Abhandlung uͤber den Ursprung der Sprache, welche den von der Koͤnigl. Academie der Wissenschaften fuͤr das Jahr 1770 gesezten Preis erhalten hat. Von Herrn Herder. Auf Befehl der Academie herausgegeben. Vocabula sunt notae rerum. Cic. Berlin, bey Christian Friedrich Voß , 1772. Erster Theil. Haben die Menschen , ihren Naturfaͤhigkeiten uͤberlassen, sich selbst Sprache erfinden koͤnnen? A Erster Abschnitt. S chon als Thier, hat der Mensch Sprache. Alle heftigen und die hef- tigsten unter den heftigen, die schmerzhaften Em- pfindungen seines Koͤrpers, alle starke Leidenschaf- ten seiner Seele aͤußern sich unmittelbar in Ge- schrei, in Toͤne, in wilde, unartikulirte Laute. Ein leidendes Thier sowohl, als der Held Philok- tet, wenn es der Schmerz anfaͤllet, wird wim- mern! wird aͤchzen! und waͤre es gleich verlassen, auf einer wuͤsten Jnsel, ohne Anblick, Spur und Hoffnung eines huͤlfreichen Nebengeschoͤpfes — Es ist, als obs freier athmete, indem es dem bren- nenden, geaͤngstigten Hauche Lust giebt: es ist, als obs einen Theil seines Schmerzes verseufzte, A 2 und und aus dem leeren Luftraum wenigstens neue Kraͤfte zum Verschmerzen in sich zoͤge, indem es die tauben Winde mit Aechzen fuͤllet. So wenig hat uns die Natur, als abgesonderte Steinfelsen, als egoistische Monaden geschaffen! Selbst die feinsten Saiten des thierischen Gefuͤhls (ich muß mich dieses Gleichnisses bedienen, weil ich fuͤr die Mechanik fuͤhlender Koͤrper kein besseres weiß!) — selbst die Saiten, deren Klang und Anstrengung gar nicht von Willkuͤhr und langsamen Bedacht herruͤhret, ja deren Natur noch von aller forschen- den Vernunft nicht hat erforscht werden koͤnnen, selbst die sind in ihrem ganzen Spiele, auch ohne das Bewustseyn fremder Sympathie zu einer Aeußerung auf andre Geschoͤpfe gerichtet. Die ge- schlagne Saite thut ihre Naturpflicht: — sie klingt! sie ruft einer gleichfuͤhlenden Echo; selbst wenn kei- ne da ist, selbst wenn sie nicht hoffet und wartet, daß ihr eine antworte. Sollte die Physiologie je so weit kommen, daß sie die Seelenlehre demonstrirte, woran ich aber sehr zweifle, so wuͤrde sie dieser Erscheinung man- chen Lichtstrahl aus der Zergliederung des Nerven- baues baues zufuͤhren; sie vielleicht aber auch in Einzelne, zu kleine und stumpfe Bande vertheilen. Lasset sie uns jezt im Ganzen, als ein helles Naturgesetz annehmen: „ Hier ist ein empfindsames We- „sen, das keine seiner lebhaften Empfindun- „gen in sich einschließen kann; das im ersten „uͤberraschenden Augenblick, selbst ohne Will- „kuͤhr und Absicht jede in Laut aͤußern muß. „ Das war gleichsam der lezte, muͤtterliche Druck, der bildenden Hand der Natur, daß sie allen das Gesetz auf die Welt mitgab: „ empfinde nicht „fuͤr dich allein: sondern dein Gefuͤhl toͤne! „ und da dieser lezte schaffende Druck auf alle von Einer Gattung Einartig war: so wurde dies Ge- setz Segen: „ deine Empfindung toͤne deinem „Geschlecht Einartig, und werde also von „Allen, wie von Einem mitfuͤhlend vernom- „men! „ Nun ruͤhre man es nicht an, dies schwache, empfindsame Wesen! so allein und ein- zeln und jedem feindlichen Sturme des Weltalls es ausgesetzt scheinet; so ists nicht allein: es steht mit der ganzen Natur im Bunde! zartbesaitet; aber die Natur hat in diese Saiten Toͤne verbor- A 3 gen, gen, die, gereizt und ermuntert, wieder andre gleich zart gebaute Geschoͤpfe wecken, und wie durch eine unsichtbare Kette, einem entfernten Her- zen Funken mittheilen koͤnnen, fuͤr dies ungesehene Geschoͤpf zu fuͤhlen — Diese Seufzer, diese Toͤne sind Sprache. Es giebt also eine Spra- che der Empfindung, die unmittelbares Na- turgesetz ist. Daß der Mensch sie urspruͤnglich mit den Thieren gemein habe, bezeugen jezt freilich mehr gewisse Reste, als volle Ausbruͤche; allein auch diese Reste sind unwiedersprechlich. — Unsre kuͤnstliche Sprache mag die Sprache der Natur so verdraͤnget, unsre buͤrgerliche Lebensart und gesell- schaftliche Artigkeit mag die Fluth und das Meer der Leidenschaften so gedaͤmmet, ausgetroknet und abgeleitet haben, als man will; der heftigste Au- genblick der Empfindung, wo? und wie selten er sich finde? nimmt noch immer sein Recht wieder, und toͤnt in seiner muͤtterlichen Sprache unmittel- bar durch Accente. Der auffahrende Sturm einer Leidenschaft, der ploͤzliche Ueberfall von Freude oder Frohheit; Schmerz und Jammer, wenn sie tiefe Fur- Furchen in die Seele graben; ein uͤbermannendes Gefuͤhl von Rache, Verzweiflung, Wuth, Schre- cken, Grausen u. s. w. alle kuͤndigen sich an, und jede nach ihrer Art verschieden an. So viel Gat- tungen von Fuͤhlbarkeit in unsrer Natur schlum- mern, so viel auch Tonarten — — Jch merke also an, daß je weniger die menschliche Natur mit einer Thierart verwandt; je ungleichar- tiger sie mit ihr am Nervenbaue ist: desto- weniger ist ihre Natursprache uns verstaͤnd- lich. Wir verstehen als Erdenthiere, das Erden- thier besser, als das Wassergeschoͤpf, und auf der Erde das Heerdethier besser, als das Waldgeschoͤpf; und unter den Heerdethieren die am meisten, die uns am naͤchsten kommen. Nur daß freilich auch bei diesen Umgang und Gewohnheit mehr oder weniger thut. Es ist natuͤrlich, daß der Araber, der mit seinem Pferde nur Ein Stuͤck ausmacht, es mehr versteht, als der, der zum Erstenmal ein Pferd beschreitet; fast so gut, als Hektor in der Jliade mit den Seinigen sprechen konnte. Der Araber in der Wuͤste, der nichts lebendiges um sich hat, als sein Kameel, und etwa den Flug um- A 4 irren- irrender Voͤgel, kann leichter jenes Natur verstehen und das Geschrei dieser zu verstehen glauben, als wir in unsern Behausungen. Der Sohn des Wal- des, der Jaͤger, versteht die Stimme des Hirsches, und der Lapplaͤnder seines Rennthiers — Doch alles das folgt oder ist Ausnahme. Eigentlich ist diese Sprache der Natur eine Voͤlkersprache fuͤr jede Gattung unter sich, und so hat auch der Mensch die Seinige — — Nun sind freilich diese Toͤne sehr einfach; und wenn sie artikulirt, und als Jnterjektionen aufs Papier hinbuchstabiert werden; so haben die entgegengeseztesten Empfindungen fast Einen Aus- druck. Das matte Ach! ist sowohl Laut der zer- schmelzenden Liebe, als der sinkenden Verzweif- lung; das feurige O! sowohl Ausbruch der ploͤz- lichen Freude, als der auffahrenden Wuth; der stei- genden Bewunderung, als des zuwallenden Bejam- merns; allein sind denn diese Laute da, um als Jnterjektionen aufs Papier gemahlt zu werden? Die Thraͤne, die in diesem truͤben, erloschnen, nach Trost schmachtenden Auge schwimmt — wie ruͤhrend ist sie im ganzen Gemaͤlde des Antlitzes der der Wehmuth; nehmet sie allein und sie ist ein kalter Wassertropfe! bringet sie unters Mikroscop und — ich will nicht wissen, was sie da seyn mag! Dieser ermattende Hauch, der halbe Seufzer, der auf der vom Schmerz verzognen Lippe so ruͤhrend stirbt — sondert ihn ab von allen seinen lebendi- gen Gehuͤlfen und er ist ein leerer Luftstoß. Kanns mit den Toͤnen der Empfindung anders seyn? Jn ihrem lebendigen Zusammenhange, im ganzen Bilde der wuͤrkenden Natur, begleitet von so vie- len andern Erscheinungen sind sie ruͤhrend und gnugsam; aber von allen getrennet, herausgerissen, ihres Lebens beraubet, freilich nichts als Ziffern. Die Stimme der Natur ist gemahlter, verwill- kuͤhrter Buchstabe. — — Wenig sind dieser Sprachtoͤne freilich; allein die empfindsame Na- tur, so fern sie blos Mechanisch leidet, hat auch weniger Hauptarten der Empfindung, als unsre Psychologien der Seele, als Leidenschaften, anzaͤh- len oder andichten. Nur jedes Gefuͤhl ist in sol- chem Zustande, je weniger in Faͤden zertheilt, ein um so maͤchtiger anziehendes Band: die Toͤne re- den nicht viel, aber stark. Ob der Klageton uͤber A 5 Wun- Wunden der Seele oder des Koͤrpers wimmern? Ob dieses Geschrei von Furcht oder Schmerz aus- gepreßt werde? ob dies weiche Ach sich mit einem Kuß oder einer Thraͤne an den Busen der Gelieb- ten druͤcke? — alle solche Unterschiede zu bestim- men, war diese Sprache nicht da. Sie sollte zum Gemaͤlde hinruffen; dies Gemaͤlde wird schon vor sich selbst reden! sie sollte toͤnen, nicht aber schil- dern! — Ueberhaupt graͤnzen nach jener Fabel des Sokrates Schmerz und Wollust: die Natur hat in der Empfindung ihre Ende zusammenge- knuͤpft, und was kann also die Sprache der Em- pfindung anders, als solche Beruͤhrungspunkte zeigen? — — — Jezt darf ich anwenden. Jn allen Sprachen des Ursprungs toͤnen noch Reste dieser Naturtoͤne; nur freilich sind sie nicht die Hauptfaͤden der menschlichen Spra- che. Sie sind nicht die eigentlichen Wurzeln, aber die Saͤfte, die die Wurzeln der Sprache beleben. Jn einer feinen, spaͤt erfundnen Metaphysi- schen Sprache, die von der urspruͤnglichen wilden Mutter des menschlichen Geschlechts eine Abart vielleicht im vierten Gliede, und nach langen Jahr- tausen- tausenden der Abartung selbst wieder Jahrhunderte ihres Lebens hindurch, verfeinert, civilisirt und humanisirt worden: eine solche Sprache, das Kind der Vernunft und Gesellschaft, kann wenig oder nichts mehr von der Kindheit ihrer ersten Mutter wissen; allein die alten, die wilden Sprachen, je naͤher zum Ursprunge, enthalten davon desto mehr. Jch kann hier noch nicht von der geringsten menschlichen Bildung der Sprache reden: son- dern nur rohe Materialien betrachten — Noch ersistirt fuͤr mich kein Wort: sondern nur Toͤne zum Wort einer Empfindung; aber sehet! in den genannten Sprachen, in ihren Jnterjektionen, in den Wurzeln ihrer Nominum und Verborum wie viel aufgefangene Reste dieser Toͤne! Die aͤltesten Morgenlaͤndischen Sprachen sind voll von Aus- ruͤfen, fuͤr die wir spaͤtergebildeten Voͤlker oft nichts als Luͤcken, oder stumpfen, tauben Mißverstand haben. Jn ihren Elegien toͤnen, wie bei den Wilden auf ihren Graͤbern, jene Heul- und Kla- getoͤne, eine fortgehende Jnterjektion der Natur- sprache; in ihren Lobpsalmen das Freudengeschrei und die wiederkommenden Hallelujahs, die Schaw aus aus dem Munde der Klageweiber erklaͤret, und die bei uns so oft feierlicher Unsinn sind. Jm Gang, im Schwunge ihrer Gedichte und der Gesaͤnge andrer alten Voͤlker toͤnet der Ton, der noch die Krieges- und Religionstaͤnze, die Trauer- und Freudengesaͤnge aller Wilden belebet, sie moͤ- gen am Fuße der Cordilleras, oder im Schnee der Jrokoͤsen, in Brasilien oder auf den Karaiben wohnen. Die Wurzeln ihrer einfachsten, wuͤrk- samsten, fruͤhesten Verben endlich sind jene ersten Ausruͤfe der Natur, die erst spaͤter gemodelt wur- den, und die Sprachen aller alten und wilden Voͤlker sind daher in diesem innern, lebendigen Tone fuͤr Fremde ewig unaussprechlich! Jch kann die meisten dieser Phaͤnomene im Zu- sammenhange erst spaͤter erklaͤren; hier stehe nur Eins. Einer der Vertheidiger des goͤttlichen Ur- sprunges der Sprache Suͤßmilchs Beweis, daß der Ursprung der menschli- chen Sprache göttlich sei, Berlin 1766. S. 21, findet darinn goͤttliche Ordnung zu bewundern, „ daß sich die Laute „aller uns bekannten Sprachen auf etliche „zwanzig Buchstaben bringen lassen. „ Allein das das Faktum ist falsch, und der Schluß noch un- richtiger. Keine einzige lebendigtoͤnende Sprache laͤßt sich vollstaͤndig in Buchstaben bringen, und noch weniger in zwanzig Buchstaben: dies zeugen alle Sprachen saͤmtlich und sonders. Die Artiku- lationen unsrer Sprachwerkzeuge sind so viel; Ein jeder Laut wird auf so mannichfaltige Weise ausge- sprochen, daß z. E. Herr Lambert im zweiten Theil seines Organon mit Recht hat zeigen koͤn- nen, „wie weit weniger wir Buchstaben, als Laute „haben,„ und „wie unbestimmt also diese von je- „nen ausgedruͤckt werden koͤnnen.„ Und das ist doch nur aus der deutschen Sprache gezeiget, die die Vieltoͤnigkeit und den Unterschied ihrer Dialekte noch nicht einmal in eine Schriftsprache aufgenom- men hat; vielweniger wo die ganze Sprache nichts als solch ein lebendiger Dialekt ist? Woher ruͤhren alle Eigenheiten und Sonderbarkeiten der Ortho- graphie, als wegen der Unbehuͤlflichkeit zu schrei- ben, wie man spricht? Welche lebendige Sprache laͤßt sich, ihren Toͤnen nach, aus Buͤcherbuchstaben lernen? Und welche todte Sprache daher aufwe- cken? — — Je lebendiger nun eine Sprache ist, je je weniger man daran gedacht hat, sie in Buchsta- ben zu fassen, je urspruͤnglicher sie zum vollen, unausgesonderten Laute der Natur hinaufsteigt, desto minder ist sie auch schreibbar, desto minder mit zwanzig Buchstaben schreibbar; ja oft fuͤr Fremdlinge ganz unaussprechlich. Der P. Rasles, der sich zehn Jahr unter den Abenakiern in Nord- amerika aufgehalten, klagt hieruͤber so sehr, daß er mit aller Aufmerksamkeit doch oft nur die Haͤlfte des Worts wiederholet und sich laͤcherlich gemacht — wie weit laͤcherlicher haͤtte er mit seinen franzoͤsi- schen Buchstaben beziffert? Der P. Chaumont, der 50 Jahr unter den Huronen zugebracht, und sich an eine Grammatik ihrer Sprache gewagt, klagt dem ohngeachtet uͤber ihre Kehlbuchstaben und ihre unaussprechlichen Accente: „oft haͤtten zwei „Woͤrter, die ganz aus einerlei Buchstaben bestuͤn- „den, die verschiedensten Bedeutungen.„ Gar- cilasso di Vega, beklagt sich uͤber die Spanier, wie sehr sie die Peruanische Sprache im Laute der Woͤrter verstellet, verstuͤmmelt, verfaͤlscht und aus bloßen Verfaͤlschungen den Peruanern das schlimm- ste Zeug angedichtet. De la Condamine sagt von einer einer kleinen Nation am Amazonenfluß: „ein Theil „von ihren Woͤrtern koͤnnte nicht, auch nicht ein- „mal sehr unvollstaͤndig geschrieben werden. Man „muͤste wenigstens neun oder zehn Sylben dazu „gebrauchen, wo sie in der Aussprache kaum drei „auszusprechen scheinen.„ La Loubere von der Siamschen Sprache: „unter zehn Woͤrtern, die der „Europaͤer ausspricht, versteht ein gebohrner Sia- „mer vielleicht kein einziges; man mag sich Muͤhe „geben, so viel man will, ihre Sprache mit un- „sern Buchstaben auszudruͤkken.„ Und was brau- chen wir Voͤlker aus so entlegenen Enden der Erde? Unser kleine Rest von Wilden in Europa, Esthlaͤn- der und Lappen u. s. w. haben oft eben so halb ar- tikulirte und unschreibbare Schaͤlle, als Huronen und Peruaner. Russen und Polen, so lange ihre Sprachen geschrieben und schriftgebildet sind, aspiriren noch immer so, daß der wahre Ton ihrer Organisation nicht durch Buchstaben gemahlt wer- den kann. Der Englaͤnder, wie quaͤlet er sich seine Toͤne zu schreiben, und wie wenig ist der noch, der geschriebnes Englisch versteht, ein sprechender Englaͤnder? Der Franzose, der weniger aus der Kehle Kehle hinaufholet, und der Halbgrieche, der Jta- liener, der gleichsam in einer hoͤhern Gegend des Mundes, in einem feinern Aether spricht, behaͤlt immer noch lebendigen Ton. Seine Laute muͤssen innerhalb der Organe bleiben, wo sie gebildet wor- den: als gemahlte Buchstaben sind sie, so bequem und einartig sie der lange Schriftgebrauch gemacht habe, immer nur Schatten! Das Faktum ist also falsch, und der Schluß noch falscher: er kommt nicht auf einen goͤttlichen, sondern gerad umgekehrt, auf einen thierischen Ur- sprung. Nehmet die so genannte goͤttliche erste Sprache, die hebraͤische, von der der groͤßte Theil der Welt, die Buchstaben geerbet: daß sie in ihrem Anfange so lebendigtoͤnend, so unschreibbar gewesen, daß sie nur sehr unvollkommen geschrie- ben werden konnte, — dies zeigt offenbar der ganze Bau ihrer Grammatik, ihre so vielfachen Verwech- selungen aͤhnlicher Buchstaben, ja am allermeisten der voͤllige Mangel ihrer Vokale. Woher kommt die Sonderbarkeit, daß ihre Buchstaben nur Mit- lauter sind, und daß eben die Elemente der Worte, auf die alles ankommt, die Selbstlauter, urspruͤng- lich lich gar nicht geschrieben wuͤrden? Diese Schreib- art ist dem Lauf der gesunden Vernunft so entge- gen, das Unwesentliche zu schreiben, und das We- sentliche auszulassen, daß sie den Grammatikern unbegreiflich seyn muͤste, wenn Grammatiker zu begreifen gewohnt waͤren. Bei uns sind die Vo- kale das Erste und Lebendigste und die Thuͤrangeln der Sprache; bei jenen werden sie nicht geschrie- ben — Warum? — Weil sie nicht geschrieben werden konnten. Jhre Aussprache war so lebendig und feinorganisirt, ihr Hauch war so geistig und aetherisch, daß er verduftete, und sich nicht in Buchstaben fassen ließ. Nur erst bei den Grie- chen wurden diese lebendige Aspirationen in foͤrm- liche Vokale aufgefaͤdelt, denen doch noch Spiri- tus u. s. w. zu Huͤlfe kommen musten; da bei den Morgenlaͤndern die Rede gleichsam ganz Spiritus, fortgehender Hauch und Geist des Mundes war, wie sie sie auch so oft in ihren malenden Gedichten benennen. Es war Othem Gottes, wehende Luft, die das Ohr aufhaschete, und die todten Buchsta- ben, die sie hinmaleten, waren nur der Leichnam, der lesend mit Lebensgeist beseelet werden muste. B Was Was das fuͤr einen gewaltigen Einfluß auf das Verstaͤndniß ihrer Sprache hat, ist hier nicht der Ort zu sagen; daß dies Wehende aber den Ursprung ihrer Sprache verrathe, ist offenbar. Was ist unschreibbarer, als die unartikulirten Toͤne der Natur? Und wenn die Sprache, je naͤher ihrem Ursprunge desto unartikulirter ist — was folgt, als daß sie wohl nicht von einem hoͤhern Wesen fuͤr die vier und zwanzig Buchstaben, und diese Buchstaben gleich mit der Sprache erfun- den, daß diese ein weit spaͤterer nur unvoll- kommener Versuch gewesen, sich einige Merkstaͤbe der Erinnerung zu setzen, und daß jene nicht aus Buchstaben der Grammatik Gottes, sondern aus wilden Toͤnen freier Organe entstanden sey Die beste Schrift fuͤr diese noch zum Theil unausgear- beitete Materie ist Wachteri naturae \& scripturae concor- dia, Hafn. 1752. die sich von den Kircherschen und so viel andern Träumen, wie Alterthumsgeschichte von Märchen unterscheidet. . Es waͤre doch sonst artig, daß eben die Buchstaben, aus denen und fuͤr die Gott die Sprache erfunden, mit Huͤlfe derer er den ersten Menschen die Spra- che beigebracht, eben die allerunvollkommensten in in der Welt waͤren, die gar nichts vom Geist der Sprache sagten und in ihrer ganzen Bauart offenbar bekennen, daß sie nichts davon sagen wollen — — Es verdiente diese Buchstabenhypothese freilich ihrer Wuͤrde nach nur Einen Wink: aber ihrer Allgemeinheit und mannichfaltigen Beschoͤnigung wegen, muste ich ihren Ungrund entbloͤßen, und in ihm sie zugleich erklaͤren, wie mir wenigstens keine Erklaͤrung bekannt ist. Zuruͤck auf unsre Bahn: Da unsre Toͤne der Natur zum Ausdrucke der Leidenschaft bestimmt sind, so ists natuͤrlich, daß sie auch die Elemente aller Ruͤbrung werden! Wer ists, dem bei einem zuckenden, wimmern- den Gequaͤlten, bei einem aͤchzenden Sterbenden, auch selbst bei einem stoͤhnenden Vieh, wenn seine ganze Maschiene leidet, dies Ach, nicht zu Herzen dringe? — Wer ist der fuͤhllose Barbar? Je harmonischer das empfindsame Saitenspiel selbst bei Thieren mit andern Thieren gewebt ist: desto mehr fuͤhlen selbst diese mit einander; ihre Nerven kommen in eine gleichmaͤßige Spannung, ihre B 2 Seele Seele in einen gleichmaͤßigen Ton, sie leiden wuͤrk- lich mechanisch mit. Und welche Staͤhlung seiner Fibern! — Welche Macht, alle Oeffnungen sei- ner Empfindsamkeit zu verstopfen gehoͤrt dazu, daß ein Mensch hiegegen taub und hart werde! — — Diderot Lettre sur les Aveugles à l’usage de ceux qui voyent \&c. meint, daß ein blindgebohrner ge- gen die Klagen eines leidenden Thiers unempfind- licher seyn muͤste, als ein Sehender; allein ich glau- be, unter gewissen Faͤllen, das Gegentheil. Freilich ist ihm das ganze ruͤhrende Schauspiel dieses elenden zuckenden Geschoͤpfs verhuͤllet; allein alle Beispiele sagen, daß eben durch diese Verhuͤllung das Gehoͤr weniger zerstreut, horchender und maͤchtig eindrin- gender werde. Da lauschet er also im Finstern, in der Stille seiner ewigen Nacht, und jeder Kla- geton geht ihm, um so inniger und schaͤrfer, wie ein Pfeil, zum Herzen! Nun nehme er noch das tastende, langsam umspannende Gefuͤhl zu Huͤlfe, taste die Zuckungen, erfuͤhle den Bruch der leiden- den Maschiene sich ganz, — Grausen und Schmerz faͤhrt durch seine Glieder: sein innrer Nervenbau fuͤhlt fuͤhlt Bruch und Zerstoͤhrung mit: der Todeston toͤ- net. Das ist das Band dieser Natursprache! Ueberall sind die Europaͤer, Trotz ihrer Bil- dung und Mißbildung! von den rohen Klagetoͤnen der Wilden heftig geruͤhrt worden. Leri erzaͤhlt aus Brasilien, wie sehr seine Leute von dem herz- lichen, unfoͤrmlichen Geschrei der Liebe und Leut- seligkeit dieser Amerikaner bis zu Thraͤnen seyn er- weicht worden. Charlevoix und andre wissen nicht gnug den grausenden Eindruck auszudruͤcken, den die Krieges- und Zauberlieder der Nordameri- kaner machen. Wenn wir spaͤter Gelegenheit ha- ben werden zu bemerken, wie sehr die alte Poesie und Musik von diesen Naturtoͤnen sey belebet wor- den: so werden wir auch die Wuͤrkung philosophi- scher erklaͤren koͤnnen, die z. E. der aͤlteste griechi- sche Gesang, und Tanz, die alte griechische Buͤhne, und uͤberhaupt Musik, Tanz und Poesie noch auf alle Wilde machen. Und auch selbst bei uns, wo freilich die Vernunft oft die Empfindung und die kuͤnstliche Sprache der Gesellschaft die Toͤne der Natur aus ihrem Amt setzet, kommen nicht noch oft die hoͤchsten Donner der Beredsamkeit, die maͤch- B 3 tigsten tigsten Schlaͤge der Dichtkunst, und die Zauber- momente der Aktion, dieser Sprache der Natur, durch Nachahmung nahe? Was ists, was dort im versammleten Volke Wunder thut, Herzen durchbohrt und Seelen umwaͤlzet? — Geistige Rede und Metaphysik? Gleichnisse und Figuren? Kunst und kalte Ueberzeugung? So fern der Tau- mel nicht blind seyn soll, muß vieles durch sie ge- schehen, aber Alles? und eben dies hoͤchste Mo- ment des blinden Taumels, wodurch wurde das? — durch ganz eine andre Kraft! — Diese Toͤne, diese Gebehrden, jene einfachen Gaͤnge der Melodie, diese ploͤzliche Wendung, diese dammernde Stim- me, — was weiß ich mehr? Bei Kindern, und dem Volk der Sinne, bei Weibern, bei Leuten von zartem Gefuͤhl, bei Kranken, Einsamen, Be- truͤbten, wuͤrken sie tausendmal mehr, als die Wahrheit selbst wuͤrken wuͤrde, wenn ihre leise, feine Stimme vom Himmel toͤnte. Diese Worte, dieser Ton, die Wendung dieser grausenden Ro- manze u. s. w. drangen in unsrer Kindheit, da wir sie das erstemal hoͤrten, ich weiß nicht, mit wel- chem Heere von Nebenbegriffen des Schauders, der der Feier, des Schreckens, der Furcht, der Freu- de, in unsre Seele — Das Wort toͤnet, und wie eine Schaar von Geistern stehen sie alle mit Einmal in ihrer dunkeln Majestaͤt aus dem Grabe der Seele auf: sie verdunkeln den reinen, hellen Begriff des Worts, der nur ohne sie gefaßt wer- den konnte — Das Wort ist weg und der Ton der Empfindung toͤnet. Dunkles Gefuͤhl uͤberman- net uns: der Leichtsinnige grauset und zittert — nicht uͤber Gedanken, sondern uͤber Sylben, uͤber Toͤne der Kindheit und es war Zauberkraft des Redners, des Dichters, uns wieder zum Kinde zu machen. Kein Bedacht, keine Ueberlegung, das bloße Naturgesetz lag zum Grunde: „ Ton „der Empfindung soll das sympathetische „Geschoͤpf in denselben Ton versetzen! „ Wollen wir also diese unmittelbaren Laute der Empfindung Sprache nennen; so sinde ich ihren Ursprung allerdings sehr natuͤrlich. Er ist nicht blos nicht uͤbermenschlich: sondern offenbar thie- risch: das Naturgesetz einer empfindsamen Maschiene. B 4 Aber Aber ich kann nicht meine Verwunderung ber- gen, daß Philosophen, das ist, Leute, die deut- liche Begriffe suchen, je haben auf den Gedanken kommen koͤnnen, aus diesem Geschrei der Empfin- dungen den Ursprung menschlicher Sprache zu er- klaͤren: denn ist diese nicht offenbar ganz etwas an- ders? Alle Thiere, bis auf den stummen Fisch, toͤnen ihre Empfindung; deswegen aber hat doch kein Thier, selbst nicht das vollkommenste, den ge- ringsten, eigentlichen Anfang zu einer menschlichen Sprache. Man bilde und verfeinere und organi- sire dies Geschrei, wie man wolle; wenn kein Verstand dazu kommt, diesen Ton mit Absicht zu brauchen: so sehe ich nicht, wie nach dem vorigen Naturgesetz je menschliche, willkuͤhrliche Sprache werde? Kinder sprechen Schaͤlle der Empfindung, wie die Thiere; ist aber die Sprache, die sie von Menschen lernen, nicht ganz eine andre Sprache? Der Abt Condillac Essai sur l’origine des connoissances humaines, Vol. 11. ist in dieser Anzahl. Entweder er hat das ganze Ding Sprache schon vor der ersten Seite seines Buchs erfunden vor- aus- ausgesezt: oder ich finde auf jeder Seite Dinge, die sich gar nicht in der Ordnung einer bildenden Sprache zutragen konnten. Er sezt zum Grunde seiner Hypothese: „zwei Kinder, in eine Wuͤste, „ehe sie den Gebrauch irgend eines Zeichens ken- „nen.„ Warum er nun dies alles setze: „zwei „Kinder,„ die also umkommen, oder Thier wer- den muͤssen, „in eine Wuͤste,„ wo sich die Schwuͤhrigkeit ihres Unterhalts und ihrer Erfin- dung noch vermehret: „vor dem Gebrauch jedes „natuͤrlichen Zeichens, und gar vor aller Kaͤnnt- „niß desselben,„ ohne welche doch kein Saͤugling nach wenigen Wochen seiner Geburt ist — warum, sage ich, in einer Hypothese, die dem Naturgange menschlicher Kaͤnntniß nachspuͤhren soll, solche un- natuͤrliche, sich wiedersprechende Data zum Grunde gelegt werden muͤssen, mag ihr Verfasser wissen; daß aber auf sie keine Erklaͤrung des Ursprungs der Sprache gebauet sey, getraue ich mich zu erweisen. Seine beiden Kinder kommen ohne Kaͤnntniß je- des Zeichens zusammen, und — siehe da! im er- sten Augenblicke (§. 2.) „sind sie schon im gegensei- „tigen Commerz.„ Und doch blos durch dies ge- B 5 gensei- genseitige Commerz lernen sie erst, „mit dem Ge- „schrei der Empfindungen die Gedanken zu ver- „binden, deren natuͤrliche Zeichen jene sind.„ Natuͤrliche Zeichen der Empfindung durch das Com- merz lernen? Lernen, was fuͤr Gedanken damit zu verbinden sind? Und doch gleich im ersten Au- genblick der Zusammenkunft, noch vor der Kaͤnnt- niß dessen, was das dummste Thier kennet, Com- merz haben? Lernen koͤnnen, was mit gewissen Zeichen fuͤr Gedanken zu verknuͤpfen sind? — da- von begreiffe ich nichts. „Durch das Wiederkom- „men aͤhnlicher Umstaͤnde (§. 3.) gewoͤhnen sie sich, „mit den Schaͤllen der Empfindungen, und den „verschiednen Zeichen des Koͤrpers Gedanken zu „verbinden. Schon bekommt ihr Gedaͤchtniß „Uebung. Schon koͤnnen sie uͤber ihre Einbil- „dung walten und schon — sind sie so weit, das „mit Reflexion zu thun, was sie vorher blos durch „Jnstinkt thaten„ (und doch, wie wir eben gese- hen, vor ihrem Commerz nicht zu thun wuͤ- sten.) — Davon begreiffe ich nichts. „Der Ge- „brauch dieser Zeichen erweitert die Wuͤrkungen „der Seele (§. 4.) und diese vervollkommen die „Zeichen „Zeichen: Geschrei der Empfindungen wars also „(§. 5.) was die Seelenkraͤfte entwickelt ha t : Ge- „schrei der Empfindungen, das ihnen die Gewohn- „heit gegeben, Jdeen mit willkuͤhrlichen Zeichen „zu verbinden (§. 6.) Geschrei der Empfindun- „gen, das Jhnen zum Muster diente, sich eine „neue Sprache zu machen, neue Schaͤlle zu arti- „kuliren, sich zu gewoͤhnen, die Sachen mit Na- „men zu bezeichnen„ — Jch wiederhole alle diese Wiederholungen, und begreiffe von ihnen nichts. Endlich, nachdem der Verfasser auf diesen kindi- schen Ursprung der Sprache, die Prosodie, Dekla- mation, Musik, Tanz und Poesie der alten Spra- chen gebauet, und mit unter gute Anmerkungen vorgetragen, die aber zu unserm Zwecke nichts thun: so faßt er den Faden wieder an: „um zu begreiffen „(§. 80.) wie die Menschen unter sich uͤber den „Sinn der ersten Worte Eins geworden, die sie „brauchen wollten, ist genug, wenn man bemerkt, „daß sie sie in Umstaͤnden aussprachen, wo jeder „verbunden war, sie mit den nemlichen Jdeen zu „verbinden u. s. w.„ Kurz es entstanden Worte, weil Worte da waren ehe sie da waren — mich duͤnkt, duͤnkt, es lohnt nicht, den Faden unsres Erklaͤrers weiter zu verfolgen, da er doch — an nichts ge- knuͤpft ist. Condillac, weiß man, gab durch seine hole Erklaͤrung von Entstehung der Sprache Gelegen- heit, daß Rousseau Sur l’inégalité parmi les hommes \&c. Part. 1. in unserm Jahrhundert die Frage nach seiner Art in Schwung brachte, das ist bezweiffelte. Gegen Condillacs Erklaͤrung Zweifel zu finden, war eben kein Rousseau noͤ- thig; nur aber deswegen sogleich alle menschliche Moͤglichkeit der Spracherfindung zu leugnen — da- zu gehoͤrte freilich etwas Rousseau scher Schwung oder Sprung, wie mans nennen will. Weil Con- dillac die Sache schlecht erklaͤrt hatte; ob sie also auch gar nicht erklaͤrt werden koͤnne? Weil aus Schaͤllen der Empfindung nimmermehr eine mensch- liche Sprache wird, folgt daraus, daß sie nirgend anderswoher hat werden koͤnnen? Daß es nur wuͤrklich dieser verdekte Trugschluß sey, der Rousseau verfuͤhret, zeigt offenbar sein eigner Plan: Eben daselbst. „wie, wenn doch allenfalls „Spra- „Sprache haͤtte menschlich entstehen sollen, wie sie „haͤtte entstehen muͤssen?„ Er faͤngt, wie sein Vorgaͤnger, mit dem Geschrei der Natur an, aus dem die menschliche Sprache werde. Jch sehe nie, wie sie daraus geworden waͤre, und wundre mich, daß der Scharfsinn eines Rousseau sie einen Au- genblick daraus habe koͤnnen werden lassen? Maupertuis kleine Schrift ist mir nicht bei Haͤnden; wenn ich aber dem Auszuge eines Man- nes Süßmilch Beweis für die Göttlichkeit ꝛc. Anhang 3. S. 110. trauen darf, dessen nicht kleinstes Ver- dienst Treue und Genauigkeit war, so hat auch er den Ursprung der Sprache nicht gnug von die- sen thierischen Lauten abgesondert, und gehet also mit den vorigen auf einer Straße. Diodor endlich und Vitruv, die zudem den Menschenursprung der Sprache mehr geglaubt als hergeleitet, haben die Sachen am offenbarsten ver- dorben, da sie die Menschen, erst Zeitenlang, als Thiere, mit Geschrei in Waͤldern schweifen, und sich nachher, weiß Gott, woher? und weiß Gott! wozu? Sprache erfinden lassen — —. Da Da nun die meisten Verfechter der menschli- chen Sprachwerdung aus einem so unsichern Ort stritten, den andre, z. E. Suͤßmilch, mit so vie- lem Grunde bekaͤmpften: So hat die Akademie diese Frage, die also noch ganz unbeantwortet ist, und uͤber die sich selbst einige ihrer gewesnen Mit- glieder getheilt, einmal außer Streit wollen ge- sezt sehen. Und da dies große Thema so viel Aussichten in die Psychologie und Naturordnung des mensch- lichen Geschlechts, in die Philosophie der Spra- chen und aller Kaͤnntnisse, die mit Sprache erfun- den werden, verspricht — Wer wollte sich nicht daran versuchen? Und da die Menschen fuͤr uns die einzigen Sprachgeschoͤpfe sind, die wir kennen, und sich eben durch Sprache von allen Thieren unterscheiden: wo finge der Weg der Untersuchung sicherer an, als bei Erfahrungen uͤber den Unterschied der Thiere und Menschen? — Condillac und Rousseau mußten uͤber den Sprachursprung irren, weil sie sich uͤber diesen Unterschied so bekannt und verschie- den den irrten: da jener Traité sur les animaux. die Thiere zu Menschen, und dieser Sur l’origine de l’inégalité etc. die Menschen zu Thieren machte. Jch muß also etwas weit ausholen. Daß der Mensch den Thieren an Staͤrke und Sicherheit des Jnstinkts weit nachstehe, ja daß er das, was wir bei so vielen Thier- gattungen angebohrne Kunstfaͤhigkeiten und Kunsttriebe nennen, gar nicht habe, ist ge- sichert; nur so wie die Erklaͤrung dieser Kunst- triebe bisher den meisten und noch zulezt einem gruͤndlichen Philosophen Reimarus uͤber die Kunsttriebe der Thiere: S. Be- trachtungen drüber in den Briefen, die neueste Littera- tur betreffend ꝛc. Deutschlands mißgluͤ- cket ist, so hat auch die wahre Ursach von der Ent- behrung dieser Kunsttriebe in der menschlichen Na- tur noch nicht ins Licht gesezt werden koͤnnen. Mich duͤnkt, man hat einen Hauptgesichtspunkt verfehlt, aus dem man, wo nicht vollstaͤndige Er- klaͤrungen, so wenigstens Bemerkungen in der Na- tur tur der Thiere machen kann, die, wie ich fuͤr ei- nen andern Ort hoffe, die menschliche Seelenlehre sehr aufklaͤren koͤnnen. Dieser Gesichtspunkt ist „ die Sphaͤre der Thiere. „ Jedes Thier hat seinen Kreis, in den es von der Geburt an gehoͤrt, gleich eintritt, in dem es lebenslang bleibet, und stirbt: nun ist es aber sonderbar, „ daß je schaͤrfer die Sinne der „Thiere, und je wunderbarer ihre Kunst- „werke sind, desto kleiner ist ihr Kreis: de- „sto einartiger ist ihr Kunstwerk „ Jch habe diesem Verhaͤltnisse nachgespuͤhret und ich finde uͤberall eine wunderbare beobachtete „ umgekehrte „Proportion zwischen der mindern Extension „ihrer Bewegungen, Elemente, Nabrung, „Erhaltung, Paarung, Erziehung, Gesell- „schaft und ihren Trieben und Kuͤnsten. „ Die Biene in ihrem Korbe, bauet mit der Weisheit, die Egeria ihrem Numa nicht lehren konnte; aber außer diesen Zellen und außer ihrem Bestim- mungsgeschaͤft in diesen Zellen, ist sie auch Nichts. Die Spinne webet mit der Kunst der Minerve; aber alle ihre Kunst ist auch in diesem engen Spinn- raum raum verwebet; das ist ihre Welt! Wie wunder- sam ist das Jnsekt, und wie enge der Kreis sei- ner Wuͤrkung! Gegentheils. „ Je vielfacher die Verrich- „tungen, und Bestimmung der Thiere; je „zerstreuter ihre Aufmerksamkeit auf mehrere „Gegenstaͤnde, je unstaͤter ihre Lebensart, „kurz je groͤßer und vielfaͤltiger ihre Sphaͤre „ist; desto mehr sehen wir ihre Sinnlichkeit „sich vertheilen und schwaͤchen. „ Jch kann es mir hier nicht in Sinn nehmen, dies große Verhaͤltniß, was die Kette der lebendigen Wesen durchlaͤuft, mit Beispielen zu sichern; ich uͤberlasse jedem die Probe, oder verweise auf eine andre Ge- legenheit und schließe fort: Nach aller Wahrscheinlichkeit und Analogie lassen sich also „ alle Kunsttriebe und Kunstfaͤ- „higkeiten aus den Vorstellungskraͤften der „Thiere erklaͤren „, ohne daß man blinde Deter- minationen annehmen darf. (Wie auch noch selbst Reimarus angenommen, und die alle Philosophie verwuͤsten.) Wenn unendlich feine Sinne in einen kleinen Kreis, auf ein Einerlei eingeschlossen wer- C den, den, und die ganze andre Welt fuͤr sie nichts ist: wie muͤssen sie durchdringen! Wenn Vorstellungs- kraͤfte in einen kleinen Kreis eingeschlossen, und mit einer analogen Sinnlichkeit begabt sind, was muͤssen sie wuͤrken! Und wenn endlich Sinne und Vorstellungen auf Einen Punkt gerichtet sind, was kann anders, als Jnstinkt daraus werden? Aus ihnen also erklaͤret sich die Empfindsamkeit, die Faͤhigkeiten und Triebe der Thiere nach ihren Arten und Stuffen. Und ich darf also den Satz annehmen: „ die „Empfindsamkeit, Faͤhigkeiten und Kunst- „triebe der Thiere nehmen an Staͤrke und „Jntensitaͤt zu, im umgekehrten Verhaͤltnisse „der Groͤße und Mannichfaltigkeit ihres „Wuͤrkungskreises. „ Nun aber — Der Mensch hat keine so einfoͤrmige und enge Sphaͤre, wo nur Eine Arbeit auf ihn warte: — eine Welt von Geschaͤften und Bestimmungen liegt um ihn — Seine Sinne und Organisation sind nicht auf Eins geschaͤrft: er hat Sinne fuͤr alles und natuͤr- lich lich also fuͤr jedes Einzelne schwaͤchere und stumpfere Sinne — Seine Seelenkraͤfte sind uͤber die Welt ver- breitet; keine Richtung seiner Vorstellungen auf ein Eins: mithin kein Kunsttrieb, keine Kunstfertigkeit — und, das eine gehoͤrt hier naͤher her, keine Thiersprache. Was ist doch das, was wir, außer der vorher- angefuͤhrten Lautbarkeit der empfindenden Ma- schine, bei einigen Gattungen Thiersprache nen- nen, anders, als ein Resultat der Anmerkungen, die ich zusammen gereihet? ein dunkles sinnli- ches Einverstaͤndniß einer Thiergattung un- ter einander uͤber ihre Bestimmung, im Kreise ihrer Wuͤrkung. Je kleiner also die Sphaͤre der Thiere ist: desto weniger haben sie Sprache noͤthig. Je schaͤrfer ihre Sinne, je mehr ihre Vorstellungen auf Eins gerichtet, je ziehender ihre Triebe sind; desto zu- sammengezogner ist das Einverstaͤndniß ihrer et- wanigen Schaͤlle, Zeichen, Aeußerungen. — Es ist lebendiger Mechanismus, herschender Jnstinkt, C 2 der der da spricht und vernimmt. Wie wenig darf er sprechen, daß er vernommen werde! Thiere von dem engsten Bezirke sind also sogar gehoͤrlos; sie sind fuͤr ihre Welt ganz Gefuͤhl, oder Geruch, und Gesicht: ganz einfoͤrmiges Bild, einfoͤrmiger Zug, einfoͤrmiges Geschaͤfte; sie haben also wenig oder keine Sprache. Je groͤßer aber der Kreis der Thiere: je unter- schiedner ihre Sinne — doch was soll ich wieder- holen? mit dem Menschen aͤndert sich die Scene ganz. Was soll fuͤr seinen Wuͤrkungs- kreis, auch selbst im duͤrftigsten Zustande die Spra- che des redendsten, am vielfachsten toͤnenden Thie- res? Was soll fuͤr seine zerstreuten Begierden, fuͤr seine getheilte Aufmerksamkeit, fuͤr seine stumpfer witternden Sinne auch selbst die dunkle Sprache aller Thiere? Sie ist fuͤr ihn weder reich, noch deut- lich: weder hinreichend an Gegenstaͤnden, noch fuͤr seine Organe — also durchaus nicht seine Sprache: denn was heißt, wenn wir nicht mit Worten spielen wollen, die eigenthuͤmliche Spra- che eines Geschoͤpfs, als die seiner Sphaͤre von Beduͤrfnissen und Arbeiten, der Organisation sei- ner ner Sinne, der Richtung seiner Vorstellungen und der Staͤrke seiner Begierden angemessen ist — Und welche Thiersprache ist so fuͤr den Menschen? Jedoch es bedarf auch die Frage nicht. Wel- che Sprache, (außer der vorigen mechanischen), hat der Mensch so instinktmaͤßig, als jede Thiergattung die Jhrige in und nach ihrer Sphaͤre? — die Antwort ist kurz: keine! und eben diese kurze Antwort entscheidet. Bei jedem Thiere ist, wie wir gesehen, seine Sprache eine Aeußerung so starker sinnlicher Vor- stellungen, daß diese zu Trieben werden: mithin ist Sprache, so wie Sinne, und Vorstellungen und Triebe angebohren und dem Thier unmit- telbar natuͤrlich. Die Biene sumset, wie sie sauget; der Vogel singt wie er nistet — aber wie spricht der Mensch von Natur? Gar nicht! so wie er wenig oder nichts durch voͤlligen Jnstinkt, als Thier thut. Jch nehme bei einem neugebohr- nen Kinde das Geschrei seiner empfindsamen Ma- schine aus; sonst ists stumm; es aͤußert weder Vorstellungen noch Triebe durch Toͤne, wie doch jedes Thier in seiner Art; blos unter Thiere ge- C 3 stellet, stellet, ists also das verwaisetste Kind der Natur. Nackt und bloß, schwach und duͤrftig, schuͤchtern und unbewasnet: und was die Summe seines Elen- des ausmacht, aller Leiterinnen des Lebens be- raubt. — Mit einer so zerstreuten geschwaͤchten Sinnlichkeit, mit so unbestimmten, schlafenden Faͤhigkeiten, mit so getheilten und ermatteten Trieben gebohren, offenbar auf tausend Beduͤrf- nisse verwiesen, zu einem großen Kreise bestimmt — und doch so verwaiset und verlassen, daß es selbst nicht mit einer Sprache begabt ist, seine Maͤngel zu aͤußern — Nein! ein solcher Wiederspruch ist nicht die Haushaltung der Natur. Es muͤssen statt der Jnstinkte andre verborgne Kraͤfte in ihm schlafen! stummgebohren; aber — Zwei- Zweiter Abschnitt. D och ich thue keinen Sprung. Jch gebe dem Menschen, nicht gleich ploͤzlich neue Kraͤfte, „ keine Sprachschaffende Faͤhigkeit, „ wie eine wilkuͤhrliche Qualitas occulta. Jch suche nur in den vorherbemerkten Luͤcken und Maͤngeln weiter. Luͤcken und Maͤngel koͤnnen doch nicht der Charakter seiner Gattung seyn: oder die Natur war gegen ihn die haͤrteste Stiefmutter, da sie gegen jedes Jnsekt die liebreichste Mutter war. Jedem Jnsekt gab sie, was und wie viel es brauchte: Sinne zu Vorstellungen, und Vor- stellungen in Triebe gediegen; Organe zur Spra- che, so viel es bedorfte, und Organe, diese Spra- che zu verstehen. Bei dem Menschen ist alles in dem groͤßten Mißverhaͤltniß — Sinne und Beduͤrf- nisse, Kraͤfte und Kreis der Wuͤrksamkeit, der auf ihn wartet, seine Organe und seine Sprache — Es muß uns also „ ein gewisses Mittelglied feh- C 4 „len, „len, die so abstehende Glieder der Verhaͤlt- „niß zu berechnen. „ Faͤnden wirs: so waͤre nach aller Analogie der Natur „ diese Schadloshaltung seine Eigen- „heit, der Charakter seines Geschlechts: „ und alle Vernunft und Billigkeit foderte, diesen Fund fuͤr das gelten zu lassen, was er ist, fuͤr Na- turgabe, ihm so wesentlich als den Thieren der Jnstinkt. Ja faͤnden wir, „ eben in diesem Charakter „die Ursache jener Maͤngel; und eben in der „Mitte dieser Maͤngel „ in der Hoͤle jener gros- sen Entbehrung von Kunsttrieben den Keim zum Ersatze: so waͤre diese Einstimmung ein genetischer Beweis, daß hier „ die wahre Richtung der „Menschheit „ liege, und daß die Menschengat- tung uͤber den Thieren nicht an Stuffen des Mehr oder Weniger stehe, sondern an Art. Und faͤnden wir in diesem neugefundnen Cha- rakter der Menschheit sogar „ den nothwendigen „genetischen Grund zu Entstehung einer „Sprache fuͤr diese neue Art Geschoͤpfe, „ wie wir in den Jnstinkten der Thiere den unmit- telba- telbaren Grund zur Sprache fuͤr jede Gattung fanden; so sind wir ganz am Ziele. Jn dem Falle wuͤrde die „ Sprache dem Menschen so we- „sentlich, als — er ein Mensch ist. „ Man siehet, ich entwikle aus keinen willkuͤhrlichen, oder gesellschaftlichen Kraͤften, sondern aus der allge- meinen thierischen Oekonomie. Und nun folgt, daß wenn der Mensch Sinne hat, die fuͤr Einen kleinen Fleck der Erde, fuͤr die Arbeit und den Genuß einer Weltspanne den Sin- nen des Thiers, das in dieser Spanne lebet, nach- stehen an Schaͤrfe: so bekommen sie eben dadurch „ Vorzug der Freiheit; „Eben weil sie nicht „fuͤr einen Punkt sind, so sind sie allgemeinere „Sinne der Welt.„ Wenn der Mensch Vorstellungskraͤfte hat, die nicht auf den Bau einer Honigzelle und eines Spinngewebes bezirkt sind, und also auch den Kunstfaͤhigkeiten der Thiere in diesem Kreise nachstehen: so bekommen sie eben damit „ wei- tere Aussicht. „ Er hat kein einziges Werk, bei C 5 dem dem er also auch unverbesserlich handle; aber er hat freien Raum, sich an vielem zu uͤben, mithin sich immer zu verbessern. Jeder Gedanke ist nicht ein unmittelbares Werk der Natur, aber eben da- mit kanns sein eigen Werk werden. Wenn also hiermit der Jnstinkt wegfallen muß, der blos aus der Organisation der Sinne und dem Bezirk der Vorstellungen folgte, und keine blinde Determination war; so bekommt eben hiemit der Mensch, „ mehrere Helle. „ Da er auf keinen Punkt blind faͤllt und blind liegen bleibt: so wird er freistehend, kann sich eine Sphaͤre der Bespiegelung suchen, kann sich in sich bespiegeln. Nicht mehr eine unfehlbare Maschine in den Haͤnden der Natur, wird er sich selbst Zweck und Ziel der Bearbeitung. Man nenne diese ganze Disposition seiner Kraͤf- te, wie man wolle, Verstand, Vernunft, Besin- nung u. s. w. Wenn man diese Namen nicht fuͤr abgesonderte Kraͤfte, oder fuͤr bloße Stuffenerhoͤ- hungen der Thierkraͤfte annimmt: so gilts mir gleich. Es ist die „ ganze Einrichtung aller „menschlichen Kraͤfte; die ganze Haushal- „tung „ tung seiner sinnlichen und erkennenden, sei- „ner erkennenden und wollenden Natur; „ oder vielmehr — Es ist „ die Einzige positivs „Kraft des Denkens, die mit einer gewissen „ Organisation des Koͤrpers verbunden bei den „Menschen so Vernunft heißt, wie sie bei den „Thieren Kunstfaͤhigkeit wird: die bei ihm Frei- „heit heißt, und bei den Thieren Jnstinkt wird.„ Der Unterschied ist nicht in Stuffen, oder Zugabe von Kraͤften, sondern in einer ganz verschieden- artigen Richtung und Auswickelung aller Kraͤfte. Man sei Leibnitzianer oder Lockianer, Search oder Leowall, Eine in einem neuen Metaphysischen Werke beliebte Eintheilung Search’s Light of nature pursued Lond. 68. Jdealist oder Materialist, so muß man bei einem Einverstaͤndniß uͤber die Worte, zu Folge des Vorigen, die Sache zugeben, „ einen eignen Charakter der Menschheit, „ der hierinn und in nichts anders bestehet. Alle die dagegen Schwuͤrigkeit gemacht, sind durch falsche Vorstellungen und unaufgeraͤumte Begriffe hintergangen. Man hat sich die Ver- nunft des Menschen als eine neue, ganz abgetrennte Kraft Kraft in die Seele hinein gedacht, die dem Men- schen als eine Zugabe vor allen Thieren zu eigen geworden, und die also auch, wie die vierte Stuffe einer Leiter nach den drei untersten, allein betrach- tet werden muͤsse; und das ist freilich, es moͤgen es so große Philosophen sagen, als da wollen, Philosophischer Unsinn. Alle Kraͤfte unsrer und der Thierseelen sind nichts als Metaphysische Ab- straktionen, Wuͤrkungen! sie werden abgetheilt, weil sie von unserm schwachen Geiste nicht auf ein- mal betrachtet werden konnten: sie stehen in Ka- piteln, nicht, weil sie so Kapitelweise in der Na- tur wuͤrkten, sondern ein Lehrling sie sich vieleicht so am besten entwickelt. Daß wir gewisse ihrer Verrichtungen unter gewisse Hauptnamen ge- bracht haben z. E. Witz, Scharfsinn, Phantasie, Vernunft, ist nicht, als wenn je eine einzige Handlung des Geistes moͤglich waͤre, wo der Witz oder die Vernunft allein wuͤrkt: sondern nur, weil wir in dieser Handlung am meisten von der Ab- straktion entdecken, die wir Witz oder Vernunft nennen, z. E. Vergleichung oder Deutlichmachung der Jdeen: uͤberall aber wuͤrkt die ganze unabge- theilte theilte Seele. Konnte ein Mensch je eine einzige Handlung thun, bei der er voͤllig wie ein Thier dachte: so ist er auch durchaus kein Mensch mehr, gar keiner menschlichen Handlung mehr faͤhig. War er einen einzigen Augenblick ohne Vernunft: so saͤhe ich nicht, wie er je in seinem Leben mit Vernunft denken koͤnne: oder seine ganze Seele, die ganze Haushaltung seiner Natur ward geaͤndert. Nach richtigern Begriffen ist die Vernunft- maͤßigkeit des Menschen, der Charakter seiner Gattung, etwas anders, nemlich, „ die gaͤnzli- „che Bestimmung seiner denkenden Kraft im „Verhaͤltniß seiner Sinnlichkeit und Triebe. „ Und da konnte es, alle vorigen Analogien zu Huͤlfe genommen, nichts anders seyn, als daß — Wenn der Mensch Triebe der Thiere haͤtte, er das nicht haben koͤnnte, was wir jezt Vernunft in ihm nennen; denn eben diese Triebe rissen ja seine Kraͤfte so dunkel auf einen Punkt hin, daß ihm kein freier Besinnungskreis ward. Es mußte seyn, daß — Wenn Wenn der Mensch Sinne der Thiere, er keine Vernunft haͤtte; denn eben die starke Reizbarkeit seiner Sinne, eben die durch sie maͤchtig andrin- genden Vorstellungen muͤsten alle kalte Besonnen- heit ersticken. Aber umgekehrt mußte es auch nach eben diesen Verbindungsgesetzen der haushaltenden Natur seyn, daß — Wenn thierische Sinnlichkeit und Eingeschlos- senheit auf einen Punkt wegfiele: so wurde ein ander Geschoͤpf, dessen positive Kraft sich in groͤßerm Raume, nach feinerer Organisation, heller, aͤußerte: das abgetrennt und frei nicht blos erkennet, will und wuͤrkt, sondern auch weis, daß es erkenne, wolle und wuͤrke. Dies Geschoͤpf ist der Mensch und diese ganze Disposition seiner Na- tur wollen wir, um den Verwirrungen mit eignen Vernunftkraͤften u. s. w. zu entkommen, „ Beson- nenheit „ nennen. Es folgt also nach eben diesen Verbindungsregeln, da alle die Woͤrter Sinnlichkeit und Jnstinkt, Phantasie und Vernunft, doch nur Bestimmungen einer einzigen Kraft sind, wo Ent- gegensetzungen einander aufheben, daß — Wenn Wenn der Mensch kein Jnstinktmaͤßiges Thier seyn sollte, er vermoͤge der freierwuͤrkenden positiven Kraft seiner Seele ein besonnenes Ge- schoͤpf seyn mußte. — — — Wenn ich die Kette dieser Schluͤße noch einige Schritte weiter ziehe, so bekomme ich damit vor kuͤnftigen Einwendungen einen den Weg sehr kuͤrzenden Vorsprung. Jst nemlich die Vernunft keine abgetheilte, einzelnwuͤrkende Kraft, sondern eine seiner Gat- tung eigne Richtung aller Kraͤfte: so muß der Mensch sie im ersten Zustande haben, da er Mensch ist. Jm ersten Gedanken des Kindes muß sich diese Besonnenheit zeigen, wie bei dem Jnsekt, daß es Jnsekt war. — — Das hat nun mehr als ein Schriftsteller nicht begreifen koͤnnen, und daher ist die Materie, uͤber die ich schreibe, mit den rohesten eckelhaftesten Einwuͤrfen angefuͤllet — aber sie konnten es nicht begreifen, weil sie es mißverstanden. Heißt denn vernuͤnftig denken, mit ausgebildeter Vernunft denken? Heißts, der Saͤugling denke mit Besonnenheit, er raisonnire wie ein Sophist auf seinem Catheder oder der Staatsmann in seinem Cabinett? Gluͤck- lich lich und dreimal gluͤcklich, daß er von diesem ermat- tenden Wust von Vernuͤnfteleien noch nichts wuͤste! Aber siehet man denn nicht, daß dieser Einwurf blos einen so und nicht anders, einen mehr oder minder gebildeten Gebrauch der Seelenkraͤfte, und durchaus kein Positives einer Seelenkraft selbst laͤugne? Und welcher Thor wird da behaupten, daß der Mensch im ersten Augenblick des Lebens so denke, wie nach einer vieljaͤhrigen Uebung; es sei denn daß man zugleich das Wachsthum aller Seelenkraͤfte laͤugne, und sich eben damit selbst fuͤr einen Unmuͤndigen bekenne? — So wie doch aber dies Wachsthum in der Welt nichts bedeuten kann, als einen leichtern, staͤrkern, vielfachern Gebrauch; muß denn das nicht schon da seyn, was gebraucht werden? Muß es nicht schon Keim seyn, was da wachsen soll? Und ist also nicht im Keime der ganze Baum enthalten. So wenig das Kind Klauen, wie ein Greif, und eine Loͤwenmaͤhne hat: so wenig kann es wie Greif und Loͤwe den- ken; denkt es aber menschlich, so ist Besonnenheit das ist, die Maͤßigung aller seiner Kraͤfte auf diese Hauptrichtung schon so im ersten Augen- blicke blicke sein Loos, wie sie es im lezten seyn wird. Die Vernunft aͤußert sich unter seiner Sinnlichkeit schon so wuͤrklich, daß der Allwissende, der diese Seele schuff, in ihrem ersten Zustande schon das ganze Gewebe von Handlungen des Lebens sahe, wie etwa der Meßkuͤnstler nach gegebner Classe aus einem Gliede der Progreßion das ganze Ver- haͤltniß derselben findet. „Aber so war doch diese Vernunft damals mehr „Vernunftfaͤhigkeit ( Réflexion en puissance ) als „wuͤrkliche Kraft?„ Die Ausnahme sagt kein Wort. Bloße, nackte Faͤhigkeit, die auch ohne vorliegendes Hinderniß keine Kraft, nichts als Faͤhigkeit sey, ist so ein tauber Schall, als Plas- tische Formen, die da formen, aber selbst keine Formen sind. Jst mit der Faͤhigkeit nicht das ge- ringste Positive zu einer Tendenz da: so ist nichts da — so ist das Wort blos Abstraktion der Schule. Der neuere franzoͤsische Philosoph, Rousseau über die Ungleichheit ꝛc. der diese réflexion en puissance, diesen Scheinbegrif so blen- dend gemacht, hat, wie wir sehen werden, immer nur D nur eine Luftblase blendend gemacht, die er eine Zeitlang vor sich hertreibt, die ihm selbst aber unver- muthet auf seinem Wege zerspringt. Und ist in der Faͤhigkeit nichts da; wodurch soll es denn je in die Seele kommen? Jst im ersten Zustande nichts Positives von Vernunft in der Seele, wie wirds bei Millionen der folgenden Zustaͤnde wuͤrklich wer- den? Es ist Worttrug, daß der Gebrauch eine Faͤhigkeit, in Kraft, etwas blos Moͤgliches, in ein Wuͤrkliches verwandeln koͤnne — ist nicht schon Kraft da, so kann sie ja nicht gebraucht und ange- wandt werden. Zudem endlich, was ist beides, eine abgetrennte Vernunftfaͤhigkeit und Vernunft- kraft in der Seele? Eines ist so unverstaͤndlich, als das Andre. Setzet den Menschen, als das Wesen was Er ist, mit dem Grade von Sinnlichkeit, und der Organisation ins Universum: von allen Sei- ten, durch alle Sinne stroͤmt dies in Empfindun- gen auf ihn los; durch menschliche Sinne? Auf menschliche Weise? So wird also, mit den Thie- ren verglichen, dies denkende Wesen weniger uͤber- stroͤhmt? Es hat Raum, seine Kraft freier zu aͤus- sern, und dieses Verhaͤltniß heißt Vernunftmaͤßig- keit keit — Wo ist da bloße Faͤhigkeit? Wo abgesonderte Vernunftkraft? Es ist die positive einzige Kraft der Seele, die in solcher Anlage wuͤrket — mehr sinnlich, so weniger vernuͤnftig: vernuͤnftiger, so minder lebhaft: heller, so minder dunkel — das versteht sich ja alles! Aber der sinnlichste Zustand des Menschen war noch Menschlich, und also wuͤrkte in ihm noch immer Besonnenheit, nur im minder merklichen Grade: und der am wenigsten sinnliche Zustand der Thiere war noch thierisch, und also wuͤrkte bei aller Klarheit ihrer Gedanken nie Be- sonnenheit eines menschlichen Begrifs. Und wei- ter lasset uns nicht mit Worten spielen! — Es thut mir leid, daß ich so viele Zeit verloh- ren habe, erst bloße Begriffe zu bestimmen und zu ordnen; allein der Verlust war noͤthig, da die- ser ganze Theil der Psychologie in den neuern Zei- ten so jaͤmmerlich verwuͤstet da liegt: da franzoͤsi- sche Philosophen uͤber einige anscheinende Sonder- barkeiten in der thierischen und menschlichen Na- tur, alles so uͤber- und untereinander geworfen, und deutsche Philosophen die meisten Begriffe die- ser Art mehr fuͤr ihr System, und nach ihrem Se- D 2 hepunkt hepunkt, als darnach ordnen, damit sie Verwir- rungen im Sehepunkt der gewoͤhnlichen Denkart vermeiden. Jch habe auch mit diesem Aufraͤumen der Begriffe keinen Umweg genommen: sondern wir sind mit einemmal am Ziele! Nemlich: Drer Mensch in den Zustand von Besonnen- heit gesezt, der ihm eigen ist, und diese Beson- nenheit (Reflexion) zum erstenmal frei wuͤrkend, hat Sprache erfunden. Denn was ist Reflexion? Was ist Sprache? Diese Besonnenheit ist ihm Charakteristisch ei- gen, und seiner Gattung wesentlich: so auch Spra- che und eigne Erfindung der Sprache. Erfindung der Sprache ist ihm also so natuͤr- lich, als er ein Mensch ist! Lasset uns nur beide Begriffe entwickeln! Reflexion und Sprache — Der Mensch beweiset Reflexion, wenn die Kraft seiner Seele so frei wuͤrket, daß sie in dem ganzen Ocean von Empfindungen, der sie durch alle Sinnen durchrauschet, Eine Welle, wenn ich so sagen darf, absondern, sie anhalten, die Auf- merksamkeit auf sie richten, und sich bewußt seyn kann, kann, daß sie aufmerke. Er beweiset Reflexion, wenn er aus dem ganzen schwebenden Traum der Bilder, die seine Sinne vorbeistreichen, sich in ein Moment des Wachens sammlen, auf Einem Bilde freiwillig verweilen, es in helle ruhigere Obacht nehmen, und sich Merkmale absondern kann, daß dies der Gegenstand und kein andrer sey. Er be- weiset also Reflexion, wenn er nicht blos alle Ei- genschaften, lebhaft oder klar erkennen; sondern Eine oder mehrere als unterscheidende Eigenschaf- ten bei sich anerkennen kann: der erste Aktus die- ser Anerkenntniß Eine der schönsten Abhandlungen das Wesen der Apper- ception aus physischen Versuchen, die so selten die Me- taphysik der Seele erläutern! ins Licht zu setzen, ist die in den Schriften der berlinschen Akademie von 1764. giebt deutlichen Begriff; es ist das Erste Urtheil der Seele — und — Wodurch geschahe die Anerkennung? Durch ein Merkmal, was er absondern muste, und was, als Merkmal der Besinnung, deutlich in ihn fiel. Wohlan! lasset uns ihm das ἕυρηκα zurussen! Dies Ersie Merkmal der Besinnung war Wort der Seele! Mit ihm ist die menschliche Sprache erfunden. D 3 Lasset Lasset jenes Lamm, als Bild sein Auge vorbei- gehn: ihm wie keinem andern Thiere. Nicht wie dem hungrigen, witternden Wolfe! nicht wie dem blutleckenden Loͤwen — die wittern und schmecken schon im Geiste! die Sinnlichkeit hat sie uͤberwaͤl- tigt! der Jnstinkt wirft sie daruͤber her! — Nicht wie dem bruͤnstigen Schaafmanne, der es nur als den Gegenstand seines Genusses fuͤhlt, den also wieder die Sinnlichkeit uͤberwaͤltigt, und der Jn- stinkt daruͤber herwirft; nicht wie jedem andern Thier, dem das Schaaf gleichguͤltig ist, daß es also klar dunkel vorbeistreichen laͤßt, weil ihn sein Jnstinkt auf etwas anders wendet — Nicht so dem Menschen! so bald er in die Beduͤrfniß kommt, das Schaaf kennen zu lernen: so stoͤret ihn kein Jnstinkt: so reißt ihn kein Sinn auf das- selbe zu nahe hin, oder davon ab: es steht da, ganz wie es sich seinen Sinnen aͤußert. Weiß, sanft, wollicht — seine besonnen sich uͤbende Seele sucht ein Merkmal, — das Schaaf bloͤcket! sie hat Merkmal gefunden. Der innere Sinn wuͤrket. Dies Bloͤcken, das ihr am staͤrksten Ein- druck macht, das sich von allen andern Eigenschaf- ten ten des Beschauens und Betastens losriß, hervor- sprang, am tiefsten eindrang, bleibt ihr. Das Schaaf kommt wieder. Weiß, sanft, wollicht — sie sieht, tastet, besinnet sich, sucht Merkmal — es bloͤckt, und nun erkennet sies wieder! „Ha! „du bist das Bloͤckende!„ fuͤhlt sie innerlich, sie hat es Menschlich erkannt, da sies deutlich, das ist mit einem Merkmal erkennet, und nennet. Dunkler? So waͤre es ihr gar nicht wahrgenom- men, weil keine Sinnlichkeit, kein Jnstinkt zum Schaafe ihr den Mangel des Deutlichen durch ein lebhafteres Klare ersezte. Deutlich unmittelbar, ohne Merkmal? So kann kein sinnliches Geschoͤpf außer sich empfinden: da es immer andre Gefuͤhle unterdruͤcken, gleichsam vernichten, und immer den Unterschied von zween durch ein drittes erken- nen muß. Mit einem Merkmal also? und was war das anders, als ein innerliches Merkwort? „Der Schall des Bloͤckens von einer menschlichen „Seele, als Kennzeichen des Schaafs, wahrge- „nommen, ward, kraft dieser Bestimmung, Na- „me des Schaafs, und wenn ihn nie seine Zunge „zu stammeln versucht haͤtte.„ Er erkannte das D 4 Schaaf Schaaf am Bloͤcken: es war gefaßtes Zeichen, bei welchem sich die Seele an eine Jdee deut- lich besann — Was ist das anders als Wort? Und was ist die ganze menschliche Sprache, als eine Sammlung solcher Worte? Kaͤme er also auch nie in den Fall, einem andern Geschoͤpf diese Jdee zu geben, und also dies Merkmal der Be- sinnung ihm mit den Lippen vorbloͤcken zu wollen, oder zu koͤnnen; seine Seele hat gleichsam in ihrem Jnwendigen gebloͤckt, da sie diesen Schall zum Er- innerungszeichen waͤhlte, und wiedergebloͤckt, da sie ihn daran erkannte — die Sprache ist erfunden! eben so natuͤrlich und dem Menschen nothwendig erfunden, als der Mensch ein Mensch war. Die meisten, die uͤber den Ursprung der Spra- che geschrieben, haben ihn nicht da, auf dem einzi- gen Punkt gesucht, wo er gefunden werden konn- te; und vielen haben also so viel dunkle Zweifel vor- geschwebt: ob er irgendwo in der menschlichen Seele zu finden sey? — — Man hat ihn in der bessern Artikulation der Sprachwerkzeuge gesucht; als ob je ein Ourang-Outang mit eben den Werkzeugen eine Sprache erfunden haͤtte? Man Man hat ihn in den Schaͤllen der Leidenschaft gesucht; als ob nicht alle Thiere diese Schaͤlle be- saͤßen, und irgend ein Thier aus ihnen Sprache erfunden haͤtte? Man hat ein Principium ange- nommen, die Natur und also auch ihre Schaͤlle nachzuahmen; als wenn sich bei einer solchen blinden Neigung, was gedenken ließe? Und als wenn der Affe mit eben dieser Neigung, die Am- sel, die die Schaͤlle so gut nachaͤffen kann, eine Sprache erfunden haͤtten? Die meisten endlich haben eine bloße Convention, einen Einvertrag, angenommen, und dagegen hat Rousseau am staͤrksten geredet; denn was ists auch fuͤr ein dunk- les, verwickeltes Wort ein natuͤrlicher Einvertrag der Sprache? Diese so vielfache unertraͤgliche Falschheiten, die uͤber den menschlichen Ursprung der Sprache gesagt worden: haben endlich die ge- genseitige Meinung beinahe allgemein gemacht — ich hoffe nicht, daß sie es bleiben werde. Hier ist es keine Organisation des Mundes, die die Spra- che machet: denn auch der Zeitlebens Stumme war er Mensch: besann er sich; so lag Sprache in seiner Seele! Hier ists kein Geschrei der Em- D 5 pfin- pfindung: denn nicht eine athmende Maschine, sondern ein besinnendes Geschoͤpf erfand Sprache! Kein Principium der Nachahmung in der Seele; die etwannige Nachahmung der Natur ist blos ein Mittel zu Einem und dem Einzigen Zweck, der hier erklaͤrt werden soll. Am we- nigsten ists Einverstaͤndniß; willkuͤhrliche Con- vention der Gesellschaft; der Wilde, der Einsame im Walde haͤtte Sprache fuͤr sich selbst erfinden muͤssen; haͤtte er sie auch nie geredet. Sie war Einverstaͤndniß seiner Seele mit sich, und ein so nothwendiges Einverstaͤndniß, als der Mensch Mensch war. Wenns andern unbegreiflich war, wie eine menschliche Seele hat Sprache erfinden koͤnnen; so ists mir unbegreiflich, wie eine mensch- liche Seele, was sie ist, seyn konnte, ohne eben dadurch, schon ohne Mund und Gesellschaft, sich Sprache erfinden zu muͤssen. Nichts wird diesen Ursprung deutlicher ent- wickeln, als die Einwuͤrfe der Gegner. Der gruͤndlichste, Suͤßmilch angef. Schr. Abschn. 2. der ausfuͤhrlichste Vertheidiger des goͤttlichen Ursprunges der Sprache, wird eben weil weil er durch die Oberflaͤche drang, die nur die an- dern beruͤhren, fast ein Vertheidiger des wahren menschlichen Ursprunges. Er ist unmittelbar am Rande des Beweises stehen geblieben; und sein Haupteinwurf, blos etwas richtiger erklaͤret, wird Einwurf gegen Jhn selbst und Beweis von seinem Gegentheile der Menschenmoͤglichkeit der Sprache. Er will bewiesen haben „daß der Gebrauch der „Sprache zum Gebrauch der Vernunft nothwen- „dig sei!„ Haͤtte er das: so wuͤste ich nicht, was anders damit bewiesen waͤre, „als daß, da der „Gebrauch der Vernunft dem Menschen natuͤrlich „sei, der Gebrauch der Sprache es eben so sein „muͤste!„ Zum Ungluͤck aber hat er seinen Satz nicht bewiesen. Er hat blos mit vieler Muͤhe dar- gethan, daß so viel feine verflochtne Handlungen, als Aufmerksamkeit, Reflexion, Abstraktion u. s. w. nicht fuͤglich ohne Zeichen geschehen koͤnnen, auf die sich die Seele stuͤtze; allein dies nicht fuͤglich, nicht leicht, nicht wahrscheinlich, erschoͤpfet noch nichts. So wie wir mit wenigen Abstraktionskraͤf- ten, nur wenige Abstraktion ohne sinnliche Zeichen denken koͤnnen: so koͤnnen andre Wesen mehr dar- ohne ohne denken; wenigstens folgt daraus noch gar nicht, daß an sich selbst keine Abstraktion ohne sinnliches Zeichen moͤglich sey. Jch habe erwiesen, daß der Gebrauch der Vernunft nicht etwa blos fuͤglich, sondern daß nicht der mindeste Gebrauch der Vernunft, nicht die einfachste, deutliche Aner- kennung, nicht das simpelste Urtheil einer mensch- lichen Besonnenheit ohne Merkmal moͤglich sey: denn der Unterschied von zween laͤßt sich nur immer durch ein drittes erkennen. Eben dies dritte, dies Merkmal, wird mithin inneres Merkwort; also folgt die Sprache aus dem ersten Aktus der Vernunft ganz natuͤrlich. — Hr. Suͤßmilch will darthun, Eb. das. S. 52. daß die hoͤhern Anwendungen der Vernunft nicht ohne Sprache vor sich gehen koͤnnten, und fuͤhrt dazu Wolfs Worte an, der aber auch nur von diesem Falle in Wahrscheinlichkeiten redet. Der Fall thut eigentlich nichts zur Sache: denn die hoͤ- hern Anwendungen der Vernunft, wie sie in den spekulativen Wissenschaften Platz finden, waren ja nicht zu dem ersten Grundstein der Sprachenle- gung noͤthig — Und doch ist auch dieser leicht zu er- erweisende Satz von Hr. S. nur erlaͤutert; da ich erwiesen zu haben glaube, daß selbst die erste, niedrigste Anwendung der Vernunft nicht ohne Sprache geschehen konnte. Allein wenn er nun folgert: Kein Mensch kann sich selbst Sprache erfunden haben, weil schon zur Erfindung der Sprache Vernunft gehoͤret, folglich schon Sprache haͤtte da seyn muͤssen, ehe sie da war: so halte ich den ewigen Kreisel an, besehe ihn recht, und nun sagt er ganz was anders: Ratio et Oratio! Wenn keine Vernunft dem Menschen ohne Sprache moͤg- lich war: wohl! so ist die Erfindung dieser dem Menschen so natuͤrlich, so alt, so urspruͤnglich, so charakteristisch, als der Gebrauch jener. Jch habe Suͤßmilchs Schlußart einen ewi- gen Kreisel genannt: denn ich kann ihn ja eben sowohl gegen ihn, als er gegen mich drehen: und das Ding kreiselt immer fort. Ohne Sprache hat der Mensch keine Vernunft, und ohne Vernunft keine Sprache. Ohne Sprache und Vernunft ist er keines goͤttlichen Unterrichts faͤhig: und ohne goͤttlichen Unterricht hat er doch keine Vernunft und Sprache — wo kommen wir da je hin? Wie kann kann der Mensch durch goͤttlichen Unterricht Spra- che lernen, wenn er keine Vernunft hat? Und er hat ja nicht den mindesten Gebrauch der Vernunft ohne Sprache. Er soll also Sprache haben, ehe er sie hat und haben kann? Oder vernuͤnftig wer- den koͤnnen ohne den mindesten eignen Gebrauch der Vernunft? Um der ersten Sylbe in goͤttlichen Unterricht faͤhig zu seyn, mußte er ja, wie Hr. Suͤßmilch selbst zugiebt, ein Mensch seyn, das ist, deutlich denken koͤnnen, und bei dem ersten deut- lichen Gedanken war schon Sprache in seiner Seele da; sie war also aus eignen Mitteln und nicht durch goͤttlichen Unterricht erfunden. — — Jch weis wohl, was man bei diesem goͤttlichen Unter- richt meistens im Sinne hat, nehmlich den Sprach- unterricht der Eltern an die Kinder; allein man besinne sich, daß das hier gar nicht der Fall ist. Eltern lehren die Kinder nie Sprache, ohne daß diese nicht immer selbst mit erfaͤnden: jene machen diese nur auf Unterschiede der Sachen, mittelst ge- wisser Wortzeichen, aufmerksam, und so ersetzen sie ihnen nicht etwa, sondern erleichtern und be- foͤrdern ihnen nur den Gebrauch der Vernunft durch durch die Sprache. Will man solche uͤbernatuͤr- liche Erleichterung aus andern Gruͤnden annehmen: so geht das meinen Zweck nichts an; nur alsdenn hat Gott durchaus fuͤr die Menschen keine Spra- che erfunden, sondern diese haben immer noch mit Wuͤrkung eigner Kraͤfte, nur unter hoͤherer Ver- anstaltung, sich ihre Sprache finden muͤssen. Um das erste Wort, als Wort, d. i. als Merkzeichen der Vernunft auch aus dem Munde Gottes empfan- gen zu koͤnnen, war Vernunft noͤthig; und der Mensch mußte dieselbe Besinnung anwenden, dies Wort, als Wort zu verstehen, als haͤtte ers ur- spruͤnglich ersonnen. Alsdenn fechten alle Waffen meines Gegners gegen ihn selbst; er mußte wuͤrk- lichen Gebrauch der Vernunft haben, um goͤttliche Sprache zu lernen: den hat immer ein lernendes Kind auch, wenn es nicht, wie ein Papagay, blos Worte ohne Gedanken sagen soll — Was waͤren aber das fuͤr wuͤrdige Schuͤler Gottes, die so lern- ten? Und wenn die ewig so gelernt haͤtten, wo haͤt- ten wir denn unsre Vernunftsprache her? Jch schmeichle mir, daß wenn mein wuͤrdiger Gegner noch lebte, er einsaͤhe, daß sein Einwurf etwas etwas mehr bestimmt, selbst der staͤrkste Beweis gegen ihn werde, und daß er also unwissend in seinem Buche selbst Materialien zu seiner Wieder- legung zusammengetragen. Er wuͤrde sich nicht „hinter das Wort „Vernunftfaͤhigkeit, die aber „noch nicht im mindsten Vernunft ist„ verstecken: denn man kehre wie man wolle, so werden Wieder- spruͤche! Ein vernuͤnftiges Geschoͤpf ohne den mind- sten Gebrauch der Vernunft; oder ein vernunft- gebrauchendes Geschoͤpf ohne Sprache! Ein ver- nunftloses Geschoͤpf, dem Unterricht Vernunft ge- ben kann; oder ein unterrichtfaͤhiges Geschoͤpf, was doch ohne Vernunft ist! Ein Wesen ohne den mindsten Gebrauch der Vernunft; — und doch Mensch! Ein Wesen, das seine Vernunft aus na- tuͤrlichen Kraͤften nicht brauchen konnte, und doch beim uͤbernatuͤrlichen Unterricht natuͤrlich brauchen lernte! Eine menschliche Sprache, die gar nicht menschlich war, d. i. die durch keine menschliche Kraft entstehen konnte; und eine Sprache, die doch so menschlich ist, daß sich ohne sie keine seiner eigentlichen Kraͤfte aͤußern kann! Ein Ding, ohne das er nicht Mensch war, und doch ein Zustand, da da er Mensch war, und das Ding nicht hatte, das also da war, ehe es da war sich aͤußern mußte, ehe es sich aͤußern konnte, u. s. w. — — alle diese Wiederspruͤche sind offenbar, wenn Mensch, Ver- nunft und Sprache fuͤr das wuͤrkliche genom- men werden, was sie sind, und das Gespenst von Worte Faͤhigkeit (Menschenfaͤhigkeit, Ver- nunftfaͤhigkeit, Sprachfaͤhigkeit) in seinem Un- sinn entlarvt wird. „Aber die wilden Menschenkinder unter den „Baͤren, hatten die Sprache? Und waren sie nicht Menschen?„ Suͤßmilch S. 47. Allerdings! nur zuerst Menschen in einem wiedernatuͤrlichen Zustande! Menschen in Verartung! Legt den Stein auf diese Pflanze; wird sie nicht krumm wachsen? und ist sie nicht demungeachtet ihrer Natur nach eine aufschießende Pflanze? und hat sich diese geradschießende Kraft nicht selbst da geaͤußert, da sie sich dem Steine krumm umschlang? Also zweitens selbst die Moͤg- lichkeit dieser Verartung zeigt menschliche Natur: E Eben Eben weil der Mensch keine so hinreißende Jn- stinkte hat, als die Thiere: weil er zu so Man- cherlei und zu Allem schwaͤcher faͤhig — kurz! weil er Mensch ist: so konnte er verarten. Wuͤrde er wohl so baͤraͤhnlich haben brummen, und so baͤr- aͤhnlich haben kriechen lernen, wenn er nicht gelenk- same Organe, wenn er nicht gelenksame Glieder gehabt haͤtte? Wuͤrde jedes andre Thier, ein Affe und Esel es so weit gebracht haben? Wuͤrkte also nicht wuͤrklich seine menschliche Natur dazu, daß er so unnatuͤrlich werden konnte? Aber drit- tens blieb sie deßwegen noch immer menschliche Natur: denn brummte, kroch, fraß, witterte er voͤllig wie ein Baͤr? Oder waͤre er nicht ewig ein strauchelnder stammlender Menschenbaͤr, und also ein unvollkommenes Doppelgeschoͤpf geblieben? So wenig sich nun seine Haut und sein Antlitz, seine Fuͤße und seine Zunge in voͤllige Baͤrengestalt aͤndern und wandeln konnten: so wenig, lasset uns nimmer zweifeln! konnte es die Natur seiner Seele. Seine Vernunft lag unter dem Druck der Sinnlichkeit, der baͤrartigen Jnstinkte begraben: aber sie war noch immer menschliche Vernunft, weil weil jene Jnstinkte nimmer voͤllig baͤrmaͤßig wa- ren. Und daß das so gewesen, zeugt ja endlich die Entwicklung der ganzen Scene. Als die Hinder- nisse weggewaͤlzet, als diese Baͤrmenschen zu ihrem Geschlecht zuruͤkgekehrt waren, lernten sie nicht natuͤrlicher aufrechtgehen und sprechen, als sie dort, immer unnatuͤrlich, kriechen und brummen gelernt hatten? Dies konnten sie immer nur baͤr- aͤhnlich; jenes lernten sie in weniger Zeit ganz Menschlich. Welcher ihrer vorigen Mitbruͤder des Waldes lernte das mit ihnen? Und weil es kein Baͤr lernen konnte, weil er nicht Anlage des Koͤrpers und der Seele dazu besaß, mußte der Menschenbaͤr diese nicht noch immer im Zustande seiner Verwilderung erhalten haben? Haͤtte sie ihm blos Unterricht und Gewohnheit gegeben, warum nicht dem Baͤren? Und was hieße es doch, jemand durch Unterricht, Vernunft und Mensch- lichkeit geben, der sie nicht schon hat? Vermuth- lich hat alsdenn diese Nadel dem Auge die Seh- kraft gegeben, dem sie die Staarhaut wegschaffet — Was wollen wir also aus dem unnatuͤrlichsten Falle von der Natur schließen? Gestehen wir aber ein, E 2 daß daß er ein unnatuͤrlicher Fall sei, — wohl! so be- staͤtigt er die Natur! Die ganze Rousseausche Hypothese von Un- gleichheit der Menschen ist, bekannter Weise, auf solche Faͤlle der Abartung gebauet, und seine Zwei- fel gegen die Menschlichkeit der Sprache betreffen entweder falsche Ursprungsarten, oder die beregte Schwuͤrigkeit, daß schon Vernunft zur Spracher- findung gehoͤrt haͤtte. Jm ersten Fall haben sie recht; im zweiten sind sie wiederlegt, und lassen sich ja aus Rousseaus Munde selbst wiederlegen. Sein Phantom, der Naturmensch; dieses entartete Ge- schoͤpf, das er auf der einen Seite mit der Ver- nunftfaͤhigkeit abspeiset, wird auf der andern mit der Perfectibilitaͤt und zwar mit ihr als Charak- tereigenschaft, und zwar mit ihr in so hohem Gra- de belehnet, daß er dadurch von allen Thiergat- tungen lernen koͤnne — und was hat nun Rous- seau ihm nicht zugestanden! Mehr, als wir wollen, und brauchen! Der erste Gedanke „siehe! „das ist dem Thier eigen! der Wolf heult! der „Baͤr brummt! schon der ist (in einem solchen Lichte Lichte gedacht, daß er sich mit dem zweiten ver- binden koͤnnte „das habe ich nicht!„) wuͤrkliche Reflexion; und nun der dritte und vierte „wohl! „das waͤre auch meiner Natur gemaͤß! das koͤnnte „ich nachahmen! das will ich nachahmen! da- „durch wird mein Geschlecht vollkommner!„ wel- che Menge von feinen, fortschließenden Reflexio- nen! da das Geschoͤpf, das nur die Erste sich auseinander sezzen konnte, schon Sprache der Seele haben mußte! schon die Kunst zu denken be- saß, die die Kunst zu sprechen schuf. Der Affe aͤffet immer nach, aber nachgeahmt hat er nie: Nie mit Besonnenheit zu sich gesprochen „das will „ich nachahmen, um mein Geschlecht vollkomm- „ner zu machen!„ Denn haͤtte er das je, haͤtte er eine Einzige Nachahmung sich zu Eigen gemacht, sie in seinem Geschlecht, mit Wahl und Absicht verewigt; haͤtte er auch nur ein einzigesmal eine Einzige solche Reflexion denken koͤnnen — Den- selben Augenblick war er kein Affe mehr! Jn aller seiner Affengestalt, ohne einen Laut seiner Zunge, war er inwendig sprechender Mensch, der sich uͤber kurz oder lang seine aͤußerliche Sprache erfinden E 3 mußte mußte — welcher Ourang-Outang aber hat je mit allen menschlichen Sprachwerkzeugen ein Ein- ziges menschliches Wort gesprochen? Es giebt freilich noch Negerbruͤder in Europa, die da sagen „ja vielleicht — wenn er nur sprechen wollte! — oder in Umstaͤnden kaͤme! — — oder „koͤnnte!„ — ‒ ‒ Koͤnnte! das waͤre wohl das beste, denn die beiden vorigen Wenn sind durch die Thiergeschichte gnugsam wiederlegt- und durch die Werkzeuge wird, wie gesagt, bei ihm das Koͤn- nen nicht aufgehalten! Er hat einen Kopf von aussen und innen, wie wir; hat er aber je gere- det? Papagei und Staar haben gnug menschliche Schaͤlle gelernt; aber auch ein menschliches Wort gedacht? — Ueberhaupt gehen uns hier noch die aͤussern Schaͤlle der Worte nicht an; wir reden von der innern, nothwendigen Genesis eines Worts, als das Merkmal einer deutlichen Besin- nung — wenn aber hat das je eine Thierart, auf welche Weise es sei, geaͤußert? Abgemerkt mußte dieser Faden der Gedanken, dieser Discours der Seele, immer werden koͤnnen, er aͤußere sich, wie er er wolle, wer hat das aber je? Der Fuchs hat tausendmal so gehandelt, als ihn Aesop handeln laͤßt; er hat aber nie in Aesops Sinne gehandelt, und das Erstemal daß er das kann, wird Meister Fuchs sich seine Sprache erfinden, und uͤber Aesop so fabeln koͤnnen, als Aesop jezt uͤber ihn. Der Hund hat viele Worte und Befehle verstehen ge- lernt; aber nicht als Worte, sondern als Zeichen, mit Gebehrden, mit Handlungen verbunden; ver- stuͤnde er je ein Einziges Wort im menschlichen Sinne, so dienet er nicht mehr, so schaffet er sich selbst Kunst und Republick und Sprache. Man sieht, wenn man einmal den Punkt der genauen Genese verfehlt, so ist das Feld des Jrrthums zu beiden Seiten unermeßlich groß! da ist die Spra- che bald so uͤbermenschlich, daß sie Gott erfinden muß, bald so unmenschlich, daß jedes Thier sie er- finden koͤnnte, wenn es sich die Muͤhe naͤhme. Das Ziel der Wahrheit ist nur ein Punkt! auf den hingestellet, sehen wir aber auf alle Seiten- warum kein Thier Sprache erfinden kann? kein Gott, Sprache erfinden darf? und der Mensch, als Mensch, Sprache erfinden kann und muß? E 4 Weiter Weiter mag ich aus der Metaphysik die Hypo- these des goͤttlichen Sprachenursprunges nicht ver- folgen; da psychologisch ihr Ungrund darinn ge- zeigt ist, daß um die Sprache der Goͤtter im Olymp zu verstehen, der Mensch schon Vernunft, folglich schon Sprache haben muͤsse. Noch weni- ger kann ich mich in ein angenehmes Detail der Thiersprachen einlassen: da sie doch alle, wie wir gesehen, total und incommensurabel von der menschlichen Sprache abstehen. Dem ich am un- gernsten entsage, waͤren hier die mancherlei Aus- sichten, die von diesem genetischen Punkt der Spra- che in der menschlichen Seele, in die weiten Fel- der der Logik, Aesthetik und Psychologie, inson- derheit uͤber die Frage gehen: wie weit kann man ohne? — — Was muß man mit der Sprache denken? — eine Frage, die sich nach- her in Anwendungen fast uͤber alle Wissenschaften ausbreitet. Hier sei es gnug die Sprache, als den wuͤrklichen Unterscheidungscharakter unsrer Gattung von außen zu bemerken, wie es die Ver- nunft von innen ist. Jn Jn mehr als einer Sprache hat also auch Wort, und Vernunft, Begriff und Wort, Sprache und Ursache einen Namen, und diese Synonymie enthaͤlt ihren ganzen genetischen Ur- sprung. Bei den Morgenlaͤndern ists der gewoͤhn- lichste Jdiotismus geworden, das Anerkennen einer Sache Namengebung zu nennen: denn im Grunde der Seele sind beide Handlungen Eins. Sie nennen den Menschen das redende Thier, und die unvernuͤnftigen Thiere die Stummen: der Ausdruck ist sinnlich Charakteristisch: und das griechische ἄλογος fasset beides. Es wird so nach die Sprache ein natuͤrliches Organ des Ver- standes, ein solcher Sinn der menschlichen Seele, wie sich die Sehekraft jener sensitiven Seele der Alten das Auge, und der Jnstinkt der Biene seine Zelle bauet. Vortreflich daß dieser neue, selbst gemachte Sinn des Geistes gleich in seinem Ursprunge wie- der ein Mittel der Verbindung ist — Jch kann nicht den ersten menschlichen Gedanken denken, nicht das erste besonnene Urtheil reihen, ohne daß E 5 ich ich in meiner Seele dialogire, oder zu dialogiren strebe; der erste menschliche Gedanke bereitet also seinem Wesen nach, mit andern dialogiren zu koͤn- nen! Das erste Merkmal, was ich erfasse, ist Merkwort fuͤr mich, und Mittheilungswort fuͤr andre! — Sic verba, quibus voces sensusque notarent Nominaque invenere — — Horat. Drit- Dritter Abschnitt. D er Brennpunkt ist ausgemacht, auf welchem Prometheus himmlischer Funke in der menschlichen Seele zuͤndet — Beim ersten Merk- mal ward Sprache; aber welches waren die ersten Merkmale zu Elementen der Sprache? I. Toͤne. Cheselden’s Blinder Philos. Transact. — Abridgment — auch in Cheselden’s Anatomy, in Smith-Kaͤstners Optik, in Buffons Natur- geschichte, Encyklopädie und zehn kleinen französischen Wörterbüchern unter Aveugle. zeigt, wie langsam sich das Gesicht entwikle? Wie schwer die Seele zu den Begriffen, von Raum, Gestalt, und Farbe komme? Wie viel Versuche gemacht, wie viel Meßkunst erworben werden muß, um diese Merk- male deutlich zu gebrauchen: das war also nicht der fuͤglichste Sinn zu Sprache. Zudem waren seine Phaͤnomene so kalt und stumm: die Empfin- dungen dungen der grobern Sinne wiederum so undeutlich und in einander, daß nach aller Natur entweder Nichts, oder das Ohr der erste Lehrmeister der Sprache wurde. Da ist z. E. das Schaaf. Als Bild schwebet es dem Auge mit allen Gegenstaͤnden, Bildern und Farben auf Einer großen Naturtafel vor — wie viel, wie muͤhsam zu unterscheiden! Alle Merk- male sind fein verflochten, neben einander — alle noch unaussprechlich! Wer kann Gestalten reden? Wer kann Farben toͤnen? Er nimmt das Schaaf unter seine tastende Hand — Das Gefuͤhl ist sicherer und voller; aber so voll, so dunkel in einander — Wer kann, was er fuͤhlt, sagen? Aber horch! das Schaaf bloͤcket! Da reißt sich ein Merkmal von der Leinwand des Farbenbildes, worinn so wenig zu unterscheiden war, von selbst los: ist tief und deutlich in die Seele gedrungen. „Ha! sagt der lernende Unmuͤndige, wie jener „blind gewesene Cheselden’s: nun werde ich dich „wieder kennen — Du bloͤckst!„ Die Turtel- taube girrt! der Hund bellet! da sind drei Worte, weil er drei deutliche Jdeen versuchte, diese in seine seine Logik, jene in sein Woͤrterbuch! Vernunft und Sprache thaten gemeinschaftlich einen furcht- samen Schritt und die Natur kam ihnen auf hal- bem Wege entgegen durchs Gehoͤr. Sie toͤnte das Merkmal nicht blos vor, sondern tief in die Seele hinein! es klang! die Seele haschte — da hat sie ein toͤnendes Wort! Der Mensch ist also als ein horchendes, mer- kendes Geschoͤpf zur Sprache natuͤrlich gebildet, und selbst ein Blinder und Stummer, siehet man, mußte Sprache erfinden, wenn er nur nicht fuͤhl- los und taub ist. Setzet ihn gemaͤchlich und be- haglich auf eine einsame Jnsel: die Natur wird sich ihm durchs Ohr offenbaren: tausend Geschoͤpfe, die er nicht sehen kann, werden doch mit ihm zu sprechen scheinen, und bliebe auch ewig sein Mund und sein Auge verschlossen, seine Seele bleibt nicht ganz ohne Sprache. Wenn die Blaͤtter des Bau- mes, dem armen Einsamen Kuͤhlung herabrau- schen, wenn der vorbeimurmelnde Bach ihn in den Schlaf wieget, und der hinzusaͤuselnde West seine Wangen faͤchelt — das bloͤckende Schaaf giebt ihm Milch, die rieselnde Quelle Wasser, der rau- fchende schende Baum Fruͤchte — Jnteresse gnug, die wohlthaͤtigen Wesen zu kennen, Dringniß gnug, ohne Augen und Zunge in seiner Seele sie zu nen- nen. Der Baum wird der Rauscher, der West Saͤusler, die Quelle Riesler heißen — Da liegt ein kleines Woͤrterbuch fertig, und wartet auf das Gepraͤge der Sprachorgane. Wie arm, und son- derbar aber muͤßten die Vorstellungen seyn, die dieser Verstuͤmmelte mit solchen Schaͤllen ver- bindet? Diderot ist in seinem ganzen Briefe sur les sourds \& muets kaum auf diese Hauptmaterie gekommen, da er sich nur bei Jnversionen und hundert andern Kleinig- keiten aufhält. Nun lasset dem Menschen alle Sinne frei; er sehe und taste und fuͤhle zugleich alle Wesen, die in sein Ohr reden — Himmel! Welch ein Lehr- saal der Jdeen und der Sprache! Fuͤhret keinen Merkur und Apollo, als Opernmaschinen von den Wolken herunter — Die ganze, vieltoͤnige goͤtt- liche Natur ist Sprachlehrerinn und Muse! Da fuͤhret sie alle Geschoͤpfe bei ihm vorbei; jedes traͤgt seinen Namen auf der Zunge, und nennet sich, diesem verhuͤlleten sichtbaren Gotte! als Vasall und und Diener. Es liefert ihm sein Merkwort ins Buch seiner Herrschaft, wie einen Tribut, damit er sich bei diesem Namen seiner erinnere, es kuͤnf- tig rufe und genieße. Jch frage, ob je diese Wahrheit: „eben der Verstand, durch den der „Mensch uͤber die Natur herrschet, war der Va- „ter einer lebendigen Sprache, die er aus Toͤnen „schallender Wesen zu Merkmalen der Unterschei- „dung sich abzog!„ Jch frage, ob je diese trokne Wahrheit auf morgenlaͤndische Weise edler und schoͤner koͤnne gesagt werden, als „Gott fuͤhrte „die Thiere zu ihm, daß er saͤhe, wie er sie nen- „nete! und wie er sie nennen wuͤrde, so sollten „sie heißen!„ Wo kann es auf morgenlaͤndische, poetische Weise bestimmter gesagt werden: der Mensch erfand sich selbst Sprache! — aus Toͤnen lebender Natur! — zu Merkmalen seines herr- schenden Verstandes! — und das ist, was ich beweise. Haͤtte Engel oder himmlischer Geist die Spra- che erfunden: wie anders als daß ihr ganzer Bau ein Abdruck von der Denkart dieses Geistes seyn muͤßte? Denn woran koͤnnte ich ein Bild von einem einem Engel gemahlt kennen, als an dem Engli- schen, Ueberirrdischen seiner Zuͤge? Wo findet das aber bei unsrer Sprache statt? Bau, und Grundriß, ja selbst der erste Grundstein dieses Pal- lasts verraͤth Menschheit! Jn welcher Sprache sind himmlische, geistige Begriffe die Ersten? Jene Begriffe, die auch nach der Ordnung unsres denkenden Geistes die Ersten seyn mußten — Subjekte, notiones com- munes, die Saamenkoͤrner unsrer Erkenntniß, die Punkte, um die sich alles wendet und alles zuruͤck- fuͤhrt — sind diese lebende Punkte Elemente der Sprache? Die Subjekte mußten doch natuͤrli- cher Weise vor dem Praͤdlkat, und die einfachsten Subjekte vor den zusammengesezten, was da thut und handelt, vor dem, was es handelt, das We- sentliche und Gewisse vor dem Ungewissen Zufaͤlli- gen, vorhergegangen seyn — Ja, was man nicht alles schließen koͤnnte, und — in unsern ur- spruͤnglichen Sprachen findet durchgaͤngig das offenbare Gegentheil statt. Ein hoͤrendes, aufhor- chendes Geschoͤpf ist kennbar, aber kein himmli- scher Geist: denn — toͤnende Verba sind die er- sten sten Machtelemente. Toͤnende Verba? Hand- lungen, und noch nichts, was da handelt? Praͤ- dikate und noch kein Subjekt? Der himmlische Genius mag sich dessen zu schaͤmen haben, aber nicht das sinnliche menschliche Geschoͤpf: denn was ruͤhrte dies, wie wir gesehen, inniger, als diese toͤnenden Handlungen? Und was ist also die ganze Bauart der Sprache anders, als eine Ent- wickelungsweise seines Geistes, eine Geschichte seiner Entdeckungen! der goͤttliche Ursprung erklaͤrt nichts und laͤßt nichts aus sich erklaͤren; er ist, wie Bako von einer andern Sache sagt, heilige Ve- stalin — Gott geweihet aber unfruchtbar, fromm, aber zu nichts nuͤtze! Das erste Woͤrterbuch war also aus den Lauten aller Welt gesammelt. Von jedem toͤnenden We- sen klang sein Name; die menschliche Seele praͤgte ihr Bild drauf, dachte sie als Merkzeichen, — wie anders, als daß diese toͤnenden Jnterjektionen die ersten wuͤrden, und so sind z. E. die morgenlaͤndi- schen Sprachen voll Verba als Grundwurzeln der Sprache. Der Gedanke an die Sache selbst schwebte noch zwischen dem handelnden und der F Hand- Handlung: der Ton mußte die Sache bezeichnen, so wie die Sache den Ton gab; aus den Verbis wurden also Nomina und Nomina aus den Verbis. Das Kind nennet das Schaaf, als Schaaf nicht: sondern als ein bloͤckendes Geschoͤpf, und macht also die Jnterjektion zu einem Verbo. Jm Stuffen- gange der menschlichen Sinnlichkeit wird diese Sa- che erklaͤrbar, aber nicht in der Logik des hoͤhern Geistes. Alle alte, wilde Sprachen sind voll von diesem Ursprunge, und in einem „ philosophischen „Woͤrterbuch der Morgenlaͤnder waͤre jedes Stammwort mit seiner Familie, recht gestellet, und gesund entwickelt, eine Charte vom Gange des menschlichen Geistes, eine Geschichte seiner Entwicklung, und ein ganzes solches Woͤrterbuch die vortreflichste Probe von der Erfindungskunst der menschlichen Seele — ob aber auch von der Sprach- und Lehrmethode Gottes? ich zweifle! Jndem die ganze Natur toͤnt: so ist einem sinnlichen Menschen nichts natuͤrlicher, als daß sie lebt, sie spricht, sie handelt. Jener Wilde sahe den hohen Baum mit seinem praͤchtigen Gi- pfel pfel und bewunderte: der Gipfel rauschte! das ist webende Gottheit! der Wilde faͤllt nieder und be- tet an! sehet da die Geschichte des sinnlichen Men- schen, das dunkle Band, wie aus den Verbis Nomina werden — und den leichtesten Schritt zur Abstraktion! Bei den Wilden von Nord- amerika z. B. ist noch alles belebt: jede Sache hat ihren Genius, ihren Geist, und daß es bei Griechen und Morgenlaͤndern eben so gewesen, zeugt ihr aͤltestes Woͤrterbuch und Grammatik — sie sind wie die ganze Natur dem Erfinder war, ein Pantheon! ein Reich belebter, handelnder Wesen! Jndem der Mensch aber alles auf sich bezog: indem alles mit ihm zu sprechen schien, und wuͤrk- lich fuͤr oder gegen ihn handelte: indem er also mit oder dagegen Theil nahm, liebte oder haßte, und sich alles Menschlich vorstellte; alle diese Spuren der Menschlichkeit drukten sich auch in die ersten Namen! Auch sie sprachen Liebe oder Haß, Fluch oder Seegen, Sanftes oder Wiedrigkeit und insonderheit wurden aus diesem Gefuͤhl in so vielen Sprachen die Artikel! Da F 2 wurde wurde alles menschlich, zu Weib und Mann per- sonificirt: uͤberall Goͤtter, Goͤttinnen, handelnde, boͤsartige oder gute Wesen! der brausende Sturm, und der suͤße Zephyr, die klare Wasserquelle und der maͤchtige Ocean — ihre ganze Mythologie liegt in den Fundgruben, den Verbis und Nominibus der alten Sprachen und das aͤlteste Woͤrterbuch war so ein toͤnendes Pantheon, ein Versammlungs- saal beider Geschlechter, als den Sinnen des ersten Erfinders die Natur. Hier ist die Sprache jener alten Wilden ein Studium in den Jrrgaͤngen menschlicher Phantasie und Leidenschaften, wie ihre Mythologie. Jede Familie von Woͤrtern ist ein verwachsnes Gebuͤsche um eine sinnliche Hauptidee, um eine heilige Eiche, auf der noch Spuren sind, welchen Eindruck der Erfinder von dieser Dryade hatte. Die Gefuͤhle sind ihm zu- sammengewebt: was sich beweget, lebt: was da toͤnet, spricht — und da es fuͤr oder wieder dich toͤnt, so ists Freund, oder Feind: Gott oder Goͤt- tinn: es handelt aus Leidenschaften, wie du! Ein menschliches, sinnliches Geschoͤpf liebe ich uͤber diese Denkart: ich sehe uͤberall den schwachen, schuͤch- schuͤchternen Empfindsamen, der lieben, oder has- sen, trauen oder fuͤrchten muß, und diese Empfin- dungen aus seiner Brust uͤber alle Wesen ausbrei- ten moͤchte. Jch sehe uͤberall das schwache und doch maͤchtige Geschoͤpf, das das ganze Weltall noͤthig hat, und alles mit sich in Krieg und Frie- den verwickelt; das von allem abhaͤngt, und doch uͤber alles herrschet — — Die Dichtung, und die Geschlechterschaffung der Sprache, sind also Jnteresse der Menschheit, und die Genetalien der Rede gleichsam das Mittel ihrer Fortpflanzung. Aber nun — wenn sie ein hoͤherer Genius aus den Sternen hinunter gebracht — wie? wuͤrde dieser Genius aus den Sternen auf unserer Erde unter dem Monde in solche Leidenschaften von Liebe und Schwachheit, von Haß und Furcht verwickelt? daß er alles in Zuneigung und Haß verflocht, daß er alle Worte mit Furcht und Freude bezeichnete, daß er endlich alles auf Begattungen bauete? Sahe und fuͤhlte er, wie ein Mensch siehet, daß sich ihm die Nomina in Geschlechter und Artikel paaren mußten, daß er die Verba thaͤtig und lei- dend zusammen gab, ihnen so viel aͤchte und Dop- pelkinder pelkinder zuerkannte, kurz, daß er die ganze Sprache auf das Gefuͤhl menschlicher Schwach- heiten bauete? — sahe und fuͤhlte er so? Einem Vertheidiger des uͤbernatuͤrlichen Ur- sprunges ists goͤttliche Ordnung der Sprache, „daß „die meisten Stammwoͤrter einsylbig, die Verba „meistens zweisylbig sind, und also die Sprache „nach dem Maaße des Gedaͤchtnisses eingetheilt „sey.„ Das Faktum ist nicht genau und der Schluß unsicher. Jn den Resten der fuͤr die aͤlteste angenommenen Sprache sind die Wurzeln alle zweisylbige Verba, welches ich nun aus dem vorigen sehr gut erklaͤren kann, da die Hypothese des Ge- gentheils keinen Grund findet. Diese Verba nem- lich sind unmittelbar auf die Laute und Jnterjek- tionen der toͤnenden Natur gebauet, die oft noch in ihnen toͤnen, hie und da auch noch als Jnterjek- tionen aufbehalten sind; meistens aber mußten sie, als halbinartikulirte Toͤne, verlohren gehen, da sich die Sprache formte. Jn den morgenlaͤn- dischen Sprachen fehlen also diese ersten Versuche der stammelnden Zunge; aber, daß sie fehlen, und nur ihre regelmaͤßigen Reste in den Verbis toͤnen, das das eben zeigt von der Urspruͤnglichkeit und — Menschlichkeit der Sprache. Sind diese Staͤmme Schaͤtze und Abstraktionen aus dem Verstande Gottes, oder die ersten Laute des horchenden Ohrs? Die ersten Schaͤlle der stammelnden Zunge? Das Menschengeschlecht in seiner Kind- heit hat sich ja eben die Sprache geformet, die ein Unmuͤndiger stammlet: es ist das lallende Woͤrterbuch der Ammenstube — wo bleibt das im Munde der Erwachsnen? Was so viele Alten sagen und so viel Neuere ohne Sinn nachgesagt, nimmt hieraus sein sinn- liches Leben: „daß nemlich Poesie aͤlter gewe- „sen, als Prosa! „ Denn was war diese erste Sprache als eine Sammlung von Elementen der Poesie? Nachahmung der toͤnenden, handelnden, sich regenden Natur! Aus den Jnterjektionen aller Wesen genommen, und von Jnterjektion menschlicher Empfindung belebet! Die Natur- sprache aller Geschoͤpfe vom Verstande in Laute gedichtet, in Bilder von Handlung, Leidenschaft und lebender Einwuͤrkung! Ein Woͤrterbuch der Seele, was zugleich Mythologie und eine wun- F 4 der- derbare Epopee von den Handlungen und Reden aller Wesen ist! Also eine bestaͤndige Fabeldichtung mit Leidenschaft und Jnteresse! — Was ist Poesie anders? — Ferner. Die Tradition des Alterthums sagt; die erste Sprache des menschlichen Ge- schlechts sei Gesang gewesen, und viele gute musikalische Leute haben geglaubt, die Menschen koͤnnten diesen Gesang wohl den Voͤgeln abgelernt haben — das ist freilich viel geglaubt! Eine große wichtige Uhr mit allen ihren scharfen Raͤdern, und neugespannten Federn, und Centnergewichten kann wol ein Glockenspiel von Toͤnen machen; aber den neugeschafnen Menschen mit seinen wuͤrksa- men Triebfedern, mit seinen Beduͤrfnissen, mit seinen starken Empfindungen, mit seiner fast blind beschaͤftigten Aufmerksamkeit, und endlich mit seiner rohen Kehle dahinsetzen, um die Nachtigall nachzuaͤffen, und sich von ihr eine Sprache zu er- singen, ist, in wie vielen Geschichten der Musik und Poesie es auch stehe, fuͤr mich unbegreiflich. Freilich waͤre eine Sprache durch musikalische Toͤne moͤg- moͤglich, (wie auch Leibnitz Oeuvres philosophiques publiées p. Raspe p. 232. auf den Gedanken gekommen!) Aber fuͤr die ersten Naturmenschen war diese Sprache nicht moͤglich, so kuͤnstlich und fein ist sie. Jn der Reihe der Wesen hat jedes Ding seine Stimme und eine Sprache nach sei- ner Stimme. Die Sprache der Liebe ist im Nest der Nachtigall suͤßer Gesang, wie in der Hoͤle des Loͤwen Gebruͤll: im Forste des Wildes wiehernde Brunst, und im Winkel der Katze Zettergeschrei; jede Gattung redet die ihrige, nicht fuͤr den Men- schen, sondern fuͤr sich, und fuͤr sich so angenehm als Petrarchs Gesang an seine Laura! So wenig also die Nachtigall singt, um den Menschen, wie man sich einbildet, vorzusingen: so wenig wird der Mensch sich dadurch je Sprache erfinden wol- len, daß er der Nachtigall nachtrillert — Und was ists doch fuͤr ein Ungeheuer, eine menschliche Nachtigall in einer Hoͤle, oder im Walde der Jagd? — War also die erste Menschensprache Gesang: so wars Gesang, der ihm so natuͤrlich, seinen Or- F 5 ganen, ganen, und Naturtrieben so angemessen war, als der Nachtigallen Gesang ihr selbst, die gleichsam eine schwebende Lunge ist, und das war — eben unsre toͤnende Sprache. Condillac, Rousseau und andre sind hier halb auf den Weg gekommen, indem sie die Prosodie und den Gesang der aͤlte- sten Sprachen vom Geschrei der Empfindung her- leiten, und ohne Zweifel belebte Empfindung frei- lich die ersten Toͤne und erhob sie; so wie aber aus den bloßen Toͤnen der Empfindung nie menschliche Sprache entstehen konnte, die dieser Gesang doch war; so fehlt noch etwas, ihn hervorzubringen: und das war eben die Namennennung eines jeden Geschoͤpfs nach seiner Sprache. Da sang und toͤnte also die ganze Natur vor: und der Gesang des Menschen war ein Concert aller dieser Stim- men, so fern sie sein Verstand brauchte, seine Em- pfindung faßte, seine Organe sie ausdruͤcken konn- ten — Es ward Gesang, aber weder Nachtigal- lenlied, noch Leibnitzens musikalische Sprache, noch ein bloßes Empfindungsgeschrei der Thiere: Ausdruk der Sprache aller Geschoͤpfe, innerhalb der natuͤrlichen Tonleiter der menschlichen Stimme! Selbst Selbst da die Sprache spaͤter mehr regelmaͤßig, eintoͤnig und gereihet wurde, blieb sie noch immer eine Gattung Gesang, wie es die Accente so vieler Wilden bezeugen; und daß aus diesem Ge- sange, nachher veredelt und verfeinert, die aͤlteste Poesie und Musik entstanden, hat jezt schon mehr, als Einer bewiesen. Der philosophische Englaͤn- der, Erown. der sich in unserm Jahrhunderte an diesen Ursprung der Poesie und Musik gemacht, haͤtte am weitsten kommen koͤnnen, wenn er nicht den Geist der Sprache von seiner Untersuchung ausge- schlossen und minder auf sein System ausgegan- gen waͤre, Poesie und Musik auf Einen Vereini- gungspunkt einzuschließen, auf welchem keine sich recht zeigen kann, als auf den Ursprung von bei- den aus der ganzen Natur des Menschen. Ueber- haupt da die besten Stuͤcke der alten Poesie Reste dieser sprachsingenden Zeiten sind; so sind die Miß- kaͤnntnisse, die Veruntreuungen, und die schiefen Geschmacksfehler ganz unzaͤhlig, die man aus dem Gange der aͤltesten Gedichte, der griechischen Trauerspiele, und Deklamationen herausbuchsta- birt birt hat. Wie viel haͤtte hier noch ein Philosoph zu sagen, der unter den Wilden, wo noch dies Zeit- alter lebt, den Ton gelernt haͤtte, diese Stuͤcke zu lesen! Sonst und gewoͤhnlich sieht man immer nur Gewebe des verkehrten Teppichs! disjecti membra poetae! — — Doch ich verloͤhre mich in ein un- ermeßliches Feld, wenn ich mich in Einzelne Sprachanmerkungen einlassen wollte — also zu- ruͤck auf den ersten Erfindungsweg der Sprache! Wie aus Toͤnen zu Merkmalen vom Verstande gepraͤgt, Worte wurden, war sehr begreiflich; aber nicht alle Gegenstaͤnde toͤnen; woher nun fuͤr diese Merkworte, bei denen die Seele sie nenne? woher dem Menschen die Kunst, was nicht Schall ist, in Schall zu verwandeln? Was hat die Farbe, die Rundheit mit dem Namen ge- mein, der aus ihr so entstehe, wie der Name Bloͤcken aus dem Schaafe? — Die Vertheidi- ger des uͤbernatuͤrlichen Ursprungs wissen hier gleich Rath, „willkuͤhrlich! Wer kanns begreiffen „und im Verstande Gottes nachsuchen, warum „gruͤn, „gruͤn, gruͤn und nicht blau heißt? Ohne Zweifel „hats ihm so beliebt!„ und damit ist der Faden abgeschnitten! Alle Philosophie uͤber die Erfin- dungskunst der Sprache schwebt also willkuͤhrlich in den Wolken, und fuͤr uns ist jedes Wort eine Qualitas occulta, etwas willkuͤhrliches! — Nur mag mans nicht uͤbel nehmen, daß ich in diesem Falle das Wort willkuͤhrlich nicht begreiffe. Eine Sprache willkuͤhrlich und ohne allen Grund der Wahl aus dem Gehirn zu erfinden, ist wenigstens fuͤr eine menschliche Seele, die zu Allem einen, wenn auch nur einigen Grund haben will, solch eine Quaal, als fuͤr den Koͤrper sich zu Tode strei- cheln zu lassen. Bei einem rohen sinnlichen Na- turmenschen uͤberdem, dessen Kraͤfte noch nicht fein gnug sind, um ins Unnuͤtze hinzuspielen, der, ungeuͤbt und stark, nichts ohne dringende Ursache thut, und nichts vergebens thun will, bei dem ist die Erfindung einer Sprache aus schaler leerer Willkuͤhr, der ganzen Analogie seiner Natur ent- gegen: und es ist uͤberhaupt der ganzen Analogie aller menschlichen Seelenkraͤfte entgegen, eine aus reiner Willkuͤhr ausgedachte Sprache. Also Also zur Sache. Wie hat der Mensch, seinen Kraͤften uͤberlassen, sich auch II. eine Sprache, wo ihm kein Ton vortoͤnte, erfinden koͤnnen? Wie haͤngt Gesicht und Gehoͤr, Farbe und Wort, Duft und Ton zusammen? Nicht unter sich in den Gegenstaͤnden; aber was sind denn diese Eigenschaften in den Ge- genstaͤnden? Sie sind blos sinnliche Em- pfindungen in uns, und als solche fließen sie nicht Alle in Eins? Wir sind Ein denkendes sensorium commune, nur von verschiednen Seiten beruͤhrt — Da liegt die Erklaͤrung. Allen Sinnen liegt Gefuͤhl zum Grunde, und dies gibt den verschiedenartigsten Sensationen schon ein so inniges, starkes, unaussprechliches Band, daß aus dieser Verbindung die sonderbarsten Er- scheinungen entstehen. Mir ist mehr als Ein Beispiel bekannt, da Personen natuͤrlich, vielleicht aus einem Eindruck der Kindheit nicht anders konnten, als unmittelbar durch eine schnelle An- wande- wandelung mit diesem Schall jene Farbe, mit die- ser Erscheinung jenes ganz verschiedne, dunkle Ge- fuͤhl verbinden, was durch die Vergleichung der langsamen Vernunft mit ihr gar keine Verwand- schaft hat: denn wer kann Schall und Farbe, Er- scheinung und Gefuͤhl vergleichen? Wir sind voll solcher Verknuͤpfungen der verschiedensten Sinne; nur wir bemerken sie nicht anders, als in An- wandlungen, die uns aus der Fassung setzen, in Krankheiten der Phantasie, oder bei Gelegenhei- ten, wo sie außerordentlich merkbar werden. Der gewoͤhnliche Lauf unsrer Gedanken geht so schnell; die Wellen unsrer Empfindungen rauschen so dun- kel in einander: es ist auf Einmal so viel in unsrer Seele, daß wir in Absicht der meisten Jdeen wie im Schlummer an einer Wasserquelle sind, wo wir freilich noch das Rauschen jeder Welle hoͤren, aber so dunkel, daß uns endlich der Schlaf alles merkbare Gefuͤhl nimmt. Waͤre es moͤglich, daß wir die Kette unsrer Gedanken anhalten, und an jedem Gliede seine Verbindung suchen koͤnnten — welche Sonderbarkeiten! welche fremde Analogien der verschiedensten Sinne, nach denen doch die Seele Seele gelaͤufig handelt! Wir waͤren alle, fuͤr ein blos vernuͤnftiges Wesen, jener Gattung von Ver- ruͤkten aͤhnlich, die klug denken, aber sehr unbe- greiflich und albern verbinden! Bei sinnlichen Geschoͤpfen, die durch viele ver- schiedne Sinne auf Einmal empfinden, ist diese Versammlung von Jdeen unvermeidlich; denn was sind alle Sinne anders, als bloße Vorstel- lungsarten Einer positiven Kraft der Seele? Wir unterscheiden sie; aber wieder nur durch Sinne; also Vorstellungsarten durch Vorstellungsarten. Wir lernen mit vieler Muͤhe sie im Gebrauche trennen — in einem gewissen Grunde aber wuͤr- ken sie noch immer zusammen. Alle Zergliederun- gen der Sensation bei Buffons, Condillacs und Bonnets empfindendem Menschen sind Abstrak- tionen: der Philosoph muß Einen Faden der Em- pfindung liegen lassen, indem er den andern ver- folgt — in der Natur aber sind alle die Faͤden Ein Gewebe! — je dunkler nun die Sinne sind, desto mehr fließen sie in einander; und je ungeuͤbter, je weniger man noch gelernet hat, einen ohne den andern zu brauchen, mit Adresse und Deutlichkeit zu zu brauchen; desto dunkler! — Laßt uns dies auf den Anfang der Sprache anwenden! Die Kindheit und Unerfahrenheit des menschlichen Ge- schlechts hat sie erleichtert! Der Mensch trat in die Welt hin; von wel- chem Ocean wurde er auf Einmal bestuͤrmt! mit welcher Muͤhe lernte er unterscheiden! Sinne er- kennen! erkannte Sinne allein gebrauchen! Das Sehen ist der kaͤlteste Sinn, und waͤre er immer so kalt, so entfernt, so deutlich gewesen, als ers uns durch eine Muͤhe und Uebung vieler Jahre ge- worden ist: so sehe ich freilich nicht, wie man, was man sieht, hoͤrbar machen koͤnne? Allein die Natur hat dafuͤr gesorgt, und den Weg naͤher an- gezogen: Denn selbst dies Gesicht war, wie Kin- der und Blindgewesene zeugen, Anfangs nur Ge- fuͤhl. Die meisten sichtbaren Dinge bewegen sich; viele toͤnen in der Bewegung: wo nicht, so liegen sie dem Auge in seinem ersten Zustande gleichsam naͤher, unmittelbar auf ihm und lassen sich also fuͤhlen. Das Gefuͤhl liegt dem Gehoͤr so nahe: seine Bezeichnungen z. E. hart, rauh, weich, wol- ligt, sammet, haarigt, starr, glatt, schlicht, bor- G stig stig u. s. w. die doch alle nur Oberflaͤchen betreffen, und nicht einmal tief einwuͤrken, toͤnen alle, als ob mans fuͤhlte: Die Seele, die im Gedraͤnge sol- cher zusammenstroͤmenden Empfindungen und in der Beduͤrfniß war, ein Wort zu schaffen, griff und bekam vielleicht das Wort eines nachbarlichen Sinnes, dessen Gefuͤhl mit diesem zusammenfloß, — so wurden fuͤr alle und selbst fuͤr den kaͤltesten Sinn Worte. Der Blitz schallet nicht: wenn er nun aber ausgedruͤkt werden soll, dieser Bote der Mitternacht! Der jezt im Nu enthuͤllet, Himm’l und Erd Und eh ein Mensch noch sagen kann: sieh da! Schon in den Schlund der Finsterniß hin- ab ist — natuͤrlich wirds ein Wort machen, das durch Huͤlfe eines Mittelgefuͤhls dem Ohr die Empfindung des Urploͤzlichschnellen gibt, die das Auge hatte — Blitz! — Das Wort: Duft, Ton, suͤß, bitter, sauer u. s. w. toͤnen alle, als ob man fuͤhlte: denn was sind urspruͤnglich alle Sinne, anders, als Gefuͤhl? — Wie aber Gefuͤhl sich in Laut aͤus- sern koͤnne, das haben wir schon im ersten Ab- schnitte schnitte als ein unmittelbares Naturgesetz der em- pfindenden Maschine angenommen, das wir wei- ter nicht erklaͤren woͤgen! Und so fuͤhren sich alle Schwierigkeiten auf fol- gende zwo erwiesene deutliche Saͤtze zuruͤck. 1) Da alle Sinne nichts als Vorstellungsarten der Seele sind: so habe sie nur deutliche Vorstel- lung: mithin Merkmal, mit dem Merkmal hat sie innere Sprache. 2) Da alle Sinne, insonderheit im Zustande der menschlichen Kindheit nichts als Gefuͤlhsarten einer Seele sind: alles Gefuͤhl aber nach einem Empfindungsgesetz der thierischen Natur unmittel bar seinen Laut hat; so werde dies Gefuͤhl nur zum Deutlichen eines Merkmals erhoͤht: so ist das Wort zur aͤußern Sprache da. Hier kom- men wir auf eine Menge sonderbarer Betrachtun- gen, „wie die Weißheit der Natur den Menschen „durchaus dazu organisirt hat, um sich selbst Sprache „zu erfinden.„ Hier ist die Hauptbemerkung. „Da der Mensch blos durch das Gehoͤr die „Sprache der lehrenden Natur empfaͤngt, und „ohne das die Sprache nicht erfinden kann: G 2 so „so ist Gehoͤr auf gewisse Weise der Mittlere „seiner Sinne, die eigentliche Thuͤr zur Seele, „und das Verbindungsband der uͤbrigen Sin- „ne geworden„ Jch will mich erklaͤren! 1) Das Gehoͤr ist der Mittlere der menschli- chen Sinne, an Sphaͤre der Empfindbarkeit von Außen. Gefuͤhl empfindet alles nur in sich, und in seinem Organ; das Gesicht wirft uns große Strecken weit aus uns hinaus: Das Gehoͤr steht an Grad der Mittheilbarkeit in der Mitte. Was das fuͤr die Sprache thut? Setzet ein Geschoͤpf, selbst ein vernuͤnftiges Geschoͤpf, dem das Gefuͤhl Hauptsinn waͤre (im Fall dies moͤglich ist!) wie klein ist seine Welt! und da es dieses nicht durchs Gehoͤr empfindet, so wird es sich wohl vielleicht wie das Jnsekt ein Gewebe, aber nicht durch Toͤne eine Sprache bauen! Wiederum ein Geschoͤpf, ganz Auge — wie unerschoͤpflich ist die Welt sei- ner Beschauungen! wie unermeßlich weit wird es aus sich geworfen! in welche unendliche Mannich- faltigkeit zerstreuet! Seine Sprache, (wir haben davon keinen Begriff!) wuͤrde eine Art unendlich feiner Pantomime; seine Schrift eine Algebra durch durch Farben und Striche werden — aber toͤnende Sprache nie! Wir hoͤrende Geschoͤpfe stehn in der Mitte: wir sehen, wir fuͤhlen; aber die gesehene, gefuͤhlte Natur toͤnet! Sie wird Lehrmeisterinn zur Sprache durch Toͤne! wir werden gleichsam Gehoͤr durch alle Sinne! Lasset uns die Bequemlichkeit unsrer Stelle fuͤh- len — dadurch wird jeder Sinn sprachfaͤhig. Freilich gibt Gehoͤr nur eigentlich Toͤne, und der Mensch kann nicht erfinden, sondern nur fin- den, nur nachahmen; allein auf der einen Seite liegt das Gefuͤhl neben an: auf der andern ist das Gesicht der nachbarliche Sinn: Die Empfin- dungen vereinigen sich und kommen also alle der Gegend nahe, wo Merkmale zu Schaͤllen werden. So wird, was man sieht, so wird, was man fuͤhlt, auch toͤnbar. Der Sinn zur Sprache ist unser Mittel- und Vereinigungssinn geworden; wir sind Sprachgeschoͤpfe. 2) Das Gehoͤr ist der Mittlere unter den Sin- nen an Deutlichkeit und Klarheit; und also wie- derum Sinn zur Sprache. Wie dunkel ist das Ge- fuͤhl! es wird uͤbertaͤubt! es empfindet alles in ein- G 3 an- ander. Da ist mit Muͤhe ein Merkmal der An- erkennung abzusondern: es wird unaussprechlich! Wiederum das Gesicht ist so helle und uͤber- glaͤnzend, es liefert eine solche Menge von Merk- malen, daß die Seele unter der Mannichfaltigkeit erliegt, und etwa Eins nur so schwach absondern kann, daß die Wiedererkennung daran schwach wird. Das Gehoͤr ist in der Mitte. Alle in einander fallende dunkle Merkmale des Gefuͤhls laͤßts liegen. Alle zu feine Merkmale des Gesichts auch! aber da reißt sich vom betasreten, betrach- teten Objekt ein Ton los? Jn den sammeln sich die Merkmale jener beiden Sinne — der wird Merkwort! das Gehoͤr greift also von beiden Sei- ten um sich: macht klar, was zu dunkel; macht angenehmer, was zu helle war: bringt in das Dunkelmannichfaltige des Gefuͤhls mehr Ein- heit, und in das Zuhellmannichfaltige des Ge- sichts auch: und da diese Anerkennung des Man- nichfaltigen durch Eins, durch ein Merkmal, Sprache wird, ists Sprache. 3) Das Gehoͤr ist der mittlere Sinn in Anse- bung der Lebhaftigkeit und also Sinn der Spra- Sprache. Das Gefuͤhl uͤberwaͤltigt: das Gesicht ist zu kalt und gleichguͤltig: jenes dringt zu tief in uns, als daß es Sprache werden koͤnnte; dies bleibt zu ruhig vor uns. Der Ton des Gehoͤrs dringt so innig in unsre Seele, daß er Merkmal werden muß; aber noch nicht so uͤbertaͤubend, daß er nicht klares Merkmal werden koͤnnte — Das ist Sinn der Sprache. Wie kurz, ermuͤdend und unausstehlich waͤre die Sprache jedes groͤbern Sinnes fuͤr uns? Wie verwirrend und kopfleerend fuͤr uns die Sprache des zu feinen Gesichts? Wer kann immer schme- cken, fuͤhlen und riechen, ohne nicht bald, wie Pope sagt, einen aromatischen Tod zu sterben? Und wer immer mit Aufmerksamkeit ein Farben- clavier begaffen, ohne nicht bald zu erblinden? Aber hoͤren, gleichsam hoͤrend Worte denken, koͤn- nen wir laͤnger und fast immer — das Gehoͤr ist fuͤr die Seele, was die Gruͤne, die Mittelfarbe, fuͤrs Gesicht ist. Der Mensch ist zum Sprachge- schoͤpfe gebildet. 4) Das Gehoͤr ist der mittlere Sinn in be- tracht der Zeit in der es wuͤrkt, und also Sinn G 4 der der Sprache. Das Gefuͤhl wirft alles auf Ein- mal in uns hin: es regt unsre Saiten stark, aber kurz, und springend; das Gesicht stellt uns alles auf Einmal vor, und schrekt also den Lehrling durch die unermeßliche Tafel des neben einander ab. Durchs Gehoͤr sehet! wie uns die Lehrmeiste- rinn der Sprache schonet! sie zaͤhlt uns nur einen Ton nach dem andern in die Seele, gibt und er- muͤdet nie, gibt und hat immer mehr zu geben — sie uͤbet also das ganze Kunststuͤck der Methode; sie lehret progreßiv! Wer koͤnnte da nicht Spra- che fassen, sich Sprache erfinden? 5) Das Gehoͤr ist der mittlere Sinn in Ab- sicht des Beduͤrfnisses sich auszudruͤcken, und also Sinn der Sprache. Das Gefuͤhl wuͤrkt un- aussprechlich dunkel; allein um so weniger darfs, ausgesprochen werden — es geht so sehr unser Selbst an! es ist so eigennuͤtzig und in sich ge- senkt! ‒ ‒ das Gesicht ist fuͤr den Spracherfinder unaussprechlich; allein was brauchts sogleich, ausgesprochen zu werden? Die Gegenstaͤnde blei- ben! sie lassen sich durch Winke zeigen! die Gegen- staͤnde des Gehoͤrs aber sind mit Bewegung ver- bunden: bunden: sie streichen vorbei; Eben dadurch aber toͤnen sie auch. Sie werden aussprechlich, weil sie ausgesprochen werden muͤssen und dadurch, daß sie ausgesprochen werden muͤssen, durch ihre Be- wegung, werden sie aussprechlich — Welche Faͤ- higkeit zur Sprache! 6) Das Gehoͤr ist der mittlere Sinn in Absicht seiner Entwiklung und also Sinn der Sprache. Gefuͤhl ist der Mensch ganz: der Embryon in seinem ersten Augenblick des Lebens fuͤhlet wie der junggebohrne: das ist Stamm der Natur, aus dem die zaͤrtern Aeste der Sinnlichkeit wachsen und der verflochtne Kneuel, aus dem sich alle feinere Seelenkraͤfte entwickeln. Wie entwickeln sich diese? Wie wir gesehen, durchs Gehoͤr, da die Natur die Seele zur ersten deutlichen Empfindung durch Schaͤlle wecket — Also gleichsam aus dem dunkeln Schlaf des Gefuͤhls wecket: und zu noch feinerer Sinnlichkeit reifet. — Waͤre z. B. das Gesicht schon vor ihm entwickelt da, oder waͤre es moͤglich, daß es anders als durch den Mittelsinn des Gehoͤrs aus dem Gefuͤhl erwecket waͤre — welche weise Armuth! welche hellsehende Dummheit! Wie G 5 schwuͤ- schwuͤrig wuͤrde es einem solchen Geschoͤpf, ganz Auge! Wenn es doch Mensch seyn sollte, das was es saͤhe zu benennen! Das kalte Gesicht mit dem waͤrmern Gefuͤhl, mit dem ganzen Stamme der Menschheit zu einverbinden! — Doch die Jnstanz selbst wird wiedersprechend: der Weg zu Entwiklung der menschlichen Natur — ist besser und Einzig! Da alle Sinne zusammen wuͤrken, sind wir, durchs Gehoͤr, gleichsam immer in der Schule der Natur, lernen abstrahiren, und zugleich sprechen; das Gesicht verfeinert sich mit der Vernunft: Ver- nunft und die Gabe der Bezeichnung, und so wenn der Mensch zu der feinsten Charakteristik sichtli- cher Phaͤnomene kommt — Welch ein Vorrath von Sprache und Sprachaͤhnlichkeiten liegt schon fertig! Er nahm den Weg aus dem Gefuͤhl in den Sinn feiner Phantasmen nicht anders als uͤber den Sinn der Sprache, und hat also gelernt toͤnen, sowohl was er siehet, als was er fuͤhlte. Koͤnnte ich nun hier alle Enden zusammen neh- men, und mit Einmal das Gewebe sichtbar ma- chen, was menschliche Natur heißt: durchaus ein Gewebe zur Sprache. Dazu, sahen wir, war dieser dieser positiven Denkkraft Raum und Sphaͤre er- theilet: dazu ihr Stoff und Materie abgewogen: dazu Gestalt und Form geschaffen: dazu endlich Sinne organisirt und gereihet — zu Sprache! Darum denkt der Mensch nicht heller, nicht dunk- ler; darum sieht und fuͤhlt er nicht schaͤrfer, nicht laͤnger, nicht lebhafter: darum hat er diese, nicht mehr und nicht andre Sinne — alles wiegt gegen- einander! ist ausgespart und ersezt! Mit Absicht angelegt und vertheilt! Einheit und Zusammen- hang! Proportion und Ordnung! Ein Ganzes! Ein System! ein Geschoͤpf von Besonnenheit und Sprache, von Besinnung und Sprach- schaffung! Wollte jemand nach allen Beobach- tungen, noch diese Bestimmung zum Sprachge- schoͤpfe laͤugnen, der muͤßte aus dem Beobachter der Natur erst ihr Zerstoͤrer werden! Alle ange- zeigte Harmonien in Mißtoͤne zerreißen: das ganze Prachtgebaͤude der menschlichen Kraͤfte in Truͤm- mern schlagen, seine Sinnlichkeit verwuͤsten und statt des Meisterstuͤks der Natur ein Geschoͤpf fuͤh- len, voll Maͤngel und Luͤcken, voll Schwaͤchen und Convulsionen! Und wenn denn nun auf der an- andern Seite „die Sprache auch genau so ist, „wie sie nach dem Grundtiß, und der „Wucht des vorigen Geschoͤpfes hat entste- „hen muͤssen?„ — — — — Jch gehe das lezte zu beweisen, ob gleich hier mir noch ein sehr angenehmer Spatzier- gang vorlaͤge, es nach den Regeln der Sulzer- schen Theorie des Vergnuͤgens zu berechnen, „was eine Sprache durchs Gehoͤr fuͤr uns fuͤr „Vorzuͤge und Annehmlichkeiten fuͤr der Sprache „andrer Sinne haͤtte?„ — — Der Spatzier- gang fuͤhrte aber zu weit: und man muß ihm ent- sagen, wenn noch die Hauptstrasse zu sichern und zu berichtigen weit vorliegt. — Also Erstlich I. „Je aͤlter, und urspruͤnglicher die Sprachen „sind: desto mehr wird diese Analogie der „Sinne in ihren Wurzeln merklich!„ Wenn wir in spaͤtern Sprachen den Zorn schon als Phaͤnomenon des Gesichts, oder als Ab- straktum in den Wurzeln charakterisiren: z. E. durch das Funkeln der Augen, das Gluͤhen der Wangen u. s. w. und ihn also nur sehen oder den- ken: ken: so hoͤret ihn der Morgenlaͤnder! Hoͤret ihn schnauben! Hoͤret ihn brennenden Rauch, und stuͤrmende Funken spruͤhen! Das ward Namen des Worts: die Nase Sitz des Zorns: das ganze Geschlecht der Zornwoͤrter und Zornmetaphern schnauben ihren Ursprung. Wenn uns das Leben sich durch Pulsschlag, durch Wallen und feine Merkmale auch in der Sprache aͤussert: so offenbahrte es sich jenem Laut othmend, der Mensch lebte, da er hauchte; starb, da er aushauchte: und man hoͤrt die Wurzel des Worts, wie den ersten belebten Adam hauchen. Wenn wir das Gebaͤren nach unsrer Art cha- rakterisiren: so hoͤrt jener auch in den Benennun- gen Geschrei der Mutterangst, oder bei Thieren das Ausschuͤtteln eines Fruchtschlauches: um diese Mittelidee wenden sich seine Bilder! Wenn wir im Wort Morgenroͤthe etwa das Schoͤne, Glaͤnzende, Frische, dunkel hoͤren: so fuͤhlt der harrende Wandrer in Orient auch in der Wurzel des Worts den ersten, schnellen, erfreu- lichen Lichtstral, den unser Einer vielleicht nie ge- sehen, wenigstens nie mit dem Gefuͤhl gefuͤhlet. — Die Die Beispiele aus den alten und wilden Sprachen werden unzaͤlig, wie herzlich und starkempfindend sie aus Gehoͤr und Gefuͤhl charakterisiren, und „ein Werk von der Art, was so recht das Grund- „gefuͤhl solcher Jdeen bei verschiednen Voͤlkern auf- „suchte,„ waͤre eine voͤllige Demonstration fuͤr meinen Satz, und fuͤr die menschliche Erfindung der Sprache. II. „Je aͤlter und urspruͤnglicher die Sprachen „sind, desto mehr durchkreutzen sich auch die „Gefuͤhle in den Wurzeln der Woͤrter!„ Man schlage das erste, beste morgenlaͤndische Woͤrterbuch auf, und man wird den Drang sehen, sich ausdruͤcken zu wollen! Wie der Erfinder Jdeen aus Einem Gefuͤhl hinaus riß und fuͤr ein anderes borgte! wie er bei den schwersten, kaͤltesten, deut- lichsten Sinnen am meisten borgte! wie Alles, Gefuͤhl und Laut werden mußte, um Ausdruck zu werden! Daher die starken kuͤhnen Metaphern in den Wurzeln der Worte! daher die Uebertra- gungen aus Gefuͤhl in Gefuͤhl, so daß die Bedeu- tungen eines Stammworts, und noch mehr seiner Ab- Abstammungen gegen einander gesezt, das bunt- schaͤckigste Gemaͤlde werden. Die genetische Ursa- che liegt in der Armuth der menschlichen Seele, und im Zusammenfluß der Empfindungen eines rohen Menschen: Man sieht sein Beduͤrfniß sich auszudruͤcken so deutlich: Man siehts in immer groͤßerm Maaß, je weiter die Jdee vom Gefuͤhl und Ton in der Empfindung weglag, daß man nicht mehr an der Menschlichkeit des Ursprungs der Sprache zweifeln darf. Denn wie wollen die Verfechter einer andern Entstehung diese Durch- webung der Jdeen in den Wurzeln der Woͤrter erklaͤren? War Gott so Jdeen- und Wortarm, daß er zu dergleichen verwirrendem Wortgebrauch seine Zuflucht nehmen mußte? Oder war er so sehr Liebhaber von Hyperbolen, ungereimten Me- taphern, daß er diesen Geist bis in die Grundwur- zeln seiner Sprache praͤgte? Die so genannte goͤttliche Sprache, die Ebraͤi- sche, ist von diesen Kuͤhnheiten ganz gepraͤgt, so daß der Orient auch die Ehre hat, sie mit seinem Namen zu bezeichnen; Allein, daß man doch ja nicht diesen Metapherngeist Asiatisch nenne, als wenn wenn er sonst nirgend anzutreffen waͤre! Jn allen wilden Sprachen lebt er; nur freilich in jeder nach Maaß der Bildung der Nation und nach Eigenheit ihrer Denkart. Ein Volk, das seine Gefuͤhle nicht viel und nicht scharf unterschied: Ein Volk, das nicht Herz gnug hatte, sich auszudruͤcken, und Ausdruͤcke maͤchtig zu rauben — wird auch wegen Nuancen des Gefuͤhls weniger verlegen seyn, oder sich mit schleichenden Halbausdruͤcken behelfen. Eine feurige Nation offenbart ihren Muth in sol- chen Metaphern, sie mag in Orient, oder Nord- amerika wohnen: die aber in ihrem tiefsten Grun- de die meisten solcher Verpflanzungen zeigt; deren Sprache ist voraus die aͤrmste, die aͤlteste, die ur- spruͤnglichste gewesen, und die war ohne Zweifel in Orient. Man siehet wie schwer bei einer solchen Spra- che „ein wahres Etymologikon„ seyn muͤsse? Die so verschiedne Bedeutungen eines Radicis, die in einer Stammtafel abgeleitet und auf ihren Ursprung zuruͤkgefuͤhrt werden sollen, sind nur durch so dunkle Gefuͤhle, durch fluͤchtige Neben- ideen, durch Mitempfindungen verwandt, die aus aus dem Grunde der Seele steigen, und wenig in Regeln gefasset werden koͤnnen! Jhre Verwand- schaften sind ferner so National, so sehr nach der eignen Denk- und Sehart des Volks, des Erfin- ders, in dem Lande, in der Zeit, in den Umstaͤn- den, daß sie von einem Nord- und Abendlaͤnder unendlich schwer zu treffen sind, und in lan- gen, kalten Umschreibungen unendlich leiden muͤs- sen. Da sie ferner von der Noth erzwungen, und im Affekt, im Gefuͤhl, in der Verlegenheit des Ausdruks erfunden wurden — welch ein Gluͤck gehoͤrt dazu, dasselbe Gefuͤhl zu treffen? Und endlich da im Woͤrterbuche von der Art die Woͤrter, und die Bedeutungen eines Worts aus so verschiednen Zeiten, Anlaͤssen und Denkarten gesammlet werden sollen, und sich also diese augen- blikliche Bestimmungen ins Unendliche vermeh- ren — wie vervielfaͤltigt sich da die Muͤhe! welch ein Scharfsinn in diese Umstaͤnde und Beduͤrfnisse einzudringen, und welche Maͤßigung, bei den Aus- legungen verschiedner Zeiten darinn Maaß zu hal- ten! welche Kaͤnntniß und Biegsamkeit der Seele gehoͤrt dazu, sich so ganz diesen rohen Witz, diese H kuͤhne kuͤhne Phantasie, dies Nationalgefuͤhl fremder Zeiten zu geben, und es nach den unsrigen zu mo- dernisiren! Aber eben damit wurde auch „nicht „blos in die Geschichte, Denkart und Litte- „ratur des Landes, sondern uͤberhaupt in die „ dunkle Gegend der menschlichen Seele eine „Fackel getragen, wo sich die Begriffe durch- „kreutzen und verwickeln! Wo die verschie- „denste Gefuͤhle einander erzeugen; wo eine „ dringende Gelegenheit alle Kraͤfte der Seele „aufbietet und die ganze Erfindungskunst, „der sie faͤhig ist, zeiget.„ Jeder Schritt waͤre in einem solchen Werk Entdeckung! und jene neue Bemerkung der vollstaͤndigste Beweis von der Menschlichkeit des Ursprungs der Sprache. Schultens hat sich an der Entwiklung eini- ger solchen Originum der hebraͤischen Sprache Ruhm erworben: jede Entwiklung ist eine Probe meiner Regel: ich glaube aber vieler Ursachen we- gen, nicht, daß die Origines der ersten menschlichen Sprache, wenn es auch die hebraͤische waͤre, je vollstaͤndig entwickelt werden koͤnnen — — Jch Jch folgre noch eine Anmerkung, die zu allge- mein und wichtig ist, um uͤbergangen zu werden. Der Grund der kuͤhnen Wortmetaphern lag in der ersten Erfindung; aber wie? wenn spaͤt nachher, wenn schon alles Beduͤrfniß weggefallen ist, aus bloßer Nachahmungssucht, oder Liebe zum Alter- thum dergleichen Wort- und Bildergattungen blei- ben? Und gar noch ausgedehnt und erhoͤhet wer- den? Denn, o denn wird der erhabne Unsinn, das aufgedunsne Wortspiel daraus, was es im Anfang eigentlich nicht war. Dort wars kuͤhner, maͤnnlicher Witz, der denn vielleicht am wenigsten spielen wollte, wenn er am meisten zu spielen schien! es war rohe Erhabenheit der Phantasie, die solch Gefuͤhl in solchem Worte herausarbeitete; aber nun im Gebrauche schaaler Nachahmer, ohne solches Gefuͤhl, ohne solche Gelegenheit — Ach! Ampullen von Worten ohne Geist! und das ist „das Schiksal aller derer Sprachen in spaͤ- „tern Zeiten gewesen, deren erste Formen „so kuͤhn waren.„ Die spaͤtern franzoͤsischen Dichter koͤnnen sich nicht versteigen, weil die ersten Erfinder ihrer Sprache sich nicht verstiegen haben: H 2 ihre ihre ganze Sprache ist Prose der gesunden Ver- nunft, und hat urspruͤnglich fast kein poetisches Wort, das dem Dichter eigen waͤre; aber die Morgenlaͤnder? die Griechen? die Englaͤnder? und wir Deutschen? Daraus folgt: daß je aͤlter eine Sprache ist, je mehr solcher Kuͤhnheiten in ihren Wurzeln ist, hat sie lange gelebt, sich lange fortgebildet; um so weniger muß man auf jede Kuͤhnheit des Ur- sprungs losdringen, als wenn jeder dieser sich durchkreuzenden Begriffe auch jedesmal in jedem spaͤten Gebrauch mit gedacht worden waͤre. Die Metapher des Anfangs war Drang zu sprechen; nimmt mans nachher in jedem Fall, wo das Wort schon gelaͤufig geworden war, und seine Schaͤrfe abgenuzt hatte, fuͤr Fruchtbarkeit und Energie, alle solche Sonderbarkeiten zu verbinden — was fuͤr klaͤgliche Beispiele wimmeln da in ganzen Schulen der morgenlaͤndischen Sprachen! Noch Eins. Wenn gar an solchen kuͤhnen Wortkaͤmpfen, an solchen Versetzungen der Gefuͤhle in Einen Ausdruck, an solchen Durchkreuzungen der Jdeen ohne Regel und Richtschnur — gewisse feine feine Begriffe Eines Dogma, Eines Sy- stems kleben — oder daran geheftet werden — oder daraus untersucht werden sollen; — Him- mel! wie wenig waren diese Wortversuche einer werdenden oder fruͤh gewordnen Sprache Defini- tionen eines Systems, und wie oft kommt man in den Fall Wortidole zu schaffen, an die der Erfin- der, oder der spaͤtere Gebrauch nicht dachte! — — Doch solche Anmerkungen waͤren unendlich: ich gehe zu einem neuen Canon: III. „Je urspruͤnglicher eine Sprache ist, je haͤu- „figer solche Gefuͤhle sich in ihr durchkreu- „zen; desto weniger koͤnnen diese sich genau „und logisch untergeordnet seyn. Die „Sprache ist reich an Synonymen: bei al- „ler wesentlichen Duͤrftigkeit hat sie den „groͤßten unnoͤthigen Ueberfluß.„ Die Vertheidiger des goͤttlichen Ursprunges, die in allem goͤttliche Ordnung zu finden wissen, koͤnnen ihn hier schwerlich finden, und laͤugnen Süßmilch §. 9. die Synonyme. — Sie laͤugnen? wohlan nun, H 3 laß laß es seyn, daß unter den 50 Woͤrtern, die der Araber fuͤr den Loͤwen, unter den 200, die er fuͤr die Schlange, unter den 80, die er fuͤr den Honig, und mehr als 1000, die er fuͤrs Schwerdt hat, sich feine Unterschiede finden, oder gefunden haͤtten, die aber verloren gegangen waͤren — warum wa- ren sie da, wenn sie verloren gehen mußten? Warum erfand Gott einen unnoͤthigen Wortschatz, den nur, wie die Araber sagen, ein goͤttlicher Pro- phet in seinem ganzen Umfange fassen konnte? Erfand er ins Leere der Vergessenheit? — — — Vergleichungsweise aber sind diese Worte doch immer Synonymen, in Betracht der vielen andern Jdeen, fuͤr die Woͤrter gar mangeln — Nun entwikle man doch darinn goͤttliche Ordnung, daß Er, der den Plan der Sprache uͤbersahe, fuͤr den Stein 70 Woͤrter erfand, und fuͤr alle so noͤ- thige Jdeen, innerliche Gefuͤhle, und Abstraktio- nen keine? daß Er dort mit unnoͤthigem Ueberfluß uͤberhaͤufte, hier in der groͤßten Duͤrftigkeit ließ, zu stehlen, Mataphern zu usurpiren, halben Un- sinn zu reden u. s. w. Mensch- Menschlich erklaͤrt sich die Sache von selbst. So uneigentlich schwere, seltne Jdeen ausgedruͤkt werden mußten: so haͤufig konntens die vorlie- genden und leichten. Je unbekannter man mit der Natur war; von je mehrern Seiten man sie aus Unerfahrenheit ansehen und kaum wieder erkennen konnte; je weniger man a priori son- dern nach sinnlichen Umstaͤnden erfand: desto mehr Synonyme! Je Mehrere erfanden, je umherirrender und abgetrennter sie erfanden, und doch nur meistens in Einem Kreise fuͤr Ei- nerlei Sachen erfanden; wenn sie nachher zusam- men kamen, wenn ihre Sprachen in einen Ocean von Woͤrterbuch flossen: desto mehr Synonyme! Verworfen konnten alle nicht werden; denn welche solltens? sie waren bei diesem Stamm, bei dieser Familie, bei diesem Dichter braͤuchlich; es ward also, wie jener Arabische Woͤrterbuchschreiber sagt, da er 400 Woͤrter von Elend aufgezaͤhlt hatte, das vierhundertste Elend, die Woͤrter des Elends auf- zaͤhlen zu muͤssen. Eine solche Sprache ist reich, weil sie arm ist, weil ihre Erfinder noch nicht Plan gnug hatten, arm zu werden — und der muͤs- H 4 sige sige Erfinder eben der unvollkommensten Sprache waͤre Gott? Die Analogien aller wilden Sprachen bestaͤti- gen meinen Satz: jede ist auf ihre Weise ver- schwenderisch und duͤrftig: nur jede auf eigne Art. Wenn der Araber fuͤr Stein, Cameel, Schwerdt, Schlange, (Dinge, unter denen er lebt!) so viel Woͤrter hat; so ist die Ceylami sche Sprache, den Neigungen ihres Volks gemaͤß, reich an Schmei- cheleien, Titeln und Wortgepraͤnge. Fuͤr das Wort „Frauenzimmer„ hat sie nach Stand und Range zwoͤlferlei Namen, da selbst wir unhoͤfliche Deutsche z. E. hierinn von unsern Nachbarn bor- gen muͤssen. Nach Stand und Range wird das Du und Jhr auf achterlei Weise gegeben, und das so wohl vom Tageloͤhner, als vom Hofmanne: der Wust ist Form der Sprache. Jn Siam gibt es achterlei Manieren Jch und Wir zu sagen, nachdem der Herr mit dem Knechte, oder der Knecht mit dem Herrn redet. Die Sprache der wilden Kariben ist beinahe in zwo Sprachen der Weiber und Maͤnner vertheilt, und die gemein- sten Sachen: Bette, Mond, Sonne, Bogen, be- nennen nennen beide anders — welch ein Ueberfluß von Sy- nonymen! Und doch haben eben diese Kariben nur vier Woͤrter fuͤr die Farben, auf die sie alle andre beziehen muͤssen — welche Armuth! Die Huro- nen haben jedesmal ein doppeltes Verbum fuͤr eine beseelte und unbeseelte Sache: so daß Sehen bei „einen Stein sehen„ und Sehen bei „einen Men- „schen sehen!„ immer zween verschiedne Ausdruͤcke sind — man verfolge das durch die ganze Natur — welch ein Reichthum! „Sich seines Eigenthums „bedienen, oder des Eigenthums dessen, mit dem „man redet„ hat immer zwei verschiedne Woͤr- ter — welch ein Reichthum! — Jn der Peruani- schen Hauptsprache nennen sich die Geschlechter so sonderbar abgetrennt, daß die Schwester des Bru- ders und die Schwester der Schwester, das Kind des Vaters und der Mutter ganz verschieden heißt, und doch hat eben diese Sprache keinen wahren Pluralis! — Jede dieser Synonymien haͤngt so sehr mit Sitte, Charakter und Ursprung des Volks zusammen; uͤberall aber charakterisirt sich der erfindende menschliche Geist. — Ein neuer Canon: H 5 IV. „So IV. „So wie die menschliche Seele sich keiner „Abstraktion aus dem Reiche der Geister „erinnern kann, zu der sie nicht durch Ge- „legenheiten und Erweckungen der Sinne „gelangte: so hat auch keine Sprache ein „Abstraktum, zu dem sie nicht durch Ton „und Gefuͤhl gelangt waͤre. Und je ur- „spruͤnglicher die Sprache, desto weniger Ab- „straktionen, desto mehr Gefuͤhle.„ Jch kann in diesem unermeßlichen Felde wieder nur Blumen brechen: Der ganze Bau der morgenlaͤndischen Spra- chen zeuget, daß alle ihre Abstrakta voraus Sinn- lichkeiten gewesen: Der Geist war Wind, Hauch, Nachtsturm! Heilig hieß abgesondert, ein- sam: die Seele hieß der Othem: der Zorn das Schnauben der Nase u. s. w. Die allgemeinern Begriffe wurden ihr also erst spaͤter durch Abstrak- tion, Witz, Phantasie, Gleichniß, Analogie u. s. w. angebildet — im tiefsten Abgrunde der Sprache liegt keine Einzige! Bei allen Wilden findet dasselbe nach Maaß der Cultur statt. Jn der Sprache von Baran- tola tola wuͤßte man nicht heilig und bei den Hotten- totten nicht das Wort Geist zu finden. Alle Mißionarien in allen Welttheilen klagen uͤber die Schwuͤrigkeit, christliche Begriffe den Wilden in ihren Sprachen mitzutheilen, und doch doͤrften diese Mittheilungen ja nimmer eine scholastische Dogmatik, sondern nur die gemeinen Begriffe des gemeinen Verstandes seyn. Wenn man hie und da Proben dieses Vortrages unter den Wilden, auch nur unter den ungebildeten Sprachen Euro- pens z. E. der Lapplaͤndischen, Finnischen, Esthnischen uͤbersezt lieset, und die Sprachlehren und Woͤrterbuͤcher dieser Voͤlker siehet: so werden die Schwuͤrigkeiten offenbar. Will man den Mißionarien nicht glauben: so lese man die Philosophen, de la Condamine in Peru und am Amazonenstrome, Maupertuis in Lappland u. s. w. Zeit, Dauer, Raum, Wesen, Stoff, Koͤrper, Tugend, Gerechtig- keit, Freiheit, Erkaͤnntlichkeit — sind im Munde der Peruaner nicht, wenn sie gleich mit ihrer Vernunft oft zeigen, daß sie nach diesen Begriffen schließen, und mit ihren Thaten zeigen, daß daß sie die Tugenden haben. So lange sie die Jdee nicht als Merkmal sich deutlich gemacht: so haben sie dazu kein Wort. „Wo also solche Worte in die Sprache hinein- „gekommen; siehet man ihnen offenbar ihren „Ursprung an.„ Die Kirchensprache der Rußi- schen Nation ist meistens Griechisch: die christli- chen Begriffe der Letten sind deutsche Worte, oder deutsche Begriffe lettisirt. Der Mexicaner, der seinen armen Suͤnder ausdruͤcken will, mahlt ihn, wie einen Knienden, der Ohrenbeicht able- get, und seine Dreieinigkeit, wie drei Gesichte mit Scheinen. Man weiß, auf welchen Wegen die meisten Abstraktionen „in unsre wissenschaft- „liche Sprache„ gekommen sind, in Theologie und Rechtsgelehrsamkeit, in Philosophie und andre. Man weiß, wie oft Scholastiker und Po- lemiker nicht einmal mit Worten ihrer Sprache streiten konnten und also Streitgewehr (Hypostasis und Substanz, ὀμοόȣσιος und ὀμοίȣιος) aus denen Sprachen heruͤberholen mußten, in denen die Be- griffe abstrahirt, in denen das Streitgewehr ge- schaͤrft schaͤrft war! Unsre ganze Psychologie so verfeinert und bestimmt sie ist, hat kein eigentliches Wort. Dies ist so wahr, daß es so gar Schwaͤrmern und Entzuͤkten nicht moͤglich ist, ihre neue Ge- heimnisse aus der Natur, aus Himmel und Hoͤlle anders, als durch Bilder und sinnliche Vor- stellungen zu charakterisiren. Schwedenborg konnte seine Engel und Geister nicht anders als aus allen Sinnen zusammen wittern und der er- habne Klopstok, Jenem die groͤßeste Antithese! seinen Himmel und Hoͤlle nicht anders als aus sinnlichen Materialien bauen. Der Neger wit- tert sich seine Goͤtter vom Gipfel der Baͤume her- unter, und der Chingulese erhoͤrt sich seinen Teu- fel aus dem Geklatsche der Waͤlder Jch bin eini- gen dieser Abstraktionen unter verschiednen Voͤl- kern, in verschiednen Sprachen nachgeschlichen, und habe „die sonderbarsten Erfindungskunst- „griffe des menschlichen Geistes„ wahrgenom- men; der Gegenstand ist viel zu groß; der Grund ist immer derselbe. „Wenn der Wilde denkt, „daß dies Ding einen Geist hat: so muß ein „sinnliches Ding da seyn, aus dem er sich „den „den Geist abstrahirt.„ Nur hat die Abstrak- tion ihre sehr verschiedne Arten, Stuffen, und Methoden — — Das leichteste Beispiel, daß keine Nation in ihrer Sprache mehr, und andre Woͤrter habe, als sie abstrahiren gelernt, sind die ohne Zweifel sehr leichte Abstraktionen, die Zah- len. Wie wenige haben die meisten Wilden, so reich, vortreflich und ausgebildet ihre Sprachen seyn moͤgen! Nie mehr, als sie brauchten. Der handelnde Phoͤnicier war der erste, der die Re- chenkunst erfand; der seine Heerde uͤberzaͤhlende Hirte lernt auch zehlen: die Jagdnationen, die nie vielzaͤhlige Geschaͤfte haben, wissen eine Armee nicht anderst zu bezeichnen, als wie Haare auf dem Haupt! Wer mag sie zaͤhlen? Wer, der nie so weit hinauf gezaͤhlet hat, hat dazu Worte? Jsts moͤglich, von allen diesen Spuhren des wandelnden, sprachschaffenden Geistes wegzuse- hen, und Ursprung in den Wolken zu suchen? Was hat man fuͤr einen Beweis von einem „Ein- „zigen Worte, was nur Gott erfinden konnte? Exsistirt in irgend einer Sprache nur ein Einziger reiner allgemeiner Begriff, der dem Menschen vom Him- Himmel gekommen? Wo ist er auch nur moͤg- lich? Die beste Abhandlung, die ich über diese Materie kenne, ist eines Engländers: things divine \& supernatural con- ceived by analogy with things natural and human Lond. 1755. by the author of the procedure, extent and limits of human understanding. — „Und was fuͤr 100000 Gruͤnde, und „Analogien, und Beweise von der Genesis „der Sprache in der menschlichen Seele, nach „den menschlichen Sinnen, und Seharten! „Was fuͤr Beweise von der Fortwandrung der „ Sprache mit der Vernunft, und ihrer Ent- „wiklung aus derselben unter allen Voͤlkern, „Weltguͤrteln und Umstaͤnden!„ Welches Ohr ist, das diese allgemeine Stimme der Natio- nen nicht hoͤre? Und doch seh ich mit Verwundrung, daß Hr. Suͤßmilch sich wieder mit mir begegne und auf dem Wege Goͤttliche Ordnung finde, wo ich die allermenschlichste entdecke. Süßmilch §. 11. „daß man noch zur „Zeit keine Sprache entdekt hat, die ganz zu Kuͤn- „sten und Wissenschaften ungeschikt gewesen„ was zeugt denn das anders, als daß keine Sprache viehisch, viehisch, daß sie alle Menschlich sind? Wo hat man denn einen Menschen entdekt, der ganz zu Kuͤnsten und Wissenschaften ungeschikt waͤre, und war das ein Wunder? Oder nicht eben die ge- meinste Sache, weil er Mensch war? „Alle „Mißionarien haben mit den wildesten Voͤlkern „reden und sie uͤberzeugen koͤnnen: das konnte „ohne Schluͤsse und Gruͤnde nicht geschehen: ihre „Sprachen mußten also Terminos abstractos ent- „halten u. s. w.„ und wenn das, so wars goͤtt- liche Ordnung? Oder war es nicht eben die mensch- lichste Sache, sich Worte zu abstrahiren, wo man sie brauchte? Und welches Volk hat je eine einzige Abstraktion in seiner Sprache gehabt, die es sich nicht selbst erworben? Und waren denn bei allen Voͤlkern gleichviel? Konnten die Mißionarien sich uͤberall gleich leicht ausdruͤcken, oder hat man nicht das Gegentheil aus allen Welttheilen gelesen? Und wie drukten sie sich denn aus, als daß sie ihre neuen Begriffe der Sprache nach Analogie derselben anbogen? Und geschahe dies uͤberall auf gleiche Art? — Ueber das Faktum waͤre so viel, so viel zu sagen! der Schluß sagt gar das Gegen- theil. theil. „Eben weil die menschliche Vernunft nicht „ohne Abstraktion seyn kann, und jede Ab- „straktion nicht ohne Sprache wird: So muß „die Sprache auch in jedem Volk Abstraktionen „enthalten, das ist, ein Abdruck der Vernunft „seyn, von der sie ein Werkzeug gewesen.„ „Wie aber jede nur so viel enthaͤlt, als das Volk „hat machen koͤnnen, und keine einzige, die „ohne Sinne gemacht waͤre, als welches ihr „urspruͤnglich sinnlicher Ausdruck zeigt: so ist nir- „gends goͤttliche Ordnung zu sehen, als so fern „die Sprache durchaus Menschlich ist. V. Endlich „da jede Grammatik nur eine Phi- „losophie uͤber die Sprache, und eine Me- „thode ihres Gebrauchs ist: so muß je ur- „spruͤnglicher die Sprache, desto weniger „Grammatik in ihr seyn, und die aͤlteste ist „blos das vorangezeigte Woͤrterbuch der Na- „tur!„ Jch reiße einige Steigerungen ab. 1) Deklinationen und Conjugationen sind nichts anders, als Verkuͤrzungen und Bestimmun- gen des Gebrauchs der Nominum und Verborum nach Zahl, Zeit und Art, und Person? Je roher also J eine eine Sprache, desto unregelmaͤßiger ist sie in die- sen Bestimmungen, und zeigt bei jedem Schritte den Gang der menschlichen Vernunft. Hintenan ohne Kunst des Gebrauchs, ist sie simples Woͤrterbuch. 2) Wie Verba einer Sprache eher sind, als die von ihnen rund abstrahirten Nomina: so auch Anfangs um so mehr Conjugationen, je we- niger man Begriffe unter einander zu ordnen gelernt hat. Wie viel haben die Morgenlaͤnder! und doch sinds eigentlich keine, denn was giebts noch immer fuͤr Verpflanzungen und Umwerfungen der Verborum aus Conjugation in Conjugation! Die Sache ist ganz natuͤrlich. Da nichts den Menschen so angeht, und wenigstens so sprachar- tig ihn trift, als was er erzaͤhlen soll, Thaten, Handlungen, Begebenheiten: so muͤssen sich ur- spruͤnglich eine solche Menge Thaten und Bege- benheiten sammeln, daß fast fuͤr jeden Zustand ein neues Verbum wird. „Jn der huronischen „Sprache wird alles conjugirt. Eine Kunst, „die nicht kann erklaͤret werden, laͤßt darinn von „den Zeitwoͤrtern, die Nenn- die Fuͤr- die Zu- „woͤrter unterscheiden. Die einfachen Zeitwoͤrter „haben „haben eine doppelte Conjugation, Eine fuͤr sich „und Eine, die sich auf andre Dinge beziehet. „Die dritten Personen haben die beiden Geschlech- „ter. Was die Tempora anbetrift, findet man „die feinen Unterschiede, die man z. E. im Grie- „chischen bemerket; ja wenn man die Erzaͤhlung „einer Reise thun will, so druͤkt man sich verschie- „den aus, wenn man sie zu Lande und zu Wasser „gethan hat. Die Activa vervielfaͤltigen sich so „oft als es Sachen giebt, die unter das Thun „kommen: das Wort Essen veraͤndert sich mit je- „der eßbaren Sache. Das Thun einer beseelten „Sache wird anders ausgedruͤkt: als einer un- „beseelten. Sich seines und des Eigenthums des- „sen bedienen, mit dem man redet, hat zweierlei „Ausdruck u. s. w.„ Man denke sich alle diese Vielheit von Verbis, Modis, Temporibus, Per- sonen, Zustaͤnden, Geschlechtern u. s. w. welche Muͤhe und Kunst, das einigermaßen unter ein- ander zu bringen? Aus dem was ganz Woͤrterbuch war, einigermaßen Grammatik zu machen? — Des P. Leri Grammatik der Topinambuer in Brasilien zeigt eben dasselbe! — denn „wie J 2 das „das erste Woͤrterbuch der menschlichen Seele „eine lebendige Epopee der toͤnenden, handeln- „den Natur war: so war die erste Grammatik „fast nichts, als ein philosophischer Versuch, „diese Epopee zur regelmaͤßigern Geschichte „zu machen;„ Sie zerarbeitet sich also mit lauter Verbis, und arbeiter in einem Chaos, was fuͤr die Dichtkunst unerschoͤpflich, mehr geordnet, sehr reich fuͤr die Bestimmung der Geschichte; am spaͤtsten aber fuͤr Axiome und Demonstrationen brauchbar ist. 3) Das Wort, was unmittelbar auf den Schall der Natur, nachahmend, folgte: folgte schon einem Vergangnen: „ Praeterita sind also „die Wurzeln der Verborum, aber Praeteri- „ta, die noch fast fuͤr die Gegenwart gelten.„ A priori ist das Faktum sonderbar und unerklaͤrlich, da die gegenwaͤrtige Zeit die erste seyn muͤßte, wie sie es auch in allen spaͤtergebildeten Sprachen geworden; nach der Geschichte der Sprachenerfin- dung konnte es nicht anders seyn. „Die Gegen- „wart zeigt man; aber das Vergangne muß man erzaͤhlen. „ Und da man dies auf so viel Art erzaͤhlen konnte, und Anfangs im Beduͤrfniß Worte Worte zu finden es so vielfaͤltig thun mußte: so wurden „in allen alten Sprachen viel Praeterita, „aber nur ein oder kein Praesens.„ Dessen hatte sich nun in den gebildetern Zeiten Dichtkunst und Geschichte sehr; die Philosophie aber sehr wenig zu erfreuen, weil die keinen verwirrenden Vorrath liebt — Hier sind wieder Huronen, Brasilianer, Morgenlaͤnder, und Griechen gleich: uͤberall Spuren vom Gange des menschlichen Geistes! 4) Alle neuere philosophische Sprachen haben das Nomen feiner, das Verbum weniger, aber re- gelmaͤßiger modificirt; denn die Sprache erwuchs mehr „zur kalten Beschauung dessen, was da ist, „und was gewesen ist, als daß sie noch ein unre- „gelmaͤßig stammelndes Gemisch von dem, was „ etwa gewesen ist, geblieben waͤre.„ Jenes ge- woͤhnte man sich nach einander zu sagen, und also durch Numeros und Artikel und Casus u. s. w. zu bestimmen; die alten Erfinder wollten Al- „les auf Einmal sagen Rousseau hat diesen Satz in seiner Hypothese divinirt, den ich hier bestimme und beweise. nicht blos, was ge- „than waͤre, sondern wer es gethan? Wenn? J 3 Wie? „Wie? und wo es geschehen? Sie brachten also „in die Nomina gleich den Zustand: in jede Per- „son des Verbi gleich das Genus: sie unterschieden „gleich durch prae- und afformativa, durch af- und „suffixa: Verbum und Adverbium, Verbum und „Nomen und alles floß zusammen.„ Je spaͤter, desto mehr wurde unterschieden und hergezaͤhlt: aus den Hauchen wurden Artikel, aus den An- saͤtzen Personen, aus den Vorsaͤtzen Modi oder Adverbia: die Theile der Rede flossen aus einan- der: nun ward allmaͤhlig Grammatik. So ist diese Kunst zu reden, diese Philosophie uͤber die Sprache erst langsam und Schritt vor Schritt, Jahr- hunderte und Zeiten hinab gebildet, und der erste Kopf, der an „eine wahre Philosophie der „Grammatik, an die Kunst zu reden!„ denkt, muß gewiß erst „die Geschichte derselben durch Voͤlker und Stuffen hinab„ uͤberdacht haben. Haͤtten wir doch eine solche Geschichte! sie waͤre mit allen Fortgaͤngen und Abweichungen eine Charte von der Menschlichkeit der Sprache. 5) Aber wie hat eine Sprache ganz ohne Grammatik bestehen koͤnnen? Ein bloßer Zusam- men- menfluß von Bildern und Empfindungen ohne Zu- sammenhang und Bestimmung? Fuͤr beide war gesorgt: es war lebende Sprache. Da gab die große Einstimmung der Geberden gleichsam den Takt, und die Sphaͤre, wohin es gehoͤrte; und der große Reichthum der Bestimmungen, der im Woͤr- terbuch selbst lag, ersezte die Kunst der Grammatik. Sehet die alte Schrift der Mexicaner! sie mahlen lauter Einzelne Bilder; Wo kein Bild in die Sinne faͤllt, haben sie sich uͤber Striche vereinigt, und den Zusammenhang zu allem muß die Welt geben, in die es gehoͤrt, aus der es geweissagt wird. Diese „Weissagungskunst, aus einzelnen Zeichen Zu- „sammenhang zu errathen„ — wie weit koͤn- nen ihn noch nur Einzelne Stumme und Taube treiben! und wenn diese Kunst selbst mit zur Spra- che gehoͤrt, von Jugend auf, als Sprache, mit gelernt wird; wenn sie sich mit der Tradition von Geschlechtern immer mehr erleichtert und vervoll- kommnet: so sehe ich nichts unbegreifliches — — — Je mehr sie aber erleichtert wird, desto mehr nimmt sie ab; desto mehr wird Grammatik — und das ist Stuffengang des menschlichen Geistes! J 4 Pro- Proben davon sind z. E. des la Loubere Nach- richten von der Siamischen Sprache: wie aͤhnlich ist sie noch dem Zusammenhange der Morgenlaͤn- der, insonderheit ehe durch spaͤtere Bildung noch mehr von ihm hineinkam. Der Siamer will sagen: „waͤre ich zu Siam, so waͤre ich vergnuͤgt!„ und sagt: „Wenn ich seyn Stadt Siam; ich wohl „Herz viel! — Er will das Vater Unser beten: und muß sagen; „Vater, uns seyn Himmel! Na- „men Gottes wollen heiligen aller Ort u. s. w. — wie morgenlaͤndisch und urspruͤnglich ist das? ge- rade so zusammenhangend, als eine mexikanische Bilderschaft! oder das Stammeln der Ungelehri- gen aus fremden Sprachen! 6) Jch muß hier noch eine Sonderbarkeit er- klaͤren, die ich auch in Herrn Suͤßmilchs goͤttlicher Ordnung mißverstanden sehe: „nemlich die Man- „nichfaltigkeit der Bedeutungen eines Worts nach „dem Unterschiede kleiner Artikulationen!„ Jch finde diesen Kunstgriff fast unter allen Wilden, wie ihn z. E. Garcilasso di Vega von den Perua- nern, Condamine von den Brasilianern, la Loubere von den Siamesen, Resoel von den den Nordamerikanern anfuͤhrt. Jch finde ihn eben so bei den alten Sprachen, z. E. der Chine- sischen und den Morgenlaͤndischen, vorzuͤglich der Hebraͤischen, wo ein kleiner Schall, Accent, Hauch die ganze Bedeutung aͤndert, und ich finde doch nichts als etwas sehr Menschliches in ihm, Duͤrftigkeit und Bequemlichkeit der Erfinder! Sie hatten ein neues Wort noͤthig; und da das muͤssige Erfinden aus leerem Kopf so schwer ist: so nahmen sie ein Aehnliches mit der Veraͤnde- rung vielleicht nur Eines Hauchs. Das war Gesetz der Sparsamkeit ihnen Anfangs bei ihren sich durchwebenden Gefuͤhlen sehr natuͤrlich und bei ihrer maͤchtigern Aussprache der Woͤr- ter noch ziemlich bequem; aber fuͤr einen Frem- den, der sein Ohr nicht von Jugend auf daran gewoͤhnt hat, und dem die Sprache jezt mit Phleg- ma, wo der Schall halb im Munde bleibt, vorge- zischt wird, macht dies Gesetz der Sparsamkeit und Nothdurft die Rede unvernehmlich und unaus- sprechlich. Je mehr eine gesunde Grammatik in die Sprachen Haushaltung eingefuͤhrt; desto min- der wird diese Kargheit noͤthig — also gerade das J 5 Ge- Gegentheil, als Kennzeichen goͤttlicher Erfindung, wo der Erfinder sich gewiß sehr schlecht zu helfen gewußt, wenn er so etwas noͤthig hatte. 7) Am offenbarsten wird endlich der Fortgang der Sprvche durch die Vernunft und der Ver- nunft durch die Sprache, „wenn diese schon „einige Schritte gethan, wenn in ihr schon „Stuͤcke der Kunst z. B. Gedichte, exsistiren, „wenn Schrift erfunden ist, wenn sich eine „ Gattung der Schreibart nach der andern aus- „bildet.„ Da kann kein Schritt gethan, kein neues Wort erfunden, keine neue gluͤkliche Form in Gang gebracht werden, wo nicht Abdruck der menschlichen Seele liege. Da kommen durch Gedichte, Sylbenmaaße, Wahl der staͤrksten Worte und Farben, Ordnung und Schwung der Bilder: da kommt durch Geschichte, Unterschied der Zeiten, Genauigkeit des Ausdrucks: da kommt endlich durch die Redner die voͤllige Rundung des Perioden in die Sprache. So wie nun vor je- dem solchen Zusatz, Nichts dergleichen vorher in der Sprache da lag, aber alles durch die mensch- liche Seele hineingebracht wurde und hineinge- bracht bracht werden konnte: wo will man dieser Her- vorbringung, dieser Fruchtbarkeit Graͤnzen setzen? wo will man sagen: hier fing die menschliche Seele zu wuͤrken an, aber eher nicht? Hat sie das Fein- ste, das Schwerste erfinden koͤnnen, warum nicht das Leichteste? Konnte sie zu Stande bringen, warum nicht Versuche machen, warum nicht an- fangen? Denn was war doch der Anfang, als die Produktion eines Einzigen Worts, als Zeichen der Vernunft, und das mußte sie, blind und stumm in ihrem Jnnern, so wahr sie Vernunft besaß. Jch bilde mir ein, das Koͤnnen der Erfindung menschlicher Sprache sei mit dem, was ich gesagt, von Jnnen aus der menschlichen Seele; von Außen aus der Organisation des Menschen, und aus der Analogie aller Sprachen und Voͤl- ker, theils in den Bestandtheilen aller Rede, theils im ganzen großen Fortgange der Spra- che mit der Vernunft so bewiesen, daß wer dem Menschen nicht Vernunft abspricht, oder was eben so viel ist, wer nur weiß, was Vernunft ist: wer sich sich ferner je um die Elemente der Sprache Philo- sophisch bekuͤmmert; wer dazu die Beschaffenheit und Geschichte der Sprachen auf dem Erdboden mit dem Auge des Beobachters in Ruͤcksicht ge- nommen; der kann nicht Einen Augenblick zwei- feln, wenn ich auch weiter kein Wort mehr hinzu- sezte. Die Genesis in der menschlichen Seele ist so demonstrativ, als irgend ein philosophischer Beweis, und die aͤußere Analogie aller Zeiten, Sprachen und Voͤlker, solch ein Grad der Wahr- scheinlichkeit, als bei der gewissesten Sache der Geschichte moͤglich ist. Jndessen um auf immer allen Einwendungen vorzubeugen, und den Satz gleichsam auch aͤußerlich so gewiß zu machen, als eine philosophische Wahrheit seyn kann: so lasset uns noch aus allen aͤußern Umstaͤnden und aus der ganzen Analogie der menschlichen Natur beweisen: „daß der Mensch sich seine Sprache hat erfinden „ muͤssen? und unter welchen Umstaͤnden er sie „sich am fuͤglichsten habe erfinden koͤnnen? Zwei- Zweiter Theil . Auf welchem Wege der Mensch sich am fuͤglichsten hat Sprache erfinden koͤnnen und muͤssen? D ie Natur gibt keine Kraͤfte umsonst. Wenn sie also dem Menschen nicht bloß Faͤhig- keiten gab, Sprache zu erfinden, sondern auch diese Faͤhigkeit zum Unterscheidungscharakter seines Wesens, und zur Triebfeder seiner vorzuͤg- lichen Richtung machte: so kam diese Kraft nicht anders als lebend, aus ihrer Hand, und so konnte sie nicht anders, als in eine Sphaͤre gesezt seyn, wo sie wuͤrken mußte. Lasset uns einige dieser Umstaͤnde und Anliegenheiten genauer betrachten, die sogleich den Menschen, da er mit der naͤchsten Anlage sich Sprache zu bilden, in die Welt trat, sogleich zur Sprache veranlaßten, und da dieser Anliegenheiten viel sind, so bringe ich sie unter gewisse Hauptgesetze seiner Natur und seines Geschlechts: Erstes Erstes Naturgesetz . Der Mensch ist ein freidenkendes, thaͤtiges We- sen, dessen Kraͤfte in Progression fortwuͤrken; darum sei er ein Geschoͤpf der Sprache! A ls naktes, instinktloses Thier betrachtet, ist der Mensch das elendeste der Wesen. Da ist kein dunkler, angebohrner Trieb, der ihn in sein Element, und in seinen Wuͤrkungskreis, zu seinem Unterhalt und an sein Geschaͤfte zeucht. Kein Geruch und keine Witterung, die ihn auf die Kraͤuter hinreiße, damit er seinen Hun- ger stille! Kein blinder, mechanischer Lehrmei- ster, der fuͤr ihn sein Nest baue! Schwach und unterliegend, dem Zwist der Elemente, dem Hunger, allen Gefahren, den Klauen aller staͤr- kern Thiere, einem tausendfachen Tode uͤberlassen, stehet er da! einsam und Einzeln! ohne den unmit- telbaren Unterricht seiner Schoͤpferinn, und ohne die sichere Leitung ihrer Hand, von allen Seiten also verloren — — — Doch Doch so lebhaft dies Bild ausgemahlt werde: so ists nicht das Bild des Menschen — es ist nur Eine Seite seiner Oberflaͤche und auch die stehet im falschen Licht. Wenn Verstand und Beson- nenheit die Naturgabe seiner Gattung ist: so muͤßte diese sich sogleich aͤußern, da sich die schwaͤ- chere Sinnlichkeit und alle das klaͤgliche seiner Ent- behrungen aͤußerte. Das Jnstinktlose, elende Geschoͤpf, was so verlassen aus den Haͤnden der Natur kam, war auch vom ersten Augenblicke an, das freitbaͤtige vernuͤnftige Geschoͤpf, das sich selbst helfen sollte, und nicht anders, als konnte. Alle Maͤngel und Beduͤrfnisse, als Thier, waren dringende Anlaͤße, sich mit allen Kraͤften, als Mensch zu zeigen: so wie diese Kraͤfte der Mensch- heit nicht etwa blos schwache Schadloshaltungen gegen die ihm versagten groͤßern Thiervollkommen- heiten waren, wie unsre neue Philosophie, die große Goͤnnerinn der Thiere! will: sondern sie wa- ren, ohne Vergleichung und eigentliche Gegenein- andermessung seine Art. Der Mittelpunkt seiner Schwere, die Hauptrichtung seiner Seelenwuͤrkun- gen fiel so auf diesen Verstand, auf menschliche K Be- Besonnenheit hin, wie bei der Biene sogleich aufs Saugen und Bauen. Wenn es nun bewiesen ist, daß nicht die min- deste Handlung seines Verstandes, ohne Merk- wort, geschehen konnte: so war auch das erste Moment der Besinnung, Moment zu innerer Entstehung der Sprache. Man lasse ihm zu dieser ersten deutlichen Be- sinnung so viel Zeit, als man will: Man lasse, nach Buffons Manier (nur philosophischer, als er) dies gewordne Geschoͤpf sich allmaͤhlig sammlen: Man vergesse aber nicht, daß gleich vom ersten Momente an kein Thier, sondern ein Mensch, zwar noch kein Geschoͤpf von Besinnung aber schon von Besonnenheit ins Universum er- wache. Nicht wie eine große, schwerfaͤllige, un- behuͤlfliche Maschine, die gehen sollte, und mit starren Gliedern nicht gehen kann: die sehen, hoͤ- ren, kosten sollte, und mit starren Saͤften im Auge, mit verhaͤrtetem Ohr und mit versteinter Zunge nichts von alle diesem kann — Leute, die Zwei- fel der Art machen, sollten doch bedenken, daß dieser Mensch nicht aus Platons Hoͤle, aus Ei- nem nem finstern Kerker, wo er von seinem ersten Au- genblick des Lebens eine Reihe von Jahren hin, ohne Licht und Bewegung sich mit ofnen Augen blind, und mit gefunden Gliedern ungelenk gesessen, sondern daß er aus den Haͤnden der Natur, im frischesten Zustande, seiner Kraͤfte und Saͤfte, und mit der besten, naͤchsten Anlage kam vom ersten Augenblicke sich zu entwickeln. Ueber die er- sten Momente der Sammlung, muß freilich die schaffende Vorsicht, gewaltet haben ‒ ‒ doch das ist nicht Werk der Philosophie das Wunderbare in diesen Momenten zu erklaͤren; so wenig sie seine Schoͤpfung erklaͤren kann. Sie nimmt ihn im ersten Zustande der freien Thaͤtigkeit, im ersten vollen Gefuͤhl seines gesunden Daseyns, und erklaͤrt also diese Momente nur Menschlich. Nun kann ich mich auf das vorige beziehen. Da hier keine metaphysische Trennung der Sinne statt findet, da die ganze Maschine empfindet, und gleich vom dunklen Gefuͤhl heraufarbeitet zur Besinnung, da dieser Punkt, die Empfindung des ersten deutlichen Merkmals, eben auf das Gehoͤr, den mittlern Sinn zwischen Auge und K 2 Ge- Gefuͤhl trift: so ist die Genesis der Sprache ein so inneres Dringniß, wie der Drang des Em- bryons zur Geburt bei dem Moment seiner Reife. Die ganze Natur stuͤrmt auf den Menschen, um seine Sinne zu entwiklen, bis er Mensch sei. Und wie von diesem Zustande die Sprache anfaͤngt, so „ ist die ganze Kette von Zustaͤnden in „der menschlichen Seele von der Art, „daß jeder die Sprache fortbildet, — Dies große Gesetz der Naturordnung will ich ins Licht stellen. Thiere verbinden ihre Gedanken, dunkel, oder klar, aber nicht deutlich. So wie freilich die Gattungen, die nach Lebensart und Nervenbau dem Menschen am naͤchsten stehen, die Thiere des Feldes, oft viel Erinnerung, viel Gedaͤcht- niß, und in manchen Faͤllen ein staͤrkeres als der Mensch zeigen: so ists nur immer sinnliches Gedaͤchtniß; und keines hat die Erinnerung je durch eine Handlung bewiesen, daß es fuͤr sein ganzes Geschlecht seinen Zustand verbessert, und Erfahrungen generalisiret haͤtte, um sie in der Folge zu nutzen. Der Hund kann frei- lich lich die Geberde erkennen, die ihn geschlagen, und der Fuchs den unsichern Ort, wo ihm nachgestellt wurde, fliehen; aber keins von beiden sich eine allgemeine Reflexion aufklaͤren, wie es dieser schlagdrohenden Geberde und dieser Hinterlist der Jaͤger je auf immer entgehen koͤnnte. Es blieb also nur immer bei dem Einzelnen sinnlichen Falle hangen, und sein Gedaͤchtniß wurde eine Reihe dieser sinnlichen Faͤlle, die sich produ- ciren und reproduciren — aber nie „ durch Ue- „berlegung„ verbunden: ein Mannichfaltiges ohne deutliche Einheit: ein Traum sehr sinnlicher, klarer, lebhafter Vorstellungen, ohne ein Hauptge- setz des hellen Wachens, das diesen Traum ordne. Freilich ist unter diesen Geschlechtern und Gat- tungen noch ein großer Unterschied. Je enger der Kreis, je staͤrker die Sinnlichkeit und der Trieb, je einfoͤrmiger die Kunstfaͤhigkeit, und das Werk des Lebens ist; desto weniger ist, wenigstens fuͤr uns, die geringste Progreßion durch Erfahrung merklich. Die Biene bauet in ihrer Kindheit so, wie im hohen Alter, und wird zu Ende der Welt so bauen, als im Beginn der Schoͤpfung. Sie K 3 sind sind einzelne Punkte, leuchtende Funken aus dem Licht der Vollkommenheit Gottes, die aber immer einzeln leuchten. Ein erfahrner Fuchs hingegen, unterscheidet sich schon sehr von dem ersten Lehrlinge der Jagd: er kennet schon viele Kunstgriffe voraus, und sucht ihnen zu entweichen ‒ ‒ aber woher kennt er sie? und wie sucht er ihnen zu entweichen? Weil unmittelbar aus solcher Erfahrung das Gesetz dieser Handlung folget. Jn keinem Falle wuͤrkt deutliche Reflexion, denn werden nicht immer die kluͤgsten Fuͤchse noch jezt so beruͤkt, wie vom ersten Jaͤger in der Welt? Bei dem Menschen waltet offenbar ein andres Naturgesetz uͤber die Succeßion seiner Jdeen, Besonnenheit: sie wal- tet noch selbst im sinnlichsten Zustande, nur min- der merklich, das unwissendste Geschoͤpf, wann er auf die Welt kommt: aber sogleich wird er Lehr- ling der Natur auf eine Weise wie kein Thier: Ein Tag nicht blos lehrt den andern: sondern jede Minute des Tages die andre: jeder Gedanke den andern. Der Kunstgriff ist seiner Seele wesent- lich, nichts fuͤr diesen Augenblick zu lernen, son- dern alles, entweder an das zu reihen, was sie schon schon wußte, oder fuͤr das, was sie kuͤnftig daran zu knuͤpfen gedenkt: sie berechnet also ihren Vor- rath, den sie gesammlet, oder noch zu sammlen gedenkt: und so wird sie eine Kraft unverruckt zu sammlen. Solch eine Kette gehet bis an den Tod fort. Gleichsam nie der ganze Mensch: immer in Entwiklung, im Fortgange, in Ver- vollkommung. Eine Wuͤrksamkeit hebt sich durch die andre: eine baut auf die andre: eine entwi- ckelt sich aus der andren. Es werden Lebensalter, Epochen, die wir nur nach den Stuffen der Merk- lichkeit benennen, die aber, weil der Mensch nie fuͤhlt, wie er waͤchset: sondern nur immer wie er gewachsen ist, sich in ein unendlich kleines theilen lassen. Wir wachsen immer aus einer Kindheit, so alt wir seyn moͤgen, sind immer im Gange, un- ruhig, ungesaͤttigt: Das Wesentliche unsers Le- bens ist nie Genuß sondern immer Progreßion, und wir sind nie Menschen gewesen, bis wir — zu Ende gelebt haben; dahingegen die Biene, Biene war, als sie ihre erste Zelle bauete. Zu allen Zeiten wuͤrkt freilich dies Gesetz der Vervoll- kommung, der Progreßion durch Besonnenheit, K 4 nicht nicht gleich merklich: ist aber, das minder merk- liche, deßwegen nicht da? im Traume, im Ge- dankentraume, denkt der Mensch nicht so ordentlich und deutlich, als wachend, deßwegen aber denkt er noch immer als ein Mensch — als Mensch in einem Mittelzustande; nie als ein voͤlliges Thier. Bei einem Gesunden muͤssen seine Traͤume so gut eine Regel der Verbindung haben, als seine wa- chenden Gedanken; nur daß es nicht: dieselbe Re- gel seyn, oder diese so einfoͤrmig wuͤrken kann; selbst diese Ausnahmen zeugten also von der Guͤltigkeit des Hauptgesetzes, und die offenbaren Krankheiten und unnatuͤrlichen Zustaͤnde, Ohnmachten, Ver- ruͤckungen, u. s. w. zeugen es noch mehr. Nicht jede Handlung der Seele ist unmittelbar eine Fol- ge der Besinnung; jede aber eine Folge der Besonnenheit: Keine, so wie sie beim Menschen geschiehet, koͤnnte sich aͤußern, wann der Mensch nicht Mensch waͤre, und nach solchem Naturge- setz daͤchte. „Konnte nun der erste Zustand der Besin- „nung des Menschen nicht ohne Wort der Seele „wuͤrklich werden: so werden alle Zustaͤnde der „ Be- „ Besonnenheit in ihm Sprachmaͤßig: seine „Kette von Gedanken wird eine Kette von „Worten. „ Will ich damit sagen, daß der Mensch jede Empfindung seines dunkelsten Gefuͤhls zu einem Worte machen? oder sie nicht anders, als mit- telst eines Worts empfinden koͤnne? Unsinn waͤre es, dies zu sagen, da gerade umgekehrt bewiesen ist: „was sich blos durchs dunkle Gefuͤhl empfin- „den laͤßt, ist keines Worts fuͤr uns faͤhig, weil „es keines deutlichen Merkmals faͤhig ist.„ Die Basis der Menschheit ist also, wenn wir von will- kuͤhrlicher Sprache reden, unaussprechlich. — — Aber ist denn Basis die ganze Figur? Fußgestelle die ganze Bildsaͤule? Jst der Mensch seiner gan- zen Natur nach, denn eine blos dunkel fuͤhlen- de Auster? Lasset uns also den ganzen Faden seiner Gedanken nehmen — da er von Besonnen- heit gewebt ist: da sich in ihm kein Zustand fin- det, der im Ganzen genommen, nicht selbst Be- sinnung sei, oder doch in Besinnung aufgeklaͤrt werden koͤnne: da bei ihm das Gefuͤhl nicht herr- schet, sondern die ganze Mitte seiner Natur auf K 5 feinere feinere Sinne, Gesicht und Gehoͤr, faͤllt, und diese ihm immer fort Sprache geben: so folgt, daß im Ganzen genommen. „ Auch kein Zustand „in der menschlichen Seele sey, der nicht „wortfaͤhig oder wuͤrklich durch Worte der „Seele bestimmt werde. „ Es muͤßte der dun- kelste Schwaͤrmer oder ein Vieh — der abstrakteste Goͤtterseher, oder eine traͤumende Monade seyn, der ganz ohne Worte daͤchte. Und in der menschlichen Seele ist, wie wir selbst in Traͤumen und bei Ver- ruͤkten sehen, kein solcher Zustand moͤglich. So kuͤhn es klinge so ists wahr — der Mensch em- pfindet mit dem Verstande und spricht, in- dem er denket, — — und indem er nun im- mer so fortdenket, und, wie wir gesehen, jeden Gedanken in der Stille mit dem vorigen und der Zukunft zusammen haͤlt: so muß „ Jeder Zustand, der durch Reflexion so „verkettet ist, besser denken, mithin auch „besser sprechen. „ Lasset ihm den freien Ge- brauch seiner Sinne: da der Mittelpunkt dieses Gebrauchs in Gesicht und Gehoͤr faͤllt, wo jenes ihm Merkmal und dieses Ton zum Merkmale gibt: so so wird mit jedem leichtern, gebildetern Gebrauch dieser Sinne, ihm Sprache fortgebildet. Lasset ihm den freien Gebrauch seiner Seelenkraͤfte. Da der Mittelpunkt ihres Gebrauchs auf Besonnen- heit faͤllt, mithin nicht ohne Sprache ist, so wird mit jedem leichtern, gebildetern Gebrauch der Be- sonnenheit, ihm Sprache mehr gebildet. Folg- lich wird „die Fortbildung der Sprache dem „Menschen so natuͤrlich, als seine Natur „selbst. „ Wer ist nun, der den Umfang der Kraͤste einer Menschenseele kenne, wenn sie sich zumal in aller Anstrengung gegen Schwuͤrigkeiten und Gefahren aͤußern? Wer ist, der den Grad der Vollkom- menheit abwiege, zu dem sie durch eine bestandige, innig verwickelte, so vielfache Fortbildung gelan- gen kann? Und da alles auf Sprache hinaus laͤuft, wie ansehnlich, was ein Einzelner Mensch zur Sprache sammlen muß! Mußte sich schon der Blinde und Stumme, auf seinem einsamen Ei- lande eine duͤrftige Sprache schaffen; der Mensch, der Lehrling aller Sinne! der Lehrling der ganzen Welt! wie weit reicher muß er werden! Was soll er er genießen? — Sinne, Geruch, Witterung fuͤr die Kraͤuter, die ihm gesund; Abneigung fuͤr die, so ihm schaͤdlich sind, hat die Natur ihm nicht ge- geben; er muß also versuchen, schmecken, wie die Europaͤer in Amerika den Thieren absehen, was eßbar sey? — Sich also Merkmale der Kraͤuter, mithin Sprache sammlen! Er hat nicht Staͤrke genug, um dem Loͤwen zu begegnen; er entweiche also ferne von ihm, kenne ihn von fern an seinem Schalle, und um ihm menschlich und mit Bedacht entweichen zu koͤnnen, lerne ihn und hundert an- dre schaͤdliche Thiere deutlich erkennen, mithin sie nennen ! Je mehr er nun Erfahrungen sammlet, verschiedne Dinge und von verschiednen Sei- ten kennen lernt, desto reicher wird seine Spra- che! Je oͤfter er diese Erfahrungen siehet und die Merkmale bei sich wiederholet, desto fester und gelaͤufiger wird seine Sprache. Je mehr er un- terscheidet und unter einander ordnet, desto ordentlicher wird seine Sprache! Dies Jahre durch, in einem muntern Leben, in steten Abwech- selungen, in bestaͤndigem Kampf, mit Schwuͤrig- keiten und Nothdurft, mit bestaͤndiger Neuheit der Gegen- Gegenstaͤnde fortgesezt: ist der Anfang zur Spra- che: unbetraͤchtlich? Und siehe! es ist nur das Leben eines Einzigen Menschen! Ein stummer Mensch, in dem Verstande, wie es die Thiere sind, der auch nicht in seiner Seele Worte denken koͤnnte, waͤre das traurigste, sinn- loseste, verlassenste Geschoͤpf der Schoͤpfung: und der groͤßste Wiederspruch mit sich selbst! Jm ganzen Universum gleichsam allein; an nichts ge- heftet und fuͤr alles da, durch nichts gesichert, und durch sich selbst noch minder, muß der Mensch ent- weder unterliegen, oder uͤber alles herrschen, mit Plan einer Weißheit, deren kein Thier faͤhig ist, von allem deutlichen Besitz nehmen, oder umkom- men! Sey nichts, oder Monarch der Schoͤpfung durch Verstand! Zertruͤmmere, oder schaffe dir Sprache. Und wann sich nun in diesem andrin- genden Kreise von Beduͤrfnissen alle Seelenkraͤste sammlen: wenn die ganze Menschheit, Mensch zu seyn, kaͤmpfet — wie viel kann erfunden, gethan, geordnet werden! Wir gesellschaftlichen Menschen denken uns in einem solchen Zustand nur immer mit Zittern hin- ein: ein: „ei, wenn der Mensch sich gegen alles auf „so langsame, schwache, unhinreichende Art erst „retten soll — Durch Vernunft, durch Ueberle- „gung? wie langsam uͤberlegt diese! und wie „schnell, wie andringend sind seine Beduͤrfnisse? „seine Gefahren! ‒ ‒ Es kann dieser Einwurf freilich mit Beispielen sehr ausgeschmuͤkt werden; er streitet aber immer gegen eine ganz andre Spitze. — ‒ Unsre Gesellschaft, die viele Menschen zusammengebracht, daß sie mit ihren Faͤhigkeiten und Verrichtungen Eins seyn sollen, muß also von Jugend auf Faͤhigkeiten vertheilen und Gelegen- heiten ausspenden, daß Eine fuͤr der andern gebil- det werde. So wird der Eine Mensch fuͤr die Gesellschaft gleichsam ganz Algebra, ganz Ver- nunft; so wie sie am andern blos Herz, Muth und Faust braucht: der nuzt ihr, daß er kein Ge- nie und viel Fleiß: jener, daß er Genie in Einem und in allem andern nichts habe. Jedes Trieb- rad muß sein Verhaͤltniß und Stelle haben: sonst machen sie kein Ganzes einer Maschine — Aber daß man diese Vertheilung der Seelenkraͤfte, da man alle andre merklich erstikt, um in Einer an- dre dre zu uͤbertreffen, nicht in den Zustand eines natuͤrlichen Menschen uͤbertrage. Setzet einen Philosophen, in der Gesellschaft geboren und er- zogen, der nichts als seinen Kopf zu denken und seine Hand zum Schreiben geuͤbet, setzet ihn mit Einmal aus allem Schutz und gegenseitigen Be- quemlichkeiten, die ihm die Gesellschaft fuͤr seine einseitigen Dienste leistet, hinaus: er soll sich selbst in einem unbekannten Lande Unterhalt suchen, und gegen die Thiere kaͤmpfen, und in allem eigner Schutzgott seyn — wie verlegen! Er hat dazu we- der Sinne noch Kraͤfte, noch Uebunng in beiden! Vielleicht hat er in den Jrrgaͤngen seiner Abstrak- tion, Geruch und Gesicht und Gehoͤr, und rasche Erfindungsgabe — und gewiß jenen Muth, jene schnelle Entschließung verlohren, die sich nur unter Gefahren bildet und aͤußert, die in steter, neuer Wuͤrksamkeit seyn will, oder sie entschlaͤft. Jst er nun in Jahren, wo der Lebensquell seiner Geister schon stille steht, oder zu vertroknen anfaͤngt: so wird es freilich ewig zu spaͤt seyn, ihn in diesen Kreis hineinbilden zu wollen — aber ist denn das der gegebne Fall? Alle die Versuche zur Sprache, die die ich anfuͤhre, werden durchaus nicht gemacht, um philosophische Versuche zu seyn: die Merkmale der Kraͤuter nicht ausgefunden, wie sie Linne clas- sificiret: die ersten Erfahrungen, sind nicht kalte, vernunftlangsame, sorgsam abstrahirende Experi- mente, wie sie der muͤßige, einsame Philosoph macht, wenn er der Natur in ihrem verborgnen Gange nachschleicht, und nicht mehr wissen will, daß, sondern wie sie wuͤrke? Daran war eben dem ersten Naturbewohner am wenigsten gelegen. Mußte es ihm demonstrirt werden, daß das oder jenes Kraut giftig sey? War er denn so mehr als viehisch, daß er hierinn nicht einmal dem Vieh nachahmte? und wars noͤthig, daß er vom Loͤwen angefallen wuͤrde, um sich vor ihm zu fuͤrchten? Jst seine Schuͤchternheit mit seiner Schwachheit, und seine Besonnenheit mit aller Feinheit seiner Seelenkraͤfte verbunden, nicht gnug, ihm einen behaglichen Zustand von selbst zu verschaffen, da die Natur selbst sie dazu fuͤr gnugsam erkannt? Da wir also durchaus keinen schuͤchternen, abstrak- ten Stubenphilosophen zum Erfinder der Sprache brauchen; da der rohe Naturmensch, der noch seine Seele Seele so ganz, wie seinen Koͤrper, aus Einem Stuͤck fuͤhlet, uns mehr, als alle sprachschaffende Akademien, und doch nichts minder, als ein Ge- lehrter ist — Was wollen wir diesen denn zum Muster nehmen? Wollen wir einander Staub in die Augen streuen, um bewiesen zu haben, der Mensch koͤnne nicht sehen? Suͤßmilch ist hier wieder der Gegner, mit dem ich kaͤmpfe. Er hat einen ganzen Abschnitt Abschnitt 2. darauf verwandt um zu zeigen, „wie unmoͤglich „sich der Mensch eine Sprache habe fortbilden „koͤnnen, wenn er sie auch durch Nachahmung er- „funden haͤtte!„ Daß das Erfinden durch bloße Nachahmung ohne menschliche Seele Unsinn sey, ist bewiesen, und waͤre der Vertheiger des goͤttli- chen Ursprungs dieser Sache demonstrativ gewiß gewesen, daß es Unsinn sey; so traue ich ihm zu, daß er gegen ihn nicht eine Menge von halbwah- ren Gruͤnden zusammen getragen haͤtte, die jezt gegen eine menschliche Erfindung der Sprache durch Verstand saͤmmtlich nichts beweisen. Jch kann unmoͤglich den ganzen Abschnitt, so verflochten mit L will- willkuͤhrlich angenommenen Heischesaͤtzen und fal- schen Axiomen uͤber die Natur der Sprache er ist, hier ganz auseinander setzen, weil der Verfasser immer in einem gewissen Licht erschiene, in dem er hier nicht erscheinen soll — ich nehme also nur so viel heraus, als noͤthig ist: nemlich, „ daß in „seinen Einwuͤrfen die Natur einer sich fort- „bildenden menschlichen Sprache und einer „sich fortbildenden menschlichen Seele durch- „aus verkannt sey. „ „Wenn man annimmt, daß die Einwohner „der ersten Welt nur aus etlichen tausend Familien „bestanden haͤtten, da das Licht des Verstandes „durch den Gebrauch der Sprache schon so helle ge- „schienen, daß sie eingesehen, was die Sprache „sey und daß sie also an die Verbesserung dieses herr- „lichen Mittels haben koͤnnen anfangen zu denken: so ‒ ‒ S. 80. 81. „ aber von allen diesen Vordersaͤtzen nimmt niemand nichts an. Mußte mans erst in tausend Generationen einsehen, was Sprache sey? Der erste Mensch sahe es ein, da er den ersten Gedan- ken ken dachte. Mußte man erst in tausend Genera- tionen so weit kommen es einzusehen, daß die Sprache zu verbessern gut sey? Der erste Mensch sahe es ein, da er seine ersten Merkmale besser ord- nen, berichtigen, unterscheiden und zusammensetzen lernte, und verbesserte jedesmal unmittelbar die Sprache, da er so etwas von neuem lernte. Und denn wie haͤtte sich doch durch tausend Genera- tionen hin das Licht des Verstandes durch die Sprache so helle aufklaͤren koͤnnen, wenn im Ab- lauf dieser Generationen sich nicht schon Sprache aufgeklaͤhrt haͤtte. Also Aufklaͤrung ohne Ver- besserung! und hinter einer Verbesserung tausend Familien hinunter noch der Anfang zu einer Ver- besserung unmoͤglich? das ist gerade zu wieder- sprechend. — — — „Wuͤrde aber nicht also ein ganz unentbehrlich „Huͤlfsmittel dieses Philosophischen und Philologi- „schen Collegii Schrift muͤssen angenommen wer- den?„ Nein! denn es war durchaus kein Philoso- phisch und Philologisch Collegium, diese erste natuͤr- liche, lebendige, menschliche Fortbildung der Spra- che: und was kann denn der Philosoph und Philo- L 2 log log in seinem todten Museum an einer Sprache verbessern, die in aller ihrer Wuͤrksamkeit lebt? „Sollen denn nun alle Voͤlker auf gleiche „Weise mit der Verbesserung zu Werke gegangen „seyn?„ Ganz auf gleiche Weise, denn sie gien- gen alle menschlich: so daß wir uns hier in den wesentlichen Rudimenten der Sprache einen fuͤr alle anzunehmen getrauen. Wann das aber das groͤßte Wunder seyn soll, §. 31. 34. daß alle Sprachen acht partes Orationis , haben: so ist wieder das Fak- tum falsch, und der Schluß unrichtig. Nicht alle Sprachen haben von allen Zeiten herunter achte ge- habt: sondern der erste philosophische Blick in die Bauart einer Sprache zeigt, daß diese achte sich aus- einander entwickelt. Jn den aͤltesten sind Verba eher gewesen, als Nomina, und vielleicht Jnter- jektionen eher, als selbst regelmaͤßige Verba. Jn den spaͤtern sind Nomina mit Verbis gleich zusam- men abgeleitet; allein selbst von der griechischen sagts Aristoteles, daß auch in ihr dies Anfangs alle Redetheile gewesen, und die andere sich nur spaͤ- spaͤter durch die Grammatiker aus jenen entwi- ckelt. Von der Huronischen habe ich eben das- selbe gelesen, und von den Morgenlaͤndischen ists offenbar — — ja was ists denn endlich fuͤr ein Kunststuͤck, die willkuͤhrliche und zum Theil un- philosophische Abstraktion der Grammatiker in acht partes Orationis? Jst die so regelmaͤßig und goͤtt- lich, als die Form einer Bienenzelle? Und wenn sies waͤre, ist sie nicht durchaus aus der menschli- chen Seele erklaͤrbar und als nothwendig gezeigt? „Und was sollte die Menschen zu dieser hoͤchst- „sauren Arbeit der Verbesserung gereitzet haben?„ O durchaus keine saure, spekulative Stubenarbeit! durchaus keine abstrakte Verbesserung a priori! und also auch gewiß keine Anreizungen dazu, die nur in unserm Zustande der verfeinerten Gesellschaft statt finden. Jch muß hier meinen Gegner ganz verlassen. Er nimmt an, daß „die ersten Ver- „besserer recht gute philosophische Koͤpfe gewesen „seyn muͤßten, die gewiß weiter und tiefer gesehen, „als die meisten Gelehrte jezt in Ansehung der „Sprache und ihrer innern Beschaffenheit zu „thun pflegen.„ Er nimmt an, daß „diese Ge- L 3 „lehrte „lehrte uͤberall erkannt haben muͤßten, daß ihre „Sprache unvollkommen, und daß sie einer Ver- „besserung nicht nur faͤhig, sondern auch beduͤrftig sey.„ Er nimmt an, daß „sie den Zweck der „Sprache haben gehoͤrig beurtheilen muͤssen u. s. w. „daß die Vorstellung dieses zu erlangenden Gutes „hinlaͤnglich, stark und lebhaft gnug gewesen seyn „muͤsse, um ein Bewegungsgrund zur Ueberneh- „mung dieser schweren Arbeit zu werden„ Kurz der Philosoph unsres Zeitalters wollte sich nicht einen Schritt auch aus allem Zufaͤlligen desselben hinauswagen, und wie konnte er denn nach solchem Gesichtspunkt von der Entstehung einer Sprache schreiben? Freilich in unserm Jahrhundert haͤtte sie so wenig entstehen koͤnnen, als sie entstehen darf? Aber kennen wir denn nicht jezt schon die Menschen in so verschiednen Zeitaltern, Gegen- den und Stuffen der Bildung, daß uns dies so ver- aͤnderte große Schauspiel nicht sicherer auf die erste Scene schließen lehrte? Wissen wir denn nicht, daß eben in den Winkeln der Erde, wo noch die Vernunft am wenigsten in die feine, gesellschaft- liche, liche, vielseitige, gelehrte Form gegossen ist, noch Sinnlichkeit, und roher Scharfsinn, und Schlau- heit, und muthige Wuͤrksamkeit, und Leidenschaft und Erfindungsgeist — die ganze ungetheilte menschliche Seele am lebhaftesten wuͤrke? Am lebhaftesten wuͤrke, weil sie noch auf keine lang- weilige Regeln gebracht, immer in einem Kreise von Beduͤrfnissen, von Gefahren, von andringen- den Erfordernissen ganz lebt, und sich also immer neu und ganz fuͤhlt. Da, nur da zeigt sie Kraͤfte, sich Sprache zu bilden und fortzubilden! da hat sie Sinnlichkeit und gleichsam Jnstinkt gnug, um den ganzen Laut und alle sich aͤußernde Merkmale der lebenden Natur so ganz zu empfinden, wie wir nicht mehr koͤnnen: und wenn die Besinnung alsdenn Eins derselben lostrennet, es so stark und innig zu nennen, als wirs nicht nennen wuͤrden. Je minder die Seelenkraͤfte noch entwickelt und jede zu einer eignen Sphaͤre abgerichtet ist: desto staͤrker wuͤrken alle zusammen: desto inniger ist der Mittelpunkt ihrer Jntensitaͤt; nehmet aber diesen großen unzerbrechlichen Pfeilbund auseinan- der und ihr koͤnnt sie alle zerbrechen, und denn L 4 laͤßt laͤßt sich gewiß nicht mit einem Stabe das Wun- der thun, gewiß nicht mit der Einzigen kalten Abstraktionsgabe der Philosophen je Sprache erfinden — war das aber unsre Frage? Drang jener Weltsinn nicht tiefer? Und waren bei dem bestaͤndigen Zusammenstrom aller Sinne, in dessen Mittelpunkt immer der innere Sinn wachte, nicht immer neue Merkmale, Ordnungen, Gesichts- punkte, schnelle Schlußarten gegenwaͤrtig, und also immer neue Bereicherungen der Sprache? Und empfing also zu dieser, (wenn man nicht auf acht partes Orationis rechnen will,) die menschliche Seele nicht ihre besten Eingebungen, so lange sie noch ohne alle Anreitzungen der Gesellschaft sich nur selbst desto maͤchtiger anreizte, sich alle die Thaͤtigkeit der Empfindung und des Gedankens gab, die sie sich nach innerm Drang und aͤußern Erfordernissen geben mußte — da gebar sich Sprache mit der ganzen Entwiklung der menschlichen Kraͤfte. Es ist fuͤr mich unbegreiflich, wie unser Jahr- hundert so tief in die Schatten, in die dunkeln Werkstaͤten des Kunstmaͤßigen sich verlieren kann, ohne ohne auch nicht einmal das weite, helle Licht der uneingekerkerten Natur erkennen zu wollen. Aus den groͤssesten Heldenthaten des menschlichen Gei- stes, die er nur im Zusammenstoß der lebendigen Welt thun und aͤußern konnte, sind Schuluͤbungen im Staube unsrer Lehrkerker; aus den Meister- stuͤcken menschlicher Dichtkunst und Beredsamkeit Kindereien geworden, an welchen greise Kinder und junge Kinder Phrases lernen und Regeln klauben. Wir haschen ihre Formalitaͤten und haben ihren Geist verloren; wir lernen ihre Sprache und fuͤh- len nicht die lebendige Welt ihrer Gedanken. Der- selbe Fall ists mit unsern Urtheilen uͤber das Mei- sterstuͤck des menschlichen Geistes, die Bildung der Sprache uͤberhaupt. Da soll uns das todte Nach- denken Dinge lehren, die blos aus dem lebendigen Hauche der Welt, aus dem Geiste der großen wuͤrksamen Natur den Menschen beseelen, ihn auf- rufen und fortbilden konnten. Da sollen die stumpfen, spaͤten Gesetze der Grammatiker das Goͤttlichste seyn, was wir verehren, und vergessen die wahre goͤttliche Sprachnatur, die sich in ihrem Herzen mit dem menschlichen Geiste bildete: so L 5 unregel- unregelmaͤßig sie auch scheine. Die Sprachbil- dung ist in die Schatten der Schule gewichen, aus denen sie nichts mehr fuͤr die lebendige Welt wuͤrket: drum soll auch nie eine helle Welt gewe- sen seyn, in der die ersten Sprachenbilder leben, fuͤhlen, schaffen, und dichten mußten. — Jch be- rufe mich auf das Gefuͤhl derer, die den Menschen im Grunde seiner Kraͤfte, und das Kraͤftige, Maͤch- tige, Große in den Sprachen der Wilden, und Wesen der Sprache uͤberhaupt nicht verkennen — Daher fahre ich fort: Zweites Naturgesetz. Der Mensch ist in seiner Bestimmung ein Ge- schoͤpf der Heerde, der Gesellschaft: die Fort- bildung einer Sprache wird ihm also natuͤr- lich, wesentlich, nothwendig. D as menschliche Weib hat keine Jahrszeit der Brunst, wie die Thierweiber: Und die Zeugungs- kraft des Mannes ist nicht so ungebaͤndigt, aber fort- fortwaͤhrend. Wenn nun Stoͤrche und Tauben Ehen haben; so wuͤßte ich nicht, warum sie der Mensch aus mehrern Ursachen nicht haͤtte? Der Mensch gegen den struppichten Baͤr und den borstigen Ygel gesezt, ist ein schwaͤcheres, duͤrftigeres, nakteres Thier: es hat Hoͤlen noͤthig, und diese werden, mit den vorigen Veranlassungen sehr natuͤrlich gemeinschaftliche Hoͤlen. Der Mensch ist ein schwaͤcheres Thier, was in mehrern Himmelsgegenden sehr uͤbel den Jahrs- zeiten ausgesezt waͤre: das menschliche Weib hat also als Schwangere, als Gebaͤrerinn, einer ge- sellschaftlichen Huͤlfe mehr noͤthig, als der Straus, der seine Eier in die Wuͤste leget. Endlich insonderheit das menschliche Junge, der auf die Welt gesezte Saͤugling, wie sehr ist er ein Vasall menschlicher Huͤlfe und geselliger Er- barmung. Aus einem Zustande, wo er als Pflanze am Herzen seiner Mutter hing, wird er auf die Erde geworfen — das schwaͤchste huͤlfloseste Ge- schoͤpf unter allen Thieren, wenn nicht muͤtterli- che Bruͤste da waͤren, ihn zu naͤhren, und vaͤter- liche Knie entgegen kaͤmen, ihn als Sohn aufzu- neh- nehmen. Wem wird hiemit nicht „ Haushaltung der Natur zur Gesellung der Menschheit „ vorleuchtend? und zwar die so unmittelbar, so nahe am Jnstinkt, als es bei einem besonne- nen Geschoͤpf seyn konnte! — Jch muß den lezten Punkt mehr entwickeln, denn in ihm zeigt sich das Werk der Natur am au- genscheinlichsten, und mein Schluß wird hieraus um desto schneller. Wenn man alles, wie unsre groben Epikuraͤer, aus blinder Wollust oder unmit- telbarem Eigennutz erklaͤren will — wer kann das Gefuͤhl der Eltern gegen Kinder erklaͤren? Und die starken Bande, die dadurch bewuͤrkt werden? Siehe! dieser arme Erdbewohner kommt elend auf die Welt, ohne zu wissen, daß er elend sey: er ist der Erbarmung beduͤrftig, ohne daß er sich ihrer im mindsten werth machen koͤnnte: er wei- net — aber selbst dies Weinen mußte so beschwehr- lich werden, als das Geheul des Philoktet, der doch so viel Verdienste hatte, den Griechen, die ihn der wuͤsten Jnsel uͤbergaben. Hier muß- ten also eben, nach unsrer kalten Philosophie die Bande der Natur am ehesten reißen, wo sie am staͤrk- staͤrksten wuͤrken! Die Mutter hat sich der Frucht, die ihr so viel Ungemach machte, endlich mit Schmerzen entledigt: kommts blos auf Vergnuͤ- gen und neue Wollust an: so wirft sie sie weg. Der Vater hat in wenigen Minuten seine Brunst gekuͤhlet — was soll er sich weiter um Mutter und Kind, als Gegenstaͤnde seiner Muͤhe, bekuͤm- mern: er laͤuft wie Rousseaus Mannthier, in den Wald und sucht sich einen andern Gegenstand seines thierischen Vergnuͤgens. Wie ganz um- gekehrt ist hier die Ordnung der Natur, bei Thie- ren und Menschen und wie weiser. Eben die Schmerzen und Ungemaͤchlichkeiten vermehren die muͤtterliche Liebe! eben das Bejammerns- und nicht Liebenswuͤrdige des Saͤuglings, das Schwache, Hinfaͤllige seines Temperaments, die beschwerliche, verdrießliche Muͤhe der Erziehung verdoppelt die Regungen seiner Eltern! die Mutter sieht den Sohn mit waͤrmerer Wallung an, der ihr die meisten Schmerzen gekostet, der ihr am oͤfter- sten mit seinem Abschiede gedrohet, auf den ihre meisten Zaͤhren des Kummers flossen. Der Va- ter sieht den Sohn mit waͤrmerer Wallung an, den den er fruͤhe aus einer Gefahr riß, den er mit der groͤßten Muͤhwaltung erzog, der ihm in Unter- richt und Bildung das meiste kostete. Und so weiß auch „ im Ganzen des Geschlechts die Natur „aus der Schwachheit Staͤrke zu machen.„ Eben deswegen kommt der Mensch so schwach, so duͤrftig, so verlassen, von dem Unterricht der Na- tur, so ganz ohne Fertigkeiten und Talente auf die Welt, wie kein Thier, damit er, wie kein Thier, „eine Erziehung genieße, und das „menschliche Geschlecht, wie kein Thiergeschlecht, „ ein innigverbundenes Ganze werde!„ Die jungen Enten entschlupfen der Henne, die sie ausgebruͤtet, und hoͤren, vergnuͤgt in dem Elemente plaͤtschernd, in das sie der Ruf der muͤt- terlichen Natur hinzog, die warnende rufende Stimme ihrer Stiefmutter nicht, die am Ufer jammert. So wuͤrde es das Menschenkind auch machen, wenn es mit dem Jnstinkt der Ente auf die Welt kaͤme. Jeder Vogel bringt die Ge- schiklichkeit Nester zu bauen, aus seinem Ei, und nimmt sie auch, ohne fortzupflanzen, in sein Grab Grab: die Natur unterrichtet fuͤr ihn. Alles bleibt also Einzeln, das unmittelbare Werk der Natur und so wird „ keine Progreßion der Seele „des Geschlechts, „ kein Ganzes, wie es die Natur am Menschen wollte. Den band sie also durch Noth und einen zuvorkommenden Eltern- trieb, fuͤr den die Griechen das Wort ςοργὴ hat- ten, zusammen, und so wurde „ein Band des Unterrichts und der Erziehung „ ihm wesentlich. Da hatten Eltern den Kreis ihrer Jdeen nicht fuͤr sich gesammlet; er war zugleich da, um mit- getheilt zu werden, und der Sohn hat den Vor- theil, den Reichthum ihres Geistes schon fruͤhe, wie im Auszuge zu erben. Jene tragen die Schuld der Natur ab, indem sie lehren; diese fuͤllen das ideenlose Beduͤrfniß ihrer Natur aus, indem sie lernen: so wie sie nachher wieder ihre Schuld der Natur abtragen werden, diesen Reich- thum mit Eignem zu vermehren und ihn wieder weiter fortzupflanzen. Kein einzelner Mensch ist fuͤr sich da: „er ist, in das Ganze des Ge- „schlechts eingeschoben, er ist nur Eins fuͤr „die fortgehende Folge. Was Was dies auf die ganze Kette fuͤr Wuͤrkung thue, sehen wir spaͤter; hier schraͤnken wir uns nur auf den Zusammenhang der ersten zween Ringe ein! auf „die Bildung einer Familien- „denkart durch den Unterricht der Erzie- „hung „ und — Da der Unterricht der eignen Seele, der Jdeenkreis der Elternsprache ist: so wird „die Fortbildung des menschlichen Unterrichts „durch den Geist der Familie, durch den die „Natur das ganze Geschlecht verknuͤpft hat, auch „ Fortbildung der Sprache. „ Warum haͤngt dieser Unmuͤndige so schwach und unwissend an den Bruͤsten seiner Mutter, an den Knien seines Vaters? Damit er lehrbegierig sey und Sprache lerne. Er ist schwach, damit sein Geschlecht stark werde. Nun theilt sich ihm mit der Sprache, die ganze Seele, die ganze Denkart seiner Erzeuger mit; aber eben deswegen theilen sie es ihm gerne mit, weil es ihr Selbstge- dachtes, Selbstgefuͤhltes, Selbsterfundenes ist, was sie mittheilen. Der Saͤugling, der die ersten Worte sammlet, stammlet die Gefuͤhle seiner El- tern tern wieder, und schwoͤrt mit jedem fruͤhen Stammlen, nachdem sich seine Zunge und Seele bildet, diese Gefuͤhle zu verewigen, so wahr er sie Vater- oder Muttersprache nennet. Lebenslang werden diese ersten Eindruͤcke seiner Kindheit, diese Bilder aus der Seele und dem Herzen seiner Eltern in ihm leben und wuͤrken: mit dem Wort wird das ganze Gefuͤhl wiederkommen, was da- mahls fruͤhe seine Seele uͤberstroͤmte: mit der Jdee des Worts alle Nebenideen, die ihm damals bei diesem, neuen fruͤhen Morgenausblick in das Reich der Schoͤpfung vorlagen — sie werden wie- derkommen und maͤchtiger wuͤrken, als die reine, klare Hauptidee selbst. Das wird also Familien- denkart, und mithin Familiensprache. Da steht nun der kalte Philosoph Rousseau. und fraͤgt „durch „welches Gesetz denn wohl die Menschen ihre „willkuͤhrlich erfundne Sprache einander haͤtten „aufdringen, und den andern Theil haͤtten „veranlassen koͤnnen, das Gesetz anzunehmen?„ Diese Frage, uͤber die Rousseau so pathetisch, und ein andrer Schriftsteller so lange predigt, be- M ant- antwortet sich, wenn wir einen Blick in „die „ Oekonomie der Natur des menschlichen „Geschlechts „ thun, von selbst, und wer kann nun die vorigen Predigten aushalten? Jsts denn nicht Gesetz, und Verewigung gnug, diese Familienfortbildung der Sprache? Das Weib, in der Natur so sehr der schwaͤchere Theil, muß es nicht von dem erfahrnen, versorgenden, sprachbildenden Manne Gesetz annehmen? Ja heißt Gesetz, was blos milde Wohlthat des Unter- richts ist? Das schwache Kind, das so eigentlich ein Unmuͤndiger heißt, muß es nicht Sprache an- nehmen, da es mit ihr die Milch seiner Mutter und den Geist seines Vaters genießet? Und muß diese Sprache nicht verewigt werden, wenn etwas verewigt wird? O die Gesetze der Natur sind maͤch- tiger, als alle Conventionen, die die schlaue Po- litik schließet, und der weise Philosoph aufzaͤhlen will! Die Worte der Kindheit — diese unsre fruͤ- hen Gespielen in der Morgenroͤthe des Lebens! mit denen sich unsre ganze Seele zusammen bil- dete — wenn werden wir sie verkennen? Wenn werden wir sie vergessen? Unsre Muttersprache war war ja zugleich die erste Welt, die wir sahen, die ersten Empfindungen, die wir fuͤhlten, die erste Wuͤrksamkeit und Freude, die wir genossen! Die Nebenideen von Ort und Zeit, von Liebe und Haß, von Freude und Thaͤtigkeit, und was die feurige, heraufwallende Jugendseele sich dabei dachte, wird alles mit verewigt — nun wird die Sprache schon Stamm! Und je Kleiner dieser Stamm ist, desto mehr gewinnt er an innerer Staͤrke. Unsre Vaͤter, die nichts selbst gedacht, nichts selbst erfunden; die alles mechanisch gelernt haben — was be- kuͤmmern sich die um Unterricht ihrer Soͤhne? um Verewigung dessen, was sie ja selbst nicht besitzen? Aber der erste Vater, die ersten duͤrfti- gen Spracherfinder, die fast an jedem Worte die Arbeit ihrer Seele hingaben, die uͤberall in der Sprache noch den warmen Schweiß fuͤhlten, den er ihrer Wuͤrksamkeit gekostet — welchen Jnfor- mator konnten die bestellen? Die ganze Sprache ihrer Kinder war ein Dialekt ihrer Gedanken, ein Loblied ihrer Thaten, wie die Lieder Oßi- ans auf seinen Vater Fingal. M 2 Rous- Rousseau und andre haben so viel Paradoxien uͤber den Ursprung und das Anrecht des ersten Eigenthums gemacht; und haͤtte der erste nur die Natur seines geliebten Thiermenschen befragt: so haͤtte der ihm geantwortet. Warum gehoͤrt diese Blume der Biene, die auf ihr sauget? Die Biene wird antworten: weil mich die Natur zu diesem Saugen gemacht hat! mein Jnstinkt, der auf diese und keine andre Blume hinfaͤllt, ist mir Diktator gnug, der mir sie und ihren Garten zum Eigenthum anweise! Und wenn wir nun den ersten Menschen fragen: „Wer hat dir das „Recht, auf diese Kraͤuter gegeben?„ Was kann er antworten, als: die Natur, die mir Besin- nung gab! diese Kraͤuter habe ich mit Muͤhe ken- nen gelernt! mit Muͤhe habe ich sie mein Weib und meinen Sohn kennen gelehrt! Wir alle leben von ihnen! ich habe mehr Recht daran, als die Biene, die darauf summet, und das Vieh, das darauf weidet; denn die haben alle die Muͤhe des Kennenlernens und Kennenlehrens nicht gehabt! Jeder Gedanke also, den ich darauf gezeichnet, ist ein Siegel meines Eigenthums, und wer mich davon davon vertreibet, der nimmt mir nicht blos mein Leben, wenn ich diesen Unterhalt nicht wieder finde; sondern wuͤrklich auch den Werth meiner verlebten Jahre, meinen Schweiß, meine Muͤhe, meine Gedanken, meine Spra- che — ich habe sie mir erworben! und sollte fuͤr den Erstling der Menschheit eine solche Signatur der Seele auf eine Sache, durch Kennenlernen, durch Merkmal, durch Sprache, nicht mehr Recht des Eigenthums seyn, als ein Stempel in der Muͤnze? „Wie viel Ordnung und Ausbildung be- „kommt die Sprache also schon eben damit, daß „sie vaͤterliche Lehre wird! wer lernt nicht, indem er lehret? Wer versichert sich nicht seiner Jdeen, wer mustert nicht seine Worte, indem er sie andern mittheilt, und sie so oft von den Lip- pen des Unmuͤndigen stammlen hoͤret? Hier ge- winnt also schon die Sprache eine Form der Kunst, der Methode! hier wuͤrde die erste Grammatik, die ein Abdruck der menschlichen Seele, und ihrer natuͤrlichen Logik war, schon durch eine scharfpruͤfende Censur berichtigt. M 3 Rons- Rousseau, der hier, wie gewoͤhnlich nach seiner Art, aufruft: „was hatte denn die Mutter ih- „rem Kinde, viel zu sagen? hatte das Kind „nicht seiner Mutter mehr zu sagen? woher lernte „denn dies schon Sprache, sie seine Mutter zu „lehren?„ macht aber auch hier, wie nach seiner Art gewoͤhnlich, ein panisches Feldgeschrei. Aller- dings hatte die Mutter mehr das Kind zu lehren als das Kind die Mutter — weil jene es mehr lehren konnte, und der muͤtterliche Jnstinkt, Liebe und Mitleiden, den Rousseau aus Barm- herzigkeit den Thieren zugibt und aus Großmuth seinem Geschlecht versagt, sie zu diesem Unterricht, wie der Ueberfluß der Milch zum Saugen zwang. Sehen wir denn nicht selbst an manchen Thieren, daß die Aeltere ihre Jungen zu ihrer Lebensart gewoͤhnen? und wenn denn nun ein Vater seinen Sohn von fruͤher Jugend an zur Jagd gewoͤhnte, ging dies ohne Unterricht und Sprache ab? „Ja! „ein solches Woͤrterdiktiren zeigt schon eine gebil- „dete Sprache an, die man lehrt; nicht eine, „die sich erst bildet!„ Und ist das wieder ein Unterschied, der Ausnahme mache? Freilich war die die Sprache schon im Vater und in der Mutter gebildet, die sie die Kinder lehrten, aber dorfte deswegen schon die Sprache ganz gebildet seyn, auch selbst die, die sie sie nicht lehrten? Und konn- ten denn die Kinder in einer neuern, weitern, feinern Welt nichts mehr dazu erfinden? und ist denn eine zum Theil gebildete, sich weiter fort- bildende Sprache ein Wiederspruch? Wenn ist die Franzoͤsische, durch Akademien und Autoren und Woͤrterbuͤcher so gebildete Sprache, denn so zu Ende gebildet, daß sie sich nicht mit jedem neuen originalen Autor, ja mit jedem Kopfe, der neuen Ton in die Gesellschaft bringt, neu bilden, oder mißbilden muͤßte? — Mit solchen Para- logismen sind die Verfechter der gegenseitigen Meinung behangen — man urtheile, ob es lohne, sich auf jede Kleinigkeit ihrer Einwuͤrfe einzulassen. Ein andrer z. B. sagt: „wie doch die Men- „schen wohl je aus Nothdurft ihre Sprache haͤtten „fortbilden wollen, wenn sie Lukrezens Mutum et „turpe pecus gewesen waͤren?„ und laͤßt sich auf eine Menge halbwahrer Jnstanzen der Wilden M 4 ein. ein. Jch antworte blos: Niemals! Niemals haͤtten sie es wollen und koͤnnen, wenn sie ein Mutum pecus gewesen: denn da hatten sie ja keine Sprache? Sind aber die Wilden von der Art? ist denn die barbarischste menschliche Nation ohne Sprache? Und ists denn je der Mensch, als in der Abstraktion der Philosophen und also in ihrem Gehirn gewesen? Er fragt: „ob denn wohl, da alle Thiere „Zwang scheuen, und alle Menschen Faulheit lie- „ben, es je von den Orenocks des Condamine „erwartet werden koͤnne, daß sie ihre langgedehnte, „achtsylbige, schwere und hoͤchstbeschwerliche „Sprache aͤndern und verbessern sollten?„ Und „ich antworte: zuerst ist wieder das Faktum un- „richtig, wie fast alle, die er anfuͤhrt. Suͤßmilch. „ Jhre „langgedehnte, achtsylbige Sprache?„ das ist sie nicht. Condamine sagt blos: sie sei so unaussprech- lich und eigen organisirt, daß wo sie drei oder vier Sylben aussprechen, wir 7 biß 8 schreiben muͤßten, und doch haͤtten wir sie noch nicht ganz ge- geschrieben — heißt das: sie ist lang gedehnt, achtsylbigt? Und „schwer, hoͤchstbeschwerlich?„ Fuͤr wen ist sie dies anders als fuͤr Fremde? Und fuͤr die sollen sie sie ausbessern? Fuͤr einen kom- menden Franzosen, der je kaum eine Sprache als die seinige, ohne sie zu verstuͤmmeln, lernt, sie ver- bessern, sie also franzisiren? Haben aber deßwe- gen die Orenoker noch nichts in ihrer Sprache gebildet? ja sich noch gar keine Sprache gebil- det: weil sie nicht den Genius, der ihnen so eigen ist, fuͤr einen herabschiffenden Fremdling vertau- schen moͤgen? Ja gesezt, sie bildeten auch nichts mehr in ihrer Sprache, auch nicht fuͤr sich — ist man denn nie gewachsen wenn man nicht mehr waͤchst? und haben denn die Wilden nichts ge- than, weil sie nichts gern ohne Noth thun? — Und welcher Schatz ist Familiensprache fuͤr ein werdendes Geschlecht! Fast in allen kleinen Nationen aller Welttheile, so wenig gebildet sie auch seyn moͤgen, sind Lieder von ihren Vaͤtern, Gesaͤnge von den Thaten ihrer Vorfahren der Schatz ihrer Sprache, und Geschichte, und Dichtkunst; ihre Weißheit und ihre Aufmunte- M 5 rung; rung; ihr Unterricht und ihre Spiele und Taͤnze. Die Griechen sangen von ihren Argonauten, von Herkules und Bacchus, von Helden und Troja- bezwingern: und die Celten von den Vaͤtern ihrer Staͤmme, von Fingal und Oßian! unter Perua- nern und Nordamerikanern, auf den Caraibischen und Marianischen Jnseln herrscht noch dieser Ur- sprung der Stammessprache in den Liedern ihrer Staͤmme und Vaͤter, so wie fast in allen Theilen der Welt Vater und Mutter aͤhnliche Namen haben. Nur laͤßt sich auch eben hier anmerken, warum unter so manchen Voͤlkern, von denen wir Beispiele angefuͤhrt, das maͤnnliche und weibli- che Geschlecht fast zwo verschiedene Sprachen ha- ben, nemlich weil beide nach den Sitten der Na- tion, als das edle und unedle Geschlecht, fast zwei ganz abgetrennte Voͤlker ausmachen, die nicht einmal zusammenspeisen. Nachdem nun die Er- ziehung Vaͤterlich oder Muͤtterlich war: so mußte auch die Sprache Vater- oder Muttersprache werden, so wie nach der Sitte der Roͤmer es gar lingua vernacula wurde. Drit- Drittes Naturgesetz. So wie das ganze menschliche Geschlecht un- moͤglich Eine Heerde bleiben konnte: so konn- te es auch nicht Eine Sprache behalten. Es wird also eine Bildung verschiedner National- sprachen. J m eigentlichen metaphysischen Verstande ist schon nie eine Sprache bei Mann und Weib, Vater und Sohn, Kind und Greis moͤglich. Man gehe z. E. unter den Morgenlaͤndern die langen und kurzen Vocale, die mancherlei Hauche und Kehlbuchstaben, die leichte und so mannichfaltige Verwechselung der Buchstaben von einerley Organ, die Ruhe, und Sprachzeichen, mit allen Verschiedenheiten, die sich schriftlich so schwer ausdruͤcken laßen, durch: Ton und Accem: Vermehrung und Verringerung deßelben und hundert andere zufaͤllige Kleinigkeiten in den Elementen der Sprache: und bemerke auf der andern Seite die Verschiedenheit der Sprach- werk- werkzeuge bei beiderlei Geschlecht, in der Jugend und im Alter, auch nur bei zween gleichen Men- schen nach so manchen Zufaͤllen und Einzelnheiten, die den Bau dieser Organe veraͤndern, bei so man- chen Gewohnheiten, die zur zweiten Natur wer- den u. s. w. „So wenig als es zween Menschen „ganz von einerlei Gestalt und Gesichtszuͤgen: so „wenig kann es zwo Sprachen, auch nur der „Aussprache nach, im Munde zweener Men- „schen geben, die doch nur eine Sprache waͤren. Jedes Geschlecht wird in seine Sprache Haus und Familienton bringen: das wird, der Aus- sprache nach, verschiedene Mundart. Clima, Luft und Wasser, Speise und Trank, werden auf die Sprachwerkzeuge und natuͤrlich auch auf die Sprache einfließen. Die Sitte der Gesellschaft und die maͤchtige Goͤttinn der Gewohnheit werden bald nach Geber- den und Anstand diese Eigenheiten und jede Ver- schiedenheit einfuͤhren — ein Dialekt. — — „ Ein philosophischer Versuch uͤber die ver- „wandten Spracharten der Morgenlaͤnder „ waͤre der angenehmste Beweis dieser Saͤtze. Das Das war nur Aussprache. Aber Worte selbst, Sinn, Seele der Sprache — welch ein unendliches Feld von Verschiedenheiten. Wir ha- ben gesehen, wie die aͤltesten Sprachen voller Sy- nonyme haben werden muͤssen, und wenn nun von diesen Synonymen dem Einen dies, dem andern jenes gelaͤufiger, seinem Sehepunkt angemessner, seinem Empfindungskreise urspruͤnglicher, in seiner Lebensbahn oͤfter vorkommend, kurz von mehrerm Eindruck auf ihn wurde; so gabs Lieblings- worte, eigne Worte, Jdiotismen, ein Jdiom der Sprache. Bei jenem ging jenes Wort aus; das blieb. Jenes ward durch einen Nebengesichtspunkt von der Hauptsache weggebogen; hier veraͤnderte sich mit der Zeitfolge der Geist des Hauptbegrifs selbst — da wurden also eigne Biegungen, Ab- leitungen, Veraͤnderungen, Vor- und Zu- saͤtze und Versetzungen und Wegnahmen von ganzen und halben Bedeutungen — ein neues Jdiom! und das alles so natuͤrlich, als Sprache dem Menschen Sinn seiner Seele ist. Je Je lebendiger eine Sprache; je naͤher sie ihrem Ursprunge, und also noch in den Zeiten der Jugend und des Wachsthums ist: desto ver- aͤnderlicher. Jst sie nur in Buͤchern da, wo sie nach Regeln gelernt, nur in Wissenschaften und nicht im lebendigen Umgange gebraucht wird, wo sie ihre bestimmte Zahl von Gegenstaͤnden und von Anwendungen hat, wo also ihr Woͤrterbuch ge- schlossen, ihre Grammatik geregelt, ihre Sphaͤre fixirt ist — eine solche Sprache kann noch eher im Merklichen unveraͤndert bleiben, und doch auch da nur im Merklichen — —. Allein eine im wil- den freien Leben, im Reich der großen, weiten Schoͤpfung, noch ohne foͤrmlich gepraͤgte Regeln, noch ohne Buͤcher und Buchstaben und angenom- mene Meisterstuͤcke; so duͤrftig und unvollendet, um noch taͤglich bereichert werden zu muͤssen, und so jugendlich gelenkig um es noch taͤglich auf den ersten Wink der Aufmerksamkeit, auf den ersten Befehl der Leidenschaft und Empfindung werden zu koͤnnen — sie muß sich veraͤndern in jeder neuen Welt, die man sieht, in jeder Methode, nach der man denkt und fortdenkt. Aegyptische Ge- Gesetze der Einfoͤrmigkeit koͤnnen hier nicht das Gegentheil bewuͤrken. Nun ist offenbar der ganze Erdboden fuͤr das Menschengeschlecht und dies fuͤr den ganzen Erd- boden gemacht — (ich sage nicht jeder Bewoh- ner der Erde, jedes Volk ist ploͤzlich durch den raschesten Uebersprung fuͤr das entgegengeseztteste Clima und so fuͤr alle Weltzonen: sondern das ganze Geschlecht fuͤr den ganzen Erdkreis.) Wo wir uns umher sehen, da ist der Mensch so zu Hause, wie die Landthiere, die urspruͤnglich fuͤr diese Gegend bestimmet sind. Er dauret in Groͤn- land unter dem Eise und bratet sich in Guinea un- ter der senkrechten Sonne; ist auf seinem Felde, wenn er in Lappland mit dem Rennthier uͤber den Schnee schluͤpft, und wenn er die arabische Wuͤste mit dem duͤrstigen Kameel durchtrabet. Die Hoͤle der Troglodyten und die Bergspitzen der Kabylen, der Rauchcamin der Ostiaken und der goldne Pal- last des Moguls enthaͤlt — Menschen. Fuͤr die ist die Erde am Pol geplaͤttet und am Aequa- tor erhoͤhet: fuͤr die waͤlzt sie sich so und nicht an- ders um die Sonne: fuͤr die sind ihre Zonen und Jah- Jahreszeiten und Veraͤnderungen — und diese sind wieder fuͤr die Zonen, fuͤr die Jahreszeiten und Veraͤnderungen der Erde. Das Naturgesetz ist also auch hier sichtbar: „Menschen sollen „uͤberall auf der Erde wohnen, da jede Thier- „gattung blos ihr Land und engere Sphaͤre ha- ben:„ der Erdbewohner wird sichtbar. Und ist das, so wird auch seine Sprache Sprache der Erde. Eine neue in jeder neuen Welt; Nationalsprache in jeder Nation — ich kann alle vorige Bestimmungsursachen der Veraͤnde- rung nicht wiederholen — die Sprache wird ein Proteus auf der runden Oberflaͤche der Erde. Manche neue Modephilosophen haben diesen Proteus so wenig fesseln und in seiner wahren Gestalt erblicken koͤnnen, daß es ihnen wahrschein- licher vorgekommen, daß die Natur in jeden gros- sen Erdstrich so gut ein Paar Menschen, zu Stammaͤltern habe hinschaffen koͤnnen, wie in je- des Clima eigne Thiere. Diese haͤtten sich so dann solch eine eigne Land- und Nationalsprache erfun- den, wie ihr ganzer Bau nur fuͤr dies Land sei ge- gemacht worden. Der kleine Lapplaͤnder mit sei- ner Sprache und mit seinem duͤnnen Bart, mit seinen Geschiklichkeiten und seinem Temperament sei ein so urspruͤnglich lapplaͤndisches Menschenthier als sein Rennthier; und der Neger mit seiner Haut, mit seiner Tintblassenschwaͤrze, mit sei- nen Lippen, und Haar und Truthuͤnersprache, und Dummheit und Faulheit sei ein natuͤrlicher Bruder der Affen desselben Climas. Es sei so wenig Aehnlichkeit zwischen den Sprachen der Erde auszutraͤumen, als zwischen den Bildungen der Menschengattungen; und es hieße sehr un- weise von Gott gedacht, nur ein Paar Menschen als Stammeltern fuͤr die ganze Erde so schwach und schuͤchtern, zum Raube der Elemente und Thiere in einen Erdewinkel dahingesezt und ei- nem tausendfachen Ungefaͤhr von Gefahren uͤber- lassen zu haben — — Wenigstens, faͤhrt eine weniger behauptende Meinung fort, waͤre die Sprache eine natuͤrliche Produktion des menschlichen Geistes, die sich nur allmaͤhlig mit dem Menschengeschlecht nach fremden Climaten hingezogen haͤtte: so muͤßte sie sich auch N nur nur allmaͤhlig veraͤndert haben. Man muͤßte die Abaͤndrung, den Fortzug, und die Verwand- schaft der Voͤlker im Verhaͤltnisse fortgehen sehen, und sich uͤberall nach kleinen Nuancen von Denk- und Mund- und Lebensart genaue Rechenschaft geben koͤnnen. Wer aber kann das? Findet man nicht in demselben Clima, ja dicht an einander in allen Welttheilen kleine Voͤlker, die in einerlei Kreise so verschiedne und entgegengesezte Sprachen haben, daß alles ein Boͤhmischer Wald wird? Wer Reisebeschreibungen von Nord- und Suͤdame- rica, von Africa und Asien gelesen, dem doͤrfen nicht die Staͤmme dieses Waldes vorgerechnet wer- den — hier, schließen diese Zweifller, hoͤrt also alle menschliche Untersuchung auf. Und weil diese lezten blos zweifeln, so will ich versuchen, zu zeigen, daß hier die Untersuchung nicht aufhoͤre, sondern daß sich diese „ Verschie- „denheit dicht an einander eben so natuͤrlich er- „klaͤren lasse, als die Einheit der Familien- „sprache in Einer Nation.„ Die Trennung der Familien in abgesonderte Nationen geht gewiß nicht nach den langweiligen Ver- Verhaͤltnissen von Entfernung, Wanderung, neuer Beziehung und dergl., wie der muͤßige kalte Philosoph, den Cirkel in der Hand, auf der Landkarte abmißt, und wie nach diesem Maaße große Buͤcher „von Verwandschaften der Voͤl- ker „ geschrieben worden, an denen alles, nur die Regel nicht, wahr ist, nach der alles berechnet wurde. Thun wir einen Blick in die lebendige, wuͤrksame Welt, so sind Triebfedern da, die die Verschiedenheit der Sprache unter den nahen Voͤl- kern sehr natuͤrlich veranlassen muͤssen, nur man wolle den Menschen nach keinem Lieblingssystem umzwingen. Er ist kein Rousseauscher Wald- mann: er hat Sprache. Er ist kein Hobbesi- scher Wolf: er hat eine Familiensprache. Er ist aber auch in andern Verhaͤltnissen kein unzei- tiges Lamm: Er kann sich also entgegengesezte Natur, Gewohnheit und Sprache bilden — Kurz! „der Grund von dieser Verschiedenheit so „naher kleiner Voͤlker in Sprache, Denk- und Lebensart ist — gegenseitiger Familien- und „Nationalhaß. „ N 2 Ohne Ohne alle Verschwaͤrzung und Verketzerung der menschlichen Natur koͤnnen zween oder meh- rere nahe Staͤmme, wenn wir uns in ihre Fami- liendenkart setzen, nicht anders, als bald Gegen- staͤnde des Zwistes finden. Nicht blos, daß aͤhn- liche Beduͤrfnisse sie bald in einen Streit, wenn ich so sagen darf, des Hungers und Durstes ver- wickeln, wie sich z. E. zwo Rotten von Hirten uͤber Brunnen und Weide zanken, und nach Be- schaffenheit der Weltgegenden oft sehr natuͤrlich zanken doͤrfen; ein viel heißerer Funke glimmt ihr Feuer an — Eifersucht, Gefuͤhl der Ehre, Stolz auf ihr Geschlecht und ihren Vorzug. Dieselbe Familienneigung, die in sich selbst ge- kehret, Staͤrke der Eintracht Eines Stammes gab, macht außer sich gekehrt, gegen ein an- dres Geschlecht, Staͤrke der Zwietracht, Fami- lienhaß! dort zogs viele zu Einem desto vester zusammen; hier machts aus zwei Partheien gleich Feinde. Der Grund dieser Feindschaft und ewi- gen Kriege ist in solchem Falle mehr edle mensch- liche Schwachheit, als niedertraͤchtiges Laster. Da Da die Menschheit auf dieser Stuffe der Bil- dung mehr Kraͤfte der Wuͤrksamkeit als Guͤter des Besitzes hat: so ist auch der Stolz auf jene mehr Ehrenpunkt, als das leidige Besitzthum der lezten wie in spaͤtern nervenlosen Zeiten. Ein braver Mann zu seyn, und einer braven Familie zu gehoͤren war aber im damaligen Zeitalter fast Eins, da der Sohn in vielem Betracht noch ei- gentlicher als bei uns seine Tugend und Tapferkeit vom Vater erbte, lernte, und der ganze Stamm uͤberhaupt bei allen Gelegenheiten fuͤr einen bra- ven Mann stand. Es ward also bald das Wort natuͤrlich: wer nicht mit und aus uns ist, der ist unter uns! der Fremdling ist schlechter, als wir, ist barbar. Jn diesem Verstande war Barbar das Losungswort der Verachtung: ein fremder und zugleich ein unedlerer, der uns an Weißheit oder Tapferkeit, oder was der Ehren- punkt des Zeitalters sei, nicht gleich kommt. Nun ist dies freilich, wie ein Englaͤnder rich- tig anmerkt, wenn es blos auf Eigennutz und Si- cherheit des Besitzes ankommt, kein Grund zum Haße, daß der Nachbar nicht so tapfer als wir N 3 ist: ist: sondern wir sollten uns in der Stille dar- uͤber freuen. Allein, eben weil diese Meinung nur Meinung und von beiden Theilen, die glei- ches Gefuͤhl des Stammes haben, gleiche Mei- nung ist: so ist eben damit die Trompete des Krie- ges geblasen! Das gilt die Ehre; das wekt den Stolz und Muth des ganzen Stammes! Von beiden Seiten Helden und Patrioten! Und weil jeden die Ursache des Kriegs traf; und jeder sie ein- sehen, und fuͤhlen konnte; so wurde der Na- tionalhaß in ewigen, bittern Kriegen verewigt; und da war die zweite Synonyme fertig: wer nicht mit mir ist, ist, gegen mich. Barbar und Gehaͤßiger! Fremdling, Feind! wie bei den Roͤmern urspruͤnglich das Wort hostis! Voss. Etymol. Das dritte folgte unmittelbar, voͤllige Tren- nung und Absonderung. Wer wollte mit einem solchen Feinde, dem veraͤchtlichen Barbar was ge- mein haben? Keine Familiengebraͤuche, kein An- denken an Einen Ursprung, und am wenigsten Sprache: Da Sprache eigentlich „ Merkwort „des Geschlechts, Band der Familie, Werk- „ zeug „ zeug des Unterrichts, Heldengesang von „den Thaten der Vaͤter, und die Stimme der- „selben aus ihren Graͤbern „ war. Die konnte also unmoͤglich Einerlei bleiben, und so schuf das- selbe Familiengefuͤhl, das Eine Sprache gebildet hatte, da es Nationalhaß wurde, oft Verschie- denheit, voͤllige Verschiedenheit der Sprache. Er ist Barbar, er redet eine fremde Sprache — die dritte, so gewoͤhnliche Synonyme. So umgekehrt die Etymologie dieser Worte scheine, so beweiset doch die Geschichte aller kleinen Voͤlker und Sprachen, uͤber die die Frage gilt, voͤllig ihre Wahrheit; die Absaͤtze der Etymologie sind auch nur Abstraktionen, nicht Trennungen in der Geschichte. Alle solche nahen Polyglotten sind zugleich die grimmigsten, unversoͤhnlichsten Feinde: und zwar alle nicht aus Raub und Habsucht, da sie meistens nicht pluͤndern, sondern nur toͤdten und verwuͤsten, und dem Schatten ihrer Vaͤ- ter opfern. Schatten der Vaͤter sind die Gott- heiten, und die einzigen unsichtbaren Maschinen der ganzen blutigen Epopee, wie in den Gesaͤn- gen Ossians. Sie sinds, die den Anfuͤhrer in N 4 Traͤu Traͤumen wecken und beleben, und denen er seine Naͤchte wacht: sie sinds, deren Namen seine Be- gleiter in Schwuͤren und Gesaͤngen nennen: sie sinds, denen man die Gefangnen in allen Mar- tern weihet, und sie sinds auch gegentheils, die den gemarterten in seinen Gesaͤngen und Todeslie- dern staͤrken. „ Verewigter Familienhaß „ ist also die Ursache ihrer Kriege, ihrer so eifersuͤchtigen Abtrennungen in Voͤlker, die oft kaum nur Fami- lien gleichen, und nach aller Wahrscheinlichkeit auch der „ voͤlligen Unterschiede ihrer Gebraͤu- „che und Sprachen. „ Eine morgenlaͤndische Urkunde uͤber die Tren- nung der Sprachen 1. Mos. 11. (die ich hier nur als ein poetisches Fragment zur Archaͤologie der Voͤlkerge- schichte betrachte) bestaͤtigt durch eine sehr dichte- rische Erzaͤhlung, was so viel Nationen aller Welttheile durch ihr Beispiel bestaͤtigen. „Nicht „allmaͤhlig verwandelten sich die Sprachen,„ wie sie der Philosoph durch Wanderungen vervielfaͤl- tigt; „die Voͤlker vereinigten sich, sagt das Poem, „zu „zu einem großen Werke; da floß uͤber sie der Tau- „mel der Verwirrung, und der Vielheit der Spra- „chen — daß sie abließen und sich trennten„ — was war dies, als eine schnelle Verbittrung und Zwietracht, zu der eben ein solches großes Werk den reichsten Anlaß gab? Da wachte der vielleicht bei einer kleinen Gelegenheit beleidigte Familien- geist auf: Bund und Absicht zerschlug sich: der Funke der Uneinigkeit schoß in Flammen: sie flogen aus einander: und thaten „ das jezt „um so heftiger, dem sie durch ihr Werk „hatten zuvor kommen wollen: sie verwirr- „ten das Eine ihres Ursprungs, ihre Spra- „che. So wurden verschiedne Voͤlker und da, „sagt der spaͤtere Bericht, heißen noch die Truͤm- „mer: Verwirrung der Voͤlker!„ — Wer den Geist der Morgenlaͤnder in ihren oft so umherge- holten Einkleidungen und epischwunderbaren Ge- schichten kennet, (ich will hier fuͤr die Theologie keine hoͤhere Veranstaltung ausschließen) der wird vielleicht den sinnlich gemachten Hauptgedanken nicht verkennen, daß „Veruneinigung uͤber einer „großen gemeinschaftlichen Absicht,„ und nicht N 5 blos blos die Voͤlkerwandrung mit eine Ursache zu so vielen Sprachen geworden. Dies morgenlaͤndische Zeugniß, (was ich doch uͤberdem hier nur als Poem anfuͤhren wollte,) dahingestellet: siehet man, daß die Vielheit der Sprachen keinen Einwurf gegen das natuͤrli- che und menschliche der Fortbildung einer Sprache abgeben koͤnne. Hier und da koͤnnen freilich Berge durch Erdbeben hervorgehoben eyn; allein folgt denn daraus, daß die Erde im Ganzen mit ihren Gebuͤrgen und Stroͤmen und Meeren nicht ihre Gestalt aus Wasser koͤnne ge- wonnen haben? ‒ ‒ Nur freilich wird auch eben damit den Etymologisten und Voͤlkerforschern ein nuͤzlicher Stein der Behutsamkeit auf die Zun- ge gelegt, „aus den Sprachunaͤhnlichkeiten „nicht zu despotisch auf ihre Abstammung zu „schließen.„ Es koͤnnen Familien sehr nahe ver- wandt seyn, und doch Ursache gehabt haben, die Verwandschaft der Wapen zu unterdruͤcken. — Der Geist solcher kleinen Voͤlker gibt dazu Ur- sache gnug. Vier- Viertes Naturgesetz. „So wie nach aller Wahrscheinlichkeit das „menschliche Geschlecht Ein progressives Ganze „von Einem Ursprunge in Einer großen „Haushaltung ausmacht: so auch alle Spra- „chen, und mit ihnen die ganze Kette der „Bildung.„ D er sonderbare charakteristische Plan ist bemerkt, der uͤber Einen Menschen waltet: seine Seele ist gewohnt, immer das, was sie sieht, zu reihen, mit dem, was sie sahe, und durch Besonnenheit wird also „ ein progressives Eins aller Zustaͤn- de des Lebens „ — Mithin Fortbildung der Sprache. Der sonderbare charakteristische Plan ist be- merkt, der uͤber ein Menschengeschlecht waltet, daß durch die Kette des Unterrichts Eltern und Kinder Eins werden, und jedes Glied also nur von der Natur zwischen zwei andre hingeschoben wird, um zu zu empfangen und mitzutheilen — dadurch wird, „ Fortbildung der Sprache. „ Endlich geht dieser sonderbare Plan auch aufs ganze Menschengeschlech fort; und dadurch wird „eine Fortbildung im hoͤchsten Verstande,„ die aus den beiden vorigen unmittelbar folgt. Jedes Jndividuum ist Mensch, folglich denkt er die Kette seines Lebens fort. Jedes Jndivi- duum ist Sohn oder Tochter: ward durch Unter- richt gebildet: folglich bekam es immer einen Theil der Gedankenschaͤtze seiner Vorfahren fruͤhe mit, und wird sie nach seiner Art weiter reichen — also ist auf gewisse Weise „ kein Gedanke, keine Erfindung, keine Vervollkommung, die nicht weiter, fast ins Unendliche reiche. „ So wie ich keine Handlung thun, keinen Gedanken den- ken kann, der nicht auf die ganze Unermeßlichkeit meines Daseyns natuͤrlich hinwuͤrke; so nicht ich und kein Geschoͤpf meiner Gattung, was nicht mit jedem auch fuͤr die ganze Gattung und fuͤr das fortgehende Ganze der ganzen Gattung wuͤrke. Jedes treibt immer eine große oder kleine Welle: jedes veraͤndert den Zustand der Einzelnen Seele, mit- mithin das Ganze dieser Zustaͤnde; wuͤrkt immer auf andre; veraͤndert auch in diesen etwas — der erste Gedanke in der ersten menschlichen Seele haͤngt mit dem lezten in der lezten menschlichen Seele zusammen. Waͤre Sprache dem Menschen so angebohren, als den Bienen der Honigban; so zerfiele mit Ein- mal dies groͤßeste praͤchtigste Gebaͤude in Truͤm- mern! Jeder brachte sich sein wenig Sprache auf die Welt, oder da doch das auf die Welt bringen, fuͤr eine Vernunft nichts heißt, als sie sich gleich erfinden — welch ein trauriges Einzelne wird je- der Mensch! Jeder erfindet seine Rudimente, stirbt uͤber ihnen, und nimmt sie ins Grab, wie die Biene ihren Kunstbau: der Nachfolger kommt, quaͤlt sich uͤber derselben Anfaͤngen, kommt eben so weit, oder eben so wenig weit, stirbt — und so gehts ins Unendliche. Man siehet, „der Plan, „der uͤber die Thiere geht, die nichts erfinden, „kann nicht uͤber Geschoͤpfe gehen, die erfinden „muͤssen,„ oder es wird ein planloser Plan! Er- findet jedes fuͤr sich allein, so wird unnuͤtze Muͤhe ins Unendliche verdoppelt, und der erfindende Ver- stand stand seines besten Preises beraubt, zu wachsen. Was fuͤr Grund haͤtte ich um irgendwo in der Kette stille zu stehen, und nicht, so lange ich den- selben Plan wahrnehme, auch auf die Sprache hinaufzuschließen? Kam ich auf die Welt, um sogleich in den Unterricht der Meinigen eintreten zu muͤssen; so mein Vater, so der erste Sohn des ersten Stammvaters auch, und wie ich meine Gedanken um mich und in meine Abfolge breite: so mein Vater, so sein Stammvater; so der Erste aller Vaͤter. Die Kette reicht fort und steht nur „bei Einem, dem Ersten „ stille: so sind wir alle seine Soͤhne: von ihm faͤngt sich Geschlecht, Unterricht, Sprache an: Er hat zu erfinden an- gefangen; wir alle haben ihm nacherfunden, bil- den und mißbilden. Kein Gedanke in einer menschlichen Seele war verloren; nie aber war auch Eine Fertigkeit dieses Geschlechts auf Einmal ganz da, wie bei den Thieren: „ Zufolge der „ganzen Oekonomie „ war sie immer im Fort- schritte, im Gange: nichts Erfundnes, wie der Bau einer Zelle, sondern alles im Erfinden, im Fortwuͤrken, strebend. Jn diesem Gesichtspunkt wie wie groß wird die Sprache! „ Eine Schatzkam- „mer menschlicher Gedanken, wo jeder auf „seine Art etwas beitrug! Eine Summe der „Wuͤrksamkeit aller menschlichen Seelen. „ Hoͤchstens — tritt hier die vorige Philosophie, die den Menschen gern als ein Land- und Domai- nengut betrachten moͤchte, dazwischen — „Hoͤch- „stens duͤrfte diese Kette doch wohl nur bis an „jeden Einzelnen ersten Stammvater Eines Lan- „des reichen, von dem sich sein Geschlecht, wie „seine Landsprache erzeugte?„ Philosophie de l’histoire \&c. \&c. Jch wuͤste nicht, warum sie nur bis dahin und nicht weiter rei- chen sollte? Warum diese Landesvaͤter nicht wieder unter sich einen Erdenvater koͤnnten gehabt haben, da „die ganze fortgehende Aehnlichkeit der Haushaltung dieses Geschlechts „ es so fordert.„ Ja, hoͤrten wir den Einwurf „als wenns weise „gewesen waͤre, ein schwaches elendes Menschen- „paar in einen Winkel der Erde zum Raube der „Gefahr auszustellen?„ Und als wenns weiser gewesen waͤre viele solche schwache Menschenpaare einzeln in verschiedene Winkel der Erde zum Raube zehn- zehnfach aͤrgerer Gefahren zu machen? Der Fall wagender Unvorsichtigkeit, ist nicht blos uͤberall derselbe; sondern er wird auch mit jeder Verviel- faͤltigung unendlich vermehrt. Ein Menschen- paar, irgendwo, im besten, bequemsten Clima der Erde, wo die Jahreszeit ihrer Naktheit am wenigsten strenge ist, wo der fruchtbare Boden den Beduͤrfnissen ihrer Unerfahrenheit von selbst zu statten kommt, wo gleichsam alles umhergela- gert ist wie eine Werkstaͤtte, um der Kindheit ihrer Kuͤnste zu Huͤlfe zu kommen — ist dies Paar nicht weiser versorgt, als jedes andre mensch- liche Landthier, was unter dem unfreundlichsten Himmel in Lappland oder Groͤnland, mit der ganzen Duͤrftigkeit der nakten erfrornen Natur umgeben, den Klauen eben so duͤrftiger, hungriger, und um so grausamerer Thiere, mithin unendlich mehrern Ungemaͤchlichkeiten ausgesezt ist? Die Si- cherheit der Erhaltung nimmt also ab, je mehr die urspruͤnglichen Erdemenschen verdoppelt werden. Und denn wie lange bleibt das Paar im seligern Clima Ein Paar? Es wird bald Familie, bald kleines Volk, nnd wenn es sich nun, als Volk aus- ausbreitet: es kommt in ein ander Land — es kommt schon als Volk hinein — wie weiser! wie sichrer! Viel an Anzahl, mit gehaͤrteten Koͤrpern, mit versuchten Seelen, ja mit dem ganzen Scha- tze von Erfahrungen ihrer Vorfahren beerbt — wie vielfach also verstaͤrkte und verdoppelte Seelen! Nun sind sie faͤhig, sich bald zu Landgeschoͤpfen dieser Gegend zu vervollkommen! sie werden in kurzem so eingebohren, als die Thiere des Clima mit Lebensart, Denkart und Sprache — beweiset nicht aber eben dies„ den natuͤrlichen Fortgang „des menschlichen Geistes, der sich aus einem „gewissen Mittelpunkt zu allem bilden kann. „ Es kommt nie auf eine Menge bloßer Zahlen, son- dern auf die Guͤltigkeit und Progreßion ihrer Be- deutung: nie auf eine Menge schwacher Subjekte, sondern auf Kraͤfte an, mit denen sie wuͤrken. Diese wuͤrken eben im simpelsten Verhaͤltniß am staͤrksten; und nur die Bande umfangen also das ganze Geschlecht, die von Einem Punkte der Ver- knuͤpfung ausgehen. Jch lasse mich in keine weitere Gruͤnde dieses einstaͤmmigen Ursprungs ein: daß z. E. noch keine O wahren wahren Data von neuen Menschengattungen, die diesen Namen, wie die Thiergattungen, verdien- ten, aufgefunden sind; daß die offenbar allmaͤlige und fortgehende Bevoͤlkerung der Erde gerade das Gegentheil von eingebohrnen Landthieren zeige; daß die Kette der Cultur und aͤhnlicher Gewohn- heiten es auch, nur dunkler, zeige u. s. w. ich bleibe bei der Sprache. Waͤren die Menschen Nationalthiere, wo jedes die seinige sich ganz un- abhaͤngig und abgetrennt von andern selbst erfun- den haͤtte: so muͤßte diese gewiß „eine Verschie- „denartigkeit „ zeigen, als vielleicht die Einwoh- ner des Saturns und der Erde gegen einander ha- ben moͤgen — und doch geht bei uns offenbar Alles auf Einem Grunde fort. Auf einem Grunde, nicht blos was die Form, sondern was wuͤrklich den Gang des menschlichen Geistes betrift: denn unter allen Voͤlkern der Erde ist die Grammatik beinahe auf Einerlei Art gebaut. Die einzige Chinesische macht, meines Wissens, eine wesentliche Ausnahme, die ich mir aber als Aus- nahme sehr zu erklaͤren getraue „wie viel Chine- „ser-Grammatiken, und wie viele Arten dersel- „ben muͤßten seyn, wenn die Erde voll Sprach- „erfindender Landthiere gewesen waͤre!„ Woher kommts, daß so viel Voͤlker ein Alpha- bet haben, und doch fast nur ein Alphabet auf dem Erd- Erdboden sey? Der sonderbare und schwere Ge- danke, sich aus den Bestandtheilen der willkuͤhr- lichen Worte, aus Lauten, willkuͤhrliche Zeichen zu bilden, ist so springend, so verwickelt, so son- derbar, daß es gewiß unerklaͤrlich waͤre, wie viele und so viele auf den einen so entfernten Gedan- ken, und alle ganz auf eine Art, auf ihn gefallen waͤren. Daß sie alle die weit natuͤrlichern Zei- chen, die Bilder von Sachen vorbei ließen, und Hauche mahlten, unter allen moͤglichen die- selben zwanzig mahlten, und sich gegen die uͤbri- gen fehlenden duͤrftig behalfen, daß zu diesen zwanzig so viele dieselben willkuͤhrlichen Zei- chen nahmen — Wird hier nicht Ueberliefe- rung sichtbar? Die morgenlaͤndischen Alphabete sind im Grunde eins: Das Griechische, Lateini- sche, Runische, Deutsche u. s. w. Ableitungen: das Deutsche hat also noch mit dem Koptischen Buchstaben gemein und Jrrlaͤnder sind kuͤhn gnug gewesen, den Homer fuͤr eine Uebersetzung aus ihrer Sprache zu erklaͤren. Wer kann, so wenig oder viel er drauf rechne, im Grunde der Spra- chen Verwandschaft ganz verkennen? „Wie „Ein Menschenvolk nur auf der Erde wohnet, so „auch nur Eine Menschensprache: wie aber diese große Gattung sich in so viele kleine Landarten na- „tionalisirt hat: so ihre Sprachen nicht anders. O 2 Viele Viele haben sich mit den „ Stammlisten die- „ser Sprachengeschlechter „ versucht; ich versu- che es nicht — denn wie viele, viele Nebenursa- chen konnten in dieser Abstammung, und in der Kaͤnntlichkeit dieser Abstammung Veraͤnderungen machen, auf die der etymologisirende Philosoph nicht rechnen kann und die seinen Stammbaum truͤgen. Zudem sind unter den Reisebeschreibern und selbst Mißionarien so wenig wahre Sprach- philosophen gewesen, die uns von dem Genius und dem charakteristischen Grunde ihrer Voͤlkersprachen haͤtten Nachricht geben koͤnnen oder wollen, daß man im Allgemeinen hier noch in der Jrre gehet. Sie geben Verzeichnisse von Woͤrtern — und aus dem Schaͤllenkrame soll man schließen! Die Regeln der wahren Sprachdeduktion, sind auch so fein, daß wenige ‒ ‒ doch das ist alles nicht mein Werk! im Ganzen bleibt das Naturgesetz sichtbar: „ Sprache pflanze und bilde sich mit dem menschlichen Geschlechte fort; in diesem Ge- setze zaͤhle ich nur Hauptarten auf, die ver- schiedne Dimension geben. I. Jeder Mensch hat freilich alle Faͤhigkeiten, die sein ganzes Geschlecht; und jede Nation die Faͤhigkeiten, die alle Nationen haben, es ist in- dessen doch wahr, daß eine Gesellschaft mehr als als ein Mensch, und das ganze menschliche Geschlecht mehr als ein einzelnes Volk er- finde; und das zwar nicht blos nach Menge der Koͤpfe, sondern nach vielfach- und innig vermehrtern Verhaͤltnissen. Man sollte den- ken, daß ein einsamer Mensch, ohne draͤngende Beduͤrfnisse, mit aller Gemaͤchlichkeit der Lebens- art z. E. vielmehr Sprache erfinden; daß seine Muße ihn dazu antreiben werde, seine Seelen- kraͤfte zu uͤben, mithin immer etwas neues zu er- denken u. s. w. Allein das Gegentheil ist klar. Er wird ohne Gesellschaft immer auf gewisse Weise verwildern, und bald in Unthaͤtigkeit ermatten, wenn er sich nur erst in den Mittelpunkt gesezt hat, seine noͤthigsten Beduͤrfnisse zu befriedigen. Er ist immer eine Blume, die aus ihren Wurzeln gerissen, von ihrem Stamm gebrochen, da liegt und welkt — — sezt ihn in Gesellschaft und meh- rere Beduͤrfnisse: er habe fuͤr sich und andre zu sorgen; man sollte denken, diese neue Lasten neh- men ihm die Freiheit sich empor zu heben; dieser Zuwachs von Peinlichkeiten, die Muße zu erfin- den; aber gerade umgekehrt. Das Beduͤrfniß strengt ihn an: die Peinlichkeit wekt ihn: die Rastlosigkeit haͤlt seine Seele in Bewegung: er wird desto mehr thun, je wundersamer es wird, daß ers thue. So waͤchst also die Fortbildung O 3 einer einer Sprache von einem Einzelnen bis zu einem Familienmenschen schon in sehr zusam- mengeseztem Verhaͤltniß: Alles andre abgerech- net, wie wenig wuͤrde doch der Einsame, selbst der einsame Sprachenphilosoph auf seiner wuͤsten Jnsel erfinden! Wie viel mehr und staͤrker der Stammvater, der Familienmann. Die Natur hat also diese Fortbildung gewaͤhlet. II. Eine einzelne, abgetrennte Familie, denkt man, wird ihre Sprache, bei Bequemlichkeit und Muße mehr ausbilden koͤnnen, als bei Zer- streuungen, Krieg gegen einen andern Stamm u. s. w. allein nichts weniger. Je mehr sie gegen andre gekehrt ist, desto staͤrker wird sie in sich zu- sammengedraͤngt: desto mehr sezt sie sich auf ihre Wurzel, macht die Thaten ihrer Vorfahren zu Liedern, zu Aufrufungen, zu ewigen Denkmalen: erhaͤlt dieses Sprachandenken um desto reiner und patriotischer — die Fortbildung der Sprache, als Mundart der Vaͤter, geht desto staͤrker fort: darum hat die Natur diese Fortbildung gewaͤhlet. III. Mit der Zeit aber sezt sich dieser Stamm, wenn er in eine kleine Nation angewachsen ist „ auch in seinem Cirkel fest. Er hat seinen ge- meßnen meßnen Kreis von Beduͤrfnissen und fuͤr diese auch Sprache: weiter gehet er nicht, wie wir an allen kleinen so genannten barbarischen Nationen sehen. Mit ihren Nothwendigkeiten abgetheilt, koͤnnen sie, Jahrhunderte lang, in der sonderbarsten Un- wissenheit bleiben, wie jene Jnseln ohne Feuer, und so viel andre Voͤlker ohne die leichtesten mecha- nischen Kuͤnste: Es ist als ob sie nicht Augen haͤt- ten, zu sehen was ihnen vorliegt. Daher als- denn das Geschrei andrer Voͤlker auf solche, als auf dumme, unmenschliche Barbaren; da wir alle doch vor weniger Zeit eben dieselben Barbaren waren, und diese Kaͤnntnisse nur von andern Voͤlkern bekamen! Daher auch das Geschrei so mancher Philosophen uͤber diese Dummheit, als die unbegreiflichste Sache, da doch nach der Ana- logie der ganzen Haushaltung mit unsrem Ge- schlecht nichts begreiflicher ist, als sie! — Hier hat die Natur eine neue Kette geknuͤpft, die Ue- berlieferung von Volk zu Volk! „ so haben sich „Kuͤnste, Wissenschaften, Cultur und Spra- „che in einer großen Progreßion Nationen „hin verfeinert „ — das feinste Band der Fortbildung, was die Natur gewaͤhlet. Wir Deutsche wuͤrden noch ruhig, wie die Amerikaner, in unsern Waͤldern leben, oder viel- mehr noch in ihnen rauh kriegen und Helden seyn, O 4 wenn wenn die Kette fremder Cultur nicht so nah an uns gedraͤngt, und mit der Gewalt ganzer Jahr- hunderte uns genoͤthigt haͤtte, mit einzugreifen. Der Roͤmer holte so seine Bildung aus Grie- chenland, der Grieche bekam sie aus Asien und Aegypten: Aegypten aus Asien, China viel- leicht aus Aegypten — so geht die Kette von einem ersten Ringe fort und wird vielleicht einmal uͤber die Erde reichen. Die Kunst, die einen grie- chischen Pallast bauete, zeigt sich bei dem Wilden schon im Bau einer Waldhuͤtte; wie die Malerei Mengs und Dietrichs schon im rohesten Grunde auf dem rothbemalten Schilde Hermanns glaͤnzte. Der Eskimaux vor seinem Kriegsheere hat schon alle Keime zu einem kuͤnftigen Demosihen, und jene Nation von Bildhauern am Amazonen- strome de la Condamine. vielleicht tausend kuͤnftige Phidias. Lasset nur andre Nationen vor- und jene umruͤ- cken: so ist alles, wenigstens in den gemaͤßigten Zonen, wie in der alten Welt. Aegypter und Griechen, und Roͤmer, und neuere thaten nichts als fortbauen; Perser, Tartaren, Gothen, und Pfaffen kommen dazwischen und machen Truͤm- mern; desto frischer bauet sichs aus und nach und auf solchen alten Truͤmmern weiter. Die Kette einer einer gewissen Vervollkommnung der Kunst geht uͤber alles fort, (obgleich andre Eigenschaften der Natur wiederum dagegen leiden) und so auch uͤber die Sprache. Die arabische ist ohne Zweifel hun- dertmal feiner, als ihre Mutter im ersten rohen Anfange: unser Deutsch ohne Zweifel feiner, als das alte Celtische: die Grammatik der Griechen konnte besser seyn und werden, als die morgenlaͤn- dische, denn sie war Tochter: die Roͤmische phi- losophischer als die Griechische, die Franzoͤsische als die Roͤmische: — ist der Zwerg auf den Schultern des Riesen nicht immer groͤßer, als der Riese selbst? Nun sieht man auf einmal, wie truͤglich der Beweis fuͤr die Goͤttlichkeit der Sprache aus ihrer Ordnung und Schoͤnheit werde — Ordnung und Schoͤnheit sind da, aber wenn? wie und woher gekommen? Jst denn diese so bewunderte Spra- che, die Sprache des Ursprungs? Oder nicht schon das Kind ganzer Jahrhunderte, und vieler Nationen? Siche! an diesem großen Gebaͤude haben Nationen, und Welttheile und Zeitalter ge- bauet; und darum konnte jene arme Huͤtte nicht der Ursprung der Baukunst seyn? Darum mußte gleich ein Gott die Menschen solchen Pallast bauen lehren? Weil Menschen gleich solchen Pallast nicht haͤtten bauen koͤnnen — welch ein Schluß! und und welch ein Schluß uͤberhaupt ists: Diese große Bruͤcke zwischen zwo Bergen begreife ich nicht ganz, wie sie gebauet sey — folglich hat sie der Teufel gebauet! Es gehoͤrt ein großer Grad Kuͤhn- heit oder Unwissenheit dazu, zu laͤugnen, daß sich nicht die Sprache mit dem menschlichen Geschlecht nach allen Stuffen und Veraͤnderungen fortgebil- det: das zeigt Geschichte und Dichtkunst, Bered- samkeit und Grammatik, ja, wenn alles nicht, so Vernunft. Hat sie sich nun ewig so fortgebil- det und nie zu bilden angefangen? oder immer menschlich gebildet, so daß Vernunft nicht ohne sie, und sie ohne Vernunft nicht gehen konnte — und mit Einmal ist ihr Anfang anders? und das so ohne Sinn und Grund anders, wie wir an- fangs gezeigt? Jn allen Faͤllen wird die Hypo- these eines goͤttlichen Ursprungs in der Sprache — verstekter feiner Unsinn! Jch wiederhole das mit Bedacht gesagte, harte Wort: Unsinn! und will mich zum Schluß erklaͤren. Was heißt ein goͤttlicher Ursprung der Sprache als entweder: „Jch kann die Sprache „aus der menschlichen Natur nicht erklaͤren: folg- „lich ist sie goͤttlich„ — Jst Sinn in dem Schlusse? Der Gegner sagt: „ich kann sie aus der mensch- „lichen Natur und aus ihr vollstaͤndig erklaͤren„ — wer hat mehr gesagt? Jener verstekt sich hinter eine eine Decke und ruft hervor: „Hier ist Gott!„ dieser stellt sich sichtbar auf den Schauplatz, han- delt — „sehet! ich bin ein Mensch!„ Oder ein hoͤherer Ursprung sagt: „Weil ich „die menschliche Sprache nicht aus der menschli- „chen Natur erklaͤren kann: so kann durchaus „keiner sie erklaͤren — sie ist durchaus unerklaͤr- „bar:„ ist in dem Schlusse Folge? Der Gegner sagt: „mir ist kein Element der Sprache in ihrem „Beginn, und in jeder ihrer Progression aus der „menschlichen Seele unbegreiflich: ja die ganze „menschliche Seele wird mir unerklaͤrbar, wenn „ich in ihr nicht Sprache setze; das ganze mensch- „liche Geschlecht bleibt nicht das Naturgeschlecht „mehr, wenns nicht die Sprache fortbildet„ — Wer hat mehr gesagt? — Wer sagt Sinn? Oder endlich die hoͤhere Hypothese sagt gar: „nicht blos keiner kann die Sprache aus der „menschlichen Seele begreifen: sondern ich sehe „auch deutlich die Ursache, warum sie ihrer Natur „und der Analogie ihres Geschlechts nach durch- „aus fuͤr Menschen unerfindbar war. Ja ich sehe „in der Sprache und im Wesen der Gottheit die „Ursache deutlich, warum keiner als Gott sie er- „finden konnte.„ Nun bekaͤme zwar der Schluß Folge; aber nun wird er auch der graͤßlichste Un- sinn. sinn. Er wird so beweisbar, als jener Beweis der Tuͤrken von der Goͤttlichkeit des Korans: „wer anders als der Prophet Gottes konnte so „schreiben?„ Und wer anders als ein Prophet Gottes kann auch wissen, daß nur der Prophet Gottes so schreiben konnte? Niemand, als Gott, konnte die Sprache erfinden! Niemand als Gott kann aber auch einsehen, daß niemand, als Gott, sie erfinden konnte! und welche Hand kann es wa- gen, nicht blos etwa Sprache und die mensch- liche Seele, sondern Sprache und Gottheit aus- zumessen? Ein hoͤherer Ursprung hat nichts fuͤr sich, selbst nicht das Zeugniß der morgenlaͤndischen Schrift, auf die er sich beruft: denn diese gibt offenbar der Sprache einen menschlichen Anfang durch Namen- nennung der Thiere. Die menschliche Erfindung hat alles fuͤr- und durchaus nichts gegen sich: Wesen der menschlichen Seele und Element der Sprache; Analogie des menschlichen Ge- schlechts und Analogie der Fortgaͤnge der Sprache — das große Beispiel aller Voͤlker, Zeiten und Theile der Welt! Der hoͤhere Ursprung ist, so fromm er scheine, durchaus ungoͤttlich: Bei jedem Schritte verklei- nert er Gott durch die niedrigsten, unvollkommen- sten sten Anthropomorphien. Der menschliche zeigt Gott im groͤßesten Lichte: sein Werk, eine menschliche Seele, durch sich selbst, eine Sprache schaffend und fortschaffend, weil sie sein Werk, eine menschliche Seele ist. Sie bauet sich diesen Sinn der Vernunft, als eine Schoͤpferinn, als ein Bild seines Wesens. Der Ursprung der Sprache wird also nur auf eine wuͤrdige Art goͤttlich, so fern er menschlich ist. Der hoͤhere Ursprung ist zu nichts nuͤtze, und aͤusserst schaͤdlich. Er zerstoͤrt alle Wuͤrksamkeit der menschlichen Seele, erklaͤrt nichts, und macht alles, alle Psychologie, und alle Wissenschaften unerklaͤr- lich — denn mit der Sprache haben ja die Men- schen alle Samen von Kaͤnntnissen von Gott em- pfangen? Nichts ist also aus der menschlichen Seele? Der Anfang jeder Kunst, Wissen- schaft, und Kaͤnntniß also ist immer unbegreif- lich? Der menschliche laͤßt keinen Schritt thun ohne Aussichten, und die fruchtbarsten Erklaͤrun- gen in allen Theilen der Philosophie, und in allen Gattungen und Vortraͤgen der Sprache. Der Verfasser hat einige hier geliefert und kann da- von eine Menge liefern — — — — Wie Wie wuͤrde er sich freuen, wenn er mit dieser Abhandlung eine Hypothese verdraͤnge, die von allen Seiten betrachtet, dem menschlichen Geist nur zum Nebel und zur Unehre ist, und es zu lange dazu gewesen! Er hat eben deßwegen das Gebot der Akademie uͤbertreten und keine Hypo- these geliefert: denn was waͤr’s, wenn eine Hypothese die andre auf- oder gleich waͤge? und wie pflegt man, was die Form einer Hypothese hat, zu betrachten, als wie philosophischen Ro- man, Rousseaus, Condillacs und andrer? Er befließ sich lieber, „ veste Data aus der mensch- „lichen Seele, der menschlichen Organisation, „dem Bau aller alten und wilden Sprachen „und der ganzen Haushaltung des menschli- „chen Geschlechts zu sammlen, „ und seinen Satz so zu beweisen, wie die vesteste philosophi- sche Wahrheit bewiesen werden kann. Er glaubt also mit seinem Ungehorsam den Willen der Aka- demie eher erreicht zu haben, als er sich sonst er- reichen ließ — — —