C larissa, Die G eschichte eines vornehmen Frauenzimmers, von demjenigen herausgegeben, welcher die Geschichte der Pamela geliefert hat: und nunmehr aus dem Englischen in das Deutsche uͤbersetzt. Achter Theil welcher die Zusaͤtze enthaͤlt. GOETTJNGEN , Verlegts Abram Vandenhoecks ; seel. Witwe. 1753 . Mit Roͤm. Kayserlichen, Koͤnigl. Großbrit. und Churf. Braunschw. wie auch Koͤnigl. Pohln. u. Churf. Saͤchs. allergnaͤdigsten Privilegiis. Vorrede des Uebersetzers . G egenwaͤrtiger achter Theil der Geschichte der Clarissa liefert die Zusaͤtze und Ver- besserungen, welche in der dritten und vierten Ausgabe dieses vortreflichen Werks hinzugekommen sind. Es er- schienen dieselben in Engelland nach einander, nach dem unsre Uebersetzung, die man aus der ersten Ausgabe ver- fertiget, schon vollendet war. Man hat um so weniger Bedenkengetragen, auch auch diese Zusaͤtze dem Deutschen Le- ser in die Haͤnde zu geben, da dieselben auch in Engelland zum Vortheil derer, welche sich die erste Ausgabe des Werks angeschaft, besonders bekannt gemacht worden; und die Deutsche Uebersetzung ohne dieselben unvollstaͤndig geblieben seyn wuͤrde. Der Leser wird uͤberdem, ausser der Aenderung einiger Stellen, die der Verfasser zu machen fuͤr noͤthig erachtet, verschiedne wichtige Stuͤcke darin finden, welche ihn mit einigen Haupt-Charackteren dieser Geschichte naͤher bekannt machen; und in diesen einzelnen Stellen uͤberall den Geist des Verfassers entdecken. Zusaͤtze Zusaͤtze Zur Geschichte der Clarissa. Th. I. Bl. 299. L. 10. nach den Worten: geschonet haben muͤsse. A m allerwenigsten kann ich Jhre Anmer- kungen uͤber meine Mutter vertragen. Wie wenn ihre Sanftmuth nicht soll- te belohnet werden? Giebt denn der Mangel der Belohnung oder Erkenntlichkeit uns ein Recht, das aus der Acht zu lassen, was wir fuͤr unsre Pflicht halten? Eben meines Vaters Lebhaftigkeit war es, die ihm zuerst einen Platz in ihrem Herzen verschaffte, und dieselbe Lebhaftig- keit, wenn sie auf ihn selbst wuͤrket, macht ihn, wie ich schon angemerkt habe, so ungeduldig, wenn die schmerzhafte Krankheit ihn befaͤllt. Er hat meine Mutter allezeit geliebet; und sollte es nicht zu entschuldigen, oder vielmehr zu lo- Zusaͤtze zur Cl. A ben ben seyn, daß eine gutgeartete Frau, die eine bestaͤndige Zeugin seiner Schmerzen ist, welche er bei seinen Zufaͤllen leidet, die dazu immer haͤufiger und staͤrker werden, daß die, sage ich, ihrem eignen Willen und Wuͤnschen entsaget, um einem Ehemann gefaͤllig zu seyn, der so viel ausstehen muß, und dessen Liebe gegen sie allezeit außer allen Zweifel gewesen ist? Wenn das aber ist, war es denn nicht natuͤrlich, (denn Menschen sind nicht vollkommen, mein Kind,) daß ein Mann, dem so von seiner Frau nach- gegeben worden, unfaͤhig werden mußte, von irgend jemanden Widerspruch zu leiden, am wenigsten von seinen Kindern? Wollen Sie also meinen hoͤchsten Unwillen vermeiden, so muͤssen Sie meiner Mutter scho- nen; und gewiß, Sie werden mirs nicht aus- reden wollen, daß ich nebst ihr nicht nur Mit- leiden mit meinem Vater habe, sondern daß ich ihn auch liebe und ehre. Jch habe außer Sie keinen Freund, auf des- sen Urtheil ich mich berufen kan, oder gegen den ich klagen duͤrfte. Jn den ungluͤcklichen Umstaͤnden, darin ich bin, ist es nur gar zu warscheinlich, daß ich mich beklagen werde, weil es ebenfals mehr als warscheinlich ist, daß man mir immer mehr Ursachen dazu geben wird. Wenn ich es aber thue, so lassen Sie es Jhre Sorge seyn, mein aufgebrachtes Gemuͤth und meinen Unwillen zu besaͤnftigen: um so viel mehr mehr, da Sie wissen, wie viel Jhr Zureden bei mir vermag, und also leicht einsehen, daß die Freiheit, die Sie sich uͤber meine Verwand- ten nehmen, keine andre Wuͤrkung haben kan, als die Ueberzeugung von meiner Verbindlich- keit gegen dieselbe zu schwaͤchen, ohne daß es mir selbst von dem geringsten Nutzen ist. Jch kann zwar nicht leugnen u. s. w. Th. I. Bl. 494. L. 10. nach den Worten: Vorschlag schriftlich geben wollt, lies statt des naͤchsten Abschnitts: Mein lieber Bruder, Jch hoffe, meiner Schwester solche Vor- schlaͤge gethan zu haben, welche man anneh- men wird. Ja ich bin gewiß, daß es gesche- hen wird, wenn es euch gefaͤllt, sie zu unter- stuͤtzen. Um Gotteswillen bitte ich euch hierum. Jch halte mich recht ungluͤcklich, daß ich euch misfallen habe. Keine Schwester kann ihren Bruder mehr lieben als ich. Jch bitte euch, leget doch meine Vorschlaͤge nicht aufs schlimm- ste, sondern aufs beste aus, wenn sie euch er- oͤfnet werden. Jn Warheit, meine Meinung ist die beste. Jch habe keine Ausfluͤchte, keine Listen, keine Absichten, ich werde sie nach dem Buchstaben erfuͤllen. Setzet ihr alles selbst schriftlich auf, so nachdruͤcklich als ihr koͤnnet, und ich will es unterschreiben: und wenn die Gesetze es nicht buͤndig genug machen, so soll A 2 es es mein Wille und meine Entschließung thun: daß ich nemlich keines Menschen Antrag annehmen will, ohne meines Vaters ausdruͤck- liche Einwilligung. Es soll mich auch kein Mensch, keine Betrachtung bewegen, es zu wie- derrufen. Jhr koͤnnet mehr als sonst jemand dazu beitragen, daß ich mit meinen Aeltern und Oncles ausgesoͤhnet werde. Laßt mich diese so gewuͤnschte Geneigtheit eurer bruͤderlichen Fuͤr- sprache zu verdanken haben, so werdet ihr euch auf ewig verbinden eure betruͤbte Schwester. Cl. Harlowe. Was meinen Sie u. s. w. Th. I. Bl. 496. L. 1. nach den Worten: nachfolgen wird. Doch damit ihr nicht denket, daß ich eurer Aussoͤhnung auf so artige Bedingungen, wie diese sind, zuwider bin; so will ich wol dies einzige mal euer Bote seyn, und hoͤren, was mein Vater dazu sagt; ob ich euch gleich zum voraus versichern kan, daß diese Vorschlaͤge die Hauptsache nicht befoͤrdern werden. Damit gieng sie hinunter. Aber es scheinet, die Tante Harvey und Oncle Harlowe sind weggegangen gewesen, und da sie sich alle ver- bunden haben, in der Sache einstimmig zu verfahren, so sind ihnen Boten nachgeschickt, die sie zum Fruͤhstuͤck auf Morgen einladen sollen. Montags Montags Nachts um eilf Uhr. Jch fuͤrchte, man wird mich nicht wuͤrdig halten ‒ ‒ Eben wie ich fuͤrchtete, daß man mich kei- ner Antwort wuͤrdigen wuͤrde, klopfet Elisa- beth an meine Thuͤr, und sagt, wenn ich noch nicht zu Bette waͤre, so haͤtte sie einen Brief an mich. Jch hatte nur eben das obige Gespraͤch niedergeschrieben, und gieng, mit der Feder in der Hand, nach der Thuͤr zu ‒ ‒ Jmmer im schreiben, Fraͤulein! sagte das verwegne Weib- stuͤck. Es ist zu verwundern, wie Sie das so wegbringen koͤnnen, was Sie schreiben. Es muͤssen doch wol, wie man sagt, die Heren all- zeit bei der Hand seyn, den Verliebten zu hel- fen ‒ ‒ Sie gieng so geschwind wieder fort, daß, wenn ich auch dazu aufgeraͤumt gewesen waͤre, ich doch diese Verwegenheit nicht so ahn- den konnte, wie sie es verdiente. Jch lege meines Bruders Brief bei. Er hat mir zeigen wollen, daß ich von seiner Gut- heit nichts zu hoffen haben sollte. Doch wird man ihm wenigstens nicht alles zugestehen, was er sucht. Die Zusammenkunft meiner Ver- wandten auf Morgen ist ein gutes Zeichen, und dies sowol, als daß meine Vorschlaͤge so billig sind, laͤßt mich etwas hoffen. Jetzt will ich versuchen, ob ich wol so gluͤcklich seyn sollte, die uͤbrige Nacht ein wenig auszuruhen. A 3 An An Fraͤulein Clarissa Harlowe. (in dem vorhergehenden eingeschlossen) Eure Vorschlaͤge werden von eurem Vater, Mutter, und allen euren Verwandten Mor- gen fruͤhe uͤberleget werden. Wie viele Unru- he macht uns allen eure schaͤndliche Verwegen- heit? Mich wundert, wie ihr u. s. w. Th. I. S. 498. L. 10. nach den Worten: hohen Tone zu reden. Nichts desto weniger, wie ich 'schon' gesagt habe, will ich etwas beßers von denen erwar- ten, die nicht so vielen Vortheil davon haben, diese ungluͤcklichen Zwistigkeiten zu unterhalten, als mein Bruder. Haͤtten Sie nicht, sowol als ich, gedacht, meine liebe Fraͤulein, daß meine Vorschlaͤge haͤtten angenommen werden muͤssen? Und daß mein Bruder, nach dem lezten Theil seines so wenig bruͤderlichen Briefes, worin er drohet, nach Schottland zu gehen, wenn man mich hoͤren sollte, selbst der Meinung gewesen waͤre, daß es geschehen wuͤrde? Jch fuͤr mein Theil, nachdem ich den har- ten Brief mehr als einmal durchgelesen hatte, machte mir uͤberhaupt Rechnung, daß auf Be- dingungen, die mir selbst so nachtheilig waren, und welche nicht leicht eine andere Person in meinem Falle, wie ich mich zu behaupten ge- traue, wuͤrde angeboten haben, eine Aussoͤh- nung nung der Erfolg der Berathschlag n ng von die- sem Morgen seyn muͤßte. Jn dieser Zuversicht fieng ich schon an, mir neue Unruhe zu machen, wie ich es anzufangen haͤtte, wenn diese Schwie- rigkeit gehoben waͤre, den Herrn Lovelace daruͤber zu befriedigen, daß ich mich anheischig gemacht hatte, allen Briefwechsel mit ihm auf- zuheben, es waͤre denn daß meine Verwand- ten, durch die Vermittlung seiner vermoͤgsa- men Freunde, und durch andre Bedingungen, die sie etwa machen moͤchten, (welche er aber ei- gentlich an die Hand geben muͤßte, da sichs fuͤr mich nicht schickte) zur Aenderung ihrer Ent- schliessungen bewogen wuͤrden. So unterhielt ich mich, und wie Sie leicht denken koͤnnen, eben auf keine angenehme Art, weil ich mit so heftigen Gemuͤthern zu thun hatte, als die Zeit des Fruͤhstuͤcks herannahe- te, und meine Richter nach einander anlangten. Und o! wie schlug mir mein Herz, wie ich die Kutschen hintereinander durch den Hof ras- seln hoͤrte, und einen jeden, so wie er ausstieg, an seinem Tritt erkannte, um sich auf den fuͤrchterlichen Gerichtsplatz nieder zu setzen, den mir meine Einbildung fuͤr sie und meine uͤbri- gen Richter vorstellte! Dies, dachte ich, ist meine Tante Harvey! Der mein Oncle Harlowe! Jetzt kommt mein Oncle Anton! Und nun dachte ich mir die vierte Kutsche fuͤr den verhaßten Solmes, ob A 4 sichs sichs gleich fuͤgte, daß er diesmal nicht da war. Nun sind sie alle versammlet, und jetzt for- dert mein Bruder meine Schwester auf, ihren Bericht abzustatten! Jetzt vermischt die harte Arabella ihre Rede mit Schimpfworten! Jetzt hat sie ihren Vortrag geendigt! Jetzt rathschla- gen sie daruͤber! Nun wird mein Bruder hi- tzig! Er drohet, nach Schottland zu gehen! Jetzt bekoͤmmt er Verweise, und jetzt besaͤnftigt man ihn wieder! Dann durchlief meine. Einbildung die ganze Versammlung, und machte einem jeden seine Reden fuͤr und wider mich, bis sie endlich alle darin uͤbereinkamen, wie ich mir schmeichelte, meine Bedingungen anzunehmen, und eine Schrift aufsetzen zu lassen, wodurch ich mich zu einer guten Auffuͤhrung verpflichten sollte: Jn- dem ich voraussetzte, sie wuͤrden gleichfals ein- muͤthig beschliessen, dem Solmes eine Frau zu geben, die seiner in allem Verstande wuͤrdiger waͤre, und mit ihr die Versprechung von mei- nes Großvaters Guͤtern, im Fall ich entweder straffaͤllig werden, oder unverheirathet sterben sollte: da er einmal den artigen Vorschlag thut, auf das Gut durch mich ein Recht zu be- kommen. Und nun, dachte ich, erhalte ich Befehl, hin- unter zukommen, um meine gethanen Vorschlaͤ- ge fuͤr die meinigen zu erkennen. Wie werde ich ich meine schrecklichen Richter ansehen! Wie werde ich die Fragen des einen, den finstern Stolz der andern, und die wiederkehrende Lie- be einer oder zwoer Personen aushalten! Wie werde ich bewegt werden! Dann weinte ich: dann trocknete ich mir die Augen: dann uͤbte ich mich vor dem Spie- gel, eine froͤlichere Mine anzunehmen, als mein Herz war. Nun endlich, so wie sich etwas ruͤhrete, kommt meine Schwester, mir den Ausgang der Sache bekannt zu machen! Wiederum flossen Thraͤnen, mein Herz schlug mir, wie ein Vo- gel gegen seinen Kaͤfig. Jmmer trocknete ich meine Augen wieder, aber umsonst. So, meine liebe Freundin, halten Sie doch meiner Einbildung die Weitlaͤuftigkeit zu gute, war ich beschaͤftiget, dies waren meine Gedan- ken und meine Einbildungen, als ich den ganz verschiedenen Ausgang der Versammlung er- fuhr, wovon ich so viel gehoffet hatte. Denn um zehen Uhr kam meine Schwester herauf, mit einer grausam triumphirenden Mi- ne, (leichtfertig bewegte sie ihre Hand) Gehorsam ohne einzige Widerrede wird von euch verlangt, Claͤrgen! Mein Vater ist mit recht boͤse auf euch, daß ihr euch herausnehmet, seinem Willen zu wi- dersprechen, und ihm Bedingungen vorzulegen. Er weiß euer Bestes: und weil ihr selbst geste- A 5 het, het, daß die Sachen zwischen euch und dem ver- haßten Lovelace schon weit gekommen sind, so wollen sie nichts von dem glauben, was ihr sagt, ausser wenn ihr euch entschliesset, den einzigen Beweis zu geben, der sie an der Aufrichtigkeit eu- rer Versprechungen weiter nicht zweifeln laͤßt. Wie, Kind! ihr werdet bestuͤrzt? ‒ ‒ koͤnnt ihr nicht reden? ‒ ‒ Jhr habt also, wie es schei- net, einen ganz andern Ausgang erwartet? nicht wahr? ‒ ‒ wunderlich genug! ‒ ‒ Mit allen eu- ren offenherzigen Bekenntnissen, die bei eurer bekannten Verschlagenheit so vielen Glau- ben verdienen! ‒ ‒ Jn der That war ich eine Zeitlang sprachlos. Meine Augen starrten, und hoͤrten auf, zu wei- nen. Aber wie die harte Arabella mit ihren trotzigen Minen fortfuhr; So habe ich mich be- trogen! sagte ich, gewiß betrogen! denn in euch, Arabella! erwartete ich, hoffte ich, eine Schwe- ster ‒ ‒ Was? unterbrach sie mich, konntet ihr bei aller eurer artigen Bitterkeit, bei euren veraͤcht- lichen Minen erwarten, daß ich euch zu gute Unwarheiten sagen wuͤrde? Glaubet ihr, da man meine Meinung von der Aufrichtigkeit eu- rer Erklaͤrungen zu wissen verlangte, ich wuͤrde ihnen nicht sagen: wie weit ihr euch mit eurem Liebhaber eingelassen haͤttet? Da man darauf bedacht ist, euren Eigensinn zu sei- ner Pflicht zu zwingen, glaubet ihr, ich wuͤrde sie sie hintergehen? Jch sollte sie bewegen, euch her- unter zu rufen, damit ihr alles widerlegen moͤch- tet, was ich euch zum Besten etwa ausgedacht hatte? Gut, gut, Arabella! desto weniger Verbind- lichkeit habe ich euch, mehr sage ich nicht. Wie gerne haͤtte ich mich uͤberredet, daß ich noch ei- nen Bruder und eine Schwester haͤtte, aber ich sehe, ich habe geirret. Die artige Mopsaͤugigte Seele! das war ihr Ausdruck. Haͤtte sie sich doch gerne uͤberredet, daß sie noch einen Bruder und Schwester haͤt- te? Warum gehet ihr nicht weiter, Claͤrgen? wobei sie meinen halb weinenden Ton nachmach- te, ich dachte auch, ich haͤtte noch einen Vater, eine Mutter, zween Oncles, und eine Tante; aber ich habe ge ‒ ‒ ir ‒ ‒ ret, mehr sage ich nicht. ‒ ‒ Kommt Claͤrgen, sagt das, denn zum Theil wird es die Wahrheit seyn, weil ihr euch ihrem Ansehen entzogen hat, und einen elenden Kerl hoͤher haltet, als sie alle. Wie habe ich das von euch verdienet, Schwe- ster? Doch ich will nichts sagen, ich bedaure euch. Und zwar mit der veraͤchtlichen Mine! Claͤrgen! Nur sich nicht so in die Brust ge- worfen! Nur nicht so ein hochmuͤthiges Mit- leiden, Maͤdgen! wenn ich bitten darf. Dies Betragen ist euch ganz natuͤrlich, ge- wiß! Arabella? ‒ ‒ Was fuͤr neue Gaben entdeckt entdeckt es nicht an euch! ‒ ‒ Aber fahret nur fort, wenn ihr ein Vergnuͤgen daran findet, fahret nur fort, Arabella. Und wenn ich euch nicht bedauren darf, so will ich mich selbst be- dauren, weil doch sonst niemand Mitleiden mit mir haben wird. Weil ihr es nicht ‒ ‒ sagte sie. Still! Arabella! indem ich sie unterbrach, weil ich es nicht verdiene. Nicht wahr? das wolltet ihr sagen? Jch will in allen Dingen sprechen, wie ihr, denn das ist doch der Weg, euch zu gefallen. So sagt denn: daß Lovelace ein Boͤse- wicht ist. Das will ich thun, so bald ich ihn dafuͤr halte. Also haltet ihr ihn nicht dafuͤr? Nein in Warheit! Jhr auch nicht von je her, Arabella! Und was, Claͤrgen, meinet ihr damit? in- dem sie auf mich zuflog. Sagt, was meinet ihr mit der Anmerkung? Warum nennet ihr es eine Anmerkung? ‒ ‒ Was sagte ich denn? Du bist ein bittres Maͤdgen. ‒ ‒ Aber was sagt ihr denn zu den zwei oder drei Schlaͤge- reien des Kerls? Jch weiß nicht, was ich dazu sagen soll, so lange ich die Gelegenheiten nicht weiß, die sie veranlasset haben. So So haltet ihr uͤberhaupt einen Zweikampf fuͤr erlaubt? Das wol nicht, so wenig ich dafuͤr kann, daß er sich geschlagen hat. Wollt ihr wol hinunter gehen, und euren Ei- gensinn gegen eure Mamma brechen? Jch antwortete nicht. Soll ich Euer Gnaden hinunter fuͤhren? (sie wollte mich bei der Hand fassen) Wie? mich nicht einmal einer Antwort zu wuͤrdigen? Jch wandte mich stillschweigend von ihr. Was? ihr kehret mir auch den Ruͤcken zu? ‒ ‒ Soll ich eure Mutter zu euch herauf bringen, liebes Kind! indem sie mir folgte, und meine straͤubende Hand ergriff. Sprichst du noch nicht? Komm, du ernsthaftes, stummes Puͤpp- gen! Sprich mir nur ein Wort zu ‒ ‒ Du mußt doch bald zwei Worte zu Herrn Sol- mes sprechen. So viel kan ich dich versichern. Das sollen dann, sagte ich mit einem Strom von Thraͤnen, den ich nicht laͤnger zuruͤck halten konnte, die lezten Worte seyn, die ich je spre- chen werde. Gut! gut! versetzte sie in einem spoͤttischen Ton, (wobei sie mein weggekehrtes Gesicht mit ihrem Schnupftuch abwischte, und mit der andern Hand die meinige hielt) ich freue mich nur, daß etwas ist, welches euch zur Spra- che bringen kan. Also glaubt ihr doch, ihr koͤn- net net dazu gebracht werden, diese zwei Worte zu sprechen? ‒ ‒ Nur sollen es die letzten seyn! ‒ ‒ Das war recht, wie eine Verliebte gesprochen, wenn ihr das zarte Herz blutet! Laͤcherliche Arabella! Unverschaͤmtes Claͤrgen! (hier veraͤnderte sie ihren hoͤnischen Ton in einen gebieterischen) Aber koͤnntet ihr euch wol herablassen, zu eurer Mutter hinunter zu gehen? Jch mag solch Zeug nicht laͤnger anhoͤren. Sagt mir nur, Arabella, ob meine Mutter mich wuͤrdigen wird, mich zu sehen. Ja, wenn ihr nur endlich zu eurer Pflicht zuruͤck kehren koͤnnet. Das kann ich, und das will ich auch. Aber was nennet ihr eure Pflicht? Meine eigne Neigung aufzugeben, ‒ ‒ da habt ihr wieder ein Wort, das ihr zum besten geben koͤnnt ‒ ‒ aus Gehorsam gegen meiner Aeltern Befehle, und zu bitten, daß ich nicht mit einem Mann ungluͤcklich gemacht werde, der sich fuͤr eine jede andere besser schickt, als fuͤr mich. Fuͤr mich, meinet ihr, Claͤrgen? Warum nicht? weil ihr doch die Frage thut. Jhr habt von ihm eine beßre Meinung, als ich. Meine Verwandten werden ihn doch hoffent- lich fuͤr mich nicht zu gut halten, und fuͤr euch nicht gut genug? ‒ ‒ Aber koͤnnt ihr mir nicht sagen, was uͤber mich beschloßen ist, ohne mich mich so zu beleidigen, Arabella? ‒ ‒ Wenn man mir so begegnen muß, so denket, daß, wenn ich einer Kuͤhnheit schuldig werde, die Art, wie man mit mir umgehet, es rechtfertigen wird. So, Claͤrgen, denkt ihr schon auf einen Vorwand, wie ich sehe, etwas zu entschuldigen, das euch schon lange, wie wir nicht gezweifelt haben, im Kopfe herumgehet. Wenn das seyn sollte, so scheinet ihr an eurer Seite, so wie mein Bruder an der seinigen, entschlossen zu seyn, zu machen, daß es mir an keiner Entschuldigung fehlen moͤge. ‒ ‒ Aber in Warheit, Arabella, ich kan die Wiederholung des schlimmsten Theils der gestrigen Zusammen- kunft nicht laͤnger aushalten. Jch verlange, mich zu meines Vaters und meiner Mutter Fuͤßen zu werfen, und von ihnen mein Urtheil zu hoͤren. Wenigstens werde ich dadurch den Trotz vermeiden, womit ihr mir begegnet, und der sich so wenig fuͤr eine Schwester schickt. Ei! Ei! Wie? Seid ihr das! meine sanft- muͤthige Schwester Claͤrgen? Ja, das bin ich, Arabella, und ich werde auf den Schutz einen rechtlichen Anspruch ma- chen, der einem Kinde im Hause gebuͤhret. We- nigstens will ich wissen, warum man so mit mir umgehet, da ich mir nichts als das Recht vor- behalte, eine abschlaͤgige Antwort geben zu duͤrfen, welches meinem Geschlecht zukommt; und da ich, meinen Aeltern zu gefallen, meine Wahl Wahl aufgebe. Bisher habe ichs geschehen lassen, daß ich die Befehle aus der zweiten Hand, und die Beleidigungen aus der ersten Hand be- kommen. Jhr seid nur meine Schwester, und mein Bruder ist mein Oberherr nicht. So lan- ge ich einen Vater und Mutter im Leben habe, will ich eine solche Begegnung von einem Bru- der, und Schwester, und ihren Bedienten nicht laͤnger dulden, die mir alle zusetzen, mich, wie es scheinet, zur Verzweiflung, oder sonst zu einer kuͤhnen That zu bringen. ‒ ‒ Kurz, Schwester, ich will wissen, warum ich so eingesperret wer- de? ‒ ‒ was man damit haben will? ‒ ‒ und ob ich als ein Kind oder als ein Sclave be- trachtet werden soll? Sie erstaunte, weil ich dies sagte, theils aus einer wuͤrklichen, theils aus einer angenomme- nen Bestuͤrzung. Seid ihr das? Seid ihr es wuͤrklich? ‒ ‒ Jn der That, Claͤrgen, ich erstaune uͤber euch! Aber weil ihr doch so ein Verlangen habt, euch selbst an euren Vater und Mutter zu wen- den, so will ich hinunter gehen, und ihnen er- zaͤhlen, was ihr sagt. Eure Verwandten sind vermuthlich noch nicht fort: Sie sollen sich wie- der versammlen, und dann moͤget ihr herunter kommen, und selbst fuͤr eure Sache reden. Laßt mich also, ‒ ‒ aber daß mein Bruder und ihr nicht gegenwaͤrtig seid. Jhr habt euch zu partheiisch gegen mich gewiesen, als daß ihr mei- ne ne Richter seyn koͤnntet. Eben so wenig ver- lange ich weder eure noch seine Vermittelung. Jch bin gewiß, ihr habet das nicht vorgestellt, wozu ich mich so deutlich erboten hatte, unmoͤg- lich. Es kan euch unmoͤglich aufgetragen seyn, mir so zu begegnen. Gut, gut, ich will meinen Bruder herauf rufen. Das will ich ‒ ‒ Er soll sich selbst und mich rechtfertigen. Jch verlange meinen Bruder nicht zu sehen, es sei denn, daß er als ein Bruder kommt, und das Ansehen bei Seite setzt, daß er sich unge- rechter Weise uͤber mich herausgenommen hat. Also, Claͤrgen, haͤtte er nichts dabei zu sa- gen, ich auch nicht, daß unsere Schwester der ganzen Familie Schande macht? Nicht wahr? Wie? Schande machen? Arabella? ‒ ‒ der Mann, den ihr so dreist mit nehmet, ist von edler Herkunft und Vermoͤgen, er hat grosse Eigenschaften, und vornehme Verwandten. ‒ ‒ Vordem ward er eurer wuͤrdig gehalten, und der Himmel weiß, ich wuͤnsche, ihr haͤttet ihn bekommen. Meine Schuld war es gewiß nicht, daß ihr ihn nicht bekommen habt, ob ihr gleich so mit mir umgehet! Dies setzte sie in Feuer, ich wuͤnschte, es nicht gesagt zu haben. O wie wuͤtete die arme Ara- bella! Ein par mal dachte ich, sie wuͤrde mich schlagen; auch betheurete sie, ihre Finger juͤck- ten sie, es zu thun ‒ ‒ doch ich waͤre ihres Zor- Zusaͤtze zur Cl. B nes nes nicht wuͤrdig, und doch blieb sie in einer Hitze. Man mochte gehoͤret haben, daß wir laut wurden, denn Elisabeth kam von meiner Mut- ter, und brachte meiner Schwester Befehl, zu ihr zu kommen. Sie gieng also hinunter, und drohete, es allen Leuten zu sagen, daß sie es er- fahren haͤtte, was ich fuͤr ein heftiges Mensch waͤre. Dienstag Mittags den 21. Maͤrz. Bisher habe ich noch nichts weiter von mei- ner Schwester gehoͤret, und ich habe nicht Muth genug, darauf zu bestehen, daß ich vor meinem Vater und Mutter einen Fußfall thun wollte, wozu ich mich in der ersten Hitze faͤhig hielt. Jch bin nun so ruhig geworden, als jemals, und sollte Arabella wieder herauf kommen, so wuͤrde sie mich eben so gut, wie vorher, zum besten haben koͤnnen. Es thut mir wuͤrklich leid, daß ich sie so auf- gebracht von mir gehen ließ. Aber mein Va- ter setzt mich durch seinen Brief, worin er mir mit meines Oheims Antons Hause und Capel- le drohet, in eine gewaltige Angst. Aus ihrem Stillschweigen fuͤrchte ich, daß sich etwa ein neues Wetter zusammen ziehet. Aber was fange ich mit dem Lovelace an? Jch habe nur eben durch die unverdaͤchtige Oef- nung in der Mauer, wovon ich durch die Han- na in meinem Briefe erwehnte, einen Brief von ihm ihm erhalten. ‒ ‒ Er ist so unruhig, daß ich mich endlich fuͤr den Herrn Solmes zu erklaͤren ge- zwungen werden moͤchte; so voll Drohungen, wenn dies geschaͤhe; so empfindlich uͤber meine Begegnung, die ich ausstehe; (denn ich weiß nicht wie ers macht, aber er muß nothwendig von allem Nachricht haben, was in unserm Hau- se vorgehet) solche Versichrungen seiner ewi- gen Treue und Hochachtung; solche Geluͤbde, sich zu bessern; so dringende Gruͤnde, warum ich aus dieser unangenehmen Gefangenschaft entwischen muͤßte ‒ ‒ O meine liebe Freundin, was soll ich doch mit dem Lovelace anfan- gen? ‒ ‒ Th. II. S. 21. L. 12. nach den Worten: Thorheiten verdienen. Sie keifen mit mir, mein Schatz, wegen der Freiheiten, die ich mir uͤber Verwandte genom- men habe, welche ihnen naͤher und werther sind, als Oncles, oder Bruder und Schwester. Sie sollten mich lieber ohne Verweis meinem Kopfe haben folgen lassen. Muͤssen nicht diese Frei- heiten natuͤrlicher Weise durch die Sache veran- lasset werden, woruͤber wir schreiben? Und von wem ruͤhret doch die Sache selbst her? Koͤn- nen Sie sich wol nur eine viertel Stunde an meine Stelle setzen, oder an die Stelle derer, die bei der Sache gleichguͤltiger seyn koͤnnen, als ich? ‒ ‒ Wenn Sie das koͤnnen, ‒ ‒ doch, ob ich gleich nicht oft den Vortheil uͤber Sie B 2 habe, habe, so will ich doch nicht zu stark in Sie dringen. Erlauben Sie mir inzwischen hinzuzusetzen: Freilich mag Jhr Vater Jhre Mutter mit Recht lieben, wie sie sagen. Eine Frau, die keinen Willen hat, als den seinigen! Aber glauben Sie nicht, daß ohne das Podagra, im Anfan- ge mannigmal kleine Zwistigkeiten unter ihnen gewesen sind? ‒ ‒ Jhre Frau Mutter hatte, da sie noch unverheirathet war, wie ich gehoͤret ha- be, und wie auch sehr warscheinlich ist, einen guten Theil der Lebhaftigkeit, die ihr in Jhrem Vater gefiel. Nun aber hat sie sie nicht mehr. Wie hat sie sie denn verlohren? ‒ ‒ Ach, mein Kind, ich glaube, sie hat sich zu lange in des Trophonius Hoͤle aufgehalten. Dies beziehet sich auf eine Stelle im Zu- schauer. Da ich so vieles u. s. w. Th. II. S. 33. L. 20. zu den Worten: meiner Mutter Haus, setze folgende Note. Vielleicht wird es unnoͤthig seyn, den Leser zu erinnern, daß Herr Lovelace, ob er gleich oben der Fraͤulein Howe vorschlaͤgt, daß ihre schoͤne Freundin sich in den Schutz der Frau Howe begeben muͤßte, wenn sie weiter getrie- ben wuͤrde, er doch durch seinen Unterhaͤndler in der Harlowischen Familie, mit vieler List dafuͤr gesorget hatte, nicht nur die Familie ge- gen gen sie aufzubringen, sondern sie auch des Schu- tzes der Frau Howe und aller andern Personen zu berauben, weil er vom Anfange entschlossen war, sie dahin zu bringen, daß sie durchaus von ihm abhangen sollte. S. im ersten Theile den 31. Brief. Th. II. S. 200. L. 19. nach den Worten: ist jetzt mein Kummer. O mein allerliebstes Kind! Aber sind nicht selbst Jhre Entschuldigungen Gestaͤndniß genug, daß Jhre Entschuldigungen nicht zu entschuldi- gen sind? Jch weiß nicht, was ich schreibe! ‒ ‒ Sie haͤtten auf ihrem Wege einen Bedienten an- getroffen? So wahr GOtt im Himmel lebt! der Bediente war gewiß nicht da, er durfte, er konnte nicht da seyn! ‒ ‒ Verwuͤnscht sei die ge- setzte Ueberlegung, worauf sie sich berufen, warum Sie mich einer so entzuͤckenden Erwar- tung beraubt haben! Laßen sich die Sachen u. s. w. Th. II. S. 218. am Ende, nach den Wor- ten: betruͤbet hatte, gehoͤren folgen- de Briefe. Herr Hickmann an Frau Howe. Mittwochens den 29. Maͤrz. Madame, Es geschiehet mit der aͤußersten Bekuͤmmer- niß, daß ich mich verbunden zu seyn glaube, B 3 meine meine Beforgniß schriftlich zu wiederholen, daß es mir ewig unmoͤglich seyn wird, die Gunst Jhrer geliebten Fraͤulein Tochter zu erhalten. Moͤchte es nur nicht allen Leuten, ja gar unsern eignen Bedienten so deutlich in die Augen fallen, wie mir, daß meine Liebe gegen sie, und meine bestaͤndigen Bemuͤhungen zu gefallen, mich eher ihrer Verachtung aussetzen; (vergeben Sie mir das harte Wort, Madame) als daß sie mir eine Begegnung erwerben sollten, die ein Mann bil- lig fordern kan, dessen Antrag mit Jhrer Be- willigung geschehen ist, und der sie uͤber alles Frauenzimmer in der Welt liebet! Freilich wuͤrde die Aufrichtigkeit meiner Liebe zweifelhaft werden, wenn ich, so wie Herr Sol- mes gegen die warhaftig bewundernswuͤrdige Fraͤulein Clarissa Harlowe fortfahren koͤnnte, mich um Fraͤulein Howe zu bewerben, da ich sehe, daß ich ihr misfalle. Doch wie theuer wird es mich zu stehen kommen, wenn ich auf- hoͤren soll, es zu thun! Erlauben Sie mir indessen, theureste, wuͤr- digste Frau, Jhnen zu wiederholen, was ich am Montag Abends bei Frau Larkins sagte, da mir mein Herz vor Traurigkeit brechen wollte: Es waͤre die Begegnung an dem Tage nicht noͤ- thig gewesen, mich zu uͤberzeugen, daß Fraͤulein Howe mich jetzo, ja daß sie mich ewig nicht, mit ihrem guten Willen, lieben wird. Wie kann ich hoffen, daß ein Frauenzimmer jemals den als einen Ehemann hochachten wird, den sie, als ei- nen nen Liebhaber, verachtet hat? Wird nicht eine jede Gefaͤlligkeit eines solchen Mannes fuͤr eine weibische Zaghaftigkeit ausgeleget werden, und ihr ein Recht geben, ihn noch mehr zu verach- ten? ‒ ‒ Mein Herz ist zu voll. Vergeben Sie mirs also, wenn ich sage, der Fraͤulein Ho- we Auffuͤhrung gegen mich macht weder ihrer Erziehung, noch ihrem scharfsinnigen Verstan- de Ehre. Weil es also zu offenbar ist, daß sie mich nicht hochachten kan; und weil, wie ich die vor- trefliche Fraͤulein Clarissa Harlowe habe an- merken hoͤren, die Liebe keine freiwillige Leiden- schaft ist; wuͤrde es nicht niedrig gehandelt seyn, eine so werthe Tochter dem Unwillen einer Mut- ter auszusetzen, von welcher sie mit so vielem Rechte zaͤrtlich geliebet wird? und Sie, Mada- me, die Sie so guͤtig gewesen sind, sich mei- ner anzunehmen, unruhig zu machen? Wenn ich auch gewiß waͤre, endlich durch Jhre ge- neigte Partheilichkeit meine Absichten zu errei- chen; sollte ich denn wuͤnschen, eine Person un- gluͤcklich zu machen, welche meine ganze Seele liebet? Denn wenn wir nicht beide gluͤcklich seyn koͤnnen, so muͤssen wir beide auf Zeitle- bens ungluͤcklich seyn. Meine besten Wuͤnsche sollen die theure, die ewig werthe Fraͤulein begleiten! Moͤchte sie doch eine gluͤckliche Heirath treffen! Das wird sie gewiß thun, wenn sie einen Mann heirathet, den sie ihrer Liebe wuͤrdigen kann. Doch das B 4 will will ich sagen, der gluͤckliche, der zu gluͤckliche Mann mag seyn, wer er will, so wird er sie nie heftiger, nie aufrichtiger lieben, als ich. Nehmen Sie noch, liebe Madame, meinen erkenntlichen Dank an, fuͤr Jhre besondre Ach- tung, die mich allein so kuͤhn gemacht hat, mich um ein Gluͤck zu bewerben, das ich nunmehr aufgebe, da ich gar nichts mehr hoffen darf. Eine Achtung, von der ich einzig etwas hoffte, da ich von meinen Verdiensten nichts erwarte- te, die mir aber, wie ich sehe, nicht nuͤtzlich seyn kann. Es wird mir bis an die letzte Stun- de meines Lebens ein Vergnuͤgen seyn, zu ge- denken, daß, wenn Jhre Gewogenheit, Jhre Fuͤrsprache Gewicht genug gehabt haͤtte, eine Abneigung zu uͤberwinden, welche unuͤber- windlich zu seyn scheinet, ich der gluͤcklichste Mann von der Welt geworden waͤre. Jch bin, wertheste Madame, mit unveraͤn- derlicher Hochachtung Jhr gehorsamst-verbundenster Diener Carl Hickmann. Frau Howe an Herrn Carl Hickmann. Donnerstags den 30. Maͤrz. Jch muß freilich gestehen, Herr Hickmann, Sie haben Ursache, unzufrieden zu seyn, ‒ ‒ uͤbel aufgeraͤumt, ‒ ‒ misvergnuͤgt, mit meiner Aenngen ‒ ‒ Aber auf mein Wort; Doch in der der That ‒ ‒ was soll ich sagen? ‒ ‒ Doch das will ich sagen, daß Sie gute junge Herren unser Geschlecht ganz und gar nicht kennen. Soll ichs Jhnen sagen? ‒ ‒ Aber warum soll ich? Doch ich will Jhnen sagen, wenn mein Aenngen nicht uͤberhaupt gut von Jhnen daͤch- te, so ist sie zu grosmuͤthig, als daß sie Jh- nen so frei begegnen sollte, wie sie thut. ‒ ‒ Halten Sie sie denn nicht fuͤr dreist genug, daß sie mir sagen wuͤrde, sie wollte Sie nicht mehr sehen, und daß sie sich weigern wuͤrde, Sie zu keiner Zeit zu sehen, da sie weiß, in welcher Absicht Sie kommen, wenn sie Jhnen nicht im Herzen ein bisgen gut waͤre? ‒ ‒ Fy! Daß ich Jhnen das so deutlich schreiben muß, da ich es Jhnen wol hundert und hundertmal muͤndlich zu verstehen gegeben habe! Aber, wenn Sie gleichguͤltig sind, Herr Hickmann, ‒ ‒ wenn Sie meinen, daß Sie sich ihrer wunderlichen Einfaͤlle wegen von ihr trennen koͤnnen. ‒ ‒ Wenn meine Gutheit fuͤr Sie ‒ ‒ Jch muß Jhnen sagen, Herr Hick- mann, mein Aenngen ist wol werth, daß man ihr etwas zu Gute haͤlt. Wenn sie wunderlich ist, ‒ ‒ wem haben wir das zu danken? Nicht wahr, ihrem Witze? Lassen Sie sich das sagen, mein Herr, wenn Sie das Gute haben wol- len, so muͤssen Sie das Schlimme mit vorlieb nehmen. Welcher Handwerksmann hat nicht gerne ein scharfes Werkzeug, damit zu arbei- ten? Aber ist ein scharfes Werkzeug nicht ge- B 5 faͤhr- faͤhrlicher als ein stumpfes? Und welcher Hand- werksmann wird ein scharfes Werkzeug weg- werfen, weil er sich die Finger damit verletzen kann? Der Witz kan mit einem scharfen Werk- zeuge verglichen werden, und es ist wuͤrklich so etwas artiges in dem Witze, das muß ich Jhnen sagen. Oft, sehr oft habe ich zu ihren schalkhaften Einfaͤllen uͤber mich laͤcheln muͤs- sen, wenn ich sie haͤtte darum schlagen koͤnnen. Und muß ich nicht mein Theil mit ihr aus- stehen? Aber warum das? Weil ich sie liebe. Und wuͤnschten Sie nicht, daß ich Jhre Liebe gegen sie nach der meinigen beurtheilen sollte? Und Sie wollten nichts von ihr hinnehmen? Sie lieben das Maͤdgen doch auch, obgleich mit einer andern Art von Liebe, so wol als ich? Jch versichre Sie, mein Herr, wenn ich wuͤßte, daß Sie das nicht thaͤten ‒ ‒ Doch es ist offenbar, daß Sie sie nicht lieben! Jst es aber offenbar? ‒ ‒ Nun wolan, so muͤssen Sie thun, was Sie fuͤr das Beste halten! Freilich muͤßte man an der Aufrichtigkeit Jhrer Liebe zweifeln, sagen Sie, wenn Sie gleich dem Herrn Solmes ‒ ‒ Kikel ‒ Kakel! Sie sind ein verfaͤnglicher Mensch, glaube ich! ‒ ‒ Hat mein Aenngen Jhnen wol so deutlich einen Korb gegeben, als Fraͤulein Claͤr- gen dem Herrn Solmes? Liebet mein Aenn- gen eine andre Mannsperson mehr, als Sie, ob sie gleich Jhnen ihre Liebe nicht so sehr zei- gen, wie Sie wuͤnschen. Wenn sie das thaͤte; so so muß ich Jhnen sagen, wuͤrden wir es alle bereits von ihr selbst wissen ‒ ‒ Was sind denn das fuͤr elende Vergleichungen! Doch es kan seyn, daß Sie endlich uͤber- druͤßig geworden sind. Vielleicht haben Sie eine andre Person gesehen, ‒ ‒ vielleicht haben Sie Lust, Jhre Geliebte gegen des wilden Kerls, des Lovelace, seine zu vertauschen. Es koͤnn- te auch kommen, daß in dem Fall, es meinem Aenngen auch nicht leid seyn wuͤrde, den Lieb- haber zu verwechseln. ‒ ‒ Die warhaftig be- wundernswuͤrdige Fraͤulein Clarissa Har- lowe! und die vortrefliche Fraͤulein Cla- rissa Harlowe! ‒ ‒ Habe ich mein Tage! ‒ ‒ Nehmen Sie sich doch in Acht, Herr Hick- mann, daß Sie kein lebendiges Frauenzimmer, sie mag so bewundernswuͤrdig, so vortreflich seyn, als sie will, uͤber Jhr Maͤdgen erheben. Kein Mensch von Lebensart wird das thun, in Warheit! Und huͤten Sie sich auch, daß Sie das Maͤdgen oder mich nicht uͤberreden, daß es mit Jhrem Zorne ein Ernst ist ‒ ‒ Ob es gleich wol seyn kan, so weit es Zorn ist ‒ ‒ Nicht um tausend Pfund wollte ich, daß mein Aenngen wuͤßte, Sie koͤnnten sich so leicht von ihr tren- nen, wenn Sie eine so grosse Liebe gegen sie haben, wie Sie vorgeben. Wo Sie Jhre Par- thie noch nicht voͤllig genommen haben, so ver- heelen Sie ja Jhrem eignen Herzen, den Jn- halt Jhres Briefes, wenn ichs sagen darf. Jhre Jhre Auffuͤhrung gegen Sie, sagen Sie, macht ihrer Erziehung und ihrem scharfsinnigen Verstande keine Ehre. Das war ein rechter Stich! Jn Warheit! Dem ungeachtet sage ich das auch. Aber hat das Maͤdgen nicht mehr Nach- rede davon, als Sie? Jch kan versichern, alle Leute tadeln sie deswegen. Und warum tadelt man sie? ‒ ‒ Warum? weil man glaubt, Sie verdienen von ihr eine bessere Begegnung, und macht Jhnen das nicht Ehre? Werden Sie nicht von jederman bedauret, und meine Tochter ge- tadelt? Haben die Bedienten, wenn sie ihre wunderliche Auffuͤhrung sehen, wie Sie anmer- ken, deswegen fuͤr Sie weniger Achtung? Sie- het mans ihnen nicht an, daß sie Jhrentwegen bekuͤmmert sind? Geben sie sich nicht doppelte Muͤhe, Jhnen Ehrerbietung und Dienste zu er- weisen? Mit vielem Vergnuͤgen habe ich das wahrgenommen. Aber Sie sind besorgt, man wuͤrde Sie etwa fuͤr feig halten, wenn Sie verheirathet waͤren. Daß man Sie nicht maͤnnlich ‒ tapfer genug hal- ten wuͤrde! Ei man sehe doch! Das war des guten Herrn Howe Besorgniß auch, und die herrschsuͤchtige Besorgniß hat uns beiden man- chen Zwist gekostet, GOtt weiß es! Gewiß, mehr als noͤthig war, und mehr, als billig haͤt- te seyn sollen, haͤtte er mehr zu ertragen und nach zugeben gewußt; wie es denn die Schul- digkeit derer ist, die den meisten Verstand ha- ben wollen. ‒ ‒ Und wer sollte doch wol, Jhrer Mei- Meinung nach, den meisten Verstand haben, die Frau oder der Mann? Wolan, mein Herr, was ist nun noch uͤbrig, wenn Sie mein Aenngen wuͤrklich so sehr lie- ben, wie Sie vorgeben? ‒ ‒ Gut, das uͤberlasse ich ihnen. Sie koͤnnen, wenn Sie wollen, mor- gen mit mir fruͤhstuͤcken. Aber mit keinem vol- len Herzen, mit keinen zornigen Minen, das rathe ich Jhnen, es waͤre denn, daß Sie es aus- keifen koͤnnten. Das habe ich auch mannigmal mit meinem Mann gethan, wenn er mich boͤse machte. Aber bei meiner Tochter gewinne ich nichts damit, vielweniger Sie. Den Rath hielt ich fuͤr noͤthig, Jhnen zu geben, Sie koͤnnen sich darnach richten. Jhre Freundinn, Annabella Howe. Th. II. S. 252. L. 24. Zu den Worten: einziehen moͤchten, setze folgende Note: Man wird aus dem 34. Briefe des ersten Theils schen, daß Herr Lovelace eine doppelte Ursache hatte, sein Rosenknoͤspgen nicht zu ver- fuͤhren. Einmal war seinem Stolze dadurch geschmeichelt, daß die Großmutter ihn gebe- ten, ihre Enkelin zu schonen. “Manches klei- „nen schelmischen Maͤdgens, sagt er in dem „Briefe S. 385, wuͤrde ich geschonet haben, „wenn mein Vermoͤgen, es zu verfuͤhren, er- „kannt, und ich fruͤhe genug um Barmherzig- „keit gebeten waͤre. Mein Wahlspruch soll im- „mer „mer das debellare superbas seyn, wenn ich „mich wieder in eine neue Liebe einlassen kann. Sein zweiter Bewegungsgrund zeiget sich in der folgenden Stelle, in demselben Briefe, S. 386. “Jch bin lange Zeit nicht so tugend- „haft gewesen; ich kan wol sagen, seit dem ich „inscribiret bin. Es ist mir auch zu rathen, „daß ich tugendhaft bin. Mein Auffenthalt in „diesem kleinen Wirthshause koͤnnte auf eine o- „der andre Weise ausgekundschaftet werden; „und man koͤnnte glauben, daß mein Rosen- „knoͤspgen der Magnet waͤre, der mich hieher „zoͤge. Wenn mir so liebenswuͤrdige und ein- „faͤltige Leute ein Zeugniß geben, so kann ich da- „durch ein ander Herz gewinnen. u. s. w.„ Der Leser wird auch hernach warnehmen, wie Herr Lovelace aus dem Erfolg gesehen hat, daß durch die List, die er durch seinen Unterhaͤnd- ler Joseph Lemann ins Werk setzte, (der, wie oben gemeldet, mit Elisabeth Barnes ein Verstaͤndniß hatte) seine ganze Erwartung er- fuͤllet wurde; ob er gleich nicht wissen konnte, was desfals zwischen den beiden Fraͤulein vor- gieng. Diese Erklaͤrung war um so viel noͤthiger, da verschiedne unsrer Leser, aus Mangel gehoͤ- riger Aufmerksamkeit, dem Herrn Lovelace, aus seinem Betragen gegen sein Rosenknoͤspgen ein groͤsseres Verdienst machen, als ihm zu- kommt; und uͤberdem sich einbilden, es waͤre unwarscheinlich, daß ein Mann, der faͤhig war, in in diesem Fall, wie sie voraussetzen, so gros- muͤthig zu handeln, sich irgend einer unerhoͤr- ten Niedertraͤchtigkeit schuldig machen koͤnnte. Sie bedenken aber nicht, daß er seinem eignen Gestaͤndniß (in dem 31. Briefe des ersten Theils) nach, aus Liebe, Stolz und Rache zusammen- gesetzet war, welche alle gleich stark auf ihn wuͤrk- ten; und daß der Widerstand ihn noch mehr anfeuerte. Th. III. S. 63. L. 15. zu den Worten: ihm folgen sollte, setze folgende Note: Man hat der Fraͤulein Clarissa einen Feh- ler daraus gemacht, daß sie in ihrer ersten Un- terredung zu St. Albans, auch hernach, zu zuruͤckhaltend, ja gar stolz gegen den Herrn Lo- velace gethan haͤtte. Aber diejenigen, welche sie deswegen tadelnswuͤrdig gehalten, haben ge- wiß nicht die gehoͤrige Aufmerksamkeit auf die Geschichte gewand. Denn wie zeitig erinnert er sie nicht, (wie man oben, und aus dem gleich folgenden, siehet) an die Bedingung, die sie ihm vorgeschrieben hatte, ehe sie noch in seiner Ge- walt war, daß er sich nemlich in einer ehrerbie- tigen Entfernung von ihr halten sollte, in der Hoffnung, zur Versoͤhnung mit ihren Ver- wandten, die ihr so sehr am Herzen lag, einen Weg offen zu lassen. Und mit wie vieler List verspricht er nicht ungebeten, die Bedingung zu erfuͤllen, welche sie ihm, dem Rath der Fraͤu- lein Howe zufolge, in ihren gegenwaͤrtigen Um- staͤnden staͤnden gerne geschenkt haben wuͤrde. Nicht zu gedenken, daß es nothwendig war, ihm we- gen der Art, wie er sie weggebracht hatte, ihre Empfindlichkeit zu zeigen, damit er uͤberzeuget wuͤrde, es waͤre ihr ein Ernst gewesen, als sie es ihm abschlug, mit ihm fortzugehen. Man sehe ihre eigne Meinung hieruͤber in ihrem fol- genden Briefe an die Fraͤulein Howe. Th. III. S. 99. L. 20. statt der Zeile: be- huͤte GOtt, lies: Behuͤte GOtt! wie ungeduldig ist sie! wie donnert sie gegen die Thuͤr! ‒ ‒ Den Augen- blick, Mamma! ‒ ‒ Jch weiß nicht, wie ich dazu komme, daß ich mich abschliesse! Wo mag ich den Schluͤssel gelassen haben! ‒ ‒ Der Henker hole den Schluͤssel! Liebe Mamma! Sie koͤn- nen einem recht angst machen! Sie koͤnnen denken, mein Kind, daß ich erst meine Papiere auf die Seite brachte, ehe ich die Thuͤr aufschloß. Wir haben eine artige Unterredung gehabt. ‒ ‒ Sie flog ganz erbost zur Thuͤr hinaus. ‒ ‒ Was ist nun zu machen? Jezt eben erhalte ich u. s. w. Th. III. S. 138. L. 16. nach den Worten: sprengen sollte. Und wer weiß, was ein Berliebter fuͤr Ge- legenheiten an die Hand geben kann, die ihm nachthei- nachtheilig sind? Wenn er seinen Rock oder Weste veraͤndert, mag er leicht etwas verges- sen. Jch habe desfals schon einmal gelitten. Damit du also gegen die Neugierde des ganzen Geschlechts auf deiner Hut stehen moͤgest, darf ich dich nur daran erinnern, daß Eva ihrer aller Stamm-Mutter gewesen ist. Noch eines ist u. s. w. Th. III. S. 140. L. 6. nach den Worten: auf Ruhm. Habe ich nicht selbst einmal auf der Gasse in London ein wolgekleidetes huͤbsches Maͤdgen ge- sehen, welches lachte, und sich in die Brust warf, und der man es recht ansehen konnte, wie sie sich uͤber den Beifall eines schwarzen Hundes, eines Feueressen-Kehrers, freuete, der, mit seinem ledigen Sack uͤber die Schulter, ihr auswich, still stand, und vor Bewunderung ihrer Artigkeit seinen Besen und Schaufel in die Hoͤhe hielt! ‒ ‒ Bei meiner Seele, Maͤdgen, dachte ich, ich, als Herr Lovelace, verachte dich. Aber waͤre ich der Feueressen-Kehrer, und koͤnnte es nur so weit bringen, daß ich an dich kaͤme, mein Leben wollte ich gegen deine Tugend setzen, ich wollte dich haben. So vergnuͤgt war ich u. s. w. Th. III. S. 157. faͤngt der funfzehende Brief eigentlich so an: Du haͤttest nicht noͤthig gehabt, Bruder, so ein groß Wesen daraus zu machen, wie die Zusaͤtze zur Cl. C Maͤdgen Maͤdgen sagen, wenn ich wuͤrklich starke Schritte zu meiner Bekehrung gethan haben sollte. Denn du siehest leicht, indem ich Tag und Nacht mit solcher Emsigkeit dies einzige bezaubernde Maͤdgen verfolge, daß ich unend- lich weniger zu verantworten habe, als ich sonst gehabt haͤtte. Laß sehen, wie viel Tage und Naͤchte? Vierzig, glaube ich, sind schon nach eroͤfneten Laufgraͤben, bloß auf das Untergra- ben angewand, und ist noch nicht eine Mine gesprungen! Ein Dutzend Raubvoͤgel, wenn ich nur we- nig rechne, moͤchten leicht gefallen seyn, indem ich nur versucht habe, diese einzige Lerche zu fan- gen; und doch sehe ich noch nicht, wie ich sie auf meinen Vogelheerd bringen will. Dis sind also so viel unschuldige Tage mehr! ‒ ‒ Doch wenn ich meine herumirrende freie Lebensart aͤndre, das wird hoffentlich die sicherste Art seyn, alle meine Endzwecke zu erreichen, ob es gleich langsam damit zugehen wird. Dann wirst du auch ein Verdienst haben, Bruder, daß du meine Feder beschaͤftigest, weil doch sonst deine Zeit schlimmer angewendet wer- den wuͤrde. Und wer weiß endlich, vielleicht wird noch wol eine wuͤrkliche Bekehrung dar- aus, wenn wir auf Unkosten unsrer alten Ge- wohnheiten neue schaffen. Jch habe mein Wort von mir gegeben, und ich glaube, es muß doch ein Vergnuͤgen darin seyn, wenn man fromm ist; das Gegentheil von dem, was was die Unsinnigen beim Nathaneel Lee em- pfinden, ein Vergnuͤgen, das bloß der Fromme kennet. Siehest du nicht aus diesem allen, daß es aus zwanzig Ursachen weit besser ist, einem schwer zu erhaschenden Wildpret nachzustellen, als ei- nem, das leicht zu fangen ist. Mit diesem Ver- gnuͤgen moͤchte ich dich gar zu gerne recht be- kannt machen, und dich lehren, edlere Thiere verfolgen, als Raben, Kraͤhen und Elstern. Jch habe vor, dir von Zeit zu Zeit in der Folge un- sers Briefwechsels, den du uͤber diese große Un- ternehmung so sehnlich mit mir zu unterhalten wuͤnschest, zu zeigen, daß diese erhabnen Fraͤu- lein koͤnnen erniedrigt werden. Zugleich will ich einem von den Einwuͤrfen begegnen, die du mir bei unsrer letzten Zusammenkunft machtest, daß nemlich das Vergnuͤgen, welches uns die- se edleren Unternehmungen gewaͤhren, die Muͤ- he nicht belohnte, die damit verknuͤpft ist. Denn du elender Kerl wolltest zugleich behaupten, ein Frauenzimmer sei nicht besser, als das andre. Du weißt nichts, Bruder, von der feinen Wollust, die ein verwirrter Liebes-Handel ver- schafft. Nichts von der Ehre, die Klugheit der Witzigen und Wachsamen zu uͤbertreffen: Von den Freuden, die das Herz eines schlauen und erfindsamen Geistes erfuͤllen, wenn er uͤberlegt, was fuͤr ein Netz er ausstellen will, eine hoch- muͤthige Schoͤne zu bestricken, die ihm vorher, da die Reihe an ihr war, unzaͤhlige Qual an- C 2 gethan gethan hat. ‒ ‒ Da du gleich einem Haushunde dich begnuͤgest, an einem Knochen zu nagen, den man dir vorwirft, so kannst du auch von den Ver- gnuͤgungen der Jagd nichts wissen, wo wir das Wild durch unwegsames Gestraͤuche verfolgen. Jch will mich bemuͤhen, dich dazu aufzumun- tern, und du wirst doppelte und dreifache Ursa- chen haben, mir zu danken, so wol deines ge- genwaͤrtigen Vergnuͤgens wegen, als in Anse- hung deiner Aussichten jenseits der Sterne. So weit hatte ich geschrieben, bloß um mich zu beschaͤftigen, ehe ich bei meiner Schoͤnen vor- gelassen ward. Aber nun kann ich dir sagen, daß ich mich in meiner Muthmassung nicht be- trogen hatte, sie wuͤrde entschlossen seyn, sich al- lein wohin zu begeben, und mich zu verlassen. Denn sie hat mir weitlaͤuftig genug gesagt, daß dies ihre Entschliessung waͤre. Weißt du warum? weil ich, um offenherzig mit mir zu seyn, je mehr sie von mir und meiner Auffuͤhrung saͤhe, ihr immer weniger gefiele. Das gieng mir durch die Seele! ‒ ‒ zwar weinte ich nicht; ‒ ‒ waͤre ich ein Weibsbild gewesen, ich wuͤrde geweint haben, und das recht- schaffen. Aber ich zog ein weißes feines Schnupf- tuch hervor. Das stand mir zu Gebote, aber nicht meine Thraͤnen. Sie hat an meinen Versicherungen, an mei- nen Gestaͤndnissen, an meinen Geluͤbden etwas auszusetzen. Jch darf keinem Bedienten flu- chen, (das einzige Vorrecht, wobei man einen Herrn Herrn erkennet) weil sie sagt: ich schwoͤre wie ein Landsknecht. Siehe Th. III. S. 74. ‒ ‒ Jch darf nicht sa- gen: bei meiner Seele! oder so wahr ich seelig zu werden gedenke! Was das wunderlich ist, Bruder! will sie denn nicht, daß ich denken soll, ich habe eine Kostbare Seele, so wol als sie? ‒ ‒ Wenn sie glaubt, daß fuͤr mich keine Hofnung ist, seelig zu werden, was den Teu- fel! ‒ ‒ (wieder ein Wort, das sie nicht leiden kann!) nimmt sie sich denn vor, mich zu bekeh- ren! Siehest du, so wird mir kein einziger feu- riger Ausdruck verstattet! Was kann man mit einem u. s. w. Th. III. S. 157. L. 14. nach den Worten: Herzen gegeben wird. Du siehest also wol, Bruder, es ist hohe Zeit, meine Maasregeln zu veraͤndern. Jch muß noch wol etwas staͤrkere Schritte zur Gottes- furcht thun, als ich mir vorgenommen hatte. Wie traurig wuͤrde es seyn, wenn ich nach diesem allen so wol ihre Person als ihre gute Meinung von mir verlieren sollte! Das wuͤr- de das einzige mal seyn, da mich eine naͤhere Bekanntschaft, ohne das ich etwas gewagt, oder einen Argwohn gegeben haͤtte, jemals in eines Frauenzimmers Gewogenheit herunter sezte! Eine verfluchte Demuͤthigung! ‒ ‒ Das ist aus- gemacht, ich habe keinen Vorwand, sie zu hal- C 3 ten, ten, wenn sie gehen will. ‒ ‒ Gewalt darf ich gar nicht brauchen, ja ich darf mir nicht einmal nur etwas davon merken lassen. Der Him- mel geleite uns nur sicher nach London! ‒ ‒ Das ist alles, was ich jetzo zu machen weiß. Und doch muß das noch der kleinste Theil mei- ner Rede seyn. Warum will aber u. s. w. Th. III. S. 162. L. 4. zu den Worten: Nachricht bekommt, setze folgende Note: Herr Lovelace haͤtte seine Besorgniß hieruͤ- ber sparen koͤnnen. Denn viele von dem schoͤ- nen Geschlecht, die bei der ersten Bekanntma- chung dieser Geschichte, so weit, ja nur bis an die erste Entweichung der Fraͤulein, gelesen hat- ten, sind, (so ungerne wir dies auch sagen,) williger gewesen, sie einer uͤbertriebenen Zaͤrt- lichkeit zu beschuldigen, (wie wir oben S. 31. dieser Zusaͤtze in einer Note angemerkt,) als ihn wegen seiner List und seiner Freude daruͤber zu verdammen, die eben so undankbar und grausam, als niedertraͤchtig und einer Mannsperson un- anstaͤndig war. Th. III. S. 166. L. 18. zu den Worten: ungluͤcklich machen koͤnnen, setze fol- gende Note: Man bittet diejenigen von dem schoͤnen Ge- schlechte, die lieber zu ihrem Zeitvertreibe, als zu zu ihrem Unterricht lesen, diesen Brief des Hrn. Lovelace, ihrer besondern Aufmerksamkeit zu wuͤrdigen. Th. III. S. 224. lies statt des Schlusses dieses Briefes nach den Worten: gewa- get habe: Haͤtte ich gestanden, daß ich uͤberraschet, und gegen meine Absicht gezwungen waͤre, wegzu- gehen, koͤnnten sie dann nicht, zum Beweise der Warheit meines Vorgebens, gefordert haben, ich sollte sogleich wieder zu ihnen kommen? Und wenn ich nicht zuruͤck kehrete, haͤtten sie dann nicht mit Grunde glauben koͤnnen, daß ich mei- nen Entschluß, (wo es mir anders jemals da- mit ein Ernst gewesen waͤre,) nunmehr geaͤn- dert haͤtte, oder daß es nicht in meiner Macht stuͤnde, zuruͤck zu kehren? ‒ ‒ Dann aber, wenn ich zuruͤck kehren wollte, haͤtte es nicht auf die Bedingungen geschehen muͤssen, die sie mir wuͤr- den vorgeschrieben haben? keine Bedingun- gen mit einem Vater! ist bei meinem Va- ter und meinen Oncles ein Grundsatz. Wollte ich aber gehen, so haͤtte sich Herr Lovelace dagegen gesetzt. So haͤtte ich entweder unter seiner Gewalt seyn, oder von ihm weglaufen muͤssen, wie man glaubt, daß ich von Harlo- we-Burg zu ihm gelaufen waͤre. Was fuͤr eine seltsame Gestalt wuͤrde mir dieses ge- geben haben! ‒ ‒ Haͤtte er mich eingesperret, wie konnte ich dann einen Anspruch auf den C 4 Schutz Schutz meiner Verwandten machen, ohne eben die Folgen zu veranlassen, welche zu vermeiden, ich mich in ein so schreckliches Ungluͤck gestuͤr- zet habe. Freilich verwegen genug von mir, daß ich es unternahm, zwischen so hitzigen Ge- muͤthern eine Mittelsperson abzugeben! Aber muß es nicht endlich mein Gemuͤth aufs aͤußerste bekuͤmmert machen, daß ich das Ansehen gewinne, als wenn ich nachher ein Verfahren gebilliget haͤtte, worin ich mit so vieler List verwickelt wurde, und zu welchem ich so fest entschlossen war, nimmer zu schreiten; und mich also genoͤthiget sehe, es dadurch gleich- sam zu heiligen? Daß ein Uebel das andere veranlasset, die- ses wird leider nur gar zu sehr bestaͤtigt durch Jhre ewig ergebne. Th. III. S. 248. lies statt der sieben ersten Abschnitte, folgendes: Ach was das fuͤr ein Mann ist! mein Kind! Wir haben hitziger gegen einander gesprochen, als jemals. Jch finde, wenn ich ordentlich mit ihm daruͤber spreche, so darf ich ihn nicht fuͤrch- ten. Aber er ist so ein wilder, so ein unbaͤn- diger Mensch, (und der sollte sich bekehren!) daß ich mich halb vor ihm fuͤrchte. Als ich ihm eroͤfnete, wie unruhig ich daruͤ- ber sei, daß er sich hier bei mir aufhielte, that er er von neuen den Vorschlag, ich moͤchte mich in den Schutz der Lady Elisabeth Lawran- ce begeben; denn er glaubte, er koͤnnte mich nicht bei der Frau Sorlings lassen, weil ich da nicht sicher waͤre; und da ich ihm dieses aus den Gruͤnden abschlug, die ich Jhnen in meinem letzten Briefe schrieb, Siehe Th. III. S. 240. so drang er in mich, daß ich mein Gut fordern sollte. Er wuͤste wol, sagte ich ihm, daß ich meinen Entschluß schon gefaßt haͤtte, keinen Rechts- handel mit meinem Vater anzufangen. Dazu wollte er mich auch nicht bereden, ant- wortete er, wenn es nicht das aͤußerste waͤre, wozu ich greifen muͤßte. Wenn aber meine Grosmuth mir nicht erlauben wollte, jeman- den verbunden zu seyn, wie ich es nennte, und doch meine Verwandten mir ferner mein Eigenthum vorenthielten; so wuͤste er nicht, wie ich diese Grosmuth wuͤrde behaupten koͤn- nen, ohne in Verlegenheit zu gerathen; und das wuͤrde ihn unendlich unruhig machen, ‒ ‒ es waͤre ‒ ‒ es waͤre ‒ es waͤre denn, sagte er stotternd, als wenn er fuͤrchtete, es heraus zu sagen, es waͤre denn, das ich das einzige Mit- tel ergreifen wollte, zum Besitz meines Eigen- thums zu gelangen, das ich ergreifen koͤnnte. Was ist das fuͤr ein Mittel? Gewiß sahe mirs der Mensch an, wie er mit seinem langsamen: es waͤre denn ankam, daß ich seine Meinung errieth. C 5 Ach Ach! gnaͤdige Fraͤulein, kan es Jhnen wol schwer fallen, zu wissen, was das fuͤr ein Mit- tel ist? ‒ ‒ Sie werden einem Gemal das Recht nicht streitig machen, was sie ihnen nicht zustehen. Warum sagte er: einem Gemal, an statt zu sagen: ihm? Doch sahe er so aus, als wenn er aufgemuntert zu werden wuͤnschte, mehr zu sagen. So wollten sie, Herr Lovelace, daß ich einen Advocaten annehmen sollte? wollten sie das? ungeachtet ich mich, den Rechtshandel mit meinem Vatter betreffend, genug erklaͤret habe? Nein das wollte ich nicht, allerliebstes Kind, (er ergrif meine Hand, und druͤckte sie an sei- ne Lippen) außer wenn sie mich zum Advoca- ten annehmen wollten. Haͤtte er das: mich gleich Anfangs gesagt, so haͤtte ich nicht noͤthig gehabt, mich zu ver- stellen, und einen Advocaten zu nennen. Jch erroͤthete. Der Mensch verfolgte diesen Vorwurf unsrer Unterredung nicht so hitzig, daß es nicht leichter oder natuͤrlicher gewesen waͤre, ihn zu verlassen, als sich weiter dabei aufzuhalten. Wollte der Himmel, er haͤtte es gethan, oh- ne mich zu beleidigen! ‒ ‒ Aber ich wußte ihn so in Furcht zu setzen. ‒ ‒ ( so in Furcht zu setzen, Sie sagen doch, daß ich das kann, mein Kind!) Und so ließ der in Furcht gesetzte, der der bloͤde Mann den Vorwurf fahren, und wiederholte seinen Vorschlag, ich moͤchte mein Gut wieder fordern, oder es einem Rechtsver- staͤndigen auftragen, wenn ich es nicht (sagte er zwischen durch) einem gluͤcklichern Mann auf- tragen wollte, es wieder zu fordern. Doch koͤnnte es nicht schaden, meinte er, wenn ich es meinen beiden Vormuͤndern eroͤfnete, daß ich mein Gut selbst annehmen wollte. Jch wuͤrde besser wissen, sagte ich, was ich zu thun haͤtte, wenn er sich von mir entfernet haben wuͤrde, und andre Leute wuͤßten, daß er nicht mehr bei mir waͤre. Jch denke doch, wenn mein Vater meine Ruͤckkehr vorschlaͤgt, und mir verspricht, daß er mir weder Sol- mes, noch sonst einen Menschen, ohne meine Einwilligung nennen will, und ich auf die Be- dingung eingehe, nicht mehr an sie zu denken, daß sie damit zufrieden seyn werden. Jch wollte ihn gar zu gerne auf die Probe stellen, ob er gegen alle meine ehemaligen Er- klaͤrungen so viele Achtung haͤtte, als er gegen einige zu haben vorgab. Er wurde ganz bestuͤrzt. Was sagen sie, Herr Lovelace? Sie wissen alles was sie vorhaben, ist zu meinem Besten. Gewiß, ich bin doch frei? gewiß, ich werde sie doch nicht um Erlaubniß bitten duͤrfen, was ich fuͤr mich fuͤr Bedingungen zu machen gut finde, so lange ich diejenigen nicht breche, die ich mit ihnen gemacht habe? Er Er raͤusperte zwei bis dreimal-Wie, Fraͤulein? wie gnaͤdige Fraͤulein? Jch kann nicht sagen. ‒ ‒ Dann hielt er wieder ein ‒ ‒ und endlich stand er mit einer frechen Bewegung auf, und sagte: ich sehe die Ursache deutlich genug, warum kei- ne von meinen Vorschlaͤgen angenommen wer- den koͤnnen. Zuletzt werde ich doch wol das Opfer der Versoͤhnung mit ihrer unversoͤhnli- chen Familie seyn muͤssen! Es ist allezeit ihre ehrerbietige Art gewesen, Herr Lovelace, meine Familie so frei herum- zu nehmen. Aber ich bitte sie, wenn sie andre Leute unversoͤhnlich nennen, so nehmen sie sich in Acht, daß sie selbst nicht den Tadel ver- dienen. Er muͤßte freilich sagen, daß er einigen von meiner Familie eben so gewogen waͤre, wie sie ihm waͤren; aber er haͤtte doch das von ihnen nicht verdienet, was sie von ihm verdienet haͤtten. Wenn sie selbst Richter sind? Nein, alle Welt, sie selbst, gnaͤdige Fraͤulein, koͤnnen Richter seyn. So muß ich ihnen denn sagen, wenn sie meine Familie weniger gereizet haͤtten, so wuͤr- de sie auch nicht so sehr wider sie aufgebracht seyn. Aber das ist unerhoͤrt, daß eine offenba- re Verachtung der Verwandten einer Person eine geziemende Ehrenbezeugung fuͤr die Person selbst, oder fuͤr ihre Familie, seyn soll. So So viel weiß ich gewiß, gnaͤdige Fraͤulein, dieser Leute Bosheit gegen mich gehet so weit, daß, wenn sie sich entschließen, mich aufzuop- fern, ihre Aussoͤhnung sogleich wird genehmi- get werden. Und so viel weiß ich, wenn ich meinem Va- ter das Recht zu stehe, ihnen meine Person zu versagen, und er will sich damit begnuͤgen las- sen, so thue ich weiter nichts, als meine Pflicht. Und wenn ich mir dasselbe Recht vorbehalte, so werde ich keine von den Pflichten verletzen, die ich ihnen schuldig bin. Jhre Pflicht gegen ihren eigensinnigen Bru- der, meinen Sie, und nicht gegen ihren Vater! Wenn auch der Streit zuerst zwischen mir und meinem Bruder waͤre, Herr Lovelace, so stehet es doch einem Vater frei, wessen Parthei er nehmen will. Das stehet ihm frei, gnaͤdige Fraͤulein, aber es macht ihn dem ungeachtet nicht vom Tadel frei, wenn er die Parthei dessen nimmt, der Unrecht hat. ‒ ‒ So wie die Leute verschieden sind, Herr Lo- velace, so werden sie auch verschiedentlich uͤber Recht und Unrecht urtheilen. Sie urtheilen wie sie es gut finden. Sollen das andere Leu- te nicht auch thun, wie es ihnen gut deucht. Und wer hat ein Recht, das Urtheil eines Va- ters zu meistern, das er in seiner eignen Fami- milie, und zwar uͤber sein eigen Kind, faͤllet? Jch Jch weiß, gnaͤdige Fraͤulein, mit ihnen ist uͤberall nicht gut streiten. Doch haͤtte ich ge- hoffet, ein kleines Verdienst um sie zu haben, daß ich wenigstens nicht das vorlaͤufige Opfer ihrer Aussoͤhnung seyn duͤrfte. Jhre Hofnung wuͤrde bessern Grund haben, wenn sie bei der Entweichung aus meines Va- ters Hause meine Einwilligung gehabt haͤtten. ‒ ‒ Muß ich denn immer und ewig daran er- innert werden, daß sie den verdammten Sol- mes wuͤrden gewaͤhlet haben ‒ ‒ lieber als daß ‒ ‒ Nicht so hurtig! nicht so kuͤhn! Herr Lo- velace! Jch bin uͤberzeuget, daß man nicht die Absicht hatte, mich dem Solmes den Mittwo- chen anzutrauen. So, hoͤre ich, geben sie nun vor, um sich auf ihre Kosten zu rechtfertigen. Alle Men- schen auf der Welt sind ihnen verbunden, daß sie so guͤtig denken, außer mich. Entschuldigen sie mich, guter Herr Love- lace, (ich bewegte meine Hand mit einer bit- tenden Stellung) daß ich so gerne das Beste von meinem Vater denke. Reizendes Kind, sagte er, mit was fuͤr ei- ner bezaubernden Artigkeit ist das gesagt! ‒ ‒ Er wollte mit der Hitze, die ihm eigen ist, mei- ne Hand ergreifen; aber ich zog sie zuruͤck, weil ich ihm recht boͤse war. Jch dachte, gnaͤdige Fraͤulein, meine Leiden, die ich ihrentwegen ausgestanden, haͤtten mir einiges Recht auf ihre Gewogenheit gegeben. Wenn Wenn ich meine Leiden, die ich ihres ungestuͤ- men Betragens halber ausgestanden, gegen ihre Leiden setze, die sie meinetwegen erduldet haben, so nehme ich mir die Freiheit, zu glauben, daß ich keine große Schuldnerin von ihnen bin. Himmel! gnaͤdige Fraͤulein! (Er nahm ei- nen hoͤnischen Ton an) Was wollten sie eben ausgestanden haben! ‒ ‒ Nichts, was sie nicht leicht vergeben koͤnnten! Sie sind nur in ihres Vaters Hause zur Gefangenen gemacht, um sie ihrer Klugheit wegen in den Ruf zu bringen. Man hat nur ein unschuldiges und treues Maͤd- gen aus ihren Diensten gejagt, weil sie es zu leiden hatten. ‒ ‒ Man hat nur ihrer Schwester Maͤdgen und Vertraute uͤber sie gesetzt, und ihr Erlaubniß gegeben, ihnen allen empfindlichen Verdruß anzuthun. Schoͤn! vortreflich! Herr Lovelace! Sie haben nur einen uͤbermuͤthigen Bruder gehabt, der es auf sich nahm, sie als eine Scla- vin zu mishandeln, und eine eben so uͤbermuͤ- thige Schwester, die sie bei allen Leuten verhaßt zu machen suchte, unter dem Vorwand, damit sie nicht in andre Haͤnde gerathen moͤchten, die, wenn sie noch so schlimm sind, als sie nieder- traͤchtiger Weise vorgeben, doch nicht halb so schlimm und grausam sind, als ihre eignen. Fahren sie fort, wenn ich bitten darf! Sie sind nur verfolget, damit man sie noͤthi- gen moͤchte, einen garstigen Menschen zu hei- rathen, gegen welchen sie ihren Haß erklaͤret hat- ten, ten, und den jederman verachtet! Man hatte nur den Trauschein schon ausgewuͤrket! Der Prediger war nur schon bestellet! Der Tag, und zwar ein naher, ein sehr naher Tag war nur schon angesetzet! Man wollte nur ihre Klei- der durchsuchen, um ihre Briefe zu finden, und sie noch enger einsperren, bis der Tag herankaͤ- me; damit man ihnen alle Mittel benehmen moͤch- te, den Fallstricken zu entfliehen, die man ih- nen gelegt hatte! ‒ ‒ Aber das alles koͤnnen sie vergeben! Sie koͤnnen wuͤnschen, daß sie das al- les erwartet haͤtten; so unvermeidlich es war, daß man sie wuͤrde gezwungen haben, alles ein- zugehen! ‒ ‒ Und der Mann, der sie, mit Ge- fahr seines Lebens, von aller dieser Qual befreiet hat, ist die einzige Person, der sie nicht ver- geben koͤnnen! Koͤnnen sie nicht noch ein wenig fortfahren? Sie sehen, ich habe Geduld, sie anzuhoͤren? Koͤnnen sie nicht fortfahren? Jch kann fortfahren, gnaͤdige Fraͤulein, wenn ich meine Leiden erzaͤhlen will, die ich freilich nicht erwehnen sollte, wenn ich nur zuletzt die Belohnung erwarten koͤnnte, darauf ich mir Hofnung gemachet habe. Jhre Leiden also, wenn es Jhnen beliebet, Herr Lovelace! Daß man mir schimpflicher Weise ihres Vaters Haus verboten, nachdem man mich schon einmal gut aufgenommen hatte, ohne eine Ursache zu ihrer Rechtfertigung anzuge- ben, ben, die sie nicht vorher schon gewußt haͤtten! Daß man mich zu einem Zweikampf genoͤthi- get, den ich zu vermeiden gewuͤnscht habe, den ersten, den ich jemals, wenn man mich so sehr gereizet hatte, zu vermeiden gewuͤnscht! Und zwar, weil der Boͤsewicht ihr Bruder war! Boͤsewicht! und mein Bruder! Das konnte mir kein Mensch auf der Welt unter die Au- gen sagen, als der, mit dem ich jetzt rede! Um Vergebung, gnaͤdige Fraͤulein! ‒ ‒ Aber o! wie unwuͤrdig ist er doch, ihr Bruder zu seyn! ‒ ‒ Auf eine alte Universitaͤts-Feind- schaft, wo jedermann weiß, daß er der angrei- fende Theil gewesen ist, einen neuen Zank zu gruͤnden; und diese aus Absichten hervor zu suchen, die sowol fuͤr sie als fuͤr mich nieder- traͤchtig und beleidigend waren! ‒ ‒ Dem- jenigen das Leben zu schenken, der es mir gerne genommen haͤtte! Das war ihre Grosmuth! Herr Love- lace, und nicht ihre Leiden. Noch ein wenig mehr von ihren Leiden, wenn sie belieben! ‒ ‒ Jch denke doch, sie werden es nicht bereuen, daß sie meinen Bruder nicht ermordet haben! Meiner ganzen Auffuͤhrung nachgespuͤret! Mein Leben und Wandel als gottlos ausge- schrieen! Von Leuten angeklagt, deren einige auch nicht die besten sind! Das ist eine Verlaͤumdung! Spionen hinter mir hergeschickt, mich zu be- obachten! Einen darunter gedungen, meinen Zusaͤtze zur Cl. D eignen eignen treuen Bedienten zu bestechen! Vielleicht mich endlich zu vergiften, wenn der ehrliche Kerl nicht ‒ ‒ Keine Muthmaßungen! Herr Lovelace! ‒ ‒ Koͤnnen sie denn keine wuͤrklich geschehene Dinge anfuͤhren, wenn sie ihre Leiden erzaͤhlen? ‒ ‒ Kein Vielleicht! wenn ich bitten darf! Taͤglich allen Leuten Drohungen und Ausfor- derungen gegen mich in den Mund gegeben! Mich zu noͤthigen, in Verkleidung herum zu kriechen! ‒ ‒ alle Stunden zu wachen. ‒ ‒ Und bei allem Wetter! nicht wahr? ‒ ‒ Jch erinnere mich, das war ehedem ihre Kla- ge! ‒ ‒ bei allem Wetter! Siehe Th. III. S. 65. Und daß alles die- ses Ungemach von ihnen selbst herruͤhret, und ihnen nicht von mir aufgelegt ist! Gleich einem Diebe, oder Horcher, fuhr er fort. Da ich doch weder in Ansehung meiner Geburt noch meiner Familie ihrer Verwandschaft un- wuͤrdig bin, wie sehr ichs auch in Ansehung ihrer bewundernswuͤrdigen Tochter seyn mag; Deren sie alle, keinen ausgenommen, wenig- stens eben so unwuͤrdig find! ‒ ‒ Das nenne ich Leiden! gnaͤdige Fraͤulein! Mit Recht nenne ich es so, wenn ich doch zuletzt einer un- vollkommnen Aussoͤhnung aufgeopfert werden soll. ‒ ‒ Einer unvollkommnen Aussoͤhnung, sage ich. Denn koͤnnen sie, nach allem, was vorgegangen ist, erwarten, daß sie mit einem solchen Bruder und mit einer solchen Schwe- ster ster unter demselben Dache ein ertraͤgliches Le- ben fuͤhren werden? O Herr Lovelace! Herr Lovelace! was haben sie fuͤr Leiden ausgestanden? Und alles meinetwillen, meinen sie doch! ‒ ‒ Jch kann sie wol nimmer dafuͤr belohnen! ‒ ‒ Denken sie nicht weiter an mich, ich bitte sie ‒ ‒ Wie koͤn- nen sie noch Geduld mit mir haben? ‒ ‒ Nichts haben sie ihrer eigenen Auffuͤhrung zu danken, denke ich! Nichts ihren Gegenausforderungen! Nichts ihrer Entschliessung, die sie mehr als einmal erklaͤret haben, daß sie mit einer Fami- lie durchaus verwand seyn wollten, ohne sich so weit herunter zu lassen, daß sie diese Ver- bindung auf eine geziemende Art zu suchen daͤch- ten. Nichts den Mitteln, die sie angewand haben, weswegen sie jederman tadelte, und woruͤber sie es doch nicht der Muͤhe werth ach- teten, sich zu rechtfertigen. Haͤtte ich nicht ge- glaubt, daß man ihnen auf eine unanstaͤndige Art begegnet waͤre, wie ich ihnen schon ge- sagt, nimmer haͤtte ich mich mit ihnen in ei- nen Briefwechsel eingelassen. Siehe Th. III. S. 64. Der Brief- wechsel machte sie, in ihren Gedanken, si- cher, und sie trotzten nach ihrer Grosmuth mei- nen Verwandten desto mehr. Dies erweckte, (vielleicht nicht unverschuldet) meines Vaters Unwillen gegen mich, ohne welchen es meinem Bruder, bei seinem besondern Haß, und eigen- nuͤtzigen Absichten, an einem rechtmaͤßigen Vor- D 2 wande wande wuͤrde gefehlet haben, so zu verfahren. Jch habe also die ganze Begegnung, die ich nachher erlitten, und all ihr vieles bedeutendes: Nur ihnen hauptsaͤchlich zu danken, so wie sie ihre eigne Leiden, das schwere Leiden! gleichfals sich selbst zu danken haben. ‒ ‒ Wenn sie also, gespraͤchiger Herr! einiges Ver- dienst darauf gruͤnden, so seyn sie so gut, und nehmen es wieder zuruͤck; Und sehen sie mich mit meinem verlohrnen guten Namen als die einzige Person an, die gelitten hat ‒ ‒ Denn worin ‒ ‒ Jch bitte, hoͤren sie mich aus! (Denn er wollte reden) Worin haben sie gelitten, aus- ser was ihr Stolz gelitten hat? Jhr guter Na- me konnte nicht leiden. Das war ja weit un- ter ihnen, darum bekuͤmmert zu seyn. Und waͤren sie nicht ein Mann gewesen, der sich gar nicht sagen laͤßt, so wuͤrde ich nicht zu dem Aeus- sersten geschritten seyn, welches ich jetzt jede Stunde, so wie sie vorbeigehet, beweine. ‒ ‒ Denn ich muß mir selbst noch den Verweis ma- chen, daß ich uͤbel gethan habe, einen Brief- wechsel anzufangen, oder da ich ihn angefan- gen hatte, ihn fortzusetzen, mit einem Man- ne, der es nicht der Muͤhe werth hielt, seinen Charackter meinetwillen zu beßern, oder sei- ner selbst willen sich gegen meinen Vater her- abzulassen, in einer Sache, wo einem Vater frei stehen muß, zu waͤhlen. ‒ ‒ Sie koͤnnen aus Finsterniß Licht, und aus Licht Finsterniß machen, bei meiner Seele! So wie wie sie es haben wollen. O Gebieterin meines Herzens! (er ergriff meine Hand und druͤckte sie, auf eine recht wilde Art, zwischen seinen beiden Haͤnden, an seine Lippen) Nehmen sie, nehmen sie mich ganz zu sich. Vilden sie mich, wie sie mich haben wollen. Jn ihren Haͤnden bin ich Wachs. Druͤcken sie ihr Bild in mich. Das soll das Siegel seyn, daß ich ewig der Jh- rige bin. ‒ Wir waren fuͤr einander gebohren! ‒ ‒ Sie, mich gluͤcklich zu machen, und eine Seele zu retten. ‒ ‒ Jch bin lauter Jrthum, lauter Verbrechen. Jch sehe, was ich haͤtte thun sollen. ‒ ‒ Aber koͤnnen sie sich vorstellen, gnaͤdige Fraͤulein, daß ich mit guten Herzen darein willigen kann, einer partheiischen Aus- sohnung aufgeopfert zu werden, wo ich so viel, so unersetzlich viel, zu verlieren habe? ‒ ‒ Alles in der Welt, nur dies nicht. ‒ ‒ Schliessen sie mich in ihre Bedingungen mit ein. Schrei- ben sie mir vor, versprechen sie in meinem Na- men, was sie wollen. ‒ ‒ Thun sie mir einen Strick um den Hals, und fuͤhren sie mich da- bei; nur daß ich Bergebung erhalte, wenn ich mich dieser harten Busse, und eben so sclavi- schen Erniedrigung in ihres Vaters Gegenwart unterwerfe. Nur daß ihr Bruder nicht zuge- gen ist! Jch will vor den Knien ihres Herrn Vaters um seine Einwilligung bitten, und, wenn er mich nur nicht mit Fuͤssen tritt, alles ertragen, weil er ihr Vater ist. Aber sie auf kalte gleichguͤltige Bedingungen aufzugeben! D 3 ich ich will verdammt seyn! (sagte der fuͤrchterliche Boͤsewicht) wenn ich das thun will, oder kann. Dies waren seine Worte, so genan ich mich derselben erinnern kann; denn sein Betragen, war so gewaltig wild und hitzig, daß ich ganz erschrocken wurde. Jch dachte, er haͤtte meine Hand verschlungen, und wuͤnschte, tausend Meilen von ihm entfernt zu seyn. Jch sagte ihm, daß ich sein heftiges Wesen auf keine Art billigte. Er waͤre ein gar zu un- gestuͤmer Mensch, als daß er mir gefallen koͤnn- te. Aus der Unterredung, die wir eben gehabt haͤtten, saͤhe ich nunmehr, wie weit seine Ach- tung gegen meine Befehle gienge, deren er sich geruͤhmet, und er sollte bald finden, daß ich meine Maasregeln darnach nehmen wuͤrde. Mit einer halbfurchtsamen Ernsthaftigkeit bat ich ihn hierauf, daß er weggehen, und mich al- lein lassen moͤchte. Er gehorchte, und zwar mit einer sehr hoͤfli- chen Art, auf seine Weise. Aber eine starke Roͤthe stieg ihm ins Gesicht, und das Misver- gnuͤgen sahe ihm aus den Augen. Aber, wenn ich alles wieder uͤberdenke, was vorgieng, so sehe ich deutlich, daß er gar nicht willens ist, wenn ers aͤndern kann, mir die Frei- heit zu lassen, daß ich seine Hand nicht anneh- me; ob ich mir gleich das Recht, dieses zu thun, vorbehalten hatte. Er siehet mich viel- mehr als die Seinige an, aus einer wunderli- chen Art von Verbindlichkeit, weil ich nemlich mit mit ihm, wider meinen Willen, weggelaufen bin. Jnzwischen sehen Sie, er beruͤhret die Ver- heirathung nur mit spitzen Fingern. Und das thut er gemeiniglich zu einer Zeit, da er mich aufgebracht, oder in Furcht gesetzt hat; so daß ich ihm keine entscheidende guͤnstige Antwort ge- ben kann. Doch dies kan gewiß wol seine Absicht nicht seyn. ‒ ‒ Jndessen gleicht es seinem Be- tragen gegen meine Schwester, Siehe Th. I. S. 18. da er sie nemlich reizte, ihm eine abschlaͤgige Antwort zu geben, und sich dieselbe so demuͤthig gefallen ließ. ‒ ‒ Wiewol er darf nicht. ‒ ‒ Doch was kann man von einem so veraͤnderlichen Menschen sa- gen? ‒ ‒ Jch weiß mich nun wieder nicht in ihn zu finden. Jch wuͤnschte, mit guter Manier aus seinen Haͤnden zu seyn. Er hat dreimal heraufgeschickt, und gebeten, daß ich ihn vorlassen moͤchte; die beiden letzten male ernsthafter als sonst. Jch habe ihm aber sagen lassen, daß ich erst mit meinem Schreiben fertig seyn wollte. Noch weiß ich nicht, was ich zu thun habe, um diesen Ort zu verlassen. Jch wuͤnschte von ganzen Herzen, hier zu bleiben, wie ich ihm auch gesagt habe. Die Frau im Hause und ih- re Toͤchter wuͤnschen auch, daß ichs thun moͤch- te, ob es ihnen gleich nicht bequem fallen mag, wie ich glaube. Aber ich sehe, er wird nicht D 4 von von mir gehen, wenn ich es thue. ‒ ‒ Jch muß mich also wol anders wohin begeben. Jch bin mir selbst schon laͤngst zur Last gewe- sen, und bin es jetzt noch immer mehr. Lassen sie mich nur die gute Meinung nicht verlieren, die Sie von mir haben. Der Verlust waͤre die hoͤchste Staffel des Ungluͤcks von Jhrer ergebnen Clarissa Harlowe. Sonntag Abends den 16. April. Jch darf Jhnen doch schreiben; ob es Jh- nen gleich untersagt ist, mir zu schreiben; darf ich nicht? ‒ ‒ Denn das ist doch kein Brief- wechsel, nicht wahr? wo die Briefe nicht be- antwortet werden? Jch weiß ganz und gar nicht mehr, was ich von dem Mann denken soll. Er ist ein voll- kommner Proteus. Jch muß mich in meinen Briefen immer nach der verschiedenen Gestalt richten, die er annimmt. Glauben Sie nicht, ich bitte sehr, daß ich die veraͤnderliche Person bin, wenn ich in einem Briefe dem widerspre- che, was ich in einem andern geschrieben habe, ja wenn es scheinet, daß ich dem widerspreche, was ich in demselben Briefe schreibe. Denn er ist ein vollkommnes Cameleon; oder vielmehr noch veraͤnderlicher. Denn vom Cameleon sagt man, es koͤnne die rothe und weiße Farbe nicht annehmen; aber dieser kan es. Und ob gleich Schwarz Schwarz seine natuͤrliche Farbe zu seyn schei- net, so hat er sich doch viele Muͤhe gegeben, daß ich ihn fuͤr ganz weiß halten soll. Wiewol Sie sollen selber uͤber ihn urtheilen, so wie ich fortfahre. Nur bitte ich, wenn ich Jhnen irgendwo zu leichtglaͤubig scheine, daß Sie mich zurechte weisen. Denn Sie sind der Zuschauer bey meinem Spiele, wie Sie in ei- nem Jhrer Briefe sagen. Siehe Th. III. S. 109. ‒ ‒ Wollte der Himmel, ich haͤtte nicht noͤthig, zu spielen! Denn ich denke, ich habe mich in ein verzwei- feltes Spiel eingelassen. Ehe ich mein letzteres Schreiben an Sie en- digen konnte, schickte er noch zweimal herauf, um Erlaubniß, mich zu sehen. Jch ließ ihm antworten, daß ich ihn sehen wollte, wenn es mir gelegen waͤre. Er sollte so wenig wider meinen Willen kommen, als mir etwas vor- schreiben. Da ich uͤberlegte, wie wir auseinander ge- schieden waren, und daß ich ihm sein Verhoͤr, (wie er es zuweilen nennet,) hinausgesetzt haͤt- te, erwartete ich nicht, daß er eben gut auf- geraͤumt seyn wuͤrde, wenn ich seinen Besuch annaͤhme, und aus dem, was ich schrieb, wer- den Sie schließen, daß ichs auch nicht war. Doch ward ich es bald, wie ich seine große De- muth bei seinem Eintrit in das Zimmer sahe, und hoͤrte, was er mir zu sagen hatte. D 5 Jch Jch habe einen Brief, sagte er, von Lady Elisabeth Lawrance, und noch einen von meiner Base Charlotte Montague. Doch davon wollen wir gleich reden. Jetzt komme ich, Jhnen wegen dessen, was ganz kuͤrzlich zwi- schen uns vorgefallen ist, meine demuͤthige Ab- bitte zu thun. Jch schwieg, und wunderte mich, wo er da- mit hinaus wollte. Jch bin ein hoͤchst ungluͤckliches Geschoͤpf, fuhr er fort, hoͤchst ungluͤcklich durch meine ge- waltige Hitze, die ich nicht bezwingen kann. ‒ ‒ Sie bringt mich allezeit zu einer wolverdienten Demuͤthigung. Doch ist es loͤblicher, seinen Fehler zu gestehen, als darin zu verharren, wenn man die Macht der Ueberzeugung fuͤhlet. Jch schwieg noch still. Jch habe uͤberlegt, gnaͤdige Fraͤulein, was sie mir vorgeschlagen haben, daß ich mir nem- lich die Bedingungen gefallen lassen sollte, wel- che sie, eine Aussohnung mit ihren Verwand- ten auszuwuͤrken, gut finden. Gut, Herr Lovelace! Und ich finde, an ihrer Seite ist alles recht, alles billig; und an meiner Seite lauter Unge- duld, lauter Unbedachtsamkeit. Jch erstaunte, wie Sie leicht denken koͤnnen. Woher diese Veraͤnderung, Herr Lovelace? Und zwar so bald? Jch bin so sehr uͤberzeugt, daß Sie in allen dem, worauf Sie zu bestehen fuͤr gut finden, Recht Recht haben, daß ich inskuͤnftige mir selbst nicht trauen will. Jch werde, wenn es moͤglich ist, so oft ich mit ihnen nicht uͤbereinkomme, eine Stunde Zeit nehmen, es zu uͤberdenken, ehe ich mich von der Hitze hinreißen lasse, worin mich ein Widerspruch, wozu ich nicht gewoͤhnet worden, nur gar zu oft versetzet. Das ist alles sehr gut. Aber wohin zielet es denn? Wohin es zielet? gnaͤdige Fraͤulein? Als ich anfieng, zu uͤberlegen, was sie mir, in Anse- hung der Bedingungen einer Aussoͤhnung mit ihren Verwandten, eroͤfneten, und ich mir zu Gemuͤthe fuͤhrete, daß sie sich allezeit die Frei- heit vorbehalten hatten, mich anzunehmen, oder zu verwerfen, nachdem ich es verdienen wuͤrde, oder nicht; So sahe ich deutlich ein, daß es vielmehr eine guͤtige Herablassung von ihnen gewesen war, da sie meine Einwilligung zu diesen Bedingungen verlangten, als ein neues Gesetz, das sie mir aufgelegt haͤtten. Jetzo bit- te ich, gnaͤdige Fraͤulein, vergeben sie mir mei- nen Ungestuͤm. Alles, was sie einzugehen gut finden, um eine Aussoͤhnung mit ihrer Familie zu treffen, und wodurch sie in den Stand ge- setzt werden, ihre Versprechung, die sie mir nicht anders, als unter einer Bedingung, gemacht ha- haben, zu erfuͤllen, alles dieses belieben sie sich gefallen zu lassen. Und wenn ich sie verliere, so unertraͤglich mir auch der Gedanke ist, so werde ich doch, weil es dann durch meine eigne Schuld Schuld geschehen muͤßte, es niemanden, als mir selbst, zu danken haben. Was denken Sie, liebste Freundin? ‒ ‒ Glau- ben Sie, daß da eine Absicht hinter stecken koͤnn- te? ‒ ‒ Jch sehe keine, die er haben moͤchte, und hielt es daher fuͤr das beste, da er es so offenher- zig vorbrachte, mir nicht den geringsten Zweifel an der Aufrichtigkeit seines Gestaͤndnisses merken zu lassen, und es also in so ferne anzunehmen. Darauf las er mir einen Theil des Briefes der Lady Elisabeth Lawrance vor. Aber den Anfang schlug er ein, weil er darin, wie er sag- te, zu scharf mitgenommen waͤre, als daß ich ihn sehen sollte. Und aus der Schreibart zu urtheilen, glaube ich auch, daß der uͤbrige Theil voller Verweise war. Es waͤre zu offenbar, sagte ich, daß er grosse Laster an sich haben muͤßte, weil kein einziger seiner Verwandten an ihn schreiben koͤnnte, oh- ne einen Verweis uͤber eine boͤse Handlung mit einfliessen zu lassen. Es ist aber eben so offenbar, mein liebstes Leben, sagte er, daß sie, die sie doch keines von diesen Lastern anders, als durch einen Argwohn kennen, eben so bereit sind, mich zu verurthei- len. ‒ ‒ Wird denn die Menschenliebe ihnen nicht erlauben, zu muthmassen, daß jener ihre Beschuldigungen nicht besser gegruͤndet sind? ‒ ‒ Daß mein vornehmster Fehler eine Sorglo- sigkeit fuͤr meinen guten Namen ist, und daß ich zu wenig bekuͤmmert gewesen bin, mich zu recht- rechtfertigen, wenn man mich verlaͤumdet hat? Denn, ich versichre sie, so verhaͤlt es sich. Die Lady Elisabeth u. s. w. Th. III. S. 256. am Ende, nach den Wor- ten: nie schlimm gewesen waͤre. Ein feiner Gedanke! Eine artige Hofnung fuͤr liederliche Leute! Und ich fuͤrchte, mein Kind, daß sie durch den groͤssesten Theil unsers Geschlechts nur gar zu sehr dazu aufgemun- tert werden! Dies brachte uns auf ein par ernsthaftere Vorwuͤrfe. Sie werden daraus sehen, was ein ungebundener Freigeist fuͤr ein Geschoͤpf ist. Jch fragte ihn, ob er wol wuͤßte, daß das, was er gesagt haͤtte, mit einer Stelle des be- sten Buchs uͤberein kaͤme? Es wird mehr Freude im Himmel seyn ‒ ‒ Er nahm mir die Worte aus dem Munde. Ueber einen Suͤnder, der Busse thut, vor neun und neunzig Gerechten, die der Busse nicht beduͤrfen, Siehe Luc. XV. 7. Es ist das Gleichniß von den neun und neunzig Schafen, und nicht das von dem verlohrnen Sohne, wie Herr Love- lace sich irriger Weise einbildet. sagte er. Ja, gnaͤdige Fraͤulein, ich dachte daran, so bald ich es sagte, aber nicht eher. Jch habe die Geschichte von dem verlohrnen Sohn gele- lesen, lesen, das koͤnnen sie glauben: Und kuͤnftig einmal, wenn ich, wie ich hoffe, zur Ruhe komme, will ich ein dramatisches Stuͤck daruͤ- ber verfertigen. Jch habe es dann und wann schon vorgehabt, und vielleicht sind zu willig/ mir zuzugestehen, daß ich mich dazu schicke. Es ist nicht lange, Herr Lovelace, wie sie bei einem Worte einen Anstoß funden, mit wel- chem sie besser bekannt seyn muͤssen, ehe sie sich voͤllig dazu schicken, einen solchen Vorwurf aus- zufuͤhren. Jch erstaune, daß sie das gering- ste von der Schrift wissen sollten, da sie das Wort so wenig kennen. Das Wort Gnade. Siehe Th. III. S. 217. 218. O, gnaͤdige Fraͤulein, ich habe die Bibel ge- lesen, als ein sehr gutes Buch in der alten Geschichte. ‒ ‒ Aber, so wahr ich seelig zu wer- den hoffe! sie hat mich vor wenig Jahren so un- ruhig gemacht, wenn ich von ungefaͤhr uͤber ge- wisse Stellen derselben gerieth, daß ich genoͤ- thiget wurde, mich sogleich durch Musik, oder Gesellschaft zu zerstreuen. Armer Mensch! (ich hub meine Augen und Haͤnde in die Hoͤhe) Die Ankuͤndigungen der Schrift kommen einem so ploͤtzlich, mit so wenigen Umstaͤnden, ohne einmal, wenn ichs sagen darf, ein Vor- sehn! eines groben Saͤnftentraͤgers in London voran zu schicken, daß sie einen Menschen mit samt dem Pferde uͤbern Haufen werfen, wie Sanct Sanct Paulus uͤbern Haufen geworfen ward. Das heißt auch aus der Schrift gesprochen! Kurz, das Licht, das er sahe, ist zu hell, als daß man es ertragen koͤnnte. O! braucht es denn Umstaͤnde mit ih- nen, wenn man sie zur Busse und zu ih- rer Rettung bringen will? Und sagen sie mir doch, Herr Lovelace, denken sie uͤberall etwas dabei, wenn sie so oft bei ihrer Seele schwoͤren, oder etwas mit den Worten: So wahr sie seelig zu werden hoffen, bekraͤf- tigen? Ach liebste Fraͤulein! (er veraͤnderte seinen Stuhl) Lassen sie uns von andern Sachen reden! Wie, mache ich etwa nicht auch Umstaͤn- de genug mit ihnen? Allerliebste Fraͤulein! Lassen sie mich nur jetzo. Jch bin nur noch in meinen Lehrlings- Jahren. Jhr Grund muß Stein vor Stein gelegt werden. Sie werden in dem guten Werke, das sie bei mir foͤrdern wollen, den Fortgang hindern, wenn sie auf einmal mit ei- nem beladenen Wagen uͤber mich herfallen. Hilf GOtt! dachte ich, was fuͤr ein Mensch ist doch ein Freigeist! ‒ ‒ Was bin ich, die ich das, was ich gewagt habe, mit einem solchen Menschen gewagt habe! ‒ ‒ Welch ein grosses Werk habe ich vor mir, wenn ich ferner hof- fen darf, einen so wilden Jndianer zu be- kehren, als dieser ist! ‒ ‒ Ja, noch aͤrger als ein ein wilder Jndianer! Denn ein Mensch, der mit ofnen Augen und wider seine Ueberzeugung irret, ist um seiner Erkenntniß willen tausend- mal schlimmer, und weit schwerer wieder zuruͤck zu rufen, als wenn er ganz und gar unwissend gewesen waͤre. Jch aͤrgerte mich so sehr an ihm, als ich fuͤr ihn besorgt war, und da ich so wenige Steine (um sein Gleichniß zu behalten) gele- get hatte, die dazu noch so schlecht verbunden waren; so wuͤnschte ich eben so sehr, als der un- bedachtsame fluͤchtige Mensch, von andern Sa- chen zu reden, wie er es nannte; zu dem, da in meinen zweifelhaften Umstaͤnden andre Sa- chen mir naͤher am Herzen lagen. Jch fagte, ich setzte u. s. w. Th. III. S. 260. L. 10. zu den Wor- ten: bei ihnen aufhalten koͤnnen, setze folgende Note: Vielleicht ist es nicht noͤthig, den Leser zu erinnern, daß er vom Anfange dafuͤr gesorget hatte, (Siehe Th. I. S. 331. 332.) sie des Schutzes der Frau Howe ganz zu berauben. Man sehe in seinem naͤchsten Briefe die wie- derholte Erzaͤhlung seiner List, und die Freude uͤber seine Erfindung, wodurch er zwei so wach- same Frauenzimmer, als Fraͤulein Clarissa und Fraͤulein Howe waren, betrogen hatte. Th. III. Th. III. S. 272. L. 26. nach den Worten: muͤrrisch gegen mich zu seyn. Jch merke es gar leicht, daß meine Goͤttin ernsthafter, als zu andrer Zeit, ist, wenn sie von dem kleinen Brummbart einen Brief er- halten und gelesen hat. Aber da das artige Kind, selbst dann, mehr eine tiefe Traurigkeit zu leiden scheinet, als einen wuͤrklichen Unwil- len zeiget, so hoffe ich, daß sie vielmehr win- selt, als auf neue Anschlaͤge denket. Und wo- zu sollte sie auch endlich neue Anschlaͤge machen? Da ich ein Bekehrter geworden bin, und mich stuͤndlich in meiner Lebensart beßere? ‒ ‒ Doch dem ungeachtet muß ich auf eine oder andre Art hinter ihren Briefwechsel zu kommen su- chen. ‒ ‒ Nur um zu sehen, wie die Maͤdgen schreiben; Weiter zu nichts. Allein ich darf jetzo u. s. w. Th. III. S. 274. L. 7. nach den Worten: wenn ich wollte. Bei dem Theile des Briefes, wo die Fraͤu- lein erzaͤhlet, daß sie mit einer bitten- den Stellung ganz hoͤnisch gesagt haͤt- te: Entschuldigen sie mich, guter Herr Lovelace, daß ich so gern das Beste von meinem Vater denke Siehe oben S. 46. , macht er eine Beschrei- bung Zusaͤtze zur Cl. E bung von ihrer Mine, und Anstand, die sehr zu ihrem Vortheil ist, und sagt: Jch konnte mich hiebei kaum enthalten, sie zu umarmen, trotz einem Ungewitter, das ich zu befuͤrchten hatte. So viel Witz, so viel Schoͤnheit, solche lebhafte Manieren, so unge- meine Scharfsinnigkeit und Einsicht! O Bel- ford! Sie darf keinem Manne eigen werden, als mir. Nunmehr kan ich den Befehl des He- rodes erklaͤren, und rechtfertigen, daß man seine Mariamne ermorden sollte, wenn er von feiner Unterredung mit dem Caesar nicht le- bendig zuruͤck kaͤme. Denn sollte ich es mir nur als warscheinlich denken, daß irgend ein andrer Mann dies bezaubernde Maͤdgen besitzen wuͤr- de, und sollte es auch nach meinem Tode seyn, so wuͤrde mich der Gedanke allein schon reizen, ihm die Kehle abzuschneiden, und wenn er ein Koͤnig waͤre! Diese Fraͤulein mag mich einen wilden, einen ungestuͤmen Liebhaber schelten, ‒ ‒ und mag mich deswegen weniger leiden koͤnnen: Aber alle uͤbri- ge Fraͤulein, die ich angetroffen habe, mochten auch gern ein Ungewitter erregen, und sichs dann zu Nutze machen. Doch haben sie nie ein Ungewitter erregt, daß ichs mir nicht auch zu Nutze gemacht haͤtte! ‒ ‒ Der Himmel geleite uns nur einmal gluͤcklich nach London! Herr Lovelace macht von seiner heftigen Entzuͤckung, mit welcher er ihre Hand ergrif- ergriffen, und sie, nach ihrem Ausdru- cke Siehe oben S. 53. , mit einer recht wilden Art, in solches Schrecken gejagt hatte, fol- gende Beschreibung: Jch schwur, sie koͤnnte aus Finsterniß Licht und aus Licht Finsterniß machen. Sie koͤnnte mich von allem uͤberzeugen, wovon sie wollte. Jch waͤre nichts als Jrthum, und sie lauter Vollkommenheit. Jch ergrif ihre Hand, und that mehr, als sie kuͤßen, ich haͤtte sie verschlin- gen moͤgen. Es war, deucht mich, eine Art von Verruͤckung in meinem Betragen, die sie in ein solches Schrecken setzte: Vielleicht so wie das Schrecken der Semele, da der Donnerer in aller seiner Majestaͤt, mit zehn tausend himmli- schen Brenn-Spiegeln umgeben, uͤber sie kam, um sie zu Asche zu verbrennen. Haͤtte mich mein Herz nicht gewarnet, und haͤtte ich mich nicht, noch zu rechter Zeit, beson- nen, daß sie nicht so sehr in meiner Gewalt waͤ- re, sondern mich verlassen koͤnnte, wenn es ihr beliebte, da sie in dem Hause mehr Freunde hat- te, als ich: So wuͤrde ich mich den Augenblick wozu entschlossen haben, das die Sache auf ei- ne oder andre Art voͤllig entschieden haͤtte. ‒ ‒ Jch fuͤrchtete, daß ich in der Hitze meine Ab- sicht schon zu deutlich moͤchte verrathen haben, und gab daher der Sache eine andre Wen- E 2 dung. dung. ‒ ‒ Meine Goͤttin mochte wol wenig dar- an denken, auf was Weise sie oder ich dem ploͤtzlichen Sturm meiner Hitze entgehen koͤnn- ten, der mich warscheinlicher Weise (wie der Ausgang vielleicht haͤtte zeigen koͤnnen) in ihre Arme gewehet haben sollte. Sie waͤre, sagte ich, gebohren, mich gluͤcklich zu machen, und eine Seele zu retten. Er erzaͤhlet den uͤbrigen Theil seiner hefti- gen Rede fast ganz mit den Worten der Fraͤulein. Darauf faͤhret er fort: Jch sahe, daß sie erschrocken war, und sie haͤtte Ursache gehabt, es zu seyn, wenn die Sce- ne in London, und zwar das Haus in London gewesen waͤre, wo ich sie hinzubringen gedenke. Sie bestaͤtigte meine Furcht, daß ich sie zu sehr erschreckt haͤtte. Sie sagte, sie saͤhe nun wol, wie weit meine so sehr geruͤhmte Achtung gegen ihre Befehle gienge. Sie wollte schon, wie ich bald erfahren sollte, die gehoͤrigen Maasregeln darnach nehmen. Mein heftiges Wesen sei ihr abscheulich, und ich muͤßte, wenn ich die gering- ste Gewogenheit von ihr hofte, den Augenblick weggehen, und sie allein lassen, damit sie sich erholen koͤnnte. Sie sprach dieses auf eine Art, die deutlich zeigte, daß sie es darauf gesetzt hatte: Und da ich jetzt eben vergessen, die manierliche und hoͤfliche Person zu spielen, welche ich, meinen letzten Verpflichtungen nach, spielen sollte; so hielt ich einen geschwinden Gehorsam fuͤr die beste beste Versoͤhnung. Jn der That fand ich mich auch durch ihren Zorn und durch ihren Wider- stand so sehr geruͤhret, daß ich selbst Zeit brauch- te, mich zu besinnen. Und so gieng ich mit der Ehrerbietung weg, mit welcher ein Unter- than weggehet, der seinem Koͤnige eine Bitt- schrift uͤbergeben hat. Aber, o Belford! Haͤtte sie doch nur die geringste Geduld mit mir gehabt! ‒ ‒ Haͤtte sie mir nur Anlaß gegeben, zu denken, daß sie diese erste Hitze vergeben wuͤr- de! ‒ ‒ Gewiß, sie wird doch nicht immer so bewachet seyn? Jch warkeinen Augenblick allein gewesen, als es mich schon verdroß, daß ich mich meines neu angenommenen Charackters halb verlustig gemacht hatte. Du siehest, wie gewaltig schwer es einem ehrlichen Mann faͤllt, sich zu verstellen, nach dem Ausspruch des Dichters: Naturam expellas furca, tamen vsque recurret. Jch erinnerte mich, daß das, worauf sie ge- drungen hatte, wuͤrklich ein Theil ihres Wil- lens sei, so wie sie ihn, vor der Entweichung aus ihres Vaters Hause, ausdruͤcklich erklaͤret; gegen welchen ich, sie zu kraͤnken, bei einer an- dern Gelegenheit, eine unverbruͤchliche Achtung zu hegen vorgab. Und da ich mich ihrer Wor- te erinnerte, daß sie die gehoͤrigen Maas- regeln nehmen wuͤrde, entschloß ich mich, einen Arm oder Bein daran zu wagen, um al- les wieder ins feine zu bringen, ehe sie Zeit haͤt- E 3 te, te, uͤber die neuen Maasregeln mit sich eins zu werden. Wie sehr kamen doch die Briefe meiner Tan- te und Base zu rechter Zeit, um mein Vorha- ben zu befoͤrdern! Jch habe einmal uͤber das andere hineinge- schickt, und geflehet, daß sie mich vorlassen moͤchte. Aber sie will erst einen Brief schlies- sen, den sie an Fraͤulein Howe schreibt, ‒ ‒ ver- muthlich, ihr von dem, was eben vorgegan- gen ist, Nachricht zu geben. Verflucht sei ihr tyrannischer Eigensinn! Wie laͤßt sie mich nach einer demuͤthigen Auf- wartung seufzen, ob sie gleich schon mit ihrem Schreiben fertig ist! Wenn ein Fuͤrst vor mir auf den Knien laͤge, und fuͤr sie baͤte, so soll- te er mich nicht bewegen, sie zu verschonen. Moͤch- te ich sie nur erst nach London bringen koͤnnen! ‒ ‒ Verflucht! Bruder! Jch glaube, ich habe mir aus Unmuth durch die Lippen gebissen. ‒ ‒ Doch es kommt die Zeit, da die ihrigen es dafuͤr empfinden sollen! Herr Lovelace macht einen neuen Absatz, und erzaͤhlet, wie er vorgelassen sei, und was er fuͤr eine Unterredung mit ihr gehabt haͤtte. Weil diese Nachricht nur in der Schreibart von der unterschieden ist, welche die Fraͤulein in dem naͤch- sten sten Briefe davon giebt, so haben wir sie weggelassen. Er fuͤhret hierauf u. s. w. Th. III. S. 276. L. 18. nach den Worten: und sie heirathen sollen. Wiewol, wenn ich es von neuen uͤberlege, so wuͤrde weder die Gegenwart ihrer Norton, noch ihrer Tante, oder selbst ihre Mutter das liebe Kind gerettet haben, wenn ich ihren Fall beschlossen haͤtte. Wie ungluͤcklich ist u. s. w. Th. III. S. 282. am Ende, nach den Wor- ten: mit Jhnen sehnet. Sie sind wuͤrkich alle mit einander Jhre sehr grossen Bewunderer. Der Lord M. freuet sich so sehr uͤber Sie, und uͤber das Zu- trauen, wie er es nennet, das Sie in sei- nen Vetter gesetzet haben, daß er geschworen hat, er will ihn enterben, wenn er es nicht so belohnet, wie er sollte. Sie muͤssen sich in Acht nehmen, daß sie es nicht mit beiden Fa- milien verderben. Der Frau Norton ist, wie ich hoͤre, ver- boten, wo ihr anders an der Gewogenheit der andern Familie etwas gelegen waͤre, einen Briefwechsel mit Jhnen, oder mit mir zu un- terhalten. ‒ ‒ Die armen Geschoͤpfe! ‒ ‒ Wie wol es sind Jhre ‒ ‒ Doch es sind nicht Jhre E 4 Ver- Verwandten, keiner von ihnen, glaube ich. Waͤren Sie von einer andern Person gesaͤugt worden, so wuͤrde ich denken, man haͤtte Sie ausgetauscht. Jch muß von ihrer niedertraͤch- tigen Bosheit leiden. ‒ ‒ Nehmen Sie mirs also nicht uͤbel. Sie erhalten wuͤrklich den Mann bei seiner guten Auffuͤhrung mit mehr Herzhaftigkeit, als ich Jhnen zutrauete: Vornemlich, wenn ich Sie nach der Sanftmuth beurtheilte, deren Sie sich immer beflissen, und die in Jhren Gedanken dem weiblichen Herzen besonders ei- genthuͤmlich seyn soll; oder nach der Liebe, die Sie gewiß, Sie moͤgen denken, was Sie wollen, fuͤr ihn haben. Sie koͤnnen auf die- se Beschuldigung vielmehr stolz als ungehal- ten seyn, da Sie das einzige Frauenzimmer sind, das ich kenne, oder davon ich je gelesen oder gehoͤret, deren Liebe so sehr durch Klug- heit regieret wird. Doch die Gleichguͤltigkeit eines Ehemannes wird einmal an die Stelle der Hitze eines Liebhabers treten, und dann wird die Reihe an Sie kommen. Denn ich muͤßte mich sehr irren, wenn dieser Mann, der einzige unter denen, die ich kenne, und die kei- ne junge suͤsse Herren sind, welcher in sich selbst verliebt ist, nicht zu seiner Zeit vielmehr von Jhnen Ehrfurcht erwarten, als Sie Jhnen erweisen sollte. Jhre artigen Ehemaͤnner, mein Kind, ma- chen dem Herzen einer Frau oft genug Bekuͤm- merniß. merniß. Und ob Sie gleich wenigstens ein eben so schoͤnes Frauenzimmer sind, als er ei- ne schoͤne Mannsperson ist; so wird er doch sich selbst zu sehr gefallen; und glauben, er habe Jhnen fuͤr Jhre Geneigtheit weniger Verbindlichkeit, als Sie ihm fuͤr seine vorzuͤg- liche Wahl schuldig waͤren. Doch kein Mann auf der Welt, wenn ich Jhre schoͤne Person und Jhr noch vortreflicheres Gemuͤth zusammen nehme, ist Jhrer wuͤrdig. Sie muͤssen also zufrieden seyn, wenn das Kleinod nicht nach Wuͤrden bezahlet wird; und da es nicht an- ders geschehen kann, so heirathen Sie, wen Sie wollen. Vielleicht werden Sie denken, daß ich dergleichen Anmerkungen uͤber die Narcissen unter den Mannspersonen nach- haͤnge, um die Wahl meiner Mutter, die sie von Herr Hickmann fuͤr mich gemacht hat, bei mir selbst zu unterstuͤtzen. ‒ ‒ Jch weiß nicht, es kann so etwas daran seyn; wenigstens so viel, das diese Anmerkung veranlasset hat. Jch weiß gegen ihre Reise u. s. w. Th. III. S. 285. L. 18. nach den Worten: nichts davon zu wissen. Wir haben alle unsre Maͤngel. Wir sind oft uͤber den besondern Fehler solcher Leute betruͤbt gewesen, denen wir Ehrerbietung schuldig sind, und die uns doch so deutlich in die Augen fielen, daß wir haͤtten blind seyn muͤssen, um sie nicht warzunehmen. E 5 Jch Jch erinnere mich, was Sie einmal zu mir sagten, eine schoͤne Lehre! Laßen Sie uns, lieb- ste Freundin, (waren Jhre Worte) Lassen Sie uns, die wir von den Fehlern der Leute frei sind, welche wir tadeln, gegen andere und groͤssere Fehler auf unsrer Hut seyn, die uns selbst eigen seyn moͤgen. Dem ungeachtet muß ich Jhnen sagen, daß mich meine Mut- ter noch ganz kurzens durch einige Proben ih- res behutsamen Eigennutzes ein wenig gequaͤ- let hat. Jch will ihnen eine davon zum besten geben, ob ich es gleich anfangs verschweigen wollte. Sie wollte dreißig Guineen von mir leihen, bis sie sich eine Bank-Note auszahlen ließe. Jch sagte, ich koͤnnte ihr nur acht bis zehen vorstrecken. Acht bis zehen waͤren nicht genug; sie haͤtte gedacht, daß ich viel reicher waͤre. Jch haͤtte ihr sagen koͤnnen, daß ich zu klug waͤre, als daß ich ihr mein Capitaͤlgen entdecken sollte. Jetzt da ich mein Geld uͤber- zaͤhle, finde ich noch fuͤnf und neunzig Gui- neen, die alle von ganzen Herzen zu Jhren Diensten bereit sind. Jch glaube, Jhr Oncle Anton hatte ihr die weise Erfindung angegeben. Denn sie war gleich eine Stunde nachher, da er weggegan- gen war, gar nicht in Casse. Sollte es von ihm herkommen, so sehen Sie, man sucht Sie durch Geld-Mangel in Verlegenheit zu setzen; und ich wuͤnschte, daß sie es thaͤten, wenn es Sie reizen koͤnnte, Jhr Eigenthum den Weg Rech- Rechtens zu fordern. Denn, wenn man Sie noͤthigt, den Weg zu gehen, so wird solches die Nothwendigkeit rechtfertigen, daß Sie von ihnen gegangen sind. Da es uͤberdem fuͤr Jh- ren guten Namen nicht vortheilhaft ist, zu ge- stehen, daß man Sie gegen Jhre Absicht mit List weggebracht hat, so wird dies eine Ursache Jhrer Entweichung an die Hand geben, wo- von ich sehr guten Gebrauch machen wuͤrde. Sie sehen, daß ich hierin des Herrn Lovela- ce Rath billige. Jch kan Jhrer Antwort, die Sie ihm darauf gegeben haben, nicht die Ge- rechtigkeit wiederfahren lassen, die ihr vielleicht gebuͤhret. Siehe Th. III . S. 254. Sie muͤssen sich uͤber die Erfindungen dieses Mannes, wegen seiner ungemeinen Gaben, we- niger verwundern. Jn allem, worauf er sich nur geleget haͤtte, wuͤrde er es weit gebracht, und außerordentliche Dinge gethan haben. Man sagt, daß er rachgierig sei! Eine sehr boͤse Ei- genschaft! Jch glaube in der That, er hat mit dem Teufel alles gemein, außer den Kuhfuß! ‒ ‒ Dies bleibt also immer mein Rath: Ma- chen Sie nicht, daß er zu sehr wider Sie auf- gebracht wird. Aber nehmen Sie ihm seine Ketten, und lassen ihn los auf Jhrer Schwe- ster garstige Elisabeth, und Jhres Bruders Joseph Lemann. Das ist freilich eine nie- drige Rache: Aber ich weiß, an wen ich schrei- be, be, sonst wollte ich ihm eine vorschlagen, die viel erhabner waͤre. Das versichre ich Sie. Jhr naͤchster Brief wird u. s. w. Th. III. S. 304. L. 17. nach den Worten: als meine Mutter weiß. Sie sind in Sorgen, meine Mutter wird mich daruͤber zur Rede stellen, und da glauben Sie, daß ich die Warheit bekennen muͤßte. ‒ ‒ Aber so wenig ich auch eine Liebhaberin von Zweideutigkeiten bin, und so wenig Nachsicht Sie in diesem Stuͤck gegen Jhre Anne Howe haben, so muͤßte es schlimm seyn, gesetzt, daß man noch so hart in mich dringen wollte, wenn ich nicht etwas sollte zu sagen wissen, womit ich mich durchhelfen kann, ohne meine Liebe zur Warheit zu beleidigen. Was werden Sie mit u. s. w. Th. III. S. 324. setze folgenden Abschnitt am Ende des vierzigsten Briefes. Wegen des Geldes, das Sie mir so oft mit solcher Grosmuth anbieten, muß ich Jhnen noch einmal sagen, ‒ ‒ werden Sie nicht boͤse auf mich, mein Kind! ‒ ‒ wie sehr ich wuͤnsche, daß Sie im Stande bleiben, die reine Warheit, ohne Umschweife und Ausfluͤchte, zu gestehen, daß nemlich nichts dergleichen zwischen uns vor- gefallen ist. Jch weiß, wie scharf Jhre Frau Mutter fragen kann, wenn sie etwas heraus ha- ben will. Doch verspreche ich, wenn es die Noth Noth erfordert, so will ich keinem Menschen, als Jhnen, Verbindlichkeit haben. Th. III. S. 356. bis 365. statt der abge- kuͤrzten Briefe des Joseph Lemanns und des Herrn Lovelace. An Junker Robert Lovelace, seine Knaden. Suͤnnavend den 15. Abrill. Knediger Herr, Jch wullt hiedurch Jhrer Knaden ein bissel Nachricht erdeilen, von einer Sache, wozu ich mich habe mißen brauchen lassen, die ich kerne von mir abkelehnet hette, wenn es miglig ke- weßt waͤre. Jch habe bei einem jungen Men- schen, den sie erfahren haben, daß er fon mei- ner Kroße Mutter mit mir ferwant ist, der sich kar kirzlich hier in der Kaͤgend aufhelt, nach einen infamen Streich erkuͤndigen mißen, wie mein junger Herr es nennet, den Jhre Kna- den sullen kespielet haben. Kott bewahre, daß ich ich es so nennen sullte, ohne Jhre Knaden Erlaubnuß. Es kemmt einen so einfeltigen Kerl als ich bin, nicht zu, daß er fornaͤhme Leite tacksiret. Es betrifft eine kewisse Junfer Betterton, von Nottingam, das ein recht schenes Mensch keweßt ist. Jhre Knaden hetten sie durch einen falschen Prief in ihre Hende bekummen, den sie in ihrer Wase ihren Namen keschribben hetten, die sie saͤhr saͤhr liebte, als wenn sie auf der Reise were, sie zu besuchen, und were underwaͤges kranck wurden. Und so were die Junfer Better- ton in einer Schaͤse dahin kereiset, mit einem Maͤdgen, daß sie ihre Wase us dem Wirz-Hus abholen wullte, wo sie ihrer Meinung nach krank were, und das Maͤdgen waͤre uͤberlisti- get, und hette die Schaͤse widder zuruck bracht; aber von Junfer Betterton hette man in ei- nem Monat nichts keheret, wo sie were. Als ihre Freinde sie hernach uffgefunden hetten, und ihre Knaden verklagen wullten, da weren ih- re Knaden us dem Land kangen. Und so hette sie ein klenes Kind kekrigt, wenn mer so reden darff, eher daß ihre Knaden widder zu- ruck kamen. Und sie hette sich in ihrem Wu- chenbette verkeltet, und were unbaß wurden, und bald daruf kestorben. Und das Kind laͤ- bete noch, und ihre Knaden hetten sich nicht das keringste darum bekimmert. Und dies und derkleichen infame Streiche mehr hatte Juncker Solmes der knaͤdigen Froͤlen sagen wullen, wenn sie ihn hette vor sich kelassen, eher wir ihre ankeneme Kesellschaft verlohren haben, wenn ich so reden darf. Jch hoffe, ihre Knaden werden mirs nicht un- knedig nemen. Denn ich war kenetiget, alles herus zu sagen, was ich heerte, weil daß sie meinen Fetter bei sich hatten, und er kesagt hette, das er es mir alles hette erzehlen kedahn. So durfte ich kein spitz Mul machen, weil daß sie mich mich sonst fort kejagt hetten, ihre Knaden wer- den mirs nicht voribel nemen. Jhre Knaden haben mich an fiel karschtige Historien kehulfen, die ich meiner jungen Her- schaft erzelen that, kaͤgen Jhre Knaden, aber sie haben niemalen hierfon etwas beriret. Jch mus ihre Knaden demitig bitten, daß sie mit meiner lieben jungen Froͤlen manirlich und gut umgehen, und daß sie ihr drei verblai- ben, nun sie sie haben, oder ich wirde mir Laid antun, daß ich sulche Dinge gethan hette, und ihre Knaden kehulfen hette, sie zu krigen. Jch bitte saͤhr, lieber knediger Herr, sain sie pillig! ich bitte kar zu saͤhr! ‒ ‒ So wahr sie Kott hel- fen sull! Thun sie das! Jch kan kaͤgenwertig nicht mehr schreiben aus Furcht und Bekimmer- niß. ‒ ‒ Nun kumme ich widder zu main Schreiben. Jhre Knaden werden so kitig sayn, und mir Nachricht erdeilen, ob ihre Knaden Laͤben wegen der Affaͤhre in Kefaar ist; denn main Fetter ist exbreß Kemiedet, daß er sehen sull, ob er der Junfer Betterton ihre Freinde ufririsch machen kan. Denn ihre Knaden missen wissen, daß er lange in der Bettertonschen Fummilie keweßt ist, zu der Zeit, und daß man ihn zu ein Zai- gen brauchen kuͤnnt, und so was. Jch hoffe, daß es so kar schlimm nicht ist, als Titus sagt, daß es were. Denn er sagt, daß sie die Junfer zuerst kenodzichtiget hetten, wenn ihre Knaden nicht uͤbel nemen wullen. Und Und mein Fetter Titus ist ein aͤhrlicher junger Kerl, so kut als einer. Das ist sein Waͤsen, und deshalber habe ich ihn desto lieber fuͤr mai- nen Fetter erkleret, nachdaͤm ich ihn keschpro- chen hab. Wenn ihre Knaden Laͤben sullte in Kefaar kummen, so hoffe ich, daß sie nicht sullen ke- hangen werden, als wir kemenen Leite. Mer wird ihnen den Kopf herunter schlagen, und weiter nichts. Es wirde mir indessen saͤhr laid thun, wenn so ein Kopf, als ihre Knaden ihrer, sullte herunter keschlagen werden. Aber wenn es so wait kummen sullte, welches Kott verhite! so sain sie so kitig, und dencken an ihren dreien Joseph Lemann, eher daß ihnen der Kopf abgesprochen wird. Denn mer sagt, wenn das Urdel kesprochen ist, so wird der Kenig oder die Kerichte alles wecknaͤhmen. Jch habe kedacht, daß es das Beste were, ih- re Knaden dies zu berichten, und daß sie mir befaͤhlen, wenn ich ihre Knaden worunter die- nen, und Uncklick ferhiten kan, mit mainen Fetter Titus, wenn er widder fon Nottin- gam zuruͤck kuͤmmt, eher daß er sein Bericht abstattet. Jch habe ihm schon was hinters Ohr keste- cket. Denn was sull das, Fetter Titus, sagte ich zu ihn, daß wir Ehl ins Feier gies- sen und ein Schpecktackel machen, damit rei- che fornaͤhme Leite uneins werden, und sich die Helse brechen, und so derkleichen? Es Es ist kanz war, sagte der kleine Titus, und dies kiebet mir Hofnung von ihm, wenn ihre Knaden wullen, und mir ein bißel Anlai- tung kaͤben. Kott wais! ich bin saͤhr arm an Erfindung. Jch habe nur ain kut Kemiet, Un- klick zu ferhiten. Das ist mein Haubt-Ent- sweck, und ist es immer keweßt, so wahr Kott laͤ- bet! Jch hette sunst zu mainer Zeit mehr Un- klick anrichten kuͤnnen, als irgend ain andrer Bedienter. Jhre Knaden rihmen sonst dann und wann maine Erfindung. Ach! ihr Kna- den, was fuͤr Erfindungen kuͤnnen doch so ein- faͤltige Leite haben, als ich bin! ‒ ‒ Aber, wenn ihre Knaden mich mit ihrer artigen Erfindung auf die Spur helfen thun, so thue ich main Deil. Jn Warheit, ich wullte fon Haͤrzen kerne ihre Knaden Kitigkeit ferdienen, wenn es miglich were. Zwei Tage, mag ich wul sagen, ab und zu, hab ich an diesen langen Priff keschribben, und habe doch nicht alles kesagt, was ich sagen wul- te. Denn ich muß ihre Knaden noch zu wissen thun, daß ich den Cabidaͤn Singelton nicht leiden kan, wofon ich in mainen letzten beeden Prieffen keschribben. Er und mein junger Herr stecken immerzu die Koͤpfe zusammen. Jch fuͤrch- te saͤhr, daß sie was Beses im Schilde fuͤhren, zumal, weil daß main aelteste Froͤlen zuwailen mit im Konselje ist. Die letzte Wuche sagte mein junger Herr in mainer Kaͤgenwart: Mein Plut staiget mir Zusaͤtze zur Cl. F zu zu Kopfe, Cabdaͤn Singelton, das muß ich raͤchen. Und er kab ihre Knaden ain Aeh- rendittel, den so ein Mensch, als ich bin, nicht nachsagen darf. Cabidaͤn Singelton flisterte ihm ins Ohr, daß ich derbei were. Da sagte mein junger Herr: Vor den Joseph kuͤnnen sie alles sagen, denn ob er kleich aussicht, wie ein Kalbskopf, so hat er doch so ain kut Haͤrze, und so ain kuten Kopf, als alle Bedienten in der Weld haben sull- ten. Mein Kebissen rihrete sich derbei. Aber warum soll es sich rihren? Alles, was ich thue, keschicht, Unklick zu ferhiten, und weil ich sehe, daß ihre Knaden fiel mehr Kedult haben, als mein junger Herr, so trage ich auch kein Beden- ken, ihre Knaden alles zu hinderbringen. Jberdem habe ich so ain kroß Ferlangen, ih- re Knaden Kitigkeit zu ferdienen, daß ich nichts forbei lassen werde, ihnen zu melden, Unklick zu ferhiten. Dernaͤben haben ihre Knaden die Ki- te kehabt, waͤgen das Wirz-Hus in blauen Eber, wor ich so fiel kutes fon keheert habe! ‒ ‒ Jch fersichere, daß ich ihre Knaden Zeitlaͤbens dafuͤr werde obbelgat seyn. Aber der blaue Eber ist es doch noch nicht alle. Denn mit ihrer Knaden Ferkinstigung, die kleene artige Sau (Kott ferkaͤbe mir maine Suͤnde, daß ich bei einer so seriesen Sache spot- ten thue) dobet mir immer im Kopfe herum. Jch klaube, ich werde das Maͤdgen lieber haben, als es ihre Knaden kut finden, denn sie faͤngt an an, freindlicher und aufkereimter' zu werden, und wenn ich fon dem blauen Eber und fon so was rede, so hurcht sie, als wenn sie in den Bohnen kinge. Jch bitte, ihre Knaden nemen es so einem armen ainfeltigen Mann, als ich bin, nicht un- knedig, daß ich ein bißel schpaße. Wir keme- nen Leite haben so wul unsre Lust, mit ihrer Kna- den Erlaubniß, als rechtliche Leite, und wenn wir underweilen usgehunzet werden, so finden wir immer Leite, die wir widder ushunzen kuͤn- nen, und wenn das nicht ist, so kuͤnnen wir etwa ein Weib nehmen, und der den Puckel foll schel- ten. So sind wir doch auch uf eine oder andre Art Herren. Aber ich misbrauche ihre Knaden Kedult! ‒ ‒ Bediente werden ihre Freide zu Tag legen, und sullte es auch imbertinent seyn, wenn sie ufgemuntert werden. Haben sie die Kite, und befehlen sie, wie ich schon kebaͤten, wenn ich ihre Knaden oder mei- ner lieben jungen Froͤlen dienen kan. Kott kaͤ- be es! Denn ich bin ihrenthalber besurgt, da ich heere, was die Leite sprechen. Jhre Knaden werden ihr doch sicherlich kein Laid anthun, wie mancher sagen muͤchte. Doch ich waiß, ihre Knaden mißen einer so vuͤrdreflichen jungen Froͤ- len kut seyn. Was kuͤnnen sie dafuͤr? ‒ ‒ Mein Kebissen baißt mich hier ein bißel, daß mein al- ter knediger Herr und meine alte knedige Frau, und die beeden alten Junkers nicht halb so hart F 2 wirden wirden keweßt seyn, wenn ich ihnen nicht ei- nige Historjen erzehlt hette, die mir ihre Kna- den unter den Fus kekeben haben, mein junger Herr und meine Froͤlen hetten auch sagen ke- mucht, was sie wulten. Und das ist eben das Unklick. Sie kuͤnnen mit meiner lieben jungen Froͤlen nicht sprechen, und hinter die Affaͤhren kummen, weil ich uf ihre Knaden Befaͤhl habe sagen missen, daß ich das alles von ihrer Knaden Wilhelm fuͤr Keld erfahren hette, und daß das kain Mensch wissen mißte, sonst wirden ihre Knaden mich mit samt dem armen Teifel ermurden, und den, der das Keld herkaͤben hette, proschtituiren! ‒ ‒ Ach ih- re Knaden! Jch fuͤrchte, daß ich ein Spitzbub keweßt bin. Kott erbarm es! ich dachte es nicht. Aber wenn maine liebe junge Froͤlen zu Falle kommen sullte, und mit ihrer Knaden Ferkin- stigung aus dem blauen Eber nichts werden sullte. ‒ ‒ Doch Kott behite uns fuͤr allen besen Jbel! und fuͤr einem besen Ende! Das ist mai- ne Bitte! Denn ob kleich ihre Knaden so kitig keweßt sind, und mir den irdischen Dreck reich- lich kekaͤben haben, so sagt doch die hailige Schrift, wenn es ihre Knaden nicht unknaͤdig nemen wul- len: Was kan der Mensch kaͤben, damit er seine Seele errette! Doch hoffe ich kuͤnftig, noch einmal Buße zu thun, wenn ich jo aus Unwissenheit sindige, da ich noch jung bin. Jhre Knaden sind ein fornaͤhmer Herr, und haben kroßen Ferstand, und und ich bin ein armer nichtswirdiger Kerl, so kuͤnnen ihre Knaden alles uf sich nemen. Unterdessen bin ich doch ihre Knaden dreiester Knecht zu allen Diensten den 15. und 16. Abrill. Joseph Lemann. Antwort von Herrn Lovelace an Joseph Lemann. Montags den 17. Aprill. Ehrlicher Joseph, Jhr habet eine schlechtere Meinung von eu- rer Erfindung, als ihr haben solltet. Jch muß sie noch einmal ruͤhmen. Unter den einfaͤltigen Leuten kenne ich nicht viele, die einen so guten Kopf haben, als ihr. Wie oft hat eure Vor- sicht und Behutsamkeit meinen Wuͤnschen in sol- chen Faͤllen ein Genuͤge gethan, die ich nicht vorher sehen konnte, weil ich nicht wußte, wie meine Haupt-Ordres ablaufen wuͤrden, oder was sich etwa bei deren Ausfuͤhrung zutragen moͤchte! Jhr trauet euren eignen Geschicklich- keiten gar zu wenig, ehrlicher Joseph, das ist euer Fehler. Aber da dieser Fehler aus eurer natuͤrlichen Bescheidenheit herruͤhret; so seid ihr desfals mehr zu bedauren, als zu tadeln. Die Sache mit der Jungfer Betterton war ein Jugend-Streich. Jch mag meiner Erfin- F 3 dung dung gar zu gerne etwas zu thun geben. Jch versichre euch, Joseph, die Erfindung meiner Streiche hat mir allezeit mehr Vergnuͤgen ge- macht, als der Ausgang. Jch suche kein sinn- liches Vergnuͤgen, sondern nur meinen Ver- stand zu zeigen. ‒ ‒ Ein Maͤdgen ist so gut als das andre. ‒ ‒ Jhr verstehet mich, Joseph. ‒ ‒ Auf der Jagd macht uns ein Hase das mei- ste Vergnuͤgen, der die Hunde am weitesten her- umziehet. Ein Huhn, das auf dem Hofe herum- laͤuft, ist besser zu essen. Nun habt ihr mich gewiß eingenommen, Joseph. Jungfer Betterton war nur eines Kauf- manns Tochter. Die Familie war wuͤrklich reich geworden, und wollte also gerne geadelt seyn. Sie waren thoͤricht genug, zu erwarten, daß ich sie heirathen wuͤrde. Dazu habe ich dem Maͤdgen nie Hofnung gemacht. Sie hat es mir nahe gelegt. Sie nahm es uͤbel: Sie wollte vor sich leben, und ward von ihren Freunden eingeschraͤnket. Eine kleine unschul- dige List war noͤthig, sie fortzubringen. ‒ ‒ Aber es ist keine Nothzucht dabei vorgefallen, Joseph, ‒ ‒ wuͤrklich nicht. Sie liebte mich: Jch liebte sie. Da ich sie nach dem Wirths- hause brachte, habe ich sie in Warheit nicht ausgefraget. Es ist grausam, von einem be- scheidenen Frauenzimmer ihre Einwilligung zu verlangen. Daß heißt beiden Theilen die Sa- che schwer machen. Haͤtten ihre Verwandten sich nicht darein gemischet, so wuͤrde ich ihr, so so viel ich weiß, bis auf diesen Tag bestaͤndig treu geblieben seyn.. ‒ ‒ Denn alsdann haͤtte ich meinen Engel nicht kennen lernen. Jch bin nicht ihrentwegen aus dem Lande gegangen. Sie liebte mich zu sehr, als daß sie gegen mich eine Klage haͤtte anstellen wol- len. Sie wollte nicht einmal eine Schrift un- terzeichnen, die man aufgesezt hatte, um da- rauf eine Klage zu grunden. Die grausamen Geschoͤpfe wollten ihr daher nicht einmal eine Hebamme zu Huͤlfe geben, bis ihr Leben in Gefahr war, und das mag wol, wie ich glau- be, Schuld an ihrem Tode seyn! Jch habe um sie Trauer angeleget, ob ich gleich damals außer Landes war. Eine beson- dre Achtung, die ich allezeit den wuͤrdigen Maͤdgen erzeiget habe, die von mir schwanger waren, wenn sie im Kindbette starben! Jn meinen Liebeshaͤndlen bin ich immer sehr zaͤrtlich gewesen. Dies waren die Regeln, die ich mir selbst vorschrieb, als ich in die grosse Welt gieng: Die Mutter hinlaͤnglich zu ver- sorgen, wenn ihre Verwandten grausam waͤ- ren, und ich ihr keinen Mann verschaffen koͤnnte, der ihrer wuͤrdig sei: Gemeine Huren zu meiden; eine Art von Gerechtigkeit, die ich unschuldigen Maͤdgen so wol als mir selber schuldig war! Ein Maͤdgen vorher zu verhei- rathen, wenn es moͤglich waͤre, ehe ich ein neues zulegte: Dahin zu sehen, daß es ihr im Kindbette an nichts mangelte: Das Kind F 4 zu zu versorgen, wenn es am Leben bliebe, so wie es dem Stande der Mutter gemaͤß waͤre. Um die Mutter, wenn sie stuͤrbe, Trauer an- zulegen. Und das Versprechen war fuͤr die artigen Dinger ein grosser Trost, wenn sie ih- rer Niederkunft nahe kamen! Alle meine Vergehungen, alle mein Auf- wand ist mit und um der Maͤdgen willen ge- macht, So konnte ich mein Gewissen befrie- digen, indem ich so ehrlich mit ihnen verfuhr, und zugleich in meinen Ausgaben, behutsam seyn. Alle Mannspersonen lieben Maͤdgen. Brin- ge mir einen, wenn du kannst, Joseph, der in diesem Stuͤcke rechtschaffener zu Werke gien- ge, als ich. Kein Wunder also, daß mich die Maͤdgen so sehr lieben! Aber jetzt bin ich ein Mann von strenger Tugend. Jch bin bekehret, und das bin ich schon lange liebe Zeit gewesen; da ich den Entschluß gefaßt habe, zu heirathen, so bald ich das bewundernswuͤrdigste von allem Frauen- zimmer dahin bewegen kann, mich zu nehmen. Jch denke an keine andre, es waͤre mir unmoͤg- lich. Jch habe um ihrent willen manches huͤbsche Maͤdgen geschonet. Jn Warheit! Joseph! Darum koͤnnt ihr euer ehrliches Herz beruhigen. ‒ ‒ Jhr sehet, wie viel Muͤhe ich mir gebe, euch eure Grillen auszureden. Was Was aber die Jungfer Betterton anlangt, ‒ ‒ das war keine Nothzucht. Nothzuͤchtigen ist ein unnatuͤrliches Verbrechen, und seltner, als man denket, Joseph. ‒ ‒ Jch wuͤrde es muͤde werden, wenn man mich so weit treiben sollte. Es ist auch nie geschehen. Jungfer Betterton ward wider ihren eignen Willen von mir weggenommen. Und in diesem Falle begiengen ihre Verwandten, und nicht ich, die Nothzucht. Jch habe es so gekartet, daß ich den Kna- ben ohne der Tante Wissen, zweimal gesehen habe. Sie nimmt sich seiner an; sie liebet ihn, und wuͤrde ihn jetzt um alles in der Welt nicht missen. Der Junge ist ein feiner Junge, GOtt sei Dank! Kein Vater duͤrfte sich seiner schaͤmen. Es wird schon fuͤr ihn gesorget werden. Wenn das nicht waͤre, so wollte ich es thun. Es wird seiner Mutter Vermoͤgen bekommen. Sie fluchen dem Vater, die un- dankbaren Boͤsewichter! Und den Jungen ha- ben sie lieb! ‒ ‒ Kurz, bei allen den Dingen ist nichts infames an meiner Seite, aber wol an der Seite der Bettertons. Mache dir nur also keine Sorgen, Jo- seph, meines Kopfes, oder deines Halses willen, oder wegen des blauen Ebers, oder oder wegen deiner artigen Sau. ‒ ‒ Jch kann euren Spaß wol leiden. Spas- sen schickt sich fuͤr einen armen Mann besser, als Grillen fangen. ‒ ‒ Jch mag euch wol spassen F 5 hoͤren. hoͤren. Alles was wir sagen, alles wir thun, alles was wir wuͤnschen, ist ein Spaß. Wer das Leben nicht selbst zum Spaß machet, ist ein trauriger Bursche, und hat es desto schlimmer. Jch zweifle nicht, Joseph, daß ihr nicht so wol eure Lust gehabt habt, wie ihr sagt, als rechtliche Leute. Jch wuͤnsche, daß ihr immer mehr eure Lust haben moͤget, ehrlicher Joseph. ‒ ‒ Wer einem armen Manne seine Freude nicht goͤnnet, sollte billig selbst keine Freude haben. Spasset ihr also nur fort! Jch wiederhole es noch einmal: Spassen ist besser als Grillen fangen. Jch hatte nicht noͤthig, euch etwas von der Jungfer Betterton zu erzaͤhlen. Habe ich euch nicht ohne dem genug Historien gegen mich an die Hand gegeben, um euch bei euren verschlagnen Herren mehr Zutrauen zu erwer- ben? Es war mir uͤberdem verdrieslich, die Jungfer Betterton zu erwaͤhnen, da ihre Verwandten alle lebten, und im Ansehen stun- den. Zudem liebte ich sie, denn sie ward durch ihre grausamen Verwandten von mir genommen, da unsre Freude kaum angegan- gen war. Doch genug von der werthen Jungfer Betterton. Werth, sage ich, denn der Tod macht uns eine Person recht werth! GOtt gebe ihr eine sanfte Ruhe in der Erde! ‒ ‒ Hier, Joseph, gieng ein tiefer Seufzer nach meiner guten Jungfer Betterton hin! Was Was die Reise des kleinen Titus betrift, (ich erinnere mich jetzo des Kerls bei seinem Namen) laßt das seinen Gang gehen. Ein Frauenzimmer, das vor achtzehen Monaten im Kindbette gestorben ist, da man bei ihrem Le- ben keine Klage angestellet hat, die in ihrem Leben kein Zeugniß gegen mich ablegen wollte, ‒ ‒ das sind schoͤne Umstaͤnde, mich wegen ei- ner Nothzucht zu belangen! Wegen eurer jungen Fraͤulein, der ewig anbetungswuͤrdigen Fraͤulein Clarissa Har- lowe, muß ich euch sagen, ich habe ihr alle- zeit als meiner kuͤnftigen Frau aufgewartet. Andre erwarteten mehr, daß ich sie heirathen sollte, von der Eitelkeit ihrer eignen Herzen, als von meinen Versprechungen. Denn ich habe allezeit dahin gesehen, mein Versprechen zu erfuͤllen. Jhr wisset, Joseph, daß ich an euch mehr gethan habe, als ich versprochen hatte. Und so mache ichs mit allen Leuten. Warum? Das ist der beste Weg zu zeigen, daß ich kein Pinsel oder Knicker bin. Ein Ver- sprechen ist eine Verpflichtung. Ein ehrli- cher Mann haͤlt sein Wort, aber ein großmuͤthiger Mann thut noch mehr, als er verspricht. Das ist meine Regel. Jhr zweifelt, ob ich es mit eurer jungen Fraͤulein ehrlich meine? Das ist mehr, als sie selber thut. Wenn sie das daͤchte, so wuͤrde sie nicht eine Stunde bei mir bleiben. Jch ha- be das bestaͤndigste Herz von der Welt. Hast du du nicht Ursache, das zu glauben? Warum thust du denn so albern, ehrlicher Joseph? Doch das kommt daher, weil du ehrlich bist, und so vergebe ichs dir. Wer meine goͤttliche Clarissa liebet, der liebet mich auch. Der Junker Harlowe mag mir fuͤr Ehren- Titul geben, welche er will. Seiner Schwe- ster wegen will ichs ertragen. Sei nur fuͤr mich nicht bange. Jhre Gunst wird mir das reichlich ersetzen. Sein eignes niedertraͤchtiges boshaftes Herz wird ihm das Blut zu aller Zeit zu Kopfe treiben. Und wenn das ge- schiehet, glaubst du, daß ich mir daruͤber ein Gewissen machen werde? ‒ ‒ Und wenn ich mir kein Gewissen daruͤber mache, warum willst du es denn thun? Ach! Joseph! Joseph! Was fuͤr ein wunderlicher beschwerlicher Gast ist dein Gewissen! Solch ein Gewissen, das ei- nen ehrlichen Menschen beunruhiget, wenn er aus der besten Absicht handelt, das ist Schwachheit, und kein Gewissen. Sage nur, was du willst, und schreibe mir alles, was du weißt und hoͤrest. Jch will mit allen Leuten Geduld haben. Warum sollte ich auch nicht, da es mir so sehr, als dir, an Her- zen liegt, Ungluͤck zu verhuͤten? Nunmehro, Joseph, da ich mir alle die- se Muͤhe gegeben habe, dein Gewissen zu be- ruhigen, deine Zweifel zu beantworten, und alle deine Furcht zu verbannen, will ich auf einen neuen Punkt kommen. Eure Eure und meine Bemuͤhungen, die wir uͤ- bernommen haben, da wir so um den Brei herum gegangen sind, um alles, selbst gegen Willen der hartnaͤckigsten, ins Feine zu brin- gen, haben den Endzweck nicht erreichet, den wir beide hofften, wie wir sehen, sondern ha- ben vielmehr die ungluͤcklichen Zwistigkeiten zwi- schen unsern Familien nur vermehret. Allein das ist weder eure noch meine Schuld. Das haben wir dem pechschwarzen Blute eures gif- tigen jungen Herrn zu danken, welches ihm, wie er sagt, zu Kopfe steigt, daß unsre rechtschafnen Allsichten bisher fruchtlos abge- laufen sind. Doch wir muͤssen auf demselben Wege fort- gehen. Wir werden sie endlich ermuͤden, und sie werden uns Bedingungen vorschlagen: Und wenn sie das thun, so sollen sie sehen, wie bil- lig weine Borschlaͤge sind, so wenig sie es auch von mir verdienen. Fahre also fort, Joseph, ehrlicher Jo- seph, fahre fort. So unschicklich dir auch die Mittel vorkommen, so werden wir doch zu- letzt unsern Endzweck erreichen. Wir koͤnnen jetzo weiter nichts dazu thun, als daß wir unser Werk auf dem Wege durch- setzen, den wir betreten haben. Denn da mei- ne Geliebte, wie ich euch in meinem letzten Briefe sagte, euch nicht trauet, so wird sie euch fortiagen, wenn sie nicht die meinige wird. Wird sie es aber, so kann und will ich euch beschuͤ- beschuͤtzen. Wenn sie dann ja euch in ihren Gedanken noch fuͤr schuldig haͤlt, so muß sie euch doch, weil es vielmehr meine als eure Schuld ist, vergeben; und um ihres guten Namens willen ihres Mannes Geheimnisse ver- borgen halten: Sonst wuͤrde sie sich gewaltig wider ihre Pflicht vergehen. Nun wolan, Joseph, ihr habet einmal die Hand an den Pflug geleget, ihr muͤsset sie nicht wieder ab- ziehen. Und was folget aus diesem allen? Noch ei- ne Arbeit, das wird alles seyn, was euch noch anheim faͤllet, wenigstens, die etwas zu bedeu- ten haͤtte. Meine Geliebte ist entschlossen, gar nicht an das Heirathen zu gedenken, bis sie versucht hat, ob sie ihre Freunde zu einer Aussoͤhnung bewe- gen kann. Jhr wisset, sie sind schon des festen Entschlusses, sich nimmer zu versoͤhnen. Sie hat sichs in den Kopf gesetzet, wie ich nicht zweif- le, daß ich mich den Leuten unterwerfen soll, die ich hasse, und thaͤte ich das, so wuͤrden sie mich mehr beschimpfen, als meine Herablassung an- nehmen, wie sie sollten. Ja sie gestehet, daß sie mir entsagen will, wenn ihre Verwandten darauf bestehen; wenn sie nur den Solmes aufgeben wollen. So bin ich, aller Warschein- lichkeit nach, so weit als je von der Gluͤckseelig- keit entfernet, sie die meinige zu nennen. Jn der That, es ist jetzt mehr, als jemals, war- scheinlich, daß ich sie verliere, wenn ich nicht etwas etwas ausdenke, mir die gegenwaͤrtigen criti- schen Umstaͤnde zu Nutze zu machen; und dann, Joseph, wird alles, was ich ausgedacht, und ihr ins Werk gerichtet habet, nichts heissen. An dem Orte, wo wir jetzo sind, koͤnnen wir nicht lange verborgen bleiben. Die Wohnung ist fuͤr uns unbequem, so lange wir beide bei einander sind, und sie es abschlaͤgt, mich zu hei- rathen. Sie moͤchte gerne, daß ich mich von ihr entfernete. Zu London sind Wohnungen, die in meinen Augen ausserordentlich bequem sind, wo wir nicht ausgekundschaftet, und al- les Ungluͤck verhuͤtet werden koͤnnte. Sind wir dort, wo ich sie noch dahin bringe, so wird sie darauf bestehen, daß ich sie verlassen soll. Die Fraͤulein Howe giebt ihr immer neue Anschlaͤ- ge ein. Dieß ist die Ursache, wie ihr wisset, warum ich genoͤthiget war, durch eure Vermit- telung die Familie zu Harloweburg gegen die Frau Howe, und die Frau Howe gegen ihre Tochter aufzuwiegeln. ‒ ‒ Ach Joseph! ‒ ‒ Wie wenig habt ihr noͤthig, fuͤr meinen Engel besorgt zu seyn. Jch allein bin in Gefahr. ‒ ‒ Aber waͤre ich wuͤrklich der Mensch von einer freien Lebensart, wie man mich ausschreiet, so koͤnnte ich uͤber das alles auf den Zaͤhen weg- gehen, wie man im Spruͤchworte redet. Doch ihr habt mir durch eine von euren Nach- richten auf die Spruͤnge geholfen, daß ich ein Mittel ausgedacht, welches der ganzen Sache abhelfen, und euren Ruhm, der schon so hoch gestie- gestiegen ist, noch mehr erhoͤhen wird. Der Singleton, hoͤre ich, ist ein Kerl, der große Unternehmungen liebt. Seine Absicht ist, den Junker Jacob Harlowe zu bewegen, daß er hauptsaͤchlich auf seine Kosten ein Schif ausruͤ- sten moͤchte, welches er gern commandiren woll- te. Das wird wol der Vorwurf ihrer gegen- waͤrtigen geheimen Unterredungen seyn. Den Schluß dieses Briefes Siehe Th. III. S. 362. L. 12. von den Wor- ten: weil Singleton an, bis Sei- te 365. zu Ende. Th. III. S. 379. L. 18. nach den Worten: deine Frau zu werden. Hat sie es nicht gezeiget, daß selbst die hoͤch- sten Beleidigungen nicht hinlaͤnglich waͤren, sie von ihrer Schuldigkeit gegen ihre Aeltern abzu- bringen? Eine Schuldigkeit, die uns gleichsam angebohren ist, und zu welcher wir daher mehr ohne unsre Einwilligung verpflichtet sind! Und ist dies nicht ein vortreflicher Buͤrge, daß sie ei- ne noch hoͤhere Schuldigkeit heilig erfuͤllen wird, in welche sie sich, durch feierliche Geluͤbde, und voͤllig freiwillig, einzulassen gedenket, wenn sie sich ja hineinlaͤßt. Sie liebet dich ganz gewiß u. s. w. Th. III. S. 404. L. 18. nach den Worten: schaͤumet solche Fluͤche aus, lies statt statt des naͤchstfolgenden bis L. 29. an die Worte: sich dergestalt entruͤsten. Wenn Sie diesen Fluch gehoͤrig betrachten, so muß und wird eine Person von ihrer Froͤm- migkeit mit Jhrem unbedachtsamen Vater eher Mitleiden haben, und fuͤr ihn beten, als sich selbst daruͤber bange machen. Niemand als GOtt kann fluchen. Aeltern, oder andre, wer sie auch sind, koͤnnen ihn nur bitten, daß er flu- chen moͤge; und solche Gebete koͤnnen bei einem gerechten und hoͤchst vollkommnen Wesen keine Erhoͤrung finden, welche die Unbilligkeit ein- giebt, und die einen grausamen Endzweck haben. Hat uns nicht GOtt geboten, zu seegnen und nicht zu fluchen? Bitten Sie also fuͤr Jhren Vater, daß ihn der Fluch nicht treffen moͤge, den er Jhnen angekuͤndiget hat. Denn er hat, wie Sie sehen, ein warhaftig goͤttliches Gebot uͤbertreten, und Sie werden dadurch, daß sie das Gebot ausuͤben, welches uns befiehlet, fuͤr die zu bitten, die uns verfolgen und fluchen, den Fluch in einen Seegen verwandeln. Meine Mutter selbst ist u. s. w. Th. III. S. 422. statt des Abschnitts der sich anhebt: Jch will das nicht wie- derholen. Sie nehmen, sagt sie, mein Kind, Jhre ge- woͤhnliche und allezeit aufgeweckte Schreibart an, da Sie Jhr Urtheil uͤber die beiden Herren Zusaͤtze zur Cl. G faͤllen, faͤllen, wie unschicklich sie nemlich in Jhren Au- gen gewaͤhlet haͤtten, Herr Hickmann, daß er sich an Sie gemacht, und Herr Lovelace, daß er mich ausgesucht hat. Allein ich habe große Lust zu glauben, so sehr zwei sanfte Gemuͤther in Absicht auf die Gluͤckseeligkeit beider Perso- nen uͤbereinkommen, so werden es zwei heftige Gemuͤther leicht verderben, wenn sie beide zu gleicher Zeit heftig sind, und nicht nachgeben. Sie beiden wuͤrden zwar ziemlich miteinander fertig werden. Aber doch scheinet Herr Hick- mann mit seinem hoͤflichen Wesen fuͤr Sie ge- macht zu seyn, wenn Sie es nicht zu arg mit ihm treiben. Thun Sie das, so waͤre es bei ihm eine Zaghaftigkeit, es zu ertragen, die einen Mann veraͤchtlicher machen wuͤrde, als es Herr Hickmann jemals zu werden verdienen kann. Auch einem braven Mann ist es nicht unanstaͤndig, vorher sehr demuͤthig und gehor- sam zu seyn, da er weiß, was ihm ein Frauen- zimmer nachher geloben muß. Halten Sie es denn fuͤr des Herrn Lovela- ce Charackter fuͤr eine Ehre, daß er beleidigend und heftig seyn kann? Unterwirft er sich nicht, wie alle solche Gemuͤther thun muͤssen, der Noth- wendigkeit, seine Ausschweifungen durch demuͤ- thige Abbitten wieder gut zu machen, die ein stolzes Herz mehr demuͤthigen, als die Herab- lassung, welche hitzige Gemuͤther einem solchen Mann, wie Herr Hickmann ist, nur gar zu gern zu einer Schwachheit auslegen? Jch Jch muß Jhnen sagen, mein Schatz, Herr Hickmann ist ein Mann, der von einem Frau- enzimmer lieber eine Beleidigung hinnimmt, als daß er sie beleidiget. Jch getraue mich, zu be- haupten, er wird lieber sehen, daß sie eine Ge- legenheit hat, ihn um Vergebung zu bitten, als daß er sie darum bitten sollte. Wiewol, Sie haben Jhre erste Liebe uͤberlebet! Und waͤ- re der zweite Liebhaber ein Engel gewesen, so haͤtten Sie ihn doch nur mit Gleichguͤltigkeit angesehen. Die Ursachen, um welcher u. s. w. Th. III. S. 423. L. 11. nach den Worten: zum zweiten mal anbringen. Jch sehe mit großer Bekuͤmmerniß, daß Jh- re Frau Mutter unserm Briefwechsel unbeweg- lich entgegen ist. Was soll ich dabei machen? ‒ ‒ Es ist mir zuwider, ihn fortzusetzen, oder zu wuͤnschen, daß Sie die Gutheit haben, und mir antworten. ‒ ‒ Doch habe ich meine Sachen so angefangen, daß ich, ausser Sie, keinen Freund habe, mit dem ich etwas uͤberlegen kann. Es waͤre, zu dem Wunsche, mit diesem Manne ver- heirathet zu seyn, so verkehrt er auch ist, schon genug, daß er wuͤrdige Verwandtinnen hat, un- ter denen ich einige Freundinnen zu finden hoffe. Und wenn ich einige habe, so koͤnnte ich viel- leicht mehrere bekommen. ‒ ‒ Denn wie man von dem Gelde sagt, daß es Geld macht, so vermehret der Umgang mit Leuten von gutem G 2 Cha- Charackter die Zahl unsrer Freunde. Hingegen wer nichts hat, der bekommt auch nichts. ‒ ‒ Mein Herz spricht dagegen, daß ich Sie bitten soll, Jhren Briefwechsel mit mir aufzuheben; ‒ ‒ und doch leidet es mein Gewissen nicht, ihn ge- gen das Verbot Jhrer Frau Mutter fortzusetzen. Doch ich darf nicht alle Gruͤnde dagegen anfuͤh- ren, die ich sagen koͤnnte, ‒ ‒ und warum? Aus Furcht, Sie zu uͤberzeugen; und so wuͤrden Sie mich, gleich meinen uͤbrigen Freunden ver- lassen. Jch stelle es also Jhnen anheim, dies auszumachen. ‒ ‒ Mir muß man das nicht auf- geben, das merke ich. Aber lassen Sie alle Schuld, und alle Straffe mein seyn, wenn es strafwuͤrdig ist! ‒ ‒ Und das muß es gewiß seyn, wenn es solche gar zu hitzige Ausspruͤche veranlassen kann, als die sind, womit Sie den Brief beschliessen, den ich vor mir habe, und woruͤber ich Sie kuͤnftig nicht weiter auskeifen darf, weil Sie es verbeten haben. Auf den zweiten Brief u. s. w. Th. III. S. 430. L. 26. nach den Wor- ten: ob du recht hast. Noch eine Regel, wenn du willst. ‒ ‒ Daß du niemals gegen die Staͤrke, die eine tugend- hafte Erziehung uͤber das Gemuͤth eines Frauen- zimmers haben sollte, etwas einwendest, und dich bemuͤhest, die Schwachheiten der Maͤdgen mit unsern Schwachheiten zu entschuldigen! Denn sind wir nicht einer des andern Teufel? Sie Sie versuchen uns, und wir verfuchen sie. Weil wir Maͤnner der Versuchung nicht widerstehen koͤnnen, ist das eine Ursache, daß es die Maͤd- gen nicht thun duͤrfen, da ihre ganze Erziehung nichts anders ist, als Lehre und Warnung ge- gen unsre Angriffe? Geben ihnen ihre Groß- muͤtter nicht eine leichte Lehre? Die Maͤnner muͤßen fordern ‒ ‒ und die Maͤdgen muͤs- sen versagen. Jch komme wieder auf den u. s. w. Th. III. S. 439. L. 14. nach den Worten: kein geschriebenes lesen kann. Du hast Recht, es wuͤrde ein Wunder seyn, wenn diese Fraͤulein sich retten kann. ‒ ‒ Und da ich so weit gegangen bin, wie kann ich zu- ruͤck gehen? Wo sollte denn meine Rache an den Harlowes bleiben! ‒ ‒ Mit ihrer Toch- ter weggelaufen zu seyn, um sie zur Frau Lo- velace zu machen! Sie in eine Familie zu brin- gen, die uͤber die ihrige so weit erhaben ist! Was fuͤr ein Triumph (wie ich schon angemerket) wuͤrde das fuͤr sie seyn! ‒ ‒ Aber mit ihr weg- zulaufen, und sie in einer andern Gestalt auf meinen Heerd zu bekommen: Wie wird das ih- ren Stolz demuͤthigen! Wie wird es den mei- nigen befriedigen! Dann sind diese Weibsbilder immer an mir heraus. Diese Maͤdgen, die mich sonst, ehe meine ganze Seele und alle Sinnen in der Lie- be dieser einzigen Goͤttin versenket waren, al- G 3 lezeit lezeit mit den Blumen und den ersten Fruͤch- ten ihres Gartens zu beschenken pflegten! Jn Warheit, in Warheit, meine Goͤttin sollte in London dies Haus der Witwe nicht gewaͤh- let haben! ‒ ‒ Doch kann ich sagen, wenn ich es gewaͤhlet haͤtte, so haͤtte sie sich dagegen ge- setzet. Wenn Leute so gern widersprechen, so muͤssen sie dafuͤr buͤssen. Und durch die Fol- gen unsrer eignen Wahl gestraffet werden, was steckt darin nicht fuͤr eine Moral! Wie viel Gutes kann ich nicht durch ein kleines Uebel stiften! Dorcas ist ein angenehmes u. s. w. Th. III. S. 468. gegen das Ende, nach den Worten: Freundschaft einzulassen, lies statt der drei folgenden Zeilen des Abschnitts: Er drang noch weiter darauf, daß ich mein Urtheil daruͤber faͤllen sollte. Jch koͤnnte nicht sagen, daß mir eine von dem jungen Frauenzimmer sonderlich gefiele, so wenig als ihre Tante, und wenn auch mei- ne Umstaͤnde noch so gluͤcklich waͤren, so wuͤr- den sie mir doch zu lustig seyn. Es wunderte ihn nicht, sagte er, dies von mir zu hoͤren. Er kennete kein einziges Frauen- zimmer, die gewohnt waͤre, an den Lustbarkei- ten der Stadt Theil zu nehmen, die mir nur ertraͤglich scheinen koͤnnte. Schweigen und Erroͤthen, gnaͤdige Fraͤulein, sind bei unsern feinen feinen Stadt-Damen keine Annehmlichkeiten mehr. Sie erscheinen so oft oͤffentlich, und sind so abgehaͤrtet, daß sie sich eben so sehr schaͤ- men wuͤrden, wenn man sie dieser Schwach- heiten beschuldigen koͤnnte, als die Mannsper- sonen. Vertheidigen sie diese zwei Frauenzimmer durch die Anmerkungen uͤber die Haͤlfte ihres Geschlechts? Doch Herr Lovelace, sie muͤs- sen mein Verlangen unterstuͤtzen, das ich habe, (so ungern ich auch mag, daß man mich fuͤr eigen halten soll) allein zu fruͤhstuͤcken, und A- bends zu speisen, wenn ich ja speisen werde. Er sagte, wenn ich es u. s. w Th. III. S. 471. L. 7. nach den Worten: kein Unmensch ist. Wiewol, wie konnte eine Person, die ge- gen sich selbst unhoͤflich war, und einem Mann Gelegenheit gab, mit ihm wegzulaufen, von eben diesem Mann einen hohen Grad von hoͤfli- cher Begegnung erwarten? Aber warum, werden meine liebste Freun- din Jhre Clarissa fragen, warum denn eben jetzt solche traurige Betrachtungen, da sich an- genehmere Aussichten zu oͤfnen scheinen? Warum? meine liebste Freundin? Koͤnnen Sie darum noch ein Maͤdgen fragen, das in den Augen der Welt, unter die thoͤrichten und unbedachtsamen gerechnet wird; das unter dem Fluche eines Vaters liegt, und mit den grau- G 4 samen samen Ungewisheiten zu kaͤmpfen hat, die na- tuͤrlicher Weise aus den Gedanken entstehen muͤssen, daß es sich selbst gegen ihre Pflicht und Einsichten in die Gewalt eines Mannes begeben hat, der ein Boͤsewicht ist? Muß nicht die Empfindung ihrer Unbedachtsamkeit, ihre hofnungsvollesten Aussichten verdunkeln? Muß die nicht alsdann am staͤrksten auf ein nach- denkendes Gemuͤth wuͤrken, wenn ihre Hof- nungen die schoͤnsten sind? Selbst ihre Ver- gnuͤgungen, wenn ja der Mann besser werden sollte, als sie hoffet, verlieren ungemein: So wie bei Menschen, welche bei dem Besitz uͤbel erworbener Guͤter, es alsdann auf die empfind- lichste Weise erfahren muͤssen, (wo anders thr Gewissen einer Ueberlegung faͤhig, und nicht ganz unempfindlich geworden ist) wenn sie nach der Erfuͤllung aller ihrer Wuͤnsche (doch ich glaube nicht, daß alle Wuͤnsche sol- cher Leute erfuͤllet werden koͤnnen) sich hinsetzen, in der Hofnung, ihr unrecht erworbenes Gut zu geniessen; und dann finden, daß ihre eignen Betrachtungen, ihnen zur groͤssesten Marter werden. Jch wuͤnsche daß Sie nie u. s. w. Th. III. S. 474. am Ende, nach den Wor- ten: selbst gar nicht maͤchtig. „Was meinest du? ‒ ‒ Der kleine Teufel, „die Sally sagte, es waͤre ihr nicht moͤglich, zu „leben, wenn ich auf sie zuͤrnete, und wollte „in „in Ohnmacht fallen. Aber, da ich sahe, daß „fie Anstalten dazu machte, gieng ich aus der „Stube, und da hielt sie es nicht mehr der „Muͤhe werth. Er erzaͤhlet hierauf auf seine Art, was seine Absicht gewesen waͤre, da er der Fraͤulein versprochen, sich von ihr zu entfernen: Was das betrift, daß ich sie verlassen soll, so habe ich mein Versprechen gehalten, wenn ich nur eine Nacht weggehe. Wenn sie das aber nicht denket, so kann ich brummen und poltern, und mich wieder besaͤnftigen lassen, und mir ein Verdienst daraus machen; und dann, weil es mir unmoͤglich waͤre, ohne ih- re Gesellschaft zu leben, bald wieder zuruͤck kommen. Jm Grunde sind auch die Maͤdgen niemals ungehalten, wenn man ihnen aus ei- ner uͤbermaͤßigen Liebe nicht gehorchet. Sie lieben eine Leidenschaft, die sich nicht regieren laͤßt. Sie moͤgen es wol haben, daß man ih- nen jede Gunst mit Gewalt raubet, und daß sie von einem gierigen Liebhaber ganz aufge- gessen und getrunken werden. Kenne ich die Maͤdgen nicht? ‒ ‒ Doch noch nicht ganz, we- nigstens meine Clarissa nicht! Aber dem sei, wie ihm wolle, meine oͤftern Anfaͤlle, die ich auf sie thue, werden mich in ihren Augen al- lezeit neu machen, und uns beiden etwas zu thun geben. Wenigstens darf ich sie gewiß kuͤssen, wenn ich weggehe, und wiederkomme. G 5 Und Und werden nicht diese gelegentlichen Freihei- ten, welche die Hoͤflichkeit enschuldiget, meine Schoͤne immer mehr dazu gewoͤhnen? Aber, Bruder, was fange ich mit meinem Oncle, und Tanten, und Basen an? Denn ich hoͤre, daß sie mehr eilen, mich zu verheirathen, als ich selbst. Th. III. S. 481. statt des Abschnitts, der sich anhebt: Herr Lovelace meldet, und des folgenden, bis an die Worte: Sieges-Lied anstimmen. Herr Lovelace giebt in seinem naͤch- sten Briefe Nachricht von seiner geschwinden Wiederkunft; wie er solche gegen die Fraͤulein entschul- diget; wie sie ihr Misfallen be- zeiget, und darauf gedrungen haͤt- te, daß er sich entfernen sollte, da sie wegen der Lage des Hauses si- cher genug waͤre, wenn sie nicht durch seine haͤufigen Besuche auf- gefunden wuͤrde. Jch ward gewaltig verwirrt dabei, sagt er, vornemlich wie sie darauf bestand, ich solte ein Anerbieten, das ich gar zu hurtig that, nemlich nach Berks zu gehen, und meine Base Char- lotte Montague herzubringen, die bei ihr blie- be, sogleich ins Werk setzen. Jch machte jaͤm- merliche Ausfluͤchte, und da ich fuͤrchtete, daß man sie gewaltig ahnden wuͤrde, weil sie anfieng, daruͤ- daruͤber boͤse zu werden, daß ich sagte, Char- lotte Montagne waͤre ein wenig eigen; (denn das verstand sie gewaltig unrecht) so sahe ich mich genoͤthiget, mich hinter die feierlichsten und ausdruͤcklichsten Erklaͤrungen zu verstecken. Er wiederholet diese Erklaͤrungen, auf eben die Art, wie sie es erzaͤhlet hatte. Als ich anfieng, sagt er, meine Erklaͤrun- gen zu machen, nahm ich mir vor, meine ruhm- wuͤrdige Lebensart bestaͤndig in den Augen zu behalten. Aber es gieng mir, wie jenem Red- ner im Unterhause, von dem man erzaͤhlet, daß er mehr als einmal in einer langen Rede, sich selbst, so wie er fortfuhr, uͤberzeuget, und ge- gen die Seite gestimmet habe, fuͤr welche er zu reden angefangen hatte: Jch sprach auch in dem Fortgang meiner Rede mit ganzem Ernst, oh- ne alle Einschraͤnkung, fuͤr den Ehestand, so we- nig ich auch an diesen Stand dachte, den ich ihr mit so vieler Staͤrke und Deutlichkeit anpries. Er freuet sich uͤber den Aufschub, den sein Vorschlag, ein Haus zu mie- then, und einzurichten, machen muͤßte. Er wanket in seiner Entschliessung, ob er bei einem so erhabnen Verdienst ehrlich verfahren wollte, oder nicht. Er ist sehr mit sich selbst zufrieden, wegen seiner eignen Zaͤrtlichkeit, da da er seinen Unwillen gegen ihre Verwandten ausgedruͤckt hatte, weil sie sich etwas eingebildet; ei- ne Sache, die, wie er vorgiebt, seine ganze Seele wider sie aufge- bracht haͤtte, daß sie sich derglei- chen zu denken unterstanden. Aber habe ich nicht Ursache, sagt er, boͤse zu seyn, daß sie diese meine Zaͤrtlichkeit nicht ruͤhmet, da sie so hurtig ist, mich fuͤr jedes Ver- sehen in Kleinigkeiten zur Rechenschaft zu zie- hen? Jnzwischen kann ich sie, denke ich, ent- schuldigen, wenn ich grosmuͤthig uͤberlege, (denn grosmuͤthig bin ich, das ist sicher, weil es ge- gen mich selbst gehet) daß, weil ihr Gemuͤth die Quintessenz von aller Zaͤrtlichkeit ist, ihr der geringste Mangel derselben anstoͤßig seyn muß; denn was mir so sehr ausserordentlich vorkommt, wenn ich es finde, das ist ihr zu bekannt, als daß sie es, als etwas ausserordentliches, bemer- ken sollte. Er bildet sich auf seine Geschichte von dem Hause, und der jungen Wit- we etwas ein, die die Eigenthuͤ- merin davon waͤre, und welche er Fretchville nennet. Er laͤsset den Herrn Belford im Zweifel, ob es etwas wuͤrkliches oder erdichtetes ist. Er meldet seine verschiednen Vorschlaͤ- ge, die er wegen der Trauung mit solchem solchem Ernst gethan, und geste- het, daß er mit gutem Vorbedacht vermieden haͤtte, den Tag zu be- nennen. Und nun, sagt er, hoffe ich bald eine Ge- legenheit zu finden, daß ich meine Unternehmun- gen anfangen kann, weil alles Wind-Stille und Sicherheit ist. Es ist unmoͤglich, des lieben Kindes sanfte und stille Verwirrung zu beschreiben, wie ich den Ehestand beruͤhrete. Sie mag zweifeln. Sie mag fuͤrchten. Wei- se Leute werden bei allen wichtigen Vorfaͤllen zweifeln, und fuͤrchten, bis sie sicher sind. Aber ihre anscheinende Bereitwilligkeit, von einem so erfindsamen und durchtriebnen Kopfe gut zu denken, ist fuͤr mich eine gluͤckliche Vorbedeu- tung. O diese klugen Damen! Wie sehr lie- be ich diese klugen Damen! ‒ ‒ Es ist alles aus mit ihnen, wenn die Liebe sich einmal in ihre Herzen geschlichen hat. Denn so werden sie allen ihren kluͤgelnden Verstand dazu anwenden, die Auffuͤhrung eines zweifelhaften Liebhabers eher zu entschuldigen, als zu tadeln; der aͤus- serliche Anschein mag noch sehr gegen ihn seyn. Mowbray, Belton, und Tourville ha- ben ein Verlangen, meinen Engel zu sehen, und werden hier seyn. Sie hat mir abgeschlagen, Gesellschaft zu machen, aber sie muß dem un- geachtet. Ein so grosmuͤthiger Geist, wie ich, kann seine Gluͤckseeligkeit nicht geniessen, ohne sie sie mitzutheilen. Wenn ich nicht euren Neid und Bewunderung zugleich rege mache, so wird die Freude, eine so schoͤne Fliege in meinem Ge- webe gefangen zu haben, nur halb seyn. Sie muß nachgeben, und du mußt kommen. Dann will ich dir die Krone und die Ehre der Har- lowischen Familie, meiner unversoͤhnlichen Feinde, zeigen, und du sollst an meinem Triumphe uͤber sie alle Antheil nehmen. Noch weiß ich nicht, was das Schicksal meiner eigensinnigen Schoͤnen seyn wird; derowegen moͤchte ich gern, daß du sie saͤhest und bewun- dertest, da sie noch heiter und voll Hofnung ist; ehe ihre Besorgnissen wahr werden, wenn sie ja wahr werden sollen, und sie wuͤrklich et- was uͤbels von mir befuͤrchtet; ehe ihre strah- lenden Augen ihren Glanz verlieren; dieweil ihr reizendes Gesicht mit allen seinem jungfraͤuli- chen Schein umringt ist; und ehe ihre fehl- geschlagene Hofnung uͤber jeden liebenswuͤrdi- gen Zug, die Furchen des Kummers gezogen hat. Wenn ich euch diese Ehre u. s. w. Th. III. S. 483. L. 12. nach den Worten: seine Goͤttin anzubeten, lies statt des folgenden, bis auf die naͤchste Sei- te L. 5. an die Worte: darauf heißt es: Praͤget es, das rathe ich euch, euren dum- men Koͤpfen recht tief ein, daß gar so eine Fraͤu- lein lein in der Welt nicht ist, als Fraͤulein Claris- sa Harlowe, und daß sie nichts mehr und nichts weniger ist, als Frau Lovelace; ob sie gleich noch jetzo, (zu meiner Schande sei es gesagt!) eine Jungfer ist. Denket auch daran, daß eure alte Mutter, nach dem Namen ihrer Mutter, da sie noch un- verheirathet war, Sinclair heißt: Daß ihr Mann Obrist-Lieutenant war; und alles, was ihr, Belford, aus des ehrlichen Dolemanns Briefe ersehen habet, das macht euren Bruͤdern bekannt. Dem Mowbray und Tourville, den groͤs- sesten Dummkoͤpfen von euch vieren, gebe ich es zu, daß sie die Witwe und ihrer Schwester Toͤchter kennen, weil sie mit dom Obrist-Lieute- nant bekannt gewesen sind. Denn sie werden sich nicht enthalten koͤnnen, so vertraulich mit ihr zu thun, daß man leicht sehen kann, sie sind laͤnger als einen Tag mit ihr bekannt gewesen. So habe ich die Rollen nach eines jeden Faͤhig- keit ausgetheilet. Sie koͤnnen die Witwe und ihren seeligen Mann als sehr rechtschafne Leute loben, aber nicht zu grob; und daß sie es nicht so weit treiben, daß sie sich verdaͤchtig machen! Die Mutter wird euch Gelegenheit geben, auf ihr und ihres Mannes Lob zu kommen, und Mowbray und Tourville moͤgen es beide bestaͤttigen. ‒ ‒ Jch, und Belton muͤs- sen es nur nach dem Hoͤrensagen bekraͤftigen. Weil Weil Armuth uͤberhaupt verdaͤchtig ist, muß alles bei der Witwe huͤbsch eingerichtet seyn, und ihr koͤnnt denken, daß ich dafuͤr gesorget habe. Die Nettigkeit ihres Hauses und Hausraths, und die geschwinde Bezahlung aller Waren, die sie nimmt, welches sie ziemlich pralerisch bewerkstelliget, und welches macht, daß alle ih- re Nachbaren, wie ich voraus setze, sie deswe- gen lieber zu leiden haben, werden dies bewei- sen. Sie wird sagen, daß sie an ihren bei- den Schwester-Toͤchtern wol thun will. Sal- ly wird bald verheirathet werden ‒ ‒ an einen wolhabenden Tuchmacher im Strande, wenn es euch so gefaͤllt, denn dort sind wol fuͤnf bis sechs dergleichen Leute. Nach den beiden Schwester-Toͤchtern koͤnnt ihr, Mowbray und Tourville, fragen, weil sie abwesend seyn werden, als nach Personen, die ihr um ihres seeligen Oneles, des wuͤrdigen Mannes, willen hoch schaͤtzet. Gebet sorgfaͤltig auf jede Wendung meines Koͤrpers, auf jede Bewegung meiner Augen, Acht; denn in meinen Augen, und in meiner Stellung, werdet ihr eine vollkommene Vor- schrift finden. Jch brauche euch nicht zu be- fehlen, daß ihr gegen mich sehr demuͤthig thun muͤsset. Euer Eid der Treue verbindet euch da- zu. Und wer kann mich endlich ansehen, oh- ne ehrerbietig gegen mich zu seyn? Priscilla Partington, (weil sie so un- schuldig aussiehet, und bei ihrem sanften We- sen sen so viele Einsicht hat) ist ein Maͤdgen, darauf man sich vollkommen verlassen kann. Sie wird die Mutter begleiten; sie wird kostbar geklei- det seyn, und alle Juwelen des Juden werden an ihr blitzen. Sie wird erst die Fraͤulein zum sprechen bringen, und sie hernach unterstuͤtzen. Sie weiß das Zeichen, wann sie anfangen soll, und ich hoffe, meine Schoͤne soll noch ihre Be- kanntschaft suchen. Die Geschichte der Jungfer Partington ist folgende: Sie ist die Tochter von dem Schwa- ger des Obristen Sinclair: Der Schwager war ein Kaufmann, der nach der Tuͤrkei han- delte, oder sonst wohin es euch beliebet, wel- cher abscheulich viel Vermoͤgen hinterlassen hat. Der Obrist war einer von ihren Vormuͤndern. Daher kommt ihre Achtung gegen die Alte, da- her nennet sie Frau Sinclair Mamma, ob sie gleich ihre Vormuͤnderin nicht ist. Sie ist eben gekommen, ein par Tage hier zuzubringen, und dann wieder nach ihrem noch lebenden Vormund zu Barnet zu reisen. Jungfer Partington hat etwa ein hundert Partheien, denn ihre Grosmutter, eines Al- dermanns Witwe, hat ihr auch noch ein gros- ses Vermoͤgen hinterlassen. Sie darf, ohne eine alte Aufseherin, die fuͤr eine verstaͤndige Frau bekannt ist, nicht aus ihres Vormundes Hause kommen, außer zu ihrer Mamma, Sin- clair; bei welcher sie dann und wann die Er- laubniß erhaͤlt, eine ganze Woche zuzubringen. Zusaͤtze zur Cl. H Pris- Priscilla wird die Frau Sinclair uͤber das andre Mamma betiteln, und sich bei ihrer Aufseherin Muͤhe geben, daß die ihr das Ver- gnuͤgen erlaubet, eine Woche bei ihr zu blei- ben. Herr Eduard Holden, so koͤnnte er wol heißen, wenn euer einfaͤltiges Gehirn nicht durch so viele Umstaͤnde verwirret wird. Vielleicht koͤmmt Frau Holden auch mit, denn sie fand allezeit in ihrer Mamma Sinclair Gesellschaft ein großes Vergnuͤgen, und spricht von ihr, und ihrem guten Betragen des Tages wol zwan- zigmal. Du, Bruder, der du ein ansehnlicher Bur- sche bist, und nach Weisheit trachtest, laß das dein Hauptgeschaͤft seyn, deine nichtswuͤrdigen Cameraden zu bewahren, daß sie mir den Han- del nicht verderben! Denn das hast du gewiß schon aus meinen Briefen angemerkt, daß wir mit der wachsamsten und scharfsinnigsten Fraͤu- lein von der Welt zu schaffen haben. Eine Fraͤulein, die werth ist, daß man sie betriegt! Aber deren Augen eure seichten Koͤpfe durch und durch siehet, so bald ihr das Maul aufthut. Setze du dich also zwischen Mowbray und Tourville, daß du ihnen mit den Fuͤßen ein Zeichen geben, und sie commandiren kannst, wenn sie etwas versehen; und mit den Ellenbo- gen, wenn sie es gut machen. Ueberhaupt in eurem Betragen, keine Ver- stellung! Die hasse ich, und meine Goͤttin auch. Wenn ich mich darauf beflissen haͤtte, ich glau- be, be, so haͤtte ich auch einen Heuchler abgeben koͤnnen. Aber mein Haupt-Charackter ist so bekannt, daß man mich auf einmal verdaͤchtig gehalten haben wuͤrde, wenn ich mich haͤtte zu weiß brennen wollen. Doch was haͤtten wir auch noͤthig, uns zu verstellen? Es waͤre denn, daß der groͤßeste Theil des schoͤnen Geschlechts uns wegen unsrer liederlichen Auffuͤhrung einen Korb geben wollte. Die besten unter ihnen wollen gern die Ehre haben, uns zu bessern. Laß die guten Seelen es versuchen: Wenn sie nichts ausrichten, so ist doch ihre Absicht gut gewesen. Das wird ihr Trost seyn. Wir aber, wir werden ein leichteres Werk haben, und unsrer Suͤnden werden weniger seyn. Nur ein wenig brauchen wir ihnen nachzuhelfen, so werden sie sich selbst in die Falle bringen. Wir werden ein Dutzend verfluchter Falschheiten er- sparen, und Engeln und Menschen so in die Augen fallen, wie wir sind. Jnzwischen wer- den ihre eignen Grosmuͤtter uns freisprechen, mit ihrem: Wer was eingebrockt hat, der muß es auch ausessen, und ihnen vorwer- fen, daß sie gegen ihre Einsicht gehandelt, und ge- gen den offenbaren Anschein sich gewaget haben. Was waͤre es dann fuͤr ein Unsinn, wenn Leute von unserm Charackter sich verstellen wollten! Daß du mir nur die andern recht unterrich- test, und dich selbst in Acht nimmst, unzuͤchti- ge Reden zu fuͤhren! Jhr wisset, ich habe es nie leiden koͤnnen. Dazu ist Zeit genug, wenn H 2 wir wir alt werden, und nichts mehr koͤnnen, als unzuͤchtig reden. Ueberdem muͤßt ihr beden- ken, daß es Priscillgens angenommener Charackter, und der wuͤrkliche Charackter mei- ner Goͤttin nicht leidet. Keine unzuͤchtige Re- den also! die verbitte ich: ja nicht einmal so etwas, als eine Zweideutigkeit! Kann man denn nicht einem Frauenzimmer an das Herz kommen, ohne die Ohren zu verletzen? Es ist noͤthig, daß ihr schlimmer scheinet, als ich. Das werdet ihr nicht anders koͤn- nen, sagt ihr. Gut, desto weniger braucht ihr euch darin zu zwingen. ‒ ‒ Je weniger Zwang, desto natuͤrlicher. ‒ ‒ Und wenn Bel- ton seine Leib-Materie von Maitressen hal- ten aufs Tapet bringt, so will ich es auf mich nehmen, ihn zu widerlegen. Doch sei nicht bange! Jch will meinen Gruͤnden nicht alle Staͤrke geben, die ich kann. Sie wird doch ein wenig neugierig seyn, den- ke ich, meine guten Freunde kennen zu lernen. Sie erwartet nicht, Heilige an euch zu finden. Seid ihr nicht alle Leute, die ein großes Ver- moͤgen geerbt haben, ob ihr gleich nicht alle Maͤnner von großen Gaben seid? Wer ist doch wol in dieser Sterblichkeit, den der Reichthum nicht verfuͤhret? Und weil er den Menschen das Vermoͤgen giebt, Uebel anzurichten, braucht es denn nicht eine große Tugend, sich des Ver- moͤgens nicht zu bedienen? Sagt man nicht, der Teufel sei der Gott dieser Welt, und wir Kinder Kinder der Welt? Wol, so muß ich dir meine Meinung sagen: Nemlich, wenn es nicht we- gen der Armen, und der Personen vom Mit- telstande willen geschaͤhe, so wuͤrde die Welt warscheinlicher Weise schon lange mit Feuer vom Himmel verzehret seyn. So sind die uͤbri- gen, wirst du sagen, undankbare Boͤsewichter, die jenen armen Leuten so schlechten Dank dafuͤr abstatten, wie sie gemeiniglich thun! Dieses liebe Kind u. s. w. Th. III. S. 484. L. 19. nach den Worten: den bevorstehenden Montag. Noch eins. Auf jeden kleinen Umstand muͤs- set ihr Acht geben, ihr moͤget denken, daß es vernuͤnftig ist, oder nicht. Meine Meinung liegt oft tief, gleich dem Gold-Erz, und ist werth, daß ihr darnach grabet. Ein Wink von der kleinesten Wichtigkeit, wie es euch vor- kommen moͤchte, bringt oft Sachen von der groͤßesten Wichtigkeit hervor. Jhr muͤßt euch aufs Rathen legen. Bin ich nicht euer Gene- ral? Habe ich euch jemals angefuͤhret, daß ich euch nicht sicher und mit gutem Erfolg wegge- bracht haͤtte, oft zu eurer eignen dummen Ver- wunderung? Du bist schon wieder u. s. w. Th. III. S. 493. statt des Abschnitts, der sich anhebt: Abermals ein Aussen- werk gewonnen, bis an die Worte H 3 des des naͤchsten Abschnitts: uͤber meine Beute zu hoͤren. Abermals ein Aussenwerk gewonnen, allein so sehr wider Willen meines Kindes, daß sie mir gedrohet hat; weil ich gelitten haͤtte, daß Jungfer Partington wider ihre Erlaubniß zu ihr gefuͤhret waͤre. Dies setzte sie in eine Nothwendigkeit, einem so artigen jungen Frauen- zimmer eine dringende Bitte entweder abzuschla- gen, oder zuzugestehen, da sie versprochen hat- te, uns bei dem Schmause mit ihrer Gegenwart zu beehren, wenn meine Liebste in der Gesell- schaft seyn wuͤrde. Daß sie sich genoͤthigt saͤhe, vor meinen Freun- den eine andere Person vorzustellen, als sie wuͤrk- lich waͤre! ‒ ‒ Sie bestand darauf, ich sollte dem Frauenzimmer im Hause die Warheit der gan- zen Sache bekannt machen, und nicht ferner Geschichte ausbreiten, die sie unterstuͤtzen muͤß- te, weil sie sonst Theil an meinem Verbrechen naͤhme. Doch was wird meine Bestaͤndigkeit nicht noch gewinnen? vornemlich wenn ich mich hin- ter die Gewohnheit der Parther verstecke, die jetzt fliehen, und dann wieder zum Treffen zu- ruͤckkehren. Erhalten die Maͤdgen nicht auf die- selbe Art alles von den Mannspersonen? Soll- te ich mit ihnen so frei umgegangen seyn, und nichts von ihnen gelernet haben? Hast du je ge- hoͤret, daß es einem Maͤdgen etwas geholfen hat, mir die geringste oder groͤßeste Gunst zu versa- versagen, wenn ich meinen Kopf darauf gese- tzet hatte, sie zu erhalten? Je hartnaͤckiger sie ist, desto standhafter bin ich. Das ist meine Regel. Aber da ich dies letzte so sehr wider ihren Willen erhalten habe, so zweifle ich, ob du an ihr mehr eine ernsthafte als gefaͤllige Schoͤne finden wirst. Denn da Jungfer Partington weggegangen war, „was sie die Jungfer Par- „tington angienge? Jn ihren gegenwaͤrtigen „Umstaͤnden brauchte sie keine neue Bekannt- „schaft. Und wozu sie in ihrer jetzigen Ver- „fassung meine vier Freunde kennen lernen soll- „te? Sie wollte mich versichern, wenn ich je- „mals„ ‒ ‒ Da hielt sie ein, und schlug ein Knipgen. Wenn wir zusammen kommen, so will ich dir einen Wink geben, und dir in ihrer Ge- genwart die Bewegung zeigen. Sie war gar zu schoͤn! ganz neu! und doch habe ich schon manche hundert Knipgen von andern Schoͤ- nen gesehen! Wie allgemein reizend es sei, ein Maͤdgen, das Verstand hat, und dem man nicht angetrauet ist, in Zorn zu bringen, das beweiset der Beifall, womit dergleichen See- nen, worin brav gezanket wird, in unsern Schauspielen aufgenommen werden. Nimm dich in Acht, mein liebes Kind, da es nun mit dir so weit gekommen ist, daß mich deine zornigen Knipgen ergoͤtzen, daß du mich nicht versuchest, dich zu mehrern zu reizen! weil ich H 4 sehe, sehe, daß eine jede Bewegung, eine jede Mi- ne, die du machst, so viel Verstand und so viel Geist hat. Wiewol, das reizende Kind mag zornig o- der zufrieden seyn, sie ist immer ganz liebens- wuͤrdig. Alle ihre Gesichtszuͤge sind harmo- nisch, und einer fuͤr den andern gemacht. Kein einziger Gesichtszug koͤnnte an die Stelle ei- nes einzigen der ihrigen gesetzet werden, ohne ihr von ihrer Vollkommenheit etwas zu beneh- men. Wie sollte ich denn nicht ein Verlangen haben, euer Urtheil uͤber meine schoͤne Beute zu hoͤren? Wenn ihr gluͤende Wangen u. s. w. Th. III. S. 494. statt des Abschnitts, der sich anhebt: die Fraͤulein ruͤhmt: Fraͤulein Clarissa Harlowe an Fraͤulein Howe. Sontags den 30. Aprill. Da Herr Lovelace in seinen lezten Briefen das vornehmste erzaͤhlet, was in diesem Briefe enthalten ist, so hat man hier nur folgende Auszuͤge mittheilen wollen. Sie erzaͤhlet beinahe eben so, wie er, was zwischen ihnen vorgefallen war, da sie sich entschloß, in die Kirche zu gehen, und er ihr St. Pauls Pauls vorschlug, mit der Bitte, daß er sie begleiten duͤrfte. Sie ruͤhmt sein gutes Betragen in der Kirche, seine Gespraͤche, und den Prediger, dessen Rede sich recht auf ihren Zustand geschickt haͤtte. Sie erzaͤhlet die Unterredung, die sie hernach mit ihm gehalten, und ruͤhmt seine guten Anmerkungen uͤber die Predigt. Jch bin geneigt, sagt sie, etwas von ihm zu hoffen, aber ich weiß so wenig, wie weit ich mich darauf verlassen kann, wenn er eine gan- ze Stunde ernstaft ist, daß alles, was ich hierin zu seinem Vortheil erzaͤhle, einer Mil- derung bedarf. Da er mir so sehr mit Bitten zusetzte, so wußte ich nicht, wie ich es abschlagen sollte, mit der Witwe und ihren Schwester-Toͤchtern den Mittag zu speisen. Sie haben mir noch besser gefallen, als ich dachte. Jch muß es mir selbst verweisen, daß ich so bereit bin, stren- ge zu urtheilen, wo der gute Name darunter leiden kann. Wenn man der Leute Art zu den- ken, ihr Wesen, ihr Temperament, und Er- ziehung, und die Gelegenheiten, die sie gehabt haben, in Betrachtung ziehet, so koͤnnen man- che, so viel ich weiß, tadelfrei scheinen, wel- che andere Leuten von verschiedenem Tempera- ment und Erziehung gar zu leicht tadeln, die dann von jenen, aus demselben Fehler mit H 5 eben eben der Fertigkeit wieder getadelt werden. Jch werde mir also vor das kuͤnftige eine Regel daraus machen, nach dem aͤusserlichen Anschein nie ein entscheidendes Urtheil zu faͤllen. Doch das muß ich von diesen Leuten anmerken. Jch wuͤrde sie nicht zu meinem vertrauten Umgang waͤhlen, und ihre Art zu denken gefaͤllt mir auch nicht. Wiewol in ihrem Stande werden sie noch mit ziemlichen Ansehen durch die Welt kommen. Herr Lovelace hat sich so gegen mich be- zeiget, daß ich diesen Tag, soweit er vorbei ist, einen vergnuͤgten Tag nennen kann. Doch wenn ich von seiner Seite am ruhigsten bin; So nimmt der Gedanke, wie ich mit meinen Verwandten stehe, mein Gemuͤth ein, und dringt mir manche Zaͤhren ab. Die Leute im Hause gefallen mir noch besser, da sie mit Leuten vom Range bekannt sind, die sie besuchen. Sonntag Abends. Noch bin ich mit des Herrn Lovelace Be- tragen ganz wol zufrieden. Wir haben eine ziemlich ernsthafte Unterredung zusammen ge- habt. Er hat wuͤrklich richtige und gute Be- griffe. Er bekannte, wie sehr er sich uͤber die- sen Tag freuete, und hofte, mehr dergleichen zu erleben. Doch war er so offenherzig, mich vor ihm selber zu warnen, wenn seine ungluͤck- liche Lebhaftigkeit wieder kommen sollte. ‒ ‒ Doch zweifelte er nicht, daß er durch mein Exempel und und meinen Umgang zuletzt gesetzter werden wuͤrde. Er hat mir von den vier Herren, die er morgen Abend sehen wird, eine lustige Erzaͤh- lung gemacht. Lustig, meine ich, wegen seiner scherzhaften Beschreibung ihrer Personen Manieren u. s. w. die zwar nicht sehr zu ihrem Vortheil war, aber wobei er doch keine andre Absicht hatte, als meine Traurigkeit zu zer- streuen, und nicht, sie herunter zu setzen. Jm Grunde, mein Kind, hat er, wie ich glaube, ein gutes Herz, aber er ist seiner Jugend ver- dorben, weil man ihn nicht scharf genug ge- halten hat. Jch muß also diesen ganzen Tag, soweit es meine Umstaͤnde erlauben, einen gluͤcklichen Tag nennen. Jn Warheit, ich denke, ich koͤnnte ihn allen Mannspersonen vorziehen, die ich kenne, wenn er allezeit so wie heute waͤre. Sie sehen, wie willig ich bin, alles zu geste- hen, dessen Sie mich beschuldiget haben, wenn ich es selbst an mir finde. Zuweilen faͤllt es wol einem jungen Maͤdgen, die im Stande ist, mit sich selbst zu Rathe zu gehen, schwer, zu wissen, wann sie liebet, und wann sie hasset: Doch ich bin entschlossen, meine Liebe und mei- nen Haß, so viel moͤglich, nach den Handlun- gen zu bestimmen, die den Mann derselben entweder wuͤrdig oder unwuͤrdig machen. Sie machet einen neuen Absatz u. s. w. Th. III. Th. III. S. 539. L. 14. nach den Worten: als Maͤdgen zu fangen, lies statt des naͤchsten Abschnitts: Jch will die Vergleichung fortsetzen. ‒ ‒ Wenn das Ungluͤck eines gefangnen Maͤdgens sehr groß ist, so wird sie freilich drohen, wie ich gesagt habe: Ja sie wird gar eine Zeitlang keine Nahrung zu sich nehmen wollen, vor- nemlich, wenn ihr sie viel bittet, und sie den- ket, daß euch ihre Weigerung unruhig macht. Aber der Appetit wird sich bei dem lieben er- zuͤrnten Kinde bald wieder einfinden. Es ist artig zu sehen, wie sie sich nach gerade giebt. Durch ihren Hunger gezwungen, wird sie viel- leicht heimlich ein Stuͤck Brod mit Thraͤnen zu sich nehmen: Dann wird sie so weit gebracht werden, in eurer Gegenwart ein bisgen zu pierken, und zu seufzen, ‒ ‒ und zu seufzen, und zu pierken, ‒ ‒ wobei sie dann und wann, wenn das Fleisch nicht schmackhaft genug ist, eine oder ein par schmackhafte Zaͤhren mit verschluckt. Dann ißt und trinkt sie, euch zu gefallen. Dann entschließt sie sich, eurentwillen zu le- ben. ‒ ‒ Dann werden sich gleich darauf ihre Wehklagen in Schmeicheleien, und ihre hef- tigen Vorwuͤrfe, in ein sanftes Murren ver- wandeln: Wie haben sie sichs unterstehen koͤnnen? Verraͤther! ‒ ‒ Wie konnten sie es uͤbers Herz bringen? mein Liebster! ‒ ‒ Sie wird euch zu sich ziehen, an statt euch weg zu stossen. Sie wird euch nicht laͤnger mit her- vorge- vorgestreckten Klauen widerstehen: Sondern, gleich einem artigen spielenden jungen Kaͤtzgen, mit sanften Pfoten, und eingezogenen Klauen, euren Nacken streicheln, und mit untermischten Laͤcheln, und Thraͤnen, und Liebkosungen euch flehen, sich ihrer anzunehmen, ‒ ‒ und ihr bestaͤn- dig zu bleiben. ‒ ‒ Alle Gutheit, worum sie euch dann zu bitten hat! ‒ ‒ Und, waͤre es nur ei- nem Manne gegeben, sich mit einem Gegen- stand begnuͤgen zu lassen, so ist dies die Zeit, da er einen solchen Tag gluͤcklicher, als alle uͤ- brigen Tage ist. Belford! Sollte ich nunmehr bei meiner liebsten Clarissa Harlowe nicht weiter gehen, als ich gegangen bin, wie soll ich denn den Un- terschied zwischen ihr und einem andern Vogel kennen lernen? Sie nunmehr fliegen zu lassen, was wuͤrde das fuͤr ein artiger Spaß seyn! Wie kann ich denn wissen, wenn ich es nicht versuche, ob ich sie nicht dahin bringen kann, mir ein artiges Lied zu pfeifen, und eben so ver- gnuͤgt dabei zu seyn, wie andre Voͤgel, die ich auch so weit gebracht habe; ob gleich einige dar- unter ziemlich scheu waren. Aber laß uns jetzt einmal ein wenig uͤber die verzweifelte Partheilichkeit von uns menschli- chen Geschoͤpfen nachdenken. Jch kann von der Grausamkeit der Mannspersonen und des Frauenzimmers, gegen andre Creaturen, die vielleicht eben so viel werth, wenigstens noch unschuldiger waren als sie, zwei bis drei gemei- ne ne Exempel anfuͤhren, die abscheulich seyn wuͤrden, wenn sie nicht so gemein waͤren. Bei meiner Seele! Bruder, in der menschlichen Natur steckt mehr wilde Grausamkeit, als man gemeiniglich denket. So ist es ja kein grosser Fehler, daß wir zuweilen die unschuldigen Thiere an unserm eignen Geschlecht raͤchen. Jch will dir die Exempel geben. Wie gewoͤhnlich ist es nicht, daß Maͤnner und Maͤdgen, (ich will mein Exempel von dem Vogel behalten) ohne den geringsten Gewis- sensbiß, einen besiederten Saͤnger fangen, in ein Bauer einsperren, ihn martern, und ihm gar mit gluͤhenden Nehnadeln die Augen aus- stechen, der gleichwol im Verhaͤltniß mit sei- ner Groͤsse, mehr Leben hat, als sie selbst, (denn ein Vogel ist lauter Seele) und also auch mehr Gefuͤhl hat, als ein menschliches Ge- schoͤpf! Und zu derselben Zeit, wenn ein ehr- licher Kerl das Gluͤck hat, durch die hoͤflichste Ueberredung und sanftesten Kuͤnste, ein einge- sperrtes Maͤdgen zu bewegen, daß sie zu ihrer Flucht mit die Hand bietet, und sie damit eins ist, dem Bauer zu entfliehen, und sich in die alles-erquickende freie Luft zu begeben, Him- mel! welch ein Geschrei wird gegen den er- hoben! Recht so, wie wir beide einmal in einem elenden Dorfe bei Chelmsford sahen, da ein armer hungriger Fuchs der Gelegenheit war- nahm, eine hagere Gans beim Halse kriegte, und und damit fortlief. Wir sahen das ganze Dorf, Jungen und Maͤdgen, alte Kerls und alte Wei- ber, deren Runzeln dasmal voll Vosheit wa- ren; die alten Kerls mit Prangen, Mistga- beln, Keulen und Pruͤgeln; die alten Weiber mit Scheuerwischen, Besen, Feuerschaufeln und Zangen; die junge Mannschaft mit Koth, Steinen und Ziegeln. Der Haufen vergroͤs- serte sich gleich einem fortrollenden Schneeball, und verfolgte den Dieb, der mit allen Kraͤften auszog; alle Bauerhunde aus der umliegenden Gegend hau! hau! hau! hinter ihnen drein, die den graͤßlichen Chorus voll machten! Erinnerst du dich der Scene noch wol? Ge- wiß, du mußt es noch wissen! Meine Einbil- dungskraft, die durch ein zaͤrtliches Mitleiden fuͤr die Gefahr des gluͤcklichen Raͤubers aufge- bracht wurde, stellt es meinen Augen noch so gegenwaͤrtig vor, als wenn es gestern geschehen waͤre. Erinnerst du dich nicht der grosmuͤthi- gen Freude, die wir hatten, als wenn wir der ehrliche Reinecke gewesen, da er durch Huͤlfe des Zaunes, der zum Gluͤck im Wege stand, und uͤber welchen junge und alte uͤbereinander herfielen, und durch eine Wendung in seinem Lauf, ihrer grausamen Wuth und fliegenden Pruͤ- geln entrann. Wir folgten ihm, mit unsrer Einbildung, in seine unausgespaͤhete Hoͤle; und uns deuchte, als wenn wir saͤhen, wie der un- erschrockne Dieb, seine theuer erjagte Beute mit einem einem Vergnuͤgen verzehrte, das seiner uͤber- standnen Gefahr gleich war. Jch habe einmal einer kleinen artigen Grau- samen das Vergnuͤgen recht eingetrieben, das ihr ein grausames Spiel verursachte, welches ihr buntes Favorit-Kaͤtzgen mit einer niedlichen Maus trieb, ehe es sie verzehrete. Meiner Seele! mein Kind! sagte ich bei mir selbst, wie ich da saß, und meine Betrachtungen daruͤber anstellte, ich habe mir fest vorgenommen, auf eine bequeme Gelegenheit zu lauren, da ich ver- suchen kann, wie dir das gefallen wird, wenn ich ich dich uͤber meinen Kopf werfe, und wie- der erhasche! wie dir das gefallen will, wenn ich dich mit meinen Pfoten von mir stosse, und wieder zu mir ziehe! Doch will ich dir lieber das Leben geben, als nehmen, wie dies grau- same vierfuͤßige Thier doch zuletzt seiner Beute gethan hat. Hernach, wie zwischen meinem Maͤdgen und mir alles vorbei war, erinnerte ich sie an den Vorfall, der meine Entschliessung veranlasset hatte. Zu einer andern Zeit hatte ich eben so we- nig Barmherzigkeit mit der Tochter eines al- ten Epicurers, der das Maͤdgen gelehret hat- te, See-Krebse lebendig zu kochen; ein Fer- ken zu Tode zu peitschen; Karpfen abzuschup- pen, sie in einen Kessel springen zu lassen, und sie statt der Bruͤhe in ihrem eignen Blute zu kochen. Und das alles aus Wollust, und Ap- petit zu machen, den ich damals auf meine Art Art eben hatte, ohne daß ich dergleichen Rei- zung bedurfte, und zwar einen sehr gefraͤßigen Appetit, das kannst du glauben. Noch vielmehr dergleichen Exempel koͤnnte ich dir anfuͤhren, wenn ich dir selbst nichts uͤ- berlassen wollte; um zu zeigen, daß die Besten sich dieselben und vielleicht noch schlimmere Frei- heiten mit andern Creaturen nehmen, die wir gegen andre gebrauchen. Es sind doch alle Creaturen! und zwar solche, wie ich oben an- gemerckt, die ein hartes Leben und ein empfind- liches Gefuͤhl haben! ‒ ‒ Wenn also Leute Barm- herzigkeit verlangen, so sollten sie in allen ih- ren Handlungen Barmherzigkeit zeigen. Jch habe irgendwo gelesen: Der Barmherzige erbarmet sich auch seines Viehes. So viel vorjetzo auf den Theil deines Brie- fes, worin du mir die Gruͤnde zum Mitleiden mit der Fraͤulein ans Herz legst. Jch kann leicht errathen u. s. w. Th. III. S. 542. am Ende, nach den Wor- ten: uns mit einander verbinden. Wenn ich deinen dummen Rath annehmen und heirathen wollte, was fuͤr eine Figur wuͤr- de ich dann in den Geschichtbuͤchern der Boͤse- wichter machen! Die Fraͤulein in meiner Ge- walt, die doch nicht willens war, sich in meine Gewalt zu geben! Die gegen die Liebe predigt, und ihre Herrschaft nicht erkennen will! So viele Vorsicht und Behutsamkeit! Kein Ver- Zusaͤtze zur Cl. J trauen trauen auf meine Ehre! Jhre Familie glaubt, daß das Aergste schon geschehen ist! Sie selbst scheinet zu erwarten, daß das Aergste wird ver- sucht werden! (Und da soll mir Priscilla Par- tington vortrefliche Dienste thun!) Wie? woll- test du denn, daß ich meinem Charackter nicht gemaͤß handeln soll? Aber warum nennest du die Fraͤulein un- schuldig? Und warum sagst du, daß sie mich liebet? Unschuldig? Jn Ansehung meiner, wenn ich es nicht uͤberhaupt als ihren Charackter nehme, gebe ich es nicht zu, daß sie das ist. Kann sie unschuldig seyn, die sie wuͤnschet, mich in dem Fruͤhling meiner ruhmvollen Jugend zu fesseln, mich, der ich eine solche Geschicklichkeit zu recht ruhmwuͤrdigen Uebelthaten besitze, Siehe Th. III. S. 207. und die meine Verdammung gewisser machen will, wenn ich, wie ich glaube, wol geschehen moͤchte, das feierlichste Geluͤbd breche, das ich machen kann? Kein Mensch muß auch nur ei- nen gemeinen Eidschwur thun, wenn er denket, daß er ihn nicht halten kann, pflege ich zu sa- gen. Das ist Gewissen! Das ist Ehre! ‒ ‒ Und so bald ich denke, ich kann ein Ehe-Ge- luͤbd halten, dann wird es Zeit seyn, zu hei- rathen. Jch zweifle nicht daran u. s. w. Th. III. Th. III. S. 543. L. 13. nach den Worten: mit deinen Bruͤdern. Jch ward ein wenig unterbrochen, nun will ich fortfahren. Daß die Grundsaͤtze dieser Fraͤulein umadel- haft sind, das ist eine Betrachtung, welche die Schuld an beiden Seiten vermindern wird. Und wenn sie nur, nach ihrem Falle, Tugend und Liebe miteinander zu vermitteln weiß, so wird sie eine Frau fuͤr mich seyn. Denn vor jetzt bin ich uͤberzeugt, es sei kein Frauenzimmer in der Welt, die gegen die Versuchungen der Lie- be und der List bestehen kann, wenn sie es nicht ist. Stelle dir nun einmal vor, (wenn ich mei- ne Schoͤne uͤberwunden habe) du siehest mich nachlaͤßig mit uͤbereinander geschlagenen Knien auf meinem Canape sitzen, der Gott der Liebe tanzet mir in den Augen herum, und freuet sich uͤber einen jeden ihrer aufschwellenden Gesichts- zuͤge; der suͤße lose Schalk, der kurzens noch so stolz und sproͤde that, ist voͤllig in meiner Ge- walt, koͤmmt langsam zu mir, wenn ich ihm winke; Schwellende Seufzer, halb gestammlete Vorwuͤrfe kommen von ihren murrenden Lip- pen; sie reibet sich das Auge, und verdoppelt ihre Schritte, wenn ich rufe: Komm hieher, liebstes Kind! Eine Hand halte ich in die Seite, die andre strecke ich aus, ihre schamhafte Annaͤherung zu beschleunigen. ‒ ‒ Gieb mir ein Maͤulgen, J 2 mein mein Schatz. Suͤß, sagt Bruder Belford, sind die Freuden, die aus willigem Her- zen kommen. Sie bietet mir ihren purpurnen Mund; (denn ihre Corallnen Lippen werden dann lau- ter Purpur seyn) Seufze nicht so, mein Engel! ‒ ‒ Gluͤcklichere Stunden sollen deine nachge- bende Liebe beseeligen, als dein stolzer Wider- stand that. Noch einmal druͤcke deinen glaͤnzenden weis- sen Nacken an meine heißen Lippen, den du noch neulich so hoch trugest! ‒ ‒ Ach! mein Schatz! Noch einmal! ‒ ‒ Liebenswuͤrdige Gefaͤlligkeit! ‒ ‒ O meine ewig-bluͤhende Schoͤne! ‒ ‒ Jch habe dich genug versucher! ‒ ‒ Die morgende Sonne ‒ ‒ Dann stehe ich auf, und druͤcke den schlagen- den Busen meiner Goͤttin an mein beredtes Herz. Nunmehr bekennt doch dein gedemuͤthigter Stolz seine Verbindlichkeit gegen mich! ‒ ‒ Die morgende Sonne ‒ ‒ Dann reisse ich mich von der schamrothen stummen Schoͤnen loß, und gehe im Zimmer herum; die morgen- de Sonne soll mit ihren guͤldenen Strahlen den Altar erleuchten, vor welchem ich dir meine Ge- luͤbde bezahlen will! Dann, Bruder, welche Entzuͤckung! Dann trinken die Sonnenstrahlen, die aus ihren froͤ- lichen Augen hervorschiessen, auf einmal die kostba- kostbaren Perlen, die an ihrem Halse herunter rollen. Dann werden die Haͤnde feurig gedruͤckt; ihre Augen scheinen zu sagen: Der Himmel see- gne meinen Lovelace! weil die Freude ihren Mund verschlossen haͤlt. Jhre Entzuͤckungen sind zu stark, ihr Ausdruck zu schwach, ihre dankbare Seele zu zeigen! Alle ‒ ‒ Alle ihre Bemuͤhungen ‒ ‒ Alle Bemuͤhungen ihres kuͤnf- tigen Lebens sind gewidmet, und geheiliget, (wenn sie reden kann) ihre ewige Erkenntlichkeit zu be- kennen und zu zeigen! Koͤnnte ich meine Goͤttin dazu bringen, wuͤr- de das nicht das Erwuͤnschteste von allen Wuͤn- schen seyn? ‒ ‒ Jst es nicht werth, es zu ver- suchen? ‒ ‒ Wie ich gesagt habe, ich kann sie heirathen, wann ich will. Sie kann weder aus Scham, noch durch Wahl, noch durch List einem andern eigen werden, als mir. Denn wird wol jemand, der mich kennet, glauben, daß das Aergste, was sie fuͤrchtet, noch erst zu fuͤrchten ist? Jch habe, das weißt du, die hoͤchste Mei- nung, die ein Mensch haben kann, von dem Verdienst und den Vollkommenheiten dieses be- wundernswuͤrdigen Frauenzimmers, auch von ihrer Tugend und Ehrlichkeit, ob du gleich, in einem deiner vorigen Briefe der Meinung bist, daß sie uͤberwunden werden koͤnnte. Bin ich denn also nicht genoͤthiget, weiter zu gehen, um dich zu widerlegen; und, wie ich schon oft angefuͤhret habe, um sicher zu seyn, daß sie das J 3 ist, ist, wofuͤr ich sie halte, und was ich, wenn ich sie jemals heirathen sollte, an ihr zu finden hoffe? Diese Fraͤulein kann ebenfals unsern Leiden- schaften gebieten. Keine einzige hat je die Kunst, das Herz zu ruͤhren, in solcher Vollkommenheit besessen. Das weiß ihre ganze Familie, und deswegen haben sie sie auch gefuͤrchtet und geeh- ret. Das weiß ich auch, und zweifle nicht, es immer mehr und mehr zu erfahren. Wie be- zaubernd muß nicht dies goͤttliche Kind, wenn ihr die rechte Ursache dazu gegeben wird, ihre wolklingenden Klaglieder singen! ‒ ‒ Ein wei- nendes Auge hat unendliche Schoͤnheiten! Jch lehrte zuerst die beiden Nymphen unten im Hau- se, die verschiedenen Toͤne des Klaͤglichen, so wie sich die Ursachen zu klagen veraͤndern, zu unterscheiden; Und wie viel vortreflicher der ei- ne Ton sich zum Ungluͤck schickt, als der andre. Doch ich komme auf deine Einwuͤrfe. ‒ ‒ Jhr werdet mir antworten u. s. w. Th. III. S. 548. L. 26. nach den Worten: Eitelkeiten zu verunehren. Doch behauptet er, er habe keinen andern Stolz, als mir gefaͤllig zu seyn, und spricht immer von seiner Ehrfurcht und Demuth, und dergleichen Geschwaͤtze. Allein davon bin ich gewiß, daß er, wie ich das erstemal, da ich ihn sahe, anmerkte, zu viel Hochachtung gegen seine eigne Person hat, als daß er seine Frau sehr hochhalten sollte, er mag heirathen, wel- che che er will. Jch muͤßte blind seyn, wenn ich nicht saͤhe, wie erstaunend eitel er auf seine aͤusserlichen Vorzuͤge, und Geschicklichkeit ist, die er doch, wenn es ja bei Leuten, die auf das Aeusserliche sehen, ein Verdienst heissen kann, mehr seiner zuversichtlichen Eitelkeit, als sonft irgend einer Sache zu danken hat. Haben Sie nicht gesehen u. s. w. Th. IV. S. 12. statt des Abschnitts, der sich anhebt: Du siehest, daß die Par- theien: Du siehest, daß die Partheien bei unserm Streite gleich sind. Du mußt mir deswegen zu ihrer Vertheidigung weder ihre Jugend, noch ihre Schoͤnheit, noch ihre Familie und Vermoͤgen anfuͤhren. Sage mir nichts von ihrer Leichtglaͤubigkeit: Die findest du an ihr gar nicht. Und was ihre Jugend betrift, bin ich nicht selbst noch ein junges Blut? Mit ihrer Schoͤnheit? Jch bitte dich, Belford, zwinge mich nicht, unverschaͤmt zu seyn, und mache selbst zwischen meiner Clarissa, als ei- nem Frauenzimmer, und deinem Lovelace, als einer Mannsperson, eine Vergleichung. Jhre Familie? Das weiß ich, die ist in der Ge- gend noch vor hundert Jahren nicht bekannt ge- wesen, und sie ausgenommen, hasse ich sie al- le. Habe ich nicht Ursache? ‒ ‒ Sage mir nichts von ihrem Vermoͤgen: Das hat mich nur allezeit gereizet, doch nicht, weil ich schlecht J 4 denke. denke. Schmuͤcken sich die reichen Maͤdgen nicht, um unsre Aufmerksamkeit auf sich zu zie- hen? Suchen sie uns nicht zu fangen? Ver- lassen sie sich, in den Absichten, die sie auf uns haben, nicht gemeiniglich mehr auf ihren Reich- thum, als auf ihre Verdienste? Sollen wir sie des Vorzuges berauben, worauf sie sich haupt- saͤchlich verlassen? ‒ ‒ Kann ich vor meine Per- son, ein jedes Maͤdgen heirathen, welches wuͤn- schet, von mir bemerkt zu werden? Wenn also, zur Bestaͤttigung der freien Grundsaͤtze, um derentwillen uns keine von die- sen artigen muntern Schelmen hasset, ein rei- ches Maͤdgen dahin gebracht ist, ihrem Kaiser zu huldigen; so mag diese Unterwerfung fuͤr Folgen haben, welche sie will, allezeit wird ein solches Kind durch ihr Vermoͤgen sowol vor Beleidigungen und Verachtung, als vor Man- gel, gesichert seyn. ‒ ‒ Alles, woruͤber also mei- ne Liebste und ich noch streiten koͤnnen, ist dies: wer von uns beiden mehr Klugheit und Be- hutsamkeit hat. Und das muͤssen wir noch ver- suchen. Es ist dieses fuͤr sie u. s. w. Th. IV. S. 14. gegen das Ende, nach den Worten: unmoͤglich absehen kann, lies statt des folgenden, bis S. 15. L. 10. an die Worte: niemand gehalten hat. Aber Bestaͤndigkeit ist mein Ruhm, und Ge- duld meine Aufwaͤrterin, wenn ich einen Vor- wurf wurf habe, der meiner Versuche wuͤrdig ist. Was verlohnt sich eine leichte Eroberung die Muͤhe? Hudibras fraͤgt gar schoͤn: Wer endigte wol je Durch Stahl und Strick sein Leben, Um eine Dulcinee, Die willig sich gegeben? Nun merke auf die Geschichte u. s. w. Th. IV. S. 27. L. 28. nach den Worten: nur einige Hofnung geben wol- len, lies statt des uͤbrigen Theils dieses Briefes, und des Anfangs vom naͤch- sten, bis S. 28. L. 19. an die Worte: unsers Geschlechts halten muß. Jch will mich entschliessen, ihn auf ewig zu verlassen. O mein Kind! er ist ein stolzer, thoͤrichter, uͤbermuͤthiger Mensch! ‒ ‒ Und ich erwarte in Warheit kaum, daß wir uns vertragen koͤn- nen. Wie viel ungluͤcklicher bin ich bereits mit ihm, als meine Mutter jemals mit mei- nem Vater nach ihrer Verheirathung gewesen ist! Da er, und zwar ohne einigen Grund, o- der Vorwand, sich eine Freude daraus macht, mir das Herz zu brechen, ehe ich noch die Sei- nige bin, und da ich noch in meiner Gewalt bin, oder doch seyn sollte! O wie klage ich meine Thorheit an, daß ichs nicht bin! J 5 Bis Bis ich gewiß seyn kann, ob mir meine Freunde einige Hofnung geben wollen, oder nicht, muß ich etwas thun, was ich vorher in keinem Fall zu thun gedachte. Jch muß mich nemlich bemuͤhen, daß unser Streit nicht ge- schlichtet wird. Und doch wird es mich in mei- nen eignen Augen veraͤchtlich machen, weil ich dabei einen Endzweck haben muß, den ich nicht gestehen darf. Aber dies ist eine von den Folgen eines Schrittes, den ich gethan habe, und ewig beweinen werde. Eine natuͤr- liche Frucht einer Verbindung, wo die Gemuͤ- ther sich ganz und gar nicht fuͤr einander schicken. Dies soll eine Warnung seyn, die ich allen Personen meines Geschlechts immer geben will. Bewahret euer Auge! Es wird immer gegen euren Verstand in einer Verschwoͤrung seyn! Wenn ihr unter zwoen Partheien zu waͤhlen habet, so wird der Verraͤther allezeit die schlimmste ergreifen! Fragen Sie mich, mein Kind, wie sich die- se Warnung fuͤr mich schicket? So muß ich Jhnen ein Geheimniß sagen, daß ich nach ei- ner Selbst-Pruͤsung erst ganz kuͤrzlich ausge- funden habe, ob Sie es gleich, wie es schei- net, laͤngst entdecket haben moͤgen: Waͤre nem- lich mein thoͤrichtes Auge nicht zu sehr gefesselt gewesen; nimmer haͤtte ich mich mit der Em- sigkeit bemuͤhet, einem Ungluͤck zwischen ihm und einigen von unsrer Familie vorzubauen. Dies Dies veranlaßte zuerst den Briefwechsel mit ihm, und brachte das gefuͤrchtete Ungluͤck mit doppeltem Gewicht uͤber mich selbst. Meine Eitelkeit und Selbst-Betrug koͤnnen, so viel ich weiß, auch an dieser Unbedachtsamkeit Theil gehabt haben. Denn siehet es nicht aus, als wenn ich mich in meiner Familie fuͤr die geschickteste gehalten haͤtte, Schwierigkeiten zu heben? Aber Sie muͤssen nicht denken, mein Kind, daß mein Herz jetzt noch mit meinem Auge im Buͤndniß stehet. Das betrogne Auge siehet nunmehr seinen Fehler klaͤrlich ein, und das verfuͤhrte Herz verachtet es deswegen. Daher will ich mich auch an meinen Oncle wenden. Daher kommt es, daß ich mit Warheit, ge- wiß mit Warheit! sagen kann, ich wollte fuͤr meinen Fehler eine jede Genugthuung leisten, und sollte es auch ein oder etliche Glieder an meinem Leibe kosten, wenn es damit ausge- macht waͤre! Leben Sie wol, meine theureste Freundin; ‒ ‒ Moͤchte Jhr Herz nimmer den hundertsten Theil der Angst fuͤhlen, die ich gegenwaͤrtig empfinde! Das ist der Wunsch Jhrer ewig ergebnen Clarissa Harlowe. Fraͤu- Fraͤulein Howe an Fraͤulein Clarissa Harlowe. Mittwochen den 10. May. Jch will schreiben! Keine Mannsperson soll fuͤr mich schreiben. Clarissa hatte der Fraͤulein vorgeschlagen, daß Herr Hickmann statt ihrer schreiben moͤchte. Siehe Th. III. S. 519. Kein Frauenzim- mer soll mich hindern, zu schreiben. Jch bin doch gewiß so alt, daß ich vernuͤnftige Gruͤn- de, und Eigenfinn unterscheiden kann? Jch schreibe doch an keine Mannsperson, nicht wahr? ‒ ‒ Wenn ich mit einem Liebhaber einen Brief- wechsel unterhielte, den meine Mutter nicht leiden koͤnnte, und dem ich mit Vernunft keine Hofnung geben duͤrfte, so wuͤrde mich meine eigne Ehre und Pflicht zum Gehorsam verbin- den. Aber da in diesem Fall ein so gewaltiger Unterschied ist, so bitte ich, sagen Sie mir da- von kein Wort mehr. Jch billige Jhren Entschluß sehr, den Boͤse- wicht zu verlassen, wenn Sie sich mit ihrem Oncle versoͤhnen koͤnnen. Jch hasse den Men- schen, von ganzen Herzen hasse ich ihn, weil er Sie so martert. Selbst Jhre Erzaͤhlung seiner Streiche quaͤlt mich schon, wenn ich sie lese, fast so sehr, als Sie. Moͤchten Sie doch ei- ne guͤnstige Gelegen haben, dem naͤrrischen Kerl zu entfliehen! Jch Jch habe noch andre Ursachen, dies zu wuͤn- schen. Denn ich habe nur eben mit jemanden Bekantschaft gemacht, der einen grossen Theil seiner geheimen Geschichte weiß. Der Mensch ist wuͤrklich ein Boͤsewicht! ein abscheulicher Boͤsewicht! wenn alles wahr ist, was ich ge- hoͤret habe, und doch hat man mir noch mehr besondere Nachrichten versprochen. Jch versichre Jhnen u. s. w. Th. IV. S. 64. L. 11. lies statt des Schlus- ses dieses Briefes: dieses bezeuget Jh- re Anna Howe. Hernach mag er mir sagen, wenn er das Herz haͤtte, oder wollte, daß er diejenige Person un- ter seine Fuͤsse gedemuͤthiget, welche zu erhoͤ- hen seine wahre Ehre gewesen waͤre. Erleichtern Sie inzwischen Jhren Kummer mit Betrachtungen, die Jhrer wuͤrdig sind? Sind Sie gleich mit List in die Gewalt dieses Mannes gebracht, so brauchen Sie sich doch nicht unter dieselbe zu erniedrigen. Sie gebie- ten seiner Ehrerbietung, oder, wie ich wol sa- gen mag, Sie begeistern ihn damit. Denn man hat nie gesehen, daß er vor etwas Gutem je eine Ehrerbietung gehabt haͤtte, bis Sie zu ihm gekommen sind. Er bekennet auch dann und wann, er werde durch Jhr Beyspiel in solcher Ehrfurcht gehalten, und so geruͤhret, daß es die Gewalt uͤber ihn haben wuͤrde, ihn auf den rechten Weg zu bringen. Sie Sie werden allerdings ein schweres Geschaͤft haben, wenn Sie ihn so weit bringen; Doch desto groͤsser wird Jhre Ehre seyn, wenn Sie seine Besserung bewuͤrken. Jch fuͤr mein Theil glaube auch, wenn Sie diesen grossen, diesen glaͤnzenden Betrieger, der, moralisch zu reden, eine solche Anzahl Jahre vor sich hat, zuruͤck rufen koͤnnen, so werden Sie eine Menge un- schuldiger Seelen vom Verderben retten. Denn die scheinen mir die Beute gewesen zu seyn, fuͤr welche er seine gottlosen Schlingen gelegt hat. Und wer weiß, vielleicht mag, haupt- saͤchlich dieses Vorhabens willen, die Vorse- hung es zugelassen haben, daß eine Person sich verirrete, die nie mit ihrem Herzen und Willen irrete, und sich selbst so viele Vorwuͤrfe macht, daß sie, wie sie glaubet, uͤberhaupt geirret hat. Leben Sie wol, wertheste Freundin. Anna Howe. Th. IV. S. 96. L. 29. nach den Worten: an den Lord M. schreibe. Er wollte mir die Wahl uͤberlassen, ob der schleunige Tag, dessen Ankunft er ernstlich haͤt- te wuͤnschen sollen, beschleuniget, oder aufge- schoben werden sollte! Jch dachte bei mir selbst u. s. w. Th. IV. S. 97. L. 21. nach den Worten: noch aufschieben koͤnnten, lies statt des naͤchsten Abschnitts: Jch Jch schwieg. Den Tag darauf, gnaͤdige Fraͤulein, wenn es morgen nicht seyn soll. Haͤtte er mir Zeit gegeben, zu antworten, ich haͤtte nicht ja sagen koͤnnen. Das werden Sie doch einsehen? ‒ ‒ Allein er fuhr in demsel- ben Odem fort: oder den darauf folgenden Tag? ‒ ‒ Wobei er meine beiden Haͤnde ergrif, und mich so starr ansahe, daß ich halb verwirrt wur- de. ‒ ‒ Wuͤrden Sie wol so viel Geduld mit ihm gehabt haben, mein Kind? Nein Herr Lovelace u. s. w. Th. IV. S. 98. L. 6. nach den Worten: Dank schuldig waͤre. Jst es nicht klar, mein Kind, daß er wil- lens ist, mich zu quaͤlen, und herum zu fuͤhren? Der aufgeblasene, und zugleich der niedertraͤch- tige, thoͤrigte Mensch! ‒ ‒ Doch sie sagen, ich darf mich gar an keinen Kleinigkeiten mehr stos- sen. O warum giebt er sich Muͤhe, ein Herz zur Verstellung zu bringen, das einzig und al- lein, und zwar zu meinem und seinem Besten, wuͤnschet, den gehoͤrigen Wolstand zu beobachten! Um nicht unbescheiden u. s. w. Th. IV. S. 100. L. 13. zu den Worten: Meinung ausbitte, setze folgende Note: Wir koͤnnen nicht umhin, hiebei anzumerken, daß die Fraͤulein, selbst von einigen ihres Ge- schlechts, schlechts, besonders getadelt ist, daß sie in den obigen Unterredungen ihre Zaͤrtlichkeit uͤbertrie- ben haͤtte. Allein dies kommt nothwendig da- her, daß man auf die Umstaͤnde, darin sie sich befand, auf ihren eignen Charackter, und den Charackter des Mannes, mit welchem sie zu schaffen hatte, nicht aufmerksam ge- nug gewesen ist. Denn ob sie gleich freilich von seinen Absichten nicht so viel wissen konnte, als der Leser aus seinen Briefen an den Herrn Belford erfahren hat: So war sie doch von seinen boͤsen Grundsaͤtzen zu sehr uͤberzeuget; und sahe aus seinem ganzen Betragen gegen sie die Nothwendigkeit ein, einen solchen Wag- hals, wie sie ihn zuweilen nennet, in einer Entfernung zu halten. Jm Th. III. S. 268. wird der Leser sehen, daß sie, bei einigem guͤn- stigen Anschein, sich selbst tadelt, sie sei zu fer- tig gewesen, ihn verdaͤchtig zu halten. Doch sagt sie: Wie viel ist an den Grundsaͤtzen zu tadeln, nach denen er handelt? Er ist so leichtsinnig, so veraͤnderlich, so stolz, daß er sich selbst in zwo verschiedenen Stun- den nicht aͤhnlich ist. Jch habe jetzt keinen Schutz-Engel um mich, keinen Vater, keine Mutter; und muß mich blos auf GOtt und meine Vorsichtigkeit verlas- sen. Jm Th. III. S. 116. am Ende, sagt sie: Waͤre es nicht ein Selbst-Verrath, wenn ich bei einem solchen Menschen nicht wach- sam und argwoͤnisch waͤre? Jetzt Jetzt aber, wird der Leser sehen, daß sie noch viel wichtigere Ursachen hatte, wachsam und argwoͤhnisch zu seyn. Und Herr Lovelace wird dem schoͤnen Geschlecht selbst die Lehre ge- ben: (Th. V. S. 9.) Die Frauenzimmer, wel- che uͤber die ersten Freiheiten nicht emp- findlich werden, sind nothwendig verloh- ren. Denn die Liebe ist eine Betruͤgerin, die immer mehr Eingriffe zu thun suchet. Sie trachtet immer weiter. Nichts, als die letzte Gunst, kann sie befriedigen, wenn ihr einmal etwas eingeraͤumet ist. Aber vielleicht ist der Leser zu geneigt, der Clarissa Betragen in bedenklichen Umstaͤnden nach des Herrn Lovelace Beschwerden uͤ- ber ihre Kaltsinnigkeit zu beurtheilen; und bedenket nicht, was er fuͤr Absichten hatte, und daß sie als ein Muster vorgestellet wird. Denn daher muß man ihr in ihren Versuchungen und Ungluͤck nicht erlauben, daß sie diejenigen Re- geln aus der Acht laͤsset, an welche vielleicht ei- nige ihres Geschlechts, wenn sie in ihren bedenk- lichen Umstaͤnden gewesen waͤren, nicht ge- glaubt haͤtten, sich so genau binden zu duͤrfen. Und doch wuͤrde ein Lovelace, wenn sie sie nicht beobachtet haͤtte, alles erhalten haben, was er suchte. Th. IV. S. 101. L. 23. nach den Worten: Schoͤnheiten zu schmuͤcken. Zusaͤtze zur Cl. K Jch Jch will dir wol vorher sagen, wie sich mei- ne Schoͤne in dem Fall gebaͤrden wird. ‒ ‒ Sie wird zu verschiedenen Zeiten auf die Sa- che zu reden kommen, und wieder darauf kom- men; Aber ich will sie nicht verstehen. Zu- letzt, nachdem sie ein halb Dutzend mal ge- raͤuspert hat, wird sie genoͤthiget seyn, ganz auszusprechen: ‒ ‒ ich meine, Herr Love- lace ‒ ‒ ich meine, Herr ‒ ‒ ich meine, sie haͤtten vor einigen Tagen gesagt. ‒ ‒ Jch werde stock still schweigen. ‒ ‒ Jch sitze gegen ihr uͤber; ihre Augen sind auf meine Schuhschnal- len geheftet. ‒ ‒ Maͤdgen, wenn man sie so weit hat, bewundern allezeit die Schuhschnal- len einer Mannsperson, oder vielleicht einige besondere Schoͤnheiten in dem Fuß-Teppig. Jch meine, sie sagten, daß Frau Fretch- ville. ‒ ‒ Dann rollet eine crystallne Zaͤhre jede rothe Wangen herunter. Sie aͤrgert sich, daß man ihrem jungfraͤulichen Stolz so wenig zu Huͤlfe kommt. Aber komm nur, spreche ich zu mir selbst, mein Kind, mit deinem Meinen! Erinnere dich, was ich um dich und von dir ausgestanden habe! Jch werde deinen thraͤnen- vollen Pausen nicht aushelfen. Sprich nur aus, mein Schatz! ‒ ‒ O welche angenehme Verwirrung! Kann ich mich selbst so man- cher Schoͤnheiten, die in diesem Kampf zum Vorschein kommen, durch ein uͤbereiltes, naͤr- risches, weibisches Mitleiden berauben, wodurch ein hoͤflicherer Mann, (du weißt, mein Engel, daß daß ich kein hoͤflicher Mann bin!) den seine eigne Zaͤrtlichkeit verraͤth, und der zu weibli- chen Thraͤnen nicht gewoͤhnt ist, uͤberwunden seyn wuͤrde? Jch werde bei dieser Gelegenheit eine Unentschlossenheit annehmen, damit sie mich nicht ganz verabscheuet; ‒ ‒ damit in mei- ner Abwesenheit ihre Betrachtungen uͤber die- sen Auftrit sie an einige meiner Schoͤnheiten erinnern moͤgen, die ich dabei gezeiget habe. Eine ehrerbietige, ehrfurchtsvolle, demuͤthige Unentschlossenheit, die beredter seyn wird, als alle Worte sie auszudruͤcken vermoͤgen! Sprich nur aus, mein Schaz, nur ganz aus! Wer eine freie Lebensart u. s. w. Th. IV. S. 108. L. 11. nach den Worten: Unvollkommenheit herrschet. Das Ende von allem, was ich geschrieben habe, ist dies: Entweder heirathen Sie, mein Kind, oder entfernen Sie sich von ihnen allen, und von ihm auch. Sie gedenken das letztere zu thun, werden Sie sagen, so bald Sie eine Gelegenheit finden, Diese hoffe ich Jhnen, wie ich schon oben zu verstehen gegeben, bald genug zu verschaffen; und dann werden Sie mit sich selbst zu kaͤm- pfen haben. Dies sind eben die Herren, die wir Maͤdgen von Natur nicht hassen. Wir wissen nie, was in unsrer Macht stehet, zu thun, oder nicht. Wenn ein Haupt-Vorwurf, den wir lange im K 2 Gesicht Gesicht gehabt haben, so bedenklich wird, daß wir ihn nothwendig entweder waͤhlen, oder ver- werfen muͤssen; so sehen wir uns vielleicht um: Wir erschrecken uͤber die wilde und ungewisse Aussicht, die sich uns oͤfnet, und nach einigem Kampfe und Bekuͤmmerniß verwerfen wir den neuen Liebhaber, den wir nicht gepruͤft ha- ben; ziehen unsre Hoͤrner ein, und entschlies- sen uns, in dem Pfade fortzukriechen, mit dem wir bekannt sind. Jch erwarte Jhren naͤchsten u. s. w. Th. IV. S. 109. L. 27. nach den Worten: die Seinige zu nennen. Wie viele Ursachen wuͤrdest du gehabt ha- ben, besorgt zu seyn, wenn sie sich durch unge- reimte, oder schwache Gruͤnde haͤtte bewegen lassen, wodurch ein Mann so gut als der an- dre sie wuͤrde uͤberredet haben, wenn er mit Ungestuͤm angehalten haͤtte? Was du fuͤr ein erfindsamer Geist bist, das wissen wir alle. Wir sind alle uͤberzeuget, daß du einen Kopf hast, Raͤnke auszusinnen, und ein Herz, sie auszufuͤhren. Habe ich dich nicht den groͤßesten Spitzkopf auf dem Erd- boden genennet? Dafuͤr kannte ich dich. Was willst du mehr? Warum soll dein Kopf eben der boshafteste seyn, so wie er der geschickteste ist? ‒ ‒ Heirathe die Fraͤulein, und erzaͤhle ihr hernach, was fuͤr eine Menge Streiche du ihr noch zu spielen bereit gewesen waͤrest. Bitte sie, daß daß sie dich fuͤr diese Entdeckung nicht hassen moͤchte; und versichre sie, daß du sie aus Ge- wissens-Angst, und um ihren ausserordentlichen Verdiensten Gerechtigkeit wiederfahren zu las- sen, aufgegeben haͤttest; und laß ihr die Freu- de, daß sie sich selbst Gluͤck wuͤnschet, ein Herz bezwungen zu haben, das so geschickt ist zu ruhmwuͤrdigen Uebelthaten, wie du es nen- nest. Das wird ihr Gelegenheit geben, zu trium- phiren, und dir nicht weniger: Jhr, daß sie uͤber dich, dir, daß du uͤber dich selbst gesieget hast. Bedenke wie viel u. s. w. Th. IV. S. 117. L. 23. nach den Worten: wenn ich mich verheirathete, lies statt des naͤchstfolgenden Abschnitts: Ein Mensch kann nicht alles. Sie Herr Belford, sind ein Gelehrter. Jch bin ein Pair. Schaͤrfen Sie ihm, auf was Art, das wissen Sie am besten, die weisen Spruͤchwoͤr- ter ein, die ich noch anfuͤhren will, und die ich schon beigebracht habe. Aber mit so viel Vor- sicht, daß er nicht merket, Sie haben mit mei- nem Kalbe gepfluͤget. Hier sind sie: Gluͤck- lich ist der Mann, der seine Thorheiten in der Jugend erkennet. Wer gut le- bet, der lebet lange. Noch eins: Wer ein Jahr uͤbel lebt, wird sieben Jahre Leid darum tragen. Und noch eins, das bei den Spaniern gebraͤuchlich ist: Wer K 3 wol wol lebet, der siehet weit. Freilch weit, denn er siehet in die Ewigkeit, wie man sagen koͤnnte. Hier ist noch eine schoͤne Sentenz: Wer in unnoͤthiger Gefahr umkommt, ist des Teufels Maͤrtyrer. Ein anderes Spruͤchwort habe ich in Madrid aufgefangen, als ich den Lord Lerington auf seiner Ge- sandschaft nach Spanien begleitete, welches meinen Vetter mehr Barmherzigkeit und Mit- leiden lehren wird, als er schwerlich vermoͤge seines Naturels zeigen kann. Es heißt so: Wer mit einem andern Mitleiden hat, der hat selbst Gut davon. Von dem, was folget, wird er selbst wol hundertmal die War- heit erfahren haben: Wer da thut, was er will, thut selten, was er soll. Dies ist auch noch anmerkens-werth: Was man in der Jugend eingebrocket hat, muß man im Alter ausessen. Mein verteufeltes Po- dagra! GOtt helfe mir! ‒ ‒ Doch ich will nicht sagen, was ich noch sagen wollte. Jch erinnere mich, daß Sie, die Sie mir wegen meiner kraͤftigen und weisen Spruͤchwoͤr- ter oft ein Compliment gemacht haben, selbst einmal etwas sagten, welches mir eine grosse Meinung von Jhnen beibrachte. Leute von Gaben, sagten Sie, werden eher durch kurze Sentenzen uͤberzeuget, als durch lange Predigten, weil die kurzen Senten- zen von selbst ans Herz dringen und darin bleiben, lange Reden aber, wenn sie noch so so gut sind, die Aufmerksamkeit ermuͤ- den; und immer das eine gute das andre vertreibt, bis sie alle vergessen werden. Wenn doch ihr guter Rath u. s. w. Th. IV. S. 128. L. 23. nach den Wor- ten: grosmuͤthig ertragen sollst. Aber bist du auch gewiß, Bruder, daß es der kalte Brand ist? Mein Oncle gab ein- mal Hofnung, daß die Krankheit schon sein innerstes Mark angegriffen haͤtte, aber so ist leider! ein kleiner Anstoß von Podagra daraus geworden; und da hatte ich, statt seiner, den kalten Brand. ‒ ‒ Jch habe gehoͤrt, daß eine gute Portion China einen kalten Brand ver- hindern wird, daß er nicht weiter um sich greifet, und ihn zuletzt gar wegnimmt. Gieb deines Oncles Wund-Arzt zu verstehen, daß, wenn ihm seine Ohren lieb sind, er sich nicht unterstehen soll, ihm ein Gran China zu ge- ben. Jch wollte, daß mein Oncle u. s. w. Th. IV. S. 156. statt des Abschnitts, der sich anhebt: Der naͤchste Brief nach diesem, lies folgendes: Fraͤulein Clarissa Harlowe an Fraͤulein Howe. Freitag den 10. Mai. Jch wollte nicht gern, wenn ich es aͤndern koͤnnte, die dunkle und schwarze Gestalt mei- K 4 nes nes Schicksals so bestaͤndig betrachten, daß ich dadurch, weil doch die ganze Natur und jedes Ding eine helle und eine dunkle Seite hat, fuͤr unfaͤhig gehalten wuͤrde, mich an einer Hofnung zu vergnuͤgen. Und dies nicht allein meinetwegen, sondern auch Jhrentwillen, da Sie an allem, was mich trift, so grosmuͤthig Antheil nehmen. Lassen Sie sich also erzaͤhlen, mein Kind, daß ich in Betracht meiner Umstaͤnde vier und zwanzig Stunden ziemlich vergnuͤgt zugebracht habe. Sie erzaͤhlet darauf u. s. w. Th. IV. S. 157. L. 12. nach den Worten: in London antreffen sollte, lies statt des Schlusses dieses Briefes: Selbst Dorcas, sagt sie, misfaͤlt mir we- niger, als zuvor, und ich muß Mitleiden mit ihr haben, daß sie in der Erziehung versaͤumt ist, da sie selbst so sehr Ursache hat, es zu bedauren. Sonst wuͤrde es nicht viel zu be- deuten haben. Denn Leute von niedrigem Stande, und ohne Gelehrsamkeit dienen dem gemeinen Wesen am meisten; (solche machen nemlich die arbeitsamsten Mitglieder derselben aus) und es ist nur gar zu gewoͤhnlich, daß eine gelehrte Erziehung Leute uͤber die Pflicht andern zu dienen erhebet, wodurch doch die Geschaͤfte dieser Welt ausgerichtet werden muͤs- sen. Jch zweifle nicht, wenn wir die ganze Welt Welt durchgehen, daß unter den Unstudierten zwanzig gluͤckliche Leute gegen einen von denen sind, die in den Schulen erzogen worden. Jnzwischen laͤßt sich hieraus nichts gegen das Studieren, oder die Wissenschaften schlies- sen. Denn man wird doch gern diejenigen, die Faͤhigkeit haben, und deren Familie man hochachtet, oder deren Dienste man belohnen will, ein wenig zu unterscheiden suchen, und von ihnen glauben, daß sie der Welt auf eine artigere Art nuͤtzlich sind. Wenn mein Gemuͤth ganz ruhig waͤre, koͤnn- te ich vielleicht hieruͤber noch mehr nuͤtzliches sa- gen, weil ich dieser Sache mit so viel Ueberlegung nachgedacht habe, als meine Jahre, und wenige Erfahrung verstatten wollen. Aber die gewaltige Unwissenheit und Unge- schicklichkeit dieses Maͤdgens ist erstaunend, da es ihr an Neugierde nicht fehlet. Denn sie schei- net lehrbegierig zu seyn, und kann in andern Dingen leicht etwas begreifen. Dies bestaͤti- get mich noch mehr in der Anmerkung, die ich einmal gehoͤret habe, daß fuͤr eine jede Person eine Zeit ist, wo sie unterwiesen werden muß; eine Zeit des Lernens, wie man sie nennen koͤnnte; wo man das Gemuͤth Schritt vor Schritt von dem leichten zu dem schweren fuͤh- ren, und es Jahr vor Jahr ausbessern kann. Mit wie vieler Sorgfalt sollten diese Zeiten von den Aeltern, Vormuͤndern, und andern, denen die Erziehung und Unterweisung der Ju- K 5 gend gend anvertrauet ist, in Acht genommen wer- den! Denn wenn sie einmal vorbei sind, ohne daß man einen Grund gelegt hat, so werden sie schwerlich je wiederkommen. Und doch muß man gestehen, daß es Genies giebt, die, gleich gewissen Fruͤchten, erst spaͤt reif werden. Ein anhaltender Fleiß wird auch Wunder-Dinge thun. ‒ ‒ Aber wenn jemand zum Exempel im zwanzigsten Jahre die ersten Grundsaͤtze lernen soll, die andre im zehenden Jahre gelernet ha- ben, und die sie selbst in dem Alter haͤtten fas- sen koͤnnen, welche muͤhsame Arbeit ist das! Sie haben allezeit gewuͤnscht, daß ich der- gleichen Anmerkungen einstreuen moͤchte, so wie sie mir einfallen. Aber es ist dies auch ein Zeichen, daß ich ein wenig bessere Aussichten vor mir sehe, sonst wuͤrde ich unter so vielen wichtigern Dingen, die mein Gemuͤth seit ei- niger Zeit einnehmen, nicht ruhig genug gewe- sen seyn, sie zu machen. Jetzt will ich Jhnen sagen, was ich fuͤr bessere Hofnungen vor mir habe. Vors erste weiß ich es besser, als vorher, zu erklaͤren, warum es mit der Miethung des Hauses so lange waͤhret. ‒ ‒ Die arme Frau Fretchville! ‒ ‒ Sie dauret mich, ob ich sie gleich nicht kenne. Hernach macht das eine gute Mine, daß er dem Frauenzimmer, vor dieser Unterredung mit ihnen, seine Absicht be- kannt gemacht hat, hier im Hause zu bleiben, wenn ich das andre bezogen haͤtte. Dem Ton seiner seiner Stimme nach schien er daruͤber besorgt zu seyn, was ich uͤber diesen neuen Aufschub denken wuͤrde. Jungfer Martin druͤckte sich uͤber meine Person so wol aus, daß es mir fast leid ist, daß ich das erste mal, da ich sie sahe, so hart von ihr geurtheilet habe. Freie Leute koͤnnen wol mannigmal einen weiten Jrweg gehen, ohne sich ganz zu verirren. Denn wie sie gemeinig- lich nicht auf ihrer Hut, uͤbereilend, und fluͤch- tig sind, so kann ihnen auch dieselbe Veraͤnder- lichkeit und Fluͤchtigkeit des Geistes zu Huͤlfe kommen, und sie wieder zum Nachdenken und zu ihrer Pflicht zuruͤck bringen, wenn das Herz nicht verdorben ist. Seine Ursachen, warum er nicht selbst hin- gehen will, seine Fraͤulein Basen hieher zu ho- len, weil nemlich mein Bruder und Singleton ihm noch immer nachstellen, scheinen auch nichts uͤbels anzuzeigen. Und es laͤsset sich um so viel eher erklaͤren, warum sie es erwartet haben, daß ein so stolzer Mensch, als er, in Person kommen, und sie darum ersuchen sollte, da er sie zuweilen als Fraͤulein beschreibet, die sehr auf das Ceremoniel sehen. Jch will Jhnen noch einige andre Gruͤnde sagen, warum ich jetzt ruhiger bin, als vorher, ehe ich ihn in seiner Unterredung behorchet hatte. Dahin rechne ich seine Nachricht, die er von der Schifsbedienung des Singletons erhalten hat, welches nur gar zu sehr mit dem uͤberein- kommt, kommt, was Sie mir in Jhrem Briefe vom 10. Mai meldeten. Daß er nicht willens ist, es mir bekannt zu machen. Die Vorsicht, welche die Bedienten brauchen sollen, wenn der Schiffer kommt, und nach uns fraͤgt. Sein Entschluß, nicht der angreifende Theil zu seyn, wenn er entweder meinen Bruder oder diesen Singleton antraͤfe; und die leichte Art, die er ausgefunden hat, in dem Fall Ungluͤck zu vermeiden, weil ich nur nicht noͤthig haͤtte, zu laͤugnen, daß ich die Seinige waͤre. Wie- wol ich wuͤrde mich in meinen Gedanken fuͤr sehr ungluͤcklich halten, wenn ich dahin getrieben wuͤrde, mich noch gegen andre Leute dafuͤr still- schweigend zu bekennen, bis ichs wuͤrklich bin; ob ich mich gleich, so sehr wider meinen Willen, bewegen lassen, die Meinung der Leute unten im Hause zu unterstuͤtzen, daß wir verheirathet waͤren. Nachdem, was am Mittwochen zwischen mir und dem Herrn Lovelace vorgefallen ist, und was ich gehoͤret habe, als ich ihn behorchte, halte ich mich verbunden, mit ihm in die Co- moedie zu gehen; um so vielmehr, da er so vor- sichtig war, und mir vorschlug, daß mich eine von den Jungfern im Hause begleiten sollte. Jch muß auch gestehen, wie vergnuͤgt ich daruͤber bin, daß ich erfahren, er habe wuͤrk- lich an den Lord M. geschrieben. Jch Jch habe versprochen, den Aufsatz des Herrn Lovelace zu beantworten, so bald ich Jhre Meinung daruͤber gehoͤret. Jn meinem naͤchsten Briefe hoffe ich, Ur- sache zu haben, diesen guͤnstigen Anschein zu be- kraͤftigen. Guͤnstigen Anschein muß ich wol sagen, da ich einmal Schifbruch erlitten! Jch hoffe in dem Kampfe, den ich ihrer Meinung nach mit mir selbst anstellen muß, (wie Sie sich ausdruͤcken) wenn mich seine Auf- fuͤhrung nicht noͤthiget, ihn zu verlassen, mich so bezeigen zu koͤnnen, daß ich mich in Jhren Augen nicht heruntersetze. Und das ist alles, was ich jetzo wuͤnschen kann. Aber, wenn ich ihn wuͤrk- lich so hoch halte, wie Sie so guͤtig sind, zu behaupten, so wird doch, denke ich, der Kampf mir so schwer nicht seyn, als Sie sich einbil- den, wenn ich von ihm gehe; im Fall mir nur die Mittel zu meiner Entweichung gegeben wer- den. Aber wie werde ich mich betragen, wenn ich von ihm gegangen, und schwach genug bin, mich gleich den ehemaligen Jsraeliten nach meiner Egyptischen Gefangenschaft zu sehnen! Es wird, denke ich, dieses guͤnstigen An- scheins ungeachtet, nicht schaden, daß Sie den Entwurf (er sei beschaffen wie er wolle) ausfuͤhren, den Sie fuͤr mich ausgedacht ha- ben, mir im Fall der Noth eine Freistadt aus- zumachen. Herr Lovelace ist in der That ein unergruͤndlicher und gefaͤhrlicher Mensch. Die Klugheit erfordert es also, wachsam zu seyn, und und sich auf das Aergste gefaßt zu machen! Hilf Himmel! mein Kind, wozu bin ich ge- bracht! Haͤtte ich jemals denken koͤnnen, daß ich in Umstaͤnde gerathen wuͤrde, wo ich genoͤ- thiget waͤre, mich bei einem Mann aufzuhal- ten, an dessen Ehrlichkeit gegen mich ich nur den Schatten von einem Zweifel haben koͤnn- te! ‒ ‒ Doch ich will ins Kuͤnftige hinaussehen, und das beste hoffen. Jch bin gewiß, daß Jhre Briefe nicht auf- gefangen werden. Seyn Sie desfals nur ruhig. Herr Lovelace wird sich nie mit gutem Wil- len meiner Gesellschaft entschlagen. Sonst zwei- fle ich nicht, daß ich die Freiheit habe, aus und einzugehen, wann es mir beliebet; und wuͤrde es auch, wenn ich es noͤthig hielte, und mich nicht vor meinem Bruder, oder dem Capitain Singleton fuͤrchtete, oͤfter versuchen. Th. IV. S. 201. L. 12. nach den Worten: wenn ich es nicht demuͤthige, lies statt der naͤchsten Worte, bis: gefaͤhr- lichsten Menschen haͤlt: Jn einem andern Briefe sagt die kleine Fu- rie: daß sie schreiben will, und keine Mannsperson fuͤr sie schreiben soll, ‒ ‒ als wenn ihr etwas dergleichen an die Hand gege- ben waͤre. Sie billigt das Vorhaben ih- rer schoͤnen Freundin, mich zu verlassen, wenn ihre Verwandten sie aufnehmen wollen. Jch bin ein Boͤsewicht, ein naͤr- rischer rischer Kerl! Sie hasset mich meiner verfluchten Erfindungen willen. Sie hat nur eben mit jemandem Bekannt- schaft gemacht, der einen grossen Theil meiner geheimen Geschichte weiß. Ver- flucht sei sie, und ihr Geschichtschreiber! ‒ ‒ Der Mensch ist wuͤrklich ein Boͤsewicht, ein abscheulicher Boͤsewicht! Hole sie der Teufel! Wenn ich ein zehnfaches u. s. w. Th. IV. S. 208. L. 10. nach den Wor- ten: zu pfaͤnden. Ob sie gleich mit List, sagt sie ihr, in die Gewalt dieses Mannes gebracht waͤ- re, so brauchte sie sich doch nicht unter dieselbe zu erniedrigen. Es ist noch, wie es scheinet Hofnung zu meiner Bekehrung, weil ich so ehrerbietig gegen sie bin, denn vorher haͤtte ich nie vor etwas Gutem eine Ehrerbietung gehabt. Jch bin ein grosser, ein glaͤnzender Betruͤger! Das mag darum seyn! Dafuͤr soll sie Dank haben! Sie meinet, es koͤnnte noch ein guter mo- ralischer Nutzen dadurch gestiftet wer- den, daß ich sie bewogen haͤtte, zu irren. Jch freue mich, wenn aus meinen Handlun- gen etwas gutes entstehet. Bei diesem Briefe liegt u. s. w. Th. IV. Th. IV. S. 212. L. 13. nach den Worten: Jst das zu geniessen. Solche Leute, als ich, das waͤren eben die Herren, welche die Maͤdgen von Na- tur nicht haßten. ‒ ‒ Das ist so wahr, wie das Evangelium, Bruder! Endlich ist die Warheit heraus. Habe ichs dir nicht allezeit gesagt? Suͤsse Geschoͤpfe und wahre Christen sind diese jungen Maͤdgen! Sie lieben ihre Feinde. Aber in ihren Herzen sind sie alle Boͤsewichter. Gleich und gleich gesellet sich gern, das ist die Sache. Waͤre ich nicht von der Warheit dieser Anmerkung des kleinen Brumbarts gewiß, so wuͤrde ich mir die Muͤ- he gegeben haben, wo nicht ein guter Mann, doch wenigstens mehr ein Heuchler zu seyn, als ich noͤthig fand. Heute erhielt sie wieder u. s. w. Th. IV. S. 224. L. 6. nach den Wor- ten: Fleck darauf habe, lies statt des naͤchsten Abschnitts: Denken Sie nicht, mein Kind, daß ich Ur- sache habe, erzuͤrnt auf ihn zu seyn, wenn ich meine Umstaͤnde betrachte? Bin ich nicht gleich- sam gezwungen, mit ihm zu zanken, wenig- stens, so oft ich ihn sehe? Keine Sproͤdigkeit, keine Kuͤnste, keine Tyrannei ist in meinem Herzen, oder in meinem Betragen gegen ihn, das weiß ich. Keine angenommene Verzoͤge- rung, ich strebe nur nach dem Wolstande. Es ist ist so wol sein Nutzen, wenigstens sollte er so denken, als der meinige, daß er den beobachtet. Jch bin zu sehr in seiner Gewalt, und durch die Grausamkeit meiner Verwandten ihm in die Arme geworfen. Jch habe keinen andern Schutz, zu dem ich fliehen koͤnnte, als den seinigen. Es ist ein ebener Weg vor uns; und doch solche Hindernisse, solche Schwierig- keiten, solche Ursachen zum Zweifel, zu Spitz- findigkeiten, zur Unruhe! Wenn eine gehoben ist, so kommt eine andre, und nicht durch mei- ne Schuld. ‒ ‒ Jch weiß nicht, wie sie kommt. ‒ ‒ Was fuͤr Vergnuͤgen kann ich hoffen, wenn ich einen solchen Boͤsewicht bekomme. Bringen Sie doch, meine allerliebste Fraͤu- lein Howe, den freundschaftlichen Vorschlag mit der Frau Townsend zu Stande; so will ich den Menschen verlassen. Mein Temperament hat sich, wie ich glau- be, verschlimmert; es waͤre auch kein Wunder. Jch zweifle, ob ich jemals wieder so munter werde, als ich gewesen bin. Doch ich kann ihn durch diese Veraͤnderung nicht halb so un- ruhig machen, als ich selber bin. Sehen Sie nicht, wie er mir Schrit vor Schrit naͤher kommt? ‒ ‒ Jch zittere, wenn ich auf seine Freiheiten zuruͤck sehe, die er sich bereits genom- men hat. Und jetzt giebt er mir Ursache, noch mehr Boͤses von ihm zu fuͤrchten, als mein Unmuth mir auszudruͤcken erlaubt! ‒ ‒ O bringen Sie doch, mein Kind, Jhren Zusaͤtze zur Cl. L Entwurf Entwurf zu Stande, und lassen Sie mich ei- nem so abscheulichen Kerl entfliehen! Doch erst von meinen Freunden nach ihm hin entlaufen zu seyn, wie die Welt glaubet! und nun von ihm wieder wegzulaufen! ‒ ‒ Zu wen? das weiß ich nicht! ‒ ‒ Wie hart ist das fuͤr eine Person, die allezeit gestrebet hat, verwirrte We- ge zu vermeiden! Doch er muß gewiß, daß er so mit mir zankte, Absichten gehabt haben, die er nicht gestehen darf! Wiewol, was koͤnnen es fuͤr Absichten seyn? ‒ ‒ Jch erschrecke, wenn ich daran denke! Lassen Sie mich nur von ihm kommen! ‒ ‒ Mein guter Name leidet freilich, wenn ich ihn verlasse! ‒ ‒ Doch der hat fuͤr mich schon zu viel gelitten. Jch kann nun um nichts mehr bekuͤmmert seyn, als wie ich so handeln will, daß mir mein eigen Herz keine Vorwuͤrfe macht. Das Urtheil der Welt muß ich freilich ertragen. Ein ungluͤcklicher Vergleich indessen! Wie ha- be ich an meinen Guͤtern Schifbruch gelitten, daß ich genoͤthiget worden, so viele Kostbarkei- ten uͤber Bord zu werfen, um das einzige Kostbare zu erhalten! Wie wuͤrde es ehedem mein Herz gebrochen haben, wenn ich nur einmal im geringsten einen Zufall gefuͤrchtet haͤtte, wo- bei ich einen solchen Vergleich eingehen muͤßte! Jhnen, mein Kind, konnten meine geheimen Vergehungen nicht verborgen seyn, ob Sie mir gleich nichts davon sagen wollten. Wie stolz ward ich nicht uͤber meinen allgemeinen Beifall! Welch Welch ein Stolz war das schon, zu glauben, daß ich keinen Stolz haͤtte! ‒ ‒ Und der ver- steckte sich meinem Herzen, daß sich selbst nicht pruͤfte, unter dem Schleier der Demuth, da ich mir doch aus der liebreichen Art, mit wel- cher ich Wolthaten erwies, (die ich mir selbst so wol zuschrieb, als sie andre Leute an mir ruͤhmten) ein doppeltes Verdienst machte. Und dennoch hatte ich nicht das geringste Verdienst, weil mich das Vergnuͤgen, so mir meine klei- nen Gutheiten gewaͤhrten, reichlich und uͤber- fluͤßig bezahlte, und ich uͤberdem durch meine Neigung dazu angetrieben wurde, die mir ver- liehen war ‒ ‒ wozu? ‒ ‒ mir nichts darauf einzubilden. Kurz, daß ich eine solche Begierde hatte, als ein Muster angesehen zu werden! Eine Eitel- keit, die mir meine partheiischen Bewunderer in den Kopf setzten! Und daß ich in meiner eig- nen Tugend so sicher war! Jch bin fuͤr diese meine Eitelkeit genug ge- strafet, genug gedemuͤthiget! ‒ ‒ Jch hoffe, ge- nug, ‒ ‒ wenn es demjenigen Wesen so gefaͤllt, das es mir aufgeleget hat, und welches lauter Guͤ- te ist. Denn jetzt verachte ich mich in wahrem Ernst mehr wegen meiner uͤbermuͤthigen Sicher- heit, als ich mich vorher jemals wegen meiner gu- ten Neigungen heimlich gelobet habe. Heimlich, muß ich doch sagen. Denn ich hatte mir in War- heit nicht Zeit genug gelassen, daruͤber nachzuden- ken, bis ich so gedemuͤthiget war, wie unvoll- L 2 kommen kommen ich sei, und wie sehr wahr es waͤre, was die Gottesgelehrten sagen: daß die Suͤnde unsre besten Handlungen begleitet. Wiewol ich war sehr jung. ‒ ‒ Doch hier habe ich von neuen Ursache, uͤber mich selbst zu wachen. Denn liegt nicht in den vier Worten: ich war sehr jung eine Entschuldigung heim- lich verborgen, die hinlaͤnglich ist, meinen Ent- deckungen und Bekenntnissen alle Kraft zu be- nehmen? Welche wunderliche unvollkommne Geschoͤpfe sind wir doch! ‒ ‒ Allein der Eigennutz, der bei allen unsern Handlungen und Wuͤnschen zum Grunde liegt, ist hier der große Verfuͤhrer. Jch will diese ernsthaften Betrachtungen ge- gen Sie nicht entschuldigen, mein Kind. Sind sie nicht hinlaͤnglich, ein ungluͤckliches Maͤdgen zu bewegen, daß es in sich selbst hineinschauet, und sich zu entdecken suchet? Ein Maͤdgen, das, seinem eignen Stolz und Einbildungen uͤberlas- sen durch einen unbedachtsamen Schrit, von einem so erhabnen Ruhm in die fuͤrchterlichen Umstaͤnde hinuntergestuͤrzet ist, worin ich mich befinde! Lassen Sie mich dem ungeachtet ins Kuͤnfti- ge hinein sehen. Wenn ich verzweifelte, so wuͤr- de ich Suͤnden mit Suͤnden haͤufen. Und wen habe ich, der mich aufrichten, der mich troͤsten koͤnnte, wenn ich mich selbst aufgebe? ‒ ‒ Du, mein Vater, der du mich nicht aufgegeben, mir noch nicht gefluchet hast! ‒ ‒ Denn ich bin die Deini- Deinige. ‒ ‒ Doch meine stille Betrachtung mag das uͤbrige hinzusetzen. ‒ ‒ Es verdroß mich so sehr u. s. w. Th. IV. S. 252. gegen das Ende, nach den Worten: nicht weiter kommen. Doch ich sehe, ich sehe es, sie hasset mich nicht! ‒ ‒ Wie wuͤrde das meine Eitelkeit de- muͤthigen, wenn ich daͤchte, es waͤre ein Maͤd- gen in der Welt, vornemlich dieses, das mich hassen koͤnnte! ‒ ‒ Es ist offenbar, fuͤr einen so grossen Boͤsewicht sie mich auch haͤlt, so wuͤr- de ich doch kein verhaßter Boͤsewicht seyn, wenn ich nur zuletzt aufhoͤren koͤnnte, es in ei- nem einzigen Stuͤck zu seyn! Sie wuͤrde es, ich sahe es in ihren Augen, so entschlossen sie auch in ihren Gedanken seyn mochte, nicht ei- nen Augenblick haben aushalten koͤnnen, wenn ich mich bemuͤhet haͤtte, ihre Furcht auf meinen zu gelenkigen Knien, wie sie sie nennet, zu zerstreuen. Denselben Augenblick, da die rau- he Decke, welche meine ihr angethanen Drang- salen uͤber ihre Neigung ausgebreitet haben, voͤl- lig weggenommen wird, werde ich ohne Zwei- fel im Grunde alles wie Sammet und Seiden, alles sanft, klar und reizend finden. Jch war allzu verdrieslich u. s. w. Th. IV. S. 265. am Ende, nach den Wor- ten: einmal uͤberwunden ist. L 3 Unsre Unsre Alte und ihre Nymphen sagen, ich waͤre eine recht feige Memme, und kein Love- lace, und fast denke ichs selbst. Aber dies Kind laͤchelt und zieret sich nicht, wie ich andre ge- funden habe, wenn ich so von ferne auf gewis- se kitzliche Materien gekommen bin. Zwei bis dreimal habe ich es mit ihr versucht. Die Alte mußte sie aufs Tapet bringen, als wir drei nur beisammen waren; weil sie als ein Frauenzim- mer gegen eine ihres Geschlechts eher dergleichen Reden fuͤhren durfte. Aber sie ist uͤber den Zwang erhaben, daß sie sich stellet, als verstuͤn- de sie euch nicht. Sie zeiget vielmehr durch ihr Misvergnuͤgen, und einen Stolz, der ih- rem Auge nicht natuͤrlich ist, daß sie nach einem unreinen Munde ein unreines Herz beurtheilet; und toͤdtet die Hofnungen eines dreisten Liebha- bers, ehe sie gebohren werden; wenn sie sich noch so fern zeigen, und ehe ein bedeutendes Wort zu einer Zweideutigkeit werden kann. Warhaftig Bruder u. s. w. Th. IV. S. 310. statt des Abschnitts, der sich anhebt: Herr Lovelace sucht in dem naͤchsten, lies folgenden Brief: Herr Lovelace an Herrn Johann Belford. Nunmehr, da meine Liebste in ihrem Netz sicher zu seyn scheinet, soll mein Anschlag auf den kleinen Teufel, die Fraͤulein Howe, und ihre Mutter Mutter ausgefuͤhret werden. Das gefaͤllige Herrn-Kerlgen Hickmann soll vor seinen Theil auch mit hineinkommen. Aber, warum denn auf ihre Mutter, wirst du sagen, die wider ihr Wissen nur auf deinen Antrieb, durch deinen Unterhaͤndler Joseph Lemann, sich bei dem naͤrrischen Oncle Anton geschaͤftig erwiesen hat? Das thut der Sache nichts. Sie glaubt nach ihrer eignen Einsicht zu verfahren, und verdienet gestraft zu werden, weil sie Einsichten haben will, da sie doch gar keine hat. ‒ ‒ Ein jeder Mensch auf dem Erdboden, ausser mich, das versichre ich dich, soll gestraft werden, wenn er mit einer so anbetungswuͤrdigen Fraͤulein entweder grausam oder nicht ehrerbietig umge- het. ‒ ‒ Was ist sie uͤbel daran! Jst es nicht genug, daß sie von mir in Person gequaͤlet und gemartert wird? Jch habe mit unsern drei Verschwornen die Sache uͤberhaupt schon abgesprochen, und sie ihnen als einen Anschlag vorgetragen, der aber noch nicht festgesetzet ist. Doch wissen sie, daß, wenn es darauf ankommt, einen Streich zu spielen, bei mir die Ausfuͤhrung mit ihren schnel- len Fuͤßen, selten weiter als drei Schritte hin- ter den Entwurf hertrabet, der an seiner Seite auch nicht hinket. Mowbray ist nicht dagegen. Er sagt: es ist ein Anschlag, der unser wuͤrdig ist, und L 4 wir wir haben in langer Zeit nichts gethan, das ein wenig Laͤrmen gemacht hat. Belton ist freilich noch ein wenig zweifel- haft, weil die Sachen zwischen ihm, und seiner Thomasine nicht zum besten stehen; und der arme Teufel hat noch nicht Muth genug, seine Wunde recht besichtigen zu lassen. Tourville hat was neues auf der Spur, und zuckte die Achseln. Er wollte jetzt nicht gerne, wenn ich damit zufrieden waͤre, ausser Landes gehen. Denn der Anschlag ist so beschaffen, daß ich fuͤrchte, wir muͤssen so lan- ge auf Reisen gehen, bis sich das Ding todt geblutet hat. Mir vor meine Person ist ein Land so gut als das andre, und ich werde so, denke ich, bald Lust bekommen, diese elende Jusul zu ver- lassen; es waͤre denn, daß die Gebieterin mei- nes Schicksals sich entschliesset, mir im Lan- de beizuwohnen, und sie mich nicht noͤthiget, sie in auswaͤrtigen Landen zu uͤberraschen. Reisen, wie du weißt, giebt beiden Geschlech- tern vortrefliche Gelegenheit, vertraut mit ein- ander zu werden. Sehr wenige Tage und Naͤchte muͤssen die Sache zwischen mir und mei- ner unnachahmlichen Schoͤnen entscheiden. Dolemann, der hierin nur die Stelle ei- nes Kammer-Raths vertreten kann, wird uns durch Briefe, von allem, was in unsrer Abwesenheit vorfaͤllt, Nachricht geben. Denn seine rechte Hand und rechte Seite ist noch nicht gelaͤh- gelaͤhmet, und an seiner linken Seite faͤngt er auch an, sich zu erholen. Was dich betrift, so moͤchten wir dich lie- ber bei uns haben, als hier lassen. Denn, ob du gleich ein jaͤmmerlicher Bursche bist, et- was auszusinnen; so bist du doch bei der Aus- fuͤhrung unerschrocken. Aber weil es bei dei- nen gegenwaͤtigen Verbindungen ungewiß ist, ob wir dich haben koͤnnen, so bestehe ich nicht so sehr darauf, dir in diesem Spiel eine Haupt- rolle zu geben; sondern ich will es dir uͤberlas- sen, daß du uns folgest, wenn wir außer Lan- des sind. Lange, weiß ich doch, kannst du oh- ne uns nicht leben. Mein Anschlag ist kuͤrzlich dieser: ‒ ‒ Frau Howe hat auf der Jnsul Wight eine aͤltere Schwester, die neulich Witwe geworden ist. Jch habe sichre Nachricht, daß die Mutter und Tochter vor Verheirathung der letzteren, bei dieser Dame einen Besuch abstatten werden, welche reich ist, und die Fraͤulein zur Erbin einzusetzen gedenket. Jnzwischen hat sie ihr bei ihrer bevorstehenden Verheirathung ansehnliche Hochzeits-Geschenke zugedacht, und Frau Ho- we, welche, außer ihrer Person, Geld uͤber al- les in der Welt liebet, hat zu jemandem von meiner Bekanntschaft gesagt, daß es gut mit- zunehmen waͤre. Nun ist weiter nichts noͤthig, als ein leich- tes wolausgeruͤstetes Schif zu miethen, wel- ches acht oder vierzehen Tage vor der Aus- L 5 fuͤhrung fuͤhrung zwischen Portsmouth, Spithead, und der Jnsul Wight nach Gefallen hin und her segeln kann. Weil nun Frau Howe gern so wolfeil reisen wird, als sie kann, so kann der Schifs-Capitain Befehl haben, von ihr zu nehmen, was sie geben will, als eine Er- goͤtzlichkeit, die ihm die Jnhaber des Schifs goͤnnen wollen. Der Schifs-Capitain mag heissen, wie er will, Ganmore, daͤchte ich, diesmal. Denn ich kenne einen Buben dieses Namens, der nicht noͤthig hat, zu sagen, wo er her ist, so wenig als wir. Wol, wir stellen uns also vor, wir sind am Bord. Jch will in Verkleidung da seyn. Von euch vieren, gesetzt daß du mit dabei seyn koͤnntest, da der Entwurf so allerliebst ist, ken- nen sie keinen. Es muͤßte mit dem Henker zugehen, wenn wir keinen Sturm haͤtten, oder machen koͤnn- ten. Vielleicht werden sie See-krank. Doch wenn das auch nicht ist, so werden sie sich doch in der Cajuͤte halten. Da wird also Fraͤulein Howe seyn, ihre Mutter, Herr Hickmann, ein Maͤdgen, und ein Bedienter, wie ich glaube; und da wollen wir unsre Sachen so einrichten: Jch weiß, es wird schlecht Wetter seyn, das weiß ich gewiß. Ehe sie also den geringsten Verdacht haben koͤnnen, sind wir im Gesicht von Guernsey, Jersey, Dieppe, Cherbourg, oder oder sonst einem Orte an der Franzoͤsischen Kuͤste, wie wir es mit den Winden abreden koͤnnen, daß sie uns hinwehen. Dann wird der Bediente in Haft genommen, und die Weibsleute von einander getrennet. Einer von uns, nachdem ihn das Loos trift, das wir ziehen wollen, soll sich entweder mit Guͤte oder mit Gewalt des Dienstmaͤdgens bemaͤchti- gen. Das wird nicht schwer fallen, und sie ist ein artiges Weibstuͤck; ich habe sie oft gesehen. Einer der Frau Howe: Das kann auch nicht viel Muͤhe kosten; denn sie ist gesund und voll- bluͤtig, und lange eine Witwe gewesen. Der dritte ( das, sagt der koͤnigliche Loͤwe, muß ich seyn!) ihrer naseweisen Tochter; die zu sehr er- schrecken wird, als daß sie grossen Widerstand thun koͤnnte. (Die heftigen Gemuͤther bei dem Geschlechte haben selten wahren Muth ‒ ‒ Es ist nur, wo sie koͤnnen.) Wenn wir nun drei bis vier Tage zu unsrer Ergoͤtzlichkeit, und um unsrer Sache gewiß zu seyn, an der Kuͤste herum gesegelt sind, bis unsre traurigen Voͤ- gel anfangen, zu eßen und zu trinken; so wol- len wir sie irgendwo ans Land setzen, wo es uns am bequemsten deucht; das Schif verkaufen, (an die Agenten der Frau Townsend, von Herzen gern! oder sonst an einen Zollbetruͤger) oder es dem Ganmore schenken, und unsre Reisen so lange fortsetzen, und in der Fremde bleiben, bis man von der Sache nicht mehr reden hoͤret. Nun, Nun, weiß ich, wirst du Schwierigkeiten machen, wie das deine Art ist; inzwischen daß ich mich bemuͤhen muß, sie zu uͤberwinden. Meine uͤbrigen Vasallen haben mir auch ihre Zweifel vorgeleget, und ich bin so gnaͤdig ge- wesen, sie zu heben. Das will ich dir auch thun, wenn ich deine Einwuͤrfe nur jetzt erst, auf dei- ne mir wolbekannte phlegmatische Art vorge- stellet habe. Vors erste wirst du fragen: was soll mit dem Hickmann angefangen werden? welcher in vollem Anzuge, geschmuͤckt und geputzt da seyn wird, um der alten Tante zu zeigen, was fuͤr ein verteufeltes huͤbsches Buͤrschgen sie zum Vetter bekommen wird. Das will ich dir sagen. ‒ ‒ Hickmann wird nach seiner Hoͤflichkeit das Frauenzimmer al- lein in der Cajuͤte lassen, und um seine Lebens- art und Muth zugleich zu zeigen, auf dem Verdeck seyn. Wol, wenn er das nun waͤre? Wenn er das nun waͤre? ‒ ‒ Wie? ich hof- fe doch, es wird dem Ganmore oder sonst ei- nem, oder mir selbst, (wenn ja ein andrer Be- denken traͤgt) leicht seyn, daß ich in meinem Brustlatz und grossem Nachtrocke, wenn er da stehet, und als ein junger Lehr-Bursche das Maul aufsperret, und gaffet, auf ihn zu stol- pere, und ihn uͤber Bord werfe! Ein herr- licher Einfall! Nicht wahr? Belford! ‒ ‒ Denn der Kerl ist in dem Briefwechsel der bei- den den Fraͤulein bis zum Eckel geschaͤftig, und traͤgt, wie ich hoͤre, zwischen der Mutter und Tochter den Baum auf beiden Schultern, weil er sich vor beiden fuͤrchtet. Siehest du ihn nicht, Bruder? ‒ Jch sehe ihn ‒ ‒ wie er im Wasser auf und niederschiesset, wie seine Pe- ruque und Hut neben ihm schwimmet, wie er im Wasser mit den Pfoten schlaͤgt und plaͤt- schert, als ein Pudel, dem im Wasser bange wird. ‒ ‒ Jch fuͤrchte, er hat es nie gewagt, schwimmen zu lernen. Aber willst du den armen Schelm ersaufen? Das willst du doch wol nicht? Nein! nein! Das ist zu meinem Anschlage nicht noͤthig. Jch hasse es, uͤberfluͤßiges Un- gluͤck anzurichten. Das Voot soll zu seiner Ret- tung bereit gehalten werden, in dem das Schif fortgehet. Er soll mit Verlust der Peruque, des Hutes, und der Haͤlfte seines kleinen Witzes davon kommen, und an dem Orte, wo er zur See gegangen, oder sonst an einem andern ans Land gesetzet werden. Gut, aber sind wir nicht in Gefahr, fuͤr drei solche entsetzliche Nothzuͤchtigungen gehan- gen zu werden, gesetzt auch, Hickmann sollte mit einem Vauchvoll Seewasser davon kommen? Ja, daran ist kein Zweifel, wenn sie uns kriegen! ‒ ‒ Aber ist das wol im geringsten warscheinlich? ‒ ‒ Sind wir nicht uͤberdem schlimmerer Verbrechen willen schon sonst in Gefahr gewesen? ‒ ‒ Und was bedeutet denn das, das, nur in Gefahr zu seyn? ‒ ‒ Wenn wir uns wuͤrklich am hellen Tage in Engelland se- hen liessen, ehe die Sache geschlichtet waͤre, so ist es warscheinlicher, daß das Frauenzimmer uns nicht verklagen wird, als daß sie es thun. Jch meines Theils wuͤnsche, sie thaͤ- tens. Sollte nicht ein braver Kerl mit vie- lem Vergnuͤgen in einer solchen Klage vor Gericht erscheinen, wo er mit Frauenzimmer verhoͤret wird, die seiner kuͤhnen That Ehre ma- chen? Das Vaterland ist in den Faͤllen barm- herziger, als in allen andern, und deswegen moͤchte ich lieber in mein Vaterland zuruͤck- gehen. Weil ich einmal die Sache uͤberlege, so vergoͤnne mir noch einige Anmerkungen uͤber das Aergste, was uns, deiner Meinung nach, begegnen kann. Jch will setzen, du waͤrest ei- ner von uns, und wir fuͤnfe wuͤrden bei dieser Gelegenheit vor Gericht gefuͤhret. Wie mu- thig werden wir ins Gericht gehen? Jch an eurer Spitze, ein jeder so angekleidet, als an seinem Vermaͤhlungs-Tage! Jhr koͤnnt gewiß glauben, daß alles Frauenzimmer, alt und jung, auf eurer Seite ist. ‒ ‒ Was fuͤr brave Kerls! ‒ ‒ Was fuͤr feine Herren! ‒ ‒ Da gehet ein reizender wolgemachter Herr! Damit meinen sie mich, das versteht sich! Wie koͤnnen sie es uͤbers Herz bringen, solche Her- ren zu henken? sagt eine Dame leise, die etwa dem Secretair zur Seite sitzet: (denn ich setze, daß daß der Schauplatz in London ist) Jndem ei- ne andre nicht glauben will, daß ein Frauen- zimmer im Ernst gegen mich einen Eid ablegen koͤnnte. Alle werden sich hinter mir versamm- len. Es wird euer Gluͤck seyn, wenn ihr ja ungefaͤhr euch schaͤmen solltet, daß man euch nicht bemerken wird. Man wird mich fuͤr den groͤssesten Verbrecher erkennen, und meine Ret- tung, fuͤr welche sich alle Stimmen erklaͤren werden, wird die eurige seyn. Aber dann kommt der Triumph aller Trium- phe, wo der Angeklagte in die Hoͤhe sehen, und die Anklaͤger mit Scham werden bedecket werden! Platz da! ‒ ‒ Zur Seite! ‒ ‒ Zuruͤck! ‒ ‒ Einer bekoͤmmt einen Schlag, der andre einen Lungenhieb, der dritte ein halb Schock Rippen-Stoͤsse. Nun kommen die Anklaͤger mit nachlaͤßigen Schritten, verhuͤlltem Angesicht, und nieder- geschlagenen Augen. ‒ ‒ Zuerst die Witwe, mit kummervollen Geber- den, halb verhuͤllet, und bedauret ihre Tochter, mehr als sich selbst. Das Volk, vornemlich die Weibsleute, die bei dieser Gelegenheit fuͤnf Sechstheile der Zuschauer ausmachen werden, verweisen es ihnen. ‒ ‒ Jhr werdet euch doch sicher ein Gewissen machen, fuͤnf solche brave Herren um nichts und wie- der nichts henken zu lassen! Zunaͤchst koͤmmt das arme Dienstmaͤdgen ‒ ‒ die vielleicht schon zwanzigmal genothzuͤchtiget ist ist, und jetzt nur um der Gesellschaft willen vor Gericht erscheinet. Sie zieret sich, laͤchelt, und weinet eins ums andre, und weiß nicht, ob sie traurig oder freudig seyn soll. Aber aller Augen sind auf die Fraͤulein gehef- tet! ‒ ‒ Siehe! siehe! der wolgemachte Herr verneiget sich vor ihr? Das verstehet sich, ich werde mich bis an die Erde verneigen, und ihr einen Kuß zuwerfen. Siehe! wie sie sich schaͤmet! Siehe! sie wendet sich von ihm weg! Ach, schreiet ein loser Vogel, das macht, weil es hier im oͤffentlichen Gericht ist! Jndem andre sie bewundern. ‒ ‒ Ach! das Maͤdgen ist noch wol werth, seinen Hals darum zu wagen! Dann werden wir gelobet werden. ‒ ‒ Selbst die Richter, und die helle Versammlung der Beisitzer werden uns in ihren Herzen losspre- chen, und ein jeder wuͤnschen, an meiner Stelle gewesen zu seyn. ‒ ‒ Die Weibsbilder werden indessen die Klage misbilligen, wenn es ihre eigne Sache waͤre. Jn der That, Belford, der leidende Theil kann hiebei nicht halb so mun- ter aussehen, als wir. Was wird dann die Sache fuͤr ein Geraͤusch machen! Stelle dir vor, wir gehen von dem Gefaͤngniß nach dem Gericht. ‒ ‒ Seit wenigen Jahren ist von den Gefaͤngnis- sen nach dem Gericht ein Gang gemacht, durch welchen die Missethaͤter dahin gefuͤhret wer- den, Jst es fuͤr fuͤr ein edles Herz nicht genug, es ganz gros- muͤthig in den Wind zu schlagen, wenn man zu seinem Verhoͤr ein ansehnlich Gefolge von Wachen, und Officieren hat, deren einige in kriegrischer Mine und Ansehen einhertreten, an- dre nicht! Alle ihre Sorgen sind auf uns gerich- tet! Jn ihren Haͤnden tragen sie Waffen, ei- nige polirte, andre rostige, die sowol wegen ih- res Alterthums, als wegen ihrer Unbrauchbar- keit ehrwuͤrdig sind! Andre, von einer ansehn- lichern Aussicht, strotzen vor uns her, mit schoͤ- nen vermahlten Staͤben! Uns folget eine Men- ge Volks. ‒ ‒ Wer ist der, gegen den die junge Fraͤulein auftrit! Dann moͤgen wir unter uns, uͤber uns, um uns sehen, wo wir hin wollen, so sehen wir alle Thuͤren, Laͤden, Fenster, eiserne Gitter, und Gallerien (die Er- ker, Dachrinnen, und Schornsteine mit einge- rechnet) alle voller weisser Kappen, schwarzer Schleier, Peruquen, geschorner Koͤpfe, die unbeweglich sind! Die uͤbrigen, die in den Strassen hin und her herum schwaͤrmen, und uns an einem Platze vorbeigehen sehen, laufen mit ausgerecktem Halse, und aufgesperrten Au- gen, durch die Quergassen, und pflanzen sich einan- den, ohne durch die Gasse zu gehen. Die Freude des Lovelace uͤber den Weg, den sie nehmen wuͤrden, zeiget, wie weislich die- ses geaͤndert ist. Zusaͤtze zur Cl. M. einander auf die Schultern an andre Oerter, wo wir noch nicht hergekommen sind, um uns noch einmal zu betrachten. Jede Gasse schickt einen neuen Schwarm Leute, die zu spaͤt kommen, den fortrollenden Schneeball vergroͤssern, und zufrieden sind, sich unsre Person, Betragen und Anstand von denen beschreiben zu lassen, die so gluͤcklich waren, und zeitig genug kamen, uns zu sehen! Wuͤrklich, Bruder, wenn wir nach un- sern Grundsaͤtzen und nach unsrer Lebensart ur- theilen wollen, so sehe ich nicht, warum wir bei unserm Aufzuge, wenn uns dies widerfuͤh- re, nicht eben so erhaben einhertreten sollten, als andre bei Gelegenheiten, die den Poͤbel am meisten herbei ziehen. ‒ ‒ Zum Exempel ein Lord Maire in seinem bunten Pomp! ein siegreicher Feldherr, oder ein Gesandter bei sei- nem oͤffentlichen Einzuͤge! oder, (denn ich ha- be bei den geringsten angefangen) ein Koͤnig, bei dem feierlichsten Aufzuge, den man sich denken kann, bei seiner Kroͤnung! Denn macht nicht bei allen diesen die koͤnigliche Wa- che, die heroisch-bewafneten Buͤrger-Com- pagnien, das Gedraͤnge der Zuschauer, die an den Haͤusern von oben bis unten hinunter haͤn- gen, und ihre Koͤpfe hin und her bewegen, o- der in den Gassen laufen, wie ich oben beschrie- ben habe, den vornehmsten Theil der schoͤnen Raritaͤt aus? Hoͤre Hoͤre einmal, glaubest du nicht, daß der Maire, der Gesandte, oder der General an ihren Galla-Tagen eine traurige Figur machen wuͤrden, wenn nicht die Pauken und Trom- peten den Poͤbel zusammen riefen, daß der sie angafte? ‒ ‒ Und doch wuͤrden wir unter den Helden vielleicht nicht die groͤssesten Verbrecher seyn. Denn wer weiß, wie der Lord-Maire seine guͤldene Kette erhalten hat? Der General kehret warscheinlicher Weise von Mordthaten zuruͤck, welche nur die Gewonheit heiliget. ‒ ‒ Man erzaͤhlet vom Caesar, er habe in seinem sechs und funfzigsten Jahre, da er ermordet wurde, funfzig Haupt-Schlachten gewonnen, ungefaͤhr tausend Staͤdte mit Sturm erobert, und 1200000 Menschen getoͤdtet. Jch glau- be, die nicht mitgerechnet, die an seiner Seite fielen, da sie jene umbrachten. Sind wir bei- den, Bruder, du und ich, nicht unschuldige Maͤnner, und Windel-Kinder, gegen den Cae- sar, oder seinen Vorlaͤufer auf der Helden- Bahn, den Alexander betrachtet, der fuͤr sein Rauben und Morden den Beinamen, der Große, erhalten hat? Der vornehmste Unterschied, der mir bei der Vergleichung zwischen uns, und dem Mai- re, dem Abgesandten und dem General in die Augen leuchtet, ist dieser. Der Poͤbel macht in dem einen Fall ein groͤsseres Geraͤusch, ein lauteres Freuden-Geschrei, als in dem andern, welchen sie den freudigen Zuruf nennen, und M 2 der der sich oft in einem haut gout endigt, indem sie einander mit todten Hunden und Katzen werfen, ehe sie sich zerstreuen; Eine Gewonheit des Poͤbels in London bei dergleichen Auflauf. wobei sie oft eben so viele Freude haben, als bei dem er- sten Theil des feierlichen Aufzuges. Uns hin- gegen erwarten sie mit allen Zeichen einer ehr- furchtsvollen oder stillschweigenden Hochach- tung; aufs hoͤchste reden sie einander leise zu. Sie sperren das Maul auf, als wenn sie ge- knebelt waͤren, machen grosse Kalbs-Augen, und ihre Stimmen verlieren sich in eine allge- meine Bewunderung. Aber gesetzt, wir werden verurtheilet, so ha- ben wir nichts mehr zu thun, als bei Zeiten unsre Guͤter fortzubringen, damit die She- riffs sich nicht mit unsrer Beute lustig machen. Wir brauchen nicht zu fuͤrchten, daß man uns um ein solches Verbrechen henken wird, so lan- ge wir Geld und Freunde haben. Setze end- lich das alleraͤrgste, daß zween oder drei von uns den Hals hergeben muͤßten, kann nicht ein jeder von uns so gluͤcklich seyn und davon kommen? Denn das muͤßte der Teufel seyn, wenn sie fuͤnfe darum henken wollten, daß drei genothzuͤchtiget worden. Jch weiß, ich komme statt eines von euch davon, ‒ ‒ sollte es nur meiner Familie halber seyn; und da ich ein schoͤner Kerl bin, so wer- de ich ein oder ein par Dutzend junge Maͤdgen haben, haben, die alle, weiß gekleidet, nach Hofe stei- gen, und um Gnade fuͤr mich flehen. ‒ ‒ Was werden sie fuͤr ein artig Schauspiel geben, mit ihren weißen Schleiern, weißen Andriennen, weißen Unterroͤcken, weißen Scherfen, weis- sen Handschuhen! Wenn sie sich mit weißen Schnupftuͤchern die Augen reiben, und in zwo schoͤnen Reihen fuͤr mich knien! Wenn seine Majestaͤt durch sie hinspatzieret, und ihnen um ihrentwillen meinen Pardon zuwinkt! ‒ ‒ Bin ich denn einmal begnadigt, so ist alles vorbei. Denn, Bruder, in dergleichen Verbrechen gilt kein Appelliren, wie bei Mordthaten. So siehest du das Schlimmste, was ge- schehen kann, wo wir nicht bei dieser Gelegen- heit die grosse Reise vornehmen, sondern hier bleiben, und unser Urtheil erwarten. Aber es ist ungemein warscheinlich, daß sie uns uͤberall nicht anklagen werden. Thun sie es aber, so laufen wir an unsrer Seite keine Gefahr, nur, daß wir, wenn es arg kommt, uns ausser Lan- des vergnuͤgen, Freunde hier lassen, die unser muͤde sind, und nach einiger Zeit zu diesen Freun- den zuruͤckkehren, nachdem die Abwesenheit uns ihnen, und sie uns, werther gemacht hat. Dies ist mein Entwurf, Bruder, so wie ich ihn zuerst fluͤchtig uͤberdacht habe. Jch weiß, daß er noch eine Verbesserung leidet. ‒ ‒ Zum Exempel: ich kann diese Damen in Frankreich ans Land setzen, und nach Engelland uͤberste- chen, ehe sie ein Schif zur Ruͤckreise finden, oder M 3 ehe ehe Hickmann sich von seinem Schrecken erho- let hat, und dadurch ein Mittel finden, meine Liebste mit List an Bord zu kriegen. ‒ ‒ So wird alles seine Richtigkeit haben, und ich be- kuͤmmere mich nicht darum, wenn ich auch nie wieder nach Engelland komme. Nota bene! wol zu uͤberlegen! ‒ ‒ Ob ich nicht, meine Rache vollstaͤndig zu machen, es so einrichten kann, daß ich entweder den Junker Jakob Harlowe, oder den Solmes, oder beide zugleich wegkapere, und sie nach Jndien schicke? Bruder, ein ehrli- cher Kerl wird nicht um nichts und wieder nichts das Land raͤumen. Th. IV . S. 312. gegen das Ende, nach den Worten: dein Drohen wahr zu machen. Alles was mich, mitten unter meinen Anschlaͤ- gen, darauf ich mir so viel weiß, beunruhiget, ist dies, daß es einen traurigen Burschen in der Welt giebt, der sich unterstehet, die Frage aufzuwerfen, ob die Beute, wenn ich sie er- halte, alle die Muͤhe werth sei, die sie mich ge- kostet hat. Der doch weiß, mit wie viel Ge- duld und Muͤhe ein Vogelsteller einen ganzen Morgen Landes mit seinen Schlingen und Net- zen beleget, seine Glaͤser und Maschinen be- reit haͤlt, seine Lock-Voͤgel hinsetzet, und den Schwarm des Gefluͤgels mit seiner Pfeife locket; da da doch seine ganze Beute und die Belohnung seiner Arbeit in dem ganzen Morgen oft aus einem schlechten Finken bestehet! Ernsthaft zu reden, Belford, muß ich ge- stehen, daß alles, wornach wir uns von der Kindheit an, bis in unsre maͤnnlichen Jahre, bestreben, nur Kleinigkeiten von verschiede- ner Art und Wichtigkeit sind, die zu unsern Jahren und Absichten eine Verhaͤltniß haben. Aber ist nun nicht ein huͤbsches Maͤdgen, die edelste Kleinigkeit, die ein Mann jemals er- halten hat, oder erhalten koͤnnte? Und wie koͤnnte es heissen, daß er sie erhielte, wenn es nicht auf die Art ist, die er wuͤnschet? Wenn sie vielmehr den Mann, als der Mann sie zur Belohnung bekoͤmmt. Was meinest du, Bruder, u. s. w. Th. IV . S. 321. L. 5. nach den Worten: in Vergessenheit. Doch ich muß dir noch einige besondre Nach- richten von unsrer Unterredung mittheilen, die wir hatten, da wir uns in der Kutsche herum- rollen liessen. Sie haͤtte gestern vermuthlich von Fraͤulein Howe Briefe gehabt? Sie antwortete nicht. Wie gluͤcklich wuͤrde ich mich halten, wenn ich an ihrem Briefwech- sel Theil nehmen koͤnnte! Jch wuͤrde ihr dage- gen mit Freuden meine Briefe mittheilen. M 4 Ob Ob ich gleich nicht glaubte, daß sie mir sol- ches zugestehen wuͤrde; (und wie wenig dachte sie wol, daß ich darin ohnedem so gluͤcklich ge- wesen waͤre!) so dachte ich doch, es koͤnnte nicht schaden, darauf zu dringen; und zwar aus ver- schiedenen Ursachen. Unter andern, damit sie begreifen moͤchte, warum ich immer sitze und schreibe. Denn so wird sie ihren Argwohn fah- ren lassen, als wenn unser Briefwechsel uͤber sie gefuͤhret wuͤrde; und wenn sie ihre Briefe geheim haͤlt, so kann ich es rechtfertigen, daß ich ihr die meinigen auch nicht zeige. Jch fuhr also fort. ‒ ‒ Jch liebte Briefe un- ter vertrauten Freunden, wie ich ihr schon oft gesagt haͤtte, mehr als alle andre Arten Schrif- ten. Das hiesse, aus dem Herzen schreiben, ohne die Fessel, welche Kunst und Regeln den Gedanken anlegen. Ja nicht das Herz al- lein, die ganze Seele zeigte sich in den Brie- fen. Nichts vom Koͤrper, wenn ein Freund dem andern schreibt, weil die Seele den Fin- gern, als ihren Vasallen unumschraͤnkt gebie- tet. Das hiessen Documente der Freundschaft; Versicherungen der Freundschaft unter Hand und Siegel; Beweise, daß beide Theile nicht fuͤrchteten, sich durch die Laͤnge der Zeit, oder durch irgend ein Schicksal zu veraͤndern, weil sie so haͤufige Zeugnisse von sich stellten, die im Fall einer Untreue, oder Verletzung der Freund- schaft, allezeit gegen sie gebraucht werden koͤnn- ten. Fuͤr mich waͤre es in ihrer Abwesen- heit heit der vornehmste Zeitvertreib gewesen. Haͤt- te ich das unschuldige Vergnuͤgen nicht ge- habt, so wuͤrde mir die Entfernung, die sie mir mannigmal aufgelegt haͤtte, unertraͤglich gefal- len seyn. Sally merkte, wo ich hinaus wollte, und sagte: sie haͤtte die Ehre gehabt, zwei bis drei von meinen und des Herrn Belfords Briefen zu sehen, und sie waͤren so munter geschrieben, als sie sie je gelesen haͤtte. Mein Freund Belford, sagte ich, hat eine gluͤckliche Gabe im Briefschreiben, und zwar uͤber alle Materien. Jch erwartete, meine Liebste wuͤrde auf die Materien vorwitzig gewesen seyn. Aber sie saß und laurete, wie ich sahe, und sprach nicht ein Wort. Jch beruͤhrte den Artikel also selbst. Wir schrieben sehr weitlaͤuftig uͤber verschie- dene Dinge an einander. Zuweilen uͤber ge- lehrte Sachen; (da horchte sie recht) zuweilen uͤber die oͤffentlichen Lustbarkeiten; zuweilen theilten wir aus dem Briefwechsel, den wir mit guten Freunden ausser Landes unterhielten, ein- ander Nachrichten mit; zuweilen uͤber die Schwachheiten und Tugenden unsrer vertrau- testen Freunde; zuweilen uͤber unsre gegenwaͤr- tigen und zukuͤnftigen Hofnungen; zuweilen suchten wir witzig zu schreiben, und einander auf- zuziehen. ‒ ‒ Es wuͤrde freilich nach Eitelkeit schmecken, wenn ich glauben wollte, eine Fraͤu- lein von ihrer feinen Einsicht, koͤnnte an meinen M 5 Briefen Briefen ein Vergnuͤgen finden; aber das muͤß- te ich doch sagen: vielleicht wuͤrde sie bei weiten nicht so hart uͤber mich geurtheilet haben, als es wol mannigmal geschienen haͤtte, wenn sie die Briefe zwischen Herrn Belford und mir sehen sollte. (Jch hoffe, Bruder, du weißt zu wol zu leben, als daß du mich Luͤgen strafen solltest, und geschaͤhe es auch nur in deinem Herzen.) Darauf sprach sie: Erst verbat sie mein Compliment, so wie es nur die Person thun konnte, die es verdienete. Sie fuͤr ihre Per- son, sagte sie, haͤtte mich allezeit fuͤr einen ver- staͤndigen Mann gehalten, (Ein verstaͤndiger Mann! Bruder! wie geizig ist das Maͤdgen in seinem Lobe!) und hofte also, daß ich noch bes- ser schreiben wuͤrde, als ich spraͤche. Denn das waͤre unmoͤglich, die Briefe moͤchten in ei- ner noch so leichten und vertraulichen Schreib- art abgefasset seyn, so muͤßten sie doch, weil man sich dazu hinsetzte, einen Vortheil haben, den man der geschwinden Rede nicht allemal geben koͤnnte. Es wuͤrde sie also befremden, wenn meine Briefe nicht geistreich waͤren, und eben so sehr wuͤrde sie sich wundern, wenn ich mit gutem Bedacht zu frei schriebe; denn eine gar zu grosse Freiheit koͤnnte nur durch die Un- bedachtsamkeit entschuldiget werden; und die brauchte selbst einer Entschuldigung. ‒ ‒ Aber wenn des Herrn Belfords und meine Briefe uͤber so allgemeine Vorwuͤrfe geschrieben waͤ- ren, ren, deren einige, wie sie nicht zweifelte, mun- ter und erbaulich seyn muͤßten, so koͤnnte sie nicht laͤugnen, daß sie einige gern sehen moͤch- te; vornemlich die, welche Jungfer Martin gesehen und geruͤhmet haͤtte. Das war mir nahe gelegt! Jch sahe sie an, ob ich nicht ein bisgen Ei- fersucht in den letzten Worten entdecken koͤnnte, daß nemlich Jungfer Martin etwas gesehen haͤtte, was ich ihr nicht zu zeigen fuͤr gut ge- funden. Aber sie lies nicht das geringste bli- cken. Jch sagte also nur: Jch wuͤrde mir eine grosse Ehre daraus machen, ihr nicht al- lein diese, sondern auch alle uͤbrigen zu zeigen, die ich mit Herrn Belford gewechselt. Doch muͤßte ich sie erinnern, daß sie doch die Be- dingung wuͤßte? Bedingung? Nein! Sie ließ ihren sproͤden und schoͤnen Mund haͤngen. Ein wenig lie- benswuͤrdige Verachtung blickte mit hervor, die nur bei einer so bluͤhenden Jugend, und einer so goͤttlich-erhabnen Schoͤnheit liebens- wuͤrdig seyn kann! Wie wuͤnsche ich, eine solche Bewegung noch einmal zu sehen, die ihr Mund allein zu machen weiß! Doch ich bin naͤrrisch vor Liebe. Dennoch wird sie ewig von mir entfernet bleiben, so lan- ge ich sie um den Kauf zu erhalten gedenke. Meine Seele ist bald Feuer, bald Eis, und blaͤset doch bestaͤndig, wenn ich so reden darf. Vergeb- Vergeblich ist indessen alle Bemuͤhung, auszu- loͤschen, was uͤberall unausloͤschlich ist. Jch bitte, Belford, halte mir meinen Un- sinn und meine Metaphoren aus des Vulca- nus Werkstaͤtte zu gute. ‒ ‒ Habe ich dir nicht gesagt, daß ich vor Liebe nicht krank, sondern naͤrrisch waͤre? Warum brachte ich einen sol- chen Engel in ein solches Haus? in solche Ge- sellschaft? Und warum verstopfte ich meine Ohren nicht gegen die Sirenen, welche meine Abneigung vor den Ehestand kennen, und be- staͤndig die Saite beruͤhren? Es waͤre mir nicht lieb, daß sie mir das so- gleich abgeschlagen haͤtte. Denn ich wuͤßte ge- wiß, was zwischen zwo so jungen Fraͤulein (so werthen, einander vom Himmel geschenkten Freundinnen) vorgienge, koͤnnte vor jedermanns Augen kommen. Jch haͤtte noch mehr als je- mand Ursache, zu wuͤnschen, daß ich ihre und der Fraͤulein Howe Briefe lesen moͤchte. Denn ich glaubte gewiß, daß sie voll vortreflicher Leh- reu seyn muͤßten, zumal da eine von den wer- then Correspondentinnen die Guͤte gehabt haͤt- te, meine voͤllige Bekehrung zu wuͤnschen. Sie sahe mich an, als wenn sie mich durch- sehen wollte. Mich deuchte, ich fuͤhlte es, wie ein Strahl ihrer Augen nach dem andern mein zitterndes Eingeweide durchdrang. ‒ ‒ Aber sie schwieg, und ihre Worte hatten auch nicht noͤthig, ihren Augen zu Huͤlfe zu kom- men. Doch Doch (nachdem ich mich ein wenig erho- let) ich hofte nicht, daß der Fraͤulein Howe oder ihrer Frau Mutter ein Ungluͤck begegnet waͤre. Daß man den gestrigen Brief durch ei- nen Expressen geschickt, und sie ihn mit einer grossen Bewegung geoͤfnet hatte, als wenn sie ihn eher vermuthen gewesen waͤre, ‒ ‒ das mach- te mich in der That besorgt! Wir waren eben bei Muzzle-Hill. Eine schoͤne Gegend, so weit man sehen kann! war ihre Anmerkung gegen Polly, an statt mir zu antworten. Doch ich lies mich damit nicht abspeisen. ‒ ‒ Jch erwartete gewiß von zwo solchen Fe- dern vortrefliche Anmerkungen und Charack- tere. Jch hofte doch, daß zwischen Fraͤulein Howe und Herrn Hickmann alles gut stuͤn- de? Jhre Mutter waͤre sehr fuͤr die Heirath. Herr Hickmann haͤtte seine Verdienste; Er waͤre das, was sie Fraͤulein einen gesetzten Mann nenneten. Doch muͤßte ich sagen, ich glaubte, Fraͤulein Howe verdiente einen Mann von ganz anderm Schlage. Dies, dachte ich, sollte uns auf ein Gespraͤch fuͤhren, wodurch ich etwas heraus bringen koͤnnte. ‒ ‒ Denn Herr Hickmann ist einer von ihren Lieblingen ‒ ‒ Warum? das kann ich nicht rathen, es moͤchte denn seyn, weil sein Charackter dem Charackter ihrer braven Freundin ganz entgegengesetzt ist. Aber Aber sie fertigte mich kurz ab, mit einem Blick, der ihr Misfallen zeigte, mit noch einer gleichguͤltigen Anmerkung uͤber eine entfernte Gegend, und einer Frage: Wie weit hal- ten sie, Jungfer Horton, jenen Busch von hier, welchen sie zugleich aus der Kutsche sche wies. ‒ ‒ So war ich fertig. Hier endigt sich alles, was ich von unsrer Unterredung bey der angenehmen Spatzierfarth zu berichten habe. Jn der ganzen Zeit u. s. w. Th. IV. S. 330. am Ende, nach den Wor- ten: mit mir umgegangen. Es ist wahr, ich habe es mehr als einmal gestanden, daß mir Herr Lovelace vor allen Mannspersonen haͤtte gefallen koͤnnen. Jch erinnere mich des Streites, den wir beiden zu- weilen daruͤber hatten, wenn ich so gluͤcklich war, Jhr Gast zu seyn. Sie pflegten zu sa- gen, und haben es einmal geschrieben: Unser Geschlecht haßte Maͤnner von seinem Schlage von Natur nicht; und ich behauptete, dem moͤchte seyn, wie ihm wollte, solche Maͤnner waͤren diejenigen doch nicht, die uns gefallen sollten. Doch was das Verfahren meiner Verwandten an einer, und sein ungluͤcklicher Charackter, und listigen Anschlaͤge an der an- dern Seite, fuͤr einen Einfluß in meine Ent- schliessung gehabt haben, daruͤber habe ich jetzt nicht Lust, mein Herz zu untersuchen. Dies erin- erinnert mich an eine Stelle in einem Jhrer vorigen Briefe, Siehe Th. I. Seite 109. die ich hier hersetzen will, ob sie gleich im Scherz geschrieben war: Jst es nicht moͤglich, sagen Sie, da Sie mit so wunderlichen Koͤpfen zu thun gehabt haben, daß Sie selbst nicht darauf mer- ken koͤnnen, wenn Jhnen das Herz staͤr- ker geschlagen hat? Oder, da Jhnen das Herz um zwei ganz verschiedener Ur- sachen willen hat schlagen koͤnnen, ist es nicht moͤglich, daß Sie die gefuͤhlten Schlaͤge aus der unrichtigen Ursache her- geleitet haben? Ob ich mich gleich auf die Stelle besann, da ich noch gegen Herrn Lo- velace am wenigsten einzuwenden hatte, habe ich ihr doch alle Wuͤrkung genommen, wenn er mich zu quaͤlen, und zu martern suchte, und mir Gelegenheit zum Argwohn gab. Denn Herr Lovelace, mein Kind, ist doch, wenn wir alles zusammen nehmen, nicht in seiner ganzen Auffuͤhrung weise. Und sollten wir uns nicht bemuͤhen, so viel moͤglich, (wenn wir nicht durch natuͤrliche Bande gefeßelt waͤ- ren) zu lieben oder zu hassen, wie es die Ver- nunft befiehlet, und es der Vorwurf verdienet oder nicht? Wenn das, was wir Liebe nen- nen, unsre ungereimtesten Thorheiten hinlaͤng- lich entschuldigen kann, und die Daͤmme durch- brechen darf, die uns eine sorgfaͤltige Erziehung gesetzt hat, was soll denn die Lehre von der Be- zwin- zwingung unsrer Leidenschaften heißen? ‒ ‒ Aber, meine liebste Freundin, bin ich nicht ei- nes strafbaren Fehlers schuldig, wo ich den Mann, der lauter Fehler ist, lieben sollte? Und hat mich mein eigen Herz nicht betrogen, da ich dachte, ich liebte ihn nicht? Und was muß das fuͤr eine Liebe seyn, die nicht einige reine Absichten hat? Jch erschrecke, wenn ich an ei- nige Stellen in meines Vetters Morden Brie- fe denke. Siehe Th. III . S. 550. Doch warum fliehe ich solche Vorwuͤrfe, die, wenn ich sie recht betrachtete, mein Herz bessern und reinigen koͤnnten? Jch fuͤrchte, ich habe mir hievon uͤbertriebene Be- griffe gemacht, nicht fuͤr andre, sondern fuͤr mich, wenn ich darnach handeln soll. ‒ ‒ Doch halten Sie mich nicht der Verstellung schuldig. Denn haͤtte ich mein Herz eher ausgeforscht, oder haͤtte er ihm dazu Ruhe genug gelassen, ich wuͤrde Jhnen mein Bekenntniß eher abgelegt haben. Jch kann Jhnen indessen u. s. w. Th. IV . S. 365. L. 8. nach den Worten: oft in meinem Kopfe. Mein Gewissen, sollte ich denken, darf mir doch keine List vorwerfen, da sie durch die Listen zwoer solcher Maͤdgen, als diese sind, gerecht- fertiget werden. Eine von ihnen (die vortref- lichste von den beiden!) habe ich mir immer als ein ein Muster zur Nachahmung vorgestellet, und ich denke, daß sie solches selbst billiget. Aber hier ist das Ding, Bruder, das mich entschlossen macht, und mein Herz in Diamant einschliesset: Jch finde in der Fraͤulein Howe Briefen, daß die Schuld daran ist, warum ich mit meiner bluͤhenden Schoͤnen nicht weiter komme. Sie liebet mich. Der Streich mit dem Jpecacuanha uͤberzeugt mich, daß sie mich liebet. Wo Liebe ist, da muß auch Zu- trauen seyn, oder ein Verlangen, daß man Ur- sache zum Zutrauen haben moͤchte. Sie haͤlt mich fuͤr grosmuͤthig, und darauf gruͤndet sich ihre Grosmuth, die ihr Herz eingenommen hat. Soll ich denn jetzt nicht sehen, (da ich ewig un- gluͤcklich seyn muß, wenn ich sie heirathe, ehe ich alles, alles, versucht habe!) was ich aus ih- rer Liebe, und kuͤrzlich entstandenem Zutrauen machen kann? ‒ ‒ Wird es nicht zu meiner Eh- re gereichen, wenn ich meinen Endzweck erhal- te? und ihr, und ihrem Geschlechte zum Ruhm, wenn ich nicht so weit kommen kann? Wem wird es denn etwas schaden, wenn ich den Ver- such mache? Und kann ich nicht, wie ich oft gesagt habe, sie belohnen, wenn ich will, und sie nemlich heirathe? Es ist schon sehr spaͤt u. s. w. Th. IV. S. 389. L. 12. nach den Worten: wechselsweise zu helfen, lies statt des naͤchsten Abschnitts: Zusaͤtze zur Cl. N Es Es muß mir angenehm seyn, so wenig ich auch zuweilen an die Leute im Hause denke, daß ein so guter Mann, als Capitain Tomlinson, gut von ihnen redete, wie ich ihn fragte. Jch halte hier eine Minute ein, mein Kind, um in Gedanken Jhre freundschaftlichen Gluͤck- wuͤnsche anzunehmen. Jch hoffe in meinem naͤchsten es zu bekraͤfti- gen, was ich von meinen gegenwaͤrtigen ange- nehmen Umstaͤnden geschrieben, und noch ange- nehmere Hofnungen mitzutheilen. Jnzwischen seyn Sie versichert, daß mir unmoͤglich ein Gluͤck begegnen kann, welches ich mit demjenigen Ver- gnuͤgen betrachten werde, das ich in Jhrer Freundschaft finde. Empfelen Sie mich Jhrem guten Herrn Hickmann, dessen guͤtigen Vermittelung bei die- ser Gelegenheit ich so vielen Dank schuldig bin, aufs verbindlichste, und glauben Sie, meine liebste Fraͤulein Howe, daß ich sei Jhre ewig-ergebne und verbundne Cl. Harlowe. Th. IV. S. 392. L. 22. nach den Worten: willigst zugestanden. Jhre Wuͤnsche, daß ich sie oft nach der Kir- che begleiten moͤchte, da ich in St. Pauls, in ihrer Gesellschaft so aufmerksam gewesen waͤ- re, gab sie mir artig zu verstehen, und ich ver- pflichtete mich den Augenblick dazu. Jch ver- sicherte sicherte sie, ich haͤtte die ganze Geistlichkeit uͤber- haupt, und besonders einige von ihnen, als ihren D. Lewen zum Exempel, allezeit ausneh- mend hochgehalten. Wenn auch die Feierung des oͤffentlichen Gottesdienstes keine Pflicht der Religion waͤre, so hielte ich es doch (wie ich dir auch einmal gesagt habe) fuͤr das angenehm- ste Schauspiel, alle, Reiche und Arme, gleich- sam in Gesellschaft einmal in der Woche an ei- nem Orte, und Maͤnner und Weiber in ih- rem besten Schmuck, versammlet zu sehen, um den GOtt zu verehren, der sie gemacht hat. Es koͤnnte auch fuͤr einen wolerzogenen Menschen keine Beschwerde seyn, sich bei einer so feierli- chen Gelegenheit einzufinden, und die Predigt eines gelehrten Mannes anzuhoͤren, (ob das gleich nicht, wie es gemeiniglich angesehen wuͤr- de, der vornehmste Theil des oͤffentlichen Got- tesdienstes waͤre,) der allezeit etwas neues zu sa- gen haben muͤßte, weil er die goͤttlichen War- heiten fuͤr sich uͤberdacht haͤtte, und sie also auf eine ihm eigne Art vortruͤge. Sie schuͤttelte den Kopf, und wiederholte die Worte: etwas neues. Doch sahe sie so aus, als wenn sie bereit waͤre, mit dieser Antwort zufrieden zu seyn. Wuͤrklich, Bruder, sie denkt, in der Hofnung, mich zu bekehren, seiner Sa- tanischen Majestaͤt einen rechten Possen zu spie- len. Kein Wunder also, wenn er sich aufmacht, ihr zuvor zu kommen und sich zu raͤchen. ‒ ‒ Doch wie faͤlt mir der Gedanke ein? ‒ ‒ Jch N 2 bin bin immer wider mich selbst. ‒ ‒ Es wird ein Tag kommen, bilde ich mir ein, da ich mich selbst darum hassen werde, wenn ich mich erin- nere, was ich diesen Augenblick zu thun vor- habe. Doch so lange muß ich warten. Wir muͤssen alle etwas thun, das wir hernach zu be- reuen haben. Sie machte sich noch eine u. s. w. Th. IV. S. 395. L. 3. nach den Worten: in ihren Jahren. Doch in Warheit, ich weiß nichts, wovon sie nicht ausnehmend zutreffend spricht. So sehr, daß, wenn ich meine Vorurtheile gegen den Ehestand uͤberwinden, und mich entschlies- sen koͤnnte, auf dem tollen betretenen Wege mei- ner Vorfahren einherzugehen, ich der gluͤcklich- ste von allen Menschen seyn wuͤrde. ‒ ‒ Und wenn ich es nicht kann, so bin ich vielleicht zehn- mal mehr zu bedauren, als sie. Meinem Herzen, Belford, meinem Herzen ist nicht zu trauen. ‒ ‒ Jch breche ab u. s. w. Th. V. S. 9. L. 8. nach den Worten: Zaͤrtlichkeit zu erregen. Doch nie, glaube ich, ist in einer menschli- chen Seele eine so wahre, so zaͤrtliche Beschei- denheit gewesen, als bei dieser Fraͤulein. Und dies hat mich allezeit sicher gemacht, und wird mich, Trotz der Rathschlaͤge, welche ihr die Fraͤu- Fraͤulein Howe eingiebt, ferner sicher machen. Denn wenn ihre Zaͤrtlichkeit ein Fehler ist, so wird sie solche eben so wenig uͤberwinden, als ich meine Abneigung gegen den Ehestand. Ge- wohnheit, Gewohnheit, siehest du das nicht, Bruder? wird uns beide zu Schwachheiten ver- fuͤhren. Und sollte sie nicht so wol gegen mich, als gegen sie Menschenliebe haben? Es ist wahr, ich habe u. s. w. Th. V. S. 504. L. 17. nach den Worten: wie es aussehen moͤchte. So bin ich hier in meinem Speise-Saal, und habe nichts zu thun, als zu schreiben, bis sie wiederkommen. Und was, denkest du, wird mein Vorwurf seyn? ‒ ‒ Was? der alte abgenutzte Vorwurf, ganz gewiß ‒ ‒ Ein Kampf mit mir selber ‒ ‒ bei einer Gewissens-Angst, die nur eine Zeit- lang dauret! Denn da der Streich noch nicht geschehen ist, so verdoppelt ihr Schutz-Engel seine Bemuͤhungen, sie zu retten. Wenn der es nicht ist, (und doch, was soll- te ihr Schutz-Engel fuͤr Macht uͤber mich ha- ben?) so weiß ich nicht, was es seyn kann, das meiner Ruhe einen Zuͤgel anlegt, so oft ich ge- gen eine so erhabne Tugend auf Verraͤtherei denke. Mein Gewißen ist todt und fort, wie ich dir sagte; das kann es also wol nicht seyn. Ein junges Gewissen, das gleich dem Phoe- nix, aus der Asche des alten hervorkaͤme, kann N 3 es es sicher auch nicht seyn. Und wenn es das waͤre, so waͤre es verzweifelt, wenn ich ein junges Gewissen nicht besiegen koͤnnte! Wol, es muß also der Gott der Liebe seyn, denke ich. Der Gott der Liebe selbst, der mich gegen einen so anbetungswuͤrdigen Ge- genstand mit Liebe beseelet. ‒ ‒ Jch kann jetzt wol deinen Gruͤnden eine kleine Aufmerksamkeit widmen, wodurch du mich zum Mitleiden ge- gen das Kind bewegen willst. Wolan, der Gott der Liebe sei es denn, der mich begeistert. Das gebe ich desto eher zu, weil es natuͤrlich ist, daß dieser dem Lieb- haber es zuwider macht, dem Gegenstand sei- ner Flammen zu misfallen. Da er weiß, daß eine vorher uͤberdachte Beleidigung sie toͤdtlich verletzen wird, ist es ihm unertraͤglich, daß ich einen solchen Gedanken gegen sie haben sollte. Komm also du Gott der Liebe, und laß uns uͤber die Sache ein wenig mit einander sprechen! ‒ ‒ Es sei nun das junge Gewißen, oder die Liebe, oder du selbst, Bruder. ‒ ‒ Du siehest, ich bin dafuͤr, einem jeden Hol- lunken Gehoͤr zu geben. Doch dies muß der letzte Streit uͤber die Materie seyn. Denn ist ihr Schicksal nicht gewißer Massen in den Um- staͤnden, da es brechen muß? Und muß nicht mein naͤchster Schritt unwiederruflich seyn, er fuͤhre mich auch, wohin er will? Nun ist unser Streit ausgemacht. Tausend Tausend artige Sachen (denn der Cupido ist hoͤflicher als das Gewißen) hat der kleine Bube zu ihrem Vortheil gesagt. Er behauptete, er kennete unser beider Her- zen, und daß meine Liebe, so gewaltig stark und maͤchtig sie auch seyn moͤchte, und ob sie gleich das Verdienst anfuͤhren koͤnnte, ihr vie- le Monate treue Dienste geleistet, und mit un- endlichen Schwierigkeiten gekaͤmpfet zu haben, doch noch nicht die rechte Art von Liebe waͤre. Die rechte Art von Liebe! ‒ ‒ Der Narr! ‒ ‒ Aber mit aller Ehrerbietung gegen Eure Goͤttliche Majestaͤt gesprochen, sagte ich, wie hat die Fraͤulein sich denn um Euch verdient gemacht, daß Jhr ihre Parthei nehmet? Jst denn ihre Liebe, bedenket es doch, die rechte Art von Liebe? Jst es uͤberall Liebe? Das behauptet sie selber nicht. Sie erkennet Eure Herrschaft im geringsten nicht. Was, den Teufel! bewegt Euch, so ernstlich fuͤr einen Re- bellen zu sprechen, der Eure Macht verachtet? Darauf kam er mit seinen Wenn, und Und und Aber, und sagte, es wuͤrde Liebe, und zwar eine Art von erhabener Liebe, gewe- sen seyn, und wuͤrde es noch seyn, wenn ich sie durch die rechte Art von Liebe auf- muntern wollte, wovon er spraͤche. Und sei- ne Meinung zu rechtfertigen, fuͤhrte er ihre eignen Gestaͤndnisse, sowol die von gestern, als von diesem Morgen an. Ja er gieng soweit N 4 zuruͤck zuruͤck bis an die Krankheit von dem Jpe- eacuanha. Nie habe ich mit seiner Gottheit vorher so vertraut geschwatzet. Du kannst also glauben, daß mir seine Sprache sehr fremd in den Ohren klang. Darauf sagte er mir, wie oft ich kaltes Wasser in die schoͤnste Flamme gegossen haͤtte, die je eines Frauenzimmers Brust er- waͤrmet, da sie noch so jung und kaum aufge- stiegen waͤre. Jch forderte eine Erklaͤrung von der rech- ten Art von Liebe. Er versuchte es, sie mir zu geben, aber es gieng ihm jaͤmmerlich von der Hand. Und ich will des Henkers seyn! ich konnte mich nicht uͤberzeugen, daß das, was er zu erheben glaubte, Liebe sei. Kurz, wir hatten uͤber die Sache einen merkwuͤrdigen Streit, worin er auf das un- vergleiche Verdienst der Fraͤulein drang. Doch ich uͤberwand ihn. Denn er ward auf einmal ganz stumm, da ich, ohne ihren gegenwaͤrtigen Eigensinn anzufuͤhren, womit ich alle seine Gruͤnde hinlaͤnglich haͤtte beantworten koͤnnen, behauptete, und es durch tausend Exempel, die mir den Augenblick einfielen, zu beweisen ver- sprach, daß Liebe nie durch das Verdienst re- gieret wuͤrde, oder unter der Macht der Klug- heit und der uͤbrigen Kraͤfte des Verstandes stuͤnde. Wenn ja die Fraͤulein einer Liebe faͤ- hig waͤre, so waͤre sie doch von solcher Art, wo- mit mit er nichts zu schaffen haͤtte, und die vorhin nie in ein weibliches Herz gekommen sei. Jch fragte ihn, was er davon daͤchte, daß sie von mir zu einer Zeit entflohen waͤre, da mich seine rechte Art von Liebe schon halb bezwungen hatte? ‒ ‒ Dann zeigte ich ihm den Brief, welchen sie schrieb, und fuͤr mich zuruͤck ließ, gewiß in der Absicht, mir das Herz durch- aus zu brechen, oder mich zu reizen, daß ich mich haͤngen, ersaufen, oder erschiessen sollte. Nicht zu gedenken der Menge ihrer Erklaͤrun- gen, worin sie seiner Macht trotzete; und al- les, was in ihrem Betragen gegen mich der Liebe aͤhnlich saͤhe, der Verfolgung und Ver- werfung ihrer Vewandten zuschriebe; wobei sie mich nur als die letzte Triebfeder betrachtete. Der Gott der Liebe gab sie also auf. Der Brief, sagte er, verdiente weder Verzei- hung noch Entschuldigung. Er haͤtte nicht geglaubt, daß er sich eines so offenbaren Re- bellen angenommen. Jm uͤbrigen wuͤrde er an den Rechten seiner Herrschaft zum Verraͤther werden, wenn das, was ich angefuͤhret, wahr waͤre, und er doch noch fuͤr sie sprechen wollte. Jch schwur, es sei alles die lautere War- heit. Und diesmal schwur ich die Warheit, welches ich sonst vielleicht nicht allezeit thue. Was denkest du nun, wird aus der Fraͤu- lein werden, da der Gott der Liebe sie selbst aufgiebt, und das Gewissen nicht fuͤr sie spre- chen kann? N 5 Th. V. Th. V. S. 554. am Ende, statt des Ab- schnitts, der sich anhebt: Jch schickte meiner Geltebten. Jch schickte meiner Geliebten den Brief durch Frau Bevis hinauf, mit der wiederholten Bit- te, daß sie mich vorlassen, und daruͤber sprechen moͤchte. Aber auch dies half mir nichts. Jch glaube, sie dachte, das hiesse mir die Folgen zugestehen, die man natuͤrlicher Weise, nach Erhaltung des Trauscheins, erwarten koͤnnte, wenn sie mir erlaubte, sie uͤber den Jnhalt des Briefes zu sehen, da sie mir die Ehre vorher, ehe ich ihn hinaufschickte, abgeschlagen hatte. ‒ ‒ Man kann sie gar nicht uͤberraschen! Nicht den geringsten Vortheil davon ziehen, daß sie etwa auf die kleinsten Umstaͤnde nicht Acht gaͤbe! Nun Belford gehe ich u. s. w. Th. V. S. 640. nach den Worten: nicht uͤbel nehmen. Du wirst neugierig seyn, zu wissen, was diese Frauenzimmer fuͤr Personen sind, die ich so hoch zu beehren gedenke. Mich deucht, ich habe sie vorher noch nicht im geringsten nach ih- rem Charackter beschrieben. Frau Moore ist eine Witwe von etwa fuͤnf und dreißig Jahren, die durch Ungluͤcksfaͤlle ein wenig mitgenommen ist. Doch das sind oft die lustigsten Leute, wenn sie warm werden. Sie hat noch gute Zuͤge, und ist das, was man eine Dame nennet, die zu leben weiß; sehr nett nett in ihrem Anzuge. Jch glaube, sie hat alle Gedanken auf unser Geschlecht aufgegeben. Aber wenn die gluͤende Asche, um das halb verbrannte Scheitholz zusammen geschuͤret wird, so wird es noch so viel Feuer geben, daß es wieder anbrennet, und einen halb erfrornen Menschen, der dabei stehet, hinlaͤnglich er- waͤrmet. Frau Bevis hat ein gutes Ansehen, sie ist nemlich stark von Person. Sie liebt das Lu- stige, und ich getraue mich zu behaupten, daß sie nie eine ganze Woche traurig gewesen ist. Sie mag etwa fuͤnf und zwanzig Jahre alt seyn. Mowbray, denke ich, wird nicht viel Muͤhe mit ihr haben, denn einer kann nicht alles al- lein thun. Jndessen gewaͤhren zuweilen Frauen- zimmer von einem so freien Wesen, wenn es zur Hauptsache kommt, weniger, als ihr ange- nehmes Zudraͤngen einer Mannsperson zu ver- sprechen schien, die eine Absicht darauf hat. Jungfer Rawlins ist ein junges Maͤdgen, das Annehmlichkeiten genug besitzet, ob sie gleich nicht fuͤr schoͤn gelten kann. Sie hat Verstand, und will dafuͤr angesehen seyn, daß sie die Welt kennet, wie man zu sagen pfleget. Aber sie hat ihre Kenntniß mehr aus Buͤchern, als aus der Erfahrung. Eine elende Kenntniß, Bru- der, die fuͤr ABCschuͤtzen gehoͤret, und allezeit eine Person, welche ihr zu viel trauet, zu der Zeit im Stiche laͤsset, da sie ihr die meisten Dien- ste thun sollte! Denn solche junge Damen ver- lassen lassen sich so sehr auf ihren Verstand und Be- hutsamkeit, sind so weit uͤber alle Vorsicht er- haben, daß ein Mensch, der nicht einmal alles versuchet, seine Absichten bei ihnen erreichen kann. Gemeiniglich aber werden sie durch ihre Einbil- dung uͤber den Haufen geworfen, wenn ein Mann von Erfahrung sie angreift, der ihrer Eitelkeit zu schmeicheln, und ihre Weisheit zu erheben weiß, damit er von ihrer Thorheit ei- nen Vortheil ziehe. Doch, wenn ich zu der Kenntniß der Jungfer Rawlins ein wenig Erfahrung hinzuthun kann, was fuͤr eine vollkommne Person wird sie dann werden! ‒ ‒ Wie sehr wird sie mir verbunden seyn! Und nicht allein Sie, sondern alle diejenigen, die sich die Lehren zu Nutze machen koͤnnen, welche zu geben sie sich jetzt schon so geschickt haͤlt! Recht sehr gerne, Bruder, mag ich mit de- nen Weibesleuten zu thun haben, die Lehren ge- ben, oder fuͤr Muster angesehen seyn wollen. Du siehest, Belford, ob gleich in keinem von diesen Charactern etwas ausserordentliches ist, so koͤnnen wir doch, im Fall der Noth, ei- nen lustigen Nachmittag mit ihnen haben, wenn wir sie bei Tisch durch wolluͤstige Speisen weich gemacht, und sie hernach mit unserm Frauen- zimmer zum Tanzen bringen koͤnnen. Alle Maͤd- gen lieben den Tanz, und alle Mannspersonen sollten sie daher um ihrer beider willen dazu aufmuntern. Wenn Wenn also Tourville singt, Belton gei- get, Mowbray auf seine grobe Weise, und ich auf meine feine Art ihnen liebkose, (und du, Bru- der, wirst doch den Tag auch deine Person gut spielen) so muͤßte es der Teufel seyn! wenn wir sie nicht nach unserm Gefallen in alle For- men bilden; vornemlich, da die Maͤdgen hier im Hause durch ihre Freiheiten und ausgelas- senes Gelaͤchter sie reizen werden, daß sie die gewoͤhnliche Zuruͤckhaltung bei Seite setzen. Denn du weißt, daß fuͤr Maͤdgen keine aͤrgere Verfuͤhrer sind, als Maͤdgen! Wenn ihre Her- zen voͤllig erhitzet worden, so mag keine der an- dern, wenn sie sich Freiheiten herausnimmt, etwas nachgeben. Die erste Schwierigkeit wird gewiß die zu- faͤllige Abwesenheit meiner theuren Frau Lo- velace abgeben, der sie hauptsaͤchlich ihren Besuch zugedacht haben. Doch wenn wir sie nur lustig machen koͤnnen, so werden sie nicht wuͤnschen, sie zu sehen. Und ich kann von ei- ner Stunde zur andern zwanzig Hindernisse und Entschuldigungen erdenken, warum sie nicht kommt, bis eine jede ihren Vorwurf hat, der alle ihre Gedanken einnimmt. Jch schmachte von Herzen u. s. w. Th. V. S. 782. L. 12. nach den Wor- ten: Fußtapfen zu treten. Eben komme ich von diesen Teufels-Maͤdgen. Jch sahe mich genoͤthiget, die Alte hinun- ter ter zu fuͤhren, weil sie mit ihren hoͤnischen Aus- rufungen gegen mich ankam, mich so durchca- techisirte, und mir mit solcher Verwegenheit Vorwuͤrfe machte, als wenn ich ihr Geld schul- dig waͤre. Endlich machte ich, daß sie von mir hinauf lief. Gewaltige Verwuͤnschungen stiessen wir gegeneinander aus, wie sie gieng. Rathe ein- mal, ich will dirs sagen. Sie wuͤnschte, daß ich verheirathet, auf meine Frau eifersuͤchtig, und mein erster Erbe das Kind eines andern Mannes seyn moͤchte! Jch raͤchte mich an ihr mit einem eben so entsetzlichen Fluche. Wie das moͤglich ist? Hoͤre nur. Jch wuͤnschte, daß ihr Gewissen einmal aufwachen moͤchte! ‒ ‒ Denn ich schliesse aus den Stichen, die mir das meinige jede halbe Stunde versetzet, daß sie dann verfluchte Tage haben wird. Sally und Polly thaten auch recht groß. Jhre ersten Gunstbezeugungen waͤren mir auf- geopfert. ‒ ‒ Wenn die Maͤdgen auf die Gunst- bezeugungen trotzen, die sie so willig waren, mitzutheilen, als ich, sie anzunehmen, wie al- bern ist das! Sie warfen mir Undankbarkeit, und weibische Feigheit vor. Jch selbst waͤre an allen den Schwierigkeiten mit meinem Engel schuld, weil ich meine Streiche nicht verfolgte, und zugaͤbe, daß die stolze Fraͤulein ihren eignen Willen, und sich selbst nichts vorzuwerfen haͤt- te. Alle kamen sie darin uͤberein, daß die Traͤn- ke, deren ich mich bei einer gewissen Gelegenheit gegen gegen sie bedienet, zu stark gewuͤrket haͤtten, als daß sie oder ich urtheilen koͤnnten, was ihr Wil- le gewesen seyn wuͤrde, wenn es auf die Haupt- sache angekommen waͤre. Darauf beschuldig- ten sie einander, und ich fluchte ihnen allen. Endlich machten sie den Schluß, ich wuͤrde gewiß verheirathet, und ein verlohrner Mann werden. Sally schlug mit einem angenomme- nen boshaften Gelaͤchter ein Knipgen gegen mich, und streckte zween Finger von jeder Hand ge- gen mich aus; wobei sie mich an die Verse er- innerte, die ich ihr einmal aus meinem Leib- Poeten dem Dryden, wie sie den beruͤhmten Dichter zu nennen pflegt, zeigte: Wir Maͤdgen eilen hin zu ungeseh’nen Freuden: Die Liebe fuͤhrt uns an; die Stapfen sieht man nicht. Da andre Guͤter sich sonst merklich un- terscheiden, Die, die das Herz erseufzt, entfliehn doch dem Gesicht. Sie sagen mir oft u. s. w. Th. VI. S. 161. setze folgende Nachschrift zu dem Briefe der Fraͤulein Howe. Jch bitte Sie, mein allerliebstes Kind, noch einmal, vergeben Sie mir die grausamen Spoͤt- tereien in meinem Briefe vom 5ten. Doch kaum kann ich mirs selbst vergeben! Wie konnte ich so so grausam seyn, da ich Sie so wol kenne! Wo- her kam mir doch die niedertraͤchtige Ungeduld! Th. VI. S. 162. faͤngt der Brief der Cla- rissa eigentlich also an: Jch soll Jhnen vergeben, mein Schatz! ‒ ‒ Von ganzen Herzen ‒ ‒ Wollen Sie mir auch einige scharfe Zuͤge vergeben, die ich in meiner Beantwortung Jhres werthesten Schreibens mit einfliessen lassen? Sie haͤtten mich nicht so sehr lieben koͤnnen, wie Sie thun; Sie haͤtten nicht die Besorgniß fuͤr meine Eh- re haben koͤnnen, die Sie allezeit gezeiget; waͤ- ren Sie nicht mit meinem Vetragen aͤußerst misvergnuͤgt gewesen, so wie es Jhnen zu der Zeit vorkommen mußte, da ich Jhnen schrieb. Jch danke Jhnen herzlich, meine beste, meine einzige Freundin, daß Sie mir zur Rechtferti- gung meines Verfahrens Gelegenheit gegeben, und mit solcher Grosmuth bereit gewesen sind, mich von der zugedachten Beschuldigung los zu sprechen, so bald Sie meine traurige Erzaͤh- lung gelesen haben. Jch lasse mir den Weg u. s. w. Th. VI. S. 177. L. 7. nach den Worten: meines Vaters Fluch, lies statt der uͤbrigen Zeilen dieses Abschnitts: Davon der Theil, welcher mein zeitliches Schicksal angehet, so wunderbar und so nach dem Buchstaben eingetroffen ist! ‒ ‒ Doch, wenn mein mein Gemuͤth eben recht stark ist, so kann ich nicht denken ‒ ‒ Wiewol, was lehret die Geschichte von Jsaac, Jakob, und Esau, welchen letzte- ren die Rebecca, aus Liebe zu dem Jakob, um den Seegen betrog, der ihm zugedacht war; die in dem 27. Cap. des 1. B. Mosis beschrieben stehet. Mein Vater pflegte, wie ich mich noch wol erinnere, die Lehren, welche daraus herge- leitet werden koͤnnen, seinen Kindern aus vie- len Gruͤnden einzuschaͤrfen. Wenigstens muß er also glauben, daß der Fluch, den er mir an- gekuͤndiget, eine grosse Kraft habe. Sollte ich denn nicht bekuͤmmert seyn, seinen Wieder- ruf zu erhalten, damit ich mir kuͤnftig meiner selbst willen, keine Gedanken mache, daß er ihn nicht wiederrufen hat? Nun will ich nichts mehr u. s. w. Th. VI. S. 209. am Ende, nach den Worten: juͤngern Frauenzimmer erzwang, lies statt der uͤbrigen Zeilen dieses Abschnitts: Haͤtten diese mit einem Burschen, der mir an Unerschrockenheit gliche, und erst ihre Gunst gewonnen, in einer solchen Angelegenheit, dar- uͤber wir redeten, zu thun bekommen, sie wuͤr- den vielleicht nicht einen solchen Umweg, wie meine Geliebte, genommen haben. Junge Maͤdgen, wie ich bei hundert Gelegenheiten angemerkt, fuͤrchten fuͤr sich selbst nicht halb so viel, als ihre Muͤtter fuͤr sie. Aber hier wa- Zusaͤtze zur Cl. O ren ren die Maͤdgen genoͤthiget, ernsthafte Minen anzunehmen, und boͤse zu thun, weil die Alten die Sache hoͤchst wichtig machten. Aber Zorn und Mitleiden saß nur so leicht auf der Oberflaͤche ihres Herzens, daß sie genoͤthiget waren, den Mund einzuziehen, um das Laͤcheln zu unter- druͤcken, welches ich dann und wann zu erha- schen suchte. Die Aeltern, welche selbst Ro- sen (das ist zu sagen, Toͤchter) von ihrem eignen Stocke gehabt, und wissen, wie die Manns- personen auf dergleichen Kleinigkeiten gesteuert sind, wuͤrden es freilich sehr ungerne gesehen haben, wenn jemand sie in der Knospe gebro- chen, und nicht einmal, mit ihrer Erlaub- niß, Frau Rosenstrauch, zu der Mutter ge- sagt haͤtte. Der naͤchste Punct u. s. w. Th. VI. S. 239. L. 7. nach den Worten: gepluͤndert habe. Und wie kann ich ihr eine grosse Beleidi- gung zufuͤgen, da sie so leicht mit ein par Zau- ber-Formeln wieder gut zu machen stehet: Jch Robert nehme dich Clarissa zur Frau, und ich Clarissa nehme dich Robert zum Mann; nebst dem uͤbrigen Taschenspie- ler-Geschwaͤtz, welches alle das Unrecht, das himmelschreiende Unrecht! das ich der Fraͤulein Harlowe angethan habe, in lauter Guͤte und Gewogenheit gegen die Frau Lovelace ver- wandeln wird? Sollte Sollte dies geschehen u. s. w. Th. VI. S. 311. L. 2. nach den Worten: eignen Fehler mishandelt. Dorcas, die mit dem Kerl bekannt ist, und ihn mir zum Boten vorschlug, hat sich von dem Trinkgelde, so sie von dir erwarteten, ei- nen Theil, wie es scheinet, ausbedungen. Wenn sie sein Trinkgeld nothwendig haͤtte mit ihm theilen muͤssen, so wuͤnschte ich, du haͤttest ihm alle Knochen am Leibe zerschlagen. Unter was fuͤr aͤrgerlichen u. s. w. Th. VI. S. 381. am Ende, nach den Worten: haͤtte es anders gewußt, lies statt des naͤchsten Abschnitts: Das ist ein reizendes Maͤdgen! Die Fraͤu- lein Howe! Jhre Lebhaftigkeit, ihre angeneh- me Lebhaftigkeit! ‒ ‒ Nicht an sie verheirathet zu seyn! ‒ ‒ Wie sehr wuͤnsche ich, den lebhaf- ten Vogel in mein Bauer zu bekommen! Wie sollte sie darin herum flattern und fliegen! bis sie an jedem Drat des Bauers eine Feder sitzen ließe! Haͤtte ich bei ihr angefangen, ich bin gewiß, wie ich schon gesagt, ich wuͤrde bei ihr nicht die halbe Schwierigkeit, wie bei ihrer schoͤnen Freundin, gefunden haben. Denn diesen hef- tigen Maͤdgen schlaͤgt der Puls stark, und ein tuͤchtiger Kerl kann, weil sie sich selbst so wenig gleich sind, mit ihnen spielen, wie er will. Bald O 2 sind sind sie zu hoch, bald zu niedrig. Jhr duͤrfet sie nur eins ums andre zum Zorn reizen, und wieder besaͤnftigen; etwas mit ihnen aushal- ten und Gedult haben; sie quaͤlen, und um Bergebung bitten. Zuweilen muͤsset ihr euch ein Verdienst daraus machen, daß ihr von ih- nen leidet. Wenn ihr sie dann in dem Augen- blick ergreifet, da sie euch dies zugestehen, und sich ihres uͤbeln Betragens gegen euch bewußt sind, so werden sie sich euch ganz uͤberlassen. Aber diese gesetzten, nachdenkenden Maͤdgen, die nie, als mit Grunde, aus ihrer Gelassen- heit kommen, werden euch, wenn ihr ihnen Ursachen dazu gebet, schwerlich verzeihen, oder euch eine andre Gelegenheit verschaffen, sie zu beleidigen. Gewisser massen bewegte mich auch die Furcht, es moͤchte mir mit meiner theuren Fraͤulein Har- lowe so gehen, sie an einen Ort zu bringen, wo sie mir unmoͤglich entwischen koͤnnte, wenn ich gleich in meinen ersten Versuchen nicht gluͤcklich seyn sollte. Sonst waͤre der Witwe Sorlings Haus fuͤr mich so gut gewesen, als das Haus der Witwe Sinclair. Denn das sahe ich bald ein, sie hatte keine Leichtglaͤubigkeit, worauf ich bauen koͤnnte; ich wuͤrde vergeblich versuchen, mir durch wehmuͤthige Klagen ihr Zutrauen zu erwerben. Sie ist gegen verliebte Ueberredung hinlaͤnglich verwahrt. Jhre Liebe ist mit Ver- nunft und Einsicht begleitet. Jhr durchdrin- gender richtig denkender Geist macht ihr alle Com- Complimente verhaßt, welche die Warheit und das Herz nicht macht. Was haͤtte ich mit ihr an einem jeden andern Ort anfangen sollen? Und doch wie lange hat sie mich nicht selbst da, trotz der natuͤrlichen Reizung, und unnatuͤrli- chen Verfuͤhrungen, (wie ich sie mir jetzt den- ke) in Ehrfurcht gehalten, bloß durch die Kraft der angebohrnen Wuͤrde, und unverstellten Reinigkeit ihres Geistes und ihrer Sitten, die einen jeden mit Ehrerbietung, wo nicht mit heiliger Liebe (wie du es nennest) erfuͤllen, so bald er sie siehet! ‒ ‒ Denkest du nicht, daß es mir sonst leicht gewesen waͤre, einen artigen Cavalier, oder einen zaͤrtlichen, wenigstens einen scheinbaren und schmeichelnden Lieb- haber abzugeben? Lady Sarah Sadlair und Lady Elisabeth Lawrance sind im Begrif, wieder nach ihren Guͤtern abzureisen, da sie finden, daß der Track- tat, der, ihrer naͤrrischen Einbildung nach, den erwuͤnschten Erfolg haben soll, sich warscheinli- cher Weise in die Laͤnge ziehen wird. Jch ha- be ihnen die beste Sicherheit, die die Natur der Sache leidet, nemlich mein Wort, geben muͤs- sen, die Fraͤulein zu heirathen, wenn sie mich haben will. Aber mich deucht, du fraͤgst: willst du denn endlich doch ihr die Erstattung thun, wo du anders noch im Stande bist, sie zu leisten? Jch muß gestehen, Bruder, mein Herz macht dann und wann einige Bewegungen, als wenn O 3 es es zuruͤckgehen wollte, wenn ich an die unwie- derrufliche Ceremonie mit Ernst denke. Wir geben nicht leicht das Verlangen unsrer Herzen auf, oder das, was wir zu unsrer Gluͤckselig- keit wesentlich halten; die Hofnung, es zu er- reichen, mag, nach andrer Meinung, noch so unvernuͤnftig und ungereimt seyn. Es wird noch Ruͤckfaͤlle geben, eingewurzelte Begier- den, die bei einem jeden entfernten guͤnstigen Anschein, so sehr ihn auch vorher ein uͤbler Er- folg niedergeschlagen und zuruͤckgetrieben hat, doch sich erheben, und alles Vergnuͤgen ersti- cken werden, welches wir sonst aus einem ent- gegengesetzten Betragen schoͤpfen sollten. Es ist einem Cavalier unanstaͤndig, Bru- der, gegen einen Cavalier eine Luͤge zu sagen. ‒ ‒ Aber doch liebe ich den Ehestand nicht recht von Herzen ‒ ‒ waͤre es auch mit einer Cla- rissa. ‒ ‒ Doch es ist mein Ernst, sie zu hei- rathen. Wiewol ich denke oft, wenn nun dies liebe Kind durch die Zeit, durch meine Reue, durch die Bitten meiner Verwandten, und die wei- sen Betrachtungen der Fraͤulein Howe dahin gebracht wuͤrde, ihre Empfindlichkeit zu mil- dern, (denn von der Rache selbst hast du sie auf eine feine Art freigesprochen) ihre bekaͤmpfte Neigung zuruͤck zu rufen, und mit mir vor den Altar zu treten. Wie wird sie dann alle deine be- redten Verwuͤnschungen vereiteln! Wie viele von ihren eignen artigen Ausrufungen wird sie verder- verderben! Was fuͤr ein artiges Paar alter Pa- triarchen werden wir abgeben, wenn wir, gleich einem Pferde in der Muͤhle, immer im Zirkel herumgehen; Soͤhne und Toͤchter zeugen; ih- nen zuerst Ammen, und hernach Hofmeister und Hofmeisterinnen zu verschaffen suchen; ihnen Lehren geben, die der Vater niemals ausgeuͤ- bet und die die Mutter, wie die Groß-Aeltern sagen werden, sich nicht zu Nutze gemacht hat! ‒ ‒ Endlich wenn unser Leben in eine unwuͤrksa- me nuͤchterne Stille uͤbergehet, und ich ein Ver- langen bekomme, alle meine ehemaligen Schel- mereien zu vergessen, was fuͤr trostreiche Be- trachtungen werde ich dann anstellen, wenn ich sie vielleicht alle mit eben so vieler, oder vermuth- lich noch groͤsserer Unruhe und Aufwand in so vielen jungen Buben, die sich Lovelace nen- nen, wieder aufleben sehe: Wenn die Maͤdgen, meine Toͤchter, mit nichtswuͤrdigen Kerln davon laufen, die vielleicht nicht halb so viel Verstand haben, als ich; mit Dummkoͤpfen, wie leicht geschehen kann, die ihre Schwachheiten mit nichts rechtfertigen koͤnnen, als mit den elenden Ent- schuldigungen, daß ihr Geschlecht und die Na- tur sie dazu verleitet habe! ‒ ‒ O Belford, wie kann ich den Gedanken ertragen! ‒ ‒ Vor- nemlich in den Jahren, darin ich bin, und bei der Geschicklichkeit zu boͤsen Haͤndeln! Davon bin ich voͤllig uͤberzeuget, daß, wenn ein Mann jemals zu heirathen, und in Ruhe sich seinen eignen Betrachtungen zu uͤberlassen O 4 geden- gedenket, wobei er weder eine Wiedervergeltung, noch die Folgen seines eignen Beispiels zu fuͤrch- ten haben will, niemals ein Boͤsewicht seyn muß. Dies siehet einem Gewissen aͤhnlich! Nicht wahr Belford? ‒ ‒ Alles was ich in meiner u. s. w. Th. VI. S. 384. L. 14. nach den Worten: jemals lieben kann, lies statt der bei- den naͤchstfolgenden Abschnitte: Jedermann weiß, daß die Mutter, (so sproͤ- de die Tochter gegen ihn ist) einen Narren in ihn gefressen hat. Sie ist eine der heftigsten Frauenzimmer in ganz Engelland. Jhr ver- storbener Ehemann war dem ehelichen Zwist: wer Recht haben sollte? nicht gewachsen; Sondern schlich sich allemal davon, weil er we- der nachzugeben, noch zu siegen wußte. Eine trefliche Reizung fuͤr einen Menschen, der zu Liebeshaͤndeln geneigt ist, wenn er Ursache hat, zu glauben, daß die Frau, auf die er sein Ab- sehen gerichtet, ihren Mann nicht liebe! Was fuͤr gute Grundsaͤtze muß die Frau haben, welche da, wo keine Zuneigung sie haͤlt, durch die Em- pfindung von ihrer Pflicht und gelobten Treue, gegen die Versuchungen bestehet! Jch bitte dich, gieb uns ganz genaue Nach- richt, wie es dem armen Belton gehet. ‒ ‒ Er ist ein ehrlicher Kerl. ‒ ‒ Es scheinet ihm etwas mehr, als seine Thomasine, auf dem Herzen zu liegen. Du Du hast ihm doch wol nicht von Gewissen und Bekehrung vorgeprediget? ‒ ‒ Billig soll- test du dir dergleichen Freiheiten gegen ihn nicht nehmen, wo du nicht glaubest, daß er durch- aus nicht wieder davon kommen kann. Ein Mensch, der krank, und seines Lebens muͤde ist, kann nicht, so wie du, mit diesen ernsthaften Din- gen spielen, ohne besser oder schlimmer dadurch zu werden. ‒ ‒ Die Busse, wie mir eben einfaͤlt, Bruder, sollte billig geschehen, wenn ein Mensch seine Gesundheit und Munterkeit hat. Denn wozu ist er doch geschickt, wenn er nicht mehr derselbe, und der Kraͤfte seiner Seelen Meister ist? Wenigstens gewiß nicht, ein neues Werk anzufangen! Daher kommt es, wie ich glau- be, daß man eine Bekehrung auf dem Todbette als etwas erbetteltes und fruchtloses ansiehet. Jch fuͤr meine Person hoffe, noch eine ziem- lich lange Zeit vor mir zu haben, da ich doch willens bin, kuͤnftig einmal ein Bekehrter zu werden. Dann und wann habe ich ganz ernst- hafte Gedanken. Doch fuͤrchte ich halb, daß meine Goͤttin recht hat, da sie mir einst sag- te: ein Mensch koͤnnte sich nicht bekehren, wenn er wollte. Jch glaube, sie verstand dies von einer dauerhaften Bekehrung! Denn so bei Stoͤssen habe ich meine Vergehungen wol tausendmal bereuet. Aber es war, wie die Ab- wechselungen von Hitze und Frost im Fieber! Jndem ich meine Augen auf die beiden vor- hergehenden Absaͤtze werfe, kommt es mir vor, O 5 als als wenn etwas widersprechendes darin waͤre. Aber ich will es nicht noch einmal uͤberdenken. Die Materie ist sehr ernsthaft. Vorjezt verste- he ich sie nicht vollkommen. Jch will dir lieber noch etwas Lustiges schreiben. Tourville, Mowbray und ich u. s. w. Th. VI. S. 395. L. 22. nach den Wor- ten: in dieselben zu seyn. Was sollen wir von der Zaͤrtlichkeit fuͤr eine Ursache angeben, die ein vermeinter Vater oft gegen die Kinder eines andern Mannes zei- get? Sage mir doch, was ist das, was wir Natur, und natuͤrliche Zuneigung nen- nen? Und wie kann ein Mann sich seiner Ein- sicht und Verschlagenheit ruͤhmen, da er eben so leicht dahin gebracht wird, die Kinder, wel- che ein Verbrecher mit seinem Weibe oder Mai- treße gezeuget hat, zu beschuͤtzen, zu erziehen, und gar zu lieben, oft aber seinen eignen vor- zuziehen, wie eine Henne, oder Gans die Eier von einem andern Geschlecht ausbruͤtet, und so gar die Jungen noch liebet? Ja, ich frage dich, wenn der Trieb, wie man es nennet, die Thiere nicht faͤhig macht; ihre eignen Jungen zu unterscheiden, wie viel schwerer wird unsre geruͤhmte Vernunft, und Scharfsinnigkeit es in diesem zarten Punkte zu thun vermoͤgend seyn? Moͤchten doch einige Menschen, die Weiber von einer nur zweifelhaften Tugend haben, dies dies gehoͤrig bedenken! Jch glaube, ihre aus- serordentliche Hitze nach Gewinn wuͤrde ein gu- tes Theil abgekuͤhlet werden; Da zwar ihre Weiber, aber nicht sie, gewiß seyn koͤnnen, fuͤr wessen Kinder sie arbeiten, schwitzen, schar- ren, zusammen kratzen, und vielleicht diejenigen betriegen, welche mit den Kindern als Freun- de, oder Nachbaren, oder noch als weit naͤhere Anverwandten, wenigstens von der Mutter Seite, in einer Verbindung stehen. Doch ich mag diesen Gedanken nicht so weit treiben, als ich koͤnnte. Er moͤchte, wenn er gemeiner wuͤrde, zu Folgen Anlaß geben, die den natuͤrlichen und gesellschaftlichen Nei- gungen nachtheilig waͤren. Vielleicht moͤch- ten auch tugendhafte Frauen von dem ei- fersuͤchtigen Mistrauen ihrer Maͤnner, die ein boͤses Herz und ein naͤrrisches Gehirn haͤtten, mehr leiden muͤßen, als diejenigen, welche sich der Entdeckung durch Kuͤnste und Verstellung zu entziehen verstehen, zu welchen Frauen von Tugend ihre Zuflucht nicht nehmen koͤnnen. Und doch, wenn man diesen Gedanken gehoͤ- rig und allgemeiner erwoͤge, wuͤrde er keine uͤble Wuͤrkungen hervorbringen. Eine gute Erzie- hung, gute Neigungen, und eine gesetzte Tu- gend, und nicht Geld, wuͤrden die vornemsten Eigenschaften seyn, die ein Mann suchte, der nicht durch die aͤußerlichen Reizungen einer Person gefeßelt waͤre, wenn er sich nach einer Theilnehmerin seiner Guͤter, und nach einer Mutter Mutter seiner zukuͤnftigen Kinder umsaͤhe, die das Seinige dereinst erben, und die Fruͤchte seines Fleißes geniessen sollen. Aber wieder auf den armen Belton zu kommen. Wo ich euren u. s. w. Th. VI. S. 398. L. 23. nach den Wor- ten: Leben zuruͤck zu sehen. Es wird die Reihe bald an euch kommen, an einen jeden von euch, wo die Gerichte des Landes sich nicht dazwischen legen. Du bist der einzige Boͤsewicht von denen, mit welchen wir in Gesellschaft gewesen sind, wo du mich selbst nicht etwa auch ausnimmst, der seine Gesundheit und Vermoͤgen voͤllig be- halten hat. Mowbray hat es in der That seiner star- ken Leibesbeschaffenheit zu danken, daß er an seiner Gesundheit noch nicht gelitten. Aber sein Vermoͤgen wird von Jahr zu Jahr kleiner. Drei Biertheile von Tourvilles sehr an- sehnlichen Guͤtern sind bereits verschwendet, und das letzte Viertel wird den uͤbrigen dreien warscheinlicher Weise bald folgen. Mit dem armen Belton sehen wir, wie es gehet. ‒ ‒ Sein einziges Gluͤck ist, daß er schwerlich seinen Mangel erleben wird. Du bist zu ehrgeizig, und zu klug, als daß du je in Duͤrftigkeit gerathen solltest. Ja du du hast, um dir Gerechtigkeit wiederfahren zu lassen, ein Gemuͤth, das seinen Freunden beistehen wird, wenn sie herunter kommen, und wirst es auch thun, wenn du alsdann noch le- ben solltest. Aber doch mußt du, denke ich, viel eher, als du dir einbildest, zur Rechenschaft gefordert werden. ‒ ‒ Vielleicht entscheidet einer von den Freunden der Personen, die du belei- digt hast, dein Schicksal. Denn wenn du solches nicht von der Harlowischen Familie erfaͤh- rest, so wirst du doch die Gefahren und die Ra- che reizen, bis du jemand findest, der sich raͤ- chet; und dies wird geschehen, du magst ver- heirathet seyn oder nicht. Denn ich zweifle, ob der Ehestand, wenn nicht das Alter hinzu trit, dich jemals von deiner Liebe zu Raͤnken heilen wird, die Trotz deiner bessern Einsicht und voruͤberfahrenden Entschliessungen, mit dir bestaͤndig fortrennet. Wolan, ich will einmal setzen, daß du ru- hig zu deinen wuͤrdigern Vaͤtern versammlet wirst. Aber laß mich jetzt einmal zum voraus ei- nen Blick auf Mowbrays und Tourvilles Ende werfen, ( Belton wird vielleicht vor dir zu Staub verwandelt werden) gesetzt, daß dein fruͤhes Ableben es hindert, daß sie nicht ge- henket werden. Wenn sie warscheinlicher Weise durch lieder- liche Verschwendung in Duͤrftigkeit gerathen sind; so siehe, wie sie in ein garstiges Loch oder oder auf einen schmutzigen Erker fliehen, und sich genoͤthiget sehen, mit der Aufwartung ei- nes schmierigen alten Weibes vorlieb zu neh- men, die nur ihre Armuth beweget, solchen Kerln die letzten Dienste zu erweisen, die unter den jungen Weibern eine so aͤrgerliche Verwuͤ- stung angerichtet haben! Wie klaͤglich werden sie dann schreien und winseln! Jhre groben starken Stimmen sind in wimmernde Wehklagen verwandelt, die um Mitleiden flehen! Wie huͤlflos werden ihre jetzt fuͤrchterlichen Klauen seyn! ‒ ‒ Jhre jetzt erhab- nen Nacken versagen den mit Schmerz erfuͤllten Haͤuptern die Stuͤtze, und diese Koͤpfe voll Bos- heit wackeln auf ihren zitternden Schultern! Wie werden sie dann die Gesichter verdrehen! Jhr Herz macht ihrem Kopfe Vorwuͤrfe! Jh- re ausgetrocknete Maͤuler stehen voneinander! Eingefallne Wangen! Ein herabhaͤngender Un- terkinn! Sie grunzen wie die Schweine, denen sie im Leben aͤhnlich waren! O was fuͤr ein nie- driger Boͤsewicht bin ich gewesen! O koͤnn- te ich mein Leben wieder zuruͤck rufen! ‒ ‒ Sie beichten einem alten Weibe, die sie nicht los- sprechen kann! Schreckbilder von Geistern ent- ehrter Jungfrauen, befleckter Matronen, schwe- ben ihnen vor den starren Augen herum! Und ihr Schrecken recht voll zu machen, laͤchelt ein alter Satan boshaft hinter einem Spiegel, den er ihnen vorhaͤlt, um sie mit dem Grausen zu erfuͤllen, das in ihren Gesichtern erscheinet. Kann Kann ich meines Theils u. s. w. Th. VI. S. 422. L. 6. nach den Worten: betrogen finden. Da war eine Jungfer Dorrington, (viel- leicht kennen sie sie nicht) die mit ihres Vaters Lackeien davon lief, weil er sie an einen in Pen- sion stehenden Officier nicht geben wollte, in den sie sich, da sie ihn zum erstenmale unter ih- rem Fenster vorbeigehen sahe, sterblich verliebt hatte. Da war eine Jungfer Savage. Die hei- rathete ihrer Mutter Kutscher, weil ihre Mut- ter ihr eine Reise nach Wales nicht erlauben wollte; aus Furcht, sie moͤchte sich dort mit ei- nem weitlaͤuftigen Vetter von ungleichen Ver- moͤgen verbinden, den sie nicht wenig lieb ge- wann, als er sie auf eine Woche in ihrem Hau- se besuchte. Da war die junge Witwe Sanderson, die eben wie Sarah Stout, auf die Gedanken gerieth, sich zu ersaͤufen, weil sie glaubte, daß ein juͤngerer Bruder aus einer edlen Familie ihre Liebe verschmaͤhet habe. Jungfer Sally Anderson, (sie haben ge- wiß von ihr gehoͤret) bekam von ihrem Oncle Verweise, daß sie einem Liebhaber Hofnung machte, der unter ihr war. Aus Verdruß warf sie sich in die Arme eines heslichen Hun- des, eines Schuster-Jungens, und lief mit ihm in einem Paar Schuhen davon, die er eben fuͤr sie sie gemacht hatte, ob sie gleich den Burschen vorher nie gesehen, und nachher allezeit haßte. Endlich nahm sie ein starkes Opium, um ih- re Thorheit auf ewig zu vergessen. Aber kann ein staͤrkeres u. s. w. Th. VI. S. 432. L. 25. nach den Worten: hinein fliegen sehen. Mowbray und Tourville haben dir jeder einen Brief zugedacht, und ich uͤberlasse es die- sen groben Gesellen, dich fuͤr das aͤrgerliche Gemaͤlde von ihrem letzten Ende zu handha- ben, wie du es verdienest. Man kann daraus sehen, daß deine eignen vergangnen Verbrechen dir recht vor den Augen gestanden sind, und dir, der du dir deines verdienten Lohns bewust warest, bei diesen verzweifelten Zuͤgen die Hand gefuͤhret haben. Jch freue mich, daß du den alten boͤsen Feind so bald angetroffen, dir den Spiegel vors Gesicht zu halten. Du mußt es doch sicher im Ernst, und aus einer wahren Ueberzeugung von deinen Bosheiten geschrie- ben haben? Denn was fuͤr ein verhaͤrteter Boͤsewicht muͤßte der seyn, der ein solches Ge- maͤlde, als dieses, im Scherz und blos zur Lust schildern koͤnnte! Was deinen Vorsatz u. s. w. Th. VI. S. 459. L. 2. nach den Worten: recht geistlichem Stolze. Eine Eine von meinen Maͤdgen in Paris war ei- ne Heilige. Sie gab sich grosse Muͤhe, mich zu bekehren. Jch lies zum Besten meiner Seele ihren guͤtigen Bemuͤhungen Raum. Sie glaubte, etwas gewonnen zu haben, wenn sie mich bewegen koͤnnte, mich zu einer Religion zu bekennen. Die Catholische hat ihre Be- quemlichkeiten. Jch erlaubte ihr, einen ihrer geistlichen Vaͤter zu mir zu fuͤhren. Meine Bekehrung wuchs, daß es eine Lust war. Der ehrliche Vater machte sich gute Hofnung von mir. Er lobte ihren Eifer, und ich auch. Und wie, meinest du, endigte sich das Ding? ‒ ‒ Kein Maͤdgen in Engelland wuͤrde so weit le- sen, ohne es zu errathen! ‒ ‒ Mit einem Wor- te: sehr gluͤcklich! Denn sie brachte mir nicht allein einen Vater, sondern sie machte mich auch dazu. Wir waren einer mit des andern Bekeh- rung zufrieden, und nahmen verschiedene We- ge; sie nach Navarra, ich nach Jtalten, und hatten beide grosse Lust, die guten Lehren auszubreiten, die wir einander so schoͤn bei- gebracht. Ein Trost erwaͤchset u. s. w. Th. VI. S. 597. L. 18. nach den Worten: dir heraus gelassen hast. Aber du siehest, Bruder, da sie so wenig von Hickmann, als der Fraͤulein Howe, Geld an- nehmen will, daß die ausschweifende Schoͤne ein Vergnuͤgen daran findet, seltsam zu handeln, Zusaͤtze zur Cl. P weil weil sie lieber um nichts und wieder nichts ihre Kleider verkaufen will. Denkest du nicht, daß sie zuweilen ein wenig niedergeschlagen ist? Jch fuͤrchte es. Ein kleines Ueberbleibsel der Ver- ruͤckung, die sie in der ersten Woche, als ich bei ihr zum Werke zu schreiten anfieng, in einem hoͤhern Grade hatte, greift sie jetzt noch an, wie ich vermuthe. Jhre Verachtung des Lebens, ihre durcheinander laufenden Vorstellungen, ih- Weigerung, sich zu verheirathen, oder selbst von ihren vertrautesten Freunden Geld anzuneh- men, sind noch Spuren davon, und lassen sich, wie ich glaube, sonst nicht erklaͤren. Jhr Apotheker ist ein guter ehrlicher Kerl. Er gefaͤllt mir sehr. Aber das Lied, das ewi- ge Lied von sterben, welches meine wunderliche Schoͤne immerzu singet, bringet mich aus aller meiner Geduld. Jch hoffe, dieser melancholi- sche Unsinn ruͤhret blos daher, daß ich sie in ei- nem Wege fuͤhren wollte, der ihr so neu ist, als dir die Schoͤnheiten der Bibel. Kein Wunder also, daß sie nicht weiß, was sie aus sich ma- chen soll, und sich einbildet, mit jedem Odem- zuge den Tod her zu ziehen, da der Ausgang ge- rade das Gegentheil hervorbringen wird. Du bist in deinen Anmerkungen uͤber die Er- ziehung und den Werth der jungen Herren und Stutzer von dem Orden der Boͤsewichter ein trau- riger Bursche, wenn du mit den Wir und Uns mich oder dich selbst meinest. Denn ich behaup- te, daß Uns das Bildniß nicht gleich siehet, die die wir Belesenheit haben, und die Welt ken- nen. Den meisten Narren und Stutzern in der Stadt moͤchte es eher aͤhnlich seyn, und das glaube ich auch. Allein die moͤgen sich das zur Lehre nehmen! Wenn es aber mich nicht angehet, wozu verschiessest du denn deine Pfeile? ‒ ‒ Fin- dest du aber durch Huͤlfe des neuen Lichtes, das deinen Verstand erleuchtet, seit dem du die Eh- re hast, mit diesem vortreflichen Kinde umzu- gehen, daß die Kappe auf deinen Kopf passet, ei so nimm sie nach der Regel: qui capit, ca- piat, und setze sie auf. Jch will ein Paar Schel- len daran haͤngen, so kannst du in einem Spann von Dummkoͤpfen das erste Pferd abgeben. Ob ich gleich eben diesem Knaben, dem Hickmann, ein parmal das Wort geredet ha- be, so kann ich dir doch sagen, ich moͤchte ihn (um eine von meines Lords gemeinen Redens- arten zu gebrauchen) wol mit einem Koͤrn- gen Salz auffressen, wenn ich daran denke, daß er so unverschaͤmt gewesen ist, meine Goͤt- tin bei seinem Abschiede zweimal zu kuͤßen. Und noch weniger kann ichs der Fraͤulein ver- geben, daß sie sich unterstanden, ihm ihre Wan- gen und ihre Lippe (du schreibst nicht, wel- che?) hinzuhalten, und seine ungeschickte Faust zwischen ihre schoͤnen Haͤnde zu druͤcken. Eine Ehre, die so viel werth ist, als die Ranzion eines Koͤnigs! und die ich drum geben wollte ‒ ‒ Ja was wollte ich nicht drum geben, diese Ehre zu haben! ‒ ‒ Und daß er sie wieder aus P 2 Erkennt- Erkenntlichkeit, wie du sagest, an sein fuͤhllo- ses Herz gedruͤckt hat, welches gewiß zu der Zeit empfindlicher, als jemals, gewesen ist! Aus deiner Beschreibung von ihrem Ab- schiede sehe ich, daß du mit der Zeit ein zaͤrtli- cher Bube werden wirst. Was mich bei dem Unwillen der Fraͤulein verdrießt, ist, daß du durch ihren Umgang einen neuen Glanz be- kommst. Jch beneide dich, daß du die Gele- genheit hast, sie zu sehen, und dich daraus zu bessern. Der letzte Absatz deines Briefes hat bei mir einen solchen Eindruck gemacht, daß ich nicht so bald Lust bekommen werde, mich zu bekehren, als du. Was wuͤrden wir dann fuͤr ein Paar klaͤglicher Narren abgeben, wenn wir einander unsre mistoͤnenden Recitative ent- gegen heulten! Laß mich den Gedanken ausarbeiten, und setzen, wir waͤren ein Paar Einsiedler geworden. Wir haben die beiden alten Hoͤlen zu Horn- sey wieder geoͤfnet, oder ein par neue einge- hauen. Ein jeder hat zum Vorwurf seiner Betrachtung in seiner Zelle einen Todtenkopf und ein Stundenglaß aufgestellet. Jch habe einst solche ein Gemaͤlde gesehen. Aber hatte der alte busfertige Huren-Hengst nicht einen langen grauen Bart, vor welchem er kaum Odem holen konnte? Was fuͤr Figuren wuͤrden ein par Stutzer in ihren seidenen und besetzten Kleidern, und mit ihren verdrieslichen halb aufgespannten Gesichtern, und halb verschlos- senen senen Augen machen, wenn sie gegen einander uͤber knieten, und sich ihre veruͤbten Schelme- reien erzaͤhleten? Wollten wir diese Lebensart nur versuchen, und hernach zu unsern alten Streichen zuruͤckkehren, so koͤnnte sie uns weit eher, als des Horners Leben in der Land- wirthin, den Nutzen schaffen, daß die artigen Huren uns zuliefen. Halt! Der Verfasser des Hudibras hat ir- gendwo eine Beschreibung, die auf uns passen wuͤrde, wenn wir in unsern Hoͤlen zusammen saͤssen, und ein trauriges Concert machten. Hier ist sie. So beschreibt er deinen Love- velace: Wie er auf seinem Steis dort melancho- lisch sitzt. Wie er das schwere Haupt mit beiden Haͤn- den stuͤtzt. Und neben ihm, allein, in einer andern Hoͤle Sitzt Beford, die betruͤbte Seele! Jch weiß, du haͤltest mich fuͤr zu spashaft. Jch denke es selbst. Aufrichtig zu reden, ist es auch nur ein gezwungener Spas. Denn alle meine Leidenschaften sind so gespannet, daß ich entweder lachen oder weinen muß: Gleich dem ehrlichen Saufaus, dem Jacob Da- ventry. (Der arme Teufel! ‒ ‒ was nahm er fuͤr ein ungluͤckliches Ende!) Du weißt, ich pflegte es anzumerken, wenn er aus einer lu- P 3 stigen stigen Gesellschaft aufbrach, welches er nie that, ohne einen Rausch zu haben, so war es seine Art, so bald er die Thuͤr auf dem Ruͤcken hat- te, sich, gleich einer Taube, die man eben flie- gen laͤsset, umzusehen, und seinen Weg auszu- spaͤhen. Dann zog er die Hacken nach sich, und lief den ganzen Weg, oft eine bis zwo Meilen nach Hause, da er kaum stehen konnte, und alle Augenblicke auf die Nase gefallen seyn wuͤrde, wenn er versucht haͤtte, langsam zu ge- hen. Jn diesem meinen unbekehrten Zustan- de mag dies meine Entschuldigung seyn, daß ich den wuͤrdigen Schluß deines dritten Briefes so unwuͤrdig beantworte. Was habe ich schon fuͤr ein langes Geschmie- re gemacht? Und so bezahle ich dir u. s. w. Th. VI. S. 792. L. 7. nach den Worten: Gaͤnsekielen zu schlagen. Eigentlich, wenn du nur deine Gaben selbst kennen moͤchtest, bist du doch gemacht, schon durch deine Figur das Lachen zu erwecken, und wuͤrdest deine Person noch halb einmal so gut vorstellen, wenn du deine Bruͤder, die Baͤren, zu Hockley in der Hoͤle, nach der Musik einer Schottischen Sackpfeife tanzen ließest. Jch sehe dich deine vierschroͤtigen Glieder schuͤtteln: (und alle deine Zuschauer desgleichen). Dein dicker Kopf schlaͤgt ganz munter auf deinen Saͤnftentraͤger-Schultern den Tact dazu, bald zur zur Rechten bald zur Linken; wie ich dirs ein- mal zu Preston bei einer Sackpfeife abgese- hen habe. Erinnerst du dich der Lustbarkeit noch wol? Jch habe wol hundertmal daran ge- dacht, weil ich dich nie so in deinem Wesen, das dich am besten kleidet, gesehen. Aber ich weiß, was ich mir hiedurch zuziehe. Du wirst nur deine merkwuͤrdige Anmerkung wiederholen, daß dein Aeußerliches an dir das Schlimmste, und an mir das Beste sei. Es mag darum seyn. Du magst mir von der Art schreiben, was du willst, ich werde es nicht uͤbel nehmen. Jch werde dich im Ernst u. s. w. Th. VII. S. 229. setze zu dem Briefe des Herrn Lovelace folgende Nachschrift: Charlotte hat einen Anstoß von Zaͤrtlichkeit bekommen, indem sie ungehalten ist, daß ich dir den eingeschlossenen Brief geschicket. ‒ ‒ Daß ihre Handschrift, (ei man sehe doch!) in die Haͤnde einer ledigen Mannsperson kommen sollte! Das ist Aufmunterung fuͤr dich, Belford! Ein gewisses Zeichen, daß du das Maͤdgen ha- ben kannst, wenn du willst! Und doch haͤtte ich es nicht gedacht, daß sie nach dir liebaͤugel- te, bis sie mir diesen untriegbaren Beweis ge- geben hat. Jch habe ihr oft im Scherz gesagt, daß ich eine solche Sache aufs Tapet bringen wollte. Aber es war nie mein Ernst, weil sie wuͤrklich ein zartes Maͤdgen ist. Und du bist P 4 so so ein plumper Bursche, deinem Coͤrper nach, daß ich ihr eben so leicht einen Rhinoceros, als dich, zum Ehemann goͤnnen wollte. Aber die armen, kleinen, lieben Dinger! Sie muͤssen warten, bis ihre Zeit gekommen ist! Sie moͤch- ten diesen nicht zum Mann haben, und moͤch- ten jenen nicht zum Mann haben, so lange sie zwischen siebenzehn und fuͤnf und zwanzig sind. Aber dann werden sie besorgt, daß GOtt sie, wie man zu reden pflegt, vergessen habe; und weil sie finden, daß ihre Bluͤte zu verwelken an- faͤngt, so sind sie froh, was fuͤr einen sie erhal- ten, und es gehet ihnen, wie dem Pfarrer mit den Birnen. Th. VII. S. 237. gegen das Ende nach den Worten: Briefe finden werden. Noch ein Wort von einer gelehrten Materie. Denn ich weiß doch, daß Sie es gerne se- hen, wenn ich dergleichen mit einstrene, und mich dabei aufhalte. Herr Doctor Lewin hatte einst in Jhrer Gegenwart (wie Sie, hoher Goͤnner, sich ohne Zweifel erinnern werden) einen heftigen Streit mit mir, wo- rin er es auf sich nahm, die Parentheti- sche Schreibart, (wie ich sie nenne,) zu ver- werfen. Er war ein sehr gelehrter, verstaͤn- diger Mann, das ist sicher, und eine Zierde unsers heiligen Amts. Doch kann ich nicht umhin, zu behaupten, daß es eine Schreib- art ist, die mir sehr gefaͤllt; und der gute Doctor war nicht mehr in seinen jungen Jah- ren, und hatte einfolglich bereits die Zeit seines Lebens zuruͤckgeleget, in welcher ein frucht- fruchtbares Gehirn, und eine reiche Ein- bildungskraft, einem Schriftsteller die J- deen so zudraͤngen, daß man oft Parenthe- sen zu gebrauchen sich genoͤthiget siehet, (und zwar so wol der Kuͤrze, als der Deutlich- keit wegen) um dem Leser die Muͤhe zu er- sparen, daß er eine Stelle mehr als einmal lesen muß. Ein jeder hat seine besondre Ga- be. (wie ich oben gesagt habe) Wir sind gar zu geneigt, unsre natuͤrlichen Faͤhigkei- ten zu allgemeinen Regeln zu machen, daß ich mich um so viel weniger uͤber des wuͤrdi- gen Doctors Eigensinn wunderee, den er bei dieser Gelegenheit zeigte. Er laͤchelte mich an, (wie Sie sich, mein Herr, erinnern wer- den) aber, ob ich recht oder unrecht daran that, das weiß ich nicht, so viel ist gewiß, ich laͤchelte ihn wieder an. Und Sie, mein hoher Goͤnner, (wie ich zu meiner gros- sen Zufriedenheit bemerkte) schienen auf meiner Seite zu seyn. Aber war es nicht wunder- lich, daß der alte ehrliche Mann, und ich so weit von einander unterschieden waren, da wir doch beide einen Endzweck (nemlich die Deutlichkeit, oder Klarheit ) vor Augen hatten? Doch was soll man dazu sagen? ‒ ‒ Errare est hominis, non persistere. Jch denke ich habe u. s. w. Th. VII. S. 245. L. 18. nach den Wor- ten: so gieng ich von ihnen. Schreibe mir, ob du mit dem, was du von deiner schoͤnen Base sagest, wuͤrklich etwas mei- nest. Jch bin nicht so eitel, zu gedenken, daß ich eine solche Fraͤulein, als Fraͤulein Monta- P 5 gue gue ist, verdiene, und wuͤrde mich daher nicht gern ihrer Verachtung oder ihrem Spott aus- setzen. Allein, waͤre ich vor diesen beiden sicher, so wuͤrde ich dir bald gestehen, daß ich keine Muͤ- he, und Aufwartungen sparen wollte, mich bei einer solchen Fraͤulein in Gunst zu setzen. Aber ich kenne dich zu gut, als daß ich auf etwas, so du von dergleichen Dingen schreibest, bauen sollte. Es ist deine Lust, deine Freunde bei den Fraͤulein laͤcherlich zu machen, und dein eitles (in diesem Fall mag ich wol sagen, dein kleines) Herz verleitet dich zu der Einbildung, daß der schwache Schimmer deiner Freunde dir einen groͤssern Glanz giebt. Fiengest du nicht einmal so ein Spiel an, zwischen dem plumpen Mowbray und der Fraͤu- lein Hatton, bis der arme Schelm nicht wuß- te, wie er vorwaͤrts, oder zuruͤck gehen sollte? Th. VII. S. 253. lies statt der beiden er- sten Abschnitte in dem Briefe des Obri- sten Morden, bis L. 22. an die Wor- te: Kuͤnftige hinaussehen. Meine wertheste Base. Jch haͤtte billig keine vierzehen Tage in En- gelland zubringen sollen, ohne mir entweder die Ehre zu nehmen, Jhnen persoͤnlich aufzuwar- ten, oder Jhnen zu schreiben; wenn ich nicht die ganze Zeit, in der Hofnung, Jhnen mei- nen Besuch oder Brief angenehmer zu machen, zu zu Jhren Diensten geschaͤftig gewesen waͤre. Wie- wol ich habe Ursache, mir zu schmeicheln, daß so wol meine allzeit aufrichtige Liebe gegen Sie, als die Achtung, womit Sie mich jederzeit beeh- ret, Jhnen beides angenehm gemacht haben wuͤrde. Wie wenig dachte ich, daß so viele Tage noͤ- thig waͤren, meine gut gemeinte Absicht zu er- reichen, wo an der einen Seite eine so heftige Liebe seyn sollte, und wo, wie ich voͤllig uͤber- zeuget bin, das erhabenste Verdienst, an der andern Seite noch ist! Jch bin bei dem Herrn u. s. w. Th. VII. S. 399. L. 17. lies statt des Ab- schnitts, der sich anhebt: Die Briefe des Herrn Brand, folgende Briefe. Von Herrn Brand an Herrn Johann Walton Lieber Herr Walton. Sonnabend Abends den 2. September. Jch bin Jhnen fuͤr den artig stilisirten (und nett geschriebenen ) Brief sehr verbun- den, welchen Sie an mich abgelassen, um dem Charackter der juͤngern Fraͤulein Harlowe Gerechtigkeit zu verschaffen. Und doch muß ich Jhnen sagen, daß ich, vor Erhaltung desselben, bereits Ursache hatte, zu glauben, (und auch gewiß uͤberzeugt zu seyn) daß wir alle ihr zu viel gethan haͤtten. Jch habe daher den den groͤssesten Theil dieser Woche zugebracht, meinem hohen Goͤnner, dem Herrn Johann Harlowe, einen apologetischen Brief dieser- halb zu schreiben, um zwischen mir und ihnen, und ( so viel ich koͤnnte ) zwischen ihnen und der Fraͤulein alles ins Feine zu bringen. Jch brauchte also bei dem Empfang Jhres geehrte- sten weiter nichts, als einen Zusammenhang hinein zu bringen, und ihn ins reine zu schrei- ben, so daß obgedachter Herr Harlowe ihn morgen fruͤhe, und sie die Copei davon nebst diesem Briefe am Montag fruͤhe erhalten werden. Sie koͤnnen nicht glauben, wie leid es mir sei, daß Sie, Frau Walton, Frau Barker und ich selbst, bei Sachen so wenig gruͤndlich verfahren sind, (die wir leider! nach dem aͤus- serlichen Anschein, und nach Muthmassungen beurtheilten) wo der Charackter und gute Name leiden koͤnnen. Es ist wahr, was Ho- raz sagt: Et semel emissum volat irreuocabile verbum. Das heißt: Worte, die einmal gespro- chen sind, koͤnnen nicht wieder zuruͤckge- rufen werden. Doch kann man ihnen durch andre Worte widersprechen; und wir moͤ- gen nur bekennen, daß wir eines Versehens schuldig sind; anbei unsre Unruhe uͤber dies Versehen zu erkennen geben; neben der Ent- schliessung, daß unser Versehen uns aufs kuͤnftige zu einer Warnung dienen soll. Und das das ist alles, was man thun kann, und was ein jedes braves Gemuͤth thun wird, und was niemand williger seyn kann, zu thun, als wir vier unwissende Beleidiger; (wie ich an Jhrer Seite aus Jhrem Briefe se- he, und Sie an der meinigen aus der ange- bogenen Copei ersehen werden,) welches mir, wenn es so aufgenommen wird, wie ich denke, daß es billig sollte, (und wie ich glaube, daß es geschehen wird ) eine schleunige Gelegen- verschaffen wird, Sie zu sehen, wenn ich meinen Besuch bei der Fraͤulein abstatte, zu der ich (wie Sie in dem Briefe sehen wer- den) mit dem Oelzweige abgesand zu werden hoffe. Die Sache, worin wir alle geirret haben, ist, wie wir gestehen muͤssen, sehr delicat, und (wenn man des Herrn Belfords Cha- rackter in Erwegung ziehet) so war aller aͤus- serlicher Anschein sehr gegen die Fraͤulein. Aber dies dienet, zu zeigen, daß in zweifel- haften Faͤlleu die weisesten Leute betro- gen werden koͤnnen. Denn der Poet sagt: Fallitur in dubiis hominum solertia rebus. Wenn es die Gelegenheit giebt, so koͤnnen Sie (gleich als als aus eigner Bewegung, ohne mein Wißen ) dem Herrn Belford den Einschluß zeigen, der (wie Sie mir schreiben) die Sache hoch aufnimmt. Nur lassen sie ihn die Worte nicht sehen, oder lesen hoͤren, die die ihn betreffen, in dem Abschnitte auf der Mitte der zweiten Seite der sich anhebt: Doch bleibe ich dabei bis zu Ende des Abschnitts. Denn einer mag sich nicht gern, wie Sie wissen, Feinde machen, und ich habe Ursache zu glauben, daß Herr Belford ein eben so hi- tziger und gefaͤhrlicher Mann ist, als Herr Lovelace. Wie sehr ist es zu bejammern, daß die Fraͤulein keinen wuͤrdigern Beschuͤtzer finden konnte! Sie koͤnnen diese Zeilen mit blauen oder schwarzen Papier bekleben, ehe er den Brief siehet, und wenn er darauf be- stehet, eine Abschrift von meinem Briefe zu nehmen, (denn er, oder jedermann, der ihn siehet, oder lesen hoͤret, wird ohne Zweifel gern eine Abschrift von einem Briefe haben wollen, der so voller Grundsaͤtze der besten Scribenten des Alterthums ist, die sich, (wie ich mir die Freiheit nehme zu behaupten) so sehr zu der abgehandelten Sache schi- cken ) Wenn er also, sage ich, darauf bestehet, eine Abschrift von dem Briefe zu haben, so las- sen Sie sich von ihm die staͤrksten Versiche- rungen geben, daß er ihn unter keinem Vor- wand drucken lassen will, und ich habe Jhnen eben die Bitte zu thun, daß Sie ihn nicht durch den Druck gemein machen moͤgen. Denn wenn die Werke eines Gelehrten das Licht sehen sollen, muß nicht billig blos der Au- tor den Vortheil ziehen? Denn wenn die Zuschauer, die Schwaͤtzer, die Untersu- cher, cher, die Aufseher, und andre artig geschrie- bene Wochenblaͤtter in ihren Mottos auf je- dem ihrer Blaͤtter mit einem einzigen Verse strotzen, und andre Autoren sich selbst etwas darauf einbilden, zu den Tituln ihrer Buͤcher einen Vers oder Spruͤchwort aus den Clas- sischen Schriftstellern auszufinden, und sie damit zu verschoͤnern; Was fuͤr eine herrli- che Figur wuͤrde denn ein solcher Brief, als der eingeschlossene ist, machen, der mit vor- treflichen Lehren, und schicklichen Cita- tionen aus den besten Scribenten so reich- lich angefuͤllet ist! Man hat mir erzaͤhlet, daß ein gewisser Lord, der fuͤr einen grossen Minister eine Schutzschrift verfertigen wollte, nachdem er sich lange vergeblich unendliche Muͤhe ge- geben, ein Lateinisches Motto dazu zu fin- den, einem seiner Freunde auftrug, demjeni- gen, der ihm nur an eines helfen koͤnnte, das sich recht paßete, wenn es nur aus einer o- der ein par Zeilen bestuͤnde, einen Korb des schoͤnsten rothen Weins zu versprechen. So kamen ihre Herrlichkeiten an ein Motto aus dem Juvenal, welches sie zum Ungluͤck nicht verstanden, (da sie nicht wusten, daß Juve- nal ein Poet sei) und es als eine prosaische Sentenz auf den Titul drucken liessen. Wenn also eine oder zwo Zeilen so viel werth waren ( einen ganzen Korb rothen Weins! Denken Sie einmal!) von was fuͤr einem einem unschaͤtzbaren Werth wuͤrde dann solch ein Brief, wie der meinige, gehalten wer- den? Und wer weiß, ob nicht dieser Lord (der noch am Leben ist) wenn er einen Brief, der mit einer solchen Kette von Edelge- steinen glaͤnzet, zu Gesicht bekommen sollte, den Verfasser in seine Dienste nehmen wuͤr- de, um ihn immer bei der Hand zu haben; und auf die Art ein Mittel abgaͤbe, auf eine oder andre Art, bekannt zu werden? Und ich nehme mir die Freiheit zu sagen, daß (in die- ser jetzigen argen Welt ) ein Mann von gruͤnd- licher Gelehrsamkeit, nur eine solche Em- pfelung gebrauchet, um sein Gluͤck zu machen. Jch hoffe, werthester Freund, daß die Fraͤu- lein nicht sterben wird. Denn es wuͤrde mir sehr nahe gehen, um so viel mehr, weil ich ungluͤcklicher Weise ihre Auffuͤhrung nach- theilig beschrieben habe. Sie wuͤrden, nebst ihren Aeltern und Verwandten, sich die Sache aus eben dem Grunde, zu Gemuͤthe zie- hen. Es sind in der That sehr reiche und sehr wuͤrdige Edelleute! Jch muß Jhnen aber gleich sagen, sie hat- ten die Sache gegen die Fraͤulein so weit ge- trieben, daß ich in meinem Herzen versichert bin, wie lieb es ihnen gewesen seyn muß, in meinem Bericht ihre Rechtfertigung zu fin- den; und daß sie wuͤrden weniger mit mir zufrieden gewesen seyn, wenn ich vortheil- haft berichtet haͤtte, da sie sie doch in ihren Herzen Herzen sehr lieben. Wiewol jetzt sind sie alle (wie ich hoͤre) geneigt, wieder ihre Freunde zu seyn, und ihr zu verzeihen, der Bruder so wol als die uͤbrigen. Aber ihr Vetter, der Obrist Morden, ein sehr feiner Cavalier, hat mit ihnen einen so heftigen Wortwechsel gehabt, daß sie nicht wissen, wie sie nachgeben sollen, ohne das An- sehen zu gewinnen, als wenn sie sich aus Furcht zu einem Vergleich bequemet haͤtten. Daher habe ich mir eben desto groͤssere Freiheit genom- men, ihre Aussoͤhnung zu preßiren, und, wie ich hoffe, zu so gelegener Zeit, daß sie alle da- von zufrieden seyn werden. Denn koͤnnten sie einen bessern Handel treffen, ihren Stolz zu schonen, als durch meine Vermittelung? Denn das kann ich ihnen sagen ( inter nos, un- ter uns gesagt) daß sie alle sehr stolz sind. Durch diese erlaubten Mittel, (denn durch unerlaubte Mittel moͤchte ich nicht Erzbischof von Canterbury werden) hoffe ich jedermann zu gefallen. Erstlich hoffe ich, von der Fraͤu- lein Verzeihung zu erlangen (zumal da sie eine Liebhaberin von der Gelehrsamkeit und von Gelehrten ist, und ich also grosse Gelegenhei- ten habe, sie mir verbindlich zu machen. ‒ ‒ Denn als sie von ihres Vaters Hause weggieng, hatte ich nur eben die Ehre, mit ihr bekannt zu werden, und mein Umgang schien ihr uͤber die massen zu gefallen) Zunaͤchst hoffe ich, daß ih- re Aeltern und ihre ganze Familie mir danken, Zusaͤtze zur Cl. Q und und mich hochachten wird, wie ich (GOtt sei Dank!) von meinem theuren Freunde, dem Herrn Johann Harlowe, hochgehalten werde, wel- cher in der That ein Mann ist, der vor Gelehr- ten eine grosse Achtung bezeuget, und der (wie ich weiß, mit besondern Vergnuͤgen) mit mir die eitirten Stellen durchgehen, und sich uͤber mein Gedaͤchtniß so wol, als uͤber den gluͤckli- chen Ansatz, wundern wird, den ich habe, meinen eignen Gedanken durch die Worte der groͤssesten und weisesten Maͤnner des Al- terthums den Nachdruck zu geben. Halten Sie mir, werthester Freund, meine anscheinende Eitelkeit zu gute. Der grosse Cicero (Sie muͤssen es von ihm gewiß gehoͤ- ret haben) hatte eine viel groͤßere dosin davon, und schrieb einen langen Brief, worin er bat, und bettelte, daß man ihm schmeicheln moͤch- te. Aber wenn ich von mir selber weniger sage, als andre Leute (die mich kennen) von mir sagen, so glaube ich, das rechte Me- dium zwischen Eitelkeit und falscher Beschei- denheit zu treffen, welche letztere sich oft selbst Luͤgen straffet, wenn sie die Complimente ab- lehnet, die ihr jedermann machet, weil er sie ihr schuldig zu seyn glaubet. Dies ist so wol eine Heuchelei, als Thorheit, die ich (wie ich hoffe) zu sehr verachte, als daß ich jemals da- rin verfallen sollte. Jch habe noch eine Ursache, (die ich Jhnen als meinem alten Schul-Cameraden wol ver- vertrauen kann) warum ich dieser wackern Fraͤulein Wiederherstellung und voͤllige Besserung wuͤnsche. Es ist nemlich, daß ich (so ganz von weiten) von Herrn Johann Harlowe gehoͤret habe, es waͤre sehr zu ver- muthen (da man ihr einmal den Streich ge- spielet haͤtte) daß sie sich entschliessen wuͤrde, ih- re Tage vor sich, in Busse und Reue zuzu- bringen ‒ ‒ und wuͤrde also warscheinlicher Wei- se (wenn sie auf ihr Gut zoͤge) einen Capel- lan halten, der ihr in ihrer Andacht, und in ihren Buß-Uebungen beistuͤnde. ‒ ‒ Thut sie das, wie koͤnnte sich denn einer besser stehen, als ich? ‒ ‒ Und da ich (so wol aus ihrer als aller Leute Erzaͤhlung) finde, daß sie, was ihre Absichten anbetrift, unschuldig, und gewillet ist, an den Herrn Lovelace nicht mehr zu geden- ke: Wer weiß, was sich (mit der Zeit) bege- ben koͤnnte? ‒ ‒ Und doch muͤßte es erst nach Herrn Lovelace Tode geschehen, (welcher moͤglicher Weise eher erfolgen koͤnnte, als er denket, seiner verfluchten Lebensart willen) Denn das ist ausgemacht, ein Mann, der dem gemeinen Wesen nuͤtzlich ist, darf nicht (um das artigste Frauenzimmer in der Welt) seine Kehle der Barmherzigkeit eines Menschen vertrauen, der weder GOtt noch den Teufel scheuet. Jch bitte, lassen Sie diese Muthmassung ausser Sie selbst, niemanden, als Dero Frau Gemahlin, und die Frau Barker erfahren, Q 2 in in deren und Jhre Haͤnde ich mein Leben vertrauen wollte. Es haben sich schon (wie ich Jhnen sagen kann) weit unwarscheinlichere Dinge zugetragen, und zwar mit reichen Wit- wen, (deren einige in der That vom Range gewesen sind) die bei der Wahl in ihren er- sten Vermaͤhlungen bloß auf ihre Bequem- lichkeit und (wenn ich so reden darf) auf blosse Koͤrperlichkeiten gesehen; allein wel- che bei ihrer zweiten Verheirathung die koͤr- perlichen und geistigen Absichten verbun- den haben; welches ohne Zweifel die beste Wahl fuͤr Wesen ist, die von beiden zusammenge- setzet sind, als Mann und Frau allerdings sind. Denken Sie auch nicht, mein Herr, daß wenn sich etwas dergleichen begeben sollte, einer von uns dabei gefaͤhret werden duͤrfte, sintemal die Fraͤulein einen Mann von feiner Her- kunft und einen Gelehrten heirathen wuͤrde. Und was meine eigne Ehre anlangt, so wuͤr- de der Bock, den sie gemacht hat, ihre gros- sen Mittel mit meinem geringen Vermoͤ- gen in ein Gleichgewicht bringen. (wenn man nemlich allein das Vermoͤgen, und nicht das Verdienst in Betrachtung zoͤge) Anerwogen das Leben dieser Fraͤulein (weder durch die Laͤnge der Zeit, noch durch einen gottlosen Wandel ) noch keinen so grossen Schandfleck bekommen, daß man sie mit den keuschen Abi- gails uͤber einen Kamm scheren duͤrfte, die (wie GOtt bekannt) nur gar zu oft, gar zu oft fuͤr fuͤr einen jungen Geistlichen gut genug ge- halten werden, dem man vielleicht durch eine schlechte Pfarre das Netz uͤber die Hoͤr- ner gezogen hat; und welcher (wenn das lie- derliche Mensch nicht ganz abgenutzet ist) immer aͤrmer und aͤrmer wird, durch eine Ver- mehrung der Familie, wovon er nicht weiß, ob er sie guten Theils sich selbst, oder sei- nem edlen Goͤnner, ( unedlen, sollte ich sagen) zu danken hat. Aber alles dies unter uns, und im Vertrauen. Jch weiß, Sie haben auf Schulen nur we- nig in den Sprachen profitiret. Derentwe- gen ich mich auch vieler Erlaͤuterungen aus den Autoribus classicis enthalten habe, womit ich sonst diesen Brief (so wie den angebogenen) haͤtte anfuͤllen koͤnnen. Zudem, da ich so weit von Jhnen entfernt bin, kann ich Jhnen die Stellen nicht erklaͤren, wie ich meinem Freun- de, dem Herrn Johann Harlowe, thue, wel- cher (wenn man die Warheit sagen will) mir Ursache hat, verbunden zu seyn, daß ich ihn auf so viele Schoͤnheiten der Autoren gewiesen, die ich citiret habe, und die sonst ihm so wol als jedem gemeinen Leser verborgen geblieben seyn wuͤrden. ‒ ‒ Aber auch dies inter nos. ‒ ‒ Denn er wuͤrde es nicht gut aufnehmen, daß es an- dre wuͤßten. ‒ ‒ Kraͤhen (Sie wissen das, mein alter Schul-Camerade, Kraͤhen, nicht wahr?) werden sich gern in Pfauen-Fe- dern bruͤsten. Q 3 Doch Doch wo gerathe ich hin! Wenn ich auf ge- lehrte Materien komme, so kann ich nie ein Ende finden. Und bei dem allen kann ich Jh- nen den Namen eines Gelehrten nicht zuge- stehen. Jndessen sind Sie ein Mann, der Ge- fuͤhl hat, und muͤssen (als ein solcher) an Ge- lehrten und ihren Schriften ein Vergnuͤgen finden. Jn diesem Zutrauen, mein Herr Walton, unter meiner ergebnen Empfelung an die wer- thesten Damen (Dero Frau Gemahlin und Frau Schwester) bin ich in Hofnung, der jun- gen Fraͤulein zum besten, diesem langen, lan- gen Briefe bald, in Person, zu folgen Dero ergebner und treuer Freund, Elias Brand. P. S. Vielleicht werden Sie sich, werther Herr Walton, wundern, was die Striche unter vielen Worten und Sentenzen zu bedeuten haben, und wenn meine Briefe gedruckt werden sollten, so muͤßten diese in andere Lettern ge- setzet werden. Sie muͤssen aber wissen, mein Herr, wir Gelehrten thun dies, um die Le- ser, die nicht so gelehrt sind, auf den Haupt- Grund zu weisen, worauf unser Beweis ge- bauet ist, und ihm den Nachdruck zu zeigen, den er, im Lesen, diesen Worten geben muß, wodurch er desto leichter unsre Meinung und die Buͤndigkeir des Beweises fassen wird. Ge- wisse pragmatische Leute haben gesagt, daß ein Autor, der dies haͤufig thut, entweder seinen Leser Leser dadurch einen Narren schilt, oder stillschwei- gend seine eigne Schreibart tadelt, als wenn er glaubte, sie waͤre ohne die Striche dunkel, und seine ganze Staͤrke laͤge nur in den Wor- ten. Allein alle die, mit denen ich einen gelehr- ten Umgang gepflogen, denken, wie ich. Und ihnen eine artige, obgleich gemeine, Erlaͤute- rung hievon zu geben, so habe ich allezeit die Seite eines Buches, worauf ich die verschiede- nen Lettern erblicke, als ein gruͤnes Feld be- betrachtet, das mit Butter-Blumen und andern Sommer-Bluͤmgen uͤberstreuet ist. Das verglei- chen die Poeten mit dem Schmelzwerk. Ha- ben Sie nicht in den Poeten von dem Schmelz der bunten Wiesen und so dergleichen gelesen? Von Herrn Brand an Herrn Johann Harlowe. Sonnabend Abends den 2. Sept. Hochwolgebohrner Herr, Jch bin nicht wenig daruͤber bekuͤmmert, daß ich (ungluͤcklicher Weise) eine Gelegenheit seyn sollte, (da ich doch gewiß bin, nichts der- gleichen im Sinne gehabt zu haben) durch ei- nen zu fluͤchtig eingeholten und miszudeu- tenden Bericht, Mishelligkeiten zu ver- groͤssern, da es die Pflicht meines heiligen Amtes ist, (und auch eben so sehr mit meiner Neigung uͤberein kommt) zu heilen und zu versoͤhnen. Q 4 Jch Jch habe zween Briefe erhalten, die mich eines andern belehret. Einen von einem ge- nauen Bekannten, (dem ichs aufgetragen, sich nach des Herrn Belfords Charackter zu er- kundigen) und der kam am letzten Dienstage; worin er mir berichtet, daß Dero ungluͤckli- chen Bruders-Tochter in der Erzaͤhlung, die man von ihr gemacht hatte, gewaltig zu nahe geschehen sei. (Denn ich hatte ihm da- von gesagt, und zwar, wie Sie glauben koͤn- nen, mit grosser Bekuͤmmerniß, weil ich ich besorgte, daß es wahr waͤre.) Derowegen habe ich mich sogleich niedergesetzet, Jhnen zu schreiben, und meinen Jrthum zu beken- nen. Jch hatte bereits einen guten Theil ge- schrieben, da der zweite Brief (ein sehr ar- tiger Brief, sowol was die Sachen, als die Stilisirung anbetrift) von meinem Freun- de, dem Herrn Walton, anlangte, (wiewol ich sicher glaube, daß es sein Aufsatz nicht seyn kann) worin er sowol seiner als gleicher- weise seiner Frauen und Schwiegerin Besorg- niß ausdruͤckt, daß sie die Ursache gewesen waͤ- ren, mich in meiner Nachricht von der bereg- ten jungen Fraͤulein auf den Jrweg zu fuͤh- ren, von welcher sie nunmehr, (nach eingezo- gener weitern Erkundigung ) sagen, daß sie gefunden haͤtten, sie sei die untadelhafte- ste, kluͤgste, und (wie es schiene) die gottse- ligste junge Fraͤulein, die jemals einmal in ih- rem Leben einen grossen Fehltrit begangen; wie wie der ihrige allerdings war, indem sie so wuͤrdige Aeltern und Verwandten um ei- nen so niedertraͤchtigen Menschen, als Herr Lovelace ist, verließ. Doch was soll man sagen? Sagt uns nicht der goͤttliche Vir- gil: Improbe Amor, quid non mortalia pecto- ra cogis? Jch meines Theils war nur gar zu sehr in Sorgen, (denn wir haben, wie Ew. Hochwol- gebohren leicht denken koͤnnen, auf Akade- mien grosse Gelegenheiten, die mensch- liche Natur aus Buͤchern zu kennen, wel- che die stille Frucht der Weisheit weiser Maͤnner sind, wie ich es wol nennen mag, (Haurit aquam cribro, qui discere vult sine libro) ohne von dem Geraͤusch und den Eitelkeiten unterbrochen zu werden, welche sich in den persoͤnlichen Umgang mischen, den man (in dieser unruhigen Welt ) nicht geniessen kann, als bei einem Glase Wein, wo man hun- dert naͤrrische Dinge gegen eines hoͤret, das angemerket zu werden verdienet. Jch, sage ich, war nur gar zu sehr in Sorgen, daß einem so grossen Fehltrit noch groͤssere und aͤrgere folgen moͤchten. Denn Dero Horaz und mein Horaz, der angenehmste Scribent, der je unter den Heiden gelebet hat, (in der Ly- rischen Art der Dichtkunst zu sagen; Denn sonst muͤßten freilich Homer und Virgil in Q 5 ihrer ihrer Art erst genannt werden) merket sehr wol an, (und wer kannte die menschliche Na- tur besser als er?) Nec vera virtus, cum semel excidit, Curat reponi deterioribus. Und Ovid merket nicht minder weislich an: Et mala sunt vicina bonis. Errore sub illo Pro vitio virtus crimina saepe tulit. Welcher Mensch, der die Weisheit aus ihrer ersten Quelle, nemlich aus den Wer- ken der Weisen des Alterthums schoͤpfen kann, (so wie sie durch die gelehrten Noten der Neuern verbessert sind) wuͤrde nicht allen andern das stille ruhige Leben vorziehen, welches die nachdenkenden Menschen an den Oertern fuͤhren, wo die Gelehrsamkeit ih- ren Sitz hat, wenn sie nicht (ihrer geweihe- ten Bestimmung gemaͤß) zum Dienst und Unterricht der Welt abgerufen wuͤrden. Noch ein andrer von meinen Leibpoeten, (und der darum nicht weniger mein Leib- poet ist, daß er ein Christ gewesen ist) sagt uns, es sei die Gewonheit einiger Leute, wenn sie einen Fehler begangen, ihn andern Leu- ten auf den Hals zu schieben ‒ ‒ Hominum quoque mos est, Quae nos cumque premunt, alieno impo- nere tergo. Mant. Doch ich, ob ich gleich (in diesem Fall) verlei- tet bin, (wiewol bei allen dem aus guter Mei- nung, nung, theils bei dem Verleiter, als bei dem Verleiteten, die daher ein Recht haben, sich damit zu schuͤtzen, wenn einer je ein Recht da- zu haben kann) will indessen nicht unter diese Leute gerechnet werden, die ihre Fehler zu ver- kleinern suchen, sondern gegentheils allezeit den Vers in Gedanken behalten, der uns bei einem Jrthum sowol troͤstet, als unterrichtet, und den ich in meinem letztern Schreiben an- fuͤhrte: Errare est hominis, sed non persistere‒ ‒ und bekennen, daß es eine grosse Uebereilung von mir war, mich mit Muthmassungen und aus blossen Warscheinlichkeiten ge- zogenen Folgen zu begnuͤgen, besonders in einer Sache, wo der Charackter einer so ar- tigen Fraͤulein leiden koͤnnte. Credere fallaci grauis est dementia famae. MANT. Dem ungeachtet ist Fraͤulein Clarissa Har- lowe (wie ich mich zu behaupten getraue) die einzige junge Fraͤulein, wovon ich jemals gehoͤrt (ja gar gelesen) haͤtte, die, da sie einen solchen Fehltrit begangen, sich so bald (gleichsam aus eigner Bewegung ) wieder auf- gerichtet, und ihre Liebe zu einem Betruͤ- ger besieget hat; (Ein grosser Sieg, in War- heit!) und die ihn fliehet, und entschlossen ist, lieber zu sterben, als die Seinige zu seyn. Denn so stehet zu ihrer unsterblichen Ehre (wie ich versichert bin) die Sache. ‒ ‒ Und ihr ihr Gerechtigkeit zu thun, bin ich (wiewol zu meinem nicht geringen Verdruß) bereit, den Vers des Ovids auf mich selbst zu deuten: Heu! patior telis vulnera facta meis. Doch bleibe ich dabei, daß der ganze Theil meiner Nachricht, den ich selbst persoͤnlich er- kundiget habe, und den Herrn Belford und dessen Charackter angehet, dem Buchsta- ben nach wahr ist. Denn man wird nirgend einen Mann von freiern Grundsaͤtzen in An- sehung des Frauenzimmers antreffen, den Herrn Lovelace ausgenommen, als ihn. Ew. Hochwolgebohren muß also gehorsamst bitten, daß Sie meine Absicht nicht im ge- ringsten zu tadeln geruhen; sintemal Diesel- ben sehen, wie bereit ich bin, mich selbst des- fals anzuklagen, daß ich einer uͤbereilten Erkundigung (wovon ich freilich nicht wuß- te, daß sie zu uͤbereilt waͤre) so leichtsinnig Ge- hoͤr gegeben. Denn ich verließ mich um so viel mehr darauf, weil die Leute, von denen ich sie einholte, ein sehr nuͤchternes und maͤßiges Leben fuͤhren, und GOtt vor Au- gen haben. Sie werden auch, wenn ich die Ehre habe, Denenselben aufzuwarten, aus ihrem Briefe sehen, daß sie gute gewissenhaf- te Leute sind. Weswegen ich mir von Jhnen und ihrer ganzen werthen Familie die Geneigtheit ausbitte, daß ich auf den Vers meines zuletzt angezogenen Poeten einen An- spruch machen darf: Aspera Aspera confesso verba remitte reo. Jetzo lassen Sie mich (wie sichs dann zu mei- nem heiligen Amte besser schickt) an statt in der Gestalt eines Anklaͤgers, oder zu dreisten Tadlers zu erscheinen, (wofuͤr ich in meinem Herzen nie geglaubt habe, daß ich angesehen zu werden verdiente ) den Charackter eines Ver- soͤhners annehmen, und den Vorschlag thun, daß ich (gleich als zur Poen fuͤr mein Ver- sehen ) als ein Friedensbote zu der gotts- fuͤrchtigen jungen Fraͤulein abgesand werde. Denn sie schreiben mir auf ihr Wort zuver- laͤßig, (und im Herzen glaube ich, daß es wahr ist) daß die Aerzte sie aufgegeben haben, und sie nicht leben kann! Ach! Ach! Was wuͤr- de das fuͤr eine betruͤbte Sache seyn, wenn der arme Bogen, den man nur die Absicht hat- te, (wie ich gar wol weiß, und voͤllig versi- chert bin) zu spannen, brechen sollte! Lassen Sie es nicht, mein werthester Goͤn- ner, bei der Welt das Ansehen haben, als wenn in Jhrer Empfindlichkeit (die, so lan- ge Sie dadurch die Person zu ihrer Pflicht zu bringen gedacht, recht und billig gewesen ist) etwas sei, daß einer Gewaltthaͤtigkeit, oder heftigem Zorne, oder einer Unerbittlichkeit aͤhnlich saͤhe; (wie es einigen Leuten scheinen moͤchte, wenn sie nach einer Reue, Zerknir- schung und Demuͤthigung, an der Seite der schoͤnen Suͤnderin, aufs aͤusserste angetrie- ben werden sollte) Denn diese ganze Zeit her, ist ist sie (wie es scheinet) eine andre Magda- lene in ihrer Reue gewesen, ob sie gleich in ih- ren Vergehungen nicht so schlimm, als Mag- dalene gewesen ist. (Einer Vergehung, das weiß der liebe GOtt! hat sie sich freilich einmal schuldig gemacht, Nam vitiis nemo sine nascitur: optimus ille est, Qui minimis vrgetur ‒ ‒ sagt Horaz ) Sollte ich demnach zu diesem seeligen Ge- schaͤft ernennet werden, (denn Seelig sind, die Frieden machen! ) so will ich nach London ei- len, und (wie ich weiß, daß die Fraͤulein al- lezeit eine grosse Achtung gegen das heilige Amt geheget hat, das ich zu fuͤhren gewuͤrdiget bin) so zweifle ich nicht, mich der Fraͤulein angenehm zu machen, und ihr durch gesunde Gruͤnde und guten Rath, einen Geschmack an einer Lebensart beizubringen, welche der erste Schrit zu ihrer Bekehrung seyn muß. Denn wenn das Gemuͤth erst beruhiget ist, so wird der Coͤrper nicht lange leiden; und die Lie- be zum Leben ist eine natuͤrliche Neigung, die leicht wieder lebendig wird, wenn sich das Gluͤck wendet, und uns zulaͤchelt: Viuere quisque diu, quamuis egenus \& aeger, Optat ‒ ‒ ovid. Und der liebliche Lucan bemerket sehr rich- tig: ‒ ‒ Fa- ‒ ‒ Fatis debentibus annos Mors inuita subit ‒ ‒ Erlauben Sie mir nunmehr, hoher Goͤnner, daß ich Jhnen den Jnhalt meiner Vorstel- lungen und trostreichen Betrachtungen vor Augen lege, die ich an die gnaͤdige Fraͤu- lein gelangen zu lassen gedenke, da sie, wie ich wol sagen mag, ein gelehrtes Frauenzim- mer ist, und ich ihr diese Sentenzen er- klaͤren kann, wovon ihr die Construction unmoͤglich so gelaͤufig ist: Damit Ew. Hoch- wolgebohren uͤberzeuget werden, (wenn Sie oh- nedem meine Gaben nicht kenneten) wie sehr ich mich zu dem christlichen Werke schicke, zu welchem ich mich selbst vorzuschlagen, mir die Freiheit nehme. Vors erste, werde ich ihr den gemeinen Lauf der Dinge in dieser unterirdischen Welt zu Gemuͤthe fuͤhren, in welcher Freu- de und Leid, Leid und Freude einander wechselsweise folgen, um sie zu uͤberzeugen, daß der gemeine Lauf der Dinge auch ihren Kummer so mit sich gebracht hat: Gaudia post luctus veniunt, post gaudia luctus. Zweitens will ich sie an ihre eigne merk- wuͤrdige Beschreibung erinnern, die sie von der Betruͤbniß gab, da man sie aufforderte, daß sie den Unterschied zwischen Betruͤbniß, Schmerz und Melancholei angeben soll- te, te, welches sie ex tempore that, und zwar nach ihren Wirkungen, auf eine so warhaf- tig vortrefliche Weise, daß jedermann sehr da- mit zufrieden war. Jch haͤtte es selbst, wenn ich daruͤber studiret haͤtte, nicht besser oder conciser unterscheiden koͤnnen ‒ ‒ Die Betruͤb- niß, sagte sie, ertraͤgt, der Schmerz zer- reißt, aber die Melancholei giebt gute Worte. Daraus werde ich ich ihr diesen Schluß zie- hen, daß, wenn eine gluͤckliche Aussoͤhnung Platz finden wird, so wird der Schmerz ver- bannet werden, die Betruͤbniß ihren Abschied bekommen, und bloß die suͤsse Melancholei uͤbrig bleiben, ihrem busfertigen Herzen zu schmeicheln und nachzugeben, damit sie der ganzen Welt ihre Reue uͤber ihren grossen Jrthum zeigen koͤnne. Drittens, daß ihre Freuden, Ew. Hochwolgebohren erlauben mir, hier in einer Note anzumerken, daß die Freude mit der Melancholei gewisser massen wol beste- hen kann, eine sanfte gemaͤßigte Freude, nicht eine wilde oder tobende Freude: Son- dern eine solche Freude, die sie auf eine Zeitlang aus ihrer suͤßen Melancholei auf- richten, und sie dann wieder in dieselbe auf eine sanfte Art verfallen lassen wird. Denn das ist gewiß, ihre Ueberlegung wird ma- chen, daß sie uͤberhaupt ihr Leben in einer Melancholei zubringet. wenn sie ihre Gesundheit und die Liebe ihrer Anver- wandten wandten wieder bekommen hat, um so viel groͤsser seyn werden, je tiefer ihr Schmerz war; Gaudia, quae multo parta labore, placent. Viertens, daß sie, da sie sich doch wuͤrk- lich eines großen Versehens schuldig ge- macht hat, die Verweise und den Zorn mit Geduld ertragen muͤßte, womit man ihr be- gegnet waͤre. Leniter, ex merito quidquid patiare, ferundum est. Fuͤnftens, daß die Tugend durch Ge- duld besieget werden muͤsse, wie Prudenz saget: Haec virtus vidua est, quam non patien- tia firmat. Sechstens, daß, nach den Worten des Horaz, sie beßre Zeiten erwarten muͤßte, als sie vor kurzen noch zu hoffen Ursache gehabt haͤtte. Grata superueniet, quae non sperabitur, hora. Siebentens, daß sie jetzt wuͤrklich auf dem Wege ist, gluͤcklich zu werden, sintemal sie, nach der Meinung des Ovids, alle ihre Leiden zaͤhlen kann: Felix, qui patitur, quae numerare potest. Und in diesen trostreichen Zeilen heißt es: Estque serena dies post longos gratior imbres, Et post triste malum gratior ipsa salus. Zusaͤtze zur Cl. R Ach- Achtens, daß, nach den Worten des Mantuanus, ihre Aeltern und Oncles sie doch die ganze Zeit haͤtten lieben muͤssen, da sie erzuͤrnt auf sie gewesen waͤren. Aequa tamen semper mens est, \& amica voluntas, Sit licet in natos facies austera parentum. Neuntens, daß das Uebel, so sie ausge- standen, (durch den guten Gebrauch, der davon zu machen stuͤnde) zu ihrem ewigen Wol ausschlagen koͤnnte. Denn Cum furit atque ferit, Deus olim parce- re quaerit. Zehentens, daß sie geschickt seyn wird, al- len jungen Fraͤulein von ihrer Bekannt- schaft, feine (sehr feine) Lehren zu ge- ben, uͤber die Eitelkeit von dem Gluͤck er- hoben zu werden, und uͤber die Unbestaͤn- digkeit, daß man in Ungluͤck versenket werden kann: Sintemal keiner so hoch stehet, der nicht erniedriget werden koͤnnte, und kei- ner so niedrig ist, der noͤthig haͤtte, zu ver- zweifeln. Zu welchem Ende Ausonius den Rath giebt: Dum fortuna iuuat, caueto tolli, Dum fortuna tonat, caueto mergi. Jch werde ihr sagen, daß Lucan Recht hat, wenn er das Ungluͤck das Element der Geduld nennet ‒ ‒ Gaudet patientia duris. und daß For- Fortunam superat virtus, prudentia fa- mam. und daß, dieweil schwache Seelen von dem Gluͤck zerschmettert werden, ein tapfres Gemuͤth dieser unbestaͤndigen Goͤttin selbst ein Schrecken einjagt. Fortuna fortes metuit, ignauos premit. Eilftens, daß, wenn sie den Rath des Horaz annimmt: Fortiaque aduersis opponite pectora re- bus. ihr es kuͤnftig ein Vergnuͤgen machen wird, (wie Virgil sagt) sich ihrer uͤberstandnen Ungluͤcks- faͤlle zu erinnern: ‒ ‒ Forsan \& haec olim meminisse iuuabit. Und Juvenal sagt zu eben dem Endzweck, wenn er von der Freude der Seefahrer redet, die sie nach uͤberstandnen Gefahren emp- finden, wenn sie sich davon unterreden. Gaudent securi narrare pericula nautae. Da sich dies zu diesem Fall so wol schickt, so werden Sie es nicht ungnaͤdig nehmen, daß ich es in Englische Reime uͤbersetze, da der Uebersetzungs-Trieb (verzeihen Sie mir das neue Wort, ungeachtet wir Gelehrten nicht gern neue Woͤrter autorisiren ) mich ungerufen uͤberfaͤlt. R 2 The The Seaman, safe on shore, with joy doth tell, What cruel dangers him at sea befell. Diese Uebersetzung ist ungefaͤhr so schoͤn, als diese deutsche seyn wuͤrde: Der sichre Schiffer spricht mit Freuden von Gefahren, Die er zur See erfuhr, und uͤberstanden waren. Mit diesen, und noch hundert andern weisen Spruͤchen, die ich allezeit auf den Fingern her erzaͤhlen kann, will ich (wenn ich sie erst in eine Form und Zusammenhang ge- bracht habe) die Fraͤulein unterhalten, und da sie eine wol belesene und (wie ich wol sagen mag, wenn ich diesen einen grossen Fehltrit aus- nehme) eine weise junge Fraͤulein ist, so zweif- le nicht, daß ich sie, wo nicht durch meine eignen, doch durch die Gruͤnde der witzigen und faͤhigen Geister, die mit ihrem Genie, wenn ich so reden darf, eine Verwandschaft haben, bewegen werde, daß sie folgendes zu Herzen nimmt. - Nor of the Laws of fate complain, Since, tho’it has been cloudy, now’t clears up again. Wiederum eine eben so schoͤne Uebersetzung eines von den weisen Spruͤchen des Herrn Brands: Was dir das Schicksal schickt, nimm hin, und nicht bewein. Denn obs gleich regnigt ist, folgt wieder Sonnen- schein. O was O was steckt doch in den edlen claßischen Schriftstellern fuͤr Weisheit! Ein wei- ser Mann, wird (wenn er fleißig in ihnen nach- forschet) allezeit finden, daß sie seine Gedanken uͤber Menschen und andre Vorfaͤlle ausdruͤcken! Daher kommt es, daß sie sich so hurtig bei je- der Gelegenheit meinem Gedaͤchtniß darstellen. ‒ ‒ Ob dies gleich den Anschein einer Eitelkeit haben koͤnnte, so ist es doch zu wahr, als daß ichs uͤbergehen sollte. Und ich sehe nicht ein, wie ein Mann nicht die Vollkommenheiten an sich selbst warnehmen soll, die jeder- mann an ihm warnimmt, und von ihm ruͤh- met, der, dem ungeachtet, vielleicht in andern Materien nicht halb so viel weiß, als er. Jch weiß nur einen Einwurf, den Ew. Hochwolgebohren gegen meine Gesandschaft an die Fraͤulein machen koͤnnten, den Jhnen Dero guͤtige Vorsorge fuͤr die Sicherheit mei- ner Person an die Hand geben duͤrfte, im Fall der heftige und fuͤrchterliche Mensch, der gottlose Lovelace (vor dem sich jederman fuͤrch- tet) mir in den Weg kommen sollte; wie er denn leicht entschlossen seyn moͤchte, es zu versuchen, ob er in der Geneigtheit der Fraͤulein wieder fe- sten Fuß zu setzen vermoͤchte: Doch ich will wegen meiner Sicherheit der Vorsehung vertrauen, da ich in einer Sache gebraucht wer- de, die meines heiligen Amts so sehr wuͤr- dig ist. Um so viel mehr verlasse ich mich auf R 3 den den Schutz Gottes, da ich hoͤre, daß Herr Lo- velace ein Gelehrter ist. Es ist wunderbar genug, daß so ein nieder- traͤchtiger Boͤsewicht (ich hoffe, er wird dies nimmer zu Gesicht bekommen!) ein Ge- lehrter seyn soll. Jch will so viel sagen, daß ein Gelehrter sich so viel abmuͤßigen kann, ein Boͤsewicht zu seyn; obgleich, moͤglicher Weise, ein Gelehrter ein schlauer Suͤnder seyn, und die Gelegenheiten ergreifen kann, wie sie ihm eben in den Weg kommen. ‒ ‒ Welches ich gleich wol, wie ich in Warheit versichre, nie gethan habe! Jch sage noch einmal, daß ich, da er ein Ge- lehrter ist, meine claßische Waffenruͤstung (wenn ich so reden darf) anlegen werde, und etwa mit ihm ganz sanftmuͤthig (denn Tapfer- keit und Sanftmuth sind Eigenschaften, die sehr wol mit einander bestehen, und bei keinem in solchem Glanze scheinen, als in der christlichen Geistlichkeit ) und etwa, sage ich, mit ihm ganz sanftmuͤthig vom Ovid an- fangen: Corpora magnanimo satis est prostrâsse leoni. So daß, fals ich hinter dem Schilde mei- ner eignen Klugheit nicht sicher seyn sollte, ich doch gewiß hinter dem Schilde der ewig- vortreflichen claßischen Schriftsteller sicher seyn werde; besonders des Horaz, der, weil er selbst ein Boͤsewicht (und zwar ein Boͤ- Boͤsewicht von Einfaͤllen ) war, bei allen gelehrten Boͤsewichtern ein grosses Gewicht haben muß. Und wer weiß, ob ich nicht diesen Goliath in der Bosheit, wiewol ich von Person nur ein kleiner David bin, (wenn ich mich mit der Schleuder und den Steinen der Weisen des Alterthums bewafnet habe) zu einem gehoͤrigen Gefuͤhl seiner Vergehungen bringe? Und was wuͤrde das fuͤr ein Sieg seyn! Jch koͤnnte hier, hoher Goͤnner, um die Al- legorie von David und Goliath fortzusetzen, Jhnen einige von den Steinen geben, ( Star- ke Gruͤnde kann man wol Steine nennen, weil sie einen hartnaͤckigen Gegner zu Bo- den werfen ) womit ich ihn zu treffen geden- ke, wenn er gegen mich in Eifer kaͤme, und zwar, damit ich Jhnen alle Furcht fuͤr mein Leben und meine Knochen benehmen moͤch- te. Doch ich will sie bei mir behalten, bis Dieselben sie von mir abfordern, wenn ich die Ehre habe, Jhnen in Person aufzuwarten. Und nun, was bleibt noch uͤbrig, als daß, nachdem ich gezeigt habe, (wiewol Sie, wie ich glaube, daran nicht gezweifelt haben werden) wie wol qualificirt ich sei, der gnaͤdigen Fraͤu- lein, mit dem Oelzweige in der Hand, auf- zuwarten, Ew. Hochwolgebohren ich gehorsamst bitte, mich damit, so bald moͤglich, abzu- senden. Denn wenn es so sehr schlecht mit ihr ist, und sie nicht so lange leben sollte, die R 4 Ver- Vergebung zu erhalten, welche, (so viel ich weiß) Dero ganze geehrteste Familie ihr zuge- dacht hat, wie sehr wird das Sie alle betruͤ- ben! Und was werden ihr dann die Lob-Lie- der helfen, die Sie, vielleicht alle, ihr zu Ehren anstimmen werden? Denn, wie Martial weiß- lich anmerket - Post cineres gloria sera venit. Zudem, wie Ausonius, mit eben der Rich- tigkeit festsetzet, daß die Wolthaten, die man jemanden hurtig erweiset, die an- genehmsten und verbindlichsten sind; So sagt auch Ovid zu eben dem Ende: Gratia ab officio, quod mora tardat, abest. Und, Sie moͤgen thun, was Sie wollen, so lassen Sie die Fraͤulein so voͤllig und mit solchem guten Herzen Vergebung erlangen, als sie wuͤnschen kann, damit ich im Stande sei, ihr zu sagen, daß Sie ihr dieselbe mit Hand und Mund und mit Jhrem ganzen Herzen ertheilet haben. Denn so sagt der Lateinische Vers (und ich bin so stolz zu denken, daß ich durch meinen unterthaͤnigen Rath seinen Sinn nicht geschwaͤchet habe) Dat bene, dat multum, qui dat cum munere vultum. Da ich nunmehr, hoher Goͤnner, diesen lan- gen Brief uͤbersehe, Erlauben Sie mir, hier in einer Note zu ver- sichern, daß keine Heilige Rede, die ich je- mals ob er mir gleich als ein Schmelz- Schmelzwerk oder als eine schoͤne Wiese vorkommt, die mit den Blumen des Fruͤh- lings oder Sommers gleichsam ausgelegt, und vortreflich anzusehen ist) so fange ich an, besorgt zu werden, daß meine Laͤnge Jhnen verdrieslich fallen moͤchte, und zwar mit so viel mehr Warscheinlichkeit, da ich bei demselben nicht die Ordnung und die Regeln der Kunst beobachtet habe, welche meiner Meinung nach das Schoͤne in guten Schriften ausmachen: Wiewol sich die Ueberschreitung dieser Ord- nung oder Regeln eher in einem vertrau- lichen Briefe, (wie man diesen nennen koͤnn- te, und Sie, hoher Goͤnner, mir vergeben werden, daß ich ihn auf eine vertrauliche Art so nenne) entschuldigen ließe. Doch muß ich gestehen, daß es sich bei dem gegen- waͤrtigen nicht voͤllig thun laͤßt, weil dies ein R 5 Brief mals verfertiget, mich halb so viele Muͤ- he, als dieser Brief gekostet hat. ‒ ‒ Aber ich kenne Jhre grosse Begierde nach der Weisheit der Alten, und weiß, wie sehr Sie solche bewundern; wie Sie denn solche mit Recht der Weisheit der Neuern vorziehen. Und, die Warheit zu gestehen, bin ich mit Jhnen darin einerlei Meinung, daß die neue- re von jener nur entlehnet ist, (so wie der Mond sein Licht von der Sonne borget) wenigstens, daß wir sie in keinem Stuͤck uͤber- treffen, und daß uͤberhaupt zu reden, un- sre besten Gedanken in jenen weit besser eingekleidet und ausgedruͤckt gefunden werden. Brief, oder daß ich recht sage, eigentlich kein Brief ist, sondern viel mehr eine Art einer kur- zen und buͤndigen Abhandlung, worin verschiedene und besondere Materien be- ruͤhret werden, davon eine jede sich schickte, ein ganzes Buch anzufuͤllen, wenn man sie weiter ausfuͤhren wollte. Wenn also diese E- pistolische Abhandlung, (wie ich es nen- nen moͤchte) Dero Beifall erhalten sollte (wie ich geneigt bin, mir zu schmeicheln, in Absicht auf die Grundsaͤtze und kurzen Spruͤche der Weisesten des Alterthums, welche die- selbe gleich so vielen spielenden Sonenstrah- len durchglaͤnzen ) so will ich (wenn es mei- ne Muße zulaͤßt) sie zu einer ordentlichen Abhandlung ausarbeiten, und sie vielleicht einmal, nebst einer Zuschrift an meinen Hoch- geneigten Goͤnner (wofern Ew. Hochwol- gebohren es gnaͤdigst erlauben) dem Druck uͤ- bergeben; und zwar erstlich allein, (jedoch nicht eher, bis ich zwei bis drei Schriften von geringerer Wichtigkeit, ohne meinen Na- men vorzusetzen, in die Welt fliegen lassen, de- ren gute Aufnahme mir in der gelehrten Welt meinen Rang anweisen wird) und hernach in meinen Werken. ‒ ‒ Jedoch dieses nicht aus Eitelkeit, (wie ich wol sagen mag) sondern zum Besten des Publici. Denn (wie ein gewisser Autor gar wol anmerket) obgleich die Ehre allezeit der Tugend folget, so sollte sie doch nur als ihr Schatten be- trachtet werden. Con- Contemnit laudem virtus, licet vsque se- quatur Gloria virtutem, corpus vt vmbra suum. Ein sehr artiger Spruch der von allen Men- schen bewundert zu werden verdienet! Und nunmehr, Hochwolgebohrner Herr, werthester Freund und Goͤnner, nachdem ich die ganze Sache Dero, Deroselben beiden Herren Bruͤder, und des jungen Herrn Harlowe Ueberlegung, nicht minder der wei- sen Ueberlegung der guten Madame Harlo- we und Deroselben vortreflichen Fraͤulein Tochter, Arabella Harlowe, uͤbergeben, nehme ich mir die Freiheit, mich fuͤr denjeni- gen zu unterschreiben, der ich wuͤrklich bin, und der ich mich, in allen Faͤllen, und zu allen Zeiten zu seyn, ein Vergnuͤgen ma- chen werde, als nemlich Ew. Hochwolgebohren und Dero hohen Hauses sowol bereitwilligsten und ge- horsamsten als getreuesten Diener, Elias Brand. Th. VII. S. 562. L. 21. nach den Wor- ten: wol fluͤchtiger voruͤberge- hen. Nunmehr, Lovelace, laß mich wissen, ob ich das Wort Gnade wol schreiben darf, ohne von von dir, und deinen Gesellen, eine hoͤnische Anmerkung zu befuͤrchten. Jch gestehe, es klang mir selber vordem ganz fremd in den Oh- ren. Aber ich werde nie vergessen, was einst ein ernsthafter Mann uͤber dies Wort sagte: Es waͤ- re bei ihm das Schiboleth Siehe B. der Richter Cap. XII. 6. der Boͤsewich- ter. Er machte sich allezeit noch Hofnung von einem Menschen, der es ertragen koͤnnte, wenn man dies Wort nennete, ohne es laͤcherlich zu ma- chen; aber er gaͤbe allezeit jemanden auf ewig ver- lohren, der entweder mit dem Worte selbst, oder mit dem, der es brauchte, seinen Spott triebe. Werde nicht boͤse u. s. w. Th. VII. S. 726. am Ende, nach den Worten: ziehen wolltest. Herr Belford schreibt auf den vor- hergehenden Brief eine ernsthafte Ant- wort, welche nicht eingeruͤckt ist. Er wuͤnschet darin ganz ernsthaft, daß er sich ohne die Folgen zu scheuen, dem Herrn Lovelace in seinen so ausgear- beiteten boͤsen und undankbaren Unterneh- mungen widersetzet haben moͤchte, die er so lange Zeit, und mit solcher Standhaf- tigkeit, gegen eine Fraͤulein verfolget, de- ren Verdienst und Unschuld ihr ein Recht auf den Schutz eines jeden Mannes gab, der im geringsten auf den Namen eines Cavaliers einen Anspruch machen wollte, ja ja welche so gar verdiente, daß das Pu- blicum sich ihrer angenommen haͤtte. Er tadelt sich selbst mit der aͤußersten Strenge, wegen seiner falschen Begriffe von Ehre, zu welcher er sich, bei dieser Gelegenheit, gegen seinen Freund ver- pflichtet geachtet, und erinnert sich dessen, was ihm die Fraͤulein hieruͤber gesagt, wie er es selbst Th. VI.. 358. 359. erzaͤhlet, und worauf sich auch Herr Lovelace, der beides der Verfuͤhrer und der Anklaͤ- ger war, zu seinem eignen Verdruß und zu seiner Schande, beziehet. Jndessen macht er doch einen Unterschied unter einer unersetzlichen Beleidigung, die man gegen eine CLARJSSA im Sinne gehabt, und unter einer Beleidigung, die man denjenigen Personen des schoͤnen Geschlechts zuzufuͤgen gedacht, welche durch ihre Schwaͤche und Thorheit ihren Fall befoͤrdern; denen man also mit Recht einen grossen Theil der Schuld zu- schreiben kann, welche das Verbrechen begleitet. Er verlangt gar nicht, wie er sagt, die Laster zu beschoͤnigen oder zu verringern, deren er sich selbst schuldig gemacht. Doch beklagt er, aus Liebe gegen Herrn Love- lace, daß derselbe ihm, ohne selbst geruͤh- ret zu werden, in einer so lustigen und poßierlichen Schreibart so viele nuͤtzliche Lehren Lehren und Warnungen ertheilet. Dem ungeachtet ist er entschlossen, alle seine Bemuͤhungen dahin anzuwenden, wie er ihn versichert, daß sie bei ihm selber kraͤf- tig werden moͤgen, und wuͤrde sich mehr als gluͤcklich schaͤtzen, wenn er in den Stand kaͤme, in seiner Person ein Bei- spiel zu geben, das einen Mann wieder auf den rechten Weg bringen koͤnnte, der ihm von seiner ersten Bekanntschaft an je- derzeit so werth gewesen; und der faͤhig waͤre, so richtig und so gruͤndlich zu den- ken, ob er sich gleich so wenig darnach besserte, und durch seine Erkenntniß sei- ne Verdammniß nur vergroͤsserte. Th. VII. S. 747. L. 11. nach den Wor- ten: Rache nachgehen sollte. Um so viel mehr, da er wegen einer Abwe- senheit von sechs Jahren (ohngeachtet die sehr vortheilhafte Erzaͤhlung, die man ihm von ihr mit Recht gemacht, und das, was ihre fruͤhe Jugend von Kindheit an versprach, seine Hochachtung gegen sie noch vergroͤssert) ihre vortreflichen Eigenschaften bis jetzt nicht halb kennen lernen konnte. ‒ ‒ Bis jetzt! ‒ ‒ O daß wir eine so bewundernswuͤrdige Person verloh- ren, auf ewig verlohren haben! Allein ich will mich selbst u. s. w. Th. VII. S. 754. L. 17. nach den Wor- ten: so viel bei ihr, als lies statt des uͤbri- uͤbrigen Theils, dieses Abschnitts, und und des ganzen naͤchstfolgenden: ‒ ‒ eine Mutter billig gelten sollte. Fraͤulein Howe ist in der That ein Frauenzimmer von feiner Einsicht. Aber es gehoͤret ein hoher Grad des Verstandes sowol, als ein sanftes und zartes Gemuͤth und große Klugheit dazu, wenn eine erwachsene Tochter zeigen will, daß sie Hochachtung und Liebe gegen eine Mutter zusammen verbindet, die in ihren Eigenschaf- ten so sichtbarlich unter ihr ist. Fraͤulein Howe ist offenherzig, freigebig und edelmuͤthig. Die Mutter hat nicht ei- ne einzige von diesen Vollkommenheiten. Ael- tern sollten, um bei ihren Kindern die Ehrer- bietung zu erhalten, billig grosse Sorge tra- gen, daß sie dieselben in ihrer Auffuͤhrung, oder Betragen, oder in ihren Grundsaͤtzen nichts se- hen liessen, was sie selbst an andern nicht bil- ligen werden. Herr Hickmann kann sich indessen mit dem Gedanken troͤsten, daß eben die Lebhaftigkeit, von welcher er leidet, der Fraͤulein Howe eig- ne Mutter zuweilen eben so empfindlich macht. Und da er hievon vorher Proben ge- nug siehet, so wird er, wenn sie als Frau so lebhaft seyn sollte, wie sie als seine Geliebte gewesen ist, mehr Ursache haben, sich selbst zu tadeln, als die Fraͤulein, daß er bei so drohen- dem Anschein fortgefahren, sich um sie zu be- werben, und sie zu heirathen. Es Es ist auch noch ein andrer Umstand, den Mannspersonen von guten Herzen, wenn sie sich auch mit einem lebhaften Frauenzimmer verbinden, zum voraus mit Vergnuͤgen be- trachten koͤnnen: Ein Umstand, der gemeinig- lich den Stolz der Damen erniedriget, und sie, wenn ichs so nennen darf, zahm macht, und ins Haus gewoͤhnet. Sollte der sich zutra- gen, so wird er aus dem Herrn Hickmann und der Fraͤulein Howe ein schicklichers Paar machen, und dieser wuͤrdige Cavalier wird dop- pelte Ursache haben, sich desfals Gluͤck zu wuͤnschen. Bei dem allen aber u. s. w. Th. VII. S. 804. am Ende, nach den Worten: wird dieses bestaͤtigen, lies statt der drei naͤchstfolgenden Ab- schnitte: Jn ihrem Anzuge war sie unnachahmlich nett, und alle Fraͤulein in der Nachbarschaft kleideten sich nach ihrer Mode, ohne daß sie diese Absicht zu haben schien, oder sich etwas darauf einbildete. Von Person war sie mehr lang, als von mittler Groͤsse. Jn ihrem Blick hatte sie et- was Grosses, das die Seele verrieth, welche jeden Gesichtszug belebte. Dies angebohrne erhabne Wesen, wie ich es wol nennen mag, verleitete einige seichte Koͤpfe, die nicht wußten, wie sie die Ehrerbie- tung tung erklaͤren sollten, die sich bei ihrem Anblick ihrer Herzen, wider ihren Willen, bemeisterte, ihr einen Stolz beizumessen. Allein diese Leute waren sich bewußt, daß sie selbst schon auf ei- ne ihrer Vollkommenheiten stolz seyn wuͤrden. Weil sie also nach ihrem eingeschraͤnkten Geiste urtheilten, so hielten sie es fuͤr unmoͤglich, daß eine Fraͤulein, die so viele Vollkommenheiten besaͤße, sich nicht in ihren Gedanken uͤber sie alle hinweg setzen sollte. Jch habe wuͤrklich ihr edles Ansehen tadeln und urtheilen hoͤren, daß es einen Stolz und Verachtung andrer anzeigte. Aber Leute, denen nur ihr eigen Gewissen den demuͤthigenden Ge- danken eingiebt, daß sie weit unter andern Per- sonen sind, werden allezeit, sie moͤgen Recht oder Unrecht haben, an denen etwas zu tadeln finden, die durch die richtige Art, mit welcher sie denken und handeln, ihrem Herzen, das sich nicht viel gutes bewußt ist, eine Furcht einjagen. Allein in dem boͤsen Verstande wußte Fraͤulein Clarissa nicht, was Stolz sei. Sie koͤnnen, wenn Sie diese u. s. w. Th. VII. S. 807. L. 23. nach den Worten: es zu verdammen. Jch weiß sie mir, in einer starken Gesellschaft von Fraͤulein, noch recht zu denken, wo eine jede, und ich ebenfals nebst den uͤbrigen, eine Unbedachtsamkeit, die das allgemeine Geruͤcht von einer jungen Fraͤulein erzaͤhlet, getadelt Zusaͤtze zur Cl. S hatte. hatte. „Kommen Sie, sagte sie, meine liebe „Fraͤulein Howe, ” (denn wir hatten es unter uns abgeredet, daß wir einander unsre Fehler vorhalten wollten, wenn eine von uns daͤchte, daß die andre es verdiente; und wenn wir da- durch, daß wir einander tadelten, der ganzen Gesellschaft einen Verweis zu geben dachten, den man, wie sie zu sagen pflegte, nicht ohne den Schein eines zuversichtlichen Stolzes so geradezu geben koͤnnte) „Kommen Sie, sag- „te sie, meine liebe Fraͤulein Howe, lassen Sie „ mich die Fraͤulein Fanny Darlington seyn.” Darauf trat sie aus unserm Cirkel, und stand auf. ‒ ‒ „Hier stehe ich, sagte sie, weil ich mich „unwuͤrdig halte, unter der uͤbrigen Gesellschaft „zu sitzen, bis ich mich gerechtfertiget habe. Und „nun setzen Sie, ich sei die Fraͤulein, lassen „Sie mich Jhre Beschuldigungen hoͤren, und „hoͤren Sie wieder an, was die arme Ange- „klagte zu ihrer Vertheidigung vorbringen „kann.” Dann beantwortete sie alle Umstaͤn- de, die sich bloß auf Muthmassung und kei- nen Beweis gruͤndeten, durch Umstaͤnde, die mit eben der Warscheinlichkeit vortheilhaft fuͤr sie waren, und brachte also die Fraͤulein, welche der Gegenstand unsers Tadels gewesen, im Triumph davon. Jederman war so ver- gnuͤgt daruͤber, daß sie ganz feierlich wieder nach ihrem Stuhl gefuͤhret wurde, und durch einmuͤthige Stimmen einen doppelten Rang in der Gesellschaft bekam, einmal als die wieder einge- eingesetzte Fraͤulein Fanny Darlington, und als Fraͤulein Clarissa Harlowe. „Wenige Personen, pflegte sie zu sagen, wuͤr- „den in einer Gesellschaft von Frauenzimmer „verurtheilet, oder nur angeklaget werden, wenn „sie gegenwaͤrtig waͤren. Es ist also großmuͤ- „thig, ja nichts mehr als gerecht und billig, sich „des Abwesenden anzunehmen, wenn er nicht „offenbar schuldig ist.” Aber ob sie gleich auf die Weisheit, so zu reden, ein angebohrnes Recht hatte, so hat- te sie doch noch nicht Jahre genug, sich eine sol- che Erfahrung zuzueignen, die sie aus der Nothwendigkeit gesetzet haͤtte, ihre Meinung von Personen und Sachen zuweilen zu aͤndern. Aber, wenn sie sich genoͤthiget sahe, dies zu thun, so nahm sie sich wol in Acht, daß die unverdiente Wuͤrde, die sie einer Person aus Jrthum zugeschrieben hatte, ihre allgemeine Lie- be nicht umschraͤnken, und in einen allgemeinen Zweifel und Argwohn zusammen ziehen moͤchte. Jch erinnere mich gleich eines Exempels hievon. Sie muͤssen allenthalben u. s. w. Th. VII. S. 808. L. 6. nach den Worten: weggieng als vorher. Und doch war sein Betragen in ihrer Gegen- wart zu scheinbar, als daß ein Frauenzimmer viel wider ihn einzuwenden haben konnte, die einen geringern Grad der reizenden Zaͤrtlichkeit S 2 und und der Einsicht besaß, welche die Fraͤulein un- ter ihrem Geschlechte so sehr erhob. Um den Befehlen u. s. w. Th. VII. S. 808. L. 27. nach den Worten: seinen Abschied zu geben. Sie hatte es auf eine ungemeine Art in ihrer Gewalt, ihre Gedanken mit aller Annehmlich- keit zu sagen, deren sie faͤhig waren. Selbst die Hand, die sie schrieb, war schoͤn, gleich und geschwind; die Zuͤge der Buchstaben nett und frei, (so sehr uͤber alle gewungne Kuͤnstelei, wie ihr Gemuͤth) und sie wußte in der Recht- schreibung, ja gar in den Unterscheidungs-Zei- chen eine solche Genauigkeit zu beobachten, daß sie sich auch dadurch von den meisten Personen ihres Geschlechts unterschied, und keine von de- nen, die hierin am sorgfaͤltigsten waren, sie zu uͤbertreffen vermochte. Jhre Aufrichtigkeit, einen u. s. w. Th. VII. S. 809. streiche den ersten Ab- schnitt weg, und lies nach dem Ende des zweiten, L. 22. nach den Worten: Klugheit bestehen koͤnne: Wenn sie irgend eines Jrthums, oder Ver- sehens uͤberfuͤhret wurde, so war niemand so bereit und so aufrichtig, seinen Fehler zu geste- hen, als sie, es mochte auch ihrem ersten Urthei- le und Einsicht noch so nachtheilig scheinen. „Es „waͤre beinahe ein so grosses Verdienst, pfleg- „te „te sie zu sagen, seinen Fehler freimuͤthig zu „bekennen, als ihn zu vermeiden, und sich in „einer strafbaren Sache entschuldigen zu wollen, „waͤre das ungezweifelte Zeichen eines falschen „und verkehrten Herzens.” Doch muß ich hiebei noch hinzusetzen, so groß ihre Menschenliebe war, etwas zu entschuldi- gen, wo der Charackter leiden, und eine Ent- schuldigung Platz finden konnte: so strenge be- wies sie sich in ihrem Tadel, wenn ihn eine wissentliche und ausstudierte Niedertraͤch- tigkeit verdiente. Wie haͤtte sie denn dem ab- scheulichen Menschen vergeben koͤnnen, der sie durch eine vorsetzliche Bosheit in sein Netz ge- zogen hatte! Wo sie der Schoͤnheiten u. s. w. Th. VII. S. 810. L. 19. nach den Worten: erniedriget sind. Dann werden sie (wenn ich eine Anmerkung hinzusetzen darf) steif und schwer, und verfallen in einen trocknen und unangenehmen Zwang. Die eine Art von diesen Gelehrten nimmt ei- ne Schreibart an, die so rauh ist, als oͤfters ihre Sitten zu seyn pflegen. Sie schmuͤcken ihre Schriften mit dem Flitter-Golde der Me- taphoren. Sie versteigen sich in praͤchtig klingende Redensarten, und da sie das Er- habne in den Worten und nicht in den Ge- danken setzen, so bilden sie sich ein, dann am erhabensten zu schreiben, wenn sie am wenigsten S 3 verstan- verstanden werden. So setzen sie sich hin, und uͤber die massen mit ihren Arbeiten zufrieden, nennen sie solches eine maͤnnliche Schreibart. Eine zweite Art schnappet nach dem Witze, und laͤsset sich von diesem Boͤsewicht verfuͤhren, allen Anspruch auf die Beurtheilungskraft aufzugeben. Die dritte Art versinket in die Grube der claßischen Schriftsteller, wo sie herumwuͤhlen, und kratzen, ohne daß sie ih- ren eignen Geist zu zeigen suchen. Jhr ganzes Leben wird darauf verwand, die ausgesuchten Stellen in ihre Faͤcher zu bringen. Sie sind allein geschickt, uͤber andrer Leute Texte, No- ten und Auslegungen zu schreiben. Kurz ihr ganzer Stolz ist der, daß sie die Schoͤnhei- ten, welche vor zwei tausend Jahren gesagt sind, in einer andern Sprache kennen, die sie in ih- rer eignen nur bewundern, aber nicht nach- ahmen koͤnnen. Und das muͤssen wol warlich rechte Gelehr- te, und Veraͤchter unsers abgeschmackten Geschlechts seyn! Jch habe nicht einmal noͤthig, zu erwehnen, daß meine geliebte Freundinn allezeit (so wie ich auch thue) bei Maͤnnern von gesunder Ge- lehrsamkeit, von gutem Geschmack, und erwei- terten Faͤhigkeiten eine Ausnahme machte; be- sonders, daß sie vor den Geistlichen eine Ach- tung bezeugte, die bis zur Ehrerbiethung gieng; wie man gewiß aus jeder Stelle ihrer Briefe sehen wird, wo sie der Geistlichkeit Meldung thut. thut. So verdienten auch der fromme D. Le- win, der wuͤrdige D. Blome, der aufgeweck- te Herr Arnold, und Herr Tompkins, deren sie in ihrem Testament, als gelehrter Geistlichen, erwehnet, mit welchen sie auch einen fruͤheiti- gen Briefwechsel unterhalten, ihre besondre Hochachtung vollkommen; weil sie viele ihrer nuͤtzlichen Geschicklichkeiten deren Umgange und Briefwechsel zu danken hatte. Die kleinen losen Zuͤge, mit welchen sie man- nigmal (wenn sie, wie ich gestehen muß, mich zur Anfuͤhrerin hatte) die blossen Gelehrten be- zeichnete, (unter denen ihr einfaͤltiger pedanti- scher Bruder seine Stelle behauptete) die nicht nur unser Geschlecht, sondern auch alle dieje- nigen verachten, welche nicht so gluͤcklich waren, wie sie, die acht Theile einer Rede (ich weiß nicht, wie ich mich von diesen Pedanten pe- dantisch genug ausdruͤcken soll) und die todten Sprachen kennen zu lernen, ruͤhrten keines we- weges aus der Geringschaͤtzung her, die einige Leute gegen die Dinge annehmen, die sie nicht zu lernen vermocht. Denn sie hatte eine un- gemeine Leichtigkeit, Sprachen zu lernen, und las die Schriften der Jtaliaͤner, und Fran- sosen mit grosser Fertigkeit. Sie hatte auch schon in dem Latein einen Anfang gemacht; worin sie gar leicht eine Meisterin geworden seyn wuͤrde, da sie nicht allein eine critische Kenntniß ihrer Muttersprache besaß, sondern auch die beiden andern gruͤndlich erlernet hatte. S 4 Eine Eine kleine Lehre u. s. w. Th. VII. S. 811. L. 23. nach den Wor- ten: Ansehen gewinnet, lies statt des naͤchsten Abschnitts: „Man lasse ein Frauenzimmer, pflegte sie „zu sagen, wenn sie sich hieruͤber weitlaͤuftiger „erklaͤrte, alles lernen, was sie außer der „Kenntniß, die ihrem Geschlecht eigenthuͤmlich „seyn soll, lernen kann. Dies wird zeigen, „daß sie einmal eine gute Hausfrau werden „wird, und keinen engen und eingeschraͤnkten „Geist hat. Aber dann muß sie um dieser willen „nicht jene noͤthigere Beschaͤftigungen versaͤu- „men, die aus der Ursache fuͤr sie nicht zu klein „sind; und welche sie zu einer guten Frau im „Hause, zu einer guten Ehefrau, und zu ei- „ner guten Mutter machen. Denn was „kann einer Frau unanstaͤndiger seyn, als wenn „sie, aus einer Nachlaͤßigkeit in ihrer Kleidung, „in einem gelehrten Schmutz einhergehet, „oder, aus Unwissenheit in der Haußhaltung, „das Hauswesen nicht zu regieren weiß?” Sie fuͤhrete mir hiebei besonders zwo Frauen zum Beispiel an, davon die eine, weil sie in der Gesellschaft ihres Mannes und seiner ge- lehrten Freunde, gern uͤber schwere und zwei- felhafte Stellen des Virgils oder Horaz ih- re Meinung sagen mochte, sich nicht mit der noͤthigen Annehmlichkeit und Nettigkeit zu klei- den wußte, welche ihr die Liebe ihres Gemals und und die Hochachtung aller andern Leute erhal- ten sollte. Die andre, die eben so gelehrt, wie die Mannspersonen, seyn wollte, wußte keine beßre Art, diesen Anspruch zu behaupten, als durch die Verachtung ihres eignen Geschlechts; und verlohr also diese dem Frauenzimmer eigne feine Art zu denken, deren Verlust keine andre Vollkommenheit ersetzen kann. Zuweilen brachte sie der uͤble Gebrauch, den das gelehrte Frauenzimmer gar oft von ihrer sonst hochzuachtenden Kenntniß machet, auf die Gedanken, es sei nicht viel daran gelegen, wenn sich das schoͤne Geschlecht auch nach nichts bestrebte, als die Schoͤnheiten und Annehmlich- keiten ihrer Muttersprache in ihrer Gewalt zu haben. Und einmal sagte sie: „Dies waͤre „schon ein weites Feld fuͤr ein Frauenzimmer, „und wenn sie sich in ein noch weiters wagte, „so liefe sie leicht Gefahr, ihrer Familie weni- „ger nuͤtzlich zu seyn.” Allein ich konnte dar- in nie mit ihr uͤbereinkommen, weil ich glau- be, daß unser Geschlecht dem andern in keiner Sache weichen darf, als in dem Mangel an Gelegenheiten, deren uns die eigennuͤtzigen Maͤnner mit Fleiß berauben, damit wir sie nicht in den Geschicklichkeiten, worauf sie ihren Vor- zug am meisten gruͤnden, so sehr uͤbertreffen, wie wir es ihnen in den Annehmlichkeiten einer feinen Einbildung zuvor thun. Doch war ich darin voͤllig ihrer Meinung, daß das Frauen- zimmer, welches sich bemuͤhete, die Kenntniß S 5 oder oder Gelehrsamkeit zu besitzen, die sie ihrer Mei- nung nach, in Gesellschaften von geschickten Leuten wichtiger machen wuͤrde, und sich nun- mehr einbildete, daß es uͤber die nuͤtzlichern Beschaͤftigungen in der Haushaltung weg waͤ- re, die Verachtung verdiente, der es schwer- lich je entgehen koͤnnte. Vielleicht werden Sie es nicht u. s. w. Th. VII. S. 812. L. 8. nach den Wor- ten: in derselben sahen, lies statt des uͤbrigen Theils dieses Abschnitts, und des ganzen naͤchstfolgenden: Jhr Grosvater wollte, daß man zur Ehre ihrer Geschicklichkeit in der Viehzucht, und der Reinlichkeit, mit welcher sie alle damit ver- bundnen Geschaͤfte versahe, sein Gut, das sonst unter dem Namen des Hayns bekannt war, die Hollaͤnderei nennen sollte. Sie hatte ei- nen leichten, bequemen, und artigen Anzug verfertigen lassen, den sie anlegte, so oft sie sich mit diesen Arbeiten beschaͤftigte. Und man wußte von ihr, daß sie in derselben Stunde, da sie das zierlichste und netteste Milchmaͤdgen abgegeben hatte, wenn sie sich umkleiden sollte, als die feinste Fraͤulein erscheinen konnte, wel- che jemals einer Versammlung Reiz und An- muth gegeben. Jhr Grosvater, Vater, Mutter, Oncles, Tante, und selbst ihr Bruder und ihre Schwe- ster besuchten sie dort zum oͤftern, und vergnuͤg- ten ten sich daran, daß sie die Arbeiten, in der Stille, mit solcher Leichtigkeit und Ungezwun- genheit verrichtete. Denn sie mochte aus Be- scheidenheit, und um die Bedienten nicht mis- vergnuͤgt zu machen, deren Verrichtung es ei- gentlich war, lieber Hand mit anlegen, als befehlen. Jederman mochte sich auf ihrer Hollaͤn- derei gern von ihr bewirthen lassen. Jhre Mutter und Tante Harvey pflegten sie ge- meiniglich stillschweigend zu bewundern, um ihrer Schwester keinen Anlaß zum Misvergnuͤ- gen zu geben; Ein naseweises, verkehrtes Ding, das nichts gutes nachzuahmen Lust hatte, und sie die ganze Zeit gewoͤhnlich mit einem stum- men Neide betrachtete! Jnzwischen oͤfnete ein abgedrungnes sparsames Lob dem sauersehenden Geschoͤpf dann und wann die Lippen gleichsam mit Gewalt; wiewol sie zu gleicher Zeit eine Mine machte, wie Saul, da er den David, die Krone seines Landes, an die Wand zu spiessen im Sinne hatte. Und jetzt deucht mich, ich sehe, wie meine englische Freundin, die zu groß war, auf ihre saure Mine Achtung zu geben, sie mit aller Hoͤflichkeit bat, eine Schale mit Buttermilch von ihren noch weißern Haͤn- den anzunehmen. Jhre Geschicklichkeit in allen Theilen der Haushaltung scheinet unter ihren unzaͤhligen Vollkommenheiten die einzige zu seyn, welche sie ihrer Familie zu danken hatte, deren eigen- nuͤtzige nuͤtzige Seelen, die bei ihrem unermeslichen Reichthum unermeslich gierig waren, es am ersten vertragen konnten, daß sie sich mit allem Fleiß auf diese Art der Wissenschaft legte: Jn- dem ihre aͤltere Schwester, eine Kleider-Naͤr- rin, ohne daß ihr eine Kleidung wol anstand! eine Fraͤulein von Lebensart seyn wollte, welches sie doch nimmer werden konnte; und welches ihre Schwester war, ohne sich darauf zu bemuͤhen, und ohne daß sie schien, es zu wissen. Wenn man Gesellschaft erwartete, so war es bei der einen Schwester gewoͤhnlich, den hal- ben Morgen auf ihren Anputz zu verwenden, indem die andre die Tafel und alles besorgte, was den Tag in der Haushaltung geschehen sollte. Dann gieng sie in ihr Putzzimmer, und ehe man sie vermissen konnte, weil sie alle ih- re Sachen in der vortreflichsten Ordnung hat- te, kam sie wieder herunter, und empfieng die Gesellschaft mit einem so freundlichen, freien, und ungeschaͤftigen Wesen, als wenn sie sonst an nichts zu denken gehabt haͤtte. Lange nach ihr, wenn etwa die Stunden vorbei waren, da man zu der Gasterei Anstalt machet, kam mit einem grossen Geraͤusch und Laͤrmen die praͤchtig aufgeputzte ungeschickte Arabella, welche die wenige Fassung, die sie noch hatte, bei dem Anblick ihrer heitern Schwe- ster verlohr, und ihren finstern Neid nicht ver- bergen konnte, wenn sie sich mit so weniger Muͤhe, Muͤhe, und vielleicht mit dem sechsten Theil der Zeit, von ihr so weit uͤbertroffen sahe. Gleichwol besaß dies bewundernswuͤrdige Frauenzimmer alle die haͤuslichen Eigenschaf- ten, ohne die geringste Mischung von Karg- heit. Sie wuste zwischen der noͤthigen Tugend, der Sparsamkeit, und dem heslichen Laster, der Knickerey, das Mittel zu treffen, und pflegte zu sagen: „Wenn man die wahre Frei- „gebigkeit beschreiben wollte, so muͤßte sie die „gluͤckliche Mittelstrasse zwischen der Sparsam- „keit und Verschwendung genannt werden.” Sie war die angenehmste Leserin, die ich kenne. Wenn sie ihren Freundinnen vorlas, so verschoͤnerte sie durch ihre wolklingende Stim- me die schoͤnen Stellen in einem Buche, und wußte auch selbst die Stellen angenehm und bedeutend zu machen, wo sie keine Schoͤnhei- ten fand. Jhre Stimme hatte nichts Singen- des und nichts Weinendes. Sie setzte den Ton allemal vortreflich, und gab, wo es die Sa- che erfoderte, einer jeden Stelle ihren gehoͤri- gen Nachdruck. Sie ließ sich durch keine praͤch- tige oder bewegliche Stellen in den Trauerspie- len verfuͤhren, und doch blieb die Poesie eine wahre Poesie, wenn sie sie las. Aber wenn ihre Stimme wolklingend war, wenn sie las, so war sie lauter Harmonte, wenn sie sang. Und das Vergnuͤgen, mit welchem man ihre fertigen Laͤufe anhoͤrete, ward durch die Annehmlichkeit ihrer Minen und Ma- nieren, nieren, und durch ihre verbindliche Munter- keit, noch mehr erhoͤhet. Doch mochte sie gemeiniglich lieber andre sin- gen und spielen hoͤren, als selbst singen und spielen. Sie fand ein Vergnuͤgen darin, ein verdien- tes Lob zu ertheilen. Aber sie that es auf eine solche Art, daß man nicht den geringsten Ver- dacht auf sie warf, als wenn sie es thaͤte, um wieder gelobet zu werden; so sehr sie es nach dem allgemeinen Urtheil auch verdiente. Sie hatte eine Gabe, ausserordentliche Din- ge mit einer so leichten Art zu sagen, daß je- derman dachte, er wuͤrde dasselbe gesagt ha- ben, obgleich Witz und Genie dazu gehoͤrte, sie zu sagen. Auch ernsthafte Dinge erhielten von der freundlichen Mine, mit welcher sie solche vor- brachte, und durch die augenscheinlich gute Absicht, eine muntere Gestalt, ohne etwas von ihrer Staͤrke zu verlieren. Wir koͤnnen am richtigsten von Leuten ur- theilen, wenn wir auf ihr Betragen bei den gemeinsten Gelegenheiten Acht geben. Jch will ein par Exempel anfuͤhren, wo sie die Gutheit hatte, mich bei einer solchen Gelegenheit zu recht zu weisen. Da ich noch sehr jung war, hatte ich den Feh- ler der Leute, die sich gern viel noͤthigen lassen, wenn sie singen sollen. Sie heilte mich davon, gleich im Anfange unsrer gluͤcklichen Vertrau- lichkeit, lichkeit, durch ihr eignes Beispiel, und durch nachsolgende Erinnerungen, die sie mir bei Ge- legenheit, wiewol in geheim, machte. „Wolan, liebes Kind, sollen wir Sie bei „ihrem Worte halten? Sollen wir glauben, „daß Sie nur ganz mittelmaͤßig singen? Jst „aber die Gefaͤlligkeit, eine so wuͤrdige Gesell- „schaft zu verbinden, nicht der Geschick- „lichkeit im Singen vorzuziehen? Und soll „ein junges Frauenzimmer sich nicht bemuͤhen, „einen Mangel ihrer Erziehung dadurch gut zu „machen, daß sie sich in einer andern Vollkom- „menheit hervorthut?” Wiederum sagte sie: „Sie muͤssen wenigstens „einen Versuch machen, um uns zu uͤberzeu- „gen, daß Sie nicht singen koͤnnen; und „dann wollen wir Jhnen so wenig jetzo als „kuͤnftig mit unserm Bitten weiter beschwerlich „fallen.” Ein andres mal: „Jch weiß, Sie werden „uns den Gefallen gleich thun. Denn was „richten Sie mit ihren Entschuldigungen aus? „Nichts als daß Sie unsre Erwartung vermeh- „ren, und es sich selbst schwerer machen, sie zu „vergnuͤgen.” Zu einer andern Zeit: „Jst diese Geschick- „lichkeit nicht ein Theil Jhrer Erziehung, „liebste Freundinn? Wie sollen wir denn, oh- „ne Jhnen zunahe zu thun, Jhre Entschuldi- „gungen erklaͤren?” Einst Einstmals, da ich eine Heiserkeit vorschuͤtzte, die gewoͤnliche Entschuldigung derer, die sich gern noͤthigen lassen, ‒ ‒ „Singen Sie im- „mer, sagte sie, mein Kind, so gut Sie koͤn- „nen. Je schwerer es Jhnen wird, desto groͤs- „sere Ursache hat die Gesellschaft, Jhnen ver- „bunden zu seyn. Glauben Sie denn unter „solchen Personen zu seyn, die keine Nachsicht „zu brauchen wissen? Sie sollten singen, mein „Schatz, damit niemand von uns denken moͤ- „ge, daß Jhre Entschuldigungen aus einem „angenommenen Zwang herruͤhren.” Zu einer andern Zeit, da ich ganz wol an- gemerkt hatte, daß eine andre junge Fraͤulein, die gegenwaͤrtig war, besser sang, als ich, und ich desfals vor derselben nicht singen mochte, zog sie mich auf die Seite, und sagte: „Fy! lie- „bes Kind, ist das nicht Stolz? Siehet das „nicht aus, als wenn Sie andern nur haupt- „saͤchlich desfals gefaͤllig sind, um Beifall zu „gewinnen? Ein edelgesinntes Gemuͤth wird „sich kein Bedenken machen, Leuten von „Verdiensten den Vorzug zuzugestehen, und „sollte es ihm selbst ein wenig nachtheilig „seyn. Und doch wird es selbst dadurch schon „ein Verdienst haben. Setzen Sie, diese Per- „son, welche Sie uͤbertrift, waͤre abwesend, „wer sollte denn, wenn man Jhrem Beispiel „folgen wollte, nach Jhnen fingen? Sie wis- „sen, daß sonst alle andre nur dazu dienen, „Jhre Geschicklichkeit zu erhoͤhen. Jn War- „heit, „heit, ich muß noch machen, daß Sie in die- „sen kleinern Dingen so sehr uͤber die andern „Fraͤulein wegkommen, wie Sie es in groͤs- „sern schon sind.” ‒ ‒ So beliebte es ihr, zu meiner Beschaͤmung zu sagen. Sie war eben so weit u. s. w. Th. VII. S. 813. L. 4. nach den Worten: erweitern konnte, lies statt der beiden naͤchsten Abschnitte: Sie hatte eine schoͤne Hand im Zeichnen, un- geachtet sie nur eine kurze Zeit darin unterwie- sen worden. Denn ihre Zeit war zu sehr be- setzt, als daß sie die Aufmerksamkeit darauf haͤtte verwenden koͤnnen, durch welche man es allein in einer so feinen Kunst weit bringen kann, und pflegte zu sagen: „Sie moͤchte sich „nicht gern mit zu vielen Dingen abgeben, aus „Furcht, daß sie nicht in einem einzigen er- „traͤglich seyn duͤrfte.” Fuͤr ihre Jahre, und da sie so wenige Ge- legenheiten gehabt hatte, war sie eine grosse Kennerin von Mahlerei. Die Natur ver- trat hierin sowol als in andern Dingen bei ihr die Stelle der Kunst, und ihre Kunst die Stelle der Natur. Sie mahlte selbst auch ganz artig. Daher vermachte ihr Großvater ihr alle Familien-Gemaͤlde. Jhre Einbil- dungskraft war vortreflich, und jeder Zug ih- res Pinsels war so frei und schoͤn, als die Zuͤ- ge ihrer Feder. Doch urtheilte sie noch besser, Zusaͤtze zur Cl. T als als sie selbst mahlte. Sie hatte zu dem letztern nicht Uebung genug. Es war auch unmoͤg- lich, daß sie in allen Dingen vortreflich seyn konnte. Aber uͤberhaupt wußte sie, was ein je- der Vorwurf seiner Natur nach erforderte, o- der in andern Worten: Jhr Urtheil, wie ei- ne Sache seyn sollte, war allezeit un- trieglich. Um zum Besten des jungen Frauenzimmers nur ein gemeines Exempel anzufuͤhren, so beo- bachtete sie schon, von sich selbst, als ein ganz kleines Kind, daß Sonne, Mond, und Ster- ne nie zugleich am Himmel erschienen, und al- so nie zugleich auf ein Stuͤck gemahlet werden muͤßten: Daß Baͤren, Tiger, und Loͤwen nicht in Engelland zu finden, und also auf einer Englischen Landschaft nicht zu mahlen waͤren. Daß diese Verwuͤster des Waldes sich nicht mit Laͤmmern, Boͤcken, und Rehen vertruͤgen, so wenig wie Habichte, Falken und Geier, mit Tauben, Rebhuͤnern und Fasanen. Und o! das wußte sie, ehe sie neunzehen Jah- re alt war! Aus einer ungluͤcklichen Erfahrung lernte sie, daß alle diese Raubthiere und Raub- voͤgel, von der Grausamkeit verraͤtherischer Mannspersonen uͤbertroffen wuͤrden! von nie- dertraͤchtigen, barbarischen, listigen, verderbli- chen Mannspersonen! Die unendlich weniger zu entschuldigen sind, als jene Thiere, da sie aus Muthwillen und zur Lust zerstoͤren, was diese aus Hunger und Noth thun! Leute, Leute, die bloß das Ansehen haben wollten, in den Theilen der Wissenschaften erfahren zu seyn, worauf sie sich legte, wußte sie, allein von der Natur gelehret, zu entdecken. Das Schickliche einer jeden Sache, um ein an- dres Wort fuͤr Natur zu gebrauchen, war, wie ich schon gesagt, ihr Gesetz, so wie es der Grund aller wahren Beurtheilung ist. Doch war sie allezeit misvergnuͤgt, wenn das, was sie sagte, diese Leutgen, selbst in ihrer Abwe- senheit, dem Gelaͤchter lebhafter Personen aussetzte. Unsre heutigen Fraͤulein, die nicht eine ih- rer ungemeinen Eigenschaften besitzen, die ge- meiniglich aus Tag Nacht machen, und jenen so verkuͤrzen, wie sie diese verlaͤngern; deren ganze Zeit auf den Anputz, Besuche, Karten, Spiele, Opern, und musicalische Lustbarkeiten verwand wird, moͤgen sich daruͤber wundern, was ich geschrieben habe, und noch ferner schreiben werde. Sie moͤgen es immer als et- was unglaubliches betrachten, da sie, in einem reifern Alter, sich keiner einzigen ihrer Vollkom- menheiten ruͤhmen koͤnnen, daß eine so junge Fraͤulein gewesen seyn soll, die so viele besessen hat. Allein diese muͤssen nicht wissen, wie sie ihre Zeit anwendete, und koͤnnen sich nicht den ge- ringsten Begrif davon machen, was man in den Stunden ausrichten kann, da sie in den T 2 Schat- Schatten des Todes (so pflegte sie den Schlaf zu nennen) eingehuͤllet liegen. Aber ehe ich erzaͤhle, wie sie ihre Zeit ge- woͤhnlich eintheilte, muß ich noch von einer an- dern Sache ein par Worte sagen, worin sie al- le jungen Fraͤulein uͤbertraf, die ich jemals gekannt habe. Jhre Geschicklichkeit im Naͤhen u. s. w. Th. VII. S. 814. L. 9. nach den Worten: keine Geschenke, lies statt des naͤchst- folgenden bis L. 17. an die Worte: das hohe Spiel. Aus dem, was ich von ihren Geschicklichkei- ten erwehnet habe, wird man sehen, was ihre Er- goͤtzlichkeiten gewesen seyn muͤssen. Sie war gar keine Liebhaberin von Karten, der Mode- Schwachheit der heutigen Fraͤulein. So hat- te sie auch, wie man aus dem, so ich bereits gesagt, und noch ferner sagen werde, abneh- men wird, nicht viel Zeit zum Spiel. Daher sie niemals Anlaß gab, daß man sie dazu noͤ- thigte, und oft die Gesellschaft unvermerkt da- von abbrachte, indem sie dieselbe auf ein ange- nehmes Gespraͤch zu leiten wußte, so oft sie es thun konnte, ohne das Ansehen zu gewinnen, als wenn sie etwas besonders vorstellen wollte. Wenige von ihren genauen Bekanntinnen hatten auch Lust, ein Spiel vorzuschlagen, wenn sie sie bewegen konnten, zu lesen, zu sprechen, den Fluͤgel zu schlagen, oder zu singen, wenn etwa etwa ein neues Buch, oder neue Musicalien von London gekommen waren. Aber wenn die Gesellschaft so zahlreich war, daß das Ge- spraͤch nicht so angenehm werden konnte, als es oft unter vier oder fuͤnf Freunden von glei- chen Jahren wird, und es also gewisser maßen noͤthig schien, einige davon abzusondern, damit die uͤbrigen sich besser unterhalten koͤnnten: so schlug sie es nicht aus, zu spielen, wenn sie das Loos traff. Und dann zeigte sie, daß ihre Ab- neigung vor den Karten bloß die Wirkung ih- res Geschmacks war, und daß sie ein jedes ar- tiges Spiel verstand. Aber dann erklaͤrte sie sich allezeit wieder das hohe Spiel. Kleinigkeiten ausgenommen u. s. w. Th. VII. S. 815. L. 2. nach den Worten: Naͤchsten Gut zu begehren, lies statt der vier naͤchsten Abschnitte, bis S. 816. L. 3. Sie war uͤber die maßen mildthaͤtig; die einzige von ihrer Familie, die das Wort verstand! Und zwar in Ansehung des Leibes und und der Seele der Leute, die sie zu Vorwuͤrfen ihrer Mildthaͤtigkeit kluͤglich ausgewaͤhlet hatte. Sie hielt eine Liste von denen, welche sie ihre Ar- men zu nennen pflegte, und setzte auf dieselbe allemal einen neuen, wenn einer von ihnen starb, oder auf andre Weise versorget wurde. Doch legte sie immer etwas zuruͤck, um im Fall der Noth jemanden in unvermutheten Ungluͤcksfaͤl- T 3 len len beizustehen. Man muß bekennen, daß sie in der klugen Austheilung ihrer Gutheiten we- der ein Beispiel noch ihres gleichen hatte. Alte Leute, Blinde, Lahme, Wittwen, Wai- sen und solche, die bei ihrem Fleiß nicht fort- kommen konnten, nahmen besonders Theil dar- an. Sie fand ihr groͤßestes Vergnuͤgen darin, wenn sie fuͤr einige das Schulgeld bezahlte; wenn sie die Kinder nothduͤrftiger Arbeitsleute entweder bei Kaufleuten, oder in Familien, un- terbrachte, und sie an dem Ende ihrer Dienste in den Stand setzte, ihr eigen zu werden; an- dern gute Buͤcher zu schenken, oder, wenn sie Ge- legenheit hatte, die aͤrmesten unter ihren guten ehrlichen Nachbaren, oder ihres Vaters Pach- tern, zu unterweisen, was fuͤr einen Gebrauch sie davon machen muͤßten. “Diese Mildthaͤ- „tigkeit, sagte sie, die so wol fuͤr die Ausbes- „serung der Seele, als fuͤr die Maͤngel des Lei- „bes armer Leute sorget, verschaffet dem gemei- „nen Wesen einen doppelten Vortheil, weil sie „die Zahl seiner Hofnungsvollen Glieder vergroͤs- „sert, in dem sie die Zahl der ruchlosen verrin- „gert. Und kann, waren oͤfters ihre Worte, „in den Augen GOttes, der nichts so sehr als „gutthaͤtige Handlungen von uns fordert, eine „wuͤrdigere Mildthaͤtigkeit seyn?” Jhr Oncle Anton sagte oft, da er aus Jn- dien mit seinen großen Reichthuͤmern, die er dort gewonnen hatte, zuruͤck kam, um sich in Engelland niederzulassen: „Dies Maͤdgen wird „durch „durch ihre Allmosen uns allen den Seegen „GOttes zu wege bringen.” Und man muß gestehen, daß sie sich auf diese Hofnung wacker verließen. Wiewol ich brauche hievon nichts mehr zu sagen, und vielleicht waͤre auch dies schon nicht einmal noͤthig gewesen, da ihre mildthaͤtigen Vermaͤchtnisse in ihrem Testament genug zeigen, wie weit sie es in dieser Pflicht gebracht hat. Jn ihrer Diaͤt war sie ungemein maͤßig. Sie sagte: „Jm Essen und Trinken muͤsse man sich „mehr vor der Menge als vor der Beschaf- „fenheit der Speisen in Acht nehmen. Ein „voller Tisch sei ein grosser Feind des Studie- „rens und der Arbeit. An einem gut gebaue- „ten Hause brauchte man nicht viel zu bessern.” Durch diese Maͤßigung genoß sie bei ihrem zarten Koͤrper eine bestaͤndige Gesundheit; Sie war immer heiter, lebhaft, und gemeiniglich gut aufgeraͤumt. Jch weiß nicht, daß sie mehr als eine Krankheit ausgestanden hat. Sie be- kam dieselbe von einer gewaltigen Verkaͤltung, da sie in einer ofnen Chaise, bei einem ploͤtzlich entstandnen mit Hagel und Regen vermischten Sturm, unbedeckt saß. Dies verursachte ihr ein Fieber, das mit gefaͤhrlichen Zufaͤllen ver- knuͤpft war, die aber ohne Zweifel durch ihre Maͤßigkeit gehoben wurden. T 4 Jhre Jhre Verwandte, die damals ihren Werth kannten, waren fuͤr sie in grossen Aengsten. Jn ihrem Handbuche hat sie uͤber ihre Besse- rung von diesem Fieber, in ihrer letzten Krank- heit, folgende Anmerkung gemacht: „Jn einer gefaͤhrlichen Krankheit, die mich „wenige Jahre vorher uͤberfiel, ehe ich diesen „undankbaren Menschen kennen lernte! (Woll- „te der Himmel, ich waͤre darin gestorben!) „war mein Bette von allen meinen werthen Ver- „wandten umgeben. ‒ ‒ Vater, Mutter, Bru- „der, Schwester, und meine beiden Oncles, „knieten weinend um mich herum, und thaten „dem Himmel ihre Geluͤbde um meine Wieder- „herstellung. Jch selbst, weil ich fuͤrchte- „te, ich moͤchte einen oder andern meiner be- „kuͤmmerten Freunde mit mir ins Grab ziehen, „wuͤnschte und betete ihrentwillen um meine Ge- „sundheit. ‒ ‒ O! wie wenig koͤnnen Aeltern „in solchen Faͤllen wissen, was sie wuͤnschen; „Wie gluͤcklich fuͤr sie und fuͤr mich, waͤre ihr „Gebet unerhoͤrt geblieben! Aber jetzt bin ich „dieser Sorge enthoben. Alle diese theuren Ver- „wandten leben noch; ‒ ‒ Aber keiner von ih- „nen (so verhaßt ist mein Fehltrit in ihren Au- „gen!) wuͤrde jetzt meinen Tod beklagen, son- „dern sich vielmehr uͤber die Nachricht freuen.” Jn allem, was sie las, und in ihren Unter- redungen daruͤber mochte sie lieber Schoͤnheiten als Flecken finden, und gerne, wenn sie nur im geringsten Grund hatte, dem Verfasser und dem Buche ihr Lob ertheilen. Jedoch pflegte sie zu beklagen, daß gewisse Schriftsteller der ersten Ordnung, die im Stande waͤren, die Tu- gend gend zu erhoͤhen, und das Laster zu beschaͤmen, sich nur allzuoft mit blossen Werken der Einbil- dungskraft beschaͤftigten; mit Vorwuͤrfen, wo es auf eine blosse Betrachtung des Verstandes ankaͤme, die keinen Einfluß in die Sitten haͤt- ten, und nichts zur Erbauung beitruͤgen; wo- raus man keine gute Lehre, oder Beispiel neh- men koͤnnte. Besonders traf ihr strenger Tadel die Schrif- ten, die auf eine leichtsinnige und unehrba- re Art geschrieben waren; welche die Sitten der Jugend verderben, unflaͤtige Bilder erwecken, und der Religion entweder selbst, oder ihren Lehrern nachtheilig seyn konnten. Und dies that sie, ohne auf den Ruhm des Verfassers, oder auf den Witz zu sehen, mit welchem er sie noch so vortreflich ausgearbeitet haben mochte. Sie bedaurete oft, daß der beruͤhmte Dechant Swift seine vortrefliche Feder so gemisbrauchet haͤtte, daß ein reines Auge sich fuͤrchten muͤßte, in sei- ne Schriften zu sehen, und ein reines Ohr, ei- ne Stelle daraus anfuͤhren zu hoͤren. „Der- „gleichen Schriftsteller, pflegte sie zu sagen, waͤ- „ren ihren eignen Gaben nicht getreu, und ge- „gen den GOtt undankbar, der sie ihnen „verliehen haͤtte.” Sie ließ auch hierin ihre Schoͤnheiten keinesweges als eine Entschuldi- gung gelten, sondern behauptete vielmehr, es vergroͤssere ihr Verbrechen, wenn diejenigen, die so geschickt waͤren, das Herz zu bessern, nur in einigen Stellen verriethen, daß das ih- T 5 rige rige verdorben sei. Denn dies muͤßte den Nutzen ihrer guten Schriften schwaͤchen, und hiesse, das mit einer Hand niederreissen, was man mit der andern gebauet haͤtte. Alles, was sie redete und verrichtete, war mit einem natuͤrlichen, ungezwungenen und er- habenen Wesen begleitet. Dies setzte sie uͤber allen angenommenen Schein, und den Ver- dacht davon, so weit hinaus, daß der Fehler, welcher gemeiniglich dem gelehrten Frauenzim- mer, zu ihrem Nachtheil, beigemessen wird, ihr nie zur Last geleget wurde. Denn bei allen ih- ren treflichen Vorzuͤgen war sie williger zu hoͤ- ren, als zu reden, und daher kam ohne Zwei- fel kein geringer Theil ihres Wachsthums. Ob sie gleich in den Englischen, Franzoͤ- sischen und Jtaliaͤnischen Dichtern sehr be- lesen war, und die Lateinischen Schriftsteller des Alterthums aus den besten Uebersetzungen kannte, so pflegte sie doch selten, weder in ih- ren Briefen, noch in ihren Gespraͤchen, etwas daraus anzufuͤhren, so sehr gluͤcklich und gut ihr Gedaͤchtniß auch war. Sie that solches hauptsaͤchlich aus Bescheidenheit, und um nicht sonderbar zu scheinen, wie man dem gelehr- ten Frauenzimmer Schuld giebt. Herr Wyerley sagte einst von ihr: „Sie „waͤre so reich an eigner Kenntniß, und machte „gemeiniglich so feine Anmerkungen uͤber die „Menschen und andre Vorfaͤlle, daß sie selten „eines fremden Beistandes beduͤrfte.” „Denn, „setzte „setzte er nach seiner gemeinen Art zu reden hin- „zu, sie sei so klug, daß sie es dem Ei an- „sehen koͤnnte, was fuͤr ein Vogel darin „steckte. ” Man sahe aus ihrer ganzen Auffuͤhrung und Betragen deutlich, daß sie nicht eine so gute Meinung von sich selber hatte, wie sie es ver- diente. Dann wenn man sie noͤthigte, ihre Meinung woruͤber zu eroͤfnen, so schien sie, obgleich alles, was sie zu sagen noͤthig fand, klar und verstaͤndlich war, zu eilen, daß sie aus- gesprochen haben moͤchte. Dies that sie, wie ich weiß, aus einer zwiefachen Ursache: Da- mit sie nicht, wenn sie zu lange redete, den Vortheil verlieren moͤchte, andrer Leute Mei- nungen zu hoͤren, und (das waren ihre Wor- te) damit sie nicht durch das Lob andrer verfuͤh- ret wuͤrde, geschwaͤtzig zu werden, und sich also um die gute Meinung braͤchte, die man allemal bei seinen Freunden erhaͤlt, wenn man die Zeit weiß, da man genug gesagt hat. Kurz es war bei ihr eine Regel: „man muͤßte lie- „ber dahin sehen, daß die, so uns zuhoͤreten, „wuͤnschten, wir haͤtten mehr gesagt, als ih- „nen Anlaß geben, daß sie durch den Mangel „der Aufmerksamkeit ihr Misvergnuͤgen daruͤber „verriethen, daß man so viel gesagt haͤtte.” Sie sind begierig u. s. w. Th. VII. S. 816. L. 20. nach den Worten: und Geschlechte hervorthat. Was Was sage ich: von ihrem Geschlechte? Was fuͤr Ehre wuͤrde ich dadurch dem andern Geschlecht zugestehen! Da ich doch den stol- zesten Pedanten unter ihnen allen herausfor- dern kann, daß er mir sagen soll, ob aller Un- terricht, den er von seinen Wissenschaften ge- nossen, ihn zu einer groͤssern Vollkommenheit habe bringen koͤnnen, als diese durch die bloße Staͤrke ihres Genies und ihres Fleisses erreich- te. Doch man kann es allen denen, die auf die Personen, welche sie von beiden Geschlech- tern kennen, gehoͤrige Achtung zu geben ver- stehen, begreiflich machen, so viel sich auch ei- nige mit ihren sehr mittelmaͤßigen Eigenschaf- ten wissen, daß ein Frauenzimmer von acht- zehen Jahren, wenn wir die ganze Welt durch- gehen, kluͤger und umgaͤnglicher ist, als eine Mannsperson in ihrem fuͤnf und zwanzigsten. Jch koͤnnte es durch neunzehen Exempel unter zwanzigen von meiner Bekanntschaft beweisen. Wie wichtig wissen sich inzwischen diese armen Praler mit den Vortheilen zu machen, welche ihnen ihre Erziehung gewaͤhret! Wer sollte nicht einige von ihnen gesehen haben, die eben von Akademien kommen, welche veraͤchtlich laͤ- cheln, wenn ein Frauenzimmer etwa einmal das unrechte Wort sagt, oder uͤbel aus- spricht, obgleich ihre Meinung deutlich, und ihr Urtheil richtig ist; da diese doch selbst nicht einen Gedanken hervorbringen koͤnnen, der werth waͤre, wiederholet zu werden; wo sie ihn nicht von von den Schriftstellern entlehnet, die man sie durchzustudieren genoͤthigt hat, um ihrem nie- drigen kriechenden Genie ein muͤhsames Ge- schaͤft zu geben? Doch wie schweife ich aus! Sie pflegte zu sagen u. s. w. Th. VII. S. 822. L. 7. nach den Wor- ten: ebenfals ihre Regeln. Bloß aus Nachsicht gegen meine Schwach- heiten, weil ich des Muͤßigganges ein wenig ge- wohnter war. Denn ich bin ebenfalls, ob ich gleich so gluͤcklich war, ein Exempel vor mir zu sehen, das ich so sehr bewunderte, noch gar zu sehr nach dem heutigen Fuß. Jn Ansehung des fruͤhen Aufstehens aber aͤnderte ich mich zur Sommerszeit, da ich einen solchen Vorgaͤn- ger hatte. Jch kann bezeugen, wie zutraͤglich ich dieses zu meiner Gesundheit, und vielen andern nuͤtzlichen Dingen gefunden, welche ich durch dieses Mittel leicht und mit Vergnuͤgen auszurichten vermochte. Jn ihrem Rechnungsbuche u. s. w. Th. VII. S. 823. L. 13. nach den Wor- ten: dafuͤr haben sollte, lies statt des naͤchstfolgenden Abschnitts: Meinem Temperamente nach war ich wuͤrk- lich zu ungeduldig, als daß ich mir selbst von meinen Handlungen so regelmaͤßig Rechnung thun sollte. Jch begnuͤgte mich damit, die ganze Summe zu ziehen, wenn ich mir selbst, bei Erinnerung meiner Handlungen einer ver- gangnen gangnen Woche, wozu sie mich doch gewoͤhnet hatte, keine starke Vorwuͤrfe machen durfte. Sie pflegte auf ihre gewoͤhnliche liebreiche Art zu sagen. „Jch halte nicht alles, was ich „thue, fuͤr einen andern zu thun noͤthig, ja „nicht einmal fuͤr mich selbst. Da es mir a- „ber angenehmer ist, eine solche Rechnung zu „halten, als sie liegen zu lassen: warum sollte „ich denn nicht in meinen uͤberfluͤßig guten „Werken fortfahren? ‒ ‒ Es kann kein Scha- „de daraus entstehen. Es erhaͤlt meine Auf- „merksamkeit auf Rechnungen; und dies kann „mir vielleicht einmal in wichtigern Faͤllen „Dienste thun. Diejenigen, die keine genaue „Rechnung halten wollen, halten selten lange „ irgend eine Rechnung. Jch versaͤume kei- „ne nuͤtzlichere Beschaͤftigung damit, und es „lehret mich, auf die Zeit geizig zu seyn, die „einzige Sache, auf die man auf eine erlaub- „te Weise geizen kann! Denn wir leben in „dieser Welt nur einmal, und wenn wir aus „derselben gegangen sind, so sind wir auf ewig „heraus gegangen.” Sie wußte sich in die Nothwendigkeit, wel- che ihr diese Unordnungen auflegten, dann und wann ihre gewoͤhnlichen Beschaͤftigungen zu unterbrechen, allezeit zu schicken, indem sie sag- te: „Das Spruͤchwort: Wer bei den Woͤl- „fen ist, der muß mit ihnen heulen, litte „einen guten Verstand, und lehrete auch gute „Sitten. Jn Sachen, worin man jemand „ge- „gefaͤllig seyn koͤnnte, ohne seine Tugenden, „oder wuͤrdige Gewonheiten in Gefahr zu se- „tzen, sich leicht bereden lassen, das sei eine „Apostolische trefliche Eigenschaft. Denn wenn „man darin nachgaͤbe, um seines Freundes „Gunst zu erwerben, damit er uns wieder in „Sachen von groͤsserer Wichtigkeit folgen moͤch- „te, so ahmete man das Beispiel des Mannes „nach, der allen allerlei geworden waͤre, „damit er etliche gewoͤnne. ” Es ist auch nicht zu zweifeln, wenn GOtt ihr Leben ver- laͤngert haͤtte, ihr freundliches Wesen und ihre heitere Froͤmmigkeit, wuͤrde Tugend und Reli- gion in einer so liebenswuͤrdigen Gestalt gezei- get haben, daß sowol die Gemuͤther als die Sitten derer wuͤrden gebessert worden seyn, die die Ehre gehabt haͤtten, mit ihr umzugehen. O Herr Belford u. s. w. Th. VII. S. 878. L. 11. nach den Wor- ten: Auffuͤhrung uͤberlegten, lies statt der beiden naͤchsten Abschnitte: Und zwar um so viel weniger, da die un- troͤstbare Mutter nicht eher ruhete, bis sie durch den Obrist Morden weitlaͤuftige Auszuͤ- ge aus einigen Briefen, die diese Geschichte beschreiben, erhalten hatte. Diese uͤberzeugten sie alle, daß eben der Briefwechsel, den Cla- rissa, da sie noch bei ihnen war, mit dem Herrn Lovelace wieder angefangen, mehr um ihrer Familie als um ihrer selbst willen erneuert sei: sei: Daß sie ihm keine Aufmunterung gegeben, die mit ihrer Pflicht oder mit der Klugheit nicht bestehen koͤnnen, wodurch sie sich so fruͤhzeitig un- terschied: Daß, wenn sie ihrer Klugheit, woran sie nie, wie sie gestehen, gezweifelt, vertrauet haͤtten, sie sich selbst samt ihnen aus allen Schwie- rigkeiten in Ansehung des Lovelace heraus- gewickelt haben wuͤrde: (wie sie auch einst ih- rer Mutter den Vorschlag that) daß sie, wo es je einem Frauenzimmer moͤglich gewesen, ein ruhmwuͤrdiges Beispiel von einer durch Ver- nunft und Religion, wo nicht voͤllig bezwunge- nen, doch unterdruͤckten Liebe gegeben haͤtte; da der Mann einen zu gottlosen Wandel fuͤhrete, als daß man ihn ohne Bedingung lieben konnte. Die ungluͤcklichen Aeltern und Oncles sahen aus diesen Auszuͤgen, fuͤr ihre Ruhe, nur gar zu deutlich: Daß man es bloß dem Geiz, dem Stolz, dem Neide ihres unversoͤhnlichen Bru- ders und ihrer Schwester; der unvernuͤnftigen Verschwoͤrung der ganzen Familie, sie zu zwin- gen, daß sie einem Mann ihre Hand geben sollte, den sie verachten mußte, wo sie nicht aufhoͤren wollte, eine CLARJSSA zu seyn; und endlich den Verfolgungen, womit man ihr zugesetzt, ‒ ‒ daß man diesem allen lediglich den Ge- danken, ihres Vaters Haus zu verlassen, zu- zuschreiben haͤtte. Ferner, daß sie zuerst, da ihr dieses einfiel, die Absicht hatte, wenn es moͤg- lich lich waͤre, sich selbst eine Freistadt bei der Frau Howe, oder sonst an einem sichern Orte (aber nicht bei Herrn Lovelace, oder einer seiner Fraͤulein Basen, die sie doch eingeladen hatten) auszumachen, und von dorther Bedingungen vorzuschlagen, die man haͤtte annehmen muͤs- sen, und die mit ihrer Pflicht gar nicht stritten. ‒ ‒ Daß, ob sie sich gleich in der Hofnung, eine solche Zuflucht, oder Schutz zu finden, betro- gen sahe, sie doch bei der Zusammenkunft mit dem Herrn Lovelace gar nicht Willens gewe- sen, sich in seine Gewalt zu begeben; weil al- les, was sie durch diesen Schritt zu erreichen suchte, darauf hinauslief, daß sie sich bemuͤ- hen wollte, ein so heftiges Gemuͤth zu frieden zu sprechen, damit er nicht (wie er wuͤrklich vor hatte) bei ihren Verwandten einen Besuch ab- legen moͤchte, der ungluͤckliche Folgen gehabt haben koͤnnte: Aber daß sie von ihm durch ein falsches Schrecken so listig weggebracht worden, daß man billig eher Mitleiden mit ihr haben, als sie tadeln sollen. Diese Auszuͤge uͤberfuͤhrten sie noch weiter, daß sie in der That und nicht blos zum Schein daruͤber bekuͤmmert gewesen, wie sie fand, es stuͤnde noch in langer Zeit nicht in ihrer Gewalt, den Menschen zu heirathen; und daß sie zuletzt, da sich eine einzige Gelegenheit darbot, durch ihre unnatuͤrliche Grausamkeit (da sie sich von neuen an ihre Tante Harvey gewendet, um Gnade und Vergebung zu erlangen) unfaͤhig Zusaͤtze zur Cl. U gemacht gemacht worden, auf sein Erbieten seine Hand anzunehmen, und sich also genoͤthiget sahe, den Tag aufzuschieben, den sie nicht laͤnger aufzu- schieben gedachte, bis sie wieder hergestellet waͤre. Sie sahen, mit gleichem Abscheu vor dem Lovelace, und ihrer eignen Grausamkeit, und mit der groͤssesten Bewundrung ihres Betra- gens: Daß ihre majestaͤtische Tugend den ver- wegensten Geist in einer solchen Ehrfurcht ge- halten, daß er sich nicht unterstand, sein boͤses Vorhaben auszufuͤhren, bis er vorher, durch gottlose Traͤnke, ihre Sinnen aufgeopfert hatte. Aber wie beteten sie gewisser massen ihr Ge- daͤchtniß an! Wie uͤberhaͤuften sie sich einer den andern mit Vorwuͤrfen! da sie sahen, daß sie sich nicht allein gegen eine zweite Entehrung durch das ruhmwuͤrdigste und unerschrockenste Bezeigen, zum Trotz und zur aͤussersten Beschaͤ- mung seiner freigeisterischen Begriffe, geschuͤtzet, sondern auch den Muth besessen hatte, ihn be- staͤndig mit einer edlen Verachtung zu verwer- fen. ‒ ‒ Und wen? ‒ ‒ Und wie? ‒ ‒ So, daß der Mann, den sie ehedem haͤtte lieben koͤnnen, auf seinen Knien um Vergebung flehete, und bat, daß sie ihm erlauben moͤchte, ihr die beste Erstattung zu leisten, die in seinem Vermoͤgen stand, nemlich sie zu heirathen. Sein Ver- moͤgen war groß, und nicht verschwendet! Sie eine Zeitlang seine Gefangne in einem schaͤndli- chen Hause! Von ihren Verwandten verwor- fen! nach einer wiederholten Bitte um Gnade und und Vergebung verworfen! ‒ ‒ Um welche sie doch noch nachher nebst dem letzten Seegen fle- hete, damit so wol jene bei ihren kuͤnftigen Ge- wissensbissen eine Erleichterung, und ihr eignes frommes Herz einen Trost faͤnde! ‒ ‒ Dennoch, ob sie gleich mit einer wilden Grausamkeit ab- gewiesen wurde, weil man glaubte, sie sei ih- rem Ende nicht so nahe, als man vorgestellet hatte, verschied sie, indem sie allen ihren Be- leidigern verziehe, und sie segnete! Dann bedachten sie, daß ihre Briefe, die nach ihrem Tode bekannt wurden, statt der Ver- weise, mit Troͤstungen angefuͤllet waren: Daß sie sich in ihrem letzten Willen sie alle, auf ihre Art, verbindlich gemacht hatte, ohngeachtet sie es weder verdienten, noch erwarteten, als wenn sie die Ungerechtigkeit wieder gut machen woll- te, die sie, nach den Begriffen einer eigennuͤtzi- gen Partheilichkeit einiger ihrer Verwandten, ihnen bei ihrem Großvater durch sein Testament zugefuͤget haͤtte. Diese Nachrichten und Betrachtungen gaben bestaͤndig Anlaß, sich einander alles zur Last zu legen; erhoͤheten ihre Betruͤbniß uͤber den Ver- lust eines Kindes, welches die Ehre ihrer Fami- lie gewesen, und machten nicht selten, daß einer den andern zu der Zeit, da sie sich sonst zu ver- sammlen pflegten, vermied, um den gegenseiti- gen Verweisen zu entgehen, die sie einander in den Augen lasen, wenn auch der Mund nicht redete. ‒ ‒ Die Stacheln in ihren Gewissen wur- U 2 den den durch die Zeit geschaͤrfet! Was fuͤr eine un- gluͤckliche Familie war diese! Mit Recht konn- te der Obrist Morden, mit den Worten des Juvenals, alle andre ungluͤckliche Familien auffordern, ein solches taͤglich zunehmendes Elend aufzuweisen, wie man in der Harlowi- schen Familie (die noch wenige Monathe vor- her so gluͤcklich gewesen war!) antreffen koͤnnte. Humani generis mores tibi nosse volenti Sufficit vna domus: paucos consume dies, \& Dicere te miserum, postquam illinc ve- neris, aude. Frau Harlowe lebte etwa noch zwei und ein halbes Jahr, nach dem hoͤchst bejammerten To- de ihrer Clarissa. Herr Harlowe hatte die Betruͤbniß mehr, seine Gemahlin ein halbes Jahr zu uͤberleben, deren Tod seine ehemalige Gewissens-Angst und Bekuͤmmerniß wieder aufweckte, und den seini- gen beschleunigte. Beide troͤsteten sich u. s. w. Th. VII. S. 882. L. 18. nach den Worten: wuͤrdiger machen werden, lies statt des naͤchsten Abschnitts: Da die beiden Schwestern in der Bosheit, Sally Martin und Polly Horton, so wol Faͤhigkeiten als eine Erziehung hatten, deren sich gemeiniglich Personen von ihrem Schlage nicht nicht ruͤhmen koͤnnen; und da ihre Geschichte in den vorhergehenden Briefen, worin ihrer oft Meldung geschiehet, uͤbergangen ist: So wird es dem neugierigen Leser ohne Zweifel angenehm, und dem guten Endzweck, den man durch die Bekanntmachung dieses Werks zu erreichen su- chet, vortheilhast seyn, von ihrem Herkommen, und Erziehung eine kurze Nachricht zu geben, welche sie gleichsam zu dieser niedertraͤchtigen Le- bensart vorbereitete; wobei wir ihre Schicksale nach dem fuͤrchterlichen Tode der schaͤndlichen Sinclair mit erwehnen wollen. Sally Martin war die Tochter eines Sei- den-Kraͤmers in London ohnweit dem Schlosse, welchem ihre Mutter, die Tochter eines Gewuͤrz- Haͤndlers, ein ziemliches Vermoͤgen zubrachte. Da sie beide ein aufgeraͤumtes Gemuͤth hatten, und die Moden liebten, die sie um ihres Han- dels willen einfuͤhreten, und welche die Weiber und Toͤchter der vornehmsten Kaufleute, beson- ders in dem Theil der Stadt, gern nachma- chen: So war es kein Wunder, daß sie auch ihre Tochter eben so erzogen, die ein muntres und witziges naseweises Maͤdgen war, und fuͤr eine sehr artige Person von feiner Lebensart ge- halten wurde; welche es also bei solchen Bei- spielen jedes Jahr weiter darin bringen mußte. Sie sahe sehr fruͤhe, daß sie ihrem eignen Willen uͤberlassen sei. Alles was sie that, war wolgethan, und alles, was sie sagte, ward be- wundert. Fruͤhe, sehr fruͤhe verlernte sie es, U 3 roth roth zu werden, weil sie nicht zweifeln konnte, daß sie es immer gut machte; und in Gesell- schaften zu schweigen, man mochte reden, wo- von man wollte, war ihr so fremd, als das Mistrauen auf ihre Vollkommenheiten. Als sie das neunte Jahr zuruͤckgelegt, ward sie von keiner Lustbarkeit weggelassen, und zur Ehre ihrer gespraͤchigen Zunge ward sie auf den Gastmalen, und Ergoͤtzlichkeiten als die Haupt-Person betrachtet, welche ihre Aeltern, die ein wolluͤstiges Leben liebten, in der Absicht gaben, um durch die Vermehrung ihrer Be- kanntschaft ihren Handel zu vergroͤssern. Die guten Leute uͤberlegten nicht gehoͤrig, daß die Person, welche sie ihr bei den Gelegenheiten zu spielen erlaubten, die zu ihren Nutzen veran- staltet wurden, warscheinlicher Weise ein Mit- tel seyn wuͤrde, ihre Begierden zu staͤrken, und die Sitten einer Tochter gaͤnzlich zu verderben, zu deren Besten sie sich doch, weil es ihr ein- ziges Kind war, bestrebten, Reichthuͤmer zu erwerben. Da sie als Kind schon so sehr ein Frauen- zimmer war, was mußte sie nicht seyn, als sie wuͤrklich ein Frauenzimmer wurde? Jm funfzehenden oder sechzehenden Jahre, suchte sie, sowol in Kleidung als Manieren, den groͤssesten Affen unter den Personen vom Stan- de nachzuaͤffen. Die reichsten Stoffe in ihres Vaters Laden waren fuͤr sie nicht zu reich. Bei allen oͤffentlichen Lustbarkeiten war sie die An- fuͤhre- fuͤhrerin, (an statt sich anfuͤhren zu lassen) von allem Frauenzimmer, die mit ihr verwand oder be- kannt waren, wenn sie gleich ein Drittheil Jah- re mehr hatten. Bei einem oͤffentlichen Schau- spiel, wo alles besetzt war, wuste sie sich durch die sauren Gesichter der Leute, die ihren Sitz schon vorher genommen hatten, mit einem gros- sen Geraͤusch durchzudraͤngen, und sich und ih- ren bloͤdern Gefaͤhrtinnen Platz zu machen. Je- derman, der nahe bei ihr saß, erstaunte uͤber ihre Zuversichtlichkeit, und wunderte sich, daß sie keinen Bedienten haͤtte, den Platz fuͤr sie zu belegen; er fragte darauf seinen Nachbar leise, wer sie waͤre, und dann setzte er sich voller Ver- wunderung uͤber ihre Dreistigkeit nieder. Sie machte sich durch allerlei Gefaͤlligkeiten bei den vornehmsten Comoedianten und Actri- cen wichtig, welche sich wieder an sie machten, als eine ihrer Goͤnnerinnen, die ihren Stuͤcken Zulauf verschaffen koͤnnte. Sie wußte so wol den Tauf- als Zunamen von einem jeden arti- gen jungen Herren, der die oͤffentlichen Plaͤtze besuchte, und suchte etwas darin, sie bei dem ersten Namen zu nennen, wenn sie von ihnen redete. Diejenigen, welche dem Wink ihrer Augen, mit denen sie sie alle aufforderte, sie bei ihrer Ankunft, oder ehe sie Platz nahm, zu bemer- ken, nicht gehorchet hatten, wurden mit grosser Erhabenheit Carls oder Ferdinands genen- net. Jhre Lieblinge hingegen hiessen mit einer U 4 ange- angenommenen allerliebsten Vertraulichkeit und einem artigen Ton, Caͤrlgens und Ferdinaͤnd- gens; und wenn sie recht hoch bei ihr angeschrie- ben stunden, so waren es allerliebste Teufel, und verliebte Kroͤten. Sie hielt uͤber die Handlungen und Auffuͤh- rung eines jeden Mannes oder Frauenzimmers, die vom Stande, oder nach der Mode waren, ordentliches Gericht, wenn das Gespraͤch auf sie fiel; und da war sie eine unerbittliche Rich- terin. Sie hatte eine tiefe Kenntniß von den geheimen aͤrgerlichen Geschichten. Ein jeder Charackter, ein jedes Lob, oder Tadel mußte, wie sie es vorbringen konnte, dazu dienen, sich selbst zu erhoͤhen. Sie wuͤrde sich so nicht wegwerfen, daß sie dergleichen begienge! ‒ ‒ Oder, das sei ihre Weise auch; gera- de, wie sie es auch zu machen pflegte! und indem sie ihren Werth nach den Niedrigsten ih- res Geschlechts beurtheilte, so streichelte sie sich das Kinn, und, mit ihrer eigenen Tugend sehr zufrieden, setzte sie sich in der Gesellschaft nieder. Sie hatte ihre Saͤnfte, die auf sie wartete, wo sie hingieng, und vornehmere Personen fand; so wie sich ihr Stolz mannigmal ernie- drigte, die schlechtesten Leute von der Welt auf- zumuntern, daß sie ihr die Aufwartung machen moͤchten. Sie verstand alle Kunstgriffe des Karten- Spiels. Ein wahres Spartanisches Maͤd- gen, gen, die bei Gelegenheiten Muth genug besaß, eine Betruͤgerei zu leugnen, wobei sie entdecket wurde. Es war die unvermeidliche Folge ih- res oͤftern Spielens, daß sie Nacht zu Tag und Tag zu Nacht machte, und spaͤt zu Hause kam. Jhre Aeltern freueten sich recht, daß ihre Sal- ly so stark waͤre, etwas auszustehen, und so lange sie nicht an ihrer Gesundheit litte, waren sie um ihre Auffuͤhrung unbekuͤmmert. Die Nehnadel haßte sie, und machte die fei- nen Arbeiten bestaͤndig laͤcherlich, womit sich das Frauenzimmer des vorigen Jahrhundertes beschaͤftiget haͤtte, um sich vor dem Muͤßig- gang, der Schwelgerei und den Ausschweifun- gen zu bewahren, und sich, wenn sie keine an- dre Arbeiten hatten, zu Hause zu halten; da noch keine Vauxhalls, Ranelaghs, Mary- bones, und andre Plaͤtze zu oͤffentlichen Lust- barkeiten waren, auf die man sich putzen, und welche man besuchen konnte. Jn der Haushaltung war sie gaͤnzlich un- erfahren. Jhre Aeltern verlangten auch nicht, daß sie dieselbe im geringsten verstehen sollte. Sie betrachtete es auch als eine Geschicklich- keit, die nur fuͤr Dienstboten, und Leute von niedriger Geburt gehoͤrte, und der Aufmerk- samkeit einer heutigen Dame, die Welt haͤtte, voͤllig unwuͤrdig waͤre. Obgleich ihr Vater einen starken Handel trieb, so konnte er doch nicht denken daß er, bei einer so kostbaren und vornehmen Haus- U 5 haltung, haltung, ihr ein Vermoͤgen hinterlassen wuͤrde, welches mit ihrer Erziehung uͤbereinkaͤme. Da es ihnen gar nicht eingefallen war, daß in je- der Haushaltung eine Sparsamkeit zu beobach- ten sei, so konnten sie sie sich auch nicht wieder einziehen, und ihre Tochter schien es auch nicht zu wuͤnschen. Sie glaubten, daß ein glaͤnzen- der und pralender Aufzug einen guten Namen machte. Das hiessen sie auf einen artigen Fuß leben. Und da sie einmal ihr Haupt uͤber ihre Nachbaren erhoben hatten, so glaubten sie, es wuͤrde ihrem Credit nachtheilig seyn, wenn sie in ihrem Staat mehr zuruͤck als vor- waͤrts giengen. Sie schmeichelten sich selbst, und ihrem Maͤdgen, die voͤllig ihrer Meinung war, daß sie Reizungen und Witz genug be- saͤsse, einen Mann vom Range oder wenigstens von grossen Reichthuͤmern an sich zu ziehen. Denn diese Tochter eines Kraͤmers, und eines Kraͤmers Tochter konnte den Gedanken nicht ertragen, einen schlechten Buͤrger zu nehmen, und sie unterhielt ihre Hofnungen mit einigen wenigen, wenigstens in Vergleichung sehr we- nigen, Exempeln, (die sie in ihrer Einbildung als ganz gemeine Vorfaͤlle betrachtete) von Maͤdgen, die ihr am Stande, an Gaben, Er- ziehung, und selbst an Mitteln weit nachstehen muͤßten, und denen es gegluͤckt waͤre, ‒ ‒ wie sie nicht zweifelte, daß es ihr auch gluͤcken wuͤr- de. Artige Renten, und eigne Kutsche und Pferde, diese Kleinigkeiten, welche die Eitel- keit keit der Maͤdgen vom Mittelstande so sehr rei- zen! waren das geringste, was sie erwartete. Aber bei allen diesen bedachten weder ihre Ael- tern, noch sie selbst, daß sie mit den Begierden kaͤmpfen muͤßte, denen man zu sehr nachgege- ben hatte; daß sie eine Erziehung genossen, und ein feuriges Temperament besaͤsse, welches sie zu einer Maitresse geschickter, als zu einer Ehefrau machte: da sie nicht durch gesunde Grundsaͤtze und durch ein gutes Beispiel ver- wahret war. Jhr zwanzigstes Jahr war zu ihrer grossen Verwunderung und Verdruß unvermerkt zu- ruͤck gelegt, ohne daß ihr ein Antrag geschehen waͤre, den ihr Stolz ihr anzunehmen verstat- tet haͤtte. Ein Maͤdgen zwischen funfzehen und achtzehen, deren Schoͤnheit dann anfaͤngt zu bluͤhen, wird, als ein neues Ding, die Augen der Mannspersonen auf sich ziehen: Aber wenn sein Gesicht auf den oͤffentlichen Plaͤtzen zu oft erscheinet, so wird sie finden, daß neue Ge- sichter mehr Aufmerksamkeit erwecken, als huͤbsche Gesichter, die man bestaͤndig siehet. Die Politick sollte also, wenn es auch keine andre Betrachtung waͤre, schon eine junge Schoͤnheit bewegen, wenn sie ihre Eitelkeit zaͤh- men koͤnnte, daß sie sich nur eben zeigte, und wenn man kaum von ihr zu reden anfienge, gleich als aus Bescheidenheit weggienge. (und es wuͤrde doch auch in der That eine Beschei- scheidenheit seyn) Sie sollte lieber erwarten, daß sie sie gesucht wuͤrde, als Anlaß geben, zu den- ken, daß sie andre suchte. Nur dann und wann koͤnnte sie ihr Gedaͤchtniß erneuern, und zuwei- len an oͤffentlichen Oertern erscheinen, wenn sie es fuͤr warscheinlich hielte, daß man sie verges- sen haben koͤnnte; So wuͤrde sie alsdann im- mer wieder neu seyn. Doch ein junges Frauen- zimmer muͤßte billig allezeit diese Anmerkung in ihrem Herzen haben, daß sie es schwerlich je- mals erwarten kann, ihre Eitelkeit zu vergnuͤ- gen, und zu gleicher Zeit die Bewundrung der Personen zu gewinnen, die wuͤrdig waͤren, daß sie sich mit ihnen auf Zeitlebens verbaͤnde. Kurz, sie koͤnnen an oͤffentlichen Oertern viele Be- wunderer haben, aber nicht einen Liebhaber. Sally Martin wußte von dieser Lehre nichts. Jhre Schoͤnheit war in ihrer Bluͤte, und doch fand sie sich nicht geachtet. „ Sally Martin, „des Kraͤmers Tochter; sie ist hier gar „nicht zu fehlen! ” war die Antwort nebst der Anmerkung, die man allezeit auf die Frage er- theilte: wer die Dame sei? Endlich langte ihr Schicksal heran. Auf ei- ner Masquerade sahe sie zuerst den muntern, den wolgemachten Lovelace, der eben von sei- nen Reisen zuruͤckgekommen war. Sie fand sich gleich durch seine Figur, und durch die ar- tigen Dinge getroffen, die sie von seinen Lippen hoͤrete, da es sich fuͤgte, daß er nahe bei ihr saß. Er, der sich damals nicht nach einer Ge- mahlin umsahe, ward von dem freien Wesen, und und der Mine der Sally eingenommen, die es ihm verrieth, daß sie bei ihrer Lebensart viele Selbst-Zufriedenheit besaͤsse. Nachdem sie sich von beiden Seiten Zeichen gegeben, daß sie ein- ander gefielen, fand er keine Schwierigkeit mehr, zu erfahren wo er sie den naͤchsten Tag besu- chen koͤnnte. Und doch war es fuͤr eine Person von ihrem Ehrgeiz und vornehmen Aufzuge ei- nige Demuͤthigung, daß sie sich so weit herab- lassen, und einem so artigen jungen Herrn sa- gen sollte, daß sie nichts weiter, als eines Kra- mers Tochter sei. So natuͤrlich ist es einem Maͤdgen, das, wie Sally, erzogen worden, sich bei Gelegenheiten derer zu schaͤmen, deren Thorheit sie uͤber sich selbst weggesetzet hat. Es mochte der Sally noch so sauer ankom- men, ihm dieses zu sagen, so war Herr Love- lace an seiner Seite nicht uͤbel zufrieden, daß seine Geliebte von keinem hoͤhern Range war; weil er sie bald in den niedrigsten Zustand zu versetzen hofte, in welchen ein ungluͤckliches Maͤdgen nur verfallen kann. Allein da Jungfer Martin Nachricht ein- gezogen, daß ihr Liebhaber der Schwester-Sohn und vermuthliche Erbe des Lord M. sei, so hielt sie ihn eben fuͤr den Mann, nach welchem sie so lange mit solcher Ungeduld ausgesehen hatte, und fuͤr welchen es der Muͤhe werth waͤre, ihr Netz aufzustellen. Es wird nicht uͤbel seyn, hier anzumerken, wie wahrscheinlich es sei, daß Herr Lovelace die Sally Martin, und viel- leicht leicht noch zwei oder drei Maͤdgen, in Gedanken hatte, die durch die Hofnung, daß er sie heira- then wuͤrde, in ihr Verderben gezogen waren, da er in einem Briefe an seinen Freund Bel- ford, der in die vorhergehende Sammlung nicht mit eingeruͤckt ist, folgendes lustige Gemaͤhlde schilderte. „Mich deucht, sagt er, ich sehe ein junges „Paar sich einander verliebte Schmeicheleien „sagen, die beide auf einander eine Absicht haben. „Das Maͤdgen weiset den Liebhaber ab, wie sie „gemeiniglich thun, wenn es ihr Ernst nicht „ist: Sie ist, so wie sie jetzt ist, sehr gluͤck- „lich. Sie kann nicht gluͤcklicher werden: „Sie hat keine Lust, ihren ledigen Stand „zu vertauschen. Wir wollen setzen, der „Juͤngling ist von denen, die es nicht aus- „druͤcklich bekennen, daß sie eben nicht groß „verlangen, daß sie es thun sollte. Sie haͤlt „unter ihrer Schuͤrze ein Netz bereit, und er „eines unter seinem Rocke. Ein jeder hat die „Absicht, es dem andern uͤber den Kopf zu wer- „fen; sie uͤber den seinigen, wenn ihr Stolz „befriedigt ist, und sie denket, sie sei seiner ge- „wiß; er uͤber den ihrigen, wenn der guͤnstige „Augenblick, auf den er gelauret, ihre Ein- „willigung zu weit getrieben hat. ‒ ‒ Nun las- „set uns setzen, es begiebt sich, daß er der ge- „schwindeste unter den zweien ist, und sie in „seinem Netze faͤngt, ehe sie ihn in dem ihrigen be- „stricken kann: Da moͤchte ich nun gerne wissen, „wie „wie sie ein Recht haben kann, uͤber Grausam- „keit, Barbarei, Betrug, und Opfer zu schreien, „und allen den wehklagenden Unsinn auszu- „schuͤtten, mit welchem die artigen Naͤrrinnen, „in solchem Fall, ihren Eroberern die Ohren „gellend machen? Was meinest du, wenn sie „da Goͤtter und Menschen zu Richtern anru- „fen, ist es nicht gerecht, daß Goͤtter und Men- „schen uͤber sie lachen, ihnen ihre eignen spitz- „buͤbischen Absichten unter die Nase reiben, und „ihr sagen, daß sie sich in ihr wohlverdientes „Ungluͤck in Gedult schicken moͤchten? Kurz, Sallys Aeltern sowol, als sie selbst, munterten den Herrn Lovelace auf, sie fleißig zu besuchen. Sie glaubten, sich auf die Klug- heit ihrer Tochter sicher verlassen zu koͤnnen, und diese war zu weise, als daß sie selbst ein Mis- trauen darin setzen sollte. Daß sie Ehrgeiz hat- te, das wußte sie: Und der pflegt, in diesen Faͤllen, oft Klugheit genannt zu werden. ‒ ‒ Der Himmel moͤchte den Maͤdgen gnaͤdig seyn, sagt Lovelace, wenn sie keinen Ehrgeiz haͤt- ten! ‒ ‒ Am wenigsten argwohnten sie Gefahr bei dem grossen Schein der Aufrichtigkeit, und der Artigkeit in den Sitten, die er annehmen, oder bei Seite setzen konnte, wenn es ihm be- liebte. Die zweite Masquerade, welche erst ihre dritte Zusammenkunft außer Hause war, machte ihren Untergang vollkommen; und das that dieser so ausgelernte, obgleich so junge, Be- truͤger, truͤger, ehe sie einmal recht wußte, daß sie in Gefahr waͤre. Denn nachdem er sie beredet hatte, mit ihm gegen zwoͤlf Uhr zu seiner Tan- te Forbes, einer vornehmen und reichen Da- me, zu gehen, welcher er halb und halb ver- sprochen haͤtte, ihr ihre kuͤnftige Niece vorzu- stellen, (dies war die einzige Spur von der Hei- rath, die er ihr jemals gegeben) so brachte er sie nach dem Hause des gottlosen Weibes, wel- che in diesen Briefen den Namen der Sinclair fuͤhret: Hier erhielt er durch Versprechungen, die sie in einem guͤnstigen Verstande auslegte, (denn wenn ein Frauenzimmer liebt, so ist es nie fuͤr seine Sicherheit genug besorgt) einen leichten Sieg uͤber eine Tugend, die ohnedem wenig mehr, als den Namen hatte. Er fand keine Schwierigkeit, sie zu bereden, daß sie diesen gottlosen Umgang fortsetzte, bis die Wuͤrkungen davon zu sehr in die Augen fie- len, als daß er verborgen bleiben konnte. Jh- re Aeltern jagten sie darauf in der ersten Wut, und Eifer uͤber ihre betrogne Hofnung, einen solchen Schwiegersohn zu bekommen, aus dem Hause. Da ihre Schande auf die Art bekannt gewor- den war, verhaͤrtete sie sich; und durch ihren Ver- fuͤhrer, dessen Favorit-Maitresse sie damals war, unterstuͤtzet, faßte sie fuͤr diese Begegnung, die sich so wenig zu ihrem Stolze, und dem Eigen- sinn, in welchem sie sie aufgezogen hatten, schick- te, einen solchen Unwillen gegen ihre Aeltern, daß daß sie nicht wieder zu ihnen zuruͤckkehren woll- te, ob diese gleich ihre erste Hitze bereueten, und sich wieder mit ihr auszusoͤhnen begehrten. Da sie zugleich die Favorit-Tochter ihrer Mutter Sinclair geworden, so ließ sie sich von diesem verruchten Weibe uͤberreden, ihr Kind abzu- treiben, ob sie schon in ihrer Schwangerschaft bereits so weit gekommen war, daß es sie bei- nahe das Leben gekostet haͤtte. So war ihr erstes Verbrechen Unkeuschheit, ihr zweites eine Mordthat, und nun verlohr sie alles Gefuͤhl des Gewissens. Es konnte nicht fehlen, weil sie jung war, ihren Betruͤger lieb- te, und von einer so abgefeimten Lehrmeisterin angefuͤhret wurde, daß sie sich nicht bald uͤber al- le Bedenklichkeiten wegsetzte, das Vergnuͤgen eines Menschen mit allen ihren Kraͤften zu be- foͤrdern, der sie ins Verderben gestuͤrzet hatte; und mit einer teufelischen Gesinnung andere zu bestricken, daß sie ihrem Exempel folgen mußten. Man kann kaum glauben, wie viel Ungluͤck von dieser Art sie angerichtet, da man sich auf sie, als ein Frauenzimmer, das Muth genug besaß, verlassen konnte; und sie, bei ih- rer grossen List, einen glaͤnzenden Schein anzu- nehmen wußte. Sally Martin machte sich, wenn es moͤg- lich ist, dies zu gedenken, noch einer nieder- traͤchtigern Bosheit schuldig. Als ihr Vater starb, that ihre Mutter, in Hofnung, wie sie es nennete, sie von ihrem Zusaͤtze zur Cl. X gottlo- gottlosen Wege abzubringen, ihr den Vorschlag: Sie moͤchte das Haus der schaͤndlichen Sinclair verlassen, sich mit ihr auf das Land begeben, wo ihre gottlose Lebensart nicht bekannt waͤre, und sich dort nur aͤusserlich ehrbar auffuͤhren. Die einzige Tugend, welche sie je ihre Tochter gelehret hatte, nebst der, daß sie sich mehr be- muͤhen muͤßte, andre zu betriegen, als sich be- triegen zu lassen! Sally willigte darein, aber in keiner andern Absicht, wie sie oft, gleichsam triumphirend, bekannte, als ihre Mutter um den groͤssesten Theil ihres Vermoͤgens zu betriegen, und sich dadurch an ihr zu raͤchen, daß sie in ihre Ver- stossung aus ihres Vaters Hause gewilliget, und, wie sie ihr Schuld gab, ihren Vater beredet haͤtte, sie in seinem Testament gaͤnzlich zu ent- erben. Diese unnatuͤrliche Bosheit vollfuͤhrete sie, in einer Zeit von einem halben Jahre; und da flohe die listige Schlange mit ihrem Raube wie- der in ihre Hoͤle, wo sie sich uͤber ihren Betrug lustig machte: Ja selbst nachdem die Mutter vor Gram und Wemuth wenig Monate nach- her aus der Welt gegangen war. Eine harte aber gerechte Strafe fuͤr die schlechte Erziehung, welche sie ihr gegeben hatte! Jch muß noch hinzusetzen, daß dies eine Bos- heit war, deren sie sich selbst in des Herrn Lo- velace, oder seiner Freunde, Gegenwart nicht ruͤhmen durfte. Sie konnten es nicht ertragen. Sie Sie verwiesen es ihr, so oft sie es that, und verdammten es mit einmuͤthiger Stimme. Es ist auch gewiß, daß diese und andre Exempel ihrer unergruͤndlichen Gottlosigkeit sie gar bald dem Lovelace zuwider machten, und wenn sie ihm in seinen andern Vorhaben nicht nuͤtzlich gewesen waͤre, so wuͤrde er sie nicht haben aus- stehen koͤnnen. Denn wenn er von ihr gegen seine Freunde sprach, so pflegte er zu sagen: Daß sich niemand unterstehet, Bruder, uns etwas vorzuwerfen: Alle Bosheit ist gering ge- gen der Weiber Bosheit! Sirach. Cap. XXV. 25. Man muß gestehen, daß eine uͤble Erzie- hung die Vorbereitung dazu war; und das hat- te Sally Martin ihren Aeltern zu danken; so wie diese sich die Folgen selbst zuzuschreiben hatten. Gleichwol wenn sie keinen Lovelace angetroffen haͤtte, so wuͤrde sie keiner Sinclair in die Haͤnde gefallen seyn. Sie waͤre gleich dem meisten Theil der Frauen, die so erzogen find, vielleicht noch immer ziemlich gut durch- gekommen, und die Mutter von Kindern gewor- den, die man auch, so wie sie, weggejaget, und ihrem Schicksal in der Welt uͤberlassen haͤtte: Von Kindern, die gleich dem weichen Wachs, den ersten Eindruck annehmen, den man ihnen giebt; die weder gluͤcklich noch ungluͤcklich, und alles, ausser brauchbare Glieder des gemeinen Wesens, sind; und von Gluͤck zu sagen haben, wenn sie nicht in das aͤußerste Elend gerathen. X 2 Polly Polly Horton war die Tochter einer Frau von Stande, und gutem Herkommen; deren Ehemann, ein Mann von Familie und Anse- hen, Hauptmann unter der Koͤniglichen Leib- Garde war. Er starb, da Polly ungefaͤhr ihr neuntes Jahr erreichet, und hinterließ sie, nebst einem hinlaͤnglichen Vermoͤgen fuͤr sie beide, der Vor- sorge ihrer Mutter, einer lebhaften jungen Da- me von etwa sechs und zwanzig Jahren. Die Mutter liebte ihre Polly uͤber die ma- ßen; aber es war ihr nicht gegeben, durch ei- ne genaue Aufsicht und sorgfaͤltige Erziehung, die wahre und aͤchte Liebe einer Mutter zu zeigen. Sie putzte sich, gab Besuche, und ward wie- der von den muntersten Personen ihres Ge- schlechts besucht. Jhre Augen schweiften al- lenthalben herum, gleich einer Frau, die Lust hat, ihr Gluͤck im Ehestande zum zweiten mal zu versuchen. Dies gewoͤhnte sie zu solchen Manieren, und zu einer Liebe von solchen Lustbarkeiten, die ei- ne junge Wittwe, von dem lebhaften Wesen, zu aller Erziehung, selbst ihrer eignen Tochter, ganz und gar ungeschickt machen. Frau Horton hatte von Jugend auf eine Neigung zur Music und zur Lesung solcher Buͤ- cher gehabt, welche fuͤr junge Gemuͤther nur eine fruͤhere Art von Ausschweifungen ist, die sie zu groͤssern in reifern Jahren zubereitet, nem- lich zu Romanen, verliebten Histoͤrgen, Liedern und und Comoedien, welche sie ohne Unterscheid las, so wie sie ihr in die Haͤnde fielen; sie mochten zur Befoͤrderung oder zum Verderb der guten Sitten geschrieben seyn. Sie brachte daher ihrer Tochter eben den Geschmack bei, und pfleg- te in den Stunden, da sie keinen geschaͤftigern und lebhaftern Zeitvertreib hatte, oder die Zeit toͤdten konnte, wie es einige nennen, die Jung- fer Horton sich vorlesen zu lassen. Gluͤcklich genug, in ihrer Einbildung, daß sie zu dersel- ben Zeit, da sie ihre Ohren ergoͤtzte, und zuwei- len, nachdem das Stuͤck war, ihr eignes, und zugleich ihres Kindes, Herz verderbte, das jun- ge Maͤdgen lesen lehrete, und ihren Verstand ausbesserte! Es war auch bei dem Thee des Nachmittags das ewige Ruͤhmen: daß Jung- fer Horton im Lesen, was den Ton und den Nachdruck betraͤfe, den man den Worten geben muͤßte, es allen jungen Fraͤulein von ihrem Alter zuvor thaͤte. Zu einer andern Zeit, bekam die mit ihrer Toch- ter sehr vergnuͤgte Mutter das Compliment: Himmel! Madame, mit welcher erstau- nenden Anmuth lieset die Jungfer Hor- ton! Sie weiß recht in den Sinn des Ver- fassers hinein zu gehen! Das konnte sie nicht leicht von jemanden lernen, als von Jhnen! Dies sollte freilich ein Lob fuͤr sie seyn, da es doch, nach der Beschaffenheit des Buchs, in dem Munde eines Feindes eine starke Saty- re gewesen seyn wuͤrde! ‒ ‒ Die Mutter, wel- X 3 che che von ihrer Tochter auf eine unbedachtsame Art verliebt war, pflegte indessen auszurufen: Ja, das muß ich sagen, Jungfer Hor- ton macht ihrer Lehrmeisterin Ehre! und dann zu dem Kinde: Komm hier, mein gu- tes liebes Kind! (wobei ste ihren Beifall durch einen Kuß zu erkennen gab) Wie wuͤr- de sich dein lieber Papa gefreuet haben, mein Puͤppgen, wenn er so lange gelebt haͤtte, zu sehen, wie du zunimmst! ‒ ‒ Darauf beschloß sie die Unterredung mit einem zufriednen Seufzer, und lies ihre Augen die ganze Gesellschaft herumgehen, um ihr stillschwei- gendes Lob einzusammlen! Aber wie wenig dach- te die Mutter vor ihrer thoͤrichten Liebe, was fuͤr eine Pflanze aus diesem Saamen aufwach- sen muͤßte! Sie stellte sich wol nichts weniger vor, als daß diese feine Erziehung zu ihrem und ihres Kindes Untergang gereichen sollte. Am allerwenigsten, daß in einer einzigen ungluͤckli- chen Stunde beides die Ehre der Mutter und Tochter der List eines angreifenden Feindes zum Opfer dienen wuͤrde. Da das muntre Maͤdgen ihrem uͤbeln Schicksal uͤberlassen war, und sie nebst ihrer Schwester Sally und andern sich den Anfang ihrer Liebeshaͤndel, den Fortgang derselben, und ihren Fall zu Gemuͤthe fuͤhreten, pflegten sie oft zu erzaͤhlen, daß sie auf diese Art aufgewachsen und erzogen waͤren. Sie Sie sahe uͤberdem eine Menge unterthaͤniger Diener, die sich einander abloͤseten, um ihre Mutter herum schwaͤrmen; welche sich auf der- gleichen Aufwartungen nur gar zu viel einbil- dete. Was war dies fuͤr ein Exempel fuͤr ein Maͤdgen, das, gleich dem Zunder, bereit war, Feuer zu fassen; vornemlich da ihr Schicksal beschloß, daß sie einem Freigeiste von eiserner Stirn, und steinernem Herzen, zuletzt in die Haͤnde fallen sollte! Kurz, da die junge Dame bei dem Eindruck, den eine solche Anfuͤhrerin, und so leichtfinnig und frostig geschriebne Vuͤcher auf ihr Herz ma- chen mußten, heranwuchs; und die Musie, die Concerte, Opern, Spiele, Assembleen, Baͤl- le, und der uͤbrige Poͤbel von unserm heutigen Zeitvertreibe ihr feuriges Temperament noch mehr erhitzten: So ist es kein Wunder, daß sie, gleich einer fruͤhzeitigen Frucht bald reif wurde, um von der Hand eines hinterlistigen Liebha- bers gebrochen zu werden. Jn ihrem funfzehenden Jahre, wie sie selbst gestand, kostete sie es keine Muͤhe, sich einzu- bilden, daß sie die Heldin eines jeden verliebten Abentheuers, oder einer jeden Comoedie sei, die sie las; so wol mußte sie in den Sinn des Verfassers hinein zu gehen! Sie gluͤhete vor Begierde, der Gegenstand der Flamme eines Helden zu werden, und wuͤnschte im Ernst, ei- nen Liebes-Handel anzufangen, und gar von einem muthigen Liebhaber entfuͤhret zu werden. X 4 Doch Doch hatte sie nicht zu fuͤrchten, daß ihre un- vorsichtige Mutter sie einsperren, oder zuruͤck- halten wuͤrde; welchen Umstand sie gleichwol durchaus nothwendig hielt, eine Parthenissa abzugeben. Bei allen diesen feinen Eigenschaften nach dem heutigen Fuß, legte sie doch das neun- zehnte Jahr zuruͤck, ehe ihr ein Antrag gescha- he, der von Folgen gewesen waͤre. Die Haͤlf- te von ihren Bewunderern fuͤrchtete sich vor ih- rer Liebe zu einer lustigen Lebensart bei einem mittelmaͤßigen Vermoͤgen zu sehr, als daß er fich im Ernst um ihre Gunst bewerben mochte. Andere wurden durch ihr erhabnes Wesen, das sie annahm, in einer Entfernung gehalten: Wieder andre mochten die Schwachheiten der Mutter und Tochter nicht genau einsehen, und wurden durch den Gedanken zuruͤckgehalten, daß sie von der ersten zu sorgfaͤltig bewachet wuͤrde. Aber da sie den Mann fand, der den Muth und die Geschicklichkeit zu Liebes-Haͤndeln besaß, die sie sich bei ihrem Helden gedacht hatte, so ist wol nie eine Heldin so leicht bezwungen, nie eine Goͤttin so zeitig ihrer himmlischen Vorzuͤge beraubt! Denn in der Oper, wo weder sie noch ihre Mutter zu fehlen war, sahe sie den glaͤn- zenden Lovelace; Sie sahe ihn in der Gestalt eines aufgebrachten Helden, da er an zween Ca- valieren eine geringe Beleidigung ahndete, die sie seiner Sally Martin, welche sie in ihrem bluͤhenden Zustande gekannt hatten, zugefuͤget. Den Den einen schickte Herr Lovelace mit einigen Wunden am Kopfe, die er ihm mit seinem Degen-Knopf versetzet, und den andern mit ei- ner blutigen Nase, nach Hause. Man kannte die beiden Herren vermuthlich schon, daß sie fertiger waren, jemanden zu beleidigen, als sich zu wehren, wenn sie zur Verantwortung gezogen wurden. Die Tapferkeit dieser Handlung machte alle, die dabei standen, dem Helden geneigt. O der brave Cavalier! rief Polly Horton ihrer Mutter in einer Art von Entzuͤckung zu, wie noͤthig ist doch den Schoͤnen der Schutz braver Maͤnner! Dies letzte sagte sie mit ei- ner sanften Stimme, worauf sie sich geuͤbt hat- te, um eine Heldin, wie sie sich zu seyn einbil- dete, recht nachzuahmen. Eine Rede, die so sehr zu seinem Vortheil war, konnte der Aufmerksamkeit eines Mannes nicht entwischen, der die Vortheile mehr als zu sehr empfand, welche ihm seine wolgemach- te Person, und edles Ansehen, uͤber zarte Her- zen verschafte; der das Auge eines jeden Maͤd- gen bewachte, und sein Ohr einer jeden ange- nommenen zaͤrtlichen Stimme offen hielt! Denn das war eines von seinen Merkmalen, woran er erkannte, ob er in seinen Versuchen bei einer Person gluͤcklich seyn wuͤrde. ‒ ‒ Alles ge- zwungne Wesen, pflegte er zu sagen, ist ein gewisses Zeichen eines verkehrten Kop- fes, und eines schwachen Verstandes: X 5 Und Und auf einen solchen Grund habe ich nie vergeblich gebauet. ‒ ‒ Den Augenblick beschloß er, mit dem jun- gen Dinge bekannt zu werden, das so heftig fuͤr ihn eingenommen zu seyn schien. Nie hat ein Mann eine schnellere Erfindung gehabt, al- le Arten von Ungluͤck anzurichten. Er gab sei- ner Sally ihr Zeichen. Er nannte sie Schwe- ster, so laut, daß jene es hoͤreten. Und Sal- ly erzaͤhlte, gleich als aus eigner Bewegung, die besondern Umstaͤnde von der ihr angethanen Beleidigung, der jungen Dame und ihrer Mut- ter ins Ohr; wobei sie sich in einen Engel des Lichts verstellte, um den Charackter ihres he- roischen Bruders in einem praͤchtigern Glanze zu zeigen. Vornemlich ruͤhmte sie seinen be- kannten und bewaͤhrten Muth; und mischte in ihre Lobes-Erhebungen solche Umstaͤnde von sei- ner Geburt, seinem Reichthum und uͤbrigen Vorzuͤgen, daß ihm gleichsam nichts uͤbrig zu bleiben schien, als in die verliebte Polly ver- liebt zu werden. Herr Lovelace sahe alsbald, wie das, was sie sagte, zu verstehen sei: So ein braver Mann! bei so angenehmen hoͤflichen Ma- nieren! und errieth den Geschmack der jungen Dame; da sie hingegen nicht argwohnen konn- te, was ein solches aͤußerliches Ansehen fuͤr ein Herz bedeckte! Das war der Mann! der nehmliche Mann! flisterte sie ihrer Mutter zu. Da die Oper geendigt war, mußte sein Diener Diener eine Kutsche bereit halten, und er bat sich aus, daß er nebst seiner vorgegebenen Schwester sie nach ihrem Hause fuͤhren moͤch- te, ob es gleich von dem seinigen weit entfer- net waͤre. Als sie dort ankamen, liessen sie sich bereden, auszusteigen, und eine schlechte Mal- zeit vorlieb zu nehmen. Sally noͤthigte sie, daß sie so guͤtig seyn, und sie bei ihrer Tante Forbes wieder besu- chen moͤchten. Sie hofte diese Ehre zu haben, ehe ihr Bruder nach seinem Landgut reisete. Sie versprachen es, und nannten zugleich den Abend. Man hielt ein koͤstliches Gastmal bereit. Die Gaͤste kamen, nachdem sie inzwischen erfahen, daß alles wahr sei, was man ihnen von sei- nem Namen, Familie und Guͤtern gesagt hat- te. Sich nach seiner Auffuͤhrung zu erkun- digen, fiel Leuten, die in ihrer eignen Auffuͤh- rung so wenig strenge waren, nicht ein. Music und Tanz ward bei dieser Lustbar- barkeit nicht vergessen. Diese oͤfneten ihre Her- zen, welche die Liebe schon halb geoͤfnet hatte, und die Tante Forbes, nebst des Liebhabers Schwe- ster, suchten sie durch ihr eignes Beispiel of- fen zu erhalten. Der Held sang, that Ver- heißungen und Geluͤbde. Jhre Dankbarkeit ward geruͤhret; ihre angenehmen Empsind n n- gen vermehret; ihre Hofnung wuchs; sie fien- gen an, vertraulich zu werden; alle ihre Be- gierden standen in Waffen; die kostbaren Wei- ne ne thaten das ihrige; sie wurden ganz außer Stand gesetzt, auf ihrer Hut zu seyn, und da sie nicht so viel Nachdenken uͤbrig behalten, daß sie nur einen Argwohn fassen koͤnnen; so fiel die junge Schoͤne, welche durch die Sally von ihrer Mutter getrennet ward, dem gluͤck- lichen Betruͤger zum Opfer anheim. Die Witwe selbst, die durch kuͤnstliche Traͤn- ke schon halb vergiftet, und erhitzet, und von der Liebe in Flammen gesetzet war, begieng, ehe sie sichs versahe, den Fehltrit ihrer Tochter mit einem von Lovelacens bestaͤndigen Gesellen in der Bosheit, der ihr nachstellte, und sich die Gelegenheit, allein bei ihr zu seyn, welche von den uͤbrigen veranstaltet wurde, mit grosser Hitze zu Nutze machte. Die Folgen davon wurden nach einiger Zeit sichtbar. Kummer, Scham und Reue bemaͤchtigten sich, da ihre eigene Vergehung ihr nicht erlaubte, die Aus- schweifungen ihrer Tochter zu bestrafen, ihres Herzens dergestalt, daß sie ihre Niederkunft nicht uͤberlebte. Polly ward auch eines Kin- des entbunden, und gerieth nachher, da sie ih- ren Betruͤger zu sehr liebte, als daß sie ihm ent- sagen sollte, ohngeachtet sie sich von ihm be- trogen fand, in ein ausschweifendes liederliches Leben. Jhr Vermoͤgen verzehrte sie in gar kurzer Zeit, und hatte es noch als eine hohe Gnade anzusehen, daß sie, nebst der Sally, und noch einer liederlichen Weibesperson, mit der der verfluchten Sinclair den schaͤndlichen Ge- winn theilte. Das uͤbrige, was von der Geschichte dieser ungluͤcklichen Maͤdgen anzufuͤhren noͤthig ist, laͤsset sich mit wenigen erzaͤhlen. Nach dem Tode der u. s. w. Th. VII. S. 893. L. 7. zu den Worten: es ihm versagen, setze folgende Note: Verschiedne wuͤrdige Personen haben gewuͤn- schet, daß die Abscheulichkeit der gewoͤhnlichen Duell, etwa in einer Note, an dem Ende ei- nes Werks, welches geschrieben ist, die erha- bensten und wichtigsten Lehren des Christenthums anzupreisen, in einem staͤrkern Lichte vorgestel- let seyn moͤchte. Wir nehmen uns die Freiheit zu sagen, daß diese braven Leute vielleicht nicht auf das genug Achtung gegeben haben, was hievon bereits in dem 2. Theile im 10. Briefe, und im 7. Th. im 69. 93. 94. 95. Briefe ge- sagt ist. Th. VII. S. 894. lies statt der fuͤnf ersten Abschnitte des Anhanges bis S. 895. gegen das Ende, an die Worte: Be- lohnung erlangt. Da der Verfasser zu verschiedenen Zeiten die Theile dieses Werks herausgegeben, so hat er unter der Zeit die Ehre gehabt, viele Briefe von Ungenannten zu empfangen, in welchen die Personen, von denen sie geschrieben sind, ihre Wuͤn- Wuͤnsche, in Ansehung dessen, was sie von der Entwicklung des Knotens besorgt, auf verschied- ne Weise ausgedruͤckt haben. Die meisten sind von dem schoͤnen Geschlecht an ihn abgelassen, und gehen dahin, daß sie gerne einen gluͤcklichen Ausgang, wie man es nennet, haben wollen. Einige von diesen, welche, wie sie gestehen, von dem Charackter unsrer Heldin eingenommen sind, wuͤnschen ei- frigst, sie gluͤcklich zu sehen. Andre, die mit ihnen voͤllig uͤbereinstimmen, behaupten uͤber- dem, daß die poetische Gerechtigkeit dieses nothwendig erfordere. Denn, schreibt eine dieser sinnreichen Correspondentinnen, ohne Zwei- fel aus einem guten und menschenfreundlichen Herzen; „Wenn es ausgemacht ist, daß es in „eines Verfassers Gewalt stehet, seine Geschichte „endigen zu lassen, wie es ihm beliebet, war- „um sollte er nicht viel lieber dem Leser ein Ver- „gnuͤgen, als unangenehme Empfindungen er- „wecken, den er fuͤr die Hauptpersonen so sehr „eingenommen hat?” Andre, und zwar einige Herren, erklaͤren sich gegen das Trauerspiel uͤberhaupt, und ge- ben, fast mit den Worten des Herrn Lovela- ce, den Lustspielen den Vorzug, der in seinem Geschmack von allem Frauenzimmer in dem Hause der Sinclair, und von der Sinclair selbst unterstuͤtzet wuͤrde. „Jch habe zu viele „Empfindung, sagt er. Siehe Th. IV. S. 149 Es ist ohnehin genug „genug Elend in der Welt, ohne daß wir noͤ- „thig haͤtten, das Traurige mit in unsre Ver- „gnuͤgungen zu mengen, und fremdes Elend zu „dem unsrigen zu machen.” Und wie haͤtte dieser gluͤckliche Ausgang koͤn- nen veranstaltet werden? Nichts ist leichter zu erfinden, da es schon von andern Schriftstel- lern dieser Art genug gebraucht worden. Lo- velace haͤtte sich nur bekehren, und die Clarissa heirathen duͤrfen. ‒ ‒ Man duͤrfte deswegen, und zwar zum Vergnuͤgen der zaͤrtlichgesinn- ten Leserinnen, keine von ihren Versuchungen oder von ihren Leiden weglassen, die letzte Ent- ehrung ausgenommen. Denn damit haͤtte man sie, theils den Lovelace nicht gar zu ab- scheulich vorzustellen, theils weil die Delicateße dadurch beleidigt wuͤrde, gerne verschonet. Allein dies Werk mag fuͤr ein Schicksal er- leben, was es will, so war der Verfasser doch entschlossen, einen andern Weg zu gehen. Er hat immer dafuͤr gehalten, daß ploͤtzliche Be- kehrungen, vornemlich solche, wo man es der Aufrichtigkeit des Lesers uͤberlaͤßt, ob er sie glauben und rechtfertigen will, weder Kunst, noch Natur, noch Warscheinlichkeit haͤt- ten, und uͤberdem ein boͤses Veispiel gaͤben. Er konnte sich mit dem Gedanken nicht vertragen, daß ein Lovelace eine Reihe von Jahren in seiner Bosheit triumphiren, und denken sollte, er haͤtte weiter nichts zu thun, als, gleichsam aus Gnaden und Gutheit, seine Hand hinzuhal- ten, ten, wenn es ihm beliebte, um die Beste un- ter dem ganzen schoͤnen Geschlecht anzunehmen: Daß er sich einbilden sollte: Die Heirath wuͤr- de fuͤr seine abscheulichen Vergehungen sowol gegen andre, als gegen die Clarissa, eine hin- laͤngliche Genugthung seyn. So ist auch, wie er in einem andern Werke gewiesen hat, weder ein schoͤnes Gesicht, noch eine wuͤrkliche Liebe zu seinem Gegenstande, noch das gute Herz ei- ner Gemalin, oder gar ihr Exempel, ein sich- rer Buͤrge, daß die Bekehrung dauerhaft seyn wird, wenn das Herz des Ehemannes nicht von dem Finger der goͤttlichen Gnade geruͤhret ist. Wenn man auf unsre Zeiten Achtung giebt, so wird man sehen, daß der Verfasser sich ei- nen grossen Endzweck vorgesetzet hat. Er hat es erlebt, daß man oft einen allgemeinen Zwei- fel an aller Warheit, und den Unglauben, oͤf- fentlich bekannt, und sich so gar bemuͤhet hat, ihn durch Schriften auszubreiten: Daß man die grossen Lehren des Evangelii zweifelhaft zu machen gesucht; Daß man die Pflichten der Selbstverleugnung und der Bezwingung sei- ner Luͤste aus dem Verzeichniß der ehristlichen Tugenden vertilget: Und daß endlich ein Ge- schmack an oͤffentlichen Lustbarkeiten und Schwel- gereien, der bis zu einer aͤrgerlichen Liederlich- keit gestiegen ist, und durch den fast alle sowol haͤusliche Tugenden, als auch diejenigen, die das Beste des gemeinen Wesens fordert, ver- draͤnget draͤnget sind, unter seinen Landesleuten von dem hoͤchsten Range bis zu dem niedrigsten Poͤbel mit Fleiß unterhalten worden. Bei dieser allgemeinen Verderbniß, da selbst die Canzeln ein grosses Theil ihres Gewichts verlohren haben, und die Geistlichkeit als ein Stand betrachtet wird, der aus lauter eigen- nuͤtzigen Leuten bestehet, glaubte der Verfasser es bei seinem eignen Herzen verantworten zu koͤnnen, wenn er, der Erfolg moͤchte seyn, wel- cher er wollte, zu der so noͤthigen Verbesserung der Sitten sein Schaͤrflein mit beitruͤge. Zu- gleich uͤberredete er sich, wenn es ihm in ei- nem Jahrhundert, welches der Lustbarkeit und dem Zeitvertreibe Preis gegeben ist, gluͤckte, sich gleichsam einzustehlen, und die wichtigen Leh- ren des Christenthums unter der Verkleidung eines Zeitvertreibers nach der Mode einzuschaͤr- fen, daß er vielleicht seine Absicht erreichen wuͤr- de. Er dachte dabei an die Worte des Dich- ters: Vielleicht ruͤhrt ein Gedicht den, der die Predigt scheuet, Daß er die Lust bezwingt, und ihn die Bosheit reuet. Demnach entschloß er sich, einen Weg zu be- treten, wo er keinen Vorgaͤnger hat. Die meisten Tragischen Dichter, dachte er, haben ihre Helden eben so selten zu wahren Gegenstaͤn- den des Mitleidens gemacht, als die Charack- tere der Comischen Dichter wuͤrdig sind, nach- Zusaͤtze zur Cl. Y geahmt geahmt zu werden: Und noth seltener lassen sie sie in ihrem Tode auf eine zukuͤnftige Hof- nung hinaussehen. Sie scheinen also, wenn sie sterben, gaͤnzlich zu vergehen, und da muß der Tod eine fuͤrchterliche Gestalt gewinnen, und als das groͤßeste Uebel betrachtet werden. Aber warum wird der Tod in ein so schreckliches Licht gesetzet, da er das gemeine Loos der Sterbli- chen ist? Freilich hat er es fuͤr schicklich gehalten, den Tod der Gottlosen so schrecklich abzubilden, wie er konnte. Hingegen aber bemuͤhet er sich, den Tod der Frommen so reizend und liebenswuͤr- dig abzumahlen, daß bei den gottlosesten Ge- muͤthern der Wunsch aufsteigen sollte, daß ihr Ausgang aus der Welt dem Ende unsrer Hel- din aͤhnlich seyn moͤchte. Und endlich was ist die poetische Gerech- tigkeit, wofuͤr einige so sehr streiten, wie sie von den meisten Dichtern gehandhabet wird, anders, als eine andre Art der goͤttlichen Haus- haltung, die von derjenigen ganz unterschieden ist, welche uns die Offenbahrung lehret: Daß GOtt nemlich fuͤr gut gefunden, die Menschen zu uͤben, und uns hier nur in einen Stand der Pruͤfung gesetzet hat, worin Gutes und Boͤses so untermengt ist, damit wir genoͤthiget wuͤr- den, nach einer gleichern Austheilung von bei- den, in die Zukunft hinauszuschauen? Der Verfasser der Geschichte, oder vielmehr der dramatischen Erzaͤhlung von der Clarissa, ist ist also durch den Lehrbegrif des Christlichen Glaubens hinlaͤnglich gerechtfertigt, daß er die leidende Tugend nicht eher herausreißet, bis sie ihre vollkommenste Belohnung erlangt. Allein wir haben nicht noͤthig u. s. w. Th. VII. S. 902. L. 10. statt der Wor- te: So weit Herr Addison, lies folgendes: Diese Materie ist noch weiter in einem Vrie- fe an den Zuschauer abgehandelt. Siehe den Zuschauer Th. VII. Num. 548. „Jch finde, sagt der Verfasser desselben, daß „Jhre Meinung uͤber das neuerfundne Kunst- „wort, die Poetische Gerechtigkeit, von ei- „nigen grossen Kunstrichtern bestritten wird. „Jch habe noch einige uͤbrige Gruͤnde aufge- „setzt, um Jhrer Meinung, mehr Staͤrke zu „geben, und mich bemuͤhet, den Grund der „Sache zu beruͤhren.” „Auch der vollkommenste Mensch hat noch „Laster genug, sich Strafen uͤber den Hals zu „ziehen, und die Vorsehung bei allem Elende, „was ihn befallen kann, außer Schuld zu „setzen. Daher kann ich mirs nicht anders „denken, als daß die Lehre und Moral viel fei- „ner seyn muß, wenn ein ziemlich tugendhaf- „ter Held in Noth geraͤth, und an dem Ende „eines Trauerspiels unter den Streichen des „Gluͤcks erlieget, als wenn er gluͤcklich vorge- Y 2 „stellet „stellet wird. Ein solches Beispiel bringt den „Stolz der menschlichen Natur zu rechte; es „erweichet das Gemuͤth des Zuschauers mit Er- „barmen und Mitleiden; es staͤrket ihn in seinen „eignen Drangsalen, und lehret ihn, daß man „die Tugend der Menschen nicht nach ihrem „Gluͤck abzumessen habe. Dieselbe Warnung giebt uns der gesegnete Heiland bei dem Ungluͤck der 18. Personen, die durch den Fall des Thurms zu Siloa er- schlagen wurden. Luc. XIII. 4. Jch kann mich „in dem ganzen Alterthum auf keinen Helden „besinnen, der so weit uͤber die menschlichen „Schwachheiten erhaben waͤre, daß man ihn „nicht in einer Tragoedie sehr warscheinlich in „Ungluͤck und Elend koͤnnte fallen lassen. Der „Dichter wird noch immer eine herrschende Lei- „denschaft oder Unbesonnenheit in seinem Cha- „rackter zu entdecken, und sie auf eine solche „Art zu zeigen wissen, welche die Vorsehung „von aller Ungerechtigkeit bei seinem Leiden „lossprechen wird. Denn wie Horaz bemer- „ket, Vitiis nemo sine nascitur: optimus ille, Qui minimis vrgetur. so ist der beste Mensch fehlerhaft, ob- „gleich nicht in einem so hohen Grade, wie die- „jenigen, die wir uͤberhaupt Lasterhafte „nennen.” ”Wenn eine solche Poetische Gerechtig- „keit, als einige Herren durchaus fordern, in „dieser Kunst beobachtet werden muß, so ist „keine „keine Ursache anzugeben, warum sie nicht bei „einem Heldengedicht eben so wol in Acht zu „nehmen sei, als in einem Trauerspiele. Gleich- „wol hat sie Homer so schlecht beobachtet, „daß sein Achill auf dem Gipfel der Ehre und „des Gluͤcks vorgestellet wird, obgleich sein Cha- „rackter moralisch lasterhaft, und wenn ich „mich mit unsern neuen Kunstrichtern ausdruͤ- „cken darf, nur poetisch gut ist. Die Ae- „neis ist voller Personen, die bei ihrer Unschuld „ungluͤcklich sind. Nisus und Euryalus, „Lausus und Pallas nehmen alle ein ungluͤck- „liches Ende. Der Dichter beobachtet so gar „eigentlich, daß bei der Zerstoͤrung von Troja „Ripheus, der der Gerechteste von allen Tro- „janern gewesen, gefallen sei: „ - Cadit \& Ripheus, iustissimus vnus „Qui fuit in Teucris, \& seruantissimus „aequi. „Diis aliter visum est. „Und daß Pantheus weder durch seine un- „gemeine Gottesfurcht, noch durch die heiligen „Kraͤnze des Apollo, dessen Priester er war, „erhalten werden koͤnnen: „- Nec te tua plurima, Pantheu „Labentem pietas, nec Apollinis infula „texit. „Jch koͤnnte hier noch die Gewonheit der al- „ten Griechischen und Lateinischen Dichter erweh- „nen: allein da Sie schon im obgemeldeten „Blatte dieselbe beruͤhret haben, so uͤbergehe Y 3 „ich „ich sie hier mit Stillschweigen. Jch koͤnnte „auch fuͤr meine Meinung etliche Stellen aus „dem Aristoteles anfuͤhren. Denn wenn er „an einem Ort saget, daß ein ganz tugendhaf- „ter Mann nicht als ganz ungluͤcklich vorge- „stellet werden soll, so entschuldiget dies noch „niemanden, der es gut findet, einen ganz voll- „kommen tugendhaften Held auf die Schau- „buͤhne zu bringen. Diejenigen, die Aristo- „teles Art zu schreiben kennen, wissen sehr wol, „daß er oftmals, um den ganzen Umfang sei- „nes Satzes in eine Zergliederung zu bringen, „auch eingebildete Faͤlle setzet, die in einem Ge- „dicht nicht zu brauchen sind.” „Jch schliesse mit der Anmerkung: Un- „geachtet das oberwehnte Stuͤck des Zuschauers „in so weit wider die poetische Gerechtigkeit „streitet, daß es behauptet: es koͤnnen auch „fromme Leute in einem Trauerspiele einen wi- „drigen Ausgang ihres Schicksals erfahren, sa- „get es dennoch nicht, daß die Boͤsen ungestraft „davon kommen sollen. Die Ursache hievon „ist sehr klar, nemlich, weil noch die besten „unter den Menschen, wie ich oben gesagt, Feh- „ler genug haben, die Vorsehung bei dem Un- „gluͤck, das sie befaͤllt, zu rechtfertigen; hin- „gegen viele Menschen, so strafbar sind, daß sie „auf keine Gluͤckseligkeit den geringsten schein- „baren Anspruch machen koͤnnen. Der beste „Mensch von der Welt kann noch immer Stra- „fe „fe verdienen, allein der aͤrgste Boͤsewicht ver- „dienet nicht, gluͤcklich zu seyn.” Herr Addison, wie wir oben gesehen, sagt: Aristoteles mache bei seiner Abhandlung uͤber beide Arten von Trauerspielen, die Anmerkung, daß diejenigen, die einen ungluͤcklichen Aus- gang haͤtten, allezeit den Beifall des Volks er- halten, und bei dem oͤffentlichen Wettstreit un- ter den Theatralischen Schriftstellern, vor de- nen, die sich gluͤcklich endigten, den Preis da- von getragen. Unsere unpartheiischen Leser u. s. w. Th. VII. S. 904. L. 5. nach den Worten: so vortheilhaft ist. Und wir bitten unsre Leser um Verzeihung, daß wir den Schluß, den wir daraus ziehen, noch einmal einschaͤrfen. Nemlich wenn die zeit- lichen Leiden der Frommen und Tugendhaften nach den Grundsaͤtzen der heidnischen Weltwei- sen erklaͤret und gerechtfertiget werden koͤnnen; so werden einem Christlichen Leser weit mehrere und unendlich staͤrkere Gruͤnde beifallen, dasje- nige, was man den ungluͤcklichen Ausgang nennet, aus der Betrachtung der Lehre von Zu- kuͤnftigen Belohnungen mit der Weisheit GOttes zu vereinigen. Und dies ist allenthal- ben in der Geschichte der Clarissa mit aller Staͤrke vorgestellet. Ein sinnreicher noch lebender Schriftsteller, (um nur ein Exempel zu geben) den sein Rang Y 4 so so sehr unterscheidet, als er sich noch vielmehr durch seine vortreffliche Vertheidigung der wich- tigsten Lehren des Christenthums beruͤhmt ge- macht, scheinet hievon in dem Schluß einer be- weglichen Trauer-Ode uͤberzeuget zu seyn, die erst kuͤrzlich bekannt geworden ist. Nachdem er darin den Verlust einer vortrefflichen Gattin, wie ein Mann, beweinet hatte, der (mit den Worten der Schrift zu reden) keine Hofnung hat, troͤstet er sich wieder folgender gestalt: „ Doch, o meine Seele! hemme dein „aufschwellendes Murren, und erkuͤhne „dich nicht, dem allweisen Regierer etwas „vorzuschreiben, oder gegen seinen hoͤch- „sten Rathschluß gottlose Klagen auszu- „schuͤtten! Daß deine Freuden, die nur „eben in voller Bluͤte standen, voͤllig ver- „welken sollten, war sein gerechter Wil- „le. Diesem Willen gehorche! „ „ Wie! Sollte deine zarte Liebe die „Gnade des Himmels gegen sie einschraͤn- „ken, und in diesen niedrigen Wohnungen „der Suͤnde und des Schmerzens, ihre „reine erhoͤhete Seele, ungerecht und „aus einem partheiischen Eigennutz zu- „ruͤck halten? Nein! ‒ ‒ Lieber bestrebe „dich, deinen kriechenden Geist zu iener „Flamme, die keine Wolke bedeckt, zu jenem „himmlischen Strahl eines ewigen Lichts „zu erheben, wo sie jetzt thronet, und mit- „leidig siehet, wie schwach, wie unsicher, „wie „wie klein die Gluͤckseligkeit aller Sterb- „lichen sei! „ Aber von unendlich groͤsserem Gewichte als alles, was bisher hievon angefuͤhret, sind die Worte des Assaphs: Psalm LXXIII. „Jch haͤtte schier gestrauchelt mit meinen Fuͤs- „sen, mein Tritt haͤtte beinahe geglitten. Denn „es verdroß mich auf die Ruhmraͤthigen, da „ich sahe, daß es den Gottlosen so wol gieng. „Denn sie stehen fest, wie ein Pallast. Sie sind „nicht im Ungluͤck, wie andere Leute, und werden „nicht wie andere Menschen geplagt. ‒ ‒ Jhre „Person bruͤstet sich, wie ein Wanst; sie haben „mehr, als ihr Herz wuͤnschen kann. ‒ ‒ Solls „denn umsonst seyn, daß ich meine Haͤnde in „Unschuld wasche? Und bin geplaget taͤglich? „und meine Strafe ist alle Morgen da? Jch „gedachte ihm nach, daß ichs begreifen moͤchte, „aber es war mir zu schwer. Bis daß ich gieng „in das Heiligthum GOttes, und merkte auf „ihr Ende. ‒ ‒ Du leitest mich, HErr, nach dei- „nem Rath, und nimmst mich endlich mit Eh- „ren an.„ Dies ist der Trost, womit sich der goͤttliche Dichter beruhigte. Soll denn der Mensch sich herausnehmen, den gemeinen Lauf der Natur zu veraͤndern, und, so weit er kann, die Ord- nung zu unterbrechen, woran die schwachen Sterblichen durchaus gebunden sind? Darf er sich einbilden, daß er eine bessere Haushaltung Y 5 anrich- anrichten kann, und seinen Tadel der goͤttlichen Regierung unter dem Namen der poetischen Gerechtigkeit verstecken? Man hat sich um so viel mehr Muͤhe gege- ben, den Einwuͤrfen, die von dem Begrif der poetischen Gerechtigkeit hergenommen sind, zu begegnen, da die Lehre, welche man darauf bauet, allgemein angenommen ist; und man gestehen muß, daß sie durch die Menschen- liebe und ein gutes Herz unterstuͤtzet zu wer- den scheinet. Dennoch aber ist der Verfasser u. s. w. Th. VII. S. 906. L. 7. nach den Wor- ten: belohnet werden koͤnnten. Es ist noch uͤbrig, daß wir, unserm Ver- sprechen gemaͤß, die uͤbrigen Einwuͤrfe, die uns bekannt geworden sind, beantworten. Man hat gesagt: Weil dies Werk eine Geschichte des menschlichen Lebens und der Sitten seyn sollte, so muͤßten billig die Characktere, die man zum Muster vorstellen wollen, so weni- gem Tadel unterworfen seyn, als es die Absicht des ganzen Werks, und die menschliche Natur nur immer zuliesse. Verschiedne haben die Heldin getadelt, als wenn sie zu kaltsinnig in ihrer Liebe, zu stolz, und zuweilen gar bitter sei. Allein wir koͤn- nen ohne Bedenken behaupten, daß dieser Ein- wurf von einem Mangel der Aufmerksamkeit auf die Geschichte, auf den Charackter der Cla- rissa, rissa, und ihre besondern Umstaͤnde herruͤhre, darin sie sich befand. Man hat sie gar nicht so vorstellen wollen, als wenn sie in Herrn Lovelace verliebt ge- wesen, sondern nur, daß sie ihn vor andern Mannspersonen leiden koͤnnen, wenn man dies, als ein von der Liebe unterschiednes Wort, annehmen will. Man glaubt es, eben um sie zum Muster vorzustellen, in der ganzen Ge- schichte allenthalben genug angedeutet zu haben, daß sie den Herrn Lovelace, wegen seines boͤ- sen Wandels nimmer geheirathet haben wuͤrde, wenn sie sich selbst uͤberlassen gewesen waͤre; und daß man ihren Untergang hauptsaͤchlich der Verfolgung ihrer Verwandten zuschreiben mußte. Was man nur gar zu gewoͤhnlich Liebe nennet, muß vielleicht eben so oft mit einem andern Namen genennet werden. So wie ei- nige Frauenspersonen, und zwar selbst vom Stande, sich bei ihrer so genannten Liebe be- wiesen haben, waͤren Geilheit und ein Ve- nerischer Trieb keine zu harte Namen, sie an de- ren Stelle zu setzen, so unangenehm sie auch zaͤrtlichen Ohren klingen moͤgen. Aber laßt uns das Wort Liebe in dem gelindesten und ehr- wuͤrdigsten Verstande nehmen, so werden es einige hoͤchst unwarscheinlich finden, daß Cla- rissa faͤhig gewesen waͤre, eine solche Herrschaft uͤber ihre Leidenschaften zu zeigen, als sie in ih- rem Charackter vorzuͤglich blicken laͤßt, wenn sie sie so heftig verliebt gewesen waͤre, wie gewisse feurige und heftige Personen sich einbilden. Jn diesen Zusaͤtzen hat man, am gehoͤrigen Orte, etliche Noten hinzugefuͤget, um diesen Ein- wuͤrfen zu begegnen, oder vielmehr die fluͤchti- gen Leser zu erinnern, auf welche Stellen sie am aufmerksamsten seyn sollten. Unsre Heldin kommt selber diesem Einwurf zuvor, indem sie der Fraͤulein Howe ihre veraͤchtliche Begeg- nung gegen Herrn Hickmann aufruͤcket. Es fehlet so viel, daß sie sich desselben Fehlers schul- dig gemacht haͤtte, daß sie es vielmehr bei al- len Gelegenheiten an ihrer Freundin tadelt, und da sie nicht mehr einen Tag zu leben hatte, noch erklaͤret, sie wuͤrde es thun, so oft diese sich selbst vergaͤsse. Siehe Th. VII. S. 134. „O meine liebe Freundin, sagt sie, waͤre mir „doch das Gluͤck zu Theil geworden, da es mir „nicht erlaubt war, ledig zu bleiben, daß ich an „einen Mann gerathen waͤre, gegen den ich „haͤtte edelmuͤthig und frei handeln koͤnnen!” „Herr Lovelace tadelte meine Auffuͤhrung „gegen ihn, als ein steifes und fremdes Be- „zeigen; in der Absicht, wie nun am Tage „liegt, damit er einen Vorwand gegen mich „haben moͤchte. Sie glaubten einmal, daß „ich mich einer gewissen Art der Sproͤdigkeit „schuldig machte. Unter bedenklichen Um- „staͤnden, bei welchen oft die Gelegenheiten zu „unguͤtigen Urtheilen unvermeidlich sind, sollte „man „man einer jeden Person etwas zu gute hal- „ten. Jch verdiente keinen Vorwurf von „ dem, der meine Umstaͤnde bedenklich mach- „te: und Sie, meine wertheste, sollten gefun- „den haben, wenn ich mit einem andern Man- „ne zu thun gehabt, oder er nur halb die gu- „ten Eigenschaften besessen haͤtte, die Herr „ Hickmann besitzet, daß meine Werke sich in „diesem Stuͤck nach meinen Lehrsaͤtzen gerich- „tet haben wuͤrde.” Man lese den ganzen Brief, wie auch den Brief des Herrn Lovela- ce Th. VII. Num. III. wo er kurz vor ihrem Tode ihre Auffuͤhrung in diesem Stuͤck von al- lem Tadel frei spricht. Einige wuͤrdige und sinnreiche Personen ha- ben gemeinet, daß, wenn Lovelace als ein Unglaͤubiger, oder als ein Religions-Spoͤtter vorgestellet waͤre, sein Charackter, nach dem Geschmack unsrer mehr als Sceptischen Zeiten natuͤrlicher gewesen seyn wuͤrde. Doch es ist nur gar zu bekannt, wie viele Leute es von diesem Schlage giebt, deren Handlungen mit ihrem Glauben nicht uͤbereinstimmen. Und sagt nicht die heilige Schrift selbst von den Teufeln, daß sie glauben und zittern? Wiewol der Leser hat auch warnehmen muͤssen, daß man durch das ganze Werk einen starken, und, wie wir hoffen, guten Gebrauch davon gemacht hat, daß Herr Lovelace als ein Un- glaͤubiger bloß in seinem Wandel geschildert ist. Und dies so wol in den Gruͤnden seines Freun- Freundes Belfords, als in den Vorwuͤrfen, die ihm sein eigen Gewissen zuweilen auf kurze Zeit macht, und in seinen letzten Auftritten; welches nicht haͤtte geschehen koͤnnen, wenn man einen von ihnen als einen Menschen, der zu sei- nem Unglauben Gruͤnde zu haben denket, ab- mahlen wollen. Zu geschweigen, daß Claris- sa, deren groͤssester Anstoß an der Person des Herrn Wyerley daher ruͤhrete, daß er ein Spoͤtter war, ganz und gar nicht zu entschul- digen gewesen waͤre, wenn sie den Herrn Lo- velace auch dafuͤr erkannt, und seinen Antrag der geringsten Aufmerksamkeit gewuͤrdiget haͤt- te. Sie troͤstet sich im Gegentheil, so oft sie denket, daß sie noch die Seinige werden wird, folgender Gestalt: Siehe Th. IV. S. 387. 388. „Noch bleibt mir der ei- „nige Trost, er ist kein Unglaͤubiger und Frei- „geist; waͤre er ein Unglaͤubiger, so haͤtte man „keine Hofnung mehr fuͤr ihn, sondern (wie er „auf seine Erfindung stolz seyn wuͤrde) er waͤre „ganz und gar verfallen, nicht zu bekehren, und „verwildert.” Man muß auch noch anmer- ken, daß Religions-Spoͤtter in ihren eignen Gedanken zu witzig sind, oder, mit andern Wor- ten, sich auf ihre Bosheit zu viel einbilden, als daß sie trachten sollten, sie zu verbergen. Haͤtte uͤberdem Herr Lovelace bei seiner uͤ- brigen freien Lebensart auch noch den Fehler ge- habt, einen unflaͤtigen Scherz mit der Reli- gion zu treiben, so wuͤrden die Freiheiten zwi- schen schen ihm und seinem Freunde von einer wuͤrk- lich hoͤllischen Natur gewesen seyn. Auch hat man dies als eine Folge zu verstehen geben wol- len, daß ein Mensch, der sich entweder in Wor- ten oder Handlungen Freiheiten verstattet, de- ren sich Herr Lovelace schaͤmte, um viel aͤr- ger ist, als Lovelace. Daher haͤlt er selbst allenthalben, einen Scherz mit heiligen Dingen zu treiben, wenn es auch Heiden mit ihren Goͤt- tern thaͤten, fuͤr ein ungezweifeltes Kennzeichen einer uͤbeln Erziehung; unflaͤtige Bilder und Reden, fuͤr Freiheiten, die zu schaͤndlich waͤren, als daß selbst Boͤsewichter sich dieselben erlau- ben sollten; und eine Ungerechtigkeit gegen sei- ne Glaͤubiger, oder in Sachen, die das Mein und Dein betreffen, als Verbrechen, die weit unter ihm waͤren, sich derselben schuldig zu machen. Einige haben gegen die Sanftmuth, oder wie sie es nennen, gegen die Feigheit in dem Charackter des Herrn Hickmanns etwas ein- zuwenden. Und doch gestehet Herr Lovela- ce, daß er in der Unterredung, so er mit ihm hielt, sehr hitzig gegen ihn aufgefahren sei, da er glaubte, daß man nur versteckter Weise et- was zum Nachtheil der Fraͤulein Howe sa- gen wollte; Siehe Th. VI. S. 418. 419. Nicht weniger bald darauf, da er sich einbildete, daß man ihm veraͤchtlich begegnete. Siehe Th. VI. S. 424. Man muß bekennen, daß Fraͤulein Fraͤulein Howe, welches ihr eben zu keiner sonderlichen Ehre gereichet, ihn bei verschiede- nen Gelegenheiten laͤcherlich macht. Aber das thut sie ihre Mutter auch. Und vielleicht wuͤrde eine Fraͤulein von ihrem lebhaften Wesen, einem jeden Mann so wunderlich begegnet haben, aus- ser einem Lovelace. Herr Belford spricht von Hickmann mit Ehre und Hochachtung. Siehe Th. VI. S. 531. 532. 533. Herr Obrist Morden desgleichen, Siehe Th. VII. S. 753. und Clarissa bei jeder Gelegenheit. Ja alles, was Fraͤulein Howe selber von ihm sagt, gereicht mehr zu seiner Ehre, als Verachtung, Siehe Th. II. S. 5 - 13. und Th. III. S. 308. wie ihr Clarissa zu Gemuͤthe fuͤhret. Siehe Th. II. S. 81. 82. Des Herrn Lovelace Betragen gegen ihn betreffend, wird der Leser wahrgenommen ha- ben, daß es seine Art war, jederman mit Ver- achtung zu begegnen, theils um sich selbst zu zu erheben, theils seinem aufgeweckten und lu- stigen Wesen, das ihm natuͤrlich war, nachzu- haͤngen. Er sagt selbst zu Belford: Siehe Th. VI. S. 401. „Du „weißt, Bruder, ich bin ihm nicht gut; und „wem wir nicht gut sind, dem koͤnnen wir nichts „vorzuͤgliches zugestehen: vielleicht nicht einmal „den Vorzug, der ihm billig sollte zugestanden „werden.” „Bescheidene Leute, die sich selbst „nicht zu viel trauen, schreibt Herr Belford an „an Lovelace, zum Lobe des Herrn Hick- „manns, legen nicht leicht das umstaͤndliche „Wesen in Kleinigkeiten ab, woruͤber dreiste „Leute, wo sie es ja an sich haben, im Augen- „blick weggehen.” Aber so wie Fraͤulein Howe eben so frei mit ihrer Mutter, als mit ihrem Liebhaber umge- het, so nimmt sich Herr Lovelace viel groͤße- re Freiheiten mit dem Herrn Belford, als mit dem Herrn Hickmann, in Absicht auf seine Person, Anstand und Manieren, wie Herr Belford Hickmannen selber zu verstehen giebt. Siehe Th. VII. S. 666. 667. Und doch glaubt man ihm, zum Nachtheil des Herrn Belfords, wenigstens fast alles Frauenzimmer, nicht so, als wenn er den Herrn Hickmann zu nachtheilig beschreibt. Woher mag diese Partheilichkeit ruͤhren? Herr Belford ist ein Boͤsewicht gewe- sen; aber er war auf dem Wege sich zu bekehren. Herr Hickmann ist allezeit ein guter Mann gewesen. Und Herr Lovelace sagt mit grosser Zu- versicht: Siehe Th. V. S. 327. Den Maͤdgen gefaͤllt eine Liebe gegen ihr Geschlecht, die sich auf die Kenntniß desselben gruͤndet. Dem ungeachtet muͤssen wir gestehen, daß man sich nicht vorgesetzet hat, den Herrn Hick- mann Zusaͤtze zur Cl. Z mann als einen Mann zu schildern, den die Schoͤnen uͤberhaupt warscheinlicher Weise lie- ben werden. Wenn dies waͤre, so wuͤrde die Guͤte des Herzens, die Hoͤflichkeit in den Manieren, eine große Bestaͤndigkeit in sei- nen Aufwartungen, und eine unverletzte bescheidne Liebe nicht als Eigenschaften an- gesehen seyn, die allein hinlaͤnglich waͤren, ihn dem schoͤnen Geschlecht zu empfehlen. Man haͤtte ihm nicht das geringste von seiner Sorg- falt in Kleinigkeiten, und im Ceremoniel ge- geben, ob man gleich diese Maͤngel leicht seiner Ehrerbietung vor dem Gegenstande seiner Liebe zuschreiben koͤnnen. Aber man hatte die Absicht, an seinem Charackter zu zeigen, daß ein Mann nicht alles seyn koͤnnte; und dem schoͤnen Ge- schlecht einen Wink zu geben, daß sie bei der Wahl eines Gesellschafters auf Zeitlebens, lie- ber das redliche Herz eines Hickmanns vorzie- hen sollten, welchen sie ganz zu eigen haben wuͤr- den; als daß sie die Gefahr liefen, das fluͤch- tige gefaͤhrliche Herz eines Lovelace vielleicht mit ganzen Dutzenden, und warscheinlicher Wei- se, wenigstens mit einigen der liederlichsten Per- sonen ihres Geschlechts zu theilen. Kurz, daß sie, wenn ihre Wuͤnsche auf eine dauerhafte Gluͤckseeligkeit gehen, mehr nach einem tugend- haften Gemuͤth, als nach dem Ansehen der Per- son oder seiner Geschicklichkeit waͤhlen, und Be- denken tragen sollten, einen guten Mann, aus einer Partheilichkeit gegen einen schlimmen, zum Besten Besten zu haben, der sie und ihr ganzes Ge- schlecht vielleicht wieder zum Besten haben wird. Man hat indessen aus Gefaͤlligkeit in diese Zusaͤtze zween Briefe eingeruͤckt, die vielleicht des Herrn Hickmanns Charackter bei den Schoͤ- nen erhoͤhen werden, welche bei einer Manns- person. Muth fordern, und lieber dadurch lei- den, als ihn entbehren wollen. ‒ ‒ Ein kuͤhner Geist gefaͤllt den Schoͤnen, Die die Natur uns zu gehorchen schuf. sagt Waller, und Herr Lovelace mit ihm. Einige haben gewuͤnscht, daß die Geschichte in der Art zu erzaͤhlen, die bei dergleichen zum Vergnuͤgen und Zeitvertreibe erdichteten Histo- rien gewoͤhnlich ist, und nicht in Briefen von den Personen selbst, deren Begebenheiten man beschreibt, geschrieben seyn moͤchte. Obgleich der Verfasser weiß, daß er dem Ge- schmack andrer nicht vorschreiben darf, so glau- bet er doch, daß er die Freiheit hat, seinem eig- nen zu folgen. Vielleicht trauete er seiner Ge- schicklichkeit in der erzaͤhlenden Schreibart nicht so viel. Zudem hatte er das Gluͤck gehabt, schon vorher in einer in Briefen verfaßten Geschich- te zu gefallen. Eine Geschichte, dachte er, wo- rin so viele Leute von verschiednen Charackteren und mannigfaltigen Umstaͤnden, entweder als Haupt- oder Neben-Personen verwickelt sind; die in einer Reihe von Briefen verschiedner Personen fortgehet, ohne Ausschweifungen und Episoden, die mit dem Haupt-Endzweck keine Z 2 Ver- Verbindung haben, einzustreuen, wuͤrde selbst um ihrer Neuigkeit willen, vornemlich in den jetzigen Zeiten, da man das Neue liebet, gut aufgenommen werden. Doch ungeachtet wir uns bereits oben und in der Vorrede hieruͤber weitlaͤuftiger erklaͤret haben, so wird doch das folgende Urtheil eines sinnreichen Auslaͤnders, das er mit grosser Auf- richtigkeit uͤber diese Art Schriften faͤllet, hier eine Stelle verdienen. „Der Verfasser hat bei der Geschichte der „ Clarissa eben den Weg gewaͤhlet, den er in „dem Leben der Pamela betreten. Beide wer- „den von den Personen, welche die Geschichte „angehet, in vertraulichen Briefen erzaͤhlet, die „zu derselben Zeit geschrieben sind, da die Be- „gebenheiten geschahen. Dies gab dem Ver- „fasser grosse Vortheile, die ihm keine andre „Art der Erzaͤhlung verschaffen konnte. Die „kleinsten besondern Umstaͤnde; die Empfin- „dungen der Personen; und ihre Unterredungen „werden nach diesem Plan, mit aller der Hitze „und dem Geist mitgetheilet, welche ein Affeckt, „den man sich zu der Zeit bei den Verfassern „der Briefe, als sehr stark, denken muß, erre- „gen konnte; und mit den eignen Zuͤgen bezeich- „net, die das Gedaͤchtniß bei einer ganz kuͤrz- „lich geschehenen Begebenheit an die Hand ge- „ben kann.” „Romanen uͤberhaupt, und besonders des „Herrn von Marivaux seine, verlieren gaͤnz- „lich „lich ihre Warscheinlichkeit, weil sie voraus- „setzen, daß die Historie nach einer Reihe von „Begebenheiten geschrieben ist, da sie schon ih- „ren Ausgang erreichet hatte. Denn dies ist „ein Umstand, der bei den Personen, die sie er- „lebet haben, eine Staͤrke des Gedaͤchtnisses er- „fordert, die ihres gleichen nicht hat, und alle „Warscheinlichkeit uͤbersteiget, weil es dieselben „in den Stand setzen muß, nach einer Zeit von „Jahren, bei einer kurzen Unterredung nicht „einen kleinen Umstand vorbei zu lassen. Oder „es setzet auch eine noch unwarscheinlichere Ver- „traulichkeit zwischen allen diesen Personen und „dem Verfasser voraus.” „Jndessen bleibt bei einer Geschichte, die in „Briefen erzaͤhlet wird, eine Schwierigkeit. „Es ist nemlich nothwendig, sich bei allen Cha- „rackteren einen ungemeinen Geschmack am „Briefschreiben zu gedenken, und sich vorzu- „stellen, daß sie keinen Umstand, keine merk- „wuͤrdige Unterredung vorbeigehen lassen, ohne „es unmittelbar niederzuschreiben. Allein was „die Aufbewahrung der Briefe betrift, die ein- „mal geschrieben sind, dafuͤr hat der Autor „mit grosser Scharfsinnigkeit gesorget, diesen „Umstand hoͤchst warscheinlich zu machen.” Diese Stelle ist aus einer Critick der Ge- schichte der Clarissa uͤbersetzet, welche im Franzoͤsischen geschrieben, und zu Amster- dam herausgekommen ist. Die ganze Critick hat Z 3 Wir Wir nehmen uns die Freiheit zu behaupten, daß das, was unser Kunstrichter von den Schwie- rigkeiten sagt, welche bei einer Geschichte, die in Briefen erzaͤhlet wird, anzutreffen waͤre, unsre Geschichte nicht treffen wird. Man hat sehr gu- te Ursachen davon angegeben, wie die beiden Schoͤnen, welche die Hauptpersonen ausmachen, dazu gekommen sind, ein so grosses Vergnuͤgen am Briefschreiben zu finden. Die Vorwuͤrfe, woruͤber sie schreiben, sind kein blosser Zeitver- treib, sondern vielmehr fuͤr beide sehr wichtig. Doch giebt es verschiedene Damen, die, wenn sie von einander entfernet leben, einen loͤblichen Briefwechsel uͤber Dinge unterhalten, die ihre gegenseitige Wolfarth und Freundschaft viel weniger angehen, als die, woruͤber diese bei- den Fraͤulein schreiben. Die beiden vornehm- sten Mannspersonen in dieser Geschichte trieb ihr aufgeraͤumtes Wesen, und ihre eitle Ehrbe- gierde dazu an. Man wird uͤberhaupt finden, daß Leute, welche die Gabe haben, vertrau- liche Briefe zu schreiben, die man diesen Cor- hat man im Englischen ins Gentleman’s Ma- gazine in die Monate Junius und August vom 1749. Jahre eingeruͤckt. Der Verfas- ser hat darin von diesem Werke sehr vortheil- haft geurtheilet. Weil man in gedachter Mo- nats-Schrift die Critick mit Anmerkungen begleitet hat, worin man auf verschiedne Ein- wuͤrfe dieses redlichen Auslaͤnders antwortet, die er gegen einige Stellen der Clarissa macht, so will man den Leser dahin verweisen. Correspondenten beilegt, ihre Feder bei Gele- genheiten von geringerer Wichtigkeit beschaͤfti- gen werden. Diese Viere, deren Geschichte mit einander verbunden ist, thun sich unter der grossen Menge Characktere, welche damit ver- wickelt sind, besonders in der Gabe, Briefe zu schreiben, hervor. Die uͤbrigen schreiben nur bei Gelegenheit, und sind, wegen der Verhaͤltnisse, worin sie mit den vier Hauptpersonen stehen, mehr aus Noth als aus Wahl hineinge- bracht. Wider die Weitlaͤuftigkeit u. s. w. Th. VII. S. 907. gegen das Ende, nach den Worten: wirksam gemacht wird. Andre sind wiederum, und unter denselben einige von dem schoͤnen Geschlecht, welche wol- len, daß man die vortreflichen Eigenschaften der Heldin dieser Geschichte so groß vorgestel- let, daß sie alle Warscheinlichkeit verloͤhren, und uͤber die Nachahmung erhaben waͤren. Al- lein man muß bedenken, wie die Erziehung der Clarissa von ihrer ersten Kindheit an, ihr zu einem sehr grossen Vortheil gereichet, so wie sie zu ihren vortreflichen Vorzuͤgen den Grund legte: Und man hoffet, daß man dieses, um der Lehre willen, welche man dadurch einzuschaͤr- fen gedacht, erwegen wird. Sie hatte eine gottesfuͤrchtige, wol belesene Person, die von keiner niedrigen Geburt war, Z 4 zur zur Amme, welche ihr, wie Frau Harlowe sagt, Siehe Th. IV. S. 52. das mit der Milch einfloͤßte, was ihr keine andre haͤtte einfloͤssen koͤnnen. Sie war sehr fruͤhe so gluͤcklich, mit ihrem ge- lehrten und wuͤrdigen Doctor Lewen, und mit andern Geistlichen, deren sie in ihrem Te- stament erwehnet, nicht nur einen Umgang zu haben, sondern auch einen Briefwechsel zu unter- halten. Jhre Mutter war, uͤberhaupt genom- men, eine gute Frau, die ihrer Geburt und Vermoͤgen Ehre machte. Und beide Aeltern vergnuͤgten sich an ihrem Fortgang, und Wachs- thum in den Vollkommenheiten, die ihr, und durch sie ihnen, eine solche besondre Achtung zuwege brachte, daß man Ursache hatte zu sagen: Die Familie wuͤrde, nun sie davon getren- net waͤre, nichts mehr, als eine gemeine Fa- milie seyn. Siehe Th. VII. S. 76. Sie war uͤberdem eine Fraͤu- lein vom Lande, und fand, wie wir in der Fraͤu- lein Howe Abschilderung gesehen haben, Siehe Th. VII. S. 811. 812. in der Land-Wirthschaft und haͤuslichen Verrich- tungen ein grosses Vergnuͤgen, ob sie gleich so grosse Eigenschaften besaß, der ansehnlichsten Gesellschaft eine Zierde zu geben. Das muͤssen wir freilich gestehen, daß man keine Clarissen unter denen suchen muß, wel- che sich bestaͤndig in Ranelagh und Vauxhall finden lassen, oder unter denen, welche man Bei- sitze- sitzerinnen des Spieltisches nennen koͤnnte. Thun wir dieses, so kann man man mit Recht den Charackter unsrer Heldin nicht nur fuͤr un- warscheinlich, sondern auch fuͤr unnachahmlich halten. Doch wir haben jetzt weder Raum noch Lust, einen so verhaßten Vorwurf zu ver- folgen. Wir lassen ihn also, nach der wieder- holten Erklaͤrung, fahren, daß wir es zuverlaͤßig wissen; Es sind, und zwar in den Brittischen Staaten (oder man moͤchte sie sonst schwerlich in ganz Europa finden) einige, und wie wir hoffen, noch mehrere, als wir kennen, wel- che bei den Gelegenheiten, wo es darauf ankam, eine aͤhnliche Demuth und Bescheidenheit, und doch eine standhafte und brauchbare Tugend zu zeigen, die Vollkommenheiten einer Clarissa erreichet haben. Nachdem wir solchergestalt kuͤrzlich die vor- nehmsten Einwuͤrfe beruͤhret, die gegen verschie- dene Theile dieser Geschichte gemacht worden, so wird man uns hoffentlich erlauben, dies hin- zuzusetzen: Wenn wir geglaubt haͤtten, es stuͤnde uns frei, von so vielen Briefen Abschriften mitzu- theilen, die von der andern Seite den Ausgang der Geschichte, und die ganze Ausfuͤhrung des Werks billigen, und von den beruͤhmtesten Ken- nern aller Arten von Schriften in den schoͤnen Wissenschaften geschrieben sind; so haͤtten wir vieles, was in diesem Anhange beigebracht ist, weglassen koͤnnen. Z 5 Den Den Haupt-Anstoß haben die mehresten an der Laͤnge des Werks gefunden. Wir wollen daher demjenigen, was wir zu unsrer Verthei- digung hieruͤber gesagt haben, noch die Worte eines unsrer Correspondenten hinzufuͤgen: Wenn in der Geschichte u. s. w. Ende der Zusaͤtze zur Geschichte der Clarissa.