Zwischen Himmel und Erde. Erzählung von Otto Ludwig aus Eisfeld. Frankfurt a./M. Verlag von Meidinger Sohn und Comp. 1856. Seinem Freunde Berthold Auerbach der Verfasser. D as Gärtchen liegt zwischen dem Wohnhause und dem Schieferschuppen; wer von dem einen zum andern geht, muß daran vorbei. Vom Wohnhaus zum Schup¬ pen gehend hat man's zur linken Seite; zur rechten sieht matt dann ein Stück Hofraum mit Holzremise und Stallung, vom Nachbarhause durch einen Latten¬ zaun getrennt. Das Wohnhaus öffnet jeden Morgen zweimal sechs grünangestrichene Fensterladen nach einer der lebhaftesten Straßen der Stadt, der Schuppen ein großes graues Thor nach einer Nebengasse; die Rosen an den baumartig hochgezogenen Büschen des Gärt¬ chens können in das Gäßchen hinausschauen, das den Vermittler macht zwischen den beiden größern Schwe¬ stern. Jenseits des Gäßchens steht ein hohes Haus, das vornehm abgeschlossen, das enge keines Blickes würdigt. Es hat nur für das Treiben der Hauptstraße offene Augen und sieht man die geschlossenen nach dem Gäßchen zu genauer an, so findet man bald die Ursache ihres ewigen Schlafes; sie sind nur Scheinwerk, nur auf die äußere Wand gemalt. Ludwig , Zwischen Himmel und Erde. 1 Das Wohnhaus, das zu dem Gärtchen gehört, sieht nicht nach allen Seiten so geschmückt aus, als nach der Hauptstraße hin. Hier sticht eine blaß rosen¬ farbene Tünche nicht zu grell von den grünen Fenster¬ laden und dem blauen Schieferdache ab; nach dem Gäßchen zu, die Wetterseite des Hauses erscheint von Kopf zu Fuß mit Schiefer geharnischt; mit der andern Gie¬ belwand schließt es sich an die Häuserreihe, deren Beginn oder Ende es bildet, unmittelbar an; nach hinten aber gibt es einen Beleg zu dem Sprichwort, daß Alles seine schwache Seite habe. Hier ist dem Hause eine Emporlaube angebaut, einer halben Dornenkrone nicht unähnlich. Von roh behauenen Holzstämmen gestüzt, zieht sie sich längs des obern Stockes hin und erwei¬ tert sich nach links in ein kleines Zimmer. Dahin führt kein unmittelbarer Durchgang aus dem obern Stock des Hauses. Wer von da nach der „Gangkammer“ will, muß aus der hintern Hausthüre heraus und an der Wand hin wohl sechs Schritt an der Hundehütte vorbei bis zu der hölzernen, hühnersteigartigen Treppe, dann, ist er diese hinaufgestiegen, die ganze Länge der Emporlaube nach links wandeln. Der letzte Theil der Reise wird freilich aufgeheitert durch den Blick in das Gärtchen hinab. Wenigstens im Sommer. Und vor¬ ausgesetzt, die der Länge des Ganges nach doppelt aufgezogene Leine ist nicht durchaus mit Wäsche behängt. Denn im Winter schließen sich die Laden, die man im Frühjahre wieder abnimmt, mit der Barriere zu einer undurchdringlichen Bretterwand zusammen, deren licht¬ einlassende Lucken über dem Bereiche, den eine gewöhn¬ liche Menschenlänge beherrscht, angebracht erscheinen. Ist die Zier der Baulichkeiten nicht überall die gleiche und stechen Emporlaube, Stall und Schuppen bedeutend gegen das Wohnhaus ab, so vermißt man doch nirgends, was noch mehr ziert als Schönheit der Gestalt und glänzender Putz. Die äußerste Sauberkeit lächelt dem Beschauer aus dem verstecktesten Winkel entgegen. Im Gärtchen ist sie fast zu ängstlich, um lächeln zu können. Das Gärtchen scheint nicht mit Hacke und Besen gereinigt, sondern gebürstet. Dazu haben die kleinen Beetchen, die so scharf von dem gel¬ ben Kies der Wege abstechen, das Anseh'n, als wären sie nicht mit der Schnur, als wären sie mit Lineal und Zirkel auf den Boden hingezeichnet, die Buchsbaumein¬ fassung, als würde sie von Tag zu Tag von dem accuratesten Barbier der Stadt mit Kamm und Scheer¬ messer bedient. Und doch ist der blaue Rock, den man täglich zweimal in das Gärtchen treten seh'n kann, wenn man auf der Emporlaube steht, und zwar einen Tag wie den andern zu derselben Minute, noch sau¬ berer gehalten als das Gärtchen. Der weiße Schurz darüber glänzt, verläßt der alte Herr nach mannigfa¬ cher Arbeit das Gärtchen wieder — und das geschieht täglich so pünktlich um dieselbe Zeit wie sein Kommen 1* — in so untadelhafter Weiße, daß eigentlich nicht ein¬ zusehen ist, wozu der alte Herr ihn umgenommen hat. Geht er zwischen den hochstämmigen Rosen hin, die sich die Haltung des alten Herrn zum Muster genommen zu haben scheinen, so ist ein Schritt wie der andre, keiner greift weiter aus oder fällt aus der Gleichmäßig¬ keit des Taktes. Betrachtet man ihn genauer, wenn er so inmitten seiner Schöpfung steht, so sieht man, daß er äußerlich nur das nachgethan, wozu die Natur in ihm selber das Muster geschaffen. Die Regelmäßig¬ keit der einzelnen Theile seiner hohen Gestalt scheint so ängstlich abgezirkelt worden zu sein, wie die der Beete des Gärtchens. Als sie ihn bildete, mußte ihr Antlitz denselben Ausdruck von Gewissenhaftigkeit ge¬ tragen haben, den das Gesicht des alten Herrn zeigt und der in seiner Stärke als Eigensinn erscheinen mußte, war ihm nicht ein Zug von liebender Milde beigemischt, ja fast von Schwärmerei. Und noch jetzt scheint sie mit derselben Sorgfalt über ihm zu wachen, mit der sein Auge sein kleines Gärtchen übersieht. Sein hinten kurz geschnittenes und über der Stirn zu einer soge¬ nannten Schraube zierlich gedrehtes Haar ist von der¬ selben untadelhaften Weiße, die Halstuch, Weste, Kra¬ gen und der Schurz vor dem zugeknöpften Rocke zeigen. Hier in seinem Gärtchen vollendet er das geschlossene Bild desselben; außerhalb seines Hauses muß sein An¬ sehen und Wesen etwas Fremdartiges haben. Pflaster¬ treter hören unwillkührlich auf zu plaudern, die Kinder auf der Straße zu spielen, kommt der alte Herr Net¬ tenmair daher gestiegen, das silberknöpfige Rohr in der rechten Hand. Sein Hut hat noch die spitze Höhe, sein blauer Ueberrock zeigt noch den schmalen Kragen und die bauschigen Schultern einer lang vorübergegan¬ genen Mode. Das sind Haken genug, schlechte Witze daran zu hängen, dennoch geschieht dies nicht. Es ist, als ginge ein unsichtbares Etwas mit der stattlichen Gestalt, das leichtfertige Gedanken nicht aufkommen ließe. Wenn die älteren Einwohner der Stadt, begegnet ihnen der Herr Nettenmair , eine Pause in ihrem Gespräche machen, um ihn respektvoll zu grüßen, so ist es jenes magische Etwas nicht allein, was diese Wir¬ kung thut. Sie wissen, was sie in dem alten Herrn achten; ist er vorüber, folgen ihm die Augen der noch immer Schweigenden, bis er um eine Straßenecke ver¬ schwindet; dann hebt sich wohl eine Hand bis zur Höhe von ihres Besitzers seitwärts geneigtem Antlitz und ein aufgereckter Zeigefinger erzählt beredter, als es der Mund vermöchte, von einem langen Leben mit allen Bürgertugenden geschmückt und nicht durch einen ein¬ zigen Fehl geschändet. Eine Anerkennung, die noch an Gewicht gewinnt, weiß man, wie viel schärfer einem nach Außen abgeschlossenen Dasein nachgerechnet wird. Und ein solches führt Herr Nettenmair . Man sieht ihn nie an einem öffentlichen Orte, es müßte denn sein, daß etwas Gemeinnütziges zu berathen oder in Gang zu bringen wäre. Die Erholung, die er sich gönnt, sucht er in seinem Gärtchen. Sonst sitzt er hinter seinen Geschäftsbüchern oder beaufsichtigt im Schuppen das Ab- und Aufladen des Schiefers, den er aus eigener Grube gewinnt und weit in's Land und über dessen Grenzen hinaus vertreibt. Eine ver¬ wittwete Schwägerin besorgt sein Hauswesen und ihre Söhne das Schieferdeckergeschäft, das mit dem Handel verbunden ist und an Umfang diesem wenig nachgibt. Es ist der Geist des Oheims, der Geist der Ordnung, der Gewissenhaftigkeit bis zum Eigensinn, der auf den Neffen ruht und ihnen das Zutrauen erwirbt und er¬ hält, das sie von weit umher beruft, wo die Deckung eines neuen Gebäudes oder eine umfassendere Repa¬ ratur an einem alten der Hülfe des Schieferdeckers bedarf. Es ist ein eigenes Zusammenleben in dem Hause mit den grünen Fensterladen. Die Schwägerin, eine noch immer schöne Frau, wenig jünger als der Haus¬ herr, behandelt diesen mit einer Art stiller Verehrung, ja Andacht. Ebenso die Söhne. Der alte Herr da¬ gegen beweist der Schwägerin eine achtungsvolle Rück¬ sicht, eine Art Ritterlichkeit, die in ihrer ernsten Zurück¬ haltung etwas Rührendes hat, den Neffen die Zunei¬ gung eines Vaters. Doch steht auch hier etwas zwischen beiden Theilen, das dem ganzen Verkehr etwas rücksichtsvoll Förmliches beimischt. Das liegt wohl zum Theile in der schweigsamen Geschlossenheit des alten Herrn, die sich den übrigen Familiengliedern mit¬ getheilt hat, wie denn alle seine Eigenthümlichkeiten bis auf die unbedeutendsten Einzelnheiten, so in körper¬ licher Haltung und Bewegung, wie in Urtheil und Liebhaberei auf sie übergegangen erscheinen. Wird in dem Familienkreise weniger gesprochen, so scheint ein Aussprechen von Wünschen und Meinungen des Einen überflüssig, wo der Andere mit so sicherm Instinkt zu errathen weiß. Und wie soll das schwer sein, wo alle eigentlich ein und dasselbe Leben leben? Es ist ein eigenes Zusammenleben in dem Hause mit den grünen Fensterladen. Die Nachbarn wundern sich, daß der Herr Nettenmair die Schwägerin nicht geheirathet. Es ist nun dreißig Jahre her, daß ihr Mann, Herr Nettenmair's älterer Bruder, bei einer Reparatur am Kirchendache zu Sankt Georg verunglückte. Damals glaubte man allgemein, er werde des Bruders Wittwe heirathen. Sein damals noch lebender Vater wünschte das sogar und der Sohn selbst schien nicht abgeneigt. Man weiß nicht, was ihn abhielt. Aber es geschah nicht, wennschon Herr Nettenmair sich des Familien¬ wesens seines Bruders und der Kinder desselben väter¬ lich annahm, auch sich sonst nicht verheirathete, soviel gute Parthien sich ihm auch anboten. Damals schon begann das eigene Zusammenleben. Es ist natürlich, daß die guten Leute sich wundern; sie wissen nicht, was damals in vier Seelen vorging; und wüßten sie's, sie wunderten sich vielleicht nur noch mehr. Nicht immer wohnte die Sonntagsruhe hier, die j etzt selbst über die angestrengteste Geschäftigkeit der Be¬ wohner des Hauses mit dem Gärtchen ihre Schwingen breitet. Es ging eine Zeit darüber hin, wo bittrer Schmerz über gestohlenes Glück, wilde Wünsche seine Bewohner entzweiten, wo selbst drohender Mord seinen Schatten vor sich her warf in das Haus; wo Ver¬ zweiflung über selbstgeschaffenes Elend händeringend in stiller Nacht an der Hinterthür die Treppe herauf und über die Emporlaube und wieder hinunter den Gang zwischen Gärtchen und Stallraum bis zum Schuppen und ruhelos wieder vor und wieder hinterschlich. Damals schon war das Gärtchen der Lieblingsaufenthalt einer hohen Gestalt, aber den Eigensinn des greisen Gesichts dämpfte nicht Milde; wenn sie über die Straße schritt, hielten auch die Knaben im lustigen Spiele an; aber die Gestalt sah nicht so freundlich auf sie nieder. Vielleicht, weil ihr Augenlicht fast erloschen war. Wohl war auch der ältere Herr Nettenmair ein geachteter Mann und er verdiente die Achtung seiner Mitbürger, nicht weniger als sein milderes Ebenbild nach ihm. Er war ein Mann von strenger Ehre. Er war es nur zu sehr! Alles, was dazumal die Herzen in dem Hause bis zum Zerspringen schwellen machte, was in den ver¬ düsterten Seelen umging und zum Theile heraustrat in der Selbstvergessenheit der Angst oder zur That wurde, zur Verzweiflungsthat: alles das mag durch das Ge¬ dächtniß des Mannes geh'n, mit dem wir uns bis jetzt beschäftigt. Es ist Sonntag und die Glocken von Sankt Georg, die den Beginn des vormittägigen Gottesdienstes verkündigen, rufen auch in das Gärtchen herein, wo Herr Nettenmair nach hergebrachter Weise zu dieser Stunde auf einer Bank in seiner Laube sitzt. Seine Augen ruhen auf dem schiefergedeckten Thurmdach von Sankt Georg, das über die Planken des Nachbargartens sich erhebt und auch nach ihm zu schauen scheint. Heut sind's ein und dreißig Jahre, seit er nach längerer Ab¬ wesenheit auf der Wanderschaft in die Vaterstadt heim¬ kehrte. Eben so riefen die Glocken, als er durch eine Schnei hindurch an der Straße den alten Thurm zum erstenmale wiedersah. Damals knüpfte sich seine nächste Zukunft an das alte Schieferdach; jetzt liest er seine Vergangenheit davon ab. Denn — aber ich vergesse, der Leser weiß nicht, wovon ich spreche. Es ist ja eben das, was ich ihm erzählen will. So blättern wir denn die einunddreißig Jahre zurück und finden einen jungen Mann statt des alten, den wir verlassen. Er ist hochgewachsen wie dieser, aber nicht so stark. Er trägt die braunen Haare wie der Alte, am Hinterkopfe kurz geschoren, über der weißen hohen Stirn in eine sogenannte Schraube künstlich ge¬ dreht. Auf seinem Gesicht erscheint noch nicht die Strenge des Alten, und dem gutmüthigen Ausdrucke ist die Narbe getragenen Seelenschmerzes noch nicht eingeprägt. Keineswegs aber hat er die leichtsinnige Unbekümmert¬ heit, die sonst seinem Alter eigen, und auch nicht das bequeme, nachlässige Wesen, das dem fahrenden Hand¬ werksburschen so leicht zur Gewohnheit wird. Noch führt ihn die hohe Straße durch dichten Wald, aber die Klänge der Sankt Georgenglocken aus der tief unten liegenden Stadt steigen herauf an der waldigen Höhe und dringen durch Baum und Busch unhemmbar wie eine Mutter, die dem kommenden Liebling entgegenfliegt. Heimath! Was liegt in diesen zwei kleinen Sylben! Was alles steht auf im Menschenherzen, wenn die Stimme der Heimath, der Glockenton, dem aus der Fremde Kehrenden Willkommen ruft, der Ton, der das Kind in die Kirche, den Knaben zur Konfirmation und zum ersten Genusse des heiligen Males rief, der jede Viertelstunde zu ihm sprach! Im Gedanken Heimath umarmen sich all unsre guten Engel. Unserm jungen Wanderer drangen Thränen aus den ernsten und doch so freundlichen Augen. Schämt' er sich nicht vor sich selbst, er hätte laut geweint. Er kam sich vor, als hätt' er seinen Aufenthalt in der Fremde nur ge¬ träumt und könne sich, nun er erwacht, auf den Traum kaum mehr besinnen. Als hätt' er nur geträumt, er sei ein Mann geworden in der Fremde. Als sei's ihm immer schon im Traum gekommen, er träume nur in der Fremde, um, wenn er daheim erwacht sei, davon erzählen zu können. Es könnte auffallen, daß er bei alledem in diesem Augenblicke der Aufregung seines ganzen Innern den Spinnenfaden nicht übersah, den die grüßende Luft von der Heimath her gegen seinen Rockkragen wehte, daß er die Thränen vorsichtig ab¬ trocknete, damit sie nicht auf das Halstuch fallen möchten und mit der eigensinnigsten Ausdauer erst die letzten, kleinsten Reste des Silberfadens entfernte, eh' er sich mit ganzer Seele seinem Heimathsgefühle überließ. Aber auch sein Hängen an der Heimath war ja zum Theile nur ein Ausfluß jenes eigensinnigen Sauberkeitsbedürf¬ nisses, das alles Fremde, das ihm anfliegen wollte, als Verunreinigung ansah; und wiederum entsprang jenes Bedürfniß aus der Gemüthswärme, mit der er Alles umfaßte, was in näherem Bezuge zu seiner Per¬ sönlichkeit stand. Das Kleid auf seinem Leibe war ihm ein Stück Heimath, von dem er alles Fremde abhalten mußte. Jetzt machte die Straße eine Wendung; der Berg¬ rücken, der vorhin die Aussicht verengt hatte, blieb zur Seite liegen, und über jungem Wuchs stieg eine Thurm¬ spitze auf. Es war die Spitze des Sankt Georgen¬ thurms. Der junge Wanderer hielt den Schritt an. So natürlich es war, daß das höchste Gebäude der Stadt ihm zuerst und vor den übrigen sichtbar werden mußte, seine Sinnigkeit vergaß das über der innigen Bedeutung, die sie in den Umstand legte. Das Schiefer¬ dach der Kirche und des Thurms bedurfte einer Repa¬ ratur. Diese war seinem Vater übertragen worden und sie war der Grund, wenigstens der Vorwand, warum der Vater ihn früher aus der Fremde zurückrief, als er bei des Sohnes Abreise gewillt gewesen. Vielleicht morgen schon begann er seinen Theil Arbeit. Dort, senkrecht über dem weiten Bogen, durch den er die Glocken sich bewegen sah, war die Aussteigthüre an¬ gebracht. Dort sollten die beiden Balken sich heraus¬ schieben, um die Leiter zu tragen, auf der er empor¬ klimmte bis zur Helmstange, das Tau seines Fahrzeugs daran anzuknüpfen für die luftige Fahrt um das Dach. Und wie es seine Natur war, sich an die Gegenstände, mit denen er in Arbeitsberührung kommen sollte, mit festen Herzensfäden anzuspinnen, sah er in dem Auf¬ tauchen der Thurmspitze einen Gruß und griff unwill¬ kührlich in die Luft nach dem Grüßenden hin, als gält' es, eine freundlich dargebotene Hand zu drücken. Dann beschleunigte der Gedanke an die Arbeit seinen Schritt, bis ein Aushau im Walde und die Ankunft auf der höchsten Kante des Berges ihm die ganze Heimaths¬ stadt vor seinen Füßen liegend zeigte. Wieder blieb er steh'n. Dort stand das Vaterhaus, dahinter der Schieferschuppen; in derselben Vorstadt, nicht zu weit davon, das Haus, wo sie — gewohnt hatte damals, als er in die Fremde ging. Jetzt wohnte sie in seinem Vaterhaus, war seines Vaters Tochter, seines Bruders Weib und er sollte von heut' an in demselben Hause leben und sie täglich sehen als seine Schwägerin. Sein Herz schlug stärker bei dem Gedanken an sie. Aber keine von den Hoffnungen, die sich ihm sonst an ihr Andenken geknüpft, ließ es schwellen. Seine Neigung war die eines Bruders zur Schwester geworden und was ihn jetzt bewegte, sah mehr einer Sorge gleich. Er wußte, sie dachte mit Widerwillen an ihn. Sie war die Einzige im ganzen Vaterhause, die ungern sein Kommen sah. Wie war das Alles geworden? War nicht eine Zeit gewesen, wo sie ihm gut zu sein schien? Wo sie ihm so gern zu begegnen schien, als später beflissen, ihm auszuweichen? Da unten vor der Stadt in Gärten liegt das Schützenhaus. Wie sind die Bäume um das Haus größer geworden, seit er von dieser Höhe herab auch ihm den letzten Gruß zugewinkt hatte! Dort unter jener Akazie hatte er kurz vorher gestanden — es war an einem schönen Frühlingsabend gewesen, ihm war er der schönste erschienen, den er erlebt — am Pfingstschießen. Drinn tanzte das übrige junge Volk; er ging selig um das Haus herum, indem er sie tanzend wußte. Er fühlte sich jetzt noch im Um¬ gang mit Mädchen und Frauen befangen, und wußte nicht mit ihnen zu reden; das war er damals noch mehr als jetzt. Wie gern' hätt' er ihr gesagt — wenn er allein war, wieviel hatt' er ihr zu sagen und wie gut wußt er's zu sagen, und führte es ein Zufall, daß er sie allein traf — und wunderbar wie geschäftig der Zufall sich zeigte, ein solch Zusammentreffen zu ver¬ mitteln — da trieb ihm der Gedanke, jetzt sei der Augen¬ blick da, alles Blut nach dem Herzen, die Worte von der Zunge in den Versteck der tiefsten Seele zurück. So war es gewesen, wie sie, die Wangen vom Tanze glühend, allein herausgetreten war aus dem Hause. Es schien ihr nur um Kühlung zu thun; diese wehte sie sich mit dem weißen Tuche zu; aber ihre Wangen wurden nur röther. Er fühlte, sie hatte ihn geseh'n, sie erwartete, er sollte näher treten und daß sie wußte, er verstand sie, das war es, was ihr die Wangen rother färbte. Das war es, was, da er zögerte, sie wieder hinein trieb in den Saal. Vielleicht auch, daß sie einen Dritten nahen hörte. Sein Bruder kam aus einer andern Thüre des Saals. Er hatte die beiden noch schweigend einander gegenüber stehen, vielleicht auch des Mädchens Rötherwerden geseh'n. Du suchst die Beate? fragte unser Held, um seine Verlegenheit zu verbergen. Nein, entgegnete der Bruder. Sie ist nicht zum Tanze und das ist gut. Es kann doch nichts werden; ich muß mir eine Andere anschaffen und bis ich eine finde, ist böhmisch Bier mein Schatz. Es war etwas Wildes in des Bruders Rede. Unser Held sah ihn verwundert und zugleich bekümmert an. Warum kann nichts werden? fragte er. Und wie bist du nur? Ja, du meinst, ich soll sein wie du, fromm und geduldig, wenn nur kein Federchen etwa an deinem Rocke sitzt. Ich bin ein andrer Kerl und muß mich austoben, wird mir ein Strich durch meine Rechnung gemacht. Warum nichts werden kann? Weil der Alte im blauen Rock es nicht will. Der Vater rief dich gestern in das Gärtchen — Ja und zog seine weißen Augenbrauen, die wie mit dem Lineal gemacht sind, anderthalb Zoll in die Höh'. Ich hatte mir's wohl gedacht. „Du gehst mit der Beate vom Einnehmer. Das hat aufgehört von heut' an.“ Ist's möglich? Und warum? Ja, hast du je gehört, daß der im blauen Rock ein Warum vorgebracht hätte? Und hast du ihn je gefragt: warum denn aber, Vater? Ich möchte sein Gesicht seh'n, fragte ihn einer von uns: Warum? Er hat's nicht gesagt, aber ich weiß es, warum das aufgehört haben soll mit mir und der Beate. Ich hab's die ganze Woche her erwartet; wenn er die Hand aufhob, meint' ich, er deutet nach dem Gärtchen, und war be¬ reit, wie ein armer Sünder hinter ihm her zu gehen. Das ist ja der Ort, wo er seine Cabinetsbefehle aus¬ theilt. Mit dem Einnehmer soll's nicht gut steh'n. Es geht eine Rede, er braucht' mehr, als seine Besoldung hergeben will. Und — nun du bist ja auch ein Feder¬ chensucher wie der im blauen Rock. Aber was kann das Mädchen dazu? Was ich? Nun aufgehört muß die Geschichte haben, aber das Mädel dauert mich und ich muß seh'n, wie ich sie vergesse. Ich muß trinken oder mir eine Andere anschaffen. Unser Held war des Bruders Art gewohnt; er wußte, daß seine Reden nicht so wild gemeint waren, als sie klangen, und der Bruder bewies ja seine Liebe und Achtung vor dem Vater durch die That seines Gehorsams; dennoch wär' es unserm Helden lieb ge¬ wesen, der Bruder hätte sie auch im Reden gezeigt, wie im Thun. Der Bruder hatte mit seiner Neckerei nicht ganz unrecht gehabt. Apollonius war es, als läge etwas Unsauberes auf der Seele des Bruders und er strich unwillkührlich mehrmal mit der Hand über den Rockkragen desselben hin, als wär' es äußerlich von ihm abzuwischen. Vom Tanze hatte sich Staub darauf gelagert; wie dieser entfernt war, kam ihm die Empfin¬ dung, als sei wirklich entfernt, was ihn gestört. Das Gespräch tauschte seinen Stoff. Sie kamen auf das Mädchen zu sprechen, das vorhin sich Kühlung zugeweht; Apollonius wußte gewiß nicht, daß er die Anregung dazu gegeben hatte. Wie das Mädchen das Ziel war, nach dem alle Wege seines Denkens führten, so hielt er dieses, war er bei ihr angekommen, unent¬ rinnbar fest. Er vergaß den Bruder so, daß er zuletzt eigentlich mit sich selbst sprach. Der Bruder schien all das Schöne und Gute an ihr, das der Held in unbe¬ wußter Beredtsamkeit pries, erst wahrzunehmen. Er stimmte immer lebhafter bei, bis er in ein wildes Lachen ausbrach, das den Helden aus seiner Selbstvergessenheit weckte und seine Wangen so roth färbte, als die des Mädchens vorhin gewesen waren. Und da schleichst du um den Saal, wo sie mit Andern tanzt und, zeigt sie sich, so hast du nicht das Herz, mit ihr anzubinden. Wart', ich will dein Ge¬ sandter sein. Von nun soll sie keinen Reihen tanzen als mit mir, damit kein Anderer dir die Queere kommt. Ich weiß mit den Mädels umzugeh'n. Laß' mich machen für dich. Sie standen etwa zehn Schritt von der großen Saal¬ thüre entfernt, Apollonius derselben mit dem vollen Angesichte, der Bruder mit dem halben zugewandt. Unser Held erschrack vor dem Gedanken, daß das Mäd¬ chen heute noch Alles erfahren sollte, was er für sie fühlte. Dazu kam die Scham über sein eigenes befan¬ genes ungeschicktes Wesen ihr gegenüber und wie sie davon würde denken müssen, daß er eines Mittlers be¬ dürfe. Er hatte schon die Hand erhoben, dem Bruder Ludwig , Zwischen Himmel und Erde. 2 Einhalt zu thun, als die Erscheinung des Mädchens selbst ihm alles Andere verdunkelte. Leise und allein wie vorhin kam sie aus der Thüre geschritten. Unter dem Tuche, mit dem sie sich Kühlung zuwehte, schien sie verstohlen um sich zu seh'n. Er sah wieder ihre Wangen röther werden. Hatte sie ihn geseh'n? Aber sie wandte ihr Gesicht nach der entgegengesetzten Seite. Sie schien etwas zu suchen im Grase vor ihr. Er sah, wie sie eine kleine Blume pflückte, diese auf eine Bank legte und, nachdem sie eine Weile wie zweifelnd gestan¬ den, ob sie die Blume wieder aufnehmen sollte, wie mit schnellem Entschluß sich wieder nach der Thür wandte. Eine halb unwillkührliche Armbewegung schien zu sagen: mag er sie nehmen; sie ist für ihn gepflückt. Wieder wogte es roth herauf bis an das dunkelbraune Haar und die Hast, mit der sie in der Thüre verschwand, schien einer Reue vorbeugen zu sollen, die die Sorge erzeugen konnte, wie ihr Thun verstanden werden würde. Der Bruder, der von allem dem nichts zu gewahren schien, hatte noch in seiner lebendigen, heftigen Weise fortgesprochen; seine Worte waren verloren; unser Held hätte zwei Leben haben müssen, sie zu hören, denn das eine, das er besaß, war in seinen Augen. Jetzt sah er den Bruder nach dem Saale stürmen. Zu spät kam ihm der Gedanke, ihn zurückzuhalten. Er eilte ihm vergeblich nach bis zur Thüre. Dort nahm ihn die Blume, die das Mädchen für einen Finder hingelegt, für einen glücklichen, fand sie der, dem sie zugedacht war, wiederum gefangen. Und unter den leisen, mecha¬ nisch fortgesetzten Zurufen seines Mundes an den Bruder, der sie nicht mehr hörte, er solle schweigen, fragt' er sich innerlich: bist du's auch, für den sie die Blume hierhergelegt? Hat sie die Blume für Jemand hierhergelegt? Und sein Herz antwortete glücklich auf Beides ein Ja, während ihn das Vorhaben des Bru¬ ders noch bedrängte. War es ein Liebeszeichen von ihr und für ihn, so war es das letzte. Zweimal sah er verstohlen in den Saal, wenn die Thür sich öffnete; er sah sie mit seinem Bruder tan¬ zen, dann im Ausruhen vom Tanze den Bruder in seiner hastigen Weise auf sie hineinreden. Jetzt spricht er von mir, dachte er über das ganze Gesicht erglühend. Er stürzte in den Schatten der nahen Büsche, als sie den Saal verließ. Der Bruder führte sie heim. Er folgte den Beiden in so großer Entfernung, als er nöthig hielt, von ihr nicht gesehen zu werden. Als der Bruder von der Begleitung zurückkam, trat er von der Thüre weg. Er war wie nackt vor Scham. Der Bruder hatte ihn doch bemerkt. Er sagte: Noch will sie nichts von dir wissen; ich weiß nicht, ist es Zie¬ rerei oder ihr Ernst. Ich treffe sie schon wieder. Auf einen Schlag fällt kein Baum. Aber das muß ich dir zugesteh'n, Geschmack hast du. Ich weiß nicht, wo ich 2 * meine Augen gehabt habe seither. Die ist noch ganz anders als die Beate. Und das will viel sagen! Von da an hatte der Bruder unermüdlich mit Walther's Christianen getanzt und für den Bruder gesprochen und jedesmal, nachdem er sie heimgeführt, dem Helden Rechenschaft abgelegt von seinen Bemühun¬ gen für ihn. Lange noch war er ungewiß, ob sie sich nur ziere, oder ob sie unserm Helden wirklich abge¬ neigt sei. Er erzählte gewissenhaft, was er zu des Helden Gunsten zu ihr gesagt, was sie auf seine Fra¬ gen und Versicherungen geantwortet. Er hatte noch Hoffnung, als unser Held sie schon aufgegeben hatte. Und dieser hätt' es aus ihrem Benehmen gegen ihn erken¬ nen müssen, hätt' er auch ihre Antworten an den Bru¬ der nicht erfahren, seine Neigung habe keine Erwiderung zu erwarten. Sie wich ihm aus, wo sie ihn sah, so angelegentlich, als sie ihn früher gesucht zu haben schien. Und war er's denn gewesen, den sie damals suchte, wenn sie überhaupt Jemand gesucht hatte? Der Bruder forderte ihn hundertmal auf, sie abzu¬ passen und selbst seine Sache bei ihr zu führen. Er bot seine ganze Erfindungskraft auf, dem Helden Ge¬ legenheit zu verschaffen, sie allein zu sprechen. Unser Held wies die Aufforderungen ab, wie die Anerbieten. Es war doch unnütz. Alles, was er erreichen konnte, war, sie nur noch mehr zu erzürnen. Ich kann's nicht mehr mit anseh'n, wie du abmagerst und immer bleicher wirst, sagte der Bruder eines Abends zu unserm Helden, nachdem er ihm gemeldet, wie er heut' wieder erfolglos für ihn gesprochen. Du mußt fort eine Zeit lang von hier, das wird nach zwei Seiten gute Folgen für dich haben. Wenn ich ihr sage, du bist um ihretwillen in die Welt gegangen, wird sie sich vielleicht bekehren. Glaub' mir, ich kenne, was lange Haare trägt und weiß damit umzugeh'n. Du schreibst ihr einen beweglichen Brief zum Abschied, den bekommt sie durch mich und ich will ihr schon das Herz weich machen. Und ist's nicht zu erreichen, so wird dir's gut thun, wenn du ein oder mehre Jahre von hier weg bist, wo dich Alles an sie erinnert. Und zuletzt wird die Fremde einen andern Kerl aus dir machen, der mit der Art, die Schürzen trägt, besser umzuspringen weiß. Du mußt tanzen lernen, das ist schon der halbe Weg dazu. Und der Alte im blauen Rock ist ohnehin vom Vetter in Köln angegangen worden, einen von uns zu ihm zu schicken; ich las neulich in einem Brief, der ihm aus der Tasche gefallen war. Sag' ihm nur, du hätt'st aus seinen Reden so was gemerkt und wenn er's haben wollte, so woll'st du geh'n. Oder laß' mich das machen. Du bist zu ehrlich. Und er macht' es wirklich. Es ist die Frage, ob sich unser Held freiwillig hätte entschließen können, die Heimath zu verlassen, er, der nicht begriff, wie Jemand wo anders leben könne, als in seiner Vaterstadt, dem es immer wie ein Mährchen vorgekommen war, daß es noch andere Städte gäbe und Menschen drin wohnten, der sich das Leben und Thun und Treiben dieser Menschen nicht als ein wirkliches, wie die Bewohner seiner Hei¬ math es führten, sondern als eine Art Schattenspiel vorgestellt hatte, das nur für den Betrachter existirte, nicht für die Schatten selbst. Der Bruder, der den alten Herrn zu behandeln wußte, brachte, wie zufällig, das Gespräch auf den Vetter in Köln, wußte die An¬ deutungen, die Herr Nettenmair in seiner diploma¬ tischen Weise gab, als vorbereitende Winke aufzufassen, faßte andere, die unsern Helden betrafen, damit zusam¬ men. Nach öfterem Gespräche schien er's für den aus¬ gesprochenen Willen des alten Herrn zu nehmen, daß Apollonius nach Köln zu dem Vetter müsse. Da¬ durch war dem alten Herrn der Gedanke gegeben, über dem er nun, da er für den seinen galt, nach seiner Weise brütete. Es war wenig Arbeit vorhanden und auch für die nächste Zeit keine Aussicht auf eine be¬ deutende Vermehrung derselben. Zwei Hände waren zu entbehren und blieben die im Geschäft, so waren die Kräfte desselben zu einem halben Müssiggang ver¬ dammt. Der alte Herr konnte nichts weniger leiden, als was er leiern nannte. Es fehlte nur an einem Widerstande von Seiten unsers Helden. Dieser wußte nichts von des Bruders Plane. Der Bruder hatte ihn weißlich nicht darin eingeweiht, weil er ihn zu gut kannte, um Vorschub von ihm zu erwarten bei einem Thun, das er als unehrlich und unehrerbietig zugleich gegen den Vater verworfen haben würde. Du willst den Apollonius nach Köln schicken, sagte der Bruder eines Nachmittags zu dem alten Herrn. Wird er aber gehen wollen? Ich glaube nicht. Du wirst mich auf die Wanderschaft schicken müssen. Der Apollonius wird nicht geh'n. Wenigstens heut' und morgen noch nicht. Das war genug. Noch denselben Abend winkte der alte Herr unserm Helden sich in's Gärtchen nach. Vor dem alten Birnbaum blieb er steh'n und sagte, indem er ein kleines Reis, das aus dem Stamme gewachsen war, entfernte: Morgen gehst du zum Vetter nach Köln. Mit schneller Wendung drehte er sich nach dem Angeredeten um und sah verwundert, daß Apollonius gehorsam mit dem Kopfe nickte. Es schien ihm fast unlieb, daß er keinen Trotz zu brechen haben sollte. Meinte er, der arme Junge denke trotzige Gedanken, wenn er sie auch nicht ausspreche und wollte er auch den Trotz der Gedanken brechen? Heut' noch schnürst du deinen Ranzen, hörst du? fuhr er ihn an. Apol¬ lonius sagte: Ja, Vater. Morgen mit Sonnenaufgang machst du dich auf die Reise. Nachdem er so eine trotzige Antwort fast erzwingen zu wollen geschienen, mochte er seinen Zorn bereu'n. Er machte eine Bewe¬ gung. Apollonius ging gehorsam. Der alte Herr folgte ihm und kam einigemal auf das Zimmer der Brüder, um mit milderem Grimme den Einpackenden an mancherlei zu erinnern, was er nicht vergessen solle. Und vom Georgenthurme tönte eben der letzte von vier Glockenschlägen, als sich die Thüre des Hauses mit den grünen Fensterladen aufthat und unser junger Wanderer heraustrat, von dem Bruder begleitet. An derselben Stelle, von der er jetzt auf die unter ihm liegende Stadt herabsah, hatte der Bruder Abschied von ihm genommen und er ihm lange, lange nachge¬ seh'n. Vielleicht gewinn' ich dir sie doch, hatte der Bruder gesagt, und dann schreib' ich dir's sogleich. Und ist's mit der nichts, so ist sie nicht die Einzige auf der Welt. Du bist ein Kerl, ich kann dir's wohl sagen, so hübsch wie einer und legst du nur dein blö¬ des Wesen ab, so kann dir's bei Keiner fehlen. Es ist einmal so, die Mädel können nicht um uns werben und ich möchte die nicht einmal, die sich mir von selbst an den Hals würfe. Und was soll ein rasches Mädel mit einem Träumer anfangen? Der Vetter in Köln soll ein paar schöne Töchter haben. Und nun leb' wohl. Deinen Brief besorg' ich noch heut'. Damit war der Bruder von ihm geschieden. Ja, sagte Apollonius bei sich, als er ihm nach¬ sah. Er hat recht. Nicht wegen der Töchter vom Vetter oder sonst einer andern, und wär' sie noch so hübsch. Wär' ich anders gewesen, jetzt müßt' ich viel¬ leicht nicht in die Fremde. War ich's, dem sie die Blume hingelegt hat am Pfingstschießen, hat sie mir begegnen wollen damals und früher, wer weiß, wie schwer's ihr geworden ist. Und wie sie das Alles um¬ sonst gethan, hat sie sich nicht vor sich selber schämen müssen? O, sie hat recht, wenn sie nichts mehr von mir wissen will. Ich muß anders werden. Und dieser Entschluß war keine taube Blüthe gewe¬ sen. Das Haus seines Vetters in Köln zeigte sich keiner Art von Träumerei förderlich. Er fand ein ganz anderes Zusammenleben als das daheim. Der alte Vetter war so lebenslustig als das jüngste Glied der Familie. Da war keine Vereinsamung möglich. Ein aufgeweckter Sinn für das Lächerliche ließ keine Art von Absonderlichkeit aufkommen. Jeder mußte auf sei¬ ner Hut sein; keiner konnte sich gehen lassen. Apol¬ lonius hätte ein anderer werden müssen und wenn er nicht wollte. Auch im Geschäft ging's anders her als daheim. Der alte Herr im blauen Rock gab seine Be¬ fehle, wie der Gott der Hebräer aus Wolken und mit der Stimme des Donners. Er hätte seinem Ansehen etwas zu vergeben geglaubt durch das Aussprechen sei¬ ner Gründe. Er gab kein Warum und seine Söhne wagten nicht, nach Warum zu fragen. Und selbst das Verkehrte mußte durchgeführt werden, war der Befehl einmal ausgesprochen. Ueber Dinge, die das Geschäft nicht betrafen, redete er mit den Söhnen gar nicht. Dagegen war es des Vetters Weise, eh' er selbst seine Ansicht über einen Punkt des Geschäftes aussprach, seine Gehülfen um ihre Meinung zu fragen. Es war dann nicht genug an der Meinung, er wollte auch die Gründe wissen. Dann machte er Einwürfe; war ihre Meinung die richtige, mußten sie dieselbe siegreich durch¬ kämpfen; irrten sie, nöthigte er sie, durch eigenes Den¬ ken auf das Rechte zu kommen. So erzog er sich Helfer, die nicht um jede Kleinigkeit, ihn fragen mu߬ ten, denen er Manches überlassen konnte. Und so hielt er es auch mit andern Dingen. Es waren wenig Verhältnisse des bürgerlichen Lebens, die er nicht nach seiner Weise mit seiner Familie — und Apollonius gehörte dazu — durchsprach. Indem er zunächst nur darauf auszugehen schien, das Urtheil der jungen Leute zu bilden, gab er ihnen einen Reichthum von Lebens¬ regeln und Grundsätzen, die um so mehr Frucht ver¬ sprachen, da die jungen Leute sie selbst hatten finden müssen. Woran der Vetter bei seinem Verwandten nicht tastete, das war dessen Gewissenhaftigkeit, Eigen¬ sinn in der Arbeit und Sauberkeit des Leibes und der Seele. Doch ließ er es nicht an Winken und Beispie¬ len fehlen, wie auch diese Tugenden an Uebermaß er¬ kranken könnten. Apollonius erkannte sehr deutlich, daß sein Glück ihn zu dem Vetter geführt. Er verlor das träumerische Wesen immer mehr; bald konnte der Vetter die schwie¬ rigste Arbeitsaufgabe in des Jünglings Hände legen und dieser vollendete jede ohne die Hülfe fremden Ra¬ thes zu solcher Zufriedenheit des Vetters, daß dieser sich gestehen mußte, er selbst würde die Sache nicht umsichtiger begonnen, nicht energischer betrieben, nicht schneller und glücklicher beendet haben. Bald konnte der Jüngling sich ein Urtheil bilden über die Art, wie sie daheim die Geschäfte geführt hatten. Mußte er sich sagen, daß sie nicht die zweckmäßigste gewesen, ja daß Manches, was der alte Herr angeordnet hatte, verkehrt genannt werden mußte, dann warf er sich wohl seinen unkindlichen Sinn bitter vor, strengte sich an, das Thun des Vaters bei sich zu rechtfertigen und zwang sich, war ihm das unmöglich gewesen, zu dem Gedanken, der alte Herr habe seine guten Gründe gehabt und er selbst sei nur zu beschränkt, um sie zu errathen. Es kamen Briefe vom Bruder. Im ersten schrieb dieser, er sei nun so weit über das Mädchen klar, daß ihre Härte gegen unsern Helden von einer andern Nei¬ gung des Mädchens herrühre, deren Gegenstand zu nennen sie nicht zu bewegen sei. Aus dem nächsten, der kaum von dem Mädchen sprach, las Apollonius ein Mitleid mit ihm heraus, dessen Grund er nicht zu finden wußte. Der dritte gab diesen Grund nur zu deutlich an. Der Bruder selbst war der Gegenstand der verschwiegenen Neigung des Mädchens gewesen. Sie hatte ihm mancherlei Zeichen davon gegeben, nach¬ dem er nach des Vaters Willen seiner ersten Geliebten entsagt. Er hatte nichts davon geahnt und als er nun als Werber für den Bruder aufgetreten, Scham und Ueberzeugung, er selbst liebe sie nicht, ihren Mund ver¬ schlossen. Nun begriff unser Held unter Schmerzen, daß er sich geirrt, als er gemeint, jene stummen Zeichen gälten ihm. Er wunderte sich, daß er seinen Irrthum nicht damals schon eingeseh'n. War nicht sein Bruder ihr so nah, als er, da sie die Blume hinlegte, die der Unrechte fand? Und wenn sie ihm so absichtlich unab¬ sichtlich allein begegnete — ja, wenn er sich die Augen¬ blicke, die Eigenthümer seiner Träume, vergegenwärtigte — sie hatte seinen Bruder gesucht, darum war sie er¬ schrocken, ihm zu begegnen, drum floh sie jedesmal, wenn sie ihn erkannte, wenn sie den fand, den sie nicht suchte. Mit ihm sprach sie nicht; mit dem Bruder konnte sie Viertelstunden lang scherzen. Diese Gedanken bezeichneten Stunden, Tage, Wochen tiefinnersten Schmerzes; aber das Vertrauen des Vetters, das durch Bewährung vergolten werden mußte, die heilende Wirkung emsigen und bedachten Schaffens, die Männlichkeit, zu der sein Wesen durch Beides schon gereift war, bewährten sich in dem Kampfe und gingen noch gekräftigter daraus hervor. Ein späterer Brief, den er vom Bruder erhielt, mel¬ dete ihm, der alte Walther, der des Mädchens Neigung entdeckt und der alte Herr im blauen Rocke waren übereingekommen, der Bruder solle das Mädchen hei¬ rathen. Des alten Herrn Soll war ein Muß, das wußte unser Held so gut als der Bruder. Des Mäd¬ chens Neigung hatte den Bruder gerührt; sie war schön und brav; sollte er sich dem Willen des Vaters ent¬ gegensetzen um des Helden willen, um einer Liebe willen, die ohne Hoffnung war? Der Zustimmung des Helden im Voraus gewiß, hatte er sich in die Schickung des Himmels ergeben. Die ganze erste Hälfte des folgenden Briefes, in welchem er seine Heirath meldete, klang die fromme Stimmung nach. Nach vielen herzlichen Trostes¬ worten kam die Entschuldigung oder vielmehr Recht¬ fertigung, warum der Bruder zwischen diesem und dem vorigen Briefe zwei Jahr lang nicht geschrieben. Darauf eine Beschreibung seines häuslichen Glückes; ein Mäd¬ chen und einen Knaben hatte ihm sein junges Weib geboren, das noch mit der ganzen Glut ihrer Mädchen¬ liebe an ihm hing. Der Vater war unterdeß' von einem Augenübel befallen und immer unfähiger geworden, das Geschäft nach seiner souveränen Weise allein zu leiten. Das hatte ihn noch immer wunderlicher gemacht. Wenn er eine Zeitlang die Zügel ganz den Händen des Sohnes überlassen müssen, dann hatte ihn das alte Bedürfniß zu herrschen, durch die Langeweile der gezwungenen Muße noch geschärft, sich wieder aufraffen lassen. Nun kannte er die Sache, um die sich's eben handelte, und an die er sich bisher nichts gekehrt, nur unzureichend; und wenn er sie kannte, so war ihm darum zu thun, seinen Willen als den herrschenden durchzusetzen. Und schon deßhalb verwarf er den Plan, nach dem der Sohn bisher gehandelt. Was bereits gescheh'n, Arbeit und Auslage war verloren. Dabei mußte er doch wieder den Sohn zu Hülfe nehmen und die beste Darstellung des Verhaltes ersetzte dem alten Herrn den Mangel der eigenen Anschauung nicht. Zuletzt mußte er einseh'n, daß die Sache auf seinem Wege nicht ging. Es war Geld, Zeit und Arbeitskraft vergeudet und, was ihn noch tiefer traf, er hatte sich blosgegeben. Nach eini¬ gen dergestalt mißlungenen Versuchen, die Zügel als blinder Fuhrmann wieder an sich zu reißen, hatte er sich ganz von den Geschäften zurückgezogen. Blos als berathender Helfer sich einem Andern unterzuordnen und gar dem eigenen Sohne, der bis vor Kurzem noch nur der ungefragte und willenlose Vollzieher seiner Be¬ fehle gewesen, das war dem alten Herrn unmöglich. Im Gärtchen fand er Beschäftigung; er konnte sich welche machen, wenn ihm nicht genügte, was die Pflege des Gärtchens bis jetzt seinen Besorgern von selbst ent¬ gegengebracht. Er konnte das Alte entfernen, Neues ersinnen und wieder Neuerem Platz machen lassen, und er that es. Unumschränkt herrschend in dem kleinen grünen Reiche, in dem von Nun kein Warum mehr laut werden durfte und neben dem Gesetze der Natur nur noch ein einziges waltete, sein Wille, vergaß oder schien er zu vergessen, daß er früher einen mächtigern Zepter geführt. Mehr aber als von dem Geschäfte und dem wun¬ derlichen alten Herrn schrieb der Bruder in seinen fol¬ genden Briefen von den Festlichkeiten der Schützenge¬ sellschaft der Vaterstadt und einem Bürgervereine, der zusammengetreten war, sein Ergötzen von dem der niedriger stehenden Schichten der Bevölkerung abzuson¬ dern. Aus all' den Beschreibungen von Vogel- und Scheibenschießen, Conzerten und Bällen, als deren Mittelpunkt er und seine junge Frau dastanden, lachte die höchste Befriedigung der Eitelkeit des Briefstellers. Nur in einer Nachschrift war in dem letzten Briefe des ernsteren Umstandes leicht Erwähnung gethan, die Stadt wolle eine Reparatur des Thurm- und Kirchen¬ daches zu Sankt Georg vornehmen lassen und habe ihn mit der Ausführung derselben betraut. Der im blauen Rocke dringe in ihn, unsern Helden aufzufor¬ dern, in die Vaterstadt und das Geschäft zurückzukeh¬ ren. Der Bruder war der Meinung, unser Held werde die ihm liebgewordenen Verhältnisse in Köln nicht um einer so geringfügigen Ursache willen verlas¬ sen mögen. Die Reparatur werde mit den vorhandenen Arbeitskräften in kurzer Zeit zu vollenden sein. Der schadhaften Stellen an Thurm- und Kirchendach seien nur wenige. Ueberdieß seh' er auch ab von dem Wi¬ derwillen seiner Frau gegen unsern Helden, den er seit¬ her so vergebens bekämpft, würde es diesem eine un¬ nütze Quälerei sein, all' das sich wieder aufzufrischen, was er froh sein müsse, vergessen zu haben. Er werde leicht einen Vorwand finden, dem Gehorsam gegen einen Befehl, den nur Wunderlichkeit eingegeben, aus¬ zuweichen. Den Schluß des Briefes machte eine neckende Anspielung auf ein Verhältniß unseres Helden mit der jüngsten Tochter des Vetters, von dem die Vaterstadt voll sei. Der Bruder ließ sich ihr als seiner künftigen Schwägerin empfehlen. Wenn auch ein solches Verhältniß nicht bestand Apollonius konnte sich sagen, es lag nur an ihm, es in's Leben zu rufen. Der Vetter hatte schon manchen Wink fallen lassen, der dahin zielte; und das Mädchen, von dem die Rede war, hätte sich nicht gesträubt. Un¬ ser Apollonius war ein Bursche geworden, den so leicht Keine ausgeschlagen hätte, deren Herz und Hand noch zu ihrer Verfügung stand. Die Gewohnheit, nach seinem eigenen Ermessen zu handeln und über die Thä¬ tigkeit einer Anzahl tüchtiger Arbeiter selbstständig zu verfügen, hatte seinem Aeußern Haltung und seinem Benehmen Sicherheit gegeben. Und was von seiner frühern Schüchternheit gegen Frauen und seiner Nei¬ gung, sich träumend in sich selbst zu versenken, noch übrig geblieben war, erhöhte noch die sichere Männlich¬ keit, deren Ausdruck es milderte. Ja, er wußte, daß er des Vetters Schwiegersohn werden konnte, wenn er wollte. Das Mädchen war hübsch, brav und ihm zugethan wie eine Schwester. Aber nur als eine Schwester sah er sie an; es war ihm nie der Wunsch gekommen, sie möchte ihm mehr sein. Die Neigung zu Christianen meinte er besiegt zu haben; er wußte nicht, daß doch nur sie es war, die zwischen ihm und des Vetters Tochter stand und zwischen ihm und jeder andern gestanden hätte. Als er erfuhr, Christiane liebte seinen Bruder, hatte er die kleine Blechkapsel mit der Blume von der Brust genom¬ men, wo er sie seit jenem Abende trug, da er sie irrend als für ihn hingelegt aufgehoben. Als Christiane sei¬ nes Bruders Weib geworden war, packte er die Kapsel mit der Blume ein und schickte sie dem Bruder. Weg¬ werfen konnte er nicht, was ihm einmal theuer gewe¬ sen, aber besitzen durfte er die Blume nicht mehr. Besitzen durfte sie nur der, für den sie bestimmt gewe¬ sen, dem die Hand gehörte, die sie gegeben hatte. Der Vater rief ihn zurück; er mußte gehorchen. Aber es war mehr als der bloße Gehorsam in ihm lebendig. Er ging nicht allein; er ging gern. Des Vaters Wort war ihm mehr eine Erlaubniß, als ein Befehl. Wenn die Frühlingssonne in ein Gemach dringt, das den Winter über unbewohnt und verschlos¬ Ludwig , Zwischen Himmel und Erde. 3 sen stand, dann sieht man, es war schlafendes Leben, was wie vertrocknete Leichen auf der Diele lag. Nun regt sich's und dehnt sich's und wird zur summenden Wolke und braust jubelnd hinein in den goldenen Strahl. Nicht der Vater allein, jedes Haus der Vaterstadt, jeder Hügel, jeder Garten darum, jeder Baum darin rief ihn. Der Bruder, die Schwester — diesen Namen gab er Christianen — riefen ihn. Er fühlte sich sicher, daß es nur die Schwester war, die ihn zu ihr zog. Doch sie rief ihn ja nicht. Sie trug einen Widerwillen gegen ihn, hatte ihm der Bruder geschrieben; einen Widerwillen, so stark, daß sechs Jahre lang der Bruder vergeblich gegen ihn gekämpft. Es war ihm, als müsse er schon deßwegen heim, damit er ihr zeigte, er ver¬ diene ihren Widerwillen nicht, er sei werth, ihr Bruder zu sein. Das schrieb er dem Bruder in dem Briefe, der seinen Gehorsam meldete und den Tag angab, an dem der Bruder ihn erwarten sollte. Er konnte ihn versichern, daß die Erinnerungen an ehemals ihn nicht quälen würden, daß die Sorge dse Bruders unbegrün¬ det sei. So war es gekommen, daß der Gedanke an sie keine von den alten Hoffnungen erweckte. Als er von der Höhe herabsah, fragte er sich: wird mir's gelingen, ihr Bruder zu werden, die mir jetzt eine Schwester ist? Noch eine Weile stand er und sah hinab. Aber seine Haltung hatte sich verändert und sein Blick war ein anderer geworden. In Gedanken hatte er die letz¬ ten vier Jahre noch einmal durchlebt und war noch einmal aus einem blöden, träumerischen Knaben zum Manne geworden. Als sein Blick wieder auf den Thurm und die Kirche zu Sankt Georg fiel, hob sich die Hand nicht wie vorhin unwillkürlich, wie um eine unsichtbar ihm hingereichte zu drücken. Er schalt sich über sein kindisches Gaffen. Er mußte sobald als mög¬ lich die Dinge in der Nähe seh'n, um sich ein Urtheil zu bilden, was zu thun sei. Die Liebe zur Heimath war noch so stark in ihm als je, aber es war nicht mehr die des Knaben, dem die Heimath eine Mutter ist, die ihn hätschelnd in die Arme nimmt; es war die Liebe des Mannes. Die Heimath war ihm ein Weib, ein Kind, für das zu schaffen es ihn trieb. Wer in das Haus hineinseh'n konnte mit den grü¬ nen Fensterladen, etwa eine Stunde vor Mittag, der merkte wohl, daß die Gedanken seiner Bewohner nicht im gewöhnlichen alltäglichen Geleise gingen. Man konnte es sehen an der Art, wie die Leute aufstanden und wie sie sich setzten, wie sie die Thüren öffneten und schlossen, wie sie Dinge anfaßten und wieder weg¬ stellten, mit denen sie weiter nichts thaten, als sie neh¬ men und wieder hinstellen, und offenbar auch weiter 3 * nichts thun wollten. Wer sich besinnt, in welcher Ge¬ müthslage er am öftesten die Uhr aus der Tasche zog, und noch eh' er sie wieder in die Tasche versenkt, schon vergessen hatte, welche Zeit es sei, und sie wieder her¬ vorholte, und da er nicht wußte, warum er das gethan, sie an das Ohr hielt, und ohne gehört zu haben, ob sie noch ging oder nicht, den Uhrschlüssel suchte und sie aufzog, vielleicht zum dritten Male in Zeit von einer Stunde: der wird, falls er sich noch besinnen kann auf das, was er schon damals nicht wußte, als er es that, errathen können, was die Leute zu all' der zwecklosen Thätigkeit verleitet. Auch der junge Herr, der eben zum sechsten Male seit einer Stunde seine Uhr aufzieh'n will, ist so wenig mit dem Bewußtsein bei diesem Ge¬ schäft, daß er es in der nächsten Viertelstunde zum sie¬ benten Male versuchen wird. Dann setzt er seine wohl¬ genährte, kurze Gestalt auf den Stuhl am Fenster und es ist ungewiß, ob er hinaus auf die Straße sieht, oder ob er bei den Gedanken ist, die in derselben zweck¬ losen Unruhe, die sein Aeußeres zeigt, wie Wolken¬ schatten an seinem Bewußtsein vorbeiflattern. Er sitzt in schwarzer Sonntagskleidung einer jungen Frau gegen¬ über. Er hätte Zeit genug, zu seh'n, wie schön sie ist, wie anmuthig ihr das zerstreute Wesen ansteht, — und es kleidet sie weit besser, als ihn. Zuweilen scheint er's auch zu seh'n, aber dann ist's, als wär's ihm keine Freude. Dann werden die Gedankenschatten auf seinem Gesichte tiefer und flattern nicht mehr so schnell darüber hin. Er betrachtet die schönen Züge der jun¬ gen Frau genauer, ja es ist, als ob er sie belauere, als ob er sorgenvoll sich frage, ob sie den Ausdruck von Widerwillen, der über ihnen hängt, behalten werde, bis — und klingt dann zufällig ein stärkerer Tritt von der Straße herein an sein Ohr, dann schrickt er auf, aber er vermeidet ihre schönen offenen Augen, die sie nach ihm hin aufschlagen kann vom Klange des Tritts geweckt. Im Gärtchen kann der alte Valentin einem eben so alten Herrn im blauen Rock nichts recht machen. Er ist zu aufgeregt und horcht und sieht zu viel durch den Zaun nach der Straße, darüber thut er bald zu wenig, bald zu viel. Und der alte Herr schilt manch¬ mal, scheint es auch nur, um seine eigene Bewegung zu verbergen. Die Hände zittern merklich, mit denen er untersucht, ob die Buchsbaumeinfassung der kleinen Beete auch so eigensinnig gleichmäßig geschoren ist, wie er sie geschoren haben würde, besäß' er noch das scharfe Aug' von ehedem. Der alte Valentin müßte eine Thräne von den hohlen Backen wischen, wie es so oft geschieht, über die Hülflosigkeit des alten Herrn und tausend Vergleiche zwischen sonst und jetzt, die ihm der Anblick derselben herbeiruft; aber seine Augen und seine Gedanken sind auf der Straße vor dem Zaun. Hinten am Ende des Ganges, neben der Thür des Schuppens, sitzt auf einem Haufen Schieferplatten ein ungemüthlicher Gesell in Hemdärmeln. Der Ausdruck seines Gesichtes wechselt ohne sichtbaren äußeren Anlaß zwischen widerwärtiger Zuthulichkeit und tückischem Trotz. Er kramt, scheint es, unter seinen Gesichtern, wie ein Mädchen in ihrem Schmuck. Er hält beide bereit, um das rechte gleich bei der Hand zu haben. Er weiß noch nicht, welches er brauchen wird. Vorn durch den Spalt der wenig geöffneten Haus¬ thüre lauscht das Dienstmädchen. Aber keine ihrer Be¬ kannten geht vorbei. Bald wird sie auf einen Vorwand sinnen, die erste beste vorüberwandelnde Gestalt anzu¬ halten, nur um wie gelegentlich anzubringen, das Haus erwarte heut' seinen jüngern Sohn aus der Fremde zurück. Einstweilen sagt sie es dem alten Hunde, der, bemüht, die verschiedenen Gruppen durch sein Ab- und Zugehen in Verbindung zu erhalten, eben bei ihr an¬ gekommen ist. Und sogleich wendet er sich nach dem Hofe zurück, wie um weiter zu sagen, was er vernom¬ men. Der alte Hund ist von der Unruhe der Menschen angesteckt. Ist doch jetzt die Stunde, die er an andern Tagen vor seiner Hütte schlafend verbringt. Die alte Gewohnheit scheint ihn zu mahnen, als er an seiner Hütte vorbei laufen will. Er legt sich daneben. Aber er schließt die Augen nicht. Er scheint in tiefe Gedanken versunken. Denkt er sich die weite Erde mit ihren Bergen und Thälern und Flüssen, mit ihren Städten und Dörfern? Und von Ort zu Orte Straßen und auf jeder Straße Wanderer, fortziehende und heimkehrende? Wer ein scharfes Auge hätte, die Herzensfäden alle zu seh'n, die sich spinnen die Straßen entlang über Hügel und Thal, dunkle und helle, je nachdem Hoffnung oder Entsagung an der Spule saß, ein traumhaftes Gewebe! Manche reißen, helle dun¬ keln, dunkle werden hell; manche bleiben ausgespannt, so lang die Herzen leben, aus denen sie gesponnen sind; manche zieh'n mit unentrinnbarer Gewalt zurück. Dann eilt des Wanderers Seele vor ihm her und pocht schon an des Vaterhauses Thür und liegt an warmen Herzen, an Wangen von Freudenthränen feucht, in Armen, die ihn drücken und umfangen und ihn nicht lassen wollen, während sein Fuß noch weit davon auf fremdem Boden schreitet. Und steht er auf der Flur des Vaterhauses, wie anders dann, wie anders oft ist sein Empfang, als er geträumt! Wie anders sind die Menschen geworden! In einer Minute sagt er zwei¬ mal: sie sind's, und zweimal: sie sind's nicht. Dann sucht er die altbekannten lieben Stellen, die Häuser, den Fluß, die Berge, die das Heimathsthal umgürten; die müssen doch die alten geblieben sein. Aber auch sie sind anders geworden. Oft sind's die Dinge, die Menschen, oft nur das Auge, das sie wiedersieht. Die Zeit malt anders, als die Erinnerung. Die Erinnerun g glättet die alten Falten, die Zeit malt neue dazu. Und die, mit denen er in der Erinnerung immer zu¬ sammen war, in der Wirklichkeit muß er sich erst wie¬ der an sie gewöhnen. Ob Apollonius das dachte, als er immer etwas vergebens erwartete und nicht wußte, daß es der Bru¬ der war, der ihm entgegenkommen sollte? Ob der Bruder fühlte, Appollonius müsse nach ihm ausseh'n, als er so schnell von seinem Stuhle aufstand? Er hatte schon die Thürklinke in der Hand. Er ließ sie fahren. Fiel ihm ein, er könne ihn verfehlen, und blieb, weil er Frau und Bruder die Peinlichkeit des Augen¬ blickes ersparen wollte, in dem sie einander allein gegen¬ über stehen müßten? Sie mit dem Widerwillen und er mit dem Bewußtsein jenes Widerwillens. Jetzt stieg die alte Gestalt des Geschiedenen vor dem Bruder auf und es war, als befreite sie diesen von schweren Sor¬ gen. Es war die Wendung, mit der er sich sonst von dem Gegenwärtigen abwandte und dabei aussah, als sagte er zu sich: der Träumer! Und eine rasche Be¬ wegung machte, wie um recht zu fühlen, welch' ein Anderer er sei, wie besser er sich auf das Leben ver¬ stehe und auf die Art, „die lange Haare hat und Schürzen trägt“. Er musterte mit einem beruhigten Blick seine gedrungene Gestalt, sein volles rothes Ge¬ sicht, das tiefer in den Schultern stack, als er meinte, wenigstens nicht tiefer, als er für schön hielt, in dem Spiegel, steckte die Hände in die Beinkleidertaschen und klapperte mit dem Gelde darin. Er besann sich, schon dem Gesellen am Schuppen gesagt zu haben: Es bleibt beim Alten in der Arbeit. Du nimmst von Niemand Befehle, als von mir. Ich bin Herr hier. Und der hatte so eigen zweideutig gelacht, als sagte er ein lautes Ja zu dem Redenden und zu sich: ich laß' dich so reden, weil ich es bin. Fritz Nettenmair dachte: lange wird er nicht bleiben; dafür will ich schon thun. Und über der Bewegung, die wiederum sagte: ich bin ein Kerl, der das Leben versteht, fiel ihm der Ball ein, an dem er das heute Abend noch viel genugthuender empfinden wird, weil er's in allen Augen lesen kann, was er ist und kein Anderer so außer ihm. Seine junge Frau scheint Aehnliches zu denken. Auch sie sieht in den Spiegel; ihre Blicke begegnen sich darin. Die Ehe soll die Gatten sich ähnlich machen. Hier traf die Bemerkung. Das Zusammenleben hatte hier zwei Gesichter sich ähnlich gemacht, die unter andern Umständen sich vielleicht eben so unähnlich sehen würden. Und es hatte eigentlich nicht beide einander ähnlich gemacht, sondern nur eins davon dem andern. Die übereinstimmenden Züge, das konnte ein scharfes Auge seh'n, waren nur ihm eigen; er hatte nur gege¬ ben, aber nicht empfangen. Und doch wär' es umge¬ kehrt besser gewesen für Beide, wenn er's auch nicht eingesteh'n würde und sie es nicht fühlte, wenigstens in diesem Augenblicke nicht. Vielleicht auch morgen und übermorgen noch nicht. Wie viel Zeit mag nöthig sein, wie viel Schmerzen wird sie zu Hülfe nehmen müssen, von einem ursprünglich so schönen Menschenbilde abzuwaschen, womit die Gewohnheit von Jahren es beschmutzt! Die Thür flog auf, das hochgeröthete Antlitz des Dienstmädchens erschien in ihr. Er kommt! Wer in der Straße zufällig am Fenster steht, schaut mit Wohl¬ gefallen auf die frische, schlanke, männliche Gestalt herab, die daher kommt, den Tornister auf dem Rücken, den Stock unter'm Arm. Denn er hat keine Hand frei. An der rechten führt er ein Mädchen, zwei klei¬ nere Knaben halten sich zugleich an seiner linken fest, Ein Umstand, der das Fortkommen nicht erleichtert. Die Nachbaren, die wußten, wer erwartet wurde, fül¬ len Fenster und Thüren. Er hat nun nicht allein den unermüdlich auf ihn einredenden Kindern, er hat auch Andern zu antworten. Den Alten muß er auf Grüße und Scherzreden erwiedern, Schulkameraden zuwinken, vor erröthenden Mädchengesichtern sich verneigen. Den Hut kann er nicht abzieh'n; die Kinder geben seine Hände nicht frei. Aber die Grüßenden verlangen es auch nicht; sie seh'n, wie unmöglich es ihm ist. Und wo er vorübergegangen, da sagt ein Winken hinter ihm her, er ist noch der alte, hübsche, bescheidene Junge, und ein gehobener Finger setzt hinzu: aber er ist kein Junge mehr; er ist ein Mann geworden und was für einer! Ist das Fenster geschlossen, wird Alles zu sei¬ nem Lobe laut, nur die Mädchen nicht, die reif genug waren, sein Neigen mit unwillkührlichem Erröthen zu erwiedern. Die sind stiller als sonst, und die Sonne, die heut so viel heller scheint, als an andern Tagen, bringt die seltsamsten Wirkungen auf sie hervor. Zu¬ nächst einen eigenen Drang der Füße, in der Richtung nach den Fenstern sich zu bewegen; dann ein ebenso wunderbar plötzliches Wiedererwachen längst entschlafe¬ ner Freundschaften, deren Gegenstände in der Nähe des Nettenmair'schen Hauses wohnen und die man besuchen muß; endlich merkwürdig oft wiederkehrenden Andrang des Blutes nach dem Kopfe, den man für ein Errö¬ then angesehen hätte, war nur irgend ein Grund dazu vorhanden. Ob die Veränderung, die mit unserm Wanderer in der Fremde vorgegangen, seinen Bruder ebenso erfreuen wird, als die Nachbaren? Er ist an der Thür des Vaterhauses angekommen. Vergeblich hat er an den Fenstern nach einem bekann¬ ten Antlitz gesucht. Jetzt kommt ein untersetzter Herr im schwarzen Frack herausgestürzt. So hastig kommt er gestürzt, so wild umschlingt er jenen, so fest drückt er ihn an seine weiße Weste, so nah' drängt er Wange gegen Wange, so lang' läßt er sie da ruh'n, daß man die Wahl hat, zu glauben, er liebt den Bru¬ der außerordentlich, oder — er will sich nicht gern in die Augen seh'n lassen von ihm. Aber er muß ihn doch endlich einmal aus den Armen thun; er nimmt ihn unter den rechten und zieht ihn in die Thüre. Schön, daß du kommst! herrlich, daß du kommst! Es war eigentlich nicht nöthig — ein Einfall von dem im blauen Rock, und der hat nichts mehr zu befehlen im Geschäft. Aber es ist wirklich schön von dir; es thut mir nur leid, daß du deiner Braut unnütz die Augen roth machst. Deiner Braut! das sprach er so deutlich und mit so erhöhter Stimme, daß man es in der Wohnstube vernehmen und verstehen konnte. Der Ankömmling suchte mit feuchten Augen in des Bruders Angesicht, wie um Zug für Zug durch¬ zugeh'n, ob auch Alles noch darin sei, was ihm so lieb und theuer gewesen. Der Bruder that nichts dazu, das Geschäft ihm zu erleichtern. Was auch ihn hin¬ dern mochte; er sah von dem Andern nur, was sich zwischen Kinn und Fußspitzen desselben befand. Er hatte vielleicht gedacht, sich mit der alten Wendung auf den Fersen an die Spitze des Zuges zu stellen. Aber nach dem Wenigen, das er geseh'n, paßte „der Träu¬ mer“ nicht mehr und die Wendung unterblieb. Der Vater hat es haben wollen, sagte der Ankömm¬ ling unbefangen. Und was du da von einer Braut sagst — Der Bruder unterbrach ihn; er lachte laut in seiner alten Weise, so daß man, sprach Appollonius auch weiter, ihn nicht mehr verstanden hätte. Schon gut! Schon gut! Noch einmal, es ist prächtig, daß du uns besuchst und vierzehn Tage wenigstens wirst du fest gehalten, magst du wollen oder nicht. Kehr' dich nicht an die, setzte er leiser hinzu und zeigte mit der Rechten durch die Thüre, die er eben mit der Linken öffnete. Die junge Frau stand mit dem Rücken gegen die Thür an einem Schrank, in welchem sie kramte. Ver¬ legen und nicht eben freundlich wandte sie sich, und nur nach dem Manne. Noch sah der Schwager nichts als einen Theil ihrer rechten Wange und eine bren¬ nende Röthe darauf. Was man sonst an ihrem Be¬ nehmen auszusetzen fände, es zeigte sich darin eine unverkennbare Ehrlichkeit, ein Unvermögen, sich anders zu geben, als sie war. Sie stand da, als mache sie sich gefaßt, eine Beleidigung hören zu müssen. Der Ankömmling ging auf sie zu und ergriff ihre Hand, die sie ihm erst schien entziehen zu wollen und dann regunglos in der seinen liegen ließ. Er freute sich, seine werthe Schwägerin zu begrüßen. Er bat ihr ab, daß er durch sein Kommen sie erzürne, und hoffte, durch redliches Bemüh'n den unverkennbaren Widerwillen zu besiegen, den sie gegen ihn trage. In so schonende und artige Wendung er Bitte und Hoffnung kleidete, er sprach beide blos in Gedanken aus. Daß Alles so war, wie er es sich gedacht, und doch wieder so ganz anders, nahm ihm Unbefangenheit und Muth. Der Bruder machte der peinlichen Pause, denn seine Frau antwortete mit keinem Laute, ein willkommenes Ende. Er zeigte auf die Kinder. Sie drängten sich noch immer, unbeirrt von Allem, was die Erwachsenen bedrängte und sie nicht bemerkten und verstanden, um den neuen Onkel; und dieser war froh über den Anlaß, sich zu ihnen herabzubeugen und tausenderlei Fragen beantworten zu müssen. Die Brut ist aufdringlich, sagte der Bruder. Er zeigte auf die Kinder, aber er sah verstohlen nach der Frau. Bei alledem wundert's mich, wie ihr bekannt geworden seid. Und so schnell so vertraut, fügte er hinzu. Er mochte in Gedanken seine letzte Bemerkung weiter spinnen: es scheint, du verstehst schnell vertraut zu werden und zu machen. Ein Schatten wie von Besorgniß legte sich über sein rothes Gesicht. Aber den Kindern galt die Besorgniß nicht; er hätte sonst dabei nach den Kindern gesehn und nicht nach seiner Frau. Der Ankömmling sprach immer eifriger mit den Kindern. Er hatte die Frage überhört, oder er wollte vor der zürnenden Frau sich nicht merken lassen, wessen Bild er so lebendig in sich trage. Die Aehnlichkeit mit der Mutter hatte ihn die Kleinen, die ihm zufällig begeg¬ net, als seines Bruders Kinder erkennen lassen. Die Frage aber, wie sie so schnell mit ihm vertraut werden konnten, hätte man an den alten Valentin thun müssen. War er's doch gewesen, der ihnen immer von dem Onkel erzählt, der bald zu ihnen komme. Vielleicht nur, um von dem mit Jemand sprechen zu können, von dem er so gern sprach. Der Bruder und die Schwägerin wichen solchen Gesprächen aus und der alte Herr machte sich nicht so gemein mit dem alten Gesellen, über Dinge mit ihm zu sprechen, die ihm den Vorwand bieten konnten, in irgend eine Art Ver¬ traulichkeit gegen ihn zu verfallen. Der alte Valentin hätte auch sagen können, die Kinder waren nicht zu¬ fällig dem Onkel begegnet. Sie waren gegangen, um ihn zu finden. Der alte Valentin hatte daran gedacht, wie tausend Heimkehrenden die harrende Liebe entgegeneilt; es hatte ihm weh gethan, daß nur seinem Liebling kein Gruß entgegenkäme, ehe er pochte an des Vaters Thür. Apollonius verstummte plötzlich. Er erschrack, daß die Verlegenheit ihn des Vaters vergessen gemacht. Der Bruder verstand seine Bewegung und sagte erleichtert: er ist im Gärtchen. Apollonius sprang auf und eilte hinaus. Da unter seinen Beeten kauerte die Gestalt des alten Herrn. Er folgte der Scheere des alten Valen¬ tin, der auf den Knieen vor ihm herrutschte, noch im¬ mer mit den prüfenden Händen. Er fand manche Un¬ gleichheit, die der Geselle sofort entfernen mußte. Ein Wunder war es nicht. Der alte Valentin dachte jede Minute zweimal: jetzt kommt er! und wenn er so dachte, fuhr die Scheere queer in den Buchsbaum hinein. Und der alte Herr würde noch anders gebrummt haben, machte nicht derselbe Gedanke die Hand unsicher, die nun sein Auge war. Apollonius stand vor dem Vater und konnte vor Schmerz nicht sprechen. Er hatte lang gewußt, der Vater war blind, er hatte sich ihn oft in schmerzlichen Gedanken vorgemalt. Da war er gewesen wie sonst, nur mit einem Schirm vor den Augen. Er hatte sich ihn sitzend oder auf den alten Valentin sich lehnend gedacht, aber nie, wie er ihn jetzt sah, die hohe Ge¬ stalt hülflos wie ein Kind, die kauernde Stellung, die zitternd und ungewiß vor sich hingreifenden Hände. Nun wußte er erst, was blind sein heißt. Valentin sezte die Scheere ab und lachte oder weinte auf den Knieen; man konnte nicht sagen, was er that. Der alte Herr neigte erst wie horchend den Kopf auf die Seite, dann nahm er sich zusammen. Apollonius sah, der Vater empfand seine Blindheit als etwas, deß er sich schämen müsse. Er sah, wie der alte Herr sich anstrengte, jede Bewegung zu vermeiden, die daran er¬ innern könnte, er sei blind. Er wußte nun erst, was bei dem alten Mann, den er so liebte, blind sein hieß! Der alte Herr ahnte, daß der Ankömmling in seiner Nähe war. Aber wo? auf welcher Seite? Apollonius fühlte, der Vater empfand diese Ungewißheit mit Be¬ schämung, und zwang die versagende Brust zu dem Rufe: Vater! lieber Vater! Er stürzte neben dem alten Herrn in die Kniee und wollte beide Arme um ihn schlagen. Der alte Herr machte eine Bewegung, die um Scho¬ nung zu bitten schien, obgleich sie nur den Jüngling von ihm abhalten sollte. Der schlug die zurückgewie¬ senen Arme um die eigene Brust, den Schmerz da fest zu halten, der, über die Lippen gestiegen, dem Vater verrathen hätte, wie tief er dessen Elend empfand. Die gleiche Schonung ließ den alten Valentin die unwill¬ kührliche Bewegung, dem alten Herrn sich aufrichten zu helfen, zu einem Griff nach der Scheere machen, die zwischen ihm und diesem lag. Auch er wollte den Ankömmling verbergen, was nicht zu verbergen war. So treu und tief hatte er sich in seinen alten Herrn hineingelebt. Der alte Herr hatte sich erhoben und reichte dem Sohne die Hand, etwa als wär' dieser so viel Tage fortgewesen, als er Jahre fortgewesen war. Du wirst müde sein und hungrig. Ich leide etwas an den Augen, aber es hat nichts zu sagen. Wegen des Geschäftes rede mit dem Fritz. Ich hab's aufgegeben. Ich will Ruhe haben. Aber das ist's eigentlich nicht; junge Leute müssen auch einmal selbständig werden. Das gibt mehr Lust zum Geschäft. Ludwig , Zwischen Himmel und Erde. 4 Er trat dem Sohn um einen Schritt näher. Es war wie ein Kampf in ihm. Er wollte etwas sagen, das Niemand hören sollte, als der Sohn. Aber er schwieg. Ein Gedankenschatten von Mißtrauen und Furcht, sich etwas zu vergeben, flog über sein steiner¬ nes Gesicht. Er winkte dem Sohn, zu geh'n. Aber er selbst blieb regungslos steh'n, bis sein scharfes Ohr die Thür der Wohnstube öffnen und schließen gehört. Dann ging er nach der Laube, immer voll Anstrengung und scheinbarer Sorglosigkeit. Drinn stand er lang, mit dem Gesichte der grünen Hinterwand zugekehrt, und schien die Ranken von Teufelszwirn, die diese bildeten, angelegentlich zu mustern. Allerlei Gedanken zogen über seine Stirn. Es waren sorgenvolle, seltener von Hoffnung angeschimmert, als von Argwohn über¬ dunkelt; und alle galten dem Geschäft und der Ehre des Hauses, um das er vor Allen, selbst vor den Gliedern dieses Hauses, sich nicht im entferntesten zu kümmern sich den Anschein gab. Warum er unterdrückt, was er dem Ankömmling sagen wollte? War es vom Geschäft oder von der Ehre des Hauses? Und wußte oder ahnte er, der anstatt seiner nun um Beides zu sorgen hatte, stand an die Thür des Gärtchens gelehnt und konnte hören, was er sprach, und wenn er heimlich mit ihm sprach, wenig¬ stens sehen, daß er dies that? War es der Grund, warum er Apollonius hatte zurückrufen lassen aus der Fremde? Und schien ihm noch jetzt jedes Aussprechen eines Warum mit seinem Ansehn unverträglich? Es war ein wunderlich Beisammensein drinn in der Wohnstube am Mittagstisch. Der alte Herr aß, wie immer, allein auf seinem Stübchen. Auch die Kinder waren entfernt worden und kamen erst nach dem Essen wieder herein. Die junge Frau hielt sich mehr in der Küche oder sonst wo auf; und saß sie einmal wenige Minuten lang am Tisch, so war sie stumm wie bei der Begrüßung, und die grollende Wolke wich nicht von ihrer Stirn. Der Bruder war des Vaters Zustand gewohnt, der Apollonius noch mit erster Schärfe in das Herz schnitt; er erzählte nur von den Wunderlich¬ keiten desselben; der im blauen Rock wisse selbst nicht, was er wolle, und mache sich und Allen im Hause ohne Noth das Leben sauer. Begann Apollonius von dem Geschäft, von der bevorstehenden Reparatur des Kirch¬ dachs von Sankt Georg, dann sprach der Bruder von Vergnügungen, mit denen er sich freue, dem Bruder seinen Aufenthalt bei ihm angenehmer zu machen, und gedachte dieses Aufenthalts stets als eines vorüber¬ gehenden Besuches. Sagte der ihm, er sei nicht ge¬ kommen, sich zu vergnügen, sondern zu arbeiten, dann lachte er wie über einen unvergleichlichen Witz, daß Apollonius helfen wolle, nichts zu thun, und zeigte, er verstehe Spaß, und wär' er noch so trocken vorgetragen. Dann, war seine Frau hinausgegangen, forschte er 4* nach dem Verhältniß Apollonius zu der Tochter des Vetters und lachte dann wieder über den Bruder Spa߬ vogel, in dem man den alten Träumer gar nicht wieder¬ erkenne. Nach Tisch kamen die Kinder wieder herein und mit ihnen mehr Leben und Gemüthlichkeit. Während Apol¬ lonius vor den alten Verhältnissen noch als vor neuen und fremden stand, hatte das neue zu den Kleinen schon die ganze Vertraulichkeit eines alten gewonnen. Den ganzen Nachmittag beschäftigte den Bruder und, wie es schien, auch die Schwägerin nur der Ball. Der Bruder vergaß immer mehr, was ihm unbehaglich sein mochte, über dem Eindruck, den er als Hauptperson bei dem Feste auf den Ankömmling machen würde, und benutzte die Zeit bis zum Beginne desselben, ihm durch Erzählungen und hingeworfene Winke von Ehre und Aufmerksamkeit, die ihm bei solchen Gelegenheiten von den angesehensten Bürgern erwiesen werde, einen Vor¬ geschmack zu geben. Er wurde zusehends heiterer und schritt immer stolzer in der Stube hin und her. Das Knarren seiner wohlgewichsten Stiefeln sagte einstwei¬ len, eh's die Ballgäste thaten: Ei, da ist er ja! da ist er ja! und wenn er dazwischen mit beiden Händen in den Hosentaschen mit Geld klapperte, klang's aus allen Saalecken: Nun wird's famos! Nun wird's famos! Und dahin zwischen den Bewillkommnenden — aber schon ging er nicht mehr, er schwebte, er schwamm auf der Musik — jeder Tanz war eine Jubelouvertüre auf den Namen Nettenmair — er fühlte keinen Boden, keine Füße, keine Beine mehr unter sich, kaum noch die junge Frau Nettenmair, die neben ihm schwamm, an seiner rechten Floßfeder hangend, die Schönste unter den Schönen, wie er der Jovialste unter den Jovialen, der Daumen an der Hand des Balles war. Und zwei Stunden darauf klang es wirklich von allen Seiten: da ist er! rief's wirklich aus allen Ecken: nun wird's famos! Wo sie vorbeikamen, wurden Stühle ange¬ boten. Keine Hand wurde so oft und anhaltend ge¬ schüttelt, als des jovialen Fritz Nettenmair's, keinem Gesellschaftsmitgliede so viel ungeheucheltes Lob in die Ohren gegossen, als ihm. Aber wie liebenswürdig war er auch! Wie herablassend nahm er all' die ver¬ dienten Huldigungen auf. Wie witzig zeigt' er sich; wie gefällig lachte er. Und nicht allein über seine eige¬ nen Spässe — denn das war keine Kunst; sie waren so geistreich, daß er lachen mußte, wenn er nicht wollte — auch über andere, so wenig die es, gegen die seinen gehalten, verdienten. Es gab freilich auch Leute, die sich wenig an ihn kehrten, aber er bemerkte sie nicht, und die es deutlicher zeigten, waren Philister, Alltags¬ kerle, unbedeutende Menschen, wie er dem Bruder mit verächtlichem Bedauern in's Ohr sagte. Es war ganz eigen; man konnte an dem Grad ihrer Verehrung von Fritz Nettenmair ihre größere oder geringere Bedeutung als Menschen und Bürger ganz genau ermessen. Da stand er, den rothen Kopf in den Schultern, die das ungeheuchelte Gefühl seiner Wichtigkeit — und seine eigene stille Meinung von sich war noch ungeheuchel¬ ter, als die laut ausgesprochene der bedeutendsten Leute im Saal über ihn — noch mehr als gewöhnlich in die Höhe gezogen, die Arme bald in graziöser Eckigkeit an den Leib gedrückt, bald ausgestreckt, um mit dem Stocke irgend einem der bedeutendsten Leute eine klatschende Liebkosung zu versetzen, die jederzeit mit einem dankba¬ ren Lächeln erwiedert wurde. Als der Tanz begann, zog Fritz Nettenmair den Bruder in eine Nebenstube. Du mußt tanzen, sagte er. Von meiner Frau würdest du einen Korb holen und das wär' mir unangenehm. Ich will dir eine zuführen, die firm ist und dich im Takt erhalten kann. Nur herzhaft, Junge, wenn's auch nicht gleich geh'n will. Fritz Nettenmair hatte in der Aufregung der Eitelkeit sechs Jahre vergessen. Der Bruder war ihm noch der alte Träumer, den er zuweilen zu seinem Vergnügen zu tanzen zwang. Als er ihm, auf dessen Weigerung er nicht geachtet, das Mädchen zuführte, ergab sich dieser, um nicht unhöflich zu erscheinen. Herr Fritz Nettenmair war der gutmüthigste Mensch von der Welt, so lang er sich den alleinigen Gegen¬ stand der allgemeinen Bewunderung wußte. In solcher Stimmung konnte er für diejenigen, die sein Glanz in den Schatten stellte, Thaten der Aufopferung thun. So auch jetzt. Wie er unter den bedeutenden Leuten saß, die er mit Champagner traktirte, und in den Augen seiner Frau die Befriedigung las, mit der sie ihn mit Ehren überhäuft sah, kam die Empfindung über ihn, als habe er dem Bruder ein großes Unrecht verziehn und er sei ein außerordentlich edler Mensch, der all' die Ehrenbezeugungen verdiene und in wunderbarer Anspruchslosigkeit sich dennoch herablasse, sich durch sie rühren zu lassen. Eben tanzte Apollonius vorüber. Er sah, der war der alte Träumer nicht mehr, aber er vergab ihm auch das. Alle Augen waren auf den schönen Tänzer und seinen gewandten Anstand gerich¬ tet. Er zog seine Frau auf und in der Gewißheit, wie sehr er den Bruder überglänzen müsse, hatte er noch die Wollust, dem Bruder, wer weiß wie viel Un¬ recht, das ihm dieser nie zugefügt, zu verzeihn. Aber der Undankbare! Er ließ sich nicht überglänzen. Fritz Nettenmair tanzte jovial und wie einer, der die Welt kennt und mit der Art umzugehn weiß, die lange Haare hat und Schürzen trägt; der Bruder war ein steifes Bild dagegen. Der nickte den Takt nicht mit dem Kopfe, der warf nicht, trat der linke Fuß im Niedertakte auf, den Oberleib auf die rechte Seite und umgekehrt; der fuhr nicht mit kühner Genialität hin und wieder queer über den Tanzsaal und stach andere Paare aus; der tanzte durchaus weder jovial, noch wie einer, der die Welt kennt und mit der Art umzu¬ gehn weiß, die lange Haare und Schürzen trägt; und dennoch blieben alle Blicke auf ihm haften; und Fritz Nettenmair übertraf vergeblich sich selbst. Es war der ledernste Ball, den Fritz Nettenmair mitgemacht; er konnte nicht lederner sein, war Fritz Nettenmair daheim geblieben. Fritz Nettenmair ver¬ sicherte es mit hohen Schwüren, und die bedeutenden Leute, die seinen Champagner tranken, stimmten, wie immmer , unbedingt in seine Meinung ein. Einige bedeutende Frauen sprachen gegen Frau Nettenmair ihre gerechte freundschaftliche Entrüstung über den Schwager aus. Daß dieser nicht die Schwä¬ gerin zuerst zum Tanze aufgezogen, bewies eine un¬ verzeihliche Mißachtung derselben. Die Frau Netten¬ mair, die das allgemeine Unrecht an ihrem jovialen Gatten so tief fühlte, als wär' es ihr selber angethan, sagte, der Schwager habe wohl gewußt, daß er sich nur einen Korb bei ihr geholt hätte. Aber dieser wurde nur immer mehr bewundert und geehrt und der Ball demzufolge nur immer noch lederner. So ledern, daß Fritz Nettenmair mit seiner Frau zu einer Stunde auf¬ brach, wo er sonst erst recht jovial zu werden anfing. Dennoch sammelte er feurige Kohlen auf des undank¬ baren Bruders Haupt. Er bat in dessen Namen das Mädchen, dem Bruder zu erlauben, daß er sie heimbe¬ gleiten dürfe. Dann ging er aus dem Nebenstübchen wieder in den Saal zu seiner Frau und verließ mit dieser unter der ungeheucheltsten Verzweiflung der be¬ deutenden Leute, die noch Durst nach Champagner hatten, das Haus. Apollonius fand, als er des aufgenöthigten Ritter¬ dienstes gegen seine Dame sich entledigt, die Thür des Vaterhauses offen und alle seine Bewohner schon im Schlafe. Wenigstens zeigte sich nirgends ein Licht und Alles war still. Der Bruder hatte ihm das Kämmer¬ chen links an der Emporlaube zur Wohnung angewie¬ sen. Zu Apollonius Glück hatten die sechs Jahre das Haus nicht verändert, wie seine Bewohner. Er ging leise durch die Hinterthür, an dem freundlich knurren¬ den Moldau vorbei, dem er voll Dankbarkeit für das Zeichen seiner Beständigkeit den rauhen Hals streichelte, stieg die Treppe herauf, schritt die Emporlaube entlang und fand ein Bett in seinem Stübchen. Aber er saß noch lang, eh' er sich entkleidete, auf dem Stuhl am Fenster und verglich, was er gefunden, mit dem, was er verlassen. Die Gedanken und Bilder des Vergleichs spielten noch in seine Träume hinein. Der Vater stand wieder vor ihm und kündigte ihm an, er müsse noch morgen nach Köln und inmitten der Rede brach die rüstige Gestalt zusammen und tappte hülflos mit zitternden Händen an der Erde herum und schämte sich ihrer Blindheit. Der Bruder saß dabei und trank Cham¬ pagner. Die Schwägerin kam aus dem Hause, das liebliche, offene Gesicht voll Zutraulichkeit und Aufrich¬ tigkeit von sonst; die Blume, die sie vor Apollonius hinlegen wollte, fiel aus ihrer Hand, als sie den Bru¬ der erblickte und der ihm neue, fremde Zug von Leer¬ heit, gedankenloser, eitler Vergnügungssucht, von grol¬ lender Bitterkeit gegen Appollonius legte sich über sie wie ein schmutziges Spinnengewebe. Er wollte arbei¬ tend sich vergessen, aber der Bruder rüttelte an dem Fahrstuhl, daß er fast hinunterstürzte aus der Schwin¬ delhöhe auf's Pflaster und sagte: ein Besuch für vier¬ zehn Tage dürfe nicht arbeiten. Er wolle ja ohnehin wieder heim. Und sonderbar war's, daß ihm jetzt Köln als seine Heimath erschien und seine Vaterstadt so fremd, daß er sich die bittersten Vorwürfe machte in seiner Gewissenhaftigkeit. Dann fand er sich wieder auf dem Fahrstuhl hoch am Thurmdach. Da war Alles anders, als es sein sollte, die Schiefer in verkehrter Richtung gedeckt, und nun stack er in die Ausfahrthür eingeklemmt, ringsum in staubige Spinnengewebe ein¬ gewickelt; er hatte seine Festtagskleider an; sie waren voll Schmutz; er wischte und bürstete, daß er schwitzte, und sie wurden nicht rein. Und so oft er von der vergeblichen Bemühung aufwachte, wiederholt' er sich laut den Entschluß, den er vor dem Niederlegen gefaßt. Am nächsten Morgen mußte er wissen, was er hier sollte, mußte sein Verhältniß zum Vaterhause ein klares sein. War keine Arbeit für ihn, so sah ihn der Mor¬ gen noch auf seinem Rückwege nach Köln. — Mit der Sonne war er auf. Aber er mußte lange warten, bis es dem Bruder gefiel, sich von seinem La¬ ger zu erheben. Er benutzte die Zeit zu einem Gange nach Sankt Georg; er wollte sich selbst überzeugen, was dort zu thun sei. Als er wieder zurück kam, traf er auf seinen Bruder und einen Herrn mit ihm, die eben im Begriffe waren, die Wohnstube zu verlassen. Den Herrn kannte Apollonius noch von früher her als den Deputirten des Stadtraths für das Baufach. Sie begrüßten sich. Sie hatten schon gestern auf dem Balle sich gesprochen, wo der Herr sich eben nicht als ein bedeutender Mensch und Bürger ausgewiesen, viel¬ mehr zu den Philistern, Alltagskerlen und Unbedeuten¬ den gehalten hatte. Es schien ihm nicht unlieb, Apol¬ lonius eben jetzt zu begegnen. Nach einigen herge¬ brachten Wechselreden kam er auf den Zweck seines Hierseins. Es sollte diesen Morgen noch eine letzte Berathung von Sachverständigen stattfinden über das, was an Kirchen- und Thurmdach zu thun sei, damit das Resultat derselben noch bei der am Nachmittag stattfindenden Rathssitzung vorgetragen und Beschluß gefaßt werden könne. Fritz Nettenmair und der Raths¬ bauherr waren eben auf dem Wege nach Sankt Georg, wo sie die übrigen Sachverständigen bereits versammelt wußten. Der Bruder wollte seinen Besuch, wie er sagte, nicht mit der Theilnahme an fremden Geschäften be¬ schweren: ebensowenig mochte er ihn — aber das sagte er nicht — allein daheim lassen. Er bestellte Apollo¬ nius nach dem Waldhause, von wo er ihn zu einem Spa¬ ziergange abholen würde. Apollonius versicherte ganz unbefangen, daß er lieber der Verhandlung beiwohnen möchte, und als der Rathsbauherr ihn sogar als einen Sachverständigen mehr zum Mitgeh'n aufforderte, war kein Vorwand zu finden, es zu verhindern. Vielleicht hatte Fritz Nettenmair eine Ahnung davon, bald werde er dem Ankömmling noch weit mehr zu verzeihen haben. Sie fanden die übrige Versammlung, zwei fremde Schieferdeckermeister und die städtischen Rathsbauleute, den Raths-Zimmermann, Maurer und Klempner an der Thurmthüre ihrer harrend. Man hatte bereits einige fliegende Rüstungen zum Behufe der Untersu¬ chung an dem Dache angebracht; auf dem Kirchenbo¬ den, der größten davon zunächst, ging die Berathung vor sich. Apollonius stand bescheiden einige Schritte entfernt, um zu hören und, wenn er gefragt würde, auch zu reden. Er hatte das Dach vorhin genau untersucht und sich eine Meinung von der Sache ge¬ bildet. Die beiden fremden Schieferdecker sprachen sich für die Nothwendigkeit einer umfassenderen Reparatur aus. Fritz Nettenmair dagegen war überzeugt, mit einigen kleinen Flickereien, die er angab, sei wiederum für Jahre geholfen. Ihm stimmten die Rathsmeister, Zim¬ mermann, Maurer und Blechschmied eifrig bei; lauter joviale und bedeutende Männer vom gestrigen Balle, die gewissenhaft schlossen, wessen Champagner man trinke, dessen Meinung müsse man sein. Die fremden Schieferdecker wußten recht gut, der Rath fürchtete die Kosten einer umfassenderen Reparatur und verschob die höchst nothwendige schon lange von Jahr zu Jahr. Da sie obendrein selbst keine Aussicht hatten, sich die Reparatur übertragen zu seh'n, so gaben sie sich nicht unnütze Mühe, Herrn Fritz Nettenmair Arbeit und Gewinn aufdringen zu helfen, woran ihm selber nichts gelegen schien. Sie fanden daher im Laufe der Debatte immer mehr, daß, je nachdem man die Sache ansehe, auch Herr Fritz Nettenmair recht habe. Vielleicht be¬ griff der Rathsbauherr, ein braver Mann, ihre, wie der bedeutenden Leute Beweggründe. Er hatte mit unbefriedigtem Gesicht eine Weile geschwiegen, als ihm Apollonius einfiel. In dessen Zügen sah er ein Etwas ausgedrückt, das seiner eigenen Meinung zu entsprechen schien. Und was sagen Sie? wandte er sich zu ihm. Apollonius trat bescheiden einen Schritt näher. Ich wünschte, Sie sähen sich die Sache so genau als möglich an, sagte der Rathsherr. Apollonius entgeg¬ nete, er habe das bereits gethan. Ich brauche Sie nicht darauf aufmerksam zu machen, fuhr der Raths¬ herr fort, wie wichtig die Sache ist. Apollonius verbeugte sich. Der Bauherr hielt zurück, was er noch sagen wollte. Aus des jungen Mannes Angesicht sprach bei aller Weichheit und Milde so strenge Ge¬ wissenhaftigkeit und eigensinnige Redlichkeit, daß der Rathsherr sich der Ermahnung fast schämte, die er an ihn hatte richten wollen. Apollonius begann nun mit den Ergebnissen seiner vorhinigen Untersuchung. Er stellte den Zustand der Stellen dar, die er hatte prüfen können und was sich daraus auf die übrigen schließen ließ. Seit achtzig Jahren hatte, das war aus den Kirchenrechnungen bekannt, das Kirchendach keine um¬ fassendere Reparatur erfahren. Wenn auch die Schie¬ ferdecke bei gutem Material noch weit länger den Ele¬ menten trotzt, ist das doch nicht mit den Nägeln der Fall, mit denen die Schieferplatten auf Belattung und Verschalung aufgenagelt sind. Und wo er geprüft, hatte er die Nägel zum Theile völlig zerstört, zum Theil der völligen Zerstörung nah gefunden. Das Kirchendach war ein sehr steiles Pultdach; da die Nä¬ gel ihre Schuldigkeit nicht mehr thaten, hatten sich viele Platten verschoben und der Nässe das Eindringen ge¬ stattet; dort zeigte sich, selbst wo sie von Eichenholz war, die Belattung und Verschalung gänzlich morsch; und solcher Stellen waren überall. Es zeigte sich unumgänglich nothwendig, die ganze Bedachung umzudecken und die Belattung und Verscha¬ lung der morschen Stellen durch neue zu ersetzen. Ein Winter noch mußte den Zustand um weit mehr ver¬ schlimmern, als durch Verzögerung der Reparatur an Zinsen erspart wurde; denn diese konnte man ohne größten Schaden doch nur höchstens bis auf das nächste Jahr hinausschieben. Er führte die Versammelten an Stel¬ len, die zum Belege dienen konnten. Er zog nicht selbst den Schluß, sondern wußte mit der Kunst, die er vom Vetter gelernt, die Gegner zu zwingen, das für ihn zu thun. Das Vertrauen und die Achtung des Raths¬ bauherrn vor unserm Apollonius wuchs zusehends. Er wandte sich im weiteren Gespräche fast nur an ihn und schüttelte ihm herzlich die Hand, als er die Versammlung verließ. Er hoffte, Apollonius werde bei dem Werke, wenn es wie er nun nicht mehr zweifelte, die Geneh¬ migung des Raths erhielt, sich thätig betheiligen, und trug ihm auf, ein Gutachten abzufassen, auf welche Weise es am zweckmäßigsten anzugreifen sei. Apollo¬ nius dankte bescheiden für das Vertrauen, dem er wür¬ dig zu entsprechen suchen wolle. Ueber seine Mitthätig¬ keit bei der Arbeit selbst, entgegnete er, habe sein Vater als Meister zu entscheiden. Ich gehe gleich mit Ihnen, sagte der Rathsbauherr, und spreche mit ihm. Hatte gleich der Bruder das Geschäft bis jetzt ge¬ leitet und wurde er auch von den bedeutenden Leuten als Meister anerkannt und behandelt, er war es noch nicht. Der Alte hatte ihn so wenig Meister werden lassen, als ihm das Geschäft förmlich übergeben; er wollte sich, wo er es nöthig fände, ein souveraines Ein¬ schreiten frei halten. Der alte Herr hörte die Kommenden schon von Weitem und tastete sich nach der Bank in seiner Laube. Da saß er, als sie eintraten. Nach geschehener Be¬ grüßung fragte der Bauherr nach Herrn Nettenmair's Befinden. Ich danke Ihnen, entgegnete der alte Herr; ich leide etwas an den Augen, aber es hat nichts zu sagen. Er lächelte dazu und der Bauherr wechselte mit Apollonius einen Blick, der dem Manne Apol¬ lonius ganze Seele gewann. Dann erzählte er dem alten Herrn die ganze Berathung und machte, daß Apollonius in seiner Bescheidenheit erröthete, und lange nicht seine gewöhnliche Farbe wiederfand. Der alte Herr rückte seinen Schirm tiefer in's Gesicht, um Nie¬ mand die Gedanken sehen zu lassen, die da wunderlich mit einander kämpften. Wer unter den Schirm sehen konnte, hätte gemeint, zuerst, der alte Herr freut sich; der Schatten von Argwohn, mit dem er gestern Apol¬ lonius empfing, schwindet. So braucht er doch nicht zu fürchten, der wird mit dem Bruder gemeine Sache gegen ihn machen! Ja, es erschien ein Etwas auf dem Antlitz, das sich zu schadenfreuen schien über die Demüthigung des älteren. Vielleicht wär' er nach sei¬ ner Weise eingeschritten mit einem lakonischen: du ver¬ siehst meine Stelle von nun, Apollonius, hörst du? hätte nicht der Bauherr dessen Lob gepriesen und wäre das nicht so verdient gewesen. Ja, sagte er in seiner diplomatischen Art, seine Gedanken dadurch zu verber¬ gen, daß er sie nur halb aussprach; ja, die Jugend! er ist jung. — Und doch schon so tüchtig! ergänzte der Bauherr. Der alte Herr neigte seinen Kopf. Wer ein Interesse darin fand, wie der Bauherr, konnte glauben, er nickte dazu. Aber er meinte: die Jugend gilt heut zu Tag in der Welt! Ja, er fühlte Stolz, daß sein Sohn so tüchtig, Scham, daß er selber blind, Freude, daß Fritz nun nicht mehr konnte, wie er wollte, daß die Ehre des Hauses einen Wächter mehr gewon¬ nen, Furcht, die Tüchtigkeit, der er sich freute, mache ihn selbst überflüssig. Und er konnte nichts dagegen thun; er konnte nichts mehr, er war nichts mehr. Und als hätte Apollonius das ausgesprochen, erhob er sich straff, wie um zu zeigen, jener triumphire zu früh. Der Bauherr bat, der alte Herr möge den Sohn für die Dauer der Reparatur hier behalten und dabei thä¬ tig sein lassen. Der alte Herr schwieg eine Weile, als warte er darauf, Apollonius solle sich des Dableibens weigern. Dann schien er anzunehmen, Apollonius weigere sich, denn er befahl in seiner grimmigen Kürze: Du bleibst; hörst du? Apollonius begab sich auf sein Stübchen, seine Sachen auszupacken. Er war noch darüber, als die Nachricht kam, der Stadrath habe die Reparatur ge¬ Ludwig , Zwischen Himmel und Erde. 5 nehmigt. So war es bestimmt: er blieb. Er durfte für die geliebte Heimath schaffen und anwenden, was er in der Fremde gelernt. Wer den ganzen Apollonius Nettenmair mit einem Blicke überschauen wollte, mußte jetzt in sein Stübchen hereinseh'n. Das Hauptziel aller seiner Wünsche war erreicht. Er war voll Freude. Aber er sprang nicht auf, rannte nicht in der Stube umher, er ließ nichts fallen, er verlegte nichts, er suchte nicht im Koffer oder auf dem Stuhle, was er in den Händen hielt. Die Freude verwirrte ihn nicht, sie machte ihn klarer, ja, sie machte ihn eigensinniger. Er übersah darum kein Federchen, nicht ein Stäubchen auf den Kleidern, die er auspackte; er strich nicht ein¬ mal weniger, als er gewohnt war, darüber hin; nur an der Art, wie er das that, sah man, was in ihm vorging. Es war zugleich ein Liebkosen der Dinge. Die Freude über ein neugewonnenes Gut verdunkelte ihm keinen Augenblick lang, was er schon besaß. Alles war ihm noch einmal geschenkt, und das Verhältniß zu jedem seiner Besitzstücke zeigte das Gepräge einer liebenden und doch rücksichtsvollen Achtung. Wenn er an das Lob des Bauherrn dachte, war seine Freude darüber im einsamen Stübchen mit demselben bescheiden abweisenden Erröthen gepaart, womit er es in Ge¬ genwart von Andern aufgenommen. Für ihn gab es kein Allein und kein vor den Leuten. Als er sich eingerichtet sah, ging er sogleich an das verlangte Gutachten. Die Reparatur war auf seinen Rath beschlossen worden. Er empfand, er war nicht allein als seines Vaters Geselle, als bloßer Arbeiter dabei betheiligt; er fühlte, er hatte noch eine besondere moralische Verpflichtung gegen seine Vaterstadt einge¬ gangen; er mußte thun, was in seinen Kräften stand, ihr zu genügen. Er wußte nicht, daß kein Bewußt¬ sein einer solchen dazu nöthig war; er hätte ohnedies gethan, was er vermocht; er kannte sich zu wenig, um das zu wissen. In dieser erhöhten Stimmung erschien ihm leicht, was sein Dableiben von Seiten des Bruders und der Schwägerin unbehaglich zu machen drohte, zu beseiti¬ gen. Der Bruder wünschte sein Geh'n ja nur um des Widerwillens der Schwägerin willen, und der war durch Ausdauer redlichen Mühens zu besiegen. Sei¬ nen Bruder hatte er nie beleidigt; er wollte sich ihm im Geschäfte willig unterordnen. Er dachte nicht, daß man beleidigen kann, ohne zu wissen und zu wollen, ja, daß die Pflicht gebieten könne, zu beleidigen. Er dachte nicht, daß sein Bruder ihn beleidigt haben könnte. Er wußte nicht, man könne auch den hassen, den man beleidigt, nicht bloß den Beleidiger. Unten am Schuppen stand der ungemüthliche Ge¬ selle grinsend vor Fritz Nettenmair. Er sagte: mit dem ersten Blick hab' ich einen weg. Ja, der Herr Apol¬ 5 * lonius! Aber's hat nichts zu sagen. Wird nicht lang dauern das! Fritz Nettenmair kaute an den Nägeln und übersah die Geberde, die ihn reizen sollte, zu fra¬ gen, wie der Gesell das meine mit dem nicht lang Dauern. Er ging nach der Wohnstube und fuhr im Gehen leise gegen einen Jemand auf, der nicht da war: Rechtschaffenheit? Geschäftskenntniß, wie der Alltagsrathsbaukerl sagt? Ich weiß, warum du dich aufdringst und einnistest, du Federchensucher! du Staub¬ wischer! Thu' unschuldig, wie du willst, ich — er machte die Geberde, die hieß: „ich bin einer, der das Leben kennt und die Art, die lange Haare und Schür¬ zen trägt!“ Damit wandte er sich nach der Thür, aber die Wendung war nicht jovial wie sonst. — Wie Mancher meint die Welt zu kennen und kennt nur sich! Der Geist des Hauses mit den grünen Fensterladen wußte mehr, als Apollonius Nettenmair, wußte mehr, als Alle. Er schaute Nachts durch das Fenster, wo Apollonius bei der Lampe noch immer an seinem Gut¬ achten schrieb. Auf das Papier vor dem jungen Manne fiel sein bleicher Schatten und der Schreibende athmete schwer auf, er wußte nicht, warum. Dann schritt er mit ängstlicher Geberde den Gang zum Schuppen hin, und der alte Hund an seiner Kette heulte im Schlafe und wußte nicht warum. Die junge Frau sah seine Hand über des Gatten Stirne fahren; sie erschrack, er erschrack mit und wußte nicht warum. Dem alten Herrn träumte, man trüge einen Todten mit Schande in das Haus und das alte Haus knackte in allen sei¬ nen Balken und wußte nicht warum. Und der Geist wandelte noch lang, als Alles schon zu Bette war, durch seine Zimmer, herauf und herab, her und hin, auf der Emporlaube, im Gärtchen, im Schuppen und im Gang und rang die bleichen Hände; er wußte, warum. Zwischen Himmel und Erde ist des Schieferdeckers Reich. Tief unten das lärmende Gewühl der Wande¬ rer der Erde, hoch oben die Wanderer des Himmels, die stillen Wolken in ihrem großen Gang. Monden, Jahre, Jahrzehnte lang hat es keine Bewohner, als der krächzenden Dohlen unruhig flatternd Volk. Aber eines Tages öffnet sich in der Mitte der Thurmdach¬ höhe die enge Ausfahrthür; unsichtbare Hände schieben zwei Rüststangen heraus. Dem Zuschauer von unten gemahnt's, sie wollen eine Brücke von Strohhalmen in den Himmel bau'n. Die Dohlen haben sich auf Thurm¬ knopf und Wetterfahne geflüchtet und seh'n herab und sträuben ihr Gefieder vor Angst. Die Rüststangen stehen wenige Fuß heraus und die unsichtbaren Hände lassen vom Schieben ab. Dafür beginnt ein Hämmern im Herzen des Dachstuhls. Die schlafenden Eulen schrecken aus und taumeln aus ihren Lucken zackig in das offene Aug' des Tages hinein. Die Dohlen hören's mit Entsetzen; das Menschenkind unten auf der festen Erde vernimmt es nicht, die Wolken oben am Himmel ziehen gleichmüthig darüber hin. Lang währt das Pochen, dann verstummt's. Und den Rüst¬ stangen nach und quer auf ihnen liegend schieben sich zwei, drei kurze Bretter. Hinter ihnen erscheint ein Menschenhaupt und ein Paar rüstige Arme. Eine Hand hält den Nagel, die andere trifft ihn mit ge¬ schwungenem Hammer, bis die Bretter fest aufgenagelt sind und die fliegende Rüstung fertig. So nennt sie ihr Baumeister, dem sie eine Brücke zum Himmel wer¬ den kann, ohne daß er es begehrt. Auf die Rüstung baut sich nun die Leiter und, ist das Thurmdach sehr hoch, Leiter auf Leiter. Nichts hält sie zusammen, als der eiserne Längehacken, nichts hält sie fest, als auf der Rüstung vier Männerhände und oben die Helmstange, an der sie lehnt. Ist sie einmal über der Ausfahrthür und an der Helmstange mit starken Tauen angebunden, dann sieht der kühne Schieferdecker keine Gefahr mehr in ihrem Besteigen, so weh dem schwindelnden Men¬ schenkinde tief unten auf der sichern Erde wird, wenn es heraufschaut und meint, die Leiter sei aus leichten Spänen zusammengeleimt wie ein Weihnachtsspielwerk für Kinder. Aber eh' er die Leiter angebunden hat — und um das zu thun, muß er erst einmal hinauf¬ gestiegen sein, — mag er seine arme Seele Gott befeh¬ len. Dann ist er erst recht zwischen Himmel und Erde. Er weiß, die leichteste Verschiebung der Leiter — und ein einziger falscher Tritt kann sie verschieben — stürzt ihn rettungslos hinab in den sichern Tod. Haltet den Schlag der Glocken unter ihm zurück, er kann ihn erschrecken! Die Zuschauer unten tief auf der Erde falten athemlos unwillkührlich die Hände, die Dohlen, die er von ihrem letzten Zufluchtsorte verscheucht, kräch¬ zen wildflatternd um sein Haupt; nur die Wolken am Himmel gehen unberührt ihren Pfad über ihn hin. Nur die Wolken? Nein. Der kühne Mann auf der Leiter geht so unberührt, wie sie. Er ist kein eitler Wagling, der frevelnd von sich reden machen will; er geht seinen gefährlichen Pfad in seinem Berufe. Er weiß, die Leiter ist fest; er selbst hat das fliegende Ge¬ rüst gebaut, er weiß, es ist fest; er weiß, sein Herz ist stark und sein Tritt ist sicher. Er sieht nicht hinab, wo die Erde mit grünen Armen lockt, er sieht nicht hinauf, wo vom Zug der Wolken am Himmel der tödtliche Schwindel herabtaumeln kann auf sein festes Aug'. Die Mitte der Sprossen ist die Bahn seines Blicks und oben steht er. Es gibt keinen Himmel und keine Erde für ihn, als die Helmstange und die Leiter, die er mit seinem Tau zusammenknüpft. Und der Knoten ist geschlungen; die Zuschauer athmen auf und rühmen auf allen Straßen den kühnen Mann und sein Thun hoch oben zwischen Himmel und Erde. Schie¬ ferdecker spielen die Kinder der Stadt eine ganze Woche lang. Aber der kühne Mann beginnt nun erst sein Werk. Er holt ein anderes Tau herauf und legt es als dreh¬ baren Ring unter dem Thurmknopf um die Stange. Daran befestigt er den Flaschenzug mit drei Kloben, an den Flaschenzug die Ringe seines Fahrzeugs. Ein Sitzbrett mit zwei Ausschnitten für die herabhängenden Beine, hinten eine niedrige, gekrümmte Lehne, hüben und drüben Schiefer-, Nagel- und Werkzeugkasten; zwischen den Ausschnitten vorn das Haueisen, ein klei¬ ner Ambos, auf dem er mit dem Deckhammer die Schie¬ fer zurichtet, wie er sie eben braucht; dies Geräth, von vier starken Tauen gehalten, die sich oberhalb in zwei Ringe für den Hacken des Flaschenzugs vereini¬ gen, das ist der Hängestuhl, wie er es nennt, das leichte Schiff, mit dem er hoch in der Luft das Thurm¬ dach umsegelt. Mittelst des Flaschenzugs zieht er sich mit leichter Mühe hinauf und läßt sich herab, so hoch und tief er mag; der Ring oben dreht sich mit Flaschen¬ zug und Hängestuhl, nach welcher Seite er will, um den Thurm. Ein leichter Fußstoß gegen die Dachfläche setzt das Ganze in Schwung, den er einhalten kann, wo es ihm gefällt. Und bald bleibt kein Menschenkind mehr unten steh'n und sieht herauf; der Schieferdecker und sein Fahrzeug sind nichts Neues mehr. Die Kinder greifen wieder zu ihren alten Spielen. Die Dohlen gewöhnen sich an ihn; sie sehen ihn für einen Vogel an, wie sie sind, nur größer, aber friedlich, wie sie; und die Wolken hoch am Himmel haben sich nie um ihn gekümmert. Die Damen neideten ihm die Aus¬ sicht. Wer konnte so frei über die grüne Ebene hin¬ seh'n und wie Berge hinter Bergen hervorwachsen, erst grün, dann immer blauer, bis wo der Himmel, noch blauer, sich auf die letzten stützt! Aber er kümmert sich so wenig um die Berge, wie die Wolken sich um ihn. Tag für Tag handthiert er mit Flickeisen und Klaue, Tag für Tag hämmert er Schiefer zurecht und Nägel ein, bis er fertig ist mit Hämmern und Nageln. Und eines Tages sind Mann, Fahrzeug, Leiter und Rüstung verschwunden. Das Entfernen der Leiter ist so gefähr¬ lich, als ihre Befestigung, aber es faltet Niemand unten die Hände, kein Mund rühmt des Mannes That zwischen Himmel und Erde. Die Krähen wun¬ dern sich eine ganze Woche lang, dann ist's, als hät¬ ten sie vor Jahren von einem seltsamen Vogel geträumt. Tief unten lärmt noch das Gewühl der Wanderer der Erde, hoch oben geh'n noch die Wanderer des Him¬ mels, die stillen Wolken, ihren großen Gang, aber Niemand mehr umfliegt das steile Dach, als der Doh¬ len krächzender Schwarm. Apollonius hatte zum Behufe seines Gutachtens noch manche Untersuchungen angestellt. Das Thurm¬ dach war mit Metall gedeckt; diese Decke lag schon nah an zweihundert Jahre. Als er sie auf seinem Fahrzeuge umfuhr, fand er die Metallplatten der völ¬ ligen Auflösung nah. Das hatte man gefürchtet. Blei¬ deckung auf hohen Gebäuden kommt ungleich theurer, als Deckung mit Schiefer, wenn man diesen in der Nähe hat. Den Schieferbedarf nimmt der Decker in seinem Fahrzeuge mit hinauf, das kann er mit den ungleich schwereren Bleiplatten nicht. Die ganze De¬ ckung mit Schiefer besorgt der Arbeiter von seinem Fahrzeuge aus; Bleideckung macht feste Gerüste nöthig. Apollonius that den Vorschlag, auch das Thurmdach mit Schiefer einzudecken. Der Blechschmied, ein Be¬ deutender, wandte zwar ein, die Alten hätten die Sache so gut verstanden, als die Leute in Köln, — das sollte ein Stich auf Apollonius sein. Und der Bruder war damit einverstanden: hätten die Alten gemeint, Schiefer thu' es so gut als Blei, sie hätten gleich Schiefer genommen. Damals waren eben noch keine Schiefer¬ gruben in nächster Nähe vorhanden; der Schiefer hätte weit her geholt und daher die Schieferdeckung theurer kommen müssen, als die mit Blei. Das Kirchendach war damals mit Ziegeln und erst später, da die Schie¬ fergruben in der Nähe schon im Gang, mit Schiefer gedeckt worden. Das wußten der Blechschmied und Fritz Nettenmair nicht oder wollten es nicht wissen. Den Letztern drückte das wachsende Anseh'n des Bru¬ ders. Aber Apollonius wußte es und konnte damit den Einwurf entkräften. Sein Vorschlag war angenommen worden. Man wollte die ganze Leitung der Reparatur in Apollonius' Hände legen. Um seinen Bruder nicht zu kränken, bat er, davon abzuseh'n. So wenig wollte er den Bruder kränken, daß er nicht einmal aussprach, warum er so bitte. Er war von Köln her gewohnt, selbststän¬ dig zu handeln; wie er seinen Bruder wiedergefunden hatte, sah er manche Hemmung durch ihn voraus. Er lud sich eine schwere Last auf, er wußte es, als er dem Bauherrn versprach, die Sache solle unter dem zwei¬ köpfigen Regiment nicht leiden. Der wackere Bauherr, der Apollonius errieth und ihn darum nur mehr achtete, schaffte ihm die Genehmigung des Raths und nahm sich im Stillen vor, wo es nöthig sein sollte, seinen Liebling und dessen Anordnungen gegen den Bruder zu vertreten. Es war eine schwere Aufgabe, die Apollonius sich gesezt; sie war noch viel schwerer, als er wußte. Sein Hiersein hatte den Bruder von Anfang nicht gefreut; Apollonius schob das auf den Einfluß der Schwägerin; er war ihm seitdem noch fremder geworden — kein Wunder! Apollonius hatte ja bereits des Bruders Eitelkeit und Ehrsucht kennen gelernt; dieser fühlte sich durch das, was seither geschehen, gegen Apollonius zurückgesetzt. Den Widerwillen der Schwägerin meinte Apollonius durch Zeit und redliches Müh'n, die ge¬ kränkte Ehrsucht des Bruders durch äußere Unterord¬ nung zu versöhnen. War kein weiteres Hinderniß vorhanden, durfte er hoffen, die Aufgabe, so schwer sie schien, zu lösen. Aber was zwischen ihm und dem Bruder stand, war ein Anderes, ein ganz Anderes, als er meinte. Und daß er es nicht kannte, machte es nur gefährlicher. Es war ein Argwohn, aus dem Bewußt¬ sein einer Schuld geboren, Was er that, die vermein¬ ten Hindernisse aus dem Weg zu räumen, mußte das wirkliche nur wachsen machen. Wär er nicht zurück¬ gekommen! hätt' er dem Vater nicht gehorcht! wär' er draußen geblieben in der Fremde! An der Thurmspitze hängt das Fahrzeug; nun wird es auch auf dem Kirchdach lebendig. Rüstige Hände hämmern den Seilhacken in die Verschalung und schleifen mit starkem Tau den Dachstuhl daran. Er besteht in zwei Dreiecken, aus festen Bohlen zusam¬ mengezimmert. Der Neigungswinkel des Daches hat das Verhältniß seiner Seiten bestimmt. Denn unten liegt er strohumwunden in ganzer Breite auf der Dach¬ fläche auf, während er oben die queer übergelegten Bretter wagrecht emporhält. Darauf steht oder kniet der hämmernde Schieferdecker; neben ihm handrecht hängt der Kasten für Nägel und Schieferplatten, mit seiner Hackenspitze in die Verschalung eingetrieben. Apollonius überließ dem Bruder die Ueberweisung der Arbeit. Fritz Nettenmair that erst wunderlich, indem er zu verstehen gab, er meine, Apollonius sei gekommen, hier den Herrn zu spielen und nicht den Diener. Es lag in der argwöhnischen Richtung, die sein Denken einmal angenommen, Allem, was der Bruder thun mochte, eine Absicht, eine planmäßige Be¬ rechnung unterzulegen. Er vermuthete deshalb, Apol¬ lonius wünsche die Arbeit auf dem Kirchdach zu über¬ nehmen. Wer hier schaffte, konnte zu jeder Zeit sehen, ob das Fahrzeug am Thurmdach besetzt war oder ledig an der fliegenden Rüstung hing. Er that arglos, er nehme an, Apollonius sei lieber bei der Umdeckung des Thurmdaches beschäftigt, die er ja selber vorgeschlagen. Apollonius weigerte sich nicht. Fritz meinte, obgleich es ihm unangenehm sei, was er aber nicht merken lasse; und hatte die Empfindung eines Menschen, dem es gelungen, einen Widersacher zu überlisten. Eine Em¬ pfindung, die sich erneute, so oft er von seiner Arbeit auf dem Dachstuhle hinaufsah nach dem Fahrzeug und der fliegenden Rüstung am Thurm, mit der Gewißheit, der Bruder könne das Fahrzeug nicht verlassen und hineingeh'n, ohne daß er es sehe und ihm zuvorkommen könne. Dann war ihm Apollonius der Träumer und er selbst einer, der die Welt kannte. Im andern Augen¬ blick vielleicht sah er wieder den Arglistigen im Bruder und fand es wohlthuend, sich dagegen als den Arglosen zu bemitleiden, dem jener Schlingen lege, um nur den Bruder hassen zu dürfen, der ihn hasse. Ihm fehlte das Klarheitsbedürfniß Apollonius', das diesem den Widerspruch gezeigt und den erkannten zu tilgen ge¬ zwungen hätte. Vielleicht hatte er ein Gefühl von dem Widerspruch und er unterdrückte es absichtlich. So setzte sein Schuldbewußtsein den Haß als wirklich vor¬ aus, den es verdient zu haben sich vorwerfen mußte. Bald merkte Apollonius, hier war nicht die Ord¬ nung, das rasche und genau berechnete Ineinander¬ greifen, an das er in Köln sich gewöhnt, ja nur, wie es der Vater früher hier gehandhabt. Der Decker mußte viertelstundenlang und länger auf die Schieferplat¬ ten warten; die Handlanger leierten und hatten in der Unordnung und Trägheit der Behauer und Sortirer eine gute Entschuldigung. Der Bruder lachte halb mitlei¬ dig über Apollonius Klage. Eine solche Ordnung, wie der sie verlangte, existirte nirgends und war auch nicht möglich. Bei sich verspottete er wieder den Träu¬ mer, der so unpraktisch war. Und wäre die Ordnung möglich gewesen, die Arbeit war im Tagelohn verdun¬ gen. Die verlorene Zeit wurde bezahlt, wie die ange¬ wandte. Und als Apollonius selbst dazu that, den Schlendrian abzustellen, da war er dem Bruder wie¬ derum der Wohldiener des Bauherrn und des Rathes, er selber sich der schlichte Mann, der solche Kunstgriffe verschmäht. Da wollte ihn jener nur vollends aus dem Sattel heben und hatte noch Schlimmeres im Sinn, was ihm aber nicht gelingen sollte mit all' seiner Arglist; da war Apollonius eigens darum heimgekom¬ men. Und doch meinte er, der Träumer werde sich die Hörner ablaufen, wenn er in's Werk setzen wollte, was ihm selbst, der die Welt kannte, nicht gelang. Ihm, der schärfer auf dem Zeuge war, als selbst der im blauen Rock zu seiner Zeit gewesen. Er meinte den alten Herrn noch zu übertreffen, wenn er noch schriller auf dem Finger pfiff, noch grimmiger hustete und noch entschiedener ausspuckte. Was an dem alten Herrn das wirklich Respektgebietende war, die Folge¬ richtigkeit, die auch, wo sie in Eigensinn ausartet, Achtung wirkt, die ruhige, in sich gefaßte Würde einer tüchtigen Persönlichkeit, das übersah er. Wie er es selbst nicht besaß, fehlte ihm auch der Sinn, es an Andern wahr¬ zunehmen. Stand seine Gestalt überhaupt im Wider¬ spruch mit der Haltung des alten Herrn, die er ihr aufkünstelte, so widersprach ihr seine Unruhe und innere Haltlosigkeit jeden Augenblick. Die diplomatische Art zu reden schien er dem alten Herrn nur abgeborgt zu haben, um seine eigene Oberflächlichkeit und Gehaltlo¬ sigkeit zu verspotten. Aus dem steifen Wesen des blauen Rockes fiel er dann zu Zeiten plötzlich in seine eigene herablassende Jovialität und in eine Region der¬ selben, wo der Spaß den Abstand von Vorgesetzten und Untergebenen mit schmutzigen Fingern auslöschte, als wär' er nie gewesen. Rückte er sich dann eben so plötzlich in der Autorität gewaltsam wieder zurecht, so brachte das die verlorene Achtung nicht wieder, es beleidigte nur. Zu alledem kam noch, daß er sich von manchen seiner Arbeiter überseh'n und in schwierigen Fällen sie machen lassen mußte, was sie wollten. Apol¬ lonius dagegen hatte von Natur und aus der Schule beim Vetter, was dem Bruder fehlte; er besaß die Würde der Persönlichkeit, die Folgerichtigkeit bis zum Eigensinn. Seine innere Sicherheit galt; sie mußte sich nicht geltend machen — er war des sichtbaren Mühens um Achtung überhoben, welches so selten sei¬ nen Zweck erreicht, ja gemeiniglich ihn verfehlt. Und so gelang ihm, was er wollte. Bald war die muster¬ hafteste Ordnung beim Bau und Alle schienen sich wohl dabei zu befinden; nur Fritz Nettenmair nicht. Das rasche Ineinandergreifen, das wie im Geleise einer unsichtbaren Nothwendigkeit ging, machte das Wesen im blauen Rocke, in welchem er sich so groß fühlte, überflüssig. Noch ein Grund zum Unbehagen daran war, daß die neue Ordnung von dem Bruder ausging. Von demselben, dem er schon so viel zu verzeihen hatte und dem er immer weniger verzeihen mochte. Er wußte nicht oder wollte nicht wissen, welchen Zauber eine geschlossene Persönlichkeit aus¬ übt, obgleich er selbst widerwillig sie anerkennen mußte, und noch weniger, daß diese ihm fehlte und der Bru¬ der sie besaß. Er war bei sich einig, der Bruder hatte Mittel angewandt, die zu brauchen er selbst mit Ge¬ nugthuung sich zu edel fühlte. Dadurch hatte jener die Leute ihm abspänstig gemacht. Apollonius wußte nichts von dem, was im Bruder vorging; der war gegen ihn, wie man gegen Arglistige sein muß, auf der Hut; denn solche Feinde kann man nur mit ihren eigenen Waffen besiegen. Die brüderliche Freundlich¬ keit und Achtung, mit der ihn Apollonius behandelte, war eine Maske, unter der dieser seine schlimmen Pläne sicherer zu bergen meinte; er vergalt ihm, und machte ihn leichter unschädlich, wenn er unter derselben Maske seine Wachsamkeit barg. Die gutmüthige Willigkeit Apollonius, sich ihm äußerlich unterzuordnen, erschien dem Bruder wie eine Verhöhnung, an der die Arbeiter, von dem Arglistigen gewonnen, wissend theilnahmen. In seiner Empfindlichkeit griff er selbst nach den Mit¬ teln, die er bei diesem voraussetzte. Offen ihm entge¬ genzutreten, verhinderte ihn der Umstand, daß Apollo¬ nius ihm selbst imponirte, wenn er auch diesen Grund nicht hätte gelten lassen. Er legte den blauen Don¬ nerrock beiseite und stieg bis auf die unterste Sprosse seiner Jovialität herab. Er begann durch Winke, dann allmälig durch Worte, sein Mitleid mit den Ar¬ beitern zu zeigen, die unter der Tyrannei eines wohl¬ dienerischen Eindringlings seufzten, wie er ihnen bewies; da er nicht den Muth hatte, sie zu offener Widersetz¬ Ludwig , Zwischen Himmel und Erde. 6 lichkeit zu reizen, suchte er sie zu einzelnen kleinen Aus¬ griffen zu verleiten. Er begann, sie täglich zu traktiren. Sie aßen und tranken, blieben aber wie zuvor im Ge¬ leise, das Apollonius vorgezeichnet. Der gemeine Mann hat den scharfen Blick des Kindes für die Stärken und Schwächen seiner Vorgesetzten. Durch dies Bemühn, das sie durchschauten, verlor er noch den letzten Rest seiner Achtung; sie lernten daraus, wenn sie's noch nicht wußten, mit wem sie es verder¬ ben durften, mit wem nicht. Und wären sie ungewiß gewesen, so hätte sie das ungleiche Benehmen des Bauherrn gegen die beiden Brüder bestimmen können. Und da sie nicht so fein waren, und auch nicht die Gründe dazu hatten, wie Fritz Nettenmair, gab sich ihre Meinung unverhohlen kund. Sie nahmen sich Dinge gegen ihn heraus, die ihm zeigten, daß der Erfolg seiner Herablassung ein ganz anderer war, als den er beabsichtigte. Nun zog er zürnend die Wolke des blauen Rockes wieder um sich zusammen, pfiff schrillen¬ der als je, so daß es drüben in der großen Glocke wiedertönte; ging auf doppelten Stelzen, zog die Schultern noch einmal so hoch am schwarzhaarigen Kopfe herauf; der Grimm und die Entschiedenheit sei¬ nes früheren Hustens und Ausspuckens war ein Kin¬ derspiel gegen sein jetziges. Aber die Arbeiter wußten bald, dergleichen geschah nur in Apollonius Abwesen¬ heit, und dessen zufälliges Kommen brachte, wie der aufgehende Vollmond, die schwersten Gewitter aus der Fassung. Fritz Nettenmair mußte an der Wiederher¬ stellung seiner verlorenen Bedeutung auf dem Schau¬ platz der Reparatur verzweifeln. Natürlich schrieb er auch das Ergebniß seiner falschen Maßregeln auf Apollonius' immer wachsende Rechnung. Das Gefühl, überflüssig zu sein, packte ihn wie den alten Herrn, brachte aber nicht ganz dieselben Wirkungen hervor. Was dem alten Herrn das Gärtchen, das wurde nun dem ältern Sohne der Schieferschuppen. Wenigstens so lange er Apollonius auf seinem Fahrzeug oder auf dem Kirchendache sah. Aber er brachte den blauen Rock nun auch mit in die Wohnstube. Seine Kinder — das war leicht, da er selbst sich nicht um sie bekümmerte, — hatte der Bruder ja auch — und natürlich mit schlechten Mitteln — gewonnen. Diese schlechten Mittel waren eben die, die er selbst nie an¬ wendete: unabsichtliche Güte und weise Strenge der Liebe. Aber auch in seiner Frau sah er immer mehr etwas, wie einen natürlichen Bundesgenossen des Bru¬ ders gegen ihn. Lange vorher, eh' er noch den ge¬ ringsten wirklichen Anlaß dazu hatte. Das war der Schatten, den seine Schuld in die Zukunft seiner Phantasie warf. Ihr altes Gesetz wird ihn zwingen, durch die Verkehrtheit seiner Abwehrmittel den Schatten selber zur wirklichen, lebendigen Gestalt zu machen und vergeltend in sein Leben hereinzustellen. 6 * Ahnungsvolle Furcht schien ihm, in lichten Zwi¬ schenblicken vorüberflatternd, von diesem Kommen zu sagen, das veränderte Benehmen gegen seine Frau müsse es beschleunigen. Dann war er plötzlich dop¬ pelt freundlich und jovial gegen sie, aber auch diese Jovialität trug ein Etwas von der Natur des schwü¬ len Bodens an sich, aus dem sie erwuchs. Man preist ein Heilmittel gegen solche Krankheit; es heißt Zer¬ streuung, Vergessen seiner selbst. Als ob man da sich vergessen müsse, wo es doppelt Vorsehn gilt, der Steuermann beim Erblicken des drohenden Riffs. Fritz Nettenmair nahm es. Von nun fehlte er bei keinem Balle, bei keinem öffentlichen Vergnügen; er empfand sich für immer der Gefahr entflohn, war er nur eine Stunde lang fern von dem Orte, wo er sie drohen sah. Er war mehr außer, als in seinem Haus. Und nicht er allein. Seiner Frau hielt er das Heilmittel noch nöthiger, als ihm. Das rächende Schuldbewußt¬ sein nahm, was nur als möglich in der Zukunft war, als schon wirklich in die Gegenwart voraus. Und seine Frau stand noch so sehr auf seiner Seite, daß sie dem Bruder nun zürnte, dessen Einfluß sie in dem ver¬ änderten Benehmen des Gatten erkannte, — nur nicht in dem Sinne, in dem er es wirklich war. Sie hatte ja nur Beleidigendes von dem Bruder erwartet. Diese Erwartung hatte schon dem Kommenden nur die eine Wange zugewandt und diese so mit Roth gefärbt, als wäre sie schon erfüllt. Wußte sie denn nicht, er war nur gekommen, um sie zu beleidigen? Apollonius, auf den dies alles wie eine schwere Wolke drückte, wie eine unverstandene Ahnung, begriff nur das eine: der Bruder und die Schwägerin wichen ihm aus. Er vermied die Orte, die sie aufsuchten. Er hätte sie schon vermieden aus dem innersten Bedürf¬ niß seiner Natur, das auf Zusammenfassen, nicht auf Zerstreuen ging. Die Einsamkeit wurde ihm ein besser Heilmittel, als den Beiden die Zerstreuung. Er sah, wie anders die Schwägerin war, als sie ihm vordem geschienen. Er mußte sich Glück wünschen, daß seine süßesten Hoffnungen sich nicht erfüllt. Die Arbeit gab ihm genug Empfinden seiner selbst; was sie frei ließ, füllten die Kinder aus. In dem natürlichen Bedürf¬ niß ihres Alters, sich an einem fertigen Menschenbilde aufzuranken, das, Liebe gebend und nehmend, ihr Mu¬ ster wird, und ihr Maaß der Personen und Dinge, drängten sie sich um den Onkel, der ihrer so freundlich pflegte, als fremd die Aeltern sie vernachlässigten. Er wußte nicht, daß er damit die Schuld wachsen machte in seiner Rechnung beim Bruder. Und der alte Herr im blauen Rock? Hatte er von den Wolken, die sich rings aufballten um sein Haus, in seiner Blindheit keine Ahnung? Oder war sie's, was ihn zuweilen anfaßte, wenn er, Apollonius begeg¬ nend, gleichgültige Worte mit ihm wechselte. Dann kämpften zwei Mächte auf seiner Stirn, die der Sohn vor dem Augenschirm nicht sah. Er will etwas fragen, aber er fragt nicht. Der alte Herr hat sich so tief in die Wolke eingesponnen, daß kein Weg mehr von ihm herausführt in die Welt um ihn und keiner mehr hinein. Er gibt sich das Ansehn, als wisse er um Alles. Thut er anders, so zeigt er der Welt seine Hülflosigkeit und fordert die Welt selber auf, sie zu mißbrauchen. Wenn er fragt, wird man ihm die Wahr¬ heit sagen? Nein! Er hält die Welt so verstockt gegen ihn, als er gegen sie ist. Er fragt nicht. Er lauscht, wo er weiß, man sieht ihn nicht lauschen, fie¬ berisch gespannt auf jeden Laut. Aus jedem hört er etwas heraus, was nicht drin ist; seine gespannte Phantasie baut Felsen daraus, die ihm die Brust zer¬ drücken, aber er fragt nicht. Er träumt von nichts, als von Dingen, die Schande bringen über ihn und sein Haus; er leert die ganze Rüstkammer der Ent¬ ehrung und fühlt jede Schmach durch, die die Welt kennt. Was keine Schande ist, steigert sich seinem krankhaft geschärften Ehrgefühl dazu, das keine Ruhe wohlthätig abstumpft, aber er trägt lieber, was die tiefste Schande ist, als daß er fragt. Er thut das Un¬ geheure in Gedanken, die drohende abzuwenden, aber er fragt nicht. Wie manches Thun zeigt ungeboren schon der Mutter Seele sein Bild vorher! Wird eine Zeit kommen, wo des alten Herrn Gedanke Wirk¬ lichkeit wird? Die Natur der Schuld ist, daß sie nicht allein ihren Urheber in neue Schuld verstrickt. Sie hat eine Zau¬ bergewalt, alle, die um ihn stehn, in ihren gährenden Kreis zu ziehn und zu reifen in ihm, was schlimm ist, zu neuer Schuld. Wohl dem, der sich dieser Zauber¬ kraft im unbefleckten Innern erwehrt. Wird er den Schuldigen selbst nicht retten, so kann er den Uebrigen ein Engel sein. Diese vier Menschen, in all' ihrer Verschiedenheit in einen Lebensknoten geknüpft, den eine Schuld versehrt! Welch' Schicksal werden sie vereint sich spinnen, die Leute in dem Haus mit den grünen Laden? Nun waren schon Wochen vergangen seit Apollo¬ nius Zurückkunft, und noch hatte er die Furcht der Schwägerin nicht wahr gemacht. In den ersten Tagen las Fritz Nettenmair ein krampfhaftes Zusammennehmen, ein verzweifeltes Gefaßtmachen in ihrem Wesen; nun machte dies einem Etwas Platz, das wie Verwunderung erschien. Er sah, und nur er, wie sie immer muthiger den Bruder zu beobachten begann, wo der nicht ahnte, ihr Blick sei auf ihn gerichtet. Sie schien sein Wesen, sein Thun mit ihrer Erwartung zu vergleichen. Fritz Nettenmair fühlte in ihrer Seele, wie wenig beide sich glichen. Er mühte sich, den Widerwillen der jungen Frau zu seiner alten Stärke aufzustacheln. Er that es, während er fühlte, wie vergeblich es war, wie ein ein¬ ziger Blick auf das milde, rechtschaffene Antlitz des Bruders niederreißen mußte, was er mühsam in Zeit von Tagen aufgebaut. Er fühlte, wie fein er zu Werke gehen mußte, und wie plump er doch zu Werke ging; wie dieselbe Macht, die sein Gefühl für das Maaß schärfte, ihn im Handeln darüber hinausriß. Er wußte, was er begonnen, mußte seinen Gang voll¬ enden zu seinem Verderben. Er suchte Vergessen, und riß seine Frau immer tiefer in den Wirbel der Zer¬ streuung mit hinein. Arzneimittel sollen, in übergroßer Gabe angewandt, das Gegentheil wirken. So geschah's mit dem Mittel Fritz Nettenmair's; wenigstens bei der jungen Frau. Aus dem Alltag der häuslichen Arbeit hatte sie sich sonst nach dem Feste des Vergnügens gesehnt; nun dies der Alltag geworden, zog die Sehnsucht nach dem stillen Leben daheim. Uebersättigt von den Ehrenbezeu¬ gungen der bedeutenden Leute, bemerkte sie nun erst, es gab auch andere: Leute, die ihren Gatten nach anderm Maaßstab maßen. Sie begann zu vergleichen, und die Bedeutenden verloren immer mehr gegen die Alltags¬ menschen. Sie dachte an den ledernen Ball den Abend von Apollonius Ankunft. Damals war sie Apollonius ausgewichen; sie hatte Beleidigung von ihm erwartet. Jetzt suchte sie mit den Augen durch den Saal; Nie¬ mand sah's, als Fritz Nettenmair, der es am wenigsten zu sehen schien. Denn er lachte und trank wilder und jovialer, als je. Sie hatte nur das Gefühl der Lange¬ weile, das nach Abwechselung aussieht; sie wußte nicht, daß sie Jemand suchte. Fritz Nettenmair wußte es, und wollte vor Lachen ersticken. Er wußte mehr, als sie; er wußte, wen sie suchte. Gegen alle andere Welt jovial, that er gegen sie den blauen Rock an. Er wird sie bald dahin bringen, den sonst Gefürchteten mit ihm zu vergleichen. Sie saß im Garten, während der alte Herr seine schweren Mittagsträume träumte. Fritz Nettenmair lag in der Stube auf dem Sopha und trug die Nachwehen einer durchschwärmten Nacht. Vorher hatte er nach dem Thurmdach gesehn. Sie fühlte sich so eigen wohl daheim. Und sollte sie nicht? Spielten nicht ihre Kinder um sie? Sie dachte nicht daran, wie oft sie sich von den Kindern fortgesehnt in den Wirbel, der sie nicht mehr lockte. Sie nähte. Die Knaben spielten zu ihren Füßen, so still, als wär' der alte Herr zugegen. Doch nicht so; war der alte Herr im Gärtchen, sie hätten sich gar nicht hinein getraut. Das Mädchen hatte die Mutter umschlungen, die selber, in der Unberührtheit ihres Wesens, noch ein Mädchen schien. Wenig mehr von der Aehnlichkeit mit ihrem Gatten lag in ihren Zügen. Sie war nur eine äußerliche gewesen. Und nur Aeußerliches schien die heitern Linien berührt zu haben; kein tiefinneres Erlebniß hatte seine Marke ihnen aufgeprägt. Das kleine Mädchen hatte dem erwachsenen, seiner Mutter, von Puppen, Blumen, Kindern, und in seiner Weise Manches zweimal, Man¬ ches nur halb erzählt. Jetzt erhob sie mit altkluger Ernsthaftigkeit das Köpfchen, sah die Mutter bedenklich an und sagte: „Was das nur ist?“ „„Was?““ fragte die Mutter. „Wenn du da gewesen bist und fortgehst, sieht er dir so traurig nach.“ „„Wer?““ fragte die Mutter. „Nun, der Onkel Apollonius. Wer sonst? Hast du ihn gescholten? oder geschlagen, wie mich, wenn ich Zucker nehme und nicht frage? Du hast ihm doch gewiß etwas gethan; sonst wär' er nicht so betrübt.“ Das Mädchen plauderte weiter und vergaß den Onkel bald über einen Schmetterling. Die Mutter nicht. Die Mutter hörte nicht mehr, was das Mäd¬ chen plauderte. Was war das doch für ein eigenes Gefühl, wohl und weh zugleich! Sie hatte die Nadel fallen lassen, und merkte es nicht. War sie erschrocken? Es war ihr, als wär sie erschrocken, etwa so, wie man erschrickt, hat man mit einem Menschen geredet, und wird plötzlich inne, es ist ein anderer, als mit dem man zu reden meinte. Sie hatte gemeint, Apollonius wolle sie beleidigen, und nun sagt das Kind: du hast ihn beleidigt. Sie blickte auf und sah Apollonius vom Schuppen her nach dem Hause kommen. In demselben Augenblick stand ein anderer Mann zwischen ihr und dem Vorübergehenden, als wär er aus der Erde gewachsen. Es war Fritz Nettenmair. Sie hatte ihn nicht nahen gehört. Er kam in seltsamer Hast von einer gleichgülti¬ gen Frage auf den „ledernen“ Ball. Er erzählte, was die Leute darüber meinten, wie Jedermann sich beleidigt fühle von der Beschimpfung, daß Apollo¬ nius sie damals nicht aufgezogen, nicht einmal zum ersten Tanze. Eigen war's, wie sie jetzt daran erin¬ nert wurde, empfand sie es stärker, als je. Aber nicht zürnend, nur wie mit wehmüthigem Schmerze. Sie sagte das nicht. Es war nicht nöthig. Fritz Nettenmair war wie ein Mensch im magnetischen Schlaf. Er brauchte sie nicht anzusehn; mit geschlos¬ senen Augen, von einem Baumblatt, einer Zaunlatte, von einer weißen Wand las er ab, was sein Weib fühlte. Wir werden ihn bald los werden, denk' ich, fuhr er fort, als hätt' er nicht an der Stallwand gelesen. Es ist kein Platz für zwei Haushälte hier. Und die Anne ist weiten Raum gewöhnt. So hieß das Mädchen, mit der Apollonius am „Ledernen“ tanzen, die er heimbegleiten mußte. Sie war seither öfter hier gewesen, unter Vorwänden, die ihre hochrothe Wange Lügen strafte. Auch ihr Vater, ein angesehener Bürger, hatte sich um Apollonius Be¬ kanntschaft gemüht, und Fritz Nettenmair hatte die Sache gefördert, wie er konnte. „Die Anne?“ rief die junge Frau wie erschreckend. „„Gut, daß sie nicht lügen kann,““ dachte Fritz Netten¬ mair erleichtert. Aber es fiel ihm ein, ihr Unvermögen, sich zu verstellen, kam ja auch dem argen Plan des Bruders zu gut. Er hatte die Eifersucht als letztes Mittel angewandt. Das war wieder eine Thorheit, und er bereute sie schon. Sie kann sich nicht verstellen; und wär er noch ganz der alte Träumer, ihre Aufre¬ gung muß ihm verrathen, was in ihr vorgeht; ihre Aufregung muß ihr selber verrathen, was in ihr vor¬ geht. Noch weiß sie es selbst ja nicht. Und dann — er stand wieder an dem Punkte, zu dem jeder Ausgang ihn führt; er sah sie sich verstehen; „und dann“, zwängte er zwischen den Zähnen hervor, daß jede Silbe daran sich blutig riß, „und dann — wird sie's schon lernen!“ Der Bruder erwartete ihn in der Wohnstube. „Er muß doch einen Vorwand machen, warum er da vor¬ beikam, wo er sie allein dachte, da er weiß, ich hab' ihn gesehn.“ So dacht' er und folgte dem Bruder. Apollonius wartete wirklich in der Wohnstube auf ihn. Der Bruder gab sich durch seine Wendung auf den Fersen recht, als er ihn sah. Apollonius suchte den Bruder auf, ihn vor dem ungemüthlichen Gesellen zu warnen. Er hatte manches Bedenkliche über ihn gehört, und wußte, der Bruder vertraute ihm unbedingt. „Und da befiehlst du, ich soll ihn fortschicken?“ fragte Fritz, und konnte nicht verhindern, daß sein Groll ein¬ mal durchschimmerte durch seine Verstellung. Apollo¬ nius mußte aus dem Ton, mit dem er sprach, seine wahre Meinung herauslesen. Sie hieß: „du möchtest auch in den Schuppen dich eindrängen, und mich von da vertreiben. Versuch's, wenn du's magst!“ Apollo¬ nius sah dem Bruder mit unverhehltem Schmerz in's Auge. Er fuhr mit der Hand über des Bruders Rock¬ klappe, als wollt' er wegwischen, was sein Verhältniß zu dem Bruder trübte, und sagte: „„Hab' ich dir was zu leid gethan?““ „Mir?“ lachte der Bruder. Das Lachen sollte klingen, wie: „ich wüßte nicht, was?“ aber es klang: „Thust du was anders, willst du was anders thun, als wovon du weißt, daß es mir leid ist?“ „„Ich wollte schon lang dir etwas sagen,““ fuhr Apollonius fort, „„ich will's morgen; du bist heute nicht gelaunt. Das mit dem Gesellen mußtest du erfahren, und es war nicht so gemeint, wie du's aufnahmst.““ „Freilich! Frei¬ lich!“ lachte Fritz. „Ich bin überzeugt. Es war nicht so gemeint.“ Apollonius ging, und Fritz ergänzte seine Rede: „Es war nicht so gemeint, wie du, Federchen¬ sucher mich glauben machen willst. Und anders ge¬ meint, wie ich's aufnahm? Du meinst, ich hab' — Der Geselle ist ein schlechter Kerl; aber du hättest mich nicht gewarnt, hätt'st du keinen Vorwand gebraucht.“ Er machte seine überlegene Wendung auf den Fersen; in seinen verwüsteten Zustand hinein hatte ihn die glückliche Anwendung von des alten Herrn diplo¬ matischer Kunst, durch halb Sagen zu verschweigen, gefreut. Die Freude war schnell vorübergehend; die alte Sorge schraubte ihn wieder auf ihre Marterbank. Und noch eine jüngere hatte sich ihr zugesellt. Er hatte das Geschäft vernachlässigt; der Geselle, in seiner Abwesenheit Herr im Schuppen, hatte Gelegenheit genug gehabt, ihn zu bestehlen, und sie gewiß benutzt. Bei der Reparatur war er schon lang nicht mehr thä¬ tig; Apollonius mußte einen Gesellen mehr annehmen, und für den Bruder einstellen. Er verdiente schon lange nichts mehr, und versäumte doch dabei kein öffentlich Vergnügen. Die Achtung der bedeutenden Leute zeigte eine wachsende Neigung zum Sinken, und war nur durch wachsende Massen von Champagner aufrecht zu erhalten. Er hatte sich in Schulden gesteckt, und vergrößerte sie noch täglich. Und doch mußte ein¬ mal der Augenblick kommen, wo der mühsam erhaltene Schein von Wohlhabenheit verging. Er wußte, daß er nur so lang der Geachtete war, der Jovialste der Jovialen galt. Er war klug genug, den Unwerth einer solchen Achtung, eines solchen Bemühens um ihn zu erkennen, aber nicht stark genug, es entbehren zu kön¬ nen. Es war kein kleiner Zuwachs zu der alten Mar¬ ter, und jene wie diese kam ihm von dem Bruder, und nur von ihm! Wohlig's Anne war öfter dagewesen seit Apollonius Ankunft, und die junge Frau hatte in dem Glauben, der in naiven Gemüthern die natürliche Folge der eige¬ nen Wahrhaftigkeit ist, an ihren gesuchtesten Vorwänden nicht gemäkelt. Heute war das anders. Sie war plötz¬ lich so scharfsichtig geworden, daß der erkannte Vorwand ihr in der Größe eines unverzeihlichen Verbrechens erschien. Das Mädchen war ihr zuwider, das so falsch sein konnte, und sie selbst zu ehrlich, das zu verbergen. Anne suchte den Grund dieses Benehmens in dem Wi¬ derwillen der jungen Frau gegen den Schwager. Es war ja bekannt, die junge Frau gönnte dem armen Menschen die Liebe des Bruders nicht. Sie hatte selbst geäußert, sie würde ihm einen Korb geben, wenn er es wagen würde, sie zum Tanze aufzufordern. Und dem guten Apollonius war es anzusehn, sie ließ ihn des Aufenthalts in seinem Vaterhause nicht froh wer¬ den. Die Gereiztheit machte auch die Anne ehrlich; sie sprach von ihren Gedanken aus, was ausgesprochen werden konnte, ohne den zarten Punkt ihrer Neigung blos zu geben. Christiane mußte den Vorwurf nun auch aus fremdem Munde vernehmen, den schon das eigene Kind ihr gemacht. Das Mädchen ging. Apol¬ lonius kam, vom Bruder zurück, wieder vorüber. Er konnte das Mädchen noch gehen sehn. Aber Nichts zeigte sich in seinem Gesichte, was ihrer nur halb ver¬ standenen Furcht Recht gegeben hätte. Und so sah auch Fritz Nettenmair, der dem Bruder aus dem Ver¬ steck der Hinterthür nachblickte, auf ihrem Antlitz nicht soviel, als er gefürchtet, zu sehen. Das Kind sagt: du hast ihm was gethan; die Anne sagt: du hassest ihn, du läßt ihn nicht froh werden. Und sein traurig Nachblicken — bald ertappt sie ihn selbst unbemerkt dabei — sagt dasselbe. Wie ein Blitz und mit freudigem Lichte zuckte es dazwischen, er sah der Anne nicht traurig nach; und auch nicht freudig, nein! gleichgültig, wie jedem Andern sonst. Ihr wird gesagt: du hassest ihn; du hast ihn beleidigt und du willst ihn kränken, und sie hat geglaubt, er hasse sie, er will sie kränken. Und hat er sie nicht gekränkt? Sie blickt in die lang vergangene Zeit zurück, wo er sie beleidigte. Sie hat ihm schon lang nicht mehr darum gezürnt, sie hat nur neue Beleidigung gefürchtet. Kann sie jetzt noch darum zürnen, wo er ein so Anderer ist; wo sie selbst weiß, er beleidigt sie nicht; wo die Leute sagen, und sein trauriger Blick: sie beleidige ihn? Und wie sie zurücksinnt, eifrig, so eifrig, daß die Musik wieder um sie klingt, und sie wieder unter den Ge¬ spielinnen sitzt, im weißen Kleid mit den Rosaschleifen, im Schießhaus auf der Bank den Fenstern entlang, und wieder aufsteht, von dem dunkeln Drang getrieben, und durch die Tanzenden hindurch träumend nach der Thüre geht — da draußen; ist das nicht dasselbe Ge¬ sicht, das ihr jetzt nachsieht, wenn sie geht, so ehrlich, so mild in seiner Wehmuth? ist's nicht dasselbe eigene Mitleid, das jetzt auf Tritt und Schritt mit ihr geht, und sie nicht läßt, wie damals? Dann wich sie ihm aus, und sah ihn nicht mehr an, denn er war falsch. Falsch! Ist er's wieder? Ist er's noch? Eine Nachtigall schlug im alten Birnbaum über ihr, so wunderbar und wie gewaltthätig innig und tief. Vom Georgenthurm bliesen vier Posaunen den Abendchoral. Ueber ihnen, und wie von ihren schwel¬ lenden Tönen getragen fuhr Apollonius auf seinem leichten Schiff. Das Abendroth vergoldete die Fäden, in denen es hing. Wohin sie sah, glänzten die treuen, trauernden Augen, die ihm gehörten, mit denen er ihr nachsah, wenn sie ging. Das kleine Mädchen sah mit ihnen auf zu ihr, und erzählte vom Onkel, wie lieb und gut er sei. Oder erzählte sie von damals? Es war keine Zeit mehr, Sonst und Jetzt war eins. Die letzte Aehnlichkeit mit Fritz Nettenmair war aus ihrem Antlitz verschwunden. Ihre Seele schauerte hoch oben zwischen Himmel und Erde. Was sie ansah, war ein Räthsel mit süßer Deutung, aber sie kannte sie nicht. Sie selbst war sich ein Räthsel. Ihrem Gatten war sie's nicht. Ludwig , Zwischen Himmel und Erde. 7 Fritz Nettenmair dachte den ganzen Tag, was das sein möge, was Apollonius ihm morgen sagen wolle; „morgen; weil ich heut nicht gelaunt bin? Gelaunt? Ich habe den Federchensucher in meine Karten sehen lassen. Hätt' ich's nicht, wär' er plump herausgegangen; nun hab' ich ihn gewarnt und vorsichtig gemacht. Ich bin zu ehrlich mit solch einem falschen Spieler; ich muß verlieren. Gut; ich will morgen „gelaunt“ sein, ich will thun, als wär ich blind und taub; als säh' ich nicht, was er will, und wär's noch deutlicher. Eine Spinnenwebe auf meine Rockklappen, damit er was zu bürsten hat. Ich kann's nicht leiden, wenn mir so einer in's Gesicht sieht, solch ein Heuchler!“ Und so vorbereitet und entschlossen, den Lister zu überlisten, gält's auch die schwerste Probe von Selbst¬ beherrschung, fand Apollonius den Bruder am folgenden Tage seiner harrend. Auch Apollonius hatte seinen Entschluß gefaßt. Er wollte sich von keiner Laune seines Bruders mehr irren lassen; es kam ja eben darauf an, all diesen Launen ihre Quelle abzuschneiden. Fritz bot ihm den unbefangensten, jovialsten guten Morgen, der ihm zu Gebote stand. „Wenn du mich ruhig und brüderlich anhören willst,“ sagte Apollonius, „so hoff' ich, dieser Morgen soll der beste sein für dich und mich und uns Alle.“ „„Und uns Alle, wiederholte Fritz, und legte von seiner Erklärung der drei Worte nichts in seinen Ton. Ich weiß, daß du immer an uns Alle denkst; drum rede nur jovial vom Herzen weg, ich mach's auch so.““ Apollonius ließ die beab¬ sichtigte Einleitung weg. Er hatte klug und vorsichtig sein gelernt, aber klug und vorsichtig gegen einen Bruder sein, hätte ihm Falschheit geschienen. Selbst, hätte er die Falschheit des Bruders gekannt, er wäre nicht auf dessen Gedanken von den gleichen Waffen gekommen. Er hätte sich seine Erfahrung als Täuschung ausgeredet. „Ich glaube, Fritz,“ begann er herzlich, „wir hätten anders gegeneinander sein sollen, als wir seither ge¬ wesen sind.“ Er nahm aus Gutmüthigkeit die halbe Schuld auf sich. Der Bruder schob ihm in Gedanken die ganze zu, und wollte jovial das Gegentheil ver¬ sichern, als Apollonius fortfuhr. „Es war nicht zwischen uns, wie sonst, und wie es sein sollte. Die Ursache davon ist, soviel ich weiß, nur der Widerwille deiner Frau gegen mich. Oder weißt du noch eine andere?“ „„Ich weiß keine,““ sagte der Bruder mit bedauerndem Achselzucken; aber er dachte an Apollonius Heimkunft gegen seinen Rath, an den Ball, an die Berathung auf dem Kirchenboden, an seine Verdrängung von der Reparatur, an den ganzen Plan des Bruders, an das was davon ausgeführt, an das was noch auszuführen war. Er dachte daran, daß Apollonius eben an dem Letzteren arbeite, und wie viel darauf ankomme, seine nächste Absicht zu errathen und zu vereiteln. Apollonius sprach indeß fort und hatte keine Ahnung von dem, 7* was in dem Bruder vorging. „Ich weiß nicht, woher der Widerwille deiner Frau gegen mich kommt. Ich weiß nur, daß er von Nichts kommen kann, was ich mit Absicht gethan hätte, mir ihn zu verdienen. Kannst du mir den Grund sagen? Ich will sie nicht anklagen; es ist möglich, daß ich etwas an mir habe, das ihr mißfällt. Und dann ist's gewiß nichts, was zu loben oder nur zu schonen wäre. Und ich will dann eben so gewiß der Letzte sein, es zu schonen, weiß ich nur, was es ist. Weißt du's, so bitte, sag' es mir. Etwas Schlimmes darfst auch du nicht an mir schonen, und thäte dir's auch noch so weh. Weißt du's und sagst mir's nicht, so ist's nur darum. Aber du kränkst mich nicht damit, gewiß nicht, Fritz.“ — Fritz Nettenmair that, was Apollonius eben gethan; er maß den Bruder in seinen Gedanken nach sich. Das Ergebniß mußte zu Apollonius Nachtheil ausfallen. Apollonius nahm sein gedankenvolles Schweigen für eine Antwort. „Weißt du's nicht, fuhr er fort, so lass' uns zusammen zu ihr gehn, und sie fragen. Ich muß wissen, was ich thun soll. Das Leben seither darf nicht so fortgehn. Was würde der Vater sagen, wenn er's wüßte! Mir ist's Tag und Nacht ein Vorwurf, daß er es nicht weiß. Es ist für uns Alle besser, Fritz. Komm', laß' es uns nicht verschieben.“ Fritz Nettenmair hörte nur die Zumuthung des Bruders. Er sollte ihn zu ihr führen! Er sollte ihn jetzt zu ihr führen! Wußte Apollonius schon von ihrem Zu¬ stand, und wollte ihn benutzen? Es bedürfte der Frage nicht; wenn sie sich jetzt nur sahn, mußten sie sich verstehn. Dann war es da, was zu verhindern er seit Wochen sich keine Stunde lang Ruhe gegönnt. Dann war es da, wo¬ von er wußte, es mußte kommen, und doch Verzweiflungs- Anstrengungen machte, ihm das Kommen zu wehren. Sie durften sich jetzt nicht einander gegenüberstehn; sie durften sich jetzt nicht sehn, bis er eine neue Scheidemauer zwischen sie gebaut. Woraus? Darauf zu sinnen war jetzt nicht Muße. Einen Vorwand mußte er haben, den Gang zu ihr zu verhindern; Zeit, den Vorwand zu finden. Und nur um die Zeit zu gewinnen, lachte er: „Freilich! jovial fragen. Wer fragt, wird berichtet. Aber wie fällt dir das eben jetzt ein? Eben jetzt?“ Ein Gedanke, der ihn überwältigend traf wie ein Blitz, wurde ohne seine Wahl zu dieser Frage. Apollonius war schon an der Thür. Er wandte sich zurück zum Bruder und antwortete mit einer Freude, die diesem eine teuflische schien, weil er ihm nicht in des ehrliche Gesicht sah. Dafür würde Apollonius in des Bruders Antlitz ein Etwas von Teufelsangst ertappt haben, hätte dieser es ihm zugewandt. Und vielleicht dennoch nicht. Er würde den Bruder vielleicht für krank gehalten haben, so ohne die mindeste Ahnung von dem, was den Bruder dabei ängsten könne, als er war. Ja, was ihn freute, mußte ja auch den Bruder freun. „Früher,“ entgegnete Apollonius, „mußt' ich fürchten, sie noch mehr zu erzürnen. Und das würde dir noch weniger lieb gewesen sein, als mir.“ Der Bruder lachte und bejahte in seiner jovialen Weise mit Kopf und Schultern, um nur etwas zu thun. Und sein: „Und jetzt?“ schien nun vom Lachen halb erstickt, nicht von etwas anderm. „Deine Frau ist anders seit einiger Zeit,“ fuhr Apollonius vertraulich fort. — „„Sie ist““ — antwortete Fritz Nettenmairs Zusammenzucken wider seinen Willen, und wollte sagen, wofür er sie hielt. Es war ein arges Wort. Aber würd' er selbst, der sie dazu gemacht, es ihm sagen? Nein, es ist noch nicht da, was er fürchtet. Und wenn es kommen muß; er kann's noch verzögern. Er hält mit Gewalt seiner Erregung den Mund zu. Er fragte gern: „und woher weißt du, daß sie — anders ist?“ wüßt' er nicht, seine Stimme wird zittern und ihn verrathen. Er muß ja wissen, wer es dem Bruder verrathen hat. Hat er sie schon gesprochen? Hat er's ihr von fern aus den Augen gelesen? Oder ist ein Drittes im Spiel? ein Feind, den er schon haßt, eh' er weiß, ob er vorhanden ist. Apollonius scheint ein Etwas von des Bruders unglückseliger Lesegabe ange¬ flogen. Der Bruder fragt nicht; sein Gesicht ist abge¬ wandt; er kramt tief im Schranke, und sucht wie ein Verzweifelnder, und kann nicht finden; und doch ant¬ wortet ihm Apollonius. „Dein Aennchen hat mir's gesagt,“ entgegnet er und lacht, indem er an das Kind denkt. „Onkel, sagte das närrische Kind, die Mutter ist nicht mehr so bös auf dich; geh' nur zu ihr und sprich: ich will's nicht mehr thun; dann ist sie gut und gibt dir Zucker. So hat sie mich auf den Gedan¬ ken gebracht. Es ist wunderbar, wie's manchmal ist, als redete ein Engel aus den Kindern. Dein Aenn¬ chen kann uns allen ein Engel gewesen sein.“ Fritz Nettenmair lachte so ungeheuer über das Kind, daß sich Apollonius Lachen wieder an dem seinen anzündete. Aber er wußte, es war ein Teufel, der aus dem Kinde geredet; ihm war das Kind ein Teufel gewesen und konnt' es noch mehr werden. Und doch mußte er noch über das Kind lachen, über das joviale Kind mit seinem „verfluchten“ Einfall. So sehr mußte er lachen, daß es gar nicht auffiel, wie zerstückt und krampfhaft klang, was er entgegnete. „Morgen meinetwegen, oder heut' Nachmittag noch; jetzt hab ich unmöglich Zeit. Jetzt begleit' ich dich nach Sankt Georg. Ich hab' einen nöthigen Gang. Morgen! Ueber das „ver¬ wünschte“ Kind!“ Apollonius hatte keine Ahnung, wie ernst das lachende „verwünscht“ gemeint war. Er sagte, selbst noch über das Kind lachend: „Gut. So fragen wir morgen. Und dann wird Alles anders werden. Ich freue mich wie das Kind, und du dich gewiß auch, Fritz. Es soll ein ganz ander Leben werden, als seither.“ Der gute Apollonius freute sich so herzlich über des Bruders Freude! Noch wie er schon wieder auf seinem Fahrzeuge um das Kirchdach flog. Eben so rastlos umschwankte seines Bruders Furcht, das dunkle Etwas, das über ihm schwankte, und ihn zu begraben drohte; noch emsiger hämmerte sein Herz an den brechenden Planen, den Sturz zu hindern; aber sein Gedankenschiff hing nicht zwischen Himmel und Erde, von des Himmels Licht bewahrt; es taumelte tiefer, und immer tiefer, zwischen Erd' und Hölle, und die Hölle zeichnete ihn immer dunkler mit ihrer Glut. Aennchen hatte die Mutter wieder umschlungen, die in der Laube saß. Sie sah wieder mit Apollonius Augen zu ihr auf, und erzählte ihr von ihm. Und kam sie nach Kinderweise von ihm ab, so leitete die Mutter mit unbewußter Kunst sie wieder zu ihm zurück. Dann rauschte es einen Augenblick in den Blättern der Laube hinter ihr. Sie dachte, es sei der Wind, oder hörte es gar nicht; vielleicht, weil es nicht von Apollonius sprach. Hätte sie hingesehn, sie wäre ent¬ setzt aufgesprungen von der Bank. Was die Blätter rauschen machte, war das stürmische Erzittern einer ge¬ ballten Faust. Darüber stand ein rothes Gesicht, ver¬ zerrt von der Anstrengung, die die gehobene Faust zurückhielt. Sonst hätte sie das lächelnde Gesicht des Kindes getroffen, das, so jung, schon eine Kupplerin war. Das lächelnde, vatermörderische Gesicht! Das Kind hat ein blaues Kleidchen an; blau ist die Lieb¬ lingsfarbe Apollonius'. Sein Kind trägt seines Todt¬ feindes Livree. Und die Mutter — o, Fritz Netten¬ mair kann sich noch auf die Zeit besinnen, wo sie täglich so gekleidet ging wie heut'. Und fürchtet sie das nicht? Glaubt sie, was damals vorgegangen, gibt ihr ein Recht, ihn nicht zu fürchten? Ein Recht, in Schande zu leben, weil es seine Schande ist? Das Alles reißt an der gehobenen Faust. Und jetzt sagt die Mutter vor sich hin, und hat das Mädchen vergessen: „Der arme Apollonius!“ —Was hält die Faust zurück? — „Ich muß Fritz sagen, wie er mich dauert. Er ist so gut. Nicht, Aennchen?“ Aennchen singt und hört die Frage nicht. Sie bedarf auch keiner Antwort. „Fritz ist zornig auf ihn, weil er mich einmal gekränkt hat. Ich hab's lang vergessen. Er ist anders, und Fritz thut ihm unrecht, wenn er meint, er ist noch immer so. Und vielleicht ist er nie so gewesen, und die Menschen haben Fritz belogen. Wir wollen gut sein gegen ihn, damit er froh wird. Ich kann's nicht mehr ertragen, wie er traurig ist. Ich will's ihm sagen, dem Fritz.“ So schließt die junge Frau ihr Selbstgespräch; ihr ganzes süß vertrauliche Mädchenwesen ist wieder aufgewacht, und Fritz Nettenmair begreift, das Thun, zu dem der Zorn ihn hinreißen will, muß erschaffen, was noch nicht ist, muß beschleunigen, was kommen wird. Er ist arm geworden, entsetzlich arm. Die Zu¬ kunft ist nicht mehr sein; er darf nicht auf Tage hinausrechnen; er lebt nur noch von Augenblick zu Augenblick; er muß festhalten, was zwischen dem gegenwärtigen ist und dem nächstkommenden. Und dazwischen ist nichts, als Qual und Kampf. Er hat die Frau bis jetzt geliebt, wie er Alles that, wie er selbst war, oberflächlich — und jovial. Das Gewissen hat seine Seele ausgetieft. Die Furcht vor dem Verlust hat ihn ein ander Lieben gelehrt. Das Lieben lehrte ihn wiederum ein ander Fürchten. Hätt' er sie früher so geliebt, wie jetzt, ihre tiefste Seele hätte sich ihm vielleicht geöffnet, sie hätte auch ihn geliebt. Sie haben Jahre zusammengelebt, sind nebeneinander gegangen, ihre Seelen wußten nichts von einander. Dem Leibe nach Gattin und Mutter ist ihre Seele ein Mädchen geblieben. Er hat die tiefern Bedürfnisse ihres Herzens nicht geweckt, er kannte sie nicht; er hätte sie nicht befriedigen können. Er erkennt sie erst, wie sie sich einem Fremden zuwenden. Er fühlt erst, was er besaß, ohne es zu haben, nun es einem Andern gehört. Mit welcher Empfindung sieht er die Knospe ihres Angesichts sich entfalten, die er schon für die Blume hielt! Welch niegeahnter Himmel öffnet sich da, wo er sonst Genüge hatte, sein eigen Spiegel¬ bild zu finden. Und wie viel er sah; all den Reichthum an hingebendem Vertraun, an Opferfähigkeit, an ver¬ ehrendem Aufstaunen und dienendem Ergeben zu fassen, der in der Morgenröthe dieses reinen Angesichtes auf¬ ging, war sein Auge, auch krankhaft weit geöffnet, noch zu eng. Sein Schmerz übermannte einen Augen¬ blick seinen Haß. Er mußte sich fortschleichen, um das Geständniß seiner Schuld vor dem Antlitz zu flüchten, dessen Blick er jetzt wie ein Verbrecher fürchtete, so sanft es war. Gegen Abend wurde die junge Frau plötzlich von zwei Männerstimmen aus ihren Träumen geweckt. Sie saß unfern der verschlossenen Schuppenthür im Grase. Fritz war eben mit dem Bruder von der Hintergasse in den Schuppen getreten. Sie hörte, er zog den Bruder mit Wohlig's Anne auf. Anne sei die beste Parthie in der ganzen Stadt und der Bruder ein Spitzbube, der die Welt kenne und die Art, die lange Haare und Schürzen trägt. Die Anne nähe schon an ihrer Aussteuer, und ihre Basen trügen die Heirath mit Apollonius von Haus zu Hause. Die junge Frau hörte ihn fragen, wann die Hochzeit sei? Sie hatte sich entfernen wollen; sie vergaß es; sie vergaß das Athmen. Und drauf hätte sie fast laut aufgejubelt: Apollonius sagte, er heirathe gar nicht, die Anne nicht, noch sonst eine. Der Bruder lachte. „Drum hast du den Abend deiner Heimkehr nur mit der Anne getanzt und sie heimgeleitet?“ „„Mit deiner Frau hätt' ich getanzt,““ entgegnete Apollonius. „„Du warntest mich, deine Frau würde mir einen Korb geben, weil sie so unwillig auf mich war. Ich wollte nun gar nicht tanzen. Du brachtest mir die Anne und wie du gingst, fragtest du sie, ob ich sie heimbegleiten dürfte. Da konnt' ich nicht anders. Ich habe nicht daran gedacht, die Anne —““ „Zu heirathen?“ lachte der Bruder. „Nun sie ist auch zum — Spasse hübsch genug und der Mühe werth, sie vernarrt in dich zu machen.“ „„Fritz!““ rief Apollonius unwillig. „„Aber es ist nicht dein Ernst,““ besänftigte er sich selbst. „„Ich weiß, du kennst mich besser; aber auch im Scherz soll man einem braven Mädchen nicht zu nah treten.““ „Pah,“ sagte der Bruder, „wenn sie es selbst thut. Was kommt sie uns in's Haus und wirft sich dir an den Kopf?“ „„Das hat sie nicht,““ entgegnete Apollonius warm. „„Sie ist brav und hat sich nichts Unrechtes dabei gedacht.““ „Ja, sonst hättest du sie zurecht¬ gewiesen,“ lachte Fritz, und es lag Hohn in seiner Stimme. „„Wußt' ich,““ sagte Apollonius, „„was sie dachte? Du hast sie mit mir aufgezogen und mich mit ihr. Ich habe nichts gethan, was solche Gedanken in ihr erwecken konnte. Ich hätt's für eine Sünde gehalten.““ Die Männer gingen ihren Weg wieder zurück. Christianen fiel's nicht ein, sie hätten auch auf den Gang kommen können, wo sie stand. Was von Offen¬ heit und Wahrheit in ihr lag, war gegen ihren Gatten empört. Nicht die Leute hatten ihn belogen; er war selber falsch. Er hatte sie belogen und Apollonius belogen und sie hatte irrend Apollonius gekränkt. Apollonius, der so brav war, daß er nicht über die Anne spotten hören konnte, hatte auch ihrer nie gespottet. Alles war Lüge gewesen von Anfang an. Ihr Gatte verfolgte Apollonius, weil er falsch war, und Apollonius brav. Ihr innerstes Herz wandte sich von dem Verfolger ab, und dem Verfolgten zu. Aus dem Aufruhr all ihrer Gefühle stieg ein neues heiliges siegend auf, und sie gab sich ihm in der vollen Unbe¬ fangenheit der Unschuld hin. Sie kannte es nicht. Daß sie es nie kennen lernte! Sobald sie es kennen lernt, wird es Sünde. — Und schon rauschen die Schritte durch's Gras, auf denen die unselige Erkennt¬ niß naht. Fritz Nettenmair mußte seine neue Scheidemauer aufbau'n, eh' er den Bruder zu seinem Weibe führte. Deßhalb kam er. Sein Gang war ungleich; er wählte noch und konnte sich nicht entscheiden. Er wurde noch ungewisser, als er vor ihr stand. Er las, was sie fühlte, von ihrem Antlitz. Es war zu ehrlich, um etwas zu verschweigen. Es kannte zu wenig, wovon es sprach, um zu denken, es müßte dies verbergen. Er fühlte, mit den alten Verleumdungen werde er nichts mehr bei ihr vermögen. Er konnte sie über ihre Gefühle aufklären, sie dann bei ihrer Ehre, bei ihrem weiblichen Stolze fassen. Er konnte sie zwingen — wozu? Zur Verstellung? Zum Leugnen? Zur Ver¬ heimlichung, wenn sie einmal wußte, was sie wollte? Würde sie nicht zu sich sagen: den Betrüger betrügen, das Gestohlene heimlich wieder nehmen, ist kein Betrug, kein Diebstahl. Das war's! Das Bewußtsein seiner Schuld verfälschte ihm die Dinge, die Menschen. Er kannte das starke Ehrgefühl seiner Frau, wie die bis zum Eigensinn feste Rechtlichkeit des Bruders und er hätte Beiden in allem getraut; nur in dem Einen traute er ihnen nicht, wo er das Gefühl hatte, er hab' es verdient, von ihnen betrogen zu sein. So zog er doch den Weg vor, den er bis jetzt gegangen. Er machte einen kleinen Umweg über des „Federchensuchers Narrheiten.“ Er wußte, kleine Lächerlichkeiten sind ge¬ schickter, eine werdende Neigung zu vernüchtern, als große Fehler. Er agirte Apollonius, wie er den Weg, den er mit einem Lichte gemacht, noch einmal zurück¬ ging, aus Sorge, er könnte einen Funken verloren haben. Wie es ihn bei Nacht nicht ruhen ließ, wenn ihm einfiel, er hatte bei einer Arbeit seinen gewöhn¬ lichen Eigensinn vergessen, oder ein Arbeiter hatte das strenge Wort nicht verdient, das er, vom Drang der Geschäfte erhitzt, gegeben. Wie er aus dem Bette aufgesprungen, um ein Lineal, das er im schiefen Winkel mit der Tischkante liegen lassen, in den rechten zu rücken. Dabei strich und blies Fritz Nettenmair sich eingebildete Federchen von den Aermeln. Er sah wohl, seine Mühe hatte den verkehrten Erfolg. Gereizt dadurch griff er zu stärkeren Mitteln. Er bedauerte die arme Anne, die Apollonius durch Scheinheiligkeit in sich vernarrt gemacht; und erzählte, auf wie gemeine Weise er sie öffentlich verspotte. Auf den Wangen der jungen Frau war ein dunkles Roth aufgestiegen. Offene, naive Naturen haben einen tiefen Haß gegen alle Falschheit, vielleicht weil sie instinktmäßig fühlen, wie waffenlos sie vor diesem Feinde stehn. Sie zitterte vor Erregung, als sie aufstand und sagte: „Du könntest das thun, du; er nicht.“ Fritz Nettenmair schrack zu¬ sammen. In dem Anblick der Gestalt, die voll Ver¬ achtung vor ihm stand, war etwas, das ihn entwaffnete. Es war die Gewalt der Wahrheit, die Hoheit der Unschuld dem Sünder gegenüber. Er raffte sich mit Anstrengung zusammen. „„Hat er dir das gesagt? Seid ihr schon so weit?““ preßte er hervor. Sie wollte nach dem Hause gehn; er hielt sie auf. Sie wollte sich losreißen. „Alles hast du gelogen,“ sagte sie, „ihn hast du belogen, mich hast du belogen. Ich habe gehört, was du vorhin im Schuppen mit ihm sprachst.“ Fritz Nettenmair athmete auf. So wußte sie nicht Alles. „„Mußt ich's nicht?““ sagte er, indem sein Auge sich der Reinheit des Ihren gegenüber kaum aufrecht hielt. „„Mußt' ich nicht, um deine Schande zu verhindern? Soll der Federchensucher dich verachten?““ Noch drückte ihr Blick den seinen nieder. „„Weißt du, was du bist? Frag' ihn doch, was eine Frau ist, die Ehre und Pflicht vergißt? An wen denkst du mit Gedanken, wie du nur an deinen Mann denken solltest? Wenn du wie eine verliebte Dirne umherschleichst, wo du meinst, ihn zu sehn. Und meinst, die Menschen sind blind. Frag' ihn doch, wie er so eine nennt? O die Leute haben schöne Namen für so eine.““ Er sah, wie sie erschrack. Ihr Arm bebte in seiner Hand. Er sah, sie begann ihn zu verstehn, sie begann sich selbst zu verstehn. Er hatte ihren Trotz gefürchtet, und sah, sie brach zusammen, das Zornesroth erblich auf ihrer Wange und Schamröthe schlug wild über die bleiche hin. Er sah, wie ihr Auge den Boden suchte, als fühlte es die Blicke aller Menschen auf sich gerichtet, als hätt' der Schuppen, der Zaun, die Bäume Augen und alle bohrten sich in ihr's. Er sah, wie sie in der Jähheit der Erkenntniß sich selbst so eine nannte, für die die Leute die schönen Namen haben. Der Schmerz strömte seinen Regen über die schamblutende brennende Wange und die Thränen waren wie Oel; das Feuer wuchs, als eine Stimme vom Schuppen klang und sein Tritt. Sie wollte sich gewaltsam losreißen und sah mit halb wildem, halb flehendem Blicke auf, der sterbend vor den tausend Augen wieder zu Boden sank. Er sah, sein Auge, das Auge des, der durch den Schuppen kam, war ihr das schrecklichste. Er hatte seinen ganzen Muth wieder. „Sag's ihm,“ preßte er leise hervor, „was du von ihm willst. Wenn er ist, wie du meinst, muß er dich verachten.“ Fritz Netten¬ mair hielt die Kämpfende mit der Kraft des Siegers fest, bis er Apollonius, der fragend aus dem Schuppen sah, gewinkt, herbeizukommen. Er ließ sie und sie floh nach dem Hause. Apollonius blieb erschrocken auf dem halben Wege stehn. „Da siehst du, wie sie ist,“ sagte Fritz zu ihm. „Ich hab' ihr gesagt, du woll¬ test sie fragen. Willst du, so gehn wir ihr nach und sie muß uns beichten. Ich will sehn, ob meine Frau meinen Bruder beleidigen darf, der so brav ist.“ Apollonius mußte ihn zurückhalten. Fritz gab sich nicht gleich zufrieden. Endlich sagte er: „Du siehst aber nun, es liegt nicht an mir. O, es thut mir leid!“ Es war ein unwillkürlicher Schmerz in den letzten Worten, den Apollonius auf die mißlungene Aussöh¬ nung bezog. Fritz Nettenmair wiederholte sie leiser, und diesmal klangen sie wie ein Hohn auf Apollonius, wie ein höhnisches Bedauern über eine verfehlte List. Christiane war nach der Wohnstube gestürzt und hatte die Thür hinter sich verriegelt. An Fritz dachte sie nicht. Aber Apollonius konnte hereintreten. Sie wälzte den fieberischen Gedanken, hinaus in die Welt zu fliehn; aber wohin sie sich dachte, im steilsten Gebirg, im tiefsten Walde begegnete er ihr und sah, was sie Ludwig , Zwischen Himmel und Erde. 8 wollte, und er mußte sie verachten. Und was wollte sie denn? Wollte sie etwas von ihm? Wenn sie in Ge¬ danken vor ihm floh und angstvoll eine Zuflucht suchte; war er es nicht wieder, zu dem sie floh? Wenn sie in Gedanken eine Brust umschlang, daran sich auszu¬ weinen, war es nicht seine? Der Augenblick, der sie lehrte, sie wollte etwas Böses, hatte sie ja erst gelehrt, was sie wollte. Aennchen war im Zimmer; sie hatte das Kind nicht bemerkt. Alles Leben der Mutter war bei ihrem innern Kampfe; Aennchen sah der Mutter nicht an, was in ihr vorging. Sie zog die Mutter auf einen Stuhl und umschlang sie nach ihrer Weise und sah zu ihrem Antlitz auf. Die Mutter traf ihr Blick, als käm' er aus Apollonius' Augen. Aennchen sagte: „Weißt du Mutter? der Onkel Lonius“ — die Mutter sprang auf und stieß das Kind von sich, als wär' er's selbst. Sag' mir nichts mehr von — sag' mir nichts mehr von ihm! sagte sie mit so zorniger Angst, daß das Mädchen weinend verstummte. Aenn¬ chen sah nicht die Angst, nur den Zorn in der Mutter Auffahren. Es war Zorn über sich selbst. Das Mäd¬ chen log, als sie dem Onkel von der Mutter Zorn über ihn erzählte. Es bedurfte der Erzählung nicht. Hatt' er nicht selbst die rothe Wange gesehn, mit der sie seiner und des Bruders Frage auswich; dasselbe Roth der zornigen Abneigung, mit dem sie den Heim¬ kehrenden empfangen? Ach, es war ein wunderlich schwüles Leben von da in dem Hause mit den grünen Fensterladen, Tage, Wochen lang! Die junge Frau kam fast nicht zum Vorschein, und mußte sie, so lag die brennende Röthe auf ihren Wangen. Apollonius saß vom ersten Mor¬ genschein auf seinem Fahrzeug und hämmerte, bis die Nacht einbrach. Dann schlich er sich leise von der Hintergasse durch Schuppen und Gang auf sein Stüb¬ chen. Er wollte ihr nicht begegnen, die ihn floh. Fritz Nettenmair war wenig mehr daheim. Er saß von früh an bis in die Nacht in einer Trinkstube, von wo man nach der Aussteigethür und dem Fahrzeug am Thurmdache sehen konnte. Er war jovialer als je, traktirte alle Welt, um sich in ihrer lügenhaften Verehrung zu zerstreun. Und doch, ob er lachte, ob er würfelte, ob er trank, sein Auge flog unablässig mit den Dohlen um das steile Thurmdach. Und wie durch einen Zauber fügte es sich, nie schlich Apollonius durch den Schuppen, ohne daß fünf Minuten früher Fritz Nettenmair in die Hausthür getreten war. Im Schuppen und in der Schiefergrube schaltete der Gesell an seiner Statt. Er brachte Fritz Nettenmair den Rapport vom Geschäfte; im Anfang schrieb der joviale Herr davon in dicke Bücher, dann nicht mehr. Die Zerstreuung wurde ihm immer unentbehrlicher; er hatte keine Zeit mehr zum Schreiben. Bis er tief in der Nacht wieder heimkam, wandelte der Gesell in dem 8* Gange vom Wohnzimmer bis zum Schuppen hin und her. Es waren in der Nähe Diebstähle vorgekommen; der Gesell stand Wache: Fritz Nettenmair war daheim ein ängstlicher Mann geworden. Die übrigen Leute wunderten sich über das Vertraun Fritz Nettenmair's zu dem Gesellen. Apollonius warnte ihn wiederholt. Freilich! Er hatte Gründe, die Wache nicht zu wün¬ schen, am allerwenigsten von dem Gesellen, der ihm nicht gewogen war. Und das eben war Fritz Netten¬ mair's Grund, dem Gesellen zu vertraun, und auf die Warnungen nicht zu hören. Als Fritz Nettenmair zu dem Bruder gesagt: es thut mir leid, war er des Gesellen gewahr geworden. In seinem Grinsen hatte er gelesen, der Gesell durchschaute ihn. Er wußte, was Fritz Nettenmair fürchtete. Da biß er die Zähne aufeinander; eine halbe Stunde später übertrug er ihm die Wache und die Stellvertretung in Schuppen und Grube. Es kostete wenig Worte. Der Geselle ver¬ stand, was Fritz ihm sagte, daß er sollte; er verstand auch, was Fritz nicht sagte und er dennoch sollte. Fritz Nettenmair traute seiner Redlichkeit im Geschäfte so wenig als Apollonius. Er wußte, der Geselle würde dort mißbrauchen, daß er etwas wußte, was außer ihm und Fritz Nettenmair Niemand wußte und Niemand wissen durfte. Die Unredlichkeit des Gesellen dort haftete ihm für seine Redlichkeit, wo er sie nöthiger brauchte. Es war die Sorglosigkeit fieber¬ hafter Angst um alles Andere, was sich nicht auf ihren Gegenstand bezieht. Der alte Herr im blauen Rock hatte schlimmere Träume, als je; er horchte ge¬ spannter, als je, auf jeden flüchtigen Laut, hörte mehr heraus, und baute immer größere Lasten über seine Brust. Aber er fragte nicht. Es war eines Abends spät. Fritz Nettenmair hatte vom Fenster der Weinstube Apollonius sein Fahr¬ zeug verlassen, und an das fliegende Gerüst binden sehn, und war nach seiner Gewohnheit aus dem Wirths¬ hause geeilt, um noch vor ihm heimzukommen. Er traf seine Frau in der Wohnstube bei einer häuslichen Arbeit. Der Geselle trat herein und machte seine gewöhnliche Meldung. Dann sagte er seinem Herrn etwas in's Ohr und ging. Fritz Nettenmair setzte sich zur Frau an den Tisch. Hier saß er gewöhnlich, bis ein schlürfender Tritt des Gesellen im Vorhaus ihm sagte, Apollonius sei zu Bett gegangen. Dann suchte er sein Weinhaus wieder auf; er wußte, das Haus war vor Dieben sicher, der Gesell war bei der Wache. Das Gefühl, wie er sein Weib in seiner Hand hatte, und sie sich leidend darein ergab, hatte bisher dem Weine geholfen, einen schwachen Wiederschein der jovialen Herablassung über ihn zu werfen, die ehedem sonnenhaft von jedem Knopfe Fritz Nettenmair's geglänzt. Heute war der Wiederschein sehr schwach. Vielleicht, weil ihr Auge nicht den Boden gesucht, als es sein Blick berührte. Er that einige gleichgültige Fragen und sagte dann: „Du bist heute lustig gewesen.“ Sie sollte fühlen, er wisse Alles, was im Haus geschehe, sei er auch selbst nicht drinn. „Du hast gesungen.“ Sie sah ihn ruhig an und sagte: „„Ja. Und morgen sing' ich wieder; ich weiß nicht, warum ich nicht soll.““ Er stand geräusch¬ voll vom Stuhle auf und ging mit lauten Tritten hin und her. Er wollte sie einschüchtern. Sie erhob sich ruhig und stand da, als erwarte sie einen Angriff, den sie nicht fürchtete. Er trat ihr nah, lachte heischer und machte eine Handbewegung, vor der sie erschreckend zurückweichen sollte. Sie that es nicht. Aber das Roth des beleidigten Gefühls trat auf ihre Wangen. Sie war scharfsinnig geworden, argwöhnisch dem Gatten gegenüber. Sie wußte, daß er sie und Apollonius bewachen ließ. „Und hat er dir weiter nichts gesagt?“ fragte sie. „„Wer?““ fuhr Fritz Nettenmair auf. Er zog die Schultern empor und meinte, er säh' aus wie der im blauen Rock. Die junge Frau antwortete nicht. Sie zeigte nach der Kammerthür, in der das kleine Aennchen stand. „Der Spion! Der Zwischenträger!“ preßte der Mann hervor. Das Kind kam ängstlich mit zögernden Schritten. Es war im Hemdchen. Fritz Nettenmair sah nicht das Flehen in des Kindes Blick, er sollte der Mutter gut sein, die Mutter sei auch gut. Er sah nicht, wie das häusliche Zerwürfniß auf dem Kinde lastete und es bleich gemacht; wie es den Zu¬ stand mit durchlitt, ohne ihn zu verstehn. Er sah nur, wie gespannt es horchte, um dem erzählen zu können, der es zum Horchen abgerichtet. Es wollte seine Knie umschlingen, sein Blick, seine gehobene Faust drängte es zurück. Die Mutter nahm das Kind in stillem Schmerz auf die Arme, und trug es in die Kammer und in sein Bett zurück. Sie fürchtete, was der Mann ihm thun konnte. Was er ihr thun konnte, das fürchtete sie nicht. Sie sagte es dem Manne, als sie wieder hereinkam und die Thüre verschlossen, wie um das Kind vor ihm zu retten. „Ich bin eins ge¬ worden mit mir,“ sagte sie und in ihren Augen stand das mit so glänzender Schrift, daß der Mann wieder hin und herschritt, um nicht hineinsehn zu müssen. „Ich bin eins geworden mit mir. Die Gedanken sind gekommen, daran bin ich nicht schuld und ich hab' sie nicht kommen heißen. Ich hab' nicht gewußt, sie waren bös. Dann hab' ich mit den Gedanken ge¬ kämpft, und ich will nicht müd' werden, so lang' ich lebe. Ich bin mit meiner Seele an dem Bett meiner seligen Mutter gewesen, wo sie gestorben ist, und hab' sie liegen sehn, und hab' die drei Finger auf ihr Herz gelegt. Ich hab' ihr versprochen, ich will nichts Un¬ ehrliches thun und leiden, und hab' sie mit Thränen gebeten, sie soll mir helfen, nichts Unehrliches thun und leiden. Ich hab' so lang versprochen und so lang gebeten, bis alle Angst fortgewesen ist, und ich hab' gewußt, ich bin ein ehrlich Weib und ich will ein ehr¬ lich Weib bleiben. Und Niemand darf mich verachten. Was du mir thun willst, davor fürcht' ich mich nicht und wehr' mich nicht. Du thust's auf dein Gewissen. Aber dem Kinde sollst du nichts thun. Du weißt nicht, wie stark ich bin, und was ich thun kann. Ich leid' es nicht; das sag' ich dir! Sein Blick flog scheu an der schlanken Gestalt vorüber, er berührte nicht das bleiche schöne Antlitz; er wußte, ein Engel stand darauf und drohte ihm. O er wußte, er fühlte, wie stark sie war; er empfand, wie mächtig der Entschluß eines ehrlichen Herzens schirmt. Aber nur gegen ihn! er empfand es an seiner Schwäche. Er fühlte, ihr mußte glauben, wer glauben durfte. Dies Recht hatte er im unehrlichen Spiele verspielt. Er hätte ihr glauben müssen, wußt' er nicht, es mußte kommen, was kommen mußte. Sie nicht, Niemand konnte es verhindern. Einen Rettungsweg zeigte ihm sein Engel, eh' er ihn verließ. Wenn er redlich, unablässig sich mühte, gut zu machen, was er an ihr verschuldet. Wenn er ihr die Liebe thätig zeigte, die die Angst vor dem Verluste ihn gelehrt. Hatt' er nicht Helfer? Mußten die Kinder nicht seine Helfer sein? Und ihr Pflichtgefühl, das so stark war? Die todte Mutter, an deren Bett sie in Gedanken ge¬ treten, auf deren Herz sie ihre Schwurfinger gelegt? Aber eben das, worauf er hofft, ihre Reinheit, scheucht ihn zurück, wie er sich ihr nahen will. Und er ist dem Gespenste seiner Schuld verfallen, dem Gedanken der Vergeltung, der ihn unwiderstehbar treibt, das zu schaffen, was er verhindern will. Zu tief hat ihn die lange, stete Gewohnheit, ihn zu denken, eingegraben. Hoffnung und Vertrau'n sind dem Gedanken fremd; der Haß ist ihm verwandter. Ihn ruft er zu Hülfe. — Draußen schlürft der Fuß des Gesellen auf dem Sande des Vorhauses. Das Haus ist sicher vor Dieben. Er kann wieder gehn. Fritz Nettenmair ist heute im Weinhaus so jovial, als er sein kann. Seine Schmeichler haben Durst und lassen sich seine Herablassung gefallen. Er trinkt, schlägt seinen Gästen die Hüte über die Ohren in's Gesicht, und übt mit Stock und Hand noch manche andere zarte Liebkosungen, und belacht sie als geistreiche Scherze mit bewunderndem Lachen. Er thut Alles, sich zu vergessen; es gelingt ihm nicht. Könnt' er mit seiner jungen Frau tauschen, die unterdeß einsam daheim sitzt! Wonach er sich sehnt: sich zu vergessen, dagegen muß sie sich wehren. Was er muß, was er mit aller Mühe nicht abwenden kann, danach ringt sie und es will ihr nicht gelingen — sich auf sich selbst zu besinnen. — Was hilft's daß sie's dem Kinde verbot? all' ihre Gedanken reden ihr von Apollonius. Sie meinte, sie wich ihm aus, und sie sieht, er flieht sie. Sie sollte sich freun, und es thut ihr weh. Ihre Wangen brennen wieder. Eigen ist's, daß sie selbst ihren Zustand strenger oder milder ansieht, je nachdem sie in Gedanken Apollonius strenger oder milder darüber urtheilend glaubt. So ist er ihr das unwillkührliche Maas der Dinge geworden. Weiß er, wie sie ist, und verachtet sie? Er ist so mild und nachsichtig; er hat die Anne nicht verspottet, nicht verachtet; er hat ihr das Wort geredet gegen fremde Verachtung und Spott. Hat sie schon, eh' er kam, Gedanken gehabt, die sie nicht haben sollte, und er hat sie errathen? Ist sie sich doch, als wär' sie mit Allem, was sie weiß und wünscht, nur ein Gedanke in ihm, den er weiß, wie seine andern. Und sie hat ihn gedauert; und darum sah er ihr mit traurigem Blicke nach, wenn sie ging? Ja! Gewiß! Und nun floh er sie aus Schonung; sein Anblick sollte nicht Gedanken in ihr wecken, die besser geschlafen hätten, bis sie selber schlief im Sarg. Er vielleicht selbst hatte es ihrem Manne gesagt oder geschrieben; und dieser hatte das Mittel gewählt, sie durch Widerwillen zu heilen. War's Zufall, daß sie in diesem Augenblicke nach ihres Mannes Schreibpult blickte? Sie sah, er hatte den Schlüssel abzuziehn vergessen. Sie erinnerte sich, er war nie so nachlässig gewesen. Sonst hatte sie keine Acht darauf gehabt; jetzt erst fiel ihr auf, er war, wußte er sie zugegen, nicht auf Augenblicke aus dem Zimmer gegangen, ohne zu schließen und den Schlüssel abzuziehn. Im obersten Fache rechts lagen Apollonius' Briefe; ihr Blick war sonst der Stelle ausgewichen. Jetzt öffnete sie das Pult und zog das Fach heraus. Ihre Hände zitterten, ihre ganze Gestalt bebte. Nicht aus Furcht, ihr Mann könnte sie dabei überraschen. Sie mußte wissen, wie es stand zwischen ihr, Apollo¬ nius und ihrem Mann; sie hätte diesen gefragt; sie hätte sich nicht selbst geholfen, konnte sie ihrem Manne trau'n. Sie bebte vor Erwartung, was sie finden wird. Ob sie etwas davon ahnt, was sie finden wird? Es waren viel Briefe in dem Fach; und alle lagen offen und entfaltet darin. Und alle schienen nur Ab¬ drücke eines einzigen zu sein, so sehr glichen sie sich. Nur daß die Züge in den ersten weicher erschienen. Wie abgezirkelt stand die Anrede in jedem genau auf derselben Stelle; genau um eben soviel Zoll und Linien darunter der Beginn des Briefs. Der Abstand der schnurgeraden Zeilen von einander und vom Rande des Bogens war in allen der gleiche; nichts war aus¬ gestrichen; keine kleinste Unregelmäßigkeit verrieth die Stimmung des Schreibers oder eine Veränderung der¬ selben; ein Buchstabe genau wie der andere. Sie berührte die Briefe alle, einen um den andern, eh' sie las. Mit jedem schlug neue glühende Röthe über ihre Wangen, als berührte sie Apollonius selbst, und sie zog die Hand unwillkührlich zurück. Jetzt fiel mit einem Briefe eine kleine metallene Kapsel in den Kasten zurück; die Kapsel fuhr auf, und heraus fiel eine kleine dürre Blume. Ein kleines blaues Glöckchen. Solch ein's, wie sie einst auf die Bank gelegt, damit er es finden sollte. Sie erschrack. Jene hatte Apollo¬ nius ja noch denselben Abend mit Spott und Hohn unter seinen Kameraden ausgeboten, und gefragt, was sie gäben, und dann unter dem Lachen Aller dem Bru¬ der feierlich zugeschlagen. Dieser brachte sie. ihr und erzählte ihr's während des Tanzens, und Apollonius sah zum Saalfenster herein, höhnend, wie der Bruder sagte. Jene hatte sie zerpflückt; das junge Volk war über die Trümmer hingetanzt. Die Blume in der Kapsel war eine andere. Es mußte in dem Briefe stehn, von wem sie war, oder wem Apollonius sie schickte. Und doch war's dieselbe Blume. Sie las es. Wie ward ihr, als sie las, es war dieselbe! Thräne um Thräne stürzte auf das Papier und aus ihnen quoll ein rosiger Duft und verhüllte die engen Wände des Stübchens. In dem Duft regte sich ein Weh'n, wie von leisem Morgenwind im Lenz, wenn er die leichten Nebel flatternd ballt, und durch die Risse blauer Himmel lacht und goldene Höh'n. Und immer weiter wird der Blick, und wie der Schleier wogend tief und tiefer sinkt, steigen rauschende Wälder auf, grüne Wie¬ sen mit ihrem Blumenschmelz, trauliche Gärten mit laubigen Schatten, Häuser mit glücklichen Menschen. O es war eine Welt von Glück, von Lachen und Wei¬ nen vor Glück, die aus den Thränen stieg, jede färbte sie regenbogenglänzender, jede rief: sie war dein, und die letzte jammerte: und sie ist dir gestohlen! Die Blume war von ihr; er trug sie auf seiner Brust in Sehnsucht, Hoffen und Fürchten, bis die des Bruders war, deren er dabei gedachte. Dann warf er sie, die Botin des Glückes, dem geschiedenen nach. Er war so brav, daß er für Sünde hielt, die arme Blume dem vorzuenthalten, der ihm die Geberin gestohlen. Und an solchem Manne hätte sie hängen dürfen, mit allen Pulsen sich in ihn drängen, ihn mit tausend Armen der Sehnsucht umschlingen zum Nimmerwiederfahrenlassen! Sie hätte es gekonnt, gedurft, gesollt! es wär' nicht Sünde gewesen, wenn sie es that; es wäre Sünde gewesen, that sie es nicht. Und nun wär's Sünde, weil der sie und ihn betrogen, der sie nun quälte um das, was er zur Sünde gemacht? Der sie zur Sünde zwang; denn er zwang sie, ihn zu hassen; und auch das war Sünde, und durch seine Schuld. Der sie zwang — er zwang sie zu mehr, zu Gedanken, die mit Gott im Himmel hadern wollten, zu Gedanken, die aus der Liebe und dem Hasse, die Gott verbot, ein Recht machen wollten, zu schrecklich klugen, verfüh¬ rerisch flüsternden, wilden, heißen, verbrecherischen Ge¬ danken. Und wies sie diese schaudernd von sich, dann sah sie unabsichtliche Sünde unabwendbar droh'n. Mit entsetzlich süßem Bangen wußte sie den Mann so nah, der ihr fremd sein sollte, der ihr nicht fremd war, vor dem sie in der Angst ihrer Schwäche keine Rettung sah. Sie floh vor ihm, vor sich selbst, in die Kammer, wo ihre Kinder schliefen, wo ihre Mutter gestorben war. Dorthin, wo ihr so heilig wurde, hörte sie das leise Regen der unschuldig schlummernden Leben, zu deren Hüterin sie Gott gesezt; die ruhigen Hauche hinflüstern durch die stille, dunkle Nacht. Jeder Hauch ein sorg¬ los süß aufgelöstes Sichbefehlen an die unbekannte Macht, die das All in ihren Mutterarmen trägt. Sie ging von Bett zu Bett, und lag knieend regungslos davor, und legte die Stirn an die scharfen Brettkanten. Vom Sankt Georgenthurme her klangen die Glocken, wie sie der Schritt der Zeit berührte; und er hielt nicht an im Wandern. Es schlug Viertel, Halb, Dreiviertel, Ganz, und wieder Viertel, und wieder Halb. Das leise Weh'n der schlummernden Kinderseelen zitterte um sie. Sie lag, die heißen Hände gefalten, lange, lang. Da stieg's empor aus dem leisen Weben, silbern wie ein Ostermorgenglockenklang. Was fürchtest du dich vor ihm? Und sie sah all' ihre Engel um sich knieen, und er war einer von ihren Engeln. Der schönste und der stärkste und der mildeste. Und sie durfte zu ihm aufsehn, wie man zu seinen Engeln aufsieht. Sie stand auf und ging in die Stube zurück. Die Briefe breitete sie auf dem Tische aus, dann ging sie zur Ruhe. Ihr Besitzer sollte wissen, wenn er heimkehrte und die Briefe fand, sie hatte sie gelesen. Nicht, um ihn zu erschrecken, nicht als eine Anklage, wie sie auch von ihm denken mochte. Er las davon ab, was das Bewußtsein seiner Schuld darauf schrieb; er las aus seiner Beleidigung ihr Rachedroh'n und ihre Pläne, es in's Werk zu setzen. Er kannte ihre Wahrhaftigkeit; wär' er so rein gewesen, als sie, er hätte gewußt, sie hatte nur dem Triebe ihrer ehrlichen Natur genügt. Sie schied schwer von den Briefen: aber sie gehörten nicht ihr. Nur die Kapsel mit der dürren Blume nahm sie weg und wollte ihm am Morgen sagen, daß sie es gethan. Fritz Nettenmair saß noch ganz allein im Wein¬ haus. Das Haupt hing ihm müde auf die Brust herab. Er rechtfertigte vor sich seinen Haß und sein Thun. Der Bruder und sie waren falsch; der Bruder und sie waren Schuld, nicht er, daß er hier vergeu¬ dete, was seinen Kindern gehörte. Wer ihm ihr Herz gestohlen, konnte für sie sorgen. Eben war es ihm gelungen, sich zu überzeugen, als daheim die Kammer¬ thüre ging. Die Frau war wieder vom Bette auf¬ gestanden und legte auch die Kapsel mit der Blume wieder zu den Briefen. Apollonius hatte sie nicht behalten, sie durfte es auch nicht. Der Gatte dachte noch nicht an's Heimgeh'n, als sie die Decke wieder über ihre reinen Glieder breitete. Ueber dem Gedan¬ ken, so fort sollte Apollonius ihr Leitstern sein, und wenn sie handelte, wie er, blieb' sie rein und bewahrt, schlief sie ein und lächelte im Schlummer wie ein sorglos Kind. Das Leben in dem Hause mit den grünen Laden wurde immer schwüler. Die gegenseitige Entfremdung der Gatten nahm mit jedem Tage zu. Fritz Netten¬ mair behandelte die Frau immer rücksichtsloser, wie seine Ueberzeugung wuchs, durch Schonung sei nichts mehr zu gewinnen. Diese Ueberzeugung floß aus der immer kältern Ruhe der Verachtung, die sie ihm ent¬ gegensetzte; er dachte nicht, daß er selbst sie zu dieser Verachtung zwang. Es war eine unglückliche, immer steigende Wechselwirkung. So wenig Apollonius mit dem Bruder und der Schwägerin zusammentraf, ihr Zerwürfniß mußte er bemerken. Es machte ihn un¬ glücklich, daß er die Schuld davon trug. In welcher Weise er sie trug, das ahnte er nicht. Während die Schwägerin mit liebender Verehrung an ihm hing und sich und ihrem ganzen Hauswesen seine Physiognomie aufprägte, grübelte er über den Grund ihres unbesieg¬ baren Widerwillens. Der Bruder that nichts, diesen Irrthum zu berichtigen; er bestätigte ihn vielmehr. Zuweilen, indem er ihn überlegen bei sich verlachte, wenn Weinlaune und geschmeichelte Eitelkeit ihre Wir¬ kung thaten. Der Stunden der Erschlaffung, der Un¬ zufriedenheit mit sich selbst waren freilich mehr. Dann zwang er sich, Verstellung darin zu sehn, um an dem Mitleid mit sich selber den Haß gegen die Andern, in dem ihm wohl war, zu schärfen. Apollonius wußte wenig von der Lebensweise des Bruders. Fritz Net¬ tenmair verbarg sie ihm aus dem unwillkürlichen Zwang, den Apollonius' tüchtiges Wesen ihm abnöthigte, den er aber Niemand, am wenigsten sich selbst eingestanden haben würde. Und die Arbeiter wußten, daß sie Apol¬ lonius mit Nichts kommen durften, was nach Zuträ¬ gerei aussah, am wenigsten, wenn es seinen Bruder betraf, den er gern von Allen geachtet gesehen hätte, mehr als sich selbst. Aber er hatte bemerkt, Fritz sah ihn als einen Eindringling in seine Rechte an, der ihm Geschäft und Thätigkeit verleidete. Apollonius fühlte sich von dem Tage seiner Rückkehr nicht wohl daheim; er war seinen Liebsten hier eine Last; er dachte oft an Köln, wo er sich willkommen wußte. Bis jetzt hielt ihn die moralische Verpflichtung, die er in Rück¬ sicht der Reparatur auf sich genommen. Diese ging mit raschen Schritten ihrer Vollendung entgegen. So Ludwig , Zwischen Himmel und Erde. 9 durfte der Gedanke seine Verwirklichung fordern, und er theilte ihn dem Bruder mit. Es wurde Apollonius anfangs schwer, den Bruder zu überzeugen, es sei ihm Ernst mit der Rückkehr nach Köln. Fritz hielt es erst für einen listigen Vorwand, ihn sicher zu machen. Der Mensch gibt ebenso schwer eine Furcht auf, als eine Hoffnung. Und er hätte sich eingestehen müssen, er habe den zwei Menschen Unrecht gethan, die des Unrechtes an ihm anzuklagen ihm eine Gewohnheit geworden war, in der er eine Art Behagen fand. Er hätte dem Bruder ein zweites Unrecht verzeihen müssen, das dieser von ihm gelitten. Er fand sich erst darein, als es ihm gelungen war, im Bruder wieder den alten Träumer zu sehn, und in dessen Vorhaben eine Albernheit; als er ein unwill¬ kührliches Eingeständniß darin sah, der Bruder begreife in ihm den überlegenen Gegner und gehe aus Ver¬ zweiflung am Gelingen seines schlimmen Planes. In dem Augenblick erwachte die ganze alte joviale Herab¬ lassung wie aus einem Winterschlaf. Seine Stiefeln knarrten wieder: da ist er ja! und: nun wird's famos! läuteten seine Petschafte den alten Triumph. Die Stiefeln übertönten, was ihm sein Verstand von den nothwendigen Folgen seiner Verschwendung, von seinem Rückgange in der allgemeinen Achtung vorhielt. Es war ihm, als sei Alles wieder so gut als je, war nur der Bruder fort. Er glaubte sogar vorgreifend an seine außerordentliche Großmuth, dem Bruder zu ver¬ zeihn, daß er da gewesen. Er richtete sich vor dem Bruder schon in der ganzen alten Größe wieder auf, in der er als alleiniger Chef des Geschäfts dem An¬ kömmling gegenüber gestanden, und winkte ihm mit seinem herablassendsten Lachen zu, er wolle es schon durchsetzen bei dem im blauen Rock. Der selber müsse Apollonius fortschicken. Die junge Frau fühlte anders. Fritz Nettenmair war zu klug, ihr vorläufig davon zu sagen. Aber der alte Valentin war nicht so klug und wußte nicht, warum er so klug sein sollte. Der alte Valentin war ein närrischer Geselle. Dem alten Herrn sagte er nichts. Es war wunderlich, wie gewissenhaft er seine Pflicht an das Haus vertheilte, der ehrlichste Achsel¬ träger, den es je gegeben. Er verrieth den jungen Leuten nie etwas, was er dem alten Herrn abgemerkt; aus Treue gegen den blauen Rock verbarg er es den Jungen so angestrengt, als der alte Herr selbst. Aber er war auch den Jungen so treu ergeben, daß der alte Herr von ihnen Nichts durch ihn erfuhr, als was sie selber wollten, und hätte der alte Herr gethan, was er nie that, ihn danach gefragt. Der jungen Frau war's, als sollte ihr Engel von ihr scheiden. Sie empfand, daß sie in seiner Nähe sicherer vor ihm war, als von ihm entfernt. Denn all der Zauber, der ihren Wünschen wehrte, sündhaft 9 * zu werden, floß ja aus seinen ehrlichen Augen auf sie nieder. Von der Stirn, die so rein war, daß ein sündhafter Blick verzweifelte, sie befleckend in sein Be¬ gehren mit zu reißen, und selbst gereinigt und reinigend in die Seele zurückkam, die ihn geschickt. Aber Apollonius sollte nicht gehn. Und das durch des Bruders Schuld, den allein in der ganzen Stadt sein Gehen freute. Aber er wird sie nicht anerkennen; auch diese wird er von sich ab und auf den Bruder schieben. Apollonius hatte auch dem Bauherrn von seinem Entschlusse gesagt. Es befremdete ihn, daß der brave Mann, der sonst Alles, was Apollonius thun würde, schon im Voraus gebilligt, als könnte Apollonius nichts thun, was er nicht billigen müßte, die Mitthei¬ lung mit fremder, wie verwundert einsylbiger Kälte aufnahm. Er drang in ihn, ihm den Grund dieser Veränderung zu sagen. Die braven Männer verstän¬ digten sich leicht. Der Bauherr sagte ihm, nachdem er sich gewundert, Apollonius damit unbekannt zu finden, was er von des Bruders Lebensweise wußte, und war der Meinung, das Geschäft und das Haus seines Vaters könne ohne Apollonius Hülfe nicht bestehn. Er versprach, sich weiter nach der Sache zu erkundigen und war bald im Stande, Apollonius nähere Auf¬ klärungen zu geben. Hier und da in der Stadt war der Bruder nicht unbedeutende Summen schuldig, das Schiefergeschäft war, besonders in der letzten Zeit, so saumselig und ungewissenhaft betrieben worden, daß manche vieljährige Kunden bereits abgesprungen waren und andere Begriff standen, es zu thun. Apollonius erschrack. Er dachte an den Vater, an die Schwägerin und an ihre Kinder. Er dachte auch an sich, aber eben das eigene starke Ehrgefühl stellte ihm zuerst vor, was der alte, stolze, rechtliche blinde Mann leiden müßte bei der Schande eines möglichen Concurses. Er fand sein Brod; aber des Bruders Weib und Kinder? Und sie waren des Darbens nicht gewohnt. Er hatte gehört, das Erbe der Frau von ihren Aeltern war ein ansehnliches gewesen. Er schöpfte Hoffnung, es könne noch zu helfen sein. Und er wollte helfen. Kein Opfer von Zeit und Kraft und Vermögen sollte ihm zu schwer werden. Konnte er den Verfall nicht aufhalten, darben sollten die Seinigen nicht. Der wackere Bauherr freute sich über seines Lieblings Denkart, auf die er gerechnet, die vermissen zu müssen ihn befremdet hatte. Er bot Apollonius seine Hülfe an. Er habe weder Frau noch Kinder, und Gott ihn etwas erwerben lassen, um einem Freunde damit zu helfen. Noch nahm Apollonius kein Anerbieten an. Er wollte erst sehn, wie's stand, und sich Gewißheit ver¬ schaffen, ob er ein ehrlicher Mann bleiben konnte, nahm er den freundlichen Erbieter beim Wort. Es kamen schwere Tage für Apollonius. Der alte Herr durfte noch nichts wissen und, war seine Ehre aufrecht zu erhalten, auch nicht erfahren, daß sie gewankt. Apollonius bedurfte dem Bruder gegenüber seine ganze Festigkeit und seine ganze Milde. Er mußte ihm täglich imponiren und mußte ihm stündlich ver¬ zeihn. Es war schon nicht leicht, den Stand seines Vermögens, seine Gläubiger und den Betrag der Schulden von ihm zu erfahren. Vergebens machte Apollonius seine gute Meinung geltend, der Bruder glaubte ihm nicht; und hätt' er ihm glauben müssen, er hätte ihn darum nicht weniger gehaßt. Er haßte sich selbst in Apollonius, und haßte ihn darum um so mehr, je hassens¬ werther sein eigenes Thun ihm erschien. Als Apollonius die Gläubiger und die Beträge wußte, untersuchte er den Stand des Geschäftes und fand ihn verwirrter, als er gefürchtet. Die Bücher waren in Unordnung; in der letzten Zeit war gar nichts mehr eingetragen worden. Es fanden sich Briefe von Kunden, die sich über schlechte Waare und Saumseligkeit beklagten, andere mit Rechnungen von dem Grubenbesitzer, der neue Bestellungen nicht mehr creditiren wollte, da die alten noch nicht bezahlt. Das Vermögen der Frau war zum größten Theile verthan; Apollonius mußte den Bruder zwingen, die Reste davon herauszugeben. Er mußte mit den Gerichten drohn. Was litt Apol¬ lonius mit seinem ängstlichen Ordnungsbedürfniß mitten in solcher Verwirrung, was, mit seinem starken Gefühl für seine Angehörigen, dem Bruder gegenüber! Und doch sah dieser in jeder Aeußerung, jedem Thun des Leidenden nur schlecht verhehlten Triumph. Nach un¬ endlichen Müh'n gelang Apollonius eine Uebersicht des Zustandes. Es ergab sich, wenn die Gläubiger Geduld zeigten und man die Kunden wieder zu gewin¬ nen vermochte, so war mit strenger Sparsamkeit, mit Fleiß und Gewissenhaftigkeit die Ehre des Hauses zu retten, und ermüdete man nicht, konnten die Kinder des Bruders einst ein wenigstens schuldenfreies Geschäft als Erbe übernehmen. Apollonius schrieb sogleich an die Kunden, dann ging er zu den Gläubigern des Bruders. Die ersten wollten es noch einmal mit dem Hause versuchen; man sah, sie gingen sicher; ihre neuen Bestellungen waren wenig mehr als Proben. Bei den Gläubigern hatte er die Freude, zu sehn, welches Vertrau'n er bereits in seiner Vaterstadt ge¬ wonnen. Wenn er die Bürgschaft übernahm, blieben die schuldigen Summen als Capitale gegen billige Zinsen bis zur allmäligen Tilgung durch jährliche Abzahlungen stehn. Manche wollten ihm noch baares Geld dazu anvertraun. Er machte keinen Versuch, die Wahrheit dieser Versicherungen auf die Probe der That zu stellen, und gewann dadurch das Vertraun der Versichernden nur noch mehr. Nun stellte er dem Bruder anspruchslos und mit Milde dar, was er ge¬ than und noch thun wolle. Vorwürfe konnten nichts helfen, und Ermahnungen hielt er für unnütz, wo die Nothwendigkeit so vernehmlich sprach. Der Bruder konnte, wenn Apollonius die Leitung des Ganzen, des Geschäftes und des Hauswesens, alle Einnahmen und Ausgaben von nun allein und vollkommen selbständig übernahm, keine willkührliche Beeinträchtigung darin sehn. In der Sache, in der er seine Ehre zum Pfande gesetzt, mußte Apollonius frei schalten können. Und das ungestörte Zusammenwirken all der Thätigkeiten, durch die allein der beabsichtigte Erfolg zu erreichen war, verlangte die Leitung einer einzigen Hand. Vor allen Dingen mußte das Verkaufsgeschäft wieder in Aufnahme gebracht werden. Der Gruben¬ herr hatte immer schlechtere Waaren geliefert und der Bruder sie für gute annehmen müssen, um nur über¬ haupt Waare zu erhalten; die Anerbieten der übrigen Gläubiger, die Schuld als Capital stehen zu lassen, nahm er an, um mit dem, was von den Vermögens¬ resten der Frau zunächst flüssig gemacht werden konnte, dem Grubenherrn die alte Schuld abzutragen und eine bedeutende neue Bestellung sogleich baar zu bezahlen. So erhielt man wieder und zu billigerem Preise gute Waare, und konnte auch seine Abnehmer bewähren. Der Grubenherr, der bei dieser Gelegenheit Apollonius und seine Kenntniß des Materials und seiner Behand¬ lung kennen lernte, machte, da er alt und arbeitsmüde war, ihm den Antrag, die Grube zu pachten. Bei den Bedingungen, die er stellte, konnte Apollonius auf großen Nutzen rechnen, aber noch, wo er in schwerer Lage auf sich allein stand, durfte er seine Kräfte nicht zwischen mehre Unternehmungen theilen. Apollonius entwarf seinen Plan für das erste Jahr und setzte ein Gewisses fest, das der Bruder zur Führung seines Hausstandes allwöchentlich von ihm in Empfang zu nehmen hatte. Er dankte von den Leuten ab, wer nur irgend zu entbehren war. Den ehrlichen Valentin machte er zum Aufseher für die Zeit, wo er selbst in Geschäften auswärts sein mußte. Es lag gegründeter Verdacht vor, daß der ungemüth¬ liche Geselle mancher Veruntreuung sich schuldig ge¬ macht. Fritz Nettenmair, der an dem Wächter seiner Ehre, wie an ihrem letzten Bollwerke festhielt, that Alles, ihn zu rechtfertigen und dadurch im Hause zu erhalten. Der Geselle hatte zu Allem, was man ihm vorwarf, ausdrücklichen Befehl von ihm gehabt. Apol¬ lonius hätte den Gesellen gern gerichtlich belangt; er mußte sich genügen lassen, ihn abzulohnen und das Haus ihm zu verbieten. Apollonius war unerbittlich, so mild er seine Gründe dem Bruder vortrug. Jeder Unbefangene mußte sagen, er durfte nicht anders, der Geselle mußte fort. Auch Fritz Nettenmair dachte, als er allein war, aber mit wildem Lachen: „Freilich muß er fort!“ In dem Lachen klang eine Art Genugthuung, daß er recht gehabt, eine Schadenfreude, mit der er sich selbst verhöhnte. „Der Federchensucher wär' ein Narr, wenn er ihn nicht schickte. Ein Narr, wie ich einer war, daß ich glaubte, er würde ihn doch behalten. O ich bin zu ehrlich, zu dummehrlich gegen so einen. Was geh'n ihn meine Schulden an? In seiner Gewalt wollt' er mich haben; darum zwang er mich, Schulden zu machen, damit er den Gesellen fortschicken konnte, der ihm hinderlich war. Herr im Hause wollt' er sein, darum verdrängte er mich aus einer Stellung nach der andern, um mit ihr zusammen zu kommen ohne mich. Damit er mich einschüchtern könnte, daß ich's leiden müßte, was er will. Und wenn er recht hat, warum läßt er sich soviel von mir gefallen? Ein ehrlicher Kerl, wie ich, wär' anders gegen mich. Es ist sein bös Gewissen. Er wär' nicht so, wär' er nicht falsch. Eine Zwickmühle ist's. Was das Einschüchtern nicht hilft, das soll das Einschmeicheln helfen. Er ist mir nicht klug genug. Ich bin einer, der die Welt besser kennt, als der Träumer!“ So bestärkte ihn, was Apollonius ihm zeigen mochte, Strenge und Milde, nur in dem Gedanken, der ihn, je länger er ihn hegte und mit seinem Herz¬ blut fütterte, um so weniger losließ und um so durstiger wurde, sein Herzblut zu trinken. Er sah kein äußeres Hinderniß mehr, das des Bruders verbrecherische Ab¬ sicht verhindern konnte. Von nun an wechselte sein Seelenzustand zwischen verzweifelter Ergebung in das, was nicht mehr zu verhindern, ja! wohl schon geschehen war, und zwischen fieberischer Anstrengung, es dennoch zu verhindern. Danach gestaltete sich sein Benehmen gegen Apollonius als unverhehlter Trotz oder als kriechend lauernde Verstellung. Beherrschte ihn die erste Meinung, dann suchte er Vergessen Tag und Nacht. Zu seinem Unglück hatte der Gesell im nahen Schieferbruche Arbeit gefunden und war ganze Nächte lang' sein Gefährte. Die bedeutenden Leute wandten sich von ihm und rächten sich mit unverhohlener Ver¬ achtung für das Bedürfniß, das er ihnen geweckt und nicht mehr befriedigen konnte, und vergalten ihm nun die joviale Herablassung, die sie von ihm ertrugen, so lange er sie mit Champagner bezahlte. Er wich ihnen aus und folgte dem Gesellen an die Oerter, wo dieser heimisch war. Hier griff er die joviale Herablassung um eine Oktave tiefer. Nun ertönten die Branntwein¬ kneipen von seinen Spässen und diese nahmen immer mehr von der Natur der Umgebung an. Hatten sie doch in bessern Zeiten eine wie vordeutende Verwandt¬ schaft mit diesen gezeigt. Es kam die Zeit, wo er sich nicht mehr schämte, der Kamerad der Gemeinheit zu sein. Während Apollonius den Tag über für die An¬ gehörigen des Bruders hämmerte auf seinem gefähr¬ lichen Schiff, und die Nächte über Büchern und Briefen sitzt und den wohlverdienten Bissen sich abdarbt, um gut zu machen mit liebendem Eifer, was der Bruder verdorben, erzählt dieser in den Schenken, wie schlecht Apollonius an ihm gehandelt, weil er brav sei und der Bruder schlecht. Er erzählt es so oft, daß er selbst es glaubt. Und bedauert die Gläubiger, die sich von dem Scheinheiligen bürgen ließen, der sie alle betrügen wird, und erzählt ersonnene Geschichten, die sein Be¬ dauern glaubhaft machen sollen. Läg' es an ihm, Apollonius hämmerte vergebens, und wachte ver¬ gebens bei seinen Büchern und Briefen. Aber es glaubt ihm Niemand. Er untergräbt nur, was er selbst noch von Achtung besitzt. Apollonius Vorstellungen setzt er Hohn entgegen. Dennoch hofft Apollonius, er wird seine Treue noch erkennen und sich bessern. Seine Hoffnung zeugt besser von seinem eigenen Herzen als von seiner Einsicht in das Gemüth des Bruders. Kommt diesem der Gedanke seiner Ver¬ dorbenheit, dann hat er einen Grund mehr, den Federchensucher zu hassen, und die arme Frau muß es entgelten, kehrt er zu einer Zeit heim, wo sich Apollonius schon wieder zum Ausgeh'n rüstet. Dächer, die mit Metall oder Ziegeln eingedeckt sind, machen in der Regel erst nach einer Reihe von Jahren eine Reparatur nöthig; bei Schieferdächern ist es anders. Durch die Rüstungen und das Besteigen der Dachfläche während des Eindeckens entsteh'n unver¬ meidlich allerlei Beschädigungen der Schieferplatten, die sich nicht immer sogleich zeigen. Die ersten drei Jahre nach beendeter Ein- oder Umdeckung verlangen oft bedeutendere Nachbesserungen als die fünfzig nächst¬ folgenden. Zu dieser alten Erfahrung gab auch das Kirchendach von Sankt Georg seinen Beleg. Die Schieferdecke des Thurmes dagegen, die Apollonius allein besorgt, legte genügendes Zeugniß ab von ihres Schöpfers eigensinniger Gewissenhaftigkeit. Die Dohlen, die sie bewohnten, hätten noch lange Zeit Ruhe gehabt vor seinem Fahrzeug, hätte nicht ein alter Klempner¬ meister seinen kirchlichen Sinn durch Stiftung einer blechernen Zierrath an Tag legen wollen. Es war ein Blumenkranz, den Apollonius dem Thurmdach umlegen sollte, um dessentwillen er diesmal seine Leiter an der Helmstange anknüpfte. Vor etwas mehr als einem halben Jahre hatte er sie abgenommen. Unterdeß war sein angestrengtes Bestreben nicht ohne Erfolg geblieben. Die alten Kunden hatte er festgehalten und neue dazu gewonnen. Die Gläubiger hatten ihre Zinsen und eine kleine Abschlagszahlung für das erste Jahr, das Vertraun und die Achtung vor Apollonius wuchs mit jedem Tage; mit ihnen seine Hoffnung und seine Kraft, die er mit verdoppel¬ ter Anstrengung bezahlte. Daß man dasselbe von seinem Bruder sagen könnte! von dem Verständniß der beiden Gatten! Es war ein Glück für Apollonius, daß er mit seiner ganzen Seele bei seinem Vorhaben sein mußte, daß er keine Zeit übrig behielt, dem Bruder Schritt vor Schritt mit Augen und Herz zu folgen, zu sehn, wie der immer tiefer sank, den zu retten er sich mühte. Wenn er sich freute über sein Gelingen, so war es aus Treue gegen den Bruder und dessen Angehörigen; der Bruder sah etwas anderes in seiner Freude und dachte auf nichts, als sie zu stören. Es kam weit mit Fritz Nettenmair. Im Anfang hatte er den größten Theil des wöchentlich für seinen Hausstand Ausgesetzten der Frau übergeben. Dann behielt er immer mehr zurück und zuletzt trug er das Ganze dahin, wohin ihm das Bedürfniß, durch Traktiren sich Schmeichler zu erkaufen, treuer gefolgt war, als die Achtung der Stadt. Die Erfahrung an den „bedeutenden“ Leuten hatte ihn nicht bekehrt. Die Frau hatte sich kümmerlicher und kümmerlicher behelfen müssen. Der alte Valentin sah ihre Noth, und von nun an ging das Haushaltgeld nicht mehr durch ihres Mannes, sondern durch Valentins Hände. Und zuletzt wurde Valentin ihr Schatzmeister und gab ihr nie mehr, als sie augenblicklich bedurfte, weil das Geld in ihren Händen nicht mehr vor dem Manne sicher war. Sie mußte das, wie Alles, von ihm entgelten. Er war schon gewohnt, an der ganzen Welt, die ihn verfolgte, an sich selbst, an dem Gelingen Apollonius, in ihr sich zu rächen. Valentin hätte ihn schon lang darum bei Apollonius verklagt, wenn nicht die Frau selber ihn daran gehindert hätte. Es war ihr eine Genugthuung, um den Mann zu leiden, der ja mehr um sie und ihre Kinder litt. Wußte sie Apollonius im Sturm auf der Reise, dann weilte sie Stunden lang im unbedeckten Hofe. Das Wetter, das ihn traf, sollte auch sie treffen. Sie wollte eine gleich schwere Last tragen, wenn sie die seine nicht erleichtern konnte. Soweit trieb sie ihre Opferlust. Sonst benutzte sie die Zeit, die ihr Wirthschaft und Kinder übrig ließen, zu allerlei Arbeiten, die Valentin als ihr Agent vertrieb. Das Geld dafür verwandte sie zum Theil — sie konnte lieber hungern, wenn auch nicht ihre Kinder hungern sehn — die Wohnstube mit Allerlei zu schmücken, wovon sie wußte, daß Apollonius es liebte. Und doch wußte sie, Apollonius kam nie dahin, er sah es nie. Aber sie hätte es nicht gethan, wußte sie, er würde es sehn. Ihr Gatte sah es, so oft er in die Stube trat. Ihm entging nichts, was seinem Zorne und seinem Hasse einen Vorwand entgegen bringen konnte. Er sah die Haare seiner Knaben in Schrauben gedreht, wie sie Apollonius trug; er sah die Aehnlichkeit mit Apollonius in den Zügen der Frau und der Kinder entstehen und wachsen; er hatte ein Aug' für Alles, was seines Weibes Verehrung für den Bruder, was ihr bewußtes, selbst was ihr unbewußtes sich Hinein¬ bilden in des Verhaßten eigenste Eigenheit ausplauderte; er verfolgte dessen Einfluß bis zu dem rechtwinkligen Stande der Wirbel an der Fenstersäule. Dann begann er auf Apollonius zu schimpfen. Und in Ausdrücken, als müßte nun auch er zeigen, wieviel man von fremder Art annehmen könne. Waren die Kinder zugegen, dann war es der Frau erste Sorge, sie zu entfernen. Sie sollten seine Rohheit nicht kennen und den Vater verachten lernen. Nicht um seinet-, um der Kinder willen. Er verrieth nicht, wie gern er „die Spione“ los war. Ihm war es nicht um die Kinder, nur um sich selbst. So einsam hatte ihn die Verderbniß schon gemacht. Ohne ihr es zu gestehn, fürchtete er die Anklage der Kinder bei Apollonius. Er dachte nicht, daß die Frau selbst ihn verklagen könnte, von der er doch annahm, sie treffe sich mit Apollonius. Leidenschaft und wüstes Leben hatten sein geringes Klarheitsbe¬ dürfniß aufgezehrt. Seine Voraussetzungen mochten sich widersprechen, widersprachen sie nur nicht der Stimmung des Augenblicks, der Eigenwilligkeit seiner Leidenschaft. Alles, was er im Zimmer sah, war ihm ein neuer Beweis seiner Schande. Wie sollte er glauben, es habe einen andern Zweck, als von Apol¬ lonius bemerkt zu werden! Wenn sie ihm dann sagt, sie mög' er schimpfen, nur Apollonius nicht, dann zeigt ihm das scharfe Aug' der Eifersucht, wie sie einen Genuß darin findet, um Apollonius zu leiden. Er wirft's ihr vor, und sie leugnet's nicht. Sie sagt ihm: weil er um mich leidet und um meine Kinder. Er gibt sein mühsam Erspartes her, um zu erstzen , wenn der Mann ihren Kindern das wöchentlich Ausgesetzte raubt. „Und das sagt er dir? Das hat er dir gesagt!“ lacht der Mann mit wilder Freude, sie auf dem Ge¬ ständniß zu ertappen, daß sie sich mit ihm trifft. „„Er nicht,““ zürnt die Frau, daß der Verachtete Apollonius mit seinem Maße mißt. Er, der Gatte, verkleinert, was Andere für ihn thaten, und rückt, was er für Andere thut, diesen unaufhörlich und übertreibend vor. Apollonius dagegen vergrößert das Empfangene; von dem, was er erweist, redet er nicht, oder er selbst ver¬ kleinert's, um dem Andern Bitte, Annahme und Ver¬ pflichtungsbewußtsein zu erleichtern. Apollonius selbst sollte es sagen! Der alte Valentin hat's gesagt. Der hat ja die Uhr selbst als seine verkauft, die Apollonius von Cöln mitbrachte. Apollonius hat ihm verboten, es ihr zu sagen. — „Und auch zu sagen, daß er's ihm verboten hat?“ lacht der Gatte. Und es ist ein Etwas von Verachtung in seinem Lachen. Solche Dinge kann man dem Träumer zutraun; aber jetzt will er's ihm nicht zutraun. „Freilich,“ lacht er noch wilder. „Ein noch Dümmerer als der Träumer weiß, umsonst thut's Keine. Die Schlechteste hält sich eines Preises werth. Eine mit solchen Haaren und mit solchen Augen, solchem Leib!“ Er greift ihr in die Haare Ludwig , Zwischen Himmel und Erde. 10 und sieht ihr in die Augen mit einem Blick, vor dem die Reinheit erröthen muß, den nur die Verworfenheit lachend erträgt. Er nimmt das Erröthen für ein Ge¬ ständniß und lacht noch wilder. „Du willst sagen, ich bin noch schlechter als er. Hahaha! Du hast recht. Ich hab' solch eine geheirathet. Das hätt er nicht. Dazu ist er doch nicht schlecht genug!“ Jeder Tag, jede Nacht brachte solche Auftritte. Wußte Fritz Nettenmair den Bruder auswärts oder auf seiner Kammer und den alten Herrn im Gärtchen, dann ließ er seinen Zorn an Tischen und Stühlen aus. An der Frau selber sich zu vergreifen, wagte er noch nicht. Erst muß ihn die Wuth einmal über den Zau¬ berkreis hinwegreißen, den ihre Unschuld, die Hohheit stillen Duldens um sie zieht. Ist es einmal gescheh'n, dann hat der Zauber seine Macht verloren und er wird zuletzt aus bloßer Gewohnheit thun, wovor er jetzt noch zurückschreckt. Die Menschen wissen nicht, was sie thun, wenn sie sagen: „ich thu's ja nur dies einemal.“ Sie wissen nicht, welch' wohlthätigen Zauber sie zerstö¬ ren. Daß Einmal nie Einmal bleibt. Der alte Valentin mußte doch nicht Wort gehalten haben oder es führte Apollonius ein Zufall an der Thür vorbei, als der Bruder ihn fern glaubte. Er hörte das Poltern, den wilden Zornesausbruch des Bruders, er hörte den reinen Klang von der Stimme der Frau dazwischen, noch in der Aufregung rein und wohlklingend. Er hörte Beide, ohne zu ver¬ stehn, was sie sprachen. Er erschrak. So weit gekom¬ men hatt' er sich das Zerwürfniß nicht vorgestellt. Und er war schuld an dem Zerwürfniß. Er mußte thun, was er konnte, den Zustand zu bessern. Der Bruder blieb erst wie versteint in seiner dro¬ henden Stellung, als er den Eintretenden erblickte. Er hatte das Gefühl eines Menschen, der plötzlich bei ei¬ nem Unrechte überrascht wird. Hätte ihn Apollonius angelassen, wie er verdiente, er wäre vor ihm gekro¬ chen. Aber Apollonius wollte ja versöhnen und sprach das ruhig und herzlich aus. Er hätte es freilich wis¬ sen können, er hatte es oft genug erfahren, seine Milde gab dem Bruder nur Muth zu höhnendem Trotz. Er erfuhr es jetzt wieder. Fritz verhöhnte ihn wild la¬ chend, daß er einen Vorwand mache, wo er Herr sei. Ob er sich deßhalb zum Herrn des Hauses gemacht? Er wußte, er an Apollonius Stelle wäre anders auf¬ getreten. Er hätt' es die fühlen lassen, die er in seiner Gewalt wußte. Er war ein ehrlicher Kerl und brauchte nicht schön zu thun. Dazu fiel ihm ein, wie oft er vergeblich die Thür umschlichen, um Apollonius in der Stube zu überraschen. Jetzt war er ja da in der Stube. Er war hereingetreten, weil er ihn nicht zu finden meinte. Apollonius war's, der erschrecken mußte, Apollonius war der Ertappte, nicht er. Die Versöh¬ nung war nur der erste, beste Vorwand, nach dem 10* Apollonius griff. Darum war er so kleinlaut. Da¬ rum erschrack die Frau, die ihn glauben machen wollte, Apollonius komme nie in das Zimmer. Darum sah sie so flehend zu ihm auf. Der verachtende Blick, mit dem sie ihn noch eben gemessen, war mit der Larve der erheuchelten Unschuld plötzlich von ihrem schuldbe¬ wußten Angesicht gerissen. Nun wußt' er gewiß, es war Nichts mehr zu verhindern, nur noch zu vergel¬ ten. Er konnte nun dem Bruder zeigen, er kannte ihn, und hatte ihn immer gekannt. Er wies auf die Frau. „Sie bettelt, ich soll gehn. Wozu? Ich seh zum Fenster hinaus. Das ist eben so gut. Ich seh nicht, was ihr treibt.“ Apollonius verstand ihn nicht. Die Frau wußte es, ohne ihn anzusehn. Sie wollte hinaus. In sei¬ ner Gegenwart erniedrigt zu werden bis zum Koth unter den Füßen, das trug sie nicht. Der Gatte hielt sie fest mit wildem Griff. Er packte sie wie ein Raub¬ vogel. Sie hätte laut schreien müssen, zehrte der See¬ lenschmerz den körperlichen nicht auf. „Kehr' dich nicht daran, daß sie fort will,“ schluchzte Fritz Nettenmair vor krampfhaftem Lachen und faßte den Bruder so mit den Augen, wie er die Frau mit seiner Hand gepackt hielt. „Brauchst nicht ängstlich zu sein. Ich kehr' nur den Rücken, so ist sie wieder da. So redet doch miteinan¬ der. Du, sag' ihm, daß du ihn nicht leiden kannst; ich glaub's ja; was glaubt ein Mann so einer nicht? Und du, gib ihr Lehren, von Köln, wo du Alles, gelernt hast, wie man seinen Bruder von Haus und Geschäft vertreibt, um — nun, um — hahaha! sag' ihr doch: ein Weib soll willig sein. Was? O solch ein willig Weib ist — sag' ihr doch, was so eine ist. Sie weiß es noch nicht, die — Unschuld! hahaha!“ Apollonius begriff nichts von dem, was er hörte und sah. Aber der Mißbrauch der männlichen Stärke an einem ohnmächtigen Weibe empörte ihn. Unwillkür¬ lich riß dies Gefühl ihn hin. Er verdoppelte seine ohnehin dem Bruder weit überlegene Kraft, als er den packenden Arm faßte: so daß dieser die Beute los ließ und herabfiel wie gelähmt. Die Frau wollte hinaus, aber sie brach kraftlos zusammen. Apollonius fing sie auf und lehnte sie in's Sopha. Dann stand er wie ein zürnender Engel vor dem Bruder. „Ich habe dich durch Milde gewinnen wollen, aber du bist sie nicht werth. Ich habe Viel von dir ertragen und will's noch,“ sagte Apollonius; „du bist mein Bruder. Du giebst mir Schuld, ich habe dich in's Unglück gestürzt; Gott ist mein Zeuge, ich hab' Alles gethan, was ich wußte, dich zu halten. Für wen hab' ich gethan, was du mir vorwirfst, als für dich und um deine Ehre und deine Frau und deine Kinder zu retten ? Wer hat mich dazu gezwungen, gegen dich streng zu sein? Für wen schaff' ich? für wen wach' ich? Wenn du wüßtest, wie mich schmerzt, daß du mich zwingst, dir aufzurücken, was ich für dich thue! Weiß es Gott, du zwingst mich dazu; ich hab's noch nicht gethan, weder vor Andern, noch vor mir selbst. Du weißt es selbst, daß du nur einen Vorwand suchst, um unbrüderlich gegen mich zu sein. Ich weiß es und will dich ertragen forthin wie bis jetzt. Aber daß du aus der Abneigung deiner Frau gegen mich einen Vorwand machst, auch sie zu quälen und sie zu behandeln, wie kein braver Mann ein braves Weib behandelt, das duld' ich nicht. Fritz Nettenmair lachte entsetzlich auf. Der Bru¬ der hatte ihn auf alle Weise in Schande gebracht und wollte noch den Tugendhaften gegen ihn spielen, den unschuldig Beleidigten, den ritterlichen Beschützer der unschuldig Beleidigten. „Ein braves Weib! Ein so braves Weib! O freilich! Ist sie's nicht? Du sagst's und du bist ein braver Mann. Haha! Wer muß es besser wissen, ob ein Weib brav ist, als solch ein bra¬ ver Mann? Du hast mich nicht um Alles gebracht? Du mußt mich noch um meinen Verstand bringen, da¬ mit ich dein Märchen glaube. Sie ist dir abgeneigt? sie kann dich nicht leiden? Ja du weißt's noch nicht, wie sehr. Ich darf nur fort sein, so wird sie dir's sagen. Dann wird dir's schlecht gehn! Sie wird dich erdrücken, damit du ihr's glaubst. Wenn ich dabei bin, sagt sie's nicht. So was sagt eine nicht, wenn der Mann dabei ist, wenn sie brav ist, wie die. Wa¬ rum sagst du nicht, du kannst sie auch nicht leiden? O ich hab' schon keinen Verstand mehr! Ich glaub' schon Alles, was ihr mir sagt!“ Fritz Nettenmair war in der Vergeßlichkeit der Lei¬ denschaft überzeugt, die Beiden hatten das Märchen von der Abneigung erfunden. Apollonius stand erschrocken. Er mußte sich sagen, was er nicht glauben wollte. Der Bruder las in sei¬ nem Gesichte Schrecken über ein aufdämmerndes Licht, Unwille und Schmerz über Verkennung. Und es war Alles so wahr, was er sah, daß selbst er es glauben mußte. Er verstummte vor den Gedanken, die wie Blitze ihm durch das Hirn schlugen. So war's doch noch zu verhindern gewesen! noch aufzuhalten, was kommen mußte! Und wieder war er selbst — Aber Apollonius — das sah er trotz seiner Verwirrung — zweifelte noch und konnte nicht glauben. So war sein Wahnsinn wohl noch gut zu machen, so war's viel¬ leicht noch zu verhindern, war noch aufzuhalten, was kommen mußte, und wenn auch nur für heut und mor¬ gen noch. Aber wie? wenn er einen wilden Scherz daraus machte? Dergleichen Scherze fielen an ihm nicht auf, und Apollonius war ihm ja schon wieder der Träumer geworden, der Alles glaubte, was man ihm sagte. Und er selber wieder einer, der das Leben kennt, der mit Träumern umzugehen weiß. Er mußte es we¬ nigstens versuchen. Aber schnell, eh' Apollonius die Fremdheit des Gedankens überwunden, mit dem er kämpfte. Er brach in ein Gelächter aus, eine schau¬ rige Karrikatur des jovialen Lachens, womit er sich ehe¬ dem seine eigenen Einfälle zu belohnen pflegte. Es war verwünscht, daß Apollonius sich glauben machen ließ, Fritz Nettenmair sei eifersüchtig! Der joviale Fritz Nettenmair! Und noch dazu auf ihn. Es war noch nichts Verwünschteres auf der Welt passirt als das! Er las in der Frau Gesicht, wie die Wendung sie er¬ leichterte. Er wagte es, sich auf sie zu berufen, wie verwünscht das sei. Ihre Bejahung machte ihn noch kühner. Er lachte nun über die Frau, die so verwünscht sei, ihm zornig vorzuhalten, daß er sie von der Gnade des Gehaßten abhängig gemacht, und lachte, daß daher die kleinen Ehezwiste kamen. Er lachte über Apollo¬ nius, daß er einen kleinen Zank so ernst nahm. Wo waren die Eheleute, bei denen dergleichen nicht vorkam? Man sah eben, daß Apollonius noch ein Junggeselle war! Apollonius hörte die Stimme des Bauherrn in der Hausflur, der nach ihm fragte, und ging rasch hinaus, damit der Bauherr nicht hereinkomme und Zeuge des Auftritts werde. Der Bruder hörte sie zusammen weg¬ gehen. Er war noch keineswegs beruhigt. Das ehr¬ liche Gesicht Apollonius' kämpfte, als er hinausging noch immer mit dem Gedanken. Fritz Nettenmair war voll Wuth über sich selbst und mußte sie an der Frau auslassen. Er fühlte in dem Augenblick, daß er Alles thue, was ein Weib schlecht machen kann. Ihr Blick verrieth ihm, wie sie sich selbst verachtete wegen des Ja, das sie sich hatte abzwingen lassen müssen; wie sie sich sagte, daß nun nichts mehr an ihr zu verderben sei. Er mußte es fürchten, wenn sie das sich selbst sagte. Er durfte sie soweit nicht kommen lassen. Er wußte das, und gleichwohl höhnte er, sie könne ja auch lügen, so geschickt, als irgend eine. Er war nie sein Herr gewesen; jetzt war er's weniger als je. In Fritz Nettenmair kämpfte heut' eine Leidenschaft die andere nieder. Es zog ihn die wüste Gewohnheit, im Trunk sich zu vergessen, an hundert Ketten aus dem Hause; die Furcht der Eifersucht hielt ihn mit tausend Krallen darin fest. Hatte der Bruder noch nicht daran gedacht, was er haben konnte, wenn er nur wollte; er selbst hatte ihn nun auf den Gedanken gebracht. Und war der Bruder so brav, als er sich stellte, seine alte Liebe, die Liebe und Schönheit der Frau — Fritz Netten¬ mair hatte es nie so lebhaft gefühlt, wie schön die Frau war — seine eigene Abhängigkeit von Apollonius, der Haß der Frau gegen ihn, die Gelegenheit des Zusammen¬ wohnens, und, was all diesen Dingen erst die Gewalt gab über seine Furcht, das Bewußtsein seiner Schuld! Und war Apollonius so brav, als er sich stellt, solchen Mäch¬ ten gegenüber kann er ihm nicht trauen. Den ganzen Tag rechnete er an seiner Angst herum und ließ seine Frau nicht aus seinen Augen. Erst wie es ruhig wird um ihn, die Frau die Kinder zu Bett gebracht und selbst zur Ruhe gegangen ist, und er kein Licht mehr sieht in Apollonius Fenstern, da lassen ihn die Krallen, und die Ketten ziehn desto stärker. Er verschließt die Hinterthür, die Apollonius von den Räumen des Hauses trennt, er schiebt auch noch den Riegel vor, er schließt sogar die Treppenthür der Emporlaube und zuletzt die Thür, durch die er geht. Er hat Ursache zu eilen, ohne daß er es weiß. Der Geselle darf nicht lang mehr warten. Fritz Nettenmair weiß es noch nicht: Apollonius hat es beim Grubenherrn dahin gebracht, daß der Geselle aus der Arbeit entlassen ist; und bei der Polizei, daß er morgen sich nicht mehr in der Gegend betreten lassen darf. Der Geselle ist fertig zur Abreise; von dem Wirths¬ hause hinweg geht er in die weite Welt; er will nur noch Abschied nehmen von seinem ehemaligen Herrn und ihm noch etwas sagen. Es gibt nicht viel mehr auf der Welt, woran Fritz Nettenmair hängt. Der Weg, den er geht, führt immer weiter ab von dem, was ihm das Liebste war; es ist unwiderbringlich für ihn verloren. Der Bewunderte und Geschmeichelte wird er nie wieder. An seiner Frau hängt er nur noch durch die glühende Kette der Eifer¬ sucht gefesselt. An dem Vater hat er nie gehangen; den Bruder haßt er. Er haßt und weiß sich gehaßt oder glaubt sich gehaßt in seinem Wahn. Das kleine Aennchen würde sich an ihn drängen mit aller Kraft eines liebebedürftigen Kinderherzens, aber er scheucht das Kind mit Haß von sich; sie ist ihm „der Spion.“ Nur an Einem Menschen noch hängt sein Herz, an dem, der es am wenigsten um ihn verdient. Er kennt ihn und weiß, der Mensch hat ihn betrogen, hat geholfen, ihn zu Grunde zu richten, und dennoch hängt er an ihm. Der Mensch haßt Apollonius, er ist der Einzige außer ihm, der Apollonius haßt, und deßhalb hängt Apollonius Bruder an ihm! Fritz Nettenmair begleitete den Gesellen eine Strecke Wegs. Der Geselle will schneller ausschreiten und dankt darum für weitere Begleitung. Wenn Andere scheiden, ist ihr letztes Gespräch von dem, was sie ge¬ meinsam lieben; das letzte Gespräch Fritz Nettenmair's und des Gesellen ist von ihrem Haß. Der Geselle weiß, Apollonius hätte ihn gern in's Zuchthaus ge¬ bracht, wenn er gekonnt. Wie sie nun einander scheidend gegenüber stehn, mißt der Geselle den Andern mit seinem Blick. Es war ein böser, lauernder Blick, ein grimmig verstohlener Blick, welcher Fritz Nettenmair fragte, ohne daß der es hören sollte, ob er auch reif sei zu irgend etwas, was er nicht aussprach. Dann sagte er mit einer heisern Stimme, die einem andern aufgefallen wäre, aber Fritz Nettenmair war die Stimme gewohnt: „Und was ich sagen wollte: ihr werdet bald Trauer haben. Ich hab' ihn neulich gesehn.“ Er brauchte keinen Namen zu nennen, Fritz Nettenmair wußte, wen er meinte. „Es gibt Leute, die mehr sehn, als Andere,“ fuhr der Geselle fort. Es gibt Leute, die einem Schiefer¬ decker ansehn, wenn er noch in dem Jahr herunter muß, daß sie ihn getragen bringen und sehn ihn daliegen, nur er selber nicht mehr. Ein alter Schieferdeckergesell hat mir das Geheimniß gesagt, wie man zu dem „Frohn¬ weißblick“ kommt. Ich hab' ihn. Und nun leb' wohl. Und ergib dich drein, wenn sie ihn getragen bringen.“ Der Geselle war von ihm geschieden. Seine Schritte verklangen schon in der Ferne. Fritz Nettenmair stand noch und sah in die weißgrauen Nebel hinein, in denen der Geselle verschwunden war. Sie hingen wagrecht über den Wiesen an der Straße wie ein ausgebreitet Tuch. Sie stiegen empor und verdichteten sich zu selt¬ samen Gestalten, sie kräuselten sich, flossen auseinander und sanken wieder nieder, sie bäumten wieder auf. Sie hingen sich in das Gezweig der Weiden am Weg, und wie sie diese bald verhüllten, bald frei ließen, schien es ungewiß, gerann der Nebel zu Bäumen, oder zerflossen die Bäume zu Nebel. Es war ein traumhaftes Treiben, ein unermüdlich Weben ohne Ziel und Zweck. Es war ein Bild dessen, was in Fritz Nettenmair's Seele vor¬ ging, ein so ähnlich Bild, daß er nicht wußte, sah er aus sich heraus oder in sich hinein. Da war ein nebel¬ haftes Herabbiegen und Händezusammenschlagen um eine bleiche Gestalt am Boden, dann ein langsam wallender Leichenzug; und bald war es der Feind, bald war es der Bruder, der dort lag, den sie trugen. Bald zuckt' es in greller Schadenfreude auf, bald sank es in Mitleid zusammen, bald mischten sich beide und das eine wollte das andere verstecken. Der dort lag, den sie trugen, ihm verzieh er Alles. Er weinte um ihn; denn durch die Pausen des Grabgesangs klang leise ein lustiger Rutscher, den die Zukunft aufstrich: „Da kommt er ja! Nun wird's famos.“ Und neben dem Todten lag unsichtbar eine zweite Leiche, seine Furcht vor dem, was kommen mußte, lag der arme Bruder nicht todt. Und im Sarg trieb verstohlen Fritz Netten¬ mair's altes joviales Glück neue Keime. Fritz Nettenmair fühlt sich einen Engel. Er wünscht, der Bruder müßte nicht sterben, weil — er weiß, daß der Bruder sterben muß. Er geht noch immer im Nebel, als das Pflaster der Stadt schon wieder unter seinen Tritten hallt. Sein Weg führt ihn am rothen Adler vorüber. Die Saal¬ fenster sind erleuchtet. Musik klingt herab. Fritz Net¬ tenmair bleibt stehn und sieht hinauf und bewegt un¬ willkührlich die Hand in der Tasche, wie sonst, als er noch Geld darin hatte, damit zu klappern. Er hat den Gesellen, den letzten Freund, von dem er mit Schmerz geschieden, schon vergessen. „Der Gesell ist ein schlechter Kerl; gut, daß er fort ist.“ Er hat die Ver¬ gangenheit vergessen, er vergißt die Gegenwart, denn die Zukunft ist wieder sein. Sie wohnt da oben und lacht mit hellen Augen zu ihm herab. Er hat sich so sehr daran gewöhnt, Alles, was ihn drückt, mit seinem Bruder zusammenzudenken, daß er's mit ihm in Ein Grab steigen sieht. An die Zerrüttung seines Wohlstan¬ des mag er sich nicht erinnern. Er denkt nicht gern an unangenehme Dinge, eh' er sie fühlt. Ist's nicht genug, daß er weiß, er wird den Bruder verlieren? Und wenn sich die Dinge selber ihm aufdrängen, dann hilft ihm sein Leichtsinn. Wie er schnell darüber hindenkt, findet er für Alles Rath, und was ihm heut nicht ein¬ fällt, das wird ihm morgen einfallen; morgen ist auch ein Tag. Und er ist einer, der — Die Wendung, mit der er in seinen Weg einschwenkt, gelingt ihm so jovial, als je. Es wird ihm doch wieder eigen zu Muth, denkt er sich, daß man zu der Thür, die er eben aufschließt, einen Sarg heraus tragen wird. Unwillkürlich macht er Platz, wie um Sarg und Zug vor sich vorbeizulassen. „In's Unabänderliche,“ sagt er leise, wie sich überhörend, was er einem Tröstenden zu antworten habe, wenn es so weit sei, „in's Unabänderliche muß sich der Mensch ergeben.“ Und wie er die Achsel zu den Worten zuckt, da wird er einen leisen, schlanken Lichtschein gewahr. Ein Stück davon läuft über seinen Aermel, ein anderes liegt wie abgebrochen und herabgefallen neben ihm auf dem Pflaster. Er späht auf; der Schein kommt daher, wo der untere Abschnitt des Ladens nicht fest an das Fenstersims schließt. Drinn in der Wohnstube ist Licht. „So spät?“ Der Athem stockt dem Lauschenden, der Alp sitzt wieder auf seiner Brust. Der Bruder lebt ja noch; und was kommen mußte, wenn er leben bliebe, kann noch kommen, ehe er stirbt, oder — es ist schon da! Wie ihm die Hände fliegen, doch ist die Thür leise wieder verschlossen und im Augenblick. Eben so leise, eben so schnell ist er an der Hinterthür. Sie ist nicht offen, aber nur einmal herumgeschlossen; und Fritz Nettenmair weiß es, er kann schwören, er hat den Schlüssel zwei¬ mal im Schloß herumgedreht, als er ging. Er schleicht und tappt sich zur Stubenthür; er hat die Klinke ge¬ funden und drückt sie leise; die Thür geht auf; ein trüber Lichtschein fällt auf die Flur. Er kommt von einem verdeckten Lichte auf dem Tisch. Neben diesem steht im Schatten ein kleines Bett; es ist Aennchen's Bett, und ihre Mutter sitzt daran. Christiane merkt nicht, daß die Thür sich öffnet. Sie hat den Kopf weit vornübergebeugt über das Bett; sie singt leise und weiß nicht, was sie singt; sie horcht voll Angst, aber nicht auf ihren Gesang; ihre Augen würden weinen, machten Thränen den Blick nicht trüb. Aber nun kommt die Röthe auf des Kindes Wange wieder, nun kann der eigene fremde Zug um des Kindes Augen und Mund verschwinden; und sie säh's nicht und ängstigte sich noch vergeblich. Ihr ist's, als müßte jene wiederkehren und dieser gehn, wenn sie sich nur recht angestrengt mühte, dieses Kehren und Gehn zu bemerken. Und dabei kann sie doch noch daran denken, wie plötzlich das gekommen ist, was sie so sehr beängstigt. Wie das Aennchen auf einmal im Bette neben ihrem wie mit fremder Stimme aufgeschrien, dann nicht mehr hat sprechen können; wie sie aufgesprungen und sich angekleidet; wie sie in der Angst den Valentin, und dieser, ohne ihr Wissen, den Apollonius geweckt. Daß der alte Gesell alle Schlüssel im Hause probirt, bis sich ergab, der Schuppenschlüssel schließe die Hinterthür; das wußte sie nicht. Desto lebendiger stand's vor ihr, wie Apollonius hereingetreten, wie ihr bei seinem unerwarteten Kommen gewesen, wie sie voll Schreck und Scham und doch voll wunderbarer Be¬ ruhigung sich gefühlt. Apollonius hatte sogleich den Arzt, und sodann Arzneien geholt. Er hatte an dem Bettchen gestanden und sich über das Aennchen gebeugt, wie jetzt sie that. Er hatte sie voll Schmerz angesehn und gesagt, Aennchen's Krankheit komme von dem ehe¬ lichen Zerwürfniß, und es werde nicht gesund, höre dieß nicht auf. Er hatte von den Wundern erzählt, die einer Mutter möglich würden, und wie sich der Mensch bezwingen könne und müsse. Dann hatte er dem Va¬ lentin noch Manches des Aennchen's wegen anbefohlen; und war gegangen aus Sorge, der Bruder könnte sonst in seinem Irrwahn glauben, er wolle ihn auch von dem Krankenbett seiner Kinder vertreiben. Der Jammer, die Angst wollte sie in Apollonius' Arme jagen; es war ihr, als wär Alles gut, läge sie an seiner Brust; als dürfte sie ihn nicht wieder von sich lassen. Aber wie er so zu Häupten des Kindes stand und sprach, da kam er ihr so herrlich vor, wie ein Heiliger, vor dem sie nur auf den Knieen liegen dürfe. Der Bett¬ schirm hüllte die große, schlanke Gestalt in seinen Schatten, nur seine Stirn und seine hohe Scheitel waren sichtbar und erschienen, von dem Lichte auf dem Tische angestrahlt, wie in einer Glorie. Dachte sie von ihm weg zu ihrem Gatten, so krampfte eisiger Frost ihr Herz zusammen, und Widerwillen bäumte sich darin wie in Riese gegen den bloßen Gedanken auf. Aber Apollo¬ nius hatte gesagt, Aennchen werde nicht wieder gesund, wenn das Zerwürfniß nicht ende. Er hatte gesagt, der Mensch könne und müsse sich bezwingen; sie wollte sich be¬ zwingen, weil er's gesagt. Einer Mutter wären Wunder möglich für ihr Kind; dachte sie an Apollonius Gesicht, wie er so sprach, mußte ihr das größte Wunder möglich werden. Fritz Nettenmair trat herein. Er dachte an Nichts, als daß Apollonius dagewesen sein müsse, war er auch jetzt nicht mehr da. Es flirrte ihm vor den Augen vor Wuth. Er wäre auf die Frau losgestürzt, sah er nicht den alten Valentin an der Kammerthüre sitzen. Er wollte warten, bis dieser einmal das Zimmer ver¬ ließe, und schlich sich nach dem Stuhle am Fenster, Ludwig , Zwischen Himmel und Erde. 11 wo er sonst immer gesessen, und als wie ein Anderer, denn jetzt! Die Frau hörte seinen leisen Tritt; sein Antlitz konnte sie nicht sehn. Ihr schien, er wußte um Aennchen's Zustand und ging deshalb so leise. Sie sah Aennchen mit einem Blicke an, der sagte, was sie jetzt thun wollte, that sie nur um ihr krankes Kind; ein Blick nach der Thür, aus der er gegangen war, setzte hinzu: und weil er's gesagt. „Da ist der Vater, Aennchen,“ sagte sie dann; sie redete eigentlich mit dem Gatten, der am Fenster saß; aber sie konnte ihm ihr Gesicht nicht zuwenden, ihre Rede nicht unmittelbar an ihn richten. „Du hast immer nach ihm gefragt. Du hast gemeint, wenn er kommt, wird er sein, wie er sonst war, eh' du krank geworden bist. Deine Mutter will's auch — um deinetwillen.“ Ihre Stimme klang so tief aus der Brust herauf, daß der Mann seinen Groll mit Gewalt festhalten mußte. Er dachte: „sie thut so süß, um dich zu hintergehn. Sie haben's verabredet, als er da war.“ Und der Groll schwoll nur noch grimmiger an den weichen Klängen, mit denen sie fort¬ fuhr: „Und du gehst noch nicht in den Himmel. Nicht, Aennchen? Du bist ja so ein gut' lieb' Kind und bleibst noch bei Vater und Mutter. Wenn nur — du hast kein Herz vor dem Vater, du dumm' lieb' Aenn¬ chen, weil er laut spricht. Er meint's nicht bös des¬ halb.“ Sie hielt inne; sie erwartete die Antwort von dem Vater, nicht von dem Kinde. Sie erwartete, er werde an das Bett treten und zu dem Kinde sprechen, wie sie, und durch das Kind mit ihr. Wie sie von ihm denken mochte, das Kind war doch sein Kind, und es war krank. Der Mann schwieg und blieb ruhig auf seinem Stuhle sitzen. Ein halb Vaterunser lang hörte man nichts, als das Ticken der Uhr. Und das wurde immer schneller, wie das Klopfen eines Men¬ schenherzens, das Schlimmes kommen ahnt. Die Flamme des Lichtes zuckte wie vor Furcht. Valentin stand auf von seinem Stuhle, um das Licht zu putzen. Die Brust des Kindes röchelte; es wollte sprechen, es konnte nicht. Es wollte mit den Händchen nach dem Vater langen; es konnte nicht. Es konnte nichts, als die Arme seiner Seele nach dem Vater ausstrecken. Aber des Vaters Seele sah die flehenden nicht. In ihren Händen hielt sie krampfhaft ihren Groll und hatte keine Hand frei für das Kind. Er hört das Röcheln, aber er weiß, das Kind ist abgerichtet von seinen Feinden. Es hat kein kindlich Herz gegen ihn; und wär's wirklich krank, so wär es absichtlich krank geworden, um ihn betrügen zu helfen. Und stürb's, so würde sein Sterben noch ein Kupplerdienst sein, den es seinen Feinden thut. Wär' sein Auge nicht selber so krank, daß es ihm außen nur immer das Eine zeigt, über dem seine Seele innen unablässig brütet, er müßte es am Gesichte der Mutter sehn, an dem Ton ihrer Stimme hören, sie verstellt sich nicht, das Kind ist 11* wirklich krank und sehr krank. Aber ihre Weichheit, ihre Angst ist ihm nur die Angst ihres Gewissens, die Angst vor seiner Strafe, die sie verdient fühlt und doch entwaffnen will. Valentin tritt von dem Lichte weg und geht hinaus, um sich draußen auszuweinen. Der Mann steht auf und nähert sich leise der Frau, ohne daß sie ihn bemerkt. Er will sie überraschen und das gelingt ihm. Sie erschrickt, wie sie plötzlich über dem Bette jäh vor sich ein entstelltes Menschenantlitz sieht. Sie erschrickt, und er preßt durch die Zähne: „Du erschrickst? Weißt du warum?“ Sie hat ihm selber sagen wollen, daß Apollonius in der Stube gewesen ist, aber noch hat sie es nicht gekonnt. Vor dem Bette des kranken Kindes durfte sie's nicht; weil sie weiß, er wird auffahren. Den Anblick seiner Rohheit hat sie dem Kinde erspart, als es noch gesund war, wenn sie es vermochte; jetzt konnte der Schreck dem kranken Kinde den Tod bringen. Sie antwortet ihm nicht, aber sie sieht ihn flehend an und zeigt mit einem Augenwinke auf das Kind. „Er war da! War er nicht da?“ fragte er; nicht um zu erfahren, wonach er fragt, sondern um zu zeigen, daß er's nicht erst zu er¬ fahren braucht. Und seine Faust hebt sich geballt. Aennchen kämpft, sich aufzurichten. Er sieht es nicht. Die Frau sieht es; ihre Angst wächst. Sie schlägt die Hände zusammen. Sie sieht ihn mit einem Blicke an, in dem Alles steht, was ein Weib versprechen, was ein Weib drohen kann. Er sieht nur ihr Erschrecken, daß er's weiß, was geschah, und die Faust fällt nieder auf ihre Stirn. Ein Schrei klingt. Das Kind rollt sich in Krämpfen zusammen. Die Mutter, über es hingestürzt, weint laut. Valentin kommt hereingeeilt. Fritz Net¬ tenmair geht in die Kammer. Er weiß nicht, was in ihm Herr ist, befriedigte Rache, oder Schreck über das, was er gethan. Er sinkt auf's Bett, als hätte der Schlag, den er geführt, ihn selbst betäubt. Er hört nur halb, wie Valentin nach dem Arzt läuft; ebenso hört er diesen kommen und gehn. Ebenso lauscht er, ob er nicht Apollonius' Flüstern und seinen leisen Schritt vernehmen kann. Sich zu zeigen, wagt er nicht; Scham hält ihn davon zurück. Er rechtfertigt sein Thun und nennt Aennchen's Krankheit eine Pim¬ pelei: „Heute wollen Kinder sterben und morgen sind sie lebendiger als je!“ Aus dem fieberischen Horchen und sich Beruhigen wird ein fieberisches Träumen. Er sieht Apollonius, wie der seine Leiter an der Helmstange festbinden will, und sagt sich bei jedem Schritt des Steigenden wie tröstend: „Jetzt wird er fallen! jetzt!“ aber Apollonius fällt nicht. Jeden Augenblick erwar¬ tet er, die Taue sollen reißen, in welchen Apollonius mit seinem Fahrzeuge hängt; sie reißen nicht. In diese Träume hinein hört er die Thür der Stube gehn; der Traum macht einen Fall daraus, den Fall eines schwe¬ ren Körpers aus ungeheurer Höhe. Da wird ihm leicht, als wär' nun Alles gut. Im Halbschlummer hört er in der Stube leises Gehn, leises Reden, leises Weinen und dazwischen ist es wieder still. Das leise Schluchzen, das zum lauten wird und sich wiederum bewältigt, als sei ein Schlafender in der Nähe, den es nicht wecken will, und wieder ausbricht, daß es den Schläfer nicht wecken kann , und wieder leise wird, weil es wie über sich selbst erschrickt, daß es laut ist, wo alle Menschen leise sind; wer kennt es nicht? wer erräth es nicht, wenn er es nicht kennt? Fritz Netten¬ mair weiß es im Halbschlaf: in der Stube liegt ein Todter. Sie haben ihn gebracht. „In's Unabänder¬ liche muß der Mensch sich ergeben.“ Zum erstenmal seit vielen Monden schläft er wieder ruhig. Und wa¬ rum sollt' er nicht? Aus dem leisen Weinen wird ein lustiger Rutscher. „Da ist er ja! Nun wird's famos!“ klingt's aus der Ferne vom rothen Adler herein in seinen Schlaf. Das Leisegehn und Leisereden aber war wirklich und dauerte fort. Und eine Leiche war in der Stube, eine schöne Kinderleiche. Während Fritz Nettenmair von Leitern und Fahrzeugen träumte, hatte des kleinen Aennchen's Seele sich zu einem bessern Vater gerettet. Der Leib lag starr in dem kleinen Bettchen. Der Zwist der Aeltern hatte das Kind krank gemacht; Schmerz über die wilde That des Vaters an der Mutter hatte ihm das kleine Herz gebrochen. Fritz Nettenmair schlief noch den Schlaf eines Be¬ wahrten, als der neue Tag anbrach. Apollonius da¬ gegen war schon lange munter. Vielleicht hatte er gar nicht geschlafen. Der Kampf, den sein Bruder noch in seinem Angesicht gelesen, als er ihn mit dem Bauherrn das Haus verlassen sah, und den die Mühen des Ta¬ ges kaum zurückgedrängt, scheuchte Nachts den Schlum¬ mer von seinem Bett. Der Bruder hatte recht gesehn, seine scherzhafte Wendung des Gesprächs hatte ihren Zweck nicht erreicht. Und wenn Apollonius das Buch seiner Erinnerungen zurückblätterte, mußte er sich in seiner Meinung, der Bruder sei eifersüchtig auf ihn, bestärkt fühlen. Gar Manches, das er nicht begriffen, als er es geschehen sah, erhielt Licht von dieser An¬ nahme und half sie wiederum bestätigen. Die Abnei¬ gung der Frau schien ein bloßer Vorwand des Bru¬ ders, ihn von ihr fern zu halten. Der Bruder mußte gemeint haben, er könne sie mit andern als den Au¬ gen eines Bruders und Schwagers ansehn. Und das schien begreiflich, da der Bruder wußte, sie war ihm mehr gewesen, bis sie seine Schwägerin wurde. Er hätte das dem Bruder gern in Gedanken zum Vorwurf ge¬ macht, mußte er sich nicht gestehn, sein Mitleid, das des Bruders rohe Behandlung der Frau hervorgerufen, hatte seinen Empfindungen für sie eine Wärme gegeben, die ihn selbst beunruhigte. Er fürchtete nicht, daß ihn diese hinreißen könnte, des Bruders Furcht wahr zu ma¬ chen, aber seine strenge Gewissenhaftigkeit machte sich diese Wärme schon zum Verbrechen. „Aber,“ fiel ihm dann ein, „hat die Frau nicht wirklich ihm Abneigung gezeigt? und fühlte sie Abneigung gegen ihn, wie konnte der Bruder dann fürchten? Der Bruder hatte im Tone des Vorwurfs sie ein Märchen genannt, also glaubte er nicht daran und meinte, die Frau heuchle sie nur und empfinde sie nicht.“ Der Vetter hatte oft von der Natur der Eifersucht gesprochen, wie sie aus sich selbst entstehe und sich nähre und ihr Argwohn über die Grenzen des Wirklichen, ja des Möglichen hinausgreife, und zu Thaten verführe, wie sie sonst nur der Wahnsinn vollbringt. Einen solchen Fall sah Apollonius vor sich und bedauerte den Bruder und fühlte schmerzlich Mitleid mit der Frau. Aus solchen Gedanken und Empfindungen schreckte ihn Valentin, der ihn hinunterrief. Er kam unruhiger wieder her¬ auf, als er hinunter gegangen war. Es war nicht allein Aennchen's Zustand, die er wie ein Vater liebte, was auf seiner Seele lag. Auch das Mitleid mit Aennchen's Mutter war gewachsen, und eine Furcht war neu hinzugekommen, die er sich gern ausgeredet hätte, wäre ein solch Verfahren mit seinem Klarheitsbedürfniß und seiner Gewissenhaftigkeit vereinbar gewesen. Als der erste Schimmer des neuen Tages durch sein Fen¬ ster fiel, stand er auf von dem Stuhle, auf dem er seit seiner Zurückkunft gesessen. Es war etwas Feierliches in der Weise, wie er sich aufrichtete. Er schien sich zu sagen: „Ist's, wie ich fürchte, muß ich für uns Beide einsteh'n; dafür bin ich ein Mann. Ich habe gelobt, ich will meines Vaters Haus und seine Ehre aufrecht erhalten und ich will's in jedem Sinne erfüllen, was ich gelobt!“ — Fritz Nettenmair erwachte endlich. Er wußte nichts mehr von den Traumbildern der Nacht. Nur die be¬ friedigte Stimmung, das Werk der lezten, war ihm geblieben. Er besann sich vergebens, was sie, die ihm so lange fremd gewesen, hervorgerufen haben könnte. Was ihm von den Erlebnissen der Nacht einfiel, war nicht geeignet, sie zu erklären. Er wußte nur noch, daß seine Frau ein „Pimpeln“ des „Spions“ zu einer Krankheit vergrößert hatte, um einen Vorwand zu erhalten, mit ihm zusammen zu sein. Mit ihm! Nicht blos im Gespräch mit dem Gesellen, auch mit sich und seiner Frau nannte er Apollonius Namen nicht; vielleicht, weil sein Haß gegen den Mann auf den Namen übergegangen war, vielleicht, weil er Tag und Nacht nur an zwei Menschen dachte und diese nicht mit einander zu verwechseln waren. Er hatte nichts mehr auf der Welt, als seinen Haß; und der kannte nur zwei Menschen, „ihn und sie.“ Er dachte schon, wie er der Pimpelei ein Ende machen wollte. Mit diesem Gedanken trat er aus der Thür und stand — vor einer Leiche. Ein Schauder faßte ihn an. Da stand das todte Kind vor ihm wie ein Warnungs¬ zeichen: nicht weiter auf dem Wege, den du einge¬ schlagen hast! Da lag das Kind, das sein Kind war, todt. Sonst scheuchte er's von sich; jetzt blieb es und fürchtete sich nicht mehr. Und fragte ihn, ob er's noch hassen kann, ob er's noch mit dem Namen nennen kann, mit dem er's im Hasse genannt. Gestern sah er's nicht, wie er über seine Angst hin den Schlag führte; der Vater des Kindes nach der Mutter des Kindes und über den sterbenden Leib des Kindes hin. Gestern sah er's nicht, wie er darüber gebeugt stand; jetzt sieht er's, wohin er die entsetzten Augen wendet, um dem Anblick zu entfliehn. Da steht das Kind vor ihm, ein Ankläger und ein Zeuge. Es zeugt für die Mutter. Sie wußte es sterbend, und am Sterbebett ihres Kindes thut die Verworfenste nicht, was er ihr zugetraut. Es klagt ihn an. Er hat eine Mutter am Sterbebette ihres Kindes geschlagen. Das kann kein Mann, und wär' das Weib schuldig. Und sie war's nicht; das zeugt das Kind. Jetzt weiß er, was das bleiche, stumme Antlitz der Mutter rief: „Du tödtest das Kind; schlag nicht!“ Und er hat doch geschlagen. Er hat das Kind getödtet. Das trifft ihn wie ein Wetterstrahl, daß er zusammen sinkt vor dem Bette des Kindes, über das hin er die Mutter geschlagen; vor dem Bette, in dem sein Kind starb, weil er seines Kindes Mutter schlug. Dort lag er lang. Der Blitz, der ihn dahingestreckt, hatte zurückgeleuchtet mit grausamer Klarheit; und er hatte die Beiden unschuldig gesehn, die er verfolgt. Und keine Schuld, als die seine. Er allein hat das Elend aufgethürmt, das erdrückend auf ihm liegt, Last auf Last, Schuld auf Schuld. Des Kindes Tod ist der Gipfel. Und vielleicht ist er's noch nicht! Der Elende sieht, er muß zurück. Er hascht nach jedem Strohhalm von Gedanken, der ihn retten könnte. Da hört er die weichen Klänge wieder, denen er gestern sein Herz verschlossen: „Du hast gemeint, wenn er kommt, wird er wieder sein wie er sonst war, eh du krank geworden bist. Deine Mutter will's auch.“ — Die Klänge waren eine weiche Hand, die die Seele der Frau nach seiner Seele ausstreckte und zur Ver¬ söhnung bot. Sein Schmerz, seine Angst faßten hastig nach der ausgestreckten. Er sah das Kind im Hemd¬ chen an der Kammerthür stehn, wo es so oft gestanden, wenn seine Heftigkeit es aus dem Schlummer geweckt; die Händchen gefalten, die Augen so schmerzlich flehend: er solle doch gut sein mit der Mutter; und so ängstlich zugleich: er soll doch nicht zürnen, daß es fleht. Nun, da's zu spät war, sah er, das Kind wollte sein Engel sein. Aber es war ja noch nicht zu spät! Er hörte den leisen Schritt seiner Frau auf der Flur der Stuben¬ thüre nahn. Er hörte sie die Thüre öffnen. Stand Aennchen jetzt in der Kammerthür, es mußte lächeln. Er wollte gut sein; er wollte wieder sein, wie er war, eh' Aennchen krank geworden ist. Er streckte der Ein¬ tretenden die Hand entgegen. Sie sah ihn und schrack zusammen. Sie war so bleich wie das todte Aennchen, selbst ihre sonst so blühenden Lippen waren bleich. Der Hals, die schönen Arme, die weichen Hände waren bleich; das sonst so glänzende Auge war matt. All ihr Leben hatte sich in ihr tiefstes Herz zurückgezogen und weinte da um ihr gestorben Kind. Als sie ihn sah, stieß ein Zittern durch ihren ganzen Körper. Mit zwei Schritten stand sie zwischen der Leiche und ihm. Als wollte sie das Kind noch jetzt vor ihm schützen. Und doch nicht so. Weder Furcht noch Angst bebte um den kleinen Mund. Er war fest geschlossen. Ein ander Gefühl war's, was die schöngewölbten Augen¬ brauen drängend herabfaltete und aus den sonst so sanften Augen flammte. Er sah, es war nicht mehr das Weib, das die schmelzenden Friedensworte ge¬ sprochen; die war mit ihrem Kinde gestorben in dieser schrecklichen Nacht. Das Weib, das vor ihm stand, war nicht mehr die Mutter, die zu ihm hinhoffte, deren Kind er retten konnte; es war die Mutter, der er das Kind getödtet. Eine Mutter, die den Mörder fortwies aus der heiligen Nähe des Kindes. Ein bleichschreckender Engel, der den befleckenden Berührer fortzürnt von seinem Heiligthum. Er sprach — o hätt' er gestern gesprochen! Gestern hatte sie sich nach dem Worte gesehnt; heute hörte sie es nicht. „Gib mir deine Hand, Christiane,“ sagte er. Sie zog ihre Hand krampf¬ haft zurück, als hätte er sie schon berührt. „Ich habe mich geirrt,“ fuhr er fort; ich will's euch ja glauben, ich seh' es ein; ich will's nicht wieder! Ihr seid besser als ich.“ „„Das Kind ist todt,““ sagte sie und selbst ihre Stimme klang bleich. „Laß' mich in dieser schrecklichen Angst nicht ohne Trost. Kann ich anders werden, so kann ich's nur jetzt, und wenn du mir die Hand gibst, und richtest mich auf,“ sagte der Mann. Sie sah auf das Kind, nicht auf ihn. „„Das Kind ist todt,““ wieder¬ holte sie. Hieß das, es war ihr gleichgültig, was mit ihm werden sollte, da seine Besserung das Kind nicht mehr rettete? Oder hatte sie ihn vergessen und sprach mit sich selbst? Der Mann richtete sich halb auf; er faßte ihre Hand mit angstvoller Gewalt und hielt sie fest. „Christiane,“ schluchzte er wild, „da lieg ich wie ein Wurm. Tritt mich nicht! Tretet mich nicht! Um Gotteswillen, erbarme dich! Ich könnt's nicht ver¬ gessen, hätt ich vergebens gelegen wie ein Wurm. Denk daran! Um Gotteswillen denk daran! Du hast mich jetzt in deiner Hand. Du kannst aus mir machen, was du willst. Ich mach' dich verantwortlich. Du bist Schuld an Allem, was noch werden kann.“ — Endlich war es ihr gelungen, ihre Hand ihm zu ent¬ reißen; sie hielt sie weit von sich, als ekelte ihr davor, weil er die Hand berührt. „„Das Kind ist todt,““ sagte sie. Er verstand, sie sagte: Zwischen mir und dem Mörder meines Kindes kann keine Gemeinschaft mehr sein, auf Erden nicht und nicht im Himmel! Er stand auf. Ein Wort der Verzeihung hätte ihn vielleicht gerettet! Vielleicht! Wer weiß es! Die Klarheit, die ihn jetzt zur Reue trieb, war die Klarheit eines Blitzes. Was jetzt in ihm wirkte, nahm seine Gewalt von der Jähheit der Ueberraschung. Wenn das Kind in der Erde ruht, dessen plötzlicher Anblick ihn zurückgebäumt, wird sein Warnungsbild bleicher und bleicher werden; jede Stunde wird dem Gedanken an diesen Augenblick von der Macht seiner Schrecken rauben. Zu tief hat er die Geleise des alten Wahn¬ gedankens eingedrückt, um ihn für immer verlöschen, zu weit ist er gegangen auf, dem gefährlichen Weg, um noch umkehren zu können. Die Klarheit des Blitzes müßte schwinden und der alte Wahn hüllte die Dinge wieder in seine verstellenden Nebel. Fritz Nettenmair heulte auf oder lachte auf; die Frau fragte sich nicht, was er that. Tiefer Abscheu gegen ihn panzerte ihr Ohr, ihre Augen, ihre Gedanken. Er taumelte in die Kammer zurück. Sie sah es nicht, aber sie fühlte es, daß seine Gegenwart nicht mehr den Raum entweihte, darin das Heiligenbild ihres Mutterschmerzes stand. Leise weinend sank sie über ihr todtes Kind. Die Reparatur des Kirchendachs hatte begonnen. Apollonius wollte diese erst beenden, eh er die Krönung des Thurms mit der gestifteten Blechzier unternahm. Daneben mußte er das Begräbniß des kleinen Aenn¬ chens besorgen; der Bruder kümmerte sich nicht darum. Er mußte sich auch dieser Hausvaterpflicht unterziehn. Er fühlte sich schmerzlich wohl darin. Kosteten ihm doch die schwereren kein Opfer! Er hatte ja nicht andere, süßere Wünsche zu bekämpfen und zu besiegen gehabt, als er die Pflicht gegen des Bruders Ange¬ hörige auf sich genommen. Er war ja eben nur dem eigensten Triebe seiner Natur gefolgt. Und es lag in dieser Natur, daß er ganz sein mußte, was er einmal war. Seit er die Hoffnungen seiner Jugendliebe und damit diese selbst aufgegeben hatte, war ihm ohnehin der Gedanke eines eigenen Hausstandes fremd gewor¬ den. Er kannte keinen andern Lebenszweck, als die Erfüllung jener Pflicht. Aber sie stand nicht als dürres, despotisches Gesetz außer ihm vor den Augen seiner Vernunft, sie durchdrang sein ganzes Wesen mit der befruchtenden Wärme eines unmittelbaren Gefühls. So war es seit Monaten gewesen. Wenn er auf seinem Fahrzeug das Thurmdach umflog, wenn er hämmernd auf dem Dachstuhl knieete, waren die Ge¬ stalten der Kinder seines Bruders, seine Kinder, um ihn. Schneller, als sein Schiff, flog seine Phantasie der Zeit voraus. Wie sein Schiff um das Thurmdach, drehte sich sein ganzes Denken um die Stunde, wo die Söhne erwachsen waren und er das schuldenfreie Geschäft ihnen übergab, wo Aennchen aussah wie ihre Mutter und er ihre jungfräuliche Hand in die Hand eines braven Mannes legte. Aennchens rosiges Gesicht stand vor ihm, so oft er aufsah von seinen Schieferplatten. Als es ihn so schalkhaft anlachte, war es sein Liebling; wie das Gesichtchen immer trüber und bleicher wurde, war sie's nur immer mehr; er sah sie oft doppelt durch das Wasser in seinen Augen. Jetzt — o manch¬ mal war's ihm, als arbeite er nun umsonst! Und es war noch etwas hinzugekommen, was ihn immer mehr beängstigte. Aus dem Mitleid mit der gequälten Frau, die um ihn gequält wurde, blühte die Blume seiner Jugendliebe wieder auf und entfaltete sich von Tag zu Tage mehr. Und was des Bruders Hohn und Undankbarkeit gegen ihn nicht vermocht, das gelang seinem Benehmen gegen die Frau. Apollonius fühlte sein Herz erkalten gegen den Bruder. Es trieb ihn, die Frau zu schützen; aber er wußte, seine Einmischung gab sie nur härteren Mißhandlungen preis. Er konnte nicht mehr für sie thun, als daß er sich so entfernt hielt von ihr, als möglich. Und nicht allein wegen des Bruders; auch um ihrer selbst willen, wenn er richtig gesehn hatte. Hatte er richtig gesehn? Er sagt sich hundertmal Nein. Er sagt sich's mit Schmerzen; desto öfter und dringender sagte er sich's, und fühlte, er dürfe sie nicht sehn, auch um seinetwillen. Es peinigte ihn, wenn gleichgültige Dinge verworren und unsymmetrisch lagen und er sie nicht ordnen konnte; hier sah er Mißverhältnisse und Widersprüche in das innerste Leben des, was ihm das Heiligste war, ge¬ drungen, in das Herz seiner Familie, in sein eigenes, und er mußte sie wachsen sehn und die Hände waren ihm gebunden! Es wurde immer dunkler, immer schwüler, das Le¬ ben in dem Haus mit den grünen Laden, seit das kleine Aennchen daraus fortgetragen war. Es wurde immer dunkler und schwüler in Fritz Nettenmair's Brust und Hirn. Er hatte umkehren wollen auf dem Wege, in dessen Mitte ihn des todten Aennchen's Bild und die Klarheit, die es über die zurückgelegte Strecke goß, geschreckt. Er wäre umgekehrt, nahm die Frau die ge¬ botene Hand an. Er meinte es wenigstens. Aber sie hatte ihn zurückgewiesen, sie hatte ihm ein Antlitz ge¬ zeigt voll Abscheu und Verachtung; er hatte gesehn, sie nannte ihn in ihrem Herzen den Mörder des Kin¬ des. Ihr Auge hatte ihm mit Rache gedroht, und da war es wieder dagewesen, das alte Gespenst, die schuld¬ geborene Furcht. Hat sie's noch nicht gethan, was er fürchtet, nun wird sie's thun, um ihn für den Schlag zu strafen, an dem Aennchen starb. Je mehr er daran herum greift mit seinen Gedanken, desto klarer fühlt er, wie gelegen seinen Feinden, — und sie sind seine Ludwig , Zwischen Himmel und Erde. 12 Feinde; sie haben ihm ein Unrecht zu vergelten — wie gelegen seinen Feinden dieser Schlag kam. Dann sieht er, daß die Frau ihn warnen konnte. Sie sagte nicht: „Schlag' nicht, das Kind ist krank; es ist sein Tod, wenn du schlägst.“ Nein! Ein Wort von ihr konnte den Schlag verhüten; sie sprach es nicht. O es ist klar, sonnenklar: sie reizte ihn absichtlich durch ihr Schweigen zu der wilden That. Aber wie? ihres Kin¬ des Tod hätte sie gewollt? Den kann kein Weib wol¬ len. Ja, sie dachte selbst nicht, daß es sterben würde; sie wollte nur den Vorwand zum Hasse, zum Betruge aus Haß, daß er sie am Bette des kranken Kindes ge¬ schlagen. Sie dachte nicht, daß es sterben würde; und wie es doch starb, wälzte sie die Schuld von sich auf ihn. Und er war wieder der dumme Ehrliche gewesen; auch in diese Schlinge war er gegangen in seiner Arg¬ losigkeit. Und hatte vor ihr gelegen, wie ein Wurm vor ihr, die vor ihm hätte liegen sollen. Und sie hatte ihn noch zurückgestoßen, mit Verachtung zurückgestoßen! So oft er an den Augenblick dachte, machte er sie ver¬ antwortlich für Alles, was noch kommen konnte. Was noch aus ihm werden konnte, dazu hatte sie ihn ge¬ macht. Er hatte die Hand geboten; er war ohne Schuld. Dann brütete er, was aus ihm noch werden könne, und das Schlimmste war ihm nicht schlimm ge¬ nug, die Schuld zu vergrößern, die er auf sie wälzte. Sie sollte mit reuigem Entsetzen sehen, was sie gethan, als sie ihn zurückstieß. Je näher er drohen sah, was kommen mußte, desto wilder wurde seine Liebe oder auch sein Haß; denn beide waren in dem Gefühl beisam¬ men, das sie immer glühender ihm einflößte. Desto gelehriger lernten seine Augen jeden kleinsten Reiz ihrer Gestalt, desto schmerzender stach diese Schönheit durch seine Augen in sein Herz. Diese verruchte Schönheit, die die Ursache all' seines Elendes war. Diese fluch¬ volle Schönheit, um derentwillen der eigene Bruder ihn aus Schuppen und Haus verdrängt und der Ver¬ achtung der Welt und des Weibes selbst preisgegeben. Er fing an, über Gedanken zu brüten, wie er diese Schönheit vernichten konnte, damit sie dem Buhlen ein Eckel wurde, und dieser, um seinen Zweck betrogen, ihn umsonst elend gemacht hatte. Und dachte er sich das ausgeführt, dann lachte er in so wilder Schadenfreude auf, daß seine starknervigen Trinkkameraden erschracken, und die Leute, die ihm begegneten, unwillkürlich inne hielten in ihrem Gang. Und doch war der Gedanke nur ein Vorläufer eines noch schlimmeren. Dazwischen fiel ihm dann der Frohnweißblick ein. Dann wurde sein Traum nach der wilden That zur Wirklichkeit. Dann stand er stundenlang bald da, bald dort, wo man Apollonius auf dem Kirchendache arbeiten sah, und blickte hinauf und wartete und zählte. Jetzt müssen die Breter unter dem Hämmernden brechen, jetzt muß das Tau reißen, daran der Dachstuhl hängt. Jetzt müssen 12* die Leute aufschrein vor Schrecken, die eben noch so gleichgültig aus den Fenstern sehn oder über die Straße gehn. Dann zählte er immer fieberhaftiger, der kalte Schweiß rann ihm über die Stirn; und die Breter brachen nicht, das Tau riß nicht, die Leute schrien nicht auf vor Schrecken. Und immer wilder lachte er vor sich hin, wenn er nach langem Warten müde und ver¬ zweifelt weiter ging: Wär's nur mein Unglück, könnt er mich nur noch elender damit machen, als er mich schon gemacht hat, er wäre längst schon todt. Nur, weil mich sein Leben elend macht, lebt er noch. Er will nicht eher sterben, bis er mich ganz elend ge¬ macht hat! Die Furcht ließ ihn nicht los, sie preßte ihn immer erstickender. Trug er sie spät in der Nacht heim, dann machte der ruhige Schlaf seiner Frau ihn wüthend. Die schlief ruhig, die ihn nicht schlafen ließ! Er setzte sich an ihr Bett und rüttelte sie auf und erzählte ihr leise in's Ohr, was er an ihrem Liebsten thun will. Es waren grausige Dinge. Wenn die Glieder ihr flogen vor Angst und Entsetzen, dann lachte er zufrie¬ den auf, daß er doch Etwas hatte, sie aus der stum¬ men Verachtung zu scheuchen, womit sie sich gegen ihn gewappnet, und vergaß daran minutenlang seine Qual. Dann lachte er fast jovial; er hat ihr Angst machen wollen. Es ist nur einer von Fritz Nettenmair's neu¬ modischen Späßen. So weit haben sie ihn doch noch nicht gebracht, im Ernst an solche Dinge zu denken. Aber wenn sie Apollonius davon sagt, dann muß er's, und sie trägt die Schuld. Er bewacht ihr jeden Tritt, sie kann nichts thun, was er nicht erfährt. Und läßt sie's ihn durch einen Dritten wissen, so wird er's ihm ansehn. O Fritz Nettenmair ist einer, der — ! Den ganzen Tag über, die halben Nächte geht dann die Frau wie im Fieber umher. An der leidenschaft¬ lichen Angst wächst ihre Liebe zu Apollonius zur Lei¬ denschaft. Und sie kann's nicht hindern, denn die Leidenschaft mehrt wiederum die Angst. Und vor dem Gedanken der Angst hat kein anderer Platz in ihrer Seele. Hin zu ihm will sie stürzen, ihn mit pressen¬ den Armen umfangen, ihn beschwören — dann wieder will sie in die Gerichte — aber es ist ja nur ein wil¬ der Scherz, und sie wird ihn erst zum Ernste machen, sagt sie Jemand davon. Sie geht nicht mehr aus der Stube, tritt nicht mehr an's Fenster vor Furcht; sie will jeden Schritt meiden, jede Bewegung, Alles was nur als ein Umsehen nach Apollonius erscheinen könnte. Sie hat nicht mehr den Muth, mit Jemand zu reden, weil ihr Mann es erfahren kann, und meinen, sie trägt ihm eine Botschaft an Apollonius auf. Und der Mann sieht ihre wachsende Leidenschaft, sieht, wie wiederum sein Mittel, was kommen muß, aufzuhalten, es nur beschleunigen wird, und wartet und zählt immer unge¬ duldiger, daß die Breter nicht brechen und das Tau nicht reißt. Es war eine trübe, schwüle Nacht. Die Nacht vor dem Tage, an welchem Apollonius die Bekrän¬ zung des Thurmdachs beginnen wollte. Fritz Netten¬ mair schlich durch die Hinterthür auf den Gang nach dem Schuppen, um nach Apollonius Fenster heraufzu¬ sehn. Wenn er das Licht darin erloschen sah, dann pflegte er die Hinterthür zu verschließen und seinen wüsten Neigungen nachzugehen. Seit jener Nacht, wo Valentin die Hinterthür mit dem Schuppenschlüs¬ sel geöffnet, hängte Fritz Nettenmair an den Riegel noch ein Vorlegeschloß. Apollonius war noch nicht zu Bett gegangen. Fritz Nettenmair wußte, Apollonius löschte in seiner eigensinnigen Vorsicht nie das Licht, wenn er schon in's Bette gestiegen war. Es stand dem Bette fern auf seinem Schreibtisch; dort setzte er es in ein Becken und löschte es, eh er nach dem Bette ging. Fritz Nettenmair ballte die Faust nach dem Fenster hin¬ auf. Apollonius zögerte ihm auch hier zu lang. Er war müde und ging nach dem Schuppen. Der Schlüs¬ sel zur Hinterthür schloß auch den Schuppen. Es war dunkel darin. Wenn der Schieferdecker seine Platten zurichtet, sitzt er rittlings auf einer Bank, in deren Mitte das Haueisen, sein kleiner Ambos eingeschlagen ist. An eine solche stieß Fritz Nettenmair mit dem Bein und nahm den Stoß als eine Aufforderung sich zu setzen. Er konnte durch eine Lucke nach Apollonius Fenster sehn; er wollte das Auslöschen des Lichtes hier erwar¬ ten. Der Schieferdecker verrichtet oft Zimmermanns¬ arbeit, er führt daher auch ein kleines Zimmerbeil un¬ ter seinem Werkzeuge. Ein solches hatte auf der Bank gelegen; es war herabgefallen, als er sich gesetzt. Er hob es auf und behielt es absichtslos in seinen Hän¬ den. Denn seine Gedanken waren mit ihm in der Kammer; er saß am Bette der Frau und ängstigte sie mit Drohungen. Der Aerger über das Zögern Apol¬ lonius machte sich darin Luft, das ihn hinderte, sich im Trunk Betäubung zu suchen. Er hat seine Hand auf das Bette der Frau gestützt und fühlt an den Bewe¬ gungen der Decke das Zittern ihrer Glieder. Er fühlt sich in ihre Angst hinein, er fühlt, wie er selbst Apol¬ lonius zu ihrem einzigen Gedanken macht. Er fühlt, wie sie morgen ihm entgegenstürzen muß, wenn er von der Arbeit heimkommt. Und wären sie nicht seine Teu¬ fel, wären sie Engel, es müßte morgen kommen, was er verhüten will. Wenn sie ihn mit der Glut der Angst umfaßt, das schöne, fluchvoll schöne Weib, er müßte nicht Blut in seinen Adern haben — und hätt' er nie den Gedanken gehabt, mit dem er doch einschläft und aufwacht Tag für Tag, er müßte jetzt den Ge¬ danken denken. Es muß kommen, wovor bie bloße Furcht Fritz Nettenmair zu dem elendesten der Menschen gemacht, der sich selbst anspeien könnte; geschieht nicht morgen noch, was der Frohnweißblick geweissagt. Und nun steht er wieder an der Straßenecke und sieht wie¬ der hinauf und harrt und zählt verzweifelter als je, und badet sich in Angstschweiß, und die Breter brechen nicht, und das Tau reißt nicht. O er wird den Frohn¬ weißblick zum Märchen machen, er wird leben bleiben, das Jahr, zehn Jahr, hundert Jahr, aus Haß gegen ihn. Und er zählt immer noch Eins, Zwei; er sagt: nun muß — da hört er das Geräusch eines zerreißen¬ den Tau's und fährt auf aus seinem wachen Fie¬ bertraum. Die wilde, angstvolle Freude ist vergeblich. Er steht nicht an der Ecke und sieht nach dem Kirchen¬ dache hinauf. Er sitzt im Schuppen. Es ist Nacht. Aber das Geräusch hat er gehört. Das war keine Vorspiegelung der Phantasie. Und von dort her kam's. Seine Haare stehn empor. Dort liegen die Häng¬ stühle und die Flaschenzüge mit ihren Tauen. Er hat hundertmal erzählen hören; jeder Schieferdecker weiß, was es sagen will, das vorspuckende Geräusch. Aber dreimal muß es klingen, als wenn ein Tau zerrisse; und er hat's erst einmal gehört. Er lauscht, er preßt die Faust auf das Herz. Vor seinen Schlägen, vor dem Brausen des Blutes die Adern hinauf und herab, wird er's nicht hören, wenn's noch einmal klingt und noch einmal. Er lauscht und lauscht und das Geräusch wiederholt sich nicht. Da fährt ein Gedanke wie ein dunkelglüh'nder Blitz durch den Krampf, in den all' seine Gefühle zusammengeballt sind; der Gedanke, dem Schicksal nachzuhelfen. Er hat das Zimmerbeil immer noch in seinen Händen; er ist absichtslos mit der Hand¬ fläche an der Schneide hingefahren; jetzt kommt ihm zum Bewußtsein, das Beil ist scharf, die Ecke spitzig. Eine ganze Reihe von Gedanken steht fertig da; es ist, als ständen sie schon lang, und der Blitz hat sie nur sichtbar gemacht. Morgen knüpft Apollonius seine Leiter an die Helmstange, dann das Tau mit Flaschen¬ zügen und Fahrzeug. Fritz Nettenmair greift um sich und hat das Tau in der Hand. Das Schicksal will seine Hülfe; drum legt es selber ihm Tau und Beil in die Hand. Wer weiß, daß er hier war? Drei, vier Stiche mit dem Beil im Kreise um das Tau, kaum zu sehn, werden zu einem einzigen großen Riß, wenn das Gewicht eines starken Mannes am Tau zieht, und die wuchtende Bewegung des Fahrzeugs um den Thurm das Gewicht des Mannes vergrößert. Wer sieht den Stichen an, daß sie absichtlich gemacht sind? Ein Tau, das getragen, halb an der Erde fortschleift, kann an allerlei Scharfes stoßen. Und das Schicksal hat den Schieferdecker, der zwischen Himmel und Erde hängt, in seiner Hand. Das Schicksal hält ihn oder läßt ihn fallen, nicht das Seil oder ein Schnitt darin. Will es ihn halten, schadet kein Schnitt; soll er fallen, reißt ein unversehrtes Seil. Und das Schicksal hat ihn schon gezeichnet. Ein Tag früher, einer später, was ist das, wenn er doch fallen muß? Ein Tag später und es packt einen Verbrecher. Meint's das Schicksal nicht gut, nimmt's ihn vorher aus der Welt? — All' diese Gedanken schlug mit einem Schlage jener eine aus Fritz Nettenmair's Seele; im Nu war er ent¬ glommen; im Nu schlägt der Höllenfunke zur Flamme auf. Er hat das Tau in der linken Hand; er hebt das Beil — und läßt es schaudernd fallen. An dem Beile glänzt Blut; durch die ganze Länge des Schuppens ragt ein blutiger Streif. Fritz Nettenmair flieht aus dem Schuppen. Er flöhe gern aus sich selbst heraus. Kaum hat er den Muth, nach Apollo¬ nius' Fenster aufzusehn. Ein heller Lichtstrahl kommt von da. Fritz Nettenmair weicht vor ihm hinter einen Busch. Jetzt bewegt der Strahl sich zurück. Apollo¬ nius war aufgestanden an seinem Tische, und hatte das Licht hoch in die Höhe gehalten. Er hatte das Licht geputzt. Es konnte eine glühende Schnuppe aus der Scheere neben den Leuchter unter die Papiere gefallen sein. Es war nicht geschehn, und er stellte das Licht wieder an seine Stelle. Fritz Nettenmair kannte sei¬ nes Bruders ängstliche Gewissenhaftigkeit; er hatte ihn das Licht mehr als hundertmal so heben sehn; er begriff, es war kein Blut, was ihn erschreckt. Der Widerschein der Flamme war durch Fenster und Lucke gefallen und hatte roth von dem Stahl des Beiles und durch die Nacht des Schuppens geglänzt. Den¬ noch stand Fritz Nettenmair bebend hinter seinem Busche. Der gespenstige Schauder verließ ihn, aber nicht so schnell das Grauen über das, was er gewollt, und daß es war, als hätte ihm der Bruder noch zu seinem Werke leuchten wollen. Bald verlosch Apollonius Licht. Fritz Nettenmair konnte zurückkehren und sein Werk vollenden. Es störte ihn Niemand mehr. Er that es nicht. Aber er rückte sich wieder in seinem Hasse zu¬ recht. Er sagte sich: „so weit sollen sie ihn nicht brin¬ gen.“ Die Schuld des Gedankens wälzt er auf die, auf die er Alles wälzt; daß er den Gedanken nicht ausgeführt, rechnet er sich zu. Er weiß, jeder Andere an seiner Statt hätte schlimm gethan. Dann verschließt er Hinterthür und Vorlegschloß, zuletzt die Hausthür; und geht. Er will trinken, bis er nichts mehr von sich weiß. Heut hat er mehr zu vergessen, als je. Er geht. Ob er nicht wieder kommen wird? heute nicht; aber morgen, übermorgen, überübermorgen? Wenn der Gedanke seine Fremdheit für ihn verloren hat. Ge¬ wohnheit macht selbst mit dem Teufel vertraut. Dazu sollen sie ihn nicht bringen! Ob die Stunde nicht kom¬ men wird, wo er bereut, daß er sich nicht so weit brin¬ gen lassen, uud sich doch noch so weit bringen läßt? Dazu, wozu jeder Andere an seiner Stelle sich hätte brin¬ gen lassen? Es wurde immer dunkler, es wurde im¬ mer schwüler, das Leben in dem Hause mit den grünen Laden. Wer jetzt hineinsieht, glaubt mir's nicht, wie dunkel, wie schwül es einmal war. Von dieser Nacht an ängstigte Fritz Nettenmair die Frau nicht mehr durch Drohungen auf Apollonius. Er begann sogar, sie mit einer gewissen Freundlichkeit zu behandeln. Dazwischen verlor er sich stundenweise in ein stummes Vorsichhinsinnen, aus dem er, sah er sich beobachtet, aufschrack. Er war dann noch freund¬ licher als sonst, und brachte Scherze aus seiner besten Zeit. Er versuchte sich sogar wieder an der Arbeit. Aber die Frau wurde nur noch ängstlicher. Sie ver¬ mied noch mehr als seither, was dem Manne Anlaß zum Glauben geben konnte, sie wolle sich Apollonius nähern. Sie wußte nicht, warum. Und wenn sie ihre Furcht Thorheit nannte, sie mußte fürchten. Apollonius sah mit Freuden die Aenderung des Bruders und suchte ihn auf alle Weise darin zu fördern. Er wußte nicht, wie der Bruder seine Freude auslegte! Unterdeß hatte Apollonius die Umkränzung des Thurmdachs von Sankt Georg mit der gestifteten Zier begonnen. Er hatte die Rüststangen wiederum herausge¬ schoben und innen am Gebälke des Dachstuhls festge¬ nagelt; die Bretter darauf befestigt, auf die fliegende Rüstung die Leiter gestellt, und diese an der Helmstange festgebunden; er hatte wiederum den hänfenen Ring um die Helmstange gelegt, daran den Flaschenzug, und an diesem seinen Hängestuhl befestigt. Die gestiftete Blechzier bestand aus einzelnen halbmannslangen Stücken, mit denen sich handlich umgehen ließ. Das Ganze sollte, nach des Stifters Angabe, der selbst die Kosten der Befestigung trug, zwei Guirlanden vorstellen, die sich in gleichlaufenden Kreisen mit herabhangenden Bogen um das Thurmdach schlangen. Je fünf jener Stücken, bei der oberen drei, bildeten einen dieser Bogen. Sie mußten an ihren Enden durch eingeschlagene Niete verbunden, und jedes einzelne noch durch starke Nägel auf die Verschalung befestigt werden. Da die Ränder der Schieferplatten überall sich decken, war es nöthig, an den Stellen, wo die Vernagelung stattfinden sollte, die Schiefer mit Bleiblechen umzutauschen. Dasselbe geschieht, wo die sogenannten Dachhacken in die Ver¬ schalung eingetrieben werden, an welche bei Reparaturen der Schieferdecker seine Leiter hängt. Die Fläche, mit welcher der Dachhacken, nachdem seine gekrümmte Spitze eingetrieben ist, durch noch zwei starke Nägel auf die Verschalung aufgenagelt wird, darf man nicht mit Schieferplatten überdecken. Bei Besteigung der an dem hervorstehenden Hacken aufgehängten Leiter, kommt seine Fläche in Vibration, die die Schieferplatten aufwuchten und beschädigen würde. Sie wird deßhalb mit einer Bleiplatte überdeckt. Und die Zierrath kam, wenn der Wind sich darin fing, in eine ähnliche Be¬ wegung. Dann war noch Eins zu bedenken. Die Dachhacken liefen, je neun und einen halben Fuß von einander entfernt, in gleichlaufenden Kreisen um das Thurmdach; zwischen je zwei Kreisen befand sich ein Raum von fünf Fuß. Es galt, die Zierrath so anzu¬ bringen, daß sie keinen dieser Dachhacken überdeckte. Apollonius war fleißig bei der Arbeit. Der Blechschmied¬ meister, der seine Zier so bald als möglich prangen sehn wollte, hatte sich weniger über ihn zu beklagen, als Apol¬ lonius mit dem Meister zufrieden sein konnte. Im Anfang trieb dieser, bald mußte Apollonius den Meister treiben. Es fehlte noch der Theil der obern Guirlande, der als Bogen über der Aussteigethür hängen sollte. Apollonius konnte nicht feiern, bis er das Material dazu erhielt. Von einem nahen Dorfe hatte man ihn wegen einer kleinen Reparatur beschickt; er ließ sein Fahrzeug bis auf seine Zurückkunft an dem Thurmdach von Sankt Georg hängen, und ging nach Brambach. Es war den Tag darauf, daß der alte Valentin an die Wohnstubenthür pochte. Er war schon einige¬ mal an der Thür gewesen und wieder fortgegangen. Sein ganzes Wesen drückte Unruhe aus. Es machte ihn etwas, woran er immer denken mußte, so zerstreut, daß, als er vergebens auf ein „Herein“ gewartet, er meinte, er müsse es in Gedanken überhört haben, und das Ohr an das Schlüsselloch legte, als setz' er voraus, es müsse noch jetzt zu hören sein, wenn man sich nur recht mühe. Die Unruhe weckte ihn aus der Zer¬ streuung. Er pochte zum zweiten und zum dritten mal, und als der Ruf immer noch ausblieb, faßte er sich Muth, öffnete und trat in die Stube. Die junge Frau war ihm schon seit einiger Zeit immer ausgewichen. Sie that es auch diesmal; aber heute mußte er sie sprechen. Sie saß, absichtlich von den Fenstern ent¬ fernt, an der Kammerthüre. Der Alte sah nicht, daß sie eben so unruhig war, als er, und sein Hiersein sie noch mehr ängstete. Er entschuldigte sein Eindringen. Als sie eine Bewegung machte, sich zu entfernen, ver¬ sicherte er, sein Bleiben solle kurz sein; er wäre nicht mit Gewalt hereingedrungen, wenn nicht etwas ihn triebe, was vielleicht sehr wichtig sei. Er wünsche das nicht, aber es sei doch möglich. Die Frau horchte und sah immer ängstlicher bald nach den Fenstern, bald nach der Thür. Müsse er ihr etwas sagen, soll er's, so schnell er könne. Valentin schien zugleich auf die ängstlichen Blicke der Frau zu antworten, als er begann: „Herr Fritz sind auf dem Kirchendach von Sankt Georg. Ich hab' ihn eben noch vom Hofe aus gesehn.“ „„Und hat er hierher gesehn? Hat er euch in's Haus gehn sehn?““ fragte die Frau in einem Athem. „Bewahre,“ sagte der Alte; „er arbeitet heute wie ein Feind. Denkt an kein Essen und Trinken. Wenn ein Mensch so arbeitet“ — Der Alte brach ab und dachte seinen Satz fertig: „so hat er was vor.“ Die Frau schwieg auch. Sie kämpfte mit dem Ge¬ danken, dem treuen Alten ihre ganze Angst anzuvertraun. Der Alte merkte nichts davon. „Der Nachbar da, Sie wissen's wohl,“ fuhr er fort, „kann zu Zeiten keine Nacht schlafen. Da hat er die Nacht, eh Herr Apollonius nach Brambach gegangen ist, zu seinem Küchenfenster heraus, Einen in unsern Schuppen schleichen sehn, den Gang vom Hause hinter.“ Der Alte sagte nicht, wen der Nachbar gesehn; wahrschein¬ lich sollte die junge Frau ihn danach fragen. Sie that es nicht; sie hatte seine Geschichte nicht gehört. Er fuhr fort: „Den Abend vorher, eh der Herr Apollonius nach Brambach gegangen ist, hat er das Zeug aus¬ suchen wollen, das er hat mitnehmen wollen; er hat alles untersucht; das thut er immer; aber er hat sich nicht entschließen können. Und das ist so merkwürdig, wie daß der Herr Fritz auf einmal so fleißig geworden ist. Apollonius Name weckte die junge Frau; sie horchte, als der Alte fortfuhr: „Daran hab' ich erst vorhin im Schuppen gedacht. Wie mir der Nachbar da erzählt hat, daß Einer in den Schuppen geschlichen ist, hab' ich gedacht: was muß der dort gewollt haben, der dort hineingeschlichen ist und bei Nacht. Und wie ich aufgesehn hab' und hab' den Herrn Fritz so arbeiten sehn, da ist eine Unruh' über mich gekommen und hat mich in den Schuppen hineingetrieben wie mit dem Stock hinter mir her. Da hab' ich mir alles Mögliche vorgestellt, was Einer drinn hat machen können, der hineingeschlichen ist. Erst hab' ich das Zimmerbeil an der Thür liegen sehn, das dahin gehört, wo das andere Werkzeug ist. Da hab' ich gedacht: Hat er was mit dem Beile gemacht? Und hab' mir wieder vorgestellt, was einer mit dem Beil drinn machen kann, der bei Nacht hineingeschlichen ist. Mir ist der Gedanke ge¬ kommen, es könnt' was an den Leitern sein. Aber ich hab' nichts gefunden daran. An dem Hängstuhl, der noch dort lag, war auch nichts. Da fing ich an, die Kloben zu betrachten, und endlich das Seilwerk. Da war an einem was, als wär's hier und da an was Hartes angetroffen, und das hätt' das Seil verschunden. Da denk' ich: Das geschieht oft und will's schon wieder hinlegen. Aber ich denk' auch wieder: Sonst ist nichts; und wenn einer hereinschleicht, hat er was gewollt; und wenn er das Beil gehabt hat, hat er auch was damit gemacht. Da seh' ich genauer zu und — Gott behüt' einen Christenmenschen! Da war hier mit dem Beil hereingestochen, und dort, und noch einmal, und noch einmal. Ich werf's über den Balken und häng' mich daran, da klaffen die Stiche auf; ich glaub', wenn ein Fahrzeug daran wuchtet, das Seil ist im Stand, zu zerreißen.“ Der Alte war ganz bleich geworden über seiner Erzählung. Die Frau hatte immer angst¬ Ludwig , Zwischen Himmel und Erde. 13 voller an seinem Mund gehangen; sie war in den Stuhl zurückgefallen und konnte kaum sprechen. „„Er hat gedroht,““ ächzte sie. Der Alte verstand nicht, was sie sagte. „Den Abend vorher war's noch nicht,“ fuhr er fort. „Herr Apollonius, der hat ein Aug für einen Mückenstich. Er hätt's gefunden, wie er Alles untersucht hat. Nun denk' ich, der die Beilstiche gemacht hat, hat die Untersuchung mit angesehn und hat gemeint, Herr Apollonius wird das Zeug nicht noch einmal untersuchen, wenn er's morgen braucht. Und da ist er bei Nacht hineingeschlichen.“ „„Valentin,““ schrie die Frau auf und faßte ihn bei den Schultern, halb wie um ihn zu zwingen, er soll ihr die Wahrheit sagen, halb, um sich an ihm aufrecht zu erhalten. „„Er hat's doch nicht mitgenommen? Valentin, so sag's doch nur!““ Das nicht,“ sagte Valentin. „Aber den andern Hängstuhl, der darin lag, und das Seilzeug dazu, und noch mehr.“ „„Und waren auch dort Stiche drinn?““ fragte die Frau in noch immer steigender Angst. Der Alte sagte: „Ich weiß nicht. Aber der sie gemacht hat, hat nicht gewußt, welches Herr Apol¬ lonius mitnehmen wird.“ „„Wenn er sicher gegangen ist, so hat er alle beide — und ich bin schuld,““ stöhnte die Frau. „„Er hat lang gedroht, er will ihm was thun. Er that, als wär's einer von seinen Spässen. Wenn ich's Jemand sagte, wollt' er's im Ernste thun.““ „Wer so scherzt,“ sagte Valentin, „der macht auch, solchen Ernst.“ Die Frau zitterte so heftig an allen Gliedern, daß der Alte seine Angst um Apollonius über der Angst um sie vergaß. Er mußte sie halten, daß sie nicht umfiel. Aber sie stieß ihn von sich und flehte und drohte zugleich: „„Rett' ihn, Valentin, rett' ihn. Hilf, Valentin! Ach Gott, sonst hab ich's gethan.““ Und betete zu Gott um Rettung und jammerte immer dazwischen auf: er sei todt und sie sei die Schuld. Sie rief Apollonius selbst mit den zärtlichsten Namen, er solle nicht sterben. Valentin suchte in der Angst nach einer Beruhigung für sie und fand ein Etwas davon für sich selbst mit. Wenn es auch nicht beruhigen konnte, so gab es doch Hoffnung, daß Apollonius schon auf dem Rückweg sein müsse. Daß er gewiß das Tauwerk noch einmal untersucht habe. Daß man, wär' er verunglückt, es nunmehr wissen müßte. Er mußte ihr das zehnmal vorsagen, eh' sie nur verstand, was er meinte. Und nun erwartete sie den Boten, der die gräßliche Nach¬ richt bringen konnte, und schrack auf bei jedem Laut. Ihr eigenes Schluchzen hielt sie für die Stimme des Boten. Valentin lief endlich, da ihre Angst und Rathlosigkeit ihn selber mit ergriff, zu dem alten Herrn, ihn herein¬ zuholen zu der Frau. Er wußte nicht, was beginnen; und vielleicht war noch zu retten, wenn man etwas that; vielleicht wußte der alte Herr, was zu thun war, um zu retten. 13 * Der alte Herr saß in seiner kleinen Stube. Wie er sich immer tiefer in die Wolken einspann, die ihn von der Welt außer ihm trennten, wurde ihm zuletzt auch das Gärtchen fremd. Besonders hatte ihn die ewige Frage: Wie geht's Herr Nettenmair? dort vertrieben. Er fühlte, man konnte ihm sein „Ich leide etwas an den Augen, aber es hat nichts zu sagen“ nicht mehr glauben, und seitdem hörte er in jener Frage eine Verhöhnung. Apollonius war, so sehr er mit ihm litt, das Zurückziehen des alten Herrn und seine zu¬ nehmende Menschenscheu nicht unwillkommen. Je tiefer der Bruder fiel, desto schwerer war es geworden, dem alten Herrn den Zustand des Hauses zu verbergen und etwaige Zuträger abzuhalten, von denen er in sei¬ nem Gärtchen nicht abzuschließen war; es schien zuletzt unmöglich. Apollonius wußte freilich nicht, daß der alte Herr in seinem Stübchen an Qualen litt, die, wenn auch auf bloßer Einbildung beruhend, denen gleich kamen, vor denen er ihn schützen wollte. Hier saß der alte Herr den langen Tag zusammen gesunken hinter dem Tische auf seinem Lederstuhl, und brütete nach seiner alten Weise über allen Möglichkeiten von Unehre, die sein Haus treffen konnten oder schritt mit hastigen Schritten hin und her, und das Roth seiner eingefallenen Wangen und die heftig kämpfende Bewegung seiner Arme zeigte, wie er in Gedanken das Aeußerste that, die drohenden ab¬ zuwenden. Nur der Bauherr, der mit Apollonius im Verständnisse war, wurde zu ihm gelassen. Der alte Herr, der dem Gast, wie jedem Andern, sein Inneres verbarg, errieth bei diesem dieselbe Verstellung, und be¬ stärkte sich daran in der Meinung, daß er durch Fragen nichts erfahren und nur seine Hülflosigkeit offenbar machen könne. Je heißer es in ihm kochte, desto eisiger erschien sein Aeußeres. Es war ein Zustand, der in völligen Wahnsinn übergehen mußte, schlug nicht die Außenwelt eine Brücke zu ihm und riß ihn mit Gewalt aus seiner Vereinzelung heraus. Diese Gewalt geschah ihm heute. Er saß eben wieder brütend auf seinem Stuhle, als den Valentin seine Angst zu ihm hineintrieb. Den Gesellen zwang die alte Gewohnheit, ohne daß er es wußte, die Thüre leis zu öffnen und eben so hereinzutreten; aber der alte Herr empfand mit seinem krankhaft verschärften Gefühle sogleich das Ungewöhnliche. Seine Erwartung nahm natürlich denselben Gang, den all sein Denken verfolgte. Es war eine dem Hause drohende Schmach, was die sonst immer gleiche Weise Valentins veränderte; es mußte eine entsetzliche sein, da sie den alten Gesellen aus der Fassung brachte und seine Verstellung durch¬ brach. Der alte Herr zitterte, als er aufstand von sei¬ nem Stuhl. Er kämpfte mit sich, ob er fragen sollte. Es war nicht nöthig. Der alte Gesell beichtete unge¬ fragt. Er erzählte mit fliegender Brust seine Befürch¬ tungen und was sie rechtfertigte. Der alte Herr er¬ schrack, so gut ihn seine Einbildungen auf die Wirklich¬ keit vorbereitet hatten. Aber der alte Gesell sah nichts davon im Aeußeren seines Herrn. Der hörte ihn an wie immer, wie wenn er das Gleichgültigste zu sagen hatte. Als er ausgesprochen, hätte das schärfste Auge kein Zittern mehr an der alten hohen Gestalt wahr¬ genommen. Der alte Herr hatte den festen Boden der Wirklichkeit wieder unter seinen Füßen; er war wieder der Alte im blauen Rock. Er stand so straff vor dem alten Gesellen wie sonst, so straff und ruhig, daß Valentin's Seele sich an ihm aufrichtete. „Einbildungen!“ sagte er dann mit seinem alten grimmigen Wesen. „Ist kein Geselle da?“ Valentin rief einen herbei, der eben Schiefer abholen wollte. Der alte Herr schickte ihn nach Brambach, Apollonius auf der Stelle heimzuholen. Der Geselle ging. „Geht er Ihm nicht schnell genug, Er altes Weib, so heiß' Er ihn eilen, damit er bald er¬ fährt, daß Er sich um Nichts geängstigt hat. Aber kein Wort von Seinem Summs da! Und schließ' Er die Frau ein, damit sie nichts Albernes anfängt.“ Valentin gehorchte. Das zuversichtliche Wesen des alten Herrn und daß nun wirklich etwas gethan war, hatte kräftiger auf ihn gewirkt, als hundert triftige Gründe vermocht hätten. Er theilte seine Ermuthigung der Frau mit. Er war zu eilig, um ihr zu sagen, worauf sie sich gründete. Hätte er die Zeit dazu ge¬ habt, wahrscheinlich hätte er die Frau weniger beruhigt verlassen müssen. Und er selbst ahnte nichts weniger, als daß der alte Herr innerlich überzeugt war von der Schuld seines älteren und von der Gefahr, wenn nicht vom Tode seines jüngeren Sohnes, während er ihm seine Befürchtungen als leere Grillen ausreden wollte, und den Boten nur geschickt zu haben schien, um ihn und die Frau zu beruhigen. „Nun wird der alte Narr doch,“ sagte Herr Netten¬ mair, nachdem Valentin zu ihm zurückgekehrt war, „dem Nachbar das ganze Märchen, das er sich zusammen¬ spintisirt hat, erzählt haben, und die Frau sechs Basen damit in die Stadt herumgeschickt haben!“ Valentin merkte nichts von der fieberhaften Spannung, mit der der alte Herr die Antwort erwartete auf seine in einen Aus¬ ruf verkleidete Frage. „Werd' ich doch nicht!“ sagte er eifrig. Des alten Herrn Vermuthung kränkte ihn. „Ich hab' ja da selbst noch nichts Arges gemeint, und die Frau Nettenmair hat keinen Menschen gesprochen seitdem.“ Der alte Herr schöpfte neue Hoffnung. Während Valentin's Abwesenheit hatte er sich einen Augenblick dem ganzen Schmerz hingegeben, den ein Vater in seinem Falle nur empfinden konnte. Aber er hatte sich gesagt: man dürfe nicht in unthätigem Jammer dem Verlorenen nachwerfen, was noch zu erhalten sei. Waren auch die Söhne verloren, so war doch die Ehre des Hauses, seine, der Frau und der Kinder Ehre vielleicht noch zu retten. Nun kam dem alten Herrn die an seinen Einbildungen gewonnene Uebung, sich alle Mög¬ lichkeiten vorzustellen, bei dem wirklichen Falle zu statten. Wenn die krankhaft gewachsene Empfindlichkeit seines Ehrgefühls ihn spornte, vor dem Aeußersten nicht zurück¬ zuschrecken, so gingen seine Gedanken nun bei dem wirk¬ lichen Falle nur denselben fieberischen Gang, den zu nehmen sie sich an den wesenlosen Ausgeburten seiner Furcht gewöhnt. Verheimlichung alles dessen, was zu einem Verdachtsgrunde auf den älteren Sohn werden konnte, stellte sich ihm als die nächste Nothwendigkeit dar. Hatten Valentin und die Frau noch Niemanden mitgetheilt, was sie wußten, so konnte anderes Der¬ gleichen bereits bekannt sein. Solch ein verbrecheri¬ scher Gedanke entspringt nicht aus dem Ohngefähr. Er ist die Blüthe eines Giftbaumes mit Stamm und Zweigen. Valentin mußte ihm erzählen, was seit Apollonius' Zurückkunft im Hause geschehen war. Wußte Valentin von Fritz Nettenmair's Eifersucht nichts, oder wollte er dem alten Herrn, dessen argwöhnische Ge¬ müthsart er kannte, nichts davon sagen; seine Erzählung wurde die Geschichte eines leichtsinnigen, ehr- und ver¬ gnügungssüchtigen Verschwenders, der, trotz aller, Be¬ mühungen seines besseren Bruders, ihn zu halten, bis zum gemeinen Wüstling und Trunkenbold herabsank; zu¬ gleich die Geschichte eines treuen Bruders, der dem Ver¬ schwender nothgedrungen die Sorge um Ehre und Bestand von Geschäft und Haus aus den Händen nimmt, um diese Ehre zu retten, und von dem Gefallenen dafür bis in den Tod verfolgt wird. Der alte Herr saß regungslos. Nur die Röthe, die immer brennender auf die magern Wangen trat, gab Kunde von dem, was er mit der Ehre seines Hauses litt. Sonst schien er Alles schon zu wissen. Es war das seine alte Weise; er wandte sie hier vielleicht auch deßwegen an, weil er meinte, der Gesell würde dann um so weniger wagen, etwas zu verschweigen oder wider besseres Wissen zu verändern. Die innere Auf¬ regung hinderte ihn, zu bemerken, in welchen Widerspruch dieser Anschein mit seinem Gefühl für Ehre trat. Valentin suchte nicht den Schatten zu vertiefen, der auf Fritz Nettenmair's Handeln fiel; aber wie er den alten Herrn kannte, schien es ihm nöthig, das brave Thun Apollonius' in das hellste Licht zu stellen. Er kannte den alten Herrn doch nur halb. Er verrechnete sich in der Wirkung, die er damit beabsichtigte, wenn er die kindliche Schonung pries, mit der Apollonius die Kunde von der Gefahr dem Ohr des alten Herrn fern gehalten. Er verdarb damit, was seine schlichte Erzäh¬ lung gethan, des Sohnes Verdienst um das Theuerste, was der alte Herr wußte, darzustellen. Der alte Herr sah nur immer mehr die Furcht wahr gemacht, die ihm Apollonius' Tüchtigkeit erregt hatte. Apollonius hatte ihm die Gefahr unkindlich verschwiegen, um die Rettung sich allein beimessen zu können. Oder er hielt seinen Vater für den hülflosen Blinden, der nichts mehr war und nichts mehr vermochte, als höchstens ihn zu hindern. Und das vergab ihm der alte Herr noch weniger — trotz seines Schmerzes um den Todten, der der Sohn ihm bereits war. Er wurde immer überzeugter, er selbst hätte es nicht soweit kommen lassen, wenn er darum gewußt und die Sache in seine Hand genommen, und Apollonius dürfe Niemand seines Mordes anklagen, als den eigenen Vorwitz. Diese Gedanken mußten natürlich vor dem zunächst Nothwendigen zurücktreten. Was er bis jetzt von der Vorgeschichte des bruder¬ mörderischen Gedankens wußte, konnte den entstandenen Verdacht verstärken, aber ihn nicht entstehen machen, wenn nicht ein Anderes, das ihm noch unbekannt war, dazu trat. Er mußte von dem schuldigen Sohne selbst erfahren, ob es solch ein Anderes gab. Sein Entschluß war für alle Fälle gefaßt. Er verlangte Hut und Stock. Ein andermal wäre Valentin über diesen Befehl er¬ staunt, vielleicht sogar erschrocken. Ist man durch ein Außerordentliches aufgeregt, wie es der Gesell eben war, kommt nur das unerwartet, was sonst das Gewöhnliche hieß, was an den alten ruhigen Zustand erinnert. Indeß Valentin das Befohlene herbeibrachte und der alte Herr sich zum Ausgehen bereitete, zeigte dieser ihm noch einmal, wie grundlos und thöricht seine Befürchtungen seien. „Wer weiß,“ sagte der alte Herr grimmig, „was der Nachbar gesehen hat. Wie will er bei Nacht einen erkennen, der so weit entfernt von ihm ist? Und Er dazu mit seinen Beilstichen! Nun dürfte dem Jungen in Brambach das Seil gerissen sein oder er müßte sonst zufällig verunglückt sein, so wird Er sich steif und fest einbilden, es sind seine eingebildeten Beil¬ stiche schuld gewesen, und der hat sie gemacht, den der Nachbar, der so einfältig ist, als Er, will haben in den Schuppen schleichen gesehn. Und sagt Er ein Wort davon, oder ist Er so klug, daß Er in Räthseln zu verstehen gibt, was Er sich einbildet in seinem alten Narrenschädel, so ist den andern Tag die ganze Stadt voll davon. Nicht weil's wahrscheinlich wäre, was Er da ausgeheckt hat, und kein vernünftiger Mensch glauben kann, sondern weil die Leute froh sind, einem Andern das Schlimmste nachzureden. Gott wird ja vor sein, daß der Junge nicht zu Unglück kommt, aber es kann geschehn, und es ist vielleicht schon geschehn. Wie leicht kommt einer hinter dem Ofen dazu, geschweige ein Schieferdecker, der zwischen Himmel und Erde schwebt wie ein Vogel, aber keine Flügel hat wie ein Vogel. Darum mit ist die edle Schieferdeckerkunst eine so edle Kunst, weil der Schieferdecker das sichtlichste Bild ist, wie die Fürsehung den Menschen in ihren Händen hält, wenn er in seinem ehrlichen Berufe handthiert. Und läßt sie ihn fallen, so weiß sie, warum; und der Mensch soll nicht Gespinnste d'rum hängen, die über einen Andern Un¬ glück oder gar Schande bringen können. Ich bin ge¬ wiß, die Sache wird sich ausweisen, wie sie ist, und nicht, wie Er sie sich da zusammengeängstelt hat. Denn“ — Soweit war der alte Herr in seiner Rede gekommen, da hörte man draußen eine Last niedersetzen. Der alte Herr stand einen Augenblick stumm und wie versteinert da. Der Valentin hatte durch das Fenster den Blechschmiede¬ gesellen kommen sehn, der eben ablud. „Der Jörg vom Blechschmied,“ sagte Valentin, „der die blechernen Guirlanden vollends bringt.“ „„Und da ist Er er¬ schrocken mit seinen Einbildungen und hat gemeint, sie bringen, wer weiß wen. Wo ist der Fritz?““ „Auf dem Kirchendach,“ entgegnete Valentin. „„Gut,““ sagte Herr Nettenmair. „„Sag' Er dem Blechschmidt, er soll her¬ ein kommen, wenn er fertig ist.““ Der Geselle that's. Bis Jener hereinkam, fuhr Herr Nettenmair noch mit gedämpftern Tönen in seiner Strafpredigt fort. Er sprach davon, wie Menschen sich Einbildungen zusam¬ mendichteten und sich ängsteten darüber, wie über wirk¬ liche Dinge; wie die Gedanken dem Menschen über den Kopf wüchsen und ihm keine gute Stunde ließen, wenn er nicht gleich im Anfang sich ihrer erwehre. Es war, als wollte der alte Herr sich über sich selbst lustig machen. Er dachte nicht daran, daß er den Va¬ lentin über seinen eigenen Fehler abkanzelte. Dagegen fühlte sich Valentin beschämt, als treffe ihn die Strafe verdientermaßen; und er hörte dem alten Herrn mit Andacht und Zerknirschung zu, bis der Blechschmiedge¬ selle hereinkam. Herr Nettenmair faßte den Stock, den ihm Valentin in die Hände gab, setzte den Hut tief in die Stirne, um der Welt soviel, als möglich, von dem unfreiwilligen Geständniß der todten Augen zu entziehn, und schüttelte sich majestätisch in dem blauen Rock zurecht. Valentin wollte ihn führen, aber er sagte: „die Frau braucht Ihn; und Er wird wissen, was Er in meinem Hause zu thun hat.“ Valentin verstand den Sinn der diplomatischen Rede. Der alte Herr machte ihn ver¬ antwortlich für das Benehmen der Frau. Herr Net¬ tenmair aber wandte sich nun dahin, wo des Blech¬ schmiedegesellen Respekt in ein leises Räuspern aus¬ brach, und fragte ihn, ob er Zeit habe, ihn bis auf das Thurmdach von Sankt Georg zu begleiten, wo sein älterer Sohn arbeite. Der Blechschmied bejahte. Valentin wagte noch den Vorschlag, Herrn Fritz lieber rufen zu lassen. Der alte Herr sagte grimmig: „ich muß ihn oben sprechen. Es ist wegen der Reparatur.“ Darauf wandte er sich wieder zu dem Blechschmiedege¬ sellen. „Ich werde Seinen Arm nehmen“, sagte er mit herablassendem Grimm. „Ich leide etwas an den Augen, aber es hat Nichts zu sagen.“ Valentin sah den Gehenden eine Weile kopfschüttelnd nach. Als der alte Herr aus seinen Augen war, fiel die Zuversicht, die er der resoluten Gegenwart des alten Herrn ver¬ dankt, wiederum zusammen. Er schlug die Hände in einander vor Angst; da ihm einfiel, er stehe in der Hausthür und sei verantwortlich für jedes Gerede, das der Ausdruck seiner „Einbildungen“ veranlassen konnte, that er, als hab' er die Hände in einander gelegt, um sie behaglich zu reiben. Der Blechschmiedegeselle hatte gehört, Herr Netten¬ mair sei schon seit Jahren blind; der selbst hatte ihm gesagt, sein Augenleiden sei unbedeutend; er merkte bald, die Leute möchten doch recht haben. Nun nickte ein rasch Vorübergehender, und auf sein „Wie geht's?“ lächelte der alte Herr wiederum: „Ich leide etwas an den Augen, aber es hat nichts zu sagen.“ Ueber jeden Andern an Herrn Nettenmair's Stelle würde der Ge¬ sell gelacht haben. Aber die mächtige Persönlichkeit des alten Mannes setzte ihn so in Respekt, daß er den Widerspruch seiner sinnlichen Wahrnehmung mit dessen Worten auf sich beruhen ließ, und zugleich seinen Sin¬ nen glaubte: Herr Nettenmair sei blind, und Herrn Nettenmair selbst: es habe nichts zu sagen. Das Er¬ scheinen des alten Herrn auf der Straße war ein Wunder, und sicherlich würde es Aufsehen gemacht haben und der alte Herr durch hundert Hän¬ deschüttler und Frager aufgehalten worden sein, hätte nicht ein anderes Etwas die Aufmerksamkeit von ihm abgelenkt. Da lief ein halblaut und schnell Ausge¬ sprochenes durch die Straßen. Zwei, Drei blieben stehn, das Näherkommen eines Dritten, Vierten abwartend, der sich merken ließ, er wisse das, was sie zehn andere ähnliche Gruppen bilden sahn. Dort ver¬ kündete es Einer im schnellen Vorübereilen. Und im¬ mer begann es mit einem: „Wißt Ihr schon?“, das oft von einem: „Aber was ist denn geschehn?“ heraus¬ gefordert war. Herr Nettenmair brauchte nicht zu fragen; er wußte, ohne daß es ihm Einer zu sagen brauchte, was geschehen war. Aber er durfte sich nicht merken lassen, daß er's wußte, daß man eigentlich ihn hätte fragen müssen; nicht allein, wollte man wissen, was geschehen war; auch das Wie und Wodurch und das Warum. Der Blechschmiedegeselle meinte, Herr Nettenmair wollte an ihm niedersinken, aber der alte Herr hatte sich nur an den Fuß gestoßen, „es hatte nichts zu sagen.“ Der Gesell fragte einen Vorüber¬ eilenden. „Ein Schieferdecker ist verunglückt in Bram¬ bach. „„Wie denn?““ fragte der Gesell. „Ein Seil ist zerrissen. Weiter weiß man noch nichts.“ Herr Nettenmair fühlte, wie der Gesell erschrack, und daß er über dem Gedanken erschrack, der Sohn des Man¬ nes war verunglückt, den er führte. Er sagte: „Es wird in Tambach gewesen sein. Die Leute haben falsch gehört. Es hat nichts zu sagen.“ Der Gesell wußte nicht, was er von der Gleichgültigkeit des Herrn Net¬ tenmair denken sollte. Der sagte zu sich, indem das brennende Roth auf seine Wangen trat: „Ja, es muß sein. Es muß nun sein.“ Er dachte daran, es gab Etwas, womit man allen Gerichten, allen Untersu¬ chungen aus dem Wege gehen kann. Das Etwas, das er meinte, mußte ein hartes Etwas sein; denn er biß die Zähne zusammen, als er mit dem Kopf nickte und zu sich sagte: „Es muß sein. Nun muß es sein.“ Der Gesell ging, den alten Herrn führend, wie im Traume neben ihm die Thurmtreppe von St. Georg hinan. Die Leute hatten recht; Herr Netten¬ mair war doch ein eigener Mann! Der alte Herr hatte gesagt, er müsse den Sohn auf dem Kirchendach sprechen — wegen der Reparatur. Er hatte ohne Absicht in seiner diplomatischen Art ge¬ redet. Es mußte auf dem Kirchendache sein und es galt eine Reparatur, aber nicht die des Kirchendachs. Zwischen Himmel und Erde ist des Schieferdeckers Reich. Zwischen Himmel und Erde, hoch oben auf dem Kirchendach von Sankt Georg, schaffte Fritz Net¬ tenmair, als der alte Herr sich die Treppe zu ihm hin¬ aufführen ließ. Hier herauf war Fritz Nettenmair vor den Augen der Menschen geflohen, die er alle auf sich gerichtet meinte, vor seinen Gedanken in einen wüthen¬ den Fleiß. Er hatte die ganze Hölle in seiner Brust mit herauf gebracht; und wie angestrengt er schaffte, der Schweiß, der ihm auf der Stirne stand, war nicht der warme redlichen Mühens, es war der kalte Schweiß der Gewissensangst. Er hämmerte Schiefer zurecht und nagelte sie fest, so angstvoll hastig, als nagelte er den Weltenbau fest, der sonst einstürzen müßte in der nächsten Viertelstunde. Aber seine Seele war nicht bei dem Hämmern, sie war wo unaufhörlich Stricke rißen und verunglückende Schieferdecker polternd hin¬ abstürzten in den gewissen Tod. Zuweilen hielt er plötzlich inne; es war ihm, als müßt' er hinunterrufen: „Nach Brambach! Er soll nicht die Leiter besteigen! er soll sich nicht auf sein Fahrzeug setzen.“ Aber dann blieben die vielen Hunderte, die wie Ameisen da unten durch einander liefen, in Schreck versteinert stehn, und soviel Paar Augen, überfüllt mit Grauen und Abscheu, starr¬ ten herauf, und der Häscher kam und stieß ihn vor sich her die Treppe hinunter; und vielleicht war es doch zu spät! Dann einmal faltete er die Hände über den Deckhammer und gelobte: stürbe Apollonius nicht, er will ein braver Mann werden. Er denkt nicht, daß ihn das reuen wird, sobald er Apollonius gerettet weiß. — Da kommt Jemand die Treppe herauf — ist's der Häscher schon? Nein. Es weiß Niemand, was er ge¬ than. Er verzerrt sein Gesicht in Trotz und fragt: „Wer will mir was anhaben?“ Jetzt hört er Stimmen, und die Klänge der einen davon treffen wie Hammer¬ schläge auf sein gequältes Herz. Das ist die einzige Stimme, die er hier zu hören nicht erwartet. Wird der Ludwig , Zwischen Himmel und Erde. 14 fragen, dem sie gehört: „Wo ist dein Bruder Abel hin?“ Nein. Er will dem Sohne sagen, daß Jener verun¬ glückt ist; er meint, es ist ein Unglückstag und er soll heut nicht mehr arbeiten. Und fragt er doch, die Ant¬ wort ist fast so alt, als das Menschengeschlecht: „Soll ich meines Bruders Hüter sein?“ Dabei kommt's ihm wie eine Erleichterung, daß ihm einfällt, der Vater ist blind. Denn er weiß, seine sehenden Augen könnte er jetzt nicht ertragen. Er hämmert und nagelt immer hastiger. Er würde dem Vater ausweichen, wenn er könnte, aber der Dachstuhl ist schmal und der Alte spricht schon an dem Aussteigeloch im Dache. Er will ihn nicht eher bemerken, als bis er muß. „Nun ist's schon gut,“ hört er den Alten sagen. „Mach' Er seinem Meister mein Compliment; und da ist etwas für Ihn. Trink' er eine Gesundheit dafür.“ Fritz Nettenmair hört, der alte Herr setzt sich auf die bloßgelegte Latte im Aussteigeloch, und weiß, der alte Herr füllt die ganze Oeffnung mit seiner Gestalt. Er hört den Dank des Gesellen und seine Tritte, wie sie immer ferner klingen. „Schönes Wetter“, sagt Herr Nettenmair. Der Sohn erräth, der Alte will wissen, ob noch Jemand in der Nähe ist. Es antwortet Niemand; Fritz Net¬ tenmair stirbt der Ton in der Brust; er hämmert immer lauter und hastiger. Er wünscht, die Stunde, der Tag, das Leben wär' zu Ende. „Fritz,“ ruft der Alte. Er ruft noch einmal, und er ruft noch einmal. Fritz Netten¬ mair muß endlich antworten. Er denkt an den Ruf: „Kain, wo bist du?“ „Hier, Vater,“ entgegnet er und hämmert fort. „„Der Schiefer ist fest,““ sagt der Alte gleichgültig; „„ich hör's am Klange; er blättert nicht.““ „Ja,“ entgegnet Fritz mit klappernden Zähnen, „er nimmt kein Wasser.“ „„Er ist besser geworden, als früher,““ fährt der Alte fort; „„sie sind tiefer in den Bruch hineinge¬ kommen. Es scheint, du bist allein.““ Ein „Ja“ erstirbt im Munde des Sohnes. „„Je tiefer er lagert, desto fester ist das Gestein. Ist keine Rüstung weiter in der Nähe?““ „Keine.“ „„Gut. Komm hierher. Hier vor mich.““ — „Was soll ich?“ „„Hierher kommen. Was ge¬ sagt sein muß, muß leise gesagt sein.““ Fritz Netten¬ mair trat in allen Gelenken schlotternd vor den Va¬ ter. Er wußte, der war blind, und doch suchte er sei¬ nem Blicke auszuweichen. Der Alte rang nach Fas¬ sung. Aber davon sprach kein Zug in dem verwitter¬ ten Gesicht; nur die Dauer seines Schweigens und sein Athem, der das schwere, ächzende Wandeln des Perpendikels an der nahen Thurmuhr wie ein müdes Echo nachzuklingen schien. Fritz Nettenmair ahnte aus den Vorbereitungen, was kommen müsse. Er rang nach Trotz. Wenn er's in seinem Argwohn erräth, wer will mir's beweisen? Und könnt er's beweisen, er giebt mich nicht an; davor bin ich sicher. Warum auch sonst will er leise reden? mag er sagen, was er will, ich weiß nichts, ich bin nichts gewesen, ich hab' 14* nichts gethan. Sein Gesicht rang sich aus dem Zit¬ tern aller Muskeln bis zum wildesten Ausdrucke des Trotzes hindurch. Der alte Herr schwieg noch immer. Gedämpft klang das Treiben der Straßen in die Höhe herauf; unten lag schon violetter Schatten, um das Fahrzeug Apollonius bebte der letzte Sonnenstrahl. Etwas ferner rauschte ein Zug vom Felde heimkehren¬ der Tauben vorbei. Es war ein Abend voll Gottes¬ friedens. Tief unten weit hingedehnt die grüne Erde; oben hoch der Himmel, wie ein Kelch aus blauem Krystall darüber gedeckt. Kleine rosige Wölkchen wie Flocken hineingestreut. Der Lärm von unten erlosch im¬ mer mehr. Die Luft trug einzelne Töne einer fernen Glocke mit sich und schlug sie leise spielend wie wie¬ derkehrende Wellen gegen das Dach. Dort über der nächsten grünen Höhe, wo sie herkommen, liegt Bram¬ bach. Es muß das Abendgeläute von Brambach sein. Hoch am Himmel und tief auf der Erde, überall Gottesfrieden und süß aufgelöstes Hinsehnen nach Ruh. Nur zwischen Himmel und Erde die beiden Menschen auf dem Kirchdach zu Sankt Georg fühlen nicht seine Flügel. Nur über sie vermag er nichts. In dem ei¬ nen brennt der Wahnsinn überreizten Ehrgefühls, in dem andern alle Flammen, alle Qualen der Hölle. „Wo ist dein Bruder?“ drang es endlich zwischen den Zähnen des einen hervor. „„Ich weiß nicht. Wie soll ich's wissen?““ bäumt sich im andern der Trotz. „Du weißt nicht?“ Der alte Herr flüsterte nur, aber jedes seiner Worte schlug wie Donner in die Seele des Sohnes. „Ich will dir's sagen. Drüben in Bram¬ bach liegt er todt. Das Seil ist über ihm zerrißen und du hast's mit Beilstichen zerschnitten. Der Nach¬ bar hat dich in den Schuppen schleichen sehn. Du hast vor deiner Frau gedroht, du willst es thun. Die ganze Stadt weiß es; eben tragen sie's in die Gerichte. Der erste, der nun die Treppe herauf kommt, ist der Häscher, der dich vor den Richter führt.“ — Fritz Net¬ tenmair brach zusammen; die Rüstung knackte unter ihm. Der Alte horchte auf. Fiel der Elende am Rande des Gerüst's zusammen, so stürzte er hinab in die Tiefe. Und Alles war vorüber! Alles, was sein mußte, war gethan! Eine Lerche stieg aus einem na¬ hen Garten in die Höh' und streute ihr lustiges Tirili über Bäume und Häuser hin. Glücklichere Menschen hörten den Gesang aus der Ferne; Arbeiter ließen den Spaten ruhn, Kinder Peitsche und Kreisel, und suchten mit himmelaufgewandten Augen den schwebenden klin¬ genden Punkt, und horchten mit verhaltenem Athem hinauf. Der alte Herr Nettenmair hörte die nahe Lerche nicht; er hielt auch den Athem an, aber er horchte hinunter, nicht hinauf. Und es war nichts, das wie Lerchensang klingt, was er erhorchen wollte. Es war ein Poltern auf dem Dach unter ihm, ein gebrochener Angstruf. Er horchte erst voll Hoffnung, dann voll Angst. Nichts klingt herauf. Vor ihm auf den Bretern des Gerüstes röchelt ein schwerer Athem. Er hört, der Zufall, der ihm mitleidig helfend vorgreifen konnte, hat es nicht gethan. Er muß es thun, denn gethan muß es sein. Sonst zeigen die Menschen mit den Fingern auf die Kinder: Die sind's, deren Vater seinen Bruder erschlug und auf dem Hoch¬ gericht oder im Zuchthause starb. Und wo es längst vergessen ist, da dürfen sie sich nur zeigen, da wird es wieder wach; da deuten die Menschen wieder mit den Fingern und wenden mit Schaudern von ihnen sich ab. Das Vertrau'n, das er von den Aeltern erbt, ist das Kapital, womit der Mensch anfängt. Es muß ihm erwiesen werden, eh er's hat verdienen können, da¬ mit er lernt, Vertrauen zu verdienen. Wer wird ih¬ nen Vertrauen erweisen, die mit ihres Vaters Schande gezeichnet gehn? Wie sollen sie Vertrauen verdienen lernen? Mitten unter den Menschen von den Menschen ausgestoßen, müssen sie nicht werden, wie ihr Vater war? Und sein eigenes langes Leben voll Anstrengung, Ehre zu erwerben und zu bewahren, wird rückwärts angesteckt von des Sohnes Schmach. Die Kinder hält man für fähig zu thun, wie der Vater that, und es kann kein ehrlicher Vater gewesen sein, der solchen Sohn hatte! — Die Röthe glühte immer brennender auf der eingefallenen Wange; die zusammengesunkene Brust richtete sich keuchend empor. Er machte unwill¬ kürlich eine vordeutende Bewegung mit dem Arm. Fritz Nettenmair ahnte ihren Sinn. Er wollte sich aufraffen und wäre wieder umgesunken, stützte er sich nicht mit beiden Händen. So lag er auf Händen und Knieen vor dem Alten, als er den Angstruf aus¬ stieß: „Was willst du, Vater? Womit gehst du um?“ „„Ich will sehn,““ erwiederte der Alte mit pfeifendem Flü¬ stern, „„ob ich's thun muß oder ob du's thun wirst, was gethan sein muß. Und gethan muß es sein. Noch weiß Niemand etwas, was zur Untersuchung führen kann vor den Gerichten, als ich, deine Frau und der Valentin. Für mich kann ich stehn, aber nicht für die, daß sie's nicht verrathen, was sie wissen. Wenn du jetzt herabfällst von der Rüstung, so daß die Leute meinen können, du bist ohne Willen verunglückt, dann ist die größte Schande verhütet. Der Schieferdecker, der verunglückt, steht vor der Welt als ein ehrlicher Todter, so ehrlich, als der Soldat, der auf dem Schlachtfeld gestorben ist. Du bist solchen Tod nicht werth, Bankerutirer. Dich sollte der Henker auf einer Kuhhaut hinausschleifen auf den Richtplatz, Schand¬ bube, der du den Bruder umgebracht hast und hast vergiften wollen das zukünftige Leben der unschuldi¬ gen Kinder und mein vergangenes, das voll Ehre ge¬ wesen ist. Du hast Schande genug gebracht über dein Haus, du sollst nicht noch mehr Schande darüber brin¬ gen. Von mir sollen sie nicht sagen, daß mein Sohn, und von meinen Enkeln nicht, daß ihr Vater auf dem Blutgerüst oder im Zuchthause gestorben ist. Du betest jetzt ein Vaterunser, wenn du noch beten kannst. Dann wend'st du dich, als wolltest du wieder zu deiner Arbeit gehn, und trittst mit dem rechten Fuß über die Rüstung. Sag' ich, der Schreck über seines Bruders Unglück hat ihn schwindeln gemacht: mir glauben's die Gerichte und die Stadt. Das ist's, was ein Leben einbringt, das anders gewesen ist, als dein's. Thust du's nicht gutwillig, so stürz' ich mit dir hinab und du hast auch mich auf deinem Gewissen. Die Leute wissen, ich leide an den Augen; ich bin gestrauchelt und hab' mich an dir anhalten wollen und hab' dich mitgerissen. Meines Lebens ist nach dem, was ich heut erfahren hab', keine Dauer mehr und kein Werth; ich bin am Ende, aber die Kinder fangen erst an. Und auf den Kindern soll keine Schande haften, so wahr ich Nettenmair heiße. Nun besinn' dich, wie es werden soll. Ich zähle fünfzehn Paar Schläge an dem Perpendikel dort.““ Fritz Nettenmair hatte mit wachsendem Entsetzen die Rede des Vaters angehört. Daß seine That noch nicht öffentlich bekannt war, gab ihm Hoffnung. Die Angst vor dem gedrohten Tode weckte einen Theil seiner Kräfte wieder. Er flüchtete sich wieder in seinen Trotz. Hastig sagte er, nachdem der Alte ausgeredet hatte: „Ich weiß nicht, was du willst. Ich bin un¬ schuldig. Ich weiß nicht, was du da von Beilstichen sagst.“ Er erwartete, der Vater würde auf seine Ein¬ wendungen eingehn, wenn auch erst ungläubig. Aber der Alte begann ruhig zu zählen: „„Eins. — Zwei.““ — „Vater,“ fiel er ihm mit steigender Angst in das Zäh¬ len, und der Trotz seines Tones brach im Flehen: „Hör mich doch nur. Die Gerichte hören einen und du hörst mich nicht. Ich will mich ja hinunterstürzen, weil du mich todt haben willst, ich will sterben, wenn gleich unschuldig. Aber höre mich nur erst!“ Der alte Herr entgegnete nicht; er zählte fort. Der Elende sah, sein Urtheil war gesprochen. Der Vater glaubte nicht, was er auch sagen mochte; und er wußte, was der eigensinnige alte Mann sich einmal vorgenommen, das führte er unerbittlich aus. Er wollte sich darein ergeben, dann kam ihm der Gedanke, noch einmal zu flehn; dann fiel ihm ein: er konnte den Alten zurück¬ werfen und über ihn hin entfliehn, dann: er wollte sich anhalten, wenn der Alte sich an ihn hing, um nicht mitzustürzen. Das konnte ihm kein Mensch ver¬ denken. Dazwischen sah er schaudernd, was ihn erwar¬ tete, wenn er floh und die Gerichte faßten ihn doch. Es war besser, er starb jetzt. Aber noch Schrecklicheres erwartete ihn über dem Tode drüben. Er sann zurück und lebte sein ganzes Leben im Augenblicke noch ein¬ mal durch, um zu finden, der ewige Richter konnte ihm verzeihn. Seine Gedanken verwirrten sich; er war bald dort, bald da, und hatte vergessen, warum. Er sah die Nebel sich ballen, in denen der Gesell ver¬ schwunden war, zugleich sah er zu den hellen Fenstern des rothen Adlers auf, es klang: „Da kommt er ja! Nun wird's famos!“ Er stand an den Straßenecken und zählte und die Breter wollten unter Apollonius nicht brechen, die Stricke über ihm nicht reißen; er stand wieder vor der Frau und sagte über des sterben¬ den Aennchen's Bett gebeugt: „weißt du, warum du erschrickst?“ und holte aus zu dem unseligen Schlage; selbst daß er vor dem Vater dalag und hin- und her¬ sann in gräßlich angstvoller Hast, kam ihm vorüber¬ fliehend wie in einem Fiebertraum. Dann war's ihm, als käm' er zu sich und unendliche Zeit sei vergangen zwischen dem Augenblick, wo der Vater die Perpen¬ dikelschläge zu zählen begonnen, und jetzt. Es müsse ja Alles gut sein. Er müsse sich nur besinnen, ob er über den Vater hinweggeflohn, oder ob er sich ange¬ halten, als ihn der Vater mit sich hinunterreißen wollte. Aber da lag er noch, dort saß der Vater noch. Er hörte ihn „Neun“ zählen und dann schweigen. Die Be¬ sinnung verließ ihn völlig. Der alte Herr aber schwieg wirklich. Er zählte nicht mehr. Sein scharfes Ohr hörte einen eilenden Schritt auf der Treppe. Er griff nach dem Sohne und hielt ihn, wie um seiner gewiß zu sein, daß er ihm nicht entgehe. Er fühlte an der Kälte und Wider¬ standslosigkeit des Gliedes, das er gefaßt, es sei un¬ nöthig, den Sohn zu halten; er müsse ohnmächtig sein. Eine neue Sorge erwuchs ihm daraus. War der Sohn ohnmächtig, so mußte er, wenn möglich, das fremden Blicken entziehn. Auch diese Ohnmacht konnte den Verdacht entstehn, oder wachsen machen. Er erhob sich und wandte sich von der Dachlucke nach dem Kommenden. Er war unschlüssig, sollte er die Lucke mit seinem Körper decken, oder dem Kommenden entgegen gehn. Der Geselle, den er vorhin nach Brambach geschickt, denn dieser war's, der so eilig kam, hustete auf der Treppe. Den konnte er abhalten von der Rüstung; ja, er konnte ihm vielleicht den An¬ blick des darauf Liegenden entziehn, wenn er ihm ent¬ gegen ging und ihn noch auf der Treppe abfertigte. So vielleicht gewisser, als wenn er vor der Lucke stehen blieb, da es wahrscheinlich war, er verdecke die¬ selbe doch nicht völlig. Jetzt fühlte der alte Herr erst, wie, was er heute erfahren müssen, seine Kräfte ge¬ lähmt. Aber der Gesell merkte nichts davon; als er den alten Herrn, an den Treppenbalken gelehnt, ihm den Weg versperren sah. „Soll ich ihn herholen, Herr Nettenmair?“ fragte der Gesell, indem er auf der Treppe stehen blieb. „„Wen?““ fragte Herr Nettenmair dagegen. Er hatte Mühe, seine künstliche Ruhe zu bewahren. War der Gesell in Brambach gewesen, konnte er nicht so ruhig sprechen, er mochte sprechen von wem er wollte. „Nun, er wird nunmehr daheim sein,“ entgegnete der Gesell. Der alte Herr wiederholte seine Frage nicht; er mußte sich an dem Balken festhalten, an dem er lehnte. „Er war schon auf dem Wege,“ fuhr der Geselle fort; „ich bin mit ihm bis an's Thor gegangen. Da hat er mich zum Blechschmied geschickt, ich sollte fragen, ob das Blechzeug endlich fertig wär. Der Jörg sagte, er hätt's schon hingeschafft, und käm' eben vom Thurm¬ dach von Sankt Georg, da hätt' er den alten Herrn Nettenmair hinaufgeführt. Da hab' ich gemeint, er wird noch oben sein; und weil's so eilig war, wollt' ich ihn fragen, ob ich vielleicht den Herrn Apollonius heraufschicken soll.“ Jetzt erst gelang's Herrn Nettenmair, den Balken, an dem er sich hatte festhalten müssen, herauf und herunter zu betasten, als hab' er ihn nur umfaßt, um ihn zu untersuchen. Da er fühlte, seine Hände zitterten, gab er die Untersuchung auf. Er sagte so grimmig, als er im Augenblick vermochte: „„Ich komme selber hin¬ unter. Wart' Er auf dem Absatz, bis ich ihn rufe.““ Der Gesell gehorchte. Herr Nettenmair schöpfte tief Athem, als er sich nicht mehr beobachtet wußte. Aus dem Athmen ward ein Schluchzen. Jetzt, da der Seelenkrampf, in dem er sich seit Valentin's Mittheilung befunden, sich zu lösen begann, trat erst der Vater¬ schmerz hervor, den die leidenschaftliche Anstrengung für die Ehre des Hauses bisher nicht zu Worte hatte kom¬ men lassen. Er fand nun erst Zeit, das Unglück des rechtschaffenen Sohnes zu beweinen, als sich zeigte, es hatte ihn nicht getroffen. Aber es fiel ihm ein, der brave Sohn schwebte noch immer in der gleichen Gefahr, so lang der schlimme sich in seiner Nähe be¬ fand. Auch diesen Fall hatte er in seinem Plane vor¬ gesehn und sich gesagt, was er dann thun müsse. Die bisherige Kraft, die nur eine angemaßte war, hätte ihn mit dem Krampfe verlassen, galt es nicht noch immer die Rettung des braven Sohns und die Ehre seines Hauses. Er tastete sich nach der Dachlucke hin. Fritz Nettenmair war unterdeß aus seiner Betäubung wieder erwacht und es war ihm gelungen, aufzustehn. Der alte Herr hieß ihn von der Rüstung hereintreten und sagte: „Morgen vor Sonnenaufgang bist du nicht mehr hier. Sieh, ob du in Amerika wiederum ein anderer Mensch werden kannst. Hier bist du in Schande und bringst Schande. Nach mir gehst du heim; Geld sollst du haben; und machst dich fertig. Du hast seit Jahren nichts für Weib und Kind gethan; ich sorge für sie. Vor Tagesanbruch bist du auf dem Weg. Hörst du?“ Fritz Nettenmair wankte. Eben noch hatte er dem unausweichlichen Tode in die Augen gesehn; nun sollte er leben! Leben, wo Niemand wußte, was er gethan, wo ihn nicht jedes zufällige Geräusch mit dem Wahnbild des Häschers schrecken durfte. In diesem Augenblicke fühlte er selbst das als ein Glück, daß er fern sein sollte von dem Weibe, um das er Alles gethan, was er gethan, und in deren Anblick er Tag für Tag Alles mitsehn sollte, was er gethan; die seine That wußte, von der jeder Blick eine Drohung war, ihn der Vergeltung zu überliefern. Es graute ihm vor dem Hause, in dem Alles stündlich ihn er¬ innern mußte an das, was er unter dem fremden Himmel ganz zu vergessen hoffte, und sich vormachte, durch ein neues Leben abbüßen zu wollen. Am liebsten wär' er sogleich unmittelbar von der Stelle, wo er jetzt stand, dem Rettungshafen zugeeilt. „Apollonius ist nicht gestürzt,“ fuhr der Alte fort und Fritz Netten¬ mairs ganzer neuer Himmel versank. Das alte Ge¬ spenst hatte ihn wieder in seinen Fäusten. Nun liebte er wieder das Weib, das zu fliehen er eben noch sich gefreut. Mit dem Gegenstande seines Hasses lebte der Haß und die Liebe wieder auf, und beide waren Höllenflammen. Er meinte, Alles habe er gekonnt; Sterben war ein Scherz, lag nur auch der Neben¬ buhler todt. Gewissensangst, das drohende Jenseits, Alles war erträglich, nur Eins nicht: sie in seinen Armen zu wissen. Der Alte hatte des Sohnes Ja er¬ wartet. „Du gehst,“ sagte er, als dieser schwieg. „Du gehst. Du bist morgen vor Tag noch auf dem Weg nach Amerika, oder ich bin auf dem Weg in die Gerichte. Soll Schande sein, so ist's besser bloße Schande, als Schande und Mord. Denk', ich hab's geschworen, und nun thu', was du willst.“ Der alte Herr rief den Gesellen herauf und ließ sich heimführen. Unterdeß war das Gerücht, das dem alten Herrn auf seinem Wege nach Sankt Georg begegnet war, auch in die Straße gekommen, wo das Haus mit den grünen Laden steht. Vor den Fenstern erzählte es ein Vorübergehender einem andern. Die Frau hörte nichts als: „Wißt ihr's schon? In Brambach ist ein Schiefer¬ decker verunglückt.“ Dann sank sie vom Stuhle, von dem sie aufspringen wollte, auf die Dielen. Wiederum mußte der alte Valentin seinen Schmerz um Apollonius über der Angst und Sorge um die Frau vergessen. Er eilte hinzu. Den Fall ganz verhindern konnte er nicht, nur den Kopf der Frau vor der scharfen Kante des Stuhlbeins bewahren, woran dieser sonst anschla¬ gend sich verletzt hätte. Da saß er neben der liegenden Frau auf den Füßen und hielt in den zitternden Hän¬ den Nacken und Kopf der Frau. Von seinem Griffe war ihr das volle dunkelbraune Haar über der Stirne aufgegangen und verdeckte das bleiche Gesicht. Ihre vorderen Haare hatten einen Drang, sich in natür¬ lichen Locken zu kräuseln, den sie durch das scharfe Anziehen der Scheitel nur vorübergehend überwinden konnte. Es war, als hätten sie die Ohnmacht ihrer Besitzerin benutzt, ihm nachzugeben. Der alte Valentin machte sich die Hände frei, indem er ihre Last vorsichtig leise auf den Boden gleiten ließ, und versuchte die Haare aus dem Gesicht zu streichen. Er mußte sehn, ob sie noch lebe. Das verursachte ihm lange Zeit ver¬ gebliche Mühe; die Angst machte seine alten Hände noch ungeschickter; dazu kam die eigene Scheu, die einen alten Junggesellen unerbittlich in so enger weib¬ licher Nähe befängt; und der Eigensinn der Haare, die immer wieder im krausen Gelock über dem Gesichte zusammenschlugen. Der Hals- und der Schläfenpuls wehrten sich dagegen, er sah, wie sie die Haare mit ihren Schlägen bewegten und faßte wieder Hoffnung. Auf dem Tisch stand eine Flasche mit Wasser; er goß sich davon in die hole Hand und spritzte ihr es auf Haare und Gesicht. Das wirkte. Sie machte eine Bewegung; er half ihr den Oberleib aufrichten und stützte ihn. Sie strich sich nun selbst die widerstreben¬ den Haare aus dem Gesicht und sah sich um. Ihr Blick hatte etwas so Fremdes, daß der Valentin von Neuem erschrack. Dann nickte sie mit dem Kopfe und sagte mit leiser Stimme: „Ja.“ Valentin verstand, sie sagte sich, sie habe die schreckliche Nachricht gehört und nicht geträumt. An dem Ton ihrer Stimme hörte er, sie sagte sich wohl, was geschehn, aber sie begriff es nicht. Es war, als ginge es nicht sie an, was sie sich sagte, und als besänne sie sich, wen wohl es be¬ treffen möge. Sie ahnte wohl, es war Schreck und Schmerz, wenn sie dahinter kam, aber sie wußte in dem Augenblicke nicht, was Schreck ist und Schmerz; ein traumhaftes Vorausgefühl von Händezusammen¬ schlagen, Erbleichen, Umsinken, Aufspringen, hände¬ ringendem Umhergehn, Müdigkeit, die auf jeden Stuhl, an dem sie vorbeiwankt, niedersinken möchte, und doch weiter getrieben wird, von fortwährendem wilden Zu¬ rückbäumen und wieder matt nach vorn auf die Brust Sinken des Kopfes; ein traumhaftes Vorausgefühl von alle dem wandelte in der Stube vor ihr wie ihr eigenes undeutliches fernes Spiegelbild hinter einem bergenden Florschleier. Näher und unterscheidbarer war ein dumpfer Druck über der Herzgrube, der zum stechenden Schmerze wuchs, und das angstvolle Wissen, er müsse sie ersticken, könne sie das Weinen nicht finden, das Alles heilen müsse. So saß sie lange regungslos und hörte nichts von alle dem, was der alte Valentin in seiner Angst ihr vorsprach. Es war nichts daran ver¬ loren; der Alte glaubte selbst nicht an seine Trost¬ gründe, wenn er ihr beweisen wollte, Apollonius könne nicht verunglückt sein; er sei zu vorsichtig dazu und zu brav. Und vollends die Geschichte aus seiner Jugend, wo sich Leute, die nun lange todt sind, von einem ähn¬ lichen Gerüchte vergeblich hatten schrecken lassen! Er wußte es und erzählte doch immer fort und beschrieb Ludwig , Zwischen Himmel und Erde. 15 die Personen, als müßte es die Frau unfehlbar beruhi¬ gen, wenn sie den alten Amtmann Kern und seine Haushälterin vor den Augen ihres Geistes sähe, wie sie damals leibten und lebten. Er hätte sein Leben hingegeben, um ihr zu helfen; er wußte in seiner Rathlosigkeit nicht, wie? so suchte er sich selbst über die Angst des Augenblicks durch immer eifrigeres Er¬ zählen hinauszuhelfen. Dabei belauschte er jede kleinste Bewegung in den Zügen des bleichen schönen Gesichtes; und je schöner und jugendlicher es ihm vorkam, desto schwerer schien ihm, was sie litt, und desto eifriger wurde sein Erzählen. Als eine siebenzehnjährige Braut hatte er sie in das Haus mit den grünen Laden ein¬ ziehn sehn, acht Jahre hatte er in ihrer Nähe gelebt. Die bis in ihr vier und zwanzigstes ein innerlich un¬ berührtes, heiter mit den Dingen spielendes Kind ge¬ wesen, was hatte sie in den letzten zwei Jahren erduldet! Und wie schön war sie immer geblieben in ihrem Dulden, wie schön hatte sie geduldet! Nun lag sie zerbrochen als halb aufgeschlossene Blume vor seinen alten Augen da, die so oft um sie geweint, mehr über die Milde und unbewußte, unzerstörbare Hoheit, womit sie ihr Unglück trug, als über ihr Unglück selbst. Es gibt rührende Gestalten, die die Angst, die selbst der Zorn nicht entstellt; die in all ihrem Thun, selbst in ihrem Lächeln, selbst in ihrer lauten Freude uns be¬ wegen, deren Anblick uns rührt, ohne daß wir an einen Schmerz, an ein Leiden bei ihrem Anschaun denken müssen. Es ist auch keine schmerzliche Rührung, die wir da empfinden; und der Schmerz selbst hat auf solchem Gesicht eine wunderbare Kraft, uns zugleich zu trösten und rührend zu erheben, indem er uns zum tiefsten Mitleid mit seinem Träger dahinreißt. Als eine solche Gestalt hatte Christiane, so lang er sie kannte, vor des alten Valentin Augen gestanden, als eine solche lag sie jetzt vor ihm da. Endlich hatte sie das Weinen gefunden. Der alte Valentin lebte wieder auf; er sah, sie war gerettet. Er las es in ihrem Gesichte, das, so ehrlich wie sie selbst, nichts verschweigen konnte. Er saß und hörte mit so freudiger Aufmerksamkeit auf ihr Weinen, als wär's ein schönes Lied, das sie ihm vorsänge. In den Augen¬ blicken, wo der Mensch der stärkeren Natur sich ohne Abzug hingeben muß, erkennt man am sichersten seine wahre Art. Was von Thierheit im Menschen unter der hergebrachten Schminke sogenannter Bildung oder vorsätzlicher Verstellung verborgen lag, tritt dann un¬ verholen hervor in den Bewegungen des Körpers und in dem Ton der Stimme. Der alte Valentin hörte die reine Melodie in Christianens Stimme im hinge¬ gossenen Weinen, welche sie nach dem Schlag über Aenn¬ chen's Bett im Doppelschrei von Schmerz und Entrüstung nicht verloren hatte. Sie hatte sich ausgeweint und erhob sich; der alte Valentin hätte ihr nicht zu helfen 15 * gebraucht. Sie machte sich zum Ausgehn fertig. Ihr Wesen hatte etwas feierlich Entschiedenes angenommen. Valentin sah's mit Erstaunen und Sorge. Ihm fiel seine Verantwortlichkeit ein. Er fragte ängstlich, sie wolle doch nicht fort? Sie nickte mit dem Kopfe. „Aber ich darf sie nicht fortlassen,“ sagte er. „Der alte Herr hat mir's mit Ketten auf die Seele gebun¬ den.“ „„Ich muß,““ sagte sie. „„Ich muß in die Gerichte. Ich muß sagen, daß ich schuld bin. Ich muß meine Strafe leiden. Der Großvater wird sich meiner Kinder annehmen. Ich möchte den Herrn sagen, sie sollen ihn zu dem Aennchen legen; er hat's so lieb gehabt. Ich möchte auch dabeiliegen, aber das werden sie nicht thun. Nein, davon will ich nichts sagen.““ Valentin wußte nicht, was er erwiedern sollte. Er durfte sie nicht fortlassen und sah an ihrer Entschieden¬ heit, er würde sie nicht aufhalten können. „Wenn nur der alte Herr erst da wäre!“ dachte er. Er sagte: „Thäten sie dem alten Valentin nichts auf der Welt zu lieb?“ Sie sah ihn aus ihrem Schmerze freundlich an und entgegnete: „„Wie ihr fragen könnt! Ihr habt ihn immer lieb gehabt und das vergeß' ich euch nicht, so lang ich noch lebe. Er ist gestorben und ich muß auch sterben. Kann ich euch noch etwas thun, eh' ich gehen muß, so dürft ihr's nur sagen. Wenn ich's auch thun kann und wenn ihr nicht verlangt, daß ich nicht gehen soll.““ „Nein,“ sagte der Alte. „Das nicht. Aber wenn Sie nur so lang bleiben wollten, bis der alte Herr zurückkommt, daß ich meiner Verantwortlichkeit ledig bin.“ Dem Alten war's nicht allein um sich zu thun. Er hoffte zugleich, der alte Herr würde in seiner Geistesgegenwart ein Mittel finden, wodurch sie von ihrem Vorhaben abzubringen sei. Die Frau nickte ihm zu. „„So lang will ich warten,““ entgegnete sie. Den Alten trieb Sorge und Hoffnung hinaus, zu sehn, ob Herr Nettenmair noch immer nicht komme. Christiane holte ihr Gesangbuch vom Pulte und setzte sich damit an den Tisch. Der Valentin blieb länger aus, als er selbst gedacht hatte. Als er wieder hereinkam, war er nicht mehr der, der vorhin hinausgegangen. Er war verwirrt und verlegen, aber ganz anders verwirrt als vorhin. Er stand immer im Begriff, etwas zu thun oder zu sagen, worüber er erschrack, und etwas anderes that oder sagte und wiederum ungewiß schien, ob er nicht auch darüber erschrecken sollte. Immer, und wenn er gar nichts gesagt hatte, meinte er, er habe zuviel ge¬ sagt. Manchmal war's, als ob er lachte; dann sah er wieder desto trauriger aus. Und das paßte nicht zu dem, was er sprach; denn er redete vom Wetter. Da¬ zwischen machte er sich viel an der Thür zu schaffen, die er immer wieder einmal öffnete; zuletzt blieb er im Hausflur stehn, wo er den Gang nach dem Schuppen hin übersehen konnte; und es waren die wunderlichsten Vorwände, durch die er all diese Thätigkeiten recht¬ fertigte. Die junge Frau bemerkte erst die Veränderung nicht, dann beobachtete sie ihn verwundert und immer ahnungsvoller. Zuletzt hatte er sie angesteckt mit seinem Wesen. Wenn er unwillkührlich lachte, glühte sie in Hoffnung auf, wenn er dann sein trauriges Gesicht machte, drückte sie die Hände zusammen und wurde wieder bleich. Sie folgte seinen Augen, ihm selbst nach der Thür und erschrack, so oft er sie öffnete. Dabei sprachen sie immer vom Wetter; wären sie ruhig gewesen, sie hätten über ihre eigenen Reden lachen müssen; aber man sah, er fürchtete sich, etwas zu sagen, sie fürchtete sich, nach dem Etwas zu fragen. Zuletzt preßte sie beide Hände bald gegen das Herz, das das Mieder durchschlagen wollte, bald gegen die brennenden, hämmernden Schläfe. Der Alte meinte sie endlich vor¬ bereitet genug, das Wetter fahren zu lassen. „Ja,“ sagte er, „es ist ein Tag, wo die Todten aufstehen möchten, und wer weiß — aber thun Sie mir noch das zulieb und erschrecken Sie nicht.“ Sie erschrack dennoch. Sie sagte zu sich: „Aber es ist ja nicht möglich!“ Und sie erschrack doch eben, weil es mehr als möglich, weil es gewiß war. „Da sehn Sie ein¬ mal dahinter,“ schluchzte der Alte, der nur lachen wollte. Sie sah den Gang hin; sie hatt' es gethan, eh' der Alte sie dazu aufforderte. Der alte Valentin eilte aus der Vorderthür, dem alten Herrn die Freuden¬ post zu bringen; selig und stolz auf sein klug durchge¬ führtes Werk. Die junge Frau hielt sich fest an dem Thürpfosten, als sie den Schritt hörte durch den Schuppen. Aber auch der Thürpfosten stand nicht mehr fest. Sie selbst nicht mehr auf dem festen Boden; sie schwindelte zwischen Himmel und Erde. Und als sie ihn kommen sah, war nichts mehr auf der Welt für sie, als der Mann, um den sie wochenlang mehr als Todesangst geduldet. Alles ging um sie im Wirbel, erst die Wände, der Boden, die Decke, dann Bäume, Himmel und grüne Erde; ihr war, als ginge die Welt unter und sie würde erdrückt im Wirbel, hielte sie sich nicht fest an ihm. Sie fühlte, wie sie hinsank, dann nichts mehr. Apollonius war herzugeeilt und hatte sie aufgefan¬ gen. Da stand er, und hielt das schöne Weib in sei¬ nen Armen, das Weib, das er liebte, das ihn liebte. Und sie war bleich und schien todt. Er trug sie nicht in die Stube, er ließ sie nicht herabgleiten auf die Erde, er that nichts, sie zu beleben. Er stand ver¬ wirrt; er wußte nicht wie ihm geschehen war, er mußte sich besinnen. Der alte Valentin hatte ihn noch nicht gesprochen; er hatte nur durch den Gesellen, der vom Blechschmidt nach Sankt Georg eilte, erfahren, Apollonius folge ihm, und werde bald hier sein. Apol¬ lonius war vom Nagelschmied am Thore aufgehalten worden. Dann hatte er geeilt, dem Befehle des Va¬ ters nachzukommen. Daß ihn der Vater rufen ließ, hatte ihn befremdet; er konnte sich nicht denken, warum. Von dem Sturze eines Schieferdeckers in Tam¬ bach hatte er gehört, aber er wußte nicht, daß das Gerücht die Ortsnamen verwechselt hatte, und daß Je¬ mand glauben könnte, ihn habe das Unglück getroffen. So gänzlich unvorbereitet auf das, was ihm der nächste Augenblick bringen sollte, war er durch den Schuppen gekommen. Er wollte sogleich zu dem Va¬ ter aus dessen Stübchen, da hatte er die junge Frau den Gang herstürzen und mit dem Umsinken kämpfen sehn und war ihr entgegengeeilt. Und nun hielt er sie in den Armen. Die Gestalt, die er, schmerzlich mühsam und doch vergebens, seit Wochen von sich ab¬ zuwehren gerungen, deren bloßes Gedankenabbild all' sein Wesen in eine Bewegung brachte, die er sich als Sünde vorwarf, lag in schwellender, athmender, lasten¬ der, wonneängstigender Wirklichkeit an ihn hingegossen. Ihr Kopf lehnte rückwärts gesunken über seinen linken Arm; er mußte ihr in das Antlitz sehn, das schöner, gefährlich schöner war, als seine Träume es malen konnten. Und jetzt überflog ein Rosenschein das weiße Antlitz bis in die weichen braunen Haare, die in den wilden, selbstgeschlungenen Locken über die Schläfe hinabrollten, die tiefen blauen Augen öffneten sich, und er konnte ihrer Gewalt nicht entfliehn. Und nun sah sie ihn an und erkannte ihn. Sie wußte nicht, wie sie hierher und in seine Arme gekommen, sie wußte nicht, daß sie in seinen Armen lag; sie wußte nichts, als daß er lebte. Wie konnte sie noch einen Gedanken denken neben dem! Sie weinte und lachte zugleich, sie umschlang ihn mit beiden Armen, um seiner gewiß zu sein. Und doch fragte sie noch in angstvoll drängen¬ der Hast: „Und bist du's denn auch? Bist du's auch gewiß? Und lebst noch? Und bist nicht gestürzt? Und ich habe dich nicht getödtet? Und du bist's? Und ich bin's? Aber er — er kann kommen!“ Sie sah sich wild um. „Er will dich tödten. Er wird nicht eher ruhn.“ Sie umfaßte ihn, als wollte sie ihn mit ihrem Leibe decken gegen einen Feind; dann vergaß sie die Angst über der Gewi߬ heit, daß er noch lebte, und lachte wieder und weinte zugleich und fragte ihn wieder, ob er auch noch lebe, ob er's auch sei. Aber sie mußte ihn ja warnen. Sie mußte ihm Alles sagen, was Jener ihm gethan, und was er ihm noch zu thun gedroht. Sie mußte es schnell; jeden Augenblick konnte Jener kommen. War¬ nung, süß unbewußtes Liebesgeschwätz, Weinen, La¬ chen; Seligkeit, Angst, Schmerz um das verlorene Glück; Anklage wie des Kindes beim Vater; das Be¬ dürfniß der Liebe, mit Allem, was sie ist, was sie freut, was sie bekümmert, ein Gedanken seines Gei¬ stes, ein Gefühl seiner Seele zu sein, das er denkt und fühlt wie seine andern; bräutliche Verwirrung und Ver¬ gessen der ganzen Welt über den einen Augenblick, der ihr eigentliches Dasein ist, — denn Alles, was war und werden kann, ist blos Schatten; was sie erzählt, hat sie geträumt; und erlebt, fühlt und weiß es erst jetzt; was gewesen ist und kommen wird, ist gewesen und kommt nur, damit dieser Augenblick sein kann; vor und nach diesem Augenblick ist die Zeit zu Ende; — al¬ les das durchdrang sich, alles das zitterte zugleich in jedem einzelnen Klang der fliegenden, sich pressen¬ den Rede. „Er hat mich und dich belogen. Er hat mir gesagt, du verhöhntest mich und hättst meine Blume vor den Gesellen ausgeboten. Ach du weißt's ja noch, beim Pfingstschießen die Blume, das kleine Glöckchen, das ich liegen ließ. Und du hast's ihm geschickt. Ich hab's gesehn. Ich wußte nicht, warum. Du hast mich gedauert. Daß du so still warst und trüb und so allein, das hat mir weh gethan. Da hat er mir beim Tanz gesagt, du hättest deinen Spott über mich. Da gingst du in die Fremde und er hat mir gesagt, wie du in deinen Briefen über mich spot¬ test; das that mir weh. Du glaubst nicht, wie weh mir das that, wenn ich schon nicht gewußt hab', wa¬ rum. Der Vater wollte, ich sollte ihn frein. Und wie du kamst, hab ich mich vor dir gefürchtet; du hast mich immer noch gedauert und ich hab' dich immer noch geliebt und wußt' es nur nicht. Er selbst hat mir's erst gesagt. Da bin ich dir ausgewichen. Ich wollte nicht schlecht werden und will's auch nicht. Gewiß nicht. Dann hat er mich gezwungen, zu lügen. Dann hat er mir gedroht, was er dir thun wollte. Er wollte machen, daß du stürzen müßtest. Es wär' nur Scherz, aber, sagt' ich's dir, dann wollt' er's im Ernste thun. Seitdem hab' ich keine Nacht geschlafen; die ganzen Nächte hab' ich aufgesessen im Bett und bin voll To¬ desangst gewesen. Ich hab' dich in Gefahr gesehn und durft' es dir nicht sagen und durfte dich nicht ret¬ ten. Und er hat die Seile zerschnitten mit der Axt in der Nacht, eh' du nach Brambach gingst. Der Va¬ lentin hat mir's gesagt, der Nachbar hat ihn in den Schuppen schleichen sehn. Ich hab' dich todt gemeint und wollte auch sterben. Denn ich wär' Schuld gewe¬ sen an deinem Tod und stürbe tausendmal um dich. Und nun lebst du noch und ich kann's nicht begreifen. Und es ist Alles noch wie es war; die Bäume da, der Schuppen, der Himmel, und du bist doch nicht todt. Und ich wollte auch sterben, weil du todt warst. Und nun lebst du noch, und ich weiß nicht, ist's wahr oder träume ich's nur. Ist's denn wahr? Sag' du mir's doch: ist's wahr? Dir glaub' ich Alles, was du sagst. Und sagst du, ich soll sterben, so will ich's, wenn du's nur weißt. Aber er kann kommen. Viel¬ leicht hat er gelauscht, daß ich dir's sagte, was er will. Schick' den Valentin in die Gerichte, daß sie ihn fort¬ führen und er dir nichts mehr thun kann!“ So schwärmte, lachte und weinte das fiebernde Weib in seinen Armen fort. Alles vergessen, wie ein Kind an einem Abgrund spielend, den es nicht sieht, ruft sie unbewußt eine Gefahr herbei, tödtlicher als die, über deren Vorbeigehen sie jubelt, drohender als die, wogegen sie den Mann mit ihrem Leibe decken will. Sie ahnt nicht, was ihr leidenschaftlich Thun, die Süßigkeit ihrer unbekümmerten Hingebung, was ihre Liebkosungen, was ihr warmes, schwellendes Um¬ fangen in dem Manne aufregen muß, der sie liebt; daß sie Alles thut, was den Mann, dessen Rechtlich¬ keit und Edelmuth sie sich so unbekümmert anheim giebt, Rechtlichkeit und Edelmuth im Tumulte des Blu¬ tes vergessen machen kann. Sie hat keine Ahnung, welchen Kampf sie in ihm entzündet, und wie sie ihm den Sieg erschwert, wenn nicht unmöglich macht. Und er weiß nun, das Weib in seinen Armen war sein; der Bruder hat ihn um sie und sie um ihn betrogen. Jetzt weiß er's, wo das Weib in seinen Armen ihm die Größe des Glückes zeigt, um das der Bruder ihn betrogen hat. Er hat sie geraubt und noch mißhan¬ delt; und für Alles, was er um ihn gelitten, gethan, verfolgt er ihn noch und steht ihm nach dem Leben. Gehört das Weib dem, der sie ihm gestohlen, der sie mißhandelt, den sie haßt? Oder ihm, dem sie schänd¬ lich gestohlen worden ist, der sie liebt, den sie liebt? Das Alles waren nicht deutliche Gedanken; hundert einzelne Empfindungen, die, in den Strom Eines tiefen und wilden Gefühls hingerissen, durch seine Adern stürz¬ ten und die Muskeln seiner Arme spannten, etwas, das sein ist, an sein Herz zu pressen. Aber eine dunkle Angst drängt dem Strom entgegen und hält die Mus¬ keln wie im Starrkrampfe fest. Das Gefühl, er will etwas thun, und ist sich nicht klar, was es ist, wohin es führen kann; eine ferne Erinnerung, daß er ein Wort gegeben hat, das er brechen wird, läßt er sich fortreißen. Die dunkle Vorstellung, als stehe er wie an seinem Tische, und, bewegt er sich, eh' er sich um¬ gesehn, könn' er etwas wie ein Tintenfaß auf etwas wie Wäsche oder ein werthvolles Papier werfen; all' dem lag die angstvolle Vorahnung zu Grunde, er könne mit Einer Bewegung Etwas verderben, was nicht wieder gut zu machen sei. Er rang schon lange unter den berauschenden Tönen nach Etwas, eh' er wußte, daß er rang, und daß dies Etwas die Klarheit war, das Grundbedürfniß seiner Natur. Und nun kam sie ihm und sagte: „das Wort, das du gegeben hast, ist, die Ehre des Hauses aufrecht zu erhalten, und was du thun willst, muß sie zernichten.“ Er war der Mann und mußte für sich und sie einstehn. Sie brandmarkte den Verrath, den er mit einem Drucke, mit einem Blicke, an dem rührenden unbedingten Vertraun üben würde, das aus des Weibes Hingebung sprach, mit aller Schmach, die sie fand. Sie zeigte ihm die Reinheit des Gesichtes, das an seinem Herzen lag und schwärmend zu ihm aufsah, und wie er mehr an ihr und an sich selbst verderben würde, als um was er ihren und seinen Feind anklagte. Noch stand die heilige Scheu schützend zwischen ihm und ihr, die ein einziger Druck, ein einziger Blick, für immer verscheuchen konnte. Und doch sah er angstvoll nach einem Helfer sich um. Wenn nur Valentin käme! Dann mußt' er sie aus seinen Armen lassen. Valentin kam nicht. Aber die Scham über seine Schwäche, die die Hülfe außen suchte, wurde zum Helfer. Er legte die Kraftlose sanft auf den Rasen. Als er die weichen Glieder aus den Hän¬ den ließ, verlor er sie erst. Er mußte sich abwenden und konnte einem lauten Schluchzen nicht wehren. Da sah der jüngste Knabe neugierig in den Hof. Er eilte hin, hob das Kind in seine Arme, drückte es an sein Herz und stellte es zwischen sich und sie. Es war eigen; mit dem Drucke, mit dem er das Kind an sein Herz gedrückt, entband sich der wilde Drang und nun erst lös'ten sich die gespannten Muskeln. Er hatte sie in dem Kinde an sein Herz gedrückt, wie allein er sie an sein Herz drücken durfte. Die Frau sah ihn den Knaben zwischen sich und ihn stellen und verstand ihn. Glühende Röthe stieg ihr bis unter die wilden braunen Locken. Sie wußte nun erst, daß sie in seinen Armen gelegen, daß sie ihn umfaßt hatte und mit ihm gespro¬ chen, wie es nur erlaubte Liebe darf. Sie sah nun erst die Gefahr, an deren Abgrund sie ihn und sich gestellt. Sie richtete sich auf den Knieen auf, als wollte sie ihn flehn, sie nicht zu verachten. Zugleich fiel ihr wieder ein, der Mann konnte sie belauscht ha¬ ben und die Drohung noch vollziehn. Dann hatte sie ihn durch die Freude über seine Rettung erst verdor¬ ben. Er sah das Alles und litt es mit ihr. Er hatte sich abgekämpft, ihr nicht zu zeigen, was in ihm vor¬ ging; aber der Kampf selbst in seinem Innern war nicht ausgekämpft. Er neigte sich zu ihr und sagte: „Du bist meine brave Schwester. Du bist braver als ich. Und über uns und deinem Manne ist Gott. Aber nun geh hinein, Schwester, liebe brave Schwe¬ ster.“ Sie wagte nicht aufzusehn, aber durch die gesenk¬ ten Lieder sah sie seine Milde, das tiefe, unausschöpf¬ bare Wohlwollen, die unvernichtbare Menschenachtung auf seiner leuchtenden Stirne und um den sanften Mund. Und wie er ihr bewußter und unbewußter Maßstab war, wußte sie nun, sie war nicht schlecht. Und sie konnt' es auch nicht werden; er trug sie be¬ wahrt wie die Mutter das Kind auf seinen starken, vorsehenden Armen. Er wuchs ihr, wie sie ihn durch die gesenkten Lieder sah, mit dem Haupte bis an den Himmel. Sie wußte, daß ihm der Mann nicht scha¬ den konnte. Apollonius gab ihr den Knaben in den Arm und bot die Hand, sie aufzurichten. Sie bebte unter der Berührung und wie sie noch auf den Knieen lag, stieg ihr Gedanke zu ihm auf wie ein Gebet. Er führte sie an die Thüre. Vom Schuppen her kam Herr Nettenmair mit dem Gesellen. Fritz Nettenmair, der ihnen nachschlich, sah noch, wie er sie führte. Nichts von alledem, was er heute gewollt und was er heute gelitten, stand in Herrn Nettenmairs ver¬ knöchertem Antlitz zu lesen, als er heimkam. Die junge Frau und Valentin mußten eine Predigt über grund¬ lose Einbildungen anhören; denn die Geschichte hatte sich ausgewiesen, wie sie war, nicht wie sie der Valen¬ tin zusammengeängstelt hatte. Der Reise Fritz Netten¬ mairs gedachte er als eines lang von demselben geheg¬ ten, aber von ihm erst heute genehmigten Vorhabens. Apollonius erhielt den Befehl, sogleich mit den Geschäfts- Büchern auf des alten Herrn Stube zu kommen. Der alte Herr gab vor, er wollte den Stand des Geschäftes genau kennen lernen. Sein wahrer Zweck dabei war, Apollonius so lange bei sich in Sicherheit zu behalten, bis sein Bruder abgereiset sei. Apollonius konnte, ohne wegen der nächsten laufenden Ausgaben in Ver¬ legenheit zu kommen, das Geld zu des Bruders Reise bis Hamburg beschaffen. Dort wußte er einen frühern Kölner Freund, der sich in sehr guten Verhältnissen befand, und der, um manche geleistete Dienste zu ver¬ gelten, ihm öfter und noch neulich eine Geldhülfe an¬ geboten hatte. Auf des Vaters Stübchen schrieb er an ihn. Der Freund sollte dem Bruder einen Platz auf einem Passagierschiffe besorgen, seine Aufenthalts- Kosten bestreiten und ihm, aber nicht eher als unmittel¬ bar vor der Abfahrt eine gewisse Summe Geldes übermachen, alles auf Apollonius Rechnung. Valentin mußte noch den Abend auf die Post, um den Brief aufzugeben und Fritz Nettenmair einschreiben zu lassen. Der Wagen ging eine Stunde vor Sonnenaufgang ab; noch eine Stunde früher sollte Valentin auf dem Zeuge sein und sich bei dem alten Herren melden. So war das Leben in dem Hause mit den grünen Laden immer schwüler geworden. Diese Nacht mit ihrer stillen Unruhe glich der angstvollen Stille, darin die Kräfte eines Meersturms seinen Ausbruch vorbe¬ reiten. Es war ein eigenes Treiben. Wer in dieser Nacht in das Haus hätte hereinsehn können, aber nicht in die Seelen der Menschen darin, der wäre aus einer Befremdung in die andere gefallen. Sonst, wenn ein Glied einer Familie zu einer Reise sich rüstet, von der es vielleicht nie wieder heimkehren wird, drängen sich die Uebrigen um ihn. Je weniger der Augenblicke werden, die er noch mit ihnen zubringen kann, je tiefer werden sie ausgenossen. Jahre des gewöhnlichen Miteinander¬ lebens drängen sich in ihnen zusammen. Jeder Blick, Ludwig , Zwischen Himmel und Erde. 16 jedes Wort, jeder Händedruck wird als ein ewiges Andenken gegeben nud genommen. Stundenweit her kommen die Freunde des Scheidenden, ihn noch ein¬ mal zu sehn. Nach Fritz Nettenmair sahn die Leute im Hause nicht. Sie schauderten, ihm zu begegnen, als wär' er ein schreckendes Gespenst. Und wie ein solches schlich er darin umher und wich den Menschen aus, wie sie ihm. Und die Menschen, denen er aus¬ weicht, die ihm ausweichen, sind nicht fremde; sein Vater ist's, sein Bruder, sein Weib und seine Kinder. Ein Reisender, der nicht gesehen wird, der sich nicht sehen läßt, der kein Lebewohl gibt und kein Lebewohl nimmt, und der doch freiwillig reist, und dessen Reise die andern wissen und genehmigen! Apollonius mußte dem alten Herrn die Geschäfts- Bücher vorlesen, ein wunderlich zweckloses Werk! Denn weder er noch der alte Herr war im Geiste bei den Zahlen. Und der alte Herr that noch dazu, als wisse er Alles schon. Daß Apollonius die Gefahr des Hauses ihm verschwiegen, erwähnte er natürlich nicht; von den Gedanken, die sich bei ihm daran knüpften, ließ er keinen sehn. Aus seinen diplomatischen Reden, zu denen er sich bisweilen zusammenraffte, um dem Schattenspiel vor dem Sohne einen Schein der Wirklichkeit zu geben, konnte man vielleicht errathen, wenn man genauer aufmerkte, als es Apollonius mög¬ lich war, der alte Herr habe Alles gehen lassen, um zu zeigen, wohin es kommen müsse, zieh' er die Hand vom Ruder ab, und daß er gesinnt sei, von nun an selbst wieder das Schiff zu leiten. Dazwischen fragte er den Sohn einmal wie beiläufig, ob er etwas Ge¬ naueres von dem Verunglückten in Tambach wisse. Apollonius konnte ihm sagen, er kenne den Mann; es sei derselbe ungemüthliche Gesell, der vordem bei ihnen gewesen. „So?“ sagte der alte Herr gleich¬ gültig. „Und weiß man, was die Ursache war?“ Apollonius hatte gehört, das Seil, das über dem Verunglückten gerissen, sei ein fast neues, aber es müsse an der Stelle des Risses rundum mit einem scharfen spitzen Werkzeug durchschnitten gewesen sein. Der alte Herr erschrack. Er ahnte einen Zusammenhang, auf den auch Andere kommen konnten. Valentin, wußte er, hatte vorhin beredet, der Arbeiter, der den Karrn mit dem Handwerkszeuge nach Brambach gefahren, müsse auf dem Rückweg ein Anschleifeseil verloren haben. Apollonius hatte den Valentin damit beruhigt, er habe das Seil in Brambach verliehn. Der alte Herr war nun überzeugt, auch Apollonius müsse einen Zusammenhang ahnen, wenn nicht mehr, als nur ahnen; und habe durch die Antwort an Valentin ihn den Augen des alten Gesellen entziehen wollen. Er sah, daß Apollonius in seinem, des alten Herren Geiste verfuhr. Von dieser Seite war also nichts zu fürchten. Aber es konnten Umstände im Spiele sein, die trotz 16 * Apollonius' Vorsicht eine Entdeckung herbeizuführen drohten. Er ließ seine Zurückhaltung, so schwer dies ihm fiel, diesmal beiseite, und Apollonius mußte, ge¬ fragt, sagen, was er wußte. Es war Folgendes. Den ersten Tag hatte Apollonius in Brambach nur die Leiter gebraucht. Der Geselle war in dem Wirths¬ haus gewesen, als er ankam. Denselben Abend noch hatte er ihn über den Hof schleichen sehn. Am andern Morgen fehlte das Seil. Er hatte sogleich Verdacht auf den Gesellen, aber nach seiner gewissenhaften Weise zögerte er, ihn auszusprechen. Auf dem Heimwege, vor dem Thor der Stadt, erfuhr er das Unglück, das ihn getroffen. Zugleich, daß der Gesell bei keinem Meister gestanden, sondern auf eigene Hand die kleine Reparatur an dem Schieferdache in Tambach unter¬ nommen. Ein Stück des von ihm hinterlassenen Hand¬ werkszeugs, ein Zimmerbeil, war schon von dem recht¬ mäßigen Besitzer als ihm entwendet beansprucht worden. Bald darauf machte die Warnung Christianens ihn gewiß, das Seil, durch dessen Zerreißen der Gesell verunglückt, war das seine. Wie die Sache nun stand, durfte er sich natürlich nicht zu dem Eigenthumsrechte daran bekennen; er mußte seiner Ehrlichkeit sogar den Zwang anthun, durch Erdichtungen fremder Vermuthung der Wahrheit zuvorzukommen. Der alte Herr gebot dem Sohne, weiter zu lesen. Apollonius that es, aber im Geiste waren Beide wiederum bei andern Dingen. Apollonius wollte sich zwingen. Es war seiner son¬ stigen Art so geradezu entgegen, nicht mit ganzer Seele bei der Sache zu sein, die er trieb. Es gelang ihm nicht. So griff fremde Zerrüttung auch in diese gleich¬ gewichtige, wohlgeordnete Seele herüber. — Endlich kam Valentin, erhielt das Reisegeld für Fritz Netten¬ mair und die Anweisung an den Hamburger Freund und die Weisung, des Reisenden Gepäck nach dem Posthofe zu tragen, und etwaigen Auftrages harrend in seiner Nähe zu bleiben, bis er abgefahren sei. Eine Stunde später kam er zurück und hatte den Be¬ fehl vollzogen. Er erzählte, Fritz Nettenmair freue sich auf das neue Leben in Amerika. Sie sollten sich wundern über ihn, wenn sie ihn wiedersähn. Er konnte kaum die Zeit erwarten. Der alte Herr richtete sich innerlich hoch auf; er meinte grimmig, Apollonius könne vor Schlaf in den Augen nicht mehr lesen, und schickte ihn in's Bett. Das begonnene Werk fortzu¬ setzen, müsse sich ein andermal Zeit finden. Und Fritz Nettenmair? Wie war ihm zu Muth in dieser Nacht? Als er, ruhelos wie ein gequälter Geist, bald händeringend, bald fäusteballend den Gang vom Hause nach dem Schuppen und wieder von dem Schuppen nach dem Hause schlich? Bald schrack er vor einem fallenden Blatt zusammen, bald wünschte er, das Haus stürzte über ihn und begrübe ihn. So oft er den Weg durch den Gang zurücklegte, so oft bäumte sich seine Seele im wildesten Trotz empor, so oft sank sie in die hingegebenste Hülflosigkeit zurück. Er war entschlossen, zu gehn — und sie dem Geha߬ ten zu überlassen? Daß sie ihn höhnten? Sie hatten ihn ja so weit gebracht, um ihn los zu werden; dann war ihr einziger Wunsch erfüllt. Nein! er wollte bleiben! er mußte bleiben! — und dann faßten ihn wieder die Gerichte — denn der im blauen Rocke hielt sein Wort — und schlossen ihn mit Ketten fest, und — dann war's dasselbe. Sie hatten wieder ihren Zweck erreicht. — Dann bewegte Fritz Nettenmair heftig die Arme vor sich hin, als rüttelte er schon an den Gittern des Kerkerfensters und athmete so mühsam, als erstickte ihn schon der Dunst der feuchten Wände. Dann überfiel ihn in plötzlicher Abspannung das ganze Bewußtsein seines grenzenlosen Elendes, der Jammer gänzlicher Verlassenheit. Goldene Bilder stiegen auf; die verlorene Seligkeit marterte ihn mehr, als die ge¬ wonnene Verdammniß. Da hüpfte er als schuldloses Kind den Gang hin, dem entlang er jetzt die Ueber¬ last seines Elends schleppte; da waren Menschen, die ihn liebten. Wie klang der Mutter Stimme, die ihn rief, so süß! Und jetzt liebte ihn Niemand mehr. Die fremden Menschen verachteten ihn; die ihn lieben soll¬ ten, schauderten vor ihm. O nur ein einzig Herz, dem sein Scheiden weh thäte, und er ginge und würde ein anderer Mensch! Jetzt sieht er jeden freundlichen Blick, den er nicht beachtet in der Verblendung seiner Leidenschaft. Das Lächeln um die angstzuckenden Lippen des kleinen Aennchens steigt vor ihm auf; jetzt erkennt er die unermüdliche Liebe, die er zurückstieß, die immer wiederkam, so oft er sie zurückstieß, bis er ihr Gefäß zerbrach; jetzt, wo sie ihn retten könnte, wär' sie nicht todt durch seine Schuld; jetzt ergreift ihn das Mitleid mit dem Kinde mit so schmerzlicher Ge¬ walt, daß er sein eigen Elend darüber vergässe, wär's nicht ein Theil davon. Das Aennchen ist todt, aber er hat noch Kinder; sie müssen ihn lieben, sie sind ja sein. Sein Herz schreit nach einem Liebeswort. Seine Arme öffnen sich krampfhaft, etwas, was sein ist, an sein Herz zu pressen, damit er weiß, er ist nicht ver¬ loren; und verloren ist keiner, der noch einen Menschen hat auf der Welt. Mit erneuten Kräften eilt er den Gang, die Hausflur hindurch, durch Stuben- und Kammerthür. Ein Nachtlicht, vom Schirm bedeckt, gibt dem Vater Schein genug, seine Kinder zu sehn. An dem nächsten kleinen Bette sinkt er in die Kniee. Ein längst verlernter Laut flüstert durch seine Lippen, und wie ihn diese Lippen nie flüstern gekonnt. „Fritz!“ Er will die Kinder nur einmal an sein Herz drücken, ihre Liebe sehn und — gehn. Gehn und ein anderer Mensch werden, ein besserer, ein glücklicherer! Der Kleine erwacht; er meint, die Mutter hat ihn gerufen. Lächelnd öffnet er die großen Augen und — erschrickt. Vor dem Mann an seinem Bette fürchtet er sich. Es ist ein fremder Mann. Ein schlimmerer Mann, als ein fremder Mann. O nur ein zu bekannter Mann! Und doch fremder als fremd. Es ist der Mann, der das Kind so oft zornig angeblickt, der Mann, vor dem die Mutter schützend es in die Kammer schloß, weil es nicht sehen sollte, was der Mann ihr that. Und dann stand es zitternd und horchte an der Thür, dann ballten sich die kleinen Händchen im ohnmächtigen Zorn. Er hat ja das Kind ihn hassen gelehrt, nicht ihn lieben. „Fritz,“ sagte der Vater voll Angst: „Ich gehe fort; ich komme nicht wieder. Aber ich schicke dir schöne Aepfel und Bilderbücher und denke jeden Augenblick tausend¬ mal an dich.“ „„Ich will nichts von dir,““ sagte der Knabe furchtsam trotzig. „„Onkel Lonius gibt mir Aepfel; ich mag deine nicht.““ „Hast auch du mich nicht lieb?“ sagt der Vater mit brechender Stimme am zweiten Bettchen. Der kleine Georg flieht zum Bruder in dessen Bett. Dort halten sich die Kinder in Angst umschlungen. Dennoch ist er trotzig, und so¬ viel Widerwillen, als ein Kindesauge fassen kann, blickt aus dem seinen. „„Die Mutter hab' ich lieb, den Onkel Lonius hab' ich lieb,““ sagt das Kind; „„dich mag ich nicht. Laß' uns gehn, ich sag's dem Onkel Lonius!““ Fritz Nettenmair lacht im wilden Hohn und schluchzt zugleich im hülflosen Schmerz. Die Kinder sind ja nicht mehr sein. Er ist ja ihr Vater nicht mehr. Er ist's. Er! Seine Kinder sind's. Er ist ihr Vater. Er, der ihm Alles genommen hat, hat ihm auch die Kinder genommen. Das, was man dem Elendesten läßt. Wenn Er gehn müßte, Er ! die Kinder hingen sich an ihn. Eher rissen die Händchen, als daß sie ihn ließen. Und das Weib hier, dies schöne Weib mit dem Engelsantlitz, auf das selbst die Lampe liebend all ihre Strahlen sammelt und mehr Glanz von ihr gewinnt, als sie von der Lampe; dieses Weib, Sein Weib, Seins ! auch Sein , wie Alles, was einmal mein war! Sie ist in ihren Kleidern zu Bett gegan¬ gen; sie kann die Stunde nicht erwarten, wo ich gehe; und ging Er, diese Rosen würden bleich, sie flöße ster¬ bend in ihn hinüber, um nicht getrennt von ihm zu sein. Wie sie auffahren würde, sagte ihr einer in den Traum hinein, den sie von ihm träumt, denn sie lächelt, er geht! Er , ihr — Nein! ich will nicht gehn! Nein! ich kann nicht gehn! Lieber tausendmal sterben! Und er hat ja dem Tode schon in's Angesicht gesehn, vor Stunden erst, als er vor dem Vater auf der Rüstung hingestreckt lag. Es war ein Kinderspiel, das Sterben, gegen solch ein Leben. Es war — denn auch er war todt. Es wär' es noch, wär' auch Er noch todt. Und er wär' an ihr gerächt, an ihr hier mit dem teuflischen Engelslächeln; und er wär' an dem Vater gerächt, der ihn von Beaten riß, von seinem guten Engel. Und an den Knaben, die ihn zurückgestoßen, an dem todten Aennchen, das ihn verderben half und noch Tag und Nacht ihn quält. Er wäre — aber er war's ja nicht. Er mußte gehn; er wurde noch elender, als er schon war; und die er haßte, die ihn verdorben, wurden glücklich durch sein Gehn. Er machte sie alle wieder zu Teufeln, um von ihrem Glanze nicht ver¬ nichtet zu werden. Er haßte in ihnen wieder, was er an ihnen gethan; er haßte in ihnen selbst die Gewalt, die er sich anthun mußte, Teufel in ihnen zu sehn. Und brach ihr Glanz dennoch durch die Schwärze, in die er sie angstvoll sich versteckte, standen sie als Engel über ihm, nun haßte er sie noch mit dem Neide der Teufel. Er hatte die Grenze überschritten, über welche keine Rückkehr mehr ist. Wie er die Frau in ihrer Schönheit dortliegen sah, trat ihn noch einmal der Gedanke an, diese Schönheit zu vernichten. Aber die einmal geweckte Erinnerung an den Augenblick, wo er todtgefaßt vor dem Vater lag und an das, was der Vater mit ihm wollte, erwies sich mächtiger und ver¬ trieb ihn. Das Bild des Augenblickes blieb ihm und tauschte nur die Personen. Er malte es immer farbi¬ ger aus. Und nun war es eine wilde Freude, was ihn den Gang zwischen Haus und Schuppen hin und hertrieb. Seine Arme bewegten sich so heftig als vor¬ hin, aber es waren nicht Gitterstäbe, mit denen er rang. Unterdeß war der Mond aufgegangen. Das Haus mit den grünen Laden lag so friedlich in seinem Schimmer da. Kein Vorübergehender hätte ihm die Unruh' angesehn, die es hinter seinen Wänden barg; keiner den Gedanken geahnt, den drinn die Hölle fertig braute in einem verlorenen Gefäß. Apollonius hatte ein Sopha in seinem Zimmer. Er war müde vom Wachen und von dem Kampfe, den die gefährliche Nähe des geliebten Weibes und das Wissen um des Bruders Betrug und empörenden Un¬ dank in ihm entzündet. Neben diesem war erst noch ein anderer Kampf aufgeglommen. Der Vater schien nicht an die böse Absicht des Bruders zu glauben. Vor dem Gedanken, den Arm der Obrigkeit zu seinem Schutze aufzurufen, schauderte er zurück. Die Schmach für die Familie, wenn des Bruders That bekannt wurde, mußte den Vater tödten. Und vielleicht war auch des Bruders Seele noch zu retten, wenn es ge¬ lang, ihn zu überzeugen, daß er geirrt. Aber wie? Wenn er — ihn versicherte, ihm schwur, daß er in der Frau nur die Schwester sehe? Vor einem halben Jahre noch hätte er das beschwören können; heute war es Meineid: heute durfte er es nicht mehr. Er konnte, wenn der Bruder den entsetzlichen Plan auf sein Leben nicht aufgab, die Ausführung desselben erschweren, aber nicht unmöglich machen. In dem Zustande, in wel¬ chem Apollonius sich jetzt befand, konnte ihm der Tod eher erwünscht sein, als schrecklich; dann hatte aller Kampf, alle Gewissenspein, alle Sorge ein Ende; aber was sollte aus dem Vater, was aus ihr und den Kindern werden? Und hatte er sich nicht das Wort gegeben, sie vor Schande und Noth zu bewah¬ ren? Diesen neuen Kampf beendete die Mittheilung des Vaters, Fritz wolle nach Amerika. Aber sie machte den alten Kampf nur schwerer, indem sie dem Feinde neue Kräfte gab. Er wußte freilich, daß er entschlossen war, die Wünsche, die er verdammen mußte, nicht zur That werden zu lassen. Aber die Wünsche selbst! Wenn kein äußeres Hinderniß mehr ihrer Er¬ füllung im Wege stand, mußte ihre Gewalt da nicht wachsen? Die Gewissensvorwürfe mit ihnen? Und die Entfernung von dem Orte, wo sie in der täglichen Nähe einen unerschöpflichen Erneuerungsquell hatten, machte wiederum die Erfüllung des Wortes, das er sich gegeben, der Pflicht, die ihm ohne das gegebene Wort oblag, unmöglich. Er war heftig aufgeregt und bedurfte Ruhe. Diesen Vormittag noch mußte er die Umkränzung des Thurmdaches mit der Blechzier vol¬ lenden, und Fahrzeug, Flaschenzug, Ring und Leiter wieder herabnehmen. Sein Tritt mußte fest, sein Auge klar sein. Für die einzige Stunde, bis der Arbeitstag begann, wollte er sich nicht erst ausziehn und zu Bett legen. Er hatte sich bis jetzt des Sophas noch nicht bedient, darauf zu liegen. Er vermied Alles, was zur Verweichlichung führen konnte; ein gleich starker Beweggrund war sein Bedürfniß gewesen, Dinge um sich zu haben, die er liebend hüten, an denen er bürsten und poliren konnte. Auch in dem Zustand von Verstörung und Ermüdung, worin er vom Vater kam, vergaß er diese Schonung nicht. Er fuhr unwillkühr¬ lich mit leise liebkosender Hand über den Bezug des Sophas und setzte sich dann auf den hölzernen Stuhl, worauf er beim Schreiben saß. Hier kam ihm der Schlaf früher, als er es erwartet. Aber es war kein Schlaf, wie er ihn bedurfte; es war ein ununterbro¬ chener aufregender Traum. Christiane lag in seinen Armen wie gestern, er kämpfte wieder, aber diesmal siegte er nicht; er preßte sie an sich. Da stand der Bruder neben ihnen, und sie standen nicht mehr auf dem Gange zwischen Schuppen und Haus, sondern oben am Thurmdach auf der fliegenden Rüstung. Der Bruder wollte ihm die Besinnungslose aus den Armen reißen, um sie zu mißhandeln; er warf im schmerzlichen Zorne dem Bruder Alles vor, was er an ihm und ihr gethan und im Kampfe um das Weib stieß er ihn von der Rüstung. Er erwachte. Er wollte munter bleiben, um den Traum nicht noch einmal durchträumen zu müssen. Als er die Augen öffnete, war es Tag, und Zeit, an die Arbeit zu gehen. Er war aufgeregter erwacht, als er vom Vater gekommen. Er stand auf. Er hoffte, vor der frischen Morgenluft, vor der ernüchternden Wirkung des Wassers, das er sich nach seiner Gewohnheit über Kopf und Arme goß, würden die Bilder des Traumes, welche die Lebhaf¬ tigkeit der alten Wünsche, und damit der Gewissens¬ vorwürfe über sie, noch immer steigerten, von ihm in sein Stübchen zurückfliehn. Aber es geschah nicht; sie gingen mit ihm und ließen ihn nicht los. Selbst über der Arbeit nicht. Immer wehte der Hauch des war¬ men Mundes an seiner Wange; immer fühlte er sich in ihrem schwellenden Umfangen, immer quollen ihm die leidenschaftlichen Vorwürfe gegen den Bruder, der bei ihm stand, aus dem Herzen herauf. Er kannte sich nicht mehr. Zu den Vorwürfen, die er sich des¬ halb machen mußte, kam noch die Unzufriedenheit, daß er sich nicht mit seiner ganzen Aufmerksamkeit bei der Arbeit wußte. Sonst hatte er wie seine eigene heitere Tüch¬ tigkeit in seine Arbeit mit hineingearbeitet, und diese mußte gut und dauerhaft ausfallen. Heute kam's ihm vor, als hämmerte er seine unrechten Gedanken hinein, als hämmerte er einen bösen Zauber zurecht, und die Arbeit könne nicht taugen, nicht haltbar wer¬ den. Der Schieferdecker muß besonnen arbeiten. Der Mann, der heut eine Reparatur unternimmt, muß sich auf die Berufstreue dessen, der Jahrzehnte, vielleicht ein Jahrhundert vor ihm hierstand, verlassen. Die Ungewissenhaftigkeit, die heute einen Dachhacken lieder¬ lich befestigt, kann den Braven, der nach fünfzig Jah¬ ren seine Leiter an den Hacken hängt und sie besteigt, in den Tod stürzen. Es war nicht einzusehn, daß eine Nachlässigkeit, ein Versehn in der Arbeit, wie er sie heute vollendete, eine so schwere Folge nach sich ziehen sollte, aber seine natürliche ängstliche Genauig¬ keit war noch von seinen übrigen Kräften in ihre krankhafte Spannung mit hineingezogen. Die Ah¬ nung, er hämmere in seiner Zerstreuung ein künftiges Unheil fertig, drohte als dunkle Wolke hinter dem Kampfe seines Gewissens mit den Bildern seines sünd¬ haften Traums. Er war fertig. Blendend glänzte die neue Blech¬ zier in der Sonne um die dunkle Fläche des Schie¬ ferdachs. Auch der Ring, der Flaschenzug, das Fahr¬ zeug und die Leiter waren entfernt. Die Arbeiter, die die Leiter während des Losknüpfens und Herabsteigens gehalten, waren wieder gegangen. Apollonius hatte die fliegende Rüstung und die Stangen, worauf sie geruht, vom Dachgebälke abgelöst und stand allein auf dem schmalen Brette, das den Weg vom Balken¬ kreuze nach der Ausfahrthür hin bildete. Er stand sinnend. Es war ihm, als hätte er irgendwo Nägel einzuschlagen vergessen. Er sah in die Schiefer- und Nagelkasten seines Fahrzeugs, das neben ihm über einem Balken hing. Ein heimlicher, hastiger Schritt kam unter ihm die Thurmtreppe heran. Er achtete nicht darauf; denn eben sah er im Schieferkasten eine Bleiplatte zurückgeblieben liegen. Er hatte nur soviel Bleibleche mit sich heraufgenommen, als er brauchte; eine war also von ihm vergessen worden; in der Zer¬ streuung hatte er eine Befestigungsstelle übergangen. Aus der Ausfahrthür sah er an der Thurmdachfläche hinab und hinauf. War der Fehler auf dieser Thurm¬ seite geschehn, so ließ er sich vielleicht ohne Fahrzeug bessern. Er brauchte vielleicht nur die Leiter, um zu der Stelle zu kommen. Und so war es auch. Etwa sechs Fuß hoch über ihm, nahe dem Dachhaken, hatte er die Schieferplatte herausgenommen, aber vergessen, sie durch die Bleiplatte zu ersetzen und die Blechguir¬ lande mit Nägeln darauf zu befestigen. Unterdeß wa¬ ren die heimlichen Schritte immer näher gekommen; jetzt hatte der eilende Fuß, dem sie gehörten, das Ende der Steintreppen erreicht und stieg die Leitertreppe nach dem Dachgebälke herauf. Die Uhr unter ihm hob aus. Es war auf zwei. Apollonius hatte noch nicht Mittag gemacht; aber, war er in seiner Arbeit einem Fehler auf die Spur gekommen, dann ließ es ihm nicht Ruh, bis er ihn entfernt. Er war zurückgegan¬ gen, um die Leiter herbeizuholen. Diese lag neben dem Fahrzeug auf dem Balken. Da, indem er sich danach herabbeugt, fühlt er sich ergriffen und mit wilder Gewalt nach der Ausfahrthür zugeschoben. Unwillkürlich faßte er mit der Rechten die untere Kante eines Balkens seitwärts über ihm; mit der Linken sucht er vergebens nach einem Halt. Durch diese Be¬ wegung wendet er sich dem Angreifer zu. Entsetzt sieht er in ein verzerrtes Gesicht. Es ist das wild¬ bleiche Gesicht seines Bruders. Er hat keine Zeit, sich zu fragen, wie das jetzt hierher kommt. „Was willst du?“ ruft er. Was er auch erfahren, er kann sich selbst nicht glauben. Ein wahnwitziges Lachen ant¬ wortet ihm: „Du sollst sie allein haben, oder mit hin¬ unter!“ „„Fort!““ ruft der Bedrohte. Im zornigen Schmerze sind all die Vorwürfe gegen den Bruder in sein Gesicht heraufgestiegen. Mit seiner ganzen Kraft stößt er mit der freien Hand den Drängenden zurück. „Zeigst du endlich dein wahres Gesicht?“ höhnt dieser noch wüthender. „Von jeder Stelle hast du mich ver¬ drängt, wo ich stand; nun ist die Reih an mir. Auf deinem Gewissen sollst du mich haben, du Federchen¬ sucher! Wirf mich hinunter, oder du sollst mit!“ Apollonius sieht keine Rettung. Die Hand erlahmt, mit der er sich nur mühsam anhält an der scharfen Kante des starken Balkens. Er muß den Bruder an Ludwig , Zwischen Himmel und Erde. 17 den Armen fassen mit seiner ganzen Kraft, ihn herum¬ drehen und hinunterstürzen, oder der Bruder reißt ihn mit hinunter. Doch ruft er: „Ich nicht!“ „„Gut!““ stöhnt Jener. „„Auch das willst du auf mich wälzen! Auch dazu willst du mich bringen! Nun ist's mit dei¬ ner Scheinheiligkeit am End'.““ Apollonius würde einen andern Halt suchen, wüßt' er nicht, der Bruder benutzt den Augenblick, wo er den alten läßt. Und schon stürzt der mit wildem Anlauf heran. Apollonius' Hand rutscht von der Balkenkante ab. Er ist verloren, findet er keinen neuen Halt. Er kann vielleicht im Sprunge den Balken mit beiden Händen umfassen, aber dann stürzt den Bruder, den kein Widerstand mehr aufhält, die Gewalt des eigenen Anlaufes durch die Thür. Da sieht er im Geiste den alten, braven, stolzen Vater, sie und die Kinder; ihm kommt das Wort, das er sich gab; er ist der einzige Halt der Seinen; er muß leben. Ein Schwung, und er hat den Balken im Arme; in demselben Augenblicke stürzt der Bruder vorbei. Die Gewichte tief unter ihnen rasseln, und es schlägt zwei Uhr. Die Dohlen, die der Kampf aus ihrer Ruhe ge¬ stört, schießen wild hernieder bis zur Aussteigethür, und schweben in krächzender Wolke dort. Tief unter ihnen hört man den Fall eines schweren Körpers auf dem Straßenpflaster. Ein Aufschrei schallt zugleich von allen Seiten. Ein Zusammeneilen, ein Hände¬ ineinanderschlagen geschieht. Bleiche lebende Gesichter sehn auf ein bleicheres todtes herab, das blutig auf dem Straßenpflaster liegt. Dann verbreitet sich die bleiche Hast, das Aufschrein, das Zusammeneilen, das Händeineinanderschlagen vom Kirchhof wie ein Wirbel¬ wind durch die Straßen bis in die entferntesten Win¬ kel der Stadt. Aber oben hoch die Wolken am Him¬ mel achten es nicht und gehn unberührt darüber hin weiter ihren großen Gang. Sie sehen des selbstge¬ schaffenen Elends so viel unter sich, daß das einzelne sie nicht bewegen kann. Es hat Alles auf der Welt seinen Nutzen. Wenn nicht für den, der es treibt oder an sich hat, so doch für Andere. So wurde nun, was Schande über das Nettenmair'sche Haus gebracht, zum Verhüter größerer Schande. Die Trunksucht Fritz Nettenmair's war in der ganzen Stadt bekannt; Alle hatten ihn schon be¬ rauscht gesehn; kein Wunder, daß Jeder, der den Tod Fritz Nettenmair's erfuhr, ihn jenem Laster auf die Rech¬ nung stellte. Diese Mühe hatten eigentlich nur die ersten; die andern erfuhren schon die fertige Geschichte. Es war gut, daß Niemand außer dem Nettenmair'schen Hause davon wußte, daß er nach Amerika gewollt, und daß er selbst, um bei seiner Rückkehr weniger auf¬ 17 * zufallen, sich in seinen Arbeitskleidern, nur den Mantel übergeworfen, in den Postwagen gesetzt hatte. Der Mantel war unterwegs liegen geblieben, und die ein Recht auf seine Auslieferung hatten, meldeten sich natürlich nicht dazu. In den bloßen Arbeitskleidern war er zurückgekehrt. Wer von seiner Abreise wußte, setzte voraus, er sei zuerst in seinem Hause gewesen und habe sich da umgekleidet; wer auf dem Rückweg ihm begegnet war, hatte gemeint, er komme vom Schieferbruch oder irgend sonst von einer Arbeit oder Arbeitsrücksprache. Es fiel Niemand ein, rückwärts auf dergleichen kaum beachtete Umstände Gewicht zu legen, da es nicht galt, die Geschichte erst zusammen¬ zusetzen, da man sie schon fertig erhielt. Dazu hatte er vor der That an seinem gewöhnlichen Zerstreuungs¬ orte stark getrunken und mit seiner Wagehalsigkeit ge¬ prahlt. Darin hatte er von je, seiner Natur nach, die höchste Eigenschaft eines vollkommenen Schieferdeckers gesehn und in der Zeit seiner Thätigkeit genug Beweise gegeben, die der Oeffentlichkeit nicht unbekannt geblieben waren, daß er jene Eigenschaft besaß. Dann hatte er geäußert, jetzt wolle er sein Meisterstück machen, und war stark berauscht von der Schenke nach Sankt Georg gegangen. Alles Umstände, die herumkamen und die einmal gefaßte Meinung nur bestätigten. Ein glück¬ licher Zufall hatte alle Arbeiter von Sankt Georg entfernt; von dem Kampfe vor dem Sturz wußten außer Apollonius nur die Dohlen, die dort wohnten. Der Bauherr hatte sogleich, nachdem er die Geschichte erfahren, seinen Liebling aufgesucht und brachte diese auf den Thurmboden, wo er den Erschöpften sitzend fand, schon völlig fertig mit. So fiel es Niemand ein, diesen zu fragen. Man erzählte ihm, anstatt ihn erzählen zu lassen. Es hatte ihn bei seinem Schmerz in der Seele des Vaters gefreut, daß Niemand den wahren Sachverhalt ahnte; die Schande des Bruders und damit des ganzen Hauses konnte Niemand helfen und den Vater tödten. Er schwieg daher über das, worum man ihn nicht fragte. Der alte Herr errieth, der verlorene Sohn hatte den Tod absichtlich gesucht. Er fand, es war so gut. Alles, was er vernahm, bewies ihm, der Unglückliche wollte die Ehre seines Hauses schonen. Dennoch ängstete ihn die Möglichkeit, es möchten noch Umstände bekannt wer¬ den, die den allgemeinen Irrthum berichtigen könnten. Natürlich aber ließ er sich weder seine Meinung, noch seine Furcht absehn. Er zeigte sie selbst Apollonius nicht, der, im Glauben, der alte Herr theile die Ueber¬ zeugung der ganzen Stadt, ihm nun auch verschwieg, wovon er fürchten mußte, es würde den Vater un¬ nöthig erschrecken und beängstigen. So blieb die erste Meinung unwiderlegt, die Gerichte fanden keinen An¬ laß, untersuchend einzuschreiten, und die Gefahr, die der Ehre der Familie gedroht, ging glücklich vorüber. Eines Abends sah man denn die schwarze Bahre vor dem Hause mit den grünen Fensterladen stehn, das darüber wegsah, um sein rosiges Aussehn zu recht¬ fertigen. Etwas entfernter standen Frauen und Kinder in Gruppen zusammen, bald leise flüsternd, bald voll Aufmerksamkeit, die zeitweilig bis zur Ungeduld stieg. Dasselbe Treiben, dieselben Empfindungen, mit der die gebildetere Schicht der Bevölkerung des Augenblickes harrt, wo der Vorhang vor den rührenden Gebilden des Dichters aufrauschen soll. Dasselbe Bedürfniß hat die blauen Schürzen hierhergezogen, das dort die schön¬ sten Gewänder der Stadt versammelt. Zuweilen kommt ein schwarzer Mantel unter dreieckigem Hute in düsterer Gravität die Straße daher und tritt hinter der Bahre hinweg in's Haus. Und endlich geht die Thüre doppelt auf. Der Sarg steht auf der Bahre, das Leichentuch bedeckt beides; leise und in gleichmäßiger Bewegung hebt sich die schwarze wallende Masse; nun ist sie an ihrer Stelle, denn die Träger rücken den Hut zurecht. Und nun bewegt sich's schwankend, flatternd. Obenauf blitzt der Deckhammer, den Valentin polirt hat, und sagt, was man jetzt der Erde zu übergeben geht, hat ehrlich zwischen Erde und Himmel handthiert. Die alten Weiber schwemmen mit süßen Thränen hinweg, was von Schmutz auf seinem Andenken liegt. Inner¬ lich geben sie sich das Wort, Niemand, den sie daran hindern können, soll ein Schieferdecker werden. Es ist ein gefährlich Handwerk, das Schieferdeckerhandwerk zwischen Himmel und Erde; das predigt der Mann, der unter dem schwarzen Flattern zwischen den Bretern liegt, so stumm er ist, mit erschütternder Beredsamkeit. Dann mustern sie den alten Herrn, den zwei Leid¬ tragende führen. Er sieht aus wie der Geist des ehr¬ lichen Begräbnisses selbst. Doch über dem schlanken, hohen Apollonius neben dem würdigen Bauherrn, ver¬ gessen sie die ganze Milde, die sie vorhin geübt; sie graben den Todten wiederum aus den nassen Todtenblumen heraus, womit sie seine menschliche Blöße bedeckt. Seinetwegen wär' der Hammer über ihm voll dunkeln Rosts der Schande. Apollonius ist's, dem er dankt, daß das Werkzeug so ehrenblank über seinem letzten Bette liegt. Und ob er's um ihn verdient hat? Das will keine sagen. Könnte sie der Todte hören vor den Bretern und dem schwarzen Geflatter darum, er hätte dem Bruder noch mehr zu verzeihn. Oder auch nicht zu verzeihn; er hatte ihm nichts verziehen, nicht was er an Apollonius, nicht was dieser an ihm gethan. Und könnt' er vollends dem Bruder in das Herz sehn, aus dem sein Tod allen Groll verwischt, das sich Vorwürfe macht, weil es einen Bösewicht sah, wo es den unglücklichen Wahnsinnigen hätte bedauern müssen, er steifte sich noch tiefer in den Neid der Teu¬ fel. Dann kommt die junge Frau an die Reihe, und völlig in der Weise ihres Geschlechtes schlagen die Klageweiber in Ehestifterinnen um. Und wahrlich! sie haben nicht unrecht; ein schöneres Paar, eines das besser zusammenpaßte, das seiner so werth wäre, wie dieses, fänden auch tiefere Beobachter im Bereich der ganzen Stadt nicht aus. Der Zug ging am rothen Adler vorbei. Es war schon wieder ein Ball da oben, bei dem Fritz Nettenmair fehlte; gewiß ein lederner Ball! Da ist er ja! da ist er ja! klang dem Zuge entgegen und begleitete ihn unermüdlich die ganze Straße entlang. Aber famos konnte es nicht werden trotzdem. Es war derselbe Weg, den Fritz Nettenmair zurückging, nachdem er den Gesellen begleitet hatte. Damals sah er im Geiste den Bruder unter dem Deckhammer und dem wallenden schwarzen Behänge und er ging leid¬ tragend hinter ihm drein. Nun war's umgekehrt Wirklichkeit geworden, aber Apollonius fühlte wirklich, was der Bruder nur zur Schau trug. Und fort ging's immer die Straßen hin, die Fritz Nettenmair damals hergekommen war. Und draußen vor dem Thore zer¬ flossen wiederum die Weiden in Nebel oder Nebel ge¬ rann zu Weiden. Hüben und drüben trugen Nebel¬ männer Nebelleichen neben der wirklichen her. An dem Kreuzweg, wo Fritz Nettenmair damals den Gesellen im Nebel verschwinden sah, verschwand er heute selbst darin. Ob es ihn freuen würde, sagte ihm einer, er wird den Freund wiedersehn? Er wird ihn wieder be¬ gleiten — wohin? Eben tragen sie in Tambach ihn hinaus. Sie haben viel zu sprechen mit einander. Fritz Nettenmair kann dem Gesellen sagen, wie sorgsam er den Gedankenkeim, den jener ihm gegeben, bis zum Zerschneiden des Seiles ausgebrütet hat, und der Ge¬ sell dem ehemaligen Herrn, daß er unter dem Seil¬ schnitt verunglückte, den dieser gemacht. Der Geistliche, der Fritz Nettenmair die Grabrede hält — denn Fritz Nettenmair wird mit allen Ehren begraben, die seinem Stande ziemen und für Geld zu haben sind — weiß nicht, welch fruchtbares Thema ihm entgeht. Das letzte Wort der Grabrede war verklungen, die letzte Scholle auf Fritz Nettenmair's Sarg gefallen, die Leidtragenden waren heimgekehrt; es war Nacht geworden und wieder Tag, und wieder Nacht geworden und wieder und wieder Tag und Nacht; andere Dinge hatten Fritz Nettenmair's Unglücksfall aus dem Munde der Stadt verdrängt und noch andere diese. Auf sein Grab war ein Stein gesetzt und darauf sein ehrlicher Tod nochmals vom Bildhauer bescheinigt und der verge߬ lichen Nachwelt mit Meißelstreichen eingeschärft worden. Man sollte meinen, die düstere Wolke über dem Haus mit den grünen Fensterladen müßte sich in dem Wetter¬ schlag entladen haben, der den ältern Sohn vom Thurmdache von Sankt Georg auf das Straßenpflaster niedergeschmettert, und das Leben darin nun so heiter sich gestalten, als sein äußerer Anblick verspricht. Ja, man konnte es meinen, wenn man die junge Wittib oder ihre Kinder sah! Die drei schnellkräftigen Wesen hoben die niedergedrückten Köpfchen wieder, sobald die Last entfernt, war, die sie niedergedrückt. Die junge Wittib sah nicht aus, als wäre sie schon Frau, noch weniger, als wäre sie schon eine unglückliche Frau ge¬ wesen; sie erschien von Tag zu Tag mehr ein bräut¬ lich Mädchen oder eine mädchenhafte Braut. Und sollte sie nicht? Wußte sie nicht, daß er sie liebte? liebte sie ihn nicht? Mußte sie nicht das Necken Dritter darauf bringen, fiel es ihr auch selbst nicht ein, daß ihre Liebe nun eine erlaubte war? Wie oft mußte sie sich fragen lassen, ob sie schon an ihrer Ausstattung nähe? die Kinder fragen hören, ob ihnen ein neuer Papa auch recht sei? Konnte sie anders darauf antworten, als mit stummem Erröthen und indem sie rasch von etwas Anderem zu sprechen begann? Und so machen es bräutliche Mädchen und mädchenhafte Bräute; daß weiß Jeder. Und die Heirath war so natürlich, ja nach den hergebrachten Begriffen so noth¬ wendig, daß die Ernsteren und die über das Necken hinaus waren, dieß unausgesprochen voraussetzten und es eben deßhalb nicht aussprachen, weil es sich ihnen von selbst verstand. Auch der alte Herr ließ es in seiner diplomatischen Art zu reden an dergleichen Andeutungen nicht fehlen. Christiane sah den Mann, von dem die Leute meinten, er könne, ja er müsse sie heirathen, noch immer hoch über sich; es war ihr in dieser Beziehung, wie in allen, Bedürfniß, Pflicht und Wollust, sich in seinen Willen zu ergeben, den sie den reinsten und den heiligsten wußte. Wenn sie trotz dieser Ergebung Wünsche und Hoffnungen nährte, wer wird es nicht natürlich finden? wer möchte es ihr verdenken? Der alte Herr war überzeugt, hätte er das Regi¬ ment behalten, es wäre Alles anders gekommen. Hatte er doch, was Apollonius verdorben, noch zu dem besten Ende geführt, das möglich war. Die Noth hatte ihm das Heft noch einmal in die Hand gedrückt und er wollte es nicht wieder fahren lassen. Die durch den glücklichen Erfolg erhöhte Meinung von sich hatte ihn vergessen lassen, daß er schon zweimal zu der Einsicht ge¬ zwungen worden war, eine Leitung im blauen Rocke sei nur dann möglich, wenn man nicht mit fremden Augen sehen müsse. Er sollte es zum drittenmal er¬ fahren. Es war kein Wunder, daß er Apollonius' seitherigem Handeln falsche Beweggründe unterlegte. Schon als er sich der Tüchtigkeit des Sohnes gefreut hatte, war ihm zugleich die Furcht gekommen, die Va¬ lentin's Geständniß der Verschweigung ihm zur Wahr¬ heit machte. Er sah hinter der vorgegebenen Schonung des Sohnes um so natürlicher Eigenmächtigkeit und die Lust, ein verdecktes Spiel zu spielen, als er ihn dabei nur an dem eigenen Maßstabe maß. Es war das Nächstliegende, daß er in dem Sohne die eigenen Neigungen voraussetzte. Schon damals hatte er mit einer Art Eifersucht empfunden, daß er selbst der tüchtigen Jugend des Sohnes gegenüber in seiner Blind¬ heit nichts mehr war und nichts mehr konnte. Der Arg¬ wohn, den seine Hülflosigkeit ihn gelehrt, mußte ihm sagen, daß Apollonius trotz seines mühsamen Verbergens dahin¬ ter gekommen war, und so sah er auch die Verachtung mit unter den Beweggründen von des Sohnes Handeln. Seit, in der Nacht vor seines älteren Sohnes ge¬ waltsamem Tode , Herr Nettenmair wiederum als Leiter an die Spitze des Geschäftes getreten war, berichtete ihm Apollonius täglich über den Fortgang der laufen¬ den Arbeiten und holte seine Befehle ab. Ist eine Arbeit einmal in ihr Geleis gebracht, dann führt sie sich selbst und es bedarf von Seite des Leitenden nur Beaufsichtigung und gelegentliches Antreiben. Soll aber eine neue unternommen werden, dann gilt es die Geleise erst zu suchen, in denen sie laufen kann, und aus diesen wieder das kürzeste, das am sichersten und gewinnvollsten zum Ziele führende auszuwählen. Der Arbeitgeber erschwert oft die Aufgabe, indem er selbst mit hineinsprechen will, oder besondere Nebenwünsche hat, die der Meister zugleich miterfüllen soll. Ort, Zeit und Material machen ihre Selbständigkeit und Eigenartigkeit geltend. Nicht jede Arbeit kann man jedem Arbeiter anvertraun; über der neuen darf der Meister nicht die bereits laufenden vergessen. Wahl, richtige Anstellung und Vertheilung der Kräfte haben ihre Schwierigkeit. Entfernung, Wetter sprechen dann auch ihr Wort dazu. All das will überwunden sein, und so überwunden, daß neben dem Wunsche und dem Vortheil des Baugebers auch Handwerksehre und Vortheil des Meisters nicht in's Gedränge geräth. Dazu braucht's offene, klare Augen von raschem Ueberblick, der sich Nichts entgehen läßt. Daß Apol¬ lonius diese besaß, erkannte der alte Herr schon in dessen erster Meldung. Diese betraf eine besonders schwierige Aufgabe. Apollonius stellte sie ihm mit solcher Klarheit dar, daß der alte Herr die Dinge mit leiblichen Augen zu sehen glaubte. Es war ein Fall, in welchem den alten Herrn seine Erfahrung im Stiche ließ. Apollonius machte er keine Schwierigkeit. Er zeigte drei, vier verschiedene Wege, ihm gerecht zu werden, und setzte den alten Herrn in eine Verwirrung, welche dieser kaum zu verbergen wußte. Ueber die knöcherne Stirn unter dem deckenden Augenschirm zog eine wunderliche wilde Jagd der widersprechendsten Empfindungen, Freude und Stolz auf den Sohn, dann Schmerz, wie er selbst nun doch nichts mehr war, doch nichts mehr konnte. Dann Scham und Zorn, daß der Sohn das wußte, und über ihn triumphire; Lust, ihn zu bändigen, und ihm zu zeigen, daß er noch Herr und Meister sei. Aber wenn er sich durchsetzen wollte: würde der Sohn gehorchen? Er konnte nichts Besseres ersinnen, als der Sohn ihm vorgelegt hatte; befahl er etwas Anderes, so bestärkte er den Sohn in seiner Nichtachtung; und der gab sich das Ansehn, des Vaters Befehl zu vollziehn, und that doch, was er selber wollte. Und er konnte das nicht hindern, ihn nicht zwingen. Er mußte ja glauben, was der Sohn und was die Leute ihm sagten. Hatte er nicht anderthalb Jahre lang glauben müssen, was der Sohn ihm sagte, und die Leute hatten dem Sohne geholfen? Und stellte er einen Fremden dem Sohne zum Beobachter; war er der Treue des Fremden gewiß? Und wenn er das sein konnte; stellte er nicht selbst dann erst seine Hülf¬ losigkeit in's Licht, daß die ganze Stadt erfuhr, er war ein blinder Mann, der nichts mehr war und nichts mehr konnte, und mit dem man spielte, wie man wollte? Es blieb ihm kein Mittel, auch nur den Schein des Regiments beizubehalten, als seine diplomatische Kunst. Mit grimmvoller Stimme gab er nun Befehle, die eigentlich unnöthig waren, weil sie Dinge betrafen, die sich von selbst verstanden und ohne Befehl gethan worden wären. Bei neuen Arbeiten, die erst in Gang gebracht werden mußten, mißbilligte er mit Zorn die Vorschläge Apollonius; und der Befehl, den er endlich gab, lief doch in der Hauptsache auf die Annahme des Vorschlags hinaus, der Apollonius als der zweck¬ mäßigste erschienen war. Hintennach stellte er sich bei sich selber nach Möglichkeit wieder her; er fand etwas aus, das er für klüger hielt, als den Vorschlag Apol¬ lonius'; war er überzeugt, daß, wenn er nur sein Ge¬ sicht noch hätte, Alles doch noch ganz anders gehen würde, dann konnte er sich der Freude und dem Stolz über die Tüchtigkeit des Sohnes ungehindert hingeben, bis er wiederum in die zornige Nothwendigkeit versetzt wurde, seine diplomatische Kunst anzuwenden. Apol¬ lonius ahnte so wenig von dem Zwang, den er, ohne zu wollen, dem alten Herrn auflegte, als von dessen Stolz auf ihn. Ihn freute es, daß er dem Vater von den Geschäften nichts mehr verheimlichen mußte und daß sein Gehorsam der Erfüllung seines Wortes nicht im Wege stand. Auch von dieser Seite her wurde der Himmel über dem Hause mit den grünen Laden immer blauer. Aber der Geist des Hauses schlich noch immer händeringend darin umher. So oft es Zwei schlug in der Nacht, stand er auf der Emporlaube an der Thür von Apollonius' Stübchen und hob die bleichen Arme wie flehend gegen den Himmel empor. Apollonius hielt sich, war er daheim, noch immer zurückgezogen auf seinem Stübchen. Der alte Valentin brachte ihm das Essen wie sonst dahin. Es konnte das nicht Wunder nehmen. Das Geschäft hatte sich unter seiner fleißigen Hand vergrößert. Es wollte gegen früher mehr als doppelt soviel geschrieben sein. Der Postbote brachte ganze Stöße von Briefen in das Haus. Dazu hatte Apollonius in der letzten Zeit das vortheilhafte Anerbieten des Besitzers angenommen und die Schiefergrube gepachtet. Er verstand von Köln her den Betrieb des Schieferbaus und hatte sich einen frühern Bekannten von daher verschrieben, den er des Faches kundig und im Leben zuverlässig wußte. Seine Wahl erwies sich gerathen; der Mann war thätig; aber Apollonius erhielt trotzdem durch die Pach¬ tung einen bedeutenden Zuwachs von Arbeit. Der alte Bauherr sah ihn zuweilen bedenklich an und meinte, Apollonius habe doch seinen Kräften zuviel vertraut. Der jungen Wittib fiel es nicht auf, daß Apollonius nur wenig in die Wohnstube kam. Die Kinder, die er öfter zu sich rufen und kleine Dienste verrichten ließ, wobei sie lernen konnten, unterhielten den Verkehr. Und sie konnten bezeugen, daß Apollonius keine Zeit übrig hatte. Sie selber war desto öfter auf seiner Stube; doch nur, wenn er nicht daheim war. Sie schmückte Thüren und Wände mit Allem, was sie hatte, und wovon sie wußte, daß er es liebte, und hielt sich ganze Stunden lang arbeitend da auf. Aber auch sie be¬ merkte die Blässe seines Angesichts, die jedesmal gewach¬ sen schien, seit sie ihn nicht gesehn. Wie sie nun ganz sein Spiegel geworden war, spiegelte sie auch diese Blässe zurück. Sie hätte ihn gern erheitert, aber sie suchte seine Nähe nicht. Ihr schien, als ob ihre Nähe das Entgegengesetzte von dem auf ihn wirke, was sie zu wirken wünschte. Er war immer freundlich und voll ritterlicher Achtung gegen sie. Das beruhigte sie wenigstens über die Furcht, die ihr bei seinem Sich¬ zurückziehn vor ihr am nächsten lag. Wie sie alle Tugenden, die sie kannte, in ihn hineingestellt wie in einen Heiligenschrein, hatte sie, die ihr die erste von allen war, die Wahrhaftigkeit nicht vergessen. Und so wußte sie, er zwang sich nicht, ihr Achtung zu zeigen, wenn er sie nicht empfand. Er scherzte selbst zuweilen, besonders, sah er ihren Blick ängstlich auf seinem immer bleichern Gesichte haften; aber sie merkte, daß trotzdem ihre Gesellschaft ihn nicht heiterer, nicht ge¬ sunder machte. Sie hätte ihn gern gefragt, was ihm fehle. Wenn er vor ihr stand, wagte sie es nicht. Wenn sie allein war, dann fragte sie ihn. Ganze Nächte sann sie auf Worte, ihm das Geständniß abzu¬ locken, und sprach mit ihm. Gewiß! hätte er sie weinen gehört, gehört, wie immer süßer und inniger sie schmeichelte und bat, die süßen Namen gehört, die sie gab, er hätte sagen müssen, was ihm fehlte. Ihr ganzes Leben war dann auf dem Wege zwischen Herz und Mund; trat es ihr einmal in's Ohr, hörte sie, was sie sprach, dann erröthete sie und flüchtete ihr Erröthen vor sich selbst und der lauschenden Nacht tief unter ihre Decke. Dem alten braven Bauherrn vertraute sie ihre Sorge an. „Ist's ein Wunder,“ sagte der eifrig; Ludwig , Zwischen Himmel und Erde. 18 „wenn einer anderthalb Jahre lang den Tag sich über Gebühr anstrengt und die Nacht bei Büchern und Briefen aufsitzt? Dazu die immer steigende Sorge durch den — Gott verzeih's ihm, er ist todt, und von den Todten soll man nichts Böses reden — durch den Bruder; am Ende noch der Schreck, der mich drei Tage krank gemacht hat, über den — und wenn seine Wittwe dabei ist — ich hab' ihn nie besonders leiden können, und zuletzt am wenigsten. So ist die Jugend. Ich hab' ihn hundertmal gewarnt, den braven Jungen. Und nun noch den vermaledeiten Schieferbruch! Ei was Gewissenhaftigkeit! Das ist keine, die nicht an die Gesundheit denkt!“ Der alte Bauherr hielt der jungen Wittib eine ganze lange Strafpredigt, die einem galt, der sie nicht hörte. Dann kamen sie überein, Apollonius müsse einen Doktor annehmen, woll' er oder nicht; und der Bauherr ging auf der Stelle zu dem besten Arzte der Stadt. Der Arzt versprach, sein Mög¬ lichstes zu thun. Er besuchte auch Apollonius, und dieser ließ sich des Arztes Bemühungen gefallen, weil die es wünschten, die er liebte. Der Arzt fühlte den Puls, kam wieder und wieder, verschrieb und verschrieb; Apollonius wurde nur noch bleicher und trüber. End¬ lich erklärte der tüchtige Mann, hier sei ein Uebel, gegen welches alle Kunst zu kurz falle. So tief hinein, als wo diese Krankheit sitze, wirke keins von seinen Mitteln. Apollonius hatte deßhalb den Arzt sich verbeten. Er hatte das wohl gewußt: für seine Krankheit gab es keinen Arzt. Wo der Bauherr die Ursach davon suchte, lag sie nur zum Theile. Die Ueberanstren¬ gung hatte blos den Boden für die Schmarozerpflanze bestellt, die an Apollonius innerm Lebensmark zehrte. In Gemüthsbewegungen lag ihr Keim, aber nicht in denen, die der Bauherr wußte. Nicht in dem Schrecken über des Bruders Unglück, sondern in dem Zustande, worin der Schreck ihn traf. Die ersten Zeichen der Krankheit schienen körperlicher Natur. In dem Augen¬ blick, wo der Bruder neben ihm vorbei in den Tod stürzte, hatten die Glocken unter ihnen Zwei geschla¬ gen. Von da an erschreckte ihn jeder Glockenton. Was ihm schwerere Besorgniß erregte, war ein Anfall von Schwindel. Aller Schrecken jenes Tages hatte ihm die Unruhe nicht verdunkeln können, die ihn nicht losließ, wenn er eine Ungenauigkeit an einer Arbeit gefunden, bis sie beseitigt war. Jeder Glockenschlag, der ihn erschreckte, schien ihm eine Mahnung dazu. Schon den andern Morgen öffnete er, die Dachleiter in der Hand, die Ausfahrthür. Es war ihm schon auf¬ gefallen, wie unsicher sein Schritt auf der Leitertreppe geworden war; jetzt, als er durch die Oeffnung die fernen Berge, die er sonst kaum bemerkte, sich wun¬ derlich zunicken sah, und der feste Thurm unter ihm sich zu schaukeln begann, erschrack er. Das war der 18 * Schwindel, des Schieferdeckers ärgster, tückischer Feind, wenn er ihn plötzlich zwischen Himmel und Erde auf der schwanken Leiter faßt! Vergeblich strebte er, ihn zu überwinden; sein Vorhaben mußte heut aufgegeben sein. So schwer war Apollonius noch kein Weg ge¬ worden, als der die Thurmtreppe von Sankt Georg herab. Was sollte werden! Wie sollte er sein Wort erfüllen, wenn ihn der Schwindel nicht verließ! Noch denselben Tag hatte er auf dem Nicolaithurme etwas nachzusehn. Hier mußte er mehr wagen als dort; die Glocken schlugen, als er am gefährlichsten stand, vom Schwindel fühlte er keine Spur. Freudig eilte er nach Sankt Georg zurück; aber hier zitterte wieder die Treppen¬ leiter unter seinen Füßen, und wie er hinaussah, nickten die Berge wieder und schaukelte wieder der Thurm. Er war schon auf den untersten Stufen der Treppe, als oben ein Stundenschlag begann. Die Töne dröhn¬ ten ihm durch Mark und Bein, er mußte sich am Ge¬ länder festhalten, bis das letzte Summen verklungen war. Er machte noch Versuch über Versuch; er bestieg alle Dächer und Thürme mit seiner alten Sicherheit; nur zu Sankt Georg wohnte der Schwindel. Dort hatte er seine bösen Gedanken in die Arbeit hineinge¬ hämmert; er hatte damals schon gefühlt, er hämmere einen Zauber zurecht, ein kommend Unheil fertig. Tag und Nacht verfolgte ihn das Bild der Stelle, wo er die Bleiplatte einzusetzen und den Zierrath fest zu na¬ geln vergessen. Die Lücke war wie ein böser Fleck, ein Fleck, wo eine Unthat begonnen oder vollbracht ist, und kein Gras wächst, und kein Schatten wird; wie eine offene Wunde, die nicht heilt, bis sie gerächt ist; wie ein leeres Grab, das sich nicht schließt, eh' es sei¬ nen Bewohner aufgenommen hat. War nur die Lücke geschlossen, dann hatte der Zauber keine Macht mehr. Er konnte das einem Gesellen auftragen, aber der Ge¬ danke, einen Andern seine verwahrlosete Arbeit nach¬ bessern zu lassen, trieb das Roth der Scham auf seine bleichen Wangen. Und die Bleiplatte, von einem An¬ dern aufgenagelt, mußte wieder abfallen; die Lücke rief nach ihm, und nur er konnte sie schließen. Oder den Gesellen faßte das Verderben, das er dort eingehäm¬ mert, der Schwindel, der dort wohnte, und stürzte ihn herab. Seit das Weib des Bruders in seinen Armen gelegen, führte er ein Doppelleben. Er schaffte den Tag lang außen, Nachts saß er in seinem Stübchen bei seinen Büchern auf; das spann sich alles mechanisch ab; er war trotz seines Kämpfens nur mit halber Seele dabei; die andere Hälfte hatte ihr Leben für sich. Im¬ mer schwebte sie mit den Dohlen um die Lücke an dem Thurmdach und brütete, welches kommende Unheil es sei, das er fertig gehämmert jenen Morgen. Sie träumte den sündhaften Traum wieder durch. Sie kämpfte den schrecklichen Kampf mit dem Bruder wieder durch. War es des Bruders Sturz, was er gehämmert hat? Dann fällt ihm ein, ob's nicht möglich gewesen, den Wahnsinnigen zu retten. Dann suchte er ängstlich nach den Möglichkeiten, wie der Bruder zu retten ge¬ wesen, und schreckte doch zurück, dachte er, er könnte eine finden. So hatte ihn des Bruders Schuld aus seinen Fugen gezerrt. Aber auch in seinem Brüten zeigte sich noch der Gegensatz zu seines Bruders Natur. In jenem überwucherte die Selbstsucht, die schlimme Anlage; in Apollonius überspannte sich, was Gutes in ihm war, seine Gewissenhaftigkeit, Anhänglichkeit und sein Sauberkeitsbedürfniß. Er wälzte nicht seine Schuld ab von sich auf den Bruder; er hob mit lie¬ bender Hand die Schuld des Bruders herüber auf sich. Denn immer klarer wird es ihm, daß er den Bruder noch zuletzt vor dem Sturze retten konnte. Er hätte die Wege, die es gab, damals finden müssen, war sein Herz und Kopf nicht voll von den wilden verbotenen Wünschen; hätte er dem Wahnsinnigen nicht gezürnt, den er bedauern sollen. Ja, er hatte dem Bruder das Unheil fertig gehämmert mit seinen bösen Gedanken. Ohne die Gedanken war er früher mit seiner Arbeit fertig und der Bruder fand ihn nicht mehr auf dem Thurme; der Bruder kam zu spät und gewann Zeit, seinen Entschluß zu bereu'n. Und war er noch oben, so war er der Stärkere, der Besonnenere, und mußte Mittel finden, das Unheil zu verhindern. Auch im äußeren Benehmen zeigte sich dieser Gegensatz mit dem Bruder. Wie dieser immer selbstsüchtiger, wilder und rücksichtsloser geworden war, machte Appollonius das Seelenleiden immer milder und stiller. Er verlor über dem eigenen Zustande nicht das Mitgefühl mit frem¬ dem Leiden. Er bedauerte nicht sich. Dachte er an die Menschen, die ihm liebend nahe standen, so war sein Schmerz mehr ein Mitleid mit ihrem Mitleid. Selbst sein Sopha vergaß er nicht zu streicheln; er that es, wie man einen Diener tröstet, der das Un¬ glück seines Herrn als sein eigenes fühlt. Natürlich, daß auch ihn die Leute mit der Heirath neckten, die ihnen nothwendig schien. Er mußte sich sagen, daß er dachte wie sie, und daß seine Wünsche keine uner¬ laubten mehr waren. Aber daß sie es einmal gewe¬ sen, warf seinen Schatten herüber auf das vorwurfs¬ freie Jetzt. Seine Liebe, ihr Besitz, schien ihm wie be¬ schmutzt. Was Verstand und Liebe sagen mochten, er fühlte in der Heirath eine Schuld. Daher kam's, daß Christianens Nähe ihn nicht heiterer machte. Es gab Augenblicke, wo seine Verdüsterung ihm selbst wie eine Krankheit vorkam, und er hoffte, sie werde vorübergehn. Aber auch da trat er Christianen nicht näher, so sehr sein Herz ihn zog. Er blieb gegen sie wie damals, wo er den Knaben zwischen sie und sich gestellt hatte. Die kleinste Annäherung sah er nach seiner Weise für eine Bindung an, und dachte er sich die Heirath ent¬ schieden, so lastete wiederum das Gefühl von Schuld auf ihm. Er rückte den Gedanken daran in eine un¬ bestimmte Zukunft hinaus, dann fühlte er seinen Zu¬ stand erträglich. Er, der sonst ein unklares Verhält¬ niß nicht ertragen konnte! Darin aber war er sich noch völlig gleich, daß er in seiner Vorstellung eine mög¬ liche Schuld nur immer als die seine empfand. Sie blieb ihm unter allen Umständen heilig und rein. Dem alten Herrn war in seinem äußern Ehrbegriff ein Zusammenleben wie Apollonius' und Christianen's ohne kirchliche Weihe ein schweres Aergerniß. Apol¬ lonius konnte ohne Schande nur unter dem Namen ihres Gatten der jungen, schönen Wittib und ihrer Kinder Schützer und Erhalter sein. Nach seiner Weise sprach er ein Machtwort. Er bestimmte die Zeit. Das unumgängliche Trauerhalbjahr war um; und in acht Tagen sollte die Verlobung, drei Wochen später die Hochzeit sein. Das Leben in dem Hause mit den grünen Laden begann wieder schwül und schwüler zu werden; die neuen Wolken, die unsichtbar darum heraufgezo¬ gen, drohten einen herbern Schlag, als in dem die alten sich entladen. Die junge Wittib durfte nun eine Braut scheinen. Sie that, wonach man sie neckend ge¬ fragt hatte; sie vervollständigte ihre Einrichtung. Halbe Nächte saß sie schneidend und nähend über weißes Linnen und buntes Bettzeug gebückt. Es fielen Thrä¬ nen darauf, aber die Freude behielt immer weniger Antheil an diesen Thränen. Sie sah des geliebten Mannes Zustand stündlich sich verschlimmern und konnte darüber nicht im Irrthum sein, daß die Heirath die Schuld davon trug. Je blasser und hinfälliger er wurde, desto milder und achtungsvoller wurde sein Benehmen gegen sie. Ja, es war etwas darin, was wie schmerz¬ liches Mitleid und unausgesprochene Abbitte eines Un¬ rechts oder einer Beleidigung aussah, deren er sich gegen sie schuldig wisse. Sie wußte nicht, was sie da¬ von denken sollte; nur, daß sie nichts denken durfte, was des Bildes, das sie von ihm in ihrer Seele trug, unwürdig gewesen wäre. In seiner Gegenwart war sie still wie er. Sie sah sein stummes schmerzliches Brüten; aber erst, wenn sie allein war, und ihre Kin¬ der neben ihr schliefen, hatte sie den Muth, ihn zu bitten. Stundenlang bat sie dann wie ein Kind, er soll ihr doch sagen, was ihm fehlt. Sie will es mit ihm tragen; sie muß ja; ist sie nicht sein? Und Apollonius selbst? Bis jetzt hatte er den Druck dunkeln Schuldgefühls, der sich an den Gedanken der Heirath knüpfte, zu schwächen vermocht, wenn er unentschieden den Entschluß in unbestimmte Ferne hin¬ auswies. Dabei hatte ihm die Hoffnung geholfen, jenes Gefühl sei eine krankhafte Anwandelung, die vorübergehen werde. Nun der alte Herr sein Macht¬ wort gesprochen, war ihm jenes Mittel genommen. Das Ziel war bestimmt; mit jedem Tage, mit jeder Stunde trat es ihm näher. Er mußte sich entscheiden. Er konnte nicht. Die Entzweiung seines Innern klaffte immer weiter auf. Wollte er dem Glücke entsagen, dann wich das Gespenst der Schuld, aber das Glück streckte immer verlockendere Arme nach ihm aus. Es nahm seine Ehre zum Bündner. Der Vater entfernte ihn dann; wie sollte er sein Wort halten? Wo war ein Vorwurf, wenn er das Glück in seine Arme nahm? Der Vater wollte es; sie liebt ihn und hat ihn immer geliebt, nur ihn; alle Menschen billigen es, ja sie for¬ dern es von ihm. Dann sah er sie, eh' sie ihm geraubt wurde, wie sie das Glöckchen hinlegte für ihn, rosig unter der braunen, krausen Locke, die sich immer frei macht; dann bleich unter der Locke von den Mißhand¬ lungen des Bruders, der sie ihm geraubt, bleich um ihn; dann zitternd vor des Bruders Drohungen, zit¬ ternd um ihn; dann lachend, weinend, voll Angst und voll Glück in seinen Armen. Und so soll er sie halten dür¬ fen, vorwurfslos, die ihm gehört! Aber durch ihr schwel¬ lendes Umfangen, durch alle Bilder stillen sanften Glücks hindurch fröstelt ihn der alte Schauder wieder an. So war's schon in seinem Traume, als er mit dem Bruder kämpfte um sie, und ihn hinabstieß von der fliegenden Rüstung in den Tod. Er sagt sich, das war nur im Traum; was man im Traume that, hat man nicht gethan. Aber wachend hallten die wilden Gefühle des Traumes nach. Die bösen Gedanken machten ihn unfähig, den Bruder zu retten. Der Sturz des Bruders machte dessen Weib frei. Er wußte das, als er den Bruder stürzen ließ. Deßhalb ja hatte er ihn im Traume gestürzt. Nun war es ja, wie in dem schlimmen Traum, der Bruder war todt und er hatte sein Weib. Nimmt er des Bruders Weib, die frei wurde durch den Sturz, so hat er ihn hinabgestürzt. Hat er den Lohn der That, so hat er auch die That. Nimmt er sie, wird das Gefühl ihn nicht lassen; er wird unglücklich sein, und sie mit unglück¬ lich machen. Um ihret- und seinetwillen muß er sie lassen. Und will er das, dann erkennt er, wie halt¬ los diese Schlüsse sind vor den klaren Augen des Geistes, und will er wiederum das Glück ergreifen, so schwebt das dunkle Schuldgefühl von Neuem wie ein eisiger Reif über seiner Blume, und der Geist vermag nichts gegen seine vernichtende Gewalt. Daneben mahnten immer lauter die Glockenschläge von Sankt Georg. Immer fieberischer wurde die Unruhe, daß der Fehler noch nicht gebessert war. Aeußere Anlässe schärften noch den Drang. Es hatte anhaltend geregnet, die Lücke schluckte, die Verschalung sog das Wasser gierig ein; das Holz mußte verfaulen. Trat die Winterkälte stärker ein, fror die Nässe im Holz, so warf sich die Verschalung und verletzte die Schiefer. Die Stadt, die seiner Pflichtreue vertraute, litt Schaden durch ihn. Jede Nacht weckte ihn der Stundenschlag Zwei. In der Glut des Fiebers vermischten sich die Schat¬ ten. Die Vorwürfe des innern und äußern Sauber¬ keitsbedürfnisses floßen in einander. Immer unwider¬ stehlicher forderte die offene Wunde das Gericht; das gähnende Grab den, der es schloß. Und er war es, den der Stundenschlag zum Gerichte rief: er, der das Grab schließen mußte, eh' das gehämmerte Unheil auf ein unschuldig Haupt fiel. Sich selbst hatte er das kom¬ mende Unheil fertig gehämmert. Er mußte hinauf, den Fehler zu bessern. Und wenn er oben war, dann schlug es Zwei, dann packte ihn der Schwindel und riß ihn hinab, dem Bruder nach. Der alte wackere Bauherr drang in den Leidenden; er hatte sich das Recht erworben, sein Vertraun zu fordern. Apollonius lächelte trüb; er schlug ihm sein Verlangen nicht ab, aber er schob die Erfüllung von Tag zu Tag weiter hinaus. Von Tag zu Tag, von Stunde zu Stunde sah die schöne junge Braut ihn bleicher werden und blich ihm nach. Nur der alte Herr in seiner Blindheit sah die Wolke nicht, die mit dem Schlimmsten droht. Es war wieder schwül ge¬ worden und wurde noch immer schwüler, das Leben in dem Hause mit den grünen Laden. Kein Mensch sieht's dem rosigen Hause an, wie schwül es einmal darin war. Es war in der Nacht vor dem angesetzten Verlo¬ bungstag. Plötzlich war Schnee, dann große Kälte eingetreten. Einige Nächte schon hatte man das so¬ genannte Sankt Elmsfeuer von den Thurmspitzen nach den blitzenden Sternen am Himmel züngeln sehn. Trotz der trockenen Kälte empfanden die Bewohner der Gegend eine eigene Schwere in den Gliedern. Es regte sich keine Luft. Die Menschen sahen sich an, als fragte einer den andern, ob auch er die seltsame Beängstigung fühle. Wunderliche Prophezeiungen von Krieg, Krankheit und Theuerung gingen von Mund zu Munde. Die Verständigern lächelten darüber, konnten sich aber selbst des Dranges nicht erwehren, ihre innerliche Beklemmung in entsprechende Bilder von etwas äußerlich drohend Bevorstehendem zu klei¬ den. Den ganzen Tag hatten sich dunkle Wolken übereinander gebaut von entschiedenerer Zeichnung und Farbe, als sie der Winterhimmel sonst zu zeigen pflegt. Ihre Schwärze hätte unerträglich grell von dem Schnee abstechen müssen, der Berge und Thal be¬ deckte und wie ein Zuckerschaum in den blätterlosen Zweigen hing, dämpfte nicht ihr Wiederschein den weißen Glanz. Hier und da dehnte sich der feste Um¬ riß der dunklen Wolkenburg in schlappen Busen herab. Diese trugen das Ansehn gewöhnlicher Schneewolken, und ihr trübes Röthlichgrau vermittelte die Blei¬ schwärze der höhern Schicht mit dem schmutzigen Weiß der Erde und seinen schwärzlichen Scheinen. Die ganze Masse stand regungslos über der Stadt. Die Schwärze wuchs. Schon zwei Stunden nach Mittag war es Nacht in den Straßen. Die Bewohner der Untergeschosse schlossen die Laden; in den Fenstern der höhern Stockwerke blitzte Licht um Licht auf. Auf den Plätzen der Stadt, die ein größeres Stück Him¬ mel zu übersehn erlaubten, standen Gruppen von Men¬ schen zusammen und sahen bald nach allen Seiten aufwärts, bald sich in die langen, bedenklichen Gesich¬ ter. Sie erzählten sich von den Raben, die in großen Zügen bis in die Vorstädte hereingekommen waren, zeigten auf das tiefe, unruhige, stoßende Geflatter der Dohlen um Sankt Georg und Sankt Nikolaus, spra¬ chen von Erdbeben, Bergstürzen, wohl auch vom jüng¬ sten Tage. Die Muthigeren meinten, es sei nur ein starkes Gewitter. Aber auch das erschien bedenklich ge¬ nug. Der Fluß und der sogenannte Feuerdeich, des¬ sen Wasser auf unterirdischen Wegen augenblicklich je¬ dem Theile der Stadt zugeleitet werden konnte, waren beide gefroren. Manche hofften, die Gefahr werde vorübergehn. Aber so oft sie hinaufsahen, die dunkle Masse rückte nicht von der Stelle. Zwei Stunden nach Mittage hatte sie schon so gestanden; gegen Mit¬ ternacht stand sie noch unverändert so. Nur schwerer, schien es, war sie geworden und hatte sich tiefer her¬ abgesenkt. Wie sollte sie auch rücken? da nicht ein leiser Lufthauch auf den Flügeln war; und solche Masse zu zerstreu'n und fortzuschieben, hätte es einer Winds¬ braut bedurft. Es schlug Zwölf vom Sankt Georgenthurm. Der letzte Schlag schien nicht verhallen zu können. Aber das tiefe, dröhnende Summen, das so lang anhielt, war nicht mehr der verhallende Glockenton. Denn nun begann es zu wachsen; wie auf tausend Flügeln kam es gerauscht und geschwollen und stieß zornig gegen die Häuser, die es aufhalten wollten, und fuhr pfeifend und schrillend durch jede Oeffnung, die es traf; polterte im Hause umher, bis es eine andere Oeffnung zum Wiederherausfahren fand; riß Laden los und warf sie grimmig zu: quetschte sich stöhnend zwischen nahstehenden Mauern hindurch; pfiff wüthend um die Straßenecken; zerlief in tausend Bäche; suchte sich und schlug klatschend wieder zusammen in Einen reißenden Strom; fuhr vor grimmiger Lust herab und hinauf; rüttelte an allem Festen; trillte mit wildspielen¬ dem Finger die verrosteten Wetterhähne und Fahnen, und lachte schrillend in ihr Geächze; blies den Schnee von einem Dach auf's andere, fegte ihn von der Straße, jagte ihn an steilen Mauern hinauf, daß er vor Angst in alle Fensterritzen kroch, und wirbelte ganze tanzende Riesentannen aus Schnee geformt auf seinen Händen vor sich her. Da man ein Gewitter voraussah, war Alles in in den Kleidern geblieben. Die Raths- und Bezirks- Gewitternachtwachen, sowie die Spritzenmannschaften waren schon seit Stunden beisammen. Herr Netten¬ mair hatte den Sohn nach der Hauptwachtstube im Rathhause gesandt, um da seine, des Rathsschieferdecker¬ meisters Stelle zu vertreten. Die zwei Gesellen saßen bei den Thurmwächtern, der eine zu Sankt Georg, der andere zu Sankt Nikolaus. Die übrigen Raths¬ werkleute unterhielten sich in der Wachtstube, so gut sie konnten. Der Rathsbauherr sah bekümmert auf den brütenden Apollonius. Der fühlte des Freundes Aug auf sich gerichtet und erhob sich, seinen Zustand zu verbergen. In dem Augenblick brauste der Sturmwind von Neuem in den Lüften daher. Auf dem Rathhaus¬ thurme schlug es Eins. Der Glockenton wimmerte in den Fäusten des Sturms, der ihn mit sich fortriß in seine wilde Jagd. Apollonius trat an ein Fenster, wie um zu sehn, was es draußen gebe. Da leckte eine riesige schwefelblaue Zunge herein, bäumte sich zitternd zweimal an Ofen, Wand und Menschen auf und verschlang sich spurlos in sich selber. Der Sturm brauste fort; aber wie er aus dem letzten Glockenton von Sankt Georg geboren schien, so erhob sich jetzt aus seinem Brausen etwas, das an Gewalt sich so riesig über ihn emporreckte, wie sein Brausen über den Glockenton. Eine unsichtbare Welt schien in den Lüften zu zertrümmern. Der Sturm brauste und pfiff wie mit der Wuth des Tigers, daß er nicht vernichten konnte, was er packte; das tiefe majestätische Rollen, das ihn überdröhnte, war das Gebrüll des Löwen, der den Fuß auf dem Feinde hat, der triumphirende Ausdruck der in der That gesättigten Kraft. „Das hat eingeschlagen,“ sagte einer. Apollonius dachte: wenn es in den Thurm schlüge von Sankt Georg, dort in die Lücke und ich müßte hinauf und es schlüge Zwei und —. Er konnte nicht ausdenken. Ein Hülfegeschrei, ein Feuerruf erscholl durch Sturm und Donner. „Es hat eingeschlagen,“ schrie es draußen auf der Straße. „Es hat in den Thurm von Sankt Georg geschlagen. Fort nach Sankt Georg! Jo! Hülfe! Feuerjo! Auf Sankt Georg! Jo! Feuerjo auf dem Thurm von Sankt Georg!“ Hörner bliesen, Trommeln wirbelten darein. Und immer der Sturm und Donner auf Donner. Dann rief es: „Wo ist der Nettenmair? Kann einer helfen, ist's der Netten¬ mair! Jo! Feuerjo! Auf Sankt Georg! Der Netten¬ mair! Wo ist der Nettenmair? Jo! Feuerjo! Auf dem Thurm zu Sankt Georg!“ Der Bauherr sah Apollonius erbleichen, seine Ge¬ stalt noch tiefer in sich zusammensinken, als seither. „Wo ist der Nettenmair?“ rief es wieder draußen. Da schlug eine dunkle Röthe über seine bleichen Wan¬ Ludwig , Zwischen Himmel und Erde. 19 gen, und seine schlanke Gestalt richtete sich hoch auf. Er knöpfte sich rasch ein, zog den Riemen seiner Mütze fest unter dem Kinn. „Bleib' ich,“ sagte er zu dem Bauherrn, indem er sich zum Gehen wandte, „so denkt an meinen Vater, an meines Bruders Weib und seine Kinder.“ Der Bauherr war betroffen. Das „Bleib' ich“ des jungen Mannes klang wie: „Ich werde bleiben.“ Eine Ahnung kam dem Freunde, hier sei Etwas, was mit dem Seelenleiden Apollonius zusam¬ menhänge. Aber der Ausdruck seines Gesichtes hatte nichts mehr von dem Leiden; er war weder ängstlich, noch wild. Durch seine Sorge und Schrecken hindurch fühlte der wackere Mann etwas wie freudige Hoffnung. Es war der alte Apollonius wieder, der vor ihm stand. Das war ganz die ruhige, bescheidene Ent¬ schlossenheit wieder, die ihn beim ersten Anblick dem jungen Manne gewonnen hatte. „Wenn er so bliebe!“ dachte der Bauherr. Er hatte nicht Zeit, etwas zu erwiedern. Er drückte ihm die Hand. Apollonius empfand Alles, was der Händedruck sagen wollte. Wie ein Mitleid zog es über sein Gesicht hin mit dem wackern Alten, wie Mißbilligung, daß er dem braven Alten Schmerz gemacht, und ihm noch mehr Schmerz machen wollen. Er sagte mit seinem alten Lächeln: „Auf solche Fälle bin ich immer bereit. Aber es gilt Eile. Auf frohes Wiedersehn!“ Der schnellere Apol¬ lonius war dem Bauherrn bald aus den Augen. Auf dem ganzen Wege nach Sankt Georg, unter dem Ge¬ schrei, den Hörnern und Trommeln, Sturm und Donner, sagte der Bauherr immer vor sich hin: „Entweder seh' ich den braven Jungen nie wieder, oder er ist gesund, wenn ich ihn wiederseh'.“ Er legte sich nicht Rechen¬ schaft ab, wie er zu dieser Ueberzeugung kam. Hätt' er's auch sonst gekonnt, es war nicht Zeit dazu. Seine Pflicht als Rathsbauherr verlangte den ganzen Mann. Der Ruf: „Nettenmair! Wo ist der Nettenmair?“ tönte dem Gerufenen auf seinem Wege nach Sankt Georg entgegen und klang hinter ihm her. Das Ver¬ traun seiner Mitbürger auf ihn weckte das Gefühl seines Werthes wieder in ihm auf. Als er, aus der Fremde zurückkehrend, die Heimathsstadt vor sich liegen sah, hatte er sich ihr und ihrem Dienste gelobt. Nun durfte er sich zeigen, wie ernst gemeint sein Gelübde war. Er übersann in Gedanken die möglichen Gestal¬ ten der Gefahr, und wie er ihnen begegnen könnte. Eine Spritze stand bereit im Dachgebälk, Tücher lagen dabei, um damit, in Wasser getaucht, die gefährdeten Stellen zu schützen. Der Geselle war angewiesen, heißes Wasser bereit zu halten. Das Gebälke hatte er überall durch Leitern verbunden. Zum erstenmale seit seiner Heimkunft von Brambach war er wieder mit ganzer Seele bei Einem Werke. Vor der wirklichen Noth und ihren Anforderungen traten die Gebilde 19 * seines Brütens wie erbleichende Schatten zurück. Die ganze alte Wirkensfreudigkeit und Spannkraft war wieder heraufgerufen, das Gefühl der Erleichterung erhöhte sie noch. Mit Gedanken kann man Gedanken widerlegen, gegen Gefühle sind sie eine schwache Waffe. Vergebens sah sein Geist den rettenden Weg; er war in der allgemeinen Erschlaffung mit erkrankt. Jetzt war ein stärkeres gesundes Gefühl gegen die starken kranken Gefühle aufgeglüht und hatte sie in seiner Flamme verzehrt. Er wußte, ohne besonders daran zu denken, er hatte den rettenden Entschluß gefunden, und dieser war die Quelle seines erneuten Daseins. Er wußte, er wird nicht schwindeln, und blieb er doch, so fiel er seiner Pflicht zum Opfer und keiner Schuld, und Gott und die Dankbarkeit der Stadt traten statt seiner in das Gelübde für die Seinen ein. Der Platz um Sankt Georg war mit Menschen angefüllt, die alle voll Angst nach dem Thurmdache hinauf sahen. Der ungeheure alte Bau stand wie ein Fels in dem Kampf, den Blitzeshelle mit der alten Nacht unermüdlich um ihn kämpfte. Jetzt umschlangen ihn tausend hastige glühende Arme mit solcher Macht, daß er selber aufzuglühen schien unter ihrer Glut; wie eine Brandung lief's an ihm hinauf und stürzte ge¬ brochen zurück, dann schlug die dunkle Flut der Nacht wieder über ihm zusammen. Eben so oft tauchte die Menge aneinander gedrängter bleicher Gesichter auf um seinen Fuß, und sank wieder ununterscheidbar in's Dunkel zurück. Der Sturm riß die Stehenden an Hüten und Mänteln und schlug mit eigenen und frem¬ den Haaren und Kleiderzüpfeln nach ihnen, als wollte er sie's büßen lassen, daß er vergeblich an den steiner¬ nen Rippen sich wund stieß, und warf sie mit feinem Schneegeriesel, das in dem Schein der Blitze wie glühender Funkenregen an ihnen herniederstäubte. Und wie die Menschen bald erschienen, bald verschwanden, so wurde ihr verwirrtes Durcheinanderreden immer wieder vom Sturm und vom Donner überbraust und überrollt. Da rief einer, sich selbst tröstend: „es ist ein kalter Schlag gewesen. Man sieht ja nichts.“ Ein Anderer meinte, die Flamme von dem Schlag könne noch ausbrechen. Ein Dritter wurde zornig; er nahm den Einwand wie einen Wunsch, der Schlag möge nicht ein kalter gewesen sein, und die Flamme noch ausbrechen. Er hatte sich schon getröstet, und rächte sich für die Unruhe, die der Einwand wieder neu in ihm erregte. Viele sahen, vor Angst und Kälte zitternd, mit den geblendeten Augen stumpf in die Höhe, und wußten nicht mehr, warum. Hundert Stimmen setzten dagegen auseinander, welch Unglück die Stadt betreffen könne, ja betreffen müsse, wenn der Schlag kein kalter war. Einer sprach von der Natur der Schiefer, wie sie im Brande schmelzen und als bren¬ nende Schlacken straßenweit durch die Luft fliegend schon oft einen beginnenden Brand im Augenblick über eine ganze Stadt verbreitet hatten. Andere klagten, wie der Sturm einen möglichen Brand begünstige, und daß kein Wasser zum Löschen vorhanden sei. Noch Andere: und wär' welches vorhanden, so würde es vor der Kälte in den Spritzen und Schläuchen gefrie¬ ren. Die Meisten stellten in angstvoller Beredsamkeit den Gang dar, den der Brand nehmen würde. Stürzte das brennende Dachgebälk, so trieb es der Sturm da¬ hin, wo eine dichte Häusermasse fast an den Thurm stieß. Hier war die feuergefährlichste Stelle der gan¬ zen Stadt. Zahllose hölzerne Emporlauben in engen Höfen, breterne Dachgiebel, schindelngedeckte Schuppen, Alles so zusammengepreßt, daß nirgends eine Spritze hineinzubringen, nirgends eine Löschmannschaft mit Erfolg anzustellen war. Stürzte das brennende Dach¬ gebälke, wie es nicht anders möglich war, nach dieser Seite, so war das ganze Stadtviertel, das vor dem Winde lag, bei dem Sturm und Wassermangel un¬ rettbar verloren. Diese Auseinandersetzungen brachten Aengstlichere so aus der Fassung, daß jeder neue Blitz ihnen die ausbrechende Flamme schien. Daß Jeder nur eine Seite der Thurmdachfläche übersehen konnte, begünstigte die Fortpflanzung des Irrthums. Es war wunderlich, aber man hörte nun von allen Seiten zu¬ gleich das Geschrei: „Wo? Wo?“ Sturm und Donner verhinderten die Verständigung. Jeder wollte selbst sehen; so entstand ein wildes Gedränge. „Wo hat es hingeschlagen?“ fragte Apollonius, der eben daher kam. „„In die Seite nach Bram¬ bach zu,““ antworteten viele Stimmen. Apollonius machte sich Bahn durch die Menge. Mit großen Schritten eilte er die Thurmtreppe hinauf. Er war den langsamern Begleitern um eine gute Strecke vor¬ aus. Oben fragte er vergebens. Die Thürmersleute meinten, es müsse ein kalter Schlag gewesen sein, und waren doch im Begriff, ihre besten Sachen zusammen¬ zuraffen, um vom Thurme zu fliehn. Nur der Gesell, den er am Ofen beschäftigt fand, besaß noch Fassung. Apollonius eilte mit Laternen nach dem Dachgebälk, um sie da aufzuhängen. Die Leitertreppe zitterte nicht mehr unter seinen Füßen; er war zu eilig, das zu be¬ merken. Innen am Dachgebälke wurde Apollonius keine Spur von einem beginnenden Brande gewahr. Weder der Schwefelgeruch, der einen Einschlag bezeich¬ net, noch gewöhnlicher Rauch war zu bemerken. Apol¬ lonius hörte seine Begleiter auf der Treppe. Er rief ihnen zu, er sei hier. In dem Augenblick zuckte es blau zu allen Thurmlucken herein und unmittelbar darauf rüttelte ein prasselnder Donner an dem Thurm. Apollonius stand erst wie betäubt. Hätte er nicht unwillkührlich nach einem Balken gegriffen, er wäre um¬ gefallen von der Erschütterung. Ein dicker Schwefel¬ qualm stickte ihn. Er sprang nach der nächsten Dach¬ lucke, um frische Luft zu schöpfen. Die Werkleute, dem Schlage ferner, waren nicht betäubt worden, aber vor Schrecken auf den obersten Treppenstufen stehn ge¬ blieben. „Herauf!“ rief ihnen Apollonius zu. „Schnell das Wasser! die Spritze! In diese Seite muß es ge¬ schlagen haben, von da kam Luftdruck und Schwefel¬ geruch. Schnell mit Wasser und Spritze an die Aus¬ fahrthür.“ Der Zimmermeister rief, schon auf der Leitertreppe, hustend: „„aber der Dampf!““ „Nur schnell!“ entgegnete Apollonius. „Die Ausfahrthür wird mehr Luft geben, als uns lieb ist.“ Der Maurer und der Schornsteinfeger folgten dem Zimmermann, der die Schläuche trug, so schnell als möglich war, mit der Spritze die Leitertreppe hinauf. Die Andern brachten Eimer kalten, der Gesell einen Topf heißen Wassers, um durch Zugießen das Gefrieren zu ver¬ hindern. In solchen Augenblicken hat, wer Ruhe zeigt, das Vertrauen, und dem gefaßten Thätigen unterord¬ nen sich die Andern ohne Frage. Der Breterweg nach der Ausfahrthüre war schmal: durch die verständige Anordnung Apollonius' fand dennoch Alles im Augen¬ blicke seinen Platz. Zunächst Apollonius nach der Thüre stand der Zimmermann, dann die Spritze, dann der Maurer. Die Spritze war so gewendet, daß die beiden Männer die Druckstangen vor sich hatten. Zwei starke Männer konnten das Druckwerk bedienen. Hinter dem Maurer stand der Schieferdeckergeselle, um über dessen Schulter, so oft es nöthig, von dem heißen Wasser zuzugießen. Andere betrieben des Gesellen vorheriges Geschäft; sie schmolzen Schnee und Eis, und behielten das gewonnene Wasser in der geheizten Thürmerstube, damit es nicht wieder zu Eise fror. Andere waren bereit, als Zuträger zwischen Dachstuhl und Thürmerstube zu dienen, und bildeten eine Art Spalier. Während Apollonius mit fliegenden Worten und Winken den Plan dieser Geschäftsordnung dem Zimmermann und Maurer mittheilte, die ihn dann in Ausführung brachten, hatte er die Dachleiter schon in der Rechten und griff mit der Linken nach dem Riegel der Ausfahrthür. Die Leute hatten die beste Hoffnung; aber als durch die geöffnete Thür der Sturm herein¬ pfiff, dem Zimmermann die Mütze vom Kopfe riß und Massen feinen Schneestaubs gegen das Gebälke warf und heulend und rüttelnd den Dachstuhl auf- und ab¬ polterte und Blitz auf Blitz blendend durch die dunkle Oeffnung brach, da war der Muthigste im Begriff, die Hand von dem vergeblichen Werke abzuziehn. Apollonius mußte sich mit dem Rücken gegen die Thüre kehren, um athmen zu können. Dann, beide Hand¬ flächen gegen die Verschalung oberhalb der Thüre ge¬ stemmt, bog er den Kopf zurück, um an der äußern Dachfläche hinaufzuseh'n. „Noch ist zu retten,“ rief er angestrengt, damit die Leute vor dem Sturm und dem ununterbrochenen Rollen des Donners ihn versteh'n konnten. Er ergriff das Rohr des kürzesten Schlauches, dessen unteres Ende der Zimmermann einschraubend an der Spritze befestigte, und wand sich den obern Theil um den Leib. „Wenn ich zweimal hintereinander den Schlauch anziehe, drückt los. Meister, wir retten die Kirche, vielleicht die Stadt!“ Die rechte Hand gegen die Verschalung gestemmt, bog er sich aus der Ausfahrthür; in der linken hielt er die leichte Dach¬ leiter frei hinaus, um sie an dem nächsten Dachhacken über der Thüre anzuhängen. Den Werkleuten schien das unmöglich. Der Sturm mußte die Leiter in die Lüfte reißen und — nur zu möglich war's, er riß den Mann mit. Es kam Apollonius zu statten, daß der Wind die Leiter gegen die Dachfläche drückte. An Licht fehlte es nicht, den Hacken zu finden; aber der Schneestaub, der dazwischen wirbelte und, vom Dache herabrollend, in seine Augen schlug, war hinderlich. Aber er fühlte, die Leiter hing fest. Zeit war nicht zu verlieren; er schwang sich hinaus. Er mußte sich mehr der Kraft und Sicherheit seiner Hände und Arme vertrau'n, als dem sichern Tritt seiner Füße, als er hinaufklomm; denn der Sturm schaukelte die Leiter sammt dem Mann wie eine Glocke hin und her. Oben, seitwärts über der ersten Sprosse der Leiter, hüpften bläuliche Flammen mit gelben Spitzen unter der Lücke und leckten unter den Rändern der Schiefer hervor. Zwei Fuß tief unter der Lücke hatte der Blitz hinein¬ geschlagen. Vor einer Stunde noch war er vor dem Gedanken der bloßen Möglichkeit erschrocken, hierher könnte der Blitz schlagen und er müsse herauf. Eine Reihe dunkler, tödtlicher Fiebergebilde hatten sich daran geschlossen. Jetzt war Alles gescheh'n, wie er sich's vorhin nur gedacht, aber die Lücke war ihm wie jede andere Stelle des Thurmdachs, schwindellos stand er auf der Leiter und nur Ein frisches wackeres Gefühl erfüllte ihn; der Drang, von Kirche und Stadt die drohende Gefahr zu wenden. Ja, etwas, was ihm die dunkle Furcht durch Sorge erhöht hatte, erwies sich nun sogar als heilvoll und glücklich. Er erkannte, das Wasser, welches die Lücke wochenlang geschluckt, das nun im Holze gefroren, war es allein, was die Flamme nicht so schnell überhand nehmen ließ, als ohne dies Hinderniß geschehen sein würde. Der Raum, den der Brand bis jetzt einnahm, war ein kleiner. Der Frost in der Verschalung warf die hartnäckig immer wiederkehrenden hüpfenden Flämmchen lange zurück, eh' sie bleibend einwurzeln und von dem Wurzelpunkte aus weiter fressen konnten. Hatten sie sich einmal zu einer großen Flamme vereinigt und diese den durch Frost gefeiten Raum unter der Lücke überschritten, dann mußte der Brand bald riesig über die Thurmspitze hinauswachsen, und die Kirche und vielleicht die Stadt erlag der vereinten Gewalt von Feuer und Sturm. Er sah, noch war zu retten. Und er brauchte die Kraft, die ihm dieser Gedanke gab. Die Leiter schau¬ kelte nicht mehr blos herüber und hinüber, sie wuchtete zugleich auf und ab. Was war das? Und wenn der Dachhacken locker war, — aber er wußte, das konnte nicht sein — diese Bewegung war unmöglich. Aber die Leiter hing ja gar nicht an dem Hacken; er hatte sie an ein hervorspringendes Eichenblatt der Blechver¬ verzierung angehängt. Nah an einem der Befestigungs¬ punkte; aber das andere Ende des Guirlandenstücks, an dem die Leiter hing, war das, welches er zu be¬ festigen vergessen hatte. Sein und der Leiter Gewicht wuchtete an dem Stücke und zog es immer mehr herab und bog die Seite nach vorn, an die er die Leiter gehängt. Noch einen Zoll tiefer, und das Blatt lag wagrecht und die Leiter glitt von dem Blatte herab und mit ihm hinunter in die ungeheure Tiefe. Jetzt mußte sich sein neugewonnener Lebensmuth be¬ währen und er that's. Sechs Zoll weit neben dem Blatte war der Hacken. Noch drei leichte Schritte die schwankende Leiter hinauf und er faßte mit der linken Hand den Hacken, hielt sich fest daran und hob die Leiter mit der rechten von dem Blatte herüber an den Hacken. Sie hing. Die linke ließ den Hacken und faßte neben der rechten die Leitersprosse; die Füße folgten; er stand wieder auf der Leiter. Und jetzt begannen schon die Schiefer unter der Lücke zu glüh'n; nicht lang, und sie rollten sich schmelzend, und die bren¬ nenden Schlacken trugen das Verderben fliegend weiter. Apollonius zog die Klaue aus dem Gürtel; wenig Stöße mit dem Werkzeug, und die Schiefer fielen abgestreift in die Tiefe. Nun übersah er deutlich den geringen Umfang der brennenden Fläche; seine Zuversicht wuchs. Zwei Züge an dem Schlauch, und die Spritze begann zu wirken. Er hielt das Rohr erst gegen die Lücke, um die Verschalung oberhalb des Brandes noch geschickter zum Widerstande zu machen. Die Spritze bewies sich kräftig; wo ihr Strahl unter den Rand der Schiefer sich einzwängte, splitterten diese krachend von den Nägeln. Die Flammen des Brandes knisterten und hüpften zornig unter dem herabfließenden Wasser; erst dem unmittelbar gegen sie gerichteten Strahl gelang es, und auch diesem mehr durch seine erstickende Gewalt, als durch die Natur seines Stoffes, die hartnäckigen zu bezwingen. Die Brandfläche lag schwarz vor ihm, dem Strahl der Spritze antwortete kein Zischen mehr. Da rasselte das Getriebe der Uhr tief unter ihm. Es schlug Zwei. Zwei Schläge! Zwei! Und er stand und er stürzte nicht! Wie anders war es nun in der Wirklichkeit gekommen, als die fieberischen Ahnungen gedroht! Wenn er oben war, da schlug es Zwei, da packte ihn der Schwindel und riß ihn hinab, eine dunkle Schuld zu büßen. Das hatten ihm seine schweren wachen Träume gezeigt. Und er stand doch wirklich oben, und die Leiter schwankte im Sturme, Schneestaub umwirbelte ihn, Blitze um¬ zuckten ihn; mit jedem flammte die Schneedecke der Dächer, der Berge, des Thals, die ganze Gegend in Einer ungeheuern Flamme auf, und nun schlug's Zwei unter ihm, die Glockentöne heulten, vom Sturm ge¬ zerrt hinaus in den Aufruhr, und er stand, er stand schwindellos, er stürzte nicht. Er wußte, keine Schuld lag auf ihm; er hatte seine Pflicht gethan, wo Tau¬ sende sie nicht gethan hätten; er hatte die Stadt, an der er mit ganzer Seele hing, er allein, von der furcht¬ barsten Gefahr befreit. Aber aller Stolz dieses Ge¬ dankens war in dieser Seele nur ein Dankgebet. Er dachte nicht an die Menschen, die ihn preisen würden, nur an die Menschen, die nun wieder aufathmen durften, an das Elend, das verhütet, an das Glück, welches erhalten war. Und er fühlte selbst nach Mon¬ den wieder, was frei aufathmen heißt. Diese Nacht hatte die Lust ja auch ihm wieder gebracht. Mit Freudigkeit erinnerte er sich jetzt wieder an das Wort, das er sich gegeben. Menschen wie Apollonius ist's der höchste Segen einer braven That, daß sie sich ge¬ stärkt fühlen zu neuem braven Thun. Die Menge unten schrie noch immer Wo? Wo? und drängte sich durcheinander, als der zweite Einschlag geschah. Alles stand einen Augenblick von Schrecken gelähmt. „Gott sei Dank! es war wieder kalt!“ rief eine Stimme. „„Nein! Nein! dasmal brennt's! Er¬ barme sich Gott!““ entgegneten Andere. Scharfe Augen sah'n, wenn zuweilen zwischen den Blitzen Dun¬ kel eintrat, die kleinen Flammen wie Lichterchen über die Schiefer hüpfen. Sie suchten sich und lohten, wenn sie sich fanden, zuckend in eine größere Flamme zusammen auf; dann flohen sie sich tanzend und schlugen wieder zusammen. Der Sturm bog und dehnte sie hin und her; zuweilen schienen sie zu verlöschen, dann züngelten sie noch höher auf als vorhin. Sie wuchsen, das sah man; aber rasch war ihr Wachsthum nicht. Viel schneller und gewaltiger schwoll das neue Feuerjo durch die ganze Stadt. In angstvoller Spannung bohrten sich alle Blicke auf der kleinen Stelle fest. „Jetzt Hülfe, und es ist noch zu verlöschen!“ Und wieder klang angstvoll der Ruf: „Nettenmair! Wo ist der Nettenmair?“ durch Sturm und Donner. Eine Stimme rief: „Er ist auf dem Thurm.“ Alle Ge¬ müther fühlten das wie eine Beruhigung. Und die meisten kannten ihn nicht, selbst die meisten unter den Rufern. Und die ihn nicht kannten, schrieen am lautesten. In Augenblicken allgemeiner Hülflosigkeit klammert sich die Menge an einen Namen, an ein bloses Wort. Ein Theil schiebt damit die Anforderun¬ gen des Gewissens zu eig'nem Müh'n, zu eig'nem Wagniß von sich; und diese sind's, die dem Helfer, hat er nicht geholfen, dann unbarmherzig nachrechnen, was er gethan, und was er nicht gethan. Die Andern sind froh, täuschen sie sich nur über den nächsten Augenblick hinweg. „Was soll er?“ rief Einer. „„Helfen! Retten!““ Andere. „Und wenn er Flügel hätte, in dem Sturm wagt's Keiner.“ „„Der Netten¬ mair gewiß!““ Im tiefsten Herzen wußten auch die Vertrauendsten, er wird's nicht wagen. Der Gedanke, daß die Flamme noch gelöscht werden konnte, wenn sie nur zugänglich war, machte die allgemeine Empfin¬ dung peinlicher, da er die stumpfe Ergebung hinderte, wozu die unausweichliche Noth mit milder Härte zwingt. Als die Ausfahrthür sich öffnete und die herausgehaltene Leiter sichtbar wurde, als es schien, es wagt' es dennoch einer, wirkte das so erschreckend, als der Einschlag selbst. Und die Leiter hing und schaukelte hoch oben mit dem Manne, der daran hinaufklomm, von Schnee umwirbelt, von Blitzen umzuckt; die Leiter hinauf, die wie aus einem Span geschnitten schien, und wie eine Glocke mit ihm schaukelte, in der ent¬ setzlichen Höhe. Jeder Athem stockte. Aus Hunderten der verschiedensten Gesichter starrte derselbe Ausdruck nach dem Manne hinauf. Keiner glaubte an das Wagniß, und sie sahen den Wagenden doch. Es war wie Etwas, das ein Traum wäre und doch Wirklich¬ keit zugleich. Keiner glaubte es, und doch stand jeder Einzelne selbst auf der Leiter, und unter ihm schaukelte der leichte Span in Sturm und Blitz und Donner hoch zwischen Himmel und Erde. Und sie standen doch auch wieder unten auf der festen Erde und sahen nur hinauf; und doch! wenn der Mann stürzte, dann waren sie's, die stürzten. Die Menschen unten auf der festen Erde hielten sich krampfhaft an ihren eigenen Händen, an ihren Stöcken, ihren Kleidern an, um nicht herabzustürzen von der entsetzlichen Höhe. So standen sie sicher und hingen doch zugleich über dem Abgrunde des Todes, jahrelang, ein Leben lang, denn die Vergangenheit war nicht gewesen; und doch war's nur ein Augenblick, seit sie oben hingen. Sie ver¬ gaßen die Gefahr der Stadt, ihre eigene über der Ge¬ fahr des Menschen da oben, die ja doch ihre eigene war. Sie sahen, der Brand war getilgt, die Gefahr der Stadt vorüber; sie wußten es wie in einem Traume, wo man weiß, man träumt; es war ein bloser Gedanke ohne lebendigen Inhalt. Erst, als der Mann die Leiter herabgeklommen, in der Ausfahrthür verschwunden war, und die Leiter sich nachgezogen hatte, erst, als sie nicht mehr oben hingen, als sie sich nicht mehr an den eigenen Händen, Stöcken und Kleidern festhalten mußten; da erst kämpfte die Bewunderung mit der Angst, da erst erstickte der Jubel: „zu, braver Junge!“ in dem Angstruf „er ist verloren!“ Eine alterszitternde Stimme begann zu singen: „Nun danket Alle Gott.“ Als der alte Mann an die Zeile kam: Ludwig , Zwischen Himmel und Erde. 20 „der uns behütet hat,“ da erst stand Alles vor ihrer Seele, was sie verlieren konnten und, was ihnen ge¬ rettet war. Die fremdesten Menschen fielen sich in die Arme, einer umschlang in dem Andern die Lieben, die er verlieren konnte, die ihm gerettet waren. Alle stimmten ein in den Gesang; und die Töne des Dankes schwollen durch die ganze Stadt, über Straßen und Plätze, wo Menschen standen, die gefürchtet hatten, und drangen in die Häuser hinein bis in das innerste Ge¬ mach, und stiegen bis in die höchste Bodenkammer hinauf. Der Kranke in seinem einsamen Bett, das Alter in dem Stuhl, wohin es die Schwäche gebannt hielt, sang von ferne mit; Kinder sangen mit, die das Lied nicht verstanden und die Gefahr, die abgewendet war. Die ganze Stadt war eine einzige große Kirche, und Sturm und Donner die riesige Orgel darin. Und wieder erhob sich der Ruf: „Der Nettenmair! Wo ist der Nettenmair? Wo ist der Helfer? Wo ist der Retter? Wo ist der kühne Junge? Wo ist der brave Mann?“ Sturm und Gewitter waren vergessen. Alles stürzte durcheinander, den Gerufenen suchend; der Thurm von Sankt Georg wurde gestürmt. Den Suchenden kam der Zimmermann entgegen und sagte, Nettenmair habe sich einen Augenblick im Thürmer¬ stübchen zur Ruhe gelegt. Nun drangen sie in den Zimmermann, er sei doch nicht beschädigt? Seine Gesundheit habe doch nicht gelitten? Der Zimmer¬ meister konnte nichts sagen, als daß Nettenmair mehr gethan habe, als ein Mensch im gewöhnlichen Lauf der Dinge zu thun im Stande sei. Bei solchen Ge¬ legenheiten, wie die Rettung heute, sei der Mensch ein anderer; hintennach erstaun' er selber über die Kräfte, die er gehabt. Aber es bezahle sich Alles. Ihn — den Zimmermeister — solle es nicht wundern, schliefe Nettenmair nach der gehabten Anstrengung drei Tage und drei Nächte „in Einem Ritt“ hintereinander fort. Die Leute schienen bereit, so lang auf den Treppen zu warten, um den Braven nur gleich nach seinem Er¬ wachen zu seh'n. Unterdeß hatte ein angesehener Mann auf dem nahen Marktplatze eine Geldsammlung begon¬ nen. Geld lohne freilich solch ein Thun nicht, als der Brave heut bewiesen; aber man könne ihm wenigstens zeigen, man wisse, was man ihm zu danken habe. In der Stimmung des Augenblicks, die in jedem Einzel¬ nen wiederklang, liefen sogar anerkannte Geizhälse hastig heim, ihren Beitrag zu holen, unbekümmert darum, daß sie es eine Stunde später reuen würde. Wenige von den Wohlhabenderen schlossen sich aus; die Aermeren steuerten alle bei. Der Sammler erstaunte selbst über den reichen Erfolg seiner Bemühungen. Wohl eine halbe Stunde hatte Apollonius gelegen. Eh' er sich gelegt, hatte er noch gesorgt, daß die Laternen vorsichtig ausgelöscht wurden. Er hatte die Ausfahrthüre geschlossen und die Spritze leeren, die 20 * Schläuche in die Thürmerstube bringen lassen, damit der Frost keinen Schaden daran bringen konnte. Er vermochte kaum mehr zu steh'n; der Bauherr, der unterdeß heraufgekommen war, hatte ihn dennoch halb mit Gewalt in die Thürmerstube hinunterbringen müs¬ sen. Dann hatte der Freund die Thüre von innen verriegelt, Apollonius genöthigt, die gefrorenen Kleider auszuziehn, und dann wie eine Mutter an seines Lieb¬ lings Bett gesessen. Apollonius konnte nicht schlafen; der alte Mann litt aber nicht, daß er sprach. Er hatte Rum und Zucker mitgebracht; an heißem Wasser fehlte es nicht; Apollonius aber, der nie hitziges Getränk zu sich nahm, wies den Grogk dankend zurück. Der Ge¬ selle hatte unterdeß frische Kleider geholt. Apollonius versicherte, er finde sich wieder vollkommen kräftig, aber er zögerte, aus dem Bette aufzustehn. Der Alte gab ihm lachend die Kleider. Apollonius hatte sich vorhin unter der Decke ausgezogen und so zog er sich wieder an. Der Bauherr kehrte sich ab von ihm und lachte durch das Fenster Sturm und Blitzen zu; er wußte nicht, ob über Apollonius Schamhaftigkeit, oder über¬ haupt aus Freude an seinem Liebling. Er hatte oft bereut, daß er Junggeselle geblieben war; jetzt freute es ihn fast. Er hatte ja doch einen Sohn, und einen so braven, als ein Vater wünschen kann. Auf dem Wege begann eine große Noth für Apol¬ lonius. Er wurde von Arm in Arm gerissen; selbst angesehene Frauen umfaßten und küßten ihn. Seine Hände wurden so gedrückt und geschüttelt, daß er sie drei Tage lang nicht mehr fühlte. Er verlor seine natürlich edle Haltung nicht; die verlegene Bescheiden¬ heit dem begeisterten Danke, das Erröthen dem bewun¬ dernden Lobe gegenüber, stand ihm so schön an, als sein muthig entschlossenes Wesen in der Gefahr. Wer ihn nicht schon kannte, verwunderte sich; man hatte ihn sich anders gedacht, braun, keckäugig, verwegen, übersprudelnd von Kraftgefühl, wohl sogar wild. Aber man gestand sich, sein Ansehn widersprach dennoch nicht seiner That. Das mädchenhafte Erröthen einer so hohen männlichen Gestalt hatte seinen eigenen Reiz, und die verlegene Bescheidenheit des ehrlichen Gesichts, die nicht zu wissen schien, was er gethan, gewann; die milde Besonnenheit und einfache Ruhe stellte die That nur in ein schöneres Licht; man sah, Eitelkeit und Ehrbegierde hatten keinen Theil daran gehabt. Wir überspringen im Geiste drei Jahrzehnte, und kehren zu dem Manne zurück, mit dem wir uns im Anfange unserer Erzählung beschäftigten. Wir ließen ihn in der Laube seines Gärtchens. Die Glockentöne von Sankt Georg riefen die Bewohner der Stadt zum Vormittagsgottesdienste; sie klangen auch in das Gärt¬ chen hinter dem Hause mit den grünen Fensterladen herein. Dort sitzt er jeden Sonntag um diese Zeit. Rufen die Glocken zum Nachmittagsgottesdienst, dann sieht man ihn, das silberbeknopfte Rohr in der Hand, nach der Kirche steigen. Kein Mensch begeg¬ net ihm dann, der den alten Herrn nicht ehrerbietig grüßte. Nun sind es fast dreißig Jahre her, aber es gibt noch Leute, die die Nacht miterlebt haben, die denkwürdige Nacht, von der wir eben erzählten. Wer es noch nicht weiß, dem können sie sagen, was der Mann mit dem silberbeknopften Stocke für die Stadt gethan in jener Nacht. Und was er den Mor¬ gen nachher gestiftet, davon kann man Steine zeugen hören. Vor der Stadt am Brambacher Wege, nicht weit vom Schützenhaus, erhebt sich aus freundlichem Gärtchen ein stattlicher Bau. Es ist das neue Bürger¬ hospital. Jeder Fremde, der das Haus besucht, erfährt, daß der erste Gedanke dazu von Herrn Nettenmair kam. Er muß die ganze Geschichte jener Nacht hören, die wackere That des Herrn Nettenmair, der dazumal noch jung war; dann, wie man Geld für ihn gesam¬ melt, und er die bedeutende Summe an den Rath ge¬ geben als Stammfonds zu dem Kapital, das der Bau erforderte; wie sein Beispiel Frucht getragen, und reiche Bürger mehr oder weniger dazu geschenkt und ver¬ macht, bis endlich nach Jahren ein Zuschuß aus der Stadtkasse den Beginn und die Vollendung des Baues ermöglicht hatte. War Herr Nettenmair aus der Kirche zurück, dann verbrachte er den Rest des Sonntags auf seinem Stüb¬ chen — denn da wohnt er noch immer — oder er machte einen Gang nach der nahen Schiefergrube, die jetzt ihm gehört, oder vielmehr seinen Neffen. Die Erfüllung des Wortes, das er sich gegeben, war der Gedanke seines Lebens geblieben. Was er schaffte, schaffte er für die Angehörigen seines Bruders; er sah sich nur als ihren Verwalter an. Begegnete ihm auf seinem Wege ein zierliches kleines Mädchen, so dachte er an das todte Aennchen. Sein Gedächtniß war so gewissenhaft, als er selbst. Dann rief er das Kind zu sich, streichelte ihm das Köpfchen, und es mußte wun¬ derlich zugegangen sein, fand sich in den Taschen des blauen Rockes nicht irgend etwas sorglich in reines Papier Gewickeltes, das er herausnehmen konnte, sich von dem kleinen Munde einen Dank zu verdienen. Aber das Kind konnte sich erst freuen, wenn er vor¬ übergegangen war. Bei aller Freundlichkeit hatte die große Gestalt etwas so Ernstes und Feierliches, daß das Kind vor Respekt nicht zur Freude kommen konnte. Die Woche über saß Herr Nettenmair über seinen Bü¬ chern und Briefen, oder beaufsichtigte im Schuppen das Ab- und Aufladen, das Behauen und Sortiren der Schiefer. Punkt zwölf aß er Mittags, punkt sechs zu Abend auf seinem Stübchen; dazu brauchte er eine Viertelstunde, dann strich er mit leiser Hand über das alte Sopha und bewegte sich drei andere Viertelstunden, war es Sommerszeit, im Gärtchen. Mit dem ersten Viertelschlage von ein und sieben Uhr klinkte er die Staketenthüre wieder hinter sich zu. Am Sonntag ist's anders; da sitzt er eine ganze Stunde lang in der Laube und sieht nach dem Thurmdache von Sankt Georg hinauf. Uns bleibt wenig nachzuholen, und der Leser kennt Alles, was dann durch Herrn Net¬ tenmair's Seele geht, was er abliest vom Thurmdache von Sankt Georg. Auch wem das bejahrte, aber immer noch schöne Frauengesicht gehört, das zuweilen durch das Staket und das Bohnengelände daran, zu dem Sitzenden herüberlauscht, das weiß der Leser nun. Die jetzt weiße Locke über der Stirn, die sich noch immer gern freimacht, war noch dunkelbraun und voll, und hing auf eine faltenlose Stirn herab, die Wangen darunter schwellte noch Jugendkraft, die Lippen blühten noch und die blauen Augen glänzten, als sie dem Manne entgegeneilte, der eben die Stadt gerettet. Er küßte sie leise auf die Stirn und nannte sie mit dem Namen „Schwester“. Sie verstand, was er meinte. Schon damals sah sie mit der Ergebung, ja Andacht zu dem Manne hinauf, mit der sie jetzt sein Sinnen belauscht, aber noch ein ander Gefühl trat auf ihr durchsichtiges Antlitz. Der alte Herr gerieth in Zorn, als Apollonius ihm seinen Entschluß, nicht zu heirathen, mittheilte. Er ließ dem Sohne die Wahl, die Ehre der Familie zu bedenken, oder nach Köln zurückzugehn. Apollonius' Herzen wurde es schwerer, als seinem Verstande, den Vater zu überzeugen, daß nur er die Familienehre aufrecht zu halten vermöge, daß er bleiben müsse. Er wußte, nur seinem Entschlusse treu, blieb er der Mann, sein Wort zu halten. Das konnte er dem Vater nicht sagen. Erfuhr dieser das wahre Verhältniß der beiden jungen Leute, so drang er nur noch stärker auf die Heirath. Dann hätte er ihm auch sagen müssen, wie der Bruder den Tod gefunden. Er hätte ihn nur tiefer beunruhigen müssen. Daß der Vater im Herzen überzeugt war, der Bruder hatte durch Selbstmord ge¬ endigt, wußte er nicht. Die beiden so nah verwandten Menschen verstanden sich nicht. Apollonius setzte die inner¬ liche Natur seines eigenen Ehrgefühles bei dem Vater voraus, und der Alte sah in der Weigerung des Sohnes und dessen Beweis, er nur könne der schwie¬ rigen Lage des Hauses gerecht werden, den alten Trotz auf seine Unentbehrlichkeit, der es nun nicht einmal mehr der Mühe werth hielt, zu verbergen: der Vater war in seinen Augen nichts mehr, als ein hülfloser alter blinder Mann. Und was diese Mißverständnisse verursachte und begünstigte, das Zurückhalten, war eben der Familienzug, den sie beide gemein hatten. Denselben Morgen hatte eine Deputation des Raths Apollonius den Dank der Stadt gebracht; hatten die angesehensten Leute der Stadt gewetteifert, ihm ihre Achtung und Aufmerksamkeit zu beweisen. Ursache genug, eine ehrgeizige Seele zur Ueberhebung zu reizen, Grund genug für den alten Herrn, dem Apollonius als eine solche Seele galt, an dessen Ueberhebung zu glauben. Der alte Herr mußte die Unentbehrlichkeit des Trotzen¬ den anerkennen und durfte weder ein Recht noch eine Macht gegen ihn behaupten. Die Gemüthsbewegung und geistige Ueberanstrengung an dem Tag vor dem Tode seines älteren Sohnes hatten seine letzte Kraft untergraben; nun brach sie vollends zusammen. Von Tag zu Tag wurde er wunderlicher und empfindlicher. Er verlangte von Apollonius keine Unterwerfung mehr; er fand eine selbstquälerische Lust, in seiner diplomatischen Weise dem Sohne dessen Unkindlichkeit vorzuwerfen, indem er beständig sein grimmiges Be¬ dauern aussprach, daß der tüchtige Sohn von einem alten herrschsüchtigen Vater, der nichts mehr sei und nichts mehr könne, sich soviel gefallen lassen müsse. Vergeblich war alles Bemüh'n des Sohnes, der Alte glaubte nicht an die Aufrichtigkeit desselben. Dabei konnte er sich in seiner Wunderlichkeit gleichwohl der Tüchtigkeit des Sohnes und der wachsenden Ehre und des steigenden Wohlstandes seines Hauses freu'n; wenn er sich dies auch nicht merken ließ. Er erlebte noch den Ankauf der Schiefergrube, die Apollonius seither im Pachte gehabt. Der Sohn ertrug die Wun¬ derlichkeiten des Vaters mit der liebend unermüdlichen Geduld, womit er den Bruder ertragen hatte. Er lebte ja nur dem Gedanken, das Wort, das er sich ge¬ geben, so reich zu erfüllen, als er konnte; und in diesem war ja auch der Vater mit eingeschlossen. Das Ge¬ deihen seines Werkes gab ihm Kraft, alle kleinen Krän¬ kungen mit Heiterkeit zu ertragen. Den Tag nach der Gewitterwinternacht hatte er dem alten Bauherrn seine ganze innere Geschichte mit¬ getheilt. Der alte Bauherr, der bis zu seinem Tod mit ganzer Seele an ihm hing, blieb sein einziger Umgang, wie er der einzige war, dem sich Apollonius, ohne seiner Natur ungetreu werden zu müssen, enger anschließen konnte. Einige Tage nach der Nacht mußte sich Apollonius zu Bette legen. Ein heftiges Fieber hatte ihn ergrif¬ fen. Der Arzt erklärte die Krankheit erst für eine sehr bedenkliche, aber in ihr kämpfte nur der Körper den Kampf gegen das allgemeine Leiden sieghaft aus, das geistig in dem Entschlusse jener Nacht seinen rettenden Abschluß gefunden. Die Theilnahme der Stadt an dem kranken Apollonius gab sich auf mannigfache Weise rührend kund. Der alte Bauherr und Valentin waren seine Pfleger. Der erste wich Tag und Nacht nicht von seinem Lager. Diejenige, welche Natur durch Liebe und Dankespflicht zur sorglichsten Pflegerin des Kranken bestimmt hatte, rief Apollonius nicht an sein Bett, und sie wagte nicht, ungerufen zu kommen. Die ganze Dauer der Krankheit hindurch hatte sie ihr Lager auf der engen Emporlaube aufgeschlagen, um dem Kranken so nah zu sein, als möglich. Wenn der Kranke schlief, winkte ihr der alte Bauherr, hereinzutreten. Dann stand sie mit gefalteten Händen, jeden Athemzug des Schlafenden mit Sorge und Hoffnung begleitend, an dem Bettschirm. Unwillkürlich nahm ihr leiser Athem den Schritt des seinen an. Sie stand stundenlang und sah durch einen Riß im Bettschirm nach dem Kranken hin. Er wußte nichts von ihrer Anwesenheit, und doch konnte der Bauherr bemerken, wie leichter sein Schlaf, wie lächelnder sein Gesicht dann war. Keine Flasche, aus der der Kranke einnehmen sollte, die er nicht, ohne es zu wissen, aus ihrer Hand be¬ kam. Kein Pflaster, kein Ueberschlag, den nicht sie bereitet; kein Tuch berührte den Kranken, das sie nicht an ihrer Brust, an ihrem küssenden Munde erwärmt. Wenn er dann mit dem Bauherrn von ihr sprach, sah sie, er war mehr um sie besorgt, als um sich; wenn er freundlich tröstende Grüße an sie auftrug, zitterte sie hinter dem Bettschirm vor Freude. Wenig Stunden ruhte sie, und wehte der kalte Winternachtwind durch die locker schließenden Laden die kalten Flocken in ihr warmes Gesicht, berührte ihr eigener Hauch, auf der Decke gefroren, ihr eisig Hals, Kinn und Busen, dann war sie glücklich, etwas um ihn zu leiden, der Alles um sie litt. In diesen Nächten bezwang die heilige Liebe die irdische in ihr; aus dem Schmerz der ge¬ täuschten süßen Wünsche, die ihn besitzen wollten, stieg sein Bild wieder in die unnahbare Glorie hinauf, in der sie ihn sonst gesehn. Apollonius genas rasch. Und nun begann das eigene Zusammenleben der beiden Menschen. Sie sahen sich wenig. Er blieb auf seinem Stübchen wohnen, Valentin brachte ihm das Essen, wie sonst, dahin. Die Kinder waren oft bei ihm. Begegneten sich die Bei¬ den, begrüßte er sie mit freundlicher Zurückhaltung; damit entgegnete sie den Gruß. Hatten sie etwas zu besprechen, so machte es sich jederzeit wie zufällig, daß die Kinder und der alte Valentin, oder das Hausmäd¬ chen zugegen war. Kein Tag verging deshalb ohne stumme Zeichen achtender Aufmerksamkeit. Kam er am Sonntag vom Gärtchen heim, so hatte er einen Strauß Blumen für sie, den Valentin an sie abgeben mußte. Er konnte gute Partien machen; es meldeten sich statt¬ liche Bewerber um sie. Er wies die Anträge, sie die Freier zurück. So vergingen Tage, Wochen, Monde, Jahre, Jahrzehnte. Der alte Herr starb und wurde hinausgetragen, der brave Bauherr folgte ihm, dem Bauherrn der alte Valentin. Dafür wuchsen die Kin¬ der zu Jünglingen auf. Die wilde Locke über der Stirn der Wittwe, die Schraube über Apollonius' Stirne bleichten; die Kinder waren Männer geworden, stark und mild wie ihr Erzieher und Lehrherr; Locke und Schraube waren weiß; das Leben der beiden Menschen blieb dasselbe. Nun weiß der Leser die ganze Vergangenheit, die der alte Herr, wenn die Glocken Sonntags zum Vor¬ mittagsgottesdienste rufen, in seiner Laube sitzend vom Thurmdach von Sankt Georg abliest. Heute sieht er mehr vorwärts in die Zukunft, als in die Vergangen¬ heit zurück. Denn der ältere Neffe wird bald Anna Wohligs Tochter zum Altare von Sankt Georg, und dann heimführen; aber nicht in das Haus mit den grünen Fensterladen, sondern in das große Haus da¬ neben. Das rosige ist für das gewachsene Geschäft zu klein geworden, auch hat der neue Haushalt nicht Platz darin; Herr Nettenmair hat das große Haus über dem Gäßchen drüben gekauft. Der jüngere Neffe geht nach Köln. Der alte Vetter dort, dem Apollonius soviel dankt, ist lange todt, auch der Sohn des Vetters ist gestorben. Dieser hat das große Geschäft seinem einzigen Kinde hinterlassen, der Braut des jüngsten Sohnes von Fritz Nettenmair. Beide Paare werden zusammen in Sankt Georg getraut. Dann wohnen die beiden Alten allein in dem Hause mit den grünen Fensterladen. Der alte Herr hat schon lang das Ge¬ schäft übergeben wollen; die Jungen haben es bis jetzt abzulehnen gewußt. Der ältere Neffe besteht darauf, der alte Herr soll an der Spitze bleiben. Der alte Herr will nicht. Er hat einen Theil der Verlassenschaft des alten Bauherrn, den er beerbt, für den Rest seines Lebens zurückbehalten; alles Andere — und es ist nicht wenig; Herr Nettenmair gilt für einen reichen Mann — übergibt er den Neffen; das Zurückbehaltene fällt nach seinem Tode an das neue Bürgerhospital. Er hat sein Wort wahr gemacht; der Deckhammer über seinem Sarge wird ehrenblank sein wie über wenigen. Die junge Braut wehrt sich, Alles anzunehmen, was die künftige Schwiegermutter ihr geben will. Wenn diese Alles gibt, Eins wird sie behalten. Das Eine ist eine Blechkapsel mit einer dürren Blume. Sie liegt bei Bibel und Gesangbuch und ist ihrer Besitzerin so heilig, als diese. Die Glocken rufen noch immer. Die Rosen an den hochstämmigen Bäumchen duften, ein Grasmück¬ chen sitzt auf dem Busche unter dem alten Birnbaum und singt; ein heimliches Regen zieht durch das ganze Gärtchen, und selbst der starkstielige Buchsbaum um die gezirkelten Beete bewegt seine dunkeln Blätter. Der alte Herr sieht sinnend nach dem Thurmdach von Sankt Georg; das schöne Matronengesicht lauscht durch das Bohnengelände nach ihm hin. Die Glocken rufen es, das Grasmückchen singt es, die Rosen duften es, das leise Regen durch das Gärtchen flüstert es, die schönen greisen Gesichter sagen es, auf dem Thurm¬ dach von Sankt Georg kannst du es lesen: Von Glück und Unglück reden die Menschen, das der Him¬ mel ihnen bringe. Was die Menschen Glück und Un¬ glück nennen, ist nur der rohe Stoff dazu. Am Men¬ schen liegt's, wozu er ihn formt. Nicht der Himmel bringt das Glück; der Mensch bereitet sich sein Glück und spannt seinen Himmel selber in der eigenen Brust. Der Mensch soll nicht sorgen, daß er in den Himmel, sondern daß der Himmel in ihn komme. Wer ihn nicht in sich selber trägt, der sucht ihn vergebens im ganzen All. Laß' dich vom Verstande leiten, aber verletze nicht die heilige Schranke des Gefühls. Kehre dich nicht tadelnd von der Welt, wie sie ist; suche ihr gerecht zu werden, dann wirst du dir gerecht. Und in diesem Sinne sei dein Wandel: Zwischen Himmel und Erde! Druck von C. W. Leske in Darmstadt.