Bunte Steine. Ein Festgeschenk von Adalbert Stifter. Zweiter Band. Pesth 1853. Verlag von Gustav Heckenast. Leipzig, bei Georg Wigand. Inhalt des zweiten Bandes. Seite I. Bergkristall 1 II. Kazensilber 93 III. Bergmilch 211 I. Bergkristall. Stifter, Jugendschriften II. 1 Unsere Kirche feiert verschiedene Feste, welche zum Herzen dringen. Man kann sich kaum etwas Liebli¬ cheres denken als Pfingsten und kaum etwas Ernste¬ res und Heiligeres als Ostern. Das Traurige und Schwermüthige der Charwoche und darauf das Feierliche des Sonntags begleiten uns durch das Leben. Eines der schönsten Feste feiert die Kirche fast mitten im Winter, wo beinahe die längsten Nächte und kürzesten Tage sind, wo die Sonne am schiefsten gegen unsere Gefilde steht, und Schnee alle Fluren dekt, das Fest der Weihnacht. Wie in vielen Ländern der Tag vor dem Geburtsfeste des Herrn der Christ¬ abend heißt, so heißt er bei uns der heilige Abend, der darauf folgende Tag der heilige Tag und die dazwischen liegende Nacht die Weihnacht. Die katho¬ lische Kirche begeht den Christtag als den Tag der 1* Geburt des Heilandes mit ihrer allergrößten kirchlichen Feier, in den meisten Gegenden wird schon die Mit¬ ternachtstunde als die Geburtstunde des Herrn mit prangender Nachtfeier geheiligt, zu der die Gloken durch die stille finstere winterliche Mitternachtluft laden, zu der die Bewohner mit Lichtern oder auf dunkeln wohlbekannten Pfaden aus schneeigen Bergen an bereiften Wäldern vorbei und durch knarrende Obstgärten zu der Kirche eilen, aus der die feierlichen Töne kommen, und die aus der Mitte des in beeiste Bäume gehüllten Dorfes mit den langen beleuchteten Fenstern empor ragt. Mit dem Kirchenfeste ist auch ein häusliches ver¬ bunden. Es hat sich fast in allen christlichen Ländern verbreitet, daß man den Kindern die Ankunft des Christkindleins — auch eines Kindes, des wunder¬ barsten, das je auf der Welt war — als ein heiteres glänzendes feierliches Ding zeigt, das durch das ganze Leben fortwirkt, und manchmal noch spät im Alter bei trüben schwermüthigen oder rührenden Erinnerun¬ gen gleichsam als Rükblik in die einstige Zeit mit den bunten schimmernden Fittigen durch den öden, trauri¬ gen und ausgeleerten Nachthimmel fliegt. Man pflegt den Kindern die Geschenke zu geben, die das heilige Christkindlein gebracht hat, um ihnen Freude zu machen. Das thut man gewöhnlich am heiligen Abende, wenn die tiefe Dämmerung eingetreten ist. Man zündet Lichter und meistens sehr viele an, die oft mit den kleinen Kerzlein auf den schönen grünen Ästen eines Tannen- oder Fichtenbäumchens schwe¬ ben, das mitten in der Stube steht. Die Kinder dürfen nicht eher kommen, als bis das Zeichen gege¬ ben wird, daß der heilige Christ zugegen gewesen ist, und die Geschenke, die er mitgebracht, hinterlassen hat. Dann geht die Thür auf, die Kleinen dürfen hinein, und bei dem herrlichen schimmernden Lichter¬ glanze sehen sie Dinge auf dem Baume hängen oder auf dem Tische herum gebreitet, die alle Vorstellungen ihrer Einbildungskraft weit übertreffen, die sie sich nicht anzurühren getrauen, und die sie endlich, wenn sie sie bekommen haben, den ganzen Abend in ihren Ärmchen herum tragen, und mit sich in das Bett nehmen. Wenn sie dann zuweilen in ihre Träume hinein die Glokentöne der Mitternacht hören, durch welche die Großen in die Kirche zur Andacht gerufen werden, dann mag es ihnen sein, als zögen jezt die Englein durch den Himmel, oder als kehre der heilige Christ nach Hause, welcher nunmehr bei allen Kindern gewesen ist, und jedem von ihnen ein herrliches Ge¬ schenk hinterbracht hat. Wenn dann der folgende Tag, der Christtag, kömmt, so ist er ihnen so feierlich, wenn sie früh Morgens mit ihren schönsten Kleidern angethan in der warmen Stube stehen, wenn der Vater und die Mutter sich zum Kirchgange schmüken, wenn zu Mit¬ tage ein feierliches Mal ist, ein besseres als in jedem Tage des ganzen Jahres, und wenn nachmittags oder gegen den Abend hin Freunde und Bekannte kommen, auf den Stühlen und Bänken herum sizen, mit einander reden, und behaglich durch die Fenster in die Wintergegend hinaus schauen können, wo ent¬ weder die langsamen Floken niederfallen, oder ein trübender Nebel um die Berge steht, oder die blut¬ rothe kalte Sonne hinab sinkt. An verschiedenen Stellen der Stube, entweder auf einem Stühl¬ chen oder auf der Bank oder auf dem Fensterbrett¬ chen liegen die zaubrischen nun aber schon bekann¬ teren und vertrauteren Geschenke von gestern Abend herum. Hierauf vergeht der lange Winter, es kömmt der Frühling und der unendlich dauernde Sommer —und wenn die Mutter wieder vom heiligen Christe erzählt, daß nun bald sein Festtag sein wird, und daß er auch diesmal herab kommen werde, ist es den Kindern, als sei seit seinem lezten Erscheinen eine ewige Zeit vergangen, und als liege die damalige Freude in einer weiten nebelgrauen Ferne. Weil dieses Fest so lange nachhält, weil sein Ab¬ glanz so hoch in das Alter hinauf reicht, so stehen wir so gerne dabei, wenn Kinder dasselbe begehen, und sich darüber freuen. — — In den hohen Gebirgen unsers Vaterlandes steht ein Dörfchen mit einem kleinen aber sehr spizigen Kirchthurme, der mit seiner rothen Farbe, mit wel¬ cher die Schindeln bemalt sind, aus dem Grün vieler Obstbäume hervor ragt, und wegen derselben rothen Farbe in dem duftigen und blauen Dämmern der Berge weithin ersichtlich ist. Das Dörfchen liegt ge¬ rade mitten in einem ziemlich weiten Thale, das fast wie ein länglicher Kreis gestaltet ist. Es enthält außer der Kirche eine Schule, ein Gemeindehaus und noch mehrere stattliche Häuser, die einen Plaz gestalten, auf welchem vier Linden stehen, die ein steinernes Kreuz in ihrer Mitte haben. Diese Häuser sind nicht bloße Landwirthschaftshäuser, sondern sie bergen auch noch diejenigen Handwerke in ihrem Schoße, die dem menschlichen Geschlechte unentbehrlich sind, und die bestimmt sind, den Gebirgsbewohnern ihren ein¬ zigen Bedarf an Kunsterzeugnissen zu deken. Im Thale und an den Bergen herum sind noch sehr viele zerstreute Hütten, wie das in Gebirgsgegenden sehr oft der Fall ist, welche alle nicht nur zur Kirche und Schule gehören, sondern auch jenen Handwerken, von denen gesprochen wurde, durch Abnahme der Erzeugnisse ihren Zoll entrichten. Es gehören sogar noch weitere Hütten zu dem Dörfchen, die man von dem Thale aus gar nicht sehen kann, die noch tiefer in den Ge¬ birgen steken, deren Bewohner selten zu ihren Ge¬ meindemitbrüdern herauskommen, und die im Winter oft ihre Todten aufbewahren müssen, um sie nach dem Wegschmelzen des Schnees zum Begräbnisse bringen zu können. Der größte Herr, den die Dörfler im Laufe des Jahres zu sehen bekommen, ist der Pfarrer. Sie verehren ihn sehr, und es geschieht ge¬ wöhnlich, daß derselbe durch längeren Aufenthalt im Dörfchen ein der Einsamkeit gewöhnter Mann wird, daß er nicht ungerne bleibt, und einfach fortlebt. Wenigstens hat man seit Menschengedenken nicht er¬ lebt, daß der Pfarrer des Dörfchens ein auswärts¬ süchtiger oder seines Standes unwürdiger Mann gewesen wäre. Es gehen keine Strassen durch das Thal, sie haben ihre zweigleisigen Wege, auf denen sie ihre Felder¬ zeugnisse mit einspännigen Wäglein nach Hause brin¬ gen, es kommen daher wenig Menschen in das Thal, unter diesen manchmal ein einsamer Fußreisender, der ein Liebhaber der Natur ist, eine Weile in der bemal¬ ten Oberstube des Wirthes wohnt, und die Berge betrachtet, oder gar ein Maler, der den kleinen spizen Kirchthurm und die schönen Gipfel der Felsen in seine Mappe zeichnet. Daher bilden die Bewohner eine eigene Welt, sie kennen einander alle mit Namen und mit den einzelnen Geschichten von Großvater und Urgro߬ vater her, trauern alle, wenn einer stirbt, wissen, wie er heißt, wenn einer geboren wird, haben eine Spra¬ che, die von der der Ebene draußen abweicht, haben ihre Streitigkeiten, die sie schlichten, stehen einander bei, und laufen zusammen, wenn sich etwas Außer¬ ordentliches begibt. Sie sind sehr stettig und es bleibt immer beim Alten. Wenn ein Stein aus einer Mauer fällt, wird derselbe wieder hineingesezt, die neuen Häuser wer¬ den wie die alten gebaut, die schadhaften Dächer wer¬ den mit gleichen Schindeln ausgebessert, und wenn in einem Hause schekige Kühe sind, so werden immer solche Kälber aufgezogen, und die Farbe bleibt bei dem Hause. Gegen Mittag sieht man von dem Dorfe einen Schneeberg, der mit seinen glänzenden Hörnern fast oberhalb der Hausdächer zu sein scheint, aber in der That doch nicht so nahe ist. Er sieht das ganze Jahr, Sommer und Winter, mit seinen vorstehenden Felsen und mit seinen weißen Flächen in das Thal herab. Als das Auffallendste, was sie in ihrer Umgebung haben, ist der Berg der Gegenstand der Betrachtung der Be¬ wohner, und er ist der Mittelpunkt vieler Geschich¬ ten geworden. Es lebt kein Mann und Greis in dem Dorfe, der nicht von den Zaken und Spizen des Ber¬ ges, von seinen Eisspalten und Höhlen, von seinen Wässern und Geröllströmen etwas zu erzählen wüßte, was er entweder selbst erfahren, oder von andern er¬ zählen gehört hat. Dieser Berg ist auch der Stolz des Dorfes, als hätten sie ihn selber gemacht, und es ist nicht so ganz entschieden, wenn man auch die Bie¬ derkeit und Wahrheitsliebe der Thalbewohner hoch anschlägt, ob sie nicht zuweilen zur Ehre und zum Ruhme des Berges lügen. Der Berg gibt den Be¬ wohnern außerdem, daß er ihre Merkwürdigkeit ist, auch wirklichen Nuzen; denn wenn eine Gesellschaft von Gebirgsreisenden herein kömmt, um von dem Thale aus den Berg zu besteigen, so dienen die Be¬ wohner des Dorfes als Führer, und einmal Führer gewesen zu sein, dieses und jenes erlebt zu haben, diese und jene Stelle zu kennen, ist eine Auszeich¬ nung, die jeder gerne von sich darlegt. Sie reden oft davon, wenn sie in der Wirthsstube bei einander si¬ zen, und erzählen ihre Wagnisse und ihre wunderba¬ ren Erfahrungen, und versäumen aber auch nie zu sagen, was dieser oder jener Reisende gesprochen habe, und was sie von ihm als Lohn für ihre Be¬ mühungen empfangen hätten. Dann sendet der Berg von seinen Schneeflächen die Wasser ab, welche einen See in seinen Hochwäldern speisen, und den Bach erzeugen, der lustig durch das Thal strömt, die Bret¬ tersäge die Mahlmühle und andere kleine Werke treibt, das Dorf reinigt, und das Vieh tränkt. Von den Wäldern des Berges kömmt das Holz, und sie halten die Lawinen auf. Durch die innern Gänge und Lokerheiten der Höhen sinken die Wasser durch, die dann in Adern durch das Thal gehen, und in Brünn¬ lein und Quellen hervorkommen, daraus die Men¬ schen trinken, und ihr herrliches oft belobtes Wasser dem Fremden reichen. Allein an lezteren Nuzen den¬ ken sie nicht, und meinen, das sei immer so gewesen. Wenn man auf die Jahresgeschichte des Berges sieht, so sind im Winter die zwei Zaken seines Gip¬ fels, die sie Hörner heißen, schneeweiß, und stehen, wenn sie an hellen Tagen sichtbar sind, blendend in der finstern Bläue der Luft; alle Bergfelder, die um diese Gipfel herum lagern, sind dann weiß; alle Ab¬ hänge sind so; selbst die steilrechten Wände, die die Bewohner Mauern heißen, sind mit einem angefloge¬ nen weißen Reife bedekt, und mit zartem Eise wie mit einem Firnisse belegt, so daß die ganze Masse wie ein Zauberpallast aus dem bereiften Grau der Wäl¬ derlast emporragt, welche schwer um ihre Füsse herum ausgebreitet ist. Im Sommer, wo Sonne und war¬ mer Wind den Schnee von den Steilseiten wegnimmt, ragen die Hörner nach dem Ausdruke der Bewohner schwarz in den Himmel, und haben nur schöne weiße Äderchen und Sprenkeln auf ihrem Rüken, in der That aber sind sie zart fernblau, und was sie Äderchen und Sprenkeln heißen, das ist nicht weiß, sondern hat das schöne Milchblau des fernen Schnees gegen das dunklere der Felsen. Die Bergfelder um die Hörner aber verlieren, wenn es recht heiß ist, an ihren höhe¬ ren Theilen wohl den Firn nicht, der gerade dann recht weiß auf das Grün der Thalbäume herab sieht, aber es weicht von ihren unteren Theilen der Win¬ terschnee, der nur einen Flaum machte, und es wird das unbestimmte Schillern von Bläulich und Grün¬ lich sichtbar, das das Geschiebe von Eis ist, das dann blos liegt, und auf die Bewohner unten hinab grüßt. Am Rande dieses Schillerns, wo es von ferne wie ein Saum von Edelsteinsplittem aussieht, ist es in der Nähe ein Gemenge wilder riesenhafter Blöke, Platten und Trümmer, die sich drängen, und verwirrt in einander geschoben sind. Wenn ein Sommer gar heiß und lang ist, werden die Eisfelder weit hinauf entblößt, und dann schaut eine viel größere Fläche von Grün und Blau in das Thal, manche Kuppen und Räume werden entkleidet, die man sonst nur weiß erblikt hatte, der schmuzige Saum des Eises wird sichtbar, wo es Felsen, Erde und Schlamm schiebt, und viel reichlichere Wasser als sonst fließen in das Thal. Dies geht fort, bis es nach und nach wieder Herbst wird, das Wasser sich verringert, zu einer Zeit einmal ein grauer Landregen die ganze Ebene des Thales bedekt, worauf, wenn sich die Nebel von den Höhen wieder lösen, der Berg seine weiche Hülle abermals umgethan hat, und alle Felsen Kegel und Zaken in weißem Kleide da stehen. So spinnt es sich ein Jahr um das andere mit geringen Abwechslun¬ gen ab, und wird sich fort spinnen, so lange die Na¬ tur so bleibt, und auf den Bergen Schnee und in den Thälern Menschen sind. Die Bewohner des Thales heißen die geringen Veränderungen große, bemerken sie wohl, und berechnen an ihnen den Fortschritt des Jahres. Sie bezeichnen an den Entblößungen die Hize und die Ausnahmen der Sommer. Was nun noch die Besteigung des Berges betrifft, so geschieht dieselbe von dem Thale aus. Man geht nach der Mittagsrichtung zu auf einem guten schönen Wege, der über einen sogenannten Hals in ein ande¬ res Thal führt. Hals heißen sie einen mäßig hohen Bergrücken, der zwei größere und bedeutendere Ge¬ birge mit einander verbindet, und über den man zwi¬ schen den Gebirgen von einem Thale in ein anderes gelangen kann. Auf dem Halse, der den Schneeberg mit einem gegenüberliegenden großen Gebirgszuge verbindet, ist lauter Tannenwald. Etwa auf der grö߬ ten Erhöhung desselben, wo nach und nach sich der Weg in das jenseitige Thal hinab zu senken beginnt, steht eine sogenannte Unglüksäule. Es ist einmal ein Bäker, welcher Brod in seinem Korbe über den Hals trug, an jener Stelle todt gefunden worden. Man hat den todten Bäker mit dem Korbe und mit den umringenden Tannenbäumen auf ein Bild gemalt, darunter eine Erklärung und eine Bitte um ein Gebet geschrieben, das Bild auf eine roth angestrichene hölzerne Säule gethan, und die Säule an der Stelle des Unglükes aufgerichtet. Bei dieser Säule biegt man von dem Wege ab, und geht auf der Länge des Halses fort, statt über seine Breite in das jenseitige Thal hinüber zu wandern. Die Tannen bilden dort einen Durchlaß, als ob eine Straße zwischen ihnen hin ginge. Es führt auch manchmal ein Weg in dieser Richtung hin, der dazu dient, das Holz von den höheren Gegenden zu der Unglüksäule herab zu bringen, der aber dann wieder mit Gras verwächst. Wenn man auf diesem Wege fortgeht, der sachte bergan führt, so gelangt man endlich auf eine freie von Bäumen entblößte Stelle. Dieselbe ist dürrer Haideboden, hat nicht ein¬ mal einen Strauch, sondern ist mit schwachem Haide¬ kraute, mit trokenen Mosen und mit Dürrbodenpflan¬ zen bewachsen. Die Stelle wird immer steiler, und man geht lange hinan; man geht aber immer in einer Rinne gleichsam wie in einem ausgerundeten Graben hinan, was den Nuzen hat, daß man auf der großen baumlosen und überall gleichen Stelle nicht leicht irren kann. Nach einer Zeit erscheinen Felsen, die wie Kirchen gerade aus dem Grasboden aufsteigen, und zwischen deren Mauern man längere Zeit hinan gehen kann. Dann erscheinen wieder kahle fast pflanzenlose Rüken, die bereits in die Lufträume der höhern Ge¬ genden ragen, und gerade zu dem Eise führen. Zu beiden Seiten dieses Weges sind steile Wände, und durch diesen Damm hängt der Schneeberg mit dem Halse zusammen. Um das Eis zu überwinden, geht man eine geraume Zeit an der Grenze desselben, wo es von den Felsen umstanden ist, dahin, bis man zu dem ältern Firn gelangt, der die Eisspalten überbaut, und in den meisten Zeiten des Jahres den Wanderer trägt. An der höchsten Stelle des Firns erheben sich die zwei Hörner aus dem Schnee, wovon eines das höhere mithin die Spize des Berges ist. Diese Kuppen sind sehr schwer zu erklimmen; da sie mit einem oft breite¬ ren oft engeren Schneegraben — dem Firnschrunde — umgeben sind, der übersprungen werden muß, und da ihre steilrechten Wände nur kleine Absäze haben, in welche der Fuß eingesezt werden muß, so begnügen sich die meisten Besteiger des Berges damit, bis zu dem Firnschrunde gelangt zu sein, und dort die Rund¬ sicht, so weit sie nicht durch das Horn verdekt ist, zu ge¬ nießen. Die den Gipfel besteigen wollen, müssen dies mit Hilfe von Steigeisen, Striken und Klammern thun. Außer diesem Berge stehen an derselben Mittag¬ seite noch andere, aber keiner ist so hoch, wenn sie sich auch früh im Herbste mit Schnee bedeken, und ihn bis tief in den Frühling hinein behalten. Der Sommer aber nimmt denselben immer weg, und die Felsen glän¬ zen freundlich im Sonnenscheine, und die tiefer gelegenen Wälder zeigen ihr sanftes Grün von breiten blauen Schatten durchschnitten, die so schön sind, daß man sich in seinem Leben nicht satt daran sehen kann. An den andern Seiten des Thales nehmlich von Mitternacht Morgen und Abend her sind die Berge langgestrekt und niederer, manche Felder und Wiesen steigen ziemlich hoch hinauf, und oberhalb ihrer sieht man verschiedene Waldblößen Alpenhütten und der¬ gleichen, bis sie an ihrem Rande mit feingezaktem Walde am Himmel hingehen, welche Auszakung eben ihre geringe Höhe anzeigt, während die mittäg¬ lichen Berge, obwohl sie noch großartigere Wälder hegen, doch mit einem ganz glatten Rande an dem glänzenden Himmel hinstreichen. Wenn man so ziemlich mitten in dem Thale steht, so hat man die Empfindung, als ginge nirgends ein Weg in dieses Beken herein und keiner daraus hinaus; allein diejenigen, welche öfter im Gebirge gewesen sind, kennen diese Täuschung gar wohl: in der That führen nicht nur verschiedene Wege und darunter sogar manche durch die Verschiebungen der Berge fast auf ebenem Boden in die nördlichen Flächen hinaus, son¬ dern gegen Mittag, wo das Thal durch steilrechte Mauern fast geschlossen scheint, geht sogar ein Weg über den obbenannten Hals. Das Dörflein heißt Gschaid, und der Schneeberg, der auf seine Häuser herab schaut, heißt Gars. Jenseits des Halses liegt ein viel schöneres und Stifter, Jugendschriften II. 2 blühenderes Thal, als das von Gschaid ist, und es führt von der Unglüksäule der gebahnte Weg hinab. Es hat an seinem Eingange einen stattlichen Markt¬ fleken Millsdorf, der sehr groß ist, verschiedene Werke hat, und in manchen Häusern städtische Gewerbe und Nahrung treibt. Die Bewohner sind viel wohlhaben¬ der als die in Gschaid, und obwohl nur drei Weg¬ stunden zwischen den beiden Thälern liegen, was für die an große Entfernungen gewöhnten und Mühselig¬ keiten liebenden Gebirgsbewohner eine unbedeutende Kleinigkeit ist, so sind doch Sitten und Gewohnheiten in den beiden Thälern so verschieden, selbst der äußere Anblik derselben ist so ungleich, als ob eine große Anzahl Meilen zwischen ihnen läge. Das ist in Ge¬ birgen sehr oft der Fall, und hängt nicht nur von der verschiedenen Lage der Thäler gegen die Sonne ab, die sie oft mehr oder weniger begünstigt, sondern auch von dem Geiste der Bewohner, der durch gewisse Beschäftigungen nach dieser oder jener Richtung ge¬ zogen wird. Darin stimmen aber alle überein, daß sie an Herkömmlichkeiten und Väterweise hängen, großen Verkehr leicht entbehren, ihr Thal außerordent¬ lich lieben, und ohne demselben kaum leben können. Es vergehen oft Monate oft fast ein Jahr, ehe ein Bewohner von Gschaid in das jenseitige Thal hinüber kömmt, und den großen Marktfleken Mills¬ dorf besucht. Die Millsdorfer halten es eben so, obwohl sie ihrerseits doch Verkehr mit dem Lande draußen pflegen, und daher nicht so abgeschieden sind wie die Gschaider. Es geht sogar ein Weg, der eine Straße heißen könnte, längs ihres Thales, und mancher Reisende und mancher Wanderer geht hindurch, ohne nur im Geringsten zu ahnen, daß mitternachtwärts sei¬ nes Weges jenseits des hohen herabblikenden Schnee¬ bergs noch ein Thal sei, in dem viele Häuser zer¬ streut sind, und in dem das Dörflein mit dem spizigen Kirchthurme steht. Unter den Gewerben des Dorfes, welche bestimmt sind, den Bedarf des Thales zu deken, ist auch das eines Schusters, das nirgends entbehrt werden kann, wo die Menschen nicht in ihrem Urzustande sind. Die Gschaider aber sind so weit über diesem Stande, daß sie recht gute und tüchtige Gebirgsfußbekleidung brauchen. Der Schuster ist mit einer kleinen Aus¬ nahme der einzige im Thale. Sein Haus steht auf dem Plaze in Gschaid, wo überhaupt die besseren stehen, und schaut mit seinen grauen Mauern, weißen Fenstersimsen und grün angestrichenen Fensterläden auf die vier Linden hinaus. Es hat im Erdgeschosse die Arbeitsstube die Gesellenstube eine größere und 2* kleinere Wohnstube ein Verkaufstübchen nebst Küche und Speisekammer und allen zugehörigen Gelassen; im ersten Stokwerke, oder eigentlich im Raume des Giebels hat es die Oberstube oder eigentliche Prunk¬ stube. Zwei Prachtbetten schöne geglättete Kästen mit Kleidern stehen da, dann ein Gläserkästchen mit Geschirren ein Tisch mit eingelegter Arbeit gepolsterte Sessel ein Mauerkästchen mit den Ersparnissen, dann hängen an den Wänden Heiligenbilder zwei schöne Sakuhren gewonnene Preise im Schießen, und end¬ lich sind auch Scheibengewehre und Jagdbüchsen nebst ihrem Zugehöre in einem eigenen mit Glastafeln versehenen Kasten aufgehängt. An das Schusterhaus ist ein kleiners Häuschen nur durch den Einfahrts¬ schwibbogen getrennt angebaut, welches genau dieselbe Bauart hat, und zum Schusterhause wie ein Theil zum Ganzen gehört. Es hat nur eine Stube mit den dazu gehörigen Wohntheilen. Es hat die Bestim¬ mung, dem Hausbesizer, sobald er das Anwesen seinem Sohne oder Nachfolger übergeben hat, als sogenanntes Ausnahmstübchen zu dienen, in welchem er mit seinem Weibe so lange haust, bis beide gestorben sind, die Stube wieder leer steht, und auf einen neuen Bewohner wartet. Das Schusterhaus hat nach rük¬ wärts Stall und Scheune; denn jeder Thalbewohner ist, selbst wenn er ein Gewerbe treibt, auch Landbe¬ bauer und zieht hieraus seine gute und nachhaltige Nahrung. Hinter diesen Gebäuden ist endlich der Garten, der fast bei keinem besseren Hause in Gschaid fehlt, und von dem sie ihre Gemüse, ihr Obst und für festliche Gelegenheiten ihre Blumen ziehen. Wie oft im Gebirge so ist auch in Gschaid die Bienenzucht in diesen Gärten sehr verbreitet. Die kleine Ausnahme, deren oben Erwähnung geschah, und die Nebenbuhlerschaft der Alleinherrlich¬ keit des Schusters ist ein anderer Schuster, der alte Tobias, der aber eigentlich kein Nebenbuhler ist, weil er nur mehr flikt, hierin viel zu thun hat, und es sich nicht im Entferntesten beikommen läßt, mit dem vor¬ nehmen Plazschuster in einen Wettstreit einzugehen, insbesondere, da der Plazschuster ihn häufig mit Le¬ derfleken Sohlenabschnitten und dergleichen Dingen unentgeldlich versieht. Der alte Tobias sizt im Sommer am Ende des Dörfchens unter Hollunderbüschen, und arbeitet. Er ist umringt von Schuhen und Bund¬ schuhen, die aber sämtlich alt grau kothig und zer¬ rissen sind. Stiefel mit langen Röhren sind nicht da, weil sie im Dorfe und in der Gegend nicht getragen werden; nur zwei Personen haben solche, der Pfarrer und der Schullehrer, welche aber beides, fliken und neue Waare machen, nur bei dem Plazschuster lassen. Im Winter sizt der alte Tobias in seinem Stübchen hinter den Hollunderstauden, und hat warm geheizt, weil das Holz in Gschaid nicht theuer ist. Der Plazschuster ist, ehe er das Haus angetreten hat, ein Gemsewildschüze gewesen, und hat überhaupt in seiner Jugend, wie die Gschaider sagen, nicht gut gethan. Er war in der Schule immer einer der besten Schüler gewesen, hatte dann von seinem Vater das Handwerk gelernt, ist auf Wanderung gegangen, und ist endlich wieder zurük gekehrt. Statt, wie es sich für einen Gewerbsmann ziemt, und wie sein Vater es Zeit Lebens gethan, einen schwarzen Hut zu tragen, that er einen grünen auf, stekte noch alle bestehenden Federn darauf, und stolzirte mit ihm und mit dem kürzesten Lodenroke, den es im Thale gab, herum, während sein Vater immer einen Rok von dunkler wo möglich schwarzer Farbe hatte, der auch, weil er einem Gewerbsmanne angehörte, immer sehr weit herab geschnitten sein mußte. Der junge Schuster war auf allen Tanzpläzen und Kegelbahnen zu sehen. Wenn ihm jemand eine gute Lehre gab, so pfiff er ein Liedlein. Er ging mit seinem Scheibengewehre zu allen Schießen der Nachbarschaft, und brachte manchmal einen Preis nach Hause, was er für einen großen Sieg hielt. Der Preis bestand meistens aus Münzen, die künstlich gefaßt waren, und zu deren Gewinnung der Schuster mehr gleiche Münzen ausgeben mußte, als der Preis enthielt, besonders, da er wenig haushälterisch mit dem Gelde war. Er ging auf alle Jagden, die in der Gegend abgehalten wurden, und hatte sich den Namen eines guten Schüzen erworben. Er ging aber auch manchmal allein mit seiner Doppelbüchse und mit Steigeisen fort, und einmal sagte man, daß er eine schwere Wunde im Kopfe erhalten habe. In Millsdorf war ein Färber, welcher gleich am Anfange des Marktflekens, wenn man auf dem Wege von Gschaid hinüber kam, ein sehr ansehnliches Ge¬ werbe hatte, mit vielen Leuten und sogar, was im Thale etwas Unerhörtes war, mit Maschinen arbei¬ tete. Außerdem besaß er noch eine ausgebreitete Feld¬ wirthschaft. Zu der Tochter dieses reichen Färbers ging der Schuster über das Gebirge, um sie zu ge¬ winnen. Sie war wegen ihrer Schönheit weit und breit berühmt, aber auch wegen ihrer Eingezogenheit Sittsamkeit und Häuslichkeit belobt. Dennoch, hieß es, soll der Schuster ihre Aufmerksamkeit erregt haben. Der Färber ließ ihn nicht in sein Haus kommen; und hatte die schöne Tochter schon früher keine öffent¬ lichen Pläze und Lustbarkeiten besucht, und war selten außer dem Hause ihrer Eltern zu sehen gewesen: so ging sie jezt schon gar nirgends mehr hin als in die Kirche oder in ihrem Garten oder in den Räumen des Hauses herum. Einige Zeit nach dem Tode seiner Eltern, durch welchen ihm das Haus derselben zugefallen war, das er nun allein bewohnte, änderte sich der Schuster gänz¬ lich. So wie er früher getollt hatte, so saß er jezt in seiner Stube, und hämmerte Tag und Nacht an seinen Sholen . Er sezte prahlend einen Preis darauf, wenn es jemand gäbe, der bessere Schuhe und Fußbeklei¬ dungen machen könne. Er nahm keine andern Arbeiter als die besten, und trillte sie noch sehr herum, wenn sie in seiner Werkstätte arbeiteten, daß sie ihm folgten, und die Sache so einrichteten, wie er befahl. Wirklich brachte er es jezt auch dahin, daß nicht nur das ganze Dorf Gschaid, das zum größten Theile die Schuster¬ arbeit aus benachbarten Thälern bezogen hatte, bei ihm arbeiten ließ, daß das ganze Thal bei ihm arbei¬ ten ließ, und daß endlich sogar Einzelne von Mills¬ dorf und andern Thälern herein kamen, und sich ihre Fußbekleidungen von dem Schuster in Gschaid machen ließen. Sogar in die Ebene hinaus verbreitete sich sein Ruhm, daß manche, die in die Gebirge gehen wollten, sich die Schuhe dazu von ihm machen ließen. Er richtete das Haus sehr schön zusammen, und in dem Waarengewölbe glänzten auf den Brettern die Schuhe, Bundstiefel und Stiefel; und wenn am Sonn¬ tage die ganze Bevölkerung des Thales herein kam, und man bei den vier Linden des Plazes stand, ging man gerne zu dem Schusterhause hin, und sah durch die Gläser in die Waarenstube, wo die Käufer und Besteller waren. Nach seiner Vorliebe zu den Bergen machte er auch jezt die Gebirgsbundschuhe am besten. Er pflegte in der Wirthsstube zu sagen: Es gäbe keinen, der ihm einen fremden Gebirgsbundschuh zeigen könne, der sich mit einem seinigen vergleichen lasse. „Sie wissen es nicht,“ pflegte er beizufügen, „sie haben es in ihrem Leben nicht erfahren, wie ein solcher Schuh sein muß, daß der gestirnte Himmel der Nägel recht auf der Sohle size, und das gebührende Eisen enthalte, daß der Schuh außen hart sei, damit kein Geröllstein, wie scharf er auch sei, empfunden werde, und daß er sich von Innen doch weich und zärtlich wie ein Hand¬ schuh an die Füsse lege.“ Der Schuster hatte sich ein sehr großes Buch machen lassen, in welches er alle verfertigte Waare eintrug, die Namen derer beifügte, die den Stoff ge¬ liefert, und die Waare gekauft hatten, und eine kurze Bemerkung über die Güte des Erzeugnisses beischrieb. Die gleichartigen Fußbekleidungen hatten ihre fort¬ laufenden Zahlen, und das Buch lag in der großen Lade seines Gewölbes. Wenn die schöne Färberstochter von Millsdorf auch nicht aus der Eltern Hause kam, wenn sie auch weder Freunde noch Verwandte besuchte, so konnte es der Schuster von Gschaid doch so machen, daß sie ihn von ferne sah, wenn sie in die Kirche ging, wenn sie in dem Garten war, und wenn sie aus den Fenstern ihres Zimmers auf die Matten blikte. Wegen dieses unausgesezten Sehens hatte es die Färberin durch langes inständiges und ausdauerndes Flehen für ihre Tochter dahin gebracht, daß der halsstarrige Färber nachgab, und daß der Schuster, weil er denn nun doch besser geworden, die schöne reiche Millsdorfe¬ rin als Eheweib nach Gschaid führte. Aber der Färber war deßungeachtet auch ein Mann, der seinen Kopf hatte. Ein rechter Mensch, sagte er, müsse sein Gewerbe treiben, daß es blühe und vorwärts komme, er müsse daher sein Weib seine Kinder sich und sein Gesinde ernähren, Hof und Haus im Stande des Glanzes halten, und sich noch ein Erklekliches erübrigen, welches Leztere doch allein im Stande sei, ihm Anse¬ hen und Ehre in der Welt zu geben; darum erhalte seine Tochter nichts als eine vortreffliche Ausstattung, das andere ist Sache des Ehemanns, daß er es mache und für alle Zukunft es besorge. Die Färberei in Millsdorf und die Landwirthschaft auf dem Färber¬ hause sei für sich ein ansehnliches und ehrenwerthes Gewerbe, das seiner Ehre willen bestehen, und wozu alles, was da sei, als Grundstok dienen müsse, daher er nichts weggebe. Wenn einmal er und sein Eheweib die Färberin todt seien, dann gehöre Färberei und Landwirthschaft in Millsdorf ihrer einzigen Tochter nehmlich der Schusterin in Gschaid, und Schuster und Schusterin könnten dann damit thun, was sie wollten: aber alles dieses nur, wenn die Erben es werth wären, das Erbe zu empfangen; wären sie es nicht werth, so ginge das Erbe auf die Kinder dersel¬ ben, und wenn keine vorhanden wären, mit der Aus¬ nahme des lediglichen Pflichttheiles auf andere Ver¬ wandte über. Der Schuster verlangte auch nichts, er zeigte im Stolze, daß es ihm nur um die schöne Färberstochter in Millsdorf zu thun gewesen, und daß er sie schon ernähren und erhalten könne, wie sie zu Hause ernährt und erhalten worden ist. Er kleidete sie als sein Eheweib nicht nur schöner als alle Gschai¬ derinnen und alle Bewohnerinnen des Thales, sondern auch schöner, als sie sich je zu Hause getragen hatte, und Speise, Trank und übrige Behandlung mußte besser und rüksichtsvoller sein, als sie das Gleiche im väterlichen Hause genossen hatte. Und um dem Schwiegervater zu trozen, kaufte er mit erübrigten Summen nach und nach immer mehr Grundstüke so ein, daß er einen tüchtigen Besiz beisammen hatte. Weil die Bewohner von Gschaid so selten aus ihrem Thale kommen, und nicht einmal oft nach Millsdorf hinüber gehen, von dem sie durch Bergrü¬ ken und durch Sitten geschieden sind, weil ferner ihnen gar kein Fall vorkömmt, daß ein Mann sein Thal verläßt, und sich in dem benachbarten ansiedelt (Ansiedlungen in großen Entfernungen kommen öfter vor), weil endlich auch kein Weib oder Mädchen gerne von einem Thale in ein anderes auswandert, außer in dem ziemlich seltenen Falle, wenn sie der Liebe folgt, und als Eheweib und zu dem Ehemann in ein anderes Thal kömmt: so geschah es, daß die schöne Färberstochter von Millsdorf, da sie Schusterin in Gschaid geworden war, doch immer von allen Gschaidern als Fremde angesehen wurde, und wenn man ihr auch nichts Übels anthat, ja wenn man sie ihres schönen Wesens und ihrer Sitten wegen sogar liebte, doch immer etwas vorhanden war, das wie Scheu oder wenn man will, wie Rüksicht aussah, und nicht zu dem Innigen und Gleichartigen kommen ließ, wie Gschaiderinnen gegen Gschaiderinnen, Gschaider gegen Gschaider hatten. Es war so, ließ sich nicht abstellen, und wurde durch die bessere Tracht und durch das erleichtertere häusliche Leben der Schusterin noch vermehrt. Sie hatte ihrem Manne nach dem ersten Jahre einen Sohn, und in einigen Jahren darauf ein Töch¬ terlein geboren. Sie glaubte aber, daß er die Kinder nicht so liebe, wie sie sich vorstellte, daß es sein solle, und wie sie sich bewußt war, daß sie dieselben liebe; denn sein Angesicht war meistens ernsthaft und mit sei¬ nen Arbeiten beschäftigt. Er spielte und tändelte selten mit den Kindern, und sprach stets ruhig mit ihnen gleichsam so, wie man mit Erwachsenen spricht. Was Nahrung und Kleidung und andere äußere Dinge anbelangte, hielt er die Kinder untadelich. In der ersten Zeit der Ehe kam die Färberin öfter nach Gschaid, und die jungen Eheleute besuchten auch Millsdorf zuweilen bei Kirchweihen oder anderen fest¬ lichen Gelegenheiten. Als aber die Kinder auf der Welt waren, war die Sache anders geworden. Wenn schon Mütter ihre Kinder lieben, und sich nach ihnen sehnen, so ist dieses von Großmüttern öfter in noch höherem Grade der Fall: sie verlangen zuweilen mit wahrlich krankhafter Sehnsucht nach ihren Enkeln. Die Färberin kam sehr oft nach Gschaid herüber, um die Kinder zu sehen, ihnen Geschenke zu bringen, eine Weile da zu bleiben, und dann mit guten Ermah¬ nungen zu scheiden. Da aber das Alter und die Ge¬ sundheitsumstände der Färberin die öfteren Fahrten nicht mehr so möglich machten, und der Färber aus dieser Ursache Einsprache that, wurde auf etwas ande¬ res gesonnen, die Sache wurde umgekehrt, und die Kinder kamen jezt zur Großmutter. Die Mutter brachte sie selber öfter in einem Wagen, öfter aber wurden sie, da sie noch im zarten Alter waren, einge¬ mummt einer Magd mitgegeben, die sie in einem Fuhrwerke über den Hals brachte. Als sie aber grö¬ ßer waren, gingen sie zu Fuße entweder mit der Mut¬ ter oder mit einer Magd nach Millsdorf, ja da der Knabe geschikt stark und klug geworden war, ließ man ihn allein den bekannten Weg über den Hals gehen, und wenn es sehr schön war, und er bath, erlaubte man auch, daß ihn die kleine Schwester begleite. Dies ist bei den Gschaidern gebräuchlich, weil sie an star¬ kes Fußgehen gewöhnt sind, und die Eltern überhaupt namentlich aber ein Mann wie der Schuster, es gerne sehen, und eine Freude daran haben, wenn ihre Kin¬ der tüchtig werden. So geschah es, daß die zwei Kinder den Weg über den Hals öfter zurüklegten als die übrigen Dörfler zusammen genommen, und da schon ihre Mutter in Gschaid immer gewissermassen wie eine Fremde behandelt wurde, so wurden durch diesen Um¬ stand auch die Kinder fremd, sie waren kaum Gschai¬ der, und gehörten halb nach Millsdorf hinüber. Der Knabe Konrad hatte schon das ernste Wesen seines Vaters, und das Mädchen Susanna nach ihrer Mutter so genannt oder, wie man es zur Abkürzung nannte, Sanna hatte viel Glauben zu seinen Kennt¬ nissen seiner Einsicht und seiner Macht, und gab sich unbedingt unter seine Leitung, gerade so wie die Mut¬ ter sich unbedingt unter die Leitung der Vaters gab, dem sie alle Einsicht und Geschiklichkeit zutraute. An schönen Tagen konnte man Morgens die Kin¬ der durch das Thal gegen Mittag wandern sehen, über die Wiese gehen, und dort anlangen, wo der Wald des Halses gegen sie her schaut. Sie näherten sich dem Walde, gingen auf seinem Wege allgemach über die Erhöhung hinan, und kamen, ehe der Mittag eingetreten war, auf den offenen Wiesen auf der an¬ deren Seite gegen Millsdorf hinunter. Konrad zeigte Sanna die Wiesen, die dem Großvater gehörten, dann gingen sie durch seine Felder, auf denen er ihr die Getreidearten erklärte, dann sahen sie auf Stan¬ gen unter dem Vorsprunge des Daches die langen Tücher zum Troknen herab hängen, die sich im Winde schlängelten oder närrische Gesichter machten, dann hörten sie seine Walkmühle und seinen Lohstampf, die er an seinem Bache für Tuchmacher und Gerber ange¬ legt hatte, dann bogen sie noch um eine Eke der Fel¬ der, und gingen im Kurzen durch die Hinterthür in den Garten der Färberei, wo sie von der Großmutter empfangen wurden. Diese ahnte immer wenn die Kinder kamen, sah zu den Fenstern aus, und erkannte sie von Weitem, wenn Sannas rothes Tuch recht in der Sonne leuchtete. Sie führte die Kinder dann durch die Waschstube und Presse in das Zimmer, ließ sie niedersezen, ließ nicht zu, daß sie Halstücher oder Jäkchen lüfteten, damit sie sich nicht verkühlten, und behielt sie beim Essen da. Nach dem Essen durften sie sich lüften, spie¬ len, durften in den Räumen des großväterlichen Hau¬ ses herum gehen, oder sonst thun, was sie wollten, wenn es nur nicht unschiklich oder verboten war. Der Färber, welcher immer bei dem Essen war, fragte sie um ihre Schulgegenstände aus, und schärfte ihnen besonders ein, was sie lernen sollten. Nachmittags wurden sie von der Großmutter schon, ehe die Zeit kam, zum Aufbruche getrieben, daß sie ja nicht zu spät kämen. Obgleich der Färber keine Mitgift gege¬ ben hatte, und vor seinem Tode von seinem Vermögen nichts wegzugeben gelobt hatte, glaubte sich die Fär¬ berin an diese Dinge doch nicht so strenge gebunden, und sie gab den Kindern nicht allein während ihrer An¬ wesenheit allerlei, worunter nicht selten ein Münzstük und zuweilen gar von ansehnlichem Werthe war, son¬ dern sie band ihnen auch immer zwei Bündelchen zu¬ sammen, in denen sich Dinge befanden, von denen sie glaubte, daß sie nothwendig wären, oder daß sie den Kindern Freude machen könnten. Und wenn oft die nehmlichen Dinge im Schusterhause in Gschaid ohnedem in aller Trefflichkeit vorhanden waren, so gab sie die Großmutter in der Freude des Gebens doch, und die Kinder trugen sie als etwas Besonderes nach Hause. So geschah es nun, daß die Kinder am heili¬ gen Abende schon unwissend die Geschenke in Schach¬ teln gut versiegelt und verwahrt nach Hause trugen, die ihnen in der Nacht einbeschert werden sollten. Weil die Großmutter die Kinder immer schon vor der Zeit zum Fortgehen drängte, damit sie nicht zu spät nach Hause kämen, so erzielte sie hiedurch, daß die Kinder gerade auf dem Wege bald an dieser bald an jener Stelle sich aufhielten. Sie saßen gerne an Stifter, Jugendschriften. II. 3 dem Haselnußgehege, das auf dem Halse ist, und schlugen mit Steinen Nüsse auf, oder spielten, wenn keine Nüsse waren, mit Blättern oder mit Hölzlein oder mit den weichen brauen Zöpfchen, die im ersten Frühjahre von den Zweigen der Nadelbäume herab fielen. Manchmal erzählte Konrad dem Schwesterchen Geschichten, oder wenn sie zu der rothen Unglüksäule kamen, führte er sie ein Stük auf dem Seitenwege links gegen die Höhen hinan, und sagte ihr, daß man da auf den Schneeberg gelange, daß dort Felsen und Steine seien, daß die Gemsen herum springen, und große Vögel fliegen. Er führte sie oft über den Wald hinaus, sie betrachteten dann den dürren Rasen und die kleinen Sträucher der Haidekräuter; aber er führte sie wieder zurük, und brachte sie immer vor der Abend¬ dämmerung nach Hause, was ihm stets Lob eintrug. Einmal war am heiligen Abende, da die erste Morgendämmerung in dem Thale von Gschaid in Helle übergegangen war, ein dünner trokener Schleier über den ganzen Himmel gebreitet, so daß man die ohnedem schiefe und ferne Sonne im Südosten nur als einen undeutlichen rothen Flek sah, überdieß war an diesem Tage eine milde beinahe laulichte Luft unbeweglich im ganzen Thale und auch an dem Him¬ mel, wie die unveränderte und ruhige Gestalt der Wolken zeigte. Da sagte die Schustersfrau zu ihren Kindern: „Weil ein so angenehmer Tag ist, weil es so lange nicht geregnet hat, und die Wege fest sind, und weil es auch der Vater gestern unter der Bedin¬ gung erlaubt hat, wenn der heutige Tag dazu geeig¬ net ist, so dürft ihr zur Großmutter nach Mills¬ dorf gehen; aber ihr müßt den Vater noch vorher fragen.“ Die Kinder, welche noch in ihren Nachtkleidchen da standen, liefen in die Nebenstube, in welcher der Vater mit einem Kunden sprach, und bathen um die Wiederhohlung der gestrigen Erlaubniß, weil ein so schöner Tag sei. Sie wurde ihnen ertheilt, und sie liefen wieder zur Mutter zurük. Die Schustersfrau zog nun ihre Kinder vorsorglich an, oder eigentlich, sie zog das Mädchen mit dichten gut verwahrenden Kleidern an; denn der Knabe begann sich selber anzukleiden, und stand viel früher fertig da, als die Mutter mit dem Mädchen hatte ins Reine kommen können. Als sie dieses Geschäft vollendet hatte, sagte sie: „Konrad, gib wohl acht: weil ich dir das Mädchen mit gehen lasse, so müsset ihr bei Zeiten fort gehen, ihr müsset an keinem Plaze stehen bleiben, und wenn ihr bei der Großmutter gegessen habt, so müsset ihr gleich wieder umkehren. 3* und nach Hause trachten; denn die Tage sind jezt sehr kurz, und die Sonne geht gar bald unter.“ „Ich weiß es schon, Mutter,“ sagte Konrad. „Und siehe gut auf Sanna, daß sie nicht fällt, oder sich erhizt.“ „Ja Mutter.“ „So, Gott behüte euch, und geht noch zum Va¬ ter, und sagt, daß ihr jezt fortgehet.“ Der Knabe nahm eine von seinem Vater kunstvoll aus Kalbfällen genähte Tasche an einem Riemen um die Schulter, und die Kinder gingen in die Neben¬ stube, um dem Vater Lebewohl zu sagen. Aus dieser kamen sie bald heraus, und hüpften von der Mutter mit einem Kreuze besegnet fröhlich auf die Gasse. Sie gingen schleunig längs des Dorfplazes hinab, und dann durch die Häusergasse und endlich zwischen den Planken der Obstgärten in das Freie hinaus. Die Sonne stand schon über dem mit milchigen Wol¬ kenstreifen durchwobenen Wald der morgendlichen Anhöhen, und ihr trübes röthliches Bild schritt durch die laublosen Zweige der Holzäpfelbäume mit den Kindern fort. In dem ganzen Thale war kein Schnee, die größeren Berge, von denen er schon viele Wochen herab geglänzt hatte, waren damit bedekt, die klei¬ neren standen in dem Mantel ihrer Tannenwälder und im Fahlroth ihrer entblösten Zweige unbeschneit und ruhig da. Der Boden war noch nicht gefroren, und er wäre vermöge der vorhergegangenen langen regenlosen Zeit ganz troken gewesen, wenn ihn nicht die Jahreszeit mit einer zarten Feuchtigkeit überzogen hätte, die ihn aber nicht schlüpfrig sondern eher fest und widerprallend machte, daß sie leicht und gering darauf fortgingen. Das wenige Gras, welches noch auf den Wiesen und vorzüglich an den Wassergräben derselben war, stand in herbstlichem Ansehen. Es lag kein Reif und bei näherem Anblike nicht einmal ein Thau, was nach der Meinung der Landleute baldigen Regen bedeutet. Gegen die Grenzen der Wiesen zu war ein Ge¬ birgsbach, über welchen ein hoher Steg führte. Die Kinder gingen auf den Steg und schauten hinab. Im Bache war schier kein Wasser, ein dünner Faden von sehr stark blauer Farbe ging durch die trokenen Kiesel des Gerölles, die wegen Regenlosigkeit ganz weiß geworden waren, und sowohl die Wenigkeit als auch die Farbe des Wassers zeigten an, daß in den größeren Höhen schon Kälte herrschen müsse, die den Boden verschließe, daß er mit seiner Erde das Wasser nicht trübe, und die das Eis erhärte, daß es in seinem Innern nur wenige klare Tropfen abgeben könne. Von dem Stege liefen die Kinder durch die Gründe fort, und näherten sich immer mehr den Waldungen. Sie trafen endlich die Grenze des Holzes, und gingen in demselben weiter. Als sie in die höheren Wälder des Halses hinauf gekommen waren, zeigten sich die langen Furchen des Fahrweges nicht mehr weich, wie es unten im Thale der Fall gewesen war, sondern sie waren fest, und zwar nicht aus Trokenheit, sondern, wie die Kinder sich bald überzeugten, weil sie gefroren waren. An manchen Stellen waren sie so überfroren, daß sie die Körper der Kinder trugen. Nach der Natur der Kinder gingen sie nun nicht mehr auf dem glatten Pfade neben dem Fahrwege, sondern in den Gleisen, und versuchten, ob dieser oder jener Furchenaufwurf sie schon trage. Als sie nach Verlauf einer Stunde auf der Höhe des Halses angekommen waren, war der Boden bereits so hart, daß er klang, und Schollen wie Steine hatte. An der rothen Unglüksäule des Bekers bemerkte Sanna zuerst, daß sie heute gar nicht da stehe. Sie gingen zu dem Plaze hinzu, und sahen, daß der runde roth angestrichene Balken, der das Bild trug, in dem dürren Grase liege, das wie dünnes Stroh an der Stelle stand, und den Anblik der liegenden Säule verdekte. Sie sahen zwar nicht ein, warum die Säule liege, ob sie umgeworfen worden, oder ob sie von selber umgefallen sei, das sahen sie, daß sie an der Stelle, wo sie in die Erde ragte, sehr morsch war, und daß sie daher sehr leicht habe umfallen können; aber da sie einmal lag, so machte es ihnen Freude, daß sie das Bild und die Schrift so nahe betrachten konnten, wie es sonst nie der Fall gewesen war. Als sie alles — den Korb mit den Semmeln, die bleichen Hände des Bekers, seine geschlossenen Augen, seinen grauen Rok und die umstehenden Tannen — betrachtet hatten, als sie die Schrift gelesen und laut gesagt hatten, gingen sie wieder weiter. Abermal nach einer Stunde wichen die dunkeln Wälder zu beiden Seiten zurük, dünnstehende Bäume theils einzelne Eichen theils Birken und Gebüsch¬ gruppen empfingen sie, geleiteten sie weiter, und nach Kurzem liefen sie auf den Wiesen in das Millsdorfer Thal hinab. Obwohl dieses Thal bedeutend tiefer liegt als das von Gschaid, und auch um so viel wärmer war, daß man die Erndte immer um vierzehn Tage früher beginnen konnte als in Gschaid, so war doch auch hier der Boden gefroren, und als die Kinder bis zu den Loh- und Walkwerken des Großvaters gekommen waren, lagen auf dem Wege, auf den die Räder oft Tropfen heraus sprizten, schöne Eistäfelchen. Den Kindern ist das gewöhnlich ein sehr großes Ver¬ gnügen. Die Großmutter hatte sie kommen gesehen, war ihnen entgegen gegangen, nahm Sanna bei den er¬ frornen Händchen, und führte sie in die Stube. Sie nahm ihnen die wärmeren Kleider ab, sie ließ in dem Ofen nachlegen, und fragte sie, wie es ihnen im Herübergehen gegangen sei. Als sie hierauf die Antwort erhalten hatte, sagte sie: „Das ist schon recht, das ist gut, es freut mich gar sehr, daß ihr wieder gekommen seid; aber heute müßt ihr bald fort, der Tag ist kurz, und es wird auch kälter, am Morgen war es in Millsdorf nicht gefroren.“ „In Gschaid auch nicht,“ sagte der Knabe. „Siehst du, darum müßt ihr euch sputen, daß euch gegen Abend nicht zu kalt wird,“ antwortete die Großmutter. Hierauf fragte sie, was die Mutter mache, was der Vater mache, und ob nichts Besonderes in Gschaid geschehen sei. Nach diesen Fragen bekümmerte sie sich um das Essen, sorgte, daß es früher bereitet wurde als ge¬ wöhnlich, und richtete selber den Kindern kleine Leker¬ bissen zusammen, von denen sie wußte, daß sie eine Freude damit erregen würde. Dann wurde der Färber gerufen, die Kinder bekamen an dem Tische aufgedekt wie große Personen, und aßen nun mit Großvater und Großmutter, und die lezte legte ihnen hiebei besonders Gutes vor. Nach dem Essen streichelte sie Sannas unterdessen sehr roth gewordene Wangen. Hierauf ging sie geschäftig hin und her, und stekte das Kalbfellränzchen des Knaben voll, und stekte ihm noch allerlei in die Taschen. Auch in die Täschchen von Sanna that sie allerlei Dinge. Sie gab jedem ein Stük Brot, es auf dem Wege zu verzehren, und in dem Ränzchen, sagte sie, seien noch zwei Wei߬ brote, wenn etwa der Hunger zu groß würde. „Für die Mutter habe ich einen guten gebrannten Kaffeh mitgegeben,“ sagte sie, „und in dem Fläschchen, das zugestopft und gut verbunden ist, befindet sich auch ein schwarzer Kaffehaufguß, ein besserer, als die Mutter bei euch gewöhnlich macht, sie soll ihn nur kosten, wie er ist, er ist eine wahre Arznei, so kräftig, daß nur ein Schlükchen den Magen so wärmt, daß es den Körper in den kältesten Wintertagen nicht frieren kann. Die anderen Sachen die in der Schach¬ tel und in den Papieren im Ränzchen sind, bringt unversehrt nach Hause.“ Da sie noch ein Weilchen mit den Kindern geredet hatte, sagte sie, daß sie gehen sollten. „Habe acht, Sanna,“ sagte sie, „daß du nicht frierst, erhize dich nicht; und daß ihr nicht über die Wiesen hinauf und unter den Bäumen lauft. Etwa kömmt gegen Abend ein Wind, da müßt ihr lang¬ samer gehen. Grüsset Vater und Mutter, und sagt, sie sollen recht glükliche Feiertage haben.“ Die Großmutter küßte beide Kinder auf die Wan¬ gen, und schob sie durch die Thür hinaus. Nichts desto weniger ging sie aber auch selber mit, geleitete sie durch den Garten, ließ sie durch das Hinterpförtchen hinaus, schloß wieder, und ging in das Haus zurük. Die Kinder gingen an den Eistäfelchen neben den Werken des Großvaters vorbei, sie gingen durch die Millsdorfer Felder, und wendeten sich gegen die Wie¬ sen hinan. Als sie auf den Anhöhen gingen, wo, wie gesagt wurde, zerstreute Bäume und Gebüschgruppen stan¬ den, fielen äußerst langsam einzelne Schneefloken. „Siehst du, Sanna,“ sagte der Knabe, „ich habe es gleich gedacht, daß wir Schnee bekommen; weißt du, da wir von Hause weg gingen, sahen wir noch die Sonne, die so blutroth war wie eine Lampe bei dem heiligen Grabe, und jezt ist nichts mehr von ihr zu erbliken, und nur der graue Nebel ist über den Baumwipfeln oben. Das bedeutet allemal Schnee.“ Die Kinder gingen freudiger fort, und Sanna war recht froh, wenn sie mit dem dunkeln Ärmel ihres Rökchens eine der fallenden Floken auffangen konnte, und wenn dieselbe recht lange nicht auf dem Ärmel zerfloß. Als sie endlich an dem äußersten Rand der Millsdorfer Höhen angekommen waren, wo es gegen die dunkeln Tannen des Halses hinein geht, war die dichte Waldwand schon recht lieblich gespren¬ kelt von den immer reichlicher herab fallenden Floken. Sie gingen nunmehr in den diken Wald hinein, der den größten Theil ihrer noch bevorstehenden Wan¬ derung einnahm. Es geht von dem Waldrande noch immer auf¬ wärts, und zwar bis man zur rothen Unglüksäule kömmt, von wo sich, wie schon oben angedeutet wurde, der Weg gegen das Thal von Gschaid hinab wendet. Die Erhebung des Waldes von der Mills¬ dorferseite aus ist sogar so steil, daß der Weg nicht gerade hinan geht, sondern, daß er in sehr langen Abweichungen von Abend nach Morgen und von Morgen nach Abend hinan klimmt. An der ganzen Länge des Weges hinauf zur Säule und hinab bis zu den Wiesen von Gschaid sind hohe dichte ungelich¬ tete Waldbestände, und sie werden erst ein wenig dünner, wenn man in die Ebene gelangt ist und gegen die Wiesen des Thales von Gschaid hinaus kömmt. Der Hals ist auch, wenn er gleich nur eine kleine Verbindung zwischen zwei großen Gebirgshäuptern abgibt, doch selbst so groß, daß er in die Ebene ge¬ legt einen bedeutenden Gebirgsrüken abgeben würde. Das Erste, was die Kinder sahen, als sie die Waldung betraten, war, daß der gefrorne Boden sich grau zeigte, als ob er mit Mehl besät wäre, daß die Fahne manches dünnen Halmes des am Wege hin und zwischen den Bäumen stehenden dürren Grases mit Floken beschwert war, und daß auf den verschie¬ denen grünen Zweigen der Tannen und Fichten, die sich wie Hände öffneten, schon weiße Fläumchen saßen. „Schneit es denn jezt bei dem Vater zu Hause auch?“ fragte Sanna. „Freilich,“ antwortete der Knabe, „es wird auch kälter, und du wirst sehen, daß morgen der ganze Teich gefroren ist.“ „Ja, Konrad,“ sagte das Mädchen. Es verdoppelte beinahe seine kleinen Schritte, um mit denen des dahinschreitenden Knaben gleich bleiben zu können. Sie gingen nun rüstig in den Windungen fort, jezt von Abend nach Morgen, jezt von Morgen nach Abend. Der von der Großmutter vorausgesagte Wind stellte sich nicht ein, im Gegentheile war es so stille, daß sich nicht ein Ästchen oder Zweig rührte, ja sogar es schien im Walde wärmer, wie es in lokeren Kör¬ pern, dergleichen ein Wald auch ist, immer im Winter zu sein pflegt, und die Schneefloken fielen stets reich¬ licher, so daß der ganze Boden schon weiß war, daß der Wald sich grau zu bestäuben anfing, und daß auf dem Hute und den Kleidern des Knaben so wie auf denen des Mädchens der Schnee lag. Die Freude der Kinder war sehr groß. Sie traten auf den weichen Flaum, suchten mit dem Fuße absicht¬ lich solche Stellen, wo er dichter zu liegen schien, um dorthin zu treten, und sich den Anschein zu geben, als wateten sie bereits. Sie schüttelten den Schnee nicht von den Kleidern ab. Es war große Ruhe eingetreten. Von den Vö¬ geln, deren doch manche auch zuweilen im Winter in dem Walde hin und her fliegen, und von denen die Kinder im Herübergehen sogar mehrere zwitschern ge¬ hört hatten, war nichts zu vernehmen, sie sahen auch keine auf irgend einem Zweige sizen, oder fliegen, und der ganze Wald war gleichsam ausgestorben. Weil nur die bloßen Fußstapfen der Kinder hinter ihnen blieben, und weil vor ihnen der Schnee rein und unverlezt war, so war daraus zu erkennen daß sie die einzigen waren, die heute über den Hals gingen. Sie gingen in ihrer Richtung fort, sie näherten sich öfter den Bäumen, öfter entfernten sie sich, und wo dichtes Unterholz war, konnten sie den Schnee auf den Zweigen liegen sehen. Ihre Freude wuchs noch immer; denn die Floken fielen stets dichter, und nach kurzer Zeit brauchten sie nicht mehr den Schnee aufzusuchen, um in ihm zu waten; denn er lag schon so dicht, daß sie ihn überall weich unter den Sohlen empfanden, und daß er sich be¬ reits um ihre Schuhe zu legen begann; und wenn es so ruhig und heimlich war, so war es, als ob sie das Knistern des in die Nadeln herab fallenden Schnees vernehmen könnten. „Werden wir heute auch die Unglüksäule sehen?“ fragte das Mädchen, „sie ist ja umgefallen, und da wird es darauf schneien, und da wird die rothe Farbe weiß sein.“ „Darum können wir sie doch sehen,“ antwortete der Knabe, „wenn auch der Schnee auf sie fällt, und wenn sie auch weiß ist, so müssen wir sie liegen sehen, weil sie eine dike Säule ist, und weil sie das schwarze eiserne Kreuz auf der Spize hat, das doch immer her¬ aus ragen wird.“ „Ja Konrad.“ Indessen da sie noch weiter gegangen waren, war der Schneefall so dicht geworden, daß sie nur mehr die allernächsten Bäume sehen konnten. Von der Härte des Weges oder gar von Furchen¬ aufwerfungen war nichts zu empfinden, der Weg war vom Schnee überall gleich weich, und war überhaupt nur daran zu erkennen, daß er als ein gleichmäßiger weißer Streifen in dem Walde fort lief. Auf allen Zweigen lag schon die schöne weiße Hülle. Die Kinder gingen jezt mitten auf dem Wege, sie furchten den Schnee mit ihren Füßlein, und gin¬ gen langsamer, weil das Gehen beschwerlicher ward. Der Knabe zog seine Jake empor an dem Halse zu¬ sammen, damit ihm nicht der Schnee in den Naken falle, und er sezte den Hut tiefer in das Haupt, daß er geschüzter sei. Er zog auch seinem Schwesterlein das Tuch, das ihm die Mutter um die Schulter gegeben hatte, besser zusammen, und zog es ihm mehr vorwärts in die Stirne, daß es ein Dach bilde. Der von der Großmutter vorausgesagte Wind war noch immer nicht gekommen; aber dafür wurde der Schneefall nach und nach so dicht, daß auch nicht mehr die nächsten Bäume zu erkennen waren, sondern daß sie wie neblige Säke in der Luft standen. Die Kinder gingen fort. Sie dukten die Köpfe dichter in ihre Kleider, und gingen fort. Sanna nahm den Riemen, an welchem Konrad die Kalbfelltasche um die Schulter hängen hatte, mit den Händchen, hielt sich daran, und so gingen sie ihres Weges. Die Unglüksäule hatten sie noch immer nicht erreicht. Der Knabe konnte die Zeit nicht ermessen, weil keine Sonne am Himmel stand, und weil es immer gleichmäßig grau war. „Werden wir bald zu der Unglüksäule kommen?“ fragte Sanna. „Ich weiß es nicht,“ antwortete der Knabe, „ich kann heute die Bäume nicht sehen, und den Weg nicht erkennen, weil er so weiß ist. Die Unglüksäule werden wir wohl gar nicht sehen, weil so viel Schnee liegen wird, daß sie verhüllt sein wird, und daß kaum ein Gräschen oder ein Arm des schwarzen Kreuzes hervor ragen wird. Aber es macht nichts. Wir gehen immer auf dem Wege fort, der Weg geht zwischen den Bäumen, und wenn er zu dem Plaze der Un¬ glüksäule kömmt, dann wird er abwärts gehen, wir gehen auf ihm fort, und wenn er aus den Bäumen hinaus geht, dann sind wir schon auf den Wiesen von Gschaid, dann kömmt der Steg, und dann haben wir nicht mehr weit nach Hause. „Ja Konrad,“ sagte das Mädchen. Sie gingen auf ihrem aufwärtsführenden Wege fort. Die hinter ihnen liegenden Fußstapfen waren jezt nicht mehr lange sichtbar; denn die ungemeine Fülle des herabfallenden Schnees dekte sie bald zu, daß sie verschwanden. Der Schnee knisterte in seinem Falle nun auch nicht mehr in den Nadeln, sondern legte sich eilig und heimlich auf die weiße schon da¬ liegende Deke nieder. Die Kinder nahmen die Kleider noch fester, um das immerwährende allseitige Hin¬ einrieseln abzuhalten. Sie gingen sehr schleunig, und der Weg führte noch stets aufwärts. Nach langer Zeit war noch immer die Höhe nicht erreicht, auf welcher die Unglüksäule stehen sollte, und von wo der Weg gegen die Gschaider Seite sich hinunter wenden mußte. Endlich kamen die Kinder in eine Gegend, in welcher keine Bäume standen. Stifter, Jugendschriften. II. 4 „Ich sehe keine Bäume mehr,“ sagte Sanna. „Vielleicht ist nur der Weg so breit, daß wir sie wegen des Schneiens nicht sehen können,“ antwortete der Knabe. „Ja, Konrad,“ sagte das Mädchen. Nach einer Weile blieb der Knabe stehen, und sagte: „Ich sehe selber keine Bäume mehr, wir müs¬ sen aus dem Walde gekommen sein, auch geht der Weg immer bergan. Wir wollen ein wenig stehen bleiben, und herum sehen, vielleicht erbliken wir etwas.“ Aber sie erblikten nichts. Sie sahen durch einen trüben Raum in den Himmel. Wie bei dem Hagel über die weißen oder grünlich gedunsenen Wolken die finsteren fransenartigen Streifen herabstarren, so war es hier, und das stumme Schütten dauerte fort. Auf der Erde sahen sie nur einen runden Flek Weiß und dann nichts mehr. „Weißt du Sanna,“ sagte der Knabe, „wir sind auf dem dürren Grase, auf welches ich dich oft im Sommer herauf geführt habe, wo wir saßen, und wo wir den Rasen betrachteten, der nach einander hinauf geht, und wo die schönen Kräuterbüschel wachsen. Wir werden da jezt gleich rechts hinab gehen!“ „Ja Konrad.“ „Der Tag ist kurz, wie die Großmutter gesagt hat, und wie du auch wissen wirst, wir müssen uns daher sputen.“ „Ja Konrad,“ sagte das Mädchen. „Warte ein wenig, ich will dich besser einrichten,“ erwiederte der Knabe. Er nahm seinen Hut ab, sezte ihn Sanna auf das Haupt, und befestigte ihn mit den beiden Bänd¬ chen unter ihrem Kinne. Das Tüchlein, welches sie um hatte, schüzte sie zu wenig, während auf seinem Haupte eine solche Menge dichter Loken war, daß noch lange Schnee darauf fallen konnte, ehe Nässe und Kälte durchzudringen vermochten. Dann zog er sein Pelzjäkchen aus, und zog dasselbe über die Är¬ melein der Schwester. Um seine eigenen Schultern und Arme, die jezt das blosse Hemd zeigten, band er das kleinere Tüchlein, das Sanna über die Brust, und das größere, das sie über die Schultern gehabt hatte. Das sei für ihn genug, dachte er, wenn er nur stark auftrete, werde ihn nicht frieren. Er nahm das Mädchen bei der Hand, und so gingen sie jezt fort. Das Mädchen schaute mit den willigen Äuglein in das ringsum herrschende Grau, und folgte ihm gerne, nur daß es mit den kleinen eilenden Füßlein 4 * nicht so nachkommen konnte, wie er vorwärts strebte gleich einem, der es zur Entscheidung bringen wollte. Sie gingen nun mit der Unablässigkeit und Kraft, die Kinder und Thiere haben, weil sie nicht wissen, wie viel ihnen beschieden ist, und wann ihr Vorrath erschöpft ist. Aber wie sie gingen, so konnten sie nicht merken, ob sie über den Berg hinabkämen oder nicht. Sie hatten gleich rechts nach abwärts gebogen, allein sie kamen wieder in Richtungen, die bergan führten, bergab und wieder bergan. Oft begegneten ihnen Steilheiten, denen sie ausweichen mußten, und ein Graben, in dem sie fortgingen, führte sie in einer Krümmung herum. Sie erklommen Höhen, die sich unter ihren Füssen steiler gestalteten, als sie dachten, und was sie für abwärts hielten, war wieder eben, oder es war eine Höhlung, oder es ging immer gedehnt fort. „Wo sind wir denn, Konrad?“ fragte das Mädchen. „Ich weiß es nicht,“ antwortete er. „Wenn ich nur mit diesen meinen Augen etwas zu erbliken im Stande wäre,“ fuhr er fort, „daß ich mich darnach richten könnte.“ Aber es war rings um sie nichts als das blen¬ dende Weiß, überall das Weiß, das aber selber nur einen immer kleineren Kreis um sie zog, und dann in einen lichten streifenweise niederfallenden Nebel über¬ ging, der jedes Weitere verzehrte, und verhüllte, und zulezt nichts anderes war als der unersättlich nieder¬ fallende Schnee. „Warte Sanna,“ sagte der Knabe, „wir wollen ein wenig stehen bleiben, und horchen, ob wir nicht etwas hören können, was sich im Thale meldet, sei es nun ein Hund oder eine Gloke oder die Mühle oder sei es ein Ruf, der sich hören läßt, hören müssen wir etwas, und dann werden wir wissen, wohin wir zu gehen haben.“ Sie blieben nun stehen, aber sie hörten nichts. Sie blieben noch ein wenig länger stehen, aber es meldete sich nichts, es war nicht ein einziger Laut auch nicht der leiseste außer ihrem Athem zu vernehmen, ja in der Stille, die herrschte, war es, als sollten sie den Schnee hören, der auf ihre Wimpern fiel. Die Voraussage der Großmutter hatte sich noch immer nicht erfüllt, der Wind war nicht gekommen, ja was in diesen Gegenden selten ist, nicht das leiseste Lüftchen rührte sich an dem ganzen Himmel. Nachdem sie lange gewartet hatten, gingen sie wieder fort. „Es thut auch nichts, Sanna,“ sagte der Knabe, „sei nur nicht verzagt, folge mir, ich werde dich doch noch hinüber führen. — Wenn nur das Schneien aufhörte!“ Sie war nicht verzagt, sondern hob die Füßchen, so gut es gehen wollte, und folgte ihm. Er führte sie in dem weißen lichten regsamen undurchsichtigen Raume fort. Nach einer Weile sahen sie Felsen. Sie hoben sich dunkel und undeutlich aus dem weißen und undurch¬ sichtigen Lichte empor. Da die Kinder sich näherten, stießen sie fast daran. Sie stiegen wie eine Mauer hinauf, und waren ganz gerade, so daß kaum ein Schnee an ihrer Seite haften konnte. „Sanna, Sanna,“ sagte er, „da sind die Felsen, gehen wir nur weiter, gehen wir weiter.“ Sie gingen weiter, sie mußten zwischen die Felsen hinein, und unter ihnen fort. Die Felsen ließen sie nicht rechts und nicht links ausweichen, und führten sie in einem engen Wege dahin. Nach einer Zeit verlo¬ ren sie dieselben wieder und konnten sie nicht mehr erbliken. So wie sie unversehens unter sie gekommen waren, kamen sie wieder unversehens von ihnen. Es war wieder nichts um sie als das Weiß, und ringsum war kein unterbrechendes Dunkel zu schauen. Es schien eine große Lichtfülle zu sein, und doch konnte man nicht drei Schritte vor sich sehen; alles war, wenn man so sagen darf, in eine einzige weiße Finster¬ niß gehüllt, und weil kein Schatten war, so war kein Urtheil über die Größe der Dinge, und die Kinder konnten nicht wissen, ob sie aufwärts oder abwärts gehen würden, bis eine Steilheit ihren Fuß faßte, und ihn aufwärts zu gehen zwang. „Mir thun die Augen weh,“ sagte Sanna. „Schaue nicht auf den Schnee,“ antwortete der Knabe, „sondern in die Wolken. Mir thun sie schon lange weh; aber es thut nichts, ich muß doch auf den Schnee schauen, weil ich auf den Weg zu achten habe. Fürchte dich nur nicht, ich führe dich doch hinunter ins Gschaid.“ „Ja, Konrad.“ Sie gingen wieder fort; aber wie sie auch gehen mochten, wie sie sich auch wenden mochten, es wollte kein Anfang zum Hinabwärtsgehen kommen. An beiden Seiten waren steile Dachlehnen nach aufwärts, mitten gingen sie fort, aber auch immer aufwärts. Wenn sie den Dachlehnen entrannen, und sie nach ab¬ wärts beugten, wurde es gleich so steil, daß sie wieder umkehren mußten, die Füßlein stießen oft auf Uneben¬ heiten, und sie mußten häufig Büheln ausweichen. Sie merkten auch, daß ihr Fuß, wo er tiefer durch den jungen Schnee einsank, nicht erdigen Boden unter sich empfand, sondern etwas anderes, das wie älterer gefrorner Schnee war; aber sie gingen immer fort, und sie liefen mit Hast und Ausdauer. Wenn sie stehen blie¬ ben, war alles still, unermeßlich still; wenn sie gingen, hörten sie das Rascheln ihrer Füße, sonst nichts; denn die Hüllen des Himmels sanken ohne Laut hernieder, und so reich, daß man den Schnee hätte wachsen sehen können. Sie selber waren so bedekt, daß sie sich von dem allgemeinen Weiß nicht hervor hoben, und sich, wenn sie um ein par Schritte getrennt worden wären, nicht mehr gesehen hätten. Eine Wohlthat war es, daß der Schnee so troken war wie Sand, so daß er von ihren Füßen und den Bundschühlein und Strümpfen daran leicht abglitt und abrieselte, ohne Ballen und Nässe zu machen. Endlich gelangten sie wieder zu Gegenständen. Es waren riesenhaft große sehr durch einander liegende Trümmer, die mit Schnee bedekt waren, der überall in die Klüfte hinein rieselte, und an die sie sich ebenfalls fast anstießen, ehe sie sie sahen. Sie gingen ganz hinzu, die Dinge anzubliken. Es war Eis — lauter Eis. Es lagen Platten da, die mit Schnee bedekt wa¬ ren, an deren Seitenwänden aber das glatte grünliche Eis sichtbar war, es lagen Hügel da, die wie zusam¬ mengeschobener Schaum aussahen, an deren Seiten es aber matt nach einwärts flimmerte und glänzte, als wären Balken und Stangen von Edelsteinen durch einander geworfen worden, es lagen ferner gerundete Kugeln da, die ganz mit Schnee umhüllt waren, es standen Platten und andere Körper auch schief oder gerade aufwärts so hoch wie der Kirchthurm in Gschaid oder wie Häuser. In einigen waren Höhlen einge¬ fressen, durch die man mit einem Arme durchfahren konnte, mit einem Kopfe, mit einem Körper, mit einem ganzen großen Wagen voll Heu. Alle diese Stüke waren zusammen oder empor gedrängt, und starrten, so daß sie oft Dächer bildeten, oder Über¬ hänge, über deren Ränder sich der Schnee herüber legte, und herab grif wie lange weiße Tazen. Selbst ein großer schrekhaft schwarzer Stein, wie ein Haus, lag unter dem Eise, und war empor gestellt, daß er auf der Spize stand, daß kein Schnee an seinen Seiten liegen bleiben konnte. Und nicht dieser Stein allein — noch mehrere und größere staken in dem Eise, die man erst später sah, und die wie eine Trüm¬ mermauer an ihm hingingen. „Da muß recht viel Wasser gewesen sein, weil so viel Eis ist,“ sagte Sanna. „Nein, das ist von keinem Wasser,“ antwortete der Bruder, „das ist das Eis des Berges, das immer oben ist, weil es so eingerichtet ist.“ „Ja Konrad,“ sagte Sanna. „Wir sind jezt bis zu dem Eise gekommen,“ sagte der Knabe, „wir sind auf dem Berge, Sanna, weißt du, den man von unserm Garten aus im Sonnen¬ scheine so weiß sieht. Merke gut auf, was ich dir sagen werde. Erinnerst du dich noch, wie wir oft nachmittags in dem Garten saßen, wie es recht schön war, wie die Bienen um uns summten, die Linden dufteten, und die Sonne von dem Himmel schien?“ „Ja, Konrad,“ ich erinnere mich. „Da sahen wir auch den Berg. Wir sahen wie er so blau war, so blau, wie das sanfte Firmament, wir sahen den Schnee, der oben ist, wenn auch bei uns Sommer war, eine Hize herrschte, und die Ge¬ treide reif wurden.“ „Ja Konrad.“ „Und unten wo der Schnee aufhört, da sieht man allerlei Farben, wenn man genau schaut, grün, blau, weißlich — das ist das Eis, das unten nur so klein ausschaut, weil man sehr weit entfernt ist, und das, wie der Vater sagte, nicht weggeht bis an das Ende der Welt. Und da habe ich oft gesehen, daß unterhalb des Eises die blaue Farbe noch fort geht, das werden Steine sein, dachte ich, oder es wird Erde und Weide¬ grund sein, und dann fangen die Wälder an, die gehen herab und immer weiter herab, man sieht auch allerlei Felsen in ihnen, dann folgen die Wiesen, die schon grün sind, und dann die grünen Laubwälder, und dann kommen unsere Wiesen und Felder, die in dem Thale von Gschaid sind. Siehst du nun Sanna, weil wir jezt bei dem Eise sind, so werden wir über die blaue Farbe hinab gehen, dann durch die Wälder, in denen die Felsen sind, dann über die Wiesen, und dann durch die grünen Laubwälder, und dann werden wir in dem Thale von Gschaid sein, und recht leicht unser Dorf finden.“ „Ja Konrad,“ sagte das Mädchen. Die Kinder gingen nun in das Eis hinein, wo es zugänglich war. Sie waren winzigkleine wandelnde Punkte in die¬ sen ungeheuern Stüken. Wie sie so unter die Überhänge hinein sahen, gleichsam als gäbe ihnen ein Trieb ein, ein Obdach zu suchen, gelangten sie in einen Graben, in einen breiten tiefgefurchten Graben, der gerade aus dem Eise hervor ging. Er sah aus wie das Bett eines Stromes, der aber jezt ausgetroknet, und überall mit frischem Schnee bedekt war. Wo er aus dem Eise hervorkam, ging er gerade unter einem Kellergewölbe heraus, das recht schön aus Eis über ihn gespannt war. Die Kinder gingen in dem Graben fort, und gingen in das Gewölbe hinein, und immer tiefer hin¬ ein. Es war ganz troken, und unter ihren Füßen hatten sie glattes Eis. In der ganzen Höhlung aber war es blau, so blau, wie gar nichts in der Welt ist, viel tiefer und viel schöner blau, als das Firmament, gleichsam wie himmelblau gefärbtes Glas, durch welches lichter Schein hinein sinkt. Es waren dikere und dünnere Bogen, es hingen Zaken Spizen und Troddeln herab, der Gang wäre noch tiefer zurükge¬ gangen, sie wußten nicht wie tief, aber sie gingen nicht mehr weiter. Es wäre auch sehr gut in der Höhle gewesen, es war warm, es fiel kein Schnee, aber es war so schrekhaft blau, die Kinder fürchteten sich, und gingen wieder hinaus. Sie gingen eine Weile in dem Graben fort, und kletterten dann über seinen Rand hinaus. Sie gingen an dem Eise hin, so fern es möglich war, durch das Getrümmer und zwischen den Platten durchzudringen. „Wir werden jezt da noch hinüber gehen, und dann von dem Eise abwärts laufen,“ sagte Konrad. „Ja,“ sagte Sanna, und klammerte sich an ihn an. Sie schlugen von dem Eise eine Richtung durch den Schnee abwärts ein, die sie in das Thal führen sollte. Aber sie kamen nicht weit hinab. Ein neuer Strom von Eis, gleichsam ein riesenhaft aufge¬ thürmter und aufgewölbter Wall lag quer durch den weichen Schnee, und grif gleichsam mit Armen rechts und links um sie herum. Unter der weißen Deke, die ihn verhüllte, glimmerte es seitwärts grünlich und bläulich und dunkel und schwarz und selbst gelblich und röthlich heraus. Sie konnten es nun auf weitere Streken sehen, weil das ungeheure und unermüdliche Schneien sich gemildert hatte, und nur mehr wie an gewöhnlichen Schneetagen vom Himmel fiel. Mit dem Starkmuthe der Unwissenheit kletterten sie in das Eis hinein, um den vorgeschobenen Strom desselben zu überschreiten, und dann jenseits weiter hinab zu kommen. Sie schoben sich in die Zwischenräume hin¬ ein, sie sezten den Fuß auf jedes Körperstük, das mit einer weißen Schneehaube versehen war, war es Fels oder Eis, sie nahmen die Hände zur Hilfe, krochen, wo sie nicht gehen konnten, und arbeiteten sich mit ihren leichten Körpern hinauf, bis sie die Seite des Walles überwunden hatten, und oben waren. Jenseits wollten sie wieder hinabklettern. Aber es gab kein Jenseits. So weit die Augen der Kinder reichen konnten, war lauter Eis. Es standen Spizen und Unebenhei¬ ten und Schollen empor wie lauter furchtbares über¬ schneites Eis. Statt ein Wall zu sein, über den man hinüber gehen könnte, und der dann wieder von Schnee abgelöst würde, wie sie sich unten dachten, stiegen aus der Wölbung neue Wände von Eis em¬ por, geborsten und geklüftet, mit unzähligen blauen geschlängelten Linien versehen, und hinter ihnen waren wieder solche Wände, und hinter diesen wieder solche, bis der Schneefall das Weitere mit seinem Grau verdekte. „Sanna, da können wir nicht gehen,“ sagte der Knabe. „Nein,“ antwortete die Schwester. „Da werden wir wieder umkehren, und anderswo hinab zu kommen suchen.“ „Ja Konrad.“ Die Kinder versuchten nun von dem Eiswalle wieder da hinab zu kommen, wo sie hinauf geklettert waren, aber sie kamen nicht hinab. Es war lauter Eis, als hätten sie die Richtung, in der sie gekommen waren, verfehlt. Sie wandten sich hierhin und dorthin, und konnten aus dem Eise nicht heraus kommen, als wären sie von ihm umschlungen. Sie kletterten abwärts, und kamen wieder in Eis. Endlich da der Knabe die Richtung immer verfolgte, in der sie nach seiner Meinung gekommen waren, gelangten sie in zerstreutere Trümmer, aber sie waren auch größer und furchtbarer, wie sie gerne am Rande des Eises zu sein pflegen, und die Kinder gelangten kriechend und kletternd hinaus. An dem Eisessaume waren ungeheure Steine, sie waren gehäuft, wie sie die Kinder ihr Leben lang nicht gesehen hatten. Viele waren in Weiß gehüllt, viele zeigten die unteren schie¬ fen Wände sehr glatt und fein geschliffen, als wären sie darauf geschoben worden, viele waren wie Hütten und Dächer gegen einander gestellt, viele lagen auf einander wie ungeschlachte Knollen. Nicht weit von dem Standorte der Kinder standen mehrere mit den Köpfen gegen einander gelehnt, und über sie lagen breite gelagerte Blöke wie ein Dach. Es war ein Häuschen, das gebildet war, das gegen vorne offen, rükwärts und an den Seiten aber geschüzt war. Im Innern war es troken, da der steilrechte Schneefall keine einzige Floke hinein getragen hatte. Die Kinder waren recht froh, daß sie nicht mehr in dem Eise waren, und auf ihrer Erde standen. Aber es war auch endlich finster geworden. „Sanna,“ sagte der Knabe, „wir können nicht mehr hinab gehen, weil es Nacht geworden ist, und weil wir fallen, oder gar in eine Grube gerathen könnten. Wir werden da unter die Steine hinein gehen, wo es so troken und so warm ist, und da werden wir warten. Die Sonne geht bald wieder auf, dann laufen wir hinunter. Weine nicht, ich bitte dich recht schön, weine nicht, ich gebe dir alle Dinge zu essen, welche uns die Großmutter mitgegeben hat.“ Sie weinte auch nicht, sondern nachdem sie beide unter das steinerne Überdach hinein gegangen waren, wo sie nicht nur bequem sizen, sondern auch stehen, und herumgehen konnten, sezte sie sich recht dicht an ihn, und war mäuschenstille. „Die Mutter,“ sagte Konrad, „wird nicht böse sein, wir werden ihr von dem vielen Schnee erzählen, der uns aufgehalten hat, und sie wird nichts sagen; der Vater auch nicht. Wenn uns kalt wird — weißt du — dann mußt du mit den Händen an deinen Leib schlagen, wie die Holzhauer gethan haben, und dann wird dir wärmer werden.“ „Ja Konrad,“ sagte das Mädchen. Sanna war nicht gar so untröstlich, daß sie heute nicht mehr über den Berg hinab gingen, und nach Hause liefen, wie er etwa glauben mochte; denn die unermeßliche Anstrengung, von der die Kinder nicht einmal gewußt hatten, wie groß sie gewesen sei, ließ ihnen das Sizen süß unsäglich süß erscheinen, und sie gaben sich hin. Jezt machte sich aber auch der Hunger gelten. Beide nahmen fast zu gleicher Zeit ihre Brode aus den Taschen, und aßen sie. Sie aßen auch die Dinge — kleine Stükchen Kuchen Mandeln und Nüsse und andere Kleinigkeiten — die die Großmutter ihnen in die Tasche gestekt hatte. „Sanna, jezt müssen wir aber auch den Schnee von unsern Kleidern thun,“ sagte der Knabe, „daß wir nicht naß werden.“ „Ja, Konrad,“ erwiederte Sanna. Die Kinder gingen aus ihrem Häuschen, und zuerst reinigte Konrad das Schwesterlein von Schnee. Er nahm die Kleiderzipfel, schüttelte sie, nahm ihr den Hut ab, den er ihr aufgesezt hatte, entleerte ihn von Schnee, und was noch zurük geblieben war, das stäubte er mit einem Tuche ab. Dann entledigte er auch sich, so gut es ging, des auf ihm liegenden Schnees. Der Schneefall hatte zu dieser Stunde ganz auf¬ gehört. Die Kinder spürten keine Floke. Sie gingen wieder in die Steinhütte. und sezten Stifter, Jugendschriften, II . 5 sich nieder. Das Aufstehen hatte ihnen ihre Müdig¬ keit erst recht gezeigt, und sie freuten sich auf das Sizen. Konrad legte die Tasche aus Kalbfell ab. Er nahm das Tuch heraus, in welches die Großmutter eine Schachtel und mehrere Papierpäkchen gewikelt hatte, und that es zu größerer Wärme um seine Schultern. Auch die zwei Weisbrode nahm er aus dem Ränzchen, und reichte sie beide an Sanna: Das Kind aß begierig. Es aß eines der Brode und von dem zweiten auch noch einen Theil. Den Rest reichte es aber Konrad, da es sah, daß er nicht aß. Er nahm es, und verzehrte es. Von da an saßen die Kinder, und schauten. So weit sie in der Dämmerung zu sehen vermoch¬ ten, lag überall der flimmernde Schnee hinab, dessen einzelne winzige Täfelchen hie und da in der Finster¬ niß seltsam zu funkeln begannen, als hätte er bei Tag das Licht eingesogen, und gäbe es jezt von sich. Die Nacht brach mit der in großen Höhen ge¬ wöhnlichen Schnelligkeit herein. Bald war es rings¬ herum finster, nur der Schnee fuhr fort, mit seinem bleichen Lichte zu leuchten. Der Schneefall hatte nicht nur aufgehört, sondern der Schleier an dem Himmel fing auch an, sich zu verdünnen, und zu vertheilen; denn die Kinder sahen ein Sternlein blizen. Weil der Schnee wirklich gleichsam ein Licht von sich gab, und weil von den Wolken kein Schleier mehr herab hing, so konnten die Kinder von ihrer Höhle aus die Schnee¬ hügel sehen, wie sie sich in Linien von dem dun¬ keln Himmel abschnitten. Weil es in der Höhle viel wärmer war, als es an jedem andern Plaze im ganzen Tage gewesen war, so ruhten die Kinder enge aneinan¬ der sizend, und vergaßen sogar die Finsterniß zu fürch¬ ten. Bald vermehrten sich auch die Sterne, jezt kam hier einer zum Vorscheine jezt dort, bis es schien, als wäre am ganzen Himmel keine Wolke mehr. Das war der Zeitpunkt, in welchem man in den Thälern die Lichter anzuzünden pflegt. Zuerst wird eines angezündet und auf den Tisch gestellt, um die Stube zu erleuchten, oder es brennt auch nur ein Span, oder es brennt das Feuer auf der Leuchte, und es erhellen sich alle Fenster von bewohnten Stuben, und glänzen in die Schneenacht hinaus — aber heute erst — am heiligen Abende — da wurden viel meh¬ rere angezündet, um die Gaben zu beleuchten, welche für die Kinder auf den Tischen lagen, oder an den Bäumen hingen, es wurden wohl unzählige ange¬ zündet; denn beinahe in jedem Hause in jeder Hütte jedem Zimmer war eines oder mehrere Kinder, denen der heilige Christ etwas gebracht hatte, und wozu man Lichter stellen mußte. Der Knabe hatte geglaubt, 5* daß man sehr bald von dem Berge hinab kommen könne, und doch, von den vielen Lichtern, die heute in dem Thale brannten, kam nicht ein einziges zu ihnen herauf; sie sahen nichts als den blassen Schnee und den dunkeln Himmel, alles andere war ihnen in die unsichtbare Ferne hinab gerükt. In allen Thälern bekamen die Kinder in dieser Stunde die Geschenke des heiligen Christ: nur die zwei sassen oben am Rande des Eises, und die vorzüglichsten Geschenke, die sie heute hätten bekommen sollen, lagen in versie¬ gelten Päkchen in der Kalbfelltasche im Hintergrunde der Höhle. Die Schneewolken waren ringsum hinter die Berge hinab gesunken, und ein ganz dunkelblaues fast schwarzes Gewölbe spannte sich um die Kinder voll von dichten brennenden Sternen, und mitten durch diese Sterne war ein schimmerndes breites milchiges Band gewoben, das sie wohl auch unten im Thale aber nie so deutlich gesehen hatten. Die Nacht rükte vor. Die Kinder wußten nicht, daß die Sterne gegen Westen rüken und weiter wandeln, sonst hätten sie an ihrem Vorschreiten den Stand der Nacht erkennen können; aber es kamen neue und gingen die alten, sie aber glaubten, es seien immer dieselben. Es wurde von dem Scheine der Sterne auch lichter um die Kin¬ der; aber sie sahen kein Thal keine Gegend, sondern überall nur Weiß — lauter Weiß. Blos ein dunkles Horn ein dunkles Haupt ein dunkler Arm wurde sicht¬ bar, und ragte dort und hier aus dem Schimmer empor. Der Mond war nirgends am Himmel zu erbliken, vielleicht war er schon frühe mit der Sonne untergegangen, oder er ist noch nicht erschienen. Als eine lange Zeit vergangen war, sagte der Knabe: „Sanna, du mußt nicht schlafen; denn weißt du, wie der Vater gesagt hat, wenn man im Gebirge schläft, muß man erfrieren, so wie der alte Eschen¬ jäger auch geschlafen hat, und vier Monate todt auf dem Steine gesessen ist, ohne daß jemand gewußt hatte, wo er sei.“ „Nein, ich werde nicht schlafen,“ sagte das Mäd¬ chen matt. Konrad hatte es an dem Zipfel des Kleides ge¬ schüttelt, um es zu jenen Worten zu erweken. Nun war es wieder stille. Nach einer Zeit empfand der Knabe ein sanftes Drüken gegen seinen Arm, das immer schwerer wurde. Sanna war eingeschlafen, und war gegen ihn herüber gesunken. „Sanna, schlafe nicht, ich bitte dich, schlafe nicht,“ sagte er. „Nein,“ lallte sie schlaftrunken, „ich schlafe nicht.“ Er rükte weiter von ihr, um sie in Bewegung zu bringen, allein sie sank um, und hätte auf der Erde liegend fortgeschlafen. Er nahm sie an der Schulter, und rüttelte sie. Da er sich dabei selber etwas stärker bewegte, merkte er, daß ihn friere, und daß sein Arm schwerer sei. Er erschrak, und sprang auf. Er ergrif die Schwester, schüttelte sie stärker, und sagte: „Sanna, stehe ein wenig auf, wir wollen eine Zeit stehen, daß es besser wird.“ „Mich friert nicht, Konrad,“ antwortete sie. „Ja, ja, es friert dich, Sanna, stehe auf,“ rief er. „Die Pelzjake ist warm,“ sagte sie. „Ich werde dir empor helfen,“ sagte er. „Nein,“ erwiederte sie, und war stille. Da fiel dem Knaben etwas anderes ein. Die Großmutter hatte gesagt: Nur ein Schlükchen wärmt den Magen so, daß es den Körper in den kältesten Wintertagen nicht frieren kann. Er nahm das Kalbfellränzchen, öffnete es, und grif so lange, bis er das Fläschchen fand, in welchem die Großmutter der Mutter einen schwarzen Kaffeh¬ absud schiken wollte. Er nahm das Fläschchen heraus, that den Verband weg, und öffnete mit Anstrengung den Kork. Dann bükte er sich zu Sanna, und sagte: „Da ist der Kaffeh, den die Großmutter der Mutter schikt, koste ihn ein wenig, er wird dir warm machen. Die Mutter gibt ihn uns, wenn sie nur weiß, wozu wir ihn nöthig gehabt haben.“ Das Mädchen, dessen Natur zur Ruhe zog, ant¬ wortete: „Mich friert nicht.“ „Nimm nur etwas,“ sagte der Knabe, „dann darfst du schlafen.“ Diese Aussicht verlokte Sanna, sie bewältigte sich so weit, daß sie das fast eingegossene Getränk ver¬ schlukte. Hierauf trank der Knabe auch etwas. Der ungemein starke Auszug wirkte sogleich, und zwar um so heftiger, da die Kinder in ihrem Leben keinen Kaffeh gekostet hatten. Statt zu schlafen, wurde Sanna nun lebhafter, und sagte selber, daß sie friere, daß es aber von innen recht warm sei, und auch schon so in die Hände und Füsse gehe. Die Kinder redeten sogar eine Weile mit einander. So tranken sie troz der Bitterkeit immer wieder von dem Getränke, sobald die Wirkung nachzulassen begann, und steigerten ihre unschuldigen Nerven zu einem Fieber, das im Stande war, den zum Schlum¬ mer ziehenden Gewichten entgegen zu wirken. Es war nun Mitternacht gekommen. Weil sie noch so jung waren, und an jedem heiligen Abende in höchstem Drange der Freude stets erst sehr spät entschlummerten, wenn sie nehmlich der körperliche Drang übermannt hatte, so hatten sie nie das mitternächtliche Läuten der Gloken, nie die Orgel der Kirche gehört, wenn das Fest gefeiert wurde, obwohl sie nahe an der Kirche wohnten. In diesem Augenblike der heutigen Nacht wurde nun mit allen Gloken geläutet, es läuteten die Gloken in Millsdorf, es läuteten die Gloken in Gschaid, und hinter dem Berge war noch ein Kirchlein mit drei hellen klingenden Gloken die läuteten. In den fernen Ländern draußen waren unzählige Kirchen und Gloken, und mit allen wurde zu dieser Zeit ge¬ läutet, von Dorf zu Dorf ging die Tonwelle, ja man konnte wohl zuweilen von einem Dorfe zum andern durch die blätterlosen Zweige das Läuten hören: nur zu den Kindern herauf kam kein Laut, hier wurde nichts vernommen; denn hier war nichts zu verkün¬ digen. In den Thalkrümmen gingen jezt an den Berghängen die Lichter der Laternen hin, und von manchem Hofe tönte das Hausglöklein, um die Leute zu erinnern; aber dieses konnte um so weniger herauf gesehen und gehört werden, es glänzten nur die Sterne, und sie leuchteten und funkelten ruhig fort. Wenn auch Konrad sich das Schiksal des erfrornen Eschenjägers vor Augen hielt, wenn auch die Kinder das Fläschchen mit dem schwarzen Kaffeh fast ausgeleert hatten, wodurch sie ihr Blut zu größerer Thätigkeit brachten, aber gerade dadurch eine folgende Ermat¬ tung herbei zogen: so würden sie den Schlaf nicht haben überwinden können, dessen verführende Süssig¬ keit alle Gründe überwiegt, wenn nicht die Natur in ihrer Größe ihnen beigestanden wäre, und in ihrem Innern eine Kraft aufgerufen hätte, welche im Stande war, dem Schlafe zu widerstehen. In der ungeheueren Stille, die herrschte, in der Stille, in der sich kein Schneespizchen zu rühren schien, hörten die Kinder dreimal das Krachen des Eises. Was das Starrste scheint, und doch das Regsamste und Lebendigste ist, der Gletscher, hatte die Töne her¬ vorgebracht. Dreimal hörten sie hinter sich den Schall, der entsezlich war, als ob die Erde entzwei gesprungen wäre, der sich nach allen Richtungen im Eise verbrei¬ tete, und gleichsam durch alle Aderchen des Eises lief. Die Kinder blieben mit offenen Augen sizen, und schauten in die Sterne hinaus. Auch für die Augen begann sich etwas zu entwi¬ keln. Wie die Kinder so saßen, erblühte am Himmel vor ihnen ein bleiches Licht mitten unter den Sternen, und spannte einen schwachen Bogen durch dieselben. Es hatte einen grünlichen Schimmer, der sich sachte nach unten zog. Aber der Bogen wurde immer heller und heller, bis sich die Sterne vor ihm zurük zogen, und erblaßten. Auch in andere Gegenden des Him¬ mels sandte er einen Schein, der schimmergrün sachte und lebendig unter die Sterne floß. Dann standen Garben verschiedenen Lichtes auf der Höhe des Bogens wie Zaken einer Krone, und brannten. Es floß helle durch die benachbarten Himmelsgegenden, es sprühte leise, und ging in sanftem Zuken durch lange Räume. Hatte sich nun der Gewitterstoff des Himmels durch den unerhörten Schneefall so gespannt, daß er in die¬ sen stummen herrlichen Strömen des Lichtes ausfloß, oder war es eine andere Ursache der unergründlichen Natur. Nach und nach wurde es schwächer und immer schwächer, die Garben erloschen zuerst, bis es allmäh¬ lich und unmerklich immer geringer wurde, und wieder nichts am Himmel war als die tausend und tausend einfachen Sterne. Die Kinder sagten keines zu dem andern ein Wort, sie blieben fort und fort sizen, und schauten mit offe¬ nen Augen in den Himmel. Es geschah nun nichts Besonderes mehr. Die Sterne glänzten, funkelten, und zitterten, nur manche schießende Schnuppe fuhr durch sie. Endlich, nachdem die Sterne lange allein geschie¬ nen hatten, und nie ein Stükchen Mond an dem Himmel zu erbliken gewesen war, geschah etwas anderes. Es fing der Himmel an, heller zu werden, langsam heller, aber doch zu erkennen; es wurde seine Farbe sichtbar, die bleichsten Sterne erloschen, und die anderen standen nicht mehr so dicht. Endlich wichen auch die stärkeren, und der Schnee vor den Höhen wurde deutlicher sichtbar. Zulezt färbte sich eine Him¬ melsgegend gelb, und ein Wolkenstreifen, der in der¬ selben war, wurde zu einem leuchtenden Faden ent¬ zündet. Alle Dinge waren klar zu sehen, und die entfernten Schneehügel zeichneten sich scharf in die Luft. „Sanna, der Tag bricht an,“ sagte der Knabe. „Ja, Konrad,“ antwortete das Mädchen. „Wenn es nur noch ein bischen heller wird, dann gehen wir aus der Höhle, und laufen über den Berg hinunter.“ Es wurde heller, an dem ganzen Himmel war kein Stern mehr sichtbar, und alle Gegenstände stan¬ den in der Morgendämmerung da. „Nun jezt gehen wir,“ sagte der Knabe. „Ja, wir gehen,“ antwortete Sanna. Die Kinder standen auf, und versuchten ihre erst heute recht müden Glieder. Obwohl sie nichts geschla¬ fen hatten, waren sie doch durch den Morgen gestärkt, wie das immer so ist. Der Knabe hing sich das Kalbfellränzchen um, und machte das Pelzjäkchen an Sanna fester zu. Dann führte er sie aus der Höhle. Weil sie nach ihrer Meinung nur über den Berg hinab zu laufen hatten, dachten sie an kein Essen, und untersuchten das Ränzchen nicht, ob noch Weißbrode oder andere Eßwaaren darinnen seien. Von dem Berge wollte nun Konrad, weil der Himmel ganz heiter war, in die Thäler hinab schauen, um das Gschaider Thal zu erkennen, und in dasselbe hinunter zu gehen. Aber er sah gar keine Thäler. Es war nicht, als ob sie sich auf einem Berge befän¬ den, von dem man hinab sieht, sondern in einer fremden seltsamen Gegend, in der lauter unbekannte Gegenstände sind. Sie sahen heute auch in größerer Entfernung furchtbare Felsen aus dem Schnee empor stehen, die sie gestern nicht gesehen hatten, sie sahen das Eis, sie sahen Hügel und Schneelehnen empor starren, und hinter diesen war entweder der Himmel, oder es ragte die blaue Spize eines sehr fernen Berges am Schneerande hervor. In diesem Augenblike ging die Sonne auf. Eine riesengroße blutrothe Scheibe erhob sich an dem Schneesaume in den Himmel, und in dem Augen¬ blike erröthete der Schnee um die Kinder, als wäre er mit Millionen Rosen überstreut worden. Die Kuppen und die Hörner warfen sehr lange grünliche Schatten längs des Schnees. „Sanna, wir werden jezt da weiter vorwärts gehen, bis wir an den Rand des Berges kommen, und hinunter sehen,“ sagte der Knabe. Sie gingen nun in den Schnee hinaus. Er war in der heiteren Nacht noch trokener geworden, und wich den Tritten noch besser aus. Sie wateten rüstig fort. Ihre Glieder wurden sogar geschmeidiger und stärker, da sie gingen. Allein sie kamen an keinen Rand, und sahen nicht hinunter. Schneefeld entwikelte sich aus Schneefeld, und am Saume eines jeden stand alle Male wieder der Himmel. Sie gingen deßohngeachtet fort. Da kamen sie wieder in das Eis. Sie wußten nicht, wie das Eis daher gekommen sei, aber unter den Füssen empfanden sie den glatten Boden, und waren gleich nicht die fürchterlichen Trümmer, wie an jenem Rande, an dem sie die Nacht zugebracht hatten, so sahen sie doch, daß sie auf glattem Eise fortgingen, sie sahen hie und da Stüke, die immer mehr wurden, die sich näher an sie drängten, und die sie wieder zu klettern zwangen. Aber sie verfolgten doch ihre Richtung. Sie kletterten neuerdings an Blöken empor. Da standen sie wieder auf dem Eisfelde. Heute bei der hellen Sonne konnten sie erst erbliken, was es ist. Es war ungeheuer groß, und jenseits standen wieder schwarze Felsen empor, es ragte gleichsam Welle hin¬ ter Welle auf, das beschneite Eis war gedrängt, gequollen, empor gehoben, gleichsam als schöbe es sich noch vorwärts, und flöße gegen die Brust der Kinder heran. In dem Weiß sahen sie unzählige vor¬ wärts gehende geschlängelte blaue Linien. Zwischen jenen Stellen, wo die Eiskörper gleichsam wie an¬ einandergeschmettert starrten, gingen auch Linien wie Wege, aber sie waren weiß, und waren Streifen, wo sich fester Eisboden vorfand, oder die Stüke doch nicht gar so sehr verschoben waren. In diese Pfade gingen die Kinder hinein, weil sie doch einen Theil des Eises überschreiten wollten, um an den Bergrand zu gelangen, und endlich einmal hinunter zu sehen. Sie sagten kein Wörtlein. Das Mädchen folgte dem Knaben. Aber es war auch heute wieder Eis, lauter Eis. Wo sie hinüber gelangen wollten, wurde es gleichsam immer breiter und breiter. Da schlugen sie ihre Richtung aufgebend den Rükweg ein. Wo sie nicht gehen konnten, griffen sie sich durch die Mengen des Schnees hindurch, der oft dicht vor ihrem Auge wegbrach, und den sehr blauen Streifen einer Eis¬ spalte zeigte, wo doch früher alles weiß gewesen war; aber sie kümmerten sich nicht darum, sie arbeiteten sich fort, bis sie wieder irgend wo aus dem Eise heraus kamen. „Sanna,“ sagte der Knabe, „wir werden gar nicht mehr in das Eis hinein gehen, weil wir in demselben nicht fortkommen. Und weil wir schon in unser Thal gar nicht hinab sehen können, so werden wir gerade über den Berg hinab gehen. Wir müssen in ein Thal kommen, dort werden wir den Leuten sagen, daß wir aus Gschaid sind, die werden uns einen Wegweiser nach Hause mitgeben.“ „Ja, Konrad,“ sagte das Mädchen. So begannen sie nun in dem Schnee nach jener Richtung abwärts zu gehen, welche sich ihnen eben darbot. Der Knabe führte das Mädchen an der Hand. Allein nachdem sie eine Weile abwärts gegangen waren, hörte in dieser Richtung das Gehänge auf, und der Schnee stieg wieder empor. Also änderten die Kinder die Richtung, und gingen nach der Länge einer Mulde hinab. Aber da fanden sie wieder Eis. Sie stiegen also an der Seite der Mulde empor, um nach einer andern Richtung ein Abwärts zu suchen. Es führte sie eine Fläche hinab, allein die wurde nach und nach so steil, daß sie kaum noch einen Fuß einsezen konnten, und abwärts zu gleiten fürchteten. Sie klommen also wieder empor, um wieder einen andern Weg nach abwärts zu suchen. Nachdem sie lange im Schnee empor geklommen, und dann auf einem ebenen Rüken fortgelaufen waren, war es wie früher: entweder ging der Schnee so steil ab, daß sie gestürzt wären, oder er stieg wieder hinan, daß sie auf den Berggipfel zu kommen fürchteten. Und so ging es immer fort. Da wollten sie die Richtung suchen, in der sie gekommen waren, und zur rothen Unglüksäule hinab gehen. Weil es nicht schneit, und der Himmel so helle ist, so würden sie, dachte der Knabe, die Stelle schon erkennen, wo die Säule sein solle, und würden von dort nach Gschaid hinab gehen können. Der Knabe sagte diesen Gedanken dem Schwester¬ chen, und diese folgte. Allein auch der Weg auf den Hals hinab war nicht zu finden. So klar die Sonne schien, so schön die Schnee¬ höhen da standen, und die Schneefelder da lagen, so konnten sie doch die Gegenden nicht erkennen, durch die sie gestern herauf gegangen waren. Gestern war alles durch den fürchterlichen Schneefall verhängt gewesen, daß sie kaum einige Schritte von sich gesehen hatten, und da war alles ein einziges Weiß und Grau durch einander gewesen. Nur die Felsen hatten sie gesehen, an denen und zwischen denen sie gegangen waren: allein auch heute hatten sie bereits viele Fel¬ sen gesehen, die alle den nehmlichen Anschein gehabt hatten, wie die gestern gesehenen. Heute ließen sie frische Spuren in dem Schnee zurük; aber gestern sind alle Spuren von dem fallenden Schnee verdekt worden. Auch aus dem bloßen Anblike konnten sie nicht errathen, welche Gegend auf den Hals führe, da alle Gegenden gleich waren. Schnee lauter Schnee. Sie gingen aber doch immer fort, und meinten, es zu erringen. Sie wichen den steilen Abstürzen aus, und kletterten keine steilen Anhöhen hinauf. Auch heute blieben sie öfter stehen, um zu hor¬ chen; aber sie vernahmen auch heute nichts, nicht den geringsten Laut. Zu sehen war auch nichts als der Schnee, der helle weiße Schnee, aus dem hie und da die schwarzen Hörner und die schwarzen Steinrippen empor standen. Endlich war es dem Knaben, als sähe er auf einem fernen schiefen Schneefelde ein hüpfendes Feuer. Es tauchte auf, es tauchte nieder. Jezt sahen sie es, jezt sahen sie es nicht. Sie blieben stehen, und blikten Stifter, Jugendschriften. II. 6 unverwandt auf jene Gegend hin. Das Feuer hüpfte immer fort, und es schien, als ob es näher käme; denn sie sahen es größer und sahen das Hüpfen deut¬ licher. Es verschwand nicht mehr so oft und nicht mehr auf so lange Zeit wie früher. Nach einer Weile vernahmen sie in der stillen blauen Luft schwach sehr schwach etwas wie einen lange anhaltenden Ton aus einem Hirtenhorne. Wie aus Instinkt schrieen beide Kinder laut. Nach einer Zeit hörten sie den Ton wieder. Sie schrieen wieder, und blieben auf der nehmlichen Stelle stehen. Das Feuer näherte sich auch. Der Ton wurde zum drittenmale vernommen, und dieses Mal deutlicher. Die Kinder antworteten wieder durch lautes Schreien. Nach einer geraumen Weile erkannten sie auch das Feuer. Es war kein Feuer, es war eine rothe Fahne, die geschwungen wurde. Zugleich ertönte das Hirtenhorn näher, und die Kinder antworteten. „Sanna,“ rief der Knabe, „da kommen Leute aus Gschaid, ich kenne die Fahne, es ist die rothe Fahne, welche der fremde Herr, der mit dem jungen Eschenjäger den Gars bestiegen hatte, auf dem Gipfel aufpflanzte, daß sie der Herr Pfarrer mit dem Fern¬ rohre sähe, was als Zeichen gälte, daß sie oben seien, und welche Fahne damals der fremde Herr dem Herrn Pfarrer geschenkt hat. Du warst noch ein recht kleines Kind.“ „Ja, Konrad.“ Nach einer Zeit sahen die Kinder auch die Men¬ schen, die bei der Fahne waren, kleine schwarze Stel¬ len, die sich zu bewegen schienen. Der Ruf des Hornes wiederholte sich von Zeit zu Zeit, und kam immer näher. Die Kinder antworteten jedes Mal. Endlich sahen sie über den Schneeabhang gegen sich her mehrere Männer mit ihren Stöken herabfah¬ ren, die die Fahne in ihrer Mitte hatten. Da sie näher kamen, erkannten sie dieselben. Es war der Hirt Philipp mit dem Horne, seine zwei Söhne, dann der junge Eschenjäger, und mehrere Bewohner von Gschaid. „Gebenedeit sei Gott,“ schrie Philipp, „da seid ihr ja. Der ganze Berg ist voll Leute. Laufe doch einer gleich in die Sideralpe hinab, und läute die Gloke, daß die dort hören, daß wir sie gefunden haben, und einer muß auf den Krebsstein gehen, und die Fahne dort aufpflanzen, daß sie dieselbe in dem Thale sehen, und die Pöller abschießen, damit die es wissen, die im Millsdorfer Walde suchen, und damit sie in Gschaid die Rauchfeuer anzünden, die in der Luft gesehen werden, und alle, die noch auf dem 6* Berge sind, in die Sideralpe hinab bedeuten. Das sind Weihnachten!“ „Ich laufe in die Alpe hinab,“ sagte einer. „Ich trage die Fahne auf den Krebsstein,“ sagte ein anderer. „Und wir werden die Kinder in die Sideralpe hinab bringen, so gut wir es vermögen, und so gut uns Gott helfe,“ sagte Philipp. Ein Sohn Philipps schlug den Weg nach ab¬ wärts ein, und der andere ging mit der Fahne durch den Schnee dahin. Der Eschenjäger nahm das Mädchen bei der Hand, der Hirt Philipp den Knaben. Die andern halfen, wie sie konnten. So begann man den Weg. Er ging in Windungen. Bald gingen sie nach einer Richtung, bald schlugen sie die entgegengesezte ein, bald gingen sie abwärts bald aufwärts. Immer ging es durch Schnee, immer durch Schnee, und die Ge¬ gend blieb sich beständig gleich. Über sehr schiefe Flächen thaten sie Steigeisen an die Füsse, und trugen die Kinder. Endlich nach langer Zeit hörten sie ein Glöklein, das sanft und fein zu ihnen heraufkam, und das erste Zeichen war, das ihnen die niederen Gegenden wieder zusandten. Sie mußten wirklich sehr tief herab gekommen sein; denn sie sahen ein Schneehaupt recht hoch und recht blau über sich ragen. Das Glöklein aber, das sie hörten, war das der Sideralpe, das geläutet wurde, weil dort die Zu¬ sammenkunft verabredet war. Da sie noch weiter kamen, hörten sie auch schwach in die stille Luft die Pöllerschüße herauf, die in Folge der ausgestekten Fahne abgefeuert wurden, und sahen dann in die Luft feine Rauchsäulen aufsteigen. Da sie nach einer Weile über eine sanfte schiefe Fläche abgingen, erblikten sie die Sideralphütte. Sie gingen auf sie zu. In der Hütte brannte ein Feuer, die Mutter der Kinder war da, und mit einem furcht¬ baren Schrei sank sie in den Schnee zurük, als sie die Kinder mit dem Eschenjäger kommen sah. Dann lief sie herzu, betrachtete sie überall, wollte ihnen zu essen geben, wollte sie wärmen, wollte sie in vorhandenes Heu legen; aber bald überzeugte sie sich, daß die Kinder durch die Freude stärker seien, als sie gedacht hatte, daß sie nur einiger warmer Speise bedurften, die sie bekamen, und daß sie nur ein wenig ausruhen mußten, was ihnen ebenfalls zu Theil werden sollte. Da nach einer Zeit der Ruhe wieder eine Gruppe Männer über die Schneefläche herabkam, während das Hüttenglöklein immer fortläutete, liefen die Kinder selber mit den andern hinaus, um zu sehen, wer es sei. Der Schuster war es, der einstige Alpensteiger, mit Alpenstok und Steigeisen, begleitet von seinen Freunden und Kameraden. „Sebastian, da sind sie,“ schrie das Weib. Er aber war stumm, zitterte, und lief auf sie zu. Dann rührte er die Lippen, als wollte er etwas sagen, sagte aber nichts, riß die Kinder an sich, und hielt sie lange. Dann wandte er sich gegen sein Weib, schloß es an sich, und rief: „Sanna, Sanna!“ Nach einer Weile nahm er den Hut, der ihm in den Schnee gefallen war, auf, trat unter die Män¬ ner, und wollte reden. Er sagte aber nur: „Nach¬ barn, Freunde, ich danke euch.“ Da man noch gewartet hatte, bis die Kinder sich zur Beruhigung erholt hatten, sagte er: „Wenn wir alle beisammen sind, so können wir in Gottes Namen aufbrechen.“ „Es sind wohl noch nicht alle,“ sagte der Hirt Philipp, „aber die noch abgehen, wissen aus dem Rauche, daß wir die Kinder haben, und sie werden schon nach Hause gehen, wenn sie die Alphütte leer finden.“ Man machte sich zum Aufbruche bereit. Man war auf der Sideralphütte nicht gar weit von Gschaid entfernt, aus dessen Fenstern man im Sommer recht gut die grüne Matte sehen konnte, auf der die graue Hütte mit dem kleinen Glokenthürmlein stand; aber es war unterhalb eine fallrechte Wand, die viele Klaftern hoch hinab ging, und auf der man im Sommer nur mit Steigeisen im Winter gar nicht hinab kommen konnte. Man mußte daher den Umweg zum Halse machen, um von der Unglüksäule aus nach Gschaid hinab zu kommen. Auf dem Wege gelangte man über die Siderwiese, die noch näher an Gschaid ist, so daß man die Fenster des Dörfleins zu erbliken meinte. Als man über diese Wiese ging, tönte hell und deutlich das Glöklein der Gschaider Kirche herauf, die Wandlung des heiligen Hochamtes verkündend. Der Pfarrer hatte wegen der allgemeinen Bewe¬ gung, die am Morgen in Gschaid war, die Abhal¬ tung des Hochamtes verschoben, da er dachte, daß die Kinder zum Vorscheine kommen würden. Allein endlich, da noch immer keine Nachricht eintraf, mußte die heilige Handlung doch vollzogen werden. Als das Wandlungsglöklein tönte, sanken alle, die über die Siderwiese gingen, auf die Knie in den Schnee, und betheten. Als der Klang des Glökleins aus war, standen sie auf und gingen weiter. Der Schuster trug meistens das Mädchen, und ließ sich von ihm alles erzählen. Als sie schon gegen den Wald des Halses kamen, trafen sie Spuren, von denen der Schuster sagte: „Das sind keine Fußstapfen von Schuhen meiner Arbeit.“ Die Sache klärte sich bald auf. Wahrscheinlich durch die vielen Stimmen, die auf dem Plaze tönten, angelokt, kam wieder eine Abtheilung Männer auf die Herabgehenden zu. Es war der aus Angst aschen¬ haft entfärbte Färber, der an der Spize seiner Knechte seiner Gesellen und mehrerer Millsdorfer bergab kam. „Sie sind über das Gletschereis und über die Schründe gegangen, ohne es zu wissen,“ rief der Schuster seinem Schwiegervater zu. „Da sind sie ja — da sind sie ja — Gott sei Dank“ antwortete der Färber, „ich weiß es schon, daß sie oben waren, als dein Bote in der Nacht zu uns kam, und wir mit Lichtern den ganzen Wald durchsucht und nichts gefunden hatten — und als dann das Morgengrau anbrach, bemerkte ich an dem Wege, der von der rothen Unglüksäule links gegen den Schneeberg hinan führt, daß dort, wo man eben von der Säule weg geht, hin und wieder mehrere Reiser¬ chen und Rütchen geknikt sind, wie Kinder gerne thun, wo sie eines Weges gehen — da wußte ich es — die Richtung ließ sie nicht mehr aus, weil sie in der Höhlung gingen, weil sie zwischen den Felsen gingen, und weil sie dann auf dem Grat gingen, der rechts und links so steil ist, daß sie nicht hinab kom¬ men konnten. Sie mußten hinauf. Ich schikte nach dieser Beobachtung gleich nach Gschaid, aber der Holz¬ knecht Michael, der hinüber ging, sagte bei der Rük¬ kunft, da er uns fast am Eise oben traf, daß ihr sie schon habet, weßhalb wir wieder herunter gingen.“ „Ja,“ sagte Michael, „ich habe es gesagt, weil die rothe Fahne schon auf dem Krebssteine stekt, und die Gschaider dieses als Zeichen erkannten, das verabre¬ det worden war. Ich sagte euch, daß auf diesem Wege da alle herab kommen müssen, weil man über die Wand nicht gehen kann.“ „Und kniee nieder, und danke Gott auf den Knieen, mein Schwiegersohn,“ fuhr der Färber fort, „daß kein Wind gegangen ist. Hundert Jahre werden wieder vergehen, daß ein so wunderbarer Schneefall nieder¬ fällt, und daß er gerade niederfällt, wie nasse Schnüre von einer Stange hängen. Wäre ein Wind gegangen, so wären die Kinder verloren gewesen.“ „Ja, danken wir Gott, danken wir Gott,“ sagte der Schuster. Der Färber, der seit der Ehe seiner Tochter nie in Gschaid gewesen war, beschloß, die Leute nach Gschaid zu begleiten. Da man schon gegen die rothe Unglüksäule zu kam, wo der Holzweg begann, wartete ein Schlitten, den der Schuster auf alle Fälle dahin bestellt hatte. Man that die Mutter und die Kinder hinein, versah sie hinreichend mit Deken und Pelzen, die im Schlit¬ ten waren, und ließ sie nach Gschaid vorausfahren. Die andern folgten, und kamen am Nachmittage in Gschaid an. Die, welche noch auf dem Berge gewesen waren, und erst durch den Rauch das Rükzugszeichen erfahren hatten, fanden sich auch nach und nach ein. Der lezte, welcher erst am Abende kam, war der Sohn des Hir¬ ten Philipp, der die rothe Fahne auf den Krebsstein getragen, und sie dort aufgepflanzt hatte. In Gschaid wartete die Großmutter, welche her¬ über gefahren war. „Nie nie,“ rief sie aus, „dürfen die Kinder in ihrem ganzen Leben mehr im Winter über den Hals, gehen.“ Die Kinder waren von dem Getriebe betäubt. Sie hatten noch etwas zu essen bekommen, und man hatte sie in das Bett gebracht. Spät gegen Abend, da sie sich ein wenig erholt hatten, da einige Nachbarn und Freunde sich in der Stube eingefunden hatten, und dort von dem Ereignisse redeten, die Mutter aber in der Kammer an dem Bettchen Sannas saß, und sie streichelte, sagte das Mädchen: „Mutter, ich habe heute Nachts, als wir auf dem Berge sassen, den hei¬ ligen Christ gesehen.“ „O du mein geduldiges, du mein liebes, du mein herziges Kind,“ antwortete die Mutter, „er hat dir auch Gaben gesendet, die du bald bekommen wirst.“ Die Schachteln waren ausgepakt worden, die Lichter waren angezündet, die Thür in die Stube wurde geöffnet, und die Kinder sahen von dem Bette auf den verspäteten hell leuchtenden freundlichen Christbaum hinaus. Troz der Erschöpfung mußte man sie noch ein wenig ankleiden, daß sie hinaus gingen, die Gaben empfingen, bewunderten, und end¬ lich mit ihnen entschliefen. In dem Wirthshause in Gschaid war es an die¬ sem Abende lebhafter als je. Alle, die nicht in der Kirche gewesen waren, waren jezt dort, und die An¬ dern auch. Jeder, erzählte, was er gesehen und gehört, was er gethan, was er gerathen, und was für Be¬ gegnisse und Gefahren er erlebt hat. Besonders aber wurde hervorgehoben, wie man alles hätte anders und besser machen können. Das Ereigniß hat einen Abschnitt in die Ge¬ schichte von Gschaid gebracht, es hat auf lange den Stoff zu Gesprächen gegeben, und man wird noch nach Jahren davon reden, wenn man den Berg an heitern Tagen besonders deutlich sieht, oder wenn man den Fremden von seinen Merkwürdigkeiten erzählt. Die Kinder waren von dem Tage an erst recht das Eigenthum des Dorfes geworden, sie wurden von nun an nicht mehr als Auswärtige sondern als Ein¬ geborne betrachtet, die man sich von dem Berge herab geholt hatte. Auch ihre Mutter Sanna war nun eine Einge¬ borne von Gschaid. Die Kinder aber werden den Berg nicht vergessen, und werden ihn jezt noch ernster betrachten, wenn sie in dem Garten sind, wenn wie in der Vergangenheit die Sonne sehr schön scheint, der Lindenbaum duftet, die Bienen summen, und er so schön und so blau wie das sanfte Firmament auf sie hernieder schaut. II. Kazensilber. In einem abgelegenen aber sehr schönen Theile unsers Vaterlandes steht ein stattlicher Hof. Er steht auf einem kleinen Hügel, und ist auf einer Seite von seinen Feldern und seinen Wiesen und auf der andern von seinem kleinen Walde umgeben. Man sollte eigent¬ lich auch einen Garten, hieher rechnen; aber es würde doch eine unrechte Benennung sein; denn Gärten der Art, wie sie in allen Ländern im Brauche sind, gibt es in jenem hochgelegenen mit Hügeln und Waldes¬ spizen besezten Landestheile nicht, weil die Stürme des Winters und die Fröste des Frühlings und Herb¬ stes allen jenen Gewächsen übel mit spielen, die man vorzugsweise in Gärten hegt; aber der Besizer des Hofes hat gegen eine Sandlehne hin, die steil abfällt, und in den warmen Lagen die Sonnenstrahlen recht heiß zurük wirft, Bäume gepflanzt, die auf weichem schönen Rasen stehen, vor den Abend- Mitternacht- und Morgenwinden geschüzt sind, durch die höhere und eingeschlossene Lage vor dem Reife bewahrt wer¬ den, und auf ihrem warmen Plaze so schnell gewachsen sind, daß sie auf ihren Edelreisern, die ihnen eingesezt worden, und zu bedeutenden Ästen gediehen sind, jähr¬ lich die großen schwarzen Kirschen, die Weichseln die Birnen und die rothwangigen Äpfel tragen. Von den kleineren Gewächsen als Johannisbeeren Stachelbee¬ ren Erdbeeren rede ich nicht. Sogar Pfirsiche und Aprikosen reifen an einer an der Sandlehne aufge¬ führten Mauer dann, wenn sich ein heißer Sommer ereignet, und wenn man das Zuhüllen durch eine Rohrmappe an kühlen Frühlingsabenden nicht ver¬ gessen hat. Seine Blumen hegt der Besizer in ver¬ schiedenen gläsernen Häusern, stellt sie an schönen Tagen und in den warmen Sommermonaten auf die hölzernen Gestelle vor dem Hause oder in die Fenster. Selbst in den Zimmern sieht man die schönsten auf dazu eingerichteten Tischen stehen. Diejenigen, welche für die Luft und das Wetter des Landes eingerichtet sind, stehen in dem freien Grunde. Wenn man über die Sandlehne empor gegangen ist, steigt noch ein Felsen auf, der dem Berge Festigkeit gibt, dessen Geschiebe nicht gegen den Garten absinken läßt, und zur Vermehrung der Wärme nicht wenig beiträgt. Der Besizer des Hofes hat einen Weg mit festem Geländer durch die Sandlehne und um den Felsen empor anlegen lassen, weil man von dort recht schön auf das Haus auf den Garten und auf die Landschaft nieder sieht. Er hat an einigen Stellen Bänkchen anbringen lassen, daß man da sizen, und die Dinge mit Ruhe betrachten kann. Hinter dem Felsen gegen mitternachtwärts geht Gebüsch, dann folgen noch auf dem immer ansteigenden Boden ein¬ zelne Eichen und Birken, dann der Nadelwald, der den Gipfel einnimmt, und das Schauspiel beschließt. Um das Haus liegen, wie es in jenem Lande immer vorkömmt, in nähern und fernern Kreisen Hügel, die mit Feldern und Wiesen bedekt sind, man¬ ches Bauerhaus manchen Meierhof zeigen, und auf dem Gipfel jedes Mal den Wald tragen, der wie nach einem verabredeten Geseze alle Gipfel jenes hügligen Landes besezt. Zwischen den Hügeln, die oft, ohne daß man es ahnt, in steile Schluchten ab¬ fallen, gehen Bäche ja zuweilen Giesbäche, über welche Stege und in abgelegenen Theilen gar nur Baumstämme führen. Regelmäßige Brüken haben nur die Fahrwege, wo sie über einen solchen Bach gehen müssen. Das ganze Land geht gegen Mitternacht Stifter, Jugendschriften. II. 7 immer mehr empor, bis die größeren düsteren weit¬ gedehnten Wälder kommen, die den Beginn der böh¬ mischen Länder bezeichnen. Gegen Mittag sieht man die freundliche blaue Kette der Hochgebirge an dem Himmel dahin streichen. Der Besizer des Hofes war einmal als ein sehr junger Mensch in die Welt gegangen, und hatte viele Dinge erfahren, und viele Menschen kennen gelernt. Als er herangereift, als ihm der Vater gestorben war, und er von ihm und zwei unverehlichten Oheimen eine hinreichende Habe geerbt hatte, ging er mit der Erb¬ schaft und dem, was er sich selber erworben hatte, auf beständig in das Land seiner Geburt zurük, das er früher nur zuweilen besucht hatte, und baute dort die Gebäude des Vaterhauses um, und noch so viel daran, bis der liebliche Hof da stand. Dann holte er sich aus der entfernten Hauptstadt ein sehr schönes Mädchen, und wurde mit demselben in der kleinen Pfarrkirche eingesegnet. Er wollte lieber in der trau¬ lichen Einöde seiner Heimath als beständig unter dem Geräusche der vielen und fremden Menschen der Hauptstadt leben. Wenn es aber Winter wurde, dann ging er mit der Gattin in ihre Geburtsstadt, um eine Weile dort zu sein, und zu sehen, was die Menschen indessen wieder gefördert, was auf geistigem Felde sich zugetragen und im Zusammenleben sich ge¬ ändert hat. Mit der Rükkehr der Sonne kam er wie¬ der auf seinen Hof. Auf demselben lebte auch seine Mutter, welche nie aus ihrer Heimath entfernt gewesen war, nur die nächsten Orte kannte, und blos ein einziges Mal in der Hauptstadt des Landes gewesen war. Sie nahm die Tochter liebreich auf, und es war reizend, wenn die schöne junge Gattin neben der ältlichen Frau ging, die die Tracht des Landes trug. Während des Auf¬ enthaltes der Eheleute in der Hauptstadt hüthete sie den Hof, und besorgte und ordnete alles. Wenn sie kommen sollten, sandte sie den Knecht mit den Pfer¬ den entgegen, und sah ihm nach, wenn der Wagen den Hügel hinab fuhr. Sogleich ging der thätige Sohn wieder an die unterbrochene Arbeit. Anlagen wurden erweitert, neue begonnen, das Haus verbessert, und verschönert, und die Geschäfte des Feldes geführt. Man sah ihn unter seinem Gesinde und unter seinen Leuten. Nach zwei Jahren schikte der Himmel einen Zu¬ wachs der Familie, es erschien das Töchterlein Emma. Gatte und Gattin, die bisher Sohn und Tochter ge¬ heißen hatten, wurden jezt Vater und Mutter, und die Mutter wurde Großmutter. 7* Sie nahm das Kindlein, und lehrte die Tochter manche Dinge, wie es zu behandeln sei. Als dem Mädchen die Härlein auf dem Haupte sich zu ringeln begannen, und in schöner blonder Farbe herab fielen, erschien das zweite dunkle Schwester¬ lein Clementia, dessen Haupt schon bei der Geburt beschattet war, und an dem sich bald die schwarzen Ringlein bildeten. Wenn nun nicht mehr der Vater und die Mutter allein im Winter wegfuhren sondern auch die Kindlein, hatte die Großmutter nun mehr zu sorgen, sie hatte für viere zu fürchten, und wenn sie kamen, fanden sie die Gelasse für viere noch wohnlicher eingerichtet. Die Kindlein wuchsen empor. Sie hatten einen unschuldigen Mund rothe Wänglein große Augen und eine reine Stirne, und das eine hatte um dieselbe die blonden seidenweichen Loken des Vaters, das andere die schwarzen der Mutter. Großmutter war ihre Gespielin, sie lokte sie in ihr Gemach, sie siedelte sich mit ihnen im Garten an, in der schattigen Laube am Stamme des Apfelbau¬ mes oder in den Glashäusern oder an der Lehne des Sandes. Da sie schon größer waren, da sie mit den Füßlein über Hügel und Thäler gehen konnten, da die Kör¬ perchen schlanker und behender empor zielten, gingen sie mit der Großmutter auf den hohen Nußberg. Wenn der Haber bleichte, und das Korn und die Gerste in der Scheune zur Ruhe war, dann färbten sich die Haselnüsse mit braunen oder rosenfarbenen Wänglein. Die Kinder hatten breite Strohhüte auf, sie hatten Kleider, aus deren Ärmeln die Arme hervor gingen, sie hatten weiße Höschen und hatten Schuhe, die so stark waren, daß sie das Gerölle des Berges nicht empfanden. An der Hand trugen sie ein Körblein, in der andern eine weiße Ruthe mit einem Haken, daß sie die Haselzweige herab beugen konnten. Die Ruthe war selber von einem Haselstrauche genommen, und war abgeschält worden. Sie gingen unter den Obst¬ bäumen hin, sie gingen hinter den Glashäusern in der Sandlehne empor, sie hielten sich mit den Händchen an dem Geländer, und sie rasteten auf den Sizen. Wenn sie in den Felsen hinauf gekommen waren, sassen sie auf einem Bänklein oder auf einem Stüke Stein, nahmen eine Steknadel aus den Bändern ihres Hutes, oder bathen die Großmutter um ein spizes Messerlein, das sie in ihrer Armtasche hatte, und gruben die kleinen feinen Blättchen und Flinserchen aus den Steinen, die da staken, und so funkelten und glänzten. Sie thaten dieselben in ein Papierchen, und hoben sie im Schürzensäkchen oder in der Armtasche der Großmutter auf. Die Großmutter wartete auf sie, oder half ihnen, oder erzählte Geschichten. Wenn sie noch höher hinauf kamen, da war wieder die Erde, und auf ihr war das Haidekraut und die Gräser und Kräuter, und da stand auch ein Wachholderstrauch oder der Strunk einer Birke oder eine Distel. Und bei denselben sassen sie wieder nieder, und ruhten wie¬ der. Sie waren die einzigen weißen Punkte, und um sie waren die Hügel, die von den lichten Stoppeln der Ernte glänzten oder von den gepflügten Feldern braunten, oder von dem Grün der Gewächse, die man nach der Ernte gebaut hatte, mannigfach gefärbt waren, da lagen die Thäler die Wiesen mit dem zweiten Grün oder ein glänzendes Wasser, es erklom¬ men die Wäldchen die Gipfel der Hügel, ein Erdbruch leuchtete, ein Häuschen oder ein Gemäuer von Höfen schimmerte, und weit weit draußen lagen die blauen Berge, die mit den schwachen Felsen durchwirkt waren, und die kleinen Täfelchen von Schnee zeigten. Da sie einmal in dem dürren Grase sassen, und die hohen Halme wankten, erzählte die Großmutter folgende Geschichte: „Wo dort hinter dem spizigen Walde die weißen Wolken ziehen, liegt das Hagen¬ bucher Haus. Der Hagenbucher war ein strenger Mann, und es konnte kein Dienstbote bei ihm aus¬ halten, und kein Knecht und keine Magd konnte die Arbeit verrichten, die das große Haus verlangte. Sie gingen immer davon, oder er schikte sie fort. Einmal erschien eine große Magd mit braunem Angesichte und starken Armen, und sagte, sie wolle ihm dienen, wenn er ihr nur die Nahrung gäbe, und manchmal ein Tuch auf einen Rok und ein Linnen auf ein Hemd. Der Bauer dachte, er könne es versuchen. Die braune Magd waltete und wirthschaftete nun, als ob zwei gekommen wären, und aß doch nur für eine, und lernte immer besser schaffen und arbeiten. Der Bauer dachte, er habe es getroffen, und die Magd war Jahre in dem Hause. Einmal, da der Bauer zwei Ochsen zu verkaufen hatte, und da er sie in einem Joche den Gallbrunerwald hinunter nach Roh¬ rach auf den Viehmarkt getrieben, und verkauft hatte, nahm er das ledige Joch auf seine Schultern, und ging durch den Wald nach Hause zurük. Da hörte er eine Stimme, die rief: »Jochträger, Jochträger, sag’ der Sture Mure, die Rauh-Rinde sei todt — Joch¬ träger, Jochträger, sag’ der Sture Mure, die Rauh- Rinde sei todt.« Der Bauer sah unter die Bäume, er konnte aber nichts sehen und erbliken, und da fürchtete er sich, und fing so schnell zu gehen an, als er konnte, und kam nach Hause, da ihm der Schweiß über die Stirne rann. Als er beim Abendessen die Sache erzählte, heulte das große Mädchen, lief davon, und wurde niemals wieder gesehen.“ Ein anderes Mal erzählte die Großmutter: „Sehet ihr Kinder, wo der Gallbrunerwald aufhört, da geht ein fahles Ding empor, das sind die Karesberge, und dort sind die Karesbergerhäuser auf dem Grase und zwischen den Steinen.“ „Zu den Karesbergern kam einmal ein Wichtelchen, und sagte, es wolle ihnen die Ziegen hüten, sie dürf¬ ten ihm keinen Lohn geben; aber Abends, wenn die Ziegen im Stalle wären, müßten sie ihm ein weißes Brot auf den hohlen Stein legen, der außerhalb der Karesberge ist, und es werde es sich holen. Die Karesberger willigten ein, und das Wichtelchen wurde bei ihnen Gaißer. Die Ziegen liefen des Morgens fort, sie liefen auf die Weide hinaus, und holten sich das Futter, sie kamen Mittags mit den gefüllten Eutern, und liefen wieder fort, und kamen am Abend mit gefüllten Eutern, und gediehen, und wurden immer schöner, und vermehrten sich sowohl weiße als schwarze sowohl schekige als braune. Die Karesber¬ ger freuten sich und legten das weiße Brot, das sie eigens baken ließen, auf den Stein. Da dachten sie, sie müßten dem Gaißer eine Freude machen, und lie¬ ßen ihm ein rothes Röklein machen. Sie legten das Röklein Abends auf den Stein, da die Ziegen schon zu Hause waren. Das Wichtelchen legte das rothe Röklein an, und sprang damit, es sprang wie toll vor Freude unter den grauen Steinen, sie sahen es immer weiter abwärts springen, wie ein Feuer, das auf dem grünen Rasen hüpft, und da der andere Mor¬ gen gekommen war, und die Ziegen auf die Weide lie¬ fen, war das Wichtelchen nicht da, und es kam gar nie wieder zum Vorscheine.“ So erzählte die Großmutter, und wenn sie aufge¬ hört hatte, so standen sie auf, und gingen wieder wei¬ ter. Sie gingen an den Gebüschen der Schlehen und Erlen dahin: da waren die Käfer die Fliegen die Schmetterlinge um sie, es war der Ton der Ammer zu hören oder das Zwitschern des Zaunkönigs und Goldhähnchens. Sie sahen weit herum, und sahen den Hühnergeier in der Luft schweben. Dann kamen sie zu den weißen Birken, die die schönen Stämme haben, von denen sich die weißen Häutchen lösen, und die braune feine Rinde zeigen, und sie kamen endlich zu den Eichen, die die dunkeln starren Blätter und die knorrigen starken Äste haben, und sie kamen zulezt in den Nadelwald, wo die Föhren sausen, die Fichten mit den herabhängenden grünen Haaren stehen, und die Tannen die flachzeiligen glänzenden Nadeln auseinan¬ der breiten. Am Rande des Waldes sahen sie zurük, um das Haus und den Garten zu sehen. Diese lagen winzig unter ihnen, und die Scheiben der Glashäuser glänzten wie die Täfelchen, die sie mit einer Steknadel oder mit dem spizigen Messerlein der Großmutter aus dem Steine gebrochen hatten. Dann gingen sie in den Wald, wo es dunkel war, wo die Beeren und Schwämme standen, die Moos¬ steine lagen, und ein Vogel durch die Stämme und Zweige schoß. Sie pflükten keine Beeren, weil sie nicht Zeit hatten, und weil schon der Sommer so weit vorgerükt war, daß die Heidelbeere nicht mehr gut war, die Himbeere schon aufgehört hatte, die Brombeere noch nicht reif war, und die Erdbeere auf dem Erdbeerenberge stand. Sie gingen auf dem san¬ digen Wege fort, den der Vater an vielen Stellen hatte ausbessern lassen. Und als sie bei dem Holze vorbei waren, das im Sommer geschlagen worden war, und noch ein Weilchen auf dem Sandwege ge¬ gangen waren, kamen sie wieder aus dem Walde hinaus. Sie sahen nun einen grauen Rasen vor sich, auf dem viele Steine lagen, dann war ein Thal, und dann stand der hohe Nußberg empor. Da gingen sie nun auf dem Rasen abwärts, der eine Mulde hatte, in dem ein Wässerlein floß. Sie gingen zwischen den grauen Steinen, auf denen ein verdorrtes Reis oder eine Feder lag, oder die Bach¬ stelze hüpfte, und mit den Steuerfedern den Takt schlug. Und als sie zu dem Bächlein gekommen waren, in welchem die grauen flinken Fischlein schwimmen und um welches die blauen schönen Wasserjungfern flattern, und als sie über den breiten Stein gegangen waren, den ihnen der Vater als Brüke über das Bächlein hatte legen lassen, kamen sie gegen den hohen Nußberg empor. Sie gingen auf den Nußberg, der ringsherum rund ist, der eine Spize hat, an dessen Fusse die Steine liegen, der die vielen Gebüsche trägt — die Krüpelbirke die Erle die Esche und die vielen vielen Haselnußstauden — und der weit herum steht auf die Felder, auf denen fremde Menschen akern, und auf weitere unbekannte Gegenden. Großmutter hatte Schwarzköpfchen an der Hand. Blondköpfchen ging allein, und sprang über die Steine. Da sie zu dem Nußberge kamen, gingen sie unter das Gehege hinein, die Großmutter bükte sich, Blondköpf¬ chen bükte sich auch, es bükte sich sogar Schwarzköpf¬ chen, und sie kamen zu den Gebüschen der Nüsse. Da waren nun sie und viele andere Dinge auf dem Berge. Es waren die röthlichen Mäuslein, die auch Nüsse fressen, die unter den Wurzeln die trokenen Gänge bohren, in welche sie die Sämereien des Berges und andere Dinge zu Malzeiten tragen, in welche sie Halme und Heu für die Nester der Jungen tragen, und in welchen sie die Nüsse mit den Zähnen benagen, um zu dem süssen kräftigen Kerne zu gelangen — da war der flüchtige Heher, der mit den Flügeln, in die er die blaugestreiften Täfelchen eingesezt hat, durch die Äste dahin flog — da war das Eichhörnchen, das über den Rasen schlüpfte, und auf einem hohen diken Aste hielt, die Vorderpfoten an den Mund nahm, und emsig nagte, — und wer weiß, was noch da war, seine Freude und Lust auf dem hohen Nußberge zu suchen, was Flügel hat, oder wie die Wiesel und Iltisse in der Sandgrube lief. Es standen die grünen Äste zu dem blauen Him¬ mel empor, und Blätter und Nüsse starrten an ihnen, bald einzeln bald zwei bald drei bald zu großen Knöpfen vereinigt, und hatten blasse oder grünliche oder bräunliche oder röthliche Wangen. Die Kinder langten mit den Händlein in die Zweige, oder sie faßten dieselben mit dem Haken, und zogen sie nieder, um die Nüsse zu pflüken. Und wenn sie sich geirrt, und einen tauben Zweig herab gebogen hatten, ließen sie ihn gleich wieder los, und suchten nach einem andern. So waren sie emsig und fleißig. Und wenn die Äste zu hoch waren, oder wenn sie zu stark waren, daß sie durch die Kraft der Kinder nicht gebogen wer¬ den konnten, so half die Großmutter, sie langte den Zweig herunter, und hielt ihn so lange, bis die Hände der Kinder die Nüsse gefunden und gepflükt hatten. Sie führte sie auch in Gegenden, wo die Zweige recht gefüllt waren, und von Nüssen an Nüssen prangten. Wenn dann die Kinder recht viel gelesen hatten, wenn sie ihre Körblein voll hatten, wenn sie auch in ihre Täschlein noch gestekt, ja sogar in ihre Tüchlein ge¬ bunden hatten, so blieben sie noch auf dem Berge, sie gingen herum, sie gingen auf den Gipfel empor, und sezten sich an einer diken und veralteten Hasel¬ wurzel, die sehr einladend war, nieder, und verweilten in der weiten glänzenden Luft. Die Großmutter sagte ihnen, da sei es auch gewe¬ sen, wo das Hähnlein und das Hühnlein auf den Nußberg gegangen seien, wo das Hühnlein so viel gedurstet und das Hähnlein ihm Wasser gebracht habe, und wo auch noch andere Dinge geschehen seien. Sie zeigte ihnen dann herum, und sagte ihnen die wunderlichen Namen der Berge, sie nannte manches Feld, das zu erbliken war, und erklärte die weißen Pünktlein, die kaum zu sehen waren, und ein Haus oder eine Ortschaft bedeuteten. Und wenn gar reine schöne Himmelsferne war, und die Gebirge deutlich standen, enträthselte sie die seltsamen Spizen, die hinauf ragten, und erzählte von manchem Rüken, der sich dehnte, und wenn schwache Wolken über dem Gebirge waren, so sagte sie, sie gleichen wirklichen Pallästen oder Städten oder Ländern oder Dingen die niemand kennt. Und gegen Mitternacht sahen sie auf den Gallbrunerwald und die Karesberge und da¬ hinter auf den Streifen des Sesselwaldes, über dem oft eine lange matte Wolke war, die nicht so schön glänzte, wie die gegen Mittag über dem Gebirge. Und wenn sie recht viel in das Land gesehen hatten, erzählte ihnen die Großmutter auch von den Männern, die in demselben gelebt hatten, von den Rittern, die herum geritten, von den schönen Frauen und Mäd¬ chen, die auf Zeltern gesessen seien, von den Schäfern mit den klugen Schafen, und von den Fischern und von den Jägern. Dann gingen sie zurük. Sie ordneten die zerdrük¬ ten Kleidchen, nahmen Korb und Ruthe, und gingen auf dem nehmlichen Wege hinab, auf dem sie gekommen waren. Sie gingen an den Haselstauden abwärts, sie gin¬ gen über die Steine, sie gingen über das Bächlein mit den grauen Fischlein und den blauen Wasserjungfern, sie gingen über den Rasen, sie gingen durch den Wald, sie gingen in dem Felsen in dem Gebüsche und in der Sandlehne nieder, und kamen von den Glashäusern auf dem Rasen gegen den Hof vorwärts, wo die Mutter oft in ihrem schönen Gewande und mit dem Sonnenschirme wandelte, und ihnen entgegen ging. Dann bekamen sie ein Essen, weil sie sehr hun¬ gerte. Sie hatten zwei Nußknaker, Blondköpfchen einen größeren und ernsteren, Schwarzköpfchen einen kleineren und närrischeren, der einen drolligen Mund hatte, und fürchterliche Augen machte. In die Mäuler der Nußknaker thaten sie die Nüsse, die sie gebracht, und von den grünen Hülsen befreit hatten, drükten mit den Zünglein, und zerbrachen die Nüsse, indem die Knaker gewaltig die Kinnladen zusammen thaten, und erschrekliche Gesichter erzeugten. Sie gaben von den Kernen und von den Nüssen dem Vater und der Mutter und auch der Großmutter, die selten Nüsse von dem hohen Nußberge mitbrachte, und dann immer nur wenige, die sie stets auf das Tischlein der Kinder legte, so wie sie auch die geschenkten ihnen immer wieder zurük schenkte. Als Blondköpfchen schon recht groß geworden war, und zu lernen anfing, als Schwarzköpfchen auch schon lernte, und ein freundlicher Lehrer aus der Stadt gekommen war, und mit ihnen auf einem Tische in der Kinderstube die schönen Bücher auf¬ machte, und die Dinge in denselben deutete: wurde auch ein Brüderlein geboren, Sigismund. Und wie Blondköpfchen der Vater Schwarzköpfchen die Mutter war, so war Sigismund Vater und Mutter, er war Blondköpfchen und Schwarzköpfchen; denn wie sich seine Haare zu entwikeln begannen, so wurden sie Anfangs licht, und bildeten sich dann zu braunen Ringeln, die Augen waren nicht blau oder schwarz sondern braun. Jezt konnten sie nicht mehr mit der Großmutter auf den hohen Nußberg gehen, weil sie bei dem kleinen Brüderlein bleiben mußte. Mit jemand andern durften sie nicht gehen, und mußten bei dem Hause verweilen. Da gingen sie nun in dem Garten herum, schauten die Obstbäume an, oder sie waren in den Glashäusern und betrachteten die Blumen. Als aber das Brüderlein zweimal in dem Winter im großen Wagen mit in die Stadt gefahren, und zweimal im Sommer wieder gekommen war, so war es schon so stark geworden, daß es mit den Schwester¬ lein und mit der Großmutter herum gehen konnte. Sie gingen durch die Felder, sie gingen in den Wald und übten die Füsse. Dann gingen sie wieder auch auf den hohen Nußberg. Die Schwesterlein hatten weiße Kleider an, sie hatten gelbe Strohhüte auf, von denen der eine sich mit Blondköpfchens Loken unkenntlich vermischte, der andere sich von Schwarzköpfchens Haupte wie ein Schein abhob, sie hatten rothe Bänder an den Hüten und Kleidern, sie trugen Körblein an dem Arme und die weiße Haselruthe mit dem Haken in der Hand. Der Knabe hatte weiße Höslein ein blaues Jäkchen auch ein Strohhütchen auf den braunen Loken und eine kleinere weiße Ruthe mit einem Haken. Statt des Körbleins hatte er ein Täschchen von gelbem Leder an grünen Bändern über seine Schulter hängen. Sie gingen viel langsamer, sie rasteten öfter, und die Schwesterlein zeigten dem Bruder viele Dinge an dem Wege die sie schon kannten, und sie zeigten auch, wie schnell sie gehen könnten, wenn sie wollten, indem sie auf dem Rasen hüpften, auf den Steinen hüpften, vorwärts und wieder rükwärts liefen. Sie gingen durch die Sandlehne das Gestrippe durch die Felsen den Wald über die graue Mulde und den hohen Nu߬ berg hinan. Sie pflükten sich die Nüsse in ihre Körb¬ lein, das Brüderlein langte auch mit seinem kleinen Stifter, Jugendschriften. II. 8 Häklein, und alle halfen zusammen, bis es auch sein Täschchen voll hatte. Als sie an der diken veralteten Haselwurzel saßen, erzählte die Großmutter wieder eine Geschichte. Sie sagte: „Bei dem Sesselwalde an seinem steilen Mittagsfalle, war einstens auch ein Wald, aber er war nicht dicht, es standen Birken und Ahorne auf dem Rasen. Da war ein Schäfer, der die Schafe in das Gehölz führte, daß sie auf dem Rasen weideten, und daß sie ihm Milch und Wolle gaben. Da kam aus dem Sesselwalde ein schwarzer Mann herunter, der sagte, daß in der Harthöhle wo das Silber rinne, das blutige Licht sei. Der Schäfer wußte nicht wer der Mann sei, und was das Sil¬ ber und das blutige Licht sei, und konnte ihn auch nicht fragen, weil er gleich fort ging. Aber er wartete bis er wieder käme. Allein der Mann kam nicht mehr. Da der Schäfer eines Tages ein verlorenes Lamm suchte, ging er dem Bache entgegen, wo er herab fließt, daß er die springenden Wellen in den Augen hatte. Da er das Lamm immer wieder weiter oben blöken hörte, ging er fort und fort. Er ging so weit hinauf, daß der Wald schon sehr dik war, daß der Bach über Steine und Kugeln floß, und daß an den beiden Seiten harte Felsenwände standen. Da sah er aus einem Steine ein Wasser heraus fließen, und herab fallen, als ob lauter silberne Bänder und Fransen über die Steine herab gebreitet wären. Da stieg er an dem Steine empor, und suchte sich an dem glatten Felsen mit Füssen und Händen zu halten. Als er oben war, sah er, daß das Wasser aus einer Höhle heraus rinne, und daß die Höhle sehr glänzend hart sei, als wäre sie aus einem kunst¬ reichen Steine gehauen worden. Er ging in die Höhle hinein. Sie wurde immer enger, und wurde immer finsterer, und das Wässerlein floß aus ihr hervor. Da sah er es plözlich in einem Winkel leuchten, als ob ein rother blutiger Tropfen dort läge. Er ging näher, und es leuchtete fort. Da gab es ihm ein, er solle die Hand ausstreken, und den Tropfen nehmen. Er nahm den Tropfen, aber es war ein kalter rauher Stein, den er in der Hand spürte, und der Stein war so groß, daß er ihn kaum mit der Hand fassen konnte. Er trug den Stein hervor, bis er an das Tageslicht kam, und da sah er, daß es ein Feldstein war, wie man viele Tausende findet, und daß aus dem Feldsteine ein rothes Äuglein hervor schaue, wie wenn es von den Lidern der harten Steinrinde bedekt wäre, und nur rosenfarb blinzen könne. Wenn man den Stein drehte, warf er Funken auf die Dinge. 8* Der Schäfer stieg eilig die Felsenwand herab, er ging den fließenden Bach entlang, und sputete sich, bis er zu seiner Heerde kam. Das Lamm, das er verloren, und nicht gefunden hatte, war zu Hause, und trank an seiner Mutter. Er wikelte den Stein in ein Tuch, und bewahrte ihn sorgsam. Da kam einmal ein Hoch¬ bauer, und er verkaufte ihm den Stein um fünf Schafe. Und der Hochbauer verkaufte ihn einem Arzte um ein Pferd, und der Arzt verkaufte ihn einem Lombarden um hundert Goldstüke, und der Lombarde ließ ihn von dem gemeinen Gesteine befreien und schleifen, und jezt tragen ihn Fürsten und Könige in ihren Kronen, er ist sehr groß und leuchtend, und ist ein Karfunkel oder ein anderer rother Stein, sie beneiden sich darum, und wenn sie das Land erobern, wird der Stein sorgsam fort getragen, als ob man eine eroberte Stadt in einem Schächtelchen davon trüge.“ Zu einem anderen Male sagte die Großmutter: „In unsern Wässern, die braun und glänzend sind, weil sie den Eisenstaub aus den Bergen führen, ist nicht blos das Eisen enthalten, es glänzet der Sand, als ob er lauter Gold wäre, und wenn man ihn nimmt, und wenn man ihn mit Wasser vorsichtig abschwemmt, so bleiben kleine Blättchen und Körner zurük, die eitel und wirkliches Gold sind. In früheren Jahren haben seltsame Menschen, die weit von der Ferne gekommen sind, das Gold in unsern Bächen gewaschen, und sind reich von dannen gezogen; es haben dann auch mehrere von uns in den Wässern gewaschen, und manches gefunden; aber jezt ist es wieder vergessen worden, und niemand achtet das Wasser weiter, als daß er sein Vieh dann tränkt. Dann liegen noch köst¬ lichere Sachen in demselben. Wenn man eine Muschel findet, und sie die rechte ist, so liegt in ihr eine Perle, die so kostbar ist, daß man sie durchbohrt, und mit mehreren vereinigt an einer Schnur gefaßt den schönen Frauen als sanften Schmuk um den Hals thut, oder Heiligenbilder umwindet, und heilige Gefäße einfaßt.“ Wenn die Kinder und die Großmutter lange ge¬ sessen waren, standen sie wieder auf, und gingen nach Hause. Aber auch auf andere Stellen gingen die Kinder mit der Großmutter, sie gingen auf die Wiesen, wo die Schmalz- und Butterblumen waren, und besonders die Vergißmeinnicht, die wie klare Fischäuglein aus den Wellen schauen, und auf einem Gefäße mit Wasser lange auf dem Tische der Mutter blühen. Sie gingen auf den Erdbeerenberg, wo die würzigen Erdbeeren standen, die kleiner aber besser waren, als die der Vater in Beeten an der Sandlehne zog. Sie gingen in die Felder, wo der brennende Mohn die blauen Korn¬ blumen und die hellgelben Frauenschühlein blühten. Für sich allein standen die Kinder gerne am Bache, wo er sanft fließt, und allerlei krause Linien zieht, und blikten auf den Sand, der wohl wie Gold war, wenn die Sonne durch das Wasser auf ihn schien, und der glänzende Blättchen und Körner zeigte. Wenn sie aber mit einem Schäufelchen Sand heraus holten, und gut wuschen, und schwemmten, so waren die Blätt¬ chen Kazensilber, und die Körner waren schneeweiße Stükchen von Kiesel. Muscheln waren wenige zu sehen, und wenn sie eine fanden, so war sie im Innern glatt, und es war keine Perle darin. Als Blondköpfchen und Schwarzköpfchen schon schöner und wunderbarer geworden waren, als Sigis¬ mund schon groß geworden war, und sie wieder ein¬ mal auf dem hohen Nußberge an der diken veralteten Haselwurzel sassen, kam aus dem Gebüsche ein frem¬ des braunes Kind heraus. Es war ein Mädchen, es war fast so groß und noch schlanker als Blondköpf¬ chen, hatte nakte Arme, die es an der Seite herab hängen ließ, hatte einen nakten Hals, und hatte ein grünes Wams und grüne Höschen an, an welchem viele rothe Bänder waren. In dem Angesichte hatte es schwarze Augen. Es blieb an dem Gebüsche der Haseln stehen, und sah auf die Großmutter und auf die Kinder. Die Großmutter sagte nichts, und fuhr fort, zu reden. Die Kinder aber sahen auf das Mäd¬ chen. Als die Großmutter geendet hatte, redete sie das Mädchen an, und sagte: „Wer bist du denn?“ Das Mädchen aber antwortete nicht, es sprang in die Gebüsche, und lief davon, daß man die Zweige sich rühren sah. Die Großmutter und die Kinder gingen von dem hohen Nußberge, ohne weiter von dem Mädchen et¬ was zu sehen oder zu hören. Als sie wieder ein Mal an der diken veralteten Haselwurzel saßen, und die Großmutter redete, kam das braune Mädchen wieder, trat wieder aus den Gebüschen, blieb stehen, und sah die Kinder an. Als man es fragte, lief es nicht davon wie das erste Mal, zog sich aber gegen das Gebüsch zurük, daß die Blät¬ ter seine nakten Arme dekten, und sah auf die Kinder. Da man sich erhob, um weg zu gehen, lief es wieder über den hohen Nußberg hinunter. Die Kinder verlangten nun öfter nach dem hohen Nußberge, um das braune Mädchen zu sehen. Die Großmutter ging mit ihnen hinauf. Sie gingen wohl öfter, ohne das braune Mädchen zu erbliken, aber einmal, als sie ihre Körbchen mit Nüssen gefüllt hatten, und an der Haselwurzel sassen, kam das Mädchen wieder aus den Gebüschen, blieb wieder stehen, und sah auf Blondköpfchen hin. Es mochte wohl hinsehen, da es selber nicht die langen blonden Loken sondern kurz abgeschnittene schwarze Haare hatte. Als man es nach langer Weile freund¬ lich anredete, wich es nur ein wenig zurük, lächelte, zeigte wunderbare weiße Zähne, antwortete aber nicht. Die Kinder blieben länger sizen, die Großmut¬ ter sprach allerlei, und das braune Mädchen stand, und sah zu. Da man fortging, lief es nicht so eilig davon, wie die zwei ersten Male, sondern ging auch langsam auf einem Wege, der den Kindern nahe war, den Berg hinunter, und konnte einige Male in den Gebüschen gesehen werden. Es hatte immer die nehmlichen Kleider an, die es das erste Mal ange¬ habt hatte. Der Vater erlaubte den Kindern gerne, daß sie auf den hohen Nußberg gingen, sagte aber, daß sie dem fremden Kinde nichts zu Leide thun sollten. Wenn sie oben waren, kam das Kind, blieb an dem Rande der Gebüsche stehen, und sah zu. Es lächelte recht freundlich, wenn man zu ihm sprach, antwortete aber nicht. Wenn man fortging, ging es hinterher bis an das Ende der Gebüsche. Einmal erschien es auch mit einer weißen abge¬ schälten Haselruthe wie die Kinder hatten, und hielt die Ruthe hoch empor. Ein anderes Mal, da die Kinder herab gingen, und es hinter ihnen ging, und die Kinder etwas langsamer gingen, näherte es sich ihnen immer mehr, und berührte endlich Blondköpfchen mit der Ruthe. Nach und nach legte es sich auch in das Gras, wenn die Großmutter erzählte, es stüzte den braunen Arm auf den Ellbogen, das Haupt auf die Hand, und richtete die schwarzen Augen auf die Großmutter. Es verstand die Worte, weil es in dem Angesichte die Em¬ pfindungen ausdrükte. Die Kinder hatten es recht lieb. Sie brachten ihm Spielzeug und Äpfel, legten sie zu ihm in das Gras, und es nahm dieselben, und stekte sie zu sich. Da es nach und nach tief in den Herbst gegangen war, da keine Nüsse mehr an den Zweigen hingen, da die Zweige sich schon mit Gelb färbten, die ge¬ akerten Felder der Ferne schon das Grün der Win¬ tersaaten angenommen hatten und die Tage kurz waren, daß man bald nach Hause gehen mußte, war einmal ein gar heißer schöner Herbsttag, wie kaum seit Menschengedenken einer gewesen sein mochte. Die Kinder sassen wieder auf dem hohen Nußberge, das braune Mädchen saß in dem Grase, und die Gro߬ mutter saß auf einem Steine. Es war ihnen wohl, in der späten warmen Sonne sizen zu können. Die Züge der alten Frau waren beleuchtet, die Steine glänzten, an den Za¬ ken und Hervorragungen hingen gespannte silberne Fäden, und die rothen Bänder des braunen Mädchens schimmerten, wenn sie die Sonne an einer Stelle traf, und sie hingen herab wie glühende Streifen. Die Großmutter erzählte wieder von einer schönen Gräfin, die auf dem Walle gestanden war, und sich allein gegen die Bauern im Bauernkriege vertheidigte, als dieselben mit Gabeln Dreschflegeln Morgensternen und anderen Dingen das Schloß erbrechen und an¬ zünden wollten, bis endlich von fernen Landen ihr Mann kam, und wie ein Sturmwind die Aufrührer zerschmetterte und vertilgte. An dem Himmel, da sie sprach standen Wolken, die eine Wand machten, und mit den Bergen ver¬ schmolzen, daß alles in einem lieblichen Dufte war, und die Stoppelfelder noch heller und glänzender schim¬ merten und leuchteten. Die Kinder blieben auf dem Berge. Sie spielten, und hatten dem fremden Mädchen liebliche Dinge mitgebracht. Die Wolken aber wurden nach und nach immer deutlicher, und an ihren oberen Rändern waren sie von der Sonne beschienen, und glänzten, als ob ge¬ schmolzenes Silber herab flöße. Die Hize wurde immer größer, und weil man in ihr im Herbste müder wird als im Sommer, so blieben sie noch immer auf dem Berge sizen. Die Großmutter schaute nach den Wolken. Wenn es Sommer gewesen wäre, würde sie gedacht haben, daß ein Gewitter kommen könnte; aber in dieser Jah¬ reszeit war das nicht möglich, und es war daran nicht zu denken. Das braune Mädchen sah auch nach den Wolken. Wenn im üblen Falle ein leichter Herbststaubregen käme, dachte die Großmutter, so macht das nichts, da die Kinder gewohnt seien, naß zu werden, und da dies ihrer Gesundheit eher zuträglich ist. Aber bald sollte sie anders denken. Man hörte aus den Wolken schwach donnern. Man wartete noch ein Weilchen und der Donner wiederholte sich. Die Großmutter überlegte nun, was zu thun sei. Zwischen dem hohen Nußberge und dem Hofe ihres Sohnes war kein Haus und keine Hütte, man konnte also nirgends eine Unterkunft finden. In dem Walde könnten wohl die Bäume einen Schuz vor dem Regen gewähren, aber dafür waren sie desto gefährlicher wegen des Blizes, und man durfte dort keine Zuflucht suchen. Ob sie mit den Kindern noch vor Ausbruch des Gewitters nach Hause kommen könnte, war zwei¬ felhaft. Aber sie dachte, wenn auch das Gewitter erschiene, so könne es auf keinen Fall in der späten Jahreszeit stark sein, der Regen werde nicht in Strö¬ men herabfließen wie im Sommer, und so würde er leicht zu überstehen sein. Indessen hatte sich die Gestalt der Wolken verän¬ dert. Sie bildeten eine dunkle Wand, und auf dem Grunde dieser Wand zeigten sich weißliche leichte Floken, die dahin zogen. Es wurden auch schon Blize in den Wolken gesehen, aber die Donner, die ihnen folgten, waren noch so ferne, als wären sie hinter den Bergen. Die Sonne schien noch immer auf den hohen Nußberg und die umringende Gegend. Die Kinder fürchteten sich nicht. Sie hatten schon starke Gewitter gesehen, wie sie in ihrem Hügellande vorkommen, und da Vater und Mutter ihre Geschäfte ruhig fort thaten, so waren ihnen Gewitter nicht entsezlich. Das braune Mädchen war in der Nähe der Stelle, auf welcher sie gesessen waren, hin und her gegangen. Es hatte unter manche Haselbüsche hinein gesehen, es hatte unter Wurzelgeflechte geblikt, oder in kleine Erdhöhlungen geschaut. Die Wolken hatten nach und nach die Sonne verschlungen. Die vielen Haseln auf dem Berge lagen im Schatten, die anstoßende Gegend war im Schat¬ ten, und nur noch die fernen Stoppeln gegen Morgen waren beleuchtet und schimmerten. „Ich weiß nicht, liebe Kinder,“ sagte die Gro߬ mutter, „ob es nun auch wirklich wahr ist, was meine Mutter oft erzählt hat, daß die heilige Mutter Ma¬ ria, als sie zu ihrer Base Elisabeth über das Gebirge ging, unter einer Haselstaude untergestanden sei, und daß deßhalb der Bliz niemals in eine Haselstaude schlage; aber wir wollen uns doch eine dichte Hasel¬ staude suchen, deren Zweige gegen Morgen hängen, und ein Überdach bilden, und deren Stämme gegen Abend stehen, und den von daher kommenden Regen abhalten. Unter derselben wollen wir sizen, so lange der Regen dauert, daß er uns nicht so schaden kann, und daß wir nicht zu naß werden. Dann gehen wir nach Hause.“ „Ja, so thun wir, Großmutter,“ riefen die Kin¬ der, „so thun wir.“ Sie gingen nun daran, eine solche Staude zu suchen. Das braune Mädchen aber schoß in die Ge¬ büsche und lief davon. Nach einem Weilchen kam es wieder, und trug ein Reisigbündel in den Händen, wie man sie aus dün¬ nern und dikern Zweigen und Stäben macht, auf¬ schlichtet, troken werden läßt, und gegen den Winter zum Brennen nach Hause bringt. Es lief nun wieder fort, und brachte zwei Bündel. Und so fuhr es mit großer Schnelligkeit fort, daß die braunblassen Wangen glühten, und der Schweis von der Stirne rann. Während das braune Mädchen die Bündel trug, und die Kinder und die Großmutter eine Haselstaude suchten, waren die Wolken, die früher so langsam gewesen waren, nun viel schneller näher gekommen, und der Donner rollte klarer und deutlicher. Das braune Mädchen hörte endlich mit dem Her¬ beitragen von Bündeln auf, und begann aus densel¬ ben gleichsam ein Häuschen zu bauen. Es suchte eine Stelle aus, die gegen Abend mit dichten Haseln umstanden war, stellte Bündel gleichsam als Säulen auf, legte quer darüber Stangen und Stäbe, die es von dem Bündelstoße herbei getragen hatte, bedekte dieselben wieder mit Bündeln, und häufte immer mehr und mehr Bündel auf, daß im Innern eine Höhlung war, die Unterstand both. Da es fertig war, und da die Großmutter und die Kinder auch bereits eine taugliche Haselstaude gefunden hatten, unter derselben sassen, und auf das Gewitter warteten, ging es zu ihnen hin, und sagte etwas, das sie nicht verstanden. Darauf machte es ein Zeichen, weil es die Sache nicht mit Worten sagen konnte: es hielt die linke Hand flach auf, hob die rechte hoch, machte eine Faust, und ließ dieselbe auf die geöffnete Hand niederfallen. Dann schaute es auf die Großmutter, und zeigte auf die Wolken. Die Großmutter ging unter der Haselstaude her¬ vor, und stellte sich auf einen Plaz, wo sie die Wolken sehen konnte. Dieselben waren grünlich und fast weißlich licht, aber troz dieses Lichtes war unter ihnen auf den Hügeln eine Finsterniß, als wollte die Nacht anbrechen. So wogten sie näher, und bei der Stille des Nußberges hörte man in ihnen ein Mur¬ meln, als ob tausend Kessel sötten. „Heiliger Himmel, Hagel!“ schrie die Gro߬ mutter. Sie begrif nun sogleich, was das Mädchen wollte, sie begrif die Kenntniß und Vorsicht des braunen Mädchens, die es mit den Reisigbündeln gezeigt hatte, sie lief gegen die Haselstaude, riß die Kinder hervor, bedeutete ihnen zu folgen, das fremde Mädchen lief voran, die Großmutter eilte mit den Kindern hinterher, sie kamen zu den Bündeln, das Mädchen zeigte, daß man hinein kriechen sollte, Si¬ gismund wurde zuerst hinein gethan, dann folgte Clementia, dann folgten Emma und die Großmutter neben einander, und am äußersten Rande schmiegte sich das braune Mädchen an, und hielt die blonden Loken Emmas in der Hand. Die Kinder hatten kaum Zeit gehabt, sich unter die Bündel zu legen, und eben wollten sie lauschen, was geschehen würde, als sie in den Haselstauden einen Schall vernahmen, als würde ein Stein durch das Laub geworfen. Sie hörten später das noch ein¬ mal, dann nichts mehr. Endlich sahen sie wie ein weißes blinkendes Geschoß einen Hagelkern vor ihrem Bündelhause auf das Gras nieder fallen, sie sahen ihn hoch empor springen, und wieder niederfallen, und weiter kollern. Dasselbe geschah in der Nähe mit einem zweiten. Im Augenblike kam auch der Sturm, er faßte die Büsche, daß sie rauschten, ließ einen Athemzug lang nach, daß alles todtenstill stand, dann faßte er die Büsche neuerdings, legte sie um, daß das Weiße der Blätter sichtbar wurde, und jagte den Hagel auf sie nieder, daß es wie weiße herabsausende Blize war. Es schlug auf das Laub, es schlug gegen das Holz, es schlug gegen die Erde, die Körner schlugen gegen einander, daß ein Gebrülle wurde, daß man die Blize sah, welche den Nußberg entflamm¬ ten, aber keinen Donner zu hören vermochte. Das Laub wurde herab geschlagen, die Zweige wurden herab geschlagen, die Äste wurden abgebrochen, der Rasen wurde gefurcht, als wären eiserne Eggenzähne über ihn gegangen. Die Hagelkörner waren so groß, daß sie einen erwachsenen Menschen hätten tödten können. Sie zerschlugen auch die Haseln, die hinter den Bündeln waren, daß man ihren Schlag auf die Bündel vernahm. Und auf den ganzen Berg und auf die Thäler fiel es so nieder. Was Widerstand leistete, wurde zer¬ malmt, was fest war, wurde zerschmettert, was Leben hatte, wurde getödtet. Nur weiche Dinge widerstan¬ den, wie die durch die Schlossen zerstampfte Erde und die Reisigbündel. Wie weiße Pfeile fuhr das Eis in der finstern Luft gegen die schwarze Erde, daß man ihre Dinge nicht mehr erkennen konnte. Was die Kinder fühlten, weiß man nicht, sie wußten es selber nicht. Sie lagen enge an einander Stifter, Jugendschriften. II. 9 gedrükt, und drükten sich noch immer enger aneinan¬ der, die Bündel waren bereits durch den Hagelfall nie¬ der gesunken und lagen auf den Kindern, und die Gro߬ mutter sah, daß bei jedem heftigeren Schlag, den eine Schlosse gegen die Bündel that, ihre leichten Körper¬ chen zukten. Die Großmutter bethete. Die Kinder schwiegen, und das braune Mädchen rührte sich nicht. Die Stumpfen der Haselnußstauden, die hinter den Bündeln waren, machten, daß der Wind nicht in die Bündel fahren, und sie aus einander werfen konnte. Nach längerer Zeit hörte es ein wenig auf, daß man den Donner wieder hören konnte, der jezt als ein mildes Rollen erschien. Die Schlossen fielen dich¬ ter, waren aber kleiner, und endlich kam ein Regen, der ein Wolkenbruch war. Er fiel nicht wie gewöhn¬ lich in Tropfen oder Schnüren, sondern es war, als ob ganze Tücher von Wasser nieder gingen. Dasselbe drang durch die Fugen und Zwischenräume der Bün¬ del auf die Kinder hinein. Nach und nach milderte es sich, der Wind wurde leichter, und der Donner war entfernter zu hören. Das braune Mädchen kroch aus den Bündeln hervor, stand auf, und sah mit den schwarzen Augen unter die Bündel hinein. Die Großmutter stand auch auf, und sah nach dem Himmel. Die Wolken hatten sich gegen Aufgang gezogen, dort war es finster, und man hörte das Niederfallen des Wassers und Eises herüber. Aber auf den Bergen gegen Untergang war es lichter, lichtere graue Wolken zogen herüber, und zeigten, daß der Hagel nicht mehr zurükkehren werde. Die Großmutter zog nun zuerst Blondköpfchen her¬ vor, dann Schwarzköpfchen, dann Braunköpfchen. Die nassen Kinder gingen unter den Bündeln hervor, und die Kleider klebten an ihren Körpern. Das braune Mädchen hatte auch sein schönes Gewand verdorben, es war naß und beschmuzt an seinem Körper. Das Mädchen blutete an dem nakten rechten Arme. Weil es sich nicht ganz unter das Reisig hatte hinein legen können, so war es von einem Eisstüke gestreift und gerizt worden. Da die Kinder hinzu gingen, um es zu betrachten, da die Großmutter es untersuchen wollte, wandte es sich ab, und machte eine Bewegung, als ob es sagen wollte, daß die Sache keiner Mühe werth sei. Man richtete sich zum Fortgehen. Die Großmutter nahm die zwei Körbchen der Mädchen und das Ledertäschchen des Knaben, band alles mit einem nassen Tuche zusammen, und trug es 9* selber, damit die Kinder leichter wären, damit sie sich beim Fortgehen an sie anhalten, und ihre Kleidchen aufheben konnten. Sie hielt sie bei sich, daß sie nicht auf der nassen Erde und in den Hagelkörnern ausglei¬ ten und fallen könnten. Das braune Mädchen ging mit ihnen. Die Kinder sahen, wie der Wind das dürre Gras die Blätter und andere Dinge in die Stämme der Haseln hinein geblasen hatte, sie sahen, wie keine Büsche mehr auf dem Berge standen, sondern nur lauter dike Strünke, sie sahen, wie schier kein Gras war sondern nur beinahe schwarze Erde, die mit dem Was¬ ser einen Brei machte. Und wo die Erde nicht zu sehen war, dort lagen lauter weiße Haufen von Schlossen, wie im Frühlinge die Schneelehnen liegen, wenn er auf den sonnigeren Stellen schon weggeschmol¬ zen war. Wenn die Kinder eine Schlosse anrührten, war sie sehr kalt, und wenn sie dieselbe genau ansahen, war sie so schön wie eine Glaskugel, und hatte im Innern eine kleine Floke von Schnee. Auf allen Seiten des Berges rannen die Wasser des Regens nieder. Die Großmutter gab sehr acht, daß die Kinder nicht gleiteten. Der Regen hatte aufgehört, und es fiel nur mehr ein nasser Staub von dem Himmel. Sie kamen an den Rand des hohen Nußberges, und das braune Mädchen ging dieses Mal mit ihnen auf den grauen Rasen hinaus. Aber es war kein grauer Rasen mehr. Er war zerschlagen worden, und war schwarze Erde, so wie die Steine, die durch den Regen naß geworden waren, schwarz erschienen. Da lagen große weiße Streken vom Hagel. Als sie zu dem Bächlein gekommen waren, war kein Bächlein da, in welchem die grauen Fischlein schwimmen, und um welches die Wasserjungfern flat¬ tern, sondern es war ein großes schmuziges Wasser, auf welchem Hölzer und viele viele grüne Blätter und Gräser schwammen, die von dem Hagel zerschlagen worden waren. Es standen sonst immer kleine Ge¬ sträuche an dem Bache, die im Sommer rothe Blüthen hatten, und dann, wenn die Blüthen abgefallen waren, schöne weiße Käzchen bekamen. Von diesen Gesträu¬ chen schauten die Spizen aus dem Wasser. Die Großmutter ging zu dem kleinen steinernen Brüklein, allein dasselbe war nicht zu sehen, und man konnte die Stelle nicht erkennen, an welcher es sei. Da die Großmutter zauderte, und sich bemühte, den Plaz des Brükleins aufzufinden, zeigte das braune Mädchen auf eine Stelle, und als man noch immer zögerte, ging es ruhig und entschlossen gegen das Wasser. Es ging in dasselbe hinein, ging durch das¬ selbe hindurch, und ging wieder zurük, gleichsam, um den sichtbaren Beweis zu geben, daß man hin¬ durch gelangen könne. Weil ihm das Wasser nur gegen die Hüften reichte, sah man deutlich, daß es auf dem Brüklein gehe. Da es zurük gekommen war, bükte es sich sanft und freundlich gegen Sigismund, und strekte ihm die Arme entgegen. Der Knabe verstand die Bewegung, er ließ die Hand der Großmutter los, und begab sich in den Schuz des braunen Mädchens. Dieses nahm ihn auf den Arm, er schlug beide Ärmchen um den Hals desselben, und es trug ihn fest und sicher schreitend auf das jenseitige Ufer. Die Großmutter hatte Schwarzköpfchen auf den Arm genommen, hatte Blondköpfchen fest an der Hand gefaßt, und ging hinter dem braunen Mädchen. Sie empfand bald an den Füssen, daß sie das Brüklein unter sich habe, und kam auch an das andere Ufer. Als das fremde Mädchen Sigismund und die Großmutter Schwarzköpfchen auf die Erde gestellt hatten, mußten sie weiter gehen. Sie sahen auf das Wasser zurük. Die Spizen der Gesträuche waren nicht mehr zu sehen, und das Wasser war viel breiter ge¬ worden. Es eilte mit dem Holze mit dem Laube und mit den fremden schwarzen Dingen, die auf ihm schwammen, dahin. Sie gingen nun auf dem Rasen aufwärts gegen den Wald. Sie mußten den weißen Haufen von Schlossen ausweichen, sie mußten den Wässern aus¬ weichen, die in den Vertiefungen standen, und sie mußten den Bächen ausweichen, die überall herab floßen. Daher mußten sie öfter von einem Steine auf den andern springen, um fort zu kommen, und öfter durch ein fließendes Wässerlein gehen. Die Großmutter ließ, ihre eigenen Gewänder dem Wasser und dem Schmuze der Erde preis, um die der Kinder zu wahren, und zu helfen, daß die Kleinen leichter fortkommen könnten. Das braune Mädchen ging mit. Als sie in die Nähe des Waldes kamen, sahen sie aus demselben Männer heraus treten, und über den Rasen herab eilen. Da dieselben gegen sie heran kamen, erkannten sie den Vater, der an der Spize aller seiner Knechte und Männer daher kam. Sie trugen Stangen Strike und trokene Kleider. Als der Vater näher kam, rief er: „Da sind ja die Kinder, Gott sei gedankt, sie leben. Mutter, wo habt ihr sie denn geborgen?“ „Unter Bündeln dürren Reisigs,“ antwortete die Großmutter. Schwarzköpfchen und Braunköpfchen gingen in ihrem durch und durch nassen Anzuge zu ihm hin, wie sie es am Morgen vor ihrem Frühmale zu thun gewohnt waren, und küßten ihm die Hand. Blond¬ köpfchen blieb stehen, weil es schon begrif, daß das sich hier nicht schike. Der Vater nahm die Kinder zu sich auf, küßte sie auf die Wangen, untersuchte sie, und sagte: „Ihr armen Dinge!“ Das fremde Mädchen stand in der Ferne, wie es sonst an dem Rande der Haselbüsche zu stehen gewohnt war, aufrecht und steif. „Mutter,“ sagte der Vater, „wir haben geglaubt, daß ihr in dem Walde hinter einem diken Stamme oder hinter einem Holzstoße werdet Sicherheit gesucht haben. Darum gingen wir gleich nach dem Hagel in den Wald, wir hatten trokene Kleider in einem Bündel mit, um die Kinder umzukleiden, und suchten auch an allen Stellen neben dem Wege, und riefen nach euch. Da wir euch nicht fanden, und da keine Stimme ant¬ wortete, sandte ich schnell einige Knechte um Stangen und Strike zurük, weil ich dachte, ihr könntet etwa jen¬ seits des Baches sein, der bei solchen Anlässen immer sehr anschwillt, und wir könnten die Werkzeuge zum Durchdringen des Wassers brauchen. Da die Knechte gekommen waren, gingen wir weiter. Ich hatte große Angst, aber ich hatte auch große Hoffnung zu euch, liebe Mutter, daß ihr werdet eine Stelle gefunden haben, euch alle zu sichern.“ „Ich werde dir gleich erzählen, wie es gekommen ist,“ sagte die Mutter, „aber laß uns weiter gehen. Die Kinder können hier nicht umgekleidet werden, und in den nassen Kleidern dürfen sie nicht stehen bleiben. Wenn sie gehen, wird ihnen wärmer, und die Nässe schadet nicht.“ „Und auch ihr seid durchnäßt, liebe Mutter,“ sagte der Vater. „Ich bin ein Weib aus den alten Bergen unsres Landes,“ antwortete die Großmutter, „mir schadet die Nässe nicht. Ich bin naß geworden, mein Kind, da ich kaum einige Jahre zählte, ich bin durchnäßt gewesen, da ich ein Mädchen war, und wie oft habe ich Tage lang nasse Kleider gehabt, da ich schaffen mußte, weil du noch klein warst, und der Vater schon kränkelte. Aber schike sogleich einen Knecht ab, daß er laufe, was er kann, und die arme Frau zu Hause beruhige, die um die Kinder in Angst vergehen wird.“ Der Vater that es sogleich. Die Knechte waren bisher in einem dichten Kreise um den Vater die Kin¬ der und die Großmutter gestanden. Nachdem einer abgeschikt worden war, sezte man sich in Bewegung. Der Vater die Kinder und die Großmutter gingen voran, dann folgten die Knechte. Der Vater führte Blondköpfchen und Braunköpfchen an der Hand, die Großmutter Schwarzköpfchen. Sie erzählte ihm nun, was sich auf dem Nußberge begeben hatte, und wie sie bis zu der Stelle gelangt seien, an der er sie gefunden habe. „Aber du bist ja selber ganz naß,“ schloß sie. „Weil wir während des Wolkenbruches in den Wald hinauf gegangen sind,“ antwortete er, „da nur einmal der Hagel nachgelassen hatte.“ Sie kamen nun in den Wald, und hier sah es zum Erschreken aus. Wie man eine Streu aus Tannenreisern macht, wenn in einem Jahre wegen Dürre oder andern Un¬ glüksfällen die Halme nicht gerathen, so lagen auf dem ganzen Boden die Tannenzweige gehäuft, man¬ cher starke Ast lag mehrere Male getroffen und also gebrochen darunter, an den Stämmen waren Risse der Rinde sichtbar, daß hie und da das weiße Holz hervor stand, und durch den Wald war ein feiner Harzgeruch verbreitet, wie er ist, wenn Nadelholz gesägt oder gespalten wird. Die Schlossen lagen mit der Tannenstreu untermischt und von ihr bedekt, und hauchten eine unsägliche Kälte unter den Stämmen aus, welche im Freien draußen nicht so empfunden worden war. Der Vater und die Knechte mußten den Weg suchen, weil er mit Streu bedekt, und nicht zu sehen war. Aus dem Walde kam man wieder in das Freie, und ging bis zu den Felsen nieder, von denen aus man das Haus und die Felder sehen konnte. Der Garten war verschwunden, nur einzelne Stämme mit verstümmelten Armen standen empor. Das Grün war dahin, und die Felder jenseits des Gartens sahen aus, als wären sie schlecht geeggt worden. Der Vater ging mit den Kindern in der Sand¬ lehne nieder. Da sahen sie, daß alle Fenster der Glashäuser zerstört waren, und daß im Innern an der Stelle, wo die Blumen in Töpfen und Kübeln gestanden waren, weiße Haufen von Schlossen lagen. Die Fenster des Hauses, welche gegen Abend schauten, waren zertrümmert, die Ziegeldächer und die Schin¬ deldächer waren zerschlagen, daß sie theils wie ein Sieb aussahen, theils große ausgebrochene Stellen hatten, durch die das innere Bauholz hervor sah. Die Verzierungen und der Anwurf der Mauern waren an der Wetterseite herunter geschlagen, daß die Mauern nicht etwa wie neu, ehe der Anwurf geschieht, son¬ dern wie mit Hämmern ausgeschlagen da standen. Als sie gegen das Ende der Sandlehne kamen, sahen sie eine weiße Gestalt durch den ehemaligen Garten eilen, durch nasses Gras durch Schlossen über die herab gestürzten Baumäste laufen, und ihnen an der Eke der Glashäuser begegnen. Es war die Mutter. Sie lief gegen die Kinder und sah sie an. Auf den Wangen der Kinder war durch das Gehen ein schöner rosiger Hauch erblüht, und ihre Haare lagen wohl naß und zusammengeklebt aber wunder¬ schön um ihr Antliz. „Vater, Vater,“ schrie sie, „du hast sie mir gebracht.“ „Ja, ohne Makel ohne Beschädigung,“ erwie¬ derte er. „Mein Gott, mein Gott, du bist gütig, daß du sie mir gegeben hast. O Clementia, o Emma, o Sigismund!“ rief die Frau. Sie rieß die Kinder an sich, sie drükte sie, herzte sie, und hatte alle drei in ihren Armen. „Mutter, wir haben keine Nüsse gebracht,“ sagte der Knabe. „Aber dich selbst, du kleines unvernünftiges Kind,“ sagte die Mutter, „das mir lieber ist als goldene Nüsse.“ „Schauerlich war es und beinahe prächtig,“ sagte Emma. „Lasse mir das Bild nicht vor die Augen, Vater, ich bitte dich, — — was hätte werden können!“ sagte die Mutter. „Sie lagen unter Reisigbündeln,“ antwortete der Vater, „aber lasse uns in das Haus gehen, ich werde dir alles erzählen, gib ihnen trokene Kleider und etwas zu essen, daß ihr Blut wieder in gleichmässige Bewegung komme.“ „So kommt, ihr Kinder,“ sagte die Mutter. Sie wendete sich, um durch den Garten in das Haus zu gehen. Die Kinder schloßen sich an. Sie führte alle drei, so weit dies möglich ist, an der Hand. Dann folgte die Großmutter und der Vater, dann die Knechte. Als man zu dem Haupteingange des Hauses gekommen war, wandte sich der Vater zu den Knechten um, dankte ihnen, entließ sie, sagte, sie sollten das, was sie tragen, an die rechte Stelle thun, sollen sich umkleiden, sollen alle Arbeit ruhen lassen, und er werde ihnen ein Glas Wein zu ihrem Abendessen senden. „Und ich danke euch auch,“ sagte die Mutter, die mit den Kindern bei den Worten ihres Gatten vor dem Hause stehen geblieben war, und sich umwendete, „ich danke euch auch, und werde es euch gewiß ver¬ gelten.“ „Es ist nicht nöthig,“ sagte der Altknecht, „wir haben nichts besonderes gethan, als was unsere Schuldigkeit gewesen ist.“ Die Knechte fingen nun an sich zu zerstreuen. Als sie auseinander gegangen waren, und man die Aussicht auf den Weg hatte, auf dem man her gekommen war, sah man das braune Mädchen in einiger Entfernung im Garten stehen. Man hatte es bei dem ersten Anblike des Vaters und bei seinem Empfange, da man von den Knech¬ ten umstanden war, nicht beachtet, man hatte es im Nachhausegehen, da die Knechte gerade hinter dem Vater den Kindern und der Großmutter gingen, nicht gesehen, und hatte geglaubt, daß es nach seiner Art schon längstens umgekehrt sein werde. Als die Kinder es sahen, ließen sie von den Händen der Mutter los, hatten große Freude, daß das fremde Kind in ihrem Garten stehe, liefen zu ihm hin, und sprachen zu ihm. Die Mutter aber fragte: „Wer ist denn das?“ Der Vater sagte ihr, daß es das braune Mädchen von dem hohen Nußberge sei, und erzählte ihr, was es heute zu dem Schuze der Großmutter und der Kinder gethan habe. Dann wendete er sich zu der Gruppe der Kinder, und sagte: „Komme her, du liebes Kind, wir werden dir sehr viel Gutes thun.“ Das Mädchen zog sich bei diesen Worten langsam von den Kindern zurük, und da es ein Stükchen ent¬ fernt war, fing es zu laufen an, es lief durch den Garten zurük, es lief um die Glashäuser herum, und in dem nächsten Augenblike sah man es schon in der Sandlehne empor laufen. Die Kinder gingen wieder zu ihren Eltern zurük. „Schade, daß das Kind nicht näher kommt, und so scheu ist,“ sagte der Vater. „Ich fange das Ding,“ sagte ein Knecht. Alle drei Kinder thaten auf diese Äußerung einen Angstschrei der Abwehrung. „Lasse das,“ sagte der Vater, „das Mädchen hat meiner Mutter und meinen Kindern heute den größten Dienst erwiesen. Darf man es überhaupt nicht rauh behandeln, so darf man es jezt um so weniger, so lange es sich nicht schädlich erweist. Wir werden es schon auszukundschaften und zu finden wissen, dann muß es gut behandelt werden, daß es Zutrauen ge¬ winnt, und wir werden die Art schon finden, wie wir das Kind belohnen, und ihm sein Leben vielleicht nüzlicher machen können, als es jezt ahnt. Indessen war das Mädchen schon wie ein Hirsch auf die höchste Höhe gekommen, war noch einen Augenblik in den Klippen sichtbar, und war dann verschwunden. Der Tag neigte sich schon gegen den Abend, und man war nicht ohne Besorgniß um das Kind, beson¬ ders, da die Großmutter erzählt hatte, daß es an dem rechten Arme blute. Aber der Himmel war lich¬ ter, ein schweigender Nebel stand an demselben, und es war kein Regen mehr zu befürchten. Man mußte der Ansicht des Vaters beipflichten, daß das Mädchen am besten aufgehoben sei, wenn man es seinem eigenen Ermessen überlasse, daß es ein Waldgeschöpf sei, dem Berge und Hügel nichts anhaben, und daß ihm, wenn man es suchen oder beobachten ließe, ein größe¬ res Ungemach zustieße, als ihm so bevorstehen könne. Man ging nun in das Haus. Die Mutter hatte die Kinder in ein an der Morgenseite des Hauses gelegenes gut erhaltenes und gut verwahrtes Zimmer gebracht, das sie auf die Nachricht des vorausge¬ schikten Knechtes in Anbetracht der eingetretenen Kälte sogar schwach hatte heizen lassen. Dort wurden die Kinder entkleidet, auf wenige Augenblike in ein warmes Bad gethan und hierauf mit wohlgetrokneten und durchwärmten Kleidern angethan. Weil sie durch die vorangegangene Begebenheit aufgeregt waren, so gingen sie troz der Müdigkeit selbst bei Kerzenscheine und, als sie das Abendmahl eingenommen hatten, noch nicht zu Bette; und als die Großmutter sich umgekleidet hatte, und wieder zu ihnen herein kam, saßen sie um den Tisch, und knakten mit ihren drei Nußknakern die Nüsse auf, die sie noch vorräthig hatten, und die ihnen die Großmutter gegeben hatte. Sie erzählten auch von dem Gewitter, und erzählten so, daß man sah, daß sie auch nicht die entfernteste Ahnung von der Gefahr hatten, in der sie geschwebt waren. Sie nahmen die Reisigbündel als etwas an, das sich von selber verstehe, und das so da sei, wie im Winter das warme Haus, daß sie nicht erfrieren. Als man die Großmutter fragte, ob sie das Ge¬ witter nicht hätte kommen gesehen, antwortete sie: Stifter, Jugendschriften. II. 10 „Ich habe die Wolken nicht für ein Gewitter gehalten, und da es zu regnen anfing, war es zu spät, den Wald zu erreichen.“ Auf die Frage, ob sie die Wolken als Hagelwol¬ ken erkannt habe, antwortete sie: „Ich habe wohl eine kleine Vermuthung gehabt, daß aus den Wolken Hagel kommen könnte; aber ich habe eine so dichte Haselstaude ausgesucht, daß ein gewöhnlicher Hagel nicht durch gedrungen wäre. Nur das braune Mädchen hat die Reisigbündel herbei ge¬ tragen.“ „Ich will den Anblik und das Bild dessen, was sich hätte zutragen können, wenn die Bündel früher nach Hause geführt worden wären, in den Hinter¬ grund und in die Ferne rüken,“ sagte der Vater zu der Mutter, „da die Kinder den hohen Nußberg so lieben, da die Großmutter sie gerne dahin begleitet, und da es hart wäre, ihnen diese Freude zu rauben, so werde ich ein Stükchen Landes dort kaufen, und werde auf demselben ein winziges kleines Häuschen zum Schuze bauen. Wenn es auch fast gewiß ist, daß die Kinder schon erwachsene Personen, ja vielleicht schon Greise sein werden, ehe sich ein Hagelwetter wiederholt, wie das heutige war, ja wenn auch in mehreren Menschenaltern, wie zu vermuthen ist, kein solches mehr kommen wird, so wie in den vergange¬ nen Menschenaltern keines verzeichnet ist, das so entsezlich gewesen wäre, so würden in deinem und meinem Gemüthe doch immer Hagelwolken herauf steigen, so oft die Kinder auf dem hohen Nußberge wären. Bei einer Überraschung finden sie in dem Häuschen Schuz, und wenn sie auf dem Heimwege ein Gewitter sehen, so gibt auch der Wald die nothdürf¬ tige Unterkunft, und wir dürfen beruhigt sein, wenn sie auf jenem Wege gehen, besonders, wenn man fleißig auf die Wolken, und den Himmel blikt.“ „Es ist häufig geblikt worden,“ erwiederte die Großmutter, „aber wenn Gott zur Rettung kleiner Engel ein sichtbares Wunder thun will, daß wir uns daran erbauen, so hilft alle menschliche Vorsicht nichts. Ich habe in siebenzig Jahren alle Wolken gesehen, die in diesem Lande sind; aber wenn es heute nicht wie ein Nebel ausgesehen hat, der in dem Herbste blau auf allen fernen Wäldern liegt, an den Rändern weiß funkelt, gegen Abend in die Thäler und auf das Land herunter steigt, und Morgens doch wieder weg geht, und die helle Sonne scheinen läßt: so will ich eine sehr harte Strafe hier und dort erdulden. Und sind in dieser Zeit des Jahres schon öfter Gewitter gewesen. Ein altes Wort sagt: Um das Fest der 10* Geburt der heiligen Jungfrau ziehen die Wetter heim, und heute ist es sechs Wochen nach jenem Feste. Dein alter Vater wird sich in der Ewigkeit wundern, wenn er es weiß, oder wenn ich komme, und es ihm sage, daß nach Gallus ein so großes außerordentliches Gewitter gewesen sei, und daß es die Bäume und die Häuser zerschlagen habe. Es ist ein Wunder, wie Gott in dem Haupte des braunen wilden Kindes die Gedanken wekte, daß es die Wolken sah, und daß es die Bündel herbei trug.“ „Ihr habt Recht, theure Mutter,“ antwortete der Vater, „es war das nicht zu erwarten, was gekommen ist. Kein Mensch konnte errathen, was geschehen würde, und es ist ein Glük, daß sich alles so gewen¬ det hat. Wir waren in dem Garten, die Knechte arbeiteten in den nächsten Gemarken, als es donnerte. Da die ersten Hagelkörner fielen, konnten die Knechte nur verwundert in die Scheune springen und wir in das Haus, und als es mit Getose nieder ging, die Fenster die Mauern und das Dach zerschlagen wurde, fiel die Mutter ohnmächtig auf den Teppich des Fußbodens.“ „Der Mensch ist eine Blume,“ sagte die Gro߬ mutter, „zuerst ist er ein Veilchen dann eine Rose dann eine Nelke, bis er eine Zeitlose wird. Und wer eine Zeitlose werden soll, der kann nicht als ein Veilchen zu Grunde gehen, darum war die dunkle Blume da, daß die lichten leben.“ „Nur die Annahme, daß es fast gewiß sei, daß ihr alle den dichten Wald als Schuz gesucht habt, und hinter einem diken Stamme desselben geborgen seid,“ sagte der Vater, „konnte der Mutter und mir Trost geben, und die Verzweiflung abhalten.“ „Es wäre die dichte Haselstaude hinreichend ge¬ wesen,“ antwortete die Mutter, „aber weil sie nicht hinreichend war, waren die Bündel da, und es war die Hand schon bestimmt gewesen, welche sie einst schneiden mußte.“ „Als wir euch in dem Walde nicht errufen konnten,“ sagte der Vater, „da faßte auch mich das Entsezen.“ „Ich sage dir ja,“ erwiederte die Mutter, „daß die Hand schon bestimmt war die Bündel zu tragen, so wie einmal der Fuß schon bestimmt war, daß er durch den Wald zwischen Jericho und Jerusalem gehe, damit der verwundete und geschlagene Mann, der dort lag, gepflegt und geheilt werde.“ „Amen, theure Schwiegermutter,“ sagte die Frau, „das ist ein trostreicher herzlindernder Glaube.“ „Gib dich ihm hin, und du wirst dein Leben lang gut fahren,“ antwortete die alte Frau. Die Kinder waren unterdessen in ihrem Geplauder fortgefahren, sie sagten allerlei zu den Erwachsenen und unter sich, und verstanden nichts von dem ernst¬ haften Gespräche, das ihretwillen stattgefunden hatte. Als es später geworden war, als doch schon der Sand in die schönen Äuglein zu kommen anfing, wurden sie zu Bette gebracht. Blondköpfchen hatte sein Schlafgemach neben dem der Eltern, Braunköpf¬ chen hatte es auf der entgegengesezten Seite, und Schwarzköpfchen hatte sich noch von der Großmutter nicht trennen können; es schlief in dem Gemache derselben, und entschlummerte, wenn das Auge der alten Frau sein Bett behütete, und erwachte, wenn dasselbe Auge auf seine Lider schaute, und ihr Öffnen erwartete. Die zwei ersten Kinder wurden in ihre Schlafkämmerlein geführt, Schwarzköpfchen wurde von der Großmutter auf den Arm genommen, und nachdem man gute Nacht gesagt hatte, über den Gang in die gemeinschaftliche Schlafstube getragen. Was die beiden Eltern vor dem Bilde des Gekreuzigten gebethet haben, weiß niemand, weil es nur ein ehe¬ liches Geheimniß ist, wenn sie ihre Freude oder ihren Schmerz vor Gott ausschütten. Am andern Morgen war ein kühler Tag. Wol¬ kenhaufen zogen beständig von der Gegend des Son¬ nenunterganges nach der des Sonnenaufgangs, und wenn man oft meinte, die Sonne werde jezt durch¬ brechen, die Wolken sich zertheilen, und dem blauen Himmel Plaz machen, so entstanden wieder neue, dekten wieder die früher lichteren Stellen, und zogen wieder gegen Morgen. Es regnete aber nicht. Die ungeheuern Mengen von Schlossen, welche auf die Gegend nieder gefallen waren, verbrauchten Wärme, die Kälte verdichtete daher beständig die in der Luft befindlichen Dünste und erzeugte die unaufhörlichen Wolken. Das erste, was der Vater am Morgen vornehmen ließ, war, daß er das Innere der Glashäuser reinigen ließ. Die Schlossen wurden mit Schaufeln auf Kar¬ ren gethan, und in eine Grube gefahren, aus der einst Steine gebrochen worden waren, und die der Vater wieder dadurch ausfüllen wollte, daß er alle festen Abfälle des Hauses wie Geschirrtrümmer oder des Feldes wie ausgelesene Steine in dieselbe werfen ließ. Der Hagel wurde dorthin geführt, weil nirgends ein passender Ort für ihn war. Die Gewächse, von denen man hoffen konnte, daß sie noch zu retten sein könnten, wurden ausgelesen, die übrigen und die Scherben der Töpfe wurden in obbesagte Grube ge¬ bracht. Auch wurden Knechte auf den Boden des Hauses geschikt, um den Schaden dort zu untersuchen, und andere mußten in Verbindung mit Mägden das Reisig von den zerschlagenen Obstbäumen aus dem Garten wegräumen. Ein Bote wurde nach dem Glas¬ arbeiter geschikt. Der Vater besah die Bäume, ob manchen aus ihnen noch zu helfen sei. Wenn dieses wäre, so müßte bald dazu geschritten werden, weil sonst der Herbst zu weit vorrükte, und die Kälte die Wiederbelebungskraft der Bäume nicht wirksam wer¬ den ließe. Die Kinder gingen in der Kühle mit der Gro߬ mutter in die Luft. Die ungeheuer vielen kleinen Glastäfelchen, die an der Abendseite des Hauses lagen, waren wie die kleinen flimmernden Täfelchen, welche sie gerne aus den Steinen der Sandlehne und aus anderen auslösten. Die Bäume des Gartens erkannten sie aus den Stumpfen nicht, und konnten sich nicht erinnern, was der Stamm einst getragen habe. Im Freien sahen sie, wie Menschen damit be¬ schäftigt waren, die noch immer hie und da liegenden Schlossenhaufen von den Vertiefungen der Felder weg zu schaffen. An dem Wiesenbache, der zurük getreten war, dessen Wasser sich aber noch immer nicht geklärt hatte, sahen sie, daß die Weidenruthen zerschlagen und weggeschwemmt waren, daß sich Schlamm und Steine auf den Wiesenrändern befan¬ den, und daß todte Fische da lagen, die das Weiße des Bauches empor zeigten. Am Tage zuvor war es wie Sommer gewesen, jezt war tiefer Herbst eingetreten. Nachmittags ging der Vater zu dem eine halbe Stunde Wegs entfernten Pfarrer hinüber, dessen Pfarrhaus neben der kleinen Pfarrkirche war, und fragte ihn wegen des braunen Mädchens. Der Pfarrer wußte nichts. Es war kein Ding dieser Art in die Pfarr- oder Schulbücher eingetragen, und war auch nie unter den Pfarrkindern zu sehen gewesen. Der Vater ging nun zu dem Jäger, der oft durch Felder Wälder und Fluren strich, und alle Dinge derselben kennen mußte. Allein auch dieser wußte nichts. Es seien Banden gewesen, sagte er, aber sie seien immer in den höheren Wäldern, die gegen Baiern hinüber ziehen, gewesen, und hätten sich längs des Saumes aufgehalten, an dem sie durch die Länder gewandelt sind. Sein Nachbar aus den jenseitigen Gegenden wisse auch nichts. Der Vater kehrte unverrichteter Dinge wieder heim. Die folgenden Tage waren eben so kalt und un¬ freundlich wie der vergangene. Immer kamen Wolken, selten waren Sonnenblike, und der Wind wehte zwar nicht stark, aber rauh. Auf den Dächern waren die Arbeiter, und hämmerten die Latten und Schindeln fest, oder sezten die Ziegel ein. Die Glasarbeiter, die Anfangs durch die viele Arbeit verhindert waren, kamen endlich doch, und es wurde ihnen zur Herstel¬ lung aller Fenster des Hauses und der Gewächshäuser der große Saal eingeräumt. Die Maurer arbeiteten an der Außenseite des Hauses, damit noch alles in vollkommenen Stand gesezt würde, ehe die kalte Zeit käme, und die meisten Hausbewohner fort zögen. Der Vater war mit Beihilfe von Arbeitern beschäf¬ tigt, die verwundeten Bäume zu verbinden, oder die Stämme zu überstreichen. Die Mägde mußten die Pläze vor dem Hause reinigen. Endlich, da lange die Nachwehen des Gewitters angehalten hatten, kamen noch tief im Herbste schö¬ nere Tage, die im Verhältnisse zur Jahreszeit sehr warm genannt werden konnten. Der Vater munterte die Kinder selber auf, auf den hohen Nußberg zu gehen. Er sagte, er werde mitgehen, um etwa das braune Mädchen zu sehen. Er möchte sich ihm gerne dankbar beweisen. Die Kinder gingen mit der Großmutter wie immer auf den hohen Nußberg. Der Vater be¬ gleitete sie. Sie gingen durch den Saum der Stumpfen hinein, die traurig da standen, und die wohl den ganzen Win¬ ter so bleiben würden. Das braune Mädchen sahen sie nicht. Sie gingen bis zu dem Gipfel, sie gingen zu der alten diken Haselwurzel, sie gingen endlich zur Stelle, wo sie Schuz vor dem Hagel gefunden hatten. Die Reisigbündel lagen noch da. Der Vater schlug vor, die Bündel mit vereinten Kräften auf den Plaz zurük zu tragen, von dem sie genommen worden waren. Er fand den Plaz nach einigem Suchen, und man schaffte die Bündel wieder zu denen, von denen sie genommen worden waren. Blondköpfchen konnte ein ganzes tragen, und Schwarzköpfchen und Braunköpf¬ chen trugen eins mit einander, bei dem auch die Großmutter half. Als alles geschehen war, blieb man noch lange auf dem Berge, man ging zu dieser und jener Stelle, und wartete. Aber das braune Mädchen erschien nicht. Da ging man nach Hause. Der Vater ging ein zweites Mal mit den Kindern auf den hohen Nußberg, er zeigte ihnen die Stelle, wo er das Schuzhäuschen bauen wollte und wartete; aber das braune Mädchen kam auch dieses Mal nicht. Und so ging er mehrere Male; aber das braune Mädchen war nicht zu sehen. Da gingen die Kinder allein auf den hohen Nu߬ berg, und die Großmutter ging mit ihnen. Die Sonne schien warm, der Himmel war blau, das Haidebächlein war klar, die grauen flinken Fisch¬ lein spielten darin, und da die Kinder zu der Grenze des Geheges kamen, lief das braune Mädchen durch die laub- und zweigelosen Stumpfen der Haseln Birken und Eschen daher, und gesellte sich zu den Kindern. Alle schauten sich mit freudigen Augen an, und da die Kinder hingingen und den Arm des Mäd¬ chens und seine Bänder berührten, da nahm es Blondköpfchens Haare in die Hände, und drükte sie fest, und nahm dann Schwarzköpfchens Loken, und hielt sie. Braunköpfchen, das mehr Muth bekommen hatte, weil es von dem braunen Mädchen getragen worden war, nahm dessen Finger, und hielt ihn, und das braune Mädchen ließ es geschehen, es nahm dessen Hand, und es ließ es auch geschehen. Es ging mit ihnen auf den hohen Nußberg empor, und sie schauten ins Weite und Breite, und die Gro߬ mutter erzählte. Es redete Worte, und die Kinder verstanden sie. Sie gaben ihm Kuchen Brot, und was sie sonst mit gebracht hatten. Das Mädchen hatte ihnen nichts zu geben, und hielt die leeren Hände hin. Das braune Mädchen hatte denselben Anzug, den es immer gehabt hatte, aber er war in jenem Gewitter sehr verdorben worden, er war unrein und verknittert. Die Großmutter erzählte ihnen von den Bäumen, die von dem Berge herab gefallen waren, und doch nicht aufgehört hatten zu leben — dann erzählte sie ihnen von den Königen mit den drei Sesseln — dann von dem Weizen, der nicht hatte blühen können — dann sprach sie von den fernen Ländern, deren hohe Gebirge man gar nicht mehr sehen könne— und endlich von den unbeschlagenen Wägen und Akerwerk¬ zeugen, mit denen man vor Zeiten die Felder bestellt hatte. Hierauf traten sie den Rükweg nach Hause an. Die Sonne schien auch im Herabgehen warm, der Himmel war blau, die Schatten waren lang, weil es schon tief in den Herbst ging, die Gräser wurden gelb, und die grauen flinken Fischlein in dem klaren Bächlein der Mulde spielten so lustig wie im Sommer. Das braune Mädchen war mit ihnen gegangen. Es war mit ihnen den hohen Nußberg herab gegan¬ gen, es war mit ihnen über das Bächlein der Mulde gegangen, und ging mit ihnen über den grauen Rasen durch den Wald durch die Klippen und über die Sand¬ lehne herab. Und da man zu den Glashäusern des Gartens gekommen war, da sagte es anmuthige Worte, und lief dann wieder über die Sandlehne empor, und ward nicht mehr gesehen. Die Kinder erzählten den Eltern, daß das braune Mädchen nun da gewesen, und daß es mit ihnen gegangen sei. Sie gingen nun, so oft es möglich war, auf den hohen Nußberg, das fremde Mädchen kam immer, und sie spielten und kos’ten. Sie brachten dem braunen Mädchen schöne Sachen. Das braune Mädchen brachte ihnen auch bunte Steine, es brachte ihnen verspätete Brombeeren, es trug in seinem Wamse Haselnüsse herbei, die es im Sommer gesammelt hatte, oder brachte ihnen die geflekte Feder eines Geiers oder die schwarze eines Raben. Wenn die Kinder nach Hause gingen, so ging das braune Mädchen immer mit ihnen bis zu den Glashäusern, man hielt sich bei den Händen, und scherzte. Bei den Glashäusern liebkos’ten sie sich, und das fremde Mädchen lief dann immer über die Sand¬ lehne zurük. Wenn es Nacht war, und wenn die Kinder an dem Tische mit den Lichtern sassen, da sprachen sie von dem fremden Mädchen, und stritten, wer es lieber habe. Die Großmutter erzählte den Eltern von dem braunen Mädchen, und Vater und Mutter achteten auf das, was sie sagte, und merkten es sich in ihrem Sinne gar wohl. Es wurde immer später und später im Jahre. Die Fäden, die auf dem Rasen und zwischen dem Wachholder gesponnen hatten, waren verschwunden, die Beeren der Moore, die in dem Sumpfgrase oder neben der schwarzen Erde so roth und weiß geglänzt hatten, waren vergangen, die späte Preißelbeere, die unter dem Schuze eines Steines oder eines Baumes von dem Hagel verschont worden war, war dahin, ihr Kraut und das kräftige der Heidelbeere war ein dürres Stengelbüschlein, der Wald wurde sehr durch¬ sichtig, die Berge waren roth, an den Morgen lag der weiße Reif auf der Gegend, oder es war der lange Nebel da, und die Sonne, die spät kam, konnte ihn kaum zerstreuen, die Hügelgipfel etwas bliken lassen, und dann untergehen; oder es kamen die frostigen Wolken, schütteten den Regen in kleinen Tröpflein herunter, und wenn sie vergingen, war der hohe ferne Wald weiß bestäubt. Da wurde eines Tages der große Wagen heraus geschoben, er wurde gepakt, alles Nöthige hinein ge¬ than, und in Mäntel und warme Kleider gehüllt stiegen der Vater und die Mutter ein, es stiegen die Kinder ein, und fuhren davon. Die Kinder weinten, als ob ihnen ein tiefer Schmerz und ein tiefer Kummer angethan worden wäre. Erst als sie schon weit gefahren waren, als sie schon durch Dörfer Marktfleken und Städte gekommen waren, und Wälder und Flüsse gesehen hatten, mil¬ derte sich die Trauer, sie sprachen und redeten unter einander, bis sie in die große Stadt einfuhren, die hohen Häuser mit den glänzenden Fenstern da stan¬ den, dicht gedrängt die schön gekleideten Menschen gingen, prächtige Wägen fuhren, und vor den Ver¬ kaufsläden die schönen Waaren und Kleinodien unter Glastafeln funkelten. Da die weißen Hüllen über die Berge und Thäler vergangen waren, da der Himmel wieder öfter blau lächelte, als er trüb verhüllt war, da die Sonne schon höher stieg, und kräftiger nieder leuchtete, kam der Wagen wieder gegen den Hof in dem Hügellande gefahren, und Vater und Mutter und die Kinder stiegen aus. Es war noch kein Gräslein, es war kein Blätt¬ chen, die Felder waren nakt, nur die Wintersaaten, die sich schon regten, legten grüne Tafeln auf die braune Erde, und an manchem Morgen war es noch ein wenig gefroren, daß der Weg zähe war, und an dem Rande vom Wässerlein Eisspizen glänzten: aber die Sonne schien sehr freundlich, sie siegte alle Tage mehr, und füllte alle Tage schöner die Zimmer der Kinder und der Großmutter auf dem ländlichen Hofe mit Licht und mit Wärme. Als man die Kleider der Stadt eingepakt hatte, als man die Kleider des Landes aus den Kästen des Hauses hervor gethan hatte, fand sich, daß manches geändert werden mußte. Die Säume der Kleider der Mädchen mußten aufgelassen werden, daß die Kleider tiefer reichten, die Jaken von Braunköpfchen mußten erweitert werden, und die Strohhütchen von Blond¬ köpfchen von Schwarzköpfchen und von Braunköpfchen mußten weggethan und es mußte um neue geschrieben werden. Da die Sonne schon sehr warm schien, da man schon begann, die Sommerfrucht in die geeggte Erde zu säen, da es schon troken war, und in der Früh¬ lingssonne die Flimmer der Steine und Felder funkel¬ ten, begehrten die Kinder auf den hohen Nußberg. Die Großmutter legte ihnen wärmere Kleider an, Stifter, Jugendschriften, II. 11 als sie sonst im Sommer hatten, that selbst wärmere Gewänder an, und führte sie auf den hohen Nußberg. Sie hatten ihre Haselruthen mit den Haken nicht mit, wie sie dieselben überhaupt nie mit nahmen, als wenn die Nüsse reif waren. Sie trugen nur ihre Körbchen am Arme. Sie gingen über die Sandlehne empor, sie gingen durch die Felsen und den Wald. Als sie über die graue Haide gingen, lief ihnen das braune Mädchen von weitem entgegen. Sie freuten sich, sie jubelten, sie liebkos’ten sich, und Braunköpf¬ chen schlang seine zwei Ärmlein um den Naken des braunen Mädchens, und hielt ihn fest. Aber nicht blos an den Kindern war, während sie abwesend gewesen waren, eine Veränderung vorge¬ gangen, sondern auch das braune Mädchen hatte sich verändert. So wie man bei ihnen die Säume der Kleider hatte auflassen müssen, daß sie ihnen wieder recht wären, so waren dem braunen Mädchen seine grünen Höschen zu kurz geworden; es war größer und schlanker geworden, und ließ seine nakten Arme dicht an seinem Körper hinab hängen. Die vielen schwarzen Haare, die ihm immer abgeschoren waren, trug es jezt nicht mehr so, sondern es hatte auch Loken bis auf den Naken hinab, wie sie die Kinder bisher gehabt hatten. Sie gingen auf den Nußberg, sie gingen weit und breit herum, sie sahen alle Stellen, und sahen auf die Berge des Landes hinaus. Auf der Erde war noch kein neues Gras, aber sie war troken; an den zerschlagenen Ästen war kein Laub¬ lein, aber die reine Luft war um sie, und die Sonne schien hold auf sie hernieder. Als die Kinder nach Hause gingen, ging das fremde Mädchen bis zu den Glashäusern mit ihnen, und lief dann zurük. Die Kinder kamen nun wie immer oft auf den hohen Nußberg, und das fremde Mädchen erschien häufig. Nach und nach lokte die Sonne die grüne Farbe auf die Erde. Die Wiesen wurden grün, und die Unzahl der gelben weißen rothen blauen Blümlein mischte sich darunter. Die Felder wurden grün, weil die junge Saat hervor sproßte, und die hellgrüne Farbe zeigte, und weil die Wintersaat weiter wuchs, und die dunkelgrüne beigesellte. Der Vater hatte viele Pflanzen und Gewächse kommen lassen, und sie stan¬ den jezt neben den noch erhaltenen in den Glashäusern, und es war, als ob nie ein Schaden angerichtet worden wäre. An den verstümmelten Bäumen wuchsen zahlreiche kleine Zweige hervor, die so schön waren, 11 * und so lebhaft wuchsen, als wäre das Abschlagen der Zweige kein Unglük gewesen, sondern als hätte ein weiser Gärtner dieselben beschnitten, daß sie nur desto besser empor trieben. An den Zweiglein, die der Vater vielen abgeschnittenen Ästen eingepfropft, und die er mit Pflastern verbunden hatte, prangten zwei oder vier große Blätter. Im Walde im Gestrippe oberhalb der Sandlehne ja sogar auf der grauen Haidemulde war alles thätig. Die Zweige sproßten, als müßten sie eine Versäumniß einbringen, sie drängten sich, und strebten empor. Endlich, da die Erde weithin grün war, da die Zweige sich verlängert hatten, kamen auch Blüthen, sie kamen später, und waren weniger als in andern Jahren, aber sie waren da, und waren fast noch zutraulicher und lieblicher als in früheren Zeiten. Einmal in der Fülle des Frühlings, da alles blühte und duftete, und sich das menschliche Herz erfreute, da die Kinder von dem hohen Nußberge nach Hause gingen, das braune Mädchen sie begleitete, und man bis zu den Glashäusern gekommen war, hatte Blond¬ köpfchen mit ernsten Augen die Hand des braunen Mäd¬ chens gefaßt. Braunköpfchen hatte es am Arme ge¬ nommen. Blondköpfchen sah dem braunen Mädchen in das Angesicht, und sagte: „Komme mit, komme mit.“ Braunköpfchen sagte auch: „Komme mit, komme mit.“ Das braune Mädchen sah die Kinder an, und that einen Schritt vorwärts. Braunköpfchen war außerordentlich erfreut, es ging einen Schritt voraus, und sagte lokend: „Komme mit, komme mit.“ Das braune Mädchen ging zögernd nach. Es ging von den Glashäusern gegen die Bäume vor¬ wärts, es ging auf dem Kieswege durch das Grün des Gartens, es ging über den Sandplaz vor dem Hause, es ging über die Treppe empor, und stand auf dem Teppiche des Besuchzimmers. Es war in dem Zimmer niemand zugegen. Die Großmutter ging gleich, da man die Treppe empor gekommen war, in ein anderes Gemach. Das fremde Mädchen stand, und öffnete seine großen Augen noch mehr, und schaute auf den Spiegel an der Wand auf die Uhr auf den Schrein, auf welchem schöne Gefäße standen, auf Tische und Stühle und Sessel und auf den wunderbaren Teppich. Die Kinder liefen und brachten süsse Milch in einer Schale, und brachten feines Weizenbrod und silberne Löfflein. Das fremde Kind trank die Milch aus der Schale, nahm ein Stükchen Brot in die Hand, biß davon ab, und verzehrte es so. Die Kinder brachten ihre Spielzeuge, und zeigten sie. Das braune Kind wußte damit nichts anzufan¬ gen. Die Kinder brachten auch ihre Nußknaker, ihre schöneren Kleider, und ihre Bänder. Endlich kam auch die Mutter in einem feinen weißen Anzuge, und trug gezukerte eingemachte Früchte auf einer Tasse, und both dem fremden Mäd¬ chen davon an. Das braune Mädchen wich zurük, bis es mit dem Rüken aufrecht an der Wand stand. Es rührte keine Hand, es blikte die Früchte an, und ließ die Arme an dem Körper herab hängen. Da wendete sich die Mutter wieder um, und ging ohne weiter ein Wort zu reden aus dem Zimmer. Die Kinder traten zu dem fremden Mädchen, liebkos’ten es, es gab die Liebkosungen zurük, und nachdem dies ein Weilchen gedauert hatte, nachdem man geredet, nachdem das fremde Kind geantwortet hatte, und da es die Augen immer auf die Thür ge¬ heftet hielt, liefen alle zur Thür hinaus, liefen über die Treppe hinab, liefen durch den Garten, und hin¬ ter den Glashäusern lief das fremde Mädchen dann allein über die Sandlehne empor. So wie es an diesem Tage gewesen war, war es wieder einmal an einem andern. Da die Kinder auf dem Nußberge gewesen waren, da das fremde Mäd¬ chen zu ihnen gekommen war, da man nach Hause gegangen, und bei den Glashäusern angekommen war, hielt Braunköpfchen das fremde Mädchen an dem Arme, zog es nach sich, und bath, daß es mit¬ gehen möchte. Das braune Mädchen ließ sich ziehen, es folgte dem Knaben willig, man ging durch den Garten, man ging über die Treppen, und man ging dieses Mal in das Spielzimmer der Kinder. Dort ließ sich das braune Mädchen gar bewegen, sich nieder zu sezen. Es saß an der Seite des Knaben, es ließ sich von ihm Kuchen gedörrte Pflaumen Milch Butter und Honig geben. Als man gegessen hatte, als man einen Kreisel gezeigt, als man einen Federball versucht, und ein Bilderbuch aufgeschlagen hatte, ging man wieder fort, die Kinder begleiteten das braune Mäd¬ chen bis an die Glashäuser, küßten und herzten es dort wie immer, nahmen Abschied, und ließen es über die Sandlehne empor gehen. Indessen war der Sommer vorgerükt. Der hohe Nußberg hatte sich über und über mit grünen Zweigen bedekt. Wie es in dem Garten des Vaters gewesen war, so geschah es auch hier. Die zerschlagenen Stämme der Haseln der Birken der Eschen der Erlen suchten durch ihren steigenden Saft die verlorenen Äste zu ersezen, und trieben Zweige, die schnell wuch¬ sen, dik wurden, und Blätter hatten, deren Größe und dunkle Farbe nie vorher auf dem Nußberge gesehen worden war. Die wenigen Äste, welche von früher übrig geblieben waren, bedekten sich mit Nüssen, die in diken Knöpfen und enge geschaart an den Zweigen saßen, als müßten diese die Pflicht der verloren gegangenen Äste übernehmen, und so viel Nüsse, als sie nur immer könnten, auf die Welt bringen. Diesel¬ ben waren noch grünlich und weißlich, fingen aber be¬ reits an, sich mit einem sanften rothen Hauche zu färben. In dieser Zeit war auch das Schuzhäuschen des Vaters fertig geworden. Er hatte ein Stükchen Lan¬ des gekauft, das an der Morgenseite des Berges gelegen war, woher am seltensten ein Gewitter zu kommen pflegte. Er hatte das Häuschen so gebaut, daß es gegen Mittag und Abend ein Fenster mit eisernen Fensterläden hatte, und daß gegen Morgen die Thür war. Im Innern stand an der Mitternacht¬ seite ein Bänklein an der Wand, davor ein Tischlein war. Es befanden sich noch Stühle und Schemel in dem Häuschen. Die Kinder waren öfter, wenn sie auf dem Nu߬ berge waren, zu der Stelle gegangen, an der man arbeitete, und hatten zugeschaut. Auch das braune Mädchen stand dabei, und betrachtete, was da wurde. Es war von außen nicht angestrichen oder ange¬ worfen worden, sondern sah so aus, wie die Steine oder die Steinhaufen aussehen, die auf dem Nußberge liegen. Das Dach war mit dunkelbrauner Farbe be¬ malt. Im Innern hatte es der Vater sehr schön grün machen, und hatte in jeder Eke ein Sträußlein von wilden Rosen von Kamillen und Cyanen malen lassen. Da es fertig war, begleitete einmal der Vater die Kinder auf den hohen Nußberg, um das Häuschen einzuweihen. Sie traten hinein. Die Kinder waren außerordentlich erfreut, als sie das nette Zimmerchen und alle die netten Dinge sahen. Die Großmutter hatte in ihrer Tasche eine Flasche mit Milch Kuchen in einer Dose Butter und andere Dinge nebst dem Tischgeräthe mit gebracht. Sie dekte wie das wohl¬ thätige Weiblein den Knappen Rolands ein weißes Tuch über das Tischlein, das so glänzte wie die Blüthen des Kirschbaumes, sie legte an jedem Size ein Tellerchen auf das Tischlein, sie that auf das Tellerchen ebenfalls ein weißes Tüchlein, und legte ein Löffelchen Messerlein und Gabel zu jedem Teller. Dann that sie aus der Flasche Milch in das Milch¬ töpflein, und legte einen silbernen Schöpfer dazu, dann that sie den reinen Honig auf die weißen Tassen, daß er wie Gold in denselben stand, dann legte sie Butter auf einen Teller, und gab zu jedem Size ein feines weißes Brot. Die Kinder assen nun in ihrem Hause, und der Vater war ihr Gast. Da gegessen war, wur¬ den die Reste wieder weggeräumt und eingepakt. Die Kinder freuten sich über dieses Vesperbrot sehr. Das braune Mädchen war an diesem Tage nicht gekommen, und der Vater wunderte sich, warum denn das Mäd¬ chen immer nicht komme, wenn er auf dem hohen Nußberge sei. Die Kinder gingen nun dem Häuschen zu lieb auf den Berg. Sie waren immer in demselben, und wenn das braune Mädchen kam, mußte es mit in das Häuschen gehen, auf einem Stühlchen sizen, und mit ihnen tafeln. Es waren in der Zwischenzeit die Erd¬ beeren gekommen, und wenn die Kinder in ihre Birkenrindentäschchen im Walde an Rainen und ober¬ halb der Sandlehne Erdbeeren gelesen hatten, so that die Großmutter sie im Häuschen auf einen der Teller, die in der Tischlade aufbewahrt wurden, und man verzehrte vergnügt das Nachmittagsmal. Aber die Freude an dem Häuschen wurde nach und nach geringer. Die Kinder gingen stets weniger hinein, und als eine Zeit vergangen war, schien es gar nicht mehr da zu stehen. Sie sassen wieder an ihrer alten diken Haselwurzel, und wenn sie nicht da sassen, so gingen sie herum, waren in den Gebüschen, lasen verschiedene Dinge und Steinchen zusammen, und sprachen mit der Großmutter. Wenn das braune Mädchen kam, ging man frü¬ her als gewöhnlich nach Hause, weil das Mädchen mit ging, weil es mit den Kindern in ihre Stube ging, und dort bei ihnen war, und aß und sprach, und gegen Abend wieder fort zog. Die Mutter ging bei solchem Anlasse öfter durch das Zimmer, aber sie näherte sich dem braunen Mäd¬ chen nicht, und sprach nicht zu ihm. Sie hatte ein blasses Kleid angethan, wie Schwarzköpfchen eines an hatte, ihre Loken waren in den Naken gekämmt, wie Schwarzköpfchen hatte, so daß sie ihm in allem glich, und ein großes Schwarzköpfchen war. In dieser Weise brachte sie einmal auf einem Teller viele große schöne Erdbeeren, die in dem Walde und auf der Haide nicht wachsen, sondern die der Vater in eigenen Beeten, auf welche im Frühlinge Glas gelegt wird, zog. Die Mutter hatte früher auf alle Pläze der Kinder an dem Tische Tellerchen legen lassen. Sie ging zu dem Tellerchen Blondköpfchens, that mit einem Löffel Erdbeeren auf dasselbe, und Blondköpf¬ chen begann zu essen. Sie ging zu dem Tellerchen Schwarzköpfchens, that Erdbeeren darauf, und Schwarzköpfchen fing an zu essen. Sie ging zu dem Tellerchen Braunköpfchens, that Erdbeeren darauf, und Braunköpfchen aß sie. Sie ging zu dem Teller¬ chen des braunen Mädchens, legte Erdbeeren darauf, und das braune Mädchen begann zu essen. Dann ging sie wieder zur Thür hinaus. Ein anderes Mal kam sie wieder, war wieder ein Schwarzköpfchen, brachte allerlei Dinge, und war unter den Kindern. So that sie nun öfter, bis das braune Mädchen auch mit ihr redete, sich immer mehr an das Haus ge¬ wöhnte, mit den Kindern in der Stube spielte, und mit ihnen auch im Garten war. Da bekam es von der Mutter auch ein Kleid, welches wie das frühere war, nur daß es viel schöner war, und daß es Ärmel hatte, die bis zu dem Ellbogen herab gingen. Der Vater bekümmerte sich jezt wieder um die Herkunft des braunen Mädchens. Er fragte Nachbarn und Bekannte, sie wußten gar nichts von ihm. Er beschloß nun die Landleute die armen Häusler die Holzhauer die Pechbrenner die Waldhüttler zu fra¬ gen. Er ging deßhalb auf den Berg der Ahorne, der hinter der Grenze seiner Besizthümer empor steigt, und wo eine Hütte mit zwei alten Leuten war, die einen jungen Sohn hatten, der Fässer und Bottiche machte, und viel in die Wälder kam. Sie wußten nichts. Er ging an dem Steingehege aufwärts, und fragte bei den Hütten der Steinbrecher. Das Kind wird wohl von weiter oben sein, war die Antwort. Er ging weiter hinauf, und fragte. Das Mädchen könne zu den Haideleuten gehören, sagten sie. Er fragte an der Haide, sie antworteten, das Mädchen komme etwa von den Moorhütten herab. Er fragte an den Moo¬ ren. Sie wußten dort nichts. Er kam nun zu den hohen Wäldern. Die Holzhauer und Pechbrenner sagten, es gäbe allerlei Leute. Und wenn er das Mädchen beschrieb, so sagten sie insgesamt, sie hätten es schon gesehen, und wenn sie das Mädchen beschrie¬ ben, so beschrieb es der eine so, der andere anders, ein jeder auf seine Weise. Der Vater kehrte wieder nach Hause. Wenn die Mutter das Mädchen selber leise fragte, so war es still, und sagte nichts. Die Kinder fragten nie. So verging nun die Zeit. Das Mädchen kam jezt auch zuweilen allein zu dem Hause. Wenn man an einem Morgen die Lehnen der Fenster öffnete, stand es naß in dem bethauten Grase des Gartens, und wartete. Wenn die Kinder lernen mußten, stand es dabei, und sah zu. Plözlich konnte es einmal die Buchstaben sagen, und konnte dann lesen. Es wurde öfter um das Gelernte gefragt, und zu weiterem Lernen ver¬ anlaßt. Wenn die Großmutter mit den Kindern fort ging, hing es sich so gut an die Schürze derselben wie die anderen Kinder, und ging mit. Einmal über die Nacht in dem Hause zu bleiben, und sich in ein Bettlein zu legen, konnte es nicht bewogen werden. Und wie der Sommer immer vorrükte, wie das Getreide reifte, und in die Scheunen gesammelt wurde, und wie der Haber goldig da stand, die leich¬ ten Fäden zitterten, und die Hülse den weißen Schna¬ bel aufsperrte, was immer auch die Zeit der Reife der Haselnüsse ist, so gingen die Kinder im Sonnenscheine mit ihren Haselruthen auf den hohen Nußberg. Sie gingen nachmittags, wenn sie ihre Aufgaben gelernt, und ihre Schriften geschrieben hatten. Das braune Mädchen hatte einen langen Stab, an dem ein gut gerichteter Haken war. Sie gingen über die Sand¬ lehne empor, sie gingen durch die Felsen durch das Gestrippe und Geniste, sie gingen durch den Wald über die graue Haide und durch die grauen Steine, wo wieder das Bächlein so lieb wie immer war, die Fischlein spielten, die Wasserjungfern flogen, und die rothen Blumen standen, die ein Samenhaus voll weißer Wolle machen würden, sie gingen über das Steingerölle in das Gehege der Nüsse. Sie mußten heuer sehr mühsam suchen, um die wenigen Stellen zu finden, an denen jezt Nüsse waren, sie riefen ein¬ ander, wenn sie sie fanden, und sie langten mit ihren Haken nach den bedekten Zweigen, und das braune Mädchen schwang sich empor, und zog mit seinem Stabe die höchsten Äste herab, daß Braunköpfchen die Nüsse sammeln, und in seine lederne Tasche thun konnte. Dann suchte man noch die lieben Stellen des Nußberges, wo allerlei Dinge im Gesteine im Sande und im Gebüsche waren, und saß dann noch wie ge¬ wöhnlich an der alten Wurzel. Und wie der Haber endlich von den Feldern ver¬ schwunden war, wie die Haselstauden sich entfärbten, und die Blätter sich runzelten und rollten, wie auf den Hügeln die weißen Fleke der Stoppeln sich in braune verwandelten, wie auf den Feldern nichts mehr war als die Kartoffeln der Kohl und die Rüben, wie kein Apfel und keine Birne mehr in den Zweigen der Bäume war, ja wie die Blätter schon von diesen Bäumen abfielen, wie die Blumen, die der Vater vor dem Hause in Töpfen stehen hatte, wieder in die Glashäuser gesammelt wurden, wie die blauen Wach¬ holderbeeren an den Wachholdersträuchen immer blauer wurden, und die grünen schwollen und sich mit einem Thaue überzogen, wie wieder der Fadensommer spann, und die Großmutter immer trauriger wurde, und immer zärtlicher die Loken aller Kinder streichelte: so wußten sie, daß die Zeit da sei, daß sie bald scheiden mußten, daß der traurige Herbst und die Nebel die Gegend bedeken werden, daß der Schnee und die Kälte kommen werde, und daß sie lange nicht werden beisammen sein können. Als diese Zeit gekommen, als der lezte Tag ver¬ gangen war, an dem sie noch beisammen sein konnten, nahmen sie, da das braune Mädchen fort ging, Ab¬ schied, sie umhalseten es, und weinten, und Braun¬ köpfchen schenkte dem fremden Mädchen seine Bilder¬ bücher, und seine Trompete. Und sie fuhren wieder fort, da die Großmutter voll Kümmerniß bei dem Wagen stand, da die Knechte und Mägde bei dem Wagen waren, da der Vater noch mit weinenden Augen die faltenreichen Wangen der Großmutter küßte, ihre Hand küßte, wie er auch noch in seinen Mannestagen that, in den Wagen stieg, und die Pferde die Räder in Bewegung sezten. Es verging der lange Winter und das Schneege¬ stöber, das das Haus den Garten die Glashäuser die Sandlehne den Wald die Felder den hohen Nu߬ berg alle Berge und Wohnungen der Menschen ein¬ gehüllt hatte, hörte auf, die Sonne kam wieder, die harten Winde gingen in mildere Lüfte über, und der Vater die Mutter und die Kinder kehrten wieder in ihr Haus auf dem Lande zurük. Sie fanden alles, wie sie es verlassen hatten. Die Großmutter war gesund, alle Knechte und Mägde waren gesund, und alle Thiere des Hauses lebten, und waren fröhlich. Das braune Mädchen war wieder größer gewor¬ den, und die schönen schwarzen Haare gingen in noch größerer Fülle, und noch dichter auf den Naken hinab. Die Kinder liefen ihm entgegen, als es in das Haus kam, sie begrüßten es, und gaben ihm die vielen Sachen die sie ihm aus der Stadt mitgebracht hatten. Es ging nun das Leben auf dem Lande wieder an, sie waren beisammen, sie lernten, sie arbeiteten, und da, wie es im vergangenen Jahre war, die Gräser auf den Wiesen und Rainen sproßten, da die Schwal¬ ben kamen, und mit ihren braunen Kehlchen und dem weißen Bauche tief an dem Wege dahin fuhren, und wieder hoch in die Lüfte schossen, da das Rothkehlchen in dem Gebüsche saß, mit dem Vorderleibe nikte, und Stifter, Jugendschriften. II. 12 seine Stimme schmettern ließ, da alle Bäume mit Blüthen bedekt waren, kleine Laubbüschel bekamen, und nichts mehr von dem Unglüke des Hagels zu erbliken war, da die Felder grün waren, und die weißen Wolken darauf nieder leuchteten: da ging man wieder herum, und ergözte sich, wie man sich in früheren Zeiten ergözt hatte. Das braune Mädchen war nun auch nicht scheu, wenn der Vater bei den Kindern war, und es wich vor den Knechten und den Mägden nicht zurük, welche im Hause im Garten und auf den Feldern herum gingen und arbeiteten. Da auf diese Weise der Sommer sehr weit vorge¬ rükt war, da eines Tages die Sonne schon gegen Un¬ tergang neigte, da die Kinder von ihrer Wanderung heimgekehrt waren, ihr Vesperbrot gegessen hatten, das fremde Mädchen schon fortgegangen war, und die Kinder mit der Mutter allein in der Stube gegen den Garten hinaus sassen, weil der Vater verreiset war: geschah es, daß Blondköpfchen wiederholt sagte, es rieche etwas unangenehm, als würden widrige Gegenstände verbrannt. Man sah überall nach. Auf dem Heerde war kein Feuer, in den Kami¬ nen war auch keines, da man in der Hize des hohen Sommers keines brauchte. Auf den Feuerstellen der Dienstmädchen war ebenfalls kein Feuer, an dem sie etwa Eisen zum Glätten gehizt, oder irgend Wäsche oder dergleichen gesotten hätten. Man schaute aus den Fenstern, alles lag ruhig und freundlich da, und nicht einmal ein Rauch ging aus nahen und fernen Schornsteinen empor. Die Mutter sprach mit den Kindern über die Sache, und man wunderte sich, wie solche Eindrüke in die Sinne kommen können, Blondköpfchen ver¬ theidigte sich, andere griffen es an, und wie man so redete, geschah draußen ein Schrei, es geschahen sogleich mehrere, und wie alle an die Fenster liefen, um zu sehen, was es gäbe, stieg ein diker qualmender Rauchknäuel als schwarze finstere Säule von dem Scheuerdache empor, er wirbelte schnell, und gleich darauf schoß die blizende Flamme in ihn hinauf, und während die Kinder und die Mutter noch schauten, lief es geschäftig und prasselnd, als ob die Sommer¬ hize alles vorbereitet hätte, in lichten kleinen Flämm¬ chen von der Scheuer längs des Dachfirstes der Stal¬ lungen und Wagenbehälter gegen das Haus hervor, mit eins geschah ein Knall, wie wenn ein auf glü¬ hende Kohlen gelegtes Papier plözlich seiner ganzen Fläche nach Feuer fängt, und das ganze Dach der Ställe und Wagenbehälter stand unter einer einzigen 12* breiten nach aufwärts gehenden Flamme, das Scheuer¬ dach aber war ein Körper von Glut und von Flamme. Knechte und Mägde rannten unten herum, und schrieen, und das Fichtenholz der Sparren und Latten krachte furchtbar unter dem Feuer. „Kinder! um mich!“ schrie die Mutter. „Mutter, Mutter, Großmutter, Sigismund, Clementia, Emma!“ schrieen die Kinder. Sie schoßen in das Zimmer zurük, sie ergriffen Dinge, sie zu retten, und wußten nicht was sie thaten. Sie nahmen eine Puppe, einen Lappen, oder sonst etwas, das ihnen in die Hände kam, ob es Werth hatte oder nicht. Die Mutter hatte schnell einen Schreibtisch geöffnet, der in der Nebenstube stand, hatte ein Kästchen aus demselben genommen, stürzte wieder in die Stube zurük, raffte die Kinder, die mit Verschiedenem beladen waren, zusammen, und führte sie die Vordertreppe, die von dem Feuer weggewendet war, hinunter ins Freie. Da sie die Hausthür hinter sich hatten, hörten sie erst recht das Brüllen Wehen und Krachen der furchtbaren Macht, die hinter ihnen auf der andern Seite des Hauses in ihrem Eigen¬ thume herrschte. Die stille Luft drükte den Rauch nie¬ der, der sich an der Abendseite des Hauses lagerte, und durch den die untergehende Sonne wie eine blu¬ tige Scheibe schien. Viele Leute, man konnte nicht unterscheiden, ob es eigene oder schon herzugelaufene waren, drängten sich wild durch einander. Die Mutter führte die Kinder nach der Morgen¬ seite des Gartens. Da die Hize den nach aufwärts strebenden Wind erzeugt hatte, und derselbe die feuri¬ gen Lappen, die aus brennenden Schindeln aus Stroh Heu oder Linnen und Gewändern der Leute herstamm¬ ten, wie frevelnde Geister in die Luft hinauf, und aus einander schleuderte, so mußte die Mutter die Kin¬ der vor dem fallenden Feuer zu sichern suchen, damit sich ihre Kleidchen nicht entzündeten. Sie führte daher dieselben unter dichten Bäumen und Gebüschen weg. Sie führte sie in die äußerste Laube an der Morgenseite des Gartens, vor der zwei reiche Linden standen, die sogar jeden Funken abhielten, der etwa in dieser Rich¬ tung hätte fallen können. „Kinder bleibt nun hier, entfernt euch ja nicht,“ sagte die Mutter, „was ihr auch hören mögt. Hier geschieht euch nichts, ich muß fort, ich komme aber bald wieder. Bewahrt indessen das Kästchen.“ „Ja,“ sagten die Kinder, „wir werden bleiben.“ Nach diesen Worten lief die Mutter aus der Laube, und lief entschlossen in den Hof, und da ihr Gatte nicht anwesend war, übernahm sie seine Stelle, und drang bei den Knechten, die fast den Verstand verloren hatten, darauf, daß sie in den Stall gingen, und die Pferde heraus zogen, damit sie nicht etwa erstiken, und daß sie dieselben an Bäume anbanden, daß sie nicht wieder in das Feuer liefen. Ein Theil der Leute hatte es mit dem Rindviehe schon so gemacht. Man rettete aus dem brennenden Stalle ein Pferd nach dem andern, die Mutter leitete das Unternehmen, und gab die Stellen an, wo die Pferde angebunden werden sollten. Den Haushund hatte jemand los gelassen. Er kam in großen Sprüngen auf die Frau zu, strebte an ihr empor, und gab seine Freude zu erkennen, gleichsam als wüßte er, daß eine Gefahr vorhanden gewesen war, und daß die Frau ihr glük¬ lich entronnen sei. In den Zwischenaugenbliken lief die Frau in den Garten, um nach den Kindern umzusehen, und wenn sie sich überzeugt hatte, daß dieselben in der Laube seien, kehrte sie wieder zu dem Feuer zurük. Endlich fand sie eine Magd, die sie zu den Kindern senden konnte, daß sie bei denselben in der Laube bliebe. Die Knechte hatten indessen alle Thiere gerettet. Die Tauben kreuzten in der Luft, und fielen wie die Müken, die um ein Licht flattern, mit versengten Flügeln in die Flammen. Die Wagenbehälter grenzten an die Holzlage, in welcher die großen Vorräthe von Winterholz und Kochholz aufgehäuft waren. Wenn dieses Holz Feuer finge, so wären die Wägen samt dem Wagenbehälter verloren. Darum ließ die Frau auch die Wägen aus ihren Behältern ziehen, und ließ sie in dem Garten unter den Bäumen in Sicherheit bringen. Da die Leute bei dieser Beschäftigung waren, hörte man hoch oben ein neues plözliches Krachen und Prasseln, und da man hinauf sah, so erblikte man das Dach des Wohnhauses von den Flammen ergrif¬ fen. Es war wohl eine Feuersprize in dem Hause, es war auch Wasservorrath theils im Hause theils in dem nahen Bache, die Sprize hatte immer auf das Hausdach gespielt, die Hausleute und die Nachbarn, die schnell genug herbei geeilt waren, hatten das Wasser stets in hinreichender Menge heran geschafft: aber die Hize des Sommers hatte das Holzwerk zu sehr ausgetroknet, die Gewalt des Feuers auf den angrenzenden Dächern war zu mächtig gewesen, der Wasserstrahl verdünstete fast in der Luft, die Tropfen auf dem Dache waren ohnmächtig, und da das Holzwerk einmal Feuer gefangen hatte, so war das ganze Dach bald ein sausender krachender brodelnder Feuerberg. Das Sprizen in die Flamme war nun unnüz, ja es belebte dieselbe nur noch mehr. Die Frau befahl daher, jezt die Feuerhaken zu gebrauchen, die vielfach in dem Hause vorhanden waren, und die brennenden Sparren von dem Dache soviel als mög¬ lich herunter zu reißen. Für die Gemächer fürchtete die Frau nicht viel, weil ihre Deken mit sehr dikem Estrich belegt waren, und weil die Glut, die von dem brennenden Dache auf das Estrich fiel, mittelst der Haken und später durch Schaufeln eher entfernt werden konnte, ehe das Estrich so erhizt würde, daß die Tragbalken ergriffen würden, in Brand geriethen, und die Deke einstürzen ließen. Daher hatte sie aus den Gemächern nichts heraus räumen lassen, außer was Mägde bereitwillig und aus unbefohlenem Eifer heraus getragen hatten. Da nun die Feuerhaken angelegt waren, und die Männer an ihnen bereit standen, um die Sparren, sobald sie durch das Feuer ein wenig geledigt wären, herunter zu reißen, so glaubte die Frau einen Augen¬ blik für sich gewinnen zu können, weil nun kein Haustheil mehr war, der von der Flamme ergriffen werden konnte, und sie ging hinweg, um nach ihren Kindern in der Laube zu sehen. Als sie zu der Laube kam, liefen ihr Emma und Clementia entgegen, und riefen: „Mutter, wir sind nicht fortgegangen, und haben das Kästchen aufbe¬ wahrt.“ „Wo ist Sigismund?“ rief die Mutter. „Er wird bei der Großmutter sein,“ sagte Emma. „War die Großmutter bei euch in der Laube hier?“ fragte die Mutter. „Nein,“ sagten die Kinder. „Ist die Großmutter nicht bei euch hier in der Laube gewesen und hat Sigismund mit sich fortge¬ nommen?“ fragte die Mutter noch einmal. „Mutter, du hast ja Sigismund gar nicht mit uns über die Stiege mit herab genommen,“ riefen die beiden Mädchen einstimmig. „Dann muß er ja bei der Großmutter sein,“ sagte die Mutter, und rief in den Garten hinaus: „Gro߬ mutter, Großmutter!“ Die Großmutter kam in dem Augenblike, da sie so gerufen wurde, gegen die Laube herzu, entweder weil sie den Ruf gehört hatte, oder weil sie zu den Kindern gehen wollte. „Wo ist Sigismund?“ rief ihr die Mutter ent¬ gegen. „Ist er nicht bei dir?“ antwortete die Großmutter. „Nein,“ sagte die Mutter. „Ich habe ihn in dem Augenblike, da Feuer geru¬ fen wurde, gehört,“ sagte die Großmutter, „ich habe ihn vor meinem Zimmer Großmutter rufen gehört, und da ich in dem nehmlichen Augenblike auch deine Stimme vernahm, wie du die Kinder zusammen riefst, und da ich dich die vordere Treppe mit ihnen hinunter gehen hörte, so meinte ich, er sei bei dir, sperrte die Thür, die von dem Gange aus dem Kin¬ derzimmer zu meinem Gemache führt, zu, ging durch die andere hinaus, sperrte sie ebenfalls hinter mir zu, und ging über die hintere Treppe herab.“ Die Mutter durchzukte ein Strahl. Von dem Kinderzimmer führte eine Thür auf ei¬ nen Gang, der ganz allein zu dem Zimmer der Gro߬ mutter ging. Die Thür von dem Kinderzimmer in den Gang fiel gerne ins Schloß, und dasselbe konnte Sigismund mit seiner schwachen Kraft nicht öffnen. Es war daher wahrscheinlich, daß er von dem Kin¬ derzimmer gegen das Zimmer der Großmutter geeilt war, sie zu warnen, daß hinter ihm das Schloß zu¬ gefallen war, daß er das Zimmer der Großmutter verschlossen fand, daß er zurük wollte, nicht mehr ins Kinderzimmer konnte, und nun auf dem Gange ein¬ gesperrt sei. Als diese Gedanken plözlich durch den Kopf der Mutter liefen, schrie sie: „O du heilige himmlische Barmherzigkeit, dann ist er durch den Gang zu Euch gelaufen, um Euch zu helfen, hat hinter sich die Thür ins Schloß geworfen, konnte in Euer Zimmer nicht hinein, und ist nun auf dem Gange eingeschlossen. Ich habe alle Kinder, wie sie mit ihren Lappen bela¬ den waren, über die Treppe hinabgebracht, ohne zu achten, ob sie zwei oder drei seien. Er kann erstiken, es kann das Estrich einbrennen. Der Schlüssel stekt von innen in der Thür des Kinderzimmers, ich muß hinauf ihn zu befreien.“ Nachdem sie diese Worte gerufen hatte, lief sie ohne auf die andern Kinder zu achten dem brennenden Hause zu. Sie lief gerade durch alle Pflanzen und mitten durch den Funkenregen hindurch. Die Gro߬ mutter folgte ihr. Die Magd, die bei den Kindern war, konnte dieselben nicht zurükhalten, sie liefen auch zu dem Feuer, und die Magd lief mit ihnen. Als die Mutter bei der Feuerstätte angekommen war, war es dort bei weitem nicht so gefahrlos für die Zimmer, als sie gedacht hatte. Der Dachstuhl war beinahe zusammen gebrannt, wenigstens war er schon zusammen gestürzt. Ein furchtbarer Gluthaufen, der die Luft vor Hize zittern machte, lag auf der Deke der Zimmer. Von dieser Glut trennte nur eine Lage Estrich die Tragbalken, sie konnten sich erhizen, bren¬ nen, und die Deke konnte einstürzen. Die Männer mit den Feuerhaken hatten außerordentlich gearbeitet. Einen großen Theil der Sparren hatten sie herab ge¬ rissen, und die Trümmer lagen um das Haus, und brannten, und rauchten; aber ein anderer Theil hing noch oben, und konnte aus der Verbindung nicht gerissen werden. Die Nacht war mittlerweile einge¬ brochen, und in der düstern Finsterniß war das Leuch¬ ten des Feuers und des Rauches das Glühen der vorragenden Balken und das Glänzen der umstehen¬ den Bäume doppelt unheimlich. Die Mutter lief gerades Weges gegen die Thür zu, von welcher die Treppe gegen das Kinderzimmer empor führte. Sie wollte in das Zimmer gelangen, dort an der Thür zu dem Gange den Schlüssel um¬ drehen, und den Knaben befreien. Aber als sie gegen die Thür kam, lag ein Haufen herabgerissener Balken vor derselben, und brannte. Es war unmöglich durchzukommen. „Reißt das Holz weg, Sigismund ist in dem Hause,“ schrie sie zu den Männern, die da waren. Die Männer verstanden sie. Sie näherten sich dem Feuerhaufen, schlugen die Haken ein, und suchten die Balken wegzubringen. Aber es war vergeblich. Die Balken waren theils noch in Verbindung, theils hat¬ ten sich andere herabgestürzte mit ihnen verschlungen, so daß die angestrengteste Kraft aller Männer nicht hinreichte, das zusammenhängende Gewirr eher hin¬ weg zu bringen, als bis es mehr ausgebrannt wäre, und die Verbindungen sich gelöst hätten. „Das geht nicht,“ rief die Mutter, „wir müssen durch die hintere Treppe in Euer Zimmer hinauf, Großmutter, um von demselben in den Gang zu kommen. Wo habt Ihr die Schlüssel.“ „Ich weiß es nicht, ich werde sie in meiner Arm¬ tasche haben, die ich vielleicht in den Glashäusern nieder gelegt habe,“ antwortete die Großmutter, „ich werde sie gleich holen.“ „Um des Himmels willen, warum habt Ihr zu¬ gesperrt?“ rief die Mutter. „Der Diebe wegen,“ rief die Großmutter, und eilte von einem Knechte begleitet davon. Noch war es Zeit; denn alle Fenster des Hauses waren noch schwarz, zum Zeichen, daß das oberhalb herrschende Feuer noch nirgends in die Zimmer hinein gebrochen war. Aber es kam der Knecht gelaufen, und sagte, daß die Schlüssel der Großmutter nirgends zu finden seien. Die Mutter änderte ihren Plan. Sie ging um die Eke des Hauses, und kam zu einer Seite, die mit Weingeländer bepflanzt war, die gegen den Garten sah, und in welcher ein offenes Fenster der Kinder¬ stube war. Sie zeigte gegen das Fenster empor, und rief: „Eine Leiter, eine Leiter, da kann man in das Kinderzimmer einsteigen.“ Die Knechte liefen nach einer Leiter. Andere schlos¬ sen sich an. Die Leitern waren unter einem eichenen Dächlein auf einem eigenen Gestelle angehängt, das in der Nähe des Wagenbehälters war. Dort brannte aber jezt in einer entsezensvollen ruhigen Flamme, die majestätisch in die Höhe ging, der gesamte Vor¬ rath des Holzes des Hauses. Es war unmöglich, sich zu nähern. Ein Mann, der in eine nasse Deke gehüllt es gewagt hatte, war durch den heißen Athem umge¬ worfen worden, und man konnte ihn nur mittelst ei¬ nes Feuerhakens retten, mit dem man ihn aus der heißen Luft zog. Im nächsten Augenblike hatte auch das Leiterdächlein Feuer gefangen, und dasselbe und die Leitern brannten. Die Knechte kamen zurük, und meldeten es der Mutter. Da stürzte sie auf die Knie, breitete die Arme auseinander, und schrie: „So rette du ihn, der die Macht und das Vollbringen hat, und der ein un¬ schuldvolles Leben nicht vernichten kann!“ In diesem Augenblike tönte ein gellender Schrei: „Braunköpfchen, Braunköpfchen!“ Und ehe man sichs versah, huschte eine dunkle Gestalt gegen das Haus, und kletterte wie ein Eichhörnchen an dem Weingeländer empor, und war in dem nächsten Augenblike durch das Fenster ver¬ schwunden. Alle vergassen ihre Arbeit oder, was sie immer im Herzen hatten, und richteten ihre Augen auf das Fenster. Es dauerte nicht lange, so kamen zwei Gestalten am Fenster an. Sie waren durch brennende Balken, die oberhalb ihrer über die Mauer des Hauses her¬ vorragten, wie von Fakeln beleuchtet. Es war das braune Mädchen und Sigismund. Ein Schrei ertönte einstimmig aus dem Munde aller Umstehenden bei diesem Anblike. Emma und Clementia kreischten vor Entsezen und vor Freude. Aber die Kinder konnten nicht herunter. Das braune Mädchen hätte es gekonnt; allein den Knaben konnte es nicht auf das Weingeländer bringen. Wie ein Nachtbild, das ein Künstler gemalt, und mit der äußeren Glut beleuchtet hat, standen sie in dem schwar¬ zen Rahmen des Fensters. „Leintücher, Leintücher, bindet Leintücher zusam¬ men,“ riefen mehrere Stimmen hinauf. „Da ist eine Leiter,“ hörte man unten rufen, „die Leiter wird reichen, sie wird halten, für Kinder hält sie schon.“ In dem Augenblike drängten sich der Altknecht und der Pferdeknecht durch die hier zusammenge¬ preßten Menschen, und trugen eine Leiter herbei. Sie war von den Wägen, die aus Gottes Vorsicht und mit dem Willen der Frau gerettet worden waren, genommen, und aus zwei Leitern eines Erntewagens zusammen gebunden worden. Sie wurde angelehnt, und reichte. Das braune Mädchen stieg zuerst aus dem Fen¬ ster. Es faßte festen Fuß auf den Sprossen, und half dann dem Knaben auch aus dem Fenster heraus. Die beiden Kinder kletterten nun schnell und geschikt über die Leiter herab. Als sie auf dem Grase waren, kniete das braune Mädchen vor dem Knaben nieder, sezte sich auf seine eigenen Fersen, und sah den Knaben mit den schwar¬ zen Augen an. Man hätte in der dunkeln Nacht und bei dem Scheine des Feuers sehen können, wie diese Augen freudesprühend waren, daß er gerettet sei. Der Knabe konnte nicht reden, er schwindelte, und es war, als sollte er umfallen. Da eilte die Mutter herbei, nahm ihn in die Arme, wischte ihm die Stirne ab, und suchte ihn zu trösten. In diesem Augenblike kam auch die Großmutter, so schnell sie in ihrem Alter laufen konnte, in von der Hast in Unordnung gerathenen Kleidern und mit den Schlüsseln in der Hand herbei. Da sie den Knaben gerettet sah, bemühte sie sich mit der Mutter um ihn. Die anderen Kinder standen dabei, und viele Menschen drängten sich herzu. Da das Kind noch immer im halben Bewußtsein war, so hoben es die Mutter und Großmutter auf, brachten es zum Brunnen im Garten und benezten dort mit frischem Wasser seine Stirne und Schläfe. Da sich der Knabe hierauf erholt hatte, brachten sie ihn in die Laube, in welcher zu Anfang des Feuers die Kinder gewesen waren. Während dort die Mutter mit dem Knaben beschäftigt war, ihn zu untersuchen, ob er keine Beschädigung erlitten habe, ihn zu befragen, und zu besänftigen, sah man die alte Frau an dem Stamme eines Obstbaumes knieen, und mit gefaltenen Händen bethen. Das Kind ward nach und nach beruhigt. Die Stifter, Jugendschriften. II. 13 Mutter richtete ihm die Kleider zurecht, und streichelte ihm die Wangen und die Haare. Die zwei Schwester¬ lein streichelten ihm auch Loken und Wangen, und gaben ihm Liebkosungen. Der Knabe hatte wirklich keine Beschädigung erlitten. Er war in der That von der Kinderstube in den Gang geeilt, der zu dem Zimmer der Großmutter führte, um zu ihr zu gehen, und ihr zu sagen, daß Feuer in dem Hause sei, und daß sie fortgehen solle. Er hatte auch, wie es ihm öfter geschah, die Gang¬ thür hinter sich zugeworfen, und der Riegel war in den Haken gesprungen. Da er bei der Thür der Großmutter nicht hinein konnte, als er sie auch nicht zu errufen vermochte, wollte er zurük. Allein da sah er erst zu seinem Schrek, daß er die Thür zugesperrt habe. Er versuchte mit allen Kräften den Riegel auf¬ zuziehen, aber die Feder war zu stark, und er konnte nichts ausrichten. Da klopfte er mit beiden Fäu¬ sten bald an die Thür der Kinderstube bald an die der Großmutter. Er schrie auch aus allen Kräf¬ ten, damit er gehört würde. Allein da er dies eine Weile gethan, und ihn niemand vernommen hatte, sezte er sich in dem Gange auf den Boden nieder, und wartete, ob jemand kommen, und ihm öffnen würde. Er hörte da das Krachen und Sausen des Feuers oberhalb seiner. Da kam das braune Mädchen, führte ihn fort, und stieg mit ihm die Leiter herab. Als er sich schon ganz von seiner Angst erholt hatte, übergab ihn die Mutter der Großmutter und den Mägden, die in der Laube waren, und ging wieder fort, um bei dem Feuer nach zu sehen. Die Männer rießen die lezten Balken herab. Der Gluthaufe, der über den Zimmern des Herrn und der Seinigen stand, würde die Deke durchgebrannt haben, da alles Sprizen mit Wasser nichts fruchtete: allein es war in der Zeit, als die Mutter in der Laube war, der Pfarrer mit den Kirchenleitern ge¬ kommen. Sie waren mit ihren eisernen Haken an die Mauerränder des brennenden Hauses gelegt worden, die Männer stiegen hinauf, und begannen mit Schür¬ haken die Glut hinab zu werfen. Sie wechselten hiebei ab. Da die Glut immer weniger wurde, wurde das hinauf gesprizte Wasser immer wirksamer, indem es zum Theile die Glut dämpfte, zum Theile dem aus¬ gedörrten und geklüfteten Estrich wieder Feuchtigkeit gab, daß es die Hize nicht so durchlasse, und den Tragbalken keinen Schaden zufüge. Auf diese Weise wurden die Zimmer gerettet. 13 * Da man den Gesindezimmern nicht zugleich die nehmliche Hilfe zuwenden konnte, brannten wirk¬ lich einige ein. Als man aber die Herrnzimmer in Sicherheit wußte, wendete man sich jezt auch dorthin, und that dem Weitergreifen des Feuers Einhalt. Hierauf wurden die Balken und Sparren, die rings um das Haus herum gestreut lagen, und brannten, bei Seite gebracht und gelöscht. Und ehe Mitternacht gekommen war, war die Hauptsache vorüber. Nur das vorräthige Brennholz brannte noch mit stiller aber heftiger Glut und Lohe weiter. Die Sprize vermehrte nur den Brand, da sich das Wasser zersezte, und das Brennen beförderte. Man hätte mit Schaufeln Erde auf das Feuer werfen können; aber die Hize erlaubte nicht, sich so weit zu nähern, daß man mit Werfen das Feuer hätte erreichen können. Es blieb daher nur übrig, das Feuer zu umstehen, es zusammen brennen zu lassen, und nur zu sorgen, daß es sich nicht neuerdings weiter verbreite. Auch um alle Theile des Hauses wurden Wachen gestellt, daß kein Funke sich neu belebe oder weiter getragen werde. Der in der niedergebrannten Scheune stehende und rauchende Stok von Heu konnte zwar nicht ge¬ löscht werden, wurde aber durch die Sprize in einer Grenze gehalten, daß das Feuer nicht lebhafter werde, und daß es endlich unter seiner Asche erstike. Da nun alles so weit gesänftigt, und in eine Ordnung gebracht war, dachte die Mutter auch daran, die Kinder zur Ruhe zu bringen. Sie ging in die Laube, nahm ihr Kästchen, nahm die Kinder bei der Hand, und führte dieselben nach rükwärts in die Glas¬ häuser. Weil man den Zustand der verschont gebliebenen Zimmer nicht kannte, hatte die Mutter die Glashäuser gewählt. Da Sommer war, und ein Theil der Blu¬ men im Freien stand, so war in einem der Glas¬ häuser hinreichend Plaz. Die Mutter ließ durch die Mägde Betten Deken und alles Nothwendige aus den Zimmern bringen. Sogar Tischchen Stühle und Schemel wurden herbei geschafft. Bei dieser Gelegenheit sah man auch nach dem braunen Mädchen. In der Verwirrung und Angst und in der Thätigkeit, die die Mutter noch bei dem Feuer anwenden mußte, hatte man auf das Mädchen nicht gedacht. Jezt aber war es nirgends zugegen. Man ängstete sich aber nicht weiter, es werde wieder fortgegangen sein, weil es nie in der Nacht in dem Hause geblieben war. Es wurden nun die Betten theils auf den Bänken des Glashauses theils auf der Erde gemacht, und als die Kinder gebethet hatten, wurde jedes unter sein Deklein gebracht, und sie sahen noch, wie das Feuer des Holzstosses in den Tafeln des Glashauses glänzte, und entschlummerten dann sanft und beruhigt. Auch die Mutter und Großmutter suchten auf kurze Zeit die Ruhe. Mit der Morgenröthe stand das braune Mädchen im Garten, und wartete. Die Kinder gingen zu ihm hinaus, und auch die Großmutter und die Mutter gesellten sich dazu. Man ging an alle Stellen. Der Garten war ein Viehstall; denn an den Bäumen waren Pferde Ochsen Kühe und Kälber angebunden, und hatten Heu vor sich; denn es waren schon vor Tages Anbruch Nachbarn und andere Leute mit Wä¬ gen gekommen, und hatten Heu Stroh und Lebens¬ mittel gebracht; erschrekte Hühner liefen unter den Blumen und Gebüschen herum, und Schweine zer¬ wühlten den Rasen. Die Mauern des Hauses waren schwarz und beschmuzt, der Sandplaz und der Rasen vor dem Hause waren schwarz wie ein Kohlenmeiler, die Stätte des Brennholzes war ein Haufen nasser Kohlen und Asche, und aus dem Heu stieg noch schwacher Rauch mit widrigem Geruche empor. Als die Kinder alles gesehen hatten, ging die Mutter mit ihnen auf die Wiese hinaus, wo die Wägen standen, welche eine Beisteuer gebracht hatten, und bei denen noch die Leute waren, welche die Wägen hergeführt hatten. Die Mutter bedankte sich recht herzlich bei allen. Dann machte sie bei ihren Leuten und bei denen, die bereitwillig zu helfen gekommen waren, Anstalten, was gethan werden sollte. Die Kinder hatten ihre Wohnung im Glashause, in welches man noch mehrere Sachen brachte, die gestern nicht nothwendig gewesen waren. Am Nachmittage kam der Vater. Er hatte in der Nacht die Feuerröthe am Himmel gesehen. Er hatte gedacht, daß es bei ihm sein könnte, er gab seine Geschäfte einem Bevollmächtigten, und reiste ab. In der Nähe hatte er erfahren, daß sein Hof abgebrannt sei, und er miethete ein Pferd zum Reiten, daß er auf Fußwegen und näheren Feldwegen schneller nach Hause kommen könnte. Als er seine Mutter die Gattin und die Kinder gesehen hatte, als er erfahren hatte, daß kein Mensch bei dem Brande verunglükt sei, war er sehr freudig, und fragte nicht, was er noch weiter verloren habe. Er schritt nun zur Ausbesserung des Schadens. Zuerst mußten die Deken der Zimmer untersucht werden. Da sich die Tragbalken als gut auswiesen, und da sich gezeigt hatte, daß sie durch die Hize und durch das zerklüftete Estrich nicht schadhaft geworden waren, noch auch durch Nässe gelitten hatten, zogen die Mutter die Kinder und die Großmutter wieder in ihre Zimmer ein. Am anderen Tage wurde zur einst¬ weiligen Abhilfe ein Nothdach aus Brettern über das Haus gemacht. Dann wurden alle Pläze vor dem Hause gereinigt, damit das Bild des Schmuzes und der Unordnung nicht mehr sichtbar wäre. Die Thiere wurden, da ihre wohlgewölbten und erhaltenen Ställe nun durch Lüftung vom Rauche und Gestanke befreit waren, wieder in dieselben gethan. Das Heu ließ er voll¬ kommen löschen, und dann in einem abgelegenen Orte auf einen Haufen thun, damit es sich zum Dünger verwandle. Er ließ auch die gebrochenen Fensterscheiben sogleich einschneiden, und dem Gesinde ersezte er seinen Verlust reichlich, weil es sich so sehr zur Rettung seiner Wohnung hatte verwenden lassen. Nachdem alles dieses geschehen war, fing man zu bauen an. Auf dem Hause wurden Sparren aufgezogen, und auf demselben waren Zimmerleute, und hämmerten die Latten an, und waren Ziegeldeker, und hingen die Ziegel ein. Der Vater ließ die Scheune völlig einwölben, und die Zugfenster und Öffnungen mit eisernen Thüren versehen, daß im Falle eines Feuers diese und die Thore geschlossen, und das Feuer erstikt werden könne. Die Außenmauern wurden gereinigt, frisch angeworfen, und getüncht. Das Weingelände, welches der Vater schon oft, weil die Reben in diesen Gegenden keine Trauben tragen, und die Ausschmü¬ kung des Hauses durch Weinlaub auch nicht so schön ist, wie in anderen Ländern, hatte wegthun wollen, wurde jezt nicht weggethan, sondern noch fester und schöner gemacht, und der Vorsaz gefaßt, die Reben recht zu pflegen. Das Schloß an der Thür der Kin¬ derstube, welche auf den Gang geht, wurde mit einem neuen vertauscht, dessen Riegel nicht mehr vorspringen konnte. Die Holzlage wurde ebenfalls ein Gewölbe, das von allen Seiten mit eisernen Thüren und Fen¬ sterladen zu schließen war. Das Leiterhäuschen wurde an einer sehr zugänglichen Stelle in dem Garten auf¬ gerichtet, sein Dächlein wurde roth angestrichen, und unter ihm hingen die neuen Leitern wagerecht in allen Abstufungen der Länge. Der ganze Sommer verging mit Bauen, und als der Herbst gekommen war, stand das Haus schöner und stattlicher da, als es je gewesen war. Wie das Feuer entstanden war, konnte nicht er¬ gründet werden. Wahrscheinlich war irgend eine Unvorsichtigkeit Schuld, da es in der Scheune aus¬ gebrochen war. Sie gingen heuer früher als gewöhnlich in die Stadt, weil mehreres zu besorgen war, und gingen unruhiger dahin als zu anderen Zeiten. Aber keine Unruhe ging in Erfüllung. Als die Lenzlüfte wehten, kam man wieder zurük, und traf alles gut und wohlbehalten an. Die Mutter hatte dem braunen Mädchen Stoffe gebracht, um es recht schön zu kleiden, und gab ihm dieselben, indem sie es mit liebevollen und zärtlichen Augen ansah. Der Vater und die Mutter hatten beschlossen, das braune Mädchen zu erziehen, und es demjenigen Glüke zuzuführen, dessen es nur immer fähig wäre. Man war sehr vorsichtig, daß man es nicht verscheuche, und man ließ es nur selbst gewähren, daß es immer mehr Zutrauen gewinne. Es kam recht oft mit den Kindern, es kam von selber, und da es die neuen Kleider hatte, die dem Schnitte nach wie die alten gemacht waren, blieb es auch manchmal über Nacht da, wozu man ihm ein eigenes Bettchen hergerichtet hatte. Von den Eltern des Mädchens vermuthete man keinen Widerstand, weil man sah, daß sie sich so wenig um dasselbe kümmerten, weil sie es so in der Gegend herum gehen ließen, weil sie sich nie meldeten, da sie doch wissen mußten, daß das Kind oft in dem Hause sei, und da sie die neuen Kleider sehen mußten die man ihm gegeben hatte. An das Haus hoffte man es zu binden, indem man wie bisher die sanften Fäden der Liebe und Nach¬ sicht walten ließ, bis sein Herz von selber in dem Hause sein würde, bis es nicht mehr fort ginge, und sein Gemüth ohne Rükhalt hingäbe. Das Mädchen hatte früher schon vieles mit den Kindern gelernt, und man hatte es gefragt, und es in das Gespräch gezogen, ohne daß es eine Absicht merkte, und hatte das Gelernte geordnet und erwei¬ tert. Jezt traf man die Einrichtung, daß der junge Priester, der den Religionsunterricht der Kinder besorgte, zwei Mal in der Woche von der Pfarre herüber kam, um das Mädchen Gott und die Ge¬ bräuche unserer heiligen Religion kennen zu lehren. Die Mutter wiederholte die Lehre, und erzählte dem Kinde von heiligen Dingen. Das Mädchen lernte sehr feurig, und so wie es den Kindern in körperlicher Fertigkeit und Gewandt¬ heit voraus war, und sie es nachahmten, besonders Sigismund, so lernte es von ihnen wieder andere Dinge, wenn sie in den Zimmern beschäftigt waren, oder wenn sie sich bei der Mutter befanden, oder wenn sie bei der Großmutter waren, oder mit ihr in der Gegend herum gingen. So verflossen mehrere Jahre. Das braune Mädchen gewöhnte sich immer mehr an das Haus, es blieb immer da, und ging schier gar nicht mehr fort. Es lernte allerlei Arbeiten, wie sie die andern Mädchen machten, und verrichtete solche Dinge, wie sie. In die Stadt mit zu gehen, konnte es nicht be¬ wogen werden. Es blieb im Winter immer bei der Großmutter. Endlich brachte man es auch dahin, daß es weib¬ liche Kleider trug. Die Mutter hatte die Stoffe dazu gekauft, diese wurden zu Kleidern verarbeitet, und mit Bändern nach dem Gebrauche verziert. Da es weibliche Kleider trug, war es scheuer, und machte kürzere Schritte. Nach und nach wuchsen die Kinder heran, daß sie so groß wie die Eltern waren. Es waren nun drei Schwarzköpfchen. Da die Mutter ihre dunkeln Haare noch immer schön und glänzend bewahrt hatte, war sie das eine, Clementia war das zweite und das braune Mädchen das dritte. Blondköpfchen waren der Vater und Emma. Braunköpfchen war Sigis¬ mund allein. Auch ein Weißköpfchen war unter den Kindern vorhanden — die Großmutter. Ihre Haare, die grau waren, waren endlich so weiß geworden, daß, wenn eine Loke neben der Krause der weißen Haube zufällig hervor schaute, sie von derselben nicht zu unterscheiden war. Emma war eine schöne Jungfrau geworden, die ernsthaft blikte, blaue Augen im stillen Haupte trug, die Fülle der blonden Haare auf den Naken gehen ließ, und wie ein altdeutsches Bild war. Clementia war rosig und zart, und das süsse Feuer der schwar¬ zen Augen schaute unter den schwarzen Haaren aus der Tiefe der Seele. Sigismund war muthig heiter und frei, er war wirklich ein Mund des Sieges; denn wenn seine Rede tönte, flogen ihm die Herzen zu. Es kamen aus der Nachbarschaft Leute, Jünglinge und Mädchen, selbst aus der fernen Hauptstadt kamen Bekannte, die Bewohner des abgelegenen Hofes zu besuchen. Alle waren fröhlich, nur das braune Mäd¬ chen nicht. Seine Wangen waren, wie wenn es krank wäre, und sein Blik war traurig. Wenn alle freudig waren, saß es im Garten, und schaute mit den einsa¬ men Augen um sich. Eines Sommers an einem sehr schönen Tage, da Fremde da waren, da man in dem großen Saale des Hauses Tanz Klavierspiel Pfänderspiele und städtische Vergnügen trieb, gingen Vater und Mutter gegen die Sandlehne zurük. Dort lag auf einem Sandhaufen in seinen schönen Kleidern das braune Mädchen, und schaute mit den verweinten Augen gegen die Erde. Die Mutter näherte sich, und fragte: „Was ist dir denn?“ Das Mädchen erhob sich ein wenig, und da Vater und Mutter sich auf ein Bänkchen neben dem Sand¬ haufen nieder gelassen hatten, saß es ihnen gleichsam zu Füssen. „Liebes theures Mädchen,“ sagte die Mutter, „betrübe dich nicht, alles wird gut werden, wir lieben dich, wir geben dir alles, was dein Herz begehrt. Du bist ja unser Kind, unser liebes Kind. Oder hast du noch Vater und Mutter, so zeige es uns an, daß wir auch für sie thun, was wir können.“ „Sture Mure ist todt, und der hohe Felsen ist todt,“ sagte das Mädchen. „So bleibe bei uns,“ fuhr die Mutter fort, „hier ist deine Mutter, hier ist dein Vater, wir theilen alles mit dir, was wir haben, wir theilen unser Herz mit dir.“ Bei diesen Worten brach das Mädchen in ein Schluchzen aus, das so heftig war, daß es dasselbe erschütterte, und daß es schien, als müsse es ihm das Herz zerstoßen. Es fiel plözlich mit dem Angesichte gegen den Sand nieder, es drükte mit den Händen ein Theilchen von dem Saume des Gewandes der Frau in einen Knauf zusammen, und preßte diesen Knauf an seine Lippen. Da es nach einem Weilchen die Hand der Frau auf seinen dichten dunkeln schönen Loken spürte, die dort ruhte, und freundlich drükte, sprang es auf, hob die Arme, die nun nicht mehr so voll und glänzend waren, auf, schlang sie fest um den Naken der Frau, küßte sie auf die Wange, als müßte es Lippen und Zähne in dieselbe eindrüken, und weinte fort, daß die Thränen über die Wange der Frau herab floßen, und ihr Kleid benezten. Als sich dieses nach und nach löste, als das Mädchen das Haupt zurük bog, und nach dem Vater sah, als es merkte, daß es dieser bei der Hand halte, daß er aber nicht sprechen könne, weil seine Augen in Wasser schwammen: da konnte es auch nicht mehr sprechen, seine Lippen bebten, sein Herz hob sich krampfhaft in kurzen Stößen, und so ging es hinter die Glashäuser zurük. Der Vater und die Mutter wollten dem Mädchen nicht folgen, damit es sich einsam beruhigen könnte. Sie dachten, es werde sich geben. Aber es gab sich nicht. Sie sahen das Mädchen über die Sandlehne empor gehen, und sahen es seit¬ dem nie wieder. Da eine Zeit vergangen war, ohne daß das braune Mädchen erschien, meinten die Eltern und Kinder, es sei nur fort gegangen, und bleibe länger aus, als man jezt glauben sollte; aber als das Ausbleiben bedenklicher wurde, stellte der Vater Nach¬ forschungen an, und da das Mädchen immer nicht kam, wurden diese Nachforschungen mit allen Mitteln, die es nur gab, betrieben. Aber sie waren wie die früheren ohne Erfolg. In der Nähe kannte man das Mädchen als ein solches, das immer zu den Kindern auf den Hof kam, und betrachtete es fast als ein Mitglied der Familie; in der Ferne wußte man gar nichts von ihm. Alle Bewohner des Hauses Vater Mutter Kinder Großmutter waren betrübt, und die Wunde wurde immer heißer. Aber als Monate und Jahre vergangen waren, milderte sich der Schmerz, und die Erscheinung sank wie andere immer tiefer in das Reich der Vergan¬ genheit zurük. Aber vergessen konnte man das Mädchen nie. Immer redeten alle besonders die Kinder von ihm, und als schon viele Jahre vergangen waren, als die Großmutter schon gestorben war, als der Vater schon gestorben war, als die Mutter eine Großmutter war, als die Schwestern Gattinen in fernen Gegenden waren: war es Sigismund, wenn er auf den An¬ höhen stand, wo jezt das Bächlein mit den grauen Fischlein recht klein geworden war, wo der hohe Nußberg recht klein geworden war, als husche der Schatten des braunen Mädchens an ihm vorüber, er fühlte ein tiefes Weh im Herzen, und dachte: wie oft mußte es herüber gekommen sein, wie oft mußte es einsam gewartet haben, ob seine Gespielen kämen, und wie hat es seinen Schmerz, den es sich in der neuen Welt geholt hatte, in seine alte zurük getragen. Er dachte: wenn dem Mädchen nur recht recht viel Gutes in der Welt beschieden wäre. Stifter, Jugendschriften. II. 14 III. Bergmilch. 14* In unserem Vaterlande steht ein Schloß, wie man in manchen Gegenden sehr viele findet, das mit einem breiten Wassergraben umgeben ist, so zwar, daß es eigentlich aussieht, als stünde es auf der Insel eines Teiches. Von solchen Vertheidigungsmitteln sind ge¬ wöhnlich diejenigen Schlösser umgeben, die auf Flä¬ chen liegen, also das Vertheidigungsmittel des Was¬ sers haben, aber dafür desjenigen entbehren, das ihre stolzen Schwestern auf hohen Bergen und schroffen Felsen besizen. Sie müssen die geringere Sicherheit, die ein Wassergraben gibt, noch mit feuchter Luft mit Fröschequaken und Fliegenungeziffer erkaufen, wäh¬ rend ihre erhabenen Schwestern zu dem größeren Schuz der hohen Felsen noch die reine Luft und die Aussicht als Zugabe erhalten. Dafür können die ersten sich gegen Winterstürme in ein ganzes Bett von Bäumen verhüllen, während die lezten dem Anfalle der Winde so hingegeben sind, wie ein Kiesel im Fluße dem ewigen Glätten durch Wasser. Seit aber unsere Mitmenschen nach und nach den Harnisch ab¬ gelegt haben, seit das Pulver erfunden worden ist, gegen welches ein Wassergraben und ein hoher Fels nichts nüzt, ziehen sich die Mächtigeren von den Ber¬ gen und aus den Teichen heraus, und lassen die Trümmer wie ein abgelegtes zerrissenes Kleid auf ihrem früheren Plaze stehen. Wer aber nicht so mächtig und reich ist, der muß sein früheres Haus bewohnen, und sich gegen die schlechten Einflüsse so gut als möglich zu sichern suchen. So sieht man noch manches be¬ wohnte Schloß in seinem Teiche wie einen Fehler der Zeitrechnung stehen, und manches mit verwahrten Fenstern und Fensterläden von einem Felsen hernieder schauen. In dem einen versumpft das Wasser immer mehr, in dem andern wird die Wetterseite preis gege¬ ben, und die Zimmer ziehen sich tiefer zurük. Unser zu Anfang dieser Zeilen erwähntes Wasser¬ schloß heißt Ar. Es ist von den Besizern in neuerer Zeit etwas gethan worden, um die Lage zu erleich¬ tern. Es ist statt der früheren Bogenbrüke, die immer ausgebessert werden mußte, und die an dem Schlo߬ thore gar in eine Zugbrüke endete, an welcher es stets Anstände gab, ein großer fester Steindamm gebaut worden, auf dem eine mit runden Kieseln gepflasterte und mit Mauern eingefaßte Straße läuft, auf welcher man in geräumigen Wägen oder zu Pferde lustig in gerader Richtung von dem Schlosse weg sprengen kann, während es früher noth that, daß man sogar mit einem Schubkarren sehr sachte fuhr, daß Zug- und Bogenbrüke nicht beschädigt würde. Der Gro߬ vater des lezten Besizers hat sogar mit vielen tausenden von Fuhren von Steinen und Erde aus seinem An¬ theile im Arwalde den Teich hinter dem Hause aus¬ füllen lassen, hat Erde aufgeführt, hat Bäume gepflanzt, und hat so den Garten seiner Wohnung unmittelbar an das Gebäude angestoßen. Er hat da¬ durch der Festigkeit des Schlosses, wenn es einer bedürfen sollte, nichts genommen; denn der Garten ist mit einer sehr hohen sehr alten sehr diken und aus Steinen gebauten Mauer umgeben, die ein Gitterthor aus starkem Eisen hat, das auf das Feld hinaus führt. Der Nachfolger hatte nichts gethan, und der lezte Besizer, der ein Junggeselle geblieben ist, und gar keine Verwandten hatte, so daß er nicht einmal wußte, wem er sein Gut vermachen sollte, hat gar keine Nei¬ gung verspürt, das Erbe seiner Ahnen irgendwie zu verändern. Und so stand das Gebäude noch da, wie es zu Großvaters Zeiten gewesen ist, es hatte vor den Fenstern noch das Wasser aus den Ritterzeiten und aus dem Bauernkriege, und athmete noch die Sumpf¬ luft, und erlitt noch das Froschgequaker und das Mükenstechen, wie es die Ritter und Bauern gelitten hatten, die hier gehaust und gekämpft hatten. Das Schloß hat allerlei Rundungen Brustwehren dike Mauern kleine Schießlöcher und Dinge, die wir heute nicht mehr begreifen, die aber ein solches Ge¬ bäude einst sehr fest machten, und heute namentlich in den Augen junger Leute ihm ein sehr geheimnißvolles und merkwürdiges Ansehen geben, besonders wenn noch eine Armschiene oder ein Helm in irgend einem Winkel des Hauses gefunden wird. Was aber un¬ serm Schlosse ein besonders auffallendes Ansehen gibt, ist ein runder sehr diker und sehr hoher Thurm, der gar kein Fenster und also im Innern nur finstere Räume hat, der statt eines Daches mit Steinen gepflastert ist, die das Regenwasser in einer Rinne an einer Stelle ab¬ laufen lassen, und die mit einer vier bis fünf Fuß hohen Mauer als Brustwehre umgeben sind. Der Thurm hat wahrscheinlich, weil das Schloß in der Ebene liegt, als Warte als Lug ins Land und bei Belagerungen als Vertheidigungsmittel gedient. Jezt sind in seinen inneren Räumen, die wegen der Dike der Steinmauern sehr kühl sind, alle Gattungen von Grünwaaren Gemüsen Kartoffeln Rüben selbst Wein und Bier aufbewahrt, denen man an kühlen Tagen Luft durch geöffnete Zuglöcher zulassen kann. Die Höhe des Thurmes dient jezt blos mehr zur Aussicht, welche aber leider nur in eine große fruchtbare Ebene geht. Der lezte Besizer hat, wie wir sagten, nie gehei¬ rathet. Er war der einzige Sohn seines Vaters von der Mutter etwas verzogen und von der Natur wider¬ sprechend ausgestattet. Während er nehmlich ein wun¬ derschönes Angesicht und einen sehr wohlgebildeten Kopf hatte, war der übrige Körper zu klein geblieben, als gehörte er jemand anderem an. Er hieß im Hause seines Vaters der kleine, obwohl es einen größeren nicht gab, da er der einzige war. Er fuhr aber auch fort, der kleine zu heißen, da er schon dreißig Jahre alt war, und man nicht mehr daran denken konnte, daß er noch wachse. Er hieß auch auf der lateinischen Schule und auf der Universität der kleine. Mit die¬ sem Widerspruche der Körpertheile war noch einer der Geistesvermögen verbunden. Er hatte ein so reines Herz, im Alter fast noch knabenhaft rein, daß er die Liebe und die Verehrung der Edelsten erworben hätte, er hatte einen klaren sicheren Verstand, der mit Schärfe das Richtige traf, und den Tüchtigsten Achtung einge¬ flößt hätte: aber er hatte auch eine so bewegliche leb¬ hafte und über seine anderen Geisteskräfte hinaus ragende Einbildungskraft, daß sie immer die Äuße¬ rungen seiner andern Geistesthätigkeiten zu Schanden, und sich in struppigen wirren und zakigen Dingen Luft machte. Wäre sie bildend gewesen so wäre er ein Künstler geworden; aber sie blieb nur abschweifend zerbrochen und herumspringend, so daß er Dinge sagte, die niemand verstand, daß er wizig war, daß er lä¬ cherlich wurde, und vor lauter Plänen zu keinem rech¬ ten Thun kam. Daraus folgte daß in seinem Leben nur Anfänge ohne Fortsezung und Fortsezungen ohne Anfänge waren. Er wurde einmal, da sein Vater und seine Mutter schon todt waren, der Gegenstand großer Zuneigung eines Mädchens. Er liebte das Mädchen so sehr, daß kein Wesen auf der Erde war, dem er eine gleiche oder nur annähernde Neigung hätte schenken können. Es schienen also alle Bedingungen zu einer glüklichen Ver¬ einigung vorhanden zu sein. Aber einmal machte er sich in Gesellschaft vieler Menschen durch seine Reden und Wortsprünge so lächerlich, daß das Mädchen mit Glut und Scham übergossen da saß. Er schrieb des andern Tages an seine Braut, daß er ihrer unwürdig wäre, und daß er sie nicht unglüklich machen könne. Alle Zuredungen seiner Freunde waren umsonst, das Mädchen bereute bitter seine Empfindung, und be¬ weinte den Tag: aber es war vergebens, und die Ver¬ bindung blieb getrennt. So kam er nicht dazu, seine Gaben besonders sein Herz zu verwerthen, und lebte vereinzelt dem Alter entgegen. Da er einmal entschlossen war, sich nicht mehr zu verehlichen, machte er es sich zur Aufgabe, sich seinen künftigen Erben zu suchen. Das Gut, das außer dem Schlosse in liegenden Gründen besonders Wäldern bestand, und die landesüblichen Bezüge hatte, war einst ein landesfürstliches Lehen gewesen, war aber in Folge großer Verdienste eines Ahnherrn mit Ab¬ findung entfernter Anwärter in wirkliches Eigenthum übergegangen. Der Schloßherr, wie sie ihn in der ganzen Gegend nannten, konnte also mittelst, Testa¬ ment über das Gut verfügen. Er wollte aber der gesezlichen Erbfolge zugethan bleiben, wollte dem, der ihm, wenn er ohne Testament stürbe, gesezlich folgen würde, auch testamentlich seine Nachlassenschaft zuwenden, nur wollte er den Erben vorher kennen lernen, ob er der Erbschaft auch würdig wäre. Er schlug also das Ahnenbuch auf. Abkömmlinge von ihm waren natürlich nicht da. Also zu Geschwi¬ stern. Die waren ebenfalls nicht da. Also zu den Vorfahren. Vater und Mutter waren todt, beide hat¬ ten keine Geschwister. Also zu den Großältern. Der einzige Großvater väterlicher Seits hatte einen einzi¬ gen Bruder, dessen nachkommende Linie aber erloschen war. Also zu den Urgroßeltern. Alle von ihnen ab¬ wärts gehenden Linien, die er in dem Buche verzeich¬ net fand, und in den Ländern erforschte, reichten nicht in die Gegenwart. Ihr Erlöschen war ämtlich belegt. Er ging eine Stufe höher, die Sache wurde immer schwieriger. Aber alle Linien, die von allen Stufen sie mögen wie hoch immer sein, hinab liefen, rießen ab, ihr Abriß war beurkundet, und er kam endlich dort an, wo nichts mehr zu wissen ist, und wo keine Abstammung mehr erhellt, oder erweislich ist. Nach¬ dem er so viele Reisen gemacht, nachdem er einen Theil seines Lebens damit zugebracht, nachdem er so¬ gar in den Zeitungen einen Aufruf hatte ergehen las¬ sen, wer mit ihm verwandt sei, möge sich melden, und nachdem manche gekommen waren, aber keinen Beweis hatten beibringen können, gelangte er zu der traurigen Entdekung, daß er ganz und gar keinen Er¬ ben besize. Er wollte daher wenigstens für den Fall sorgen, wenn er schnell und unversehens von der Erde genom¬ men würde, und sezte aus Vaterlandsliebe den Kaiser zum Erben ein. Er that das Testament in die Lade seines Schreibtisches. Wenn er es auch aufgegeben hatte, sein Herz noch an eine Frau zu hängen, so war dies nicht auch mit Freunden der Fall. Er hatte solche immer gehabt, und da er alt wurde, bekam er derselben noch mehr. Ja sogar die Frauen wurden ihm wieder zugethaner, freilich nicht in dem Sinne, daß sie ihn hätten ehlichen wollen; denn da er älter wurde, stachen seine Wunderlichkeiten, obwohl sie noch größer geworden waren, nicht mehr so hervor, ja sie wurden, da sie von Wiz und Einbildungskraft unterstüzt wurden, zur Lebhaftigkeit, die einen alten Mann ganz beson¬ ders ziert, und er wurde überall liebenswürdig ge¬ heißen. Auch seine körperliche Nichtstimmung ver¬ schwand, da man Schönheit und Übereinstimmnng bei einem Alten nicht suchte. Unter seinen Freunden war der erste und geliebteste sein eigener Verwalter. Schon in früher Jugend — und er ist sehr früh zum Besize seines Vermögens gelangt — sah er ein, daß er durch seine Einbildungs¬ kraft sich zu Versuchen stetten Abänderungen ja zu Vernachlässigungen seines Anwesens hinreißen lasse, die namentlich im Landbaue stets von schlechten Erfol¬ gen begleitet sind. Daher sah er sich nach einem jungen Manne um, der ihm sein Vermögen verwal¬ ten könnte, und weil er mit seinem Verstande sehr gut die Eigenschaften anderer Menschen abzuschäzen wußte, so gelang es ihm auch, einen sehr tüchtigen zu finden. Er erwarb ihn als Vorstand seiner Güter mit einem sehr anständigen Gehalte und mit der Be¬ dingung, daß er sich von niemanden etwas einreden lasse, am allerwenigsten von ihm selber. Der Ver¬ trag wurde unterzeichnet, und die Männer fuhren recht gut mit einander. Der Verwalter verstand seine Sachen trefflich, machte das Gut nach und nach immer besser, verliebte sich in dasselbe, betrachtete es und behandelte es zulezt wie sein eigenes, und ge¬ wöhnte sich zu seinem Herrn zu sagen, er solle sich nicht in fremde Sachen mischen; nur daß sie Geld und Geldsachen in einer eigenen Truhe behandelten, zu der jeder einen Schlüssel hatte, daß sie das Geld wie das eines Dritten ansahen, und sich ihre Bezüge davon auszahlten. Der Verwalter hatte auch seine Wunderlichkeiten, und ging namentlich in die Bücher und politischen Ansichten seines Herrn ein, so daß sie sich liebten, daß der Schloßherr immer auf seinem Schlosse blieb, und daß der Verwalter keine bessere Stelle verlangte. Beide schienen dasselbe Loos des nicht verehlichten Lebens gezogen zu haben. Aber wie die Schiksale der Menschen wandel¬ bar sind, der Verwalter gerieth noch in seinen vor¬ gerükteren Jahren in die Fallstrike eines Mädchens, und heirathete es. Nun kam ein ganz seltsames Verhältniß über den Schloßherrn. So wie der Verwalter sich als Eigen¬ thümer des Gutes betrachtete, und selbes so behan¬ delte, so betrachtete sich der Schloßherr als verheira¬ thet. Wenn sein Verwalter immer auf den Feldern Wiesen in den Wäldern war, und sagte: mein Haber meine Bäume, mein Holz, mein neugekauftes Feld; so war der andere immer in dem Schlosse, und sagte: unser Kasten, unsere Aussicht, unsere neuen Geräthe, unsere Kinder. So wie der Verwalter und der Schloßherr früher immer an demselben Tische gespeist hatten, so blieb es auch jezt, und der Schloßherr speiste mit der Fa¬ milie des Verwalters. Da einmal Kinder kamen, da zeigte es sich recht, wie sehr der Schloßherr zu dem Familienleben geeignet gewesen wäre; denn er war ein Kinderfreund, und die Kinder merkten das sehr bald, und es kam die Thatsache zum Vorscheine, daß alle viere zu dem Schloßherrn „du“ sagten, es war ihnen mit aller Strenge nicht abzugewöhnen, er war froh darüber, und wäre betrübt geworden, wenn es ihnen abzugewöhnen gewesen wäre. Die Schloßbe¬ wohner wohnten alle in demselben Flügel, und wenn ein Fremder gekommen wäre, der die Verhältnisse nicht gekannt hätte, so würde er geglaubt haben, der Schloßherr sei ein alter Verwandter, der unter seinen Angehörigen seine lezten Tage zubringe. Das erste Kind, welches dem Verwalter geboren wurde, war ein Mädchen. Es bekam den Namen Ludmilla. Der Schloßherr wollte es nicht so nennen, er nannte es nur immer abgekürzt Lulu. Das zweite Kind war ein Knabe, Alfred, das dritte ein Mädchen, Clara, und das vierte ein Knabe, Julius. Damit war die Reihe abgeschlossen, es erschienen keine mehr. Lulu wuchs heran. Sie bekam die verständigen ruhigen braunen Augen ihres Vaters und den lieb¬ lichen Mund der Mutter. Und wie sie waren alle Kin¬ der das eine oder andere Gemisch ihrer Eltern. Sie begannen heran zu wachsen, der Schloßherr führte sie aller Orten herum, hatte seinen Stolz über sie, nahm stets immer ihre Parthei gegen die Eltern, und hätte sie, wären nicht andere treffliche Eigen¬ schaften und Umstände ins Mittel getreten, vollständig verzogen. Einer dieser Umstände war die Mutter selbst. Sie war eine gelassene vernünftige Hausfrau mit einem wohlwollenden Herzen. Sie waltete in Reinlichkeit Ordnung und Sittsamkeit im Hause, und diese Eigen¬ schaften verstand sie in einem gewissen Grade auch ihrem Gesinde einzupflanzen und daher auch den Kindern. Sie zankte nie, war aber unermüdlich, die¬ selbe Sache so oft zu befehlen, und thun zu lassen, bis sie dem damit Beauftragten zur Geläufigkeit und Gewohnheit war. Durch die Gleichheit und Heiter¬ keit ihres Wesens kam Gleichheit und Heiterkeit in die Kinder, durch Abwesenheit jedes Harten Rohen und Unziemlichen wurden sie fein und anständig, und besonders war es die Scham, etwas Unrechtes zu thun, was ihnen ein Beistand war, und das Erröthen war eine harte Strafe, weil die Mutter selbst mit großem Ernste allem aus dem Wege ging, was sich nicht schikte. Ein zweiter Umstand war der Vater. Die größte Rechtlichkeit und Biederkeit in seinem Wesen verfehlte nicht auf die Kinder, selbst da sie noch sehr klein waren, einen großen Eindruk zu machen. Er war ihnen das Bild der Vollkommenheit und des Wissens, Stifter, Jugendschriften. II. 15 und als ihnen von dem Vater im Himmel erzählt wurde, dachten sie sich denselben so wie ihren Vater auf Erden, nur älter. Sie hatten vor dem freundlichen Vater, der nie einen Verweis sondern höchstens einen Rath gab, mehr Furcht und Scheu als vor der oft rügenden und ermahnenden Mutter. Der dritte Umstand war der Lehrer der Kinder. So wie der Schloßherr sich mit Umsicht einen Ver¬ walter ausgesucht hatte, so suchte sich der Verwalter mit Umsicht einen Lehrer aus. Er brachte einen Mann in das Haus, der in den Jahren schon etwas vorge¬ rükt ruhig und ernst war, und von dem der Verwalter wußte, daß er die Kinder bald sehr lieben würde. Er hatte einen kleinen Gehalt von einer frühern Erziehung her, von der er, da er unverehlicht war, hätte leben können; aber das Erziehen war ihm so zur Natur geworden, daß es ihm eine große Freude gewährte, daß ihm der Verwalter den Antrag machte, und daß er die Last wie ein Geschenk hinnahm. Der Mann stimmte zu den beiden anderen Män¬ nern in Gutem und Thörichtem so, daß die Leute halb im Ernste halb im Scherze sagten: „Nun, der hat ihnen noch gefehlt.“ Er sagte nach kurzer Zeit gleichfalls wie die zwei andern Männer: „Mein Hauswesen, meine Kinder.“ Die Kinder liebten ihn sehr, aber sie nekten ihn nie, was sie mit dem Schloßherrn öfter thaten. In verschiedenen Abstufungen hatten alle drei Männer etwas Sonderbares, was die Kinder aber nur bei dem ausgezeichnetsten bei dem Schloßherrn merkten. Die Mutter allein war die immer klare und einfache. Als Lulu heran wuchs, als sie sehr schön und lieb zu werden versprach, als sie die großen Augen demüthig niederschlug, die Wimpern darüber hinab zielten, und nicht mehr so oft wie früher sich vorlaut erhoben, als endlich auch noch das Lezte eintrat, nehmlich ein oftmaliges heißes Erröthen ohne Grund und Ursache: da schlich sich der Schloßherr ein¬ mal leise auf sein Zimmer, riegelte hinter sich die Thür zu, ging heimlich zu der Lade seines Schreib¬ tisches, that sie auf, nahm das Testament heraus, in welchem er den Kaiser zum Erben eingesezt hatte, und durchstrich es ganz und gar. Dann schrieb er emsig ein neues, und sezte Lulus Namen hinein. Er warf den andern drei Kindern Vermächtnisse aus, die Lulu auszuzahlen hatte, wodurch sie Lulu zwar näher kamen, aber sie doch nicht erreichten. Als er das gethan hatte, ging er mit einem glänzenden Angesichte in den Garten, als hätte er einen Schabernak verübt, und freue sich auf dessen Bekanntwerden. Um gar kein 15* Aufhebens zu machen, und keine Vermuthungen und kein Gerede zu veranlassen, ließ er keine Zeugen unter¬ fertigen, sondern that unserm Geseze, das er gut kannte, damit Genüge, daß er am Eingange schrieb: „Mit meiner eigenhändigen Schrift und Unterschrift.“ Dennoch hätte Lulu einmal seine Gunst und wahrscheinlich auch die Erbschaft, von der sie nichts wußte, vom Grunde aus verscherzt, hätte sie ihn nicht ohne ihr Wissen bereits so unterjocht gehabt, daß er sich nicht mehr aus der Sklaverei zu befreien ver¬ mochte. Es waren jene traurigen Tage eingetreten, in denen ein auswärtiger Feind den Boden unsers Vater¬ landes betrat, lange und wiederholt da verweilte, und durch Schlachten ihn verwüstete, bis er durch jene ruhmwürdigen Anstrengungen großer Männer, an denen unser Vaterland einen glänzenden Antheil nahm, aus allen Fluren, wo man die deutsche Sprache spricht, wieder verjagt wurde. Schon bei dem Beginne der französischen Kriege kamen die drei Männer in die größte Aufregung. Sie waren insgesamt sehr eifrige Vaterlandsfreunde, ließen an den Franzosen nichts gutes gelten, wünschten sie nur bald geschlagen aufgerieben vernichtet und zu Grunde gerichtet. Am weitesten ging hierin der Schloßherr, der in dem Angriffe gegen unser Land geradezu die unverzeihlichste Schandthat erblikte, was sich schon aus seiner Anhänglichkeit an den väterlichen Boden und aus der Thatsache erklären ließ, daß er, ehe ihn sein Herz anders verleitete, für seine Erbschaft keinen würdigeren Erben zu finden gewußt hatte als den Kaiser. Er meinte, die Franzosen seien blos Räuber und Mörder, man müsse sie ausrotten wie Ungeziffer, und jeden und alle, wo sie sich bliken ließen, erschlagen, wie man einen Wolf erschlage, wenn er durch die Felder in den Hof herein gerannt komme. Nicht einmal in dem Himmel gab er ihnen einen Plaz, sondern jeder mußte in die Hölle. Ob er mit dem Erschlagen, wenn es dazu gekommen wäre, rechten Ernst gemacht hätte, weiß man nicht, da bis¬ her keine Gelegenheit war, sein Wesen bis zu thätigem Ingrimme empor zu steigern. Als die Franzosen Fortschritte machten, wurde es noch ärger, die Männer redeten von nichts als Zei¬ tungen Nachrichten und dergleichen, und führten grausame Worte in dem Munde. Die Kinder wußten von nichts, sie hatten damals nur die Obliegenheit zu wachsen, und waren die einzigen, die von den Ereignissen unberührt blieben. Die Mutter war in einer schmerzlichen Lage. Sie konnte jene hohe Freude nicht theilen, die die Männer über jeden Vortheil hatten, den die Unsrigen errangen, sie fühlte nur die Wunden, die geschlagen wurden, ob sie auch dem Feinde galten, und wenn sie auch wünschte, daß Friede würde, und unsere Fluren von dem Feinde befreit wären, so wünschte sie das nicht durch Erschlagen aller Feinde, sondern nur durch ihr Vertreiben, und sie konnte es sich nicht verhehlen, daß es ihr sehr widrig sei, daß vernünftige Wesen ihren Streit nicht in Vernunft und nach Gerechtigkeit austragen können, sondern daß sie sich gegenseitig dabei tödten, und sie schalt die Wildheit der drei Männer, welche auch nicht mehr die Thatsachen rechts und links sähen, sondern nur den Feind im Auge hät¬ ten, auf den sie blind los rennen wollten. So waren die Sachen endlich zu jenem Stande gediehen, da unsere Truppen auf unserem Boden ge¬ schlagen sich nach Norden zogen, um dort noch tiefere und schmerzlichere Wunden zu empfangen, bis das Maß voll war, bis das Gericht eintrat, und der Über¬ muth und die Willkühr wieder in ihre Grenzen zurük geworfen, ja dort hart gestraft werden sollte. Als unsere Truppen sich damals vor dem Sieger zurükzogen, geschah es zum ersten Male, daß auch eine Abtheilung unserer Kriegsmacht und zwar eine Hauptabtheilung in die Gegend kam, in welcher das Schloß lag. Den ganzen Tag waren Truppen ge¬ zogen, Richter Geschworne Gemeindemänner hatten zu thun, Vorspann und Wegezeigung mußte geleistet werden, und jedes Haus gab, was es vermochte. Die Bewohner der Umgegend hatten herbeigebracht, was sie konnten, und hatten es auf dem Plaze des Dorfes aufgehäuft. Gegen Abend kam eine Abtheilung Russen. Sie schienen nicht mehr weiter gehen, sondern hier Nacht¬ ruhe halten zu wollen. Sie schienen aber ihrer Sache nicht sehr gewiß zu sein, und schikten sich an, große Vorsichtsmaßregeln zu treffen. Sie zerstreuten sich nicht, wurden nicht in die Häuser verlegt, und brachen ihre kriegerisch eingetheilten Glieder nicht ab. Von der Umgegend mußte Stroh herbeigebracht werden, das an jener Stelle zum Bette diente, an welcher der Schlummernde aufspringen, und sogleich auf seinem Plaze stehen konnte. Die Wachenden waren zur Übersicht und Warnung versendet, und ausgestellt. Manche Abtheilungen lagen weiter zurük in den Fel¬ dern, und alle waren nach gewissen Anordnungen ver¬ theilt. Die Bewohner mußten Lebensmittel Brennbe¬ darf und andere Dinge herbeischaffen, und an be¬ stimmte Stellen abliefern. Sie durften aber nicht zwischen den Gliedern herum gehen, sich nicht in die kriegerischen Anordnungen eindrängen, und etwa da Unordnung anrichten. Sie hatten Befehl, wenn die Dämmerung eingetreten wäre, ihre Wohnungen nicht mehr zu verlassen. Daß das alles die größte Aufregung unter den Bewohnern hervor brachte, läßt sich denken. Sie gaben ihre Beiträge gerne, sie hätten alles gegeben, wenn sie den Sieg hätten auf unsere Seite bringen können; aber sie waren unruhig, was die Nacht was der kommende Tag bringen könnte. Daß kein einziger an Ruhe dachte, ist begreiflich. Der Schloßherr hatte seine Vorrathskammer seine Speicher seine Küche und seinen Keller geöffnet, er gab mehr als gefodert wurde, und er sandte unter Tags Knechte mit Wägen an entfernte Stellen seines Gutes, wo er Scheunen und Getreideböden hatte, um Vorrath herbei zu führen, wenn etwa der folgende Tag noch etwas in Anspruch nehmen sollte. So war die Nacht herein gebrochen. Sie war dunkel, weil es später Herbst war und weil tiefe Wolken den Himmel bedekten. In den Häusern des Dorfes waren Lichter, weil die Leute nicht schlafen gingen. Es war stille, nur daß ein gedämpfter Ruf der Wachen oder das Klirren und der Stoß einer Waffe die Ruhe zuweilen unter¬ brach. Die ganze Familie des Schlosses, selbst Gesinde eingerechnet, war in der sogenannten Gartenhalle untergebracht. Die Gartenhalle ist ein großes Gemach und heißt deßhalb so, weil es rükwärts gegen den Garten liegt. Es ist gewölbt, hat sehr starke dike Steinmauern, die Fenster sind mit eisernen Stäben versehen, und die Geräthe sind sehr alt, und sehr stark. Man kam gerne im Sommer dahin, weil das Gemach kühl war, und weil die grünen Zweige sehr anmuthig an den Fenstern spielten. Im Winter war es häufig an den langen Abenden der Aufenthalt der Mägde, die da spannen oder andere Arbeiten verrich¬ teten, weil es sich gut heizen ließ, und nicht selten geschah es, daß die Verwalterfamilie der Schloßherr und der Lehrer herab kamen, man versammelte sich um den Ofen, und gerieth öfter in das Erzählen von Märchen und Geschichten. Daß man gerade heute dieses Gemach zum Auf¬ enthalte gewählt hatte, war das Werk des Vaters. Wenn es doch zu etwas kommen sollte, und Kugeln fliegen würden, war man hier für die ersten Augen¬ blike am sichersten. Gegen das Dorf und den Teich hin war man durch die ganze Dike des Schlosses gedekt‚ gegen die Seiten schüzte die halbe Schloßlänge, weil das Gemach in der Mitte lag, und gegen den Garten der Garten, der sehr lang war, und daher den Lauf einer Kugel schwächte, und der in der Nähe der Fen¬ ster des Gemaches seine diksten und dichtstehendsten Bäume hatte, die sie auffangen konnten. Man hatte beschlossen, die ganze Nacht da zuzubringen. In keinem anderen Theile des Schlosses war ein Licht. Nur ein paar Knechte, die in dem Meierhofe waren, hatten eins in ihrer Stube, das aber bald erlosch, da sie schlafen gingen. Die Mägde aber waren alle in der Gartenhalle, und spannen. Als man sich in die Lage gesezt hatte, die jedem zusagte, als die zwei kleineren Kinder eingeschlafen waren, die zwei größeren in der Nähe der Mutter bei dem Ofen sich zusammen gekauert hatten, und die Spinnräder schnurrten, kam man wieder ins Erzählen aber heute mit Eifer in das der Kriegsereignisse, und zwar noch dazu in die Färbung, wie sie der Leiden¬ schaft eines jeden zusagte. Als der Lehrer eine vergleichende Thatsache aus der alten Geschichte erzählt hatte, sagte der Schlo߬ herr: „Da machten es die Tiroler noch besser und heißer; als die Franzmänner durch das Thal der Gleres herunter zogen, war kein Mensch in dem Dorfe. Die Männer waren mit ihren Stuzen in die Steine hinauf gegangen, die zu beiden Seiten der Strasse empor ragen, und die Weiber und Kinder waren noch viel höher in den Wald und gar bis gegen den Schnee hinan gebracht worden. Nur ein achtzig¬ jähriger Zimmermann, der keinen Freund und keinen Feind hatte, war im Dorfe zurükgeblieben. Er stand hinter seiner Scheuer, und hatte den Stuzen geladen. Als die schneeweißen Mäntel kamen — denn die Rei¬ terei der Franzosen hatte weiße Mäntel, und war in der Vorhut — hielt er den Athem an, und gebrauchte die Augen. Der beste Federbusch, der in der Mitte wehte, schien dem Vornehmsten anzugehören, weil die andern ihm Ehrfurcht erwiesen. Der Zimmermann sprang hinter der Scheuer hervor, legte an, ein Rauch — ein Bliz — ein Krach — der Federbusch war ver¬ schwunden, und der Reiter lag todt unter dem Pferde. Sie hieben im nächsten Augenblike den Zimmermann zusammen, er lachte in sich, und ließ es geschehen. Jezt sprengten sie in das Dorf, durchsuchten alles, fanden keinen Menschen, fanden keine Schäze, und da ihre Kameraden die Fußgänger nachgekommen waren, zündeten sie das Dorf an allen Eken an, und zogen weiter. Es ging ganz gut, sie zogen in der Stille der Berge fort, bis das Thal enger wurde, und die Gleres an der Strasse rann. Da wurden die Klippen lebendig, lauter Rauch und lauter Blizen und Krachen, und auf jeden Schuß fiel ein Mann, und es wurde immer geladen, und es krachte immer wieder, als ob ihrer viele Tausende oben wären; und wenn die Soldaten hinauf schossen, so trafen sie niemand, weil sie niemand sahen, und wenn sie hinauf wollten, so konnten sie nicht, weil die Felsen zu steil waren, und weil sie erschossen wurden. Und als sie sich beeilten, und im Laufe fort wollten, um aus dem entsezlichen Wege zu kommen, und als sie gegen den Ausgang gelangten, wo die Strasse durch die engsten Schluchten läuft, da sprangen unzählige Felsstüke von den Bergen nieder, aufgehängte Bäume rollten herab, schmetterten alles nieder, machten in der Enge einen Verhau, die Franzosen konnten nicht vor, sie mußten zurük, sie flogen, sie rannten — da hatten sie aber das brennende Dorf, das sie selbst angezündet hatten unter den Füssen, die hölzer¬ nen Häuser waren alle in Glut, daß man nicht zwischen ihnen durch konnte. Da waren sie in der Noth, da war mancher schneeweiße Mantel ein rother, mancher schwamm in der Gleres, mancher lag auf der Deke des Pferdes, ohne daß der Reiter dabei war, viele Männer lagen auf der Strasse, viele ver¬ brannten, und wenige kamen auf einsamen Pfaden nur durch, um draußen zu sagen, was ihnen begeg¬ net sei, oder um auf ihren Irrwegen von den Land¬ leuten gefangen und erschlagen zu werden.“ Da es nach dieser Erzählung eine Weile still war, sagte er: „So sollten wir es auch machen, wir haben zwar keine Berge und keine engen Thäler, in denen wir auf sie warten könnten, wie die Tiroler; aber wir sollten uns zusammen thun wie sie, wir sollten Waffen tragen, uns üben, uns verabreden, Kundschaft einziehen, und wenn wir erfahren, daß ein Trupp, dem wir gewachsen sind, durch einen Wald oder Busch oder Hohlweg zieht, sollten wir ihm auflauern, und alle, die er enthält, erschießen. In den obern Ländern sind in ein Seitendorf, ich weiß nur seinen Namen nicht zu nennen, ich habe mir die Sache erzählen lassen, zwölf französische Reiter gekommen, um zu plündern. Die Bauern verstanden aber die Sache schlecht, und überfielen sie, da sie in einem einsamen Wirthshause zechten, und schlugen sie bei einem ein¬ zigen todt. Die Pferde, welche im Hofe angebunden waren, trieben sie weit nach Ungarn, und verkauften sie, die Sättel die Kleider die weißen Mäntel und die Waffen verbrannten sie im Feuer. So mögen manche Feinde von ihrer Hauptabtheilung weg gekommen, nicht mehr zurük gelangt sein, und niemand weiß, wohin sie gerathen sind.“ „Aber,“ sagte die Mutter, „wenn es schon unter den Völkern festgesezt ist, daß die Kriege durch die Armeen ausgefochten werden, so sollten die Bevöl¬ kerungen sich ruhig verhalten, und die Sache in die Hände des Heeres legen. Einen einzelnen Feind, der sich harmlos nähert, zu erschlagen, scheint mir ein sündlicher Mord zu sein.“ „Sie nahen sich aber nicht harmlos,“ sagte der Schloßherr, „wie haben sie nur in ihrem eigenen Lande gewirthschaftet, sie haben ihre Landsleute er¬ würgt ersäuft erschossen enthauptet, weil sie ihnen verdächtig waren, oder den König liebten, und dann sind sie heraus gegangen, und wollten es bei uns auch so machen. Wir sollten gegen einander sein, und das Land in Zerwürfniß bringen daraus es kaum ent¬ rinnen könnte. Darum sollen wir sie verfolgen, ausrot¬ ten, vertilgen, wie wir nur können; und wenn sie dar¬ über zornig werden, und wüthen, so ist es nur desto bes¬ ser, damit die Menschen es nicht mehr ertragen können, sich zusammen thun, und sie aus dem Lande jagen, daß kein Huf und kein Helmbusch von ihnen mehr bei uns ist. Wenn morgen die Franzosen nachkommen können Dinge geschehen — wer weiß, was geschieht.“ Während er so sprach, hörten die Dienstleute zu, die Mägde hatten das Spinnrad still stehen lassen, die Knechte, die da waren, sahen ihn an, und der Verwalter und der Lehrer blikten vor sich. Es war mittlerweile so finster geworden, daß es schien, als wären die Fenster des Gemaches nur schwarze Tafeln, von draußen hörte man nicht das Geringste herein, und nur die Uhr pikte eintönig an der Wand. Die zwei jüngsten Kinder schliefen fest, Alfred kauerte neben der Mutter und fürchtete sich, Lulu stand neben ihm, und half fürchten. In diesem Augenblike regte sich ein leises Geräusch an der Klinke der Thür, die Thür öffnete sich, und es trat ein Mann herein, der einen glänzenden Helm auf hatte, und in einen langen weißen Mantel ge¬ wikelt war. Alle schauten auf ihn. „Ich habe Licht durch diese Fenster scheinen ge¬ sehen,“ sagte er in guter deutscher Sprache, „und bin herein gekommen, eine Bitte vorzubringen.“ „Und welche?“ fragten der Verwalter und der Schloßherr zugleich. „Sie werden mir gefälligst auf die Spize des diken Thurmes folgen,“ sagte der Fremde, indem er auf den Verwalter zeigte. Er hatte hiebei den einen Arm erhoben, den Mantel gelüftet, und man sah, daß er in der Hand des anderen Armes eine doppelläufige Pistole habe. „Wer kann das fodern, ich bin hier der Gebieter,“ rief der Schloßherr. „So? Sie sind der Gebieter,“ sagte der fremde Mann, „Sie gehen auch mit hinauf.“ Hiebei griff er mit der freien Hand auf die Pistole, und spannte beide Hähne, daß man sie knaken hörte. „Sie werden eine Laterne auf die Treppe mit nehmen, und vor mir gehen,“ fuhr er fort, „es wird keinem ein Haar gekrümmt, so lange alles ruhig aus¬ geführt wird. Wenn ich aber Verrath merke, muß ich von den Waffen Gebrauch machen, es geschehe dann, was wolle. Bleibt hier ruhig sizen, ihr andern, bis sie wieder zurükkehren.“ Er war mit dem Rüken gegen den Thürpfosten stehen geblieben, hatte die Pistole in der Hand, und sah alle an. „Es ist nichts, seid nur ruhig, und ihr folgt uns,“ sagte der Verwalter, indem er den Schloßherrn bei der Hand nahm, „und ihr verlaßt keines das Gemach, bis wir wieder kommen.“ Er langte bei diesen Worten mit der Hand nach der Laterne, die neben dem Weihbrunnenkessel hing, machte sie auf, zündete das Stümpfchen Kerze in der¬ selben an, schloß sie wieder gut zu, schritt in die Stube vor, und sagte: „Wenn es gefällig ist.“ Der fremde Mann ließ, indem er sich seitwärts stellte, den Verwalter und Schloßherrn bei der Thür hinaus, und folgte ihnen dann, mit dem Körper seitwärts gewendet, daß er die in der Stube und die Vorangehenden zugleich überbliken konnte. Die Zurükgebliebenen hatten kein Wort gesagt, die Sache war eines Theils so schnell vor sich ge¬ gangen, und die Ruhe des Verwalters hatte ihnen anderen Theils Vertrauen eingeflößt. Die zwei Männer gingen mit der Laterne den Gang entlang, der zu dem Thurme führte, der Fremde folgte ihnen, daß sie die Sporne, die er an den Füssen hatte, stets hinter sich klirren hörten. Sie kamen an die Treppe, und stiegen hinan. Als der Fremde merkte, daß sie bald oben seien, be¬ fahl er ihnen, stille zu stehen, die Laterne auf eine Stufe zu stellen, zu öffnen, und mehrere Stufen auf¬ wärts zu gehen. Als sie das gethan hatten, näherte er sich der La¬ terne, zog aus seiner Manteltasche ein sehr kleines Laternchen heraus, zündete ein fast unscheinbares Lichtchen in demselben an, ließ die andere Laterne auf Stifter, Jugendschriften. II. 16 der Treppe stehen, stieg gegen die Männer, die indessen gewartet hatten, hinan, und befahl ihnen, weiter zu gehen. Als man auf das Steinpflaster des Thurmes hinaus gekommen war, welches, wie oben gesagt wurde, die Stelle des Daches vertrit, hieß er die Männer an einem Plaze der Brustwehre, wo er sie sehen konnte, stehen bleiben, er selber ging an eine andere Stelle der Brustwehr, stellte sein sehr kleines Laternchen darauf, legte die Pistole daneben, zog eine Brieftasche heraus, und fing an, bei dem Scheine seines Lichtchens in dieselbe zu schreiben oder zu zeichnen. Die Nacht war so finster, daß man von der Gegend nichts sah als einen einzigen schwarzen Raum, in welchem die Lichter und Wachfeuer wie rothe Sternchen sich zeichneten. Von dem Dorfe sah man nichts als den Umriß mancher Dächer und der Kirche. Von dem Plaze war ein Theil durch die Feuer der Truppen beleuchtet. Als der Fremde eine Weile gezeichnet oder geschrie¬ ben hatte, stekte er seine Brieftasche wieder ein, nahm sein Laternchen in die eine seine Pistole in die andere Hand, und hieß die Männer vor sich hinab gehen. Als man zu der Stelle gekommen war, wo die Laterne stand, mußten sie dieselbe nehmen, und den Mann in der Weise, wie man herauf gekommen war, wieder zurük führen. Da man an der Thür der Gartenhalle ange¬ kommen war, sagte der Fremde, daß ihn nun die zwei Männer auch durch den Garten bis zu dem Gitter, das auf das Feld hinaus führt, begleiten müßten. Wenn er außerhalb des Gitters wäre, könnten sie zurük kehren. Die Laterne müßten sie in dem Thorwege, der an der Halle vorbei führt, stehen lassen. Der Schloßherr und der Verwalter gingen also in dem finstern Garten vor dem Fremden her. Nicht weit von dem Schlosse fand man ein Pferd an einem Baume angebunden. Der Fremde löste es los, schlang den Zügel um den Arm, und führte es hinter sich her. Er führte es nicht auf dem Garten¬ wege, auf dem die zwei Wegweiser gingen, sondern auf dem Rasen daneben, damit die Hufschläge nicht gehört würden. Als man in die Nähe des Gitters kam, zeigten sich dunkle Gestalten an demselben. Der Fremde näherte sich den beiden Vorgängern plözlich und flüsterte ihnen zu: „Halt.“ Dann schaute er sehr lange und, wie es schien, anstrengend auf die Gestalten. 16* Endlich sagte er sehr leise, sie sollten ihn wieder zu der Halle zurük führen. Sie thaten es, er zog sein Pferd hinter sich her. Da sie bei der Halle angekommen waren, befahl er ihnen, das Thor, welches den an der Halle vor¬ beiführenden Thorweg schloß, und überhaupt das Hauptthor des Schlosses war, zu öffnen. Der Verwalter ging um den Schlüssel, während der Schloßherr in der Gewalt des Fremden bleiben mußte, und da der Verwalter aus der Gartenhalle, in welcher sich der Schlüssel befunden hatte, heraus trat, folgten ihm auch neugierig die Leute, die in der Halle gewesen waren. Der Fremde hielt sich an sein Pferd, hatte den Schloßherrn immer im Auge, und die Pistole in der Hand. Der Verwalter und ein Knecht sperrten das Thor auf, thaten im Later¬ nenscheine den großen eichenen Querbalken weg, öff¬ neten die beiden Flügel, daß man in den schwarzen Raum hinaus sah. „Thut die Laterne zurük,“ sagte der Fremde. Als man das gethan hatte, schaute er eine Weile scharf bei dem Thore hinaus, den Blik aber jeden Augenblik kurz auf den Schloßherrn richtend, daß derselbe sich nicht entfernen konnte. Dann, soweit man bei dem Scheine der Laterne beurtheilen konnte, richtete er etwas an dem Pferde, prüfte anderes, und da es gut befunden war, schwang er sich hinauf. Da er einmal oben saß, war es nur ein Augenblik, in welchem er sich gleichsam fest zu sezen suchte, dann gab er die Sporen, that einen Ruf, und mit einer so fürchterlichen Schnelligkeit, daß man kaum mit den Augen bliken konnte, daß die Funken in Schwärmen sprühten, flog er über den Steindamm hinaus. Als er jenseits war, wie man aus dem schwächeren Hufschlage schließen konnte, schoß er rechts und links einen Pistolenschuß ab, worauf sogleich Blize hinter ihm sichtbar wurden, Schüsse krachten, Geschrei sich erhob, und sich ferner zog. „Das ist ein Mann,“ rief Lulu jubelnd. „Du Scheusal, du kleine Ausgeburt,“ schrie der Schloßherr, „du fällst in Bewunderung unsern Fein¬ den zu.“ „Er ist ja kein Franzose,“ antwortete Lulu, „er spricht so schön deutsch.“ „Um so schlechter, um so tausendmal schlechter ist er, sagte der Schloßherr, „als ein Deutscher sollte er lieber in die fernsten Gegenden ziehen, und betteln, ehe er mit dem Erzfeinde sich verbindet, ja er sollte lieber den Tod leiden. So aber nimmt er von unserem Thurme die Stellung der Verbündeten auf, verräth sie, und wir werden es morgen früh schon sehen, wenn sie ihn nicht nieder geschossen oder erwischt haben.“ „Er rennt mit seinem Pferde an ein Haus an, und zerschmettert sich und das Thier,“ sagte eine Magd. „Der rennt nicht an,“ erwiederte ein Knecht, „er sieht sich die Sache gut zusammen, und versteht sein Ding.“ „Er ist doch ein Mann, wenn er auch ein Feind ist,“ sagte Lulu. „Warum hast du ihn denn nicht umgebracht, da er einen weißen Mantel hat?“ fragte Alfred den Schloßherrn. Dieser schaute den Fragenden an, und antwortete nicht. „Kinder, Leute, wir werden hier bald ein anderes Schauspiel haben,“ sagte der Verwalter, „dieser kühne Mann mag nun umgekommen sein oder nicht, er ist ein Feind, wie sich aus seinem Thun gezeigt hat, er ist aus unserem Schlosse in unsere Verbündeten ge¬ sprengt, bald werden sie da sein, und werden Rechen¬ schaft fodern. Sehe jeder, daß er sich genau merke, wie die Sache, bei der er war, hergegangen ist, damit er die Wahrheit bekennen könne, daß sich keine Wider¬ sprüche finden, die uns arge Dinge bereiten könnten. Die Soldaten im Dorfe draußen sind auf dem Rük¬ zuge begriffen, und sind erbittert. Laßt uns das Thor wieder schließen, aber bei dem ersten Stoße an das¬ selbe es gerne und schnell öffnen. Bis dahin gehen wir wieder in die Gartenhalle.“ Die Knechte schlossen das Thor, thaten den Eichenbalken vor, gaben dem Verwalter den Schlüs¬ sel, und man ging mit der Laterne wieder in die Halle. Man war noch nicht lange dort, als sich Schläge an das Thor vernehmen ließen. Die Mutter that einen schwachen Schrei, und bewegte sich gegen den Vater hin. Dieser beruhigte sie, ließ das Thor öffnen, und ging selber den Ein¬ tretenden mit einem Lichte entgegen. Es waren zwei Vorgesezte mit Begleitung von Soldaten. Der Stein¬ damm war mit Soldaten bedekt. „Sind noch mehrere Feinde hier?“ fragte einer der Vorgesezten in ziemlich verständlicher deutscher Sprache. „Es war der Einzige, der eben hinaus geritten ist,“ antwortete der Verwalter. Sofort ließ der Krieger alle Aufgänge alle Thüren und die Ausgänge in den Garten mit Mannschaft besezen. Die Schloßleute wurden in der Halle be¬ wacht, und der Schloßherr und der Verwalter mußten unter Bedekung von Soldaten in alle Räume des Schlosses gehen, daß man dieselben untersuchte. Der Schloßherr war viel geselliger gesprächiger und freundlicher gegen die jezigen vielen bewaffneten Sol¬ daten, die ihn begleiteten, als er es früher gegen den einzigen gewesen war. Als man nirgends etwas Verdächtiges fand, kehrte man zu der Gartenhalle zurük. Den Garten untersuchte man nicht, nur wurden die Ausgänge aus dem Schlosse zu ihm sehr verrammelt, daß ein Feind, wenn einer im Garten wäre, schon dadurch gefangen war. Dann schritt man zum Verhöre. Der Verwalter erzählte die Sache, wie sie sich begeben hatte. Er stellte die Vermuthung auf, daß der Fremde durch den Garten gekommen sein müsse, weil das Thor gegen das Dorf geschlossen gewesen sei, und in dem Dorfe sich ja die Verbündeten befunden hätten. Wenigstens habe der Fremde durch den Garten fort gewollt, dies werde sich sehr deutlich in den Fußstapfen und nament¬ lich in den Hufspuren im Grase zeigen, wenn man sie morgen bei Tag untersuchen wolle. „Man wird die Sache untersuchen,“ sagte der Krieger. Hierauf wurde der Schloßherr abgesondert ver¬ nommen, und dann alle andern, selbst die Kinder. Als dieses vorüber war, wurden die Männer in ein Gewölbe des Thurmes abgeführt, dort einge¬ sperrt, und bewacht. Die Weiber und die Kinder wurden in der Gartenhalle gelassen, wurden aber dort ebenfalls eingesperrt, und bewacht. Von da an verging die Zeit, die Ängstlichkeit und die Besorgniß abgerechnet, ruhig. Nicht ein Laut war zu vernehmen als zuweilen der Schritt einer Wache vor der Thür das Rasseln eines Geweh¬ res oder ein Kolbenstoß. An dem Himmel war kein Lüftchen, die Wolken schienen unbeweglich dort zu stehen, und die Wipfel der Bäume im Garten regten sich nicht. Unter diesen Betrachtungen brachten die Gefangenen der Gartenhalle die Nacht zu. Daß kein Schlaf in ihre Augen kam, ist begreiflich. Wohin man die Männer gebracht hatte, wußten sie nicht. Als endlich das Morgengrauen anbrach, hörte man verworrenes Getöse wie Fahren Reiten Gehen Rufen, man hörte endlich Hörnerklänge Trompeten und Trommeln, aber alles gedämpft, da es von der entgegengesezten Seite des Schlosses herkam. Sehen konnte man nichts, da die Thür verschlossen war, und vor den Fenstern nur die Bäume des Gartens standen, deren dunkle Wipfel sich immer deutlicher ge¬ gen den grauen lichter werdenden Himmel zeichneten. Endlich geschah ein dumpfer ferner Schlag, der aber so schwer war, daß die Luft beinahe erzitterte. Gleich darauf ein zweiter. Sie folgten nun schneller, und es war beinahe wie ein entfernter Donner, der so tief ging, daß manchmal die Fenster leise klirrten. Die Trompetenklänge das Blasen der Hörner das Wirbeln der Trommeln nahm in der Nähe zu. Der Tag wuchs immer mehr dem Morgen entgegen. Das Rollen des Donners kam näher, es ging in ein Krachen über, und hinter den Gipfeln der Bäume stieg ein weißer Rauch auf. Endlich krachte es auch ganz nahe an dem Schlosse, man konnte nicht erken¬ nen, woher es kam, bald war es rechts bald links, bald vorn bald hinten, bald mehr bald weniger, aber furchtbar war es, daß das Gemach sich zu rühren schien; und wenn der kleinste Zwischenraum eintrat, so hörte man einen Ton, wie wenn unzählige Hölz¬ lein an einander geschlagen würden, es waren die Schüsse der kleinen Gewehre. Sogar die Trommeln konnte man zuweilen vernehmen. Der Rauch war endlich so in den Garten gedrun¬ gen, daß er wie ein Nebel in den Bäumen war. Er vermehrte und verdichtete sich stets, daß kaum die nächsten Stämme zu sehen waren. Im Zimmer ent¬ stand übler Geruch. Als dieses lange gedauert hatte, zog sich der Donner auf der entgegen gesezten Seite in die Ferne, das Rollen wurde dumpfer, einzelne Schläge waren in der Nähe noch zu vernehmen, aber man hörte Geschrei Brausen und verworrenes Getöse. Zulezt wurde auch das immer schwächer, man hörte nichts mehr, der Rauch zog sich langsam aus den Bäumen, die Wolken waren auch gleichsam durch den Schall verjagt worden, und die Sonne, die Anfangs als eine rothe Scheibe in dem Rauche gestanden war, glänzte endlich freundlich auf den Garten herunter. Die Frauen in der Halle warteten lange. Als aber gar kein Ton sich vernehmen ließ, als sie auch gar kein Geräusch von der Wache vernahmen, die außer der Thür war, so riefen sie auf dieselbe. Sie er¬ hielten keine Antwort. Sie riefen noch einmal, und stärker, aber erhielten wieder keine Antwort. Da ver¬ suchten sie an der Thür und an dem Schlosse zu rütteln. Von Außen erfolgte kein Zeichen und kein Widerstand. Nun rissen sie wirklich mittelst Beilen und Stemmeisen, die in der Gartenhalle als brauch¬ bare Werkzeuge immer vorräthig waren, das Schloß herunter, und öffneten die Thür. Kein Mensch war vor derselben. Die Thorflügel standen weit offen. Im Dorfe rauchte noch kohlendes Stroh, und von einer entfernten Hütte, die brannte, ging Rauch auf. Sonst sah man keine Beschädigung, aber man sah auch keinen Menschen im Dorfe. Unter dem Schwib¬ bogen des Thores lag eine eiserne Kugel, und eine andere stak in der Mauer des Schlosses. Als man noch so schaute, hörte man plözlich Gerassel und Getrappe rennender Pferde, und in dem Augenblike kam um eine Eke der Häuser ein Schwarm weißer Reiter, bog gegen das Schloß, und ritt über den Steindamm herein. Lulu rief beinahe vor Freude auf, als sie an ihrer Spize den Mann im weißen Mantel erblikte, der in der Nacht im Schlosse gewesen war. Man hoffte, daß man wenigstens von der Unge¬ wißheit, vielleicht auch von der Angst und Bangigkeit befreit werden würde. Der Mann ritt auf die Versammelten zu. Bei der Beleuchtung des Tages sahen sie erst jezt, daß er noch sehr jung sei, und ein blühendes Angesicht habe. Er stieg sogleich von dem Pferde, und sagte: „Ich habe nur kurze Zeit, ich mußte Ihnen gestern Schreken und Gewalt anthun, damit wir heute die Früchte ernten. Wir haben sie geerntet, und sind im Vorrüken begriffen. Ich aber bin auf einen Augenblik gekom¬ men, um mir Verzeihung einzuholen, daß ich von einer harten Kriegsregel Gebrauch gemacht habe, und ich bin auch gekommen, um die Bewohner allenfalls von einer Unannehmlichkeit, die ihnen mein Verfahren könnte zugezogen haben, zu befreien. Wo sind die Männer?“ „Wir wissen es nicht, wir haben uns in diesem Augenblike aus unserem Gefängniße in der Garten¬ halle befreit, sie sind in der Nacht gefangen abgeführt worden,“ sagte die Mutter. „So müssen wir sie suchen,“ erwiederte der Fremde, „vielleicht sind sie im Hause.“ Er nahm aus Vorsicht mehrere bewaffnete Reiter mit, und aus Kenntniß der Kriegsgebräuche schlug er gleich den Weg zu dem Thurme ein. Alle Frauen folgten ihm. Der Schlüssel stak an der Thür des Gewölbes, in welchem sich die Männer befanden. Man drehte ihn um, traf da die Gefangenen, und ließ sie heraus. Als die Angehörigen sich gegenseitig überzeugt hatten, daß keines einen Schaden genommen habe, und als sich die Unruhe von Fragen und Antworten ein wenig gelegt hatte, trat der Fremde gegen die Männer heran, und sagte: „Wir haben, und ich hege die Hoffnung, nicht ganz ohne Zuthun meiner gestrigen Beobachtungen, den Sieg errungen. Ich bin gekommen, verehrte Herrn, um den Augenblik, der mir gegönnt ist, zu benüzen, Sie um Verzeihung wegen meines Verfahrens gegen Sie in dieser Nacht zu bitten. Hier ist eine Karte mit meinem Namen und Stande, Sie können an meiner Person und an meinem Vermögen Genugthuung fodern, wenn Sie eine zu fodern für gut befinden sollten.“ Bei diesen Worten reichte er dem Schloßherrn ein Blatt Papier. „Den Frauen,“ fuhr er fort, „kann ich freilich keine Genugthuung für die Angst und den Schreken geben, um so inniger bedarf ich ihrer Verzeihung, und um so mehr bitte ich sie darum.“ „Die beste Genugthuung würde sein,“ sagte der Schloßherr, „wenn Sie nicht auf jener Seite ständen, auf der Sie stehen.“ „Mein Herr,“ erwiederte der Fremde, „wenn Sie diese Ansicht bei meinem Könige durchsezen können, so werde ich eine That wie die von heute Nacht mit leichterem Herzen verrichten, als ich sie heute verrich¬ tet habe. Aber bei dem Krieger heißt es gehorchen. Nun lebt wohl, meine Zeit ist sehr gemessen.“ Er reichte dem Schloßherrn die Hand, der sie nahm. „Haben Sie doch keine Verlezung erlitten?“ fragte der Verwalter. „Keine einzige,“ antwortete der junge Mann. „Nun so leben Sie wohl,“ sagte der Verwalter, „und mögen Ihre Thaten bald von leichten Gefühlen begleitet sein.“ „Amen,“ sagte der junge Mann. Er verbeugte sich vor den Männern, aber noch tiefer vor den Frauen selbst vor den Mägden, seine Begleiter schwenkten sich, und er ging mit ihnen davon. Man sah ihnen nach, sah sie unter dem Thorbo¬ gen zu Pferde sizen, und über den Steindamm hinaus reiten. Jezt war nichts mehr von Kriegern zu sehen. Nachdem der Verwalter und der Schloßherr die Unordnung im eigenen Hause so weit es möglich war, besichtiget hatten, wobei einige schöne von Kugeln arg verlezte Gartenbäume zu bedauern waren, verfügten sie sich in das Dorf, um dort und in der Umgegend den Bewohnern in den Maßregeln beizu¬ stehen, die in Folge des stattgehabten Gefechtes noth¬ wendig geworden waren. Unterbringung der noch aufgefundenen oder nach und nach eintreffenden Ver¬ wundeten von Freund und Feind war das Erste. Der Arzt richtete im Schlosse ein Hospital ein, und die Verwalterin kochte für Freunde und Feinde. Das Zweite war die Beerdigung der Todten. Endlich ging man an das Einsammeln und Aufbewahren von Waffen und Kriegsgeräthen, und an das allmählige Ausbessern der Verlezungen an eigenen Häusern und Gebäuden. Es pflegte in diesen Tagen mancher Verwundete seinen Nachbar, der noch ärger verwundet war. Mancher trug einen Feind zur Verpflegung herbei, und am dritten Tage verbreitete sich die Nachricht, daß ein Pferd regungslos bei seinem todten Reiter in den Kohlgärten auf der Anhöhe stehe, und daß ein Spiz nicht von dem Grabe seines Herrn weg zu brin¬ gen sei. Anfangs zogen noch viele feindliche Abtheilungen den Fliehenden nach, dann aber hörte dies auf, es kam nichts mehr, und Schloß und Dorf hat bis zum Frieden weder feindliche noch freundliche Krieger mehr gesehen. — — — Es waren Jahre nach diesem Ereignisse vergan¬ gen. Die Feinde, die damals gesiegt hatten, waren nun vollkommen geschlagen, ihre Hauptstadt erobert, ihr weltberühmter Führer auf Elba und endlich nach seinem Hervorbruche gar auf St. Helena verbannt, und der Friede ruhte segnend auf allen Ländern, die so lange verwüstet worden waren. Die Menschen, welche den Krieg noch gesehen hatten, erkannten vollkommen dessen Entsezliches, und daß ein solcher, der ihn muth¬ willig entzündet, wie sehr ihn spätere verblendete Zeiten auch als Helden und Halbgott verehren, doch ein verabscheuungswürdiger Mörder und Verfolger der Menschheit ist, und sie meinten, daß nun die Zeiten aus seien, wo man solches beginne, weil man zur Einsicht gekommen: aber sie bedachten nicht, daß andere Zeiten und andere Menschen kommen würden, die den Krieg nicht kennen, die ihre Lei¬ denschaften walten lassen, und im Übermuthe wieder das Ding, das so entsezlich ist, hervor rufen würden. Es war in unserem Schlosse abermals der Herbst gekommen, aber ein so lieblicher, daß man die meiste Zeit im Freien zubringen konnte, und daß die Bewoh¬ ner des Schlosses täglich große Spaziergänge mach¬ ten, um noch das lezte ruhige Lächeln der Natur vor den Stürmen und Frösten zu genießen. So sassen sie auch einmal alle an einem Nach¬ mittage auf einem Hügel, der in dem Garten nahe an dem Gitterthore, das auf das Feld führt, entstan¬ den war. Alfred und Julius hatten nehmlich alle Ferien aller ihrer Studienjahre dazu verwendet, mit eigenen Händen und kleinen Schubkarren einen Hügel Stifter, Jugendschriften. II. 17 aufzuführen, und darauf ein Säulenhäuschen auf¬ zurichten, in dem die ganze Bewohnerschaft des Schlosses Plaz hatte. Der Schloßherr und der Ver¬ walter hatten die Knaben walten lassen, weil sie es für besser hielten, daß sie da bauten, wenn auch etwas so ungeschlachtes als einen Hügel, als daß sie durch Vogelfangen oder Jagen zerstörten. Weil die Sonne gar so lieblich schien, wollte man in dem Säulenhäus¬ chen den Nachmittagkaffeh verzehren. Man hatte die ganze Geräthschaft auf dem Tische, wollte aufgießen, und spielte mit den gelben Blättern, die herum lagen, oder mit den Herbstfäden, die heuer besonders reichlich flogen, und an den Säulen des Häuschens und an den Gewändern der Gesellschaft hingen. Plözlich that Lulu, die eine erwachsene und, wir müssen es sagen, sehr schöne Jungfrau geworden war, einen Schrei. „Hat dich eine Spinne geschrekt?“ fragte man. „Nein ein weißer Mantel,“ antwortete sie, und zeigte nach der Stelle, nach welcher sie bei Ausstoßung ihres Schreies geblikt hatte. Alle schauten hin. Außerhalb des Gitters stand auf dem Feldwege, der um den Garten ging, ein Wagen, in demsel¬ ben saß ein einzelner Mann, der einen weißen Mantel um die Schultern hängen hatte, und unverwandt auf die Gesellschaft hinein sah. „Lauf, Julius,“ sagte der Vater, „und frage, ob er etwas wünscht.“ Der Knabe lief hin, redete mit dem Manne, kam zurük, und sagte: „Eingelassen wünscht er zu werden, er sagt, er sei nicht ganz fremd.“ Der Knabe erhielt den Schlüssel, den man zur Bequemlichkeit bei Spaziergängen immer mit sich führte, er schloß das Thor auf, der Fremde ging herein, stieg den Hügel hinan, und stellte sich der Gesellschaft vor. Man erkannte ihn augenbliklich. Es war der junge Mann aus jener schreklichen Kriegesnacht. Aber er war nun kein Jüngling mehr sondern ein freundlicher Mann, der so gütig blikte, daß man unmöglich hätte glauben können, daß er derselbe sei, der damals das fürchter¬ liche Spiel auf Leben und Sterben getrieben habe. „Verzeihen Sie, meine Herrn und Frauen,“ sagte er, „daß ich zu Ihnen komme, ich bin ihnen nicht fremd, Sie haben nicht Ursache, mir irgend gut zu sein; aber Sie werden mich doch auch nicht hassen, was ich daraus schließen muß, daß seit den vielen Jahren her keine Genugthuung von mir wegen jener Nacht gefodert worden ist.“ 17* „Nein, nein, es wird auch keine mehr gefodert werden,“ rief man, und nöthigte ihn zum Sizen. Er that es, und sagte: „Lassen Sie mich nur noch einen Augenblik fortfahren. Jeder Mensch hat einen Punkt der Sehnsucht in seinem Leben, nach dem es ihn immer hinzieht, und den er erreichen muß, wenn er ruhig sein will. Meine Sehnsucht ist jenes Git¬ ter dort. Seit ich damals in der Nacht sein Schloß erbrach, um auf den Thurm zu gehen, und die Lichterstellung des Feindes zu zeichnen, seit jenem Augenblike, wo ich es, da ich zurükkehrte, von dem Feinde besezt fand, und nun nur noch die Aussicht vor mir hatte, entweder als Spion gefangen und schimpflich aufgehängt zu werden, oder durch einen tollkühnen Ritt von vorne heraus in die überraschten Feinde zu sprengen, um entweder ehrlich zu fallen, oder eben durch die Unglaublichkeit des Wagstükes durch¬ zukommen — nach rükwärts hätte ich wegen des geakerten Bodens und der andern Hindernisse nicht hinaus sprengen können — seit jenem Augenblike zog es mich immer zu dem Gitter, und ich dachte, ich müsse es doch noch einmal sehen. Darum kam ich her, und fuhr auf dem Feldwege um den Garten zu dem Gitter. Und lassen Sie mich es offenherzig sagen, einen nicht minderen Antheil an meinem Kommen hat der Gedanke, Sie alle zu sehen, mir wegen des Übels, das ich Ihnen zufügte, und das mir immer Unruhe machte, Ihre vollkommene Verzeihung zu holen, und Ihre Achtung zu erwerben; denn ich habe seither in vielen Schlachten mit jenem leichten Herzen gekämpft, das mir dieser Herr damals gewünscht hat.“ Er zeigte bei diesen Worten auf den Verwalter. „So gefallen Sie mir viel besser, junger Mann, als in jener Nacht,“ sagte der mit rothem Angesichte und schneeweißen Haaren prangende Schloßherr. „Ja, lieber Herr,“ erwiederte der Fremde, „ich kenne kein fröhlicheres Gefühl, als mit entlasteter Brust an der Seite seiner Stammes- und Sprachge¬ nossen einem übermüthigen und anmaßenden Feinde des schönen Vaterlandes entgegen zu reiten. Mir ist dies Gefühl zu Theil geworden, ich habe gesucht, die Scharte, die meine Dienstpflicht in jener Nacht der gemeinschaftlichen Sache vielleicht geschlagen hat, wieder gut zu machen, und mögen alle Himmel geben, daß das so tief fühlende denkende edelherzige Volk der Deutschen nie wieder in seinen altersgrauen Fehler zurükfalle, und gegen sich selber kämpfe.“ „Ja gebe es Gott, gebe es Gott,“ sagten die Männer. Es war indessen der Kaffeh eingeschenkt worden‚ und die Hausfrau gab dem Fremden die erste Tasse. Der Verwalter ließ den Wagen um die Gartenmauer herum in das Schloß bringen, und der Schloßherr und alle luden den Fremden ein, nun in Ruhe und Muße in dem Schlosse zu bleiben, und das Garten¬ gitter so oft anzuschauen, als er wolle. Die Einladung wurde angenommen. Der Fremde blieb nun in dem Schlosse. Er konnte das Gitter den Thurm den Garten und die Gegend betrachten, so viel er nur immer wollte. Aber das Schiksal hatte auch noch ganz andere Zweke mit sei¬ ner Reise verbunden. Alle gewannen ihn sehr lieb. Zwischen Lulu und ihm hatte sich das Verhältniß vollständig umgekehrt. So wie sie ihn in jener Nacht bewundert hatte, so konnte nun er von seiner Seite aus nicht aufhören, und kein Ziel finden, das Mäd¬ chen zu bewundern. Und da er es dem Kinde schon in jener Nacht angethan hatte, und da er jezt gar so gut und freundlich war, so konnte es nicht fehlen, daß auch ihn die Jungfrau bald außerordentlich liebte, und die Verehrung eine vollkommen gegenseitige war. Da er wegen des guten Verhältnisses, das sich mit allen angeknüpft hatte, und wegen des Wunsches aller immer länger im Schlosse blieb, da er sich über Stand und Vermögen auswies, ja sogar endlich ein benachbartes feil gewordenes Gut kaufte, um in der Gegend ansässig zu werden, so stand einem Bündnisse nichts entgegen, und die zwei Leutchen wurden in der Pfarrkirche des Dorfes ehelich eingesegnet. Und von nun an begann ein ruhiges friedliches und glükliches Leben. Oft wenn die Ehegatten in der Zukunft allein bei einander sassen, wenn er Lulu seine Freude und sein höchstes Glük auf dieser Welt nannte, sagte sie: „Wie hast du durch dein Herz die schönste Genugthuung gegeben, die du geben konntest.“ „Es ist doch gut, daß ich ihn damals nicht erschla¬ gen habe,“ sagte noch lange und öfter der uralte gleichsam immer kleiner werdende Schloßherr. Lulu lächelte jedes Mal bei dieser Rede, später lächelten auch Alfred und Julius und endlich alle selbst der graue Lehrer, obgleich er der Schach- und Spaziergenosse des Schloßherrn geworden war. Die weißen Mäntel spielten noch lange eine Rolle in der Familie. Nicht nur trugen Alfred und Julius, die in dem kaiserlichen Heere dienten, weiße Mäntel, sondern auch der kleinere Alfred und der kleinere Julius, die Buben Lulus, hatten im Winter, wenn sie im Schlitten über die Ebene gefahren wurden, weiße Mäntel an, die aus jenem weißen Mantel ent¬ standen waren, den der Vater angehabt hatte, als er auf seinem Zuge begriffen war, das alte eiserne Git¬ ter zu suchen. Der Vater hatte mit den Waffen die weißen Mäntel abgelegt, und trug jezt im Winter dunkle und ausgezeichnete Pelze. Druck von Breitkopf und Härtel in Leipzig.