Reise eines Lieflaͤnders von Riga nach Warschau, durch Suͤdpreußen, uͤber Breslau, Dresden, Karlsbad, Bayreuth, Nuͤrnberg, Regensburg, Muͤnchen, Salzburg, Linz, Wien und Klagenfurt, nach Botzen in Tyrol . Dritter Theil . Berlin, 1795. bei Friedrich Vieweg dem aͤltern Reise eines Lieflaͤnders von Riga nach Warschau, durch Suͤdpreußen, uͤber Breslau, Dresden, Karlsbad, Bayreuth, Nuͤrnberg, Regensburg, Muͤnchen, Salzburg, Linz, Wien und Klagenfurt, nach Botzen in Tyrol . Fuͤnftes Heft . Enthaltend einen Abriß von Dresden , und die Reise von dort bis Salzburg. Berlin, 1795. bei Friedrich Vieweg dem aͤltern . Neunter Abschnitt . Dresden. Dresden. Wanderungen in dieser Stadt. Die Altstadt. Bauart. Vorzügliche Straßen. Lebhaftigkeit. Die Neustadt. Brücke. Jägerhof. Kadettenhaus. Ar- tillerie-Kaserne. Königsstraße. Japanischer Pallast. Bibliothek. Die Friedrichsstadt. Vorstädte. Be- trachtung über die beyden Auguste. Der jetzt regie- rende Kurfürst. Frugalität in Dresden. Gesell- schaftlicher Ton. Sitten. Oeffentliche Mädchen. Aeußeres der verschiedenen Einwohnerklassen. Ihr Nahrungserwerb. Wohlfeilheit der Talente. Oef- fentliche Vergnügungen. Abreise von Dresden. Ein- tritt in das Erzgebürge. Freyberg. Oederan. Chem- nitz. Annaberg. Ehrenfriedersdorf. Weipert. Ober- wiesenthal. Gasthof daselbst. Gottesgab. Joachims- thal. Karlsbad. Taxe. Umliegende Gegenden. Inneres der Stadt. Einwohner. Brunnen. Ein- richtung und Wirkung derselben. Badegäste. Bad- leben. Oeffentliche Unterhaltungen und Vergnügungen. Abreise von Karlsbad. Zwoda. Bewohner des Eger'schen Kreises. Eger. Dortiger Gesundbrunnen. Mühlbach. Thiersheim. Weißenstadt. Berneck. Ansicht von Bayreuth. Troppach. Romantischer Weg. Streitberg. Schönes Thal. Die Burg von Streitberg. Bayersdorf. Erlangen. Fürth. D en andern Tag (den 29 May) machte ich Streifzuͤge, um das Aeußere der Stadt zu untersuchen und mich mit ihrem Plane bekannt zu machen. Bey solchen Gelegenheiten uͤber- lasse ich mich dem Zufalle, und jeder Weg, den er mit mir nimmt, ist mir der naͤchste, so wie jede Stunde, wo ich nach Hause zu- ruͤckkomme, mir die rechte ist. Verirren kann man sich da nicht, wo man keinen bestimmten Weg zu suchen, und zu halten hat. Wo ich ein Thor fand, kehrte ich wieder um, weil ich mich fuͤr heute auf die Altstadt einschraͤn- ken wollte. Die Bauart dieser ist ganz auf Gelaß be- rechnet. Im Durchschnitt haben die Haͤuser 4 bis 5 Geschoß und gebrochene, hollaͤndische Daͤcher, die ebenfalls bewohnt werden. Sie sind meist von dem festen Pirnaischen Sand- stein erbauet, der außerordentlich dauerhaft ist. Die Treppen sind in vielen Haͤusern von demselben Steine, was fuͤr die Einwohner in Feuersnoͤthen sehr beruhigend seyn muß. Die Haͤuser werden im Innern musterhaft reinlich gehalten und im Aeußern sind sie es nicht minder. Man hat sie meist gelblich oder gruͤn- lich abgeputzt und die Fensterverzierungen mit Farben, nicht in Gyps, wie z. B. in Berlin angegeben. Ihre Vorderseiten sind also nicht durch Schnoͤrkeleyen unterbrochen, sondern ge- ben ein heiteres Ganze. In einigen Straßen, besonders in den aͤltern, z. B. der Schloß- Wilsdruffer-Scheffelgasse ꝛc. findet man noch einzelne Haͤuser mit hervorspringenden Erkern, deren eines dem andern die Aussicht benimmt; aber sie sind hier nicht in so großer Anzahl, wie z. B. in Leipzig, Bautzen und in andern Saͤchsischen Staͤdten. Ganz davon frey habe ich die Moritz- und Pirnaische Straßen, uͤber- haupt die schoͤnsten in Dresden, gefunden. Beyde sind zwar nicht lang, aber breit, und mit treflichen, meist ganz neuen, fuͤnf bis sechs Geschoß hohen, Haͤusern und Palais besetzt. Die Moritzstraße war die letzte, die aus den Truͤmmern hervorging, in die sie das Bom- bardement im siebenjaͤhrigen Kriege (1760) legte, und sie ist die schoͤnste geworden. Was Dres- den uͤberhaupt fuͤr einen Reichthum an Pal- laͤsten, an oͤffentlichen Gebaͤuden und Haͤusern besitzt, kann man aus den architektonischge- nauen Schilderungen derselben ermessen, die Hr. Hasche seiner Beschreibung von Dresden Ihr Titel ist: Umstaͤndliche Beschreibung Dresdens, mit allen seinen innern und aͤußern Merkwuͤrdigkeiten, historisch und architektonisch . Leipzig, 1781-83. eingestreuet hat. Das Pflaster ist im Ganzen genommen gut und man sorgt fuͤr dessen Reinlichkeit, wozu die Kanaͤle, die darunter hinlaufen, sehr viel beitragen. Es ist in keiner Straße leer an Menschen, aber die lebhaftesten haben mir die Schloß- See- Wilsdruffer- Pirnaische geschienen und die kleinern, die von dem alten Markt zum Neumarkt und von da nach der Neustadt fuͤh- ren. Die beyden genannten Plaͤtze sind ohne- dies immer sehr volkreich, weil auf beyden taͤglich Markt ist. Nach dem alten Markt zu und auf demselben ist Kaufmannsgewoͤlbe an Kaufmannsgewoͤlbe, und alles, was man zur Wirthschaft, zur Bequemlichkeit und zum Lu- xus noͤthig hat, wird hier herum eingekauft. Die geringern, unansehnlichern Theile der Stadt finden sich an der Stadtmauer herum. Vom Pirnaischen Thore bis zum Zeughause, von dort hinten herum am Bruͤhlischen Gar- ten, vom Wilsdruffer- bis zum Seethore, von dort hinter der Kreuzkirche herum; in der Ge- gend eben dieser Kirche, in dem sogenannten Loche, wo sich ein Nest von engen, schmutzi- gen, finstern Straßen findet — da uͤberall sind die Haͤuser alt, groͤßtentheils von der Mauer eingeschlossen, meist von aͤrmern, oft genug von liederlichen, Leuten bewohnt, die Gelegen- heit geben und Gelegenheit machen, gewoͤhn- lich aber Bierhaͤuser, und in diesen Schenk- maͤdchen halten. Dies waͤre ein leichter Umriß von dem Aeußern der Altstadt Dresden, den ich von meiner ersten Ausflucht mit zuruͤckbrachte. Meine zweite betraf die Neustadt, die durch die Elbe von der Altstadt getrennt, aber mit- teilst der Bruͤcke mit ihr wiederum verbunden wird. Die Bruͤcke hat einen gepflasterten Fahrweg und zwey erhoͤhete, mit Fließen aus- gelegte, Trottoirs fuͤr die Fußgaͤnger. Wer nach der Neustadt geht, schlaͤgt das Trottoir rechter Hand ein, wer aus der Neustadt kommt, nimmt auch das, welches ihm rechter Hand ist, und so kommt und geht man von beyden Seiten ungehindert. Die Schildwachen auf der Bruͤcke haben uͤber diese Ordnung zu wa- chen. Die Neustadt ist bey weitem kleiner als die Altstadt, auch, wenn man die Hauptstraße oder Allee ausnimmt, nicht so gut gebauet. Schlaͤgt man von der Bruͤcke aus rechts die erste Straße ein, so fuͤhrt sie nach der Elbe und nach mehreren Magazinen und Schup- pen, die zu Wagen und Pontons bestimmt sind, schlaͤgt man sich sodann links, so gelangt man zu dem sogenannten großen Jaͤgerhofe, der aus mehreren geraͤumigen Hoͤfen besteht, welche theils den Zeug zur Jagd, theils die Hundestaͤlle, theils die Wohnungen fuͤr die Jaͤger und Jagdbeamten, (zusammengenom- men ein sehr zahlreiches Personale) einschließen. Un\&s;rern davon findet man das Kadettenhaus, ein sehr ansehnliches Gebaͤude, dessen Inneres zu sei- ner Bestimmung vortreflich eingerichtet ist: im untern Geschoß ist eine geraͤumige Reitbahn mit den dazu gehoͤrigen Stall- und Schul- pferden, im zweyten Geschosse ist die Woh- nung des Chefs der Kadetten, der Exerzier- saal, die Lehrsaͤle u. s. w., im dritten und vierten wohnen, essen und schlafen die jungen Leute. Dem Haupteingange dieses Hauses gegenuͤber breiten sich drey andre Fluͤgel der schon erwaͤhnten Artillerie-Kaserne aus, wel- che die Artillerie- und Ingenieurschule, auch ein Institut zur Bildung der Chirurgen, ein anatomisches Theater, und einige andre nuͤtz- liche Anstalten enthaͤlt. Hinter derselben sind mehrere Magazine, Schuppen fuͤr Fuhrwerk und andre Kriegsbeduͤrfnisse, und unmittelbar daran stoßen die Festungswerke. Verfuͤgt man sich nach der andern Seite der Neustadt hinuͤber, so tritt man, gleich hinter der Kirche, in die Koͤnigsstraße , die mit ansehnlichen, meist gleich hohen und langen Haͤusern besetzt ist und „en face“ den sogenannten Japanischen Pallast hat, aber todt und menschenleer ist. Der Platz, wor- auf jener Pallast steht, ist nicht wohl unter- halten, und schwimmt, wenn es geregnet hat, in Wasser und Koth, wozu die starke Durch- fahrt, zum weißen Thor herein und hin- aus, nicht wenig beitraͤgt. Der Pallast selbst faͤllt nicht uͤbel in die Augen, nur wuͤnscht man, daß er fuͤr seinen Umfang mehr Hoͤhe und Leichtigkeit haben moͤchte. Das Innere desselben ist jetzt zu der vortrefflichen Bibliothek eingerichtet, und nicht leicht wird sich irgend ein Institut dieser Art, die Bibliothek zu Paris und im Vatikan ausgenommen, solch eines praͤch- tigen, heitern, geschmackvollen und weitlaͤufti- gen Lokals ruͤhmen koͤnnen. Auch fuͤr die Kunst verwahrt es einen bedeutenden Schatz von anti- ken Bildhauereyen und von Gypsen; es ist aber bey weitem noch nicht ganz ausgefuͤllt. Die Aussicht von den obern Saͤlen ist vortreflich. Am Pallaste selbst ist ein kleiner, aber sehr arti- ger Garten, dessen Terrassen zugleich ein Stuͤck des Walles einnehmen und einen koͤstlichen Ue- berblick uͤber die umliegenden Gegenden und den ganzen Spiegel der Elbe, die hart daran hin- fließt, gewaͤhren. Mit einem Worte, die Mu- sen haben hier einen hoͤchst anmuthigen Zufluchts- ort gefunden. Von hier aus ließ ich mich uͤber die Elbe set- zen, um die Friedrichsstadt zu besuchen. Man gelangt jenseits des Flusses auf die Ostra- wiese , die, in ihrer ganzen Laͤnge, mit mehr- fachen Alleen besetzt ist, unter denen Heerden des erlesensten Schweizerviehes weiden, die zu dem daran stoßenden Ostravorwerke gehoͤ- ren. Diesem gegenuͤber, in der Friedrichsstadt selbst, liegt der Garten des Grafen Mar- colini , dem es nicht an Umfang und artigen Anlagen fehlt, der aber, im Ganzen genommen, nicht außerordentlich ist. Auch der Prinz An- ton hat in der Naͤhe ein artiges Sommerhaus. Uebrigens ist die Friedrichsstadt von groͤßerem Umfange, als die Neustadt, aber ohne allen Vergleich geringer gebauet, obwohl bevoͤlkert genug. Fabrikanten und Manufakturisten aller Art wohnen hier, und fuͤhren, bis auf die Kin- der herunter, ein sehr arbeitsames, aber darum doch leider ein sehr armseliges Leben. Noth und Mangel sind hier zu Hause, und es ist nichts ungewoͤhnliches, ganze Familien in Lumpen vor den Haͤusern sitzen zu sehen. Mit der Altstadt haͤngt die Friedrichsstadt durch eine schoͤne Allee zusammen, die sich am Zwinger endigt. Die Wilsdruffer Vor- stadt , in der man sich nun befindet, ist stark von Gerbern bewohnt und in ihrer Naͤhe, wie es sich gebuͤhrt, befindet sich auch das Schlacht- haus. Der groͤßeste Theil dieser Vorstadt ist gut gebauet und sauber. Derselbe Fall ist es mit der Seevorstadt , die besonders einige vortrefliche Gaͤrten einschließt. Schoͤner als beyde, ist die Pirnaische Vorstadt , die einige Haͤuser aufzuweisen hat, welche mit Eh- ren in den schoͤnsten Straßen der Altstadt stehen wuͤrden. Um Alles, was sich uͤber das Aeußere von Dresden sagen laͤßt, in wenig Worten zusam- men zu fassen: sie hat an Gruͤndlichkeit und Geschmack in der Bauart, an Reinlichkeit, Net- tigkeit, Neuheit, und in verhaͤltnißmaͤßiger Har- monie der Vorstaͤdte mit der Stadt selbst, in ganz Deutschland vielleicht kaum zwey ihres gleichen. Sachsen hatte zwey Regenten, die in den Augen einseitiger Menschen noch jetzt unbedingt fuͤr zwei Geißeln ihres Landes gelten, da ihre Fehler sich laͤngst schon, durch die wohlthaͤtigen Folgen, die von Fehlern dieser Gattung nie ent- stehen, wieder gut gemacht haben. Es ist wahr, sie thaten nicht bloß, was ihrem Volke noͤthig war, und was ihr eigener Ehrgeitz verlangen konnte: sie thaten mehr und hatten dazu einen Maßstab, der ihre Kraͤfte uͤberstieg. Auch ver- gaßen sie von Zeit zu Zeit, daß sie nur die Rentmeister, nicht die Eigenthuͤmer der Sum- men waren, die durch ihre Haͤnde gingen; und sie legten dieselben oͤfterer zur Befriedigung ih- rer persoͤnlichen Ehrsucht, Prachtliebe, Galan- terie und Liebhaberey, als zur Vergroͤßerung, Verstaͤrkung, Sicherstellung ihres Staats und zur Schonung, Belebung und Zufriedenheit ih- res Volkes an. So hatten sie nie genug, und das Volk konnte nie genug geben. Eine große Schuldenlast war die natuͤrliche Folge davon; aber sie war doch in der That nur eine Antici- pation auf die Talente und den Kunstfleiß die- ses hoͤchst faͤhigen Volkes, dem es, nach einer, verhaͤltnißmaͤßig kleinen, Reihe von Jahren gelang, diese Last abzuwaͤlzen, und, als baa- ren und reinen Gewinn, eine zu Natur und Ge- Gewohnheit gewordene erfinderische Thaͤtigkeit als Nationaltugend davon zu tragen. Ueberdieß war auch nicht Alles verloren, was fuͤr jene Schuldenlast erkauft worden war; es ist großen- theils noch da, es wirkt immer noch fort, es hat die Nation selbst zu der ehrenvollen Stufe erho ben, die sie unter den Gemeinden deutscher Zunge einnimmt. Sie hat eine Hauptstadt, die eine kostbare Niederlage von nuͤtzlichen und angeneh- men Dingen enthaͤlt, welche manche Kaiser- und Koͤnigsstadt entbehren muß: fuͤr die Kunst hat sie eine in ihrer Art einzige Gallerie von Gemaͤhl- den, eine namhafte Sammlung von Antiken; fuͤr die Wissenschaften eine der vollstaͤndig- sten Bibliotheken in der Welt; fuͤr die Pracht und die Noth eine der kostbarsten Samm- lungen in Europa, das gruͤne Gewoͤlbe ge- nannt; fuͤr die Erhoͤhung und Erweite- rung des menschlichen Geistes große oͤffentliche Werke, Bruͤcken, Gaͤrten, Kirchen Pallaͤste; fuͤr die Verfeinerung der Sit- ten, des Geschmacks, des Lebensge- Fuͤnftes Heft. B nusses einen gewissen Geist, der mehrere Jahr- zehn hintereinander, durch die beyden praͤchtigen, nach Genuß jeder Art strebenden Koͤnige, in dieser Nation angefacht, genaͤhrt, ihr gleichsam eingeimpft wurde und sie noch jetzt vor ihren Nachbaren kenntlich macht — alle diese Dinge besitzen die Sachsen noch als Nationalguͤter, die ihnen auf ewige Zeiten Zinsen tragen, und sie haben diese Guͤter, bis auf eine Kleinigkeit, be- zahlt, durch ihren Fleiß, unter der Leitung ei- nes haͤuslichen Fuͤrsten bezahlt, der den wahren Maßstab gefunden hat, nach welchem sein Volk arbeiten mußte, um alte Glaͤubiger und neue Beduͤrfnisse zu gleicher Zeit zu befriedigen und dabey uͤbrig zu haben, und der durch sein Beyspiel lehrt, wie man das Schoͤne und Nuͤtz- liche ohne Verschwendung befoͤrdern, wie man angenehme heitre Sitten ohne Regellosigkeit uͤben, und wie man der vernuͤnftigen Freuden des Lebens genießen kann, ohne zu schwelgen. Die Sparsamkeit des gegenwaͤrtigen wuͤrdi- gen Regenten von Sachsen hat den sichtbarsten Einfluß auf die Nation gehabt, und man be- merkt dies nirgend so deutlich, als in Dresden selbst. Die Minister, die Generale, die hoͤhe- ren Staatsbeamten und die reichen Privatelute, die in Dresden leben, und deren Zahl nicht so klein ist, bemerkt man kaum. Da ist kein Ue- berfluß an praͤchtigen Wagen, zahlreichen Die- nerschaften, kostbaren Staͤllen, Assembleen, Gastereyen, Lustpartieen; da sind aber auch keine namhafte Schulden und keine betrogene, zu Grunde gerichtete Handwerker und Kaufleute. Viele Staatsbeamte, die selbst in kleinern Resi- denzen nicht ohne Wagen und Pferde seyn koͤn- nen, gehen hier zu Fuße, oder behelfen sich, in feyerlichen Faͤllen, mit Tragsesseln. Wie haͤtte auch der Rath noͤthig, oder wie koͤnnte er auch nur wagen, Aufwand in dieser Art zu machen, wenn er mehrere seiner Minister, in einfachem Frack, zu Fuße, einhergehen sieht; wie der Haupt- mann und Major, wenn er seinen General, bloß von einer Ordonanz oder von einem Stallknecht begleitet, zu Fuße oder zu Pferde, auf den Stra- B 2 ßen von Dresden sieht? Es ist, glaub' ich, kein Beyspiel in Dresden, daß ein Kaufmann sich Wagen und Pferde hielte, und nur ein paar Wechsler sind in diesem Falle. Hochstens hal- ten sich Leute dieser Klassen „demi-fortunes“ mit Einem Pferde bespannt; und, zu ihrem Sommervergnuͤgen, kleine Landhaͤuser auf den umliegenden Doͤrfern oder Weinbergen, wo sie des Sonntags ihre Freunde empfangen und mit wahrer Frugalitaͤt bewirthen. Was man in andern Hauptstaͤdten, besonders des Winters, findet: einen Zusammenfluß von adelichen Fami- lien aus der Provinz, ist der Fall sehr sparsam in Dresden, da der groͤßeste Theil des Landadels auch den Winter uͤber auf seinen Guͤtern bleibt. Bei dem allen glaube man nicht, daß dieser Ton von Sparsamkeit in Garstigkeit ausarte. Bey Gelegenheiten, wo es gilt, zeigt man sich auf einem Fuße, der dem Wohlstande zusagt. Man ist zwar von der Warschauer Huͤlle und Fuͤlle eben so weit entfernt, als von dem Wie- nerisch-Spanischen Prunke, aber alles, was ein feiner Gaum, der genießen und nicht schwel- gen will, an Produkten der feinern Kochkunst und der edleren Rebe billigerweise nur verlangen kann, wird dargeboten, und noch nebenher eine anstaͤndigere, geistreichere, mannichfachere Unter- haltung, als man an den genannten Orten findet. Die große Welt in Dresden, maͤnnlichen wie weiblichen Geschlechts, ist unterrichteter und geistvoller, als in vielen andern Residenzen von Deutschland, und man braucht nicht blos Pfer- de- Hunde- und Jagdliebhaber zu seyn, um in ihren Cirkeln Vergnuͤgen und Belehrung zu finden. Das weibliche Geschlecht ist besonders gebildet und angenehm und kennt seine Wuͤrde besser und mißbraucht seine Rechte und Reize weniger, als die eleganten Weiber zu Warschau und Wien, deren Ton und Wesen in Dresden die Decenz beleidigen und ganze Gesellschaften aus einander sprengen oder doch still machen wuͤrde. Hier giebt es in der That noch haͤufig eheliche Liebe und Gluͤckseligkeit in den hoͤhern Staͤnden, und der Ton, der unter den beyden Augusten in dieser Ruͤcksicht hier herrschte, ist laͤngst verschwunden. Auch hierin geht der jetzi- ge Fuͤrst mit einem lehrreichen Beyspiele voran, und Regellosigkeit in diesem Punkte kann mehr, als alles uͤbrige, sein Mißfallen erregen, beson- ders wenn Personen sie sich zu Schulden kom- men lassen, die naͤher oder entfernter zu seinem Hofstaate gehoͤren. Wenn aber Ausschweifungen dieser Art un- moͤglich ganz unterbleiben koͤnnen, so werden sie hier wenigstens mit mehr Vorsicht und Ver- heimlichung getrieben, als z. B. in Warschau, Berlin, Wien, Muͤnchen. Nichts von der Art ist hier privilegirt. Liederliche Haͤuser haͤngen hier wenigstens das Kaffee- Wein- oder Bier- schild aus, und die feilen Geschoͤpfe in denselben spielen die Rolle der Aufwaͤrterinnen. Auch sind diese Haͤuser nur meist fuͤr den Poͤbel, oder zum Poͤbel hinabgesunkene Wolluͤstlinge aus bessern Staͤnden, die sich zuweilen, verkleidet, an der Stadtmauer, im Loche, in der Fi- scherstraße, in der Friedrichsstadt ꝛc. herum treiben. Das sinnliche Beduͤrfniß der anstaͤndigern Klassen wird meist von den Putz- Naͤther- Waͤscher- und Sticker Maͤdchen be- friedigt, zu welchen sich auch haͤufig diejenigen gesellen, denen es verboten ist, mit den Gojim zuzuhalten. Die erstern zeigen sich hier durch- gaͤngig in einem Anzuge, dem man es wohl an- sieht, daß sie ihn nicht der Nadel noch der Seife danken, und dessen einzelne Theile, Haarputz und Schuhe mit eingeschlossen, so geordnet und geformt sind, daß sie zugleich fuͤr Schilder gel- ten koͤnnen, die den Kenner nicht irren lassen. Die Oerter und die Zeit, die sie zu ihren Aus- fluͤgen waͤhlen, z. B. der Zwinger gegen Abend, die Schloßgasse um die Zeit des Zapfenstreiches, der Neumarkt um die Zeit der Wachparade, die oͤffentlichen Garten zur Zeit der Koncerte und Erleuchtungen, die Bruͤcke bey Mondenschein u. s. w. alles dies sind Merkzeichen ihrer Ge- schaͤfte, die, da man sie unter freyem Himmel durch ein Wort, einen Blick, eine Frage einlei- tet, keiner eigends dazu eingerichteten Boͤrsen, sondern bloß einiger Absteigquartiere beduͤrfen, wo sie vollends abgeschlossen werden. Miethet sich aber solch ein Maͤdchen eine eigene Wohnung fuͤr ihr Gewerbe, so muß es unter irgend einem Titel und unter der Obhut irgend einer Mutter oder Base seyn, die ein Handwerk treibt, wel- ches die wahrscheinliche Vermuthung erregt, daß sie des Besuchs von Mannspersonen jedes Stan- des und Alters dabey beduͤrfe. Solche Maͤd- chen sind aber in der That in Dresden nach Ver- haͤltniß selten, die auf einem gewissen Fuß leben; und nur Eine der Art, die kurz vor meiner An- kunft starb, hatte einige Jahre hindurch als ei- ne Art von Phryne geglaͤnzt, sowohl durch Schoͤnheit als durch Verstand und eine gewisse Ausbildung des Betragens. Uebrigens haben diese Maͤdchen, da sie nicht in eigenen sittenlo- sen Haͤusern bey einander wohnen, sondern mit andern Leuten in Umgang und Verkehr bleiben, nicht das Plumpe und Eckelhaft-Zudringliche in ihrem Ton und Wesen, das ihre Berliner und Wiener Schwestern, die in Zwingern bey einander sind, mehr abschreckend als verfuͤhre- risch macht. Das Aeußere der Einwohner von Dresden, niederer und mittler Klassen, ist anstaͤndiger und sauberer, als man es in andern großen Staͤd- ten, z. B. in Berlin, an eben diesen Klassen fin- det. Eine Handwerkersfrau, Soldatenfrau, Magd, die zu Markte geht, ist schier und weiß angezogen, und der Korb oder das Tuch, wor- in sie die eingekauften Waaren traͤgt, ist nied- lich, reinlich, und in die Augen fallend. Diese Klasse ist Winter und Sommer in Kotton, Ka- melot und aͤhnlichen Stoff gekleidet; Korsett und Rock sind von einem und demselben Zeuge; dazu traͤgt sie eine saubere Schuͤrze. Die Hau- be ist von weißem, baumwollenen Zeuge, mit einem farbigten, seidnen Bande umschlungen, wozu, hauptsaͤchlich im Winter, ein Muͤtzchen, mit Marder oder Zobel eingefaßt und mit einer herabhangenden Klappe und Gold-Quaste ver- sehen, auf den Kopf gestuͤlpt wird, das, in sei- ner Art, nicht minder gut steht, als der schwarze sammetne Kopfputz der Breslauer Schließerin- nen und der Reichsstadt-Schweinfurter Stu- benmaͤdchen. Eine Stufe hoͤher, erscheinen Kontuschen, die mit einer sehr kurzen Taille versehen sind, und tief herunter den Rock be- decken; sie begleiten schon zusammen gesetztere, groͤßere Hauben von Klar, mit Spitzen und, des Sonntags, mit Blumen verziert, aber ohne Frisur darunter; und dies ist besonders die Tracht der Weiber und Maͤdchen, deren Maͤn- ner und Vaͤter bey Hofe oder bey irgend einer Herrschaft, Bediente, Laͤufer, Kutscher u. dgl. sind. Sodann erscheint die ganze Klasse der Schneiders- und Friseurs-Frauen, der Putz- macherinnen, Stickerinnen, Kammerjungfern und aller uͤbrigen, die unter ihrer Aufschrift, wie eben erwaͤhnt, den galantern Beschaͤfti- gungen obliegen, in Linon, Mousselin und Seide gekleidet, in artigen Karakos, mit fri- siertem Haar, in Huͤten, mit Schawls, in Turkoisen ꝛc. — unter allen die netteste und auch die zahlreichste — denn Figuͤrchen dieser Art wimmeln auf allen Maͤrkten und Spa- ziergaͤngen, in allen Kirchen und Gaͤrten, auf der Bruͤcke, im Theater, in den Koncerten. Kommt sodann die Klasse der Kaufmanns- Kuͤnstler-Gelehrten- und Dikasterianten Frauen, und diese kleidet sich in Dresden altmodischer, als in andern deutschen Hauptstaͤdten, auch weit sparsamer und aͤngstlicher, und mit der furchtsamsten Ruͤcksicht auf das: was werden die Leute sagen . Die Maͤnner dieser Klasse prunken noch haͤufig, des Winters, mit Sam- met- und Manschesterkleidern, des Sommers, mit verblaßten, faͤrbig-gefuͤtterten Seidenroͤ- cken, mit Tressenhuͤten, goldnen Beinguͤrteln, sorgsam gefetteten und dickgepuderten Beutel- peruͤcken, großen spanischen Roͤhren, oder auch wie alte Hofmaͤnner, den silbernen oder tom- backenen Degen an der Seite, den Sonnen- schirm in der Hand und den platten, zerrie- benen Hut von Pferdehaar unter dem Arme. Der Englische Frack, der geschorne Wirbel und das gestutzte Seitenhaar, die in andern großen Staͤdten von Deutschland die Kauf- mannsklasse, die juͤngern Dikasterianten u. dgl. seit mehreren Jahren schon in Besitz genom- men haben, finden sich hier noch aͤußerst sel- ten und werden nur hoͤchstens den jungen Zoͤg- lingen der hiesigen Malerakademien verziehen. Ewige Chapeaubas-Traͤger sind hier die aͤltern Hofherren und Hofbedienten, die Kandidaten der Theologie, die man hier durchweg „Magi- stros“ nennt, und die Raͤthe, Registratoren, Kalkulatoren und Sekretarien, die schon ge- wisse Jahre haben. Das Aeußere und die Tracht der hoͤhern Staͤnde ist hier, wie uͤberall, doch bleiben sie in Absicht der neuen Moden immer einige Monate hinter Leipzig, Berlin und Wien zu- ruͤck. Der Nahrungserwerb der Einwohner von Dresden ist nicht der reichlichste, und sie sind deshalb nicht das, was man wohlhabend nennt, obgleich man es ihrem Aeußern nicht ansieht. Der Hof, die Landeskollegien, das Militare, bilden die hauptsaͤchlichern Erwerbsquellen der Einwohner, und der Handel, die Manufaktu- ren, Kuͤnste und Handwerke, die gering ern Aber die Ausgaben des Hofes sind nach den Regeln der Haͤuslichkeit abgemessen; die Stel- len an demselben, die hoͤhern sowohl als die niedern, sind nicht reichlich; eben so die Ge- halte in den Kollegien, fuͤr die Raͤthe sowohl, als fuͤr die Schreiber; und nicht anders bey dem Militare und der Jaͤgerey. Der Handel ist in der That nur Kraͤmerey und zieht kein Geld herein, sondern zahlt hinaus, theils nach Leipzig, theils nach den Lausitzer Sechsstaͤdten, theils nach dem Erzgebirge. Wenn einige Fabriken und Manufakturen nach außen absetzen, so sind desto mehrere, die fuͤr den Bedarf von Dres- den nicht zureichen, wie z. B. die Tuch- Lein- wand- und Baumwollen-Manufakturen. Waa- ren des Luxus und der schoͤnen Kuͤnste, z. B. Gold- Silber- Steinschleifer- Bildhauer- Ma- ler- Tischler- Wagenbauer- Sattler-Arbeiten und andre von dieser Art, gehen zwar aus Dresden in die Provinz; aber diese liefert da- gegen alles, was zu den Beduͤrfnissen gehoͤrt, die niemand entbehren kann und die alle Tage wieder kommen; dies geht bis auf das Bier und Brot, womit die umliegenden Doͤrfer die Hauptstadt in großer Menge versorgen. Man sieht also, daß die Hauptquelle des Erwerbs fuͤr Dresdeu die Besoldung ist und bleibt. Daher denn auch der Ueberfluß an Men- schen, die nach Stellen und Besoldungen stre- ben. Daher das Heer von Ueberzaͤhligen in den Kollegien, die oft Jahre lang fuͤr nichts, oder fuͤr 25, 50, 100, 150, 200 Thaler die- nen, mit der duͤrftigen Hoffnung, einmal fuͤr den Rest ihres Lebens 3 oder 400 Thaler sich zu erarbeiten; daher der Schwarm von Kom- petenten zu Predigerstellen, die großentheils von hier aus besetzt werden, oder zu denen man wenigstens von hier aus Leute vorschlaͤgt, die sich oft 8 bis 10 Jahre mit Unterricht kuͤmmerlich durchhelfen muͤssen; daher ein Ge- wimmel von Subjekten zu Kantor- Schreiber- Accisebedienten- und andern Stellen aller Art, die eine Fertigkeit im Rechnen und Schreiben erfordern; und daher denn auch die auffallen- de Wohlfeilheit aller Faͤhigkeiten, Talente und Arbeiten, die auf diese Beduͤrfnisse Bezug ha- ben. So armselig aber auch die Lage der jungen Leute ist, die diese Wege zu ihrem Un- terkommen einschlagen, so vermehrt sich den- noch, wie man mich versichert hat, ihre Zahl mit jedem Jahre, und mithin waͤre es in Dresden, wie anderwaͤrts, die dringendste Pflicht der Regierung, dahin zu sehen, daß die Eitelkeit der geringern Staͤnde, vermoͤge deren sie ihre Kinder gern um einige Stufen hoͤher sehen moͤchten, als sie selbst gekommen sind, eingeschraͤnkt und berichtiget wuͤrde. Thaͤ- ten sich aber unbestreitbar vorzuͤgliche Talente unter diesen Klassen hervor, so muͤßte man sie desto nachdruͤcklicher ermuntern und unterstuͤtzen, damit sie zur voͤlligen Ausbildung gelangten; solche Faͤlle wuͤrden unter diesem sehr faͤhigen Volke gewiß nicht selten seyn, und man haͤtte dann eine Pflanzschule, aus welcher man die abgaͤngigen oder unbrauchbaren Glieder des Gelehrten- oder Beamten-Standes ersetzen koͤnnte, indem man zugleich die Traͤgen dar- unter mit Wetteifer und Ehrgeiz erfuͤllte. So waͤre dem Talente, wo es sich auch faͤnde, die Laufbahn offen, und der Dummheit oder Traͤg- heit, wie hoch sie auch schon staͤnde, bliebe sie verschlossen. Da also die Hauptmasse der Einwohner von Dresden in Absicht der Besoldung und Nahrung ziemlich eingeschraͤnkt ist, so ist auch das, was man oͤffentliches Vergnuͤgen nennt, hier einfacher, sparsamer, als irgend- wo in einer andern Hauptstadt. Die hoͤhern Klassen haben, den Sommer hindurch, nichts vom Hofe an Festen und Vergnuͤgungen zu erwarten, da er denselben in Pillnitz zubringt, wo er meist nur des Sonntags den einheimi- schen und fremden Ministern und Generalen zu essen giebt; sie gehen also auf ihre eigenen Landsitze und belustigen sich, wie eigner Ge- schmack schmack, eigenes Beduͤrfniß und die Jahrs- zeit es wollen und mit sich bringen. Die Klassen, die auf sie folgen, bis auf den Rath und wohlhabenden Kaufmann hinunter, hal- ten sich, wie ich schon erwaͤhnt habe, ihre Land-Weinbergs-Garten- und selbst Bauer- Haͤuschen, oder auch nur Stuͤbchen, wo sie des Sommers Tage oder Wochen zubringen, wie ihre Aemter oder Geschaͤfte es erlauben. Was von diesen Klassen in der Stadt bleibt, bildet Gesellschaften, die sich taͤglich in irgend einem Garten zusammen finden: macht Aus- fluͤge nach dem Plauenschen, oder dem Scho- ner-Grunde, oder dem Seifersdorfer Thale, nach Unbigau, dem Ostravorwerke, dem Bade und nach andern Lustoͤrtern, die um die Stadt liegen, und findet dort Musik, mancherley Bie- re, Taback, und ein einfaches Butterbrod mit Braten, auch wohl Land- hoͤchstens Franken- wein und Kuchen. Die geringern Staͤnde, vom Handwerker bis zum Musketier, verlie- ren sich in die Bierhaͤuser, auf die Kegelbah- Fuͤnftes Heft. C nen in der Friedrichsstadt, vor dem schwarzen und weißen Thore, im großen Garten ꝛc. und Abends um zehn Uhr zieht alles in Schaaren und vergnuͤgt nach Hause. Im Winter haben die hoͤhern Klassen oͤf- ters Tafel bey Hofe, Hofbaͤlle, große Gesell- schaften unter sich, und, mit den ihnen naͤ hern gemeinschaftlich, Oper, deutsches Schau- spiel, Redoute; doch wird letztre selten von ihnen benutzt. Das Publikum der Gartenbe- sucher im Sommer bleibt es auch großen- theils im Winter, und geht noch uͤberdieß in die Kaffeehaͤuser und Klubbs und auf die Kon- cert und Tanzsaͤle, die dann in der Stadt of- fen sind. Der Buͤrger geht in sein Bierhaus in der Stadt. Dies ist der Kreis, in welchem sich das gesellschaftliche Verkehr und der Lebensgenuß der Dresdener herum dreht. Man wird ihn sehr klein, sehr sparsam finden, aber wohl der Nation, die damit zufrieden ist! Es ist gerade genug, um sich von der Arbeit zu er- holen, und von der Erholung ohne Unruhe zur Arbeit zuruͤck zu gehen. In Absicht der Wissenschaften und Kuͤnste spielt Dresden vielleicht nicht ganz die Rolle, die es, bey seinem außerordentlichen Vorrathe dazu, spielen koͤnnte. Wenn es indessen keine große Gelehrte, keine große Kuͤnstler hat, so besitzt es doch mehrere vortrefliche und gute in vielen Zweigen der Wissenschaften und Kuͤnste. Den 2ten des Junius reis'te ich von Dres- den ab. Man befindet sich auf einer gemach- ten Straße, die bergan laͤuft und von wel- cher herab man ganz Dresden mit seinem Thale, wie einen flachliegenden Teppich, uͤber- sehen kann. Besonders ist dies der Fall von den Korbitzer Anhoͤhen herab. Uebrigens ist der Boden holpricht, und mit demjenigen blaͤt- terigen, kalkartigen Stein bedeckt, den man Plaͤner nennt, und der hier uͤberall zu Tage aussetzt, oder auch ein paar Fuß tief, unter einem hochgelben Sande mit Lettenstreifen, C 2 gebrochen wird. Die Einfassungen der Hoͤfe und der Gaͤrten waren von eben diesem Stei- ne gemacht, den man ohne Moͤrtel trocken auf einander gelegt hatte. Der Boden hier herum ist sehr fruchtbar; das Getreide stand schon mannshoch und die Brache war mit dem buntesten Blumenschmelz uͤberzogen. Anhoͤhen und Thaͤler wechseln in der Ferne und in der Naͤhe, und zahlreiche Doͤrfer liegen rings um- her. Ich glaube hier eine der schoͤnsten Ge- genden in Sachsen gesehen zu haben. Sie dauert so fort bis Herzogswalde , der naͤch- sten Post (2 M.), einem Dorfe, in welches man von einer ziemlich steilen Anhoͤhe hinab- rollt. Von da bis Freyberg , fuͤhrt anfangs der Weg noch tiefer und steiler hinab, und laͤuft sodann, uͤber eine Stunde, in einem angenehmen Thale fort, das nur stellenweise durch Hohlwege et- was beschwerlich gemacht wird, sonst aber auf beyden hinanlaufenden Seiten eine Man- nichfaltigkeit von Laub- und Nadel-Holz zeigt. Der Weg ist immer noch gebahnt, und sorg- faͤltiger unterhalten, als ich ihn bisher in Sachsen noch gefunden habe. Kommt man aus jenem Thale hervor, so befindet man sich auf der ausgedehnten Flaͤche eines Bergruͤk- kens, auf der man ziemlich lange fortfaͤhrt, bis allmaͤhlich wieder, vor und neben einem, engere und breitere, mit ansehnlichen Doͤr- fern und treflichen Kornfeldern und Wiesen geschmuͤckte Thaͤler sich zeigen, deren man mehrere durchfaͤhrt, bis man endlich nach drey Stunden von neuem in ein tiefes Thal hinabgleitet, in welchem alles die Naͤhe einer Bergstadt ankuͤndigt, als: ungeheure Schich- ten von Holz, Kohlen, raͤuchrige Haͤuser, Ge- raͤusch von Aufschlagwassern, und Dampf. Jenseit dieses Thals erhebt sich der Weg abermals einen ansehnlichen Berg hinan, und hat man dessen Hoͤhe erreicht, so befindet man sich auch vor Freyberg, (2 M.) welches in einer Niederung liegt. Die Ansicht dieser Stadt laͤßt auf ihr Alter schließen. Eine hohe Mauer, streckenweise mit Thuͤrmen besetzt und durch einen tiefen und breiten Graben bedeckt, umschließt sie; die Kirchthuͤrme sind schwarz und gothisch; doch ist die Stadt selbst, was man kaum vermuthet, ziemlich heiter im In- nern, und nur wenig Haͤuser erscheinen ganz alt; auch die Straßen sind breit genug fuͤr die Groͤße der Stadt. Die Haͤuser sind meist massiv; das Pflaster ist gut und an beyden Seiten, so wie in der Mitte, mit breiten Steinen fuͤr die Fußgaͤnger versehen. Nachdem ich einen sehr lehrreichen Tag, uͤber und unter der Erde, hier zugebracht hatte, reis'te ich den 4ten weiter nach Oederan . (2 M.) Der Weg dahin laͤuft zuerst durch einen ziemlich schmalen Wald, der hoͤchst steinigt und unangenehm ist, und auf den eine aͤhnliche steinigte, unfruchtbare Flaͤche folgt, die dem Auge weder in der Naͤhe, noch in der Ferne, etwas Anziehendes darbietet. Die Straße ist nur stellenweise gemacht, und zwar schlecht, weil der darauf gefahrne Schutt keine Bedeckung hat, und in einzelnen, aus- einander gesprengten Steinen umher liegt. Indessen kommen weiterhin doch noch zwey angenehme Thaͤler vor. Das erste vor Ober- schoͤn , einem Doͤrfchen, von welchem aus wie in Terrassen die bunten Anhoͤhen auf allen Seiten emporsteigen: das zweyte ist dasjenige, worin Oederan selbst liegt. Es ist ausgebrei- teter, als das erstere, und laͤßt schon Gruppen der hoͤhern Berge heruͤber sehen. Das Jagd- schloß Augustburg , das man zur Linken laͤßt, liegt auf einem ansehnlichen Berge zwischen andern in der Mitte, beherrscht das ganze Thal, und ist dicht mit schwarzem Walde um- geben. Die Berge hier herum sind wilder, als man sie sonstwo im Erzgebuͤrge findet, dessen Charakter uͤberhaupt sehr sanft und ganz das Gegentheil von den Schlesischen Bergen ist, die sehr prallende Partieen haben und von tiefen finstern Schluchten durchschnitten wer- den. — Oederan liegt auf eine etwas eigen- sinnige Art zwischen Felsen, und man kann nur durch Hohlwege hinein gelangen. Wenn ich auch nicht gewußt haͤtte, daß dies Staͤdt- chen besonders Tuchweberey treibt, so haͤtte ich es aus einem ansehnlichen Leichenzuge ge- schlossen, dessen Mitglieder saͤmmtlich die blaß- gelbe Farbe hatten, welche die Fabrikanten dieser Art vor vielen andern auszeichnet. Das Innere dieses Staͤdtchens ist ganz sauber. Von Oederan bis Chemnitz (2 M.) fuͤhrt die Straße zuerst wieder durch einen Hohl- weg hinauf und laͤuft sodann einen betraͤchtli- chen Berg hinunter, von welchem herab man mehrere enge und weite Aussichten in schwarz- behoͤlzte Thaͤler und uͤber dergleichen Anhoͤhen genießt. Sodann gelangt man wieder in eine Niederung, an deren Seite sich ein Thal er- oͤffnet, das nach und nach alle die Schoͤnhei- ten zeigt, die man nur von einem angenehmen Thale erwarten kann. Die Nordseite ist mit schwarzen pyramidalischen Steintannen besetzt; die Suͤdseite mit Fichten und Kiefern. Den Raum dazwischen nehmen theils Dorfschaften, theils zerstreuete Haͤuserchen und daran stoßen- de fruchtbare Ackerfelder, oder bluͤhende Wie- sen, ein, zwischen denen hindurch sich ein ra- sches Stroͤmchen in mancherley Kruͤmmungen hinwindet. Dies Thal behaͤlt man uͤber an- derthalb Stunden bestaͤndig zur Seite, bis man endlich in dasselbe hineinfaͤhrt und es, mittelst einer uͤberbaueten Bruͤcke, durchschnei- det. Darauf verengert sich die Aussicht wie- der, der Weg laͤuft erst in Hoͤhlungen und sodann bergan durch einen Wald, der sich nicht eher verliert, als kurz vor Chemnitz , in welche Stadt man von oben herab hinein- sieht. Sie giebt, bey ihrer tiefern Lage, fast den Anblick wie Freyberg, hat, fuͤr ihre Groͤße, geraͤumige Straßen, ein gutes Pflaster und groͤßtentheils steinerne Haͤuser von zwey bis drey Stockwerken. Sie ist ganz lebhaft und schließt sehr arbeitsame kunstfleißige Einwohner ein. Von Chemnitz fuhr ich weiter nach An- naberg , (3 M.) auf einem Wege, der zwar eine Strecke auf einer Flaͤche fortlief, die sich aber an Gebirge lehnte und deshalb nicht lan- ge zu dauern versprach. Neben dem Dorfe Altchemnitz hin, das mir, wegen der ausser- ordentlichen Sauberkeit seiner Haͤuser, Gaͤrt- chen und Zaͤune, sehr gefiel, fuͤhrte der Weg uͤber den Bach Chemnitz hinan, zu dem Dorfe Hartau. Oberhalb dieses Dorfes steigt der Berg, Hartauer Berg genannt, ziemlich steil hinan, und man hat, von demselben her- ab, eine der angenehmsten Aussichten in das weite Thal, worin Chemnitz liegt. Indem man weiter faͤhrt, senkt sich dieser Berg ein wenig, und rechts faͤllt ein neues, koͤstliches Thal hinein, das, ohne so weitsichtig zu seyn, als jenes, weit abwechselnder und sanf- ter gebildet erscheint. Wenn dieses hinter- waͤrts verschwunden ist, so thut sich vorwaͤrts schon wieder ein drittes auf. Dies ist das Thal von Burkersdorf , in dessen Tiefe dieser genannte Ort lang ausgedehnt liegt. Ueber denselben hinauf fuͤhrt dann die Straße wiederum durch Hohlwege in ein schwarzes Waldigt, mit untermischten Kornfeldern. Man faͤhrt nun eine Strecke auf der Hoͤhe im Walde fort, der uͤberall, wo er Luͤcken hat, kleinere und groͤßere angenehme Thaͤler uͤbersehen laͤßt. Bald erblickt man in einem neuen Thale ein Staͤdtchen vor sich, zu welchem man in Hohl- wegen tief hinunter muß. Dies ist Duben , ein kleiner hoͤlzerner aber reinlicher Ort, hin- ter welchem man von neuem einen Berg zu erklimmen hat, von dessen Gipfel man ohne Aufenthalt wiederum in das minder angeneh- me Thal um Ehrenfriedersdorf hinunter muß. Dies ziemlich lebhafte Bergstaͤdtchen ist schwarz, wie seine Umgebungen, die aus lau- ter zu Tage gefoͤrdertem, tauben Stein beste- hen, der rund umher an den Bergen große schwarze Waͤlle bildet. Hier ist seit Jahrhun- derten ein ergiebiger Bergbau auf Zinn und Silber, der viel Menschen naͤhrt, die auch noch durch andre Zweige des Kunstfleißes die hiesige karge Natur verbessern. — Ueber Ber- ge und durch Thaͤler geht der steinigte Weg endlich nach Annaberg hinauf, welches sich, am Abhange eines Berges gelagert, zeigt, und keine unangenehme Ansicht gewaͤhret. Im Ruͤ- cken wird es von einem hohen isolierten Ba- salt-Berge, der Poͤhlberg genannt, beherrscht, den man schon mehrere Stunden vorher aus der Ferne sah. Das Innere der Stadt ist zwar heiter und geraͤumig und sehr sauber, aber an den Seiten der Straßen sproßt das Gras aus dem Pflaster hervor, und, gegen Freyberg und Chemnitz gehalten, ist die Stadt wie ausgestorben. Von Annaberg auf Oberwiesenthal (4 M.) hat man abermals nichts als Waͤlder, Berge und Thaͤler vor sich, uͤber welche rund umher aus der Ferne, die Koppen einzelner Berge hervorragen, und zwar so, daß da, wo zwischen zwey Bergen sich ein Einschnitt bil- det, ein entfernter dritter, der noch hoͤher ist, sogleich davortritt. Ich befand mich also jetzt tief in dem Kessel der Gebirge, und konnte weder weiter hinein, noch wieder heraus, ohne zu klimmen. Der Weg fuͤhrte bald durch sehr mannichfache, sehr angenehme Thaͤler, bald am Abhange derselben hin; und sie waren auf beyden Seiten und in der Mitte theils mit Holz, theils mit Waͤllen von zu Tage gefoͤr- dertem Stein und Erz, theils mit den lachend- sten Wiesen bedeckt. Der Baͤrenstein , ein Berg von eben dem Bau und der Form, aber nicht so hoch wie der Poͤhlberg, kam mir jetzt immer naͤher, nachdem ich ihn schon seit fuͤnf Stun- den im Gesichte gehabt hatte. Auf seiner Nordseite befand sich, in einer Kluft noch Schnee. Neben ihm ging der Weg hinunter, durch einen Theil des Staͤdtchens Baͤren- stein , das fast aus lauter einzeln liegenden Haͤusern besteht, die mit frischen Leuten, wel- che theils spannen, theils wirkten, theils Spi- tzen kloͤppelten, zahlreich besetzt waren. Um jedes Haus lag ein Stuͤck Wiese; Ackerfeld bemerkte ich fast gar nicht. Gleich an Baͤrenstein stoͤßt das kaiserliche Gebiet, und das Boͤhmische und Saͤchsische sind hier nur durch ein kleines Waͤsserchen, der Poͤhl - oder Graͤnzbach genannt, von einander getrennt. Der erste Boͤhmische Ort ist Weipert ; hier ist auf einmal alles anders. Eines neuern Reisenden Bemerkung uͤber ka- tholische Physiognomieen hat Wider- spruch gelitten, aber ich finde sie nicht ganz ohne Grund. Ein gewisses ernsthaftes, finste- res Ansehen, ein niedergeschlagenes, nicht ehr- furchtvolles, sondern devotes Auge: dies ist wohl das Katholische, was man auf den Gesichtern der Menschen hier herum, besonders aber der Maͤdchen und Weiber, bemerkt. Es ist wohl nur gleichsam religioͤse Handwerks-Physiogno- mie, deren Zuͤge sich durch das viele Kirchen- gehen, durch das Aeußere der Moͤnche und Prie- ster und durch das Anschauen der Heiligen- Bilder zusammen finden und den Gesichtern aufdruͤcken. Man faͤhrt nun in einem Thale fort, das eine einzige zusammenhangende blumigte Wiese bildet, die von dem Graͤnzbache durchschlungen wird. Der Weg fuͤhrte links am Abhange hin und war stellenweise gefaͤhrlich. Es ward schon dunkel, als ich vor Niederwiesen- thal ankam. Der Weg war allmaͤhlig berg- an gestiegen. Das Thal hatte sich verengert und erschien jetzt mehr mit Baͤumen besetzt. Unter diesen standen Schmelzhuͤtten herum, aus denen von Zeit zu Zeit Flammen hervor- schossen, welche die Dunkelheit des schwarzen Waldes vermehrten. Der Weg fuͤhrte dazwi- schen hindurch nach Oberwiesenthal . Auf beyden Seiten nichts als schwarze Haͤuser und schwarze Menschen, gluͤhende Essen, umher- spruͤhende Funken und das Gerassel und Po- chen der Hammerwerke. Endlich kam ich nach Oberwiesenthal, das, in einer betraͤchtlichen Laͤnge, theils im Thale, theils am Abhange der Anhoͤhen liegt, schwarz, ungepflastert, und mit schwarzen, laͤrmenden Einwohnern besetzt ist. Ich war gezwungen, die Nacht hier zu bleiben. Man versicherte mich, ich wuͤrde ei- nen guten Gasthof auf dem Markte finden. Dahin fuhr ich also. In einer Ecke desselben erhob sich ein altes hoͤlzernes Haus mit einem Thurme. Nach langem Pochen ging ein Thor- weg knarrend und seufzend auf, und im Vor- dergrunde zeigte sich ein altes Weib in den Sechzigen, mit einem Stumpen Licht in der bloßen Hand. Ich zog ein. Eine steile, schwan- kende Treppe mit ausgetretenen Stufen, fuͤhrte in den ersten Stock. Durch den Boden des Vorsaals, der voller Risse und Astloͤcher war, sah ich unten im Hause mehrere Menschen, mit Kienbraͤnden in der Hand, mitten unter Stroh und Holzspaͤnen, Platz fuͤr meinen Wa- gen machen. Ich ging mit leichten Schritten wie auf dem Boden eines Siebes, uͤber den Saal und trat in ein Zimmer, das mir die erwaͤhnte Alte aufschloß. Hier erblickt' ich eine lange Tafel, um welche herum sechs bis acht uralte hoͤlzerne Stuͤhle standen. In der Mitte Mitte war ein Kruzifix aufgepflanzt, auf wel- ches die Alte einige Tropfen Unschlitt troͤpfelte und solchergestalt ihr Endchen Licht befestigte, mit der Vertroͤstung, daß sie mir bald einen Leuchter bringen wolle. Das Gemach zitterte bey jedem Schritte, den ich auf und ab mach- te. Es war rund umher mit uralter Taͤfeley bekleidet. Ein paar hohe, mit Eisen beschla- gene, feste Schraͤnke standen an den Seiten, und zwischen ihnen hingen mehrere schwarz geraͤucherte Gemaͤlde, worauf ich unter andern einen gefesselten armen Suͤnder, und ein juͤng- stes Gericht, von der Dreyfaltigkeit gehegt, erblickte. Am obern Ende des Tisches, vor ei- nem Lehnsessel, stand ein Todtenkopf, und uͤber demselben hing der Griff zu einer Klin- gel herab. Kurz, ich befand mich, was man schon errathen haben wird, auf dem Rath- hause, in der Gerichtsstube, auf dem Lehn- stuhle des Buͤrgermeisters von Oberwiesenthal. Ein Abendessen, das zu diesen Umgebungen paßte, und ein Nachtlager in einer Bettkam- Fuͤnftes Heft. D mer, die rothe Balken und eine schwarz und weiß bemahlte Decke hatte, kroͤnten dieses Abenteuer. Von Oberwiesenthal aus fuhr ich den an- dern Morgen auf Karlsbad (2 M.). Man muß einen hohen Berg erklimmen, der die erstere Stadt von dieser Seite beherrscht. Es ist der Fichtelberg , der hoͤchste Punkt des Erzgebirges. Das Wiesenthal hat man immer noch zur Linken. Je hoͤher man auf der einen Seite diesen Berg hin- ankoͤmmt, desto hoͤher erhebt sich der ge- genuͤberliegende, und beyde klemmen am Ende das Thal, das hier eine Wendung rechts nimmt, so enge ein, daß es gleichsam nur als ein Riß zwischen beyden erscheint und sich endlich ganz verliert. So befand ich mich denn auf dem Gipfel des hohen, oben eingeschnittenen Ber- ges, der mir so lange im Gesichte gewesen war. Eine der schoͤnsten Aussichten, die ich im Erzgebirge gefunden habe, breitete sich vor mir aus. — Unten im Thale zeigt sich das boͤhmische Bergoͤrtchen Gottesgab , und bald hinter demselben gelangt man in einen bergig, ten Wald, den man fast in lauter Hohlwegen, zwischen Steinen und auf Steinen durchfaͤhrt, bis man endlich nach zwey Stunden in die tiefe Schlucht gelangt, worin Joachims- thal liegt, das man anfangs nur seinen Daͤ- chern nach zu sehen bekoͤmmt. Steine liegen hier wie Schutt herum; große Felsenstuͤcke sind an beyden Seiten abgeschossen und schnelle Baͤche reissen sich rechts und links her- ab, und setzen mehrere Lohmuͤhlen betaͤubend in Bewegung. Joachimsthal ist besser gebau- et, als Oberwiesenthal, hat steinerne Haͤuser, die, bis auf wenige am Eingange, sauber un- terhalten sind. Rechter Hand, hoch auf dem der Stadt zunaͤchst liegenden Berge, erschei- nen die Auswuͤrfe eines Bergwerks, die in drey Terassen aufgethuͤrmt sind und alle Au- genblicke abzugleiten und die naͤchsten Haͤuser zu verschuͤtten drohen. Weiterhin, auf einem an- dern Berge, zeigt sich das Getruͤmmer eines D 2 alten Gebaͤudes, das ein Schloß gewesen zu seyn scheint, jetzt aber zu einer Kirche ein- gerichtet ist, worin die Bergleute, ehe sie ein- fahren, ihre Andacht verrichten. Von Joachimsthal aus wird die Schlucht immer enger, aber auch immer steinigter und beschwerlicher. Auf beyden Seiten stehen Tan- nen so senkrecht hinan, daß die eine aus der andern hervorgewachsen scheint, waͤhrend in der Mitte, uͤber Felsenstuͤcke hinweg, ein ar- mes Waͤsserchen faͤllt, das seifenartig, haͤßlich aussieht und auf seinem Laufe von mehreren Muͤhlen und Huͤttenwerken genutzt und so- dann wieder entlassen wird. Endlich kommt man aus der Schlucht heraus und eine lichte- re Aussicht biethet sich dar; man koͤmmt, wo nicht in eine Flaͤche, doch in eine ebenere Ge- gend, wo die Berge niedriger sind und min- der dicht bey einander stehen. Hier war das Getreide ellenlang hoͤher, als in den Bergen, durch die ich gestern kam; die Bluͤthen der Aepfel und Kisrchbaͤume, die dort erst aus der Knospe traten, waren hier schon im Abfallen; und so schien es, als ob ich, nach einer kleinen Strecke von acht Meilen, um mehrere Grade naͤher nach Suͤden gekommen waͤre. Der Weg dauert nun, wie oben angezeigt, fort, und windet sich noch durch manchen Hohl- weg, uͤber manche Anhoͤhe, zum Theil durch Waldung, zum Theil am Gehaͤnge von Bergen, das große Felsenstuͤcke bedecken, dahin; man koͤmmt uͤber die Eger und sieht sich dann bald vor Karlsbad . Karlsbad liegt in einem engen Thale, das bey Toͤplitz seinen Anfang nimmt, und unterhalb jener Stadt in die Ebene auslaͤuft, welche die Eger durchstroͤmt. Die Toͤpel, ein kleiner Fluß, koͤmmt gedachtes Thal herab, und an beyden Ufern desselben ist Karlsbad erbauet. Betraͤcht- liche Berge schließen es von allen Seiten ein. Die ansehnlichsten darunter sind der Kreutz- berg , der Hirschstein und der Hammer- berg . Der Kreutzberg ist der hoͤchste. Er steigt in Osten, von dem Ufer der Toͤpel aus, in fast gleichfoͤrmiger Gestalt, uͤber dritthalb hundert Schuh hoch, hinan, und hat auf seinem Gipfel, der mit Nadelholz bewachsen ist, drey hoͤlzerne Kreutze, die ihm den Namen gegeben haben. Der Hirschstein oder Hirschsprung , liegt der Stadt gegen Westen, erhebt sich unge- faͤhr zwey hundert Schuh hoch, und besteht meist aus schroffen, senkrecht und gruppenweise emporstrebenden, gespaltenen Steinmassen, die zwischen einem Waldigt von Nadelholz heraus- sehen. Der Hammerberg ist weder so hoch, noch so ausgezeichnet, als die beyden vorigen, und dicht mit Nadelholz bewachsen. Die Grundbestandtheile dieser Berge sind Granit, von derjenigen uralten Art, aus der die Karpathen bestehen, die wiederum mit den asiatischen Gebirgen zusammen hangen. Vergl. Bergmaͤnnisches Journal, 1792, 11tes Stuͤck, S. 384. Außer dieser Gebirgsart findet man spaͤter gebildete, als Thonschiefer, Greus, Glimmer, um und an denselben; und in mindern Hoͤhen erscheinen noch juͤngere Trappformationen. Die Aussicht von den genannten drey Ber- gen ist mehr oder weniger weitlaͤuftig, aber im- mer sehr angenehm. Zu seinen Fuͤßen hat man die Ebene, durch die man vom Erzgebirge her gekommen ist, und die sich gegen Morgen in der Flaͤche abdacht, in welcher Prag liegt; gegen Mittag aber sich an ein Gebirge lehnt, das sich ziemlich steil erhebt, und sich den Bergen des Boͤhmer Waldes anschließt. Der Raum zwi- schen Karlsbad, dem Erz- und dem Boͤhmer- Wald-Gebirge, ist mit hoͤhern und niedrigern Bergen und Berggruppen bestreuet, zwischen denen bald Gehoͤlz, bald Ackerland, bald Wie- sen, in der Mitte liegen. An der Gestalt unterscheidet man aus der Ferne unter den einzeln stehenden Bergen einige Basaltfelsen, z. B. den Grasberg , der un- gefaͤhr eine halbe Meile oͤstlich von Karlsbad liegt, auf einer breiten Grundlage kegelfoͤrmig emporsteigt, und aus einem Basalt besteht, der fast von der Art ist, wie der am Stolpener Schloßberge, doch weniger in Saͤulen gespalten, und weniger zu Tage auslaufend erscheint, als der Basalt an jenem. Der Trittlitzer Berg giebt von fern ei- nen weniger ausgezeichneten Anblick, man er- kennt ihn aber sogleich als Basaltfelsen. Sein Basalt ist von derselben Art, wie der am Gras- berg. Ansehnlicher als beyde, und als der hoͤchste in der Ebene, ragt der Hornberg hervor. Seine Bestandtheile sind wie die an den beyden vorigen. Die Ebene zwischen diesen verschiedenen Ber- gen ist reich an mineralogischen Merkwuͤrdigkei- ten. Das Daseyn von Erdbraͤnden und After- vulkanen ist unverkennbar. Erdschlacken, Stuͤ- cke gebrannten Thons, Steinkohlen und Ver. glasungen sieht man haͤufig am Wege. Daß diese Erdbraͤnde zum Theil noch fortdauern, aber in betraͤchtlicher Tiefe, beweisen augenscheinlich die heißen Quellen in dem Thale der Toͤpel, denen Karlsbad seine Entstehung und seinen Ruf zu danken hat. Die Geschichte, die man von der Auffin- dung dieser Quellen und von der Entstehung der Stadt Karlsbad erzaͤhlt, ist folgende: „Kaiser Karl der Vierte verfolgte in dieser Gegend einen Hirsch, der, von den Hunden gedraͤngt, uͤber einen hohen Felsen in das Thal, worin jetzt Karlsbad liegt, hinabsprang. Die Hunde und Jaͤger setzten ihm, aber sicher auf einem andern Wege, in dies Thal nach, und fanden bey der Gelegenheit die Quellen.“ — Viel- leicht ist in dieser Ueberlieferung nichts wahr, als der Umstand, daß man unter gedachtem Kaiser diese Brunnen fand, oder auch nur de- ren Daseyn wieder so in Erinnerung brachte, daß er sich derselben annahm, sie untersuchen und einige Haͤuser anbauen ließ, deren Anzahl sich nach und nach so vermehrte, daß sie eine kleine Stadt bilden konnten. Die ersten Be- wohner derselben sollen von dem naͤchsten Dorfe eingewandert seyn. Jetzt enthaͤlt Karlsbad, wie es, nach einem großen Brande im Jahre 1756, wieder erbauet worden, drey hundert und dreyßig Haͤuser. (Kirchen, Saͤle, Schul-Komoͤdien-Kranken- und Armenhaͤuser mit eingerechnet) und acht und vierzig Brandstellen, die allmaͤhlich wieder angebauet werden. Die Anzahl der ordentlichen Bewohner von Karlsbad kann man, in einer runden Summe, zu fuͤnftehalbtausend annehmen; die außeror- dentlichen, naͤmlich die Brunnengaͤste, die den Sommer uͤber dort sind, kann man, waͤhrend des belebtesten Zeitpunkts, zu drey bis vier hundert, Bediente, Maͤgde und Kinder mit eingeschlossen, berechnen. Die Bauart der Stadt ist sich nicht uͤber- all gleich; besonders gehen zwey Gegenden darin merklich von einander ab. Derjenige Theil, den man, von dem Eger'schen Thor an bis zur Toͤpelbruͤcke, durchfaͤhrt, besteht aus lauter Haͤusern von Fachwerk, meist nur zwey Stock hoch, mit hoͤlzernem Bindwerk ausgestopft, das mit rother oder blauer, oder grauer Farbe angegeben ist. Diese Art von Haͤusern laͤuft bis zur Stadtkirche, und von da, am rechten Ufer der Toͤpel, fort, und en- digt sich den Belustigungssaͤlen gegen uͤber. Sie bildet den aͤltesten Theil der Stadt und schließt den Sprudel ein, um welchen her die ersten Haͤuser angelegt wurden. Derjenige Theil der Stadt, der an dem linken Ufer der Toͤpel liegt, und jenseits der Bruͤcke bey dem Muͤhlbade und Neubrunnen anhebt, ist neuer, und schließt hoͤhere, geraͤu- migere und ansehnlichere Haͤuser ein. Man gelangt, durch eine enge Gasse, deren Haͤu- ser rechts am Fuße der Felsen, links an dem linken Ufer der Toͤpel stehen, auf den Markt oder Ring, der fuͤr den eingeschraͤnkten Grund der Stadt groß genug ist, und an seiner lin- ken Seite die vier schoͤnsten und groͤßesten Haͤu- ser Sie sind mit Nro. 30. 31. 32 und 33 bezeichnet. , und auf der rechten das Rathhaus von Karlsbad mit seinem Thurm, enthaͤlt. Zwi- schen diesem und den ihm entgegenstehenden Haͤusern auf der linken Seite, fuͤhrt ein Weg hinan, der rechts zu einem alten Schlosse und dem Schloßbrunnen; gerad'aus, auf ei- nen zuruͤckspringenden angenehmen Berg und, links, zu einem Spatziergange fuͤhrt, welcher an dem Gehaͤnge des Hammerberges und des Hirschsprungs bis dahin, wo letzterer sich ab- dacht, herumlaͤuft. Die erwaͤhnten vier ansehnlichen Haͤuser auf dem Markte, dienen, nach Karlsbader Art zu sprechen, hohen , oder vielmehr, den hoͤchsten Brunnengaͤsten zur Wohnung, weil sie, in zwey Geschossen, große geraͤumige Zim- mer in einer Folge enthalten, und nahe am Sprudel, dem Neubrunnen und Schloßbrun- nen liegen. Von denselben fuͤhrt eine kurze Gasse, die ein weit vorgebautes Haus an ih- rem Ausgange sehr enge macht, auf die Wei- se , eine Straße, die, links, mit einer einfa- chen Allee, und rechts, mit einer Reihe guter und bequemer Haͤuser besetzt ist, die bis zu den Belustigungssaͤlen fortlaͤuft, und mit die- sen sich endiget. Diese Halbstraße, die den Namen von einer Wiese hat, auf welcher sie erbauet worden, ist gewoͤhnlich bis in die Gie- bel der Haͤuser ganz mit Brunnengaͤsten be- setzt, und wird uͤberhaupt fuͤr vornehmer ge- halten, weil die Wohnungen auf derselben um drey, fuͤnf und zehn Gulden woͤchentlich theu- rer sind, als die auf der entgegengesetzten Seite der Stadt. Hier nimmt man in der That nur dann eine Wohnung, wenn am Markt und auf der Wiese keine mehr zu be- kommen ist, und man zieht auch hier noch die- jenigen Straßen vor, die am naͤchsten an dem Markt oder an der Wiese liegen. Man hat aber schon vornehme Kranke wieder von Karlsbad abreisen sehen, weil sie in den Mode- genden der Stadt keine Unterkunft mehr fin- den konnten; alles, um nicht zwischen Prie- stern, Kaufleuten, buͤrgerlichen Raͤthen und dergleichen Leuten, ihren Wohnplatz aufzu- schlagen, mit denen sie doch uͤbrigens das Un- gluͤck haben, aus einerley Brunnen trinken zu muͤssen. Doch auch vor diesem Ungluͤcke wissen sich einige zartfuͤhlende Kranke zur Haͤlfte zu verwahren, indem sie sich nicht in Per- son zu den Brunnenplaͤtzen unter den gemei- nen Schwall begeben, sondern das Wasser aus den Quellen nach ihrer Wohnung holen lassen, unbeachtet, daß durch diesen Uebertrag zwey Drittel der fixen Luft, des heilsamsten Grundtheils der Karlsbader Wasser, verloren gehen. Das Voͤlkchen, das diese Stadt bewohnt, ist eines der gutmuͤthigsten, ehrlichsten und dienstfertigsten in der oͤsterreichischen Monar- chie. Der vierfache Umstand, daß sie großen- theils von den Brunnengaͤsten leben, die, so lange sie dort sind, alle ihre noͤthigen und unnoͤthigen Beduͤrfnisse von ihnen nehmen und noch, bey ihrer Abreise, dergleichen in Menge kaufen, um sie, theils als Andenken, theils als Reisegeschenk, theils als Spiel und theils als Nutz-Werkzeuge mit nach Hause zu nehmen; daß sie mit Kranken zu thun haben, die Huͤlfsleistung und Gefaͤlligkeit brauchen, und diese Tugenden durch ihren Zustand in guten Herzen erwecken; daß eben diese Kranke, was sie an moralischen Fehlern mitbringen, weniger auffallend zeigen, weil Schmerzen und Schwachheit des Koͤrpers es verhindern; und endlich, daß sie uͤber die Haͤlfte des Jah- res, unbesucht, einsam, keiner Verfuͤhrung ausgesetzt, zwischen ihren Bergen leben: diese Dinge bewirken wohl zunaͤchst, daß ihr Ge- muͤth so rein und unverdorben bleibt, als es sich wirklich zeigt, wenn man auch nicht die Bemerkung gemacht haben sollte, daß die Be- wohner von Boͤhmen uͤberhaupt, diesseits des Bergkranzes, der ihr Land umgiebt, noch bes- ser, wenn auch ungebildeter, als ihre Graͤnz- nachbarn, zu bleiben das Gluͤck gehabt haben. Reich sind indessen die Karlsbader nicht, theils, weil ihre hauptsaͤchlichste Erwerbsquelle nur vom May bis in den Oktober springt; denn die Faͤlle sind sehr einzeln, wo auch im Spaͤtjahr und im Fruͤhjahre Brunnengaͤste dort waͤren, obgleich die Brunnenaͤrzte behaup- ten, ihre Quellen koͤnnten auch im Winter ge- braucht werden; theils, weil sie im Winter das wieder aufzehren, was sie im Sommer gewonnen haben. Der gemeine Mann ist naͤmlich nicht unbekannt mit dem Billard und dem Wein- Bier und Tanzhause, und die bessern Klassen sind es eben so wenig mit Schmaͤu- sen, Baͤllen und sogar Maskeraden. Dadurch kommt jedermann, gegen die Sommermonate, mit seinen Einkuͤnften in diejenige Ordnung zu- ruͤck, die den Karlsbadern, fast so streng, als ihr eigenes gutes Herz, gebietet, freundlich, zu- vorkommend und dienstwillig gegen ihre Gaͤste zu seyn. Ueber Ungeschliffenheit, Trotz und doch Uebertheurung, die man so haͤufig in an- dern deutschen Baͤdern, z. B. in Aachen und Pyr- Pyrmont findet, hat wohl noch nie ein Brun- nengast in Karlsbad zu klagen gehabt. Die Bewohnerschaft von Karlsbad besteht fast allein aus Kuͤnstlern und Handwerkern, und zwar aus solchen, deren Arbeiten, außer einem allgemeinen Betrieb, auch einen beson- dern bey den Brunnengaͤsten finden. Dahin gehoͤren besonders die Nadler ; (14 Meister), Zinngießer , (15 Meister), Tischler , (12 Meister), Buͤchsenmacher , (14 Meister), Schlosser , (3 Meister), Guͤrtler , (5 Mei- ster) und Messerschmiedte , (25 Meister). Vergl. Karlsbad, beschrieben zur Bequem- lichkeit der hohen Gaͤste , daselbst, 1788 — ein wunderlich geschriebenes kleines Buch, dem ich aber bey obigen Angaben folgen zu koͤnnen glaubte, da es von einem Karlsbader Handwerker verfaßt zu seyn scheint. Die Tischler sind hier besonders geschickt in kleinen Arbeiten, in Verfertigung von Putzti- schen und Putzkaͤstchen, Theetischchen, und hundert andern Kleinigkeiten. Sie wissen das Fuͤnftes Heft. E Holz, oder die Masern, die sie zum Verkleiden derselben brauchen, sehr geschickt mit allerley Firnissen und Beitzen zu uͤberziehen und zu durchlassen; aber nicht so geschickt sind sie in der Vertheilung und Anordnung der Farben, und ihre Formen haben wenig Neues und Ab- wechselndes. Sie sind in dem letztern Punkte Schuͤler gegen die Franzoͤsischen und besonders gegen die Englischen Kunsttischler, die mit Ein- falt und Schoͤnheit die hoͤchstmoͤgliche Dauer- haftigkeit und Mannigfaltigkeit des Mechanis- mus zu verbinden pflegen. Aber man kauft auch in Karlsbad z. B. fuͤnf Schatullen fuͤr den Preis, wofuͤr man kaum Eine in Eng- land selbst bekommen wuͤrde. Die uͤbrigen oben angefuͤhrten Handwerker arbeiten in Messing, Eisen, Stahl und in andern Metallen, nicht nur das, was ihr Name angiebt, sondern auch uͤberhaupt alle Waaren, die ihre Geschicklichkeit hervorbrin- gen kann, ohne daß sie diesfalls streng zunft- maͤßig einen Scheidungsstrich gezogen haͤtten. Im Ganzen sind ihre Arbeiten mit Fleiß, aber nicht immer mit Geschmack gemacht, besonders in Absicht der Form, die ziemlich schwerfaͤllig zu seyn pflegt, und der Verzierung, die eine plumpe Schnoͤrkeley ist. An diesen beyden Stuͤcken erkennt man die Karlsbader hieher gehoͤrigen Waaren, wie man die Nuͤrnbergi- schen an ihrem eigenthuͤmlichen Geist erkennt. Man vermißt bey ihnen, wie bey den deut- schen, italiaͤnischen und spanischen Handwer- kern uͤberhaupt, den Geist der Verfeinerung und Erfindung, den die englaͤndischen und franzoͤsischen in so hohem Grade besitzen, und den die erstern noch mit dem Geist der Vol- lendung, dem Triumph aller ihrer Manufak- tur- und Fabrikwaaren, verbinden. Da die Kuͤnste und Handwerke einer Stadt keinen unverwerflichen Maßstab von dem Ver- trieb, Bedarf, Genuß und sogar von dem Cha- rakter ihrer Einwohner abgeben, so erlaube man mir, noch anzumerken, daß in Karlsbad nur Ein Apotheker aber dreyzehn Baͤcker, nur E 2 Ein Juwelier aber neun Wollenzeugmacher, nur Ein Buchbinder aber sieben Gastwirthe, nur Ein Goldarbeiter aber eilf Schuhmacher, nur fuͤnf Maurer aber vierzehn Schneider, keine Buchhandlung aber sechs Speisewirthe, kein Advokat aber achtzehn Fleischer vorhanden sind. Kein Modenhaͤndler von allen, die, den Sommer uͤber, zu sechs bis acht in Karlsbad sind, ist dort ansaͤßig, aber wohl sind es eilf Kraͤmer, die mit brauchbaren oder unentbehr- lichen Dingen, vom Salze an, bis zum Unga- rischen Wein herab, ein lebhaftes Gewerbe treiben. Karlsbad besitzt fuͤnf Gesundheitsquellen, die ordentlich gefaßt sind und zur Kur gebraucht werden: den Sprudel , das Muͤhlbad , den Neubrunnen , den Gartenbrunnen und den Schloßbrunnen . Kleinere Adern, aus denen warmes Wasser heraussickert, sind mehrere vorhanden. Lesern, die sich in chemischer Hinsicht uͤber diese Quellen naͤher unterrichten wollen, empfehle ich des Die ergiebigste Quelle und zugleich die heisseste, ist der Sprudel , doch erreicht seine Hitze nicht ganz den Grad des Kochens. Sein Wasser faͤllt nicht unangenehm auf die Zunge und wird, dem Geschmacke nach, gewoͤhnlich einer leicht gesalzenen Huͤhnerbruͤho verglichen, mit dem es in der That große Aehnlichkeit hat. Seine Farbe ist klar; diese Klarheit ver- liert sich aber, wenn es eine Weile steht, und es nimmt eine weißliche Farbe an, indem es zugleich zarte, weißgelbliche Kalktheilchen fal- len laͤßt, die den Koͤrper, auf den sie fallen, versintern. So entstehen die sogenannten Ver- steinerungen, die man zum Andenken aus Karlsbad mitzubringen pflegt. Die Bestand- theile dieses Wassers sind luftsaures Mine- verstorbenen D. Bechers: Neue Abhandlun- gen uͤber das Karlsbad ꝛc. Leipzig 1789. Neuer sind die Versuche des Herrn Prof. Klap- roths in Berlin, die er in der kleinen Schrift „Chemische Untersuchung der Mineral- quellen zu Karlsbad“ bekannt gemacht hat. Berlin, 1790. ralalkali, Glaubersalz, Kochsalz, luftsaure Kalk- erde, Kieselerde und eine geringe Spur von Eisenstoff. Dieselben Bestandtheile haben auch die uͤbrigen Quellen, und die Mischung derselben untereinander ist sich ziemlich gleich, bis auf die Luftsaͤure, deren die eine Quelle, je nach- dem sie heißer oder kuͤhler ist, mehr oder we- niger als die andere mit sich fuͤhrt. Die Muͤhlbadquelle ist laulicht und hat bey weitem nicht den geistigen Geschmack des Sprudels, weil sie nicht so viel fixe Luft enthaͤlt. Man bedient sich ihrer auch selten fuͤr Kranke, es muͤßten denn solche seyn, die sehr schwache reitzbare Nerven haͤtten und de- nen deshalb die Hitze des Sprudels schaͤdlich wuͤrde. Doch empfiehlt man in diesem Falle haͤufiger den Schloßbrunnen . Der Neubrunnen hat ebenfalls nicht den Grad der Hitze des Sprudels und schmeckt deshalb merklich matter. Er war in diesem Jahre (1793) der Modebrunnen. Alles, was schoͤn war, trank an demselben, und was ga- lant war, trank hier auch. Man fand den Sprudel, seiner Hitze wegen, zu angreifend, und ein paar Brunnenaͤrzte naͤhrten dies Vor- urtheil, bloß um etwas anderes zu empfehlen, als der verstorbene Becher , der bestaͤndig auf den Gebrauch des Sprudels gedrungen hatte. Nicht weit vom Neubrunnen, unter der- selben hoͤlzernen Gallerie, die man, zur Be- quemlichkeit der Trinker, erbauet hat, dringt noch eine andere Quelle, die, meines Wissens, noch keinen Namen fuͤhrt, in einem starken Strahle hervor. Sie ist so heiß, als der Sprudel, aber eine der juͤngsten. Kranke, die sich staͤrkere Nerven zutrauen, trinken sie be- sonders. Der Gartenbrunnen springt oberhalb des Neubrunnens, am Abhange des Granit- berges, an dessen Fuße letzterer hervordringt. Ich weiß nicht, warum man ihn den Garten- brunnen nennt, denn außer vier oder fuͤnf Baͤumen, die an der rechten Seite des schma- len, dazu gehoͤrigen, Spatzierplatzes stehen, findet man keine Spur von einem Garten. Dieser Brunnen fließt nicht ununterbrochen aus seiner Roͤhre, sondern in Absaͤtzen, und kommt mit einem rauschenden Schaume zum Vorschein. Er wird zwar in gewissen Faͤllen von den Brunnenaͤrzten empfohlen, aber ge- woͤhnlich trinkt man ihn nur zur Abwechs- lung, oder aus Neugier. Er ist uͤbrigens lau, und hatte dieses Jahr einen starken Schwe- felgeschmack, den Kenner seiner neugesetzten Roͤhre zuschrieben. Noch lauer ist der Schloßbrunnen , zu dem man, vom Markt aus, hinauf steigt, und der besonders nervenschwachen Personen, wel- che die Hitze der vorhin erwaͤhnten Quellen nicht ertragen, empfohlen wird. Die Wirkung dieser Quellen ist, im Gan- zen genommen, mehr oder weniger dieselbe: sie reinigen die ersten Wege, verduͤnnen und versuͤßen das Blut, und fuͤhren die darinn befindliche Schaͤrfe gelind und allmaͤhlich ab. Daraus wird klar, was fuͤr Krankheiten sie zunaͤchst heilen oder mildern. Verstopfungen der Gedaͤrme, Gekroͤse und Nieren, Stein, Gries, noch nicht eingewurzelte Gicht, Hypo- chondrie und Melancholie, Magenkraͤmpfe, Kopfweh, Nervenzufaͤlle, selbst epileptische, wenn sie sich von Anhaͤufungen im Unterleibe herschreiben: alle diese und andere damit ver- wandte Krankheiten werden durch sie theils gehoben, theils abgeleitet; aber auf die ganze Gattung der hitzigen Krankheiten wirken sie wenig oder gar nicht, und manche Kranke, die mit solchen behaftet waren, haben in Karlsbad ihr Grab gefunden, wenn ihr Haus- arzt so unwissend war, ihnen die hiesigen Quellen zu empfehlen, und ihr Brunnenarzt so leichtsinnig, ihnen den Gebrauch derselben zu gestatten. Ueberhaupt, wer eine nahmhafte Krankheit hat, die nicht aus Verstopfung des Unterleibes entsteht, der suche hier weder Huͤlfe noch Erleichterung; und so auch der, der in Karlsbad selbst mit irgend einem Uebel, auf welches der hiesige Brunnen nicht wirkt, be- fallen wuͤrde. Die Brunnenaͤrzte haben, in der Behandlung solcher Krankheiten, die hier nicht gewoͤhnlich vorkommen, geringe Erfah- rung, und benehmen sich dabey — sehr furcht- sam wenigstens. Auch pflegen sie aus Politik (was in diesem Falle ein Gluͤck ist) solchen Kranken zur Entfernung zu rathen, damit sie nicht etwa in Karlsbad sterben und dessen Quellen einen uͤbeln Ruf zuziehen moͤgen. Da die Genossen unseres Zeitalters, maͤnn- lichen und weiblichen Geschlechts, Juͤngere wie Aeltere, vorzuͤglich am Stillesitzen, an der Anstrengung und Schonung des Kopfes, an den Arbeiten der Phantasie, des Stickrahms, der Eitelkeit, oder mithin auch am Schnuͤren und an engen Beinkleidern, ferner an Romanen- und Zeitungsleserey, am Buͤchermachen, am Trinken schlechter und schwerer Weine, an der Naschsucht, an der platonischen oder nicht platonischen Liebe, und an der Mode- und Genußjaͤgerey leiden: so kann man, nach den traͤge machenden, verstopfenden, zusammen ziehenden und unnatuͤrlich erhitzenden Eigen- schaften aller dieser geistigen und koͤrperlichen Dinge, von selbst ermessen, daß derjenigen Kranken, die ganz besonders nach Karlsbad gehoͤren, eine betraͤchtliche Anzahl seyn muͤsse. Wirklich schließen die Gegenden, in welchen Karlsbad bekannt und beruͤhmt ist, so viel Kranke dieser Art ein, daß sie dessen Quellen, vom Anfang des Mayes an, bis gegen das Ende des Oktobers, mit fuͤnf, funfzig, hun- dert, dreyhundert, und dann wiederum mit hundert und funfzig, achtzig, dreyßig und zwey Personen besetzt halten koͤnnen. Die Zeitpunkte naͤmlich, in denen man Karlsbad besucht, bestimmt theils die Noth- wendigkeit, theils die Mode, theils die haͤus- liche und geschaͤftliche Lage, theils das oͤkono- mische Vermoͤgen und Unvermoͤgen. Ein Kranker, der, den Winter hindurch, wirklich oder eingebildet, danieder gelegen und seine Hoffnung auf den Sprudel gesetzt hat, sucht ihn schon zu Ende des Aprils auf und bleibt bey ihm bis zu Ende des Maymonats. Er findet vielleicht nur fuͤnf bis zehn Mitkranke. Ein Anderer, dessen Zufaͤlle so dringend noch nicht sind, bringt von der Mitte des Mayes bis zur Mitte des Junius in Karlsbad zu, und reiset von dort ab, gerade, wenn sich die große Gesellschaft einzufinden pflegt. Die Glieder der letztern sind immer am wenigsten krank, und solche, die entweder alle Jahr zum Vergnuͤgen eine Badereise zu thun pfle- gen; oder in der Naͤhe von Karlsbad auf dem Lande wohnen, und Zerstreuung suchen; oder eine Reihe von Toͤchtern haben, die sie abge- kuͤrzt zu sehen wuͤnschen; oder das Kartenspiel, nicht zunaͤchst fuͤr ihr Vergnuͤgen, sondern fuͤr ihre Erhaltung, lieben; oder irgend einem Großen folgen, um ihm, bey der minder ge- bundenen Art zu leben im Bade, naͤher zu kommen und von ihm versorgt zu werden; oder endlich von dem dortigen kleinen Publi- kum mehr bemerkt zu werden wuͤnschen, als es in einer Hauptstadt seyn kann, wo ein paar Postzuͤge, eine diamantene Hutschleife, einige Freybaͤlle und eine offene Tafel nicht den Hof um sie versammeln, den sie sich hier durch solche Dinge verschaffen koͤnnen. Der Zeit- punkt also, wo diese Art von Afterkranken in Karlsbad lebt, ist der glaͤnzendste, aber auch der beschwerlichste fuͤr wirkliche Kranke. Diese finden kein bequemes Unterkommen mehr; wer- den am Sprudel von ungeschliffenen Bedien- ten gedraͤngt, die den Becher ihrer Herrschaft eher fuͤllen wollen, als sie den ihrigen; wer- den auf der Wiese, neben den vorbey fliegen- den Karossen bald vom Staub erstickt, bald uͤber und uͤber mit Unrath bespruͤtzt; werden aus der Allee von den breiten Reihen der Herren und Damen weggeschoben, oder von eben denselben, wenn sie die dortigen Baͤnke besetzt halten, vom Kopf bis zu den Fuͤßen gemustert; finden kein Plaͤtzchen mehr, weder in Fischern , noch in dem Garten des Postmeisters , wo sie mit einer kleinen Ge- sellschaft von Freunden essen wollten; und kurz, sie werden von den Nichtkranken uͤberall so in die Enge getrieben, daß sie, aus Man- gel der noͤthigen Ruhe, Ungezwungenheit und Heiterkeit, die Haͤlfte ihres eigentlichen Zweckes verfehlen. Dies Geraͤusch dauert von den ersten Tagen des Junius bis ungefaͤhr zu den letzten des Julius, wo es sich auf einmal, meist immer in drey Tagen, verliert, weil die Gesellschaft, die es machte, sich gleichsam das Wort gegeben hatte, zu gleicher Zeit zu kom- men und zu gehen. Jetzt schoͤpfen die uͤbrigen Brunnengaͤste wieder Athem, und ihre Anzahl wird durch solche Geschaͤftsleute vermehrt, die nur — in den Hundestagen — ihre Gesundheit wahr- nehmen koͤnnen; oder durch solche schuͤchterne Kranke, die am liebsten unter Ihresgleichen sind; oder durch solche, welche die gesunkenen Preise der Miethen und anderer Beduͤrfnisse zu benutzen gezwungen sind. Um diese Zeit wird Karlsbad immer stiller und leerer und die Fremden sind unter den Einwohnern kaum zu bemerken. Dieser Zeitraum dauert bis zum Anfange des Septembers, wo noch Landwir- the, Prediger aus der Nachbarschaft, Kraͤmer mit ihren Frauen und Kindern und Landleute nach Karlsbad kommen. Sie bleiben bis in den Oktober dort, und man sieht sie in klei- nen Haufen auf der Wiese oder unter der Al- lee spatzieren gehen. In den Belustigungssaͤ- len ist niemand mehr, die Schauspieler und Spielleute sind ausgewandert. Die Saͤle end- lich werden geschlossen, das Postamt ist ge- sperrt, die Wirthinnen und ihre Maͤgde ha- ben die guten Kleider abgelegt, die Kuͤnstler und Handwerker haben ihre Arbeiten ein- gepackt und am Sprudel oder Neubrunnen wandeln einzelne Klosterbruͤder, die ihr Bre- vier lesen, und, was ihnen so selten begegnet, Wasser dazu trinken. Die Brunnengaͤste, die nach Karlsbad kom- men, finden folgende Bequemlichkeiten und Unbequemlichkeiten: Ihre Wohnungen haben sie bey treuen, redlichen, theilnehmenden Leuten. Diese Woh- nungen kann man sich, wenn man fruͤh ge- nug vor dem lebhaften Zeitpunkte kommt, und vor dem Eintritt desselben wieder abreisen will, ganz nach seinem Beduͤrfnisse und Vergnuͤgen waͤhlen. Die weitlaͤuftigen sind zwar immer schon im Voraus von vermoͤgenden Brunnen- gaͤsten besprochen und werden von dieser Zeit an bezahlt; will man aber vor dem festgesetzten Tage ihrer Ankunft abreisen, oder ausziehen, so kann man auch diese erhalten, so wie man sie ein- nehmen kann, wenn die ersten Besteller dersel- ben abgereiset oder ausgezogen sind, im Fall sie nicht schon von neuem besprochen worden. Diese erste Klasse der Wohnungen ist auch die theuerste, und man bezahlt sie woͤchentlich mit 15, 20, 30 und 40 Kaisergulden. Die Haͤuser, die dergleichen enthalten, habe ich oben an- gegeben; hier fuͤge ich noch das sogenannte steinerne Haus auf der Wiese , Nr. 299, hinzu, wo große Familien mit ihrem Gefolge Platz Platz finden koͤnnen. Die Modegegenden der Stadt habe ich oben angezeigt. In diesen fin- det man mehr oder weniger geraͤumige Woh- nungen, woͤchentlich zu 20, 15, 12, 10 und 8 Kaisergulden, wie man dergleichen in den unmodischen oder gemeinen, zu 2, 4, 5, 6 und 7 haben kann. In den Haͤusern am rechten Ufer der Toͤpel, der Wiese gegenuͤber, miethet man sich selten ein; hoͤchstens werden sie von Juden besetzt. Eben so ist es mit demjenigen Theile der Stadt, der nach dem Eger'schen Thore zuliegt. Wer sein Auge an Englaͤndischen Hausrath gewoͤhnt hat, findet in Karlsbad diesen Ge- nuß nicht. Die Stuͤhle, Tische und Ruheses- sel sind von der gemeinsten Arbeit, und ge- schmackvolle Gefaͤße, Fußteppiche und Schraͤn- ke sieht man gar nicht. Anstatt der Kupfer- stiche findet man nichts, als bunte Christkind- chen, durchbohrte Herzen, zerfleischte heilige Maͤnner und Frauen, von Nonnen gemalt, ausgeschnitten und mit Nadelstichen angegeben. Fuͤnftes Heft. F Die wenigsten Zimmer sind gemalt, die mei- sten bloß geweißt. Die Betten sind gut, das Bettzeug ist buͤrgerlich, aber sauber gehalten. Die Tisch-Mund- und Handtuͤcher sind von gleicher Beschaffenheit. Die Trinkwaaren sind in Karlsbad durch- gaͤngig matt, aus Mangel an frischen Kellern, die besonders am Markt und in der Gegend desselben, von den Duͤnsten, die aus dem un- ter ihnen liegenden, großen Behaͤlter des sie- denden Wassers emporsteigen, durchdrungen werden. Da man des vielen Wassers wegen, das man des Morgens aus der Quelle getrunken hat, nicht wohl den Tag uͤber noch anderes Wasser trinken kann, so ist man auf den Ge- nuß des Weins oder des Bieres eingeschraͤnkt. Die Brunnenaͤrzte rathen vor allen uͤbrigen Gattungen des erstern, am liebsten zum Mel- nicker , einem leichten rothen Wein, der in Boͤhmen selbst um den Ort her waͤchst, von dem er seinen Namen hat. Sie erlauben auch einige Arten Ungerweins; nicht so gerne den Oesterreicher und Rheinwein. Das hiesige Bier ist leicht, wie es fuͤr Kranke seyn muß. Englische Biere sind, als nicht passend zur Kur, untersagt. Kaffee und Chokolade darf man trinken. Thee nicht. Die Speisen haben hier einen eigenen Cha- rakter von Weichlichkeit und Ungeschmalzen- heit. Man will theils dem ausgeschwemmten Magen nicht zur Last fallen, theils darf man nicht, da bey den Speisewirthen eine ausdruͤck- liche Kuͤchenvorschrift vorhanden ist. Gesalzene und geraͤucherte Gerichte sind gaͤnzlich verboten, und wenn man dergleichen verlangte, wuͤrde sich der Garkoch entschuldigen; dagegen sind alle Arten von Wild (bis auf das Schwein) von Federvieh, (Gaͤnse ausgeschlossen) von zah- men Fleische, von Mehlspeisen (wohin der waͤlsche Reis , die Nockerl , die Schmarn , die Steudel , die Kolatschen , der geba- ckene Gries , und wie sie im boͤhmisch oͤster- reichischen Kuͤchenwoͤrterbuch alle heißen) zu F 2 essen erlaubt. Die Gaben sind klein, aber auch wohlfeil. Fuͤr zwanzig Kreutzer kann der Kranke, der Philosophie hat, sich satt essen; fuͤr fuͤnf und vierzig der, der keine hat.. Oeffent- liche Tische giebt es in Karlsbad nicht. Man muß entweder auf seinem Zimmer allein essen, oder man kann sich auch mit seinen Hausge- nossen oder Nachbarn so einrichten, daß man mit ihnen, bald in seinem Hause, bald in dem ihrigen, speiset. Was der Mangel an oͤffent- lichen Tafeln der Geselligkeit abbricht, laͤßt er der Gesundheit zu gute kommen. Man ist nie so maͤßig, wenn man mit Zwanzigen, als wenn man mit sich allein das Brod bricht und das Glas handhabt. Die Einrichtung der verschiedenen Brun- nenplaͤtze und der Baͤder, ist nicht glaͤnzend, nicht bequem, kaum ertraͤglich. Das Trinken des Karlsbader Wassers braucht viel Bewe- gung, damit es aus dem Magen in die uͤbri- gen Gefaͤße des Koͤrpers vertrieben werden koͤnne. Aber bey keinem der Brunnen ist ein Platz, der eine freye und frische Bewegung erlaubte. Der am Sprudel ist sehr schmal und sehr kurz, und man muß sich durch die Aufundabgehenden hindurch draͤngen und win- den. Das Wasser erhitzt von innen, der Dampf des Sprudels und das Gedraͤnge von außem, und die Sonne, die gegen sieben Uhr diesen Platz, den kein Baum beschattet, zu beleuch- ten anfaͤngt, thut das Uebrige. Wenn es reg- net, so ist zwar ein Saal da, wo man sich trocken erhalten kann, da er aber uͤber dem Wasserbehaͤlter steht, so ist die Luft darin so lau und so waͤsserig, daß man bald Aengst- lichkeit oder Kopfweh fuͤhlt, und sich lieber entschließt, in den Regen hinaus zu gehen. Eben so ist es am Neubrunnen. Ein schma- ler Gang, mit einem Wetterdache versehen (das schon im ersten Jahre seiner Erbauung anfaͤngt, sich schlangenfoͤrmig zu winden) fuͤhrt, ungefaͤhr hundert Schritte, auf und ab, schuͤtzt vor der Morgensonne nicht und schließt doch oft hundert bis zwey hundert Menschen ein. Alle sind erhitzt und werden es durch das Was- sertrinken und das Gedraͤnge noch mehr. Dazu kommen die Ausduͤnstungen von einer Menge geheimer Oerter, die der Genuß des Wassers unentbehrlich macht, und die, der Reihe nach, auf eben diesem Gange angebracht sind. Wenn es nicht regnet, kann man sich vor den daraus entstehenden Unbequemlichkeiten dadurch ret- ten, daß man auf der nahe gelegenen, sehr kurzen und ungleich gebaͤlkten, Toͤpelbruͤcke auf und ab geht, regnet es aber, so muß man sich doch unter den gedachten Gang ins Ge- draͤnge zuruͤck ziehen. Eben so unbequem ist auch der Raum am Schloßbrunnen. Man muß, wenn man sich bewegen will, von demselben, auf einem schlech- ten Pflaster, den Berg hinansteigen, und mit einem kleinen Platze, der ungefaͤhr funfzig Fuß lang, und zwanzig breit ist, uͤbrigens weder vor Regen noch Sonne schuͤtzt, sich begnuͤgen. Jeden neuen Becher Wasser muß man sich durch ein beschwerliches Herab- und Wiederhinauf- klettern verschaffen. In Absicht der Baͤder hat man es nicht bequemer. Zwar ist ein Badehaus da, das Muͤhlbad genannt, aber es enthaͤlt zu we- nig Baͤder fuͤr den Bedarf. Man muß oͤf- ters acht Tage vorher bestellen, ehe man eins bekoͤmmt, und nachher mehrere Tage wieder- um warten, ehe man das zweyte haben kann. Es bleibt kein anderes Mittel, als in die fin- stern Badehoͤlen hinabzusteigen, die man in ei- nigen Buͤrgerhaͤusern, in der Nachbarschaft des Sprudels, findet. Sie sind im Kellerge- schoß der Haͤuser angelegt, wo ein viereckigtes Loch, das mit gewoͤhnlichen, schwarz gewor- denen Brettern ausgelegt ist, das Bad vor- stellt. Das Wasser fließt durch eine hoͤlzerne Roͤhre herein, aus welcher man, nicht etwa mittelst eines Hahns, sondern mittelst einer Stange, die in die Oefnung paßt, und die mit Hadern umwunden ist, so viel von dem warmen Wasser hereinlassen kann, als man fuͤr gut findet, im Fall das Wasser in dem viereckigten Loche (das mehrere Stunden stehen muß, ehe es zum Gebrauch genug abgekuͤhlt ist) zu kalt geworden waͤre. Man bezahlt fuͤr ein solches Bad nach Belieben, von funfzehn Kreutzer bis zu dreyßig. Die Baͤder in dem gedachten Muͤhlbade sind sauber, mit Mar- mor ausgesetzt, sehr geraͤumig, und haben ne- ben sich ein Zimmer mit einer Bettstelle, die man mit seinen eigenen Betten belegen kann. Der feste Preis eines Bades ist vier und dreyßig Kreutzer; man giebt aber gewoͤhnlich etwas mehr und fuͤgt ein Geschenk fuͤr den Bademeister hinzu. In Absicht der Spatziergaͤnge ist man in Karlsbad besser berathen. Es giebt ihrer mehrere und man kann nach seinem Beduͤrf- nisse waͤhlen. Wer eine gute Brust hat, be- steigt, der schoͤnen Aussicht wegen, die umlie- genden Berge, besonders den Kreutzberg, der die weitlaͤuftigste gewaͤhrt; wer das Steigen nicht liebt oder nicht ertraͤgt, verfolgt das Thal, in welchem die Toͤpel herabkoͤmmt, uͤber ange- nehme Wiesen, die an beyden Seiten durch bald hoͤhere, bald niedrigere Berge und Anhoͤ- hen eingeschlossen werden. Diese sind mit Na- del- und Laubholz besetzt, oder mit Getreide besaͤet, neben und unter welchen große und kleine Granitmassen hervorragen. Man koͤmmt bald, wenn man aus der vierfachen Allee hin- ter den Belustigungssaͤlen heraus ist, links vor einer artigen Felsenanlage vorbey, die mit ei- nigen Lusthaͤuschen, mit einer Klause, mit ei- nem Altare, mit steinernen Tischen und dergl. besetzt, und der regierenden Herzogin von Kur- land, Dorotheen , die, seit einigen Jahren her, die Seele und Zierde von Karlsbad war, gewidmet ist. Einige Schritte weiter hin wen- det sich das Thal rechts, und man koͤmmt vor einer andern Anlage vorbey, die erst seit dem vorigen Herbste vorhanden ist. Ein klei- ner Garten schließt ein ganz angenehmes Lust- haͤuschen und ein groͤßeres Wirthschaftsgebaͤude ein, in welchem man Eß- und Trinkwaaren fuͤr einzelne Personen und, wenn vorher bestellt worden, fuͤr ganze Gesellschaften findet. Wei- ter hin kommt man durch ein schattigtes Wal- digt, mit Granitwacken besaͤet, unter denen, auf einer romantischen Stelle, der Freund- schaft ein Sitz und Altar von einer Frau errichtet ist, die diese wohlthaͤtige Gottheit kennt und verehrt, und befugt war, ihr, die uͤber den modernen Goͤttern und Goͤttinnen, welche die Menschen jetzt anbeten, fast verges- sen worden, in dem schoͤnen Pantheon der Natur ein prunkloses Plaͤtzchen zu weihen. Weiterhin erhellt und erweitert sich das Thal und man gelangt zu einer Papiermuͤhle, dem Ziele des Spatziergangs, deren Bewohner ehedem die Wanderer froͤhlich aufnahmen, jetzt aber, da auch Menschen dahin kamen, die kein Gefuͤhl fuͤr gutmuͤthigen Empfang und den dafuͤr zu zollenden Dank hatten, und das fuͤr Pflicht hielten — was gute Her- zen aus innerm Antriebe thaten, sich zuruͤck gezogen, und ihre einsame Woh- nung dem Genusse Anderer verschlossen haben. Des Spatziergangs am Abhange der Ber- ge habe ich schon oben erwaͤhnt. Er fuͤhrt an den Felsen, die am linken Ufer der Toͤpel liegen, herum, gewaͤhrt eine Uebersicht uͤber den groͤßesten Theil der Stadt, und endigt sich fast dem Schlosse gegen uͤber. Die Brun- nengaͤste, die auf der Wiese wohnen, koͤnnen aus dem zweyten und dritten Stock ihrer Haͤu- ser auf diesen Spatziergang gelangen, der aber hypochondrischen, schwindlichten, oder auch nur furchtsamen Personen, nicht empfohlen werden kann, da er sehr schmal ist, da an einigen Stellen die Einfassungen niedergefallen oder von Regenstroͤmen weggerissen sind, und da die großen Felsenstuͤcke, die einem uͤber dem Haupte, auf verwitterten Grundlagen, schwe- ben, bey jedem Windstoß, herunter zu stuͤrzen drohen. In der That sind die Haͤuser, die an dem Fuße dieses Felsen stehen, in augen- scheinlicher Gefahr, uͤber kurz oder lang ein- mal von solchen abgerissenen Steinklumpen zerknirscht zu werden. Man geht oder faͤhrt auch haͤufig nach Fi- schern , einem kleinen Dorfe, drey Viertel- stunden von Karlsbad gelegen, wo man sich an guten Fischen fuͤr die Fasten erholen kann, die einem die Speisewirthe in der Stadt auf- erlegen. Ungefaͤhr anderthalb Meilen von Karlsbad liegt Engelhaus , ein kleiner Ort mit den Truͤmmern eines alten Schlosses, die auf ei- nem ziemlich steilen Porphyrschieferberge ver- wittern, von dem herab man eine weitlaͤuftige, etwas wilde, Aussicht uͤber die umliegenden schwarzen Berge genießt. Unten am Berge ist ein Wirthshaus, wo zahlreiche Gesellschaften bewirthet werden koͤnnen, wenn sie vorher an- sagen lassen, oder wenn sie ihre Beduͤrfnisse selbst mitbringen. Man faͤhrt auch haͤufig nach Schlacken- werth , um sich in dem dortigen großen Gar- ten zu belustigen. Die Tagesordnung in Karlsbad ist fol- gende: Man steht zwischen fuͤnf und sechs Uhr auf und verfuͤgt sich zu dem Brunnen, den der Brunnenarzt, oder man sich selbst, verord- net hat. Hier trinkt man nach eigenem Gut- duͤnken, oder nach Vorschrift des Arztes, fuͤnf zehn, funfzehn bis zwanzig Becher, je nach- dem man stark oder schwach ist, je nachdem die Wirkung schneller oder langsamer erfolgt. An Unterhaltung dabey, wenigstens an eine unabgebrochene, ist nicht zu denken, da sie der letzt erwaͤhnte Umstand unmoͤglich macht. Je- der ist mit der Anzahl der getrunkenen Becher und deren Wirk- oder Unwirksamkeit beschaͤf- tigt, und will man einander ja ein Wort an- gewinnen, so verhindert es ein Gang, den man zu machen nicht unterlassen kann. Gegen acht Uhr wird es an den verschie- denen Quellen von Trinkern ganz leer. Es ist eine von den hiesigen Aerzten vorgeschriebe- ne Regel, eine Stunde zu Hause zu bleiben und sich abzuwarten, ehe man sich in einem der Saͤle ein Fruͤhstuͤck sucht; oder auch, eine Stunde in einem stoßenden Wiener Wagen, deren man bey dem hiesigen Postmeister meh- rere findet, herum zu fahren. Giebt es ein Fruͤhstuͤck mit Musik und Tanz in einem der Saͤle, so kann man sich dort die noͤthige Be- wegung verschaffen. Will man nicht Theil daran nehmen, oder ist man nicht dazu einge- laden, so geht man spatzieren, oder setzt sich an einen Spieltisch, oder spielt Billard, oder reitet, oder nimmt Theil an einer Unterhal- tung in der Allee. Wer bloß beobachten will, nimmt einen Platz auf einer der dort stehenden Baͤnke ein, und laͤßt die jungen und alten Pa- tienten vor sich voruͤber reiten, fahren, sprin- gen und hinken, einen jeden nach seiner Weise. Denn hier zeigt der Brunnengast, der einen huͤbschen Englaͤnder hat, seinen Englaͤnder, und sich selbst, indem er mit ihm uͤber einen Verschlag springt; hier zeigt ein anderer, der einen ausgesuchten Postzug besitzt, seine stolzen Gaule, indem er in den aͤußern Gaͤngen, auf einem erhabenen Throne, von vier Raͤdern ge- tragen herum schwimmt; hier zeigt ein drit- ter seine beyden großen Uhrketten und seinen kleinen zierlichen Frack, mit denen er das Au- ge von den Gichtknoten an seinen Spindel- fuͤßen gern abziehen moͤchte; hier zeigt ein selbstzufriedener Doktor und Professor durch schnelles Hin- und Wiederlaufen zu vornehmen Herren und Damen, daß seine Krankheit noch immer nicht in die Fuͤße herab will; hier zeigt ein bescheidener Dorfpfarrer, seine altmodische Haͤlfte am Arme, und in den entferntern Al- leen wie auf den Zehen herumtrippelnd, daß er wenig Vertrauen mehr zu seinem Amte habe; hier zeigt der alte Podagrist, zierlich frisirt, den Hut unterm Arm, die Fuͤße in Sammet geschnuͤrt, einen Becher Chokolade zwischen den spitzen Fingern haltend, jedem huͤbschen jungen Maͤdchen was Schoͤnes erzaͤh- lend, daß bey ihm die Strafe fuͤr seine Suͤn- den den guten Willen zu suͤndigen noch nicht ausgebissen hat; hier zeigt endlich der Mensch — der krank ist — alle seine junge und alte Gebrechen, Schwachheiten und Narrheiten of- fener und scheuloser, weil er, da er krank ist, weniger auf seiner Hut bleibt, oder weil er glaubt, daß man ihm in diesem Zustande mehr verzeihen werde. Dieß Schauspiel dauert bis gegen zwoͤlf Uhr, wo man nach Hause eilt, um seinen schmalen Bissen zu essen. Nach diesem Ge- schaͤft ist es erlaubt, einige Minuten zu schlum- mern, aber nicht, foͤrmlich zu schlafen. Die Damen gehen an den Putztisch und kleiden sich zum Ball, der um vier Uhr seinen An- fang nehmen soll. Die Herren, die Theil dar- an nehmen wollen, setzen sich etwas spaͤter zu demselben Geschaͤfte. Andere schreiben Briefe, doch sind sie auf ihrer Huth gegen den Brun- nenarzt, der alles Denken und Schreiben waͤh- rend der Kur untersagt hat; andere haben ei- nen Spatziergang, eine Landfahrt und ein gemeinschaftliches Abendessen verabredet; andere etwas anderes. So vergeht der Nachmittag und ein Theil des Abends. Gegen neun Uhr ist ist der Ball zu Ende, die Spatziergaͤnger oder Spatzierfahrer kommen in die Stadt zuruͤck, diejenigen, die nicht außer derselben gewesen sind, gehen noch einigemal auf der Wiese, oder in der Allee, auf und ab, und nach neun Uhr endlich sucht jedermann sein Bette. Der Ton der Badegesellschaft ist sich nicht zu allen Zeiten gleich. Jede Erneuerung der- selben bringt einen andern mit, und solche Er- neuerung wird ungefaͤhr alle vier Wochen sichtbar. Was von der aͤltern Gesellschaft uͤbrig bleibt, haͤlt zusammen, und erwartet die Annaͤherung der Neuangekommenen. Diese sind eingefuͤhrt, so bald sie ihr Ankunftsbillet herum geschickt haben. Aber die Freyheit und Gleichheit des Badelebens ist hier weniger zu finden, als anders wo. Man erkundigt sich nach Geburt, Stand und Wuͤrde; man macht Ausnahmen, man hoͤrt kleine Klaͤtschereyen an und macht dergleichen; man giebt ausschlie- ßend Baͤlle, Pickenicke, Koncerte. Kommen besonders regierende Personen hieher, so ist Fuͤnftes Heft. G die Gesellschaft sogleich gespalten. Es bilden sich Hoͤfchen, die auf einander eifersuͤchtig sind; man macht kleine Raͤnke, bekrittelt sich, sucht oder erdichtet Laͤcherlichkeiten; mit einem Worte: man spielt das gewoͤhnliche armselige Spiel, das den mitverwickelten Personen unendlich wichtig scheint. In der Grundlage der hiesi- gen Badegesellschaft waren von jeher zwey Ur- sachen zur Spaltung, jetzt gesellen sich noch zwey neue hinzu. Es kommen naͤmlich hieher nicht Kranke schlechtweg, sondern Kranke von der Boͤhmischen Nation und Kranke von der Saͤchsischen ; jetzt kom- men noch Kranke von der Kurlaͤndischen und von der Polnischen Nation . Jede dieser Nationen will die erste seyn, und dieje- nige unter ihnen, die etwa eine regierende Person aus ihrem Lande, oder einer verwand- ten Provinz, an der Spitze hat, ist freylich ohne Widerspruch die maͤchtigste und glaͤnzend- ste, moͤchte auch gerne das meiste gelten. Sie giebt also die zahlreichsten Baͤlle und Fruͤh- stuͤcke, kommt deshalb oft wegen des dazu noͤ- thigen Lokals mit den andern in Reibung, oder zieht die eine der andern vor. Welch ein Ver- brechen! Sogleich ist der Krieg erklaͤrt! Zum Gluͤck wird er so laͤcherlich, wie gewoͤhnlich gefuͤhrt, und er kommt der Gesundheit der unbefangen gebliebenen Kranken vortrefflich zu statten. Die unterliegenden Theile verlassen Karlsbad, voll Zorn und Rachsucht, die zu einer andern Zeit, wenn sie einmal die Staͤrk- sten und Reichsten sind, ausbrechen sollen! Man sieht, von welchem Theile der Badege- sellschaft ich spreche. Der andere Theil genießt des Brunnens und des Lebens besser. Jeder haͤlt mit jedem zusammen; und Rath und Kaufmann, Pre- diger und Verwalter, Klosterbruder und Su- balternofficier stehen auf dem freundschaftlich- sten Fuße. Dies Verhaͤltniß war in dem lau- fenden Jahre um so fester, da auch hier, wie anderwaͤrts, die unselige Aristokraten- und Ja- G 2 kobinerspaͤhungssucht auf beyden Seiten, kein Ziel und keine Maͤßigung kannte. Schluͤßlich kann man annehmen, daß, bin- nen dem oben angegebenen Zeitraume, unge- faͤhr sechs bis siebenhundert Personen den Karlsbader Brunnen getrunken haben. Viele reisen geheilt ab, viele ungeheilt, aber immer mit dem Troste der Brunnenaͤrzte, daß sie ge- sund seyn werden, wenn sie erst von Karlsbad weg sind, oder wenn sie das kuͤnftige Jahr wieder kommen. Den 9ten des Julius reis'te ich von Karls- bad ab, auf Bayreuth. Die naͤchste Post war Zwoda . (3 M.) Der Weg dahin laͤuft, auf einem steinigten Boden und durch Hohlwege, in dem Thale fort, das sich zwischen dem Voigtlaͤndischen und dem Boͤhmer Waldgebirge hinzieht, und hier und da Berge und Huͤgel von der dritten Ordnung zeigt. Was an die- sem Wege von bebauetem Lande liegt, ist sehr fruchtbar und zeigte Saaten von ungewoͤhnli- cher Staͤrke und Hoͤhe. Zwischenher findet man aber Stellen, die nur ein spaͤrliches, wie verbranntes, duͤrres Gras hervorkeimen las- sen, die aber bald wiederum durch daran sto- ßende Strecken angenehmer, blumigter, fetter Wiesen ersetzt werden. Wenn man ungefaͤhr eine halbe Meile gefahren ist, so koͤmmt man an die Eger, und zugleich oͤffnet sich das Thal derselben, dessen Abhaͤnge, da sie dicht mit Fichten besetzt sind, einen sehr finstern Anblick geben. Ist man uͤber diesen Fluß, so geht es uͤber mittelmaͤßige Anhoͤhen bald hinan, bald hinab, auf einem Wege, der wenig Spuren von Sorgfalt verraͤth, und da, wo er sie ver- raͤth, so liederlich gemacht, so an den Seiten und in der Mitte mit großen Steinen beschuͤt- tet ist, daß man ihn gern mit einer natuͤrli- chen Straße vertauschte. Diese Sorglosigkeit ist um so unbegreiflicher, da man sie sonst in den kaiserlichen Staaten nicht findet, und da man hier alles in der Naͤhe hat, was zu dem dauerhaftesten Straßenbau gehoͤrt: festes Ge- stein, meist Granit, Basalt und Gneus, und wohlfeile Haͤnde. Gegen die Mitte der Post, werden die Anhoͤhen betraͤchtlicher und zugleich angenehmer. Sie sind theils behoͤlzt, theils angebauet, und haben zu ihren Fuͤßen meh- rentheils fruchtbare Thaͤler. Man findet hier große Strecken mit Hopfen bepflanzt, der in dieser Gegend am besten in Boͤhmen geraͤth. Fast jedes dieser Thaͤler ist mit einem oder zwey Doͤrfchen besetzt, die bey weitem nicht so armselig sind, als man sie in einigen an- dern Gegenden von Boͤhmen findet. Zwoda , ein Dorf, liegt in solch einem Thale, und hat zur Seite, auf ein paar Buͤch- senschuͤsse, das Staͤdtchen Falkenau , das einem Grafen von Nostitz gehoͤrt. Von Zwoda kam ich auf Eger . (3 M.) Der Weg ist steinigt und ungemacht, und der Gesichtskreis wird durch Berge beschraͤnkt, die großentheils bis zum Gipfel hinauf angebauet sind, und an deren Wurzeln sich angenehme Thaͤler bilden. Hinter dem Dorfe Ziegen- gruͤn geht es bergab in ein groͤßeres Thal, eines der angenehmsten und fruchtbarsten, die ich je gesehen habe. Auch bemerkt man bald an der hiesigen Menschengattung, daß sie, von Gott und ihrer politischen Verfassung versorgt, gut leben. Ihre Tracht ist ganz die Tracht der Bauern im Altenburgischen. Es sind ge- sunde, starke Leute, mit einem offenen und nicht so abscheulich demuͤthigen Wesen, wie man es noch an den Bewohnern des naͤchsten Dorfes vor dem Eintritt in ihren Kreis be- merkt. Sie haben aber auch mehr Freyhei- ten. Sie thun keine Frohndienste, sondern fuͤhren ihre Pflichten in Gelde ab. Ihre Doͤr- fer sind klein, nicht uͤber acht bis zehn Fami- lien stark, aber dafuͤr desto haͤufiger, so daß man in einem geringen Umfange ihrer zehen bis zwoͤlf mit Einem Blicke uͤbersieht. Ein oͤsterreichischer Hauptmann, der sich auf dem Wege zu mir fand, versicherte mir, es waͤre mit diesen Leuten gar nichts anzufangen; sie waͤren trotzig, stoͤrrisch und ließen sich gar nichts gefallen ; er wolle lieber mit den Bauern in Gallizien zu thun haben u. s. w. Das glaubte ich gern; aber ich sah die Sache aus einem andern Gesichtspunkt an, und pries diese guten Landleute gluͤcklich, von den Gese- tzen so geschuͤtzt zu seyn, daß sie sich nichts gefallen lassen duͤrfen. Dieses schoͤne Thal dauert bis Eger fort. Man erblickt diese Stadt erst, wenn man nur noch eine Stunde davon entfernt ist. Sie liegt am Abhang einer Anhoͤhe, thut keine sonderliche Wirkung von außen, und hat eine altmodische, raͤuchrige, menschenleere Ansicht von innen. Die Haͤuser strecken die Giebel nach der Straße heraus, haben ungeheure Dachrinnen dazwischen und sind meist zwey bis drey Stock hoch. Als Festung gehoͤrt diese Stadt zu den unbedeutenden, und eine maͤßige Artillerie muͤßte sie leicht bezwingen, wenn sie auf den naͤchsten Anhoͤhen aufgepflanzt wuͤrde. Bade- und Brunnen-Gaͤste zu empfangen, ist die Stadt nicht eingerichtet, allenfalls nur fuͤr wenige. Eben so der beruͤhmte Sauer- brunnen selbst, der drey Viertelstunden davon entfernt liegt. Wenn man die boͤhmische Sorg- losigkeit nicht kennte, so muͤßte man sich wun- dern, wie dieser heilsame Quell eine Anstalt zur Seite haben kann, die in der That alles uͤbertrifft, was man sich an Schmutzigkeit, elender Bedienung, unsaubern Betten ꝛc. nur denken kann. Das Brunnenhaus ist klein und enge, und steht einzeln, ohne von einem Bau- me beschattet zu seyn, im freyen Felde. Seit langen Jahren hat man es so stehen lassen, und jetzt erst faͤngt man langsam an, den Brunnen selbst mit einem Pavillon zu uͤber- bauen, und ein paar schmale Wege mit Sand zu bestreuen und mit Baͤumen zu einem Spa- tziergange zu bepflanzen. Auch hat man, ober- halb dem Kurhause, den Grund zu Wohnhaͤusern gelegt, und den Raum zu Alleen und zu einem kleinen Lustgehoͤlze abgesteckt; und so fangen denn die Egerer endlich an, das Geschenk zu erkennen, das ihnen die Natur mit dieser Quelle gemacht hat. Sie gehoͤrt nemlich der Buͤrgerschaft von Eger. Uebrigens ist die Ge- gend umher sehr reizend; es ist ein weites, fruchtbares Thal, in der Naͤhe und Ferne mit anmuthigen Huͤgeln umgeben, auf deren Gip- feln ansehnliche Kloͤster und Schloͤsser sich zei- gen. Von Eger auf Thiersheim (2 M.) fuͤhrt der Weg durch eine angenehme Land- schaft, in welcher zur Rechten die Eger auf ihrem Laufe sehr reizende Ansichten bildet, die jetzt, in der Zeit der Heuaͤrnte und bey der Fuͤlle der Kornfelder, doppelt reizend waren, und uͤber die Haͤlfte der Post anhielten. Dar- auf entfernen sich die Berge immer mehr und die Gegend wird immer flaͤcher. Zu Muͤhl- bach, dem letzten kaiserlichen Graͤnzorte, ist ein Alaunwerk, das sehr reiche Ausbeute geben muß, denn die Sonne hatte auf den ange- schuͤtteten Alaunerdenhaufen ganze Stellen schon wie ausgesotten. Hinter Muͤhlbach wird der Weg sehr steinigt und unangenehm, und es ist an keinen Straßendamm mehr zu denken. Weiterhin faͤhrt man zwischen saueren Aengern, uͤber welchen ein feiner, gelblich-weißer Staub schwebt, der zu gleichen Theilen aus Kalk und Sand be- steht und bis Thiersheim, der naͤchsten Post, fort dauert. Kurz vor diesem Orte war schon alles zum Straßenbau angefahren, und man wird nun wohl in kurzem einen bequemern Weg hier finden. Die Bestandtheile der neuen Straße werden Kalk und Gyps seyn, mit- hin etwas dauerhaftes bilden. Das Getreide, besonders das Sommerkorn, stand hier so schlecht und war so weit zuruͤck, wie es mir auf meiner ganzen Reise noch nicht vorgekom- men war. Thiersheim ist uͤbrigens ein unan- sehnliches Staͤdtchen, dessen Bewohner sich groͤßtentheils von Ackerbau und Viehzucht naͤh- ren. Von Thiersheim bis Weißenstadt , der folgenden Post (2 M.) wird der Weg besser, und fuͤhrt, auf einem festen und geraͤumigen Straßendamm, durch eine lachende Landschaft, die naͤher und ent- fernter von Bergen, die sich immer mehr sen- ken, bekraͤnzt wird Der Boden ist noch der staͤubige, kalkartige, der bey dem mindesten Aufregen dicke Wolken bildet, die sehr be- schwerlich sind, da sie nicht sobald wieder sin- ken, wie der Staub des Sandsteins. Das Getreide fand ich reicher und frischer, als auf der vorigen Post, und die Wiesen fetter und blumigter. Weißenstadt ist etwas groͤßer als Thiersheim, auch reinlicher und lichter, aber eben so mit hoͤlzernen Haͤusern besetzt und mit eben dem Nahrungserwerb beschaͤftigt, wie dieses. Von Weißenstadt kommt man auf Berneck . (2 M.) Beym Ausgange aus jenem Staͤdchen faͤhrt man in ein Thal hin- ab, und behaͤlt neben sich zur rechten einen schoͤnen Weyher, der rund herum mit den fruchtbarsten Wiesen umschlossen ist. Das Thal selbst ist eines der schoͤnsten und weitlaͤuf- tigsten, unter denen, die mir bis dahin auf meiner Reise vorgekommen waren. Man faͤhrt in dasselbe auf einer breiten, vortreflich unterhaltenen Straße hinein, und bleibt an- haltend in demselben; aber es bildet eine Men- ge von Abwechslungen, Einschnitten, Erhoͤ- hungen und Vertiefungen, die alle, theils mit blumigen Wiesen, theils mit reichen Kornstuͤ- cken, theils mit Gehoͤlz, besetzt sind. Je wei- ter man faͤhrt, desto enger zieht es sich zusam- men, bis es endlich, gegen das Ende des Post- laufs, fast ganz zusammen tritt, und nur einen Weg laͤßt, der fuͤr zwey Wagen Raum hat. Kurz vor Berneck erblickt man links, auf der Hoͤhe der Felsen, die Truͤmmer von zwey alten Schloͤssern, die sehr romantisch dastehen. Von dem einen ist der Wartthurm so gut er- halten, daß er noch mehrere Jahrhunderte unzertruͤmmert bleiben wird. Berneck selbst sieht etwas reinlicher und heller aus als Thiers- heim, und liegt in jenem Thale, auf allen Seiten von hohen Bergen beherrscht. Bald hinter Berneck tritt man aus dem Thal heraus in eine sich sanft hinan hebende Flaͤche, die mit Wiesen und Kornfeldern, und mit Gruppen von Erlen und Ruͤstern abwech- selnd, sehr angenehm besetzt ist. Hinter sich behaͤlt man die Aussicht auf das Gebirge, durch welches man kam, und das sich amphi- theatralisch erhebt und an seinem Abhange Doͤrfchen, einzelne Haͤuser, Kornfelder und Bergwerke in bunter Mannichfaltigkeit zeigt. Ist man eine Weile gefahren, so erhebt sich der Weg, und man gelangt auf eine Anhoͤhe, die sich oben in eine Flaͤche ausbreitet, auf welcher man eine Strecke von zwey Stunden hinfaͤhrt, waͤhrend welcher man hinter sich die Aussicht auf die zuruͤckgelegten Gebirge, und vor sich auf den Fichtelberg behaͤlt, der in kegelfoͤrmiger Gestalt sich vor dem Au- ge erhebt. Die Sonne war im Untergehen, als ich in dieser Gegend eintraf. Ich rollte noch eine Weile fort, und stand auf einmal am Abhange der Anhoͤhe, die sich jetzt in ein weites, lachendes Thal abdachte, in dessen Mitte ich Bayreuth , (2 M.) aber nur einem Theile nach, erblickte, weil der andere Theil durch eine waldigte Anhoͤhe verdeckt wird, die bis in die Mitte des Thals sich vorwirft. Man faͤhrt in dies Thal hinab, um jene Anhoͤhe herum und ist vor Bayreuth, das eben keine auffallende Ansicht gewaͤhrt, weil es ihm an Thuͤrmen mangelt, obgleich ein paar Schloͤs- ser und schloßaͤhnliche Gebaͤude, wenn man naͤher kommt, diesen Mangel ersetzen. Ist man darin, so findet man eine sehr reinliche Stadt, deren Haͤuser groͤßestentheils von Werk- stuͤcken eines roͤthlichen Sandsteins aufgefuͤhrt sind, der in der Naͤhe bricht. Sie sind meist nur zwey Stock hoch und ziemlich nach einer- ley Geschmack erbauet. Das Pflaster ist gut. Sonst ist die Stadt mehr todt, als volkreich, und die Spatziergaͤnge, deren mehrere vorhan- den, so wie der schoͤne Schloßgarten, sind oͤde und verlassen. Von Bayreuth nahm ich den 13ten des Julius meinen Weg auf Erlangen . Die naͤchste Post war Troppach . (3 M.) Man faͤhrt von Bayreuth aus anfangs durch das Thal, in welchem die Stadt liegt, und das sich in seiner Fruchtbarkeit und Anmuth gleich bleibt, auf einem vortreflichen Straßendamme; bald nachher koͤmmt man bergan, und rechter Hand steigen Waͤnde vom feinsten Sandstein senkrecht empor, eben die Fundgruben fuͤr die Werkstuͤcke, die in Bayreuth zum Haͤuserbau verbraucht worden sind und noch werden. In dieser Gegend steht links das Lustschloß Phan- tasie , am Abhange eines romantisch-wilden Berges, dem gegen uͤber ein anderer sich er- hebt; zwischen beyden in der Mitte zieht sich ein rauhes, behoͤlztes Thal hin, welches man eine große Strecke zur Seite behaͤlt, darauf durchfaͤhrt, im Ruͤcken laͤßt und sich sodann unter lauter Bergen befindet, die sich beschei- den erheben und maͤhlig wieder senken, in den Niederungen theils mit Wiesen, theils mit Ackerland, und auf den Hoͤhen mit Gehoͤlz besetzt sind. Die Straße dauert noch in ihrer vorigen Treflichkeit fort. Aber von Trop- Troppach bis Streitberg, der naͤchsten Post, (2 M.) wird der Weg an sich eine wahre Hoͤlle. Er faͤngt mit Steinen an und endigt mit Steinen. Man erhebt sich auf Felsentruͤmmer bergan, und muß fuͤrchten, von Felsenstuͤcken, die zur Seite kahl hervor- ragen, uͤberstuͤrzt zu werden. Gegen die Haͤlfte des Postlaufs faͤhrt man uͤber solch einen rau- hen Berg selbst hinab, und nirgends ist die mindeste Spur, daß man auch nur daran ge- dacht haͤtte, diesen gefaͤhrlichen Weg zu ver- bessern. Man muß an, neben und uͤber Ber- ge hin, deren verwitterte Gerippe, theils zer- borsten, theils zerbroͤckelt, theils in zerrissenen Massen, theils konisch, theils pyramidalisch auf schreckenden Grundlagen da stehen, und, durch den naͤchsten Windstoß erschuͤttert, her- ab zu stuͤrzen drohen. Man behaͤlt eine alte Burg zur Seite und fuͤhlt sich auf einmal auf den Schauplatz des Faustrechts versetzt; aber diese aͤngstliche Taͤuschung dauert nicht lange, weil man gluͤcklicherweise durch die umliegen- Fuͤnftes Heft. H den bluͤhenden Felder darin gestoͤrt wird. Zu den angenehmsten Empfindungen gehoͤren die nicht, die dieser Weg den Reisenden erweckt, obgleich man ihm den Charakter des Roman- tischen nicht absprechen kann; aber man wird bald darauf unuͤbertreflich schadlos gehalten, wenn man kurz vor Streitberg , ein un- unendlich reitzendes Thal, gegen zwey bis drey hundert Schuh unter seinen Fuͤßen ausge- breitet und nahe und fern mit lachenden Fel- dern, Wiesen, Fluren und Gaͤrten und Doͤr- fern bedeckt, auf einmal uͤberblickt, waͤhrend sich zur Linken eine alte ganz verfallene Burg, und zur Rechten ein mehr erhaltenes Schloß (Streitberg) erheben. Die Feder entfaͤllt mir und ich verzweifle, diese schoͤne Gegend, auch nur ihrem Schattten nach, anschaulich schil- dern zu koͤnnen. Die Truͤmmer des Schlosses Streitberg liegen auf einem Kalkfelsen vom feinsten Korne. Man steigt oberhalb dem Posthause, durch dessen Hof, zu demselben hinauf. Der steile, schmale Fußpfad war mit kleinen Steingeschie- ben uͤbersaͤet. Die ganze Hoͤhe bis zum Gip- fel mag zwey hundert Schuh betragen. Ein- zelne Felsenstuͤcke hingen, in Gestalt ungeheu- rer Saͤulen, uͤber den Fußsteig her. Daneben schwankte eine andere fast viereckigte große Mas- se, ebenfalls heruͤberhaͤngend und jeden Augen- blick den Einsturz drohend, der dem Wande- rer um so moͤglicher scheint, da breite Kluͤfte in derselben ganz ausgewittert sind. Sodann folgt erst eine von den Hauptmassen des Fel- sens, worauf das Schloß gebauet ist, die aber stellenweise durch Mauerwerk gestuͤtzt, erhoͤhet und erweitert werden mußte. Im Innern hat jetzt ein Oberforstmeister seinen Sitz. Sei- ne Wohnung und seine Wirthschaftsgebaͤude sind auf das alte Mauerwerk aufgelegt. Durch diese hin gelangt man auf den Gipfel des Fel- sens, von dem herab man eine Aussicht genießt, die ich mit dem unbestimmten Worte „ para- diesisch “ nur zu bezeichnen, nicht zu beschrei- ben, Willens bin. Dieser Burg gegenuͤber, H 2 laͤuft ein anderes Thal hinein, das sich aber, mit aͤhnlichen Felsenstuͤcken gerippartig besetzt, bald schließt. Auf der andern Seite zieht sich eine ganze Reihe von Huͤgeln hin, an denen eben diese Felsenart in hohen Massen zu Tage tritt, und die voran mit Baͤumen besetzt, in der Mitte mit Kornfeldern geschmuͤckt, und am Ende mit Wald bekraͤnzt sind. Im Schlosse selbst sieht man, was man in allen verfalle- nen Schloͤssern sieht: verdeckte Gaͤnge, Keller, Brunnen, gewoͤlbte Gemaͤcher u. s. w. In der Nachbarschaft hat man neuerlich merkwuͤr- ge Hoͤhlen voll Versinterungen entdeckt, die man die Muggenhoͤfer nennt, die ich aber nicht sehen konnte, weil mich die Nacht uͤber- raschte. Von Streitberg aus auf Erlangen (4 M.) faͤhrt man in das erwaͤhnte koͤstliche Thal vol- lends hinab, und in der That die einzelnen Theile desselben entsprechen der herrlichen An- sicht des Ganzen. Zwar ist der Weg schlecht und verraͤth keine Spur einer bessernden Hand, aber fast uͤbersieht man dies bey dem außer- ordentlichen Fruchttrieb und den mannichfach abwechselnden Bergen und Anhoͤhen, die bald mit einem alten, bald mit einem neuen Schlosse, bald mit einem Bet- bald mit einem Lusthaͤuschen auf ihren Gipfeln, welche groͤßestentheils ein niedlicher Wald be- deckt, besetzt sind. Waͤlder von Obstbaͤumen stehen auf beyden Seiten des Weges; die Doͤrfer sind groß, und die Haͤuser in densel- ben stehen denen in den Saͤchsischen Doͤrfern der besten Pflege nicht nach. Ihre Einwoh- ner sind wohlgebildet und haben ein offenes, heiteres Gesicht. Manches Dorf hat zwey, vier, sechs Herren, und es scheint, ein jeder habe sich beeifert, ein Stuͤck von diesem herr- lichen Lande davon zu tragen; doch besitzen Bamberg und Bayreuth das meiste davon. In einem schoͤnen, geraͤumigen Dorfe sagte mir der Wirth des dortigen Gasthofes, daß er von seiner Wirthschaft jaͤhrlich nur einen leich- ten Gulden, und seine Nachbarn, die reichen Bauern, nur drey bis vier dergleichen zahl- ten. Ich aͤußerte die Vermuthung, daß die Zollbedienten der Kirche, die Moͤnche, desto mehr an Gefaͤllen, die sie Almosen nennen, einheben moͤchten; aber er versicherte laͤchelnd, daß es so arg damit nicht sey, und daß man in diesem Punkt immer kluͤger werde. Hoͤch- stens gaͤbe man ihnen ein paar Pfund Schmalz, Garn oder Flachs. Der gute Mann schien nicht einzusehen, daß diese Abgabe feiner be- rechnet ist, als jede andere an Gelde, da die Naturalien, nach dem Vorurtheile der Land- leute, ihnen nichts zu kosten scheinen, aber den geistlichen Herren, die sie verkaufen, bes- ser und gewisser zu statten kommen, als baares Geld, indem jene in ihren Preisen jaͤhrlich stei- gen, dieses aber in eben dem Verhaͤltnisse faͤllt. Nach einer vierstuͤndigen Reise erweitert sich das Thal immer mehr und mehr, die An- hoͤhen werden immer geringer, und bald ver- wandelt sich der fruchtbare Boden in Sand, und man faͤhrt meist zwischen Wiesen hin, die mit einer musterhaften Sorgfalt verpflegt und aus der voruͤberfließenden Regnitz, mittelst Schoͤpfraͤder, gewaͤssert und befruchtet werden. Ueberhaupt wird der Wiesenbau auch in den andern Theilen von Franken, als im Bam- bergischen, im Wuͤrzburgischen und im Fulda- ischen, zu einem ausgezeichneten Grade von Vollkommenheit getrieben. Endlich zieht sich der Weg herum und naͤ- hert sich der linken Seite des Thals und seiner Anhoͤhen, besonders von Baiersdorf aus, einem ansehnlichen Flecken, der fast ganz von Juden bewohnt wird. Ein tiefer Sand dauert fort bis Erlangen welches mir, fast bis vor den Thoren, durch Hecken und Alleen versteckt blieb. Die aͤußere Ansicht dieser Stadt ist nicht unangenehm, weil es ihr nicht an an- sehnlichen Gebaͤuden fehlt, worunter ein Schloß und ein paar gut gebauete Kirchen sind. Das Innere ist wie das von Bayreuth, die Stra- ßen sind gerade, breit und ziemlich lang; die Haͤuser meist zwey Stock hoch von Sand- steinquadern; die Plaͤtze geraͤumig und heiter, aber das Pflaster ist weniger gut. Am Schlosse, welches die verwittwete Markgraͤfin bewohnt, ist ein weitlaͤuftiger Garten, der eine große Abwechslung von franzoͤsischen Heckenstuͤcken, Parterren und Terrassen, besonders aber zwey vorzuͤglich schoͤne Alleen aufzuweisen hat. Die Stadt ist uͤbrigens nicht sehr lebhaft und die hiesigen Studenten bemerkt man kaum, weil ihre Anzahl gering, und ihr Wesen weniger rauschend ist, als auf andern Universitaͤten. Von Erlangen reisete ich auf Fuͤrth (2 M.) Der Weg dahin fuͤhrt immer noch in jenem Thale fort, das sich mehr und mehr erwei- tert, zum Theil auf einer gut unterhaltenen Straße, zum Theil auf staͤubigten Feldwegen; denn der tiefe Sand, in welchen man vor Bairsdorf gerathen ist, haͤlt noch immer an. Indessen hat ihn der Fleiß der Einwohner hier herum bezwungen, und auf beyden Seiten des Weges stand das treflichste Korn, sogar auch Weizen, und haͤufig Mais und Taback. So- bald man vor Erlangen heraus ist, hat man Nuͤrnberg im Gesicht, und es thut eine gute Wirkung aus der Ferne, da dessen Burgfeste hoch uͤber die andern Theile der Stadt her- vorragt; aber Fuͤrth sieht man nicht eher, als bis man davor ist, weil es, außer einem ein- zigen spitzigen Thurme, nichts hat, was ihm eine Ansicht geben koͤnnte. Im Innern ist es sehr lebhaft. Das Aeußere der Einwohner verraͤth Mangel und Armuth, und der Ge- ruch auf den Straßen, Juden, und den aller- hoͤchsten Schmutz. Die Haͤuser sind dicht mit Fenster besetzt, und an denselben sieht man fleißige Leute, die mit irgend etwas beschaͤftigt sind, waͤhrend vor den Thuͤren halbnackte Kinder zu Dutzenden herumspringen, oder sich herumwaͤlzen. Die Haͤuser sind fast alle von Holz, einige Straßen der Stadt breit, lang und nicht unansehnlich. Ich brachte hier einen Tag mit Besuchen bey den mancherley Kuͤnst- lern und Fabrikanten zu, die hier gleichsam einer auf dem andern wohnen und sehr fleißig, aber doch meist arm sind. Ausgezeichnet be- traͤchtliche Fabriken findet man indessen doch nicht hier. Es traf sich gerade, daß ein Theil des Kon- tingents, welches der fraͤnkische Kreis zur Reichs- armee zu stellen hat, nicht weit von dieser Stadt in einem Lager beysammenstand. Es waren nur achtzehnhundert Mann, Nuͤrnber- ger, Rothenburger, Eichsfelder und andere Truppen. Exerciren und marschieren konnten diese Leute freylich noch nicht; sie waren aber im Ganzen nicht so schlecht, wie man sich ge- woͤhnlich die Reichstruppen denkt. Besonders bemerkte ich unter den Rothenburgern manchen jungen und festen Kerl, der kein preußisches Regiment verunstaltet haben wuͤrde. Von Fuͤrth aus auf Nuͤrnberg (1 M.) ist der Weg eben so unangenehm und sandig, als von Erlangen auf Fuͤrth. Ich legte ihn aber in weniger als drey Viertelstunden zuruͤck. Zehnter Abschnitt. Nürnberg. Aeußere Ansicht dieser Stadt. Inneres. Bau- art. Straßen. Märkte. Plätze. Brücken. Was- serwerke. Brunnen. Reichsveste. Rathhaus. Kir- chen. Polizeyanstalten. Milde Stiftungen. Hospi- täler. Armenschulen. Spenden. Anstalten für öf- fentliche Sicherheit, Gesundheit, Bequemlichkeit und Bildung des Geistes und Körpers. Anmerkung über die politische Verfassung von Nürnberg und die dorti- gen bürgerlichen Uneinigkeiten. Zerstückelung der Gesellschaft. Lebensart, Aeußeres, Sitten, Sitt- lichkeit und Vergnügungen der Einwohner. Spatzier- gänge. Statistische Angaben über die Stadt und de- ren Gebiet. Abreise. Schwabach. Baumwollen-Manufaktur. Zucht- und Irrenhaus. Der Schläger aus Gießen. Feucht. Eintritt in Bayern. Postbauer. Teining. Taswang. Hemmau. Schambach. Teulingen. Stadt-am-Hof. Regensburg. Ansicht dieser Stadt. Der Dom. Der Reichssaal. Die Donaubrücke. Die Wöhrdte. Einwohner. Blick auf den gesellschaftli- chen Ton der feinern Welt. Gegend um Regens- burg. Abreise. Landshut. Mosburg. Freysingen. Gegend und Boden um München. Aeußeres dieser Stadt. Lage, Größe, Grundriß und Inneres. Wasserwerke. Kanäle. Bürgerhäuser, Kirchen, Pal- läste. Die Frauen- Hof- und Theatinerkirche. Der alte Hof. Die Wilhelminische Residenz. Die kur- fürstliche Residenz. Oeffentliche Gebäude mancherley Art. Menge der öffentlichen Anstalten zur Erziehung, zur Bildung des Geistes und Geschmacks, zur Ver- sorgung der Armen ꝛc. Abriß der Sitten, des Cha- rakters, des Nahrungserwerbes ꝛc. Der Einwohner. Abreise nach Salzburg. Reiselauf. Anblick der Salzburger Alpen. Haag. Fruchtbare Landschaft. Ampfing. Mühldorf. Burghausen. Titmaning. Aeußeres der Salzburger Bauern. Laufen. Annä- herung an Salzburg. Eintritt in diese Stadt. D ie aͤußere Ansicht von Nuͤrnberg, wenn man von Fuͤrth herkoͤmmt, ist sehr ausgebrei- tet, weil man die Stadt von der Reichsveste an, bis zum Spittler Thor, fast ihrer ganzen Laͤnge nach uͤberblickt. Mehrere betraͤchtliche Thuͤrme an den Kirchen in der Stadt, und viele andre, die zur Stadtmauer und zu den Befestigungen und Thoren gehoͤren, gewaͤhren ihrem Aeußern ein so stattliches, festes Anse- hen, als wenige groͤßere Staͤdte in Deutsch- land haben. Man bemerkt aus der Ferne, daß ihre Grundflaͤche etwas uneben ist, doch erhebt sich nur der Theil, worauf die Burg liegt, merklich uͤber die andern. Der Boden um die Stadt ist meist sandig, aber durch fleißigen Anbau in das fruchtbarste Land ver- wandelt worden. Es giebt eine Menge Gaͤr- ten rund herum, die alle mit groͤßern oder kleinern Land- und Lusthaͤusern besetzt sind, was den Eingang in die Stadt sehr abwechs- lend und angenehm macht. Die Stadt hat eine Circumvallationslinie, die aber nicht von Bedeutung ist, und keinen Feind abhalten kann. Betraͤchtlicher, wenn auch nicht lange haltbar, sind die eigentlichen Befestigungswerke. Die Stadtmauern sind von ungewoͤhnlicher Staͤrke, und beyde, die aͤußere sowohl als die innere, sind mit einer Menge Thuͤrme besetzt, die ehedem als Fe- stungswerke gebraucht wurden, jetzt aber, wie hier und da die heraushangende Waͤsche zeigt, zu Wohnungen benutzt werden. Der Stadt- graben ist sehr breit und ziemlich tief, wird jetzt aber zu Feldern und Wiesen benutzt, so wie die verschiedenen Zwinger und Schanzen, zu Gaͤrten. An den Hauptthoren stehen runde, aus Werkstuͤcken aufgefuͤhrte Thuͤrme, die einen auffallenden Charakter von Festigkeit haben. Es sind ihrer sechs in dem Umfange der Stadt. Wenn man in das Innere der Stadt ein- tritt, so entspricht dessen Ansicht der Ansicht des Aeußern. Die Haͤuser sind meist 4 bis 5 Stock hoch, viele von viereckigten Werkstuͤcken erbauet, viele bloß von Bruchsteinen, denen man aber, durch einen roͤthlichen Anstrich und durch weiße Einfassungen, das Ansehen der Quadern gegeben hat. Die Bauart ist nicht neu, aber sehr dauerhaft, nicht praͤchtig, aber bequem. Viele Haͤuser haben noch eiserne Git- ter vor den Fenstern. Diejenigen, die von Patri- ziern, Kapitalisten, oder andern Buͤrgern bewohnt werden, welche keine geraͤuschvolle Handthie- rung oder sonst keinen lebhaften Verkehr haben, werden den ganzen Tag verschlossen gehalten und oͤffnen sich nur, auf die angezogene Klin- gel, die an der Thuͤr angebracht, und unter der der Name des Hausbewohners angezeigt ist, zu dem sie fuͤhrt. Dieser Umstand giebt der Stadt etwas Stilles und Klosteraͤhnliches. Die Straßen sind groͤßestentheils geraͤu- mig, und mehrere betraͤchtlich lang, wie z. B. Unter der Veste, die Aegydien- Lau- fer- Neue- Binder- Unter- Sankt- Lorenz- Auf dem Steig- Hirschel- Gassen u. a. m. Die Maͤrkte und Plaͤtze sind zahlreich und einige darunter von betraͤcht- lichem Umfange, wie der Große Markt, Herrenmarkt, Fischmarkt, Korn- markt, Obstmarkt, Neue Bau, St. Jakob u. a. Nuͤrnberg erhaͤlt dadurch ein gewisses offenes, heitres Ansehen, worin ihm wenige Staͤdte beykommen, und ich weiß nicht, in welchem Wetter, oder in welcher Laune, oder in welcher Stunde manche Reise- beschreiber diese Stadt gesehen haben muͤssen, als sie dieselbe winkelig, finster und schwer- muͤthig fanden. Die Pegnitz, die durch die Stadt fließt, giebt ihr noch eine Abwechselung mehr an den Bruͤcken, welche die durch sie getrennten Theile wieder verbinden. Es sind ihrer sieben, mehr oder weniger lang, schmal oder breit, anstaͤn- dig oder schoͤn, aber keine unansehnlich, oder von Holz. Die merkwuͤrdigste schien mir die Fleischerbruͤcke , und, in der That, ein architektonisches Meisterwerk. Sie besteht nur aus Einem Bogen, der, ziemlich flach, eine Strecke von fast 100 Schuh uͤberspannt, in der Breite 50 Schuh haͤlt und im Gewoͤlbe 4 Schuh dicke ist. Die Barfuͤßer - und die Kayser-Bruͤcke sind zierlich und leicht gebauet. gebauet. Außer diesen Bruͤcken dienen noch acht hoͤlzerne Stege fuͤr Fußgaͤnger zur Ver- bindung. Noch eine Zierde, die Nuͤrnberg vor den uͤbrigen deutschen Staͤdten voraus hat, oder worin ihr doch, außer vielleicht Augsburg, keine andre beykoͤmmt, sind ihre zahlreichen Wasserkuͤnste, Springbrunnen- und Roͤhren- Werke, die theils durch Leitungen, theils durch Quellen, theils durch Raͤder reichlich versehen werden. Auf fast allen der vorhin genannten Maͤrkte und Plaͤtze findet man einen Spring- brunnen, und sie sind theils von Bronze, theils von Bildhauerarbeit, meist aber der Idee und der Ausfuͤhrung nach von einem alten kleinlichen Geschmack. Das Beste und Geschmackvollste, das Nuͤrnberg hierin aufzu- weisen hat, ist der sogenannte Schoͤne Brunnen , der aber, aus Mangel an Kasse, noch nicht errichtet ist, sondern, obwohl ganz vollendet, noch in dem Bauhofe stehet. Nep- tun , mit seinem ganzen Gefolge an Tritonen, Fuͤnftes Heft. I Rajaden, Delphinen u. s. w. ist in Bronze vorgestellt und Zeichnung und Guß sind in der That vorzuͤglich. Der Meister hieß Georg Schweichger , der es nach dem Modell ei- nes Goldschmidts, Christoph Ritter's , ausfuͤhrte. Uebrigens belaͤuft sich die Anzahl der kuͤnst- lichen Brunnen in Nuͤrnberg auf sechs und zwanzig. Gewoͤhnliche Schoͤpf- und Ziehbrun- nen findet man auf allen Straßen. Zwey oͤffentliche Gebaͤude ziehen, ihres Alters und ihrer innern Merkwuͤrdigkeiten we- gen, besonders die Aufmerksamkeit der Reisen- den auf sich: die Reichsveste und das Rathhaus . Die Reichsveste liegt, wie ich schon be- merkt habe, auf einem maͤßigen Huͤgel, der die Stadt beherrscht. Sie ist, nach Verhaͤlt- niß, klein und unansehnlich und fuͤr Kaiser neuerer Zeiten nicht mehr bewohnbar, wenn sie ihnen auch noch zu einer augenblicklichen Herberge dienen kann. Die Saͤle und Zim- mer derselben sind altmodisch, und nur in dieser Ruͤcksicht und als altdeutsche Raritaͤten- kammern merkwuͤrdig. Mehrere Gemaͤlde und Bildnisse von Albrecht Duͤrer und eine große Komposition von Johann Creutzfel- der , aus der Nuͤrnbergischen Geschichte, sind hier betrachtenswerth. Eine Bettstelle, mit Vorhaͤngen von verblaßtem Wollenzeuge, worin mehrere alte Kaiser geschlafen haben, ist ein Denkmal von der Einfalt und Sparsamkeit jener Zeiten, und war auch dem verstorbenen Kaiser Joseph, wie mir der Fuͤhrer sagte, merkwuͤrdig gewesen. Er hatte diese Vorhaͤn- ge, indem er sie uͤber die Hand gehen lassen, mehrere Sekunden angesehen und endlich ge- sagt: die Alten hatten weniger als wir, aber sie waren reicher ! Der aͤlteste Rathsherr bewohnt den Rest der Zimmer im Schlosse und bringt hier seine uͤbrigen Jahre, unter dem Titel eines Kastel- lans oder Pflegers der Reichsveste, zu. Je- der Kastellan bringt sein Hausgeraͤth mit, I 2 und laͤßt ein Andenken von Werth zum Ver- maͤchtnisse zuruͤck. Der Hausrath des gegen- waͤrtigen war sehr altvaͤterisch, und schloß eine Menge von Spielereyen in Glas, Holz, Porzelain ꝛc. ein. Noch finden sich zwey Kapellen auf der Burg und zwar in einem viereckigten Thurme. In der untern, geraͤumigern, die Schloß- kirche genannt, wird an Sonn- und Festta- gen Gottesdienst gehalten. Vom Thurme herab hat man eine vortreffliche Aussicht uͤber die Stadt und umliegende Gegend. Erstre zeigt sich in der Gestalt eines laͤnglichen Ge- viertes und als eine große Masse hoher, spitzig zulaufender Daͤcher; desto lachender und reitzen- der erscheint letztre. Naͤher an der Stadt liegt Garten an Garten, vortrefflich angebaut und unterhalten und zum Theil mit ansehnlichen Gebaͤuden verziert; weiterhin sieht man Dorf an Dorf, die fruchtbarsten Felder, mit Waͤld- chen untermischt, und große Strecken, auf welchen Gemuͤse im uͤppigsten Wachsthum steht, und im Hiutergrunde liegt Fuͤrth aus- gebreitet vor einem da, Erlangen und Altorf kann man deutlich sehen, und am Horizont schwebt die Festung Rothenstein. Diese Aussicht, die das treffendste Bild der Fruchtbarkeit darbietet, hat mich auf der Burg am meisten angezogen und am laͤngsten gefesselt. Sonst befindet sich auf derselben noch eine Kaserne fuͤr eine Kompagnie Solda- ten, und ein Brunnen, der in den Felsen ab- gesenkt worden, und eine Tiefe von 56 Klaf- ter hat, uͤbrigens aber ein Spielwerk gegen die wahrhaft große Ausfuͤhrung des beruͤhm- ten Brunnens auf dem Koͤnigstein ist. Das Zeughaus besteht aus mehreren Gebaͤuden, die nach und nach zusammen gezo- gen worden, und enthaͤlt zwey große Saͤle, die gegen 400 Schritte lang sind. Sie ent- halten Geschuͤtz und Handwaffen aller Art, worunter viele ihres Alterthums wegen merk- wuͤrdig sind, z. B. Doppelhaken aus dem funfzehnten Jahrhundert, Schießpruͤgel , noch ohne Schloͤsser, mehrere Turnierruͤstun- gen ꝛc. Zwey 48pfuͤndige Karthaunen vom Jahre 1521, sind die Altmuͤtter dieser Samm- lung. Von neuem und kleinem Geschuͤtze ist der Vorrath betraͤchtlich genug, und die Ver- theilung und Aufstellung desselben faͤllt gut in die Augen. Das Rathhaus ist in der That, in ar- chitektonischer Ruͤcksicht, das merkwuͤrdigste Gebaͤude in Nuͤrnberg. Die Ansicht des Aeus- sern ist, wie die Anordnung des Innern, musterhaft, und wenn man an jenem etwas tadeln wollte, so waͤre es, daß die Façade fast nichts als Fenster ist, und dadurch einen gewissen bunten, zerhackten Anblick erhaͤlt. Drey Portale mit dorischen Saͤulen herr- schen an der Vorderseite, die 275 Fuß lang ist, aus drey Geschossen, dem hoͤhern Erdge- schoß, dem niedrigern mittlern, und dem klei- nern obern besteht, deren jedes 36 Fenster hat. Im Erdgeschoß ist der große Saal, der achtzig Fuß in der Laͤnge und dreyßig in der Breite haͤlt. Auf der einen Seite, den Fen- stern gegenuͤber, an der Wand, ist der be- ruͤhmte Triumphwagen Maximilians des Ersten, von Wilibald Pirkheimer erfunden und von Albrecht Duͤrer gemalt, dargestellt. Diese Komposition nimmt, mit ihren verschie- denen sinnbildlichen Gruppen und deren gut- muͤthigen, altdeutschen Inschriften, diese ganze Seite des Saals ein, und hat mehrere ganz vortrefflich gezeichnete Figuren, deren Farben- gebung zum Theil noch ungewoͤhnlich lachend und markigt ist. Fuͤr Kenner der Kunstge- schichte und fuͤr Liebhaber findet sich in der Rathsstube ein Juͤngstes Gericht von Michael Wohlgemuth ; an der Decke der Gallerie im zweyten Stock die Darstellung des großen Nuͤrenbergischen Gesellen- stechens vom Jahre 1446; und in 5 andern Zimmern, die an einander hangen, eine be- traͤchtliche Sammlung von Schildereyen alter deutscher Maler, Duͤrers, Cranachs, Sandrarts, Pens und andrer mehr. Die uͤbrigen Saͤle und Zimmer des Rath- hauses enthalten nur noch wenige Merkwuͤr- digkeiten und sind fuͤr die Sitzungen und zu Schreibstuben der verschiedenen Aemter des Raths bestimmt, beweisen aber, mit den weitlaͤuftigen und hellen Gaͤngen, die sie unter einander verbinden, und mit der Vertheilung des Kellergeschosses zu Gefaͤngnissen fuͤr gerin- gere und schwerere Verbrecher, daß der Bau- meister ein sehr einsichtsvoller Kuͤnstler war, der den damaligen Zeiten Ehre machte, und den jetzigen Baukuͤnstlern zu einem lehrreichen Muster dienen kann. Unter der betraͤchtlichen Anzahl von Kir- chen und Kapellen, die Nuͤrnberg besitzt, sind die beyden Hauptkirchen, St. Sebald und St. Lorenz , und die Nebenkirche zu St. Aegydien , sowohl ihrer Bauart, als der altdeutschen artistischen Merkwuͤrdigkeiten we- gen, die sie einschließen, besonders sehenswerth. Zu St. Sebald ( Ewald ) wurde schon im 12ten Jahrhundert der Grundstein gelegt. Ihr hohes und spitzes Gewoͤlbe ruhet auf 22 Saͤulen. Die gemahlten Fenster machen sie sehr finster und die Kirchenstuͤhle, womit sie angefuͤllt, und die Menge Wappen, womit sie behaͤngt ist, uͤberladen sie zur Ungebuͤhr. Ihre groͤßeste Merkwuͤrdigkeit ist ein Denkmal des Heil. Sebald , nach Albrecht Duͤrers Zeichnung in Bronze gegossen, von Peter Vischer und seinen 5 Soͤhnen. Der Zeich- nung liegt die etwas seltsame Idee zum Grun- de, daß der Sarg die Gestalt eines Haͤus- chens hat, welches unter einem Tabernakel stehet, der uͤberreich an groͤßern und kleinern Figuren ist, unter denen sich die zwoͤlf Glau- bensboten besonders auszeichnen. Der Guß ist uͤberaus rein und giebt die feinsten Faͤlt- chen und Puͤnktchen mit bewundernswuͤrdiger Schaͤrfe und Zartheit an. Vor diesem Grab- male steht ein hoͤlzernes Kreuzbild von Veit Stoß , das in Ruͤcksicht der Kunst Aufmerk- samkeit verdient. Jenes kam im Jahre 1519, dieses 1526, zu Stande. Sonst sind noch mehrere Gemaͤlde und Bildhauereyen von Al- brecht Duͤrer, Creutzfelder, Kraft, Merian u. a. m. in dieser Kirche vorhan- den. St. Lorenz ist ungefaͤhr in demselben Geschmacke und von demselben Umfange, wie St. Sebald. Auch diese Kirche zeichnet sich in ihrem Innern durch mehrere Merkwuͤrdig- keiten der alten deutschen Kunst aus. Von Adam Kraft ist das sogenannte Sakra- mentshaͤuslein am Hauptaltar, 64 Ellen hoch und ganz aus Stein gehauen, mit einer Feinheit und Zartheit, daß es scheint, der Kuͤnstler habe den Stein mit einer Leichtigkeit bearbeitet, wie Holz. Auch meynt Hr. v. Murr , in seinen Merkwuͤrdigkeiten von Nuͤrnberg: Kraft habe das Ge- heimniß gewußt, einer Mischung von Sand und Ton die Haͤrte des Steines zu geben, und sonach habe er manche der feinern Stuͤcke an diesem Werke gleichsam bossiert, dann ge- haͤrtet und angesetzt. Seltsam ist der Ge- danke, dieses ganze steinerne Gebaͤude, sich und seinen beyden Soͤhnen auf den Kopf zu setzen; er, naͤmlich, und jene, knieen unter demselben und bilden solchergestalt den Fuß, worauf das Ganze ruhet. Ein großer Ver- stoß gegen die Wahrscheinlichkeit in der Kunst, den man aber an mehrern gothischen Gebaͤu- den wiederholt findet, z. B. an dem Dom zu Kremona, dessen Portal auf zwey Loͤwen ru- het. — Von Veit Stoß ist auch ein Mei- sterstuͤck hier, aber in Holz, das die Ver- kuͤndigung Mariens vorstellt. Es ist im Chor am Gewoͤlbe befestigt und kann nicht ohne große Muͤhe gesehen werden. Die Kirche zu St. Aegydien ist die neueste in Nuͤrnberg und stammt aus dem An- fange dieses Jahrhunderts. Sie ist im neuern Italienischen Geschmack, von außen nach do- rischer, von innen nach korinthischer Ordnung erbauet. Martin Schuster hat die Decke, Daniel Preisler die Kuppel hinter dem Chor, und Van Dyk das Altarblatt gemalt, das eine Abnehmung vom Kreuze darstellt. Die drey Kapellen an dieser Kirche sind, wie man auf den ersten Blick sieht, von aͤlterem Dato, und von der alten Kirche, die 1696 abbrannte, uͤbrig geblieben. In der Kirche zum heiligen Geist be- finden sich die Reichsheiligthuͤmer , die man in einer Kiste uͤber dem Chore aufge- haͤngt hat, und die Reichskleinodien , die in einer Kapelle uͤber der Sakristey ver- wahrt seyn sollen. Ich habe sie nicht gesehen, und sie sollen nur Personen des hoͤchsten Stan- des gezeigt werden. Viele haben daraus ge- schlossen, daß ihrer gar keine da waͤren, was zu voreilig ist. Die Marienkirche schließt ebenfalls mehrere Merkwuͤrdigkeiten der altdeutschen Kunst, Gemaͤlde und Schnitzwerke in Stein und Holz, ein. Kenner und Liebhaber solcher Dinge duͤrfen eigentlich keine Kirche in Nuͤrn- berg unbesehen lassen. Nicht minder anziehend ist der Genuß, den man sich auf den beyden hiesigen Gottesaͤckern, zu St. Johannes und St. Rochus , durch Aufsuchung der Denkmale beruͤhmter, politisch- und literarisch- verdienter Maͤnner, deren Nuͤrnberg in aͤltern Zeiten eine achtungswerthe Reihe gehabt hat, verschaffen kann. Die Anstalten Nuͤrnbergs, die zur Polizey im engern und weitern Verstande gehoͤren, sind sehr mannigfaltig. Sie haben groͤßesten- theils ihren Ursprung in den fruͤhern und gluͤck- lichern Zeiten dieses Freystaats, werden aber jetzt noch, wo nicht erweitert, doch nach Be- darf erhalten. Das Almosen- Armen- und Krankenwesen ist auf einem guten Fuße. Es hat ein be- traͤchtliches Grundkapital, theils an den ein- gezogenen Kirchen- und Klosterguͤtern, zu de- ren Verwaltung und Pflege mehrere Aemter niedergesetzt sind, die von den vornehmsten Rathsgliedern besorgt werden, theils an den zahlreichen milden Stiftungen von Privatper- sonen, die in fruͤhern Zeiten gemacht und zum Theil reichlich begabt worden sind. Zur Ver- waltung der letztern sind gewisse Familien oder Privatpersonen bestimmt, die von den Stif- tern vorgeschrieben worden, und welche die Austheilung der Almosen, die in Lebensmit- teln und auch in Geld bestehen, meist nach Gutduͤnken besorgen. Vielleicht waͤre zum Besten der Nothleidenden zu wuͤnschen, daß ihre Pfleger weniger vornehm, und daß die Verwaltungs-Aemter, Beamte und Ausspen- der weniger zahlreich waͤren. Eine einzige Stelle, mit dem vierten Theile des jetzigen Personale besetzt, wuͤrde, da man Uneigen- nuͤtzigkeit und Menschenliebe in einem Frey- staat, besonders bey dessen Beamten, unbe- dingt heischen muß, diese Verpflegungsge- schaͤfte mit weniger Kosten und mehr Einheit besorgen koͤnnen. Jetzt sind die hieher gehoͤri- gen Stellen folgende: Das Spitalamt und das Kloster- amt St. Katharina . Beyden steht das oberste Rathsglied als Oberpfleger vor, der noch einen Pfleger, (von Adel) einen Kastner, (Kassirer) einen Gefaͤlleinnehmer und einen Substituten (?) unter sich hat. Das Amt von St. Klara und Pil- lenre u t . Das zweyte Rathsglied ist hier Oberpfleger, der noch einen Pfleger, (von Adel) einen Gegenschreiber und einen Substituten unter sich hat. Sankt Klara hat noch eine Aebtissin, die von Adel ist. Die beyden Almosenaͤmter ( Stadt - und Land ) stehen unter vier Rathsgliedern, die den Titel Oberalmosenpfleger fuͤhren. Sonst war ihrer nur Einer vorhanden. Jetzt hat das Stadt almosenamt einen (adli- chen) Pfleger, einen Amts- und Gegenschrei- ber, einen Bauinspektor und einen Registra- tor; und das Land almosenamt zwey Pfleger, (von Adel) einen Gegenschreiber, einen Regi- strator, zwey Gefaͤlleinnehmer, zwey Substi- tuten und Einen Amtsvogt unter sich. Außer diesen sind noch die Pflege der beyden Findeln (eines Waysenhauses fuͤr Knaben und Maͤdchen;) die Mendel'sche und Landauer'sche Stiftung; zwey Pil- grimsspitaͤler zu St. Martha und zum Heil. Kreutz; und vier sogenannte Siech- koͤbel (Armenhaͤuser) vor der Stadt vorhan- den, deren Verwaltung, so einfach und ge- ring sie auch ist, ebenfalls von mehreren Rathsgliedern und Gehuͤlfen besorgt wird. Diese Vervielfaͤltigung der Aemter ohne Noth, die fast bey allen Stellen statt findet, ist eine der Beschwerden der Buͤrgerschaft gegen das Patriziat, das dergleichen uͤber die Gebuͤhr ge- schaffen hat, um seine Kinder und Verwand- ten unterzubringen; und diese Beschwerde scheint mir dadurch desto buͤndiger zu werden, da diese Aemter, wie alle uͤbrige, die das Pa- triziat besetzt, nur dem Rathe Rechenschaft ablegen, der seinerseits das Vorrecht zu haben behauptet, der Buͤrgerschaft keine Rechenschaft ablegen zu duͤrfen. Die Anstalten, die von den verschiedenen Verpflegungsfonds unterhalten werden, sind mancher- mancherley, und außer dem Hospitalwesen ge- hoͤrt auch noch das Schul- und Kirchenwesen dazu. Das neue Hospital zum Heil. Geist hat ein geraͤumiges Lokale, und ist zu einer lebenslaͤnglichen Verpflegung fuͤr alte, arme, unvermoͤgliche Personen bestimmt, deren An- zahl sich gewoͤhnlich uͤber 100 belaͤuft. Bey der Barfuͤßer-Kirche, (ehemals ein Franziskanerkloster) ist ein Waysen - und ein Zucht - und Arbeitshaus ; bey der St. Katharinen-Kirche ein aͤhnliches; bey der ehe- maligen St. Kunigunden-Kapelle, eine Schule fuͤr arme Kinder ; bey der Kirche zu St. Martha ein Hospital fuͤr Pilgrime , worin fremde, beduͤrftige Personen Essen und Trinken erhalten; bey der sogenannten Tod- ten-Kapelle , eine Verpflegungs-Anstalt fuͤr 12 arme Maͤnner, und eine aͤhnliche ist die Landauerische Stiftung bey der Kapelle zu allen Heiligen . In der Judengasse ist ein Krankenhaus , erst 1770 errichtet, fuͤr Fuͤnftes Heft. K Arme, die aber nicht mit ansteckenden Krank- heiten behaftet seyn muͤssen. Fuͤr ansteckende Kranke ist dagegen das sogenannte Schau- haus da, wo sie unentgeldlich geheilt werden. Zu demselben Behufe ist auch das Seba- stians-Hospital . Im Fechthause befindet sich ein Arbeitshaus fuͤr aufgegriffene Dir- nen, Bettler und Landstreicher, die besonders mit Schleifung von Brillen und Brennglaͤ- sern beschaͤftigt werden. Die Zellen des ehe- maligen Karthaͤuserklosters werden den Witt- wen der Kirchen- und Schuldiener zu Woh- nungen uͤberlassen, bis auf eine, worin man Konvertiten aufnimmt, die sich etwa eine Weile hier aufhalten moͤgen. Endlich befindet sich noch im Deutschen Hofe das alte Elisa- beth-Hospital . Vor der Stadt sind vier sogenannte Siech- koͤbel Man sollte, wie mich duͤnkt, diese unanstaͤndige Benennung, die Verachtung gegen die darin befind- lichen Ungluͤcklichen andeutet, jetzt in eine anstaͤndi- , worin theils Maͤnner theils Wei- ber, die das Alter unfaͤhig gemacht hat, sich zu naͤhren, mit Wohnung und Pflege versorgt werden; ein Pilgrimsspital ; und auf dem Gottesacker zu St. Rochus sind mehrere Gebaͤude zu einem Lazareth bestimmt, wenn epidemische Krankheiten sich zeigen. Der medicinische Theil der Polizey wird mit Zuziehung des Kollegiums der Aerzte und Apotheker besorgt, welches zwey Raths- glieder zu Beysitzern hat. Die Apotheker wer- den vor ihrer Annahme gepruͤft; sie haben eine Taxe und ihre Officinen werden jaͤhrlich ein- mal untersucht. Die Bartscheerer und Bader, die hier eine getrennte Zunft ausmachen, wer- den bey ihrer Aufnahme ebenfalls gepruͤft. Drey der erstern sind zu Geburtshelfern bestallt, und sie muͤssen ihre Geschicklichkeit dargethan haben. Hebammen sind in allem gere verwandeln. Koben, Koͤbel wird, wenig- stens in unsern Tagen, nur von Behaͤltnissen fuͤr Thiere gebraucht und ist ein Synonym von Stall geworden. K 2 18 da. Sie muͤssen 5 Jahr hindurch ihre Kunst bey einer andern Hebamme geuͤbt, und nebenher theoretischen Unterricht von einem Arzte darin gehabt haben. Eine Pruͤfung ent- scheidet dann erst uͤber ihre Geschicklichkeit und Aufnahme. Ueber sie und ihre Gehuͤlfinnen haben zwey sogenannte ehrbare Frauen die Aufsicht. Außer diesen sind noch 7 ge- schworne Frauen da, die den Kindbette- rinnen und Kindern gewisse Dienste leisten, die kein Mann leisten kann. Zu den guten Anstalten fuͤr die oͤffentliche Gesundheit gehoͤrt auch die, daß keine Leiche in der Stadt begraben werden darf. Nuͤrn- berg war eine der ersten Staͤdte, die diese Ge- wohnheit abschaffte, und sie leidet solche schon seit 1519 nicht mehr. Um die Verfaͤlschung der Lebensmittel zum Beduͤrfniß und zum Luxus zu verhuͤten, sind ebenfalls mehrere Einrichtungen vorhanden. Das Schlachtvieh wird durch verpflichtete Per- sonen untersucht; das Gewuͤrz durch eine Ge- wuͤrzschau ; das Brot durch eine Brot- schau ; der Wein wird in oͤffentlichen Nie- derlagskellern eine Weile aufbewahrt und erst, wenn Pruͤfungen damit vorgenommen und die Gefaͤlle davon entrichtet sind, an die Eigenthuͤmer verabfolgt. So haben auch die Bierbrauer, Essigmacher und Branntweinbren- ner ihre eigenen Vorschriften in Absicht der Guͤte, des Preises und des Gemaͤßes ihrer Waaren. Der Versorgung der Stadt mit reinem und gesundem Trinkwasser, habe ich schon oben erwaͤhnt, und es ist ein eigener Raths- ausschuß dazu angeordnet; jetzt beruͤhre ich noch einige andre Einrichtungen von Seiten der Polizey. Die verschiedenen Maͤrkte sind fuͤr die ver- schiedenen Beduͤrfnisse der Stadt bestimmt, und bestaͤndig wohl versehen; so der große oder gruͤne Markt mit Gemuͤsen, Garten- fruͤchten und allem, was sonst in der Kuͤche gebraucht wird und die Landleute liefern; der Fischmarkt und der Obstmarkt , mit den Waaren, die ihr Name anzeigt; der Spital- kirchhof , der Heumarkt und die beyden Lauferplaͤtze mit Getreide, Holz, Kohlen, Heu, Kalk; und endlich die alten und neuen Fleischbaͤnke mit frischem und geraͤuchertem Fleische, mit Suͤlzen und Wuͤrsten aller Gat- tungen. Weinniederlagen sind der sogenannte Wein- stadel und der Herrenkeller ; Getreide- magazine sind das Kornhaus auf der Reichs- veste, und ein anderes auf der großen Wa- ge , worin immer, fuͤr den Fall des Mangels und der Theurung, Vorraͤthe gehalten wer- den. Gegen Wucher und Vorkauf sind strenge Verordnungen vorhanden. Von Monopolien finden nur zwey statt, und zwar fuͤr Rech- nung des Staats, naͤmlich mit Unschlitt und Weitzenbier; doch sind deshalb diese Waaren, was ein seltener Fall ist, nicht schlechter und theurer, als anderwaͤrts. Wenn die Polizey fuͤr die Gesundheit, Verpflegung und Versorgung der Stadt thaͤ- tig ist, so ist sie es nicht minder fuͤr ihre in- nere Ruhe und Sicherheit. Außer der Miliz, welche der Staat als Reichskoncingent, auch im Frieden, unterhaͤlt, ist jeder mannbare Buͤrger, der Standes oder Amts wegen nicht ausgenommen ist, verpflichtet, in Nothfaͤllen die Waffen zu ergreifen. Die bewaffnete Buͤr- gerschaft besteht aus drey Bataillonen zu Fuß, und zwey Kompagnieen zu Pferde. Jede Ab- theilung hat ihren bestimmten Laͤrmplatz. Sie uͤben sich auf dem Schießhause und in den buͤrgerlichen Schuͤtzengesellschaften. Ein klei- nes, buͤrgerliches Artilleriekorps ist auch vor- handen. Die aͤußern Schanzen vor der Stadt werden von Feldmiliz, die Stadtthore von Buͤrger- und Feldmiliz zugleich bewacht. Beym Rathhause ist eine Hauptwache, die durch letztere besetzt wird. Auf der Reichsveste haben Kuͤrassiere und Dragoner — ohne Pfer- de — den Dienst. Noch ist eine berittene Stadtgarde da, die besonders zu Verschickun- gen und obrigkeitlichen Geschaͤften gebraucht wird. Zur Sicherheit des Nachts werden die Thore verschlossen gehalten, doch kann man, gegen Einlaßgebuͤhr, zu jeder Zeit, durch zwey Pforten, in die Stadt. Waͤchter von mehre- ren Gattungen durchstreifen die Stadt, und rufen die Stunden an; andere thun dasselbe auf den Stadtmauern. Der Vortheil der Er- leuchtung durch Laternen geht der Stadt bis jetzt noch ab. Nur ein paar Hauptstraßen genießen ihn, aber es ist bloß auf Veranstal- tung einzelner Einwohner, welche die Kosten davon bestreiten. Die Stadtthuͤrmer sind be- sonders angewiesen, uͤber Feuersgefahr zu wa- chen. Auf ein Zeichen an der Sturmglocke werden die Trommeln geruͤhrt; die Wasser- kuͤnste, die Spritzen, Leitern, Feuerhaken wer- den in Bewegung gesetzt; wer Pferde besitzt, spannt sie vor die Wasserkufen. Die drey er- sten, die ankommen, erhalten Preise. Einige Handwerker, als Maurer, Zimmerleute, Schmiedte ꝛc. stehen unter dem sogenannten Feuergehorsam , und thun besonders die Arbeiten in der Noth, empfangen auch eine Belohnung dafuͤr. Schon die Lehrjungen die- ser Gewerke erhalten, waͤhrend ihrer Lehr- jahre, zweymal Kleidungsstuͤcke unentgeldlich vom Stadtalmosenamt, als Ermunterung und als Belohnung fuͤr die Dienste, die sie hierin dem gemeinen Wesen zu leisten haben. Die Brandstaͤtte wird durch Miliz besetzt, und die bewaffnete Buͤrgerschaft versammelt sich an ih- ren Laͤrmplaͤtzen, um Unordnungen zu verhuͤ- ten. Da sonach jeder weiß, was er zu thun hat, und wo er gebraucht wird, so greift sehr selten ein Brand weit um sich. Daher kommt es wohl, daß in der hiesigen Brandver- sicherung so wenig Haͤuser aus Nuͤrnberg selbst eingeschrieben sind. Da diejenigen Haͤuser, die an beyden Sei- ten der Pegnitz liegen, welches uͤberhaupt der niedrigste Theil der Stadt ist, zuweilen Ue- berschwemmungen ausgesetzt sind, so hat man auch dagegen, noch vor wenig Jahren, die kraͤftigsten Einrichtungen von Seiten der Po- lizey getroffen. Noch einige Anstalten zur Bequemlichkeit und zur Erleichterung der Buͤrger sind in Nuͤrnberg, die man nicht leicht in einer an- dern deutschen Stadt finden wird, weil man sich gewoͤhnlich um den innern Haushalt der Einwohner nicht sehr zu bekuͤmmern pflegt. Zu der ersten Art rechne ich eine oͤffentliche Waͤschbleiche und zwey Waschhaͤuser zum allgemeinen Gebrauch; und zur letztern Art die Erlaubniß, die jeder Buͤrger hat, sich aus dem zu Nuͤrnberg gehoͤrigen Reichswalde, gegen eine unbetraͤchtliche Abgabe, seinen Be- darf an Holz anfahren zu lassen. Den aͤr- mern Buͤrgern und Einwohnern ist es gestat- tet, in eben diesem Walde duͤrre Aeste und Reißig zu lesen und umsonst nach Hause zu schaffen. Noch eine hieher gehoͤrige Anstalt ist das Leihhaus , das in dringenden Faͤllen den Buͤrgern aus Verlegenheiten hilft und sie nicht in die Haͤnde der Wucherer fallen laͤßt. An Anstalten, die zur Bildung des Geistes und des Koͤrpers, und zum Anbau der Wis- senschaften und Kuͤnste gehoͤren, hat der Staat von Nuͤrnberg auch keinen Mangel. Obenan steht die hohe Schule zu Altorf , die re- gelmaͤßig, wie jede andre, eingerichtet ist, die noͤthigen Lehrstuͤhle fuͤr jede Fakultaͤt und Wis- senschaft, und einen guten gelehrten Apparat besitzt, der in einer ansehnlichen Buͤchersamm- lung, einer Kunst- und Naturalienkammer, einer Sternwarte, einem Zergliederungs-Saal, einer chemischen Werkstatt, einem botanischen Garten und einem klinischen Krankeninstitut besteht. Stipendien und Freytische fehlen nicht. Das Aegydianische Gymnasium ist in Nuͤrnberg selbst. Es hat einen Hoͤrsaal, in welchem 6 Professoren, junge Leute, welche die niedern Schulen hinter sich haben, durch oͤffentliche Vorlesungen zur hohen vollends vor- bereiten. Das Gymnasium selbst hat fuͤnf Schulen, Einen Rektor und Vier Unterlehrer. Außer diesem sind noch drey lateinische Schulen vorhanden, mit denen Unterricht in der Musik und Singchoͤre verbunden sind. Eine vierte lateinische Schule, die zu St. Ja- kob, ist im Eingehen. Die Stadt hat fuͤnf Armen schulen, de- ren keine aus dem vorigen Jahrhun- dert stammt , sondern die alle in dem ge- genwaͤrtigen von Privatleuten errichtet und be- gabt worden und wahrhaft musterhaft und wohlthaͤtig sind. Denn, außer freyem Unter- richt, bekommen die Kinder nicht nur die Buͤ- cher und Schreibmaterialien unentgeldlich, sondern auch woͤchentlich Ein Brod, einen Beytrag an Gelde, und von Zeit zu Zeit Klei- dungsstuͤcke. Der Platz und die Ausstattung dieser Haͤuser reichen fuͤr die sehr betraͤchtliche Anzahl von 5 bis 550 Kindern zu. Vor kurzem hat hier ein Kandidat der Theologie, Namens Buͤchner , eine Erzie- hungsanstalt angelegt, deren Einrichtung sehr befriedigend ist. Sie ist fuͤr einheimische und auswaͤrtige Kinder von 6-12 Jahren be- stimmt, die auch Kost und Wohnung haben koͤnnen, und sowohl in den ersten Kenntnissen des Lesens, Rechnens und Schreibens, als auch in der Religion, Erdbeschreibung, Ge- schichte, Naturlehre, Logik, Mathematik ꝛc. und in koͤrperlichen Uebungen unterrichtet werden. Kinder weiblichen und maͤnnlichen Geschlechts werden aufgenommen. Es sind der Zoͤglinge ungefaͤhr dreyßig. Der Unter- nehmer lehrt selbst, und haͤlt noch einige Ne- benlehrer. Seine Anstalt steht unter dem Scholarchat und einem Aufseher aus dem Ministerium. Noch sind 17 Privatschulen in Nuͤrnberg, die man die deutschen Schulen nennt, und worin bloß im Lesen, Schreiben, Rechnen und Christenthum Unterricht gegeben wird. In einem kleinen Freystaate, wo der Zunft- und Privilegien-Geist durch die Verfassung befoͤrdert wird, ist es so gar befremdlich nicht, wenn man auch eine Schulmeister-Zunft fin- det. Eine solche bilden in der That die Un- ternehmer dieser Schulen, die man Schreib- und Rechenmeister nennt. Sie muͤssen be- stimmte Jahre bey einem solchen Schulmeister gelernt haben, koͤnnen auch nicht eher eine ei- gene Schule halten, als bis eine Stelle auf- geht; die Wittwen koͤnnen auch durch solch ei- nen ausgelernten Schulmeister die Schule ver- sehen lassen. Ein Rathsausschuß hat die Auf- sicht uͤber diese Zunft, und fuͤr jede der Schu- len ist ein Prediger bestimmt, der sie von Zeit zu Zeit besuchen und den Unterricht pruͤfen muß. Seit 1660 ist hier schon eine Maleraka- demie errichtet, und sie ist vielleicht die aͤl- teste in Deutschland. Drey Tage in der Woche werden hier Stunden gegeben, und man zeich- net nach lebendigen und todten Modellen. Die Anfangsgruͤnde werden in einer zweyten besondern Zeichenschule gelehrt. Noch giebt es eine dritte Zeichenschule fuͤr die Lehr- linge der Handwerker. Sogar ein Stall- meister, Fechtmeister und zwey Tanz- meister sind zum Unterricht in ihrer Kunst vorhanden. Noch sind Truͤmmer von der uralten Mei- stersaͤnger-Gesellschaft hier, deren Uebungen aber seit Jahren gaͤnzlich aufgehoͤrt haben. Unter den Handwerkern finden sich noch einige von diesen Dichtern und Saͤngern. Vielleicht bezieht sich noch die Gewohnheit darauf, daß die hiesigen Handwerksburschen an Sommer- abenden durch die Stadt ziehen und geistliche Lieder singen. Auch die Gesellschaft des Pegnitzischen Blumenordens ist, nach einer 150jaͤhrigen Dauer, noch vorhanden, beschaͤftigt sich be- kanntlich mit deutscher Sprache und Littera- tur und mit vaterlaͤndischer Geschichte, hat 48 Mitglieder, und den gelehrten Litterator Panzer Dieser Gelehrte hat, wie der Herr von Murr und der fleißige Prof. Siebenkees zu Altorf, unschaͤtz- bare Verdienste um die politische, litterarische und artistische Geschichte von Nuͤrnberg. zum Vorsteher. Noch ist ein gut eingerichtetes Leseinsti- tut vorhanden, und eine Gesellschaft zur Befoͤrderung vaterlaͤndischer Induͤ- strie , die sich die Hamburgische zum Muster genommen hat, und schon 50 Mitglieder aus allen Staͤnden zaͤhlt. Die hiesigen Bibliotheken und Kunst- sammlungen gehoͤren nicht zu den unbe- traͤchtlichen. Die Stadtbibliothek hat besonders einen guten Vorrath an alten Druk- ken und andern typographischen Seltenheiten, auch an Handschriften. Die Dillherrsche , die Fenitzerische , die Ebnerische und Marpergerische Bibliotheken, enthalten ebenfalls mehr oder weniger Merkwuͤrdigkeiten dieser Art. Das Das Praunische Kunstkabinet , mit welchem eine Gemaͤldesammlung verbun- den ist, laͤßt kein Fremder unbesucht, und eine aͤhnliche Aufmerksamkeit verdient die Pelle- rische Sammlung. Zum wissenschaftlichen und artistischen Ver- kehr sind endlich noch 13 Buch- und 9 Kunst- handlungen innerhalb der Mauern von Nuͤrn- berg. Alle diese mannichfaltigen Anstalten, die ich, der Kuͤrze wegen, nur habe andeuten koͤn- nen, geben eine allgemeine Uebersicht von der musterhaften buͤrgerlichen Einrichtung der Stadt. Zu untersuchen, in wie ferne diese, durch die politische beeintraͤchtigt, minder wohlthaͤtig, friedlich und praktisch gemacht wird, ist nicht die Sache eines Durchreisenden; eben so wenig als diplomatisch zu entscheiden, wem der groͤßere und kleinere Theil der Schuld beyzumessen sey. Ich habe uͤber die Irrun- gen, die jetzt zwischen Rath und Buͤrgerschaft obwalten, viel und von allen Parteyen gehoͤrt; Fuͤnftes Heft L aber man hoͤrt einseitig, wo einmal Parteyen sind, man hoͤrt nur Leidenschaft, Eigennutz, Hochmuth und Erbitterung sprechen, und man kann nur dann jeder Partey ihren Theil von Recht und Unrecht zusprechen, wenn man selbst die Verfassung aus ihren Quellen und aus Erfahrung kennen gelernt hat. Soviel glaube ich aber im Allgemeinen zur Beurthei- lung dieser innern Zwistigkeiten sagen zu koͤn- nen: das Patriziat handelt nach den Grund- saͤtzen einer Aristokratie, die zur Ochlokratie neigt, verdraͤngt die uͤbrigen Staatsbuͤrger von den Hauptgeschaͤften der Regierung und von den obern Stellen, und schmaͤlert die Vorrechte derer, die sie selbst fuͤr rathsfaͤhig anerkennt. Daher Klagen der Patrizier vom neuern Dato gegen die vom aͤltern; daher Beschwerden der niedern patrizischen Beamten gegen die hoͤhern; daher Unzufriedenheit der mittlern Buͤrgerklassen, des Kaufmanns- und Gelehrten-Standes mit beyden Klasse der Patrizier; daher Aufsaͤßigkeit und Groll der Kuͤnstler- und Handwerker gegen alle obige. So kommt es, daß Aristokraten gegen Ochlo- kraten, beyde gegen die Kaufmanns- und Ge- lehrten-Klassen, und alle drey zusammen ge- nommen, gegen die Hauptmasse des arbeiten- den und abgebenden Staatsbuͤrgers kaͤmpfen, der jedoch dadurch einer gaͤnzlichen Unterdruͤk- kung entgeht, daß jede der genannten Par- teyen ihn, den staͤrksten an thierischer Kraft, wechselseitig auf ihre Seite zu bringen und sich zu erhalten sucht. Das klare Resultat dieser Angaben waͤre also: daß die Ochlokra- ten fuͤr Herrschsucht, Hochmuth, Nepotismus und Monopol kaͤmpfen, indem sie fuͤr die wahre Verfassung des Staats zu kaͤmpfen vorgeben; daß die Aristokraten fuͤr Privilegien, Stellensucht, Bequemlichkeit, eigennuͤtzige Ver- sorgung ihrer Kinder und Verwandten strei- ten, indem sie meynen, fuͤr die ihnen zukom- menden Gerechtsame zu streiten; daß die Kauf- L 2 leute und Gelehrten fuͤr Neid, fuͤr empoͤrte Eigenliebe und fuͤr Auszeichnung im Staat arbeiten, indem sie gegen den Untergang des- selben, gegen Willkuͤhr und Unverantwortlich- keit des Raths und gegen den Eindrang des Patriziats in alle Staatsstellen, selbst die ge- ringern, zu arbeiten sich die Miene geben; und daß endlich der gemeine Staatsbuͤrger die ei- gentliche Stuͤtze, das Lastthier des Staates, daß nur dieser allein fuͤr erworbene und na- tuͤrliche Rechte, fuͤr seine Nahrung, Haus und Hof und politisches Daseyn streite, mithin unter den fechtenden Parteyen die einzige sey, die das Recht auf ihrer Seite hat, aber ge- rade am spaͤtesten dazu gelangen wird, weil sie ihre Sache gegen ihre eigenen Richter fuͤh- ren und gewinnen muß, die uͤberdieß bey mehr Gewandtheit, Reichthum, Lust und Politik, ihren gesunden Menschenverstand nicht fuͤrch- ten, so wie sie ihre physische Ueberlegenheit durch Uneinigkeit und Eifersucht, die sie in ihren eigenen Schooß streuen, bis zur Ohn- macht zu schwaͤchen verstehen Bey meiner Anwesenheit in Nuͤrnberg erschien fol- gende kleine Schrift: Bemerkungen und Er- laͤuterungen uͤber die Nuͤrnbergische Staatsverfassung, von einem Nuͤrnber- gischen Buͤrger verfaßt , 1stes Heft. 1793. Sie ist ohne Leidenschaft geschrieben und mit Ur- kunden belegt. Anstatt einen Auszug davon zu ge- ben, empfehle ich vielmehr sie ganz zu lesen. Bey aller Kuͤrze ist sie sehr deutlich und bestimmt, und muß jeden Unparteyischen befriedigen . Wenn man diese Umstaͤnde erwaͤgt, so kann man sich schon, ohne naͤhere Ang die Zerstuͤckelung der Gesellschaft in Nuͤrnberg denken. Das alte Patriziat lebt fuͤr sich und sieht auf alle uͤbrige Klassen, die unter ihm sind, herab; das juͤngere haͤlt zusammen, ist neidisch auf jenes, und sieht die naͤchstfolgende Klasse uͤber die Achsel an; letztre bleibt fuͤr sich, haßt die beyden erstern als Staats-Mo- nopolisten und duͤnkt sich weit mehr, als die folgende Ordnung ihrer Mitbuͤrger; diese theilt sich wiederum fast in so viel Haufen als Zuͤnfte sind: der Kuͤnstler duͤnkt sich besser als der Handwerker und eben so gut als der Kauf- mann; der Handwerker will nicht weniger seyn als der Kuͤnstler, aber weit mehr als der Unzuͤnftige und Tageloͤhner; und welcher der letztern hielte sich nicht fuͤr besser als der Bauer? So leiden alle an Einer Krankheit, und das suͤndige Gift derselben sind die Pri- vilegien. Jeder Stand hat einen privilegirten Kreis um sich her, und Kreise sind nicht die- jenigen mathematischen Figuren, die sich an einander schließen, ohne Luͤcken zu lassen; jeder treibt vielmehr seine Zuruͤndung durch das Gebiet des andern und haͤlt fuͤr sein , was er davon einschließt. Daher ewige Reibung, ewige Gaͤhrung, ewiger Kampf der Staͤnde unter einander, hier, wie — in allen Frey- staaten. In Absicht des Luxus, des Aufwandes und der Sittenbildung ist Nuͤrnberg in, Vergleich mit mancher kleinern Stadt in Deutschland, zu seinem Gluͤcke noch nicht weit vorgeruͤckt. Selbst der Adel, oder vielmehr das Patriziat hat in seinem innern und aͤußern Wesen noch sehr viel buͤrgerliches und altmodisches, mit einer Mischung von Gravitaͤt und Regierungs- bewußtseyn bey den aͤltern, und von Adelstolz und gesellschaftlicher Anmaßung bey den juͤn- gern, von denen nur einzelne frey sind. Wa- gen und Livreen, haͤusliche Einrichtung und Tracht, Gastmaͤler und Lustpartien, Liebhabe- reyen und Beschaͤftigungen, kurz die ganze Art zu seyn der aͤltern, haͤlt ungefaͤhr den Mit- telweg zwischen der Art zu seyn eines preußi- schen Ministers und eines Buͤrgermeisters in Hamburg; waͤhrend das Wesen der juͤngern ein Mittelding zwischen dem Wesen eines Land- edelmanns und eines adelichen Referendars in Berlin seyn moͤchte. Die letztre Gattung faͤhrt, reitet, jagt noch aus Liebhaberey, haͤlt noch Umgang mit den juͤngern Gliedern des Gelehrten- und Kaufmannsstandes, besucht noch oͤffentliche Oerter, die diese besuchen, mit aus der Tasche hervorragender Tabackspfeife, geht noch auf Pickenicke, und tanzt und lie- belt mit den Kaufmanns- und Gelehrten- Frauen und Toͤchtern; aber die erstre Gattung geht aus ihrer Klasse und ihrer Gravitaͤt schwer heraus, und sucht nur solche Unterhaltungen, die der Wuͤrde ihres Standpunktes angemes- sen sind, wohin denn große ceremonienreiche Familien- und Kollegen Schmaͤuse und andre steife Erholungen gehoͤren. Finden sie Vergnuͤ- gen an den Wissenschaften, so sind Gelehrte die einzigen aus der Buͤrgerwelt, mit denen sie Umgang halten; und ihre Frauen sind dann wohl so gnaͤdig, die Ehehaͤlften derselben zu- weilen zu einem Kaffeebesuch einzuladen, ent- weder unter vier Augen, oder in einer dazu erlesenen, paßlichen Gesellschaft; aber mit an- dern sogenannten adelichen Damen aͤußerst selten. Das Wesen dieser adelichen Damen erster Ordnung entspricht dem Wesen ihrer Maͤnner ganz. Man glaubt, wenn man sich unter den aͤltern befindet, in einer Gesellschaft bejahrter Kammerfrauen vom Chursaͤchsischen Hofe zu seyn. Die Juͤngern haben schon etwas mehr Leichtigkeit und man hoͤrt sie noch zuweilen von Lektuͤre sprechen und sieht sie lachen; aber ihr Wesen ist schwerfaͤllig und verlegen, und ihr Geschmack im Anzuge geht nicht uͤber den Ge- schmack der Kaufmannsfrauen oder Toͤchter in Leipzig hinaus. Das Blut in dieser Klasse ist nichts weniger als schoͤn; einen guten Wuchs sieht man aber doch zuweilen. Benehmen und Tracht des Gelehrtenstan- des, wohin ich die Doktoren der Medizin und des Rechts und die Kirchen- und Schulgeist- lichkeit rechne, haben die auffallendste Aehn- lichkeit mit dem Benehmen und der Tracht eben dieses Standes in Dresden. Eine Aus- nahme machen auch hier die juͤngern, die noch keine Kundschaft oder Stelle haben, oder erst seit kurzem in Thaͤtigkeit gesetzt sind. Nach wenigen Jahren bekommen sie aber auch die eigenthuͤmlichen Falten ihres Standes. Der Kaufmannsstand, der, trotz dem Ver- falle des Handels, immer noch ansehnlich und zahlreich genug in Nuͤrnberg ist, genießt ei- gentlich des Lebens noch am meisten und mit dem wenigsten Zwange. Man findet die Mit- glieder desselben in allen oͤffentlichen Gaͤrten um Nuͤrnberg, auf den Spatziergaͤngen, in den Klubbs, unter den Schuͤtzengesellschaften, auf Baͤllen, Redouten, Kirchweihen, in oͤf- fentlichen Konzerten ꝛc. Diese Vergnuͤgungen sind alle auf einen sparsamen Fuß gesetzt und verschaffen dem sonst fleißigen Manne die noͤ- thige Erholung ohne große Kosten. Fremden, die eine Weile in dieser merkwuͤrdigen Stadt leben wollen, rathe ich, sich an diesen Stand zu halten, unter welchen sie viel unterrichtete Maͤnner finden werden, die von dem altreichs- staͤdtischen, breiten, umstaͤndlichen Ton weit entfernt und zugleich noch Muster altdeutscher Redlichkeit und Offenheit sind. Wer als Frem- der sich zu den Cirkeln desselben haͤlt, kann auch, ohne ihre Eifersucht zu erregen, mit patrizischen Familien umgehen; aber letztre sind so billig nicht, und man kann, wenn man von ungefaͤhr mit einer buͤrgerlichen Ge- sellschaft an einen Ort koͤmmt, wo man auch patrizische Bekannte findet, sicher darauf rech- nen, daß letztre merklich fremd und zuruͤckhal- tend seyn werden, bloß um sich nicht zugleich durch ein freundlicheres Betragen der buͤrger- lichen Gesellschaft zu naͤhern, in welcher man gekommen ist. Kein Buͤrgerlicher wagt es so leicht, eine Patrizierin zum Tanz aufzuziehen, aber es ist oft der Fall, daß ein Patrizier ei- ner huͤbschen Buͤrgerin die Hand bietet, was diese denn auch fuͤr eine so große Ehre haͤlt, als ihr Taͤnzer ihr dadurch zu erweisen glaubt. Der Kuͤnstler und Handwerker vergnuͤgt sich ebenfalls unter sich. Er hat seine Gaͤrten und seine oͤffentlichen Haͤuser, die er besucht, wo er trinkt, kegelt, in der Karte spielt und sich nach seiner Weise vergnuͤgt. Er haͤlt sich gewisse Kassen, worin er Spiel- Wett- und Strafgelder sammelt, die, wenn eine Summe bey einander ist, zu Pickenicken, die er, beson- ders des Sommers, auf dem Lande haͤlt, an- gelegt werden. Die Kirchweihen in den Vor- staͤdten, Woͤhrdt (wo es 26 Wirthshaͤuser giebt) und Gostenhof , und anderwaͤrts, scheinen seine Lieblingsvergnuͤgungen zu seyn. Die Schießuͤbungen mit Buͤchsen und mit Arm- bruͤsten, haͤlt er noch fuͤr etwas mehr, als bloße Vergnuͤgung, er haͤlt sie fuͤr Buͤrger- pflicht, fuͤr Schulen, wo er fuͤr den Nothfall die Vertheidigung seines Vaterlandes lernen kann. Die oͤffentlichen Spatziergaͤnge um Nuͤrn- berg sind nicht von Bedeutung. Der naͤchste an der Stadt ist die Hallerwiese , ein ziemlich schmaler Rasenstreif an dem linken Ufer der Pegnitz, der mit einer dreyfachen Lindenallee besetzt ist, zwischen denen hier und da einzelne steinerne Baͤnke und drey klein- liche, fast verfallene Springbrunnen angebracht sind. Er ist nur an Sonn- und Feyertagen lebhaft, und man findet auf demselben, was in Nuͤrnberg, außerhalb den Kirchen, eine sel- tene Erscheinung ist, alle Staͤnde unter ein- ander gemischt. Ein anderer ist der Judenbruͤhl , eben- falls ein Rasenplatz von einigem Umfange, der durch Alleen von Linden- und Kastanien- baͤumen beschattet wird und zu Ruheplaͤtzeu mehrere Rasenbaͤnke darbietet. Spatziergang und Belustigung zugleich ist der sogenannte Dutzendteich , der ungefaͤhr drey Viertelstunden von der Stadt liegt, und am haͤufigsten zu Fuße, zu Pferde und im Wagen besucht wird. Ein duͤnner Wald von Nadelholz schließt 12 kleinere und groͤßere Teiche ein, und von diesen hat der Ort den Namen. An dem groͤßesten der Teiche liegt ein geraͤumiges Haus, an welches sich ein ar- tiger Garten schließt, der mit Lauben, kleinen Haͤusern und Pavillons fuͤr einzelne Gaͤste und ganze Gesellschaften besetzt ist. Auf dem großen Saale des Wirthshauses wird getanzt; auf dem großen Teiche faͤhrt man des Som- mers in Lustschiffen, und des Winters Schlitt- schuh. Auf jenem Tanzsaale machte ich eine Bemerkung, die auf den Ton in Nuͤrnberg einen hellen Blick thun laͤßt: die Musikanten, die zum Tanz aufspielten, hatten dabey große Tabackspfeifen im Munde. — Und doch tanz- ten ein paar Gerichtsfaͤhige , und an dem einen Ende des Saals saß eine ganze Gesell- schaft von Herren und Damen aus den al- ten Geschlechtern . Die Johannesfelder und der Irr- hayn bey Krafthof werden auch oft besucht. Letzterer ist ein geraͤumiger Platz, der dem Pegnitzischen Blumenorden gehoͤrt und mit Alleen, Lauben, Pavillons, Berceaus und ei- nem Labyrinth verziert ist. Ein in der That sehr angenehmer Aufenthalt, der fuͤr jeder- mann offen steht, wenn jene Gesellschaft nicht gerade selbst sich dort befindet. Zum Lobe der oͤffentlichen Sittlichkeit der Nuͤrnberger bemerke ich noch, daß es in ihrer Stadt keine liederlichen Haͤuser giebt. Zum Schlusse fasse ich einige statistische Angaben von Nuͤrnberg und dessen Gebiete zu- sammen, die aus der Beschreibung dieser Stadt, welche waͤhrend meiner Anwesenheit daselbst erschien, so wie mehrere der voranstehenden Nachrichten, gezogen sind Ihr Titel ist: Kurze Beschreibung der Reichsstadt Nuͤrnberg; ein Handbuch fuͤr Einheimische und Fremde, zunaͤchst aber fuͤr Reisende. Verfasset von C. G. Muͤl- ler . Nebst einem geometrischen Grundrisse von der Stadt Nuͤrnberg. Daselbst bey Zehn. 1793. . Nuͤrnberg , unter dem 28°, 45′ der Laͤn- ge 49°. 26′. 56″ noͤrdlicher Breite gelegen, schließt innerhalb seiner Ringlinie eine Flaͤche von 67,443,136 Quadratschuh ein. Die innere Stadtmauer, welche die Stadt selbst umschraͤnkt, enthaͤlt eine Flaͤche von 15, 331,008 eben solcher Schuhe. Die laͤngste Seite der Stadt vom Spittler - bis zum Lauser -Thor hat 5815 Fuß, oder 2326 gemeine Schritte, jeden der- selben zu 2326 Fuß gerechnet; ihre Breite vom Vestner - bis zum Frauen -Thor, 4370 Fuß oder 1748 Schritte. Der Umfang der Stadt, ihrer innern Mauer nach, betraͤgt 14,680 Fuß, oder 5872 Schritt; ihrer aͤußern nach, 17,845 Fuß, oder 7019 Schritt, die ungefaͤhr drey Viertelmeilen ausmachen. Die Bevoͤlkerung der Stadt, kann man, die Vorstaͤdte, Woͤhrdt und Gosten- hof , die Gaͤrten ꝛc. ausgeschlossen, den jaͤhrli- chen Sterbelisten nach, zu 30,000 Seelen an- nehmen, eine Zahl, die vor 200 Jahren um die Haͤlfte, und vor 100 Jahren, um ein Drit- tel, staͤrker war. Die Einnahme und Ausgabe des Staats von Nuͤrnberg ist nicht zu bestimmen, weil die Berechnungen daruͤber nicht oͤffentlich werden. Eben so die Staatsschulden , die man aber gemeiniglich auf 14 Millionen Rheinische Gulden setzen zu koͤnnen glaubt. Das Das Gebiet des Staats von Nuͤrnberg erstreckt sich, von Morgen gegen Abend, auf 7 deutsche Meilen; und von Mittag gegen Mitternacht, ebenfalls auf 7 dergleichen Mei- len. Das Gebiet im engern Verstande schließt sich unmittelbar an die Linien der Stadt und enthaͤlt, außer mehreren Doͤrfern, den Se- balder - und Lorenzer Reichswald ; das Gebiet im weitern Sinne enthaͤlt noch die 11 Pflegaͤmter Altorf, Lauf, Her- spruck, Reicheneck, Engelthal, Ho- henstein, Velden, Petzenstein, Hilt- poltstein, Graͤvenberg und Lichtenau . Von der Bevoͤlkerung dieses Gebiets und dessen Ertrag , eben so wenig als von dem jetzigen Zustande des Handels, der Gewerbe, der Manufakturen und Fabriken des Staats von Nuͤrnberg, habe ich keine zuverlaͤssige An- gaben aufbringen koͤnnen. Von Nuͤrnberg reiste ich nach Schwa- bach . (2 M.) Der Weg, der gemacht ist, fuͤhrt uͤber eine flache, sandige Landschaft, Fuͤnftes Heft. M deren Boden aber, durch den Fleiß gezwungen, bis auf wenige Stellen in einer groͤßern Ent- fernung von Nuͤrnberg, die unuͤberwindlich duͤrre sind, gute Aernten giebt. Der Wiesen- bau wird auch hier mit der in Franken ge- woͤhnlichen Sorgfalt betrieben, und uͤberall, wo es ein Fluͤßchen giebt, drehen sich auch Schoͤpfraͤder an dessen Ufer. Nach der Mitte des Postlaufs erhebt sich der Weg zwischen Anhoͤhen und Wald, und geht so fort bis Schwabach, welches man, seinen Thurm aus- genommen, nicht viel eher erblickt, als bis man davor ist. Eine schwarze, alte Mauer, mit bedecktem Gange rund herum, schließt die Stadt ein, deren Theile da, wo man herein koͤmmt, hoͤlzern und finster und von krummen, unreinlichen Gassen durchschnitten sind. Der Markt zeichnet sich etwas aus. Er ist fuͤr die Groͤße der Stadt weitlaͤuftig genug, und mit einer Kirche und einem Springbrunnen ver- ziert, die durch das alte, unansehnliche Rath- haus wiederum verunstaltet werden. Der er- waͤhnte Springbrunnen ist, wo nicht mit Ge- schmack, doch mit großen Unkosten und in be- traͤchtlichem Umfange errichtet, und man er- wartet ihn unter solchen Umgebungen nicht. Es wird hier eine Menge von sogenannten nuͤrnberger Waaren, nach ihrer Art in großer Vollkommenheit und zu bessern Preisen, verfertigt, als in ihrem eigenthuͤmlichen Ge- burtsorte selbst; weßhalb auch Schwabach naͤchst Fuͤrth eine der betraͤchtlichern Nebenbuh- lerinnen von Nuͤrnberg geworden ist. Ich fand aber auch eine große Manufaktur hier, mit der ehedem, wenigstens fuͤr jene Gegenden, Augsburg fast monopolisirte, nemlich: eine Zitz- und Kotton-Manufaktur, die nicht weni- ger als fuͤnfhundert alte und junge maͤnnliche und weibliche Arbeiter naͤhrt, und deren Waa- ren mich eben so sehr durch innere Guͤte und Feinheit, als durch Nettigkeit und Neuheit der Zeichnungen uͤberraschte. Auch ein ziem- lich betraͤchtliches Zucht- und Arbeits-Haus fand ich hier, mit welchem ein Irrenhaus ver- M 2 bunden ist; aber weder in dem erstern noch in dem letztern traf ich ein Subjekt aus Schwa- bach selbst, weil, wie mir der Aufseher sagte, ohne zu wissen welche herrliche Wahrheit in seinen Worten lag: „die Leute in Schwabach alle vollauf Arbeit haͤtten, und deßhalb weder stoͤhlen noch uͤberschnappten.“ — Dagegen fand ich zwey Theologen im Tollhause: einen Diakonus aus Quedlinburg, der, bis auf den Punkt von der Braut Christi, bey gutem Verstande war, dem man aber doch, unvor- sichtigerweise, eine hebraͤische Bibel gelassen hatte; und einen Kandidaten der Theologie, der mich, sobald ich zu ihm hineintrat, fragte: ob ich ihn nicht kennte? Er heiße Hedwig. O, ich muͤßte gewiß von ihm in Gießen gehoͤrt haben! Er sey eben der, der den Muͤller, einen Purschen aus Maynz, so gekeilt habe! Ja, Herr, fuhr er fort, und biß die Zaͤhne zusammen und trat mir mit angespann- tem Arm und geballter Faust entgegen: Ja, Herr, und ich kann keilen!“ — Man sieht leicht, daß ich ihm die Probe schenkte und hurtig zuschließen ließ. Von Schwabach wandte ich mich nach Feucht , (2 M.) auf einem ungemachten, sehr sandigen und zum Theil waldigten Wege. Ich kam durch mehrere große, reinliche, gut ge- bauete Doͤrfer, mit wohlhabenden Einwoh- nern, von denen zwey oder drey zu Nuͤrnberg gehoͤrten. Auch kam ich vor mehreren schloß- artigen Gebaͤuden, deren Besitzer nuͤrnbergische Patricier waren, und die im Walde auf An- hoͤhen standen, vorbey. Von Feucht, einem mittelmaͤßigen Flecken, kam ich auf Postbauer (2 M.) ein Dorf, mit einem Postwechsel. Der Weg blieb der- selbe: er war sandig, waldig, bis gegen das Ende der Station, wo ich in Bayern eintrat, und wo wieder eine Straße zum Vorschein kam, die von einem festen Kalkstein gebauet, aber jetzt, durch die unausgesetzten Frachten zur kaiserlichen Armee, sehr ausgefahren war. Hier veraͤnderte sich das Aeussere der mich umgebenden Menschen auf einmal. Bildung, Tracht, Mundart, alles war anders. Die laͤnglichten fraͤnkischen Gesichter und Figuren, verwandelten sich in runde, rothe, fleischigte, gedrungene. Die Maͤnner hatten ihr Haar auf dem Wirbel, bis zum Nacken hinunter, abge- schnitten; die Weiber erschienen mit den wei- ten, steifen Brustlaͤtzen, wie sie in Boͤhmen getragen werden. Kreutzbilder standen in gro- ßer Menge umher; dennoch gaben die Doͤrfer einen reinlichen, wohlhabenden Anblick. Aber der Boden war auch vortrefflich. Von Postbauer bis Teining (2 M.) dau- erte die Straße in gleicher Beschaffenheit fort. Ich kam durch Neumarkt , ein heiteres, aus einer breiten Straße und einem paar Ne- bengassen bestehendes Staͤdtchen. Die Haͤuser streckten ihre Giebel nach der Straße, wie in den schlesischen Staͤdten. Beym Ausgange aus der Stadt gelangt man in eine angenehme Flaͤche, die mit Anhoͤhen umschlossen ist, uͤber die man abwechselnd hinauf und wieder hin- abfaͤhrt, und auf denen sich alte Truͤmmer und neue Schloͤsser haͤufig zeigen. Teining ist ein Dorf mit einem Postwechsel. Von da auf Taswang (2 M.) bleibt der Weg fast der- selbe. Taswang ist auch nur ein Dorf, das aus wenig, aber gut gebaueten Haͤusern be- steht, und in einem angenehmen Thale liegt, welches von einer betraͤchtlichen Anhoͤhe be- graͤnzt wird. Ueber diese Anhoͤhe muß man hinauf, um zur naͤchsten Post Schambach (2 M.) zu gelangen; auf dem Ruͤcken derselben umspannt man eine betraͤchtliche Flaͤche, die auf allen Seiten mit Anhoͤhen umgeben ist, und theils Gehoͤlz, theils fruchtbare Felder enthaͤlt, die von alten Burgen beherrscht werden. Um und neben dem Wege ist ein vortrefflicher Ge- treideboden, der stellenweise den schoͤnsten Rog- gen und Weitzen trug, die mir noch auf mei- ner Reise zu Gesichte gekommen waren. Der Weg war weniger zerfahren, als bisher, und immer noch von einem Kalkstein gebauet, der laͤngs demselben theils gebrochen wird, theils zu Tage aussetzt. Hier hatte ich das Ungluͤck, zu meiner Linken, bey einem entsetzlichen Don- nerwetter, mit Sturm und eygroßen Schlos- sen, in Zeit von einigen Sekunden, ein ganzes Dorf in Flammen aufgehn zu sehen. Eine fast schnurgerade Straße fuͤhrt nach Hemmau , einem Staͤdtchen, das sich in der Ferne nicht uͤbel ausnimmt; kommt man aber naͤher, so sieht man, daß die Reste seiner Mauern nichts, als alte Masuren sind, hinter denen man nur Zerstoͤhrung vermuthen kann. Auch ist es in der That fast so. Das Pfla- ster steht in einzelnen Steinen da, die Daͤcher der Haͤuser winden und kruͤmmen sich unter ihrem Alter und sind mit Steinen belegt, da- mit der Wind die vermoderten Schindel nicht entfuͤhren moͤge. Die Haͤuser strecken ihre schwarzen, gestorbenen, verschobenen Giebel nach der Straße, wo einzelne Menschen auf und abgehen — — Gewiß, kaum in Lithauen erinnere ich mich ein Seitenstuͤck zu dieser Stadt gesehen zu haben. In gleichem trauri- gen Zustande fand ich den zur Stadt gehoͤri- gen Galgen, was den Einwohnern weit ruͤhm- licher ist, als der armselige Zustand ihrer Stadt. Bald nachher erblickt man auf einer Anhoͤhe Schambach, die letzte Post vor Re- gensburg. Der Weg bis zur letztern Stadt (3 M.) ist sehr angenehm, besonders um und hinter dem Dorfe Teutlingen , das zwischen Anhoͤhen und Felsen, und zum Theil von letz- tern wie erdruͤckt, da liegt. Die Daͤmmerung war im Anbruche, als ich hier durchkam, und sie vermehrte das schauerlich-romantische der Gegend in einem hohen Grade. Man faͤhrt endlich uͤber die Nab in das Thal hinab, wo- rin Regensburg liegt, und ich uͤbersah noch den Spiegel der Donau, an dessen entfernte- stem Rande der letzte Schimmer des Tages zitternd flimmerte. Man koͤmmt durch Stadt- am-Hof , einen kurbayer'schen Ort, der auf dem disseitigen Ufer der Donau liegt, und der armen Reichsstadt gleichsam auf den Nacken gebauet ist, ihr auch mit gewissen Zoͤllen, die Bayern sehr unnachbarlich hier angelegt hat, nicht wenig zur Last faͤllt. Das Thor von Stadt-am-Hof stoͤßt an das Thor von Re- gensburg, und die Schildwachen der Reichs- stadt gehen mit den Kurbayer'schen auf und ab. Erst auf der Bruͤcke befindet man sich im Gebiete von Regensburg. Regensburg giebt einen sehr alten Anblick, von außen wie von innen. Die Straßen sind im Durchschnitt enge, die Haͤuser schwarz, ha- ben gothische Giebel, und drey bis vier Ge- schoß. Das Pflaster ist ertraͤglich, die Plaͤtze sind enge. Im Mittelpunkte der Stadt ist es ziemlich lebhaft, aber in den entferntern Theilen menschenleer. Unter den Kirchen sind der Dom und St. Emmeran die merk- wuͤrdigsten. Die Vorderseite des Doms hat eine gewisse Leichtigkeit, die man an der Hauptmasse des Gebaͤudes vermißt, was wohl groͤßtentheils daher koͤmmt, daß ihm Thuͤrme fehlen. Durch sie wuͤrde dieser kuͤhne Bau, der jetzt wie ein ungeheuerer stumpfer, zusam- mengedruͤckter Steinklumpen da steht, mehr Expansion erhalten haben. Das Innere thut eine große Wirkung, welche die darin herr- schende Daͤmmerung, durch die dichtbemalten Fenster verursacht, zu verstaͤrken scheint. Die Verwegenheit des Gewoͤlbes floͤßt auch hier, wie bey allen Werken der altdeutschen Bau- kunst, Ehrfurcht ein, und es bleibt wahr, daß unsre Voreltern auch hierin groͤßer und staͤrker waren, als wir, wenn wir auch feiner und niedlicher seyn moͤgen. Der Reichssaal ist sehr alt, leer, finster, wandelbar, und das Rathhaus fast so voller Winkel und Saͤcke, wie die deutsche Reichs- verfassung selbst. Die Saͤle sind weit besser, die sich der Stadtmagistrat zu seinen Sitzun- gen und seinem uͤbrigen Bedarf vorbehalten hat, als die Saͤle der verschiedenen Kollegien der Reichsstaͤnde. Die Donaubruͤcke ist eine der beruͤhmtesten, groͤßesten und staͤrksten in Europa, kommt aber, weder in Absicht der Laͤnge, noch der Breite, noch der Sorgfalt, noch des Ge- schmacks in der Bauart, der Dresdener Bruͤcke bey, hat indeß in allen diesen Stuͤcken desto groͤßere Aehnlichkeit mit der Prager. Ihre Einfassungen sind von Werkstuͤcken, die Fuß- pfade an beyden Seiten sind so schmal, daß nur eine Person darauf Platz hat; der Fahr- weg ist auch mit Werkstuͤcken gepflastert, da- hingegen die Dresdnische nur ein Pflaster von gewoͤhnlichen Feldsteinen hat, aber so breit ist, daß sich drey Wagen ausweichen koͤnnen. Die Aussicht von oben herab ist sehr ausgebreitet, und ich weiß nicht, welcher von beyden ich den Vorzug in diesem Punkt geben soll. Zu den Fuͤßen hat man, auf jeder Seite der Bruͤcke, eine Insel, die von der Donau nach und nach angeschwemmt worden. Man nennt sie die Woͤhrdte , und sie ziehen sich in einer ziem- lichen Strecke, stromauf die eine, stromab die andere. Die obere ist voran mit Haͤusern, Holzniederlagen und Gaͤrten besetzt, und wei- terhin bildet sie eine schoͤne Wiese, die der Laͤnge nach mit Alleen bepflanzt ist und einen angenehmen Spatziergang fuͤr Fußgaͤnger, Rei- ter und Fahrende abgiebt; die untere hat voran eine lange Reihe von Muͤhlen aller Art, die ein entsetzliches Geraͤusch machen, sodann Gar- tenhaͤuser, Niederlagen von Nutzholz und Brettern, und endlich Wiesen, denen aber die Baumgaͤnge der oberen fehlen. Unter dem Publikum aller Klassen in Re- gensburg herrscht eine gewisse Wohlhabenheit. Der Buͤrgerstand ist fleißig, und befindet sich, bey billigen Abgaben und angemessenem Nah- rungs-Erwerbe, sehr wohl. Sein Aeußeres ist anstaͤndig und reinlich. Unter seinen Wei- bern und Toͤchtern findet man schon haͤufig den verfeinerten Muͤnchner Anzug: die Gold- haͤubchen, die, wie Schmetterlinge,auf einem nach der Stirn heraus frisierten Tapee und einem eben so zierlichen Chignon, schweben; und die knapp anschließenden seidnen Korsette mit Roͤcken von gleichem Stoffe. Die Kaufmanns- klasse traͤgt sich noch auf altem Fuß und sehr buͤrgerlich, zeichnet sich aber dafuͤr durch starke goldne Halsketten, Armbaͤnder und reiche Zeuge aus. Die hiesige große Welt, die Gesandten, Geschaͤftstraͤger, Agenten und Aktenmaͤnner aller Art bilden ein eigenes Korps, das di- plomatische , das aber, im gesellschaftlichen Leben, sich wiederum in mehrere Zweige ab- theilt. Die geringern sind pedantisch in Sit- ten, Sprache und geselligem Leben; die hoͤhern haben den Ton der groͤßern Residenzen, mit ein wenig ministerlicher, oft auch wohl buͤrger- meisterischer, Gravitaͤt vermischt. Ihre Ver- gnuͤgungen sind wie uͤberall die Vergnuͤgungen der hoͤheren Staͤnde, doch mit einem gewissen Zusatze von Gruͤndlichkeit, vermoͤge dessen die Gegenstaͤnde, die in der Konversation behandelt werden, unendlich mannichfaltiger und lehrrei- cher sind, als gewoͤhnlich. Einem unterrichte- ten Manne von Stand und Vermoͤgen, dem das Herz nicht gerade an der Atmosphaͤre eines großen regierenden Fuͤrsten hinge, son- dern der wahre Belehrung in Weltgeschaͤften suchte, koͤnnte ich kein angemesseneres Publi- kum vorschlagen, als dies erwaͤhnte Regens- burgische. Ich habe hier mehrere Tage sehr angenehm zugebracht. Von Regensburg wandte ich mich auf Muͤnchen. Der Weg fuͤhrt durch eine weite Flaͤche, die zur Linken von den Huͤgeln begraͤnzt wird, an deren Wurzeln die Donau hinfließt. Der Boden ist so fruchtbar, als ich ihn noch irgendwo auf meiner Reise gefunden habe. Er trug meist lauter Weitzen, der ausserordentlich reich und uͤppig stand. Eben so der Roggen. Der Weg ist vortrefflich gemacht und sorgfaͤl- tig unterhalten. Die Postknechte sind eilfer- tig, billig, die Posthalter thaͤtig, schnell und hoͤflich. So legt man die Posten Eglofs- heim , (2 M.) Buchhausen (2 M.) und Erwoldsbach (2 M.) im Fluge zuruͤck. Von Erwoldsbach koͤmmt man auf Landshut , (3 M.) eine der ansehnlichsten Staͤdte in Bay- ern. Ihre Lage ist schoͤn. Sie breitet sich in einem Thale aus, um welches her sich theils Bergruͤcken, theils einzelne Anhoͤhen erheben, und das mit den schoͤnsten Wiesen uͤberzogen ist. Die Iser fließt, schon in ansehnlicher Ge- stalt, zwischen Stadt und Vorstadt hin. Wenn man die Hauptstraße hinauffaͤhrt, glaubt man sich auf dem schoͤnsten Platze von Bres- lau zu befinden, denn die Haͤuser sind in dem- selben Geschmacke gebauet, und nicht weniger hoch, als dort. Von Landshut bis Mosburg , (2 M.) einem unbedeutenden Staͤdtchen, dauert der Weg fort, wie vorher, und wie nachher von dieser Stadt auf Freysingen . (2 M.) Das Land war immer noch uͤberaus lachend und fruchtbar, aber dennoch waren die Doͤrfer we- niger reinlich und die Einwohner weniger wohl- habend, als kurz vorher. Die Menschengat- tung fand ich hier sehr haͤßlich, besonders das andere Geschlecht. Freysingen selbst sieht man erst kurz zuvor, ehe man hinein koͤmmt. Der Theil davon, der, mit dem Dom und dem Schlosse, Schlosse, auf einem Huͤgel liegt, gewaͤhrt eine gute Ansicht. Gebauet ist diese Stadt uͤbri- gens wie alle Staͤdte, durch die ich bis jetzt noch in Bayern gekommen bin: im Geschmack von Breslau; die Giebel groͤßestentheils vorn heraus und lange hoͤlzerne Dachrinnen dazwi- schen. Das Pflaster ist gut und, wie zu Lands- hut, aus lauter sehr kleinen Feldsteinen zusam- mengesetzt. Von Freysingen aus bis Muͤnchen (3½ M.) wird die Gegend immer flaͤcher, und nur noch aus der Ferne erblickt man zur Seite und hinter sich maͤßige Anhoͤhen, die meist mit Wald besetzt sind. Der Fruchttrieb um einen her ist zwar nicht mehr so stark und reich, als in der Nachbarschaft von Regensburg, aber darum doch noch nicht schlecht; besonders trifft man stellenweise auf vortreffliche Wiesen, die aber, je mehr man sich Muͤnchen naͤhert, desto- mehr abnehmen und sich allmaͤhlig in saure Aenger verwandeln. Der Boden setzt sich end- lich ganz um, und besteht aus Kalk- und an- Fuͤnftes Heft. N dern Steingeschieben, die hoͤchstens mit einem halben Schuh Dammerde bedeckt sind. Dies, und die sehr einfoͤrmige Flaͤche der Gegend selbst, gewaͤhrt den Umgebungen von Muͤnchen, von dieser Seite her, nicht den mindesten Reitz, so wie die Stadt selbst, weil ihre Grundlage ganz flach ist, sich nur zum Theil und nicht anlockend zeigt. Die beyden Thuͤrme des Doms haben eine zu plumpe Form, bey zu großer Kuͤrze, und die daran herumstehenden Thuͤrme leiden an eben dem Fehler, fernen also eben so wenig. Erst, wenn man sich der Stadt auf ein paar hundert Schritte genaͤhert hat, erhoͤhet und breitet sie sich mehr aus, und einige ansehnliche Pallaͤste und Haͤuser, die voran stehen, kommen ihr zu Huͤlfe, um ihr einen neuen und heitern Anblick zu geben, der beym Eintritt in das Innere verstaͤrkt und sehr vortheilhaft unterhalten wird. Die Straßen von Muͤnchen sind breit und meist mit vier bis fuͤnfstoͤckigen Haͤusern be- setzt, die sich in ihrer Bauart mehr den Ber- linischen als den Dresdnischen naͤhern und ei- nige recht artige Plaͤtze auflassen. Das Pfla- ster ist zwar gut unterhalten, aber fuͤr Fuß- gaͤnger ziemlich beschwerlich. Es besteht aus lauter kleinen, wie mosaisch zusammengesetzten, Kieseln, die, da sie nicht alle gleichfoͤrmig ab- gerundet sind, den Sohlen unleidlich werden. Zum fahren ist es vortrefflich, da, eben bey der Kleinheit der Steine, die Schlagloͤcher nie groß seyn, und es nie werden koͤnnen, ohne sogleich aufzufallen und an Ausbesserung zu er- innern. Muͤnchen liegt in einer Ebene, die sich oͤstlich zu einer Anhoͤhe, der Gesteigberg ge- nannt, erhebt, auf einem Boden, der aus lau- ter unfruchtbaren Kalksteingeschieben besteht, der aber, in der Naͤhe der Stadt, durch den Fleiß der Einwohner meist bezwungen und zu Kornfeldern, Gaͤrten und Wiesen zubereitet worden ist. Die Isar , ein schneller Fluß, benetzt und befruchtet diesen Landesstrich, den, in der Ferne, die praͤchtigen Salzburger und N 2 Tyroler Berge, und in der Naͤhe einzelnes Gehoͤlz, mit maͤßigen Anhoͤhen im Hinter- grunde, umschließen. Diese Stadt hat ungefaͤhr die Groͤße von Dresden, wenn man die Friedrichsstadt nicht dazu rechnet. Die Gestalt ihres Grundrisses ist ein entfalteter Faͤcher mit abgebrochenem Stiele. Unten an demselben ist das Isar- thor ; oberhalb, mitten im Halbzirkel des Faͤchers, das Neuhauser- , und an beyden Seiten der Ausdehnung rechts und links, das Sendlinger- und Schwabinger- Thor. Nebenthore sind das Kostthor und der Ein- laß . Von einem Thore zum andern sind Baumgaͤnge angepflanzt. Die Stadt ist mit Mauern, Graben und Waͤllen umgeben, die fuͤr den ersten Anfall dienen koͤnnen. Die zwischen ihnen liegenden Zwinger enthalten theils Lust- und Fruchtgaͤr- ten, theils Heuschlaͤge. Das Innere der Stadt giebt einen heitern Anblick. Die Straßen sind, im Ganzen ge- nommen, geraͤumig, und einige ziemlich lang. Die Neuhauser- , die daran stoßende Kau- funger- Straße, und das Thal koͤnnte man fuͤr eine einzige Straße rechnen, und als solche durchschneidet sie die Stadt der Laͤnge nach, so wie die Sendling- Rosen- Wein- und Schwabinger- Straße sie, in der entgegen gesetzten Richtung, in zwey Haͤlften absondert. Beyde stoßen, von vier Seiten her, auf den Getreidemarkt , oder den Platz zu- sammen. Die Straßen sind ziemlich sauber erhalten, und diese Reinlichkeit wird durch mehrere oͤffent- liche Springbrunnen, die zugleich gut gezeich- net und ausgefuͤhrt sind, und durch eine vor- treffliche Wasserkunst bewirkt, die an der Isar errichtet ist und fast alle Straßen und Haͤuser der Stadt, so wie mehrere Gaͤrten, mit einem Worte uͤber fuͤnfhundert Quellen mit Wasser versieht. Mehrere Kanaͤle treten noch aus der Isar in die Stadt, reinigen sie, erleichtern ihr die Zufuhr und treiben Muͤhlen, Stampfen und Haͤmmer von verschiedener Art. Die Wohnhaͤuser in Muͤnchen sind meist in einem guten Geschmack und bequem erbaut, drey bis vier Stock hoch, von außen und in- nen gut unterhalten. Sie sind haͤufig mit Gyps, und einige darunter mit Freskomalerey, verziert. Die Kirchen und Kloͤster fallen statt- lich in die Augen, und unter ihnen zeichnen sich die Frauenkirche , die ehemalige Je- suiten- und die Theatiner- Kirche, erstre im aͤltern deutschen, letztre im neuern Italie- nischen, Geschmack besonders aus. Die landesherrlichen Pallaͤste sind, wo nicht von außem praͤchtig in die Augen fallend, doch von innem sehr kostbar und reich, und die oͤf- fentlichen Gebaͤude sehr ansehnlich. Der Grund zu der Frauenkirche wurde im Jahre 1468 von Herzog Siegmund dem Vierten gelegt. Der Baumeister war Georg zu Hasselbach , der seinem Namen durch diesen Bau ein ehrenvolles Denkmal gestiftet hat. Es giebt geraͤumigere, hoͤhere, kuͤhnere Tempel in diesem Geschmack, aber wenige moͤchten es diesem in Leichtigkeit, Heiterkeit und schoͤnen Verhaͤltnissen gleich thun. Die vier und zwanzig schlanke Saͤulen, auf denen das dreyfache Schiff ruhet, scheinen, wenn die Sonne sie anstrahlt, elastisch unter ihrer Buͤrde zu zittern. Die Thuͤrme wuͤnscht man, wenn man sie aus der Ferne erblickt, um ein Drit- tel hoͤher; aber ich bekenne, daß ich diesen Wunsch zuruͤck nahm, als ich in ihrer Naͤhe stand, und sie im Verhaͤltnisse zu dem Ganzen uͤberblickte. Das Werk ist von Mauersteinen aufgefuͤhrt, und wurde vielleicht nur dadurch dieses hohen Grades von Ungezwungenheit faͤhig. Sie erscheinen aber auch, wie auf ein- ander gegossen. Im Innern enthaͤlt dies Ge- baͤude manches Kunstwerk und manches Kunst- stuͤck. Zu den letztern rechne ich die Menge sehr lebhaft gemalter Scheiben, die in den Fenstern befindlich sind, und die Uhr bey der Sakristey; zu den erstern besonders das Denk- mal des Kaisers Ludwig von Bayern in Bronze, nach Kandido's Zeichnung, und mehrere der Gemaͤlde, meist alle von der Hand deutscher oder niederlaͤndischer Meister, welche verschie- dene Altaͤre zieren. Der Schatz der Kirche, der sehr betraͤchtlich ist, zog mich nur in so fern an, als ich berechnen konnte, was fuͤr Strecken von den faulen Moosen, die noch ei- nen großen Theil von Bayern bedecken, urbar gemacht werden koͤnnten, wenn man denselben dazu verwendete, den verschiedenen Gemeinen ihre Rechte sie zu beweiden, abzukaufen, welche mehr als die den Bayern zu hart Schuld ge- gebene Faulheit, dazu beytragen, daß diese Moose versauren und die Luft verderben. Die Widme dieser Kirche ernaͤhrt uͤbrigens ein Chorstift, das vom infulierten Probst an, bis zum duͤrftig besoldeten Weltpriester herab, sech- zig bis siebzig Mitglieder ernaͤhrt, unter denen aber doch, seit funfzehn bis zwanzig Jahren, sechs bis acht sind und waren, die es verdien- ten. Die Namen Braun, Kolmann, Danzer, Scherer, Hut und andere, wer- den solchen Lesern nicht unbekannt seyn, die in der Geschichte der Paͤdagogik und deren Litte- ratur keine Fremdlinge sind. Die ehemalige Jesuitenkirche , oder die Hofkirche zu St. Michael , wurde uͤber hundert Jahre spaͤter, als die Frauenkirche, von Wolfgang Muͤller , einem Steinmet- zen, angelegt, nicht minder erhaben und edel, als diese, und in einem neuern und reinern Style, als sie. Ihr Gewoͤlbe, im Halbzirkel ausgespannt, tragen einfache, an den Kapitaͤ- lern vergoldete, an den Fußgestellen marmorne, korinthische Pilaster, die nichts verdunkeln, nichts verstecken, und die, durch die schoͤne Einfalt aller uͤbrigen Verzierungen unterstuͤtzt, dem Auge von allen Seiten Heiterkeit, Leich- tigkeit und Raum darbieten. Wer recht auf- fallend sehen will, wie ein ungefaͤhr gleich gro- ßes Lokal verwinkelt oder ausgedehnt werden kann, der halte die Wirkung fest, welche die Dresdener Hofkapelle von innen und außen auf ihn gethan hat, und vergleiche sie mit der, welche die Muͤnchener auf ihn machen wird. Ich muͤßte mich sehr irren, wenn er sich nicht in der letztern freyer, heiterer, ich moͤchte sa- gen, luftiger und ausgedehnter fuͤhlte, als in der erstern, ungefaͤhr so, (wenn ich bey Gele- genheit dieser Bethaͤuser an die Tempel in Rom denken darf) wie man sich in Agrippas Pantheon fuͤhlt, wenn man von der oben her- ein stuͤrzenden Lichtmasse sich und den entfern- testen Winkel des Innern gleichblendend um- stroͤmt sieht, und wie man sich unter der ver- schlossenen Kuppel von St. Peter, die doch nicht minder geraͤumig ist, als jenes, zusam- men gezogen und beklemmt, uͤberladen und er- mattet, aber nicht gestaͤrkt und nicht mit in den Raum verflossen findet. Diese Kirche ist nicht so mit Gemaͤlden uͤberladen, als U. L. Frauen und die uͤbrigen betraͤchtlichern in Muͤnchen; die wenigern, die da sind, gehoͤren zu den guten Kunstwerken; aber ihr Schatz ist reicher, als der in der vor- erwaͤhnten Kirche, und alles, was das katholi- sche Bekenntniß fuͤr noͤthig haͤlt, um seine An- haͤnger zu blenden, zu staͤrken, zu uͤberzeugen und in Ehrfurcht zu erhalten, als Kirchenge- raͤthe, Meßgewaͤnder, heilige Ueberbleibsel, Musiken und dergleichen, ist kostbarer, feiner, zahlreicher und vollkommener hier, als dort, vorhanden. Von dem zu dieser Kirche gehoͤrigen Kolle- giengebaͤude spreche ich weiter unten. Die Kirche der Theatiner ist unter den drey genannten die juͤngste und hat einen Italiener, Augustin Carella aus Bologna, zum Baumeister. Sie wurde schon 1675 ein- geweihet, obgleich nur dem Innern nach vol- lendet. Das Hauptportal wurde erst im Jahre 1767 zu Stande gebracht, und mit ihm er- hielt dies Gebaͤude seine ganze Wirkung von außen. Diese ist in der That nicht gemein und sie wird durch zwey Thuͤrme und eine Kuppel vorzuͤglich erhoben. Das Innere wirkt vor Ueberladung an Gips- Gold- und Maler- zierrathen fast gar nicht, und scheint mehr be- rechnet zu seyn, das Auge zu blenden und zu verwirren, als durch dasselbe der Seele den Genuß eines uͤbersehenen und aufgefaßten Kunstwerks zuzufuͤhren. Die meisten Altar- blaͤtter sind indessen gut und stammen von Tintoretto, Cignani, Joachim San- drat und andern guten Meistern; aber die Bildhauerarbeit erhebt sich, die Kanzel und etwa einen Christ auf dem Altar des heili- gen Grabes von einem Engel gehalten, ausge- nommen, nicht uͤber das Mittelmaͤßige. Unter den uͤbrigen Kirchen in Muͤnchen, die theils Pfarrkirchen, (wie zu St. Peter und zum Heil. Geist ) theils Klosterkirchen, (wie die der Augustiner, der Franciskaner, der Kapuciner, der Karmeliter, der Hieronomita- ner, der barmherzigen Bruͤder, der Paulaner und mehrerer Nonnenarten) theils Hofkapellen (wie die in der kurfuͤrstlichen Residenz im Erdgeschoß, und die St. Lorenzkirche ) theils Hauskapellen (wie die zu St. Seba- stian im graͤflich. Wartenbergischen Hause Außer dieser giebt es noch sieben und zwanzig an- dere kleinere Hauskapellen in Muͤnchen. theils Spitalbethaͤuser (wie das im Herzogs- spital, mit dem beruͤchtigten Marianischen Wunderbilde des verstorbenen Kurfuͤrsten, und das im Josephsspital) sind, finden sich noch einige, die irgend einer Merkwuͤrdigkeit wegen gesehen zu werden verdienen; und es ist ge- wiß, daß in diesen Kirchen, wie in den weit- laͤuftiger beschriebenen, eine so große Menge an Kunstwerken, besonders in der Malerey, aufbewahrt werden, als man in Italien selbst, in mancher groͤßern Stadt, nicht findet. Be- sonders besitzt Muͤnchen einen schaͤtzenswerthen Vorrath an Werken deutscher und niederlaͤn- discher Meister in seinen Kirchen sowohl, als in seinen oͤffentlichen und Privatsammlungen. Landesfuͤrstliche Pallaͤste sind: der alte Hof , und die alte und die neue , oder die Wilhelminische und die kurfuͤrstliche Residenz . Der alte Hof , ein enges, finsteres, unbe- huͤlfliches Gebaͤude, in der Burggasse, von Kaiser Ludwig, dem Bayer, im 14ten Jahr- hundert erbauet, hat nichts Sehenswerthes, und ist jetzt der Sitz des Hofkammer-Kolle- giums. Die Wilhelminische Residenz , wur- de von Wilhelm dem Fuͤnften, der Fromme genannt, erbauet, der auch der Ur- heber des Jesuiten Kollegiums war, und wohl auch wegen der Stiftung des letztern jenen Beynamen erhielt. Seit Entstehung der neuen Residenz ist sie vernachlaͤssigt worden, und we- der ihr Aeußeres noch Inneres ist besonders sehenswerth. Die letzte Zeit ward sie von der verwittweten Herzogin, Maria Anna Char- lotte, bewohnt. Ihr Gemahl, Herzog Kle- mens, hat einen artigen Garten nicht weit von derselben angelegt, welcher der Herzoggar- ten heißt, und der mit allerley kleinen, zum Theil artigen, Gebaͤuden verziert ist. Sie haͤngt uͤbrigens mit der kurfuͤrstlichen Residenz durch den sogenannten Hofgang zusammen, der einen Theil des bedeckten Ganges aus- macht, der rund um die innere Stadtmauer laͤuft. Die kurfuͤrstliche Residenz ist ein ungewoͤhnlich weitlaͤuftiges, aber unregelmaͤßi- ges Gebaͤude, dessen Umfang man hinter sei- nem Haupteingange nicht sucht Unregelmaͤßig ist es wohl mit aus dem Grunde, daß Maximilian der Erste , der es anlegte, fuͤr einen großen Baukuͤnstler gelten wollte. Mi- lizia , Memorie degli Architetti. Tom. I. pag. 32. . Dieser ist unverhaͤltnißmaͤßig klein und gleichsam versteckt, und einige Reisebeschreiber haben die Bemer- kung gemacht, daß sie mehr dem Eingang ei- nes Klosters, als eines fuͤrstlichen Pallastes, gleiche, zu welchem Urtheile wohl zunaͤchst die bronzene Saͤule der heiligen Jungfrau, die sich im Portal befindet, die Ursache gegeben haben mag. Die in und an letzterm befindlichen Figuren zeigen aber deutlicher, wessen Woh- nung man betritt. Es sind die verpersoͤnlich- ten Tugenden eines tuͤchtigen Regenten: die Gerechtigkeit , die Staͤrke , die Maͤßi- gung und die Weisheit . Zwey Greifen und zwey Loͤwen , mit vorgebreiteten Schil- dern, decken den Eingang, man weiß nicht recht, gegen wen: ob gegen bedruͤckte Unter- thanen, oder gegen bedruͤckende Hofleute, die zugleich die dargestellten Tugenden zu unter- graben pflegen. Innerhalb des Pallastes findet man drey große Hoͤfe, den Kaiserhof, den Kuͤchenhof und den Brunnenhof, und mehrere kleinere, die theils von den Schloßfluͤgeln, theils von den Seitengebaͤuden, eingeschlossen sind. Der groͤ- ßeste darunter ist der Kuͤchenhof; auf diesen folgt der Kaiserhof, der von den Truͤmmern eines, im Jahre 1750 abgebrannten Schloß- fluͤgels, begraͤnzt wird; und auf diesen der Brunnenhof, der mit einem marmornen Spring- brunnen, an und um welchen bronzene Figu- ren ren aus allen Elementen wimmeln, unter wel- chen ein von Haupt bis zu Fuß gewappneter Held hervorragt, verziert ist. So abentheuer- lich diese Zusammensetzung auch in die Augen faͤllt, so ist doch die Ausfuͤhrung der einzelnen Bestandtheile nicht mittelmaͤßig, und man ver- muthet, daß sie nach Zeichnungen von dem Niederlaͤnder, Peter de Witt ( Kandido genannt, weil sich die Kuͤnstler damaliger Zeit gern verwaͤlschten, wenn sie nach Italien ka- men,) von eben dem Meister, der das oben erwaͤhnte Grabmal Ludwigs des Bayern ge- gossen hat, verfertigt worden. Nach dem Raume, den dieser Pallast ein- schließt; nach der Prachtliebe, durch die sich mehrere der aͤltern und neuern bayerischen Landesfuͤrsten auszeichneten; nach dem Stolze, den sie auf ihr Haus, das eine Weile ein kai- serliches Haus war, setzten und noch setzen; nach den Thaten, die einige dieser Fuͤrsten als Kriegsmaͤnner vollfuͤhrten; nach den Empfin- dungen von Andacht und Gehorsam, die sie Fuͤnftes Heft. O gegen den katholischen Glauben und gegen die sogenannte Kirche , oder vielmehr gegen die Priester, zeigten; nach den Reisen, die zwey oder drey von ihnen thaten; nach diesen Um- staͤnden kann man schließen, was, wieviel, wie praͤchtig und in welchem Geschmacke der Vor- rath merkwuͤrdiger, oder merkwuͤrdig geglaub- ter, seltener oder nicht seltener, heiliger oder vermeynt heiliger Dinge sey, die in den unge- heuern und zahlreichen Zimmern, Saͤlen, Ge- woͤlben, Kapellen, und auf Gaͤngen und auf Treppen, aufbewahrt werden. Demnach giebt es in diesem Pallaste einen Kaiser hof, einen Kaiser saal, Kaiser - zimmer. Der Kaisersaal entspricht seinem Na- men, und was ihm an Geschmack abgehen mag, ersetzt er durch Groͤße und durch einen merkwuͤrdigen Aufwand von Marmor und Vergoldungen. Er ist 118 Muͤnchener Schuh lang und 52 dergleichen breit. Zehn Fenster erhellen diesen Saal. Ueber denselben befin- den sich Gemaͤlde aus der weltlichen und geist- lichen Geschichte von Vincentino , die we- nigstens an die Manier groͤßerer Meister er- innern. Die Gegenstaͤnde derselben sind saͤmmt- lich heroisch , wie man es nennt, und sollen Bewunderung und große Empfindungen erre- gen. Dies bezwecken die Kuͤnstler gewoͤhnlich durch eine Judith , die einem armen, von Wohllust, Wein und Schlaf trunkenen Mann den Hals abschneidet; durch einen kleinen David , der dem großen Goliath mit ei- nem gewaltigen Schwert den Kopf abhauet, wenn er todt ist; durch eine Penthesilea , die sich der große Achill nicht schaͤmt, umzu- bringen; durch eine Tomtris , die das Haupt des Cyrus in ein Gefaͤß voll Blut taucht und einen witzigen Einfall dabey sagt; durch eine Lukretia , welche die Brutalitaͤt eines Andern an sich selbst mit dem Tode bestraft u. s. w.; wenigstens haben sie diesen Kaiser- saal mit diesen und andern aͤhnlichen Gegen- O 2 staͤnden recht charakteristisch zu zieren geglaubt. Die Decke setzt diesem großen Charakter die Krone auf: es sind an derselben die Weisheit, der Ruhm, die Gerechtigkeit und die vier Mo- narchieen, nach einem riesenhaften Maßstabe, ausgemalt. Nicht bloß gemalt -kaiserlich, sondern in der That voll Groͤße und Wuͤrde ist die Treppe von rothem Marmor, die von diesem Saal herab fuͤhrt. Die Kaiser zimmer fallen nur zur Haͤlfte in den vermeynten heroischen Charakter, und wenn man in dem einen noch eine Evadne sieht, die sich zur Beleidigung aller noch uͤbrigen lebendigen Maͤnner, auf dem Schei- terhaufen ihres todten Gemahls verbrennt; eine Artemisia , die es dabey bewenden laͤßt, die Asche ihres Gemahls zu trinken; und in dem andern die Frau des Paͤtus , die ihm die Wunde zeigt, die sie sich gegeben hat, um ihn zum Sterben zu ermuntern: so sieht man dagegen auch in einem dritten, was das Herz wirklich erwaͤrmt: einen Trajan , der, vor seinem ganzen Heere, vom Pferde springt, um einer huͤlfsbeduͤrftigen Frau eine Bittschrift ab- zunehmen, sie mit ihren Klagen anzuhoͤren und getroͤstet zu entlassen. — Sind Gegenstaͤnde dieser Art in der Geschichte so selten? Oder sind sie eines kaiserlichen Charakters unwerth, weil sie nur moralisch-heroisch sind? Das zarte Geschlecht wird des Heroismus immer bald uͤberdruͤßig, oder sucht ihn wenig- stens durch den Zusatz von zwey kleinen Schwach- heiten, der Liebe und der Andacht, menschli- cher zu machen. Die Dame, die diese Zim- mer anlegte Die Kurfuͤrstin Adelheit , Gemalin Ferdinands und Tochter Viktor Amadeus des Ersten von Sa- voyen, die Geist und Geschmack von ihrem vaͤterli- chen Hofe mit nach Bayern brachte. , erheiterte auch wiederum das Auge und die Empfindungen des Kunstliebha- bers durch Gegenstaͤnde, die dem menschlichen Geschlechte natuͤrlicher und gedeihlicher sind: durch einen Herkules bey der schoͤnen Omphale am Spinnrocken; durch einen Wettlauf zwi- schen Atalanten und Hippomanes; durch ein Fest der Flora, der Ceres, des Bacchus, und durch mehrere reizende weibliche Figuren von Rosalba in Pastellfarben. Der Andacht sind bey den Verzierungen anderer dieser Zimmer Opfer gebracht. Man sieht in dem sogenannten Rosenkabinet die Lebenslaͤufe heiliger Suͤnderinnen geschildert, die sich von der Welt zuruͤckgezogen, vielleicht in eben dem Maaße, als sich die Welt von ihnen zuruͤckzog, und den Rest ihrer Tage in der Einsamkeit verlebt haben; man sieht in dem Schlafzimmer eine heilige Familie nach Raphael und zwey andre von andern Mei- stern, und außer mehrern Stuͤcken dieser Art auch eine weinende Magdalena, welche die Reue noch nicht in dem Grade ergriffen hat, daß man nicht die stattliche Natur des Rubens, oder eines seiner Schuͤler an ihr erkennen sollte. Dem kriegerischen Charakter des Landes und seiner Fuͤrsten sind in mehreren Zimmern und Saͤlen dieses Pallastes Denk- maͤler gesetzt worden. Ein ganzer Saal, der Saal des Herkules , ist mit Thaten des Krieges, worunter nur eine einzige der Groß- muth ist, ausgemalt und die Hauptpersonen sind bayerische Fuͤrsten. Die Figuren der Tu- gend, der Weisheit, der Gerechtigkeit und Maͤßigung, die in diesem Pallaste ungewoͤhn- lich haͤufig vorkommen, gehoͤren auch in die Kathegorie der bayerischen Regentengroͤße und Vollkommenheit, die sie verewigen sollen. Der Triumphwagen, die auch hieher gehoͤren, sind ebenfalls fast zu viel. Beweise von der Andacht der bayerischen Fuͤrsten und Fuͤrstinnen sind unzaͤhlige, ja zum Theil unschaͤtzbare, vorhanden. Es ist un- glaublich, was die sogenannte schoͤne Ka- pelle fuͤr kuͤnstliche, praͤchtige und theure Sel- tenheiten in diesem Fache aufzuweisen hat. Außer Rom, Neapel und Mailand giebt es wohl keine Heiligen-Ueberbleibsel mehr, die wie die in dieser Kapelle mit so viel Diaman- ten, Perlen, Gold und Silber, eingefaßt waͤren. Eben so praͤchtig und reichlich ist der Vorrath an kleinen und groͤßern Altaͤren, Ge- maͤlden der heiligen Mutter, Kreutzbildern, Vorstellungen der Geburt, des Lebens, Lei- dens und Todes Christi, Gefaͤßen fuͤr heilige Gebraͤuche und andern hieher gehoͤrigen Din- gen. Gegenstaͤnde dieser Art stehen und han- gen auch sonst noch in fast allen Zimmern und Saͤlen des Pallastes, bald als Kunstwerke des Gießers, Drechslers und Schnitzlers, bald als Hervorbringungen des Pinsels oder des Mei- sels, reichlich umher, und es ist kein Zweifel, daß dieser Zweig der Pracht die meisten Aus- gaben veranlaßt habe. Reisen nach und Verbindungen mit Ita- lien, Geschenke, die Mode, Kunst- und an- dere Merkwuͤrdigkeiten aufzukaufen und zu sammlen, haben einen andern großen Vorrath von Seltenheiten aller Art in diesem Pallaste aufgehaͤuft. Dahin gehoͤren Gemaͤlde von großen, aber auch von mittelmaͤßigen Italie- nischen Meistern, Buͤsten, Statuen, Antiken, geschnittene Steine, Muͤnzen, gute und schlech- te, Originale und Kopieen, echte und unechte, alles durch einander, wie es immer zu seyn pflegt, wenn nicht ein fester Plan und ein gebildeter Geschmack, sondern bloß Laune, oberflaͤchlich erhaltener Eindruck, Sammelsucht und Eitelkeit waͤhlen. Der jetztregierende Kurfuͤrst, ein bekannter Befoͤrderer, Beschuͤtzer und Kenner der Kuͤnste, hat auf seiner letzten Reise nach Italien meh- rere Kunstwerke gesammlet, deren Wahl ta- dellos ist, unter andern eine Nachbildung im Kleinen von der schoͤnen Trajanischen Saͤule in Rom, fuͤnf Fuß hoch, von kararischem Mar- mor, mit Lapis Lazuli reich verziert und mit den Figuren des Originals versehen, die saͤmt- lich gewissenhaft und mit Geist in vergoldetem Silber angegeben sind. Der Meister ist Louis Valadier zu Rom. Hundert Stuͤcke, die man hier sieht, sowohl in der Gemaͤldegallerie, als in der Antikensammlung, im Schatze wie in der Kapelle, sind nicht so geschmackvoll ge- waͤhlt. Ich uͤbergehe was sich endlich noch an Ge- faͤßen von Japanischem Porcellain, die in ih- rer Art koͤstlich sind; an Arbeiten des Mar- morhauers, des Vergolders, des Kunsttisch- lers, des Lackierers; an ungeheuren Sticke- reyen, an praͤchtigen Fuß- und Wandteppichen, an Gyps- und Bronzen-Putz; an Uhren, Spiegeln, Kronleuchtern, Kuͤnsteleyen aus Stein, aus Elfenbein u. s. w. von allen Sei- ten dem Auge aufdringt. Uebrigens stehe ich nicht an, von dem, was in diesem Pallaste aufgehaͤuft ist, zu sagen, daß es theilweise Groͤße, Glanz, Reichthum und Geschmack verrathe und Genuß gewaͤhre, im Ganzen aber ein Chaos bilde, das die ungleichartigsten Eindruͤcke macht, die sich unter einander zer- reiben, sich gegen einander aufheben und die Seele in einen Zustand von Mißbehagen, aus Planlosigkeit, Ungleichheit und Ueberfuͤllung entstanden, versetzen. Ich muͤßte mich sehr irren, wenn nicht viele Reisende vor mir diese Sammlung von Herrlichkeiten mit gleichem Gefuͤhle verlassen haͤtten, dessen Anwandlun- gen ihnen indessen, wenn sie das gruͤne Ge- woͤlbe in Dresden und den kaiserlichen Schatz in Wien gesehen haben, nicht mehr fremd seyn werden. Zum Ersatz dafuͤr wuͤn- sche ich ihnen den reinen Genuß des Pio-Kle- mentinums in Rom und der Gallerie zu Flo- renz. Unter den oͤffentlichen Gebaͤuden in Muͤnchen, die entweder dem Hofe , oder den Staͤnden , oder der Stadt gehoͤren, sind mehrere, die theils groß, theils ansehnlich in die Augen fallen. Dahin gehoͤrt das Ge- baͤude der Akademie , das der Kurfuͤrst Maximilian der Dritte erbauen aber nicht vol- lenden ließ. Es hat, außer einem Erdgeschoß, zwey ansehnlichere hoͤhere, ein praͤchtiges Por- tal von Marmor und in seinem Innern zwey kleinere und einen groͤßern Hof, und faͤllt vor- treflich in die Augen. Der Sitz der Akade- mie der Wissenschaften ist hier aber seit 1784 nicht mehr, auch nicht mehr die Niederlage ihres gelehrten Vorraths. Die Hofbibliothek und das Kabinet fuͤr die Astronomie, fuͤr die Physik, die Naturgeschichte, die Antiken und Muͤnzen, so wie die Zeichnungsschule, die vor- her hier waren, sind von hier nach dem Je- suiten-Kollegium verlegt worden. Dieß Jesuiten-Kollegium uͤbertrifft das ehemalige Akademiegebaͤude noch an Um- fang, aber es faͤllt von außem weniger praͤch- tig in die Augen. Im Innern ist auf den Treppen und in den Gallerieen der Marmor verschwendet, und Verzierungen aller Art, mehr oder minder reich und praͤchtig, findet man in den verschiedenen Saͤlen, je nachdem ihre Bestimmung es verlangte. Dieß unge- heure Gebaͤude schließt zahlreiche Institute und Stiftungen, theils fuͤr den oͤffentlichen Unter- richt, theils fuͤr die Andacht, theils fuͤr die Wissenschaften uͤberhaupt ein. Im vorigen Absatze habe ich einige davon genannt; hier erwaͤhne ich noch der marianischen Landesaka- demie und des Gymnasiums. Ferner haben noch vier Landeskollegien Raum und Sitz darin. Das Zeughaus faͤllt nicht minder ansehn- lich in die Augen. Es sind eigentlich vier Ge- baͤude, die mit Kriegsgeraͤthschaften aller Art ziemlich angefuͤllt sind; doch koͤnnte man die in demselben vorhandene Sammlung eher ein Kabinet kriegerischer Alterthuͤmer, als eine Niederlage furchtbarer, jede Stunde zu be- nutzender Waffen nennen, wenigstens ist zwi- schen dem Vorrath der letztern und der erstern ein auffallendes Mißverhaͤltniß. Die Reitschule , ehemals zu Turnier- spielen bestimmt, ist auch eines von den Ge- baͤuden in Muͤnchen, die keine andre deutsche Residenz in dieser Art aufzuweisen hat. Es ist nach Westenrieder Beschreibung von Muͤnchen ꝛc. daselbst 1783. S. 81. achtzig Muͤnchener Schuh hoch, achtzig breit, und uͤber dreyhun- dert und sechszig lang. Ehedem war es aus- gemalt und hatte drey Gaͤnge uͤber einander, die fuͤr die Zuschauer bestimmt waren, deren es gegen zehntausend fassen konnte. Diese Gallerieen und alle uͤbrige Einrichtungen, die zu jenen Turnierspielen erforderlich waren, sind jetzt abgenommen, da die Spiele selbst seit Menschengedenken nicht mehr gegeben worden sind. Das Gebaͤude wird jetzt nur noch als Reitschule fuͤr junge Adeliche, auch bey außer- ordentlichen Freudenfesten als ein oͤffentlicher Ballsaal gebraucht. Das neue Opernhaus , hart an der kurfuͤrstlichen Residenz, ist, ohne gerade durch ungewoͤhnliche Groͤße aufzufallen, dennoch ein ansehnliches Gebaͤude, das, besonders im In- nern, sich durch den Putz und Reichthum sei- ner vier Logengaͤnge, durch gute Buͤhnenver- zierungen und mannigfache Veraͤnderungen aus- zeichnet. Das alte , auf welchem gewoͤhnlich gespielt wird, ist kleiner, in allen Stuͤcken ge- ringer, und steht hinter dem Klostergebaͤude der Theatiner. Das sogenannte Exercitien-Haus (wobey dem Leser kein Exercierhaus ein- fallen darf) ist ebenfalls ein Gebaͤude von Um- fang, dessen Stiftung man fuͤr aͤlter halten sollte, als sie ist. Die Kaiserin Amalia , Karls des Siebenten Gemalin, eine gottes- fuͤrchtige Fuͤrstin, legte es an und besuchte und bewohnte es, um ihre frommen Uebungen darin abzuwarten. Ehedem war es nur Stan- despersonen, Geistlichen und Studenten, die bußfertige Bewegungen fuͤhlten, erlaubt, die- selben durch Gebet und Zuͤchtigung des Leibes darin zu befriedigen; gegenwaͤrtig aber werden Reumuͤthige aus allen Staͤnden darin aufge- nommen, und auf drey Tage, waͤhrend wel- cher sie keine Gemeinschaft mit der Welt ha- ben, mit Wohnung und Tisch umsonst verse- hen. Man nennt solche Patienten Meditan- ten , und diesen kranken Seelenzustand selbst Meditiren , ziemlich unangemessen, wie mir daͤucht. Doch hat man mir versichert, daß die Zahl derjenigen, die hieher kommen, um sich mit Denken zu beschaͤftigen, alle Jahr geringer werde: eine gluͤckliche Aussicht fuͤr das gemeine Wesen, das nun hoffen darf, ein Ka- pital, das 70,000 Gulden jaͤhrliche Zinsen traͤgt, und dieser wunderlichen Anstalt zur Grundlage dient, fuͤr sich bald zweckmaͤßiger verwandt zu sehen. Das Gebaͤude des kurfuͤrstlichen Se- minariums , die Muͤnze , die Kasernen , das Landhaus und das Rathhaus , sind saͤmtlich Anlagen, die das Aeußere von Muͤn- chen vortheilhaft hervorheben. Unter den Pal- laͤsten der Großen endlich sind mehrere, die sich durch Geschmack in der Bauart, Umfang, innere Verzierung, und mancherley Kunst- und Natursammlungen, wie z. B. der Tatten- bach i sche , der Preysingische und Toͤr- ringische , vortheilhaft auszeichnen. Wenn die Regenten von Bayern, seit Wilhelm dem Fuͤnften bis auf den jetzt- leben- lebenden, Karl Theodor , fuͤr die Verschoͤ- nerung ihrer Hauptstadt, fuͤr den Anbau ih- rer Pallaͤste und Lustschloͤsser, und die Ver- herrlichung ihres Innern; fuͤr die Stiftung und Errichtung von Kirchen, Kloͤstern, Ka- pellen und deren andaͤchtigen Apparat verhaͤlt- nißmaͤßig fast zu viel gethan haben: so muß man ihnen auch die Gerechtigkeit widerfahren lassen, daß sie in Gruͤndung solcher Anstalten, welche die Bildung des Geistes und Ge- schmacks ihrer Unterthanen, die Erziehung, die Versorgung der Wittwen und Waisen und die Unterhaltung der Armen bezielen, nicht karg gewesen sind. Nicht leicht hat eine groͤßere Residenz in Deutschland solch eine An- zahl Stiftungen dieser Art aufzuweisen, als Muͤnchen, und es waͤre, daͤucht mir, hart und unbillig, besonders bey den letztern, an Eitelkeit, Andaͤchteley, boͤses Gewissen, das man zu beruhigen suchte, Werkheiligkeit und an Drohungen oder Betteleyen der Priester, durch die sie veranlaßt wurden, zu denken und Fuͤnftes Heft. P durch Aufsuchung solcher Entstehungsursachen das wirklich Gute und Nuͤtzliche, das diese Stadt in dieser Art enthaͤlt, einseitiger Weise herabsetzen zu wollen. Die kurfuͤrstliche Gemaͤldegalerie ist eine der zahlreichsten und schoͤnsten in Deutsch- land, und sie behauptet mit Ehren ihren Rang zwischen der Dresdener und Duͤsseldoͤrfer, die sie in manchen Faͤchern uͤbertrift, in manchen erreicht. Schon vor mehr als zweyhundert Jahren machten Albert V. und Wilhelm V. den ersten Ankauf zu dieser Sammlung. Maximilian der Erste und Ferdinand Maria mit seiner Gemalin, Adelheit, setzten sie fort. Maximilian der Zweyte vermehrte sie, beson- ders mit Stuͤcken franzoͤsischer und niederlaͤn- discher Meister, und bauete, um ihr einen an- gemessenen Standort zu geben, das Lustschloß Schleisheim , dessen Inneres Karl der Sie- bente verschoͤnerte. Der verstorbene Kurfuͤrst gab jungen Kuͤnstlern die Erlaubniß, darin zu studieren, und der jetztregierende schaffte diesen Vorrath, der 1050 Stuͤck stark geworden war, vor kurzem nach der Residenz, wo er ihm und noch vielen andern schon in Muͤnchen vorhan- denen Stuͤcken eine eigene Galerie erbauet hat. Diese umschließt in einer Laͤnge von 800 Fuß die eine Seite des Hofgartens, verschoͤnert diesen zu ebener Erde durch einen bedeckten Gang, der auf Saͤulen ruhet und die Thaten des Herkules in 8 Figuren dargestellt, ein- schließt, und enthaͤlt im ersten Geschosse die ganze erwaͤhnte Gemaͤldesammlung, die Frem- den und Einheimischen zur Ansicht und Kuͤnst- lern zur Uebung und Bildung offen stehet. Der Vorrath von Kunstwerken, der sich in dieser Galerie, in der Residenz, in den Kirchen und in Privatsammlungen findet, so wie die mannigfache Beschaͤftigung, die hier den Kuͤnsten bey Erbauung und Verzierung der Kirchen, Pallaͤste und oͤffentlichen Gebaͤu- de von jeher geboten wurde, hat eine Menge von einheimischen Kuͤnstlern aller Art hier her- vorgebracht und eben so viel, die aus der P 2 Fremde sich hieher gezogen hatten, theils ge- bildet, theils ausgebildet. Ein Verzeichniß derselben liegt nicht in meinem Plane und ich verweise dieserhalb auf andre Quellen S. Westenrieders Beschreibung von Muͤnchen, S. 333. fg. vergl. mit Nicolai's Reise , Bd. 6. S. 703. fg. Ueber die Galerie besonders sehe man: Abregé de tout ce qu'il-y-à de remar- quable à voir à Munic etc. par l'Abbé Bermil- ler, 1789. . Auf jedem Fall ist weder Wien, noch Berlin, noch Dresden so fruchtbar an guten Kuͤnstlern ge- wesen. Die freye Zeichenschule , die hier zur Bildung junger Kuͤnstler errichtet ist, hat ungefaͤhr dieselbe Einrichtung, wie die zu Dresden. An Schulen hat Muͤnchen keinen Man- gel und sie haben die letztern Jahre her, man- che vortheilhafte neue Einrichtung bekommen; indessen sind sie, nur mit ihrem vorigen Zu- stande verglichen, so gut als sie, bey dem hier herrschenden Bekenntnisse und der geringen Aufklaͤrung in demselben, bey den Kenntnissen und Grundsaͤtzen der meisten dabey angestell- ten Lehrer, bey der Entfernung, in der sie von dem Auge und von den politischen Be- rechnungen der Regierung gehalten werden, seyn koͤnnen. Einzelne wackre Maͤnner, deren ich oben einige genannt habe, versuchten die Lehrart und die Gegenstaͤnde des Unterrichts zu verbessern und vortheilhafter zu waͤhlen, aber sie stießen dadurch gegen das System der Nachfolger der Jesuiten an, zogen sich die bittersten Schmaͤhungen, Verketzerungen und wirkliche Verfolgungen zu, und waren ge- zwungen, alles, wo nicht ganz beym Alten, doch bey der sogenannten Verbesserung zu las- sen, welche die erwaͤhnten Stellvertreter der der Jesuiten beliebten. Es ist in Muͤnchen ein Gymnasium mit 10 Schulen oder Klas- sen vorhanden, das sich in nichts von den gewoͤhnlichen katholischen Gymnasien unterschei- det, und worin Grammatik, Poesie, Rheto- rik, Philosophie und Theologie, nach alter im katholischen Deutschlande gewoͤhnlicher Sitte, zum Theil von Weltpriestern, meist aber von Moͤnchen, freylich unentgeldlich, gelehrt wird. Der Normal-Trivialschulen finden sich gegen funfzehn hier, und es werden in den- selben Religion, Moral, Schreibekunst, Ele- mente der Geschichte (fast ausschließend aber der geistlichen) und Rechenkunst getrieben Nicolai's Reise, Bd. 6. S. 620. fg. . „Uebrigens,“ sagt Hr. Westenrieder : „ist in Muͤnchen keine Universal - oder ei- gentliche National -Erziehung, wo (durch die) man die saͤmtliche , die vornehme und die nicht geadelte Jugend nach bestimmten Grundsaͤtzen bildet und den Klassen derselben nach den verschiedenen Graden (?) ihrer kuͤnf- tigen Aemter und Geschaͤfte eine zweckmaͤßige Erziehung ertheilte, vorhanden.“ — Aber wo ist eine solche vorhanden? Und wo kann eine vorhanden seyn, wo der Landesherr nicht eine Liebhaberey aus dem Schulwesen macht, und sie so auf einem festen Fuß unterhaͤlt, wie etwa das Soldatenwesen oder die Jagd? Der jetzt verstorbene. Herzog von Wuͤrtemberg giebt zwar ein Beyspiel von solch einer seltenen Liebhabe- rey, aber die Einseitigkeit seiner Einrichtungen verhindert den Nutzen, den sein Land von die- sem seinem neuesten Hange ziehen koͤnnte. In Muͤnchen findet sich noch eine soge- nannte Landesakademie , die von der Herzogin Maria , Wittwe des Herzogs Cle- mens, ist gestiftet worden. Man nimmt bloß junge Adeliche, theils umsonst, theils fuͤr ein jaͤhrliches Kostgeld, darin auf, und sie werden von weltlichen Lehrern in der einen Klasse, in der Schreibekunst, Mathematik, Erdbeschrei- bung, in Sprachen, und in der andern in der Geschichte, Philosophie, Naturlehre, Ka- meralwissenschaft, und außerdem in der Tanz- Zeichen- Fecht- und Reitkunst unterrichtet. Uebrigens giebt es wenig Kadettenhaͤuser, in welchen die jungen Leute so gut gespeist, aber auch zum Beten so eifrig angehalten werden. Eine aͤhnliche Anstalt, die Militaͤr-Aka- demie , ist erst vor drey oder vier Jahren, nach einem weitlaͤuftigern Plane, fuͤr zwey- hundert junge Leute von allen Staͤnden, die angemessenen Unterricht genießen sollen, von dem jetztregierenden Kurfuͤrsten errichtet worden. Die Anzahl der Wittwen- Waisen- Ar- men- Kranken- und Arbeits-Anstalten ist in Muͤnchen ungewoͤhnlich groß. Es sind allein sechs Waisenhaͤuser fuͤr beyde Geschlechter; zehn Hospitaͤler fuͤr Kranke aller Art; vier milde Stiftungen und wohlthaͤtige Gesellschaf- ten und sonst noch mancherley Spenden an Geld, Kleidungsstuͤcken, oder Lebensmitteln vorhanden. Mit einigen dieser Anlagen sind noch oͤffentliche Entbindungszimmer fuͤr arme Weibspersonen, Annahme von Fuͤndlingen und Ausstattung armer Maͤdchen verbunden. Das neuerlich von dem gegenwaͤrtigen Kurfuͤrsten gestiftete Militaͤr-Armenhaus ist sehr weitlaͤuftig und in Absicht der Ordnung, Rein- lichkeit und Thaͤtigkeit ein Muster fuͤr Haͤuser dieser Art Umstaͤndliche Nachrichten davon finden die Leser in C. M. Pluͤmikens Briefen auf einer Reise durch Deutschland im Jahre 1791 (geschrie- ben) Theil 2, Seite 144. fg. . Durch alle diese Anstalten ist die Zahl der Bettler, uͤber welche die neuesten Reisebeschreiber klagen, in Muͤnchen sehr ver- mindert worden, und ich habe mich waͤhrend meines Aufenthalts wenig von ihnen belaͤstigt gefunden. Das Aeußere der verschiedenen Einwohner- klassen, die man auf den Straßen von Muͤn- chen siehet, ist, im Ganzen genommen, an- staͤndig und reinlich, und zeigt in der That nicht von Armuth und Mangel. Die arbei- tende Klasse ist nicht so schlecht, nicht zum Theil in Lumpen gekleidet, wie die zu Berlin und Dresden, sondern mehr wie die zu Leip- zig und Hamburg, ist dabey frisch von Farbe und uͤberhaupt wohlgenaͤhrt. Die dienende Klasse vom weiblichen Geschlechte giebt in der Sauberkeit und Nettigkeit des Anzugs der in Leipzig und Dresden nichts nach, und uͤber- trift in diesen Stuͤcken die zu Breslau und Berlin weit. Dieselbe Klasse vom maͤnnlichen Geschlecht, wohin ich die Domestiken, die Aufwaͤrter in den Kaffeehaͤusern, Weinhaͤusern, Gasthoͤfen, die Lohnbedienten u. a. dg. rechne, sieht man sogar modisch, uͤbrigens reinlich und zum Theil fein gekleidet, einher gehen, ungefaͤhr wie die zu Frankfurt am Mayn und in Straßburg. Die Buͤrgerinnen, Maͤdchen wie Frauen, haben noch viel von der alten buͤrgerlichen Tracht und gefallen sich und an- dern immer noch mit ihren goldstoffenen Hau- ben, schweren goldenen Ketten, steifen Mie- dern, vielfach uͤber einander gezogenen Roͤcken u. s. w. Die zu dieser Klasse gehoͤrigen Maͤn- ner kleiden sich wie die von ihrer Art zu Dres- den, in Tuchroͤcke nach altem Schnitte, voll- staͤndig, mit breiter Taille ohne Kragen, mit langen und breiten Aufschlaͤgen; doch sind die Farben ihrer Kleidungsstuͤcke heller und schrey- ender, als sie der gemeine Buͤrger und Hand- werker in andern deutschen Staͤdten, z. B. in Nuͤrnberg, Leipzig und besonders in Berlin zu tragen pflegt. Indessen fangen die juͤngern aus dieser Klasse schon an, Fracks und seidene Struͤmpfe zu tragen. Ganz gewoͤhnlich sind letztre schon bey den feinern Handwerkern und Kuͤnstlern geworden, die, auch in Muͤnchen, nur noch an der etwas groͤberen Beschaffen- heit der Tuͤcher und Zeuge, die sie tragen, von den Kaufleuten zu unterscheiden sind. Die Haarkuͤnstler und Weiberverschoͤnerer, seyen es Schneider oder Schuster, sind hier zum Theil nicht mehr von den Kammerjunkern zu unterscheiden, wenn diese ihre Uniform ausge- zogen haben. Ihre Weiber tragen sich fran- zoͤsisch , wie man es hier nennt, und zeigen sich in netten Negligees von weißen baumwol- lenen Zeugen, und in artigen Hauben, noch um vieles geschmackvoller, als dieselbe Gat- tung in Leipzig und Dresden. Ganz wie in der letztern Stadt kleiden sich die aͤltern Hof- bedienten, Hofbeamten, Sekretarien und an- dere niedrige Mitglieder der Landeskollegien, die sich durch eine sorgfaͤltige, steife Frisur, durch einen abgenutzten kurzen Degen, durch verblaßte Kleider, kleine Schuhschnallen und einen zergriffenen Platthuth unterscheiden. Ihre Ehehaͤlften erscheinen noch in sogenann- ten „ Karkassen ,“ von „ Schmelz “ durch- glaͤnzt, in „ Roberonden “ und „ Andrien- nen “ von großgebluͤmten „ Moire ,“ mit „ Falbala “ und breiten Besaͤtzen verziert, und mit schwarzen Sammtbaͤndern um den duͤrren, gelben Hals. Die juͤngern Glieder dieser Gat- tung beyderley Geschlechts fallen aber mehr in den franzoͤsischen Geschmack, wie er vor der Staatsveraͤnderung war, als in den neuesten englischen. Die Tracht der hoͤheren Staͤnde beyderley Geschlechts ist in Muͤnchen wie uͤberall. Man kann die Zahl der Einwohner zwi- schen 40 und 45,000 annehmen. Bey weitem der groͤßeste Theil davon naͤhrt sich von den noͤthigen und unnoͤthigen Ausgaben des Hofes, des hier wohnenden Adels, und der Beamten in den verschiedenen Landeskollegien, durch Kuͤnste, Handwerke und Beschaͤftigun- gen aller Art, deren Hervorbringungen fast alle innerhalb der Mauern von Muͤnchen blei- ben. Fuͤr auswaͤrtigen Vertrieb wird wenig gethan, und wenn man Spielkarten, Papier, Pinsel, baumwollene Struͤmpfe und Zeuge, gemeine Wollenwaaren, Maler- und Bild- hauerarbeiten, Taback, Leder und allerley Waa- ren von innlaͤndischer Baumwolle, d. i. von der Wolle der Pappeln, der Weiden und an- derer wolletragenden Pflanzen verfertigt Von den Versuchen und Erfindungen des thaͤtigen Professors Herzer , die Verarbeitung dieser einhei- mischen Baumwolle betreffend, findet man vollstaͤn- dige und anziehende Nachrichten in Hrn. Pluͤmi- kens obengenanntem Buche, Theil 2, S. 191-194 und S. 206. fg., verglichen mit Seite 150. fg. vorher, und mit S. 244. fg. und S. 304. fg. nach- her. , abrechnet, so wird wenig uͤbrig bleiben, was Muͤnchen ausfuͤhren koͤnnte. Dagegen zieht es eine große Menge wahrer und eingebildeter Beduͤrfnisse aus nahen und entfernten Laͤn- dern. Deshalb sind die Muͤnchener nicht reich, wenn man sie auch wohlhabend nennen kann. Alles, der hier wohnende reiche Adel ausge- nommen, lebt gleichsam von einem Tage zum andern, und Kleider und Nahrung zehren die Einnahme richtig auf. Verhaͤltnißmaͤßig sind, nach dem hier eingefuͤhrten Maaßstabe in der Lebensart, und nach den, wegen ihrer großen Menge, geringen Besoldungen, die Hof- und Landesbeamten die aͤrmsten, und sie sind gezwungen, um sich standesmaͤßig zu er- halten, zuzugreifen, und kleine und große Ge- schenke von mancher Art und zu manchem Zweck anzunehmen. Daher Mißbraͤuche in der Verwaltung der Staatskassen, in der Ausuͤbung der Gerechtigkeit, in Vergebung von Stellen, Jahrgeldern und Beguͤnstigun- gen, mehr als in irgend einer andern Residenz in Deutschland. Man schreibt es der merkwuͤrdigen Eß-, Trink und Vergnuͤgungssucht der Muͤnchener mit zu, daß sie nie uͤbrig haben; und man kann gegen diesen Vorwurf nichts statthaftes einwenden, so sehr auch jedem, des Lebens zu genießen, vergoͤnnt seyn mag. Waͤren sie so maͤßig im Essen und Trinken, wie z. B. die Dresdener, so koͤnnten sie noch wohlhabender seyn; verstaͤnden sie auch die Kunst, in der Kleidung und in den Vergnuͤgungen sich so einzuschraͤnken wie die Berliner, so koͤnnten sie sammlen; aber es ist merkwuͤrdig, daß 40,000 Muͤnchner in manchen Gattungen von Nahrungsmitteln mehr verzehren, als 150,000 Berliner, eine Thatsache, die ein neuerer Rei- sender hinlaͤnglich erwiesen hat S. Nicolai's Reise, Band 6, S. 569. fg. . Wahr ist indessen, daß man in Muͤnchen fuͤr Einen Gulden noch einmal so viel an Eß- und Trink- waaren bekoͤmmt, als in Berlin und Dres- den fuͤr eben diesen Preis, und daß mithin der Muͤnchener bey gleichen Ausgaben, wohl noch einmal so viel essen und trinken muß, als sie; aber in diesem Umstande liegt es ge- rade, daß er, bey einer etwas weniger sinnli- chen Philosophie, mehr ersparen, weniger In- dolenz verrathende rothe Backen, gefuͤllte Schenkel und breite Schultern haben, und sich mit mehr Erfolg auf die spekulative Phi- losophie, auf Arbeiten des geistigen Geschmacks, und kurz, auf alle die Beschaͤftigungen legen koͤnnte, die, vermoͤge ihrer Natur, einen un- ausgestopften Magen und wenig Zerstreuungen erfordern! Die Maͤrkte in Muͤnchen sind vortreflich besetzt und starren von Fruͤchten, Gemuͤsen, Eyern, Gefluͤgel, Schweinen, Ochsen und Fi- schen mehreremahl in der Woche, auf ver- schiedenen Plaͤtzen. Herumtraͤger von Lebens- mitteln aller Art fuͤllen die Straßen mit ih- rem mannigfaltigen Geschrey. Alles reitzt und befrie- befriedigt die Eßlust. Leute von geringern Klassen erscheinen auf den Straßen in ewigem Kaͤuen. Es ist kein Spatziergang, in dessen Naͤhe nicht Erfrischungen in Fuͤlle verkauft wuͤrden. Unter der großen Galerie im Hof- garten sind Kaffeehaͤuser, wo man alles haben kann, sitzen Weiber an Weiber, die ganze Koͤrbe mit Leckereyen feil bieten. Unter den Lauben am großen Platze findet man bestaͤndig Ananas, Melonen, Orangen, und andre Gat- tungen des schoͤnsten Obstes, in großen Hau- fen aufgethuͤrmt. Weinkraͤnze prangen auf allen Straßen; vor den Thoren ist Bierhaus an Bierhaus, und die naͤchstgelegenen Gaͤrten und Doͤrfer wimmeln an schoͤnen Tagen von den Einwohnern der Stadt, die sich in Wein, oder Bier, oder Meth, bei Musik und Tanz, eine Guͤte thun. Alle diese Oerter findet man um so oͤfterer besetzt, da in Muͤnchen der Tage so viele sind, an welchen man sich fuͤr die Muͤhe des Betens Vormittags, am Nachmit- tage erholen zu muͤssen glaubt. Bei schlechtem Fuͤnftes Heft. Q Wetter stroͤmt das Volk in den Wein-, Bier-, Meth- und Tanzhaͤusern in der Stadt selbst, und im Schauspiele, zusammen. An den bei- den vornehmsten Jahrmaͤrkten (hier Dulten genannt) erhaͤlt dies frohe Getuͤmmel den hoͤchsten Grad seiner Lebhaftigkeit, und dann giebt es auch Kreuzerkomoͤdie, englische Be- reiter, Equilibristen, und eine Menge anderer Spektakel dieser Art. Die Faschingszeit ist nicht minder ein wichtiger Zeitpunkt fuͤr die Muͤnchner, und Baͤlle, Redouten und Schmau- sereyen draͤngen sich waͤhrend desselben bei allen Staͤnden. Ein Volk wie dieses wird viel schlechte Wirthe, aber weniger schlechte Menschen stellen. Der Charakter der Muͤnchener hat etwas Ei- genthuͤmliches, das auf den ersten Blick dem Fremden auffaͤllt. Es ist eine gewisse Treu- herzigkeit und Offenheit, die sich zwar fast wie Grobheit ausnimmt, aber es in der That nicht ist. Ein voller und rauher Dialekt und gewisse unabgeschliffene Manieren geben die Veranlassung zu diesem Irrthume, der so- gleich aufhoͤrt, wenn man mit ihnen naͤher bekannt wird: was sehr leicht ist, da sie in ihrem Innern nichts zu verbergen zu haben scheinen. Man entdeckt dann unter jener nicht verfeinerten Außenseite ein mitleidiges Herz, wahre Vaterlandsliebe, viel gesunden Ver- stand und uneigennuͤtzige Dienstfertigkeit und Treue. Glaubt ein Muͤnchener Recht zu ha- ben, so verficht er es in dem ihm eigenthuͤm- lichen rauhen Tone; aber er schweigt ganz, wenn von Dingen die Rede ist, die er nicht versteht, und er ist fast zu gelehrig, wenn er Leute hoͤrt, denen er mehr und hoͤhere Kennt- nisse zutrauet. Geschwaͤtzigkeit und Schoͤn- sprecherey sind hier ganz unbekannte Untugen- den, und Windbeuteley und Schmeicheley sind aͤußerst selten. Gefaͤllt jemand dem Muͤnchener nicht, so wird er es bald sehen oder hoͤren. Die Neugier und die Aufmerksamkeit auf Fremde, die diesen in den oͤffentlichen Haͤu- sern zu Dresden so laͤstig wird, zeigt der Q 2 Muͤnchener nie, freylich auch nicht das hoͤf- liche Zuvorkommen, dafuͤr aber die unge- zwungenste Gastfreundschaft gegen jeden, der ihm empfohlen worden. Seine Freymuͤthig- keit im Urtheilen uͤber seine Vorgesetzte, uͤber ihre Handlungen und Einrichtungen, geht fast bis zur Ungezogenheit, und er theilt seine An- merkungen nicht etwa nur leise, sondern ganz laut, in seinem natuͤrlichen, derben Tone und in seiner kraͤftigen Sprache, oͤffentlich mit. Wer Leute sehen will, die sich bei ihren Freu- den unverholen, ohne Ziererey, herzlich freuen, der gehe nach Muͤnchen in die Gesellschaften derjenigen Mittelklasse, die ich hier uͤberhaupt im Sinn habe, und er wird noch wahrhafte Heiterkeit und Geselligkeit finden. Eben die- se Leute zerfließen in Thraͤnen bei einem ruͤh- renden Schauspiel, und draͤngen sich, einem Ungluͤcklichen, dem auf der Straße ein Zufall begegnet ist, Wohlthaten zu erweisen und in ihre Haͤuser aufzunehmen. Aus eben dieser Quelle mag wohl auch ihre musterhafte An- dacht bei feyerlichen Handlungen der Religion fließen. Fanatismus und thaͤtlicher Verfol- gungsgeist findet in diesen guten Seelen keinen Raum, und obgleich es von Seiten ihrer Priester nie ganz an Ermunterungen dazu ge- fehlt hat, giebt es doch kein Beispiel, daß das Volk seine, von ihnen so haͤufig ver- ketzerten, Landsleute gemißhandelt haͤtte. Man kann von vielen Mitgliedern der hoͤhern Staͤnde nicht ein Gleiches sagen, obgleich man wiederum billigerweise annehmen muß, daß der Verfolgungsgeist, dessen sie sich in neuern Zeiten schuldig gemacht haben, mehr aus politischen als aus bigotten Ruͤcksichten entstanden sey. Der Umgang zwischen beiden Geschlechtern ist hoͤchst ungezwungen, und es ist nicht zu vermeiden, daß er, bei den vielen Gelegenhei- ten, sich erhitzt und berauscht zu sehen, nicht in Ungebundenheit uͤbergehen sollte. Selbst in bessern Gesellschaften erlaubt man sich einen Ton gegen das andere Geschlecht, der jedem Fremden aus andern deutschen Provinzen un- gezogen vorkommen muß, und ein Benehmen, das dieses Geschlecht in andern deutschen Staͤdten, besonders in Niederdeutschland, als Beleidigung aufnehmen muͤßte, das aber hier von den rothbaͤckigen Maͤdchen und Weibern hoͤchst gutmuͤthig und mit einer ihnen eigent- thuͤmlichen Jovialitaͤt angesehen und erwiedert wird. Man muß sich hier von dem Scheine nicht blenden lassen, und mancher oͤffentlich gegebene und genommene Kuß, sogar noch etwas mehr, beweisen unendlich weniger, als ein verstohlner Blick, und ein leiser Fußtritt da, wo man oͤffentlich alles, auch nur aus der Ferne, anstoͤßig Scheinende verbirgt, um sich heimlich demselben ohne Maß und Ziel zu uͤberlassen. Daß aber die Grundsaͤtze bei- der Geschlechter in dem angeregten Punkte hier nicht die reinsten und festesten sind, laͤßt sich aus der leichten und sinnlichen Lebensart, und aus den hier ziemlich haͤufig gegebenen erlauchten Beispielen, ohne weitlaͤuftige Er- innerung leichtlich ermessen. Viele der hier angegebenen Zuͤge findet man auch in den hoͤhern Staͤnden wieder. Im Ganzen hat ihr Aeußeres nicht die Abgeschlif- fenheit solcher Personen, die man im gemei- nen Leben einen feinen Mann, eine feine Frau nennt, und ihre Sprache, wenn sie deutsch reden, ist nur sehr wenig von der Sprache jenes Mittelstandes verschieden; da- gegen ist eine große Gabe von Aufrichtigkeit und Wahrhaftigkeit noch bei ihnen unver- kennbar und nicht leicht pflegen sie jemand, der etwas bei ihnen zu suchen hat, mit schoͤ- nen Worten hinzuhalten, wenn sie nicht Wil- lens sind, oder wenn es ihnen unmoͤglich wird, etwas fuͤr ihn zu thun. Im Ganzen ist, mit einem Worte, der bayerische Adel mehr deutsch, als man ihn in irgend einer andern deutschen Provinz findet. Am liebsten moͤchte ich dies von dem urspruͤnglich bayerischen hohen Adel verstanden wissen, der hoͤchst ehrenwerthe Mit- glieder hat, und den der Adel italienischer, niederlaͤndischer und franzoͤsischer Abkunft, wo- von sich einige Familien, deren Voreltern mehreren bayerischen Fuͤrsten gefolgt sind, hier niedergelassen haben, in jenen schoͤnen Tugen- den nicht immer erreicht. Daß es auch hier- in Ausnahmen giebt, versteht sich von selbst. Ich unterdruͤcke, was ich noch vom politi- schen Zustande des Landes, von der Regierung und den Finanzen, von dem gegenwaͤrtigen Landesfuͤrsten als Regenten und Privatmann, so wie vom Zustande der Religion, der Wis- senschaften und der Kuͤnste, sagen koͤnnte. Es ist seit zwanzig Jahren uͤber diese Dinge, aus allen Toͤnen, so viel geschrieben worden, daß man die Verhandlungen daruͤber schließen soll- te. Einige haben, als bloß witzige Koͤpfe, aͤrgerliche Chroniken geschrieben; andre haben, als Menschenfreunde, mit moralischer Haͤrte, die wohl auch in Bitterkeit uͤbergegangen ist, die vorgefundenen Mißbraͤuche geruͤgt; noch andre haben alles ziemlich unschuldig und ohne Aus- nahme gelobt; und alle drei Gattungen sind in einem und dem andern Stuͤcke zu weit ge- gangen. Die vierte Gattung, die Gemaͤßigte, die jedes Ding mit seinem eigenen Maßstabe zu messen, sich kein Ideal zu machen, sondern die Sachen so zu nehmen pflegt, wie sie, alle Umstaͤnde wohl erwogen, seyn koͤnnen und muͤssen: diese Gattung hat aus den Berichten der drei uͤbrigen, mit noͤthiger Vergleichung und Abrechnung, ihre Begriffe und Kenntnisse von dem Lande und dem Volke der Bayern, laͤngst geordnet, und kann der Winke eines Durchreisenden vollkommen entbehren. Den 25sten des Julius reis'te ich von Muͤnchen aus auf Salzburg. Der Weg ist gemacht und eben so gut wie der, der mich nach Muͤnchen hineinfuͤhrte; auch waͤre es eine Schande, wenn er schlecht waͤre, da auf bei- den Seiteu der Baustoff unter der Hand liegt. Aber, was den Weg gut macht, macht den Ackerboden schlecht. Das Getraide stand auf diesem Schutte hoͤchst duͤnne, klein und mager. Zur rechten Hand erblickt man auf ein- mahl die Salzburger Alpen, die eine hoͤchst ehrwuͤrdige Ansicht gewaͤhren. Sie stellen sich in Gruppen von fuͤnf bis acht Klippen dar, unter denen gewoͤhnlich die mittelste kegelstaltig uͤber die andern hervorragt. Tiefe Einschnitte trennen diese Gruppen eine von der andern. Von ihrer Hoͤhe bekoͤmmt man dadurch einen Maßstab, daß man sie nur anderthalb, hoͤch- stens zwey Meilen entfernt glaubt, da doch einige davon auf fuͤnf und zwanzig bis dreißig Meilen zuruͤcktreten. Links dehnt sich eine unuͤbersehliche Flaͤche aus, waͤhrend vorwaͤrts, wenn man sich dem naͤchsten Postwechsel, Porsdorf (2 M.) naͤhert, kleine, schwarz- behoͤlzte Anhoͤhen sich zu erheben anfangen. Porsdorf ist ein unansehnliches Dorf, wie es bei dem duͤrren Boden, auf dem es liegt, nicht anders seyn kann. Der Weg von hier aus bis Hohenlinden (2 M.) dauert so fort, wie vorhin. Kurz hinter diesem Orte sieht man, von einer Anhoͤhe herab, noch einmal Muͤnchen in seiner ganzen Ausdehnung liegen, und es nimmt sich von hier besser, als von irgend einem andern Punkt aus. Der gebahnte Weg dauerte immer noch in seiner Vortreflichkeit fort; aber die Flaͤche um mich her verschwand bald, und ich sah mich von einem Wald umschlossen, durch welchen der schoͤne, wallartig erhoͤhete, Weg wie durch eine Allee fuͤhrte, und so bis Hohenlinden, dem naͤchsten Poststande, fortdauerte. Der Boden hatte sich merklich gebessert und in ein lockeres, graugelbliches Erdreich verwandelt. Hohenlinden ist ein Dorf. Es kuͤndigte mir den ganzen Wohlstand an, den ich er- wartete. Man hatte mir naͤmlich gerathen, diesen Weg nach Salzburg zu waͤhlen, weil ich nie etwas Aehnliches an Fruchtbarkeit ge- sehen haben muͤßte. Reinlichkeit und Ordnung herrschten in den Haͤusern, in den Hoͤfen, in den Gaͤrten, auf den Straßen, und die Ein- wohner zeigten ein gewisses offenes und zu- friedenes Wesen, und Wohlhabenheit und Sauberkeit in ihrer Waͤsche und Kleidung. Von Hohenlinden aus dauerte zwar der Wald noch uͤber eine Stunde fort, und ich fing schon an ihn etwas lang zu finden, als er sich auf einmal in eine hoͤchst angenehme Ebene oͤffnete, die, nur von sanften Anhoͤhen unterbrochen, eine bunte Mischung von Ackerland und Hoͤlz- chen darbot. Der Boden an sich war zwar noch wenig dankbarer, als der um Muͤnchen, aber desto mehr Ehre fuͤr die Bewohner die- ses Landesstriches, daß sie ihn in das frucht- barste Feld verwandelt haben, welches mir auf meiner Reise zu Gesichte gekommen war. Zu- sammenhangende Doͤrfer fand ich von nun an nicht mehr, aber fast stand Haus an Haus neben und vor mir, und dies dauerte unab- sehbar bis zu dem letzten Thurmspitzchen fort, das uͤber eine Baumgruppe hervorragte. Ich zweifelte nicht mehr daran, daß ich mich hier in dem Garten von Bayern befaͤnde. Kurz vor Haag , der naͤchsten Post, (2 M.) gelangte ich abermals in ein Gehoͤlz, und war kaum darin, als das Lustschloß dieses Or- tes, von einer Anhoͤhe herab, mir in die Au- gen fiel. Es ist im alten Geschmack erbaut, hat rund herum eine Menge Thuͤrme, wird aber gut unterhalten und giebt deßhalb keinen un- angenehmen Anblick. Die Aussicht von oben herab ist, nach dem was ich oben gesagt habe, sehr reitzend, besonders da sich die Salzburger Alpen, mit ihren vorhin erwaͤhnten Gruppen und tiefen Kluͤften, majestaͤtischer als vorher erheben und den bunten Teppich, den man zu seinen Fuͤßen hat, einfassen. Haag ist uͤbrigens ein Marktflecken der we- nig bedeutet, dessen Inneres aber ganz sauber ist. Er besitzt sogar einen Springbrunnen. Weg und Gegenden blieben von hier aus die Fortsetzung der vorigen, und wurden wei- terhin noch um vieles schoͤner. Ich bekenne noch keine Landschaft gesehen zu haben, die, wie diese, so viel Reitz mit so viel Ueppigkeit des Fruchttriebs verbunden haͤtte. Um mich her stand nichts als Weizen, mehr als Man- neshoch, mit dicken, vollen Aehren, die, uͤber eine unabsehliche Flaͤche hinweg, vom Winde bewegt, ihre braunen Wellen schlugen. Darun- ter gestreuet zeigten sich streckenweise kleine Wiesenplane, Waͤldchen von einzelnen Baͤu- men, und behoͤlzte Huͤgel, uͤber die man zum Theil hinfaͤhrt und eine neue Abwechslung in den Gesichtskreis bringen. Hat man zwey oder drey derselben hinter sich, so zeigen sich die Alpen von neuem und naͤher als vorher. Man glaubt sich an ihrem Fuße zu befinden, und zu bemerken, wie sie hier, mit vier oder fuͤnf Absaͤtzen, in die Flaͤche, in der man sich befindet, auslaufen, und sie, zum Ersatz fuͤr ihre eigenen, rauhen, unfruchtbaren Gipfel, mit Reichthuͤmern der Natur uͤberschuͤtten, in- dem sie Stroͤme und Stroͤmchen herabsenden und eine maͤchtige Vormauer gegen Sturm und Ungewitter bilden. So dauern Weg und Gegend bis Ampfing , der naͤchsten Post, (2 M.) fort. Man befindet sich in einem großen, wohlgebaueten Dorfe. Der Mond war an einem so wolkenreinen Himmel aufgegangen, daß ich mich entschloß, die Fort- setzung dieser schoͤnen Gegend in dessen Glanze zu sehen. Anfangs kam ich in eine kurze und duͤnne Waldung, durch welche ich kaum drey Viertelstunden hingefahren war, als ich mich, bey einer Wendung zur Rechten, unvermuthet an dem Rande eines Thales, oder vielmehr Kessels, befand, dessen Grund theils mit Hol- zung besetzt, theils mit dem Bette des breiten und schnellen Inns, den der Mond in fließen- des Silber verwandelte, bedeckt war. Ich kam durch Muͤhldorf, ein Staͤdtchen am Inn, das vor mehr als hundert Jahren vom Feuer ganz verwuͤstet wurde, und seine da- mals nicht ganz zerstoͤrten, starken Stadtmau- ern nicht ganz ausfuͤllt. Sein Aeußeres ist nicht unangenehm, weil man uͤberhaupt in Bayern darauf sieht, daß die Haͤuser in Auf- putz erhalten werden. Durch Altenoͤttingen , wo sich die naͤchste Post befindet (3 M.) kam ich gegen Morgen. Es ist eine Stadt von betraͤchtlichem Umfan- ge, im Ganzen genommen gut gebauet, sauber unterhalten, mit breiten Straßen und einem betraͤchtlichen Marktplatze. Von dort aus kam ich auf Burghausen , (2 M.) eine betraͤchtliche Stadt mit einer Bergfe- stung. Letztere muß man uͤber einen hohen Berg ersteigen, der, seiner ganzen Laͤnge, und seinem ganzen Umfange nach, mit Mauern und Thuͤr- men eingefaßt ist, die aber den Anblick von Sorglosigkeit und Verfallenheit geben. Am Fuße der Burg liegt die Stadt selbst, die auf der an- dern Seite ebenfalls von Bergen umgeben wird, und in ihrer Lage viel Aehnliches mit Karlsbad hat, aber zwey bis dreymal laͤnger ist, als diese Stadt, auch ansehnlichere Haͤu- ser hat, die mit platten Daͤchern oder auch mit vermauerten Giebeln versehen sind. Von Burghausen aus tritt man in ein großes, mehr wildes als angenehmes, Thal ein. Man be- haͤlt es zur Linken, indem man rechts an dem Abhange desselben hinfaͤhrt, und zu seinen Fuͤ- ßen ßen einen mit Holz besetzten Abgrund und neben sich mit Nadelholz bepflanzte, stellen- weise verwitterte und heruͤberhangende Kalk- felsen hat. So geht der Weg in verschiedenen Biegungen fort, bis sich das Thal erweitert, die Anhoͤhe an beyden Seiten unerheblicher wird und rechts in eine Flaͤche auslaͤuft, waͤh- rend links ein dichtes Gehoͤlz die Niederung versteckt. Hinter dem letzten Pfalzbayerschen Maut- amte, das man hier eben so wenig, als irgend- wo ein anderes, ungestraft zuruͤcklegt, fuͤhrt der Weg eine Weile bergan, durch ein bald hoͤhe- res, bald mehr niedriges, bald duͤnneres Ge- hoͤlz, in welchem ich aber stellenweise den Bo- den zur hoͤchsten Fruchtbarkeit erhoͤhet und mit dem schoͤnsten Weizen bedeckt fand. Sodann erblickte ich auf einmal jenes Thal, das ich eine Strecke vorher verloren hatte, in einer ausgebreiteten Gestalt, und von dem Salza- fluß in mancherley Windungen durchstroͤmt, wieder. Mehr aber fesselt den Blick die ploͤtz- Fuͤnftes Heft. R liche Wiedererscheinung der hohen Salzburger Alpen, die ich, von Muͤnchen aus, bestaͤndig zur Rechten behalten, dann verloren und nun auf einmal gerade vor mir hatte. Ganze Strecken davon waren noch mit Schnee be- legt, und die Kluͤfte und Einschnitte zwischen den einzelnen Klippen mit demselben angefuͤllt. Endlich faͤhrt man in dieses Thal hinab, und man erblickt bald rechter Hand das Staͤdt- chen Titmaning (3 M.) das von einem al- ten Schlosse beherrscht wird, von welchem herab Graben und Mauern bis zur Stadt und um die Stadt laufen. Titmaning selbst ist ganz in der Gestalt und in dem Geschmacke von Neumarkt, dessen ich oben erwaͤhnt habe, angelegt und gebauet: es hat eine einzige, schnurgerade, breite Hauptstraße, die zugleich den Markt bildet, an dessen beyden Enden ein Springbrunnen angebracht ist, und von wel- chem ein paar enge Quergassen auslaufen. Die Haͤuser haben vermauerte Giebel und ge- ben einen italienischen Anblick. Sie Salzburger zeigten sich hier schon in ihrer vollstaͤndigen Volkstracht. Die Maͤnner trugen kapuzinerbraune Roͤcke mit breiten und sehr kurzen Taillen; und große, runde Huͤte, theils schwarz, theils gruͤn, mit einem Bande umwunden, das in große Schleifen geschlagen ist, die man an den Kypf des Hutes annaͤhet. Ihre Schuh waren Pantoffel mit Quartieren, die auf der Spanne mit Baͤndern befestigt, ganz den Anblick gaben, wie die neuesten Schuh der englaͤndernden Stutzer. Die Wei- ber steckten in kurzen, tausendfaltigen Roͤcken, in sehr kurzen Waͤmsern, deren Taillen fast unter den Schultern anfingen, unter schwar- zen, uͤber Drath gezogenen, abscheulich geform- ten Hauben von Flor, und in einem steifen, panzerartigen Brustlatze, unter welchem ein Leibchen von Kattun, das bis unter das Kinn zugeschnuͤrt oder zugeknoͤpft war, sich befand, welches, wie der Latz selbst, zu einem Boll- werke gegen alle luͤsterne Anfaͤlle bestimmt zu seyn schien. Uebrigens war, das maͤnnliche R 2 wie das weibliche Geschlecht, nicht groß, aber stark, nicht schoͤn, aber frisch. Von Titmaning bis Laufen , (3 M.) blei- ben Weg und Gegend sich gleich. Wald und Ackerland wechseln. Beyde sind in ihrer Art vorzuͤglich. An lichtern Stellen zeigen sich die Salzburger Gebuͤrge von neuem, und unter ihnen sticht der Untersberg vorzuͤglich her- vor. Ueber den Gipfeln desselben, die mit Schnee bedeckt waren, schwebten Wolken, die, von der Sonne angeschienen, wie ungeheure Saͤulen von Schnee immer eine Weile da standen, ehe sie sich erhoben. Jede Spalte im Berge, jede Kluft in der Hoͤhe, war noch mit Schnee ausgefuͤllt, der gegen die Schwaͤrze der beschatteten Bergtheile stark abstach. Je naͤ- her man Laufen kommt, desto naͤher kommt man zugleich diesen Bergen, bis man, hart vor dieser Stadt, sich links wendet und die hoͤhern Felsen im Ruͤcken behaͤlt, waͤhrend man, an dem Fuße eines Berges mittler Ordnung, uͤber die Salza in die Stadt hineinfaͤhrt. Diese ist mit platten Daͤchern und ver- mauerten Giebeln gebauet und in dieser Art nicht unansehnlich. Die Haͤuser haben meist drey Stock, das Pflaster ist ertraͤglich und die Straßen sind ziemlich geraͤumig. Von Laufen aus faͤhrt man endlich gerade in die Alpen hinein, und man sieht nun recht lebhaft, wie sehr man, wenn man nicht ge- wohnt ist in Berggegenden zu reisen, sich in Absicht der Naͤhe oder Entfernung irren kann. Immer sind die Berge vor und neben einem, und immer erreicht man sie nicht. Endlich be- findet man sich zwischen ihnen in dem Thale, aus welchem die Salza hervorstroͤmt, und nun sieht man alles in veraͤnderter Gestalt. Was vorher eine schwarze, starr emporstehende Fel- senmasse war, zeigt sich jetzt am Fuße mit Gaͤrten und Wiesen und Landhaͤusern, hoͤher hinauf mit Gehoͤlz und erst ganz oben mit kahl hervorstehenden, zerrissenen, verwitterten, Klippen bepflanzt. Die vorige Steilheit ver- schwindet groͤßestentheils und verfließt in all- maͤhlige Absaͤtze, Abhaͤnge und Ruͤcken, und der Schnee, der sich vorher dem Auge wie auf einem weiten Bette gelagert zeigte, er- scheint jetzt in einzelnen, nicht zusammenhaͤn- genden Einschnitten und Spalten, und sein blendendes Weiß ist in Grau verwandelt. Da- gegen steht man nun vor der ganzen Masse der Berge, uͤbersieht sie von der Wurzel bis zum Gipfel, in ihrer Hoͤhe und Breite, und was sich vorher als ein bloßer Kegel zeigte, ist jetzt ein breiter, stundenweit ausgedehnter, un- ebner, ausgezackter Ruͤcken. Zwischen solchen Erscheinungen faͤhrt man auf Salzburg (1½ M.) zu, das nun sicht- bar zu werden anfaͤngt. Erst erblickt man des- sen hohe Burg, dann einzelne Kirchthuͤrme, dann einzelne Haͤuser, waͤhrend man in dem schoͤnen Thale um und neben sich angenehme Landhaͤuser, wohlhabende Doͤrfer, Wiesen, Gaͤrten, reiche Saaten und Alleen in der schoͤnsten Mannichfaltigkeit uͤbersiehet. Immer bunter wird dies alles, je naͤher man der Stadt koͤmmt, die sich allmaͤhlig mehr hinter den Bergen hervorzieht, und in deren Thoren man ist, ehe man es sich versieht. Ist man zum Thore herein, so liegt sie selbst auch, in ihren beyden, durch die Salza getrennten, Haͤlf- ten, vor einem. Sie giebt den Anblick von Gruͤndlichkeit, aber auch zugleich von Einge- sperrtheit, welche letztere besonders durch die zusammengedruͤckte Form der Haͤuser mit un- sichtbaren Daͤchern, durch ihre Hoͤhe, durch die Lage eines Theils derselben an einer schrof- fen, nackten Felsenwand, durch die Engigkeit der Straßen und das wiederholte Durchgehen unter gewoͤlbten Eingaͤngen bewirkt wird. Reise eines Lieflaͤnders von Riga nach Warschau, durch Suͤdpreußen, uͤber Breslau, Dresden, Karlsbad, Bayreuth, Nuͤrnberg, Regensburg, Muͤnchen, Salzburg, Linz, Wien und Klagenfurt, nach Botzen in Tyrol . Sechstes Heft . Enthaltend einen Abriß von Salzburg und Wien und die Reise von dort nach Botzen. Berlin, 1796. bey Friedrich Vieweg dem aͤltern . Eilfter Abschnitt. Salzburg. Die Festung Hohensalzburg. Weg dahin. Eingang. In- neres. Zeughaus. Fürstenzimmer. Orgelwerk. Aus- sicht von oben herab. Lage und Ansicht der Stadt. Lauf der Salza. Reizendes Thal. Wanderung über den Mönchberg. Bekanntschaft aus dem Stegereif. Wallfahrt auf den Kapuzinerberg. Kloster und Gar- ten. Gipfel des Berges. Franciskus-Schlößchen. Ausicht der kleinen Hälfte der Stadt. Andreaskirche. Sebastianskirche. Denkmal des Theophrastus Para- celsus. Kirchhof. Zwey Grabschriften. Dreifaltig- keitsplatz. Dreyfaltigkeitskirche. Alumnat. Virgili- anisches und Marianisches Kollegium. Leihbank. Lodron'sche Palläste. Das Sommerschloß Mirabelle. Dessen Garten. Pferdeschwemme. Wunderthätiges Christkind. Merkwürdigkeiten um und auf dem Hof- platze. Marstall und dazu gehörige Anlagen. Das neue Thor, durch den Mönchberg gehauen. Die Universität. Der Domplatz. Mariensäule. Der Dom. Der Hofplatz. Das Residenzschloß. Zimmer des Fürsten. Der Neubau. Der Hofbrunnen. Vor- städte. Das Nonnthal. Spital des Domkapitels. Leopoldskrone. Die Vorstadt Mühlen. Johannes- spital. Zug zur Geschichte der Pilgrimschaften. Die A 2 Vorstadt Stein. Lederfabrik. Häuser und ihre Bauart in Salzburg. Pflaster. Wasserwerke. Po- lizeyeinrichtungen. Versorgungsanstalten. Hafner, ein merkwürdiger Wohlthäter seiner Vaterstadt. Be- völkerung von Salzburg. Abnahme derselben. Ur- sache. Gesellschaftliches Verkehr. Stiftsadel. Hoher Adel. Landadel. Der Hof. Erzbischof Wolf Diet- rich und seine Mätresse. Der regierende Fürst. Oeffentliche Vergnügungen in Salzburg. Oekonomi- sche Lage der Einwohner. Luxus und Mode. Cha- rakter des Salzburgers. Winke über den Zustand der Gelehrsamkeit und Künste. Ausflucht nach Eigen, Hellebrunn und Hallein. Abreise von Salzburg. Reise nach Linz. Neumarkt. Frankenmarkt. Nachtreise. Wels. Linz. Ansicht, Lage und Bauart dieser Stadt. Marktplatz. Zahl der Einwohner. Lyceum. Buchladen. Das Linzer Blut. Tracht der Landleute um Linz. Abreise nach Wien. Ebers- berg. Ens. Wege und Gegenden. Ankunft in Wien. S chon den Tag meiner Ankunft machte ich es mir zum Geschaͤfte, den Standplatz von Salzburg zu bereisen. Ein Blick aus dem Fenster meines Gasthofes auf die Festung Ho- hensalzburg , die mir zur Linken schraͤg ge- genuͤber lag, erweckte in mir den Gedanken, daß ich einen heitern Nachmittag und einen Abend, der schoͤn zu werden versprach, nir- gends angenehmer, als auf jenen einladenden Hoͤhen, wuͤrde zubringen koͤnnen. Die Festung selbst, die vielseitige Aussicht von dort herab uͤber die Stadt und die ganze umliegende Ge- gend, und der Ruͤckweg uͤber den Bergruͤcken, der mit Gehoͤlz und mit kleinen Meyereyen besetzt, sich von dem Fuße des Burgfelsens um die groͤßeste Haͤlfte der Stadt herumzog und einen ungeheuren, natuͤrlichen Wall bildete: alle diese Dinge setzten mich uͤber die Ermuͤdung der Reise hinaus, und ich trat meine Wande- rung, von einem Lohnbedienten gefuͤhrt, auf meinen eigenen Fuͤßen an. Ich eilte uͤber den Hofplatz , ließ fuͤr diesmal den großen Springbrunnen, das Re- sidenzschloß, den Dom, den Marstall, ein paar Kloͤster und andre Merkwuͤrdigkeiten unbesehen, und naͤherte mich dem Nonnberge , einer unbetraͤchtlichen Anhoͤhe, die am Fuße des Schloßfelsens liegt und von dem auf ihrer Scheitel befindlichen Nonnenkloster, den Na- men hat. Von da an fuͤhrte mich rechts der Weg, der schon lange vorher bergan gelaufen war, zu der Festung, und, nach einem halb- stuͤndigen Steigen, befand ich mich an dem aͤußersten Thore derselben, dem Scharten- thore , das durch ein Blockhaus gedeckt, und verschlossen war. Innerhalb desselben zeigte sich eine Schildwache, die Namen, Stand und Vaterland von mir zu wissen verlangte, und nach erhaltener Auskunft sich nach einem zwei- ten, weiter oben gelegenen, Thore verfuͤgte, von wo ein anderer Bote in die Festung selbst hinauf stieg und das weitere besorgte. Bald nachher wurde ich eingelassen. Der Eintritt in diese Burg hat Aehnlich- keit mit dem Eingange in die Festung Koͤnigsstein bey Dresden; aber die Mauern und Gewoͤlbe geben bey weitem nicht den starken und sorg- faͤltig unterhaltenen Anblick, den die Koͤnigs- steiner gewaͤhren. Ich befand mich, nachdem ich uͤber eine Zugbruͤcke gegangen war, bald im innern Raume der Festung. Hier boten sich mir Fuͤhrer an, die mir die Merkwuͤrdig- keiten des Ortes zeigen wollten. Gern haͤtte ich zuerst die Hoͤhe der Festung erstiegen, um mir das Schauspiel der herrlichen umliegenden Gegend zu verschaffen; aber ich konnte nicht dafuͤr, daß ein Mann in Officiersuniform, die Dinge, die er zu zeigen hatte, fuͤr die merk- wuͤrdigsten in und auf der Festung hielt und mich auf eine dringend-hoͤfliche Weise einlud, zuerst mit ihm zu gehen. Er fuͤhrte mich also in das Zeughaus und zeigte mir, mit vielen Worten und großem Feuer, allerley metallene Kanonen, vom kleinsten bis zum groͤßesten Maße, drey oder vier lederne und hoͤlzerne Stuͤcke, Kugeln fuͤr Moͤrser und Kanonen al- ler Art, Gewehre aus der Tuͤrkey, aus Spa- nien und aus Frankreich, mit Gold und Sil- ber reich, aber geschmacklos genug beschnoͤrkelt; und endlich ritterliche Waffen in Menge, von der Lanze an bis zum Panzerhemde. Er hielt sich bey dem allen ermuͤdend lange auf, und obgleich ich, so bescheiden ich konnte, mehr als einmal die Anmerkung dazwischen schob, daß ich, in Absicht des neuern Geschuͤtzes, die Zeug- haͤuser zu Berlin, Straßburg und Dresden, und in Absicht des aͤltern, die zu Venedig, Danzig, Nuͤrnberg, und sogar das Buͤrger- zeughaus in Wien, gesehen habe; so rettete mich dies doch nicht von einer umstaͤndlichen Kenntniß des ganzen Waffenvorraths auf der Festung Hohensalzburg. Zuletzt unterhielt er mich noch sehr lange mit der Geschichte des bekannten Aufruhrs der Salzburger Bauern, und besonders mit ihrem Anfuͤhrer, Ma- thias Stoͤckel , dessen Pferd, mit Stroh ausgestopft, und dessen Ruͤstung vor uns stand und lag, und den Text zu seiner historischen Abhandlung hergegeben hatte. Hr. Prof. Huͤbner hat in seiner, mit großer Sorgfalt und in einem guten Tone verfaßten Be- schreibung von Salzburg (daselbst 1792- 93) Th. II. S. 8. fg. eine gedraͤngte Nachricht von diesem Bauernaufruhr gegeben, die jedem Wißbegie- rigen volle Genuͤge thun wird. Sein Buch ist uͤber- Ich glaubte dieses eifrigen Fuͤhrers los zu seyn, als ich die Thuͤre des Zeughauses hinter mir rasseln hoͤrte; aber er hielt mich fest und versprach, mir die fuͤrstlichen Zimmer in der Burg zu zeigen. Sehnsuchtsvoll fuhr ich zu- ruͤck in die frische Luft; zoͤgernd blieb ich, auf dem Wege dahin, vor jeder Luͤcke stehen, die mir eine Aussicht in die Tiefe hinab ge- waͤhrte, aber mein unbarmherziger Begleiter trieb mich, in seinem vorhin erwaͤhnten Tone, immer vorwaͤrts und ließ mir nicht die Zeit und den Muth, ihm uͤber seine stuͤrmische Ge- faͤlligkeit meine Empfindlichkeit zu bezeigen. Die fuͤrstlichen Zimmer sind uralte Gemaͤ- cher, nach dem damaligen Geschmacke verziert. Da sieht man abenteuerliche Vergoldungen und Schnitzwerke, Teppiche von Leder, Hirschge- weihe, und einen gewaltigen Hirsch selbst. Eine andere Verzierung, die einem festen Platze so haupt fuͤr mich ein sehr genauer und lehrreiche r Fuͤhrer durch Salzburg gewesen. angemessen ist, sahe ich gleich in dem ersten Zimmer, naͤmlich die Wappen des Erzbischofs, des Domkapitels und der Landschaft, zusam- men gesetzt aus — Flintenschloͤssern. Zum Ueberflusse mußte ich auch noch eine kleine Ka- pelle in der Naͤhe dieser Zimmer besehen. Ue- brigens fand ich in den letztern in so fern einen kleinen Ersatz fuͤr meine gefaͤllige Aufmerksam- keit, daß ich mich, unter dem Vorwande der eingeschlossenen Luft, eines Fensters bemaͤchti- gen, es oͤfnen und von Zeit zu Zeit einen dur- stigen Blick auf die unter mir ausgespannte lebendige Landkarte hinab senden konnte. Endlich uͤberließ mich dieser Fuͤhrer an den zweyten, der ein bloßer Invalide war, und mich geduldig dahin fuͤhrte, wo ich zu seyn wuͤnschte, naͤmlich auf die erhabensten Punkte der Festung. Wir durchliefen mehrere schmale Gaͤnge, deren Fußboden stellenweise unter uns erbebte und dadurch eine schlechte Meynung von der Festigkeit des Ganzen erweckte, und erstiegen ein paar Thuͤrme, von denen herab man zwar die eine Haͤlfte der umliegenden Ge- gend, aber nicht die andre, und nicht die saͤmmt- lichen Gebaͤude der Festung selbst, uͤbersehen konnte. Zu einem dieser Thuͤrme, den großen Trompeterthurm , brachte mich mein Fuͤh- rer, um mir eine alte Orgel, die fuͤr ihn eine große Merkwuͤrdigkeit war, zu zeigen. Sie wird durch Walzen und Blasebalg in Bewe- gung gesetzt, macht zweymal des Tages, Abends und Morgens, ein Geschrey mit allen ihren Pfeifen, und spielt sodann ein Stuͤck, das alle Monate abwechselt. Der Invalide schuͤttelte den Kopf, daß ich diese altmodische Seltenheit nur so fluͤchtig an- sahe, und versicherte, wenn ich die Felsen da unten dreißig Jahr angesehen haͤtte, wie er, wuͤrde ich wohl auch nicht mehr so viel Ge- fallen daran finden. Ich gab ihm Recht, und bat ihn, mich nun auf den allerhoͤchsten Fleck der Festung zu fuͤhren; dies that er denn, doch nicht, ohne ein paarmal keuchend zu wieder- holen, daß einem alten Kerl das Steigen doch gewaltig sauer wuͤrde. Ich duͤrfte auf diese Be- merkung nicht achten, weil ihm sonst das Stei- gen noch einmal so beschwerlich geworden waͤre; und so gelangten wir endlich auf den sogenannten Feuerthurm , der nicht nur die Stadt und die umliegende Gegend nach allen Seiten, son- dern auch die saͤmmtlichen Werke und Gebaͤude der Festung beherrscht. Nun waren meine Wuͤnsche erst erfuͤllt. Ich sah unter mir ein geraͤumiges Thal ausgebreitet, das, in der Gestalt eines Halb- zirkels, von hohen und hoͤchsten Bergen umge- ben war, und sich, nach Bayern zu, zwischen maͤchtigen Felsen hinlaufend, in den Horizont verlor. Aus diesem Thale stieg ein hoher, steiler, kegelfoͤrmiger Felsen von Sandstein empor, auf dessen Gipfel eine Burg, mit Mauern und Außenwerken rund umzogen, sich erhob, und ihn wie eine Krone bedeckte. Es war der Schloßberg und ich befand mich auf dem hoͤchsten Punkt desselben. An seinen Fuß schloß sich ein maͤßig hoher Felsruͤcken, der, in einer betraͤchtlichen Breite, sich in das Thal hinab zog, mit Wald, Gaͤr- ten und Meyereyen besetzt, und an beyden Seiten lothrecht und schroff abgeschnitten er- schienen. Dies war der Moͤnchberg. Ihm gegenuͤber, dem Burgfelsen gegen Osten, erhob sich ein dritter Felsen, weniger steil, aber mit mehr ausgedehnter Grundlage, als jener, mit schwarzer Waldung bedeckt, und der Kapuzinerberg genannt. Zwischen diese drey Berge brach ein schnel- ler Fluß, die Salza , herein, und nahm die Mitte des kleinern Thals ein, das diese drey Berge in dem erst erwaͤhnten großen Thale bildeten. An seinem linken und rechten Ufer erschien die Stadt Salzberg in zwey Haͤlften gelagert: die groͤßere auf der Seite und an dem Fuße des Schloß- und Moͤnchberges, die klei- nere am Abhange des Kapuzinerberges und auf einer sich an ihn schließenden Flaͤche; beyde Theile verband wiederum eine Bruͤcke. Jene drey Berge ragten uͤber die Haͤuser der Stadt empor und erdruͤckten sie gleichsam, besonders da ein großer Theil derselben unmittelbar an ihrem Fuße gelagert ist, und da ihre Daͤ- cher flach sind und, in gleicher Hoͤhe an einander hangend, fortlaufen. Die Straßen verloren sich zwischen ihnen wie Rinnen, weil sie an sich nicht breit sind und weil mein Standpunkt hoch war. Um jene drey Berge her, auf der Ebene, in welcher sie sich erheben, zeigte sich ein Ge- wimmel von groͤßern und kleinern Lustschloͤssern, Sommerhaͤusern, Hoͤfen, Alleen, Gaͤrten, und weiterhin von Doͤrfern, Kornfeldern und Wie- sen, alles wohl unterhalten, mit einem lachen- den Gruͤn umzogen, von der Salza in den eigensinnigsten Windungen durchschlungen. Die- ser bunte Teppich zog sich mit seinem ganzen Reichthum, auf allen Seiten seines Umfangs, noch eine Strecke uͤber das Gehaͤnge der Ber- ge hinan, die sich drey- und vierfach um ihn erheben, bis zu ihrer Mitte mit Waldigt und Wiesen uͤberzogen sind, und sich endlich in nackte Ruͤcken, mit tiefen Spalten und Schluch- ten, oder in schroffe Kegel und Spitzen, wie gothische Thuͤrme ausgezackt, unter und uͤber den Wolken endigen. Nachdem ich mich an dem Ueberblicke die- ses großen Thales, eines der koͤstlichsten, wel- ches die Natur angelegt und der Fleiß und die Prachtliebe der Menschen ausgestattet haben, sattsam geweidet, schickte ich mich zur Ruͤck- kehr an, mit dem festen Vorsatze, daß ich nicht zum ersten- und letztenmal hier gewesen seyn wollte. Ich mußte den Weg, auf den ich in die Festung selbst gelangt war, als den einzi- gen, wieder zuruͤck nehmen; aber außerhalb ihres Einganges stand mir ein zweyter offen, der mich, obwohl mit einem großen Umschweif, nach meinem Gasthofe zuruͤckfuͤhrte. Es war der Weg uͤber den Moͤnchberg, der, wie ich erwaͤhnt habe, sich unmittelbar an den Schloß- berg schließt. Sobald ich aus dem Schartenthore heraus war, bot sich mir zur Linken abermals ein Theil der Aussicht dar, deren ich vom Schloß- berg herab genossen hatte: eine große Strecke von der bunten Ebene, die ich jetzt naͤher un- ter meinen Fuͤßen uͤbersah; und zur Rechten mehrere Privatwohnungen, Sommerhaͤuser und Gaͤrten, die sich am Abhange des Moͤnch- berges nach der Stadt hinunter zogen. Unter diesen trat die Edmundsburg besonders ausgezeichnet hervor; eine artige Anlage, die zu dem Kloster St. Peter gehoͤrt, und mit einer Laterne versehen ist, die zu einer Stern- warte genutzt werden koͤnnte. Sie lehnte sich, mit vier Geschossen in der Vorderseite, auf die Art an den Berg, daß man aus ihrem vierten Stockwerke unmittelbar in den dazu gehoͤrigen Hof tritt, worauf Schuppen fuͤr Wa- gen und Stallungen fuͤr Pferde erbauet sind: eine Seltsamkeit, die sehr lebhaft an die Bauart eines Theils von Edinburg erinnert. Wei Weiterhin gelangte ich unter einige Pulver- thuͤrme und zu einem Laboratorium, von de- ren Inhalt mein Fuͤhrer eben nicht mit großer Achtung sprach; sodann zu einem großen Was- serbehaͤlter, der ziemlich gut erhalten war, und in dessen Nachbarschaft zu zwey Kornmagazi- nen, deren Vorrath ich auf sich beruhen lasse. Weiterhin ging ich, oberhalb des Neuen Thores , das durch diesen Berg gehauen ist, durch eine feste Pforte, die aber offen stand, nach dem andern Theile des Berges hinuͤber, und fand eine Art von kleiner Festung vor mir, die Buͤrgerwehre genannt, die mit starken Thoren, Ringmauern, Thuͤrmen und mit Schießscharten versehen ist, und den Zu- gang zur Burg und zu dem anliegenden Theile der Stadt schuͤtzen soll. Der Zustand dieser Befestigung schien mir anzudeuten, daß man, unter den jetzigen Umstaͤnden, sich vor feindli- chen Anfaͤllen nicht aͤngstlich zu verwahren haͤtte. In der Naͤhe war auch ein Pulver- magazin. Sechstes Heft. B Von einer kleinen Anhoͤhe herab gelangte ich, auf einem schmalen Wege, durch einige gruͤnende Niederungen und frische Waͤldchen, zwischen denen eine Meyerey mit ihren laͤnd- lichen Gebaͤuden hervorsah; und bestieg dann wiederum eine andere Anhoͤhe, die dicht mit schattigten Baͤumen besetzt war und eine hoͤchst anmuthige Aussicht in das am Fuße des Ber- ges ausgebreitete Thal darbot. Die unterge- hende Sonne durchgluͤhte mit einzelnen Strah- len das dunkle Gruͤn der Baͤume, eine Ge- sellschaft von Personen beyderley Geschlechts hatte um einen Tisch Platz genommen und uͤberließ sich einer lauten Heiterkeit; eine Harfe und ein paar Geigen gaben aus der Ferne ei- nige Mozart'sche Weisen an; und die Kellner aus dem nahgelegenen Marketender- Schloͤßchen trugen so angenehm duftende Schuͤsseln, und einige so hochgluͤhende Wein- flaschen hin und wieder, daß ich mich nicht enthalten konnte, zu thun, wozu sie mich ein- zuladen schienen: naͤmlich, nach meiner heuti- gen Arbeit auch zu essen, wenn anders ein armer Reisebeschreiber noch aͤußern darf, daß er auch auf seiner Reise Eßlust gehabt und so gar gegessen habe. Ich ließ, und zwar so nahe als moͤglich bey jener froͤhlichen Gesell- schaft fuͤr mich decken; und damit man mich nicht fuͤr einen kalten Horcher halten sollte, so brachte ich mein erstes Glas dem Moͤnchberge und dem schoͤnen Abend, mein zweites der Geselligkeit, und mein drittes der Gesellschaft — mitten unter ihr — dar. Ich hatte nicht Ursach, meine Zudringlichkeit zu bereuen, denn sie wurde von diesem offnen, zutrauungsvollen Voͤlkchen nicht dafuͤr gehalten. Erst spaͤt in der Nacht kehrte ich, uͤber den Rest des Moͤnch- berges, durch seine angenehmen Waͤldchen, vor dem Johannisschloͤßchen vorbey, dessen Mauern und Thuͤrme der Mond romantisch beleuchtete, bald neben Hoͤfen und Meyereyen, bald neben Felsen hin, die mit Gestraͤuch be- wachsen waren, bald durch finstre Hohlwege, bald uͤber ausgehauene Stufen hinunter mit B 2 meinen neuen Bekanntschaften nach der Stadt zuruͤck. Diesen Morgen war ich fruͤh auf und im Freyen. Der gestrige Nachmittag und Abend hatten mir die Gegend um Salzburg zu lieb gemacht, als daß ich sie nicht auch von andern Standpunkten noch zu uͤbersehen haͤtte wuͤn- schen sollen. Mein Augenmerk war auf den Kapuzinerberg gerichtet, den ich schon gestern bestiegen haben wuͤrde, wenn die Zeit nicht zu kurz gewesen waͤre. Meinen Weg dahin nahm ich uͤber den Markt, vor dem Rathhause vorbey, uͤber die Bruͤcke, nach der entgegen gesetzten Haͤlfte der Stadt, die zum Theil an dem Fuße des Ka- puzinerberges gelagert ist. Ich ging durch das Kloster dieser Vaͤter hinein. Eine weit- laͤuftige Anlage, in der ich aber nichts Merk- wuͤrdiges fand, da ich ihr gewoͤhnliches Schild (das roth angestrichene Kreuz, mit quer daruͤber gelegter Lanze des Landsknechts, und der Stange mit dem Schwamme) das sich mir in zwey oder drey Exemplaren darbot, so wie die Fi- gur des heiligen Franciskus, den sie statt ei- ner Wetterfahne auf ihren Kirchthurm gesetzt, und dessen Thaten, die sie in einer Reihe von kleinen Kapellen abscheulich hatten malen las- sen, nicht zu den merkwuͤrdigen Dingen rech- nen mag. Ein weitlaͤuftiger Garten umgiebt das ganze Kloster, und nimmt einen Theil des Berges ein. Er ist mit einer Mauer eingeschlossen, die man aus der Ferne zwischen dem Waldigt hervorragen sieht. Außer der koͤstlichen Aus- sicht uͤber die Stadt und uͤber die Salza und ihre Ufer hinauf und herunter, hat dieser Gar- ten keine Anlagen, die ihn auszeichneten. Den uͤbrigen Theil des Berges nehmen Waldungen ein. Ich gelangte in dieselben auf einem Fahr- wege, der neben der Klostermauer hinan durch ein Thor fuͤhrte, das geschlossen war, doch ohne Umstaͤnde geoͤffnet wurde, als ich anpo- chen ließ. Es zeigten sich mehrere Wege fuͤr Fußgaͤnger und Fahrende, die, nach allen Sei- ten, den Wald durchschnitten. Ich waͤhlte den, der nach dem Gipfel fuͤhrte, und auf diesem ward ich fuͤr meine etwas beschwerliche Reise abermals durch eine Aussicht belohnt, die zwar keine ganz neuen Gegenstaͤnde, aber doch die vorigen, mit einer veraͤnderten Ordnung und Mannigfaltigkeit, darbot. Eine Strecke abwaͤrts von dem Gipfel fand ich, an dem steilen, felsigten Abhange des Berges, ein Ueberbleibsel von der aͤltern Kriegsbaukunst. Es ist eine Art von fester Burg, zu der, uͤber ei- nen Graben, eine Zugbruͤcke fuͤhrt. Sie heißt das Franciskus-Schloͤßchen , hat aber laͤngst aufgehoͤrt, oder vielmehr nie angefangen, ihre Bestimmung zu erfuͤllen. Diese sollte, nach einer Inschrift uͤber dem Thore, seyn: nicht nur die Stadt, sondern auch die ganze Nachbarschaft, vor Gefahr zu sichern und sie durch einen ewigern Frieden ( pace aeterni- ore ) zu decken. Ihre ganze gegenwaͤrtige Be- satzung ist ein alter, lebenssatter Kriegs- mann. Ich stieg den Berg auf dem Wege, den ich gekommen war, wieder hinab. Von oben hatte ich die zweyte Haͤlfte der Stadt uͤberse- hen. Sie zieht sich, von dem Fuße des Ka- puzinerberges, laͤngs dem rechten Ufer der Salza, bis nach dem fuͤrstlichen Sommersitz Mira- belle hin, und bildet ein fast regelmaͤßiges Dreyeck. Diejenige Seite desselben, die nach dem Ginglthale steht, ist mit einer Reihe von Festungswerken eingefaßt, die bey dem Rupertsthore anheben, sich um den gedachten Sommerpallast bis an die Salza herumziehen und dort in eine Spitze endigen. Mirabelle, einige ansehnliche Pallaͤste, einige Kirchen, und mehrere gute Buͤrgerhaͤuser fuͤllen das erwaͤhnte Dreyeck, und luden mich ein, meinen Mor- genausflug mit einer Musterung derselben zu beschließen. Ich stieg zum Eingange der Linzer Straße hinab und hatte zur Linken die St. Andreas - Kirche neben mir. Ihr Aeußeres faͤllt nicht in die Augen, weil es ihr an einem schoͤnen Thurme fehlt, und weil ihr Standplatz einge- klemmt, und ihre Vorderseite fuͤr ihre Hoͤhe zu breit ist. Diese Vorderseite hat oben auf einem ausgeschweiften Fronton ein Kreuz und an beyden Seiten Vasen; weiter unten ein großes Uhrblatt, unter diesem eine marmorne Bildsaͤule des heiligen Andreas, von mittelmaͤs- siger Arbeit, in einer Blende aufgestellt; und unter dieser den mit Marmor umgefaßten und verzierten Eingang der Kirche, an dessen bey- den Seiten sich hohe Fenster erheben. Das Innere ist nicht von Umfang und nur sparsam beleuchtet. Ihre Decke ist mit Auftritten aus der Geschichte des heiligen Andreas, pfuscher- haft genug, bemalt; und nicht besser sind die wenigen Schnitz- und Bildhauerwerke, die man an den Altaͤren sieht, von ihren Verfer- tigern ausgefuͤhrt. Mit einem Worte: man wendet nur Einmal zehn Minuten an den Ueberblick dieser Kirche. Ich trat in die Linzer Straße zuruͤck und stieg dieselbe hinauf bis zur St. Sebastians- Kirche , die in einem weit bessern Geschmack erbauet, groͤßer und in die Augen fallender ist. Ein weißmarmornes Portal umschließt den Haupteingang und traͤgt ein Giebelfeld, in dessen Mitte das Brustbild des heiligen Seba- stian, ebenfalls weißmarmorn, aufgestellt ist. Die Vorderseite hat außerdem noch hohe Fen- ster, zwischen denen jonische Wandpfeiler em- porstehen, die den Dachkranz unterstuͤtzen. Das Innere der Kirche uͤberraschte mich durch seine Einfalt und schoͤne Beleuchtung. Keine Saͤulenstellung thut dem Lichte, das durch acht hohe Fenster an den Seiten und durch eben so viel runde, von oben herab, reichlich hereinstroͤmt, Abbruch; und die schoͤn gewoͤlbte Decke, die mit einer himmlischen Herrlichkeit bemahlt ist, wird von roͤmischen Wandpfeilern getragen, die man aber, ganz unnoͤthiger Weise, mit gruͤner Farbe angestri- chen hat. Am Hochaltar ist St. Sebastians Abloͤsung von dem Baume, woran er den Pfeilen seiner Verfolger bloß stand; von eben dem Kuͤnstler, Paul Troger Ein neuerer Kuͤnstler aus Bayern, der außer der Malerey, auch die Kunst, in Elfenbein zu schnitzen, mit großer Geschicklichkeit trieb. Beweise davon fin- det man zu Muͤnchen, wo mehrere nach Antiken geschnittene Arbeiten von ihm aufbewahrt werden. der das Deckenstuͤck verfertigte, in einem guten Ge- schmacke dargestellt. Die Gemaͤlde an den Neben- altaͤren sind nicht von Bedeutung. Die Kan- zel ist vergoldet und gut gearbeitet. Das Pfla- ster der Kirche bilden roth- und weißmar- morne Platten. Eine Merkwuͤrdigkeit aus der Geschichte der Philosophie, Scheidekunst, und Arzneyge- lehrtheit, besitzt diese Kirche an dem Denk- male des Theophrastus Paracelsus . Eine andere Erinnerung an ihn befindet sich an dem Eckhause linker Hand beym Eintritt in die Lin- Es ist eine auf drey Kugeln und einem Fuß- gestell ruhende, stumpfe Pyramide, die wenn man zur hintern Thuͤr der Kirche nach dem Kirchhofe hinaus geht, sogleich in die Augen faͤllt. Sie ist von weißem Marmor, und das Brustbild des Paracelsus in Moͤnchstracht, schwarz gemalt, befindet sich in der Mitte der- selben. Darunter und daruͤber stehen lateini- sche Inschriften, welche anzeigen, daß hier Bildniß und Gebeine des Paracelsus, der durch sein chemisches Gold so großen Ruhm erlangt habe, aufbewahrt werden. Auf dem Fußgestell ist noch eine dritte lateinische In- schrift, und eine vierte, auf einer schwarzen Tafel in der Wand daneben. Diese letztre ist, der Unkundigen wegen in deutscher Sprache und damit ist recht sorgfaͤltig dahin gesehen, daß das Andenken des „insignis medicinae doctoris, qui (nach dieser Inschrift) dira illa vulnera, lepram, podagram, hydropisin, zer Gasse. Es ist sein Bildniß, mit folgender Un- terschrift begleitet: Philippus Theophrastus Para- celsus von Hohenheim, gebohren zu Einsidln anno 1493, starb in diesem Hause anno 1541. aliaque insanabilia corporis contagia miri- fica arte sustulit“ — bey allen Gattungen von Menschen erhalten werde. Der Kirchhof von St. Sebastian ist viel- leicht einzig in seiner Art, und wird jedem, der auch nicht Empfindsamer oder Herrenhuter ist, gefallen. Er bildet ziemlich ein Viereck, das uͤber zwey hundert Schuh breit und uͤber zwey hundert und funfzig lang ist und dessen vier Seiten von Mauern und bedeckten Gaͤn- gen, die auf Bogenstellungen ruhen, mit Flie- sen gepflastert und mit einem Dache bedeckt sind, eingeschlossen werden. Unter demselben befinden sich eine Menge Familiengruͤfte die zum Theil sehr anstaͤndig, zum Theil fast praͤchtig sind. Die darin aufgestellten Denkmale sind meist alle von Marmor, aber Arbeit und Geschmack derselben sehr ungleichartig. Eben so die Inschriften, die mehr oder weniger altmodisch, laͤcherlich, ge- fuͤhl- und geschmacklos, oder neumodisch, natuͤr- lich und ruͤhrend ausfallen. Ich setze von jeder Gattung eine hieher: 1. Franz Ritter, Hofrath und Cammerprocurator. Wieder diesen unvergleichlichen Juristen hat der hinter- listige Todt am 24 July 1698 im 45sten Jahr sei- nes Alters die Clag zwarn behauptet; es wuͤrdet aber in dem goͤttlichen Reviforio deme fuͤr den zeitlichen Verlurst hoffentlich der ewige Gewinn all- bereith zuerkannt seyn, dafern er jedoch eben nicht voͤllig auslangt, verhelffe Du ihme mit andaͤchtigem Gebet zu besseren Behelffen. 2. Hier ruht die Huͤlle des tugendhaften, besten Maͤdchens, Mariannens , die der Tod in ihrem 22sten Lebens- jahre, den, uͤber diesen Verlust innigst betruͤbten Eltern, Joh. Bern. Zezi, Handelsmanne, und Maria Anna geb. Polis ach, viel zu fruͤh! entrissen hat, und die nur die Hoffnung, dort oben sie wieder zu sehen, daruͤber troͤsten kann. MDCCLXXXVIII. d. 3. Nov. Außer den Bild- hauereyen, die sich aber meist auf Pyramiden, Engel, Basreliefs mit biblischen Geschichten, Todtengerippe ꝛc. einschraͤnken, sieht man auch einige Gemaͤlde, worunter zwey oder drey sich wirklich uͤber das Mittelmaͤßige erheben. In der Mitte dieses Kirchhofes steht sein artiges Bethaus, und der freye Raum um dasselbe ist mit Graͤbern gemeiner — Todten bedeckt, die ein mehr oder weniger einfaches Kreutz bezeichnet. Ich ging durch die Kirche in die Linzer Gasse zuruͤck und kam von da, dem steinernen Auftritte zum vorhin erwaͤhnten Kapuzinerklo- ster gegenuͤber, durch ein enges Gaͤßchen, an der linken Seite einer der praͤchtigsten Anlagen in Salzburg vorbey, auf den Dreyfaltig- keitsplatz , der freylich nur so groß seyn kann, als ihn die gepreßte Lage der Stadt gewaͤhret, der aber mit manchem ansehnlichen und einem wirklich fuͤrstlichen Gebaͤude besetzt ist. Man koͤnnte Letzteres den Dreyfaltigkeitspallast nen- nen. Es ist eine viereckigte Anlage, die zwey Erziehungs- und Lehranstalten und eine praͤch- tige Kirche einschließt. Der Anblick des Gan- zen uͤberraschte mich sehr angenehm, denn Ge- schmack, Leichtigkeit und Heiterkeit stellten sich mir in einer musterhaften Verbindung dar. Die Vorderseite ist in der That praͤchtig. Die Mitte derselben nehmen der geraͤumige Auftritt zur Dreyfaltigkeitskirche , deren Portal und Kuppel und beyde Thuͤrme ein; von die- ser Mitte laufen zur Rechten und Linken zwey schloßmaͤßige Fluͤgel aus, die sich beyde auf den Ecken mit geschmackvollen Vorspruͤngen schlies- sen und aus einem Erdgeschosse und einem er- habenen Stocke bestehen, den abwechselnd hohe, einfach eingefaßte Fenster und marmorne Wand- pfeiler verzieren. Auf den gedachten Vorspruͤn- gen sind lateinische Inschriften angebracht, welche die Bestimmung jedes Fluͤgels anzeigen; der rechte naͤmlich ist das „Collegium Presbyte- rorum et Alumnorum,“ im gemeinen Leben das Priesterhaus , und der linke das „Collegium Convictorum Virgilianorum,“ gemeinhin das Virgilianische Kollegium ge- nannt. Das Innere dieser beyden Fluͤgel, die ins Gevierte angelegt sind, entspricht ihrem Aeus- sern. Treppen, Umlaͤufe, Wohnzimmer und Saͤle sind geraͤumig, gut beleuchtet und bequem. Das Innere der Kirche ist ihres Aeußern nicht minder wuͤrdig, ist heiter, frey ausgespannt, nicht uͤberladen. Hervorstehende Werke der Bildhauerey und Malerey sind mir indeß darin nicht vorgekommen, wohl aber ein hoͤchst ge- schmackloses, naͤmlich ein ungeheures hoͤlzernes vergoldetes Herz, mit einer ansehnlichen Thuͤr in der Mitte, das, zur Verwahrung des Hoch- wuͤrdigen, im Hauptaltare angebracht ist, das aber, wie man hoffen laͤßt Hr. Huͤbner in seiner Beschr. von Salzburg, I, 367. bald weggeschafft werden duͤrfte. Uebrigens ist nur eine der beyden Lehran- stalten, fuͤr die dies große Gebaͤude bestimmt ist, in Bluͤthe, naͤmlich das Alumnat; in dem andern, dem Virgilianischen Kollegium, sind nur drey Zoͤglinge vorhanden. Das Alumnat oder das Priesterhaus hat besonders den Zweck, taugliche Religionslehrer und Seelsorger zu ziehen. Es ist schon seit 1916 1616 thaͤtig, hat aber mancherley Verpflan- zungen von einem Orte zum andern erlebt, eh' es hier seinen festen Sitz erhielt. In Absicht seiner innern Einrichtung blieb viel zu verbes- sern uͤbrig, und es war dem gegenwaͤrtigen aufgeklaͤrten Fuͤrsten, wie so vieles andere auf- behalten, auch hier seine umschaffende Hand anzulegen. Der Unterricht erhielt eine bessere Gestalt, uͤber die Sittlichkeit wurde sorgfaͤlti- ger gewacht, und die wirthschaftliche Einrich- tung ward auf bessern Fuß gesetzt. Der Zoͤg- linge und Lehrer sind jetzt gegen funfzig. Nur der kann Priester werden, der in diesem Alumnat seinen Lehrlauf gemacht hat. Die Virgilianische Anstalt ist eigentlich fuͤr sechs junge Edelleute bestimmt, die in den Wissenschaften und in den Kuͤnsten der feinen Welt, im Tanzen, Reiten, Fechten, Zeichnen ꝛc. unterrichtet werden sollten; aber die Grund- summe derselben ist entweder so nachlaͤßig ver- waltet oder durch ungluͤckliche Zufaͤlle so zu- sammen gefallen, daß nur noch drey junge Sechstes Heft. C Leute unterhalten werden koͤnnen. Um das Haus einigermaßen zu fuͤllen, hat der jetzige Fuͤrst die Edelknaben mit ihrem Aufseher und ihren Lehrern hieher versetzt, und er zahlt fuͤr sie an die Anstalt ein gewisses Kostgeld. Dem Dreyfaltigkeits-Gebaͤude gegenuͤber, steht noch ein großes Haus, das eine wohlthaͤ- tige Anstalt einschließt; es ist ein oͤffentliches Leihhaus , wo Arme gegen maͤßige Zinsen in der Noth Huͤlfe finden koͤnnen. Eine vierte Anstalt, die Marianische , die ebenfalls in der Naͤhe ist, und deren ich nirgend eine aͤhnliche gefunden habe, beschaͤftigt sich damit, junge Leute ausschließend fuͤr die Geschaͤfte zu bilden. Sie wurde schon im Jahre 1645 von dem Erzbischof Paris Lodron gestiftet, und hat dem Lande viel brauchbare Maͤnner geliefert. Die Zoͤglinge haben alles so lange frey, bis sie eine Stelle erhalten. In der Wahl dieser Stellen sind sie nicht gebunden, nur Moͤnche duͤrfen sie nicht werden, das waͤre ganz gegen den Geist der Stiftung. Die Zahl der Zoͤglinge war an- fangs nur acht, jetzt kann man, da die dazu angelegten Gelder sorgfaͤltig sind verwaltet worden, ihrer zwoͤlf unterhalten. Der Lodron'sche Primogenitur- Pallast ist noch ein merkwuͤrdiges Gebaͤude auf dem Dreiyfaltigkeitsplatze; nur ist der un- ebene Boden, worauf es angelegt ist, demsel- ben nicht recht guͤnstig gewesen und es bietet dem Auge kein regelmaͤßiges Ganzes dar. Von demselben gelangt man, durch einen Bogen, auf den Mirabellplatz , den man sich aber, aus oben angefuͤhrtem Grunde, we- nig geraͤumiger denken muß, als eine Straße in einer andern Stadt. Indessen ist er mit einigen ansehnlichen Gebaͤuden besetzt. Wenn man auf denselben tritt, hat man den Lodron- schen Sekundogenitur-Pallast neben sich, ein betraͤchtliches Gebaͤude, das sich aber mehr durch Festigkeit und Gruͤndlichkeit, als durch Geschmack und Leichtigkeit auszeichnet; ferner die sogenannte Schrame , eine Korn- C 2 niederlage; ferner das Stallgebaͤude der Fuͤrst- lichen Karabiniers und das Stadtkommandan- ten Haus; und endlich, am Ende des Platzes, das Sommerschloß Mirabelle selbst. Dieses war, schon vom Kapuzinerberge herab, mein Augenmerk gewesen, und in dem daran stoßen- den artigen Garten wollte ich mich von mei- ner Morgenreise erholen. Die Vorderseite von Mirabelle thut eine ganz angenehme Wirkung. Pracht, Glanz und Umfang erwartet man ohnehin von einem Pallaste mit dieser Bestimmung nicht. Ein Mittelgebaͤude, mit einem Thurme, zwey daran stoßende in Pavillons sich endigende groͤßere Fluͤgel, und zwey andere niedrigere, die sich, etwas ungehoͤrig, wiederum an diese lehnen, bilden die Vorderseite. Der Eingang in den innern Hof ist gewoͤlbt und dreyfach: der mitt- lere ist fuͤr Wagen, und die beyden andern an dessen Seite sind fuͤr Fußgaͤnger. Der Hof ist ins Gevierte mit drey und vier Geschoß hohen Fluͤgeln ausgebauet. Wenn man hinein tritt, steht einem die innerste Facade entgegen, und sie ist in der That uͤberaus gefaͤllig, ein- fach und leicht. In diesem Hofe ist auch der Eingang zu den Zimmern und Saͤlen des Pal- lastes, die groͤßtentheils heiter, geraͤumig, und, wie die Umlaͤufe und Treppen, mit Gypsar- beiten, mit Bildsaͤulen, Schnitzwerk und De- ckenstuͤcken verziert sind, unter denen ich aber nichts als Kunstwerk Ausgezeichnetes gesehen habe. Einen fast goldenen Speisesaal zeigte mir mein Fuͤhrer mit großer Wohlgefaͤlligkeit; uͤber eine marmorne Treppe aber, die ich in der That fuͤr das beste Werk in dieser Anlage halte, war er hinauf geeilt, als ob er sie nicht gesehen haͤtte. Daß in diesem Pallast eine Kapelle seyn muͤsse, versteht sich schon von selbst. Sie be- findet sich in einem der Pavillons, deren ich vorhin erwaͤhnt habe, und zwar in dem zur Rechten, und ist im Ganzen ein artiges klei- nes Werk. Mit diesen beyden Worten kann ich auch den Garten hinter Mirabelle beschreiben. Er soll nur neun hundert Schuh lang und sechs- hundert breit seyn, aber er schließt in diesem Raume einen Reichthum von niedlichen Anla- gen, als Waͤldchen, Blenden, Gitterwerke, Springbrunnen, gewoͤlbte Baumgaͤnge, Blu- menbeete, Terrassen ꝛc. und außer diesen eine schoͤne Sammlung von Suͤdfruͤchten, auch Kunstgefaͤße, Bildsaͤulen und dergl. in Menge ein. Die guͤnstige Lage des Gartens koͤmmt dem allen sehr zu Huͤlfe. Er liegt nahe an der Salza, ist aber mehrere Fuß hoch uͤber ihr Bette erhaben. Wenn man die Terrasse besteigt, die an der rechten Seite hinlaͤuft, so uͤberblickt man, unter dem Schatten von aller- ley Lust- und Fruchtbaͤumen, die Salza, die andre Haͤlfte der Stadt, den Moͤnchberg, die Festung, und noch einen Theil der umliegenden Gegenden zur Rechten. Ich fand ein ange- nehmes Plaͤtzchen hier und verließ es unter einer Stunde nicht wieder. Bey der Ruͤckkehr nach meiner Wohnung sah ich noch eine Pfer- deschwemme mit fluͤchtigen Augen an, die ich vorhin auf dem Mirabellplatz uͤbersehen hatte, und das Christkind in dem Lorettokloster, nicht weit von da, das so unglaubliche Wunder ge- than hat, ließ ich — zur Linken. Den Nachmittag verwandte ich auf die Besichtigung der Merkwuͤrdigkeiten in meiner Nachbarschaft. Da ich in dem Gasthofe „ zum goldnen Schiffe ,“ der auf dem Hofplatze liegt, meine Wohnung genommen hatte, so war ich von dem Fuͤrstlichen Residenz- schlosse , von der Domkirche , dem praͤch- tigen Springbrunnen , den fuͤrstlichen Stallgebaͤuden , dem Neuen Thore und von der Universitaͤt und ihrer Kirche nur wenige Schritte entfernt. Ich nahm aber das Weiteste zuerst, um, fast vor der Thuͤr meines Gasthofes, meinen Lauf zu endigen. Kaum erwartet man in der Hofhaltung eines geistlichen Fuͤrsten solch eine stattliche Sammlung von Pferden. Zwar sind sie nicht alle da, um von ihm gebraucht zu werden; denn bey seiner Abneigung gegen alle persoͤnli- che Pracht haͤtte er an einem Gala-Gespann, und an zwey oder vier Jagdkleppern vollkom- men genug; aber sein Vorfahr hinterließ ihm einmal einen reichen Stallvorrath mit den dazu gehoͤrigen praͤchtigen Gebaͤuden, die aͤltere Erz- bischoͤfe errichteten; und man zieht ungern einen Zweig der Hofausgaben ein, wenn alte Die- ner und ihre Kinder dadurch brotlos zu wer- den in Gefahr sind. Der Fuͤrstliche Marstall ist ein langes Ge- baͤude, das von außen gut in die Augen faͤllt, und von innen fuͤr seine Bestimmung sehr be- quem, ja fast glaͤnzend eingerichtet ist. An der Vorderseite hat es drey Geschoß, und zwey große Thore von weißem Marmor, deren ei- nes aber ein Blindthor ist, verzieren es. Ein drittes ist an der Seite nach dem neuen Thore zu, und dies ist mit Bildhauereyen aller Art, in neuerm Geschmacke, reichlich aufgeputzt. Durch dieses kam ich in den langen, sehr ge- raͤumigen, sehr reinlich gehaltenen, Stall selbst, in welchem, auf beyden Seiten, eine gute An- zahl von Merkwuͤrdigkeiten fuͤr bessere Kenner, als ich bin, auf vier Fuͤßen standen. Die Pferdestaͤnde, anderthalb hundert an der Zahl, sind an den Seiten mit Saͤulen eingefaßt und die Mulden der Pferde aus weißem Marmor gehauen. Mitten durch den Stall ist ein le- bendiges Wasser gefuͤhrt, das zur Saͤuberung der Staͤnde und Reinhaltung der Luft gute Dienste thut. An diesen großen Stall stoͤßt ein kleinerer, der Tummelstall , in welchem sich die Schul- pferde befinden; und weiterhin ein dritter, der Krankenstall . Der Raum oberhalb der Stallgebaͤude, wird zur Niederlage des Futters und anderer Beduͤrfnisse benutzt. An und um dieselben sind die Wohnungen der Stallaufse- her und Stallbedienten. Eine Sommerreit- schule im Freyen, und eine Winterreit- schule , welche vermacht ist und geheitzt werden kann, sind, beyde mit Aufwand und mit einer Art von Geschmack ausgefuͤhrt, auch vorhan- den. In der Naͤhe ist eine mit Bildhauereyen verzierte Pferdeschwemme und zwar mehr am rechten Orte zum Gebrauch und zur Zierde, als vor einem Sommerpallaste, oder gar vor einer Domprobstey. Vor letzterer befindet sich in der That die dritte, mit Aufwand ange- legte, Schwemme, und die harmlosen Salz- burger nennen sie, die — Kapitelschwemme . Nahe bey dem erwaͤhnten großen Stallge- baͤude ist das Neue Thor , auch das Sieg- mundsthor genannt: eine anziehende und merkwuͤrdige Anlage; eine Art von Posilip- pohoͤhle im Kleinen. Man hatte, so weit der Schloß- und Moͤnchberg diese Seite der Stadt einschließen, kein Thor anbringen koͤn- nen, und einen Durchschlag zu machen, daran hatte man entweder nicht gedacht, oder ihn zu schwer oder zu kostbar gefunden. Indessen war ein Steinbruch an der Stelle, wo jetzt das Thor durch gehauen ist. Dieser Umstand brachte den vorigen Erzbischof Siegmund , aus dem Hause Schrattenbach , vermuthlich zuerst auf den Gedanken, hier, wo ohnehin der Ruͤk- ken des Moͤnchberges am schmalsten war, ein Thor durchsprengen zu lassen. Das Werk ward im Jahre 1765 angefangen, und 1767 war der Durchbruch, trotz Gefahren und Schwierigkei- ten, schon vorlaͤufig gemacht. Jener Fuͤrst starb aber uͤber der Vollendung, und das Ganze wurde erst unter dem jetzt regierenden, im Jahre 1774, fertig. Hr. Huͤbner giebt die Summe der darauf gewandten Kosten zu 116665 Gulden, 12 Kreutzer, 2 Pfennig; die Laͤnge des Durchbruchs zu 415, die Breite zu 22, und die Hoͤhe zu 39 Schuh, an. Er ist durch- aus licht, geraͤumig, doch nicht ganz gerade, auch nicht ganz gefahrlos. Die Steinart, durch die er geht, ist ein ziemlich locker zu- sammen hangendes Sandsteingemenge, das an den Seiten, und an der halbzirkelfoͤrmig aus- gehauenen Decke sich in breiten Tafeln abloͤset und von Zeit zu Zeit zersplittert herabfaͤllt: eine Unbequemlichkeit, die man haͤtte vermeiden koͤnnen, wenn man dem Beyspiele der Alten gefolgt waͤre, welche die Hoͤhle von Posilippo in spitzer Woͤlbung durch einen nicht haͤrtern Felsen trieben und damit dessen Decke zugleich stuͤtzten. Uebrigens ist der Ein- und Ausgang dieses Thores mit einer riesenhaften Bildsaͤule des heiligen Siegmund, mit Waffenruͤstungen, Fahnen, Kanonen, Medusenkoͤpfen, Pyrami- den und mit einem Brustbilde des Erbauers, unter dem die artige Inschrift: „ Te Saxa loquuntur “ stehet, in einem guten Geschmacke verziert. Von dem Neuen Thore wandte ich mich zu dem Universitaͤtsgebaͤude, das mehr durch seinen Umfang, als durch Geschmack und Pracht auffaͤllt, dessen Inneres aber mit hinlaͤnglichem Raum und allen erforderlichen Bequemlichkei- ten, an Wohnzimmern, und Hoͤr- und Ver- sammlungssaͤlen, auch mit einem Garten ver- sehen ist. Die dazu gehoͤrige Kirche, die wohl den vierten Theil des Umfangs einnehmen mag, ist, ihrem Aeußern und Innern nach, archi- tektonisch merkwuͤrdiger, und gehoͤrt zu den groͤßesten und besten in Salzburg. Die Universitaͤt hat jetzt nur drey Fakultaͤ- ten. S. Huͤbners Beschreibung von Salzburg. Th. I. S. 80. fg. Th. II. 506. fg. Die Medicinische hat nicht gedeihen wollen. Die Einrichtung ist noch fast ganz vom aͤltesten Schlage. Es mangelt ihr uͤbri- gens nicht an geschickten Lehrern, die aber ziemlich sparsam besoldet sind. Die obern Wuͤrden an dieser Universitaͤt, z. B. die Rek- tor- Prokanzler- Dekan- und Bibliothekarstel- len tragen gar nichts ein. Uebrigens ist noch ein Gymnasium mit der Universitaͤt verbunden. An der Kirche und dem Hause der Fran- ciskaner vorbey, gelangte ich auf den Dom- platz , ein enges laͤnglich viereckigtes Lokal, das von dem Stirnaufrisse der Domkirche, dem einen Fluͤgel des Fuͤrstlichen Residenzschlosses und andern dazu gehoͤrigen Gebaͤuden einge- schlossen wird. Auf demselben ist der unbefleck- ten Jungfrau ein großes, ziemlich zusammen gesetztes, Denkmal errichtet. Die Hauptbild- saͤule ist Maria selbst, zwoͤlf Fuß hoch, aus bleyfaͤrbigem Metall gegossen. Wolken von aͤhnlichem Erz umschweben die Weltkugel, wo- rauf sie steht, und an deren beyden Seiten sich Engel befinden, deren Einer auf den unter ihm liegenden Satan einen Blitz herab schleu- dert. Ein hohes, weißmarmornes Fußgestell traͤgt diese Gruppe, die von den Bruͤdern Ha- genauer , gebornen Salzburgern, mit viel Geschmack und Leichtigkeit ausgefuͤhrt ist. Der Platz ist uͤbrigens zu enge und es ist, bey der Hoͤhe seiner Umgebungen, etwas grubenartiges in seiner Ansicht, daß diesem Kunstwerke die noͤthige Ausdehnung raubt. Die Facade mit dem Haupteingange der Domkirche, ist dieser Bildsaͤule ebenfalls zu nahe, als daß sie nicht von ihr uͤberblendet werden sollte; so wie sie wiederum, obgleich man sie so weit abgeruͤckt hat, als moͤglich war, den vollen Anblick dieser Facade, nicht gerade verhindert, aber doch sehr beengt. Letz- tere ist in der That so praͤchtig und geschmack- voll, daß sie einen geraͤumigern Standpunkt verdiente; und ihren jetzigen koͤnnte man schon dadurch verbessern, wenn der gegenwaͤrtige oder kuͤnftige Fuͤrst eine kleine Bequemlichkeit auf- opfern und die beyden bedeckten Gaͤnge, die aus der Residenz in den Dom fuͤhren, abbrechen lassen wollte, wodurch dies wirklich in großer Art ausgefuͤhrte Gebaͤude einen ganz freyen Standplatz erhalten wuͤrde. Das Innere ist etwas dunkel, bietet aber vortrefflich berechnete, reine Verhaͤltnisse dem Auge dar. Ein natuͤrlicher Beweis davon ist der, daß es sich lange in den Hoͤhen erhaͤlt, und mit Wohlgefallen Laͤnge und Breite durch- mißt, ohne zu ermuͤden, ohne unstaͤt und zer- streut zu werden. Auch sind die unentbehrli- chen Verzierungen und Anlagen einer großen Kirche zu ebener Erde mit viel Weisheit an- gebracht und vertheilt, entsprechen ganz dem einfaltsvollen Charakter des Ganzen und sind auch als Werke der Bildhauerey, der Malerey und anderer Kuͤnste, nicht mittelmaͤßig. Ich kam endlich auf den Hofplatz zuruͤck, der auch der Haupt - und Residenz-Platz genannt wird, weil er der groͤßeste Platz in Salzburg ist, und weil ein Fluͤgel der Residenz ihn auf der einen Seite umgiebt. Wenn man vom Domplatz her auf denselben tritt, so hat man rechts die Langseite des Doms und den Neubau , links den gedachten Fluͤgel der Re- sidenz mit deren Haupteingang, und vor sich mehrere ansehnliche Buͤrgerhaͤuser. Ein schoͤ- ner Springbrunnen steht im Mittelpunkte die- ses Platzes, der etwas uͤber vierhundert Schuh lang und uͤber zwey hundert und funfzig breit ist. Derjenige Theil des Residenzschlosses, der an diesen Platz stoͤßt, faͤllt am besten in die Augen, denn da das Ganze nicht auf einmal und nach einem Plane gebauet ist, so stellt es sich theilweise besser oder schlechter dar, je nach- nachdem der Geschmack des Bauherrn oder des Baumeisters war. Saͤmmtliche dazu gehoͤrige Gebaͤude, die einen großen Raum einnehmen, bilden sonach ein unregelmaͤßiges Vieleck, das aus sehr ungleichen, hoͤhern und niedrigern, aͤltern und juͤngern, Theilen besteht, dem Auge zwar keinen Ueberblick des Ganzen erlaubt, aber ihm doch in Ruͤcksicht der Bauart auch keinen Anstoß giebt. Diese ist durchaus einfach, und ziemlich leicht und gefaͤllig. Derjenige Theil dieses Lokals, den der Fuͤrst bewohnt, ist ein laͤngliches Viereck und hat seinen Haupteingang auf dem Hofplatze. Hier hat dessen Vorderseite gegen hundert Schritt in die Laͤnge, und außer einem baͤurischen, hervorragenden Kellergeschosse zu ebener Erde und einem Halbgeschosse unter dem Dache, noch drey andre, von maͤßiger Hoͤhe, mit ein- fach eingefaßten, viereckigten Fenstern, deren Zwischenwaͤnde ohne alle Verzierungen sind. Das Innere dieses Theiles ist geraͤumig und heiter, schließt drey bis vier ansehnliche Saͤle, Sechstes Heft. D mehrere Folgen guter Zimmer, Wohnungen fuͤr Hofbeamte, die geheime Kanzley, das ge- heime Archiv ꝛc. ein. Die Wohnungen des Fuͤrsten sind in dem Fluͤgel, der nach dem Markte sieht. Ich haͤtte sie, aus begreiflichen Ursachen, lieber, als alles uͤbrige im Schlosse, gesehen, aber der Fuͤrst huͤtete seit einigen Ta- gen aus Unpaͤßlichkeit das Zimmer. Hr. Huͤb- ner giebt indessen eine genaue Beschreibung davon, die ich ihm fuͤr solche Leser abborgen will, in deren Haͤnde Buͤcher wie dieses eher fallen, als Buͤcher, die so muͤhsam und so verdienstlich sind, wie das seinige: Durch eine Seitenthuͤr gelangt man in die eigentlichen Wohnzimmer des Fuͤrsten. Das erste, wohin man unmittelbar aus dem Au- dienzsaale koͤmmt, ist das fuͤrstliche Arbeits- zimmer oder Kabinet . Hier sind die Waͤn- de mit sehr lebhaften Hautelisse-Tapeten be- kleidet, alle Schreib- und andere Tische, nebst den Sekretairen, von Mahagonyholz. Auf einem Tische, unter einem Truͤmeauspiegel, sieht man eine Uhr von Sarton , aus ver- goldeter Bronze und Alabaster zusammen gesetzt, nebst aͤhnlichen Vasen und Girandolen, und den Bildnissen Voltaire's und Rousseau's. Eine gleiche Uhr von demselben Meister steht auf einem andern Tische. An einer Wand haͤngt das Bildniß des Erzbischofs Harrach , dem die Residenz viel und betraͤchtliche Verbesserun- gen zu danken hat. Aus diesem Kabinet fuͤhrt eine Thuͤr links in das hochfuͤrstliche Schlaf- zimmer, und eine andre rechts in das Bibli- othek, und Schatull-Gemach; letzteres ist mit geschnitzten Wandverzierungen aus Holz, nach dem Geschmack aͤlterer Zeiten, bekleidet; hat uͤbrigens eine kleine Sammlung schoͤner Ge- maͤlde, einen Kamin von schwarzem Mar- mor und eine, mit einem Sopha verkleidete, Thuͤr, die in das Schlafzimmer fuͤhrt. Dieses ist ganz mit rothem Damast ausgeschlagen; die Vorhaͤnge der Fenster und des Bettes sind von demselben Damast. Ein horizontales, lan- ges Barometer befindet sich unmittelbar uͤber D 2 dem Bette des Fuͤrsten. Die Thuͤren sind alle von Holz; die eine fuͤhrt in die erzbischoͤfliche Kapelle, deren marmorner Altar einer Mut- ter Gottes geweiht ist; die zweyte, wie gesagt, in das Schatull-Gemach, und die dritte in eine schmale, etwas lange Galerie, die mit Gemaͤlden von ungleichem Werthe geziert ist und eine Decke mit schoͤnen Freskogemaͤlden hat. In der Mitte dieser Galerie befindet sich ein Kamin von schwarzem Marmor, und uͤber demselben in einer Blende eine Bildsaͤule des Antinous von Bronze, welcher zur Seiten zwey kleinere, Venus und Merkur, ebenfalls von Bronze und Denkmale des Alterthums, stehen. — — — Durch gedachte Galerie und eine ihrer Spiegelthuͤren ist der Eingang in den Gesellschaftssaal , den der jetzige Fuͤrst sehr praͤchtig moͤblirt hat — — Aus diesem Saale fuͤhrt eine Seitenthuͤr in dem so genannten Markus-Sittikus- Saal , der an Schoͤnheit der Stuckaturarbeit so wie an Architektur, ein Meisterstuͤck, und erst unter der jetzigen Regierung in gegen- waͤrtige unvergleichliche Gestalt ist gebracht wor- den ꝛc.“ Huͤbners Beschr. v. Salzb. Th. I. S. 167. fg. Der gedachten Hauptfacade der Residenz gegenuͤber, auf der andern Seite des Hofpla- tzes, liegt der sogenannte Neubau , ein be- traͤchtliches Viereck, dessen vier Stock hohe, mit einem Thurm versehene, Vorderseite sich uͤber drey hundert Schuh in die Laͤnge aus- dehnt. Die Inhaber der vornehmsten Hofaͤm- ter besitzen in dieser Anlage ihre Wohnungen, und mehrere fuͤrstliche Kollegien ihre Schreib- stuben und Versammlungssaͤle. Die Landschaft und ihr Archiv, die Hofbibliothek, die Hof- kammer und das Postamt haben auch darin ihre Stelle gefunden. Im Erdgeschosse des erwaͤhnten Thurmes ist die Hauptwache und in dessen zweyten Absatze ein hollaͤndisches Glockenspiel, dessen zerstuͤckelte, bald zu lang- same, bald zu schnelle Toͤne, den jaͤhrlichen Er- trag von drey tausend Gulden nicht werth sind, der zur Unterhaltung desselben ausgesetzt ist. Endlich beschloß die genauere Musterung des Hofbrunnens , der diesen Platz vor- treflich aufputzt, meine heutige, etwas starke Ausflucht. Dieser Springbrunnen ist einer der schoͤn- sten, und seiner Idee nach, einer der verstaͤn- digsten unter denen, die mir auf meinen Rei- sen vorgekommen sind. Ich habe deren zwey, des einen zu Lazienka bey Warschau, des an- dern in der Residenz zu Muͤnchen erwaͤhnt, denen unschickliche Gedanken zum Grunde lagen; diesem kann man dergleichen nicht zur Last le- gen, so wie uͤberhaupt auch an seiner Zeich- nung und Ausfuͤhrung nichts zu tadeln ist. Die Grundlage des Ganzen ist ein weites marmornes Becken. Ein rauhes Felsenstuͤck tritt aus dessen Mitte hervor, von vier Was- serpferden umgeben, die aus ganzen Marmor- bloͤcken vortrefflich gehauen sind, und aus Nuͤ- stern und Maul Wasser geben. Drey riesen- hafte Figuren, die, mit dem Ruͤcken gegen ein- ander, mit kuͤnstlich verschraͤnkten Fuͤßen, em- por gestreckten Armen und schwer belastetem Koͤrper, ohne alle Verzerrung und Ueberla- dung, da stehen, tragen eine runde Schaale vom schoͤnsten Verhaͤltnisse. In dieser Schaale sieht man eine Gruppe von Seefischen, die, auf emporgehobenen Schwaͤnzen, eine Muschel in die Hoͤhe halten, in welcher ein Triton sitzt, der aus seinem Horn einen acht Schuh hohen Wasserstrahl ausschießt, welcher in Tropfen auf die Muschel zuruͤck, aus dieser in die Schaale, und zuletzt aus dieser in das große Wasserbecken herab faͤllt. Saͤulensteine, die durch Ketten zusammen haugen, schließen das Ganze ein. Ich habe dieses, mit Leichtigkeit und Rich- tigkeit ausgefuͤhrte, Kunstwerk, wenn ich aus meinem Fenster sehe, vor mir, und mein Auge koͤmmt von dem Dom und der Residenz im- mer fort mit neuem Wohlgefallen auf dasselbe zuruͤck. Wenn ich morgen mit dem ersten Sonnenstrahl, der sich durch meine rothen Vor- haͤnge in einem Purpurstrom ergießt, wieder- um erwache, so wird das leise Rauschen und Plaͤtschern dieses Brunnens mir sein gefaͤlli- ges Bild zuerst vor das geistige Auge zaubern, und dann wird mir wahrscheinlich auch irgend ein altes Adagio des benachbarten Glocken- spiels auf dem Neubau sehr willkommen seyn. Ich habe heute die entferntern Theile der Stadt gemustert, naͤmlich die Vorstaͤdte, deren drey sind: Nonnthal, Muͤhlen, Stein . Man rieth mir zu einem Wagen, aber der Morgen war zu koͤstlich, als daß ich ihn nicht auf meinen Fuͤßen haͤtte genießen sollen; man rieth mir mit der Vorstadt Stein anzufan- gen, sodann uͤber die Bruͤcke zuruͤck zu fahren und die Vorstadt Muͤhlen zu besuchen; von da zuruͤck zu kommen und, vor meinem Gast- hof vorbey, vor das Kajetanerthor in die Vor- stadt Nonnthal zu fahren und zum Mit- tagessen zuruͤck zu seyn; aber außerdem, daß ich das Umkehren nicht sehr liebe, hatte mir Huͤbner , mein gedruckter Fuͤhrer, schon einen andern Reiselauf an die Hand gegeben. Ich wollte naͤmlich erst das Nonnthal besuchen, sodann im Schatten alter Kastanien die Som- merschloͤßchen in der Naͤhe, und namentlich Leopoldskrone , besuchen; von da, nach Ti- sche (wo ich diesen gedeckt, oder auf einem Rasenteppiche, finden wuͤrde, wußte ich noch nicht, aber ich verließ mich darin auf meinen Lohnbedienten, eine Art, die immer hungrig ist) um den Moͤnchberg von aussen herum, nach Muͤhlen ; und von da uͤber den Gries und die Bruͤcke nach der Vorstadt Stein hinuͤber wandern; mich dort erfrischen und so lange damit zubringen, bis ich, bey aufgehen- dem Monde, an dem Ufer der Salza, und uͤber deren Bruͤcke zuruͤck nach Hause gehen koͤnnte. Der Plan war uͤppig und wurde ausgefuͤhrt. Hier sind die Resultate: Die Vorstadt Nonnthal liegt unterhalb dem Nonn- und Schloßberge vor dem Kaje- tanerthore und hat nur Eine Straße, die zu- gleich die Landstraße nach Hallein ist. Die eigentlichen Haͤuser dieser Vorstadt nennt man das innere Nonnthal , die Lusthaͤuser, Sommersitze und Hoͤfe, die hinter derselben einzeln im Thale umher stehen, das aͤußere . Im innern Nonnthal ist die merkwuͤr- digste Anlage das Spital des Domkapitels mit der dazu gehoͤrigen Kirche. Es besteht aus zwey Fluͤgelgebaͤuden, die fuͤnf Geschoß hoch sind und in ihrer Mitte eine Kirche haben, welche von außen und innen zu den zierlichsten in Salzburg gehoͤrt. Die Anstalt ist fuͤr Maͤn- ner und fuͤr Weiber. Jedes Geschlecht wohnt in seinem besondern Fluͤgel; jede einzelne Per- son hat ihr eigenes Zimmer; doch muͤssen die Weiber in ihrem gemeinschaftlichen Saale zu- sammen arbeiten und essen, und die Maͤnner in dem ihrigen ebenfalls. Ehedem war diese Anstalt fuͤr alle Huͤlfsbeduͤrftige ohne Unter- schied, jetzt bloß fuͤr die abgelebte oder kranke, weibliche oder maͤnnliche, Dienerschaft des Domkapitels. Es ist auch ein Krankenhaus fuͤr eben diese Subjekte damit verbunden. Das Haus ist reinlich und die Verpflegung gut und sorgfaͤltig. Sehenswerth ist der Garten hinter demselben. Er laͤuft, in drey Absaͤtzen, die mit Werkstuͤcken untermauert sind, hinter den Gebaͤuden des Spitals hin, und ist als Kunst- Kuͤchen- und Lustgarten sorgfaͤltig an- gebauet und unterhalten, und mit lebendigem Wasser und mehreren artigen Lusthaͤuschen ver- sehen. Unter den Anlagen im aͤußern Nonnthale ist das Sommerschloß Leopoldskrone die anziehendste, ihrem Aeußern und Innern nach. Man naͤhert sich demselben auf einer dichten Allee von Kastanienbaͤumen, dergleichen noch drey andre von andern Seiten dahin fuͤhren. Ein laͤngliches Viereck von vier Stock, des- sen mittlerer Theil etwas hervorspringt, koͤmmt dem Auge mit einer gewissen Heiterkeit und Leichtigkeit entgegen. Die Waͤnde sind weiß und die Architekturzierrathen citronengelb ab- geputzt. Der Stirnaufriß ist zierlich und nicht im mindesten uͤberladen. Man geht durch eine Bogenlaube, die auf Arkaden ruhet und einen Austritt von weißem Marmor traͤgt, hinein, und koͤmmt in ein sehr elegantes Vorhaus, dessen Thuͤrstuͤcke und Kamine von feingeschlif- fenem rothen, und weiß und roth gesprenkel- ten, Marmor sind. Die Decke desselben ist gewoͤlbt, hellgruͤn uͤbermalt und mit sehr zar- ten Gypsgewinden verziert; die Treppen sind geraͤumig und haben Gelaͤnder von Marmor; mit einem Worte: es ist nichts gespart, um gleich bey dem Ein- und Auftritte dem Frem- den anzukuͤndigen, was er zu erwarten hat. Man thut nun keinen Schritt mehr, ohne auf Gemaͤlde zu stoßen, die mehr oder weni- ger Aufmerksamkeit verdienen; fast alle Zim- mer und Saͤle sind damit angefuͤllt, und es ist nicht zweifelhaft, daß der Vorrath dersel- ben mehr gekostet hat, als die ganze fuͤrstliche Anlage selbst. Besonders merkwuͤrdig ist ein großer Billardsaal im vierten Stocke, der zu- gleich eine Galerie von Mahlerbildnissen ist. Viele darunter sind von den Kuͤnstlern selbst gemalt, und mehrere befinden sich selbst in der beruͤhmten Sammlung solcher Bildnisse auf der Galerie zu Florenz nicht. Ihre Anzahl ist genwaͤrtig 287 stark. Werke von Breughel, Battoni , den Bruͤdern Caracci , von Ci- gnani, Dominichino, Duͤrer, Luca Giordano, Honthorst, Kneller, Lu- kas, von Leyden, Guido Reni, Sal- vator Rosa, Rubens, Rembrandt, Poussin, Paul Veronese und von vielen Andern — fuͤllen eine Menge anderer Zimmer in allen Geschossen. Auch ist eine artige Sammlung von aus- gestopften Voͤgeln und Saͤugthieren vorhan- den; und an Gypsabguͤsse von Antiken ist eben- falls gedacht. Die Schloßkapelle entspricht allem uͤbrigen; und ein weitlaͤufiger Garten, der an einen großen Weiher mit zwey bepflanz- ten und verzierten Inseln stoͤßt, kroͤnt das an- genehme Ganze. Der hintere Stirnaufriß des Schlosses, der uͤbrigens ganz so gebauet ist, wie der vordere, gewaͤhrt eine heitere Aussicht uͤber diese letztgenannten Anlagen. Nicht weit von Leopoldskrone, nach der Stadt zu, fand ich mein Mittagsessen, das ich mir wohl verdient hatte, unter einem großen Kastanienbaum, in der Naͤhe eines Wirths- hauses. Die Schuͤsseln waren in der That nicht koͤstlich, aber ich hatte vortreffliche Eß- lust. Die Ohren meines Lohnbedienten reck- ten sich, bey dem ersten abzuhebenden Gerichte, wieder munter empor. Gleich nach Tische setzte ich, auf einem angenehmen Wege meinen Stab weiter; nicht ganz so frisch, wie diesen Morgen, ich muß es bekennen, aber ich darf auch nicht vergessen, zu meiner Rechtfertigung zu sagen, daß ich ausser Leopoldskrone, nicht auf den geradesten Wegen die fuͤrstliche Stuterey , ein Muster in ihrer Art, das Kirsinger'sche Lustschloß und Freysaal , ein fuͤrstliches Schloß, in einem Weiher gele- gen, besucht hatte. Die Vorstadt Muͤhlen , (oberdeutsch Muͤl- len ) ist auf der entgegen gesetzten Seite der Stadt, vor dem Klausenthor gelegen; und ich gelangte zu derselben, indem ich, meist im- mer unter schoͤnen Baumgaͤngen, einen Halb- cirkel außerhalb um den Moͤnchberg beschrieb. Das Johannesspital , eine pallastaͤhnliche Anlage, fiel mir zuerst in die Augen und lockte mich an, hinein zu treten. Das Innere ist dem Aeußern angemessen, und hat einen ge- wissen freygebigen Charakter, der sich in brei- ten, freyen Treppen, in geraͤumigen Gaͤngen, und in hohen Thuͤren, Zimmern und Fenstern zeigt. Eine artige Kirche nimmt das Mittel des ganzen Gebaͤudes ein; an sie stoßen auf beyden Seiten zwey Fluͤgel, wovon der eine zur Rechten die Maͤnnerseite , und der andere zur Linken die Weiberseite genannt wird, weil in jenem die maͤnnlichen Kranken, in diesem aber die weiblichen untergebracht werden. Zwar sind vor der Hand nur in al- lem acht und funfzig Betten da, aber es koͤn- nen und sollen im Nothfalle noch eben so viel vorgerichtet werden. Den uͤbrigen Raum des Gebaͤudes nehmen ehemalige Gaststuben fuͤr Pilgrime, Vorrathsgewoͤlbe, die große Kuͤche, mancherley Wirthschaftszimmer, Wohnungen fuͤr die Kaplaͤne, Wundaͤrzte und andre Beam- ten, Aufseher und Bedienten der Anstalt ein. Der Stifter derselben, Erzbischof Johann Ernst , aus dem Hause Thun , wollte einen doppelten Zweck damit erreichen: Pilgrime beherbergen und Kranke unterstuͤtzen. Fuͤr die Pilgrime sorgen, galt damals fuͤr eine gottgefaͤllige Handlung; ihnen die schmutzigen Fuͤße waschen, oͤfnete unwidersprechlich die Pforten des Himmels. Wir glauben dies jetzt nicht mehr; wir bewundern bey diesem Vor- urtheile nur noch, wie die geschmeidige Natur es nutzte, um die Fehlschluͤßigkeit der Men- schen zum Besten zu kehren. Erzbischoͤfe und mit ihnen die ganze geistliche Schaar, berede- ten ten das bloͤde Volk zu beschwerlichen Pilger- schaften; und Erzbischoͤfe und Kloͤster machten Stiftungen, um die Pilger zu empfangen, zu bewirthen, zu reinigen und zu kleiden. So war alles wieder in Ordnung, und die Folgen des Vorurtheils waren durch Vorurtheil min- der beschwerlich gemacht. Erzbischof Johann Ernst wusch in der That dem ersten Pilgrim, den er in seinem neuen, noch nicht ganz vollendeten, Spital empfing, oͤffentlich und feyerlich die Fuͤße, und beschenkte ihn mit einem Thaler. Dies war im Jahre 1695. Eben so wurde auch der er- ste Kranke in seiner Gegenwart aufgenommen. Als im Jahre 1704 der Bau vollendet war, wurden auch die ersten weiblichen Pilgrime und Kranken versorgt. In den folgenden Jahren kamen bald mehr, bald weniger Pil- grime in diese neue Herberge, doch fiel ihre Anzahl immer mehr, je naͤher die neuen Zei- ten ruͤckten; und wenn 1700 Ein tausend vier hundert und fuͤnf und neunzig fromme und Sechstes Heft. E liederliche Landstreicher hier gastfrey und willig aufgenommen wurden, so konnten 1784 nur — Ein und dreyßig mit Muͤhe unterkommen, was man aus der Anmerkung in dem Pilgrims- verzeichnisse dieses Spitals: „ Fuissent quidem longe plures, sed non assumpsi eos “ „Es waͤren ihrer wohl viel mehr gewesen, aber ich habe sie abgewiesen.“ sehr deutlich ersiehet. Nach eben diesem Verzeich- nisse wurden im Jahre 1790 nur ihrer Acht bewirthet. Ich bin uͤberzeugt, daß nun die Anzahl der Krankenbetten desto hoͤher steigen wird. Die innere Einrichtung und Polizey dieses Hauses ist ohne Tadel, und kann jeder Anstalt dieser Art zum Muster dienen. Ich verweise den wißbegierigen Leser hieruͤber zur Quelle selbst. Huͤbners Beschr. v. Salzb. Th. I. S. 459. fg. vergl. mit Th. II. S. 512. fg. Uebrigens befinden sich in dieser Vorstadt noch vier andre menschenfreundliche Stiftungen: ein Leprosen- oder Siechenhaus, zwey W a ysen- haͤuser, das eine fuͤr Knaben, das andere fuͤr Maͤdchen, und das Soldatenkrankenhaus. Da ich die reiche Stiftung der Augustiner, deren Sitz oberhalb meines Weges lag, nicht fuͤr eben so verdienstlich halten konnte, so ließ ich sie unbesehen zu meiner Rechten liegen. Ich gelangte durch das Frauenthor wieder in die Stadt, und uͤber die Straße zum schwar- zen Baͤren auf den Gries, der mich zu der Bruͤcke fuͤhrte. Diese ist gegen zwey hundert Schritt lang, und ruhet auf sieben hoͤlzernen Jochen. Der Fahrweg ist abhaͤngig gepflastert, und fuͤr die Fußgaͤnger hat man auf jeder Seite einen erhoͤheten Pfad angebracht, der mit einem Gelaͤnder eingefaßt und mit Vor- spruͤngen zum Ausweichen versehen ist. Die Breite der Bruͤcke mag zwanzig Schritt betra- gen. Jenseits derselben gelangte ich auf das Plaͤtzl , ein, wie der oberdeutsche Name zeigt, kleines, unregelmaͤßiges enges Lokal, an wel- chem indeß einige sehr ansehnliche Buͤrgerhaͤu- E 2 ser stehen. Rechts fuͤhrt eine enge Straße nach dem innern Steinthore, und durch dieses ge- langt man in die Vorstadt Stein . Sie liegt auf einem unebenen Boden, zwischen dem Fel- sen des Kapuzinerberges und der Salza, und besteht aus einer langen Doppelreihe ungleicher Haͤuser, die meist von Handwerkern, von Ger- bern, Fleischern, Gaͤrtnern bewohnt werden. Sie wird in den innern und aͤußern Stein abgetheilt. Der innere geht von dem innern Steinthor bis zum aͤußern, und der aͤußere hebt vor dem aͤußern Steinthor an und laͤuft, in ungefaͤhr gleicher Laͤnge, wie der innere, uͤber eine Anhoͤhe, ebenfalls in zwey Haͤuser- reihen, hinan, und verliert sich sodann ober- waͤrts ins Freyere. Was ich in diesem, wirklich nicht angeneh- men, Stadttheile zu suchen hatte, war eigent- lich die beruͤhmte Lederfabrik der Herren Zezi und Gschwendtner , deren pallastmaͤs- sige Ansicht mir den Tag vorher, auf der an- dern Seite der Salza, sehr anlockend in die Augen gefallen war. Sie liegt mit ihrer Vor- derseite nach diesem Flusse zu, besteht aus ei- nem Mittelgebaͤude von vier Geschossen, und aus zwey Fluͤgeln von Einem und einem hal- ben Geschoß. Die Bauart des Ganzen ist ge- schmackvoll, und die innere Einrichtung und Ver- theilung sehr zweckmaͤßig. Vor demselben, nach der Salza zu, ist ein geraͤumiger Hof, von welchem Treppen unmittelbar in diesen Fluß hinabfuͤhren, dessen die Fabrik vielfaͤltig bedarf. Ihre Waaren gehoͤren zu den vorzuͤg- lichsten, und sie liefert sie in sehr verschiedenen Arten, und in Menge. Ihr Glanz- Walk- Pfund- und Doppelleder koͤnnte uͤberall fuͤr englaͤndisches gelten, mag auch wohl in Ober- deutschland oft genug als solches verkauft wer- den. Uebrigens habe ich nirgends in Deutsch- land eine Anlage gefunden, die so ins Große ginge, wie diese. In der Naͤhe dieser Fabrik, oberhalb der- selben liegt ein Sommerschloͤßchen, der Buͤr- gelstein genannt, bey dem ich einen artigen Garten fand, der mich aber nicht so anzog als ein mit Baͤumen bepflanzter Huͤgel, der dazu gehoͤrt, und sich dicht am Ufer der Salza er- hebt. Auf demselben stand ein niedliches Lust- haus mit einem huͤbschen Saal, in welchem ich einen heitern und kuͤhlen Ruheplatz fand, den ich, mit meiner Muͤdigkeit und mit eini- gen suͤßen Orangen von einem benachbarten Gaͤrtner beschaͤftigt, erst mit anbrechendem Abend wieder verließ. Es ward mir zu spaͤt, die Lust- und Nutzgaͤrten und das Schloß El- senheim in der Nachbarschaft zu besuchen; ich ging also durch die finstern Straßen des Steins zuruͤck und kam, nachdem ich noch ein paarmal unter einem frohen Getuͤmmel von jungen und alten Spatziergaͤngern auf der Bruͤcke hin und wieder gegangen war, in mei- nem Gasthofe wieder an. Ich kann nun, da ich Salzburg, seinem Innern nach, ganz durchwandert bin, noch einige Bemerkungen uͤber die Oertlichkeit dieser Stadt und uͤber ihre Polizeyanstalten mit- theilen. Die Beschraͤnktheit ihres Standplatzes ist Ursach, daß man mit den Haͤusern in die Hoͤhe auffahren und auch die Hofraͤume enge hat bebauen muͤssen. Es sind wenige Gebaͤude in Salzburg die nur drey Geschoß haͤtten; die meisten sind vier und fuͤnf hoch, und haben Fenster dicht an Fenster, weil man hauptsaͤch- lich auf Wohnzimmer sehen muß. So kann man sich erklaͤren, wie die Volksmenge von Salzburg in etwas mehr als Sechshundert Haͤusern Raum haben mag. Die Straßen, die an sich schon groͤßestentheils enge sind, er- scheinen der Hoͤhe der Haͤuser wegen noch en- ger, sind aber darum doch nicht eigentlich finster, weil jene durch die Bank weiß abgeputzt und die Fenster mit Einfassungen von derselben Farbe umgeben sind. Die Bauart ist im Gan- zen gut, und hat die auffallendste Aehnlichkeit mit der zu Neapel; nur daß hier, anstatt der ganz flachen, mit Estrich uͤbergossenen, neapo- litanischen Daͤcher, mehr erhoͤhete, mit Holz- schindeln gedeckte, uͤblich sind. Man bauet durchaus von Steinen, wovon unter andern der Moͤnchberg unerschoͤpflich ist, der mehrere Arten von Sandstein liefert. Am Untersberge bricht weißer und weißroͤthlicher Marmor, der unter dem Eisen des Steinmetzen alle Gestal- ten annimmt, die in der Baukunst vorkom- men; aus dem aber der Meißel des Bildhau- ers nichts von Belang formen kann. Wenn man uͤbrigens in Salzburg so haͤufige Anlagen von Marmor findet, so ist dies nicht mehr zu verwundern, als wenn man da, wo viel Zie- gelhuͤtten sind, viel Haͤuser von Backstein fin- det; und vielleicht koͤmmt ein großes Haus, mit Marmor bekleidet, in Salzburg noch nicht so hoch zu stehen, als bei uns ein halb so großes von morschen Ziegeln. In Absicht des Haͤuserbesitzes hat Salzburg noch das besondere, daß sich oft vier Hausherren in einem einzi- gen befinden, deren jeder ein einzelnes Geschoß, oder gar nur eine einzelne Wohnung (hier Boden genannt) erblich oder kaͤuflich an sich gebracht hat. Wie diese vier Graͤnznachbarn, die alle, jeder in seinem Stockwerk, unum- schraͤnkte Herren sind, sich unter einander ver- tragen, besonders ihre Ehehaͤlften, und ihre Maͤgde, wuͤrde ich allerdings auf dem Rath- hause erfahren haben, wenn ich bisher nicht vergessen haͤtte, mich dort danach zu erkun- digen. Das Pflaster der Stadt ist nicht minder unbequem fuͤr Fußgaͤnger, als das zu Muͤn- chen. Es besteht aus den groͤberen Steinge- schieben, die in dem Bette der Salza gefunden werden, und die, bey der Zusammensetzung, eine mannigfaltige Musterkarte der Steinarten bilden, welche man in den umliegenden Ge- genden antrift. Einige Stellen um das Resi- denzschloß haben genau das Pflaster von Wien, das aus behauenen Wuͤrfeln von Kalkstein be- steht, und wahrscheinlich nicht zu kostbar fuͤr Salzburg selbst seyn wuͤrde, wenn man die Kalkfelsen des Kapuzinerberges dazu benutzen wollte. Uebrigens ist das Pflaster ziemlich sauber, theils, weil die Polizey daruͤber wacht, theils, weil beyde Haͤlften der Stadt nach der Salza zu abhaͤngig sind, mithin durch den Regen abgewaschen werden, theils, weil den Buͤrgern aufgegeben ist, wenigstens einmal woͤchentlich kehren zu lassen, andere zu treffende Vorkehrungen ungerechnet. Die groͤßere Haͤlfte der Stadt, am linken Ufer der Salza, hat diesfalls noch eine Bequemlichkeit mehr, als die am rechten Ufer. Ein Bach, die Albe genannt, der durch und um den Moͤnchberg in zwey Armen in die Stadt gefuͤhrt ist, be- ruͤhrt alle Gegenden der groͤßern Haͤlfte mit- telst unterirrdischer Leitungen, versorgt einige Muͤhlen, Brunnen und Schwemmen und kann, durch geoͤffnete Haͤhne, uͤber die Straßen und den etwa aufgehaͤuften Unrath hinweg geleitet werden. Die oͤffentlichen Brunnen, deren es acht, von weißem Marmor, mit geraͤumigen Becken, giebt, und viele andre Ziehbrunnen, gewaͤhren der Stadt einen Ueberfluß an Was- ser, der ihr in Feuersnoͤthen und bey vielen andern Beduͤrfnissen vortrefflich zu statten koͤmmt. Ueberhaupt sind, nach der gedruckten Feuerordnung zu schließen, auch die Feueran- stalten vortrefflich, und man erinnert sich hier seit lange nicht mehr, daß die Flamme uͤber das zuerst entzuͤndete Haus hinaus gegriffen haͤtte. Die Unbequemlichkeit der hervorspringenden Dachrinnen, welcher man sonst in den Staͤd- ten mit vermauerten Daͤchern ausgesetzt ist, fuͤhlt man in Salzburg nicht; indeß ist es noch so lange nicht, daß ein fuͤrstlicher Befehl diese Rinnen verbannte und das Traufenwasser ent- weder in Roͤhren an den Waͤnden der Haͤuser herab, oder sonst wohin es die Anlage des Hauses erlaubte, zu leiten befahl. Die Stadt, mit Ausschluß der drey Vor- staͤdte, ist, seit dem Regierungsantritte des ge- genwaͤrtigen Fuͤrsten, des Nachts erleuchtet. Ich fasse noch einige Vorkehrungen der Poli- zey in der weitesten Bedeutung zusammen und theile einige Bemerkungen daruͤber mit. Zur Sicherheit des Lebens und des Eigen- thums der Buͤrger, hat man ein wachsames Auge auf Landstreicher, Bettler und andre un- beschaͤftigte Leute. Jeder Gastwirth ist streng verbunden, die bey ihm einkehrenden Fremden zu melden; dienstlose Maͤgde und Bediente werden nicht lange geduldet; liederliche Haͤuser koͤnnen sich nicht erhalten, und vielleicht ist jetzt kein einziges in Salzburg; auf die Verhehlung heimlicher Entbindungen ist Geld- und Zucht- hausstrafe gesetzt; vornehme Bettler werden an der Graͤnze abgewiesen; gemeine, wenn sie tauglich sind, an die oͤsterreichische Werbung ausgeliefert; Stadtbettlern sieht man, aus Grundsaͤtzen, warum jeder geistliche Staat sie schont, durch die Finger. Bey dem, ich moͤchte sagen — Ueberfluß an Versorgungsanstal- ten, die Salzburg einschließt, und deren ich schon einige erwaͤhnt habe, wird man doch auf den Straßen oft genug angegangen, ungeachtet sich jene Anstalten uͤber jeden Stand, jedes Geschlecht, Alter und Gebrechen ausbreiten. Außer den erwaͤhnten Johannes- und Dom- kapitel-Spitaͤlern , nehmen noch das Buͤr- gerspital , das Stadtbruͤderhaus , das schon gedachte Leprosenhaus , und das La- zareth , Kranke auf, und fuͤr die Armen sorgt das Fuͤrstliche Allmosenamt , der Buͤr- gersaͤckel , die gemeine Stadtallmosen- kasse , eine Stiftung fuͤr Hausarme, eine zweyte zur Aussteurung armer Buͤrgermaͤdchen , eine dritte zu einem Ar- meninstitut , Diese letztern drey Stiftungen ruͤhren von einem Manne her, der vielleicht alle Wohlthaͤter ihrer Vater- staͤdte in neuern Zeiten uͤbertroffen hat, und dessen Name uͤberall bekannt zu werden verdient. Er hieß Hafner von Imbachshausen , war Großhaͤnd- ler, und starb im Jahre 1787, ohne leibliche Erben, ferner die Studenten- buͤchse , und endlich der Liebesbund an der Universitaͤt. Wie alle diese Stiftungen fuͤr die Armen und Huͤlfsbeduͤrftigen in einer Stadt, die kaum in seinem 31sten Jahre. Laut seines letzten Willens erhielten alle Kranken- Armen- Schul- Erziehungs- und Versorgungsanstalten in Salzburg, die schon da waren, und einige andre, die noch errichtet werden sollten, auch zwey der Nonnen- und drey der Moͤnchs- kloͤster, in einzelnen Legaten, die Summe von Zwey Hundert Drey und Achtzig Tausend Fuͤnf und Sie- benzig Reichsgulden. Das staͤrkste Legat war Drei- ßig Tausend, das schwaͤchste Ein Tausend Gulden. Die Nonnen und Moͤnche bekamen, wie billig, jetzt die geringern, wie sie ehedem die staͤrksten bekamen; die Armenanstalten erhielten die hoͤchsten. Seinem gewesenen Gesinde, bis auf den Stalljungen herab, setzte er ein Kapital von Fuͤnf und Neunzig Tausend Gulden aus. Seine Handlungsbedienten bekamen gegen Vierzehn Tausend Gulden. Sein Schwager ward Universalerbe, mit der Verpflichtung, saͤmmtliche Le- gate, die in der Handlung stehen bleiben, zu drey vom Hundert jaͤhrlich zu verzinsen. Seine Schwe- stern und deren Kinder, sein anderer Schwager und drey entferntere Verwandte in Tyrol, erhielten noch in einzelnen Vermaͤchtnissen, von Hundert, Tausend bis Vier Tausend, die Summe von Dreymal Hun- dert und Vierzehn Tausend Gulden!! 16,000 Einwohner zaͤhlt, noch nicht hinreichend seyn koͤnnen, begreife ich nicht, da ich weiß, daß in manchen protestantischen Staͤdten, die, wie z. B. Berlin, eine zehnfach staͤrkere Be- voͤlkerung haben, die Anzahl der Widmen und Haͤuser zur Unterstuͤtzung ihrer Armen nicht die Haͤlfte der in Salzburg befindlichen errei- chen. Fuͤr die Erhaltung der oͤffentlichen Gesund- heit hat die Salzburgische Polizey durch die Errichtung eines Sanitaͤtskollegiums gesorgt, welches ein wachsames Auge auf die Apotheker und Hebammen hat, und ihre Kenntnisse pruͤft und bescheinigt. Wo sich ansteckende Krank- heiten bey Menschen und Vieh, und, was eben so schlimm ist, Quacksalber und Univer- salmedicinen zeigen, da wird das Kollegium thaͤtig und trift Anstalten dagegen. Den angehenden Wundaͤrzten giebt Herr Hartenkeil freyen Unterricht in der Zerglie- derungs- und Wundarzneykunst, so wie den Hebammen aus der Stadt und vom Lande, die sich zum Unterrichte einzufinden gehalten sind, in der Entbindungskunst. Alle Wund- aͤrzte haben Vorschriften, wie Verungluͤckte al- ler Art zu behandeln sind, wenn noch Hoff- nung sie zu retten uͤbrig ist. Gegen die Gefahr, lebendig begraben zu werden, dient eine Ver- ordnung, keinen Leichnam vor acht und vierzig Stunden zu begraben. Die Todtenbeschau verrichten dazu aufgeforderte Aerzte. Gegen den Biß toller Hunde, wie gegen den Miß- brauch in Haltung der Hunde, sind schon sehr alte, bis in die neuesten Zeiten wiederholte Vorkehrungen vorhanden. Salzburg ist mehr still, als lebhaft. Straßen oder Staͤdte uͤberhaupt, in denen viel Pallaͤste und Kirchen stehen, geben bekanntlich keinen belebten Anblick, oder doch nur zu gewissen Zeiten, z. B. wenn man zu Tische oder in die Komoͤdie faͤhrt, oder wenn man die Kirche be- sucht, oder besucht hat. Selbst in den volk- reichsten reichsten Staͤdten, ist dies eine ganz natuͤrliche Erscheinung. Man erinnere sich an die Her- renstraße in Vergleichung mit der Kaͤrnth- nerstraße in Wien , an die Wilhelms- straße verglichen mit der Koͤnigsstraße in Berlin , an die Moritzstraße verglichen mit der Schloßstraße in Dresden , an St. James verglichen mit dem Strand in London , und an die Vorstadt St. Germain verglichen mit dem Viertel des Palais Royal in Paris . In allen diesen Staͤdten aber werden die stillen Gegenden durch die ge- raͤuschvolien mehrfach ersetzt; ein Umstand, der in Salzburg kaum merklich ist. Koͤmmt dies vielleicht daher, daß in Salzburg fast keine Straße ist, die nicht Pallaͤste oder Kirchen aufzuweisen haͤtte, welche die Buͤrgerhaͤuser gleichsam herausdruͤckten? Oder hat diese Stadt schon wirklich Mangel an Buͤrgern, weil sie Mangel an Erwerbsquellen, und an natuͤrli- chem Platze hat? Das letztere macht der Umstand mit den drey bis vier Besitzern Eines Sechstes Heft. F Hauses wahrscheinlich; das mittlere ist durch die Menge von Versorgungsanstalten erwiesen; und uͤber das erstere lassen die vielen Pallaͤste, Kirchen, Kurien und Kloͤster, die noch dazu meist groß und praͤchtig sind, kaum einen Zweifel. Unter dem Erzbischof Wolf Dietrich waren Land und Stadt Salzburg in hoͤchster Bluͤthe; diese fiel unter eben diesem Fuͤrsten auch ab, und der Stamm hat sich noch nicht wieder erholt, ist vielmehr immer noch im Hinschwinden. Eine allgemeine Verbannung der Juden, die zwischen der Mitte des Vier- zehnten und dem Ende des Funfzehnten Jahr- hunderts wiederholt befohlen wurde, legte den Grund zur Entvoͤlkerung; Religionsbedruͤckun- gen, welche die wohlhabendern und thaͤtigern Buͤrger erfuhren, drangen um eben die Zeit ei- nen großen Theil der besten Kaufmannsfamilien, und mit ihnen Kunstfleiß und Gewerbe, auszu- wandern; ein doppelter fuͤrchterlicher Bauern- aufruhr, eben daher entstanden, hatte gleiche Folgen, und kostete, wie man behauptet, die nachherigen Ketzerverfolgungen dazu gerechnet, dem Lande gegen funfzehn tausend der nuͤtzlich- sten Unterthanen; zu Anfange dieses Jahrhun- derts verjagten die Religionskommissionen aber- mals Tausende von Menschen; und endlich im ersten Drittel desselben (in den Jahren 1732 — 33) erfolgte die letzte und unersetzlichste al- ler dieser Auswanderungen, durch welche Salz- burg uͤber dreißig tausend wackere Staatsbuͤr- ger verlor, von denen Preußen an zwanzig tausend, andre Protestantische Laͤnder und Staͤdte an zehn tausend, und Amerika den Rest mit offenen Armen empfing. Man kann den Erzbischof, unter dem dies geschah, durch Verschweigung seines Namens nicht schonen. War ihm der Beyname „Excelsus,“ den er von dem hoͤchsterfreuten Heil. Vater fuͤr die Verjagung seiner Kinder erhielt, bey seinen Lebzeiten schmeichelhaft, so mag ihm der, den er als Erzbischof fuͤhrte (denn nur als solcher handelte er so —) so mag ihm Leopold- F 2 Anton bey der Nachwelt so viel Ehre bringen, als er kann — der edle und veredelte Name der Freyherren von Firmian , aus deren Familie er war, bleibt durch ganz entgegenge- setzte Thaten vollkommen gedeckt. Uebrigens ist es troͤstlich fuͤr die Mensch- heit, daß auf demselben Stuhle, worauf jener Erzbischof afterglaͤubisch ras'te, gegenwaͤrtig ein anderer waltet, der in jeder Ruͤcksicht das Gegentheil von ihm ist, seine moralischen und politischen Fehler misbilligt und dies oͤffentlich dadurch bekennt, daß er dem Munde der Wahr- heit in seiner eigenen Hauptstadt so uͤber diesen Gegenstand zu sprechen und zu schreiben er- laubt, wie es der neueste Beschreiber von Salzburg gethan hat. Vergleiche Huͤbners Beschreibung von Salzburg. Th. II. S. 8. fg. Der Verlust indessen, den Land und Stadt Salzburg erlitten haben, ist noch nicht ersetzt, vielleicht vor der Hand unersetzlich. Nach den neuesten Berechnungen hatte Salzburg vor 20 Jahren, auf 240 Geviertmeilen, 220,000 Men- schen, jetzt hat es nur noch etwa 200,000, macht die sehr geringe Anzahl von 833⅓ Koͤp- fen fuͤr solch eine Meile. Die Hauptstadt selbst, ihre Vorstaͤdte und was innerhalb des Stadtburgfriedens liegt, mag 15 bis 16,000 Seelen enthalten. Auch ihre Bevoͤlkerung ist in Abnahme, was hier nicht weitlaͤufig be- wiesen werden kann. Vergl. aber loc. cit. S. 82. fg. Das gesellschaftliche Verkehr kann in keiner Stadt lebhaft und mannichfaltig seyn, deren Einwohnerschaft durch mehrere Kluͤfte der Geburt, des Standes und des Gewerbes getrennt wird. In Salzburg sind diese Kluͤfte haͤufiger und merklicher, als in irgend einer andern deutschen Hauptstadt. Der alte Adel muß natuͤrlich hier sehr wich- tig seyn, da der Fuͤrst und Erzbischof selbst seine Stelle nicht bekleidete, wenn er nicht von alter adelicher Abkunft waͤre, und da alle die, welche Pfruͤndner des Staats und Kom- petenten des Erzbisthums und der Fuͤrstenschaft sind, (ich meyne die Mitglieder des Domkapi- tels, das jetzt wirklich aus acht Fuͤrsten und sechszehn Grafen besteht) ihre Einkuͤnfte, ihren Rang und ihre Anspruͤche davon ableiten. Fuͤrst und Domkapitel bilden also die erste und hoͤchste Klasse im Staate sowohl, als in der Stadt Salzburg. An diese Klasse schließt sich, als die zweyte, der hohe Adel , der aus mehreren Graͤflichen und Freyherrlichen Familien und einzelnen Per- sonen bestehet, die zu solchen Familien gehoͤ- ren. Erstre wie letztre sind haͤufig in Diensten des Fuͤrsten, und bekleiden die hervorstechendsten Stellen im Hofstaate. Dieser Adel ist, nach dem Domkapitel, der natuͤrliche Gesellschafter des Fuͤrsten; doch wird auch zu den Versamm- lungen bey Hofe, zu Koncerten und Tafeln, das Offizierkorps bis zu einer gewissen Stufe herab, eingeladen. Die dritte Klasse bilden diejenigen Mitglie- der des Landadels , die sich in der Haupt- stadt befinden und dort Stellen bekleiden. Da in denselben auch Subjekte, die nur erst seit funfzig Jahren adelich sind, aufgenommen werden koͤnnen, so stellt ihn dies in eine ziem- liche Entfernung von dem Domkapitel und dem hohen Adel. Die Geistlichkeit bildet abermals eine Klasse fuͤr sich, die sich in zwey Haͤlften, in die sekulare und regulare, theilet. Was in der letztern Gelehrsamkeit liebt, haͤlt sich, im ge- sellschaftlichen Verkehr, zu den Lehrern an der Universitaͤt, so wie diese wiederum mit der Klasse der fuͤrstlichen Beamten zweyter Ord- nung, und diese mit der Klasse der reichen und wohlhabenden Geschaͤfts- und Handels- leute zusammen hangen. Die Besitzer der ge- ringern Lehr- und Dienststellen halten sich haͤufig an die wohlhabenden Buͤrger und Handwerker. Die Hoͤfe unverheiratheter Fuͤrsten sind ge- woͤhnlich nicht die Schauplaͤtze glaͤnzender und anziehender Unterhaltungen, weil an denselben das weibliche Geschlecht, wo nicht ganz fehlt, doch wenigstens in einer gewissen bedruͤckten Lage sich befindet, weil es keine Anfuͤhrerin und Tongeberin an der regierenden Fuͤrstin hat, und unter sich zu republikanisch denkt, als daß es eine solche aus seinem eigenen Mit- tel ausdruͤcklich und einmuͤthig waͤhlen oder sich gefallen lassen sollte. Es sind zwar trotz dem gewoͤhnlich zwey oder drey da, welche die vor- dersten Stellen einnehmen; aber sie bekommen keine andre Gewißheit daruͤber, als die, wel- che etwa darin liegt, daß sie ihre Huͤte, Hau- ben, Mienen ꝛc. nachgemacht sehen, und daß sie trotz dem unter ihrem Cirkel keine Freun- din haben. Ein unverheiratheter weltlicher Fuͤrst kann noch durch ein anderes Mittel die- sen Schwarm zusammen halten; er waͤhlt sich eine Herzenskoͤnigin; aber ein geistlicher Fuͤrst, dem eine erlaubte Ehe nicht erlaubt ist, darf, oder sollte wenigstens nicht duͤrfen, eine unerlaubte eingehen. Letztres ist indessen nicht ohne Beyspiel in der Geschichte des Erzstifts Salzburg, denn Wolf Dietrich hielt sich fuͤr die Augenblicke, wo er auf Kosten des Erzbischofs Mensch seyn wollte, eine schoͤne Salzburgerin, aus der Familie Alt , mit der er zwey oder drey leibliche Kinder hatte; der zu Ehren er das Sommerschloß Altenau (das jetzige Mirabelle) anlegte, und die er, als es fertig war, ohne Scheu und Hehl, mit- ten aus einer ansehnlichen Hochzeitsfeyer von dem großen Saale des Rathhauses, oͤffentlich ab- holen ließ, um sie gleichsam mit jenem Schlosse zu belohnen. Der jetzige Fuͤrst weiß besser, was seinen Stand aufrecht erhalten hilft. Dinge thun, die gewoͤhnlichen Menschen schwer oder unmoͤglich sind, heißt ihre Achtung und Ehrfurcht erobern. Von dieser Seite hat er denn auch die ganze Ehrfurcht seiner Unter- thanen; und wenn diese nicht wuͤßten, daß er seine Geluͤbde als Geistlicher eben so gewissen- haft ausuͤbt, wie er als Mensch und als Fuͤrst seine Pflichten zu erfuͤllen strebt, in der That, die vielen Veraͤnderungen, die er im Kir- chengebrauch , mithin, wie das Volk es nennt, im Glauben , und in der Landes- verfassung , wie das Kapitel und die Landschaft die Zuruͤckforderung seiner Fuͤrstenrechte nennen, entworfen und durch- gesetzt hat, wuͤrden nicht so ruhig aufgenom- men worden seyn und die Moͤnche , und selbst manche alte christkatholische — Haͤupter im Domkapitel, wuͤrden mit mehr Eifer und Gluͤck dagegen gearbeitet haben. Aber er hat keine Maͤtresse und keinen Favoriten. Man lese anderswo nach, wie es Wolf Dietri- che ging, der beydes hatte. Die Versammlungen bey Hofe sind dem- nach nicht haͤufig und, weil es ihnen an der Seele solcher Gesellschaften, an der Galanterie fehlt, auch nicht unterhaltend. Dazu koͤmmt, daß sie groͤßtentheils aus Mitgliedern bestehen, die ebenfalls das Geluͤbde der Keuschheit ab- gelegt haben, ich meyne aus Domherren; und daß diese ohnehin der groͤßern Zahl nach, jetzt alte Maͤnner sind, die vielleicht schon in fruͤ- hern Jahren Gelegenheit hatten, die froͤhlichen Kuͤnste so zu uͤben, daß sie jetzt daruͤber hin- aus seyn koͤnnen. In der That, die groͤßere Haͤlfte des Domkapitels, (Vierzehn Mitglieder) zaͤhlt 50 bis 83, und nur Zehn andere zaͤhlen 21 bis 50 Lebensjahre. Eben so sind auch die meisten Damen des hohen Adels uͤber die Jahre der Schoͤnheit, der Freude, und der guten Laune hinaus. Uebrigens giebt der Hof woͤchentlich dreymal eine Versammlung zum Spiel oder Konzert, und an Fest- oder andern feyerlichen Tagen große Tafel. Bey den Konzerten spielt der Fuͤrst, als Liebhaber der Musik, die Geige. Sein zweytes Privatver- gnuͤgen ist ausschließend die Jagd. Seine Ar- beitsstunden nehmen die Geschaͤfte ein, und Ne- benstunden fuͤllt er mit Lektuͤre aus. Oeffentliche stehende Vergnuͤgungen, die das ganze Publikum zusammen fuͤhrten, z. B. Opern und Komoͤdien, giebt es in Salz- burg nicht. Nur von Zeit zu Zeit kommen etwa Englische Bereuter, denen die Som- merreitschule , und fahrende Schauspieler, denen das sogenannte Ballhaus eingeraͤumt wird, hieher. Die Spatziergaͤnge außerhalb der Stadt, die zum Theil so schoͤn sind, daß andre Staͤdte sie mit Gold aufwiegen wuͤrden, werden nur von den mittlern und geringern Klassen (von letztern nur an Sonn- und Fest- tagen) besucht; die andern innerhalb der Stadt, wie die Bruͤcke, und der Garten von Mira- belle, fassen nur eine kleine Menschenzahl und der Moͤnchberg, der alle Eigenschaften eines angenehmen Spatzierganges hat, wird unge- buͤhrlich vernachlaͤßiget. Eine Ursache von der Leerheit der Spatziergaͤnge ist wohl mit die, daß viele Beamten- und Buͤrgerfamilien ihre uͤbrige Zeit auf den Sommersitzen, in den Hoͤ- fen und Gaͤrten, die sie um Salzburg besitzen, zubringen, und daß der Fuͤrst mit einem Theile seines Hofstaats auf einem seiner Lustschloͤsser, so wie der Adel auf seinen naͤhern oder ent- ferntern Guͤtern, den Sommer uͤber zu leben pflegt. Das einfache und eingezogene Leben des Fuͤrsten selbst scheint viel Einfluß auf die Le- bensweise der Salzburger zu haben; gewiß ist es aber, daß er Freude und Frohsinn an sei- nen Unterthanen wohl leiden mag, und beydes nie durch kopfhaͤngerische Verordnungen, wie sein Vorfahr, gelaͤhmt hat. Auch scheinen die Salzburger aller Klassen Hang genug zum Lebensgenusse zu haben, nur mag der gegenwaͤrtige Ton und der auch hier gestiegene Preis aller Dinge demselben gewisse Schranken setzen. Außer dem hohen geistlichen Adel, der sehr wohlhabend ist, außer fuͤnf oder sechs reichen buͤrgerlichen Haͤusern, moͤgen wohl wenige unter den bestaͤndigen Bewohnern von Salzburg im Stande seyn, den Aufwand eines offenen oder auch nur zwey oder drey- mal woͤchentlich geoͤfneten Hauses zu bestrei- ten. Diejenigen vom Adel (und deren sind die meisten) die bloß von Besoldungen, oder gar nur von Hofjahrgeldern, leben, sind verbun- den, genau zu wirthschaften, um nur maͤßige Beduͤrfnisse zu befriedigen; die Beamten buͤr- gerlichen Standes, die bey den verschiedenen Staatsstellen angebracht sind, haben wegen der Kaͤrglichkeit ihres Gehalts, der nach dem alten Zehrzuschnitt gemacht ist, ebenfalls große Noth auszureichen; und nicht besser geht es den Lehrern an der Universitaͤt und an andern wissenschaftlichen Instituten. Da Salzburg keinen thaͤtigen Handel treibt, nur wenig Fa- briken und Manufakturen hat, und die da sind, sich in den Haͤnden schon sonst wohlhabender Geschaͤftsleute befinden, so beschraͤnkt die zweyte und dritte Klasse der Handelsleute sich ganz auf Kraͤmerey, die nur innerhalb der Mauern der Stadt ihre Geschaͤfte macht, und nur durch Arbeitsamkeit und Sparsamkeit zu etwas kom- men kann. Der Handwerker endlich, hat hier, wie uͤberall, nur aus der Hand in den Mund, besucht aber doch, nach seiner Weise, nebst den an ihn graͤnzenden Klassen nach oben zu, die Bier- und Weinschenken in und vor der Stadt noch am meisten. Die Anzahl dieser Hand- werker ist auch, nach Verhaͤltniß der Bevoͤlke- rung der Stadt, sehr geringe, und nur die aller unentbehrlichsten sind in noͤthiger Zahl vorhanden: ein Beweis, daß die Einwohner eine Menge Beduͤrfnisse aus der Fremde zie- hen und viel Geld außer Landes schicken, wel- ches sie durch einheimische Thaͤtigkeit unter sich selbst in Umtrieb erhalten koͤnnten. So ist z. B nur Ein Buͤchsenschaͤfter, Ein Tuch- scheerer, Ein Goldschlaͤger, Ein Strumpf- wirker, Ein Leinwanddrucker; so sind nur Zwey Knopfmacher, Drey Faͤrber, Drey Sattler, und Vier Seifensieder — in ganz Salzburg vorhanden; wie koͤnnen diese fuͤr eine Volksmenge von Sechszehntausend Koͤpfen hin- laͤnglich seyn? Mit den uͤbrigen Handwerkern verhaͤlt es sich nicht anders. Nur diejenigen Gewerbe und Handthierungen, die fuͤr Essen und Trinken arbeiten, sind zahlreicher. Man zaͤhlt naͤmlich Neunzehn Fleischhacker, Neun- zehn Weiß- und Fuͤnf Schwarzbaͤcker, meh- rere Kuchen, Lebzelten (Honigkuchen) Zucker- Krapfen-(Schmalzkuchen)-Baͤcker, Zwoͤlf Bierbrauer, Vier Bierhaͤuser und Sechs- zehn Weinwirthe in Salzburg. Die Mode zeigt sich hier nicht in der neue- sten Gestalt. Das weibliche Geschlecht der hoͤhern und zunaͤchst angraͤnzenden Staͤnde be- koͤmmt seine Neuigkeiten aus Muͤnchen oder aus Wien, das maͤnnliche die seinigen erst spaͤt mit dem allgemeinen Gebrauche. Was man jenen als etwas Neues zuschickt, ist in den gedachten Staͤdten, waͤhrend der Ueber- schickung, schon alt geworden, und eine Men- ge dahin gehoͤriger Erfindungen sieht man in dem hiesigen weiblichen Publikum entweder gar nicht, oder sie pflanzen sich wenigstens nicht fort, weil es an gesellschaftlichen Mittelpunkten, wo so etwas allgemein bemerkt wuͤrde, fehlet. Was die Moden fuͤr Maͤnner betrift, so muͤs- sen diese allerdings noch weiter zuruͤck bleiben; denn denn der Erzbischof und der geistliche Adel hat seine bestimmte Kleidung, die von der Mode unabhaͤngig ist, und hofverwandte Personen weltlichen Standes, haben, wie das Militare, ihre Uniform. Unter den weltlichen Personen des Buͤrgerstandes koͤnnen nur die juͤngern Ne- gotianten und ihre Frauen den Ton in der Mode angeben; vielleicht auch einige Beamten in den Kollegien, die nicht zu den Alten und gar zu gering Besoldeten gehoͤren; und dies geschieht auch zum Theil; aber alle uͤbrigen lassen es beym Alten. Bey diesen zeigt sich ein gewisser altdeutscher Zuschnitt in der Klei- dung beyder Geschlechter, doch mehr noch bey dem weiblichen, als dem maͤnnlichen. Haben die Maͤnner irgend eine geringe Hof- oder Staatsstelle, so zeigen sie sich grade in dem Geschmack gekleidet, wie dieselbe Klasse in Muͤnchen und Dresden, naͤmlich in einem Rocke mit kurzem Schnitt und breiten Schoͤs- sen, den platten Hut unter dem Arm, den kurzen Degen an der Seite, mit einem altmo- Sechstes Heft. G dischen Haarputz und einem spanischen Rohre; aber dieses veralteten Glanzes ungeachtet schaͤ- men sie sich nicht, ihren Ehehaͤlften, die ganz altbuͤrgerlich gekleidet sind, und in einem kur- zen Kamisol von Seide oder Zitz, mit drey kurzen Roͤcken uͤber einander, die gewoͤhnliche Salzburgische gehoͤrnte Haube von schwarzen Flor, oder was es sonst seyn mag, auf dem Kopf einherschreiten, den Arm zu geben und mit ihnen spatzieren zu gehen. Das Aeußere dieser Klassen ist uͤbrigens gutmuͤthig, beschei- den, ernsthaft, ruhig und bedaͤchtig; und diese Zuͤge scheinen mir in der That den Charakter des eigentlichen Salzburgers zu bilden. Die Salzburger, die vor nicht langer Zeit wegen ihrer Unduldsamkeit in uͤbelem Rufe standen, verdienen nun ganz davon losgespro- chen zu werden. Sie verdanken auch dies, wie so vieles andre, dem jetzt regierenden Fuͤrsten. Er selbst gab die Losung zu einer bessern Ein- sicht in das Wesentliche der Religion, indem er eine Menge aberglaͤubischer Gebraͤuche ab- schaffte, und vorzuͤglich den Einfluß der Moͤn- che auf die Gemuͤther der Schwachen jedes Standes, so wie ihre Anzahl, verminderte. Sein Hirtenbrief vom Jahre 1782, dessen Verfasser der Oberkonsistorialkanzler, Hr. Boͤ- nike , ist, steht in den aufgeklaͤrtern Theilen von Deutschland noch im besten Andenken, und hat auch auf die weniger aufgeklaͤrten, die ihn anfangs verketzerten, gleichsam heimlich gewirkt, wie manche, auch dort vorgenommene, Veraͤn- derung beweiset. Seit jener Zeit sind Gewis- sens- Denk - und Preßfreyheit in Salzburg so emporgekommen, daß diese Stadt mehrere groͤßere Residenzen in Deutschland darin be- schaͤmt. Die Wissenschaften haben einen frey- ern Schwung genommen, und das Verzeichniß Salzburgischer Schriftsteller, die in ihren Faͤ- chern gut oder vortreflich gearbeitet haben, ist, wie das Verzeichniß von Kuͤnstlern, sehr zahl- reich. Bey der immer mehr steigenden Liebe zu den Wissenschaften und Kuͤnsten vermehrt sich auch die Anzahl von Sammlungen aller G 2 Art, die zu deren Umtrieb gehoͤren und Bi- bliotheken, Naturalienkabinetter, (besonders fuͤr das Steinreich) Gemaͤldegallerien und viele andre Vorraͤthe fuͤr andre Faͤcher, unterhalten hier die Neu- und Lehrbegier der Fremden auf eine mannigfaltige Weise. Den letzten Tag meines Aufenthalts in Salzburg brachte ich mit einer Ausflucht nach Eigen, Hellebrunn und Hallein zu. Nach Eigen , einer sehr anziehenden An- lage, die dem Erblandmarschall, Grafen von Lodron , gehoͤrt, gelangt man auf dem Wege, der durch die Vorstadt Stein , zwischen der Salza und dem Kapuzinerberge, neben der großen Lederfabrik und dem Schlosse Elsenheim hin in das Freye auf dem hohen Griesberg zu, fuͤhrt. Dieser Weg ist, wenn man jene Vor- stadt hinter sich hat, nicht unangenehm, und zieht sich naͤher oder entfernter vor Lusthaͤusern, Hoͤfchen und einer Anzahl anderer Gebaͤude vorbey, die sich bis an den fruchtbaren Fuß jenes, in seinen uͤbrigen Theilen hoͤchst unwirth- baren Felsens, erstrecken. Ein Nebenweg fuͤhrt endlich von dieser Straße ab nach dem ge- dachten Eigen . Natur und Kunst haben gewetteifert, die- sen reitzenden Ort auszustatten. Seine Lage am Fuße des gedachten Felsens, von Waldun- gen begraͤnzt, und, hoͤher hinauf, von Wiesen und Saatfeldern und dazwischen gestreuten Bauerwohnungen und Alpenhuͤtten umgeben, bot der Kunst verschoͤnernde Gedanken wie von selbst dar, und diese ergossen sich in mancher- ley kleineren und groͤßeren Anlagen, in kuͤnstli- chen Hainen, Baumgaͤngen, Rasenplaͤtzen, Al- taͤren, Inschriften, Pavillons, Ruhebaͤnken, Durchschlaͤgen zum Behuf schoͤner Aussichten, Springbrunnen und vielen andern aͤhnlichen Verzierungen. Gleich voran erhebt sich eine Kirche, von einem Kirchhofe umgeben, die, wenn man sie mit in den Umkreis dieses Lustorts ziehen will, keine muͤßige Wirkung thut. Hinter derselben erhebt sich das Schloß Eigen in vier Geschossen, mit einem daran gehaͤngten niedri- gern Fluͤgel. Links neben demselben nehmen die verschiedenen Lustgaͤnge ihren Anfang, und ich durchwanderte sie, einen nach dem andern, vielleicht ein wenig eilig, weil ich an diesem Tage noch Hallein und Hellebrunn sehen wollte, aber nicht ohne einen sehr angenehmen Genuß, den ein schoͤner Morgen erhoͤhete. Zu- erst bestieg ich einen maͤßigen Huͤgel, der mit einem Waͤldchen besetzt war, worin dichte Baumgaͤnge, Rasenbaͤnke, Lusthaͤuschen ꝛc. sich befanden; und auf dessen Gipfel man einen Altar, der Freundschaft gewidmet, angebracht hatte, welcher diesem Huͤgel den Namen des Freundschaftshuͤgels gegeben hat. Bey einer Meyerey, die in der Naͤhe liegt, trat ich in eine Doppelreihe von Fruchtbaͤumen, die den Berg hinan fuͤhrte. Ich sah mich bald zwischen einem artigen, mit Blaͤttern durchwirkten, Gitterwerke, in dessen Mitte das Brustbild Anakreons, von klarem Quell- wasser in einem Becken umflossen, aufgestellt war. Von da stieg ich den Berg weiter hin- an, zu einer großen Felsenhoͤhle, die zwischen aufgethuͤrmten Steinbloͤcken von der Natur gebildet und durch die Kunst zu einer Einsie- deley eingerichtet ist. Eine Bruͤcke uͤber eine Schlucht, in welcher ein natuͤrliches Wasser herabrauscht, ein kleiner Garten, ein Heerd und ein Ziehbrunnen gehoͤren zu der Wirth- schaft des frommen Mannes, der, wie man voraus setzen muß, hier wohnet. Er hat al- lerdings vortrefflich gewaͤhlt, und sein Wohn- platz daͤuchte mir der anziehendste Fleck der ge- sammten Anlage, besonders da er mit einer Menge kleiner Verschoͤnerungen, z. B. mit einem Grabhuͤgel, worauf eine Urne steht, ei- nem Felsengange mit Ruheplaͤtzen, und andern dieser Art, mannichfaltig umgeben ist. Etwas hoͤher hinauf gelangte ich, mittelst eines Durch- schlags durch einen Felsen, in ein artiges Berg- thal, mit Ruhesitzen aller Art versehen, von welchem aus das Auge die mannichfaltigsten Aussichten uͤber das Thal der Salza, uͤber beyde Haͤlften der Stadt und die angraͤnzen- den bunten Gegenden umspannen kann. Zu meinen Fuͤßen erblickte ich einen Garten, des- sen Lage und Aufputz mir auffielen und den ich zu sehen wuͤnschte. Ich erfuhr von meinem Begleiter, daß er mit zu Eigen gehoͤre, weil ihn der Besitzer des letztern vor kurzem dazu gekauft habe; und er fuͤhrte mich den Berg hinunter, uͤber eine Bruͤcke, in denselben. Es ist wahr, man haͤtte diesen nicht großen Platz kaum artiger und mannichfacher benutzen koͤn- nen. Sein Lokal ist uneben und man muß haͤufig hinauf und herabsteigen, aber jeder Punkt bietet eine neue kleine Anlage dar. Bald stoͤßt man auf eine Einsiedlerklause, bald auf ein Lustwaͤldchen, bald auf eine Erhoͤhung mit Weinstoͤcken besetzt, bald auf einen Was- serfall, bald auf ein Bauerhaͤuschen, das mit Geschmack ausgeziert ist, bald wiederum auf ein Blumenbeet, auf kuͤnstliche Truͤmmer, Lau- ben, Treibhaͤuser, auf einen Thurm und einen Grabhuͤgel — mit einem Worte, die Kunst der Gartenverzierung hat hier mit moͤglichster Erfindungskraft verarbeitet, was ihr die Na- tur darbot. Dieser Garten, verbunden mit den uͤbrigen Anlagen von Eigen, hat auf mich einen Ein- druck gemacht, der nicht leicht wieder aus mei- ner Einbildungskraft verschwinden wird, und vielleicht werden Reisende, selbst durch den magern Abriß, den sie hier lesen, begierig ge- nug gemacht werden, von ihrem Aufenthalt in Salzburg einen Tag diesem schoͤnen Orte zu schenken. Den sinnlichern darunter kann ich zu ihrem Troste sagen, daß sie, nicht weit da- von, im Stanzinger Hof , fuͤr jede Tages- zeit, die noͤthigen Erfrischungen finden koͤnnen. Noch vor kurzem war zu Eigen selbst ein vortreflich besetztes Wirthshaus, mit Baͤdern verbunden, die ihres Wassers wegen in Ruf standen; jenes hat aber aufgehoͤrt und diese sind nicht mehr oͤffentlich, da der gegenwaͤrtige Besitzer Schloß und Anlagen zu seinem eigenen Gebrauche bestimmt hat. Ich fuhr den Seitenweg, der mich von der Straße ab nach Eigen gefuͤhrt hatte, zu- ruͤck, und kam wieder auf letztre, die mich zu dem gedachten Stanzinger Hof brachte, wo ich ein vortrefliches Fruͤhstuͤck fand, und zu- gleich Gelegenheit hatte, den Muth meines Fuhrmanns anzufeuern. Er hatte, im Ange- sicht dieses Hauses, Zweifel daruͤber bekommen, ob seine Pferde wohl die Reise uͤber Hellebrunn nach Hallein aushalten, besonders aber, (und dieser Zweifel fing an, auch mich ein wenig zu beunruhigen) ob wir gluͤcklich uͤber die Salza kommen wuͤrden, durch die wir, auf dem We- ge, den wir nahmen, setzen mußten. Ich glaubte aber den Schalk zu verstehen und ließ eine kleine Strecke vom Wege ab zu dem er- waͤhnten Wirthshause fahren, und ploͤtzlich ging eine freundliche Sonne in seinen Ge- sichtszuͤgen auf. Waͤhrend der Kellner fuͤr mich sorgte, hatte er auch fuͤr den Kutscher und Lohnbedienten gesorgt, und beyde hatten beschlossen, daß die Pferde nun nicht matt werden und die Wellen der Salza mich nicht verschlingen sollten. Dies kuͤndigte mir denn auch der Kutscher mit einigen Ausfluͤchten we- gen seiner vorigen Zweifel an; wir fuhren wei- ter und kamen sehr wohlbehalten uͤber den Fluß nach Hellebrunn. Ich wollte anfangs dieses Lustschloß mit seinen, zum Theil sehr romantischen, Umge- bungen, sogleich besehen, aber nach einer rei- fern Ueberlegung ward ich schluͤßig, ohne Aufenthalt weiter nach Hallein zu fahren, das nur etwa zwey kleine Stunden entfernt liegt. Man gelangt dahin durch ein hoͤchst mannich- faltiges Thal, das die Natur mit ihren sanf- tern oder wildern Schoͤnheiten freygebig be- schenkt hat. Der Weg, der an dem linken Ufer der Salza hinlaͤuft, ist, wie dieser Fluß selbst, bald enger bald geraͤumiger von zwey Reihen von Felsen eingeschlossen, deren obere Theile nur schroff und duͤrre, deren untere und mittlere hingegen mit Waldigt von Nadel- und Laubholz besetzt sind, zwischen denen von Strecke zu Strecke, bald kleine Kornfelder sich zeigen, bald einzelne hoch in die Luft empor- strebende Felsenwaͤnde auf ihren abhaͤngigen Grundlagen da stehen. Nachdem ich unter solchen Erscheinungen etwas uͤber anderthalb Stunden hingefahren war, sah ich mich vor dem Thore von Hallein. Hallein ist klein, enge und alt, und nicht merkwuͤrdig als Stadt, sondern als — Kuͤche des unentbehrlichen Beduͤrfnisses, das die Na- tur in einem benachbarten Berge roh zuberei- tet. Dieser Berg heißt der Duͤrrenberg und ragt suͤdwestlich uͤber die Stadt empor. Man fuhr mich in einen Gasthof auf dem engen Markte. In Salzburg hatte ich mir einen Erlaubnißschein verschaft, die Salzwerke zu sehen; diesen schickte ich sogleich in das Pflegeamt, damit dem Bergmeister meine An- kunft und meine Absicht bekannt gemacht wuͤrde. Der Wirth versicherte mir, die- ses Geschaͤft wuͤrde uͤber zwey Stunden dau- ern, mithin — „wuͤrde ich wohl thun“ setzte mein Lohnbedienter hinzu: „wenn ich vorher ein paar Bissel zu mir naͤhme.“ — Hier galt keine Ausflucht! Der eine wollte mich so gern bewirthen, der andre mir so gern bey Tische aufwarten, und es war Eilf Uhr! Ich war gezwungen, schon wieder hungrig zu seyn. Nach Tische trat ich die Reise auf den Berg an. Man reitet oder faͤhrt gewoͤhnlich hinauf, und bedient sich dazu eines alten frommen Ros- ses, oder eines Schlittens, auf welchem man sich uͤber den Knitteldamm, womit der Weg belegt ist, hinweg schleifen laͤßt. Beyde Arten des Fortkommens gefielen mir nicht. Ich waͤhlte eine dritte, stieg auf meinen Fuͤßen hinan und ließ den Schlitten hinter mir herkommen, fuͤr den Fall, daß ich uͤbermaͤßig muͤde wuͤrde. Ich fand ihn aber voͤllig unnoͤthig, da der Weg weder zu lang, noch zu steil, noch zu rauh war. Die Reise selbst wird durch die große Ab- wechslung, die der Weg dem Auge gewaͤhrt, sehr anziehend. Wohin man sich auch wendet, hat man eine neue Aussicht. Vor sich hat man den Berg, der bald mit Gehoͤlz, bald mit Kornfeldern, bald mit Wiesen besetzt ist. Rechts thuͤrmen sich Felsen auf, von denen ein Stroͤmchen herabrauscht; links fallen tiefe Thaͤler hinein, welche eine weitlaͤuftige Aussicht uͤber die benachbarten, niedrigern Berge oͤffnen. Hinter sich hat man die ganze Stadt zu sei- nen Fuͤßen, und jenseits derselben thuͤrmt sich ein anderes Bergamphitheater auf, dessen Wur- zeln die Salza bespuͤhlt. Neben sich, hart am Wege, hat man tiefe Schluͤchte, die theils zwischen schroffe Felsenwaͤnde hineinfallen, theils allmaͤhlig, mit Baͤumen und Gestraͤuch besetzt, sich absenken. Die Rinnen, welche die Sohle aus dem Berge nach der Stadt hinunter lei- ten, dienen stellenweise dem Wege zum Gelaͤn- der. Ist man solchergestalt eine Stunde fort- gestiegen, und man erhebt den Blick, so hat man auf einmal ein Doͤrfchen und mit ihm eine artige kleine Kirche, ganz von geschliffenem rothen Marmor vor sich, die diese außerordent- liche Landschaft treflich verzieren hilft; und ein paar hundert Schritte seitwaͤrts von derselben, ist man an dem ersten Ziele seiner Reise: in einem Wirthshause, wo einen der Bergmei- ster mit dem Anzuge zum Einfahren erwartet. Als ich in die obere Stube des Wirths- hauses trat, flog ein weißgekleidetes Geschoͤpf von wunderlicher Gestalt, dessen Geschlecht ich dem Anzuge nach schwerlich bestimmen konnte, in eine Seitenkammer zur Rechten, und mich fuͤhrte der Bergmeister in eine andre zur Lin- ken. Ich erhielt von ihm die Auskunft, daß eine zweyte kleine Gesellschaft die Reise durch den Berg mit uns machen werde. Als er die Bergkleidung auspackte, kam ich uͤber jene weiße Gestalt sogleich ins Klare, und uͤber das andre — unterrichtete er mich. Es war ein junges Frauenzimmer aus einer benachbarten Stadt, die mit ihrem Bruder und einer aͤltern Schwester eine Reise hieher gemacht hatte, um ihre Verwandten und den Salzberg zu sehen. Nichts kann abenteuerlicher seyn, als die Bergkleidung. Sie besteht aus einem weißen Kittel, aus dergleichen Beinkleidern, aus sehr langen und weiten baumwollenen Struͤmpfen, aus maͤchtigen Schuhen mit ungeheueren Soh- len, aus einem Schurzfell, da anzulegen, wo es die Knappschaft anlegt; aus gestrickten Hand- schuhen, und endlich aus einer Berghaube, um den Kopf, um alles, was man auf dem- selben hat, zu bedecken. Beinkleider, Kittel und Struͤmpfe, sind so vollstaͤndig gemacht, daß man nichts von seinen eigenen Kleidungs- stuͤcken abzulegen braucht. Als ich in diesem Anzuge aus der Seiten- kammer trat, fand ich die Schwestern und den Bruder in der großen Stube; und es muß nicht leicht eine kleine Gesellschaft gegeben haben, die so vor Begierde gebrannt haͤtte, sich im Ganzen und in einzelnen Theilen aus- zulachen. Die Frauenzimmer waren nur da von den beyden Maͤnnern unterschieden, wo die Beinkleider bey ihnen, der Roͤcke wegen, ge- gewoͤlbtere Umrisse bildeten; und die gute Lau- ne, die sich bey jedem von uns regte, trug dazu bey, daß wir in den ersten Augenblicken so mit einander bekannt waren, als ob wir uns bestaͤndig gesehen haͤtten. So nahmen wir den Weg nach dem Ein- gangsstollen, der Bergmeister voran. Da der Stollen breit genug war, so stand es uns nicht zu verdenken, daß wir Paarweise gingen. Der Stollen lief uͤbrigens bald durch lockeres, bald durch festeres, thonartiges Erdreich, und war streckenweise ausgezimmert, streckenweise nicht. Die letztern Strecken thaten eine artige Wir- kung, wenn die Wachskerzen, deren jeder von uns Eine in der Hand hatte, die Seiten und die Decke anglaͤnzten. Das Salz war dort krystallisch angeschossen und die Lichtstrahlen fielen abwechselnd roth, blau und goldfarben zuruͤck. Wir konnten uͤbrigens aufgerichtet ge- hen, und nusre Fuͤße waren durch die dicken Sohlen der Schuh verwahrt, an den Stellen, wo der Gang etwas naß wurde. Sechstes Heft. H Der Bergmeister hatte unterdessen einige kleine Anstalten getroffen, um die Reise fuͤr uns noch anziehender zu machen. Er hatte von Strecke zu Strecke einen Bergknappen gestellt, der irgend eine besondere Bergarbeit thun mußte. Einer trieb den Stollen weiter, ein anderer fuhr auf seinem Hunde das Erd- reich zu Tage, ein dritter besserte an der Roͤhre, welche die Sohle ausfuͤhrte u. s. w. Auf einmal stand er mit uns am Abhange ei- nes tiefen Schlundes still, den unsre Kerzen nur auf ein paar Fuß hinab erleuchteten. Hier muͤssen wir hinein! sagte er; und obgleich un- sre Frauenzimmer sich aͤngstlich erkundigten, ob wir nicht auf einem andern Wege dahin kom- men koͤnnten, wohin wir wollten, achtete er doch nicht darauf und versicherte: es sey kein anderer Weg. Sogleich setzte er sich auf sein Schurzfell nieder. Unter sich hatte er zwey runde, ge- schaͤlte, glatte Baͤume, die parallel und schraͤg in den fuͤrchterlichen Schlund hinab liefen. Ne- ben denselben rechts war ein Seil angebracht, woran man sich halten konnte. Sobald er saß, lud er den ersten Herrn ein, sich hinter ihn zu setzen, sodann seine Dame eben so hin- ter sich zu nehmen; hinter diese sollte sich der zweyte Herr setzen und dieser sollte wiederum seine Dame hinter sich sitzen lassen. Alles sollte sich wohl und fest unter einander halten und niemand etwas Boͤses fuͤrchten — Und im Hui! glitt er unaufhaltsam mit uns in die Tiefe hinunter. Wir waren schon wieder auf festem Boden, ehe unsre Begleiterinnen das er- ste Aechzen hervorbringen konnten, das sich aber im Nu bey uns allen in ein Freudenge- schrey verwandelte. Solch eine Abfahrt nennt man eine Rolle . Von hier aus gelangten wir abermals in mehrere Stollen, die in die Kreutz und Queere liefen, fuhren abermals uͤber zwey Rollen hin- ab und besahen die unterirrdischen Zimmer und Gemaͤcher, in welchen zu gewissen Zeiten ein Bergamt seine Sitzungen haͤlt. Die anzie- H 2 hen d ste Erscheinung hatte der erfinderische Berg- meister bis zuletzt fuͤr uns aufgespart. Er fuͤhrte uns zu dem Eingange eines neuen Stollens, wie es schien. Wir traten hinein und auf einmal dehnte sich ein weites schwarzes Ge- woͤlbe vor uns aus, dessen Umfang wir nach dem Scheine der Lichter abmaßen, die rund herum aufgepflanzt waren. Auf den ersten Blick hatte das Ganze die Ansicht eines dicht- bezogenen Himmels, an welchem aus weiter Ferne helle Sterne funkelten. Diese verloren sich, sobald das Auge an diese Erleuchtung ge- woͤhnt war, und gingen in dampfende Flaͤmm- chen uͤber, welche die Gegenstaͤnde um sich her anstrahlten und ihnen den Ton von Licht und Schatten mittheilten, der die Beleuchtung ei- ner großen Hoͤle so anziehend macht. Roma- nenschreiber, die in der neuesten Gattung ihrer Dichtungsart etwas leisten wollen, muͤssen nach dieser Hoͤhle wallfahrten, sonst werden sie in der That nur Stuͤmperey machen, wenn sie Gruͤfte, unterirdische Saͤle, Gefaͤngnisse und dergleichen behandeln sollen. Das Maß dieser Hoͤle sind siebenmal hun- dert tausend Eymer Wasser. Am aͤhnlichsten ist sie im Zustande der Erleuchtung dem Markt einer großen Stadt, der rund herum mit Lich- tern besetzt ist, wodurch sein Umfang sich noch einmal so weitausdehnt. Solcher Hoͤlen sind noch drey und dreyßig im Berge, aber nicht alle haben die Groͤße dieser. Ihre Bestim- mung ist, das suͤße Wasser aufzunehmen, das vom Berge hereingefuͤhrt wird. Dieses saugt die Salztheile auf, die es auf dem Boden, an den Waͤnden und an der Decke der Hoͤlen fin- det, saͤttigt sich damit und wird sodann nach einer bestimmten Zeit, mit seiner Beute an Salz, oder als wahrhafte Sohle, aus diesen Hoͤlen noch der Stadt herunter gefuͤhrt und dort versotten. Nachdem wir diese Hoͤle ihrem ganzen Um- fange nach durchmessen hatten, fuhr ein Wurst- wagen mit zwey Bergleuten bespannt, vor, nahm uns saͤmmtlich auf, und unsere Knap- pen fuhren uns, im strengsten Trabe, durch einen schoͤnen abhaͤngigen Stollen, der zum Theil in weißen Marmor gehauen war, wie- der an den lichten Tag. Unsre Kleidungsstuͤcke fanden wir auf einer nahe gelegenen Saͤge- muͤhle wieder. Hier fanden wir uns auch mit unserm gefaͤlligen Bergmeister und seinen Knap- pen ab. Wir stiegen wieder nach der Stadt hinun- ter, und besahen dort die Kothen, worin das Salz gesotten wird. Es sind nur vier Pfan- nen in Thaͤtigkeit, aber sie liefern jaͤhrlich ge- gen dreymal hundert tausend Centner Salz, und man verbraucht dazu mehr, als dreyßig tausend Klafter Brennholz. Merkwuͤrdig ist noch die Saͤgemuͤhle an der Salza, in welcher die Salztonnen, die man zur Verschickung des Salzes braucht, verfertiget werden. Ich nahm endlich von meiner kleinen Ge- sellschaft, die in Hallein bey ihren Verwand- ten blieb, Abschied, und fuhr nach der Stadt zuruͤck. Von Hellebrunn hatte ich noch eben Zeit, vor anbrechender Daͤmmerung, einige Partieen zu sehen. Das Schloß selbst ist ziemlich verfallen, und bietet wenig Merkwuͤr- diges dar, aber die Anlagen um dasselbe, der Lustgarten, seine Wasserwerke, seine Grotten, seine fischreichen Teiche; ferner der Thiergarten voll Damhirsche, ein Theater in lebendigem Felsen ausgehauen, ein paar artige Lustschloͤß- chen mit koͤstlichen Aussichten, und andre klei- nere und groͤßere Anlagen dieser Art, geben diesem Lustorte einen eigenthuͤmlichen Charak- ter von Heiterkeit und Mannichfaltigkeit. Als ich nach Hause kam, traf ich Anstalten zu meiner Abreise von Salzburg. Nur wenig deutsche Staͤdte, die ich gesehen habe, waren mir mit solch einer Fuͤlle von angenehmen und merkwuͤrdigen Gegenstaͤnden entgegen gekom- men. Den 30sten des Julius reis'te ich von Salz- burg ab, auf Linz . Der Weg geht, wenn man von Salzburg heraus koͤmmt, noch eine Meile an dem felsigten Fuße des Kapuziner- berges hin; und ich uͤbersah noch im Ruͤcken einen Theil der Stadt, waͤhrend sich vor mir, zwischen niedrigern Bergen, die schoͤnsten und fruchtbarsten Thaͤler aufthaten. Weiterhin fuͤhrte der Weg allmaͤhlig bergan, und die umliegenden Gegenden blieben bergigt, hatten aber einen weit angenehmern Charakter, als die um Salzburg. Der Fruchttrieb war tref- lich, aber dennoch gaben die Doͤrfer, durch die ich kam, nicht den Anblick von Reinlichkeit und Wohlhabenheit derer, die ich jenseits Salz- burg durchfuhr. Die Haͤuser waren von Schroot- werk, wie in Pohlen und Boͤhmen, zwar nicht mit Stroh, sondern mit Schindeln gedeckt; diese waren aber nicht mit Naͤgeln befestigt, sondern nur mit Feldsteinen belegt, damit sie der Wind nicht entfuͤhren sollte. Nicht weit von Neumarkt , der naͤchsten Post (3 M.) oͤffnete sich mir zur Rechten ein schoͤnes Thal, und kaum war es an der Seite verschwunden, so hatte ich, als ich auf eine kleine Anhoͤhe gelangt war, ein anderes unuͤbersehliches, durch Abwechslung und Fruchtbarkeit, und durch die angebaueten Huͤgel, die es umschlossen, sehr reizend sich darstellendes Thal vor mir. Ich verlor es aber, indem ich einen Hohlweg hin- unter fuhr, aus den Augen, und sogleich be- fand ich mich vor dem gedachten Neumarkt, einem unbetraͤchtlichen Flecken, mit zweystoͤcki- gen Haͤusern, welche die Giebel nach der Straße kehrten und mit Daͤchern, die zwey bis drey Ellen hervorstanden und eben so nachlaͤßig ge- deckt waren, als die vorhin erwaͤhnten auf den Haͤusern der Doͤrfer. Neumarkt besteht uͤbrigens aus einer einzigen Straße. Von da bis Frankenmarkt , dem naͤchsten Postwech- sel (3 M.) setzte ich, bey anbrechender Nacht, meine Reise fort. Es hatte seit zwey Tagen hier viel geregnet, und in den behoͤlzten Ber- gen um mich her, entwickelten und ergossen sich dicke Wolken in einem kleinen nisselnden Regen, der alle Gegenstaͤnde wie mit Nebel bedeckte. Gegen acht Uhr hatte eine dicke Fin- sterniß schon alles uͤberzogen, aber mein Post- knecht rannte mit mir so eilfertig in dieselbe hinein, als ob es Tag gewesen waͤre. Die An- hoͤhen mit ihrem Waldigt standen in dunkel- schwarzen Massen um mich her, und das Ge- hoͤlz, durch welches ich kam, trug diese Farbe in einem noch hoͤheren Grade, so, daß der mit schweren Wolken behangene Himmel wie Tag dagegen erschien. Einige hundert Schritte von mir huͤpften Irrwische zu Dutzenden, und von Strecke zu Strecke flimmerten Johannis- wuͤrmchen wie Diamanten aus dem benach- barten Gebuͤsch hervor. Auf mehreren schwan- kenden Bruͤcken mußte ich uͤber Stuͤrzbaͤche, die tief unter mir rauschten. Da ich ausser liederlichem Raubgesindel, das gern an den Graͤnzen hauset, trotz Nacht und Wald, nichts zu fuͤrchten hatte, und auch jenes mit der Haͤlfte meiner Baarschaft abzufinden mir im- mer getraue, so fuhr ich sehr ruhig weiter; da ferner meine gegenwaͤrtige Lage und Stim- mung, jugendlicher Eindruͤcke wegen, einen gewissen Reiz fuͤr mich hatten, den ich als Mann noch nicht ganz unstatthaft fand, so konnte ich noch waͤhrend dreyer Posten dieses Vergnuͤgens genießen. Denn die Gegenden mit ihren Schatten dauerten so fort bis uͤber Fran- kenmarkt und Voͤcklabruͤck (2 M.) zwey unbetraͤchtliche Flecken, beyde mit Postwechsel, hinaus, indem mildere und sanftere Anhoͤhen, weitere und engere Thaͤler, immer vor mir und an meiner Seite blieben. Von Lambach , dem dritten Postwechsel, (3 M.) aus, ward es lichter am Himmel und auf dem Boden, und schon zeigten sich mir die aͤußersten Ruͤk- ken der Gebirge, an deren Fuße die Donau hinfließt. Sie zogen sich halbkreisfoͤrmig um niedrigere Anhoͤhen und Thaͤler herum, waͤh- rend in meiner Naͤhe der Boden bald sich sanft erhob, bald sich in die fruchtbarsten Nie- derungen, mit Wiesen und Kornfeldern ge- schmuͤckt, abdachten. So dauerte es fort bis Wels , der letzten Post vor Linz, (2 M.) wo der Weg uͤber ein Erdreich lief, das ganz so ist, wie es sich vor Muͤnchen anhebt, bis nach Salzburg hinlaͤuft, sich hier haͤufig in große Massen zusammen gebacken und zu Werkstuͤk- ken faͤhig zeigt, und von wo es dann in glei- cher Natur, aber wiederum locker, sich nach Linz hinein erstreckt. Mir scheint daraus zu folgen, daß die ganze Strecke, von Muͤnchen aus bis hieher, vor undenklichen Zeiten Mee- resgrund gewesen sey; und vielleicht mag in der grauen Vorzeit manches Fahrzeug an dem Untersberge, Gaisberge, und wie sie alle in dortiger Gegend heißen, als sie noch das klip- pigte Gestade des Meeres bildeten, gescheitert seyn, indeß sich auf dem Berge, wo jetzt die Festung Salzburg steht, die Mannschaft vor den Wellen rettete. Wels ist ein gut gebaue- tes, sauberes Staͤdtchen. Die Haͤuser haben vermauerte Giebel und geben einen italieni- schen Anblick. Die Hauptstraße, worin das Posthaus steht, wuͤrde in jeder großen Stadt mit Ehren eine Stelle einnehmen. Linz (4 M.) sieht man fast nicht eher, als bis man davor ist, wegen Mangel an ho- hen Thuͤrmen. Diese Stadt liegt disseits der Donau am Fuß eines schoͤnen Gebuͤrgsamphi- theaters, das jenseits dieses Flusses, in schrof- fern und sanftern, aber immer trefflich ange- baueten, Absaͤtzen, empor steigt. Die Grundlage der Stadt ist nicht ganz eben, und erhebt sich vom Markt an allmaͤh- lich bis zur Festung hinauf, die in einem nicht sehr furchtbaren Zustande, auf einer Anhoͤhe liegt, die Stadt beherrscht und uͤbrigens eine sehr lachende Aussicht, rechts uͤber die umlie- genden fruchtbaren Gefilde, links uͤber das jenseits der Donau hinaufsteigende Amphithea- ter und den Spiegel der Donau selbst, hinter- waͤrts uͤber das schwarzbehoͤlzte Thal, aus wel- chem sich jener Strom hervordraͤngt, und vor- waͤrts unmittelbar uͤber den ganzen Umfang der Stadt gewaͤhret. Linz ist fast wie Salzburg gebauet, nur mit dem Unterschiede, daß die Vorderseiten der Haͤuser verziert sind; daß das Erdgeschoß und der zweyte Stock hervorspringen und mit einer Art von Wetterdache bedeckt, und daß fast vor allen Fenstern gruͤne Sonnengitter sind, die den Haͤusern ein gutes Ansehen ge- ben. Diese Sonnenlaͤden findet man in Fran- ken, Bayern und Oesterreich sehr haͤufig; weit seltener in Sachsen, Preußen und uͤberhaupt im noͤrdlichen Deutschlande, wo man die Be- quemlichkeit, die sie gewaͤhren, nicht zu achten scheint, und wo man dagegen mehr auf die Fenstervorhaͤnge wendet, die in Oberdeutschland in der That meist sehr aͤrmlich sind. Viele Fenster in Linz haben eiserne Gitter, wie man sie auch in Salzburg, und in ganz Oesterreich, sehr haͤufig, in Niederdeutschland ebenfalls selten oder gar nicht, findet. Ich sehe nicht ein, wozu sie eigentlich nuͤtzen. Dagegen ist es hier weniger uͤblich, die Haͤuser mit Farben abzuputzen, sondern man laͤßt sie weiß, und dies giebt den Staͤdten, Flecken und Doͤrfern in diesen Gegenden ein heiteres und neues An- sehen Linz hat einen trefflichen, geraͤumigen Markt- platz, der mit einer stattlichen Dreyfaltigkeits- saͤule auf der einen, mit einem Springbrun- nen auf der andern Seite verziert, und mit ansehnlichen 4 bis 5 Stock hohen Haͤusern umschlossen ist. Die Straßen sind im Durch- schnitt mehr enge, als breit, aber das Pflaster ist gut. Mehrere Kirchen und oͤffentliche Ge- baͤude fallen gut in die Augen. Auch ist die Stadt lebhaft genug und man hat die Zahl ihrer Bewohner auf 16,000 berechnet. Auf einem Theile des Stadtwalls sind Alleen und Hecken angelegt, die einen artigen Spatziergang bilden. Als solcher wird auch die Donaubruͤcke gebraucht, die von Strecke zu Strecke mit Baͤn- ken besetzt, uͤbrigens von Holz ist. Die Aussicht von derselben ist sehr angenehm. Ich wollte die hiesige große Wollenwirkerey sehen, aber man machte mir Schwierigkeiten. Ich hoffe zum gesunden Menschenverstande, daß nur Eigensinn oder Traͤgheit des Aufse- hers, oder irgend ein Mißverstaͤndniß, die Ur- sach davon war: denn die Handgriffe der Wol- lenarbeiter sind, dem Himmel sey Dank! nir- gend solch ein Geheimniß mehr, daß man sie stehlen muͤßte, wie gewisse englaͤndische Kunst- werkzeuge. Das hiesige Lyceum ist weder stark besucht, noch hat es beruͤhmte Lehrer. Ich fand in ei- nem paar Hoͤrsaͤlen noch eine alte und steife Lehrart, welche die Gegenstaͤnde ungefaͤhr noch so weitlaͤuftig und elementarisch vortrug, wie sie auf den protestantischen Gymnasien in der dritten und vierten Klasse behandelt werden. Die hiesigen Buchladen sind wahre Troͤ- delbuden. Kein einziger davon steht mit Leip- zig in Verbindung; was also in der allgemei- nen deutschen Litteratur vorgeht, bleibt hier unbekannt. Man behilft sich mit dem, was in in den Erblaͤndern gedruckt und besonders nach- gedruckt wird, und bindet nebenher Buͤcher, was in der That das eigentliche Handwerk der hiesigen Buchhaͤndler zu seyn scheint. Ich erkundigte mich bey drey derselben nach einem in Oesterreich und auch auswaͤrts sehr bekann- ten Dichter, der vor wenig Jahren in Linz eine ansehnliche Stelle bekleidet hatte, und sie kannten ihn nicht einmal dem Namen nach. Aber es ist gewiß, daß Linz uͤberhaupt von den Lichtstrahlen, die noch vor wenig Jahren von Wien uͤber Oesterreich ausgehen durften, wenig bekommen hat, weil das Heer der hie- sigen Geistlichkeit vortreflich Wache gegen al- les hielt, was die Wissenschaften und den Verstand haͤtte aufklaͤren koͤnnen. Das Linzer Blut ist beruͤhmt, und nicht ohne Grund. Es ist in der That schoͤn, doch mehr bey dem weiblichen Geschlecht, als bey dem maͤnnlichen. Unter dem erstern findet man haͤufig ganz griechische Umrisse, große schwarze Augen, vortrefliche Zaͤhne, und die frischeste Sechstes Heft J Farbe. Doch sind es besonders die mittlern und untern Staͤnde, die solche Bilder darbie- ten; in der That nur Bilder, denn man fin- det weder Munterkeit noch Leben, noch ande- res Gefuͤhl, als das bloß sinnliche, bey ihnen, fuͤr welches sie auch nur gemacht zu seyn schei- nen. Ihr Koͤrperbau ist mehr gedraͤngt, als schlank; Haͤnde und Arme sind mit dem feste- sten Fleische prall gepolstert; und die schoͤnste Form des Busens, die mit dem runden Halse in eins zu verfließen strebt, scheint hier zu Hause zu seyn. Den letztern Vorzug scheinen sie mit ihrer Tracht zu danken, die in einem schlaffen Mieder von Wollenzeug besteht, das einen sehr kurzen Schnitt hat, nicht geschnuͤrt, sondern bis uͤber die Herzgrube her zugeknoͤpft wird, sich mithin sanft an den Koͤrper schließt und seinen zartern Theilen weiter keine Gewalt anthut, als daß sie dieselben nach oben zu draͤngt und sie auf ihrer eigenen Ueppigkeit und Fuͤlle ruhen laͤßt. Die Bauern und Baͤuerinnen in der Ge- gend von Linz, wie uͤberhaupt in Oberoͤster- reich, kleiden sich fast ganz so, wie die im Al- tenburgischen und im Bezirke von Eger. Schwarz ist ebenfalls ihre Leibfarbe. Die Maͤnner tra- gen große, runde, schwarze Huͤte, und Pump- hosen mit Gehenken uͤber der Achsel; ihre Roͤcke sind lang und haben einen sehr kurzen Schnitt. Diese Tracht wuͤrde mit der Tracht der Salz- burger ganz uͤberein kommen, wenn letztre nicht am liebsten kapuzinerbraun truͤgen, und die gruͤnen Huͤte vorzoͤgen. Die Roͤcke der Wei- ber bedecken kaum das Knie und haben eine große Menge senkrecht herablaufender schmaler Falten; ihre Waͤmser haben einen ungewoͤhnlich kurzen Schnitt, was ihnen sehr breite Schultern macht; ihre Hauben sind besser als die Salz- burgischen, weil sie nicht mit den hoͤrnerarti- gen Hoͤhlungen an den Seiten, sondern bloß mit einem Striche von schwarzen Spitzen, der sich halbkreisfoͤrmig von einem Ohre zu dem andern an den Kopf legt, versehen sind. J 2 Den ersten August reis'te ich von Linz ab nach Wien. Der Weg auf Ens (3 M.) fuͤhrt durch dasselbe Thor zuruͤck, durch wel- ches ich herein gekommen war. Ich sah mich in einer mit einzelnen Anhoͤhen besetzten Ebe- ne, aus welcher ich durch einen Hohlweg auf eine hoͤlzerne Bruͤcke gelangte, die uͤber die Traun nach Ebersperg fuͤhrt, einem passau- ischen Marktflecken, in dessen Naͤhe auf einem hohen Berge ein altes Schloß liegt. Von da an erhaͤlt sich der Weg ziemlich eben, bis auf ein paar Anhoͤhen, uͤber die man hinfaͤhrt und von denen man die ganze Gegend uͤberse- hen kann. Diese zeigt immer noch aus der Ferne Anhoͤhen, welche sich auf allen Seiten herumziehen. In den Thaͤlern zwischen den- selben sind die fruchtbarsten Felder und schoͤn- sten Wiesen, die nur an einigen Stellen von schmalen Gehoͤlzen unterbrochen werden. Die wohlhabende Ansicht der Doͤrfer, das freye, offene Wesen der Einwohner und ihre starken wohl- genaͤhrten Rosse, alles zeigte, daß ich mich in einem von der Natur gesegneten und weder von dem Landesherrn, noch von dessen Lehn- traͤgern ausgesogenen Lande befand. Kurz vor Ens erhebt sich der Weg allmaͤh- lig, und diese Stadt zeigt sich, mit ihrer alt- modischen Befestigung, die aus einer hohen Mauer mit Thuͤrmen besteht, nicht zu ihrem Nachtheil. Das Innere derselben ist neuer und heller, als das Aeußere. Ihre Haͤuser haben meist drey Stock und platte Daͤcher, und einige darunter wuͤrden selbst einer groͤßern Stadt zur Zierde dienen. Von Ens aus faͤhrt man, einen ziemlich steilen Berg hinunter, in das Thal, worin die Ens fließt, uͤber die hier eine hoͤlzerne Bruͤcke fuͤhrt. Der Weg geht eine Strecke flach fort, erhebt sich sodann allmaͤhlig und laͤuft uͤber maͤßige Anhoͤhen hinauf und hin- unter. Auf der letztern derselben uͤbersieht man das Thal der Ens zur Linken, und zur Rechten ein zweytes, beyde nicht sehr ausge- breitet, aber fruchtbar. Der Straßendamm, hier einer der schoͤnsten, die ich außerhalb Frankreich gesehen habe, war dicht mit Obst- baͤumen besetzt, und ungeachtet es seit vier Tagen geregnet hatte, war die Wagenspur auf demselben kaum einen Zoll tief. Mehrere auf dem Ruͤcken der umliegenden Anhoͤhen sich befindende Kirchen, Klostergebaͤude und Schloͤsser, verschoͤnern diese Gegend. Streng- berg , der naͤchste Postwechsel (2 M.) ist ein Marktflecken mit mehreren steinernen Haͤusern. Uebrigens wurde ich auf diesem Postlaufe ge- fahren, wie seit Lithauen nicht. Von hier bis Amstaͤdten , der naͤchsten Post (3 M.) dauert der Weg meist in der Art wie vorher fort, nur daß die Anhoͤhen, die man auf und ab steigt, merklich betraͤchtlicher und behoͤlzter werden. Auf beyden Seiten behielt ich immer noch Thaͤler, und da, wo das Gehoͤlz sich oͤff- nete, erblickte ich, naͤher und entfernter, hohe Bergruͤcken, die sich amphitheatralisch vor mir herum zogen. Kurz vor Amstaͤdten stand ich an dem Abhange eines betraͤchtlichen Berges, und ein neues schoͤnes Thal dehnte sich zu meinen Fuͤßen aus, in welches ich hinab rollte. Zugleich befand ich mich in Amstaͤdten, einem Marktflecken, wie Strengberg. Von demselben aus fuhr ich in dem Thale weiter und behielt auf beyden Seiten Berge. An denen zur Linken fließt die Donau hin, in deren Naͤhe man sich waͤhrend dieser ganzen Reise erhaͤlt; die zur Rechten aber sind un- gleich hoͤher und erstrecken sich weiter hinaus. Das Thal selbst, solch einen schoͤnen Anblick es auch aus der Ferne gewaͤhrte, entspricht der veranlaßten Erwartung nicht. Der Boden besteht aus lockeren Steingeschieben und hat kaum einen halben Fuß hoch Dammerde. Fleiß ist ihm nicht zu Huͤlfe gekommen. Das Ge- treide war weit zuruͤck, duͤnn, niedrig; die Doͤrfer mithin unansehnlich, die Bewohner aͤrmlich. Nach einer dreyviertelstuͤndigen Fahrt gelangt man von neuem an einen Marktflecken, der manches armselige, von Schrotwerk ge- bauete, mit Stroh gedeckte, Haͤuschen hat, die nur am Ausgange durch einige ansehnli- chere wieder gut gemacht werden. Hinter die- sem Flecken verengert sich das Thal, und der Weg nimmt eine Wendung rechts an einem Berg herum, worauf sich das Thal von neuem erweitert, doch nicht mehr die Ausdehnung er- haͤlt, als von Amstaͤdten aus. Es hat hier ei- nen Fluß in der Mitte, uͤber den man auf einer Bruͤcke hinfaͤhrt. Bald darauf befindet man sich in Kemmelbach , dem naͤchsten Postwechsel. (2 M.) Kemmelbach ist ein Fleck- ken, aber nicht so sauber und gut gebauet, als ein paar andere, durch die ich heute kam. Von da bis Moͤlk , ging ich noch am spaͤten Abend, und alles was ich uͤber die Chorographie des Weges bemerken konnte, war, daß er theils uͤber kleine Anhoͤhen hinab, theils durch Wal- digt fuͤhrte, und daß im Durchschnitt genom- men, die Gegend mehr uneben als flach, die Straße aber vortrefflich war. So kam ich diese Nacht uͤber Moͤlk , (3 M.) St. Poͤl- ten , (3 M.) Perschling ; (2 M.) und erst zu Sichartskirchen (2 M.) fand ich den Tag wieder. Von da bis Burkersdorf (2 M.) ward der Weg uͤberaus angenehm. Vor und neben mir erhoben sich sanft abge- rundete Berge, die am Abhange zum Theil mit Weinreben, zum Theil mit Getreide, auf dem Gipfel aber durchweg mit Gehoͤlz besetzt waren. Dieses bestand nicht aus finsterm Na- delholz, sondern aus Eichen, Birken, Buchen, die diesen Anhoͤhen einen sehr heitern Charak- ter mittheilten. Zwischen ihnen fuhr ich, in- dem ihre Form und Lage und die durch sie gebildeten Thaͤler bestaͤndig wechselten, bis nach Burkersdorf, und von da aus, bis unge- faͤhr 1½ Stunde vor Wien fort. Jetzt kam ich aus diesen Thaͤlern hervor in eine offnere Gegend, die aber immer noch nicht zur Ebene wird, sondern in der Ferne noch Berge, ob- gleich keine betraͤchtliche mehr, einschließt. Wien bleibt bis auf ¾ Stunden Entfernung dem Auge noch versteckt; aber das Geraͤusch und das Gedraͤnge der Aus- und Eingehenden und Fahrenden laͤßt es nicht zweifelhaft, daß man dieser ehrwuͤrdigen Stadt sehr in der Naͤhe ist. Man faͤhrt endlich durch eine der schoͤnsten Vorstaͤdte nach Wien (2 M.) hinein, und sieht sich zwischen fuͤnf- bis sechsstoͤckigen Haͤu- sern vergraben und von dem buntesten Ge- wimmel verschlungen. Zwoͤlfter Abschnitt, Wien . Topographische Bemerkungen über die Stadt selbst. Festungswerke. Thore. Straßen und Plätze. Kir- chen, Palläste, öffentliche Gebäude, Bürgerhäuser, Bauart. Sogenannte Höfe und ungeheure Häuser, Umbau der ältern, Ansicht und Inneres der neuern. Neuerliche Verschönerung und vermehrte Anzahl der Häuser. Bauunternehmer. Theurung der Miethen. Die Fischerschen architektonischen Anlagen. Der Raum zwischen der Stadt und den Vorstädten. Aussicht über dieselben vom Stadtwalle. Schönes Amphi- theater. Anzahl der Vorstädte. Ihr Mißverhältniß in Größe und Umfang. Ihr Anbau. Ihre Bevöl- kerung. Volksmenge der Stadt Wien mit den Vorstädten zusammen genommen. Erleichterung der Ehen unter Joseph dem Zweyten. Freygebung der Gewerbe. Folgen davon auf der einen und der an- dern Seite. Gestiegene Preise der Lebensmittel. Wohlhabendes Aeußere von Wien. Aermer gewor- denes Innere. Wucherer. Die Fürstlichen, Gräf- lichen und Freyherrlichen großen Familien. Ihre Einnahmen und Ausgaben. Der zweyte Kreis der Reichen. Charakter der in Wien umlaufenden Geld- masse. Ohne Sorgen erworben, fröhlich ausgegeben. Hang zum Luxus und zum Wohlleben. Neigung zur Schüssel, zu Schauspielen, zur Musik. Das Hof- theater. Madame Vigano und ihr Mann. Ihre berauschende Wirkung auf das Wiener Publikum. Die Theater Marinelli's und Schikaneders. Hetze. Konzerte. Tanz. Tanzmenscher. Spatzierfahrt, Spat- ziergang, Sommeraufenthalt auf dem Lande. Um- liegende Lustörter und Dörfer. Der Prater. Rückkehr aus demselben. Nächtlicher Lustort und Spaziergang. Winke über das unsittliche Verkehr. Zerstreute Be- merkungen. Das Vermischen der Stände. Das be- schrieene Herr von — und Ewr. Gnaden . Die steife Nachahmungssucht in der Mode fast ganz ver- schwunden. Kopfputz à la Guillotine. Gesunkene Begeisterung der gebornen Wiener von ihrer Vaterstadt. Stimmung des Volks für die Geistlichkeit. Umtrieb der Wissenschaften. Lesesucht in den mittlern und ge- ringern Klassen. Nachdrucker im Hinscheiden. Ein Wink über die eigentliche Gelehrsamkeit und die Ein- richtung der Schulen und Universitäten. Einige er- schütterte Charakterzüge der Wiener. Abreise von Wien. Neudorf. Die Neustädter Haide. Theresienfeld. Wienerisch Neustadt. Schott- wien. Weg über den Semmering. Das schöne März- thal. Bruck an der Muhr. Leoben. Wege und Gegenden. Friesach. St. Veit. Klagenfurt. An- sicht, Bauart, Straßen und Plätze dieser Stadt. Der Fürst Bischof von Gurk und Straßburg. Fa- briken. Der Werthersee. Veiden. Villach. Die Krainer Alpen. Gegenden. Das Thal der Drau. Furchtbare Kalkalpe. Lienz. Eintritt in die Alpen. Anbau derselben. Ungewöhnliche Menge von Kirchen. Brixen. Schauderhaftes Thal zwischen Kolman und Botzen. Abriß dieser Stadt. D er witzige Verfasser der Skizze von Wien vergleicht diese praͤchtige Kaiserstadt nicht unangenehm mit einem Ringe. Der Mittelpunkt derselben, die eigentliche Stadt , ist ihm der Hauptdiamant, die Vorstaͤdte sind die Karmesirung. Wahrscheinlich giebt es nirgend in der Welt einen Fleck mehr, der, in einem Viereck von ungefaͤhr Siebenhundert Wiener Klaftern Laͤnge, und von Sechshun- dert dergleichen Klaftern Breite, solch eine Fuͤlle von Volk, Reichthum und Pallaͤsten; so viel politische Macht und Groͤße; solch einen Geldumlauf; solch einen Drang von Staats- und Handelsgeschaͤften; solch einen Zusammen- fluß von Fremden, und solch eine zahlreiche Gesellschaft der groͤßesten, reichsten, freyge- bigsten Einheimischen, aus allen Provinzen ei- nes großen Kaiserthums, beherbergte, naͤhrte, und zugleich als Festung deckte. Die Werke dieser Festung laufen in tiefen Graͤben, und in sehr hohen Waͤllen, die in zehn Bastionen abgetheilt sind, um die eigent- liche Stadt, und draͤngen sie in den geringen Umfang von ungefaͤhr einer halben deutschen Meile — zusammen. Sechs Haupt- und zwey Nebenthore fuͤh- ren hinein und heraus. Hundert und Acht breitere und engere Straßen dienen zur innern Verbindung. In Dreyzehn Hundert und Fuͤnf und Zwanzig Haͤusern, von Vier bis zu Acht Geschossen, wohnt eine Volksmenge von mehr als Funfzig Tausend Seelen. Unter diesen steht eine zahlreiche Kaiserlich- Koͤniglich- Erz- herzogliche Familie obenan. Zwoͤlf bis Vier- zehn Fuͤrstenhaͤuser folgen auf sie. An sie schließt sich die doppelte Anzahl von Graͤflichen, und die dreyfache von Freyherrlichen Familien, deren Haͤupter theils als Privatleute, theils als Inhaber der hoͤhern Hof- und Staatsstel- len leben. Auf sie folgt ein Heer von Gesand- ten, jeder Ordnung, die mehr oder weniger glaͤnzende Haͤuser machen. Wechsler, Negoti- anten, Geschaͤftstraͤger, auch nur bloße Haus- besitzer, wetteifern in Reichthum und Genuß. Kaufleute, Lieferer, Vorkaͤufer und Unter- nehmer aller Art folgen ihnen auf dem Fuße; eine wohlhabende, nicht geitzige Buͤrgerschaft verkehrt und lebt unter diesem Getuͤmmel, und macht es auch ihrerseits geraͤuschvoller; und endlich verstaͤrkt ein Heer von Staatsbeamten, das durch zwoͤlf bis funfzehn Hof- und Staats- kollegien gestellt wird, verstaͤrkt den Zehr- und Genußdrang, und schwellt den Menschenstrom in dem Grade an, wie er sich besonders auf dem Burgplatz , auf dem Kohlenmarkt , auf dem Stockam Eisenplatze , in der Kaͤrnthner Straße , auf dem hohen Markt , auf dem Hofe und am Graben zeigt. Von den Bewohnern der Vorstaͤdte bringt gewiß ein Drittel, wo nicht den ganzen Tag, doch wenigstens einige Stunden, eben- falls in der Stadt zu; und in dem allgemeinen Getuͤmmel dieses engen Standplatzes rollen uͤber Zwey Tausend eigene Wagen, uͤber drey Hundert Stadtlohnwagen, uͤber Sechs Hun- dert Fiaker, mit Sechsen, Vieren und Zweyen bespannt, vom fruͤhesten Morgen bis in die spaͤteste Nacht laͤrmend herum. Die Wagen, worauf die Zufuhr fuͤr den allgemeinen Be- darf und Ueberfluß nach der Stadt geschaft wird, deute ich nur an. Alles also, was arbeiten und muͤßig gehen, leben und schwelgen, sehen und gesehen wer- den will, draͤngt sich nach dem Kerne der Stadt hin und wohnt in demselben enge auf einander. Da der Umfang nicht erweitert werden kann, so faͤhrt man in die Hoͤhe auf; und dieser Umstand bestimmt die Bauart des eigentlichen Wien. Man sieht sich sonach in dessen Straßen wie in Graben eingeschlossen, die ziemlich von gleicher Tiefe sind, und sich nur durch Laͤnge und und Breite unterscheiden. Die Plaͤtze , deren keiner groß ist, geben den Anblick von ausge- hoͤlten Becken. Der ertraͤglich geraͤumigen Straßen sind ungefaͤhr nur zehn, und man kann dahin die Herren -, die Kaͤrnthner -, die Wiplin- ger -, die Schuler -, die Singer -, die Rauhenstein -, die Johannis -, die An- nen -, die Spiegel - und die obere Schen- ken-Straße rechnen. In diesen koͤnnen, doch nicht in allen ihren Theilen, drey Wagen einander mit Muͤhe ausweichen, indem die ei- ne Achse die andre oder die Waͤnde der Haͤu- ser streift. In andern haben nur zwey Wa- gen, in noch andern hat nur einer, und in den uͤbrigen nur der Fußgaͤnger, Platz. Der engesten Art findet man viele zwischen dem Graben und dem hohen Markt , zwischen dem Hof und der Naglergasse , zwischen dem Judenplatz und dem alten Fleisch- markt , und noch in einigen andern Gegenden der Stadt. Sechstes Heft. K Unter den Plaͤtzen sind noch die geraͤu- migsten der Hof , der hohe Markt , der Graben , der Neumarkt , die Freyung ; der Burgplatz aber, der Bibliothek- platz , der Stock am Eisenplatz , der St. Stephansplatz und der Judenplatz sind nur in einer Stadt, die so enge Straßen hat, Plaͤtze zu nennen. An diesen Straßen und Plaͤtzen stehen Buͤrgerhaͤuser, oͤffentliche Gebaͤude und Pri- vatpallaͤste umher, unter denen die vierstoͤckigen die niedrigsten, die fuͤnfstoͤckigen die gewoͤhn- lichsten, und sechs- und siebenstoͤckige nicht sel- ten sind. Da der Bau eines Hauses in Wien beschwerlicher ist, als anderswo, weil das Bauholz, von dem Bauplatze weit entfernt, vorgerichtet, und die uͤbrigen Zuthaten im Kleinen herbey geschafft werden muͤssen; so bauet man auch, wenn man sich dieser Muͤhe einmal unterzieht, fuͤr die moͤglichstlange Dauer der Haͤuser und Pallaͤste. Die Mauern der- selben haben eine Dicke von zwey, drey, und vier Ellen, und sind entweder von einem kalk- artigen Bruchstein, oder, wie fast alle neuern, von Ziegelsteinen aufgefuͤhrt. Nur solchen Mau- ern kann man solche Hoͤhe und solche Irr- gaͤnge von Queerwaͤnden aufladen, als dadurch noͤthig werden, daß man den innern Ausbau ganz auf Gelaß zu berechnen pflegt. Viele dieser felsenartigen Werke haben noch uͤberdieß doppelte und dreyfache Kellergeschosse uͤber ein- ander, die ihre ganze Grundlage unterwoͤlben, und die Beduͤrfnisse an Holz und Wein fuͤr Hunderte ihrer kuͤnftigen Bewohner zu fassen bestimmt sind. Haͤuser dieser Art findet man am Graben, auf dem Hofe, in der Kaͤrnth- nerstraße, am hohen Markte, am Kohlmarkte und anderwaͤrts. Die sogenannten Hoͤfe , de- ren es eine große Menge giebt, enthalten oft fuͤnf bis acht Gebaͤude, eines in das andre geschachtelt, fuͤnf bis sechs Stock hoch, durch enge Durchgaͤnge verbunden und vom Keller- geschoß an bis hoch in die Daͤcher bewohnt. Als Muster dieser ungeheuren Art zu bauen, K 2 von der man, außer vielleicht in London und Genua, nichts aͤhnliches findet, kann man das hiesige Trattner'sche und Friesische Haus, die Traube , die Mehlgrube , den Seit- zer-, Schotten - und Annen-Hof , und vorzuͤglich das sogenannte Buͤrgerspital anfuͤh- ren. Das letztere hat jetzt, da ich dies schrei- be, Neun Hoͤfe voll fuͤnfstoͤckiger Gebaͤude, de- ren Zimmer schon gemiethet wurden, ehe sie fertig waren. Das Innere der neuern Haͤuser ist beque- mer, geraͤumiger und leichter, als das Innere der aͤltern. Diese sind uͤberhaupt an ihren her- vorragenden Giebeln, kleinern Fenstern, und dunkeln, engen Treppen, leicht zu unterschei- den. Doch haben manche Besitzer solcher Haͤu- ser viel gethan, um sie in allen diesen Stuͤk- ken zu verbessern; sie haben sie zum Theil vom Grunde aus umgebauet, und mit dem Raume so gewirthschaftet, daß man jetzt oft genug in alten und unansehnlichen Gebaͤuden durch ge- raͤumige, helle, bequem verbundene und hohe Zimmer uͤberrascht wird. Die neuern Haͤuser sind durchweg mit steinernen Treppen, und diese mit eisernen Gelaͤndern versehen; jede Abtheilung der Wohnungen hat ihren eigenen verschlossenen Eingang; ihren eigenen verwahr- ten Antheil am Keller u. s. w. Jedes Haus hat seinen Hausmeister, die sogenannten Hoͤfe aber haben auch wohl ihrer zwey, die fuͤr de- ren Schließung und Oefnung sorgen; auf Bett- ler und liederliches Gesindel, das sich einschlei- chen koͤnnte, ein wachsames Auge haben; uͤber die Hausbewohner Auskunft geben, wenn Nachfrage nach ihnen koͤmmt; und sonst noch eine Menge kleiner Dienste verrichten, die in einem großen, bevoͤlkerten Hause vorfallen. Sie bekommen dafuͤr freye Wohnung in dem untern Theile des Hauses, und genießen sonst noch kleiner Vortheile von den Einwohnern. Wenn diese z. B. erst nach zehn Uhr zu Hause kommen und der Hausmeister ihnen die Thuͤr oͤffnen muß, so wird ihm diese Muͤhe mit ei- nem Kaysergroschen bezahlt. Deshalb werden auch die Haͤuser mit dem Schlage Zehn zuge- macht und nirgend sorgfaͤltiger geschlossen ge- halten, als in Wien. Das Aeußere der neuern, oder neubearbei- teten Haͤuser ist sehr in die Augen fallend. Die Fenster sind, der engen Straßen wegen, im Durchschnitt hoch und mit großen Glas- scheiben versehen. Ihre Einfassungen sind von Stein, oder auch von Gyps, und in Waͤnde mehrentheils gelblich abgeputzt. Manche Stra- ßen und Plaͤtze sind mir seit 1784 und 1785, wo ich zuerst in Wien war, fast unkenntlich geworden. Klostergebiete sind die schoͤne Rei- hen von Privathaͤusern; Plaͤtze, an welche die hohe Mauer eines Nonnenzwingers stieß, in Straßen verwandelt. Seit Aufhebung der Kloͤster ist eine ganz neue Gattung von Ge- schaͤftsleuten in Wien erstanden: die Bauun- ternehmer , die zum Theil sehr reich gewor- den sind. Sie kaufen Klostergebiete, Plaͤtze, die mit alten Haͤusern besetzt sind, oder ein- zelne baufaͤllige Haͤuser an, lassen sie abtragen, von neuem auffuͤhren und verkaufen sie sodann weiter. Auf diese Art sind in den Gegenden um das Buͤrgerspital ; in den oberen Thei- len der Spiegelstraße ; in den Straßen, die von dem Graben nach dem Michaeler- und dem Bibliothekplatz, und von dort herum nach dem Theater des Kaͤrnthner Thores fuͤhren; in der Annen-, Johannis-, Rauhen-, Stein- und Singerstraße; in den Straßen auf den kleinern Plaͤtzen, die zwischen den beyden letz- tern inne liegen; in den untern Theilen der Wollzeile; und in dem Mittel des hohen Markts auf beyden Seiten — uͤberall dort herum sind theils ganz neue, theils verschoͤnerte und er- hoͤhete, theils innerlich bequemer ausgebauete, Haͤuser hervorgegangen, die jede Forderung des Kenners, des Bewohners, und des Besi- tzers, der sein Vermoͤgen so zu Zinsen an- legte, befriedigen und Wien auf eine sehr hohe Stufe von Vollkommenheit, Bequemlichkeit, Gruͤndlichkeit und Gleichfoͤrmigkeit in der Bau- kunst, erhoben haben. Unter diesen neuen Haͤusern ist manches, das sich, bey einem aus- gezeichneten Grade von Dauerhaftigkeit, auch durch Leichtigkeit und Gefaͤlligkeit empfiehlt; zwey Vorzuͤge, die man sonst im Ganzen der Bauart der Stadt Wien nicht nachruͤhmen kann, wohl aber haͤufig den Haͤusern ihrer Vorstaͤdte. Die ansehnliche Vermehrung der Haͤuser in Wien hat den hohen Preis der Miethen nicht herabgesetzt; er ist vielmehr immer noch im Steigen. Ein einzelnes, nur ertraͤglich geraͤumiges Zimmer, kostet jetzt monatlich drey Dukaten; ihrer zwey neben einander, acht bis zehn Dukaten, fuͤr zwey Zimmer am Graben im ersten Stock verlangte man von mir funf- zehen. Ein Beamter, der etwa 12 bis 1500 Gulden Gehalt, und ungefaͤhr eine Familie von sechs bis sieben Koͤpfen hat, braucht eine Wohnung fuͤr drey bis vierhundert Gulden. Wohlhabende Familien aus dem Mittelstande, die anstaͤndig wohnen wollen, geben jaͤhrlich Tausend, funfzehn Hundert bis zwey Tausend Gulden fuͤr Miethe aus. Diese Erhoͤhung des Hauszinses zeugt aber nicht von steigender Be- voͤlkerung, sondern nur von steigendem Luxus, vermoͤge dessen viel Einwohner jetzt noch ein- mal so viel Platz brauchen, als ihre Vaͤter und Vorvaͤter, bloß um einen Ueberfluß von modischem Hausrath auslegen zu koͤnnen. An der Burg sind seit den angezeigten Jahren ebenfalls neue Bauten unternommen worden, aber sie sind nicht von großer Be- deutung. Der jetztregierende Kaiser hat fuͤr sich, nach der Bastey zu, einen artigen, aber kleinen Garten, mit einem Hause anlegen, und letzteres mit einer Warte versehen lassen, wo er manche Stunde zubringt, und mit gro- ßem Genuß, wie es scheint. Man uͤbersieht diese Anlage am besten durch die Fenster der Kaiserlichen Bibliothek, der gegenuͤber sie ih- ren Standplatz gefunden hat. Neue Privatpallaͤste habe ich außer dem Fuͤrstlich-Aloys-Lichtensteinischen, der eine große Strecke der Herrenstraße einnimmt, und in der That von großer Ausfuͤhrung ist, nicht bemerkt; doch ist fuͤr die innere Verschoͤnerung und Vollendung mancher aͤltern viel gethan worden. Man weiß, daß ihrer eine gute An- zahl in Wien selbst vorhanden ist, daß aber ihre beschraͤnkte Lage ihrer Ansicht großen Schaden thut. Sie sind uͤbrigens im Durch- schnitt groß, haben zum Theil praͤchtige Vor- derseiten und einige sogar betraͤchtliche Hof- raͤume, die mit Saͤulen umstellt sind. Ihre innere Einrichtung und Vertheilung ist meist heiter und bequem; aber bey dem allen sind sie voller Unpaͤßlichkeiten in Absicht der Saͤulenord- nung und der Verzierungen, die uͤberhaupt einen gewissen schweren und uͤberladenen Anblick ge- ben. Der Baumeister der hervorstechendsten unter den aͤltern, war Bernhard Fischer von Erlach , dessen Geschmack bey weitem nicht der reinste und richtigste war, wenn man auch den von ihm vorhandenen Pallaͤsten und Kirchen den Vorzug nicht absprechen kann, daß sie aus der Ferne das Auge trefflich fuͤllen. We- nigstens ist dieß der Fall mit der Karlskir- che , mit Belvedere , mit der Reichskanz- ley , mit dem Trautsonschen Pallaste, mit der Kaiserlichen Bibliothek und andern Werken, die von ihm herruͤhren. Die Kirchen sind unter den oͤffentlichen Ge- baͤuden in der Stadt Wien nicht die praͤchtig- sten und groͤßesten; es sind ihrer betraͤchtlichere und neuere in den Vorstaͤdten. Dagegen be- sitzt die Stadt an St. Stephan ein Mei- sterstuͤck von altdeutscher Baukunst, und einen Ueberfluß an weltlichen oͤffentlichen Gebaͤuden. Hieher gehoͤren die Kaiserliche Burg , die Boͤhmisch-Oesterreichische Kanzley , die Bibliothek , das Rathaus , das Bankhaus , die Reitschule , das Univer- sitaͤts-Gebaͤude , die Hauptmauth und die Hofkriegskanzley ꝛc. lauter Anlagen, die ins Große gehen, und zum Theil fuͤr Merkwuͤrdigkeiten der Baukunst gelten koͤnnen, wenn man seine Forderungen nicht zu hoch spannt. Bekanntlich ist zwischen der Stadt Wien und ihren Vorstaͤdten nach Suͤden, Westen und Osten zu, ein großer leerer Raum gelas- sen, der, wenn man die jetzt fast unnuͤtzen Fe- stungswerke abtruͤge, zur Erweiterung und Vergroͤßerung der Stadt fast noch einmal so viel Platz, als ihr jetziger Umfang einnimmt, darbieten wuͤrde. Keine andere Europaͤische Stadt uͤbersieht ihre Vorstaͤdte so vortheilhaft. Wien hat die seinigen vor sich, und sie erhe- ben sich theils amphitheatralisch, theils liegen sie auf ebenem Boden, rund umher in ihrer ganzen Laͤnge und Breite. Der Stadtwall bietet schon an sich einen sehr angenehmen Spatziergang dar, aber er wird durch die Ue- bersicht, die er uͤber die ungeheuren Vorstaͤdte und die ganze umliegende Gegend gewaͤhrt, in der That einzig. Jeder neue Vorsprung des Walles eroͤffnet eine neue veraͤnderte Aussicht; will man aber groͤßere Theile auf einmal um- spannen, so ist es genug, uͤber jedem Haupt- thore sich zu verweilen und solchergestalt die Fuͤlle der Gegenstaͤnde in sechs Perspektiven aufzufassen. In der That, der Ueberblick von Rom, von „Monte di Trinita“ aus, ist schoͤn; die Ansicht von Paris, von „Mont martre“ aus, ist ungeheuer; aber weder der eine noch die andre erreichen, meines Beduͤnkens, die be- zeichneten Ansichten in Wien, weil beyde we- der das klar entwickelte Amphitheater von Haͤusern, Pallaͤsten, und Kirchen, noch das große Stromgebiet der Donau, die um ein malerisches Gebirge her in zehn Armen uͤber eine fruchtbare Flaͤche hinabschießt, aufzuweisen haben. Der Raum zwischen der Stadt und den- jenigen Vorstaͤdten, die sich vom Schotten- thor an bis zum Stubenthore um die Stadt ziehen, wird zu Sechshundert Schrit- ten angegeben. Baumgaͤnge bedecken und durch- kreutzen diese Flaͤche bis nach dem Glacis her- auf; und dieses ist mit Rasen bedeckt, den man nicht ganz sich selbst uͤberlaͤßt. Die da- durch gebildeten Spatziergaͤnge sind, persoͤnli- cher Sicherheit wegen, des Nachts erleuchtet, und von Strecke zu Strecke mit Schildwachen besetzt, die zugleich gewisse Mißbraͤuche der Gelegenheit und der Finsterniß zu verhuͤten haben. Je naͤher man an die Vorstaͤdte selbst koͤmmt, desto unbequemer wird der Weg, des Staubes halber, der hier, theils Schuh hoch herum liegt, theils durch das unaufhoͤrliche Fahren in dichten Wolken empor gehalten wird. Die aͤußere Einfassung der Vorstaͤdte besteht fast ganz aus Pallaͤsten, Kirchen und oͤffent- lichen Gebaͤuden, die sich, mit ansehnlichen Buͤrgerhaͤusern vermischt, eines hinter dem andern erheben, so wie der Boden allmaͤhlig emporsteigt. Die Seite der Stadt vom Neuen Thore an, bis zum Theresienthor, welche der Donauarm beruͤhrt, hat zwar diese amphithe- atralische Aussicht nicht, weil die Leopold- stadt , die Rossau -, die Alservorstadt und Waring niedrig liegen und sich großer Pallaͤste nicht ruͤhmen koͤnnen; aber der Strom selbst, das Gewimmel auf und an demselben, und der unaufhoͤrliche Zug von Menschen und Wagen, der nach dem Augarten, nach dem Prater, in die Hauptstraße der Leopoldstadt hinaus und von dort herein schießt, geben dem Standpunkt auf der Bastey des rothen Thurms auch viel Mannichfaltigkeit. Zwischen dem Theresien- und Stubenthor erhebt sich das Lokale der Landstraße , und nun laufen, von dem Invalidenpallaste an, Kirchen, Hos- pitaͤler, Pallaͤste und stattliche Buͤrgerhaͤuser, eins uͤber das andre hervorragend, um die drey uͤbrigen Seiten von Wien herum und bilden jenes praͤchtige Amphitheater. Dem Au- ge bieten sich nach und nach Belvedere , des großen Eugens ehemaliger Pallast und Gar- ten, jetzt der Verwahrungsort der kostbaren Kaiserlichen Gemaͤldegallerie; das große Klo- ster der Salesianerinnen , nebst Kirche und Dom; der Schwarzenbergische Pal- last und der Tempel des heil. Karl Bor- romaͤus , das praͤchtigste gottesdienstliche Ge- baͤude in Wien, beyde von Bernhard Fi- scher , mit ihren Vorderseiten, dar; mehrere Fuͤrstliche und Graͤfliche Pallaͤste und Lust- schloͤsser sehen aus den Vorstaͤdten Widem und Mariahilf heruͤber; die Kaiserli- chen Staͤlle , eine der weitlaͤuftigsten Anla- gen, und weiterhin die dichtbebaueten Anhoͤhen des Spitalberges beschließen endlich diesen schoͤnen Umkreis, hinter welchem die eigentli- che Masse der Vorstaͤdte erst beginnt, die sich, zum Theil in einer stuͤndigen Entfernung von der Stadt, an dem Ringwall, hier die Li- nien genannt, in immer kleiner werdende Haͤu- ser endigen. Die Beschreiber von Wien sind uͤber die Anzahl der Vorstaͤdte nicht einig. Der neue- ste Neuester Wienerischer Wegweiser ꝛc. Wien, von und bey Kurzbek 1792. giebt sie zu Vier und Dreyßig an. Waͤre irgend ein Verhaͤltniß zwischen ihrer Groͤße; naͤhme man das Maß von Drey und Dreyßigen nach der Vier und Dreißigsten; und und waͤre diese Landstraße oder Maria- hilf , so muͤßte Wien unstreitig die groͤßeste und praͤchtigste Stadt seyn, die in der Welt je gewesen, und noch vorhanden waͤre. Aber ihre Ungleichheit unter einander ist außeror- dentlich; und wenn die Leopoldstadt vier- hundert und dreyßig Haͤuser faßt, so hat Hun- gelbrunn nur zwoͤlf; wenn die Widem Vierhundert und zwey stark ist, so erreicht der Althann'sche Grund nur eben die Zahl von funfzehn. Das Mißverhaͤltniß unter den uͤbrigen ist nicht ganz so auffallend, aber doch stark genug; und es ist die Ursach von den ungleichen Angaben in Ruͤcksicht ihrer Anzahl, weil einige Schriftsteller die kleineren bald als Theile der groͤßeren, bald als eigene, fuͤr sich bestehende Vorstaͤdte auffuͤhren. Der eben angezogene Schriftsteller berech- net die Anzahl aller Haͤuser in allen Vorstaͤd- ten zu vier tausend fuͤnf hundert und funfzig, und die Volksmenge darin zu hundert sechs und funfzig tausend neun hundert und neun Sechstes Heft. L und achtzig. Den Umfang saͤmmtlicher Vor- staͤdte setzt er auf Dreyzehn tausend acht hun- dert Wiener Klafter (zu sechs Fuß) oder auf vier deutsche Meilen; eine Angabe, die er ei- nem aͤltern Topographen ohne Untersuchung nachgeschrieben hat. Die Tempelhof-Ni- kolaische Berechnung Vergl. Nikolai's Reise ꝛc. Th. III, S. 156. u. folg. Auch die Beyl. IV. ebendas. scheint immer noch der Wahrheit am naͤchsten zu kommen, wenn auch seit funfzehn Jahren die Haͤuseranzahl in den Vorstaͤdten zugenommen hat. Die Vorstaͤdte haben erst seit funfzig oder sechszig Jahren, und wiederholt seit ungefaͤhr fuͤnf und zwanzig, und abermals seit vierzehn bis funfzehn Jahren, ihren jetzigen Umfang ge- wonnen. Vor jener Zeit waren noch an vielen Stellen, wo jetzt Haͤuser, Pallaͤste und Kir- chen stehen, Aecker, Wiesen, und Weingaͤrten. Der Althann'sche Grund und ein Theil der Josephsstadt , die jetzt zu den innern und naͤchstgelegenen Vorstaͤdten gehoͤren, haben im Jahre 1770 die ersten Haͤuser erhalten. Seit ungefaͤhr acht oder zehn Jahren aber, hat der Baugeist sich aus den Vorstaͤdten mehr nach der Stadt selbst zuruͤck gezogen. Als Jo- seph der Zweyte die Regierung antrat, machte er durch ausgezeichnete Ermunterungen den Eifer rege, Manufakturen und Fabriken anzulegen. Man waͤhlte, aus guten Gruͤnden, die entferntesten Gegenden der Vorstaͤdte zur Erbauung der dazu noͤthigen Anlagen. Mit Joseph hatten diese Beguͤnstigungen ein Ende; viele Unternehmer, die an sich schon nicht gluͤcklich gerechnet hatten, gaben ihre Arbeiten auf; neue fanden sich nicht; die weitlaͤuftigen Gebaͤude standen zum Theil leer; Kapitalisten, die es bloß auf Miethzins anlegten, baueten naͤher an der Stadt, oder in der Stadt selbst, wenn sich Platz aufthat. So ist es jetzt noch, doch hoͤrt der Bau in den Vorstaͤdten darum nicht ganz auf; und wenn vor dreyßig bis vierzig Jahren hier die Quadratklafter Bau- grund zwey oder drey Gulden kostete, so muß L 2 sie jetzt mit zwanzig bis dreyßig, immer nach Verhaͤltniß der Naͤhe oder der Entfernung von der Stadt, bezahlt werden. Uebrigens halten die gewoͤhnlichen Haͤuser in den Vorstaͤdten, weder in Hoͤhe, noch Um- fang, noch Bevoͤlkerung, einen Vergleich mit den gewoͤhnlichen Haͤusern in der Stadt aus. Aber die Straßen sind laͤnger, breiter, lichter und gesuͤnder; nur fehlt es an schoͤnen Plaͤtzen eben so sehr, als in Wien selbst, was vielleicht der Unachtsamkeit der Kaiserlichen Bauaͤmter und der Polizey mit beyzumessen ist. Die Po- lizey uͤbrigens, die ehedem ihre Aufsicht den Vorstaͤdten fast ganz entzog, hat seit zwey Jahren mit Acht Polizeydirektoren und dem dazu noͤthigen Personale an Soldaten und Kundschaftern, in denselben einen Sitz gefun- den, und steht in genauer Verbindung mit dem großen Polizeyamt in der Stadt. In einem der neuesten Stuͤcke der Oester- reichischen Monatsschrift befindet sich eine Berechn u ng der gesammten Volksmenge, die Wien mit seinen Vorstaͤdten einschließen soll. Sie scheint nicht so sehr durch mißver- standne Vaterstadtsliebe uͤbertrieben, wie die in den fruͤhern Beschreibungen von Wien. Nach derselben soll die Anzahl der Einwohner auf Drey Hundert und Zwanzig Tausend hinansteigen. Nicht so hoch berechnet sie der angefuͤhrte Wegweiser, der nur, aber ohne eine Angabe darzulegen, Zwey Hundert und Siebzig Tausend annimmt. Man koͤmmt der Wahrheit durch die Mittelzahl von drey- mal Hundert Tausend vielleicht am naͤch- sten; doch ich selbst hatte weder Zeit noch Ge- legenheit, eine neue Untersuchung daruͤber an- zustellen. Die Zahl von 206,000, welche die Nikolaische Berechnung giebt, schien hier von jeher zu gering; indessen ist gewiß, daß sich die Volksmenge seit jener Zeit nicht gemehrt hat, wie hoch sie auch damals gewesen seyn mag. Der Krieg und die neuesten Maßregeln der Polizey haben es unmoͤglich gemacht. Der erstere hat die Besatzung vermindert und durch Werbungen viel Leute aus Wien gezogen; und die letztere hat, vielleicht aus zu großer Aengst- lichkeit, allen Fremden, die keine eigentlichen Geschaͤfte hatten, erinnert, Wien zu verlassen. Joseph der Zweyte glaubte, durch die Erleichterung der Ehen unter den Buͤrgern und dem Volke zur Vermehrung der Einwoh- ner beyzutragen; und er erleichterte die Ehen durch die Aufhebung der Zuͤnfte und die Frey- gebung der Gewerbe. Eine Menge Huͤlfsmit- tel fuͤr das Durchkommen der niedrigern Staͤnde thaten sich dadurch freylich auf, und mithin entstand auch mehr Zuversicht bey dem Ge- danken ans Heirathen. Dieses wurde von der Polizey nicht mehr behindert, weil nicht ein- mal ein Taufschein dabey verlangt ward, und von der Kirche nicht, weil weder Braut noch Braͤutigam des Glaubens wegen belaͤstigt wer- den durften. Das neue Paar naͤhrte sich dann, wie es konnte: der Mann, entweder durch ein Handwerk, das er gelernt hatte, oder durch Tageloͤhnerey; die Frau, durch einen Hoͤken- kram mit Lebensmitteln und kleinen Beduͤrf- nissen aller Art. Die Anzahl dieser Kraͤme- rinnen ist auch sichtbar gestiegen, seitdem ich in Wien nicht gewesen bin, aber zugleich hat sich eine Art von Lazzaroni hervorgethan, die sonst nicht so haͤufig waren, und wahrscheinlich noch haͤufiger seyn wuͤrden, wenn die bisheri- gen Werbungen die Straßen von Wien nicht von Zeit zu Zeit aufgeraͤumt haͤtten. Indessen liegt und steht doch mancher Taugenichts an dem Krame seiner Frau, die mit Obst, Leb- zelten, Struͤmpfen, Handschuhen, Buͤchern ꝛc. handelt, unbeschaͤftigt herum, und laͤßt sich von ihr fuͤttern. Auf eben diesem Wege sind auch die haͤufigen Wein- Bier- und Kaffeschenken, und die Troͤdeleyen und Diebesniederlagen ent- standen. Man hat unter dem vorigen und je- tzigen Kaiser Versuche gemacht, diese Frey- heit einzuschraͤnken, und das eheliche Zusam- menlaufen zu erschweren; aber man sagt, die Regierung sey dabey in Verlegenheit gerathen und habe unruhige Auftritte von den Fischwei- bern und Baarlendern an der Wien befuͤrch- ten muͤssen, wozu es jedoch, meines Erachtens, bey der sehr gutmuͤthigen und furchtsamen Gemuͤthsart des Wiener Volks, nie gekommen waͤre. Wenn aber die Freyheit zu verkehren in diesen Staͤnden die Ehen vermehrte, so hat sie dieselben in andern, durch eine Nebenfol- ge, vermindern helfen. Es ist unstreitig, daß die Menge der erstandenen Hoͤfen, kleinen Kaufleute und Zwischenhaͤndler, die Preise der noͤthigsten Beduͤrfnisse und der Lebensmittel ge- steigert hat. Ich habe diese Preise fast um die Haͤlfte hoͤher gefunden, und Wien, das vor einigen Jahren fuͤr eine der wohlfeilsten Staͤdte in Deutschland galt, duͤrfte, wenn sich die Umstaͤnde nicht aͤndern, bald zu den theurern gehoͤren. Auch wirkt der gegenwaͤrtige Krieg, der ungeheure Summen baares Geld aus der Hauptstadt, und große Vorraͤthe von Lebensmitteln und Futter aller Art, aus den angraͤnzenden Landschaften zieht, nicht wenig zu der steigenden Theure. Die freywilligen Beytraͤge zu den Kriegskosten, worin die treuen Wiener musterhaft gewetteifert haben, und die darauf folgende Kriegssteuer, die, bey den Be- amten, das Viertel ihrer Besoldungen wegnahm, schmaͤlerte ihrerseits die Einkuͤnfte — kein Wun- der also, wenn sich die Ehen seit dieser Zeit, besonders unter den Staatsbeamten, vermin- derten, die ohnehin in jedem Lande, wenn sie ehrlich seyn wollen, am schlechtesten bedacht, und doch, nach dem eingefuͤhrten Ton, einen gewissen Anstand in ihren Umgebungen zu be- obachten gezwungen sind. Sonach kann ein junger Mann, der bloß von seinem Amte le- ben muß, kaum ans Heirathen denken, weil es unmoͤglich ist, eine Familie auf einem nur leidlich anstaͤndigen Fuße, unter funfzehn hun- dert bis drey tausend Gulden zu erhalten. Ich kenne hier manches wohlhabende Haus, dessen wohlgezogene, huͤbsche, unbescholtene und ge- bildete Toͤchter deshalb in Gefahr sind, unver- sorgt zu bleiben. Alle uͤbrige Ursachen, die in andern Laͤndern und Staͤdten die Heirathen vermindern, sind natuͤrlich auch hier, oft wol doppelt, vorhanden. Nur schließe man aus diesen Angaben nicht, daß Wien den Anblick von Wohlstand und Wohlleben, wodurch es sich gleich hinter Lon- don, vor allen uͤbrigen Europaͤischen Haupt- staͤdten auszeichnete, verloren habe; verschoͤnert und vervielfaͤltigt habe ich ihn vielmehr gefun- den. Die Stadt selbst ist, wie oben erwaͤhnt, fast ganz neu gekleidet; das Pflaster, wie sonst, vortreflich; die Straßenleuchten sind von guter Form, sauber geputzt, freygebig vertheilt und versorgt; die Fiaker großentheils neu, so- gar geschmackvoll und mit raschen Pferden be- spannt; die Kaufmannsgewoͤlbe herrlich aufge- putzt; die Gold- Silber- und Moden-Laden strahlen verfuͤhrerisch; die Obstkoͤrbe auf dem Hofe stehen in langen Reihen, hoch aufge- schichtet da; große Korb- und Gitterwagen, mit allen Arten von zahmen Gefluͤgel vollge- stopft, draͤngen sich auf den Maͤrkten; die ge- woͤhnlichen Wildmaͤrkte strotzen von Hirsch- schlaͤgeln, Schweinskeulen, Rehruͤcken und Hackschkoͤpfen, aber auch von den saftigsten Frischlingen, von Fasanen, die mit dem fein- sten Wachs uͤberblasen scheinen, von Repp- huͤhnern und Auerhaͤhnen; die Fleischbaͤnke sind immer gefuͤllt und immer geleert; Suͤlzen und Wuͤrste, geraͤucherte Zungen, Kaiserfleisch und Schmalz haͤngen und stehen und liegen an den Seiten der Straßen herum, und fette Maͤn- ner und Weiber sind unaufhoͤrlich beschaͤftigt, zu schneiden und zu wiegen, waͤhrend ganze Zuͤge von gemaͤsteten ungarischen Ochsen sich stutzig vorbey draͤngen und, mit Heuwagen, Kohl- koͤrben und Mehlsaͤcken vermischt, den Kram der Brotsitzerinnen herunterreissen und ihre Kipfel und Laibel uͤber die Straße streuen. Die Menschen auf den Straßen sind alle, jeder nach seinem Stande, sauber gekleidet. Die Koͤchin tritt in Seide einher, das Stu- benmaͤdchen in Musselin; erstre mit einer von Gold starrenden Haube, letztre im nettesten Kopfzeuge, mit dem erklaͤrtesten Abscheu gegen die altmodischen Drathgestelle, die ehedem ih- rer Klasse ganz eigenthuͤmlich waren. Hinter ihr trippeln ein paar Schneiderburschen in seidenen Pantalons, mit Baͤnderschuhen und fliegenden Haaren her, die nur noch an der Sprache, und den wunderlichen Schultern zu erkennen sind. Mitten durch sie hin schreitet mit großen gewichsten Stiefeln ein Mensch in seinem Frack, mit schmaler Tresse um den großen Hut, den die blauen oder schwarzen Haͤnde als Faͤrber- oder Schmiedegesellen ver- rathen, und kauft sich eine Tasche voll Kai- serbirnen bey der naͤchsten Fratschlerin , die, beym Wiedergeben auf einen harten Tha- ler, unter ihren Kreutzern und Siebnern und Siebzehnern, auch Kremnitzer Dukaten mit herauszieht. Das Aeußere der mittlern und hoͤhern Staͤnde ist bey beyden Geschlechtern ganz englisch, mithin auch kostbarer, geworden. Es ist nicht mehr, wie sonst, mit Gold, Sil- ber und andern schimmernden Putz uͤberladen, sondern einfach, auserlesen und fein; und ein „negligé“ von Mousselin kostet den Weibern jetzt mehr, als ehedem eine „parure“ mit al- lem Zubehoͤr; so wie den Maͤnnern ein feiner Tuchfrack hoͤher zu stehen koͤmmt, als ehedem ein vollstaͤndiges Staatskleid von Seide. Die- ser Geschmack hat auch hier zwischen den mitt- lern und hoͤhern Staͤnden fast allen Unterschied aufgehoben, und auf drey Schritte kann man den Ladendiener nicht von dem jungen Grafen und Fuͤrsten unterscheiden. Eben so beym weib- lichen Geschlechte. Wenn aber das Ganze wohlhabender erscheint, so sind die einzelnen Theile im Grunde doch aͤrmer, als ehedem. Jetzt traͤgt man, was man hat, um, an und mit sich; man koͤmmt aus, oder man macht auch Schulden; kurz, man sammlet nicht mehr, und darin liegt der große Abstich gegen die vorigen Zeiten. Der Buͤrger und Handwerker ißt taͤglich seine drey Gerichte, macht seine sonn- und festtaͤgli- chen Lustfahrten, besucht des Abends seinen Wein- oder Bierkeller, wie sonst; aber er leg nichts mehr zuruͤck, und giebt seinen Toͤchtern keine Ausstattungen von zehn, funfzehn und zwanzig tausend Gulden mehr. Die hoͤhern, reichlich besoldeten Staatsbeamten, die uͤbrig hatten, haben so eben genug; die eben genug hatten, haben zu wenig, und muͤssen mit Pflicht und Gewissen wuchern. Die großen Haͤuser, die sonst die Einkuͤnfte von ihren Guͤ- tern nicht halb verzehrten, brauchen sie ganz, brauchen oft noch weit mehr, machen Schulden, zerstuͤcken ihre Guͤter, fallen Wucherern in die Haͤnde und sagen Krida an. Majoratsherren haͤufen, wenn sie einen geitzigen, oder auch einen wirthschaftlichen Vater oder Vormund haben, waͤhrend ihrer Minderjaͤhrigkeit, Schulden auf Schulden, und bekommen fuͤr die Millionen, die sie beym Antritt ihrer Guͤter zahlen muͤs- sen, oft nur Hunderttausende. Als der jetzige Fuͤrst N. E**, kurz vor dem Tode seines Vaters, wegen dritthalb Millionen Schulden zum Verschwender erklaͤrt wurde, fand es sich, daß er kaum Eine Million empfangen hatte. Die Kunstgriffe der Wucherer sind hier uͤbri- gens dieselben, die aus der Geschichte von London, Paris und andern großen Staͤdten bekannt genug sind. Sie halten 30, 40, bis 50 fuͤrs Hundert noch fuͤr christlich; manche aber bringen ihre Gelder auch zu 100 und 150 vom Hundert an. Man hat mir einen Men- schen gezeigt, der, durch bloße Maͤkeley bey Wuchergeschaͤften, seit ungefaͤhr 6 Jahren ein Vermoͤgen von 200,000 Gulden zusammen zu bringen wußte. Diese Geisseln fallen besonders den Großen empfindlich, weil diese, wenn sie einmal borgen muͤssen, theils aus Ehrgeitz, theils aus Noth, große Summen aufnehmen; und große Summen sind den Wucherern, wie sie bey vollem eisernen Kasten vorgeben, immer am schwersten bey ihren guten Freunden aufzubringen. Die ersten und reichsten fuͤrstlichen Fami- lien sind jetzt in Wien die Auersberg, Ba- thyani, Colloredo, Ditrichstein, Ester- hasy, Kaunitz, Kinsky, Krasalkowitz, Lichtenstein, Lobkowitz, Paar, Schwar- zenberg und Stahrenberg . Alle besitzen mehr oder weniger große und praͤchtige Pal- laͤste in Wien; sind mehr oder weniger mit ihren Einkuͤnften in Ordnung oder Unordnung, machen mehr oder weniger Aufwand. Man berechnet, daß im Durchschnitt jedes dieser Haͤuser jaͤhrlich 200,000 Gulden verzehre, daß aber einige, wie z. B. Ditrichstein, Esterhasy, Lichtenstein, Schwarzenberg, darunter sind, die dreymal bis sechsmal hunderttausend Gul- den aufgehen lassen. Skizze von Wien. II. 53 Manche Artikel, die ehedem den Großen viel kosteten, sind jetzt eingegangen, z. B. große, oft abenteuerliche Aufzuͤge, Feste, Feu- erwerke, Jagden, Aufritte, Maskeraden ꝛc. bey Hoffeyerlichkeiten. Theils giebt der Hof selbst dazu keine Gelegenheiten mehr; theils sagt sich der Egoismus unseres Zeitalters los davon; theils sind manche Haͤuser nicht im Stan- de, de, sich dabey auszuzeichnen , wozu in Wien besonders viel gehoͤrt; theils verbieten es einige Zweige des neuern Luxus, die mehr und wiederholter gewisse Ausgaben verlangen, welche ehedem nicht da waren. Es sind nur noch zwey stehende Gelegenheiten vorhanden, wo die großen Haͤuser ihre Pracht jaͤhrlich auslegen: der Neujahrstag und das Fron- leichnamsfest ; doch soll man sich auch diese jetzt weit wohlfeiler machen, als noch vor funfzehn Jahren. Geburtstage, Heirathen, Todesfaͤlle bey Hofe und in den Familien selbst, haben, besonders seit Joseph, den alten spa- nischen Prunk fast ganz verloren. Dagegen nehmen die Liebhabereyen, Launen, Wunderlichkeiten und Leidenschaften der Großen desto mehr von den Einkuͤnften weg, weil diese Dinge gewoͤhnlich theurer sind, als die natuͤr- lichen und unentbehrlichen. Ein Pallast, ein Stall, eine Jagd, eine Dienerschaft, eine Ka- pelle zum Beten oder zur Musik, verstehen sich, wie eine wohl versorgte Kleiderkammer, Sechstes Heft. M ein praͤchtiger Wagenschoppen, eine reichliche Tafel, in den großen Haͤusern von selbst, und fuͤr diese Artikel sind die Ausgaben ein fuͤr al- lemal bestimmt und bleibend; aber ein Herr, der spielt, und eine Frau, die gefallen will; oder ein Herr der eine Maͤtresse unterhaͤlt, und eine Frau, die alle Kirchen berennt; oder ein Herr, der Kunstkenner seyn will, der das Bauen liebt, der Gold, Silber und andre Erze jagt; der nach Soldatenruhm duͤrstet; und eine Frau, die das Reisen liebt, die sich gern auf dem Privattheater zeigt, die den schoͤnen Geist spielt, Diamanten bewundert und gern die Wirthin macht — solch ein Paar kann mit unerschoͤpflichen Einkuͤnften fertig werden, und wird es oft genug auch hier, wie anderwaͤrts. Doch kann man den großen jetztbestehenden Familien in Wien nicht nachsagen, daß ihre Haͤupter durch erklaͤrt-unsinnige Launen und Grillen sich zu Grunde richteten, und daß diese Faͤlle uͤberhaupt je so oft hier vorgekommen waͤ- ren, als in Warschau, London und in dem alten Paris. Nur Ein Beyspiel ist mir davon gegen- waͤrtig, ein Beyspiel — das man jetzt zuweilen des Abends in der Daͤmmerung auf einer gewissen Seite der Bastey zu Fuße kann einhergehn sehn. Diese Fuͤrstenhaͤuser stroͤmen einen großen Theil des Geldes, das die große Welt in Wien in Umlauf setzt, in hundert Quellen aus; die uͤbrigen Klassen derselben liefern, jede in ihrer Art, ebenfalls betraͤchtliche Beytraͤge dazu. Die Graͤflichen und Freyherrlichen Haͤu- ser, die, jedoch schon dem engern Ausschusse nach, zu der eigentlichen großen Welt, oder richtiger zum hohen Adel gehoͤren, sind in nicht geringer Anzahl vorhanden. Ich nenne nur ein paar der hervorstechendsten darunter: die beyden Graͤflich Harrachischen , das Schoͤnborn'sche, das Palfi'sche und das Thun'sche . Diese besitzen saͤmmtlich ansehn- liche Pallaͤste in Wien und naͤhern sich in al- lem den Fuͤrstlichen. Man setzt ihre Ausgaben und Einkuͤnfte auf 100, und 150,000 Gulden. Das Graͤflich Friesische Haus hat, trotz M 2 Pallast und Reichthum, in dem ersten Kreise der großen Welt nie recht anerkannt werden wollen, weil das neue Datum seines Daseyns ihm unuͤberwindliche Hindernisse in den Weg legte; desto mehr glaͤnzte es aber in dem zwey- ten Kreise der großen Welt, wo es oben an stand. Dieser zweyte Kreis ist, den einzelnen Thei- len nach, minder reich, als der erste, aber er schließt mehr Mitglieder ein, und haͤlt deshalb im Ganzen dem ersten Kreise an Vermoͤgen, und fast auch an Pracht und Aufwand, das Gleichgewicht. Was aus ihm an Geld in die große Masse des Umlaufs tritt, dringt gleich- sam mehr in die innern Theile desselben, weil die Standpunkte seiner Mitglieder mehr uͤber und durch das allgemeine Getuͤmmel verbreitet sind, und zum Theil die geringern Staͤnde unmit- telbar naͤhren. Dieser Kreis hebt mit den großen Spekulanten jeder Art, mit Manufaktur- Fa- brik- Bau- und Holz-Unternehmern, worun- ter Grafen, Barone, und Edle, aber auch Buͤrger sind, an, geht auf die alten und neuen adelichen Haͤuser, die entweder Grundguͤter, oder hoͤhere Staatsstellen, oder beydes besitzen und davon leben; und auf Wechsler, Negoti- anten (wohin auch die Wucherer gehoͤren) auf Lieferer und einige große Kaufleute, die meist geadelt sind, fort, und endiget sich mit den Besitzern eigener Haͤuser, mit den Aerzten, Anwalten und Sachwaltern. In Absicht des Wohlstandes gehoͤren auch gewisse Handwerke und Gewerbe hieher, z. B. die Baͤcker, Brauer, Fleischer, Korn- und Mehlhaͤndler, die großen Muͤller und die Wirthe in der Stadt, unter denen man noch oft reiche findet; aber in Ab- sicht des Aufwandes und der Lebensart bleiben sie von den oben genannten Klassen entfernt; und ihr Tisch, ihre Wohnung und Tracht er- halten sich noch auf einem buͤrgerlichen Fuße. Vor Josephs Regierung gehoͤrten noch viele andre Gewerbe zu den genannten nahrhaften, aber die Aufhebung der Innungen und die Freygebung aller Handwerke leiteten die ver- schlossenen Quellen, aus denen einige ausschlie- ßend schoͤpften, uͤber Alle; machten zwar Ein- zelne nicht mehr reich, verschafften aber Allen die Nothdurft. So waren die Apothekerey und der Buchhandel unter Maria Theresia sehr eintraͤgliche Gewerbe, aber unter Joseph sanken beyde durch die eroͤfnete Konkurrenz. Die wohlhabenden Buchhaͤndler, die noch in Wien sind, stammen aus aͤltern Zeiten; die Buͤchertroͤdler, Buchdrucker und Nachdrucker aber, die man in engen Gassen, in finstern Gewoͤlben, welche oft nicht vier Schuh ins Gevierte haben und deren einziges Fenster durch abgeschmackte Buͤchertitel verklebt ist, so haͤu- fig findet, sind saͤmmtlich aus den Zeiten der „Buͤchl“ und Josephs des Zweyten, der uͤber diesen Handel sehr einseitig dachte. Der Charakter der Geldmasse, die in Wien umlaͤuft, und die Art, wie sie verthan wird, ist wie in den meisten andern Europaͤi- schen Residenzen, London ausgenommen, das zugleich die Huͤlfsquellen einer Manufaktur- Handels- und Hafenstadt einschließt, und Eu- ropa und die uͤbrigen Welttheile besteuert, aber auch selbst durch seine Unternehmungen ungeheure Summen, besonders nach Suͤden, Osten und Norden, ausstroͤmt. Mit London haͤlt also Wien in Absicht des Reichthums und dessen Anwendung keine Vergleichung aus; aber wohl mit Paris in seiner gegenwaͤrtigen Lage. Diese Stadt ist jetzt, trotz den unaus- sprechbaren Summen seiner papiernen Muͤnze aͤrmer als arm, und eben dieser Muͤnze wegen innerhalb seiner Mauern eingeschraͤnkt, so wie das ganze Land innerhalb seiner Graͤnzen, uͤber welche nur baares Geld hinaus, aber nichts mehr hereingehet. Sie hat einen glaͤnzenden Hof, und eine Menge verschwenderischer Gro- ßen verloren, und muß den ganzen Ertrag der liegenden Gruͤnde, den die letztern in Pa- ris verzehrten, jetzt, da sie Eigenthum der Nation geworden sind, außer Landes schicken, um Heere zu unterhalten und Brot zu haben. Madrit zehrt sein baares brasilianisches Geld jaͤhrlich rein auf und macht Schulden. Ne- apel hat mehr große, oder doch großbetitelte, Vasallen in seinen Mauern, als Wien, aber sie leben von Obst und kalter Kuͤche; der Ha- fen dieser Stadt ist fuͤr die Englaͤnder; ihr Handel fuͤr dieselben; ihr Getreide und Oel und ihre Seide fuͤr niemand anders; und der Hauptstadt beyder Sicilien bleibt nichts uͤbrig, als „sorbetti,“ „macaroni,“ „alici,“ Ci- tronenwasser, Kupfergrane, Bankscheine, „di- abolini,“ und Lazzaronen. Amsterdam ist im Hinscheiden. Berlin ist nur reich durch den Fleiß und die Haͤuslichkeit seiner Bewoh- ner, denen ein sparsamer Hof und eine kaͤrglich besoldete Staatsdienerschaft zu Huͤlfe koͤmmt. Das einzige Petersburg steht in Absicht des Geldumlaufs, der Pracht seiner Großen, der Wohlhabenheit seiner Buͤrger, des Luxus und des Wohllebens, mit Wien auf Einer Stufe. Das Geld, das in Wien ausgegeben wird, ist, dem groͤßesten Theile nach, ohne Muͤhe und Sorgen erworben, und wird deshalb mit einer gewissen Freygebigkeit und Froͤhlichkeit verthan, die besonders auf sinnliche Genuͤsse fallen muß. Die Fuͤrstlichen, Graͤflichen, Freyherrlichen und andern Familien, die ihre Einkuͤnfte aus lie- genden Gruͤnden ziehen, haben weder Muͤhe noch große Sorge bey ihrer Existenz; die Aern- ten erneuern sich alle Jahre; eine Aernte ver- ungluͤckt nicht so oft, hat nicht das Gewagte und verlangt nicht die Vorlage einer kaufmaͤn- nischen Unternehmung. Das Heer der Staats- beamten in Wien lebt nicht minder sorgenfrey, denn alle Vierteljahre koͤmmt ihr Gehalt wie- der, und dieß macht, daß sie, selbst bey uͤbler Wirthschaft, wenigstens vor dem Mangel der noͤthigern Beduͤrfnisse geschuͤtzt sind. Die Wechs- ler und andre Geschaͤftsleute schraͤnken sich mit ihren Unternehmungen meist auf Wien ein, und verbreiten sich selten uͤber das Ausland, wenn sie nicht schon sichere Effekten in Haͤnden haben; mithin sind auch sie vor großen Ein- bußen, also auch vor Sorgen, gesichert. Die hiesigen Kaufleute, selbst die groͤßesten, machen mehr Kommissions- und Speditions- als Spekulationsgeschaͤfte; und lassen sie sich auf letztre ein, so sind sie von der Art, daß ihr sicherer Gang schon seit Jahren bewaͤhrt, oder die Unentbehrlichkeit ihrer Artikel Buͤrge ist, daß im schlimmsten Falle kein großer Verlust entstehen kann. Die uͤbrigen Wiener Kaufleute sind Kraͤmer, die nicht leicht verlieren, sondern nur zu besorgen haben, daß sie nicht genug gewinnen moͤchten, um nach einem gemachten Zuschnitte davon zu leben. Die Handwerker und alle unentbehrlichen Arbeiter aus den nie- drigen Klassen koͤnnen sich bey einem Publikum nicht schlecht stehen, das solchergestalt erwirbt, und heiter und ohne Filzigkeit verzehrt, und es dabey fuͤr eine Schande haͤlt, einem Hand- werker schuldig zu bleiben, oder ihn gar zu betruͤgen. Die Priester und Priesterinnen der Pracht und des Luxus koͤnnen keinen Mangel an leichtsinnigen und freygebigen Kunden ha- ben; die Unternehmer der Anstalten, die das Wohlleben befoͤrdern, wie Kaffee- Trink- und Speisehaͤuser und Weinkeller; die sinnlichen Vergnuͤgungen zum Zweck haben, wie Thea- ter, Tanzsaͤle, Spektakel aller Art, mit einem Worte: die Leute, die fuͤr den mannigfaltigen sinnlichen Genuß arbeiten, finden nicht minder zahlreichen Zuspruch, als die, welche mit den unentbehrlichsten Dingen Verkehr treiben. Diese verzehren dann auch, in ihrer Art, den Er- werb, der ihnen so freygebig zugetragen wird, in gleicher Froͤhligkeit und Ueppigkeit. Aus diesem Umstande erklaͤrt es sich men- schenfreundlicher, warum die Wiener solch ei- nen ausgezeichneten Hang zum Luxus und zum Wohlleben haben, als aus einer rohen Prunk- sucht und einer thierischen Verschlingungsgier, die man ihnen so oft Schuld gegeben hat. Sie haben, sich zu kleiden, sie haben, um zu schmausen. Ihre Stadt liegt in der Mitte fetter Landschaften, die alle Eßwaaren in vor- zuͤglicher Guͤte hervorbringen, in Menge her- zuschaffen und wohlfeil hergeben. Die mensch- lichen Beduͤrfnisse steigen und fallen natuͤrlich nach der Leichtigkeit oder Schwierigkeit, sich dieselben zu verschaffen. Warum verdirbt sich zuweilen ein Philosoph , der in Leipzig von einem gebratenen Taͤubchen satt wird, in Merseburg , bey der Tafel eines Dom- herrn , an Pasteten, Fasanen und Ge- leen den Magen? Warum laͤßt sich ein Ber- liner , der seine Reißsuppe , sein Land- rindfleisch mit Kartoffeln , und seinen Kaͤlberbraten mit Pflaumen des Mit- tags in Berlin hinreichend findet, in Wien eine Markknoͤdelsuppe, ein Ungari- sches Rindfleisch mit Mandelgreen, einen braunen Koͤlch mit Bratwuͤrstl, ein Lunkelbratel in der Soß, ein Ein- gemachtes, einen Guglhupfen, Speck- knoͤdel mit Kaiserfleisch, ein Fasan- del auf Sauerskraut, ein Kapaundel , oder ein Polackerl , oder ein gebachenes Haͤndl, ein Stuͤck Linzer Torten , und einige Kaiserbirnen — dies ist in Wien eine buͤrgerliche Mahlzeit — gern gefallen, und uͤbersieht es einmal, wenn sich nach Tische Leib und Seele auf dem Graben in Wien ein wenig schwerer und verdroßner finden lassen, als unter den Linden in Ber- lin? Und warum moͤchte wohl selbst ein Dres- dener, (der geistigste Esser in Deutschland) gern bekennen, daß ein Rostbratl , oder ein Reh- ruͤckl , oder ein wildes Aenterl zum Abend- essen in Wien, einem Putterpaͤmmchen von Lokowitzer Brot in Dresden doch vorzuziehen sey? Diese Erscheinungen bey den Bewohnern dreyer Staͤdte, die in Deutschland fuͤr die maͤßigsten gelten, deuten doch offenbar dahin, daß sie es den Wienern in der Eßlust leicht nachthun wuͤrden, wenn die Natur und ihre Großen sie eben so reichlich versorgten? Ge- stehen wir nur, daß der Mensch von Natur mehr Hang zum Essen, als zum Arbeiten, mehr Lust zum Verdauen, als zum Denke hat; und daß man sich den abgeschmackten moͤnchischen Lehren vom Fasten und der Ehe- losigkeit naͤhert, wenn man es gut versorgten Sterblichen uͤbel nimmt, daß sie ihrer gluͤckli- chern Lage genießen. Die Wiener thun dies in angemessener Fuͤlle, und werden fortfahren, es zu thun, so lange sie koͤnnen, trotz ihren noͤrdlichen Landsleuten und deren Sticheleyen, die sie fuͤr Kinder des Neides halten, so ernst- haft auch jene erklaͤren, ihr Eifer entstehe aus wahrem Mitleid uͤber ihr Zuruͤckbleiben in der Religion, in der Weltweißheit und in den Kuͤnsten und Wissenschaften uͤberhaupt. Wahr ist es, die Wiener haben nicht so viel Schrift- steller und Kuͤnstler, als manche kleine noͤrd- lichdeutsche Stadt; aber ihre Gelehrten sind so gut besoldet und essen so reichlich, daß sie nicht noͤthig haben, Buͤcher zu machen; und ihre Kuͤnstler werden fuͤr ihre Arbeiten so gut belohnt, daß sie nicht in Gefahr kommen, ihre Leibes- und Geisteskraͤfte uͤber Titelkupfern und Vignetten aufzuopfern, um nur ihre Nothdurft zu gewinnen. Gleich hinter die Freuden der Schuͤssel , setzt man in Wien die Freuden der Schau- buͤhne . Ein wahrer Gemeingeist herrscht hierin bey den Wienern. Jeder Stand hat mit jedem Stande den Geschmack daran ge- mein und alle Staͤnde sind in allen Schau- spielhaͤusern vermischt. Man sieht den gemein- sten Mann im Hof- und Kaͤrnthner-Thor- Theater , und den vornehmsten bey Mari- nelli und Schickaneder . Es sind jetzt Fuͤnf stehende Schaubuͤhnen in Wien, und zwey oder drey fliegende kommen bey gewissen Gelegenheiten, z. B. in Marktzeiten hieher, halten sich aber gewoͤhnlich nicht uͤber drey oder vier Wochen. Das Hof - oder Nationalschauspiel , das seine Buͤhne in der Burg hat, ist durch die Veraͤnderungen, die es litt, und durch die Verbesserungen, die es erhalten sollte , be- kannter geworden, als durch wirkliche Voll- kommenheit. Da diejenige Buͤhne die beste ist, die der Stadt und dem Volke, vor wel- chen sie spielt, am meisten gefaͤllt, so pflege ich auf die Urtheile von Reisenden aus andern Provinzen nicht nachzusprechen: ja, ich traue mir selbst nicht Unbefangenheit genug zu, uͤber ein Theater zu urtheilen, worauf ich andre Sitten, in einer andern Mundart, als die mir gelaͤufig ist, dargestellt sehe; und deßhalb lege ich das Benehmen der Wiener selbst ge- gen ihre oberste Buͤhne zum Grunde, und schließe bloß aus diesem, daß sie wesentliche Maͤngel haben muͤsse, die ihr uͤberhaupt eine erklaͤrte Gleichguͤltigkeit und, zu manchen Zei- ten, eine gaͤnzliche Vernachlaͤßigung, wohl gar Verachtung, zugezogen. Mehrere, oft sehr schnell auf einander erfolgte, Veraͤnderungen, die den Liebhabern der deutschen Theaterge- schichte bekannt genug sind, waren die Folge davon; aber keine, so zuversichtlich und rau- schend sie auch zuweilen angekuͤndigt wurde, bewirkte was sie sollte: bessern Geschmack, Wetteifer unter den Schauspieldichtern, mehr Zulauf, und nebenher bessere innere Einrich- tung tung und fruchtbare Theaterpolizey. Der Hof selbst uͤbernahm zuletzt, da diese Buͤhne einzu- gehen drohete, die Besorgung derselben, und brachte abermals einige Verbesserungen an, aber sie blieb im Schmachten und sie ist, mei- nes Ermessens, noch darin. Ich hoͤre so eben, daß sie wieder an einem Privatunternehmer uͤberlassen werden soll, weil es der Hof fuͤr unschicklich haͤlt, in Zeiten, wie die laufenden, bey einer Unternehmung, die bloß dem Ver- gnuͤgen dient, das nuͤtzlicher zu verwendende Geld aufzuopfern. Ein Mann von feinem Ge- schmack, ein geborner Wiener, gab mir Man- gel an Auswahl unter den anzunehmenden Schauspielern und Schauspielerinnen; Unei- nigkeit, Anmaßung, Traͤgheit und erklaͤrte Mittelmaͤßigkeit unter diesen; zu reichliche Besoldung derselben; ungluͤckliche Wahl der aufzufuͤhrenden Stuͤcke, die oft, bey großen darauf verwandten Kosten, dem Publikum durchaus mißfallen; uͤbrigens schlechte Wirth- schaft (sonst koͤnnte der Hof nicht jaͤhrlich 150 Sechstes Heft. N bis 200,000 Gulden einbuͤßen) und endlich auch den Wetteifer der Nebentheater, besonders Marinellis und Schikaneders, die den Geschmack der Wiener besser kennen und ihre Schwachheit fuͤr Nationalstuͤcke, durch kurze Lustspiele und kleine Singstuͤcke nutzen, waͤhrend das Hof- theater sie durch, hier sogenannte Saͤchsische Schauspiele, Ritterstuͤcke, und weinerliche Fa- miliengemaͤlde, mit Sitten, die man nicht kennt und zum Theil abgeschmackt, kleinstaͤd- tisch und laͤcherlich findet, regelmaͤßig einschlaͤ- fert — diese Umstaͤnde, und die uͤbertriebene Anzahl des Nebenpersonale, das verhaͤltniß- maͤßig auch nicht schlecht besoldet ist, und die Ausgaben erhoͤhet, gab mir, sage ich, der ge- dachte Kenner, als die Ursachen des schlechten Zustandes dieser Buͤhne an, und ich fand kei- nen Grund an der Richtigkeit derselben zu zweifeln. „Im Ganzen,“ fuhr er fort: „ist das Nationaltheater jetzt schlechter, da es der Hof besorgt, als es vorher unter Privatunterneh- mern war. Die besten Schauspieler sind entweder abgegangen, oder in Ruhe gesetzt, oder haben sich unbegreiflich verschlimmert. Die uͤbrigen bekannten Schauspieler, die zum Theil seit zwanzig und mehr Jahren in einer einzigen Manier spielen, haben zwar alle eine gewisse Rolle oder Rollenart, die man von Zeit zu Zeit noch gern von ihnen sieht, im Ganzen aber sind sie dem Publikum zu alt geworden. Unter den juͤn- gern Schauspielern sind einige, die anfangs versprachen, aber, statt zuzunehmen, zuruͤck- arbeiteten, weil sie ihre Besoldung fuͤr die Hauptsache und Publikum und Kunst fuͤr Ne- bensachen hielten. — Auch fehlt es an gute Schauspielerinnen. Schon seit dem Tode der K. Jacquet ist keine erste Heldin und Lieb- haberin im Trauerspiel mehr vorhanden. Die Weidner und Sacco , vorher gute Schau- spielerinnen, wurden vergangenes Jahr in Ruhe gesetzt; die erstre, weil sie sehr alt, die andere, weil sie sehr mittelmaͤßig geworden N 2 war. Nur Eine vortreffliche Schauspielerin hat dies Theater noch: die Adamberger , geb. Jacquet, die jetzt noch, da sie schon 45 Jahr alt seyn kann, in den Rollen naiver Maͤdchen und zaͤnkischer, junger Weiber, von keiner andern erreicht wird. Sie thut in sol- chen Rollen, nicht bloß durch ihr hoͤchst natuͤr- liches Spiel, sondern auch durch ihren Koͤr- per, noch eine unbegreifliche Wirkung auf Maͤnnerherzen, die selbst fuͤr diejenigen, die sie außerhalb des Theaters kennen, ein Raͤth- sel ist.“ „Die italienische Oper“ fuhr mein Freund fort: „die mit dem Hoftheater verbunden ist, hat sich nicht weniger verschlimmert. Seit der Entfernung der Morichetti , der Storace , der Laschi , des Mompelli und Mandi- ni , hat sie sich nicht wieder erholen koͤnnen. Die Tomeoni spielt zwar gut, und die Sessi hat eine sehr schoͤne Stimme, aber beyde sind keine große Saͤngerinnen. Maffoli , der uͤberall fuͤr einen großen Tenoristen gelten wuͤrde, kraͤnkelt und neigt zur Auszehrung. Benucci , erster Buffo, ist noch immer die Hauptzierde des italienischen Theaters. Das dazu gehoͤrige Ballet hat einen sehr mittel- maͤßigen Balletmeister und seine Entwuͤrfe ha- ben weder Erfindung, noch Zusammenhang, noch uͤberhaupt Geist. Die erste Taͤnzerin ist gewaltig haͤßlich, tanzt aber nicht schlecht; die zweyte ist sehr huͤbsch, aber ihrem Tanze fehlt es an Anstand und Leben. Ein paar geschickte, aber bey weitem nicht vollkommene, Solotaͤn- zer sind auch vorhanden, und zwey ziemlich bleyerne Groteschi, die, bey jedem halsbre- chenden Satze, mit sich niederfallen, daß die Buͤhne erzittert.“ — So waren die beyden Haupttheater in Wien beschaffen, als ich dort ankam. Das Publikum fand nichts, als lange Weile darin, war un- zufrieden, laͤsterte, und ging — in das Hetz- theater, oder zu Marinelli oder Schickaneder. Auf einmal hieß es, ein neues Taͤnzerpaar sey angekommen, um sich in drey Gastvorstellun- gen sehen zu lassen. Es waren Herr und Ma- dame Vigano . Man gieng mit ziemlich ungleichen Erwartungen, aber, weil es etwas Neues war, in ziemlicher Menge in das Schau- spielhaus. Das Paar tanzte nur zwey kleine „pas-de-deux“ — aber das Publikum war wie elektrisch getroffen. Die neuen Taͤn- zer wurden, vom ersten Abend an, das Ge- spraͤch aller Gesellschaften, und werden es wahrscheinlich nach einem halben Jahre noch seyn. Mad. Vigano besonders wurde die Goͤttin des Tages. Das erste war ihr Name, und erst wenn dieser, mit allem, was ihm angieng, aus dem Grunde beschwatzt worden war, dachte man an den Krieg und an die Franzosen. Nach Verlauf von acht oder zehn Tagen hatte Alles Dosen, Ringe, Armbaͤnder, Faͤcher ꝛc. mit dem Bildnisse der Vigano. Die Damen trugen ihren Kopfputz, ihre Klei- der, deren Schnitt und Farbe, und endlich sogar ihre — Baͤuche — „à la Vigano“ — die ein wenig stark und wohlbeleibt war. Wi r hatten die heißesten Sommertage, aber Nach- mittags um 4 Uhr draͤngte man sich schon, auf Gefahr seiner Glieder, ins Theater, stand bis zehn Uhr Mann an Mann auf Einem Flecke, und sah erst mit Ungeduld und Wi- derwillen ein langweiliges Stuͤck auffuͤhren, um dann den fuͤnf Minuten langen Rausch, immer dasselbe „pas-de-deux“ zu sehen, unermuͤdlich zu genießen. In dieser folterar- tigen Stellung sahe man selbst Damen im Parterre; und doch gieng alles, was heute Zuschauer gewesen war, morgen von neuem wieder hin. Das Ballet nahm seinen Anfang. Die eigentlichen Taͤnzer arbeiteten nach Vermoͤgen. Man sah sie nicht. Alle Augen waren nach den Koulissen gerichtet, aus denen die beyden Hauptpersonen herausschweben sollten. Machte die Musik des Ballets eine Pause, sprangen die Figuranten auf die Seite: so entstand ploͤtzlich eine allgemeine Stille; alle Gesichter erheiterten sich; man hob sich auf die Zehen und hielt den Athem an. — In dem Moment ward der erste Ton von der Musik des „pas- de-deux“ gegriffen, und dies war das Zei- chen zu einem allgemeinen, stuͤrmischen Haͤn- deklatschen, Jauchzen, Vivatrufen, das die Zeit ausfuͤllte, bis die Kuͤnstlerin selbst, wie Goͤttinnen schweben, uͤber die Buͤhne daher glitt, und der Kuͤnstler auf der andern Seite erschien, und die Arme sehnsuchtsvoll und schuͤchtern ihr nachstreckte. — Waͤhrend des Tanzes war wiederum Alles still. Nur einzeln und halb- laut hoͤrte man ein „bravo!“ ein „bravissi- mo!“ ein „c'est delicieux!“ ein wunder- schoͤn ! das durch irgend eine Wendung, einen Wurf der Arme, eine Bewegung des Kopfes, von Seiten der Taͤnzerin, aus einer vollen Brust heraus gepreßt wurde. Solch ein ein- zelner Ausruf feuerte auch oft auf einmal ganze Zuschauerhaufen an, daß sie wie auf ein gege- benes Zeichen, in ein Freudengeschrey ausbra- chen, welches in eben dem Nu aus jedem Winkel des Hauses wiederhallte. Oft war es auch ein kurzes, abgerissenes Klatschen, das in die Musik einstuͤrzte, um dem Gefuͤhl des Wohlgefallens Luft zu machen. Das „pas-de-deux“ mußte jedesmal wiederholt werden, eher ließ das Publikum nicht nach; und die Ergießungen des Wohlbe- hagens und Beyfalls waren nicht weniger stuͤrmisch, als das erstemal. Sodann wurden Kuͤnstler und Kuͤnstlerin herausgerufen; man beklatschte sie, rief ihnen in allen Sprachen die schmeichelhaftesten Dinge zu, und der Vor- hang ging endlich, unter einem wahren Tumult, langsam nieder. Wer die Franzosen und Italiener in ihren Schauspielhaͤusern, vor ihren Lieblingsstuͤcken, gesehen hat, kann sich einen Begriff von den, als schwerfaͤllig verschrieenen, Wienern machen, in den Augenblicken, wo sie die beyden Vigano vor sich sahen. Auch war ihr Beyfall in der That noch mehr, als Geraͤusch. Bey einer Vorstellung, die zum Vortheile dieses Paars gegeben wurde, bezahlte man die Logen mit zehn, zwanzig und funfzig Dukaten; und ich stand zufaͤllig neben einem Wechsler im Par- terre, der fuͤr seinen geschlossenen Sitz hundert Kaisergulden gegeben hatte. Als Madame Vi- gano zum ersten Male im Parter erschien, war die Freude und das Getuͤmmel um sie her außerordentlich. Damen und Herren vom er- sten Range waren ausgestiegen, standen in langen Reihen da, und ließen sie durch sich hin gehen; wo diese Reihen sich endigten, sammleten sich Haufen aus andern Klassen um sie her, folg- ten ihr, wie ein Triumphzug, und der Hof, der auch im Parter war, mußte sich, ohne bemerkt zu werden, durch das Gewuͤhl hin- durch draͤngen. Man sagt, daß ein eifersuͤch- tiges Mißfallen der Kaiserin der Grund ge- wesen sey, daß das Taͤnzerpaar nicht ange- nommen wurde. Das Publikum machte ein gewaltiges Geraͤusch daruͤber, und ein witziger Kopf sagte: Der Hof mag zusehen, was er thut! Die Vigano oder den Frie- den! Indessen brach sich bey der Abschiedsvor- stellung dieß Mißvergnuͤgen in die innigste Ruͤhrung. Das ganze Haus wollte, in eigent- lichem Sinne, vor Thraͤnen zerfließen. Man rief von allen Seiten her, in allen Sprachen, die man aufbringen konnte, im Accent des aufrichtigsten Schmerzes: Bleibt bey uns ! Oder: Kommt bald wieder! Wir beten euch an ! Die Kuͤnstlerin und ihr Mann konnten kein Wort vor Ruͤhrung hervorbrin- gen und antworteten mit stummen Verneigun- gen und mit Bewegungen, die ihre Dankbar- keit ausdruͤckten. Ein Zug, der dem Herzen der Wienerinnen große Ehre macht ist der, daß die meisten von ihnen der Vigano Gerech- tigkeit wiederfahren ließen und nicht weniger von ihr hingerissen waren, als die Maͤnner. Uebrigens gab es ihretwegen ernsthafte Par- teyen im Publikum; und es fehlte unter an- dern wenig, daß sich nicht ein alter, um das fruͤhere deutsche Theater sehr verdiente Gene- ral, der auch im Tanzen fuͤr das Alte war, mit einem Vigano'ner haͤtte schlagen muͤs- sen. Die Vigano, Mann und Frau, haben sich nach der ersten Taͤnzerschule in Europa, nach der Manier von Gardel, Vestris und Nivelon , und der Guimard, Saulnier Perignon und Rose gebildet, und sie kom- men ihren Mustern nahe genug, um diese auf den ersten Blick in ihnen wieder zu erkennen. Sie sind demnach wahre Taͤnzer und keine Springer; sie glaͤnzen im Tableau, nicht in der Muskelkraft; sie ruͤhren und erheitern das Herz und befriedigen den Geschmack, aber sie aͤngstigen das Gefuͤhl nicht und ziehen ihren Beyfall nicht daher, daß sie dem Tod in die Arme zu springen scheinen, und doch mit dem Leben davon kommen. Es hat sich nachher, als die Vigano in andern deutschen Staͤdten auftraten, gezeigt, daß diese ed- lere Art der Tanzkunst uͤberall zauberisch wirkte, in Prag wie in Dresden, in Dresden, wie neuerlich in Berlin. Ich erhalte so eben aus letztrer Stadt Aus den Zuͤgen von Begeisterung, welche die Wiener bey dieser Gelegenheit entwickel- einen Brief, der den Eindruck sehr lebhaft malt, welchen die Kuͤnstlerin auf das dortige Publikum gemacht hat, und theile diese Schilderung, die zu- gleich den Charakter ihres Tanzes so treffend angiebt, mit. „Ach, was haben Sie versaͤumt!“ (die Brief- stellerin wußte nicht, daß ich diese Taͤnzerin gesehen hatte) „Sie haben die Vigano nicht tanzen sehen! Denken Sie sich nicht etwa — einen grazienhaften Wuchs — keine elegante Franzoͤsin — keinen großen Anstand in „panier“ und „panache“ — keinen „grand- oder demi-charactère “ — kein „tour de jambe“ — keine „pirouette“ — Mit einem male steht sie da, mitten auf dem Theater, und ist unter den uͤbrigen Puppen, das einzige lebende Wesen! — Man ist außer sich — hingerissen von einem fremden Gegenstande, aber nur fremd unserm koͤrperlichen Auge, nicht dem geistigen, nicht unserm Gedaͤchtniß. Man hat diesen Anzug, diese Stellung, diese Zuͤge schon gesehen. Man erstaunt nicht, aber man ist im Innersten geruͤhrt. Sie bewegt sich endlich und es entsteht eine tiefe Stille. Sie tanzt eigentlich gar nicht; sie schwebt in den reizendsten Stellungen auf dem Theater. Sie steht wieder still — sie horcht. Er wird kommen! Ja, es muß je- ten, Man schrieb mir nachher, daß, als die Vigano, auf einem Ruf des Steyrischen Adels, nach Graͤtz reisten, um dort einige Vorstellungen zu geben, viele Wagen von Wien dahin abgiengen, um das beruͤhmte „pas-de-deux“ noch einmal zu sehen. geht klar genug hervor, was man, durch einseitige Nachrichten irre gefuͤhrt, im mand kommen! Man sieht es, man fuͤhlt es! Ihre Stellung, ihr Auge, der Wurf ihrer Arme, ihr schuͤchternes Lauern, ihr Entzuͤcken — alles an ihr ist Ausdruck von Begeisterung, von Liebe! — Er koͤmmt endlich, der Erwartete! — Aber, warum ist es nur ein Mensch? Sie schien einen Gott im Rausche ihrer Empfindungen zu lieben. Sie sieht ihn und — laͤuft ab! Aber wie laͤuft sie ab! — Haͤtten Sie Armer sie auch nur weglaufen sehen! — Sie koͤmmt freylich wieder — und dann hat sie verloren — Aber es ist unmoͤglich, dies einfache Thema mit einem wundervollern Zauber durchzu- fuͤhren.“ „Die ganze Nacht dachte ich daran, wo ich diese Erscheinung schon gesehen haͤtte. Erfunden hat sie diesen Anzug, diese Stellungen nicht, dachte ich, beydes ist mir bekannt. Ich schlief daruͤber ein. Als noͤrdlichen Deutschland so ungern glaubt: daß sie Sinn fuͤr das Schoͤne haben und sich be- richten lassen. Es fehlt ihnen nur an guten Mustern. Ich glaube noch ein paar Worte uͤber die beyden vornehmsten Nebentheater in Wien sa- gen zu muͤssen, um einige unrichtige Begriffe, die man ziemlich allgemein davon hat, zu be- richtigen. Das eine ist das Theater Ma- rinelli's auf der Jaͤgerzeile, das andre das Theater Schikaneders , im Stahrember- gischen großen Hause. Als ich erwachte, war es mir, als ob im letzten Moment des Schlafes eine schoͤn hetrurische Vase mir vorgeschwebt haͤtte. Mein Raͤthsel war ploͤtzlich erklaͤrt. Die Vigano vereinigte in ihrer Person die Kleidung, den Anstand und die Stellungen der Nym- phen auf diesen Vasen. Alles, alles so! — Und glauben Sie nur nicht, daß ich allein von dieser Taͤnzerin so entzuͤckt bin. Geschaͤftsmaͤnner mit Ak- ten im Kopf und Herzen, junge Herren mit gar keinem Herzen — kurz, alle Welt — doch die Ber- linischen unverheiratheten — oder gezierten Damen ausgenommen — ist eben so entzuͤckt, als ich.“ — Das erstere, auch unter dem Namen von Kasperls Theater bekannt, hat eine sehr gluͤckliche Lage. Die Jaͤgerzeile ist bekannt- lich die schoͤne, mit Baͤumen bepflanzte Straße in der Leopoldsstadt, die nach dem Prater fuͤhrt, welcher immer noch der vorzuͤglichste Erholungsort der Wiener bleibt, und des Morgens, Mittags, Nachmittags und Abends von ihnen besucht wird. Beym Zuruͤckkommen haben sie rechter Hand die Marinelli'sche Buͤhne gleich neben sich, mithin die Versuchung eben so nahe, als den bestaͤndigen guten Willen, ihr zu erliegen, und das Beduͤrfniß, den Abend vollends auszufuͤllen. Zudem finden sie ent- weder eine artige Musik, oder ein neckisches Gemaͤlde aus ihren Sitten, das, wenn es auch zuweilen platt genug ist, doch zu lachen macht, und in der That, theils durch die Ein- faͤlle, die darin vorkommen, theils durch die drolligte Art, wie der Hauptschauspieler, La Roche , insgemein Kasperl genannt, sie wie- dergiebt, etwas Anziehendes erhaͤlt. Die nie- drigen drigen Staͤnde ergetzen sich aufrichtig daran; die hoͤhern, die uͤberall nur erscheinen, um sich die lange Weile zu vertreiben, um das Publikum zu wechseln, ja oft ausdruͤcklich, um etwas Naͤrrisches zu sehen, benutzen dies The- ater meist nur zu diesem Zwecke, finden aber auch nicht selten Auftritte und Gedanken, die ihnen nicht minder Vergnuͤgen machen, als dem zweyten Parterre und der Gallerie. Die Maͤdchen , die gewoͤhnlich in guter Anzahl im Parterre und den zweyten Logen vorhanden sind, ziehen auch eine Gattung von Liebhabern hieher, die Kasperls Spiel nicht allein be- friedigt. Die mancherley Arten von Gefror- nem und Gebackenem, von ausgesuchtem Obst und feinern Getraͤnken, die ebenfalls zu haben sind, fuͤhren auch einen Theil des Publikums herbey, das sonach auf eine oder die andre Weise Zeitvertreib findet, und oft alle diese Dinge in einen einzigen Genuß vereiniget. Der Unternehmer ist ein thaͤtiger Mann, der immer auf neue Anlockungen fuͤr Zuschauer Sechstes Heft. O denkt. Die seinigen sind jetzt auch fuͤr kleine Singstuͤcke, und er wartet reichlich damit auf. Seitdem Schickaneder durch die Zauber- floͤte so viel Gluͤck gemacht hat, giebt Ma- rinelli Zauberzittern, Zauberfagots, Zauberharfen und alle moͤgliche Zauberin- strumente, und ist immer sicher, zahlreichen Besuch zu haben. Er besitzt einen Komponi- sten, Namens Muͤller , der, bey einer Art von Unerschoͤpflichkeit, ganz angenehme Musi- ken macht, sich aber nicht immer genau erin- nert, welchem Tonsetzer manche Stellen ange- hoͤren, die ihm aus der Feder laufen. Mari- nelli's Schauspieldichter, deren er vier oder fuͤnf hat, sind verhaͤltnißmaͤßig nicht so gut, als dieser Komponist. Seltsam ist es indessen, daß viele dieser lyrischen gereimten Ungereimtheiten auch in Dresden, Leipzig, Weimar, Hamburg und Berlin, die auf Kasperl und Schikaneder sonst stolz genug herabsehen, mit Beyfall be- sucht werden. Uebrigens sind einige gute nie- drig-komische Schauspieler auf diesem Theater, die aber jaͤmmerlich werden, wenn Kasperl den Einfall hat, ernsthafte, edle Stuͤcke, oder die gewoͤhnlichen Ritterschauspiele zu geben: ein Einfall, den er jetzt oft bekoͤmmt, und der seinem Theater uͤber kurz oder lang schaden wird, weil es dadurch einen gewissen zwey- deutigen Charakter von schlechtem und besserem Geschmack bekoͤmmt, der mir, als ich es dieß- mal besuchte, aufgefallen ist. Wien bedarf, bey der Gemuͤthsart seiner Bewohner, eine Buͤhne, wo Witz, Laune und selbst Sinnlich- keit etwas mehr wagen kann, als sich ein großes Theater billiger- und vernuͤnftigerweise erlauben soll; und das Marinelli'sche waͤre uͤbrigens ganz dazu gemacht. Kasperl, seiner Rolle nach, ein oberoͤsterreichischer Bauer, der feig, gefraͤßig, furchtsam, geschwaͤtzig, verliebt, aber auch ein loses Maul und ein satyrischer Kopf ist, waͤre, wenn man ihm noch ein paar andre dahin passende Zuͤge unterlegte, vorzuͤg- lich geschickt, die Laͤcherlichkeiten und Verkehrt- heiten einer großen, uͤppigen Stadt sehr an- O 2 genehm und treffend zu ruͤgen. In einigen seiner aͤltern Stuͤcke ist dies auch wirklich gluͤcklich genug geschehen. Uebrigens ist das Aeußere und Innere dieses Nebentheaters ansehnlicher, als in vielen andern deutschen Staͤdten das Haupttheater. Auch der wirthschaftliche Theil desselben, ist in einer musterhaften Ordnung. Der Unterneh- mer ist reich geworden, und das Personale steht sich besser und wird weit richtiger be- zahlt, als auf manchem Hoftheater. Einen Maßstab fuͤr den Zulauf und die Einnahme dieses Hauses giebt die Aeußerung Marinelli's gegen einen meiner Freunde, daß er zu An- fange dieses Sommers, durch die wiederholte Vorstellung zweyer neuen Singspiele, nach Abzug aller Unkosten, uͤber funfzehn tausend Gulden gewonnen habe. In Ruͤcksicht der oͤkonomischen Verfassung ist das Schickaneder'sche Theater ganz das Gegentheil von dem Marinelli'schen. Der Unternehmer hatte, besonders in den ersten Jahren, viel Gluͤck, und war ein furchtbarer Nebenbuhler Marinelli's; aber sein unwirth- schaftliches Benehmen setzte ihn bald zuruͤck, und seine Buͤhne ist bis jetzt in einem schwan- kenden Zustande geblieben. Auch er giebt meist Singspiele, und nebenher Possen und Ritter- stuͤcke. Mit der Zauberfloͤte , die Er schrieb und Mozart setzte, hat er großes Gluͤck ge- macht. Sie wurde im ersten Jahre hundert mal , bey fast immer vollem Hause, aufgefuͤhrt. Das Sonnenfest der Braminen , ein neueres Machwerk, hat er ebenfalls sehr oft gegeben. Merkwuͤrdig in seiner Art ist ein Trauerspiel, das Schwert der Gerechtig- keit betitelt, das gewoͤhnlich in der Woche nach aller Seelen gespielt wird. Man koͤmmt waͤhrend der Handlung gar nicht vom Kirchhofe weg, und die Gespenster gehen ganz zahm und ohne Schuͤchternheit, wie rechtliche Leute, auf demselben herum. Das meiste, was auf diesem Theater gespielt wird, ist von Schickaneders eigener Hand, und zuweilen platt, zuweilen ohne Verstand, zuweilen unge- zogen, aber immer unter dem Mittelmaͤßigen; ein Stuͤck ausgenommen, das waͤhrend meiner Anwesenheit mehreremal gegeben wurde, und den Titel „ die Fiaker “ fuͤhrte. Es war ein taͤuschend-getreues Gemaͤlde dieser und der an- dern niedern Einwohnerklassen von Wien, und wurde auch, in Ruͤcksicht der Kleidung, des Anstandes und der Sprache, sehr natuͤrlich dargestellt. Mit einigen Veraͤnderungen koͤnnte es in der That ein sehr unterhaltendes und sogar lehrreiches Stuͤck fuͤr die gemeineren Staͤnde in Wien werden. In der Josephsstadt ist noch ein drittes, geringeres Nebentheater, das sich erhaͤlt, aber einer naͤhern Erwaͤhnung nicht werth ist. Von den Marktkomoͤdianten habe ich schon zwey Worte fallen lassen. Sie spielen in hoͤlzernen Huͤtten. Uebrigens irrt man, wenn man den Ge- schmack des Wienerischen Publikums strenge nach diesen Nebentheatern beurtheilt. Ich habe schon oben, bey der Marinelli'schen Buͤhne, die Nebengruͤnde angegeben, welche Zuschauer in dieselben locken. Die bessern Klassen wissen wohl, daß sie großentheils abgeschmackte Dinge sehen werden, und nehmen sich vor, das naͤch- stemal nicht wieder zu kommen. Dies geht so weit, daß man sich auch das wirklich Gute, womit man uͤberrascht wird, nicht gefallen lassen will und sich scheuet, es anzuerkennen. Die Hetze bleibt immer noch ein Lieblings- schauspiel des Volks und wenn von den besse- ren Staͤnden sich einzelne Zuschauer dort ein- finden, so ist es aus den Gruͤnden und unter den Umstaͤnden, die ich oben bey der War- schauer Hetze angegeben habe. Es sind viele Leute von besserer Erziehung in Wien, die dies Schauspiel mit keinem Auge je gesehen haben. — Auch ist es, seitdem ich nicht hier gewesen bin, sehr herunter gekommen . Loͤwe und Loͤwin sind todt. Kein Baͤr ist vorhanden, der dem großen Kurlaͤndischen Baͤr gliche, welcher im Sommer 1785, bey einer fast erlaubten Nothwehr, den Hetzmei- ster , der acht Hunde auf ihn los ließ und ihm zu nahe kam, ergriff, niederwarf und, trotz den Zaͤhnen seiner acht unvernuͤnftigen Peiniger, sich an dem Schenkel des vernuͤnf- tigen hielt und ihm große Stuͤcke herausriß — die Zuschauer schrieen jaͤmmerlich und wie aus Einer Kehle bey diesem schrecklichen An- blick! — bis endlich, unter Beyhuͤlfe von noch einem Dutzend Hunden, die ganze Schaar der Hetzknechte , mit beschlagenen Stangen bewaffnet, das Haupt der Thierquaͤler ohn- maͤchtig unter dem Sieger hervorzog — — solch ein grimmiger Baͤr , sage ich, ist nicht mehr vorhanden, mithin ist dies Spek- takel nicht mehr so — anziehend, als sonst. Indessen sahe ich doch jetzt noch einen jungen Fuͤrsten und einen Grafen, der ein Fuͤrsten- sohn ist, beyde mit ihren Maͤtressen, im Hetzam- phitheater, in den Logen des ersten Ranges. Nach dem Schauspiele ist die Musik ein Lieblingszeitvertreib der Wiener. Man findet vielleicht in keiner andern Stadt so viel Lieb- haber dieser Kunst und dieses Zeitvertreibes, und so viel wahre Virtuosen, von beyden Ge- schlechtern. Musik ist ein unentbehrliches Stuͤck der Erziehung, besonders der weiblichen, ge- worden, und die Musikmeister sind hier so haͤufig, wie in Dresden die sogenannten Ma- gister. Wer Liebhaber ist, kann hier alle Tage in einem andern, oͤffentlichen oder haͤuslichen, Konzert seyn, wo die neuere oder die aͤltere Musik behandelt und vorgezogen wird. Fuͤr die letztere ist unter andern ein solches bey dem Freyherrn von Swieten. Fuͤr den Tanz sind die Wiener leiden- schaftlich. Sie tanzen mitten im Sommer nicht minder froͤhlich, als im Winter, und der Kellner nicht minder unverdrossen, als der junge Fuͤrst. Die hoͤhere Gesellschaft tanzt bey Hofe und auf Privatbaͤllen unter sich; in den Kasinen, in Baden, auf Pickenicken tanzt der reiche oder auch nur glaͤnzende Mittelstand; die an ihn graͤnzenden Klassen bis zum Buͤr- ger, tanzen an den Lustoͤrtern um die Stadt und in der Stadt, im Fasching auf den Re- douten, (wo die hoͤhern Staͤnde bloß zusehen) und auf den Tanzsaͤlen der Wirthshaͤuser, un- ter denen der Bock , die Mehlgrube , der Mondschein , der Fasen und der Sperl die beruͤhmtesten sind. Auf letzteren findet man die seltsame Einrichtung mit den Saal - oder Tanzmenschern — gemiethete Taͤnzerinnen, die der Wirth haͤlt, um mit den Tanzlustigen herum zu springen. Sie duͤrfen niemand einen Tanz ausschlagen, und tanzen sich manche Nacht hindurch, fuͤr ein Gehalt von 30 bis 40 Kreutzer, halb todt. Der Walzer , hier der deutsche Tanz genannt, ist uͤbrigens der Lieblingstanz aller Staͤnde. Der Spatziergang , die Spatzierfahrt und der Sommeraufenthalt auf dem Lande , sind ebenfalls von den Wienern sehr gesuchte Genuͤsse. Das Volk stroͤmt, besonders an Sonn- und Festtagen, zu allen Thoren hinaus, theils in die Wirthshaͤuser der Vorstaͤdte, theils nach den umliegenden Lustschloͤssern und Doͤrfern, die alle mit Speisehaͤusern, Schenken und Tanzsaͤlen reichlich versehen sind, theils in den Augarten, theils in den Prater. Die naͤher gelegenen Lustoͤrter besucht es zu Fuße, die entferntern aber auf sogenannten Zeiselwa- gen , die vor den Linien halten. Es sind lange Korbwagen, mit einer Menge von Sitzen, die oft auf einmal zwanzig bis dreyßig Perso- nen fassen und fortschaffen. Fuͤr Leute, die solche Wagen unter ihrer Wuͤrde, oder unter ihrer dermaligen Baarschaft glauben, sind auch Halbwagen mit einem oder zwey Pferden da, auf denen sie weiter kommen koͤnnen. Ein Theil des Volks verlaͤßt schon fruͤh die Stadt, ein anderer erst nach der Mahlzeit. Bier, Wein, Kegelspiel, Mittagsessen, Kaffee, Gau- sen und Abendessen, fuͤllen seinen Tag aus. Oerter, wo sich dasselbe bey gewissen Gelegen- heiten in unuͤbersehlicher Menge versammlet, sind: die Brigittenaue , zur Zeit der dor- tigen Kirchweihe; Herrenals , bey Gelegen- heit der Wallfahrt nach dem dortigen Kalva- rienberge; das neue Lerchenfeld , an Fey- ertagen; und die Gegenden und Straßen St. Stephan zur Zeit des Portiunkulaablasses und des Frohnleichnamfestes. Die Klassen, die auf der einen Seite an das Volk, und auf der andern an die hoͤhern Staͤnde graͤnzen, fahren mehrentheils mit Lehn- kutschern oder Fiakern, oder sogenannten Pi- rutschen, schon von ihren Wohnungen ab. Sie bringen ihren Tag entweder im Prater , oder in Schoͤnbrunn , in Laxenburg und Hetzendorf , oder auf einem der umliegenden angenehmen Doͤrfer, als Dornbach, Meid- ling, Herrenals, Hietzing , dem Bruͤhl, Penzing, Huͤtteldorf, Doͤbling ꝛc. die sich entweder durch ein gut versorgtes Wirths- haus, oder durch angenehme Gegenden em- pfehlen, mit Spatzierengehen, Essen, Trinken und Tanz zu. Die hoͤheren Staͤnde fahren oder reiten regelmaͤßig, einen wie alle Tage, nach der Tafel, in den Prater, und zwar die große Allee rechts hinunter. Im Vorbeyfahren las- sen sich einige entweder ein Glas gefaumtes Obers (geschlagene Sahne) oder ein Glas Gefrornes, oder Limonade, durch ihre Bedien- ten aus den naͤchstgelegenen Kaffeehuͤtten, ho- len, verzehren es und fahren dann weiter, ohne auszusteigen; andere halten still und sehen dem Getuͤmmel aus den Wagen zu; andere steigen aus und gehen unter der Allee spatzie- ren; aber keiner von dieser Klasse setzt sich an einem Tische vor den Erfrischungsbuden nieder und zehrt oͤffentlich. Am Ende der gedachten großen Allee, an der Spitze des Praters, in einer Entfernung von der Stadt, die nicht leicht ein Fußgaͤnger aufsucht, liegt am Ufer der Donau ein Lusthaus. Um dieses fahren die hoͤhern Klassen mit ihren praͤchtigen Umgebun- gen auf; hier steigen sie aus und verbreiten sich unter die Baͤume, oder in den Saal des Lusthauses oder auf dessen Umlaͤufe, in einzelnen Reihen und Gruppen, die unter ein- ander wiederum so viel Stufen und Unter- scheidungen annehmen, als bey dem großen Reste der Wiener Einwohnerschaft nur immer moͤglich seyn koͤnnen. Gespraͤch, Spatziergang, Gesehenwerden und Sehen, sind die Unterhal- tung; doch ist auch hier ein Speisewirth, der fuͤr gruͤndlichern Zeitvertreib sorgt. Gegen die Theaterzeit faͤhrt alles nach der Stadt zuruͤck; auch der groͤßeste Theil der mittlern und nie- drigern Staͤnde, welche die Kaffeehuͤtten, die Bier- und Weinschenken, die Speisehaͤuser und Ringelrennen gefuͤllt gehalten hatten, su- chen nun ihre Theater auf. Man hat zwar dieses Jahr Versuche gemacht, diese Menge durch Erleuchtungen im Prater zuruͤckzuhalten, aber es ist nicht gelungen, theils weil die Lust am Theater uͤberwiegt, theils weil der Prater gegen Abend durch feuchte Ausduͤnstungen der Gesundheit schaͤdlich wird. Der Feuerbaͤn- diger Stuber (jenen Beynamen giebt er sich selbst) hat waͤhrend meiner diesmaligen Anwe- senheit kein Feuerwerk gegeben. Die Ruͤckkehr aus dem Prater nach der Stadt ist uͤbrigens ganz dazu gemacht, Wien in seinem Glanze und seiner Lebhaftigkeit zu zeigen. Man kann stundenlang da stehen, und die Reihe der meist praͤchtigen Wagen, mit den glaͤnzendsten Personen besetzt, mit reich gekleideten Bedienten belastet, vor sich vorbey lassen, ohne ihr Ende abzusehen. Das Ganze bewegt sich langsam fort, und steht oft ganz still; denn das Getuͤmmel von Fuhrwerken, das von der entgegengesetzten Seite koͤmmt, be- sonders die eilfertigen Fiaker, die sich oft dreist zwischen den großen Zug hereindraͤngen, oder ploͤtzlich aus demselben hervorschießen, um Vor- sprung zu gewinnen, hemmen von Zeit zu Zeit die großen, minder behuͤlflichen Gespanne. Mit diesen Wagen draͤngt sich, auf beyden Seiten, hart an ihren Raͤdern, auch das un- saͤgliche Gewuͤhl von Fußgaͤngern nach der Stadt zuruͤck, und Muͤtter, die ihren Kindern Behutsamkeit zuschreien; Fuhrleute, welche die Fußgaͤnger durch ein gewaltiges Ho! warnen, oder anderen, mit denen sie zusammen gefah- ren sind, ihre gewohnten Hoͤflichkeiten sagen; uͤbergefahrne oder getretene Hunde, die aus Leibeskraͤften heulen und ihre Herren, die nicht minder angestrengt auf den ungeschickten Kutscher fluchen — dieser Anblick, dieses Geraͤusch die- ses Gedraͤnge ist einzig, und nimmt in den Gegen- den, wo die Jaͤgerzeile enger ist, auf der Bruͤcke und an den Thoren hundertfaͤltig zu, trotzt aber jeder Beschreibung, wenn sich zu dem allen eines von jenen Wetterschauern, die in Wien so haͤufig sind, ploͤtzlich erhebt, und mit Sturm, Don- ner, Blitz und Regen, in eine dichte, wir- belnde, meilenlange Staubwolke eingewickelt, unter dem verfinsterten Himmel daherfaͤhrt: dann springt Alles aus einander, jeder rettet sich, wie er kann, die Schenken, die Kaffee- haͤuser sind vollgestopft; unter den Baͤumen draͤngen sich aͤngstliche Haufen; alle Fiaker aus der Stadt kommen gesprengt und haben eine reiche reiche Aernte; die kleinen Korbwagen der Buͤrger fliegen in gestrecktem Laufe; vor den Staatskarossen baͤumen sich die stolzen Mek- lenburger, bey jedem Blitze, und vor den Pirutschen tanzt der leichte Ungar, den der Donner, der Staub und der Sturm unge- duldig gemacht hat. Diese Ueberfaͤlle aber, gehen meist immer so schnell voruͤber, als sie kommen. Nach Verlauf einer halben Stunde beglaͤnzen noch die letzten Strahlen der Abend- sonne den vorher so fuͤrchterlichen Schauplatz, und der Rest der uͤberraschten Menge geht, mit Tuͤchern uͤber den Huͤten, oder mit sorg- sam aufgehobenen Roͤcken, nach der Stadt zu. Der Augarten scheint mir herunter ge- kommen zu seyn, wenigstens ist sein Publikum nicht mehr so glaͤnzend. Ehedem fruͤhstuͤckten kleine Zirkel aus der feinen Welt, oder tran- ken ihren Brunnen hier; jetzt fand ich nichts, als Buͤrgersleute, die ihren Kaffee verzehrten, und dann einen Zug durch die schoͤnen Alleen machten. Sechstes Heft. P Der Hang zu Sommerwohnungen aber hat sich seit meinem ersten Hierseyn ver- staͤrkt. Wohlhabende Leute von allen Staͤnden, die in der Stadt wohnen, hatten ehedem in den Vorstaͤdten Haͤuser und Gaͤrten, jetzt ha- ben sie dieselben weiter hinaus, vor den Linien, auf die umliegenden Doͤrfer, deren ich oben einige genannt habe, verlegt. Diese sind da- durch fast zu lauter artigen Staͤdtchen gewor- den. Die Bauunternehmer haben auch hier mit wohlhabenden Privatleuten um die Wette gebauet. Der Zulauf ist in kurzer Zeit so groß geworden, daß man eine Sommermie- the mit 100, 150, 200, 300 und 400 Gulden bezahlen muß. Wenn man in andern deutschen Staͤdten, nach Endigung des Schauspiels, noch ein paar Bissen ißt und dann zu Bette geht, so thut man hier noch eine regelmaͤßige Mahlzeit, und eilt dann wiederum zu einem neuen Genusse, der endlich der letzte ist. Seit meinem ersten Hierseyn hat sich hier ein naͤchtlicher Lustort hervorgethan, von dem man den Tag uͤber keine Spur sieht. Es ist die Bastion des Stadtwalles, die gleich vor dem Burgthore liegt. Hier sind Zelte, mit allen Erfrischun- gen versehen, aufgeschlagen, mit Banken um- schlossen, durch Musik erheitert. Auf diesem engen Platze draͤngen sich Menschen aus allen Staͤnden, von jedem Alter und Geschlecht, unter Staubwolken herum, und er ist der Stapelplatz des verliebten Verkehrs geworden, doch nur den Verhandlungen und nicht dem Abschlusse nach, gegen welchen die Polizeysol- daten wachen. Man findet bis nach Mitter- nacht Leute auf diesem Spatziergange; aber er faͤngt schon an zu sinken, und treue Weiber und sorgsame Muͤtter und Vaͤter kommen nicht, und lassen auch ihre Kinder nicht mehr hieher. Eine aͤhnliche Nachtpartie ist der Spatziergang und das Konzert am Graben, vor den dorti- gen beruͤhmten Kaffeehaͤusern, die, so wie das nahe dabey am Kohlmarkt gelegene Milano , in Verfertigung des Gefrornen glaͤnzen. Hier P 2 erscheinen Leute aus den bessern Klassen immer erst nach zehn Uhr, und bleiben bis nach Mitternacht dort. Sie kommen deßhalb so spaͤt, weil dann der Zug der feilen Maͤdchen und ihrer unermuͤdlichen Nachsetzer schon vor- uͤber ist. Diese haben ihren Laͤrmplatz ebenfalls hier, zerstreuen sich aber, sobald die Schließstunde der buͤrgerlichen Haͤuser, die zehnte, geschlagen hat. Die Hausmeister lassen sodann keinen Fremden mehr herein, denn wenn sie auch uͤbrigens das zweydeutige Gewerbe ihrer Haus- bewohnerinnen wohl kennen, so wagen sie doch selten dasselbe um diese Zeit zu beguͤnstigen, aus Furcht von dem Wirthe weggejagt zu werden. Wissen aber die Wirthe selbst darum, wie es in einigen seit lange dazu eingerichteten Haͤusern auch hier der Fall ist, so hat der Hausmeister kein zu strenges Gewissen, und laͤßt zu jeder Zeit und Stunde herein und heraus, weil sodann die gesammte Einwohner- schaft nicht zu sehr geschont zu werden braucht. Wie offen, wie allgemein und wie ungestoͤrt, wenn nur einigermaßen der Wohlstand beob- achtet wird, diese Art von Verkehr hier getrie- ben werde, ist uͤbrigens sattsam bekannt. Wenn der Leser, mit einigen kleinen Veraͤnderungen, die aus der Verfassung und Oertlichkeit her- vorgehen, die Schilderung der Warschauer Unsittlichkeit oben noch einmal nachsehen will, so wird er auch die Wienerische kennen. Hier sind nicht minder reiche, verderbte, brutale Liebhaber; nicht minder schoͤne, uͤppige, be- duͤrftige, gewandte, listige Weiber; nicht min- der liederliche, hoͤhere, mittlere und niedere Klassen. Man sagt mir von einem jungen — Großen, daß er sich jetzt Sieben Maͤtressen haͤlt und sie, wenn sie irgend eine seiner Launen nicht ausfuͤhren wollen, oder wenn er den Verdacht einer „passade“ auf sie geworfen hat, regelmaͤßig mit der Hetzpeitsche abkar- batscht, sie aber uͤbrigens vortrefflich bezahlt. Ich hebe noch ein paar zerstreuete Beob- achtungen uͤber die Einwohner von Wien aus, und schließe damit den Umriß ihres Wohnor- tes, ihrer Sitten, ihrer Lebensart und ihres Charakters. Oben habe ich beylaͤufig bemerkt, daß die Verschiedenheit der Staͤnde, wegen der Gleich- heit in der Kleidung, im oͤffentlichen gesellschaft- lichen Verkehr nicht mehr so auffallend ist; im Privatverkehr aber wird sie, besonders von den hoͤhern Staͤnden, immer noch sorgfaͤltig genug beobachtet. In ihre Zirkel koͤmmt nie- mand, den nicht Rang und Geburt dazu be- rechtigen, und die Haͤuser sind immer noch selten genug, die hierin bey verdienstvollen Ge- lehrten und Kuͤnstlern eine Ausnahme machen. Man erinnere sich hier der vorhin erwaͤhnten Art, wie die Großen an den Vergnuͤgungen im Prater Theil nehmen. Aber jener Mittelstand, dessen ich oben ge- dacht habe, hat seinen Kreis im gesellschaftli- chen Leben sehr erweitert. Wer einen Frack traͤgt, der ihm das beschrieene „ Herr von “ zusichert, lebt ohne Anstoß in diesem Kreise; ein Frauenzimmer, deren Chemise von so fei- ner Gattung Mousselin ist, daß man ihr ohne Schaam das „ Fraͤulein “ und „ Ihro Gnaden “ geben kann, und die im Stande ist, einen Stadtlohnwagen zu miethen, tritt uͤberall in diese Zirkel ein. Sonach hat diese erdichtete Muͤnze hier wahren Werth und Ge- halt, und sie befoͤrdert und vermannigfacht das gesellschaftliche Verkehr. Es sind mehrere gute Haͤuser in Wien, die einigemal die Wo- che offen stehen, und die fuͤr die Gaͤste, die sie empfangen, keine andere Forderung, als die Einfuͤhrung von Seiten eines Bekannten und ein anstaͤndiges Aeußere haben; und diese Haͤuser sind in der That nicht die unscheinbar- sten und langweiligsten in Wien. So ist auch die steife Nachahmungssucht in der Mode, besonders in gedachtem Kreise, fast ganz verschwunden, seitdem man sich mehr an die englische Art haͤlt. Die Wienerinnen sind schoͤn, haben einen feinen Geschmack in der Kleidung, und erfinden sehr gluͤcklich; und da sie auch freygebig auf die Zuthaten verwenden, so sind sie bestaͤndig zugleich fein und geschmack- voll gekleidet. Dies geht bis in die geringern Klassen hinunter; und ich bekenne, keine Stadt gesehen zu haben, in welcher die weiblichen Dienstboten so sorgfaͤltig, so zierlich in ihrer Art, ja sogar so reich gekleidet gingen. Leipzig, Dresden, Breslau und Muͤnchen kommen in diesem Punkt Wien nahe, aber mehr in Ruͤck- sicht der Sauberkeit, als der Feinheit der Zeuge, die diese Gattung zu ihrem Anzuge waͤhlt. Trotz dem Hasse der schoͤnen Wienerinnen gegen die Franzosen, ahmen sie doch zuweilen die republikanischen Moden nach, wie es z. B. mit dem Kopfputz „à la Guillotine,“ der Fall war. Man hat bemerkt, daß die Schwestern der bekannten Frey (Schoͤnfeld) gerade um die Zeit diesen Kopfputz trugen, als ihre Bruͤder in Wien guillotinirt wurden. Eine andre Veraͤnderung, die ich bemerkt habe, ist mir sehr aufgefallen. Die gebornen Wiener, die sonst so sehr „badauds“ waren, wie die Pariser nur immer seyn konnten, und ihre Vaterstadt in den Himmel erhoben, fan- gen an, sie in ihren Zirkeln so herunter zu reißen, wie kein Auslaͤnder im Ernst thun koͤnnte; ja, mancher junge Mann, der Ver- stand zeigen will, glaubt damit anfangen zu muͤssen, daß er auf die Wienstadt schimpft, so gut es gehen will. Hat sich die gute Wien- stadt so veraͤndert, oder die treuherzigen Wie- ner? Von der Veraͤnderung, die Joseph durch seine Grundsaͤtze in Ruͤcksicht der Geistlichkeit bewirkte, sind noch die sichtbarsten Spuren in Wien vorhanden, obgleich die beyden neuesten Regierungen in diesem Punkt ein anderes Sy- stem aufgenommen haben. Die Denkungsart des großen Haufens ist den Priestern noch nicht wieder so guͤnstig, als unter Maria The- resia, und er hat die Menge von Vorwuͤrfen und Laͤcherlichkeiten, womit man sie in den ersten Zeiten Josephs, und mit dessen Erlaub- niß uͤberschuͤttete, noch in zu frischem Anden- ken. Dieser Stand war damals so weit her- unter, daß es an jungen Leuten zu fehlen an- fing, die sich demselben widmen wollten; und daß man spottend sagte: man wuͤrde noch Seminaristen wie Rekruten mit Gewalt aus- heben muͤssen. Damals wurden auch die Bahrd- tischen Schriften von dem gemeinen Volke hier sehr haͤufig gelesen; und sie gaben einigen schwaͤrmerischen Gesellschaften, in denen der schnelle Uebergang von den roͤmischen Lehren zu den Grundsaͤtzen dieses, selbst bey Prote- stanten als zu stuͤrmisch betrachteten, Religi- onsverbesserers, ungewoͤhnliche Ueberzeugungen erweckte, die Entstehung. Aus einer dieser Gesellschaften schien der Schuster noch zu stammen, der waͤhrend meiner Anwesenheit in Wien, wegen unkirchlicher Begriffe von der Gottheit Christi, am Pranger stand, und von mehreren alten Muͤtterchen eifrig ausgescholten, von den uͤbrigen (vermuthlich wie er denken- den) aber fast oͤffentlich bedauert wurde. Da Begriffe dieser Art, unter Joseph, von man- chen Predigern selbst waren unterhalten wor- den, so hat man diese von den Kanzeln weg- genommen, um so sorgfaͤltiger, da sie von dem Volke fuͤr geschickte, denkende und ruͤh- rende Redner gehalten wurden. Die Fruͤchte ihrer Lehren, so wie der freyen Leserey uͤber- haupt, zeigten sich aber dennoch bald nachher, als ein großer feyerlicher Bittgang anbefohlen wurde, wo auch der ganze Magistrat der Stadt erschien, von der Buͤrgerschaft aber nur ein aussrordentlich kleiner Theil sich einfand. Der Umtrieb der Wissenschaften ist nicht mehr so lebhaft, als unter Joseph und noch unter Leopold. Unter ersterem hatte die Presse und das Katheder die moͤglichste Freyheit. Die Buͤchlschreiber verbreiteten sich damals uͤber jeden Gegenstand, die Lehrer der hohen Schule sprachen freymuͤthig aus ihren Faͤchern, die Buchhaͤndler brachten Buͤcher aller Art nach Wien, die Nachdrucker druckten jedes Buch nach und setzten es dadurch mehr in Umlauf. Seit dem Eintritt der jetzigen Zei- ten ist diese Freyheit des Lesens und Druckens, und die Einfuhr der Buͤcher, durch Zoll, Cen- sur und gaͤnzliches Verbot, eingeschraͤnkt worden. Die Leserey der Romane, Schauspiele, Journale und Zeitungen, die unbedenklich sind, ist aber noch stark im Schwunge, und man findet letztere in allen Kaffeehaͤusern in großer Menge. Da in Wien nur Eine Zeitung her- auskoͤmmt, so druckt man fremde ganz oder im Auszuge nach; eben so die neuesten Ritter- romane, die in ganzen, sehr baͤndereichen Sammlungen, unter allgemeinen Titeln, her- auskommen, und in Wien selbst verbraucht werden. Das junge Volk der Universitaͤt, der Kaufmanns- und Kraͤmergewoͤlbe, des Schrei- ber und Bedientenstandes ꝛc. verschlingt diese pilzartigen Erzeugnisse des noͤrdlichen Deutsch- landes; und ich zweifle, ob in irgend einer an- dern deutschen Stadt, unter den gemeinen Volksklassen, die Lesesucht so stark um sich gegriffen hat, als in Wien. Die Nachdrucker im Großen sind uͤbrigens jetzt in Wien abgestorben. Ungeheure aber schlecht berechnete, Unternehmungen ha- ben sie theils geschwaͤcht, theils ganz zu Grun- de gerichtet. Das letzte Gluͤck machten die Troppauer Nachdruͤcke , die Geschichte, Geographie und Naturbeschreibung enthielten, und in kurzem Vier, nachher aber Sechs und mehr Tausend Abnehmer, großentheils in Wien selbst, fanden. Wenn diese Nachdruͤcke uͤber- haupt den uͤbrigen deutschen Verlegern und Gelehrten schadeten, so nutzten sie wieder- um den Einwohnern von Wien und von Oesterreich uͤberhaupt, indem sie diese theils mit manchem Buche bekannt machten, das ihnen unbekannt geblieben seyn wuͤrde, theils ihnen ganze Sammlungen davon um einen hoͤchst billigen Preis verschafften. Eben diese Nachdruͤcke bewirkten schon unter Joseph, daß man kleine Bibliotheken mit zum Hausrathe rechnete, und daß selbst Buͤrger dergleichen anlegten. Haͤufiger finden sie sich noch bey Leuten, die auf Bildung Anspruͤche ma- chen. Jetzt werden besonders alte, wissenschaft- liche Buͤcher zum Kauf ausgeboten, und ihrer Menge nach zu urtheilen, sollte Wien eine littterarisch sehr fleißige Stadt seyn; aber der Ueberfluß dieses Artikels ist nur voruͤbergehend, und entsteht aus dem Verkauf zweyer alten, reichlich versorgten Buchhandlungen, der Graͤf- ferschen und der Großischen , deren jetzi- ger Besitzer sich ihrer aͤltern Sortiments- und Verlags Buͤcher saͤmmtlich zu entschuͤtten sucht. Die billigen Preise bewegen das hiesige Pu- blikum, sich damit zu versehen; und wenn das uͤbrige Deutschland bey Zeiten Nachricht von diesem Verkauf erhalten haͤtte, oder wenn die Fracht nicht so hoch zu stehen kaͤme, so wuͤrde es sich wahrscheinlich aus dieser Quelle mit einer Menge großer, seltener und sehr schaͤtz- barer Werke bereichert haben. Ueberhaupt genommen, muß man den Wienern eine gewisse litterarische Bildung nicht absprechen. Sie haben in jeder Wissen- schaft, besonders in den gruͤndlichen, einige Hauptkoͤpfe besessen, und besitzen sie noch; und in der Dichtkunst weisen sie Maͤnner auf, die in die vorderste Reihe der deutschen Dichter gehoͤren. Indessen sind hier, im Ganzen ge- nommen, gruͤndlichere Kenntnisse und ein fei- ner, bestimmter Geschmack immer noch Sel- tenheiten. Ein Mann von mittelmaͤßigem Wis- sen macht in den Kollegien, an hohen Schulen, vor den Gerichtshoͤfen, am Krankenbette, auf der Kanzel ꝛc. hier ungleich groͤßere Figur, als ein aͤhnlicher in Berlin, Dresden, Jena, Leipzig, Hamburg, und in andern noͤrdlich- deutschen Staͤdten. Ich habe oben den Um- stand, daß Wien uͤberhaupt verhaͤltnißmaͤßig wenig, und noch weniger gute Schriftsteller hat, der bequemen Lage seiner Gelehrten zu- geschrieben, und so ist es; jetzt koͤmmt noch die große Beschraͤnktheit der Presse dazu; aber waͤren diese aͤußeren Hindernisse auch nicht, wollten auch diese Gelehrten schreiben, sie wuͤr- den es auf eine ausgezeichnete Weise kaum koͤnnen, wenn sie nur des gewoͤhnlichen Schul- und Universitaͤtsunterrichts genossen haͤtten, und nicht, wie diejenigen, die in Wien wirklich vortrefflich geschrieben haben und noch schrei- ben, durch Genie, oder durch Reisen, oder durch ungewoͤhnliche gluͤckliche Umstaͤnde, un- terstuͤtzt worden waͤren. Die ganze Art, die Wissenschaften zu treiben, beguͤnstigt in der That, vom ersten Schulunterricht an, eine gewisse Fluͤchtigkeit und Einseitigkeit. Die Ge- schichte, die Philosophie, die Rechtsgelahrtheit, ja, sogar einige Theile der Naturlehre muͤssen diese Einseitigkeit fuͤhlen, da sie in so vielen Punkten das roͤmische Bekenntniß beruͤhren, das man jetzt in seiner alten Unbiegsamkeit wieder herstellen zu wollen scheint, und das Joseph in der That nur deshalb ausschnitt, damit die Zweige anderer nuͤtzlichen Baͤume Luft erhalten sollten. — Ueberhaupt scheint die Einrichtung der oͤsterreichischen Universitaͤten nur auf Bildung kuͤnftiger Staatsbeamten be- berechnet, aber fuͤr die Erweckung und Ausbil- dung eigentlicher Gelehrten, unzulaͤnglich zu seyn. Auch denkt selten ein junger Mensch daran, die Wissenschaften ihrer selbst wegen zu schaͤtzen und zu uͤben; er macht seinen Lehr- lauf, um ein Zeugniß zu erhalten, daß er ihn gemacht hat, und um sodann sein Brot zu finden. Das uͤbrige kuͤmmert ihn nicht. Auf den protestantischen hohen Schulen ist dieß wohl auch der Fall, aber er ist es nicht so all- gemein. Man kann die dort gezogenen be- ruͤhmten Schuͤler beruͤhmter Lehrer gewisser Faͤcher in Menge nennen. Wem faͤllt hier nicht Goͤttingen, Jena und Halle ein; wer koͤmmt hier nicht auf den Gedanken, daß die Wiener Universitaͤt nuͤtzlicher werden wuͤrde, wenn sie sich diesen Mustern naͤherte, als wenn sie sich, wie es jetzt das Ansehen ge- winnen will, in entgegengesetzter Richtung von denselben entfernet? Doch diese Maßregel ist gewiß nur fuͤr die laufende Zeit, und wird nur so lange dauern, Sechstes Heft. Q als man einer gefuͤrchteten Gefahr zuvor kom- men zu muͤssen glaubt. Gewisse politische Ein- richtungen, die einen auffallenden Einfluß auf die Gemuͤthsart der Einwohner von Wien ge- habt haben, werden ebenfalls nur so lange dauern. Die treuen Wiener werden, unter einem von Natur so sanftem und liebenswuͤr- digem Oberherrn, ihre vorige Zutraulichkeit, Offenheit, Harmlosigkeit, Geselligkeit und Gastfreundschaftlichkeit zuruͤckerhalten: Tugen- den, die ihren Charakter jedem, der mit ih- nen lebte, so liebenswuͤrdig, und empfehlungs- werth machten. Nach einem Aufenthalt von vier Wochen reis'te ich den 2ten September von Wien ab. Der Weg fuͤhrte durch die Vorstadt, die Wieden . Die aͤußersten Enden dieser Vor- stadt haben sehr kleine, unansehnliche Haͤuser, die groͤßestentheils mit Schindeln gedeckt sind. Sobald man sich außerhalb der Lienien der Stadt befindet, bietet sich eine ausgebreitete Aussicht dar, die rechts von Bergen beschraͤnkt, und vorwaͤrts von Bergen umzogen ist, links aber uͤber eine unabsehliche Flaͤche sich erstreckt. Am Fuße und am Abhange der Berge zur Rechten liegt Flecken an Flecken, Dorf an Dorf, unter denen die durch ihre vorzuͤgli- chern Weine beruͤhmten Grimzing, Brunn Medling u. a. sind. Ungefaͤhr eine halbe Stunde von Wien befindet man sich auf einer Anhoͤhe (der Wiener Berg genannt) die mit einer gothischen, durchbrochenen Spitzsaͤule be- setzt ist, und von welcher herab man die ganze ungeheure Haͤusermasse von Wien, alle Vor- staͤdte, die kaiserlichen Lustschloͤsser, Schoͤn- brunn und Laxenburg, und eine Menge von Landhaͤusern noch einmal mit einem Blick um- spannt. In der That, eine Ansicht, die we- nig Staͤdte in dieser Ausdehnung gewaͤhren. Von da geht es maͤhlig bergab, man naͤhert sich den Bergen zur Rechten mehr und verliert Q 2 die vorwaͤrts liegenden auf eine Meile aus den Augen. Je naͤher man den Bergen koͤmmt, desto mehr entwickelt sich zu ihren Fuͤßen das Gewimmel der Doͤrfer. Diese nehmen sich wie Staͤdtchen aus, und schließen zum Theil Haͤuser ein, deren sich Wien selbst nicht zu schaͤmen brauchte. Weingarten stoͤßt an Wein- garten, und die Berge sind, bis zu ihrer Mitte hinan, dicht damit besetzt. Neudorf , die naͤchste Post (2 M.) ist ein heiterer Flecken, wo ich nicht zehn Minuten auf Pferde zu warten brauchte. Beym Aus- gange aus demselben koͤmmt man eine Anhoͤhe hinan. Die Berge zur Rechten zeigen sich dem Auge immer hoͤher, und steigen in der Ferne zu einem Gebuͤrge der dritten Ordnung empor. Die Gegend selbst, durch die der Weg geht, bleibt immer noch so flach, als vorher, bis Guͤnselsdorf , dem naͤchsten Postwechsel. (2 M.) An beyden Seiten ver- raͤth sich durch die Graben, die neben der vortrefflichen Straße hinlaufen, ein trockener, kalkigter Grandboden mit Granit- und Quarz- Stuͤcken untermengt, der kaum einen halben Schuh hoch Dammerde uͤber sich hat, und deshalb den Anblick der Fruchtbarkeit nicht ge- waͤhrt. Auch hebt hier die Neustaͤdter Haide an. Von Guͤnselsdorf aus wird dieser Bo- den noch trockner und kaum ist der Kalkschutt mit vier Zoll Dammerde belegt. Das Land ist ein kahler Anger, der nur stellenweise zu Ackerland genutzt wird. Rechts, nach dem Gebirge zu, erhaͤlt sich das Erdreich noch fruchtbar und ist, bis zur Haͤlfte der Berge hinan, mit Reben besetzt. Drey Viertelstun- den vor Wienerisch-Neustadt tritt man in Theresienfeld ein. Es ist ein offenes, niedliches Dorf, das aus zwey Reihen Haͤu- sern besteht, einen Stock hoch und jedes mit einem Gaͤrtchen umgeben, welches, so wie die dazu gehoͤrige Scheune und Stallung, mit artigen Stacketen umschlossen und mit Baͤu- men, besonders mit italienischen Pappeln, rund umher besetzt ist. Ich zaͤhlte dieser Haͤuserchen zwey und sechszig. In der Mitte liegt eine artige Kirche, und im Hintergrunde ragt Wie- nerisch-Neustadt , als ob es unmittelbar daran stieße, mit einigen Thuͤrmen hervor. Keine dieser kleinen Wirthschaften zeigte Ver- fallenheit und Unsauberkeit, doch war, nach Maßgabe des Wirths, das eine immer netter, als das andere. Maria Theresia , die uͤberhaupt viel auf den Anbau dieser Haide gewandt hat, errichtete diese kleine Ansiede- lung und bevoͤlkerte sie anfangs mit ausge- wanderten Landleuten aus Schwaben und Ty- rol; da sich aber diese nicht halten konnten und nach und nach ihr Haabe verließen, so verschenkte sie die einzelnen Wohnungen an ausgediente Officiere, die, da sie meist eine kleine Baarschaft anlegen konnten, das Ganze in den Zustand setzten, worin es sich noch be- findet. Wienerisch-Neustadt (2 M.) ist eine Stadt der vierten Ordnung, mit Wall und Graben umgeben, gut gebauet im Ganzen, stark bewohnt und sehr nahrhaft. Die Ein- wohner treiben einen starken Handel mit Ge- treide nach Inneroͤsterreich und selbst nach Italien, und einen nicht minder starken mit Stahl und Eisen nach Unter- und Ober-Oe- sterreich und Ungarn. In und bey der Stadt sind mehrere Fabriken und Manufakturen. In dem hier befindlichen Schlosse hat noch Maria Theresia eine Lehranstalt fuͤr junge Edelleute errichtet. Das Lokale ist vortrefflich, die innere Einrichtung sehr bequem. Die Wohn- Schlaf- Lehr- und Eßsaͤle sind hell, gut geluͤftet und geraͤumig. Ein weitlaͤuftiger Garten dient den jungen Leuten zur Erholung und den Einwohnern der Stadt zum Spatzier- gange. Der General, Graf von Kinsky, ist Auf- seher dieses Hauses. Um die Stadt erheben sich links und rechts Berge, an deren Fuße sie aus der Ferne zu liegen scheint; aber sie sind noch weit genug davon entfernt: denn man faͤhrt eine ganze Post, bis Neuenkirchen (2 M.) ehe man an den Abhang derselben gelangt. Der Weg bleibt, wie auf dem vorigen Postlaufe, ein trefflicher Straßendamm, und der Boden be- steht immer noch aus Sand- und Steinge- schieben. Die Gegend ist hier so flach, daß man in einer Entfernung von 1½ Meile Neu- stadt noch hinter sich sehen kann. Mit Neuenkirchen, das uͤbrigens ein gut gebauetes Dorf ist, setzt sich der Boden sehr sichtbar um, und naͤhrt Getreide und Gras in großer Fruchtbarkeit. Mehrere Quellen und Waͤsserchen, die aus dem Gebuͤrge herabkom- men, veranlassen diese Veraͤnderung, deren Wirkungen sich bis Schottwien , der naͤch- sten Post (2 M.) erstrecken. Man ist jetzt in die Berge hineingetreten. Sie erheben sich nach und nach und bilden mannichfaltige Thaͤ- ler und Schluchten, die den Getreide- und Wiesenbau sehr beguͤnstigen. Schottwien, ein Flecken, ist hart an dem Fuße des hohen Ber- ges, der Semmering genannt, gelagert. Bis hieher hat die Straße bestaͤndig am Fuße der Berge hingefuͤhrt, jetzt laͤuft sie uͤber den Gipfel dieses. Sie ist vortrefflich in ihrer Art, und ein Denkmal Karls VI , der sie mit großen Kosten anlegen, ausfuͤllen, Anhoͤhen abtragen und an den gefaͤhrlichern Stellen Brustwehren setzen ließ. Sie windet sich jetzt in maͤßigen Absaͤtzen bis zu einer Hoͤhe hinan, welche die Hoͤhe des Steigers vor Jena vier bis fuͤnfmal uͤbertrifft. Auch braucht man uͤber zwey Stunden, um auf dieselbe zu gelangen. Dort ist auch der Graͤnzstein zwischen Oester- reich und Steyermark. Uebrigens ist dieser Berg durchaus mit maͤchtigen Fichten und Tannen besetzt, und gewaͤhrt, an lichtern Stellen, eine der weitlaͤuftigsten Aussichten. Der naͤchste Postwechsel ist in Maͤrzzu- schlag (3 M.) dem ersten Steyerischen Markt- flecken, der nicht uͤbel gebauet und seiner Ei- senwerke wegen ziemlich nahrhaft ist. Eine Sensen- und Weißblech-Fabrik beschaͤftigen viele Haͤnde und verarbeiten jaͤhrlich einen ansehnlichen Betrag an Stahl und Ei- sen. Von Maͤrzzuschlag aus steigt man in ein koͤstliches Thal hinab, das Maͤrzthal genannt. Es ist auf beyden Seiten von betraͤchtlichen Bergen eingeschlossen. Die Maͤrze giebt ihm den Namen. Dies ist ein lebhaftes Wasser, sehr reich an Forellen, aber noch nuͤtzlicher dadurch, daß es die zahlreichen Hammerwerke dieses Thales in Bewegung setzt und die Wie- sen befruchtet. Das Thal selbst zieht sich uͤber die Doͤrfer und Posten Krieglach (2 M.) und Maͤrzhofen (2 M.) bis Bruck an der Muhr (2 M.) und bleibt sich vom An- fange bis zu Ende in seiner Fruchtbarkeit und Lieblichkeit gleich. An beyden Seiten der Maͤrze laufen die lachendsten Wiesen hin, die durch zahlreiche Schoͤpfraͤder gewaͤssert werden. Hoͤher hinauf sieht man Ackerland, das mit Fleiß bestellt ist und die Berge, zum Theil bis zu ihren Gipfeln, mit uͤppigen Saaten bedeckt. Der Raum, den das Ackerland ein- nimmt, wird mit jedem Jahre groͤßer, weil es dem Landmann erlaubt ist, so viel Land urbar zu machen, als er bestellen kann. Doch ist er dabey auf diejenigen waldigten Stellen eingeschraͤnkt, die mit duͤnnen und niedrigen Stauden und mit Laubholz besetzt sind. Die Art, wie diese Urbarmachung geschieht, ist hier sehr einfach. Der Landmann hauet das Holz im Fruͤhjahre um, schafft die staͤrkern Stauden als Brennholz nach Hause, und die geringern, nebst den Wipfeln, Aesten und Zweigen, laͤßt er zerstreuet liegen und den Sommer uͤber recht austrocknen. Im Spaͤt- jahre zuͤndet er sie an, verbrennt sie, breitet die Asche auf der ganzen Strecke gleichmaͤßig aus und hackt sie sodann unter, weil er sich, der stehen gebliebenen Struͤnke wegen, keines Pfluges bedienen kann. So hat er seinen neuen Acker zugleich auf zwey bis drey Jahre geduͤngt und dieser giebt einen verhaͤltnißmaͤßi- gen Ertrag, der ihn fuͤr seine Muͤhe belohnt. Eben so duͤngt man hier auch haͤufig die Wie- sen mit Asche von Rasen, den man stoßweise verbrennt und sodann uͤber dieselben ver- streuet. An beyden Seiten der Maͤrze liegen meh- rere Doͤrfchen, Hoͤfe und einzelne Haͤuser, die viel Ordnung und Wohlhabenheit verrathen. Sie sind sorgfaͤltig umzaͤunt und haben wohl- bestellte Gaͤrten um und neben sich. Von Steinen sind sie nicht mehr, wie in Oesterreich, sondern von Schrotwerk, mit vorstehenden Giebeln. Die Viehzucht ist eine der ergiebigsten Er- werbsquellen dieses Thales. Das Hornvieh ist schoͤn, die Pferde sind von ungewoͤhnlich star- kem Bau, die Schaafe zartwolligter, als man sie in Oesterreich findet. Ueberhaupt glaubt man sich, beym Durch- gange durch dieses schoͤne Thal, in einem gro- ßen englischen Garten zu befinden, den die Natur anlegte, und der durch Menschenhaͤnde unterhalten und befruchtet wird. Wenn man an dem Abhange der Berge, an ihrem Fuße, und in den Niederungen zwischen ihnen, frucht- bare Felder und lachende Wiesen erblickt, so sieht man wiederum auf ihren Gipfeln, zwi- schen maͤchtigen Fichten und Tannen, von Strecke zu Strecke, bald Kapellen, bald Lust- haͤuser, bald die Truͤmmer einer alten Burg; hat man hieran das Auge geweidet, so senkt es sich herab auf die schwarzen Wohnungen und Werkstaͤtten der Eisenarbeiter, die durch ihr Geraͤusch und gewaltsames Pochen den Charakter ihrer Arbeiten ankuͤndigen, und wen- det man den Blick von diesen, so faͤllt er auf die friedlichen Wohnungen, die am Wege liegen, und ein stilles Voͤlkchen von Hirten und Land- leuten einschließen. Die Maͤrze schlaͤngelt sich immer noch neben einem her, in Windungen, die ihr die Wurzeln der Berge, an denen sie hinfließt, vorschreiben, oder die ihr der Kunst- fleiß der Menschen, die ihrer beduͤrfen, ange- wiesen hat, bis sie sich endlich, rechts, gegen Bruck zu wendet und sich in die Muhr verliert. Zugleich verengert sich das Thal, und der her- vortretende Berg, worauf die alte Burg von Bruck nur noch mit einer halben Ringmauer steht, verschließt es endlich ganz. Man faͤhrt um denselben herum und ist in Bruck. Dieses Staͤdtchen fand ich in einem trauri- gen Zustande. Es war ein Jahr vorher bis auf einige Haͤuser ganz abgebrannt, und nur die Mauern waren stehen geblieben. Jetzt arbei- tete man sie wieder her zu stellen. Bruck ent- hielt sonst drittehalb hundert Haͤuser und seine Einwohner waren wohlhabend. Sie trieben einen nicht unbetraͤchtlichen Zwischenhandel mit Eisen und Getreide, gewannen durch Vorspann, und, da hier die beyden Straßen nach und aus Italien zusammen treffen, so bot sich ihnen noch mancher andre Erwerbszweig dar. Von Bruck aus faͤhrt man in dem engern Thale, das die Muhr durchfließt, weiter. Man koͤmmt uͤber diesen Fluß, sobald man zur Stadt hinaus ist, linker Hand mittelst einer Bruͤcke. Nach einer Weile erweitert sich das Thal; man faͤhrt etwas bergan und behaͤlt dann die Muhr rechts zu seinen Fuͤßen, waͤhrend die Anhoͤhen auf beyden Seiten, wie auf den vo- rigen Stationen, fleißig bebauet, und an ihren Abhaͤngen, mit Doͤrfern, einzelnen Haͤusern und Kirchen besetzt, stellenweise aber auch kahl und schroff, bis nach Leoben , dem naͤchsten Postwechsel, (2 M.) fortlaufen. Dies Staͤdtchen liegt sehr angenehm hart an der Muhr, und ein Theil desselben erhebt sich amphitheatralisch. Wenn man hineinfaͤhrt, behaͤlt man links ne- ben sich eine Anhoͤhe, die mit einer Kirche und einem Kloster besetzt ist, und von da herab gelangt man in die Stadt, die nach Art der kleinen Staͤdte in Baiern und im Salzburgi- schen gebauet ist und einen geraͤumigen Markt- platz, in Gestalt eines laͤnglichen Vierecks, be- sitzt. Dies Staͤdtchen ist uͤbrigens gut be- wohnt und nahrhaft. Es treibt einen betraͤcht- lichen Handel mit Eisen, welches aus den nahe gelegenen großen Eisenwerken zu Vor- dernberg und Eisenerz gezogen wird. Von Leoben bis Kraubath , der naͤchsten Post (2 M.), muß man abermals uͤber die Muhr, weil Leoben ganz von derselben um- schlossen wird. Man faͤhrt sodann, weil das Thal nun ganz zusammen tritt, einen Hohl- weg, der von Laubholz uͤberschattet wird, hin- an, und sieht von oben herab das Thal, durch das man kam, zu einem ausgebreiteten Kessel erweitert, durch welchen die Muhr jetzt zur Linken herabstroͤmt, waͤhrend man rechts, an dem abhaͤngigen Ufer derselben, an einem schwachen Gelaͤnder hinfaͤhrt und neben sich hoͤhere Berge, als vorher, die aus einem weichen, marmorartigen Kalkstein bestehen, drohend uͤber den Scheitel hat. So geht der Weg, unter mancherley Kruͤmmungen, deren jede eine andere anmuthige oder wilde Ansicht gewaͤhrt, bis Kraubath, einem unbedeutenden Dorfe, fort. Ich darf hier nicht vergessen zu bemerken, daß gerade um die Zeit, als ich durch das Maͤrzthal, und von Muhr aus, durch dies zweyte zweyte fuhr, sich beyde in ihrer anziehendsten Gestalt zeigten. Im Fruͤh- und Spaͤt-Jahr ist es freylich ganz anders. In jenem liegt der Schnee noch spaͤt auf den Bergen, und in diesem zeigt er sich schon sehr fruͤh. Das Ge- treide wird im Wuchse sehr verspaͤtet. Jetzt erst war man im Begriff, den Hafer einzu- fahren und die Wiesen zu maͤhen. Wein waͤchst gar nicht darin, und das Obst geraͤth selten, und ist sauer. Da hat man also auch die Kehrseite dieser Thaͤler, wie jedes andere Ding in der Natur sie darbietet. Von Kraubath reis'te ich auf Knittelfeld (2 M.). Der Weg, der am linken Ufer der Muhr nach Kraubath hinauf gefuͤhrt hatte, senkte sich, gleich hinter diesem Dorfe, von neuem in das Muhrthal hinab, und dieses er- schien abermals in einer neuen Gestalt. Es war merklich verengert und auf beyden Seiten des Flusses mit den fruchtbarsten Wiesen uͤber- zogen, die zum zweytenmal gemaͤhet wurden; nur an wenig Stellen zeigte sich etwas Acker- Sechstes Heft. R land, das bis zur Haͤlfte des Berges hinan stieg. Die suͤdliche Seite bildeten lauter gleich- sam prismatisch abgeschliffene Berge, deren spitze Winkel einander entgegen standen, und zwischen denen mehrere kleine Thaͤler hinein- liefen. Auf dieser Seite stand auch fast lauter Laubholz, waͤhrend auf der gegenuͤberliegenden schwarzes Nadelholz sich bis zu den Gipfeln der Anhoͤhen hinanzog. Die Muhr hielt sich immer an der mittaͤgigen Seite, bis zu dem Dorfe Lauren- zen, wo eine Bruͤcke uͤber dieselbe fuͤhrte, und das Thal sich zugleich in eine weite Flaͤche aus- dehnte, deren Hintergrund durch dreyfach in Terrassen emporsteigende hoͤhere Berge be- schraͤnkt wurde, an welchen Knittelfeld, ein unsauberer, finsterer Marktflecken liegt, zu dem man, wenn man noch einmal uͤber die Muhr gesetzt hat, erst gelangt. Jene Flaͤche theilt sich nun zur Linken und Rechten in zwey Arme ab, von welchen man den zur Rechten einschlaͤgt, um nach der naͤchsten Post, Ju- denburg , (2 M.) zu gelangen. Es war halb acht Uhr Abends, als ich dahin abreis'te. In den vorhin erwaͤhnten Bergen hing ein Gewitter, das schon unter- weilen blitzte, und in welches ich gerade hin- einfuhr. Die naͤchste Folge davon war eine ungewoͤhnliche Finsterniß, die schon um acht Uhr so stark wurde, daß ich nicht drey Schritt um mich sehen konnte. Das Gewitter ging voruͤber, aber der ganze Himmel blieb dicht bezogen, und so mußte ich, wie ein Blinder, uͤber die anmuthigsten Felder und durch die Doͤrfer und Flecken der schoͤnsten Flaͤche in Obersteyermark, das Eichfeld genannt, hin- reisen, ohne etwas darin gesehen zu haben, als einzelne Lichterchen die bis nach zehn Uhr nahe und ferne um mich her schimmerten. So kam ich auch uͤber Judenburg, von da uͤber Unzmarkt (3 M.) beyde nicht unbetraͤchtliche Staͤdtchen. Von Unzmarkt aus fuͤhrte der Weg wechselsweise bergan und bergab, und dies erinnerte mich, daß ich nun uͤber die Berge selbst hinein muͤßte, da ich bis jetzt nur R 2 immer in Thaͤlern, am Fuße derselben, gereis't war. Wirklich erblickte ich, als der Tag an- brach, nichts als Berge von der dritten Ord- nung um mich her, uͤber die ich hinauf und hinunter mußte, die aber saͤmmtlich theils mit Laubholz besetzt, theils zu Ackerland angebauet waren. So fuhr ich nach Neumarkt , dem naͤchsten Postwechsel (3 M.) hinunter. Dies ist ein unansehnlicher, kleiner Flecken, mit ei- nem alten Schlosse auf einem einzelnen, schma- len, abschuͤssigen Berge, das den Anblick eines altmodischen Koffers giebt. Es ist schon laͤngst nicht mehr bewohnt. Von Neumarkt bis Frie- sach , der naͤchsten Post (2 M.) dauert der Weg noch eine kleine Strecke so fort, wie vorhin, sodann faͤhrt man auf einmal in eine enge Schlucht zwischen rauhen Bergen hinab. Links hangen einem die Bergmassen uͤber dem Haupte, und rechts rauscht ein ziemlich schnel- ler Bach, die Metnitz , die mit einem sehr aͤrmlichen Gelaͤnder eingeschlossen ist, hinunter. Die Berge sind Schiefer, eine Steinart, die ich hier das erstemal zu Tage liegend bemerk- te, obgleich es gewiß ist, daß alle die Huͤgel, vor denen ich, von Schottwien aus, vorbey kam, ebenfalls auf Schiefer aufgesetzt sind. Die hiesigen waren theils ganz schroff und rauh, theils mit Nadelholz bewachsen. Kein Fleckchen zu einer Wiese war diesen wilden Bergen abzugewinnen gewesen, kein Huͤttchen, kein Mensch, kein Thier fand ich auf dem Wege. Endlich, nach einer Fahrt von drey Viertelstunden, fing diese Hoͤhlung an, sich zu einem Thale zu erweitern, das ungefaͤhr zwey hundert Schritte breit seyn konnte. Sogleich erschienen einzelne kleine Wiesenplaͤtze, und ein- zelne aͤrmliche Huͤtten. Naͤher an Friesach dehnte es sich noch weiter aus, und hier ge- winnt man den Bergen schon Ackerland ab, das mitten unter herabgerollten Wacken bestellt wird. In der Niederung erschienen fruchtbare Wiesen und ein paar Doͤrfchen, die aber einen ziemlich traurigen Anblick gaben. Man faͤhrt hier uͤber die Graͤnze zwischen Steyermark und Kaͤrnthen. Die Ansicht von Friesach wird durch die Truͤmmern von zwey alten Burgen gehoben. Die vorderste steht auf einem kleinen Berge, eng zusammengeschroben, und noch ziemlich erhalten; die hintere, die zunaͤchst uͤber der Stadt liegt, hat nur noch eine Ringmauer. Friesach selbst giebt, wenn man hineinkommt, einen finsteren und unreinlichen Anblick, und mag etwas uͤber hundert und funfzig Haͤuser haben, unter denen ich sieben bis acht gang- bare und ungangbare Kirchen zaͤhlte Ich ver- muthe, der Haͤuser wuͤrden mehr seyn, wenn der Kirchen weniger waͤren. Aber das Staͤdtchen gehoͤrt einem Erzstifte, naͤmlich dem von Salzburg. Auch hat es vom Feuer gelit- ten, und von Moͤnchen leidet es noch alle Tage. Wenn man zur Stadt hinausfaͤhrt, sieht man noch eine Kirche, hoch auf einer Anhoͤhe gelagert, die aber alt und verfallen ist; dafuͤr findet man einige Schritte weiter am Wege eine ganz neue, die nicht zu verfallen droht. Das erwaͤhnte Thal dauert noch fort, nur daß es, gleich hinter Friesach, sich rechts wen- det und immer weiter und fruchtbarer wird. Der kleine Bach, der mich von Neumarkt aus begleitete, wird hier durch einen groͤßern ersetzt. Die Berge zur Linken und Rechten sind zum Theil bis an den Gipfel zu Ackerland genutzt und streckenweise mit Landhaͤusern, Kapellen, Schloͤssern und weiterhin gar mit einem gan- zen Marktflecken, Altenhofen , der Truͤm- mer einer alten Burg neben sich hat, besetzt, waͤhrend in der Niederung mehrere Hammer- werke und Schmelzhuͤtten, die zu den reichsten in Kaͤrnthen gehoͤren, arbeiten. Auf der rechten Seite koͤmmt man vor einem artigen Lustschlosse des Fuͤrstbischofs von Gurk und Straßburg vorbey. Nicht weit davon dehnt sich das Thal noch weiter, und zwar in einen Kessel, aus, in dessen Mitte einige kleinere Huͤgel hervortreten, uͤber die hinab man mehrere Thurmspitzen und ein paar sehr ansehnliche Schloͤsser erblickt. Hier zieht sich der Weg links herum, man faͤhrt uͤber den Fluß, den man bisher auf der linken Seite hatte, und geraͤth sodann in eine Gruppe von Anhoͤhen, die, wie die dazwischen liegenden Thaͤler, sehr angenehm, und sehr sorgfaͤltig angebauet sind. So faͤhrt man vollends nach St. Veit , dem naͤchsten Pferdewechsel (3 M.) hinein. Dieß Staͤdtchen fernt nicht, weil es ganz auf ebe- nem Boden liegt. Es hat einen Stadtgraben und eine Mauer, beyde sehr alt, wie die um Friesach. Die Haͤuser in der Stadt selbst sind von Stein, aber mit Holzschindeln gedeckt. Die Straßen sind breiter und sauberer, als die von Friesach, auch lebhafter, und die Ein- wohner wohlhabender. Hier ist die Hauptnie- derlage fuͤr die umliegenden Eisenwerke, deren Waaren von hier aus groͤßestentheils nach Italien gehen. Von St. Veit fuͤhrt der Weg abermals uͤber kleine Anhoͤhen und durch Thaͤler, wie auf der vorigen Station, nur daß letztere weitlaͤuftiger und erstre immer niedriger und seltner werden. Man koͤmmt darauf uͤber eine weitlaͤuftige, duͤrre, wenig angebauete Ebene, die das Saler Moos , auch das Sal - oder Zollfeld genannt wird, wo man nahe an der Straße einen Stein sieht, der in der Form eines plumpen Lehnstuhls ausgehauen ist, auf welchem in vorigen Zeiten die Ober- haͤupter von Kaͤrnthen, unter laͤcherlichen Ge- braͤuchen, gekroͤnt wurden und die Huldigung des Volks empfingen. Hier finden sich auch in einer kleinen Kapelle mehrere Leichensteine, Muͤnzen und allerley Geraͤthschaften aufbe- wahrt, von denen man muthmaßt, daß sie Ueberbleibsel einer alten roͤmischen Stadt waͤ- ren, uͤber deren Namen man nicht einig ist, die aber mehrere Jahrhunderte in dieser Ge- gend gestanden, und die endlich Attila zer- stoͤhrt haben soll. Klagenfurt , Eigentlich Glanfurt von dem Fluͤßchen Glan , das in der Naͤhe voruͤbergeht. die Hauptstadt von Kaͤrnthen, wo sich die naͤchste Post (2 M.) befindet, liegt in einer betraͤchtlichen Flaͤche, die in der Ferne rund herum mit Anhoͤhen von der Art umgeben ist, wie sie seit Friesach bestaͤn- dig um mich gewesen waren. Mehrere nicht unbetraͤchtliche Thuͤrme geben dieser Stadt von weitem ein neues heiteres Ansehen, das sich vermehrt, wenn man in dieselbe hineintritt. Die Straßen sind geraͤumig, ziemlich gut ge- pflastert und schnurgerade, die Haͤuser groͤße- stentheils zwey, manche drey Geschosse hoch, weiß abgeputzt und mit saubern gruͤnen Ja- lousien versehen; die Kirchen meist ziemlich neu, oder wenigstens neu verziert; ein paar oͤffentliche Gebaͤude von Umfang und mehrere sehr lange Privathaͤuser, Edelleuten aus den umliegenden Gegenden zugehoͤrig, zeichnen sich sehr aus, und das Ganze hat ungefaͤhr den Anblick von Bayreuth, abgerechnet, daß die hiesigen Haͤuser Schindeldaͤcher haben und nicht von Sandsteinquadern erbauet sind. Dagegen sind hier wiederum auf jedem nur etwas be- traͤchtlichen Hause Gewitterableiter. Die Stadt hat mehrere geraͤumige oͤffent- liche Plaͤtze, z. B. den alten und neuen Platz , den Geistplatz , den Heuplatz und ein paar andere, die minder geraͤumig sind. Der alte Platz stoͤßt an die ansehnlichsten Straßen in Klagenfurt und hat in seiner Mitte eine artige, mit vieler Leichtigkeit ausgefuͤhrte Saͤule von Tyroler Marmor, auf welcher das verklaͤrte Bildniß des heil. Nepomuk befindlich ist. Sie steht uͤber einem Roͤhrbrunnen, der durch eine laͤcherliche Verzierung, zwey Loͤ- wen darstellend, die Wasser speyen, die gute Wirkung der Saͤule stoͤhrt. Ich erinnerte mich dabey des aͤhnlichen Einfalls zu Lazien- ka bey Warschau, wo, an der vordern Seite des Gartentheaters, ebenfalls zwey große Loͤ- wen ein paar Wasserstrahlen ausschießen. Nichts waͤre doch natuͤrlicher, als daß man Wasser- thiere zu dieser Bestimmung waͤhlte. Wie dieser alte Platz, so sind auch die uͤbrigen mit Denkmaͤlern geziert. Auf dem neuen Platze sind deren drey. Erstlich, Maria Theresia, in moderner Tracht, mit einem stei- fen Reifrocke voll gothischer Falten, wenn ich nicht irre, in Bley gegossen. Hinter ihr steht eine Fama, die ihr eine Krone aufsetzt, und zwar auf einem derben eisernen Pfahle, wel- cher der guten Kaiserin aus dem Ruͤckgrade hervorwaͤchst, und dessen Unschicklichkeit durch nichts bedeckt wird. Zweytens ein Roͤhrkasten- stuͤck: ein langes, dickes Ungeheuer, der Him- mel weiß, aus welchem Element, von Stein das den Rachen, worin gewaltige Zaͤhne stehen, weit aufreißt, um einen kleinen Wasserstrahl heraus zu lassen und einer riesenhaften maͤnn- lichen Figur, die zwar mit einer stachlichten Keule bewaffnet und mit einer Loͤwenhaut be- haͤngt, aber darum doch kein Herkules ist, entgegen zu spritzen. (Dies ist uͤbrigens das Wahrzeichen und Wappen der Stadt) Drit- tens, eine Mariensaͤule, bey Gelegenheit einer Verjagung der Tuͤrken errichtet und in spaͤtern Zeiten, wie die Innschrift besagt, „ab aliquo Mariophilo“ wieder erneuert. Sey dies indessen wie es wolle: diese Plaͤtze geben doch der Stadt einen hellen und geraͤumi- gen Anblick. Sie hat denselben freylich großen Ungluͤcksfaͤllen zu danken, naͤmlich wiederholten Feuersbruͤnsten, wovon die letzte, die im Jahre 1777 entstand, die ganze Stadt, den Daͤchern und dem uͤbrigen Holzwerke nach, verheerte. Dessen ungeachtet fanden es die Klagenfurter Buͤrger fuͤr dienlich und nuͤtzlich, dem heiligen Florian eine Denksaͤule zu errichten. Sie steht gleich am St. Veiter-Thor auf dem Heuplatze, ist von weißem und roͤthlichem steyrischen Marmor und hat folgende Inschrift: Praepotenti contra Furorem Ignis Defen- sori Civitas XVII Augus. MDCCLXXVII in Medulla conflagrans solis tectis con- sumptis a pleno Interitu liberata vovit, dicavit, et erigi fecit. MDCCLXXXI. die ich nur darum hersetze, um die Feinheit ihres Verfertigers, der ein sehr folgerechter Mann zu seyn scheint, bemerkbar zu machen. Weil jener Heilige so gnaͤdig war, nur das Innere und die Daͤcher der Haͤuser von Klagenfurt wegbrennen zu lassen, darum setzte man ihm voller Dankbarkeit diese Saͤule, und man vergaß sodann, daß er das Feuer uͤberhaupt haͤtte abwenden sollen. Aber im Ernste: fuͤr das, was diese, uͤbrigens kleinliche und ge- schmacklose, Saͤule kostete, haͤtte die gute Stadt Klagenfurt mehrere Spritzen anschaffen, und sodann das Uebrige von den Armen und der Kraft ihrer Buͤrger erwarten koͤnnen. Sonst ist Klagenfurt, unter den laufenden Umstaͤnden, lebhaft genug, und muß es in Winterszeiten noch mehr seyn. Im Sommer sind die meisten Familien vom Adel, die hier Haͤuser besitzen, auf ihren Landguͤtern. Sie kommen erst gegen den Winter nach der Stadt, und bringen ein ansehnliches Gesinde und das Beduͤrfniß, sich die Zeit zu vertreiben, mit herein. Dann giebt es Schmaͤuse, Gesellschaf- ten, Baͤlle, Redouten, auch wohl Komoͤdien, und das gesellschaftliche Verkehr wird sehr lebhaft. Ich fand jetzt noch alles todt. Der Fuͤrstbischof von Gurk und Straßburg, ein Salm von Reifferscheid , der jetzt seinen Sitz in dem hiesigen Schlosse hat, thut alles moͤgliche, um Geselligkeit zu befoͤrdern und zu erhalten. Er ist ein hoͤchst einnehmen- der und musterhaft gefaͤlliger Mann. Was er hat, zeigt er dem Eingebohrnen wie dem Frem- den von jeder Klasse, und theilt es mit ihm. Hinter seinem Schlosse ist ein kleiner, aber sehr angenehmer Garten, der fruͤh und spaͤt fuͤr jedermann offen steht. Er laͤßt ihn an schoͤnen Sommerabenden erleuchten und giebt Koncerte darin. Je mehr Menschen zustroͤh- men, desto groͤßer ist seine Freude. Seine kleine Residenz hat er sehr geschmackvoll, wenn auch nicht praͤchtig, eingerichtet. Unter an- dern hat er einen Saal aufputzen lassen, der in seiner Art sehr nett und angenehm ist. Alles in demselben ist auf Einfalt, Leichtigkeit und Heiterkeit berechnet, und traͤgt das Ge- praͤge seines eigenen Charakters. In seinem Schreib- und Schlafzimmer finden sich meh- rere Buͤsten und Gemaͤlde, die er selbst in den Werkstaͤtten der besten modernen Kuͤnstler in Rom ausgewaͤhlt hat. Auch ist eine kleine, artige Kapelle da. In einem der groͤßern Zimmer sieht man die ganze Folge der Bi- schoͤfe von Gurk und Straßburg, seit der Stiftung dieses Bißthums. Alles dies ist Al- len offen, und Fremden, die dieß nicht wissen, laͤßt er es sagen, oder er sagt es ihnen auch, wie mir geschah, persoͤnlich. So lange die Erz- herzogin Mariane, Theresiens Tochter, hier wohnte, konnte man, nur auf besondere Er- laubniß und unter beschwerlichen Umstaͤnden, nichts, als den Garten sehen. Uebrigens Uebrigens ist Klagenfurth eine Stadt der dritten Ordnung, die wenig Merkwuͤrdiges auf- zuweisen hat. Nur zwey ansehenswerthe Fa- briken sind in einer der Vorstaͤdte, eine fuͤr Bleyweiß und eine andere fuͤr Tuch. Letztere beschaͤftigt gegen zwey hundert Arbeiter, und ihre Waaren sind so gut, daß sie in Wien haͤufig fuͤr hollaͤndische verkauft werden; auch war der Stifter ein Hollaͤnder. Sonst ist noch eine Seidenfabrik hier, die aber nur leichtere Waaren, als Schnupftuͤcher, Band und der- gleichen verfertigt; ferner eine Baumwollen- Fabrick fuͤr Musselin und Piqué, und eine an- dere fuͤr Manschester, die man saͤmmtlich nicht betraͤchtlich nennen kann, deren Unternehmung aber sehr lobenswuͤrdig ist, da es hier noch sehr zu den neuen Dingen gehoͤrt, uͤberall an Manufakturen und Fabriken zu denken. Fuͤr den Anbau der Wissenschaften ist hier durch eine Art von hoher Schule gesorgt, und mehrere Privatleute beschaͤftigen sich aus Lieb- haberey damit, besonders mit der Naturge- Sechstes Heft. S schichte. Ein Freyherr von Hohenwart besitzt eine weitlaͤuftige Sammlung von Mineralien und eine Reihe von inlaͤndischen Voͤgeln, die fast ganz vollstaͤndig ist. Ein Graf von En- zenberg hat eine vortreffliche Mineraliensamm- lung und eine nicht unbetraͤchtliche Bibliothek. Ein Herr Reiner besitzt ausgebreitete Kennt- nisse in der Naturgeschichte, besonders in der Botanik, und hat, in Gesellschaft des oben erwaͤhnten Hrn. von Hohenwart, nicht lange vor meiner Ankunft, eine botanische Reise nach den Oberkaͤrntnischen und benachbarten Alpen, mit ausgemalten Kupfern herausgegeben. Ich reis'te den 6sten Septbr. von Klagen- furt auf Velden . (2 M.) Gleich beym Aus- tritt aus dem Villacher Thore, sieht man zwey Reihen von Bergen vor sich, die sich bald links bald rechts wenden, und in ihrer Mitte ein Thal bilden, das großentheils von einem See uͤberflossen wird, der Werthersee ge- nannt, an dessen Rande der Weg bald naͤher bald entfernter sich hinzieht. Der See faͤngt ungefaͤhr drey Viertelstunden von Klagenfurt an, und haͤngt durch einen Kanal mit der Stadt zusammen. Dieser Kanal dient haupt- saͤchlich dazu, mit mehr Bequemlichkeit der Stadt das Holz zuzufuͤhren, welches am See gefaͤllt wird, der rund herum mit starken Wal- dungen besetzt ist. Die Berge disseits und jenseits bestehen immer noch aus dem dunkel- grauen, sehr glimmerichen, mit Quarzadern durchlaufenen, Schiefer, von welchem Klagen- furt gebauet ist, und sie sind bald hoͤher, bald niedriger. Der Weg selbst ist eben und an demselben hin sieht man bebauetes Land, das hier und da ziemlich hoch die Berge hinanlief, aber nichts als Mays, Hirsen und besonders Haiden oder Buchweizen trug, der in voller Bluͤthe stand. Unter den Obstbaͤumen fand ich die Nuß am haͤufigsten und von vorzuͤgli- cher Groͤße und Schoͤnheit. Pflaumenbaͤume sah ich auch in Menge, und dicht voller Fruͤchte. Aepfel fand ich gar nicht, desto mehr Birnen, die auch reichlich trugen. S 2 Der See bleibt einem bis Velden zur Lin- ken, und hoͤrt bey diesem Orte, der ein ge- meiner Flecken ist, auf. Im Hintergrunde hat er eine stattlich gebauete, massive aber veraltete, Muͤhle, die man aus der Ferne wohl fuͤr einen alten Rittersitz halten kann, und die dieser Stelle sehr viel Mahlerisches giebt. Sein Wasser ist uͤbrigens klar und wimmelt von Fischen, besonders von Hechten. Von Velden aus auf Villach , dem naͤch- sten Postwechsel (2 M.) erhoben sich die Berge an beyden Seiten immer mehr. Die Krainer Alpen wurden hier allmaͤhlig immer sichtbarer. Ich hatte sie, ungefaͤhr waͤhrend der Haͤlfte des Postlaufs, in ihrer ganzen Groͤße neben mir, und glaubte mich wiederum in das Salz- burgische versetzt. Zur Rechten blieben die An- hoͤhen in ihrer vorigen Groͤße sich ziemlich gleich; sie waren mit Laub- und Nadelholz be- setzt, angebauet, und hatten von Zeit zu Zeit Kirchen, Landhaͤuser, neue Schloͤsser und alte Burgen (unter letztern das alte Landskron , von großem Umfang und sehr romantisch ge- legen) auf ihren Ruͤcken; waͤhrend zur Linken nur die untern Theile der Berge mit Waldung besetzt, die obern aber kahl, rauh, und als unfruchtbare Klippen erschienen. Es machte einen sonderbaren Gegensatz, so zwischen Frucht- barkeit und Unfruchtbarkeit hinzufliegen; das Auge zur Linken durch tiefe Abgruͤnde, unge- heure Felsenwaͤnde und den Anblick der Veroͤ- dung zu erschrecken, und es zur Rechten durch schoͤne Thaͤler, durch Wiesen und uͤppiges Acker- land zu ergetzen. Hinter Villach, einer alten, herunter gekommenen, sehr bunt verzierten Stadt, lehnt sich ein Berg dem Thale, durch welches ich so eben gekommen war, entgegen, und theilt es in zwey andere, deren eines links, das andere rechts, sich zwischen die Berge hineinzieht. Man schlaͤgt letzteres ein, um zum naͤchsten Postwechsel, St. Paternion (3 M.) zu gelangen. Es geht eine Strecke bergauf und wieder bergab. Im Grunde stroͤmte mir die Drau entgegen, hinter mir lag der schoͤne fruchtbare Kessel, worin Villach gelagert ist, und daruͤber her ragten die fruchtbaren kraini- schen Alpen hervor. Kommt man wiederum in das Thal hinab, so steigt man der Drau bestaͤndig entgegen, und verfolgt sie in hundert Kruͤmmungen. Die Abwechslung, die dieses Thal darbot, war im Ganzen dieselbe, wie sie mir in andern Thaͤlern schon aufstieß, aber, den einzelnen Theilen nach, immer neu. Der Abend war koͤstlich. Die fruchtbarsten Wiesen lagen zu meinen Fuͤßen und mitten durch sie schlaͤngelte sich der Fluß, den die Abendsonne roͤthete. Bald stand ein schoͤner Berg, der bis zum Gipfel theils angebauet, theils mit Waͤldchen von Laubholz besetzt war, vor mir, bald stieg ein schroffer Kalkfelsen, der kaum ein Graͤschen naͤhrte, uͤber meinem Haup- te empor; bald wurden die lachenden Wiesen im Grunde durch den schwarzen Auswurf der Schachte und durch eine Reihe eben so schwar- zer Haͤuser, Huͤtten, Schmelz- und Hammer- werke unterbrochen, um welche ein rußiges Voͤlkchen von Kindern und Alten wimmelte. Mit Anbruch der Nacht kam ich in Pater- nion, einem finstern Flecken, an, und fuhr von dort weiter uͤber Spital (2 M.) Sachsen- burg , (2 M.) Greifenburg , (2 M.) bis Oberdraburg , (2 M.) lauter unbedeutende Flecken und Staͤdtchen. Der Weg blieb be- staͤndig im Thale, neben der rauschenden Drau, uͤber die ich auf mehreren wankenden Bruͤcken setzen mußte, und zwischen hohen Bergen. Bey Oberdraburg wendet sich das Drauthal rechts und man sieht sich auf einmal mitten un- ter den Vorlaͤufern noch hoͤherer Berge. Rechts erhob sich, von seiner Mitte an steil und schroff ein Bergruͤcken, der uͤber eine Viertelstunde zusammenhangend fortlief. Seine Grundlage war Schiefer und dieser erschien mit Laub- und Nadelholz besetzt, seine hoͤheren Theile waren Kalk, groͤßestentheils kahl und durch große Einschnitte wie zersaͤgt, aus welchen Steinstroͤme , wenn ich so sagen darf, mit zerrissenen Baumstaͤmmen, Wurzeln und Stum- pen vermengt, herunter gestuͤrzt waren. Der Fruͤhling und Herbst sind bestaͤndig Zeugen solcher Verheerungen, und solche Zeiten nicht minder, wo, wie jetzt, starke Gewitter getobt haben. Ich zaͤhlte gegen dreyßig solcher Stein- stroͤme laͤngs der erwaͤhnten Kalkalpe, die zum Theil den Weg uͤberschwemmt, zum Theil durch und durch gerissen, zum Theil Haͤuser dem Boden gleich gemacht und die Wiesen und Felder in Schutt verwandelt hatten. Wei- terhin auf der linken Seite, jenseits der Drau, standen aͤhnliche Alpen, an denen ich aber we- niger Risse bemerkte, und die noch bis zum Gipfel mit Holz besetzt waren. Das Thal, welches zwischen beyden liegt und durch wel- ches die Straße fuͤhrt, ist eben, und letztre gut. Der Fruchttrieb war hier so, wie in den niedrigern Theilen dieses Thals; ich sah etwas Obst, etwas Wiesenwachs, etwas Ackerland fuͤr Haiden. Auf der Haͤlfte des Postlaufs erweitert es sich und man befindet sich nun in Tyrol. Die Berge zur Linken erhoͤhen sich und werden zu schroffen, meist unbehoͤlzten Al- pen von Kalk, die bis Lienz , der naͤchsten Stadt und Post (2 M.) immer steigen und steiler werden, sich fortziehen, sich sodann west- waͤrts wenden und ein neues Thal bilden; waͤhrend die rechte Seite ihre Steil- und Schroffheit verliert, und ihre Berge bis auf den Schiefer wieder hinabsinken und sol- chergestalt hoͤchst angenehme und sehr betraͤcht- liche Anhoͤhen bilden, die zum Theil bis zum Gipfel angebauet, dort mit einzelnen Hoͤfen und Wohnungen, weiter herunter mit Kirchen, und ganz unten mit fruchtbaren Wiesen, be- deckt sind. Der Eindruck, den diese Einsiede- leyen aus der Ferne machen, ist sehr ange- nehm. Lienz ragt aus dem Kessel, worin es liegt, nicht unansehnlich hervor. Es hat mehrere Kirchen mit nicht uͤbel erhaltenen Thuͤrmen, und, im Hintergrunde auf einer Anhoͤhe, eine alte Burg von Umfang. Alles zeigt, daß dies Staͤdtchen vor Alters betraͤchtlicher war. In- wendig ist es eng, unsauber und still. Die Haͤuser sind zwar von Stein, aber unansehn- lich, mit kleinen klosterartigen Fenstern, und abscheulich vernachlaͤßigten schwarzen Schindel- daͤchern versehen. Von Lienz aus fuhr ich gerade zwischen die vorhin erwaͤhnten rauhen Alpen hinein, und fand die Drau abermals mir entgegenkommend. Zur Rechten sind die Berge niedriger, groͤße- stentheils angebauet und hier und da mit gan- zen Reihen von Bauerhaͤusern besetzt, waͤhrend man auf der linken Seite nichts, als Stein- stroͤme und herabgeschossene, ungeheure Kalk- wacken, erblickt, die den Strom eindaͤmmen zu wollen scheinen. Der Weg, der durch diese doppelte Burgreihe fuͤhrt, ist ganz eben und fest wie eine Diele. Er laͤuft an dem linken Ufer der Drau oft sehr nahe hin, kein Ge- laͤnder schließt ihn ein, und er drohet stellen- weise, in den Strom hinabzuschießen, waͤh- rend dieser sich an den Felsenstuͤcken, die in seinem Bette liegen, zu Schaum zerschlaͤgt und in dieser Gestalt weiter raset. Mittenwald im Pusterthale, die naͤchste Post (2 M.) besteht nur aus dem Posthause und den dazu gehoͤrigen Wirthschaftsgebaͤuden. Von da bis Sillian , dem naͤchsten Pferdewechsel (2 M.) bleiben sich Weg und Gegend, noch uͤber eine Meile, gleich. Auf einmal wirft sich die Drau auf die rechte Seite hinuͤber und koͤmmt von dort hinter Baͤumen und Felsen- stuͤcken ungesehen herab. Die Alpen zur Lin- ken verlieren ihre vorige Hoͤhe und Schroffheit, sind behoͤlzt und strecken nur noch hie und da ihren bloßen Ruͤcken hervor. Das Thal er- weitert sich merklich, hat auf beyden Seiten sehr angenehme Wiesenplane, und ist zur Rech- ten, besonders in den mittlern Theilen der Berge, fleißiger angebauet, als jene. Je wei- ter man faͤhrt, desto wirthbarer werden die ehemaligen Felsen zur Linken, und wahrlich, wo sich das erste Fleckchen fingerdicken Erd- reichs zeigte, da war auch schon ein fleißiger Mann, der es anbauete und bewohnte. Sein Huͤttchen klebte auf einer gruͤnenden Anhoͤhe, zwischen zwey Kalkspitzen, die wie Hoͤrner sich uͤber ihn herkruͤmmten. Um sich herum hatte er mehrere Rasenpunkte, die mir aus der Tiefe nicht fuͤnf Klafter lang und breit schienen. Weiterhin fand ich noch zwey solche Wirthe. Also nur ihrer drey auf der ganzen Strecke, die sich und ihre Familie und ihre Kuh dort zu naͤhren wagten. Auf der rechten Seite hingegen stieg die Masse des bebaueten Erdreichs. Haus lag an Haus, und um die- selben Acker an Acker, Wiese an Wiese. Diese Hoͤfe und Wohnungen zogen sich allmaͤhlig von oben herab und erschienen endlich, wie ein ganzes Dorf, in der Niederung gelagert. Daß dieser Anblick sehr herzerhebend war, darf ich nicht erst erinnern, aber desto niederschlagender der Umstand, daß ich, von Lienz bis hieher, vier und dreßig Kirchen zaͤhlte, die auf diese Hand voll Leute vertheilt waren. Wie fleißig muͤssen diese wackere Menschen seyn, wenn sie, bey dieser unverhaͤltnißmaͤßigen Anzahl von Gotteshaͤusern, und mithin von fest- und fey- ertaͤgigen Zerstreuungen, noch das thun koͤn- nen, was sie thun. Gegen Abend bekam ich Sillian zu Gesicht, und mit diesem Flecken das Ziel meiner Reise fuͤr diesen Tag. Eine Viertelstunde vorher kam ich noch vor Hainfels , einem alten, weitlaͤuftigen Schlosse vorbey, das noch be- wohnt wird und zwar von einem Landpfleger. In dem Posthause fand ich die gutmuͤthigsten Menschen, die mir waͤhrend meiner ganzen Reise von Riga aus bis hieher vorgekommen waren, und wie sie vielleicht nur noch diese Gegend von Tyrol erzeugen kann. Das ganze Haus war in Bewegung, mir zu dienen, und Postmeister und Postmeisterin entfernten sich kaum einen Augenblick von mir, bloß um zu sehen, daß es mir an nichts fehle. Den an- dern Morgen bezahlte ich fuͤr ein Abendessen von vier Schuͤsseln, fuͤr eine Flasche rothen Tyroler, fuͤr das Nachtlager und fuͤr einen vortrefflichen Kaffee mit Kuchen, Einen leich- ten Gulden. Von Sillian aus laͤuft der Weg noch im- mer in dem Drauthale fort und erschien mir noch besser, als der, welcher dahin fuͤhrte. Er ist von Schiefer gemacht, der hier, besonders an der linken Seite, haͤufig zu Tage setzt: ein besseres Material, als der Kalk, weil er haͤr- ter ist, und, seiner thonigten Theile wegen, durch den Regen und durch das Fahren mehr Festigkeit erhaͤlt. Die Berge auf beyden Sei- ten senken sich allmaͤhlig; rechts werden sie be- hoͤlzt und links immer fruchtbarer und mehr angebauet. Es wimmelt an diesen Anhoͤhen von einzelnen Haͤusern, und in den Niederun- gen trifft man auf mehrere Doͤrfer und auf einen Marktflecken, Innichen genannt. Drey Viertelstunden oberhalb demselben koͤmmt, links, von neuem eine Gruppe von Kalkalpen zum Vorschein, und aus diesen stroͤmt die Drau, als ein kleines Waͤsserchen, hervor. Gleich dahinter dacht sich das Gebirge und auch das Thal nach der entgegengesetzten Seite ab, und laͤßt aus einem Thale, das links mit Kalkal- pen besetzt ist, die Rienze heraus, die, ein paar Stunden davon im Venetianischen, ent- springt, und ihren Lauf, der Drau entgegen- gesetzt verfolgt. Ich zaͤhlte dreyzehn Kirchen von Sillian bis Niederndorf , der naͤchsten Post. (2 M.) Von hier aus zieht sich der Weg nach der rechten Seite des Thals hinuͤber. Man koͤmmt vor einer ungewoͤhnlichen Menge von roth- spielenden Pfaffenhuͤtlein-Buͤschen, besonders aber von zarten Lerchenbaͤumen, die wie ein Wald am Abhange des Berges stehen, vorbey. Die Rienze waͤchst zusehends und bezeichnet ihren Lauf durch Verheerungen. Hier und da hat sie Wiesen weggerissen, oder mit Steinen uͤberschwemmt. Man koͤmmt durch einen Markt- flecken, Welschberg genannt, und kurz hin- ter diesem draͤngt sich das Thal zusammen und der Weg geht zugleich mit der Rienze in dasselbe hinein. Es zieht sich immer tiefer hinab und man sieht sich bald an dem Eingange eines ausgebreiteten Kessels, der dicht mit Doͤrfern besetzt ist. In diesen faͤhrt man hinab. Rund herum erheben sich theils niedrige, halbange- bauete Berge, theils hoͤhere, deren Fuß nur angebauet ist, und deren Mitte und Gipfel sich kahl in die Luͤfte erheben. Der Flecken Braunegen , wo die naͤchste Post ist, (2 M.) nimmt sich, eines Schlosses wegen, das uͤber ihn hersieht, und worin sich das Kreisamt be- findet, nicht uͤbel aus. Gerade gegen uͤber, westlich, erhebt sich eine Kalkalpe, deren Gip- fel so verwittert und aufgeloͤßt ist, daß er wie die weißeste Kreide erscheint und glauben ma- chen kann, als sey er noch mit Schnee bedeckt. Von Niederndorf bis hieher zaͤhlte ich drey und zwanzig Kirchen. Von Braunnegen bis Untervintel (2 M.) fuͤhrt der Weg zuerst durch ein ver- engtes Thal auf Sonnenburg , ein aufge- hobenes Nonnenkloster, das von großem Um- fange fange ist und den Anblick eines betraͤchtlichen Schlosses giebt. Diese Damen hatten vor- trefflich gewaͤhlt. Ihr Haus liegt auf einem Schieferfelsen, an dessen Fuße die Rienze hin- rauscht. Auf der andern Seite hatten sie eine ausgebreitete Aussicht uͤber das Thal und auf die gegenuͤber liegenden Berge. Uebrigens hat das Thal, durch welches man von da bis zur naͤchsten Post faͤhrt, nicht so viel Angenehmes, als die vorigen. Es ist eng, mit Steinen be- saͤet, und an beyden Seiten wenig angebauet. Nur streckenweise sieht man in den Niederun- gen kleine Wiesen und eben so kleine Stuͤcke Ackerland, die tuͤrkischen Weizen tragen. Schon vorher zeigte sich Granit am Wege, jetzt wird er immer haͤufiger, und kurz vor dem Post- wechsel Obervintel erhebt sich ein ganzer Gra- nitberg am Wege. Auf diesem Postlaufe fand ich funfzehn Kirchen und sah kaum dreymal so viel Haͤuser. Von da bis Brixen , der naͤchsten Post, (2 M.) laͤuft der Weg noch in dem vorigen Sechstes Heft. T Thale fort, das sich immer enger und enger zusammenzieht und stellenweise eine auffallende Aehnlichkeit mit dem Toͤpelthale oberhalb Karls- bad hat, nur daß die Berge zweymal hoͤher sind, als dort, und die Rienze staͤrker, schnel- ler und rauschender fließt, als die Toͤpel. Sonst ist alles gleich. Granitwacken im Flusse und am Abhange der Berge, Nadelholz auf ihren Gipfeln, Wiesen an beyden Ufern des Flusses. Der Weg geht bestaͤndig bergab, und wenn er auch hier und da bis zu dem Abhange der Berge hinansteigt, und dort eine Strecke fort- laͤuft, so geht er bald wieder desto tiefer hin- unter. Am hoͤchsten kommt man hinter Muͤhl- thal , einem kleinen Flecken, wo sich auch endlich wieder eine mannichfache Aussicht dar- bietet. Vor mir lagen im Hintergrunde hohe, f ast kahle, Berge, und bis zur Mitte dersel- ben stieg ein zweyter Bergruͤcken hinan, auf welchem das alte, noch ziemlich erhaltene, Schloß Raudeneck steht, unter welchem die Rienze so tief im Thale fortrauschte, daß ich sie nur als einen Schaumstreifen erblickte. Jetzt steigt man auch wieder in das Thal hinab, und so geht es bis ungefaͤhr drey Viertelstun- den vor Brixen fort, wo man abermals eine Strecke bergan faͤhrt, um gleich darauf tief in das Thal hinabzusteigen, in welchem diese Stadt liegt. Dieser Abhang ist stellenweise sehr jaͤh, und man muß ihn mittelst des Hemm- schuh's hinabgleiten. Zudem ist er mit Granit sehr sorglos gepflastert. Sehr natuͤrlich, daß die Berge desto hoͤher werden, je tiefer man hinuntersteigt, und daß, wenn man unten in der Stadt ist, die Berge, die sie umgeben, sehr hoch erscheinen; aber sie sind in der That nur Huͤgel gegen die, welche ich den Tag vorher gesehen hatte. Brixen fernt uͤbrigens nicht sonderlich. Man bekoͤmmt es erst spaͤt zu sehen, weil Berge vor den Weg treten, und sieht man es end- lich, so ist es in solch einer kleinen, zusam- mengedraͤngten Gestalt (von der tiefen Lage verursacht) daß man glauben koͤnnte, die Stadt T 2 enthielte, außer den Kirchen, nur etwa hun- dert Haͤuser. Kommt man weiter hinunter, so dehnt sie sich mehr aus, aber immer bleibt sie eine Stadt der vierten Ordnung. Man faͤhrt, um hinein zu kommen, uͤber die Eysack auf einer bedeckten Bruͤcke. An dieser wohnt ein Nest voll Augustiner, die ein großes Klo- ster mit einer hoͤchst abenteuerlich umzackten roth angestrichenen, runden Kirche besitzen. Man laͤßt die Eysack links und befindet sich in der Stadt. Diese ist enge, schlecht gepfla- stert und enthaͤlt, neben wenigen neuen gut gebaueten Haͤusern, eine große Menge alter und baufaͤlliger. Die Gegend um die Stadt ist lachender. Das Gehaͤnge der Berge, bis uͤber deren Mitte hinan, ist mit Reben besetzt, und zwischen ihnen und unter ihnen hervor, schim mern kleinere und groͤßere Haͤuser und Lustsitze. Uebrigens erhielt ich hier mehrere Angaben, daß ich mich Italien naͤherte: Esel, die, an einen Karren mit zwey Raͤdern, und zwar voran an dessen Gabeln, gespannt, mit einem zwischen dieselben gespannten Menschen in die Wette ziehen; unter vier Menschen jedes- mal einen Priester; unzaͤhliche Eidexen; Bett- ler in Menge und einzelne Maronenbaͤume. Von Brixen nach Kolman , der naͤchsten Post, (2 M.) zieht sich der Weg suͤdwestlich aus dem Kessel von Brixen hinaus. Die Ey- sack bleibt links, die Berge rechter Hand sind sehr angenehm mit Weinstoͤcken, Haͤuserchen auch Kirchen besetzt. Die Berge zur Linken haben etwas duͤnnes Gehoͤlz bis zur Mitte, aber ihre Gipfel sind, wie die Gipfel derer zur Rechten, schroff und rauh. Die herabge- rollten Felsenstuͤcke bedecken einzeln den Weg, der sich um sie herumwindet und der hier und da dem Berge wie abgezwungen erscheint. Kurz vor Klausen liegt ein Kloster auf ei- nem hohen, fast senkrecht empor steigenden, Felsen, in welchem Benediktinerinnen wohnen: Von da an bleibt der Weg immer noch wie vor- her, bis Kolman, einem Dorfe, welchem ge- genuͤber ein altes Schloß, Troschburg genannt, das ziemlich weilaͤuftig und noch be- wohnt ist, auf einem Felsen liegt. Von Kolman aus wird das Thal, worin man sich befindet, immer enger, und nach ei- ner halben Stunde Weg, draͤngen sich die Berge so zusammen, daß man gar keinen Durchgang mehr siehet. Die Eysack rauscht in eine schwarze Schlucht hinein und zugleich kuͤndigt sich an, was man in derselben zu er- warten hat. Auf beyden Seiten erscheinen Felsenstuͤcke, wie herabgestreuet. Man faͤhrt theils zwischen Felsenwaͤnden, die einem uͤber dem Kopfe hangen, theils zwischen Haufen auf einander gethuͤrmter Felsentruͤmmer, die am Wege emporragen, oder im Flusse liegen. Andere, unter dem Gipfel der Berge hangen- de, Felsenmassen, scheinen nur auf den ersten Windstoß, oder auf den neuen Fall eines Felsenstuͤckes von oben zu warten, um ebenfalls herabzuschießen. Wo dergleichen gefaͤhrliche Stellen sich finden, da hat man Gnadenbilder hingepflanzt, oder Marien, oder andere Hei- lige angeklebt, oder auch Kapellchen hingesetzt, damit der voruͤbergehende Wanderer vorher seine Seele Gott befehlen koͤnne. Rechts sind diese Erscheinungen am haͤufigsten, und doch geht der Weg immer an der rechten Seite hin. Gegen uͤber werden die Berge bald wieder minder grau- send, aber rechts werden sie es erst bey Deut- schen , dem naͤchsten Postwechsel (2 M.) Hier hat man die Gefahr uͤberstanden. Die Berge sind nun auf beyden Seiten weniger rauh, ob- gleich immer noch rauh genug. Man sieht hier auch wieder an und auf denselben theils einzelne, theils zu drey und vier beysammenstehende Haͤu- ser. Weiter vorwaͤrts getraute sich der Mensch, bey aller seiner Verwegenheit, bey allen seinen Beduͤrfnissen, doch nicht, seinen Herd, mitten unter der Verwuͤstung, aufzustellen. Je mehr man sich Botzen naͤhert, desto groͤßer wird die Anzahl der Wohnungen, und anderthalb Stun- den vor dieser Stadt werden schon wieder Wein- stoͤcke, terrassenartig uͤber einander gepflanzt, sichtbar, besonders an der rechten Seite, die vorher die furchtbarste war. Der Weg fuͤhrt jetzt, da man uͤber die Eysack auf einer bedeckten Bruͤcke gegangen ist, an der linken Seite hatt an deren Ufer hin. Gegen ihre Wuth ist er theils durch Mauern, theils durch vorgewaͤlzte Steine geschuͤtzt; aber an einigen Stellen hat dieser Fluß ihn doch schon untergraben, und d rohet ihn herunter zu reissen. Der Eingang nach Botzen (2 M.) ist fast wie der nach Bri- xen, nur ist der Kessel, worin ersteres liegt, nicht so tief. Man faͤhrt einen gepflasterten Weg hin- ab geht sodann uͤber die Eysack zuruͤck, steigt eine kleine Anhoͤhe hinauf, und von dieser herab uͤber- sieht man das ganze Botzener Thal. Es giebt den Anblick eines großen Weingartens, der aus unzaͤh- ligen Lauben besteht, die dicht an einander stoßen und solchergestalt ein wahres Dach von Blaͤt- tern bilden, das von drey Seiten her bis ge- gen die Mitte der umliegenden Berge sich hin- auf zieht. Im Hintergrunde steigen abermals hohe Berge amphitheatralisch hervor. Botzen , dem politischen Range und der Groͤße, Bevoͤlkerung und Wohlhabenheit nach, die zweyte Stadt in Tyrol, liegt im Etschlan- de, an der Eisack, Richtiger vielleicht: Eisach , von Eis und Ach , oder Aa , was bey unsern Alten Wasser und, in der zweyten Bedeutung, Fluß hieß. Daher Aachen Salza oder Salzach, Schwarzach . u.s.w. mitten unter Bergen. Sie ist der Sitz des Landeshauptmanns von gedachter Provinz, und eines Hofgerichts, das jaͤhrlich viermal gehegt wird. Die Stadt ist offen und ihr Standplatz uneben. Dieser Lage wegen sind ihre Straßen und Plaͤtze ziemlich enge und zusammen ge- draͤngt. Die Haͤuser sind von Stein, großen- theils vierstoͤckig, sehr fest, aber ziemlich alt- modisch, erbauet. Sie haben von außen und innen schon viel Italienisches, z. B., haͤufige Balkone, weniger Fenster als die deutschen Staͤdte, und auf dem Dache mehrentheils Altane, die zum Trocknen der Waͤsche gebraucht werden, und zugleich Licht in das Innere der Haͤuser herabschicken. Die Treppen sind naͤm- lich nach dem Hofe zu angebracht. Man ge- langt uͤber dieselben auf den Flur des ersten Geschosses, und uͤber diesen in die Zimmer, die vorwaͤrts nach der Straße und hinterwaͤrts nach dem Hofe fuͤhren. Der Flur selbst bildet ein Viereck, ist mit Estrich uͤbergossen und wird auf die gedachte Art erleuchtet und geluͤftet. Da die Sonne, deren Strahlen hier schon itali- enisch brennen, weder von der Seite noch von oben in denselben herabdringen koͤnnen, so bleibt er an den heißesten Tagen kuͤhl, gewaͤhrt einen angenehmen Aufenthalt, und giebt dadurch dem Besitzer an Behaglichkeit, was er ihm an Platz nimmt. Noch sind die Haͤuser, besonders in denjenigen Theilen der Stadt, die, zur Zeit der vier großen Jahrmaͤrkte, von fremden Kaufleu- ten besetzt werden, mit Lauben versehen, unter denen Gewoͤlbe und Waarenlager angebracht sind, die ihre Zinsen reichlich tragen. Das Pflaster ist ertraͤglich und wird in den niedri- ger liegenden Straßen durch Kanaͤle von le- bendigem Wasser reinlich erhalten. Unter den Kirchen zeichnet sich keine durch Groͤße, Pracht, oder Geschmack in der Bau- kunst, aus, aber sie besitzen einige nicht schlechte Gemaͤlde; und in der Pfarrkirche fand ich in der That ein treffliches Altarblatt, das aber, in den Augen andaͤchtiger Seelen, weit hinter einem unansehnlichen Marienbilde zuruͤck bleibt, welches in der Naͤhe ist, und Wunder thut. Es war so herablassend, sich einem Fuhrmann in den Weg zu legen, der es fand und nach der Stadt lieferte, wo fromme und scharfsich- tige Maͤnner dessen Kraͤfte auf den ersten Blick erkannten und „ad majorem Dei gloriam“ sogleich in Thaͤtigkeit zu setzen anfingen. Botzen hat ungefaͤhr die Groͤße von Kla- genfurt, ist aber volkreicher, wie mir daͤucht, wenn nicht etwa die engeren Straßen die Ein- wohner mehr zusammen pressen und zahlreicher scheinen lassen, oder wenn nicht der angehende Marienmarkt schon viel Fremde herzu gelockt hat. Waͤre in diesem Punkt die bloße Ansicht des Getuͤmmels nicht so truͤglich, so wuͤrde ich die Zahl der Einwohner auf 13 bis 14,000 setzen. Botzen zieht seinen Nahrungserwerb beson- ders aus dem Handel . Seine vier großen Jahrmaͤrkte (auf Okuli, nach Fronleichnam, nach Marien Geburt und nach Andreas) wer- den haͤufig von Deutschen, Schweitzern und Italienern besucht. Diese machen hier ansehn- liche Geschaͤfte mit baumwollenen, wollenen, seidenen, mit Nuͤrnberger- mit Spezerey- Stahl- Linnen- und andern Waaren. Sie schlagen sie theils gegen andere um, theils setzen sie diesel- ben zur Versorgung von Tyrol selbst fuͤr baa- res Geld ab. Der Weinbau ist der zweyte Nahrungs- erwerb von Botzen. Das Gebiet der Stadt ist ganz mit Reben bedeckt. Die umliegenden Ortschaften sind ebenfalls reichlich damit ver- sehen; und sie liefern ihre Moste und Weine meist an die hiesigen Weinhaͤndler. Man kennt die Tyroler Weine. Sie sind im Ganzen lieblich und angenehm, aber freylich, mit den Ungarischen, Spanischen, Deutschen und Fran- zoͤsischen verglichen, weichlich und unkraͤftig, und halten sich nicht. Die Botzener Weine gelten unter ihnen fuͤr die besten, besonders das Ge- waͤchs von Leytach, Leyfer und Rentsch , Oerter, die in der Nachbarschaft liegen. Ich ziehe den hiesigen weißen Wein den rothen Ar- ten vor, nachdem ich mehrere Proben aus dem Keller meines Wirthes, des Postmeisters, durch- gekostet habe. In Deutschland trinkt man ihn als Nachtischwein, aber man erhaͤlt ihn selten ertraͤglich, vielmehr meist immer mit einem kleinern oder groͤßeren Stich, den er meist im- mer bekoͤmmt, wenn er von einem Jahre zum andern stehen bleibt. Botzen gewinnt noch an einem betraͤchtli- chen Versendungs- und Durchfuhr-Handel von Italien nach Nieder- und Inner-Oester- reich und aus diesen Provinzen nach Italien. Der Durchzug von Fremden eben dahin, die gern einen oder ein paar Tage hier verweilen, traͤgt auch etwas zur Nahrung der Stadt bey. Noch versorgt sie die Nachbarschaft mit Obst aller Art, und einige ihrer Aepfelgattun- gen, die Borsdorfer, Reinetten und die laͤng- lichen sogenannten Tyroler Aepfel, gehen bis nach Muͤnchen, Salzburg und Wien. Ich habe kein schoͤneres Obst je gesehen und gekostet. Selbst das Pariser steht demsel- ben nach und das italienische keiner Provinz haͤlt eine Vergleichung damit aus. Es wird groͤßestentheils in den umliegenden Weinbergen gezogen. Schon vor vier Wochen waren hier die Pfirschen reif, und sie stehen jetzt in sol- cher Menge auf dem hiesigen Markte zu Kaufe, wie in Leipzig in guten Jahren die Pflaumen. Sie haben die Groͤße von Stettiner Aepfeln und doch kann man ihrer zwey fuͤr einen Kreutzer haben. Noch vor einigen Tagen mußte ich in Wien, das seines schoͤnen und haͤufigen Obstes wegen so beruͤhmt ist, weit kleinere, das Stuͤck mit 15 bis 20 Kreutzern bezahlen. Die Weiß- und Graubirnen, die in Deutschland erst zu Anfange des Oktobers einzeln zum Vorschein kommen, sind hier schon in großer Menge vorhanden. Das Aeußere der Bewohner von Botzen ist im Ganzen wohlhabend und sauber, aber altmodisch. Ich glaubte mich, in dieser Ruͤck- sicht, wieder in Salzburg zu befinden. Adel, oder was wie der Adel lebte und sich kleidete, ist hier wenig vorhanden. Die besten Buͤrger und Buͤrgersfrauen tragen sich nach altbuͤrger- licher Art: erstre ihre Kleider mit langem Schnitte, in dunkeln, bescheidenen Farben, mit steifen, gesteckten Locken und Zoͤpfen; letz- tere ihre Waͤmser weit, ihre Roͤcke drey uͤber einander gezogen, sehr kurz, und dazu die ab- scheuliche Salzburger gehoͤrnte Haube von schwarzem Klar. Im Hause gehen sie in blo- ßem Kopfe, das Haar geflochten, am Hinter- kopfe in ein Nest zusammen gewunden, und mit einer queer hindurch gesteckten Nadel befe- stigt. Auch die steifen Salzburger Mieder sind hier, aber noch mit einem langen Schwanze verschoͤnert, den die hiesigen Weiber entweder von den Bayreuther Maͤgden, oder diese von den Botz'nerinnen uͤberkommen haben. Die hiesige Einwohnerschaft ist schon haͤufig mit italienischen Familien vermengt, und man hoͤrt eben so viel Italienisch als Deutsch spre- chen, ersteres in venetianischer, letzteres in salzburgischer Mundart, beydes rauh und un- richtig, wie in allen limitrophischen Laͤndern. Eben so gemischt erscheinen die deutschen und italienischen Gesichtszuͤge, doch wird die weiße Menschengattung schon merklich seltener, als die braune und schwarze Der Poͤbel hat in seinem Aeußern, und in seinem Benehmen und Charakter fast nichts deutsches mehr; er geht in Lumpen von den hellsten Farben umher, liegt unthaͤtig in der Sonne, und ist sehr laut und dreist. Der angehende Markt hatte eine fliegende Gesellschaft Italienischer Schauspieler hieher gefuͤhrt, die mit den meisten stehenden Buͤhnen in Deutschland wetteifern konnte. Da kein Schauspielhaus in Botzen ist, so hatte sie ihr Geruͤst Geruͤst auf einem langen Saale aufschlagen muͤssen, der ziemlich niedrig war, und mich an das Theater der Drey Rosen , in der Wills- drufer Vorstadt bey Dresden, erinnerte. Viel- leicht waͤre mir diese Gesellschaft minder gut vorgekommen, wenn mir die letzten Vorstellun- gen, die ich auf deutschen Buͤhnen gesehen, minder mißfallen haͤtten. In der That, diese Leute hatten doch Anstand, Ton und Leichtig- keit; konnten doch, wie Leute von Erziehung, gehen, stehen und sich setzen; und hatten ihre Rollen so gefaßt und gelernt, daß sie dieselben passend und hoͤchst gelaͤufig zu geben verstanden. Auch die Zuschauer ihrerseits waren schon nicht mehr so wunderlich deutsch gesinnt, daß sie ihren Beyfall aͤngstlich zuruͤck gehalten, daß sie nicht von ganzem Herzen gelacht haͤtten, wenn etwas Laͤcherliches vorkam, und daß sie nicht jeden kleinen gefallenden Zug herausgehoben und dem Dichter, wie dem Schauspieler, jedem was ihm gebuͤhrte, zugetheilt haben sollten. In der That, die Deutschen, besonders die Niederdeutschen, sind zu feyerliche Schauspieler und Schauspielliebhaber; und mir scheint es, als ob sie die alten protestantisch-theologischen Sechstes Heft. U Vorurtheile gegen diese Kunst noch nicht ganz abgelegt haͤtten, und sich innerlich immer noch ein wenig albern schaͤmten, sich ihren Wir- kungen unbefangen, frey und offen hinzugeben. Mit Botzen hatte ich das Ziel meiner Reise erreicht, und die Meilen hatten die bezweckte Wirkung auf meine Gesundheit gethan. Ich fuͤhlte keines der Uebel mehr, die mich bey meiner Abreise von Riga beunruhigten. Der Strom der frischen Luft, und die Bewegung und Zerstreuung hatten mich wiedergeboren. Das Botzener Thal, worin ich mich befand, athmete schon die Luft Italiens; es hielt mir das Bild der schoͤnsten Ge- genden dieses Landes vor, und fuͤ ll te meine Brust mit einer Sehnsucht, die den schwachen Wall, den eine hypochondrische Angst vor Aerger, zwischen mir und Hesperien aufgeworfen hatte, darnieder riß. Neapel schien mir ein wuͤrdiger Ziel fuͤr eine große Reise, und nach drey Tagen ging ich mit einem Freunde, dessen Wille mein Wille ist, wirklich dahin ab. Druckfehler im fuͤnften Heft. Seite 5. Zeile 17 im Inhalt, anstatt Taxe , lies Lage . S. 10. Z. 22, anst. Schuppen , l. Schoppen . S. 15. Z. 22, anst. nie , l. immer . S. 19. Z. 4, anst. Privatelute ,l. Privatleute . S. 33. Z. 15, anst. Unbigau , l. Uebigau . S. 51. Z. 10, anst. abgeschossen , l. herabge- schossen . S. 51. Z. 11, anst. herab , l. herunter . S. 74. Z. 16, ist oder auszustreichen. S. 83. Z. 20. anst. Steudel , l. Strudel . S. 113. Z. 16, anst. schreckenden , l. schwanken- den . S. 176. Z. 1, anst. 2326 Fuß , l. 2½ Fuß . S. 184. Z. 19, anst. gestorbenen , l. geborstenen . S. 228. Z. 3, von unten, anst. à l. a.