S ammlung Critischer, Poetischer, und anderer geistvollen S chriften, Zur Verbesserung des Urtheiles und des Witzes in den Wercken der Wolredenheit und der Poesie. Fuͤnftes Stuͤck. Zuͤrich, Bey Conrad Orell und Comp. 1742. Des Hrn. von Mauvillon Briefe Von der Sprache und der Poesie Der Deutschen. Aus dem Franzoͤsischen uͤbersezt, und mit Zeugnissen und Anmerckungen vermehret, worinnen desselben Urtheile durch das eigene Gestaͤndniß der beruͤhmtesten deutschen Kunstrichter bekraͤftiget werden. Des Herrn von Mauvillon Brief von der Sprache der Deutschen. N Unmehr will ich euch, mein werthester Freund, meine Gedancken von der Spra- che und der Gelehrsamkeit der Deutschen in den schoͤnen Wissenschaften offenhertzig erklaͤ- ren. Werdet ihr mir nicht Danck davor wis- sen? Oder seyd ihr uͤber diese Stuͤcke so schwie- rig, als eure Landsleute insgemeine sind? Jch fuͤrchte schier, ja. Jch kan mir schon vorstellen, daß ihr mir den Verweis gebet, den ein junger Sclave beym Petronius einem frechen jungen Menschen gegeben hat: Tu lacticulosus nec mu nec ma arguͤtas! Was wollet ihr sagen, ihr koͤnnet mit grosser Muͤhe zwey Worte in dem Deutschen plappern, und ihr wollet euch zum Richter in dieser Sprache aufwerffen? So uͤbel gegruͤndet dieser Verweis waͤre, wuͤrde er mich doch nicht sonderlich befremden. Uebereinstimmende Zeugnisse und Anmerckungen. Sie wissen indessen wohl, was neulich ein Bel Esprit (denn ich wuͤrde ihn doch beschimpfen, wenn ich ihn auf Deutsch einen witzigen Kopf nennen wollte) behauptet hat, daß die Oesterreichische oder die Schweitzerische Mundart so schoͤn deutsch sey, als die Meißnische: Und sie koͤnnen wider den Ausspruch dieses Richters nichts einwenden. Denn er sagr ja von sich: Avec des peines infinies je suis parvenu à jargonner l’Allemand. Unendlich schwere Pein hat mich so viel gelehret, Daß man gebrochen Deutsch aus meinem Munde hoͤret. (Viel- Schier alle Deutschen geben diese rechtliche Antwort de- A 3 nen Mauvillons Brief nen Auslaͤndern, die uͤber ihre Sprache urthei- len wollen. Sie werffen euch gleich vor, ihr verstehet sie ja nicht. Wuͤrdet ihr sie besser re- den, als Cicero Latein geredet hat, so versteher ihr sie nicht, wenn ihr sie nicht erhebet. Aber nur ein wenig Geduld, so will ich euch uͤberzeugen, daß ich diesen Filtz nicht verdiene. Jch bekenne, es sind viel Auslaͤnder, und vor- nehmlich viel Franzosen, welche kein deutsches Wort verstehen, und doch von dieser Sprache nach ihrem Kopfe reden. Sie sagen nie was gutes von ihr, und wenn man nachsinnet, wo- her das komme, sieht man bald, daß sie aus anderer Leute Munde reden, oder daß sie diese Sprache nur aus Verdrusse verachten, weil sie dieselbe nicht haben lernen koͤnnen. Da ich mir eine Ehre darinnen suche, daß ich nichts ohne Beweis vorbringe, so will ich auch meine Ur- theile auf weit festere Gruͤnde setzen. Jhr sollet mir zum wenigsten zugestehen, daß ich keinen Schluß auf die ungewissen Vorurtheile des Poͤ- bels setze, sondern einige Einsicht in die Natur der Sache selbst zum Grund lege. Die (Vielleicht bin ich der erste Deutsche, der aus franzoͤsischen Briefen etwas in deutsche Verse uͤbersezt.) Wer so viel kan, der ist gewiß im Stande, zu urtheilen, ob der Meiß- ner oder der Bayer das beste Deutsch sprechen, so wie ein Deutscher, der etwa an der Garonne, mit sehr leich- ter Muͤhe, ein Cadedis gelernet haͤtte, nachdem faͤhig seyn wuͤrde, uͤber den Vaugelas Noten zu machen. Belu- stigungen des Witzes und Verstandes. Heumonat 1741. Bl. 25. von der deutschen Sprache. Die meisten Deutschen, nemlich solche, die es in den Wissenschaften nicht hoch gebracht ha- ben, wollen behaupten, Critische Beytraͤge. XVIII. Stuͤck. Art. V. Bl. 271. Da aber unsere deutsche Sprache in ihrem Alter uͤber an- dere, so gar uͤber die griechische und lateinische Sprache, hinaufsteigt. ꝛc. ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ Es sind die Denckmaale der aͤltesten und eisgrauen Zeiten der deutschen Sprache sehr wenig, und diejenigen, welche die verzehrende Zeit noch uͤbrig gelassen hat, sind so beschaf- fen, daß man ihre unstreitige Richtigkeit leicht in Zweifel ziehen kan. Hernach so ist auch ihre Beschaffenheit, Ver- fassung, und ihr Jnhalt so dunckel, raͤtzelhaft, und ver- wirrt, daß man beynahe einen Weissagergeist noͤthig hat, wenn man etwas davon errathen will. ‒ ‒ ‒ ‒ Von den Zeiten Carls des Grossen an ist an der Verbesse- rung dieser Heldensprache tapfer gearbeitet worden. Und obgleich in denen diesem Kayser naͤhern Zeiten die deutsche Sprache noch rauh genug aussiehet, und noch wenig ge- puzt erscheinet; so erkennt man doch aus denen von diesen Zeiten her noch uͤbrigen Denckmaalen und Schriften, daß man zu ihrer Verbesserung Hand angeleget habe. daß ihre Sprache so alt sey, als die lateinische. Andere, die mehr Einsicht haben, gestehen, daß man allererst um das Jahr 1350. angefangen, die deutsche Spra- che mit einiger Richtigkeit zu reden; daß sie zuvor nur ein wuͤster u. rauher Mischmasch gewe- sen sey, unzaͤhlige Mundarten seyn durch einan- der vermischt worden, vornehme Leute haben sie nicht geredet, sie sey auch aus den oͤffentlichen Urkunden verbannet gewesen. Noch andere glau- ben, man habe schon im Jahr 1235. oder 1236. angefangen, sie auf den Reichstagen, in den Reichskammern, und der Reichscantzley zu ge- A 4 brau- Mauvillons Brief brauchen. Man fuͤhrt zum Beweise die Con- stitution von Mainz an, welche in Goldasts Sammlung deutscher Urkunden enthalten ist. Allein die Authenticitaͤt derer Stuͤcke, wel- che dieser Sammler zusammengelesen hat, scheint mir um etwas verdaͤchtig, Hiervon kan nachgesehen werden ( Critische Beytraͤ- ge Stuͤck XIX. Art. II. Bl. 367.) J. D. Grubers Schrei- ben aus Hannover, den angeblich in deutscher Sprache abgefasseten Maynzischen Reichs-Abschied vom Jahr 1235. betreffend. und man thut wohl, wenn man sich nicht allzu starck darauf verlaͤßt. Nichtsdestoweniger ist die deutsche Sprache unter allen Europaͤischen Sprachen, so fern sie nach ihrem gegenwaͤrtigen Zustande be- trachtet werden, die aͤlteste. Sie ist die aͤlteste, sagt Gracian, aber auch die roheste. Gracian hat nicht unrecht, mein Freund, welches ich euch aber ins Ohr sage. Die Barbarey einer Spra- che besteht eigentlich in der Haͤrtigkeit ihrer Woͤr- ter und der beschwerlichen Aussprache. Der erste von diesen beyden Maͤngeln bezieht sich auf die Ohren, der andere auf die Lungen. Jch bin nunmehr eine ziemlich lange Zeit in Deutschland, und dennoch habe ich meine Ohren noch nicht so steif und gefroren machen koͤnnen, daß sie nicht auf Anhoͤren der meisten deutschen Woͤrter ein Schauer uͤberfalle; und meine Lungen sind von euren K und H erschrecklich aufgetrucknet wor- den. Man von der deutschen Sprache. Man wirfft mir ein: Diesen Einwurff hat Fr. A. Aepin zur Vertheidi- gung der nieder- oder plattdeutschen Sprache gemachet, in einer kleinen Schrift: De Linguæ Saxoniæ inferioris ne- glectu atque contemtu injusto. Jn dem II. Stuͤcke der Cri- tischen Beytraͤge, wo diese Schrift in einem Auszuge mit- getheilet wird, heißt es auf der 322sten Seite: Diejenigen, welche etwas baͤurisches im Plattdeutschen zu finden ge- dencken, verweiset er auf das Urtheil ihrer eigenen Ohren, in denen unmaßgeblich das tiefste Plattdeutsch so zierlich klaͤnge, als das schoͤnste Meißnische. „Diese Woͤrter „scheinen euch nur darum hart, weil ihr ge- „wohnt seyd, andere, die euch sanfter duͤncken, „zu hoͤren; fuͤr einen Deutschen aber sind jene „so wenig anstoͤssig, als diese.„ Wenn dem also ist, so bleibt mir nichts weiter uͤbrig zu sa- gen, als daß die Deutschen nothwendig schuß- freye Ohren haben muͤssen; denn ihr werdet mich zu keinen Zeiten uͤberreden, daß Woͤrter, die in strif, straf, misch, masch, tisch, tasch, ruft, luft, kinn, kan, kom, brick, brack, ausgehen, sonderlich sanft klingen, und daß ei- ne Sprache, in welcher dergleichen Endungen gantz haͤufig angetroffen werden, den Ohren an- staͤndig sey, wofern sie nicht mit einem Pantzer angethan sind. Man sagt, in Leipzig sey eine Gesellschaft ge- lehrter Leute, welche unaufhoͤrlich bemuͤht seyn, Diejenigen Mitglieder der deutschen Gesellschaft in Leipzig, welche im Jahr 1732. die Critischen Beytraͤge an- gefan- die deutsche Sprache vollkommener zu ma- A 5 chen. Mauvillons Brief chen. Jch will glauben, daß sie selbige reicher machen werden, aber ich zweifle sehr, daß sie ihre Natur aͤndern werder, die darinnen besteht, daß sie rauh und barbarisch ist. Sonst fraget es sich, mit was vor Recht diese Herrn ihre Aus- spruͤche vor Gesetze aufdringen wollen. Wer hat sie zu Richtern uͤber die deutsche Sprache gesetzet? Niemand als sie selber. Auf was vor einen Grund verlangen sie, daß man es auf ihre Ent- scheidung ankommen lasse? Vielleicht wegen ih- rer Geschicklichkeit, und weil sie uns sagen, daß man in Sachsen besser Critische Beytraͤge. Stuͤck XV. Act. VII. Bl. 423. Wenn alle Provinzen in Deutschland so buchstabieren sollen, wie sie aussprechen, so wird die Anzahl der Rechtschrei- bung unzaͤhlig seyn. Ein Meißner z. E. wird ein P. schrei- ben, wo der Schlesier ein B. setzet; Ein Schwabe wird ein J. setzen, wo der Obersachse ein aͤ. setzet; Ein Thu- ringer wird ein O. schreiben, wo der Schlester ein A. schrei- bet. Doch was braucht es mehr, als daß man im gemei- nen Leben nur auf die verschiedenen Mundarten acht gebe? Da Deutsch redet, als an andern Orten des deutschen Reiches? Aber die gefangen, schreiben in der Vorrede von der Absicht ihrer Bemuͤhungen, wie folget: „Sie schmeicheln sich nicht, „daß sie dadurch die Ueberbleibsele des altfranckischen Ge- „schmacks gaͤntzlich und auf einmahl ausrotten werden: „Sie wollen nur nach dem Maasse ihres Vermoͤgens auch „etwas dazu beytragen. ‒ ‒ ‒ ‒ Man wird das „allmaͤhlige Wachsthum der deutschen Sprache, den Fleiß „unsrer Landesleute dieselbe zu bessern, die Vollkom- „menheit, so sie schon erlanget, die Fehler, so einige von „ihnen begangen, und die Mittel, selbige zu vermeiden, „als in einem kurtzen Begriff beysammen antreffen.„ von der deutschen Sprache. die Oesterreicher raͤumen ihnen dieses nicht ein. Sehet was uͤber diese Stelle in der Anmerckung (a) angefuͤhrt worden ist. Wobey ich nur anzumercken bitte, daß hier allein von der der deutschen Sprache gantz eigenen Aussprache die Frage ist, ob sie in Vergleichung mit an- dern Sprachen rauh oder wohlfliessend sey? Davon aber haben das Recht und die Fahigkeit zu urtheilen, alle die- jenigen, die Ohren und Lungen haben. Sie behaupten hingegen, daß man die rei- ne Sprache bey ihnen antreffe, und Vielleicht sieht man damit auf Carl Gustav He- raͤus, Kayserlichen Rath, auch Medaillen- und Antiqui- taͤten-Juspector, dessen Vorschlag zu Errichtung einer deutschen Sprachgesellschaft, seinen zu Nuͤrnberg A. 1721. in daß man unter ihnen gelehrte Maͤnner kenne, die das Rich- Da wird der Schweitzer an statt Bein, Boan, an statt aussen, guse; der Meißner, an statt es regnet, es reint, an statt ein Buͤrger, ein Perger; der Schlesier, an statt mit dem Gelde, mit dem Galle, an statt ein Bube, ein Buͤbla sagen. Ein Maͤrcker wird das eu wie oi ausspre- chen, z. E. Loßt oich die Muͤh nicht roien; und das o wie a, z. E. olle oire Sarge werfet uf den Herren; denn er sarget fuͤr oich. Und kurtz, sie werden von einander un- gemein unterschieden seyn. Wollten wir noch vollends die Oesterreicher dazu nehmen: Hilf Himmel! was wuͤrde das fuͤr eine Barbarey werden. Da wuͤrde man bey einem geschriebenen Blatte erst fragen muͤssen; was es fuͤr eine Sprache sey? ‒ ‒ ‒ ‒ Uns scheint also die Regel, daß man die Rechtschreibung nach der Aussprache einrich- ten muͤsse, sehr gefaͤhrlich zu seyn, ehe und bevor man diejenige Provinz in Deutschland ausfuͤndig gemacht hat, deren Mundart die beste ist; und nach welcher sich alle andere richten muͤssen. Mauvillons Brief Richteramt in dieser Streitsache schon vertreten koͤnnen. Die Bayern, die Brandenburger, ja die Schweitzer Der Hr. Hof- und Ceremonien-Rath Joh. Ulrich Koͤnig bekennt in dem Vorbericht zu Hrn. D. Steinbachs deutschem Woͤrterbuch: „Ehe noch einige Gesellschaf- „ten in unsrem Vaterlande sich hervorthaten, hatten schon „viele einzele gelehrte Leute manches zur Aufnahm und „Erklaͤrung unsrer Sprache beygetragen, ob es gleich „nur Stuͤckwerck zu nennen ist. Man kan den Schwei- „zern, den Schwaben, und den Rheinlaͤndern den „Ruhm nicht abstreiten, daß sie die ersten gewesen, die „hierinne einen Versuch gewaget haben. Wer nur eini- „germassen weiß, was in Zuͤrch und Tuͤbingen, in Aug- „spurg und Franckfurt von solcher Art Buͤchern, schon „in der Mitte und zu Ende des sechszehnten Jahrhunderts, „zum Vorschein gekommen ist, der wird mir seine Bey- „stimmung in diesem Stuͤcke schwerlich versagen. Der „geleh r te selber haben eine rechtmassige Ansprache auf dieses Vorrecht. Es geht schwer zu, daß eine Nation, die so viel Provinzen, die einan- in groß Octav zum andern mahl zusammengedruckten Ge- dichten angehaͤnget, auch in den Critischen Beytraͤgen Stuͤck’ II. Art. VII. Bl. 267. zu finden ist, wo er unter anderm also spricht: „Wie es im Reden ein schweres „Begehren seyn wuͤrde, daß alle angebohrne Mundar- „ten sollten in der Aussprache sich nach einer allein veraͤn- „dern; wie es auch, des unterschiedenen Geschmackes „wegen, ein unausgemachter Streit werden wuͤrde; ob „z. E. die Aussprache eines Schlesiers, oder eines Hol- „steiners, der Hochdeutsch redet, angenehmer sey? So „ist dennoch nicht zu leugnen, daß, so wohl der Nieder- „sachse, als der Schlesier, wenn sie eine gute Feder fuͤh- „ren, in der Orthographie und in den Grundsaͤtzen der „Sprache einander gleich kommen werden.„ von der deutschen Sprache. einander nichts zu befehlen haben, in sich enthaͤlt, sich den Ausspruͤchen etlicher weniger Gelehrten unterziehe. Da die Deutschen sich in ihren Staatsangelegenheiten so schlecht mit einander verstehen, werden sie uͤber grammatische Schwie- rigkeiten noch staͤrcker mit einander uneins wer- den. Mit den Franzosen hat es desfalls eine an- „gelehrte Conrad Geßner allein schrieb schon damahls so „viel zur Erlaͤuterung unsrer Muttersprache, daß wir es „ihm nicht genug verdancken koͤnnen. ꝛc.„ Bey dieser Beschaffenheit der Sachen koͤnnte man ohne die groͤste Un- gerechtigkeit die Gelehrten dieser Provinzen Deutschlandes ihres Rechtes und Arbitrii uͤber die Sprache nicht entsetzen. Jch muß hier noch die Antung beyruͤcken, welche ein Ge- lehrter Schweitzer schon A. 1708. wegen des eigenmaͤchtig angemaßten Richteramts einiger Hochdeutschen in der Vor- rede zu Laurembergs Acerra philologica gethan hat: „Der „ist mir ein kleiner Geist, der um orthographischer Fehler „willen ein Ungewitter erreget, sonderlich in der deutschen „Sprache, da wir eben kein unwidersprechliches Modell „haben, wie hergegen in der lateinischen und griechischen; „und da noch kein Papst eroͤrtert hat, ob das Meißnische, „Hollsteinische oder Alplaͤndische Deutsch das beste sey, „wenn solche Nationen daruͤber disputieren wollten, wie „sie denn koͤnnten, eine so wohl, als die andere. Also „wenn um der beliebten Kuͤrtze willen etwa ein zusammen- „geseztes Wort, welches eben in keinem Opitz oder Schot- „tel ꝛc. zu finden ist, vorkoͤmmt, oder wenn ein bekanntes „franzoͤsisches oder lateinisches, so man mit drey deutschen „oder einem dunckeln deutschen haͤtte geben, und sich da- „ruͤber eine halbe Viertelstunde besinnen sollen ꝛc. so „wuͤrde mir der wiederum ein muͤssiger Criticus seyn, der „Weile haͤtte, einen Proceß daruͤber zu fuͤhren, und koͤnn- „te ich nicht sehen, was er gewinnen wuͤrde. Z. Ex. „Wenn Mauvillons Brief andere Beschaffenheit, sie machen nur eine Na- tion aus, so groß ihr Reich gleich seyn mag; und die franzoͤsische Academie ist von dem Lan- desherrn dazu bevollmaͤchtiget, daß sie dem Gebrauche der Sprache Schrancken setze. Man muß ihren Ausspruͤchen Folge leisten, oder in der sranzoͤsischen Sprache unerfahren heissen. Die Muͤhe, welche alle Nationen haben, das Deutsche zu lernen, Jn dem II. Stuͤcke der Critischen Beytraͤge, wo Fr. A. Aepins Abhandlung von dem Vorzuge der platt- deutschen Mundart in einem Auszuge vorgeleget wird, heißt es Bl. 320. unter anderm: „Diesem setzet er noch „als eine Vortrefflichkeit bey, daß ein Obersachse, wenn „er ist ein starcker Beweis seiner Barbarie. Jch kenne Franzosen, welche mehr „Wenn ich sage Object, nicht aber mit etlichen Neulingen „ Vorwurff, so rede ich hier um ein nahmhaftes deutli- „cher, als sie; denn es muß einer erst wissen, was „ Object ist, bevor er wissen kan, was ich durch Vorwurff „verstehe: Sonst doͤrfte er wohl, wie jener, den Satz: „ Der Verdienst Christi ist der Vorwurff des Glaubens, „uͤbersetzen: Exprobratio fidei est meritum Christi. Der- „gleichen giebt es unzaͤhlig viel, wodurch die deutsche „Sprache bisher nicht verschoͤnert, sondern wohl verdun- „kelt, und halb arabisch gemachet worden ist. Wer „des Herrn von Stuben erg, Harsdoͤrfers ꝛc. Ueber- „setzungen liest, der ist oͤfters genoͤthiget uͤber die lateini- „sche, italienische ꝛc. Originale zu gehen, damit er die „Uebersetzung daraus verstehen lerne. Genug hiervon.„ Damit die es Urtheil nicht verkehrt und mißgedeutet werde, so bitte ich nochmahls, sich zu erinnern, daß dasselbe schon A. 1708. ausgesprochen worden, und vor dieselben Zeiten sich trefflich wohl schicket. von der deutschen Sprache. mehr als vierzig Jahre in diesem Lande sind, und doch nicht drey Worte auf Deutsch sagen koͤnnen. Wer ist Schuld daran? Sie oder die Sprache? Sie nicht, denn wer will sich ein- bilden, daß sich nicht unter einer solchen Menge Leute einige finden, welche nicht eine so gelen- kige Zunge und einen so lebhaften Kopf haben, daß sie eine Sprache reden lernen, wofern sol- che geredet werden kan? Jch vor mein Theil bekenne, daß ich ungemeine Muͤhe gehabt habe, in eurer Sprache schnattern zu lernen. Dero- wegen muß man nur dieselbe dieser beschwerli- chen Arbeit anklagen. Jezo will ich noch ande- re Beweisthuͤmer bringen. Neben der rauhen Aussprache giebt denjeni- gen, die sich auf die deutsche Sprache legen, nur damit sie die Buͤcher verstehen, ohne daß sie eben darinnen reden lernen, die schwere Zusam- mensetzung viel zu schaffen. Diese Beschwerde ist so groß, daß weder das Griechische noch das Hebraͤische dem menschlichen Verstand etwas so schweres zumuthet. Man zeige mir in diesen beyden Sprachen eine Schwierigkeit, welche derjenigen zu vergleichen sey, die man mit euren Vorsetzwoͤrtern an, zu, auf, durch, aus, und andern hat, die sich von dem Zeitworte tren- nen lassen, und sich zwar so weit von ihm tren- nen „er auch zwanzig Jahre Plattdeutsch lernte, doch weder „im Reden noch Schreiben gantz ohne Tadel seyn wuͤrde. „Wenn dem so ist, so zeiget dieses wohl die Schwie- „rigkeiten der Mundart an, allein die Schoͤnheit wird „memand daraus wahrnehmen. Mauvillons Brief nen lassen, daß man sie oft zu Ende einer Seite suchen muß, ehe man den Verstand in der Rede finden kan. Andremahl setzet man sie mitten in einem Satze der Rede, oft vorne am Zeitwort, dem sie zukommen, ohne daß man deßwegen ei- ne sichere Mir ist nicht bekannt, daß sich bisdahin jemand gewaget haͤtte, diese Versetzungen an gewisse Regeln zu binden; welches doch nicht unmoͤglich waͤre. Etwas we- niges davon ist in Boͤdickers Grundsaͤtzen der deutschen Sprache IV. St. §. 56. 57. und 58. Bl. 356. zu finden. Dahin gehoͤrt auch die mannigfaltige Versetzung der Per- sonswoͤrtgen bey den Zeitwoͤrtern; wovon ebenfalls Boͤ- dicker in dem III. St. §. 41. und dabey Frischens Anmer- kungen Bl. 291. nachzusehen sind. und allgemeine Regel habe, wie man damit verfahren solle. Bald bedeuten sie etwas, bald was anders. Zum Exempel, Ver giebt den Zeitwoͤrtern, zu welchen es gesetzet wird, ich weiß nicht wie vielerley Bedeutungen. Setzet es zu saufen, so wird es bedeuten sich zu Tode saufen. Greifen heißt so viel als nehmen, saget vergreifen, so ist das so viel, als eine Sache nicht am rechten Orte noch mit Recht neh- men. Ver zu geben gesezt, vergeben, heißt ver- zeihen. Jhr sehet, wie viel verschiedene Be- deutungen dieses Vorsetzwort den Zeitwoͤrtern giebt, zu denen es gestellt wird: Bald macht es, daß sie mehr, bald daß sie das Gegentheil von dem sagen, was sie sonst ordentlich sagen. Jm Franzoͤsischen ist es anders, das Vorsetz- wort Des heißt allemahl das Gegentheil, und niemahls was anders, apprendre, desappren- dre; unir, desunir, \&c. Die von der deutschen Sprache. Die Deutschen suchen einen Ruhm darinnen, daß sie ihre Sprache mit fremden Woͤrtern nicht vermischen. Vor etlichen Jahren sagte man nicht vier Worte im Deutschen, daß man nicht zwey franzoͤsische haͤtte mitlauffen lassen. Das war damahls die herrschende Mode. Die Ge- lehrten verwarffen diesen Mißbrauch, eine un- endliche Menge platter Narrenpossen kam zum Vorschem, womit man ihn laͤcherlich machen wollte. Ein grosser Herr machte ein Staats- geschaͤfte daraus, Dieser gluͤckliche Umstand fuͤr die deutsche Spra- che hat sich seit der Zeit insoweit geaͤndert, daß der Selbst- halter der deutschen Heldensprache vor noͤthig geachtet hat, seine angebohrnen Herren und Landesfuͤrsten durch folgen- den mehr laͤcherlichen als unehrerbietigen Verweis beschaͤmt zu machen: „Wenn auch Attila, sagt er, seine unstrei- „tig barbarische Sprache so geliebet, daß er sie auszu- „breiten und seinen Ueberwundenen anfzudringen gesucht; „um wie viel ist dieser wilde Sieger nicht einigen Printzen „uͤberlegen, die ihre Muttersprache eher ausrotten, als „ausbreiten; lieber selbst verachten und vergessen, als „andern anzupreisen und sie fortzupflantzen suchen? „Wie schlecht muß man nicht von seinem Vaterlande ur- „theilen, wenn man auch nur in diesem Stuͤcke ein Feind „desselben seyn, und die Sprache einer Handvoll armse- „liger Fluͤchtlinge, die bey uns Brodt und Schutz gesu- „chet haben, seiner eigenen vorziehen kan: Da doch „Barbarn auch die Sprache des Landes, welches sie ver- „lassen hatten, noch beybehalten und beliebet haben.„ Sehet Baylens verdeutschtes Woͤrterbuch im Artickel At- tilius (F) * und verbot bey einer star- ken Geldstraffe, daß franzoͤsische Woͤrter unter B die [Crit. Sam̃l. V. St.] Mauvillons Brief die deutschen gemischt wuͤrden. Was entstuhnd daher? Man mußte fuͤr die ausgemerzten Woͤr- ter neue erfinden, Heraͤus in seinen Gedancken von Errichtung ei- ner deutschen Sprach-Gesellschaft sagt von der Einfuͤh- rung guter Woͤrter: „Dabey ist die billige Behutsamkeit „zu gebrauchen, daß man 1.) alle fremde Worte, wenn „sie mit gleichem Nachdruck nicht koͤnnen gegeben wer- „den, insonderheit die Kunstworte nicht eigensinnig ver- „banne, wie sich einige der Fruchtbringenden Gesellschaft „zum Nachtheil des ersten guten Absehens mit Auswechs- „lung des Worts Uebersetzer fuͤr einen Circkel, Tagleuch- „ter fuͤr ein Fenster ꝛc. laͤcherlich gemacht. Sondern die- „selben vielmehr nach dem Beyspiel aller andern Voͤlcker, „mit Verleihung des Buͤrgerrechts in die deutsche Spra- „che aufnehme, und mit deutschen Buchstaben gleichsam „in einer gleichen Tracht mit andern ununterbrochenen Zei- „len auffuͤhre.„ Siehe das II. Stuͤck der Critischen Dichtkunst Bl. 278. Jn demselben Tone lautet, was der Herr von Leibnitz in seinen Gedancken von Verbesserung der deutschen Sprache §. 15. 16. und 17. aufgezeichnet hat, wo es heißt: „Jn Ansehung derjenigen Woͤrter, die uns mangeln, haͤtte man fuͤrnehmlich auf deren Ersetzung, oder wenn sie schon verhanden, aber vergessen und unbe- kannt, auf deren Wiederbringung zu gedencken, und wo sich dergleichen nichts ergeben will, einigen guten Woͤrtern der man vermehrte die Schwierigkeiten und Undeutlichkeiten, weil die- se neugepraͤgten Woͤrter aus vielen andern zu- sammengesezt sind, die so zusammengesezt nur eine fluͤchtige und allgemeine Bedeutung formie- ren. Zum Exempel, die Deutschen brauchten vor diesem unser Wort Lakey, einen Hausge- nossen zu bezeichnen, der seinem Herrn folget, wenn er ausgehet: izt sagen sie Nachtreter. Jst etwas von der deutschen Sprache. etwas weniger bestimmtes auf der Welt? Fragt man nach der Ursache dieser Ausmerzung, so sagen sie uns: Unsre Sprache hat einen solchen Ueberfluß an eigenen Woͤrtern, daß sie des Bey- standes anderer Sprachen nicht noͤthig hat. Das ist falsch. Die deutsche Sprache ist bey allem ihrem Ueberflusse gantz arm. Wie reimt sich das zusammen? Jch will es sagen. Es giebt in dieser Sprache viele Woͤrter, die nur eine Sache bedeuten; hingegen giebt es unzaͤhlige Sachen, die im Deutschen keinen Nahmen haben, und die man mit fremden Woͤrtern benennen muß, oder doch mit Umschreibungen Der Hr. Baron von Leibnitz sagt in der oben an- gefuͤhrten Schrift §. 59. „Es kan zwar endlich eine jede Spra- oder zusam- B 2 sam- der Auslaͤnder das Buͤrgerrecht zu verstatten. So hat es demnach die Meinung nicht, daß man in der Sprache zum Puritaner werde, und mit einer aberglaͤubischen Furcht ein fremdes, aber bequemes Wort, als eine Todsuͤnde ver- meide, dadurch aber sich selbst entkraͤfte, und seiner Rede den Nachdruck nehme; denn solche allzu grosse Scheinrei- nigkeit ist einer durchbrochenen Arbeit zu vergleichen, dar- an der Meister so lange feilet und bessert, bis sie endlich gar verschwaͤchet, welches denen geschieht, die an der Per- fectie-Kranckheit, wie es die Hollaͤnder nennen, danie- derliegen. Jch erinnere mich gehoͤrt zu haben, daß wie in Franckreich auch dergleichen Reinduͤnckler aufgekommen, welche in der That, wie Verstaͤndige anizo erkennen, die Sprache nicht wenig aͤrmer gemacht; da solle die gelehrte Jgfr. von Journay, des beruͤhmten Montagne Pflegetoch- ter gesagt haben: Was diese Leute schreiben, waͤre un bouillon d’eau claire, nemlich ohne Unreinigkeit und ohne Kraft.„ Mauvillons Brief mengesezten Woͤrtern. Was die Deutschen vermag, die auslaͤndischen Woͤrter zu verwerf- fen, ist nichts anders, als daß die deutsche En- dung etwas so sonderbares hat, daß sie mit den Endungen der fremden Woͤrter nicht zurechte kommen kan. Jm Franzoͤsischen findet man die fremden Endungen zu seinem Gebrauche sehr be- quem, man macht nur eine kleine Aenderung daran; kurtz man giebt ihnen ein franzoͤsisches Aussehen, daß es schwer faͤllt, ihren Ursprung zu erkennen. Da nun die franzoͤsische Sprache viele sanfte und leichte Endungen hat, so kan sie sich die Woͤrter anderer Sprachen eigen ma- chen, und sie so geschickt naturalisieren, daß man daͤchte, sie haͤtten ihr von Alters her zugehoͤret. Mit dem Deutschen hat es eine andere Bewandt- niß. Die Endungen darinnen sind in sehr klei- ner Anzahl, und sind daneben so wild, daß man unmoͤglich fremde Woͤrter darauf pfropfen kan. Alle deutschen Zeitwoͤrter, nicht ein einziges aus- genommen, enden auf en, die meisten Haupt- woͤrter auf aft, und die Beywoͤrter auf lich. Jn Ansehung der ersten helffen sie sich ziemlich gut, Sprache, sie sey so arm als sie wolle, alles geben. Al- lein obschon alles endlich durch Umschweife und Beschrei- bungen bedeutet werden kan, so verliert sich doch bey sol- cher Weitschweifigkeit alle Lust, aller Nachdruck in dem der redet, und in dem der hoͤrt; dieweil das Gemuͤthe zu lange aufgehalten wird, und es herauskoͤmmt, als wenn man einen, der viele schoͤne Palaͤste besehen will, bey ei- nem jeden Zimmer lange aufhalten, und durch alle Win- kel herumschleppen wollte.„ von der deutschen Sprache. gut, indem sie nur iren hinten an alle fremden Zeitwoͤrter setzen; allein diese iren kommen so haͤufig wieder, daß sie eine sehr widerliche Gleich- heit im Tone verursachen. Was die Haupt- woͤrter und Beywoͤrter belangt, so sie aus den fremden Sprachen nehmen, so haben sie im Deutschen keine angenehmere Wuͤrckung, weil man genoͤthiget ist, ihnen ihre eigene Endung zu lassen, welches einen laͤcherlichen Uebelton verursachet. Jrre ich nicht, so ist dieses die wahre Ursache, daß die Deutschen den auslaͤndischen Woͤrtern keinen Platz in ihrer Sprache einraͤumen wollen, wenn diese ihnen gleich anstaͤndig genug sind. Es ist ein blosser Eigenruhm, daß die deutsche Sprache so reich sey, daß sie nicht Derselbe Hr. von Leibnitz hat uns einen Probier- stein gewiesen, daran wir den Reichthum einer Sprache pruͤffen koͤnnen: „Diejenige Sprache, sagt er, ist die reichste und bequemste, welche am besten mit woͤrtlicher Uebersetzung zurechte kommen kan, und dem Original Fuß vor Fuß zu folgen vermag: Allein bey der deutschen Spra- che ist hierinn kein geringer Abgang zu spuͤren.„ Jch kan bey diesem Anlasse nicht umhin zu zeigen, in welchen Widerspruch einige neuere deutsche Sprachrichter mit ihren ungewissen Urtheilen und Lobeserhebungen von der Voll- kommenheit der deutschen Sprache gegen einander zerfallen. Stieler in seinem Stammbaum der deutschen Sprache sagt: „Daß unser hochwerthes Deutsch schon izo dem majestaͤtischen Lateine, dem unerschoͤpflichen Griechischen, dem leichtfliessenden Franzoͤsischen, und dem tiefsinnigen Welschen und Spanischen die Spitze bieten kan. Gleich- wohl noͤthig habe, etwas von fremden zu entlehnen. Die B 3 reich- Mauvillons Brief reichsten Sprachen sind voll fremder Ausdruͤcke, die griechische Sprache selbst ist davon nicht ge- saͤubert. Ein vornehmer Verstaͤndiger in der- selben, der Hr. Dacier, sagt es; und wenn man die Muͤhe nehmen will, sich in der deutschen Sprache umzusehen, so wird man bald wahr- nehmen, daß viele Woͤrter darinnen, die man ihr ohne Bedencken als ihr eigen zuspricht, von dem Lateinischen entspringen. Es ist offenbar, daß wohl ist noch vieles zuruͤckgelassen.„ Siehe Critische Bey- traͤge XIII. Stuͤck Bl. 6. Nach diesem Ausspruche giebt die deutsche Sprache an Majestaͤt, unerschoͤpflichem Reich- thum, Leichtfluͤssigkeit und Tiefsinnigkeit keiner andern nichts nach; und doch ist sie bey allen diesen Vollkommenheiten noch mangelhaft. Cramer in seinem Woͤrterbuche sagt: „Die deutsche Sprache ist als eine Grundsprache, an sich regelmaͤssig und vollkommen. ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ Ob es gleich allerdings zuviel gethan waͤre, wenn man sagen wollte, daß sie zu gegenwaͤrtigen Zeiten in der allerhoͤch- sten und vollkommensten Bluͤthe stuͤhnde, also daß sie nie- mahls hoͤher getrieben werden koͤnnte: So ist doch so viel ausgemacht, daß sie derselben fast taͤglich naͤher ruͤcket. ‒ ‒ ‒ ‒ Man wird mit Vergnuͤgen gewahr, wie sich fast alle Messen die Anzahl deutscher Schriften ( aber we- niger Originale ) vermehret, welche in der That fuͤr Mu- ster einer schoͤnen Schreibart in gebundener und ungebun- dener Rede gelten, und den netten Ausarbeitungen sinn- reicher Auslaͤnder an die Seite gestellt werden ( koͤnnen ). Unsre Landsleute werden immer begieriger, dieselbigen zu lesen, und legen das laͤcherliche Vorurtheil allmaͤhlig ab, als wenn nur allein in den Schriften der Griechen und Roͤ- mer, der Jtaliener und Franzosen etwas kluges, etwas erbauliches, und etwas aufgewecktes anzutreffen waͤre.„ Siehe das XI. Stuͤck der Critischen Beytraͤge. Wenn aber von der deutschen Sprache. daß Schreiben von Scribere; Lesen von Lege- re; Arm von Armus; Spatzieren von Spatiari, kommen: Und so ist es mit noch unzaͤhligen be- schaffen. Jch wuͤrde euch zu verdruͤßlich fallen, wenn ich mich weiter uͤber diese Materie einlassen woll- te. Ehe ich aber schliesse, muß ich euch ein Paar Worte von den Schoͤnheiten der deutschen Spra- B 4 che aber die meisten von diesen neuherauskommenden deutschen Schriften keine Originale, sondern Uebersetzungen sind, so ist die Frage, wieferne dieselben, wenn man sie an dem von Hrn. Leibnitzen angewiesenen Probiersteine pruͤfet, eine Probe von dem Reichthum der deutschen Sprache ablegen. Und es waͤre zu wuͤnschen, daß die Deutschen durch das Vorurtheil, welches Hrn. Cramer so laͤcherlich vorkoͤmmt, verleitet wuͤrden, das Kluge und Aufgeweckte in den Schrif- ten der Griechen und Roͤmer ꝛc. eifriger zu suchen, welches sie auch darinnen eher und haͤufiger als bey den Deutschen finden wuͤrden; alsdann wollte ich ihnen dieses laͤcher- liche Vorurtheil und diesen nuͤtzlichen Jrrthum gerne verzei- hen. Das dritte Zeugniß ist des ungenannten Verfassers der Abhandlung von der Natur der deutschen Sprache in dem VIII. Stuͤcke der Critischen Beytraͤge Bl. 624. „Es ist mit der deutschen Sprache noch nicht zu der Voll- kommenheit gediehen, die man doch erlangen kan und wird. ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ Es ist nicht zu leugnen, daß wir noch zuweilen einen Mangel an guten Woͤrtern verspuͤ- ren, welchen man sonderlich bey dem Uebersetzen mercket; und es fehlt uns insbesondere an genugsamen zufaͤlligen Nahmen oder Beywoͤrtern, dadurch man geschickt wird, kurtz, deutlich und hinlaͤnglich sich auszudruͤcken. Dan- nenhero man unnoͤthige Woͤrter abschaffen, und neue ein- fuͤhren muß, die entweder von guten deutschen Woͤrtern zu machen, aus den veralteten und Provinzialwoͤrtern her- auszusuchen, oder von fremden anzunehmen sind.„ Mauvillons Brief che sagen; denn es sind nicht alles Maͤngel in derselben. Hr. M. Schwabe hat noch erst neulich in seiner Uebersetzung von Rollins Anweisung in dem eilften Ab- schnitte des Hauptstuͤcks, welches von Erlernung der deut- schen Sprache handelt, von den Maͤngeln der deutschen Sprache also geurtheilet: „Es fehlt dieser Sprache die Kraft kurtz und nachdruͤcklich zu reden; sie weiß gemei- nen Woͤrtern keine erhabene Bedeutung zu geben; sie hat fuͤr die gebundene und ungebundene Rede nur einerley Woͤrter, sie ist gar zu sehr gebunden, und laͤßt selten die Freyheit zu, die Woͤrter zu versetzen; sie muß sich in ih- ren Zeitwoͤrtern so vieler Huͤlfswoͤrter bedienen; sie muß die Schoͤnheiten entbehren, welche die Participia und Ge- rundia in eine Sprache bringen koͤnnen, und deswegen ist sie vieler Vortheile beraubt, welche die Hauptschoͤnheit der griechischen und lateinischen Sprache ausmacheten.„ Siehe das XVIII. Stuͤck der cririschen Beytraͤge. Von die- sem letzten Mangel muß ich noch ein par Zeugnisse anfuͤh- ren. Jn dem XIX. Stuͤcke der critischen Beytraͤge, wo Hofmanns Buͤcher von der Zufriedenheit nach der neuen und verbesserten Auflage angepriesen werden, heißt es un- ter anderm Bl. 511. „Es ist bey ihm nichts ungewoͤhn- liches, daß er durch die Mittelwoͤrter kuͤrtzer zu schreiben, und zween Saͤtze in eins zu ziehen suchet. Wie aber die- ses im Dentschen noch nicht recht klingen will, ob sich gleich unterschiedene, sonderlich in Versen, bemuͤhet ha- ben, solches einzufuͤhren: So hat auch der Herausgeber dieses geaͤndert, anstatt, daß es also in den alten Aus- gaben auf der 20sten Seite heißt: Die Fantasey, durch die Sinne gereitzt, und durch die heftigen Begierden be- tro- Das Deutsche hat die Freyheit, wie das Lateinische, daß es seine Wortfuͤgun- gen aͤndern kan. Jch habe davon in meinem Briefe von der franzoͤsischen Sprache ein Paar Worte gesagt. Neben von der deutschen Sprache. Neben diesem Vortheil hat die deutsche Spra- che noch diesen, daß sie reicher ist, ungeachtet sie nicht gleich so viel Sachen mit eigenen Nahmen geben kan. Ferner hat sie das Privilegium, daß sie sich nicht an gewisse Ausdruͤcke vor andern binden darf. Zum Exempel wenn man sagen B 5 will: trogen, half kraͤftig zu dieser Unordnung: Steht in der neuen: Die Fantasey wurde durch die Sinne gereitzt und durch die heftigen Begierden betrogen, beyde aber halffen kraͤftig zu dieser Unordnung. Welches denn auch weit verstaͤndlicher klinget. ꝛc. ꝛc. Hergegen auf der 448sten Seite in der Beantwortung wegen der Unvollkom- menheit der deutschen Sprache, wird der Mangel der Schoͤnheit, welche die Participia in eine Sprache bringen, damit beantwortet: „Unsre Poeten haben bereits den Ge- brauch der Mittelwoͤrter vielmahlen so gluͤcklich gewaget, daß es kein Zweifel ist, unsre Sprache werde sich end- lich auch dazu bequemen.„ Allein die Schuld liegt nicht an der Sprache, angesehen dieselbe zu des grossen Opitzens Zeiten und zuvor so wohl in gebundener als ungebundener Rede den freyen und uneingeschraͤnckten Gebrauch der Mit- telwoͤrter gehabt hat, wie in dem Wercke von den poeti- schen Gemaͤhlden, und in dem 2ten Theile der critischen Dichtkunst mit mehrerm dargethan worden: Und wenn man Hoffnung machen darf, daß sie sich auch in Zukunft dazu bequemen werde, so gestehet man zu, daß die Na- tur der Sprache dem Gebrauche derselben nicht im Wege stehe. Man hat also diesen Abgang, und den Wider- stand, den die Einfuͤhrung derselben in die deutsche Sprache bisdahin erlitten, alleine der Nachlaͤssigkeit einiger seichten Koͤpfe zu dancken, die emer affectierten wohlfliessenden Waschhaftigkeit den Nachdruck aufgeopfert haben. Er sagt daselbst: Man kan auf Deutsch sagen; den Menschen hat Gott gemachet, und, Gott hat den Menschen gemachet. Hingegen muͤssen wir sagen: Dieu a fait l’homme. Mauvillons Brief will: Man hat ihn getoͤdet, so kan man wohl sagen, man hat ihn abgethan. Die Lateiner sagten: Man hat ihn kalt gemachet; und im Deutschen bedient man sich dieses Ausdruckes ebenfalls, und noch vieler andern, die eben das- selbe sagen. Was der Deutsche ausdruͤcken kan, das druͤckt er auf verschiedene Weise aus, und darf weder die Puristen noch die spitzfuͤndigen Koͤpfe fuͤrchten, die nichts als tadeln koͤnnen, und mehr auf dem halten, was in der Sprache neu, als auf dem, was darinnen bequem und brauchbar ist. Die Deutschen koͤnnen in ihrer Sprache ma Sororité sagen, wenn sie alle ihre Bruͤder und Schwestern andeuten wollen; ma Valetterie, wenn sie sagen wollen, alle meine Knechte. Nichts steht ihnen im Wege, daß sie in dem gemeinen Umgange Woͤrter schmieden, und niemand widersezt sich ihnen, statt daß un- ter unsren Franzosen allemahl irgend ein kleiner Hofmeister ist, der euch bey allen Redensarten ins Wort faͤllt, euch zu erinnern, daß dieses und jenes Wort dem herrschenden Gebrauche zu- wider laͤuft. Jn der deutschen Sprache geht es auch an, so wohl als in der griechischen, daß man ein Wort aus viel andern zusammensetzen, und die- se zusammengesezten Woͤrter ohne Ende vermeh- ren kan. Sie ist voller verkleinernder Woͤrter, und es ist kaum ein Wort, aus welchem sie mit- telst Zusetzung der Sylbe gen, oder lein, nicht ein verkleinerndes machen koͤnne. Waͤre sie bey allen diesen Vortheilen so sanft, so zierlich, und von der deutschen Sprache. und so praͤchtig, als die franzoͤsische, so koͤnnte sie der griechischen und der lateinischen beykom- men. Aber weit gefehlt, daß ihr diese Eigen- schaften zukommen. Jhre verkleinernden Woͤr- ter sind oͤfters harter, als die urspruͤnglichen; und es ist etwas widerliches, daß man auf eine ungemeine Weise mit der Brust arbeiten muß, die meisten deutschen Woͤrter auszusprechen, es sey denn, daß man ein gebohrner Deutscher sey. Die Gewohnheit eurer Deutschen, die Auslaͤn- der, die ihre Sprache reden wollen, ins Ange- sicht auszulachen, ist auch nicht das rechte Mit- tel ihnen einen Muth zu machen. Jch habe Deutsche gesehen, die sich sehr breit damit macheten, daß es andern Nationen so sauer wird, ihre Sprache zu reden; und die aus Furcht, daß sie keine wuͤrcklichen Schoͤnheiten darinnen finden moͤgten, sich damit behalffen, daß sie diesen Fehler als etwas schoͤnes anprie- sen. Viel deutsche Gelehrte haben mir gantz dreuste gesagt, die franzoͤsische Sprache verdien- te nicht, daß man sie lernete, weil sie so gar leicht waͤre. Sonst hatte ich allezeit geglaubt, die allzu schweren und muͤhsamen Sprachen ver- dienten nicht, daß man sich bemuͤhete, sie zu lernen. Der Fuͤrst von … sagte eines Tages zu mir, es verdroͤsse ihn, daß er Franzoͤsisch gelernt haͤtte, weil es allzu gemein worden waͤre. Demnach muͤßte man im Gegentheil nur die unbekannten Sprachen lernen, und also haͤtte dieser Herr das Bas-Breton lernen sollen. Jhre Hoheit war Mauvillons Brief war weit nicht der Meinung derjenigen Gelehr- ten, welche sich bemuͤheten, eine Sprache zu er- finden, die aus sehr wenig leichten Woͤrtern be- stuͤhnde, damit alle Nationen ohne Dollmetschen mit einander handeln koͤnnten. Zu dem Ende haͤtte man gegen alle vier Winde Leute ausschi- ken muͤssen, welche diese Sprache vollkomment- lich besessen, damit sie in selbiger die Leute unter- richteten, die zur Kaufmannschaft gewidmet wa- ren, oder auf Gesandtschaften sollten gebraucht werden. Waͤre dieses Vorhaben ausgefuͤhrt wor- den, so duͤrfte der Wienerische Hof nicht junge Leute nach Constantinopel schicken, die tuͤrckische Sprache zu lernen. Der grosse Herr, von dem ich geredet habe, haͤtte vermuthlich dieses Vor- nehmen und diese Sprache mit noch groͤsserer Hitze verworffen, weil sie zweifelsfrey noch weit gemeiner worden waͤre, als die franzoͤsische Sprache. Man kan nicht leugnen, daß die ernsthaften Sprachen, wie die deutsche von dieser Art ist, nicht sollten langsam und deutlich geredet wer- den. Jndessen reden die Sachsen mit einer ge- schwinden Ueberweltzung Der oben angezogene Verfechter des Plattdeut- schen Fr. A. Aepin hat daruͤber eine Antung gemachet: „Die Meißner sind von der wahren Aussprache so sehr abgewichen, daß man glauben sollte, es waͤren nicht Nachkommen der tapfern Deutschen; sondern vielmehr schwache Weibsbilder. ‒ ‒ ‒ Will man nach dem Be- weise der Woͤrter, wel- che etwas stammelndes mit sich fuͤhrt; und alle andere von der deutschen Sprache. andere Deutschen koͤnnen sie nicht verstehen. Sie thun dieses, damit sie ihrer Sprache etwas sanftes mittheilen, das ihr nicht eigen ist, und sie verderbt. Man muß den Franzosen und den Jtalienern das Lebhafte und das Sanftfliessende in der Sprache lassen; aber das Deutsche und das Spanische muß man mit Ernst und Hoheit reden, wenn man sie nach seiner Wuͤrde reden will; sonst bekommen sie durch eine Fluͤssigkeit der Aussprache, die ihnen nicht natuͤrlich ist, ein gantz laͤcherliches Aussehen. weise fragen, so ist es dieser, daß man fast in allen Wor- ten ein gar nicht maͤnnliches Gezisch nach Art der Franzo- sen hoͤren lasse, und also das maͤnnliche Wesen der deut- schen Sprache gantz unterdruͤcke, nachdem man sich so starck auf das Franzoͤsische geleget.„ Und etwas weiter- hin: „Da Niedersachsen gegen Norden liegt, so sollte man eher meinen, daß die Einwohner von Natur zu einer ernsthaften und maͤnnlichen, oder, wie sie die Veraͤchter nennen, rauhen und harten Sprache geneigt waͤren, als zu der fast weibischen und zischenden Meißner Mundart.„ Des Mauvillons Brief Des Herrn von Mauvillon Brief von den deutschen Poeten. E Ure Nachbarn haben sich bisdahin einge- bildet, eure Sprache waͤre Schuld dar- an, daß ihr keine guten Poeten haͤttet. Jn diesen Gedancken steht der Urheber der Juͤ- dischen Briefe, der, wiewohl er sonst viel gu- tes hat, sich in diesem, wie in viel andern Din- gen, betrogen hat. Giebt es denn eine Spra- che in der Welt, die einen treflichen Poeten aus einem Menschen machen koͤnne, der von Natur kein Geschicke dazu hat? Man muͤßte thoͤrigt seyn, wenn man dieses nur gedencken wollte. Und wie kan man begreiffen, daß eine Sprache sey, die erhabenen Geistern im Wege stehe, und sie hindere, daß sie sich nicht emporschwin- gen koͤnnen? Demnach muͤssen es eure Poe- ten nicht der deutschen Sprache zur Last legen, daß sie in einem so schlechten Ansehen stehen. Es fehlt ihr weder an Nachdruck noch an Ausdruͤ- kungen. Sie klingt zwar nicht lieblich in den Ohren; aber was thut das dem schoͤnen Gedan- ken, und der geschickten Ausbildung derselben? Besteht etwann die Schoͤnheit der Poesie uͤber- haupt nur in der Lieblichkeit der Sprache; und nicht vielmehr in gruͤndlichen Gedancken, in arti- gen und geschickten Ausbildungen? Wer darf nun behaupten, daß die deutsche Sprache sich zu diesen Sachen nicht schicke? Hat sie denn eine von den deutschen Poeten. eine Abneigung dagegen? Und woher koͤmmt diese? Was fehlt Deutschland denn, daß es keine grossen Poeten hervorbringt? Nichts als Geist. Uebereinstimmende Zeugnisse und Anmerckungen. Diese Anklage wegen Mangels an Geist beziehet sich nur auf die Wercke der Poesie und Beredsamkeit. Man ist nicht so unbescheiden, daß man der gantzen deut- schen Nation, oder einem jeden Gliede derselben insbeson- dere die Faͤhigkeit geistreich zu seyn und zu werden hiermit absprechen wolle: Man glaͤubt gar gerne, daß unter de- nen, die nicht schreiben, sich viele befinden, die weit besser im Stande waͤren, die Ehre des deutschen Witzes zu retten, als die grosse Zahl derjenigen ist, die sich bis- dahin eigenmaͤchtig zu Verfechtern des deutschen Geschmacks aufgeworffen, und durch eine Menge Schriften diese An- klage zwar zu zernichten gesucht, aber in Wahrheit groͤsten- theils damit noch mehr gestaͤrcket, und gleichsam gerecht- fertiget haben. Wenn das blosse Vorhaben ein Urtheil von dem Witze und dem Geist einer gantzen Nation in Verglei- chung mit andern zu faͤllen, nicht schon an sich selbst strafbar ist; so moͤgte ich wohl wissen, wie einer, der dieses Vor- haben wuͤrcklich auszufuͤhren gesinnet ist, es anderst anstel- len koͤnne, als daß er sein Urtheil auf die Art und Be- schaffenheit derjenigen gedruͤckten Schriften gruͤnde, die von andern als Muster der geistreichen Schreibart und als Prob- stuͤcke des feinen Witzes angepriesen werden. Und dann gilt bey dergleichen Urtheilen auch das bekannte; à potiori fit denominatio: Wobey dennoch wohl bestehen kan, daß das eine und andere Stuͤcke unter einer grossen Menge schlechtes Zeugs etwann wohl ein Beweißthum von der Faͤ- higkeit des deutschen Witzes abgeben koͤnnte, wenn dersel- be Haltet mir es zu gut, was ich zum Beweise dessen sagen muß. Die Deutschen sind ansehn- liche Mauvillons Brief liche Maͤnner, sie sind groß, wohlgestaltet, und von starcken Gliedmassen; aber mit ihrer Ver- guͤnstiguug zu sagen, das Spruͤchwort luͤget sie noch nicht an, homo longus, raro sapiens. Die Natur hat sie mit den Vortheilen des Coͤr- pers zum Ueberflusse begabet, es waͤre zuviel ge- wesen, wenn sie ihnen auch noch Witz und Geist eben so reichlich zugetheilt haͤtte. Sie ist zu klug, als daß sie so viele treffliche Sachen zusammen nur bey einer Nation anwende, welche ohne das zum Hochmuth gar zusehr geneigt ist. Ruͤh- be besser gepfleget und angebauet wuͤrde: Fast auf die Weise, wie es geschehen kan, daß in einem Garten, wenn er nicht mehr gebauet wird, das Unkraut in kurtzer Zeit so maͤchtig wird und uͤberhand nimmt, daß auch das aͤusser- liche Ansehen eines nach gewissen Regeln eingetheilten Gar- tens gaͤntzlich verlohren geht, obgleich noch hier und dar mit- ten unter dem Unkraut eine und andere zierliche Bluhme her- vorsprießt. Jst im uͤbrigen dem Herrn von Mauvillon in die- sem Paragraphus die Sprache nicht sanft genug geflossen, so will ich zu seiner Entschuldigung, und der deutschen Nation, d. i. denjenigen, die sich das Ansehen derselben eigenmaͤch- tig anmassen, zum Trost erinnerlich zu Gemuͤthe fuͤhren, was in dem III. St. der Critischen Beytraͤge in der Zu- schrift an Hrn. Abt Mosheim gelesen wird: „Wie gute „Aerzte nicht allezeit die gelindesten Wege in ihren Curen „gehen; sondern auch zuweilen mit Feuer und Eisen dem „Uebel steuren muͤssen: So muß auch ein tiefgewurzeltes „Uebel in der Schreibart, Poesie, und Beredsamkeit oft- „mahls durch eine satirische Lauge angegriffen, und da- „durch auf das nachdruͤcklichste ausgerottet werden. ‒ ‒ ‒ „Und wie sehr waͤre es zu wuͤnschen, daß schon unsre „Vorfahren uns dergestalt aufgeraͤumt haͤtten.„ Scimus \& hanc veniani petimusque damusque vicissim. von den deutschen Poeten. Ruͤhmet die Gestalt der Deutschen, ihre Staͤr- ke, ihre Leibeskraͤfte; ich will euch das alles ein- raͤumen: Aber saget mir nicht, daß sie Geist und Witz haben, wenn ich mit euch eins werden soll. Mithin muͤsset ihr euch auch nicht einbil- den, daß nur die Franzosen auf diese Weise von euren Nation urtheilen. Das eben angefuͤhrte lateinische Spruͤchwort ist aus einem spanischen Scribenten hergenommen, der es bey einer glei- chen Gelegenheit angezogen hat. Wollet ihr es lieber auf das Zeugniß eines Engellaͤnders an- kommen lassen, so vernehmet, was der Ver- fasser des Maͤhrgens von der Tonne, der bey je- dermann so viel gilt, dazu sagt: Diese Anmerckung Hrn. D. Swifts kan denjeni- gen zur Nachricht dienen, die sich auf die Erfindung der Buchdruckerey zur Ablehnung der Anklage von dem Man- gel des deutschen Witzes mit grossem Vertrauen beruffen. So sagt Hr. Magister Schwabe in der Vorrede zu seinen Belustigungen Bl. 6. „Es ist genug, daß wir versi- „chert sind, sie wuͤrden uns unsre duͤrftige Erfindungs- „kraft nicht so vielmahls erzehlen koͤnnen, wenn sie nicht „von uns gelernet haͤtten, uns einerley Sache auf tau- „send Bogen kund zu thun; so daß also ihr Vorwurff, „wenn „Die „schoͤnsten Erfindungen sind in denen Zeiten ge- „macht worden, da die Unwissenheit auf das „hoͤchste gestiegen gewesen, zum Exempel der „Compaß, das Schießpulver, die Buchdru- „kerey, und diese hat die dummeste Nation, „nemlich die D. … aus der Finsterniß an „den Tag hervorgezogen.„ C Jch [Crit. Sam̃l. V. St.] Mauvillons Brief Jch habe nicht einen Buchstaben aus dem meinigen hinzugesetzet; indessen sehet ihr wohl, daß man nicht deutlicher reden kan. Aber wa- rum haben die Deutschen nicht so viel Witz, als andere Nationen? Jst der Himmelsstrich Schuld? Traͤgt dieser etwas dazu bey? Oder ihr gewoͤhnlicher Tranck? Nein, denn wie viel Deutsche giebt es nicht, die nur Wein aus Champagne trincken, und die doch deßwegen nicht eine Unze mehr Witzes haben. Der beste Grund, den man hievon geben kan, wird wohl dieser seyn, daß es nicht der Geschmack der Deutschen sey, Diese einzige Anmerckung Hr. Mauvillons zernich- tet auf einmahl das weitlaͤuftige Gewaͤsche einiger Verfech- ter Geist zu haben, daher die- jenigen „wenn er gedruckt wird, zugleich innerlich seine Widerle- „gung allezeit mit sich fuͤhret.„ Mit eben dieser Vorstel- lung hat Hr. Prof. Gottsched in seiner Anmerck. zu dem Art. Bouhours den Unglaubigen den deutschen Witz sichtbar ma- chen wollen: „Die Deutschen, sagt er, haben an dem „Schießpulver und Geschuͤtze, an der Buchdruckerey, an „dem Kupferstechen, an den Fernglaͤsern, an dem Por- „cellan, u. a. m. solche Proben ihres Witzes abgeleget, „daß keine andere Nation ihnen eben so viel und eben so „witzige Entdeckungen aufweisen kan. ꝛc.„ Es ist nieman- dem jemahls in den Sinn gekommen, den Deutschen die Faͤhigkeit zu mechanischen Erfindungen, auf die man oͤf- ters von ungefehr und zufaͤlliger Weise geraͤth, streitig zu machen. Aber laß mir das einen seltsamen Schluß seyn: Es sind Deutsche gewesen, welche die Buchdruckerey, das Schießpulver ꝛc. erfunden haben; hiemit muͤssen die deutsche Poeten und Redner geistreiche Koͤpfe seyn; und wer dieses nicht zugeben will, der laͤstert die deutsche Nation. von den deutschen Poeten. jenigen unter ihnen, welche Geist haben, densel- ben verabsaͤumen, und gemeiniglich verderben, indem sie sich auf eitele Wissenschaften von elen- C 2 dem ter des deutschen Witzes, womit sie auf den Vorzug in ei- nigen Theilen der Gelehrsamkeit, und auf die Faͤhigkeit, witzig und geistreich zu werden, trotzen; z. Ex. wenn es in dem Schreiben an den Verfasser der Beytraͤge Hrn. Gott- sched, in dem XXIII. Stuͤcke Bl. 518. heißt: Dieß hat den deutschen Witz gedaͤmpfet, nicht erstickt. Desgleichen: ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ Zum Baue groͤßrer Wercke Fehlt oft die Kuͤhnheit nur, und nicht des Geistes Staͤrcke. Ferner Bl. 520. Sprich, ist der Erde drum ein Baum zur Last erzeuget, Der noch die Aeste nicht voll reifer Fruͤchte beuget: Und wiederum Bl. 521. Wenn mein Lied schallen wird; singst du vielleicht nicht mehr. Jn demselben Tone laͤßt sich der deutsche Lustigmacher Hr. Schwabe in der Vorrede zu seinen Belustigungen Bl. 6. vernehmen: „Jhr Vorzug ist, daß sie einige Jahre fruͤ- „her auf die Ausbreitung der schoͤnen Wissenschaften ge- „dacht haben, als wir; aber auch NB. einige Jahre fruͤ- „her, als wir, derselben Verfall sehen werden.„ Eine Weissagung, die sich ohne Zweifel auf eine geheime Abrede der deutschen Nation gruͤndet, daß sie erst dann wolle an- fangen witzig werden, wenn die Franzosen den guten Ge- schmack verlieren. Und auf der 10ten Seite sagt eben die- ser Vorredner: „Waͤren wir so zeitig, als andere, auf „die Ausbreitung der schoͤnen Wissenschaften in unsrer „Muttersprache gerathen: So wuͤrden vielleicht diejenigen „izo von uns lernen muͤssen, welche wir uns zu Mustern „bey Befoͤrderung der freyen Kuͤnste vorstellen.„ Man giebt gerne zu, daß die Deutschen Geist und Witz haben, und Mauvillons Brief dem Geschmacke legen. Man hat noch erst im Jahre 1735. zu Breßlau und Leipzig eine verbesserte Sammlung von J. Chr. Guͤnthers deutschen und lateinischen Gedichten herausgegeben, und ist dabey sorgfaͤltig gewesen, alle die Acrosticha, die in die- ses Poeten ersten Jahren noch gantz gelaͤuftig waren, als Proben des deutschen Witzes von dem Untergange zu retten, wie Bl. 17. 82. 91. 100. 179. 231. ꝛc. zu sehen ist. Es ist wohl wahr, daß dieser Dichter selbst bey reifern Jah- ren Eure meisten Ge- lehrten beschaͤftigen sich Anagrammata, oder, was noch kindischer ist, Chronogrammata zu ver- fertigen. Eure arbeitsamen deutschen Koͤpfe wer- und zeigen koͤnnten; aber man bedauret dabey, daß die- jenigen, welche die Ehre des deutschen Witzes zu behaup- ten bisdahin uͤbernommen haben, groͤstentheils dieselbe zu Schanden gemachet, und zu dergleichen unbeliebigen Ur- theilen Anlaß gegeben haben. Man gestehet ihnen einen grossen Vorzug an Gelehrtheit zu, aber aus denen bishe- rigen Proben kan man nicht schliessen, daß der Geschmack fuͤr das Witzige und Geistreiche noch zur Zeit allgemein sey. Jch kan dieses mit dem Beyfalle eines deutschen Schrift- verfassers bekraͤftigen: Jn dem IX. Stuͤcke der Critischen Beytraͤge auf der 165sten Seite, wo der Antilongin re- censiert wird, heißt es: „Der gute Geschmack ist bey „uns Deutschen noch nicht so allgemein, daß man sich fer- „ner keine Muͤhe geben duͤrfte, ihn mehr und mehr em- „por zu bringen. Wir wollen nur unsre Poesie ansehen. „Was fuͤr wunderlich Zeug koͤmmt nicht darinnen noch „taͤglich zum Vorschein? Und wer siehet nicht, daß die- „ses die Ueberbleibsel des altfraͤnckischen Geschmacks sind? „Woher ruͤhret aber solches? Von nichts anders, als „weil unter den Schriften unsrer Dichter, die wir Anfaͤn- „gern als Muster anpreisen, noch viel rauschendes Flit- „tergold anzutreffen ist.„ von den deutschen Poeten. werden ein Woͤrterbuch gantz durchblaͤtern, da- mit sie eine solche scharfsinnige Ueberschrift her- ausbringen. Man daͤchte, sie suchten eine ge- schickte, gut lateinische Ausdruͤckung, aber an statt dessen sehen sie sich nach einem Worte um, darinnen ein L ein M oder ein D ist. Wenn wir demnach irgend eine solche Aufschrift antref- fen, muͤssen wir in derselben vielmehr das Jahr des Herrn, als den Gedancken suchen. Einer von euren Scribenten Jch kenne einen andern deutschen Poeten, der sich noch erst neulich einen grossen Nahmen unter seinen Landsleuten erworben hat. Dieser hat sich erkuͤhnet in einer hat das Hertz gehabt diese Chronogrammata, die er gelehrte Sinngebuhrten nennet, zu vertheidigen. Er C 3 klagt ren das abgeschmackte Wesen dieser Kunst verlachet, und seine ehemahlige Thorheit bekennet hat, womit er die Nahmen vor die Lieder geflochten, und oft um ein A. drey Stunden auf und nieder gegangen: Aber was muß ein fremder von dem allgemeinen Geschmacke der deutschen Na- tion dencken, wenn er auch in den neuesten Sammlungen und Herausgaben der besten deutschen Dichter dergleichen ab- geschmacktes Zeug mit der groͤsten Sorgfalt aufbehalten sie- het? Denn daß Guͤnther unter den besten Poeten, die nach dem Geschmacke der deutschen Nation sind, einen hohen Rang verdiene, wird niemand zweifeln, wer fol- genden Gottschedischen Ausspruch gelesen hat: „Woher „koͤmmt es, daß die deutsche Nation, die bey Canitzens „und bey Guͤnthers Gedichten so eifrig gewesen, sie zu „kauffen und zu lesen, und andern anzupreisen, daß man „in kurtzer Zeit so viele Auflagen machen muͤssen, nur im „Absehen auf das eintzige Paradies Milrons so phlegma- „tisch geworden?„ Mauvillons Brief klagt sich, daß gewisse Leute so unvernuͤnftig seyn, und diese schoͤnen Erfindungen Lappereyen heissen; und er behauptet gegen jedermann, daß sie, wenn sie kurtz sind, und sich vor die Sache gut schicken, ihren gewissen Werth haben. Er fuͤhrt zum Beweise dessen das Chronogramma an, das im vergangenen Jahr auf den Herzog von einer neuen Sammlung poetischer Geburten, die erst die- ses Jahr ans Licht getreten, eine ernsthafte Schutzschrift fuͤr eine andere Gattung Sinnspiele des falschen Witzes zu verfertigen, worinnen er behauptet, daß diejenigen, wel- che keinen Geschmack daran finden, fuͤr gewissenlose Reli- gions-Spoͤtter muͤssen angesehen werden. Dieser ist mit Nahmen der grosse Triller, der in dem neulichst herausge- gebenen 3ten Theile seiner Gedichte, auf der 500. Seite folgendes Muster von einem geistreichen Wortspiel gar ge- schickt anbringt: Benennt man, Nassau, dich sonst von den nassen Auen, So machstu itzt gewiß die Deutung offenbar; Und stellten sich auch nicht die nassen Auen dar, So kan man doch in dir die nassen Auen schauen. Der Genius, der uͤber die Noten waltet, hat ihm dazu die folgende aus der besondern Mildigkeit verliehen, nach welcher er die Trillerischen Anmerckungen mit allerhand Seltenheiten zu bereichern pfleget: Lusus hic ingenii \& verborum, quod probe scimus, quem nimium fastidiunt, \& præter rem adspernantur horriduli quidam nostri ævi Catones, \& intonsi impexique Timones; sic non injurii solum in optimos quosvis Auctores veteres profanos, sed \& impii adeo atque blasphemi in ipsam Scripturam Sacram utriusque Testamenti; in qua quippe creberrime acutos ejusmodi verborum lusus passim occurrere, contra nasutos hos \& frigidos censores, magno eruditionis apparatu pri- dem liquidissime ostensum fuit a Viris magnis, Grotio, Bochar- von den deutschen Poeten. von Lothringen und Großherzog von Toscana gemacht worden, der die kaiserlichen Voͤlcker in Ungarn als oberster General angefuͤhrt hatte, VIVat CæsarIs sVpreMVs bellI DVX. Jn welchen Worten die Jahrzahl von 1737. enthal- ten ist, da der Herzog in Ungarn hatte comman- dieren sollen. Trutz sey euch gebothen, daß ihr in diesem Chronogramma was weiters, als das Jahr des Herrn finden werdet. Jndessen hat der hamburgische Zeitungsschreiber es vor einen unwidersprechlichen Beweiß gegen diejenigen an- gefuͤhrt, welche diese abgeschmackten Erfindun- gen verlachen. Saget mir doch, ob man eben viel Witzes vonnoͤthen habe, wenn man eine arithmetische Zahl in viel verschiedenen Woͤrtern, die aus allerley Buchstaben bestehen, heraus- C 4 brin- Bocharto, Vitringa, Glassio, Blackwallo, Gatakero, Oleario, \& aliis; \& novissime a Reverendo Michaeli Halensi, peculiari Dissertatione. Sed hac de re nos alibi plenius. Eant nunc \& detestentur omnes ingenii lusus insulsi Criticastri, imprimis Alpini. Und daß Hr. D. Tril- ler von der Vortrefflichkeit der Wortspiele eine innerliche Ueberzeugung habe, erhellet aus gar vielen Proben, die in seinen Gedichten hier und da zu finden sind. Jch will zur Bekraͤftigung dessen nur einige von den besten Exem- peln anfuͤhren. Jn dem ersten Theile seiner Gedichte, in der Zueignungsschrift an Hrn. Brockes: Serenus dessen Lied Sirenen trotzen kan, Wird auch mit allem Recht in diese Reih gestellet. Eben daselbst: Daß sich die Bluhmen auch zusammen bruͤnstig freyhn, Und durch des Zephyrs Gunst in Stand der Ehe treten, Besin- Mauvillons Brief bringen soll, und ob dergleichen Entdeckungen der menschlichen Gesellschaft grossen Nutzen brin- gen. Jst das ein grosses Lob vor einen Feld- herrn, daß man in etlichen Woͤrtern, welche wenig oder nichts von seinen Heldenthaten mel- den, das Jahr ausfindet, in welchem er den Generalstab gefuͤhrt hat? Man muß kein gros- ser Kuͤnstler seyn, eine solche herrliche Geburt auf die Welt zu bringen; es braucht weiter nichts, als ein wenig Geduld, Woͤrter auszuklauben, und man wird mehr als genug herausbringen, sofern man nur die Sprache versteht, in wel- cher man reden will. Allein Besingen de Croix und Royen im Latein, Sind sie schon, wie es scheint, zur Hochzeit nicht gebeten. Jn eben diesem Gedichte: Vom Vater, Sohn u. Geist, u. von des Glaubens Grund Hat Faithfull Thaͤt ein Buch in Versen fuͤrgetragen, Dieß macht nun Wagner zwar in deutschen Reimen kund, Allein sie klingen meist, wie ein noch neuer Wagen. Jn dem Gedichte von der Zeugung des Menschen I. Th. Bl. 164. Doch weil die Wuͤrmer gar zu klein, So mußten grosse Goͤnner seyn. Jn dem III ten Th. Bl. 312. Und Wolf mit dessen Wissenschaft Fast alle Hohen Schulen pralen, Ob ihm der Neid mit heilger List Gleich lange widerstanden ist. Da nun Hrn. D. Trillers Gedichte, wie er selbst und die gelehrten Zeitungsschreiber einhellig ruͤhmen, von der deut- schen Nation begierig aufgekauft und gelesen werden, was muß wohl ein Fremder von dem Geschmacke der deutschen Nation urtheilen? von den deutschen Poeten. Allein ihr werdet einwenden, nicht alle Deut- schen geben sich Muͤhe mit diesem abgeschmack- ten Zeuge. Gut: Aber ich behaupte hingegen, daß es ihnen in allen Arten der zierlichen Gelehrt- heit an Geschmack, oder, wenn ich es heraus- sagen soll, an Witz mangelt. Ehe ich dieses beweise, muß ich euch bitten, folgendes anzu- mercken. Es ist kein Wunder, daß eure Lands- leute nicht geistreich seyn. Man haͤlt in diesem Lande sehr wenig auf Geist, und dieses ist eben kein Mittel, den Witz in Schwang zu bringen. Jn Deutschland sind ein geistreicher Kopf und ein Clausnarre eines, was das andere. Jch kan und will mich nicht gar tief in diese Un- tersuchung hineinlassen, in was Werth in Deutschland der Geist, wenn er gleich der Gelehrsamkeit beraubet ist, ge- halten werde. Das ist indessen gewiß, daß abgeschmackte Possenreisser und Lustigmacher nicht allein vor geistreich wol- len angesehen seyn, sondern auch wuͤrcklich noch einen gros- sen Beyfall finden. Jch verweise meine Leser auf den Heumonat der Belustigungen Bl. 36. Der Pedant und der wahre Gelehrte werden hier all- zu gerne mit einander vermischt. Eure Gedan- ken seyn die schoͤnsten auf der Welt, sie seyn auf das geistreichste ausgebildet; wofern ihr nicht sechs Woͤrter im Lateinischen, vier im Griechi- schen, und vier im Hebraͤischen plappert, so wird man meinen, man thue euch viel Ehre an, wenn man euch einen artigen Pantalon heißt. Jn diesem Lande steigt niemand empor, als die Hofnarren. Die Begierde dergleichen zu haben, ist etwas recht ausserordentliches. Ein jeder Fuͤrst hat zween oder drey in seinen Dien- C 5 sten. Mauvillons Brief sten. Bey einigen von den groͤssesten ist es eine recht eintraͤgliche Bedienung, der foͤderste Hof- narre, wie im tuͤrckischen Serraglio das Haupt der Verschnittenen zu seyn. Die Freyherrn und die blossen Edelleute in diesem Lande haben ins- gemeine einen Lakey, der bey ihnen die Stelle eines Hofnarren vertritt, wiewohl er eben die- sen Titel nicht fuͤhrt; denn die herrschenden Fuͤr- sten behalten das Recht vor sich, Patenten fuͤr einen Hofnarren zu ertheilen. Auf was vor hohe Gedancken koͤnnen Leute von diesem Schrote, die nicht wissen, was den- ken ist, die in den Tag hinein plaudern, und mit lauter Salbadereyen angestochen kommen, vornehme Herren fuͤhren? Werden sie diesel- ben lehren, wie man gerecht, großmuͤthig, mil- de, nuͤchtern, sittsam, seyn soll? Ach nein. Sie wissen von diesen Eigenschaften allzu wenig, als daß sie sich eine Ehre darinnen suchen sollten, je- manden dazu anzufuͤhren. Ein geistreicher Mann ist in Deutschland ein Mensch, der zu einem Hofnarren gebohren ist; und ein Hofnarre ist ein Thier, das mehr Stock- schlaͤge kriegt, als ein Hund, den man zu klei- nen Kuͤnsten abrichten will. Das ist izo die Nei- gung der deutschen Herren, sie brauchen den Stock gerne, und man muß bekennen, daß sie geschickt damit umzugehen wissen. ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ Hiervon nimmt nun der Verfasser Anlaß, mit etlichen E- rempeln zu beweisen, daß die deutschen Fuͤrsten eine rechte Freude daran haben, die Leute bis auf den Tod zu pruͤgeln. Jhr von den deutschen Poeten. Jhr sehet also, zu was vor Posten man geistrei- che Koͤpfe in Deutschland tuͤchtig haͤlt, wiewohl diejenige, die auf diesen Posten stehen, nicht allemahl geistreiche Koͤpfe sind. Man muß es bekennen, es giebt in Deutschland mehr Ge- lehrte, als in vielen andern Laͤndern; aber geist- reich zu seyn ist ihnen verboten, falls sie nicht vor Narren angesehen seyn wollen. Ein geschick- ter Professor, der in der gelehrten Welt wohl- bekannt ist, wollte einmahl zeigen, daß er Geist haͤtte. Sogleich foderte man von ihm, daß er Hofnarr wuͤrde, und der Fuͤrst noͤthigte ihn mit Gewalt dazu. Einer von meinen Freunden hat- te Gedancken bey dieser Gelegenheit eine Comoͤ- die zu schreiben, die den Titel fuͤhren sollte: Der Hofnarre wider seinen Willen. Jch hintertrieb es mit allen ersinnlichen Vorstellungen der Klug- heit. Es ist hier nichts neues, daß ein Hofnarre, der den Titel eines solchen fuͤhret, zugleich Pro- fessor in der Philosophie, oder in der Beredt- samkeit ist. Da die Wissenschaften auf diese Weise entweihet und verhudelt werden, so ist es nicht moͤglich, daß das Naturell keinen Scha- den davon empfange, und daß man nicht mit der Muttermilch eine unuͤberwindliche Abneigung gegen die Wissenschaften, und alles, was geist- reich ist, in sich sauge. Jn Franckreich hat man dieses nicht zu befuͤrch- ten. Daselbst haͤlt man den Geist hoch, wenn er gleich der Gelehrsamkeit beraubet ist. Lude- wig der vierzehnte war ein so grosser Feind der Zotenreisser, und Lustigmacher, als er hinge- gen Mauvillons Brief gen ein bekannter Beschuͤtzer aller geistreichen Maͤnner war, die er auch von den Pritschmei- stern wohl zu unterscheiden wußte. Aber der Geschmack der Deutschen Fuͤrsten ist uͤberhaupt so beschaffen, daß sie zwey Dinge, die an Art so verschieden sind, mit einander vermischen, und sich nur das schmecken lassen, was unter den Wercken des Geistes am ungesaltzensten und mat- testen ist. Jn Franckreich liebet man das, was der Witz feines und leckeres hat; nur dadurch kan man sich hervorthun. Wer nur Geist hat, ist bey al- len Franzosen willkommen, und kan sie nur vor seine Goͤnner ansehen. Er hat keinen andern Titel noͤthig, als daß er ein geistreicher Kopf sey, so wird ihm jedermann wohlgewogen wer- den. Das ist der Geschmack der franzoͤsischen Nation uͤberhaupt; und niemand wird meines Bedunckens so unvernuͤnftig seyn, und ihm nicht den Vorzug vor dem Geschmacke der Deutschen geben; denn es ist gewiß, daß man nichts ge- schicktes ausrichten kan, wenn man es ohne Geist vornimmt. Die gelehrtesten Wercke tau- gen nichts, wenn sie nicht mit Witze verfertiget sind; und der groͤste Lehrer wird nur ein verdruͤß- licher Schmierer seyn, wenn er seine Belesen- heit ohne Geist auskramet; so wie der groͤsseste Weltweise nur ein langweiliger Schwatzer seyn wird, wenn er seine Schlußreden nicht mit Geist wuͤrtzet, ob sie gleich sonst buͤndig sind. Der Geist ist das Vermoͤgen des Verstandes, das macht, daß wir das, was wir sagen, mit An- muth von den deutschen Poeten. muth sagen, und das, was wir thun, mit gu- ter Art thun. Es ist die geschickte Wahl, das feine Wesen, das scharfsinnige Urtheil, kurtz etwas nicht genug bestimmtes, das unsren Ge- dancken und Begriffen eine gewisse Zierlichkeit mittheilet; das auszieret, was die Vernunft erfindet, und ausschmuͤcket, was der Verstand hervorbringt. Aber es ist nicht genug, daß man erklaͤre, was Geist sey, es giebt verschiedene Arten die- ses Geistes, welche man von einander, oder besser zu sagen, von etwas, das ihm aͤhnlich ist, unterscheiden muß. Es ist eine Art rauhes Gei- stes, von welchem die platten und eckelhaften Possen und Zoten entstehen, die doch auch ge- wissen Leuten angenehm sind, welche selbst nur diese Geistesart besitzen. Diese ist derjenigen gantz ungleich, welche die Franzosen haben wol- len, und die ich oben erklaͤrt habe. Unter dem rauhen und dem feinen Geist herr- schet der Unterschied, daß jener die Miltze, und dieser das Hertz ruͤhret; jener das wilde Gelaͤch- ter, dieser die Verwunderung erwecket; der erste einen Augenblick Lust machet, hernach Ver- druß verursachet, da hingegen der andere ein reines und desto gruͤndlicheres Ergetzen mit sich fuͤhret. Da nun die grossen Herren in Deutsch- land auf diese lezte Eigenschaft nicht viel hal- ten, so erforschet auch niemand sich selber, ob er nicht etwa dieselbe von der guͤtigen Natur em- pfangen habe; man streitet nur um den Vor- zug, wer die plattesten Pritschmeisterpossen sa- gen Mauvillons Brief gen kan. Wie oft hoͤret man diese vornehmen Deutschen uͤber den ungeheuresten Einfall eines elenden Lustigmachers in ein erschreckliches Ge- laͤchter ausbrechen? Das ist ihr Geschmack, und wer ihr Freund seyn will, muß mitmachen. Deßwegen wundert mich nicht mehr, daß in euren Poeten solche Jedermannsgedancken, und so grobe Ausdruͤcke sind. Guͤnther, Jn was vor Ansehen Guͤnther bey der deutschen Nation stehe, hat uns Hr. Gottsched oben (D) belehret. Dessen ungeachtet kan ich das Urtheil, welches Hr. Mau- villon von seiner poetischen Niedertraͤchtigkeit gefaͤllet hat, mit einheimischen Zeugnissen bekraͤftigen. Jn dem XIV. St. der Critischen Beytraͤge, wo Guͤnthers Gedichte be- urtheilet werden, heißt es Bl. 186. „Seine Kenntniß „in den wahren Regeln der Dichtkuust war sehr mittel- „maͤssig, seine Beurtheilungskraft sehr seicht und unfaͤhig, „das wilde Feuer der Fantasie zu maͤssigen.„ Und auf der 188sten Seite: „Was die Gedichte selbst anlanget, „so haben sie fast durchgehends ein sehr fliessendes We- „sen, ein richtiges Sylbenmaaß, und eine richtigere, re- „gelmaͤssigere Sprache, als man in vielen unsrer Dich- „ter anmercket. Allein was das innere anlanget, so sind „viele, ja die meisten Stuͤcke einem Quodlibet aͤhnlicher, „als einem ordentlichen und vernuͤnftig zusammenhangen- „den Wercke. Oft scheint der Reim, und nicht der Poet „den Vers gemacht zu haben: Jndem er nicht anders „aussieht, als ob er lauter Bouts-rimez gemachet, oder „die Einfaͤlle im huͤbnerischen Reimregister gesuchet haͤtte. „‒ ‒ ‒ ‒ Ja auch in seinen Todesgedancken hat er „das geistliche mit dem weltlichen, die Bibel mit den Fa- „beln der Heiden so durch einander gemenget, daß man „nicht einer der geschaͤtztesten ist damit angefuͤllet. Leset seine Ode auf das Gluͤcke, die vor eines seiner besten Stuͤ- von den deutschen Poeten. Stuͤcke gehalten wird; ihr werdet darinnen ei- nen Beweis meiner Meinung finden. Jch wer- de die lezte Strophe dieser Ode nie vergessen; sie hat etwas allzu sonderbares, daß ich sie hier nicht anfuͤhren sollte; Vielleicht habet ihr nie- mahls Zeit gehabt, sie genau zu betrachten. Jch bitte nur die Frauenspersonen, denen ihr etwa meinen Brief zeigen moͤgtet, daß sie sich an gewissen pursch- „nicht wissen kan, ob er als ein Heide oder als ein Christ „habe sterben wollen. Hernach weiß er selbst in den er- „habensten Oden nicht den Wohlstand, und das so ge- „nannte πρέπον zu beobachten.„ Jn dem XXIV. St. derselben Critischen Beytraͤge, in den Anmerckungen uͤber Clercs Gedancken von der Poesie Bl. 589. stehet: „Was „ich von Hofmannswaldau sage, das gilt auch von eini- „gen neuern, als Amthorn, Guͤnthern, und ein Paar „noch lebenden Dichtern [vielleicht Triller und Gottsched] „theils von schwuͤlstiger, theils von niedriger Schreibart. „Wohl dem, der von Jugend auf auf gute Muster ver- „fallen ist. z. E. auf den Virgil, Horatz, Opitz, Canitz.„ Und wer sich an diesen Zeugnissen noch nicht sattigen will, der lese in dem XXIV. St. der Crit. Beytraͤge Art. III. Bl. 63. den Versuch einer Critick uͤber die guͤntherische Ode: Eugen ist fort! Jhr Musen nach ꝛc., wo er folgende und dergleichen critische Ausspruͤche bey der Menge antreffen wird: Diese Kleinigkeiten koͤnnen das Bathos nicht bergen: Dieses ist ein poͤbelhafter Ausdruck: Dieses ist Guͤnthers groͤster und gewoͤhnlichster Fehler, daß er auch in der praͤchtigsten Rede, seinem Saryr biswei- len zu meckern erlaubt: Der gantze Einfall ist Flitter- gold, das hieher nicht gehoͤrt: Da ist ein Galimatias, hier ein Phoͤbus: Bald plaudert er, wie ein Fieberhaf- ter, bald aber schimpset er beynahe, wie ein Schoten- huͤter: Ein solches abentheurliches Phoͤbus harte noch gefehlt. ꝛc. ꝛc. Mauvillons Brief purschmaͤssigen Worten nicht aͤrgern, die ich mich genoͤthiget sehe, zu brauchen, wenn ich des Poeten Meinung ausdruͤcken soll. Sie muͤssen sich erinnern, daß ich aus dem Deutschen uͤbersetze, nun wissen sie wohl, daß in dieser Sprache dergleichen Zeug nichts neues ist. Nach- dem Guͤnther zuerst auf eine ziemlich frostige Weise auf das Gluͤcke gestichelt, uͤberlaͤuft ihm die Galle, und er bricht gantz entruͤstet in diese Worte aus: Tiens, sagt er zu ihm, voicy tes plus beaux titres. Tu n’es qu’une girouette, une femmellette aveugle, une voie de per- dition, une garce à laquais, une sorcière, la sœur de la folie, une hableuse, une trom- peuse: \& qui est ce qui me punira comme Athée, par ce que je te blasphême! Jch weiß wohl, daß der arme Guͤnther keine Ursache gehabt, mit dem Gluͤcke wohlzufrieden zu seyn; und daß er dem Colletet gleich war, von dem man sagt, er sey von einer Kuͤche in die andere gegangen, einen Bissen Brod zu betteln; allein ich kan ihm, die Wahrheit zu bekennen, seine poͤbelhaften Ausdruͤcke nicht verzeihen, und ich moͤgte ihn wohl fragen, in welchem Lumpenhau- se er diese Schreibart an sich genommen habe. Was vor eine Ungleichheit zwischen Guͤnthers Versen, und denen, welche Roussau auf eben dieses Gluͤcke geschrieben hat! „Der Poͤbel „betet in deinem schlechtesten Wercke das „Wohlergehen an, er nennt dich Großmuth, „Dapferkeit, Klugheit, Standhaftigkeit: Er „beraubet die Tugend ihrer eigensten Titel, und „leget von den deutschen Poeten. „leget sie einem Laster, das dir angenehm ist, „bey. Jn seinen falschen Lehrsaͤtzen machet er „allemahl vortreffliche Helden aus deinen straf- „wuͤrdigsten Lieblingen.„ Die franzoͤsische Sprache ist zu sittsam, als daß sie solche Ausdruͤcke, wie Guͤnthers sind, vertragen koͤnnte, am allerwenigsten kan sie die- ses in einer ernsthaften und erhabenen Ode. Wenn wir von lustigen Sachen schreiben wollen, so haben wir eine absonderliche Sprache vor die- selben, Jn dem Heumonat der Leipzigischen Belustigun- gen, in dem Schreiben an Hrn. M. Schwabe wegen der Unnuͤtzlichkeit seines Vorhabens Bl. 20. wird uͤber die- se Stelle folgende geistreiche Anmerckung gemachet: „Jch „wollte diese Schreibart die Sprache der Freundschaft, „zur Nachahmung der Sprache des Schertzes, nennen; „welche ein gewisser neuer Briefschreiber an seinen Lands- „leuten gantz besonders erhebt, und es den Deutschen „als einen grossen Fehler vorwirft, daß sie dergleichen „nicht haͤtten. Die Deutschen, sagt er, schreiben die „ernsthaftesten Oden, und die lustigsten Gedichte, in ei- „nerley Versart. Wir aber haben eine besondere maro- „tische Schreibart, in welcher wir nur schertzen. Wenn „sie, mein Herr, etwa diese Sprache noch nicht kennen, „so will ich sie ihnen doch ὡς ἐν παρόδω, ut φιλέλληνες lo- „quuntur, erklaͤren. Stellen sie sich eine Sammlung alt- „fraͤnckischer, poͤbelhafter, und wider die Grammatick „verstossender Woͤrter und Redensarten vor. Sie sey „also noch ein Grad schlechter, als dasjenige, was wir „im Deutschen die Hans-Sachsen-Schreibart nennen, „welcher wir uns bisweilen zum Lachen bedienen; allein „die nemlich des Marots seine: Aber im Deutschen laͤuft alles unter einander, das D Ernst- [Crit. Sam̃l. V. St.] Mauvillons Brief Ernstliche mit dem Possierlichen; das Hohe mit dem Kriechenden, und das Praͤchtige mit dem Lusti- „die ein Dichter alsdann starck gebrauchen muͤßte, wenn „er das sicherste Mittel haben wollte, uns unertraͤglich zu „werden. Wenn Sie sich diese Schreibart einbilden, mein „Herr, so haben sie dasjenige, was die Groͤsse gewisser „auslaͤndischer Dichter, und einen Theil von dem Ruhme „ihrer Nation ausmachet. Jch weiß nicht, ob nach dem Ur- „theile der gantzen Nation, oder nur bloß nach dem Aus- „spruche des grossen Kunstrichters, der vielleicht auch den „Homer und Despreaux tadelt, daß sie die Batrachomyo- „machie und das Pult nicht in marotischen Versen geschrie- „ben haben. ꝛc.„ Jch muß die kleine Bosheit dieses an- sehnlichen Lustigmachers ein wenig beleuchten. Es ist eben so laͤcherlich, wenn er die marotische Sprache als altfraͤn- kisch, niedertraͤchtig und poͤbelhaft anschwaͤrtzen will, als wenn einer sich uͤber die Hofleute Franciscus des ersten erzoͤrnen wollte, daß sie nicht in der itzigen neumodischen Kleidung auftreten. Die marotische Sprache ist bey den Franzosen diejenige, welche an dem Hofe des besagten Koͤ- nigs geredet worden. Sie war so bequem schertzhafte und und satirische Gedancken darinnen einzukleiden, und Ma- rot hatte sie zu diesem Ende so geschickt gebraucht, daß sie als eine todte Sprache noch heutzutage in seinen Schriften erlernet, und noch zu demselben Ende angewendet wird. La Bruͤyere hat davon geurtheilet: „Marot scheint im Ab- „sehen auf seine Redensarten und Ausdruͤcke erst seit Ron- „sards Zeit gelebet zu haben; zwischen ihm und uns ist „nur ein Unterschied von etlichen Woͤrtern.„ Sofern ist es, daß diese Sprache poͤbelhaft sey, oder wider die Gram- matick verstosse, wiewohl sie ihre eigene Grammatick hat. Man findet im Marot einen gantz herrlichen und praͤchtigen Ausdruck, der ihn mitten in dem artigen und zierlichen Schertze unterstuͤzt, von welchem er der Vater ist, und zu- gleich das Muster giebt. Diesen Character giebt ihm Boi- leau: Imi- von den deutschen Poeten. Lustigen. Alle Ausdruͤcke sind da gleich gut, und man macht da keinen Unterschied zwischen prosai- D 2 schen Imitez de Marot l’elegant badinage. Zu der marotischen Schreibart wird Marots Geist, nicht nur seine Worte erfodert. Dieser war sehr fein und sehr anmuthig. Jn allem, was er sagt, ist Anmuth, und seine gemeinsten Gedancken werden durch die Ausbildung geschmuͤckt. Also heißt man die angenehme Leichtigkeit, die natuͤrliche Fliessendheit, die aus Marots Geist, als ihrer wahren Quelle entsprang, aus Danckbarkeit die marotische Schreibart, weil sie ihm so gar eigenthuͤmlich war. Alles in seinen Gedichten gehoͤrt dem Naturell zu, nichts der Be- muͤhung, nemlich einer Bemuͤhung, die sich selber ver- rathe und mercken lasse. Jn diesem Stuͤcke haben ihn die anmuthigsten Koͤpfe unter den franzoͤsischen Poeten fuͤr ih- ren Lehrmeister erkennt; als der Hr. de la Fontaine, der Abt Chaulieu ꝛc. Jch bin versichert, daß diese geistreiche Koͤ- pfe in ihrem Gebrauche der alten marotischen Sprache am allerwenigsten derauf gesehen haben, daß sie die Miltze ihrer Leser durch den ungewoͤhnlichen und veralterten Klang derselben belustigten. Das veralterte und aus der Gewohn- heit gekommene in dieser Sprache dienete ihnen mithin, den Schertz durch ein merckliches Kennzeichen von dem Ernst zu unterscheiden; so wie dem Harlekin auf dem Schauplatze eine absonderliche an Schnitte und Farbe eigene Kleidung affectirt ist. Nun ist es ein Zeichen des guten Geschmackes, und ein Beweisthum des Reichthums der franzoͤsischen Sprache, daß man nicht genoͤthiget ist, zum Schertze eben die Sprache zu brauchen, welche man zum Ernste anwen- det: Wie es einen Mangel anzeiget, wo man eine ernst- hafte und an sich selbst maͤnnliche Sprache hat, wie die deutsche eine solche ist, die man auch zum Schertze und zu Possen brauchen muß, aber sie eben dadurch mißbraucht, und entweihet; massen es schwerlich geschehen kan, daß sich nicht an einige Worte und Redensarten etwas veraͤcht- liches Mauvillons Brief schen und poetischen Redensarten. Damit man nicht sagen koͤnne daß Hr. von Mau- villon ohne Grund nur seiner blossen Lust ein Genuͤgen zu thuu, die Schwachheiten der deutschen Poeten aufdecke; so Man fin- det oft unter einem Dutzend Verse, die so schwul- stig sind, als des Pindarus, ein poͤbelhaftes Spruͤch- liches nnd laͤcherliches mit anhaͤnge. Mit was vor einer Stirne darf man denn sagen, daß Marot nicht ein Haar besser schreibe, als Hans Sachse; daß so wenig wir sonst aus unsrem Hans Sachse machen, wir ihn doch nicht geringer schaͤtzen duͤrffen, als den altvaͤterischen Marot: Hr. Gottsched hat dieses in der Anmerckung zu dem Artickel Aretin vorgegeben. Er meint vielleicht, der widerliche Klang, oder die ungewoͤhnliche und altfraͤnckische Redensart in Hans Sachsens Sprache machen seine Gedichte so ver- werfflich und veraͤchtltch; aber das thut es nicht, sondern das arme und abgeschmackte Zeug, das Hans Sachse darinnen vortraͤgt, welches so beschaffen ist, daß es in die fliessendste gottschedische Schreibart uͤbersezt Verdruß und Ekel gebaͤhren muß. Da wir hingegen nur Marots Ge- dancken uns bekannt machen muͤssen, die anmuthigste Lust davon zu empfangen. Man betrachte z. Ex. nur einen von seinen satyrischen Sendbriefen an seine Tadler, so wird man sehen, wie fein und starck er an Witz gewesen; wir koͤnnen daran abnehmen, wie er seine ungeschickten Richter wuͤrde aufgezogen haben, wenn er ihre ungereimten Urtheile von ihm gewußt haͤtte. Was endlich diejenige Art Schertzes anbelangt, da man etwas durch eine Vergroͤsserung kleiner Dinge laͤcherlich zu machen sucht, wie Homer und Boileau ge- than haben, so ist ja offenbar, daß man zu diesem Ende nicht eine veraltete marotische, sondern eine praͤchtige heroische Sprache fuͤhren muß, wenn man nicht mit Fleisse seine Absichten verderben, und nicht die Sache, sondern sich selbst, zum Gelaͤchter machen will. von den deutschen Poeten. Spruͤchwort. Die Sprache ist nicht Schuld daran, sondern diejenigen, welche solches ohne D 3 Ge- so will ich mit Anfuͤhrung eines Dutzent Exempel zeigen, wie so gar sehr die deutschen Dichter dieser poetischen Kranck- heit, die man die fallende Sucht nennen kan, unterworf- fen seyn. Amthor laͤßt den Jupiter auf seinen Adler stei- gen, einen kraͤhenden Hahn mit seinem Donner zu uͤber- taͤuben. Komm nur! Verziehe nicht den Adler zu besteigen, Und heiß als deutscher Jupiter Doch einst des eiteln Hahns Geplaͤrr Vor deines Donners Knall und Drohen schweigen. Jn der Zeile, die unmittelbar auf diese folget, traͤgt er ihm das wuͤrdige Geschaͤfte auf: Schleuß ihn in seinen Keficht ein. Es ist bey diesem Poeten nichts ungewohntes, daß er die Woͤrter und Redensarten aus der Haushaltungssprache in die Heroische und Virgilische versetzet: Wenn Cynthia die Flucht nach Latmus Hoͤle nimmt, Und nicht der kleinste Stern in seiner Ampel glimmt. * ‒ Nach erhaltnem Zweck schien auch das Buͤndniß aus: Drum war vor Daͤnemarck izt niemand mehr zu Haus. * Wahr ists, die Glocke schien gefaͤhrlich gnug gegossen. * Ein alter Wunderbau, den man Carthago hieß, Worinn der Tyrier sich haͤuslich niederließ. Dadurch wird oͤfters der Wohlstand auf eine possierliche Art verletzet: Bis Dewitz auch dem Feind noch in die Flancken brach, Und mit der Daͤhnen Daus der Schweden Koͤnig stach. Die Mauvillons Brief Geschmack und ohne Urtheilskraft anbringen. Und wenn die deutsche Welt sie deßwegen nicht bestraf- * Die Mannheit Gothenburgs war izo gnug verschnitten. * Der kluge Steuermann muß selber unterliegen, Und uͤber Kopf und Hals dem Meer in Rachen fliegen. Dieses ist Amthors Schreibart. Jst es eben diejenige, von welcher Hr. Gottsched in dem eilften Hauptstuͤcke seines Versuches einer Dichtkunst fuͤr die Deutschen §. 14. sagt, es sey die rechte, welche sich zu einem Heldengedichte schicke; Amthor habe damit die edle Einfalt Virgils voͤl- lig erreicht? Neukirchs Telemach redet durchgehends eben diese Sprache: Jndem sie weint und seufzt, kommt auf den Wasserwogen Hier eine Ruderbanck und dort ein Mast geflogen. Wenn es wahr seyn soll, wie es Hr. Prof. Gottsched in dem eben angezogenen Hauptst. §. 17. bezeuget, daß Neukirch Opitzen in der heroischen Schreibart weit uͤbertroffen habe, so muß man es von dieser verstehen. Hr. Pietsch ist auch damit angesteckt: Er suchte seinen Tod und der erboßte Haufen, Der blutbegierig war, muß kaltes Wasser saufen. * ‒ ‒ ‒ Der Scharlach, der dich traͤgt, Hat unsre Treue dir mit Hertzen uͤberlegt. * ‒ ‒ ‒ Wo man das Nacht kan nennen, Wo Fackeln, Ampeln, Licht, u. tausend Hertzen brennen. Man wird keine grosse Muͤhe haben in den Meisterstuͤcken des Hr. Prof. Gottscheds selber dergleichen Plattigkeiten mit Hof- mannswaldauischer Hoheit vermischt anzutreffen. Jn ei- ner Serenate desselben singet die Schamhaftigkeit: Keine von den deutschen Poeten. bestraffet, Der Mangel der critischen Freyheit und der Critick in einem Lande ist ein gewisses und untruͤgliches Kennzei- chen, daß die Seribenten desselben sich nach dem herrschen- den Geschmacke richten; und aus einer bloͤden Gefaͤllig- keit allen ihren Ruhm in dem Beyfalle des grossen Haufens suchen, dessen Geschmack gantz verderbt ist. So lange ein Krancker seine Kranckheit nicht erkennt, so ist keine Hoff- nung zu seiner Genesung: Wie sollte aber der zur Erkennt- niß seines verderbten Zustandes koͤnnen gebracht werden, der alle Erinnerungen nicht nur in den Wind schlaͤgt, son- dern noch daruͤber zoͤrnet? Jch finde in dem XII. St. der Critischen Beytraͤge auf der 614ten Seite ein offenhertzi- ges Bekenntniß von der Nothwendigkeit einer gesunden Cri- tick: „Es ist mit allen Veraͤnderungen des Geschmacks „so gegangen, daß die critischen Kenner zuerst den An- „fang dazu gemacht haben. Man critisiere also alle Ar- „ten der Gedichte so scharf, als man kan. Wenn es nur „nach guten Regeln geschieht; so wird man immer vielen „die so ruͤhrt dieses daher, daß die Leser eben so wenig Scharfsinnigkeit haben, als die Poeten, und, giebt man ihnen nur ein Blat voll Reimen mit abentheurlichen und platten Aus- druͤcken zusammengekuppelt, daß sie daruͤber lachen muͤssen, sich im geringsten nichts um das bekuͤmmern, was wir geschickte Formeln und Redensarten, auserlesene Ausdruͤcke, feine Wahl, u. s. w. heissen Jch will mithin nicht leugnen, daß man in euren Poeten nicht hier D 4 und Keine Laster, keine Flecken, Sollen mir das Liljenkleid Unberuͤhrter Reinigkeit Durch der Liebe Schmutz bedecken, Der auch Schnee zu Dinte macht. Mauvillons Brief und da etliche treffliche Stellen antreffe, doch sind solche sehr duͤnne gesaͤet. Eine Strophe in Guͤn- thers Ode auf Gott hat mir so wohl gefallen, daß mich die Lust angekommen, sie in franzoͤsische Verse zu uͤbersetzen. Vielleicht ist es euch nicht zuwider, daß ich euch diese Uebersetzung zeige. Hier ist sie, und damit ihr desto leichter urthei- len koͤnnet, ob sie der Urkunde gemaͤß sey, so will ich mit eurer Erlaubniß selbige beyfuͤgen. Was willst du mit dem Schatten zancken? Beweiß an staͤrckern deine Macht; Wer wird dir in der Hoͤlle dancken? Ach! Hast du dieß noch nicht bedacht? Hr. von Mauvillon hat die gepriesene guͤntherische Strophe durch seine Uebersetzung viel ertraͤglicher gemacht, und ihr manche Schoͤnheit mitgetheilet, die sie in dem Ori- ginale Du kommst nut Donner, Blitz und Sturm; Wer ist der grosse Feind? Ein Wurm. Ueber- „die Augen oͤffnen, und einer gantzen Nation dienen. Oh- „ne Zweifel hat die Critick der franzoͤsischen Academie uͤber „den Cid des Corneille den Geschmack der gantzen Na- „tion mehr gebessert, als hundert schlechte Stuͤcke vor der „Zeit ihn verwoͤhnt hatten. Geschieht es gleich nicht in „einem Jahre, so ist es gar kein Wunder. Eine Kranck- „heit, die langsam entstanden ist, muß auch langsam „geheilet werden.„ Wie es um die Critick in Deutsch- land stehe, das kan man aus der Geschichte der deutschen Critick in dem I. Stuͤcke dieser Sammlung ersehen, und daraus abnehmen, wie viel Grund die stoltze Aussage habe: „Wenigstens bezeigen doch die haͤufigen Criticken, wel- „che in Deutschsand so ofte zum Vorschein kommen, daß „die Wahrheit aus unsren Grentzen so gantz und gar noch „nicht verwiesen ist.„ XV. St. der Crit. Beyt. Bl. 423. von den deutschen Poeten. Uebersetzung. Grand Dieu, ta justice eternelle Veut-elle se mettre en courroux Contre moi, figure mortelle, Ombre trop vile pour tes coups? Arme plutôt ta main fatale Contre ta puissance infernale, Qui brave la foudre \& l’eclair! Mais à quoi bon ce bruit de guerre, Ces dards, ces carreaux, ce tonnerre, Quand ton Ennemi n’est qu’un Ver? Vielleicht hat kein Franzose noch den Einfall ge- habt, deutsche Verse in franzoͤsische zu uͤbersetzen. Nun bin ich zwar nicht so stoltz, daß ich mich vor einen Poeten halte, doch ist mir lieb, euch da- mit zu zeigen, daß ich kein Vorurtheil wider eure Poeten hege, sondern als gut erkenne und anpreise, was mir so vorkoͤmmt, wie ich es hin- gegen offenhertzig sage, wenn mir etwas schlecht zu seyn duͤncket. Jch erinnere mich bey dieser Gelegenheit, daß der Verfasser der juͤdischen Briefe etwas ange- mercket hat, das ein ziemlich billiges Vorurtheil wider den deutschen Parnaß erwecken muß. Er sagt, daß eure Poeten kein grosses Ansehn ver- D 5 die- ginale nicht hat. Der Gedancke ist kuͤhn und edel; aber er ist nicht eben so neu; sondern dem Heil. Dichter David abentlehnet, dessen Gedichte eine Quelle des Erhabenen sind. Mithin, wenn ich die Wahrheit gestehen soll, so deucht mich die guͤntherische Ausbildung dieses Gedanckes zu frech; Jnsonderheit kan ich die Zeile, Ach! Hast du dieß noch nicht bedacht? die um etwas unverschaͤmt ist, nicht vertragen. Mauvillons Brief dienen, scheine ihm vornehmlich daher glaub- wuͤrdig, Diese Anmerckung des Verfassers der juͤdischen Briefe dienet in der That den Stoltz einiger deutschen Kunst- richter zu demuͤthigen, und ihnen wegen ihrer ruhmraͤthi- gen Großsprechereyen den Mund zu stopfen; da sie sich nicht scheuen, die beruͤhmtesten Nahmen der alten und neuen Verfasser fremder Nationen durch ungeschickte Vergleichun- gen zu verkleinern, um durch diese Verkleinerung ihre poe- tischen Helden zu erheben. Es wird auch den deutschen Kunstrichtern schwer fallen, diese Gleichguͤltigkeit fremder Nationen fuͤr die deutschen Schriften so zu erklaͤren, daß es dem wahren Werth derselben nichts benimmt; da die Deutschen im Gegentheil bey ihrem Stoltze so erpicht sind, den fremden Scribenten ihre Gedancken gleichsam aus dem Munde zu nehmen, und in ihre Sprache einzukleiden. weil nicht einer von ihnen weder ins Franzoͤsische, noch ins Jtalienische, noch ins Englische, noch ins Spanische, noch in sonst eine Sprache uͤbersezt sey; da hingegen Milton, Boileau, Pope, Racine, Tasso, Moliere, und schier alle angesehene Poeten in die meisten Europeischen Sprachen uͤbersetzet worden. Ja, man hat eure Geschichtschreiber und Rechtsge- lahrten, die dessen werth waren, uͤbersetzet, wiewohl dieses eben nicht beweiset, daß alle die, so uͤbersetzet worden, gleich trefflich seyn, weil in Wahrheit nur allzu viele Federn sind, die schlimme Wercke ums Lohn uͤbersetzen. Was aber eure Poeten anlangt, so ist es keine so leichte Arbeit, sie zu uͤbersetzen, weil sie selber sich schier alleine mit Uebersetzen behelffen. Sie sind meistens selbst Uebersetzer: Zeiget mir ei- nen von den deutschen Poeten. nen Schoͤpfer Hr. Magister Schwabe hat in der Vorrede zu sei- nen Belustigungen Bl. 6. eine triftige Apologie der deut- schen Poeten gegen diese Anklage miteinfliessen lassen. Sie lautet also: „Was die so genannten Schoͤpfer unter den „erfindsamen Franzosen betrifft, so werden ihrer, wenn man „die Benennung in ihrem eigentlichen Verstande nimmt, „wohl eben keine groͤssere Anzahl seyn, als unter unsren „Landesleuten. Jhr beruͤhmtester Satirenschreiber Boi- „leau hat die Gedancken des Horatz und Juvenals so gut „zu uͤbersetzen, und fuͤr seine eigene auszugeben gewußt, „als es unser geschickte Satirenschreiber Rachel gekonnt hat; „ihr bester Fabeldichter, la Fontaine, hat nicht mehr eige- „nes, als unser Herr von Hagedorn; und ihr grosser „ Corneille hat noch weniger Antheil an seinem schoͤnen „Trauerspiele, Cid, als sich unser grosse Befoͤrderer der „deutschen Schaubuͤhne von seinem sterbenden Cato aus „Bescheidenheit zugeeignet. Was fuͤr eine Pralerey ist es „denn nicht, wenn man sich mit seinem erfindungsreichen „Geiste in der Dichtkunst so viel weiß? Man darf nur „einmahl ein wenig untersuchen, was fuͤr eigenthuͤmliche „Fruͤchte die franzoͤsische Dichtkunst getragen hat, und „was fuͤr Arten von Gedichten als eingebohrne bey ihnen „anzusehen sind. Sollte es nicht gewissermassen der Ab- „schaum des Witzes seyn? Denn was ist es wohl anders, „das sie in der Poesie ersonnen haben, als Endreime, „ein Rondeau, ein Virelay? Wahrhaftig dieses sind „recht beneidenswuͤrdige Erfindungen des franzoͤsischen „Witzes! Welcher vernuͤnftige Deutsche wollte ihnen die- „se Vorzuͤge nicht gern alleine lassen? Wer wollte ihnen „nicht gern die Ehre goͤnnen, noch mehr dergleichen Schoͤn- „heiten und Seltsamkeiten auszusinnen?„ Jch muß uͤber die seltsame Art dieser Vertheidigung unumganglich zwo besondere Anmerckungen beyfuͤgen, um zu zeigen, wie geschickt auf eurem Parnasse; ich will sagen, zeiget mir einen deutschen Poeten, der Mauvillons Brief der ein vortreffliches Werck, das ein Aufsehen in der Welt gemacht, aus seinem Eigenthum her- geschickt dieser Verfasser ist, die Streitfrage zu verdrehen. Die erste ist, daß er der Benennung eines poetischen Schoͤ- pfers einen weitlaͤuftigern und unbestimmtern Verstand an- dichtet, und dann auf den Grund des comischen Spruͤch- leins, Nil dictum est, quod non dictum sit prius, die Moͤglichkeit eines solchen poetischen Schoͤpfers unter den Menschen, und hiemit auch unter den Franzosen, durch- aus laͤugnet. Die zweyte Anmerckung ist, daß er die Fra- ge von vortrefflichen poetischen und andern geistreichen Schrif- ten auf die Erfindung von gewissen Arten der Gedichte ab- lencket, und durch diese Verdrehung der franzoͤsischen Na- tion zur Last legen will, daß sie ihre geruͤhmte Erfindungs- kraft uͤbel genug anwende. Bisdahin hat jedermann die virgilische Aeneis, (eben wie die Satiren des Despreaux,) fuͤr ein eigenthuͤmliches Werck dieses beruͤhmten Verfassers angesehen, ob er gleich das homerische Gedichte sich zum Muster genommen, und manches schoͤnes Stuͤcke daraus in sein Werck uͤbergetragen, und sich gantz eigen zu ma- chen gewußt hat. Und man fodert nicht ein mehrers von der deutschen Nation, als daß sie eben dergleichen poetische Schoͤpfer, als Maro gewesen, unter ihren Landesleuten aufweise. Allein es sind nicht alle Deutsche so ungerecht und solche Pocher, als Hr. Magister Schwabe ist. Jn dem 11ten St. der Crit. Beytraͤge auf der 205ten Seite liest man: „Die Deutschen sind zuweilen selbst so bescheiden „g wesen, den Auslaͤndern die Ehre der Erfindung zu- „zuschreiben.„ Und in der Vorrede zu dem ersten St. der Crit. Beytraͤge wird folgendes Bekenntniß abgeleget: „So weit es unsre Nation in Vertilgung der alten Bar- „barey, und in Abschaffung des vormahligen scythischen „und gothischen Geschmackes in allerley Dingen gebracht: „So wenig kan sich dieselbe ruͤhmen, daß sie es darinnen „ihren suͤdlichen und westlichen Nachbarn, ich meine den von den deutschen Poeten. hervorgebracht habe. Jch fodere euch darauf heraus. Man „den Jtalienern, Franzosen, Hollaͤndern, und Engel- „laͤndern, alldereit gleich gethan haͤtte. Und dieses ist „gar kein Wunder. Es gehoͤrt mehr als ein Jahrhun- „dert dazu, wenn ein gantzes Volck aus seiner natuͤrli- „chen Rauhigkeit nnd Barbarey gerissen werden soll. ‒ ‒ „Franckreich ist spaͤter, als die Jtaliener, zu demjeni- „gen Grade der Vollkommenheit gelanget, den wir „bisher diesem Volck haben zugestehen muͤssen. ‒ ‒ ‒ ‒ „Wir Deutschen haben uns hundert Jahre spaͤter beson- „nen, seit dem nemlich der unsterbliche Opitz ‒ ‒ ‒ ei- „nen gantz andern Geschmack eingefuͤhret hat. ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ „Doch Opitz ist noch nicht hundert Jahre todt, und es „fehlt noch viel daran, daß wir uns andern benachbar- „ten Voͤlckern an die Seite setzen koͤnnten. Die Anzahl „schoͤner Schriften in unsrer Muttersprache ist noch sehr „klein. Die Meisterstuͤcke unsrer Poeten erstrecken sich „nur erst bis auf die kleinern Gattungen der Gedichte, „ ja auch darinn sind die regelmaͤssigen und untadelichen „noch nicht sehr haͤufig zu haben. Die Beredsamkeit „hat gleichfalls kaum die Kinderschuhe vertreten, muß „auch noch etwa ein halbes Jahrhundert Zeit haben, ehe „sie zu einem maͤnnlichen Alter gelangen wird. ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ „Seichte Geister sehen alle unsre Scherben vor Edelge- „steine an; Wer aber die wahren Vollkommenheiten „der Auslaͤnder nach den Regeln der Vernunft und Kunst „kennen gelernet, der kan sich nicht enthalten, unsren „Eigenduͤnckel mit Erbarmen, und die daher entstehen- „de Nachlaͤssigkeit mit einigem Unwillen anzusehen.„ Und in eben diesem ersten St. auf der 137sten Seite stehet folgendes Zeugniß: „So schmeichelhaft es unsrer Ei- „genliebe klinget, wenn wir es unsrem Vaterlande in „dem iztlaufenden Jahrhundert zum Lobe nachsagen, daß „darinnen alle Kuͤnste und Wissenschaften auf den hoͤch- „sten Mauvillons Brief Man wird vielleicht glauben, weil eure Poe- ten sind gantz und gar auf das Uebersetzen gele- get „sten Gipfel der Vollkommenheit gebracht worden: So „wenig kan man dieses glauben, wenn man dieselben stuͤck- „weise durchgehet, und die vermeinten Meisterstuͤcke, „die dasselbe hervorgebracht, mit critischen Augen betrach- „tet. Wer sollte es z. Ex. nicht dencken, daß wir in „der Poesie, nach einer solchen Menge von Poeten, als „Deutschland aufweisen kan, einen grossen Vorrath schoͤ- „ner Muster haͤtten, die wir in allen Gattungen der „Gedichte zeigen koͤnnten? Gleichwohl fehlt es uns in „den allerwichtigsten Theilen derselben, ich will nicht sa- „gen an vollkommenen, sondern nur an ertraͤglichen „Proben. Jn Heldengedichten haben wir noch nichts, „als den Wittekind; wieviel aber von demselben zu hal- „ten sey, wollen wir mit ehestem in einem eigenen Ar- „tickel anzeigen. Jn Tragoͤdien haben wir noch nichts „in oͤffentlichem Drucke, als Lohensteins und des aͤltern „ Gryphii Stuͤcke: die wir auch bey Gelegenheit nach „den Regeln untersuchen wollen. Jn Comoͤdien haben „wir ausser ein Par Stuͤcken von gedachtem Gryphius, „nichts als Riemers und Weisens Comoͤdien, so in eini- „gen Ruhm gekommen sind. Gleichwohl sind auch diese „so schlecht nach den theatralischen Regeln eingerichtet, „daß man sich wundern muß, wie sie sich so lange in der ein- „mahl erlangten Hochachtung erhalten koͤnnen. Alle „diese Stuͤcke aber sind in dem vorigen Jahrhundert ver- „fertiget worden, und da wir in den 30. Jahren des „itzigen, anstatt dieser unvollkommenen Versuche was bes- „sers sollten geliefert haben; so haben wir nichts als etliche „Schocke Opern aufzuweisen; eine poetische Mißgeburt ꝛc.„ Will aber jemand ein neueres Zeugniß, so kan ich aus dem XXII. St. der Beytraͤge eins anfuͤhren: Es heißt daselbst auf der 466sten Seite: „Jch weiß es nicht zu „sagen, wie mir meine Landsleute, die Deutschen, in „An- von den deutschen Poeten. get haben, daß sie in diesem Stuͤcke Wunder gethan „Ansehung ihres Geschmacks vorkommen. Sie bezeigen „eine Neigung zu allen Arten des Sinnreichen, eben so „wohl als ihre Vorgaͤnger die Alten, und ihre Nachbarn, „die uͤbrigen Europeer: Aber hierinnen finde ich einen „grossen Unterschied, daß jene allemahl selbst gearbeitet, „und sich dabey keine Regeln vorgeschrieben, als solche, „die theils die gesunde Vernunft, und die Bequemlich- „keit in der Ausarbeitung, theils der Wohlstand in der „Ausuͤbung, erfoderten. Diese aber scheinen sich fast „vor eigenen Arbeiten zu fuͤrchten, und lassen sich an „sclavischen Nachahmungen und Uebersetzungen begnuͤ- „gen; legen sich aber dabey so schwere und fast nicht zu „uͤbersteigende Regeln auf, daß sie mit Widerwillen ar- „beiten, schwer und unverstaͤndlich werden, endlich auch „der Natur Gewalt thun.„ Jch lasse nun meine Leser selbst urtheilen, ob Hr. Mauvillon nicht bescheidener von unsren deutschen Poeten und ihren Unvollkommenheiten ge- redet habe, als diese deut chen Kunstrichter selbst. Ehe ich aber diese Anmerckung beschliesse, muß ich noch etwas mit zweyen Worten uͤber die aus Hrn. M. Schwaben Vor- rede zu seinen Belustigungen oben angefuͤhrte Vergleichung Rachels mit Boileau, Hagedorns mit la Fontaine, und Gottscheds mit Corneille anmercken. Was den Hrn. von Hagedorn anlanget, so wird er hier mit la Fontaine in ei- ne Linie gesezt; in dem XXII. St. der Beytr. Bl. 299. u. f. aber weit unter den Stoppe, der ein eben so schlechter Fa- beldichter als Triller ist, hinuntergesetzet: Beydemahl mit Unrecht, wie er selbst erkennt. Und wer des Hrn. von Hagedorn und Stoppens Fabeln mit Verstande und cri- tischer Einsicht gelesen hat, wird das verkehrte und haͤmi- sche Urtheil, welches in dem angezogenen Orte der Bey- traͤge Bl. 300. 304. u. 306. gefaͤllet wird, nicht ohne Ver- druß lesen. Jm uͤbrigen schaͤme ich mich fuͤr die deutsche Nation, daß sie an Schwaben einen so ungeschickten Ver- fechter Mauvillons Brief gethan haͤtten. Jm geringsten nicht. Jch muß doch zur Befestigung dieser Anklage ein Paar Exempel von dergleichen deutschen Uebersetzungen beybringen. Hr. Gottsched uͤbersezt das bekannte Horatzische Nil tanti est, ergo fungar vice Cotis; acutum Reddere quæ ferrum valet, exsors ipsa secandi, folgendermassen: Doch Grillen! weg damit! Jch trachte, den Poeten Hinfort ein Sporn zu seyn, ein Wetzstein ihrer Floͤten. Wenn er Horatzen mit Fleisse haͤtte verkleiden und laͤcherlich machen wollen, so haͤtte er es kaum besser treffen koͤnnen. Das exsors ipsa secandi, welches doch der Grund von dieser horatzischen Vergleichung ist, ist gaͤntzlich aus der Acht Sie haben die besten Franzoͤsischen, Englischen und Jtaliaͤnischen Originale verderbt. Unsre dra- matische Gedichte beweisen dieses nur allzu merck- lich; man kennet sie in eurer Sprache nicht mehr. Es sind ungefehr dieselben Begriffe, aber un- gemein matt ausgedruͤcket. Allein fechter hat, der Gottscheden, weil er aus de Champs und Addissons Tragoͤdien seinen deutschen Cato zusammen- geleimt, und beyde verderbt hat, zu einem Corneille ma- chen will: Eben so laͤcherlich, als wenn ein Schuͤlerknabe, der einmahl ad imitationem Ciceronis componiert hat, sich schmeicheln wollte, daß ihm Cicero in der Zierlichkeit der lateinischen Schreibart weichen muͤßte. Der ungenannte Versasser des poetischen Schreibens uͤber die Lettres Ger- maniques in dem XXIII. St. der Beytr. muß Bl. 520. u. 521. wenn er auf die deutschen Schoͤpfer koͤmmt, seine Zu- flucht zu einem Schweitzer., dem philosophischen Hrn. Hal- ler, nehmen, sonst weiß er keinen anzufuͤhren, wiewohl er Gottsched gern an Hallers statt angefuͤhrt haͤtte, wenn er solches von seinem Gewissen haͤtte erhalten koͤnnen. von den deutschen Poeten. Allein ihr wuͤrdet mich einer Uebereilung be- zuͤchtigen, wenn ich nicht ein Exempel davon anfuͤhrete. Derowegen muß ich euch zeigen, daß ich ohne Hitze schreibe, und euch meinen Satz beweisen. Jch will euch aber nur ein ein- ziges Muster vor Augen legen, denn ich habe keine Lust mich hieruͤber weitlaͤuftig einzulassen, E wel- Acht gelassen worden. Und der Wetzstein der Floͤten koͤnn- te nicht possierlicher seyn. Jch muß auch der schoͤnen Stelle des Boileau erwaͤhnen: Ma bile alors s’échauffe, \& je brule d’écrire: Et s’il ne m’est permis de le dire au papier; J’irai croiser la terre, \& comme ce Barbier, Faire dire aux roseaux par un nouvel organe, Midas, le Roi Midas a des oreilles d’Ane. Wie viel verliehret dieses nicht an Schoͤnheit und Farbe in der Satyre, welche in der gottschedischen Dichtkunst die erste ist? Bl. 556. Ja sollt es einst geschehn, daß unsre Dichterschaar So lang an Ohren waͤr, als vormahls Midas war: So wuͤrde man, wie dort, aus den beschilften Roͤhren Den Ruf: Dies tolle Volck hat Eselsohren! hoͤren. Die Gottschedische Uebersetzung in der deutschen Jphigenie machet, daß ein Held, welcher in der Geschichte nicht als ein Zwitter bekannt geworden, ein Toͤchterlein empfaͤngt: Thesée avec Helene uni secrettement Fit succeder l’hymen à son enlevement, Une Fille en sortit. \&c. ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ Als vormahls Theseus einst mit Helenen entgieng, Und aus geheimer Lieb’ ein Toͤchterlein empfieng. Es ist mehr als wahrscheinlich, daß nicht Theseus, son- dern Helena aus geheimer Liebe ein Toͤchterlein empfangen habe. [Crit. Sam̃l. V. St.] Mauvillons Brief welches nur euch und auch mir beschwerlich seyn wuͤrde. Jch will den angesehnsten von allen eu- ren Uebersetzern auslesen. Unter diesen Herren gehoͤrt Neukirchen ohne Zweifel der erste Rang; Jn dem XIX. St. der Critischen Beytraͤge, auf der 519ten Seite heißt es: „Der sel. Hr. Neukirch hat auf „dem deutschen Parnaß schon vorlaͤngst einen solchen Rang „erhalten, daß man alles, was aus seiner Feder gefloͤssen „ist, nicht ohne Beyfall und Ergetzung zu lesen pfleget.„ Und im XIII. St. Bl. 125. „Daß Neukirch einer von „unsren staͤrcksten Poeten gewesen, das ist einem jeden „Liebhaber deutscher Gedichte bekannt. ‒ ‒ ‒ Denn „seitdem er in Berlin, nach dem Exempel des grossen „Canitz, die Natur zur Fuͤhrerinn genommen, hat er al- „len alten Kuͤnsten gute Nacht gegeben, und die Exem- „pel der besten franzoͤsischen Poeten so gluͤcklich nachgeah- „met, daß er sie in vielen Stuͤcken uͤbertroffen.„ Zwar findet sich in dem XXIV. St. Art. II. Bl. 605. ein Urtheil, das dem eben angefuͤhrten gaͤntzlich widerspricht; [wel- ches seine Uebersetzung des Telemachs hat ihm ei- nen grossen Nahmen gemachet. Dieser Poet war habe. Ueberhaupt ist die deutsche Jphigenia so beschaffen, daß sie zu einem Beweise dienet, wie Hr. Prof. Gottsched die Franzosen so treulich uͤbersetzet, als die Franzosen, nach seinem Sagen, die Griechen und Lateiner uͤbersetzen. Jch werde darum auch naͤchstens die Muͤhe nehmen, und die Jphigenia des Racine und die gottschedische Uebersetzung gegen einander halten, und in deutlichen Proben zeigen, wie oft der Franzose in seinem Uebersetzer gefunden oder vermißt wird; denn diese Arbeit ist fuͤr eine Anmerckung zu weitlaͤuftig. Nur kan ich es hier nicht ungeantet lassen, daß diese deutschen Puristen erst neulich dem beruͤhmten Bayle ein Woͤrterbuch zugeleget haben. von den deutschen Poeten. war bey einem jungen Printzen Hofmeister ge- wesen, dem zu gefallen er diese Arbeit uͤber sich genommen, und mit historischen und morali- schen Anmerckungen bereichert hat. Er mochte sie nicht vollends zum Stande bringen, Hier irret Hr. Mauvillon, und mag ihn wohl zum Theil die Nachricht, welche in dem XIII. St. der Crit. Bey- traͤge Bl. 123. vorkoͤmmt, betrogen uud verfuͤhret haben. Es wird aber dieselbe in dem XXIV. St. Art. II. Bl. 601. widerruffen. er war noch nicht weit uͤber die Helfte, als er im Kopf verruͤcket ward. So unvollendet sie ist, wird sie doch von den Deutschen ungemein ge- priesen, und vor ein Meisterstuͤcke angesehen. Jch will eurer Nation ihr Urtheil nicht wieder- sprechen; sondern glauben, daß Neukirch die- ses Lob verdiene, allermassen man hier nicht ge- wohnt ist, bessere Uebersetzungen zu sehen, als die seine ist. Aber ich kan mich nicht enthalten zu sagen, daß des Herrn von Fenelon Werck in dieser Uebersetzung viel verlohren Jch kan die Leser desfalls neben dem wenigen, so Hr. , und E 2 Hr. ches in diesen Beytraͤgen eben nicht gar ungewohnt ist,]; denn ob er gleich ein grosser Dichter Deutschlands genennet wird, der aller Hochachtung werth sey, so heißt es doch von seinem deutschen Telemach: „Allein es sind darinn „so viel matte Ausdruͤcke, langgedehnte Perioden, und „solche Unrichtigkeiten im Sylbenmaasse, daß wir mit „Recht wuͤnschen koͤnnen, daß Neukirch die Arbeit 20. „Jahre eher angefangen haben moͤchte.„ Doch wird er von Hrn. Prof. Gottscheden in eben diesem XXIV. St. auf der 659sten Seite unter die grossen Dichter Deutsch- landes gezehlt. Mauvillons Brief Hr. Neukirch ihm oͤfters solche Linien geliehen hat, welche wahrhaftig seinen Werth nicht er- heben. Jch finde eine solche Stelle im ersten B. wo Calypso den Sohn Ulysses instaͤndig er- sucht, daß er ihr seine Begebenheiten erzehlete. Der junge Fuͤrst will ihr ungeduldiges Verlan- gen stillen, und faͤngt die Erzehlung seiner Ge- schichte mit diesen Worten an. ꝛc. Dieses alles wird von dem Herrn von Fenelon so geschickt vorgestellet, daß man sich einbildet, man hoͤre Telemachen selber reden. Jm Neukirch sehen wir nichts dergleichen. Man daͤchte er haͤtte diese Stelle verdrehen wollen, damit sie possier- lich herauskaͤme. Seine Worte lauten auf franzoͤsisch: ‒ ‒ ‒ Mes malheurs, repon- dit Telemaque à la Deesse, sont trop longs \& trop pleins de lamentations, pour meri- ter votre curiosité. Non non, reprit-elle, avec flatterie, je meurs d’envie de les enten- dre. Elie le pressa encore longtems avant que de pouvoir le faire parler, tant il avoit le cœur serré: Mais enfin il se laissa persua- der; ET A CE QU’ON DIT ET QU’ON CROIT, IL PARLA DE LA SORTE. Und Hr. Mauvillon anfuͤhret, auf die genauere critische Unter- suchung verweisen, die in der neuen Critischen Dichtkunst Hrn. Prof. Breitingers im 2ten Theile, in dem Abschnitt von der Uebersetzung Bl. 182. u. f. zu finden ist. Und wer ein Muster von dem Neukirchischen gereinigten Feuer und Geschmack gepruͤft sehen will, der ziehe gedachten Verfas- sers Werck von den Gleichnissen, und daselbst den lezten Abschnitt zu Rathe. von den deutschen Poeten. Und wie man sagt und glaubt hat er also gesprochen. Ha, wie zierlich ist dieses! Es hat etwas so pos- sierliches in sich, das mich aus mich selber setzt. Es gehoͤrt ein gluͤckliches Naturell dazu, wenn man das Possierliche mit dem Erhabenen geschickt vermischen soll; und eben in diesem Stuͤcke sind die deutschen Poeten vortrefflich. Wenn ich die- se Worte Neukirchs lese, so duͤnckt es mich, ich lese ein Maͤhrgen im La Fontaine, in welchem nicht viel uͤbrige Wahrscheinlichkeit ist; und wo dieser scharfsinnige Verfasser mir sagt, daß er vor die Geschichte nicht gut stehen wolle, wel- ches er in seiner marotischen Schreibart so vor- traͤgt, er gebe sie, wie er sie eingenommen habe. Das Mißtrauen, welches La Fontaine dadurch bey dem Leser erwecket, belustiget ihn eben so sehr, als die Geschichte selbst. Aber was in einem Maͤhrgen artig ist, das ist in ei- nem heroischen und ernstlichen Gedichte, wie Neukirchs seines ist, etwas recht scheußliches. Jch wuͤrde niemahls fertig werden, werthe- ster Freund, wenn ich alle die platten Stellen aussetzen sollte, die ich in euren beruͤhmtesten Poeten gelesen habe. Jch weis deren noch eine Menge im Neukirchen, im Opitzen Jch muß diese Anmerckung wiedmen, den Vater der deutschen Poesie, den grossen Opitz, und seinen getreuen Schuͤler den Canitz, aus dem Haufen der matten Poeten Deutschlandes zu sondern, und zum Theil gegen den Hr. Mauvillon zu vertheidigen. Opitz hat das Zeugniß des gros- , im Gottscheden, im Kahnitzen; Brocks selbst ist E 3 davon Mauvillons Brief davon nicht gereiniget, ungeachtet er vielleicht de- ren am wenigsten hat, indem er sich den Geschmack an die frantzoͤsischen und englischen Poeten ge- woͤhnt hat: Und ich kan ihm die Stelle nicht ver- grossen Leibnitzen verdienet; dieser sagt von ihm in den Ge- dancken von der Verbesserung der deutschen Sprache: „Der treffliche Opitz, so bey uns, wie Virgil bey den „Roͤmern, der erste und lezte seines Schrots und Korns „gewesen.„ Dieser vortreffliche Opitz ist bald 80. Jahre in Deutschland fast unbekannt geblieben, bis die Zuͤrchi- schen Kunstverstaͤndigen den Werth desselben angepriesen; welches so viel gefruchtet hat, daß die Deutschen allmaͤhlig angefangen, seinen Vorzug vor einer grossen Menge schlech- ter Poeten von schlimmem Geschmacke zu erkennen; wie dann Hr. Prof. Gottsched in der Vorrede zu den Crit. Beytraͤgen folgendes Zeugniß von ihm abgeleget: „Der „unsterbliche Opitz hat in allem, was unsre Sprache, „und die edelsten unter allen freyen Kuͤnsten angehet, „einen gantz andern Geschmack eingefuͤhret. Er sahe „damahls die Muster der Franzosen und Niederlaͤnder „schon in grosser Vollkommenheit vor Augen, und da er „mit den alten Griechen und Roͤmern durch ihre Schrif- „ten so viel Bekanntschaft hatte, so schmerzte es ihn, die „Schriften seiner Nation noch in so unfoͤrmlicher Gestalt, „und seine Muttersprache in solcher Rauhigkeit zu sehen. „Er gieng daher einen zu seiner Zeit in Deutschland gantz „neuen Weg, und brach allen seinen Nachfolgern so „gluͤcklich die Bahn, daß wir die grosse Veraͤnderung, so „dadurch entstanden, nicht genugsam bewundern koͤn- „nen. Doch Opitz ist noch nicht 100. Jahre todt, und „wir sind mit der Ausfuͤhrung eines so grossen Werckes, „als die Verbesserung des Geschmacks der Deutschen ist, „ kaum bis auf die Helfte gekommen.„ Ohne Zweifel versiehet er durch den ungewissen Ausdruck kaum bis auf die Helfte, einen ziemlichen Grad weniger, als die Helfte: Deutsch- von den deutschen Poeten. verzeihen, wo er den milden Ueberfluß eines ge- wissen Jahres damit in ein hohes Licht setzen wol- len, daß er angezeiget hat, man habe das paar Lerchen um zween Dreyer bekommen koͤnnen. E 4 Aber Deutschland hat noch keinen Poeten, der Opitzen in allen Stuͤcken gleichkomme, und wenige, die ihn auch in den schlechtesten uͤbertreffen. Canitz, Haller, und Brockes, und der leztere zwar nur in einigen Stuͤcken, haben sich sei- ner Hoͤhe genaͤhert. Was zwar den aͤusserlichen Aufputz des Verses, und die Richtigkeit des Sylbenmaasses an- langt, gestehe ich gerne, daß die Neuern mehr Kuͤnstlich- keit zeigen, und will dieses nicht in die Rechnung bringen. Jch mag insbesondere einraͤumen, daß seine Sprache und sein Sylbenmaaß in den Uebersetzungen mehr Reinigkeit und Putz haben koͤnnten, wiewohl er eben darinnen man- che Eigenschaft, manche Metapher, in die deutsche Spra- che heruͤbergebracht hat, deren Gruͤndlichkeit, Kraft und Nachdruck noch von den wenigsten deutschen Poeten und Kunstrichtern erkannt worden. Jch rede hier nur von dem, was das Wesen der Dichtung eigentlich ausmachet. Darinn besteht Opitzens Staͤrcke; die geschickt angebrachten Bil- der, die Neuigkeit in denselben, die Zierlichkeit in den Ge- dancken, sein poetisches Naturell, das sich in die Ausbil- dung der schlechtesten Materien ergiesset, die Verbindung seiner poetischen Vorstellungen zu einem Ende, das er stets im Gesichte behaͤlt, die genaue Uebereinstimmung der Af- fecte, die er erwecket, mit dem Vorhaben und den Sachen; das sind die Dinge, die ihn uͤber alle andern Poeten erheben. Und diese finden wir in seinem Vesuvius, dem Lobgedichte auf den Koͤnig in Polen, Zlatna, und andern Gedichten, wo er nach seinem eigenen freyen Geiste geschrieben hat. Was Hrn. Mauvillon vermocht hat, ihn wegen eingemisch- ter possierlicher Einfaͤlle oder Ausdruͤcke unter ernstliche mit Gottsched und Neukirchen in eine Linie zu stellen, sind ver- muthlich einige Stellen im Lob des Kriegesgottes Mars, wo man Mauvillons Brief Aber wie koͤmmts daß eure Nation nicht ein eintziges theatralisches Stuͤcke, Jch bekraͤftige dieses mit einem Zeugnisse aus dem X. St. der Crit. Beytr. Bl. 274. „Es ist Hrn. Gott- „sched nichts weniger in Sinn gekommen, als die heuti- „ge deutsche Schaubuͤhne mit allen ihren Staatsactio- „nen und Possenspielen zu vertheidigen. Die gute Tra- „goͤdie und Comoͤdie ist noch zur Zeit in Deutschland nicht „recht zu Hause. Was fuͤr elendes Zeug wird nicht von „den gemeinen Comoͤdianten uͤberall aufgefuͤhret? Und „wer kan es leugnen, daß oft noch weniger Verstand „und Ordnung, Geschmack und gute Sitten darinnen „herrschen, als in den heutigen Opern? ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ „Diese Art Schauspiele ist noch so gemein in Deutschland „nicht, daß man sie NB. unsre deutsche Schaubuͤhne nen- „nen koͤnnte. Sie ist noch gleichsam als ein Gast auf „fremdem Boden anzusehen; so lange wir uns mit lau- „ter Uebersetzungen fremder Stuͤcke behelffen muͤssen. „Denn der deutschen Originale giebt es leider! noch so „wenige, daß man kaum eine Woche lang gute deutsche „Stuͤcke wuͤrde spielen koͤnnen.„ das nur einigen Werth habe, aus ihrem Eigenthum an den Tag bringen kan? Wo wollte sie es herneh- men? Eure Poeten legen sich schier allein auf kleine Gedichte, und oͤfters auf elendes Zeug. Jn dem XIX. St. der Crit. Beytraͤge Bl. 443. „Was diejenigen betrifft, die sich auf. die Dichtkunst le- „gen Die Gedichte, die Brockes geschrieben, gehoͤ- man sich aber erinnern muß, daß dieses nur ein ironisches Lob ist; das Gespoͤtte herrschet darinnen, doch so, daß es zu keiner baͤurischen Grobheit hinunterfaͤllt. Der Poet sagt darum selbst in der Zuschrift: Absit à nobis illicita verbo- rum Lascivia. ‒ ‒ Aristophani, Plauto, Juvenali suam linguam relinquamus. Christiano parcius delirandum est. von den deutschen Poeten. gehoͤren zu der lirischen Art; seine Vorgaͤnger haben kaum was anders gemachet, als Hoch- zeitgedichte, etliche falschgenannte Oden, etliche Weihnachts- und andre Gesaͤnge; dazu kommen dann noch die Arien, und hoͤher haben es die deut- schen Musen mit allem ihrem Bestreben nicht brin- gen moͤgen; nemlich, was Originale anlangt. Jch weis kein Land, wo die Schwoͤstern des Apol- lo sich so unverschaͤmt feil bieten, als in diesem. Kein Schuster haͤlt Hochzeit, der nicht sein Hoch- zeitgedichte nett und zierlich gedruͤckt bekomme. Jn Franckreich ist der Druck die Klippe, woran die mittelmaͤssigen Poeten gemeiniglich scheitern. Hier ist es anderst. Da man hier ohne Ge- schmack liest, so laͤuft niemand in Gefahr, der etwas in den Druck giebt. Darum ist auch keine Nation, die eine so grosse Anzahl Poeten und Redner aufweisen koͤnne, wie diese. Die Redner erinnern mich hier an die laͤcher- liche Gewohnheit, die allhier herrschet, auf je- des Begraͤbniß eine Leichrede zu halten, auf das Absterben eines Hufschmieds sowohl, als eines Generals. Gestern gieng ich in eine Kir- che hinein, in der Hoffnung daß ich uͤber einen moralischen Lehrsatz wuͤrde predigen hoͤren. Aber ich fand mich uͤbel betrogen. Man hielt eine E 5 Leich- „gen; so ist es freylich eine lange Zeit her in Deutsch- „land dabey geblieben, daß man sich bey den Reimarten, „dem Sylbenmasse, dem Wohlklang, der Wortfuͤgung, „und kurtz um die aͤusserliche Gestalt der Verse Muͤhe ge- „geben.„ Sonst kan man nachsehen in der Anm. (N) . Mauvillons Brief Leichrede auf ein Bauerweib, das vor zween Tagen gestorben war. Der Redner lobete ih- re Treue gegen ihren Ehmann, ihre Haͤuslich- keit und s. w. Ach, sagte er, wie geschickt wußte sie nicht die Kuͤhe zu melken! Jhre Haͤn- de, die doch von vielem Arbeiten gantz hart waren, verursachten diesen armen Thieren nicht den geringsten Schmertzen. Sie war auch so reinlich, daß man niemahls das kleinste Staͤub- gen in der Milch gefunden, welche man bey ihr gekaufet hatte. Jhr muͤsset mir doch geste- hen, mein werthester Herr, daß die Poesie und die Beredtsamkeit, so sie zu diesem Gebrauche angewendet werden, nothwendig vieles von ih- rer Wuͤrde verliehren muͤssen; und daß den Poe- ten, sowohl als den Rednern, nothwendig etwas von der Niedertraͤchtigkeit ihrer Materien an- kleben muß, da denn die groben und poͤbelhaf- ten Gedancken, welche sie damit an sich genom- men haben, sich hernach auch in hoͤhern Mate- rien einschleichen werden. Warum finden denn die Deutschen nicht so viel Geschmack an den Wissenschaften, als an der Kriegeskunst? Glauben sie, es sey genug, daß eine Nation kriegerisch sey, wenn sie von der andern geehret, und von der Nachwelt ge- lobet werden solle? Oder bilden sie sich ein, wie die alten Gothen, daß ein Volck, welches den Kuͤnsten und Wissenschaften ergeben ist, kei- ne guten Soldaten haben koͤnne? Und daß alle diejenige, welche sich in ihrer Kindheit vor der Ruthe gefuͤrchtet haben, in ihrem maͤnnli- chen von den deutschen Poeten. chen Alter den Muth niemahls haben werden, einen gezuͤckten Degen zu trotzen? Jch halte sie vor vernuͤnftiger; denn sie wissen wohl, daß keine Nation den Griechen und den Roͤmern an kriegerischem Muth und Kunst gleich gekommen, und daß dennoch keine Nation die Wissenschaf- ten mehr geliebet hat, als diese beyden. Was soll man indessen davon dencken, daß man hier so wenig Gelegenheit hat, sich in den Kuͤnsten vollkommen zu machen, und daß man so nachlaͤssig ist die geschickten Koͤpfe zu einem edeln Eifer an- zureitzen? Und was soll ich von der Verach- tung sagen, welche gewisse vornehme Herren gegen die Gelehrten haben, von den verhaßten Nahmen, womit sie dieselben belegen, und dem Schimpfe, den sie ihnen damit erweisen, daß sie dieselben mit ihren Hofnarren in eine Linie setzen? Jn Franckreich pflegt man gewisse Preise auf- zusetzen, die Gelehrten zu einem ruͤhmlichen Wett- streit aufzumuntern; und vielleicht muntert sie nichts so sehr auf, als die Hochachtung, in der sie bey der gantzen Nation stehen, und die Ehr- beweisungen, so sie von den Grossen insbeson- dere empfangen. Zeiget mir in Deutschland eine einzige Stif- tung, wie diejenigen sind, die wir in Franck- reich zum Aufnehmen der Wissenschaften haben. Zeiget mir in dieser grossen Anzahl von fuͤrstli- chen Landesherren im Roͤmisch deutschen Reiche drey oder vier, welche die Wissenschaften oͤffent- lich in Schutz nehmen, und mit ihrer Freyge- big- Mauvillons Brief bigkeit diejenigen aufmuntern, die sich vor an- dern hervorthun. Jch bin es zufrieden, daß die Fuͤrsten den Krieg lieben; daß sie ihre Trup- pen fleissig mustern, daß sie dieselben sorgfaͤltig kleiden, sorgfaͤltig exercieren, sorgfaͤltig un- terhalten, ich habe nichts dagegen: Aber man entweihe die Wissenschaften nicht, man beschim- pfe sie nicht in so weit, daß man Hofnarren auf Professorcathedern stelle. Die regierenden Fuͤr- sten, und vornehmlich die, welche Helden heis- sen wollen, muͤssen niemahls vergessen, was Horatz sagt: Vor Agamemnon haben dapfere Maͤnner gelebet, derer Nahmen doch mit ih- nen untergangen seyn, weil kein Scribent sie der Nachwelt bekannt gemachet hat. Ein Fuͤrst muß die Gelehrten werth halten, sie schuͤtzen, und, wenn ich es sagen darf, ehren, wo nicht aus Zuneigung, doch aus Politick; denn sie muͤssen ihn mit der kuͤnftigen Welt bekannt ma- chen, und ihnen ist ihr Ruhm und ihr Nahme anvertraut. Jch wuͤrde zuweit verfaͤllen, wenn ich allen denen Betrachtungen, so mir uͤber diese Ma- terie in den Sinn kommen, Platz geben wollte. Jch fuͤhle und empfinde noch viele Wahrheiten, die ich bey mir selbst behalten muß, ein kuͤhne- rer Mensch, als ich bin, mag sie zu Papier bringen. Anfang von der deutschen Philosophie. Anfang des Briefes von dem Fort- gang der Philosophie in Deutschland. J Ch habe euer Schreiben diesen Augen- blick empfangen, und ich beantworte es ohne einigen Anstand, um so viel lieber, weil der Medicus mir wegen einer kleinen Un- paͤßlichkeit, die mich gestern Abends angestos- sen, das Lesen und starcke Nachdencken verbo- ten hat. Jch konnte wohl vorhersehen, daß ihr mit demjenigen, was ich von euren Poeten geschrie- ben habe, nicht gar wohl zufrieden seyn wuͤrdet; indessen glaubte ich nicht, damit ich offenhertzig mit euch rede, daß ihr die Muͤhe nehmen wuͤr- det, sie zu vertheidigen. Jhr meinet, ihr ha- bet mich rechtschaffen widerleget, daß ihr in ei- ner Gegenbeschuldigung die franzoͤsischen Poeten dessen bezuͤchtiget, Jch beziehe mich hier auf die obige gantze Anm. N. Und ich wundere mich, daß Schwabe, da er hier zum voraus seine voͤllige Abfertigung empfangen hat, doch noch so keck seyn, und eine so elende Ausflucht wie- der hervorsuchen duͤrfen. was ich von den Deut- schen gesagt habe, nemlich daß sie blosse Ueber- setzer waͤren. Jhr saget, unsre Poeten seyn nichts anders, nur mit dem Unterschiede, daß sie die Alten uͤbersetzet haben, anstatt daß die Deutschen nur die Neuern uͤbersetzen. Wenn Mauvillons Brief Wenn ihr nicht ein guter Freund, sondern ein Widersacher waͤret, so wuͤrde ich euch mit aller Aufrichtigkeit sagen, daß die deutsche Na- tion, wofern sie keinen bessern Verfechter hat, als euch, zum wenigsten was die Feder anlangt, in grosser Gefahr steht, den Proceß zu verlieh- ren. Jst es moͤglich, daß ihr nicht begriffen habet, daß den Geschmack der Alten wieder zu eineuern, und sie einigemahl nachzuahmen, gantz was anders ist, als sie zu uͤbersetzen? Wenn ihr den Telemach anfuͤhret, als eine Uebersetzung der Odyssee, und damit den Neukirch retten wollet, so muß ich mit eurer Verguͤnstigung zweifeln, daß ihr jemahls den Homer gelesen habet. Dieser griechische Poet hat dem Hr. von Fenelon nichts weiter geliehen, als den Stof zu seinem Wercke. Etliche Linien, die im Homer hier und da zerstreut sind, waren die Grundfeste, worauf dieser gelehrte Prelat seinen schoͤnen Roman gebauet hat, welchen man alle- zeit bewundern wird, es mag Voltairen noch so sehr verdriessen. Die Prosa in demselben gleicht schier der Pracht und Majestaͤt der Poesie. Jch sage es noch einmahl, Homer hat dem Ertz- bischof von Cambrai nur die Nahmen und Cha- racter derjenigen geliehen, welche er in seinem Werck aufgefuͤhrt; denn er hat uͤbrigens in den meisten Handlungen, die er von ihnen erzehlt, nichts mit dem griechischen Poeten gemein. Aber wozu dienet es, daß ich mich hieruͤber aufhalte? Jst dieses jemanden verborgen? Und kan man es leugnen, wofern man nicht frey- willig von der deutschen Philosophie. willig taub seyn will? Jch sage euch ohne Um- weg, entweder widerleget mich besser, oder menget euch nicht ins Widerlegen; denn ich schaͤme mich wahrhaftig fuͤr euch, daß ihr so schlechte Gruͤnde vorbringet. Folget mir, und uͤberlasset euren Poeten die Sorge, sich selber zu vertheidigen. Sind ihre Wercke gut, so wird alles, was ich von ihnen gesagt habe, und noch weiter sagen koͤnnte, ihnen nicht den ge- ringsten Nachtheil bringen: Aber wenn sie nichts taugen, so werde ich trutz allen denen recht be- halten, welche gerne das Gegentheil behaupten wollten. Niemahls wird die boshafte Neigung eines Kunstrichters dem Ruhm eines geschickten Werckes im Lichte stehen; die Welt wird es schon gegen die Ungerechtigkeit eines Zoilus zu raͤchen wissen. Aber wenn ein Werck elend ist, so wird es kein Cicero mit aller seiner Wohlre- denheit gegen den mittelmaͤssigsten heutigen Ari- starch schuͤtzen. Aber wir wollen die Poeten gehen lassen, und von euren Weltweisen re- den. ꝛc. ꝛc. Ab- Kurtze Abhandlung von den Dichtungen uͤberhaupt. D Je Dichtung hat nicht allein Platz in der gebundenen Schreibart: auch die unge- bundene kan reich an Dichtungen seyn; und es giebt eine Poesie in der prosaischen Rede. Ein munterer Scribent bildet nicht allein die reichen Wercke, welche ihm die Natur vor Au- gen leget, mit seiner Feder nach: Seinem stol- zen Sinn ist auch der weite Umkreis der Natur viel zu enge: Er sucht sich neue Spuren, Und fliegt in eine Welt des Epicurus hin, Und macht sich ein Geschoͤpf, von dem man nie gelesen, Das kuͤnftig nicht seyn wird, noch jemahls ist gewesen. Als der grosse Alexander durch seine sieghafte Waffen die gantze Erden bezwungen, beklagte er mit Thraͤnen, daß nicht mehr Welten waͤren, an deren Besiegung er seinen grossen Muth und seine unuͤberwindliche Macht ferner versuchen koͤnnte. Aber ein lebhafter Kopf bauet sich selbst in seiner erhizten Phantasie neue Welten, die er mit neuen Einwohnern bevoͤlckert, welche von einer fremden Natur sind, und eigenen Gesetzen folgen. Er dichtet sich neue Personen und neue Begegnissen: Bald giebt er den Todten das Leben wieder, und verbindet sie in allerley Un- ter- Von den Dichtungen. terredungen; bald schencket er den leb- und vernunftlosen Geschoͤpfen die Rede; bald fuͤhret er die menschlichen Neigungen und Zufaͤlle, als so viele Individua und Personen, vor uns auf; bald giebt er den Fabeln und Maͤhrchen einen grossen Schein der Wahrheit; bald faͤllt er in eine Entzuͤckung, und mahlet uns die seltsamsten Erscheinungen vor das Gesicht, ꝛc. Alle diese und andere dergleichen Arten von Dichtungen sind nun allein erfunden worden, gemeine und be- kannte Gedancken, auf eine ungemeine, neue und ergetzende Art auszudruͤcken u. vorzubilden. Aber diese Freyheit der Dichtung ist nicht ohne Gesetze; denn sonst muͤßte man alle Traͤumereyen und Aus- schweifungen verruͤckter Sinnen vor geistreich und scharfsinnig erklaͤren. Jch wuͤrde mich von mei- nem gegenwaͤrtigen Vorhaben allzuweit verstei- gen, wenn ich hier alle Grundregeln der Dichtung in ihrer ordentlichen Verknuͤpfung, wie sie aus einander hergeleitet werden, anfuͤhren wollte: ich verspare diese Untersuchung in mein vorgenomme- nes grosses Werck. Zu meinem gegenwaͤrtigen Zweck wird es genug seyn, daß ich bloß die allerer- sten Grundregeln einer guten Dichtung hier aus- setze, und hernach mit einigen Exempeln erlaͤutere. 1. Der Zweck der Dichtung ist, daß sie auf eine ergetzende Art unterrichte: ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ quod \& risum movet, Et quod prudenti vitam consilio monet. 2. Die gantze Dichtung muß einen mystischen Sinn haben. [Crit. Sam̃l. V. St.] F 3. Sie Abhandlung 3. Sie muß wahrscheinlich seyn, und sich gruͤn- den entweder auf wahrhafte und aͤhnliche Begebenheiten, oder wenigstens auf einen angenommenen allgemeinen Wahn. 4. Das gantze Systema der Dichtung muß in allen seinen verbluͤhmten oder figuͤrlichen Um- staͤnden genau zusammenstimmen, so daß kein Umstand den andern umstosse. 5. Alle figuͤrliche Umstaͤnde der Dichtung muͤssen ihre besondere Bedeutung haben, die den my- stischen Sinn des gantzen Systematis vollkom- men machen. Folglich muͤssen keine leere und unnuͤtzliche Umstaͤnde geduldet werden. 6. Die Aehnlichkeiten der Bilder des erdichteten Systematis und des mystischen Systematis muͤssen nicht allzu nahe, und nicht allzu ent- fernt seyn: hiemit muͤssen sie nach denen Grundsaͤtzen eingerichtet seyn, die ich droben Sehet im ersten St. gegenwaͤrtiger Sammlung bl. 93. von dem Scharfsinnigen uͤberhaupt gegeben. An dergleichen regelmaͤssigen Dichtungen kan ein Autor die Kraͤfte seines Geistes am besten pruͤf- fen: Und der muß in der scharfsinnigen Schreib- art geuͤbte Sinne haben, der in dergleichen Dich- tungen gluͤcklich seyn, und Leuten von gutem Geschmack gefallen will. Wie sich der Hamburgische Patriot nicht ge- ringer, als einer von den groͤsten Geistern Deutsch- lands zu seyn beduͤnckt; also hat er auch die Kuͤhn- heit gehabt, seine Scharfsinnigkeit in dieser Art Schriften zu versuchen; aber er hat auch in die- sem Stuͤcke seine Schwaͤche aufgedeckt, und sich un- von den Dichtungen. ungluͤcklich verrathen, daß er zu so hohen Dingen nicht abgerichtet sey. Wir wollen zum Beweise dessen das allegorische Raritaͤten,-Cabinet dessel- ben, wovon er im CLIII. St. unter diesem Nah- men Meldung thut, mit aufmercksamen Augen betrachten. Jn demselben befinden sich verschie- dene allegorische Jnstrumente u. Maschinen, die nach des Patrioten Vorgeben groͤstentheils eine Erfindung der Sinesen und Jndianer sind, von denen sie ihm geschenckt worden. Nach dem Jn- ventario, welches im LXXXVII. St. befindlich ist, sind die merckwuͤrdigsten darunter folgende: Ein Wetterglas, den guten und schlechten Ge- schmack aller Scribenten und anderer vorkom- menden Personen zu erkennen; eine philosophi- sche Uhr, welche von der Laͤnge oder Kuͤrtze des menschlichen Lebens die eigentlichste Rechnung giebt; ein Pe-kad-en-nosch, die Aufrichtigkeit des Hertzens zu pruͤffen; und ein blaues Wasser, das den Unterschied der menschlichen Leidenschaf- ten auf eine verwundernswuͤrdige Art anzeiget. Dazu koͤmmt dann ferners das im CLIII. St. angezogene Traumkuͤssen, und der im LXXXVII. St. geruͤhmte Universal-Schnupftoback fuͤr das Gedaͤchtniß, ꝛc. ꝛc. Man beliebe erstlich uͤber- haupt anzumercken, daß alle diese Erfindungen selbst nach der Absicht des Erfinders keinen andern Nutzen haben koͤnnen, als die Entdeckungen des Patrioten uͤber den moralischen Zustand des Men- schen wahrscheinlich zu machen; nun sind aber seine Entdeckungen so beschaffen, daß niemandem in den Sinn kommen wird, die Moͤglichkeit der- F 2 selben Abhandlung selben von einer uͤbernatuͤrlichen oder magischen Wunderkraft herzuleiten; angesehen ein jeder anderer gemeiner Mensch mittelst seiner fuͤnf Sin- nen u. einer kleinen Gabe natuͤrliches Verstands, ohne die Huͤlfe dieser oder anderer dergleichen Zauber-Maschinen, eben dieselbigen und noch wichtigere Entdeckungen machen koͤnnte. Folg- lich haben diese seltsamen Erfindungen nicht mehr Grund ihrer Nothwendigkeit, als wenn einer ei- nen Hasen mit einer Hellparten erstechen, oder eine Last von wenigen Pfunden mit einem grossen Hebzeuge bewegen wollte. Mithin ist es auch fuͤr den Character eines ernsthaften Patrioten hoͤchstungeziemend, daß er sich durch dergleichen angemaßte verborgene Kuͤnste bey dem aberglaͤu- bigen Poͤbel suche ein Ansehen zu machen; und dergleichen unnoͤthige Erfindungen koͤnnen oͤfters mit Recht den Verdacht erwecken, daß ein solcher moralischer Taschenspieler an wahrer Einsicht und Kundschaft des menschlichen Hertzens grossen Ab- gang leide, weil er gemuͤssiget ist, seine, obgleich ziemlich kahlen und fluͤchtigen, Entdeckungen mit dergleichen ausserordentlichen und zauberischen Erfindungen zu beglaubigen. Allein nach dieser allgemeinen Anmerckung uͤber die relatife Noth- wendigkeit und den Nutzen dieser Erfindungen wollen wir diese Wunder-Maschinen absonder- lich pruͤffen, und den Grund ihrer innerlichen Wahrscheinlichkeit untersuchen. Die erste von diesen wunderbaren Maschinen ist das philoso- phische Thermometer, oder das Wetterglas des Verstandes, welches die Hitze und Kaͤlte dessel- ben von den Dichtungen. ben nach ihren verschiedenen Graden aufs genaue- ste anzeigen soll: Dessen Erfindung u. Zuruͤstung wird im XXXIV. St. weitlaͤuftig beschrieben: Und man darf sich nur ein gewoͤhnliches Thermo- meter, dessen Roͤhre mit einem him̃elblauen Saft angefuͤllet ist, in seinem Sinne vorstellen, so wird man mich der Muͤhe einer weitlaͤuftigen Beschrei- bung gerne uͤberheben. Der Unterschied lieget in der seltsamen Wuͤrckung, massen der himmelblaue Saft in diesem Thermometer nach dem Grade steiget oder faͤllt, nach dem die Scribenten oder auch die Redenden in ihrem Vortrage die Staͤr- ke eines gesunden Verstandes mehr oder weniger zeigen und beweisen. So stieg in dem Versuch, welchen der Vetter des Patrioten angestellt, der blaue Saft bey Lesung Virgils um einige Grade empor; hergegen sanck er ziemlich tief in der Roͤh- re, so bald derselbe anstatt Virgils eine alte Logick zur Hand nahm. Eine frostige und recht aben- theurliche Dichtung, die niemand zweifeln laͤßt, daß nicht der Erfinder derselben, aus Mangel ei- nes gesunden Witzes, einer durch Kunst zubereite- ten Maschine beduͤrfte, den guten und schlimmen Geschmack zu unterscheiden! Jch habe nicht ein- mahl noͤthig zu erinnern, daß diese abentheurliche Maschine in Absicht auf ihre Wuͤrckung gegen alle Wahrscheinlichkeit anlaͤuft. Doch ich will aus Freygebigkeit zugeben, daß die Verfertigung ei- ner solchen nicht allerdings unmoͤglich waͤre; was wuͤrde eine solche zur Verbesserung des Geschmaks vor Dienste thun? Wo ist immer ein Mensch so gar dumm und ohne Geschmack, der nicht eben F 3 so Abhandlung so gut, als eine Maschine, den mechanischen Aus- spruch zu thun wisse, das ist gut, schlimm, mun- ter, matt, frostig, seichte, ꝛc. Aber seine Ur- theile mit Gruͤnden zu befestigen, und die Gruͤn- de dessen anzuzeigen, was nothwendig gefal- len muß, und warum es gefallen muß, das ist eine Verrichtung, wozu etwas mehr als eine blosse Maschine erfodert wird. Eine gute Logick ist das rechte Thermometer des Verstandes, diese raͤu- met den Kopf auf, daß man von der Schoͤnheit ei- nes Vortrags mit Vernunft u. gruͤndlicher Ein- sicht urtheilen kan; ohne dieselbe sind alle unsre Urtheile nicht vernuͤnftiger, als des patriotischen Wetterglases. Und wie kindisch ist die Dichtung von dergleichen zauberischen Jnstrumenten, wo man nicht einmahl die Faͤhigkeit hat, ihren Nu- zen durch die Anwendung und die Wuͤrckung selbst wahrscheinlich zu machen! Was hat denn der Patriot durch Beyhuͤlfe dieses Thermometers vor wichtige Endeckungen gemachet? Jch finde da- von ausser ruhmraͤthigen Großsprechereyen nicht das wenigste; und es gilt auch diesfalls, was Horatz von den Maschinen in den Trauerspielen lehret: Nec Deus intersit, nisi dignus vindi- ce nodus inciderit. Wenn wir inzwischen uns- re Gedancken auf den allegorischen u. verdeckten Sinn dieser Dichtung richten, so finden wir, daß dieselbe auch in dieser Absicht nicht genug Wahr- scheinlichkeit hat: zumahlen da diese gantze Dich- tung nichts mehrers sagen will, als, der Patriot besitze eine gute Beurtheilungskraft, und eine Fer- tigkeit in Unterscheidung guter und schlimmer Ge- dan- von den Dichtungen. dancken, d. i. einen feinen Geschmack: Ein Satz, der nicht durch eine gezwungene und unnatuͤrliche Erfindung und Vorstellung, sondern durch wuͤrck- liche Proben seine Glaubwuͤrdigkeit erhaͤlt! Da nun diese mangeln, so wird die blosse großspreche- rische Wiederholung desselben unter einer unna- tuͤrlichen Allegorie von schlechter Kraft seyn; zu geschweigen daß darinnen der groͤste Theil von dem Zusammenhange der historischen Umstaͤnde gantz muͤssig ist, und keinen mystischen Sinn er- tragen kan. Damit ich nur einen einzigen beruͤh- re, so kan ich nicht errathen, was diese Worte fuͤr eine geheime Bedeutung haben: Jch habe mir von eben der Art und Groͤsse ein Gehaͤuse und Glas machen lassen, man kan es sehr ge- maͤchlich in der Tasche tragen, und in einem dazu verfertigten schildkroͤtenen Futteral mit sich fuͤhren. Jch weiß nicht, was das figuͤrliche schildkroͤtene Futteral des guten Geschmacks, noch auch was die figuͤrliche Tasche sey, darinnen man denselben gemaͤchlich tragen kan. Mithin hat mich die folgende Anmerckung merckwuͤrdig beduͤnckt: Wie alle grosse Erfindungen von un- gefehr ihren Ursprung haben; so habe ich auch hierdurch bloß von ungefehr eine Maschine zu Stande gebracht, die mit Recht ein Probier- stein der gesunden Vernunft ist, welche man zu diesen Zeiten mehrentheils nur vergebens suchet. Jch meines Orts koͤñte ihm desfalls keinen Glau- ben zustellen, wenn er es gleich mit einem Eyde erhaͤrten wollte, daß er diese Erfindung von un- gefehr gemachet, weil mir der Ort bekannt ist, F 4 wo Abhandlung wo sich das Original von dieser gluͤcklichen Co- pie findet. Addisson beschreibet im 281sten Bl. des Zusehers in einem Traume die Anatomie des Hertzens einer Verbuhlten; daselbst findet sich diese Stelle: Es weis ein jeder Anfaͤnger in der Zerglieder- kunst/ daß das Pericardium oder der Hertzbeu- tel einen duͤnnen roͤthlichen Saft in sich enthaͤlt/ der von den Ausduͤnstungen des Hertzens ent- stehen soll/ welche sich hier/ indem sie nicht weiter koͤnnen, in diese Feuchtigkeit verwandeln. Als wir nun diesen Saft untersuchten/ so fan- den wir/ daß er alle die Eigenschaften desje- nigen Weingeistes an sich hatte, der zu den Wetterglaͤsern gebraucht wird/ um die Ver- aͤnderungen des Wetters anzuzeigen. Jch muß hier einen gewissen Versuch nicht uͤbergehen/ welchen einer aus der Gesellschaft uns mit diesem Safte gemacht zu haben ver- sicherte/ indem er eine grosse Menge desselben bey dem Hertzen einer vordem zergliederten Buh- lerinn gefunden haͤtte. Er versicherte uns/ daß er ihn noch die Stunde in einer duͤnnen glaͤser- nen Roͤhre/ welche nach Art eines Wettergla- ses gemacht waͤre, eingeschlossen haͤtte: Allein an statt daß er daraus die Veraͤnderungen des Wetters sehen sollte; so zeigte er ihm nur den Zustand derer Personen an/ welche in das Zim- mer traͤten/ allwo diese Roͤhre hienge. Er ver- sicherte zugleich/ daß er bey Herannahung eines Federhutes/ eines gestickten Kleides/ und eines Paares Handschuh mit goldenen Fransen merck- lich stiege: Sobald hingegen eine verzausete Per- ruͤke/ von den Dichtungen. ruͤke/ ein Paar schmutzige Schuhe/ oder ein alt- fraͤnckisches Kleid hinein kaͤme/ so fiele selbiger. Ja/ er gieng so weit/ daß er uns sagte: Wenn er daneben stuͤhnde/ und laut zu lachen anfienge/ sogleich stiege der Saft in die Hoͤhe/ saͤncke aber den Augenblick nieder, sobald er wieder ernsthaft aussaͤhe. Kurtz er sagte uns/ er koͤnnte es vermit- telst dieser Erfindung sehr wohl wissen/ ob er ei- nen klugen Mann oder einen Gecken bey sich im Zimmer haͤtte. Dieses laͤßt sich der Zuschauer in einem Traume erzehlen, und jedermann muß mir zugeben, daß es eine Coquette trefflich characterisirt; aber der Pa- triot nimmt sich mehrere Freyheit heraus, er thut wachend, was jener kaum unter der Dichtung ei- nes Traumes hat vorbringen duͤrffeu. Jch bitte nun meine Leser, daß sie die Muͤhe nehmen, und diese Stelle mit der 34. No. des Patrioten verglei- chen: sie sind einander so aͤhnlich, als die beyden Sosier in dem Amphitruo, und ich waͤre bald auf die Gedancken gerathen, die Erzehlung des Zu- schauers muͤsse prophetisch von dem Patrioten ver- standen werden. Jndessen wenn sie vorwitzig sind zu wissen, ob er sich etwas auf diese Erfindung ein- bilde, so duͤrffen sie nur die 52ste No. einsehen, in welcher uns die zweyte von diesen Maschinen be- schrieben wird, die genau zeiget, wer am meisten nach der gesunden Vernunft und der Vorschrift eines guten Gewissens lebe. Er nennet sie die Philosophische Uhr. Sie ist einer gemeinen Ta- schenuhrnicht ungleich: sie hat ein Zieferblat mit zween staͤhlernen Zeigern: der aͤussere Cirkel ist in 360. Grade vertheilet; dreyssig machen einen F 5 philo- Abhandlung philosophischen Monath/ und jeder Grad einen philosophischen Tag. Der innere Cirkel/ der ei- nen gantzen philosophischen Tag anweiset/ ist in 24. Stunden eingetheilt. Der Gebrauch dersel- ben ist folgender: Man bringt sie demjenigen/ dessen Leben man untersuchen will/ so nahe/ daß seine Ausduͤnstungen dieselbe erreichen/ und von demselben Augenblick an giebt sie die philosophi- sche Nachricht/ wie lange derselbe Mensch ge- lebet. Ein muͤssiges Leben deutet sie an durch ihre Unbeweglichkeit: Ein boͤses offenbaret sich durch das Zuruͤcklauffen des Zeigers: Ein tugendhaf- tes kan man daraus erkennen/ wenn sich der Zeiger von Stunden zu Stunden ꝛc. vorwaͤrts beweget/ nach dem Maasse/ als einer in der Tugend alt geworden. Wundert euch, wo man dergleichen seltsame Uhren verfertige, so kan ich euch sagen, daß der Patriot seine in Mecca gekauft hat; der Meister davon heisset Joaphat Ebn Jophzdhail. Diese Dichtung ist von dem- selben Schrot und Korn, wie die vorhergehende: Und der Patriot ist gegen seinen Schoͤpfer unge- recht, daß er seine Vernunft, die ein zulaͤngliches Mittel ist, das Gute und Boͤse in moralischen Handlungen zu unterscheiden, gegen eine mecha- nisch-philosophische Sackuhr vertauschen will, die ihm diesen Unterschied ohne sein Nachdencken zeigen soll. Er machet sich auch recht laͤcherlich, weñ er die Ursachen dieser mechanischen Wuͤrckungen entdecken und wahrscheinlich machen will. Wie muß es hergehen, daß die Ausduͤnstungen auf ei- ner Uhr durch den Eindruck einer gemessenen Be- wegung nicht allein den Unterschied lasterhafter, muͤssi- von den Dichtungen. muͤssiger und tugendhafter Leute zeigen, sondern auch die Grade des einen und des andern bemer- ken. Jch moͤgte wohl auch den Unterschied tu- gendhafter und lasterhafter Ausduͤnstungen ken- nen; Aber wann der Patriot den aͤchten Meister dieser Uhr entdecken will, so muß er Mecca in Hamburg verwandeln, und er wird der Joaphat Ebn Jophzdhail leibhaftig seyn. Die Gedancken zu dieser Erfindung mag er wohl den Schweitze- rischen Zusehern abgekauft haben; ich finde in einem Blatte derselben folgende Stelle: Gesezt aber/ daß du dein Leben bringest bis auf 70. Jahre/ wie kurtz wird dieser Periodus seyn/ wenn du diejenige Zeit/ welche du nur zur Un- terhaltung deines Lebens aufgewendet hast/ ab- rechnest. Ziehe die folgenden Jahre von der Summe deines Lebens ab/ so werden dir nur etliche wenige uͤberbleiben: 30. Jahre sind verflossen uͤber dem Schlaffen. 4. Jahre uͤber dem An- und Auskleiden. 10. Jahre uͤber dem Essen und Trincken. 6. Jahre uͤber den Gemuͤtheszerstreuungen. Und ich koͤnnte sehr klar zeigen, daß die gantze 52ste No. aus zween Discursen der Schweitzer zu- sammengeschmelzt ist. No. 74. koͤmmt eine neue magische Maschine zum Vorschein, durch deren Mittel er entdecken kan, ob die Worte und Mei- nungen, oder der Mund und das Hertz mit ein- ander uͤbereinstimmen. Diese Maschine heisset Pe-kad-en-nosch oder die Gemuͤthesproͤbe; sie ist ihm von einem Chinesischen Philosophen, Nahmens Bramin-quam-bo-ni verehrt wor- den. Abhandlung den. Jch will mich nicht mit derselben Beschrei- bung verweilen; denn ich gedencke, daß man mei- ne Gedancken von der Art dieser Dichtung aus dem was ich bisher erinnert habe, schon errathen koͤnne. Nur kan ich nicht unangemerckt lassen, daß mir das Bekaͤnntniß des Patrioten, da er ge- stehet, daß er ein magisches Jnstrument beduͤrffe, um zu wissen, ob er selbst rede, was er dencket, oder ob Mund und Hertz mit einander uͤberein- stimme, recht albern vorkoͤmmt. Das vierte magische Geheimniß ist ein himmelblaues Was- ser, wovon er im V. St. folgendes erzehlet: Jm Jahre 1722. den 6ten May empfieng ich durch einen Schiffer/ von einem meiner ver- trauten Freunde in China/ einem grossen Chy- misten/ Nahmens Miram Tansi/ ein Schrei- ben/ nebst einer kleinen Flasche mit himmel- blauem Wasser: dasselbe staͤrcket das Gesicht auf solche Weise/ daß man eine bestaͤndige Aus- duͤnstung aus dem Gehirne der Menschen/ und in derselben die Leidenschaften des Gemuͤthes/ figuͤrlich sehen/ auch verschiedene Creaturen in der Luft/ welche darinn/ wie Fische im Wasser/ schwimmen/ auf das kenntbareste entdecken koͤnne. Und wenn der Herr Patriot dieses Wasser aus Nova-Zembla haͤtte her- kommen lassen, wo sonst die schwartzen Kuͤnste zur groͤsten Vollkommenheit gebracht sind; so muß er doch nicht glauben, daß die Deutschen so dumm seyn, daß sie dergleichen abentheurli- che Erzehlungen im Ernste aufnehmen. Er wird wohl der erste seyn, der vorgiebt, daß die von den Dichtungen. die Leidenschaften des Gemuͤthes figuͤrlicher Weise aus dem Gehirne ausdaͤmpfen. Den dritten Tag, nachdem er bemeldetes Wunder- Wasser empfangen, that er damit die erste Pro- be bey einer Sechswoͤchnerinn; davon er uns die Wuͤrckungen in selbiger No. also beschreibet: Hier ward ich mit grosser Verwunderung gewahr/ daß in dem Zimmer die Luft voll haͤßlicher Thiere/ wovon einige wie Basilisken/ andere wie Chimaͤren/ und die dritte Sorte wie laͤngliche feurige Schlangen/ gebildet waren. Jch bin sicher, daß niemand so leicht errathen haͤtte, welche Gemuͤthes-Leidenschaften hierun- ter sollen vorgebildet seyn; wenn der Patriot nicht sorgfaͤltig gewesen waͤre, No. 8. uns zu un- terrichten, daß dieses Ungeziefer den Neid, die Eitelkeit, und die Schmaͤhsucht vorstellen sollte. Durch die Augen der meisten Anwesenden ka- men ploͤtzlich aus dem Gehirne einige sehr uͤbel- gebildete Figuren mit dicken Koͤpfen und langen Ohren zum Vorschein. Jhr werdet euch uͤber die verborgene Aehnlichkeit verwundern, wenn ich euch aus No. 8. lehre, daß die Unwissenheit unter diesem dickkoͤpfigten Bilde mit Esels- Ohren, welches durch die Augen aus dem Ge- hirne hervorgekommen, abgemahlet ist. Diese winckten dem herumfliegenden Ungeziefer/ wo- rauf die kleinen Basilisken in die Augen/ die Chimaͤren in die Ohren/ und die Schlangen in den Mund/ ihren Einzug hielten/ ꝛc. Dieses Hieroglyphicum soll euch zu verstehen geben, daß der Neid, die Eitelkeit und die Schmaͤh- Abhandlung Schmaͤhsucht von der Unwissenheit ernehret wer- den. Aber ihr werdet es izo noch kaum verste- hen, nachdem ich euch den mystischen Sinn dieser Dichtung allbereit erklaͤret habe. Zu die- sen seltsamen Erfindungen gehoͤret auch das im CLIII. St. gemeldete Japanische in reicher Sei- de mit Gold bordirte Kraͤuterkuͤssen, welches die wunderbare Wuͤrckung hat, daß es, wenn man es beym Schlaffengehen unter das Haupt- kuͤssen leget, die wichtigsten Betrachtungen des Tages dem Gemuͤthe in einem lehrreichen Nacht- gesichte vorstellet; und von welchem der Pa- triot ruͤhmet, daß alle die sinnreichen Traͤume und Gesichter, die in seinen Blaͤttern vorkom- men, Proben von der gesegneten Wuͤrckung dieses Traumkuͤssens seyn. Wer diesen grossen Vorrath von so vielen zauberischen Maschinen ansiehet, der wuͤrde den Patrioten eher vor ei- nen kleinen Hexenmeister, als vor einen Patrio- ten halten, und sich bereden, daß er bey dem Gebrauche aller dieser Jnstrumente zu weit selt- samern Entdeckungen, als in seinen Blaͤttern zu finden sind, eben keiner Vernunft vonnoͤthen habe: zumahlen da diese Maschinen ihm eben denjenigen Dienst leisten muͤssen, den andere Menschen von ihrer Vernunft empfangen, so daß wer seinem vornehmen Exempel folgen will, alle seine Sorge darauf wenden muß, daß er ohne Vernunft vernunftmaͤssig handeln lerne. Endlich muß ich des Universal-Schnupftobacks fuͤr das Gedaͤchtniß nicht vergessen, welcher fuͤr eine von den Dichtungen. eine Europaͤische Erfindung des Polymnemons ausgegeben und im LXXXVII. St. beschrieben wird. Diesem wird die Kraft beygeleget, das moralische Gedaͤchtniß zu staͤrcken, und vor dem Uebel einer muthwilligen Vergessenheit zu be- wahren. Polymnemon bedienet sich dieser Er- findung allein durch eine geschickte Beschreibung der damit verrichteten moralischen Wundercu- ren, die muthwillige Vergessenheit seines vori- gen Standes, seiner Zusagen und Verbindlich- keiten auf eine lebhafte Weise laͤcherlich zu ma- chen: Jn welcher Absicht ich auch diese Erfin- dung nicht mißbilligenkan, und ist uͤberhaupt der gantze Brief davon nicht uͤbel abgefasset. E N D E.