Kostbarkeiten an den Eingang der Parthischen Pässe gen Ragä gesandt, um durch sie, wenn schleunige Flucht nöthig würde, nicht behindert zu sein. Indeß verging ein Monat nach dem andern, ohne daß sich auch nur ein feindliches Streifcorps den Pässen des Zagrosgebirges, oder der inneren Grenze Mediens nahete. Dann war Ariobarzanes, der heldenmüthige Vertheidiger der Persischen Thore, in Ekbatana an- sely III. p. 566) erzählt, Firuzabad sei eine alte Stadt und von Ale- xander zerstört worden; sie habe einst Khur geheißen ( Cyropolis regio ibi maritima, Plin. VI. 26). Daß in diesen Gegenden und nicht blos in den Kaspischen Gebirgen Mardier wohnten, bemerkt Strabo XI. p. 451, XV. p. 317. gekommen und man mochte jetzt die Macedonier erwarten; doch wieder verging mehr als ein Vierteljahr und kein Feind ließ sich sehen. Gefielen dem Sieger die Schätze von Persepolis und Pasar- gadä vielleicht besser als neuer Kampf? Hielten ihn und sein über- müthiges Heer die neuen und betäubenden Genüsse des schönen Morgenlandes gefesselt? Noch sah sich Darius von treuen Trup- pen, von hochherzigen Perserfürsten umgeben; mit ihm war der Kern des Persischen Adels, die Chiliarchie, die Nabarzanes führte, Atropates von Medien, Authophradates von Tapurien, Phratapher- nes von Hyrkanien und Parthien, Satibarzanes von Arien, Bar- saentes von Arachosien und Drangiana, der kühne Baktrianer Bes- sus, Fürst des Turanischen Landes, des Großkönigs Verwand- ter, umgeben von dreitausend Baktrischen Reutern, die sich mit ihm aus der letzten Schlacht gerettet hatten; ferner des Groß- königs Bruder Oxathres und vor allen der greise Artabazus, der vielbewährte Freund des Darius, vielleicht der würdigste Name des Perserthums, mit ihm seine Söhne; auch des Großkönigs Ochus Sohn Bisthanes, auch des abtrünnigen Mazäus von Babylon Sohn Artabelus war in Ekbatana. Noch hatte Darius ein klei- nes Heer um sich, außer den Resten der Chiliarchie die drei- tausend Baktrischen Reuter des Bessus, die tapferen Griechischen Söldner unter des Phociers Patron Führung; er erwartete die Ankunft mehrerer Tausend Kadusier und Scythen; leicht konnten von Ekbatana aus die Völker von Turan und Ariana noch einmal zu den Waffen gerufen werden, um sich unter ihren Sa- trapen um die Person des Königs zu sammeln und den Osten des Reiches zu vertheidigen; dazu kam, daß die Medische Landschaft und die Gegend der Kaspischen Pässe für die Vertheidigung äu- ßerst günstig, den Euröpäischen Truppen vielfach beschwerlich, den Völkern, die das neue Perserheer bilden sollten, bekannt und be- quem waren. So beschloß Darius noch einmal das Glück der Waffen zu versuchen und mit dem Heere, das er bis zur Ankunft Alexanders versammelt haben würde, den Feind am weiteren Vordrin- gen zu hindern; er hatte durch die Gesandten Spartas und Athens, die sich an seinem Hoflager befanden, die sehr wichtige Botschaft erhalten, daß die Nachricht von der Schlacht von Gaugamela in Hellas den tiefsten Eindruck auf alle Gemüther gemacht, und die antimacedonische Parthei zu neuen Versuchen angefeuert habe, daß viele Staaten sich entweder schon mit Sparta offenbar vereint hätten, oder nur den ersten Erfolg abwarteten, um von dem Ko- rinthischen Bunde abzufallen, daß sich so in Griechenland ein Um- sturz der Verhältnisse vorbereite, der die Macedonier bald genug aus Asien zurückzukehren zwingen werde. So glaubte Darius hof- fen zu dürfen, daß das Ende seines Unglücks nicht mehr fern sei Der Weg, den Alexander nahm, führte wohl durch den Paß von Ourtchiny ( Ousely III. p. 567. Megala sc. climax Plin. V. 26.) gen Isfahan oder Aspadana ( cf. Ousely III. p. 5), welches die Re- sidenz der Satrapie Parätacene gewesen zu sein scheint; der weitere Weg nach Ekbatana oder Hamadan kann nicht viel von der heutigen Straße verschieden gewesen sein. . Und schon nahete Alexander; Parätacene, die Landschaft zwi- schen Persis und Medien, hatte sich unterworfen und Oxathres, den Sohn des Susianischen Satrapen Abulites, zum Satrapen er- halten; auf die Nachricht, daß Darius unter den Mauern von Ek- batana, an der Spitze eines bedeutenden Heeres von Baktrianern, Griechen, Scythen, Kadusiern das Macedonische Heer erwarten werde, eilte Alexander, den Feinden möglichst bald zu begegnen; er ließ, um desto schneller fortzukommen, die Bagage mit ihrer Be- deckung zurück und betrat nach zwölf Tagen das Medische Gebiet; da erfuhr er, daß weder Kadusier noch Scythen, die Darius er- wartet, eingetroffen seien, daß Darius, um ein entscheidendes Zu- sammentreffen zu verzögern, sich bereits zum Rückzuge nach den Kaspischen Pässen, wohin die Weiber, Wagen und Feldgeräthe schon vorausgegangen seien, anschicke. Doppelt eilte Alexander, er wollte Darius selbst in seiner Gewalt haben, um allem weiteren Kampfe um den Perserthron ein Ende zu machen. Da kam, drei Tage- reisen vor Ekbatana, Bisthanes, des Königs Ochus Sohn, einer von denen, die dem König Darius bis dahin gefolgt waren, ins Macedonische Feldlager; er bestätigte das Gerücht von Darius Flucht; seit fünf Tagen sei er aus Ekbatana, er habe die Schätze Mediens, etwa siebentausend Talente, mit sich genommen, ein Heer von sechstausend Mann Fußvolk und dreitausend Pferden sei seine Begleitung Dieser Schätze von Ekbatana erwähnen auch die Orientali- schen Autoren; s. Ext. et Not. II. p. 501. Die Zahl der Truppen, die Darius begleiteten, giebt Curtius auf dreißigtausend Mann leich- tes Volk, viertausend Griechen, dreitausendfünfhunoert meist Baktri- sche Reuter an. . Alexander eilte nach Ekbatana Nach Curt. V. 13. 1. hätte Alexander gar nicht Ekbatana berührt, sondern den geraden Weg nach den Pässen über Tabä (Sawa) genommen; nicht minder unzuverlässig ist seine Nachricht ( V. 7. 12.), daß Alexander bei seinem Eintritt in Medien neue Truppen, in der Zahl von fünftausend Mann Fußvolk und tau- send Reutern unter Führung des Atheners Plato erhalten habe. ; schnell wurden die dortigen Angelegenheiten geordnet, die Thessalier, deren Dienstzeit um war, mit vollem Sold und einem Geschenk von zweitausend Talenten in die Heimath gesandt, der Perser Oxydates, der in Susa, früher von Darius zum ewigen Gefängniß verdammt, durch Alexander befreit war und darum doppelten Vertrauens wür- dig schien, an Atropates Stelle, der mit Darius war, zum Satra- pen über Medien bestellt, Parmenion mit einem Theile des Heeres zurück gelassen, um die Schätze aus Persis, die in Ekbatana nie- dergelegt werden sollten, in Empfang zu nehmen und dann durch das Land der Kadusier nach Hyrkanien zu marschixen, Harpalus mit der Bewachung des Schatzes beauftragt, Klitus, der krank in Susa zurückgeblieben war, angewiesen, sobald es seine Gesund- heit gestatte, die sechstausend Mann, die vorläufig bei Harpalus blieben, ins Parthische zu führen, um sich dort mit der großen Armee wieder zu vereinen. Mit den übrigen Phalangen, mit den Macedonischen Geschwadern, den Agrianern, Schützen und anderen leichten Corps eilte Alexander dem fliehenden Darius nach; in eilf höchst angestrengten Tagemärschen, in denen viele Menschen und Pferde liegen blieben, erreichte er Ragä, von wo aus für Alexan- ders Eile noch eine Tagereise von acht Meilen bis zum Eingang der Kaspischen Thore war. Aber die Nachricht, daß Darius be- reits jenseits des Passes sei, und einen bedeutenden Vorsprung auf dem Wege nach Baktrien voraus habe, so wie die Erschöpfung sei- ner Truppen bewog den König einige Tage in Ragä zu rasten. Um dieselbe Zeit lagerte Darius mit seinem Zuge wenige Tagemärsche im Osten der Kaspischen Pässe, er hatte kaum noch zwanzig Meilen Vorsprung vor Alexander; er mußte sich über- zeugen, daß es einerseits unmöglich sei, bei der ungeheueren Schnellig- keit, mit der Alexander nacheilte, das Turanische Land fliehend zu erreichen, andererseits, wenn doch gekämpft werden müßte, möglichst langsam vorzurücken sei, damit die Truppen mit frischer Kraft den vom Verfolgen ermatteten Feinden gegenüberträten; dazu kam, daß aus dem Persischen Zuge schon Manche zu Alexander über- gegangen waren, daß man bei weiterer Flucht immer mehr Abtrün- nigkeit fürchten mußte, da durch sie Vieles zu gewinnen, durch Treue nur zu verlieren war. Darius berief deshalb die Großen seiner Umgebung zur Versammlung und gab ihnen seine Ansicht kund, das Zusammentreffen mit den Macedoniern nicht länger mei- den, sondern noch einmal das Glück der Waffen versuchen zu wel- len. Diese Erklärung des Großkönigs machte einen tiefen Eindruck auf die Versammelten; das Unglück hatte die Meisten entmuthigt, man dachte mit Entsetzen an neuen Kampf; Wenige waren bereit, ihrem Könige Alles zu opfern; unter ihnen der greise Artabazus; gegen ihn erhob sich Nabarzanes, der Chiliarch: die dringende Noth zwinge ihn, ein hartes Wort zu sprechen, hier zu kämpfen sei der sicherste Weg zum Verderben, man müsse gen Turan flüchten und neue Heere rüsten; aber die Völker trauten dem Glück des Königs nicht mehr; nur eine Rettung gebe es; Bessus habe bei den Tura- nischen Völkern großes Ansehen, die Scythen und Indier seien ihm verbündet, er sei Verwandter des königlichen Hauses; der Kö- nig möge ihm, bis der Feind bewältigt sei, die Tiara abtreten. Der Großkönig riß seinen Dolch aus dem Gürtel, kaum entkam Nabarzanes, er eilte, sich mit seiner Perserschaar von dem Lager des Königs zu sondern; Bessus folgte ihm mit den Baktrischen Völkern; Beide handelten im Einverständniß und nach einem längst vorbereiteten Plane; Barsaentes von Drangiana und Arachosien wurde leicht gewonnen; die übrigen Satrapen der Ostprovinzen waren, wenn nicht offenbar beigetreten, doch geneigter, ihrem Vor- theile als ihrer Pflicht zu dienen. Darum beschwor Artabazus den König, nicht seinem Zorne zu folgen, bei den Meuterern sei die größere Streitmacht, ohne sie sei man verloren, er möge sie durch unverdiente Gnade zur Treue oder zum Schein des Gehorsams zurück- rufen. Indeß hatte Bessus versucht, die Schaar der Perser zum Auf- bruch gen Baktrien zu bewegen; aber sie schauderten noch vor dem Gedanken des offenbaren Verrathes, sie wollten nicht ohne den König fliehen; Bessus Plan schien mislungen; desto hartnäckiger verfolgte er ihn; er schilderte ihnen die Gefahr, in die sie der Groß- könig stürze, er gewöhnte sie, die Möglichkeit eines Verbrechens zu denken, das allein retten könne. Da erschien Artabazus mit der Botschaft, der König verzeihe das unüberlegte Wort des Nabarza- nes und die eigenwillige Absonderung des Bessus. Beide eilten in des Königs Zelt, sich vor ihm in den Staub zu werfen, und mit heuchlerischem Geständniß ihre Reue zu erklären. Des anderen Tages rückte der Zug auf dem Wege nach Thara weiter; die dumpfe Stille, die mistrauische Unruhe, die überall herrschte, offenbarte mehr eine drohende als überstandene Gefahr. Der Führer der Griechen bemühete sich, in die Nähe des Königs zu kommen, dessen Wagen Bessus mit seinen Reutern umgab. Endlich gelang es dem treuen Fremdling, er sagte dem Könige, was er fürchte, er beschwor ihn, sich dem Schutze der Griechischen Truppen anzuvertrauen, nur dort sei sein Leben sicher. Bessus ver- stand nicht die Sprache, wohl aber die Miene des Hellenischen Mannes; er erkannte, daß nicht länger zu zögern sei. Man langte gegen Abend in Thara an; die Truppen lagerten, die Baktrianer dem Zelte des Königs nahe; in der Stille der Nacht eilten Bessus, Nabarzanes und Barsaentes mit einigen Vertrauten in das Zelt, fesselten den König und schleppten ihn in den Wagen, in dem sie ihn als Gefangenen mit sich gen Baktrien führen wollten, um sich mit seiner Auslieferung Frieden von Alexander zu erkaufen. Die Kunde von der That verbreitete sich schnell durch das Lager, Alles lösete sich in wilder Verwirrung; die Baktrier zogen gen Osten weiter, mit Widerstreben folgten ihnen die meisten Perser; Artaba- zus und seine Söhne verließen den unglücklichen König, dem sie doch nicht mehr helfen konnten, sie zogen sich mit den Griechischen Truppen und den Gesandten aus Hellas nordwärts in die Berge der Tapurier zurück; andere Perser, namentlich des Mazäus Sohn Artabelus und Bagisthanes von Babylon, eilten rückwärts, sich der Gnade Alexanders zu unterwerfen So Curt. V. 8—12. Nur er erzählt diese Vorgänge im . Alexander hatte seine Truppen einige Tage in Ragä rasten lassen; am Morgen des sechsten Tages brach er wieder auf; Ta- ges darauf stand er innerhalb der Pässe am Saume der Haide, über die der Weg ostwärts nach der Parthischen Hauptstadt Heka- tompylos, dem Mittelpunkt der Heerstraße gen Hyrkanien, Baktrien und Ariana, führt. Während das Heer hier lagerte und sich ei- nige Haufen in der Gegend zerstreueten, um für den Weg durch die Steppe zu fouragiren, kamen gegen Abend Bagisthanes und Ar- tabelus in das Macedonische Lager, unterwarfen sich der Gnade des Königs und sagten aus, daß Bessus und Nabarzanes sich der Per- son des Großkönigs bemächtigt hätten und eiligst gen Baktrien zögen, was weiter geschehen, wüßten sie nicht. Mit desto größerer Eile beschloß Alexander die Fliehenden zu verfolgen; indem er den größeren Theil der Truppen unter Kraterus und mit dem Befehl, langsam nachzurücken, zurück ließ, eilte er selbst mit den Edelschaa- ren, den Plänkerern, den leichtesten und kräftigsten vom Fußvolk den Fliehenden nach. So die Nacht hindurch bis zum folgenden Mittag; und wieder nach wenigen Stunden Rast die zweite Nacht hindurch, mit Sonnenaufgang erreichte man Thara, wo vier Tage früher Darius von den Meuterern gefangen genommen war. Hier erfuhr Alexander von des Großkönigs Dolmetscher Melon, der krank zurückgeblieben war Curt. V. 13. 7. , daß Artabazus und die Griechen sich nördwärts in die Tapurischen Berge zurückgezogen hätten, daß Bessus an Darius Statt die Ge- walt in Händen habe und von den Persern und Baktrianern als Gebieter anerkannt werde, daß der Plan der Verschworenen sei, sich in die Ostprovinzen zurückzuziehen, und dem Könige Alexander gegen den ungestörten und unabhängigen Besitz des Persischen Ostens die Auslieferung des Darius anzubieten, wenn er dagegen weiter vordringe, ein möglichst großes Heer zusammenzubringen und sich gemeinschaftlich im Besitz der Herrschaft, die sie hätten, zu be- haupten, vorläufig aber die Führung des Ganzen in Bessus Hän- den zu lassen, angeblich wegen seiner Verwandtschaft mit dem kö- niglichen Hause und seines nächsten Anrechts auf den Thron Arrian. III. 21. 9. fügt hinzu: „und weil alles das in Bessus Satrapie geschehen . Alles Persischen Lager; seine Angaben sind, wenn auch ausgeschmückt, doch in sich wahrscheinlich. Alles drängte zur größten Eile; kaum gönnte sich Alexander während des heißen Tages Rast, am Abend jagte er weiter, die ganze Nacht hindurch; fast erlagen Mann und Roß; so kam er Mittags in ein Dorf, in dem Tages zuvor die Verschworenen gelagert und das sie am Abend verlassen hatten, um, wie gesagt wurde, fortan bei Nacht ihren Zug fortzusetzen; sie konnten nicht mehr als einige Meilen voraus sein; aber die Pferde waren erschöpft, die Menschen mehr als ermattet, der Tag heiß; Alexander fragte die Einwohner, ob sie nicht irgend einen kürzeren Weg hinter den Fliehenden her wüß- ten; es hieß, es gebe wohl einen, der sei aber öde, ohne Brunnen. Diesen beschloß Alexander zu verfolgen; er wählte fünfhundert Pferde der Edelschaaren und für diese die Officiere und tapfersten Leute des Fußvolkes aus, und ließ sie in ihren Waffen zu Roß steigen; und mit dem Befehl, daß die Agrianer unter Attalus mög- lichst schnell auf dem Heerwege nachrücken, die anderen Truppen unter Nikanor geordnet folgen sollten, zog Alexander mit seinen „Doppelkämpfern“ um die Abenddämmerung den wasserlosen Haide- weg hinab. Viele erlagen der übermäßigen Anstrengung und blie- ben am Wege liegen. Als endlich der Morgen graute, sah man die zerstreuete, unbewehrte Karavane der Hochverräther; da jagte Alexander auf sie los; der plötzliche Schrecken verwirrte den langen Zug, mit wildem Geschrei sprengten die Barbaren auseinander; wenige versuchten Widerstand, sie erlagen bald, die übrigen flohen in wilder Hast, Darius Wagen in der Mitte, ihm zunächst die Verräther. Schon nahete Alexander; nur ein Mittel noch konnte retten; Bessus und Barsaentes durchbohrten den gefesselten König und jagten fliehend nach verschiedenen Seiten. Darius aber ver- schied kurz darauf. So fanden die Macedonier den Leichnam, und Alexander, so sagt man, deckte seinen Purpur über ihn Das geschah im Juli 330 (Hekatombäon; Arrian. III. 22. 3.). Gegen die Autorität Arrians, des eben so sorgfältigen wie besonnenen Schriftstellers, hat man die Eilmärsche Alexanders für unmöglich ausgeben wollen. Eine . sei“; vielmehr war es in Phrataphernes Satrapie Parthien gesche- hen; vielleicht ist anzunehmen, daß Bessus, wie auch wohl frühere Fürsten von Baktrien ( Ctesias apd Phot. 31 a. 15.) den ganzen Osten des Reiches unter seiner Oberhoheit hatte. 17 Das war das Ende des Königs Darius Kodomannus, der, durch ein finsteres Verhängniß bis in den Tod verfolgt, die Schuld seiner Ahnen gebüßt und gesühnt hat. Nicht daß er selbst ohne genauere Betrachtung fordert, sich zuerst über das Lokale genau zu unterrichten. Von Hamadan zu den Ruinen von Ragä oder Rey sind nach Arrowsmiths Karte zu Fraser’s Journey into Khorasan 215 Englische Meilen (60 Fars. Ebn Kaukal p. 167), die Alexander in eilf Tagen zurücklegte; Plutarch ( cp. 43.) macht daraus 3300 Stadien oder 66 Meilen. Von Ragä aus führen zwei Wege gen Osten, der eine über Gilard und Serbendan gen Firuzkuh, wo sich die Straße nordwärts durch das Waldgebirge Hyrkaniens gen Sari wendet, der andere am südlichen Saume der Berge entlang über Kebud Gumbed bei einer weitläuftigen Ruinenmasse vorüber (gegen sieben Meilen von Rey) in die Paßgegend hinein, die bei Aiwan- i-Keif beginnt und entweder nordwärts bei Sahrun vorüber nach Firuzkuh in die frühere Straße ( Ousely ), oder unter dem Namen Gurdun-i-Sirdara ostwärts gen Khuar (Choarene bei Isidor, Choara, amoenissimus sinus nach Plin. VI. 15.) und von hier durch ebenes Land gen Damaghan ( cf. Chereffeddin VI. c. 19. p. 154 und V. 2. p. 205.) führt. Daß nur diese Straße die von Alexander verfolgte sein kann, ist durch Fraser ( p. 291) auf das entschiedenste aus der Natur der Gegend erwiesen; nur auf diesem Wege konnte Alexander in die öde Gegend kommen, die ihn Leute zum Fouragiren auszu- schicken nöthigte. Alte Zeugnisse bestätigen, daß die Pässe zwischen Aiwan-i-Keif und Khuar oder Mahallehbagh dieselben Kaspischen Thore sind, von denen aus so viele Messungen im Alterthume be- stimmt wurden; denn Apollodor sagt (bei Strabo XI. p. 435.) von Ragä bis zu den Pässen seien 500 Stadien (zehn Meilen, wie auch Ousely und Fraser angeben; 57 M. P. von Rey bis Kahda geogr. Nub. p. 209), von den Pässen bis Hekatompylos 1960 Stadien (nicht 1260, wie eine Seite später in den Ausgaben Strabos steht; noch 130 M. P. , wie Plin. VI. 15. angiebt; beide Angaben würden wenig über Semnoun, Apamea Isidors, hinausführen), d. h. 39 Mei- len; und bei Fraser sind von Aiwan-i-Keif bis Damaghan 164—168 Englische Meilen, eine Differenz, die mir zu unbedeutend erscheint, um ih- rentwegen zu zweifeln, daß diese wichtige Stadt, in der sich die Wege von allen Richtungen vereinen, das alte Hekatompylos ist ( cf. Polyb. X. p. 28); überdies könnte man leicht daran denken, gen Osten sei vom Ostein- Unrecht gewesen; zu leicht für den Thron, der auf den Stufen der Erniedrigung gegründet war, zu schwach für den Scepter des entarteten Despotismus, zu klein für die große Zeit der Entschei- gang des Passes, der zwei Farasangen Länge hat, zu rechnen. Der Ort Thara ( var. lect. Dara, Tanea) ist der einzige, der in Bezie- hung auf Alexanders Geschichte auf diesem Wege von Ragä bis Hekatompylos genannt wird ( Justin. XII. 15.), obschon es gewiß ist, daß von Alexander selbst hier mehrere Städte angelegt und benannt sind ( Strabo XI. p. 436.), namentlich dürfte von ihm Charax am Westeingange der Pässe ( Isidor ) herstammen; für Thara selbst läßt sich kein ähnlicher Name auf jener Straße finden, es müßte denn Kara, wie Jonas Hanway ( Travels I. p. 357) Khuar nennt, sein; doch scheint die Entfernung von Thara zu groß und eher auf Abdol- abad zu führen. — Was nun die Märsche Alexanders anbetrifft, so scheinen sie auf folgende Weise erklärbar: Nach fünftägiger Rast in Ragä ging Alexander am sechsten Tage bis zum Eingang der Pässe, am siebenten bis innerhalb der Paßgegend, so weit sie bewohnt war (das stimmt genau mit Fraser p. 294); er mochte jetzt eilf Meilen ostwärts von Ragä sein. Am Abend dieses Tages traf Mazäus Sohn bei Alexander ein, mit dem Bericht, er habe den Großkönig in Thara verlassen; Darius Flucht war durch den Plan, noch einmal ein Treffen zu versuchen, durch die Meuterei in seinem Heere und die daraus entstandene Verwirrung aufgehalten; man darf annehmen, daß Thara nicht viel über zwölf Meilen von den Pässen entfernt lag, und daß Mazäus Sohn am Morgen des vorigen (sechsten) Tages die- sen Ort verließ. Alexander brach denselben (siebenten) Abend auf, marschirte die Nacht durch bis am folgenden (achten) Mittag, dann nach einiger Rast auch diese Nacht durch bis zum Morgen des neun- ten Tages; so erreichte er Thara am vierten Morgen nach Darius Aufbruch aus Thara. War der Perserkönig jeden Tag drei Meilen gezogen, so war er um die Zeit von Alexanders Ankunft in Thara, drei Märsche von Thara oder neun Meilen entfernt. In der Nacht vem neunten auf den zehnten Tag zog er drei Meilen weiter, wäh- rend Alexander mit übermenschlicher Anstrengung die Nacht hindurch bis zum folgenden Mittag, also in vierzehn Stunden neun Meilen vor- wärts eilte, und so die letzte Station des Feindes erreichte, der jetzt nur noch einen Marsch oder drei Meilen voraus war. Alexanders Mär- sche verdienen den Ruhm des Ungeheuern, den sie im Alterthume 17 * dung erlag seine Seele dem Kummer, der Schande und der Be- täubung; verlassen und vergessen, in seinem Reiche heimathlos, ein Flüchtling unter Verräthern, ein König in Ketten, so fiel er von den Dolchen seiner Satrapen, seiner Blutsverwandten durchbohrt; ihm blieb der eine Ruhm, nicht mit der Krone sein Leben erkaust, noch dem Verbrechen ein Recht über die königliche Majestät zuge- standen zu haben, sondern als König gestorben zu sein. Als König ehrte ihn Alexander; er sandte den Leichnam zur Bestattung in die Gräber von Persepolis; und Sisygambis begrub den Sohn. Alexander hatte mehr erreicht als erwartet; nach zwei Schlachten hatte er den geschlagenen König fliehen lassen; aber seit er sich von Persischen Großen umgeben, von den Völkern Asiens als Herrn und König verehrt sah, seit er, Herr der heiligen hatten. Mit den fünfhundert Auserwählten und mit der letzten Kraftanstrengung zog der König von dieser Station während der Nacht (vom zehnten zum eilften), in der die Perser zu dem Vor- sprunge von drei Meilen noch einen etwas größeren Nachtmarsch ( Arrian. ) hinzufügten, weiter, worauf er am Morgen, nach einem Gewalt- marsch von acht Meilen (Arrian: vierhundert Stadien), den Feind er- blickte. Der Ort könnte ungefähr in der Gegend von Amravan, ge- gen sieben Meilen vor Damaghan oder Hekatompylos und neun Mei- len hinter Semnoun zu suchen sein. — Plutarch sagt, nur sechszig Mann hätten mit dem Könige ausgehalten; jedenfalls ist die gänz- liche Erschöpfung der einzig denkbare Grund dafür, daß Alexander den letzten Rest der Perser nicht weiter verfolgte. Unglaublich ist es nicht, daß vor Alexanders sechszig Mann die ganze Schaar der Kö- nigsmörder zerstiebte; ohne die entfernteste Ahnung von Alexanders schneller Verfolgung mußten sie eben so überrascht, wie von der Nähe größerer Streitmacht überzeugt sein; und seit dem Abzuge der Grie- chischen Söldner konnte Alexander schon einen Handstreich wagen. Von großen Märschen im Alterthume, so wie von der großen Marsch- fertigkeit der Macedonier s. St. Croix p. 322. — Die Darstellung von Curtius ist, wenn auch anschaulich und ergreifend, doch nicht ohne rhetorische Ausschmückung; die Erzählung von dem Trunk Wasser, den der Macedonier Polystratus dem sterbenden Darius ge- reicht haben soll, wage ich bei Arrians Stillschweigen nicht zu vertre- ten, obschon sie zu den beliebtesten Gemeinplätzen der antiken Schön- rednerei gehört. Städte Persiens, auf dem Throne des Cyrus gesessen und nach Persischer Weise die Huldigungen der Großen entgegengenommen, durfte der flüchtige König nicht länger den Namen seiner verlore- nen Herrlichkeit, eine Fahne zu immer neuem Aufruhr, durch die Steppen von Iran und Turan tragen. Der Wille und die Noth- wendigkeit, den Feind zu fangen, wurde nach der heroischen Natur Alexanders zur persönlichen Leidenschaft, zum Achilleischen Zorn; so verfolgte er ihn mit einer Hast, die an das Ungeheuere grenzte, und die, vielen seiner braven Krieger zum Verderben, ihn dem ge- rechten Vorwurf der furchtbarsten Schonungslosigkeit aussetzen würde, wenn er nicht selbst Mühe und Ermüdung, Hitze und Durst mit seinen Leuten getheilt, selbst die wilde Jagd der vier Nächte geführt und bis zur letzten Erschöpfung ausgehalten hätte. Damals, heißt es, brachten ihm Leute einen Trunk Wasser im Ei- senhelm; er durstete und nahm den Helm, er sah seine Reuter traurig nach dem Labetrunk blicken, und gab ihn zurück: „Tränke ich allein, meine Leute verlören den Muth.“ Da jauchzten die braven Macedonier: „Führe uns, wohin Du willst! wir sind nicht ermattet, wir dürsten auch nicht, ja wir sind nicht mehr sterblich, so lange Du unser König bist!“ So spornten sie ihre Rosse an und jagten mit ihrem Könige weiter, bis sie den Feind sahen und den todten König fanden So Plutarch 42. Arrian ( VI. 26.) verlegt die Erzählung nach Gedrosien, Curtius ( VII. 5. 10.) in den Paropamisus, Polyän ( IV. 3. 25.) giebt sie ohne bestimmte Lokalisirung. . Man hat Alexanders Glück darin wieder erkennen wollen, daß sein Gegner todt, nicht lebend in seine Hand gefallen; er würde stets ein Gegenstand gerechter Besorgniß für Alexander, ein Anlaß gefährlicher Wünsche und Pläne für die Perser gewesen sein, und endlich hätte doch nur über seinen Leichnam der Weg zum ruhigen Besitze Asiens geführt; Alexander sei glücklich zu preisen, daß ihm nur die Frucht, nicht auch die Schuld dieses Mordes zugefallen; er habe sich um der Perser Willen das Ansehen geben können, als beklage er ihres Großkönigs Tod. Vielleicht hat Alexander, wie nach ihm der große Römer, über den schmachvollen und erschütternden Untergang seines Feindes sich der Vortheile zu freuen vergessen, die ihm aus dem Blute eines Königs zufließen sollten; große Geister fesselt an den Feind ein engeres Band als das der Freundschaft, der Gewohnheit oder des Interesses je werden kann. Bedenkt man, wie die Königin Mutter, wie die Gemahlin und Kinder des Groß- königs von Alexander aufgenommen waren, wie er überall ihr Un- glück zu ehren und zu lindern suchte, so kann man nicht zweifeln, welches Schicksal er dem gefangenen Könige gewährt hätte, dessen Leben in Feindes Hand sicherer gewesen wäre, als unter Persern und Blutsverwandten. Alexander hatte Darius verfolgt, um den Besitz Asiens nicht zu gewinnen, sondern vor dem einzig rechtmäßigen Einspruch zu sichern. Wäre Darius lebend in seine Hand gefallen, so konnten die Persischen Großen dem Gewaltrecht des Eroberers mit gleichem Rechte Gewalt entgegensetzen, und die Abdikation ihres Königs unfreiwillig und Verrath an der Persischen Sache, sich selbst als die ächten Vertreter des alten Perserthumes nennen. Umgekehrt jetzt; jene Großen waren, als Mörder des Königs, Verräther an der Persischen Sache geworden, das natürliche Vermächtniß des ermordeten Königs bestellte den Sieger Alexander zum Rächer an seinen Mördern; die Majestät des Persischen Königthums, durch das Recht des Schwertes gewonnen, ward jetzt zum Schwerte des Rechtes und der Rache in Alexanders Hand, sie hatte keinen Feind mehr, als die letzten Vertreter, keinen Vertreter, als den einstigen Feind desselben Königthumes. So hatte sich die Stellung der Persischen Großen merkwürdig verändert; die ihren König nach der Schlacht von Gaugamela nicht verlassen hatten, meist Satrapen der östlichen Provinzen, hatten ihre eigene Sache geschützt, wenn sie um die Person des Königs zusammenhielten; jene Aufopferung und rührende Anhänglichkeit des Artabazus, der, einst in Pydna an König Philipps Hofe will- kommener Gast, einer ehrenvollen Aufnahme bei Alexander hätte gewiß sein können, theilten wenige, da sie ohne Nutzen und voll Gefahr erschien; sobald des Großkönigs Unglück ihren Vortheil, ja die Existenz ihrer Macht auf das Spiel setzte, begannen sie sich und ihre Ansprüche auf Kosten dieses Königs zu schützen, durch des- sen Verblendung und Schwäche allein sie das Reich der Perser ins Verderben gestürzt glaubten; das ewige Fliehen des Darius brachte nun nach dem Verlust so vieler und schöner Länder, auch die Ostsatrapien in Gefahr; es schien natürlich, lieber Etwas zu retten, als Alles zu verlieren, lieber den Rest des Perserreiches zu behaup- ten, als auch ihn noch für eine verlorene Sache zu opfern; wenn nur durch sie noch Darius König sein konnte, so glaubten sie nicht minder, sich ohne Darius im Besitz ihrer Herrschaft behaupten zu können. So hatten sie Darius gefangen genommen, Alexanders plötzlicher Angriff zwang sie, ihn zu morden, um sich selbst zu ret- ten; sie flohen, um die Verfolgung zu erschweren, in zwei Hau- fen Curt. , Bessus auf dem Wege von Korassan nach Baktrien, Na- barzanes mit den Resten seiner Chiliarchie und von dem Parthischen Satrapen begleitet nach Hyrkanien, um von dort aus gen Baktrien zu eilen, und sich mit Bessus zu vereinigen. Ihr Plan war, die Persische Monarchie im Osten wenigstens aufrecht zu erhalten und dann aus ihrer Mitte, wie einst nach Smerdes Ermordung, einen neuen König der Könige zu ernennen. Indeß war es klar, daß, wenn Phrataphernes aus Parthien, Satibarzanes aus Aria, Barsaentes aus Drangiana hinweg nach Baktrien ging, um unter Bessus Kommando, wie verabredet war, zu kämpfen, jedenfalls ihre Satrapien dem Feinde in die Hände fielen, und sie ihre Länder einer sehr fernen Hoffnung aufopferten; so blieb Phrataphernes in Hyrkanien stehen, und Nabarzanes schloß sich ihm an; Satibarza- nes ging nach Aria, Barsaentes nach Drangiana, um nach den weiteren Unternehmungen Alexanders ihre Maaßregeln zu nehmen; die elende Selbstsucht, die sie zum Königsmorde vereint hatte, zer- riß die letzte Macht, die den Feinden entgegentreten konnte, und indem sie jeder nur sich und den eigenen Vortheil im Auge hatten, sollten sie vereinzelt desto sicherer dem Schwerte des Eroberers erliegen. Alexander seinerseits war nach jenem Ueberfall wegen der gänzlichen Erschöpfung seiner Leute nicht im Stande gewesen, Da- rius Mörder, die nach allen Seiten hin flohen, zu verfolgen. In der Ebene von Hekatompylos rastete er, um die zurückgebliebenen Truppen an sich zu ziehen und die Angelegenheiten der Satrapie Par thien zu ordnen. Der Parther Amminapes, der sich dem Kö- nige bei dessen Eintritt in Aegypten mit Mazaces unterworfen hatte Arrian. III. 22. 2. Dagegen sagt Curtius ( VI. 4. 24.), daß Amminapes vor dem Könige Ochus flüchtig an Philipps Hof ge- kommen sei; wie bei Artabazus kann beides wahr sein. , erhielt die Satrapie, Tlepolemus, aus der Schaar der Getreuen, wurde ihm zur Wahrnehmung der königlichen Rechte an die Seite gesetzt. — Im Norden der Stadt beginnen die Vor- berge der Elburusketten, die von den Tapuriern bewohnt wurden; von einzelnen Pässen durchschnitten, trennen sie die Grenzen von Parthien im Süden und Hyrkanien im Norden, die erst weiter ostwärts in den Klippenzügen von Korassan an einander stoßen; der Besitz dieser Pässe, die als Verbindung zwischen dem Kaspischen Meere und dem Inneren, zwischen Iran und Turan so wichtig sind, war für den Augenblick doppelt nothwendig für Alexander, weil sich einerseits die Griechischen Söldner von Thara aus in die Tapuri- schen Berge zurückgezogen hatten, andererseits Nabarzanes und Phrataphernes jenseits des Gebirges in Hyrkanien standen. Dem- nach verließ Alexander die Straße von Korassan, auf der sich Bes- sus geflüchtet hatte, um sich erst dieser wichtigen Paßgegend zu versichern. Zadracarta, eine Hauptstadt Hyrkaniens Curt. VI. 4. 23. am Nord- abhange des Gebirges, ward als der Vereinigungspunkt der drei Heeresabtheilungen bestimmt, mit denen Alexander nach Hyrkanien zu gehen beschloß. Auf dem längsten, aber bequemsten Wege führte Erigyius, von einigen Reuterabtheilungen begleitet, die Bagage und Wagen hinüber; Kraterus mit seiner und mit Amyntas Phalanx, mit sechshundert Schützen und eben so vielen Reutern, zog über die Berge der Tapurier, um sie und zugleich die Griechischen Söldner, wenn er sie träfe, zu unterwerfen; Alexander selbst mit den übrigen Truppen schlug den kürzesten, aber beschwerlichsten Weg ein Diese Wege zu bestimmen, hat unzählige Schwie- rigkeiten. Sicher ist, daß das Land der Tapurier, heute Taberistan, am Südabhang der Elburuskette und etwa von Firuzkuh bis Damaghan liegt. Da sich die Griechen von Thara aus in die Berge der Tapurier zurückgezogen hatten, da ferner Kraterus mit seinem Corps sie auf- suchen und wo möglich die Tapurier unterwerfen sollte, so ergiebt sich soviel, daß sein Weg im Westen von Hekatompylos über das Ge- birge führen mußte. Er vereinigte sich mit Alexander nicht lange , der nordwestlich von Hekatompylos in die Berge führt und in mannigfachen Wendungen, von steilen Felsen überragt, an dem Bette des wilden, oft unter den Klippen verschwindenden Bergstro- nachdem dieser an dem Bergstrome Stibötes oder Ziobetis, der sich in den Rhidago ergießt, gelagert hatte. Diese Vereinigung zweier Flüsse und die bedeutende Breite des vereinten Stromes (drei- zehn Stadien; Curt. ) läßt nur zwischen dem Fluß, der bei Muschid- i-Sir mündet und dem Gorganflusse in der Südostecke des Kaspi- schen Meeres die Wahl; letzterer würde vollkommen außer dem Wege des Kraterus liegen, so ist klar, daß der Fluß, der sich bei Balfrusch vorüber ergießt, der Rhidago ist, und daß der Stibötes, in dessen Thal Alexander hinabzog, derselbe wilde Bergstrom ist, den G. For- ster auf seiner Reise (er nennt ihn the Mazanderanriver ) mehrfach übersetzte. Alexander ging von Hekatompylos (Damaghan) aus; mit drei Tagemärschen durch Parthisches Gebiet kam er an die Grenze Hyrkaniens; drei Meilen weiter trat er in den Paßweg ein ( Curt. VI. 4. 1 — 4.). Dies dürfte genau der Weg sein, den Forster nahm (s. G. Forster Journey from Bengal to England, Vol. II, p. 191); der Engpaß von Chaloo ist dreizehn Meilen von Damaghan entfernt, und drei Meilen vor demselben fand Forster eine Reihe Ruinen auf einer Höhe. Jenseits des Passes beginnt nun die waldige Wildniß, die Curtius so anziehend beschreibt, und die Forster in drei Tagereisen (funfzehn Farasangen) bis an ihr Nordwestende durchzog, von wo noch drei Farasangen bis Sari. Sari nun bedeutet nach Ouselys Angabe Granatapfel, eine Frucht, die auch nach den alten Angaben in jener Gegend häufig ist ( Curt. Diod. ), und die mehr als einer Stadt am Elburus den Namen gegeben hat (so Sari-Camich; Chereff. IV. 19. p. 154); mehr als diese Namensähnlichkeit beweiset die Richtung der Wege, daß Sari und Zadra-Carta (Zadra-Stadt) gleich sind; denn nur hier können sich die drei Straßen, die Alexanders Truppen nah- men, vereinen. Von diesem Zadracarta ( Arrian. III. 23. 11.) ist voll- kommen verschieden ein zweites Zadracarta ( Arrian. III. 25. 1.) oder auch Zeudracarta, die Residenz Hyrkaniens, mag dieser Name bei Arrian richtig oder falsch sein; denn erst von dem Lager bei Zadracarta rückte Alexander zur Residenz. Wo letztere lag, ist nicht zu sagen; doch hat Strabo ( XI. p. 426) neben dem Namen Carta (d. i. Zadra- carta) als Residenz Tape angeführt. Dieser Ort liegt dicht am Meere, vierzehnhundert Stadien von den Kaspischen Pässen (natür- lich den Südpässen) entfernt, eine Bezeichnung, die genau auf Kara- mes Stibötes, den dicht bewaldeten Nordabhang des Gebirges hin- abführt. Am vierten Tage erreichte er den Eingang der waldigen Paß- gegend; mit der größten Vorsicht rückten die Colonnen vor; Posten, auf die Höhen zu beiden Seiten des Passes vertheilt, sicherten den Tapeh (Schwarz Tapeh), fünf Meilen nordöstlich von Sari, paßt. — Curtius bezeichnet Alexanders Ankunft und Lagerung in Chaloo, be- schreibt dann die waldige Wildniß und fährt fort: „schon stand er hier vier Tage im Lager, als Nabarzanes seine Unterwerfung an- zeigte; dann rückte Alexander geschlossenen Zuges vor (ein fortlaufen- des Thal zieht sich zum Meere hinab), zwanzig Stadien weit auf schmalen Felsenwegen, hier erreichte er das Ende der Wildniß ( tan- dem ad ulteriora perventum est ); dreißig Stadien weiter kam Phrataphernes zum König; dann erreichte man Arvas, und hier tra- fen Erigyius und Kraterus ein.“ Zadracarta erwähnt Curtius nicht. Den Marsch von Chaloo durch die Bergwälder, den Curtius zu bezeichnen vergißt, ergänzt Arrian ( III. 23 c. ): ὑπεϱβαλὼν τὰ πϱῶτα ὄϱη ist bei Chaloo, ἤει χαλεπὴν ὁδὸν καὶ δύσποϱον ist der Weg durch die Bergwaldung; διελϑὼν τὰ στενὰ ἐν τῷ πεδίῳ κατεστϱατοπέδευσεν πϱὸς ποταμῷ οὐ μεγάλῳ sind die zwanzig Stadien Engpaß, die Curtius bezeichnet, und vielleicht derselbe „Höl- lenpaß“, durch den Timur den Rebellen Iskender von Firuzkuh ver- folgte ( Chereffeddin IV. 2. p. 160 sqq. ); erst jenseits des Passes läßt, nach Arrian, Alexander seine Truppen vier Tage im Lager, um die einzelnen Posten, die zurückgeblieben sind, an sich zu ziehen (Curtius scheint seine vier Tage Lagerung zu früh anzusetzen), und es dürfte dies ungefähr einen Marsch oberhalb Sari gewesen sein. Woher Curtius den Namen Arvas für Sari hat, weiß ich nicht. — Der Weg des Kraterus dürfte über Firuzkuh oder Goor-i-Sefid in die durch Ousely so genau beschriebene Paßstraße nach Sari geführt ha- ben, da die militärische Wichtigkeit jener beiden Punkte ihre Besetzung wohl nöthig machte. — Erigyius Marsch anlangend ist es kein Zweifel, daß er den bequemeren Weg über Sawer und Asterabad nahm (der Weg von Langaru bei Chereffeddin II. 48. p. 375, oder Lengheroud; VI. 20. p. 159), derselbe, den Isidorus Characenus bezeich- net, wenn er sagt: von den Kaspischen Thoren durch Choarene neun- zehn Schönen (etwa bis Semnoun), durch Comisene achtundfunfzig (schreibe achtundzwanzig) Schönen (etwa bis Damaghan, doch kennt er hier keine Stadt Hekatompylos mehr), dann durch Hyrkanien sechszig (?) Schönen, mit eilf Stationen. beschwerlichen Zug, den die wilden Stämme jener Berge beutelü- stern zu überfallen bereit lagen; sie zu bekämpfen wäre zu zeitrau- bend, wenn nicht gar erfolglos gewesen; so eilte Alexander, mit den Bogenschützen an der Spitze des Zuges, hinabzukommen, und erst als er schon vier Tage in seinem Lager am Flusse Stibötes stand, kamen die Agrianer, die Nachhut des Zuges, nicht ohne ein- zelne Gefechte mit den Barbaren, von den Bergen herab. Dann rückte Alexander auf dem Wege nach Zadracarta vor, wo denn auch demnächst Kraterus und Erigyius eintrafen, dieser mit den Wagen und dem Gepäck, Kraterus mit dem Bericht, daß er zwar die Griechischen Söldner nicht getroffen, daß dagegen die Tapu- rier theils mit Gewalt unterworfen seien, theils sich freiwillig er- geben hätten. Schon in dem Lager am Stibötes hatte Alexander Boten vom Nabarzanes erhalten, der sich bereit erklärte, die Sache des Bessus zu verlassen und sich der Gnade Alexanders zu unterwerfen; auf dem weiteren Wege war der Satrap Phrataphernes nebst meh- reren anderen der angesehensten Perser Curtius sagt: cum propinquis Darii; VI. 5. 1., aber 2. 9. erzählt er, daß beim Ueberfall bereits mehrere edle Perser und Per- serinnen in Alexanders Hände gefallen seien; er nennt dort na- mentlich des Königs Ochus Tochter (Parysatis? Arrian. VII. 4. 6.) und des Königs Darius Bruder Oxathres; cf. Plut. aus der Umgebung des Darius zu Alexander gekommen und hatte sich unterworfen; den Bruder des Großkönigs, Oxathres, nahm er sogleich unter die Zahl der Getreuen auf; der Chiliarch, einer von denen, die Darius ge- bunden hatten, mochte sich mit der Verzeihung für sein Verbrechen begnügen müssen; sein Name, sonst einer der ersten im Reiche, ver- schwindet aus der Geschichte; Phrataphernes dagegen und seine beiden Söhne Pharismanes und Sissines gewannen bald Alexan- ders hohes Vertrauen, dessen sie sich in mehr als einer Gefahr würdig zeigen sollten; in Kurzem erhielt der Vater seine Satrapien Parthien und Hyrkanien zurück Arrian. III. 28. 4. . — Bald darauf, es war im Lager von Zadracarta, kam der greise Artabazus mit dreien seiner Söhne, Arsames, Kophen und Ariobarzanes, dem muthigen Ver- theidiger der Persischen Pässe; Alexander empfing sie mit der höch- sten Auszeichnung, indem er zugleich ihre Treue für den unglückli- chen König Darius und die Erinnerung jener Zeit, die Artabazus in Pydna an König Philipps Hofe verlebt hatte, ehrte; sie nahmen fortan in der Umgebung Alexanders gleichen Rang mit den vor- nehmsten Macedoniern ein. Mit ihnen zugleich war Autophrada- tes, der Satrap der Tapurier, gekommen; auch er wurde mit Eh- ren aufgenommen, und in dem Besitz seiner Satrapie bestätigt. Zu gleicher Zeit war von den Griechischen Truppen mit Artabazus eine Gesandtschaft eingetroffen, bevollmächtigt, im Namen der gan- zen Schaar mit dem Könige zu kapituliren; auf seine Antwort, daß das Verbrechen derer, die wider den Willen von ganz Hellas für die Barbaren gekämpft hätten, zu groß sei, als daß mit ihnen ka- pitulirt werden könne, daß sie sich auf Gnade oder Ungnade erge- ben, oder so gut sie könnten, retten möchten, erklärten die Bevoll- mächtigten, daß sie bereit seien, sich zu ergeben, der König möge Jemanden mitsenden, unter dessen Führung sie sicher in das Lager kämen. Alexander wählte dazu den edlen Artabazus, ihren Führer auf dem Rückzuge von Thara und den Andronikus, einen der an- gesehensten Macedonier, den Schwager des schwarzen Klitus Andronikus war mit Alexanders Amme, Lanice, der Schwe- ster des Klitus, vermählt ( Arrian. IV. 9. 4.); der Admiral Proteas (s. oben S. 150) war sein Sohn. . Alexander erkannte die außerordentliche Wichtigkeit der Hyr- kanischen Satrapie, ihrer Engpässe, ihrer hafenreichen Küsten, ihrer zum Schiffbau trefflichen Waldungen; schon jetzt mochte ihn der große Plan einer Kaspischen Flotte, eines Verkehrs zwischen diesen Küsten und dem Osten Asiens, einer Entdeckungsfahrt in diesem Meere beschäftigen; noch mehr als dies forderte die Communica- tion zwischen den bisherigen Eroberungen und den weiteren Hee- reszügen vollkommene Besitznahme dieser paßreichen Gebirgsland- schaft, die das Südufer des Kaspischen Meeres beherrscht; Alexan- der hatte sich eben jetzt der Pässe der Tapurischen Distrikte ver- sichert; Parmenion war beauftragt, mit dem Corps, das in Me- dien stand, im nächsten Frühling durch das nördliche Medien und die Kaspischen Westpässe im Lande der Kadusier nach dem Meeres- strande hinabzurücken, um die Straße, welche Armenien und Me- dien mit dem Thale des Kur und dem Kaspischen Meere verbin- det, zu öffnen; er sollte von dort aus, am Strande entlang, nach Hyrkanien und weiter der großen Armee nachziehen Diese Pässe, deren heutigen Namen ich nicht weiß, liegen zwischen Ardebil und den Küstenorten Astara und Lenkoran. Die Kadusier, „wie der Grieche die Gelä nennt“ ( Plin. VI. 11. und 16.), bewohnen das Gebirge von Gilan, ostwärts bis zum Amardusflusse (dem Kizil-Ozein oder Sefid-rud). Mannert hat sich über den Weg Parmenions vollkommen geirrt (Persien p. 132 sqq. ). . Die Pässe von Pyl-Rudbar, die aus Medien am Amardusstrom hinab zum Meere führen, und welche durch das kriegerische und raub- lüsterne Bergvolk der Amardier gesperrt wurden, beschloß Alexander durch einen Streifzug gegen diese Amardier sofort zu öffnen Dieser Paßweg liegt auf dem Wege von Kaswin nach Raescht; cf. Morier Voy. II. 26. . Während die Hauptmasse des Heeres im Lager von Arvas zurück- blieb, zog er selbst an der Spitze der Hypaspisten, der Phalangen Könus und Amyntas, einiger Rittergeschwader und mehrerer leichter Corps gen Westen; die Amardier, im Vertrauen auf die Unzu- gänglichkeit ihrer Berge, da noch nie ein Feind in ihre Wälder eingedrungen war, hatten sich bisher um die Macedonier nicht viel gekümmert; da rückte Alexander von der Ebene heran; die nächsten Ortschaften wurden genommen, die Bewohner flüchteten sich in die waldigen Gebirge. Mit unsäglicher Mühe zogen die Macedonier durch diese wegelosen, dicht verwachsenen und schauerlichen Wälder nach; oft mußten sie sich mit dem Schwerte den Weg durch das Dickicht bahnen Eben so Timur in diesen Gegenden; Chereffed- din VI. 21. p. 161. , während bald hier, bald da einzelne Haufen von Amardiern sie überfielen, oder aus der Ferne mit ihren Spee- ren trafen; als aber Alexander immer höher hinaufdrang und die Höhen mit seinen Wegen und Posten immer dichter einschloß, da schickten die Amardier Gesandte an den König und unterwarfen sich und ihr Land seiner Gnade; er nahm von ihnen Geißeln, ließ sie übrigens im ungestörten Besitz und stellte sie unter dem Sa- trapen Autophradates von Tapurien Arrian. III. 24. 3. Curt. VI. 5. 11. Die Barbaren, wird erzählt, bekamen bei einem Ueberfalle unter an- . In das Lager von Zadracarta zurückgekehrt, fand Alexander bereits die Griechischen Söldner, funfzehnhundert an der Zahl, mit ihnen Gesandte von Sparta, Athen, Chalcedon, Sinope, die, an Darius gesandt, seit Bessus Verrath sich mit den Griechen zurück- gezogen hatten. Alexander befahl, daß von den Griechischen Söld- nern diejenigen, welche schon vor dem Korinthischen Vertrage in Persischem Solde gewesen waren, ohne Weiteres entlassen, den an- deren unter der Bedingung, daß sie in das Macedonische Heer einträten, Amnestie bewilligt werden sollte; Andronikus, der sich für sie verwendet hatte, erhielt den Befehl über sie. Die Gesand- ten anlangend entschied der König, weil Chalcedon und Sinope nicht mit in dem Hellenischen Bunde seien, überdies Gesandtschaf- ten an den Perserkönig ihnen als ehemaligen Unterthanen desselben nicht zum Vorwurf gemacht werden könnten, ihre Gesandten sofort auf freien Fuß zu setzen; die Gesandten von Sparta und Athen dagegen, die offenbar verrätherische Verbindungen mit dem gemein- samen Feinde aller Hellenen unterhalten hätten, festzunehmen und bis auf weiteren Befehl in Verwahrsam zu halten. Demnächst brach Alexander aus dem Lager auf und rückte in die Residenz der Hyrkanischen Satrapie ein, um nach kurzer Rast die weiteren Operationen zu beginnen. — Während dieser Vorfälle in Asien hatte in Europa das Glück der Macedonischen Waffen noch eine gefährliche Probe zu bestehen, es war der letzte Widerstand, der Griechischer Seits gegen Alexan- der versucht wurde; die Entscheidung war um so wichtiger, da Sparta, nach Athens Unterwerfung, nach Thebens Fall der nam- hafteste Staat Griechenlands, sich an die Spitze dieser Bewegun- gen gestellt hatte. Es ist bereits berichtet worden, daß König Agis im Herbst 333 mit der Persischen Flotte gemeinschaftlich zu operiren begann. Hätte damals Athen den Beschluß, hundert Se- gel in See gehen zu lassen, ausgeführt, und diese unter Anführung eines tüchtigen Feldherrn mit den Persern und Spartanern ge- deren des Königs Schlachtroß Bucephalus in ihre Gewalt, der Kö- nig drohete mit der Ausrottung ihres ganzen Stammes, wenn sie das Pferd nicht zurückgäben; sie lieferten es schleunigst aus. Curt. Plut. etc. meinschaftlich agiren lassen, so wären bedeutende Erfolge zu erwar- ten gewesen. Aber damals war Demades aufgetreten, hatte dem Volke vorgestellt, daß, wenn es seine Schiffe ausrüsten wolle, es sich selbst das Geld zu Festschmaus und Dionysosfeier entzöge, und dadurch so viel erreicht, daß von Seiten Athens nichts geschah Plut. praec. reip. ger.; cf. Boekh Staatshaushaltung I. 182. II. 246. . Die anderen Bundesstaaten wagten nicht, ohne Athens Vorgang die beschwo- renen Verträge zu brechen, und durch den Beistand einiger Tyran- nen und Oligarchen auf den Inseln war die Persische Seemacht nicht im Stande gewesen, sich genug zu verstärken, um es gegen Am- photerus und Hegelochus auszuhalten. Dennoch wurde es in Grie- chenland nicht ruhig; weder die fortwährenden Siege Alexanders und seiner Admirale, noch die Nähe des bedeutenden Heeres, das der Reichsverweser in Macedonien unter den Waffen hielt, hatten die noch immer zahlreiche und einflußreiche Parthei der Mißvergnüg- ten einzuschüchtern vermocht; unzufrieden mit allem, was geschehen war und noch geschah, und noch immer in dem Wahne, daß es möglich sei, die Demokratie im alten Sinne und Ansehen gegen die Uebermacht der Macedonischen Monarchie aufrecht zu erhalten, benutzten sie jede Gelegenheit, in der leichtsinnigen und leichtgläu- bigen Menge Misgunst, Besorgniß, Erbitterung zu nähren; The- bens unglückliches Ende war ein unerschöpflicher Quell zu Dekla- mationen, den Korinthischen Bundestag nannten sie eine schlecht- berechnete Illusion; alles was von Macedonien ausging, selbst Eh- ren und Geschenke, wurde verdächtigt oder als Schmach für freie Staaten bezeichnet: man wolle nichts Anderes, als die Gesandten der einzelnen Staaten beim Bundestage selbst zu Werkzeugen der Macedonischen Despotie machen; die Einheit der Hellenen sei eher im Hasse gegen Macedonien als im Kampfe gegen Persien zu fin- den; ja die Siege über Persien seien für Macedonien nur ein Mittel mehr, die selbstständige Freiheit der Hellenischen Staaten auszurotten. Natürlich war die Rednerbühne Athens der rechte Ort, dieses Misvergnügen in unerschöpflichen Deklamationen zur Schau zu stellen; nirgends standen sich die beiden Partheien schär- fer gegenüber; und das Volk, bald von Demosthenes, bald von Demades und Aeschines beschwatzt, widersprach sich oft genug selbst in seinen souveränen Beschlüssen; während einer Seits Gesandte nach Macedonien gingen, um der Königin Mutter des Volkes Beileid wegen Ablebens ihres Bruders, des Epirotenkönigs Alexan- der, zu bezeugen Aeschin. ct. Ctesiph. p. 439. , stand man anderer Seits fortwährend mit dem flüchtigen Perserkönig in gesandtschaftlicher Verbindung, die nach dem Korinthischen Vertrage so gut wie offenbarer Verrath war; während die Athener mit dem Korinthischen Bundestage wett- eifernd Glückwünsche und goldene Kronen für Alexander dekretirten, eiferte Demosthenes selbst gegen die Stellung des vertragsmäßigen Kontingentes, das ja leicht gegen Griechenland selbst gebraucht wer- den könne Plut. X Orat. De- mosth . . Indessen wurde trotz aller solcher Deklamationen von Seiten der Athener nichts gethan; und je exaltirter man von alter Hoheit und Freiheit sprach, desto tiefer versank das Volk in Leichtsinn und Baucheslust. Mit dem Frühjahre 331 war die Persische Seemacht in den Hellenischen Gewässern verschwunden, die Tyrannen der Inseln, die sich zu den Persern gehalten hatten, wurden verjagt oder hingerich- tet Demosth. de foed. p. 192. , ein Macedonisches Geschwader unter Amphoterus segelte nach der Insel Kreta, die ein Jahr vorher von Agis Bruder be- setzt war; Agis selbst, der sich bis zur Asiatischen Küste nicht ohne Glück vorgewagt hatte, war gezwungen, sich ganz auf das Helle- nische Festland zu beschränken. Dennoch gab er seine Pläne nicht auf; er hatte einen bedeutenden Theil der Griechischen Söldner, die sich nach der Schlacht von Issus gerettet hatten, um sich ver- sammelt, hatte auf dem Vorgebirge Tänarum einen förmlichen Werbeplatz eröffnet, hatte mit den Gleichgesinnten in anderen, na- mentlich Peloponnesischen Staaten Verbindungen angeknüpft, die den glücklichsten Fortgang versprachen, kurz er hatte mit solcher Umsicht und Kühnheit seinen Einfluß und seine Macht erweitert, daß die Gegner Macedoniens mit der sichersten Hoffnung auf ihn blickten. Alexander wußte schon, als er von Tyrus aus nach dem obe- ren ren Asien vorrückte, von diesen Bewegungen des Königs Agis; er begnügte sich damals, hundert Phönicische Schiffe nach Kreta abzu- senden, die dann unter Amphoterus den Peloponnes beobachten sollten; er ehrte die Athenischen Gesandten, die ihm in Tyrus mit Glückwünschen und goldenen Kränzen entgegengekommen waren, und gab die am Granikus gefangenen Athener frei, um desto ge- wisser den Athenischen Staat in Unthätigkeit zu halten; er schien geflissentlich vermeiden zu wollen, daß es zwischen Macedonischen und Spartanischen Waffen zum offenbaren Kampfe käme, der bei der Stimmung vieler Städte gefährlich werden konnte; im Begriff, einen neuen und entscheidenden Schlag gegen Darius auszuführen, behielt er sich vor, den Eindruck desselben mit als Waffe gegen die Misvergnügten in Hellas zu benutzen. So mußte Antipater wäh- rend des Jahres 331 ruhig die Rüstungen des Spartanerkönigs und dessen wachsenden Einfluß im Peloponnes mit ansehen, und sich begnügen, den Macedonischen Einfluß am Korinthischen Bun- destage möglichst geltend zu machen, im Uebrigen die Bewegun- gen der feindlichen Parthei genau und stets gerüstet zu beobachten; er durfte die durch den Tod des Epirotenkönigs entstandenen Ver- wirrungen nicht benutzen, um seines Herrn Macht zu vermehren, und selbst den Unwillen und die bitteren Vorwürfe der Königin Olympias, die, wie es scheint, auf das Reich ihres Bruders An- sprüche machte, mußte er ruhig ertragen. Als aber jetzt Zopyrion, der Statthalter des unteren Donaulandes, bei einem Zuge gegen die Geten vollkommen geschlagen Justin. XIII. 1. und 2. und Curt. X. 1. 44, der diese Be- gebenheiten zu spät setzt. und mit dem größten Theile seines Heeres umgekommen war, als in Folge dieses Unglücks der Odrysische Fürst Seuthes Neuerungen versuchte und der Thracische Feldhauptmann Menon Man darf ohne Bedenken den von Curtius ( IX. 3. 21.) erwähnten Menon mit dem oben genannten für denselben halten. Der Thessalier Menon, der mit der antimacedoni- schen Linie des Epirotischen Königshauses verschwägert war, kann nicht gemeint sein, da ausdrücklich Thracien als der Ort des Aufstan- des genannt wird. Unkundige haben diesen Feldhauptmann mit dem Rhodier Memnon vielfach verwechselt. , im Vertrauen auf seine Macht und 18 den Beistand des Seuthes und der Thracischen Völkerschaften, die er zu den Waffen rief Polyaen. IV. 1. 4. , dem Macedonischen Reichsverweser den Gehorsam aufkündigte, da war die Verbindung zwischen Asien und Macedonien gefährdet; Antipater mußte ins Feld rücken, und um jeden Preis die Empörung zu unterdrücken suchen Diod. XVII. 63. . Indeß hatten die Bewegungen in Griechenland einen sehr ern- sten Charakter angenommen; es war die Nachricht von der Schlacht von Arbela eingelaufen, sie mußte die Gegner Alexanders entweder zur Unterwerfung oder zur letzten Kraftanstrengung veranlassen. Alexanders Entfernung und der Thracische Aufstand begünstigten das kühnste Wagniß; noch durfte man wenigstens Subsidien von Darius erwarten, noch durfte Alexander nicht wagen, sein Heer, das kaum zur Besetzung des ungeheuren Weges hinreichen konnte, zu theilen, um Griechenland anzugreifen; zögerte man jetzt, so konnte der letzte Rest der Persischen Macht erliegen, so konnte man fürchten, daß Alexander an der Spitze eines ungeheuren Heeres wie ein zweiter Xerxes Griechenland überfluthen und zu einer Satrapie seines Reiches machen werde. Die fieberhafte Lebendigkeit des Volksgeistes, die exaltirten Deklamationen der demokratischen Redner, die alten Erin- nerungen des Spartanischen Namens, die dem Zeitalter eigenthümlicht Lust am Uebertriebenen und Unglaublichen, Alles vereinte sich, eint Eruption hervorzubringen, die für die Macedonische Monarchie ver- hängnißvoll werden konnte. Ein glückliches Gefecht des Agis gegen Korragos gab das Zeichen zu einem Aufstande, der sich plötz- lich über den ganzen Peloponnes und den größten Theil von Hellas verbreitete; Elis vereinte sich mit Sparta, die Arkadier, die Achäer fielen von dem Korinthischen Bunde ab Von den Achäern blieb nur Pallene treu ( Aeschin. adv. Ctesiph. p. 438.), obschon es damals noch nicht unter der Herrschaft Chärons gestanden zu haben scheint, da dessen im Katalog bei Demosth. de coron. p. 291. keine Erwähnung geschieht. Messenien stand unter der Tyrannei der beiden Söhne des Philiades, Demosth. de foed. p. 192; cf. Dinarch. p. 156. , über den Peloponnes hinaus wiederholten sich die Bewegungen, die Aetolier zerstörten die Stadt der Oeniaden wegen ihrer Anhänglichkeit an Alexander, die Thessalier und Perrhäber waren in der heftigsten Aufregung; nut Athen blieb ruhig, selbst Demosthenes schwieg wider seine Gewohn- heit; man freute sich der Standbilder der Befreier Harmodius und Aristogiton, die Alexander eben jetzt aus Susa der Stadt sandte. Desto eifriger war Agis; schon war ein Heer von mehr als zwanzig- tausend Mann Fußvolk und zweitausend Reutern bei einander Die angegebenen Zahlen finden sich bei Diodor, scheinen aber zu gering, da nach Dinarchs nicht unwahrscheinlicher Angabe allein zehntausend Söldner im Heere waren. , es rückte gegen Megalopolis, die einzige Stadt Arkadiens, welche aus edler Dankbarkeit gegen das Macedonische Königshaus standhaft in der Treue blieb. Die Stadt wurde belagert; sie vertheidigte sich lange und tapfer, sie schien der Uebermacht doch endlich erliegen zu müssen, mit jedem Tage erwartete man ihren Fall; da kam die Nachricht, daß ein Macedonisches Heer über den Isthmus rücke. Denn Antipater hatte, sobald er von dem Aufruhr in Griechen- land erfuhr, mit Menon einen Vertrag abgeschlossen, und war dann so schnell als möglich nach dem Peloponnes aufgebrochen; die Aufregung, die überall herrschte, hatte seine Rüstungen bedeu- tend verzögert, und selbst von manchen verbündeten Staaten wagte er nicht Hülfstruppen mit ins Feld zu nehmen Frontin. II. 11. 4. . Endlich, nach- dem er im schnellen Durchzuge die Bewegungen in Thessalien unter- drückt und die Contingente der zuverläßigsten Bundesstaaten an sich gezogen hatte, kam er mit einem Heere von etwa vierzigtausend Mann im Peloponnes an. Er eilte Megalopolis zu entsetzen; bald trafen sich die Heere zu einer Schlacht; die Spartaner kämpften ihres alten Ruhmes würdig, die Uebermacht Antipaters war zu groß, Agis, mit Wunden bedeckt, von allen Seiten einge- schlossen, erlag endlich dem Andrang; er fiel fechtend; Antipater hatte, wenn auch mit bedeutendem Verlust, einen vollständigen Sieg errungen Ueber die Zahl der Todten haben Diodor und Curtius abweichende Angaben; Spartanischer Seits sollen mehr als fünftausend Mann gefallen sein; die Tapferkeit, die sie in dieser lange schwankenden Schlacht bewährten, macht es wahrscheinlich, daß Diodors Angabe, die Macedonier hätten mehr als dreitausend Todte gezählt, richtiger ist als die des Curtius mit ihrer ungewissen Lesart. Ueber den Ort der Schlacht ist keine sichere Angabe vorhanden; indeß scheint sie in . 18 * So stürzte die letzte Macht zusammen, die den Namen der Hellenischen Freiheit gegen Macedonien vertreten und retten zu wol- len vorgab; man muß gestehen, daß diese Schlacht, wenn je eine andre ein rechtes Gottesurtheil, der Parthei den Untergang gebracht hat, welche unfähig der alten Eifersucht und der alten kleinlichen Ansichten los zu werden, das große Werk des Hellenischen Lebens durch heimlichen und offenbaren Verrath geschändet hatte. Denn Verrath an der Griechischen Sache war jene Weigerung Sparta’s am Korinthischen Bunde Theil zu nehmen, um hinterdrein, wenn Alexander in Persien kämpfte, mit dem Erbfeinde von Hellas ver- bündet ihn hinterrücks zu gefährden; doppelter Verrath war der Abfall der Peloponnesier, die trotz der beschworenen Bündnisse sich mit den Feinden Alexanders verbanden. Nur der Sieg kann solchen Verrath rechtfertigen; und die Spartaner hätten gesiegt, wenn sich der Nähe von Megalopolis geliefert zu sein; wenigstens darf man sich nicht durch Pausan. VIII. 10. 4. und sonst, zu der Vermuthung ver- leiten lassen, daß die Schlacht vor Mantinea geliefert sein möchte; denn Pausanias verwechselt nicht Agis III. und Agis IV. , sonden erzählt nur etwas Verkehrtes von Agis IV. Noch schwieriger ist die Zeitbestimmung dieser für Griechenland so verhängnißvollen Schlacht. Wenn sie nach Plutarch und Dionys. ep. ad Ammaeum cp. 12. ( p. 746) gleichzeitig mit der Schlacht von Arbela, nach Curtius sogar vor der- selben geliefert wäre, so würde Alexander nicht aus Susa Geld an Antipater zum Spartanerkriege ( Arr. III. 16.) gesendet haben. Aeschines sagt in seiner Rede gegen Ctesiphon, daß eben Agis besiegt sei, daß demnächst Spartanische Gesandten an Alexander gehen würden, daß die Pythien in wenigen Tagen beginnen würden, ein Fest, das in jedem dritten Olympiadenjahr, und zwar im September (nicht in Frühling, wie Boeckh gemeint hat) gefeiert wurde, v. Clinton fast Hell. Excurs. 1. Die Rede wurde Ol. 112. 3. unter dem Archen Aristophon gegen Herbst des Jahres 330 gehalten; und da die Schlacht unter demselben Archon vorfiel, so gehört sie in die ersten Monate dieses Olympiadenjahrs, in den Sommer 330. Agis Vater, Archi- damus, war am Tage der Schlacht von Chäronea (2. Aug. 338) ge- fallen, von da an datirt Agis Herrschaft; wenn nun Diodor sagt, daß er 9 Jahre regiert habe, so kann dieß nur heißen, er sey im 9ten Jahre seiner Regierung, die mit dem August 330 begann, also zwischen diesem und dem Anfang der Pythien gefallen. die Hellenen vereint hätten, für die Freiheit ihrer Väter zu kämpfen; die Zeit war günstiger als je; aber Gewinn, Genuß, Zerstreuung war das Einzige, was die Gemüther fesselte, Griechenland zer- splittert, verwildert, entnervt, der Freiheit nicht mehr werth noch fähig; so offenbarte sich, daß dies zersplitterte Einzelleben der klein- lichen Staaten, das unter dem Reiz alter theurer Namen Ohn- macht und Entartung barg, in den Zusammenhang eines größeren staatlichen Verbandes untergehen mußte. Man muß die Mäßigung und Vorsicht der beiden Macedonischen Könige bewundern, daß sie verschmähten, die wiederholentlich besiegten Griechen zu Unterthanen ihres Reiches zu machen, und daß sie vielmehr die schonendste und freieste Form fanden, die demokratischen Städte für die Monarchie zu gewinnen. Jener Bundestag von Korinth, der den Staaten ihre Freiheit als städtische Freiheiten ließ und für sich nur die Be- fugniß, die allgemeinen Angelegenheiten in Uebereinstimmung mit Macedonien zu leiten, in Anspruch nahm, war in der That das sicherste, wenn auch nicht kühnste oder schnellste Mittel, der Zersplit- terung Griechenlands Einheit und Richtung, die steten Vorzüge der Monarchie, zurückzugeben; nur daß dies von Außen Gegebene in dem erschöpften Leben Griechenlands keine neuen Entwickelungen mehr zu erwecken vermocht hat. Mit jenem Siege Antipaters war die Beruhigung Griechen- lands vollendet; Eudamidas, des erschlagenen Königs jüngerer Bru- der und Nachfolger, rieth selbst, obschon sich die Bundesgenossen mit nach Sparta zurückgezogen hatten und noch eine bedeutende Streit- macht bildeten, keinen weiteren Widerstand zu versuchen Plut. apophth . ; es wurde an Antipater gesendet und um Friede gebeten. Dieser for- derte funfzig der edelsten Spartaner als Geißeln und verwies den Antrag an den Bundestag nach Korinth; der Bundestag erklärte sich nach vielfachen Berathungen für incompetent, und beschloß die Ent- scheidung dem Macedonischen Könige anheimzustellen, worauf Spar- tanische Gesandte nach dem obern Asien abgingen. Wenn schon nicht genauer berichtet wird, wie sie der König beschieden habe, so ist doch aus allen Umständen zu vermuthen, daß er fortan den Bei- tritt Sparta’s zum Griechischen Bunde forderte; in der Verfassung nnd dem Gebiet des Heraklidischen Königthums wurde nichts geän- dert; bis auf wenige Häupter der antimacedonischen Parthei wurden auch die Bundesgenossen der Spartaner begnadigt, als Strafe aber ihnen eine Geldbuße von hundertundzwanzig Talenten an die treue Stadt Megalopolis zu zahlen auferlegt Curt. VI. 1. Diod. XVII. 73. . Von jetzt an traten die Verhältnisse Griechenlands in den Hin- tergrund, die einzelnen Städte wetteifern den Macedonischen König mit Ehren zu überhäufen, und der unermüdliche Aerger des Demosthenes findet in Athen, in Griechenland kaum noch einen Anklang; dem leichten Sinn des Volkes hat sich eine neue Welt erschlossen, die heimkehrenden Krieger bringen aus dem Morgen- lande unermeßliche Beute, Wundermährchen, neue Genüsse und Ansprüche mit in die Heimath; die Jugend des Landes sucht Ruhm, Beute, Genuß im Dienst des siegreichen Königs oder vergeudet ihre Kraft daheim in Studien, Schwelgereien und Privatintriguen; kurz das Griechische Leben, bis zur Zeit Alexanders in gleichförmiger, wenn auch oft heftiger Entwickelung gereift, bricht auf und zerstreut sich in den endlosen Möglichkeiten persönlichster Interessen, Leidenschaften und Fähigkeiten, in diesem Trouble wüster und unnatürlicher Ver- hältnisse, in dem die menschliche Gesellschaft nie aufhören wird, sich ihrer höchsten Vollkommenheit am nächsten zu glauben. Sechstes Kapitel . Der Feldzug in Ariana und Turan. U m die Zeit der Spartanischen Niederlage stand Alexander in Hyr- kanien, am Nordabhange jenes Gebirgwalles, der Iran und Turan von einander scheidet, vor ihm die Wege nach Baktrien und Indien, nach dem unbekannten Meere, das er jenseits beider Länder als Grenze seines Reiches zu finden hoffte, hinter ihm die Hälfte des Perserreichs, und Hunderte von Meilen rückwärts die Hellenische Hei- math. Er wußte von Agis Kämpfen, vom Abfall der Peloponnesischen Staaten, von der unsichern Stimmung im übrigen Griechenland, welche die Alternativen des Kriegsglückes doppelt gefährlich machte; er kannte die Macht seines Gegners und dessen Vorsicht, dessen Thätigkeit. Und doch ging er weiter und weiter gen Osten, ohne Unterstützung an Antipater abzusenden oder günstige Nachrichten abzuwarten. Wenn nun Agis gesiegt hätte? oder trotzte Alexander auf sein Glück? verachtete er die Gefahr, der er nicht mehr begeg- nen konnte? wagte er nicht, um Griechenland zu retten, die Königs- mörder mit halb soviel Truppen zu verfolgen, als zu den Siegen von Issus und Arbela hingereicht hatten? Nichts von alle dem; einst war freilich Griechenlands Ruhe und die Anerkenntniß der Macedo- nischen Hegemonie die wesentliche Grundlage seiner Macht und sei- ner Siege gewesen; jetzt garantirten ihm seine Siege die Ruhe Griechenlands, und der Besitz Asiens die Anerkenntniß einer Hege- monie, die ihm streitig zu machen mehr thöricht als gefährlich gewe- sen wäre. Unterlag Antipater, so waren die Satrapen in Lydien und Phrygien, in Syrien und Aegypten bereit, nicht Erde und Wasser, wohl aber Genugthuung für Treubruch und Verrath im Namen ihres großen Königs zu fordern; und wahrlich diese Frei- heitsliebe der Misvergnügten, dies zweideutige Heldenthum der Bestechung und Verrätherei hätte kein Marathon gefunden. So durfte der König unbekümmert um die Bewegungen in seinem Rücken seine großen Pläne weiter verfolgen. Durch den Besitz der Kaspischen Pässe, durch die Besatzungen, die am Ein- gange des Medischen Paßweges in Ekbatana zurückgeblieben waren, durch die mobile Kolonne, welche die Linie des Tigris beherrschte, war Alexander, wennschon durch einen Doppelwall von Gebirgen vom Syrischen Tieflande getrennt, doch in so vollkommen sicherer Verbindung mit den fernsten Provinzen seines Reiches, daß er un- bekümmert die große Länder- und Völkergrenze der Hyrkanischen Gebirge zum Ausgangspunkt neuer und kühnerer Unternehmungen machen konnte, denen die Verfolgung der Königsmörder Namen und Richtung geben sollte. Nachdem Alexander seinem Heere einige Rast gegönnt, nach Hellenischer Sitte Festspiele und Wettkämpfe angestellt und den Göttern geopfert hatte, brach er aus der Hyrkanischen Residenz auf. Er hatte für den Augenblick etwa zwanzigtausend Mann zu Fuß und dreitau- send Reuter Plut. Alex. c. 47. um sich, namentlich die Chiliarchien der Hypaspisten, deren tapferer General Nikanor, Parmenions Sohn, nur zu bald einer Krankheit unterliegen sollte, ferner die Phalangen Kraterus, Amyntas, Könus und, wie es scheint, Perdikkas Curt. VI. 8. 17. , endlich die gesammte Macedo- nische Ritterschaft unter Führung des Philotas, dessen Vater Parmenion den höchst wichtigen Posten in Ekbatana befehligte; von leichten Trup- pen hatte Alexander die Schützen und Agrianer bei sich; während des Marsches aber sollten nach und nach die andern Corps wieder zur großen Armee stoßen, und namentlich Klitus die beiden Phalan- gen Meleager und Polysperchon, so wie später Parmenion selbst die leichten Truppen, mit denen er zurückgeblieben war, nachführen Die Erzählung des Curtius von dem Mismuth, dem Heimweh, der durch Alexanders Rede wiedererweckten Kampflust des Heeres ist natürlich übergangen worden, da man aus Plut. l. c. sieht, was an der ganzen Geschichte Wahres und Wichtiges ist. Noch widerwärtiger sind die ewigen Wiederholun- gen des Curtius über Alexanders moralische Verschlechterung, die er . — Das nächste Ziel der weiteren Bewegungen sollte Baktra, die Haupt- stadt der Baktrianischen Satrapie sein; denn dorthin, wußte Alexan- der, hatte sich Bessus mit seinem Anhange zurückgezogen, dorthin sollten sich alle, die es mit der Altpersischen Sache hielten, versam- meln, um sich noch einmal dem Macedonischen Eroberer, wenn er über die Hyrkanischen Gebirge hinaus vorzudringen wage, entgegen- zustellen. So konnte Alexander hoffen, mit schnellem Vorrücken an den Ufern des Oxus die letzte namhafte Heeresmacht, die ihm den Besitz der Persischen Herrschaft stören konnte, zu treffen und zu vernichten, um darnach den weiteren Gang seiner Operatio- nen zu bestimmen. Er folgte zunächst der großen Heerstraße, die von Hyrkanien aus am Nordabhange des Gebirgs entlang nach Baktrien führte; zwar blieben auf diese Weise die Arianischen Sa- trapien des Persischen Hochlandes noch unberührt und außer dem Bereich seiner Macht; indeß war von ihnen aus wohl keine Gefahr zu befürchten; von Medien und Persien durch die Karamanische Wüste, von dem Turanischen Tieflande durch die unwirthbaren Klip- penzüge Korassans und den rauhen Paropamisus getrennt, ostwärts Indischen Völkern benachbart, schienen sie für den Zusammenhang späterer Unternehmungen aufbewahrt werden zu können. Demnach zog Alexander von Hyrkanien aus durch den nördlichen Theil Par- thiens, durch den Landstrich der Satrapie Aria, welcher unmittelbar an die Turanischen Steppen grenzt; unweit der Grenze, in der Stadt Susia Ueber die Lage der Stadt so wie über die Richtung des gan- zen Zuges sind die seit St. Croix verbreiteten Ansichten sehr unrichtig, und allerdings ist es schwierig, hier ein sicheres Resultat zu finden. kam der Satrap des Landes Satibarzanes in das von dieser Zeit her datirt und die der Prüderie der Römischen Kaiser- zeit eben so sehr zusagte, wie sie noch heut zu Tage das beliebteste Schulthema zu Deklamationen gegen den größten Helden Griechenlands abgiebt. Für den Anekdotenliebhaber ist noch anzuzeigen, daß das berühmte Beilager Alexanders mit der Amazonenkönigin Thalestris, der Kaidasa der Morgenländer, von einigen in diese Zeit gesetzt wird. Die schöne Liebesgeschichte von Zariadres und Odatis anlangend ( Cha- res X. bei Athen. XIII. p. 575) verweise ich auf die Sage von Gustasp und Kattyun bei Malcolm Geschichte Persiens, übersetzt von Spazier I. p. 44.; die Geschichte und der Name Zari-adres gehört der Gegend von Sara, Zadra-carta (s. o. p. 265) oder Ζάϱις ( Ctesias apd. Phot. 43. a. 30.) an. Lager, sich und das Land dem Könige zu unterwerfen und zugleich wichtige Mittheilungen über Bessus zu machen Curt. VI. 6. 13. . Satibarzanes blieb im Besitz seiner Satrapie; sechzig Mann von den reitenden Bogenschützen, unter Führung des Anaxippus aus den Edelschaaren, wurden zurückgelassen, um das Land, wenn die folgenden Kolonnen Im Allgemeinen ist klar, daß Alexander, da er nach Baktrien eilte, den nächsten Weg, und, da er zugleich occupiren wollte, nicht schon gemachte Wege nahm; gewiß also ist er nicht über Damaghan rückwärts gegangen, um dann auf der Straße von Korassan über Nischapur zum Ochus, Margus und Oxus zu gelangen. Die Straße, welche Isidor bezeichnet, führt über die Stadt Nisae, ohnweit des Ochus, mit ural- ten Heiligthümern; „Stadt Nessa“ oder Scheher Nessa nennen sie die Morgenländer, sagen, daß sie am Saume der Wüste Kivac, nicht weit von Abiverd und Seraks (s. Bakui in den Not. et Extr. des Msc. du Roi. II. p. 499) und unter 38° 45′ und 93° 20′ (bei uns 75° 50′) liege (s. Chereffeddin II. c. 48. p. 371. c. not. ). Daß nicht Nischapur das Nisäa der Alten sein kann, ist daraus klar, weil diese Stadt, die Alexander zerstört haben soll, früher den Namen Aber Scheher führte und erst unter den Sassaniden wieder erbaut den neuen Namen Nischapur, d. i. „Rohrschapur“ erhielt (s. Herbelot bibl. or. III. p. 71. Malcolm 1. 79.). — Nehmen wir nun an, daß Alexander dem Wege über Nessa oder Nisäa, das nach Strabo XI. 427. in der Regel noch zu Hyrkanien gerechnet wurde, folgte, so muß er sich von hier aus südöstlich gewen- det haben, um durch Parthisches Gebiet (Arrian) und durch die Sa- riphischen Berge nach Susia zu kommen. Dieser Name scheint unfehl- bar auf Thus, die uralte Stadt des Dschemschid, die in neuerer Zeit Mesched genannt worden ist, hinzuführen (s. Herbelot III. p, 499.). Thus liegt nach Ulug Beg 37° O′ und 92° 30′ (bei uns 75°), eben so hat Nasser Etus. (beide in Hudson geogr. min. III. p. 109 und 141); dagegen hat Fraser ( app. p. 136) 59° 35′ bis 44′ (Greenw.), das ist etwa 77° 25′ unserer Karte, und diese Messung scheint richtiger zu sein. — Alexanders Weg nach Baktrien hin war nun derselbe, den Timur unzählige Male gemacht hat, über Seraks, den Murgab gen Ankei (s. Fraser app. p. 44. Meyendorf voy. p. 143 sqq. ). Auf diesem Wege gründete der König die Stadt Alexandria Margiana, später Antiochia ( Plin. VI. 16.), die man nach der Richtung des Marsches, nach der Beschreibung bei Strabo XI. p. 438. Plin., Isidor , und nach der morgenländischen Tradition (s. Herbelot II. p. 609) für dieselben mit Merv al Rud (ἔνυδϱος bei Isidor.) halten muß. des Macedonischen Heeres diese Gegend durchzögen, vor jeder Art von Beeinträchtigung zu bewahren; eine Uebereinkunft, welche, viel- leicht mehr zur Sicherung der Heerstraße gegen Ueberfälle der Arier geschlossen, deutlich genug zeigte, daß Alexander unter der Form einer Oberherrlichkeit, die nicht viel bedeutete, den mächtigen Satra- pen in der Flanke seines Marsches zunächst nur in Unthätigkeit hal- ten wollte, um seinen Zug nach Baktrien sicher vorsetzen zu können. Denn schon hatte Bessus, wie Satibarzanes eröffnete und mehrere der Perser, welche aus Baktrien nach Susia kamen, bestätigten, die Tiara, den Königsmantel, den Titel König von Asien, den Königs- namen Artaxerxes angenommen, hatte viele Schaaren flüchtiger Perser und eine bedeutende Zahl Turanischer Fürsten versammelt, und erwar- tete Hülfsheere aus den nahen Scythischen Landschaften. So rückte denn Alexander auf dem Wege nach Baktra vor; sein Heer, etwa dreiundzwanzigtausend Mann stark, wurde durch einige hundert Mann schwerer Reuterei, die der Reutergeneral Phi- lippus aus Ekbatana nachführte, verstärkt, unter diesen die Thessa- lier, welche von Neuem Dienst genommen hatten Nach Curtius VI. 6. 36. kamen fünfhundert Griechische, drei- tausend Illyrische, einhundertdreißig Thessalische, dreihundert Lydische Reuter, zweitausendsechshundert Mann Lydisches Fußvolk; die Angabe ist der Uebertreibung verdächtig. Arrian sagt: „Alexander zog auf Baktria los, indem er bereits seine ganze Macht bei sich hatte; auf dem Wege stieß Philipp aus Ekbatana zu ihm.“ Offenbar waren die Truppen in verschiedenen Marschcolonnen nach Susia gekommen, und sie mögen die Hauptstraßen durch die Berge von Korassan durchzogen haben. . Der König hoffte an der Spitze seines trefflichen Heeres und mit der ihm ge- wöhnlichen Schnelligkeit den Baktrischen Usurpator binnen Kurzem zu überwältigen. Und schon war er den Grenzen von Baktrien nahe, da liefen höchst beunruhigende Nachrichten aus Aria ein: Satibarzanes habe treuloser Weise die Macedonischen Posten über- fallen und sämmtliche Macedonier nebst ihrem Führer Anaxippus erschla- gen, das Volk seiner Satrapie zu den Waffen gerufen, Artacoana, die Königsstadt der Satrapie, sei der Sammelplatz der Empörer; von dort aus wolle der treubrüchige Satrap, sobald Alexander aus dem Be- reich der Arischen Berge sei, sich mit Bessus vereinigen, und die Macedonier, wo er sie träfe, mit dem neuen König Artaxerxes Bessus gemeinschaftlich angreifen. Alexander konnte sich nicht ver- hehlen, daß solche Bewegungen in der Flanke seiner Marschroute von der größten Gefahr sein konnten; von Arien aus konnte er gänzlich abgeschnitten, von dort aus der Usurpation des Bessus viel- fache Unterstützung zu Theil werden; unter solchen Verhältnissen den Zug gegen Baktrien fortzusetzen, wäre tollkühn gewesen; und selbst auf die Gefahr hin, dem Usurpator Zeit zu größeren Rüstun- gen zu lassen, mußte er den Operationsfehler, die ganze Flanke sei- ner Bewegungen einem verdächtigen Bundesgenossen anvertraut zu haben, schnell und entschieden wieder gut zu machen und das ge- sammte Gebiet in der Flanke selbst erst zu unterwerfen suchen, um in ihr eine sichre Operationsbasis gegen das Tiefland von Turan zu gewinnen. Demgemäß änderte der König seinen Kriegsplan; er gab die Verfolgung des Bessus und die Unterwerfung des Baktrischen Landes für jetzt auf, um sich des Besitzes von Aria und der übri- gen Arianischen Länder zu vergewissern und von dort her die unter- brochenen Unternehmungen gegen den Usurpator mit doppelter Sicher- heit fortsetzen zu können. An der Spitze zweier Phalangen, der Bogenschützen und Agrianer, der Edelschaaren und reitenden Schützen brach der König eiligst gegen den empörten Satrapen auf, während das übrige Heer unter Kraterus an Ort und Stelle lagerte. Nach zwei höchst angestrengten Tagemärschen stand Alexander vor der Königsstadt Artacoana Die Lokalitäten dieser Gegend sind nicht genau zu bestimmen. In keinem Falle ist Artacoana (über die Schreibung des Namens s. van der Chys Comment. p. 77) das heutige Herat; die Schilderung in Curtius, die hier, wie gewöhnlich, richtige Lokalfarbe trägt, bezeichnet deutlich, daß es in einem gen Norden, nicht wie Herat in einem gen Westen streichenden Thale lag; und daß das Hauptland der Arier in einem nordwärts gewandten Flußthale lag, erhellt aus Strabos Aeuße- rung, das Land sei zweitausend Stadien lang und in der Ebene drei- hundert Stadien breit. Nach Ptol. VI. 17. liegt Articaudna um 40′ westlicher und 10′ nördlicher als Alexandria Arion oder Herat; indeß ist der Breitenabstand ohnfehlbar zu gering, da Alexander auf dem Wege gen Baktra nur zwölf Meilen von dieser Burg entfernt stand; daher paßt weder Ghourian noch Fuscheng. , er fand Alles in heftiger Bewegung; Sati- barzanes, durch den unerwarteten Ueberfall bestürzt und von dem zusammengebrachten Kriegsvolk verlassen, war mit wenigen Neutern über die Gebirge zum Bessus entflohen; die Arier hatten voll Furcht vor dem zürnenden König ihre Ortschaften verlassen und sich in die Berge geflüchtet; Alexander warf sich auf sie, dreizehntausend Be- waffnete wurden umzingelt und theils niedergehauen, theils zu Skla- ven gemacht. Dies schnelle und strenge Gericht unterwarf die Arier; dem Perser Arsames wurde die Satrapie anvertraut Arrian. III. 25. . Das Land der Arier ist bis auf den heutigen Tag eins der wichtigsten Gebiete von Iran, es ist das Passageland zwischen Iran und Ariana, und wo der Ariusstrom seinen Lauf plötzlich nordwärts wendet, dort kreuzen sich die großen Heerstraßen aus Hyrkanien und Parthien, aus Margiana und Baktrien, aus dem Oasengebiet von Sejestan und dem Stufenland des Kabulstromes; eine Mace- donische Kolonie, das Arische Alexandrien, wurde an dieser wichtigen Stelle gegründet, und noch heut lebt unter dem Volke von Herat die Erinnerung an Alexander, den Gründer ihrer reichen Stadt Strabo. Plin. Herbelot II. pag. 240. St. Croix p. 822. u. A. Ammian Marcell. XXIII. 6. sagt, daß man von Alexandrien aus in das Caspische Meer schiffe; die Entfernung von eintausendfünfhundert Stadien, die er angiebt, ist zu gering, doch das Faktum wohl nicht zu bezweifeln, da einerseits Strabo angiebt, Hyrkanien werde von dem Ochus bis zu seiner Mündung hin durchflossen und Nisäa liege an dem Fluß, andrerseits Ptolemäus die beiden Mündun- gen Ochus und Oxus genau bezeichnet (s. u.). Arrian. IV. 6. scheint den Margus und Arius zu verwechseln. . Von hier aus hätte das Heer gerade ostwärts auf der großen Straße gen Ortospana zur großen Königsstraße und den Eingangs- pässen von Baktrien marschiren können; indessen lag südwärts von diesem Wege die große Satrapie des Barsaentes, der nament- lich bei dem Königsmorde thätig gewesen war; das Beispiel des Arischen Satrapen war zu schlagend, als daß Alexander nicht auf alle Weise einer Gefahr hätte vorbeugen sollen, die um so größer werden konnte, da Barsaentes fast das ganze Arianische Gebiet, mit Ausschluß der Arier selbst, inne hatte. Deshalb wandte sich Alexan- der, sobald Kraterus mit den übrigen Truppen wieder zu ihm gestoßen war, südwärts, um die einzelnen Distrikte dieses damals reichen und wohlbevölkerten Landes zu unterwerfen. Barsaentes wartete seine Ankunft nicht ab, sondern flüchtete sich über die Ost- grenze seiner Satrapie zu den Indiern, die ihn späterhin ausliefer- ten. Alexander rückte im Thale des Flusses von Furrah in das Land der Zaranger oder Dranger hinein, deren Hauptstadt Pro- phthasia Arrian nennt diesen Namen nicht, doch ist er für die Zaran- gerhauptstadt mit Recht angenommen worden. Die Lage ist die des heutigen Furrah, dessen Entfernung von Herat bei Pottinger ein- hundertzwanzig Meilen und genau entsprechend bei Plinius 119 M. R. oder 952 Stadien (nicht 1500 oder 1600, wie Strabo hat) die Identität des alten Prophthasia erweiset. sich ohne weitres ergab. Südwärts von den Zarangern wohnten in den damals noch nicht versandeten Fruchtebenen des südlichen Sejestans die Ariaspen oder, wie die Griechen sie nannten, Euergeten Ueber die Euer- geten sind die Stellen von den Erklärern zu Curt. VII. 3. gesam- melt; ihr früherer Name war Ari-aspen (Roß-Arier), ihre Wohnsitze waren vom Flusse Etymander (Hindmend) durchströmt ( Arrian. IV. 6.); dieser fließt in einem nicht breiten Klippenthale, durch die Wüste hinab, und erst, wo er dem Ariussee naht, treten die steilen Klippen zurück und öffnen ein fruchtbares und schönes Gelände, in dem sich noch heute Ruinen von mehreren sehr großen Städten, von Kanalbauten und Was- serleitungen befinden; hier dürften die Sitze der Ariaspen zu finden sein. Es ist merkwürdig, daß der Fluß von Drangiana nach Ptolemäus Angabe sich in den Indischen Ocean ergießt, merkwürdig darum, weil sich noch jetzt von der Gegend von Dergasp (Roßthor) aus, wo der Ueberhand nehmende Flugsand den großen Hindmend heute gen Westen zu strö- men zwingt, die Spuren eines mächtigen Flußbettes durch die Wüste hinab bis an das Indische Meer verfolgen lassen. Jene Gegend hat mit der alten Kultur ihre ehemalige Physiognomie bis zur Unkenntlichkeit verloren; wenn Arrian sagt, daß der Etymander nicht kleiner sei als der Peneus in Thessalien, so kann das nicht genau auf den Hindmend passen, der selbst in seiner heutigen Größe der Elbe nichts nachgiebt. Es ist möglich, daß der Etymander der Furrahrud oder Kaschrud war, und sich erst bei dem Versanden jener einst schönen Gegenden mit dem großen Flusse von Arachosien (Arachotus; die Zendavesta unterscheidet die Landschaft Heetomeante und Arrochaodschi 1. 2. 350.) vereinigte. , ein friedliches, ackerbautreibendes Volk, das, seit ural- ten Zeiten in diesem „Frühlingslande“ heimisch, jenes stille, fleißige und geordnete Leben führte, welches in der Lehre des großen Zerdutsch mit so hohem Preise geschildert wird. Alexander ehrte ihre Gast- freundlichkeit auf vielfache Weise; es war ihm offenbar von dem wesentlichsten Interesse, dies wohlhabende und oasenartige Ländchen in Mitten der hohen Arianischen Steppen sich möglichst geneigt zu wissen; ein längerer Aufenthalt unter diesen Stämmen, eine kleine Erweiterung ihres Gebietes, die sie längst gewünscht hatten, die Aufrechterhaltung ihrer alten Gesetze und Verfassung, die denen der gebildetsten Griechischen Städte in keiner Weise nachzustehen schienen, endlich ein Verhältniß zum Reiche, das jedenfalls unabhängiger war als das der andern Satrapien, das etwa waren die Mittel, mit denen Alexander das merkwürdige Volk der Ariaspen, ohne Kolonien unter ihnen zurückzulassen oder Gewaltsmaaßregeln zu brauchen, für die neue Ordnung der Dinge gewann Nach Curtius erhielten sie den Geheimschreiber des Darius, nach Diodor mit den Gedrosiern gemeinschaftlich den Tiridates zum Satrapen, nach Arrian blieben sie frei; zu entscheiden ist unmöglich; indeß erscheinen späterhin gewöhnlich die Satrapien Arachosien und Gedrosien einerseits, Aria und Drangiana andrerseits vereinigt; und nach Curt. IX. 10. 20. zu schließen erhielt der Satrap von Ara- chosien die im Text genannten Gedrosier mit unter seinen Befehl. Die Dranger (Drangianer) und Zaranger sind zuverlässig dasselbe Volk; die Angaben Strabos über die Sitze aller dieser Volksstämme sind so ge- nau, daß man über die Lage derselben nicht zweifeln kann. . — Nicht minder friedlich zeigten sich ihm die Stämme der Gedrosier, deren Gaue er bei weiterem Marsch berührte Alexander scheint hier eine Stadt seines Namens gegründet zu ha- ben, wenigstens giebt Isidor in dieser Gegend (zu seiner Zeit Sacasene, bei Ptol. Tatacene), eine Alexanderstadt an; ich weiß sie nicht genauer zu lokalisiren, da ich Scanderi bei Waihend, wohin sie D’Anville ver- legt hat, auf neueren Karten vergebens suche. . Ihre nördlichen Nach- barn, die Arachosier, unterwarfen sich; ihre Wohnsitze erstreckten sich bis in die Paßgegend, welche in das Gebiet der zum Indus strö- menden Flüsse hinüberführt; drum gab Alexander diese wichtige Satrapie dem Macedonier Menon, stellte viertausend Mann Fuß- volk und sechshundert Reuter unter seinen Befehl Curt. VII. 3. 5. , und befahl jenes Arachosische Alexandrien zu gründen, das an dem Eingange der Pässe Es sind die Pässe von Kelat und Urghundab (s. Sultan Baber Mem. p. 171. 224. und sonst, Chereff. II. c. 47. p. 366). belegen und bis auf den heutigen Tag eine der blühend- sten Städte jener Gegend, in dem neueren Namen das Andenken ihres Gründers bewahrt hat Das im Text bezeichnete Kandahar wird nach den Traditionen des Morgen- landes ( Ferishta, Abul Gasi etc. ef. Elphinstone Cabul von Rühs II. p. 152) für eine Stadt Alexanders gehalten, und Wilson’s Gegenbeweise ( Asiat. Researches XV. p. 106) scheinen die Sache noch nicht zu er- schüttern. Mit Unrecht suchte man Alexandria sub ipso Caucaso an dieser Stelle; Stephan von Byzanz, wennschon etwas verwirrt, läßt keinen Zweifel, daß ein Arachosisches Alexandrien da war; die Entfernun- gen, die die Alten angeben (250 M. R. von Ortospana, d. i. Kabul, nach Plinius; 2000 Stadien nach Strabo) passen auf die bezeichnete Lage. . Aus dem Arachosischen Lande rückte das Macedonische Heer unter vielen Beschwerden, denn schon war der Winter gekommen und bedeckte die Berggegenden mit tiefem Schnee, in das Land der Paropamisaden, des ersten Indischen Volksstammes, den es auf seinem Zuge fand Vgl. Ritter Alexander des Großen Feldzug am Indischen Kaukasus p. 150. Wie schneereich die Winter in jenen Gegenden, beweist die anziehende Schilderung bei Baber p. 209. cf. Strabo XV. p. 312. Alexander ging über den Paropamisus um den Untergang der Pleja- den ( Strabo XV. p. 312.), also gegen Ende November; sein Weg war wohl nicht der über Kelat, sondern über Urghundab und Gori. ; nordwärts von diesem erhebt sich der Indische Kaukasus, über den der Weg in das Land des Bessus führte; aber die strenge, schneereiche Winterkälte zwang den König zu rasten, bis die Straßen wieder auf waren. So etwa die Märsche, mit welchen Alexander in den letzten Monaten des Jahres 330 sein Heer von dem Nordsaume Korassans bis an den Fuß des Indischen Kaukasus führte. Voll Mühseligkeit und arm an kriegerischem Ruhm sollte diese Zeit durch ein Ver- brechen eine traurige Berühmtheit erlangen; es galt nichts Geringeres, als den König mitten in seinen Siegen zu ermorden, man rechnete auf die Stimmung des Heeres, und allerdings hatten sich mannig- fache Verhältnisse ergeben, in denen Erwartungen getäuscht und Besorgnisse wahr geworden sein mochten. Es hatte Alexander, in dem sich zunächst und allein die Einheit des des ungeheuren Reiches und die Vereinigung des abend- und morgen- ländischen Lebens ausprägte, durch die Gewalt der Umstände und im Sinne seines großen Planes das morgenländische Wesen in der ausgedehntesten Weise anzuerkennen und an sich heranzuziehen; und wenn sich das Hellenistische Reich Alexanders in der Form zunächst wenig von der Achämenidenherrschaft unterscheiden mochte, so lag ein wesentlicher und in seinen Folgen unberechenbarer Unterschied in der neuen Kraft, welche über Asien zu herrschen begann; dem unendlich beweglichen und durchbildeten Geiste des Griechenthums durfte die Vollendung dessen, was die Siege der Maçedonischen Waffen begonnen hatten, überlassen werden. Von jener Anerkenntniß bestehender Verhältnisse und Vorurtheile hing für den Anfang die Existenz des neuen Reiches ab; die Persischen Satrapen, an die sich die Völker im Lauf der Jahrhunderte gewöhnt hatten, sofort mit Macedonischen Generalen, die althergebrachten Formen der Verfas- sung gar mit neuen Institutionen im Sinne der Europäischen Mo- narchie vertauschen zu wollen, wäre Wahnsinn gewesen; die Persi- schen Großen, die morgenländischen Sitten, der Glaube an die gött- liche Majestät des Königthums, endlich ein freies Nebeneinander des Griechischen und morgenländischen Wesens, das waren die natür- lichen Mittel, den neuen Thron fest zu gründen und der begonnenen Ineinsbildung eine Zukunft zu sichern. Alexander selbst war das große Vorbild dieser Ineinsbildung; er liebte es, sie in seinem äußeren Leben und in seiner Umgebung hervortreten zu lassen; seit dem Tode des Königs Darius begann er, Asiaten, die zu ihm kamen, im Persischen Kleide zu empfangen und die nüchterne Mäßigkeit des Macedonischen Feldlagers mit dem blen- denden Pomp des morgenländischen Hoflebens abwechseln zu lassen; so gewann er die Asiaten, ohne sich die Macedonier zu entfremden, die ihren König nach wie vor im Kampf voran, unermüdlich bei Strapazen, voll Sorge und Umsicht für die Truppen, jedem Einzel- nen gnädig und zuzänglich sahen Plut. Alex. 45. . Anders die Macedonischen Großen; nicht alle begriffen wie Hephästion die Absichten und die Politik ihres Königs, oder hatten, wie Kraterus, Hingebung und Selbstverläugnung genug, dieselbe 19 ihrerseits zu unterstützen; die Mehrzahl verkannte und misbilligte was der König that und unterließ. Während Alexander Alles ver- suchte, um die Besiegten zn gewinnen und sie in den Macedoniern ihre Sieger vergessen zu lassen, hätten viele der Macedonischen Großen in ihrem Hochmuth und ihrer Selbstsucht lieber ein Verhältniß gänzlicher Unterwürfigkeit zur Grundlage aller weiteren Einrichtun- gen gemacht, und zu der despotischen Machtvollkommenheit der frü- heren Satrapen noch das grausame Gewaltrecht von Eroberern in Anspruch genommen; während Alexander den Kniefall der Persischen Großen und die abgöttische Verehrung, die ihm die Morgenländer schuldig zu sein glaubten, mit derselben Huld empfing wie die Ehren- gesandtschaften der Griechen und den soldatischen Zuruf seiner Pha- langen, hätten sie sich gern als die Gleichen ihres Königs, alles Andere tief unter sich im Staube der Unterwürfigkeit gesehen; und während sie sich selbst, so viel es das Kriegslager und die Nähe ihres laut misbilligenden Königs gestattete, der ganzen wilden Ueppigkeit und Zügellosigkeit des Asiatischen Lebens ohne anderen Zweck als den des verwildertsten Genusses hingaben, ver- argten sie ihrem Könige das Medische Kleid und den Persi- schen Hofstaat, in dem ihn die Millionen Asiens als ihren Gott König erkannten und anbeteten. So waren viele der Macedoni- schen Großen im bösesten Sinne des Wortes zu Asiaten geworden, und der Asiatische Hang zu Despotie, Kabale und Ausschweifung vereinigte sich mit jenem Macedonischen Uebermaaß von Heftigkeit und Selbstgefühl, das sie noch immer nach Ruhm begierig, im Kampf tapfer, zu jedem Wagniß bereit machte. Sobald Alexander morgenländisches Wesen in seine Hofhal- tung aufzunehmen begann, Persische Große um sich versammelte, sie mit gleicher Huld und Freigebigkeit wie die Macedonier an sich zog, mit gleichem Vertrauen auszeichnete, mit wichtigen Aufträgen ehrte, mit Satrapien belehnte, da war es natürlich, daß die Mace- donischen Großen, in ihrem Stolz und ihrer Selbstsucht gekränkt, auf dies Asiatische Wesen, das der König begünstigte, ihren Abscheu wandten und dem gegenüber in sich die Vertreter des alt und ächt Macedonischen erkannten. Viele, besonders die älteren Ge- nerale aus Philipps Zeit, verhehlten ihre Misgunst gegen die Per- ser, ihr Mistrauen gegen Alexander nicht; sie nannten sich zurück- gesetzt und von dem, der ihnen Alles danke, undankbar behandelt; Jahre lang hätten sie kämpfen müssen, um jetzt die Frucht ihrer Siege in die Hände der Besiegten übergehen zu sehen; der König, der jetzt die Persischen Großen als ihres Gleichen behandele, werde sie selbst bald wie diese einstigen Sklaven des Perserkönigs behandeln; Alexander vergesse den Macedonier, man müsse auf seiner Hut sein. Der König kannte diese Stimmung vieler Generale, seine Mutter selbst hatte ihn wiederholentlich gewarnt, ihn beschworen, vorsichtig gegen die Großen zu sein, ihm Vorwürfe gemacht, daß er zu ver- traut und zu gnädig gegen diesen stolzen Adel Macedoniens sei, daß er mit überreicher Freigebigkeit aus Unterthanen Könige mache, ihnen Freunde und Anhang zu gewinnen Gelegenheit gebe, sich selbst sei- ner Freunde beraube Plut. Alex. 39. . Alexander konnte sich nicht verhehlen, daß selbst unter seiner nächsten Umgebung Viele seine Schritte mit Mistrauen oder Misbilligung betrachteten; in Parmenion war er gewohnt einen steten Warner zu haben; von dessen Sohn Philotas wußte er, daß er seine Einrichtungen unverhohlen gemisbilligt, ja über seine Persönlichkeit sich auf die schonungsloseste Weise geäußert habe; er hielt es dem heftigen und finsteren Sinne des sonst tapfe- ren und im Dienst unermüdlichen Generales zu Gute; tiefer kränkte es ihn, daß selbst der edle Kraterus, den er vor Allen hoch achtete, nicht immer mit dem, was geschah, einverstanden war, und daß sogar Klitus, dem Alexander so Großes verdankte, sich mehr und mehr von ihm entfremdete. Immer deutlicher trat unter den Macedonischen Generalen bei Hofe und im Kriegsrath eine Spal- tung hervor, die, wenn auch für jetzt ohne bedeutende Folgen, doch schon nicht selten momentane Störungen veranlaßte; diejenigen, welche nicht im Sinne des Königs stimmten, wollten die Kriege beendet, das Heer aufgelöst, die Beute vertheilt sehen, sie wußten selbst in dem Heere das Verlangen nach der Heimath aufzuregen. So steigerte sich von Tage zu Tage die Misstimmung; schon wurde mit Geschenken, mit Nachsicht und Vertrauen der König ihrer nicht mehr Herr. Es konnte und durfte nicht lange in dieser Weise fortgehen; und wenn sich Alexander von Kraterus, Klitus, Philo- tas, Parmenion und den anderen Edlen auch keiner That gewärtig 19 * sein mochte, so mußte er des Beispiels und der allgemeinen Stim- mung im Heere wegen eine Krisis herbeiwünschen, die ihm die Fac- tion offen gegenüberstellen und sie niederzutreten Gelegenheit geben konnte. Alexander rastete im Herbste des Jahres 330 mit seinem Heere in der Hauptstadt des Drangianerlandes; Kraterus war von dem Baktrischen Wege her wieder zu ihm gestoßen; auch Könus, Per- dikkas und Amyntas mit ihren Phalangen, auch die Macedonische Ritterschaft des Philotas und die Chiliarchien der Hypaspisten wa- ren um ihn; ihr Führer Nikanor, Philotas Bruder, war vor Kur- zem gestorben, dem Könige ein schmerzlicher Verlust; durch den Bruder hatte er ihn feierlich bestatten lassen. Ihr Vater Parme- nion stand mit den meisten der übrigen Truppen im fernen Medien, die Straße nach der Heimath und die reichen Schätze des Perser- reiches zu hüten; im nächsten Frühling sollte er wieder zu der großen Armee stoßen. In dem Gefolge des Königs befand sich der Macedonier Dimnus aus Chaläsira; nicht eben vom höchsten Range, war er doch von Alexander stets mit Auszeichnung behandelt worden, — und Niemand mochte ahnen, daß gerade er auf eignen oder fremden Antrieb des Königs Leben gefährde. Er vertraute seinem Liebling Nikomachus, einem Jüngling aus der Edelschaar des Königs: daß er von Alexander an seiner Ehre gekränkt und entschlossen sei, sich zu rächen; vornehme Personen seien mit ihm einverstanden, allge- mein werde eine Aenderung der Dinge gewünscht; Alexander, Allen verhaßt und im Wege, müsse aus dem Wege geräumt werden; in dreien Tagen werde er todt sein. Der Jüngling, für Alexanders Leben besorgt, aber zu scheu, so Großes vor der Majestät sei- nes Königs zu enthüllen, theilt den verruchten Plan seinem älteren Bruder Cebalinus mit, und beschwört ihn, mit der Anzeige zu eilen. Der Bruder eilt zum Schlosse; um alles Aufsehen zu meiden, war- tet er im Eingang, bis einer der Generale herauskömmt, dem er die Gefahr entdecken kann. Philotas ist der erste, den er findet; ihm sagt er, was er erfahren, er macht ihn verantwortlich für die schleunige Meldung und für das Leben des Königs. Philotas kehrt zum Könige zurück, er spricht mit ihm von gleichgültigen Dingen, nicht von der nahen Gefahr; auf die Fragen Cebalins, der ihn am Abend aussucht, antwortet er, es habe sich nicht machen wollen, am nächsten Tage werde noch Zeit genug sein. Doch auch am zweiten Tage schweigt Philotas, obschon mehrfach mit dem Könige allein. Cebalin schöpft Verdacht; er wendet sich an Metron, den Schildknappen des Königs, er theilt ihm die nahe Gefahr mit, er beschwört ihn um eine geheime Unterredung mit dem Könige. Metron läßt ihn in das Waffenzimmer Alexanders, sagt diesem während des Bades von dem, was Cebalin ihm entdeckt, läßt dann ihn selbst hervortreten. Cebalin vervollständigt den Bericht, sagt, daß er nicht Schuld an der Verzögerung dieser Anzeige sei, und daß er diese, bei dem auffallenden Benehmen des Philotas und der Gefahr weiterer Verzögerung, unmittelbar an den König machen zu müssen geglaubt habe. Alexander hört ihn nicht ohne tiefe Erschüt- terung an; er befiehlt sofort den Dimnus festzunehmen. Der sieht die Verschwörung verrathen, seinen Plan vereitelt, und entleibt sich Nach Plutarch wurde Dimnus, da er sich der Gefangennahme auf das Wüthendste widersetzte, von dem dazu Commandirten erstochen; entweder unglaublich, oder ein doppeltes Zeugniß von der Größe der Gefahr, daß der Abgeschickte selbst im Interesse des Philotas den Mann, dessen Zeugniß Alles offenbaren konnte, umzubringen eilte. . Dann wird Philotas zum Könige beschieden; er versichert, die Sache für eine Prahlerei des Dimnus und nicht der Rede werth gehalten zu haben, er gesteht, daß Dimnus Selbstmord ihn überrasche, der König kenne seine Gesinnung. Alexander entläßt ihn ohne Zweifel an seiner Treue, er ladet ihn ein, auch heute nicht bei Tafel zu feh- len; er beruft einen geheimen Kriegsrath, und theilt das Geschehene mit; die Besorgniß der treuen Freunde vermehrt des Königs Ver- dacht eines weiteren Zusammenhanges und seine Unruhe über Philotas räthselhaftes Benehmen; er befiehlt das strengste Stillschweigen über diese Verhandlung; er bescheidet Hephästion und Kraterus, Könus und Erigyius, Perdikkas und Leonnatus zu Mitternacht zu sich, die wei- teren Befehle zu empfangen. Zur Tafel versammeln sich die Ge- treuen bei dem Könige, auch Philotas fehlt nicht; man trennt sich spät am Abend. Um Mitternacht kommen die Generale, von wenigen Bewaffneten begleitet, der König läßt die Wachen im Schloß ver- stärken, läßt die Thore der Stadt, namentlich die nach Ekbatana führen, besetzen, sendet einzelne Commandos ab, diejenigen, die als Theilnehmer der Verschwörung bezeichnet sind, in der Stille festzu- nehmen, schickt endlich den alten Atarras mit 300 Mann zu Phi- lotas Quartier, mit dem Befehl, erst das Haus mit einer Postenreihe zu umschließen, dann einzudringen, den General festzunehmen und ins Schloß zu bringen. So vergeht die Nacht. Am anderen Morgen wird das Heer zur Versammlung beru- fen Nach Curtius Angabe waren sechstausend Macedonier zur Stelle, um sie her drängten sich Troßbuben, Knechte ꝛc. 3 man darf wohl aus dieser Angabe nicht folgern, daß etwa nur die Adelcorps (die Ritterschaft und die Hypaspisten) berufen und zum Gerichte über Adlige, wie die Verschworenen waren, berechtigt gewesen seien. . Niemand ahndet noch, was geschehen; dann tritt der König selbst in den Kreis: das Heer sei nach Macedonischer Sitte zum Gericht berufen, ein hochverrätherischer Plan gegen sein Leben sei an den Tag gekommen. Nikomachus, Cebalinus, Metron legen Zeugniß ab, der Leichnam des Dimnus ist die Bestätigung ihrer Aussage. Dann bezeichnet der König die Häupter der Verschwö- rung: an Philotas sei die erste Anzeige gebracht, daß am dritten Tage der Mord geschehen sollte, und obschon er täglich zweimal in das königliche Schloß komme, habe er den ersten, den zweiten Tag kein Wort geäußert; dann zeigt er Briefe des Parmenion, in denen der Vater seinen Söhnen Philotos und Nikanor rieth: sorgt erst für euch, dann für die Euren, so werden wir erreichen, was wir bezwecken; er fügt hinzu, daß diese Gesinnungen durch eine Reihe von Thatsachen und Aeußerungen bestätigt und Zeugniß für das schnödeste Verbrechen würden; schon bei König Philipps Ermordung habe Philotas sich für den Prätendenten Amyntas entschieden, seine Schwester sei Gemahlin des Attalus gewesen, der ihn selbst und seine Mutter Olympias lange Jahre verfolgt, ihn von der Thron- folge zu verdrängen gesucht, sich endlich, mit Parmenion nach Asien voraus gesandt, empört habe; trotz dem sei diese Familie von ihm mit jeder Art von Auszeichnung und Vertrauen geehrt worden; schon in Aegypten habe er von den frechen und drohenden Aeußerungen, die Philotas gegen die Hetäre Antigone oft wiederholt, sehr wohl gewußt, aber sie seinem heftigen Charakter zu gut gehalten, dadurch sei Philotas nur noch herrischer und hochfahrender geworden; seine zwei- deutige Freigebigkeit, seine zügellose Verschwendung, sein wahnsinni- ger Hochmuth hätten selbst den Vater besorgt gemacht und denselben zu der häufigen Warnung, sich nicht zu früh zu verrathen, veranlaßt; längst hätten sie nicht mehr dem Könige treulich gedient und die Schlacht von Gaugamela sei fast durch Parmenion verloren worden; seit Darius Tode aber seien ihre verrätherischen Pläne gereift, und während er fortgefahren, ihnen Alles anzuvertrauen, hätten sie den Tag seiner Ermordung bestimmt, die Mörder gedungen, den Umsturz alles Bestehenden vorbereitet. Mit der tiefsten Be- stürzung hatten die Macedonier dem Könige zugehört, und schon ergriff Könus einen Stein, um ihn auf Philotas zu schleudern und das Gericht nach Macedonischer Sitte zu beginnen; der König hielt ihn zurück: erst müsse Philotas sich vertheidigen; er selbst verließ die Versammlung, um nicht durch seine Gegenwart das Recht der Vertheidigung zu beeinträchtigen. Philotas läugnete die schweren Beschuldigungen des Königs, er verwies auf seine, seines Vaters, sei- ner Brüder treue Dienste, er gestand, die Anzeige des Cebalinus ver- schwiegen zu haben, um nicht als nutzloser und lästiger Warner zu er- scheinen, wie sein Vater Parmenion in Tarsus, als er vor der Arzenei des Akarnanischen Arztes gewarnt habe; aber Haß und Furcht foltere stets den Despoten, und das sei es ja, was sie Alle beklagten. Unter der heftigsten Aufregung entschieden die Macedonier, daß Phi- lotas und die übrigen Verschworenen des Todes schuldig seien; der König hob das Gericht bis zum folgenden Tage auf. Noch fehlte das Geständniß des Philotas, das zugleich über die Schuld seines Vaters und der Mitverschworenen Licht verbreiten mußte; der König berief einen geheimen Rath; die meisten ver- langten das Todesurtheil sofort zu vollstrecken; Hephästion, Kraterus und Könus, des Verurtheilten Schwager, riethen, erst das Geständ- niß zu erzwingen; dafür entschied sich endlich die Stimmenmehrheit; die drei Generale erhielten den Auftrag, bei der Folter gegenwärtig zu sein; unter den Martern bekannte Philotas, daß er und sein Vater von Alexanders Ermordung gesprochen, daß sie dieselben bei Darius Lebzeiten nicht gewagt hätten, da sie dann nicht ihnen, son- dern dem Perser genützt hätte, daß er, Philotas, mit der Vollstrek- kung geeilt habe, ehe sein Vater durch den Tod, dem sein greises Leben nahe sei, dem gemeinschaftlichen Plane entrissen würde, daß er diese Verschwörung ohne Vorwissen des Vaters angestistet. Mit diesen Zeugnissen trat der König am nächsten Morgen in die Ver- sammlung des Heeres; Philotas wurde vorgeführt und von den Lanzen der Macedonier durchbohrt. — Auch Parmenion war des Todes schuldig erkannt worden Diod. , es erschien nothwendig, das Urtheil so schnell wie möglich zu voll- strecken; denn er stand an der Spitze einer bedeutenden Truppen- masse, die er bei seinem außerordentlichen Ansehn im Heere und mit den Schätzen, die ihm zur Bewachung anvertraut waren und die sich auf viele Tausend Talente beliefen, leicht zu dem Aeußersten bringen konnte; selbst wenn er an der Verrätherei seines Sohnes keinen unmittel- baren Antheil hatte, so war jetzt nach dessen Hinrichtung alles Mög- liche zu besorgen; er stand in Ekbatana, 30 bis 40 Tagereisen ent- fernt, was konnte, wenn er sich empörte, in dieser Zeit geschehen? Alexander durfte bei solchen Umständen nicht sein Begnadigungs- recht üben, er durfte nicht wagen, den Feldherrn offenbar und in Mitten der so leicht irre zu führenden Truppen verhaften zu lassen; deshalb wurde Polydamas, aus der Schaar der Getreuen, nach Ekbatana an Sitalces, Menidas und Kleander gesandt, mit dem schriftlichen Befehl des Königs, Parmenion in der Stille aus dem Wege zu räumen. Auf schnellen Dromedaren, von zwei Arabern begleitet, kam Polydamas mit der zwölften Nacht in Ekbatana an; der Thracische Fürst und die beiden Griechischen Hauptleute entledig- ten sich schnell ihres Auftrages Die Darstellung dieser Verschwörung ist zum größten Theil nach Curtius VI. 7. sqq. , dessen Meisterstück dieser Theil seines Werkes ist; nach Anleitung des Diodor, Plutarch und Arrian, die mit ihm im Wesentlichen übereinstimmen, und aus den im Zusam- menhange der Geschichte sich ergebenden Personalien lassen sich seine Fehler berichtigen. Die in anderen Schriftstellern zerstreuten Anden- tungen ( Strabo, Justin, Themistius etc. ) geben keine neuen Data; doch bestätigt Strabo’s große Autorität die Anwendung der Tortur gegen Philotas, die Curtius mit so vielem Geschick dargestellt hat, daß man sie leicht für eine Erfindung halten könnte. Uebrigens muß man be- dauern, daß St. Croix in seinem Eifer gegen Alexander sich zu einer so unredlichen Benutzung der Quellen hat verleiten lassen, daß die offenbar mit Beobachtung aller Formen vorgenommene Untersuchung . In Prophthasia gingen indeß die Untersuchungen fort, mehrere Hinrichtungen folgten der des Philotas; ihm waren die Söhne des Stymphäers Andromenes sehr befreundet gewesen; es kam dazu, daß Polemon, der jüngste von den Brüdern, der in den Geschwa- dern der Ritterschaft stand, sich, sobald er von der Gefangennehmung seines Generals Philotas gehört, in blinder Angst auf die Flucht begeben hatte; seine und seiner Brüder Theilnahme an der Ver- schwörung schien so gut wie erwiesen; Amyntas, Simmias, Attalus, alle drei Generale der Phalanx, wurden vorgeführt, und namentlich gegen Amyntas mehrfache Beschuldigungen geltend gemacht. Dieser vertheidigte sich und seine Brüder dergestalt, daß die Macedonier ihn aller Schuld freisprachen; dann bat er um die Vergünstigung, seinen entflohenen Bruder zurückbringen zu dürfen; der König ge- stattete es; er reiste noch desselben Tages ab, und brachte Polemon zurück; das und der rühmliche Tod, den er bald darauf in einem Gefecht fand, benahmen dem Könige den letzten Verdacht gegen die edlen Brüdern, die fortan von ihm auf mannigfache Weise ausge- zeichnet wurden. Bemerkenswerth ist, daß bei Gelegenheit dieser Untersuchungen die Sache des Lynkestiers Alexanders, der vier Jahre früher in Kleinasien einen Anschlag auf des Königs Leben gemacht hatte, da- mals aber auf ausdrücklichen Befehl Alexanders nur festgenommen war, jetzt zur Sprache gebracht wurde; mag es wahr sein, daß das Heer seine Hinrichtung forderte, jedenfalls mußte es dem Könige genehm sein, einen Mann, den er mit Rücksicht auf seine Ver- schwägerung mit dem Reichsverweser in Macedonien bisher der ge- rechten Strafe vorenthalten, von der öffentlichen Stimme gezwungen, seinen Richtern hinzugeben. Indeß ist es nicht unwahrscheinlich, daß neue Anlässe hinzukamen, gerade jetzt ihn vor Gericht zu stel- len; leider berichten unsere Quellen nichts Genaueres. Aber, wenn der Zweck der Verschwörung, wie Philotas eingestand, Alexanders Ermordung war, so mußte natürlich die erste und im Voraus wie ein Werk des verruchtesten Despotismus, ja die Verschwörung selbst wie eine polizeiliche Fiction im Geschmack der neusten Zeit er- scheint, die Alexander zur Unterdrückung einer ihm lästigen Opposition zu ersinnen sich erniedrigt hätte. bedachte Frage sein, wer nach ihm das Diadem erhalten sollte; bei der bekannten Anhänglichkeit der Macedonier für legitime Fürsten konnte es Niemanden einfallen, etwa Parmenion oder seinen Sohn oder einen Anderen der Generale auf den Thron zu setzen; dagegen mußte der Lynkestier Alexander um so erwünschter sein, als durch ihn, worauf gewiß besonders Rücksicht zu nehmen war, Antipater, sein Schwiegervater, für die neue Ordnung der Dinge gewonnen werden konnte; und es ist in der That merkwürdig, daß Antipater, sobald er von den Vorgängen in Prophthasia und Ekbatana unter- richtet war, Schritte that, die ohne solchen Zusammenhang unbe- greiflich wären, daß er sich namentlich ins Geheim mit den Aeto- liern verband, die Alexander wegen Zerstörung der ihm ergebenen Stadt Oeniadä auf das Strengste zu bestrafen befohlen hatte; eine Vorsicht, die für den Augenblick ohne weiteren Erfolg war, aber dem Könige nicht unbekannt blieb, und der erste Beginn eines Mis- trauens wurde, das in der Folgezeit sich vielfach bethätigen sollte Plut. Alex. 49. . Auf diese Weise war das Attentat gegen des Königs Leben mit der strengsten Gerechtigkeit bestraft worden; das Herr hatte in seiner richterlichen Entscheidung gezeigt, daß es, weit entfernt, Mis- trauen oder Abneigung gegen Alexander zu hegen, vielmehr diejeni- gen verabscheute, die, unter dem Vorwande, die Macedonische Sitte aufrecht erhalten zu wollen, nur ihren Ehrgeiz und ihre Habsucht zu befriedigen gedachten; und wenn selbst die Macedonier Alexanders Medische Tracht früher ungern gesehen hatten, so war er ihnen durch die große Gefahr, der er entronnen, durch dies ächt Macedonische Ge- richt, in dem er nach alterthümlicher Weise als Kläger erschien, durch die Anhänglichkeit selbst, die sie ihm bezeugt hatten, von Neuem zu werth geworden, als daß sie an so kleinen Aeußerlich- keiten hätten haften sollen. Ueberhaupt ist stets die Menge geneig- ter zu bewundern, und durch Selbstsucht weniger mistrauisch als die Vornehmeren; diese waren durch das strenge Strafexempel genugsam geschreckt, um nicht wieder durch ihre engherzigen und eifersüchtigen Besorgnisse die Pläne des Königs zu stören oder in dem Wahne, die Gleichen des Königs zu sein, übertriebene Ansprüche zu machen; das zu große Ansehn, das Parmenion durch seinen alten Ruhm, Philotas durch seine Stellung als Anführer der gesammten adeligen Ritter- schaft neben Alexander behauptet hatten, mußte, wenn sich das monarchische Princip bedeutender entwickeln sollte, fortan vermieden, überhaupt die Person des Königs höher und gleichsam monarchischer gestellt werden. In dieser Ansicht war es, daß weder die Stelle Parmenions, mit dem Alexander in der Regel den Oberbefehl der Armee theilte, noch die seines Sohnes Nikanor als Führer der Hypaspisten wieder besetzt, und daß der Oberbefehl über die acht Geschwader der Ritterschaft zwischen des Königs Liebling Hephästion und dem schwarzen Klitus, dem bisherigen Anführer des ersten Ge- schwaders, getheilt wurde. Ueberhaupt benutzte der König, wie es scheint, die Verhältnisse mit der größten Gewandtheit, um das, was er früher vielleicht noch nicht hätte versuchen dürfen, einzuführen und namentlich der Asiatischen Sitte an seinem Hofe mehr und mehr Raum zu gestatten Nur die oben bezeichnete Veränderung in der Einrichtung des Heeres ist nach den authentischen Berichten des Ptolemäus und Ari- stobul (bei Arrian. III. 27.) für gewiß anzunehmen; außerdem wird erzählt, Alexander habe seine Leute aufgefordert, an die Ihrigen, da gerade Boten nach der Heimath gingen, zu schreiben, habe dann die Briefe erbrochen und auf diese Weise die Unzufriedenen in seiner Armee kennen gelernt, diese in ein eigenes abgesondertes Corps vereint; so berichten Curt. VII. 2. 36. Diodor. XVII. 80., in denen die gemein- schaftliche Quelle nicht zu verkennen ist; auch Justin VII. 5. und Polyaen IV. 3. 19. erzählen dieß. Das Schweigen Arrians ist gewiß nicht ohne Gewicht; und wennschon glaublich ist, daß diese Erzählung Klitarchs nicht ohne allen geschichtlichen Grund ist, so hatte sie gewiß nicht die Ausdehnung, die ihr gegeben worden ist. . — Während dieser Vorfälle hatte Bessus, der den Königsnamen Artaxerxes angenommen, in den Turanischen Ländern mannigfache Rüstungen gemacht, um sich dem weiteren Vordringen der Macedonier zu widersetzen Arrian. III. 28. . Außer den Truppen, die noch seit der Ermordung des Königs um ihn waren, hatte er aus Baktrien und Sogdiana etwa siebentausend Reuter um sich versammelt, auch einige Tau- send Daer waren zu ihm gestoßen; mehrere Fürsten des Turanischen Landes, Dataphernes und Oxyartes aus Baktrien, Spitamenes aus Sogdiana, Catanes aus Parätacene, befanden sich bei ihm, auch Satibarzanes hatte sich, nachdem seine Empörung im Rücken Alexan- ders misglückt war, nach Baktrien geflüchtet; ein Unfall, der für Bessus den großen Vortheil mit sich zu führen schien, daß Alexander, einmal von dem großen Wege nach Baktrien abgelenkt, wahrschein- lich die schwer zugänglichen Pässe, die über den Kaukasus nach Tu- ran führen, meiden, und den Feldzug gegen Baktrien entweder ganz aufgeben oder wenigstens Zeit zu neuen und größeren Rüstungen lassen, vielleicht auch einen Einfall nach dem nahen Indien machen werde, die schönste Gelegenheit, die neuunterworfenen Länder in seinem Rücken zum Abfall zu reizen. Um seiner Sache desto gewisser zu sein, ließ Bessus die Gegenden am Nordabhange des Gebirges mehrere Tage- reisen weit verwüsten, und hoffte so jedes Eindringen eines feind- lichen Heeres unmöglich zu machen; zugleich übergab er dem Sati- barzanes, welcher auf die Anhänglichkeit seiner ehemaligen Unter- thanen in Arien rechnen konnte, etwa zweitausend Reuter, um mit diesen eine Diversion im Rücken der Macedonier zu machen, die, wenn sie glückte, den Feind gänzlich abschnitt. In der That fielen die Arier bei dem Erscheinen ihres ehemaligen Herrn sofort ab und schlossen sich ihm an, ja der von Alexander eingesetzte Satrap Ar- sames selbst schien die Empörung zu begünstigen. Auch nach Par- thien hin sandte Bessus einen seiner Getreuen, Barzanes, um dort eine Insurrection zu Gunsten des alten Perserthums zu bewirken Arrian. III. 29. 10. IV. 7. 2. . Alexander erhielt die Nachricht vom Arischen Aufstande in Arachosien; sofort sandte er die Reuterei der Bundesgenossen, sechs- hundert Mann, unter ihren Führern Erigyius und Karanus, so wie die Griechischen Söldner unter Artabazus, sechstausend Mann, unter denen auch die in den Kaspischen Pässen übergetretenen unter An- dronikus waren Die genaueren Angaben des Curtius ( VII. 3. 2.) bestätigen sich durch ihre innere Wahrschein- lichkeit. Das Contingent der Bundesstaaten beläuft sich auf sechshun- dert Reuter ( Diod. XVII. 17.) und in der Schlacht von Arbela ist es zwischen Erigyius und Koiranus (wahrscheinlich Karanus) getheilt ( Arrian. III. 12. 7.); Andronikus führte die Griechischen Söldner, die früher bei Darius waren, etwa funfzehnhundert an der Zahl; und es ist nicht unglaublich, daß Artabazus, den Alexander so hoch ehrte und welcher so oft in seinem Leben mit Griechischen Soldtruppen zu thun , nach Aria ab, und ließ zugleich dem Satrapen in Hyrkanien und Parthien, Phrataphernes, den Befehl zukommen, mit seinen Reuterschaaren zu jenen zu stoßen. Zu gleicher Zeit war das Hauptheer, mit dem sich bereits die zwei in Ekbatana zurück- gelassenen Phalangen, von Klitus geführt, so wie fünftausend Griechische Söldner und vierhundert Reuter Curt. VII. 3. 4. vereinigt hatten, aus dem Ara- chosischen aufgebrochen und unter der strengsten Winterkälte über die nackten Paßhöhen, welche das Gebiet der Arachosier von dem der Paropamisaden trennen, gezogen. Alexander fand dies Hochland stark bevölkert, und obschon jetzt tiefer Schnee die Felder überdeckte, doch Vorräthe genug in den zahlreichen Dörfern, die ihn freundlich aufnahmen Strabo XVI. p. 312. Curtius schildert den Uebergang über dies Plateau von Ghizni mit sehr starken Uebertreibungen, dennoch findet man viele seiner geographischen Notizen durch die Angaben Babers, Elphinstons und Anderer bestätigt. . Die Strenge des Winters zwang ihn einige Zeit zu rasten, da es für jetzt nicht seine Absicht war, dem Lauf der Gewässer ostwärts in die wärmeren Thäler des Induslandes hinab zu folgen, sondern zuvörderst der Usurpator Bessus, der jenseits des himmelhohen Hindukuhgebirges sich seines Turanischen Königthums zu sicher glaubte, vernichtet werden mußte. Aus dem Hochlande von Kabul führen sieben Pässe über das Gebirge Hindukuh nach dem Stromthale des Oxus; drei von die- sen führen an den Quellflüssen des Pundschir aufwärts und am weitesten östlich über den Kamm der Gebirge, diese und noch mehr die drei nächsten, welche zu den Quellen des Surkab und Anderab hinabführen, sind vier bis fünf Monate hindurch vom Schnee so bedeckt, daß man sie nicht passiren kann; man muß dann den west- lichsten Paß, den von Dundan Shikan, einschlagen, auf dem man mit etwa sechzig Meilen von Kabul nach Balk gelangt; dieser Weg führt durch mehrere Bergketten diesseits und jenseits des Hauptgebirges, und die Thäler zwischen denselben sind an Quellen, an Weide und Heerden reich, von friedlichen Hirtenstämmen bewohnt Die classische Stelle für diese Paßgegend findet sich in den Me- moiren des Sultan Baber p. 139; die östlichen Paßgegenden durchzog Timur, und Chereffeddin schreibt zu Anfang und zu Ende des vierten . Alexander gehabt hatte, den Oberbefehl über diesen Theil des schwerbewaffneten Fußvolkes erhalten hatte; offenbar wurde er als Perser besonders zu dieser Expedition ausersehen. wartete nur die strengste Winterkälte ab, um auf diesem Wege nach Baktrien hinüberzueilen; er benutzte die Rastzeit, um an dem Nord- saume der Hochebene, von wo die verschiedenen Wege zu den Pässen des Hochgebirges führen, die Stadt „Alexandria am Kaukasus“ zu gründen; er gab ihr eine Besatzung von siebentausend Macedoniern, er erlaubte den Dienstunfähigen, sich hier anzusiedeln Nach Diod. XVII. 83. wären jene siebentausend Asiatische Kolonisten gewesen, außerdem aber dreitausend Mann, die nicht im Heere einrangirt waren (?) und von den Söldnern so viele da wollten, zurückgeblieben; es scheint dieser Angabe eine Verwechselung mit dem, was Alexander bei seiner Rückkehr aus Baktrien that, zum Grunde zu liegen. , er bestellte den Perser Proexes zum Satrapen, und übergab dem Niloxenus aus der Buches viel Bemerkenswerthes über sie. Alexanders Straße zu ver- folgen, müssen wir zunächst die Lage von Alexandria aufsuchen. Sie lag, wie der Name sub ipso Caucaso (Plin. 5. 16.) bezeugt, unmit- telbar am Eingange in das Gebirge, aber noch in der Ebene, funfzig M. R. von Ortospana oder Carura (Cabul) entfernt. Dies führt mit ziemlicher Gewißheit auf die Gegend, wo sich der Ghurbend und Pund- schir, die letzten Höhen durchbrechend, vereinigen. Von hier ging Alexanders Straße über Bamian, Fort Zohak, den Paß von Gumbezek (im Choutour Gerdan), die Ebene von Saeghan, den Hauptpaß Dun- dan Shikan, in das Thal von Kehmerd; hier scheidet sich die Straße, der eine Weg führt westlich in das Thal des Flusses Dehasch, (Abysiah bei Chereff. I. 8. 55.) durch den Paß von Ghez gerade nach Balk hinab, der andre, dem Alexander folgte, führt an dem Fluß von Khullum hinab; unterhalb der Stadt Khullum durchbricht der Fluß, mit dem Wasser mehrerer kleiner Bergströme, die ihm von beiden Seiten zufließen, verstärkt, die letzte Gebirgskette gegen die Ebene des Oxus hin; dies ist wahrscheinlich die Position von Adrapsa oder Drapsaka, die Alexan- der besetzte. Von hier mit vier Meilen erreicht man den Ausgang des Passes bei Muzar; er war, wie es scheint, durch ein Castell gesperrt, das Alexanders Geschichtsschreiber Aornos nennen; anderthalb Meilen wei- ter kommt man durch die ansehnliche Stadt Schach Meydan und er- reicht dann mit zwei Meilen die Ebene von Balk, s. Baber 199. sqq. Fraser Appendix p. 122. Meyendorf voyage p. 140. Moorcroft’s Brief in Asiat. Jour. 1826. Vol. XXI. p. 609. Ayen Akbery II. p. 160. — Bemerkenswerth ist Diod. VII. 83.: der König habe noch mehrere Städte, alle eine Tagereise von Alexandrien belegen, angelegt oder colonisirt. Zahl der Getreuen die Feldhauptmannschaft dieses wichtigen Landes. Sobald nun die Tage der strengsten Kälte vorüber waren, brach Alexander, nach feierlichen Opfern und Wettkämpfen in Hellenischer Weise, aus der Winterrast auf, um das erste Beispiel eines Gebirgs- überganges zu geben, mit dessen staunenswürdiger Kühnheit nur die ähnlichen Wagnisse Hannibals und Napoleons zu wetteifern ver- mögen. Die Verhältnisse, unter denen Alexander den Marsch unter- nehmen mußte, erschwerten denselben bedeutend; noch war das Ge- birge mit Schnee bedeckt, die Luft kalt, die Wege beschwerlich; zwar fand man zahlreiche Dorfschaften und die Einwohner friedlich und bereitwillig zu geben, was sie hatten, aber sie hatten nichts als ihre Heerden; die Berge, ohne Waldung und nur hie und da mit Ter- penthinbüschen bewachsen, boten keine Feuerung dar; ohne Brot und ungekocht wurde das Fleisch genossen, nur gewürzt mit dem Sil- phion, das in den Bergen wächst. So zog man vierzehn Tage lang über Bergstraßen; je näher man den Nordabhängen kam, desto drückender wurde der Mangel, man fand die Gegenden verwüstet und verödet, die Ortschaften niedergebrannt, die Heerden fortgetrie- ben; man war genöthigt sich von Wurzeln zu nähren und das Zug- vieh der Bagage zu schlachten. So von Allem entblößt, von der Witterung und dem Hunger gequält, mit Verlust der meisten Pferde und Kameele, im traurigsten Aufzuge, erreichte das Heer endlich am funfzehnten Tage die erste Baktrische Stadt Drapsaka oder Adrapsa Strabo XV. p. 312. Curt. V. 4. 25. Aelian. V. II. XII. 37. Arrian. III. 28. Wenn Aelian. l. c. angiebt, daß auf diesem Zuge „in Baktriana“ der Schnee so tief gelegen, daß man die Dörfer nur an dem aufsteigenden Rauch erkannt habe, und die Eingänge aufzugraben genöthigt gewesen sei, so bezieht sich das nach Curt. VII. 3. 16. auf den Zug durch das Plateau von Ghizni. Die neusten Berichte von die- sem Bergwege über Bamian sind die von Burnes ( Asiat. Jour. 1833. Feb. p. 163), er sagt: „wir zogen vier Tage (es war im May) unter Steilklippen und Felswänden hin, welche die Sonne vor unserem Ge- sichte verbargen und sich über uns zu einer perpendikulären Höhe von zweitausend bis dreitausend Fuß erhoben; mir ist die Nase hier erfro- ren und vor den Schneefeldern das Auge fast erblindet; wir konnten nur des Morgens weiter, wo der Schnee überfroren war; diese Ge- . Hier ließ Alexander rasten, rückte dann durch die letzte Paß- gegend, welche die nördlichsten Vorberge bilden, nach Aornos hinein und von dort über die schönen Fruchtebenen Baktriens nach Bak- tra, der Hauptstadt des Landes, ohne irgend wo Widerstand zu finden. Denn Bessus, so lange die Feinde noch fern waren, voll Zuversicht und in dem Wahne, daß die Gebirge und die Verwüstun- gen an ihrer Nordseite das Turanische Land schützen würden, hatte nicht sobald von dem Anrücken Alexanders gehört, als er auch eilends aus Baktra aufbrach, über den Oxus floh, und, nachdem er die Fahrzeuge, die ihn über den Strom gesetzt, verbrannt hatte, sich mit seinem Heere nach Nautaka im Sogdianerlande zurückzog; denn noch hatte er einige Tausend Sogdianer unter Spitamenes und Oxyartes bei sich, die Baktrischen Reuter dagegen hatten sich, sobald sie sahen, daß ihr Land Preis gegeben wurde, von Bessus getrennt und in ihre Dörfer zerstreut, so daß Alexander mit leichter Mühe alles Land diesseits des Oxus unterwarf. Zu gleicher Zeit kam Artabazus und Erigyius aus der Arischen Satrapie zurück, Satibarzanes war nach kurzem Kampfe besiegt, der tapfere Erigyius hatte ihn mit eigner Hand getödtet; die Arier hatten die Waffen sofort gestreckt und sich unterworfen. Alexander sandte den Mace- donier Stasanor in jene Gegenden, mit dem Befehl, den bisherigen Satrapen Arsames, der bei dem Aufstande eine zweideutige Rolle gespielt hatte, zu verhaften, und statt seiner die Statthalterschaft zu übernehmen. Die reiche Baktrische Satrapie erhielt der greise Arta- bazus; Aornos, am Nordeingange der Pässe, wurde zum Waffenplatz ausersehen Ob diese Stadt den Namen Alexandria erhalten habe und Αλεξανδϱεῖα κατὰ Βακτϱὸ des Stephanus bezeichne, oder ob letztere mehr östlich zu suchen sei, wo die Orientalischen Geographen Iskandereh nennen ( Ebn Haukal 224. Abulfeda bei Reiske 352.), wage ich nicht zu entscheiden. , die Veteranen, die zum Dienst untauglich waren, und die Thessalischen Freiwilligen, deren Zeit um war, reich beschenkt in die Heimath entlassen Ar- rian. Curt. VII. 5. 27. . So birge sind fast ohne Bewohner und unser Lager war „des Berg- stroms Bett“ während des Tages.“ So war mit dem Fruͤhlinge des Jahres 329 alles bereit, die Unterwerfung des Transoxianischen Landes zu beginnen. Die ei- genthuͤmlichen Verhaͤltnisse desselben haͤtten, gehoͤrig benutzt, einen langen und vielleicht gluͤcklichen Widerstand moͤglich gemacht; das schoͤne, reichbevoͤlkerte Thalland von Marakanda, im Westen durch weite Wuͤsten, im Osten durch Gebirge mit hoͤchst schwierigen Paß- gegenden geschuͤtzt, war nicht bloß leicht gegen jeden Angriff zu vertheidigen, sondern uͤberdieß zu steter Beunruhigung Ariens, Par- thiens und Hyrkaniens guͤnstig gelegen; leicht konnten bedeutende Kriegsheere aus dem tapferen Volke der Sogdianer zusammenge- bracht werden; die Daischen und Massagetischen Schwaͤrme in den westlichen Wuͤsten, die Scythischen Horden jenseit des Jaxartes waren stets zu Raubzuͤgen geneigt; selbst Indische Fuͤrsten hatten sich bereit erklaͤrt, an einem Kriege gegen Alexander Antheil zu neh- men. Im Falle, daß die Macedonier siegten, boten die Wuͤsten im Westen, die Felsburgen des obern Landes sichere Zuflucht und Aus- gangspunkte zu neuen Unternehmungen; es kam dazu, daß die vor- herrschende Bevoͤlkerung von Sogdiana, gleich weit entfernt von der Rohheit der Iranischen Gebirgsvoͤlker wie von der Verweich- lichung Babylons und Syriens, einen eigenthuͤmlichen Sinn der Unabhaͤngigkeit und Kuͤhnheit bewahrt hatte, der selbst einem Feinde wie Alexander war, nach wiederholentlichen Siegen noch gefaͤhrlich werden konnte. Desto wichtiger war es fuͤr Alexander, sich der Person des Bessus zu bemaͤchtigen, bevor seine Usurpation des koͤ- niglichen Namens zur Losung eines allgemeinen Aufstandes wurde. Er brach aus Baktra auf, um Bessus uͤber den Oxus hin zu ver- folgen. Nach einem sehr muͤhseligen Marsche uͤber die Einoͤde, die das Fruchtgebiet um Baktra von dem Strome trennt Nach Curtius Beschreibung muß man diese Gegend fuͤr Wuͤste halten und dieß wird durch Arrians Angabe, daß auf diesem Wege viele Thiere erlagen, bestaͤtigt; dessen ungeachtet ist es sicher, daß der Fluß von Baktra (Dehas) damals so gut, wie zu Schach Nadirs Zeit, sich in den Oxus ergoß und keinesweges in der Steppe versandete. Cf. Plin. VI. 17. , er- reichte das Heer das Ufer des maͤchtigen und reißenden Stromes. Nirgend waren Kaͤhne zum Uebersetzen; Bessus hatte sie auf sei- 20 ner Flucht verbrannt; hindurchzuschwimmen oder hindurchzuwaten war bei der Breite und Tiefe des Stromes unmoͤglich; eine Bruͤcke zu schlagen zu zeitraubend, da man weder Holzung genug in der Naͤhe hatte, noch das weiche Sandbette und der heftige Strom des Flusses das Einrammen von Pfaͤhlen leicht haͤtte bewerkstelligen lassen. Alexander griff zu demselben Mittel, dessen er sich an der Donau mit so gutem Erfolg bedient hatte; er ließ die Felle, unter denen die Truppen zelteten, mit Stroh fuͤllen und fest zunaͤhen, dann zu- sammenbinden, pontonartig ins Wasser legen, mit Balken und Bret- tern uͤberdecken und so eine fliegende Bruͤcke zu Stande bringen, uͤber welche das gesammte Heer in Zeit von fuͤnf Tagen den Strom passirte Arrian. III. 29. Itin. Alex. c. 77. Dieser Uebergang uͤber den Oxus wurde wahrscheinlich bei Kilif ( Ford of Kilif bei Babet p. 36; 8 lieues von Balk, Chereffeddin II. 2. p. 205.) oder noch weiter stromabwaͤrts, gewiß aber nicht bei Termez (2 Tagereisen von Balk s. Ebn Haukal p. 228.) bewerkstelligt, da Alexander nicht durch die Paͤsse des Karatagh, sondern auf der Suͤdstraße am Saum der Wuͤste gen Nautaka gehen mußte. Warum Bessus diesen Weg der Flucht genommen, ist leicht zu erkennen. Nautaka muß, wie man aus dem Zusammenhange aller Bewegungen sieht, in dem Kanton des Kokscha (Karshi) zu suchen sein, wo das reizende Kesch und Nach- schab oder Karshi, Timurs Winterresidenz, von alter Beruͤhmtheit sind; der Name, die Richtung der Wege und Alexanders spaͤtere Can- tonirungen lassen vermuthen, daß Nautaka und Nachschab densel- ben Ort bezeichnen. . Ohne Aufenthalt ruͤckte Alexander auf der Straße von Nautaka vor; sein Weg fuͤhrte ihn an einer von Griechen be- wohnten Ortschaft voruͤber; es waren die Nachkommen jener Bran- chiden, die vor 150 Jahren dem Koͤnig Xerxes den Tempelschatz von Milet verrathen hatten, und dann nach der Salaminischen Nie- derlage, vor den erbitterten Milesiern in Furcht, gefluͤchtet waren, worauf sie Xerxes in diesen fernen Gegenden angesiedelt hatte; in ihrer Sitte und Sprache schon halb Barbaren, schienen sie um so weniger Verzeihung fuͤr das Verbrechen ihrer Vaͤter zu verdienen, da sie nicht einmal jetzt dem Interesse des Macedonischen Siegers dienen zu wollen schienen; Alexander, so heißt es, strafte die Nach- kommen der Tempelraͤuber und Landesverraͤther mit der Zerstoͤrung ihrer Stadt und ihrer Heiligthuͤmer; gewiß ist, daß irgend ein tie- ferer Grund den vorsichtigen Koͤnig zu diesem Gericht veranlaßt hat Curt. VII. 5. 28. St. Croix p. 331. Es ist auffallend, daß Arrian von dieser Geschichte schweigt; der vorsichtige Strabo fuͤhrt sie indeß an, und Callisthenes schrieb von dieser Branchidenortschaft in seinen Denkwuͤrdigkeiten, so daß an der Sache Wahres sein muß. Nach Aleranders Charakter darf man vermuthen, daß Clitarch und nach ihm Curtius, Aelian, Plutarch ꝛc. fuͤr den frappanten Schein eines alten und hart gestraften Tempelraubes den wahren Zusam- menhang aufgaben. . Waͤhrend dieser Zeit hatte das Schicksal des Koͤnigs Artaxer- xes Bessus eine Wendung genommen, wie sie seines Verbrechens und seiner elenden Ohnmacht wuͤrdig war; in steter Flucht vor Ale- xander, jedes Wollens und Handelns unfaͤhig, schien er den Gro- ßen in seiner Umgebung ihre letzte Hoffnung zu vereiteln und zu verrathen; es kam dazu, daß selbst in solcher Erniedrigung der Name der Macht noch lockt; und gegen den Koͤnigsmoͤrder ward Unrecht fuͤr erlaubt gehalten. Der Sogdianer Spitamenes, von dem Anruͤcken des feindlichen Heeres unterrichtet, hielt es an der Zeit, durch eine That gegen Bessus sich Alexanders Gunst zu erwerben; er theilte den Fuͤrsten Dataphernes, Katanes, Oxyartes seinen Plan mit, sie verstaͤndigten sich bald, sie griffen den Koͤnig Artaxerxes und legten ihn in Ketten, sie meldeten es an Alexander: er moͤge ihnen eine kleine Heeresabtheilung schicken, so wollten sie den Koͤ- nigsmoͤrder Bessus ausliefern zur gerechten Strafe. Auf diese Nachricht gewaͤhrte Alexander seinen Truppen einige Ruhe, und sandte, waͤhrend er selbst in kleineren Tagemaͤrschen nachruͤckte, den Lagiden Ptolemaͤus mit den Geschwadern der Ritterschaft und der berittenen Schuͤtzen, mit einer Phalanx, einer Chiliarchie der Hypas- pisten, den Agrianern und einem Theil der Bogenschuͤtzen, im Gan- zen etwa fuͤnf bis sechstausend Mann voraus, die hinreichend schie- nen, selbst wenn das Barbarenheer sich der Auslieferung des Bes- sus widersetzen sollte, dieselbe zu bewerkstelligen. In vier Tagen legte dieses Corps einen Weg von zehn Tagereisen zuruͤck und er- 20 * reichte die Stelle, wo Tages zuvor Spitamenes mit seinen Leuten gestanden hatte. Hier erfuhr man, wie Ptolemaͤus selbst in seinen Denkwuͤrdigkeiten erzaͤhlte Nach Arrian. IV. 30. Curtius folgt der Erzaͤhlung des Aristobulus. , daß Spitamenes und Dataphernes in Beziehung auf Bessus Auslieferung nicht sicher waren; deshalb befahl der General dem Fußvolk langsam nachzuruͤcken, waͤhrend er selbst an der Spitze der Reuterei eiligst weiterzog und bald vor den Mauern eines Fleckens stand, in dem sich Bessus, von Spitamenes und den anderen Verschworenen verlassen, mit dem kleinen Rest sei- ner Truppen befand; ihn mit eigner Hand auszuliefern hatten sich die Fuͤrsten geschaͤmt. Ptolemaͤus ließ nun den Flecken umzingeln, und die Einwohner durch einen Herold auffordern, sie moͤchten den Bessus ausliefern, so werde er ihrer schonen. Man oͤffnete die Thore, die Macedonier ruͤckten ein, nahmen den Bessus fest, und zogen in geschlossenen Colonnen zuruͤck, mit ihrer Beute zu Alexan- der zu stoßen; doch ließ Ptolemaͤus vorher anfragen, wie Alexander befehle, daß der gefangene Koͤnigsmoͤrder vor ihm erscheinen solle, Alerander befahl, ihn nackt, ins Halseisen gebunden vorzufuͤhren, und ihn rechts an dem Wege, wo er mit dem Heere voruͤberzie- hen wuͤrde, aufzustellen. So geschah es; und als nun Alexander ihm gegenuͤber war und seiner ansichtig wurde, ließ er seinen Wagen halten und fragte ihn: warum er Darius, seinen Koͤnig und Herrn, seinen Verwandten und Wohlthaͤter festgenommen, gefan- gen fortgeschleppt, endlich ermordet habe? Bessus antwortete: er habe dies nicht auf seine Entscheidung allein gethan, sondern in Uebereinstimmung mit Allen, die damals um Darius Person gewe- sen seien, in der Hoffnung sich vor Alexander zu retten. Darauf ließ ihn der Koͤnig geißeln und durch einen Herold bekannt machen, was er mit dem Koͤnigsmoͤrder gesprochen; Macedonier und Bar- baren priesen ihres Koͤnigs Gerechtigkeit und edlen Sinn. Bessus aber ward dem Bruder des ermordeten Koͤnigs, dem Oxathres uͤber- geben und in Ketten nach Baktra abgefuͤhrt, um zu seiner Zeit ge- richtet zu werden. Etwas abweichend von Ptolemaͤus erzaͤhlt Aristobulus, daß Spitamenes und Dataphernes selbst den Bessus an Alexander uͤber- geben haͤtten; wenn auch der Bericht des zu dieser Execution com- mandirten Generals glaubwuͤrdiger ist, so kann man doch aus der anderen Angabe so viel abnehmen, daß sich Spitamenes, Datapher- nes und Katanes bald bei Alexander einfanden und, wie es scheint, im Besitz ihrer Landschaften unter des Koͤnigs Oberhoheit bestaͤtigt wurden. Denn Alexander ruͤckte zwar von Nautaka nach Mara- kanda, der großen Hauptstadt Sogdianas, hinab Daß Marakanda das heutige Samarkand ist, gruͤndet sich einerseits auf die Namensaͤhnlichkeit, denn daß der heutige Name von dem Eroberer Samar abgeleitet „Samar’s Stadt“ bezeichne, scheint ein morgenlaͤndisches Autoschediasma; den Uebergang des alten Namens (vielleicht Meru-kand) in den heutigen zu erklaͤren, liegt außer dem Bereich meiner Kenntnisse. Ein zweiter Grund fuͤr jene Annahme ist, daß Abulfeda (in den geogr. min. ed. Hudson III. p. 45.) des Alfaras und Albiruni Laͤngen- und Breiten- bestimmung fuͤr Samarkand mit der des Ptolemaͤus zusammen- stellt. Endlich kommen die Zuͤge Alexanders dazu, welche nur in der Annahme dieser Identitaͤt strategischen Zusammenhang ha- ben. Die Morgenlaͤnder halten Samarkand fuͤr eine Gruͤndung Alexanders (s. Baber p. 48.) , und ließ auch eine Besatzung in der Stadt zuruͤck; aber von einem Satrapen, dem er dies wichtige Land uͤbergeben haͤtte, oder von anderen Maaßregeln der Unterwerfung wird nichts erwaͤhnt; das Einzige, was fuͤr jetzt von den Sogdianern verlangt wurde, war, daß sie die Macedoni- sche Reiterei, die im Paropamisus und auf der Steppe von Baktra viele Pferde eingebuͤßt hatte, wieder vollstaͤndig beritten machten Cf. Arrian. IV. 3. 14. . Alexander zog weiter nordostwaͤrts, die Ufer des Tanais, den die Bewohner Jaxartes „den großen Strom“ nennen, zu erreichen. Die Heerstraße von Marakanda nach Cyropolis, der letzten Stadt des Reiches, bei den Suͤdufern des Tanais, fuͤhrt durch die Paͤsse der von raͤuberischen Staͤmmen bewohnten Oxischen Berge, durch die Landschaft von Uratippa. Hier war es, wo einige Schaaren Macedonier, beim Fouragiren in den Bergen verirrt, von den Bar- baren uͤberfallen und niedergemacht oder gefangen wurden; sofort ruͤckte Alexander mit den leichteren Truppen gegen sie aus; sie hat- ten sich, an drei tausend Bewaffnete, auf ihre steilen und mit Burgen besetzten Berge zuruͤckgezogen, von denen aus sie die heftigen und wie- derholten Angriffe der Macedonier mit Schleudern und Pfeilen zuruͤckschlugen; unter den vielen Verwundeten war Alexander selbst, dem durch einen Pfeilschuß das Schienbein zerschmettert wurde; dadurch zu neuer Wuth entflammt, nahmen die Seinigen endlich die Hoͤhe; der groͤßte Theil der Barbaren wurde niedergehauen, andere stuͤrzten sich von den Felsen hinab und zerschmetterten in den Abgruͤnden, nicht mehr als acht tausend blieben am Leben, sich dem Koͤnige zu unterwerfen Arrian. III. 30. Curt. VII. 6. Curtius erzaͤhlt diese Be- gebenheit als ob sie vor Marakanda vorgefallen sei; doch ist Arrians Zeugniß entscheidend. Daß die in Frage stehende Localitaͤt keine andere als die von uns bezeichnete des Alpengaues von Osruschnah in den Montes Oxii des Ptolemaͤus sei, ergiebt sich aus der festste- henden Direction der dortigen Wege. Drei Straßen fuͤhren vom Sogdthal zum Jaxartes; die westlichste uͤber Karabolak, am Ostab- hange des Nuratagh, durch den Paß von Zuzangheran, uͤber Tam- bic, Askoulat, am Saum der Wuͤste entlang, zum unteren Jaxartes ( Chereffeddin VI. 27. p. 208.); die oͤstlichste Straße uͤber Rebat zu den Quellen des Flusses Aksu und an dessen Ufer hinab zum Jaxat- tes ( Chereffeddin I. 21. p. 151.); der mittelste Weg ist der be- kannteste, er fuͤhrt von Samarkand gerade nordwaͤrts mit 12 Mei- len gen Dizak, dann mit dem Thale eines kleinen Flusses in den „weißen Paß“ Ak-kutel (bei Chereffeddin Biti Codak), von hier in die Landschaft Osruschnah, zunaͤchst an den Fluß von Dscham (10 Meilen von Dizak) uͤber Sebat und Uratippa, durch die Berge der Masikha ( Memaceni bei Curt. VII. 6. 19.) uͤber Aksu nach Kojend, der wichtigsten Position an der Linie des Jaxartes (16 Meilen von Dscham) Cf. Fraser Append. und viele Andere, unter ihnen Ebn Haukal, bei Abulfeda in den geogr. min. III. p. 65, der jedoch zwischen Dscham und Uratippa statt Sebat das westlichere Zamin angiebt. Dieser mittleren Straße folgte Alexander, und noch zur Zeit des Achmed Alcateb (bei Abulfeda l. c. p. 69.) fanden sich in der Landschaft Osruschnah an 400 Burgen. Der Name Uratippa wird zwar von alten Autoren nicht genannt, doch das Xenippa bei Cur- tius zeigt wenigstens, daß diese Analogie von Namen, die noch heute in jenen Gegenden sehr verbreitet ist, von alter Zeit her datirt. . Alexander zog dann aus diesen Berggegenden nordwaͤrts, ohne den geringsten Widerstand zu finden. Der eigenthuͤmliche Charakter dieser Landschaft hat sie zu allen Zeiten zu einer wichtigen Voͤlker- graͤnze und zur Vormauer orientalischer Kultur gegen die Horden der Turanischen Steppenlaͤnder gemacht. Im Suͤden und Osten durch maͤchtige unwegsame Gebirge, im Norden durch den Strom und die Bergzuͤge, die ihm ihre wilden Gebirgswasser zusenden, geschuͤtzt, ist sie nur von Westen und Norden her fremden Ein- faͤllen offen; und allerdings lauern dort in dem weiten Steppenlande, das sich auf beiden Seiten des unteren Jaxartes ausdehnt, un- zaͤhlige Horden streitbarer Voͤlkerschaften, welchen das Alterthum den gemeinschaftlichen Namen der Seythen zu geben pflegt; es sind das die Turanier der alten Parsenlehre, gegen deren Invasionen gewiß fruͤhzeitig jene merkwuͤrdige Reihe von Grenzburgen errich- tet worden ist, die unter anderen und anderen Voͤlkerverhaͤltnissen ihre Wichtigkeit bis in die neuere Zeit behauptet haben. Alexander fand sieben Staͤdte dieser Art vor, die, wenige Meilen von einander ent- fernt, den Rand der Steppengegend begleiten; die bedeutendste un- ter ihnen war die Stadt des Cyrus, die, groͤßer und staͤrker befe- stigt als die uͤbrigen, als Hauptfeste der Landschaft galt Strabo XI. p. 440. sagt Κύϱου κτίσμα ἐπὶ τῷ Ιαξάϱτῃ κεί- μενον , nicht genau, da nach Arrians ansdruͤcklicher Angabe diese Stadt nicht am Jaxartes lag, sondern ein Fluß, dessen Wasser jetzt in der Sommerzeit ausgetrocknet war, ging durch die Stadt. Man erkennt daraus, daß sie schon am Fuß der Berge, am Saum der Wuͤste lag. Dieß kann nicht auf den Fluß von Aksu, von Uratippa, von Aktippa passen, da diese mit vollem Wasser den nahen Haupt- strom erreichen; aber im Suͤden der Berge von Uratippa fließt von den weißen Bergen herab der Fluß von Dscham, bei Sebat voruͤber gen Zamin am Eingang der Wuͤste; dort trocknet er aus. Ebn Haukal sagt, die Stadt Zamin liegt unter den Bergen von Os- ruschnah, vor ihr die Wuͤste. Dieß, glaube ich, ist Cyropolis oder Cyreschata, das die Erklaͤrer zum Steph. Byz. wohl mit Un- recht auf Koreskarta zuruͤckfuͤhren. Wegen seiner Namensaͤhnlich- keit den festen Flecken Kurak, 6 Meilen vor Kojend ( Fraser App. ) hieher zu ziehen, wuͤrde die Entfernung und der Charakter der Land- schaft verbieten. Cyropolis war der von Alexandria (Kojend) ent- . Ale- xander ließ in alle diese Plaͤtze Macedonische Besatzungen einruͤcken, waͤhrend er selbst mit der Armee einige Stunden nordostwaͤrts an der Stelle lagerte, wo der Tanais mit allmaͤhliger Wendung gen Norden die letzten Stromengen bildet, um sich fortan durch die Sandsteppen weiter zu wuͤhlen. Alexander erkannte die Wichtig- keit dieser Localitaͤt, einer der merkwuͤrdigsten Voͤlkerscheiden des inneren Asiens, der natuͤrlichen Grenzfeste gegen die Raͤuberhorden der Wuͤste; von hier aus war es leicht, den Einfaͤllen der Scythen im Norden und Westen zu begegnen; fuͤr einen Feldzug in ihr Ge- biet bot sie den gelegensten Ausgangspunkt Arr. IV. 1. 4. ; Alexander hoffte, daß sie nicht minder wichtig fuͤr den friedlichen Verkehr der Voͤlker werden muͤßte; und wenn, was kaum zu bezweifeln, schon in jener Zeit Han- delsverbindungen des Tieflandes mit dem Inneren Hochasiens bestan- den, so fuͤhrte aus dem Lande der Serer die einzige Gebirgsstraße von Kaschgar uͤber Usch unmittelbar zu dieser Stelle hin, die zu einem Markte der umwohnenden Voͤlker uͤberaus guͤnstig gelegen war Nur Kojend hat die militaͤrisch wich- tige Lage, die dem Plane Alexanders entsprechen konnte; sie ist zu aller Zeit der Schluͤssel zur Ferghana und Maveralnahar, der stete Punkt der Invasionen heruͤber und hinuͤber, eine Hauptstation der großen Straße zwischen Samarkand und Kaschgar gewesen; die Zuͤge Dschingischans, Timurs, Babers, die Angaben der morgenlaͤndischen Geographen haben fuͤr das Gesagte unzaͤhlige Beweise; Sultan Ba- ber sagt, die Stadt sei sehr alt, ihre Burg liege auf einem Felsen- vorsprung, einen Buͤchsenschuß weit vom Strom, auf der Stadtseite noͤrdlich die Myog-Berge bis an den Strom, der sich an ihrem Fuß voruͤber nordwaͤrts wende und durch den Sand weiter wuͤhle. Plin. VI. 16. nennt dieß Alexandria eschata, in ultimis Sogdianorum finibus, und gerade die Biegung des Jaxartes bezeichnet Plolemaͤus als Grenze Sogdianas. . Und in der That schienen sich die Verhaͤltnisse mit den Scy- fernteste Platz in der Festungsreihe; da diese gegen die Wuͤste der Karakilpaks, Ghaz oder Ghazna genannt, ( Ebn Haukal und Ketab Yemini in Not. et Extr. IV. 345. c. n. ) gerichtet war, so moͤchte der Name der Feste Gaza vielleicht mit dem der Wuͤste eher als mit dem der uͤbrigen Gazas im Perserreich zusammenfallen; sie lag am naͤchsten bei Alexandria, etwa wo Abulfeda die Feste Bencath nennt. thischen Nachbarn freundlich gestalten zu wollen; von dem merkwuͤr- digen Volke der Abier Ueber dieß raͤthselhafte und vielbesprochene Volk, dessen Namen schon Homer und die Griechische Tragoͤdie kennt, wage ich keine Meinung zu aͤußern; Klaproth hat sich neuerdings so entschieden gegen die von C. Ritter uͤber sie geaͤußerten Vermuthungen ausgespro- chen, daß ich gespannt bin, wie der große Geograph sich in der neuen Ausgabe seines Werkes uͤber diesen Gegenstand erklaͤren wird. , so wie von den sogenannten Europaͤi- schen Scythen Man hat umsonst diese Bezeichnung zu verdaͤchtigen gesucht; wenn dasselbe Scythische Geschlecht, das die (Sarmatischen) Gegen- den im Norden des Pontus bewohnte, sich uͤber das Kaspische und Aralmeer hinaus bis an den Sihonfluß ausdehnte, so nannte man es mit Recht Europaͤisch, und daß dem so war, sieht man aus dem Namen Tanais, cf. Klaproth Nouv. Journ. Asiat. t. 1. p. 50. Die Flußnamen uͤberhaupt, welche die Macedonier hier hoͤrten, ge- ben Gelegenheit, die verschiedenen Scythenarten dieser Gegenden zu unterscheiden; waͤhrend die Scythen am unteren Lauf des Flusses, den sie Tanais nannten, Europaͤische Scythen, Sarmaten, sind, er- kennt man andere anwohnende Barbaren an dem Flußnamen Iksartes oder Jaxartes fuͤr Mongolische Voͤlkerschaften, und es ist unbezwei- felt, daß dieß die Scythen sind, welche nordwaͤrts am oberen Lauf des Stromes bald als Alexanders Feinde auftreten. Der dritte Name des Flusses, Silys, den Plinius aufbewahrt, fuͤhrt wohl auf Tartarischen Ursprung zuruͤck, wie denn zuverlaͤssig die Scythen im Suͤden des Stromes, die Saker, Daer, Massageten ꝛc. zu diesem Stamme gehoͤren, (τῶν Τούϱκων, τῶν Σάκων καλουμένων τὸ παλαί. Menander p. 151. cf. Klaproth Mem. rel. à l’Asie II. p. 384.). , kamen Gesandschaften an den Koͤnig, mit ihm Buͤndniß und Freundschaft zu schließen; Alexander ließ mit den Scythen einige seiner Vertrauten zuruͤckreisen, angeblich, um durch seine Gesandten Freundschaft mit ihrem Koͤnige zu schließen, in der That aber, um uͤber das Land der Scythen, uͤber die Bevoͤlkerung des Landes, uͤber die Lebensweise, die koͤrperliche Beschaffenheit und das Waffenthum der Scythen sichere Nachricht zu erhalten. Schon Herodot 1. 203. und Aristot. Meteor. II. 354. a. 21. wissen, daß das Kaspische Meer ein geschlossenes ist; und jene An- sicht, daß es mit dem Ocean in Verbindung stehe, scheint mit der Ent- deckung der Einfahrten in das Persische und Arabische Meer ( Ar- Indeß waren im Ruͤcken Alexanders Bewegungen ausgebro- chen, welche mit außerordentlicher Gewalt um sich griffen und das Macedonische Heer mit den drohendsten Gefahren umgaben. Der Haß gegen den erobernden Fremdling vereint mit dem wildbewegli- chen Sinn, der zu allen Zeiten die herrschende Klasse der Turani- schen Bevoͤlkerung ausgezeichnet hat, bedurfte nur eines Anlasses, um ploͤtzlich in die heftigste Empoͤrung auszubrechen; und der Fuͤrst Spitamenes, der sich in seinen hochfahrenden Hoffnungen getaͤuscht haben mochte, eilte diese Stimmung, das Vertrauen, das ihm Ale- xander geschenkt, und dessen Entfernung zu benutzen. Er wußte unter seinen sieben tausend Reutern, die an dem Verrath gegen Bessus Theil gehabt hatten, das Geruͤcht zu verbreiten, daß Alexander im Sinn habe, sie alle aus dem Wege zu raͤumen; zur wildesten Wuth ent- flammt bildeten sie den Kern eines allgemeinen Aufstandes, dem die kleine Besatzung der Macedonier in Marakanda erliegen zu muͤssen schien. Es kam dazu, daß die Massageten, die Daer, die Saker in der Wuͤste, alte Kampfgenossen des Spitamenes und durch die Macedonier nicht minder bedroht, durch die Vorspiegelung von Mord und Pluͤnderung leicht zur Theilnahme gereizt wurden, und daß Baktrien gemeinschaftliche Sache mit den Sogdianern zu ma- chen eilte; die Zusammenkunft In jenen Laͤndern ein zu aller Zeit gebraͤuchliches Institut, Korultai genannt. der Baktrischen Haͤuptlinge nach Zariaspa, so hieß es, die Alexander fuͤr den naͤchsten Winter ange- setzt hatte, sei bestimmt, die Fuͤhrer des Volks mit einem Schlage uͤber Seite zu schaffen; man muͤsse der Gefahr vorbeugen, und sich sichern, ehe es zum Aeußersten komme. Oxyartes, Katanes, Chorienes, rian. VII. 16.) aufgekommen und seit Patrokles Berichten ge- glaubt worden zu sein. Uebrigens ist es moͤglich, daß die Matedo- nier den Jaxartes-Tanais fuͤr identisch mit dem Tanais-Don hiel- ten; nur hat diesen Unterschied, auf dessen Entdeckung sich 50 Jahre spaͤter der Milesier Demodamas so viel zu Gute that ( Solin. c. 49. c. intpp. ), Alexander wohl schon erkannt, indem er sonst nicht an eine Durchfahrt vom Kaspischen zum Indischen Meere haͤtte den- ken koͤnnen. Aristoteles meint ( Meteor. 1. p. 350. a. 20.), ein Arm des Araxes (so’ nennt er den Jaxartes) gehe zum Maͤotischen See. Haustanes und viele andere Baktrische Fuͤrsten, mit ihnen der groͤ- ßere Theil der herrschenden Bevoͤlkerung, warteten nur auf das Zeichen zum Aufstande. Und kaum war dieß Zeichen durch die Er- mordung der Macedonischen Besatzungen in den sieben Grenzfesten ge- geben, so loderten im weiten Bereich des Transoxianischen Landes die wildesten Flammen des Aufruhrs empor. Die Kunde von diesen Vorgaͤngen verbreitete sich schnell uͤber den Jaxartes in die Step- pen der Asiatischen Scythen; voll Mordlust und Raubgier draͤng- ten sich die Horden an die Ufer des Stromes, um sogleich bei dem ersten Erfolge, den die Sogdianer erringen wuͤrden, mit ihren Pfer- den den Strom zu durchschwimmen und uͤber die Macedonier her- zufallen. So war Alexander ploͤtzlich in einem furchtbaren Netze von Gefahren; der geringste Unfall oder Verzug mußte ihm und seinem Heere den graͤßlichsten Untergang bereiten; es bedurfte der ganzen Kuͤhnheit und Geistesgroͤße eines Helden, um schnell und sicher den Weg der Rettung zu finden. Alexander ruͤckte eiligst gen Gaza, der naͤchsten der sieben Fe- sten, indem er Kraterus gegen Cyropolis, wohin sich die meisten Barbaren der Umgegend geworfen hatten, voraus sandte mit dem Befehl, die Stadt mit Wall und Graben einzuschließen und Ma- schinen bauen zu lassen. Vor Gaza angekommen, ließ er sofort gegen die nicht hohen Erdwaͤlle der Stadt den Angriff beginnen; waͤhrend Schleuderer, Schuͤtzen und Maschinen durch einen Hagel von Geschossen die Waͤlle bestrichen und rein fegten, war das schwere Fußvolk von allen Seiten her zugleich zum Sturm herangeruͤckt, hatte die Leitern angelegt, die Mauern erstiegen, und in Kurzem waren die Macedonier Herren der Stadt; auf Alexanders ausdruͤck- lichen Befehl mußten alle Maͤnner uͤber die Klinge springen; Wei- ber, Kinder und alle sonstigen Habseligkeiten wurden den Soldaten Preis gegeben, die Stadt in Brand gesteckt. Noch an demselben Tage wurde die zweite Feste angegriffen und auf die gleiche Weise erstuͤrmt; die Einwohner traf dasselbe Schicksal. Am naͤchsten Mor- gen standen die Phalangen vor der dritten Stadt, auch sie fiel bei dem ersten Sturm. Die Barbaren der zwei naͤchsten Festen sahen die Rauch- saͤule der eroberten Stadt emporsteigen; Einige, aus derselben entron- nen, brachten die Nachricht von dem fuͤrchterlichen Ende der Stadt; auf diese Nachricht hielten die Barbaren in beiden Staͤdten Alles fuͤr verloren, in hellen Haufen stuͤrzten sie aus den Thoren, in die Berge zu fluͤchten. Alexander hatte dieß ahnend bereits in der Nacht seine Reuterei vorausgesandt, mit dem Befehl, die Wege um beide Staͤdte genau zu beobachten; so rannten die fliehenden Barbaren den dichtgeschlossenen Schwadronen der Macedonier in die Klinge und wurden meist niedergemacht, ihre Staͤdte genommen und nie- dergebrannt Arrian. IV. 2. . Nachdem so in zwei Tagen die fuͤnf naͤchsten Festen bewaͤltigt waren, wandte sich Alexander gegen Cyropolis, vor der bereits Kra- terus mit einigen Truppen angekommen war. Diese Stadt, groͤ- ßer als die uͤbrigen, mit sicheren und staͤrkeren Mauern und im Innern mit einer Burg versehen, war von ungefaͤhr funfzehn tausend Mann vertheidigt, unter denen die streitbarsten Barbaren der Umgegend. Alexander ließ sofort das Sturmzeug auffahren und gegen die Man- ern zu arbeiten beginnen, um moͤglichst bald eine Bresche zum An- griff zu gewinnen. Waͤhrend die Aufmerksamkeit der Belagerten auf die so bedrohten Punkte gerichtet war, bemerkte Alexander, daß der Fluß, der durch die Stadt herab kam, ausgetrocknet, wie er war, durch die Luͤcke, die sich dort in der Mauer befand, einen Weg darbiete in die Stadt hineinzuschleichen. Er ließ jetzt Hyp- aspisten, Agrianer und Schuͤtzen auf das naͤchstgelegene Thor les- ruͤcken, waͤhrend er selbst mit wenigen Anderen durch das Flußbette unbemerkt in die Stadt hineinschlich, zu dem naͤchsten Thore eilte, es erbrach, und die Seinigen einruͤcken ließ. Die Barbaren, ob- schon sie Alles verloren sahen, warfen sich mit der wildesten Wuth auf Alexander; ein blutiges Gemetzel begann, Alexander, Kraterus, viele der Officiere wurden verwundet, desto heftiger drangen die Macedonier vor; waͤhrend sie den Markt der Stadt eroberten, wa- ren auch die Mauern erstiegen, die Barbaren, von allen Seiten um- ringt, warfen sich in die Burg; sie hatten an acht tausend Todte verloren. Sofort schloß Alexander die Burg ein; es bedurfte nicht weiterer Anstrengungen, Wassermangel noͤthigte sie zur Uebergabe. Nach dem Falle dieser Stadt war von der siebenten und letzten Feste kein langer Widerstand zu erwarten; und nach dem Berichte des Ptolemaͤus ergab sie sich, ohne einen Angriff abzuwarten, auf Gnade und Ungnade; nach anderen Nachrichten wurde auch sie mit Sturm genommen und die Bevoͤlkerung niedergemacht Arrian. IV. 3. Curtius VII. 6. stimmt weder mit Ptole- maͤus noch mit Aristobulus uͤberein; die Ermordung von 50 Mace- donischen Reutern, wie er sie erzaͤhlt, scheint etwas romanhaft; denn jedenfalls wuͤrden sich Alexanders Truppen in jener gefaͤhrlichen Zeit vorsichtiger benommen haben. So viel indeß ist ihm zu glau- ben, daß die Cyrusstadt so wie die anderen Grenzfesten zerstoͤrt wur- den, denn Alexander veraͤnderte mit der Anlage von Alexandrien das fruͤhere Vertheidigungssystem dieser Gegend, das von Cyrus und Semiramis herstammen sollte ( Justin. XII. 5. und Curt. ) . Wie dem auch sei, Alerander mußte gegen die aufruͤhrerischen Barbaren dieser Gegend um so strenger verfahren, je wichtiger ihr Gebiet war, er mußte sich um jeden Preis in vollkommen sicheren Besitz dieser Paßgegend zu setzen suchen, ohne welche an die Behauptung des Sogdischen Landes nicht zu denken war; mit dem Blute vieler Tausende, mit der Aufloͤsung aller alten Verhaͤltnisse mußte die Einfuͤhrung des Neuen, das Transoxiana fuͤr Jahrhunderte umge- stalten sollte, beginnen. Durch die Unterwerfung der sieben Staͤdte, aus denen die Reste der Bevoͤlkerung zum Theil in Fesseln mitgeschleppt wurden, um in der neuen Stadt Alexandria am Tanais angesiedelt zu wer- den, hatte sich Alexander den freien Ruͤckweg nach Sogdiana er- kaͤmpft, und allerdings war es die hoͤchste Zeit, daß die in Mara- kanda zuruͤckgelassene und von Spitamenes belagerte Besatzung Huͤlfe erhielt. Zugleich aber standen die Scythischen Horden, durch die Em- poͤrung der sieben Staͤdte gelockt, an den Nordufern des Stromes bereit, uͤber die Macedonier herzufallen; wollte Alexander nicht alle am Tanais errungenen Vortheile und eine Zukunft neuen Ruhmes und neuer Macht aufgeben, so mußte er die am Strome genom- mene Position auf das Vollstaͤndigste befestigen, und den Scythen ein fuͤr Allemal die Lust zu Invasionen verleiden, bevor er nach Sogdiana zuruͤckkehrte; vorlaͤufig schien es genug, wenn einige tau- send Mann zum Entsatz von Marakanda geschickt wurden. So wurden demnach in einem Zeitraume von etwa zwanzig Tagen die Werke der neuen Stadt, die gegen dreiviertel Meilen Umfang hatten, vollendet, und fuͤr die ersten Ansiedler die nothwendigen Wohnungen errich- tet; Macedonische Veteranen, ein Theil der Griechischen Soͤldner, uͤberdieß aus den Barbaren der Umgegend wer da wollte, und die aus den zerstoͤrten Festungen fortgefuͤhrten Familien bildeten die erste Bevoͤlkerung dieser Stadt, welcher der Koͤnig unter den gebraͤuch- lichen Opfern, Wettkaͤmpfen und Festlichkeiten den Namen Alexan- dria gab Curt. Justin. Arrian. . Indessen lagerten die Scythischen Horden noch immer am jen- seitigen Ufer des Flusses, sie schossen wie zum Kampf herausfor- dernd Pfeile hinuͤber, sie prahlten und laͤrmten, die Fremdlinge wuͤrden wohl nicht wagen, mit Scythen zu kaͤmpfen, wagten sie es, so sollten sie inne werden, welch ein Unterschied zwischen den Soͤhnen der Wuͤste und den Persischen Weichlingen sei. Alexander beschloß uͤber den Strom zu gehen und sie anzugreifen; aber die Opfer ga- ben ihm keine guͤnstigen Zeichen; es mochte dazu kommen, daß er von der Wunde, die er bei der Einnahme von Cyropolis empfan- gen, noch nicht so weit wiederhergestellt war, um persoͤnlich an dem Ueberfall Antheil nehmen zu koͤnnen. Als aber die Scythen mit ihrem Prahlen immer frecher wurden, und zu gleicher Zeit aus Sogdiana die bedrohlichsten Nachrichten einliefen, da ließ der Koͤ- nig seinen Zeichendeuter Aristander zum zweiten Male opfern und den Willen der Goͤtter erforschen; und wieder verkuͤndeten die Opfer nichts Gutes, sie bezeichneten persoͤnliche Gefahr fuͤr den Koͤnig; da befahl Alexander mit den Worten, daß er sich selbst lie- ber der hoͤchsten Gefahr aussetzen, als laͤnger zum Gelaͤchter der Barbaren dienen wolle, die Truppen an die Ufer ruͤcken zu lassen, die Wurfgeschuͤtze aufzufahren, die zu Pontons verwandelten Zelt- felle zum Uebergang bereit zu machen. Es geschah; waͤhrend auf dem jenseitigen Ufer die Scythen auf ihren Pferden laut laͤrmend auf und niederjagten, ruͤckten die Macedonischen Schaaren in voller Ruͤstung laͤngs dem Suͤdufer auf, vor ihnen die Wurfmaschinen, die dann ploͤtzlich alle zugleich Pfeile und Steine uͤber den Strom zu schleudern begannen. Das hatten die halbwilden Scythen noch nie gesehen; bestuͤrzt und verwirrt wichen sie vom Ufer zuruͤck, waͤhrend Alexander unter dem Schmettern der Trompeten uͤber den Fluß zu gehen begann; die Schuͤtzen und Schleuderer, die ersten am jen- seitigen Ufer, deckten den Uebergang der Reuterei, die zunaͤchst folgte; sobald diese hinuͤber war, fingen die Plaͤnkerer und die schweren Grie- chischen Reuter, im Ganzen etwa zwoͤlfhundert Pferde stark, das Ge- fecht an; die Scythen, eben so fluͤchtig zum Ruͤckzug, wie wild im Angriff, umschwaͤrmten sie bald von allen Seiten, beschossen sie mit einem Hagel von Pfeilen, und setzten, ohne einem Angriff Stand zu halten, der weit kleineren Zahl der Macedonier hart zu. Da aber bra- chen die Schuͤtzen und Agrianer mit dem gesammten leichten Fußvolk, das eben gelandet war, auf den Feind los, bald begann an einzelnen Punkten ein stehendes Treffen; es zur Entscheidung zu bringen, gab Alexander den reitenden Schuͤtzen und drei Geschwadern der Macedo- nier den Befehl zum Einhauen; er selbst sprengte an der Spitze der uͤbrigen Geschwader, die in tiefen Colonnen vorruͤckten, den Kaͤmpfen- den in die Flanke, so daß sie jetzt, von allen Seiten beschaͤftigt, nicht mehr im Stande, sich zum fliegenden Gefecht zu zerstreuen, an allen Punkten zuruͤckzujagen begannen; die Macedonier setzten ihnen auf das Heftigste nach; die wilde Hast, die druͤckende Hitze, der bren- nende Durst machte die Verfolgung hoͤchst anstrengend; Alexander selbst, auf das Aeußerste erschoͤpft, trank, ohne abzusitzen, von dem schlechten Wasser, das die Salzsteppe bot; schnell und heftig stellte sich die Wirkung des ungluͤcklichen Trunkes ein; dennoch jagte er den Feinden noch uͤber eine Meile weit nach Plut. de fort. Alex. II. ; endlich versagten seine Kraͤfte, die Verfolgung wurde abgebrochen, der Koͤnig krank in das Lager zuruͤckgetragen, die Gefahr, in der sich sein Leben be- fand, bestaͤtigte nur zu sehr die Zeichen der Goͤtter, wie sie Ari- stander gedeutet hatte Curtius erzaͤhlt sehr ab- weichend; seine Erzaͤhlung wird schon dadurch verdaͤchtig, daß er meint, der Seythenkoͤnig habe die Wichtigkeit der neuen Stadt ge- ahndet ( suis impositum esse cervicibus ), und darum zu hindern gesucht. Die beruͤhmte Rede der Scythischen Gesandten paßt wenig in den historischen Zusammenhang. Wie weit Alexander den Sey- then nachgesetzt sei, wird verschieden (80, 100, 150 Stad.) angegeben. ; mit seinem Leben stand Alles auf dem Spiele. Indeß genas Alexander bald; der Angriff auf die Scythen hatte ganz den erwuͤnschten Erfolg; es kamen Gesandte ihres Koͤ- nigs, das Vorgefallene zu entschuldigen, es sei die Nation ohne Antheil an jenem Zuge, den ein einzelner Haufe beuteluͤstern auf eigene Hand unternommen; ihr Koͤnig bedauere die durch denselben veranlaßten Verwirrungen; er sei bereit, sich den Befehlen des gro- ßen Koͤnigs zu unterwerfen Arrian IV. 5. . Alexander antwortete ihnen auf das Huldreichste, und gab die in dem Gefechte Gefangenen, etwa 150 an der Zahl, zum Zeichen seiner Versoͤhnung, ohne Loͤsegeld frei Curt. VII. 9. 19. , eine Großmuth, die auf die Gemuͤther der Barbaren nicht ihren Eindruck zu machen verfehlte, und die, mit den leuchtenden Heldenthaten des erobernden Fremdlings vereint, seinem Namen jene Glorie uͤbermenschlicher Hoheit gaben, an welche die Einfalt roher Naturvoͤlker eher zu glauben als zu zweifeln geneigt ist. Wie sieben Jahre fruͤher an der Donau auch unbesiegte Voͤlker ihre Huldigun- gen darbrachten, so kamen jetzt voll Bewunderung gegen den Helden, dem selbst die Scythen der Bergsteppen erlegen waren, Gesandte der Sakischen Scythen, dem Koͤnige Frieden und Freundschaft anzu- tragen. So waren saͤmmtliche Voͤlker in der Nachbarschaft von Alexandria beruhigt und traten zum Reiche in das Verhaͤltniß, mit welchem Alexander fuͤr jetzt sich begnuͤgen mußte, um desto schneller in Sogdiana erscheinen zu koͤnnen. Und allerdings standen die Sachen in Sogdiana sehr gefaͤhr- lich; dem Aufstande, welcher von Spitamenes und seinem Anhange begonnen war, hatte sich der sonst friedliche feldbautreibende Theil der Bevoͤlkerung, vielleicht mehr aus Furcht als aus Neigung Curt. VII. 6. 24. Diese Angabe ist durch nichts im Arrian widerlegt, sondern durch einige Andeutungen bestaͤtigt: er sagt IV. 2. „die meisten Sogdianer“ nahmen Antheil, er berichtet, daß Pharnuches „zum Un- terhandeln“ abgeschickt sei. Es scheint damals wie jetzt in dem Chanat Bochara gewesen zu sein, daß naͤmlich der groͤßere Theil der Bevoͤlkerung, friedlich gesinnt und dem Ackerbau und Handel er- geben, Unterthan eines herrschenden Stammes war. Die Tadjiks von Bochara, fleißig, gebildet, unkriegerisch, erzaͤhlen noch heute: daß sie seit Iskanders Zeiten dieß Land bewohnen, daß nie einer aus , ange- angeschlossen; die Macedonische Besatzung vor Marakanda ward be- lagert und bedeutend bedraͤngt, dann hatte sie einen Ausfall ge- macht, den Feind zuruͤckgeschlagen und sich ohne Verlust in die Burg zuruͤckgezogen; das war etwa um dieselbe Zeit geschehen, als Alexander, nach der schnellen Unterwerfung der sieben Festungen, Entsatz schickte. Auf die Nachricht davon hatte Spitamenes die Belagerung gaͤnzlich aufgehoben, und sich nach der (zweiten) Koͤ- nigsburg von Sogdiana zuruͤckgezogen. Indeß waren die Macedo- nischen Truppen, die Alexander nach dem Fall von Cyropolis abge- sendet, in Marakanda angekommen, acht hundert Griechische Reu- ter unter Andromachus, sechsundsechzig Macedonische Ritter unter Karanus, tausend fuͤnf hundert schwerbewaffnete Soͤldner unter Menedemus; die Fuͤhrung der Expedition hatte Alexander dem Lycier Pharnuches, der der Landessprache kundig war, anvertraut, uͤberzeugt, daß das Erscheinen eines Macedonischen Corps die Empoͤrer in die Flucht zu jagen hinreichen, im Uebrigen es aber besonders darauf ankommen wuͤrde, sich mit der sonst friedliebenden Masse der Be- voͤlkerung Sogdianas zu verstaͤndigen. Pharnuches und die ihm beigegebenen Generale hatten sich, als sie die Gegend von Mara- kanda bereits von Spitamenes geraͤumt sahen, denselben zu verfol- gen beeilt; bei ihrem Herannahen war er an die Westgraͤnze Sog- dianas gefluͤchtet; indeß war es den Macedonischen Generalen noth- wendig erschienen, noch weiter zu verfolgen, und die Scythen in der Wuͤste, welche den Empoͤrern Zuflucht zu gestatten schienen, zu zuͤchtigen. Dieser unuͤberlegte Angriff auf die Scythen hatte zur Folge, daß Spitamenes sie zu offenbarem Beistande bewegen und seine Streitmacht mit sechs hundert jener tapferen Reuter, wie sie aus ihrer Mitte Fuͤrst im Lande gewesen sei, daß sie nur zu gehor- chen verstaͤnden (Meiendorf p. 194.). Und Hammer ( Nouv. Journ. Asiat. 1828 p. 68) erkennt in diesen Tadjiks die Δαδίκαι Herodots. Chinesische Berichte aus dem zweiten Jahrhundert vor Christus nennen schon diese Tiao-tchi: „die Alten wußten aus Tradition, daß bei ihnen der Jo-choui und Si-vang-mou (Mutter des Koͤnigs des Occidents) war, aber niemand hatte sie gesehen“ Nouv. Journ. Asiat. 1829. p. 425. Dieß darum, weil Elphinstone geneigt ist, den Ur- sprung der Tadjiks auf die angesiedelten Araber zuruͤckzufuͤhren. 21 in der Steppe heimisch sind, vermehren konnte. Er ruͤckte den Macedoniern auf der Grenze der Steppe entgegen; ohne einen foͤrmlichen Angriff auf sie zu machen oder von ihnen zu erwarten, begann er die geschlossenen Reihen des Macedonischen Fußvolks zu umschwaͤrmen und aus der Ferne zu beschießen, der Macedonischen Reuterei, wenn sie auf ihn losruͤckte, zu entfliehen und sie durch wilde Flucht zu ermuͤden, an immer anderen und anderen Punkten seine Angriffe zu erneuen; die Macedonischen Pferde waren durch Maͤrsche und durch Mangel an Futter erfchoͤpft , viele von den Leuten lagen schon todt oder verwundet auf dem Platze; Pharnuches forderte, die drei Generale sollten den Oberbefehl uͤbernehmen, da er nicht Soldat und mehr zum Unterhandeln als zum Kaͤmpfen gesendet sei; die Generale weigerten sich die Verantwortlichkeit fuͤr eine Expedi- tion zu uͤbernehmen, die schon so gut als misgluͤckt war; man be- gann, sich von dem freien Felde zum Strome zuruͤckzuziehen, um dort unter dem Schutz eines Gehoͤlzes den Feinden Widerstand zu leisten; aber der Mangel an Einheit im Befehl vereitelte die letzte Rettung; Karanus, an den Fluß angekommen, ging an der Spitze seiner Reuter hinuͤber; das Fußvolk, in dem Wahne, daß Alles verloren sei, stuͤrzte sich in wilder Hast nach, um das jensei- tige Ufer zu erreichen. Kaum gewahrten dieß die Barbaren, so sprengten sie von allen Seiten heran, gingen oberhalb und un- terhalb uͤber den Fluß, und von allen Seiten umzingelnd, von hinten nachdringend, von den Flanken her einhauend, die an das Ufer Steigenden zuruͤckdraͤngend, ohne den geringsten Widerstand zu finden, trieben sie die Macedonier auf einen Werder im Flusse zu- sammen, wo die Barbaren von den beiden Ufern her den Rest der Truppen mit Pfeilen durchbohrten. Wenige waren gefangen, auch diese wurden ermordet; die Meisten, unter ihnen die Generale, wa- ren gefallen; nur vierzig Reuter und drei hundert Mann vom Fuß- volk hatten sich gerettet Die Erzaͤhlung ist nach Ptolemaͤus, dessen Bericht sich durch Aristobuls Notizen ergaͤnzt. Curtius Angaben differiren in wesent- lichen Punkten; nach ihm waͤre dem Spitamenes und Catanes die Daͤmpfung des Sogdianischen Aufstandes uͤbertragen worden. Aus dem Gehoͤlz am Strome, in welchem nach Aristobulus Spitamenes . Spitamenes selbst ruͤckte sofort mit seinen Seythen gegen Marakanda, und begann, durch die errungenen Vortheile ermuthigt und von der Bevoͤlkerung unterstuͤtzt, die Be- satzung der Stadt zum zweiten Male zu belagern. Diese Nachricht noͤthigten den Koͤnig Alexander, auf das Schleu- nigste die Verhaͤltnisse mit den Scythischen Voͤlkern am Tanais zu ordnen; zufrieden, in der neugegruͤndeten Stadt am Tanais zu- gleich eine Grenzwarte und eine wichtige Position fuͤr kuͤnftige Un- ternehmungen zu besitzen, eilte er, indem er den groͤßeren Theil des Heeres unter Kraterus Fuͤhrung nachruͤcken ließ, an der Spitze des leichten Fußvolks, der Hypaspisten und der Haͤlfte der Edelschaaren nach dem Soghdthale; mit verdoppelten Tagemaͤrschen stand er am vierten Tage vor Samarkanda Die Entfernung von tausend fuͤnf hundert Stadien stimmt mit der Angabe bei Abul- feda, daß Kojend sieben Tagereisen von Samarkand entfernt sei, ( Geog. min. ed. Hud. t. III. p. 32) und noch genauer mit der Rei- seroute, die oben aus Fraser mitgetheilt ist. Die Angabe bei Ba- ber, daß Samarkand von Kojend eben so weit entfernt sei wie An- . Spitamenes war auf die einen Hinterhalt gelegt hatte (?) macht Curtius ein silvestre iter und saltus , er nennt diese Seythen Dahae , doch ließe sich aus der Variante Dacae auch Sacae machen, nur daß hier mit einem Namen nicht viel gewonnen wird. Schwieriger und wichtiger ist es, die Lokalitaͤten aufzusuchen. Daß der Strom Polytimetus kein anderer ist, als der Soghdfluß, ist ausgemacht; aber wo ist die „Residenz“ Baktra (so nennt sie Curtius VII. 9. 20.) zu suchen, zu der Spita- menes von der Residenz Markanda flieht? Bedenkt man die Wich- tigkeit und die Schoͤnheit des unteren Soghdthales, welches durch die Oxuspassage bei Amol und den Weg von Merv mit Iran die naͤchste Verbindung hat, und vergleicht man damit den Umstand, daß aus Alexanders Zeit keine weitere Ortschaft unterhalb Samar- kand die paradisischen Tumans von Bochara bezeichnet, so wird man geneigt, diese „βασίλεια“ dort ohngefaͤhr zu suchen; des Cl. Pto- lemaͤus Tribactra liegt ziemlich genau in derselben Gegend, wenige Meilen nordoͤstlich von dem Oxiana See, der kein anderer ist, als der Karakul; und Abulfeda nennt unter den Orientirungen von Bo- chara die des Cl. Ptolemaͤus; von Bochara aus wird Spitamenes uͤber den einige Meilen entfernten Suͤdarm des Soghdflusses (Zer-afchan) gen Westen geflohen sein, denn hier beginnt bald jene Steppe, in der sich der Nordarm (Wafkend) verliert. 21 * Nachricht von seinem Heranruͤcken nach der Wuͤste zu geflohen; Alexander folgte, sein Weg fuͤhrte uͤber jene Ufergegend, die an den Leichen Macedonischer Krieger als Wahlstatt des ungluͤcklichen Ge fechtes kenntlich war; er begrub die Todten so feierlich als die Eile gestattete, setzte dann den fluͤchtenden Feinden weiter nach, bis die Wuͤste, die sich endlos gen West und Nord oͤffnet, vom weiteren Verfolgen abzustehen noͤthigte. So war Spitamenes mit seinen Truppen aus dem Lande gejagt; die Sogdianer, im Bewußtsein ihrer Schuld und voll Furcht vor des Koͤnigs gerechtem Zorn, hatten sich bei seinem Herannahen hinter die Erdwaͤlle ihrer Staͤdte gefluͤchtet, und Alexander war an ihnen, um erst Spitamenes zu verjagen, voruͤbergeeilt; seine Absicht war nicht, sie ungestraft zu lassen; je ab- scheulicher dieser wiederholte Abfall, je wichtiger der sichere Besitz dieses schoͤnen Landes, und je unzuverlaͤssiger eine erzwungene Unterwer- fung der Sogdianer war, desto nothwendiger erschien die groͤßte Strenge gegen die Empoͤrer. Sobald Alexander demnach vom Saum der Wuͤste zuruͤckkehrte, begann er das reiche Land zu ver- wuͤsten, die Doͤrfer niederzubrennen, die Staͤdte zu zerstoͤren, die Barbaren, die sich in die Staͤdte gefluͤchtet hatten, niederzumetzeln, und so verheerend und ausrottend fuͤr das neue Wesen, das er in diesen Landen gruͤnden zu muͤssen glaubte, reine Staͤtte zu berei- ten Diese Verheerung des Sogdianischen Landes gehoͤrt mit zu den merkwuͤr- digsten Ereignissen in der Geschichte Alexanders; wie ausgedehnt sie gewesen, beweist der Auftrag, den spaͤter Hephaͤstion erhaͤlt, die Staͤdte von Neuem zu bevoͤlkern. Zwoͤlf Myriaden Menschen sollen nach epit. Diod. umgebracht sein. Was man auch uͤber sie in moralischer Hinsicht urtheilen mag, jedenfalls ist sie ein großes De- kument fuͤr die Klarheit und Strenge, mit der Alexander seine Plaͤne mit seinen Mitteln in Einklang brachte; und erkennt man einmal das Große seines Strebens, dessen Erfolg die Geschichte von Jahrhunderten und die Erinnerung des heutigen Orients bewaͤhren so sind Dinge dieser Art, vor denen das Gefuͤhl der Menschlichkeit schaudert, nothwendige Consequenzen. . Nachdem auf diese Weise Sogdiana unterworfen war, ging dejan, naͤmlich fuͤnfundzwanzig Farasangs, ist unrichtig, und ist auch in der Persischen Uebersetzung der Memoiren ausgelassen. Alexander, indem er den Peukolaus mit drei tausend Mann zuruͤck- ließ, nach Zariaspa im Baktrianischen, wohin er die Haͤuptlinge des Landes zu einer Versammlung berufen hatte. Moͤgen die Bak- trianer, geschreckt durch das hatte Gericht, welches uͤber Sogdiana verhaͤngt worden, sich nun unterworfen, oder von Anfang her ihre Theilnahme an der Empoͤrung minder bethaͤtigt haben, jedenfalls fand Alexander militaͤrische Unternehmungen gegen sie fuͤr jetzt nicht noͤthig, und von einer Bestrafung der bei der beabsichtigten Empoͤrung Betheiligten ist nicht mehr als eine unbedeutende Notiz uͤberlie- fert Diod. XVII. ep. ὼς Βακτϱιανοὺς ἐκόλασεν, eine vielleicht nicht einmal zuverlaͤssige Notiz. . Diejenigen von den Großen, welche mit in den Sog- dianischen Aufstand verwickelt waren, hatten sich in die Berge ge- fluͤchtet und hielten in den dortigen Felsenschloͤssern sich fuͤr sicher. Der Winter 329 auf 328, den Alexander in Zariaspa Ueber Zariaspa sind die alten Nachrichten schwer in Einklang zu bringen; das Leichteste waͤre, wenn man ohne Weiteres Strabos Angabe folgen duͤrfte, daß Baktra und Zariaspa dieselbe Stadt sei; doch lassen sich dagegen wesentliche Einwaͤnde erheben: 1) Arrian, der beide Namen nennt, bezeichnet damit unlaͤugbar zwei verschiedene Staͤdte, indem er kein einziges Mal Βάκτϱα ὴ καὶ Ζαϱίασπα sagt, vielmehr den Zusam- menhang der Begebenheiten ( cf. IV. 16.) so berichtet, daß unmoͤg- lich beide Namen denselben Ort bezeichnen koͤnnen; auch Polyb. X. 49. nennt in der Expedition des großen Antiochus die Stadt Zari- aspa ohne Zusatz. 2) Ptolemaͤus nennt beide Staͤdte unter ver- schiedenen Gradbestimmungen; dazu kommt, daß er einen Fluß Za- riaspes, an dem gewiß die gleichnamige Stadt lag, entschieden trennt von dem Dargidus, an dem Baktra liegt. Wenn so die Ver- schiedenheit beider Staͤdte unzweifelhaft ist, so fragt sich, wo Zari- aspa lag. Ritter behauptet, daß diese Stadt dieselbe sei mit dem unteren Merv, und in der That hat diese Annahme so viel Anspre- chendes, daß man sie gern fuͤr erwiesen halten moͤchte; es ist kein Zweifel, daß sich in jener Zeit der Murghab bei Amol (44° 20′ 109° 10′ Ptol.) in den Oxus ergoß, und noch heut ist Merv die suͤdwestlichste Grenzfeste der Ouzbecken von Bochara. Dennoch scheint diese Annahme keinen sicheren Grund zu haben. Wenn man sich nach Ptolemaͤus Angaben die Karte von Hyrkanien, Margiana, zubrachte, war in vielfacher Beziehung merkwuͤrdig; das Zusammen- stroͤmen des hohen Persischen Adels, das Eintreffen neuer Kriegs- voͤlker aus dem Abendlande, mehrere Gesandtschaften Europaͤischer und Asiatischer Voͤlker, dazu die gluͤckliche Natur des Baktri- schen Fruchtlandes, das ruͤstige Leben unter diesem stets siegrei- chen Heere, die unendlichen Reichthuͤmer, die in demselben ver- breitet waren, das bunte Gemisch Macedonischen Soldatenlebens, Persischer Prunksucht und Hellenischer Hoffahrt, das alles zusam- men giebt das eben so seltsame wie charakteristische Bild fuͤr die Hofhaltung des Koͤnigs Alexander, der sehr wohl wußte, daß er zu Arien und Baktrien zeichnet, so sieht man bald die Uebereinstim- mung zwischen seinen und den neueren Flußzeichnungen; sein wich- tigster Fehler ist, die wahre Muͤndung des Oxus in das Kaspische Meer fuͤr die des Polytimetus, und die Ochusmuͤndung fuͤr die des Oxus gehalten zu haben; fast alles Andere stimmt genau; sein Dra- gomanes (Arius bei Polyb. X. 49. Orchomanes bei Ammian. Mare. ) ist der Heriroud, zwischen dem und dem Margus (Murghab) die Stadt Mervrud, die erst Alexandria und spaͤter Antiochia Margiana hieß, lag; sein Dargidus (Darja-Fluß) ist der bei Balk voruͤber- fließende Dahas, endlich sein Hauptstrom Oxus der Fluß von Khul- lum, der oͤstlichste Strom, der aus jenem wasserreichen Bergrevier seit Alexander bekannt sein mochte. Noch bleibt der Fluß Zariaspes, von dessen Muͤndung etwas suͤdwaͤrts Ptolemaͤus die gleichnamige Stadt ansetzt, (gewoͤhnlich ϱιγ̕ und μδ̕ L ’δ̕; in Editt. μγ̕; daraus ϱιβ̕ L ’δ̕ und μγ̕). Von einem Flusse zwischen Dahas und Murghab wissen zwar unsere Karten nichts, indeß erfuhr Meyendorf in jenen Gegenden, daß bei der Stadt Ankoi, uͤber die der Karawanenzug aus Maveral- nahar nach Herat geht, ein Fluß vorbeifließt, den ich geneigt bin fuͤr den Zariaspes des Ptolemaͤus zu halten. Ankoi liegt funfzig Meilen Weges vom Murghab, und ein und zwanzig von Meimoneh, dreizehn Meilen von der Oxuspassage (bei Kirki), von der man noch zwei und zwanzig Meilen bis Bochara hat, zwoͤlf Meilen von Balk ( Fraser Append. p. 121.). Wie eine Verwechselung zwischen Bak- tra und Zariaspa entstehen konnte, ist schwer zu erklaͤren; vielleicht fuͤhrte letztere, wie so viele Staͤdte jener Gegend (Tribaktra bei Ptolemaͤus, Balk ab Fayin, Chan Balk, Balk ab Bala ꝛc. auch den Namen Baktra (Βάκτϱα ἡ καὶ Ζαϱίατπα), und wurde so leicht mit dem beruͤhmteren Baktra verwechselt. dem wahren Ruhm seiner Siege und Gruͤndungen noch den uͤber- schwaͤnglichen Prunk des Morgenlandes und die volle Majestaͤt des hoͤchsten irdischen Gluͤckes hinzufuͤgen muͤsse, ohne das die neu ge- wonnenen Voͤlker an der Groͤße irre geworden waͤren, die sie als uͤberirdisch zu verehren bereit waren. Wie sehr Alexander die Vorurtheile des Morgenlandes ehrte, bewies vor Allem das Gericht uͤber Bessus, das mit aller der Feier- lichkeit gehalten wurde, die das furchtbare Verbrechen des Koͤnigs- mordes zu verdienen schien. Die in Zariaspa anwesenden Großen wurden zur Versammlung berufen, dann Bessus in Ketten vorge- fuͤhrt, der Koͤnig selbst trat als Klaͤger wieder ihn auf; es ward das Urtheil gefaͤllt, daß dem Bessus zunaͤchst Nase und Ohren ab- geschnitten, er selbst dann nach Ekoatana abgefuͤhrt und unter den Augen der Meder und Perser ans Kreuz geschlagen werden solle Nach Plut. Alex. 43. sollte er zwischen zwei niedergebeugten Baumspitzen gebunden, und von ihrem Zuruͤckschnellen zerrissen werden. . Alexander bestaͤtigte das Urtheil, und Bessus, vor den Augen der Versammlung nach Persischer Sitte verstuͤmmelt und gestaͤupt, ward zur Hinrichtung nach Ekbatana abgefuͤhrt Arrian. IV 7. Curt. VII. 5. und 10. Justin. XII. 5. Diod. Plut. u. a. m. . Um diese Zeit trafen Phratapharnes der Parthische Satrap und Stasanor von Arien zu Zariaspa ein; sie brachten in Fesseln den treulosen Arsames, der als Arischer Satrap die Invasion des Sa- tibarzanes beguͤnstigt hatte, den Perser Barzanes, dem von Bessus die Parthische Satrapie uͤbergeben worden war, so wie einige an- dere Großen, die der Usurpation des Bessus ihre Unterstuͤtzung ge- liehen hatten; mit ihnen war der letzte Rest einer Parthei vernich- tet, die bei besserer Fuͤhrung gluͤcklicheren Widerstand zu leisten und den letzten Schein des Rechtes fuͤr sich in Anspruch zu nehmen vermocht haͤtte; wer jetzt noch Parthei gegen Alexander hielt, schien sich einer untergegangenen Sache oder der leichtsinnigsten Selbst- sucht zu opfern. Unter den Gesandtschaften, die im Laufe des Winters in dem Koͤniglichen Hoflager eintrafen, waren besonders die der Europaͤi- schen Scythen merkwuͤrdig. Alexander hatte im vorigen Sommer mit den Seythischen Gesandten einige seiner Vertrauten zuruͤckgehen lassen, diese kamen jetzt in Begleitung einer zweiten Gesandtschaft zuruͤck, welche von Neuem die Huldigungen ihres Volkes und Ge- schenke, wie sie den Scythen die werthvollsten erschienen, uͤber- brachte: ihr Koͤnig sei in der Zwischenzeit gestorben, des Koͤnigs Bruder und Nachfolger beeile sich, dem Koͤnig Alexander seine Er- gebenheit und Bundestreue zu versichern, deß zum Zeichen biete er ihm seine Tochter zur Gemahlin an; verschmaͤhe sie Alexander, so moͤge er gestatten, daß sich die Toͤchter seiner Großen und Haͤupt- linge mit den Großen bei Alexanders Hof und Heer vermaͤhlten; er selbst sei bereit, wenn Alexander es wuͤnsche, persoͤnlich vor ihm zu erscheinen, um seine Befehle entgegen zu nehmen; er nnd seine Scythen seien gewillt, sich in Allem und Jedem Alexanders Be- fehlen zu unterwerfen. Alexanders Bescheid war seiner hohen Macht und den damaligen Verhaͤltnissen angemessen; ohne auf die Vorschlaͤge zu einer Scytischen Brautfahrt einzugehen, entließ er die Gesandten reichbeschenkt und mit der Versicherung seiner Freundschaft fuͤr das Volk der Scythen. — Um dieselbe Zeit war der Choras- mierkoͤnig Die Lage von Chorasmien ist unzweifelhaft; die Ostkuͤste des Kaspischen Meeres, mit jenem vielfach wechselnden Wassersystem der Muͤndungen des Oxus und des Jaxartes, wie sie die alten Kuͤ- stenfahrer des Meeres bezeichnen, sind sein Gebiet. — Arrian. IV. 15. Curt. VIII. 1. 8.; die Aeußerungen des Pharasmanes, wie sie uns berichtet werden, mit Alexanders Antwort, er wolle jetzt nicht in die Pontischen Landschaften eindringen, koͤnnten die Annahme, Ale- xander habe den Tanais Europas mit dem Jaxartes verwechselt, zu bestaͤtigen scheinen; man begreift sonst nicht, wie er zu einem Pontischen Feldzuge die Huͤlfe der Chorasmier am Aralsee in An- spruch nehmen und Pharasmanes sich Nachbar der Kolchier nennen konnte. Indeß glauben wir nicht zweifeln zu koͤnnen, daß nicht bei Alexander, wohl aber bei den uͤbertreibenden Macedoniern diese Verwechselung anzunehmen ist. Die Getreuen, die mit der Gesandt- schaft der Europaͤischen Scythen gegangen waren, mußten gewiß Nachrichten vom Aral und Kaspischen See eingezogen haben, und wenn dem Pharasmanes der Name der Amazonen in den Mund ge- legt wird, so ist das Beweis genug, daß seine Angaben vielfach ver- Pharasmanes mit einem Gefolge von tausend fuͤnf hundert Pferden nach Zariaspa gekommen, dem großen Koͤnige per- soͤnlich seine Huldigung zu bringen, da bei der freundlichen Auf- nahme, die Spitamenes unter den ihm benachbarten Massageten gefunden hatte, er selbst leicht verdaͤchtig werden konnte; er herrschte uͤber das Land des unteren Oxus, und versicherte, Nachbar des Kol- chischen Stammes und des Weibervolkes der Amazonen zu sein; er erbot sich, wenn Alexander einen Feldzug gegen die Kolchier und Ama- zonen zu unternehmen und die Unterwerfung des Landes bis zum Pontus Euxinus zu versuchen geneigt sei, ihm die Wege zu zei- gen und fuͤr die Beduͤrfnisse des Heeres auf diesem Zuge zu sor- gen. Alexanders Antwort auf diese Antraͤge laͤßt einen Blick in den großen Zusammenhang seiner Plaͤne thun, die, so kuͤhn sie auch sind, von der merkwuͤrdigen Einsicht in das geographische Verhaͤlt- niß der verschiedenen Laͤnderstrecken, von deren Dasein durch seine Zuͤge die erste Kunde verbreitet wurde, das sicherste Zeugniß able- gen. Er hatte sich bereits durch den Augenschein und durch die Berichte seiner Gesandtschaft und der Eingebornen uͤberzeugt, daß das offenbare Meer keinesweges der Nordgraͤnze des Perserreiches nahe sei, und daß Scythische Horden noch ungemessenen Landstre- cken gen Norden inne haͤtten, daß es unmoͤglich sei, fuͤr das neue Reich auf dieser Seite eine Naturgraͤnze in dem großen Meere zu finden; dagegen erkannte er sehr wohl, daß fuͤr die vollkommene Unterwerfung des westasiatischen Hochlandes, die seine naͤchste Absicht blieb, der Besitz der angrenzenden Tieflaͤnder wesentliche Bedingung sei, und die Folgezeit hat gelehrt, wie richtig er den Euphrat und Tigris, den Oxus und Jaxartes, den Indus und Hyphasis zu Stuͤtz- punkten seiner Herrschaft uͤber Persien und Ariana gemacht hat. Er antwortete dem Pharasmanes, daß er fuͤr jetzt nicht daran denken koͤnne, in die Pontischen Landschaften einzudringen; sein naͤchstes Werk muͤsse die Unterwerfung Indiens sein, dann Herr von Asien groͤßert im Heere Aleranders verbreitet und geglaubt wurden. Was das Wahre davon sein mag, ist nicht mehr zu erkennen; vielleicht, daß Pharasmanes eine maritime Verbindung mit der gegenuͤberlie- genden Landschaft des Kur und Araxes meinte, deren Alter alte Angaben und neue Forschungen hinreichend erweisen. denke er nach Hellas zuruͤckzukehren, und durch den Hellespont und den Bosporus in den Pontus mit seiner ganzen Macht einzudrin- gen; bis auf diese Zeit moͤge Pharasmanes das, was er jetzt anbiete, aufschieben; fuͤr jetzt schloß der Koͤnig mit ihm Freund- schaft und Buͤndniß, empfahl ihn den Satrapen von Baktrien, Par- thien und Arien, und entließ ihn mit allen Zeichen seines Wohlwollens. Indeß gestatteten die Verhaͤltnisse noch keinesweges, den In- dischen Feldzug zu beginnen; Sogdiana war zwar unterworfen und verheert worden, aber das strenge Strafgericht, das Alexander uͤber das ungluͤckliche Land verhaͤngt hatte, weit entfernt, die Ge- muͤther zu beruhigen, schien nach einer kurzen Betaͤubung allgemeine Wuth hervorgebracht zu haben; bei Tausenden waren die Einwoh- ner in die ummauerten Plaͤtze, in die Berge, in die Bergschloͤsser der Haͤuptlinge im obern Lande und in den Oxianischen Grenzgebirgen gefluͤchtet; uͤberall, wo die Natur Schutz bot, lagen Banden von Gefluͤchteten, um so gefaͤhrlicher, je hoffnungsloser ihre Sache war Arrian. IV. 15. . Der Statthalter Peukolaus vermochte nicht, mit seinen dreitausend Mann die Ordnung aufrecht zu erhalten und das platte Land zu schuͤtzen, von allen Seiten her bildeten sich die Massen einer foͤrm- lichen Insurrektion, und es schien nur ein Anfuͤhrer zu fehlen, der die Abwesenheit Alexanders benutzte. Spitamenes, der, nach dem Ueberfall am Polytimetus zu urtheilen, nicht ohne militaͤrisches Ge- schick war, scheint, ins Land der Massageten gefluͤchtet, ohne weitere Verbindung mit diesem zweiten Abfall seines Chanates gewesen zu sein; wenigstens waͤre sonst nicht zu begreifen, warum er nicht fruͤ- her mit seinen Scythen herbei eilte. Denn daß Alexander den Auf- stand sich so weit entwickeln ließ, ehe er ihn zu unterdruͤcken eilte, war ein Zeichen, daß fuͤr den Augenblick seine Streitkraͤfte nicht so angethan waren, um diese kuͤhnen und zahlreichen Feinde in ih- ren Bergen aufzusuchen; nach der Besetzung von Alexandria in Ara- chosien, am Paropamisus und Tanais konnten kaum mehr als zehn tausend Mann disponibel sein. Erst im Laufe des Winters waren bedeutende Verstaͤrkungen aus dem Abendlande eingetroffen. Unter Nearch, dem Statthalter der Suͤdkuͤste Kleinasiens, waren acht tau- send Macedonier, unter denen fuͤnf hundert Ritter, unter Asander, der von seiner Satrapie Lydien aus Werbungen angestellt hatte, drei tausend Mann Fußvolk und fuͤnf hundert Reuter gekommen; aus Syrien brachte der Satrap Asklepiodor und der Hyparch Me- nes andere drei tausend Mann Fußvolk und fuͤnf hundert Reuter, die Generale Epocillus, Ptolemaͤus und Menides, die theils von Susa, theils von Ekbatana mit Geldtransporten und mit den heim- kehrenden Thessaliern an das Meer gesendet waren, kamen mit drei tausend Mann Fußvolk und ein tausend Mann Reuter, so daß Alexander jetzt Truppen genug um sich hatte, um die Insurrektion Sogdianas bis in ihre letzten Schlupfwinkel zu verfolgen Arrian. IV. 15. Curt. VII. 10. 13, wo statt „Alexander ex Lycia“ offenbar Asander ex Lydia zu lesen ist, wogegen Ar- rians Melamnidas aus Curtius in Menidas verwandelt werden muß. . Mit dem Fruͤhjahr 328 verließ Alexander das Hoflager von Zariaspa, woselbst in den Lazarethen einige hundert Mann von den Macedoniern nebst einer kleinen Besatzung von Reutern und Edel- knaben zuruͤckblieben Kraterus scheint den Militairbefehl uͤber Baktrien erhalten zu haben, wenigstens ist er im Lauf des Sommers, als Spitame- nes mit den Massageten Zariaspa uͤberrumpelt, nahe genug, um schleunig Huͤlfe zu leisten. Arrian IV. 17. 1. Curt. VIII. 1. 6. . Das Heer, etwa dreißig tausend Mann stark, ging an den Oxus; eine Oelquelle, die neben dem Zelte des Koͤnigs hervorsprudelte, ward von Aristander fuͤr ein Zeichen er- klaͤrt, daß man zwar siegen, aber mit vieler Muͤhe siegen werde; und in der That bedurfte es großer Vorsicht, diesen Feinden, die von allen Seiten her drohten, zu begegnen. Alexander theilte sein Heer so, daß Meleager und Polysperchon mit ihren und zwei anderen Phalangen hier im Baktrischen Lande zuruͤckblieben, und, an der Linie des Stromes aufgestellt, eine Basis fuͤr die verschiedenen Bewegungen des uͤbrigen Heeres darboten, welches, in fuͤnf Kolon- nen getheilt, unter der Fuͤhrung des Koͤnigs, des Hipparchen He- phaͤstion, des Leibwaͤchters Ptolemaͤus, des Generals Perdikkas, des Baktrischen Satrapen Artabazus, dem der General Koͤnus beigege- ben war, in verschiedenen Richtungen in das Sogdianische Land einruͤckten. Ueber die Einzelnheiten in diesen Unternehmungen sind keine weitern Nachrichten uͤberliefert, nur im Allgemeinen wird on- gefuͤhrt, daß die verschiedenen festen Plaͤtze des Landes theils durch Sturm genommen wurden, theils sich freiwillig unterwarfen; in kurzer Zeit war der wichtigste Theil des Transoxianischen Landes, das Thal des Polytimetus, wieder in Alexanders Haͤnden, und von den verschiedenen Seiten her trafen die einzelnen siegreichen Kolon- nen in Marakanda zusammen. Indeß waren noch die Berge im Osten und Norden des Landes in Feindes Hand, und es war zu vermuthen, daß Spitamenes, der sich zu den raubluͤsternen Scy- thenhorden der Massageten gefluͤchtet hatte, dieselben leicht zu neuen Einfaͤllen bereden wuͤrde; zu gleicher Zeit mußte Alles angewendet werden, um dem furchtbar zerruͤtteten Zustande des Landes moͤglichst schnell durch eine neue und durchgreifende Organisation ein Ende zu machen, und besonders der zersprengten, obdachlosen und der noth- wendigsten Beduͤrfnisse entbloͤßten Bevoͤlkerung zu helfen. Demnach erhielt Hephaͤstion den Auftrag, die Staͤdte des Landes von Neuem zu bevoͤlkern, neue Staͤdte zu gruͤnden und Lebensmittel herbeizu- schaffen Strabo XI. p. 440. sagt, Alexander habe 8, Justin XII. 5. er habe 12 Staͤdte in Sogdiana und Baktriana erbaut. Die 6 dicht bei einander liegenden Staͤdte, die nach Curt. VII. 10. 16. an der Stelle von Marginia gegruͤndet worden, scheinen mit der Alexan- dria Oxiana dieselbe zu sein, die nach Ptolemaͤus Angabe ohn- gefaͤhr die gleiche Lage mit Kesch am Flusse Kokscha oder Oxus hat; sie liegt so, wie Alexander stets seine Staͤdte zu gruͤnden pflegte, sie beherrscht den Paß Sultan Artudsche, der durch die Sogdii Montes (Ptol.), das Zarkab-Gebirge bei Ebn Haukal, nach Samar- kand fuͤhrt. , waͤhrend Koͤnus und Artabazus gegen die Scythen zogen, um wo moͤglich des Spitamenes habhaft zu werden, Ale- xander selbst aber mit der Hauptmacht aufbrach, um mit der Ein- nahme der einzelnen Bergschloͤsser die Unterwerfung des Landes zu vollenden. Unter diesen Bergschloͤssern Sogdianas war das des Arioma- zes vielleicht das wichtigste. Der naͤchste Weg von Marakanda und Nautaka nach Baktra, welcher gerade durch die Berge des oberen Sogdianas fuͤhrt, durchschneidet in den Paͤssen von Tschekedalik und Kaluga zwei bedeutende Gebirgszuͤge, um dann in das Fel- senthal des Flusses von Hissar und neben diesem Flusse hin zu des- sen Muͤndung in den Oxus und zur Passage von Termez zu fuͤh- ten Diese merkwuͤrdige Paßgegend ist aus den Kriegen Timurs und Babers mit ziemlicher Genauigkeit zu erkennen. Der Weg fuͤhrt von Kesch uͤber den Fluß Tum, dann in den Paß von Der- beldgin durch die Berge von Cuzar, danu uͤber die Ebene von Dehno und den Fluß Tschekedalik zu den Paͤssen von Tschekidschek; von die- sen steigt man zur Ebene von Derrei Zenghi und zum Fluß Barik hinab, jenseit dessen sich die eiserne Pforte, Derbent Kaluga am Karatagh aufthut. . Innerhalb jener Paßgegend erhob sich, wie es scheint, jener Felsen mit der Sogdianischen Burg Man hat gemeint, dieß Bergschloß sei das beruͤhmte Hissar Schaduman an dem Flusse von Weksch; indeß wird in der Geschichte der Belagerung weder eines Flusses erwaͤhnt, noch konnte diese Ge- gend noch zur Sogdiana gehoͤren, da die entschiedenste Naturgrenze das Oberland des Oxus von den Gegenden des Polytimetus oder Soghd trennt. In dem Paß von Tschekidschek moͤchte sich das fragliche Bergschloß befunden haben; nur so wuͤrde es noch zur Sogdiana gehoͤren koͤnnen. — Auffallen koͤnnte es, daß wir diese Unterneh- mung mit Curtius und gegen Arrians Autoritaͤt in das Fruͤhjahr 328 und nicht 327 gesetzt haben; indeß ist es sehr deutlich, daß Ar- rian die Eroberungen der Bergfesten aus beiden Jahren zusammen- nimmt; er sagt, mit dem Fruͤhling sei Alexander gegen den Sog- dianischen Felsen gezogen, und bald darauf: bei der Belagerung von Chorienes Felsen habe das Heer viel durch den Winter gelitten. Dazu kommt die ganz verschiedene Lokalitaͤt. auf einem seiner Vorspruͤnge, der, im Ruͤcken durch eine steile Felswand, auf den an- deren Seiten durch Abgruͤnde geschuͤtzt, nur durch einen schmalen Felsenpfad mit der Ebene in Verbindung stand. In diese Burg hatten sich mehrere tausend Sogdianer gefluͤchtet; auch der Bak- trier Oxyartes, der in den Aufstand sehr verwickelt war, hatte seine Gemahlin und seine Toͤchter dorthin in Sicherheit gebracht. Die Burg war mit Lebensmitteln zu einer langen Belagerung versehen, Wassermangel war um so weniger zu fuͤrchten, da reichlich Schnee gefallen war, welcher zugleich das Ersteigen der Felsen doppelt ge- faͤhrlich machte. Als Alexander vor dieser Burg ankam, ließ er durch Artabazus Sohn Kophenes den Befehlshaber der Burg Ari- omazes zur Uebergabe auffordern, indem er Allen, die sich in dersel- ben befanden, freien Abzug versprach; die Barbaren antworteten; er moͤge sich gefluͤgelte Soldaten suchen. Alexander war entschlos- sen, um jeden Preis den Felsen zu erobern; eine Kriegslist mußte das Unmoͤgliche moͤglich machen. Er ließ in seinem Lager durch Heroldsruf verkuͤnden, die Felsenstirn, die uͤber der Burg emporrage, muͤsse erstiegen werden; zwoͤlf Preise bis zu zwoͤlf Talenten seien de- nen, die die Ersten oben waͤren, bestimmt; fuͤr Alle, die an dem kuͤh- nen Wagniß Theil naͤhmen, werde es ruhmvoll sein. Dreihundert Macedonier Nach der ausdruͤcklichen Angabe Arrians, der Polyaen. IV. 3. 29. nicht entgegen ist, waren es Macedonier; und daß diese, gym- nastisch geuͤbt und selbst in Berggegenden zu Hause, dergleichen ver- standen, beweiset der Uebergang uͤber den Ossa im Jahre 336. Man braucht deshalb wohl nicht an Felsenkletterer aus dem benachbar- ten Badackschan, die 1600 Jahre spaͤter geruͤhmt werden ( Cheref- feddin II. c. 37. p. 343.) zu denken. , die das Felsenklettern verstanden, begierig, unter den Augen des Koͤnigs sich auszuzeichnen, traten hervor und empfingen die naͤheren Befehle; dann versah sich jeder mit einigen Eisenpfloͤ- cken, wie sie bei den Zelten gebraucht werden, und mit starken flaͤchsernen Stricken; sie nahmen Mundvorrath auf zwei Tage und von den Waffen das Schwert und die Lanze mit. Um Mitter- nacht naheten sie sich der Stelle des Felsens, die am steilsten und deshalb unbewacht war; anfangs stiegen sie muͤhsam, bald began- nen die jaͤh abgestuͤrzten Felswaͤnde, glatte Eislagen, lose Schnee- decken, mit jedem Schritt wuchs die Muͤhe und die Gefahr. Drei- ßig dieser Kuͤhnen stuͤrzten in den Abgrund, endlich mit Tagesan- bruch hatten die Anderen den Gipfel erreicht, und ihre Faͤhnchen flatterten hell im Fruͤhwinde. Sobald Alexander, der voll aͤngst- licher Erwartung uͤber das Schicksal seiner Getreuen unten am Fuß des Berges stand, das verabredete Zeichen sah, ließ er die Heertrompeten blasen und die jubelnden Truppen ausruͤcken, sandte dann von Neuem einen Herold, der den feindlichen Vorposten zu- rief, sie moͤchten sich ergeben, die gefiuͤgelten Menschen haͤtten sich gefunden, sie seien uͤber ihren Haͤuptern, laͤngerer Widerstand sei nicht moͤglich. Die Barbaren, bestuͤrzt und uͤberzeugt, daß die Ma- cedonier einen Weg auf den Felsen entdeckt, zoͤgerten nicht laͤnger, sich auf Gnade und Ungnade zu ergeben, und Alexander zog klin- genden Spieles in die Sogdianische Felsenburg ein. Reiche Beute fiel dort in seine Hand, unter dieser viel Frauen und Toͤchter Sogdianischer und Baktrischer Haͤuptlinge, auch des Oxyartes Ge- mahlin und seine Tochter Roxane, die Perle des Morgenlandes; es staunte Alexander vor ihrem Anblick, und das gefangene Maͤd- chen besiegte des Siegers stolzen Sinn; sie erkor er, mit ihr den Thron des Morgenlandes zu theilen, die Vermaͤhlung mit ihr sollte den Frieden im Transoxianischen Lande besiegeln. Auf die Kunde hiervon eilte Roxane’s Vater zu Alexander; um seines Kindes Willen ward ihm verziehen. Der greise Artabazus, der die Bak- trische Satrapie niederzulegen gewuͤnscht hatte, erhielt die Felsen- burg und das theure Kleinod in ihr zu huͤten, bis der Tag des Friedens gekommen sei Nach Strabo XI. p. 440., der an dieser Stelle unbegreiflich verwirrt ist, waͤre Roxane auf dem Felsen des Sysimithres gefan- gen worden; doch ist nicht abzusehen, warum der Baktrische Fuͤrst die Seinen an die entfernteste Westgraͤnze Sogdianas an den Nu- ratagh sollte gefluͤchtet haben. . Alexander selbst kehrte vom Sogdianischen Felsen nach Ma- rakanda zuruͤck; er gedachte gegen die Oxianischen Grenzgebirge aufzubrechen, wo Baktrianische und Sogdianische Empoͤrer Zu- flucht gefunden hatten. An Artabazus Stelle wurde die Baktri- sche Satrapie dem schwarzen Klitus bestimmt, der dem Koͤnige am Granikus das Leben gerettet hatte und seit Philotas Verrath mit Hephaͤstion den Befehl uͤber die Macedonische Ritterschaft theilte. Alexander wollte die Ruͤckkehr des Hephaͤstion abwarten, um mit dessen Truppen verstaͤrkt, gegen die nordwestlichen Grenzen vorzu- ruͤcken. Große Jagden und Gastmaͤhler fuͤllten die Zwischenzeit, es waren gerade die Tage eines Dionysischen Festes St. Croix meint, dieß seien die großen Dionysien gewesen, deren Feier vom 8. bis 18. Elaphebolion, also im Jahre 328 vom 20. bis 30. Maͤrz faͤllt; außer der Moͤglichkeit, daß die Macedonier gleiche Dionysien mit den Athenern feierten, laͤßt sich nichts zur Begruͤn- dung dieser Vermuthung anfuͤhren, vielmehr scheint das Durchziehen der Sogdiana und die Einnahme des Felsens einige Zeit gekostet zu haben, so daß man fuͤr die Ruͤckkehr nach Marakanda lieber den Juni ansetzen moͤchte. , das aber der Koͤnig, wie es heißt, zu Ehren der Dioskuren feierte; der Gott Dionysus, glaubten die Griechen, habe darum gezuͤrnt und den Koͤ- nig nicht ungewarnt zu schwerem Frevel getrieben. Sie erzaͤhlen, Alexander habe schoͤne Fruͤchte vom Meere her gesandt erhalten, und Klitus einladen lassen, daß er mit ihm aͤße; und Klitus habe das Opfer, das er eben beginnen wollte, verlassen und sei zum Koͤ- nige geeilt; ihm nach seien drei zum Opfer besprengte Schaafe ge- laufen, nach Aristanders Deutung ein trauriges Zeichen; der Koͤnig habe fuͤr Klitus zu opfern befohlen, doppelt besorgt durch einen seltsamen Traum, den er in dieser Nacht gehabt, und in dem er Klitus im schwarzen Kleide zwischen den blutenden Soͤhnen Par- menions habe sitzen sehen. — Abends kam Klitus zur Tafel, man war beim Weine froh bis in die Nacht; man sprach von den gro- ßen Thaten Alexanders, er habe Groͤßeres gethan, als die Diosku- ren, selbst Herakles sei ihm nicht zu vergleichen, nur der Neid sei es, der dem Lebenden die gleichen Ehren mit jenen Heroen mis- goͤnne. Schon war Klitus vom Wein erhitzt, laͤngst hatte die Persische Umgebung Alexanders, die uͤbergroße Bewunderung der Juͤngeren, die frechen Schmeicheleien Hellenischer Sophisten, die der Koͤnig in seiner Naͤhe duldete, ihn im Innersten verdrossen; jenes leichtsinnige Spiel mit den Namen der großen Heroen brachte ihn auf: das sei nicht die Art, des Koͤnigs Ruhm zu feiern, seine Thaten seien auch nicht so gar groß, wie jene meinten, zum gu- ten Theile gebuͤhre den Macedoniern der Ruhm. Alexander hoͤrte mit Unwillen diese ruͤcksichtslosen Reden von einem Manne, den er vor vor Allen ausgezeichnet, doch schwieg er. Immer lauter wurde der Streit; auch Koͤnig Philipps Thaten kamen zur Sprache, und als nun behauptet wurde, er habe nichts Großes und Bewunderungs- wuͤrdiges gethan, sein Ruhm sei, Alexanders Vater zu heißen, da sprang Klitus von seinem Sessel auf, den Namen seines alten Koͤ- nigs zu vertreten, Alexanders Thaten zu verkleinern, sich selbst und die alten Generale zu ruͤhmen, des todten Parmenion und seiner Soͤhne zu gedenken, alle die gluͤcklich zu preisen, die gefallen oder hingerichtet seien, ehe sie die Macedonier mit Medischen Ruthen gepeitscht und bei den Persern um Zutritt zum Koͤnige bitten ge- sehen. Mehrere der alten Generale standen auf, verwiesen dem von Wein und Eifer erhitzten Klitus seine Rede und suchten vergeblich die steigende Unruhe zu stillen; Alexander wandte sich zu seinem Tischnachbarn, einem Griechen, und sprach: „nicht wahr, ihr Griechen scheint euch unter den Macedoniern wie Halb- goͤtter unter Thieren umherzuwandeln?“ Klitus aber laͤrmte weiter; er wandte sich mit lauter Stimme an den Koͤnig: „diese Hand hat dich, Alexander, am Granikus errettet! du aber rede, was dir ge- faͤllt, und lade fuͤrder nicht freie Maͤnner zu deiner Tafel, sondern Barbaren und Sclaven, die deiner Kleider Saum kuͤssen und dei- nen Guͤrtel anbeten!“ Laͤnger hielt Alexander seinen Zorn nicht, er sprang auf, nach seinen Waffen zu greifen; die Freunde hatten sie fortgeschafft; er schrie seinen Hypaspisten auf Macedonisch zu, ih- ren Koͤnig zu raͤchen; keiner kam; er donnerte dem Trompeter zu, Laͤrm zu blasen, und schlug ihn mit der Faust ins Angesicht, da er nicht gehorchte. Indeß war Klitus, der nicht abließ den Koͤnig zu verlachen und frech zu prahlen, von den Freunden hinaus gefuͤhrt vor die Waͤlle des Schlosses; es war still im Saal, nur Ale- xander ging in der heftigsten Bewegung auf und ab: gerade so weit sei es mit ihm gekommen, wie mit Darius zu jener Zeit, da er von Bessus und dessen Genossen gefangen fortgeschleppt sei und nichts als den elenden Namen des Koͤnigs gehabt habe; und der ihn verrathe, das sei dieser Mensch, der ihm Alles danke, die- ser Klitus! Kaum daß er den Namen genannt, da trat der arge Mann zum anderen Ende des Saales herein, und ihm gegenuͤber rief er: „hier ist ja Klitus, o Alexander!“ er sang das Spottlied: o armes Griechenland, wie geht es dir so boͤs! Da riß Alexander ei- 22 ner Wache die Lanze aus der Hand und schleuderte sie gegen Kli- tus, der zaͤhneknirschend und roͤchelnd zu Boden sank. Entsetzt wi- chen die Freunde, des Koͤnigs Zorn war gebrochen; Bewußtsein, Schmerz, Verzweiflung bewaͤltigten ihn; man sagt, er habe den Speer aus Klitus Brust gezogen und gegen den Boden gestemmt, sich auf der Leiche zu ermorden; die Freunde hielten ihn zuruͤck, sie brachten ihn auf sein Lager. Dort lag er weinend und weh- klagend, und rief den Namen des Ermordeten und den Namen seiner Amme Lanice, der Schwester des Ermordeten: das sei der schoͤne Ammenlohn, den ihr Pflegling zahle; ihre Soͤhne seien für ihn kaͤmpfend gefallen, ihren Bruder habe er mit eigener Hand er- mordet, ermordet den, der sein Leben gerettet; er gedachte des gr ei- sen Parmenion und seiner Soͤhne, er wurde nicht satt, sich an zu- klagen als den Moͤrder seiner Freunde, sich zu verfluchen und den Tod zu rufen. So lag er drei Tage lang uͤber Klitus Leich nam eingeschlossen in seinem Zelte, ohne Schlaf, ohne Speise und Tr ank, endlich vor Ermattung stumm; nur einzelne tiefe Seufzer toͤ nten noch aus dem Zelte hervor. Die Truppen, voll banger Sorge um ihren Koͤnig, kamen zusammen und richteten uͤber den Todten: er sei mit Recht getoͤdtet; sie riefen nach ihrem Koͤnige, der aber hoͤ rte sie nicht; endlich wagten es die Generale, das Zelt zu oͤffnen, sie trugen den Leichnam hinaus, sie beschworen den Koͤnig, seines Hee- res und seines Reiches zu gedenken, sie sagten, nach den Zeich en der Goͤtter habe Dionysos die unselige That verhaͤngt, sie erla ng- ten es endlich, daß Alexander aß und trank und sein Zelt verl ieß; dann ward er ruhiger, er befahl dem zuͤrnenden Gotte zu opf ern; mit kriegerischem Freudengeschrei empfingen ihn seine treuen Sch aa- ren Arrian. Curt. Diod. Plut. . — Waͤhrend dieser Vorgaͤnge in Marakanda hatte Spitam enes noch einmal einen Versuch gemacht, in die Baktrischen Lande ein- zudringen; unter den Massageten, zu denen er mit dem Rest sei ner Sogdianer gefluͤchtet war, hatte er einen Haufen von sechs bis achthundert Reutern angeworben und war an deren Spitze ploͤ tz- lich vor einem der festen Grenzplaͤtze erschienen, hatte die Besatz ung herauszulocken gewußt und sie dann von einem Hinterhalt her uͤ ber- fallen; der Befehlshaber des Platzes fiel in die Haͤnde der Scy- then, seine Leute waren meist geblieben, er selbst wurde gefangen mit fortgeschleppt. Durch diesen Erfolg kuͤhner gemacht, erschien Spitamenes wenige Tage darauf vor Zariaspa; die Besatzung des Platzes, zu der die Wiedergenesenen aus den Lazarethen, meist Ge- treue der Ritterschaft, kamen, schien zu bedeutend, um einen An- griff raͤthlich zu machen; pluͤndernd und brennend zogen sich die Massageten uͤber die Felder und Doͤrfer der Umgegend zuruͤck. Als das Pithon, der Befehlshaber des koͤniglichen Schlosses, und Ari- stonikus, der Citherspieler, erfuhren, riefen sie die achtzig Reuter Be- satzung, die Wiedergenesenen von der Ritterschaft und die Edelkna- ben, die im Schlosse den Dienst hatten, zu den Waffen, und eil- ten vor die Thore, die pluͤndernden Barbaren zu zuͤchtigen; diese ließen ihre Beute im Stich und entkamen mit Muͤhe, viele wur- den gefangen oder niedergemacht, und froͤhlichen Muthes kehrte die kleine tapfere Schaar zur Stadt zuruͤck. Spitamenes uͤberfiel sie aus einem Hinterhalt mit solchem Ungestuͤm, daß die Macedonier geworfen und fast abgeschnitten wurden; sechzig von ihnen blieben auf dem Platze, unter diesen der Citherspieler Aristonikus; Pithon fiel schwer verwundet in die Haͤnde der Feinde, es war nahe daran, daß die Stadt selbst in ihre Gewalt kam. Schnell ward Krate- rus von dem Vorfall unterrichtet, die Scythen warteten seine An- kunft nicht ab, sondern zogen sich gen Westen zuruͤck, indem sich immer neue Haufen mit ihnen vereinten; am Rande der Wuͤste holte sie Kraterus ein, und es entspann sich ein hartnaͤckiger Kampf; endlich entschied sich der Sieg fuͤr die Macedonier; mit Verlust von hundert und fuͤnfzig Mann floh Spitamenes in die Wuͤste zuruͤck, die jede weitere Verfolgung unmoͤglich machte Arrian VII. 16. 17. Curt. VIII. 1. 4 . Nachrichten solcher Art mochten mehr als die Bitten der Ge- nerale oder der Trost frecher Schmeichler dazu dienen, den hoch- herzigen Alexander seines bitteren Grames vergessen zu machen und ihn der gewohnten Thaͤtigkeit zuruͤck zu geben. Zwoͤlf Tage nach dem ungluͤcklichen Gastmahl erhielt das Heer Befehl zu marschi- ren; die dem Klitus bestimmte Satrapie von Baktra erhielt Amyn- tas, Koͤnus blieb mit zwei Divisionen der Phalanx und vierhun- 22 * dert Mann von der Ritterschaft, mit saͤmtlichen reutenden Sch uͤ- tzen und den bisherigen Truppen des Amyntas zur Deckung der Sogdiana zuruͤck; Hephaͤstion ging mit einem Corps nach dem Bak- trischen Lande, um die Verpflegung der Heere fuͤr den Winter zu besorgen; Alexander selbst fuͤhrte das Hauptheer gegen die nord- westliche Grenze. Dort hatten in der dorfreichen Berggegend von Xenippa Curt. VIII. 2. 14. Dieser Name, der oft fuͤr eine Grie- chische Fiktion gehalten worden, gehoͤrt wenigstens der Hauptsache nach der alten Landessprache an, wie noch das heutige Karati ppa, Uratippa, das in anderer Formation Urakend lautet, beweisen kann. Man darf diese Gegend westlich von der Straße nach Kojend, im Norden der Ruine von Schiraz suchen. viele der Empoͤrer Zuflucht gefunden; aber bei der Nachricht von Alexanders Anruͤcken wurden sie von den Bergbe- wohnern, die nicht durch unzeitige Gastfreundschaft ihr Hab und Gut in Gefahr bringen wollten, verjagt, und suchten nun, stets an raͤuberisches Wegelagern gewoͤhnt, durch heimlichen Ueberfall den Macedoniern Abbruch zu thun; etwa zweitausend Pferde stark war- fen sie sich auf einen Theil des Macedonischen Heeres; erst noch einem lange schwankenden Gefecht wurden sie zum Weichen ge- zwungen, sie hatten gegen achthundert Mann theils Todte, theils Gefangene verloren; so zusammengeschmolzen, ohne Fuͤhrer, ohne Proviant, zogen sie es vor, sich zu unterwerfen. Alexander verzieh ihnen; er zog durch den Gau von Xenippa, westwaͤrts nach den Bergen von Naura Dieß ist unverkenn bar der schneereiche und sehr hohe Rouratagh, 70 Werste nordwaͤ rts von Bochara, in dem ein gleichnamiges Staͤdtchen mit heiligen Plaͤ- tzen von Allebab bei Abulfeda ( Geogr. min. ed. Hudson. III. p. 31.) genannt wird. Die Gegend der Sysimithresburg moͤchte viel- leicht an den Paͤssen von Zuzangberan zu suchen sein. . Hier war die Felsenburg des Sysimith res unzugaͤnglich, wohlbefestigt, von zweitausend Mann Bewaffneten aus der Umgegend, die unter Sysimithres Befehl standen, vertheidigt. Wie es scheint, wurde sie nach mannigfacher Anstrengung durch Sturm genommen, die Besatzung, welche zum Theil in die Berge zu entfliehen suchte, verfolgt und niedergemacht; Philippus, des Lysimachus juͤngerer Bruder, der nicht von des Koͤnigs Seite ge- wichen war, gab, von der ungeheueren Anstrengung erschoͤpft, in Alexanders Armen den Geist auf; der tapfere General Erigyius war bei dem Sturme gefallen. Nach der Einnahme dieser Burg mußte sich das flache Land unterwerfen; die Beruhigung der Sogdiana war vollendet Curtius, der uͤber diesen Zug allein Auskunft giebt, hat, wie eine Vergleichung lehrt, die Belagerungsgeschichte des Chori- enesfelsens auf diese Nauraburg uͤbertragen; daher der sonderbare Widerspruch bei ihm, daß Sysimithres capitulirt und seine Trup- pen dennoch verfolgt werden. Hierher gehoͤrt die Erzaͤhlung bei Plut. Alex. 58, Alexander habe den Oxyartes gefragt, ob Sysimithres sehr tapfer sei, und auf dessen Antwort, daß er der feigste Mensch von der Welt waͤre, geantwortet: so werden wir den Fels leicht er- obern, da der leicht zu uͤberwinden sein wird, der ihn vertheidigen sollte. Zugleich beweiset diese Anekdote, daß sich nicht in der Burg des Sysimithres, wie Strabo meint, Roxane befand. . Spitamenes seinerseits glaubte, bevor ihm von dem rastlosen Eifer Alexanders das ganze Grenzgebiet gesperrt wuͤrde, noch einen Versuch auf das Sogdianische Land machen zu muͤssen; waͤhrend Alexander an den nordwestlichen Bergen stand, und nur ein Theil des Heeres unter Koͤnus Fuͤhrung das untere Gebiet deckte, er- schien er mit seinen Sogdianern und mit dreitausend Scythischen Reutern, welche die versprochene Beute lockte, vor Bagaͤ, an der suͤdwestlichen Grenze Sogdianas. Von diesem Einfall benachrichtigt, ruͤckte ihm Koͤnus schleunig mit Heeresmacht entgegen; nach einem blutigen Gefechte wurden die Scythen mit Verlust von achthun- dert Mann zum Ruͤckzuge gezwungen. Die Sogdianer und Baktri- aner, die auch den letzten Versuch scheitern sahen, verließen, Data- phernes an ihrer Spitze, den Spitamenes auf der Flucht und er- gaben sich an Koͤnus; die Massageten, um die Beute im Sogdia- nerlande betrogen, pluͤnderten die Zelte und Wagen der Abtruͤnni- gen; sie flohen mit Spitamenes der Wuͤste zu. Da kam die Nach- richt, Alexander, der eben die Gegend von Naura bewaͤltigt habe, sei von Norden her in die Wuͤste vorgedrungen, und somit Flucht und Rettung unmoͤglich. Damals, so heißt es, trat die schoͤne Ge- mahlin des Spitamenes, die kuͤhne Genossin seiner Plaͤne und Wagnisse, in ihres Herren Zelt und flehte ihn fußfaͤllig an, ein Ende zu machen und sich der Gnade Alexanders zu unterwerfen. Spitamenes aber, voll Argwohn, daß sie seiner satt sei, daß sie mit ihrer Schoͤnheit den verhaßten Macedonier zu fesseln hoffe, stieß sie mit dem Fuß hinweg; sie ging, sie bewaͤltigte das Gefuͤhr des tiefgekraͤnkten Stolzes, sie kehrte um die Stunde der Daͤmme- rung zuruͤck und nahte dem Gemahl mit suͤßem Bitten uud Schmei- cheln; und ihre Thraͤnen ruͤhrten den Fuͤrsten, er zog sie zu sich nieder auf den Teppich, um in ihren Armen, im Rausch der Liebe und des Weins, seine Sorge zu ertraͤnken; um Mitternacht, da er schlief, ergriff das stolze Weib ihres Herren Saͤbel und trennte sein Haupt vom Rumpf; dann schlich sie zu ihren Kindern und floh mit ihnen zu Alexander. Der aber, heißt es, habe sich mit Ab- scheu von der Moͤrderin gewandt, und sie in die Einoͤde verwiesen Curt. VIII. 3. 14. . Nach anderen Berichten Arrian. IV. 17. 10. waren es die Scythen selbst, die, vom Ale- xander verfolgt, dem Spitamenes den Kopf abschnitten und ihn an den Koͤnig sandten, um ihn von sich abzuwenden Es ist zu bemerken, daß vier Jahre spaͤter eine Tochter des Spita me- nes an Seleukus vermaͤhlt wurde. . Der Tod dieses eben so kuͤhnen wie verbrecherischen Mannes machte der letzten Besorgniß ein Ende, und verhieß dem Sogdi a- nischen Lande endlich die Ruhe, deren es nur bedurfte, um selb st nach so vielen Kaͤmpfen und Zerruͤttungen bald den alten Woh l- stand und den Ruhm eines Gartens des Orients wieder zu gewinn en. Der Winter war herangekommen, der letzte, den Alexander im Sogdianerland zuzubringen gedachte; die verschiedenen Heeresabthei- lungen sammelten sich um Nautaka, die Winterquartiere zu beziehen. Dorthin kamen die Satrapen der naͤchstgelegenen Landschaften, Phrataphernes von Parthien und Stasanor von Arien, die im ver- gangenen Winter bei ihrer Anwesenheit in Zariaspa verschiede ne, wahrscheinlich auf das Heerwesen bezuͤgliche Auftraͤge erhalten hat- ten. Phrataphernes wurde darauf zuruͤckgesandt, um den Sat ra- pen der Mardier und Tapurier, Autophradates, der Alexanders Befehle auf eine gefahrliche Weise zu misachten begann, festzuneh- men. Auch Stasanor ging in seine Lande zuruͤck. Nach Med ien wurde Atropates mit dem Befehle gesandt, den Satrapen Oxyda tes der sich pflichtvergessen gezeigt hatte, zu entsetzen und dessen Stelle zu uͤbernehmen. Auch Babylon erhielt, da der treffliche Perser Mazaͤus gestorben war, in der Person des Stamenes einen neuen Satrapen. Sopolis, der Befehlshaber des Amphipolitischen Ge- schwaders, und die Reuterobristen Menides und Epocillus gingen nach Europa, neue Truppen zu werben. — Die Winterrast in Nautaka wurde, so scheint es, zu Vorbereitungen fuͤr den Indischen Feldzug benutzt, den Alexander in dem naͤchsten Jahre zu beginnen gedachte; doch blieb zuvor noch etwas zu thun; denn in den fast unzugaͤng- lichen Bergen von Paraͤtacene Daß dieß Paraͤtacene die Landschaft Waksch, daß des Cur- tius Bubacene etwa Badakschan, daß die Sacae die Aspasiaken des Polybius an der Steinbruͤcke Pul Senghin sind, daß der Cho- rienesfelsen nicht unwahrscheinlich mit der beruͤhmten Festung Schaduman Hissar zusammengestellt werden koͤnne, habe ich in der Abhandlung „Alexanders Zuͤge in Turan“, im Rheinischen Museum 1833. Heft 1. zu erweisen gesucht. hielten sich noch einige von den Baktrianischen Haͤuptlingen, die an der Empoͤrung des Jahres 329 Antheil genommen hatten, namentlich Katanes, Austanes und Cho- rienes, dessen Felsenburg, reichlich mit Vorraͤthen aller Art verse- hen, selbst dem Eroberer des Sogdianischen Felsens Trotz bieten zu koͤnnen schien. Nach dreimonatlicher Rast brach das Macedonische Heer gen Paraͤtacene auf; es war um Fruͤhlingsanfang, in den waldigen Bergschluchten lag tiefer Schnee, haͤufige Regenschauer, Glatteis, Aequinoctialstuͤrme, furchtbare Gewitter machten die Maͤr- sche noch beschwerlicher, das Heer litt an dem Nothwendigsten Man- gel, viele blieben erstarrt liegen; des Koͤnigs Beispiel, der Mangel und Muͤhsal mit den Seinen theilte, hielt allein noch den Muth der Macedonier aufrecht; es wird erzaͤhlt, daß der Koͤnig, als er Abends am Bivouacfeuer saß, sich zu erwaͤrmen, und einen alten Soldaten, von Kaͤlte erstarrt und wie bewußtlos heranwanken sah, aufstand, ihm die Waffen abnahm und auf seinen Feldstuhl beim Feuer niedersetzen ließ; als der Veteran sich erholt hatte, sei- nen Koͤnig erkannte, und bestuͤrzt aufstand, sagte Alexander heiter: „siehst du, Kamerad, auf des Koͤnigs Stuhl zu sitzen bringt bei den Persern den Tod, dir hat es das Leben wiedergegeben.“ End- lich langte man vor der Burg des Chorienes an; sie lag auf einem schroffen und uͤberaus hohen Felsen, an dem nur ein schmaler und schwieriger Pfad hinauf fuͤhrte; uͤberdieß stroͤmte auf dieser allein zugaͤnglichen Seite in einer sehr tiefen Schlucht ein Bergwasser voruͤber. Alexander, gewohnt keine Schwierigkeit fuͤr unuͤberwind- lich zu halten, befahl sofort, in den Tannenwaͤldern, die ringsum- her die Berge bedeckten, Baͤume zu faͤllen und Leitern zu bauen, um vorerst die Schlucht zu gewinnen. Tag und Nacht wurde ge- arbeitet, mit unsaͤglicher Muͤhe gelangte man endlich in die Tiefe hinab; nun wurde der Bach mit einem Pfahlwerk uͤberbaut, dann Erde aufgeschuͤttet, und auf diese Weise die Schlucht ausgefuͤllt; bald arbeiteten die Maschinen und schleuderten Geschosse in die Burg hinauf. Chorienes, der bisher die Arbeiten der Macedonier gleichguͤltig mit angesehen hatte, erkannte mit Bestuͤrzung, wie sehr er sich verrechnet habe; einen Ausfall auf die Gegner zu machen, verhinderte die Natur des Felsens, gegen Geschosse von oben her waran die Macedonier durch ihre Schirmdaͤcher geschuͤtzt. Endlich mochten fruͤhere Beispiele ihn uͤberzeugen, daß es sicherer sei, mit Alexander sich zu vergleichen, als es zum Aeußersten kommen zu las- sen; deshalb ließ er Alexander durch einen Herold um eine Unter- redung mit Oxyartes bitten; sie wurde gestattet, und Oxyartes wußte seinem alten Kampfgenossen leicht die letzten Zweifel zu nehmen, die ihm geblieben sein mochten; so erschien Chorienes, von einigen seiner Leute umgeben, vor Alexander, der ihn auf das Huldvollste empfing und ihm Gluͤck wuͤnschte, daß er sein Heil lieber einem rechtschaffenen Mann als einem Felsen wollte anvertraut sein las- sen. Alexander behielt ihn bei sich im Zelte und bat ihn, von sei- nen Begleitern einige abzusenden, mit der Anzeige, daß die Feste durch guͤtlichen Vertrag an die Macedonier ergeben sei, und daß Allen, die sich auf der Burg befaͤnden, (es waren namentlich viele bei dem Aufstande betheiligte Landeshaͤuptlinge dort) das Vergan- gene vollkommen verziehen sei. Am Tage darauf zog der Koͤnig, von einem Corps der Hypaspisten begleitet, hinauf, um die Burg in Augenschein zu nehmen; er bewunderte die Festigkeit des Pla- tzes und ließ den fuͤr eine lange Belagerung getroffenen Vorsichts- maaßregeln und Einrichtungen alle Gerechtigkeit widerfahren. Cho- rienes verpflichtete sich, das Heer auf zwei Monate mit Lebensmit- teln zu versorgen; und sofort ließ er aus den uͤberaus reichen Vor- raͤthen seiner Burg den Macedonischen Truppen, die durch die Strenge des Winters und durch so lange Entbehrungen sehr mit- genommen waren, Brod, Wein und eingesalzenes Fleisch zeltweise vertheilen. Alexander gab ihm die Burg und die Statthalterschaft der umliegenden Gegend zuruͤck; er selbst ging mit dem groͤßten Theile des Heeres nach Baktra, indem er den Kraterus mit einigen Ge- schwadern der Ritterschaft und vier Divisionen der Phalanx weiter nach Paraͤtacene hinein gegen Katanes und Austanes, die einzigen noch uͤbrigen Empoͤrer, absandte; die Barbaren wurden in einer blutigen Schlacht uͤberwunden, Katanes erschlagen, Austanes gefan- gen vor Alexander gebracht, das Land zur Unterwerfung gezwun- gen; in Kurzem folgte Kraterus mit seinen Truppen dem Koͤnige nach Baktra Wie weit ins Innere des Landes hinauf Alexanders Trup- pen kamen, ist natuͤrlich nicht zu ermitteln. Doch berichten Marco Polo, Baber und Andere, daß sich die Fuͤrsten von Badakschan und Derwaz ihrer Abstammung von Sekander Filk û s (Alexander Phi- lipps Sohn) ruͤhmten. Dasselbe hoͤrte der wunderliche Wanderer Wolff in Klein-Kaschgar von den dortigen Fuͤrsten ruͤhmen ( Asiat. Journ. 1833. May App. p. 15.). Raturgrenzen sind von Balk aus nach dieser Seite hin auf das Deutlichste ausgepraͤgt. . — Es waren zwei Jahre verflossen, seit Alexander diese Gegen- den zum ersten Male betreten und ein Unternehmen begonnen hat- te, das, je groͤßere Schwierigkeiten es zu uͤberwinden geboten hatte, desto vollstaͤndiger gelungen war; die Strenge der Maaßregeln, deren es bedurft hatte, ist durch den Erfolg und durch ihre Nach- wirkung auf Jahrhunderte gerechtfertigt worden, und es verstummt der Vorwurf der Haͤrte vor der gerechteren Bewunderung, mit der Alexanders Name noch heute von den Voͤlkern Maveralnahars ge- feiert wird. In der That, die ersten historischen Beziehungen je- nes merkwuͤrdigen Gebietes, das fortan in der Geschichte des Mor- genlandes eine entscheidende Rolle spielen sollte, datiren von diesem Zuge Alexanders. Nachdem er die Bevoͤlkerung mit maͤchtiger Hand gebaͤndigt, die Fuͤrsten des Landes gestraft und ihre Burgen zerstoͤrt, denen, die sich unterwarfen, verziehen und neue Macht verliehen, endlich in mehreren Kolonien dem Hellenistischen Leben, fuͤr das er diese Voͤlker zu gewinnen hoffte, Kraft, Anhalt und Beispiel gegeben hatte, war es an der Zeit, durch ein offenbares und erfreuliches Zeugniß die Versoͤhnung zu feiern, die allein dem Neuen eine Zukunft sichern konnte. Des Koͤnigs Vermaͤhlung mit der Baktrianischen Fuͤrstentochter Roxane Nach Curtius Erzaͤhlung ist zu schließen, daß diese Ver- maͤhlung zu dieser Zeit vor der Ruͤckkehr nach Baktra gefeiert ist. Cohortanus heißt bei Curtius der Vater ( VIII. 4. 25.), woraus der neueste Herausgeber, ungehoͤrig wie er nicht pflegt, Oxyartes gemacht hat; Wesselings schoͤne Emendation zum Plutarch ( Diod. tom. 8. p. 451.) bestaͤtigt des Curtius vollkommen irriges Cohortanus satrapes, und zeigt, daß dieser Fehler auf alter Ungenauigkeit beruht; nach Strabo waͤre die Hochzeit in eben der Burg, wohin Roxane fruͤher gefluͤchtet war, gefeiert worden, also nach unserer Darstellung in der des Ario- mazes. Alle diese Verwirrungen aufzuklaͤren, ist nicht mehr moͤglich. , eben so sehr eine Maaßregel der weisesten Politik, wie das schoͤne Werk einer Neigung, die dem Herzen des großen Mannes Ehre macht, war zugleich das Vorbild jener vollkommenen Einigung Asiens und Eu- ropas, die Alexander als das Ziel seiner Siege und als die Grund- lage seiner Macht erkannt und in allmaͤhliger Erweiterung durch- zufuͤhren versucht hat. Fragt man, in wie weit Alexanders großes Werk einer Ver- schmelzung des Abend- und Morgenlandes gelingen konnte und schon gelungen war, so muß man vor Allem auf das Verhaͤltniß der Elemente sehen, die zu einander traten. Es ist die Eigenthuͤmlich- keit des Asiatischen Wesens uͤberhaupt, sproͤder, einfoͤrmiger und beschraͤnkter zu sein; es mußte maaßgebend fuͤr die Gestaltung des Neuen werden, die Vorurtheile, die Anschauungsweise, die ganze Eigenthuͤmlichkeit Asiatischer Voͤlker mußte die Richtung bezeichnen, in der sie, nachdem sie einer Europaͤischen Macht unterworfen wa- ren, sich an diese gewoͤhnen, an dem Europaͤischen Wesen allmaͤhlig Theil zu nehmen lernen konnten. Darum die Asiatische Hofhal- tung, mit der sich der Koͤnig umgab, darum seine Medische Tracht, in der er sich gefiel, wenn die Waffen ruhten, darum das Ceremo- niel und die uͤberschwengliche Pracht des Hofes, die der Morgen- laͤnder als das „Gewand des Staates“ (Libas-i-daulet) an seinem Gebieter zu sehn fordert, darum endlich das Maͤhrchen von des Koͤnigs goͤttlicher Abstammung, uͤber die er selbst mit seinen Ver- trauten scherzte; es war dieß eine aͤhnliche Illusion, wie die heroi- sche Abstammung altgriechischer, wie das „von Gottes Gnaden“ der christlichen Koͤnige. Die Macedonier ihrer Seits hatten laͤngst uͤber die Reichthuͤmer Asiens, uͤber das neue wunderreiche Leben, das sich mit jedem Tage herrlicher erschloß, uͤber die stete Muͤhe des Heerdienstes und den steten Taumel des Sieges, des Ruhmes und der Herrschaft jene altvaͤterische Einfalt aufgegeben, die vor einem Jahrzehent noch der Spott der Attischen Rednerbuͤhne ge- wesen war; die Begeisterung fuͤr ihren Koͤnig, der nach wie vor unter ihnen kaͤmpfte, der wunderbare Glanz seiner Herrlichkeit, in deren Wiederschein sie sich sonnten, der unendliche Reiz des Herr- seins, das jedem in seiner Sphaͤre hohes Selbstgefuͤhl und die Be- gier zu neuen Thaten gab, hatte sie laͤngst vergessen lassen, daß sie friedliche Buͤrger in der Heimath sein konnten. Und in der Hei- math das Macedonische Volk, in schnellem Aufschwung auf der Hoͤhe des geschichtlichen Lebens, es hoͤrte der Heimkehrenden wun- derbare Erzaͤhlungen, es sah die Reichthuͤmer Asiens dem Vater- lande zustroͤmen, es fuͤhlte sich als das erste Volk der Welt, und die Hoheit des Koͤnigthums, das einst nah und vertraulich auf Einer Scholle Erde mit ihnen geweilt hatte, wuchs wie die Entfernungen nach Babylon, nach Ekbatana, nach Baktrien und Indien, ins Unendliche. — Was das Griechenthum anlangt, so mußte es als Volk im Verhaͤltniß des ungeheueren Reiches ver- schwinden; desto wichtiger war es, wie sich die Griechische Bildung, der Alexander die Wege nach Asien oͤffnete, zu dem Neuen ver- hielt; ihr Charakter war der der Aufklaͤrung, laͤngst war die alte Religiositaͤt, der Glaube an Orakel, Opfer und Goͤtter erschuͤt- tert; gebildet zu sein galt hoͤher, als tugendhaft sein; Frivolitaͤt, Selbstsucht und die Begierde, sich irgendwie hervorzuthun, das wa- ren die bewegenden und maaßgebenden Richtungen in dem Leben der Einzelnen, das die Leidenschaften, die so lange jede Vereinigung ge- hindert und die Zerwuͤrfnisse immerfort gesteigert hatten, bis Ale- xanders Zuͤge jeder Kraft und jeder Begierde ein unendliches Feld erschlossen. Fortan wetteiferte der Grieche mit jedem Asiaten in Ueppigkeit und Unterwuͤrfigkeit; Rhetoren, Poeten, Witzlinge, wie sie waren, gefielen sie sich in Phrasen, wie sie auf die Helden von Marathon und Salamis, auf Heroen wie Perseus und Herakles, auf die Siege des Bacchus und Achilles zu wiederholen, aus der Mode gekommen war; sie erhoben den Heldenkoͤnig mit allem Ue- bermaaß ihrer Rhetorik und ihres gewissenlosen Leichtsinnes; die Ehren der alten Heroen und des Olymps mußten zum Preise des maͤchtigen Herrschers dienen. Denn laͤngst hatten die Sophisten ge- lehrt, daß alle die, zu welchen man wie zu Goͤttern betete, eigent- lich ausgezeichnete Kriegshelden, gute Gesetzgeber, vergoͤtterte Men- schen waͤren; und so gut manches Geschlecht sich von Zeus oder Apollon abzustammen ruͤhmte, eben so gut koͤnne ja wieder der Menschen Einer durch große Thaten wie einst Herakles in den Olymp kommen, oder wie Harmodius und Aristogiton heroischer Ehren theilhaftig werden. Ohne Beispiel war dergleichen nicht; der lahme Spartanerkoͤnig Agesilaus war zwanzig Jahr fruͤher von den Thasiern mit Tempel und Altar zum Gott installirt wor- den, und Koͤnig Philipp hatte sich im Kostuͤm eines dreizehnten Olym- piers bei den großen Festlichkeiten von Aegaͤ gezeigt. Um wie viel Groͤßeres nun hatte Alexander gethan? und Kallisthenes, der Schuͤ- ler und Neffe des großen Aristoteles, schrieb in seinen Geschichts- buͤchern von dem unmittelbar goͤttlichen Ursprung Alexanders, ohne daß man Anstoß daran genommen haͤtte; ja die Athener hatten schon fruͤher das heilige Theorenschiff mit Gesandten an den Koͤnig nach Tyrus geschickt, und wenn spaͤterhin in Hellenischen Staaten ihm goͤttliche Ehren zu gewaͤhren in Vorschlag gebracht wurde, so war es nicht im Interesse der Religion, sondern nur in dem einer politischen Parthei, daß dem Antrag theilweise widersprochen wurde. Alles dieß vorausgesetzt, kann man sich ein ungefaͤhres Bild von der Umgebung Alexanders machen. Dieß bunte Durcheinander der verschiedenartigsten Interessen, das geheime Spiel von Rivali- taͤten und Intriguen, der unablaͤssige Wechsel von Gelagen und Kaͤmpfen, von Festlichkeiten und Strapazen, von Ueberfluß und Ent- behrung, von strengem Dienst im Felde und zuͤgellosen Genuͤssen in den Cantonirungen, dazu das stete Weiterdringen in andere und an- dere Laͤnder, ohne Sorge fuͤr die Zukunft und nur der Gegenwart gewiß, das Alles vereinte sich, der Umgebung Alexanders jene aben- theuerliche und phantastische Haltung zu geben, die zu dem wun- derbaren Glanze seiner Siegeszuͤge paßte. Neben seiner uͤberwie- genden Persoͤnlichkeit treten die Einzelnen selten aus der Masse her- vor, ihr Verhaͤltniß zum Koͤnige ist ihr Charakter Alexander zuͤrnte einst auf Hephaͤstion, der sich mit Kraterus entzweit hatte; er sagte: was ist deine Macht, was ist deine That, wenn dir jemand Alexandern entreißt. Plut. de fort. Alex. II. ; so der edle Kraterus, der den Koͤnig, der milde Hephaͤstion, der Alexandern liebte, so der unermuͤdliche Lagide Ptolemaͤus, der gewandte Kar- dianer Eumenes, der das Kabinet des Koͤnigs leitete. Kenntlicher sind die allgemeinen Charaktere: die Macedonischen Edlen, kriegerisch, ungestuͤm, gebieterisch, die Asiatischen Fuͤrsten, ceremonioͤs, prunkend, Meister in jeder Kunst des Luxus, der Unterwuͤrfigkeit und Intri- gue, die Hellenischen Begleiter, theils in der Adjudantur und fuͤr wissenschaftliche Interessen beschaͤftigt, theils als Dichter, Kuͤnstler, Philosophen, Muͤßiggaͤnger im Gefolge des Koͤnigs, der, Grieche genug, um unter den Waffen der Musen nicht zu vergessen, sich gern von den Gebildetsten des Jahrhunderts gefeiert sah, und we- der Geschenke noch Huld und Herablassung sparte, um die fuͤr sich zu gewinnen, welche er um den Ruhm der Wissenschaft beneidete. Unter diesen Hellenen in Alexanders Gefolge waren besonders zwei Literaten, die durch sonderbare Verknuͤpfung der Umstaͤnde einige Bedeutung in den Verhaͤltnissen des Hoflagers gewannen. Der eine war der oben erwaͤhnte Olynthier Kallisthenes; Schuͤler und Verwandter des großen Aristoteles, der ihn seinem koͤniglichen Zoͤglinge zugesandt hatte, begleitete er den Koͤnig nach Asien, um als Augenzeuge die Großthaten der Macedonier der Nachwelt zu uͤber- lifern; Philosoph ohne Kenntnisse, hochmuͤthig ohne Charakter, von selbstgefaͤlliger Wohlbeleibtheit und voll kleinlicher Schwaͤchen, glaubte er eigentlich der große Mann zu sein, unter dessen Augen der Koͤ- nig und das Heer jene Thaten ausfuͤhre, deren Wesen und Werth er allein zu wuͤrdigen verstaͤnde: durch ihn werde Alexanders Name beruͤhmt werden, ihm und seinem Geschichtswerke, nicht den Maͤhr- chen, die Olympias sich einrede, noch den Orakeln des Ammon und der Branchiden von Milet, danke es Alexander, daß er als Gott geehrt werde Cf. St. Croix. p. 24. sqq. . In diesem Sinne hatte er bereits die Ge- schichte einiger Jahre niedergeschrieben, und seine pomphafte Dar- stellung fand vielen Beifall; sein Talent des muͤndlichen Vortrages, seine zur Schau getragene Tugendhaftigkeit, seine affektirte Strenge und Wuͤrde machten ihn besonders bei den jungen Adligen in des Koͤnigs Leibschaar, die mit Eifer seine Vortraͤge hoͤrten, zu einem Gegenstande der Bewunderung. Sehr anders war der Abde- rite Anaxarchus; er gehoͤrte einer laͤngst veralteten Philosophen- schule an, deren materialistischer Tendenz seine Persoͤnlichkeit ent- sprach; er war ein Mann von Welt, nicht kalt gegen die Genuͤsse des Lebens, gegen Mindere vornehm, dem Koͤnig der stets unter- thaͤnige und oft laͤstig; einst bei einem Gewitter fragte er ihn- donnerst Du, Sohn des Zeus? worauf Alexander lachend antwor- tete: ich mag mich meinen Freunden nicht so furchtbar zeigen, wie du wohl wuͤnschest, der du deswegen meine Tafel verachtest, daß ich „statt der Fische nicht Satrapenkoͤpfe aufsetzen lasse“ Achnliches in Pln- tarch’s Tischreden IX. 1. ; ein Ausdruck, dessen sich Anaxarchus bedient hatte, als er den Koͤnig sich an einem Gericht kleiner Fische, die ihm Hephaͤstion geschickt hatte, freuen sah Ist dieß noch in Persien gesche- hen, so kann man bemerken, daß unter allen Persischen Fluͤssen nur der von Sahend in Aderbidschan Fische hat; s. Malcolm Geschichte Persiens I. p. 391. . Man kann ahnden, in welchem Sinne seine Schrift von dem Koͤnigthum geschrieben war Clemens Strom. 1. p. 337. ; noch mehr zeigen das die Trostgruͤnde, mit denen er nach Klitus Ermordung den Koͤnig aufzurichten suchte: „weißt du nicht, o Koͤnig, sagte et damals, daß darum die Gerechtigkeit zur Beisitzerin des Koͤnig Zeus gemacht ist, weil Alles, was Zeus thut, gut und recht ist? eben so muß, was ein Koͤnig auf dieser Welt gethan, zunaͤchst von ihm selbst, dann von der uͤbrigen Menschheit fuͤr Recht erkannt werden“ Ar- rian. IV. 9. Plut. . Kallisthenes glaubte sich, wie es scheint, von dem Koͤnige ver- nachlaͤssigt, und Andere vorgezogen; der philosophische Mann be- gann sich zu aͤrgern, sich zuruͤckzuziehen, des Koͤnigs Tafel zu mei- den oder durch hochmuͤthiges Schweigen die Aufmerksamkeit auf sich zu wenden, und, sonst der eifrigste Vertheidiger alles dessen, was Alexander that und wollte, den Republikaner zu spielen und die gute alte Zeit zu ruͤhmen. Einst war er zur Tafel beim Koͤ- nige und wurde von diesem aufgefordert, beim Wein eine Lobrede auf die Macedonier zu halten; er that es mit der ihm eigenthuͤm- lichen Kunst unter dem lautesten Beifall der Anwesenden. Dann sagte der Koͤnig, es sei leicht das Ruhmreiche zu ruͤhmen, er moͤge seine Kunst beweisen, indem er gegen dieselben Macedonier spraͤche und durch gerechten Tadel sie des Bessern belehren; das that der Sophist mit schneidender Bitterkeit: der Griechen unselige Zwie- tracht habe die Macht Philipps und Alexanders gegruͤndet, im Auf- ruhr komme auch ein Elender bisweilen zu Ehren. Empoͤrt sprangen die Macedonier auf, und Alexander sagte: nicht von seiner Kunst, sondern von seinem Haß gegen uns hat der Olynthier einen Beweis gegeben. Kallisthenes aber ging heim, und sagte dreimal zu sich selbst: Auch Patroklus mußte sterben und war mehr denn du! Plut.; cf. Philostrat. vit. Apoll. VII. 1. 2. . Alexander wuͤnschte, die Sitte der morgenlaͤndischen Anbetung an seinem Hofe eingefuͤhrt zu sehen; es haͤtte als ein Vorzug ge- gen Griechen und Macedonier erscheinen koͤnnen, wenn er nur von Asiaten diese Art der Huldigung, die seiner Macht gebuͤhrte, an- nahm; er wuͤnschte jeden aͤußeren Unterschied aufgehoben. Den Vor- urtheilen, an welchen Mancher haftete, mochte er nicht durch einen Befehl Anlaß zur Misdeutung und Unzufriedenheit geben; er hoffte, daß sich die Sache in Form stillschweigender Uebereinkunft machen wuͤrde. Hephaͤstion und einige Andere uͤbernahmen es, die Grie- chen und die Macedonischen Generale zu bereden; auch Kallisthenes verpflichtete sich, was bei seinem Ansehn wichtig war und Man- chen uͤber seine etwanigen Bedenken beruhigen konnte. Als nun am verabredeten Tage die Großen bei Alexander zur Tafel waren, so nahm Alexander die goldene Schaale und trank seinen Freunden einzeln zu, worauf sich jeder zum Altar wandte, seinen Becher trank, dann aufstand, vor dem Koͤnige das Knie beugte, und ihn kuͤßte. Als nun die Reihe an Kallisthenes kam, und der Koͤnig ihm zu- getrunken, und dann mit Hephaͤstion sprach, der an seiner Sein saß, stand der Philosoph auf, leerte den Becher und ging zum Koͤ- nige, um ihn zu kuͤssen; der Koͤnig wollte es nicht sehn, daß der Mann nicht anbetete; aber einer der Getreuen sagte: „Kuͤsse ihn nicht, Koͤnig, er ist der einzige, der nicht angebetet“. Alexander weigerte den Kuß, und Kallisthenes sprach, indem er sich hinweg- wandte: „So gehe ich um einen Kuß aͤrmer fort“. Unverkennbat hatte der hochmuͤthige Mann diesen Skandal gesucht; Hephaͤstion versicherte den Koͤnig, daß er die Huldigung versprochen habe; Ly- simachus und Andere fuͤgten hinzu, es sei nicht auszuhalten mit dem Duͤnkel des Sophisten, er wandle so stolz einher, als ob er das Koͤ- nigthum stuͤrzen wolle, er sei gefaͤhrlich, da sich viele Macedonische Juͤnglinge an ihn hingen, seine Worte wie Orakel, ihn selbst wie den einzigen Freien unter den Tausenden des Heeres betrachteten. Und nur zu bald sollten diese Besorgnisse eine traurige Bestaͤtigung fin- den So erzaͤhlt Chares von Mitylene, (Plut. Alex. 55.) der eine der groͤßten Hofchargen bei Alexander bekleidete, und von den man nicht sagen kann, daß er partheiisch fuͤr Alexander schrieb; s. Athen. X. 436 St. Croix p. 39. Nach anderen Berichten (Curtius, Arrian) verhielt sich die Sache folgendermaaßen: Alexander sei mit den Sophisten und den vornehmsten Medern und Persern uͤberein- gekommen, die Sache waͤhrend eines Trinkgelages zur Sprache zu bringen, Anaxarchus habe da das Wort ergriffen und geaͤußert, Alexander verdiene mehr als Bacchus und Herakles goͤttliche Ehre bei den Macedoniern; nach seinem Tode werde sie ihm niemand wei- gern, desto mehr muͤsse man ihn bei Lebzeiten anbeten. Dann haͤtten einige angebetet, und da die Macedonier, obschon unzufrieden, ge- schwiegen, sei Kallisthenes aufgestanden und habe in einer sehr frei- muͤthigen Rede dem Vorschlage des Anaxarchus widersprochen, na- mentlich Alexanders goͤttliche Verehrung als etwas Verkehrtes dar- gestellt, angefuͤhrt, daß erst Cyrus unter den Persern diese gottlose Sitte eingefuͤhrt habe, daß er dafuͤr von den Seythen besiegt worden so wie Xerxes von den Griechen, Artaxerxes von den Zehntausend und der letzte Darius von Alexander, dem nicht Angebeteten. Dieß habe den Koͤnig bitter gekraͤnkt, die Macedonier aber alle erfreut, wei- halb . Nach Nach einer schon von Koͤnig Philipp herstammenden Einrich- tung pflegten die Soͤhne der Macedonischen Großen mit ihrem Ein- tritt ins Juͤnglingsalter in die Schaar der Edelknaben einzutreten, um mit dem Dienst um des Koͤnigs Person ihre kriegerische Lauf- halb Alexander weiter von der Sache zu sprechen verboten habe; nun sei eine unangenehme Pause in der Unterhaltung eingetreten, worauf sich die aͤltesten Perser sofort erhoben und angebetet haͤtten. Leonnatus, der Vertrauten einer, (nach andern Polysperchon) habe dabei uͤber die Bewegungen eines der niederfallenden Perser laut aufgelacht und sich dadurch Alexanders Ungnade zugezogen. So Arrian; nach Curtius war Alexander waͤhrend jener Reden abgetre- ten, hatte die einzelnen Aeußerungen hinter einem Vorhange be- lauscht, und den Polysperchon, als er uͤber den anberenden Perser lachte, im vollen Zorn beim Arme gefaßt und an die Erde geschleu- dert mit den Worten: so thue dasselbe, woruͤber du andere verlach- test! Diese ganze Erzaͤhlung, die Arrian nicht aus seinen zuverlaͤssi- gen Quellen geschoͤpft zu haben scheint, (er begleitet sie mit einem „man sagt“) duͤrfte aus Klitarch oder aͤhnlichen Autoren sein; da- fuͤr spricht die von Kallisthenes gehaltene Rede und besonders der unpragmatische Charakter, in dem das Ganze dargestellt ist; Leon- nats hohe Wuͤrde eines Leibwaͤchters wuͤrde nicht mit den Gesin- nungen passen, die er bei dieser Gelegenheit aͤußerte; dazu kommt, daß genau dieselbe Sache von Cassander und dessen Audienz im Jahre 323 erzaͤhlt wird, Plut. Alex. c. 74.; auch ist es nicht glaublich, daß der Koͤnig eine Sache, die so unangenehm enden konnte, von dem augenblicklichen Eindrucke der Reden abhangen ließ; erst wenn man des Erfolges sicher war, durfte der Versuch gemacht werden die Anbetung einzufuͤhren. Die Wortbruͤchigkeit des Kallist- henes giebt der Geschichte ihre haͤßliche Pointe und einen neuen Beweis fuͤr die freche Eitelkeit und Anmaaßlichkeit dieses Menschen. Justin. XI. 3 erzaͤhlt, daß Lysimachus, ein eifriger Anhaͤnger des Kallisthenes, dem Philosophen auch in dieser Zeit dienstwillig gewe- sen und deshalb von dem erzuͤrnten Koͤnige einem wilden Loͤwen vor- geworfen sei, den er so gluͤcklich bekaͤmpfte, daß Alexander ihm ver- zieh. Die Kritik dieser Erzaͤhlung giebt Curt. VII. 1. 15. — Uebrigens ist jenes Ceremoniel beim Trinkgelage aͤcht Turanisch und wieder- holt sich in der Muhamedanischen Zeit; wenn ich nicht irre, thut auch Malcolm in seiner Persischen Geschichte dessen Erwaͤhnung. 23 bahn zu beginnen; sie waren im Felde seine Begleitung, sie hat- ten die Nachtwache vor dem Koͤnigszelte, sie fuͤhrten ihm das Pferd vor und huben ihn in den Buͤgel, sie waren um ihn bei Tafel und auf der Jagd; sie standen unmittelbar unter seiner Obhut, und nur er durfte sie strafen; er sorgte ihrer hohen Geburt und den hohen Anforderungen ihrer kuͤnftigen Stellung angemessen fuͤr ihre wissen- schaftliche Ausbildung, und namentlich fuͤr sie waren beruͤhmte Griechische Gelehrte im koͤniglichen Gefolge. Unter diesen jungen Adlichen war Hermolaus, der Sohn des Sopolis, des Befehlshe- bers vom Amphivolitischen Geschwader, desselben, der von Nau- taka aus auf Werbung nach Macedonien gesandt war Eines Effektes Willen laͤßt Curtius den Sopolis nicht ab- gereiset sein, wie doch Arrian ausdruͤcklich berichtet. . Her- molaus, ein eifriger Verehrer des Kallisthenes und seiner Philoso- phie, hatte, so scheint es, die strengen Ansichten und republikanischen Theorien seines Lehrers mit Begeisterung aufgefaßt, mit jugendlichen Unwillen sah er diese Vermischung des Persischen und Macedoni- schen Wesens, deren Nothwendigkeit er nicht begriff; das Selbstge- fuͤhl besserer Einsicht und der Trotz des unterdruͤckten Rechtes ver- leiteten ihn zu einer eben so unbesonnenen wie zwecklosen That. Bei einer Jagd, als ein Eber auf die Wildbahn kam, und den Koͤnige, der nach der Hofsitte den ersten Wurf hatte, vor den Speer rannte, erlaubte sich der junge Mann den ersten Wurf und erlegte das Thier; ein Dienstvergehen, das Alexander unter anderen Umstaͤnden vielleicht nicht beachtet haͤtte, bei Hermolaus aber als absichtlich ansah und demgemaͤß bestrafte, indem er ihn zuͤchtigen und ihm sein Pferd nehmen ließ. Hermolaus war auf das Hes- tigste empoͤrt; Kallisthenes schuͤrte das Feuer seines Ingrimms mit dem bitteren Troste: er sei ja ein Mann; dann sprach er ihm von dem Ruhme des Harmodius, der den einen Tyrannen ermordet habe Diese auf verschiedene Namen erzaͤhlte Geschichte paßt hierher eben so gut wie auf Philipps Moͤrder Pausanias. Wenn nach Plutarch Kallisthe- nes diese Aeusserung gegen Philotas that, so ist natuͤrlich nicht Parmenions Sohn, sondern der Thracier gemeint. Cf. Diog Laert. IV. 2. 6. c. intpp. ; und der auf goldenem Bette ruhe, sei ein Mensch ver- wundbar wie alle. So reifte in der Seele des ungluͤcklichen Juͤnglings der Gedanke der traurigsten Rache. Sein Busenfreund war So- stratus, der Sohn des Stymphaͤers Amyntas, desselben, der mit seinen drei Bruͤdern bei der Philotasverschwoͤrung in den Verdacht der Theilnahme gefallen war, und, um sich aller Schuld frei zu zeigen, den Tod im Kampfe gesucht hatte; diesem Sostratus theilte sich Hermolaus mit: das Leben sei ihm verleidet, wenn er sich nicht raͤchen koͤnne. Leicht war Sostratus gewonnen: es sei ja Alexan- der, der ihm schon den Vater entrissen, der ihm jetzt den Freund beschimpft. Die beiden Juͤnglinge zogen noch vier andere aus der Schaar der Edelknaben ins Geheimniß; es waren Antipater, der Sohn des Asklepiodor, des gewesenen Statthalters von Syrien, Epimanes, Arseas Sohn, Antikles, Theokrits Sohn und der Thra- cische Philotas, des Karsis Sohn; sie verabredeten, in der Nacht, wenn Antipater die Wache haͤtte, den Koͤnig im Schlafe zu er- morden. Die Nacht kam; Alexander hatte mit den Freunden zu Abend gegessen und blieb laͤnger als sonst in der Gesellschaft der Getreuen; schon war Mitternacht voruͤber, man wollte aufbrechen und sich zur Ruhe begeben. Nun war, so heißt es, ein Syrisches Weib, voll Zauber und Weissagung, in ihrem begeisterten Wahn- sinn dem Koͤnig seit Jahren gefolgt, und hatte den Freunden schon oft Anlaß zu Spott und Neckereien gegen Alexander gegeben, der dann lachend einstimmte; als sich aber wiederholentlich ihre Spruͤche wahr erfunden, misachtete sie der Koͤnig nicht laͤnger, er befahl, ihr Nacht und Tag den Zugang zu seiner Person zu gestatten, und oftmals war sie in der Stille der Mitternacht ploͤtzlich vor seinem Bette erschienen, mit Warnung oder Rath. Als man jetzt eben von Tafel aufbrach, stand das Weib an des Koͤnigs Seite und bat ihn: „bleib und trinke die Nacht durch!“ Und Alexander rief froͤh- lich den Freunden zu, sie moͤchten bleiben, so wollten es die freund- lichen Goͤtter. So tranken und scherzten sie bis zum Morgen. Als nun Alexander, da schon der Tag anbrach, heimging, und die Pagen, deren Zeit schon lange voruͤber war, noch wachen und ihn erwarten sah, lobte er sie fuͤr ihre Sorge, und entließ sie reich be- schenkt. Die Verschworenen gingen heim, entschlossen, die naͤchste Nachtwache, die auf sie fiel, zu benutzen. Epimenes sah Tages darauf seinen Busenfreund Charikles, den Sohn des Menander, 23 * der als Befehlshaber eines festen Platzes im Baktrischen von Ale- xander vor Kurzem, weil er den ihm anvertrauten Posten verlassen hatte, niedergestochen war Dieser (Plut. 57.) , nicht der Lydische Satrap, der Magne- sier Menander, scheint bezeichnet zu sein. . Epimenes mochte seinem Freunde nicht laͤnger das Geheimniß verhehlen; er sagte ihm, was bereits geschehen, was noch im Werke sei. Bestuͤrzt und empoͤrt eilte Cha- rikles zu seines Freundes Bruder Eurylochus, und beschwor ihn durch schnelle Anzeige den Koͤnig zu retten; sofort ging dieser in des Koͤnigs Zelt, und entdeckte dem Lagiden Ptolemaͤus den furcht- baren Plan. Auf seine Anzeige befahl der Koͤnig, schleunigst die Verschworenen nebst Kallisthenes, dessen Verhaͤltniß zu ihnen be- kannt war, zu verhaften; sie wurden verhoͤrt, sie bekannten auf der Stelle ihren Plan, ihre Genossen, Kallisthenes Mitwissenschaft. Dann wurde das Heer zum Kriegsgericht berufen, die Gefangenen, außer Kallisthenes (denn dieser war Grieche) vorgefuͤhrt; ber Koͤ- nig klagte auf Hochverrath; mit lautem Unwillen hoͤrten die tap- feren Macedonier von dem Plan und ihres Koͤnigs Gefahr. Dann fragte Alexander die Verschworenen, was sie zu ihrer Vertheidigung vorzubringen haͤtten. Hermolaus nahm das Wort, er sprach mit dem Gefuͤhl eines Maͤrtyrers der Wahrheit und dem ganzen Stelz der Hoffnungslosigkeit: Alexanders Uebermuth koͤnne kein freier Mann mehr ertragen; der Macedonier Ruhm sei durch des Koͤ- nigs Frevel tausendfach geschaͤndet; gegen Recht und Sitte sei Philotas hingerichtet, der greise Parmenion meuchlings ermordet, trunken habe der Koͤnig den edlen Klitus, der ihm das Leben ge- rettet, durchbohrt, niemand mehr sei vor dem Despoten sicher; mit Asiatische Sklaven wolle er um sich sehen; schon sei versucht, freie Macedonier zur Anbetung zu zwingen; der Koͤnig wisse, daß er, Verraͤther an der Sitte der Vaͤter, mit seinem Medischen Kleide und seiner Asiatischen Wollust, mit seinem zwischen Rausch und Schlaf getheilten Leben unter freien Maͤnnern verachtet und ge- faͤhrdet, nur unter Erniedrigten und mit ihm Entarteten seines unwuͤrdigen Lebens sicher sei; die Verschworenen haͤtten sich und die Macedonier befreien wollen, bevor es zu spaͤt gewesen. Die Macedonier aber, empoͤrt uͤber den verruchten Anschlag, steinigten nach der Sitte der Vaͤter ihn und seine Genossen. Kallisthe- nes aber, der wenn auch nicht unmittelbaren Antheil an dem Ver- brechen gehabt hatte, wurde in Ketten geworfen, um spaͤter im Beisein des Aristoteles, gegen dessen Treue der Koͤnig Zweifel zu hegen begann, gerichtet zu werden. Alexander schrieb daruͤber an Antipater: „die jungen Verraͤther sind von den Macedoniern gestei- nigt worden, den Sophisten aber will ich selbst bestrafen, und auch diejenigen, die ihn zu mir geschickt haben, und die in ihren Staͤd- ten Verraͤther gegen mich aufnehmen“. Kallisthenes aber starb, be- vor er gerichtet war, waͤhrend des Indischen Feldzuges an der Laͤusesucht Die Angaben uͤber Kallisthenes Schuld und Tod weichen vielfach von einander ab. Nach Alexanders Brief an Atralus, den Oheim des Sostratus (Plut. 55.) , hatten die Verschworenen jede anderweite Theilnahme an ihrem Verbrechen abgeleugnet; daß aber Kallisthenes die Gesinnung der jungen Leute gekannt und mit klu- ger Vorsicht auf den Koͤnigsmord geleitet habe, ist nach seinem Charakter und durch die Angaben des Ptolemaͤus und Aristobul (Arrian. IV. 14. 1.) ausgemacht. Vor Allem ist diese Geschichte mit großer Partheilichkeit gegen den Koͤnig entstellt worden; die Philo- sophen, Gelehrten und Gebildeten des Alterthums verschreien Ale- xanders Gerechtigkeit als eine Barbarei gegen das sacrosancte Haupt eines wissenschaftlichen Mannes, der leider mehr Eitelkeit als Verstand hatte, wie sein Oheim und Lehrer Aristoteles selbst sagte, cf. St. Croix p. 365.; derselbe hatte ihn beim Abschiede er- mahnt, ut cum rege aut rarissime aut quam jucundissime lo- queretur . Dieß und Aehnliches weiset Stahr in seinen trefflichen Aristoteliis (1. p. 124.) nach, und es ist nur zu bedauern, daß er das allgemeine Vorurtheil fuͤr Kallisthenes theilt. — Die ganze Verschwoͤrungsgeschichte ist im Obigen nach den uͤbereinstimmenden Berichten des Aristobul und Chares erzaͤhlt worden; Ptolemaͤus weicht nur uͤber Kallisthenes Tod ab; er sagt, der Sophist sei ge- foltert und dann aufgeknuͤpft worden. Arrian 1. c. Nach Suidas wurde mit ihm zugleich sein Freund, der Dichter Neophron aus Si- cyon, hingerichtet, den Elmsley, wunderlich genug, zu einem aͤlteren Zeitgenossen des Euripides gemacht hat. . — Siebentes Kapitel. Der Indische Feldzug . I ndien, durch die vollendete Eigenthuͤmlichkeit seiner Natur, sei- ner Bevoͤlkerung, seiner Civilisation in sich abgeschlossen, ist lange Jahrhunderte hindurch von den geschichtlichen Bewegungen der Westwelt unberuͤhrt geblieben. Von zweien Seiten umfluthen es Oceanische Meere, in denen erst spaͤt Wissenschaft und Betriebsam- keit die Straßen der leichtesten und sichersten Verbindung finden sollte; von zweien anderen Seiten thuͤrmen sich in doppelter und dreifacher Umwallung Gebirgsmassen auf, durch deren Schneepaͤsse und gluͤhende Felsspalten der fromme Pilger, der wandernde Han- delsmann, der Raͤuber der Wuͤste einen muͤhsamen Weg findet. Auch bedarf dieß Land der Hindu nicht des Verkehrs mit der Welt draußen; vielgestaltig in sich, uͤberreich an Erzeugnissen aller An, bis zum Unglaublichen bevoͤlkert, hat es in vollendeter Selbststaͤn- digkeit eine Geschichte von Jahrtausenden entwickelt; ihre Erinne- rungen sind dem eigenen Volke fast verschwunden, in zeit- und raum- losen Phantastereien scheint dessen Gedaͤchtniß verkommen zu sein, seit es aufgehoͤrt hat, sich selbst anzugehoͤren; aber dem voraus liegt eine Vergangenheit großer und mannich faltiger Entwickelungen; in ih- rer Bluͤthe scheint sie der Macedonische Eroberer gesehen zu haben, der erste Fremdling des Abendlandes, der den Weg nach Indien gefunden. Ein Strom durchbricht den Felsenwall, der Indien von der Westwelt scheiden sollte; entsprungen aus jenen Bergen, denen dicht aneinander die Gewaͤsser von Turan und Ariana, von Balk und Kandahar entquellen, stuͤrzt er sich ostwaͤrts zu dem Bette des Indus hinab; umsonst thuͤrmen sich im Norden und Suͤden des Stromes die wildesten Felsenmassen empor, sie oͤffnen sei- nen Fluthen ein breites Thor, und das Thal von Lamghanat fuͤhrt zu dem fruchtuͤppigen Tropenklima Indiens hinab. Und doch ist es noch nicht das rechte Indien, das sich hier oͤffnet; die fuͤnf Stroͤme des Panschab, die Ueberschwemmungen der Sommer, der breite Guͤrtel der Wuͤste im Osten und Suͤden machen das Abend- land Indiens zu einer zweiten Schutzwehr des heiligen Ganges- landes, und es ist, als habe die Natur einen Liebling vor Gefah- ren, denen sie selbst einen Weg geoͤffnet, doch noch zu schuͤtzen ver- suchen wollen. An das Gangesland ist alles Heilige und Große, was der Hindu kennt, geknuͤpft, dort ist der uralte fromme Glaube und die strenge Sonderung der Kasten, die aus Brahma gezeugt sind, heimisch, dort sind die heiligsten Orte der Wallfahrten und der Strom des geweihten Wassers; die Staͤmme im Abend der Wuͤ- ste, obschon verwandten Geschlechtes und Glaubens, sind abgewi- chen von der strengen Reinheit des goͤttlichen Gesetzes, sie haben nicht den Verkehr mit den Javanen in der Außenwelt gemieden, sie haben nicht die Wuͤrde koͤniglicher Herrschaft, nicht die Lauter- keit der Kasten, nicht die Abgeschlossenheit gegen die unreinen und verhaßten Fremdlinge bewahrt, in der doch Bedingung, Sicherung und Beweis des heiligen Lebens beruht; sie sind die Entarteten und den Fremdlingen Preis gegeben. Und in der That, die Fremdlinge haben nicht umsonst jenes Voͤlkerthor, das zum schoͤnen Indien hinabfuͤhrt, geoͤffnet gesehen. Indier wohnten an dem Weststrom aufwaͤrts bis zu seinen Quel- len im Paropamisus; aber sie widerstanden dem Voͤlkerdraͤngen nicht, das von Abend her sich den gluͤcklichen Ebenen Indiens zuwendete. Aelter als die Geschichte ist der Beginn dieses Vordringens gen Osten; aus den wuͤsten Gebirgen Arianas, aus den Klippeneinoͤden von Korassan sind nomadische Horden dorthinabgewandert; aber zu roh zum Erobern blieben sie mit ihren Heerden auf den Ge- birgsweiden, die zu dem reichen Thallande des Indus hinabschau- en Fuͤr diese Angaben darf ich nur auf die treffliche Abhand- lung Ritters: „Ueber Alexanders Zug am Kaukasus“ in den Abhand. der Berliner Akademie 1829 verweisen. Der Choaspes, der Name des Kahmehflusses, ist vollkommen Iranisch. . Dann ward Assyrien maͤchtig; aber die stolze Semiramis sah an der Indischen Bruͤcke die Kameele der westlichen Steppen vor den Elephanten des riesigen Ostens fluͤchten; und Persien, ploͤtz- lich groß um langsam abzusterben, hat an den Ufern des Indes den Beginn einer großen Zukunft gesucht, um deren Erfuͤllung es die Kaͤmpfe im Abendlande betrogen. Nie hat sich die Herrschaft der Achaͤmeniden bis jenseits des Indus erstreckt; die Ebene am Fuß des Paropamisus mit den westlichsten Zweigen Indischer Bevoͤlkerung war das letzte Gebiet, das die Großkoͤnige mit Sicherheit besaßen; von dort aus hatte der große Darins seine Schiffe gen Sonnenaufgang hinab gesandt, daß sie die Muͤndungen des Indischen Stromes erkundeten, von dort her waren die Elephanten des letzten Perserkoͤnigs, die ersten, welche die Westwelt sah, gekommen. Oestlichere Landstriche zu erobern, gelang jenem großen Darius nur fuͤr die Dauer seiner Herrschaft, und in der spaͤteren Achaͤmenidenzeit verschwindet jede Spur eines Verhaͤltnisses zu den Induslaͤndern. Statt dessen tritt im Osten des Kohistan am Kophen auf das Deutlichste eine Menge unabhaͤngiger Staaten hervor, die sich uͤber die fuͤnf Stroͤme gen Osten bis zur Wuͤste, gen Suͤden bis zur Indusmuͤndung aus- dehnte, eine Musterkarte kleinerer und groͤßerer Voͤlker, Fuͤrstenthuͤmer und Republiken, ein buntes Durcheinander politischer Zersplitterung und religioͤser Verwirrung, unter einander ohne andere Gemein- schaft als die der gegenseitigen Eifersucht und des steten Wechsels von treulosen Buͤndnissen und selbstsuͤchtigen Fehden. — Alexander hatte mit der Unterwerfung des Sogdianischen Landes die Besitznahme des Perserreiches vollendet; die Satrapie des Paropamisus, die er im Jahre 329 besetzt hatte, war, wenn schen von Indiern bewohnt, doch ein Theil des Achaͤmenidenreiches, dessen Grenzen er noch nicht uͤberschritten, aber allerdings schon auf die ent- schiedenste und nach allen Seiten hin drohendste Weise besetzt hatte. Seiner Absicht, auch in Indien das Gluͤck seiner Waffen zu ver- suchen, boten die politischen Verhaͤltnisse der Fuͤrsten des Indus- landes eine erwuͤnschte Gelegenheit. Leider sind die Nachrichten daruͤber mangelhaft, und kaum daß uns die Folgen der vielfachen schon fruͤher angeknuͤpften Verbindungen uͤber ihren Charakter und ihren Zweck einigen Aufschluß geben. Von uͤberwiegender Wichtigkeit war Alexanders Verhaͤltniß mit dem Fuͤrsten von Taxila; das Reich desselben lag auf dem Ostufer des Indus, der Muͤndung des Ko- phenflusses gegenuͤber, es erstreckte sich ostwaͤrts gegen den Hydas- pes hin in einer Ausdehnung, die man der der Aegyptischen Statt- halterschaft gleich schaͤtzte. Der Fuͤrst, mit mehreren seiner Nach- barn, namentlich dem Fuͤrsten Porus am Hydaspes, verfeindet und zugleich nach Erweiterung seines Gebietes begierig, hatte den Koͤ- nig Alexander waͤhrend seines Aufenthaltes in Sogdiana zu einer Indischen Heerfahrt aufgefordert und sich bereit erklaͤrt, die In- dier, die sich ihm zu widersetzen wagen wuͤrden, mit ihm gemein- schaftlich zu bekaͤmpfen Diod. XVII. 86. . Dieß war, so scheint es, der erste aͤu- ßere Anknuͤpfungspunkt fuͤr den Feldzug, zu dem sich Alexander, wie seine Antwort an den Chorasmierkoͤnig erweiset, bereits zur Zeit der Winterrast in Zariaspa entschlossen hatte. Ein guͤnstiger Zufall wollte, daß der Indische Fuͤrst Sisikyptos, der mit Bessus in Verbindung getreten war und demselben Indische Huͤlfstruppen, um das Baktrische Koͤnigthum zu vertheidigen, zugesagt hatte, nach des Koͤnigsmoͤrders Gefangennehmung sich an Alexander ergab und in seinen Dienst trat, in dem er sich bald durch treue Ergebenheit auszeichnete Curt. VII. 4. 6. . Durch diese und andere Verbindungen konnte Ale- xander uͤber die Indischen Verhaͤltnisse, uͤber die Natur des Lan- des und seiner Bevoͤlkerung Hinreichendes in Erfahrung bringen, um den Gang seines großen Unternehmens und die zu demselben erforderlichen Vorbereitungen und Streitkraͤfte mit einiger Sicher- heit bestimmen zu koͤnnen Ich fuͤhre dieß an, um der Ansicht A. W. v. Schlegels, als habe sich Alexan- der durch die luͤgenhaften Berichte des Ktesias fuͤhren lassen, zu- ruͤckzuweisen. . Und in der That laͤßt sich in den neuen und bedeutenden Vor- bereitungen, die waͤhrend des letzten Jahres gemacht wurden, die richtige Wuͤrdigung der bevorstehenden Schwierigkeiten keinesweges verkennen. Das disponible Heer, das seit der Vernichtung der Persischen Macht nicht eben bedeutend zu sein brauchte, um die einzelnen Satrapien zu unterwerfen, war zum Kampfe gegen die stark bevoͤlkerten und mit großer Kriegsmacht versehenen Indischen Staaten unzureichend; die Europaͤischen Truppen, obschon deren im- mer neue Tausende von Beute und Ruhm gelockt gen Asien nach- gezogen waren, so daß die anfaͤngliche Zahl von fuͤnf und dreißig tausend Combattanten im Lauf der sechs Jahre trotz der vielen Kaͤmpfe und der unberechenbaren Verluste, welche die unausgesetzten Anstrengungen, die Zuͤge durch Schneegebirge, die Einfluͤsse frem- der Klimate und die eben so oft durch Mangel wie durch Ueber- fluß ungesunde Lebensweise hervorgebracht haben mußte, sich den- noch verdoppelt haben mochte, waren zum guten Theil als Besa- tzungen der occupirten Laͤnder und der Hauptwaffenplaͤtze in densel- ben zuruͤck geblieben; das Oxianische Gebiet allein behielt ein Corps von zehntausend Mann Fußvolk und viertausend fuͤnfhundert Reu- tern, fuͤr Ariana waren viertausend fuͤnfhundert Mann im Ara- chosischen Alexandrien geblieben; nicht minder bedeutende Streit- kraͤfte mußten in Ekbatana, Babylon, Aegypten u. s. w. stehen, wenn schon es wahrscheinlich ist, daß namentlich die Westsatrapien nicht von der großen Armee, sondern aus Europa selbst ihre Besatzun- gen ergaͤnzten. Um jene Luͤcken auszufuͤllen und fuͤr den Indischen Feldzug die erforderliche Streitmacht ins Feld zu stellen, wurden namentlich aus den streitbaren Voͤlkern der Oxianischen und Aria- nischen Laͤnder vielfache Schaaren angeworben, die sich dann in ih- rer Weise bewaffnet der Macedonischen Hauptmasse anschlossen; Baktrianer, Parthier, Scythen und Sogdianer, desgleichen Phoͤ- nicier, Aegypter, Kleinasiaten zogen mit gen Indien Curt. VIII. 5. 1. giebt ihre Zahl auf dreißigtausend an; et scheint die dreißigtausend Barbaren, die im Jahre 324 zum Kriegs- dienst herangebildet waren, ( Arrian. VII. 6. 3.) und deren Aushe- bung allerdings um diese Zeit angeordnet wurde, im Sinne gehabt zu haben. ; die Gesammt- zahl des Heeres soll sich auf hundert und zwanzigtausend Mann, die funfzehntausend Reuter, wie Einige behaupten, nicht mit einge- rechnet, belaufen haben Arrian. Ind. 19. Curt. VIII. 5. 4. Plut. 66. Die Organisation des Heeres im Einzelnen ist nicht mehr zu erkennen; genannt werden folgende 11 ( cf. Arrian. V. 29. 2.) Phalangen: Got- gias, Klitus, Meleager, Koͤnus, Attalus, Balacer, Philipp, Phili- tas, Polysperchon, Pithon, Alcetas; dieß wuͤrde drei und dreißig tausend Mann schweres Fußvolk ergeben; dazu kommen die Hyp- . Gegen Ende des Fruͤhlings 327 brach Alexander von Bak- trien auf. Die Gebirgswege, die vor zwei Jahren so viele Muͤhe gemacht hatten, lagen jetzt frei von Schnee, Vorraͤthe waren reich- lich vorhanden; auf einer kuͤrzeren Straße Arrian IV. 22. sagt in zehn Tagen, wohl durch den Paß von Kamerd, den naͤchsten zwischen Balk und Kabul. ( cf. Strabo XV. p. 267.) erreichte man nach ei- nem zehntaͤgigen Marsche die Stadt Alexandrien am Suͤdabhange des Gebirges. Alexander fand sie nicht in dem Zustande, wie er erwartet hatte; Niloxenus, der seine Befehlshaberstelle nicht mit der nothwendigen Umsicht und Kraft verwaltet hatte, wurde ent- setzt, auch der Perser Proexes verlor sein Amt als Satrap der Paropamisaden; aus der Umgegend wurde die Bevoͤlkerung der Stadt vermehrt, von dem Heere blieben die zum Dienst untaugli- chen in ihr zuruͤck; den Befehl uͤber die Stadt und ihre Besa- tzung, so wie den Auftrag, fuͤr ihren weiteren Ausbau Sorge zu tragen, erhielt Nikanor, von den Getreuen des Koͤnigs Stasanor, weder der Sta- girite, der spaͤter bei den Olympischen Spielen die Zuruͤckberufung der Verbannten verkuͤndete ( Harpocrat. v., Dinarch. p. 169.) noch aus Parmenions Familie, sondern ohne Zweifel der Vater des Ba- lacer, der in dieser Zeit Statthalter in Cilicien war. ; Tyrias- pes wurde zum Satrapen des Landes bestellt, dessen Grenze fort- an der Kophenfluß Der Ko- phes oder Kophenes ist wohl nicht der Fluß, der bei Kabul voruͤber fließt, sondern der wasserreiche Pundschir, der an der Gebirgslinie, die sich uͤber Jellallabad zum Riesengipfel Koond aufthuͤrmt, suͤd- waͤrts hinabstroͤmt, den Fluß von Kabul aufnimmt und dann durch das felsige Thal von Jellalli (Paß von Lamghanat. Baber p. 140) mit vielen Stromschnellen und Strudeln in das offene Land, das sich allmaͤhlig zum Indus senkt, hinabfließt. am Westabhange des Koondgebirges sein sollte. Alexander zog durch dieß schoͤne, blumenreiche Land zu der einhei- mischen Hauptstadt Kabura oder Ortospana, der die Macedo- nier, so scheint es, zum gluͤcklichen Omen fuͤr den naͤchsten Feldzug den Namen Siegesstadt, Nicaͤa Diese Annahme Ritters ist wohl ziemlich sicher; wenigstens ist sie durchaus passend , gaben; die Opfer, die der aspisten im Belauf von sechstausend Mann. Diese scheinen saͤmmt- lich nur Macedonier zu sein; neben ihnen vielleicht eine nicht viel geringere Zahl fremder Truppen. Koͤnig fuͤr Pallas Athene brachte, bezeichneten, so war es seine Weise, den Beginn des neuen Feldzugs. Das Heer nahte sich dem Grenzstrome der Paropamisaden; Herolde waren vorausgesandt an die Indischen Fuͤrsten, die am unteren Laufe des Kophenstroms und am Ufer des Indus herrsch- ten; Alexander ließ sie zu sich entbieten, um ihre Huldigung zu empfangen. So kam der Fuͤrst von Taxila und mehrere Ra- jas des Landes diesseits des Indus, nach der prunkenden Art der Hindufuͤrsten auf geschmuͤckten Elephanten und mit reichem Gefolge; sie brachten dem großen Koͤnige kostbare Geschenke, sie boten ihm ihre Elephanten, es waren fuͤnf und zwanzig, zum beliebigen Gebrauch. Alexander seinerseits eroͤffnete ihnen, er hoffe im Laufe dieses Som- mers das Gebiet bis zum Indus zu beruhigen, er werde die vor ihm erschienenen Fuͤrsten belohnen, diejenigen aber, welche sich nicht unterworfen haͤtten, zum Gehorsam zu zwingen wissen, er gedenke den Winter am Indus zuzubringen, um mit dem naͤchsten Fruͤhlinge die Feinde seines treuen Verbuͤndeten, des Fuͤrsten von Taxila, zu stra- fen. Sodann theilte er seine gesammten Streitkraͤfte zu zwei Ar- meen, von denen die eine unter Perdikkas und Hephaͤstion an dem rechten Ufer des Kophen zum Indus hinabziehen sollte, waͤhrend er selbst mit der anderen das sehr schwierige, von streitbaren Voͤl- kern bewohnte Land im Norden desselben Flusses durchziehen wollte Arrian. IV. 22. . Demnach ruͤckten die beiden Generale Hephaͤstion und Per- dikkas mit drei Phalangen, mit vier Geschwadern der Macedoni- schen Ritterschaft und der saͤmmtlichen fremden, namentlich Asia- tischen Reuterei, am rechten Ufer des Kophenflusses hinab, indem die Indischen Fuͤrsten, die dem Koͤnige gehuldigt hatten, mit ihnen in ihre Laͤnder zuruͤckkehrten; die Generale hatten Befehl, alle be- deutenden Staͤdte zu besetzen, oder falls ihre Uebergabe geweigert wuͤrde, sie mit Gewalt zu unterwerfen, an den Ufern des Indus angelangt, sofort den Bau der Indusbruͤcke zu beginnen, uͤber und erklaͤrt den sonderbaren Umstand, daß in der Regel Ortospana oder Carura (Cabura), nicht aber Nicaͤa genannt wird. welche Alexander nach dem Inneren Indiens vorzuruͤcken ge- dachte Von den vier Wegen, die zum Indus von Kabul aus hin- abfuͤhren (s. Baber p. 140.), fuͤhrt nur der von Lamghanat laͤngs dem Kabul zur Muͤndung dieses Stromes, mag man nun den Paß von Kheiber auf dem Suͤdufer ( Elphinstone Kabul uͤbers. von Rühs II. 54.), oder den viel schwierigeren von Karrava auf dem Nordufer des Kabulstromes waͤhlen ( Elphinstone II. 51.). Strabo sagt XV. p. 268.: Alexander hatte in Erfahrung gebracht, daß die Gegenden im Norden und in den Bergen fruchtbar und wohl bevoͤlkert seien, die suͤdlichen dagegen entweder ganz wasserlos, oder, wo Stroͤme floͤssen, von gluͤhender Hitze und mehr fuͤr Thiere als fuͤr Menschen passend; deshalb, und weil er die Fluͤsse ihren Quellen naͤher leichter passiren zu koͤnnen meinte, ging er die noͤrdlichsten Wege. . So die Suͤdarmee; waͤhrend dessen ging Alexander mit den Hypaspisten, mit vier Geschwadern der Ritterschaft, unter diesen die Leibschaar, mit dem groͤßeren Theile der Macedonischen Phalangen, mit den Bogenschuͤtzen, den Agrianern und den reitenden Schuͤtzen uͤber den Kophen und durch den Paß von Jellalli ostwaͤrts vor. Dort stuͤrzt ein Bergstrom, der Choas oder Choaspes von den ho- hen Gebirgen im Norden her zum Kophen herab, und bildet laͤngs den maͤchtigen Felsenlagen des Koond ein wildes Thalland; gegen- uͤber erheben sich die Gebirge von Neuem, wenn auch minder ge- waltig, doch immer gefaͤhrlich genug fuͤr militaͤrische Bewegungen; das Volk der Aspasier oder Hippasier hatte hier seine Sitze, seine Bergfesten, seine zahlreichen Heerden; einige Tage nordwaͤrts am Choaspes lag die Fuͤrstenstadt Gorydale, wichtig auch durch die Gebirgsstraße, die hier voruͤber nach dem Quelllande des Oxus fuͤhrt Dieß schreibe ich auf Ritters Autoritaͤt (Alexanders Zug p. 167); eine bestimmte Angabe uͤber diesen Paßweg habe ich nicht finden koͤnnen. . Sobald nun Alexander uͤber diesen Fluß gesetzt war, und dem sich allmaͤhlig verengendem Thale folgend die Suͤdgraͤnze des Aspasischen Landes erreichte, fluͤchteten sich die Einwohner sofort theils in die Berge, theils in die festen Staͤdte, entschlossen den Macedoniern Widerstand zu leisten. Desto mehr eilte Alexander vorwaͤrts; mit der gesammten Reuterei und achthundert seiner Hyp- aspisten, die gleichfalls beritten gemacht wurden, ruͤckte er voraus und gelangte bald zu der ersten Stadt der Aspasier, die mit einer doppelten Mauer versehen war und durch eine bedeutende unter den Waͤllen auf gestellte Streitmacht vertheidigt wurde. Unmittelbar vom Marsch aus griff der Koͤuig an; nach einem heftigen Gefecht, in dem er selbst in der Schulter, und von seiner naͤchsten Umgebung die Leib- waͤchter Ptolemaͤus und Leonnatus verwundet wurden, mußten sich die Barbaren hinter die Mauern ihrer Stadt zuruͤck ziehen. Der Abend, die Erschoͤpfung der Truppen, die Wunde des Koͤnigs machten weiteren Kampf unmoͤglich; die Macedonier lagerten hart an den Mauern der Stadt. Fruͤh am naͤchsten Morgen begann der Sturm; die Mauer ward erstiegen und besetzt; erst jetzt sah man die zweite staͤrkere Mauer der Stadt, die auf das sorgsamste be- setzt war. Indeß war die Hauptmasse des Heeres nachgeruͤckt; sofort wurde zum neuen Angriff geschritten; waͤhrend die Schuͤtzen von allen Seiten her die Posten auf den Mauern trafen, wurden die Sturmleitern angelegt, bald waren hie und da die Zinnen er- klommen; die Feinde hielten nicht laͤnger Stand, sie suchten aus den Thoren der Stadt auf die Berge zu entkommen; viele wur- den erschlagen; die Macedonier, uͤber des Koͤnigs Wunde erbittert, schonten Niemandes; die Stadt selbst wurde dem Erdboden gleich gemacht Arrian. VI. 23. . Dieser erste Erfolg war nicht ohne den wirksamsten Eindruck auf die Feinde; eine zweite Stadt Andaka, an dem Paßwege vom Choaspes zum naͤchsten Flußthal gen Osten belegen, ergab sich so- fort und rettete sich dadurch; sie erhielt eine Macedonische Bese- tzung, da ihre Lage sie zu einem Hauptpunkte des Landes machte; sie beherrschte den ganzen oͤstlichen Theil des Aspasiergebietes, der sich laͤngs den Bergen, welche ihre Quellen zum Soastusfluß hinab senden, bis nordwaͤrts zur festen Stadt Arigaͤum hinzog. Krate- rus mit dem groͤßeren Theil des schweren Fußvolkes erhielt den Auftrag, diesen Landesstrich zu durchziehen und zu unterwerfen, und durch das Thal von Berawal gen Arigaͤum zu ruͤcken Elphinstone II. 46.; nach einer muͤndlichen Bemerkung desselben (zu Baber Mem. p. 248) ist auf seiner Karte der Fluß von Banjore unrichtig niedergelegt; die Alexander selbst wandte sich mit den uͤbrigen Truppen nordostwaͤrts zum Choaspes, um in moͤglichster Schnelle Gorydale zu erreichen, und wo moͤglich den Fuͤrsten selbst in seine Gewalt zu bekommen. Bereits am zweiten Tage erreichte er die Stadt, doch war die Kunde von seinem Anruͤcken vorausgeeilt; die Stadt stand in vol- len Flammen, die Wege zu den Bergen waren mit Fliehenden be- deckt, ein fuͤrchterliches Gemetzel begann; doch hatte der Fuͤrst selbst mit seiner zahlreichen und wohlbewehrten Leibwache bereits die un- wegsamen Hoͤhen erreicht. Ptolemaͤus, der im Getuͤmmel den fuͤrst- lichen Zug erkannt und heftig verfolgt hatte, ruͤckte, sobald das emporsteigende Gelaͤnde fuͤr sein Pferd zu steil wurde, zu Fuß an der Spitze der wenigen Hypaspisten, die um ihn waren, in moͤg- lichster Eile den Fliehenden nach; da wandte ploͤtzlich der Fuͤrst mit seinen Kriegern, stuͤrmte auf die Macedonier los, warf sich selbst auf Ptolemaͤus, schleuderte ihm den Speer gegen die Brust; Ptolemaͤus, durch seinen Harnisch gerettet, rannte dem Fuͤrsten die Lanze durch die Huͤften und riß den Sterbenden zu Boden. Der Fall des Fuͤrsten entschied den Sieg; waͤhrend die Macedonier ver- folgten und niedermetzelten, begann der Lagide den fuͤrstlichen Leichnam seiner Ruͤstung zu berauben. Das sahen die Aspasier von den Bergen; sie stuͤrzten sich in wilder Wuth herab, wenigstens die Leiche ihres Fuͤrsten zu retten; indeß war auch Alexander her- angekommen; ein heftiger Kampf entspann sich, mit Muͤhe wurde der Leichnam behauptet, erst nach schwerem Kampf zogen sich die fuͤhrerlosen Barbaren tief in die Berge zuruͤck Arrian. IV. 24. Es ist keine Frage, daß der Euaspla bei Arrian IV. 24. der Choas oder Choas- pes ist, ein Name, der durch Aristot. Meteor. I. 350. a. 23. voll- kommen gesichert ist. Gorydale ist die Aspasier Hauptstadt, wie sich aus Strabo XV. p. 268. ergiebt, wo man nur das καὶ in και κατὰ Πληγήϱιον zu streichen hat, um alles genau zu finden. Abweichend von Ritter nehme ich die Lage von Arigaͤum an der Penjcora, und nicht am Banjore an; der Guraͤus Fluß ist die heutige Penjcora, . Maͤrsche Babers klaͤren einiges auf: er zog denselben Weg wie Kra- terus; er nennt dieß Thal von Berawal Thal des Flusses Chan- d û l. — Der Paß Ambahir ( Baber p. 251.) fuͤhrt von Andaka den Malemantus hinab. Alexander, nicht Willens weiter hinauf in die Schneegebirge vorzudringen, wandte sich von der Gegend von Gorydale ostwaͤrts, um durch die Bergpaͤsse, die dem Thale des Guraͤus zufuͤhren, die Stadt Arigaͤum zu erreichen. Er fand die Stadt niedergebrannt und verlassen, die Bevoͤlkerung war in die Berge geflohen. Die Wichtigkeit dieser Lokalitaͤt, welche die einzige Straße zum Choas- pes beherrscht, bewog den Koͤnig, Kraterus, der durch das Thal von Berawal von Suͤden heranruͤckte, mit dem Wiederaufbau der Stadt zu beauftragen, indem er die zum Dienst untauglichen Ma- cedonier, und von den Landeseinwohnern alle, die sich dazu bereit erklaͤrten, hier anzusiedeln befahl. Auf diese Weise waren die bei- den Paßwege zum Choaspes durch die Besetzung von Andaka und Arigaͤum in Alexanders Macht. Doch schien es nothwendig, die tapferen Alpenbewohner im Norden der Stadt, die in den Bergen eine drohende Stellung angenommen hatten, das Uebergewicht der Macedonischen Waffen fuͤhlen zu lassen. So ruͤckte Alexander von Arigaͤum aus gegen das Alpenland; am Abend lagerte er am Fuß der Berge; Ptolemaͤus, zum Recognosciren ausgesandt, brachte die Nachricht mit, daß der Feuer in den Bergen eine sehr große Zahl sei, und daß man auf eine bedeutende Uebermacht der Feinde schlie- ßen muͤsse. Sofort wurde der Angriff beschlossen; ein Theil des Heeres behauptete die Stellung am Fuß des Gebirges, mit dem uͤbrigen ruͤckte der Koͤnig selbst die Berge hinauf; sobald er der feindlichen Feuer ansichtig ward, ließ er Leonnatus und Ptolemaͤus sich rechts und links um die Stellung der Feinde hinziehen, um durch einen gleichzeitigen Angriff von drei Seiten die Uebermacht des Feindes zu zertheilen; er selbst ruͤckte gegen die Hoͤhen, wo die groͤßeste Masse der Barbaren stand. Kaum sahen diese die Mace- donier vorruͤcken, so stuͤrzten sie sich im Vertrauen auf ihre Ueber- macht von den Hoͤhen herab auf Alexander; ein hartnaͤckiger Kampf entspann sich. Waͤhrend dessen ruͤckte auch Ptolemaͤus heran; da aber die Barbaren hier nicht von ihrer Hoͤhe herabgingen, war er genoͤ- und zwar nimmt sie von Osten her den Soastus (Ritter p. 157.), von Westen, von Andaka her den Malcmantus (Banjore) auf. So bil- det sich die schoͤne Thalgegend der Guraͤer. genoͤthigt auf ungleichem Boden den Kampf zu beginnen; mit un- gemeiner Anstrengung gelang es ihm endlich, die Abhaͤnge zu er- klimmen, die Feinde, die mit ausgezeichnetem Muthe kaͤmpften, nach der Seite der Hoͤhe zuruͤckzudraͤngen, die er, um nicht durch voll- staͤndige Umzingelung zur verzweifelten Gegenwehr zu zwingen, unbesetzt gelassen hatte. Auch Leonnatus hatte auf seiner Seite die Feinde zum Weichen gebracht, und schon verfolgte Alexander die geschlagene Hauptmacht der Mitte; ein furchtbares Blutbad vollen- dete den muͤhsam erkaͤmpften Sieg; vierzig tausend Mann wurden kriegsgefangen; ungeheuere Rinderheerden, der Reichthum dieses Al- penvolkes, fielen in die Haͤnde des Siegers; Ptolemaͤus berichtet, es seien an acht und zwanzig tausend Haupt Vieh gewesen, von denen Alexander die schoͤnsten ausgesucht und zum Behuf des Feldbaues nach Macedonien geschickt habe Arrian. IV. 25. Es ist eine merkwuͤrdige Bestaͤtigung die- ser Notiz, daß noch heute in jenen Gegenden mit Stieren geackert wird. . Indessen war die Nachricht eingelaufen, daß die Assakaner, die naͤchsten Anwohner des Indus, sich auf das Eifrigste ruͤsteten, daß sie Soͤldner von jenseit des Indus her an sich gezogen und bereits eine Streitmacht von dreißig tausend Mann Fußvolk, zwan- zig tausend Pferden, dreißig Elephanten beisammen haͤtten. Ale- xander mußte, um ihr Land zu erreichen, zuvor durch das Gebiet der Guraͤer; diese hatten sich bis jetzt noch nicht unterworfen; des- halb ruͤckte er mit einem Theile seiner Truppen schnell vorauf, waͤh- rend Kraterus mit den uͤbrigen, so wie mit den schweren Maschi- nen von Arigaͤum aus langsamer nachfolgte. Die Bergwege, die kalten Naͤchte machten den Marsch beschwerlich; desto lachender und reicher war das Thalgebiet der Guraͤer, zu dem man hinabstieg; rings Weingelaͤnde, Haine von Mandelbaͤumen und Lorbeeren, friedliche Doͤrfchen an den Bergen hinaufgebaut, unzaͤhlige Heerden auf den Alpen weidend Curt. VIII. 10. 14. . Hier, so wird erzaͤhlt, kamen die Edelsten des Landes, Akuphis an ihrer Spitze, zum Zelt des Koͤ- nigs; als sie eintraten und ihn im Glanz seiner Waffen, auf die Lanze gestuͤtzt und mit hohem Helme da sitzen sahen, knieten sie staunend nieder; der Koͤnig hieß sie aufstehen und reden. Sie nun 24 nannten den Namen ihrer Feste Nysa, berichteten, sie seien aus dem Westen her gekommen, seit jener Zeit haͤtten sie selbststaͤndig und gluͤcklich unter einer Aristokratie von dreißig Edlen gelebt. Dar- auf erklaͤrte Alexander, daß er ihnen ihre Freiheit und Selbststaͤn- digkeit lassen werde, daß Akuphis unter den Edlen des Landes die Vorstandschaft haben, daß endlich einige hundert Reuter zum Heere des Koͤnigs stoßen sollten. Dieß mag ohngefaͤhr das Wahre von einer Sache sein, die, vielleicht nicht ohne das Zuthun des Koͤnigs selbst, auf das Wundervollste ausgeschmuͤckt, weiter erzaͤhlt wurde, fortan hießen die Nysaͤer unmittelbare Nachkommen von den Beglei- tern des Dionysus, dessen Zuͤge der Griechische Mythos bereits bis Indien ausgedehnt hatte; die tapferen Macedonier fuͤhlten sich, in weiter Ferne von ihrem Vaterlande, heimisch unter heimathlichen Erinnerungen Arrian. Ind. 2. Curt. Strabo XV. p. 252. Ich habe nach den bekannten Arbeiten von Colonel Tod, Bohlen, Ritter ꝛc. nicht ausfuͤhrlicher uͤber diese Maͤhrchen sein moͤgen, als es fuͤr den pragmatischen Zusammenhang der Begebenheiten nothwendig ist; gewiß war es bei Alexander nicht die bloße Eitelkeit, mit den Ero- berungszuͤgen des Dionysos zu wetteifern, wenn er jenen frommen Glauben gern in seinem Heere verbreitet sah. Bei dem vielfachen Wechsel der Bewohner jenes ganzen Gebietes ist es unmoͤglich, eth- nologische Bestimmungen mit Sicherheit aufzufuͤhren. Vielleicht laͤßt sich das Volk der Nysaͤer, die Arrian ( Ind. 2.) als Nicht-Indier bezeichnet, auf das altheimische Volk der Kaffern zuruͤckfuͤhren; we- nigstens stimmt Alles, was die Brittische Gesandschaft in Kabul uͤber sie in Erfahrung brachte ( Elphinstone II. 321.) mit den Schilderungen bei Curt. und Arrian. V. 1. uͤberein; noch heute fuͤhren diese Staͤmme ein heiteres und in der That Dionysisches Leben; ihre Pfeifen und Tambourins, ihre Gastmaͤhler und Fackelzuͤge dazu das Europaͤische Klima und die Europaͤische Natur der Land- schaft, das Alles mochte in der That den Eindruck auf die Umge- bung Alexanders machen, die jenes Dionysische Maͤhrchen erklaͤrlich und charakteristisch erscheinen laͤßt. Die Erinnerung jener Voͤlker an Alexander, von dessen Macedoniern sie abzustammen vorgeben ist, wenn nicht richtig, doch merkwuͤrdig. . Von Nysa aus ging Alexander ostwaͤrts durch den heftigstroͤ- menden Guraͤus zum Lande der Assakaner; diese zogen sich bei sei- nem Herannahen in ihre festen Staͤdte zuruͤck; unter diesen war Massaga die bedeutendste; der Fuͤrst des Landes hoffte sich in ihr zu behaupten. Alexander ruͤckte nach und lagerte sich unter den Mauern der Stadt; die Feinde, im Vertrauen auf ihre Macht, machten sofort einen Ausfall; ein scheinbarer Ruͤckzug lockte sie eine halbe Stunde weit von den Thoren hinweg, in ordnungsloser Hast, mit wildem Siegsgeschrei verfolgten sie; da wandten sich die Ma- cedonier ploͤtzlich, und ruͤckten im Sturmschritt gegen die Indier los, voran das leichte Volk, der Koͤnig an der Spitze der Pha- langen ihnen nach; nach kurzem Gefecht flohen die Indier mit be- deutendem Verlust zuruͤck; Alexander folgte ihnen auf den Fersen, aber seine Absicht mit ihnen zugleich in das Thor einzubrechen ward vereitelt. So ritt er an der Mauer dahin, die Angriffspunkte fuͤr den naͤchsten Tag zu bestimmen; da traf ihn ein Pfeilschuß von den Zinnen der Stadt her; mit einer leichten Fußwunde kehrte er ins Lager zuruͤck. Am naͤchsten Morgen begannen die Maschi- nen zu arbeiten, bald lag eine Bresche, die Macedonier suchten durch sie in die Stadt zu dringen, die tapfere und umsichtige Ver- theidigung des Feindes zwang sie endlich am Abend zu weichen. Mit Heftigkeit wurde des andern Tages der Angriff unter dem Schutz eines hoͤlzernen Thurmes, der mit seinen Geschossen einen Theil der Mauer von Vertheidigern rein hielt, erneut; doch auch so kam man noch um keinen Schritt vorwaͤrts. Die Nacht wurde mit neuen Zuruͤstungen verbracht, neue Sturmbloͤcke, neue Schirm- daͤcher, endlich ein Wandelthurm an die Mauer geschafft, dessen Fallbruͤcken unmittelbar auf die Zinnen fuͤhren sollten. Am Mor- gen ruͤckten die Phalangen aus, zugleich fuͤhrte der Koͤnig selbst die Hypaspisten in den Thurm, er erinnerte sie, daß sie auf gleiche Weise Tyrus genommen haͤtten; alle brannten vor Begier zu kaͤm- pfen und die Stadt zu erobern, die ihnen schon zu lange wider- standen. Dann ward die Fallbruͤcke hinabgelassen, die Macedonier draͤngten sich auf sie, jeder wollte der erste sein; unter der uͤber- großen Last brach die Bruͤcke, die Tapferen stuͤrzten zerschmettert in die Tiefe. Lautschreiend sahen das die Indier, sie schleuderten von den Zinnen herab Steine, Balken, Geschosse auf die Macedonier, sie draͤngten sich aus den Mauerpforten aufs Feld hinaus, die Ver- wirrung zu benutzen; uͤberall zogen sich die Macedonier zuruͤck; 24 * kaum daß es der Phalanx Alcetas, der es der Koͤnig geboten, ge- lang, die Sterbenden vor der Wuth der Feinde zu sichern und ins Lager zuruͤckzubringen. Das Alles mehrte nur die Erbitterung und die Kampfbegier der Macedonier; am naͤchsten Tage ward der Thurm von Neuem an die Mauern gebracht, von Neuem die Fall- bruͤcke hinabgesenkt; doch leisteten die Indier den erfolgreichsten Widerstand, wennschon ihre Reihen immer lichter, ihre Gefahr immer groͤßer wurde. Da ward ihr Fuͤrst von einem Katapulten- pfeil getroffen, und sank todt nieder. Dieß endlich bewog die Be- lagerten, Unterhandlungen anzuknuͤpfen, um sich der Gnade des Siegers zu ergeben; und Alexander, voll gerechter Anerkennung ge- gen die Tapferkeit seiner Feinde, war gern bereit einen Kampf ab- zubrechen, der nicht ohne viel Blutvergießen zu Ende gefuͤhrt waͤre; er forderte die Uebergabe der Stadt, den Eintritt der Indischen Soͤldner in das Macedonische Heer, die Auslieferung der fuͤrstli- chen Familie Die Lage von Massaga genauer zu bestimmen ist nicht mehr moͤglich; der Strom, der nach Curt. VIII. 10. 23. an den Mauern der Stadt voruͤberstroͤmt, duͤrfte vielleicht der Burrindu sein, dessen Thal von den Assakanern bewohnt war, und den Arrian. (Ind.) Pta- renus zu nennen scheint. Curtius laͤßt mit einer Liebesgeschichte zwischen Alexander und der Koͤnigin Mutter, deren Sohn, der Fuͤrst des Landes, schon vor A lexanders Ankunft gestorben waͤre, diesen Angriff enden; er stellt d ie Glaͤubigkeit seiner Leser auf eine harte Probe, wenn er bericht et , daß die ehrwuͤrdige Frau durch ihre Reize den Sieger besiegt, und ihm einen Sohn geboren habe. Die An- gaben des Diodor, des Justin, des Orosius sind von keinem hoͤheren Werth. Die Behauptung, daß die Indier von dem Wandelthurm Alexanders in den hoͤchsten Schrecken versetzt worden, ist doppelt abgeschmackt, da diese Schriftsteller selbst nicht muͤde werden, bei Weitem staunenswuͤrdigere Dinge als in Indien heimisch anzufuͤh- ren. Endlich was die Namen Daͤdala und Acadera anbetrifft, die Curtius zwischen Nysa und Massaga nennt, so laͤßt sich eben nichts weiter uͤber ihre Lage sagen, als daß Curtius irrig zwischen diesen Staͤdten und Massaga noch den Choaspes passiren laͤßt. . Die Bedingungen wurden angenommen, die Mutter und Tochter des Fuͤrsten kamen in des Koͤnigs Lager; die Indischen Soͤldner ruͤckten bewaffnet aus und lagerten sich in ei- niger Entfernung von dem Heere, mit dem sie hinfort vereint wer- den sollten. Doch voll Abscheu gegen die Fremdlinge, und des Gedankens, fortan mit diesen vereint gegen ihre Landsleute kaͤm- pfen zu muͤssen, unfaͤhig, faßten sie den ungluͤcklichen Plan, Nachts aufzubrechen und sich an den Indus zuruͤckzuziehen. Alexander er- hielt davon Nachricht; uͤberzeugt, daß Unterhandlungen vergeblich, Zaudern gefaͤhrlich sein wuͤrde, ließ er sie Nachts umzingeln und niederhauen. So war er Herr des wichtigsten Postens im Assa- kanerlande Arrian. IV. 26. 27. . Von Massaga aus schien es leicht, die Occupation des herren- losen Landes zu vollenden; Alexander sandte demnach einige Truppen unter Koͤnus suͤdwaͤrts zu der Festung Bazira, uͤberzeugt, daß sie sich auf die Nachricht von Massaga’s Fall ergeben werde; ein anderes De- taschement unter Alcetas ging nordwaͤrts gegen die Festung Ora Die Lage dieser beiden Staͤdte ist ihrer Richtung nach zu erkennen; Ora lag mehr dem Gebiete des Abisares zugewandt, Bazira nicht fern von Aornos und von der Kophenmuͤndung. Abisares kam nicht selbst zur Huͤlfe, sondern bewog die Bergindier in der Naͤhe von Ora, in den Quellbergen des Ptarenus, zur Unterstuͤtzung; denn so viel wir wissen, sind die Berge zwischen Kaschmir und dem Thale des Burrindu nicht eben sehr wegsam. , mit dem Befehl, die Stadt zu blokiren, bis die Hauptarmee nach- ruͤckte. Bald liefen von beiden Orten unguͤnstige Nachrichten ein; Alcetas hatte nicht ohne Muͤhe einen Ausfall der Oriten abge- wehrt, und Koͤnus, weit entfernt, Bazira zur Uebergabe bereit zu finden, hatte Muͤhe sich vor der Stadt zu halten. Schon wollte Alexander dorthin aufbrechen, als er die Nachricht erhielt, daß Ora in Verbindung mit dem Fuͤrsten Abisares von Kaschmir Daß Abisares Fuͤrst von Kaschmir gewesen, ergiebt sich aus seinen Legationen an Alexander; seine Allianz mit Porus gegen Alexander einerseits, und mit den Voͤlkern westwaͤrts vom Indus andererseits ist nur von Kaschmir aus moͤglich; endlich kommt dazu, daß nach Wilson die alten Annalen von Kaschmir den suͤdlichen Theil dieses Landes Abhisâram nennen. Lassen Penta pot. p. 18. cf. Ritter Erdkunde ed. 2. tom. 3. f. 1085. ge- treten sei, und durch dessen Vermittelung eine bedeutende Zahl Truppen von den Bergbewohnern im Norden erhalten habe; des- halb sandte der Koͤnig Befehl an Koͤnus, die Belagerung von Ba- zira aufzuheben und in einiger Entfernung von der Stadt ein fe- stes Lager zu beziehen. Er selbst eilte gegen Ora; die Stadt, ob- schon fest und tapfer vertheidigt, vermochte sich nicht zu halten, sie wurde mit Sturm genommen; reiche Beute, unter dieser einige Elephanten, fiel in diese Haͤnde der Macedonier. Indeß hatte sich Koͤ- nus auf den Befehl des Koͤnigs von Bazira zuruͤckgezogen; sobald die Indier diese Bewegung bemerkten, brachen sie aus den Thoren hervor, warfen sich auf die Macedonier und begannen ein Gefecht, in dem sie endlich mit Verlust zum Ruͤckzuge gezwungen wurden. Koͤnus verschanzte sich der Stadt gegenuͤber auf einer Hoͤhe, die jede Verbindung der Festung mit dem flachen Lande be- herrschte. Als sich nun die Kunde verbreitete, daß selbst Ora den Macedoniern erlegen sei, so verzweifelten die Baziriten, sich in ih- rer Feste halten zu koͤnnen; sie verließen um Mitternacht die Stadt und zogen sich auf die Felsenburg Aornos am Indus auf der Suͤdgraͤnze des Assakanerlandes zuruͤck Arrian. . Durch die Besitznahme der drei Plaͤtze Massaga, Ora und Bazira war Alexander Herr im Lande des Ptarenus, von dem suͤdwaͤrts das Gebiet des Fuͤrsten Astes von Peucela lag Ohne Grund wird diese Stadt und die Landschaft Peucelaotis an den Kophen und die Muͤndung des Suastus verlegt; Ptolemaͤus Zahlen haben irre gefuͤhrt; er kennt zwischen dem Indus und Suastus weiter keinen Fluß, daher seine nicht genaue Bezeichnung; die des Plinius, von Ortospana bis Pen- celaotis, 227 M , ist richtiger. Der heutige Name, Pukkely, bezeichnet die Gegend ostwaͤrts des Indus, oberhalb des Durflusses; die große Stadt Peucela lag auf dem rechten Indusufer und zwar unfern des Zeugma oberhalb von Embolima ( Strab. XV. p. 269. Ar- rian. Ind. ). Das Gebiet von Peucela reichte wohl damals wie heute nordwaͤrts bis zu den Schneegebirgen, die der Indus, nach- dem er den Abbasin (vielleicht Saparnus bei Arr. Ind. c. 4.) auf- genommen, durchreißt. Es ist wahrscheinlich, daß die Astakaner bei Arrian. Ind. die Unterthanen des Fuͤrsten Astes, also die Pen- celaoten sind. . Die- ser Fuͤrst hatte, so scheint es, sein Gebiet auf Kosten seiner Nach- barn vergroͤßert und selbst suͤdwaͤrts des Kophenflusses festen Fuß gefaßt; Sangaͤus, der als Fluͤchtling zum Taxiles gekommen war, hatte seine Herrschaft durch ihn verloren; als Alexanders Herolde die Fuͤrsten Indiens gen Nicaͤa beschieden, war Astes so wenig als Assakanus zur Unterwerfung bereit gewesen. Aber der gluͤck- liche Fortgang der Macedonischen Waffen, das Naͤherkommen Alexanders, der Tod des Assakanus bewogen den Fuͤrsten von Peucela, um wenigstens nicht persoͤnlich dem großen Koͤnige und seiner furchtbaren Kriegsmacht gegenuͤber zu treten, sein Stamm- land zu verlassen, und in seinem neuen Gebiete suͤdwaͤrts vom Kophen Zuflucht zu suchen; dort auf einer festen Felsenburg hoffte er der Macedonischen Suͤdarmee Trotz bieten zu koͤnnen. Indessen hatte Hephaͤstion bei seinem Vorruͤcken sich vor die Festung ge- legt, und sie nach einer dreißigtaͤgigen Belagerung erstuͤrmt; bei dem Sturme war Astes selbst umgekommen, und Sangaͤus, der sich bei Taxiles befand, wurde mit Bewilligung Alexanders in den Besitz der Stadt gesetzt. Die Stadt Peucela selbst, ohne Herrn und ohne Vertheidiger, ergab sich, sobald Alexander aus dem be- nachbarten Assakanerlande heranzog, freiwillig, sie erhielt Macedo- nische Besatzung; ihrem Beispiele folgten die anderen minder be- deutenden Staͤdte am Indus, an dessen Ufern der Koͤnig zur Ko- phenmuͤndung bei Embolima hinabzog, wo er sich wieder mit He- phaͤstion vereinigte Arrian. IV. 28. Wilken erkennt in ihnen die heutigen Afghanen wieder. . So war im Laufe des Sommers durch eine Reihe bedeu- tender und muͤhseliger Kaͤmpfe das Land von den Paropamisaden bis zum Indus unterworfen. Auf der Suͤdseite des Kophen, wo das Flußthal bald durch oͤde Gebirge geschlossen wird, hatte He- phaͤstion das Land in Besitz genommen, und die Bergfeste des Sangaͤus, so wie eine zweite Stadt, Orobatis Ueber die Lage dieser beiden Ortschaften wird nichts Genaueres uͤberliefert; indeß scheint der Name Oroba- tis, den die von den Macedoniern besetzte Feste erhielt, verbun- den mit dem Umstande, daß sie auf der Suͤdseite des Kophen gele- gen haben muß, auf die Paßgegend zu fuͤhren, welche der Weg dicht vor dem Indus uͤbersteigt, s. Elphinstone I. p. 117. Fuͤr die Feste des Sangaͤus finde ich keine bestimmte Localitaͤt, es , die er genom- men und mit Macedoniern besetzt hatte, wurden die militaͤrischen Stuͤtzpunkte fuͤr die Behauptung des Suͤdufers. Im Norden waren nach einander die Flußthaͤler des Choaspes, des Guraͤus und des Ptarenus, das Gebiet der Aspasier, der Guraͤer, der Assakaner und Peucelaoten durchzogen, die Barbaren am oberen Choaspes und am Guraͤus weit in die Gebirge zuruͤckge- sprengt, endlich durch die Festungen Andaka und Arigaͤum das Thal der Guraͤer, durch Massaga, Ora, Bazira das der Assakaner, durch Peucela das Westufer des Indus gesichert. Das Land, ob- schon es zum guten Theil unter einheimischen Fuͤrsten blieb Es sind nament- lich die Fuͤrsten Akuphis in Nysa, Sangaͤus im Suͤden des Ko- phen; Kophaͤus und Assagetes, der Hyparch der Assakaner, die Arrian. IV. 28. V. 20. nennt; desgleichen alle die, welche sich zu Nicaͤa eingefunden hatten; auch Taxiles scheint einiges Gebiet im Westen des Indus erhalten zu haben. Alle diese Fuͤrsten waren zur Heeresfolge verpflichtet. — Arrian nennt als Satrapen der Satrapie Indien denselben Nikanor, der schon Strateg am Paropamisus war; vielleicht durch einen Irrthum; wenigstens spaͤ- terhin wird nur Philipp als solcher genannt. Gleichfalls unge- nau scheint es zu sein, wenn er V. 20. 10. den Sisikyptos Satra- pen der Assakaner nennt. , trat doch fortan in ein Verhaͤltniß der Abhaͤngigkeit gegen Mace- donien, und erhielt unter dem Namen des diesseitigen Indien ei- nen eigenen Satrapen. Noch aber war eine Bergfeste in der Naͤhe des Indus, die, von Indiern besetzt, den Weg stromaufwaͤrts zu sperren ver- mochte; die Macedonier gaben ihr wegen ihrer außerordentlichen Hoͤhe den Namen Aornos, gleich als ob der Flug der Voͤgel nicht zu ihr hinaufgereicht haͤtte. Nemlich in der Naͤhe des Indus- stromes erhebt sich eine einzelne Felsenmasse, am Fuß etwa vier Meilen im Umfang, bis zur Hoͤhe von fuͤnf tausend Fuß; auf der Stirn dieser steilen Bergmasse lag jene merkwuͤrdige Felsenfestung, deren Mauern Gaͤrten, Quellen und Holzung umschlossen, so daß muͤßte denn die Bergfeste Timrood oder vielmehr Jamrood ( Baber p. 127.), 7 Cos S. O. von Peschawer am Osteingange der Paͤsse von Kheiber sein; s. Forster II. p. 53. sich Tausende von Menschen Jahr aus, Jahr ein oben erhalten konnten. Dorthin nun hatten sich viele Indier des flachen Landes gefluͤchtet, voll Vertrauen auf die Sicherheit dieses Koͤnigssteines, von dessen Uneinnehmbarkeit mannigfache Sagen im Schwange waren Hier, erzaͤhlen die Maccdonier, haͤtten die Siege des He- rakles ein Ende gehabt. — Die Geschichtschreiber Alexanders stim- men darin uͤberein, daß Alexander nichts weiter beabsichtigt habe, als die Thaten des Herakles zu uͤberbieten; er hatte laͤngst Groͤße- res gethan. Aornos ( Renas bei Bohlen 1. 143.) muß das Ostende jener Berglinie sein, die sich laͤngs dem linken Ufer des Kophen vom Sua- stus bis Indus hinzicht, und nordwaͤrts sich in die Ebene Tschumle hinabsenkt, s. Elphinstone II. p. 9. . Desto nothwendiger war es fuͤr Alexander, diesen Felsen zu erobern; er mußte den moralischen Eindruck berechnen, den eine gluͤckliche Unternehmung gegen Aornos auf seine Truppen und auf die Indier zu machen nicht verfehlen konnte, er mußte vor Allem darauf Ruͤcksicht nehmen, daß dieser wichtige Punkt in Feindeshand den gefaͤhrlichsten Bewegungen in seinem Ruͤcken An- laß und Anhalt werden konnte. Jetzt, nachdem das flache Land umher unterworfen, nachdem es durch die feste Stellung am Indus moͤglich geworden war, das Belagerungsheer stets, wie lange auch die Belagerung waͤhren mochte, mit Vorraͤthen zu versorgen, be- gann Alexander seine eben so verwegenen wie gefaͤhrlichen Opera- tionen. Sein unerschuͤtterlicher Wille, diese Feste zu nehmen, war das Einzige, was einen gluͤcklichen Erfolg denkbar machte. Er ruͤckte gegen den Felsen an und bezog am Fuße desselben ein La- ger; aber nur ein Weg fuͤhrte hinauf und dieser war so geschickt angelegt, daß er an jedem Punkte leicht und vollkommen verthei- digt werden konnte Diod. XVII. 85. Curt. VIII. II. 3. . Da kam ein Greis, von seinen zwei Soͤhnen begleitet, zu Alexander; er hatte lange Jahre an dem Felsen gewohnt, er erbot sich, geheime Wege zu zeigen, auf denen man sich den Mauern der Feste naͤhern koͤnne. Der Lagide Pto- lemaͤus ging, von einem leichten Corps begleitet, mit dem Indier ab, den Felsen zu ersteigen; auf rauhen und schwierigen Fußstei- gen gelangte er, den Barbaren unbemerkt, zu der bezeichneten Stelle, verschanzte sich dort und zuͤndete das verabredete Feuerzei- chen an. Sobald dies Alexander gesehen, beschloß er den Sturm fuͤr den naͤchsten Morgen, in der Hoffnung, daß Ptolemaͤus von der Hoͤhe des Gebirges aus zugleich angreifen wuͤrde. Indeß war es unmoͤglich, von der Tiefe her das Geringste zu gewinnen; die Indier, von dieser Seite vollkommen sicher, wandten sich mit desto groͤßerer Keckheit gegen die von Ptolemaͤus besetzten Hoͤhen, und nur mit der groͤßten Anstrengung gelang es dem Lagiden, sich hinter scinen Schanzen zu behaupten. Seine Schuͤtzen und Agrio- ner hatten den Feind sehr mitgenommen, der sich mit Anbruch der Nacht in seine Feste zuruͤckzog. Alexander hatte sich durch diesen ungluͤcklichen Versuch uͤberzeugt, daß es unmoͤglich sei, von der Tiefe aus zum Ziel zu gelangen; er sandte daher durch einen der Ge- gend kundigen Mann uͤber Nacht den schriftlichen Befehl an Pto- lemaͤus, daß er, wenn am naͤchsten Tage an einer dem Ptolemaͤus naͤheren Stelle der Sturm versucht und dann gegen die Stuͤrmenden von der Feste aus ein Ausfall gemacht wuͤrde, von der Hoͤhe her- ab den Feinden in den Ruͤcken kommen und um jeden Preis die Vereinigung mit Alexander zu bewerkstelligen suchen solle. So geschah es; mit dem naͤchsten Fruͤhroth stand der Koͤnig da an dem Fuße des Gebirges, wo Ptolemaͤus hinaufgestiegen war. Bald eilten die Indier dorthin, die schmalen Fußsteige zu vertheidigen; bis Mittag wurde auf das Hartnaͤckigste gekaͤmpft, dann begannen die Feinde ein Wenig zu weichen; Ptolemaͤus that seinerseits das Moͤgliche, gegen Abend waren die Pfade erstiegen, und beide Heeresabtheilungen vereinigt; der immer eiligere Ruͤckzug der Feinde und der durch den Erfolg hochaufgeregte Muth seiner tapferen Krieger bewogen den Koͤnig, die fliehenden Indier zu verfolgen, um vielleicht unter der Verwirrung den Eingang in die Feste zu erzwingen; jedoch mislang dies, und zu einem Sturm war das Terrain zu eng. Er zog sich auf die von Ptolemaͤus verschanzte Hoͤhe zuruͤck, die, niedriger als die Feste, von dieser durch eine weite und tiefe Schlucht getrennt war. Alexander er- kannte sofort die Nothwendigkeit, die Ungunst dieser oͤrtlichen Verhaͤltnisse uͤberwaͤltigen zu muͤssen; er faßte den ungeheueren Plan, diese Schlucht von fast viertausend Fuß Breite mit einem Damm zu durchbauen, und auf diese Weise der Feste wenigstens so weit zu nahen, daß sein Geschuͤtz ihre Mauern zerschmettern konnte. Mit dem naͤchsten Morgen begann die Arbeit, der Koͤnig war uͤberall, zu loben, zu ermuntern, selbst Hand an zu legen; mit dem lebendigsten Wetteifer wurde gearbeitet, Baͤume gefaͤllt, in die Tiefe gesenkt, Felsstuͤcke aufgethuͤrmt, Erde aufgeschuͤttet; schon war am Ende des ersten Tages eine Strecke von dreihundert Schritten gebaut; die Indier, anfangs voll Spott uͤber dieß tollkuͤhne Unternehmen, suchten am naͤchsten Tage die Arbeit zu stoͤren; bald war der Damm weit genug vorgeruͤckt, daß die Schleuderer und die Maschinen von seiner Hoͤhe aus ihre An- griffe abzuwehren vermochte. Am sechsten Tage war der Damm bis in die Naͤhe einer isolirten Felsspitze gelangt, die, in gleicher Hoͤhe mit der Burg, von den Feinden besetzt war; sie zu behaup- ten oder zu erobern, wurde fuͤr das Schicksal der Burg entschei- dend. Eine Schaar auserwaͤhlter Macedonier wurde gegen sie ge- sandt; ein entsetzlicher Kampf begann; Alexander selbst eilte an der Spitze seiner Leibschaar nach; mit der groͤßten Anstrengung wurde die Hoͤhe erstuͤrmt. Dieß und das stete Naͤherruͤcken des Dammes, den nichts mehr aufzuhalten vermochte, ließ die Indier daran ver- zweifeln, sich auf die Dauer gegen einen Feind zu behaupten, den Felsen und Abgruͤnde nicht hemmten, sondern langsam aber desto sicherer zum Ziele fuͤhrten, und der den staunenswuͤrdigen Beweis gab, daß Menschenwille und Menschenkraft auch die letzte Schei- dewand, welche die Natur in ihren Riesengestaltungen aufgethuͤrmt, zu uͤberwinden und zu einem Mittel seiner Zwecke umzuschaffen im Stande sei. Sie sandten an Alexander einen Herold ab, mit dem Erbieten, unter guͤnstigen Bedingungen die Feste zu uͤberge- ben; sie wollten nur bis zur Nacht Zeit gewinnen, um sich dann auf geheimen Wegen aus der Feste in das flache Land zu zer- streuen. Alexander merkte lhre Absicht; er zog seine Posten ein, und ließ die Feinde ungestoͤrt ihren Abzug beginnen; dann waͤhlte er siebenhundert der Hypaspisten aus, zog in der Stille der Nacht den Felsen hinauf, und begann die verlassene Mauer zu erklettern; er selbst war der erste oben; sobald seine Schaar an verschiedenen Punkten nachgestiegen war, stuͤrzten sie alle mit lautem Kriegsge- schrei uͤber die nur zur Flucht geruͤsteten Feinde; viele wurden er- schlagen, andere zerschmetterten in den Abgruͤnden; am naͤchsten Morgen zog das Heer klingenden Spiels in die Felsenfeste ein. Reiche und froͤhliche Opfer feierten dieß gluͤckliche Ende einer Un- ternehmung, die Alexanders Kuͤhnheit und die Tapferkeit seiner Truppen allein moͤglich machen konnte. Die Befestigung der Burg selbst wurde mit neuen Werken vermehrt, eine Macedonische Be- satzung in dieselbe gelegt, der Fuͤrst Sisikyptos, der sich des Koͤ- nigs Vertrauen im hoͤchsten Grade zu erwerben gewußt hatte, zu ihrem Befehlshaber ernannt. Der Besitz dieser Feste war fuͤr die Behauptung des disseitigen Indiens von der entschiedensten Wich- tigkeit; sie beherrschte die Muͤndung des Kophen in den In- dus Arr. IV. 30. Strabo scheint diese ganze Belagerung zu be- zweifeln ( XV. p 252); die abweichenden Angaben bei Diodor und Curtius widerlegen sich selbst; vielleicht gehoͤrt zu dieser Unternch- mung die Angabe des Chares bei Athen. III. p. 127. c. wie Alexander bei Belagerung der Stadt Petra in Indien Schnee aufzubewahren angeordnet habe. . Indessen hatten sich gefaͤhrliche Bewegungen im Assakaner- lande gezeigt; der Bruder des in Massaga gefallenen Fuͤrsten As- sakanus Curtius nennt diesen Fuͤrsten Eryx, Dio- dor Aphrices; daß dieser derselbe mit Arrians „Bruder des Assakanus“ ist, ergiebt sich aus der Erzaͤhlung selbst. hatte ein Heer von zwanzigtausend Mann und funf- zehn Elephanten zusammengebracht, und sich in die Gebirge des oberen Landes geworfen; die Feste Dyrta Die Lage von Dyrta muͤßte wohl zientlich nordwaͤrts in den Bergen zwischen dem Ptarenus und Indus zu suchen sein, etwa in der Gegend von Mullai unserer Karten. war in seinen Haͤn- den; er hoffte sich durch die Unzugaͤnglichkeit dieser wilden Ge- birgsgegend genug geschuͤtzt, er hoffte, Alexanders Entfernung werde ihm bald Gelegenheit geben, seine Macht zu erweitern. Desto nothwendiger war es fuͤr Alexander, ihn zu vernichten. Sobald Aornos eingenommen war, eilte der Koͤnig mit einigen Tausend leichter Truppen nach Dyrta im oberen Lande; die Nachricht von seinem Anruͤcken hatte hingereicht, den Praͤtendenten in die Flucht zu jagen; mit ihm war die Bevoͤlkerung der Umgegend, vor Alex- anders gerechtem Zorn besorgt, entflohen. Der Koͤnig sandte so- fort einzelne Corps aus, um die Gegend zu recognosciren und die Spur des fluͤchtigen Fuͤrsten und besonders der Elephanten aufzu- finden: er erfuhr, daß Alles in die Gebirgswildniß ostwaͤrts geflo- hen sei; er drang nach. Dichte Urwaldung bedeckt diese Gegenden; das Heer mußte sich muͤhsam den Weg bahnen. Man griff einzelne Indier auf; sie berichteten, die Bevoͤlkerung sei uͤber den Indus in das Reich des Abisares gefluͤchtet, die Elephanten, funfzehn an der Zahl, habe man auf den Wiesen am Strom frei gelassen. Da kam auch schon ein Haufe Indischer Soldaten vom fliehenden Heere, das, uͤber das Ungeschick des Fuͤrsten misvergnuͤgt, sich em- poͤrt und ihn erschlagen hatte; sie brachten den Kopf des Fuͤr- sten Diod. XVII. 88. Curt. VIII. 12. 3. . Alexander, nicht gewillt, ein Heer ohne Fuͤhrer in un- wegsames Gebiet zu verfolgen, ging mit seinen Truppen zu den Induswiesen hinab, um die Elephanten einzufangen; von Indi- schen Elephantenjaͤgern begleitet, machte er Jagd auf die Thiere; zwei stuͤrzten in Abgruͤnde, die uͤbrigen wurden eingefangen. Alex- ander liebte das Außerordentliche, er wußte, wie sehr es seine Ma- cedonier anfeuerte, und welchen Eindruck es auf die Voͤlker machte; so gebot er hier in den dichten Waldungen am Indus Werkholz zu faͤllen und Schiffe zu zimmern; in kurzer Zeit war eine Strom- flotte erbaut, wie sie der Indus noch nicht gesehen, auf der der Koͤnig mit seinem Heere den breiten und zu beiden Seiten mit vielen Staͤdten und Doͤrfern bedeckten Strom hinabfuhr; nach zehn Tagen landete er an der Bruͤcke, die von Hephaͤstion und Perdikkas bereits uͤber den Indus geschlagen war Nach einer an- dern Leseart 16 Tage, wenn uͤberhaupt Curtius verkehrter Aus- druck so verstanden werden darf. Die Entfernung von der Gegend von Mullai bis zur Muͤndung betraͤgt nach Macartncy’s schoͤner Charte gegen 30 geograph. Meilen zu Wasser. Die Indusbruͤcke, die man mit Arrian fuͤr eine Schiffbruͤcke halten darf, lag nach Strabo XV. p. 269. in der Naͤhe der Stadt Peucelaitis; offenbar oberhalb der Kophenmuͤndung. . — Es war in den ersten Fruͤhlingstagen des Jahres 326, daß das Macedonische Heer, verstaͤrkt von den Kontingenten der Fuͤr- sten in der diesseitigen Satrapie, an der Kophenmuͤnde sich zum Uebergang uͤber den Indus anschickte. Da erschien eine Gesandt- schaft der Fuͤrsten von Taxila vor dem Koͤnige, sie versicherte von Neuem die Ergebenheit ihres Herren; sie uͤberbrachte dem Koͤ- nige kostbare Geschenke, dreitaufend Opferstiere, zehntausend Schaaft, dreißig Kriegselephanten, zweihundert Talente Silber, endlich sie- benhundert Indische Reuter, das Bundescontingent ihres Fuͤrsten, sie uͤbergab dem Koͤnige die Residenz ihres Fuͤrsten, die herr- lichste Stadt zwischen dem Indus und Hydaspes. Alexander be- lobte sie; dann befahl er, die Weihe des Indusuͤberganges zu be- ginnen; unter gymnastischen Spielen und festlichem Umzuge des Heeres wurde am Stromufer geopfert; und die Opfer waren gluͤcklich. So begann der Uebergang uͤber den maͤchtigen Strom, ein Theil des Heeres zog uͤber die Schiffbruͤcke, andere setzten auf Induskaͤhnen hinuͤber, der Koͤnig selbst und sein Gefolge auf zwei Jachten, die dazu bereit lagen. Neue Opfer feierten die gluͤck- liche Vollendung dieses Ueberganges. Dann ruͤckte das große Heer auf der Straße von Taxila vorwaͤrts, durch reich bevoͤlkerte und im Schmucke des Fruͤhlings prangende Gegenden, nordwaͤrts maͤchtige Schneeberge, die Graͤnze von Kaschmir, suͤdwaͤrts die weiten und herrlichen Ebenen, welche das Duab des Indus und Hydaspes erfuͤllen, uͤberall die großen Formen der Landschaft, die uͤberreiche Vegetation, die fremdartigen Gestalten, Trachten und Sitten der Bevoͤlkerung, wie sie der Indischen Welt eigenthuͤm- lich sind. Eine Stunde vor der Residenz sah das staunende Heer zum erstenmale jene Indischen Buͤßer, die nackt, einsam, regungs- los unter den Gluthstrahlen der Mittagssonne und dem kalten Thau sternklarer Naͤchte das heilige Werk des Nivan vollbrin- gen Strabo XV. p. 294. Arrian VII. 3. . Als Alexander der Stadt Taxila nahete, zog ihm der Die Lage von Taxila ist auf dem Wege vom Indus zum Hydasves, doch ge- wiß nicht, wie Rennel ( Memoir of a map of Hindostan p. 29.) vermuthete, bei Attock selbst zu suchen. Plinius sagt: von Peucelaotis zum (sollte heißen uͤber den) Indus und zur Stadt Taxila 60 M. , von da zum Hydaspes 120 M. Davon ⅙ fuͤr die Kruͤmmungen des Weges abgerechnet, giebt 150 M. oder 30 Meilen, und die Fuͤrst im hoͤchsten Pompe, mit geschmuͤckten Elephanten, gewapp- neten Schaaren und kriegerischer Musik entgegen; und als nun der Koͤnig sein Heer halten und sich ordnen ließ, sprengte der Fuͤrst seinem Zuge voraus und zu Alexander hin, begruͤßte ihn ehrerbietigst und uͤbergab ihm sein Reich und sich selbst. Dann zog Alexander an der Spitze selnes Heeres, der Fuͤrst an seiner Seite, in die praͤchtige Residenz. Hier folgten zu Ehren des gro- ßen Koͤnigs eine Reihe von Festlichkeiten, deren Glanz durch die Anwesenheit mehrerer Fuͤrsten des Landes, die ihre Geschenke und Huldigungen darzubringen gekommen waren, erhoͤht wurde. Alex- ander bezeugte mit alle dem seine Zufriedenheit, er bestaͤtigte sie geraden Abstaͤnde vom Hpdaspesuͤbergange uͤber Ravil Pindee zum rechten Ufer des Indus sind nach Elphinstones Karte 28 Meilen. cf. Asiatic Journal tom. V. 1818. p. 216. — Dr. Gerard ( Asiatic Journal 1832. Decbr. p. 365) meint, daß das Monument von Manikiyala die Lage von Taxila bezeichne, er fand bei den Bau- ern der Umgegend viele Griechische Muͤnzen, cf. Tod Radjastan II. p. 231.; jedoch ist diese Lage zu weit vom Indus entfernt, und selbst Ravil Pindee duͤrfte noch zu weit ostwaͤrts liegen. Den Na- men der Stadt und des Fuͤrstenthums anlangend, hat Vincent ( the voyage of Nearchus ed. I. p. 86.) vermuthet, daß der Name Taxili, so hoͤrte Tieffenthaler das westlichste von den 12 Stadttho- ren von Lahore nennen, das alte Taxila angeht; Wilford sagt, ( Asiatic Researches IX. p. 31.) Taxila sei Tâchsa-Syala, von dem Volksstamme der Syalas so genannt, deren Ueberreste man noch jetzt im Panschab faͤnde. Tod ( Radjastan II. p. 228.) hat noch weitere Notizen uͤber diese Taͤkshac’s oder Nagas, d. i. Schlangenvolk; doch irrt er, wenn er T â k und Bazar bei Sultan Baber fuͤr identisch mit Taxila haͤlt. Lassen pent. p. 35. weiset nach, daß der heimische Name dieses Landes, Urasa, bei Ptolemaͤus als Varsa erscheint. — Den Fuͤrsten dieser Landschaft nennt Cur- tius Omphis, Diodor aber Mophis. (Ophis oder Schlange vermu- thet Tod l. c. als Griechische Uebersetzung von Tâk ). Sie fuͤgen uͤber ihn einige unbedentende Details hinzu: bei dem Tode seines Vaters, dem er zur Vereinigung mit Alexander gerathen, habe er nicht eher den fuͤrstlichen Titel Taxila angenommen, als bis es Alexander gestattete. Alle in ihrem Besitz und erweiterte das Gebiet Einiger nach ihrem Wunsche und ihrem Verdienst, namentlich das des Taxiles, der zu gleich fuͤr die Fuͤrsorge, mit der er die Suͤdarmee aufgenommen hatte, und fuͤr die Aufmerksamkeit, mit der er dem Koͤnige wie- derholentlich entgegen gekommen, auf das Reichlichste beschenkt wur- de; Medische Prachtkleider, einige zwanzig Macedonische Schlacht- rosse, goldene und silberne Trinkschaalen von Hellenischer Arbeit, endlich einen Schatz von tausend Talenten empfing der Fuͤrst aus den Haͤnden des Koͤnigs von Asien. Auch Abisares von Kaschmir schickte eine Gesandschaft gen Taxila, es war sein Bruder, von den Edelsten des Landes begleitet, er brachte Kleinodien, Elfenbein, feine Webereien, Kostbarkeiten aller Art zum Geschenk, er versi- cherte die treue Ergebenheit seines fuͤrstlichen Bruders und stellte die heimliche Unterstuͤtzung, die derselbe den Assakanern zugewandt haben sollte, durchaus in Abrede. Wie damals die Angelegenhei- ten des Duab-Landes geordnet waren, ist nicht mit Bestimmtheit zu erkennen; jedenfalls lagen die Gebietserweiterungen in der dies- seitigen Satrapie, so wie anderer Seits die Fuͤrsten saͤmmtlich un- ter die Souverainitaͤt Alexanders traten; vielleicht erhielt Taxiles das Principat unter den Raja’s diesseits des Hydaspes, wenigstens wird im Verhaͤltniß zu Alexander fortan nur seiner erwaͤhnt. Ue- brigens blieb in seiner Residenz eine Macedonische Besatzung, so wie die dienstunfaͤhige Mannschaft zuruͤck; die sogenannte Indische Satrapie wurde dem Philippus anvertraut, dessen hohe Geburt und vielfach bewaͤhrte Anhaͤnglichkeit an Alexander der Wichtigkeit dieses Postens entsprach; seine Provinz umfaßte außer dem gan- zen rechten Indusgebiet auch die Aufsicht uͤber die im Reiche des Taxiles und der anderen Fuͤrsten zuruͤckbleibenden Truppen So scheinen sich die verschiedenen Angaben uͤber Philipps Satrapie zu vereinbaren. Arrian IV. 2. 5. nennt ihn, sich in Alex- anders Stellung an dem Hydaspes denkend, den Satrapen des jen- seit des Indus, des gegen Baktrien hin liegenden Landes, und IV. 14. 6. wird die Landschaft der Mallier seiner Provinz zugefuͤgt; der Ausdruck in Arrian. Ind. 18. ist zu allgemein, um auf die Aus- dehnung . Von Von Taxila aus hatte Alexander an den Fuͤrsten Porus ge- sandt und ihn auffordern lassen, ihm an der Grenze seines Fuͤr- stenthums entgegen zu kommen, um die koͤnigliche Entscheidung uͤber sein Verhaͤltniß zum Fuͤrsten von Taxila zu erwarten. Po- rus hatte die Antwort zuruͤckgesandt, er werde den Koͤnig an der Grenze seines Reiches mit gewaffneter Hand erwarten; zu gleicher Zeit hatte er seine Bundesgenossen aufgeboten, hatte den Fuͤrsten Abisares, der ihm, trotz der noch neuerdings gethanen Versicherun- gen seiner Ergebenheit fuͤr Alexander, Huͤlfstruppen versprochen hatte, um deren schleunige Zusendung ersucht, war selbst an den Grenzstrom seines Reiches geruͤckt, und hatte sich auf dessen linkem Ufer gelagert, entschlossen, dem Feinde um jeden Preis den Ueber- gang zu wehren. Auf diese Nachricht sandte Alexander den Ge- neral Koͤnus an den Indus zuruͤck, mit dem Befehl, die Fahrzeuge der Stromflotte zum Transport uͤber Land zersaͤgen und auf Wa- gen verpackt moͤglichst schnell an den Hydaspes bringen zu lassen. Zu gleicher Zeit brach das Heer nach den uͤblichen Opfern und Kampfspielen von Taxila auf, es waren fuͤnftausend Mann Indi- sche Truppen des Taxiles und der benachbarten Fuͤrsten dazu ge- stoßen; die Elephanten, die Alexander in Indien erbeutet oder als Geschenk erhalten hatte, blieben zuruͤck, da die Macedonischen Pferde nicht an ihren Anblick gewoͤhnt waren, und sie uͤberdieß der den Macedoniern eigenthuͤmlichen Angriffsweise nur hinderlich gewesen waͤren Nur Polyän IV. 3. 26. sagt, daß Alexander Ele- phanten in seinem Heere gehabt habe; ein Beweis, wie wenig auf seine Compilation zu geben ist. Curtius erzaͤhlt, daß auf diesem Marsche der Indische Fuͤrst Gamaxus und der Exsatrap Barsaen- tes von Ariana, der zu ihm gesiohen war, dem Koͤnige gebunden zugefuͤhrt, die dreißig Elephanten des Fuͤrsten ausgeliefert und von dem Koͤnige dem Fuͤrsten Taxiles eingehaͤndigt worden seien; und Arrian ( III. 25. 14.) berichtet, daß Barsaentes gen Indien geflo- . dehnung der Satrapie Ober Indien schließen zu lassen. Uebrigens war dieser Philipp der Sohn des Machatas, aus dem Fuͤrstenge- schlecht von Elymiotis und des Amigonus Vater, Großvater des Poliorceten Demetrius, um diese Zeit bereits hoch in den Siebzi- gern. 25 Waͤhrend des Marsches begannen die ersten Schauer des tro- pischen Regens sich von den Gebirgen hernieder zu senken, die Wasser stroͤmten rauschender, die Wege wurden beschwerlicher, haͤu- fige Gewitter, mit Orkanen verbunden, verzoͤgerten den Marsch vielfach. Man nahte der Suͤdgrenze des Fuͤrstenthums von Taxila; eine lange nnd ziemlich enge Paßstraße fuͤhrte hier in das Gebiet des Spittakus, eines Verwandten und Bundesgenossen des Porus; sie war durch die Truppen dieses Fuͤrsten, welche die Hoͤhen zu beiden Sei- ten besetzt hielten, gesperrt; durch ein kuͤhnes Reutermanoͤver unter der unmittelbaren Fuͤhrung Alexanders wurden die Feinde uͤber- rascht, von ihrer Stellung gedraͤngt und dermaßen in die Enge ge- trieben, daß sie erst nach bedeutendem Verlust das freie Feld ge- wannen. Spittakus selbst eilte, ohne an die weitere Vertheidigung seines Fuͤrstenthums zu denken, sich mit dem Reste seiner Truppen mit Porus zu vereinigen Polyän IV. 3. 21. Dieß ist vielleicht der von Elphinstone I. 129. bezeichnete Engpaß und derselbe Hohlweg von Hambatu, den Baber passirte, in dessen Memoiren ( p. 255) man uͤberhaupt den Weg, den Alexander nahm, wiederkennt. . Etwa zwei Tage spaͤter erreichte Alexander das Ufer des Hydaspes, der jetzt eine Breite von fast zwoͤlfhundert Schrit- ten hatte Curt. VIII. 13. 8. Der Fluß hatte noch nicht seine volle Breite, die er erst im August erreicht; schon im Juli fand ihn Macariney fast dreitausend Schritt breit. S. Elphin- stone I. p. 551. ; auf dem jenseitigen Ufer sah man das weitlaͤuftige Lager des Fuͤrsten Porus, und das gesammte Heer in Schlacht- ordnung aufgeruͤckt, vor demselben, gleich Festungsthuͤrmen, dreihun- dert Kriegselephanten; man bemerkte, wie nach beiden Seiten hin- aus bedeutende Schaaren abgesendet wurden, um die Postenlinie laͤngs dem Stromufer zu verstaͤrken, und namentlich die wenigen Fuhrten, die das hohe Wasser noch gangbar ließ, zu beobachten. Alexander erkannte die Unmoͤglichkeit, unter den Augen des Feindes den Strom zu passiren, und lagerte sich auf dem rechten Ufer, den Indiern gegenuͤber; er begann damit, durch mannichfache Truppen- hen, von den Indiern ausgeliefert und wegen seiner Theilnahme am Morde des Darius hingerichtet sei. bewegungen den Feind uͤber den Ort des beabsichtigten Ueberganges zu verwirren und seine Aufmerksamkeit zu ermuͤden; er ließ zugleich durch andere Abtheilungen seines Heeres die Ufergegend nach allen Seiten hin recognosciren, durch andere das von Vertheidigern ent- bloͤßte Gebiet des Spittakus brandschatzen und von allen Seiten her große Vorraͤthe zusammenbringen, als ob er noch lange an die- ser Stelle zu bleiben gedaͤchte; er wußte bis in das feindliche La- ger das Geruͤcht zu verbreiten, daß er in dieser Jahreszeit den Flußuͤbergang allerdings fuͤr unmoͤglich halte, daß er das Ende der Regenzeit abwarten wolle, um, wenn das Wasser gefallen waͤre, den Angriff uͤber den Strom hin zu versuchen. Zu gleicher Zeit aber mußten die steten Bewegungen der Macedonischen Reuterei, das Auf- und Abfahren stark bemannter Boͤte, das wiederholte Ausruͤcken der Phalangen, die trotz der heftigsten Regenguͤsse oft stundenlang unter den Waffen und wie zum Kaͤmpfen bereit stan- den, den Fuͤrsten Porus in steter Besorgniß wegen Eroͤffnung der Feindseligkeiten halten; ein Paar Werder im Flusse gaben Veran- lassung zu kleinen Gefechten, es schien, als ob sie, sobald es zum ernsteren Kampfe kaͤme, von entscheidender Wichtigkeit werden mußten. Indeß erfuhr Alexander, daß Abisares von Kaschmir, trotz al- ler neuerdings wiederholten Versicherungen seiner Ergebenheit, nicht bloß heimlich Verbindungen mit Porus unterhalte, sondern bereits mit seiner ganzen Macht heranruͤcke, um sich mit demselben zu ver- einigen Diod. XVII. 87. ; und war es auch von Anfang her keinesweges des Koͤnigs Absicht gewesen, die Regenzeit hindurch unthaͤtig am rech- ten Flußufer stehen zu bleiben, so bewog ihn doch diese Nachricht noch mehr, ernstlich an einen baldigen Angriff zu denken, da der Kampf gegen die vereinte Macht des Abisares und Porus schwie- rig, wenn nicht gefaͤhrlich werden konnte; aber es war unmoͤglich, hier im Angesicht des Feindes uͤber den Fluß zu gehen: einmal war das Strombette selbst durch die Fuͤlle und Stroͤmung des Wassers unsicher und das niedrige Ufer druͤben voll schlammiger Untiefen, sodann waͤre es tollkuͤhn gewesen, die Phalangen unter den Ge- schossen des dicht geordneten und sicher stehenden Feindes an’s Ufer 25 * fuͤhren zu wollen, endlich war vorauszusehen, daß die Macedoni- schen Pferde sich vor dem Geruch und dem heiseren Geschrei der Elephanten, die das jenseitige Ufer deckten, beim Anlegen scheuen, zu fliehen versuchen, sich von den Faͤhren hinabstuͤrzen, die gefaͤhr- lichste Verwirrung anrichten wuͤrden. Es kam alles darauf an, das feindliche Ufer unbemerkt zu erreichen; darum ließ Alexander, es war um Mitternacht, im Lager Laͤrm blasen, die Reuterei an verschiedene Stellen des Ufers vorruͤcken und sich mit Kriegsge- schrei und unter dem Schmettern der Trompeten zum Uebersetzen anschicken, die Bote auslaufen, die Phalangen unter dem Schein der Wachtfeuer an die Furthen ruͤcken. Sofort wurde es auch im feindlichen Lager laut, die Elephanten wurden vorgetrieben, die Truppen ruͤckten an das Ufer, man erwartete bis zum Morgen den Angriff, der doch nicht erfolgte. Dasselbe wiederholte sich in den folgenden Naͤchten, und immer von Neuem sah sich Porns ge- taͤuscht, er wurde es muͤde, seine Truppen umsonst in Regen und Wind die Naͤchte durch wachen zu lassen, er begnuͤgte sich damit, den Fluß durch die gewoͤhnlichsten Posten zu bewachen. Das rechte Ufer des Flusses ist von einer Reihe rauher Hoͤ- hen begleitet, die sich drei Meilen stromauf hinziehen und dort zu bedeutenden, dicht bewaldeten Bergen emporsteigen, an deren Nord- abhang ein kleiner Fluß zum Hydaspes hinabeilt Die Lokalitaͤt bei Elphinstone I. 132. Auf der waldigen Insel Jamad befand sich zu Timnrs Zeit das feste Schloß des Che- ab-eddin cf. Chereffeddin IV. 10. p. 49., den kleinen Fluß im Norden der Berge und im Suͤden der Stadt Behreh, beschreibt Ba- ber Mem. p. 257. Nach Plut. de Fluv. 1. scheinen diese Bergt von den Macedoniern Elephantenberge genannt worden zu sein; ich mache auf die Erzaͤhlung Plutarchs von dem Schlangennest und den Opfern aufmerksam, welche, mit dem alten Ophitendienst von Kasch- mir uͤbereinstimmend, ethnographisch wichtig sein duͤrften. . Der schnell- stroͤmende Hydaspes, der von Kaschmir herab bis hieher suͤdwaͤrts stroͤmt, veraͤndert jetzt ploͤtzlich und fast im rechten Winkel seine Richtung, und eilt, zur Rechten die rauhe Bergreihe, zur Linken eine weite und fruchtbare Niederung, abendwaͤrts weiter. Der Bergecke gegenuͤber, unter der Muͤndung jenes Fluͤßchens, liegt im Strome die hohe und waldige Insel Jamad, oberhalb deren die gewoͤhnliche Straße von Kaschmir den Hydaspes uͤbersetzt Von den fuͤnfundzwanzig Wegen, die nach Tieffenthaler aus Hindostan nach Kaschmir fuͤhren, sind die meisten kaum fuͤr Fußgaͤnger zugaͤnglich; die Straßen uͤber Puckhely und Bember sind die gangbarsten, aber jene war dem Abisares gesperrt, diese haͤtte zu weit um, und zum Theil durch das feindliche Bergrevier der Glausen gefuͤhrt; da seine Herrschaft Abisharam das Land der suͤd- lichen Vorthaͤler Kaschmirs und wahrscheinlich bis zu den Quell- bergen des Sewnflusses umschloß, so konnte er keinen naͤheren und besseren Weg waͤhlen, als den, welcher am rechten Ufer des Hydaspes von Muzufferabad herab ( Elphinstone II. p. 552.) uͤber Perh â leh ( Baber Mem. p. 261.) fuͤhrt. . Dieß war der Ort, den Alexander zum Uebergange ausersehen. Eine Reihe Feldposten war vom Lager aus laͤngs dem Ufer auf- gestellt; ihr gegenseitiges Zurufen, ihre naͤchtlichen Wachtfeuer, die neuen Truppenbewegungen in der Naͤhe des Lagers, haͤtten den Feind vollkommen uͤber den Ort des bevorstehenden Ueberganges taͤuschen muͤssen, wenn er sich nicht schon daran gewoͤhnt haͤtte, dergleichen nicht mehr fuͤr bedeutend zu halten. Alexander seiner- seits hatte auf die Nachricht, daß Abisares nur noch drei Tage- maͤrsche entfernt staͤnde, alles dazu vorbereitet, den entscheidenden Schlag zu wagen. Kraterus blieb mit seiner Hipparchie, mit der Reuterei der Arachosier und Paropamisaden, mit den Phalangen Alcetas und Polysperchon und den Indischen Bundestruppen, im Ganzen etwa zwanzigtausend Mann, in der Naͤhe des Lagers, er wurde angewiesen, sich ruhig zu verhalten, bis er die Feinde druͤ- ben entweder ihr Lager verlassen, oder in der Naͤhe desselben ge- schlagen saͤhe; wenn er dagegen bemerkte, daß die feindlichen Streit- kraͤfte getheilt wuͤrden, so sollte er, falls die Elephanten ihm gegen- uͤber am Ufer zuruͤckblieben, den Uebergang nicht wagen, falls sie aber mit stromauf gegen die bei der Insel uͤbersetzenden Macedo- nier gefuͤhrt wuͤrden, so sollte er sofort und mit seinem ganzen Corps uͤber den Strom setzen, da die Elephanten allein dem gluͤck- lichen Erfolg eines Reuterangriffs Schwierigkeiten in den Weg stellten Hier ist eine Luͤcke im Text . Ein zweites Corps, aus den Phalangen Meleager, Gorgias und Attalus, aus dem gesammten Fußvolk der Fremden und und der Reuterei der Soͤldner bestehend, ruͤckte unter des Lagiden Ptolemaͤus Fuͤhrung anderthalb Meilen stromauf, mit der Weisung, sobald sie jenseits des Stromes die Schlacht begonnen saͤhen, corpsweise durch den Strom zu gehen Der Text Arrians sagt, diese drei Phalangenanfuͤhrer seien mit der Reuterei und dem Fußvolk der Soͤldner dort aufgestellt; der Zu- sammenhang lehrt, daß vor allen ihre drei Phalangen mit ausge- ruͤckt waren. . Der Koͤnig selbst brach mit den Geschwadern Hephaͤstion, Perdikkas, Demetrius und der Leibschaar Koͤnus, mit den Scythischen, Baktrischen und Sog- dianischen Reutern, mit den Daischen Bogenschuͤtzen zu Pferde, mit den sechs Chiliarchien der Hypaspisten, den Phalangen Klitus und Koͤnus, den Agrianern, Schuͤtzen und Schleuderern, im Gan- zen fuͤnftausend Mann Reuterei und etwa sechszehntausend Mann Fußvolk, am Morgen aus seinem Lager auf. Alle diese Bewegun- gen wurden zwar durch den anhaltenden Regen erschwert, aber zu- gleich dem Auge des Feindes entzogen; um desto sicherer zu seyn, zog der Koͤnig hinter den waldigen Uferhoͤhen zu dem Orte hin, den er zum Uebergang ausersehen. Am spaͤten Abend kam er dort an; schon war hier der Transport zersaͤgter Fahrzeuge, den Koͤnus vom Indus herangeschafft hatte, unter dem Schutz der dichten Waldung wieder in Stand gesetzt und verborgen worden, auch an Fellen und Balken zu Floͤßen und Faͤhren war Vorrath; die Vor- bereitungen zum Uebergang, das Hinablassen der Fahrzeuge, das Fuͤllen der Haͤute mit Stroh und Werg, das Zimmern der Floͤsse Arrians; sie beginnt mit den Worten: das uͤbrige Heer aber .... gewiß fehlt hier mehr, als die Herausgeber vermuthen; denn die Zahl der saͤmmtlichen Truppen, die Alexander zur Schlacht dispo- nirt, betraͤgt nicht funfzigtausend Mann, eine Zahl, die, so groß man auch die in der Satrapie Indien und in Taxila zuruͤckgelasse- nen Corps annehmen mag, doch kaum zwei Drittel des am Hydas- pes stehenden Heeres betragen kann. Vielleicht, daß die Phalangen, die unter den disponirten Truppen nicht aufgefuͤhrt sind, so wie einige andere Corps unterhalb des Lagers an verschiedenen Stellen des Ufers vertheilt, auch ihrerseits den Feind engagiren, und sobald der Kampf begonnen, uͤbersetzen sollten; auch uͤber diese scheint Kra- terus das Kommando erhalten zu haben. Arrian. V. 12. 1. fuͤllte die Nacht aus; furchtbare Regenguͤsse, von Sturm und Ge- witter begleitet, machten es moͤglich, daß das Klirren der Waffen, das Hauen der Zimmerer jenseits nicht gehoͤrt wurde, der dichte Wald auf dem Vorgebirge und auf der Insel verbarg die Wacht- feuer der Macedonier. Gegen Morgen legte sich der Sturm, der Regen hoͤrte auf, der Strom fluthete brausend an den hohen Ufern der Insel voruͤ- ber; oberhalb derselben sollte das Heer uͤbersetzen; der Koͤnig selbst, von Perdikkas, Lysimachus und Seleukus nebst einer auserlesenen Schaar Hypaspisten begleitet, befand sich auf der Jacht, welche den Zug eroͤffnete; auf den andern Jachten folgten die uͤbrigen Hypas- pisten, auf Boten, Stromkaͤhnen, Floͤßen und Faͤhren die Reuterei und das Fußvolk, mit Ausschluß der beiden Phalangen, die zur Deckung und Beobachtung des Weges von Kaschmir zuruͤckblie- ben Dieß ergiebt sich aus der spaͤtern Angabe, daß die Schlacht- linie des schweren Fußvolks sechstausend Mann betragen habe, ( Ar rian. V. 14. 1.), so viel betrugen die Hypaspisten allein; waͤren beide Phalangen mit uͤbergesetzt, so muͤßten zwoͤlftausend Mann ge- nannt werden. . Und schon steuerten die Jachten an dem hohen und wal- digen Ufer der Insel voruͤber; sobald man an deren Nordecke vor- uͤber war, sah man die Reuter der feindlichen Vorposten, die beim Anblick der heruͤberfahrenden Heeresmacht, eiligst uͤber das Blach- feld zuruͤcksprengten. So war das feindliche Ufer von Vertheidi- gern entbloͤßt und Niemand da, die Landung zu hindern; Alexan- der war der erste am Ufer, nach ihm legten die anderen Jachten an, bald folgte die Reuterei und das uͤbrige Heer, bald war Alles in Marschkolonnen formirt, um weiter zu ruͤcken; da zeigte sich, daß man auf einer Insel war; die Gewalt des Stromes, dessen Bett sich an dieser Stelle ploͤtzlich gen Westen wendet, hatte das niedrige Erdreich am Ufer durchbrochen, und einen neuen wasser- reichen Arm gebildet. Lange suchten die Reuter vergebens und mit Lebensgefahr eine Furth hindurch, uͤberall war das Wasser zu breit und zu tief, es schien nichts uͤbrig zu bleiben, als die Fahrzeuge und Faͤhren um die Spitze dieser Insel herbeizuschaffen, es war die hoͤchste Gefahr, daß durch den daraus entstehenden Zeitverlust der Feind zur Absendung eines bedeutenden Truppencorps, das das Landen erschweren, ja unmoͤglich machen konnte, Zeit gewann; da fand man endlich einige Stellen, die zu durchwaten waren; mit der groͤßten Muͤhe hielt sich Mann und Pferd gegen die heftige Stroͤmung, das Wasser reichte bis an die Brust, den Koͤnig trug sein Schlachtroß Bucephalus schwimmend hindurch So Arrian. V. 13. etwas abweichend Frontin. I. 4. 9. , nach und nach gewannen die verschiedenen Abtheilungen das jenseitige Ufer; in geschlossener Linie, rechts die Turanische Reuterei, ihr zunaͤchst die Macedonischen Geschwader, dann die Hypaspisten, das leichte Fußvolk endlich auf dem linken Fluͤgel, ruͤckte das Heer auf, dann mit rechtsum den Strom hinab in der Richtung zum feindlichen Lager. Um das Fußvolk nicht zu ermuͤden, ließ Alexander es lang- sam nachruͤcken, und ging selbst mit der gesammten Reuterei und den Bogenschuͤtzen unter Tauron eine halbe Stunde weit voraus; er glaubte, wenn Porus auch mit seiner ganzen Macht entgegen- ruͤckte, an der Spitze der trefflichen und den Indiern uͤberlegenen Reuterei das Gefecht, bis das Fußvolk nachruͤckte, halten zu koͤn- nen, wenn dagegen die Indier, durch sein ploͤtzliches Erscheinen er- schreckt, sich zuruͤckzoͤgen, an seinen fuͤnftausend Reutern zum Ein- hauen und zum Verfolgen genug zu haben. Porus seinerseits hatte, als ihm von seinen zuruͤcksprengenden Vorposten das Heranruͤcken bedeutender Truppenmassen gemeldet war, im ersten Augenblick geglaubt, es sei Abisares von Kaschmir mit seinem Heere; aber sollte der Bundesfreund versaͤumt haben, sein Herannahen zu melden, oder doch, nachdem er uͤber den Strom gesetzt, Nachricht von seiner gluͤcklichen Ankunft vorauszusenden? es war nur zu klar, daß die Gelandeten Macedonier seien, daß der Feind den Uebergang uͤber den Strom, der ihm Tausende haͤtte ko- sten muͤssen, ungehindert und gluͤcklich zu Stande gebracht habe, und daß ihm Indischer Seits das diesseitige Ufer nicht mehr strei- tig gemacht werden koͤnne. Indeß schienen die Truppenmassen, die man noch am jenseitigen Ufer stromauf und stromabwaͤrts aufge- stellt sah, zu beweisen, daß das uͤber den Fluß vorgeschobene Corps nicht bedeutend sein konnte. Porus haͤtte Alles daran setzen muͤssen, dasselbe, da es einmal uber den Strom war, abzuschneiden und zu vernichten; er haͤtte sofort die Offensive ergreiffen muͤssen, die durch seine Schlachtwagen und Elephanten so sehr beguͤnstigt und fast ge- fordert wurde; statt dessen war es ihm nur darum zu thun, fuͤr jetzt das weitere Vordringen des Feindes aufzuhalten und jedes entscheidende Zusammentreffen bis zur Ankunft des Abisares zu ver- meiden. Er sandte seinen Sohn mit zweitausend Reutern und einhundert und zwanzig Schlachtwagen den Macedoniern entgegen, er hoffte, mit diesen den Koͤnig Alexander aufhalten zu koͤnnen Diese Darstellung ist nach Ptolemaͤus, dessen Angabe auch Arrian, der besonnene und umsichtige Taktiker, als die richtige an- nimmt cf. Plut. Alex . 68. Aristobul erzaͤhlte, daß der Prinz die Maccdonier noch waͤhrend des Durchwatens der letzten Fuhrt getrof- fen, aber nicht gewagt habe, sie sofort anzugreifen; andere sagen, daß sich dabei ein lebhafter Kampf entsponnen habe; diese Angaben sind nachweislich unrichtig, indem die Entfernung des Lagers we- nigstens vier Stunden Zeit erforderte, ehe der Prinz herankommen konnte. Wenn Alexander etwa fruͤh um vier Uhr uͤberzusetzen be- gann, so moͤchte das Reutergefecht gegen zehn oder elf Uhr vorge- fallen sein. — Die Groͤße des unter dem Prinzen detaschirten Corps wird von Aristobul auf tausend Pferde und sechszig Wagen ange- geben; von eben so viel, sagt Plutarch, habe Alexander in seinen . Sobald Alexander dieses Corps uͤber die Uferwiesen heran- ruͤcken sah, glaubte er nicht anders, als daß Porus mit seinem gan- zen Heere heranziehe, und daß dieß der Vortrab sei; er ließ seine Reuterschaar sich zum Gefecht fertig machen; dann bemerkte er, daß hinter diesen Reutern und Wagen kein weiteres Heer folgte, sofort gab er Befehl zum Angriff. Von allen Seiten her jagten die Turanischen Reuter auf den Feind los, ihn zu verwirren und zu umzingeln; geschwaderweise sprengten die Macedonier nach zum Einhauen, umsonst suchten die Indier zu widerstehen, sich zuruͤck- zuziehen, in kurzer Zeit waren sie trotz der tapfersten Gegenwehr gaͤnzlich geschlagen, vierhundert Todte blieben auf dem Platze, un- ter ihnen der koͤnigliche Prinz; die Wagen, außer Stand, in dem tiefen und aufgefahrenen Wiesengrunde schnell zu entkommen, fielen den Macedoniern in die Haͤnde, die jetzt mit doppelter Kampflust vorwaͤrts ruͤckten. Die Ueberreste des zersprengten Corps brachten die Nachricht von ihrer Niederlage, von des Prinzen Tod, von Alexanders An- ruͤcken ins Lager zuruͤck; Porus sah zu spaͤt ein, welchen Feind er gegenuͤber hatte; die Zeit draͤngte, den traurigen Folgen einer hal- ben Maaßregel, die die Gefahr nur beschleunigte, so viel noch moͤglich war, zu begegnen; die einzige Rettung war, sich noch jetzt mit Uebermacht auf den heranruͤckenden Feind zu werfen, und ihn zu vernichten, bevor er Zeit gewann, mehr Truppen an sich zu ziehen und so den letzten Vortheil, den Porus noch uͤber ihn hatte, auszugleichen; jedoch durfte das Ufer dem Macedonischen Lager gegenuͤber nicht entbloͤßt werden, damit nicht das vor dem- selben schlagfertig stehende Heer den Uebergang erzwaͤnge und die Schlachtlinie der Indier im Ruͤcken bedrohe. Demnach ließ Po- rus einige Elephanten und mehrere Tausend Mann im Lager zu- ruͤck, um die Bewegungen des Kraterus zu beobachten und das Ufer zu decken; er selbst ruͤckte mit seiner gesammten Reuterei, viertausend Pferde stark, mit dreihundert Schlachtwagen, mit drei- ßig tausend Mann Fußvolk und zweihundert Elephanten gegen Alexander aus. Sobald er uͤber den Wiesengrund, der sich in der Naͤhe des Stromes dahinzog, rechts hinaus war und das freie Feid, das fuͤr die Entwickelung seiner Streitmacht und die Bewegung der Wagen und Elephanten gleich bequem war, erreicht hatte, ordnete er sein Heer nach Indischem Brauch zur Schlacht, vorauf die furchtbare Linie der zweihundert Elephanten, die, je funfzig Schritt von einander, fast eine Meile Terrain beherrsch- ten Ar- rians ausdruͤckliche Angabe uͤber diese Distanzen muß natuͤrlich den Vorzug gegen Curtius, Diodor und Polyaͤn erhalten, die von funf- zig Fuß Entfernung sprechen. Die Bemannung der Streitwagen schildert Curtius, ich weiß nicht ob der Wahrheit ganz gemaͤß. , hinter ihnen im zweiten Treffen das Fußvolk, in Schaa- ren von etwa einhundert funfzig Mann zwischen je zwei Elephan- ten aufgestellt; an die letzte Schaar des rechten und linken Fluͤgels, die uͤber die Elephantenlinie hinausreichte, schlossen sich je zweitau- send Mann Reuter an; die beiden Enden der weiten Schlachtlinie Briefen gesprochen; die im Text nach Ptolemaͤus angegebenen Zahlen bestaͤtigt Arrian mit einem verstaͤndigen Raisonnement. wurden durch je einhundert funfzig Wagen gedeckt, von denen je- der zwei Schwerbewaffnete, zwei Schuͤtzen mit großen Bogen und zwei bewaffnete Wagenlenker trug. Die Staͤrke dieser Schlacht- linie bestand in den zweihundert Elephanten, deren Wirkung um so entscheidender sein mußte, da die Reuterei, auf welche Alexan- der den Erfolg des Tages berechnet hatte, nicht im Stande war, ihnen gegenuͤber das Feld zu halten. In der That haͤtte ein gut gefuͤhrter Angriff die Macedonier vernichten muͤssen, die Elephanten haͤtten gegen die feindliche Linie losbrechen, und, von den einzelnen Abtheilungen Fußvolk wie Ge- schuͤtz durch Scharfschuͤtzen gedeckt, die Reiterei aus dem Felde jagen und die Phalanx zerstampfen, die Indische Reuterei nebst den Schlachtwagen die Fliehenden verfolgen und die Flucht uͤber den Strom abschneiden muͤssen; selbst die außerordentlich gedehnte und den Feind weit uͤberfluͤgelnde Schlachtlinie konnte von großem Er- folg sein, wenn die Wagen und Reuter auf beiden Fluͤgeln sogleich, wenn die Elephanten losbrachen, dem Feinde mit einer halben Schwenkung in die Flanke fielen; in jedem Falle mußte Porus, sobald er den Feind zu Gesicht bekam, den Angriff beginnen, um nicht die Vortheile der Offensive und namentlich die Wahl des Punktes, wo das Gefecht beginnen sollte, dem Feinde zu uͤberlas- sen. Er zoͤgerte, Alexander kam ihm zuvor, und benutzte seiner- seits Alles mit der Umsicht und Kuͤhnheit, die allein der Ueber- macht des Feindes das Gleichgewicht zu halten vermochte. Da die Ueberlegenheit der Indier in den Elephanten bestand, so mußte der entscheidende Schlag diese vermeiden, er mußte gegen den schwaͤchsten Punkt der feindlichen Linie, und, um vollkommen zu gelingen, mit dem Theil des Heeres ausgefuͤhrt werden, dessen Ueberlegenheit unzweifelhalft war. Alexander hatte fuͤnftausend Mann Reuterei, waͤhrend der Feind auf jedem Fluͤgel deren nur etwa zweitausend hatte, welche, zu weit von einander entfernt, um sich gegenseitig unterstuͤtzen zu koͤnnen, nur in den einhundert funfzig Wagen, die neben ihnen aufgefahren, eine zweideutige Un- terstuͤtzung fanden. Theils der Macedonische Kriegsgebrauch, theils die Ruͤcksicht, moͤglichst in der Naͤhe des Flusses anzugreifen, um nicht ganz von dem jenseits aufgestellten Corps des Ptolemaͤus ab- geschnitten zu werden, veranlaßten den Koͤnig, den rechten Fluͤgel zur Eroͤffnung des Gefechts zu bestimmen. Sobald er in der Ferne die Indische Schlachtlinie geordnet sah, ließ er die Reuterei Halt machen, bis die einzelnen Kolonnen des Fußvolkes nachkamen. Diese marschirten in moͤglichster Eile und voll Begier, sich mit dem Feinde zu messen, heran; einige Evolutionen der Reuterei, die vor der Linie ausgefuͤhrt wurden, gaben ihnen Zeit, sich zu sam- meln und zu ordnen, und nahmen dem Feinde die Moͤglichkeit, die Unruhe ihres Einruͤckens in Reih und Glied zum Angriff zu benutzen. Jetzt war die Linie des Fußvolks, rechts die Edelschaar des Seleukus, dann das Agema und die uͤbrigen Chiliarchien unter An- tigenes, im Ganzen sechs tausend Hypaspisten, ihnen zur Linken die vier tausend Mann leichtes Fußvolk unter Tauron, geordnet, sie erhielten den Befehl, nicht eher gegen die Elephanten vorzuruͤ- cken, als bis der linke Fluͤgel des Feindes durch den Angriff der Reuterei geworfen, und auch das Fußvolk in der zweiten Linie in Verwirrung waͤre. Sodann zog sich der groͤßere Theil der Reu- tergeschwader an der Fronte des Fußvolkes zum rechten Fluͤgel hinab, das Geschwader Demetrius und die Leibschaar dagegen ruͤckte unter Koͤnus Fuͤhrung links neben dem Fußvolk auf, mit der Weisung, die linke Flanke vor einem etwanigen Angriff zu decken, wenn aber die feindliche Reuterei ihm gegenuͤber, um dem anderen Fluͤgel, den Alexander demnaͤchst zu werfen beabsich- tigte, zu Huͤlfe zu eilen, mit linksum abritte, derselben in den Ruͤ- cken zu fallen und so die rechte Flanke der feindlichen Linie zu be- drohen Nach dem ausdruͤcklichen Zeugniß Plutarchs, aus Alexan- ders eigenen Briefen, so wie nach Arrian, stand Koͤnus auf dem linken Macedonischen Fluͤgel; es waͤre tollkuͤhn gewesen, diesen ohne Deckung gegen die Wagen und Reiter des feindlichen Fluͤgels zu lassen. . Alexander selbst fuͤhrte die Geschwader Hephaͤstion und Perdikkas und die zweitausend Turanischen Reuter weiter ge- gen den Strom hinab, indem er die tausend Daischen Reuter vorschob, um durch sie das Gefecht zu eroͤffnen. Sobald man auf Pfeilschußweite genaht war, warfen sich die tausend Daer auf die Linie der feindlichen Reuter, um sie durch einen Hagel von Pfeilen und durch den Ungestuͤm ihrer wilden Pferde zu verwirren; zugleich war die Linie der Macedonischen Reuterei halb rechts nachgeruͤckt; das Geschwader Perdikkas sprengte auf die Reihe der Schlachtwagen ein Die verwirrte Darstellung des Curtius scheint es folgern zu lassen, daß Perdikkas diesen Angriff auf die Wagen, dessen Ar- rian als minder bedeutend nicht erwaͤhnt, gefuͤhrt habe. , die, bald in vollkom- menster Verwirrung, umsonst sich zu halten oder zu fliehen ver- suchten, in kurzer Zeit waren sie vernichtet und die Flanke der feindlichen Linie geoͤffnet. Bevor noch die Indische Reuterei, schon durch den Angriff der Daer bestuͤrzt und verwirrt, links schwen- ken und sich in Linie vor der Flanke formiren konnte, ruͤckte Alex- ander schon mit der ganzen Reutermacht seines rechten Fluͤgels zum Angriff auf sie heran; da erhielten die Wagen und Reuter vom jenseitigen Ende der Indischen Schlachtordnung Befehl, dem linken Fluͤgel moͤglichst schnell zu Huͤlfe zu kommen, aber kaum hatten sich Reuter und Wagen gewandt, so war auch schon Koͤnus mit seinem und Demetrius Geschwader ihnen nach auf der Flanke und bald hinter der Indischen Linie. Die Indier, von zwei Reu- termassen zugleich bedroht, versuchten beiden die Spitze zu bieten und eine doppelte Fronte zu formiren; um so weniger vermochten sie der Uebermacht zu wiederstehen; bei dem ersten Angriff der Macedonier jagten sie zuruͤck, um hinter der festen Linie der Ele- phanten Schutz zu suchen. Da ließ Porus, auf dem Elephanten des linken Fluͤgels reitend, einen Theil der Thiere wenden und gegen die feindliche Reuterei treiben; ihr heiseres Geschrei ertru- gen die Macedonischen Pferde nicht, scheu flohen sie ruͤckwaͤrts. Zugleich aber war die Phalanx im Sturmschritt angeruͤckt, gegen sie brachen die andern Elephanten der Linie los, es begann der furchtbarste und moͤrderischste Kampf; die Thiere durchbrachen und zerstampften die dichtesten Reihen, sie schlugen heulend mit ihren Ruͤsseln nieder und durchbohrten mit ihren Fangzaͤhnen, jede Wunde machte sie wuͤthender; dennoch wichen die Macedonier nicht, die Reihen aufgeloͤst, kaͤmpften sie wie im Einzelkampf mit den Riesenthieren, aber ohne weiteren Erfolg, als den, noch nicht vernichtet oder aus dem Felde geschlagen zu sein. Indeß hatten sich die Indischen Reuter gesammelt, sie begannen noch einmal den Kampf gegen Alexander, und zum zweiten Male geworfen fluͤchte- ten sie wieder zu den Elephanten. Alexander aber warf sich, die gesammte Reuterei zu einer furchtbaren Linie formirt, mit heftigem Ungestuͤm auf das Indische Fußvolk, das, unfaͤhig zu widerstehen, in ordnungsloser Eile, dicht von den Feinden verfolgt, mit großem Verlust zu den kaͤmpfenden Elephanten zuruͤckfloh. So draͤngten sich die Tausende auf den graͤßlichen Kampfplatz der Elephanten zusammen; schon war Feind und Freund in dichter und bluti- ger Verwirrung bei einander, die Thiere, meist ihrer Fuͤhrer be- raubt, durch das wuͤste Geschrei des Kampfes verwirrt und ver- wildert, vor Wunden wuͤthend, schlugen und stampften nieder, was ihnen nahe kam. Lange wuͤthete das Gemetzel, dann ertoͤnte die Macedonische Trompete durch das Feld, und langsam zogen sich die Macedonier aus dem Gefecht zuruͤck; sie sammelten sich Schaar bei Schaar in neuen geschlossenen Reihen; wohin die schon muͤden Elephanten getrieben wurden, wichen sie aus, die Agrianer und Schuͤtzen trafen die Thiere aus der Ferne, und jagten sie gegen die Indier zuruͤck, oder nahten sich vorsichtig mit Beilen, um ihnen die Fersen zu durchhauen. Schon waͤlzten sich viele von diesen sterbend auf dem Felde voll Leichen und Sterben- den, andere wankten in ohnmaͤchtiger Wuth bruͤllend noch einmal gegen die geschlossene Phalanx, die sie nicht mehr fuͤrchtete. Da gab Alexander an der Spitze der jenseit des Schlachtfeldes aufge- ruͤckten Reuterei das Zeichen zum letzten Sturm; waͤhrend sie selbst in dichter Linie mit eingelegten Lanzen herantrabte, ruͤckte auch die Pha- lanx fest verschildet und mit vorstarrenden Sarissen auf die Indier los; ein Doppelangriff sollte sie zermalmen. Nun war kein weite- rer Widerstand; dem furchtbaren Gemetzel entfloh, wer es ver- mochte, landeinwaͤrts, in die Suͤmpfe des Stromes, in das Lager zuruͤck. Und schon waren von jenseit des Stromes dem Befehl gemaͤß Ptolemaͤus und Kraterus heruͤbergegangen und, ohne Wi- derstand zu finden, an’s Ufer gestiegen; sie trafen zur rechten Zeit ein, um den durch achtstuͤndigen Kampf ermatteten Truppen die Verfolgung abzunehmen. An zwanzig tausend Indier waren er- schlagen, unter ihnen zwei Soͤhne des Porus und der Fuͤrst Spit- takus, desgleichen alle Anfuͤhrer des Fußvolks, der Reuterei, alle Wagen- und Elephantenlenker; drei tausend Pferde und mehr als hundert Elephanten lagen todt auf dem Felde, gegen achtzig Ele- phanten fielen in die Haͤnde des Siegers. Koͤnig Porus hatte, nachdem er seine Macht gebrochen, seine Elephanten uͤberwaͤltigt, sein Heer umzingelt und in voͤlliger Aufloͤsung sah, kaͤmpfend den Too gesucht; zu lange schuͤtzte ihn sein goldener Panzer und die Vorsicht des treuen Thieres, das ihn trug; endlich traf ein Pfeil seine rechte Schulter; zum weiteren Kampfe unfaͤhig, und besorgt, lebendig in des Feindes Haͤnde zu fallen, wandte er sein Thier, aus dem Getuͤmmel zu entkommen. Alexander, voll Bewunderung fuͤr den tapferen Fuͤrsten, den er bis zum letzten Augenblick hatte kaͤmpfen sehen, eilte ihm nach, sein Leben auf der Flucht zu ret- ten; da stuͤrzte sein altes und treues Schlachtroß Bucephalus, von dem heißen Tage erschoͤpft, unter ihm zusammen; so sandte er den Fuͤrsten von Taxila dem fliehenden Koͤnige nach; als aber der sei- nen alten Feind erblickte, wandte er sein Thier und schleuderte mit der letzten Anstrengung den Speer gegen den Fuͤrsten, so daß die- ser mit Muͤhe entkam. Alexander zuͤrnte nicht, er sandte andere Indier, unter ihnen den Fuͤrsten Meroes, der ehemals dem Koͤ- nige Porus befreundet gewesen war. Porus, vom Blutverlust erschoͤpft und von brennendem Durste gequaͤlt, hoͤrte ihn gelassen an, dann kniete sein Thier nieder und hob ihn mit dem Ruͤssel sanft zur Erde; er trank und ruhte ein wenig, bat dann den Fuͤr- sten Meroes, ihn zu Alexander zu fuͤhren. Als der Koͤnig ihn kammen sah, eilte er ihm, von wenigen seiner Getreuen begleitet, entgegen, er bewunderte die Schoͤnheit des greisen Fuͤrsten, und den edlen Stolz, mit dem er ihm, obschon besiegt, entgegen trat; er begruͤßte ihn mit Wuͤrde und fragte ihn, wie er sich behandelt zu sehen wuͤnschte. Koͤniglich, antwortete Porus; und auf Alex- anders Antwort, selbst Koͤnig werde er ihn nicht anders behan- deln, er moͤge sagen, was er fuͤr sich wuͤnsche, antwortete der Fuͤrst, in diesem Wort sei Alles enthalten Wir haben die Anzahl der Todten Macedonischer Seits noch nicht angegeben, denn die Zahlen Arrians sind wohl zu gering; er sagt, es seien ohngefaͤhr achtzig Mann vom Fußvolk, zwanzig von den Macedonischen, zehn von den Daischen und etwa zweihundert von den uͤbrigen Turanischen Reutern gefallen; Diodor hat die . Und in der That, Alexander bewies sich koͤniglich gegen den Besiegten; seine Großmuth war die der richtigsten Politik. Der Zweck Angabe, daß mehr denn siebenhundert vom Fußvolk gefallen seien, was nicht unwahrscheinlich ist, denn das Fußvolk hatte den furcht- baren Kampf gegen die Elephanten zu bestehen gehabt. Die Schil- derung der Schlacht bei Diodor, Curtius und Polyaͤn verraͤth durch die Vergleichung der Indischen Linie mit Stadtmauern und Mauerthuͤrmen den gemeinschaftlichen Ursprung, aus dem man niemals bedeutende Aufschluͤsse uͤber das Militairische erwarten darf. Desto trefflicher ist die Darstellung Arrians; nur muß man sich nicht daran stoßen, daß er, wie alle kriegsverstaͤndigen Schrift- steller des Alterthums, nur die entscheidenden Truppenbewegungen bezeichnet, und daß er selbst darin vielleicht noch zu sparsam ist; er sagt nichts von den zwei Phalangen, die an dem Orte des Ueber- gangs zur Deckung des rechten Stromufers und des Weges aus Kaschmir zuruͤckblieben; und doch ist es nur daraus begreiflich, war- um Alexander nicht zwoͤlf tausend Mann Schwerbewaffnete in den Kampf fuͤhrte. Desto gluͤcklicher bezeichnet er den Gang der Schlacht selbst. Alerander wußte, daß er sich auf seine Hypaspi- sten verlassen konnte; die an das Unglaubliche grenzende moralische Kraft in diesem trefflichen Corps machte es moͤglich, daß Alexander hier, wie in der Schlacht von Gaugamela, Alles wagen konnte, um Alles zu gewinnen; es gehoͤrte die außerordentliche Disciplin Macedoni- scher Truppen dazu, um sich ploͤtzlich aus der groͤßten Verwirrung des Handgemenges zur geschlossenen Phalanx zu sammeln, und ich wage zu behaupten, daß allein dieß mit der hoͤchsten Praͤcision aus- gefuͤhrte und durch die Reuterei secundirte Manoͤver, dem die Indier nichts Aehnliches entgegen zu setzen vermochten, den Sieg am Hydaspes entschieden hat. — Endlich ist noch die Chronologie dieser Schlacht zu erwaͤhnen. Das ausdruͤckliche Zeugniß Arrians setzt sie in den Monat Manychion (vom 19. April bis 18. Mai) des Athenischen Archonten Hegemon, dessen Amtsjahr vom 28. Juni des Jabres 327 bis zum 17. Juli 326 reicht, so daß also die Schlacht Ende April oder Anfang Mai 326 geliefert ist. Dagegen hat Raderus, Schmieder, Clinton ꝛc. geltend gemacht, daß derselbe Arrian, v. 9. 6. sagt: Alexander habe um die Zeit des Jahres ᾗ μετὰ τϱοπὰς μάλιςτα ἐν ϑέϱει τϱέπεται ὀ ἥλιος, am Hydas- pes Zweck des Indischen Feldzuges war keinesweges, die unmittelbare Herrschaft uͤber Indien zu erobern. Alexander konnte nicht Voͤl- ker, deren hoͤchst eigenthuͤmliche Civilisation der Hellenischen den Rang streitig machte, mit einem Schlage zu Unterthanen eines Macedonisch-Persischen Reiches machen wollen. Aber bis an den Indus hin Herr alles Landes zu sein, uͤber den Indus hinaus das entschiedenste politische Uebergewicht zu gewinnen, und hier dem Hellenistischen Leben solchen Einfluß zu sichern, daß im Laufe der Zeiten selbst eine unmittelbare Vereinigung Indiens mit dem uͤbrigen Asien ausfuͤhrbar werden konnte, das waren die großen Absichten, die Alexanders Politik in Indien geleitet haben; nicht die Voͤlker, wohl aber die Fuͤrsten mußten von ihm abhaͤngig sein. Die bisherige Stellung des Porus in dem Fuͤnfstromlande des In- dus konnte fuͤr die Politik Alexanders den Maaßstab abgeben. Of- fenbar hatte Porus bis dahin ein entschiedenes Principat in dem Gebiet der fuͤnf Stroͤme gehabt, und eben dadurch die Eifersucht der Fuͤrsten von Taxila rege gemacht; sein Reich umfaßte zunaͤchst zwar nur die hochcultivirten Ebenen zwischen dem Hydaspes und pes gestanden; sie haben daraus gefolgert, daß die Schlacht nach der Sommersonnenwende geliefert, und im Arrian statt des Mu- nychion der Metageitnion des Archonten Hegemon zu lesen sei, der in den August 327 fallen wuͤrde, eine Zeit, in der Alexander noch in der Gegend des Choaspes stand. Sie haben uͤbersehen, daß einmal das „ungefaͤhr“ in Arrians Ausdruck um so weniger bindend ist, da jene Anfuͤhrung der Sommersonnenwende nur die Absicht hat, darauf aufmerksam zu machen, wie gerade jetzt die Zeit des tropi- schen Regens und der großen Ueberschwemmungen war, und daß auderer Seits Nearch bei Strabo ausdruͤcklich bezeugt, man habe in der Zeit der Sommerwende schon am Acesines gelagert; Strabo XV. p. 259. Durch den bezeichneten Irrthum ist Clintons Chro- nologie von 327 bis 323 voll Irrthuͤmer, und man darf sich wun- dern, daß der Deutsche Gelehrte, der ihn ins Lateinische uͤbersetzt hat, keinen Anstoß darin fand, daß Alexander nach Clinton mit dem Ende des Fruͤhlings (Mai) uͤber den Paropamisus ging, und trotz der großen Kaͤmpfe in der Indischen Satrapie schon um die Sommersonnenwende (Juni) sechszig Meilen ostwaͤrts am Hydas- pes lagerte. 26 Acesines, doch hatte im Westen des Hydaspes sein Vetter Spit- takus, im Osten des Acesines in der Gandaritis Ueber den weitverbreiteten Namen der Gandari s. Wilson in den Nachtraͤgen zu history of Caschmir, Asiat. Resear. XV. p. 105. sein Groß- neffe Porus wahrscheinlich durch ihn selbst die Herrschaft erhal- ten, so daß der Bereich seines politischen Uebergewichtes sich ost- waͤrts bis an den Hyarotis erstreckte, der die Grenze gegen die freien Indischen Voͤlker bildete; ja mit Abisares verbuͤndet, hatte er seine Hand selbst nach ihrem Lande auszustrecken gewagt, und wenn schon seine Bemuͤhungen an der Tapferkeit dieser Staͤmme gescheitert waren, so blieb ihm doch ein entschiedenes Uebergewicht in den Laͤndern des Indus. Alexander hatte Taxiles Macht schon bedeutend vergroͤßert; er durfte nicht Alles auf die Treue eines Fuͤrsten bauen; das gesammte Land der fuͤnf Stroͤme dem Scep- ter des verbuͤndeten Fuͤrsten zu unterwerfen, waͤre der sicherste Weg gewesen, ihm die Abhaͤngigkeit von Alexander zu verleiden, und haͤtte ihm Mittel an die Hand gegeben, sich derselben leicht zu entziehen, um so mehr, da die alte Feindschaft gegen den Fuͤr- sten Porus ihn in den freien Staͤmmen leicht Verbuͤndete haͤtte finden lassen. Alexander konnte seinen Einfluß in Indien auf kei- nen sicherern Grund bauen, als auf die Eifersucht der beiden Fuͤr- sten Taxiles und Porus; es kam dazu, daß, wenn er Porus als Fuͤrsten anerkannte, er zugleich damit die Befugniß gewann, die oͤstlicheren Voͤlker als Feinde seines neuen Verbuͤndeten anzugrei- fen und auf ihre Unterwerfung seinen weiteren Einfluß in diesen Gegenden zu gruͤnden; er mußte Porus Macht in dem Maaße vergroͤßern, daß sie fortan dem Fuͤrsten von Taxila das Gleichge- wicht zu halten vermochte, ja er durfte ihm groͤßere Gewalt an- vertrauen und selbst die Herrschaft uͤber bisherige Widersacher geben, da ja Porus fortan gegen sie so wie gegen Taxiles in der Gunst des Macedonischen Koͤnigs allein Recht und Ruͤckhalt fin- den konnte. Das etwa waren die Gruͤnde, die den Koͤnig Alexander be- stimmten, nach dem Siege am Hydaspes Porus nicht nur in sei- ner Herrschaft zu bestaͤtigen, sondern ihm dieselbe bedeutend zu ver- groͤßern. Er begnuͤgte sich, an den beiden wichtigsten Uebergangs- punkten des Hydaspes zwei Hellenistische Staͤdte zu gruͤnden; die eine, an der Stelle, wo der Weg von Kaschmir herab uͤber den Strom kommt und wo die Macedonier selbst in das Land des Porus hinuͤber gegangen waren, erhielt nach Alexanders Schlacht- roß, das in der Schlacht gefallen war, den Namen Bucephala; etwa drei Meilen unterhalb, wo der Weg aus Taxila uͤber den Strom fuͤhrt, wurde die Stadt Nicaͤa, zrm Gedaͤchtniß des gro- ßen Sieges so genannt, gegruͤndet Nach Strabo XV. p. 270. und Curtius IX. 1. 6. lagen diese Staͤdte zu beiden Seiten des Stromes; aus Curtius sieht man, daß die Stadt Bucephala oberhalb Nicaͤa lag; nach Diodor XVII. 89. koͤnnte es scheinen, daß Bucephala auf der rechten Seite des Stromes lag; Arrian Periplus p. 25. ed. Hud . und Schol. Arist. Nub. init . nennen die Stadt Bucephalos Alexan- dria. — Nach Plutarch mußte Porus den Namen eines Satrapen annehmen; bei dem gaͤnzlichen Schweigen Arrians und bei der klar vorliegenden Art des Abhaͤngigkeitsverhaͤltnisses darf man mit Recht an der Richtigkeit dieser Angabe zweifeln. . Alexander selbst ließ sein Heer in dieser schoͤnen und reichen Gegend gegen dreißig Tage rasten; die Leichenfeier fuͤr die in dem Kampf Gefallenen, die Sie- gesopfer mit Wettkaͤmpfen aller Art verbunden, der erste Anbau der beiden neuen Staͤdte fuͤllten diese Zeit reichlich aus. Den Koͤnig selbst beschaͤftigten die vielfachen Anordnungen, welche dem großen Siege folgten Arrian. V. 20. Diodor. Curtius . . Vor Allem wichtig war das politische Verhaͤltniß zu dem Fuͤrsten Abisares, der trotz der beschworenen Vertraͤge an dem Kampf gegen Alexander Theil zu nehmen im Sinne gehabt hatte. Es kam dazu, daß um dieselbe Zeit von Sisikyp- tos, dem Befehlshaber auf Aornos, die traurige Nachricht ein- lief, daß die Assakaner den von Alexander eingesetzten Fuͤrsten er- schlagen und sich empoͤrt haͤtten; die fruͤheren Verbindungen dieses Stammes mit Abisares und dessen offenbare Treulosigkeit machten es nur zu wahrscheinlich, daß er nicht ohne Theilnahme an die- sen gefaͤhrlichen Bewegungen war; die Satrapen Tyriaspes am Paropamisus und Philipp in der Satrapie Indien erhielten den Strabo XV. p. 271. 26 * Befehl, mit ihren Heeren zur Unterdruͤckung dieses Aufstandes aus- zuruͤcken. Um dieselbe Zeit kam eine Gesandtschaft des Fuͤrsten Porus von Gandaritis, eines Großneffen des besiegten Porus, der es sich zum Verdienst anrechnen zu wollen schien, seinen fuͤrstli- chen Verwandten und Beschuͤtzer nicht gegen Alexander unterstuͤtzt zu haben, und die Gelegenheit guͤnstig hielt, sich durch Unterwuͤr- figkeit gegen Alexander des laͤstigen Verhaͤltnisses gegen den grei- sen Verwandten frei zu machen; wie aber mußten die Gesandten erstaunen, als sie denselben Fuͤrsten, den sie wenigstens in Ketten und Banden zu seines Siegers Fuͤßen zu sehen erwartet hatten, in hoͤchsten Ehren und in dem vollen Besitz seines ehemaligen Reiches an Alexanders Seite sahen; es mochte nicht die guͤnstigste Antwort sein, die sie von Seiten des hochherzigen Koͤnigs ihrem Fuͤrsten zu uͤberbringen erhielten. Freundlicher wurden die Huldi- gungen einiger freien Staͤdte des Gebirges, die deren Gesandt- schaften mit reichen Geschenken uͤberbrachten, entgegengenommen; sie unterwarfen sich freiwillig einem Koͤnige, vor dessen macht sich der maͤchtigste Fuͤrst des Fuͤnfstromlandes hatte beugen muͤssen Arrian l. c. . Desto nothwendiger war es, die noch uͤbrigen freien Staͤmme dieser Gegend durch die Gewalt der Waffen zu unterwerfen; es kam dazu, daß Abisares, trotz seines offenbaren Abfalls, und viel- leicht im Vertrauen auf die von Gebirgen geschuͤtzte Lage seines Fuͤrstenthums, weder Gesandte geschickt, noch irgend etwas gethan hatte, um sich bei Alexandern zu rechtfertigen; ein Zug in das Gebirgsland sollte die Bergstaͤmme unterwerfen und zugleich den treulosen Fuͤrsten an seine Gefahr und Pflicht erinnern. Deshalb brach Alexander nach einer dreißigtaͤgigen Rast von den Ufern des Hydaspes auf, indem er Kraterus mit dem groͤßten Theile des Heeres zuruͤckließ, um den Bau der beiden Staͤdte zu vollenden. Von den Fuͤrsten Taxiles und Porus begleitet, mit der Haͤlfte der Macedonischen Ritterschaft, mit Auserwaͤhlten von jeder Abthei- lung des Fußvolks, mit dem groͤßten Theile der leichten Truppen, zu denen eben jetzt der Satrap Phrataphernes von Parthien und Hyr- kanien eine bedeutende Zahl Thracier zugefuͤhrt hatte, zog Alex- ander nordostwaͤrts gegen die Glaukaniker oder Glausen, die in den schoͤnen Vorbergen oberhalb der Ebene wohnten, eine Bewe- gung, die zugleich den Gebirgsweg nach Kaschmir oͤffnete. Jetzt endlich beeilte sich Abisares, durch schnelle Unterwerfung die Ver- zeihung des Koͤnigs zu gewinnen; durch eine Gesandtschaft, an deren Spitze sein Bruder stand, unterwarf er sich und sein Land der Gnade des Koͤnigs, er begleitete seine Demuͤthigung mit einem Geschenk von vierzig Elephanten und mannichfachen Kostbarkeiten seines schoͤnen Landes. Alexander mistraute den Worten eines Fuͤrsten, der ihm, trotz der heiligsten Versprechungen, im Augen- blick der Entscheidung als Feind gegenuͤber zu treten im Begriff gewesen war; er befahl, Abisares sollte sofort persoͤnlich vor ihm erscheinen, widrigenfalls er bald selbst an der Spitze eines Mace- donischen Heeres in Kaschmir sein werde. So zog er durch die Berge weiter. Die Glausen wagten keinen Widerstand, sie unterwarfen sich, und ihr reichbevoͤlkertes Gebiet (es zaͤhlte sieben- unddreißig Staͤdte, von denen keine unter fuͤnftausend und mehrere uͤber zehntausend Einwohner hatten, und außerdem eine große Zahl von Doͤrfern und Flecken) wurde dem Fuͤrsten Porus uͤberge- ben Arrian. V. 20. 6. Die Landschaft der Glausen ist nach Lassen Pentap. p. 26. orientirt; durch sie fuͤhrt der Paß von Bember. . Fuͤr Alexander hatte diese Gegend noch namentlich die große Wichtigkeit, daß sich hier in der Naͤhe des Stromes bedeutende Waldungen ausdehnten, welche Schiffsbauholz in rei- chem Maaße lieferten; schon jetzt ließ er hier Baͤume faͤllen und nach Buccphala und Nicaͤa hinabfloͤßen, woselbst unter Kraterus Aufsicht die große Stromflotte gebaut werden sollte, auf der der Koͤnig nach Unterwerfung Indiens zum Indus und zum Meere hinabzufahren gedachte Strabo XV. p. 270. Diod. XVII. 89. Von dem treffli- chen Schiffsbauholz dieser Gegend s. Burnes und Gerards Bericht in Asiatic Journal 1832. Dec. p. 364.; es sind besonders Ce- dern, wie es auch Diodor XVII. 89. angiebt. . Das Heer ruͤckte ostwaͤrts zum Acesines hinab Alexander nannte diesen Strom, dessen einheimischer Name graͤcisirt Sandro- phagos , fast wie der „Maͤnnerfressende“ oder gar der „Alexander- ; Alexander hatte hatte Nachricht erhalten, daß der Fuͤrst Porus von Gandari- tis Diodor XVII. 91. sagt, dieser Porus sei aus seinem Reiche nach Gandaritis gefluͤch- tet, im offenbaren Widerspruch mit Strabo XV. p. 271., dem wir na- tuͤrlich folgen; wenn nicht etwa die Lesart Γαγγαϱιδῶν bei Diodor aufzunehmen ist. , durch das Verhaͤltniß, in welches sein Großoheim zu Alexander getreten war, fuͤr sich selbst besorgt gemacht und an der Moͤglichkeit verzweifelnd, daß die unlautere Absicht seiner Unter- wuͤrfigkeit von Alexander verziehen werden wuͤrde, so viel Bewaff- nete und Schaͤtze als moͤglich zusammen gebracht habe und ost- waͤrts nach den Gangeslaͤndern hin geflohen sei. Angekommen an den Ufern des maͤchtigen Acesines, sandte Alexander den Fuͤr- sten Porus in sein Land zuruͤck, mit dem Auftrage, Truppen auszuheben und diese nebst allen Elephanten, die nach der Schlacht am Hydaspes noch kampffaͤhig waͤren, ihm nachzufuͤhren. Alexan- der selbst ging mit seinem Heere uͤber den Strom, der, hochange- schwollen, in einer Breite von fast dreiviertel Stunden Macartney fand den Strom bei Wuzirabad gegen Ende Juli an viertausend Schritt breit. Elphinstone II. p. 554. , ein durch Klippen und Felsenvorspruͤnge gefaͤhrliches Thalbette durchwogte, und in seiner wilden, strudelreichen Stroͤmung vielen auf Kaͤhnen Uebersetzenden verderblich wurde; gluͤcklicher brachten die Zelthaͤute htnuͤber. Hier nun auf dem linken Stromufer blieb der General fressende“ lautete, um das boͤse Omen zu vermeiden, den „Schadenhei- lenden“ Acesines A. W. v. Schlegel Ind. Biblioth. II. 297. Die Localitaͤt, wo er ihn passirte, kann nach der Schilderung, die Ptolemaͤus von sei- nen felsigen Ufern und den vielen Klippen in ihm macht, nicht auf der großen Straße von Attok nach Lahore, die Alexander uͤberhaupt nicht hielt, also nicht bei Wuzirabad gesucht werden; die Breite des uͤbervollen Stromes laͤßt vermuthen, daß das Heer nicht hoch in den Berggegenden, sondern etwa bei dem Austritt desselben aus den Gebuͤrgen, also auf dem Wege zwischen Bember und Jum- boo hinuͤberging. Strabo sagt sehr anschaulich ( XV. p. 272.) vom Indus zum Hydaspes sei Alexander suͤdwaͤrts, von da ostwaͤrts und zwar mehr in bergigen als in flachen Gegenden gegangen. Die Zeit, wo Alexander an diesem Strom lagerte, war nach Strabo die Sommersonnenwende, also Ende Juni. Koͤnus mit seiner Phalanx zuruͤck, um fuͤr den Uebergang der nachruͤckenden Heeresabtheilungen Sorge zu tragen, und aus den Laͤndern des Porus und Taxiles alles zur Verpflegung der großen Armee Gehoͤrige zu beschaffen. Alexander selbst eilte durch den noͤrdlichen Theil der Gandaritis, ohne Widerstand zu finden, gen Osten weiter; er hoffte, den treulosen Porus noch einzuholen; er ließ in den wichtigsten Plaͤtzen Besatzungen zuruͤck, die die nach- ruͤckenden Corps des Kraterus und Koͤnus erwarten sollten. Am Hyarotis, dem oͤstlichen Grenzfluß der Gandaritis Daß ich der Schreibart Strabos lieber als der Arrians (der Hydraotes) folge, geschieht auf A. W. v. Schlegels Autoritaͤt cf . Indische Biblioth. II ., 305. Doch schreibt Lassen ziemlich durch- gaͤngig Hydraotes. , wurde He- phaͤstion mit zwei Phalangen, zwei Macedonischen Geschwadern und der Haͤlfte der Schuͤtzen suͤdwaͤrts detaschirt, die Herrschaft des landesfluͤchtigen Fuͤrsten in ihrer ganzen Ausdehnung zu durch- ziehen, die etwa innerhalb des Hyarotis und des Acesines ansaͤssi- gen freien Staͤmme zu unterwerfen, auf dem linken Ufer des Ace- sines an der großen Straße eine Stadt zu gruͤnden, und das ge- sammte Land an den getreuen Porus zu uͤbergeben. Mit dem Hauptheere ging Alexander selbst uͤber den minder schwer zu passi- renden Strom, und betrat nun das Gebiet der sogenannten freien Indier Arrian V. 21. Diod. XVII. 91 . . Es ist eine merkwuͤrdige und in den eigenthuͤmlichen Natur- verhaͤltnissen des Panschad’s tief begruͤndete Erscheinung, daß sich hier in allen Jahrhunderten, wenn auch unter anderen und anderen Namen, republikanische Staaten gebildet und erhalten haben, wie sie dem sonstigen Despotismus Asiens gerade entgegen und dem strengglaͤubi- gen Indier des Gangeslandes ein Graͤuel sind; die Panschanadas nennt er mit Verachtung Aratta’s, die Koͤnigslosen, denn ihre Fuͤr- sten, nicht aus alter und heiliger Kaste, sind Usurpatoren, ohne anderes Recht als das der Gewalt. Und in der That, fast scheint es, als ob das Fuͤrstenthum des Porus selbst diesen Charakter an sich getragen haͤtte Helladius Chrest. apd Phot. 530. a. 35 . sagt, Porus Vater sei ein Barbier gewesen; Divdor und Curtius sagen dasselbe von dem ; aber der Versuch, das ganze Koͤnigslose Indien in seine Gewalt zu bringen, war an den kriegerischen und maͤchtigen Staͤmmen jenseits des Hyarotis gescheitert; es bedurfte der Europaͤischen Waffen, sie zu bewaͤltigen. Nur wenige von ih- nen unterwarfen sich, ohne den Kampf zu versuchrn Ich glaube, zu diesen gehoͤren die Kekaͤer (Kekaya, Lassen p. 12.) die nach Arrian. Ind. 4 . an den Quellen des Saranges, eines oͤstlichen Nebenflusses des Hy- arotis, saßen. Bemerkenswerth ist, daß in der kleinen Fluß- und Voͤlkertafel Arrians, aus der diese Angabe entnommen ist, ein gro- ßer Fluß Tutapus genannt wird, von dem sonst nirgend Erwaͤhnung geschieht; er ergießt sich in den Acesines, kann also wohl kein an- derer als der Tuve Fluß bei Jumboo sein, den Alexander wahr- scheinlich bei seinem Marsch passirte. ; die mei- sten von ihnen erwarteten den Feind mit gewaffneter Hand; unter diesen vor Allen die Kathaͤer oder Katharer, die, beruͤhmt als der kriegerischste Stamm des Landes, nicht nur selbst auf das Trefflichste zum Kriege geruͤstet waren, sondern auch die freien Nachbarstaͤmme zu den Waffen gerufen und mit sich vereinigt hatten Ueber den Namen und die Wohnsitze der Kathaͤer hat Lassen p. 23. sq . ausfuͤhrlich gesprochen; doch habe ich mich nicht uͤberzeugen koͤnnen, daß die Arattenstadt Sakala des Indischen Epos mit der Kathaͤerstadt San- gala wenigstens der gleiche Name waͤre (Lassen p. 20.) ; die Er- klaͤrungsversuche des trefflichen Gelehrten scheinen etwas gewagt zu sein. Nach Strabos Darstellung waͤre selbst das Duab, in dem die Kathaͤer wohnten, nicht sicher; Arrians Angaben lassen daruͤber keinen Zweifel; er setzt die Stadt der Kathaͤer drei Tagemaͤrsche jenseit des Hyraotis, und da Alexander hier uͤberall sich mehr in den Bergen als in den Ebenen hielt, so trifft sein Marsch wohl im Ganzen mit der großen Straße von Jumboo uͤber Burpur, Raja- pur gen Belaspur zusammen. Ueberbleibsel dieser Nation glaubt Tod (Rajastan II. p. 264.) in den Cat’hi zwischen Ihalore und Aravulli zu finden, cf. Rajastan I. p. 113 . . Auf die Nachricht von ihren Ruͤstungen eilte Alexander ost- waͤrts durch das Gebiet der Adraisten Adraisten oder Adre- sten bei Diod. Justin. und Orosius; Pimprama ihre Hauptstadt nach Arrian; Lassen vermuthet, daß ihr Name mit dem Indischen Arash- tra, im Prakrit Aratta zu vergleichen sei; vielleicht ist es genauer, , die sich freiwillig un- Prasierkoͤnig Xandrames; nach Plutarch. de Fluv . 1. stammt Po- rus von Gegasius, aber wer ist der? terwarfen; am dritten Tage nahte er der Kathaͤerhauptstadt San- gala; sie war von bedeutendem Umfang, mit starken Mauern um- geben, auf der einen Seite durch einen See geschuͤtzt; auf der an- deren erhob sich in einiger Entfernung von den Thoren ein Berg- ruͤcken, der die Ebene beherrschte; diesen hatten die Kathaͤer nebst ihren Verbuͤndeten so stark als moͤglich besetzt, hatten um den Berg ihre Streitwagen zu einem dreifachen Verhau in einander gescho- ben, und lagerten selbst in dem inneren Bezirk dieser maͤchtigen Wa- genburg; selbst unangreifbar, vermochten sie jeder Bewegung des Feindes schnell und mit bedeutender Macht zu begegnen. Alexan- der erkannte sehr bald das Drohende dieser Stellung, welche den Berichten von der Kuͤhnheit und kriegerischen Gewandtheit dieses Volks vollkommen entsprach; je mehr er von ihnen Ueberfall und kuͤhnes Wagniß erwarten durfte, desto behutsamer glaubte er selbst vorgehen, desto schneller Entscheidendes wagen zu muͤssen. Waͤhrend noch die uͤbrigen Heeresabtheilungen heranruͤckten und sich in Schlachtlinie stellten, waren schon die Turanischen Bogenschuͤtzen vorgegangen und plaͤnkerten laͤngs der feindlichen Linie, um das Anruͤcken der noch ungeordneten Massen vor der Gefahr eines Ausfalls zu sichern. Endlich standen die saͤmmtlichen Corps der Vorhut in Schlachtordnung da: auf dem rechten Fluͤgel der Koͤ- nig selbst mit zwei Geschwadern der Ritterschaft, mit den Hypas- pisten und den Agrianern; den linken Fluͤgel unter Perdikkas Be- fehl bildeten die Phalangen und das Geschwader Perdikkas; die Bogenschuͤtzen standen auf die Spitze der beiden Fluͤgel vertheilt; zu ihnen wurden die Reuter, die aus den nachruͤckenden Kolonnen noch anlangten, an die Flanken detaschirt, waͤhrend einiges Fußvolk ebendaher zur Verstaͤrkung der Phalanx herangezogen wurde. Und schon begann Alexander seinen Angriff; er hatte bemerkt, daß die Wagenreihe nach der linken Seite des Feindes hinuͤber minder dicht, das Terrain aber weit und frei fuͤr einen Angriff der schwe- ren Reuterei war; er hoffte durch eine schnelle und gefahrdrohende statt der Attakaner, die Arrian an den Reudrusquellen zwischen dem Acesines und Hyarotis notirt, Arratakanen zu lesen, wohin dann die Arattenstadt Saccala des Mahabharata gehoͤren wird, s. Wil- son in Asiat. Researches XV. p. 107 . Reuterattake gegen diesen schwachen Punkt den Feind zu einem Aus- fall zu vermoͤgen, durch den dann der Verhau geoͤffnet waͤre. So sprengte er an der Spitze seiner zwei Geschwader gegen den Fluͤ- gel an; die feindlichen Wagen blieben dichtgeschlossen, ein Hagel von Speeren und Pfeilen empfing die Macedonischen Reuter, die na- tuͤrlich nicht die Waffe waren, eine Wagenburg zu stuͤrmen und zu sprengen. Alexander warf sein Pferd herum, jagte zu den Phalangen und fuͤhrte die feste Linie der Schwerbewaffneten im Sturmschritt heran. Lange und hartnaͤckig kaͤmpften die Indier von ihren Wagen her- ab, endlich zogen sie sich vor dem immer von Neuem andringenden Feinde hinter die zweite Wagenreihe zuruͤck, die dichter geschlossen und von geringerem Umfang war, so daß sich die Zahl der Ver- theidiger nicht so zu vertheilen brauchte; fuͤr die Macedonier dagegen war der Angriff doppelt beschwerlich, indem ringsher Leichen und Wagentruͤmmer das Feld bedeckten und die Linien nicht geschlossen anzudringen vermochten. Mit desto heftigerem Ungestuͤm drangen die einzelnen Rotten vor, es begann ein moͤrderischer Kampf, und die Macedonische Tapferkeit hatte eine harte Probe gegen die kriegs- gewandten und mit der hoͤchsten Erbitterung kaͤmpfenden Feinde zu bestehen. Als aber auch dieß Verhau durchbrochen war, da ver- zweifelten die Kathaͤer, den Macedoniern gegenuͤber sich hinter ih- rer dritten Wagenreihe halten zu koͤnnen; sie gaben ihre Stellung auf dem Berge auf und zogen sich hinter die Mauern der Stadt zuruͤck Curtius erzaͤhlt diesen Angriff auf abweichende Weise; er sagt: Die Barbaren ruͤckten zum Kampf mit Wagen, die unter ein- ander verbunden waren, aus; die Einen fuͤhrten Bogen, die Anderen Spicße, noch Andere Beile; sie sprangen, um sich einander zu un- terstuͤtzen, mit kuͤhner Gewandtheit von Wagen zu Wagen. Anfangs entsetzte die Macedonier dieser neue Kampf, der sie aus der Ferne gefaͤhrdete; dann draͤngten sie sich zwischen die Wagen und erschlu- gen die Kaͤmpfenden; und der Koͤnig befahl, die Stricke, mit denen die Wagen an einander gebunden waren, zu zerhauen, um die ein- zelnen desto leichter zu umzingeln. So flohen die Feinde mit Ver- lust von achttausend Todten in die Stadt zuruͤck. Curt. IX. I. 17 . . Alexander ruͤckte noch desselben Tages mit seinem ganzen Heere nach, in der Absicht, die Stadt sofort einzuschließen, da er glaub- te, daß die Kathaͤer, durch den Ausgang dieses Tages bestuͤrzt, in der Stille der Nacht aus ihrer Stadt zu fluͤchten versuchen wuͤr- den; doch reichte sein Heer nicht hin, den weiten Umfang der Mauern zu umgeben; deshalb lagerten die einzelnen Abtheilungen des Fußvolks in maͤßigen Zwischenraͤumen von einander, welche dann von der Reuterei besetzt wurden; eben so umschlossen Neuterposten das ganze Ufer des Sees, der, von geringer Tiefe und bis an die Mauern der Stadt reichend, die Feinde bei einem Versuch zur Flucht sehr beguͤnstigte. Die Vermuthung Alexanders, ein Beweis, wie richtig er den Charakter des Indischen Volkes zu wuͤrdigen wußte, bestaͤtigte sich bald genug. Es war um die zweite Nachtwache, als die Reuter- posten jenseits an der Stadtmauer ein großes Gewimmel von Menschen bemerkten; Tausende draͤngten sich uͤber den See her, sie versuchten, das Ufer und dann das Weite zu gewinnen, sie wurden von den Reu- tern aufgefangen und niedergehauen; lautschreiend flohen die Uebri- gen zur Stadt zuruͤck; das Uebrige der Nacht verging ruhig. — Am anderen Morgen ließ Alexander die Belagerungsarbeiten beginnen; es wurde ein doppelter Graben von der Naͤhe des Sees aus rings um die Mauern bis wieder in den See gefuͤhrt; den See selbst umgab eine doppelte Postenlinie; schon standen die Schirm- daͤcher und Sturmbloͤcke aufgerichtet, die am naͤchsten Tage gegen die Mauer zu arbeiten und Bresche zu legen beginnen sollten; da brachten Ueberlaͤufer aus der Stadt die Nachricht, die Belagerten wollten in der naͤchsten Nacht von Neuem einen Ausfall versuchen, sie haͤtten sich die freie Stelle zwischen dem See und der Wall- linie zum Hindurchbrechen ansersehen. Sofort ordnete Alexander Alles an, den Plan der Feinde zu vereiteln; der Lagide Ptolemaͤus wurde mit drei Chiliarchien der Hypaspisten, mit saͤmmtlichen Agri- anern und einer Abtheilung der Schuͤtzen zur Nachtwache an die- se Stelle detaschirt, mit dem Befehl, wenn die Barbaren den Aus- fall wagen sollten, sich ihnen mit aller Macht zu widersetzen, zu- gleich aber Laͤrm blasen zu lassen, damit sofort die uͤbrigen Trup- pen ausruͤcken und in den Kampf eilen koͤnnten. Ptolemaͤus eilte seine Stellung zu nehmen und so viel wie moͤglich zu befestigen; er ließ die am vorigen Tage erbeuteten Wagen zusammenfahren, um die Luͤcke zwischen dem See und der Befestigung zu decken; er ließ die zu Pallisaden gefaͤllten Baumstaͤmme, die noch nicht in die Waͤlle eingelassen waren, in maͤßigen Abstaͤnden zu Haufen uͤbereinanderwerfen, um dem Feinde so viel als moͤglich den Aus- fall zu behindern; unter diesen Arbeiten verstrich ein guter Theil der Nacht. Endlich gegen Morgen oͤffnete sich das Seethor der Stadt, in hellen Haufen brachen die Feinde hervor und ruͤckten im Sturmschritt auf die wohlverwahrte Linie; zu gleicher Zeit be- gannen die Laͤrmtrompeten im Lager zu blasen; waͤhrend die Indier sich tief und tiefer in dem Verhau von Baͤumen und den Wagenreihen verwirrten, war schon Ptolemaͤus mit seinen Schaaren mitten unter ihnen, und nach langem und unordentlichem Gefechte sahen sie sich gezwungen, zur Stadt zuruͤckzufliehen. Nun war den Indiern jeder Ausweg zur Flucht abgeschnitten; die Maschinen begannen gegen die Mauern der Stadt zu arbeiten, zugleich wurden sie an mehreren Stellen unterminirt, und mit so guͤnstigem Erfolg, daß in kurzer Zeit Luͤcken stuͤrzten und der Sturm auf die Stadt beginnen konnte. So wurde die Stadt erobert; wenige von den Belagerten retteten sich; desto mehr wurden von den erbitterten Macedoniern in den Straßen der Stadt niederge- macht; man sagt an siebzehntausend, eine Zahl, die nicht unwahr- scheinlich ist, da Alexander, um die Unterwerfung dieses kriegeri- schen Volksstammes moͤglich zu machen, den strengen Befehl gege- ben hatte, jeden Bewaffneten niederzuhauen; die siebzigtausend Kriegs- gefangene, welche erwaͤhnt werden, scheinen die uͤbrige Bevoͤlkerung der Indischen Stadt ausgemacht zu haben. Die Macedonier selbst zaͤhlten gegen hundert Todte und ungewoͤhnlich viel schwer Ver- wundete, naͤmlich eintausend zweihundert, unter diesen mehrere Of- ficire und namentlich den Somatophylax Lysimachus Arrian. V. 23, 24 . und Polyän. IV. 3. 30 . . Gleich nach der Erstuͤrmung der Stadt sandte Alexander den Kardianer Euwenes mit dreihundert Reutern nach den beiden mit den Kathaͤern verbuͤndeten Staͤdten, mit der Anzeige von dem Falle Sangala’s, und der Aufforderung sich zu ergeben: sie wuͤrden, wenn sie sich dem Koͤnige freiwillig unterwuͤrfen, eben so wenig zu fuͤrch- ten haben, wie so viele andere Indier, welche die Macedonische Frcundschaft schon als ihr wahres Heil zu erkennen anfingen. Aber die aus Sangala Gefluͤchteten hatten die graͤßlichsten Berichte von Alexanders Grausamkeit und dem Blutdurst seiner Soldaten mit- gebracht; an die freundlichen Worte des Eroberers glaubte niemand, man suchte sich zu retten, ehe es zu spaͤt sei; so zogen denn die Einwohner der beiden Staͤdte in eiliger Flucht hinweg, indem sie ihr Hab und Gut, so viel sie konnten, mit sich nahmen. Auf die Nachricht hiervon brach Alexander selbst schleunig aus Sangala auf und verfolgte die Fliehenden; aber sie hatten zu weiten Vorsprung, nur einige hundert, die vor Ermattung zuruͤckgeblieben waren, fielen in seine Haͤnde und buͤßten mit dem Leben die Widersetzlichkeit und den panischen Schrecken ihrer Mitbuͤrger. Nach einer langen und ermuͤdenden Verfolgung kehrte der Koͤnig nach Sangala zu- ruͤck; die Stadt wurde dem Erdboden gleich gemacht, das Ge- biet derselben an die benachbarten Staͤmme, die sich freiwillig un- terworfen hatten, namentlich an die Adraisten vertheilt. Porus, der waͤhrend der Belagerung von Sangala mit fuͤnftausend Indiern und seinen Elephanten eingetroffen war, erhielt den Befehl, dieje- nigen Distrikte, die sich freiwillig unterworfen hatten, in Besitz zu nehmen und Besatzungen in ihre Staͤdte zu legen; Alexander selbst ging in mehr suͤdlicher Richtung vor; die uͤbertriebenen Geruͤchte von seiner Grausamkeit und von der Barbarei seiner Soldaten, welche seit dem Untergange von Sangala Alles mit Schrecken er- fuͤllt und mehr als eine Ortschaft zu dem Entschluß, lieber kaͤm- pfend zu sterben als sich zu unterwerfen, gebracht hatten, gaben dem Koͤnige erwuͤnschte Gelegenheit, seine Nachsicht und Großmuth desto erfreu- licher und siegreicher wirken zu lassen Curt. IX. 1, 22. Polyän. l. c. — . Bald bedurfte es kei- nes weiteren Kampfes; wohin Alexander kam, unterwarf sich ihm die Bevoͤlkerung. Dann betrat er das Gebiet des Fuͤrsten Sopei- thes, dessen Herrschaft sich uͤber die ersten Bergketten des Imaus und in die Reviere der Steinsalzlager an den Hyphasisquellen er- streckte. Das Heer nahte sich der fuͤrstlichen Residenz, in der, man wußte es, sich Sopeithes befand; die Thore waren geschlossen, die Zinnen der Mauern und Thuͤrme ohne Bewaffnete; man zweifelte, ob die Stadt verlassen oder Verrath zu fuͤrchten sei. Da oͤffneten sich die Thore; in dem bunten und flimmernden Staate eines In- dischen Rajas, in hellfarbigen Kleidern, in Perlenschnuͤren und Edelsteinen und goldenem Schmuck, von schallender Musik begleitet, mit einem reichen Gefolge zog der Fuͤrst Sopeithes dem großen Koͤnige entgegen, und brachte mit vielen und kostbaren Geschenken, un- ter denen eine Meute Tigerhunde cf. Wesseling ad Diod. XVII. p. 655 . , seine Huldigung dar; sein Fuͤrsten- thum ward ihm bestaͤtigt und, wie es scheint, vergroͤßert Leider er- waͤhnt Arrian dieses Fuͤrsten Sopeithes an rechter Stelle nicht; Diod. XVII. 92 . und Curt. IX. 1. 24 . sind dem Obigen zum Grunde gelegt; nach ihnen liegt das Gebiet dieses Fuͤrsten jenseits des Hy- arotis. Strabo XV. p. 271 . sagt: „Kathaia, eines gewissen Nomar- chen Sopcithes Land, setzen Einige in diese Mesopotamia (des Hy- daspes und Acesines), Andere aber jenseit des Acesines und des Hya- rotis, benachbart dem Fuͤrstenthum des jungen Porus; sie nennen das Gebiet unter diesem Lande Gandaris“; und etwas spaͤter: „in Sopeithes Land soll ein Berg von Steinsalzlagern sein, der ganz Indien mit Salz zu versehen im Stande waͤre, und schoͤne Gold- und Silberminen nicht weit entfernt in anderen Bergen, wie Gorgos der Metalleut erzaͤhlt“. Dieß find die Steinsalzlager von Mundi, zwischen dem Beyas und Satadru in den ersten Bergketten des Hi- malaya (Ritter p. 1075.) . Das Gold findet sich bekanntlich in ungeheuerer Menge in der Quellgegend des Indus und Satadru, theils in Minen, theils als Goldkoͤrner, die von den bauenden Springhasen mit geflecktem Fell ( cf. Megasthenes und Nearch , bei Arrian Ind. 15 .) welche die Griechen Ameisen nannten (cf. Ritter p. 660.) aufgescharrt werden. Nach alle dem muß sich das Fuͤr- stenthum des Sopeithes etwa bis zu den Mandibergen im Osten, und dem Gebirge des Retung-Passes, wo die Quellwasser des Hypasis und Acesines, die Graͤnzen der Laͤnder Abisares und Sopeithes sich nahe sind, im Norden erstreckt haben. . Dann zog Alexander weiter in das benachbarte Gebiet des Fuͤrsten Phe- geus Phegeus bei Diodor . Phegelas bei Curtius , wahrscheinlich genannt nach dem Flusse des Fuͤrstenthums, dem Hyphasis oder Bejas, welcher Name dem Strom auch nach seiner Vereinigung mit dem Satadru bleibt (Elphinstone 1. p. 501.) Von der Lage dieses Fuͤrstenthums s. u. Note 76. ; auch dieser eilte seine Huldigungen und seine Geschenke darzubringen; er blieb im Besitz seines Fuͤrstenthums; es war das oͤstlichste Land, das Alexander in seinem Siegeslaufe betreten sollte; der Tag der Ruͤckkehr war gekommen. Die historische Tradition hat diesen Punkt in der Geschichte Alexanders auf eine bemerkenswerthe Weise verdunkelt; selbst von dem Aeußerlichsten wird nicht Genuͤgendes und Uebereinstimmen- des angegeben; manche der Macedonier haben Unglaubliches in die Heimath berichtet, und Kraterus schrieb seiner Mutter, bis zum Ganges seien sie vorgedrungen und haͤtten diesen ungeheueren Strom voll Haifische und brandend wie das Meer gesehen Strabo XV. p. 275. cf. Arrian Peripl. p. 27. ed. Hudson. Justin. VII. 8. Paul Oros. III. 19. etc . . Andere nannten wenigstens den Hyphasis der Wahrheit gemaͤß als das Ende der Macedonischen Zuͤge; aber, um doch irgendwie zu erk aͤ- ren, warum der Eroberung ein Ziel gesetzt worden, haben sie aus dem aͤußerlichen Anlaß der Ruͤckkehr einen Causalzusammenhang hergeleitet, uͤber dessen Werth weder die sonstige Glaubwuͤrdigkeit der Berichterstatter noch der verdachtlose Glaube, der ihnen seit zwei Jahrtausenden geschenkt worden, taͤuschen darf. Alexander, so wird erzaͤhlt Arrian. V. 25. sqq . wie es scheint (c. 28.) nach Ptolemaͤus. , war an den Hyphasis vorge- drungen, mit der Absicht, auch das Land jenseits zu unterwerfen, denn es schien ihm kein Ende des Krieges, so lange noch irgend Feindliches da war. Da erfuhr er, jeuseits des Hyphasis sei ein rei- ches Land, und drinnen ein Volk, das fleißig den Acker baue, die Waffen mit Muth fuͤhre, sich einer wohlgeordneten Verfassung freue; denn die Edelsten beherrschten das Volk ohne Druck und Eifer- sucht; die Kriegselephanten seien dort maͤchtiger, wilder und in groͤßerer Zahl als irgendwo sonst in Indien. Das Alles erregte des Koͤnigs Verlangen, weiter zu dringen. Aber die Macedonier sahen mit Schmerz, wie ihr Koͤnig Muͤhe auf Muͤhe, Gefahr auf Gefahr haͤufe; sie traten hie und da im Lager zusammen, sie klag- ten um ihr trauriges Loos, sie schwuren einander, nicht weiter zu folgen, wenn es auch Alexander geboͤte. Als das der Koͤnig er- fuhr, eilte er, bevor die Unordnung und die Muthlosigkeit der Truppen weiter um sich griffe, die Generale zur Versammlung zu berufen. „Da sie, so sprach er, ihm nicht weiter von gleicher Ge- sinnung beseelt, folgen wollten, so habe er sie herbeschieden, um entweder sie von der Raͤthlichkeit des weiteren Zuges zu uͤberzeugen, oder von ihnen uͤberzeugt zuruͤckzukehren; erscheine ihnen das bisher Durchkaͤmpfte und seine eigene Fuͤhrung tadelnswerth, so habe er nichts Weiteres zu sagen; er kenne fuͤr den hochherzigen Mann kein anderes Ziel alles Kaͤmpfens, als die Kaͤmpfe selbst; wolle je- mand das Ende seiner Zuͤge wissen, so sei er nicht mehr weit bis zum Ganges, bis zum Meere im Osten, dort werde er seinen Macedoniern den Seeweg zum Hyrkanischen, zum Persischen Meere, zum Lybischen Strande, zu den Saͤulen des Herakles zeigen; die Grenzen, die der Gott dieser Welt gegeben, sollten die Grenzen des Macedonischen Reichs sein; noch aber sei jenseit des Hyphasis bis zum Meer im Osten manches Volk zu bewaͤltigen, und von dort bis zum Hyrkanischen Meere schweiften noch die Horden der Scythen unabhaͤngig umher; seien denn die Macedonier vor Ge- fahren bange? vergaͤßen sie ihres Ruhmes und der Hoffnung? einst, wenn die Welt uͤberwunden, werde er sie heimfuͤhren gen Macedonien, uͤberreich an Habe, an Ruhm, an Erinnerungen.“ Nach dieser Rede Alexanders entstand ein langes Schweigen, nie- mand wagte entgegen zu sprechen, niemand beizustimmen; umsonst forderte der Koͤnig wiederholentlich zum Sprechen auf: er werde auch der entgegengesetzten Meinung Gehoͤr schenken. Lange schwieg man; endlich erhob sich Koͤnus, des Polemokrates Sohn: „der Koͤ- nig wolle, daß das Heer nicht sowohl seinem Befehl, als der eigenen Ueberzeugung folge; so spreche er denn nicht fuͤr sich, denn er sei zu Allem bereit, sondern fuͤr das Herr, nicht um der Menge zu gefallen, sondern was ihm die Zeitumstaͤnde zu sagen geboͤten; sein graues Haupt, seine Wunden, des Koͤnigs Vertrauen gaͤben ihm ein Recht offen zu sein; je mehr Alexander und das Heer vollbracht, desto nothwendiger sei es ein endliches Ziel zu se- tzen; wer von den alten Kriegern noch uͤbrig sei, wenige im Heere, andere in den Staͤdten zerstreut, sehnten sich nach der Heimath, nach Vater und Mutter, nach Weib und Kind zuruͤck; dort wollten sie den Abend ihres Lebens, im Schooß der Ihrigen, in der Erinne- rung ihres thatenreichen Lebens, im Genuß des Ruhmes und der Habe, die Alexander mit ihnen getheilt, verleben; solches Heer sei nicht zu neuen Kaͤmpfen geschickt, Alexander moͤge sie heimfuͤhren, er er werde seine Mutter wiedersehen, er werde die Tempel der Hei- math mit Trophaͤen schmuͤcken; er werde, wenn er nach neuen Thaten verlange, ein neues Heer ruͤsten und gegen Indien oder Libyen, gegen das Meer im Osten oder jenseit der Heraklessaͤulen ziehen; und die gnaͤdigen Goͤtter wuͤrden ihm neue Siege gewaͤh- ren; der Goͤtter groͤßtes Geschenk aber sei Maͤßigung im Gluͤck; nicht den Feind, wohl aber die Goͤtter und ihr Verhaͤngniß muͤsse man scheuen.“ Unter allgemeiner Bewegung schloß Koͤnus seine Rede; Viele vermochten die Thraͤnen nicht zu hemmen, es war of- fenbar, wie der Gedanke der Heimkehr ihr Herz erfuͤllte. Alexan- der aber, unwillig uͤber die Aeußerungen des Generals und die Zu- stimmung der Uebrigen, entließ die Versammlung. Am naͤchsten Tage berief er sie von Neuem; „er werde, so sprach er, in Kurzem wei- ter gehen, er werde keinen der Macedonier noͤthigen zu folgen, noch seien genug der Tapferen uͤbrig, die nach neuen Thaten ver- langten; die Uebrigen moͤchten heimziehen, es sei ihnen erlaubt; sie moͤchten in der Heimath berichten, daß sie ihren Koͤnig mitten in Feindesland verlassen haͤtten.“ Nach diesen Worten verließ der Koͤnig die Versammlung und zog sich in sein Zelt zuruͤck; waͤh- rend dreier Tage zeigte er sich den Macedoniern nicht, er erwar- tete, daß sich die Stimmung im Heere aͤndern, daß sich die Trup- pen zur weiteren Heerfahrt entschließen wuͤrden. Und die Macedonier waren zwar betruͤbt uͤber des Koͤnigs Zorn, aber ihr Sinn aͤnderte sich nicht. Dessen ungeachtet opferte der Koͤnig am vierten Tage an den Ufern des Stromes wegen des Ueberganges, aber die Zei- chen der Opfer waren nicht guͤnstig; da berief er die Hauptleute, die Veteranen der Getreuen zu Fuß und zu Roß und viele Andere vom Heere zur Versammlung, und verkuͤndete die Ruͤckkehr; und die Macedonier weinten und jubelten vor Freude, sie draͤngten sich um des Koͤnigs Zelt und priesen ihn laut, daß er sich, stets unbe- siegt, von seinen Macedoniern habe besiegen lassen. So die Erzaͤhlung nach Plutarch und Arrian; bei Curtius und Diodor Curt. IX. 2. Diod. XVII. 94 . ist sie mit einigen Nebenumstaͤnden bereichert, welche nicht allzu glaubwuͤrdig erscheinen: Alexander habe die Truppen, um sie fuͤr den weiteren Feldzug geneigt zu machen, auf 27 Pluͤnderung in die sehr reichen Ufergegenden des Hyphasis, also in das befreundete Land des Phegeus ausgesandt, und waͤhrend der Abwesenheit der Truppen den Weibern und Kindern der Solda- ten Kleider und Vorraͤthe aller Art, namentlich den Sold eines Monats zum Geschenk gemacht; dann habe er die mit Beute heimkehrenden Soldaten zur Versammlung berufen und nicht etwa im Kriegsrath, sondern vor dem gesammten Heere die wichtige Frage uͤber den weiteren Zug verhandelt. Strabo sagt Strabo XV. p. 268 . : Alexander sei zur Umkehr bewogen worden durch gewisse heilige Zeichen, durch die Stimmung des Heeres, das den weiteren Hee- reszug wegen der ungeheueren Strapazen, die es bereits erduldet, versagte, vor Allem aber, weil die Truppen durch den anhaltenden Regen sehr gelitten hatten; und in der That, diesen letzten Punkt muß man in seiner ganzen Ausfuͤhrung vor Augen haben, um die Ruͤckkehr am Hyphasis zu begreifen. Klitarch, den man in den Worten Diodors sehr deutlich wieder erkennt, stellt das Elend der Truppen in den crassesten Bildern dar: wenige von den Macedo- niern, sagt er, waren uͤbrig und diese der Verzweiflung nahe, durch die Laͤnge der Feldzuͤge waren den Pferden die Hufe abgenutzt, durch die Menge der Schlachten die Waffen der Krieger stumpf und zerbrochen; Hellenische Kleider hatte Niemand mehr, Lumpen Barbarischer und Indischer Beute, elend an einander geflickt, deck- ten diese benarbten Leiber der Welteroberer; seit siebzig Tagen waren die furchtbarsten Regenguͤsse unter Stuͤrmen und Gewittern vom Himmel herabgestroͤmt. Allerdings waren gerade jetzt die Peschekal, die tropischen Regen mit den weiten Ueberschwemmun- gen in ihrer hoͤchsten Steigerung; man muß sich vergegenwaͤrtigen, was ein abendlaͤndisches Heer, seit drei Monaten im Lager oder auf dem Marsche, durch dieß furchtbare Wetter, durch die dunstige Naͤsse des ungewohnten Klimas, durch den unvermeidlichen Man- gel an Bekleidung und Lebensmitteln gelitten haben, wie viel Menschen und Pferde der Witterung und den Krankheiten, die sie erzeugte, erlegen sein Timur passirte diese Gegen- den etwa einen Monat spaͤter (im Safar); der Peschekal brachte na- , wie endlich durch das um sich grei- fende Siechthum, durch die unablaͤssige Qual der Witterung, der Entbehrung, der schlechten Wege und unaufhoͤrlichen Maͤrsche, durch die graͤßliche Steigerung des Elends, der Sterblichkeit und der Hoffnungslosigkeit die moralische Kraft mit der physischen zu- gleich gebrochen sein mußte, — und man wird es begreiflich fin- den, daß in diesem sonst so kriegsruͤstigen und enthusiastischen Heere Mismuth, Heimweh, Erschlaffung, Indolenz einreißen konnte. Und wenn Alexander jener Stimmung im Heere und der Weigerung weiterer Heeresfolge nicht mit ruͤcksichtsloser Strenge entgegen zu treten wagte, sondern, statt sie durch alle Mittel soldatischer Disciplin zu brechen und zu strafen, ihr endlich nachgab, so ist dieß der entschiedenste Beweis, daß ihr nicht Meu- terei und Haß gegen den Feldherrn zum Grunde lag, sondern daß sie die nur zu begreifliche Folge jener endlosen Leiden der letzten drei Monate war. Wohl scheint es der hoͤchste Wunsch Alexanders gewesen zu sein, seine siegreichen Waffen bis zum Ganges und bis zum Meere im Osten hinaus zu tragen; die Berichte von der colossalen Macht der Fuͤrsten am Ganges, von den unendlichen Schaͤtzen der dorti- gen Residenzen, von allen Wundern des fernen Ostens, wie er sie in Europa und Asien hatte preisen hoͤren, nicht minder das Ver- langen, in dem oͤstlichen Meere eine Grenze der Siege und neue Wege zu Entdeckungen und Weltverbindungen zu finden, vor Al- lem aber jenes dunkle und geheimnißvolle Verhaͤngniß der Groͤße, jenseits des Erreichbaren ihr Ziel zu suchen, dieß Alles mag in den Tagen am Hyphasis Alexanders Geist erfuͤllt und ihn zu je- nen aͤußersten Versuchen, uͤber das Ungluͤck und die Stimmung seiner Truppen Herr zu werden, gebracht haben. Er mochte hof- fen, daß die begeisternde Kuͤhnheit seines neuen Planes, daß die große Zukunft, die er dem ermattenden Blicke seiner Macedonier zeigte, daß sein Aufruf und der kuͤhne Enthusiasmus eines unab- laͤssigen Vorwaͤrts sein Heer alles Leiden vergessen lassen und mit neuer Kraft durchflammen werde. Er hatte sich geirrt; Ohnmacht und Klage war das Echo seines Aufrufs. Der Koͤnig versuchte mentlich unter die Pferde eine große Sterblichkeit. Chereffeddin IV. 13. p. 59 . 27 * das ernstere Mittel der Beschaͤmung und seiner Unzufriedenheit; er entzog sich den Blicken seiner Getreuen, er ließ sie seinen bit- tern Unwillen fuͤhlen, er hoffte, sie durch Schaam und Reue aus ihrem Elend und ihrer Demoralisation empor zu reißen; und mit tiefer Trauer sahen die Veteranen, daß ihr Koͤnig zuͤrne, zu er- mannen vermochten sie sich nicht. Drei Tage herrschte im Lager das qualvolle Schweigen; Alexander mußte erkennen, daß alles Bemuͤhen vergeblich, neue Versuche gefaͤhrlich seien, daß seine Groͤße an den Grenzen der Endlichkeit stehe, daß er nicht an den Ufern des Ganges die Palme der schoͤnsten Siege brechen sollte. Er ließ an den Ufern des Stromes die Opfer zum Uebergange feiern, und die gnaͤdigen Goͤtter weigerten ihm die guͤnstigen Zei- chen der weiteren Heerfahrt; sie geboten, heim zu kehren. Der Ruf zur Heimkehr, der nun durch das Lager ertoͤnte, wirkte wie ein Zauber auf die Gemuͤther der Macedonier, jetzt war das Lei- den vergessen, jetzt Alles Hoffnung und Jubel, jetzt in Allen neue Kraft und neuer Muth, und es ist glaublich, daß von allen Ma- cedoniern Alexander allein trauernd gen Abend blickte. — Es ist bemerkenswerth, das diese Umkehr am Hyphasis, im Sinne des Heldenlebens und der Hoffnungen Alexanders die er- schuͤtternde Katastrophe, zu gleicher Zeit nothwendig im Sinne sei- nes geschichtlichen Berufes, vorbereitet und vorgedeutet im Zusam- menhange seiner Unternehmungen genannt werden muß. Man kann es nicht laͤugnen, daß der weitere Feldzug gen Osten den Westen so gut wie Preis gegeben haͤtte; schon jetzt waren aus den Persischen und Syrischen Provinzen Berichte eingegangen, die deutlich genug zeigten, welche Folgen von einer noch laͤngeren Ab- wesenheit des Koͤnigs, von der noch weiteren Entfernung der streitbaren Macht zu erwarten waren; Unordnungen aller Art, Bedruͤckungen gegen die Unterthanen, Anmaaßungen der Satrapen, gefaͤhrliche Wuͤnsche und verbrecherische Versuche von Persischen und Macedonischen Großen, die, waͤhrend Alexander an den In- dus hinabgezogen war, sich ohne Aufsicht und Verantwortung zu fuͤhlen begannen, haͤtten durch einen weiteren Feldzug in die Gan- geslaͤnder ungefaͤhrdet weiter wuchern und vielleicht zu einer voll- kommenen Aufloͤsung des noch keinesweges fest gegruͤndeten Rei- ches fuͤhren koͤnnen. Selbst aber angenommen, daß der außeror- dentliche Geist Alexanders noch aus dem fernsten Osten her die Zuͤgel der Herrschaft fest und streng anzuziehen vermocht haͤtte, so waͤren die groͤßten Erfolge in den Gangeslaͤndern fuͤr das Beste- hen des Reiches am gefaͤhrlichsten gewesen; die ungeheuere Aus- dehnung dieses Stromgebietes haͤtte einen unverhaͤltnißmaͤßigen Aufwand von abendlaͤudischen Besatzungen gefordert, und endlich doch eine wahrhafte Unterwerfung und Verschmelzung mit dem Reiche unmoͤglich gemacht. Dazu kam, daß eine Wuͤste von nicht geringerer Ausdehnung als die Halbinsel Kleinasien, die Ostlaͤnder vom Fuͤnfstromlande scheidet; ohne Baum, ohne Gras, ohne an- deres Wasser als das brakige der engen bis dreihundert Fuß tiefen Brunnen, unertraͤglich durch den wehenden Flugsand, durch den gluͤhenden Staub, der in der schwuͤlen Luft flirrt, noch gefaͤhrli- cher durch den ploͤtzlichen Wechsel der Tageshitze und der naͤchtli- chen Kuͤhle, ist diese furchtbare Einoͤde die fast unuͤberwindliche Vormauer des Gangeslandes; nur ein Weg fuͤhrt vom Norden am Saume der Imausketten vom Hyphasis und Hesudrus zu den Stroͤmen des Ganges, und mit Recht nennen ihn die Mor- genlaͤnder ein zu schwaches Band, um das große und uͤberreiche Gangesland an die Krone von Persien zu heften. Endlich muß man behaupten, daß Alexanders Politik, wenn man sie von dem ersten Eintritt in das Indische Land an verfolgt, auf das Entschie- denste dahin weiset, daß es seine Absicht nicht gewesen ist, das Fuͤnfstromland, geschweige gar die Laͤnder des Ganges, zu unmittel- baren Theilen seines Reiches zu machen. Das Reich Alexanders hatte mit der Indischen Satrapie im Westen des Indus ein Ende; das Land ostwaͤrts sollte unter einheimischen Fuͤrsten unab- haͤngig, aber unter Macedonischem Einfluß bleiben, wie er in der eigenthuͤmlichen Stellung der Fuͤrsten Taxiles und Porus zu einander und zum Koͤnige sicher genug begruͤndet war; selbst der so hochbeguͤnstigte Porus erhielt nicht alles Land bis zum oͤstlichen Grenzstrom des Panschab; wie auf der einen Seite Taxiles, so wurden auf der andern Seite die unabhaͤngigen Fuͤrstenthuͤ- mer des Phegeus und Sopeithes ein Gegengewicht, zwei Fuͤrsten, die zu unbedeutend, um mit eigener Macht etwas wagen zu koͤn- nen, einzig in der vollsten Ergebenheit gegen Alexander Kraft und Halt finden konnten. So waren diese Fuͤrsten, aͤhnlich dem Rhein- bunde der neueren Zeit, durch gegenseitige Furcht und Eifersucht, der Abhaͤngigkeit von der uͤberlegenen Macht Alexanders, wenn er auch nach Westen zuruͤckkehrte, gesichert; sollte eine Eroberung des Gangeslandes moͤglich sein, so haͤtte Alexander das Indusland, wie fruͤ- her Sogdiana, wenn auch mit denselben strengen Mitteln und glei- chem Zeitaufwand, sich unmittelbar und vollkommen unterwerfen und zu organischen Theilen seines ungeheueren Reiches machen muͤs- sen; aber er hatte sich von Anfang her uͤberzeugt, daß die Bevoͤl- kerung des Induslandes in allen Verhaͤltnissen des Lebens, des Staates und der Religion zu eigenthuͤmlich entwickelt, und in ih- rer Entwickelung zu fertig war, als daß sie schon jetzt fuͤr das Hellenistische Leben gewonnen werden konnte. So konnte Alexander nicht daran denken, jenseits der nur verbuͤndeten Fuͤrstenthuͤmer eine neue Reihe von Eroberungen seinem Reiche in der Form un- mittelbarer Abhaͤngigkeit einzuverleiben; und wenn er bereits nach der Schlacht am Hydaspes den Bau einer Flotte beginnen ließ, die sein Heer den Indus hinab zum Persischen Meere bringen sollte, so zeigt dies unzweideutig, daß er auf dem Wege des In- dus, nicht des Ganges, zuruͤck zu kehren die Absicht hatte, daß also sein Zug gegen die Gangeslaͤnder nicht viel mehr als eine Inva- sion sein sollte. Man darf vermuthen, daß sie, wie Napoleons großer Feldzug gegen Osten, von einer Operationsbasis kaum be- waͤltigter Fuͤrstenthuͤmer aus, die nur durch die schwachen Bande der Dankbarkeit, der Furcht und Selbstsucht an den Eroberer gefesselt waren, wahrscheinlich einen eben so traurigen Ausgang gehabt ha- ben wuͤrde; uͤberhaupt aber scheint es nicht zu viel, wenn man laͤugnet, daß Alexander klar und entschieden den Zweck und den Plan des Gangesfeldzuges ins Auge gefaßt habe; wenigstens bietet eine Analogie dafuͤr Napoleons staunenswuͤrdiges Unternehmen, das offenbar durch denselben Fehler so vollkommen gescheitert und seines Sturzes Anfang geworden ist. — Es mochte in den letzten Tagen des Augusts 326 sein, als sich das Macedonische Heer an den Ufern des Hyphasisstromes zum Ruͤckmarsch ruͤstete; jede der zwoͤlf Phalangen erhielt den Befehl, an den Ufern des Stromes einen maͤchtigen, thurmaͤhnli- chen Altar zu errichten, zum Andenken des abendlaͤndischen Heeres und zum Dank fuͤr die Goͤtter, die es bis hicher siegreich hatten vordringen lassen. Alexander opferte auf diesen Altaͤren, waͤhrend von den Truppen Kampfspiele aller Art nach Hellenischem Brauche gefeiert wurden Wir sind nicht im Stande, den Ort dieser zwoͤlf Altaͤre genau auf unseren Karten anzugeben. Nach Curtius Angabe, daß jenseits des Stromes die Wuͤste sich zwoͤlf Tagereisen weit erstrecke, koͤnnte man glauben, daß der Ort unterhalb der Vereinigung des Hyphasis und Hesudrus liege, da das Duab, welches Kaiser Akbar Beyt-Jalindher nannte ( Ayeen Akbery II. p. 108.) außerordentlich cultivirt ist, und uͤberdieß der Name des vereinigten Stromes Bhis oder Beas ( Elphinstone II. p. 559.) offenbar Hyphasis ist, unter welchem Namen der Indus die fuͤnf vereinigten Stroͤme aufnimmt; Strabo XV. p. 273. Doch ist Plinius Excerpt aus den Stathmen dagegen; er sagt ( VI. 17.): exsuperato amne (Hyphasi) arisque in adversa ripa dicatis ..... ad Hesudrum 168 M. (cf. Asia- tic. Journal tom. V. 1818. p. 215 sq. ); waͤre jene Zahl nicht au- genscheinlich corrumpirt, so wuͤrde man aus ihr Genaueres folgern koͤnnen. — Von den Ornamenten dieser Altaͤre und dem angebli- chen Bestreben Alexanders, durch riesenmaͤßige Geraͤthschaften, die hier zuruͤckblieben, fuͤr die Macedonier den Schein eines Riesenge- schlechtes zu gewinnen, sind die Stellen ad Curt. IX. 3. 19. gesammelt. Es soll auf den Altaͤren folgende Inschrift gestanden haben: „Meinem Vater Ammon und meinem Bruder Herakles und der vorsorgenden Athene und dem Olympischen Zeus und den Sa- mothracischen Kabiren und dem Indischen Helios und meinem Bru- der Apollo.“ Diesen Unsinn wiederholt Philostrat. vit. Apoll. II. 15. und fuͤgt hinzu: eine eherne Saͤule zwischen den Altaͤren habe die Inschrift getragen: „Hier machte Alexander Halt.“ Nach Sui- das v. Βϱαχμάνος stand auf derselben: „Ich, der Koͤnig Alexander, bin bis hieher vorgedrungen.“ — Nach der obigen Angabe des Pli- nius ergiebt sich, daß des Phegeus Fuͤrstenthum wahrscheinlich in das Duab Beyt-Jalindher hineinreichte; sicher grenzte es gen Nor- den mit dem Lande des Sopeithes zusammen. . Dann brach das Heer gen Westen hin auf; es war befreundetes Land, durch welches der Weg fuͤhrte Arrian, der vom Sopeithes und Phegeus nichts erwaͤhnt, sagt, daß Porus alles Land bis zum Hyphasis erhalten habe, was nicht richtig sein kann. ; ohne andere Schwierigkeiten, als die des noch immer haͤufigen Regens, gelangte man zum Hyarotis, und uͤber diesen durch die Landschaft Gandaritis an die Ufer des Acesines; hier an der Pas- sage des Stroms stand bereits die Stadt, mit deren Bau Hephaͤ- stion beauftragt worden war, fertig Diese Stadt Alexandria am Acesines, auf der großen Straße, die Plinius zu bezeichnen scheint, duͤrfte etwa dem heuti- gen Wuzirabad entsprechen; welches Alexandrien im Katalog des Stephanus hieher gehoͤrt, behalte ich mir vor, in einer Abhandlung uͤber diesen Katalog zu eroͤrtern. . Alexander ließ hier kurze Zeit rasten, um theils fuͤr die Hinabfahrt zum Indus einige Ein- richtungen zu treffen, theils die neue Stadt zu colonisiren, zu wel- chem Ende die Indier der Umgegend zur Ansiedelung aufgefordert und zugleich die kampfunfaͤhigen Soͤldner aus dem Heere hieselbst ansaͤßig gemacht wurden; der Tod des Generals Koͤnus und die Feierlichkeiten bei seiner Bestattung mochten weitere Verzoͤgerun- gen veranlassen. Waͤhrend dieser Rastzeit kam der Bruder des Fuͤrsten Abisares von Kaschmir und andere kleine Fuͤrsten der obe- ren Gegenden, alle mit vielen, kostbaren Geschenken, dem großen Koͤnige ihre Huldigungen darzubringen; namentlich sandte Abisares dreißig Elephanten und ließ in Antwort auf den Befehl, den Alexander ihm hatte zukommen lassen, in Person zu erscheinen, seine vollkommenste Ergebenheit versichern und eine Krankheit, die ihn darnieder geworfen, als Entschuldigung fuͤr sein Nichterscheinen angeben. Da die von Alexander mit gen Kaschmir gesandten Macedonier diese Angaben bestaͤtigten, und das jetzige Benehmen des Fuͤrsten fuͤr seine weitere Ergebenheit zu buͤrgen schien, so wurde ihm sein Fuͤrstenthum als Satrapie uͤbergeben, und der Tribut bestimmt, den er hinfort zu entrichten habe, auch das Fuͤr- stenthum des Arsaces in den Bereich seiner Macht gegeben Ich bin nicht im Stande, den Namen dieses Fuͤrsten zu erklaͤren, noch die Lage seines Fuͤr- stenthums zu entdecken. . Nach feierlichen Opfern zur Weihe der neuen Stadt ging Alexan- der uͤber den Acesines, gegen Mitte Septembers trafen die ver- schiedenen Heeresabtheilungen in Bucephala und Nicaͤa am Hy- daspes zusammen. Es war ein großer und gluͤcklicher Gedanke Alexanders, aus dem Gebiet des Indusstromes, das er jetzt nach Osten durchzogen hatte, nicht etwa auf dem Wege, den er gekom- men, in sein Reich zuruͤck zu kehren, sondern eben so in den Laͤn- dern stromabwaͤrts die Gewalt der Europaͤischen Waffen geltend zu machen und den Saamen des Hellenistischen Lebens auszu- streuen. Sein Verhaͤltniß zu dieser neuentdeckten Indischen Welt, nicht das eines unmittelbaren Herrschers, sondern auf den jetzt zum ersten Male eroͤffneten Verkehr mit jenen Voͤlkern begruͤndet, auf das allmaͤhlige Wachsthum dieser neuen Verbindungen und Anfaͤnge berechnet, haͤtte, wenn etwa nur die Indische Satrapie mit dem Kophenstrome das vermittelnde Band blieb, weder durch- greifend wirken, noch selbst fuͤr die Dauer bestehen koͤnnen. Wenn auch jene Satrapie die Hauptstraße des gegenseitigen Verkehrs darbot, so mußte doch die ganze Linie des Indusstromes in Haͤn- den der Macedonier sein, es mußten die tiefer am Strome woh- nenden Voͤlker denselben Einfluß wie die Voͤlker des Fuͤnfstrom- landes anerkennen lernen, es mußte um so entschiedener gegen sie verfahren werden, je mehr manche derselben, namentlich die Mal- lier und Sudraker auf ihre Unabhaͤngigkeit und ihren kriegerischen Ruhm trotzten, und jeden fremden Einfluß verabscheuten oder ver- achteten; vor Allem mußte dieser Einfluß selbst durch Hellenistische Colonien am Indusstrome Halt und Nachdruck erhalten. In die- sem Plane war es, daß Alexander schon, als er von dem Hydas- pes gen Osten aufgebrochen war, den Befehl zum Bau der großen Stromflotte gegeben hatte, mit der er zum Indus und bis zum Meere hinab zu segeln gedachte; jetzt, da es unmoͤglich geworden war, den Feldzug bis zum Ganges und zum Ostmeere fort zu se- tzen, mochte sich Alexander mit doppeltem Eifer zu dieser Expedition wenden, die, wenn nicht eben so viel Ruhm, wie die Heerfahrt zum Ganges, so doch gewiß große Erfolge erwarten ließ. Waͤhrend der vier Monate, die Alexander vom Hydaspes ent- fernt gewesen, hatte sich die aͤußere Gestalt dieser Gegend, in der seine beiden Staͤdte lagen, vollkommen verwandelt; die Regenzeit war voruͤber, die Wasser begannen in ihr altes Bette zuruͤck zu treten, und weite Reisfelder, auf dem Fruchtboden der Ueberschwem- mungen im uͤppigsten Gruͤn, zogen sich auf der rechten Seite des Stromes hinab; das Ufer druͤben unter den waldigen Hoͤhen war meilenweit mit Schiffswerften bedeckt, auf denen Hunderte von großen und kleinen Fahrzeugen theils noch gezimmert wurden, theils schon fertig standen; Floͤßholz aus dem Gebirge, Kaͤhne mit Vor- raͤthen aller Art, Transporte von Bau- und Kriegsmaterial kamen auf dem Strome daher, dessen Ufern das bunte Treiben eines la- gernden und rastenden Heeres aller Nationen seltsam genug be- lebte. Alexanders naͤchste Sorge war, die beiden Festen, die, schnell und auf tiefem Grunde erbaut, in ihren Erdwaͤllen und Baracken durch die Gewalt des Wassers manchen Schaden erlitten hatten, vollstaͤndiger und dauerhafter auszubauen, dann wurde die Ausruͤ- stung der Schiffe begonnen. Nach Hellenischer Sitte ernannte Alexander, da seine Kassen erschoͤpft waren, aus der Zahl der Reich- sten und Vornehmsten in seiner Umgebung drei und dreißig Trier- archen, denen diese Liturgie oder Ehrenleistung einer stattlichen und tuͤchtigen Schiffsausruͤstung zum Gegenstand eines fuͤr die Sache selbst sehr foͤrderlichen Wetteifers wurde Diese Erklaͤrung der Trierarchien, deren Arrian Ind. 18. erwaͤhnt, bestaͤtigt Plut. Eumenes 2 und Plin. XIX. 1 Der vor- schriftsmaͤßige Aufwand fuͤr Jeden der Dreiunddreißig kann nicht, wie man nach Plutarch glauben sollte, dreihundert Talente betra- gen haben, wenn schon die Kosten hier, wo der Trierarch auch den Bau der Schiffe uͤbernehmen mochte, bedeutender waren als in Athen. . Zur Bemannung der Stromflotte wurden aus dem Heere die Phoͤnicier, Aegypter, Cyprier, Griechen der Inseln und Asiatischen Kuͤste ausgewaͤhlt und als Schiffsleute und Ruderer auf die Fahrzeuge vertheilt; und in weniger als einem Monat Zeit war Alles zur Abfahrt bereit. Nah an zweitausend Fahrzeuge aller Art lagen auf dem Strom bereit, unter diesen achtzig Jachten, ganz zum Kaͤmpfen eingerichtet, zweihundert unbedeckte Schiffe zum Transport von Pferden; alle diese waren neu gebaut, die uͤbrigen Fahrzeuge, zum groͤßeren Theil aus den Ufergegenden, wie man sie gerade vorfand, beigetrie- ben, waren zum Fortschaffen von Truppen und zum Nachfahren der Lebensmittel und Kriegsmaterialien bestimmt, wovon eben jetzt große Transporte zugleich mit neuen Truppen, sechstausend Reu- tern unter dem Thracier Menon und mehreren tausend Mann Fuß- volks, angekommen waren Arrian VI. 2. Ind. 19.; Diod. XVII. p. 95. sagt: . In den ersten Tagen des November Stra- bo XV. p. 259. „Nicht viele Tage vor dem Untergang der Ple- jaden“ d. i. vor dem 13. November nach Callippus, dem Zeitgenos- sen Alexanders, s. Idler uͤber das Todesjahr Alexanders p. 275. sollte die Stromfahrt beginnen. Alexander berief saͤmmtliche Befehlshaber und Haupt- leute seines Heeres, so wie die Getreuen der Ritterschaft und des Fußvolkes zu einer Versammlung, zu welcher die Fuͤrsten des Lan- des und die Inoischen Gesandten, die anwesend waren, eingeladen wurden. Der Koͤnig verkuͤndete, daß Alles zur Abfahrt bereit und der Tag bestimmt sei; er sprach seine Hoffnung dahin aus, daß der Frieden, den er dem Fuͤnfstromlande wieder gegeben, fuͤr die Dauer gegruͤndet und durch seine Anordnungen gesichert sei. Die bisher fuͤr die Induslaͤnder getroffenen Einrichtungen wurden feierlichst bestaͤtigt, namentlich dem Fuͤrsten Porus seine Gebiets- vergroͤßerungen, die nicht weniger als zweitausend Staͤdte umsaßte und sich bis in die Naͤhe des Hyphasis erstreckte, garantirt, und sein Verhaͤltniß zu den Nachbarfuͤrsten Abisares, Sopcithes und Phegeus genau bestimmt, der Fuͤrst Taxiles in dem unab- haͤngigen Besitz seiner alten und neuen Laͤnder feierlich anerkannt, die abhaͤngigen Fuͤrstenthuͤmer im Bereich der Indischen Satrapie mit ihren Tributen und anderweitigen Verpflichtungen an den dor- tigen Satrapen verwiesen, ihre, so wie die anderen Indischen Kontingente in die Heimath entlassen. Sodann wurde der Ver- sammlung die Ordnung des ferneren Zuges mitgetheilt; der Koͤnig selbst werde mit allen sechs Chiliarchien der Hypaspisten, mit den zweitausend Agrianern und Bogenschuͤtzen, mit dem Geleit der Macedonischen Ritterschaft, im Ganzen etwa achttausend Mann, zu Schiffe gehen Aus dieser Angabe der Gesammtzahl ( Arrian Ind. ) ersieht man, daß Arrian. VI. 2. ungenau sagt: die ganze Macedonische Ritterschaft sei mit auf die Schiffe genommen; Bestaͤtigung ist, daß erst spaͤter tausend siebenhundert Macedonische Ritter auf die Schiffe kommen. Arrian. VI. 14. 7. Die Zahl der Schiffe , Nearch den Befehl uͤber die gesammte mehr als dreißig tausend Mann Soͤldner und Hellenische Bundes- truppen, Curt. IX. 4. 21. dagegen siebentausend Mann von Har- palus gesandt und fuͤnf und zwanzigtausend Ruͤstungen. Flotte, Onesikrit die Fuͤhrung des koͤniglichen Schiffs erhalten; die uͤbrigen Truppen sollten in zwei Heere vertheilt zu beiden Seiten des Stromes hinab ziehen, das eine unter Kraterus Fuͤh- rung auf dem rechten, dem westlichen Ufer, das andere groͤßere, bei welchem die zweihundert Elephanten, auf dem linken unter He- phaͤstions Fuͤhrung; beide wurden angewiesen, moͤglichst schnell vor- zuruͤcken, drei Tage stromabwaͤrts Arrian. VI. 2. nennt die βασίλεια Σωπείϑου, einen Namen, dessen er an der gehoͤ- rigen Stelle, bei dem Zuge durch das Hyphasisland nicht erwaͤhnt. Sollte er nicht diesen Fuͤrsten mit Spittakus verwechselt haben? Halt zu machen, und die Stromflotte zu erwarten; dort sollte der Satrap Philipp von der Indischen Satrapie zu ihnen stoßen. Nach diesen Mitthei- lungen entließ der Koͤnig die Versammlung; nach heimathlicher Sitte wurden nun mehrere Tage hindurch Kampfspiele aller Art und kuͤnstlerische Wettkaͤmpfe gehalten, Opferthiere in reichlicher Menge an die einzelnen Heeresabtheilungen gegeben, und mit gro- ßen Opfern und Festmahlen der Abschied aus dem Lande des Po- rus gefeiert Arrian VI. 2. . Dann kam der zur Abfahrt bestimmte Tag; mit dem fruͤh- sten Morgen begann das Einschiffen der Truppen; auf beiden Sei- ten des Stromes hatten Hephaͤstion und Kraterus ihre Phalan- gen, ihre Reuterei, ihre Elephanten in glaͤnzender Schlachtlinie aufruͤcken lassen; waͤhrend sich ein Schiffsgeschwader nach dem an- deren unter dem lauten Jauchzen der Truppen ordnete, hielt der Koͤnig an den Ufern des Stromes feierliche Opfer nach Helleni- schem Brauch; nach der Weisung der vaterlaͤndischen Priester opferte er den Goͤttern der Heimath, dem Poseidon, der huͤlfrei- chen Amphitrite, dem Oceanus, den Nereiden, außerdem dem Strome Hydaspes; dann stieg er selbst auf sein Schiff, trat an den Bord des Vordertheiles und spendete aus goldener Schaale in den Fluß, den Hydaspes anrufend und den Acesines und den Indus; und als er von Neuem fuͤr seinen Ahnherrn Herakles und fuͤr Ammon Zeus und fuͤr die andern Goͤtter, fuͤr die er pflegte, betreffend ist Arrian. Ind. 19. statt achthundert von Schmieder mit Recht eintausend achthundert geschrieben. gespendet, da gaben alle Trompeten des Heeres zugleich das Zei- chen zum Aufbruch, und unter Trompetenschmettern und Alala- geschrei schlugen die Ruder von allen Schiffen zugleich in die Wel- len. So fuhr nun das seegelbunte Geschwader, die achtzig Jach- ten vorauf, in schoͤnster Ordnung den Strom hinab, ein wunder- bares und unbeschreibliches Schauspiel. „Mit nichts vergleichen laͤßt sich dieß Rauschen des Ruderschlages, der auf allen Schiffen zugleich sich wechselnd hob und senkte, dieß gleichmaͤßige Rufen der Lotsen, wenn das Ruder ruhen, wenn wieder beginnen sollte, dieß Hoihogeschrei der Matrosen, mit der sie die Arbeit wieder be- gannen; zwischen den hohen Ufern wiederhallte dann hundertfach das Rufen, und den Rudergesang wiederholte das Echo; dann wieder umschlossen Waͤlder den Strom, und fern in der Waldeinsamkeit widerhallte der Fahrenden Ruf; bei Tausenden standen die In- dier an den Ufern und sahen staunend dieß fahrende Heer und die Streitrosse auf den Schiffen mit wehenden Wimpeln, und die wunderbare, stets gleiche Ordnung der Geschwader; sie jauchzten dem Rufe der Ruderer entgegen und zogen singend den Strom mit hinab Arrian VI. 3. 5. Plin. XIX. 1., der besonders die Pracht der bunten Seegel schildert. .“ Nach einer dreitaͤgigen Fahrt Nach Plinius. VI. 17. machte Alexander taͤglich sechshundert Stadien, nach Curtius vier- zig, beides ist unrichtig; nach achttaͤgiger Fahrt kommt die Flotte zur Acesines-Muͤndung, die von dem Ort der Ausfahrt fuͤnf bis sechs Tagereisen zu Lande (s. Vincent p. 110.), zu Wasser (nach Ma- cartney’s Karte) etwa acht und zwanzig Meilen, die Kruͤmmungen des Stromes mitgerechnet wohl vierzig Meilen entfernt ist; gewiß schrieb Curtius statt quadraginta nicht quadringenta , was Freins- heim vorschlaͤgt. kam Alexander zu der Ufer- gegend, wo er den Generalen Kraterus und Hephaͤstion die Flotte zu erwarten befohlen hatte; sie lagerten schon zu beiden Seiten des Stromes. Hier rastete Heer und Flotte zwei Tage, um den Satrapen Philipp mit der Nachhut der großen Armee herankom- men zu lassen. Sobald die gesammte Macedonische Kriegsmacht beieinander war, traf Alexander die Einrichtungen, welche beim baldigen Einruͤcken in fremdes Gebiet und zunaͤchst zur Unterwer- fung des Landes bis zur Acesinesmuͤndung noͤthig waren; nament- lich wurde Philipp links ab an den Acesines detaschirt, um sich des westlichen Stromufers zu versichern; Hephaͤstion und Krate- rus zogen rechts und links vom Hydaspes etwas landeinwaͤrts weiter; jenseits der Acesinesmuͤndung sollte die gesammte Heeres- macht wieder zusammen treffen, um den Feldzug gegen die Mal- lier und Sudraker von dort aus zu beginnen. Denn schon war von den bedeutenden Ruͤstungen, die diese großen und streitbaren Voͤl- ker machten, Nachricht eingelaufen; schon haͤtten sie, hieß es, ihre Weiber und Kinder in die festen Plaͤtze gebracht und bei vielen Tausenden zoͤgen sich Bewaffnete an den Hyarotis zusammen, Alexander glaubte um so mehr vorwaͤrts eilen und den Feldzug eroͤffnen zu muͤssen, ehe der Feind seine Ruͤstungen vollendet haͤtte. So ging die Flotte nach zweitaͤgiger Rast weiter den Strom hin- ab; uͤberali, wo sie anlegte, unterwarfen sich die Anwohner frei- willig oder wurden mit leichter Muͤhe dazu gezwungen Arrian VI. 3. 4, . Am fuͤnften Tage hoffte Alexander die Muͤndung des Acesi- nes in den Hydaspes zu erreichen; er hatte bereits in Erfahrung gebracht, daß diese Stelle fuͤr die Schifffahrt schwierig sei, daß sich die Stroͤme unter starkem Wellenschlag und vielen Strudeln ver- mischten, um dann in ein schmales Bette zusammen gedraͤngt mit Ungestuͤm weiter zu stroͤmen Neuere Berichte bestaͤtigen diese Angaben; s. Vincent p. 112. Chereffeddin IV. 10. 52. sagt von dieser Stelle: les vagues, qui se forment en ce lieu, le font paraitre une mer agitée. Diodor XVII. 96. und Curtius 99., so verwirrt sie auch uͤber diesen Feldzug berichten, haben doch man- che Notizen, die den Arrian veranschaulichen und ergaͤnzen; doch muß man in ihrem Gebrauch sehr vorsichtig sein. . Diese Nachrichten waren auf der Flotte verbreitet, und zugleich zur Vorsicht ernstlich ermahnt worden. Gegen Ende der fuͤnften Tagefahrt hoͤrte man aus Suͤ- den her ein gewaltiges Brausen, aͤhnlich dem der Meeresbrandung bei hohler See; staunend hielten die Ruderer der ersten Geschwa- der inne, unschluͤsssg , ob das Meer oder ein Unwetter oder was sonst nahe sei; dann belehrt und ermahnt zu ruͤstiger Arbeit, wenn sie der Muͤndung nahten, fuhren sie weiter. Immer maͤchtiger wurde das Brausen, die Ufer verengten sich, schon sah man die Muͤndung, eine wildwogende, schaumige Stromesbrandung, in der die Fluth des Hydaspes senkrecht auf die Wassersaͤule des Acesines stuͤrzt und in strudelnder, tosender Wuth gegen ihn kaͤmpft, um pfeilgeschwind mit ihm zwischen den engen Ufern hinab zu brausen. Noch einmal ermahnten die Steuerleute zur Vorsicht und zur hoͤchsten Anstrengung der Arbeit, um durch die Gewalt der Ruder die Stroͤmung, die die Schiffe in die Strudel gerissen haͤtte, wo sie unrettbar verloren waren, zu uͤberwinden und moͤglichst schnell aus der Stromenge in freieres Wasser zu gelangen. Und schon riß der Strom die Schiffe mit sich fort, mit unsaͤglicher Muͤhe hiel- ten Ruder und Steuer die Richtung; mehrere wurden uͤberwaͤltigt, in die Strudel gerissen, kreiselnd umgekehrt, die Ruder zerbrochen, die Flanken beschaͤdigt, sie selbst mit genauer Noth vor dem Untergehen ge- rettet; besonders die langen Schiffe waren in großer Gefahr, zwei von ihnen, gegen einander gejagt, zerschellten und versanken; leich- tere Fahrzeuge trieben ans Ufer; am gluͤcklichsten kamen die brei- ten Lastschiffe durch, die, von dem Strudel ergriffen, zu breit um umzuschlagen, von der Gewalt der Wellen selbst wieder in die rechte Richtung gebracht wurden; Alexander selbst soll mit seinem Schiffe in den Strudeln und in der augenscheinlichster Lebensgefahr gewesen sein, so daß er schon sein Oberkleid abgeworfen hatte, um sich in das Wasser zu stuͤrzen und sich durch Schwimmen zu ret- ten Curt. IX. 4. 10. Diod. XVII. 96. . So kam die Flotte nicht ohne bedeutenden Verlust uͤber die gefaͤhrliche Stelle hinaus; erst eine Stunde abwaͤrts wurde das Wasser ruhiger und freier; der Strom wendet sich hier um die Uferhuͤgel rechts hin; hinter ihnen konnte man bequem und vor der Stroͤmung gesichert anlegen, zugleich war das weit hinaus rei- chende Uferland zum Auffangen der hinabtreibenden Scheiter und Leichname geeignet. Alexander ließ hier die Flotte an den Strand legen und befahl dem Nearch, die Ausbesserung der beschaͤdigten Fahrzeuge moͤglichst schnell zu bewerkstelligen. Er selbst benutzte die Zeit zu einer Excursion in das Land hinein, damit die streit- baren Voͤlker dieser Landschaft, die Sibas und Agalassen, den Malliern und Sudrakern, von denen sie der Acesines trennte, nicht etwa bei dem bevorstehenden Angriff der Macedonier zu Huͤlfe kaͤmen. Nach einem Marsche von sechs Meilen, der dazu benutzt wurde, durch Verwuͤstungen Schrecken zu verbreiten, stand Alexander vor der nicht unbedeutenden Hauptstadt der Sibas; sie wurde ohne bedeutende Muͤhe erstuͤrmt. Nach einem anderen Be- richte ergab sie sich freiwillig Diese Sibas (Σίβαι Arrian Ind. 5. Strabo XV. p. 253 und 273. Steph. Byz. 5. v. , weniger gut Σίβοι bei Diod., Sobii bei Curtius ) sind offenbar Siva-Diener, wie Bohlen „das alte Indien“ p. 208. nachweiset. Arrian spricht in der Anabasis von die- sem Volke nicht insbesondere, da er natuͤrlich die Abstammung des- selben von Herakles nur fuͤr ein Maͤhrchen halten und am wenig- sten, wie Diodor thut, diese Verwandtschaft mit dem Herakliden Alexander zu einer politischen Bedeutung erheben kann. Doch deu- tet er diese Excursion an der gehoͤrigen Stelle ( VI. 5. 9.) an; man ersieht daraus zugleich, daß sie auf dem rechten Ufer des Acesines in dem Duab wohnten. . Bei seiner Ruͤckkehr zum Acesines fand Alexander bereits die Flotte in segelfertigem Stand, auch war Kraterus im Lager, He- phaͤstion und Philippus oberhalb der Strommuͤndung angekommen. Sofort disponirte der Koͤnig die verschiedenen Heeresabtheilungen fuͤr den Zug gegen die Mallier, deren Gebiet etwa sieben Meilen stromabwaͤrts bei der Hyarotismuͤndung begann und an diesem Strome weit gen Norden hinauf reichte. Sie waren, das wußte Alexander, auf einen Angriff gefaßt und geruͤstet; sie mußten er- warten, daß das Macedonische Heer zur Hyarotismuͤndung hinab- gehn und von da aus in ihr Gebiet eindringen wuͤrde, da es durch eine wasserlose Wuͤste von mehreren Meilen Breite vom Acesines getrennt war, und also von der Gegend der Schiffssta- tion aus unangreifbar schien. Demnach beschloß Alexander, sie auf diesem Wege, wo sie es am wenigsten erwarteten, und in dem oberen Theil ihres Landes, unfern von den Grenzen der Gandari- tis und der Kathaͤer ploͤtzlich anzugreifen, und sie von da aus den Hyaro- Hyarotisstrome hinab zu draͤngen; an den Muͤndungen dieses Flusses sollten sie, wenn sie Zuflucht oder Beistand auf dem jenseitigen Ufer des Acesines suchten, den Macedoniern wiederum in die Haͤnde fallen. Deshalb ging zunaͤchst die Flotte unter Nearch dorthin ab, um das rechte Ufer des Acesines der Hyparotismuͤndung gegenuͤber zu besetzen und so die Verbindung des Mallischen Landes mit dem Uferlande druͤben abzuschneiden; Kraterus sollte mit seinen Trup- pen, mit den Elephanten und der Phalanx Polysperchon, die bis- her bei Hephaͤstion gewesen waren, und mit den Truppen des Philipp, die den Hydaspes oberhalb seiner Muͤndung uͤbersetzten, drei Tage spaͤter auf der Station Nearchs eintreffen und mit dieser bedeutenden Heeresmacht auf dem rechten Stromufer die Basis fuͤr die kuͤhnen Operationen jenseits bilden. Sobald Ne- arch und Kraterus aufgebrochen waren, theilte Alexander das noch uͤbrige Heer in drei Corps; waͤhrend er selbst mit dem einen den Ueberfall im Innern des Mallierlandes bewerkstelligen und die Feinde stromab treiben wuͤrde, sollte Hephaͤstion, der mit dem zweiten Corps fuͤnf Tage fruͤher ausruͤckte, die Linie des Hyaro- tis besetzen, um die Fliehenden aufzufangen, der Lagide Ptolemaͤus dagegen mit dem dritten Corps drei Tage spaͤter ausruͤcken, um den etwa ruͤckwaͤrts zum Acesines Fluͤchtenden den Weg zu sperren. Die Mallier und Sudraker ihrer Seits, so heißt es, hatten zwar bei der Nachricht von Alexanders Herannahen ihre alten Fehden beigelegt, sich zu gegenseitiger Huͤlfeleistung durch Geißeln ver- pflichtet und ein sehr bedeutendes Heer (uͤber sechzigtausend Mann Fußvolk, zehntausend Reuter, siebenhundert Streitwagen) zusam- mengebracht, waren aber bei der Wahl eines gemeinsamen Anfuͤh- rers (denn sie gehoͤrten zu den Aratten, den Indiern ohne Fuͤrsten), mit einander so uneins geworden, daß sich die Heeresmacht auf- loͤsete und die Kontingente der einzelnen Distrikte sich in ihre fe- sten Staͤdte zerstreuten; eine Angabe, die zwar nicht durch beson- dere Autoritaͤt verbuͤrgt wird, aber durch die Eigenthuͤmlichkeit des Operationsplanes, den Alexander entworfen, einige Bestaͤtigung erhaͤlt Curt. Diod. . Nach anderen Berichten hatten die Mallier und Su- 28 draker die Absicht sich zu verbuͤnden, und wuͤrden dann eine be- deutende Kriegsmacht den Macedoniern entgegen gestellt haben, weshalb eben Alexander seinen Angriff so sehr beeilte, um der Vereinigung der beiden Voͤlker zuvor zu kommen Arrian. VI. 11. 7. . An dem zum Aufbruch bezeichneten Tage (gegen Mitte No- vember) ruͤckte Alexander aus; mit ihm waren die Hypaspisten, die Schuͤtzen und Agrianer, die Phalanx Pithon, die Haͤlfte der Macedonischen Geschwader und die Turanischen Reuter Bogen- schuͤtzen, im Ganzen gegen eilftausend Mann Fußvolk und fuͤnf- tausend Reuter. In kurzer Entfernung vom Acesines begann die Wuͤste; nach einem fuͤnfstuͤndigen Marsche gelangte man zu einem Wasser, dort wurde Halt gemacht, Mittag gehalten, ein wenig geruht, Wasser in die Behaͤlter, wie sie Jeder hatte, geschoͤpft, dann weiter marschirt; den noch uͤbrigen Theil des Tages und die folgende Nacht durch ging es in moͤglichster Eile weiter, am an- deren Morgen sah man, nach einem Marsche von fast acht Mei- len, die Mallische Stadt Agalassa Arrian hat diesen Namen nicht, und bei Curtius, der hier fast woͤrtlich mit Diodor stimmt, ver- birgt ihn die falsche Lesart alia gens (IX. 4. 5.); so verwirrt Beide erzaͤhlen, so laͤßt sich in ihnen doch die Uebereinstimmung mit Arrian noch heraus finden; das superato amne bei Curtius ist vom Acesines zu verstehen, uͤber den Alexander gehen mußte, um von dem Lager, in das er nach der Expedition gegen die Si- bas zuruͤck gekehrt war, auf das Ostufer des Stromes ins Malli- sche Gebiet zu gelangen. Ueber die Mallier cf. Tod Rajastan II. p. 292, 443. Agalassa, acht Meilen von der Station unter der Hydaspesmuͤndung entfernt, trifft genau mit der Lage von Pinde Schaich Moosa, ein und eine halbe Meile vom Hyarotis, zusammen mit ihrer Burg gen Osten liegen. Hierher hatten sich viele Mallier zuruͤck gezogen; sie la- gerten unbewacht und unbewaffnet vor den Mauern der Stadt, die die Menschenmenge nicht faßte; sie waren so vollkommen uͤber- zeugt, daß ein Ueberfall durch die Wuͤste her unmoͤglich sei, daß sie das herannahende Heer fuͤr alles Andere, nur nicht fuͤr Mace- donier hielten. Und schon waren Alexanders Reuter mitten unter ihnen; an Widerstand war nicht zu denken; Tausende wurden niedergehauen, was fliehen konnte, rettete sich in die Stadt, die Alexander sofort von seiner Reuterei einschließen ließ, bis das Fuß- volk nachkaͤme, um den Sturm zu beginnen. Sobald dieses heran war, entsandte der Koͤnig schleunigst den Perdikkas mit zwei Geschwadern und den Agrianern zu einer benachbarten Stadt Dieß koͤnnte etwa Moree unfern des Stromes sein. , in die sich viele Indier gefluͤchtet hatten, mit der Weisung, dieselbe auf das Sorgfaͤltigste zu beobachten, selbst jedoch nichts gegen die Stadt zu unternehmen, bevor das Heer von Agalassa nachruͤckte, damit nicht die Fluͤchtlinge zugleich die Nachricht von der Naͤhe der Macedonier weiter landein verbreiteten. Indeß begann Alex- ander den Sturm; die Indier, die schon bei dem ersten Ueberfall hart mitgenommen waren, verzweifelten die Mauern behaupten zu koͤnnen; von den Thoren und Thuͤrmen zuruͤckfliehend, wurden sie von den nachdringenden Macedoniern groͤßtentheils erschlagen, nur einige Tausend fluͤchteten sich in die Burg und wehrten sich von dort herab mit dem Muthe der Verzweiflung; mehr als ein An- griff der Macedonier wurde zuruͤckgeschlagen, die immer steigende Erbitterung, das Beispiel und der Zuruf Alexanders, die Erschoͤ- pfung der Gegner ließ die Macedonier endlich den Sieg errin- gen, fuͤr dessen Muͤhe sie sich mit einem graͤßlichen Gemetzel unter den Indiern raͤchten; von den Zweitausend, welche die Burg ver- theidigt hatten, entkam keiner Arrian. VI. 6. . Indessen hatte Perdikkas die Stadt, gegen die er gesandt war, bereits von den Einwohnern verlassen gefunden; er beeilte sich den Fliehenden nachzusetzen, er holte sie in der That noch ein, und die sich nicht uͤber den Strom oder in das Sumpfland an dessen Ufer gerettet hatten, wurden erschlagen. Alexander seiner- seits hatte nach Erstuͤrmung der Burg von Agalassa den Seini- gen wenige Stunden Ruhe gegoͤnnt; mit Einbruch der Nacht ließ er, nachdem eine kleine Besatzung in die Burg gelegt war, auf- brechen und dem Hyarotis zu marschiren, um den Malliern der Umgegend die Flucht auf das jenseitige Ufer abzuschneiden. Ge- gen Morgen erreichte er die Furth des Flusses, die meisten der Feinde waren schon hinuͤber gefluͤchtet; die noch zuruͤck geblieben, 28 * wurden niedergehauen; Alexander selbst setzte sogleich durch den Strom, bald waren die fliehenden Schaaren eingeholt, von Neuem begann das Gemetzel; wer entkam, rettete sich in eine nahe liegende Feste, die uͤbrigen ergaben sich dem Sieger. Sobald das Fußvolk nachgekommen war, entsandte der Koͤnig den Pithon mit seiner Phalanx und zweien Geschwadern gegen diese Feste, sie fiel beim ersten Sturm, und die Mallier in ihr wurden zu Kriegsgefangenen gemacht, worauf sich Pithon wieder mit Alexander vereinte. Alexander war indessen gegen eine Brachmanenstadt, in die sich gleichfalls viele Mallier geworfen hatten, vorgeruͤckt und hatte sofort die Mauern umzingelt und sie zu untergraben beginnen las- sen; zugleich von den Geschossen der Macedonier bedeutend mitge- nommen, zogen sich die Indier in die Burg der Stadt zuruͤck; eine Schaar Macedonier war allzu kuͤhn vorgegangen und mit in die Burg hineingedrungen; aber sie vermochte sich nicht gegen die Uebermacht zu halten; fast abgeschnitten, schlug sie sich mit bedeu- tendem Verluste durch. Das steigerte die Erbitterung der Mace- donier, sofort ließ Alexander Sturmleitern heran bringen und die Burgmauern unterminiren; sobald ein Thurm und der daran sto- ßende Theil der Mauer eingestuͤrzt war und eine Bresche zum Stuͤrmen darbot, war Alexander der erste auf den Truͤmmern, ihm nach drangen jubelnd die Macedonier und in kurzer Zeit war die Mauer trotz der tapfersten Gegenwehr von Feinden gesaͤubert; viele von ihnen wurden im Kampfe erschlagen, andere warfen sich in die Gebaͤude, steckten sie in Brand und schleuderten, waͤhrend die Feuersbrunst ungehemmt um sich griff, aus den brennenden Haͤusern Speere und Balken auf die Macedonier, bis sie der Gluth und dem Dampf erlagen. Wenige fielen lebend den Ma- cedoniern in die Haͤnde, gegen fuͤnftausend waren beim Sturm und beim Brande der Burg umgekommen Arrian. VI. 7. . Alexander ließ hier seine, durch die ungeheueren Anstrengun- gen der letzten fuͤnf Tage erschoͤpften Truppen einen Tag ruhen; mit frischen Kraͤften zogen sie dann aus, die anderen Mallischen Staͤdte auf der Suͤdseite des Hyarotis zu erobern; aber uͤberall waren die Einwohner vor ihrer Ankunft bereits entflohen, und Alexander, nicht gesonnen, die einzelnen Haufen aufzusuchen, be- gnuͤgte sich, die Staͤdte zu zerstoͤren. So mehrere Tage; dann folgte wieder ein Ruhetag, damit die Truppen zum Angriff auf die groͤßte Stadt diesseits, in die sich, auf ihre Staͤrke vertrau- end, viele Mallier geworfen haben sollten, frische Kraft sammeln konnten. Um die waldigen Ufer stromaufwaͤrts, im Ruͤcken der fer- neren Bewegungen, den zersprengten Mallier nicht zum Zufluchts- ort und zum Sammelplatz fuͤr eine gefaͤhrliche Diversion werden zu lassen, wurde die Phalanx Pithon, das Geschwader Demetrius und zwei Haufen leichtes Volk an den Strom zuruͤckgesandt, mit dem Auftrage, die Indier dort in den Waͤldern und Suͤmpfen aufzusuchen, und alle, die sich nicht freiwillig ergaͤben, niederzu- hauen. Mit den uͤbrigen Truppen zog Alexander selbst, in der Erwartung eines hartnaͤckigen Kampfes, auf die oben bezeichnete Stadt los; aber so groß war der allgemeine Schrecken, den die Macedonischen Waffen verbreitet hatten, daß die Indier in der großen Stadt, an der Moͤglichkeit, sie zu behaupten, verzweifelnd, sie Preis gaben, sich uͤber den nahen Strom zuruͤck zogen und dessen hohe Nordufer besetzten, in der Hoffnung, von dieser allerdings guͤnstigen Position aus den Uebergang der Macedonier hindern zu koͤnnen. Sobald Alexander davon unterrichtet war, brach er schleunigst mit der gesammten Reuterei auf, und befahl dem Fußvolk ohne Verzug nachzuruͤcken. Angekommen an dem Strom, ließ er, unbekuͤmmert um die jenseits aufgestellte Linie der Feinde, sofort den Uebergang beginnen, und die Indier, durch die Kuͤhnheit dieses Mandvers in Schrecken gesetzt, zogen sich, ohne den ungleichen Kampf zu versuchen, in geschlossener Linie zuruͤck; aber sobald sie bemerkten, daß ihnen nicht mehr als vier bis fuͤnf- tausend Mann Reuter gegenuͤber waren, wandte sich ihre ganze Linie, wohl funfzigtausend Mann stark, gegen Alexander und dessen Reutercolonne, und versuchte sie vom Ufer, das sie bereits be- setzt hatten, hinab zu draͤngen. Mit Muͤhe und nur durch eine Reihe kuͤnstlicher Bewegungen, durch welche jedem Handgemenge ausgewichen wurde, behaupteten sich die Reuter auf diesem schwie- rigen Terrain, bis nach und nach einige Schaaren leichtes Volk und namentlich die Schuͤtzen nachgekommen waren, und man jen- seits auch schon das schwere Fußvolk dem Ufer nahen sah. Jetzt begann Alexander zum Kampf vorzuruͤcken, aber die Indier wag- ten nicht den Angriff zu erwarten; sie wandten sich zur Flucht in eine benachbarte, stark befestigte Stadt; die Macedonier verfolgten sie lebhaft, toͤdteten viele auf der Flucht und machten nicht eher, als unter den Mauern der Stadt, Halt Arrian. Die Lage dieser Stadt ist nicht mehr nachzuwei- sen; moͤglich jedoch ist, daß sie etwa da, wo auf Macartney’s Karte Sumpur verzeichnet ist, lag, und daß der Stromuͤbergang Alex- anders von der Stadt Ima gen Sumpur fuͤhrte; wenigstens fuͤh- ren darauf die auf Macartney’s Karte verzeichneten Wege, und es stimmt ziemlich damit, daß Alexanders Jacht (s. u.) mit der Stroͤ- mung in vier Tagen bis zum Lager an der Muͤndung des Hyaro- tis hinabfuhr. . Alexander ließ sofort die Stadt von der Reuterei umzingeln; doch wurde es spaͤter Abend, ehe das Fußvolk heran kam, zugleich waren Alle, die Reuterei von dem Flußuͤbergange und der hefti- gen Verfolgung, das Fußvolk von dem weiten und schweren Mar- sche, so erschoͤpft, daß fuͤr diesen Tag nichts weiter unternommen werden konnte; so wurde das Lager rings um die Stadt her auf- geschlagen. Aber mit dem ersten Morgen begann Alexander mit der einen, Perdikkas mit der zweiten Haͤlfte des Heeres von allen Seiten das Stuͤrmen gegen die Mauern; die Indier vermochten nicht sie zu behaupten, sie zogen sich von allen Seiten auf die stark befestigte Burg zuruͤck. Alexander ließ auf seiner Seite ein Thor der Stadtmauer erbrechen, und drang an der Spitze seiner Leute, ohne Widerstand zu finden, in die Stadt und durch die Straßen zur Burg; sie war mit starken Mauern versehen, die Thuͤrme wohlbemannt, die Belagerungsarbeit unter den Geschossen der Feinde gefaͤhrlich. Dennoch begannen die Macedonier sofort zu untergraben, andere brachten ein Paar Sturmleitern heran und versuchten sie anzulegen; aber der ununterbrochene Pfeilregen von den Thuͤrmen machte selbst die Muthigsten stutzen. Da ergriff Alexander eine Leiter; in der Linken den Schild, in der Rechten sein Schwert, stieg er empor, ihm nach Peucestas und Leonnatus auf derselben, ein alter Kriegshauptmann Abreas auf einer zweiten Leiter. Und schon ist der Koͤnig bis an die Zinne; den Schild vor sich aufgestuͤtzt, zugleich kaͤmpfend und sich wehrend, stuͤrzt er die Indier, die auf ihn hinabschlagen, ruͤcklings von der Mauer hinab, und braucht sein kurzes Schwert gegen ihre Fuͤße; endlich ist die Stelle vor ihm einen Augenblick frei, er schwingt sich auf die Zinne, ihm folgt Perdikkas, Leonnatus, Abreas, schon dringen die Hypaspisten mit lautem Geschrei auf den Leitern nach, uͤberfuͤllt brechen diese zusammen, und der Koͤnig auf der Zinne ist abge- schnitten. In seiner glaͤnzenden Ruͤstung und seinem Helmbusch erkennen ihn die Indier; zu nahen wagt ihm Niemand, aber Pfeile, Speere, Steine werden aus den Thuͤrmen herab, aus der Burg herauf gegen ihn geschleudert; seine Getreuen rufen ihm zu, zuruͤck zu springen und seines Lebens zu schonen; er aber mißt mit einem Blick die Mauerhoͤhe zur Burg hinein, und schon ist der kuͤhne Sprung gethan, er steht allein innerhalb der feindlichen Mauer; mit dem Ruͤcken an sie gelehnt erwartet er die Feinde. Schon wagen sie zu nahen, schon dringt ihr Fuͤhrer auf ihn los, mit einen Schwertstoß durchbohrt ihn Alexander, einen Zweiten zerschmettert er durch einen Steinwurf, ein Dritter, ein Vierter sinkt unter des Koͤnigs Schwert; die Indier weichen zuruͤck, sie beginnen von allen Seiten her mit ihren Pfeilen auf ihn zu zielen; noch schuͤtzt ihn sein Schild, dann ermuͤdet sein Arm; aber jetzt treten Peucestas, Leonnatus, Abreas an seine Seite, und schon sinkt dieser von einem Pfeile durchbohrt nieder; jauchzend sehen das die Indier, mit doppeltem Eifer schießen sie; ein Pfeil trifft des Koͤnigs Brust, der Panzer ist durchbohrt, ein Blutstrahl spruͤht hervor, mit ihm der Athem der Lunge; Alexander merkt es in der Wuth des Kampfes nicht, er will noch kaͤmpfen; da beginnt das Blut zu stocken, zu erkalten, die Knie schwanken, der Athem roͤchelt, das Auge bricht, er sinkt nieder auf seinen Schild. Wilder dringen die Indier vor, Peucestas deckt den Gefallenen mit dem heiligen Schilde von Ilion, Leonnatus beschirmt ihn von der anderen Seite; und schon trifft sie Pfeil auf Pfeil, sie halten sich kaum noch aufrecht, der Koͤnig verblutet. Indeß ist vor den Mauern die wildeste Bewegung; die Macedo- nier haben ihren Koͤnig in die Stadt hinab springen sehen; es ist nicht moͤglich, daß er sich rettet, und sie vermoͤgen ihm nicht zu folgen; man will Sturmleitern, Maschinen, Baͤume anlegen, Alles verzoͤgert, jeder Augenblick Saͤumniß kann sein Tod sein; sie muͤs- sen ihm nach; die Einen treiben Pfloͤcke in die Mauer und klim- men empor, Andere steigen auf den Schultern der Kameraden zu den Zinnen hinan; da sehen sie den Koͤnig am Boden, Feinde dicht umher, schon sinkt Peucestas, vor Wuth und Jammer schrei- end stuͤrzen sie sich hinab; sie schaaren sich schnell um den Gefal- lenen, dicht verschildet ruͤcken sie vor und draͤngen die Barbaren hinweg; andere werfen sich auf das Thor, reißen es auf, heben die Thorfluͤgel aus den Angeln, und mit wildem Geschrei stuͤrzen die Kolonnen hinein in die Burg. Nun geht es mit doppelter Macht auf den Feind, sie schlagen Alles todt, Weiber, Kinder werden durchbohrt, das Blut soll ihre Rache kuͤhlen. Andere tra- gen den Koͤnig auf seinem Schilde hinaus; noch ist der Pfeil in seiner Brust; man versucht ihn hinaus zu ziehen, ein Widerhaken haͤlt ihn zuruͤck; der Schmerz laͤßt den Koͤnig aus seiner Ohn- macht erwachen; seufzend bittet er, den Pfeil aus der Wunde zu loͤsen, die Wunde mit seinem Schwert zu erweitern. So ge- schieht es, reichlich rieselt das Blut hervor, eine neue Ohnmacht uͤberfaͤllt ihn; Leben und Tod scheint uͤber ihn ringen; weinend stehen die Freunde um sein Bett, die Macedonier vor dem Zelt; so vergeht der Abend und die Nacht Arrian hat VI. II. die von der obigen Darstellung (nach Ptolemaͤus) abweichenden Angaben kritisch untersucht, so daß uͤber deren Irrthuͤmlichkeit kein Zweifel sein kann. Besonders tadelt er die Angabe, daß der Vorfall im Lande der Oxydraker geschehen sei, wie Curtius IX. 4. 26., Lucian Dial. mort. XIV. 14, Appian. civ. Il. 102, Paus. I. 6., Andere bei Freinsheim ad Curtium IX. 1. c. berichten. Eine zweite Abweichung findet bei den Namen de- rer Statt, die mit dem Koͤnige in der Burg waren; Plutarch 63. nennt Peucestas und Limnaͤus, Curtius IX. s. 15. Peuccstas, Ti- maͤus, Leonnatus, Aristonus; Timagenes und Klitarch (nach Cur- tius) und nach ihnen Paus. l. c., Steph. Byz. v. Οξύδρακαι fuͤg- ten den Lagiden Ptolemaͤus binzu, der wenigstens zehn Meilen ent- fernt stand. Peucestas galt allgemein im Alterthum fuͤr Alexan- ders Retter ( Alexandri Magni servator Plin. XXXIV. 8.). Viele . Indeß waren Geruͤchte von diesem Kampf, von der Wunde, vom Tode Alexanders sehr bald in das Lager an der Hyarotis- muͤndung gekommen, und hatten dort eine Bewegung hervor ge- bracht, die nicht leicht zu beschreiben ist; von Mund zu Mund ging die Kunde, und in kurzer Zeit fuͤllte lautes Jammern und Weinen das Lager; dann wurde es stiller, man begann zu fragen, was nun werden sollte, Besorgniß, Muthlosigkeit, das furchtbarere Schweigen der Verzweiflung nahm Ueberhand; wer sollte des Heeres Fuͤhrer werden? wie sollte das Heer in die Heimath zu- ruͤck kehren? wie die endlosen Laͤnderstrecken, die furchtbaren Stroͤ- me, die oͤden Gebirge, die Wuͤsteneien hindurch Weg und Rath finden? wie sich vertheidigen vor allen den streitbaren Voͤlkern, die ihre Freiheit zu vertheidigen, ihre Unabhaͤngigkeit wieder zu erkaͤmpfen, ihre Rache an den Macedoniern zu stillen, nicht laͤnger zoͤgern wuͤrden, da Alexander nicht mehr zu fuͤrchten war? Und als die Nachricht kam, noch lebe der Koͤnig, so glaubte man es kaum, so verzweifelte man, daß er dem Tode entrinnen wuͤrde: und als Briefe von dem Koͤnige selbst kamen, daß er in der Ge- nesung sei, daß er in Kurzem in das Lager zuruͤck kehren werde, so meinte das Heer in seiner hoffnungslosen Bekuͤmmerniß, der Brief sei von des Koͤnigs Feldherren erdichtet, um die Gemuͤther nannten außer Alexanders Brustwunde auch noch einen Keulen- schlag gegen den Hals. Der Pfeil selbst wurde entweder durch Perdikkas oder durch den Asklepiaden Kritobulus von Kos (Krito- demus bei Arrian), den beruͤhmten Arzt des Koͤnigs Philipp, der diesem den Pfeil von Methone aus dem Auge geloͤst hatte, heraus- gezogen, Plinius VII. 37. Das Herausloͤsen des Pfeils erzaͤhlt Plutarch de fort. Alex. II. fin. etwas anders: den Pfeil aus dem Brustbeine heraus zu ziehen, vermochte man nicht; das Rohr ab- zusaͤgen wollte man nicht wagen, aus Furcht, der Knochen moͤchte splittern; da Alexander die Bestuͤrzung der Umgebung sah, sing er selbst an, das Rohr an der Oberflaͤche des Harnisches mit dem Dolche wegzuschneiden, aber die Hand erstarrte und sank herab, er befahl daher, unerschrocken anzugreifen; er schalt die Umstehenden wegen ihres Weinens und Mitleidens, er schalt sie Verraͤther, da sie ihm ihre Huͤlfe versagten u. s. w. zu beruhigen, in Wahrheit aber der Koͤnig todt und sie ohne Rath und Rettung. Indeß war Alexander wirklich vom Tode gerettet und nach sieben Tagen seine Wunde, wennschon noch offen, doch ohne wei- tere Gefahr; die Nachrichten aus dem Lager und die Besorgniß, es moͤchte bei den Truppen der Glaube, er sei todt, Unordnungen erzeugen, veranlaßten ihn, seine voͤllige Herstellung nicht abzuwar- ten, sondern schon jetzt zum Heere zuruͤck zu kehren. Er ließ sich zum Hyarotis hinab und auf eine Jacht tragen, auf der ein Zelt fuͤr sein Krankenlager errichtet war; ohne Ruderschlag, um die Erschuͤtterung zu meiden, nur von der Stroͤmung getragen, nahte die Jacht erst am vierten Tage dem Lager. Die Kunde, Alexan- der komme, war voraus geeilt, Wenige glaubten sie; sie mein- ten, des Koͤnigs Leichnam werde daher gebracht. Und schon sah man zwischen der Uferwaldung die Jacht mit dem Purpurzelte den Strom herab kommen; mit aͤngstlicher Spannung standen die Tausende laͤngs dem Ufer. Da gebot Alexander, das Zelt aufzu- schlagen, damit ihn Alle saͤhen; er breitete die Arme den Seini- gen entgegen; da erscholl unendlicher Jubelruf von den getreuen Kriegern, sie streckten die Haͤnde gen Himmel empor oder ihrem Koͤnige entgegen, und Freudenthraͤnen mischten sich in den wieder- holten Jubelruf. Dann legte die Jacht an, und die Hypaspisten trugen des Koͤnigs Lager aus Ufer; er aber ließ sich ein Pferd bringen, um durch die Reihen der Seinigen dahin zu reiten; als diese ihn wieder hoch zu Roß in ihrer Mitte sahen, da jauchzten und jubelten sie von Neuem, und es wiederhallten die Ufer druͤben und die Waldungen umher. So nahte er dem Zelte, das fuͤr ihn bereitet war und stieg vom Pferde, um die kurze Strecke bis hinein zu gehen; es draͤngten sich die Macedonier von allen Sei- ten heran, ihn von Nahem zu sehen, seine Hand, sein Knie, sein Kleid zu beruͤhren, ihm ein herzliches Willkommen zuzurufen, ihm Baͤnder und Blumen zuzuwerfen. Und die Freunde an sei- ner Seite, vor Allen Hephaͤstion, Kraterus und der Lagide Ptole- maͤus sprachen herzlich mit ihm und schalten ihn, daß er sich so der Gefahr ausgesetzt: das sei des Soldaten, nicht des Feldherrn Sache. Der Koͤnig aber freute sich mehr uͤber eines Boͤotischen Kriegsmannes Rede, der ihm aus der Menge den Aeschyleischen Vers zurief: o Alexander, dem Mann die That, doch folgt der That ihr Leid! — Arrian. VI. 13. Aeschyl. apd. Stob. ecl. Phys. I. 4. p. 118. . Was man auch uͤber die Verwegenheit Alexanders sagen mag, jedenfalls hatte die schnelle Eroberung der Mallischen Haupt- feste den maͤchtigsten Eindruck auf saͤmmtliche Voͤlkerschaften dieser Gegenden gemacht. Die Mallier selbst, obschon noch ein Theil ihres Gebietes von den Macedoniern nicht beruͤhrt war, verzwei- felten, laͤngeren Widerstand zu leisten; in einer demuͤthigen Ge- sandtschaft ergaben sie sich und ihr Land dem großen Koͤnige. Die Oxydraker oder Sudraker Wir haben keinen Anstand genommen, mit Lassen p. 27. die Oxydraker, oder, wie sie von anderen Autoren genannt werden, Sudraker, Hydraker, in dem Namen der vierten Indischen Kaste der Sudris (Adjekt. und Diminut. S û draka) wieder zu erkennen, welche im uͤbrigen Indien die Masse des Volkes bilden, und, ohne uͤbrigens verachtet oder im Druck zu leben, von den hoͤheren Ka- sten, besonders in religioͤser Hinsicht, nachgesetzt werden, indem ih- nen das Lesen und Anhoͤren der Vedas verboten ist. Wie man sich auch das Entstehen der Kasten oder Farben in Indien vorstel- len mag, jedenfalls sind diese an dem Indus wohnenden Voͤlker nicht kastenhaft constituirt, sondern ein Nebeneinander von Staͤm- men, wie sie im uͤbrigen Indien sich nach und nach subordinirten; und jener Siegeszug des Gottes, den die Sudraker Dionysos nann- ten, moͤchte mit Bestimmtheit auf eine Erinnerung der Indischen Geschichte zuruͤck zu fuͤhren sein. cf Bohlen das alte Indien p 140 sq. , die mit den Malliern als die tapfersten Voͤlker Indiens beruͤhmt waren, und uͤber eine bedeutende Streit- macht zu verfuͤgen hatten, zogen es vor, sich zu unterwerfen; eine große Gesandtschaft, bestehend aus den Befehlshabern der Staͤdte, den Herren der Landschaft und einhundert und funfzig der Vor- nehmen des Landes, kamen mit reichen Geschenken zu Alexander, zu Allem, was er fordern wuͤrde, bevollmaͤchtigt; sie sagten, daß sie nicht schon eher vor dem Koͤnige erschienen, sei ihnen zu verzei- hen, da sie mehr noch als irgend ein anderes Volk Indiens ihre Freiheit liebten, die sie seit undenklichen Zeiten, seit dem Zuge des Gottes, den die Griechen Dionysos nennen, bewahrt haͤtten; dem Alexander aber, denn er solle ja von den Goͤttern stammen, und seine Thaten seien Beweis dafuͤr, unterwuͤrfen sie sich gern, und seien bereit, einen Satrapen, den er setzen wuͤrde, aufzunehmen, Tribut zu zahlen und Geißeln zu stellen, so viel der Koͤnig ver- langen wuͤrde. Er verlangte tausend der Edelsten des Volks, und stellte ihnen anheim, ab sie ihn als Geißeln oder als Kampf- genossen bis zur Unterwerfung der noch uͤbrigen Landschaften In- diens begleiten wollten. Die Sudraker stellten die tausend Ed- len, außerdem sandten sie freiwillig fuͤnfhundert Kriegswagen mit vollstaͤndiger Bemannung, worauf Alexander die Tausend huldreich entließ, die Kriegswagen aber seinem Heere zufuͤgte; ihr Gebiet nebst dem der Mallier wurde zu der Satrapie Indien unter Phi- lipp geschlagen. — Nachdem Alexander vollkommen hergestellt war, und den Goͤttern in feierlichen Opfern und Kampfspielen fuͤr seine Gene- sung gedankt hatte, brach er aus seinem Lager an der Hyarotis- muͤndung auf; waͤhrend des Aufenthaltes an dieser Stelle waren viele neue Schiffe gebaut worden, so daß jetzt bedeutend mehr Truppen als bisher mit dem Koͤnige stromab fahren konnten, es waren mit ihm zehntausend Mann vom Fußvolk, von den Leicht- bewaffneten die Schuͤtzen und Agrianer und tausend siebenhundert Mann Macedonische Ritterschaft. So segelte der Koͤnig aus dem Hyarotis in den Acesines hinab, durch das befreundete Land der Sudraker, an der Hyphasismuͤndung voruͤber bis zur Verei- nigung des maͤchtigen Punjund mit dem Indus. Nur die Aba- sthanas hatte Perdikkas im Voruͤberziehen zur Unterwerfung zwin- gen muͤssen; die anderen Voͤlkerschaften von nah und fern schick- ten Gesandtschaften mit reichen und kostbaren Geschenken, feinen Webereien, Edelsteinen und Perlen, bunten Schlangenhaͤuten, Schildkroͤtenschaalen, gezaͤhmten Loͤwen und Tigern; auch neue Schiffe in bedeutender Zahl, die Alexander im Lande der Xa- thras hatte bauen lassen, kamen den Strom herab Arrian VI. 15. Die Lage dieser Voͤlker nachzuweisen ist um so schwieriger, da Diodor und Curtius Alles verwirren, und in den Indischen Berichten Arrians andere Verwirrungen durch die oft falschen Augaben uͤber die verschiedenen Strommuͤndungen . Hier, wo der Indus den großen oͤstlichen Nebenarm, in den sich alle Stroͤme des Panschab ergießen, aufnimmt, und wo fuͤr den Verkehr zwischen dem Innern des Landes und der Indusmuͤn- dung sich der natuͤrliche Mittelpunkt bildet, beschloß Alexander eine Hellenische Stadt zu gruͤnden, die eben so wichtig fuͤr die Behauptung des Landes, wie durch den Indushandel bedeutend und bluͤhend werden mußte Daß diese Stadt das von Steph. Byz. bezeichnete sechste Alexandrien ist, scheint ziemlich gewiß. Wie gluͤcklich sie fuͤr ; sie sollte der suͤdlichste Punkt in der Indischen Satrapie des Philipp sein, der hier mit einer ansehnlichen Heeresmacht, bestehend aus den saͤmmtlichen Thraci- schen Truppen und einer verhaͤltnißmaͤßigen Zahl Schwerbewaffne- ten ans den Phalangen zuruͤckblieb, mit dem Auftrage, namentlich fuͤr den sicheren Handel in dieser Gegend die moͤglichste Sorge zu tragen, einen geraͤumigen Hafen im Indus, Schiffswerfte und Magazine anzulegen, und auf alle Weise das Aufbluͤhen dieses Alexandriens zu befoͤrdern. Es mochte im Februar des Jahres 325 sein, daß das Ma- cedonische Heer von Alexandria zu den Laͤndern des unteren In- dus aufbrach; der groͤßere Theil desselben nebst den Elephanten war unter Kraterus auf das oͤstliche Ufer des Stromes hinuͤber- gesetzt, wo die Wege besser und die anwohnenden Voͤlker noch nicht alle zur Unterwerfung geneigt waren. Der Koͤnig selbst fuhr mit den oben genannten Truppen den Strom hinab. Heer und Flotte kam ohne Hinderniß in das Land der Sogdier, und entstehen gewiß scheint nur das Eine, daß der Oxydraker oder Sudraker sehr ausgedehntes Gebiet nicht weit suͤdwaͤrts von der Hyarotismuͤndung, an der Mallischen Grenze begann, und uͤber die Grenze des heutigen Multan hinaus bis zur Vereinigung des Acesines und Hyphasis hinabreichte; die Xathras (Sodras bei Di- odor XVII. 102., Sabracas Curtius IX. 84.), offenbar der Name der Kschatras, die aus Vermischung der Kschatrijas (Kriegerkaste) und der Sudras entstehen, muͤssen eine waldreiche Ufergegend be- wohnt haben; es duͤrfte wohl eher die des unteren Hyphasis, heute Gharrafluß, als die des Indus gewesen sein. Die Abasthanas (Sambastae bei Diodor) und ihre Wohnsitze sind durch nichts be- zeichnet. machte bei deren Hauptstadt Vincent p. 119 sq. nnd Pottinger p. 382. finden, gewiß mit Recht, die Lage dieser Stadt in dem heutigen Bhukor wieder; den Namen Alexandrien fuͤhrte sie nach dem ausdruͤcklichen Zeug- niß des Curtius IX. 8. 8. und nach Steph. Byz., der sie nach dem Namen des umwohnenden Volkes bezeichnet. Die zehntausend Mann, die hier zuruͤck blieben, giebt Diodor an. Pithon oder Peithon, nicht Python scheint der Name des Satrapen, der sowohl von Pithon, Krateas Sohn aus Eordaͤa, als auch von Python von Catana oder Byzanz (Athenäus), dem angeblichen Dichter des Satyrspiels Agen, zu unterscheiden ist. Halt; sie wurde unter dem Namen des Sogdischen Alexandrien zu einer Hellenischen Kolonie gemacht, bedeutend befestigt, mit Hafen und Schiffswerften verse- hen und dem Satrapen des unteren Indus, dessen Gebiet sich von der Punjundmuͤndung bis zum Meere erstrecken sollte, als Residenz angewiesen, Pithon aber mit einem Heere von zehntau- send Mann zum Satrapen bestellt „Pithon und Oxyartes“ sagt Arrian. Naͤheres daruͤber unten Note 112 c . — Die Sogdi haͤlt Tod I. p. 92. fuͤr Soda’s, die zu den Pramara’s gehoͤren. . Die Stelle des Sogdischen Alexandrien ist fuͤr den unteren Lauf des Indus eine der wichtigsten; hier beginnt sich der Cha- rakter des Stromes, der Landschaft, der Bevoͤlkerung entschieden zu aͤndern. Die Wuͤsten, die oberhalb noch an die beiden Ufer herantreten, weichen zuruͤck, der Indus theilt sich in mehrere Ar- me, fruchtreiches, dichtbevoͤlkertes Marschland dehnt sich laͤngs den Ufern aus, bald wird die Naͤhe Oceanischer Einfluͤsse merkbar. Hierzu kommt ein zweites, nicht minder merkwuͤrdiges Verhaͤltniß; den Handel gelegen war, hat Vincent p. 136. ausfuͤhrlicher ge- zeigt. Es darf nicht auffallen, daß ihrer in spaͤterer Zeit nicht mehr erwaͤhnt wird. Die Berichte aus der Zeit des Baktrianischen, des Indoscythischen Reiches sind zu aͤrmlich, als daß man dasjenige, was sie nicht nennen, fuͤr nicht mehr vorhanden halten muͤßte. Daß Alexander die Wuͤstenstrecke gen Osten nicht unberuͤcksichtigt ließ, scheinen die Traditionen jener Gegend zu bestaͤtigen. Unter den Johyas hat sich das Andenken an Secander Rumi erhalten, und die Ruinen von Rung-mahl bei Dandusir sollen die Haupt- stadt eines Fuͤrsten gewesen und von Alexander zerstoͤrt worden sein. Asiatic Journal. 1832. Mai p. 60. Tod II. p. 214. waͤhrend sich ostwaͤrts ein einfoͤrmiges, unabsehbares Flachland ausdehnt, sieht man uͤber der Ebene im Westen einen maͤchtigen Gebirgswall emporsteigen, der die Landschaft schließend suͤdwaͤrts sich immer naͤher an den Strom heranzieht; der große Neben- arm, den bald unter Alexandria der Indus gen Westen sendet, bespuͤlt den Fuß dieses Gebirges, und kehrt dann in langsamer Windung zum Hauptbette zuruͤck; uͤberall ist das Land wie ein Garten, Weinberge schmuͤcken die Hoͤhen, der Weihrauch des Ara- bischen Trockenklimas, die Blumenflur feuchtwarmer Tropengegend, der Mais der sumpfigen Ufergegenden gedeiht hier neben einan- der; Staͤdte und Flecken in zahlloser Menge schmuͤcken das Land, auf den Flußarmen ist steter Verkehr, und die Bevoͤlkerung suͤd- laͤndisch, dunkelfarbig, unter fuͤrstlichem Regiment, unterscheidet sich sehr von den Voͤlkern der oberen Induslaͤnder; hier hat die Kaste der Braminen hohen Rang und entscheidenden Einfluß auf das oͤffentliche Leben, und die Handlungsweise der Fuͤrsten wird eben so sehr durch religioͤse Vorurtheile wie von Argwohn und kleinli- cher Selbstsucht bestimmt; eine Charakteristik, die im Laufe der Jahrhunderte, bei allem Wechsel der Herrschaft, der Religion, ja der Natur selbst, sich gleich geblieben ist. Diese Eigenthuͤmlichkeiten des Landes und der Bevoͤlkerung machten sich im Verhaͤltniß zu Alexander sofort geltend. Die Unterwerfung der Mallier hatte allen Widerstand der naͤchstwoh- nenden Voͤlker aufhoͤren lassen, und im ununterbrochenen Sieges- zuge war das Heer bis in das Land der Sogdier gekommen. Hier aber wartete der Koͤnig auf freiwillige Unterwerfung der weiteren Voͤlkerschaften vergebens; weder die Fuͤrsten selbst, noch Gesandtschaften der Fuͤrsten kamen, dem Herrn des Induslandes zu huldigen; den maͤchtigen Fremdling zu verachten, mochten sie die Einfluͤsterungen der hochmuͤthigen Braminen oder das Ver- trauen auf ihre eigene Macht verfuͤhrt haben. Nur der Fuͤrst Sambus So Arrian VI. 16. 4. Dagegen nennt Curtius IX. 8. 17., Diodor XVII. 102. und Strabo XV. p. 274. ihn Sabos, Plutarch aber 64. Sabbas, Justin XII. 10. Ambigerus, Orosius I. 19. gar Ambiras. hatte sich freiwillig unterworfen; abhaͤngig von dem maͤchtigeren Musikanus, mochte er dem fremden Herrscher lieber, als dem Nachbarfuͤrsten dienstbar sein wollen, und Alexander hatte ihn als Satrapen in seinem Berglande bestaͤtigt Die Lage seines Fuͤrstenthums der Bergindier hat Vin- cent p. 130 sqq. in der Gegend von Sebee, fast vierzig Meilen nordwestlich von Bhukor oder Alexandrien angesetzt; dafuͤr ist nichts als die truͤgerische Namensaͤhnlichkeit, dagegen die Entfer- nung, die nicht Indische Bevoͤlkerung von Seweestan, das offen- bare Zeugniß Strabos, welcher sagt, das Land grenze an Pattalene. Demnach hat Pottinger wohl Recht, wenn er die Berge, in denen das Gebiet des Sambus lag, fuͤr die Jungarberge im Suͤden des Indusarmes von Larkhanu, und die Hauptstadt fuͤr Sehwan am Indus haͤlt ( Pottinger p. 539. Uebers.). Colonel Tod ( II. p. 220.) fuͤhrt den Namen des Fuͤrsten nach seiner Art auf die Dynastie Sind-Sama zuruͤck. , oder, was richtiger sein duͤrfte, in dem gleichen Verhaͤltniß, wie die tributaͤ- ren Fuͤrsten der Satrapie Oberindien, ihm seine Herrschaft gelassen. Die unabhaͤngige Stellung, welche Musikanus und die uͤbri- gen Fuͤrsten des Landes behaupten zu wollen schienen, noͤthigten den Koͤnig, noch einmal die Gewalt der Waffen zu versuchen. Von Alexandrien aus fuhr er moͤglichst schnell stromabwaͤrts in jenen Indusarm hinein, der gegen die Berge hin und zu der Re- sidenz des Musikanus fuͤhrt; er erreichte dessen Grenzen, bevor der Fuͤrst einen Ueberfall ahnen mochte; durch die Naͤhe der Ge- fahr geschreckt, suchte er seinen hochmuͤthigen Trotz durch schnelle und niedrige Unterwuͤrfigkeit vergessen zu machen; in Person kam er dem Koͤnige entgegen, er brachte viele und koͤstliche Geschenke, unter diesen seine saͤmmtlichen Elephanten, er unterwarf sich und sein Land der Gnade des Koͤnigs, er gestand ein, großes Unrecht gethan zu haben, das gewisseste Mittel, Alexanders Großmuth fuͤr sich zu gewinnen. Er erhielt vollkommene Verzeihung; sein Land blieb ihm unter Macedonischer Hoheit; Alexander bewunderte die treffliche Natur dieses Landstriches; die Residenz des Fuͤrsten, guͤn- stig zur Behauptung des ganzen Landes gelegen, erhielt eine Burg, die unter den Augen des Koͤnigs gebaut und mit einer Macedo- nischen Besatzung versehen wurde Arrian VI. 15. Der Name des Fuͤr- sten . Von Von hier brach Alexander mit den Schuͤtzen, den Agrianern und der Ritterschaft gegen das Land der Praͤstier und gegen den Fuͤrsten Oxykanus, oder, wie ihn Andere nennen, Portikanus auf Oxykanus hat Ar- rian, Portikanus Strabo, Diodor und Curtius; das Fuͤrstenthum muß den Suͤdwesten von Tschanduki umfaßt und bis zu den Jungar- Bergen suͤdwaͤrts gereicht haben. ; nicht geneigt sich zu unterwerfen, hatte sich dieser mit bedeutender Streitmacht in seiner Hauptstadt eingeschlossen. Alex- ander nahte, schon war eine der ersten Staͤdte des Fuͤrstenthums ohne Muͤhe erobert worden, aber der Fuͤrst, nicht durch das Bei- spiel des Musikanus geblendet, erwartete den Feind hinter den Mauern seiner Residenz. Alexander kam, begann die Belagerung, am dritten Tage war er so weit gediehen, daß sich der Fuͤrst in die Burg der Stadt zuruͤck zog und Unterhandlungen anknuͤpfen wollte; es war zu spaͤt, schon war die Mauer der Burg durch eine Bresche geoͤffnet, die Macedonier drangen ein, die Indier im Kampf der Verzweiflung wurden uͤberwaͤltigt, der Fuͤrst erschlagen. Nach dem Falle der Hauptstadt und des Fuͤrsten war es leicht, die uͤbrigen zahlreichen Staͤdte dieses schoͤnen Landes zu unterwer- fen; Alexander gab sie der Pluͤnderung Preis; er hoffte, durch das Schicksal der Praͤstier die Voͤlker zu schrecken, und sie endlich die Unterwerfung, die er erzwingen konnte, freiwillig darbringen zu sehen Arrian. VI. 16., Curtius . sten Musikanus ist zugleich der des Landes; Pottinger p. 382. (Deutsche Uebers. p. 538.) glaubt, er sei aus den beiden Landes- namen Mou und Sehwan entstanden; die Formation waͤre son- derbar. Wenn der Name Mou wirklich die Landschaft bezeichnet, wie Abulfida (bei Anville Eclaircissemens p. 39.) behauptete, so moͤchte die Endung Kanus in dem Namen der Hauptstadt Lar- Khanu wieder zu finden und der Name Assakanus zu vergleichen sein. Weniger passend scheint es, mit Ritter (Asien II. p. 1095.) die- sen und aͤhnliche Namen auf die Endung Khan zuruͤck zu fuͤhren. Die Erklaͤrung Tod’s ( II. p. 394.) Mookh-Sehwan, d. h. the chief of Sehwan, stimmt mit der Geographie nicht uͤberein. Aus Alexanders Operationen sieht man, daß des Fuͤrsten Reich einen Theil der Strominsel Tschanduki umfaßte und sich auch uͤber das Ostufer des Hauptstromes ausdehnte. 29 Aber schon waren neue Bewegungen an einem Punkte, wo man sie nicht vermuthet haͤtte, ausgebrochen. Der Fuͤrst Sam- bus hatte mit Schrecken gesehen, daß Musikanus nicht bloß unge- straft geblieben, sondern in hohe Gunst bei dem Koͤnige gekommen sei; er glaubte fuͤrchten zu muͤssen, daß er jetzt die Strafe fuͤr seinen Abfall leiden werde; die Braminen seines Hofes, ohne an- deres Interesse, als das des Hasses gegen den siegenden Fremdling, saͤumten nicht, seine Angst zu naͤhren, und ihn endlich zu dem verkehrtesten Schritt, den er thun konnte, zu bewegen; er floh uͤber den Indus in die Wuͤste, und ließ in seinem Lande Verwir- rung und Aufruhr zuruͤck. Alexander eilte dorthin; die Haupt- stadt Sindomana So heißt sie bei Arrian, bei Strabo Sindo- nalia oder Sindolia. Die Lage ist unbekannt. Tod ( I. p. 218.) haͤlt die Indoscythische Stadt Minagara fuͤr Saminagara, d. i. Sambus Residenz (Nagara). oͤffnete die Thore, und unterwarf sich der Gnade Alexanders um so lieber, da sie nicht Theil an dem Abfall hatte; die Elephanten und Schaͤtze des Fuͤrsten wurden ausgelie- fert, die anderen Staͤdte des Landes folgten dem Beispiel der Re- sidenz; nur eine, in welche sich die Braminen, die den Abfall veranlaßt, gefluͤchtet hatten, wagte Widerstand zu leisten; wohlbe- festigt, wie sie war, schaffte sie den Macedoniern Muͤhe; endlich machte, so heißt es, ein Minengang, der bis in die Stadt hin- eingegraben wurde, und die Macedonier ploͤtzlich auf dem Marktplatze der Feste erscheinen ließ, alle Rettung unmoͤglich; ein furcht- bares Gemetzel machte dem Aufstande ein Ende, die Braminen buͤßten ihre Schuld am Kreuze Die Angaben sind aus Ar- rian, nur die Art der Eroberung nach Curtius IX. 8. 13. darge- stellt; was er ein wenig spaͤter von derselben Braminenstadt er- zaͤhlt, gehoͤrt einer demnaͤchst folgenden Unternehmung an. Nach Plutarch waren es die Braminen des Sabbas, die dem Koͤnige Alexander in jenen beruͤhmten Sophismen antworteten, die, wie der gebildete Arrian nicht mit Unrecht bemerkt, ohne bedeutenden philosophischen Werth, dennoch den Ruhm tiefer Weisheit im Al- terthume gehabt haben; jedenfalls sind sie vollkommen charakteri- stisch, und man erkennt in ihnen die ganze Spitzfindigkeit der Di- stinctionen und aͤußerlichen Verstaͤndigkeit, in welche die Indische . IX. 8. 12. Der blinde Fanatismus der heiligen Kaste, um so wilder, je hoffnungsloser er war, hatte, durch das Schicksal der Braminen des Sambus ungeschreckt, waͤhrend des Koͤnigs Abwesenheit den Fuͤrsten Musikanus und die Bevoͤlkerung seines Landes zum wil- desten Haß gegen die Fremden, zur offenbaren Empoͤrung, zur Er- mordung der Macedonischen Besatzungen aufzureizen gewußt; zu beiden Seiten des Stromes loderte die Flamme des Aufruhrs, Alles griff zu den Waffen; und waͤre der Wuth die Kraft des Willens und der Fuͤhrung gleich gewesen, so haͤtte Alexander hier einen schweren Stand haben moͤgen. Aber kaum nahte er, so floh der Fuͤrst Musikanus uͤber den Indus; Pithon wurde zu seiner Verfolgung nachgeschickt; Alexander selbst zog gegen die Staͤdte, die, ohne gegenseitigen Beistand, ohne verstaͤndige Fuͤh- rung und ohne Hoffnung sich zu retten, dem Sieger schnell in die Haͤnde fielen Hierher gehoͤrt die Brachmanenstadt Harma- talia ( Diodor XVI. 103., Curtius IX. 8. 18.), bei deren Erobe- rung der Lagide Ptolemaͤus verwundet wurde. Die wunderliche Erzaͤhlung von seinem Traume auf dem Ruhebette des Koͤnigs scheint von Klitarch’s Erfindung zu sein; wenigstens erzaͤhlt Arrian davon nichts, der doch desselben Lagiden Denkwuͤrdigkeiten vor sich hatte. — Abweichendes hat Strabo XV. p. 309. ; die Strafen des Abfalles waren streng, unzaͤhlige Indier wurden bei den Erstuͤrmungen erschlagen, oder nach dem Siege hingerichtet, die Ueberlebenden in Sklaverei ver- kauft, ihre Staͤdte zerstoͤrt und die wenigen, die stehen blieben, mit Burgen und Macedonischer Besatzung versehen, die das Land der Truͤmmer und der Verwuͤstung bewahren sollten. Musikanus selbst war gefangen worden, er und viele Braminen wurden des Todes schuldig erkannt und an den Landstraßen des Landes, dessen Ungluͤck sie verschuldet, aufgeknuͤpft Arrian VI. . Der Koͤnig kehrte jetzt nach seiner neuen Stadt am Indus zuruͤck; die energische Strenge, mit der er die Empoͤrun- gen erstickt und gestraft hatte, die Hinrichtungen und Verwuͤstun- gen im Lande des Musikanus schienen endlich auf die Gemuͤther der Indier den bezweckten Eindruck zu machen. Vor Allen be- Weisheit, wenn sie sich des Mythischen und Mystischen entaͤußert, verfallen ist. 29 * eilte sich der Fuͤrst Moͤris Den Namen giebt Curtius IX. 8. 28., und nur der, so daß man sich fuͤr die Richtigkeit desselben wohl nicht eben ver- buͤrgen kann. von Pattala, dessen Herrschaft sich uͤber das Indusdelta erstreckte, sich dem Koͤnige zu unterwer- fen; er kam gen Alexandria, ergab sich und sein Land der Gnade des Koͤnigs, und erhielt dafuͤr seine Landschaft unter denselben Bedingungen, wie sie dem Fuͤrsten Musikanus und den anderen Fuͤrsten, welche im Bereich Macedonischer Satrapien saßen, vor- geschrieben gewesen waren. Nachdem Alexander von ihm naͤhere Erkundigungen uͤber die Natur des Indusdelta, uͤber die Strom- muͤndungen und den Ocean, in den sie sich ergießen, eingezogen, sandte er ihn in sein Land zuruͤck, mit dem Befehl, Alles zur Auf- nahme des Heeres und der Flotte vorzubereiten. Mit der freiwilligen Unterwerfung des Moͤris, des letzten noch unabhaͤngigen Fuͤrsten im Induslande, waren die kriegerischen Bewegungen des Zuges geendet, wenigstens war kein großer und allgemeiner Kampf, sondern hoͤchstens vereinzelter Widerstand und leicht zu unterdruͤckende Unordnungen in dem weiteren Induslande zu erwarten. So brauchte es nicht weiter der ganzen Kriegs- macht; es kam die Zeit der Ruͤckkehr. Alexanders Wunsch, den Seeweg von Indien nach Persien zu entdecken, sein Plan, die suͤdlichen Kuͤstenlandschaften zwischen beiden Laͤndern, die bisher noch nicht durch seine unmittelbare Gegenwart unterworfen, und zum Theil von unabhaͤngigen Staͤmmen bewohnt waren, zu durch- ziehen, machten gleichfalls nicht die Verwendung des ganzen Hee- res noͤthig, das zu unterhalten in den uͤberreichen Indischen Laͤn- dern leicht war, aber auf dem Kuͤstenwege durch oft wuͤste Land- striche mit mannigfachen Schwierigkeiten verknuͤpft sein mußte. Ue- berdieß waren aus den nordoͤstlichen Gegenden des Reichs Nachrichten eingelaufen, welche es sehr wuͤnschenswerth machten, eine bedeu- tende Macedonische Streitmacht in jenen Laͤndern zu zeigen. Na- mentlich hatte der Baktrische Fuͤrst Oxyartes, der eben jetzt beim Heere eingetroffen war, die Nachricht von einem Aufstande der Hellenischen Militaͤrcolonie in Baktra mitgebracht; Zwistigkeiten unter den alten Kriegsleuten hatten zu blutigen Auftritten ge- 17. fuͤhrt; von Furcht vor Strafe weiter getrieben, hatten sie sich der Burg von Baktra bemaͤchtigt, die Barbaren zum Abfall aufgeru- fen, und dem Athenodorus, ihrem Raͤdelsfuͤhrer, den Koͤniglichen Namen gegeben, der sie seinerseits in die Hellenische Heimath zu- ruͤck zu fuͤhren versprach; gegen Athenodorus hatte ein gewisser Bikon, voll Eifersucht auf dessen Koͤnigthum, Raͤnke geschmiedet, ihn auf einem Gastmahle bei Boxus, einem vornehmen Barbaren, ermordet, und anderen Tages vor dem versammelten Heere sich gerechtfertigt; mit Muͤhe war es den Hauptleuten gelungen, ihn vor der Wuth des Heeres zu schuͤtzen, sie selbst hatten sich dann wieder gegen ihn verschworen, ihn auf die Folter gespannt, um ihn dann gleichfalls zu toͤdten; da waren die Soldaten herein ge- drungen, hatten ihn von der Folter befreit, und waren unter sei- ner Fuͤhrung, dreitausend an der Zahl aufgebrochen, um den Weg in die Heimath zu suchen. Es ließ sich erwarten, daß dieser Haufe bereits von den Truppen der Satrapie zur Ruhe gebracht wor- den Curtius IX. 7, 1., Diodor XVII. 99. der die Empoͤ- rung bis Sogdiana ausdehnt. Beide sagen, daß diese Griechen auf dem Ruͤckwege nach Alexanders Tode von Pithon uͤberwaͤltigt und niedergemacht seien, eine offenbare Verwirrung; das Wahr- scheinlichere ist im Text angedeutet. ; doch war es nothwendig, daß fuͤr jeden Fall bedeutende Truppenmacht in der Naͤhe erschien. Auch in der Satrapie des Paropamisos war nicht Alles in der gehoͤrigen Ordnung, Tyrias- pes hatte durch Bedruͤckungen und Ungerechtigkeiten aller Art die Bevoͤlkerung gegen sich aufgereizt, so daß laute Beschwerde gegen ihn beim Koͤnige einlief; er wurde seines Amtes entsetzt und der Fuͤrst Oxyartes statt seiner gen Alexandria gesandt Arrian VI. 15., Cur- tius IX. 8. 9. Arrian sagt, daß Pithon und Oxyartes die Satra- pie des unteren Indus erhalten haͤtten; das scheint um so weniger richtig, da beide nicht an einander grenzten, sondern durch die Satrapie des oberen Indien und Arachosien getrennt waren; das funfzehnte Kapitel, wo diese Angabe steht, ist auch sonst noch in- terpolirt. . Beun- ruhigender waren die Nachrichten aus dem Inneren Arianas; der Perser Ordanes hatte sich unabhaͤngig erklaͤrt und die Herrschaft der Ariasper am unteren Ctymander usurpirt Arrian VI. 27. 6.; Curtius IX. 10. 20. hat Orcinen (Ocinen) et Tariaspen (Zariaspen) nobiles Persas; da Arrian nur den einen Ordanes kennt, den Kraterus auf seinem Wege durch Arachosien, Drangiana, das Ariaspenland und Choarene (so folgen die Eroberungen) gefangen nahm, so scheint es nicht zu dreist, bei Curtius den Fehler voraus zu setzen, daß er aus dem Namen des usurpirten Volkes den eines zweiten Empoͤrers Arias- pes machte. . Hier vor Allem war es wichtig, eine bedeutende Macedonische Streitmacht erscheinen zu lassen, um die Gefahr im Keime zu ersticken. Deshalb wurde von Alexandria aus ohngefaͤhr der dritte Theil des Heeres auf dem Wege durch das innere Land zuruͤck gesandt. Es waren die Phalangen Attalus, Antigenes, Meleager, ein Theil der Bogenschuͤtzen und die saͤmmtlichen Elephanten; dazu diejeni- gen von den Getreuen und den uͤbrigen Macedoniern, welche zum Dienst untauglich in die Heimath entlassen wurden; den Be- fehl uͤber Alle erhielt Kraterus; er sollte, so lautete sein Auftrag, durch Arachosien und Drangiana gen Karamanien marschiren Strabo sagt XV. p. 307., Kraterus sei „vom Hydaspes anfangend, durch Arachosien und Drangiana gezogen“. Kann das bezeichnen, daß er von dem Sogdischen Alexandrien aus, den Indus, den Acesines aufwaͤrts bis zum Hydaspes ging, um dann seinen Ruͤckmarsch anzutreten? Das waͤre nicht bloß ein zweckloser und erschoͤpfender Umweg gewesen, sondern der Weg haͤtte dann weiter durch Taxiles Reich, durch die Indische Satrapie und die Paropamisaden gen Arachosien fuͤhren muͤssen. Strabo selbst giebt p. 313. das Richtige an die Hand, indem er als die suͤdoͤst- lichste Landschaft des Parthischen Reichs, die an Indien stoͤßt, Choarene bezeichnet, und angiebt, daß durch sie Kraterus gezogen sei. Natuͤrlicher ist, daß Kraterus den Weg durch die Arachoti schen Gebirge, vielleicht den von Alexandria oder Bukhor uͤber Shikapur nach Kandahar nahm. Diese wichtige Passage durfte uͤberdieß nicht unbesetzt bleiben. Warum Kraterus nicht uͤber Kelat in Be- loodschistan gezogen sein kann, setzt Pottinger p. 386. (Deutsche Uebers.) auseinander. , sollte die boͤswilligen Neuerungen in jenen Gegenden unterdruͤcken, und namentlich die dortigen Satrapen veranlassen, Transporte von Lebensmitteln nach der Gedrosischen Kuͤste, die Alexander demnaͤchst zu durchziehen gedachte, hinab zu senden Diodor sagt XVII. 105., daß Alexander aus der Wuͤste Gedrosiens, als er in groͤßter Noth war, diesen Befehl gab und daß derselbe noch zur rechten Zeit erfuͤllt worden; aus dieser wi- dersinnigen Angabe laͤßt sich das richtige Sachverhaͤltniß, das sich uͤbrigens auch von selbst versteht und durch Arrian Ind. wiederholentlich bestaͤtigt wird, zur Genuͤge schließen. . Nach der Absendung des Kraterus brach auch Alexander aus dem Gebiet der Sogdier auf; er selbst fuhr mit der Flotte den Strom hinab, waͤhrend Pithon mit den berittenen Schuͤtzen und den Agrianern auf das rechte Stromufer hinuͤber ging, um die im Fuͤrstenthum des Musikanus errichteten Burgflecken zu bevoͤl- kern, die letzten Spuren von Unordnungen in dem hartgestraften Lande zu unterdruͤcken, und sich dann in Pattala wieder mit dem Hauptheere zu vereinigen; das uͤbrige Heer fuͤhrte Hephaͤstion auf dem linken Indusufer zu derselben Stadt hinab. Aber schon am dritten Tage der Fahrt erhielt Alexander die Nachricht, daß der Fuͤrst von Pattala, statt Alles zum Empfange des Macedonischen Heeres zu bereiten, mit dem groͤßten Theile der Einwohner in die Wuͤste geflohen sei; vielleicht aus Furcht vor dem maͤchtigen Koͤ- nige, wahrscheinlicher von den Braminen aufgeregt. Alexander eilte desto schneller vorwaͤrts, uͤberall waren die Ortschaften von den Einwohnern verlassen; er erreichte, es war gegen Ende Juli, Pattala Die Lage von Pattala, „da, wo sich der Indusstrom in zwei Arme zum Delta scheidet“ (Arrian), kann entweder auf die Stromscheide von Tatta oder auf die von Hyderabad gehen; das erste hat Vincent behauptet; doch widerspricht ihm die Darstellung Arrians durchaus. Die Zeit der Ankunft in Pattala bezeichnet Strabo mit dem Auf- gange (Fruͤhaufgang) des Hundssterns, Strabo XV. p. 259. . Straßen und Haͤuser waren leer, alles bewegliche Gut gefluͤchtet, die große Stadt wie ausgestorben. Sofort wur- den einige leichte Truppen ausgesandt, die Spur der Gefluͤchteten zu verfolgen; es gelang ihnen, Einige einzufangen; sie wurden vor den Koͤnig gebracht, der sie mit unerwarteter Milde empfing, und sie an ihre Landsleute aussandte, mit der Aufforderung, in Frieden zu ihrer Behausung und ihren Geschaͤften zuruͤck zu kehren, und ohne Besorgniß wegen ihres weiteren Schicksals zu sein, da ihnen nach wie vor nach ihrer Sitte und ihren Gesetzen zu leben, ihren Handel, Gewerbe und Ackerbau in Sicherheit zu treiben erlaubt sein wuͤrde. Auf diese Versicherungen des Koͤnigs kehrten die Meisten zuruͤck, und Alexander konnte ohne Weiteres an die Ausfuͤhrung des großen Planes, um dessen Willen ihm der Besitz der Indusmuͤndungen so wichtig war, denken. Alexander ahnte oder wußte, daß dasselbe Meer, in welches sich der Indus ergießt, den Persischen Golf bilde, und zu der Muͤndung des Euphrat und Tigris demnach ein Seeweg von den Indusmuͤndungen aus zu finden sei; seine Herrschaft, die zum ersten Male die entlegensten Voͤlker in unmittelbare Verbindung brachte, und welche nicht bloß auf die Gewalt der Waffen, son- dern mehr noch auf die Interessen der Voͤlker selbst begruͤndet sein sollte, mußte vor Allem auf die Foͤrderung der Handelsver- bindungen zwischen den Voͤlkern, auf die Begruͤndung eines gro- ßen Verbandes aller auch noch so entlegenen Theile des Reiches, und eines umfassenden Welt- und Voͤlkerverkehrs, wie er noch nicht existirt hatte, bedacht sein. Ueberall hatte Alexander diese Ruͤcksicht vor Augen gehabt; die zur militairischen Behauptung von Iran und Turan gegruͤndeten Staͤdte waren eben so viele Haltpunkte fuͤr die Karavanenzuͤge, die in Indien gegruͤndeten Fe- sten sicherten die Flußschisffahrt des Indus und seiner Nebenstroͤ- me, das Aegyptische Alexandrien, seit den fuͤnf oder sechs Jahren, die es stand, war schon ein Centralpunkt fuͤr den Handel der hei- mathlichen Meere geworden; jetzt mußte dieses System des groß- artigsten Weltverkehrs durch die Besetzung des Indusdelta, durch die Gruͤndung eines sicheren und guͤnstig belegenen Handelsplatzes, endlich durch das Eroͤffnen von Handelsstraßen, wie sie die Reihe Hellenischer Staͤdte ins Innere hinauf schon vorzeichnete, und wie sie der maritime Zusammenhang der Indus- und Euphrat- muͤndungen hoffen ließ, seine Vollendung erhalten. Pattala, an der Stromscheide des Indusdelta belegen, bot sich von selbst zur Vermittelung des Handels nach dem Inneren und dem Oceane dar; es beherrschte zugleich in militairischer Hin- sicht das untere Indusland; darum wurde Hephaͤstion beauftragt, die Burg der Stadt auf das sorgfaͤltigste zu befestigen, und dem- naͤchst Schiffswerfte und einen geraͤumigen Hafen bei der Stadt zu erbauen. Zu gleicher Zeit sandte Alexander in die wuͤsten, baumlosen Gegenden, die nicht weit ostwaͤrts von der Stadt be- gannen, mehrere Truppenabtheilungen aus, mit dem Auftrage, Brunnen zu graben, und das Land bewohnbar zu machen, damit auch von dieser Seite her die Verbindung mit Pattala erleichtert und den Karavanen aus den Laͤndern des Ganges und des Dek- han geoͤffnet waͤre. Ein Ueberfall der in der Wuͤste hausenden Horden stoͤrte nur fuͤr einen Augenblick dieß hoͤchst erfolgreiche Unternehmen Arrian VI. 18. 3. . Nach einer laͤngeren Rastzeit, waͤhrend der der Bau der Burg ziemlich vollendet, der der Werfte bereits vorgeruͤckt war, beschloß Alexander nun, in Person die Indus- muͤndungen, ihre Schiffbarkeit und ihre Gelegenheit fuͤr den Han- del zu untersuchen, und zugleich auf den Ocean, den bisher noch kein Grieche befahren, hinaus zu schiffen. Zunaͤchst beschloß er, dem Hauptarm des Stromes, der rechts hinab fuͤhrte, zu folgen; waͤhrend Leonnat mit tausend Reutern und neuntausend Hopliten und Leichtbewaffneten auf dem inneren Ufer hinabzog, fuhr Alex- ander mit den schnellsten und besten Schiffen seiner Flotte den Strom hinab, freilich ohne Fuͤhrer, die des Stromes kundig wa- ren, da die Bewohner von Pattala und die Indier uͤberhaupt, keine Seeschifffahrt trieben, und uͤberdieß die Anwohner des Stro- mes, wenn die Macedonier nahten, entflohen. Alexander vertraute auf den Muth und die Geschicklichkeit seiner Schiffsleute, er konnte nicht ahnen, auf welche Probe die unerhoͤrte Gewalt Oceanischer Erscheinungen sie stellen wuͤrde. Es war gerade in der Mitte des Sommers, und der Strom in seiner groͤßten Fuͤllung, die niedrigeren Ufergegenden zum Theil uͤberschwemmt, die Fahrt um so schwieriger. Am ersten Tage fuhr man ohne weiteres Hinderniß; aber am zweiten Tage, man mochte zehn Meilen unterhalb Pattala sein, erhob sich ein heftiger Wind von Suͤden her und staute die Wasser des Stromes auf, daß die Wellen hohl gingen und sich brandend brachen, und mehr als ein Schiff unterging, andere bedeutend beschaͤdigt wurden; man eilte das Ufer zu gewinnen, um den Schaden so schnell und so gut wie moͤglich auszubessern, zugleich schickte Alexander Leicht- bewaffnete aus, um von den gefluͤchteten Uferanwohnern einige einfangen zu lassen, die der Gegend kundig waͤren. Mit diesen fuhr man am naͤchsten Morgen weiter; immer breiter ergoß sich der maͤchtige Strom zwischen den flachen und oͤden Ufern, und man begann die kuͤhlere Seeluft zu spuͤren; der Wellenschlag im Strome wurde heftiger und das Rudern beschwerlicher, ein schar- fer Seewind wehte entgegen; es schien, von ihm zuruͤckgedraͤngt, die wachsende Fluth gefaͤhrlich zu werden, und die Schiffe lenkten in einen Kanal ein, den die am vorigen Tage aufgefangenen Fi- scher zeigten. Immer schneller und maͤchtiger schwollen die Was- ser und mit Muͤhe vermochte man, die Schiffe rasch genug an Land zu bringen. Kaum aber waren die Schiffe angelegt, so be- gann der Strom eben so schnell zu fallen; die Fahrzeuge blieben zum groͤßten Theile auf dem Trockenen oder senkten sich in den Uferschlamm; Alexander und seine Leute waren voll Staunen und Rathlosigkeit. So vergingen einige Stunden, endlich wollte man daran gehen, die Schiffe wieder flott zu machen und wo moͤglich das Fahrwasser zu gewinnen; siehe, da begann das gefaͤhrliche Schauspiel von Neuem, rauschend schwoll die Fluth, uͤberfluthete den schlammigen Moor und hob die eingesunkenen Fahrzeuge mit sich empor; und immer schneller wachsend brandete sie gegen die festeren Ufer, riß die Fahrzeuge, die dorthin sich gerettet, nieder, so daß viele umstuͤrzten, viele zerschellten und versanken; ohne Ordnung und Rettung trieben die Schiffe auf der boͤsen Fluth bald gegen das Land, bald gegen einander, und ihr Zusammensto- ßen war um so gefaͤhrlicher, je heftiger die schwellende Bewegung des Gewaͤssers. Mit so vielen Gefahren und Verlusten erkaufte Alex- ander die erste Erfahrung von der Oceanischen Ebbe und Fluth, die hier, wohl noch zehn Meilen von der eigentlichen Strommuͤn- dung, um so gewaltiger war, da sie mit der ungeheueren, gegen sie andraͤngenden Wassersaͤule des Indus zu kaͤmpfen hatte, dessen zwei Meilen breite Muͤnde ihrem Eindringen vollkommenen Spiel- raum giebt Von Arrians verstaͤndiger Erzaͤhlung ( VI. 18.) weicht Curtius Deklamation nicht im Wesentlichen ab. Die Stationen Alex- anders duͤrften nicht leicht zu bezeichnen sein, gewiß aber ist er nicht den schmalen Westarm von Kurachee hinab gesegelt, wie Rit- ter gemeint hat. Vielleicht duͤrfte dieß der Kanal sein, in den sich die Flotte beim ersten Eindringen der Fluth rettete; die bei dieser Gelegenheit von Curtius IX. 8. 30. und 9. 8. erwaͤhnten zwei Inseln duͤrften die sein, welche Pottingers Karte in der Gegend von Tatta, dicht oberhalb des Armes von Kurachee angiebt. . Sobald Alexander diese Gefaͤhrlichkeiten uͤberstanden und von ihrer regelmaͤßigen Wiederkehr die Mittel gelernt hatte, ihnen zu entgehen, sandte er, waͤhrend die schadhaften Schiffe ausgebessert wurden, zwei tuͤchtige Fahrzeuge den Strom hinab zu der Insel Skilluta Killuta, Skillustis, Psiltukis bei den verschiedenen Autoren. Das Indus- delta ist zu großen Aenderungen unterworfen, als daß man hier jede Localitaͤt wieder finden koͤnnte; das weiter ins Meer ragende Ostufer der Muͤnde laͤßt vermuthen, daß eine von den drei hier aufeinander folgenden, durch breite Flußarme gebildeten Inseln, und zwar die zweite gemeint ist. Leider ist der Anfang von Ne- arch’s Fahrt durch die Veraͤnderung der ihm angewiesenen Sta- tion zu unklar, um etwas daraus entnehmen zu koͤnnen. , wo, wie die Indischen Fischer sagten, der Ocean nahe und das Ufer zum Anlegen bequem und geschuͤtzt sei. Da sie die Nachricht zuruͤckbrachten, daß die Insel bequemes Ufer habe, von bedeutender Groͤße und mit Trinkwasser wohl versehen sei, fuhr Alexander mit der Flotte dorthin, und ließ den groͤßten Theil derselben unter den Schutz des Ufers anlegen: schon sah man von hier die schaumbedeckte Brandung der Indusmuͤndung und daruͤber den hohen Horizont des Oceans, und kaum erkannte man jenselts des zwei Meilen breiten Stromes die niedrige, baum- und huͤgellose Kuͤste. Alexander steuerte mit den besten seiner Schiffe weiter, um die eigentliche Strommuͤndung zu passiren, und zu untersuchen, ob sie fahrbar sei; bald verschwand die Westkuͤste ganz aus seinem Blicke, und in endlose Ferne dehnte sich der hochwogende Ocean gen Abend hin; nach einer Fahrt von vier Meilen erreichte man ostwaͤrts eine zweite Insel, an deren fla- cher und oͤder Sandkuͤste schon rings der Ocean brandete; es wurde Abend und Alexander kehrte mit der Fluth in den Fluß zuruͤck zu der Insel, bei der die Flotte gelandet war; ein feierli- ches Opfer fuͤr Ammon, wie es der Gott durch ein Orakel gebo- ten, feierte dieß erste Erblicken des Oceans und des letzten Lan- des im Suͤden der bewohnten Erde. Am anderen Morgen fuhr der Koͤnig wieder hinaus, landete auf jener Insel im Meere und opferte auch dort nach dem Geheiß des Ammon ihm und den anderen Goͤttern, dann fuhr er in die offenbare See hinaus, umher zu schauen, ob noch irgendwo festes Land zu erblicken; und als die Kuͤsten ringsher verschwunden und nichts mehr als Him- mel und Meer zu sehen war, da schlachtete er Stieropfer dem Poseidon, und senkte sie hinab in den Ocean, spendete dazu aus goldener Schaale und warf auch sie in die Fluth, und mischte neue Spenden den Nereiden und den rettenden Dioskuren und der silberfuͤßigen Thetis, der Mutter seines Ahnherrn Achilles: er betete, daß sie gnaͤdig seine Geschwader aufnehmen und gen Abend zu den Muͤndungen des Euphrat geleiten moͤchten, und zum Ge- bet warf er die goldenen Becher in das Meer Arrian. VI. 19. . Dann kehrte Alexander zur Flotte und mit der Flotte in den Strom zuruͤck und fuhr gen Pattala hinauf. Dort war der Bau der Burg vollendet und der des Hafens begonnen, dort auch Pi- thon mit seinem Heere angekommen, der seine Auftraͤge vollkom- men erfuͤllt, das flache Land beruhigt, die neuen Burgflecken or- ganisirt und bevoͤlkert hatte. Alexander hatte den rechten Arm der Indusmuͤndung und die mannigfachen Schwierigkeiten, die er fuͤr die Schifffahrt hatte, kennen gelernt; denn es vereinten sich die Mussonwinde und das hohe Wasser des Stromes in dieser Jahreszeit, ihn schwierig zu machen. Der Koͤnig beschloß daher, auch den zweiten, den oͤstlichen Hauptarm des Flusses hinabzufah- ren, und zu untersuchen, ob dieser vielleicht zur Schifffahrt geeig- neter sei. Nachdem man eine gute Strecke suͤdostwaͤrts gefahren, breitete sich das Wasser zu einem sehr großen See aus, der durch den Zufluß einiger kleineren und groͤßeren Fluͤsse von Morgen her verstaͤrkt wurde, und einem Busen des Meeres aͤhnlich war; selbst Seefische fand man hier. An den Ufern dieses Sees legte die Flotte an, indem eingeborene Fuͤhrer die bequemsten Stellen zeig- ten. Hier ließ Alexander den groͤßten Theil der Truppen nebst den kleineren Schiffen unter Leonnatus zuruͤck, und fuhr selbst, von seinen Rittern und einigen anderen Truppen begleitet, mit den Jachten durch den See zur eigentlichen Indusmuͤndung hinab; er kam an das Meer, ohne die gewaltige Brandung oder die hohe Fluth zu erblicken, die den westlichen breiteren Indusarm ge- faͤhrlich machte; er ließ an der Strommuͤndung anlegen, und ging mit den Truppen drei Tagereisen weit am Meeresstrande hin, theils um die Natur der Kuͤste zu untersuchen, theils um Brunnen fuͤr den Gebrauch der Seefahrer graben zu lassen; dann kehrte er zu seinen Schiffen und mit diesen durch den See strom- auf gen Pattala zuruͤck, waͤhrend ein Theil des Heeres laͤngs dem Ufer hinauf zog, um auch hier in der sonst duͤrren Gegend Brunnen zu graben. Von Pattala aus fuhr er zum zweiten Male in den See zuruͤck, traf die Vorrichtungen zum Bau eines Hafens und mehrerer Schiffswerfte, und ließ zu ihrem Schutze eine kleine Besatzung zuruͤck Die neuesten Berichte und Karten uͤber die Indusmuͤn- dung wissen von keinem foͤrmlichen See, den ein Indusarm bildet; der sogenannte Lonee-Fluß, der Ostarm, scheint seinen unteren Lauf geaͤndert zu haben; da Alexander drei Tagemaͤrsche weit von der Ostmuͤndung gen Westen vorruͤcken konnte, so war auf dieser Stre- cke von gewiß 10 bis 15 Meilen keine von den sechs uͤbrigen Muͤn- dungen des Indus, waͤhrend heute von der Muͤndung des Lonee bis zur naͤchsten kaum 1½ Meile, bis zur großen Hauptmuͤndung nicht uͤber zehn Meilen Entfernung, und dazwischen eine Reihe von Strominseln ist. In dem sogenannten Periplus des Arrian heißt es p. 24. ed. Hudson von der Meeresbucht von Barace (Kutsch), daß sich in ihren inneren Ufern vielfache Spuren von Alexanders Heer zeigten, und nach den Angaben von Macmurdo (Bombay transact. II. p. 236) und von Tod II. p. 290 sqq. liegt im Osten . Auf diese Weise war Alles dem großen Plane des Koͤnigs gemaͤß organisirt, zu dessen Vollendung nur noch Eins, aber frei- lich auch das Schwierigste und Gefahrvollste uͤbrig war, nemlich die Entdeckung des Seeweges selbst, der hinfort den Indus und Euphrat verbinden sollte. Betrachtet man den Zustand der da- maligen Schifffarth und Erdkunde, so wird man der Kuͤhnheit ei- nes solchen Planes Gerechtigkeit widerfahren lassen. Der Bau der Schiffe war unvollkommen und am wenigsten auf die Eigen- thuͤmlichkeit Oceanischer Gewaͤsser berechnet; das einzige Regulativ einer Seefahrt waren die Gestirne und die Seekuͤste, deren Naͤhe natuͤrlich oft gefaͤhrlich werden mußte; die Einbildungskraft der Griechen bevoͤlkerte den Ocean mit Wundern und Ungeheuern al- ler Art, und die Macedonier, unerschrocken und tapfer, wo sie dem Feinde ins Auge sahen, waren gegen das falsche Element ohne Waffe und nicht ohne Furcht; und wer endlich sollte die Fuͤhrung uͤbernehmen? Alexander selbst, kuͤhn genug zum kuͤhnsten Wagniß, und selbst bereit, dem Ocean den Sieg abzutrotzen, durfte sich um so weniger an die Spitze der Flotte stellen, da im Reiche schon waͤhrend seiner Indischen Feldzuͤge manche Unordnungen vorgefal- len waren, die dringend seine Ruͤckkehr forderten; der Landweg nach Persien war schwierig und die Macedonischen Landtruppen bedurften, um diese oͤden und furchtbaren Gegenden zu durchzie- des Armes von Lonee Moorland, in das sich mehrere Fluͤsse von Osten her ergießen, und das in der Jahreszeit der Suͤdwest-Mus- sons ein vollkommener See wird, Aranya oder kuͤrzer Rin genannt. Von ihm aus fuͤhrt ein breiter Ausfluß in den Meerbusen von Kutsch. Dieß duͤrfte die von Alexander besuchte Gegend sein; und wenn Nearch bei Strabo die Basis des Indusdelta auf 1800 Sta- dien (45 Meilen) angiebt, so trifft dieß mit uͤberraschender Ge- nauigkeit mit unseren Karten uͤberein, wenn man von der großen Indusmuͤndung bis zu der Muͤndung des Sumpfes mißt. In Ar- rians Periplus wird der Meerbusen von Barace als gefaͤhrlich und in seiner Einfurth voll Sandbaͤnke bezeichnet, und hinzu gefuͤgt, daß ihn das Land suͤdwaͤrts, gen Osten, dann gen Westen umschließe; vielleicht ist sein Irinus der See, den Alexander beschiffte, und der der graͤcisirte Aranya ( Tod Rajastan II. p. 295.) zu sein scheint. hen, seiner persoͤnlichen Fuͤhrung um so mehr, da sie nur ihm vollkommen vertrauten. Wen also zum Fuͤhrer der Flotte waͤh- len? wer hatte Muth, Geschick und Hingebung genug? wer konnte die Vorurtheile und die Furcht der zur Flotte commandir- ten Truppen beschwichtigen, und statt des Wahnes, als wuͤrden sie sorglos der augenscheinlichen Gefahr Preis gegeben, ihnen Ver- trauen zu sich selbst, zu ihrem Fuͤhrer und zu dem gluͤcklichen Ende ihres Unternehmens einfloͤßen. Alexander theilte alle diese Be- denken dem treuen Nearch mit, und fragte ihn um Rath, wem er die Flotte anvertrauen sollte. Nearch nannte ihm Einen nach dem Anderen, Alexander aber verwarf sie Alle; der Eine schien nicht entschlossen, ein Anderer nicht ergeben genug, um fuͤr ihn sich Gefahren auszusetzen, Andere waren mit dem Seewesen, mit dem Geist der Truppen nicht genug vertraut, oder voll Verlangen nach der Heimath und nach den Bequemlichkeiten eines ruhigen Pri- vatlebens. Nearch, so erzaͤhlt dieser ausgezeichnete General selbst in seinen Denkwuͤrdigkeiten, bot endlich seine Dienste an, und sprach: „ich, o Koͤnig, will wohl die Fuͤhrung der Flotte uͤber- nehmen, und mit Gottes Huͤlfe Schiffe und Menschen wohlbehal- ten bis zum Perserlande bringen, wenn anders das Meer schiffbar und das Unternehmen fuͤr menschliche Kraͤfte uͤberhaupt ausfuͤhr- bar ist.“ Dagegen sprach Alexander, daß er einen so treuen und hochverdienten Mann nicht neuen Gefahren auszusetzen wuͤnsche; aber Nearch bat um so dringender, und der Koͤnig verhehlte sich nicht, daß gerade er vor Allen dazu geeignet sei; die Truppen, welche den edlen General liebten und des Koͤnigs große Zuneigung fuͤr ihn kannten, durften in dieser Wahl eine Gewaͤhr fuͤr sich selbst finden, da ja Alexander nicht einen Freund und einen seiner ausgezeichnetesten Feldherren an die Spitze eines Unternehmens gestellt haben wuͤrde, an dessen Erfolg er selbst verzweifelte Arrian Ind. 20. . So wurde Nearch, des Androtimus Sohn, zum Fuͤhrer der Flotte ernannt, die gluͤcklichste Wahl, die der Koͤnig treffen konnte. Moch- ten die zur Flotte commandirten Truppen auch anfangs muthlos und uͤber ihr Schicksal besorgt gewesen sein, das Vertrauen zu ihrem Fuͤhrer, die Trefflichkeit und Pracht der Zuruͤstungen, die Zuversicht, mit der ihr Koͤnig einen gluͤcklichen Erfolg verhieß, der Ruhm, an der kuͤhnsten und gefahrvollsten Unternehmung, welche je gewagt worden, Antheil zu haben, endlich das Beispiel des großen Koͤnigs, der die brandende Muͤndung des Indus hin- durch auf die Hoͤhe des Oceans gefahren war, das Alles ließ sie mit Verlangen und Freudigkeit den Tag der Abfahrt erwarten. Alexander hatte Gelegenheit gehabt, sich uͤber die Natur der Mussonwinde zu unterrichten; sie wehen regelmaͤßig waͤhrend des Sommers von Suͤdwest, waͤhrend des Winters von Nordost, doch werden diese Nordostmussons durch die gerade westwaͤrts streichende Kuͤste von Gedrosien zu einem bestaͤndigen Ostwinde; dieser beginnt mit einigem Schwanken im Oktober, wird gegen Ende des Monats stehend und weht dann unausgesetzt bis in den Februar. Diese merkwuͤrdige Eigenthuͤmlichkeit des Indischen Oceans, hoͤchst guͤnstig fuͤr die beabsichtigte Kuͤstenfahrt der Flotte, mußte natuͤrlich benutzt und das Absegeln der Flotte demnach auf Ende Oktober bestimmt werden Die Zeitbestimmung ergiebt sich aus folgenden Angaben: Um die Zeit des Siriusaufganges (Ende Juli) war Alexander von Nicaͤa aus in Pattala angekommen ( Strabo XV. p. 259.); Plut- arch zaͤhlt fuͤr die Fahrt bis hierher nur sieben Monate, Strabo dagegen zehn, wohl bis zum Ocean, da von Nicaͤa bis Pattala in der That neun Monate (von Anfang November 326. bis Ende Juli 325.) gebraucht wurden. Nearch segelte deu 22. September ab (siehe unten) und traf nach etwa achtzig Tagen, gegen den 16. December in Karamanien wieder mit Alexander zu- sammen. Alexander war zwei Monate von der Grenze der Ori- ten bis Pura marschirt, vom Indus bis zu den Oriten sind gegen vierzig Meilen, bei den mancherlei Hindernissen, die sich vorfanden, ein Weg von mindestens zwanzig Tagen; von Pura bis zu dem Orte des Zusammentreffens ist nicht ganz so weit; man darf vom Indus bis zur Zusammenkunft in Karamanien etwas mehr als drei Monate rechnen, so daß Alexander also gegen Ende August aus Pattala aufbrach. . Der Aufbruch des Landheeres durfte nicht so lange verschoben werden, da eines Theils der Zu- stand stand des Reichs Alexanders baldige Ruͤckkehr forderte, anderer Seits fuͤr die Flotte, die sich nicht auf die weite Fahrt verpro- viantiren konnte, auf der Kuͤste Vorraͤthe aufgestapelt und Brun- nen gegraben werden mußten. Demnach gab der Koͤnig den Be- fehl, daß die Flotte bis zum November in den Stationen von Pattala bleiben sollte, ließ Vorraͤthe auf vier Monaten zu ihrem Unterhalt znsammenbringen und ruͤstete sich dann selbst zum Auf- bruch aus Pattala. 30 Achtes Kapitel. Die Ruͤckkehr . D en Westen des Induslandes begrenzen maͤchtige Gebirge, die in fast ununterbrochener Linie von dem Kophenflusse bis zum Ocean hinabreichen; unmittelbar uͤber der Brandung des Mee- res ragen ihre letzten Felsenmassen noch bis in die Wolken empor, und von wenigen Paͤssen durchschnitten, sind sie zwischen dem Deltalande des Indus und dem wuͤsten Kuͤstensaum Gedrosiens, zwischen dem Lande Sind und der hohen Steppe Arianas eine vollkommene Scheidewand; gen Morgen ist feuchte Tropenwaͤrme, Wasserfuͤlle, uͤppige Vegetation, eine reiche Thierwelt, dichte Be- voͤlkerung mit dem weitverzweigten geselligen Verkehr, mit den tausend Erzeugnissen und Beduͤrfnissen einer unvordenklichen Ci- vilisation; jenseits der Grenzgebirge, die in nackten Felsen uͤber einander empor starren, ein Labyrinth von Felsschluͤnden, Klippen- zuͤgen, Bergsteppen, in ihrer Mitte das Tafelland von Kelat, nackt, traurig, von trockener Kaͤlte oder kurzer, sengender Som- mergluth, in Wahrheit die „Wuͤste der Armuth“ Dustibe-dulut nach Pottinger, dessen Angaben obiger Schil- derung zum Grunde liegen. . Gen Norden und Westen umschließen sie steile Klippenzuͤge, an deren Fuß die furchtbare Wuͤste Arianas fluthet, ein endloser Ocean, mit der roͤthlich schillernden Atmosphaͤre des gluͤhenden Flugsandes, mit dem wellenhaften Wechsel stets treibender Duͤnen, in denen der Pilger verirrt und das Kameel untersinkt. So der traurige Weg ins Innere; noch oͤder und furchtbarer ist die Einoͤde der Kuͤste und der Weg durch sie hin gen Westen. Wenn man von Indien aus durch die Paͤsse des großen Scheidegebirges gestiegen, so oͤff- net sich eine tiefe Landschaft, links das Meer, gen Westen und Norden maͤchtige Gebirge, in der Tiefe ein Fluß, der zum Ocean eilt, das letzte stroͤmende Wasser auf diesem Wege; Getraidefelder am Fuß der Berge, Doͤrfer und Flecken in der Ebene zerstreut, die letzten auf einem Wege von Monaten. Gen Norden fuͤhren aus dieser „Ebene“ Der Name der Provinz Lussa hat in der Judgalischen Sprache diese Bedeutung. Die Paͤsse oder Lukh’s sind gen Nor- den die Bergstraße ( Kohen-wan s. Pottingers Tagebuch, 1. Februar) gen Osten nach Indien der von Hydrabad und Kurache, gen We- sten der von Hinglatz, der zum Strande hinab fuͤhrt, und der von Bela auf der Straße gen Kedje; s. Pottinger p. 431. Uebersetzung. duͤstere Zickzackpaͤsse in die Bergwuͤste von Kelat; gen Westen ziehen die Berge der Oriten bis ans Meer hinab. Man uͤbersteigt sie und nun beginnen die Schrecken der furchtbarsten Einoͤde; die Kuͤste ist flachsandig, gluͤhend heiß, ohne Gras und Strauch, von den Sandbetten vertrockneter Stroͤme durchfurcht, fast unbewohnbar, die elenden Fischerhuͤtten, die ein- zeln auf Meilen weit an dem Strande zerstreut sind, von Fisch- graͤten und Seetang erbaut, unter einsamen Palmengruppen, die wenigen Menschen noch elender als ihr Land. Eine Tagereise landein streichen nackte Klippenzuͤge, von Gießbaͤchen durchrissen, die in der Regenzeit ploͤtzlich anschwellen, reißend und brausend zur Kuͤste stuͤrzen und dort die tiefen Muͤndungsbetten auswuͤhlen, sonst das Jahr hindurch trocken liegen, mit Genist, Mimosen und Tamarisken uͤberwuchert, voll Woͤlfen, Schakalen und Muͤ- ckenschwaͤrmen. Hinter diesen Klippenzuͤgen dehnt sich die Wuͤste Gedrosten, mehrere Tagereisen breit, von wenigen wandernden Staͤmmen durchirrt, dem Fremdling mehr als furchtbar; Einoͤde, Duͤrre, Wassermangel sind hier die kleinsten Leiden; Tages stechende Sonne, gluͤhender Staub, der das Auge entzuͤndet und den Athem erdruͤckt, Nachts durchfroͤstelnde Kuͤhle und das Heulen hungriger Raubthiere, nirgend ein Obdach oder Grasplatz, nirgend Speise und Trank, nirgend ein sicherer Weg oder ein Ziel des Weges. 30 * Durch diese Wuͤste, so wird erzaͤhlt, kehrte die Koͤnigin Semira- mis aus Indien heim, und von den Hunderttausenden ihres Hee- res retteten sich mit ihr nicht zwanzig Menschen gen Babylon; auch Cyrus soll diesen Ruͤckweg genommen und das gleiche Schick- sal erfahren haben; selbst der Fanatismus des Islam hat nicht gewagt erobernd in diese Wuͤste einzudringen; der Kalif verbot sei- nem Feldherrn Abdallah dieß Land, das der sichtliche Zorn des Propheten getroffen. Alexander hat diesen Weg gewaͤhlt, nicht um Groͤßeres zu vollbringen als Cyrus und Semiramis, wie das Alterthum, noch um die Verluste der Indischen Heerfahrt durch groͤßere Verluste vergessen zu machen, wie der Unverstand neuerer Geschichtsschrei- ber geglaubt hat. Er mußte diesen Weg waͤhlen; es durften nicht zwischen den Satrapien des Indus und des Persischen Mee- res herrenlose Laͤnderstrecken oder ununterworfene Voͤlkerstaͤmme den Zusammenhang der Occupation stoͤren, sie durften es um so weniger, da die Klippenzuͤge am Saum der Einoͤde raͤuberischen Horden und rebellischen Satrapen ein stetes Asyl geboten haͤtten. Noch wichtiger war die Ruͤcksicht auf die Flotte, welche laͤngs der wuͤsten Kuͤste dahin fahren und den Seeweg zwischen Indien und Persien oͤffnen sollte; sie konnte nicht auf Monate lang verpro- viantirt und mit Wasser versehen werden; um beides einzunehmen mußte sie von Zeit zu Zeit an die Kuͤste gehen, von der sie sich bei der Natur der damaligen Nautik uͤberhaupt nicht entfernen durfte. Sollte diese Expedition irgend gluͤcken und ihr Zweck, die Fahrt vom Euphrat zum Indus zu oͤffnen, erreicht werden, so war es vor Allem nothwendig, die Kuͤste zugaͤnglich zu machen, Wasserbrunnen zu graben, Vorraͤthe zu beschaffen, Widerstand von Seiten der Einwohner zu hindern, die Bevoͤlkerung namentlich der reicheren Distrikte mit in den Verband des Reiches hinein zu ziehen. Dieß waren die Gruͤnde, die den Koͤnig Alexander veran- laßten, durch Gedrosien zuruͤck zu kehren, obschon ihm die Natur jener Landesstrecke nicht unbekannt sein konnte; er durfte den gro- ßen Plan nicht um der Gefahren Willen, die ihm nothwendig folgten, Preis geben, er durfte die Opfer nicht scheuen, die ihm das Unternehmen kosten sollte, er durfte die Stimme der Mensch- lichkeit und Besorgniß nicht achten, wo es galt, wesentliche Zwecke zu erreichen; und erkennt man einmal die Groͤße und Berechti- gung jenes Gedankens, Asien fuͤr das Hellenische Leben zu gewin- nen, so muß man auch die Consequenzen desselben, moͤgen sie auch nach menschlicher Betrachtungsweise mit Menschlichkeit und Moͤg- lichkeit in Widerspruch erscheinen, anerkennen und als geschichtlich recht begreifen. Es mochte gegen Ende August des Jahres 325. sein, als Alexander aus Pattala und dem Indischen Lande aufbrach Es waͤre interessant, die Truppenzahl zu kennen, die Alex- ander bei sich hatte; nach Arrian VI. 21. 4. koͤnnte es scheinen, daß es alle Geschwader der Ritterschaft, alle Chiliarchien der Hyp- aspisten, alle Phalangen, alle berittenen Schuͤtzen und die Mehr- zahl der Bogenschuͤtzen gewesen seien: doch war dem nicht so; drei Phalangen und einen großen Theil der Schuͤtzen, ferner die Kampf- unfaͤhigen aller Waffen hatte Kraterus bei sich, dessen Heer sich ohnfehlbar auf mehr als dreißigtausend Mann belief. Schwieriger ist es zu sagen, wie viel Truppen zum Bedarf der Flotte verwendet waren; Schlosser rechnet, durch den Katalog der Trierarchen ver- fuͤhrt, im Ganzen dreiunddreißig Schiffe und Vincent zweitausend Fahrzeuge; ich glaube, daß man nicht mehr als hundert Schiffe und fuͤnftausend Menschen rechnen darf. Alexander brachte im Jahre 327. ein Heer von etwa hundertundzwanzigtausend Men- schen nach Indien, und im folgenden Jahre kamen neue Truppen im Betrag von sechsunddreißigtausend Mann nach; Krankheiten, Gefechte, Ansiedelungen und Besatzungen (im unteren Indien al- lein blieben zehntausend Mann), duͤrften das Gesammtheer bis zum Sommer 325. wohl auf achtzigtausend Mann zuruͤck gebracht ha- ben, von denen demnach Alexander etwa vierzigtausend Mann mit sich gehabt haben duͤrfte. ; bald war das Grenzgebirge erreicht und auf dem noͤrdlicheren Paßwege uͤberstiegen; etwa mit dem neunten Tage Dieses ist nach Curtns IX. 10. 5, der im Uebrigen, wie Diodor, fuͤr die Geographie dieser Gegend vollkommen unbrauchbar ist. Von Pattala bis zum Paß von Hy- drabad sind etwa sechszehn Meilen, von da bis zum Arabiussluß (heute Poorally) gegen zwoͤlf Meilen. Der Name der Oriten scheint in dem heutigen Flecken Huruana und Hoormora (fuͤnfundzwanzig Meilen westlich von der Arabiusmuͤndung) erkennbar. Die heutigen kam man in die Thallandschaft des Arabiusstromes, an dem disseits die Ara- biter, jenseits bis in die Berge die Oriter wohnten; beide Staͤm- me hatten sich noch nicht unterworfen; deshalb theilte Alexander sein Heer, ihr Land zu durchziehen und, wo es Noth thaͤte, zu verwuͤsten. Von ihm selbst, von Leonnat, von Ptolemaͤus gefuͤhrt, zogen einzelne Kolonnen in das Land hinab, waͤhrend Hephaͤstion das uͤbrige Heer nachfuͤhrte. Alexander wandte sich links dem Meere zu, um zugleich an der Kuͤste entlang fuͤr den Bedarf sei- ner Flotte Brunnen graben zu lassen, demnaͤchst aber die Oriten, die fuͤr streitbar und zahlreich galten, zu uͤberfallen; denn die Ara- biten hatten beim Heranruͤcken der Macedonier ihre Doͤrfer ver- lassen und sich in die Wuͤste gefluͤchtet. Alexander kam an den Arabiusfluß, der seicht und schmal, wie er war, leicht uͤberschritten wurde; ein naͤchtlicher Marsch durch die Sandgegend, die sich von seinem rechten Ufer abendwaͤrts erstreckte, brachte ihn mit Tages- anbruch an die wohlbebauten Felder und Dorfschaften der Oriter. Sofort bekam die Reuterei Befehl, geschwaderweise aufzuruͤcken, und, um desto mehr Feld zu bedecken, in gemessenen Entfernun- gen vorzuruͤcken, waͤhrend das Fußvolk in geschlossener Linie nach- folgte. So wurde nun ein Dorf nach dem anderen angegriffen und eingenommen; wo die Einwohner Widerstand versuchten und mit ih- ren Giftpfeilen gegen die Macedonischen Speere zu kaͤmpfen wag- ten, wurden sie leicht bewaͤltigt, ihre Doͤrfer verbrannt, sie selbst niedergehauen oder zu Gefangenen gemacht und in die Skla- verei verkauft. Das untere Gebiet der Oriten war ohne bedeu- tenden Verlust unterworfen; auch die Pfeilwunde, die das Leben des Lagiden Ptolemaͤus in Gefahr brachte, wurde schnell und gluͤcklich geheilt Strabo XV. p. 309., Cic. de Div. II. 66. und andere, Diodor XVII. 103. und Curtius IX. 8. 20. verlegen die Sache in das In- dusdelta. ; an einem Wasser lagerte und rastete Alexan- der und wartete die Ankunft des Hephaͤstion ab. Mit ihm ver- einigt zog er weiter zu dem Flecken Rambacia, dem groͤßten im Lande der Oriter; die Lage desselben schien guͤnstig fuͤr den Ver- kehr und zur Behauptung des Landes; Alexander beschloß, ihn Bewohner der Gegend nennen sich Urboo ( cf. Vincent p. 195.). zur Hauptstadt der Oritischen Satrapie zu machen und zu coloni- siren; Hephaͤstion erhielt den Befehl zur Gruͤndung der Oritischen Alexandria Die Lage von Rambacia glaubt Vincent und mit ihm van der Chys in einem heutigen Orte Ram-yur wieder zu finden, der auf Pottingers Karte nicht verzeichnet ist. Diodor sagt, da Alex- ander eine Stadt zu gruͤnden wuͤnschte, und einen sicheren (ἄκλυςον) Hafen und dabei eine wohl belegene Landschaft fand, so gruͤndete er daselbst ein Alexandria. Curtius fuͤgt hinzu, daß es mit Ara- chosiern (vielleicht aus dem Heere) bevoͤlkert wurde. Nearchs Ta- gebuch erwaͤhnt dieser neuen Stadt nicht; der Weiberhafen, den er ἄκλυςος nennt, liegt ostwaͤrts vom Arabiusflusse. Daß die vierte Alexandria bei Steph. Byz. πόλις Νεαϱτῶν und Diodors Νεωϱειτῶν nichts anderes als Ὠϱ ιτῶν bezeichnet und die von Arrian erwaͤhnte Colonie in Rambacia ist, haben die Erklaͤrer zu Diodor, Curtius und Steph. Byz. erwiesen. Arrian sagt, daß Leonnat ἐν Ὠϱοις zuruͤckgelassen hat, was allerdings eine Stadt τὰ Ὦϱα bezeichnen koͤnnte, die mit dem Haur der Morgenlaͤndischen Autoren uͤberein- stimmt; doch scheint es eher das Land zu bezeichnen. — Wie weit es gen Norden gereicht, wird nicht angedeutet, doch scheint der Zug der Berge zimlich bestimmt die Grenze gen Westen und Norden an- zugeben. . Der Koͤnig selbst brach mit der Haͤlfte der Hyp- aspisten und Agrianer, mit dem Geleit seiner Ritterschaft und den berittenen Schuͤtzen gegen die Berge hin auf, welche das Ge- biet der Oriten und Gedrosier von einander scheiden; denn in den dortigen Paͤssen, durch welche der Weg nach Gedrosien fuͤhrte, haͤtten sich, so war dem Koͤnig berichtet, die Oriten und Gedrosier in sehr bedeutender Macht aufgestellt, um vereinigt den Macedo- niern den Weg zu sperren. Sobald aber die Macedonier dem Eingang der Paͤsse nahten, flohen die Barbaren vor einem Feinde, dessen unwiderstehliche Kraft sie eben so sehr, wie seinen Zorn nach dem Siege fuͤrchteten; die Haͤuptlinge der Oriten kamen in demuͤthiger Unterwuͤrfigkeit zu ihm herab, sich, ihr Volk und ihr Alles seiner Gnade zn uͤbergeben. Alexander empfing sie huldvol- ler, als sie erwartet, er trug ihnen auf, ihre zersprengten Dorf- schaften wieder zu sammeln, und ihnen in seinem Namen Ruhe und Sicherheit zu versprechen; er legte es ihnen ans Herz, seinem Satrapen Apollophanes, den er uͤber ihr, der Arabiten und der oͤstlichen Gedrosier Land setzen wuͤrde, zu gehorchen und nament- lich den Anordnungen, die zur Versorgung der Macedonischen Flotte getroffen werden wuͤrden, gehoͤrig nachzukommen. Zu glei- cher Zeit wurde Leonnat der Leibwaͤchter mit einem bedeutenden Heere, bestehend aus saͤmmtlichen Agrianern, einem Theil der Bo- genschuͤtzen, einigen hundert Pferden der Macedonier und Helleni- schen Soͤldner, einer entsprechenden Anzahl schwerbewaffneter und Asiatischer Truppen, in der neuen Satrapie zuruͤck gelassen, mit dem Befehl, die Ankunft der Flotte an diesen Gestaden zu erwarten und Alles zu deren Aufnahme vorzubereiten, die Coloni- sation der neuen Stadt zu vollenden, den etwa noch vorkommen- den Unordnungen und Widersetzlichkeiten von Seiten des Volks zu begegnen und Alles anzuwenden, um die bisher unabhaͤngigen Oriter fuͤr die neuen Verhaͤltnisse zu gewinnen; Apollophanes da- gegen wurde angewiesen Alles zu thun, um in das Innere von Gedrosien Schlachtvieh und Vorraͤthe zusammenbringen zu lassen, damit das Heer nicht Mangel litte Arrian VI. 22. . Demnaͤchst brach Alexander aus dem Lande der Oriten gen Gedrosien hin auf. Schon wurde der heiße und flache Kuͤsten- saum breiter und oͤder, die Hitze stechender, der Weg beschwerli- cher; man zog Tage lang durch einsame Sandstrecken, in denen von Zeit zu Zeit Palmengruppen einen aͤrmlichen Schatten unter der fast senkrechten Sonne boten; haͤufiger waren Myrrhenbuͤsche, stark duftend in der Gluth der Sonne und in der Fuͤlle des un- benutzt ausschwitzenden Harzes; die Phoͤnicischen Kaufleute, die mit zahlreichen Kameelen dem Heere folgten, sammelten hier viel von dieser koͤstlichen Waare, die im Abendlande unter dem Namen der Arabischen Myrrhe so beliebt war Ueber dieses Gewaͤchs s. Asiat. Re- searches Vol. IV. p. 97 und 433. . In der Naͤhe der See oder der Fluͤsse bluͤhte die starkduftende Tamariske, uͤber den Boden hin wucherte die Schlingwurzel der Narden und vielran- kige Dorngebuͤsche, in denen sich die Hasen, die der nahende Hee- reszug aufgescheucht, wie Voͤgel im Dohnenstrich fingen. In der Naͤhe solcher Plaͤtze wurde uͤbernachtet und aus den Blaͤttern der Myrrhen und Narden die naͤchtliche Streu bereitet. Aber mit jedem neuen Marsche wurde die Kuͤste oͤder und unwegsamer. Die Baͤche erstarben im heißen Sande, auch die Vegetation hoͤrte auf; von Menschen und Thieren war auf weite Strecken keine Spur; man begann die Naͤchte zu marschiren, um waͤhrend des Tages zu ruhen, man zog tiefer landein, um auf dem naͤchsten Wege diese Einoͤde zuruͤckzulegen, und zugleich fuͤr die Flotte Vorraͤthe an die Kuͤste zu schaffen; einzelne Trupps wurden dann an die Kuͤste hinab gesandt, die Vorraͤthe aufzustapeln, Brunnen zu gra- ben, die Zugaͤnglichkeit des Strandes fuͤr die Schiffe zu untersu- chen. Einige dieser Reuter unter Thoas Fuͤhrung brachten die Nach- richt, an der Kuͤste seien wenige aͤrmliche Fischerhuͤtten, aus Wall- fischribben und Seemuscheln erbaut; die Bewohner, armselig und stumpfsinnig, lebten von gedoͤrrten Fischen und Fischmehl, und traͤn- ken das brakige Wasser der Strandgruben; man hatte das Gebiet der Ichthyophagen erreicht. Tiefer landein, so hieß es, finde man einzelne Dorfschaften; dorthin mußte das Heer, da der Mangel an Lebensmitteln schon empfindlich zu werden begann. Nach lan- gen, ermuͤdenden Nachtmaͤrschen, in denen schon nicht mehr die strengste Ordnung und Mannszucht zu erhalten war, erreichte man diese Gegend; die Vorraͤthe, die sie darbot, wurden moͤglichst spar- sam an das Heer vertheilt, damit das Uebrige, mit dem koͤnigli- chen Siegel verwahrt und auf Kameele gepackt, an die Kuͤste ge- bracht wuͤrde; aber als Alexander mit den ersten Colonnen zum weiteren Marsche aufbrach, rissen die bei den Vorraͤthen bestellten Wachen die Siegel auf, und von ihren hungernden Kameraden schreiend umdraͤngt, theilten sie aus, was sie bewahren sollten, un- bekuͤmmert, wie sie ihr Leben verwirkten, um es vor dem Hun- gertode zu retten. Alexander ließ es ungeahndet; Zucht und Ge- setz war zu Ende, es galt das nackte Leben zu retten. Er eilte neue Vorraͤthe aufzutreiben und sie unter sicherer Bedeckung hin- abzusenden; er befahl den Einwohnern, aus dem Inneren des Landes so viel Getraide, Dattelfrucht und Schlachtvieh als irgend moͤglich aufzubringen und an die Kuͤsten zu schaffen; zuverlaͤssige Maͤnner wurden zuruͤckgelassen, diese Transporte zu besorgen. Jetzt zog das Heer weiter; es nahte dem furchtbarsten Theil der Wuͤste, in graͤßlicher Steigerung wuchs der Hunger, das Elend, die Zuͤgellosigkeit. Auf zehn, auf funfzehn Meilen weit kein Wasser, der Sand tief, heiß, wellenhaft wie ein stuͤrmisches Meer zu tiefen Duͤnen aufgeweht, in denen man mit jedem Schritte tief einsank und sich mit endloser Muͤhe durchschleppte, um sogleich dieselbe Arbeit von Neuem zu beginnen; dazu das Dunkel der Nacht, die furchtbar wachsende Aufloͤsung aller Ord- nung, die letzte Kraft durch Hunger und Durst erschoͤpft oder zu selbstischer Gier verwildert. Man schlachtete die Pferde, Kameele und Maulthiere und aß ihr Fleisch; man spannte das Zugvieh von den Wagen der Kranken, und uͤberließ diese ihrem graͤßlichen Schicksal, waͤhrend das Heer in wilder Hast weiter zog; wer vor Muͤdigkeit oder Entkraͤftung zuruͤckblieb, der fand den Mor- gen kaum noch die Spur des großen Heeres wieder, und fand er sie, so bemuͤhte er sich umsonst dasselbe einzuholen; in schrecklichen Zuckungen verschmachtete er unter der gluͤhenden Mittagssonne oder verirrte in dem Labyrinth der Duͤnen, um vor Hunger und Durst langsam dahin zu sterben. Gluͤcklich das Heer, wenn es vor Tagesanbruch die Brunnen erreichte, um zu rasten; oft aber war es noch fern, und schon brannte die Sonne durch die roͤth- liche Gluthluft herab und der Sand gluͤhte unter den wunden Fuͤßen; dann stuͤrzten die Thiere roͤchelnd zusammen, und den hin- sinkenden Menschen brach das Blut jaͤhlings aus Auge und Mund, oder sie kauerten nieder im grinsenden Wahnwitz, waͤh- rend die Reihen aufgeloͤst in gespenstischer Stille an den ster- benden Kameraden voruͤberwankten. Kamen sie endlich zu den Wassern, so stuͤrzten sie hin und tranken in graͤßlicher Gier, um die letzte Labung mit einem qualvollen Tode zu buͤßen. An einer der Raststellen, ein fast ausgetrocknetes Wasser floß vor- uͤber, lagerte das Heer einen Tag und ruhte unter den Zelten; da fuͤllte sich ploͤtzlich das Strombette und brausend schwollen die Wasser uͤber; Waffen, Thiere, Zelte, Menschen wurden mit hin- weggerissen, und ehe man sich noch zu besinnen und zu helfen ver- mochte, war schon die Verwuͤstung auf ihrem Gipfel; Alexanders Zelt und ein Theil seiner Waffen wurden ein Raub der Fluth, deren Gewalt er selbst mit Muͤhe entrann. So haͤuften sich die Schrecken; und als nun endlich gar bei dem weiteren Marsche, da ein heftigerer Wind die Duͤnen der Wuͤste durcheinander trieb und allen Weg spurlos verwehte, die landeingeborenen Fuͤhrer ver- irrten und nicht mehr wo noch wohin wußten, da sank auch dem Muthigsten der Muth, und der Untergang schien Allen gewiß. Alexander aber sammelte die kraͤftigsten der Ritter, eine kleine Schaar, um sich, mit ihnen das Meer zu suchen, er beschwor sie, die letzten Kraͤfte zusammen zu nehmen und ihm zu folgen. Sie ritten mittagwaͤrts durch die tiefen Duͤnen, von Durst gequaͤlt, in der tiefsten Erschoͤpfung; die Pferde stuͤrzten zusammen, die Reuter vermochten nicht sich weiter zu schleppen, nur der Koͤnig mit fuͤnf Anderen war unermuͤdlich vorgedrungen; sie sahen end- lich die blaue See, sie ritten hinab, sie gruben mit ihren Schwerd- tern im Sande nach suͤßem Wasser und ein Quell sprudelte her- vor, sie zu erquicken; dann eilte Alexander zuruͤck zum Heere und fuͤhrte es hinab an den kuͤhleren Strand, und zu den suͤßen Quel- len, die dort rieselten. Und die Fuͤhrer fanden sich wieder zurecht, und fuͤhrten das Heer noch sieben Tage lang an der Kuͤste, wo an Wasser nicht Mangel und auch hie und da Vorraͤthe und Dorfschaften waren; mit dem siebenten Tage wandte man sich landeinwaͤrts und zog durch fruchtprangende und heitere Gegenden gen Pura, der Residenz der Satrapie Gedrosien Man hat die Darstellung des Zuges durch die Wuͤste fuͤr uͤbertrieben halten wollen. Neuere Berichte, namentlich Pottingers, beweisen ihre Wahrhaftigkeit, die auch schon der Name Nearchs verbuͤrgen wuͤrde, aus dessen Denkwuͤrdigkeiten Arrian und Strabo ziemlich uͤbereinstimmend excerpirt haben. Man vergleiche Pottin- gers Tagebuch vom April, mit Strabo XV. p. 307 und Arrian VI. 23. Den Weg im Einzelnen zu verfolgen ist natuͤrlich unmoͤglich, doch scheint er nie uͤber die Klippenzuͤge, die bis auf 10 bis 15 Meilen von der Kuͤste entfernt sind, nordwaͤrts gegangen zu sein. Den schnell anschwellenden Strom hat man fuͤr den Dustee, der mit dem Hindmend in Verbindung zu sein scheint, halten wollen, doch ohne gehoͤrigen Grund. Auch uͤber die Lage von Pura laͤßt sich nichts mit Bestimmtheit sagen, da der Name in Gedrosien haͤufig zu sein scheint; doch moͤchte die Gegend des heutigen Puhra . So erreichte das Heer endlich das Ziel seines Weges, aber in welchem Zustande! Der Marsch von der Oriten Grenze durch die Wuͤste hatte sechzig Tage gewaͤhrt Diese sechzig Tage scheinen im Widerspruch mit der Angabe von den ungeheueren Ta- gemaͤrschen von vierhundert, ja sechshundert Stadien, die Alexan- der gemacht haben soll. Die gerade Distanz von der Oriter Graͤnze bis Bunpur sind fast hundert Meilen, dazu die Verirrungen, das Hinabgehen zur Kuͤste und die Ruͤckkehr ins Innere, moͤchten den Weg um die Haͤlfte vergroͤßert haben; das gaͤbe durchschnittlich auf den Tag zwei und eine halbe Meile, was schon hinreichend in solchem Terrain. , aber die Leiden und Verluste auf diesem Marsche waren groͤßer als alles Fruͤhere zu- sammen genommen. Das Heer, das so stolz und reich aus In- dien ausgezogen, war auf ein Viertel zusammengeschmolzen, und dieser traurige Ueberrest des welterobernden Heeres war abgezehrt und entstellt, in zerlumpten Kleidern, fast ohne Waffen, die weni- gen Pferde abgemagert und elend, das Ganze ein Aufzug des tiefsten Elends, der Aufloͤsung und Niedergeschlagenheit. So kam der Koͤnig gen Pura. Hier ließ er rasten, damit sich die erschoͤpf- ten Truppen erholten und die auf dem Wege Verirrten sich sam- melten. Der Satrap uͤber Oritis und Gedrosien, der den Befehl erhalten, die Wege der Wuͤste mit Vorraͤthen versorgen zu lassen, und durch dessen Fahrlaͤssigkeit dem Heere selbst noch die Erleich- terung, welche die Wuͤste gestattet haͤtte, entzogen worden war, erhielt von hier aus seine Entlassung; Thoas wurde zu seinem Nachfolger in der Satrapie bestimmt Arrian. VI. 22. 1. Apollophanes war waͤhrend der Zeit im Kampfe gegen die Oriten gefallen. (s. u.) . Dann brach Alexander nach Karamanien auf, wo er den Kraterus mit seinem Heere und mehrere Befehlshaber der oberen und Bunpur, fast 30 Meilen landein, fuͤr die der alten Landesre- sidenz zu halten sein, da sie in dem fruchtbaren Theil Gedrosiens und auf dem Wege von der Kuͤste zum oberen Karamanien belegen war; cf. Vincent p. 303. Der Weg Alexanders duͤrfte dann ziemlich der des Capitain Grant, der von Bunpur und Geh bis zur Kuͤste hinab ging, sein. Alexander durfte sie hier verlassen, ohne fuͤr seine Flotte im Weiteren sorgen zu brauchen, da demnaͤchst die wirth- barere Kuͤste von Karamanien beginnt. Provinzen, die er dorthin beordert, zu treffen hoffte. Es mochte Anfang December sein; von der Flotte und ihren Schicksalen hatte man nicht die geringste Nachricht; war die dem hochherzigen Nearch uͤbertragene Expedition schon an sich gefahrvoll, und die gaͤnzliche Ungewißheit uͤber den Fortgang hoͤchst beunruhigend, so mochte Alexander durch die juͤngsten Erlebnisse und ihre unbe- schreibliche Furchtbarkeit, eher Alles zu fuͤrchten, als das Gelingen eines großen Planes zu hoffen geneigt sein; jene Kuͤste, die dem groͤßten Theil seines Heeres den elendesten Untergang gebracht hatte, war fuͤr die Flotte die letzte und einzige Zuflucht; und oͤde, flachsandig, hafenlos wie sie war, schien sie eher die unberechenba- ren Wechselfaͤlle von Wind und Wetter gefaͤhrlicher zu machen, als vor ihnen retten zu koͤnnen; ein Orkan, und Flotte und Heer konnte spurlos vernichtet sein, eine unvorsichtige Fahrt, und der Ocean war weit genug zu endlosem Irren und rettungslosem Treiben. Da kam der Hyparch der Seekuͤste Karamaniens zum Koͤnige mit der Nachricht, fuͤnf Tage suͤdwaͤrts, an der Muͤn- dung des Flusses Anamis sei Nearch wohlbehalten mit der Flotte gelandet, habe auf die Nachricht, daß sich der Koͤnig im oberen Lande befaͤnde, sein Heer sich hinter Wall und Graben lagern lassen, und werde demnaͤchst persoͤnlich vor Alexander erscheinen. Des Koͤnigs Freude war im ersten Augenblick außerordentlich, bald genug sank sie in Ungeduld, in Zweifel, in groͤßere Bekuͤm- merniß zuruͤck; umsonst erwartete man Nearchs Ankunft, es ver- strich ein Tag nach dem andern; Boten auf Boten wurden aus- gesandt, aber die Einen kamen zuruͤck mit dem Bericht, sie haͤtten nirgend Macedonier der Flotte gesehen, nirgend von ihnen Kunde erhalten; andere Boten blieben ganz aus; endlich befahl Alexan- der, den Hyparchen, der treulose Maͤhrchen geschmiedet und mit der Trauer des Heeres und des Koͤnigs Spott getrieben, fest zu neh- men und in Ketten zu legen; er selbst aber war trauriger denn zuvor, und von Leiden des Koͤrpers und der Seele bleich. Indeß hatte der Hyparch die volle Wahrheit gesagt: wirklich war Nearch mit seiner Flotte an der Karamanischen Kuͤste; gluͤck- lich hatte er ein Unternehmen, dem an Gefahren und Wundern schon an sich nichts aͤhnlich war, und das uͤberdieß durch das Zu- sammentreffen zufaͤlliger Umstaͤnde uͤberaus erschwert worden war, vollbracht. Schon am Indusstrome hatten diese Schwierigkeiten begonnen; denn kaum war Alexander mit dem Landheere uͤber die Grenzen Indiens hinaus gegangen, so hatten auch schon die In- dier, die sich jetzt frei und sicher glaubten, bedenkliche Unruhen begonnen, so daß die Flotte nicht mehr im Indus sicher zu sein schien So berichtet Strabo XV. p. 307. nach Nearch; Arrian in seinen Auszuͤgen uͤbergeht dieß und sagt, die Flotte sei abgese- gelt, nachdem sich die Sommer-Etesien gelegt haͤtten; was aller- dings richtig ist, doch waren noch nicht die Winter-Etesien einge- treten, die doch Nearch abgewartet haͤtte, wenn es ihm moͤglich gewesen waͤre. Die Zeit seiner Abfahrt setzt Strabo l. c. in den Herbst gegen den Spaͤtaufgang der Plejaden, der ohngefaͤhr auf den 28. September faͤllt; cf. Ideler uͤber Ovids Fasten (Abhandl. der Berl. Akademie 1822. p. 153.) Genauer ist die Angabe in Arrian; der Tag der Abfahrt sei der 20. Bo ë dromion, d. h. nach dem damals herrschenden Metonischen Kalender der 21. September. Weiter heißt es: „waͤhrend zu Athen Cephisodorus Archon war“, wahrscheinlich Suffectus fuͤr Antikles, den allgemein bekannten Ar- chon dieses Jahres. Endlich fuͤgt Arrian hinzu: ὡς δὲ Μακεδ όνες τε καὶ Ασιανοὶ ἦγον, τύ ένδέκατον βασιλεύοντος Ἀλεξάνδ ϱου. Hier ist nicht sowohl eine Luͤcke hinter ἦγον, als vielmehr der Fehler, daß der 21. Sep- tember 325. im zwoͤlften Regierungsjahre Alexanders liegt; denn wahrscheinlich rechnete man in Macedonien wie spaͤter in Aegypten volle Jahre, so daß, wenn Philipp etwa im Hyperberetaͤus (Boe- dromion) 336. ermordet wurde, dieses zu Ende gehende Macedoni- sche Jahr das erste Alexanders, das mit dem Dius (Pyanepsion) anfangende in dessen zweites, somit der 20. Bo ë dromion 325. in dessen zwoͤlftem Jahre war. Erklaͤrt koͤnnte die obige Lesart nur so wer- den, daß man annimmt, in Macedonien sei von dem Tage der Thronbesteigung an gerechnet worden, Alexander aber etwa mit dem 1. Pyanepsion 336. zur Herrschaft gekommen, so daß vom 21. bis 30. Bo ë dromion 325. die letzten neun Tage seines elften Re- gierungsjahres gewesen waͤren; doch ist dieß nicht wahrscheinlich. . Nearch hatte, da es nicht seine Bestimmung war, das Land zu behaupten, sondern die Flotte gluͤcklich zum Persischen Meerbusen zu fuͤhren, sich schnell und ohne die Zeit der stehenden Ostwinde abzuwarten, zur Abfahrt bereitet, war am 21. Septem- ber abgesegelt, und hatte in wenigen Tagen die Kanaͤle des In- dusdelta hinter sich; dann war er durch heftige Suͤdwinde genoͤ- thigt, unter dem Vorgebirge, das Indien vom Arabiterlande trennt, in einem Hafen, den er nach Alexander nannte, ans Land zu ge- hen und daselbst vierundzwanzig Tage zu rasten, bis sich endlich die regelmaͤßigen Winde gesetzt hatten. Mit dem 23. Oktober war er weiter geschifft, war unter mannichfaltigen Gefahren, bald zwischen Klippen hindurchsteuernd, bald gegen die gewaltige Bran- dung des Oceans ankaͤmpfend an der Arabiusmuͤndung voruͤbergese- gelt, und nach einem furchtbaren Seesturm am 30. Oktober, der dreien Fahrzeugen den Untergang brachte, bei Kokala an das Land gegangen, um zehn Tage zu rasten und die schadhaften Schiffe auszubessern; es war das der Ort, an dem kurz zuvor der Stra- teg Leonnat die Barbaren der Umgegend in einem sehr blutigen Treffen uͤberwaͤltigt hatte; der Satrap Apollophanes von Gedro- sien war bei dieser Gelegenheit erschlagen worden. Hier reichlich mit Vorraͤthen versehen und nach wiederholentlichen Zusammen- kuͤnsten mit Leonnat, war Nearch weiter gen Westen gefahren, und am 10. November lag das Geschwader vor der Muͤndung des Flusses Tomerus, an dessen Ufern bewaffnete Oriter haufenweise standen, um die Einfahrt der Flotte zu hindern; ein kuͤhner Ue- berfall genuͤgte, sie zu bewaͤltigen, und fuͤr einige Tage einen ruhi- gen Landungsplatz zu gewinnen. Mit dem 21. November war die Flotte an die Kuͤste der Ichthyophagen gekommen, jener arm- seligen und furchtbaren Einoͤde, bei der das Ungluͤck des Landheeres so entsetzlich zu werden begann; auch das Schiffsheer hatte hier viel zu leiden, der Mangel an suͤßem Wasser und an Vorraͤthen wurde mit jedem Tage druͤckender. Endlich fand man in einem Fischerdorfe bald hinter dem Vorgebirge Bageia einen Eingebore- nen Namens Hydraces, der sich erbot, die Flotte als Lootse zu begleiten; er war ihr von großem Nutzen, unter seiner Leitung vermochte man fortan groͤßere Fahrten zu machen, und dazu die kuͤhleren Naͤchte zu waͤhlen. Unter immer steigendem Mangel fuhr man bei der oͤden Sandkuͤste Gedrosiens voruͤber, und schon hatte die Unzufriedenheit der Schiffsleute einen gefaͤhrlichen Grad erreicht; da endlich erblickte man die mit Fruchtfeldern, Palmhai- nen und Weinbergen bedeckten Gestade Karamaniens; jetzt war die Noth voruͤber, jetzt nahte man der langersehnten Einfahrt in das Persische Meer, man war in befreundetem Gebiet. An der schoͤnen Kuͤste Harmozia und an der Muͤndung des Anamisstro- mes landete die Flotte, und das Schiffsvolk lagerte an den Strom- ufern, nach so vielen Muͤhen sich auszuruhen, und sich der uͤber- standenen Gefahren zu erinnern, denen zu entkommen Mancher verzweifelt haben mochte; von dem Landheere wußte man nichts, seit der Kuͤste der Ichthyophagen hatte man alle Spur von dem- selben verloren Ich wage nicht nach Vincents trefflichen Untersuchungen uͤber das Einzelne dieser Fahrt Naͤheres hinzu zu fuͤgen; ein Ver- such der Art wuͤrde uͤberdieß mehr Ausfuͤhrlichkeit, als hier erlaubt ist, fordern. . Da geschah es, daß Einige von Nearchs Leuten, die ein wenig landein gegangen waren, um Lebensmittel zu suchen, in der Ferne einen Menschen in Hellenischer Tracht sahen; sie eilten auf ihn zu und erkannten sich unter Freudenthraͤnen als Hellenische Maͤnner; sie fragten ihn, woher er kaͤme? wer er waͤre? er antwortete, er waͤre vom Lager Alexanders abgekommen, der Koͤnig sei nicht ferne von hier; jauchzend und frohlockend fuͤhrten sie ihn zu Nearch, dem er dann angab, daß Alexander etwa fuͤnf Tage weit ins Land hinauf stehe, und sich zugleich er- bot, ihn zum Hyparchen der Gegend zu bringen; das geschah; Nearch uͤberlegte mit diesem, wie er zum Koͤnige hinauf kommen moͤchte. Waͤhrend er sodann zu den Schiffen zuruͤckkehrte, um hier Alles zu ordnen und das Lager verschanzen zu lassen, war der Hyparch, in der Hoffnung, durch die erste Nachricht von der gluͤcklichen Ankunft der Flotte des Koͤnigs Gunst zu gewinnen, auf dem kuͤrzesten Wege in das innere Land hinauf gereist, und hatte dort jene Botschaft an den Koͤnig gebracht, die ihm selbst so viel Leid zuzog, da deren Bestaͤtigung ausblieb. Endlich war Nearch mit seinen Einrichtungen fuͤr die Flotte und das Lager so weit gediehen, daß er mit Archias, dem zweiten Befehlshaber der Flotte, und mit fuͤnf oder sechs Begleitern von dem Lager auf- brach, und ins Innere wanderte. Diesen begegneten auf dem Wege Wege einige von den ausgesandten Boten Alexanders; aber sie erkannten weder den Nearch noch den Archias, so sehr hatte sich ihr Aeußeres verwandelt; ihr Haupt- und Barthaar war lang, ihr Gesicht bleich, ihre Gestalt abgezehrt, ihre Kleidung zerlumpt und voll Schiffstheer; und als diese sie fragten, in welcher Rich- tung wohl Alexanders Lager staͤnde, zeigten sie ihnen Bescheid und zogen voruͤber. Archias aber ahnete das Rechte und sprach: es scheint, o Nearch, daß die Maͤnner ausgesandt sind, uns zu suchen; daß sie uns nicht erkennen, ist gar wohl zu begreifen, wir moͤgen wohl sehr anders als in Indien aussehen; laß uns sagen, wer wir sind, und sie fragen, wohin sie reisen. Das that Nearch; sie aber antworteten, sie suchten den Nearch und das Heer von der Flotte. Da sagte Nearch: ich bin es, den ihr suchet, fuͤhrt uns zum Koͤnige! Da nahmen sie sie jubelnd auf ihre Wagen und fuhren zum Lager; Einige aber eilten voraus und zum Zelte des Koͤnigs und sprachen: Nearch und Archias und fuͤnf Andere mit ihnen kommen so eben daher. Da sie aber von dem uͤbrigen Heere und von der Flotte nichts wußten, so glaubte der Koͤnig, daß jene wohl unvermuthet gerettet, aber Heer und Flotte untergegangen sei, und seine Trauer war groͤßer denn vorher. Da trat Nearch und Archias herein; Alexander erkannte sie kaum wieder, er reichte dem Nearch die Hand, fuͤhrte ihn zur Seite und weinte lange Zeit; endlich sprach er: „daß ich dich und Archias wieder sehe, laͤßt mich den ganzen Verlust minder schmerzlich empfinden; nun aber sprich, wie ist meine Flotte und mein Heer zu Grunde gegangen?“ Nearch antwortete: o Koͤnig, beides ist dir erhalten, deine Flotte und dein Heer; wir aber sind als die Boten ihrer Erhaltung zu dir gekommen. Da weinte Alexander noch mehr, und lauter Jubel war um ihn her; er aber schwur bei Zeus und Ammon, daß ihm dieser Tag theurer waͤre als der Besitz von ganz Asien So erzaͤhlt Nearch (in Arrians Ind.); die Zeit dieses Zu- sammentreffens laͤßt sich durch Nearchs Reise bestimmen, denn die- ser war am 21. September abgesegelt, und war nach Vincents Nachrechnung am achtzigsten Tage d. h. dem 9. December am Anamisflusse gelandet; es mochte zwischen dem 15. und 20. Decem- . 31 Und schon war auch Kraterus mit seinem Heere und den Ele- phanten nach einem gluͤcklichen Marsche durch Arachosien und Dran- giana in Karamanien angelangt; er hatte sich auf die Nachricht von Alexanders ungeheueren Verlusten moͤglichst beeilt, sein frisches und kraͤftiges Heer dem Koͤnige zuzufuͤhren. Mit ihm zugleich trafen die Befehlshaber, die seit fuͤnf Jahren in Medien gestanden hatten, ein; es waren Kleander mit den Veteranen der Soͤldner, Herakon mit den Soͤldnerreutern, die fruͤher Menidas gefuͤhrt hatte, Si- talces mit dem Thracischen Fußvolk, Agathon mit den Odrysischen Reutern, im ganzen fuͤnftausend Mann zu Fuß und tausend Reu- ter Arrian. VI. 27., cf. Curtius X. 1. . Auch der Satrap Stasanor von Aria und Drangiana und Pharasmanes, der Sohn des Persischen Satrapen Phrata- phernes waren mit Kameelen, Pferden und Heerden Zugvieh nach Karamanien gekommen, zunaͤchst in der Absicht, dem Heere, das sie noch nicht angelangt glaubten, bei dem Zuge durch die Wuͤste die nothwendigen Beduͤrfnisse zu beschaffen; doch auch jetzt ber sein, daß er den Koͤnig wieder sah. Schwieriger, ja unmoͤglich ist es, den Ort zu bestimmen, wo Alexander lagerte. Diodor er- zaͤhlt ( XVII. 106.), Alexander habe mit seinem Heere in der Kuͤ- stenstadt Salmus gestanden, und man sei gerade im Theater ver- sammelt gewesen, als Nearch mit seiner Flotte gelandet, und sofort ins Theater gekommen sei, um von seiner Fahrt zu berichten. In dem Glauben, daß in diesem allerdings ganz verkehrten Bericht wenigstens der Name Salmus richtig sein duͤrfte, hat Vincent p. 306. die Vermuthung aufgestellt, daß dieser Name (Sal-moun) dem Ort Maaun der Morgenlaͤnder entspreche. Die Hypothese scheint zu gewagt. Der einzige Umstand, der ungefaͤhr die Lage dieses Ortes bezeichnen kann, ist, daß von ihm fuͤnf Tagereisen, also etwa funfzehn bis zwanzig Meilen bis zum Schiffslager am Anamis- oder Ibrahim-Fluß waren. Demnach ist es unmoͤglich, an Kerman, Jumalee oder einen der Orte, die Pottinger auf seiner Reise be- ruͤhrt hat, zu denken. Waͤre nicht die Orographie Karamaniens so uͤberaus unklar, so wuͤrde man mindestens die Stadt Alexandria, die hier der Koͤnig bauen ließ, mit einiger Sicherheit bezeichnen koͤnnen; vielleicht, daß eben dort das Lager des Wiedersehens war. Sollte vielleicht Giroft der Lokalitaͤt ohngefaͤhr entsprechen? auch waren sie mit dem, was sie brachten, sehr willkommen, und die Kameele, Pferde und Rinder wurden im Heere auf die uͤb- liche Weise vertheilt. Dieß Alles, dazu die gluͤckliche Natur des Karamanischen Landes, die Pflege und Ruhe, die hier den Sol- daten zu Theil wurde, endlich die unmittelbare Anwesenheit des Koͤnigs, dessen Thaͤtigkeit nie ernster und durchgreifender gewesen war, machten in kurzer Zeit die Spuren des furchtbaren Elends verschwinden und gaben dem Macedonischen Heere Haltung und Selbstvertrauen zuruͤck. Dann wurden Festlichkeiten mannigfacher Art veranstaltet, um den Goͤttern fuͤr die gluͤckliche Beendigung des Indischen Feldzuges, fuͤr die Heimkehr des Heeres und die wunderbare Erhaltung der Flotte zu danken; Zeus dem Erretter, Apollo dem Fluchabwehrer, dem Erderschuͤtterer Poseidon und den Goͤttern des Meeres wurde geopfert, es wurden Festzuͤge ge- halten, Festchoͤre gesungen, Kampfspiele aller Art gefeiert; in dem Gepraͤnge des Festaufzuges ging Nearch bekraͤnzt an des bekraͤnz- ten Koͤnigs Seite, und das jubelnde Heer warf Blumen und bunte Baͤnder auf sie. In allgemeiner Heerversammlung wieder- holte der Admiral den Bericht seiner Fahrt; er und andere der Fuͤhrer, so wie viele vom Heere, wurden vom Koͤnige durch Ge- schenke, durch Befoͤrderungen und Auszeichnungen aller Art ge- ehrt, namentlich wurde der edle Peucestas, bisher Alexanders Schildtraͤger und bei dem Sturm auf die Mallierstadt der Erret- ter des Koͤnigs, in die Schaar der Leibwaͤchter aufgenommen Die oben bezeichneten Festlichkeiten ( Arrian VII. 28. Ind. 37.) haben Veranlassung zu einer widerlichen Uebertreibung gege- ben: der Koͤnig sei sieben Tage lang in dem wildesten Bachanal durch Karamanien gezogen, er selbst auf einem ungeheueren, mit acht Rossen bespannten Wagen, Tag und Nacht mit seinen Freun- den an einer goldenen Tafel schmausend, waͤhrend auf unzaͤhligen anderen, mit purpurnen Teppichen und bunten Kraͤnzen geschmuͤckten Wagen die uͤbrigen Genossen nachfolgten, selbst schmausend und zechend; an den Wegen haͤtten Weinfaͤsser und gedeckte Tafeln ge- standen, und der Zug des uͤbrigen Heeres habe sich taumelnd von Faß zu Faß fortgewaͤlzt; laͤrmende Musik, unzuͤchtige Lieder, feile Dirnen, Phallusbilder, kurz alle erdenkliche Liederlichkeit und Ver- . 31 * Zu gleicher Zeit eroͤffnete der Koͤnig die Ordnung fuͤr den weite- ren Zug: die Flotte sollte ihre Fahrt laͤngs der Kuͤste des Persi- schen Meerbusens fortsetzen, in die Muͤndung des Pasitigris ein- lenken und stromauf in den Fluß von Susa fahren; mit dem groͤßeren Theil des Landheeres, mit den Elephanten und der Ba- gage sollte Hephaͤstion, um die schwierigen Wege, den Schnee und die Winterkaͤlte in den Berggegenden zu vermeiden, an die flache Kuͤste, die Vorraͤthe genug und in jetziger Jahreszeit milde Luft und bequeme Wege hatte, hinab ziehen Hephaͤstions Weg kann nicht unmittelbar zur Seekuͤste gefuͤhrt haben, da sonst Nearch bei seiner Ruͤckkehr zum Anamis nicht von den Bergvoͤlkern uͤberfallen sein wuͤrde (Arrian. Ind. 36.); doch scheint Vincent ihn zu lange im Innern der Provinz verweilen zu lassen; wahrscheinlich ging er bis Lar den Weg, den Don Garcias de Silva Figueroa ( Ambassade, traduit par Wicqfort p. 65 sq. ) beschreibt, und von Lar aus zum Gestade hinab. , um sich in der Ebene von Susa mit der Flotte und dem uͤbrigen Heere wieder zu ver- einigen. Alexander selbst wollte mit der Macedonischen Ritter- worfenheit haͤtte sich hier vereinigt. So Plutarch, Curtius, außerdem eine unzaͤhlige Menge von Hindeutungen in den Griechischen und Roͤmischen Autoren. Es genuͤgt, dagegen Arrians Worte anzufuͤh- ren. „Einige erzaͤhlen auch, was mir nicht wahrscheinlich erscheint, daß Alexander auf einem Doppelwagen, mit seinen Getreuen zu Tische sitzend und schwelgend, durch Karamanien gezogen und ihm das Heer gekraͤnzt und jubelnd gefolgt sei; denn man habe wieder Lebensmittel in Ueberfluß gehabt, und Alles, was zur uͤppigsten Lust gehoͤrt, sei von den Karamaniern an die Wege gebracht worden; und das alles habe der Koͤnig zur Nachahmung des Bachanals gethan, in dem Dionysus, nachdem er Indien unterworfen, zuruͤck gekehrt sei. Doch erzaͤhlt dieses weder Ptolemaͤus noch Aristobul, noch irgend ein anderer glaubwuͤrdiger Schriftsteller.“ Daß die Feste in Kara- manien mit hoͤchster Pracht gefeiert wurden, versteht sich von selbst; aber so wenig wie wir in neuer Zeit, wenn aͤhnliche Feste an Hoͤfen der Koͤnige und Kaiser gegeben werden, daraus boͤswillige Folgerungen uͤber die Persoͤnlichkeit der erhabenen Fuͤrsten machen, eben so und noch weniger darf dem Herrn des Morgenlandes aus seiner Pracht- liebe und großartigem Aufwand ein Vorwurf gemacht werden. schaft und dem leichten Fußvolk, namentlich den Hypaspisten und einem Theile der Bogenschuͤtzen, auf dem naͤchsten Wege durch die Berge uͤber Pasargadaͤ und Persepolis gen Susa ziehen Alexanders Weg scheint der von Edrist bezeichnete, von Giroft nach Fasa zu sein. . So kehrte Alexander in den Bereich der Laͤnder zuruͤck, die ihm seit Jahren unterworfen und Theile des Macedonisch-Persi- schen Reiches waren; und man muß gestehen, es war hohe Zeit, daß er zuruͤckkehrte. Arge Unordnungen und gefaͤhrliche Neuerun- gen waren an mehr als einem Punkte entstanden; nur zu bald hatte der Geist der Zuͤgellosigkeit und Anmaßung, der in den Sa- trapen des fruͤheren Perserreichs geherrscht hatte, auch bei den Macedonischen Statthaltern und Anfuͤhrern Eingang gefunden; waͤhrend des Koͤnigs Abwesenheit ohne Aufsicht und im Besitz einer fast unumschraͤnkten Gewalt, hatten viele Satrapen, sowohl Macedonier als Perser, die Voͤlker auf das Furchtbarste gedruͤckt, hatten ihrer Habgier, ihrer Wollust Alles erlaubt, hatten selbst die Tempel der Goͤtter und die Graͤber der Todten nicht geschont, ja auf den Fall, daß Alexander nie aus den Laͤndern Indiens zuruͤck- kehrte, hatten sie sich bereits mit Soͤldnerhaufen umgeben und alle Anstalten getroffen, um sich noͤthigen Falls mit gewaffneter Hand im Besitz ihrer Provinzen zu behaupten. Die tollkuͤhnsten Plaͤne, die ausschweifendsten Wuͤnsche, die uͤberspanntesten Hoffnungen wa- ren an der Tagesordnung; die ungemessene Aufregung des Zeital- ters, in dem alles Gewohnte, Herkoͤmmliche und Wahrscheinliche uͤber einander gestuͤrzt war, hatte keine Saͤttigung mehr als im zuͤgellosesten Wagen und im Ungeheueren des Genusses oder Ver- lustes. Das wilde Wuͤrfelspiel des Krieges, in dem Asien gewon- nen war, wie leicht konnte es umschlagen, wie leicht mit einem Wurfe des Koͤnigs uͤbergroßes Gluͤck wie gewonnen so zerronnen sein. Auch das gestuͤrzte Perserthum begann sich mit neuer Hoff- nung zu erheben, und es war bereits mehr als ein Versuch von Seiten Morgenlaͤndischer Großen gemacht worden, die kaum ge- knuͤpften Bande mit dem neuen Koͤnigthum zu zerreißen und un- abhaͤngige Fuͤrstenthuͤmer zu gruͤnden, oder im Namen des altper- sischen Koͤnigthums, des wiedererstandenen, die Voͤlker zum Abfall zu reizen. Und als nun gar nach der jahrelangen Abwesenheit des Koͤnigs, nach dem immer wilderen Umsichgreifen der Unordnung und der Usurpation, die Geruͤchte von dem Untergange des Hee- res in der Gedrosischen Wuͤste sich bis ins Unendliche vergroͤßert verbreiteten, da mochte die Bewegung an allen Orten und in allen Gemuͤthern einen Grad erreichen, der einen vollkommenen Sturz alles Bestehenden befuͤrchten ließ. Das waren die Verhaͤltnisse, unter denen Alexander mit den Ueberresten seines Heeres in die Westprovinzen zuruͤckkehrte; es stand Alles auf dem Spiele; ein Zeichen von Besorgniß oder Schwaͤche, und das Reich stuͤrzte uͤber seinen Gruͤnder in Truͤm- mern; nur die kuͤhnste Entschlossenheit, die ernsteste Kraft des Willens und der That konnte den Koͤnig und sein Reich retten; Gnade und Langmuth waͤre Gestaͤndniß der Ohnmacht gewesen, und haͤtte die Voͤlker, die auch jetzt noch in treuer Ergebenheit dem Koͤnige anhingen, um ihre letzte Hoffnung gebracht; es be- durfte der strengsten und schonungslosesten Gerechtigkeit, um den unter dem Druck der Satrapen und Strategen schmachtenden Voͤlkern Genugthuung zu geben und das Vertrauen zu der Macht des großen Koͤnigs zu bewahren; es bedurfte eines schnellen und niederschmetternden Gerichtes, um der Majestaͤt des Koͤnigthums ihren vollen Glanz wieder zu geben und die Schrecken ihres Zor- nes in alle Ferne zu verbreiten. Und in Wahrheit, Alexander mochte, seitdem er dem Lande seiner Hoffnung den Ruͤcken ge- wandt, seitdem sich am Hyphasis und in der Wuͤste die Sonne seines Gluͤcks tief und tiefer geneigt, seitdem er den furchtbaren Wechsel menschlicher Dinge in dem Hinsterben seiner Tausende er- fahren, in jener Stimmung der Bitterkeit und Menschenverach- tung sein, deren der zuͤrnende Despot bedurfte; voruͤber war die Zeit des Strebens und Erkaͤmpfens, der Enthusiasmus der Ju- gend und der Hoffnungen war erkaltet, und zu oft getaͤuscht be- gann sein Vertrauen dem Argwohn zu weichen; eine Welt hatte er umgestaltet, er begann zu fuͤhlen, daß er sich mit ihr verwan- delt habe; es galt jetzt die Zuͤgel der umumschraͤnkten Gewalt fest zu ergreifen und zu halten, es galt jetzt schnelles Gericht, neuen Gehorsam, strenges Regiment. Schon in Karamanien hatte Alexander zu strafen gefunden; der Satrap Aspastes, der sich im Jahre 330 unterworfen und seine Stelle behalten hatte, war vielfach verklagt worden und ver- brecherischer Versuche verdaͤchtig: zwar kam er jetzt, da der Koͤnig wider alles Vermuthen aus Indien und aus der Gedrosischen Wuͤste zuruͤckkehrte, demselben in unterwuͤrfiger Ergebenheit entgegen, und wurde mit den Ruͤcksichten aufgenommen, die sein hoher Rang forderte; aber als die naͤheren Untersuchungen den schweren Ver- dacht, der auf ihm lastete, bestaͤtigt hatten, ward er den Haͤnden des Henkers uͤbergeben; Sibyrtius erhielt statt seiner die Pro- vinz Curtius IX. 10. 21., Arrian. VI. 27. . Da indeß die Satrapie der Oriten und Arabiten durch den Tod des Thoas, den Alexander zu Apollophanes Nachfolger designirt hatte, erledigt war, so wurde Sibyrtius dorthin gesandt, und statt seiner Tlepolemus des Pythophanes Sohn, den seine bisherige Stellung in der Parthischen Satrapie bewaͤhrt hatte, nach Karamanien berufen Arrian. 1. c. Daher war die Satrapie eine kurze Zeit ohne Verwaltung, Arrian. Ind. . — Die Unordnungen, die im Innern Arianas durch den Perser Ordanes angestiftet und durch den, wie es scheint, gleichzeitigen Tod des Satrapen Menon von Arachosien freien Spielraum gewonnen hatten, waren von Kraterus auf sei- nem Durchzuge ohne Muͤhe unterdruͤckt worden, er brachte den Empoͤrer in Ketten vor den Koͤnig, der ihn der gerechten Strafe uͤbergab; die erledigte Satrapie Arachosien wurde mit der von Ora und Gedrosien unter Sibyrtius vereinigt Arrian. VI. 27., V. 6. 2., Curtius IX. 10. 20. . — Auch aus Indien kam boͤse Zeitung; Taxiles berichtete, Abisares von Kasch- mir sei gestorben und der Satrap Philippus im diesseitigen In- dien von den Soͤldnern, die unter ihm dienten, erschlagen worden, doch habe die Macedonische Leibwache des Satrapen den Auf- ruhr sofort erdruͤckt und die Aufruͤhrer hingerichtet; Alexander uͤbertrug die einstweilige Verwaltung der Satrapie dem Fuͤrsten von Taxila und dem Anfuͤhrer der in Indien stehenden Thra- cier, und gebot ihnen, den Sohn des Abisares als Nachfolger im Reiche Kaschmir anzuerkennen Arrian. l. c. Curtius X. 1. 21. . — Von Medien her waren die Generale Herakon, Kleander, Sitalces und Agathon mit dem groͤßten Theile ihrer Truppen gen Karamanien zu kommen beor- dert; und gekommen, mit ihnen zugleich viele ehrbare Einwohner der Provinz, die sie verklagten: sie haͤtten die Tempel gepluͤndert, die Graͤber aufgewuͤhlt, sie haͤtten sich jede Art von Bedruͤckung und Frevel gegen die Unterthanen erlaubt, edle Jungfrauen geschaͤndet, den Frieden der Ehen zerstoͤrt, auf alle Weise den Macedonischen Namen verhaßt gemacht, vor Allen sei Kleander, der Anfuͤhrer der Hellenischen Veteranen, der Gegenstand allgemeiner Verwuͤn- schungen. Diese Aussagen wurden durch die Zeugnisse und Be- schwerden vieler Soldaten bestaͤtigt. Nur Herakon wußte sich zu rechtfertigen und wurde wieder auf freien Fuß gesetzt; Kleander, Sitalces und Agathon dagegen wurden vollstaͤndig uͤberfuͤhrt und nebst einer Menge mitschuldiger Soldaten, wie es heißt sechshun- dert, auf der Stelle niedergehauen. Dieses schnelle und strenge Ge- richt machte uͤberall den tiefsten Eindruck; man gedachte der viel- fachen Ruͤcksichten, welche der Koͤnig haben mußte, diese Maͤnner, die heimlichen Vollstrecker des Todesurtheils an Parmenion, und diese bedeutende Zahl alter Soldaten, deren er jetzt so sehr bedurfte, zu schonen; die Voͤlker erkannten, daß der Koͤnig in Wahrheit ihr Beschuͤtzer, daß es nicht sein Wille sei, sie wie Unterworfene behan- delt zu sehen; die Satrapen und Befehlshaber dagegen konnten erkennen, was auch sie zu erwarten hatten, wenn sie nicht mit rei- nem Gewissen vor den Stufen des Thrones zu erscheinen ver- mochten; manche von ihnen suchten, so wird erzaͤhlt, im Bewußt- sein ihrer Schuld, neue Schaͤtze zusammen zu raffen, ihre Soͤld- nerschaaren zu verstaͤrken, kurz sich so zu ruͤsten, um noͤthigenfalls trotzen zu koͤnnen; da erging ein koͤnigliches Schreiben an die Sa- trapen, welches gebot, sofort die Soͤldner, so viel nicht im Na- men des Koͤnigs geworben seien, zu entlassen, und demnaͤchst in Person nach Susa zu kommen, um Rechenschaft abzulegen und sich uͤber jede Beschwerde zu rechtfertigen Arrian VI. 27. 6., Curtius X. 1. . Indeß war das Heer aus Karamanien gen Persien gezogen; der Satrap Phrasaortes, den Alexander hier bestellt hatte, war zur Zeit des Indischen Feldzuges gestorben; Orxines, aus dem Geschlecht der Achaͤmeniden, von großem Ansehen unter den Per- sern und unermeßlichen Reichthuͤmern In der Schlacht von Gaugamela nennt ihn Curtius un- ter den Fuͤhrern; er sagt: die Perser, Mardier (in den Bergen von Persis s. o. p. 249. Not. 56.) und Sogdianer, ( v. 1. Sog- diani, vielleicht Susiani) unter Ariobarzanes und Orobatis, die den einzelnen Staͤmmen, und Orxines, der dem Ganzen vorstand. Arrian erwaͤhnt seiner bei Gelegenheit dieser Schlacht nicht. , hatte, im Vertrauen auf seine Geburt und seinen Einfluß, die erledigte Satrapie uͤber- nommen, und, wie nach Indien berichtet worden war, auf wuͤr- dige Weise verwaltet; er kam jetzt dem Koͤnige mit sehr reichen Geschenken von schoͤnen Pferden, kostbaren Wagen, Edelsteinen, Prachtgeraͤthen, goldenen und silbernen Vasen, viertausend Talenten gemuͤnzten Silbers entgegen, und es schien ihm sein fruͤheres ei- genmaͤchtiges Verfahren vergessen zu sein. Indeß zeigte sich bald genug, daß er den Pflichten der Satrapie, die er ungeheißen auf sich genommen, keinesweges nachgekommen sei. Schon das er- zuͤrnte den Koͤnig, daß er das Grab des großen Cyrus im Haine von Pasargadaͤ erbrochen fand; bei seiner fruͤheren Anwesenheit in Pasargadaͤ hatte er die Kuppe des Steinhauses, in der der Sarg stand, oͤffnen und das Grab von Neuem schmuͤcken lassen und den am Grabe wachenden Magiern die Fortsetzung ihres frommen Dienstes geboten; er wollte das Andenken des großen Koͤnigs auf jede Weise geehrt wissen; jetzt aber fand er das Grab zerstoͤrt, die goldene Bahre zerbrochen, den Sarg umgestuͤrzt, den Leichnam, der Edelsteine und kostbare Geschmeide getragen hatte, verstuͤmmelt, die Prachtgewaͤnder, die goldenen Schaalen und an- dere Kostbarkeiten waren verschwunden. Alexander gab dem Ari- stobul Befehl, die Truͤmmern des Leichnams wieder in den Sarg zu legen, und mit dem Purpur zu bedecken, die Bahre wieder aufzurichten, Alles so, wie es vor dem Einbruch gewesen, herzustel- len, die Steinthuͤr der Kuppe wieder einzusetzen und mit dem koͤniglichen Siegel zu verschließen. Er selbst untersuchte dann, wer den Frevel begangen; die Magier, welche die Grabeswache ge- habt, wurden ergriffen und auf die Folter gespannt, um die Thaͤ- ter zu nennen, doch wußten sie nichts; sie mußten entlassen wer- den; auch die weiteren Nachforschungen ergaben keine sichere Spur; es war Niemand da, den Frevel zu buͤßen, und auf dem Satrapen lastete die Schuld der Fahrlaͤssigkeit, daß dieses in sei- nem Lande an dem Grabe seines großen Ahnherrn hatte geschehen koͤnnen Arrian. VI. 29., Strabo XV. p. 321.; beide nach Aristo- bul, der an dem Zustande des Grabes erkannte, daß der Einbruch durch Raͤuber geschehen (προνομευτῶν ἔργον ἦν) und der Satrap ohne Schuld sei. Nach Plut. Alex. 69. war Polymachus aus Pella, ein sehr vornehmer Maccdonier, der Thaͤter gewesen, und wurde deshalb am Leben gestraft. Vielleicht ist προνομευτῶν genauer zu nehmen in der Bedeutung „Fouragirende“; Polymachus konnte dann mit einem Trupp Soldaten diesen Frevel veruͤbt haben. . Bald aber sollten schwerere Vergehen des Satrapen zu Tage kommen; Alexander war von Pasargadaͤ gen Persepolis gezogen, der Residenz des Orxines; die lautesten Klagen wurden hier von Seiten der Einwohner uͤber ihn gefuͤhrt: er habe sich die schnoͤdesten Gewaltthaͤtigkeiten erlaubt, um seiner Habgier zu froͤhnen, er habe viele Perser ohne Anlaß und ohne Urtheil hin- gerichtet, er habe die Heiligthuͤmer gepluͤndert, er habe die dorti- gen Koͤnigsgraͤber erbrochen und den koͤniglichen Leichen ihren Schmuck geraubt. Alexander fand bei naͤherer Untersuchung die Klagen begruͤndet, und der Satrap ward den Haͤnden der Hen- kersknechte uͤbergeben und aufgeknuͤpft So Arrian. VI. 30. Nach Curtius X. 1. 21. waͤre der Tod des Orxines durch den Eunuchen Bagoas, der damals Alexanders Guͤnstling gewesen sein soll, intrigirt worden, der Satrap soll nicht nur unschuldig, sondern auch von ausnehmender Ergebenheit gegen den Koͤnig gewesen sein. Von Alexanders Zuneigung zu diesem Eunuchen hat Dicaͤarch in seinem Buch „uͤber das Opfer in Ilion“ ( Athen. XVII. p. 603. b. ) eine etwas starke Geschichte, die Plutarch (Alex. 67.) wiederholt. . Der Leibwaͤchter Peu- cestes, des Makartatus Sohn, durch seine treue Anhaͤnglichkeit und durch die Erinnerungen des Mallierlandes dem Koͤnige werth, erhielt die schoͤne Satrapie; er schien vor Allen geschickt zu sein, dieses Hauptland des Perserthums zu verwalten, da er sich ganz in die Asiatischen Lebensweise hinein gefunden hatte, Medische Kleidung trug, der Persersprache maͤchtig war, und sich gern und bequem im Persischen Ceremoniel bewegte, Dinge, welche die Per- ser mit Entzuͤcken an ihrem neuen Gebieter sahen Arrian. VI. 30. und sonst. . Um dieselbe Zeit traf der Satrap Atropates von Medien bei dem Koͤnige ein; er brachte den Medier Baryaxes, der es gewagt hatte, die Tiara anzunehmen und sich Koͤnig der Meder und Perser zu nennen; er mochte darauf gerechnet haben, daß die Be- voͤlkerung der Satrapie, durch die Frevel der Macedonischen Be- satzungen empoͤrt, zum Abfall bereit sein wuͤrden; jetzt wurde er mit den Theilnehmern seiner Verschwoͤrung den Henkersknechten uͤbergeben Arrian. VI. 27., Cur- tius X. 1. 39. scheint denselben mit dem Namen Phradates zu meinen; doch bemerke ich, daß der fruͤhere Satrap der Tapurier Autophradates bei ihm auch Phradates heißt. . — Und weiter zog der Koͤnig durch die Persischen Paͤsse gen Susa hinab, und die Scenen von Karamanien und Persien erneuten sich; denn die Voͤlker scheuten sich nicht mehr, laute Klagen uͤber ihre Bedruͤcker zu erheben, sie wußten, daß Alexander sich ihrer annehme. So trat hier der Satrap Oxa- thres von Paraͤtacene, des Abulites Sohn, vor Alexander, mit ihm seine Anklaͤger; der stolze Barbar vermochte sich nicht zu rechtfertigen und Alexander durchbohrte ihn mit eigener Hand. Des Gerichteten Vater, der Satrap Abulites von Susa, eilte dem zuͤrnenden Koͤnige entgegen; er hatte sich vieles vorzuwerfen, selbst fuͤr die Verpflegung des Heeres hatte er nicht gesorgt, mit reichen Geschenken hoffte er sich zu retten, er brachte dem Koͤnige dreitausend Talente Gold dar; Alexander befahl, das Metall den Pferden vorzuwerfen, und fragte den Satrapen, ob das die Thiere saͤttige; er ließ ihn ins Gefaͤngniß werfen und spaͤter, als seine weiteren Ungerechtigkeiten erforscht waren, hinrichten. Auch der kaum in dem Prozeß der Medischen Erpressungen freigesprochene Herakon, der fruͤher in Susa gestanden hatte, wurde der Theil- nahme an jenen Erpressungen des Satrapen uͤberfuͤhrt und der gleichen Strafe uͤbergeben Arrian. VII. 4., VI. 27. 12. . So folgten Schlag auf Schlag die strengsten Strafen, und mit Recht mochte denen, die sich nicht schuldrein wußten, vor ih- rer eigenen Zukunft bange sein. Unter diesen war Harpalus, des Machatas Sohn, Bruder des kuͤrzlich verstorbenen Satrapen Phi- lipp vom diesseitigen Indien. Durch fruͤhe Verbindungen und we- sentliche Dienstleistungen dem Koͤnige werth, hatte er von Anfang her die groͤßten Beweise von dessen Gunst erhalten, und war beim Beginn des Persischen Krieges, da seine koͤrperliche Beschaf- fenheit ihn zum Kriegsdienste untauglich machte, zum Schatzmei- ster ernannt worden; aber schon damals hatte er sich arger Unge- setzlichkeiten schuldig gemacht, war kurz vor der Schlacht von Is- sus in Gemeinschaft mit einem gewissen Tauriskon, der den Plan angegeben hatte, mit den koͤniglichen Kassen davon gegangen, um sich zu dem Epirotenkoͤnig Alexander, welcher damals in Italien kaͤmpfte, zu begeben; doch da sich inzwischen dessen Unterneh- mung einem traurigen Ende zuneigte, hatte Harpalus seinen Ent- schluß geaͤndert, und sich in Megara niedergelassen, um dort seinem Vergnuͤgen zu leben. Dennoch glaubte Alexander, der Zeiten ein- gedenk, wo Harpalus mit Nearch, Ptolemaͤus und wenigen ande- ren seine Sache gegen Koͤnig Philipp vertreten und darum Schande und Verbannung gelitten hatte, dem ausschweifenden Manne verzeihen zu muͤssen; mit dem Versprechen, alles Gesche- hene vergessen und fuͤr ungeschehen ansehen zu wollen, hatte er ihn bei seiner Ruͤckkehr aus Aegypten im Fruͤhjahr 331 zuruͤck be- rufen und ihm wiederum das Schatzamt uͤbergeben; die ungeheue- ren Schaͤtze von Pasargadaͤ und Persepolis wurden in Ekbatana niedergelegt und unter seine Aufsicht gestellt, ingleichen waren, so scheint es, die Schatzaͤmter der unteren Satrapien unter seinem Bereich und sein Einfluß herrschte uͤber den ganzen Westen Asiens Arrian. III. 6., Plut. Alex. 10 und 35. . Indeß zog Alexander immer weiter gen Osten, und Harpalus, unbekuͤmmert um die Verantwortlichkeit seiner Stellung und von Natur zu Genuß und Verschwendung geneigt, begann mit den koͤniglichen Schaͤtzen auf das Zuͤgelloseste zu prassen und den ganzen Einfluß seiner Stellung auf Tisch und Bett zu ver- wenden; keine Art der Schwelgerei blieb ungekostet, und die schoͤ- nen Asiatinnen durften es nicht wagen, sich dem maͤchtigen Wol- luͤstling zu entziehen, der ihren Genuß mit geheimen Verbrechen zu erkaufen und sie dann der oͤffentlichen Schande feil zu geben liebte. Der ganzen Welt war das Leben dieses Menschen zum Skandal, und der Spott der Hellenischen Komiker wetteiferte mit dem Unwillen ernsterer Maͤnner, seinen Namen der allgemeinen Verachtung zu uͤberliefern; von dem beruͤhmten Geschichtsschreiber Theopomp kam in jener Zeit ein offenes Sendschreiben an Alexander heraus, in welchem er den Koͤnig aufforderte, diesem Unwesen ein Ende zu machen: „von der wuͤsten Liederlichkeit Asia- tischer Weiber noch nicht gesaͤttigt, habe Harpalus die Pythionice, die beruͤchtigste Coquette Athens, die erst bei der Saͤngerin Bak- chis gedient habe, mit dieser dann in das Frauenhaus der Kupp- lerin Sinope gezogen sei, gen Asien kommen lassen und sich ih- ren Launen auf die unwuͤrdigste Weise gefuͤgt; als sie gestorben, habe er mit unverschaͤmter Verschwendung dieser Person zwei Grabmonumente erbaut, und man staune mit Recht, daß, waͤhrend den Tapferen von Issus, die fuͤr den Ruhm Alexanders und die Freiheit Griechenlands gefallen seien, weder von jenem noch von irgend einem der Statthalter ein Denkmal der Erinnerung geweiht sei, zu Athen und zu Babylon bereits die praͤchtigsten Monumente fuͤr eine Hure fertig da staͤnden; denn dieser Pythionice, die in Athen lange genug jedermann fuͤr Geld zugaͤnglich gewesen, habe Harpalus, der sich Alexanders Freund und Beamten nenne, die Frechheit gehabt Tempel und Altaͤre zu errichten und als Heilig- thum der Venus Pythionice zu weihen, ohne Scheu vor der Strafe der Goͤtter, und der Majestaͤt des Koͤnigs zum Hohn. Nicht genug das; kaum sei diese gestorben, so habe Harpalus sich auch schon eine zweite Maitresse aus Athen verschrieben, die be- ruͤchtigte Glycera; ihr habe er den Pallast von Tarsus zur Residenz eingerichtet, habe ihr auf Rossus eine Statue geweiht, jenem hei- ligen Platze, der fuͤr eine Bildsaͤule Alexanders bestimmt sei, habe ein Mandat erlassen, daß Niemand ihm einen goldenen Ehren- kranz weihen duͤrfe, ohne zugleich der Maitresse, daß man vor ihr anbeten, sie mit dem Namen Koͤnigin begruͤßen solle, kurz alle Ehre, die nur der Koͤnigin Mutter oder der Gemahlin Alexan- ders gebuͤhren wuͤrde, vergeude der Großmeister vom Schatzamt an die Attische Dirne Athen XIII. p. 586 und 595.; dieses Sendschreiben heißt bald ἠ πρὸς Αλέξανδρον ἐπιςολή bald πρὸς Αλ. συμβουλαὶ, der in demselben verklagte Theokrit ( Athen VI. p. 230 f. ) ist der Rhe- tor aus Chios, dessen Strabo XIV. p. 183. als politischen Gegner des Theopomp erwaͤhnt, und der den Vers vom „purpurnen Tode“ so bitter auf Alexander anwendete. Plut. de puer. educ. c. 16. und Suid. v. Θεόκριτος; cf. Ilgen. scol. Graecorum p. 162. Auch Ari- stoteles blieb von seinem Spotte nicht verschont, s. das Epigramm in Eusebius praep. evang. XV. p. 793 a. .“ Diese und aͤhnliche Berichte waren an den Koͤnig gekommen; er hatte sie anfangs fuͤr unglaublich oder uͤbertrieben gehalten, uͤberzeugt, daß Harpalus nicht auf so wahnsinnige Weise die schon einmal verscherzte Gnade seines Ge- bieters aufs Spiel setzen werde Darauf bezieht sich die Angabe Plutarchs, daß Ephialtes und Kissos, welche die erste Nachricht von Harpalus Flucht brachten, als falsche Angeber festgenommen wurden; Plut. Alex. 41. ; bald genug bestaͤtigte Har- palus selbst alle jene Beschuldigungen durch seine Flucht. Er hatte sich darauf verlassen, daß Alexander nie zuruͤckkehren werde; jetzt sah er das strenge Gericht des Koͤnigs gegen die, welche sich durch denselben Irrthum hatten verfuͤhren lassen; er verzweifelte daran, Verzeihung bei seinem Herrn zu erlangen. Deshalb raffte er alles an Schaͤtzen, was er konnte, es war die ungeheuere Summe von fuͤnftausend Talenten, zusammen, warb sich sech s tausend Soͤldner, zog von diesen begleitet, mit seiner Glycera und dem Toͤchterchen, das ihm Pythionice geboren hatte Plut. Phocion 22. , durch Kleinasien an das Ae- gaͤische Meer hinab, und schiffte sich auf dreißig Schiffen ein, um nach Attika uͤberzusetzen; Ehrenbuͤrger von Athen, mit den ange- sehensten Maͤnnern der Stadt befreundet und durch reiche Getrei- despenden bei dem Volke sehr beliebt, zweifelte er nicht mit sei- nen Schaͤtzen dort willkommen und vor einer Auslieferung an Alexander sicher zu sein Athen l. c. Curtius X. 2.; daß die Flucht des Harpalus in diese Zeit gehoͤrt, versteht sich von selbst und wird durch Dio- dors Zeugniß ( XVII. c. 108.) bestaͤtigt. . — Waͤhrend sich so der letzte Schuldige unter den Großen des Reichs der Verantwortlichkeit zu entziehen suchte, war Alexander mit seinem Heere, es war in der Mitte des Februar 324, in Susa eingeruͤckt. Bald nach ihm traf auch Hephaͤstion ein mit den uͤbrigen Truppen, den Elephanten und der Bagage, und Nearch fuͤhrte die Flotte, die ohne weitere Faͤhrlichkeit die Kuͤste des Per- sischen Meeres umschifft hatte, den Strom hinauf. Die Satra- pen und Befehlshaber kamen den koͤniglichen Befehlen gemaͤß mit reichem Gefolge und vielen Geschenken, es kamen die Fuͤrsten und Großen des Morgenlandes, vom Koͤnige geladen, mit ihren Frauen und Toͤchtern zur Residenz, von allen Seiten stroͤmten Fremde aus Asien und Europa herbei, um den großen Festlichkei- ten, die in Susa vorbereitet waren, beizuwohnen. Und allerdings galt es ein wunderbares, im Laufe der Jahr- hunderte einziges Fest zu begehen. Alexander glaubte jetzt das verwirklichen zu koͤnnen, was seit zehn Jahren der Zweck seiner Kaͤmpfe und seiner Einrichtungen gewesen war; er glaubte die große Kluft, die sonst Asien und Europa geschieden, ausgefuͤllt, den Siegerstolz in dem Adel Macedoniens gebrochen, in den Voͤl- kern Asiens Vertrauen und Hingebung geweckt zu haben; es war die Zeit gekommen, die volle Versoͤhnung und Einigung des Abend- und Morgenlandes, wie sie stets als Zweck und Norm der neuen Verhaͤltnisse hingestellt worden, auf die ausgedehnteste und ein- dringlichste Weise auszusprechen und zu bethaͤtigen. Dieß war der Sinn der großen Hochzeit von Susa, die an demselben Tage der Koͤnig, seine Generale, unzaͤhlige vom Heere mit den Toͤchtern Asiens feierten. Die Beschreibung dieses an Pracht und Feierlichkeit Alles uͤbertreffenden Festes geben die Augenzeugen etwa in folgender Weise Man darf die An- : Das Beilager wurde nach Persischer Sitte gehalten, das große koͤnigliche Zelt war zu diesem Feste eingerichtet; die Kuppe desselben, mit bunten und reich gestickten Stoffen uͤberbrei- tet, ruhte auf funfzig vergoldeten oder versilberten, mit kostbaren Gesteinen ausgelegten Saͤulen von dreißig Fuß Hoͤhe; rings um- her hingen als Zeltvorhaͤnge kostbare, golddurchwirkte, mit vielfachen Schildereien durchwebte Teppiche von schwer vergoldeten Staͤben herab; der Umfang des ganzen Zeltes betrug vier Stadien; das Innere desselben war mit Gold, Scharlach, Himmelblau und Purpur ausgeschmuͤckt; in Mitten des Sales war die Tafel ge- deckt, auf der einen Seite standen die hundert Divans der Braͤutigame, auf silbernen Fuͤßen ruhend, mit hochzeitlichen Tep- pichen uͤberbreitet, nur der des Koͤnigs in der Mitte von Gold; auf der anderen Seite der Tafel und im Saale umher die Plaͤtze der uͤbrigen Gaͤste die geladen waren, der Morgenlaͤndischen Fuͤr- sten, der Gesandtschaften, der vielen Fremden am Hofe; im Hinter- grunde des Gezeltes die zweiundneunzig Brautkammern, gleich kostbar und heimlich fuͤr die Brautnacht. Zu gleicher Zeit waren durch das ganze Lager hin fuͤr alle Truppen, fuͤr die Schiffsleute, fuͤr den Troß des Heeres und das Gefolge der Gaͤste, fuͤr alle Fremden im Lager reiche Tafeln gedeckt. Dann gaben die Heer- trompeten vom koͤniglichen Zelte her das Zeichen zum Beginn des Festes; die Gaͤste des Koͤnigs, es waren neuntausend, setzten sich zum Mahle. Und wieder verkuͤndete das Schmettern der Trompe- ten durch das Lager, daß der Koͤnig jetzt den Goͤttern spende; mit ihm spendeten seine Gaͤste, jeder aus goldener Schaale, dem Hoch- zeitsgeschenk des Koͤnigs. Als nun die Mischkruͤge mit Wein ge- bracht waren, und die Becher kreiseten, trat der Zug der verschlei- erten Braͤute herein, und die Fuͤrstentoͤchter gingen jede zu ihrem Braͤutigam, es ging Statira, des Großkoͤnigs Tochter, zu Alexan- der, es ging ihre juͤngere Schwester Drypetis zu Hephaͤstion, dem Liebling des Koͤnigs, es ging Oxathres Tochter Amastrine, des Groß- gabe des Chares bei Athen. XII. p. 538. (aus ihm Aelian. VII. 7.) mit der gleichfolgenden Beschreibung des Audienzgezeltes nach Phyl- arch ( Athen. p. 539.) combiniren, da beide dasselbe Gebaͤude im Sinne haben. Großkoͤnigs Nichte zu Kraterus, und des Medischen Fuͤrsten Atro- pates Tochter zu Perdikkas, des greisen Artabazus Tochter Arta- kama zum Lagiden Ptolemaͤus dem Leibwaͤchter, und ihre Schwe- ster Artonis zu Eumenes, dem Geheimschreiber des Koͤnigs, die Tochter des Rhodiers Mentor zu Nearch, die Tochter des Spi- tamenes von Sogdiana zu Seleukus, dem Fuͤhrer der jungen Edelschaaren, und so die anderen, jede zu ihrem Braͤutigam Aristobul sagt (bei Arrian. VII. 4.) daß Alexander außer der Tochter des Darius auch des Koͤnigs Ochus Tochter Parysatis geheirathet habe; dieß scheint nicht wahrscheinlich; eben so ist Bar- sine, des Artabazus Tochter und Mentors Wittwe, nie seine Ge- mahlin gewesen, obschon er in Damaskus und spaͤter mit ihr Um- gang hatte; sie lebte mit ihrem jetzt fuͤnfjaͤhrigen Knaben ( Dio- dor. XX. 20.) in Pergamum; nur Roxane war ebenbuͤrtige und rechtmaͤßige Gemahlin Alexanders und wenigstens im folgenden Jahre bei ihm; der Name der Dariustochter war nach Arrian Barsine, aber in den Handschriften, die Photius excerpirt hat ( p. 68. b. 7.) Arsinoe, waͤhrend alle anderen Autoren ( Diodor XVII. 107., Plutarch Alex. 70., Curtius IV. 5. 1., Justin. XII. 10., Memnon apd. Phot. p. 224. a. 30.) sie Statira nennen, wie nach Plutarch Alex. 30. und Phylarch. ap. Athen. XIII. p. 609.b. auch ihre Mutter hieß; vielleicht vertauschte die Prinzessin eben so wie einige andere Asiatinnen bei ihrer Vermaͤhlung ihren Per- sischen Namen Statira mit einem Hellenistischen. Die Amastrine Arrians heißt bei Diodor XIX. 109. Amestris, bei Strabo XII. p. 20. und auf Muͤnzen (s. Sphanhem. de usu et praest. p. 495.) Amastris; die Toͤchter des Artabazus sind außer der oben genann- ten Barsine (Pharsine bei Syncell. p. 504.) Artakama oder Apa- ma (Apamea) und Artonis oder Barsine, beide mit Hellenistischen Namen. ; die Braͤutigame reichten ihnen die Rechte entgegen und zogen sie zu sich auf den Teppich; dann gab der Koͤnig seiner Braut den braͤutlichen Kuß, und seinem Beispiele folgten die Getreuen; die Braͤute liebkosend und beim Weine froh saßen sie bis spaͤt in der Nacht, bis ein Paar nach dem andern in die braͤutliche Kam- mer verschwand Arrian. VII. 4. . Fuͤnf Tage nach einander folgten Feste auf Feste; von den 32 Gesandtschaften, von den Staͤdten und Provinzen des Reichs, von Bundesfreunden aus Asien und Europa wurden dem Koͤnige un- zaͤhlige Hochzeitsgeschenke uͤberreicht, allein an goldenen Kraͤnzen funfzehntausend Talente; und er wieder theilte mit gleicher Frei- gebigkeit aus; viele von den Braͤuten waren elternlos; Alexander sorgte fuͤr sie wie ein Vater, allen gab er koͤnigliche Mitgift, allen, die sich mit ihm vermaͤhlt, uͤberreiche Geschenke, allen Macedo- niern, die sich jetzt oder fruͤher Asiatische Maͤdchen gefreit, und mehr denn funfzehntausend schrieben ihre Namen auf, gab er Aussteuer. Neue Gastmaͤhler und froͤhliche Gelage, Schauspiele, Festaufzuͤge, Ergoͤtzlichkeiten aller Art fuͤllten die naͤchsten Tage; das Lager war voll Lustbarkeit und froͤhlichen Getuͤmmels, hier Rhapsoden und Harfenspieler aus Großgriechenland und Jonien, da Gaukler und Seiltaͤnzer aus Indien, dort Magier und Kunst- reuter aus den Persischen Laͤndern, dann wieder Taͤnzerinnen, Floͤ- tenblaͤser, Schauspielerbanden aus Attika. Denn auch dramatische Spiele, es war ja die Zeit der großen Dionysien, wurden aufge- fuͤhrt, unter diesen ein Satyrspiel, Agen, angeblich von dem By- zantiner Python verfaßt, voll heiteren Spottes uͤber die Flucht des Harpalus, des lahmen Großmeisters vom Schatzamte Dieses Satyrspiel Agen wurde, sagt Athen. XVI. p. 575. e. „zur Feier der Dionysien am Hydaspes aufgefuͤhrt, nachdem Har- palus bereits ans Meer geflohen und abgefallen war.“ Dies haͤtte nur im Jahre 326 entweder im April oder Maͤrz, oder nach der Ruͤckkehr zum Hyphasts im Oktober sein koͤnnen; aber gerade da- mals schickte noch Harpalus neue Truppen dem Koͤnige nach; Athenaͤus hat den Hydaspes statt des Choaspes bei Susa geschrie- ben; hierher gehoͤrt das Satyrspiel. Als Verfasser wurde Python von Byzanz oder von Katana, oder auch der Koͤnig genannt; der Byzantiner Python ist wohl zuverlaͤssig der Redner, der schon mit Philipp in naher Verbindung stand und in wichtigen Sendungen von ihm gebraucht wurde; s. Westermann’s Geschichte der Griechi- schen Beredsamkeit p. 125.; witzig genug, um ein Satyrspiel zu dichten, scheint er nach der Geschichte bei Athen. XII. p. 550. ge- wesen zu sein. Die zwei Fragmente aus dem Agen lauten folgen- der Maaßen: . Dann ward durch Heroldsruf verkuͤndet, daß der Koͤnig die Schulden seines Heeres auf sich nehme und bezahlen werde, daß deshalb jeder die Summe, die er schuldig sei, aufschreiben und demnaͤchst in Empfang nehmen solle. Indessen schrieben sich anfangs nur Wenige auf, die Meisten, namentlich die Hauptleute und hoͤheren Offiziere, mochten fuͤrchten, daß Alexander nur in Erfahrung brin- gen wollte, wer nicht mit seiner Loͤhnung auskaͤme und zu verschwenderisch lebe. Als dieß der Koͤnig hoͤrte, schalt er sehr uͤber dieses Mistrauen seiner Krieger: ein Koͤnig muͤsse nicht anders als wahr und offen gegen seine getreuen Unterthanen sein, und diese wieder muͤßten nicht glauben, daß der Koͤnig anders als … Es steht bereis da, wo der Kalmus waͤchst, Das Kuppel-Denkmal, an dem großen Wege links, Der Dirne schoͤnes Heiligthum, nach dessen Bau Sich Pallides selbst des Baues wegen zur Flucht verflucht. Und als nun von den Barbaren einige Magier Ihn dort darnieder liegen sah’n erbaͤrmiglich, Da versprachen sie dem Betruͤbten, Pythionicens Geist Empor zu zaubern. und weiterhin fraͤgt Einer: … Hoͤren moͤcht ich wohl von dir, Da ich von dort fern weile, wie es in Attika Zugeht zur Zeit, und wie es sich dort jetzt leben laͤßt. Der Andere: So lange sie laͤrmten: „ein Sklaven-Leben fuͤhren wir,“ Genug zu tafeln hatten sie da; jetzt kauen sie An magren Erbsen und Bollen, die Kuchen sind zu End. Der Erste: Doch hoͤr’ ich, viele tausend Wispel Weizenmehl Und mehr denn Agen habe ihnen Harpalus Gesandt, und sei zum Buͤger Athens dafuͤr gemacht? Der Andere: Das war der Glycera Weizen, mehr fuͤr Athen vielleicht Ein Sterbeschmaus als Werbeschmaus fuͤr Glycera. Die Bezeichnung Pallides fuͤr Harpalus, ist eine eben so krasse Zweideutigkeit wie das Kuppel-Denkmal (ἀέτωμα λοϱδόν) im zwei- ten Verse; die Erklaͤrung des Einzelnen ergiebt sich aus dem Text. 32 * offen mit ihnen handele. Dann ließ er Tische an verschiedenen Punkten des Lagers aufstellen und Goldstuͤcke aufschuͤtten, mit dem Befehl, daß Jedem, der eine Rechnung vorzeige, der Betrag derselben, ohne weiter nach seinem Namen zu fragen, ausgezahlt werden sollte. Nun kamen sie alle ohne ferneres Mistrauen und freuten sich nicht sowohl, daß sie ihrer Schulden los wuͤrden, als daß dieselben nicht weiter bekannt wuͤrden; denn diese tapferen Maͤnner hatten mit mehr als denkbarer Sorglosigkeit gewirthschaf- tet; trotz aller Beute und aller koͤniglichen Geschenke war doch das ganze Heer so tief in Schulden, daß zu ihrer Deckung nicht weniger als zwanzigtausend Talente gehoͤrten So nach Arrian. VII. 5.; Plutarch Alex. 70. sagt neun- hundert und siebzig Talente; Curtius X. 2. 10. und Diodor XVII. 109. sprechen eigentlich von dieser Schuldentilgung zu Susa gar nicht, sondern meinen die Geschenke an die zehntausend aus Opis heimkehrenden Veteranen, verwechseln diese aber allerdings mit dem, was in Susa geschah. . Namentlich hat- ten die Offiziere ungeheuer verschwendet, und da der Koͤnig sich oft misbilligend uͤber ihren wahnsinnigen Aufwand geaͤußert hatte, mochten sie sehr froh sein, ohne sein weiteres Wissen an den Geldtisch treten und ihren erschuͤtterten Finanzen schnell aufhelfen zu koͤnnen. Auch Antigenes, der Fuͤhrer der Hypaspisten in der Schlacht am Hydaspes, der im Jahre 340 vor Perinth ein Auge verloren hatte und wegen seiner Bravour und seiner Habsucht gleich bekannt war, trat damals an den Goldtisch und ließ sich eine namhafte Summe auszahlen; dann wurde entdeckt, daß er ohne alle Schulden, und die vorgezeigten Rechnungen falsch seien. Alexander war uͤber diese schmutzige Geldiger sehr erzuͤrnt, ver- wies den Antigenes vom Hofe und nahm ihm sein Kommando. Der tapfere General wurde durch diese Beschimpfung außer sich gebracht, und man konnte nicht zweifeln, daß er sich in seiner Trauer und Schwermuth ein Leides anthun werde. Das nun jammerte den Koͤnig, er eilte dem tapferen und treuen Veteranen zu verzeihen, rief ihn an den Hof zuruͤck, gab ihm sein Kommando wieder, und ließ ihm die Summe, die er in Anspruch genom- men Plutarch l. c.; nach Plutarch . Zu gleicher Zeit mit jener großen Schuldentilgung ver- theilte Alexander an die durch Tapferkeit, durchkaͤmpfte Gefahr oder treuen Dienst um seine Person Ausgezeichneten wahrhaft koͤnigliche Geschenke; er kraͤnzte mit goldenen Kraͤnzen den Leib- waͤchter Peucestas, den Satrapen in Persis, der ihn in der Mallier- stadt mit dem Schilde gedeckt, den Leibwaͤchter Leonnat, den Befehls- haber im Oriterlande, der bei eben jenem gefaͤhrlichen Sturm an seiner Seite gekaͤmpft, am Flusse Tomerus die Barbaren besiegt und mit gluͤcklichem Eifer die Angelegenheiten in Ora geordnet hatte, ferner den Leibwaͤchter und Admiral Nearch, der das kuͤhne Unternehmen einer Seefahrt vom Indus zum Euphrat so ruhm- voll durchgefuͤhrt, den Onesikrit, den Fuͤhrer des koͤniglichen Schif- fes auf dem Indus und vom Indus gen Susa, ingleichen den treuen Hephaͤstion und die uͤbrigen Leibwaͤchter, namentlich den Pellaͤer Lysimachus, den Aristonus, des Pisaͤus Sohn, den Hipparchen Perdikkas, den Lagiden Ptolemaͤus und Pithon von Eeordaͤa Arrian. l. c. cf. VI. 28. . Allen diesen großen und praͤchtigen Festen, mit denen das große Beilager von Susa verherrlicht wurde, sollte sich noch un- erwartet eine Feierlichkeit von seltener und ergreifender Art zuge- sellen. Aus Indien her war einer jener Buͤßer auf dem Felde von Taxila, auf Alexanders Einladung, dessen Macht und dessen Liebe zur Weisheit er bewunderte, trotz seines Meisters Unwillen und seiner Mitbuͤßer Spott dem Macedonischen Heere gefolgt; sein hoher Ernst, seine Weisheit und Froͤmmigkeit hatte ihm die Hochachtung des Koͤnigs und allgemeine Verehrung im Heere er- worben, und viele edle Macedonier, namentlich der Lagide Ptole- maͤus und Lysimachus der Leibwaͤchter, suchten seinen belehrenden Umgang; sie nannten ihn Kalanus, denn mit diesem Worte pflegte er zu begruͤßen; sein einheimischer Name soll Sphines ge- wesen sein; er war ein Greis von mehr denn siebzig Jahren; er hatte nie gekrankt, es war im Persischen Lande, wo er zum ersten Male in seinem Leben sich krank fuͤhlte. Da sprach er zum Koͤ- nige, er wolle nicht ein Leben des Siechthums fuͤhren, es sei de fort. Alex. 2. war es Tarras, offenbar derselbe Atarras, der p. 294. erwaͤhnt ist. schoͤner, dahin zu gehen, bevor sein koͤrperliches Leiden ihn zwinge, seine bisherige Lebensregel zu verlassen. Und der Koͤnig entgeg- nete ihm, er saͤhe nicht so krank, er wuͤrde sich um nichts hin- opfern; aber der Indische Buͤßer antwortete, bei ihm daheim gelte nichts unwuͤrdiger, als wenn die Ruhe des Geistes durch Krank- heit gestoͤrt werde, es forderen die Gebraͤuche seines Glaubens, daß er den Scheiterhaufen besteige Strabo XV. p. 299. , er wolle sterben nach der Sitte seines Landes. Da befahl Alexander dem Lagiden, sei- nem Leibwaͤchter, den Scheiterhaufen zu erbauen und den Flam- mentod des Indischen Heiligen mit aller Pracht zu feiern; er selbst mochte nicht zugegen sein, den Tod des theueren Greises mit anzusehen. Als nun der Tag gekommen war, so zog das Heer fruͤhe Morgens im festlichen Zuge hinaus, vorauf die Reu- terei und das Fußvolk in vollem Waffenglanze, und die Kriegs- elephanten in ihrem Aufzuge, dann Schaaren Weihrauchtragen- der, dann Andere, die goldene und silberne Schaalen trugen und koͤnigliche Gewaͤnder, um sie mit dem Weihrauch in die Flammen zu werfen; dann Kalanus selbst; ihm war, da er schon nicht mehr zu gehen vermochte, ein Nysaͤisches Roß gebracht worden, er konnte es nicht mehr besteigen; in einer Saͤnfte ward er hin- aus getragen. Und der Scheiterhaufen war aus koͤstlichem Holze errichtet, aus Myrrhen und Cypressen, aus Weihrauch und Ce- dern; als der Zug an den Fuß desselben angelangt war, stieg Kalanus aus seiner Saͤnfte, nahm mit einem Haͤndedruck von jedem der Macedonier, die um ihn waren, Abschied, und bat sie, sie moͤchten zu seinem Gedaͤchtniß den heutigen Tag in freudiger Feier mit ihrem Koͤnige zubringen, bald werde er ihn in Babylon wiedersehen; dann schenkte er das Nysaͤische Roß dem edlen Lysi- machus, und die Schaalen und Gewaͤnder den Umstehendrn. Dann ward ringsum feierliche Stille, und der fromme Greis be- gann sich zu weihen; er besprengte sich wie ein Opferthier, er schnitt eine Locke von seinem greisen Haupte und weihete sie der Gottheit, er kraͤnzte sich nach heimathlicher Weise und stieg, indem er Indische Hymnen sang, den Scheiterhaufen hinan; dann sah er noch einmal auf das Heer hinab, wandte sein Angesicht zur Sonne, und sank auf die Kniee, um anzubeten. Dies war das Zeichen; es ward Feuer in den Scheiterhaufen geworfen, es schmetterten die Heertrompeten, es rief das Heer den Schlachtruf dazu, und die Elephanten erhoben ihre dumpftoͤnenden Stimmen, als ob sie den sterbenden Buͤßer ihrer Heimath ehren wollten. Der aber lag anbetend auf dem Scheiterhaufen und regte sich nicht, bis die Flammen uͤber ihn zusammenschlugen und ihn den Blicken entzogen; und viele Indier, die mit hinaus gezogen wa- ren, sollen sich mit in die Flammen, die den frommen Greis ver- zehrten, gestuͤrzt haben Diese Beschreibung nach Arrian. VII. 3., Aelian V. 6., II. 41. und Plutarch c. 69. Andere Notizen bei Philo p. 879. (ed. Frankf. 1691.) Lucian de morte Pereg. c. 25 et c. 39. Cicero Tusc. II. 22., de Divin. I. 23. und andere Autoren ent- halten Unwesentliches oder Irriges. . Dann wurden zur Ehre des Todten kuͤnstlerische und gymnastische Wettkaͤmpfe begonnen und ein festli- ches Gelag bei dem Koͤnige gefeiert, dem sich ein Wetttrinken nach Indischem Brauch, wie es Kalanus sterbend gewuͤnscht hatte, anschloß. Fuͤr den Sieger ward ein goldener Kranz von einem Talent und kleinere Preise fuͤr die naͤchstbesten Trinker bestimmt; es siegte Promachus, er starb aber schon am vierten Tage darnach mit mehreren Anderen an den Folgen des zu heftigen Trin- kens So Chares von Mi- tylene bei Athen. X. p. 437., Plutarch Alex. c. 69. und Aelian. II. 41. Ueber den Ort der ganzen Feierlichkeit weichen die Angaben von einander ab; Strabo XV. p. 300. scheint Pasargadaͤ zu mei- nen; dieses ist unmoͤglich, da Nearch mit Ptolemaͤus bei dem Scheiterhaufen den Befehl hatte (Arrian. VII. 3.). Aelian. V. 6 sagt, der Scheiterhaufen sei in der schoͤnsten Vorstadt von Babylon errichtet worden; dieses ist eben so unrichtig, da Alexander erst ein Jahr spaͤter nach Babylon kam, Kalanus aber im Persischen Lande, wie Arrian sagt, oder bestimmter in Pasargadaͤ nach Strabo er- krankte und kurze Zeit darauf (Plutarch) den Scheiterhaufen waͤhlte. Nur in Susa waren die Elephanten, die mit Hephaͤstion zogen, und Nearch nebst dem Schiffsheere zusammen, und nur da kann die . Waͤhrend auf diese Weise Festlichkeiten der mannigfachsten Art in dem Lager von Susa einander folgten und die Truppen beschaͤftigten, hatte Alexander eine Veraͤnderung des Heerwesens vorbereitet, die jetzt ins Leben treten und noch entscheidender als die eben gefeierten Vermaͤhlungen eine vollkommene Anerkenntniß der morgenlaͤndischen Voͤlker und deren Gleichstellung mit den Macedoniern bezeichnen sollte. Allerdings waren schon seit meh- reren Jahren Asiatische Truppen mit zum Heere gezogen worden, aber einer Seits hatten sie in den Waffen und in der Weise ihres Landes gekaͤmpft, anderer Seits waren sie stets nur als unterge- ordnete Huͤlfscorps angesehen und von dem Stolz der Macedoni- schen Krieger trotz ihrer trefflichen Mitwirkung in den Indischen Feldzuͤgen als Besiegte und Barbaren verachtet worden; je weiter sich in allen uͤbrigen Verhaͤltnissen die Annaͤherung der verschiede- nen Nationalitaͤten entwickelte, desto nothwendiger wurde es, auch in dem Heerwesen die Unterschiede von Siegern und Besiegten zu vertilgen. Das wirksamste Mittel war natuͤrlich, Asiaten in die Reihen der Macedonischen Truppen mit gleichen Waffen und gleicher militairischer Ehre aufzunehmen, und der Koͤnig hatte schon vor Jahren die dazu noͤthigen Vorbereitungen getroffen, namentlich in allen Satrapien des Reichs junge Leute ausheben und in Macedonischer Weise bewaffnen und einuͤben lassen. Auch fuͤr die Hellenisirung der Voͤlker konnte durch nichts schneller und sicherer gewirkt werden, als wenn die Jugend an Hellenische Be- waffnung und Heerdienste gewoͤhnt, in das Reichsheer aufgenom- men und in den militairischen Geist, der zunaͤchst noch die Stelle einer durchherrschenden Nationalitaͤt in dem ungeheueren Reiche vertreten mußte, unmittelbar hineingezogen wurden. Viele Ruͤck- sichten vereinigten sich, ihre Einberufung gerade jetzt nothwendig zu machen. Vor Allem war die Zahl saͤmmtlicher im aktiven Todtenfeier gehalten sein, und das scheint auch die Meinung Ar- rians zu sein. Dieser beschreibt erst des Kalanus Tod, dann die Ruͤckkehr des Atropates gen Medien und darauf die Hochzeit, ohne die Chronologie streng beruͤcksichtigen zu wollen; wahrscheinlich blieb doch Atropates bei dem Vermaͤhlungsfeste seiner Tochter und der uͤbrigen Fuͤrstinnen noch in Susa. Heere befindlichen Macedonier durch die Indischen Feldzuͤge und den Zug durch Gedrosien bis auf fuͤnfundzwanzigtausend zusam- men geschmolzen; von diesen war fast die Haͤlfte fuͤr unfaͤhig zum weiteren Heerdienste anzusehen, und in Kurzem zu entlassen oder anzusiedeln; aus Macedonien aber konnten kaum bedeutende Re- krutensendungen erwartet werden, der Mangel an jungen Leuten begann dort schon fuͤhlbar zu werden. Anderer Seits fuͤhlte Alex- ander sehr wohl, daß die Macedonischen Veteranen, nach den furchtbaren Bedraͤngnissen Indiens und Gedrosiens zu neuen Wagnissen stumpf sein und nach Ruhe und endlichem Genuß des Erkaͤmpften verlangen mußten, daß es zu den großen Entwuͤrfen, die seinen unermuͤdlichen Geist beschaͤftigten, des Enthusiasmus, des Wetteifers, der physischen und moralischen Kraft junger Trup- pen beduͤrfe, daß ferner der Stolz der Macedonischen Kerntruppen leicht eine Fessel fuͤr ihn selbst werden konnte, zumal da sie sich nach der alten kameradschaftlichen Vertraulichkeit zu ihrem Koͤnige eine Freiheit in Urtheilen und Aeußerungen erlaubten, wie sie zu den ganz veraͤnderten Verhaͤltnissen nicht mehr passend erschien; ja er mußte fuͤrchten, daß sie endlich bei irgend welcher Gelegen- heit die Scenen vom Hyphasis zu erneuen versuchen koͤnnten, da ihr Hochmuth nur zu geneigt war, die damalige Nachgiebigkeit des Koͤnigs nicht dem allgemeinen Ungluͤck, sonden ihrem eigenen Einfluß zuzuschreiben. Ueberhaupt war seit jener Zeit eine gegen- seitige Entfremdung zwischen dem Koͤnige und den Macedoniern im Heere immer fuͤhlbarer geworden, und die nachfolgenden Er- eignisse hatten nur dazu beigetragen, dieselbe noch augenfaͤlliger zu machen; selbst die Art, wie das Heer des Koͤnigs Anerbieten einer allgemeinen Schuldentilgung angenommen hatte, zeigte deutlich, wie tief das Mistrauen bereits gedrungen war. Alexander mochte gehofft haben, durch jene wahrhaft koͤnigliche Gnade, durch die ausgedehnteste Freigiebigkeit, mit der er Geschenke und Ehren an die Macedonier vertheilte, durch die Hochzeitfeier, die er mit Tau- senden seiner Veteranen zugleich feierte, der Stimmung im Heere Herr zu werden; es war ihm nicht gelungen, er mußte einer ge- faͤhrlichen Krisis entgegensehen, die durch jeden weiteren Schritt zur Hellenistischen Gestaltung des Reiches nur schneller herbeige- fuͤhrt wurde; er mußte doppelt eilen, sich mit einer militairischen Macht zu umgeben, an deren Spitze er im Nothfall seinen alten Phalangen entgegen zu treten vermochte. Die Satrapen und Befehlshaber der verschiedenen, besonders westlichen Landschaften und Waffenplaͤtze, welche nach Susa ka- men, hatten nach den Befehlen des Koͤnigs jene junge Mann- schaften aus ihren Distrikten mitgebracht Arrian. VII. 6., cf. Plutarch 71., Diodor XVII. 108., die indeß irrig die spaͤteren Vorfaͤlle von Susa unmittelbar an diesem Punkte anknuͤpfen. Es ist bereits von Anderen darauf auf- merksam gemacht worden, daß Arrian ( VII. 6. 8.) diesen Truppen irriger Weise den Namen der Epigonen giebt, der vielmehr den Kindern Macedonischer Soldaten und Asiatischer Frauen, fuͤr de- ren militairische Erziehung der Koͤnig die Sorge uͤbernahm, zu- kommt. In aͤhnlicher Weise hießen hundert Jahre spaͤter im Heere der Lagiden ( Polyb. V. 65.) nicht die „nach Macedonischer Art bewaffneten Krieger,“ wohl aber die Nachkommen der von Phila- delphus ins Land gerufenen Galater ( Schol. ad Callim. in Del. 165.) Epigonen, cf. de Lagidarum regno p. 24.; bisweilen nennt Arrian diese neuen Truppen Perser, sie waren aber gewiß ( cf. Ju- stin. XII. 12.) aus verschiedenen Satrapien und aus jenen βασιλικοὶ παῖδες genommen, deren Alexander schon in Aegypten sechstausend hatte ausheben und einexerziren lassen, s. Suidas v. ; es waren im Gan- zen dreißigtausend Mann, in der vollsten Jugendfrische, alle in demselben Alter, in voller Macedonischer Bewaffnung, und in allen Uebungen des Macedonischen Heerwesens vollkommen ge- wandt; sie fuͤhrten ihre ersten Manoͤver vor dem Koͤnige mit ausgezeichneter Gewandtheit und Sicherheit aus, und Alexander gab ihnen seine volle Zufriedenheit zu erkennen. Zugleich mit ih- rer Aufnahme in das Heer In welcher Weise sie aufgenommen wurden, ob als eigene Phalangen oder Ergaͤnzung der bestehenden, ist nicht zu erkennen. Ueber das Zugleich ist zwar keine ausdruͤckliche Nachricht vorhan- den, indeß scheint es sich von selbst zu verstehen. wurden aus den Turanischen und Arianischen, den Parthischen und Iranischen Reuterschaaren, die durch Geburt, Schoͤnheit oder andere Vorzuͤge Ausgezeichneten aus- gewaͤhlt und unter die Ritterschaft der Getreuen vertheilt, zu der uͤberdieß eine fuͤnfte Hipparchie hinzugefuͤgt wurde, welche wenig- stens zum großen Theil aus Asiaten bestand. Endlich nahm Alex- ander mehrere Asiatische Fuͤrsten in sein unmittelbares Geleit auf, und gab ihnen statt des Persischen Wurfspießes den Macedoni- schen Speer; es waren namentlich Artabelus und Hydarnes, des verstorbenen Satrapen Mazaͤus Soͤhne, Kophen des Artabazus Sohn, Sisines und Phradasmanes, des Satrapen Phrataphernes von Parthien Soͤhne, Histanes, des Oxyartes von Baktra Sohn, die Bruͤder Artobares und Mithrodaͤus und endlich der Baktri- sche Fuͤrst Hystaspes, der die Fuͤhrung der Schaar erhielt Ueber die Schreibung der Namen sind die Erklaͤrungen zu Arrian. VII 6. zu vergleichen. Aus der Angabe, daß diese Perser den Speer und nicht die Lanze erhielten, sieht man, daß sie nicht in das Geleit der Hypaspisten, sondern der Ritterschaft aufgenommen wurden. — Hystaspes ist gewiß der von Curtius VI. 2. 7. genannte Verwandte des Darius. . — Alles das erzuͤrnte die Macedonischen Truppen auf das Heftigste; Alexander, so hieß es, werde jetzt ganz zum Barbaren, er verachte Macedonien um des Morgenlandes willen; schon damals, als er sich in Medischen Kleidern zu zeigen begonnen, haͤtten wuͤrdige Maͤn- ner alles Ungluͤck geahndet, das aus jenem Anfang entspringen wuͤrde; jetzt erfuͤlle sich das alles, jetzt seien dem Koͤnige diejeni- gen die Liebsten, welche die Sprache und Sitte der Heimath ver- lernten, und Peucestas werde darum mit Ehren und Geschenken vom Koͤnige uͤberhaͤuft, weil er den Erinnerungen der Heimath am frechsten Hohn spraͤche; was helfe es, daß Alexander mit den Macedoniern gemeinschaftlich Hochzeit halte, es seien ja Asiatische Weiber und diese gar nach Persischer Sitte angetraut; und gar jetzt die Neulinge in Macedonischen Waffen, diese Barbaren in gleicher Ehre mit den Veteranen Philipps, es sei offenbar, daß Alexander der Macedonier muͤde sei, daß er alle Anstalten treffe, ihrer nicht mehr zu beduͤrfen, daß er die naͤchste Gelegenheit be- nutzen werde, sie ganz bei Seite zu schaffen. So die alten Trup- pen; es bedurfte nur eines Anstoßes, um diese Stimmung zum Ausbruch zu bringen, und bald genug sollte sich derselbe finden. Alexander hatte beschlossen mit seiner Heeresmacht den Ti- gris aufwaͤrts zu der Stadt Opis, wo sich die große Straße nach Medien und dem Abendlande scheidet, zu ziehen; diese Lage der Stadt ließ ohngefaͤhr schon den Zweck des Marsches errathen; zu gleicher Zeit lag es ihm am Herzen, sich uͤber die Natur der Eu- phrat- und Tigrismuͤndungen, uͤber die Schiffbarkeit dieser Stroͤme und uͤber den Zustand der Wasserbauten, namentlich im Tigris, von denen das Wohl und Wehe der tiefliegenden Ufergegenden abhaͤngt, genau zu unterrichten. Deshalb uͤbergab er die Fuͤhrung des Heeres an Hephaͤstion mit dem Befehl, er solle auf der ge- woͤhnlichen Straße an den Tigris hinziehen. Er selbst bestieg mit seinen Hypaspisten, mit dem Agema und einer nicht bedeu- tenden Schaar der Ritterschaft die Schiffe Nearchs, welche be- reits den Eulaͤus herauf und bis unter die Mauern von Susa gekommen waren. Er fuhr mit diesen, es mochte im April sein, den Strom von Susa hinab. Als sich die Flotte der Muͤndung nahete, wurden die meisten Schiffe, da sie durch die Fahrt von Indien her sehr mitgenommen waren, hier zuruͤck gelassen, die schnellsten Segler waͤhlte der Koͤnig aus, um mit diesen in den Persischen Meerbusen hinab zu segeln, waͤhrend die anderen Schiffe durch den Kanal, welcher den Eulaͤus und Tigris nicht weit oberhalb ihrer Muͤndung verbindet, in den großen Strom gehen sollten Wir haben oben p. 240. den Eulaͤus als den Fluß von Dez-Foul bezeichnet, der nach seiner Vereinigung mit dem Karvun bei Bandikir den Namen des Flusses von Ahwas erhaͤlt; fast von der Breite des Tigris, faͤllt er unmittelbar in die See, s. Ebn Haukal p. 75. ed. Ousely, Mignan travels in Chaldaea 1829. p. 297. Von diesem Eulaͤus fuͤhrt der Kanal Kalla-el-Hafar, nach Mignan, vierzehn englische Meilen lang, zum Tigris; Thevenot und P. della Valle passirten ihn. Dieser Kanal, mit dem das Delta der Euphrat- und Tigrismuͤndungen beginnt, ist derselbe, auf dem Alexander die meisten Schiffe zum Tigris steuern ließ. . Er selbst schiffte nun den Eulaͤus hin- ab in den Persischen Meerbusen, fuhr dann an der Kuͤste und den Muͤndungen der verschiedenen Kanaͤle entlang bis zur Tigris- muͤndung, und nachdem er sich uͤber Alles genau unterrichtet und namentlich die noͤthigen Anweisungen zur Gruͤndung einer Stadt Alexandria, zwischen dem Tigris und Eulaͤus hart am Strande gegeben hatte cf. Plinius VI. 26., cf. Mannert p. 421.; die Stadt wurde auf einer Erdaufschuͤttung zehn Stadien vom Meere ent- fernt erbaut und theils mit Macedoniern, theils mit der Einwoh- nerschaft der fruͤher koͤniglichen Stadt Durine bevoͤlkert. , steuerte er in den Tigris hinein und den Fluß stromauf; bald traf er die uͤbrigen Schiffe und nach einiger Fahrt das Landheer unter Hephaͤstion, das an den Ufern des Stromes lagerte. Bei der weiteren Fahrt stieß die Flotte mehr als einmal auf maͤchtige Flußdaͤmme, welche von den Persern errichtet wor- den waren, angeblich um jeden feindlichen Einfall vom Meere her unmoͤglich zu machen; Alexander ließ, nicht bloß weil er An- griffe von der See her nicht weiter fuͤrchtete, sondern besonders, um den Strom fuͤr Handel und Schifffahrt zu oͤffnen, diese Daͤmme, wo er sie fand, einreißen; zu gleicher Zeit traf er die noͤthigen Einrichtungen, um die Kanaͤle, die theils verstopft wa- ren, theils ihre Deiche durchbrochen hatten, theils ganz versandet waren, wieder zu reinigen und mit den noͤthigen Schleusen und Deichen zu versehen Arrian. VII. 7. Ueber diese hoͤchst wichtigen Wasserbauten im Tigris s. Strabo XVI. p. 338. Die Flußdaͤmme heißen bei den Alten Katarakten, und in Beziehung auf sie ist der Feldzug des Kaiser Julian in diesen Gegenden hoͤchst belehrend; auch er mußte avellere cataractas, wie Ammian Marcell. XXIV. c. 6. sagt, um den Koͤnigs-Kanal ( Naarmalcha bei Ammian und in neuerer Zeit) befahren zu koͤnnen. Einen Flußdamm dieser Art glaube ich in den Ruinen zu erkennen, die Mignan p. 30. als die einer Bruͤcke beschrieben und aufgezeichnet hat; es stehen noch drei Pfeiler in Mitten des Stromes, mit einander durch Mauern verbunden, ohne daß irgend eine Oeffnung zum Durch- stroͤmen des Wassers zu finden ist; das Material ist dasselbe, wie in den Ruinen von Babylon; auch Kinneir travels in Asia mi- nor etc. p. 501. erwaͤhnt dieses Gebaͤudes; ein Aehnliches be- schreibt Niebuhr II. 243. . Es mochte im Monat Juli sein, als Heer und Flotte in Opis anlangten Die Lage von Opis nehme ich mit Rennel bei Al Howasch an. Die Zeit der Ankunft laͤßt sich nicht genauer bestimmen. Von Basra bis Bagdad ist zu Wasser ; man lagerte in der Umgegend der reichen Stadt; die Misstimmung der Macedonischen Truppen hatte sich seit dem Aufbruche aus Susa keinesweges vermindert, die laͤstigen Maͤrsche, die ihnen uͤberfluͤssig, die Arbeiten an den Flußdaͤmmen, die ihnen des Soldaten unwuͤrdig erschienen, waren Stoff zu neuem Mißvergnuͤgen, und die uͤbertriebensten und verkehrtesten Geruͤchte von dem, was der Koͤnig mit ihnen beabsichtigte, fanden Glauben und steigerten ihr besorgliches Mistrauen bis zur hoͤchsten Spannung. Da wurden sie zur Versammlung berufen; auf der Ebene vor Opis versammelte sich das Heer; der Koͤnig bestieg die Tribuͤne: „er koͤnne den Macedoniern Erfreuliches verkuͤnden; viele unter ihnen, durch vieljaͤhrige Dienste, durch Wunden und Strapazen erschoͤpft, duͤrften mit Recht Anspruch darauf machen, die Waffen, die sie so ruhmvoll gefuͤhrt, mit einer bequemen Ruhe zu vertauschen; er wolle sie nicht, wie fruͤhere Invaliden, in die neuen Staͤdte ansiedeln, er wisse, daß sie gern die Heimath wie- dersaͤhen, er wolle die fuͤr den weiteren Dienst Untauglichen eh- renvoll heimsenden; wer von diesen Veteranen bei ihm bleiben wolle, dem werde er diese Hingebung so zu vergelten wissen, daß sie beneidenswerther als die Heimgekehrten erscheinen, und in der Jugend der Heimath das Verlangen nach gleichen Gefahren und gleichem Ruhm verdoppeln sollten; da jetzt Asien unterworfen und beruhigt sei, so koͤnnten moͤglichst Viele au der Entlassung Theil nehmen, es seien zum Heerdienst nur dreizehntausend Macedonier vom Fußvolk und zweitausend Reuter erforderlich, so daß die Zahl der zur Heimkehr bestimmten sich auf zehntausend Mann belaufe.“ Hier unterbrach den Koͤnig ein wildes und verworrenes Geschrei: „er wolle der Veteranen los sein, er wolle nur ein Barbarenheer; nach Tavernier gegen sechzig Tage, nach Hackluit siebenundvierzig, (s. Vinccnt p. 462.) von Susa stromab bis zum Meere duͤrften an dreißig Meilen, etwa vicr Tage sein; dazu kam fuͤr Alexander die Fahrt von der Eulaͤus-Muͤndung zu der des Tigris, ferner der Aufenthalt beim Einreißen der Flußdaͤmme, dann die weitere Fahrt von Bagdad bis El Howasch, endlich die in dieser Jahreszeit gewoͤhnliche Wasserfuͤlle und die groͤßere Schwierigkeit, stroman zu fahren, so daß drei Monate fuͤr die Fahrt von Susa bis Opis nicht zu viel sein duͤrften. darum die dreißigtausend Epigonen, und die Barbaren in den Hipparchien; es sei Beschimpfung, es sei Entehrung fuͤr sie; nach- dem er sie abgenutzt, danke er sie jetzt mit Verachtung ab, werfe er sie alt und entkraͤftet ihrem Vaterlande und ihren Aeltern zu, von denen er sie sehr anders erhalten.“ Immer wilder ward der Tumult; „er solle sie Alle entlassen; mit seinem Gott Vater moͤge er fuͤrder ins Feld ziehen, mit seinen Puppen, den Asiatischen Buͤb- chen, moͤge er die Welt erobern!“ So tobte die Versammlung der bewaffneten Veteranen in offenbarem Aufruhr durcheinander, es war die hoͤchste Gefahr. Im heftigsten Zorn stuͤrzte Alexander von der Buͤhne herab und unbewaffnet, wie er war, unter die laͤrmende Menge, ihm nach seine Generale; mit maͤchtiger Faust packte er die naͤchsten Raͤdelsfuͤhrer und schleuderte sie seinen Leib- waͤchtern zu, er zeigte dort- und dahin, die anderen Schuldigen zu ergreifen. Dreizehn wurden ergriffen; „zum Tode“ schrie Alex- ander. Ploͤtzlich war die tiefste Stille, es zitterten die Veteranen. Und der Koͤnig stand wieder auf der Tribuͤne, um ihn her seine Leibwaͤchter, seine Generale und die Schaaren der treuen Hypas- pisten; er sah hinab auf die Menge und sprach zu ihnen: „Nicht um euren Abzug zu hemmen, werde ich noch einmal zu euch spre- chen; ihr koͤnnt gehen, wohin ihr wollt, meinethalben! nur euch zeigen will ich, was ihr durch mich geworden. Mein Vater Phi- lipp hat Großes an euch gethan; da ihr sonst arm und ohne feste Wohnsitze mit euren aͤrmlichen Heerden in den Gebirgen umher irrtet, stets den Ueberfaͤllen der Thracier, Illyrier, Triballer aus- gesetzt, hat mein Vater euch angesiedelt, euch statt des Felles das Kriegskleid gegeben, euch uͤber die Barbaren in der Nachbarschaft zu Herrn gemacht, eurem Fleiße die Bergwerke des Pangaͤus, eu- rem Handel das Meer geoͤffnet, euch Thessalien, Theben, Athen, den Peloponnes unterworfen, die unumschraͤnkte Hegemonie aller Hellenen zu einem Perserkriege erlangt; das hat Philipp voll- bracht, Großes an sich, im Verhaͤltniß zu dem spaͤter Vollbrachten Geringes. Von meinem Vater her fand ich weniges Gold und Silber an Geraͤthen im Schatze, nicht mehr denn sechzig Talente, an Schuld fuͤnfhundert Talente, ich selbst mußte achthundert Ta- lente Schuld hinzufuͤgen, um den Feldzug zu beginnen; da oͤffnete ich euch, obschon die Perser das Meer beherrschten, den Helles- pont, ich besiegte die Satrapen des Großkoͤnigs am Granikus; ich unterwarf die reichen Satrapien Klein-Asiens und ließ euch die Fruͤchte des Sieges genießen, euch kamen die Reichthuͤmer Aegyptens und Cyrenes zu Gute, euer ward Syrien und Baby- lon, euer Baktra, euer die Schaͤtze Persiens und die Kleinodien Indiens und das Weltmeer, aus eurer Mitte sind die Satrapen, die Befehlshaber, die Generale. Was habe ich selbst von alle den Kaͤmpfen, außer den Purpur und das Diadem? nichts habe ich fuͤr mich erworben, und es ist Niemand, der meine Schaͤtze zeigen koͤnnte, wenn er nicht euer Habe und was fuͤr euch be- wahrt wird, zeigt; und warum auch sollte ich mir Schaͤtze haͤufen, da ich esse, wie ihr esset, und schlafe, wie ihr schlaft; ja mancher von euch lebt koͤstlicher denn ich, und manche Nacht muß ich durchwachen, damit ihr ruhig schlafen koͤnnt. Oder bin ich, wenn ihr Muͤhe und Gefahr duldetet, ohne Kummer und Sorge gewe- sen? wer kann sagen, daß er mehr um mich, als ich um ihn ge- duldet? Wohl, wer von euch Wunden hat, der zeige sie und ich will die meinen zeigen; kein Glied an meinem Koͤrper ist ohne Wunde und keine Art von Geschoß und Waffe, deren Narbe ich nicht an mir trage; von Schwert und Dolch, von Bogen und Katapultenpfeil, von Steinwurf und Keulenschlag bin ich verwun- det worden, da ich fuͤr euch und euren Ruhm und eure Bereiche- rung kaͤmpfte, und euch siegend uͤber Laͤnder und Meere, uͤber Ge- birge, Stroͤme und Wuͤsteneien fuͤhrte. Die gleiche Ehe mit euch habe ich geschlossen, und eure Kinder werden meinen Kindern verwandt sein; und wer von euch verschuldet war, unbekuͤmmert, wie es bei so reichem Solde, bei so reicher Beute moͤglich gewe- sen, habe ich seine Schuld getilgt; die Meisten von euch haben goldene Kraͤnze empfangen fuͤr ihre Tapferkeit, und meiner Ach- tung fuͤr sie zum ewigen Gedaͤchtniß. Und wer gefallen ist im Kampfe, dessen Tod war ruͤhmlich und dessen Begraͤbniß ehrenvoll; von vielen derselben stehen eherne Statuen daheim und ihre Ael- tern sind hochgeehrt, frei von Abgaben und oͤffentlichen Lasten. Endlich ist Keiner von euch unter meiner Fuͤhrung fliehend gefal- len. Und jetzt hatte ich die Kampfesmuͤden unter euch, zur Be- wunderung und zum Stolz unserer Heimath, zu entlassen im Sinn; ihr ihr aber wollt alle hinweg ziehen; so zieht alle hin! und wenn ihr in die Heimath kommt, so sagt, daß ihr euren Koͤnig Alexander, der die Perser, die Meder, die Baktrier und Saker besiegt, der die Uxier und Arachosier und Drangianer bewaͤltigt, der die Par- thier, Chorasmier und Hyrkanier laͤngs des Kaspischen Meeres gewonnen, der den Kaukasus jenseits der Kaspischen Paͤsse uͤber- stiegen, der den Oxus und Tanais uͤberschritten und den Indus, wie nur Dionysos vor ihm, und den Hydaspes, den Acesines, den Hyraotis und, haͤttet ihr ihn nicht gehindert, auch den Hyphasis, der vom Indus herab in den Ocean fuhr, der durch die Wuͤste Gedrosiens zog, die Niemand vor ihm mit einem Heere durchzo- gen, dessen Flotte vom Indus gen Persien durch den Ocean kam, daß ihr ihn, euren Koͤnig Alexander, verlassen, und ihn zu schuͤtzen den besiegten Barbaren uͤbergeben habt; das zu verkuͤnden wird euch gewiß ruͤhmlich vor den Menschen und fromm vor den Goͤt- tern sein; ziehet hin!“ Ich habe lieber die Rede bei Arrian. VII. 9 und 10., als die bei Curtius X. 2. 15. angefuͤhrt, nicht als ob ich sie fuͤr aͤchter hielte, sondern weil sie von Arrian vielleicht nach aͤchten Motiven geschickt und im Sinne der Zeitumstaͤnde und im Charakter Alex- anders ausgearbeitet ist. Nach diesen Worten stieg er heftigen Schrittes von der Tribuͤne herab und eilte nach der Stadt zuruͤck. Die Macedonier aber standen noch und schwiegen, Niemand wagte dem Koͤnige zu folgen, außer seinen Leibwaͤchtern und seinen Getreuen. Allmaͤhlig begann sich das Staunen und das Schweigen in der Versammlung zu loͤsen; man hatte erhalten, was man gefordert; das Heer war entlassen, nicht mehr ein Heer; man fragte: was nun? was weiter? man war ohne Rath und Willen, die Einen riefen zu bleiben, wieder Andere schrieen zum Aufbruch; so wuchs der Tumult und das wuͤste Geschrei, Keiner befahl, Keiner ge- horchte, keine Schaar hielt sich beisammen, in Kurzem war das Heer, das die Welt erobert, ein verwilderter Haufen ohne Willen und ohne Ehre. Alexander hatte sich indessen in das Koͤnigsschloß von Opis zuruͤckgezogen; in der heftigsten Aufregung, wie er war, vergaß er die Sorge fuͤr seinen Koͤrper, er wollte Niemand sehen, Niemand 33 sprechen, die Getreuen wachten vor seinem Schloß, sie vollstreckten seine Befehle, die Raͤdelsfuͤhrer des Aufruhrs im Tigris zu er- traͤnken Curtius X. 4. 2. . So den ersten, so den zweiten Tag. Indeß hatte in dem Lager der Macedonier die Verwirrung einen gefaͤhrlichen Grad erreicht; schnell und furchtbar zeigten sich die Folgen der Meuterei und des Ungluͤcks, das sinnlos Geforderte im Uebermaaß erreicht zu haben; ihrem Schicksale und ihrer Schande uͤberlassen, ohnmaͤchtig und haltungslos, da ihnen nicht widerstanden worden, ohne Entschluß zu wollen, ohne Kraft zu handeln, ohne Recht und Hoffnung, was konnten sie beginnen, wenn sie nicht Hunger oder Verzweiflung zur offenbaren Gewalt trieb Dieses ohne speciellere Ueber- lieferungen; was das Heer in den drei traurigen Tagen gethan, wird von Niemand angegeben; nur Diodor XVII. 109. sagt: in- dem sich der Hader sehr vermehrte. Uebrigens hatten offenbar alle Macedonischen Truppen bis auf einen Theil der Hypaspisten ( Arrian VII. 8. 6.) und selbst die Mehrzahl der Offiziere, mit Aus- schluß der naͤchsten Umgebung des Koͤnigs, ( Arrian VII. 11. 4.) an der Meuterei Antheil. Der Aufstand scheint in den Denkwuͤrdig- keiten der Generale, die nach Alexanders Tode ein Interesse hat- ten, diesen Schandfleck in der Geschichte des Macedonischen Hec- res moͤglichst zu verdecken, nicht ohne vielfache Milderung und Beschoͤnigung berichtet gewesen zu sein. . — Alexan- der mußte sich vor einem Aeußersten schuͤtzen; zugleich wollte er einen letzten und freilich gewagtesten Versuch machen, die Mace- donier zur Reue zu bringen und vollkommen zu demuͤthigen; zu dem Ende beschloß er, sich ganz den Asiatischen Truppen anzuver- trauen, sie nach dem Gebrauch des Macedonischen Heeres zu ord- nen, sie mit allen Ehren, die einst die Macedonier gehabt hatten, auszuzeichnen; er durfte hoffen, daß diese Maaßregel auf die Ma- cedonier den tiefsten Eindruck hervorbringen muͤßte, und daß, wenn sie so das letzte Band zwischen sich und dem Koͤnige zerrissen saͤ- hen, sie entweder reuig um Vergebung flehen, oder bis zur Wuth empoͤrt zu den Waffen greifen wuͤrden; er war gewiß, daß er dann an der Spitze seiner kampfbegierigen Epigonen uͤber den fuͤhrerlosen Haufen den Sieg davon tragen wuͤrde; die Ergeben- heit der Asiaten war so unbegrenzt, daß er sich ihnen ganz anver- trauen konnte. Deshalb berief er am dritten Tage die Perser in das Koͤnigsschloß, eroͤffnete ihnen seinen Willen, waͤhlte aus ihnen die Hauptleute und Anfuͤhrer im neuen Heere, nannte viele von ihnen mit dem Ehrennamen koͤniglicher Verwandten und gab ihnen nach morgenlaͤndischer Weise das Vorrecht des Kusses; dann wurden die barbarischen Truppen nach Macedonischer Weise in Phalangen und Geschwader getheilt, es wurde ein Geleit der Perser, Persische Getreuen vom Fußvolk, eine Persische Schaar Hypaspisten Silberschildner, Persische Ritterschaft der Getreuen, ein koͤnigliches Geleit Persischer Ritterschaft ausgeruͤstet; es wur- den die Posten am Schlosse von Persern besetzt und ihnen der Dienst beim Koͤnige uͤbergeben, es wurde den Macedoniern der Befehl gesandt, das Lager zu raͤumen und zu gehen, wohin sie wollten, oder sich, wenn sie es vorzoͤgen, einen Fuͤhrer zu waͤhlen und gegen Alexander, ihren Koͤnig, ins Feld zu ruͤcken, um dann von ihm besiegt zu erkennen, daß sie ohne ihn nichts waͤren Dieses etwa meinet Polyaen. IV. 3. 7. . Sobald dieser Aufruf des Koͤnigs, die Nachricht von der Einrich- tung des neuen Heeres und von den Persischen Wachen beim Koͤ- nige im Lager der Macedonier bekannt wurde, da hielten sich die alten Truppen nicht laͤnger; sie uͤberließen sich dem wildesten Schmerze und der bittersten Reue, sie verfluchten, was sie gethan, sie zogen in hellen Haufen vor des Koͤnigs Schloß, warfen ihre Waffen vor den Schloßpforten zusammen, zum Zeichen ihrer De- muͤthigung und ihres Flehens; sie jammerten und schrieen, daß sie sich auf Gnade und Ungnade ergaͤben, daß Alexander uͤber sie verhaͤngen moͤge, was ihm gut scheine, daß er sie strafen moͤge, wie es Undankbare, Aufruͤhrer und Meuterer verdienten; sie for- derten eingelassen zu werden, um sich dem Koͤnige als Flehende zu nahen, um ihm die Urheber des Aufruhrs auszuliefern, sie wuͤrden Tag und Nacht nicht von hinnen weichen, bis sich der Koͤnig erbarmte. So blieben sie zwei Tage und zwei Naͤchte vor dem Schlosse, und wurden nicht muͤde, um Gnade zu flehen und Alexander, ihren Koͤnig, ihren Herrn zu rufen. Endlich oͤffneten 33 * sich die Pforten des Schlosses, und der Koͤnig trat heraus; und da er seine Veteranen so demuͤthig da liegen sah, und ihren Freu- deruf und ihr erneuetes Jammern hoͤrte, da vermochte er nicht laͤnger seinen Thraͤnen zu wehren; dann trat er naͤher, um zu ih- nen zu sprechen, sie aber draͤngten sich um ihn und hoͤrten nicht auf mit Flehen, gleich als fuͤrchteten sie das erste Wort ihres viel- leicht noch nicht erweichten Koͤnigs. Und ein alter, braver Haupt- mann aus der Ritterschaft, mit Namen Kallines, sprach also: „o Koͤnig, was uns Macedonier vor Allem schmerzt, ist, daß du Per- ser zu deinen Verwandten gemacht hast, daß Perser sich nun Alex- anders Verwandte nennen und dich kuͤssen duͤrfen, und von uns Macedoniern ist nie einer dieser Ehre theilhaftig worden!“ Da rief der Koͤnig: „euch Alle mache ich zu meinen Verwandten und nenne euch also von Stund an!“ er ging auf Kallines zu, ihn zu kuͤssen; und es kuͤßte ihn von den Macedoniern, wer es wollte; sie nahmen ihre Waffen auf und jubelten laut und sangen Freudenlieder und zogen jauchzend in in ihr Lager zuruͤck. Alexan- der aber gebot, zur Feier der Versoͤhnung ein großes Opfer zu bereiten, und opferte den Goͤttern, denen er pflegte. Dann wurde ein großes Mahl gehalten, an dem fast das gesammte Heer Theil nahm, in der Mitte der Koͤnig, ihm zunaͤchst die Macedonier, nach diesen die Perser, und weiter Viele von den uͤbrigen Voͤlker- schaften Asiens; und der Koͤnig trank aus denselben Mischkruͤgen mit seinen Truppen und spendete mit ihnen die gleichen Spenden, und es versahen dazu die Hellenischen Seher und die Persischen Magier die heiligen Gebraͤuche. Der Koͤnig selbst aber betete zu den Goͤttern, sie moͤchten ihm und seinem Heer alles Gute verleihen, vor Allem aber Eintracht und Gemeinschaft des Reiches den Ma- cedoniern und Persern. Es soll die Zahl derer, die an diesem Mahle Theil nahmen, neuntausend gewesen sein, und diese Alle spendeten zu gleicher Zeit den Unsterblichen und sangen zugleich den Lobge- sang dazu Arrian. VII. 11., Plutarch. Alex. 71., Justin. XII. 12. . So der Ausgang dieser gefaͤhrlichen und in jeder Hinsicht entscheidenden Krisis; es war der letzte Kampf zwischen dem Al- ten und Neuen; die letzte und gewichtigste Repraͤsentation des alt Macedonischen war moralisch bewaͤltigt; und gerade die Maaß- regeln, denen sie erlegen war, gaben diesem Siege Alexanders eine doppelte Wichtigkeit. Der Vorzug, den der Koͤnig der Macedo- nischen Kriegsmacht bisher hatte zugestehen muͤssen, war aufgeho- ben, Asiatische Truppen traten in die Namen und Ehren des alt Macedonischen Heeres ein, es gab fortan zwischen Siegern und Besiegten keinen anderen Unterschied, als den des persoͤnlichen Wer- thes und der Treue fuͤr den Koͤnig. Man muß gestehen, daß der Aufruhr von Opis die schwerste Probe gewesen ist, welche das System Alexanders zu bestehen gehabt hat; und daß es gelang ihn zu bewaͤltigen, war ein Beweis, daß das Hellenistische Koͤnig- thum, welches so schnell und kuͤhn emporgebaut war, daß dieses große Werk der neuen Zeit in sich fest und vollendet dastand, so daß das Geruͤst und die stuͤtzenden Traͤger seiner Gruͤndung hinwegge- brochen werden konnten. Aber waͤre es nicht moͤglich gewesen, daß die Veteranen in Opis uͤber die Neuerungen des Koͤnigs den Sieg davon getragen haͤtten? Ohnfehlbar, wenn sie selbst noch in Wahrheit Macedonier gewesen waͤren; sie waren es nicht mehr, sie hatten selbst das Neue, das sie bekaͤmpften, in sich aufgenom- men, sie hatten sich in das Asiatische Leben hineingelebt, ohne die- sem neuen Elemente das Recht, zu dem es berufen war, zugeste- hen zu wollen; und dieser Hochmuth, nur als Sieger dessen, das auch sie im innersten Wesen besiegt und durchdrungen hatte, gel- ten zu wollen, war die Schuld, um deren Willen sie erlagen. Indem so das Macedonische Heer, das Werkzeug, mit dem das Werk der neuen Zeit geschaffen war, von der maͤchtigen Hand des Meisters zerbrochen ward, war das Werk selbst als vollendet geweiht, und jeder Gefahr gewachsen; was auch die Zerwuͤrfnisse und Verwir- rungen der naͤchstfolgenden Zeit an den aͤußeren Formen dieses Reiches geruͤttelt und zerstoͤrt haben, das Hellenistische Leben, die große Einigung des Griechenthums unter Macedonischem, Asiens unter Persischem Namen, war fuͤr Jahrhunderte gegruͤndet. So hatte sich das Neue durch alle Stadien innerer und aͤu- ßerer Gefaͤhrdungen hindurch gekaͤmpft; als Gedanke einer neuen Zeit anerkannt, als Princip des neuen Koͤnigthums ausgesprochen, als Regiment des Reiches an der Spitze, als Heeresmacht orga- nisirt, als Umgestaltung und Durchgeistigung des Voͤlkerlebens in voller Arbeit, hatte es nichts als sich moͤglichst durchgreifend und den wesentlichen Interessen der Voͤlker gemaͤß zu bethaͤtigen. Dies war die Arbeit fuͤr die kurze Spanne Leben, welche das Schicksal dem Koͤnige noch goͤnnen wollte; es war das letzte Sta- dium seines großen Berufes; was er fortan noch that, hatte dieß Eine zum Zweck oder zum Erfolge. Selbst die Zuruͤcksendung der Veteranen mußte, es war vor- auszusehen, in diesem Sinne wirken; noch nie waren in solcher Zahl Truppen aus Asien in die Heimath zuruͤckgekehrt, und mehr als alle fruͤheren, hatten diese zehntausend Veteranen Asiatisches Leben in sich aufgenommen; ihre Zahl, ihr Beispiel, ihr Ruhm, ihre Erinnerungen, kurz Alles, was sie an verwandelten Ansichten und Beduͤrfnissen, an neuen Anspruͤchen und Erfahrungen mitbrachten, mußte unter den Ihrigen in der Heimaih von nicht geringerem Einfluß sein, als ihn das Abendlaͤndische auf das Leben der oͤstli- chen Voͤlker bereits ausuͤbte. Auf das Feierlichste wurden die Ve- teranen aus dem Lager von Opis entlassen; Alexander verkuͤndete ihnen, daß sie Jeder den Sold bis zur Heimath und uͤberdieß ein Geschenk von einem Talente erhalten sollten; die Kinder, die morgenlaͤndische Frauen ihnen geboren, moͤchten sie, so forderte er, bei ihm lassen, um sich nicht den haͤuslichen Frieden zu stoͤren; er werde dafuͤr sorgen, daß die Soldatenkinder Macedonisch und zu Soldaten erzogen wuͤrden, und wenn sie Maͤnner geworden, dann hoffe er sie nach Macedonien zuruͤck zu fuͤhren und ihren Vaͤtern wieder zu geben; fuͤr die Kinder der in den Feldzuͤgen Gefallenen versprach er auf gleiche Weise zu sorgen, der Sold ihrer Vaͤter werde ihnen bleiben, bis sie selbst sich gleichen Sold und gleichen Ruhm im Dienste des Koͤnigs erwerben wuͤrden; fuͤr die Vete- ranen solle in der Heimath alle Ehre bereitet sein, und es sei an den Reichsverweser in Macedonien der Befehl gesandt, daß die Vete- ranen bei jeder oͤffentlichen Feierlichkeit, bei Wettkaͤmpfen und Schauspielen den Ehrenplatz haben und mit Kraͤnzen geschmuͤckt erscheinen sollten; zum Zeichen seiner innigsten Theilnahme und Sorge fuͤr sie, habe er ihnen den getreuesten seiner Generale, den. er wie sein eigen Haupt liebe, den Hipparchen Kraterus zum Huͤ- ter und Fuͤhrer gegeben; dann dankte er ihnen fuͤr die Hingebung und die Tapferkeit, mit der sie ihm zehn Jahre lang zu Gefahr und Sieg gefolgt seien, empfahl sie den geleitenden Goͤttern und nahm unter Thraͤnen von den alten Kriegern, die sich weinend um ihn draͤngten, Abschied. Dann zogen die Veteranen von Opis aus; außer Kraterus waren die Phalangenfuͤhrer Polysperchon, Gorgias und Klitus, von der Ritterschaft Polydamas und Aman- das, endlich Antigenes, der Fuͤhrer der Hypaspisten, mit ihnen; Polysperchon war bei der großen Kraͤnklichkeit des Kraterus mit dem zweiten Kommando beauftragt Arrian. VII. 12., Justin. XII. 12. . Uebrigens bezogen sich des Kraterus Instruktionen keineswe- ges auf die Zuruͤckfuͤhrung der Veteranen allein; vielmehr war der Hauptzweck seiner Sendung, die Leitung der Europaͤischen An- gelegenheiten an Antipaters Stelle Μακεδ ονίας τε καὶ Θϱᾴκης καὶ Θετταλῶν ἐξηγεῖϑαι καὶ τῶν ῾Ελλήνων τῆς ἐλευϑεσίας. zu uͤbernehmen, wogegen Antipater neue Truppen nach Asien zu fuͤhren beauftragt wurde. Es kam Vieles zusammen, diese Veraͤnderung nothwendig zu ma- chen. Vor Allem hatte die Uneinigkeit zwischen dem Reichs- verweser und der Koͤnigin Mutter einen hohen Grad erreicht; man darf ohne Anstand behaupten, daß die uͤberwiegende, vielleicht die alleinige Schuld auf Seiten der herrschsuͤchtigen Frau war. Alexander hatte sie stets hochgeehrt und uͤberreich beschenkt, aber eben so entschieden ihre Einmischung in die oͤffentlichen Angelegen- heiten verbeten; dennoch wurde sie nicht muͤde zu intriguiren, ih- rem Sohne Vorwuͤrfe und Klagen aller Art zu schreiben, eifer- suͤchtig auf dessen Neigung zum Hephaͤstion auch diesen mit bitte- ren Briefen heimzusuchen, vor Allem aber gegen Antipater unab- laͤssig die heftigsten Beschuldigungen nach Asien zu berichten Plutarch Alex. an mehreren Stellen. Arrian. l. c. Justin. l. c., Diodor XVII. 113. 118. . Antipater seiner Seits beschwerte sich eben so bitter uͤber die Koͤ- nigin Mutter und deren Einmischung in die oͤffentlichen Angele- genheiten, aber umsonst; Alexander pflegte zu sagen: „Antipater weiß nicht, daß eine Thraͤne meiner Mutter tausend solcher Briefe ausloͤscht“ Plutarch Alex. 39. . Endlich mochten die immer wiederholten Klagen und Warnungen der Mutter einigen Einfluß auf Alexanders Ge- sinnung gegen den Reichsverweser ausuͤben, besonders seit er in der Verraͤtherei des Philotas und Parmenion erkannt hatte, daß selbst den treuesten nicht zu trauen; es war gar wohl denkbar, daß Antipater in der großen Gewalt, die ihm uͤbertragen worden, die Grenzen treuer Ergebenheit uͤberschritten, und daß er, nach au- ßen hin so bescheiden, in seinem Innern in der That, wie Alex- ander sagte, nichts als Purpur haͤtte Plutarch. Apophth. v. Ἀλεξ. ; es kam dazu, daß bei dem Prozeß des Philotas der Lynkestier, Alexander, sein Eidam, hin- gerichtet worden, und Alexander mochte seit jener Zeit sich ihm in demselben Maaße entfremdet fuͤhlen, als ihm Antipaters Ent- fremdung denkbar schien Von Antipaters Verbindungen mit den Aetoliern s. o. p. 298. . Alles das diente nicht dazu, das Verhaͤltniß zwischen der Koͤnigin Mutter und dem Reichsverweser, und damit den Frieden in Macedonien zu erhalten. Es ist nicht mehr zu erkennen, bis zu welchem Punkte sich der Hader steigerte, und wie weit es richtig ist, daß sich waͤhrend des Indischen Feld- zuges die Koͤnigin Mutter in Verbindung mit ihrer Tochter Kleo- patra, der koͤniglichen Wittwe von Epirus, gegen Antipater auf- lehnte und fuͤr sich Epirus, fuͤr Kleopatra Macedonien in Anspruch nahm Dieses berichtet Plutarch. Alex. c. 68., Niemand sonst; die Sache scheint problematisch; oder, wie kaͤme es, daß Kleopatra, die im Jahre 331 die Angelegenheiten in Epirus leitete ( Lycurg. p. 203.) spaͤterhin Macedonien waͤhlte? Auffallend dagegen ist, daß nach Diodor. XVII. 108. Antipater und Olympias die Auslieferung des Harpalus von den Athenern forderten. Ich gestehe, uͤber diese Verhaͤltnisse zwischen Beiden noch nicht klar zu sehen. ; jedenfalls aber waren es diese Zerwuͤrfnisse, die den Koͤnig bestimmten, den durchaus gewandten und kraͤftigen Reichs- verweser abzuberufen; Arrian sagt ausdruͤcklich: „nicht zur Schande war dem Antipater befohlen nach Asien zu kommen, sondern Alex- ander wollte nur vorbeugen, daß Beiden, seiner Mutter und dem Reichsverweser, nicht etwas Unseliges und selbst fuͤr ihn Unheilba- Alexander forderte ihn auf, sich mit einer eigenen Leibwache zu umgeben, um vor den Nachstellungen seiner Feinde sicher zu sein. Plutarch. 39. res aus diesem Zwist entstuͤnde.“ Arrian. VII. 12. Deshalb sollte Antipater sein Amt auch keinesweges sofort niederlegen und gen Asien kom- men Justin. XII. 14. sagt: „Anti- pater habe vor Kurzem gegen die Fuͤhrer besiegter Nationen ( in praefectos devictarum nationum ) grausame Strafen verhaͤngt und deshalb gemeint, der Koͤnig berufe ihn zur Strafe nach Asien.“ Die Verwirrung in dieser Angabe hindert nicht, etwas Wahres hinter ihr zu vermuthen; es liegt nahe, daß dieselben Voͤlker, ge- gen welche Zopyrion gekaͤmpft, eben jetzt von Antipater besiegt worden. Gewiß ist, daß im Fruͤhjahr 323 des Antipater Sohn zu Alexander kam, um mehrfache Beschwerden gegen seinen Vater zu entkraͤften, die von den Betheiligten in Person an den Koͤnig gebracht waren. , sondern die Verwaltung der Europaͤischen Laͤnder bis zur Ankunft des Kraterus, die sich bei den langsamen Maͤrschen der Veteranen uͤber Jahr und Tag hinziehen konnte, ungestoͤrt behal- ten. Die sonderbare Wendung, die gerade jetzt die Hellenischen Angelegenheiten nahmen, schien uͤberdieß seine Anwesenheit in Macedonien doppelt nothwendig zu machen. In Hellas nemlich hatte seit der Niederlage der Spartaner im Jahre 330 tiefer Friede geherrscht; und eben so reich an au- ßerordentlichen Thaten jenseits des Hellespontes, wie einfoͤrmig und kleinlich in heimathlichen Dingen, hatten diese fuͤnf Jahre des Friedens den Gesichtskreis und die Verhaͤltnisse des Helleni- schen Lebens auf entschiedene Weise umgestaltet. Seitdem Mace- donien uͤbergroß, und weiterer Widerstand gegen diese Macht, die letzte Beziehung, die dem oͤffentlichen Leben Athens und der uͤbri- gen Staaten Haltung gegeben, unmoͤglich geworden war, ging auch der letzte Rest des republikanischen Lebens unter, und die Unterschiede von politischer Partheiung, wie sie namentlich Athen seit dreißig Jahren in dem „fuͤr oder wider Macedonien“ fest gehalten, be- gannen sich zu verwischen und in Cotterien der Habgier, in Intri- guenen und Stadtklatschereien, in Persoͤnlichkeiten und Gemeinhei- ten zu zerfallen. Wenn es im Interesse des Macedonischen Koͤnig- thums war, die selbststaͤndige Kraft der Hellenischen Freistaaten aufzureiben, so hatte Alexander, als er ihnen Freiheit und Selbst- staͤndigkeit ließ, das sicherste Mittel, ihnen beides allmaͤhlig zu entwenden, gefunden. So herrschte denn auf dem Markt von Athen Demades, dessen Einfluß nicht minder auf sein Verhaͤltniß zu Macedonien, als auf seine Friedenspolitik, wie sie den Wuͤn- schen der Wohlhabenden entsprach und den genußluͤsternen Poͤbel mit Festschmausereien und Geldspenden zu koͤdern moͤglich machte, begruͤndet war. Und allerdings war unter seiner Fuͤhrung das materielle Wohl des Landes nicht wenig gefoͤrdert worden; „nicht der Krieger,“ so sprach er einst in der Ekklesia, „wird meinen Tod beklagen, denn ihm nuͤtzt der Krieg, und der Friede ernaͤhrt ihn nicht; wohl aber der Landmann, der Handwerker, der Kaufmann und jeder, der ein ruhiges Leben liebt; fuͤr sie habe ich Attika nicht mit Wall und Graben, wohl aber mit Frieden und Freund- schaft gegen die Maͤchtigen geschuͤtzt.“ Aus dem Rechtshandel wegen seiner zwoͤlfjaͤhrigen Staatsfuͤhrung, durch den ihn seine Gegner zur Zeit, als Alexander im fernsten Osten stand, zu stuͤr- zen suchten, ging er vollkommen siegreich hervor Im Jahre 326; wer ihn verklagte, ist nicht klar; daß er Sieger blieb, sieht man aus seiner Stellung im Harpalischen Prozeß. . Demosthe- nes vermochte nichts mehr, und selbst fruͤhere Freunde, namentlich Lykurg, wandten sich von ihm; und Phocion, der alte und strenge Patriot, der in gleichem Maaße seines Vaterlandes Verfall be- griff und beklagte, waͤre vermoͤge seiner richtigen Einsicht in die Zeitverhaͤltnisse und seiner vollkommenen Rechtlichkeit der Fuͤhrung des Staates faͤhig und wuͤrdig gewesen, wenn er nicht eben zu streng in seinen Grundsaͤtzen, zu ernst in seinen Ansichten, zu red- lich in seinem Bemuͤhen gewesen waͤre. Die Zeit der Demokratie war voruͤber, uͤberall zeigte sich die Nothwendigkeit, daß der ver- aͤnderte politische und gesellschaftliche Zustand auch eine gruͤndliche Umgestaltung in den Verfassungen der Staaten forderte; und wenn Alexanders Plan, die Griechen allmaͤhlig von der Demokratie zur Monarchie hinuͤber zu fuͤhren, durch seinen zu fruͤhen Tod, oder will man lieber, durch die innere Nothwendigkeit des Hellenischer We- sens unvollendet geblieben ist, so liegt eben darin der Grund je- nes trostlosen Hinwelkens, mit dem das naͤchste Jahrhundert der Hellenischen Geschichte den Ruhm besserer Zeiten besudeln sollte. Im Sinne jenes Planes war es, daß Alexander von den Hellenen goͤttliche Ehre forderte, wie sie ihm von den Voͤlkern des Morgenlandes von Anbeginn gezollt worden war. Was man auch in Beziehung auf die persoͤnliche Gesinnung des Koͤnigs und deren Verwandelung aus diesem Gebot folgern mag, jeden Falls war es weder so uͤberraschend und frevelhaft, wie es uns er- scheint, noch ist die tiefe politische Bedeutsamkeit dieser Maaßregel zu verkennen. Man vergegenwaͤrtige sich die Eigenthuͤmlichkeit des Hellenischen Heidenthums, das die Goͤtter wie Menschen anzuse- hen und großen Maͤnnern heroische Ehre zu erzeigen gewohnt war, und das in dieser Zeit der Aufklaͤrung und Frivolitaͤt die Religion selbst als Ceremonie, die Ehren der Goͤtter als Gewohn- heit und Lustbarkeit, die Goͤtter als menschliche Institutionen oder Allegorien irdischer Macht und Weisheit betrachtete, man nehme dazu, daß bereits seit mehreren Jahren die Gesandtschaften des Ko- rinthischen Bundes an den Koͤnig die Form heiliger Processionen angenommen, daß auch die Athener das heilige Schiff, das dem Gotte von Delos gesandt zu werden pflegte, an Alexander ge- schickt hatten, daß nach allgemeinen Geruͤchten die Orakel des Ammoniums, wie man auch spotten mochte, am Ende doch den Koͤnig als Zeus Sohn bezeichnet hatten, daß endlich Alexander, aus dem Geschlechte des Herakles und Achilleus, eine Welt erobert und umgestaltet und in Wahrheit Groͤßeres als Herakles und Dionysos vollbracht hatte, kurz man denke sich diese ganze wun- derliche Mischung von Aberglauben und Irreligiositaͤt, von Gleich- guͤltigkeit gegen die Goͤtter und Hingebung an das Irdische, und man wird es begreiflich finden, daß fuͤr das damalige Griechen- thum der Gedanke an goͤttliche Ehren und an das Vergoͤttern ei- nes Menschen nicht allzufern lag; wie natuͤrlich vielmehr derglei- chen im Sinne der damaligen Zeit war, beweisen die naͤchsten Jahrzehnte bis zum Ueberdruß, nur daß der große Alexander der erste war, der fuͤr sich das in Anspruch nahm, was nach ihm die erbaͤrmlichsten Fuͤrsten und die verworfensten Menschen von allen Griechen, vor Allem aber von den Athenern fuͤr ein Billiges zu Kauf erhalten konnten. Nicht als ob Alexander einer Seits an seine eigene Gottheit geglaubt oder anderer Seits dieselbe fuͤr nichts als fuͤr eine aͤußerliche Maaßregel gehalten haͤtte; er selbst aͤußerte sich daruͤber; „Zeus sei freilich aller Menschen Vater, aber nur die Besten mache er zu seinen Soͤhnen“ Plutarch. apophth. . Die Voͤlker des Morgenlandes sind gewoͤhnt, ihren Koͤnig als ein Wesen hoͤherer Art zu verehren, und allerdings ist dieser Glaube, wie er sich auch nach den Sitten und den Vorurtheilen der Jahrhunderte umgestalten mag, die wahre Stuͤtze jeder Monar- chie, ja jeder Form von Herrenthum; selbst die Dorischen Aristo- kratien des Alterthums gaben den Herakliden dieses Vorrecht ge- gen das arme Volk, und das demokratische Athen gruͤndete auf ein durchaus analoges Vorurtheil gegen die Sklaven die Moͤg- lichkeit einer Freiheit, gegen welche die Monarchie Alexanders in jeder Hinsicht als Fortschritt zu bezeichnen ist. Alexander wollte Griechenland allmaͤhlig von den Formen einer uͤberlebten Demokratie entwoͤhnen und in die der neuen Monarchie mit hinein- ziehen; es war der erste und wesentlichste Schritt, die Griechen zu demselben Glauben an seine Majestaͤt, den Asien hegte, und in dem er mit allem Rechte die wesentlichste Garantie seines Koͤnig- thums erkannte, zu veranlassen. Zu der Zeit, als in Asien die letzten Schritte zur Verschmel- zung des Abend- und Morgenlaͤndischen gemacht wurden, und das Koͤnigthum entschieden die Gestalt eines Hellenistischen angenom- men hatte, ergingen nach Griechenland hin die Aufforderungen, durch oͤffentliche Beschluͤsse dem Koͤnige die Ehren der Goͤtter zu ge- waͤhren Demades wurde spaͤterhin wegen dieses Vorschlages zu zehn ( Athen. VI. 251. a. ) oder richti- ger hundert Talenten, ( Aelian. V. v. 12.) verurtheilt; dagegen siegte er mit der Rede uͤber seine zwoͤlfjaͤhrige Staatsverwaltung (326) und in dem erhaltenen Bruchstuͤck ist wenigstens keine Spur da- von, daß er die τιμὰς τῶν ἐν οὐϱανῷ dem Alexander schon dekretirt. Da im Jahre 323 zum ersten Male Theoren saͤmmtlicher Griechen an Alexander gehen, so ist das Gesetz des Demades wohl nicht fruͤher, als 324 zu setzen. . In Athen brachte Demades den Vorschlag vor das Volk, Pytheas trat auf, gegen ihn zu sprechen: es sei gegen die Solonischen Gesetze, andere als die vaͤterlichen Goͤtter zu ehren; und als gegen ihn eingewandt ward, wie er, noch so jung, wagen koͤnne in so wichtigen Dingen zu sprechen, antwortete er: Alexan- der sei noch juͤnger Plutarch. princ. pol. p. 804. . Auch Lykurgus erhob sich gegen den Gesetzvorschlag: wie sei es moͤglich, sprach er, den als Gott zu verehren, der voll Ungerechtigkeit sei und selbst die Gesetze der Sitte und Schicklichkeit nicht achte Plutarch. X Orat. Lykurg sagte: was ist das fuͤr ein Gott, aus dessen Naͤhe man sich nicht entfernen darf, ohne sich zu reinigen? . Demosthenes aber, der sich in fruͤheren Jahren heftig genug uͤber die Vergoͤtterung, die dem Koͤnige in Asien gezollt wurde, geaͤußert hatte, rieth jetzt dem Volke, dem maͤchtigen Koͤnige die Ehren der Olympischen Goͤtter nicht zu weigern, und das Athenaͤische Volk dekretirte nach dem Borschlage des Demades Dinarch. p. 172. Demades soll bei der Gelegenheit gesagt haben: sehet zu, daß, waͤhrend ihr den Himmel huͤtet, die Erde euch nicht entrissen wird. Val. Max. VII. 2. 10. . Auch in Sparta wurde ohne Wei- teres Folge geleistet; das lakonische Dekret lautete: will Alexan- der Gott sein, so sei er Gott Aelian. V. H. 11. 19. . Die uͤbrigen Hellenen folgten dem Beispiel der Hauptstaaten, und die naͤchsten Hellenischen Ge- sandten an Alexander kamen gekraͤnzt und in der Weise, wie Theo- ren zu den Tempeln der Goͤtter ziehen Arrian. VII. 23. 3. . Eine zweite, nicht minder wichtige Anordnung Alexanders bezog sich auf die Verbannten der Hellenischen Freistaaten; die Verbannungen waren zum groͤßten Theil Folge politischer Veraͤn- derungen, und hatten wegen der Siege, die die Macedonier seit den letzten funfzehn Jahren wiederholentlich davon getragen, na- tuͤrlich die Gegner Macedoniens vorzuͤglich betroffen. Die Ver- bannten hatten fruͤher in den Heeren des Persischen Großkoͤnigs Dienste und fortgesetzten Kampf gegen Macedonien gefunden; nach Persiens Fall irrten sie huͤlflos und heimathlos in der Welt um- her; manche mochten Dienste im Macedonischen Heere nehmen, andere wurden, waͤhrend Alexander in Indien stand, von den Satrapen auf eigene Hand angeworben, noch Andere gingen nach Griechenland zuruͤck, um in der Nachbarschaft ihrer Heimathstaͤdte auf eine Veraͤnderung der Dinge zu warten, oder zogen zu dem Werbeplatz auf Taͤnarum, um von dort aus in irgend Jemandes Sold zu treten. Die bedeutende Zahl dienstloser Leute mußte sich dort, seitdem Alexander allen Satrapen die Entlassung ihrer Soͤld- ner geboten, außerordentlich vermehrt haben Sollte sich hierauf die wunderliche Angabe des Pausanias ( II. 15. und VIII. 52.) beziehen, Leosthenes habe die Griechen, die im Solde des Darius und der Satrapen standen und die Alexan- der in Asien habe ansiedeln wollen, bei funfzigtausend Mann, ein- geschifft und von Asien nach Europa gebracht? Leosthenes war von ihnen zum Anfuͤhrer erwaͤhlt ( Diodor XVII. 101.) und hatte spaͤterhin bei Eroͤffnung des Lamischen Krieges doch nur achttau- send Soͤldner aufzubieten; jene Verminderung der Zahl duͤrfte sich auf die Heimkehr vieler Verbannten zuruͤck fuͤhren lassen. ; und in demsel- ben Maaße, als sie zahlreich, ungluͤcklich und hoffnungslos waren, mußten sie fuͤr die Ruhe Griechenlands und den fuͤr Macedonien wuͤnschenswerthen Zustand der Dinge gefaͤhrlich werden. Diese Gefahr abzuwenden gab es kein besseres Mittel, als den Verbann- ten die Heimkehr zu bereiten; dadurch wurde auch denen, die durch Macedonischen Einfluß verbannt waren, ihr Haß zur Dank- barkeit umgewandelt und die Macedonische Parthei in den einzelnen Staaten auf die erfolgreichste Weise verstaͤrkt; die Staaten selbst waren fortan fuͤr die innere Ruhe Griechenlands verantwortlich, und der innere Zwiespalt, der sich wieder und wieder zeigen mochte, gab der Macedonischen Macht das Recht souveraͤner Entscheidung. Freilich war die Maaßregel gegen die ausdruͤcklichen Stipulationen des Korinthischen Bundes und der gefaͤhrlichste Angriff auf die dort garantirte Souveraͤnitaͤt der einzelnen Staa- ten; ja es war voraus zu sehen, daß die Ausfuͤhrung dieser Maaß- regel in Besitz, Ehre und oͤffentlicher Meinung Anlaß zu endlosen Verwirrungen geben mußte. Aber Alexander durfte hoͤhere Ruͤck- sichten geltend machen; vor Allem betraf diese Wohlthat die Geg- ner Macedoniens; es war die Zeit gekommen, daß die Unterschiede nationaler Feindschaft in Asien und politischer Partheiungen in Europa in der Einheit der gemeinschaftlichen Monarchie unterge- hen sollten; das Begnadigungsrecht in dieser großartigen Ausdeh- nung zu uͤben, war der erste Akt der Souveraͤnitaͤt, an die Alex- ander die Griechen zu gewoͤhnen hoffte. Zur Verkuͤndigung dieser Maaßregel hatte er den Stagiriten Nikanor nach Griechenland gesandt; bei der Feier der Olympi- schen Spiele des Jahres 324 sollte das koͤnigliche Schreiben pu- blicirt werden. Die Kunde davon hatte sich im Voraus verbreitet; von allen Seiten stroͤmten die Verbannten gen Olympia, um das Wort der Erloͤsung zu vernehmen. In den einzelnen Staaten dage- gen brachte sie mannigfache Aufregung hervor, und waͤhrend sich Viele freuten, mit Angehoͤrigen und Befreundeten wieder vereint zu leben und durch eine große und allgemeine Amnestie die Ruhe und den Wohlstand besserer Zeiten zuruͤckkehren zu sehen, mochten Andere in diesem Befehl einen Eingriff in die Rechte ihres Staates und den Beginn großer innerer Verwirrungen verabscheuen. In Athen erbot sich Demosthenes zur Archetheorie gen Olympia, um dort an Ort und Stelle mit dem Bevollmaͤchtigten Alexanders zu unterhandeln, und ihm die Folgen jener Maaßregel und die Hei- ligkeit der Korinthischen Bundesvertraͤge vorzustellen; dort blieben seine Bemuͤhungen erfolglos. Waͤhrend der Feier der hundert und vierzehnten Olympiade Bekanntlich ist uͤber die Zahl der Olympiade sehr weit- laͤuftiger Streit gefuͤhrt worden, indem sie fuͤr das Todesjahr Alexanders von großer Wichtigkeit ist; was Ideler mit eben so viel Scharfsinn als Gelehrsamkeit gegen die bekannte Oberflaͤchlichkeit Champollions geltend gemacht hat, liegt unserer Darstellung zum Grunde; die einfache Aufeinanderfolge der Begebenheiten giebt unmittelbar dieselben Resultate. , im Anfang des Augustes, in Ge- genwart der Hellenen aus allen Landschaften, unter denen sich der Verbannten an zwanzigtausend befanden, ließ Nikanor der Stagi- rite durch den Herold, der im Wettkampf der Herolde gekraͤnzt war, das Dekret des Koͤnigs vorlesen; es lautete: „Der Koͤnig Alexander den Verbannten der Griechischen Staͤdte seinen Gruß. An eurer Verbannung sind nicht wir Schuld gewesen; aber die Ruͤckkehr zur Heimath wollen wir Allen, mit Ausschluß derer, auf denen Fluch haftet, bewirken. Demnach haben wir an Antipater erlassen, daß er die Staͤdte, welche die Aufnahme weigern, dazu zwinge.“ Mit unendlichem Jubel und Beifallklatschen wurde der Heroldsruf aufgenommen, und nach allen Seiten hin zogen die Verbannten mit ihren Landsleuten der lang entbehrten Heimath zu Diodor. XVII. 109., XVIII. 8.; Curtius X. 2.; Justin. XIII. 5.; Dinarch. p. 169 und 175.; die in dem Heimkehrge- setz Ausgenommen bezeichnet Diodor ein Mal πλὴν τῶν ἐναγῶν, ein ander Mal πλὴν τῶν ἱεϱοσύλων καὶ φονέων. Curtius sagt: exsules praeter eos, qui civili sanguine aspersi erant, Justi- nus praeter caedis damnatos . — Man hat in der Rede de foed. Alex., die sich unter denen des Demosthenes befindet, Beziehungen auf diesen Befehl Alexanders zu finden und darnach ihre Zeit be- stimmen zu koͤnnen geglaubt (Beckers Demosthenes als Redner und Staatsmann p. 265.); mit großem Unrecht, sie kann nur der Zeit zwischen 333 und 330 angehoͤren, und ist offenbar gehalten, um Athen zur Theilnahme an den Krieg, der mit des Koͤnigs Agis Tode enden sollte, zu bewegen. . Nur Athen und die Aetolier weigerten sich ernstlich, dem Befehl des Koͤnigs Folge zu leisten; denn die Aetolier hat- ten die Oeniaden vertrieben, und fuͤrchteten deren Rache um so mehr, da sich Alexander selbst fuͤr sie und ihr Recht entschieden hatte. Die Athener aber sahen sich im Besitz der letzten Insel, die ihnen aus der Zeit ihrer fruͤheren Herrschaft geblieben war, gefaͤhrdet; sie hatten im Jahre 361 die Bewohner von Samos vertrieben, und das Land unter Attische Kleruchen vertheilt Ich muß hier den p. 15. von mir gebrauchten Ausdruck, Philipp habe nach der Schlacht von Chaͤronea den Athenern fuͤr Samos das Gebiet von Oropus gegeben, zuruͤck nehmen. Die Athener behielten gerade diese Insel, offenbar weil sie mit Attischen Buͤrgern bevoͤlkert war, s. Plutarch Alex. 28. ; diese haͤtten jetzt, nach dem Befehl des Koͤnigs, den fruͤheren Bewohnern wei- chen muͤssen; dazu kam, daß durch denselben Befehl die Demo- kratie in ihrer Freiheit und Souveraͤnitaͤt vollkommen in Frage gestellt war, und daß Athen, wenn es gehorsamte, sich unmittelbar dem Macedonischen Koͤnigthum unterwuͤrfig bekannt haͤtte; und noch wagten selbst die Macedonistischen Demagogen nicht, diesen Grad der Hingebung und diese Erniedrigung zu rathen. Es kam kam ein unerwarteter Umstand hinzu, der, gehoͤrig benutzt, die Macht der Athener bedeutend zu heben und ihrer Weigerung Nach- druck zu geben versprach. Harpalus nemlich, der fluͤchtige Großschatzmeister Alexanders, hatte sich, wie oben erzaͤhlt worden, auf der Kuͤste Kleinasiens mit dreißig Schiffen, sechstausend Soͤldnern und den ungeheueren Schaͤtzen, die ihm anvertraut gewesen waren, gen Attika hin ein- geschifft, und war gluͤcklich auf der Rhede von Munychia angelangt. Der Strateg Philokles, der die Hafenwache commandirte, war leicht gewonnen, es waren bald mit den vornehmsten Fuͤhrern des Volks Verbindungen angeknuͤpft, und Aristogiton, Moͤrokles, De- mon, Kallisthenes, Aristonikon, Cephisophon widerstanden dem Golde nicht Athen. VIII. p. 591., Dionys. Hal. Din. c. 11. ; selbst Demades glaubte ein Geschenk von sechstausend Stateren mit seinen anderweitigen Verhaͤltnissen zu Macedonien ver- einbaren zu koͤnnen, und Charikles, des ehenwerthen Phocion Schwiegersohn, war bereits durch die dreißig Talente, die er dem Harpalus fuͤr das Grabmal der Pythionice am heiligen Wege hatte in Rechnung bringen duͤrfen, verpflichtet. Im Vertrauen auf diese Freunde glaubte der Großschatzmeister, Athen zu seinen Aufenthaltsorte waͤhlen zu koͤnnen; er trug bei dem Volke darauf an, sich mit seinen Schaͤtzen und Schiffen in ihren Schutz bege- ben zu duͤrfen; die einverstandenen Redner thaten alles Moͤgliche, sein Gesuch zu unterstuͤtzen: die Athener seien ihm wegen fruͤhe- rer Getraidespende allen Dank schuldig, es sei ja ihre schoͤne Ge- wohnheit, Schutzflehenden barmherzig zu sein, sie haͤtten ihm be- reits fruͤher das Buͤrgerrecht der Stadt gegeben. Demosthenes aber erklaͤrte sich offen dagegen: man muͤsse den Harpalus nicht aufnehmen, um nicht die Stadt in einen unnoͤthigen und unge- rechten Krieg zu stuͤrzen; auch Phocion, den Harpalus umsonst zu gewinnen versucht hatte, widersprach der Aufnahme, und das Volk wies des Harpalus Gesuch zuruͤck Plutarch Phoc. 21. Die Zeit duͤrfte sich daraus bestimmen, daß Philokles als Strateg verklagt wird, also nach dem Anfange des Attischen Jahres (Juli 324) den Hafen oͤffnete. . Indeß gab dieser 34 die Hoffnung noch keinesweges auf; vielleicht mochte die Stim- mung, welche der kurz darauf erlassene Befehl Alexanders in Athen hervorgebracht hatte, ihm guͤnstig genug zu einem zweiten Versuche scheinen; er segelte nach Taͤnarum, setzte dort seine Trup- pen ans Land, deponirte den groͤßten Theil seiner Schaͤtze, und kehrte mit etwa siebenhundert Talenten nach Athen zuruͤck Phot. p. 494. a. 30., Plutarch. Phoc. l. c., Plutarch. Demosth. 25. . Aber schon war von Macedonien her eine Aufforderung des An- tipater, den Großschatzmeister der Strafe zu uͤberliefern, eingelau- fen Diodor XVII. 108. sagt: von Antipater und Olympias; bei Photius, Plutarch, ( X. Oratt. Dem. ) und sonst ist nur von Antipater die Rede; Pausanias II. 33. sagt, Philoxenus habe seine Auslieferung gefordert, eine Unwahrscheinlichkeit, welche die Angaben jener Stelle verdaͤchtigt. , und das besorgte Volk schien geneigt zu willfahren. Har- palus sah sich sofort von denen, die er bezahlte, verlassen; nur Phocion suchte wenigstens seine Auslieferung an Antipater zu hindern; Demosthenes stimmte ihm bei Hierher gehoͤrt seine Rede Πεϱὶ τοῦ μὴ ἐκδοῦναι τόν Ἅϱπαλον. Dionys. Dem. 57., wenn anders sie wirklich gehalten worden ist, und nicht etwa das Schicksal der Midiana gehabt hat. Die gleichnamige Rede, die Dionys als dem Dinarch angehoͤrig bezeichnet, koͤnnte von die- sem wie alle Harpalischen fuͤr einen andern geschrieben sein. , und schlug dem Volke vor, die Schaͤtze einstweilen auf der Burg niederzulegen, bis Alex- ander Bevollmaͤchtigte schickte, dieselben in Empfang zu nehmen. Das Volk gab dem Antrage seine Zustimmung und beauftragte ihn selbst mit der Deponirung der Gelder und Kostbarkeiten. Als kurze Zeit darnach in der Volksversammlung die Frage, was wei- ter mit Harpalus selbst zu bestimmen, an der Tagesordnung war, erschien der beruͤhmte Redner, den Hals mit Tuͤchern und Bin- den umhuͤllt, vor dem Volke, und erklaͤrte, er koͤnne vor Halsweh nicht sprechen. Das Volk aber laͤrmte und lachte: er habe nicht Halsweh, sondern Goldweh, einen Goldbecher mit zwanzig Talen- ten, der ihm besonders gefallen, habe Harpalus in der Nacht zu ihm geschickt. Da sich der Redner rechtfertigen wollte, ließ ihn das Volk nicht zu Worte kommen, und ein Witzling sprach: bei Gelagen, ihr Athenaͤer, laͤßt man den reden, der den Becher hat So Plutarch Dem. 25.; A. Gellius IX. 9. erzaͤhlt irrig die Geschichte in Beziehung auf eine fruͤhere Bestechung des De- mosthenes; daß der Komiker Timokles ( Athen. VIII. p. 391) statt zwanzig Talente funfzig nennt, thut nichts zur Sache; der be- ruͤhmte Witzling Korydus sagte in Beziehung auf den Goldbecher: „Demosthenes, der sonst immer von den Helden des Bechers spricht, hat jetzt den vollsten gewonnen.“ Athen. VI. p. 246. a. . Darauf wurde vom Volke beschlossen, den Großschatz- meister in Verhaft zu nehmen, bis seinetwegen Jemand von Alex- ander geschickt wuͤrde. So geschah es; indeß fand oder erhielt Harpalus bald genug Gelegenheit, aus dem Gefaͤngniß zu entwi- schen; er eilte gen Taͤnarum, raffte dort seine Schaͤtze zusammen und schiffte sich nach Kreta hin ein; da aber wurde er von Thimbron aus Lacedaͤmon ermordet, der mit den Schaͤtzen gen Cyrene floh, waͤhrend die uͤbrigen Genossen sich zerstreuten; des Ermordeten vertrauter Sklave, der die Rechnungen gefuͤhrt hatte, wurde auf Rhodus eingefangen und an Philoxenus, den koͤnigli- chen Schatzmeister fuͤr diesseits des Taurus, ausgeliefert Diodor XVII. 109, Arrian. apd. Phot. 70. a. 12.; von Pau- sanias wird ein Pausanias als Moͤrder genannt, eine zweite Ver- daͤchtigung seiner kritisch sein sollenden Stelle, die oben angefuͤhrt ist. Im Uebrigen ist die ganze Harpalusgeschichte von den ver- schiedenen Autoren sehr verschieden dargestellt worden; aus den oft widersprechenden Angaben schien sich ungefaͤhr das Obige mit Sicherheit zu ergeben. Neuere Schriftsteller haben den großen Redner von aller Schuld frei sprechen und als einen Heiligen in Sachen des Geldes darstellen zu muͤssen geglaubt, gleich als ob es nicht moͤglich waͤre, daß sich das groͤßeste Genie der Beredsamkeit mit der Hellenischen Liebe zum Golde vertruͤge. So groß seine poli- tische Thaͤtigkeit dem Philipp gegenuͤber, eben so unlauter sind die Mittel, deren er sich gegen Alexander zu bedienen nicht verschmaͤht hat, und je mehr sein oͤffentlicher Einfluß verliert, desto klarer tre- ten die Schwaͤchen seines Privatcharakters und des Alters in ihm hervor. . Der Koͤnig Alexander scheint erwartet zu haben, daß Harpa- lus mit seinen Schaͤtzen und Soͤldnern von den Athenern bereit 34 * willig wuͤrde aufgenommen werden; wenigstens hatte er in die Seeprovinzen den Befehl gesandt, die Flotte bereit zu halten, um noͤthigenfalls Attika unverzuͤglich uͤberfallen zu koͤnnen; und in dem Lager Alexanders war damals viel die Rede von einem Kriege gegen Athen, auf den sich die Macedonier in Folge der alten Feindschaft gar sehr freuten Curtius X. 2. 2., Justin. XIII. 5. s. den Heroldsruf des Gorgus bei Athen. XII. p. 537 . In der That hatten die Athe- ner, wenn sie sich ernstlich der Zuruͤckfuͤhrung der Verbannten zu widersetzen und ihre Souveraͤnitaͤt gegen Alexander aufrecht zu erhalten beabsichtigten, bei der Ankunft des Harpalus die treff- lichste Gelegenheit, sich fuͤr jeden Fall mit Geld und Soͤld- nern zu versehen; sie haͤtten in der ruͤcksichtslosen Aufnahme des Harpalus einen Beweis ihrer Unabhaͤngigkeit geben und in seinen Schaͤtzen, in seinen sechstausend Soͤldnern Mittel, sie zu verthei- digen, haben koͤnnen. Sie zogen es vor, halbe Maaßregeln zu er- greifen, die, weit entfernt einen sicheren und ehrenvollen Ausweg zu bieten, dem Macedonischen Einfluß in Athen einen neuen Sieg bereiten sollten. Demosthenes begriff so wenig die entscheidende Bedeutung dieser politischen Alternative, daß er, wenigstens vor jener Nacht mit dem Becher, gegen das Interesse der gefaͤhrdeten Selbststaͤndigkeit Athens sprach. Statt des bedeutenden Nutzens, den die Geschichte des Harpalus fuͤr den Staat haben konnte, wurde sie zum Skandal, und die Rivalitaͤt der Demagogen kam hinzu, sie auf das Ausgedehnteste zum Macedonischen Vortheil zu verwenden. Es war allgemein bekannt, daß des Harpalus Gold bei mehr als Einem der Volksfuͤhrer Eingang gefunden; das Volk war in Besorgniß vor Antipater, vor Alexander; man begann die Annah- me jener Geschenke als oͤffentlichen Verrath zu betrachten, man fuͤrchtete, daß der Koͤnig in Kurzem die Gelder und strenge Re- chenschaft fordern wuͤrde. Harpalus hatte siebenhundert und funfzig Talente mit in das Land gebracht, und nicht viel uͤber dreihundert fanden sich auf der Burg; zugleich erfuhr man, daß des Harpalus vertrauter Sklave in Philoxenus Gewalt sei, und bald liefen von diesem die Listen aller verwendeten Summen und der betheilig- ten Namen ein; Demosthenes war unter diesen nicht Pausanias in der oben erwaͤhnten Stelle glaubt hierin den sichersten Beweis fuͤr Demosthenes Unschuld zu finden; Moͤg- lichkeiten, wie Beides vereinbar, z. B. daß der Sklav nur bei Har- palus erstem Versuch um ihn gewesen und nachher in Taͤnarum bei den Schaͤtzen geblieben sei, will ich nicht weiter aufzaͤhlen. Auf diesen Sklaven bezieht sich Dinarch, wenn er ( p. 165.) „von den Sklaven, die jetzt zu Alexander hinaufgebracht sind“, spricht. . Ent- weder im Gefuͤhl seiner Unschuld, oder um desto sicherer zu sein, beeilte er sich, dem Volke ein Dekret in Vorschlag zu bringen, des Inhaltes: daß auf das Strengste untersucht werden sollte, wer Geld vom Harpalus empfangen, daß dem Areopag Voll- macht zu allen Nachforschungen gegeben werden, daß die schuldig Befundenen mit dem Tode bestraft werden sollten. So begann jene merkwuͤrdige Reihe Harpalischer Prozesse, in denen die be- ruͤhmtesten Namen des damaligen Athen verwickelt waren. Sechs Monate waͤhrten die Nachforschungen und Haussuchungen des Areopag, auch Demosthenes Name wurde in den uͤberreichen Ka- talog der Schuldigen eingetragen; mochten die Beweise seiner Schuld nicht unwiderleglich und das Verfahren gegen ihn uͤber- haupt zu summarisch sein So wird in dem zweiten der angeblich Demosthenischen Briefe behauptet ( p. 636.); gegen seine Aechtheit spricht ein kleiner Irr- thum, den Demosthenes selbst nicht haͤtte niederschreiben koͤnnen; er sagt: „sein Ungluͤck sei gewesen, daß er als der erste aufgetre- ten sei; und was habe er denn ungesagt gelassen, was doch, von den Spaͤteren vorgebracht, zu ihrer Rettung hingereicht“. Daß vor ihm schon mehrere gerichtet, bezeugt Dinarch p. 170. und nach ihm wurde Demades ( Dinarch. p. 182.) und Aristogiton ( Dinarch. p. 184.) verurtheilt. , jedenfalls hatte er keine Rechen- schaft uͤber die unter seiner Obhut deponirten Gelder abgelegt. Dann wurde ein Heliastengericht von tausendfuͤnfhundert Ge- schworenen niedergesetzt; als Klaͤger traten Pytheas, Hyperides, Mnesaͤchmus, Himeraͤus und Stratokles auf Plutarch X Orat. Dem.; statt die- ses Stratokles, auf den sich Dinarch in seinen Reden mehrere Male ; nach dem Ge- setz des Demosthenes wurden Mehrere verurtheilt und hingerich- tet. Jetzt kam an ihn selbst die Reihe; umsonst versuchte er durch die Delation, daß Kallimedon mit den Verbannten in Megara Zusammenkuͤnfte gehalten, und daß es auf die Aufloͤsung der De- mokratie abgesehen sei, sich zu retten; umsonst kam er von seinen Kindern begleitet vor Gericht, um sich zu vertheidigen Athen. XIII. p. 592. Die Rede des Demosthenes πεϱὶ χϱυσίου gehoͤrt hier- her; wenn die von Dionys. Hal. Dem. 57. fuͤr unaͤcht erklaͤrte ἀπολογία τῶν δώϱων dieselbe ist, so kann man damit die Sage bei Photius l. c. in Verbindung bringen, daß Demosthenes den Spruch nicht abwartete, sondern die Stadt verließ. Dionys. ep. ad Amm. l. 12. (p. 749.) sagt, daß Letztere unter dem Archonten Antikles (325/4) gehalten sei; schon Ideler (von dem Todesjahre Alexanders des Großen p. 281.) hat darauf aufmerksam gemacht, daß durch einen Irrthum Antikles statt Hegesias genannt sei. Der Prozeß scheint Anfang 323 beendet worden zu sein. ; er wurde verdammt, das Fuͤnffache dessen, was er erhalten hatte So Plutarch X Orat. Dem.; in der Vit. Dem. sagt er an funfzig Talente, dreißig giebt Photius an; das Geschenk berechnet Dinarch auf zwanzig Ta- lente; die Strafe des Fuͤnffachen wuͤrde hundert Talente geben; doch waͤre nach Dinarch p. 163. das Zehnfache zu erwarten. , zu zahlen, und da er die ungeheuere Summe nicht aufzubringen vermochte, ins Gefaͤngniß geworfen, aus dem er Gelegenheit fand am sechsten Tage zu entweichen Plutarch. Dem. . Das gleiche Schicksal traf nach ihm den Aristogiton, den Philokles Demosth. ep. 3. p. 643. und die uͤbrigen Schuldigen. Dieser Ausgang der Harpalischen Prozesse war fuͤr Athen in jeder Beziehung verhaͤngnißvoll; die Geschworenen der Heliaͤa, bezieht, steht bei Phot. l. c. Prokles. Der Komiker Timokles ver- hoͤhnt auch den Hyperides als Bestochenen, seine Rede fuͤr den Harpalus wird von Pollux X. 159. als vielleicht unaͤcht bezeich- net. Daß Dinarch nicht unter den Klaͤgern war, sondern die Har- palischen Reden fuͤr Andere schrieb, ist einer Seits sehr wahrschein- lich, da ein so beruͤhmter Name unter denen der Klaͤger, deren fuͤnf uͤberliefert sind, gewiß nicht uͤbergangen waͤre, und wird an- derer Seits durch Phot. 496. b. 22. bestaͤtigt. der unmittelbare Ausdruck der oͤffentlichen Meinung, hatten aller- dings das Wort der Anklaͤger gar wohl beachtet, daß sie uͤber die Angeklagten, ein Anderer aber uͤber sie urtheilen werde, und daß es des Aufsehens wegen wuͤnschenswerth sei, beruͤhmte Maͤnner zu strafen; sie hatten ohne alle Ruͤcksicht und nicht ohne uͤber- eilte Strenge verdammt, und so dem Koͤnige mit dem Rechte je- ner Forderung gleichsam das Recht des Forderns zugestanden. Der große Gegner der Macedonischen Monarchie mußte die Hei- math meiden, mit ihm sank die Stuͤtze der alt demokratischen Parthei und ihrer Traditionen; in Philokles verlor der Staat einen Feldherrn, der wenigstens oft genug zu diesem wichtigen Amte vom Volke erwaͤhlt worden war. Dagegen blieb Demades trotz seiner Verurtheilung Demades war allerdings im Harpalifchen Prozeß verur- theilt, Dinarch. p. 182.; derselbe sagt p. 175., Demades habe offen erklaͤrt, daß er Geld genommen und kuͤnftig nehmen werde, aber zugleich nicht gewagt, sich perfoͤnlich vor Gericht zu stellen, (αὐτοῖς δεῖξαι τὸ πϱόσωπον) noch der Anzeige des Areopags gegenuͤber sich weiter zu vertheidigen. Er hatte der Untersuchung gemaͤß sechs- tausend Stateren (hundert Talente) empfangen; mochte er so reich sein, daß er einst gegen das Gesetz hundert fremde Taͤnzerinnen auf die Buͤhne fuͤhren und fuͤr jede das gesetzliche Strafgeld von tausend Drachmen gleich mitbringen konnte, so mußte ihn doch die fuͤr Bestechungen gesetzliche Strafe des Fuͤnf- oder gar Zehn- fachen vollkommen zu Grunde richten; er haͤtte, wenn er nicht zah- len konnte, ins Gefaͤngniß gehen muͤssen. Statt dessen findet man ihn sechs Monate spaͤter bei der Nachricht vom Tode Alexanders auf der Rednerbuͤhne, Plutarch Phoc. 22.; vielleicht daß ihm, aus Ruͤcksicht auf Alexander und auf dessen Verwendung, vom Volke, etwa wie dem Laches dem Sohn des Melanopus ( Demosth. ep. III. p. 642) die Strafe erlassen worden; erst nach Alexanders Tode bricht sein Anschen zusammen, wegen drei oder gar sieben Para- nomien ( Diodor. XVIII. 18., Plutarch. Phoc. 26.) wurde er ver- urtheilt, und, da er nicht zahlen konnte, ἄτιμος. Unter diesen Pa- ranomien wird wohl die zur Vergoͤtterung Alexanders eine Haupt- stelle eingenommen haben; zehn Talente dafuͤr, wie Athenaͤus angiebt, waͤren ihm zu zahlen leicht geworden; die hundert Talente bei Ae- , und sein Einfluß herrschte um so sicherer, je unbedeutender, besorglicher oder gewissenloser die Maͤn- ner waren, die nach jenen Prozessen an der Leitung des Volks Theil nahmen; die Politik Athens wurde noch mehr als fruͤher schwankend und bald unterwuͤrfig. Man hatte den Verbannten die Heimkehr geweigert, man fuͤrchtete fort und fort, daß sie von Megara aus und gestuͤtzt auf des Koͤnigs Amnestie die Attische Grenze uͤberschreiten wuͤrden; dennoch geschah zum Schutz der Stadt nichts, als daß eine Theorengesandtschaft an den Koͤnig de- kretirt wurde, die ihn um die Erlaubniß, die Verbannten nicht aufzunehmen, bitten sollte, eine Maaßregel, die wenigstens im In- teresse der Attischen Freiheit vollkommen ungeschickt war, da der Staat einer Seits seine Willensmeinung, bei der Bestimmung des Korinthischen Bundes zu bleiben, bereits kund gegeben hatte, anderer Seits des Koͤnigs abschlaͤgige Antwort nur zu gewiß vor- auszusehen war Lykurg war bereits vor den Harpalischen Prozessen gestorben ( Plutarch. X Orat. Hyperid. cf. Boͤckh’s Staatshaushalt II. p. 244.). Ueber die politische Lage Athens in dieser und der naͤchstfolgenden Zeit hat Grauert in seinen Analekten das Ueberlieferte mit gluͤcklicher Sorg- falt zusammen gestellt; indeß ist der gelehrte Forscher durch seine politische Ansicht, zu der ich mich nicht bekennen kann, bisweilen zu kleinen Ungenauigkeiten veranlaßt, die ich bezeichnen muß, um nicht eben so ungerecht gegen Athen zu scheinen, wie er es gegen Alexander ist. Namentlich meint er, daß Athen schon jetzt in heimliche Unterhandlungen mit den Soͤldnerschaaren auf Taͤnarum getreten und mit den Waffen in der Hand sich dem Macedonischen Einfluß zu widersetzen Willens gewesen sei; er laͤßt vermuthen, daß Hyperides diese Verhandlungen leitete. Allerdings ist bei Photius p. 459. b. 34. statt συνεβούλευσε καὶ τὸ ἐπὶ Ταίναϱον ξενικὸν διαλῦσαι aus Plutarch. X. Orat. Hyp. zu schreiben μὴ διαλῦσαι, aber eben daher sieht man, daß dieses in fruͤherer Zeit und aus Freundschaft zu Chares, nicht zu Leosthenes geschehen sei; jene Unterhandlungen und heimliche Ruͤstungen begannen μήπου καλῶς ἐγνωσμένης τῆς Ἀλεξάνδϱου τελευτῆς, Diodor XVIII. 9.; erst bei der sicheren Nachricht vom Tode des Koͤnigs erfolgten die . lian kommen der Wahrscheinlichkeit naͤher. So offenbarte sich in der Haltungslosigkeit und Besorglichkeit der Athenischen Demokratie auf das Unzweideutigste ihre Unfaͤhig- keit, der unendlich uͤberlegenen Macht Alexanders gegenuͤber, auch nur den aͤußeren Schein einer Selbststaͤndigkeit zu behaupten, die nicht mehr im Sinne der Zeit war; mit Athen war die Demo- kratie, wie sie bisher im Leben der Hellenischen Voͤlker vorge- herrscht hette, moralisch vernichtet; und wenn jetzt Athen sich dem hoͤheren monarchischen Einfluß, wie ihn das neue Hellenistische Koͤnigthum geltend machte, zu fuͤgen beginnen mußte, so war der letzte Anhalt, den die alt demokratische Parthei in Griechenland bisher noch gehabt hatte, zerstoͤrt, und die letzte politische Schwie- rigkeit, die den Tendenzen der neuen Zeit noch im Wege stand, hin- weggeraͤumt; fortan mußte sich Griechenland in aͤhnlicher Weise, wie die Laͤnder Asiens, zum Koͤnigthum Alexanders verhalten. Dieses Verhaͤltniß war kein anderes, als das einer relativ freien, in ihren Gesetzen, Rechten und Gewohnheiten anerkannten Volks- thuͤmlichkeit, die fortan ihre Einheit in jenem Koͤnigthume fand, und die fruͤhere souveraͤne Freiheit einzelner Staaten, wie sie sich bis zur unseligsten Zersplitterung geltend gemacht hatte, unter der allgemeinen Souveraͤnitaͤt eines Koͤnigthums zu staͤdtischen Frei- heiten umbildete. Es liegt außer dem Bereich dieser Darstellung, zu bezeichnen, wie weit sich diese Umgestaltung des Hellenischen Lebens, der Geld- und Waffensendungen von Athen aus ( l. c. ), die derselbe Diodor XVII. 111. schon einmal erwaͤhnt hat. Dasselbe wuͤrde sich auch von selbst verstehen, wenn man die Folgen des Harpali- schen Prozesses bedenkt; Demades leitete den Staat, Hyperides, zu aller Zeit schwankend und ohne politischen Muth, war seit Jahr und Tag dem Demosthenes und seiner Parthei entfremdet, Phocion war selbst nach Alexanders Tode gegen den Krieg; wer also haͤtte jene Verhandlungen beantragen und leiten sollen, wer unter den Augen des Demades und bei der besorglichen Stimmung der Athe- ner, wie sie der große Prozeß offenbarte, solchen Vorschlag beim Volke oder im Rathe zu machen gewagt, zumal da die wohlhabende Klasse in Athen (die κτηματικοὶ bei Diodor l. c. ) auch spaͤterhin dem Kriege entschieden abgeneigt war? Alexander durch seinen zu fruͤhen Tod entrissen werden sollte, durchgebildet hat; jedenfalls muß sie ein großer und der letzte Fortschritt in der Geschichte der Hellenischen Freiheit, die mit ihm dem Principe nach unterging, genannt werden. Sie gab ein wesentliches Element zu einer neuen und hoͤheren Gestaltung des Staatslebens, zu einer Monarchie, die von dem morgenlaͤndi- schen Despotismus die Majestaͤt das Thrones, von der einst de- mokratischen Freiheit die Berechtigung und die persoͤnliche Selbst- staͤndigkeit der Beherrschten uͤberkam. Mit Alexander errang das Staatsleben diese hoͤhere Gestaltung, die, in den Hellenischen Sa- gen vorgedeutet, im Macedonischen Koͤnigthum auf unentwickelte Weise uͤberliefert, erst jetzt mit dem Sturze der Asiatischen Des- potie und der demokratischen Freiheit zum historischen Bewußtsein ward. Das Reich Alexanders ist der erste Versuch eines monar- chischen Organismus, wie ihn bisher weder das Morgenland, noch die Theorien Hellenischer Philosophen geahnet hatten. Und wenn dieser erste Versuch noch beschraͤnkt und mangelhaft gewesen, wenn das Neue selbst noch despotisch in der Person Alexanders aufge- treten ist, so darf man weder vergessen, daß in der Vollendung dieses Systems selbst die Geschichte unserer Gegenwart noch immer ihre hoͤchste Arbeit findet, noch auch verkennen, was es heißt, daß den verknechteten Voͤlkern Asiens ihre Nationalitaͤt, dem zerrissenen Leben Griechenlands Friede und Einheit zuruͤckge- geben worden, daß die Voͤlker, sonst rechtlos der Willkuͤhr des Despoten gegenuͤber, fortan Recht und Anerkennung, und die Staaten, sonst herrenlos ihrer eigenen Willkuͤhr Preis gegeben, einen Herren erhielten. Von Alexander her datiren die Anfaͤnge einer Entwickelung, die allein das große Problem eines wahrhaft staatlichen Lebens zu loͤsen vermag; und selbst in den Hellenistischen Reichen hat sich trotz der furchtbaren Entartung, der sie bald ver- fallen sind, eine verfassungsmaͤßige Isegorie der sogenannten Ma- cedonier, Selbststaͤndigkeit und Berechtigung der barbarischen Un- terthanen, gleiches Recht und Gesetz fuͤr Alle, mindestens der Form nach, erhalten. Wie großartig und einflußreich die organisirende Thaͤtigkeit Alexanders fuͤr sein Reich und fuͤr die Foͤrderung seiner Voͤlker gewesen ist, das laͤßt sich mehr voraussetzen als nachweisen; nur einzelne große Zuͤge sind uͤberliefert, von denen man weitere Schluͤsse zu machen befugt ist. Die unendliche Bewegung, die durch seine Heereszuͤge uͤber das ganze Asien gekommen war, die unberechenbaren Folgen, welche die unmittelbare Beruͤhrung der bis dahin geschiedenen Voͤlker haben mußte, der ungeheuere Um- schwung, den alle menschliche Verhaͤltnisse, den Kunst und Wissen- schaft, Handel und Gewerbe erfuhren, das Alles konnte erst in den naͤchstfolgenden Zeiten vollstaͤndig erkannt werden, und die Geschichte derselben versaͤumt es nicht, die staunenswuͤrdigsten Be- weise dafuͤr zu liefern; hier gilt es besonders die Punkte aufzu- weisen, von denen jene großen Wirkungen ausgegangen sind. An die Spitze verdient die Umwaͤlzung, die durch Alexander die Verbreitung des edlen Metalls erfahren hat, gestellt zu wer- den cf. Athen. VI. p. 231. e. . Man darf mehrere hundert Millionen baares Geld rechnen, welche bisher in den Schatzhaͤusern des Großkoͤnigs auf- gehaͤuft gelegen hatten, und jetzt im Verlauf weniger Jahre dem Verkehr der Voͤlker zuruͤck gegeben wurden. Schon hierdurch allein mußte das Koͤnigthum, von welchem immer neue Reichthuͤmer, wie das Blut vom Herzen her, ausstroͤmten, und durch den neu- erwachenden Handel und Verkehr in immer rascherer Circulation durch die lange erstorbenen Glieder des Reiches verbreitet wur- den, einen positiven und durchgreifenden Einfluß auf das Leben der Voͤlker gewinnen, dessen Kraft das Persische Koͤnigthum vampyr- artig ausgesogen hatte. Es darf nicht dagegen eingewendet wer- den, daß Griechenland und namentlich Athen, trotz der ungeheue- ren Reichthuͤmer Einzelner, seit dieser Zeit zu verarmen begann; das geschichtliche Leben, das sonst, auf jener Scholle Land zusammen- gedraͤngt, geistige und irdische Guͤter in reichster Fuͤlle entwickelt hatte, ward jetzt uͤber eine Welt vertheilt; uͤberdieß mußte mit der groͤßeren Masse des circulirenden Geldes der Werth desselben fallen; endlich war wenigstens seit den letzten funfzig Jahren das meiste edle Metall durch Persische Huͤlfsgelder, durch Macedoni- sche Bestechungen, durch die unzaͤhligen, aus Asien heimkehrenden Soͤldner nach Griechenland gebracht; das Alles hoͤrte jetzt auf oder verringerte sich auf unverhaͤltnißmaͤßige Weise. Nicht minder beachtenswerth ist die Art, wie Alexander die ungeheueren Schaͤtze, die er vorfand, verwendete. Durch den Sold der Truppen, die sich theils als Besatzungen in den einzelnen Sa- trapien befanden, theils im activen Dienste von Land zu Land zo- gen, mußte in die meisten Landschaften, die sonst nur gezahlt hatten, von Neuem Geld und Wohlhabenheit kommen, da sich nach einem maͤßigen Ueberschlage der Sold allein jaͤhrlich auf sie- ben Millionen unseres Geldes berechnen laͤßt. Die ungeheuere Verschwendung des fruͤheren Persischen Hoflagers war beson- ders dadurch druͤckend gewesen, daß sie zum groͤßten Theil mit Naturallieferungen bestritten wurde; diese hob Alexander gaͤnz- lich auf, ohne darum eine kaͤrgliche Hofhaltung einzufuͤhren; und in demselben Maaße, wie fruͤher des Großkoͤnigs Anwesenheit eine Stadt oder Landschaft aussog, gewann sie jetzt durch den Aufent- halt des koͤniglichen Hoflagers. Die Pracht, mit der sich der Koͤ- nig namentlich in der letzten Zeit umgab, mußte nicht minder zur Foͤrderung des Verkehrs und Wohlstandes dienen; und wenn er- zaͤhlt wird, daß er, um sein ganzes Hofgesinde in Purpur zu kleiden, den Befehl nach Jonien sandte, allen Vorrath an Purpurstoffen daselbst aufzukaufen, so ist dies ein Fall von hunderten, wie des Hofes großartige Pracht dem Lande zum Besten gereichte. Dem Beispiele des Koͤnigs folgten mehr oder minder seine Großen, und was man auch von ihrer oft unsinnigen Verschwendung sa- gen mag, jedenfalls mußte dieselbe dem Handel und Gewerbe hoͤchst foͤrderlich sein. Durch reiche Schenkungen, die mehr als Ein Mal ein Talent fuͤr den Mann betrugen, sorgte der Koͤnig dafuͤr, daß auch die Truppen und namentlich die entlassenen Ve- teranen bequem leben konnten; und wenn sie dennoch mehr ver- brauchten als sie hatten, so bezahlte der Koͤnig mit beispielloser Freigebigkeit ihre Schulden. Mit wie koͤniglichem Sinn Alexan- der seine Geldmittel zur Foͤrderung von Kunst und Wissenschaft verwandte, ist allgemein bekannt; und wenn es heißt, daß Aristo- teles Behufs seiner naturhistorischen Studien die Summe von achthundert Talenten zu seiner Disposition erhielt, so wuͤrde man an der Wahrheit dieser Angabe zu zweifeln geneigt sein, wuͤrde sie nicht durch den Umfang seiner Leistungen bestaͤtigt Stahr Aristot. II. p. 116. cf. Plutarch. de fort. Alex. I. . Nach einer alten Ueberlieferung fand man bei dem Tode Alexanders funfzigtausend Talente in dem oͤffentlichen Schatze Justin. XIII. l. c. intpp. ; bedenkt man, was dem Koͤnige bei seiner Ruͤckkehr aus Indien die neue Organisation und Bewaffnung seines Heeres kosten mußte, bedenkt man die Schuldentilgung und die Geschenke an die heimkehrenden Veteranen, die großen Bauten, die namentlich damals unternommen wurden, so die Wiederherstellung des Kanal- systems von Chaldaͤa, die Aufraͤumung der Abzugsgraͤden vom Co- paissee O. Muͤller Orchomenos p. 57. , die zehntausend Talente, die auf den Scheiterhaufen des Hephaͤstion verwendet, die zehntausend Talente, die nach Grie- chenland zum Wiederaufbau der verfallenen Tempel gesandt wur- den Plutarch de fort. Alex. II. , bedenkt man ferner die großen Festlichkeiten, die sich mehr- fach wiederholten, und zu deren Verherrlichung Griechische Kuͤnst- ler bei Tausenden angenommen wurden, endlich die hoͤchst ausge- dehnten Ruͤstungen zur See und zu Lande, die das letzte Lebens- jahr des Koͤnigs ausfuͤllten, so muß man gestehen, daß das Alles zu bestreiten die Persischen Schaͤtze, wie groß man sie sich auch denken mag, nicht hinreichten, ja daß es bei einer jaͤhrlichen Staatseinnahme von siebzigtausend Talenten Justin. l. c. immer noch einer umsichtigen und wohlgeordneten Verwaltung bedurfte, um bei sol- chen Ausgaben noch einen so bedeutenden Schatz zu eruͤbrigen. Leider sind uͤber diesen Punkt wenige Nachrichten auf uns gekommen, und die wenigen beschraͤnken sich auf Angaben einzel- ner druͤckender Maaßregeln, wie sie sich in großen Monarchien und in bewegten Zeiten stets vorfinden werden; namentlich ge- hoͤren dahin die Berichte uͤber die Finanzoperationen des Sa- trapen Kleomenes in Aegypten, des Philoxenus in Carien und des Antimenes in Babylon Aristot. Oecon. II. p. 1352. sq. . Philoxenus forderte von den Reich- sten seiner Statthalterschaft die Liturgien zu einem Bachusfeste, und gestattete denselben, sich durch baares Geld frei zu kaufen; er wiederholte bei minder Beguͤterten dasselbe, bis er so viel Geld, als er brauchte, zusammen hatte. Kleomenes vermehrte die Ein- kuͤnfte seiner Satrapie durch hoͤheren Zoll der Getraideausfuhr, wenn im Auslande Mangel war, durch Aufkauf alles vorraͤthigen Getraides, das er dann mit einem Mehrpreise feil bot Demosth. in Dionys. p. 491. , durch eine Abgabe auf heilige Krokodille, so wie auf die unverhaͤltnißmaͤßige Zahl von Opfern, Priestern und Tempeln in seinem Lande. Anti- menes endlich erneuete den aus der Gewohnheit gekommenen Ein- fuhrzoll von zehn Prozent auf Alles, was nach Babylon einkam; zugleich stiftete er eine Sklavenassecuranz, die gegen zehn Drachmen jaͤhrlichen Beitrag fuͤr den Kopf, jedem Herrn, dem ein Sklave entlief, die Zuruͤcklieferung desselben oder die Erstattung seines Werthes versicherte. Alle diese Maaßregeln unterscheiden sich von aͤhnlichen in den heutigen Monarchien nur dadurch, daß sie nicht allgemein und nicht Ausfluß einer hoͤchsten gesetzgebenden Gewalt wa- ren; sie zeigen die Versuche monarchischer Organisation in ihrer ersten Kindheit; sie haben vor den Maaßregeln der Persischen Verwaltung das voraus, daß sie stets noch einen Schein der Ge- setzlichkeit bewahren, waͤhrend die fruͤheren Satrapen nach Will- kuͤhr brandschatzten und pluͤnderten; daß dieses auch von Beamten Alexanders und namentlich waͤhrend seines Zuges nach Indien ge- schehen, ist nicht zu leugnen, aber eben so gewiß ist, daß Verbre- chen dieser Art mit der strengsten Gerechtigkeit bestraft wurden. Wie die Administration gegliedert und geordnet war, ist nicht genau zu erkennen; jedenfalls war sie nach dem Herkommen in den einzelnen Landschaften vielfach modificirt, und nach der allge- meinen Norm des neuen Koͤnigthums darf man annehmen, daß eine gleichmaͤßige Einheit zunaͤchst nur in den hoͤchsten Sphaͤren festgehalten war, welche weiter und weiter in das Leben der Voͤlker ein- zubilden der Zeit uͤberlassen blieb. Die unzweideutige Anhaͤnglich- keit und Ergebenheit der Asiaten fuͤr Alexander waͤre schon Be- weis genug, daß in demselben Maaße, als sie sich unter seinem Scepter gluͤcklicher fuͤhlten, wie unter dem Joche der Persischen Großkoͤnige, fuͤr ihre materiellen Interessen jetzt mehr als fruͤ- her gesorgt war; und es giebt ausdruͤckliche Zeugnisse, daß in den naͤchsten Jahrzehnten die Voͤlker Alexanders Regierung als die Zeit ihres Gluͤckes und einer milden Herrschaft priesen Plutarch. apophth.; derselbe sagt in dem ersten Aufsatze uͤber das Gluͤck Alexanders: er durchzog Asien nicht Banditen- maͤßig, noch war er Willens, es als einen Raub oder als die Beute eines unverhofften Gluͤckes zu zerreißen oder zu zerfleischen. . Be- denkt man, daß funfzig Jahre spaͤter das Aegyptische Reich allein fast halb so viel Einkuͤnfte rechnete, als die ganze Monarchie Alex- anders Hieronymus in Daniel. IX. 8. , und daß Kleomenes, unter Alexanders Satrapen der am meisten verschriene, waͤhrend seiner achtjaͤhrigen Verwaltung nicht mehr als achttausend Talente zusammengescharrt hatte, welche waͤhrend der vielgeruͤhmten Regierung des ersten Lagiden, in vier- zig durch viele kostspielige Kriege ausgezeichneten Jahren, fast genau um das Hundertfache vermehrt waren Appian praof. 10. , so wird man behaupten duͤrfen, daß Alexanders Verwaltungssystem, wenigstens im Ver- haͤltniß zu dem Persischen und zu dem der Hellenistischen Fuͤrsten, um der Roͤmer nicht zu erwaͤhnen, milde und fuͤr die Voͤlker foͤrderlich gewesen sei. Bereits oben ist angefuͤhrt worden, wie unter Alexanders Regierung Alles zusammen wirkte, die Betriebsamkeit und den Verkehr der Voͤlker neu zu beleben und zum Theil erst zu er- wecken; vielleicht nie wieder ist von dem persoͤnlichen Einfluß ei- nes Mannes eine so ungeheuere und so ploͤtzliche Umgestaltung aller hierauf bezuͤglichen Verhaͤltnisse ausgegangen; sie war nicht das gluͤckliche Ergebniß zusammentreffender Zufaͤlligkeiten, sondern von dem Koͤnige bezweckt und mit bewußter Consequenz durchge- fuͤhrt. Denn wenn ein Mal die Voͤlker Asiens aufgeruͤttelt wa- ren, wenn der Westen die Genuͤsse des Ostens, der Osten die Kuͤnste des Westens kennen und beduͤrfen gelernt hatte, wenn die Abendlaͤnder, die in Indien oder Baktrien geblieben, die Asiaten, die aus allen Satrapien am Hofe versammelt waren, des Heimi- schen in der Fremde nur um so mehr begehrten, wenn das Durchein- ander der verschiedensten Lebensweisen und Beduͤrfnisse, wie es sich zur hoͤchsten Pracht gesteigert am Koͤnigshofe fand, in den Satrapien, in den Haͤusern der Vornehmen, in allen Kreisen des Lebens mehr oder minder zur herrschenden Mode werden mußte, so ergab sich unmittelbar das Beduͤrfniß eines großen und durch- greifenden Handelsverkehres, und es kam vor Allem darauf an, demselben die sichersten und bequemsten Straßen zu oͤffnen, und ihm in einer Reihe bedeutender Centralpunkte Ordnung und Staͤ- tigkeit zu geben. Diese Ruͤcksicht hat Alexander von Anfang an bei seinen Gruͤndungen und Colonisirungen im Auge gehabt, und die meisten seiner Staͤdte sind bis auf den heutigen Tag die be- deutendsten Emporien Asiens; nur daß heute die Karavanenzuͤge raͤuberischen Ueberfaͤllen und willkuͤhrlichen Bedruͤckungen der Ge- walthaber ausgesetzt sind, waͤhrend in Alexanders Reiche die Stra- ßen gesichert, die Raͤuberstaͤmme der Gebirge und der Wuͤsten ge- schreckt oder zur Ansiedelung genoͤthigt, die koͤniglichen Beamten zur Foͤrderung und Sicherung des Verkehrs verpflichtet und be- reit waren. Auch die Kauffahrtei auf dem Mittelmeere wuchs außerordentlich, und schon jetzt begann das Aegyptische Alexandrien Mittelpunkt des mittellaͤndischen Verkehrs zu werden, der durch des Koͤnigs Bemuͤhungen bald vor den Seeraͤubereien Italischer Barbaren geschuͤtzt wurde. Besonders wichtig aber war die uner- muͤdliche Sorgfalt, mit der Alexander neue maritime Verbin- dungen zu eroͤffnen suchte; schon war es ihm gelungen, einen Seeweg vom Indus zum Euphrat und Tigris zu finden; die Gruͤndung Hellenistischer Hafenstaͤdte an den Muͤndungen dieser Stroͤme fixirte den Verkehr auf dieser Seite; was Alexander that, denselben in Aufnahme zu bringen, und dem Inneren des Aramaͤischen Tieflandes mit den Strommuͤndungen in aͤhnlicher Weise, wie den Indusmuͤndungen mit den oberen Induslandschaf- ten, unmittelbare Handelsverbindung zu gewaͤhren, wie er die Auffindung eines weiteren Seeweges vom Persischen Meerbusen aus um die Halbinsel Arabien bis in das rothe Meer und die Naͤhe von Alexandrien projektirte, wie er Heer- und Handelsstra- ßen vom Aegyptischen Alexandrien aus, abendwaͤrts an der Suͤd- kuͤste des Mittelmeeres entlang zu fuͤhren beabsichtigte, wie er end- lich lich in der Hoffnung, eine Verbindung des Kaspischen Meeres mit dem noͤrdlichen und weiter dem Indischen Ocean aufzufinden, in den Hyrkanischen Waͤldern Schiffe zu bauen anordnete, davon wird demnaͤchst in der Geschichte seines letzten Lebensjahres, wel- ches ganz diesen Ruͤstungen und der ausgedehntesten Organisation gewidmet ist, die Rede sein. Wenn auch uͤber die Zerruͤttung der naͤchstfolgenden Zeit Manches von diesen Plaͤnen unausgefuͤhrt ge- blieben, manches bereits ins Werk Gesetzte wiederum aufgegeben worden ist, so bleibt doch so viel gewiß, daß die neue Gestalt, welche Handel und Gewerbe durch Alexander gewonnen, zur Hel- lenisirung des Asiatischen Westens außerordentlich viel beigetragen hat. Ein anderer Hauptpunkt, fuͤr die Umgestaltung der Weltver- haͤltnisse und fuͤr die Entwickelungsgeschichte der Menschheit viel- leicht der wichtigste, ist die von Alexander bezweckte und begruͤn- dete Voͤlkermischung. Von den Mitteln, deren sich der Koͤnig be- diente, um dieses groͤßeste Werk seines großen Lebens zu vollbrin- gen, von den Schwierigkeiten und Gefahren, denen er deshalb zu begegnen hatte, von den ersten Gestaltungen, in denen dieß Prin- cip einer neuen Weltepoche auftrat, ist im Verlaufe dieser Ge- schichte mehrfach die Rede gewesen. In einer Zeit von zehn Jah- ren war eine Welt entdeckt und erobert worden, waren Millionen fuͤr den Thron eines Fremdlings gewonnen und mit dem Geiste eines fremden Welttheils neu belebt worden, waren die Schran- ken gefallen, die Morgen- und Abendland schieden, und die Wege geoͤffnet, die fortan die Laͤnder des Aufganges und Niederganges mit einander vereinen sollten. Ein alter Schriftsteller sagt: wie in einem Becher der Liebe waren die Elemente alles Voͤlkerlebens in einander gemischt, und die Voͤlker tranken gemeinsam aus diesem Becher, und vergaßen der alten Feindschaft und der eigenen Ohn- macht. Olympias Traum war erfuͤllt, die Flamme ihres Schoo- ßes, von der sie in der Brautnacht getraͤumt, hatte die Laͤnder der Welt entzuͤndet, und in eine Feuersbrunst alle Vergangen- heit, alle Schranke niedergebrannt, daß der Feuerschein bis in die Wuͤsteneien des Nordens und in die stillen Waͤlder des Gan- ges wiederleuchtete. Die Elemente, die Alexander mit einander vereinte, sind in 35 ihren letzten Formen die brennende Lebendigkeit des Griechen- thums, den es an Stoff, die erstorbenen Massen des Asiatischen Voͤlkerthums, dem es an Leben gebrach; Beide bedurften einander; nun endlich saͤttigte sich Hellas an der Ueberfuͤlle Asiens und Alex- ander vollendete das große Werk, das Dionysos den Hellenen be- gonnen; nun endlich trank Asien in vollen Zuͤgen von dem Helle- nischen Geiste und das schlummernde Leben der Voͤlker erwachte gelaͤuterter. Dies ist der Ort nicht, darzustellen, zu welchen Folgen sich jene Vermischung der Voͤlker entwickelt hat; sie sind die Geschichte der naͤchsten Jahrhunderte; aber schon lassen sich die neuen Keime deutlich erkennen, die sich in Kunst, Wissenschaft und Religion, in allem menschlichen Erkennen und Wollen von dieser Zeit an im- mer reicher entfaltet haben. Die Hellenische Kunst bereichert sich mit Asiatischer Pracht, sie beginnt die stille Groͤße harmonischer Verhaͤltnisse zu der stolzen Herrlichkeit gewaltiger Massen zu stei- gern, und den feierlichen Ernst ihrer Plastik mit allem schwelgeri- schen Schmuck des Morgenlandes zu umkleiden; die duͤstere Pracht der Aegyptischen Tempel, die phantastischen Felsenbauten von Per- sopolis, die Riesentruͤmmer von Babylon, die Indischen Pracht- bauten mit ihren Schlangenidolen und den lagernden Elephanten un- ter den Saͤulen, das Alles wird dem Hellenischen Kuͤnstler, mit den Traditionen seiner heimathlichen Kunst vermischt, ein reicher Schatz neuer Anschauungen und Entwuͤrfe; so entstand jener Rie- senplan des Dinokrates, den Berg Athos zu einer Statue Alex- anders auszumeißeln, deren eine Hand eine Stadt von zehntausend Einwohnern tragen, die Andere einen Bergstrom in maͤchtigen Katarakten in das Meer hinabgießen sollte; so jener Plan Alex- anders, dem Gedaͤchtniß seines Vaters Philipp eine Pyramide, der hoͤchsten Aegyptischen gleich, zu errichten. Auch die poetische Kunst versuchte es, an diesem neuen Leben Antheil zu gewinnen; aber erstorben wie sie schon war, hat sie es nicht mehr vermocht, die Farbenpracht Persischer Maͤhrchen oder die uͤberirdische Feier- lichkeit monotheistischer Psalmen und Prophetien in sich anfzuneh- men; sie kehrte schnell zur blinden Nachahmung ihrer classischen Zeit zuruͤck und uͤberließ es dem Morgenlande, die Erinnerung an den gemeinsanen Helden Iskander in tausend Sagen und Gesaͤn- gen von Geschlecht zu Geschlecht zu vererben. Unter den redenden Kuͤnsten der Hellenen konnte nur die juͤngste, die noch frisch und lebendig unter den Zeitgenossen bluͤhte, des Neuen theilhaftig wer- den, und die sogenannte Asianische Beredsamkeit, bluͤhend und uͤberreich an Schmuck, ist ein charakteristisches Erzeugniß dieser Zeit. Desto groͤßer war die Umgestaltung, welche sich in den Wis- senschaften kund zu thun begann. Durch Aristoteles war jener groß- artige Empirismus ins Leben gerufen, dessen die Wissenschaft be- durfte, um des ungeheueren Vorrathes von neuem Stoff, den Alexanders Zuͤge jedem Zweige des menschlichen Erkennens ero- berten, Herr zu werden. Der Koͤnig, selbst Schuͤler des Aristo- teles, und mit Allem, was die Studien Hellenischer Aerzte, Phi- losophen und Rhetoren bisher geleistet hatten, sehr vertraut, be- wahrte, dem Helden unserer Zeit darin gleich, stets das lebendigste Interesse fuͤr dieselben; ihn begleiteten auf seinen Zuͤgen Maͤnner von allen Faͤchern der Wissenschaft; sie beobachteten, sie forschten, sie vermaaßen die neuen Laͤnder und die Hauptstraßen in densel- ben, sie entwarfen Karten des Reichs fuͤr das Archiv des Koͤnigs. Ebenso begann fuͤr die geschichtlichen Studien eine neue Epoche; man konnte jetzt an Ort und Stelle forschen, konnte die Sagen der Voͤlker mit ihren Denkmalen, ihre Schicksale mit ihren Sitten vergleichen, und trotz der unzaͤhligen Irrthuͤmer und Maͤhr- chen, welche durch die sogenannten Schriftsteller Alexanders ver- breitet wurden, ist doch erst mit dieser Zeit eine wahrhafte Ge- schichtsforschung ins Leben getreten. In mancher Beziehung konnte der Grieche unmittelbar von dem Morgenlaͤnder lernen, und die große Tradition astronomischer Beobachtungen in Babylon, die bedeutende Arzeneikunde, die im Indischen Lande gewesen zu sein scheint, die eigenthuͤmlichen Kenntnisse der Anatomie und Mecha- nik unter den Priestern Aegyptens mochten dem Griechen viel- fach Neues darbieten. Die eigenthuͤmliche Entwickelung des Grie- chischen Geistes hatte bisher die Philosophie als den Inbegriff alles Wissens dargestellt; jetzt emancipirten sich die einzelnen Rich- tungen des Erkennens, die exacten Wissenschaften begannen sich, auf selbststaͤndige Emperie gestuͤtzt, zu entfalten, waͤhrend die Phi- losophie, uneins uͤber das Verhaͤltniß des Denkens zur Wirklichkeit, 35 * bald die Erscheinungen fuͤr die Gedanken, bald die Erkenntniß fuͤr die Erscheinungen unzulaͤnglich nannte. Es liegt in der Natur der Sache, daß die Umgestaltung des Voͤlkerlebens in sittlicher, socialer und religioͤser Beziehung langsa- mer und bis auf einzelne Eruptionen unmerklich vor sich gehen mußte; und wenn sich gegen das Neue, welches unter Alexanders Regiment natuͤrlicher Weise zu ploͤtzlich, zu unvorbereitet, fast ge- waltsam ins Leben gerufen war, mit seinem Tode eine Reaction hervorthat, welche in den dreißig Jahren der Diadochenkaͤmpfe bald dieser, bald jener Parthei beitrat, so war das Resultat kein anderes, als daß das Neue endlich zur Gewohnheit ward, und, nach den volksthuͤmlichen Verschiedenheiten modificirt, solche For- men annahm, in die sich das Leben der Voͤlker fortan ruhig und friedlich hineinbilden konnte. Auf ein allmaͤhliges Verschwinden nationaler Vorurtheile, auf eine gegenseitige Annaͤherung in Be- duͤrfnissen, Sitten und Ansichten, auf ein positives und unmittel- bares Verhalten der sonst entzweiten Volksthuͤmlichkeiten gruͤndete sich ein vollkommen neues geselliges Leben; und wie etwa in neuer Zeit der Gebrauch der franzoͤsischen Sprache und der Frack die Einheit der civilisirten Welt bekundet, so hat sich in jener Helle- nistischen Zeit und, ich zweifele nicht, unter aͤhnlichen Formen eine Weltbildung durchgearbeitet, die am Nil und Jaxartes dieselben conventionellen Formen als die der guten Gesellschaft, der gebilde- ten Welt geltend machte. Attische Sprache und Sitte war die Richtschnur der Hoͤfe von Alexandria und Babylon, von Bak- tra und Pergamum gewesen, und als der Hellenismus seine poli- tische Selbststaͤndigkeit dem Roͤmischen Staate gegenuͤber verlor, begann er in Rom die Herrschaft der Mode und Bildung zu ge- winnen. So darf man den Hellenismus mit Recht die erste Welteinheit nennen; waͤhrend das Achaͤmenidenreich nichts als ein aͤußerliches Agregat von Laͤndermassen war, deren Bevoͤlkerungen nur die gleiche Knechtschaft mit einander gemein hatten, blieb in den Laͤndern des Hellenismus, selbst als sie zu verschiedenen Rei- chen zerfielen, die hoͤhere Einheit der Mode, des guten Tons, der Bildung, oder wie man sonst dieses stets wechselnde Niveau der menschlichen Gesellschaften nennen will. Auf die sittlichen Zustaͤnde der Voͤlker haben politische Ver- aͤnderungen stets um so groͤßeren Einfluß, je naͤher und unmittel- barer das Verhaͤltniß eines Volkes zum Staat ist. Derselbe Man- gel an geschichtlicher Durchbildung, welcher den Voͤlkern Asiens bisher eine hoͤhere staatliche Existenz unmoͤglich gemacht hatte, ließ sie zunaͤchst und zum guten Theil von der neuen Bewegung der Gedanken unberuͤhrt; und wenn sich Alexander vielfach ihrem Herkommen und ihren Vorurtheilen gefuͤgt hatte, so zeigt das, auf welchem Wege allein es moͤglich war, sie allmaͤhlich uͤber sich selbst hinauszufuͤhren. Natuͤrlich war der Erfolg dieser Bemuͤ- hungen je nach dem Charakter der verschiedenen Voͤlker sehr ver- schieden; und waͤhrend unter den Hyrkaniern und Gedrosiern kaum noch die ersten Anfaͤnge Wurzel fassen mochten, hatte der Aegyptier schon seinen Abscheu gegen die kastenlosen Fremdlinge, der Phoͤnicier seinen engherzigen Kaufmannsstolz zu verlernen be- gonnen. Dennoch konnte erst die Geschichte der Folgezeit zeigen, wie sich uͤberall eine neue und analoge Weise zu sein, zu denken und zu handeln durcharbeitete; dies um so mehr, da den meisten alt Asiatischen Voͤlkern die substantielle Grundlage ihrer Moral, ihrer persoͤnlichen und rechtlichen Verhaͤltnisse, welche der Grieche jener Zeit nur als Gewohnheit, Tradition oder buͤrgerliches Gesetz kannte, in der Religion enthalten war und erst mit dieser er- schuͤttert und umgewandelt werden konnte. Die Voͤlker Asiens aufzuklaͤren, ihnen die Fesseln der Superstition, der unfreien Froͤm- migkeit, zu zerreißen, ihnen das Wollen und Koͤnnen selbstischer Ver- staͤndigkeit zu erwecken und zu allen guten und boͤsen Consequenzen zu steigern, kurz sie fuͤr das geschichtliche Leben zu emancipiren, das war die Arbeit, welche der Hellenismus in Asien zu voll- bringen versucht und zum Theil, wenn auch erst spaͤt, vollbracht hat. — Desto schneller und entschiedener ist die Umgestaltung der sittlichen Zustaͤnde in dem Macedonischen und Griechischen Volks- thum hervorgetreten. Beiden gemeinsam ist seit Alexanders Zeit der Hang zum Ueberspannten, das Hingeben an die Gegenwart des krasseste Egoismus; und doch, wie verschieden sind sie in jeder Beziehung. Der Macedonier, vor drei Jahrzehnten noch von baͤurischer Einfalt, an der Scholle haftend und in dem gleichguͤl- tigen Einerlei seiner armen Heimath gluͤcklich, denkt jetzt nichts als Ruhm, Macht und Kampf; er fuͤhlt sich Herr einer neuen neuen Welt, die er stolzer ist zu verachten als erobert zu haben; aus den unablaͤssigen Kriegszuͤgen Alexanders hat er jenes trotzige Selbstgefuͤhl, jenen kalten militaͤrischen Stolz, jene Geringschaͤ- tzung der Gefahr und des eigenen Lebens heimgebracht, wie ihn die Zeit der Diadochen oft genug in der Karikatur zeigt; und wenn eine große geschichtliche Vergangenheit das Leben und die Physionomie der Voͤlker durchgeistigt und bedeutsam macht, so ist dem Antlitz des Macedoniers in den Narben des zwoͤlfjaͤhrigen morgenlaͤndischen Krieges, in den Stirnfurchen vieler Strapazen und durchkaͤmpften Gefahren, in den Spuren der Entbehrungen und Ausschweifungen aller Art das Gepraͤge einer kurzen aber großen geschichtlichen Arbeit aufgedruͤckt. Anders der Grieche; seine Zeit ist voruͤber; weder von dem Drange zu neuen Thaten noch von dem Bewußtsein politischer Macht gehoben, sonnt er sich in dem Glanze großer Erinnerungen; ruhmgierig und genuß- suͤchtig, wie er ist, liebt er minder Ruhm als Prahlerei, minder Genuß als dessen grellsten Wechsel; leichtsinnig bis zur Fieberhaf- tigkeit, aller Innerlichkeit leer, ohne Haltung und Wollen, ohne Tugend und Religion, geht das Griechenthum in jene geistreiche, pikante, zerfressende Verworfenheit uͤber, welche stets das letzte Stadium in dem Leben der Voͤlker bezeichnet; alles Positive, selbß das Gefuͤhl der eigenen Erniedrigung ist vertilgt, das Werk der Aufklaͤrung hat sich vollbracht. Man darf behaupten, daß durch diese Aufklaͤrung, so widrig und nivellirend sie im Einzelnen erscheint, die Kraft des Heiden- thums gebrochen und eine geistigere Entwickelung der Religion moͤglich geworden ist. Nichts ist in dieser Beziehung foͤrderlicher gewesen, als jene sonderbare Erscheinung der Goͤttermischung, der Theokrasie, an der in den naͤchstfolgenden Jahrhunderten alle Voͤl- ker des Hellenismus Antheil nahmen Wenn man die Gottheiten und mehr noch die Mythen des Heidenthums als Auspraͤgung geschichtlicher, nationeller Verschiedenheit betrachten darf, so traf Alexander in seinem unablaͤssigen Streben nach Voͤlkervereinigung das entschieden richtigste Mittel, wenn er, in dessen Person und Regiment zunaͤchst jene Einheit praͤformirt sein mußte, jeden Na- tionalcultus ohne Unterschied ehrte und mit gleicher Froͤmmigkeit den Goͤttern von Aegypten und Indien, von Babylon und Hellas opferte; sein Beispiel wirkte in weiten und weiteren Kreisen, man begann Goͤtter der Fremde heimisch zu machen und fand heimath- liche Goͤtter in der Fremde wieder, man begann die Sagenkreise und Theogonien der verschiedenen Voͤlker mit einander zu verglei- chen und in Einklang zu bringen, man begann sich zu uͤberzeugen, daß alle Voͤlker mehr oder minder dieselben Gottheiten verehrten, und daß die Unterschiede ihrer Namen, Attribute und Dienste nur zufaͤllig und aͤußerlich seien. So offenbarte es sich, daß die Zeit nationeller, das heißt heidnischer Religionen voruͤber, daß die Menschheit einer einigen und allgemeinen Religion beduͤrftig sei; die Theokrasie war selbst nichts als ein Versuch, durch Vermi- schung aller jener nationaler Religionssysteme eine Einheit hervor- zubringen, welche in ihr doch nimmer erreicht werden konnte. Es war die Arbeit der Hellenistischen Jahrhunderte, die Elemente ei- ner hoͤheren und wahrhafteren Einigung zu entwickeln, das Ge- fuͤhl der Endlichkeit und Ohnmacht, das Beduͤrfniß der Buße und des Trostes, die Kraft der tiefsten Demuth und der Erhebung zur Freiheit in Gott zu erwecken; es sind die Jahrhunderte der Gott- losigkeit, der tiefsten Zerknirschung, des immer lauteren Rufes nach dem Erloͤsenden. In Alexander hatte sich der Anthropomorphismus des Griechischen Heidenthums erfuͤllt, der Mensch war Gott, Goͤt- ter nicht mehr; sein, des Gottes, war das Reich dieser Welt, in ihm der Mensch erhoͤht zu der letzten Hoͤhe der Endlichkeit, durch ihn die Menschheit erniedrigt vor dem anzubeten, der der Sterblichgeborenen einer war. Neuntes Kapitel. Schluß. B ald nach dem Aufbruch der Veteranen aus Opis verließ auch Alexander mit den uͤbrigen Truppen diese Stadt, um zur Medi- schen Residenz Ekbatana hinauf zu ziehen. Manches kam zusam- men, einen laͤngeren Besuch in Medien nothwendig zu machen; Medien vor Allen hatte waͤhrend des Koͤnigs Aufenthalt in In- dien von der Zuͤgellosigkeit und dem Uebermuthe Macedonischer Beamten und Befehlshaber viel gelitten, und wennschon diese mit der ganzen Strenge des Gesetzes bestraft waren, so mochte der Koͤnig doch außer dieser Genugthuung der Landschaft um so mehr neue Beweise seiner Gnade schuldig zu sein glauben, als sie sich trotz alles Druckes und trotz der vielfachen Anreizungen zum Aufstande treu bewaͤhrt hatte; denn Baryaxes hatte vergebens die Fahne des Aufruhrs erhoben, er war durch den Satrapen Atropates dem Gerichte des Koͤnigs uͤberliefert worden. Aber auch durch seine misgluͤckten Bemuͤhungen mochten mancherlei Un- ordnungen hervorgebracht worden sein, die des Koͤnigs Anwesen- heit noͤthig machten. Dazu kam, daß der koͤnigliche Schatz von Ekbatana durch Harpalus gepluͤndert war, und Alexander in Per- son an Ort und Stelle die ungeheueren Defecte, die sich auf mehrere Millionen beliefen, zu untersuchen fuͤr noͤthig hielt. End- lich war die Straße durch die Medischen Berge noch keinesweges so sicher, wie es fuͤr den lebhaften Verkehr zwischen den Syri- schen Satrapien und dem oberen Lande erforderlich war; unter der Reihe der Bergvoͤlker von Armenien bis zur Karamanischen Kuͤste waren immer noch die Kossaͤer, die raͤuberischen Bewohner des Zagrosgebirges, nicht gedemuͤthigt, und jeder Karavanenzug, der nicht mit bedeutender Bedeckung den Weg der Medischen Paͤsse einschlug, ihren Ueberfaͤllen ausgesetzt. Das etwa waren die Gruͤn- de, welche den Koͤnig bewogen, seine Ruͤckkehr nach Babylon, wohin die Residenz des Reiches verlegt war, so wie den Beginn der neuen Unternehmungen gen Suͤden und Westen, die ihn jetzt unablaͤssig beschaͤftigten, bis zum naͤchsten Fruͤhjahr zu verschieben. So ging Alexander, es mochte gegen Ende August 324 sein, von Opis aus auf der gewoͤhnlichen Medischen Straße gen Ekba- tana; die Truppen folgten in mehreren Abtheilungen durch die noͤrdlichen Distrikte der Landschaft Sittacene. Alexander war uͤber die Flecken Karraͤ und von da in vier Tagen gen Sambata ge- kommen; er blieb hier sieben Tage, bis die verschiedenen Colon- nen zusammengetroffen waren. Mit drei Tagemaͤrschen erreichte man die Stadt Kelonaͤ So Isidor. Charac. p. 5. Da ich diesen Weg Alexanders zum Gegenstande einer besonderen Abhandlung machen werde, so uͤbergehe ich an dieser Stelle genauere Untersuchungen; ich bemerke nur, daß Diodor ( XVII. 110.) der etwas Genaueres von diesem Wege giebt (bei Arrian ist hier die Luͤcke vor VII. 13.) den Zug von Susa bis Opis gaͤnzlich auslaͤßt und so erzaͤhlt, als ob Alex- ander von Susa aus den Medischen Weg eingeschlagen; daher die mancherlei Fehler in Wesselings und Mannerts Kritik. , wenige Meilen von den Zagrospaͤssen, von Griechen bewohnt, die, zur Zeit der Perserkriege hierher ge- bracht, in Sprache und Sitten noch immer das Hellenische, wenn auch nicht rein, bewahrten. Von hier aus zog Alexander zu der Paßgegend von Bagistame Noch heute heißt der an Sculpturen reiche Westeingang der Paͤsse Tauk-i-bostan, Bogen des Gartens, nnd Diodor II. 13. erzaͤhlt, daß Semiramis bei dem Berge Bagistanos einen Garten von zwoͤlf Stadien im Umkreis anlegen und den Berg mit Bildhauerarbeit schmuͤcken ließ. Die Inschriften, die man noch auf denselben fin- det, und die Sylvester de Sacy so schoͤn erklaͤrt hat, bezeichnen die Koͤnigsgestalten in diesen Sculpturen als die der Koͤnige Shapur und Beheram. ; er verließ den Weg, um die be- ruͤhmten Anlagen, die sich in der Ebene vor den Bergen befanden und die man den Garten der Semiramis nannte, in Augenschein zu nehmen. Bei seinem weiteren Zuge besuchte er jenseits des Passes das reiche Nysaͤische Thal Es ist die Ebene von Beisittun, vor dem Ausgange jenes Felsenweges, der durch die Liebe des ungluͤcklichen Fahrat zur schoͤ- nen Schirin im Morgenlande so beruͤhmt ist. , in welchem die ungeheueren Roß- heerden der Perserkoͤnige weideten; er fand der Pferde noch funfzig- bis sechzigtausend. Das Heer verweilte hier einen Monat. Der Satrap Atropates von Medien kam dem Koͤnige hier entgegen, ihn an den Grenzen seiner Satrapie zu begruͤßen; er brachte, so wird erzaͤhlt, hundert Weiber zu Roß, mit Streitaͤxten und klei- nen Schilden bewaffnet, in das Lager, indem er aussagte, dies seien Amazonen; eine Erzaͤhlung, die zu den sonderbarsten Ausschmuͤckun- gen Anlaß gegeben hat Weder Pto- lemaͤus noch Aristobul erzaͤhlte davon, Arrian. VII. 13. Die Ue- bertreibungen stammen von Klitarch her, Strabo IX. p. 420., cf. Plut. Alex. 41. Den schoͤnen Mythos von den Amazonen suchte die aufgeklaͤrte Zeit historisch bestaͤtigt zu finden, und es ist denk- bar, daß der Medische Satrap nach vielfacher Nachfrage etwas den Amazonen Aehnliches, was er in seiner Satrapie fand, dem Koͤnig vorfuͤhrte. Denn die Frauen in den sogenannten wandernden Staͤm- men der Berge sind freier, kuͤhner und kraͤftiger, als sonst die Asiatinnen, sie nehmen an allen Wagnissen und Gefahren der Hor- den thaͤtigen Antheil; und Malcolm ( II. p. 446. der Uebersetzung) erzaͤhlt als Augenzeuge ein interessantes Beispiel von der Kuͤhnheit und Gewandheit, mit der ein Kurdisches Maͤdchen ein Roß tum- melte. Plutarch nennt die Autoritaͤten fuͤr und wider die Amazo- nengeschichte; Onesikrit, der zu den aͤrgsten Luͤgnern gehoͤrt, las einst dem Koͤnige Lysimachus die betreffende Stelle aus dem vier- ten Buche seiner Denkwuͤrdigkeiten vor, worauf Lysimachus sagte: „wo muß ich denn damals gewesen sein!“ . Ein aͤrgerlicher Vorfall sollte diese Zeit der Ruhe in den Nysaͤischen Feldern unterbrechen. In der Umgebung Alexanders befanden sich Eumenes von Kardia und Hephaͤstion. Der Grie- che von Kardia, welcher die erste Stelle in dem Kabinet des Koͤnigs hatte und von demselben wegen seiner großen Gewandt- heit und Ergebenheit vielfach und namentlich noch bei der Hoch- zeitfeier von Susa durch die Vermaͤhlung mit Artabazus Tochter geehrt war, hatte gleichwohl die aͤcht Griechische Liebe zum Gelde in einem Maaße, wie es nur bei seinen sonstigen ausgezeichneten Eigenschaften zu verzeihen war; und Alexander war klug genug, den habsuͤchtigen Kardianer, so oft er dessen Vortheil mit seinem Pflichteifer oder seiner Hingebung in Collision sah, auf das Frei- giebigste zu bedenken. Nur einmal, es war noch in Indien und der Koͤnig hatte die Ausruͤstung der Trieren fuͤr die Stromflotte, da seine Kassen erschoͤpft waren, als Ehrensache den Generalen uͤberlassen, aͤrgerte sich Alexander zu sehr an dem schmutzigen Geize des Eumenes, als daß er sich haͤtte versagen sollen, ihm eine tuͤch- tige Lehre zu geben. Eumenes sollte dreihundert Talente verwen- den, er gab nur hundert und versicherte den Koͤnig, daß er kaum diese mit aller Muͤhe habe zusammenbringen koͤnnen; und doch kannte Alexander seinen Reichthum; er machte ihm keine Vor- wuͤrfe, nahm aber das Dargebotene nicht an; er befahl, in der Stille der Nacht das Zelt des Eumenes anzuzuͤnden, um ihn dann, wenn er in voller Angst vor dem Feuer, dem uͤbrigens sogleich wieder Einhalt gethan werden sollte, seine Schaͤtze heraus schlep- pen ließe, dem allgemeinen Spotte Preis zu geben. Leider griff das Feuer so schnell um sich, daß es das ganze Zelt mit Allem, was in demselben war, namentlich vielen Buͤchern, verzehrte; das geschmolzene Gold und Silber, das man in der Asche fand, be- trug allein uͤber zweitausend Talente. Alexander ersetzte ihm sei- nen Verlust reichlich, und Eumenes war es zufrieden, mit einem kleinen Schrecken groͤßere Reichthuͤmer gewonnen zu haben Plutarch. Eum. 2. . Bei den Macedoniern, namentlich den Generalen, war Eumenes we- gen seines kraͤmerhaften Sinnes, wegen seiner Schlauheit und we- gen des hohen Ansehens, das er, der Grieche, am Hofe genoß, wenig beliebt; und daß ihn vor Allen Hephaͤstion, der durch sein nahes Verhaͤltniß zu Alexander sehr oft mit ihm in Beruͤhrung kam, nicht mochte, war nach dem Charakter des edlen Pellaͤers natuͤrlich. Alles, was von diesem berichtet wird, zeigt seinen mil- den, innigen und liebenswuͤrdigen Sinn, seine unbegrenzte und wahr- haft ruͤhrende Anhaͤnglichkeit fuͤr den Koͤnig; Alexander liebte in ihm den Gespielen seiner Kindheit, und aller Glanz des Thrones und des Ruhmes, und jener Wechsel in Alexanders aͤußerem und inneren Leben, um dessen Willen Mancher, dem er viel vertraut, an ihm irre geworden war, hatten ihr schoͤnes Verhaͤltniß nicht zu stoͤren vermocht; ihre Freundschaft hatte jene schwaͤrmerische In- nigkeit des Juͤnglingsalters, dem sie Beide fast noch angehoͤrten; die Erzaͤhlung, wie Alexander einen Brief von seiner Mutter voll Vorwuͤrfe und Klagen, die er auch dem Freunde gern verschwieg, durchlas, und Hephaͤstion sich uͤber des Freundes Schultern lehnt und mitliest, und der Koͤnig ihm dann den Siegelring auf den Mund druͤckt, zum Zeichen des Geheimnisses, das ist das Bild, wie man sich Beide denken mag Plutarch. Alex. 39. . Hephaͤstion und Eumenes hatten schon mehrfach mit einander Streit gehabt, und ihre gegenseitige Abneigung bedurfte keines großen Anlasses, um in neuen Zwist auszubrechen. Ein Geschenk, das eben jetzt Hephaͤstion vom Koͤnige erhielt, genuͤgte, des Kar- dianers Neid auf das Heftigste zu erregen und einen Wortwech- sel hervorzurufen, in dem bald Beide alle Ruͤcksichten und sich selbst vergaßen. Alexander that dem aͤrgerlichen Gezaͤnk Einhalt; dem Eumenes gab er ein gleiches Geschenk, an Hephaͤstion wandte er sich mit dem Scheltwort, ob er sich und seine Wuͤrde nicht besser kenne; er forderte von Beiden das Versprechen, fortan jede Uneinigkeit zu meiden und sich mit einander auszusoͤhnen. Hephaͤ- stion weigerte es, er war der tief Gekraͤnkte, und Alexander hatte Muͤhe, ihn zu beruhigen; ihm zur Liebe reichte Hephaͤstion endlich die Hand zur Versoͤhnung Das etwa laͤßt sich aus Plut- arch. Eum. 2. und den ersten zwei Zeilen nach der Luͤcke Arrians ( VII. 13.) entnehmen. . — Nach diesen Vorgaͤngen und einem dreißigtaͤgigen Aufent- halte in dem Nysaͤischen Thale brach das Heer gen Ekbatana auf und erreichte mit einem Marsche von sieben Tagen, etwa mit dem Ausgange des Oktobers diese große und reiche Stadt Die Zeitbestimmungen ergeben sich . Es ist zu bedauern, daß die alten Ueberlieferungen nichts von den An- ordnungen, Gruͤndungen und Organisationen Ich zweifle nicht, daß hie- her des Polybius Notiz zu ziehen ist ( X. 4. 3.), Medien sei viel- fach mit Griechischen Staͤdten versehen, nach der Anordnung des Koͤnigs Alexander. , die zu Ekbatana ohnfehlbar des Koͤnigs ganze Thaͤtigkeit in Anspruch nahmen, be- richten; reicher sind sie an Schilderungen der Festlichkeiten, welche in der Medischen Residenz gefeiert wurden, und die Dionysien von Ekbatana sind im Alterthume allberuͤhmt. Alexander hatte seine Residenz in dem koͤniglichen Schlosse genommen; das Schloß, ein Denkmal aus der Zeit der Medischen Groͤße, lag un- ter der Burg der Stadt, in einer Ausdehnung von sieben Sta- dien; die Pracht dieses Gebaͤudes grenzte an das Maͤhrchenhafte: alles Holzwerk war von Cedern und Cypressen, das Gebaͤlk, die Decken, die Saͤulen in den Vorhallen und den inneren Raͤumen waren mit goldenen oder silbernen Blechen verkleidet, die Daͤcher mit Silberplatten gedeckt. In aͤhnlicher Weise war der Tempel des Anytis in der Naͤhe des Pallastes geschmuͤckt, seine Saͤulen mit goldenen Kapitaͤlen gekroͤnt, das Dach mit goldenen und sil- bernen Ziegeln gedeckt Polyb. X. 17. . Freilich war schon manches von die- sem kostbaren Schmuck durch die Raubgier jener Macedonischen Befehlshaber, die so furchtbar in Medien gehaust hatten, entwen- det worden, aber noch immer war das Ganze ein Bild der stau- nenswuͤrdigsten Herrlichkeit. Die Umgebung stimmte mit der Pracht der koͤniglichen Residenz; im Ruͤcken des Pallastes erhob sich der aufgeschuͤttete Huͤgel, dessen Hoͤhe die aͤußerst feste Burg mit ihren Zinnen, Thuͤrmen und Schatzgewoͤlben kroͤnte; vor ihr die ungeheuere Stadt in einem Umfange von fast drei Meilen, im Norden die Gipfel des hohen Orontes, durch dessen Schluchten sich die großen Wasserleitungen der Semiramis hinabzogen Polyb. l. c. Diodor II. 15.; in Beziehung auf neuere Angaben verweise ich auf die oben angekuͤndigte Abhandlung. . So die wahrhaft koͤnigliche Stadt, in der Alexander die Dionysien des Herbstes 324 feierte; sie begannen mit den großen aus Diodor XVII. 110., der auf den Marsch von Opis bis Ekba- tana einige funfzig Tage zaͤhlt. Opfern, mit denen Alexander den Goͤttern seinen Dank fuͤr das Gluͤck, das sie ihm gnaͤdig gewaͤhrt, darzubringen gewohnt war. Dann folgten Festlichkeiten aller Art, Kampfspiele zu Fuß, zu Wagen und zu Roß, Festaufzuͤge, dramatische Spiele und kuͤnstle- rische Wettkaͤmpfe, zu denen dreitausend Griechische Kuͤnstler aller Art versammelt waren; Gastmaͤhler und Gelage fuͤllten die Zwi- schenzeit. Unter diesen zeichnete sich das des Satrapen Atropates von Medien durch schwelgerische Pracht aus; das gesammte Heer hatte er zu Gast geladen, und die Fremden, welche von nah und fern her zur Schau der Feste gen Ekbatana zusammengestroͤmt waren, umstanden die weite Reihe der Tafeln, an denen die Ma- cedonier jubelten und unter Trompetenschall durch Heroldsruf ihre Trinkspruͤche, ihre guten Wuͤnsche fuͤr den Koͤnig und die Ge- schenke, die sie weihten, verkuͤnden ließen; mit dem lautesten Ju- bel wurde der Spruch des Gorgus, des koͤniglichen Waffenmei- sters Dieses ist wahrscheinlich der Metalleut Gorgus, dessen Strabo in der oben (p. 414.) citirten Stelle erwaͤhnt. aufgenommen; der Herold rief: „dem Koͤnig Alexander, dem Sohn des Zeus Ammon, weiht Gorgus einen Kranz von dreitausend Goldstuͤcken, und, wenn er Athen belagert, zehntausend Ruͤstungen nebst eben so vielen Katapulten und allen Geschossen, so viele er zum Kriege braucht“ Ephippus apd. Athen. XII. p. 538., wo der Satrap Satrabates heißt. Plutarch Alex. 72. . So die laͤrmenden und uͤberreichen Festlichkeiten dieser Tage; nur Alexamder war nicht zur Freude gestimmt; Hephaͤstion war krank; umsonst bot sein Arzt Glaucias alle Kunst auf, er ver- mochte dem zehrenden Fieber nicht Einhalt zu thun. Alexander konnte sich nicht den Festlichkeiten entziehen, er mußte den kran- ken Freund verlassen, um sich dem Heere und dem Volk zu zei- gen. Er befand sich gerade, es war am siebenten Tage und die Knaben hatten ihren Wettkampf, unter der froͤhlichen Menge, die auf dem Stadium auf und ab wogte; da ward ihm die Nach- richt gebracht, daß es mit Hephaͤstion schlecht stehe; Arrian VII. 14. Widerwaͤrtig ist die medicinische Mikrologie des Plutarch, fuͤr die ich mich uͤbrigens er eilte zum Schloß, in das Zimmer des Kranken, Hephaͤstion war eben verschieden. Die Hand der Goͤtter konnte nichts Schwereres uͤber Alexander verhaͤngen; drei Tage saß er bei der theuren Leiche, lange klagend, dann vor Gram verstummend, ohne Speise und Trank, am Kummer sich weidend und der Erinnerung an den schoͤnen Freund, der ihm in der Bluͤthe des Lebens entrissen war. Es schwiegen die Feste, Heer und Volk klagte um den edelsten der Macedonier, und die Magier loͤschten das heilige Feuer in den Tempeln, als ob ein Koͤnig gestorben sei Diod. XVII. 110. 114. Arrian sagt in seiner verstaͤndigen und wuͤrdigen Weise (VII. 14). „Vielerlei wird uͤber die Trauer Alexanders berichtet, aber Alle stimmen uͤberein, daß sie sehr groß gewesen; was er aber gethan, erzaͤhlt jeder anders, je nachdem er Vorliebe fuͤr Hepbaͤstion oder Neid gegen ihn und den Koͤnig selbst hegt. Die nun Uebermaͤßiges berichten, von denen haben, wie es mir scheint, die einen den Koͤnig zu erheben gemeint, wenn sie ihn in Worten und Handlungen uͤbermaͤßig trauerud zeigen bei dem Leichnam dieses ihm vor allen theuren Mannes, die andern aber ihn zu verkleinern, als ob er sich weder seiner noch der Ma- jestaͤt des Koͤnigthums wuͤrdig in der Trauer gezeigt habe; die Einen sagen, er habe sich den ganzen Tag hindurch uͤber der Leiche gewaͤlzt und gejammert, und die Freunde haͤtten ihn mit Ge- walt hinweg reissen muͤssen, — Andere, er habe den Arzt an das Kreuz heften lassen, weil er schlechte Arzneien gegeben, (s. Plutaech) er habe es nicht sehen wollen , daß Hephaͤstion von dem Ueber- maaß des Weines gestorben sei; daß Alexander eine Trauerlocke auf den Sarg geweiht, scheint mir uͤberhaupt und besonders als Nachahmung dessen, was Achill an Patroklus Grabe that, wahr- scheinlich; daß er aber selbst den Trauerwagen gefahren, ist un- wahrscheinlich. Andere erzaͤhlen, er habe das Heiligthum des Askle- pios in Ekbatana zerstoͤren lassen; das waͤre barbarisch und nicht nach Alexander, sondern nach Xerxes gewesen. Wahrscheinlicher ist . nach der Kritik Arrians (VII. 14. 6) nicht verbuͤrge; er sagt (Alex. 72.) da Hephaͤstion als junger Mann und Soldat mit der Diaͤt nicht so genau war, und, waͤhrend sich sein Arzt entfernt hatte, beim Fruͤhstuͤck einen gebratenen Hahn aß und einen großen Becher Wein trank, so verschlechterte er sich so bedeutend, daß er bald darauf starb. Als nun die Tage der ersten Trauer voruͤber waren, und es die Getreuen mit ihren Bitten erreicht hatten, daß sich der Koͤnig von seines Freundes Leiche trennte, da ordnete er den Trauerzug, der die Leiche gen Babylon fuͤhren sollte; er selbst weihte eine Trauerlocke auf den Sarg des Freundes und die Feldherrn, Eu- menes vor Allen, schmuͤckten den Wagen mit ihren Waffen, mit Kostbarkeiten und frommen Geraͤthen, die sie dem Gedaͤchtniß ihres theuren Kammeraden weihten; Perdikkas aber geleitete mit der Ritterschaft des Hephaͤstion, die fortan seinen Namen und als Feldzeichen sein Bild fuͤhren sollte, den Trauerzug gen Babylon; dort sollte der Scheiterhaufen erbaut, dort im Fruͤhlinge die Kampfspiele der Todtenfeier gehalten werden; und mit Perdikkas ging Dinokrates gen Babylon, den Prachtbau des Scheiterhaufens zu leiten; die dreitausend Griechischen Kuͤnstler folgten gen Ba- bylon, die Leichenspiele zu feiern, die sie bald genug bei einer theu- reren Leiche wiederholen sollten Arrian. Diodor. . mir die Erzaͤhlung, daß, als auf dem Wege gen Babylon viele Gesandtschaften aus Hellas zu Alexander kamen, und unter diesen auch die von Epidaurus, wo das beruͤhmte Heiligthum des Asklepios, so habe er ihnen gewaͤhrt, was sie wuͤnschten, außerdem ein Weihge- schenk fuͤr ihren Gott gegeben und gesagt: hat auch der Gott nicht freundlich an mir gethan, daß er mir den Freund nicht errettet, den ich wie’mein eigen Haupt liebte, so will ich ihn doch ehren! Ferner schreiben die Meisten, daß er den Hephaͤstion als Heroen zu verehren befahl; Andere fuͤgen hinzu, er habe an das Ammonium gesandt, nm auzufragen, ob es gestatte, dem Hephaͤstion als einen Gott zu opfern; und das sei nicht erlaubt worden.“ So wert Arrian: unleidlich ist das Geschwaͤtz des Plutarch; er sagt, nach welchen Autoritaͤten, kann man aus Arrians Kritik abnehmen; „Vor Trauer verlor Alerander fast seinen Verstand, er ließ allen Pfer- den und Maulthieren zum Zeichen der Trauer Schweif und Maͤhne scheeren, und in den Staͤdten des Landes die Zinnen von den Mauern brechen; — und um sich zu zerstreuen ging er gegen die Kossaͤer gleichsam zu einer Menschenjagd, ließ die ganze Voͤlkerschaft nieder- machen und nannte das ein Todtenfest fuͤr Hephaͤstion.“ Eben so unsinnig ist die Geschichte von dem Samier Agathokles, die Lucian in dem Buche „Vom Mißtrauen gegen Verlaͤumdungen“ erzaͤhlt. Bald kehrte der Koͤnig zu den Geschaͤften des Reiches zu- ruͤck; in ernster Trauer trug er den Gram um den todten Freund, mit dem ihm die Freude des Lebens gestorben war; die Zukunft hatte fuͤr ihn keinen Reiz, keine Hoffnung mehr; es schweifte sein Geist ruhlos von Plan zu Plan, es war ihm Trost, sich in end- losen Entwuͤrfen zu verlieren, und aller Gedanke wich doch wieder und wieder dem einen des Grames, der ihm der liebste war. Sein Muth war gebrochen, er vertraute nicht mehr auf die Gunst der Goͤtter, er glaubte nicht mehr an sich selbst und seine Hoff- nungen, und die Ahndung des eigenen Todes gewann in seiner Seele Raum. Es war gegen Ende des Jahres 324 und in den Bergen lag bereits tiefer Schnee, als Alexander mit seinem Heere aus Ekba- tana aufbrach, um durch die Berge der Cossaͤer gen Babylon zu ziehen; er waͤhlte diese schwierige Jahreszeit, weil es in derselben am leichtesten war, die raͤuberischen Staͤmme der Kossaͤer im Ge- birge zu Paaren zu treiben, da sie sich jetzt nicht aus ihren Thaͤ- lern auf die schneebedeckten Berghoͤhen fluͤchten konnten. Des- halb ging er mit dem leichteren Theil seiner Truppen, indem die uͤbrigen auf der großen Straße vorauszogen, suͤdwaͤrts vom Wege ab, um die tapferen Bergstaͤmme vereinzelt in ihren aͤrmli- chen Zeltdoͤrfern zu uͤberfallen. So wurden, die eine Haͤlfte der Truppen unter des Koͤnigs, die andere unter des Lagiden Pto- lemaͤus Befehl, die Berge mit vielfacher Muͤhe durchstreift, die Horden, die sich stets auf das Kuͤhnste zur Wehr setzten, einzeln uͤberwaͤltigt, ihre Raubthuͤrme gebrochen, viele Tausende erschlagen und zu Gefangenen gemacht, die anderen zur Unterwerfung ge- zwungen, und ihnen vor Allem feste Ansiedelung und das Bebauen des Feldes zur Pflicht gemacht. Nach Verlauf von vierzig Tagen war das letzte unabhaͤngige Bergvolk in dem Gebirgslande der Passagen, wie fruͤher die Uxier, Kadusier, Mardier und Amar- der dem Reiche einverleibt und wenigstens der erste Anfang zur Civilisation desselben gemacht Arrian VII. 15. Diodor. XVII. 112. XIX. 20; Plntarch. Strabo XVI. P. 345; Polyaen IV. 3.31. Ihre Wohnsitze sind im Nor- . 36 Alexander zog nun in kleinen Tagesmaͤrschen, um die einzel- nen Truppenabtheilungen aus den Bergthaͤlern an sich zu ziehen, gen Babylon hinab. In Babylon wollte er seine gesammten Streit- kraͤfte zu neuen Unternehmungen vereinigen, Babylon sollte der Mittelpunkt des Reiches und die koͤnigliche Residenz werden; die Stadt war durch ihre Groͤße, ihren alten Ruhm und vor Allem durch ihre Lage besonders dazu geeignet; sie lag in der Mitte zwischen den Voͤlkern des Abend- und Morgenlandes, sie war dem Westen naͤher, auf den sich nach der Bewaͤltigung des Ostens Alexanders unternehmender Blick wenden mußte. Gen Westen lag jenes Italien, wo vor Kurzem seiner Schwester Gemahl, der Epirotenkoͤnig, Ehre und Leben eingebuͤßt hatte, lag das Land jener Geten, denen Zopyrion, der Befehlshaber der Donaulaͤnder, mit einem Macedonischen Heere erlegen war, lag das silberreiche Iberien, das Land der Phoͤnicischen Colonien, deren Mutterstaͤdte jetzt zum neuen Reiche gehoͤrten, lag endlich jenes Karthago, das seit den ersten Perserkriegen und dem damaligen Bunde mit Persien nicht aufgehoͤrt hatte, gegen die Hellenen in Libyen und Sicilien zu kaͤmpfen. Die großen Veraͤnderungen in der Ostwelt hatten Alexanders Ruhm bis zu den entferntesten Voͤlkern verbreitet, die theils mit Hoffnung, theils mit Besorgniß auf diese Riesenmacht blicken mochten; sie mußten die Nothwendigkeit erkennen, sich mit dieser Macht, in deren Hand jetzt das Schicksal der Welt lag, in Verbindung zu setzen, und durch politische Verhandlungen dem Gange der Zukunft vorzuarbeiten. So geschah es, daß viele Gesandtschaften ferner Voͤlker dem Koͤnige gen Babylon entgegen kamen, tbeils um Huldigungen und Geschenke zu uͤberbringen, theils um uͤber Streitigkeiten mit Nachbarvoͤlkern des Koͤnigs schiedsrichterliche Entscheidung einzuholen; und erst jetzt, sagt Ar- rian, schien es dem Koͤnige und seiner Umgebung, daß er Herr uͤber Land und Meer sei. Arrian. VII. 15. 6. Daß unter den Gesandten, wie Diodor versichert, Hel- lenen waren, sagt Arrian an dieser Stelle nicht, es laͤßt sich aber aus VII. 14. 12. schließen. Alexander ließ sich das Verzeich- den von Susiana, und besonders an den Quellen des Eulaͤus, wo auch der Weg gen Susa durch ihre Berge fuͤhrt. niß der Gesandtschaften geben, um die Reihenfolge ihrer Au- dienzen zu bestimmen; den Vortritt hatten die mit heiligen Din- gen Beauftragten, namentlich die Gesandten von Elis, Ammonium, Delphi, Korinth, Epidaurus und sofort nach Maaßgabe der Hei- ligkeit ihrer Tempel; dann folgten die, welche Geschenke uͤberbrach- ten, dann die, welche uͤber Streitigkeiten mit Nachbarvoͤlkern ver- handeln wollten, dann die mit inneren und Privatsachen Beauf- tragten, zuletzt die Hellenischen Abgeordneten, welche Vorstellungen gegen die Zuruͤckfuͤhrung der Verbannten machen sollten Diod. XVII. 113., der freilich von den zwei spaͤteren Ge- sandtschaften aus Hellas nichts weiter erwaͤhnt. Die Erwaͤhnung der Hetrurischen Gesandten in der Art mit den Roͤmischen zu combiniren, wie es Niebuhr (Roͤm. Gesch. III. p. 194) thut, hat viel fuͤr sich; uͤbrigens koͤnnten Tyrrhneische Gesandten uͤber die benachbarten Celten geklagt, uͤber Seeraͤuberei verhandelt haben. . Die Geschichtschreiber Alexanders haben es nicht der Muͤhe werth geachtet, alle diese Gesandtschaften zu nennen; sie fuͤhren nur diejenigen an, welche in irgend einer Beziehung merkwuͤrdig waren, und nur aus den anderweitig geschichtlichen Verhaͤltnissen der ge- nannten Voͤlker laͤßt sich uͤber die naͤheren Absichten ihrer Sen- dung einiger Aufschluß finden. So kamen aus Italien Ge- sandte der Bruttier, Lukaner und Roͤmer; denn des Koͤnigs Schwa- ger, Alexander von Epirus, war auf die Bitten der Tarentiner gen Italien gezogen, um zunaͤchst die Bruttier und Lukaner zu be- kaͤmpfen, hatte sie und die Samniter, die ihnen zu Huͤlfe geeilt waren, in einer großen Schlacht bewaͤltigt, und die Roͤmer, die den juͤngst geschlossenen Frieden mit den Samnitern nicht fuͤr dauernd hielten, eilten mit dem Epirotenkoͤnig ein Buͤndniß zu schließen; die Macht der Lukaner war bald vollkommen vernichtet, und Tarent, das sie nicht mehr zu fuͤrchten hatte, ging zu den Gegnern des Epirotenkoͤnigs uͤber, der bald zuruͤckgedraͤngt, einge- schlossen, bewaͤltigt, durch die Hand Lukanischer Verbannte, die sich so vielleicht Verzeihung in ihrer Heimath zu erwirken hofften, den Tod fand. Das war im Jahre 330 geschehen; Tarent war im suͤdlichen Italien, Samnium im inneren die Hauptmacht; sie reiz- 36 * ten Palaͤopolis zum Kriege gegen Rom; unter den Lukanern, die durch ein Buͤndniß mit Rom gegen die maͤchtigen Nachbarn Schutz suchten, wurde eine Volksbewegung angestiftet, in deren Folge sie sich den Samnitern ergaben, die sie vollkommen unterdruͤckten. Die Bruttier, wie es scheint, vermochten sich, seit dem Kriege mit dem Epirotenkoͤnige geschwaͤcht, nicht besser gegen die verbuͤndete Griechisch-Samnitische Macht zu halten, und der sogenannte zweite Samniterkrieg, der jetzt begann, konnte auch wohl die Roͤmer ver- anlassen, Ueber die Gesandtschaft der Roͤmer ist Niebuhrs Kritik erschoͤpfend; das Zeugniß Klitarchs (Plin. III. 9.) , das dem treff- lichen und fuͤr Roms Ehre eifernden Arrian entgangen ist, verbun- den mit der Angabe Strabos (V. p. 376) uͤber die Seeraͤuber von Antium, laͤßt keinen Zweifel uͤbrig. Ueberhaupt hat man sich den politischen Verkehr der damaligen civilisirten Welt viel lebhafter zu denken, als es gewoͤhnlich geschieht. sich um die Gunst des großen Macedonischen Koͤnigs zu bewerben; sie konnten an ihr Buͤndniß mit Alexander von Epi- rus erinnern, sie mochten dem Koͤnige, der fruͤher Seeraͤuber aus ihrem Gebiet, die in den oͤstlichen Gewaͤssern des Mittelmeeres aufgebracht waren, mit der Forderung, die Kapereien gegen seine Unterthanen zu hindern, zuruͤckgesandt hatte, die Antwort des Senates und Volkes zu bringen haben und zugleich bitten, er moͤge den Ange- legenheiten im Westen seine Aufmerksamkeit zuwenden; es mochten die Bruttier um Schutz gegen die Staͤdte bitten, es mochte von den Lukanern dieselbe Parthei, auf deren Sturz die unselige Verbin- dung mit Tarent und den Samnitern erfolgt war, von Alexander die Erfuͤllung der einzigen Hoffnung, die ihnen noch uͤbrig war, erflehen. So die Italischen Gesandtschaften; von nicht minderem Interesse mußten die Verhandlungen sein, welche mit den Ge- sandten der Karthager, Libyer und Iberier Zwar fuͤgt hier Arrian sein „man sagt“ hinzu, indeß ist die Sache in sich so wahr- scheinlich und durch ein spaͤter zu erwaͤhnendes Faktum wenigstens theilweise so sicher gestellt, daß man nur annehmen kann, Ptole- maͤus und Aristobul seien es muͤde gewesen, den Katalog der Ge- sandtschaften genauer zu geben. Diodor sagt: aus Afrika kamen die Gesandten der Karthager, der Libyphoͤnicier und der Kuͤstenvoͤlker bis zu den Saͤulen des Herakles. gepflogen wurden. Die politischen Verhaͤltnisse Griechenlands zu Karthago waren seit der Salaminischen Zeit denen zu Persien nicht unaͤhnlich; schon zu Perikles Zeit wurde oftmals in der Volksversammlung das Project eines Krieges gegen Karthago besprochen, nach seinem Tode wiederholten es die Demagogen dringender und haͤufiger Mit Recht hat Naeke die Lesart Καϱχήδονα. in Aristoph. Equit. 174 vertheidigt und auf dieses Karthagische Projekt ge- deutet; es ist der Lieblingsgedanke der ultrademokratischen Parthei in Athen, der Culminationspunkt der Attischen Macht. Mit Fleiß habe ich im Text die sehr nahe liegende Ruͤcksicht auf Handels- verbindungen nicht anregen moͤgen, indem es noch nicht erwiesen ist, daß schon damals der unmittelbare Verkehr zwischen den Phoͤ- nicischen Colonien und dem eigentlichen Hellas bedeutend gewesen. , und der Plan, den Alcibiades bei seinem Sicilischen Feldzuge hatte; war kein anderer, als von dort nach Afrika hinuͤberzugehen und den reichen Handelsstaat zu bekaͤmpfen; waͤhrend der naͤchstfol- genden sechzig Jahre, waͤhrend die Griechen in Hellas der Kriege gegen die Barbaren mehr und mehr vergaßen, waͤhrten die Kaͤmpfe der Sicilier gegen Karthago mit wechselndem Gluͤck, bis Ti- moleons Sieg die Punier auf ihre alten Grenzen beschraͤnkte. Durch Alexanders Besitznahme von Phoͤnicien mußte sowohl Kar- thago, wie die uͤbrigen Punischen Kolonien in Nordafrika und Ibe- rien, welche mit dem Mutterlande noch immer in sehr naher Verbindung standen, mit ganz besonderer Ruͤcksicht ihr Verhaͤltniß zu dem neuen Herrscher beachten, von dem sie wohl mehr als Ri- valitaͤt im Handel zu fuͤrchten hatten; besonders konnte der Staat von Karthago sich nicht verhehlen, daß nach seinen fruͤheren Verhaͤltnissen mit Hellas und nach dem Charakter Alexanders ein Krieg nur zu wahrscheinlich war, in dem dann der Sieg der Macedonier wohl nicht zweifelhaft gewesen waͤre. Um so natuͤr- licher war es, die Freundschaft des maͤchtigen Koͤnigs zu suchen, wie denn auch ausdruͤcklich angefuͤhrt wird, daß die Libyschen Ge- sandten mit Kraͤnzen und Gluͤckwuͤnschen wegen der Eroberung Asiens gekommen seien. — Unter den uͤbrigen Gesandtschaften waren namentlich die der Europaͤischen Scythen, der Celten, der Aethioper, letztere dem Koͤnige vielleicht um so wichtiger, je mehr ihn jetzt der Plan, Arabien zu umschiffen und die Seestraße, die bereits den Indus und Euphrat verband, bis an das rothe Meer und zur Aegyptischen Ostkuͤste fortzusetzen, beschaͤftigte. Denn schon war der Befehl nach Phoͤnicien gesandt, Ma- trosen auszuheben, Schiffe zu erbauen und uͤber Land in den Euphrat zu schaffen; Nearch war beauftragt, die Flotte den Euphrat hinauf nach Babylon zu fuͤhren; bald nach der Ankunft des Koͤnigs in Babylon sollte der Zug gegen die Araber eroͤffnet werden. Zu gleicher Zeit ward Heraklides, des Argaͤus Sohn, mit einer Schaar Schiffszimmerleute nach dem Strande des Kas- pischen Meeres abgesandt, mit dem Auftrage, in den Waldungen der Hyrkanischen Gebirge Schiffsbauholz zu faͤllen und Kriegs- schiffe sowohl mit als ohne Deck nach Hellenischer Art zu zim- mern. Auch diese Expedition hatte den Zweck, zunaͤchst zu unter- suchen, ob das Kaspische Meer keine noͤrdliche Durchfahrt dar- boͤte, und ob es mit dem Maͤotischen See oder dem offenbaren Meer im Norden, und durch dasselbe mit den Indischen Gewaͤs- sern in Verbindung stehe Dieser Heraklides war, wie es scheint, des Koͤnigs Arche- laus Enkel. In seinem Auftrage jene weitere Bestimmung eines Scythenzuges zu suchen, veranlaßt mich außer der Wahrscheinlich- keit, welche die Sache an sich hat, das von Arrian (VII. 1. 3,) erwaͤhntes Geruͤcht. . Alexander mochte hoffen, mit die- ser Expedition jenen Scythenfeldzug, den er vor fuͤnf Jahren mit dem Chorasmierkoͤnig besprochen hatte, in Ausfuͤhrung zu bringen. Eben so waren fuͤr die Landmacht neue und sehr bedeutende Ver- staͤrkungen angeworben, welche im Laufe des Fruͤhlings in Baby- lon eintreffen sollten. Es war offenbar, daß Alexander Großes vor- hatte; es schien, als ob zu gleicher Zeit Feldzuͤge gegen Norden, Suͤden und Westen unternommen werden sollten; vielleicht, daß er sie einzelnen Feldherrn zu uͤbertragen bezweckte, waͤhrend er sich das Ganze von Babylon, der Residenz seines Reiches, aus zu leiten vorbehielt. So mochten die Truppen und ihre Fuͤhrer voll ungeduldiger Spannung und in der frohen Hoffnung auf neue Feldzuͤge gen Babylon hinabziehen; sie wußten nicht, wie tief ihr Koͤnig seit des Freundes Tod gebeugt, und wie er umsonst mit kuͤhnen und kuͤhneren Plaͤnen den Gram seines Herzens zu uͤbertaͤuben bemuͤht war; sie wußten nicht, wie ihm die Freude des Lebens zer- stoͤrt, wie seine Seele truͤber Ahnungen voll war; mit Hephaͤstion war seine Jugend zu Grabe getragen, und kaum an der Schwelle der maͤnnlichen Jahre begann er schnell zu altern; der Gedanke des Todes beschaͤftigte ihn oft und lange Von Angaben dieser Art ist das schoͤne Ende der Plutar- chischen Biographie voll, und Arrian (VII. 16, 13) sagt: „ich meine, Alexander haͤtte wohl lieber vor Hephaͤftion sterben, als ihn uͤber- leben moͤgen, nicht minder wie Achill lieber vor Patroklus gestor- ben, als Raͤcher seines Todes geworden waͤre.“ Sollte die schoͤne Herme von Tivoli (Visconti Jcon. pl. 36) , welche durch den Ernst und die Ermattung in der Physionomie so entschieden von der sonstigen Tradition des Alexanderkopfes abweicht, vielleicht nach einem Bilde aus dem letzten Lebensjahre des Koͤnigs sein? . Der Tigris war uͤberschritten, schon sah man die Zinnen der Riesenstadt Babylon; da kamen dem Heereszuge die Vornehmsten der Chaldaͤer, der sternkundigen Priester von Babylon, entgegen; sie nahten sich dem Koͤnige, sie fuͤhrten ihn zur Seite und sprachen, er moͤge den Weg nach Babylon nicht weiter ver- folgen; die Stimme des Gottes Belus habe ihnen offenbart, daß ihm der Einzug in Babylon jetzt nicht zum Heile sei Nach Plutarch und Diodor ließen die Chaldaͤer, die sich fuͤrch- teten mit Alexander zu sprechen (?), den Admiral Nearch ihre Warnungen uͤberbringen, der allerdings schon mit der Flotte ein- getroffen war. . Und Alexander antwortete mit dem Verse des Dichters, der beste Seher sei der, welcher gluͤcklich weissaget. Sie aber fuh- ren fort: „Nicht gen Westen schauend, o Koͤnig, noch auf dieser Seite des Stromes komme gen Babylon, sondern umgehe die Stadt, bis du gen Morgen siehst!“ So sprachen die Priester, die in den Sternen die Schicksale des Koͤnigs gelesen hatten; und ihre Worte trafen des großen Koͤnigs Herz mit der Gewalt, die ihnen seine truͤbe Stimmung gab; er wagte es nicht wider die Zeichen der Goͤtter zu handeln, er wollte die Thore der boͤ- sen Vorbedeutung meiden, er wollte uͤber den Strom gehen, und gen Morgen schauend, in seine Residenz einziehen. Darum ließ er das Heer am ersten Tage am Ostufer des Euphrat lagern, am folgenden Tage zog er auf dieser Seite des Stromes hinab, um dann hinuͤber zu gehen und von Westen her in die Stadt einzuziehen; aber die sumpfigen Ufer des Stromes hemmten ihn; nur innerhalb der Stadt waren Bruͤcken; es haͤtte weiter Um- wege bedurft, um zu den westlichen Quartieren von Babylon zu gelangen. Damals, heißt es, kam der Sophist Anaxarchus zum Koͤnige und bekaͤmpfte mit philosophischen Gruͤnden des Koͤnigs Aberglauben; Diese Angabe hat Diod. XVII. 112. Plutarch sagt, der Koͤnig habe auf die Warnung der Chaldaͤer gar nicht geachtet; als er sich aber der Mauer genahet, habe er eine Menge von Ra- ben mit einander im heftigen Kampfe gesehen, von denen mehrere todt neben ihn niederfielen. Justin sagt, das sei in Borsippa ge- wesen; doch lag diese heilige Stadt auf dem Westufer des Euphrat. glaublicher ist, daß Alexander, bald Herr des ersten Eindruckes, die Sache fuͤr weiteren Zeitverlust und groͤßere Umwege zu unbedeutend anzusehen suchte, daß er die Folgen, welche die zu große Besorglichkeit von seiner Seite im Heer und Volk haͤtte hervorbringen muͤssen, mehr scheute als die etwanige Gefahr, daß er endlich nicht zweifelhaft sein konnte, wie guten Grund die Chaldaͤer hatten, seine Anwesenheit in Babylon nicht eben zu wuͤnschen. Er hatte im Jahre 330 bereits den Befehl gegeben, den Wuͤrfelthurm des Belus, der seit Xerxes Zeit als Ruine da stand, wieder herzustellen; aber waͤhrend seiner Abwe- senheit war der Bau gaͤnzlich vernachlaͤssigt worden, und die Chal- daͤer hatten eher zu hemmen als zu foͤrdern gesucht, denn sie mußten besorgen, daß der Genuß der reichen Tempelguͤter und des heiligen Ackers, den sie jetzt ausschließlich hatten, ihnen, so- bald der Bau beendet war, entzogen werden wuͤrde. So war es begreiflich, wenn die Sterne dem Koͤnige den Eintritt in Ba- bylon untersagten oder moͤglichst erschwerten; wider den Rath der Chaldaͤer ruͤckte Alexander an der Spitze seines Heeres von Mor- gen her in die oͤstlichen Quartiere der Stadt ein; er ward von den Babyloniern mit unendlichem Jubel empfangen; mit Fest- lichkeiten und Gelagen feierten sie seine Ruͤckkehr. Es befand sich zu dieser Zeit der Amphipolite Pithagoras, aus priesterlichem Geschlecht und der Opferschau kundig, in Ba- bylon; sein Bruder Apollodorus, der seit dem Jahre 331 Strateg der Landschaft war, hatte bei Alexanders Ruͤckkehr aus Indien demsel- ben mit den Truppen der Satrapie entgegen ziehen muͤssen, und da ihn das strenge Strafgericht, welches der Koͤnig uͤber die schul- digen Satrapen ergehen ließ, auch fuͤr seine Zukunft besorge machte, so sandte er an seinen Bruder gen Babylon, er moͤge uͤber sein Schicksal die Opfer beschauen. Pithagoras hatte ihn dann fragen lassen, wen er am meisten fuͤrchte, uͤber den wolle er schauen; und auf des Bruders Antwort, besonders der Koͤnig und Hephaͤstion beunruhigten ihn, hatte Pithagoras Opfer ange- stellt, und nach der Opferschau dem Bruder nach Ekbatana ge- schrieben, den Hephaͤstion moͤge er nicht fuͤrchten, der werde bald nicht mehr im Wege sein; und diesen Brief hatte Apollodor am Tage vor Hephaͤstions Tode empfangen. Ferner opferte Pi- thagoras uͤber Alexander; er fand dieselbe Schau und schrieb seinem Bruder dieselbe Antwort. Apollodorus, so heißt es, ging selbst zum Koͤnige, um zu zeigen, daß seine Hingebung groͤßer sei als die Sorge fuͤr sein eigenes Wohl, er sagte ihm von der Op- ferschau uͤber Hephaͤstion und ihrer Erfuͤllung; auch uͤber ihn habe Pithagoras nichts Gluͤckliches geschaut, er moͤge sein theures Le- ben huͤthen und die Gefahren, vor denen die Goͤtter warnten, ver- meiden. In Babylon nun ließ der Koͤnig, um Naͤheres uͤber jenes Opfer zu erfahren, den Priester Pithagoras zu sich kom- men, und fragte ihn, welche Schau er gehabt habe, daß er solches seinem Bruder geschrieben? Und da jener antwortete- „o Koͤnig, es war die Leber ohne Kopf,“ rief Alexander: „wehe ein schwe- res Zeichen!“ Dann dankte er dem Seher, daß er ihm offen und sonder Trug die Wahrheit gesagt, und entließ ihn mit allen Zei- chen seines koͤniglichen Wohlwollens. Auf ihn selbst aber machte dieß Zusammentreffen der Hellenischen Opferschau mit den Warnun- gen der Astrologen den tiefsten Eindruck; es war ihm unheimlich in den Mauern dieser Stadt, die er vielleicht besser gemieden haͤtte; ihn beunruhigte der laͤngere Aufenthalt in seiner Residenz, vor der ihn die Goͤtter vergebens gewarnt hatten; und dennoch noͤthig- ten ihn manche Geschaͤfte, hier noch zu weilen Pluf. Alex. 73. Arrian. VII. 18. . Es waren neue Gesandtschaften aus den Hellenischen Laͤndern eingetroffen, auch mehrere Macedonier, so wie Missionen der Thra- cier, Illyrier und anderer abhaͤngiger Voͤlker waren gen Babylon gekommen, um uͤber den Reichsverweser Antipater bei dem Koͤnige Klage zu fuͤhren; Dieß ist aus der Erwaͤhnung bei Diod. XVII. 113. klar. Antipater selbst hatte seinen Sohn Kassan- der gesandt, der ihn vor Alexander rechtfertigen sollte; vielleicht wuͤnschte er zugleich, dem Koͤnige, bei dem sich bereits sein Sohn Jollas als Mundschenk befand, in seinem aͤltesten Sohn ein neues Unterpfand seiner Treue zu geben, und durch dessen Bemuͤhung das gestoͤrte Verhaͤltniß zu Alexander, bevor er selbst seinem Befehle gemaͤß bei Hofe eintraf, wieder herzustellen. Er hatte nicht gluͤck- lich gewaͤhlt; Kassander, der sich in Macedonien des ersten Man- nes Sohn gefuͤhlt haben mochte, verstand es nicht, sein hochfah- rendes nnd heftiges Wesen so zu zuͤgeln, wie es die Naͤhe des Herrschers forderte; schon bei der ersten Audienz, da er Asiaten an den Stufen des Thrones das Knie beugen und den Boden mit der Stirn beruͤhren sah, und daruͤber in ein lautes Hohnlachen ausbrach, erregte er den gerechten Unwillen Alexanders, der ihn mit eigener Hand und auf eindringliche Weise uͤber sein unge- buͤhrliches Benehmen zurecht stellte. Als dann die verschiedenen Beschwerden uͤber Antipater vorgebracht wurden, und Kassander den Vater zu vertheidigen anhub, indem er die Klagenden Ver- laͤumder nannte, so fiel ihm der Koͤnig ins Wort: „was sprichst du, so weite Wege sollten die Maͤnner, ohne Unrecht erlitten zu ha- ben, und nur um zu verlaͤumden, hergekommen sein?“ Und als Kas- sander ihm antwortete, das eben sei ein Zeichen der Verlaͤumdung daß sie so weit hierher, wo jede Nachforschung unmoͤglich sei, gekommen waͤren, so lachte Alexander und sprach: „das sind die Sophistereien des Aristoteles, mit denen sich gleich gut das Fuͤr und Wider beweisen laͤßt; aber wehe euch, wenn ihr den Leu- ten Unrecht gethan habt.“ Das Naͤhere uͤber jene Beschwerden so wie der Ausgang der Untersuchungen wird nicht berichtet. Auch von den Verhandlungen der Griechischen Legationen ist nichts wei- ter bekannt; jedoch ist es wahrscheinlich, daß, da bei den kurz vor- her empfangenen Gesandschaften die oͤrtlichen und Privatange- legenheiten meist nach den Wuͤnschen der Betheiligten abgemacht, die Vorstellungen gegen die Zuruͤckfuͤhrung der Verbannten dagegen ein fuͤr allemal abgewiesen waren, jetzt besonders nur Gluͤckwuͤnsche wegen der Indischen Siege und der Heimkehr, so wie goldene Kraͤnze nnd Danksagungen fuͤr die Aufhebung der Exile und an- dere Wohlthaten des Koͤnigs dargebracht wurden. Der Koͤnig nahm sie mit vieler Huld entgegen, und entließ die Legationen mit Ehren und Geschenken fuͤr ihre Staaten, unter denen sich namentlich mehrere Goͤtterstatuen, welche von Xerxes aus Grie- chenland fortgeschleppt waren, befanden Plut. 74. Arrian VII. 19. nennt besonders eine Artemis Euklaria (diese Emendation Ellendt’s scheint die beste) und die Heroenbilder des Harmodius und Aristogiton, deren Helmsendung ich nach Arrian III. 16. 13. bereits oben p. 232 erwaͤhnt habe. . Auch die oͤrtlichen Angelegenheiten der großen Residenz moch- ten des Koͤnigs Anwesenheit verlaͤngern; wenigstens wird uͤberliefert, daß Alexander, nachdem er die von ihm angeordneten Bauten in Augenschein genommen und gesehen hatte, wie namentlich die Wiederherstellung des Belustempels fast ganz liegen geblieben war, sofort mit dem groͤßten Eifer das Werk zu foͤrdern befahl, und, da fuͤr den Augenblick die Truppen ohne wichtigere Beschaͤftigung waren, dieselben zum Baudienst commandirte. So arbeiteten zwanzig tausend Menschen zwei Monate hindurch, um nur erst die Truͤmmer ganz abzutragen und die Baustelle zu reinigen; die spaͤtern Ereignisse hinderten den Beginn des eigentlichen Baues Arrian VII. 17. 4. Strabo XVI. p. 336. Nach Mignan bezeich- net nicht der Nimrodsthurm, sondern Mujellibah die Stelle des Belustempels. . Endlich waren die Geschaͤfte so weit geordnet, daß Alexander die Stadt Babylon verlassen konnte; die Stromflotte, von Nearch gefuͤhrt, war aus dem Tigris durch den Persischen Meerbusen den Euphrat hinaufgekommen und lag unter den Mauern der Residenz; auch aus Phoͤnicien waren die Schiffe angelangt; zwei Fuͤnfru- derer, drei Vierruderer, zwoͤlf Trieren und gegen dreißig Jachten waren von den Werften Phoͤniciens zersaͤgt uͤber Land nach Tha- psakus gebracht, dort wieder zusammengefugt und den Strom hinabgekommen; endlich hatte der Koͤnig in Babylon selbst Schiffe zu bauen anbefohlen, und zu dem Ende, indem die Landschaft weit und breit keine andere Baͤume als Palmen hat, die Cypressen, die sich in den koͤniglichen Gaͤrten von Babylon in großer Menge befanden, umhauen lassen. So wurde die Flotte bald auf bedeu- tenden Bestand gebracht; und da der Strom keine geeignete Ha- fenstelle hatte, so wurde unfern der Residenz ein großes Bassin ausgegraben, das Raum und Werften genug fuͤr tausend Schiffe darbot. Indeß kamen aus Phoͤncien und den uͤbrigen Strand- gegenden Matrosen, Zimmerleute, Kaufherren, Kraͤmer in Schaa- ren herbei, um in Folge des koͤniglichen Aufrufs mit den Schiffen die neue Handelsstraße zu benutzen, oder sich fuͤr den naͤchsten Feldzug auf die Flotte zu verdingen. Waͤhrend dieser Ruͤstungen wurde Mikkalos von Klazomene mit 500 Talenten gen Phoͤnicien und Syrien gesandt, um dort moͤglichst viele Strandbewohner und Schiffer anzuwerben oder auch zu miethen, und nach dem unteren Euphrat hinabzufuͤhren; denn es war der Plan des Koͤnigs, die Kuͤsten des Persischen Meerbusens und die Inseln in demselben mit Kolonien zu bedecken, um eines Theils durch diese den Ver- kehr in den suͤdlichen Gewaͤssern aufzubringen, andern Theils in ihnen eine Sicherung der Arabischen Kuͤste zu haben. Ueberhaupt war die Foͤrderung und Sicherung des Verkehrs der hauptsaͤchlichste Grund zu dem Arabischen Feldzuge, welchem die Ruͤstungen zunaͤchst galten; denn einer Seits wußte Alexander von den vielen und eigenthuͤmlichen Produkten dieses Landes, die er um so leichter in den großen Verkehr zu bringen hoffte, je aus- gedehnter nnd hafenreicher das Kuͤstenland der Halbinsel ist; an- derer Seits war die weite Wuͤste von den Grenzen Aegyptens bis nahe bei Thapsakus und Babylon von Beduinenstaͤmmen durch- schweift, welche die Grenzen der anstoßenden Satrapien so wie die Landstraßen oft genug beunruhigten; wenn sie zur Unterwer- fung gezwungen wurden, so war außer der Sicherung der Gren- zen und Straßen namentlich eine bei Weitem kuͤrzere Verbindung zwischen Babylon und Aegypten gewonnen; es mußte dann vor Allem die Petraͤische Landschaft, so wie die Nordspitzen des rothen Meeres in Besitz genommen und colonisirt werden, es mußten sich an dieser Stelle die Landwege durch das Araberland mit dem Seewege um die Arabische Kuͤste, dessen Entdeckung die naͤchste Absicht war, vereinigen. Zu dem Ende waren bereits drei Schiffe den Strom hinab ins Meer gesandt worden. Zunaͤchst kehrte Archias mit seiner Jacht zuruͤck; er hatte suͤdwaͤrts von der Euphratmuͤndung eine Insel Unzweifelhaft irrt Arrian mit seiner Angabe uͤber die Entfernung dieser Insel von der Euphratmuͤndung in der Art, wie es Mannert bezeichnet: wenigstens ist Srabo XV. p. 381, dem ich in der Karte gefolgt bin, vollkommen klar. gefunden, er berichtete sie sei klein, dicht bewaldet, von einem fried- lichen Voͤlkchen bewohnt, das die Goͤttin Artemis verehrte und in ihrem Dienst die Hirsche und wilden Ziegen der Insel ungestoͤrt weiden lasse; sie liege in der Naͤhe des Meerbusens der Stadt Gerra, von der aus die Hauptstraße durch das Innere Arabiens zum Rothen und Mittellaͤndischen Meere fuͤhre, und deren Ein- wohner als betriebsame und reiche Handelsleute genannt wuͤrden. Alexander gab, seltsam genug, dieser Insel den Namen jenes Ika- rus, der den kuͤhnen Flug bis in die Sonnennaͤhe gewagt und in den Wellen mit allzufruͤhem Tode gebuͤßt hat. Von der Insel Ikarus aus, berichtete Archias weiter, sei er suͤdostwaͤrts zu einer zweiten Insel gekommen, welche die Bewohner Tylos Nach Strabo XV. p. 382. lag Tylos oder Tyros eine Tagereise von dem Vorgebirge Maceta, zehn von Teredon (Diridotis) in den Euphratmuͤndungen; freilich findet sich dort keine Insel, die man groß nennen koͤnnte. nann- ten; sie sei groß, weder steinig noch waldig, zum Feldbau geschickt und ein gluͤckliches Eiland; er haͤtte hinzufuͤgen koͤnnen, daß sie in Mitten der unerschoͤpflichen Perlenriffe liege, von denen sich schon manche Sage unter den Macedoniern verbreitet hatte. Bald darauf kam die zweite Jacht, die Androsthenes gefuͤhrt hatte, zuruͤck; er war dicht an der Kuͤste hinabgesteuert und hatte ein gutes Stuͤck des Arabischen Strandes beobachtet. Am weitesten von den ausgesandten Jachten war die gekommen, welche der Steuermann Hieron aus Soli fuͤhrte; er hatte Weisung erhalten, die ganze Halbinsel Arabien zu umschiffen und eine Einfahrt in den Meerbusen, der sich nordwaͤrts bis wenige Meilen von Heroonpo- lis in Aegypten hinaufzieht, zu suchen; er hatte, obschon er einen bedeutenden Theil der Arabischen Gestade hinabgekommen war, nicht weiter zu gehen gewagt; er brachte die Nachricht, die Groͤße der Halbinsel sei außerordentlich und moͤchte der von Indien wohl gleich kommen; er sei suͤdwaͤrts bis zu einem Vorgebirge gekommen, das sich weit ostwaͤrts in die offenbare See hinaus- erstrecke; die nackten und oͤden Sandufer moͤchten eine weitere Fahrt sehr erschweren Schon Mannert hat dieß Vorgebirge in dem Korondanum des Ptolemaͤus, dem heutigen Kuriat, wieder erkannt, und es scheint ein Irrthum des Onesikrit, wenn er gemeint hat, das sei dieselbe Landspitze (Maceta), die man bei der Fahrt von Indien her im Westen gesehen habe ( Arrian Ind. 23). . Waͤhrend nun die Bauten in und um Babylon und die Ar- beiten auf den Schiffswerften, das Ausgraben des Hafenbassins, das Abtragen des Belusthurmes, das ungeheure Gebaͤude des Scheiterhaufens fuͤr Hephaͤstion rasch gefoͤrdert wurden, ging Alex- ander mit einigen Schiffen den Euphrat hinab, um die großen Deicharbeiten an dem Pallakopas zu besichtigen Dieser Kanal, dessen Namen Strabo, obschon er den Bau an demselben erwaͤhnt, nicht nennt, scheint von Edrisi p. 304 bezeichnet zu werden, wenn er sagt: „Von dem Castell Ebn-Hobaira ergießt sich der Euphrat uͤber die Landschaft Kufa, indem sich seine Ueberfuͤlle in einen See sammelt.“ Dieser See Rumyah, der zu Anfang des siebzehnten Jahrhunderts noch nicht trocken lag, ist auf Rennels Karte von Babylonien genauer verzeichnet. . Dieser Kanal ist etwa sechszehn Meilen Stromfahrt unterhalb Babylon aus dem Euphrat gen Westen gegraben, und endet in einen See, der, von den Wassern des Stromes gespeist, sich laͤngs der Graͤnze des Arabischen Landes suͤdwaͤrts in einer Reihe von Moraͤsten bis zum Persischen Meerbusen fortsetzt; der Kanal ist fuͤr die Land- schaft von unberechenbarer Wichtigkeit; denn wenn im Fruͤhlinge die Wasser des Stromes zu schwellen beginnen, und, waͤhrend unter der Sommersonne der Schnee in den Armenischen Bergen schmilzt, immer maͤchtiger und hoͤher hinabfluthen, so wuͤrde die ganze Landschaft der Ueberschwemmung ausgesetzt sein, wenn nicht dem Strom durch die Kanaͤle und besonders durch den Pallako- pas ein Abfluß gegeben wuͤrde, der dann zugleich das Stromland schuͤtzt und den vom Strom entfernteren Gegenden die Seg- nungen der reichsten Waͤsserung bringt. Wenn aber der Euphrat mit dem Herbste wieder abnimmt, so ist es nothwendig den Ka- nal moͤglichst schnell zu schließen, weil sonst der Strom diesem kuͤrzeren Wege, sich zu ergießen, folgen und sein Bette verlassen wuͤrde; die Arbeit wird dadurch außerordentlich erschwert, daß die Stelle des Ufers, wo der Kanal beginnt, losen Grund hat, so daß die Aufschuͤttungen selbst außerordentliche Muͤhe machen und dann doch nicht genuͤgenden Widerstand gegen die ziemlich starke Stroͤmung des Euphrat leisten; auch sind die Deiche des Ka- nals bei hohem Wasser stets der Gefahr, ganz zertruͤmmert zu werden, ausgesetzt, und es kostet ungeheure Arbeit, sie zu rechter Zeit zur Schließung des Kanals wieder herzustellen. So arbeiteten jetzt auf Befehl des Satrapen von Babylon zehntausend Men- schen schon seit drei Monaten an diesen Deichen; Alexander fuhr nun hinab, die Arbeit zu besichtigen, er wuͤnschte irgend eine Ab- huͤlfe dieses Uebelstandes zu finden. Er fuhr weiter stromab, um das Ufer zu untersuchen, er fand eine Stunde unterhalb der Kanal- muͤndung einen felsigen Uferrand, der allen Erwartungen entsprach; hier befahl er einen Kanal durchzusprengen und ihn nordwestlich in das alte Bett des Pallakopas hineinfuͤhren, dessen Muͤndung dann fuͤr immer verdammt und verschuͤttet werden sollte; so, hoffte er, wuͤrde es eben so leicht sein, den Abfluß des Euphrat im Herbste zu sperren, wie ihn wieder mit dem Fruͤhjahr zu eroͤffnen. Um sich weiter von der Natur dieser Gegenden westwaͤrts zu uͤber- zeugen, fuhr Alexander zum Pallacopas zuruͤck und durch diesen in den See an der Arabischen Grenze hinein; die Schoͤnheit der Ufer, und noch mehr die Wichtigkeit dieser Gegend bestimmten ihn hier eine Stadt anzulegen, Diese Stadt, die den Namen Alexandrien erhielt, lag wohl ungefaͤhr an der Stelle des heutigen Mesjid Ali ( Hira ). Ich bemerke, daß Mignan auf dem Wege von Bagdad nach den Ruinen von Babylon an einem Kanale Truͤmmer fand, die gleichfalls den Namen Iskanderich trugen; die alten Schriftsteller kennen dort keine Stadt Alexanders. welche zugleich den Weg nach Ara- bien hinein oͤffnete und Babylonien vor Ueberfaͤllen der Beduinen zu schuͤtzen vermochte, da der See und die Moraͤste suͤdwaͤrts bis zum Meerbusen das Stromland decken. Der Bau der Stadt und der Befestigungen wurde sogleich begonnen und Griechische Soͤldner, theils Vetranen, theils Freiwillige, daselbst angesiedelt. Indeß war in Babylon der Bau des Scheiterhaufens fuͤr Hephaͤstion beendet und die Zeit gekommen, die großen Leichen- spiele zu seinem Gedaͤchtniß zu feiern; dieß und das Eintreffen der neuen Truppen machten des Koͤnigs Ruͤckkehr in seine Re- sidenz nothwendig; und der Koͤnig, so wird erzaͤhlt, war um so weniger zuruͤckzukehren bedenklich, da sich die boͤsen Weissagungen der Chaldaͤer bereits bei seiner neulichen, freilich nur kurzen An- wesenheit in Babylon als nichtig erwiesen zu haben schienen. So wurde die Ruͤckfahrt beschlossen; auf derselben sollten die Graͤ- ber der fruͤheren Babylonischen Koͤnige, die in den Suͤmpfen erbaut waren, besucht werden. Alexander selbst stand am Steuer seines Schiffes und fuͤhrte es in diesem durch Untiefen und Roͤhricht schwierigen Gewaͤsser; ein ploͤtzlicher Windstoß riß ihm die koͤnig- liche Kausia, die er nach Macedonischer Sitte trug, vom Haupt, nnd waͤhrend sich das Diadem von derselben loͤsete und hinweg flatternd in dem Roͤhricht bei einem alten Koͤnigsgrabe hangen blieb, sank sie selbst unter und ward nicht wieder gefunden; das Diadem aber zu hohlen, schwamm ein Phoͤnicischer Matrose, der sich mit auf dem Schiffe befand, hinuͤber, und band es, um desto beuqemer schwimmen zu koͤnnen, um seine Schlaͤfe, — ein schwe- res Zeichen! das Diadem um eines fremden Menschen Haupt! Und die Wahrsager, die der Koͤnig jetzt stets in seiner Naͤhe hatte, beschworen ihn, das Zeichen zu zerstoͤren und den Ungluͤcklichen zu enthaupten; Alexander aber ließ den Matrosen zuͤchtigen, weil er des Koͤnigs Diadem gering genug geachtet, es um seine Stirn zu binden, er gab ihm ein Talent zum Geschenk, weil er schnell und kuͤhn das Zeichen des Koͤnigthums zuruͤckgebracht. So berichtete Aristobul. ( Arrian VII. 22); andere Schrift- steller sagen, der Matrose sei wirklich hingerichtet worden; noch andere berichten, Seleukus habe das Diadem geholt und um seine Schlaͤfe gewunden, ein großes Zeichen der Macht, die er einst ge- winnen sollte. Bei seiner Ruͤckkehr nach Babylon fand Alexander die neuen Truppen versammelt, die er erwartet hatte; Peucestas, der Sa- trap von Persien, hatte 20,000 Perser und außer diesen eine be- deutende Menge von Kossaͤern und Tapuriern, beides Voͤlker, die mit den Persern an Kriegsruhm und Tapferkeit wetteiferten, her- angebracht; eben so war von Karien her Philoxenus, von Lydien her Menander mit bedeutenden Truppenmassen gekommen, und Menidas fuͤhrte den Reuterhaufen, den er in Sold genommen, heran. Der Koͤnig empfing namentlich die Perser mit vieler Freude, er belobte den Satrapen wegen der schoͤnen Haltung sei- ner Leute, und die Perser wegen der Bereitwilligkeit, mit der sie seinem und des Satrapen Aufruf gefolgt seien; dann bezeich- nete er die neue und eigenthuͤmliche Art, wie die neuen Truppen in die alten Phalangen einrangirt und diese selbst neu gestaltet werden sollten. Statt daß nemlich bisher die Phalanx aus sechszehn Gliedern Macedonischer Schwerbewaffneter bestanden hatte, sollten jetzt nur die ersten drei Glieder von diesen gebildet werden, dann zwoͤlf Glieder Perser, theils Bogenschuͤtzen, theils etwas schwerer bewaffnete mit Jagdspeeren folgen, und wieder im letzten Gliede Macedonier in schwerer Bewaffnung stehen. Diese neue Anordnung veraͤnderte die Macedonische Art des Kam- pfes vollkommen. Arrian VII. 23. 4. sqq. Sonderbarer Weise ist diese Neuerung des großen Koͤnigs stets uͤbergegangen worden, und dennoch darf man behaupten, daß sie in der Geschichte der Taktik eine der merkwuͤrdigsten Erscheinungen ist; sie verbindet alle Vorzuͤge der Legion mit denen der fruͤheren Phalanx; Festig- keit, Massenwirkung, Beweglichkeit, und vor Allen fuͤr die leichten 37 Die Phalanx, unuͤberwindlich den Asiatischen Voͤlkern gegen- uͤber, war auf eine Weise umgestaltet, wie sie damals nur unter den Voͤlkern Italiens ausgebildet bestand und sich im Kampfe gegen den Epirotenkoͤnig bewaͤhrt haben mochte. Dieß schon mußte auffallen; dazu kamen die mannichfachen Geruͤchte unter den Truppen, daß in die Provinzen des Mittelmeeres Befehle zur Ruͤstung unzaͤhliger Schiffe gesandt seien, und daß der Koͤnig einen großen Eroberungskrieg gen Italien, Sicilien, Iberien und Afrika zu machen beabsichtige. So schien es in der That, als ob, waͤhrend die Flotte gegen die Kuͤstenlaͤnder Arabiens in See gehen sollte, das Landheer durch Arabien oder auf welchem Wege sonst gen Westen marschiren und die Barbaren des Abendlandes, die Feinde des Griechenthums in Afrika und Italien zu unter- werfen ausziehen wuͤrde. Das darf wohl aus Diod. XVIII. 4. entnommen werden. Das Einrangiren der neuen, namentlich Persischen Truppen leitete Alexander selbst, von der ganzen Asiatischen Pracht seines Hofes umgeben; es geschah im koͤniglichen Garten, der Koͤnig saß auf dem goldnen Thron, geschmuͤckt mit dem Diadem und dem koͤniglichen Purpur; zu beiden Seiten die Getreuen auf niedri- geren Sesseln mit silbernen Fuͤßen; hinter diesen in gemessener Entfernung die Eunuchen, nach morgenlaͤndischem Brauch mit ge- kreuzten Armen, in Medischer Tracht; Schaar auf Schaar zogen dann die neuen Truppen voruͤber, wurden gemustert und an die Phalangen vertheilt. So mehrere Tage; an einem derselben war der Koͤnig, von den Anstrengungen ermuͤdet, vom Throne aufge- standen, und, nachdem er Diadem und Purpur auf demselben zu- ruͤckgelassen, zu einem Bassin im Garten gegangen, um ein Bad zu nehmen; nach der Hofsitte folgten die Getreuen, waͤhrend die Eunuchen stumm und unbeweglich an ihren Plaͤtzen blieben. In kurzer Frist kam nun ein Mensch daher, schritt ruhig durch die Reihen der Eunuchen, die ihn nach Persischer Sitte nicht hindern durften, stieg die Stufen des Thrones hinauf, schmuͤckte sich mit Truppen Sicherung und schnellste Verwendbarkeit, das sind die Vorzuͤge der neuen Aufstellung, die freilich nie Gelegenheit finden sollte, sich im Gefecht zu bewaͤhren. dem Purpur und Diadem, setzte sich an des Koͤnigs Stelle und blickte stier vor sich hin; die Eunuchen aber zerrissen ihre Klei- der, sie schlugen sich Brust und Stirn und wehklagten uͤber das furchtbare Zeichen. Gerade jetzt kam der Koͤnig zuruͤck, er sah mit Entsetzen den Menschen im Koͤnigsschmuck auf dem Thron; er befahl den Ungluͤcklichen zu fragen, wer er sei, was er wolle? Der blieb regungslos sitzen, sah stier vor sich hin; endlich sprach er: „Ich heiße Dionysius und bin von Messene; ich bin verklagt und in Ketten vom Strand hierher ge- bracht; jetzt hat der Gott Serapis mich erloͤs’t und mir ge- boten, Purpur und Diadem zu nehmen und still hier zu sitzen.“ Er ward auf die Folter gebracht, er sollte bekennen, ob er ver- brecherische Absichten hege, ob er Genossenhabe; er aber blieb da- bei, es sei ihm von dem Gott geheißen. Man erkannte, des Men- schen Verstand war gestoͤrt; die Wahrsager forderten seinen Tod Arrian VII. 24 nach Aristobul, Diodor. XVII. 116. Plutarch. 74 mit einzelnen Abweichungen; diese Geschichte begab sich wenige Tage vor den Opfern, die das Ende des Mai ausfuͤllten. . Es mochte im Mai des Jahres 323 sein, die Stadt Ba- bylon war voll kriegerischen Lebens, die Taufende der neuen Truppen, voll Begier nach dem Feldzuge, in dem sie ihre erste Waffenprobe machen sollten, uͤbten sich, in der neuen Ordnung zu fechten; die Flotte die bereits unter Tau und Segel war, lief fast taͤglich, unter ungeheurem Zulauf von Zuschauern aus der Residenz, von ihrer Station aus, um sich im Steuern und Rudern zu uͤben; der Koͤnig selbst war meist zugegen und vertheilte an die Sieger im Steuern Lob und goldene Kraͤnze. Arrian VII. 23. 7. Man wußte, daß dem- naͤchst der Feldzug eroͤffnet werden wuͤrde; man glaubte, daß sich an die Leichenfeier fuͤr Hephaͤstion die uͤblichen Opfer und Gast- maͤhler anschließen wuͤrden, bei denen der Koͤnig den Beginn der neuen Kriegsoperationen zu verkuͤnden pflegte. Unzaͤhlige Fremde waren zu der Feier herbeigestroͤmt, unter diesen namentlich viele Gesandtschaften aus Griechenland, die in Folge der Beschluͤsse, dem Koͤnige goͤttliche Ehre zu erweisen, den Charakter von heiligen Theoren angenommen hatten, als solche vor dem Koͤnige erschienen und anbetend nach Hellenischem Brauch die goldenen Kraͤnze weihten, mit denen die Staaten der Heimath den Gott Koͤnig zu ehren wetteiferten. Dann kehrten auch des Koͤnigs Theoren aus dem Ammonium zuruͤck, die an- gefragt hatten, wie der Gott gebiete, daß Hephaͤstion geehrt werde; sie brachten die Antwort, man solle ihm wie einem der Heroen opfern. Die Schilderung des Scheiterhaufens, wie sie sich bei Dio- dor findet, ist zu wenig technisch, um danach eine Zeichnung des Gebaͤudes mit einiger Sicherheit entwerfen zu koͤnnen; die beruͤhmten Cntwuͤrfe von Quatrem è re de Quincy sind alles, nur nicht im Geist der Hellenischen Architektar. Nach Empfang dieser Botschaft befahl der Koͤnig, die Todtenfeier und die ersten Opfer fuͤr den Heros He- phaͤstion zu begehen So nach Arrian VII. 23. 8; dagegen sagt Diod. XVII. 115, daß das Ammo- nium goͤttliche Ehre zu weihen und ihn als πάϱεδϱος (emendirt aus Lucian. de cal. non cred. 17) anzuflehen geboten habe; fuͤr das . Es war ein Theil der Mauern Babylons abgetragen, dort erhob sich in fuͤnf Absaͤtzen, bis zu einer Hoͤhe von zweihundert Fuß emporgethuͤrmt, das Prachtgebaͤude des Scheiterhaufens, zu dem der Koͤnig zehntausend Talente bestimmt, die Freunde, die Großen, die Gesandten, die Babylonier zweitausend Talente hinzugefuͤgt hat- ten; das Ganze leuchtete von Gold und Purpur, von Gemaͤl- den und Bildhauerwerken, auf der Hoͤhe des Gebaͤudes standen Sirenenbilder, aus denen herab die Trauerchoͤre fuͤr den Todten erklangen. Unter Todtenopfern, Trauerzuͤgen und Klagegesaͤngen ward der Scheiterhaufen den Flammen uͤbergeben; Alexander war zugegen, vor seinen Augen sank das wundervolle Werk in Flammen lodernd zusammen, und ließ nichts zuruͤck als Zerstoͤ- rung und Oede und Trauer um den Verlornen. — Dann folg- ten die Opfer zu Ehren des Heros Hephaͤstion; Alexander selbst weihte dem erhoͤhten Freunde die ersten Spenden, zehntausend Opferstiere wurden zu seinem Gedaͤchtniß geopfert und an das gesammte Heer, das der Koͤnig zum Festmahl geladen, vertheilt. Andere Festlichkeiten fuͤllten die naͤchsten Tage; der Koͤnig opferte, denn schon war der Tag zur Abfahrt der Flotte und zum Beginn des Arabischen Feldzuges bestimmt, den Goͤttern, denen er pflegte, in uͤblicher Weise; er opferte dem guten Gluͤcke, er opferte nach der Weisung seiner Wahrsager auch denen Goͤt- tern, die dem Uebel wehren. Und waͤhrend das gesammte Heer bei dem Opfermahl und dem Weine, den der Koͤnig spendete, froͤhlich war, hatte er die Freunde bei sich zum Abschiedsmahle versammelt, das er seinem Admiral Nearchus gab. Dieß war am 30. Mai gegen Abend; als die meisten Gaͤste schon hinweg erste spricht auch die Angabe, daß Kleomenes von Aegyten dem Verstorbenen ein Heroon in Alexandrien und ein anderes auf der Insel Pharos errichtete; die Nachricht hiervon und von andern Ehrenbezeigungen, die der Satrap fuͤr Hephaͤstion erfunden, sandte er an den Koͤnig, dessen Zorn er wegen mehrerer Bedruͤckungen fuͤrchtete, und erhielt ein hoͤchst ehrenvolles Dankschreiben von Sei- ten Alexanders, in dem es unter andern hieß: „wenn ich hoͤre, daß du die Heiligthuͤmer Aegyptens gut besorgst und namentlich fuͤr das Heroon des Hephaͤstion sorgst, so will ich das fruͤhere Unrecht vergessen und wegen dessen, was du noch kuͤnftig verfehlst, sollst du von mir nichts Leides erfahren.“ Selbst Arrian faͤllt uͤber diese Antwort des Koͤnigs ein hartes Urtheil, und in der That, wenn Alexander durch nichts als das Wohlgefallen an jenen Ehren des He- phaͤstion bestimmt worden waͤre, muͤßte man erstaunen, in ihm ei- nen Fuͤrsten des gewoͤhnlichen Schlages zu sehen. Ich bin uͤber- zeugt, daß tiefere Gruͤnde obwalteten: jedenfalls war Kleomenes ein ausgezeichneter Finanzier und ein hoͤchst brauchbarer Verwaltungs- Beamter; seine Satrapie war fuͤr die zunaͤchst bevorstehenden Feldzuͤge von der hoͤchsten Wichtigkeit, und er, im Aegyptischen Lande geboren, kannte das Land wie kein anderer; ja vielleicht machten es die Verhaͤltnisse unmoͤglich, ihn zur Nechenschaft zu ziehen, vielleicht haͤtte ein Zeichen koͤniglicher Ungnade genuͤgt, ihn zur Flucht zu veranlassen und die großen Schaͤtze, die er gesam- melt, waͤren der Satrapie und dem Koͤnigthume entrissen gewesen. Diese Dinge liegen auf der Oberflaͤche; wie viele geheimere und eigenthuͤmlichere Verhaͤltnisse koͤnnen noch obgewaltet haben, das Schreiben des Koͤuigs nothwendig zu machen. waren, kam der Thessaler Medius, der Freunde einer, und bat den Koͤnig, noch einer kleinen Gesellschaft bei ihm beiwohnen zu wollen, es werde ein heiteres Gelag sein. Alexander hatte den biederen Medius sehr gern, er ging mit ihm; die Froͤhlich- keit der vertrauten Maͤnner heiterte auch ihn auf; er trank ihnen der Reihe nach zu; gegen Morgen trennte man sich, man ver- sprach sich am naͤchsten Abend wieder zu finden. Plutarch. Alex. 75. Athen. X. p. 432. Arrian VII. 24. Ich er- waͤhne hier die unsinnige Muthmaßung, daß Alexander bei Me- dius Gift, das Aristoteles angegeben und Kassander gebracht, er- halten habe; ich werde in der Geschichte der Diadochen Gelegen- helt haben, die Entstehung dieser Sage naͤher zu eroͤrtern. Alexander ging heim, badete, und schlief bis spaͤt am Tage; zur Abendtafel ging er wieder zu Medius, und man trank wie- der froͤhlich bis tief in die Nacht. Unwohl kehrte der Koͤnig zuruͤck; er badete, aß ein Wenig und legte sich fiebernd zur Ruhe. Am Morgen des 1. Juni erwachte er sehr unwohl; durch die vielen Gemuͤthsbewegungen der letzten Zeit und uͤber- dieß durch die Gelage, die in den letzten Tagen schnell auf einander gefolgt waren, fuͤr eine Krankheit nur zu empfaͤnglich, ward er von dem Fieber außerordentlich angegriffen; er mußte sich auf seinem Lager zum Altare tragen lassen, um dort das Morgenopfer, wie er jeden Tag pflegte, zu halten; dann lag er im Maͤnnersaale auf dem Ruhebett, ließ die Generale vor sich kommen und gab ihnen die noͤthigen Befehle fuͤr den Aufbruch; das Landheer sollte am 4. Juni aufbrechen, die Flotte dagegen, mit der er selbst fahren werde, den Tag darauf. Dann ließ er sich gegen Abend auf seinem Lager zum Euphrat hinabtragen, bestieg ein Schiff und fuhr uͤber den Strom zu den Gaͤrten jenseits; dort nahm er ein Bad und brachte unter Fieberschauern die Nacht zu. Am anderen Morgen nach dem Bade und dem Morgenopfer ging er in sein Kabinet und lag dort den Tag uͤber auf dem Ruhebett; Medius war bei ihm und suchte ihn mit Gespraͤchen aufzuheitern; der Koͤnig beschied die Anfuͤhrer fuͤr den naͤchsten Morgen vor sich; nachdem er wenig zur Nacht gegessen, legte er sich zur Ruhe; das Fieber nahm zu, des Koͤ- nigs Zustand verschlimmerte sich; die ganze Nacht durch war er ohne Schlaf. Am Morgen des 3. Juni nach dem Bade und dem Opfer wurde Nearch und die uͤbrigen Offiziere der Flotte vorgelassen; der Koͤnig eroͤffnete ihnen, daß seiner Krank- heit wegen die Abfahrt um einen Tag verschoben werden muͤsse, daß er jedoch bis dahin so weit wieder hergestellt zu sein hoffe, um den 6. Juni zu Schiffe gehen zu koͤnnen. Er blieb im Badezimmer; Nearch mußte sich an sein Lager setzen und von seiner Fahrt auf dem Ocean erzaͤhlen; Alexander hoͤrte mit Aufmerksamkeit und großem Vergnuͤgen zu, er freute sich, bald aͤhnliche Gefahren selbst zu durchleben. Indeß verschlimmerte sich sein Zustand, die Heftigkeit des Fiebers mehrte sich mit jeder Nacht; denoch berief er am Morgen des 4. Juni nach dem Bade und Opfer die Officiere der Flotte, und befahl, auf den 6. Alles zu seinem Empfang auch der Flotte und zur Abfahrt bereit zu halten. Nach dem Bade am Abend stellte sich das Fieber heftiger als bisher ein, und des Koͤnigs Kraͤfte schwan- den sichtlich; es folgte eine schlaflose, quaalvolle Nacht. Am Morgen ließ sich Alexander im heftigsten Fieber hinaus vor das große Bassin tragen und hielt mit Muͤhe das Opfer; dann ließ er die Officiere vor, gab noch einige Befehle uͤber die Fahrt der Flotte, besprach sich mit den Generalen uͤber die Be- setzung einiger Officierstellen, und uͤbertrug ihnen die Auswahl der zu Befoͤrdernden mit der Ermahnung, streng zu pruͤfen. Es kam der 6. Juni, der Koͤnig lag schlecht darnieder, er ließ sich dennoch zum Altare tragen und opferte und betete, er be- fahl, daß die Abfahrt der Flotte verschoben wuͤrde. Es folgte eine traurige Nacht; kaum vermochte der Koͤnig am andern Mor- gen noch zu opfern; er befahl, daß sich die Generale in den Vorzimmern der Schlosses versammeln, daß die Hauptleute und Officiere im Schloßhofe beisammen bleiben sollten. Er selbst ließ sich aus den Gaͤrten zuruͤck in das Schloß tragen. Mit jedem Augenblick ward er schwaͤcher; als die Anfuͤhrer ein- traten, erkannte er sie zwar noch, vermochte aber nicht mehr zu sprechen. Diese Nacht, den folgenden Tag, die folgende Nacht waͤhrte das Fieber, der Koͤnig lag sprachlos. Der Eindruck, den des Koͤnigs Krankheit im Heere und in der Stadt hervorbrachte, ist nicht zu beschreiben; die Ma- cedonier draͤngten sich um das Schloß, sie verlangten ihren Koͤnig zu sehen, sie fuͤrchteten, er sei schon todt und man ver- hehle es; sie ließen mit Weheklagen, mit Drohungen und Bit- ten nicht ab, bis man ihnen die Thuͤr oͤffnete; sie gingen dann alle nach einander bei ihres Koͤnigs Lager vorbei, und Alexander hob das Haupt ein Wenig, reichte jedem die Rechte und winkte mit dem Auge seinen Veteranen den Abschiedsgruß. Denselben Tag, es war der 10. Juni, gingen Pithon, Pencestas, Seleukus und Andere in den Tempel des Serapis und fragten den Gott, ob es dem Koͤnige besser sei, wenn er sich in den Tempel des Gottes bringen lasse und zu dem Gotte betete; ihnen ward die Antwort: „Bringet ihn nicht, wenn er dort bleibt, wird ihm bald besser werden.“ Und Tages darauf, am 11. Juni gegen Abend, starb Alexander. So nach den authentischen Tagebuͤchern, die von Eumenes und Diodotus verfaßt waren; wenn Aristobul den 13. Juni bezeich- nete, so scheint er entweder geirrt oder minder genau geschrieben zu haben. Die vielgeruͤhmten Reden, die der Koͤnig auf seinem qualvollen Sterbebett gehalten haben soll, sind nicht von histori- scher Wahrscheinlichkeit; oder wuͤrde er bei der Frage, wer ihn beer- ben sollte, im Angesicht des Todes mit etwas frostiger Emphase „der Wuͤrdigste“ gesagt, und nicht lieber, wenn er noch an das Irdische denken und daruͤber sprechen konnte, eine klare und ver- staͤndige Antwort, von der das Wohl einer Welt abhing, gegeben haben? Andere noch unsinnigere Dinge, die aus dem Sterbenden einen Theaterhelden machen, uͤbergehe ich. Nach einer Sage war Roxane in den letzten Tagen um Alexander. —