Jenny. Von der Verfasserin von „Clementine“. Erster Theil. Leipzig: F. A. Brockhaus. 1843. Jenny. Erster Theil. Jenny. Von der Verfasserin von „Clementine“. Ein Stamm, aus dem der Erlöser, die Madonna, die Apostel hervorgegangen, der nach tausendjähriger Ver- folgung dem Glauben und den Sitten seiner Väter treu geblieben, nach tausendjährigem Drucke noch hervorra- gende Größe für Wissenschaft und Kunst erzeugt, muß jedem andern ebenbürtig sein. Die Verhältnisse der Juden in Preussen von v. Rönne und Simon. Erster Theil . Leipzig: F. A. Brockhaus. 1843. B ei Gerhard, dem ersten Restaurant einer großen deutschen Handelsstadt, hatte sich im Spätherbst des Jahres 1832 nach dem Theater eine Gesellschaft von jungen Leuten in einem besondern Zimmer zusammengefunden, die an- fänglich während des Abendessens heiter die Be- gegnisse des Tages besprachen, allmälig zu dem Theater und den Schauspielern zurückkehrten und nun in schäumendem Champagner das Wohl einer gefeierten Künstlerin, der Giovanolla, tran- ken, welche an jenem Abende die Bühne betre- ten hatte. „Sie soll leben und blühen in ewiger Schön- heit!“ sagte entzückt der Maler Erlau, „und I . 1 möge es mir vergönnt sein, die Feueraugen und den Götternacken dieses Mädchens immer vor meinen Augen zu haben, wie sie sich mir bei der gestrigen Sitzung zeigten. Ihr seht sie Alle in der falschen, täuschenden Beleuchtung der Bühne, und könnt nicht ahnen, wie wunderbar schön ihre mattglänzende sammetweiche Haut, wie regel- mäßig und vollendet ihre Züge und wie üppig ihre Formen sind. Ich sage Euch, sie ist der Typus einer italienischen Schönheit.“ „Wenn sie nur nicht so verdammt jüdisch aussähe“, sagte wegwerfend ein Anderer, den wir Horn nennen wollen, und welcher Sohn und Erbe eines reichen Kaufmanns war. „Ich sagte es gleich zu meinem Vetter Hughes, den ich Ihnen, lieber Erlau! als einen Mitenthusiasten empfehlen kann, und der für nichts Augen hatte, als für diese Person, die mir wirklich mit all ihrer gepriesenen italienischen, oder sagten Sie orientalischen Schönheit? au dernier degrès miß- fallen hat. Wir lieben in unserer Familie dies genre von Schönheit nicht, es ist eine uns an- geborne Antipathie, und mir wurde erst wieder in England bei den schlanken, blonden Insula- nerinnen recht wohl, nachdem ich mich in Havre ein Jahr lang in der Frankfurter Judenstraße unter jenen kleinen, brunetten Französinnen ge- glaubt hatte.“ „ A propos, von Judenstraße, lieber Ferdi- nand!“ fiel der Vetter, der ein geborner Englän- der, und erst seit wenig Tagen in dieser Stadt war, dem Sprechenden ins Wort, „wer war wol das ganz junge Mädchen in der zweiten Loge rechts von der Bühne? Sie ist offenbar eine Jüdin, aber es wird ein interessantes Ge- sicht werden.“ „Ich kenne die Juden nicht“, antwortete der Gefragte. „Schämen Sie sich“, rief im komischen Zorn der Maler, „und verleugnen Sie nicht, wie unser 1 * heiliger Apostel Petrus, seligen Andenkens, Ihren Meister und Herrn. Sie sollten den reichen Ban- quier Meier nicht kennen, bei dessen Vater Ihr Herr Vater die Handlung erlernte, und von dem er die Mittel zu seinem Etablissement erhielt, als er sich in Ihre Mutter verliebte? Freilich kam Ihr Herr Papa durch diese Heirath in die schönste Mitte der Kaufmannsaristokratie, und mag in der Gesellschaft wol seine alttestamen- tarischen Verbindungen vergessen haben.“ Horn war halb beleidigt, halb verlegen. „Ach so!“ sagte er, „die Meiers hatten die Loge? Nun ja, also es waren die Meiers, die Tochter soll ein hübsches Mädchen werden, eine reiche Erbin, sie steht noch zu Diensten, lieber Vetter! — Das ist aber auch Alles, was ich weiß.“ „So erlauben Sie mir“, nahm der Candidat Reinhard, ein schöner, junger Mann, der bis dahin schweigend der Unterhaltung zugehört hatte, die ihm nicht zu gefallen schien, das Wort, „so erlauben Sie mir, Ihnen, falls es Sie interessirt, nähere Details über die Familie zu geben. Das Meiersche Haus ist gewiß das gastlichste unserer Stadt, die Mutter eine freundliche wohlwollende Frau, der Vater ein ungemein gescheidter und braver Mann, der ein offenes Herz für die Men- schen und die Menschheit hat, und sich lebhaft für Alles interessirt, was es Großes und Schönes gibt. Die Leute haben nur zwei Kinder, einen Sohn, der mein genauer und bester Freund ist, den Doctor Meier, und eben diese Tochter, Jenny Meier, die ich bis vor Kurzem unterrichtete.“ „Und ist Niemand da, der die Handlung fortsetzt, wenn der alte Meier, dessen Firma mir wohl bekannt ist, einmal stirbt?“ sagte der Vetter. „Ja wohl, ein Neffe, seines Bruders Sohn, der auch Meier heißt, und schon lange in der Handlung ist. Man sagt, er werde die Tochter heirathen, und das Geschäft einst übernehmen“, antwortete Reinhard zögernd. „Der Glückliche, ich könnte ihn beneiden, denn das Mädchen ist wahrhaft reizend“, rief der Engländer aus. „Das denkt Freund Reinhard auch“, lachte Erlau, „und gewisse Leute wollen behaupten, daß er die junge Dame, nachdem er ihre geistige Ausbildung meisterhaft geleitet, jetzt praktisch in der Conjugation mancher Zeitwörter unterrichte, als da ist: ich liebe, du liebst u. s. w. u. s. w. Werde nicht roth, lieber Reinhard, es ist eine Bemerkung, wie jede andere, und ich theile Deine Neigung und Anhänglichkeit für das ganze Meiersche Haus. Es sind mit die besten und gebildetsten Leute der Stadt, und wenn auch die sogenannte Elite der Gesellschaft dort im Hause nicht zu sehen ist, so findet man den größten Theil unserer Gelehrten und Künstler, eine Menge von Fremden, und vortreffliche Unterhaltung bei Meier's. Ich wüßte kein Haus, das ich lieber besuchte als das Meiersche.“ „Sie schildern die Familie so interessant, daß Sie mir fast den Wunsch einflößen, mich in dem Hause einführen zu lassen“, sagte Hughes. „Um Gottes willen, William!“ fiel Horn ein, „meine Mutter würde das sehr ungern sehen, wie kommst Du nur darauf? Ich bitte Dich, diese Juden hängen wie die Kletten zusammen, und bist Du erst in einem ihrer Zirkel, so steckst Du auch gleich fest in der ganzen Clique, daß man sich schämen muß, mit Dir an öffentlichen Orten zu erscheinen, aus Furcht, von Deiner noblen Bekanntschaft überfallen zu werden. Glaube mir, die Visite bei Meiers“ — „Würde Ihnen beweisen, daß Herr Horn mit seinen Gesinnungen in mancher Beziehung noch tief im Mittelalter stecke“, unterbrach Rein- hard die Rede, „und ich bekenne Ihnen, Herr Horn, daß wir Ihre Aeußerungen nicht nur höchst befremdlich scheinen in unserer Zeit, son- dern daß ich sie geradezu für unschicklich halte, nachdem ich Ihnen gesagt habe, daß ich der Familie befreundet bin und sie hochachte.“ „Ah, entschuldigen Sie, Herr Reinhard, ich vergaß, daß Sie Stunden in dem Hause geben und die Sache anders ansehen müssen. Ich aber, der ich ganz unabhängig bin, gestehe Ihnen — — — —“ „Gestehen Sie nichts mehr, Sie haben schon so Vieles heute gestanden“, rief Erlau dazwi- schen, „was Sie lieber hätten verschweigen sollen. Sie sind ein reicher, junger Kaufmann, sehr elegant, sehr fashionable, was kümmern Sie Ge- ständnisse und Juden? Mein Gott! Sie haben nun einmal die Antipathie, und Sie brauchen ja auch nicht zu Meiers zu gehen, es hat Sie Niemand gebeten — selbst nicht“, fügte er halb- laut, gegen Reinhard gewendet, hinzu, „als vor drei Jahren die Sonntag dort war und der junge Herr alle Segel aufsetzte, um eingeladen zu werden. Ich bitte Dich, Reinhard, ärgere Dich über den Laffen nicht, und laß ihn laufen.“ Die Unterhaltung war zu einem Punkte gekommen, auf dem sie leicht eine verdrieß- liche Wendung nehmen konnte, da öffnete sich plötzlich die Thür und ein junger, hübscher Mann, kaum dreißig Jahre alt, trat in das Zimmer. Er war nur mittler Größe, aber kräftig und wohlgebaut, hatte krauses, schwarzes Haar, eine gebogene Nase, ein Paar durchdringend kluge, schwarze Augen, und vor Allem eine hohe, gewölbte Stirn, die beim ersten Anblick den Mann von Geist und Charakter verrieth. Seine Bewegungen waren rasch, wie sein Blick. Er hatte eine gelbliche, aber gesunde Farbe, und war modern, doch ganz einfach gekleidet. Kaum war er in das Zimmer getreten, als Erlau und Rein- hard ihm mit dem Ausruf: „Guten Abend, 1 ** Meier, gut daß Du kommst!“ entgegen gingen. Er wandte sich aber, die Begrüßung nur flüchtig erwidernd, an Horn, und sagte: „Ich komme eben aus dem Hause Ihrer Eltern. Ihr Fräulein Schwester hat sich den Fuß beschädigt, als sie nach der Rückkehr aus dem Theater aus dem Wagen stieg, man hat mich holen lassen, es ist jetzt Alles in Ordnung, durchaus nichts zu be- fürchten, und ich freue mich, daß ich Sie hier treffe, denn ich glaube, Herr Horn, man erwartet Sie zu Hause. — Guten Abend, und schön, daß ich Euch noch finde“, fuhr er, gegen die Freunde gewandt, fort, und setzte sich zu ihnen nieder. Horn machte ein paar besorgte Fragen, die von Dr. Meier beruhigend beantwortet wurden, dann brach jener auf, und William Hughes wollte ihn begleiten. Erlau indessen, der nie genug Leute beisammen haben konnte, und dem der Engländer gefiel, redete ihm zu, bei ihnen zu bleiben, um noch ein paar Stunden zu plau- dern. „Im Hause Ihres Onkels können Sie Nichts nützen, und hier“, sagte er, „haben wir Gelegenheit, Sie unserm Freunde, dem Doctor Meier, von dem wir vorhin sprachen, vorzu- stellen, also bleiben Sie immer hier.“ William war das zufrieden, und Horn empfahl sich dem kleinen Kreise, indem er William ver- sicherte, er beneide ihn um den Genuß, in so vortrefflicher Gesellschaft noch länger zu blei- ben, dabei warf er einen spöttischen Blick auf Meier, den dieser nicht sah, da er Horn den Rücken zugewendet hatte, und den Reinhard mit verächtlichem Achselzucken erwiderte. Ein Kellner räumte die leeren Bouteillen, die gebrauchten Gläser fort, und setzte eine volle Flasche vor die Zurückbleibenden hin. Erlau, Reinhard und William, die schon seit einer Stunde beim Weine saßen, geriethen allmälig in eine immer munterere Laune, wogegen Meier's Ruhe eigenthümlich abstach. Vor Allen konnte Erlau's ausgelassene Fröhlichkeit sich nicht genug thun; ein Witz folgte dem andern, ein Toast dem andern. „Alt-England soll leben!“ rief er aus, „mit seinen freien Institutionen, mit seinem edlen Lord auf dem Wollsack, seiner Charta magna und seinen Constables und Beefsteacks, und Sie sollen leben und leben immer mit uns, wie heute Mr. Hughes.“ Der Toast wurde erwidert. Hughes trank auf die Einheit Deutschlands; Reinhard ließ die deutschen Frauen leben, Erlau vor Allen die Schauspielerin, von der schon früher die Rede gewesen war, und Meier gab sich dem Treiben hin, wie ein Erwachsener, der mit Kindern spielt. Er nahm äußerlich Theil daran, während ihn im Innern offenbar ein anderer Gegenstand be- schäftigte, und er in ein Hinträumen versank, aus dem Erlau's Ruf: „Meier, die Deinen sollen leben!“ ihn aufstörte. Schweigend und nur mit dem Kopfe nickend dankte dieser, und trank sein Glas aus. Damit war aber Erlau nicht zufrieden. „Mein Gott! Du unerträg- lich ernsthafter Doctor und Misantrop, gibt es denn nichts mehr auf der Welt, was Dich aus Deiner philosophischen Philisterlaune herausreißen kann? — Ich erschöpfe mich in hinreißender Geistreichheit, ich verschwende die beste Laune, dem kostbarsten, göttlichsten Champagner an Dir, und Du nimmst meine Liebenswürdigkeit, die doch heute ganz exquisit ist, hin, wie ein Bettler das tägliche Brot, ohne Freude und Genuß, und gießt den edlen Wein hinunter, gedankenlos, als gälte es, das harte tägliche Brot mit lang- weiligem Wasser hinabzuspülen. Ich werde irre an Dir, Doctor! Was fehlt Dir, was denkst Du, was meinst Du? Soll ein Gott vom Himmel steigen, um Dir zu beweisen, daß die Welt die beste ist, in der auf öden Kalkfelsen dieser Göt- tertrank zu wachsen vermag? in der auf allen Wegen die schönsten Blumen erblühen, und in manchen dunkeln Häusern die hellsten Mädchen- augen blitzen? Sünder, gehe in Dich, und thue Buße, und rufe mit mir: Die Weiber sollen leben! — und — ha! nun hab' ich's, was ihn wecken wird; steht auf, ihr Weisen, und trinket mit mir! Meier, Deine Schwester soll leben!“ — Reinhard und Hughes standen auf, und der Letztere rief lebhaft: „Ja! das schöne Mädchen mit dem feuchten Flammenblick soll leben und immer leben!“ — Auch Reinhard, in dem noch man- cher Widerhall seiner Studentenjahre nachtönte, erhob sein Glas, und bereitete sich, es gegen die andern Gläser klingen zu lassen, nur Meier blieb ruhig sitzen, und sagte, „Seit wann ist es Sitte, daß man bei Zechgelagen auf das Wohl unbe- scholtener Mädchen trinkt? Ich werde es wenig- stens nicht leiden, daß der Name meiner Schwester in meiner Gegenwart im Weinhause entweiht werde. Setzen Sie sich, meine Herren! den Toast nehme ich nicht an.“ — Dieser ruhige ernste Ton schien Erlau plötzlich abzukühlen, während er den Engländer in lebhafte Bewegung versetzte. Er ging rasch auf Meier zu, und rief: „Geben Sie mir die Hand, Doctor! Sie müssen mein Freund werden! Wir Engländer haben sonst nicht das Herz auf der Zunge — aber Ihr Deutschen seid unsere Stammverwandten. Ihr wißt es, was sweet home und a blushing maid dem Herzen sein können — Sie wissen es vor Vielen gut, darum schlagen Sie ein, Doctor! unbesorgt, ich bin ein Ehrenmann!“ Meier that, wie Jener es verlangte, und that es gerne, denn es lag wirklich so viel Ehren- haftes, Zutrauliches in der Art und den Zügen des Fremden, daß es augenblicklich für ihn ein- nahm. Auch Reinhard schüttelte ihm die Hand und man trank auf die Dauer und das Ge- deihen des neuen Bundes. Dadurch blieb Erlau allein stehen; er goß zwei Gläser voll, nahm in jede Hand eins derselben, und sprach in affectirter Traurigkeit: „Auf das U folgt gleich das Weh, das ist die Ordnung im ABC — auf jeden Augenblick voll Wonne eine Ewigkeit von langer Weile, denn ich schwöre Euch! die rechte, wahrhafte Ewigkeit wird erst recht lang- weilig sein — auf jede liebenswürdige Sünde folgt bei Euch eine unausstehliche Bußfertigkeit. Anathema! über das ausgeartete Geschlecht, das nicht begreift, wie man sündigt aus süßer, in- niger Ueberzeugung; dem nur en passant ein kleines, bornirtes Sündchen in den Weg kommt, und das nie jenes großartige Gebet des edlen Russen begriff und gläubig zu beten vermochte: „Dieu, envoye moi des tentations afin que j'y succombe!“ — Hier stehe ich allein, ich fühle es, in einer verderbten Zeit, in der mich Nie- mand versteht, und so muß ich für mich allein mir den Toast ausbringen: Gott erhalte mich in meiner geliebten Sündhaftigkeit, worauf ich dies Glas ausleere — und hole der Teufel Eure verdammte Tugend, bei der man nicht an ein hübsches Mädchen denken und ihr Glück wün- schen darf, ohne eine Ladung Moral und ein Fuder Gefühl in den Kauf zu bekommen.“ — Dabei trank er das zweite Glas, und sagte ver- drießlich, während die Andern herzlich lachten, „und nun könnt Ihr alle ruhig nach Hause gehen, nachdem Ihr mich mit Eurer abgeschmack- ten Sentimentalität um meine beste Laune ge- bracht habt. Geht nach Hause und schlaft wie die Ratten und träumt tugendhaft — ich werde noch nach dem Fenster der göttlichen Giovanolla wandeln, und sehen, ob dieser süße Strahl der Liebe, der, Gott sei Dank! keine Heilige ist, noch über der Erde leuchtet, oder ob er sich schon hinter den Wolken des Schlummers verborgen hat, und mir erst morgen wieder als Stern und Sonne aufgehen will. — Beiläufig könnte ich dann diesen unsern Insulaner in das Haus seines Onkels geleiten, in sein sweet home, damit er uns nicht auf den Querstraßen des Lebens ver- loren gehe, und seine warme Seele nicht erstarre in kalter Winternacht. — Gute Nacht, Kinder!“ „Gute Nacht, Meier“ — „kommen Sie, Mr. Hughes!“ — mit diesen Worten brach er auf, und die Gesellschaft ging aus einander. „Wo warst Du gestern, Eduard?“ fragte Jenny Meyer am nächsten Morgen ihren Bruder, als dieser in das Wohnzimmer seiner Eltern trat, wo die Familie frühstückend beisammen saß. „Wir hatten Dich zum Thee erwartet, und Du kamst nicht! Auch im Theater bist Du nicht gewesen!“ „Steinheim war bei mir, und unser Joseph, und wir plauderten bis 9 Uhr ungefähr; dann wollte ich mit ihnen hinauf kommen, und Eure Rückkehr aus dem Theater erwarten, wurde aber plötzlich in das Haus des Commerzienraths Horn gerufen, wo sich die Tochter den Fuß gebrochen hatte, als sie aus dem Theater kam. So gingen meine Gäste fort, und ich sprach nachher, als ich den Verband angelegt hatte und nach Hause gehen wollte, bei Gerhard an, fand dort Be- kannte, und blieb ein paar Stunden sitzen!“ „Mein Gott!“ rief die Mutter, „hat sich das schöne Mädchen, die Clara Horn, schwer beschädigt?“ „Du hörst es ja“, antwortete der Vater, „sie hat den Fuß gebrochen, und ein schwerer Fall, ein ganz verzweifelter muß es wohl sein, wenn der alte Horn sich entschloß, gerade Eduard rufen zu lassen.“ „Das kannst Du nicht behaupten, lieber Mann! Eduard ist doch, obgleich einer der jüngern Mediziner, in den ersten Häusern der Stadt Hausarzt, sowol bei Christen, als bei Juden; und Du weißt selbst, wie ungemein zu- vorkommend ihm überall begegnet wird, und wie sehr man für ihn eingenommen ist!“ „Ich weiß es wohl, und es freut mich, daß er sich diese Stellung errungen, aber ebenso wohl weiß ich, daß es jener ganzen Clique ge- wiß die höchste Ueberwindung gekostet hat, den jüdischen Arzt in ihre engern Kreise zu ziehen. Sie entschuldigen sich vor sich selbst mit dem Nutzen, den er ihnen gewährt, und doch, wer weiß, ob Eduard überall den gleichen Empfang fände, wenn er sich mit einer Jüdin verheira- thete, und für seine Frau dieselben Rücksichten verlangte, als für sich? Den einzelnen jungen Mann nehmen sie allenfalls gern auf. Eine Familie? da würden sie vielleicht Bedenken haben.“ „Das glaube ich nicht“, sagte die Mutter, „im Gegentheil, ich bin überzeugt, daß Eduard nur zu werben braucht, um eine Frau, aus welchem christlichen Hause er wollte, zu bekom- men, und ich kann es nicht leugnen, daß ich nichts sehnlicher wünsche, als ihn recht bald eine solche Verbindung schließen zu sehen!“ Der Vater lächelte, und Eduard erwiderte: „Eine Verbindung der Art, liebe Mutter! werde ich nie eingehen, das weißt Du wohl, — ich werde mich niemals taufen lassen, und Deine ehrgeizigen freundlichen Hoffnungen für mich, in der Zukunft eine große Cariere voll Ehren- stellen, Orden und Würden zu erblicken, werden sich schwerlich jemals realisiren. Es sei denn, daß eine neue Zeit für uns heraufkäme.“ „Die zu schaffen Du Dich berufen fühlst, mit Steinheim, Joseph und Andern“, fiel Jenny ein. „Himmlischer, einziger Eduard, nur beim Frühstück verschone mich mit Politik, nur die eine Tasse Kaffee lasse mich ohne politische oder anatomische Zuthaten genießen. Vater! verbiete ihm überhaupt, schon beim Frühstück vernünftig zu sein. Er hat ja dazu seine große Praxis, und den ganzen, langen Tag, der Morgen muß für uns sein.“ Der Vater gab scherzend den gewünschten Befehl, und fragte, ob Eduard nicht wisse, wie man bei Horn's darauf gekommen, gerade ihn holen zu lassen. „Ihr Hausarzt, der alte Geheimrath, fand den Fall sehr bedenklich“, berichtete der Sohn, „that sehr ängstlich, und daher bestand das Fräulein selbst darauf, sich von ihm nicht den Verband anlegen zu lassen, und verlangte, man solle nach mir schicken. Wenigstens erzählte mir der Commerzienrath so, ich weiß nicht, ob, um mir begreiflich zu machen, daß er selbst es nicht gethan hätte, oder um mir mitzutheilen, welch schmeichelhaftes Vertrauen die Tochter zu mir hege.“ „Ist sie so schön, als sie zu werden ver- sprach? Ich habe sie in der Schule gekannt“, sagte Jenny; — „aber spiele nicht den kalten, gefühllosen Arzt, der nichts sieht, als die Krank- heit“, fügte sie hinzu. „Sie ist so wunderschön, daß selbst der Käl- teste warm werden müßte bei ihrem Anblick“, antwortete er; „dabei war sie so geduldig bei dem großen Schmerz, so liebenswürdig gegen die Umgebung, so dankbar gegen mich, daß ich ganz für sie eingenommen bin. Ich wäre un- tröstlich, wenn sie nicht vollkommen hergestellt würde, wie ich es hoffe, denn sie ist wunder- schön!“ Jenny war ganz glücklich, den Bruder so entzückt zu sehen, und meinte, die Kranke könne sich glücklich schätzen, die werde gewiß sorgsamer und besser als manche Königin behandelt wer- den, und Eduard möchte sich bei der Kur nicht zu sehr anstrengen, damit er sich nicht etwa selbst eine Herzenskrankheit zuziehe, die leicht unheil- bar sein könnte. Nun kam auch Joseph Meier, der Neffe, welcher ebenfalls im Hause wohnte, dazu. Er war fast in gleichem Alter mit Eduard, doch ließ sein düsteres Wesen ihn älter erscheinen als er war. Er hatte ein kluges Aeußere , ohne hübsch zu sein, weil er sehr unregelmäßige Züge hatte, und gewöhnlich etwas mürrisch aussah. Nur selten flog ein Lächeln über das markirte Gesicht und verbreitete ein mildes Licht über die Augen, die eigentlich höchst gutmüthig waren, aber fast immer brütend zur Erde blickten. Joseph und Eduard waren von Kindheit an die besten Freunde gewesen, und hatten, sich ge- genseitig ergänzend, sich zu dem gebildet, was sie geworden, zu tüchtigen Menschen, Jeder in seiner Art. Nur fehlte Joseph das liebenswür- dige Wesen, der feine, ungezwungene Anstand, der Eduard's Erscheinung so angenehm machte; und vor Allem hatte dieser eine angeborne, blühende Beredsamkeit, während Joseph in den meisten Fällen nur kurz und abgebrochen sprach. Natürlich wurde bei Joseph's Ankunft das eben Mitgetheilte wiederholt und nochmals be- sprochen. Er ließ sich das Ganze ruhig erzählen, und sagte dann mit seinem gewöhnlichen sonder- baren Lächeln: „O ja! so sind sie!, wenn sie Dich brauchen, können sie recht liebenswürdig sein. — Aber höre doch einmal, wie sie von Dir reden, wenn sie unter sich sind. — Frage einmal, ob sie Dich für ebenbürtig halten.“ Diese Aeußerung, gerade jetzt ausgesprochen, wo man in so guter Laune war, verstimmte die Uebrigen sichtlich. Jenny, die das düstere Wesen des Vetters nicht liebte, war die Erste, die ihren Verdruß äußerte, indem sie ihm den Kaffee mit den Worten reichte: „Da! Du Störenfried! trinke nur, damit Du nicht brummen kannst.“ — Auch Madame Meier schien unzufrieden. Der Vater fing an, die Zeitungen zu lesen, die Joseph I. 2 mitgebracht hatte, und nur der Doctor plauderte noch eine Weile mit ihm fort, worauf sich die drei Männer entfernten, um an ihre Geschäfte zu gehen, und nur Mutter und Tochter zurück- blieben. „Joseph wird doch von Tag zu Tag uner- träglicher“, sagte die Letztere, „er wird immer finsterer, immer abstoßender, und ich freue mich auf kein Fest, auf nichts mehr, sobald er dabei ist, weil ich weiß, daß er mir jede Freude stört.“ „Und doch glaube ich“, wandte die Mutter ein, „daß es kaum ein reicheres, edleres Herz gibt, als das seine. Ich wüßte Niemand, der so freudig Alles für seine Geliebten zu opfern bereit wäre, Niemand, der es mit mehr An- spruchslosigkeit thäte als er. Auch achten wir Alle ihn von Herzen, haben ihn sehr lieb, und es thut mir leid, daß Du dich nicht in seine Eigenheiten schicken kannst.“ „Können? mein Gott! können würde ich es schon — aber ich will es gar nicht.“ „Das ist es eben, was mich betrübt, mein Kind! — Dies ewige ich will und ich will nicht, dies Unfügsame in Deinem Wesen, das ist es, was mich über Dich besorgt macht. Als Du geboren wurdest, und ich Dich auf meinem Schooße heranwachsen sah, habe ich oft zu Gott gebetet, er möge alles Unheil von Dir abwen- den. Bisher ist mein Gebet auf fast wunder- bare Weise erhört worden, und doch sehe ich es mit Schmerz, daß wir Menschen Gott eigentlich um nichts bitten dürfen, weil wir nicht wissen, was uns frommt.“ „So hättest Du mir also lieber Unglück wünschen sollen?“ — fragte die Tochter lächelnd. „Zu Deinem wahren Heile wäre es viel- leicht besser gewesen. Ich schloß von meinem Herzen auf das Deine, und darin irrte ich. In Dir ist der Charakter Deines Vaters, der feste, 2* starke Sinn, und Eduard's Einfluß hat diese Charakter-Richtung in Dir noch mehr ausge- bildet. Vom Glück verzogen, von uns Allen mit der nachgiebigsten Liebe behandelt, hast Du es nie gelernt, Dich in den Willen eines Andern zu fügen; was man an Dir als Eigensinn hätte tadeln sollen, das haben Vater und Bruder als Charakterfestigkeit gelobt, und ich begreife, daß Dir Joseph zuwider ist, weil er allein Dir ent- schieden und mit Nachdruck entgegentritt. Und doch weiß ich, daß er Dich mehr liebt, als Viele, die Dir schmeicheln.“ Bei den Worten reichte die milde Frau der Tochter die Hand. Diese nahm sie, drückte einen Kuß darauf, und saß eine Weile schweigend bei ihrer Arbeit. Man sah es ihrem lieblichen Gesichte an, daß irgend ein Entschluß, ein Gedanke sie be- schäftige — auch legte sie plötzlich die Arbeit bei Seite, sah ganz ruhig die Mutter an und sagte mit einer Stimme, der man nicht das Geringste von der Bewegung anmerkte, die ihre Züge verriethen: „Mutter! den Joseph heirathe ich niemals. Niemals, Mutter! — Sage ihm das, und auch dem Vater. Ich weiß, daß Ihr es wünschet, daß Joseph es erwartet und mich nur erzieht, um eine gute Frau an mir zu haben; die Mühe aber kann er sparen. Sieh“, fuhr sie fort, und ihre Fassung verlor sich mehr und mehr, sodaß sie zuletzt bitterlich weinte, „sieh, gute Mutter! was Dein engelfrommes Beispiel, Deine Liebe, und Vater, und Eduard, die ich so anbete, nicht über mich vermochten, das kann Joseph, den ich gar nicht liebe, gewiß nicht von mir erlangen. Ich weiß, ich bin noch ein Kind, ich werde erst in einigen Wochen 17 Jahre, aber solch ein Kind bin ich nicht mehr, daß des Cousins rauhe, befehlende Art mich nicht ver- letzte. Andere haben mich auch getadelt, aber sie verlangen nicht das Unmögliche von mir. Dort die große, hohe Pappel im Garten biegt der Wind hin und her, und meinen kleinen, stacheligen Cactus hat er gestern mitten durch- gebrochen, weil er sich nicht beugen konnte. So ist mein Herz — es mag Euch starr, rauh und häßlich erscheinen, aber es kann, so hoffe ich, schöne Blumen tragen, die Euch erfreuen. Man kann mein Herz brechen, aber es niemals zu schwächlichem Nachgeben, zu schwankender Ge- sinnung überreden — und das schwöre ich Dir, lieber will ich sterben, als Joseph's Frau werden.“ Laut schluchzend warf sie sich vor die Mutter nieder und barg das Gesicht in ihren Schooß. Erschreckt über so viel unerwartete Leidenschaft- lichkeit schlang die besorgte Mutter die Arme um das geliebte Kind und versuchte auf alle Weise sie zu beruhigen. Sie versicherte Jenny, daß sie allerdings glaube, der Vater würde gern eine Verbindung seiner Tochter und Joseph's sehen; doch sei es ihm nie in den Sinn gekom- men, jemals ihrer Neigung Zwang anzuthun. Sie solle selbst über ihre Zukunft entscheiden — sie wisse ja, daß die Eltern keinen andern Wunsch hätten, als das Glück ihrer Kinder — aber Alles war vergeblich. Jenny konnte nicht zur Ruhe kommen, und die Mutter sah an der Lei- denschaftlichkeit, die so plötzlich, so anscheinend grundlos hervorgebrochen war, daß wol schon lange ein stilles Feuer in Jenny's Seele geglüht haben mochte; aber wer dieses Feuer angefacht, das wußte sie nicht zu errathen. Sie konnte sich nicht erinnern, daß irgend einer der jungen Männer, die in ihr Haus eingeführt waren und Jenny auf jede Weise huldigten, einen beson- dern Eindruck auf diese gemacht hätte. So saß sie sinnend da, während die Tochter noch ganz erhitzt und aufgeregt sich wieder an den Nähtisch gesetzt hatte, und emsiger als sonst mit einer Arbeit beschäftigt war, die gar nicht so großer Eile bedurfte; doch wurde sie allmälig ruhiger dadurch, und hatte sich äußerlich schon ganz ge- sammelt, als man Dr. Steinheim meldete. Einen Augenblick schwankte die Mutter, der in dieser Stimmung jeder Besuch unwillkommen war, ob sie ihn annehmen solle, oder nicht, entschied sich aber für das Erstere, weil sie hoffte, Steinheim's Lebhaftigkeit werde Jenny auf angenehme Weise zerstreuen. So trat nach wenig Minuten ein junger Mann in das Zimmer, der von beiden Damen wie ein alter Bekannter behandelt wurde, und sich nach kur- zer Begrüßung zu Madame Meier auf das Sopha setzte. Er konnte 27 - 28 Jahre alt sein, hatte eine große, kräftige Figur und einen vollblütigen, rothbraunen Teint. Sein krauses schwarzes Haar, die dunkeln Augen und der starke bläuliche Bart konnten ebenso gut dem Südländer als dem Juden gehören, und mach- ten, daß er von vielen Leuten für einen schönen Mann gehalten wurde, während Andere die kohlschwarzen Augen starr und unheimlich, die Schultern hoch, den starken Hals zu kurz und Hände und Füße so groß fanden, daß dieses Alles ihm jeden Anspruch auf Schönheit un- möglich mache. Er selbst schien aber gar nicht dieser Meinung zu sein, das bewies die sehr studirte Toilette, der aber bei gesuchter Eleganz jeder Geschmack abging. Er trug an jenem Morgen einen kurzen dunkelgrünen Ueberrock, zu dem eine ebenfalls grüne Atlasweste und mehr noch ein dunkelrother türkischer Shawl sonderbar abstach, den er unter der Weste kreuz- weise über die Brust gelegt und mit einer gro- ßen Brillantnadel zusammengesteckt hatte. Hand- schuhe, Stiefel und Frisur waren nach der modernsten Weise gewählt, aber all das stand ihm, als ob er es eben wie eine Verkleidung angelegt hätte. Es war für den feinen Beob- achter etwas Unharmonisches in der ganzen Erscheinung, das störend auffallen konnte. 2** „Ich bitte tausendmal um Vergebung“, sagte er, „daß ich in diesem Costüm vor Ihnen er- scheine, — aber ich bin so durchweg erkältet, meine Nerven sind so abgespannt — und dann mein Wunsch, Sie zu sehen, war so groß — und ich dachte, die Damen entschuldigen mich wol — es ist allerdings eine Verwegenheit — aber ich kann nicht lange prüfen oder wählen — bedürft Ihr meiner zu bestimmter That, dann ruft den Tell! — Es soll an mir nicht fehlen.“ „Mein Gott! Herr Doctor! geht es so bergab mit Ihnen, daß Sie von dem göttlichen Shakespeare, dem erhabenen Calderon und dem heiligen Schmerzenssohne unserer Zeit, dem un- vergleichlichen Byron, schon zu unserm armen Schiller zurückkehren müssen? Sie haben also in den letzten Tagen wol gar zu viele Citate verbraucht?“ — fragte Jenny spottend, „und — „Jenny!“ rief die Mutter mit mißbilligen- dem Tone. — Aber Steinheim ließ sich nicht stören, er ging zu Jenny und sprach: „ Mit Ihnen, Herzogin, habe ich des Streits auf immer mich begeben“, und Sie werden auch nicht mehr streiten wollen, meine schöne kleine Freundin! wenn ich Ihnen sage, daß ich als der Verkünder sehr interessanter Nachrichten komme. Erstens ist Erlau entzückt über den Vorschlag Ihrer Frau Mutter, hier am Syl- vesterabend Tableaux darzustellen, zweitens — nun rathen Sie — hat man heute Herrn Salo- mon, einen jüdischen Kaufmann, zu einem städti- schen Amte erwählt.“ „Das Letztere ist mir ungemein gleichgiltig“, rief Jenny, „aber für die erste Nachricht bin ich Ihnen sehr dankbar, und sie macht mir großes Vergnügen. Weiß es Eduard schon?“ — „Was denn?“ „Daß der Kaufmann Salomon gewählt ist?“ — fragte Jenny. „Also sehen Sie, sehen Sie, es ist Ihnen doch nicht so gleichgiltig, als Sie behaupten, und wie könnte es auch. Wen sollte es nicht freuen, wenn alte barbarische Vorurtheile all- mälig vor der gesunden Vernunft und der Ge- rechtigkeit weichen müssen; wenn ein Volk, das Jahrhunderte hindurch mit Füßen getreten wurde, endlich allmälig die Rechte erlangt, an die es dieselben Ansprüche hat, als die andern Bürger des Staates, wenn .... à propos! was ist gestern bei Horns vorgefallen, man ließ ja Eduard noch so spät holen?“ sagte Stein- heim, der oft von dem Hundertsten, wie man sagt, auf das Tausendste kam. — „Ich höre, die Clara Horn hat den Fuß gebrochen; Erlau sagte es mir, der mich, das fällt mir eben ein, bei der Giovanolla erwartet! Wie hat sie Ihnen gestern gefallen, die Giovanolla? Sie gehen doch morgen wieder hin?“ — Das Alles fragte er so durcheinander, daß es nicht möglich war, irgend eine der Fragen zu beantworten; dann wandte er sich, Abschied nehmend, an Madame Meier, rieth Jenny nochmals, das Theater nicht zu versäumen, und empfahl sich mit den Wor- ten: „So süß ist Trennungswehe, ich sagte wol Adieu, bis ich den Morgen sähe.“ Mutter und Tochter sahen ihm lächelnd nach. Die Familie Meier galt bei Allen, die sie kannten, für eine der glücklichsten. Der Vater hatte ein hübsches Vermögen, das er von seinen Eltern ererbt, durch Thätigkeit und kluge Be- rechnung in einen unermeßlichen Reichthum ver- wandelt, dessen er bei großer Bildung auf würdige Weise zu genießen wußte, und von dem er dem Dürftigen gern und reichlich mit- theilte. Aus Neigung hatte er sich früh mit seiner Frau, einem schönen und guten Mädchen, verheirathet, die ihm mit immer gleicher Liebe zur Seite gestanden, und ihm zwei Kinder, Eduard und Jenny, geboren hatte. In seiner Frau, und mit ihr, in diesen beiden Kindern hatte Meier Trost und Ersatz gefunden, wenn Welt und Menschen ihren Haß und ihre Un- duldsamkeit gegen den Juden bewiesen, wenn man ihn ausgeschlossen hatte von Gemeinschaften, ihm Rechte verweigerte, die jeder Mann von Ehre fordern darf. Die Thätigkeit, Wirksam- keit und Liebe, denen einer großen Gesammtheit zu nutzen nicht vergönnt war, wurden lange Zeit hindurch Eduard's alleiniger Segen, da er mehr als zehn Jahre älter als Jenny war. Man wundert sich oft, daß die Juden noch immer die Geburt eines Messias erwarten und die göttliche Sendung Jesu weder anerkennen noch begreifen. Aber von ihrem Standpunkte aus muß das ganz natürlich scheinen. Wie sollten sie an eine Lehre glauben, deren miß- verstandene Grundsätze ihnen bis auf den heu- tigen Tag die blutigsten, widersinnigsten Ver- folgungen zugezogen? wie an einen Erlöser, der sie bis jetzt nicht von Schmach und Unter- drückung erlöset hat? Er muß ihnen wie ein geistiger Eroberer erscheinen, der seinen Unter- thanen nur dann Frieden und Ruhe gönnt, wenn sie ihr tiefstes Denken und Fühlen, ihren uralten Glauben den neuen Gesetzen unter- werfen. Daß diese Gesetze weise, daß sie der Ausfluß höchster Güte sind, kommt dabei gar nicht in Betracht, es genügt vollkommen, Liebe und Recht zu befehlen , um ihre Ausübung zur Marter zu machen; und von der Liebe, die Jesus der Menschheit gepredigt, haben die Ju- den bei den Christen seit jener Zeit wenig zu bemerken Gelegenheit gehabt. Sie haben in der That noch keinen Messias gefunden; welch ein Wunder also, wenn sie ihn um so sehn- licher erwarten, je mehr sie der Befreiung und Erlösung sich werth fühlen; wenn jeder Vater bei der Geburt eines Sohnes freudig hofft, dies könne der Erlöser seines Volkes werden, und wenn er den Knaben so erziehen möchte, daß der Mann reif werde für den großen Zweck. So war auch Eduard's Erziehung in jeder Beziehung sorgfältig geleitet worden. Sie sollte ihn zu einem Menschen machen, der in sich Ersatz für die Entbehrungen finden könnte, welche das Leben ihm auferlegen würde, und sollte ihn anderseits fähig machen, alle Verhält- nisse zu besiegen, und sich wo möglich eine Stellung zu verschaffen, die ihn der Entbehrun- gen überheben und alle Vorurtheile besiegen könne. Glücklicherweise kamen Eduard's glän- zende Fähigkeiten dem Wunsche seiner El- tern entgegen. Eine unglaubliche Fassungsgabe und Regsamkeit des Geistes machten, daß er die meisten seiner Mitschüler überflügelte, und erwarben ihm ebenso sehr die Gunst der Leh- rer, als eine gewisse Herrschaft über seine Ge- fährten. Von Liebe und Wohlwollen überall umgeben, schien sein Charakter eine große Of- fenheit zu gewinnen, und er galt für einen fröhlichen, sorglosen Knaben, bis einst in der Schule der Sohn einer gräflichen Familie, mit dem er sich knabenhaft in Riesenplanen für die Zukunft verlor, bedauernd gegen ihn äußerte: „Ja, Meier, Dir hilft all Dein Lernen nichts, Du kannst ja doch nichts werden, weil Du nur ein Jude bist.“ Von dieser Stunde ab war der Knabe wie verwandelt; er erkundigte sich eifrig nach den Verhältnissen der Juden, er fühlte sich gedrückt und gekränkt, und nur sein angeborner Stolz verhinderte ihn, sich gedemüthigt zu fühlen; doch entwickelte sich durch das Nachdenken über diesen Gegenstand bei ihm sehr früh der Begriff von jenen Rechten des Menschen, die Alle in gleichem Grade geltend zu machen vermögen, das Bewußtsein innern Werthes und ein Zorn gegen jede Art von Unterdrückung. Je älter er wurde, und je mehr er erkennen lernte, welche Vorzüge ihm schon bei seiner Geburt geworden, durch die Aussicht auf eine glänzende Unabhängigkeit; je bestimmter er einsah, zu welchen Ansprüchen ihn seine Fähigkeiten einst berechtigen dürften, um so mehr empörte sich sein Herz gegen ein Vorurtheil, das alle seine Hoffnungen unerbittlich vernichtete. In jene Zeit von Eduard's Kindheit fiel jene neue Judenverfolgung, die in unsern Ta- gen durch ganz Deutschland ging, und mit dem Feldgeschrei: „Hep! Hep!“ dessen Abstammung wol Niemand begriffen hat, gegen ruhige Bürger den Krieg begann. Hatte der Jüng- ling früher in einzelnen Momenten dem Ge- danken Raum gegeben, sich von dem Juden- thume loszusagen und Christ zu werden, so verschwand der Plan plötzlich bei dem Anblick der Rohheiten, die täglich selbst von sogenann- ten gebildeten Christen gegen seine Glaubens- genossen ausgeübt wurden. Er konnte sich nicht denken, daß das Recht und die Wahrheit sich auf einer Seite befänden, die so zu handeln im Stande war, und Verfolgung machte auch ihn, wie tausend Andere zu allen Zeiten, nur fester seinem Volke angehörig. Natürlich wurde die Stimmung des Volkes auch in der Schule sichtbar, die Eduard besuchte. Spott und Krän- kungen mancher Art blieben nicht aus; man hoffte, der feige Judenjunge werde Alles ruhig dulden. Darin hatte man sich aber geirrt. Eduard's Charakter war furchtlos, und er er- langte durch Uebung bald eine Gewandtheit und Dreistigkeit, die Jeder zu erreichen vermag. Er lernte fechten, reiten, schwimmen, und nachdem er sich ein paarmal mit starker Hand selbst sein Recht verschafft hatte, fand er Ruhe, und endlich auch wieder seine frühere überlegene Stellung zu seinen Gefährten wieder. Doch hatte er sich in dieser Lage gewöhnt, sich in der Opposition zu empfinden, ein Gefühl, das ihn nie wieder verließ, weil er beständig in Verhältnissen lebte, die eine Opposition drin- gend hervorriefen. Da Eduard keine Neigung für den Kauf- mannsstand hegte, beschlossen seine Eltern, ihn studiren zu lassen, wobei ihm freilich nur die Wahl blieb, Mediziner zu werden, oder nach beendigten Studien in irgend einem andern Fache als Privatgelehrter zu leben, da ihm der Eintritt in eine Staatsstelle ebenso wie die Erlangung eines Lehrstuhles als Jude unmöglich war. Er entschied sich für das Erstere und verließ das Vaterhaus, um die Universität zu beziehen. Glücklicherweise herrschte damals auf der Hochschule noch jener freie akademische Geist, den man jetzt so gern verbannen möchte, weil er nur zu sehr geeignet ist, den Mann an die Kraft glauben zu machen, die in ihm selbst ruht. Auf Eduard äußerten diese neuen Ver- hältnisse den vortheilhaftesten Einfluß. Hier galt er selbst, sein eigenstes Wesen, ohne daß ihn Jemand fragte, wer bist Du? und was glaubst Du? Sein Geist, seine körperliche Ge- wandtheit erwarben ihm die Achtung seiner Commilitonen, sein Fleiß das Wohlwollen der Lehrer, und die Bereitwilligkeit, mit der sein reichlich gefüllter Beutel Allen offen stand, die Sorglosigkeit und Genußfähigkeit, die er zu jedem Feste brachte, machten ihn bald zum Lieblinge der ganzen Burschenschaft, der er sich mit jugendlichem Enthusiasmus angeschlossen hatte. Die Idee der Freiheit und Sittlichkeit, die jenem Bunde ursprünglich zum Grunde lag, berührte die zartesten Seiten seiner Seele, und kam seiner ganzen Richtung entgegen. Er fühlte sich mächtig als Glied eines schönen Ganzen, das harmonisch aus den heterogensten Elementen zusammengesetzt war, frei in einem Verbande, in dem Alle gleiche Rechte genossen. Unter den ausgezeichnetsten Jünglingen in der Burschenschaft hatten sich viele an ihn an- geschlossen, deren Freundschaft ihm werth war, vor Allen Reinhard, dessen Liebe er auf das Innigste erwiderte. Dieser war der Sohn einer armen Predigerwittwe, die einer reichen und vornehmen Familie angehörte. Von seinen Verwandten unterstützt, hatte er die Schule besucht und kaum die Universität bezogen, als er erklärte, nun weiter keines Beistandes zu bedürfen, da er in sich die Kraft fühle, für seine Existenz selbst zu sorgen und hoffentlich auch seine Mutter ernähren zu können. Es hatte ihn seit Jahren schmerzlich gedrückt, von Andern abhängig zu sein, es hatte ihn ge- demüthigt bis in das tiefste Herz, seine Mutter von den Wohlthaten einer adelstolzen Familie leben zu sehen, welche ihr niemals die Heirath mit einem armen bürgerlichen Candidaten ver- geben wollte. Abhängigkeit irgend einer Art schien ihm die größte Schmach, weil sie ihm Kränkungen zugezogen, die er nie vergessen konnte, und nur zu leicht mußten er und Eduard sich verständigen, da Beide, wenn auch aus ganz verschiedenen Gründen, sich in ihren edelsten Gefühlen gekränkt, in mancher Rück- sicht von der Allgemeinheit ausgeschlossen em- pfunden hatten. Wenn Reinhard den halben Tag mit Unter- richten und dergleichen unerfreulichen Erwerbs- mitteln zugebracht hatte, und mit unerschütter- lichem Eifer seinen theologischen Studien nach- gekommen war, erquickte ihn Abends der Froh- sinn, der Geist und der Reichthum an Hoff- nungen, mit dem Meier in die Zukunft sah. Im Anfang ihrer Bekanntschaft waren ihre religiösen Ueberzeugungen oft zwischen ihnen zur Sprache gekommen, und ein Gegenstand leb- hafter Erörterungen geworden. Meier konnte es nicht begreifen, wie man an die Mensch- werdung des Sohnes Gottes, an die Dreieinig- keit, an die wirkliche Anwesenheit Christi im Abendmahl zu glauben vermöge — ein Glaube, den Reinhard mit tiefer Ueberzeugung heilig hielt, und den zu lehren und zu predigen sein sehnlichster Wunsch war. Er gehörte zu jenen poetischen Naturen, die sich Alles, was sie er- greifen, zu einer Religion gestalten, und bei denen der Glaube an die Wunder ein wahr- haftes Bedürfniß ist. Später aber war davon niemals die Rede, sie fühlten, daß der verschiedene Glaube Beide zu demselben Ziele leite, und ein äußeres Ereigniß kam dazu, sie noch fester zu verbinden. Es war gegen die Zeit ihres Abganges von der Universität, als die Regierung es für nöthig fand, eine Untersuchung gegen die Burschen- schaft einzuleiten. Meier und Reinhard wur- den nebst vielen Andern verhaftet, längere Zeit mit Verhören und Untersuchungen geplagt und erst nach einem halben Jahre freigesprochen. Meier hatte diese Zeit gezwungener Zurück- gezogenheit benutzt, sich für sein Doctorexamen vorzubereiten, das er in den ersten Tagen der wiedererlangten Freiheit machte, worauf er in seine Vaterstadt zurückkehrte, um dort seine Carriere zu beginnen. Zwar blieb er, wie es zu geschehen pflegte, noch immer unter der sorg- samen Aufsicht der höhern Polizei, aber das hinderte ihn nicht in der Ausübung seiner me- dizinischen Praxis, die er gleich mit dem glück- lichsten Erfolge begann. Anfänglich waren es, wie gewöhnlich, nur die Armen, die seiner Hulfe begehrten, und sie bei ihm fanden, doch bald verbreitete sich das Gerücht von einigen glücklichen Kuren, von seiner Uneigennützigkeit und Menschenliebe: seine Praxis fing an, sich auch in den höhern Ständen auszudehnen, und I. 3 sein Loos würde ein beneidenswerthes gewesen sein, wenn nicht aufs Neue die alten Vor- urtheile gegen ihn geltend gemacht worden wären. Meier's sehnlichster Wunsch ging nämlich dahin, Vorsteher irgend einer bedeutenden kli- nischen Anstalt zu werden, um lehrend zu ler- nen und zu nützen. Auf eine solche Stelle an irgend einer Universität Deutschlands konnte er niemals rechnen; so wurde es ihm wünschens- werth, wenigstens die Leitung irgend einer Krankenanstalt zu erhalten, und als durch den Tod eines alten Arztes die Directorstelle eines Stadtlazareths frei wurde, zögerte er nicht, sich darum zu bewerben, besonders da er eine günstige Meinung im Publicum für sich hatte. Die Vorstellungen der Armenvorsteher und mancher andern Leute vermochten die betref- fende Behörde, den jungen geachteten Arzt, dessen Kenntnisse ihn ebenso sehr zu dieser Stelle empfahlen, als seine strenge Rechtlichkeit und seine reinen Sitten, zum Director zu wählen und bei der Regierung um seine Be- stätigung einzukommen. Meier war auf dem Gipfel des Glückes und in der Freude seines Herzens hatte er sich, nachdem er gewählt wor- den war, anheischig gemacht, auf das bedeu- tende Gehalt zu verzichten und es der Lazareth- kasse zufließen zu lassen, der es nöthiger sei als ihm. Einige Wochen waren in frohen Erwar- tungen hingeschwunden, er hatte die Glück- wünsche seiner Freunde empfangen und dachte bereits daran, seine Wohnung im elterlichen Hause mit der neuen Amtswohnung zu ver- tauschen, als der Bescheid der Regierung an- langte, welcher statt der erwarteten Bestätigung die Aufforderung enthielt, Meier möge zum Christenthume übertreten, da es ganz gegen die Ansichten der Regierung sei, einem Juden ir- gend eine Stelle anzuvertrauen. Vergebens 3* waren seine Vorstellungen, wie der Glaube bei einer solchen Anstellung gar kein Hinderniß sein könne, wie diese Zurückweisung in den Ge- setzen des Staates nirgends begründet sei — die Regierung blieb bei ihrem Beschlusse, man nannte Meier einen unruhigen Kopf; seine Neider, an denen es dem Talentvollen, Glück- lichen nie fehlt, lachten über die jüdische Arro- ganz, die sich zu Würden dränge, für die sie nicht berufen sei, und vergaßen, daß die Be- hörden selbst den verspotteten Gegner durch ihre Wahl für den Würdigsten erklärt hatten. Auf das Empfindlichste gekränkt hatte Meier schon damals sein Vaterland verlassen wollen; doch die angeborne Liebe zu demselben und der Gedanke an seine Eltern hielten ihn davon zurück. Er blieb, und obgleich er das Unrecht, das ihm geschehen, niemals vergessen oder es verschmerzen konnte, das schöne Feld für seine Thätigkeit verloren zu haben, mußte ihn die Anerkennung, die er fast überall fand, der aus- gezeichnete Ruf, den er erwarb, schadlos halten für die Zertrümmerung seiner schönsten Hoff- nungen. Bei seiner Rückkehr von der Universität hatte er Jenny als ein liebliches Kind von 11 Jahren wiedergefunden, das sich mit leiden- schaftlicher Innigkeit an ihn hing, und für das er eine Zärtlichkeit fühlte, die ebenso viel von der Liebe eines Vaters als eines Bruders be- saß. Die Eltern hatten die Kleine niemals aus den Augen verloren, und jeder Wunsch des nachgebornen Lieblings war mit zärtlicher Zu- vorkommenheit und Schwäche erfüllt worden, ehe das Kind ihn noch ausgesprochen hatte. Eduard war überrascht durch den Verstand und den schlagenden Witz des Kindes, er sah, daß ein lebhaftes, leidenschaftliches Mädchen aus demselben werden müsse, konnte sich es aber nicht verbergen, daß die übergroße Liebe seiner Eltern in Jenny eine Herrschsucht, einen Eigen- sinn entstehen gemacht hatten, dem bis jetzt keine Schranke gesetzt worden war, als durch seinen Vetter Joseph, der im Meierschen Hause lebend, die Kleine mit seiner ernsten, rauhen Art tadelte und zurechtwies. Dafür konnte Jenny den Cousin schon damals nicht leiden, und klagte dem Bruder unter vielen Thränen, wie garstig Joseph sei, wie er ihr Alles zum Trotze thäte, und wie sie hoffe, in Eduard einen Beschützer gegen den bösen Cousin zu finden. Der junge Mann begriff bald, daß bei Jenny mit Strenge nichts auszurichten sei und machte sich in der ersten Zeit seiner Anwesenheit selbst zu ihrem Lehrer und Erzieher. Sie be- griff spielend, ja es schien oft, als läge das Verständniß aller Dinge in ihr, und man dürfe sie nur daran erinnern, um klar und deutlich in ihr Kenntnisse hervorzurufen, die man ihr erst mitzutheilen wünschte. Ebenso wahr und offen als Eduard, war sie diesem von Tag zu Tag mehr ans Herz gewachsen, ihre kindliche, sich immer glänzender entfaltende Schönheit entzückte ihn, und obgleich er gegen die Eltern oft beklagte, daß sich in Jenny zu viel Stolz und eine fast unweibliche Energie zeige, auch Joseph zugestehen mußte, daß sich bei ihr die Eigenschaften des Geistes nur zu früh, die des Herzens aber scheinbar gar nicht entwickelten, so war sie doch sein Abgott, als er nach zwei Jahren den Unterricht derselben aufgeben mußte, weil seine zunehmende Praxis ihm keine Zeit dazu übrig ließ. Eduard drang nun darauf, man möge seine Schwester einer Privatschule anvertrauen, die von den Töchtern der angesehensten Familien besucht wurde, weil er hoffte, der Umgang und das Zusammenleben mit Mädchen ihres Alters werde bei Jenny die Härten und Ecken, die ihr Charakter zu bekommen schien, am leichtesten vertilgen. Die Eltern folgten seinem Rathe und die neuen Verhältnisse machten in vielen Beziehungen einen günstigen Eindruck auf Jenny. Sie gewöhnte sich, ihrem Witze nicht so zügel- los den Lauf zu lassen, als in dem elterlichen Hause, wo man ihre beißendsten Einfälle nur lachend getadelt hatte; sie lernte es, sich in den Willen ihrer Mitschülerinnen zu fügen, dem Lehrer zu gehorchen, aber sie fing auch an, sich ihrer Fähigkeiten bewußt zu werden, die sie in die erste Klasse gebracht, in der alle Mädchen um ein paar Jahre älter waren als sie. Von einem Umgange, wie Eduard ihn für sie ge- hofft, war indessen nicht die Rede. Die halb- erwachsenen Mädchen dieser ersten Klasse konn- ten sich größtentheils mit dem bedeutend jün- gern Kinde weder unterhalten, noch befreunden, das ihnen obenein von den Lehrern mitunter vorgezogen wurde. Andere, denen Jenny's leb- haftes treuherziges Wesen behagte, und die gern mit ihr zusammen waren, konnten von ihren Eltern nicht die Erlaubniß erhalten, die Tochter einer jüdischen Familie einzuladen oder zu be- suchen. Zu diesen Letztern gehörte Clara Horn. Ein Jahr älter als Jenny hatte sie dieselbe unter ihre Vormundschaft genommn, ihr ge- rathen und geholfen, wenn das verzogene Mäd- chen sich in den strengen Schulzwang nicht zu finden wußte, und dadurch ihr volles Ver- trauen erworben. Ihr erzählte sie in den Zwischenstunden von ihren Eltern, von ihrem geliebten Eduard, von allen ihren Freuden, und flößte damit ihrer Beschützerin eine Vorliebe für die ganze Meiersche Familie ein. Wenn nun Clara nach solcher Mittheilung ihre kleine Freundin glücklich pries, und sie um die Ein- tracht ihrer Eltern und die Liebe ihres Bru- ders beneidete, da sie Beides entbehrte, wenn Jenny sie dringend bat, zu ihr zu kommen 3** und das Alles mit ihr zu genießen, hatte Clara immer verlegen geantwortet, sie dürfe das nicht. Endlich hatte Jenny sie einmal be- schworen, ihr den Grund zu sagen, warum sie nicht zu ihr kommen könne. Da erklärte Clara mit Thränen, sie dürfe nicht, weil Jenny's Eltern Juden wären und ihre Eltern diesen Umgang niemals erlauben würden. Jenny wurde glühend roth, sprach aber kein Wort, und gab nur schweigend der weinenden Clara die Hand. Die nächsten Stunden saß sie so zerstreut da, daß weder Lehrer noch Mitschüler sie erkannten. Sie dachte über Clara's Worte nach, und es wurde ihr klar, wie sie allein und einsam in der Schule sei. Es fiel ihr ein, daß Niemand, auch von den ihr befreundeten Mädchen sie einlade, oder ihre Einladungen annähme, außer bei solchen Gelegenheiten, wo man die ganze Klasse einlud, und sie, ohne es zu auffallend zu machen, nicht zurücklassen konnte. Sie erinnerte sich der ewigen Frage, bei wem sie eingesegnet werden würde, und des Lächelns, wenn sie den Namen des jüdischen Predigers nannte. Es schien ihr unerträglich, künftig in diesem Kreise zu leben, und als sie nach Hause kam, warf sie sich weinend den Eltern in die Arme, flehentlich bittend, man möge sie aus der Schule fortnehmen. Alle Thränen, die sie in der Schule standhaft unter- drückt hatte, brachen nun gewaltsam hervor. Eduard kam dazu, und bei der Schilderung, die sie von ihrer Zurücksetzung und Ausge- schlossenheit machte, deren sie sich jetzt plötzlich bewußt geworden war, fühlten ihre Eltern und ihr Bruder nur zu lebhaft, daß sie auch dies geliebte Kind nicht gegen die Vorurtheile der Welt zu schützen, ihr nicht die Leiden zu er- sparen vermochten, die sie selbst empfunden hatten und nun wieder mit ihr empfanden. Jenny länger in der Anstalt zu lassen, fiel Niemand ein, weil man das bei ihrem Cha- rakter fast für unthunlich hielt und mit Recht fürchtete, daß ihre Fehler, die man zu bekäm- pfen wünschte, dort unter diesen Verhältnissen nur wachsen könnten. Man gab also den Be- such der Schule auf und Jenny sollte wieder zu Hause unterrichtet werden, wobei man aber die Aenderung machte, daß man ihr Therese Walter, die Tochter einer armen Beamten- wittwe, zur Gefährtin gab, die in der Nach- barschaft wohnte und mit der sie von früh auf bekannt gewesen. Bis dahin war diese Therese unserer Jenny sehr gleichgiltig gewesen. Jetzt, getrennt von der Schule, in welcher Umgang mit Mädchen ihr zum Bedürfniß geworden, mußte Therese ihr Ersatz für diese Entbehrung, ja ihr einziger Trost werden. Es bildete sich dadurch allmälig eine Freundschaft zwischen den beiden Mädchen, die sich sonst wohl niemals besonders nahe getreten wären, da Theresens mittelmäßige Anlagen, ihr ruhiges, demüthiges und weiblich liebenswürdiges Wesen zu Jenny's ganzer Art durchaus nicht paßte und sie der- selben unterordnete, was aber gewiß dazu bei- trug, das Verhältniß zu befestigen. Als es nun nöthig wurde, einen Lehrer für die beiden, jetzt fast 15jährigen Mädchen zu wählen, schlug Eduard vor, Reinhard dazu zu wählen, der in sehr beschränkten Verhältnissen noch immer in jener Universitätsstadt lebte. Seine Bemühungen, nach gemachtem Examen eine Pfarre zu bekommen, waren an dem Ein- wande gescheitert, den man gegen ihn wegen seiner burschenschaftlichen Verbindungen machte. Ein paar Jahre war er Hauslehrer gewesen, hatte das Engagement aber aufgegeben, weil sein Gehalt zwar für seine Bedürfnisse hin- reichte, jedoch nicht groß genug war, seiner Mutter die Unterstützung zu gewähren, deren sie bedurfte. Seitdem war er rastlos bemiht gewesen, durch Stundengeben und literarische Thätigkeit für sich und seine Mutter zu sorgen. Von Eduard irgend welchen Beistand anzu- nehmen, war er nie zu bewegen, und mit der größten Vorsicht mußte jener ihm den Vor- schlag machen, nach dessen Vaterstadt zu kom- men und den Unterricht der beiden Mädchen unter den vortheilhaften Bedingungen, die der Banquier Meier ihm stellte, zu übernehmen. Eduard's Plan gelang. Er sah seinen Reinhard nach mehrjähriger Abwesenheit wieder, und fand in ihm mit großer Freude den alten treuen Freund, den er verlassen hatte; doch war er im Denken und Fühlen auf manche Weise verändert. Ein düsterer Ernst hatte sich seiner bemächtigt. Armuth hatte ihn stolz, mißtrauisch und reizbar gemacht, und dadurch gewissermaßen die hohe Reinheit seines Cha- rakters befleckt. Im höchsten Grade streng gegen sich selbst, wahr gegen seine Freunde, glühte er dennoch ganz wie früher für Recht, Freiheit und Ehre, und hing mit dem alten schwärmerischen Glauben dem Christenthume an, das ihm der Urquell der Wahrheit und Liebe war. Der günstige Erfolg, den sein Unterricht im Meierschen Hause hatte, verschaffte ihm bald so viel Stunden, daß er den Aufforderungen, die in dieser Beziehung an ihn gemacht wur- den, kaum genügen konnte, während sie ihm eine sorgenfreie Existenz bereiteten, da der Unterricht in der reichen Handelsstadt ganz anders als in dem kleinen Universitätsstädtchen bezahlt wurde. Er konnte seine Mutter zu sich nehmen, mit der er seine kleine freundliche Wohnung theilte, und die bald in vielen Fa- milien, besonders aber im Meierschen Hause ebenso geachtet und geliebt wurde, als Rein- hard selbst. — Sein Verhältniß zu Eduard blieb unverändert, und er wurde diesem noch mehr ergeben, da er ihm die glückliche Aende- rung seiner Lage zuschreiben mußte. Auf Jenny hatte der neue Lehrer einen eigen- thümlichen Eindruck gemacht. Weil Eduard ihn so hoch hielt, hatte sie im Voraus die günstigste Meinung für ihn gefaßt, und als nun Reinhard in ihrem elterlichen Hause vor- gestellt wurde, imponirte ihr sein Aeußeres und sein ganzes Wesen auf ungewohnte Weise. Weit über die gewöhnliche Größe, schlank und doch sehr kräftig gebaut, hatte er eine jener Gestalten, unter denen man sich die Ritter der deutschen Vorzeit zu denken pflegte. Hell- braunes, sehr weiches Haar, und große blaue Augen, bei geraden regelmäßigen Zügen, mach- ten das Bild des Deutschen vollkommen, und ein Ausdruck von melancholischem Nachdenken gab ihm in Jenny's Augen noch höhere Schön- heit. Er bewegte sich ungezwungen, sprach mit einer ruhigen Würde, für die er fast zu jung schien, doch ließ sich eine große Abgeschlossen- heit, eine sichtbare Zurückgezogenheit nicht ver- kennen, die er selbst der Freundlichkeit entgegen- setzte, mit der man ihn im Meierschen Hause empfing. Therese und Jenny, welche man ihm als seine künftigen Schülerinnen vorstellte, be- handelte er mit einer Art Herablassung, die Therese nicht bemerkte, von der aber Jenny be- reits durch die Huldigungen Steinheim's und Erlau's verwöhnt, sich so verletzt fühlte, daß sie ganz gegen ihre sonstige Weise sich scheu zurückzog und weder durch Reinhard's Fragen, noch durch Eduard's und der Eltern Zureden in das Gespräch und aus ihrer Befangenheit ge- bracht werden konnte. Nach einigen Tagen begann der Unterricht und beide Theile waren sehr mit einander zu- frieden. Reinhard fühlte sich durch die ur- sprüngliche Frische in Jenny's Geist auf das Angenehmste überrascht, und die ruhige stille Aufmerksamkeit Theresens machte ihm Freude. Was jene plötzlich und schnell erfaßte, mußte diese sich erst sorgsam zurechtlegen und klar machen, dann aber blieb es ihr ein liebes mühsam erworbenes Gut, dessen sie sich innig freute, während Jenny des neuen Besitzes nicht mehr achtete, wenn er ihr Eigenthum geworden, und immer eifriger nach neuen Kenntnissen strebte. Diese unruhige Eile machte, daß sie sich ihres geistigen Reichthums kaum bewußt wurde und sich und Andere damit in Verwunderung setzte, wenn sie gelegentlich veranlaßt wurde, ihn gel- tend zu machen. Für Reinhard war der Unterricht doppelt anziehend. Er hatte wenig in Gesellschaften gelebt, wenig mit Frauen verkehrt und ihr eigenthümliches Gemüthsleben, die ganze innere Welt desselben, war ihm fremd. Mit erhöhter Begeisterung las er die deutschen Klassiker mit den Mädchen, wenn er Jenny, hingerissen durch die Schönheit der Dichtung, erbleichen und ihr Auge in Thränen schwimmen sah. So hatte er ihnen einst das erhabene Gespräch zwi- schen Faust und Gretchen vorgetragen, das mit den Worten beginnt: „Versprich mir, Hein- rich!“ und das schönste Glaubensbekenntniß eines hohen Geistes enthält. Reinhard selbst war lebhaft ergriffen, und als Jenny bei den Versen: „Ich habe keinen Namen dafür! Ge- fühl ist Alles. Name ist Schall und Rauch, umnebelnd Himmelsgluth!“ weinend vor Wonne dem Lehrer beide Hände wie dankend entgegenhielt, hatte er sie schnell und warm in die seinen geschlossen, obgleich er es einen Augen- blick später schon bereuete. In Folge dieser Stunde und eines dadurch entspringenden Ge- sprächs war Reinhard zu der Erkenntniß ge- kommen, daß Jenny, obgleich tief durchdrungen von dem Gefühl für Schönheit und Recht und von dem zartesten Gewissen, dennoch in seinem Sinne aller religiösen Begriffe entbehrte. Ihre Familie hatte sich von den jüdischen Ritual- gesetzen losgesagt; Jenny hatte daher von frü- hester Kindheit an sich gewöhnt, ebenso die Dogmen des Juden- als des Christenthums bezweifeln und verwerfen zu sehen, und es war ihr nie eingefallen, daß es Naturen geben könne, denen der Glaube an eine positive ge- offenbarte Religion Stütze und Bedürfniß sei. Ja, sie hatte ihn, wo ihr derselbe erschienen war, mitleidig wie eine geistige Schwäche be- trachtet. Um so mehr mußte es sie befremden, daß Reinhard, vor dessen Geist und Charakter ihr Bruder so viel Verehrung hatte, daß ihr Lehrer, der ihr sehr werth und interessant ge- worden, einen Glauben für den Mittelpunkt der Bildung hielt, den sie wie ein leeres Mär- chen, eine verhüllende Allegorie zu betrachten gelernt hatte. Reinhard behauptete geradezu, daß ein weibliches Gemüth ohne festes Halten an Religion weder glücklich zu sein, noch glück- lich zu machen vermöge. Absichtlich führte er deshalb die Unterhaltung mit seinen Schülerin- nen häufig auf christlich-religiöse Gegenstände, sodaß in seinem Unterricht Religion und Poesie Hand in Hand gingen, wodurch den Lehren des Christenthums ein leichter und triumphiren- der Einzug in Jenny's Seele bereitet wurde. Ihr und Reinhard unbewußt war aber mit dem neuen Glauben nur zu bald eine leidenschaftliche Liebe für den Lehrer desselben in ihrem Herzen entstanden, für den begeisterten jungen Mann, der ihr der Apostel alles Wahren und Schönen geworden. Aus Liebe zu ihm zwang sie sich, die Zweifel zu unterdrücken, die immer wieder in ihrem Geiste gegen positive Religionen auf- stiegen, und sich nur an die Moral und Poesie zu halten, die uns so wunderrein und wahr in dem Christenthum geboten werden. Reinhard hatte keinen Augenblick daran gedacht, seinem Glauben eine Proselytin zu gewinnen, diese Schwäche lag ihm fern, und er ließ jeden Glauben gelten, weil er Geltung für den seinen verlangte. Nur einem dringenden Mangel in dem Herzen seiner Schülerin hatte er abhelfen wollen; er war überzeugt, daß der Glaube in Jenny den geistigen Hochmuth zerstören, ihr Wesen milder machen müsse, und war sehr er- freut, wirklich diese Resultate zu erblicken, ohne zu ahnen, daß ihre weichere Stimmung, die er für das Werk der Religion gehalten, eine Folge ihrer Liebe zu ihm sei. Jenny fühlte das Be- dürfniß, an einen Gott zu glauben, der das Gute jenseits lohne, weil ihr kein Erdenglück für Reinhard ansreichend schien; sie wurde de- müthiger, aber nicht im Hinblick auf Gott, sondern vor dem Geliebten, und der Gedanke, ihre Liebe könne jemals ein Ende finden, oder durch den Tod aufhören, machte sie so un- glücklich, daß ihr die Hoffnung auf Unsterb- lichkeit und ein ewiges Leben wie der einzige Trost dagegen erscheinen mußte. Den Eltern und Eduard blieb die vortheil- hafte Veränderung in Jenny's Wesen nicht verborgen, und wenn Eduard, was häufig ge- schah, mit Reinhard über die Schwester sprach, so verfehlte er nicht, es dankend anzuerkennen, wie wohltuend Reinhard's Unterricht und na- mentlich die religiöse Richtung, die er ihr gebe, auf dieselbe wirke. Nur Joseph schien der Mei- nung nicht zu sein. „Er wird eine schlechte Christin aus ihr machen“, äußerte er gelegent- lich, verweigerte es aber, sich näher darüber zu erklären, weil er ein Geheimniß nicht verrathen wollte, das ihm seine sorgsam wachende Liebe allein entdeckt hatte. So war Jenny in das sechzehnte Jahr ge- treten. Ihr Aeußeres hatte sich zu seltener Schönheit entwickelt, ihre Liebe zu Reinhard war von Tag zu Tag gewachsen, und es konnte nicht fehlen, daß ihre ganze Persönlichkeit, ver- bunden mit der tiefen, fast anbetenden Hin- gebung, die sie dem jungen Lehrer in den Stunden bewies, einen Eindruck auf ihn ma- chen mußten, gegen den er vergebens mit allen Waffen der Vernunft kämpfte. Welche Hoff- nungen konnte er für die Neigung hegen, die er für Jenny zu fühlen begann? Selbst wenn die Eltern in eine Heirath willigten, würde er es wagen, das reiche, verwöhnte Mädchen in sein armes Haus zu führen? — So eigen- süchtig durfte er nicht sein, und von den Unter- stützungen ihres Vaters zu leben, zu wissen, daß seine Frau ihre behaglichen Verhältnisse nicht ihm allein verdanke, der Gedanke schien ihm, nach den Erfahrungen seiner Jugend, fast unerträglich, so herzlich er Jenny's Vater auch achtete. — Nach jeder Stunde nahm er sich vor, den Unterricht unter irgend einem Vor- wande zu beendigen, um eine Liebe nicht tiefer in sich Wurzel fassen zu lassen, die kein Erfolg krönen konnte, und die einmal aufgegangen, blitzesschnell und allmächtig emporwuchs. Auf Gegenliebe zu hoffen hatte er nicht gewagt, weil Jenny, aus Furcht sich zu verrathen, so- bald der Unterricht vorüber, und ihre Familie oder Fremde zugegen waren, plötzlich aus gänz- licher Hingebung in eine fremdthuende Kälte überging, und anscheinend für jeden Andern mehr Interesse zeigte, als für Reinhard. Dieser blieb dann an Theresens Seite und strebte in ruhigem Gespräch mit ihr, seine qualvolle Auf- regung zu verbergen. Besonders war es Erlau, welcher Reinhard's Eifersucht rege machte. Dieser bewunderte mit ächtem Künstlerenthusiasmus die aufblühende Schönheit des Mädchens, und seine frohe, kecke Laune half Jenny oft über ihre Befangenheit und Verwirrung fort. Es that ihr wohl, wenn Erlau sie ganz begeistert lobte; sie freute sich, I. 4 wenn Reinhard es hörte, dessen scheinbare Gleichgültigkeit sie unglücklich machte, und während sie eifersüchtig auf Therese sich von dieser und Reinhard fern hielt, suchte sie Erlau geflissentlich auf, der sich ohnehin gern in ihrer Nähe befand. In solchen Stimmungen ließ sie sich von Steinheim bisweilen zu lebhaften Unterhal- tungen hinreißen, in denen der Witz die Haupt- rolle spielte, und die oft in eine Art von Nek- kereien und Scherzen übergingen, an denen Reinhard, seiner ganzen Natur nach, keinen Antheil zu nehmen vermochte. Jenny wußte das wohl, aber sie vermochte nicht, dem Ge- liebten die unangenehme Empfindung zu er- sparen. Je theilnahmloser und ferner er sich davon hielt, jemehr überzeugte sich Jenny, daß sie ihm ganz gleichgültig sei, und um so we- niger sollte er eine Ahnung von ihrer Liebe er- halten. Nur vor Reinhard's Mutter löste sich die Stimmung des jungen Mädchens zu seltener Weichheit auf. So oft die Pfarrerin das Meiersche Haus besuchte, verließ Jenny augenblicklich die ganze übrige Gesellschaft, um sich ausschließend der milden Frau zu weihen. Jedes Wort, das diese sprach, war ihr werth; stundenlang konnte sie ruhig und entzückt ihr zuhören, wenn sie von der Kindheit ihres Gustav erzählte, von den unzähligen Opfern, denen der Jüngling sich für sie unterzogen, von der immer gleichen Liebe, die der Mann ihr darbringe, und wie sie nichts sehnlicher wünsche, als den geliebten Sohn bald in Verhältnissen zu sehen, die es ihm möglich machten, an der Seite einer theuern Frau das Glück zu finden, das Gott ihm gewiß gewähren müsse. Jede solche Erzählung diente nur dazu, Jenny's Liebe lebhafter anzufachen; und je deut- licher das Bewußtsein derselben in ihr wurde, 4* je bestimmter der Wunsch in ihr hervortrat, Reinhard anzugehören, um so unerträglicher mußten ihr die Bewerbungen Joseph's scheinen, die von den Wünschen ihrer Eltern unterstützt wurden. Nach dieser Auseinandersetzung kann die Un- terredung zwischen Madame Meier und Jenny, welche wir vorhin berichtet, und die durch Steinheim's Besuch beendet wurde, nicht mehr befremdlich scheinen, und wir können nun den Gang der Ereignisse ungestört weiter fortsetzen. An einem der nächsten Abende saßen Ma- dame Meier, die Pfarrerin und Jenny in der Loge, welche Meiers für immer gemiethet hat- ten, um den Figaro zu hören, in dem die Gio- vanolla heute zum ersten Male als Susanne auftrat. Der erste Act war vorüber, als Eduard mit Joseph und Hughes in der Loge erschien, um den Letztern seiner Familie vorzustellen, wie er von Eduard verlangt hatte. Nach den ersten Worten flüchtiger Begrüßung fing man von der Oper, der heutigen Aufführung, von der Sängerin, und endlich von dem Libretto des Figaro, und von Musik im Allgemeinen zu sprechen an. Eduard tadelte das abwechselnde Sprechen und Singen in den Opern. „Es muß Alles gesungen werden“, sagte er, „wenn es nicht einen sonderbaren Effect machen soll, daß Jemand im Momente höchster Aufregung sich plötzlich in der Rede unterbricht, ruhig ein paar Minuten wartet, bis die Einleitungstacte vorüber sind, und dann in demselben Affecte zu singen anfängt.“ — „Du hast recht“, fiel Joseph ein, „erst lehre aber unsere Sänger so deutlich singen, daß man sie verstehen kann; denn in hundert Fällen sind es die eingeschalteten Reden allein, aus denen man einigermaßen entnimmt, warum die Leute auf der Bühne eigentlich agiren.“ „Dabei werden diese Zwischengespräche auch so unverzeihlich leicht behandelt, daß man sie nur mit Widerwillen hört“, fügte Hughes hinzu. „Ich muß dabei an einen der ersten Tenoristen Deutschlands denken, den ich einst in einer Re- sidenz Ihres Vaterlandes hörte, und der, als er den Fra Diavolo in ganz erträglichem Deutsch gesungen hatte, beim Sprechen in ein so reines Schwäbisch verfiel, daß es den possenhaftesten Eindruck machte.“ „Mich dünkt“, wandte die Pfarrerin ein, „als sei in der That bei der Musik das Wort die Nebensache, da Instrumentalmusik und na- mentlich die Töne der Orgel denselben Eindruck auf das Gefühl zu machen vermögen, als der Gesang.“ — „Das möchte ich nicht behaupten“, meinte Joseph, „mich ennuyirt jedes Instrumental- concert, und zu einer Kirchenmusik zu gehen, würde mich keine Macht der Welt bewegen.“ „Weil Du kein Gefühl hast“, rief Jenny aus, immer bereit, die Ansicht der Pfarrerin zu theilen, und Joseph zu widersprechen, „weil Du ein kalter Verstandesmensch bist, und gar nicht die Gefühle und die Wonne anderer Leute kennst.“ — „Deine Gefühle und Deine Wonne, mein Kind, kenne ich vielleicht besser, als Du selbst!“ warf Joseph neckend hin, aber mit einem Blick und einem Tone, der nur für Jenny verständ- lich, diese in dunkler Röthe erglühen ließ. Einen Augenblick schwieg sie bestürzt, nahm sich aber zusammen, und sagte zu Hughes: „Glauben Sie nicht auch, daß die Musik der Worte entbehren könne?“ „Insofern bestimmt, als man gewiß sang, ehe man daran dachte, den Gesang mit der Sprache zu verbinden. Mir scheint es aber, als ob Musik und Dichtung so nahe zu ein- ander gehören, daß man kaum sagen darf, die Dichtung könne der Musik, oder diese der Dich- tung entbehren. So vollkommen jede Kunst für sich allein zu bestehen und zu entzücken vermag, so gibt es doch gar viele Fälle, in de- nen erst beide zusammen sich ergänzend, zu dem vollendeten Ganzen werden, das uns be- geistert.“ — „Ich will doch lieber den Tasso ohne Musik hören, als den Figaro ohne Worte“, lachte Joseph. „Was das nur wieder für ein Streit ist“, sagte Eduard, der bis dahin mit seiner Mutter gesprochen und an der Unterhaltung nicht Theil genommen hatte. „Wie oft hast Du, Joseph, mit großem Vergnügen der Aufführung der Ouvertüre gerade des Figaro zwei — dreimal hintereinander zugehört. Merken Sie es sich aber, lieber Hughes! daß meine Schwester und mein Cousin es sich zur heiligen Lebensregel gemacht haben, sich in Allem auf das Entschie- dendste zu widersprechen.“ „Jenny fürchtet, wir könnten sonst Mangel an Unterhaltung haben, und der Stoff würde ihr ausgehen“, unterbrach ihn Joseph, „übrigens bin ich in der That nicht sehr empfänglich für Musik, obgleich ich sie recht gern habe.“ „Du brauchst Dich dessen nicht zu rühmen“, flüsterte Jenny dem Cousin ins Ohr, als in dem Augenblick die Introduction zum zweiten Acte begann. „Who is not moved with ra- pture on sweet sounds, is fit for treason, stra- tagem and spoil, let him not betrusted.“ — „Schön Dank, Jenny!“ — mit den Wor- ten verließ Joseph die Loge, während die Uebri- gen leise die Stühle zurecht rückten, um von dem Gesange der Sängerin nichts zu ver- lieren, die mit glockenreinem Tone das „heilige Quelle meiner Triebe“ intonirte. Jenny bog 4** sich einen Moment über die Brüstung der Loge hinaus, um sich nach ihren Bekannten umzu- sehen, und ihr erster Blick fiel auf Reinhard, dessen Augen sehnsüchtig an ihr hingen. Seit der letzten Stunde, seit einigen Tagen hatte sie ihn nicht gesehen, der es schwer genug über sich gewonnen hatte, sie zu vermeiden. Sie mußte wenigstens von ihm hören, von ihm sprechen, darum hatte seine Mutter die Ein- ladung zum Theater erhalten. Als Madame Meier und Jenny vor der Thüre der Pfarrerin vorfuhren, hatte Jenny das Herz vor Freude bei dem Gedanken gebebt, nun werde Rein- hard, wie er pflegte, die Mutter hinunter ge- leiten, — aber er kam nicht. Nur das Dienst- mädchen leuchtete vor, und der Meiersche Die- ner half der Matrone in den Wagen. Auf die Frage von Madame Meier, ob Herr Reinhard heute das Theater nicht auch besuche, hatte seine Mutter erwidert, ihr Sohn sei von dringenden Arbeiten so sehr in Anspruch genommen, daß er durchaus zu Hause bleiben müsse, und ihre Bitte, sich heute einmal Ruhe zu gönnen und den Figaro zu hören, entschieden abgelehnt hatte. Damit war Jenny jede Hoffnung für den heutigen Abend genommen; sie hatte sich schwer genug in den Gedanken gefunden, und konnte nur kaum einen Schrei freudiger Ueberraschung zurückhalten, als sie den Geliebten plötzlich vor sich sah, als das Bewußtsein in ihr auftauchte, nur ihretwegen könne er gekommen sein, der so unverwandt zu ihr emporblickte. Und so war es in der That. Er hatte zu arbeiten versucht, aber das Bild der Geliebten war zwischen ihn und die Arbeit getreten. Er sah sie, in glänzender Toilette, die sie liebte, in der sie so wunderhübsch war. Er sah, wie das bleiche, feine Köpfchen, von langen dunkeln Locken beschattet, alle Blicke auf sich zog. — Es litt ihn nicht am Schreibtische. Unruhig schritt er im Zimmer umher; er überlegte, daß Erlau, der Bewunderer der Giovanolla, und Steinheim gewiß im Theater wären, daß Erlau vermuthlich jetzt in der Meierschen Loge neben Jenny sei. Was die Liebe allein nicht ver- mocht hatte, das errang die Eifersucht: er griff rasch nach Hut und Mantel, und war eine Viertelstunde später im Theater. Erleichtert athmete er auf, als er sie allein sah. Heute, nachdem er sie zwei Tage nicht gesehen, in denen er unaufhörlich an sie ge- dacht und die heißeste Sehnsucht empfunden hatte, heute schien sie ihm schöner und begeh- renswerther, als je! Aber Alles lag trennend zwischen ihm und ihr: — Religion und Ver- hältnisse, und vor Allem ihre Kälte. Ja! wenn er ihr mehr als ein geehrter Lehrer wäre, wenn sie ein anderes Interesse für ihn hätte, wenn sie ihn liebte! Mit diesen Ge- danken hingen seine Augen an ihr, als ihr Blick ihn traf, und das selige Entzücken in ih- ren Zügen, die glühende Röthe, die ihr Gesicht urplötzlich überflog, gaben ihm eine Antwort, die ihn zum glücklichsten Sterblichen machte. Hunderte von Menschen waren jetzt zwischen ihm und der Geliebten, und das Geständniß, daß er im traulichsten tête à tête nie zu machen gewagt, jetzt war es seinem Herzen entschlüpft; die Zuversicht zu Jenny's Liebe, auf die er bis- her nie gehofft, jetzt vor hundert Zeugen war sie ihm geworden. Das ist das Geheimniß der Liebe, daß sie zwei Herzen verbindet zu Einem, und diese isolirt unter Tausenden; daß das Gefühl der erwiederten Liebe nicht der Worte, kaum des Blickes bedarf, um sich deutlich zu machen. Es ist, als ob die Liebe wie ein flüchtiger Aether dem einen Herzen entströme, um das andere zu erfüllen und zu beleben. Aber nur das ge- liebte, geöffnete Herz empfindet das Lebens- wehen, das für ihn ausgeströmt wird. Die Uebrigen berührt der Strom von Jenseits nicht, und sie athmen ruhig die kalte Erdenluft, ohne zu ahnen, wie schnell und leicht und überselig zwei Herzen in ihrer Nähe klopfen. Reinhard und Jenny waren allein mit ein- ander, nur für sie allein sang die Gräfin, nur um ihren stillen Gefühlen Worte zu geben, und wie zum Schwure blickten sie sich ernst und heilig in die Augen, und wiederholten innerlich: „Laß mich sterben, Gott der Liebe, oder lindre meinen Schmerz.“ Jenny, dem Kindesalter noch sehr nahe, wurde froh wie ein Kind, nachdem die Gewalt des ersten Eindruckes sich etwas vermindert hatte. Sie war glücklich in dem Bewußtsein, geliebt zu werden, sie hätte es dem ganzen Publicum zurufen mögen: „Gustav Reinhard ist meinet- wegen in das Theater gekommen, er liebt mich“, und hatte doch nicht den Muth, seiner Mutter zu sagen, daß er da sei, und daß sie ihn sähe. Ihr ganzes Gesichtchen lächelte, als Cherubin kläglich fragte: „Sprecht, ist das Liebe, was hier so brennt?“ Reinhard wandte kein Auge von der Geliebten, und ein ganzer Früh- ling von Glück und Wonne blühte in seinem Herzen auf, als Jenny bei der wiederholten Frage: „Sprecht, ist es Liebe, was hier so brennt?“ ihn muthwillig ansah, und ganz un- merklich für jeden Andern, ihm ein freundliches „Ja“ mit den schönen Augen zunickte. Bald war das Finale des zweiten Actes mit seinem rauschenden Prestissimo vorüber. Reinhard verließ seinen Platz, und eilte, in die Nähe seiner Jenny zu kommen. Es war ihm, als müsse er nun in Einem Worte alles Leiden und Hoffen der letzten Monate vor ihr ent- hüllen, als müsse er sie an seine Brust schließen und ihr danken für das Glück, das sie ihm in dieser Stunde gegeben. Er hätte das zarte Mädchen auf seinem Arm forttragen mögen, sich durchkämpfend durch eine Welt von Hin- dernissen, um das süße Kleinod ganz allein zu besitzen, um es an einen Ort zu bringen, wo kein begehrender Blick Diejenige träfe, die er heilig liebte, wie ein Kind seinen Schutz- geist liebt. Und als er die Thür der Loge geöffnet hatte, Jenny sich umwendete, und er das Rau- schen ihres seidenen Kleides hörte, da wußte er kein Wort zu sagen, sprach einige gleichgültige Dinge mit Madame Meier, hörte, wie seine Mutter sich freute, daß er noch so spät gekommen, und setzte sich schweigend neben Jenny nieder. Diese fühlte das Peinliche ihrer Lage; auch sie war befangener, als jemals, und brachte endlich stockend die Worte hervor: „Ich habe Herrn Reinhard schon beim Beginn des zweiten Actes gesehen.“ „Und warum sagtest Du das nicht gleich?“ fragte ihre Mutter. „Ich dachte, ich wußte nicht“, stotterte Jenny ganz verwirrt, bog sich zur Pfarrerin nieder, küßte ihr die Hand und bat, als ob sie ein Unrecht gut zu machen hätte, „ach, sein Sie nicht böse!“ Beide Frauen nahmen das lächelnd für eine von Jenny's Launen, und gaben nicht weiter auf sie Acht, als abermals der Vorhang empor- rollte und das Duett zwischen Susanna und dem Grafen ertönte. Für Reinhard sang der Graf nicht verge- bens: „So lang' hab' ich geschmachtet, ohn' Hoff- nung Dich geliebt“; er fühlte dabei die Trost- losigkeit der verflossenen Tage aufs Neue, und Jenny konnte sie in dem beredten Ausdruck seines Auges lesen, ohne daß sie ein Wort mit einander zu sprechen brauchten. Sie fühlte mit Reinhard, als die Musik aufjubelte, bei der Stelle: „So athme ich denn in vollen Zügen der Liebe, der Liebe süßes Glück“, und Beide versanken mit dem frohen Gefühle seliger Ge- wißheit in jene Träumereien, die wol Jeder von uns gefühlt hat, wenn ein großes, heiß- ersehntes Glück endlich von uns erreicht wor- den ist. Die Oper war zu Ende, ehe das junge Paar es vermuthete. Reinhard bot Madame Meier den Arm, während Jenny mit seiner Mutter ging. In der Vorhalle traf man Eduard mit Hughes und Erlau, und verab- redete, daß er die beiden Herren zum Thee mit- bringen solle, zu dem Madame Meier auch die Pfarrerin und Reinhard einlud. Der Letztere geleitete die Damen zu ihrem Wagen, stieg mit ihnen hinein, und als sie wenige Augenblicke darauf in das Portal des Meierschen Hauses einfuhren, als er Jenny die Hand zum Aus- steigen bot, und diese kleine Hand in der seinen bebte, konnte er es sich nicht versagen, sie leise zu drücken und zu halten, während sie die er- sten Stufen der Treppe hinaufstiegen. So hält man ein Vögelchen fest, das man eben gefan- gen, weil man sich des Besitzes bewußt werden will, weil man fürchtet, es könne uns entflie- hen; aber scheu und leicht, wie ein kleiner Vogel, machte Jenny ihre Hand frei, ging eilig die Treppe hinauf und in das Theezim- mer, wohin Reinhard ihr folgte. Herr Meier brachte den Abend außer dem Hause zu; die Damen setzten sich also gleich an den Theetisch, und wenig Augenblicke später erschienen die erwarteten Herren. „Nun, was sagen Sie heute zur Giova- nolla?“ fragte Erlau, sobald er Platz genom- men hatte. „Sie müssen gestehen, reizender, verführerischer kann man nicht sein. Ich hätte nie geglaubt, daß es möglich sei, bei so groß- artiger Schönheit diesen Eindruck soubretten- hafter Koketterie zu machen, und sie hat sich heute in der Susanna als eine große Künstlerin gezeigt.“ „Ich denke“, erwiderte Madame Meier, „so gar viel Kunst bedarf sie nicht, um sich so darzustellen, als sie ist.“ „Im Gegentheil! das ist ja die schwerste Aufgabe, sich selbst zu spielen; aber diese hat sie nicht zu lösen gehabt, denn kokett ist die Giovanolla nicht. Wahrhaftig nicht!“ rief er, als die Andern zu lachen anfingen. „Sie weiß, daß sie ein Ideal von Schönheit ist, und besitzt Großmuth genug, sich den Augen der staunenden Mitwelt in all der Vollendung zeigen zu wollen, deren sie fähig ist. Ich mußte heute bei jeder ihrer Bewegungen meine Freude zurückhalten, um nicht fortwährend den Leuten zuzurufen, daß sie ein klassisches Modell vor Augen hätten. O! ich habe im Geiste die wundervollsten Stu- dien gemacht, und die Nachwelt soll sich noch am Bilde dieses Weibes erfreuen, wenn mein Talent mit meinem Willen gleichen Schritt hält.“ „Während Du an die Nachwelt dachtest“, sagte Eduard, „überlegte ich, daß es wol von der Mitwelt keine größere Thorheit gibt, als die Jugend an solchen Darstellungen Theil neh- men zu lassen, in denen die Sitten einer fri- volen, verderbten Vorzeit so anmuthig und so einschmeichelnd dargestellt werden.“ „Der Meinung bin ich auch“, bekräftigte Reinhard. „Ich will nicht leugnen, daß dieser Abend zu den schönsten meines Lebens gehört, so viel Freude hat er mir gebracht, und doch peinigte es mich, die Logen voll von jungen Damen zu sehen.“ „Damit tadeln Sie mich, lieber Reinhard!“ unterbrach ihn Madame Meier. „Sie wollen mir sagen, was Eduard schon mitunter äußerte, daß wir Mütter in der Erziehung unserer Töch- ter nicht sorgfältig genug zu Werke gehen. Ich glaube aber, daß es dem reinen Sinn eines unverdorbenen Mädchens eigen ist, an einem schönen Bilde nur die Schönheit, und nicht gleich die Flecken und Fehler zu sehen, die es entstellen. Darum haben mein Mann und ich nie Bedenken getragen, unserer Tochter manches Buch in ihre Hände zu geben, sie an manchen Dingen Theil nehmen zu lassen, die man ih- rem Alter sonst vorenthält.“ „Gewiß ist das häusliche Beispiel und die innere Seelenbildung die Hauptsache bei weib- licher Erziehung“, sagte Hughes. „Sonst müßte ja in Frankreich, wo man die Mädchen bis zu ihrer Verheirathung in klösterlicher Einsamkeit hält, die Sitten besser sein, als bei uns in England und hier in Deutschland, wo man der Jugend viel größere Freiheit verstattet; und gerade hier beweist doch die Erfahrung, daß die französische Zurückgezogenheit keine lobenswer- then Resultate gibt.“ „Weil in Frankreich der ganze Zustand der Gesellschaft ein verderbter, ein aufgelöster ist; weil die Bande der Ehe locker geworden sind, und das Haus, die Familie aufgehört haben, der Centralpunkt zu sein, von dem Alles aus- geht. Was kann es nützen, ein Mädchen in den strengsten Grundsätzen zu erziehen, wenn der erste Schritt ins Leben ihr zeigt, daß we- der ihre Eltern, noch ihr Gatte an diese Grund- sätze glauben; wenn sich das junge, liebebedürf- tige Herz verrathen sieht, vielleicht um einer Tänzerin willen, die nicht werth ist, dem from- men Kinde die Schuhriemen zu lösen. Wenn dann das böse Beispiel dazu kommt, das die sogenannten modernen Romane und das Theater bieten, da braucht man sich freilich über die Er- folge in Frankreich nicht zu wundern“, eiferte Eduard. „Aber bei uns, mein Sohn!“ wandte Ma- dame Meier ein, „ist doch der Zustand der Frauen und der Gesellschaft überhaupt, Gott sei Dank! ein ganz anderer. Deshalb scheint mir, Du übertreibest den Nachtheil, den Theater und dergleichen auf junge Gemüther ausübt, und wir Deutschen können unsern Töchtern ruhig diese Genüsse gewähren.“ „Im Gegentheil, liebe Mutter! weil bei uns der Mann sein Haus noch für den Tempel seines schönsten Glückes, die geliebte Frau für die Hohepriesterin desselben hält, weil er Ruhm, Ehre und Alles, was er ist und erwirbt, diesem Tempel und seiner Priesterin darbringt, weil sein Hoffen und Fürchten in diesen Kreis ge- bannt ist, und er immer wieder dahin zurück- kehrt, wenn das Leben mit seinen gebieterischen Forderungen ihn frei läßt; darum haben wir deutschen Männer ein Recht, zu verlangen, daß auch kein unreiner Hauch die Seele eines Mäd- chens berühre, der so viel geopfert wird.“ „Und wie hoch, wie heilig ist uns das Mädchen, das wir lieben!“ rief plötzlich Rein- hard, der bis dahin schweigend zugehört hatte, als ob er aus tiefen Gedanken zu sich käme. „Wenn ein Mädchen wüßte, wie schwer und heftig der Kampf ist, den der Mann zu käm- pfen hat, ehe er willig seine Freiheit, sein Füh- len und Denken, sein Leben selbst, einer fremden Gewalt unterwirft! Nur einem Wesen, das man gleich einer Gottheit anbetet, kann man so unterthan werden, als die Liebe es uns dem Weibe macht. Wer aber ertrüge den Gedan- ken, daß die Gottheit unsers Herzens unwür- digen Festen beiwohnt? Wer wollte es ruhig ansehen, daß ihr schönes Himmelsauge von un- reinem Anblick berührt würde? Ich könnte mein Leben daran setzen, um der Geliebten solche Profanation zu ersparen, und ein Mäd- chen, das wahrhaft liebt, das die Liebe, die an- betende Liebe eines Mannes zu begreifen ver- mag, das in sich auch den Geliebten achtet, I. 5 würde gewiß freiwillig Allem entsagen, was diesen und sie zugleich verletzt. Wer es gefühlt hat, wie wahre Liebe das Männerherz reinigt und veredelt, dem muß es wehe thun, daß Mädchen selbst sich um den Nimbus bringen, den Sittenreinheit um sie hervorzaubert, und der sie unserm Herzen gerade so theuer macht.“ Indem fiel sein Auge auf die neben ihm sitzende Jenny, die sich hinter der dampfenden Samovare verbarg und vor Bewegung kaum den Thee zu bereiten vermochte. Er fühlte den bittern Tadel, den er unwillkürlich auch gegen die Geliebte ausgesprochen hatte; er wollte ein- lenken, aber er vermochte es nicht, denn es war seine innerste Ueberzeugung gewesen, die er aus- gesprochen hatte. So viel Glück ihm der heutige Abend im Theater gewährt, so weh that es ihm doch, daß ein so schlüpferiges, sittenloses Stück, so leichtfertige Gesänge, zum Boten seiner Liebe bei Jenny geworden waren. Das war der Un- terschied zwischen ihm und ihr, daß sie aufge- zogen in den Begriffen der sogenannten großen Welt, trotz ihrer wirklich streng sittlichen Seele, das Gefühl für die Sittenlosigkeit mancher Ver- hältnisse verloren hatte, oder daß es nicht zum Bewußtsein in ihr gekommen war. Der Figaro, Don Juan und vieles Andere, waren ihr Dinge, an denen sie sich von Kindheit auf erfreut hatte, ohne an das Gute und Böse daran zu denken, und das war ein Zustand, in den weder Eduard noch Reinhard sich zu versetzen vermochten. Reinhard war bis zu seiner Universitätszeit in einem Landstädtchen in vollkommener Zurück- gezogenheit erwachsen, und seinem Geiste muß- ten die Eindrücke, die er dann plötzlich in der Gesellschaft und durch das Theater empfing, ganz anders erscheinen, weil er sich der Em- pfindungen bewußt war, die dadurch in ihm hervorgerufen worden. Eduard hingegen war allmälig durch Reflexion zu der Ansicht gekom- 5* men, die er vertheidigte, und die er durch Ver- hältnisse, welche wir später darthun werden, angeregt, heute ungewöhnlich warm ausge- sprochen hatte. Beide Männer ahnten nicht, mit welcher Verwunderung Madame Meier und die Pfar- rerin den Ansichten ihrer Söhne zuhörten, und daß Beide tiefer in den Herzen derselben lasen, als es ihnen lieb sein mochte. Ebenso hatte Reinhard nicht bedacht, wie weh der armen Jenny sein Urtheil thun mußte, die sich in aller Unschuld dem Genusse der Musik hingegeben hatte, und diese Oper jetzt doppelt liebte, weil ihr während derselben die Ueberzeugung gewor- den, daß Reinhard's Herz ihr angehöre. Der Pfarrerin war Jenny's Bewegung nicht entgangen; sie sah den langen, flehenden Blick, den Reinhard auf sie richtete, nachdem er ge- sprochen; sie sah, daß Jenny sich zu ihm neigte und ein paar Worte sprach, die ihren Sohn in das höchste Entzücken zu setzen schienen, denn sein Gesicht leuchtete vor Wonne, aber verstehen konnte sie diese leise gesprochenen Worte nicht. „Ich werde nie wieder in den Figaro gehen“, hatte Jenny zu Reinhard gesagt, und die Pfar- rerin überlegte vergebens, weshalb der Ausdruck von Betrübniß auf dem schönen Gesichte des Mädchens trotz Reinhard's Freude nicht ver- schwinden wollte. Um der Unterhaltung, die für einige Au- genblicke ins Stocken gekommen war, wieder fortzuhelfen, bemerkte die Pfarrerin: „Mag man nun über die Moral des Figaro, die allerdings locker genug ist, noch so strenge urtheilen, es ist nicht zu leugnen, daß die Oper sehr viel Anmuth besitzt, die Composition selbst abge- rechnet.“ „Das macht sie um so gefährlicher“, schaltete Hughes ein, „wenn wir die Gefährlichkeitstheorie der beiden Herren überhaupt annehmen.“ „Ich bitte Sie, Mr. Hughes“, lachte Erlau dazwischen, „lassen Sie sich doch von den ab- geschmackten Lehren nicht hinreißen. Was so ein Doctor, der längst ein begehrter Heiraths- kandidat ist, und so ein Kandidat der Theo- logie, der längst Prediger sein möchte, unser Einem vorpredigen und aufdociren möchten, das ist ja deshalb Alles noch nicht wahr. Lassen Sie die Beiden doch lehren, was sie wollen; ich behaupte dennoch, daß im Figaro, im Bar- bier, im Don Juan, in der ganz vergessenen, lieblichen Fanchon, etwas von der flüchtigen, graziösen Leichtigkeit des vorigen Jahrhunderts liegt, die in Frankreich zu seltener Liebenswür- digkeit gediehen war.“ „Zu einer Liebenswürdigkeit“, sagte Eduard, „die, in totale Verderbtheit ausgeartet, sinnlos forttänzelte zum Schaffot, trotz der warnenden Stimmen, an denen es nicht fehlte.“ „Ja! zum Schaffot“, fuhr Erlau fort, „auf dem die leichtfertigen Tänzerinnen mit einer Ruhe starben, mit einer Seelengröße, die einer Römerin würdig gewesen wäre. Die Prinzeß Elisabeth starb eben so ruhig als Arria, oder irgend eine andere Heldin Eurer geprie- senen, langweiligen Römerzeit; und der ganze Unterschied ist der, daß die Französinnen liebens- würdig und glücklich waren, und Glückliche mach- ten, während so eine antike Römerin, oder rö- mische Antike in ihrem Frauengemache saß, und tugendhaft war, und wollene Toga's webte. Da lobe ich mir die Französinnen!“ Die alten Damen lachten, und Erlau fuhr dadurch ermuthigt fort. „Sagt mir nur ehrlich, ist Einer von Euch halb so liebenswürdig, als der Graf Almaviva, oder Don Juan, oder Cherubin, oder der Abé in Fanchon?“ „Du vielleicht, lieber Erlau!“ sprach Eduard. „Wollte Gott, ich wäre es. Ich strebe täg- lich, diese heitern Vorbilder einer fröhlichen Vor- zeit zu erreichen, aber kommt man dazu? Kaum hat man sich verliebt und schwelgt in Wonne, so erzählen sie von Actien zu einer Eisenbahn, oder von Entwürfen zu Kleinkinderschulen, in denen lauter Prüden und Pedanten erzogen werden sollen. Denkt man daran, sein Herz frei zu machen, um es bald wieder gefangen zu geben, so soll man einer Corporation zur Be- freiung der Negersklaven oder zur Erleichterung der Hunde beitreten; und kein Mensch denkt dabei, daß mich z. B. dies vielmehr ennuyirt, als es irgend einen Neger langweilt, Zucker- rohr zu tragen, oder einen Hund Karren zu ziehen.“ „Es ist freilich nicht allen Menschen mög- lich, das Leben wie eine Lustpartie zu nehmen, und jedes höhere Interesse, als lästiges Hin- derniß, zu verleugnen“, erwiderte Reinhard, dem diese Scherze Erlau's besonders darum mißfielen, weil Jenny ein Wohlgefallen daran fand, das Reinhard nicht billigen konnte. „Und wie soll man das Leben denn neh- men?“ fuhr der unerschöpfliche Erlau fort. „Gott hat uns evident für die Freude geschaf- fen; Gott will, daß wir uns amüsiren sollen, und daß Ihr mich neulich und heute wieder in meinem besten Vergnügen stört, ist eine wahre Todsünde. Was habt Ihr denn von dem ewi- gen Moralisiren? Madame Meier und die Frau Pfarrerin hören so andächtig zu, daß ihnen der Thee eiskalt werden wird, und Fräu- lein Jenny sieht seit der abgeschmackten Unter- haltung so traurig aus, und ist so zerstreut, daß ich noch gar keinen Thee bekommen habe, den schweren Aerger zu ertränken, den Ihr mir verursacht.“ — „Liebes Fräulein“, sprach er gegen Jenny gewandt, „nur eine doppelte Por- tion Zucker, als Aequivalent für den bittern Verdruß, den Ihr Bruder mir gemacht hat!“ 5** Die kleine Gesellschaft war in ein herzliches Lachen ausgebrochen, das Erlau's fröhliche Laune hervorgerufen hatte. Auch Jenny riß sich ge- waltsam aus den Gefühlen heraus, die heute zum ersten Male in ganz neuer Gestalt in ihr erwacht waren. Nur Reinhard blieb in tiefes Sinnen verloren, und sah, aufgelöst in Liebe zu Jenny hin, die sich eben anschickte, Erlau eine scherzhafte Antwort zu geben, als Joseph und Steinheim in das Zimmer traten. Sie waren zu Fuß aus dem Theater gekommen, und Steinheim entschuldigte ihr spätes Erschei- nen mit den Worten: „Spät komm' ich, doch ich komme, der weite Weg entschuldige mein Säumen.“ „Aber warum fuhren Sie nicht auch nach Hause?“ fragte Jenny. „Weil leider Freitag Abend ist“, antwortete Steinheim, „und ich meiner Mutter den chagrin nicht machen wollte, zu fahren. Aus Kindes- liebe, aus Pietät hole ich mir in dem nassen Wetter den Tod, nach dem Echauffement im Theater, und bei meinem reizbaren Nerven- system! Was soll man aber thun?“ „Ich habe geglaubt, das Fahren sei nur am Sonnabend verboten“, sagte die Pfarrerin. „O nein!“ erwiderte Steinheim, „der Sonnabend fängt bei uns schon des Freitags an, und alle Ruhe- und Sabbathfeiergesetze müs- sen von Freitag Abend abgehalten werden, bis Sonnabends die ersten Sterne blinken.“ Die Pfarrerin erwähnte es lobend, daß Steinheim sich an diese Formen halte. — „Mir sind sie ganz gleichgültig“, antwortete er, „ich halte sie für ein Gesetz, das mißverstanden ist, und befolge es nur meiner Mutter zu Liebe, der ich viele Opfer der Art bringe, obgleich sie meine Gesundheit ruiniren.“ „Für solch einen Normalsohn hielt ich Sie nicht“, sagte Jenny, die nie der Lust wider- stehen konnte, Steinheim zu necken. „Ich wußte nicht, daß Selbstverleugnung auch zu Ihren Tugenden gehöre.“ „Es liebt die Welt, das Strahlende zu schwärzen, und das Erhabne in den Staub zu ziehen“, declamirte Steinheim. „Daß Sie, holdes Fräulein aber an mir zweifeln, verdiene ich nicht, und ich könnte wie Cäsar sagen: ‚Brutus auch Du!‘ — Uebrigens wissen Sie ja, daß Sonnabends unsere Pferde geschont, und ich strapazirt werde.“ „Das ist das erste Gesetz gegen Thierquä- lerei“, rief Erlau dazwischen, „und ich wundere mich, lieber Meier, daß Du, in doppelter Hin- sicht triumphirend, nicht längst darauf aufmerk- sam gemacht hast.“ „Wirklich“, meinte Madame Meier, „ge- hört aber die stille Sabbathfeier zu den Gesetzen der jüdischen Religion, die mir sehr gefallen und zusagen — obgleich wir sie nicht mehr halten.“ „Ich finde es auch sehr schön“, sagte Jenny, „aber es ist doch nur für Menschen, eigentlich nur für Juden gemeint; denn ich habe bei Madame Steinheim selbst gesehen, daß ihr christliches Dienstmädchen Licht putzte, was sie selbst nicht that.“ „Also meinen Sie“, fragte Steinheim, der sich neben Jenny's Stuhl hingesetzt hatte, „da das Dienstmädchen Licht putzen darf, so kann das Pferd auch ziehen?“ „Ja!“ sagte Jenny leise, während sich be- reits eine andere Unterhaltung in der Gesell- schaft entsponnen hatte. „Ja! die Pferde könn- ten wol arbeiten, da sie nicht Juden sind.“ „Und was sind sie denn?“ fragte Stein- heim ebenfalls leise, um die Andern nicht zu stören. „Weiß ich's?“ war die Antwort, „vermuth- lich Christen! — oder Heiden!“ fügte sie schleu- nig hinzu, bemerkend, daß Reinhard, der an ihrer andern Seite saß, jedes Wort dieser kin- dischen Unterhaltung gehört hatte, und sich un- willig abwendete, als Steinheim in ein laut schallendes Gelächter verfiel, dessen Grund er aber, auf Jenny's eifriges Bitten, nicht sagen wollte, so sehr man auch in ihn drang. Durch Reinhard's Brust waren die letzten Worte, wie ein fliegendes Weh gezogen, wie ein eisiger Frost über die ersten schönen Blüthen des Frühlings. Diese Leichtfertigkeit, dies Scherzen mit Allem, was Andern heilig ist, das war es eben, was immer trennend zwi- schen Jenny und seiner Liebe gestanden hatte. Er liebte ihre reiche, schöne Natur, ihr mächtig glühendes Gefühl, und wurde immer mit Be- trübniß gewahr, daß Jenny, in Folge ihrer Er- ziehung und der Verhältnisse, in denen sie auf- gewachsen, eine Richtung genommen hatte, die seiner ganzen Seele widerstrebte, die auch Eduard mißbilligte, die aber zu ändern, ihren beider- seitigen Bemühungen bis jetzt nicht gelungen war. Reinhard traute Jenny die höchste Selbst- verleugnung und jede Tugend zu; er glaubte an ihr Herz, in dessen Besitz er sich heute über- reich und glücklich fühlte — er liebte sie, wie ein kräftiges Gemüth nur zu lieben vermag — und doch fühlte er eine Scheidewand zwischen sich und der Geliebten; doch konnte er die bange Ahnung nicht unterdrücken, es stehe ein Etwas, das er kaum zu definiren vermochte, trennend zwischen ihm und ihr. Jetzt bei Jenny's letzten Worten erwachte das Gefühl aufs Neue und um so schmerzlicher, als es kalt sein Herz berührte, das heute warm und ungetheilt ihr entgegenwallte. Er wurde traurig, und als die Gesellschaft sich später trennte, und er von Jenny Abschied genommen, ging er verstimmt und trübe von ihr, die ihn so innig liebte, und schritt schweigend neben seiner Mutter nach Hause, während Jenny in ihrem Zimmer Thrä- nen der bittersten Reue vergoß. Sie wußte, daß sie Reinhard verletzt hatte, und wollte ver- gehen vor Gram und Beschämung. So hatte sie heute nicht von Reinhard zu scheiden ge- glaubt, — keinen Blick hatte er für sie gehabt, und jetzt wußte er doch, daß sie ihn liebte. Clara Horn lag, während sich dies Alles begab, leidend an unsäglichen Schmerzen auf ihrem Lager. Jung, schön und gut, umgeben von Reichthum und Luxus, hatte sie doch nie- mals das Glück gekannt, für das allein sie ge- schaffen schien. In ihrem väterlichen Hause war die unglückliche Ehe ihrer Eltern für sie eine Quelle des bittersten Leidens geworden. Nur der Wunsch, sich zu poussiren, hatte Horn einst dazu vermocht, um seine Gattin zu werben, die, wie schon früher erwähnt, einer der angesehen- sten Familien der Kaufmannsaristokratie ange- hörte. Die jetzige Commerzienräthin Horn war älter als ihr Gatte, hatte aber, als sie sich mit ihm verband, noch vollen Anspruch auf die Be- wunderung ihrer regelmäßigen kalten Schönheit zu machen, und glaubte, ein Recht auf die Verehrung ihres Mannes, auf seinen Dank zu besitzen, weil sie sich entschlossen, zu einer Ver- bindung zu schreiten, die damals noch keine glänzende Aussicht bot. Liebe brachten beide Theile nicht in das neu gegründete Hauswesen; und als bald darauf der herrschsüchtige Charakter der Frau dem jungen Manne sein Haus zur Plage machte, und er sich immermehr von ihr zurückzog, artete ihre Stimmung in eine Bit- terkeit, in eine starre Kälte aus, die vollends dazu beitrug, die Gatten zu trennen. Die Geburt ihres Sohnes Ferdinand schien das Herz der Mutter mildern Gefühlen gegen den Vater des Kindes zu öffnen. Es war aber zu spät, um den Frieden herzustellen. Horn hatte sich, fortgerissen von andern Männern und einem sinnlichen Temperamente, einer Le- bensart überlassen, welche seiner Frau gerechten Grund zur Klage bot, und als einige Jahre später Clara geboren wurde, fehlte schon an der Wiege des Kindes das selige Lächeln beglückter Eltern. Ferdinand war das einzige Wesen, das die Mutter liebte. Ihm wurde, sobald er nur im Stande war, seinen Willen zu äußern, jeder Wunsch erfüllt; und ebenso schwach und nach- sichtig gegen den Sohn, als streng gegen alle Andere hatte die Commerzienräthin den jungen Mann zu dem weichlichen, kalten und hochmü- thigen Stutzer erzogen, als welchen wir ihn am Anfang dieser Erzählung zuerst erblickten. — Um die liebliche Clara hatte die Mutter sich wenig gekümmert. Die Kleine war früh einer Gouvernante übergeben worden, die glücklicher Weise ganz dazu geschaffen war, die Seele des jungen Mädchens zu bewahren und auszubilden. Von den Eltern wenig beachtet, geneckt und geplagt von den eigensinnigen Launen des Bruders, gewöhnte sich Clara schon in erster Kindheit an eine Fügsamkeit und Anspruchs- losigkeit, die später der edelste Schmuck der schönen Jungfrau wurden. Nicht ohne Stolz sah der Vater auf die Bewunderung, die das erste Auftreten Clara's in der Gesellschaft er- regte. Die wilden Leidenschaften der Jugend hatten sich bei Horn gelegt, der Sohn, der Liebling der Mutter, war ihm fremd geblieben; er vermißte eine freundliche Heimat, die An- hänglichkeit einer Familie, und so konnte es nicht fehlen, daß Clara's demüthige Ergeben- heit, ihr kindliches Anschmiegen ihn fesselten. Er liebte Clara, wie er zu lieben im Stande war. Sie war sein Stolz, die Krone seines Besitzes, und alle seine Wünsche gingen darauf hinaus, diese Tochter so glänzend, als möglich, versorgt zu sehen. Wie angenehm mußte es ihn also überraschen, als die Commerzienräthin, die das freundliche Verhältniß ihres Mannes zu der Tochter stets mit gewohnter Gleichgültigkeit be- trachtet hatte, ihm einst ganz unvermuthet die Frage vorlegte, ob es jetzt, da Clara bereits im zwanzigsten Jahre sei, nicht Zeit werde, an die Verheirathung derselben zu denken. Sie theilte ihm mit, daß sie schon seit längerer Zeit mit ihrer in England verheiratheten Schwester, welche nur einen Sohn hatte, den Plan entworfen, diesen mit Clara zu verbinden. Sie bewies, daß ihr Schwager Hughes, nach englischer Sitte an die Bevorzugung des ältesten Erben gewöhnt, gern bereit sein werde, Ferdinand im Besitze des väterlichen Vermögens zu lassen, und daß auch ohne dieses Clara reicher und glänzender ver- sorgt sein würde, als es in Deutschland jemals der Fall sein könnte. Der Plan, den die Commerzienräthin dabei hatte, war, einst die gleiche Theilung des Vermögens zwischen ihren beiden Kindern zu vermeiden; und er fand, wenn auch aus andern Gründen, bei ihrem Gatten volle Billigung. William Hughes galt nach Allem, was man über ihn wußte, für ei- nen gescheidten und wackern Jüngling. Die Millionen seines Vaters kannte der Commerzien- rath aus Erfahrung, und daß der alte Hughes Mitglied des Unterhauses war, daß auch Wil- liam dies einst werden und sich eine glänzende Laufbahn für ihn eröffnen könne, entschied nicht wenig zu Gunsten dieser Angelegenheit, und die Commerzienräthin erhielt volle Freiheit, dieselbe nach ihrer Ansicht einzuleiten. Nichts war leichter, als den jungen reise- lustigen Engländer zu einem Ausflug nach dem Continent und dem gelegentlichen Besuche sei- ner Familie zu überreden, die er nur als Knabe gesehen hatte; und der schmeichelhafte Empfang, der ihm von Onkel und Tante wurde, die große Freude, welche Ferdinand, dem die Plane seiner Mutter nicht unbekannt waren, über des Vetters Anwesenheit an den Tag legte, bewo- gen diesen bald zu einem längern Verweilen in dem Hornschen Hause. Für Clara begann mit des Vetters Anwe- senheit ein neues Leben. Mutter und Bruder überboten sich in tausend Freundlichkeiten gegen sie, man bemühte sich, sie in dem vortheilhaf- testen Lichte erscheinen zu lassen, und war jetzt plötzlich bereit, ihren Ansichten und Wünschen zu schmeicheln, weil man sie zu ähnlicher Füg- samkeit zu überreden wünschte. Von Natur weich und hingebend, fühlte Clara sich zum ersten Mal in ihrem Leben wahrhaft glücklich, durch das Wohlwollen, von dem sie sich um- geben sah; und da auch auf sie das Glück sei- nen verschönenden, belebenden Einfluß zu ma- chen nicht verfehlte, war es nur natürlich, daß William die schöne Cousine sehr liebenswürdig fand. Er beschäftigte sich angelegentlich mit ihr, und bald begann sich ein zutraulich heiteres Verhältniß zwischen ihnen zu bilden, dessen Entstehen von der ganzen Familie mit Freuden bemerkt wurde. Da kam an dem Abende, an dem diese Er- zählung beginnt, der unglückliche Zufall dazwi- schen, der Clara für lange Zeit von der Ge- sellschaft trennte, die Heirathsentwürfe ihrer Mutter für sie weit hinausschob, und Eduard in ihre Nähe brachte. Nach dem ersten Auf- ruhr, den dieses Ereigniß verursacht hatte, fing man im Hornschen Hause bald wieder an, sich den gewöhnlichen Beschäftigungen und Zerstreuungen hinzugeben, und Clara wurde von ihrer Mut- ter vernachlässigt wie früher, was ihr nach dem kurzen Traume von Glück um so schmerzlicher sein mußte. Fast immer, wenn ihr junger Arzt sie besuchte, fand er sie mit einer Wärterin allein, und seinem geübten Auge konnte es nicht entgehen, daß hier die Seele noch empfindlicher leide, als der Körper. Die unbeschreibliche Ge- duld, mit der Clara die Schmerzen ertrug, die Sanftmuth und Ruhe ihres ganzen Wesens, und ein Zug von stiller Resignation machten ihm die Kranke werth. Er bemühte sich, durch Unterhaltungen mancher Art ihre Aufmerksam- keit zu beleben; er kam, so oft er es konnte, dehnte seine Besuche lange aus, und fand den schönsten Lohn dafür in der dankbaren Freude, mit der Clara ihn begrüßte, in dem Genuß, den er selbst bald dabei zu empfinden begann. Oft, wenn er sie am Morgen in möglichst gutem Wohlsein verlassen hatte, war sie Abends in einem aufgeregten, beunruhigenden Zustande, für den in ihrem körperlichen Befinden kein Grund vorhanden war, und den er mit Recht unangenehmen Gemüthsbewegungen zuschreiben mußte. So fand er sie eines Abends, aufgelöst in Thränen, und so bewegt, daß sie kaum seine Fragen zu beantworten vermochte. Ein heftiger Streit der Eltern, veranlaßt durch Ferdinand's Verschwendung und seine ungeregelte Lebensart, war unglücklicherweise in dem Krankenzimmer ausgebrochen. Der alte Horn hatte sich miß- billigend darüber geäußert, daß Ferdinand jetzt fast niemals mehr bei Tisch erscheine, daß er seine Zeit in der schlechtesten Gesellschaft ver- bringe, und durch die unverzeihliche Schwäche der Mutter in all diesen Fehlern bestärkt werde, die er als Vater nun absolut nicht länger dul- den wolle. Gereizt durch den doppelten Tadel, der sie und ihren Liebling traf, hatte die Com- merzienräthin heftig erwidert, sie könne eine Lebensweise an ihrem Sohn nicht so strafbar finden, zu der des Vaters früheres Betragen ihm das Beispiel gegeben und die sie Jahre lang an ihrem Manne habe erdulden müssen. So war es, trotz Clara's dringenden Bitten, trotz ihrer flehentlichen Worte, sie nicht zum I. 6 Zeugen dieser entsetzlichen Scene zu machen, eine Weile fortgegangen, bis ihre Mutter in höchster Entrüstung das Zimmer verließ, und ihr Vater allein bei ihr zurückblieb, sich bitter über das Loos beklagend, das ihm an der Seite dieser Gattin geworden sei. Bald darauf trat Eduard ein. Clara lag auf dem Bette, das Häubchen hatte sich ver- schoben, und ließ das reiche, goldblonde Haar hervorquellen. Die großen dunkelblauen Augen schwammen in Thränen; sie hatte die schönen Hände über die Brust gefaltet, und mahnte den jungen Mann, als sie sich emporzurichten strebte, und sich dabei seitwärts gewendet, auf den Arm stützte, auf das Lebhafteste an die Magdalene des Correggio, mit der sie wirklich eine nicht zu verkennende Aehnlichkeit hatte. Die Krankenwärterin saß schläfrig strickend bei einer Lampe, deren Schein durch einen grünen Ueberwurf gemildert war. Alles war still in dem Zimmer, und Eduard hörte um so deut- licher an den unruhigen Athemzügen der Lei- denden, daß sie eben erst zu weinen aufgehört hatte. Freundlich fragte er sie nach ihrem Befinden, er wollte ihre Hand ergreifen, um sich durch den Pulsschlag selbst davon zu über- zeugen, aber sie zog die Hand rasch fort, und sagte: „Ach! das kann nichts helfen, ich leide furchtbar, aber Sie können mir nicht helfen, lieber Doctor!“ und dabei brach sie aufs Neue in heiße Thränen aus. Ablenkend versuchte Meier, sie auf ihr kör- perliches Uebel zurückzuführen, sie war aber so aufgeregt, daß sie, ihre sonstige Zurückhaltung gänzlich vergessend, ihn kaum aussprechen ließ, sondern ihn mit den Worten unterbrach: „Täu- schen Sie sich nicht, Herr Doctor! ich will Sie auch nicht länger damit hintergehen — die äußere Wunde kann nicht heilen, ich kann nicht genesen, so lange meine Seele auf das Grau- 6* samste zerrissen wird; wollte Gott nur, ich wäre durch den Tod bald dieser Qualen über- hoben!“ „Und denken Sie nicht an Ihre Eltern, liebes Fräulein? Wissen Sie nicht, daß auch für das Leiden der Seele oft wunderkräftiger Balsam in der Zukunft liegt?“ fragte Meier. „Gerade ein so reines Gemüth, wie das Ihre, muß im Leben tausend Freuden finden, weil es geschaffen ist, Freude zu bereiten durch sein bloßes Dasein.“ „Ich habe Niemandem Freude gemacht, ich habe immer allein gestanden unter den Meinen, von Kindheit an; und ohne meines Vaters Liebe wüßte ich kaum, daß ich eine Heimat habe. Meinen Tod würde man bald vergessen, und er würde vielleicht ein Glück, ein Ver- söhnungsmittel werden. Sie sagen, ich hätte ein weiches Gemüth; beklagen Sie dann mein Schicksal, das mich in die kälteste Atmosphäre versetzte, wo ich täglich tausendfachen Tod sterbe.“ Erschöpft lehnte sie sich bei diesen Worten in die Kissen zurück. Der höchste Punkt der Aufregung war vorüber, sie weinte schweigend eine Weile fort, und Meier ließ sie gewähren, weil er diese Thränen als das beste Beruhi- gungsmittel kannte. In dieser Pause dachte er mit Bedauern an Clara. Sie war eine jener Frauennaturen, die, wie er es eben gegen sie selbst ausgesprochen, durch ihr bloßes Erscheinen wohlthuend wirken. Eine gleichmäßige Aus- bildung aller Seelenkräfte, bei glücklicher Or- ganisation, machte, daß Leute von dem ver- schiedensten Charakter sich von ihr angezogen fühlten. Der Kluge nannte sie klug, der Lei- dende theilnehmend, der Frohe fröhlich, und Alle fühlten sich erquickt durch ihre Güte und das Wohlwollen, mit dem sie Jedem begegnete. Man fand sie liebenswerth, man war für sie eingenommen, ehe sie irgend etwas gethan hatte, dies Urtheil zu rechtfertigen. „Solch ein Mädchen könnte und müßte der Schutzgeist eines Hauses sein“, sagte sich Eduard, und es that ihm leid, daß dieses milde Wesen einer Familie angehöre, in der sie weder glücklich zu sein, noch glücklich zu machen vermochte. Als Clara sich beruhigt hatte und das me- dizinische Examen vorbei war, ermahnte Meier sie, sich so viel als möglich zu schonen, und sich ruhig zu halten. „Bedenken Sie, Fräu- lein! daß Körper und Geist bei solchen Auf- regungen gleichmäßig afficirt werden, daß der Körper durch Ihre Gemüthsbewegung leidet und nicht die frühere Kraft gewinnen kann, und daß Sie, andererseits, bei diesem gereizten Nervenzustande, jedes geistige Leid doppelt schwer empfinden.“ Mit diesen Worten wollte Meier von ihr scheiden, sie hielt ihn aber zu- rück und bat: „Vergessen Sie, was ich heute sagte; ich bin krank, und übertreibe dabei mein Empfinden, das wissen Sie. Und denken Sie nicht ungleich von mir, weil ich den Meinen im Unmuth so übel mitgespielt habe. Gewiß, Herr Doctor!“ sagte sie, indem sie zu lächeln versuchte, „ich bin nicht so schlecht, als ich Ih- nen heute erscheinen mußte, und ich möchte nicht gern, daß Sie mich dafür halten.“ „Liebes, gutes Fräulein, wie mögen Sie glauben, daß ich an Ihnen irre werden könnte?“ rief Meier aus. „Genügt es nicht, daß ich Sie kenne, daß ich mich seit Wochen an Ihrer Geduld, Ihrer Resignation erbauen darf, um ein unwandelbar schönes Bild Ihres Wesens in mir festzustellen? Glauben Sie mir, dem Arzte offenbart sich die Göttlichkeit des Men- schen ebenso oft, als er von der erbärmlichen Menschlichkeit unangenehm überrascht wird. Ih- nen danke ich das Erste, und wenn ich als ein kalter Zweifler zu Ihnen gekommen wäre, ich verdankte Ihnen gewiß die Ueberzeugung, daß eine göttliche Seele im Menschen lebt.“ Um ihre Befangenheit zu verbergen, sagte Clara achtlos: „O! ein so schlechter Christ sind Sie gewiß nicht, daß Sie jemals an Gott ge- zweifelt und erst meiner Belehrung zum Glau- ben bedurft hätten.“ Indem fiel ihr das Sonderbare dieser Aeu- ßerung ein, und ihre Verlegenheit nahm zu, als Meier lächelnd antwortete: „Ein Gottes- leugner bin ich in der That nicht; aber sicher ein herzlich schlechter Christ, da ich ein Jude bin. Darum gönnen Sie mir immer die Gunst Ihres Beispiels. Wenn es mich auch nicht be- kehrt, so bessert und erfreut es mich gewiß, und für Beides bin ich Ihnen nur zu gern ver- pflichtet.“ Damit empfahl er sich und ließ Clara in eigenthümlicher Bewegung zurück. Sie hatte ihren Arzt liebgewonnen und ein unbedingtes Zutrauen zu seiner Behandlung, sie achtete ihn als Mann — heute hatte sie ihn so tief in ihrer Seele lesen lassen; das Unglück ihres ganzen Lebens, das Niemand kannte, war Meier'n ent- hüllt worden, er hatte sich wie ein Bruder mild und gut gegen sie gezeigt, sie war ihm so nahe getreten, und — er war ein Jude. Sie erschrack, und mußte doch lächeln, denn sie hatte es gewußt, und die Ihrigen hatten sie damit geneckt, daß sie darauf bestanden, sich nur von einem Arzte des „auserwählten Vol- kes“ behandeln zu lassen. Man hatte sie oft genug um den eigentlichen Grund dieser Wahl gefragt, und doch konnte sie die Thatsache so ganz vergessen, daß sie jetzt ganz überrascht davon war. Noch vor einigen Tagen hatte William, der öfter in ihrem Krankenzimmer erschien, mit großer Theilnahme von der Meier- schen Familie gesprochen, die er kennen gelernt und wegen dieser Bekanntschaft eine Straf- 6** predigt der Commerzienräthin aushalten müssen, gegen welche er sehr vernünftige Argumente an- geführt. Clara war jetzt ganz seiner Ansicht, und gestand sich selbst, daß William ein guter, verständiger Mensch sei — aber Meier war mehr. Sie mußte an sein klares, kluges Auge denken, an die freie Stirne, und die jüdischen Umrisse sei- nes Gesichts kamen ihr fast schön vor. „Ob Christus wol auch ähnliche Züge gehabt haben mochte?“ fragte sie sich, und sank bald in ei- nen Schlummer, in dessen Träumen William, Meier und der Heiland, wie ihn Leonardo's Abendmahl schildert, bunt in einander ver- schwebten, und aus dem sie erst am frühen Morgen bedeutend gestärkt erwachte. Weniger ruhig sollte dem armen Eduard die Nacht vergehen. Während ihn Jenny längst mit seiner schönen Kranken aufzog, und seine Mutter an jenem Abend das Geheimniß seines Herzens entdeckt zu haben glaubte, ja mit müt- terlicher Sorge bereits dem Vater die Mitthei- lung gemacht hatte — ahnte der junge Mann es noch nicht, daß Clara ihn mehr, als irgend eine seiner andern Kranken beschäftige. Später als gewöhnlich war er Abends in der Familie erschienen, die er diesmal ganz allein fand. Seine Eltern und Jenny saßen traulich beisammen, und er sah, daß man ihn erwartet und vermißt hatte. „Komm her, mein Sohn“, rief ihm der Va- ter entgegen, „setze Dich zu uns, und erzähle, wo Du so lange geblieben bist.“ Eduard gab den Bescheid, er hätte Fräulein Horn noch besucht. Jenny erkundigte sich nach ihrem Ergehen, und erfuhr, daß die Genesung nur langsam vorwärts schreite, und daß die Kranke viel Schmerzen ertragen müsse. „Da könntest Du Geduld und Ruhe lernen, Jenny“, schloß er seine Rede. „Es scheint, als ob Clara Horn überhaupt eine gute Lehrerin ist“, antwortete jene schnip- pisch, „denn es ist nicht zu leugnen, daß sie Dir auch manche Begriffe beigebracht hat, die Dir früher fremd waren. Ich sagte es noch gestern zur Mutter, das garstige Politisiren hast Du Dir so ziemlich abgewöhnt, dafür bist Du aber so zerstreut und träumerisch geworden, daß Du gar nicht hörst, wenn man mit Dir spricht. Entweder macht Dir Deine Patientin solche Sorgen oder Du langweilst Dich hier zu Hause.“ Eduard hörte schweigend zu, sodaß Ma- dame Meier hinzufügte: „Etwas selten bist Du wirklich in der letzten Zeit zu Hause geworden, und verändert finde ich Dich auch, Eduard. Kannst Du uns sagen, was Dich bewegt, so wirst Du mich wahrhaft beruhigen.“ „Was Ihr für närrische Frauen seid!“ lachte der Vater. „Ist denn das Leben nicht täglich neu, die Natur nicht täglich verändert, und Eduard sollte unwandelbar die gleiche Stimmung haben? Könnt Ihr wissen, was in seinem Berufe sich für neue Verhältnisse seinem Geiste aufdrängen, und wie klein und beschränkt ihm Eure Interessen gegen die seinigen oft er- scheinen mögen? Da kommt Ihr mit Euren Haus- und Putzgeschichten und wundert Euch, wenn man nicht gespannt aufmerksam ist, und nennt das kalt und zerstreut. Eduard muß nur, wenn er einst selbst Hausherr sein wird, die Kunst lernen, mit dem Ohr zuzuhören, ohne daß das Gehörte bis in den Kopf dringt, das lernt sich aber mit den Jahren.“ „Wollte Gott!“ sagte die Mutter, mit Wonne auf ihr Lieblingsthema eingehend, „Eduard wäre so weit. Ungebunden, wie er jetzt ist, läßt er sich in Dinge ein, die ihn nicht küm- mern; er nimmt, wie man so sagt, kein Blatt vor den Mund, er äußert politische Ansichten und Hoffnungen, die unnöthig die Augen der Regierung auf ihn gerichtet erhalten, und wenn man ihn warnt, heißt es ein für allemal: „Was thut's! ich bin ja unabhängig, ich bin unge- bunden!“ „Das heißt“, erläuterte der alte Herr, „ Du möchtest unserm Sohne mit dem süßen Rosen- band der Ehe zugleich eine tüchtige Kette an- legen, eine möglichst kurze, damit er nicht zu große Sprünge machen könne. Die Mutter ist wie Julia im Shakespeare, so liebevoll mißgönnt sie ihm die Freiheit.“ Freundlich nahm dieser die Hand der Ma- trone und sagte: „Und doch waren heute meine Gedanken mehr mit häuslichen Verhältnissen, als mit allgemeinen Interessen beschäftigt. Ich hatte Gelegenheit, einen Blick in das innere Leben einer Familie zu werfen, in der ein wahrhaft schönes Herz unter dem Druck der widerwärtigsten Verhältnisse blutet, und ich konnte mich des Gedankens nicht erwehren, als ich hier eintrat, und mir so wohl und behaglich wurde in unserm Hause, wie selig die Arme sein könnte, in einem Kreise, wie dieser?“ „Und wer ist die Arme mit dem schönen Herzen?“ fragte Jenny schnell. „Ein Mädchen, das diese indiscrete Frage niemals gemacht hätte“, antwortete Eduard, und fuhr dann fort: „In den Jahren, die ich hier prakticire, ist es mir aufgefallen, wie die glücklichsten Ehen, die höchste Sorgfalt der El- tern für ihre Kinder bei den Juden viel ge- wöhnlicher sind, als in den Christenfamilien. Auch steht die Zahl der Scheidungen, wie mir ein Jurist sagte, bei den beiden Confessionen in gar keinem Verhältniß, da eine Scheidung der Ehe bei den Juden fast zu den Seltenheiten gehört.“ „Das ist allerdings merkwürdig“, meinte Jenny, „denn bei den Juden ist die Heirath doch oft nur eine Familienverabredung, von der Braut und Bräutigam gerade zuletzt etwas erfahren.“ „Das ist überall der Fall, mein Kind“, entgegnete der Vater, „und die Welt sieht in der Wirklichkeit nicht ganz so romantisch aus, als in Deinem 17jährigen Köpfchen. Was aber das Glück der Ehen bei den Juden betrifft, so verdanken sie das, sowie manches andere Gute, dem Drucke, unter dem sie Jahrhunderte gelebt haben. Der Mann, dem die freie Bewegung ins Leben hinein überall verwehrt war, der nichts sein eigen nennen durfte, nicht Haus, nicht Hof, dem man das mühsam erworbene Gut unter immer neuen Vorwänden gewaltsam zu entreißen wußte — dem blieb nichts, als sein Weib und seine Kinder. Sie waren das Einzige, das ihm Niemand rauben konnte, sie blieben sein, auch getrennt von ihm, sein durch den Glauben, und nur, indem sie sich von die- sem trennten, konnten sie aufhören, sein zu bleiben. Wie natürlich also, wenn dem Juden Weib und Kind seine Welt wurden, und wenn bis heute das Beispiel glücklicher Häuslichkeit segensreich fortwirkt unter ihnen, obgleich die äußern Verhältnisse sich in mancher Beziehung geändert haben.“ „Ach! armer Vater, was hast Du denn für eine kleine Welt!“ sagte Jenny pathetisch, die gerade in der muthwilligsten Laune war. „Hast Niemand, als die Mutter und die liebe kleine Jenny! Eine Welt von zwei Welttheilen, während der ärmste Christ fünf hat!“ „Und Eduard?“ fragte der Vater. „Der Welttheil Eduard sieht kläglich aus, als ob bald die Sündfluth hereinbräche! Nein! er sieht aus, als ob er statt des Herzens einen Vulkan hätte, der nächstens losbricht und bald den Untergang des Welttheiles voraussehen läßt. O Gott! Vater!“ rief sie, und warf sich an dessen Brust, als Eduard sie verwun- dert und nicht eben freundlich ansah, „schütze mich, der Vulkan Eduard fängt an, Feuer und Flammen zu sprühen.“ Der Vater nahm das anmuthige Kind in seine Arme, und beide Eltern gaben sich der Wonne dieses engsten Beisammenseins recht mit vollem Herzen hin. Nur Eduard blieb zerstreut und einsilbig, und entfernte sich, unter einem flüchtigen Vorwande, früher, als er sonst pflegte. „Joseph's Brummen wird ansteckend“, be- merkte Jenny spöttelnd; die Mutter aber schüt- telte ängstlich den Kopf und sagte seufzend: „Vater! was geht mit Eduard vor? Mich macht es unruhig um seinetwillen.“ „Mich nicht“, antwortete der alte Meier. „Eduard ist ein Mann; was ihm auch sei, laßt ihn gewähren, er wird den rechten Weg finden.“ Als Eduard die Eltern verlassen, hatte er keine Ruhe in seinem Zimmer gefunden. Die engen Räume drückten ihn, er öffnete ein Fen- ster, und obgleich der Schnee in großen Flocken hineindrang, wurde ihm wohler und freier, als die Luft seine heiße Stirne berührte. Das Meiersche Haus lag nahe am Hafen, ein Gar- ten führte terrassenartig zum Flusse hinunter, der gerade hier in das Meer mündete. Eine Unruhe, wie er sie nie empfunden, trieb ihn hinaus und, in den Mantel gehüllt, eilte er durch die beschneiten Gänge des Gartens. Hin und wieder fielen noch einzelne, übrig gebliebene Blätter mit den Schneeflocken zur Erde; der Sturm jagte die Wolken vor sich hin und hemmte Eduard im Vorwärtsschreiten. Er war ganz allein auf dem Wege, und nun erst merkte er, daß er das Zimmer verlassen hatte, nicht achtend des Sturmes, der ihn umbrauste, nicht der tiefen Dunkelheit um ihn her, denn stür- mischer noch und dunkler sah es in seiner Seele aus. Wie hatte er sich absichtlich so über seine Gefühle täuschen können, wie diese Liebe ver- kennen? Jetzt, da er mit klarem Blicke zu- rückdachte, fühlte er fast mit einer Art von Be- schämung, daß er in Clara von den ersten Au- genblicken, da er zu ihr gerufen wurde, nicht nur die Leidende, Kranke, sondern immer das schöne Weib gesehen hatte. Ihre Liebenswür- digkeit, ihr ruhiger Verstand waren ihm von Tag zu Tag anziehender geworden, und er konnte es sich nicht verbergen, daß Clara für ihn das Ideal eines Mädchens sei. So hatte er sich seine Geliebte gedacht, so seine künftige Frau gewünscht, und sollte er sich nicht auf dem Gipfel des Glückes wähnen, da Clara ihn liebte? Er konnte nicht daran zweifeln. Jeder Blick, jedes Wort des schönen Mädchens ver- riethen ihm, ihr selbst unbewußt, eine Neigung, die bei diesem tiefen Gemüthe stark und dauernd werden mußte. Alle seine Pulse schlugen warm bei der Ueberzeugung, Gegenliebe gefunden zu haben, wo sein Herz sie so sehnlich begehrte. Er hatte einen Augenblick hindurch ein Gefühl von Glück, das den Menschen für jahrelanges Leiden schadlos hält; dann aber zuckte sein Herz kalt und krampfhaft zusammen, unter der rauhen Berührung der Wirklichkeit. Er hatte sich es ausgemalt, wie Clara, seine Liebe er- wiedernd, mit ihm vor seinen Eltern erscheinen würde, um diesen Bund segnen zu lassen, wie Clara's Eltern! O! diese würden und konnten nie in eine Verbindung ihrer Tochter mit ihm willigen, sie war ja überhaupt unmöglich. „Unmöglich!“ rief er aus, und stand am Ufer des Meeres, und sah hinab in die schäu- menden Wellen, die so unruhig wogten, als sein gequältes Herz. Da brach der Mond durch die dunkeln Wolken, und glänzte einen Augenblick in dem Wellengeträufel wieder, das sich vor den milden Strahlen zu beruhigen und zu ordnen schien; und der Mond dünkte ihm ein klares, lichtes, unerforschliches Auge zu sein, das auf das wilde Meer seines Lebens besänftigend herniederschaute. Das Herz that ihm unbe- schreiblich weh, und heiße Thränen flossen aus seinen Augen. „Gott! Gott!“ rief es in ihm, „warum mußte ich in Verhältnissen geboren werden, die mir bei jedem Schritte hemmend entgegentreten? Warum muß ich von Allem, was meine Seele am glühendsten begehrt, ge- schieden sein? Warum mir dies Leben des Käm- pfens und Entbehrens?“ Mit diesen Gedanken warf er sich auf eine der Bänke, die sich häufig an dem Kai des Hafens befanden, und sah grollend mit seinem Loose und seinem Schöpfer in die Fluthen hinab; denn empor zu sehen zum Himmel ver- mochte seine verdüsterte Seele nicht. Vor ihm lagen in lautloser Stille unzäh- lige Schiffe, die Wachen gingen, um sich zu erwärmen, mit großen Schritten auf dem Deck umher; hier und dort schimmerte ein Licht aus den kleinen Fenstern der Cajüten. Er fühlte die Nähe von Menschen, er sah, daß auch sie ein schweres, saures Tagewerk zu er- füllen bestimmt waren, und doch beneidete er ihr Geschick und ihren ruhigen Schlummer. Mochte der Schiffer noch so lange von der Heimat getrennt sein, einst kehrt er doch zurück in ein Land, dessen Bürger, dessen eingeborne Sohn er ist, das ihn schützt in allen seinen Rechten; und die Gattin, die er unter allen Mädchen frei erwählte, sinkt an seine Brust, ohne daß der Glaube, wie ein drohendes Ge- spenst, zwischen sie tritt und mit kalter Hand die warmen Herzen trennt. Was bot das Leben ihm? Kränkungen waren ihm geworden, seit er zum ersten Bewußtsein erwacht war; weder Mühe noch Fleiß war ihm vergolten worden, wie er es gewünscht hatte und zu hoffen berechtigt war. Nun hatte sein Herz sich dem vernichtenden Einflusse allmälig ent- zogen, es war neu belebt und erblüht in dem wärmenden Hauch einer edlen Liebe, er hatte die Gefährtin gefunden, an deren Seite er den Lebensgang zu gehen begehrte — und wieder trat das alte Schreckbild zwischen ihn und sein Glück. Er sprang auf, und fing aufs Neue an, den Kai entlang zu schreiten. Warum sollte er nicht, wie tausend Andere, einem Glauben entsagen, dessen Form allein ihn von der übri- gen Menschheit trennte? Was band ihn an Moses und seine Gesetze? Es sträubte sich bei diesen ebenso viel gegen seine Vernunft, als bei den Lehren Jesu. Warum nicht einen Aber- glauben gegen den andern vertauschen, und mit der Geliebten vereint zu dem Wesen jenseits beten und rein vor seinen Augen wandeln? — rein und glücklich. — So sprach die Stimme der Liebe in ihm, und er wurde mild und weich. Da tönte von einem englischen Schiffe herüber „Rule Britania“, das die Nachtwache sang, um den Schlaf von den müden Augen zu verscheuchen. Zerstreut hörte Eduard zu, bis die Worte „Briton never shall be slaves“ sein Ohr berührten. „Ja“, rief er, „sie sind frei! und wir? — mein armes, gedrücktes Volk, ich sollte mich von dir trennen? mich von dir trennen, weil du unglücklich bist? Tausend Herzen sind unter barbarischen Vorurtheilen zerdrückt worden, und ich wäre feig genug, für mich zu zittern? für mich, dem außer der Liebe, der ich entsagen muß, noch die theuren Seinen bleiben, und der große Beruf, so viel ich ver- I. 7 mag, für die unterdrückte Nation zu wirken, der ich angehöre; sie frei zu machen, aus Skla- venfesseln, die Jahrhunderte auf ihr lasten. Wie mag ich mein Glück, das Glück des Ein- zelnen, so hoch schätzen, während mein ganzes Volk nicht glücklich ist! Ehe ich meineidig werde an den Meinen und meiner Ehre, mag dies Herz brechen in Sehnsucht nach der Ge- liebten, nach meiner süßen, schönen Clara!“ Und wieder und immer wieder wollte der männ- liche Entschluß wankend werden, bei dem Ge- danken an die Geliebte. Eduard malte es sich aus, wie auch Clara's Seele leiden werde unter der Trennung, die er über sie und sich verhän- gen müsse — wie sie ihm zürnen werde, weil er so großes Weh über sie bringe — und doch vermochte er noch weniger den Gedanken zu ertragen, sich und ihr durch die Taufe alle diese Schmerzen zu ersparen und sich mit ihr zu verbinden. Er war entschlossen und re- signirt, aber tief traurig, als er langsam den Rückweg nach seiner Wohnung antrat. Reiflich überlegte er, wie er sein künftiges Betragen ge- gen Clara einrichten werde, wie kein Blick, kein Wort das Gefühl seiner Brust enthüllen solle, und das bleiche Licht eines Wintertages sah be- reits durch seine Fenster, ohne daß Eduard daran gedacht hätte, sich zur Ruhe zu legen. Der Morgen fand ihn todtmüde in einem Lehn- stuhl sitzen, erfreut über die körperliche Abspan- nung, die ihm das geistige Leid weniger zer- reißend empfinden ließ. Wir alle haben es gewiß erfahren, wie in einem Kreise befreundeter Menschen sich allmälig eine Epoche vorbereitet, in der die Ereignisse und Veränderungen, rasch auf einander folgend, sich wunderbar durchkreuzen, und eine gänzliche Umgestaltung der Verhältnisse hervorrufen. Es 7* ist, als ob nun plötzlich alle Fähigkeiten ihre Entwickelung gefunden hätten, als ob Jeder sich bewußt geworden sei, was er wolle und müsse; und wo noch vor kurzer Zeit nur Keime vorhanden waren, steht schnell emporgewachsen eine reife Ernte da. Aber dem Erscheinen solcher Zeitpunkte gehen in den Familien, wie in der Natur bei der Ernte, heiße, schwere Tage voraus, in denen die Luft drückend und unheilschwer über uns liegt und sich in gewalt- samen Gewitterstürmen abkühlt. Wir fühlen den herannahenden Orkan, eine Unruhe über- fällt uns, wir zagen vor dem entscheidenden Momente, und sehnen ihn doch ungeduldig her- bei, um in der erneuerten Atmosphäre frisch und frei aufathmen zu können. Ein solcher Zeitpunkt war für den Cirkel herangerückt, in dessen Mitte diese Erzählung uns führt. Jeder der Betheiligten fühlte, daß ein entscheidender Schritt geschehen müsse, und Keiner hatte den Muth, ihn zu thun. Eduard hielt es sich als eine Nothwendigkeit vor, Clara zu verlassen, ehe das Scheiden ihm und ihr noch schwerer werde, und konnte es doch nicht über sich gewinnen, ihre Behandlung fremden Hän- den zu übergeben, die leicht weniger geschickt und sorgsam sein konnten, als die seinen. We- nigstens täuschte er sich über seine Unentschlos- senheit mit dieser scheinbaren Pflichterfüllung. — Jenny begriff es nicht in liebender Ungeduld, warum Reinhard zögere, ihr ein Geständniß zu machen, dessen es kaum noch bedurfte, während dieser selbst ernst mit sich zu Rathe ging und, je mehr er sich und Jenny prüfte, um so ängst- licher über den Erfolg einer Verbindung mit der Geliebten wurde. In dieser peinlichen Unruhe vergingen einige Wochen. Clara's Genesung war so weit vor- geschritten, daß Eduard nur noch bisweilen das Hornsche Haus besuchte, um sich nach dem Zu- stande seiner Kranken zu erkundigen, und vor Allem, um sie zu sehen, um mit ihr über Alles zu sprechen, was seine Seele in Anspruch nahm. Vor ihr hatte er sich gewöhnt, die tiefsten Re- gungen seines Herzens, die kühnsten Gedanken seines Geistes zu enthüllen. Sie hatte er ein- geweiht in jedes Glück und jedes Leid, das er als Jude erduldet, und außer der Wonne, die es ihm gewährte, der Geliebten von sich und seinem frühern Leben zu erzählen, hatte er ge- dacht, Clara dadurch deutlich zu machen, daß sie getrennt wären durch den Glauben, und daß er nie daran denken könne, sie sein Weib zu nennen. Anders aber, als er es berechnet hatte, wirkten diese Schilderungen auf das lie- bende Herz des Mädchens. Sie wünschte und fühlte in sich die Macht, ihn zu entschädigen für alles Leiden; sie wollte ihm zeigen, daß sie wenigstens die Vorurtheile der Menge nicht theile. Darum sprach sie offen von ihrer Ach- tung und Verehrung für ihn, darum hatte sie tausend jener kleinen Aufmerksamkeiten ihm ge- genüber, in denen weibliche Liebe so erfinderisch ist, und die, allen Andern unbemerkbar, sicher den Weg in das Herz Dessen finden, dem sie gelten. Dabei war Clara so hingerissen von der großartigen, freien Weltanschauung Eduard's; die Wahrheit seiner Worte prägte sich ihr so deutlich und unbestreitbar ein, daß auch in dieser Beziehung der Geliebte ihr Ideal wurde. Ein Tag, an dem sie ihn nicht gesehen, nicht gehört hatte, was er treibe, was ihn beschäftige, schien ihr ein verlorner zu sein; und als nun Eduard endlich seine letzte, ärztliche Visite machte, als Clara mit Thränen in den Augen vor ihm stand, mit Thränen, die, wie ihre Mutter meinte, einer übertriebenen Dankbarkeit flossen, fand sie endlich so viel Muth in sich, leise die Hoffnung auszusprechen, Doctor Meier, dem sie so unendlichen Dank schuldig geworden, werde künftig dem Hause ihrer Eltern sich nicht gänzlich entziehen. In Folge dessen konnte die Commerzienräthin es füglich nicht vermeiden, eine ähnliche Einladung an ihn ergehen zu lassen, welche Eduard, trotz aller gefaßten Entschlüsse, trotz seiner Grundsätze, sehr glück- lich machte. Klaget ihn nicht der Schwäche an, wenn ihr jemals geliebt habt, und erinnert euch, wie eure Vorsätze zu Grunde gingen, wenn in der Trennungsstunde die Geliebte bit- tend vor euch stand! Fragt euch, ob die Sehn- sucht nach der Gegenwart der Geliebten nicht stärker war, als jeder Entschluß, den die Ver- nunft euch vorgezeichnet hatte! Nachdem Eduard eine förmliche Einladung zu einem Diner im Hause der Commerzien- räthin erhalten hatte, bei dem er mit vielen der angesehensten Männer der Stadt zusammenge- kommen war, die ihn kannten und hochschätzten, nachdem die stolze Wirthin es einmal über- wunden hatte, einen Juden als Gast an ihrer Tafel zu dulden, fand es Clara nicht schwer, eine zweite Einladung für ihn zu bewirken, be- sonders da Ferdinand, nach heftigen Zerwürf- nissen mit seinem Vater, seine sogenannte große Tour angetreten hatte, und so lange in London in dem Hause seines Onkels bleiben sollte, als William auf dem Continent verweilen würde. Statt also in ihren Absichten durch Ferdinand gehindert zu werden, fand sie dieselben durch das Zureden ihres Vetters wesentlich gefördert; und ihre Eltern ließen sich bereit finden, den Wünschen ihrer Tochter und William's nach- zugeben, da nach Clara's Herstellung das Hei- rathsproject für diese wieder aufgenommen wurde, und die Commerzienräthin aufs Neue die zärtlich nachgebende Mutter spielte, um desto leichter das vorgesteckte Ziel zu erreichen. Dazu kam, daß der bisherige alte Hausarzt der Hornschen Familie gerade jetzt, nachdem er sein 7** Jubiläum feierlich begangen hatte, seine Praxis niederlegte, und die Commerzienräthin selbst den Vorschlag machte, den Dr. Meier zu ihrem Arzte zu erwählen, wodurch er gewissermaßen von Rechtswegen in die Zahl der Hausfreunde aufgenommen wurde. Seine fleißigen Besuche schrieb Madame Horn der Ehre zu, die Meier'n durch ihre Wahl widerfahren sei und die er zu schätzen wisse; und daß Clara's Interesse für den Doctor andere Motive, als Erkenntlichkeit haben könne, war ein Gedanke, der ihr niemals einfiel, weil sie die Liebe ihrer Tochter zu ei- nem Juden für eine Naturverirrung angesehen hätte, die sie einem Mädchen aus ihrer Fa- milie unmöglich zutrauen konnte. Das Jahr näherte sich seinem Ende, als Eduard fast ein täglicher, und selbst von den Eltern gern gesehener Gast des Hornschen Hauses geworden war. Der Commerzienrath, der durch seine Geschäfte fortwährend mit den jüdischen Bankiers in Berührung kam, und den alten Meier persönlich achtete, war natürlich weniger hartnäckig in seinem Widerwillen gegen die Juden; und Eduard hatte, schon während er Clara behandelte, des alten Horn's volles Zutrauen gewonnen. Hughes schloß sich im- mer mehr an Eduard an, und dieser sah es um so lieber, als er durch ihn in fortwährender Berührung mit Clara blieb, deren unzertrenn- licher Begleiter der Cousin geworden, seit Fer- dinand abwesend war. Für Clara begann nun eine Zeit der reinsten Freude. Eduard überließ sich mit jugendlicher Lebendigkeit der Wonne, die ihm das Beisammensein mit der Geliebten gewährte, ohne an die Zukunft zu denken, weil die Gegenwart ihn ganz ausfüllte. Hughes, dem Clara mit der schwesterlichsten Traulichkeit begegnete, gerade weil er ihr ganz gleichgültig und ihr Herz nur mit Eduard beschäftigt war, Hughes fühlte eine wachsende Neigung für Clara, der er sich um so unbesorgter hingab, als er wol ahnete, daß sie die Wünsche beider Familien für sich habe. Er gehörte zu jenen ruhigen, trefflichen Menschen, die bei wahrem Gefühle doch keiner Leidenschaft fähig sind. Er gewann Clara lieb, er liebte sie sogar innig, aber das störte ihn weder in den Beschäftigun- gen und Zerstreuungen des Tages, noch raubte es ihm eine Stunde des Schlummers während der Nacht. Unermüdlich aufmerksam auf Alles, was Clara erfreuen konnte, stets besorgt, ihr Unangenehmes zu ersparen, war er ganz zu- frieden mit dem Wohlwollen, das sie ihm be- wies, und Meier's Einfluß auf seine Cousine beunruhigte ihn nicht, da er mit vollem Zu- trauen an Beiden hing. Eduard entgingen die Gefühle nicht, die William für Clara hegte; aber so fest glaubte er an Clara's Herz, daß nie ein Gedanke von Eifersucht in ihm rege wurde. Er wußte, Clara's Herz gehöre ihm; und wenn dann plötzlich die Frage in ihm her- vortrat, was die Zukunft ihm bringen werde, was das Ende von allen diesen Verhältnissen sein könne? dann zog sich eine düstre Wolke auf seiner Stirne zusammen, er sagte sich, daß er schlecht, daß er unredlich handle, er rief es sich zurück, wie fest der Entschluß, Clara zu meiden, einst in ihm gewesen sei, und fand nicht Friede, nicht Ruhe, bis er in Clara's Nähe Alles vergaß, außer seiner Liebe. Da er den ganzen Tag beschäftigt und Abends häufig im Hornschen Hause war, an- derer Einladungen nicht zu gedenken, an denen es dem beliebten Arzte nicht fehlte, mußte er natürlich in seinem elterlichen Hause seltener werden, obgleich er das Mittagsmahl regel- mäßig mit den Seinen einnahm, und oft ängst- lich nach Muße strebte, um sie den Eltern zu widmen. Die nächste Folge davon war, daß Jenny aus Mißmuth, wie sie sagte, sich an Joseph zu gewöhnen begann, und Zutrauen zu ihm faßte. Denn Reinhard hielt sich in scheuer Entfernung, er mißtraute sich und der Gelieb- ten. Eduard war, um Jenny's Worte zu brauchen, der Fahne untreu geworden, und auf dem Punkte, zu desertiren. Erlau malte die Giovanolla, und folgte ihr von früh bis spät. Steinheim endlich hatte zum zehnten Male eine jener literarischen Arbeiten vorgenommen, deren er immer ein halb Dutzend unter den Händen hatte, die ihn 14 Tage beschäftigten und ihm unsterblichen Ruhm verschaffen sollten, aber niemals fertig wurden, weil er weder Ruhe noch Fleiß dazu besaß; und somit war die Meiersche Familie jetzt mehr allein, als es sonst der Fall zu sein pflegte. Dieser Zustand wurde der lebhaften Jenny unerträglich. Gepeinigt durch Reinhard's Benehmen, das sie nicht zu deuten vermochte, gelangweilt durch die unge- wohnte Einsamkeit und Stille des Hauses, tauchte einst plötzlich in ihr der Entschluß auf, Reinhard's Zweifeln, die ihrer Meinung nach nur aus dem verschiedenen Glauben entspringen konnten, ein Ende zu machen, und zugleich dem Geliebten einen überzeugenden Beweis ihrer Liebe zu geben, indem sie sich von der Religion ihrer Väter, ihrer Eltern trennte, und zum Christenthume überträte, dessen Lehren ihr durch Reinhard lieb geworden waren. Dieser Vor- satz, einmal gefaßt, kam ihr nicht mehr aus dem Sinn. Therese, der sie ihn zuerst als das tiefste Geheimniß mittheilte, ohne jedoch die wahren Motive anzugeben, zerfloß in Thränen der Freude bei dem Gedanken, daß ihr Jenny künftig auch durch den gleichen Glauben ange- hören wolle. Sie malte mit rührender In- brunst den Segen, der Jenny in dem Besuch der Kirche, in dem Genusse des heiligen Abend- mahls werden müsse; sie schilderte ihr die Ruhe, den Himmelsfrieden, den sie nach demselben em- pfunden, und Jenny, deren ganze Seele gerade jetzt in der furchtbarsten Unruhe befangen war, fühlte sich dadurch in ihrer Ansicht bestärkt, und fing an, auch die Eltern allmälig auf ihre Wünsche vorzubereiten. Diese nahmen es an- fänglich leicht. Sie hielten es für eine jener enthusiastischen Aufwallungen, die sie an ihrer Tochter gewohnt waren, und mit denen sie sich ebenso gut für das Christenthum und einen allgemeinen Kreuzzug, als für das Judenthum und die Begründung eines neuen jüdischen Reiches, begeistern konnte. Nur Joseph faßte es anders auf. Er kannte die Triebfedern, die hier im Spiele waren, und ein doppeltes In- teresse flößte ihm den Wunsch ein, die Ausfüh- rung oder das Ausbilden dieses Gedankens bei Jenny zu verhindern, weshalb er jede Gelegen- heit ergriff, mit ihr darüber zu sprechen. Eines Tages, als man vom Mittagstische aufgestanden war, Eduard sich entfernt, und Herr und Madame Meier eine kleine Spazier- fahrt unternommen hatten, die Jenny mitzu- machen abgelehnt, blieb sie mit Joseph allein in dem Eßzimmer zurück und das Gespräch wandte sich bald auf das Christenthum, da Beide gleich lebhaft bei dem Thema betheiligt waren. „Was ist es denn eigentlich“, fragte Joseph sie, „was Dich so urplötzlich zu dem Entschlusse gebracht hat?“ „Urplötzlich kannst Du es nicht nennen“, antwortete sie. „Ich habe bis jetzt überhaupt nicht über mich selbst nachgedacht; ich habe wie ein Kind in den Tag hineingelebt. Nun ich älter werde und ernster über mich nachdenke, fühle ich, daß die Halbheit, in der ich erzogen bin, mich nicht befriedigt, daß ich nicht glücklich bin, und will das ändern.“ Joseph lächelte unwillkürlich. „Und Du hoffst, das Christenthum werde Dich glücklicher machen? Mein gutes Kind, täusche Dich nicht. Der Glaube, der Frieden, der nicht in uns ist, den bringt kein Wechsel der Religion in unser Herz, den kann Dir weder Christus noch Moses geben.“ „Das kannst Du nicht wissen, weil Du nicht Christ bist!“ erwiderte sie. „Und woher weißt Du es denn?“ „Durch Therese, durch Reinhard. O! wenn Du wüßtest, wie selig Therese nach dem Ge- nusse des Abendmahls war, wie fest Reinhard daran glaubt, daß selbst Leiden, die Gott uns auferlegt, zu unserm Heile dienen, wie sicher er darauf rechnet, nach dem Tode mit seinen ge- liebten Verstorbenen wieder vereinigt zu werden! Joseph, glaube mir, mit der Ueberzeugung muß man glücklich sein!“ Joseph schwieg eine Weile, denn Jenny's Worte, aus denen ihre angeborne Lebhaftigkeit mit der Liebe für Reinhard zugleich hervor- tönte, machten einen fast schmerzlichen Eindruck auf ihn. Er beneidete Reinhard, daß er Jen- ny's Liebe gewonnen, und war einen Augen- blick nahe daran, ganz von dieser Unterhaltung abzubrechen und mit keinem Zweifel ein Herz zu beunruhigen, das für ihn, wie er fühlte, hoffnungslos verloren sei. Indeß war ihm Jenny zu theuer, als daß er sie ohne Besorg- niß auf einem Pfade sehen konnte, dessen Ziel ihm für die Ruhe Jenny's durchaus gefährlich schien, und er hielt es für recht und nöthig, bei einem so wichtigen Schritte, an dessen Ausführung er, wie er die Verhältnisse kannte, nicht mehr zweifelte, die Stimme der Warnung ernstlich geltend zu machen. „Höre mir einmal aufmerksam zu“, bat er, „und laß mich ausreden, liebe Jenny! Du sagst mir, mit Theresens und Reinhard's Ueberzeugung müsse man glücklich sein. Hast Du diese?“ „Nein“, antwortete Jenny. „Aber Du glaubst auch, daß Gott über uns lebt, daß er unser Schicksal lenkt, daß uns nichts begegnen könne, ohne seinen Willen, daß er allweise und allgütig ist, daß er uns liebt?“ „Gewiß, das glaube ich.“ „Du glaubst, daß wir eine unsterbliche Seele haben? denn das scheint eine von den Ueberzeugungen zu sein, die Du am tröstlich- sten findest.“ „Joseph“, fiel Jenny rasch ein, „sieh, wenn ich an die Unsterblichkeit der Seele zu glauben vermöchte, wenn mir das bewiesen werden könnte, sodaß ich es einsehen, es begreifen könnte, dann wäre ich schon glücklich. Es ist so furchtbar, Dasjenige auf das bloße Wort eines Andern glauben zu müssen, was uns zur unwandel- baren, felsenfesten Ueberzeugung werden muß, wenn wir nicht beständig in Todesangst erzit- tern sollen bei dem Gedanken, daß Einer un- serer Lieben uns entrissen werden könne. Aber bewiesen muß es mir werden, daß ich es er- fassen kann mit der Vernunft. Daß Ihr mir sagt: ‚Glaube, wir sind unsterblich‘, das genügt mir nicht, das vermag ich nicht.“ „Du vermagst nicht zu glauben, und willst Christin werden? zu einer Religion übertreten, die, ganz auf Offenbarungen basirt, voll von Mysterien, nur durch den Glauben besteht, in Allem, was nicht Moral oder Philosophie ist? Was ist Dir der Sohn Gottes, der Mensch gewordene Gott ohne den Glauben? Wie kann Dich die Anwesenheit Christi im Abendmahle erheben, wenn Du nicht zu glauben vermagst? Oder meinst Du, man könne Dir die Gegen- wart Christi im Sakramente beweisen? es gäbe eine Erklärung für die Kindschaft Jesu? Kannst Du den heiligen Geist, die Dreieinigkeit begreifen? Man wird Dir ein Bild dafür geben, aber wer gibt Dir die Fähigkeit zu glauben, dieses Bild sei Wahrheit?“ „O Gott! nicht weiter“, rief Jenny wei- nend aus, „nicht weiter! guter, bester Joseph! ich bin grenzenlos unglücklich!“ „Doch! mein liebes Kind! denn wie ein theures Kind liebe ich Dich“, sagte Joseph mit bebender Stimme, „doch! — Du mußt mit Dir selbst einig werden. Du weißt, das viele Spre- chen ist nicht meine Sache; um Dich aber auf- zuklären über Dich selbst, müssen wir aufrichtig sprechen. Den Glauben an Gott, die Lehren, recht zu thun und dem Nächsten zu dienen, ent- hält das alte Testament, und Du findest sie veredelt und einer höhern geistigen Entwickelung entsprechend im neuen Testamente wieder, und Mahomet und Zoroaster lehrten sie — denn sie sind begründet in unserer Seele, die uns Gott gegeben. Darüber hinaus ist alles Menschen- satzung; und Du, großgezogen im Skepticismus des jetzigen Judenthums, wirst nie aufhören, an Alles den Maßstab der Vernunft anzulegen. Du hast gesehen, daß Deine Familie, gut und brav, den Gesetzen der Moral gefolgt ist, und doch die Gesetze, die das Judenthum charakteri- siren, als bloße Ceremonialgesetze verwirft. Du bist erzogen in der Schule des Gedankens, wenn ich so sagen darf, und Dir ist die Möglichkeit des Glaubens ohne Prüfung dadurch genom- men. Du wirst hoffentlich ein Mensch wer- den ‚nach dem Herzen Gottes‘, aber Du wirst niemals Christin sein, noch Jüdin. Wie wir Juden jetzt in religiöser Beziehung denken, gibt es keine positive Religion mehr, die für uns möglich ist, und wir theilen mit Tausenden von Christen die Hoffnung, daß eine neue Religion sich aus den Wirren hervorarbeiten werde, de- ren Lehren nur Nächstenliebe und Wahrheit, deren Mittelpunkt Gott sein muß, ohne daß sie einer mystischen Einhüllung bedürfen wird.“ Joseph hielt inne, und auch Jenny schwieg. Endlich fragte sie leise: „Und was soll aus mir werden? Was soll ich beginnen?“ Joseph, der neben ihr auf dem Divan saß, zog sie sanft an sich und sagte mit dem mil- desten Tone, dessen seine Stimme fähig war: „Du sollst Dich prüfen, ob Du ohne Reinhard nicht glücklich zu sein vermagst, denn nur ihn suchst Du im Christenthume. Du sollst prü- fen, mein Kind! ob Reinhard Dir eine so feste Stütze im Leben sein wird, als die Deinen? Reinhard ist gut und brav, aber ich fürchte, Ihr Beide werdet Euch niemals verstehen — und am Ende wirst Du Deinem Herzen folgen. Das allein entscheidet zuletzt das Schicksal der Frauen. Gott gebe, daß Dein Herz Dich nicht trügt!“ Bei diesen Worten küßte Joseph die Stirne des Mädchens, das, ebenso ergriffen als ver- schämt, den Kopf an seiner Schulter verbarg, als die Thür aufging und Reinhard in das Zimmer trat. Er blieb überrascht stehen, Jenny sprang entsetzt in die Höhe, und nur Joseph war ruhig und hieß ihn willkommen. Dadurch gewann Reinhard Zeit, sich zu fassen; einen kurzen Moment schien er zu überlegen, dann ging er schnell und leidenschaftlich bewegt auf Joseph zu und sagte: „Ich kenne Sie nicht ge- nau genug, Herr Meier! um eigentlich eine solche Frage an Sie richten zu dürfen. Sie könnten mich der Zudringlichkeit beschuldigen, aber mein Lebensglück hängt von der Frage ab: „Wie stehen Sie mit Jenny Meier?“ „Ihre Forderung ist allerdings sonderbar“, antwortete Jener, „da ich wirklich nicht einsehe, was Sie zu der Frage berechtigt? Doch will ich Ihnen antworten, weil ich Ihrer Ehre ver- traue. Jenny Meier ist mir eine theure Ver- wandte, die, unter meinen Augen aufgewachsen, mir wie eine Schwester werth ist.“ I. 8 „Und sie ist nicht Ihre Braut?“ fragte Reinhard weiter. „Nein!“ war die entschiedene Erwiderung. „Aber Sie lieben Jenny? Was bedeutet sonst die Scene, die ich gesehen?“ „Darüber brauche ich Ihnen keine Auskunft zu geben, und es ist mehr als Sie fragen dür- fen, wenn Sie Fräulein Meier die Achtung zollen, die sie zu fordern berechtigt ist“, sagte Joseph tadelnd. Reinhard wollte eben eine heftige Entgeg- nung machen, denn die lebhafteste Eifersucht raubte ihm fast die Besinnung; doch bezwang er sich gewaltsam, und sprach mit erkünstelter Ruhe: „Ich muß es darauf ankommen lassen, wie Sie über mich in diesem Augenblick ur- theilen mögen. Vielleicht gelingt es mir bald, Ihnen in günstigerem Lichte zu erscheinen, und mein Betragen vor Ihnen zu rechtfertigen.“ — Mit den Worten verließ er Joseph, der ge- dankenschwer im Zimmer auf und ab ging, bis der alte Meier mit seiner Frau nach Hause kam, denen bald darauf Eduard in der heitersten Laune folgte. Dieser kam aus dem Hornschen Hause. Man hatte dort von einem Treibhause gesprochen, in dem eine Menge der schönsten Blumen gerade jetzt in voller Blüte ständen, und Hughes hatte dabei die Bemerkung gemacht, er halte das Treibhaus des alten Herrn Meier für eines der reichsten und schönsten, die er jemals gesehen. Er erzählte von den Camelien, Azelien und Hyazinthen, die er nicht genug loben konnte. Clara schien sich dafür lebhaft zu interessiren, und Eduard wagte endlich den Vorschlag, Fräu- lein Horn möge seinen Eltern die Freude ma- chen, sich selbst durch den Augenschein davon zu überzeugen. Hughes fand die Idee vortrefflich; er war gleich bereit, seine Cousine zu begleiten, und erhielt nach einigen Einwendungen die Er- 8* laubniß seiner Tante dazu. Die Commerzien- räthin nämlich, die ihren Plan niemals aus dem Gesichte verlor, fingen William's häufige Besuche im Meierschen Hause zu beunruhigen an. Es bangte ihr vor der Möglichkeit, Jenny könne der Magnet sein, der ihn dorthin ziehe, und sie wünschte lebhaft, die Verlobung Clara's mit William, die ihr sehr am Herzen lag, so schnell als möglich geschlossen zu sehen. Darum war ihr jede Veranlassung willkommen, die Clara und Hughes zusammenführte, besonders diese, bei welcher der junge Mann als der Be- schützer des Mädchens auftrat; und es war ihr lieb, wenn sich die Leute gewöhnten, das Paar als verlobt zu betrachten, weil nur zu häufig das Urtheil der Welt uns erst zu Entschlüssen bestimmt, die wir sonst vielleicht gar nicht oder doch viel später gefaßt hätten. Eine größere Freude hätte die Commerzien- räthin weder ihrer Tochter noch Eduard be- reiten können. Beide erglühten vor Lust, als ihre Blicke sich begegneten. Die Verabredung wurde für den nächsten Morgen getroffen, und Eduard eilte nach Hause, um seine Eltern da- von in Kenntniß zu setzen. Auch Reinhard war, als er sich von Joseph trennte, nach seiner Wohnung gegangen, und so stürmisch in das friedliche Zimmer der Pfar- rerin getreten, daß diese, Brille und Strickzeug bei Seite legend, verwundert zu dem Sohne empor sah, an dem sie dergleichen Ausbrüche in ihrer Nähe, die er wie geheiligten Boden ehrte, nicht gewöhnt war. „Was ist geschehen, Gustav? sprich!“ fragte sie endlich, als Reinhard, der offenbar keinen Anfang zu dieser Unterhaltung zu machen ver- mochte, sich schweigend neben sie auf das Sopha warf, und tief aufathmend sein Gesicht in den Händen barg. „Was ist geschehen? Um Got- teswillen!“ fragte die Mutter nochmals. Und der starke Mann bebte wie ein schwa- ches Mädchen, und sprach aus beklommener Brust: „Ich liebe Jenny Meier, und sah sie an der Brust ihres Vetters!“ Auch die Pfarrerin fuhr zusammen. „Ar- mer Sohn“, sprach sie, „also ist sie Joseph's Braut? Und ich glaubte, sie theile Deine Liebe, die ich lange schon erkannt.“ „Sieh Mutter, das ist es! Auch ich habe an ihre Liebe geglaubt, ich bete sie an, sie ist der Gedanke meiner Tage, der ewige Traum meiner Nächte, und nun!“ Aufs Neue drang seine Mutter in ihn, ihr genau zu berichten, was vorgefallen sei. Rein- hard's Erzählung, von den leidenschaftlichsten Klagen unterbrochen, ließ sie einsehen, daß ih- res Sohnes Eifersucht der Geliebten Unrecht gethan haben mochte. Sie fragte ihn, ob er Jenny seine Liebe bekannt habe? „Niemals!“ antwortete er. „Ein mir sonst unbekanntes Bangen hielt mich davon zurück. Wenn ich es zu sagen vermöchte, wie ich Jenny liebe, das schöne, engelschöne Kind, dessen Leh- rer und Freund ich bin, dessen Geist, dessen tiefes, wahres Gefühl mich für ewig an sie kettet, an dessen Seite zu leben, das heißeste Verlangen meines Lebens ist! — Mutter! — Diese Jenny ist ein edles Mädchen; theilneh- mend, mild und rein, und ich könnte Alles opfern, um sie mein zu nennen. Aber in Jenny ist noch ein zweites, fremdes Wesen, das mich kalt abstößt, wenn mein Herz offen und warm ihr entgegenwallt. Hast Du Jenny gesehen, wenn sie den schalen Witzen des al- bernen Steinheim Beifall lächelt? wenn sie mit Wonne die Huldungen von Alt und Jung duldet, und kein höheres Glück zu kennen scheint, als die Pracht und den Luxus, der sie umgibt, keine andere Freude, als Allem Hohn zu spre- chen, was es Großes und Heiliges gibt? Ich habe sie am Morgen Thränen der tiefsten Rührung vergießen sehen über Empfindungen, die sie am Abend spottend verlachte; und oft, wenn ihr schönes Auge mich zu den seligsten Hoffnungen berechtigte, verletzte im nächsten Momente ihr kaltes Wort mich so schwer, daß ich schon tausendmal entschlossen war, sie für immer zu fliehen. Und sie zu fliehen, sie nicht zu sehen, Mutter! von Jenny zu scheiden, ver- mag ich nicht mehr.“ Beide schwiegen, und die Pfarrerin weinte still. „Neulich“, fuhr er nach einer Weile fort, „hörte sie von dem Unglück einer armen Fa- milie sprechen; sie war sehr bewegt und doch so klug und ruhig in den Hülfsleistungen, die sie anbot. Sie war gerührt wie ein Weib, und klar verständig wie ein Mann. Hoch er- freut betrachtete ich sie, wie sie geschäftig alles Nöthige ordnete und aus Kisten und Schränken zusammentrug, was irgend der augenblicklichen Noth zu steuern vermochte — und nach einer Stunde, als vielleicht auf ihr junges Haupt der beste Segen des Himmels von den Armen erfleht wurde, hörte ich selbst aus ihrem Munde die Worte: ‚Die Dürftigkeit ist nicht poetisch, ich habe nie an die glückliche Armuth geglaubt, sie ist nur armselig und pauvre.‘ — Und ich sollte daran denken, sie in ein kleines Pfarr- haus zu führen, das ihr armselig und pauvre erschiene? — O niemals, niemals!“ Und wieder entstand eine lange und trau- rige Pause, bis die Pfarrerin endlich sagte, in- dem sie ihren Arm um ihren Sohn schlang: „Mein armer Gustav! es ist leider manches Wahre an Dem, was Du sagst, und doch scheint es mir, Du thust Jenny Unrecht mit Deinem Urtheil. Ihr Herz ist gut, sie liebt Dich, und viele ihrer Fehler, die ich nicht verkenne, ihr flatterhaftes, unstätes Wesen, ihre Putzsucht würden sich verlieren, wenn sie in der Ehe 8** höhere und reinere Freuden kennen lernen würde; aber —“ „O! das ist es auch nicht“, rief Reinhard, innerlichst erfreut, sich widersprochen und die Geliebte gelobt zu sehen. „Das ist es nicht! Gönne ich dem schönen Engel nicht die Perlen- schnur in den wundervollen Locken? Freue ich mich nicht selbst, wenn der lange Caschmirshawl sich um die kleine, feine Gestalt legt, und die Schultern blendend weiß daraus hervorschim- mern? Sie ist geboren für diesen Schmuck! aber, sie kann ihn nicht entbehren; ich vermag ihn ihr nicht zu geben und würde doch erröthen, mein Weib in einer Pracht zu sehen, die sie nicht mir allein verdankte, die ich nicht mit ihr theilen könnte, ohne von den Wohlthaten eines Dritten zu leben. Und wenn Jenny in einem jener Anfälle rücksichtslosen Witzes jemals ein Wort sagte, das mich daran erinnerte, sie sei die Reiche mir gegenüber — gerade, weil ich sie liebe — bei Gott! ich glaube, ich könnte zum Mörder werden.“ „Das wird Jenny nie“, begütigte die Pfar- rerin, „und in der Beziehung würde ich sie ruhig an Deiner Seite sehen. Was mir an Jenny mißfällt, ist das jüdische Element in ihr. Der Witz dieses Volkes ist eigenthümlich und fürchterlich, er hat mich oft erschreckt, gepeinigt, wenn mir mitten in dem Kreise des Meierschen Hauses wohl war, wie es Einem bei so braven, gebildeten Menschen wol werden muß. Ihr Witz hat etwas von dem Stilet eines Ban- diten, der aus dem Verborgenen hervorstürzt und den Wehrlosen um so sicherer damit trifft. Er ist die letzte Waffe des Sklaven, dem man jede andere Waffe gegen seinen Unterdrücker genommen hat, die feige Rache für erduldete tiefempfundene Schmach.“ „Mutter! Jenny's Witz ist nicht so schlimm; er ist kindisch, schnell und treffend. Aber wenn ich in thörichter Eifersucht aufgeregt, hart über meine Jenny urtheile — vergiß es, liebe Mut- ter! denn ich habe Jenny verleumdet, ihrer edlen Seele sehr, sehr Unrecht gethan. Ich selbst glaube nicht, was ich sagte; es war Leidenschaft, Zorn, was aus mir sprach, nicht meine Ueberzeugung, nicht mein Herz, das Jenny liebt — liebt wie Dich, meine theure Mutter! Nicht wahr? auch Du hast meine Jenny lieb?“ fragte Reinhard, und die Pfar- rerin schwankte, was sie beginnen sollte. Sie sah, daß ihr Sohn zu sehr an der Geliebten hing, um selbst aus dem Munde seiner Mutter ein Wort des Tadels gegen sie ertragen zu können. Lieber wollte er seine Ueberzeugung, seine eigene Erfahrung in der Beziehung Lügen strafen, als Jenny tadeln hören, die er gerade jetzt, wo die Eifersucht ihm die Gefahr, sie zu ver- lieren, vorspiegelte, unaussprechlich liebte. Doch siegte die Pflicht, ihren Sohn aufmerksam zu machen auf Jenny's Charakter, über die Scheu, ihm augenblicklich wehe zu thun. „Ich habe Jenny sehr lieb“, sagte sie, „und die kindliche Freundlichkeit, die Hingebung, die sie mir immer zeigt, verdienen meinen wärmsten Dank. Sie, so klug, so schön und gut, muß der Stolz jeder Mutter sein.“ — Reinhard's Gesicht leuchtete vor Freude und ein feuriger Händedruck lohnte seiner Mutter diese Anerken- nung. „Doch“, fuhr die Pfarrerin fort, „täusche Dich nicht, Gustav! Jenny hat Fehler, für die sie nicht verantwortlich ist, weil sie gewisser- maßen nationell sind, und die die Mehrzahl der sogenannten gebildeten jüdischen Frauen, mehr oder weniger alle, mit ihr theilen. Die Leb- haftigkeit, das südliche Feuer der Juden fällt bei der Hefe der Nation als eine unerträgliche Manier auf. Ihr Sprechen, ihre Geberden sind carrikirt. Davon ist der Gebildete frei, die un- ruhige Lebhaftigkeit indessen bleibt ein hervor- stechender Zug der Juden. Sie mag vortreffliche Geschäftsmänner hervorbringen, der Weiblichkeit aber tritt sie zu nahe. Jenny belebt eine ganze Gesellschaft; sie ist täglich neu; man findet Freude und Unterhaltung bei ihr, nur Ruhe nicht. Sie hat Muth und Geist; sie bewegt sich frei und keck; und doch muß ich, wie zur Er- holung, auf Therese sehen, die still und beschei- den, wie sie ist, einen gar wohlthuenden Ein- druck auf mich macht.“ „Therese ist kälter; sie hat lange nicht den Geist“, wandte Reinhard ein, und was Du von den Jüdinnen sagst, trifft auch nicht immer zu. Ist Jenny's Mut- ter nicht die liebenswürdigste, vortrefflichste Frau? — Auch Jenny wird so werden, wenn das erste Jugendfeuer vorüber ist. Und diese Lebhaftigkeit, die Du tadelst, wie viel Freude muß sie dem Manne gewähren! Jenny's Geist ...“ „Das ist es, was ich fürchte!“ sagte die Pfarrerin. „Jenny's Geist ist unerbittlich klar; er läßt sich nie von ihrem Herzen täuschen. Das ist es, was mich besorgt macht. Diesen geistreichen Mädchen aus den jüdischen Familien, die gleich Jenny erzogen werden, fehlt es fast immer an gutem weiblichen Umgange: mehr unterrichtet, als die Frauen ihrer nächsten Um- gebung, überschätzen sie sich zu leicht; das Bei- sammensein mit Mädchen, die Sorge für die täglichen Bedürfnisse des Hauses hört auf ihnen Freude zu machen; sie ziehen die Unterhaltung der Männer vor, welche mit Vergnügen solch einen kleinen Ueberläufer empfangen. Im Kreise der Männer nun machen ihr Geist und ihre Aufklärung Riesenfortschritte; die neuen Be- griffe, der große Maßstab der Männer werden an Alles gelegt; das Mädchen schämt sich der engen Verhältnisse, die ihm bis dahin genüg- ten; eilig werden die alten Vorurtheile nieder- gerissen, die beschränkten Ansichten verworfen; das Haus, in dessen alten fabelhaften Mauern das junge Mädchen gerade heimisch und liebens- würdig erscheint, wird zerstört, und ein neuer spiegelblanker Palast errichtet. Durch die gro- ßen Scheiben dringt strahlend hell das Sonnen- licht, und glänzt von den glatten Marmorwän- den wieder. Alles ist Licht — kein Halbdunkel, kein düsterer Schatten; aber auch kein stiller Raum, um dem Schöpfer einen Altar zu bauen, kein traulich Plätzchen für schüchterne Liebe. — Gustav! ich habe Dir, als Du noch auf meinen Knien spieltest oft in Märchen und Bildern die Wahrheit mitzutheilen versucht, die ich Deinem Herzen einprägen wollte; die alte Gewohnheit ist mir geblieben, wie Du siehst. Jenny, von den Ihrigen im Zweifel erzogen, ist ein weibli- cher Freigeist geworden. Wird sie Dich glück- lich zu machen vermögen?“ Reinhard sah brütend vor sich nieder, ohne zu antworten; auch seine Mutter verlor sich in Gedanken, denen sie nach einigen Minuten wieder Worte gab. „Bei den Männern,“ sagte sie, „bei Jenny's Vater, bei Eduard, fällt der Unglaube nicht störend auf, weil philosophische Erkenntniß sie auf den richtigen Standpunkt gestellt, ihnen eine wahre und tiefe Ueberzeu- gung gegeben hat. Aber Madame Meier selbst bedauert die Richtung, welche ihre Tochter ge- nommen hat, denn die Mutter ist ein frommes, echt weibliches Gemüth; und sage mir ehrlich, mein Sohn! glaubst Du, Jenny werde jemals von Herzen Christin sein? Wenn Du nun da- stehst und mit inniger Erhebung Deiner Ge- meinde das Abendmahl ertheilst im Namen un- sers Heilandes, der für uns gestorben ist, wird Dein Herz nicht bluten bei dem Gedanken, daß Deine Frau, Dein anderes Ich, der heiligen Handlung kalt und zweifelnd zusieht und inner- lich Dich und die Gemeinde bemitleidet, die Erbauung findet, wo sie ein leeres Formen- wesen sieht? Hast Du Dir Jenny als die Mut- ter Deiner Töchter gedacht? — Sie könnte ei- nem Manne viel, Alles sein, aber keinem Chri- sten, keinem Geistlichen, der aus innerer Ueber- zeugung seinen Beruf heilig hält.“ „Nein!“ rief Reinhard plötzlich aus, „nein! es wird anders sein! Das Licht göttlicher Wahr- heit wird auch in Jenny's Geist leuchten, sie wird einsehen und fühlen, daß im Christenthum der Quell ewiger Seligkeit rein und lauter strömt. Ein starker Glaube, wie meiner, muß sie davon überzeugen, und ist sie nicht schon dem Herzen nach Christin? Alles, was Du an ihr tadelst, liebe Mutter, wird schwinden; Du hast es selbst vorhin gesagt, wenn ihr Gemüth die ewig wahre Lehre in sich aufgenommen ha- ben wird, wenn eine edlere Freude, eine selige Ruhe sie beleben werden. Denke Dir, welch ein Glück, die Seele seiner Frau gebildet zu haben, sie gewonnen zu haben für die Wahr- heit! — Und werde ich ihr nicht Schätze bieten, edler und unschätzbarer, als die Reichthümer, die mich vorhin beunruhigten? — Morgen noch sage ich ihr, daß ich sie liebe, und ich hoffe, Dir morgen eine Tochter zuzuführen, die wür- dig ist, einen Platz an Deinem Herzen zu fin- den! Mutter! wir werden sehr glücklich sein. Ich allein weiß, welch eine Welt von Liebe, von Großmuth in Jenny lebt, ihre Seele ent- spricht dem holden, süßen Antlitz — und Bei- des mein! Jenny ganz mein, mein Eigen! Es ist fast zu viel Glück in dem Gedanken“ — sagte er lächelnd, und fing an, der Pfarrerin ein Bild ihres künftigen Lebens in ländlicher Stille zu entwerfen, das der armen Frau Thrä- nen entlockte, weil sie ihrem Gustav ein solches Loos wünschte, und doch zweifelte, ob es je- mals Jenny zusagen würde. Nur mit Ueber- windung wagte sie, ihrem Sohne den Vorschlag zu machen, noch ein paar Tage mit seiner Werbung zu zögern, nochmals reiflich zu über- legen — denn zu harren, bis er eine Anstel- lung gefunden, dazu war er nicht zu überreden. Die Warnungen seiner Mutter, ihre Mißbilli- gung hatten nur dazu gedient, ihn an Jenny's Vorzüge zu erinnern, und widerstrebend ver- sprach er, das Meiersche Haus ein paar Tage zu meiden, und Jenny nicht zu sehen. Der nächste Morgen, ein Sonntag, brachte nach trüben Tagen mit Wind und Schneege- stöber, wie der Dezember sie bietet, einen kla- ren, frischen Frost. Die Straßen waren trocken, und sahen in der Sonntagsstille, die in großen geräuschvollen Handelsstädten um so friedlicher erscheint, gar reinlich und festlich aus. Mit der eitlen Sorgsamkeit einer Hausfrau musterte Madame Meier die Zimmer, ließ nochmals je- des Stäubchen fortkehren, und wollte es doch nicht wahr haben, daß sie heute noch mehr dar- auf halte, als sonst, um Fräulein Horn damit zu imponiren, die man zum Frühstück erwar- tete. Eduard hatte die erste Morgenstunde dazu benutzt, mit dem Gärtner das Treibhaus zu durchwandern. Er selbst hatte die seltensten Exemplare in das rechte Licht gestellt, den Frühstückstisch unter die Orangen setzen lassen, deren Blüthen am üppigsten dufteten, und dem Gärtner aufgetragen, ein Bouquet zu arrangiren, das für diese Jahreszeit ein wahres Wunder erscheinen mußte. Dann hatte er in fast knabenhafter Fröhlichkeit mit Jenny ge- scherzt, mit ihr herumgewalzt, als eine Truppe Musikanten auf der Straße spielte, und sie zu- letzt gebeten, doch zuzusehen, daß es Fräulein Horn, die sie sehr lieb hätte und stets nach ihr frage, recht im elterlichen Hause gefallen möge. Joseph sah dem fröhlichen Treiben düster zu, und wurde wehmüthig gestimmt, als Jenny, nach Eduard's Entfernung zu ihm kam, ihm die Hand reichte und mit ungewohnter Feier- lichkeit zu ihm sagte: „Joseph! ich habe Dich bis jetzt verkannt, Dich nicht genug geliebt. Was mir die Zukunft auch bringen wird, Du sollst mein geliebter Bruder, mein zweiter Eduard sein. Willst Du das? — und Du kannst mir vertrauen, wie einem Manne, wie ich Dir!“ — Joseph bebte, sein Urtheil war damit gesprochen. „So sei es!1“ war Alles, was er erwiderte, da er Aufregungen und Scenen der Art ebenso sehr haßte, als Jenny sie liebte, die ihn verließ, weil sie einen wär- mern Anklang erwartet hatte und nicht Beob- achtung genug besaß, in Joseph's kalten, ruhigen Zügen den wahren Schmerz zu lesen, den ihr Verlust ihm verursachte. Eduard kehrte schon um 11 ½ Uhr von sei- ner Praxis zurück und versuchte umsonst, die Aufregung zu verbergen, mit der er nach dem Zeiger der Uhr sah, und die Straße betrachtete, um endlich Clara und Hughes zu entdecken. Da rollte eine leichte Gigue über das Pflaster, hielt vor dem Meierschen Hause, die Thorflügel öff- neten sich, der Portier zog die Glocke, und Eduard flog die Treppe hinunter, um die Ge- liebte selbst zu seiner Familie zu geleiten. Jenny kam ihr bis in das Vorzimmer entgegen, die Mädchen umarmten sich auf Mädchenart mit zärtlichen Küssen, das alte, trauliche „Du“ der längst verflossenen Schulzeit wurde hervor- gesucht, und es vergingen mehrere Minuten, ehe Clara in das Wohnzimmer zu Madame Meier kam. Clara war wunderschön an dem Tage. Sie trug ein hohes Kleid von seegrüner Seide, das eng anliegend die hohe, volle Ge- stalt markirte, ohne die feine Taille zu verber- gen; ein kleiner schwarzer Sammethut hob die frische Röthe, den zarten Teint des Gesichtes nur mehr hervor, und stach schön gegen die langen, hellblonden Locken ab, die ihr bis auf die Schultern herabfielen. Die Freude, welche ihr dieser Besuch einflößte, der Wunsch, den Eltern des Geliebten zu gefallen, verursachten ihr eine lebhafte Bewegung, die unendlich an- muthig an ihr erschien. Jenny konnte nicht aufhören, sie zu betrachten, und Madame Meier empfing sie mit jener Freude, mit der eine zärt- liche Mutter die Auserwählte ihres Sohnes be- grüßt. Sie fand Clara noch schöner und lie- benswürdiger, als sie sich dieselbe gedacht hatte. Der Ton von Demuth in ihrer Stimme, das Weiche, Milde in ihrer Erscheinung, welches sich Eduard gegenüber zu verdoppeln schien, waren fast unwiderstehlich. Die ungeheuchelte Freude, mit der sie die Schätze des Treibhauses bewunderte, das an den Tanzsaal grenzte, die Kindlichkeit, mit der sie Eduard und Jenny glücklich pries, in diesem Hause zu wohnen, machte die Andern mit ihr froh, und selbst Jo- seph's Stimmung wurde freundlicher vor so viel Liebenswürdigkeit. Clara fühlte sich bereits ganz heimisch in dem Kreise, als Eduard's Vater hinzukam und man sich zu dem elegant servirten Frühstück nie- dersetzte, während dessen die Unterhaltung in zwei Theile zerfiel. Hughes hatte Briefe aus London erhalten, theilte manches Neue daraus mit, und es ergab sich in Folge dessen unter den Herren eine Unterhaltung, die zwischen mercantilischen und politischen Interessen sich hin und her bewegte, und an der auch Eduard Antheil zu nehmen gezwungen war, obgleich er neben Clara saß und mehr auf ihr Gespräch mit den Damen achtete, als er zugestehen wollte. Sie mußte erzählen, wie sich der Unfall zuge- tragen, der sie so lange an ihr Zimmer gefesselt hatte; sie konnte nicht genug ausdrücken, wie dankbar sie dem Doctor Meier für seine Sorg- falt sei, wie seine Freundlichkeit, sein Trost I. 9 ihr die Stunden des Schmerzes verkürzt hätten. Madame Meier und Jenny waren hoch erfreut über diese Aeußerungen, während sie Herrn Meier ernst, fast nachdenklich zu machen schie- nen, als auch er sich zu den Damen wendete und den Enthusiasmus bemerkte, mit dem Fräu- lein Horn von seinem Sohne sprach. Plötzlich klopfte es an die Thüre. Man rief „herein“, mußte aber den Ruf zum zweiten und dritten Male wiederholen, ehe Steinheim mit Mephistes Worten: „So recht! Du mußt es dreimal sa- gen“, seine Mutter am Arme, in das Zimmer trat. Man stand auf, die alte Madame Stein- heim zu bewillkommnen. Sie wollte durchaus nicht leiden, daß man sich ihretwegen derangire, und bat mit schnarrender Stimme und jüdischem Jargon, gar keine Notiz von ihr zu nehmen, da sie nur auf wenig Augenblicke komme. „Ich war bei der Bentheim, deren Mann krank ist und die außerdem Aerger mit den Dienstboten hat“, sagte sie zu Madame Meier. „Denken Sie sich, die Hanne, die Person, welche früher bei der Rosenstiel diente, hat der Bentheim aus der Chiffonière zwei Ringe ge- stohlen. Da hat sie mich gebeten, bei der Ro- senstiel nachzuhören, ob dort Aehnliches passirt sei, und ich will mit meinem Sohne gleich von hier dorthin fahren. Man hat meinen Sohn so gern bei der Rosenstiel; er amüsirt sich so mit den Mädchen, daß ich ihn leicht dazu be- kam, mich zu begleiten. Haben Sie gehört, Jenny,“ sagte sie zu dieser, „wie die älteste Rosenstiel das „Una voce“ singt? göttlich, sage ich Ihnen!“ — und ehe noch Jemand Zeit gewann, ihr Fräulein Horn vorzustellen, oder ein Wort zu sprechen; ehe Jenny ihre letzte Frage beantworten konnte, fuhr sie gegen Clara gewendet fort: „Sie kennen doch die Rosen- stiels?“ „Ich habe das Vergnügen nicht“, antwor- 9* tete Clara ganz verwundert über das sonderbare Betragen der Frau „Was? Sie kennen die Rosenstiels nicht? — Denke Dir, mein Sohn, Fräulein Horn kennt die Rosenstiels nicht! Haben Sie denn nie von der Malerei der zweiten Tochter ge- hört? Ein enormes Talent! sage ich Ihnen, eben so viel Genie fürs Malen, wie die älteste für den Gesang. Rein merkwürdig. — Die Mutter ist eine geborne Strahl, von den Strahls aus der ...gasse; hören Sie! abgerechnet, daß die Frau sich zu jugendlich kleidet, eine charmante Frau. Wissen Sie noch, liebste Meier, wie der Doctor Herzheim ihr die Cour machte? Das kann sie noch nicht vergessen. Mein Sohn würde sagen: ‚Ewig jung bleibt nur die Phantasie‘; aber wissen Sie, der junge Herzheim wird die älteste Tochter nehmen, sagt man. Ich glaube es nicht, die kann andere Partien machen, sage ich Ihnen!“ Bei dieser Phrase versagte der kleinen, star- ken Frau glücklicherweise der Athem, was den Meierschen Damen offenbar sehr angenehm zu sein schien. Clara hatte mit kaum verhehltem Erstaunen Madame Steinheim betrachtet, deren Toilette, aus Allem zusammengesetzt, was es Neues und Kostbares gab, auf ihrem kugelrun- den, festgeschnürten Körper und zu dem mar- kirten, alternden Gesichte ebenso sonderbar er- schien, als ihre Sprechwuth und ihre unauf- hörlichen Gesticulationen. Um das Beginnen eines neuen Rednergusses zu verhüten, fragte Jenny Herrn Steinheim, ob er in den letzten Tagen Erlau nicht gesehen habe, auf den sie vergebens gewartet, um mit ihm das Nähere wegen der Proben zu den Tableaux zu verab- reden? „Erlau, der nie Anlage zu einem Fixsterne hatte, ist jetzt vollkommen zum Planeten der Giovanolla geworden; er, der ein Stern erster Größe am Kunsthimmel sein könnte“, antwor- tete der Gefragte. „Ich kenne ihn nicht mehr, ich begreife ihn nicht.“ „Was ist da zu begreifen?“ sagte Herr Meier. „Er ist ein liebenswürdiger Wildfang, wie er es immer war, und wir wissen, wie ihm Schönheit den Kopf verdreht; junger Wein will gähren!“ „Ich bin so sehr nicht aus der Art geschla- gen, daß ich der Liebe Herrschaft sollte schmä- hen“, recitirte Steinheim, „ aber dies gänzliche Sichverlieren in solch eine Passion von acht Tagen ist zu komisch. Man sieht ihn gar nicht. Zudem ist er hinausgezogen an den Leuchtthurm, wo ein ewiger Orkan wüthet, und wo man ihn nicht besuchen kann, ohne sich vor Erkältung den Tod zu holen.“ „Haben Sie ihn in seinem neuen Atelier noch nicht aufgesucht?“ fragte Eduard. „Das wird ihn gekränkt haben!“ „Hat er mich gefragt, wie er hinausgezo- gen ist, ob ich hinaus kommen werde? Morgen wird's ihm einfallen, auf den Domthurm zu ziehen, und er wird es übel nehmen, wenn ich nicht hinauf klettere und ihn da oben besuche! Dabei fällt mir ein, liebe Mutter! daß wir jetzt unsern Besuch bei Madame Rosenstiel nicht länger verschieben dürfen — und ich möchte — obgleich dem Glücklichen keine Uhr schlägt — Dich daran erinnern, uns auf den Weg zu machen, weil es ein Uhr ist.“ Dieser Vorschlag brachte die alte Dame in die höchste Rührigkeit, — sie stand auf, suchte eifrig nach Boa, Mantille und Handschuhen, die sie im Eifer des Gespräches allmälig abge- legt hatte, und empfahl sich mit vielen Com- plimenten den Anwesenden, nachdem Jenny noch mit Steinheim verabredet, daß für den nächsten Abend die Probe zu den Tableaux vor sich gehen sollte. Der ganze kleine Kreis fühlte sich offenbar erleichtert, als die Beiden fortgegangen waren. Jenny schämte sich des unfeinen Betragens, das ein Gast ihres Hauses vor Clara an den Tag gelegt hatte. Steinheim's Citate, seine gesuchten Witze kamen ihr unerträglich vor, und nur ihr angeborner Takt hielt sie zurück, Entschuldi- gungen deshalb zu machen. Wirklich schien es, als ob etwas Störendes in die vorhin so un- befangene Unterhaltung gekommen sei; man scherzte und plauderte noch ein Weilchen fort, dann aber brach auch Hughes auf, und mahnte Clara an die Rückkehr. Beim Abschiede hän- digte Jenny ihrem Gaste das schöne Bouquet ein, indem sie bat, es als einen Willkomm mit- zunehmen. Clara dankte entzückt, und als nun Madame Meier sie aufforderte, sie und ihr Treibhaus bald wieder zu besuchen, nahm Clara ein paar Immortellenzweige aus dem Bouquet und reichte sie Jenny und Eduard mit der Be- merkung: „Die lasse ich zum Pfande hier, daß ich bald wiederkomme, wenn Ihre Mutter es wünscht.“ Freundlich reichte sie dem alten Meier die Hand und ging mit Hughes und Eduard davon, um den Rückweg zu Fuß an- zutreten und dadurch das köstliche Winterwet- ter ein wenig länger zu genießen. „Ich kenne fast nichts Reizenderes“, be- merkte Clara gegen Eduard auf dem Wege, „als ein Treibhaus, wie das Ihrer Eltern, in der Mitte des Winters. Diese Farbenpracht, der süße Duft erquicken doppelt zu einer Zeit, in der man Beides nicht erwartet; abgesehen davon, daß ich schon darum Treibhäuser liebe, weil in der Sorge des Menschen für die Pflan- zen etwas Zutraueneinflößendes liegt.“ „Das Letztere, liebe Clara“, sagte Hughes, „kann doch nur da der Fall sein, wo nicht 9** Prunksucht oder Speculation an der Pflege der Blumen Theil haben.“ „Gewiß nur da“, antwortete sie. „Aber ich kann es nicht genug sagen, wie rührend es mir ist, wenn ich finde, daß auch Andere die Blumen so lieb haben, als ich. Blumen sind eine von den Freuden, die Gott uns Allen be- stimmt hat, und jene Blumenkasten, welche wir oft an den Fenstern der bescheidenen Armuth sehen, thun mir jedesmal wohl. „Wohl?“ fragte Eduard verwundert. „Mir zerreißen sie fast das Herz; und das ist ein Eindruck, der seit meiner ersten Kindheit sich gleich blieb. Ich sehe darin immer den Wunsch nach versagten Genüssen, das Streben, sich ein trauriges Dasein, dessen erdrückende Schwere man empfindet, zu verschönen, oder eine Resig- nation, die mir wehe thut. Wo ich solche Blu- menkasten erblicke, möchte ich unser halbes Treib- haus hinschicken und die Leute bitten, sich nicht so traurig zu begnügen, von dem zu genießen, was wir im Ueberfluß besitzen.“ „Aber die Leute haben doch Freude an ih- rem kleinen Besitz“, wandte Clara ein, „eben so viel Freude, als der Reiche an seinen schön- sten Treibhäusern nur zu haben vermag.“ „Glauben Sie nicht, Fräulein, daß ich diese Treibhäuser und Treibhauspflanzen liebe!“ sagte Eduard lebhaft. „Es liegt etwas Unnatürliches in der Farbenpracht und dem Duft dieser er- künstelten Vegetation, das mich ebenso unan- genehm berührt, als die Bewegung der freien Thiere des Waldes in den engen Käfigen ei- ner Menagerie. Für mich ist alles Geschaffene nur schön an dem Ort, für den es geschaffen. Ich vermag es zu bewundern, wo ich es finde, aber es freut mich nicht, sobald man es von seinem Platze entfernt. Auf die Gefahr hin, Ihnen zu widersprechen, bekenne ich, mir er- scheint die Zusammenstellung einer Masse von Pflanzen aus den verschiedensten Welttheilen, die alle nur ein factices, krüppelhaftes Dasein führen, oft wie eine Verirrung des Geschmackes; und wenn es nicht wissenschaftlichen Zwecken gälte, möchte ich lieber auf alle exotischen Ge- wächse verzichten, als sie so kümmerlich gedeihen sehen. Ich sehe ihnen immer an, was sie sein könnten, wenn sie in ihrer Heimat und frei wären, und die armen, kranken Verbannten thun mir leid.“ Clara hörte ihm überrascht zu und blickte mit stillem Entzücken auf ihr schönes Bouquet. „Ich habe die südlichen, schönen Gewächse den- noch lieb“, sagte sie, „und vielleicht ist es Mit- leid mit den Gefangenen, das mich so unwider- stehlich zu ihnen zieht“, fügte sie lächelnd hinzu. „Wenigstens wäre das echt weiblich“, schal- tete William ein, als sie das Hornsche Haus erreicht hatten und gemeinschaftlich das Zimmer der Commerzienräthin betraten. Hier konnte Clara nicht genug von der Herrlichkeit der Blumen erzählen, von der Güte, mit der man sie empfangen, und dem unbeschreiblichen Ver- gnügen, das sie genossen hätte, und sie war noch in der lebhaftesten Beschreibung, als die Com- merzienräthin abgerufen wurde. „Mir that es leid“, sagte Eduard, als Clara's Mutter sich entfernt hatte, „mir that es leid, daß Madame Steinheim in unsere Freude so störend hereinbrach. Sie ist mir durch ihr Geschwätz geradezu unangenehm, und ich war erfreut, daß wir sie bald fortgehen sahen.“ „Da Sie selbst das Thema berühren“, er- widerte Hughes, „so bekenne ich Ihnen, daß mir Steinheim ebenso unangenehm auffällt, und daß ich es nicht begreife, wie Sie diese ewigen Citate ertragen können. Dies Witzeln, dies Spielen mit Worten hat für mich etwas Lästiges und macht, daß mir Steinheim oft beschwerlich vorkommt „Liebenswürdig und schön erscheint mir die Angewohnheit auch nicht“, war Eduard's Ant- wort, „aber sie ist gewissermaßen nationell. Es walten in uns unverkennbar noch orientalische Elemente vor, und noch heute finden Sie, bei dem polnischen Juden zum Beispiel, eine Lust an kleinen Erzählungen, wie nur irgend ein Orientale sie haben kann. Er liebt es, sich in Bildern und Gleichnissen auszudrücken, und mag gern Das, was er zu sagen hat, mit ei- ner jener Anekdoten begleiten, die oft schlagend genug sind und deren seine alten Bücher zu Tausenden enthalten. Solche wird nun Stein- heim nicht leicht zu benutzen wagen, aber er kann nicht von dieser Gewohnheit loskommen, und die Citate aus neuen und alten Werken müssen ihm als Aushülfe dienen.“ „Mir sind sie heute recht originell vorge- kommen“, sagte Clara, „und etwas Rasches, Bezeichnendes kann man dieser Art nicht ab- sprechen. Mir scheint, Herr Steinheim müsse ein geistreicher Mann sein. Er hat ein stattli- ches Aeußere, er war sehr freundlich und höflich — aber dennoch, wenn ich es offen sagen darf, verletzte mich Etwas in seiner Erscheinung. Ich weiß nicht, soll ich es Selbstgenügsamkeit nen- nen, oder ein gewisses zutrauliches Wesen, das mir von einem Fremden mißfällig war?“ „Vermuthlich Beides, mein Fräulein! — Ich komme Ihnen gegenüber immer wieder in die Lage, den Vertheidiger der Juden zu machen.“ „Das haben Sie nicht nöthig, Herr Doc- tor! Denn ich habe gewiß kein Vorurtheil der Art gehabt; und wäre das selbst der Fall ge- wesen, so verdanke ich es Ihnen und William, dasselbe gänzlich besiegt zu haben. Wie könnte ich daran noch denken, nachdem Sie mir die Freude gemacht, Ihre verehrten Eltern kennen zu lernen, nachdem ich in Ihrer Familie eben solch glückliche Stunden verlebt habe.“ Clara schwieg, aus Besorgniß, zu viel gesagt zu haben, und auch Eduard saß sinnend eine Weile neben ihr und las in ihren Augen, was ihr Herz sprach und ihr Mund verschwieg; dann fuhr er fort: „Und doch würden Ihnen viele von den Freunden meiner Familie höchlich miß- fallen, so brav und achtungswerth sie auch sein mögen. Die Gewohnheit, sich immer nur in demselben Kreise zu bewegen, in welchem Alle sich seit ihrer frühesten Kindheit mindestens dem Namen und den Verhältnissen nach kennen, gibt den Juden ein familiäres Sichgehenlassen, das dem Fremden leicht zudringlich und beleidi- gend erscheint. Ich erfahre das selbst bisweilen. Meine Verhältnisse haben mich zum Theil die- sem Kreise entfernt; ich sehe manche Personen oft kaum einmal im Jahre; und doch, treffen wir zusammen, so bin ich gezwungen, die klein- lichsten Familiendetails anzuhören. Ihnen bleibe ich der Eduard Meier, der mit ihnen eingeseg- net wurde, mit ihnen dies und jenes gemein hat, und sie können gar nicht begreifen, daß mich das Leben und Weben ihrer Onkel und Großonkel nicht ebenso interessire als sie selbst; und des Fragens und Erzählens wird kein Ende, bis man es gewaltsam unterbricht.“ „Das ist aber der Fehler aller Coterien“, meinte Clara, die mit feinem Gefühl dem Ge- liebten jede unbequeme Erörterung ersparen wollte. „Sie finden überall kleinere oder grö- ßere Zirkel, in denen sich dasselbe wiederholt, was Sie eben rügten. Das muß man nehmen, wie es sich bietet, und es nicht so strenge ta- deln.“ „Und doch thut das alle Welt bei den Ju- den!“ rief Eduard; „bei ihnen, denen man nicht einmal die Möglichkeit läßt, aus ihrem engen Kreise herauszutreten, so gern sie es möchten. Der größere Theil der gebildeten Ju- den kann sich dreist mit jedem andern Gebilde- ten messen, er würde, wie in Frankreich, sich längst der Masse der Nation angeschlossen ha- ben, er würde auch in Deutschland längst na- tionalisirt sein, wenn ihn sein Aeußeres, seine dunklere Farbe und das schwarze Haar nicht auf den ersten Blick von den Deutschen unter- schieden zeigte. Dies fremde Aeußere erinnert unaufhörlich an eine verschiedene Abkunft und gibt, vom Pöbel ausgehend, dem Judenhaß immer neue Nahrung, von dem wol die We- nigsten so frei sind, daß sie den Juden nicht den Mangel an sogenannter feiner Bildung zum ächtenden Vorwurf machten. Und man brauchte ihn doch nur zu emancipiren, um die Uneben- heiten von seiner Außenseite abzuschleifen. Frei- lich ist es gar bequem zu sagen. Die Juden ha- ben einen gräulichen Jargon, häßliche Manie- ren. — Woher das aber kommt, fragt Nie- mand! — Daß es so ist, reicht ja hin, den Juden auszuschließen von der Gesellschaft, und mehr braucht es nicht, mehr will man nicht.“ Eduard war erregter, als er selbst glaubte, Clara betrübt, und selbst Hughes nicht frei von Befangenheit. Doch bezwang er sich, und sagte: „Allerdings trifft die Deutschen der Vorwurf, nur in den Juden die Nationalität nicht anzu- erkennen, während sie sonst jeder fremden Ei- genthümlichkeit mehr als nöthig nachsehen. Er- warten wir das Beste von der Zukunft, und wenigstens lassen Sie uns die Gegenwart mei- nes Mühmchens mit fröhlicherer Unterhaltung feiern. Das arme Mädchen sieht schon so be- trübt aus, als ob sie das Unheil verschuldet hätte, und ist so gut, daß sie gewiß gern Hülfe und Aenderung brächte.“ „Wenn ich das könnte“, rief Clara lebhaft, und Hughes glaubte eine Thräne in ihrem Auge zu sehen, als Eduard sich bald darauf empfahl, nochmals für die Ehre dankend, die Clara ihm erzeigt, indem sie seine Einladung angenommen. „Ehre?“ seufzte Clara, obgleich Eduard das Wort nur zufällig und achtlos ge- wählt, „Ehre? — Ach mein Gott! —“ Auch William war der Schluß der Unter- haltung unangenehm, mindestens peinlich gewe- sen. „Es ist Schade“, sagte er, „daß man mit Eduard so gar vorsichtig sein muß, weil man nur zu leicht diese Saite seines Gemüthes be- rührt, die ewig in Klagetönen erklingt, in Dissonanzen, für die es nun einmal noch keine Auflösung gibt. Oft thut es mir leid; aber man ist nicht immer dazu geneigt, über unab- änderliche Verhältnisse zu sprechen und Theil an ihnen zu nehmen; man will nicht immer Mitleid haben.“ „Mitleid“, fiel Clara ein, stolz aus der Seele des Geliebten antwortend, „Mitleid ver- langt gewiß Niemand weniger, als Doctor Meier. Er will sein Recht, ein Recht, das man ihm schändlich vorenthält. Wer darf mehr verlangen, frei und den Besten gleichgestellt zu sein, als er! Und kannst Du ihn tadeln, daß er in jedem Augenblicke das Unrecht fühlt, wel- ches ihm geschieht? daß er den Gedanken aus- spricht, der zum Grundton seines Wesens ge- worden? Athmen und frei sein mit seinem Volke, das ist ihm gleichbedeutend; er kann und will nicht schweigen von Dem, was allein ihm Werth hat. Jeder Mann von Ehre müßte so handeln; ich begreife das vollkommen!“ „So scheint es“, sagte William etwas spöt- tisch, „und es ist nur zu bedauern, daß die Juden nicht viele solch eifrige Vertheidiger fin- den, als meine schöne Cousine, die ich von ih- ren Meditationen über die Emancipation der Juden nicht länger abhalten will.“ Und verstimmt hatten sich die drei Menschen getrennt, die vor einer Stunde im Gefühl des reinsten Glückes beisammen gewesen waren. Länger als bis zum folgenden Abende konnte Reinhard es nicht ertragen, von Jenny entfernt zu sein. Mit seiner Mutter hatte er seit ihrer letzten Unterhaltung keine Silbe über seine Liebe gesprochen; ein ängstliches, vorsichtiges Schwei- gen hatte zwischen Mutter und Sohn geherrscht, die sonst in innigster Mittheilung zu leben ge- wohnt waren. Da schlug am Abend des zwei- ten Tages die alte Uhr des Wohnzimmers sieben heisere Schläge, und die Pfarrerin hörte, wie Reinhard den Stuhl vom Schreibtisch schob, schnell in seinem Zimmer umherging, und sah ihn wenige Augenblicke darauf, zum Ausgehen gerüstet, bei sich eintreten. „Gehst Du aus, mein Sohn?“ fragte die Pfarrerin. „Ja, Mutter! ich will zu Meiers“, ant- wortete er ihr. Die Pfarrerin schwieg. Da bog sich Reinhard zu ihr nieder, und sagte schmeichelnd: „Gib Deinem Sohne nur einen Abschiedskuß. Wer weiß, ob die Tochter, die ich Dir bringe, mich nicht aus Deinem Herzen verdrängt!“ Bei den Worten küßte er die Mut- ter und eilte hinaus, ehe sie ihm Etwas ent- gegnen konnte. Besorgt sah die Pfarrerin dem Sohne nach, dann faltete sie wie betend die Hände, und schien, sein Schicksal dem Himmel anvertrauend, Ruhe im Gebet zu finden. Je schneller Reinhard dem Meierschen Hause zugeeilt war, je auffallender mußte ihn der Ge- gensatz überraschen, der sich ihm zwischen der stillen Wohnung seiner Mutter und dem Trei- ben in den Sälen bei Madame Meier heute bot. Er hatte, wie es Jedem wol begegnet, sich lebhaft vorgestellt, wie er Jenny, mit weiblicher Arbeit beschäftigt, allein finden, wie sie ihn willkommen heißen, ihn um sein Ausbleiben fragen, und er ihr dann endlich sagen werde, wie er sie liebe. Bis in die kleinsten Züge hin- ein hatte er sich das Bild ausgemalt; es war ihm lieb geworden, und die Möglichkeit, daß es sich anders machen könne, hatte er sich nicht beikommen lassen. Um so unangenehmer war es ihm, als der Diener ihn nicht in das ge- wöhnliche Wohnzimmer, sondern in einen der Säle führte, aus dem ihm schon von fern Er- lau's fröhliches Lachen entgegentönte. Eine Menge Personen bewegten sich bei Reinhard's Ankunft unruhig durcheinander. Er- lau stand bei einer Theaterdecoration, die ein Gemäuer darstellte, und versuchte, einem jun- gen Offiziere die Arme in eine bestimmte Stel- lung zu bringen. Nicht weit davon saß Therese mit einer Dame, Beide in weite Tücher gehüllt, die wie ein Plaid Kopf und Gestalt umgaben. Madame Meier spielte mit einem Kinde, das ebenfalls bei den Tableaux, die man probirte, beschäftigt werden sollte; kurz jeder der Anwe- senden hatte nur Sinn für die Probe und Rein- hard's Eintritt wurde kaum beachtet. Wie an- ders hatte er es sich gedacht! Jenny war nicht in dem Zimmer; er näherte sich Theresen und fragte nach Jenny; aber Therese hatte sie seit einer Weile nicht gesehen. Es wurde ihm un- heimlich in dem Getreibe, er wollte in ein Sei- tenzimmer und von da, wo möglich, nach Hause gehen, als er, die Nebenstube betretend, Stein- heim peroriren hörte: „Und warum soll denn nun urplötzlich aus dem Bilde nichts werden von dem wir uns so viel Effekt versprochen?“ „Weil ich nicht will!“ war Jenny's kalte Antwort, die vor dem Spiegel stand und ihre Locken ordnete. „Aber das ist es eben, was ich frage, warum wollen Sie nicht? Sie selbst hatten den Templer und die Jüdin gewählt; Sie sehen reizend in dem Turban aus; Herr von Licht- wang ist der stattlichste Templer; gestern, noch I. 10 heute früh, war Ihnen Alles genehm, und nun? — Löset mir, Graf Dreindur, diesen Zwiespalt der Natur!“ Jenny gab keine Antwort und beschäftigte sich ruhig mit ihrer Frisur, bis Erlau hinein- stürmte. „Holdes. angebetetes Fräulein!“ rief er, „keine Capricen; mein Lieuntenant Lichtwang steht mir ausgebreiteten Armen und sieht so sehnsüchtig und so göttlich einfältig in die Ferne, daß sich eine der Himmlischen erbarmen würde und heruntersteigen in seine Arme. Sein Sie nicht unerbittlicher! Sie sind immer ein Engel, eine Göttin; warum wollen Sie nun absolut mit einem Male eine wasserblaue schmachtende Madonna vorstellen? Sie, die der Himmel gleichsam für diese glühende Rebecca prädestinirte? Kommen Sie, Fräulein! oder Herr von Licht- wang kommt aus der Position!“ „Ich habe Ihnen ja vorhin gesagt, lieber Erlau, mir gefällt das Bild nicht. Zu dem Bendemannschen bin ich bereit und will auch gern in irgend einem biblischen Tableau stehen, sonst aber ... Während Jenny die ersten Worte sagte, gab Erlau Steinheim ein Zeichen, das Zimmer zu verlassen, warf sich, ehe sie ausgesprochen, ihr zu Füßen und rief mit komischem Pathos: „Aber kann denn ein Candidat der Theologie sich nur in einen Heiligen verwandeln? Wie, wenn es mir gelänge, ihn zum Orden der Templer zu bekehren?“ Jenny wollte entrüstet das Zimmer verlassen. Erlau, dessen Muthwillen man Vieles nachsah, hielt aber, darauf bauend, die Erzürnte an der Hand fest. „Sind Sie böse, Fräulein! weil mein kleiner Finger mir einmal die Wahrheit gesagt?“ fragte er. „Sie sind nicht eigensinnig, ich kenne Sie; dahinter steckt die Meinung Ihres Lehrers und Meisters, dem ich sehr gram sein würde, wenn er nicht das hohe Glück hätte, 10* Ihr und mein Freund zu sein. Wenn nun aber Reinhard selbst ...“ „Ich wüßte nicht“, sagte Jenny mit einer affektirten Kälte, die um so schneidender erschien, je bewegter sie war, „wer Ihnen das Recht gegeben, dergleichen zu vermuthen? Herrn Rein- hard's Meinung ist mir vollkommen gleichgültig, und ich begreife nicht, welchen Einfluß er auf meine Entschlüsse haben sollte.“ Erlau fühlte, daß er leichtsinnig zu weit gegangen sei und hier eine leicht verletzbare Stelle berührt hatte. Während er noch schwankte, was nun zu beginnen, sah Jenny Reinhard plötzlich vor sich stehen, versuchte zu lachen, setzte schnell den rothen Turban auf, den sie zu der Rolle der Rebecca brauchte, gab dem verwun- derten Erlau den Arm und sagte: „Ich bin bereit, die Rebecca zu machen und Ihnen zu zeigen, daß mir Niemand zu befehlen hat, wenn man sich auch das Ansehen geben möchte.“ — Damit ging sie mit dem Maler hinaus, ohne Reinhard nur anzusehen. Dieser warf sich vernichtet auf einen Stuhl. So vollkommen abstoßend war ihm Jenny nie- mals erschienen. Der Ton, in dem sie mit den Herren sprach, hatte ihn verletzt; er konnte kei- nen Zusammenhang in dem Betragen finden, und Jenny's Aeußerung über ihn empörte sein innerstes Herz. Das war der Lohn für seine Liebe! — Eine Weile mochte er so in trüben Gedanken gesessen haben, als leise Therese her- eintrat, die ihn offenbar suchte. Sie ging schüchtern auf ihn zu, fragend, warum er die Gesellschaft verlassen? Reinhard antwortete aus- weichend. „Es ist Schade, daß Sie fortgingen“, sagte Therese, „Jenny sah strahlend schön aus, sowie zur Rebecca geboren. Es ist eine allge- meine Bewunderung und ich eilte nur hinaus, um Sie zu suchen.“ Reinhard hörte düster brütend zu. „Kom- men Sie!“ bat Therese freundlich dringend und beängstigt durch des jungen Mannes Schweigen, „kommen Sie doch! und nicht so traurig, es thut mir zu leid!“ — „Liebes, sanftes Kind!“ seufzte Reinhard aus tiefster Brust und ergriff Theresens Hand. So standen sie beisammen, als Jenny mit einigen Andern in das Cabinet kam, und, sowie sie Reinhard mit Theresen in dieser traulichen Vereinigung entdeckte, mit ei- nem leise unterdrückten Ausruf hinaus und auf ihr Zimmer eilte. Dorthin war Madame Meier, welcher dieser Vorfall nicht entgangen, ihr ge- folgt, aber kein Zureden vermochte Jenny, den Grund ihrer plötzlichen Entfernung anzugeben oder wieder zur Gesellschaft zurückzukehren; und ihre Mutter sah sich genöthigt, zu erklären, Jenny sei unwohl geworden und es müsse wol die große Wärme des Zimmers gewesen sein, die dem immer gesunden Mädchen den Anfall hervorgebracht habe. Jenny lag indessen bitterlich weinend auf ihrem Ruhebette. Sie hatte geglaubt, daß Rein- hard diese Tableauxaufstellung nicht gern sähe, und vielleicht nicht mit Unrecht gedacht, es sei ihm besonders unlieb, weil er in seiner Stellung an solchen Dingen keinen persönlichen Antheil nehmen mochte und konnte. Darum hatte sie allerlei Schwierigkeiten erhoben, um entweder sich selbst davon frei zu machen oder Reinhard durch die Wahl irgend eines Bildes, das er liebte, damit auszusöhnen. Es war ihr unan- genehm, es kränkte sie, daß er nicht zur Probe gekommen, weil sie irrigerweise glaubte, ihn dazu eingeladen zu haben; und als Erlau's un- bedachte Neckerei ihr den Gedanken eingab, Reinhard könne sich gegen ihn der Herrschaft gerühmt haben, die er über sie hätte, fühlte sie sich so gekränkt, daß sie theils aus einer Art von Rache, theils aus höchster Verlegenheit die Worte sprach, die unglücklicherweise Reinhard zum Zuhörer hatten. In heftigster Bewegung, halb außer sich vor Schmerz, Zorn und Scham, folgte sie Erlau in den Saal, probirte, scherzte und lachte, während das wilde Schlagen ihres Herzens ihr fast die Besinnung raubte. Endlich war die Probe beendet; es trieb sie, Reinhard aufzusuchen, sich um jeden Preis mit ihm zu verständigen; die Qualen zu beenden, denen sie Beide unterlagen. Sie wollte den Saal ver- lassen; ihr volles Herz sollte ohne Rückhalt zu dem Geliebten sprechen; die demüthigste Abbitte schien ihr nicht zu schwer — aber die Fremden wichen nicht von ihrer Seite. Trotz dem eilte sie, in Reinhard's Nähe zu kommen, um ihn wenigstens zu sehen. Da fand sie, wie sie glaubte, Reinhard und Therese in zärtlich heim- lichem Gespräche. Ihre beste Freundin, der Mann, der ihr Alles war, hatten sie verrathen! Das war zu viel für ein so junges, heißes Herz; convulsivisch zuckte es zusammen und sie eilte hinaus, weil sie sich einer Ohnmacht nahe fühlte. Jetzt in der Einsamkeit malte ihr die Phan- tasie geschäftig tausend Trugbilder vor: sie konnte nicht begreifen, wie dies Verhältniß ihr so lange verborgen geblieben sei; sie war empört von so viel Falschheit und schauderte entsetzt zusammen, als Therese zu ihr kam, um freundlich nach ih- rem Ergehen zu fragen. „Um Alles in der Welt“, sagte sie heftig, „laß mich allein, ich leide zu sehr.“ „Gerade darum möchte ich bleiben!“ bat Therese theilnehmend. „Nein, nur Du nicht, nur Du nicht!“ schluchzte Jenny. „Dich kann ich nicht sehen, — ach, das habe ich nicht von Dir verdient!“ Therese verstand kein Wort von Dem, was sie hörte. Ihr war bange, daß Jenny irre rede, und noch leiser sagte sie: „Aber Jenny! 10** kennst Du mich denn nicht? Ich bin's ja, Deine Therese!“ „Meine?“ rief Jenny — Du bist Rein- hard's! — Gehe zu ihm und sage ihm, wie elend Ihr mich gemacht!“ Nun fiel plötzlich die Binde von den Augen der ahnunglosen Therese. Sie faßte Jenny in ihre Arme und fragte: „Liebst Du denn Rein- hard?“ „O, unaussprechlich! so unaussprechlich, als ich elend bin, so wie Du ihn liebst, wie er Dich!“ Kaum hatte Jenny unter heißen Thränen diese Worte hervorgebracht, da flog Therese zur Thüre hinaus, die Treppe hinunter, suchte Reinhard und zog den Ueberraschten mit sich fort. In derselben Eile führte sie ihn zu Jenny und trat mit ihm vor sie hin, ohne daß Rein- hard den Vorgang begriff. „Jenny weint um sie, Reinhard!“ rief Therese ebenfalls weinend, „sie ist eifersüchtig auf mich!“ und ehe sie noch vollendet, sank Reinhard vor dem Ruhebette nieder und Jenny lag an seiner Brust. So vergingen selige Mi- nuten. Dann war es Jenny zuerst, die ängst- lich nach den Eltern, nach Eduard verlangte, und Reinhard bat, mit Theresen hinunter zu gehen und die Ihrigen wegen ihres Unwohlseins zu beruhigen, durch welches die Fremden ver- anlaßt worden, sich früher zu entfernen. Auch Therese zog es vor, mit dem sie erwartenden Mädchen gleich nach Hause zu gehen, und Rein- hard fand sich mit Jenny's Eltern in den lee- ren Sälen allein. Die Diener eilten mit ge- brauchten Gläsern hin und her, die Thüren der entferntern Zimmer wurden geschlossen, die Lampen ausgelöscht, Madame Meier saß ein wenig ermüdet auf dem Sopha und ihr Mann ging, eine Cigarre im Munde, im Zimmer um- her. Die ganze Scene hatte etwas Unbehag- liches, das sich auch dem eintretenden Reinhard mittheilte. Er hatte, als er Jenny verließ, nur an ihre Liebe gedacht, die ihn berechtigte, um sie zu werben. Nun er die Bitte bei den Eltern beginnen wollte, überkam ihn wieder ein Gefühl von Demüthigung bei dem Gedanken, daß er ihnen für ihre Tochter nichts bieten könne, als seine Liebe, die denselben vielleicht weniger aus- reichend zum Glücke scheinen dürfte, als ihm und Jenny. Doch zögerte er keinen Augenblick, sich offen und frei auszusprechen, und seine Befangenheit, jedes Gefühl von Ungleichheit verschwand, als er mit hoher Begeisterung von seiner Liebe und dem Glücke sprach, das in der- selben läge. Die Eltern hörten bewegt und mit Wohlgefallen die feurigen Worte des jungen Mannes, der ihnen werth geworden und dem sie ihre volle Achtung nicht versagen konnten. Reinhard war ein Mann, wie zärtliche Eltern ihn ihrem Kinde wünschen mußten: offenen Herzens, klaren Geistes und von den reinsten Sitten. Aber die Zerstörung der Hoffnung, Jenny mit Joseph verbunden und das Beste- hen seiner Handlung auf diese Weise gesichert zu sehen, schmerzte den alten Herrn, dem frei- lich das Glück der einzigen Tochter höher stand, als die Erfüllung seiner Lieblings- wünsche. In diesem Sinne war seine Antwort aner- kennend und ehrenvoll für Reinhard, den er bat, ihm bis zum nächsten Tage Zeit zu gön- nen, ehe er sein bindendes Wort zu dieser Heirath ausspräche; er müsse erst mit sich, mit Jenny und den Seinen einig werden, da ihm persönlich der Antrag ganz unerwartet gekom- men sei. Mehr konnte Reinhard eigentlich nicht verlangen. Er hätte es voraussehen kön- nen, und doch war er unzufrieden mit sich, mit Allem. Er wünschte Jenny noch einmal zu sehen; aber das verweigerte die Mutter, be- sorgt, die neue Aufregung könne der Tochter schädlich sein; doch versprach sie ihm, gleich zu Jenny zu gehen, ihr das Ergebniß der Unter- redung mitzutheilen, und entließ Reinhard mit den Worten: „Gehen Sie, Lieber, und grü- ßen Sie Ihre Mutter; ich hoffe, wir sehen uns morgen Alle recht glücklich wieder.“ Je gespannter die Pfarrerin der Rückkehr ihres Sohnes geharrt, um so mehr erschreckte sie der Ernst in seinen Zügen. Er erzählte, wie Alles gekommen, wie er glaube, am Ziele seiner Hoffnungen zu stehen; er pries sich glück- lich, Jenny nun die Seine zu nennen, und doch fühlte seine Mutter, der keine Falte in der Seele ihres Sohnes verborgen war, daß ir- gend Etwas sein Glück störe. Und so war es wirklich. Reinhard war durch Jenny's Betra- gen bei seiner Ankunft auf eine Weise verletzt, die er so leicht nicht verschmerzen konnte. Zu einer versöhnenden Erklärung hatte der flüch- tige Augenblick nicht hingereicht, den Jenny an seiner Brust gelegen: ein Glück, das er sich und der ruhigen Neigung der Geliebten allein verdanken wollte, war ihm vom Zufall unerwartet zugeworfen, in einem Augenblick, in dem er kaum in der Stimmung war, es zu empfangen oder zu wünschen. Nach der leidenschaftlichen kurzen Minute in Jenny's Ar- men schien ihm das Betragen ihrer Aeltern kalt, und obgleich er sich fortwährend wieder- holte, daß er Jenny's Liebe besitze, daß er sei- nen heißesten Wunsch erfüllt sähe, kam keine rechte Freude in seine Seele. — Tadeln wir ihn deshalb nicht! Es genügt nicht immer, daß wir an unser Ziel gelangen; es kommt we- sentlich darauf an, wie wir es erreichen. „Der morgende Tag wird für das Seinige sorgen“! mit den Worten verließ der alte Meier am Abend seine Frau und Jenny, die noch lange beisammenblieben und, der Ver- gangenheit gedenkend, tausend Entwürfe mach- ten, wie es möglich zu machen sei, daß Mut- ter und Tochter nicht getrennt würden, was bei Reinhard's Beruf leicht der Fall sein konnte. Denn daß der Vater seine Einwilli- gung geben würde, da Jenny ihm versichert, sie könne nicht glücklich sein, nicht leben ohne Gustav, daran glaubten sie nicht zweifeln zu dürfen. Und doch war der alte Herr der Heirath lange nicht so geneigt, als die beiden Frauen glaubten; und wir finden ihn in früher Mor- genstunde mit Eduard und Joseph, die er zu sich beschieden hatte, in ernsthafter Berathung. Er theilte ihnen die Vorgänge des letzten Abends mit und fand zu seiner Verwunderung, daß man sie gewissermaßen erwartet hatte. Eduard bekannte, er habe seit längerer Zeit eine Nei- gung Jenny's und Reinhard's zu einander ver- muthet, habe aber absichtlich geschwiegen, weil man dergleichen zarte Verhältnisse wie eine Harfe betrachten müsse, die bei der leisesten Berührung in hellen Tönen vibrire; und er habe andrerseits die Ueberzeugung, daß die Ael- tern keinen Grund irgend einer Art haben könnten, dieser Neigung entgegen zu sein, da ihnen Allen Reinhard als einer der tüchtigsten Menschen bekannt sei. „Was Du da sagst, mein Sohn“, sprach der Vater, „ist größtentheils wahr. Ich finde es auch begreiflich, wie gerade Dir — Eduard wurde verwirrt, — eine Heirath aus Neigung so unerläßlich scheint, daß alle andern Rück- sichten davor schweigen. Anders aber urtheilt man in meinen Jahren, als in den Euren.“ „Und doch“, wandte Eduard ein, „hast Du, lieber Vater! bei der Wahl Deiner Gattin nur Dein Herz gefragt.“ „Das, glücklicherweise“, ergänzte der Vater, „nirgend gegen Bestehendes zu kämpfen hatte. Doch das gehört nicht hierher. In einer Stunde, wie diese, müssen kleinliche Rücksich- ten nicht beachtet werden: ich sage es daher offen, wir Alle wissen, daß Joseph Jenny liebt; es war mein fester Wille, mein innigster Wunsch, sie ihm zur Frau zu geben, und Dich, Joseph, den ich wie einen Sohn liebe, wirklich zu meinem Sohne zu machen.“ „Jenny hat keine Neigung für mich“, sagte Joseph resignirt, doch sehr bewegt, „und ihr Glück allein, Onkel, ihr Glück, das mir unaussprechlich theuer ist, muß hier berücksich- tigt werden. Sie würde vielleicht mit mir, wie ich nun einmal bin, auch ohne Rein- hard's Dazwischentreten niemals glücklich ge- worden sein!“ „Wollte Gott! ich könnte sie Reinhard mit solcher Zuversicht anvertrauen, als Dir“, ent- gegnete Herr Meier. Es entstand eine peinliche Pause. Eduard, der hier zwischen seinen besten Freunden ent- scheiden sollte, fühlte für Beide die lebhafteste Sympathie. Er gönnte Reinhard und Jenny ein Glück, das ihn seine Liebe in voller Größe erkennen ließ, und empfand in Joseph's Seele, was Entsagung bedeute! Das Mißtrauen sei- nes Vaters gegen Reinhard aber bewog ihn endlich, das Schweigen mit der Bemerkung zu unterbrechen, wie ihm, der Reinhard seit Jahren kenne, dessen Charakter ein sicherer Bürge für Jenny's Zukunft sei.“ „Da irrst Du!“ entgegnete der Vater. „Ich achte Reinhard und erkenne seine Vorzüge an, aber er lebt in einer Ideenwelt. Solche Men- schen sind mir bedenklich und taugen nicht für die Ehe. Weil er mit der höchsten Anstren- gung und allem Ernste daran arbeitet, die Vollkommenheit, die er im Auge hat, sein Ideal eines Menschen zu erreichen, darum glaubt er sich berechtigt, auch an Andere die gleichen Ansprüche zu machen. Sowie er das Leben, die Liebe auffaßt, sind sie nicht, und die Ehe, dieser Gipfel der Civilisation, bleibt trotz der höchsten Liebe, die zwei treffliche Men- schen verbinden mag, immerdar hinter Dem zu- rück, was einem jungen Manne oder Weibe als Ideal vorschwebt! Der Ruhige, Beson- nene findet sich darein und tröstet sich mit dem unendlich Guten, das sich ihm in der Ehe of- fenbart, über Das, was nicht zu erreichen ist — das aber, fürchte ich, will und kann Rein- hard nicht. Jenny, die er leidenschaftlich liebt, erscheint ihm vollkommen geeignet, das Ideal einer Hausfrau, einer Gattin zu werden, wie er sie sich träumt; er wird verlangen, daß sie es wird, daß sie darnach ringt und, wie ich ihn beurtheile, nur zu geneigt sein, ihr aus den Unvollkommenheiten des Menschen über- haupt einen persönlichen Fehler zu machen. Mit einem Worte, Reinhard hat eine Art Ueber- spannung in seinen Gefühlen, die mich für Jenny's Glück besorgt macht. Eduard konnte nicht leugnen, daß die Be- merkung seines Vaters Wahrheit enthalte, ver- theidigte den Freund aber lebhaft und meinte, sein Vater verfalle in den an Reinhard gerüg- ten Fehler, ein Ideal zu verlangen. „Daß ich es Euch gerade herausgestehe, mir ist eigentlich nichts genehm bei diesem Antrage. Jenny soll Christin werden, auch das steht mir nicht an“, sagte der Vater. „Und doch wünscht sie auch das!“ bemerkte Joseph. „Nicht doch, mein Sohn! Ihr einziger Wunsch ist Reinhard — das Christenthum ein Mittel zum Zwecke; das glaube mir, und gerade auch das macht mich besorgt. Reinhard ist zu strenggläubig, um sich den Ansichten einer Jü- din mit Toleranz hinzugeben.“ „Ach, Vater!“ rief Eduard dazwischen, wen das Weib liebt, dem glaubt sie! Jeder Mann ist seiner Geliebten der Verkünder eines neuen Glaubens; Liebe ist die Offenbarung, in der das Weib den Geliebten als den gottge- sandten Messias erblickt. Wenn Jenny wahr- haft liebt, wie ich gewiß bin, mag sie glau- ben, woran sie will! Sie wird glücklich machen und das ist genug, auch glücklich zu sein.“ „Meinst Du?“ fragte der Vater — „Die Mutter ist nur zu sehr für den Plan einge- nommen, ihr ist es lieb, daß Jenny Christin wird, sie schätzt die Pfarrerin und Reinhard hoch — und bei Gott! das thue ich auch. Nur will mich bedünken, als ob Jenny und Reinhard absolut nicht zusammengehören. Da Reinhard glücklicherweise noch keine Stellung hat, so will ich meine Einwilligung, wenn ich sie geben muß, nur unter der Bedingung ge- währen, daß die Verlobung erst dann bekannt gemacht werde, wenn Reinhard ein Amt erhal- ten haben wird. Dagegen protestirte Eduard auf das Ei- frigste; und auch Joseph meinte, daß gerade dies Brautpaar nicht dazu geeignet wäre, in solch geheimgehaltenem Verhältniß Ruhe und Glück zu finden. „Ich weiß aus Erfahrung“, sagte Joseph, „Reinhard ist eifersüchtig und Jenny's Lebhaf- tigkeit allein kann dabei schon Anlaß zu tau- send Mißhelligkeiten geben. Auch sehe ich nicht ein, was Du eigentlich gegen die Bekanntma- chung dieser Verlobung hast, lieber Onkel? „Was ich dagegen habe?“ rief der alte Herr nun heftig aus. „Jenny ist eins der reichsten Mädchen der Stadt, sie ist schön; klug und blutjung. Mein Name, mein Haus ist der geachtesten eines — solch Mädchen mußte mir Dich oder einen andern Schwiegersohn bringen, der meinem Hause Ehre machte, dem ich die Firma übergeben, den ich den Leuten zeigen könnte. Ich weiß, daß meines Kindes Glück meine erste Pflicht ist, es ist auch mein höchstes Glück, aber ich bin nicht allein Vater, ich bin auch Kaufmann. Auch mein Haus ist ein Theil meines Ich's und es will mir nicht in den Sinn, daß meine einzige Toch- ter sich mit einem Studenten oder Candidaten verlobe, der noch nichts ist und von dem man nichts weiß, als daß er wegen Demagogie in Untersuchung gewesen. Und“, fügte er plötzlich weicher hinzu, „der vielleicht in seinem Stolze noch glaubt, ein Opfer zu bringen, mir eine Ehre zu erzeigen, indem er ein Judenmädchen heirathet.“ Und wieder entstand eine Pause. Herr Meier ging rasch im Zimmer umher, bis Eduard und Joseph das Thema nochmals auf- nahmen, als er ruhiger zu werden schien. Sie erinnerten ihn an die vortheilhafte Meinung, die er selbst stets von Reinhard gehegt, sie warfen ihm vor, einer Art von Hochmuth mehr Gehör zu geben als seinem Herzen. Jo- seph schilderte die Scene, die er einst mit Jenny erlebt, als er ihr abgerathen, zum Christenthume überzutreten; er versicherte, Jen- ny's Hand nie annehmen zu wollen, wenn sie nicht zugleich ihr ungetheiltes Herz ihm geben könnte, und Beide schlossen in der Ueberzeu- gung, daß Jenny nicht von Reinhard lassen, daß man eine so innige Neigung nicht ohne entschiedene Gründe trennen dürfe, und daß dem Vater daher nichts übrig bleibe, als seine Zustimmung zu geben. „Das ist es eben, was mich ärgert!“ sagte, schon heiterer geworden, der Vater. „Ich habe keinen recht vernünftigen Grund, meine Ein- I. 11 willigung zu verweigern, und doch möcht' ich es gerne, wenn ich Jenny's Zukunft recht be- denke. Zur Pfarrersfrau paßt sie einmal nicht, und wir müssen darauf denken, für Reinhard eine andere Stellung zu gewinnen.“ — Als die Unterhandlungen so weit gediehen waren, nahmen sie eine leichtere, fast geschäft- liche Richtung. Man sprach davon, ob und wie man Reinhard bewegen könne, eine andere Carriere, etwa die academische zu erwählen. Eduard bezweifelte, daß sein Freund darein willigen werde. Joseph meinte, wenn Jenny ihn ernstlich darum bäte, müsse er es thun, da es im Grunde gleichviel sei, ob er selbst Pfar- rer werde oder die jungen Leute zu Geistlichen nach seinem Sinne bilde; und der Vater sagte ziemlich dictatorisch: „Für das Opfer, das ich bringe, für das Mädchen, das er bekommt, habe ich das Recht, auch von seiner Seite auf Nachgeben zu rechnen; und — so sei es denn: Jenny wird Reinhard's Frau“, schloß er lächelnd, aber mit einem tiefen Seufzer, der ein Echo in Joseph's Herzen fand. — „Und nun, mein Freund“, sprach der alte Herr zu Joseph, „laß auch uns ins Reine kom- men. Ich hielt Dich bisher in meinem Hause fest, weil ich hoffte, es Dir als Jenny's Mit- gift einst zu übergeben. Der Plan zerfällt und ich muß es Deiner Neigung überlassen, ob und unter welchen Verhältnissen Du künftig bei mir bleiben willst. Ich sähe Dich ungern von uns scheiden, indessen ...“ „Ich bleibe, Onkel!“ rief Joseph mit einem Handschlag und eine herzlichere Umarmung, als die, welche Eduard und Joseph jetzt vereinte, mag es selten gegeben haben. Dann berieth man noch, daß Joseph als Compagnon in das Geschäft seines Onkels ein- treten solle. „Und wenn Du“, sagte dieser' „Dir einst eine Frau wählst und mir dadurch 11* eine zweite Tochter bringst, so mag sich Herr Eduard seine eigne Wohnung suchen. Der Compagnon des alten Meier wohnt auch im Meier'schen Hause.“ Man wollte scherzen, es kam aber nicht aus der Seele, und so ging man nach dem Wohnzimmer, in der Hoffnung, die kleine Braut zu begrüßen. Doch diese hatte, wie schön erwähnt, so lange mit der Mutter geplaudert, daß Beide noch ruhig schliefen, und Eduard beschloß, sogleich zu Reinhard zu gehen, um ihm selbst die gute Botschaft zu bringen und der Erste zu sein, der der geliebten Schwester den Bräutigam zuführte. Es würde vergebens sein, die Wonne zu schildern, die in den ersten Tagen nach dieser Verlobung Jenny und Gustav, wie er nun im Meier'schen Hause genannt wurde, empfan- den. Fröhlicher, hingebender konnte kein We- sen gedacht werden als Jenny, und selbst der Vater söhnte sich mit dem Gedanken an diese Verbindung aus, als er seinen Liebling so glücklich sah. Die engsten Bande umschlangen den kleinen Kreis. Die Pfarrerin und Ma- dame Meier, die von jeher sich hochgeschätzt, waren erfreut, nun für immer durch ihre Kin- der zusammenzugehören, und sahen wohlge- fällig auf das schöne Paar, das seines Glückes täglich froher zu werden schien. Joseph's edler Seele war jedes unwürdige Gefühl fremd: er hatte es für ein Unrecht gehalten, durch das leiseste Zeichen von Bedauern, von Verstim- mung die allgemeine Freude zu trüben, und als an dem Verlobungsmorgen Reinhard ihn allein fand und über ihr früheres Zusammen- treffen an jenem Abend versöhnend zu sprechen begann, gab ihm Joseph die Hand und sagte: „Machen Sie das Kind so glücklich, daß ich nie den Vorzug bedaure, den sie Ihnen gege- ben; dann ist weiter nichts darüber zu sagen.“ — Eduard allein war wehmütig gestimmt. Das Glück, dessen Zeuge er war, rief die leb- hafteste Sehnsucht nach gleicher Wonne in ihm hervor und aufs Neue begann der Kampf in ihm, den seit Monden seine Liebe und sein Gewissen führten. — Am sonderbarsten er- schien Therese in der allgemeinen Freude. Es kam ihr vor, als ob Jenny's Glück allein ihr Werk sei; sie gab sich das Ansehen einer Be- schützerin und that so verständig und altklug, daß die Andern nicht aufhören konnten, darüber zu lachen. „Lacht nur immerfort“, sagte sie mit Stolz, „wäre ich Euch an jenem unglücklichen Probe- abend nicht zu Hülfe gekommen, Ihr wäret noch, Gott weiß, wie weit vom Lachen!“ Und ganz unrecht hatte sie nicht, — nur daß sie sich und ihrer Ueberlegung zuschrieb, was Eingebung des drängenden Momentes war, — und es ganz in der Ordnung fand, wenn Reinhard und seine Braut sie scherzend den Schutzgeist ihrer Liebe nannten. Eine der Hauptfragen war nun, wann die Verlobung den Freunden angezeigt werden sollte; und man kam überein, da nur noch einige Tage bis zum Sylvester fehlten, an dem gewöhnlich ein Ball im Meier'schen Hause zu sein pflegte, an diesem Abende das junge Paar zu präsentiren. Niemand, so wünschte die Mutter, sollte vorher davon benachtigt werden, und man wollte die Tableaux gleich am Anfange des Abends aufstellen, um nach- her beim Beginnen des neuen Jahres das Brautpaar als den Mittelpunkt des Festes zu präsentiren. Nach Reinhard's Geschmack war das nun freilich nicht und er sprach mit Eduard darüber. „Was kannst Du denn dagegen haben?“ fragte ihn dieser. „Ich mag solch lautes Glück nicht, Liebe bedarf nicht des Trompetentusches; wahrhaft beglückt sie nur in der Stille, und solch ein Gepränge ist mir überhaupt zuwider.“ „Sei nicht wunderlich“, bedeutete ihn Eduard. Bis zum Sylvesterabend hast Du Dein stilles Glück fast eine Woche genossen, und Du mußt dann auch damit zufrieden sein, es auf die Weise proclamiren zu lassen, die meinem Vater zusagt.“ „Was gibt es da zu proclamiren?“ sagte Reinhard verdrießlich. „Was kümmert es die Fremden? und die Bekannten ahnen es wol Alle, seit sie mich täglich und zu allen Stun- den in Eurem Hause sehen. Du glaubst es nicht, wie solche Ostentation mir unange- nehm ist.“ „Ostentation?“ fragte Eduard. „Ich wüßte nicht, wie wir dazu gerade jetzt kämen; das hat man meinen Aeltern niemals vorge- worfen.“ „Und du meinst“, sagte Reinhard rasch, „die Verlobung mit einem Candidaten der Theologie sei eben kein Ereigniß, auf das man besonders stolz zu sein brauchte! Da hast Du recht, und vielleicht bin ich so sehr gegen diese Ballparade, weil ich das selbst empfinde. Viel- leicht wäre ich weniger dagegen, wenn ich mit Rang und Würden aufträte, so aber ...“ In Eduard's Seele war wirklich kein Ge- danke der Art gekommen. Er empfand seines Schwagers Aeußerung fast wie eine Beleidi- gung; doch hatte er sich von je gewöhnt, gerade in diesem Punkte, in dem Reinhard von kran- ker Empfindlichkeit war, die größte Nachsicht 11** und Schonung gegen ihn zu üben. Deshalb ließ er ihn nicht zu Ende sprechen und fiel ihm mit den Worten in die Rede: „So aber gönne uns die Freude, zu zeigen, daß Jenny eine Wahl getroffen, die uns lieber ist, als alle Leute von Rang und Würden, die sie ausgeschlagen!“ — Damit war die Sache abgethan; indeß fühlte Eduard, daß seines Vaters Ansicht von Reinhard nicht ungegründet sei, und auch ihm wurde bange, ob der, den er mit vollstem Vertrauen seinen Freund nannte, sich zu Jen- ny's Gatten eigne. Doch war das nur eine vorübergehende Idee, die bald verschwand, wenn er sah, wie Reinhard's ganzes Wesen, seine stolze Kälte, seine schroffe Abgeschlossen- heit vor einem Blick Jenny's sich in Liebe auflöste; wie er in einer andern Atmosphäre zu athmen, Alles in anderm Lichte zu sehen schien, wenn er sich in der Nähe seiner Braut befand. Unter Vorbereitungen mancher Art kam der Sylvesterabend heran. Das Meier'sche Haus glich einem Feenpalast. Geschmack und Luxus hatten das Höchste aufgeboten, und selbst die Freunde des Hauses ahnten heute irgend etwas Besonderes, obgleich Herrr Meier immer Wohl- gefallen daran hatte, sein Haus in einer ge- wissen Eleganz zu zeigen. Nach den ersten Tänzen wurde die Gesellschaft in das Treib- haus geführt, das für die Aufstellung der Ta- bleaux eingerichtet war. Man hatte als erstes Bild Bendemann's „Trauernde Juden“ gewählt, die in der letzten Ausstellung das Entzücken des Publicums ge- macht hatten. Die breiten Thürflügel, welche das Treibhaus von dem Saale trennten, wa- ren zurückgeschlagen. Sie bildeten einen Rah- men, der die Bilder einschloß, und ein allge- meines Entzücken wurde laut, als nun plötzlich der Vorhang aufrollte und das Bild sichtbar wurde, für das die herrlichen Tropengewächse des Treibhauses einen dichten, dunkeln Hinter- grund boten. — Steinheim, der den Greis darstellte, war durch seine kräftige Gestalt und sein ausdrucks- volles Gesicht, das durch den Bart und die orientalische Kopfbedeckung an Bedeutung ge- wann, vortrefflich für seine Stelle geeignet. Eine junge Verwandte des Hauses, die seit einigen Jahren verheirathet und Mutter des Knaben war, dessen wir schon bei der Probe gedachten, repräsentirte die junge Frau mit dem Kinde. Zu Steinheim's Füßen ruhte, verhüllten Angesichts, Therese, und — die rechte Hand auf die Laute gelehnt, das wun- derschöne Haupt auf den andern Arm gestützt, saß Jenny an Steinheim's Seite. Man konnte nichts Edleres, nichts Ergreifenderes sehen, als den Ausdruck hoffnungsloser Trauer in ihren jugendlich zarten Zügen. Darüber war nur Eine Stimme, daß diese Darstellung einen lebhaftern Eindruck mache, als Bendemann's Bild selbst, während sonst fast immer dergleichen weit hinter dem Origi- nale zurück bleibt. Man konnte nicht genug sehen und bewundern, und Erlau mußte end- lich, trotz aller Bitten, den Vorhang herun- ter lassen, um die Mitwirkenden nicht zu sehr zu ermüden. Kaum sah Reinhard seine Braut das Treib- haus verlassen, um ihr Costüm auf ihrer Stube zu wechseln, als er ihr nacheilte. Er wünschte sie einen Augenblick allein zu sehen, was ihm bis dahin nicht gelungen war, da er verspro- chen hatte, durch ḱeine auffallende Annäherung den Aeltern die Freude der Ueberraschung zu verderben. Mit wahrem Entzücken flog Jenny ihm entgegen; ihre Arme schlangen sich um seinen Hals, und als er sie umfaßte, hob er die kleine anmuthige Gestalt in die Höhe und ließ sie nur ungern zur Erde hinunter, als sie lachend ausrief: „Du weißt wohl, mein Him- mel ist in Deinen Armen, aber da heute auf Erden Sylvester und Ball bei uns ist, so werde ich doch nur zu den Erdensöhnen hinun- tereilen müssen. Adieu! mein Himmel!“ rief sie und wollte forteilen. Reinhard aber hinderte sie daran: „Komm, komm, mein Herz, laß mich noch einmal in Deine Augen sehen“, bat er. „O!“ rief er dann und küßte trunken Jenny's lange Wim- pern, „die süßen Augen sind ja licht und fröhlich —nun bin ich ruhig, nun gehe, mein Leben!“ — Jenny fragte scherzend, was er denn in ihren Augen heute besonders zu finden geglaubt? — „Den Schmerz, den sie ausgedrückt, als Du in dem Bilde gesessen. Jenny, wenn ich Dich jemals so traurig sehen müßte, wenn ich es sehen müßte und könnte den Schmerz aus Deinen Zügen nicht verscheuchen — wie gren- zenlos elend würde ich sein.“ „Aber wie kommst Du nur darauf?“ fragte Jenny ängstlich. „Weiß ich's?“ antwortete er. „Dort im Saale, als sie in Deiner Bewunderung kein Ende finden konnten, verdroß es mich, daß Du auch für Andere schön bist, daß ich den Genuß, Dich anzustaunen, mit gleichgültigen Menschen theilen soll. Ich wünschte Dich fort von hier, wo kein Auge Dich sähe als mei- nes; wie ich es damals wünschte, als Du mich im Figaro errathen lassen, was ich kaum zu hoffen gewagt. Dann überfiel mich wieder der Gedanke, ob ich allein Dir genügen, Dir Er- satz für die ganze übrige Welt sein könnte, wie Du mir! — Jenny, wenn ich Dich einst we- niger glücklich sehen müßte, wenn Du es je bereuen könntest, die Meine geworden zu sein“! — rief er, und preßte sie so heftig an sich, daß sie erbebte vor so viel Glut und, wie abwehrend, ihre Hände vor das Gesicht hielt. Sie bat, sie flehte, er möge sie lassen, er aber drückte sie nur fester an sich und sagte: „Sieh Jenny, daß ich Dich so halten kann mit star- kem Arm, daß Du nun mein bist, meinem Willen angehörend — o! schilt mich nicht roh, nicht ungroßmüthig — daß Du von mir ab- hängst, das macht mich unendlich, unendlich selig!“ — Bei den Worten ließ er sie plötz- lich los, küßte sanft und still ihre Stirne, streichelte ihr Haar und schickte sich an, sie zu verlassen. Da war es Jenny, die ihn zurück- hielt und, indem sie ihre Hände in den sei- nen ruhen ließ, langsam vor ihm niedersank und aufgelöst in Liebe flüsterte: „So bin ich Dein, Du Starker, so ganz Dein! denn mein Schicksal ist in Deiner Hand.“ — Aus dem seligsten Rausche weckte sie die Mutter, welche, Jenny vermissend, sie zu holen kam, damit ihre Abwesenheit nicht bemerkt werde. Hughes, dem sie den nächsten Tanz versprochen, hatte sie bereits gesucht, Madame Meier aber das Verschwinden ihrer Tochter mit dem nothwendigen Wechsel der Toilette entschuldigt und Hughes hatte sich zu Erlau gesellt, der im Treibhause die Decorationen für das nächste Bild ordnete. „Wenn ich nur wüßte“, sagte Hughes, „worin es lag, daß dieses Bild heute einen so erschütternden Eindruck auf mich machte, während das Original, trotz seiner großen Schönheit, mich ziemlich kalt ließ?“ „Das will ich Ihnen wohl sagen, theurer Sir!“ antwortete Erlau, „und ich bilde mir nicht wenig darauf ein, mit diesem Tableau den Effect gemacht zu haben, den es heute auf Jeden hervorgebracht hat. Sie haben heute zum ersten Mal trauernde Juden gesehen, während Bendemann trauernde Düsseldorfer in fremdartiger Kleidung gemalt hat!“ Hughes gab zu, daß Erlau recht haben könne. — „Gewiß habe ich recht. Ich hatte, als ich in dem Katalog der Ausstellung „Trauernde Juden“ von Bendemann las, eine rechte Her- zensfreude. Ich liebe die Juden; sie sind nicht mehr Das, was sie vor tausend Jahren gewe- sen sein mögen, aber es ist noch Originalität, Race in ihnen, und darum sind sie für den Maler interessant. Nun dachte ich, wenn ein Jude den Muth hat, Juden zu malen; wenn dieser Maler Bendemann ist, da muß es ein Stück Arbeit werden, das Hand und Fuß hat. Ich dachte, er würde sich köstliche Gestalten, üppige Weiber mit Flammenaugen gewählt ha- ben — nicht doch! so weit reicht sein Muth nicht. Er nimmt ein Sujet aus Juden- thume, aber er tauft seine Juden, er über- setzt sie ins Düsseldorf'sche, und nun sitzen die deutschen Mamsellen und sehen, so hübsch sie sind, doch nur aus, wie Düsseldorfer Gärt- ner, denen die Raupen den Kohl aufgefressen haben.“ Hughes lachte — „Was ist da zu lachen?“ fragte Erlau, der ganz ernsthaft wurde, sobald es die Kunst galt, die er heilig hielt. „Gestehen Sie, es ist, wie ich sage. Ist schon irgend ein Mensch so thöricht gewesen, sich blonde, deutsche Mo- delle zu nehmen, wenn er neapolitanische Fi- scher malen wollte? Das thut Niemand. Würde nicht alle Welt lachen, es abgeschmackt finden, wenn man Zigeuner mit der Physio- gnomie eines phlegmatischen Holländers malte? — oder Parias mit goldblonden Locken und einer Lilienhaut? Auch dem Paria muß sein Recht werden, sonst laßt ihn lieber ungemalt und ungeschoren; und dasselbe verlange ich für die Juden. Sehen Sie einmal den Steinheim, die Jenny an; denken Sie an das junge Weib, das sie heute im Tableau gesehen; sind das nicht Köpfe, die sich mit allen italienischen Modellen messen können?“ — Hughes gab es zu, daß auch ihm, trotz der widerwärtigen Carricaturen, die man un- ter den Juden sähe, eine Menge wahrer Schön- heiten sowol unter Männern als Frauen auf- gefallen wären. „Das sage ich ja“, eiferte der Maler. „Es ist mit den Juden wie mit den Fürsten- häusern und dem hohen Adel, die sich auch so untereinander rekrutiren. Die Race artet aus ins Krüppelhafte oder sie veredelt sich. Sehen Sie die feinen Glieder, das Auge! Die Uep- pigkeit des Orients, die finden Sie heute noch oft bei den Juden und die Beweglichkeit ihrer Züge empfiehlt sie dem Maler. Darum wählte ich heute das Bild und diese Personen zu dem Bilde; und ich wollte, Bendemann selbst hätte es gesehen. Da er sich hoffentlich nicht schämt, ein Jude zu sein, hätte er an dieser Darstel- lung vielleicht den Muth gewonnen, Juden zu malen; denn, unter uns gesagt, feig sind die Juden doch!“ — „Mombray Du lügst!“ rief Steinheim's Stimme dazwischen, der, mit Edurard eintre- tend, die letzten Worte hörte. „Leider lügt er nicht“, sagte Eduard ernst- haft, „wenn er von moralischem Muthe spricht. Denn jene sogenannte Courage, die jeder Rauf- bold in sich erzwingt, um während eines Duells oder sonst einer Viertelstunde Parade zu machen, die schlage ich sehr gering an. Der Feigste, wenn er nur eitel genug ist, sich zu schämen, bringt das zu Stande. Aber der moralische Muth, der fehlt uns. Jahrhunderte lang hat die Sklaverei auf uns gelegen und das Volk so gedrückt, daß es sich glücklich fühlt, Ruhe zu genießen, und sich resignirt, anstatt mit Ernst die Rechte zu fordern, die man uns vorenthält!“ „Wahr ist's“, bekräftigte Hughes, „und um so auffallender, als man nicht leugnen kann, daß es verhältnißmäßig eine Menge von Fä- higkeiten und Talenten unter Ihrem Volke gibt. Mich wundert, daß diese sich nicht durch die ganze Erde vereinen, daß sie nicht all ihre Kräfte aufbieten, um zum Ziele, zur Gleich- stellung zu gelangen“ Weil sie das nicht thun, nannte ich sie feig“, sagte begütigend Erlau, dem es unangenehm war, jene Aeußerung gethan zu haben. „Und mit Recht“, war Eduard's Antwort. „Was Du mir über Bendemann's „Trauernde Juden“ neulich sagtest, war vollkommen wahr; indeß so machen sie es alle. Michael Beer, der die Schmach der Unterdrückung lebhaft fühlte, den es drängte, die Ungerechtigkeit dar- zustellen, machte ein Trauerspiel daraus. Aber er schilderte nicht das Elend seines Volkes; damit hätte er ja daran erinnert, daß er selbst ein Jude sei: er malte lieber die Unterdrückung sub rosa , er schrieb den „Paria“ und dachte, vielleicht versteht man meine Meinung, und ich habe doch nichts gesagt, wenn man sie nicht verstehen will. Das ist Feigheit.“ „Und Thorheit obenein“, sagte Steinheim. „Die Geschichte hat kein Beispiel, daß irgend eine Unterdrückung aufgehoben worden wäre, weil der Unterdrücker in großmüthiger Laune sagte: Car tel est mon plaisir“ , außer der Ber- tha im Tell, die abgehend ihr „und frei er- klär' ich alle meine Knechte“, ausruft. Es heißt: „Bittet, so wird euch gegeben, klopfet an, so wird euch aufgethan“, und es wäre Zeit, daß die Juden tüchtig anklopften, wenn das Bitten nicht hilft, und die Christen zeigen müßten, ob sie den Spruch ihres Heilandes zu erfüllen bereit sind. Erlau hatte während der Unterhaltung nicht nach den Vorbereitungen zu dem nächsten Bilde gesehen. Ein Diener kam, ihn daran zu erin- nern, meldend, daß die Herren und Damen bereits angekleidet seien. Das machte dem Ge- spräch ein Ende, weil Erlau die Herren bat, ihn zu verlassen. „Aber wir kommen nächstens auf dies Thema zurück, das gerade auch für den Unparteiischen eine psychologisch interessante Seite unsers Jahrhunderts zeigt“, sagte er, als die Andern davon gingen. Da blieb Stein- heim stehen und sprach: „Greift nur hinein ins volle Menschenleben! Ein Jeder lobt's, nicht Vielen ist's bekannt, und wo Ihr's packt, da ist's interessant!“ — Zehn Minuten öffnete sich das Treibhaus der Schaulust aufs Neue und einige glücklich gewählte Bilder folgten rasch auf einander. Den Beschluß machten Jenny und Herr von Lichtwang mit der Scene aus dem Ivanhoe; und als eben der Vorhang vor dem letzten Bilde gefallen war, schlug die letzte Stunde des alten Jahres. Einen Moment schwieg Alles in ahnender Ungewißheit, in Rückerinnerung und Erwar- tung; dann ging ein fröhliches Leben an. Glückwünsche und Scherze flogen von Mund zu Mund; Freunde suchten sich gegenseitig; Eltern und Kinder hatten sich, wenn auch nur für einen Augenblick, vereint, und ganz natürlich hatten auch Reinhard und Jenny sich gefunden, um den Anfang des neuen Jahres, das sie gemeinschaftlich verleben sollten, zusam- men zu feiern. „Nächsten Sylvester in ländlicher Ruhe“, flüsterte Reinhard in Jenny's Ohr, ihre Hand in der seinigen drückend, als Herr Meier sie zu holen kam. Er trat mit Jenny und Reinhard I . 12 in die Mitte des Zimmers und sprach zur Ge- sellschaft gewendet: „Erlauben Sie mir, meine Freunde, Ihnen beim Beginn des neuen Jahres ein neues Mit- glied meiner Familie vorzustellen. Herr Rein- hard und meine Jenny sind seit acht Tagen verlobt und ich empfehle dies junge Paar Ih- rer Freundschaft.“ Größeres Erstaunen hätte die unerwartete Ankunft des Großsultans nicht erregen kön- nen, als diese einfachen Worte. Des Fragens, Wunderns, Glückwünschens war kein Ende; und mancher junge Mann sah mit Neid auf Reinhard, an dessen Arm Jenny, noch im Costüme der Rebecca, durch die Zimmer ging. Sie war blendend schön in der prachtvollen Kleidung, das Haar mit Brillanten durchfloch- ten, den feuerfarbenen Turban auf die schwar- zen Locken gedrückt; und Reinhard konnte nicht unterlassen, sie nochmals zu seiner Mut- ter zu führen, um auch von ihr zu hören, wie schön seine Jenny sei. Niemand wollte erlau- ben, daß sie sich entferne, um ihre Toilette zu verändern. Einige ältere Damen, die neben der Pfarrerin standen, hielten die holde Braut mit freundlichen Worten zurück; da trat auch Erlau glückwünschend hinzu und sagte leise: „So ganz unrecht hatte ich also neulich doch nicht, als ich von dem Einfluß und der Er- laubniß eines gewissen Theologen sprach? —“ „O, gehen Sie! Sie sind ein arger Spöt- ter und haben mir damals eine traurige Stunde bereitet!“ rief Jenny und mußte dann der Pfarrerin erzählen, was Erlau's Worte zu bedeuten hätten. Den Zeitraum benutzte der Maler, Rein- hard in seiner gewohnten Art zu gratuliren. „Dir, Du Mann Gottes, hat es der Herr wahrhaftig im Schlafe gegeben. Da setzt sich 12* der Mensch hin und langweilt das arme Kind zwei Jahre lang mit alten, unnützen Geschich- ten, nach denen kein Hahn mehr kräht, und hat gewiß wacker auf den gottlosen Paris ge- schimpft, der die Helena entführte und den braven Menelaus mit langer Nase stehen ließ. Nun aber, ehe man sich's versieht, hat er selbst die Schönste am Arme, geht mit ihr da- von und läßt uns à la Menelaus zurück. Ich glaube, auch mein Nase muß sich in diesem kritischen Moment ein wenig verlängern, und Steinheim's und des armen Joseph's Riech- werkzeuge wachsen gigantisch.“ — „Halt, glückseliger Bräutigam“, fuhr er fort, als Reinhard davon gehen wollte, „so kommst Du mir nicht los! part la Giovanolla bete ich diese kleine Jenny an! und daß Du mich neu- lich veranlaßt, dem Kinde Kummer zu ma- chen, das mag Dir Gott vergeben! Und künf- tig machst Du den Templer, wenn Jenny es“ will, Du seltener Tugendritter! — Mit Keuschheit und Armuth wird's nun ein Ende haben, wie der feurige Brillant an Deiner Brust, den ich jetzt erst bemerke, und Deine noch feurigern Blicke mir deutlich beweisen; aber das dritte Gelübde — Gehorsam, dazu kann Rath werden. Ich wünsche Dir nur so viel Geduld, als Du Glück hast! Denn das Com- mandiren und Wollen verstehen Fräulein Jenny und Papa Meier aus dem Fundament. Hät- ten sie mir nur befohlen, Dich zu allen Teu- feln zu jagen und statt Deiner die holde Rose von Savon zu freien, Du hättest sehen sollen, ob ich's gethan hätte!“ Ohne auf Reinhard's Ungeduld zu achten, drehte sich der Wildfang dann plötzlich zu Jenny und sagte: „Auf mein Wort, Fräulein Meier, wenn Reinhard nicht der beste Gatte wird, ist's seine Schuld. Ich habe ihm seine Pflichten strenge vorgehalten und verlange zum Lohn nur die Gunst, die künftige Frau Pfar- rerin in diesem Costüme malen zu dürfen, um den Pastor stets zu erinnern, daß er mehr Glück als Verstand hat.“ Mit diesen Worten eilte er lachend davon. Aber seine Rede ließ ein unangenehmes Gefühl in Reinhard's Brust zurück, der es sich nicht verbergen konnte, wie man ihm den Besitz Jen- ny's für ein nicht zu erwartendes Glück an- rechne und sich allgemein darüber wundere. Ein paar Tage lang war diese Verlobung ein Gegenstand der Unterhaltung bei Allen, die, wenn auch nur entfernt, mit einem der beiden Theile bekannt waren. Manche lobten es, daß Herr Meier bei der Wahl eines Gat- ten für seine Tochter nur auf ihre Neigung gesehen; Andere und gerade die Freunde und Verwandten des Hauses machten ihm einen Vorwurf daraus, daß er, den man für das Centrum der jüdischen Partei gehalten, seine Tochter zum Christenthum übertreten lasse. Dergleichen hatte aber auf den klaren Sinn des würdigen Mannes keinen Einfluß. Nach- dem der Entschluß reiflich überdacht und aus- geführt war, stand er als Thatsache unwan- delbar vor ihm und kein fremdes Urtheil ver- mochte seine Ansicht darüber zu erschüttern. Anders war es mit Madame Meier. Auf sie blieben die wiederholten Bemerkungen der Leute, daß Jenny zu ganz andern Verbindun- gen berechtigt gewesen wäre, wenn sie nun einmal Christin werden sollte, nicht ohne Einfluß; und während ihr Mann mit der Wahl seiner Tochter vollkommen zufrieden ge- worden war, fing die Mutter sie zu be- reuen an. Sie überlegte, wie diese und jene Toch- ter eines reichen Kaufmanns einen berühm- ten Künstler, einen Baron, einen Grafen geheirathet hatte. Reinhard war ihr sehr lieb; sie vor Allen hatte das Verhältniß gebilligt und geschützt gegen die frühere Ansicht ihres Mannes, und diese Verbindung war ihr vollkommen ausreichend zu Jenny's Glück er- schienen, bis das unnütze Geschwätz einiger Da- men, die ihr damit zu schmeicheln wähnten, die Saat der Unzufriedenheit in ihre Brust streuten. Vergebens wiederholte sie sich, daß ihre Tochter glücklich sei, — es fiel ihr unaufhörlich ein, es hätte doch noch beglückender für Jenny sein müssen, wenn Reinhard nicht ein junger Theo- log, sondern ein Mann von Stande gewesen wäre. Daß er es nicht war, konnte sie ihm zwar nicht zur Last legen; es mußte aber ihrer Meinung nach den jungen Mann veranlassen, durch besondere Zuvorkommenheit, durch gänz- liche Selbstverleugnung Jenny dafür zu ent- schädigen. Mit ihrem Manne oder mit Eduard davon zu sprechen, wagte sie nicht, weil sie überzeugt war, auf Tadel zu stoßen. Sie fühlte das Thörichte dieser Ansicht, denn sie war eine verständige Frau; aber immer wieder trug die Verblendung und Eitelkeit der Mutterliebe den Sieg davon. Es war und blieb ihr unange- nehm, daß man ihre Jenny nicht auch in die- ser Beziehung beneidenswerth fände, und sie beschloß, obgleich ihr das sonst niemals in den Sinn gekommen, durch einen verdoppelten Lu- xus in Allem, was Jenny umgab, der Welt zu zeigen, daß ihre Tochter in der Lage sei, eine glänzende Heirath entbehren zu können. Dadurch aber kam die arme Jenny von dem ersten Tage an in peinliche Conflicte. Während die Mutter unaufhörlich auf ein ge- wisses Schaustellen drang, verweigerte Rein- 12** hard es entschieden, und die junge Braut mußte oft beschwichtigend und versöhnend auftreten, worin sie von der Pfarrerin glücklicherweise unterstützt wurde. Schon an dem Tage, an dem das Brautpaar die üblichen Visiten ma- chen sollte, gab es kleine Mißhelligkeiten. Madame Meier hatte ein langes Register der- jenigen Personen entworfen, denen sie sich vorstellen sollten, und ihrem Diener die größte Sorgfalt für die Equipage anbefohlen, als Reinhard erklärte, er begreife nicht, weshalb sie zu einer Menge gleichgültiger Leute fahren müßten, mit denen sie schwerlich in Berührung bleiben würden. Er hoffe, recht bald eine Stelle zu bekommen und die Stadt zu verlassen; seiner Meinung nach genüge es daher vollkom- men, wenn sie die nächsten Verwandten und Freunde der Familie besuchten. Zu diesen könne er mit Jenny hingehen, wolle gleich heute da- mit anfangen und hoffe, seine kleine Braut ebenso wohlbehalten heim zu bringen, als ob sie gefahren wäre. Davon wollte jedoch die Mutter nichts wissen. Sie versicherte, kein Mensch habe jemals solche Visiten zu Fuß ge- macht, und fügte hinzu: „Glauben Sie mir, lieber Reinhard, Jenny ist gar nicht im Stande, so weite Wege zu gehen.“ „Ja, das ist übel“, erwiderte Reinhard lä- chelnd; „wie wird das werden, wenn wir keine Equipage haben? Da wird sie sich doch gewöhnen müssen!“ „Es ist ein Scherz, lieber Gustav!“ sagte Jenny. Du weißt, wir haben vorigen Som- mer auf dem Lande ganz gewaltige Promena- den gemacht und ich gehe viel lieber, als ich fahre. Doch läßt sich das heute wol vereini- gen. Wir machen einen Theil der Visiten, die meine Mutter wünscht, zu Wagen, holen nach- her Deine Mutter ab und fahren ein Stünd- chen vor das Thor. Dann, wenn Du Lust hast und es nicht zu kalt ist, machen wir mor- gen bei den Verwandten ein paar Besuche zu Fuß und einen tüchtigen Spaziergang!“ So geschah es, und alle Parteien waren für den Augenblick zufriedengestellt. Indeß sollte es nicht das letzte Mal sein, daß Jenny's Vermittelung nöthig wurde. Zu Herrn Meier's Freude, der das Braut- paar in der Stille mit sorglicher Liebe beob- achtete, entwickelte Jenny bei diesen Versuchen, Reinhard's und der Ihrigen Wünsche zu ver- einen, eine ganz neue Seite ihres Charakters. Sich selbst vergessend, war sie unaufhörlich be- müht, sich den Ansichten der Andern zu fügen und Reinhard's leisesten Wünschen zuvorzukom- men. Hatte ein geräuschvoll verlebter Abend ihren Bräutigam unbefriedigt gelassen, so er- langte sie am nächsten Morgen gewiß die Er- laubniß, den ganzen Tag bei der Pfarrerin zuzubringen, um Reinhard zu zeigen, daß ihr im traulichen Beisammensein mit ihm die reinste Freude erblühe. Dann war Reinhard glücklich; dann nannte er sie „seine eigene Jenny“ und konnte nicht aufhören sie zu her- zen, wenn sie sich seiner Mutter bereitwillig zu kleinen häuslichen Hülfsleistungen anbot, an die sie in ihrem elterlichen Hause, wo eine große Dienerschaft jedes Winkes harrte, nicht gewöhnt war. So sehr sie früher darauf gehalten, auch in Kleinigkeiten ihren Willen zu haben, so fügsam wurde sie jetzt. Einzelne unbedachte Aeußerungen ihrer Mutter ließen sie vermu- then, daß ihre Eltern die Verlobung mit Reinhard als ein Opfer betrachteten, welches sie dem Glücke ihres Kindes gebracht, obgleich es ihnen schwer geworden war. Das bewog Jenny, den Ihrigen nachzugeben, so weit es ir- gend möglich, und machte andrerseits sie noch zärtlicher gegen Reinhard; denn es that ihr leid um seinetwillen, daß er den Eltern nicht der erwünschteste Sohn unter allen Männern auf der Welt, wie ihr der einzig Geliebte sei. Mit jedem Tage, den sie bei seiner Mutter verlebte, wurde er ihr theurer und verehrungs- würdiger. Sein reicher Geist, seine unbestech- liche Gradheit zeigte sich in all ihrem Glanze, wenn er sich so rückhaltlos hingab. Oft, wenn er sich dann in süße Schwärmereien verlor, hörte sie mit einer Andacht, mit einer Erhe- bung zu, von der die Pfarrerin innig gerührt war. „So“, sagte sie einst zu ihrem Sohne, „mag Maria zu den Füßen des Herrn geses- sen haben“, und Jenny bemerkte lächelnd: „Mehr als ich Gustav liebe, liebte auch gewiß Maria den Herrn nicht.“ Das vollkommenste Einverständniß herrschte unter den Liebenden, und selbst Herr Meier gewann Vertrauen für die Zukunft seiner Tochter. Man war seit Jenny's Verlobung im Meier'schen Hause daran gewöhnt, sie mehrere Tage der Woche ihrer Schwiegermutter zu überlassen. Damit nun Madame Meier dieses Entbehren ihrer Tochter nicht zu empfindlich werde, hatte man Therese eingeladen, an jenen Tagen Madame Meier zu besuchen, und kam auf Jenny's Veranlassung zuletzt überein, The- rese für den Sommer, den die Familie immer auf ihrem Gute zubrachte, ganz in das Haus zu nehmen. Auch die Pfarrerin wollte dann die Stadt verlassen, um einige Zeit bei einer Freundin zu verleben. Deshalb strebte man jetzt, jemehr der Winter sich zu Ende neigte, die letzte Zeit vor dieser kleinen allgemeinen Auswanderung noch recht mit Bewußtsein zu genießen. Durch Hughes und Clara Horn war der engere Kreis der Hausfreunde im Laufe des Winters vergrößert worden, nachdem Clara — — — — — — durch Bitten und Zureden die Erlaubniß erlangt hatte, abermals zu Madame Meier zu gehen. Sie wünschte die Familie wiederzusehen und Jenny zu dan- ken, die ihr ein zweites Bouquet gesendet, schöner noch als jenes, welches Clara damals im Treibhause erhalten. Obgleich nun die Commerzienräthin diesem Verkehr noch immer nicht geneigt war, gab sie endlich den Bitten ihrer Tochter nach, als sie darin die Möglich- keit sah, ihre Absichten zu fördern. Sie wußte, wie geflissentlich Clara jedes Alleinsein mit William vermied, und es schien ihr eine günstige Veranlassung, ihm dann und wann ein tête à tête zu verschaffen, wenn sie Clara unter seinem alleinigen Schutze den Besuch des Meier'schen Hauses gestattete. Erfreut durch diese Erlaubniß, die ebenso sehr Williams Liebe für Clara entsprach, als seiner Freundschaft für die Familie Meier, und es sich zuschreibend, die Vorurtheile seiner Tante durch Vernunft besiegt zu haben, warf William sich zum Protector dieses neuen Verhältnisses auf. Er stellte der Commerzienräthin vor, wie es gerade ihr, einer der vornehmsten Damen der Stadt, wohl anstände, ein Beispiel zeitgemäßer Bildung zu geben, indem sie allem Gerede zum Trotz, Jenny und Clara, die sich sehr zusagten, auch ungestört mit einander umgehen lasse. „Sie haben früher den Doktor Meier zu Ihrem Arzte gewählt, liebste Tante“, sagte er schmeichelnd, „und die ganze beau monde ist Ihrem Beispiel gefolgt. Vor Ihrem klaren Verstande können jene Vorurtheile, welche einst die schroffe Trennung zwischen verschiedenen Con- fessionen verursachten, nicht mehr Stich halten. Wenn ich Ihnen nun sage, daß Sie mir den größten Gefallen thun, so oft Sie mir die Cousine anvertrauen, und daß Clara sich vortrefflich bei Meiers unterhält, so darf ich hoffen, Sie he- ben für Clara und Jenny den Grenzcordon auf und geben ihnen völlige Freiheit für ihren Verkehr.“ Die Commerzienräthin that darauf, als ob William's Gründe sie überredet hätten, und wenige Tage, nachdem Reinhard mit Jenny versprochen worden, erhielten Eduard und seine Schwester Einladungen zu einer Gesellschaft im Hause der Commerzienräthin, die aber nur Eduard annahm, weil Jenny sich nicht ent- schließen konnte, ohne den Bräutigam hinzu- gehen. Dem Vater war dies ganz gelegen, da er im Ernste meinte, was er nur scherzend aussprach, er sähe es gern, wenn Leute, die ihm eine Ehre mit ihrer Einladung zu erzei- gen glaubten, lieber über zu viel Zurückhal- tung als zu bereitwilliges Entgegenkommen klagten. In jenen Tagen wurde nun Jenny's Ver- lobung bekannt gemacht und Clara Horn ge- hörte zu Denjenigen, die am meisten davon überrascht wurden. Sie saß im Zimmer ihrer Mutter, als am Neujahrsmorgen ein Diener das Meldungsbillet hineinbrachte. Die Com- merzienräthin gerieth in die beste Laune, nun sie mit Zuversicht wußte, daß sie die einst ge- fürchtete Nebenbuhlerin nicht mehr zu scheuen habe, und reichte das Billet, nachdem sie es ge- lesen, ihrer Tochter, mit der Bemerkung: „Da sieht man deutlich, wie solchen Leuten selbst der Reichthum nichts hilft: ein Candidat der Theologie! Für Dich soll besser gesorgt wer- den, liebes Kind!“ Clara antwortete keine Silbe, denn sie hatte im Uebermaß des Entzückens gar nichts von der Rede ihrer Mutter gehört. Sie hielt das Blatt in den Händen und las mit klopfenden Herzen und einer nie geahneten Wonne wieder und immer wieder die Worte, welche ihr Jenny's Verlobung mit Reinhard verkündeten. Das war ein Lichtstrahl von oben, der urplötzlich die Nacht ihres Kummers erhellte. Jetzt war Alles gut, all ihr hoff- nungsloses Leiden beendet, jeder Zweifel geho- ben. Wenn Jenny sich mit Reinhard ver- lobte, konnte auch der Liebe Eduard's zu ihr kein Hinderniß von seiner Seite im Wege ste- hen; und sie wünschte nur zu erfahren, durch welche Verhältnisse dieser glückliche Wechsel der Ansichten in der Meier'schen Familie hervorge- bracht worden war. Sie bestürmte Hughes mit Fragen; sie wollte wissen, ob der Doctor Meier mit dieser Heirath einverstanden sei, ob die Eltern sie gern sähen; und die Versiche- rung ihres Cousins, daß Alle sehr glücklich und erfreut darüber wären, reifte ihre Hoffnung zu beseligender Ueberzeugung, sodaß sie freude- strahlend Eduard entgegenging, der im Laufe des Tages hinkam, ihnen zum neuen Jahre zu gratuliren. Nichts war nun natürlicher, als daß der Umgang zwischen den beiden jungen Mädchen bald eine Art von Innigkeit gewann, nachdem die ersten Schritte gethan waren. Clara hörte nur zu gern von Eduard erzählen; was er ge- sagt, gewollt, war für sie von dem höchsten Interesse. Alles und Jedes, das in irgend ei- ner Beziehung zu ihm stand, erregte ihre Theilnahme, und sie fühlte sich zu Jenny, dem Lieblinge Eduard's, hingezogen, um so mehr, als sie mit ihr stundenlang von dem Geliebten sprechen konnte, ohne, wie sie wähnte, irgend einen Verdacht zu erregen. Doch darin täuschte sie sich. Jenny, der die leidenschaftliche Liebe Eduard's zu Clara längst außer allem Zweifel war, hatte auch bald in Clara's Seele gele- sen. Ein gleicher Bildungsgrad machte ihr das Beisammensein mit Clara höchst angenehm, sie fand an ihr, was sie an Therese stets ver- mißt hatte, ein Gemüth, das mit ihr in ra- scher Empfänglichkeit sympathisirte, und eine Tiefe des Gefühls, welche Therese nicht in dem Grade besaß, oder mindestens nicht zu äu- ßern vermochte. Solch eine Schwägerin hatte sie sich gewünscht, und auch ihr war es nur zu natürlich, daß Eduard kein Opfer scheuen werde, um Clara zu besitzen. Diese ihrerseits kam Jenny mit der zartesten, eifrigsten Auf- merksamkeit entgegen, weil sie wußte, welche Freude sie dem Geliebten damit bereite. Bald aber wurde ihr Jenny um ihrer selbst willen theuer; es entzückte sie, bei einem Mädchen so viel Klarheit der Ideen, so viel Charakter zu finden, und es wurde Beiden zu einer süßen Gewohnheit, zu einem Bedürfniß, sich häufig zu sehen. In ungetrübter Freude waren so einige Wochen verflossen, als Hughes eines Abends verstört in die Stube seiner Tante trat, und indem er ihr einen Brief reichte, die Worte ausrief: „Mein Vater stirbt, und ich muß fort.“ Die Commerzienräthin erschrak, so sehr als die kaltblütige Frau es vermochte. Denn so unangenehm ihr auch die plötzliche Entfernung William's erschien, so leuchtete ihr doch der materielle Vortheil ein, der für den Sohn ent- stände, wenn er schon jetzt in den Besitz der väterlichen Schätze käme. Sie versäumte nicht, in wohlgewählten Worten ihr tiefes Bedauern über das Unglück auszudrücken, das ihrer Schwester drohe; sie brachte es selbst bis zu Thränen bei dem Gedanken an William's Ab- reise, und dieser, aufgeregt durch die entsetz- liche Nachricht, die ihn bis in das innerste Herz getroffen, ließ sich von der künstlichen Theilnahme der schlauen Frau täuschen. Er mußte Jemanden finden, dem er seine Gefühle enthüllte, und Clara, vor der er es am lieb- sten gethan, war seit einigen Stunden bei Jenny. Er fragte nach ihr, er wolle und müsse Abschied von ihr nehmen. „Beruhige Dich, lieber William“, sagte die Commerzienräthin, „ich lasse sie sogleich holen, und sie soll den Rest des Abends mit Dir verbringen. Sie wird außer sich sein.“ Sie schellte und befahl dem eintretenden Diener, anspannen zu lassen und das Fräu- lein zu holen, weil Herr Hughes morgen verreise. „Morgen? Tante! ehe ich kam, waren die Pferde bestellt, mein Diener bereitet mein Gepäck, und mit bebender Angst harre ich auf den Ton des Posthorns. Ich reise gleich; je- der Augenblick, den ich zögere, kann mich um den Trost bringen, meinen Vater noch zu sehen, noch ein Wort von seinem Munde zu hören — nur in der höchsten Eile ist Hoffnung!“ Das lag außer der Erwartung der Tante: sie klingelte nochmals und der Diener erhielt geschärfte Befehle. Er sollte dem Fräulein sa- gen, Herr Hughes reise gleich, weil sein Va- ter zum Tode erkrankt sei. Um Gottes willen, das nicht! rief Hughes in großmüthiger Vorsorge; lieber reise ich, ohne sie zu sehen, ehe so furchtbarer Schreck sie un- vorbereitet treffe.“ Ein Wink entfernte den Diener, und die Commerzienräthin ging unruhig im Zimmer umher, jeden Augenblick am Fenster spähend, ob der Wagen das Portal nicht schon ver- lasse? Auch Hughes war in qualvoller Span- nung. Dann, als das Rollen der Räder auf den Steinen hörbar wurde, schien es ihm Hoffnung zu bringen. Ein ängstliches Schwei- gen herrschte im Zimmer, Tante und Neffe hingen mit gespanntem Auge an dem Zeiger I. 13 der Uhr, der sich ruhig und langsam von Se- kunde zu Sekunde fortbewegte, während ihr Ohr ebenso ängstlich auf jeden Ton lauschte, der von der Straße heraufschallte. „Ich begreife nicht, wo Clara bleibt“, sagte nach einer Weile peinlicher Erwartung die Commerzienräthin. „Die Zeit vergeht, die Zeit vergeht, und mein Vater stirbt!“ fiel William, der nur den Einen Gedanken hatte, ihr tonlos ins Wort. „Denken Sie, Tante, jede Minute Aufschub kann mir die Möglichkeit rauben, den Vater zu sehen, den ich mehr als Alles liebe, und trennt mich von Clara, ohne daß ich sie gesprochen, ohne daß sie weiß, wie ich sie anbete!“ — Ermüdet von innerer Erregung warf sich der junge Mann in einen Stuhl. Da athmete die Commerzienräthin tief auf, ein siegreiches Lächeln glitt einen Augenblick über ihre Züge — sie war am Ziele! aber schnell besonnen, trat sie mit dem Ausdruck inniger Theilnahme zu William, legte ihre Hand auf sein Haupt und sagte beruhigend: „Möchte Dir so sicher das Leben Deines Vaters erhalten werden, als Clara's Liebe und ihre Hand, die ich Dir von je bestimmt.“ — „Wer sagt Ihnen, Tante!“ rief der Jüng- ling — da schmetterte fröhlich und laut das Posthorn. William sprang erbleichend auf und seufzte, indem er sich gewaltsam zusammen- nahm. „Leben Sie wohl, Tante, mag Clara mein gedenken.“ „Gehe mein Sohn“, erwiderte mit Feier- lichkeit die Dame, „und kehre uns bald und glücklich zurück. Für Clara's Herz bürgt Dir ihre Liebe, für ihre Hand, ich; und sollte es Gott gefallen, Dir den Vater zu rauben, so findest Du hier einen Vater wieder, der den 13* Gatten seiner Tochter mit offenen Armen em- pfangen wird.“ Hughes umarmte sie zärtlich und eilte hin- aus; dann kehrte er zurück, zog einen Ring von seinem Finger, reichte ihn der Tante mit den Worten: „Für Clara! o grüßen Sie sie, und sie soll mein gedenken“, — und verschwand zum zweiten Male. Und wieder erklang das Schmettern des Posthorns; die Commerzienräthin trat wieder an das Fenster und sah dem Wagen nach, bis einige Minuten später ihre Equipage sichtbar wurde und Clara bald darauf bei ihrer Mut- ter erschien. Trotz William's Verbot hatte sie durch den Diener die traurige Nachricht er- fahren und war so bewegt, daß ihre Mutter die Worte „Wo ist William?“ die Clara mit fliegender Eile aussprach, nur zu leicht für ein Zeichen der Liebe nehmen konnte. Deshalb hielt sie es für angemessen, die Rolle, welche sie bei Hughes mit so vielem Glück gespielt, auch bei Clara fortzusetzen. Sie umarmte ihre Toch- ter mehrmals, küßte sie zärtlich und sagte: „Beruhige Dich, mein Kind! Du siehst ihn wieder. Wenn Du wüßtest, wie er Dich mit brechendem Herzen verließ! Sein Schmerz war so grenzenlos, daß ich, Deine Mutter, zur Vertrauten seiner Liebe werden mußte. Er sendet Dir diesen Ring und ich habe ihm statt Deiner versprochen, daß er bei Dir Trost finden würde, falls es Gott gefalle, ihm seinen Vater zu nehmen.“ Das hatte Clara nicht erwartet. Nach ihrer Meinung mußte gerade Hughes Derjenige sein, der ihre Liebe für Eduard kannte, denn gegen ihn allein hatte sie sich stets offen über die Bewunderung und das Interesse ausgespro- chen, das sie für jenen hegte. Sie hatte in der Bereitwilligkeit ihres Cousins, ihre Be- kanntschaft mit Jenny einzuleiten und ihren nähern Umgang zu befördern, eine Billigung ihrer Gefühle gesehen und sich dankbar dafür mit einer Zärtlichkeit an William angeschlossen, die ihr Bruder ihr einzuflößen niemals weder gestrebt, noch vermocht. Sie begriff es nicht, wie der Vetter dies Wohlwollen für Liebe nehmen könne, da sie wußte, wie himmelweit es von dem Gefühle verschieden sei, das sie für Eduard empfand; und doch quälte sie der Gedanke, William, der vertrauende, großmü- thige Mann, könne sie unwürdiger Koketterie, eines leichtsinnigen Spiels mit seinem Herzen be- schuldigen. Es that ihr unaussprechlich leid, daß sie ihn, wenn auch ganz absichtslos, getäuscht, und sie bedauerte von Herzen, ihn nicht mehr gesprochen zu haben, um es zu verhindern, daß er Hoffnungen nähre, die sie unmöglich erfüllen könne. Aber nicht Das allein war es, was sie beunruhigte. Sie wußte, daß ihre Mutter, nun sie endlich das Gelingen ihres Planes erreicht, nicht so leicht davon abgehen würde, am wenigsten zu Eduard's Gunsten. Mitleid mit William, mit Eduard und sich selbst; Furcht vor den Leiden, denen sie noth- wendig durch ihre Liebe ausgesetzt war; und auch aufrichtige Betrübniß, dem Wunsche ihrer Eltern nicht folgen zu können, stürmten zu- sammen auf sie ein, und weinend legte sie William's Ring von sich, den die Commerzien- räthin ihr aufgezogen hatte. „Recht so, liebe Tochter!“ sagte die alte Dame, als sie es bemerkte, „auch ich finde es schicklicher, daß die Braut sich mit dem Ring ihres Verlobten erst dann schmücke, wenn er selbst ihn an ihre Hand steckt. Doch weine deshalb nicht. In wenigen Wochen kehrt Wil- liam hoffentlich zurück, und die ganze Stadt soll es dann wissen, wie glücklich Du bist und wie glücklich Du mich durch die Erfüllung meiner langgehegten Wünsche machst! Ich hatte nicht unrecht, mein Töchterchen, zu behaup- ten, daß Dir ein anderes Loos werden solle, als der kleinen Jenny!“ fügte sie triumphi- rend hinzu, indem sie Clara nochmals umarmte und sie dann verließ. „Was soll ich thun?“ rief Clara, als sie sich allein sah. Tausend Plane und Möglich- keiten fielen ihr zugleich ein: Sie wollte ihrer Mutter nacheilen und ihr Alles bekennen; aber wozu sollte das führen, da ihre Mutter gerade die Heirath mit William wünschte und sich ihrer Liebe zu Eduard entschieden widersez- zen würde? Sich dem Vater anvertrauen? Das würde die Mutter für eine Kränkung ih- rer Rechte halten und doppelt erzürnt sein! Dann wollte sie William schreiben und sich seiner Großmuth überlassen; als sie indeß be- dachte, wie ihr Brief den Sohn trauernd an der Leiche seines Vaters finden könne, fehlte ihr der Muth, seinen Schmerz noch zu erhöhen durch das Geständniß, sie könne ihn nicht lie- ben. Rathlos sann sie lange hin und her, bis die glückliche Schnellkraft der Jugend sie plötz- lich das Ereigniß in besserem Lichte erblicken ließ. Sie fing an zu hoffen, die Krankheit ihres Onkels werde so gefährlich nicht sein; William müsse ihn gewiß auf dem Wege der Genesung finden; und es machte sie glück- lich, zu denken, Eduard werde ohne Zweifel William's Abwesenheit benutzen, sich gegen sie zu erklären. Dann, wenn es unwiderruflich sei, werde ihr Cousin es auch viel leichter tra- gen, besonders wenn Entfernung und die Freude, seinen Vater wiederzusehen, ihm zu Hülfe kämen. Als aber ihre Seele erst diese Richtung gefunden, waren bald alle Sorgen vergessen, so sehr, daß sie es sich vorwarf, nicht trauriger über ein Ereigniß zu sein, von dem ihr Vetter so tief ergriffen sein mußte. 13** Ein Bote von Jenny, der abgesandt war, zu fragen, was Clara's plötzliche Nachhause- berufung veranlaßt, erhielt schon ein ganz fröh- liches Billet zum Bescheide, mit den nöthigen Erklärungen und der Bitte, Jenny möge sie morgen recht zeitig besuchen. Zwei Dinge waren es besonders, die seit einigen Wochen Reinhard beschäftigtend: die baldige Erlangung einer Stelle für sich und Jenny's Uebertritt zum Christenthume, zu dem ein würdiger Geistlicher sie vorbereitete. Mit freudiger Aufregung hatte Jenny dem ersten Besuche des Pastors entgegengesehen; es drängte sie, sich mit ihm über manches Bedenken aus- zusprechen, das sich in ihr gegen die neue Lehre erhob und dessen sie gegen Reinhard den kostbarsten Samen gestreut: wie würde man es ängstlich hüten, damit es keinen Scha- den nähme, es vor jedem Flecken bewahren, je- des Stäubchen davon entfernen, wenn man wüßte, daß nur in vollkommen reiner Schale die heilige Saat gedeihen könne! Solch ein Gefäß bist Du, und nur, wenn Du rein bist von bösen Gedanken, kann sich die Gott- heit in Dir entfalten.“ Jenny mochte es den Mienen ihres Zuhö- rers ansehen, daß er diese Auffassung nicht ganz billige, doch ließ sie sich dadurch nicht irre machen, sondern fuhr ruhig fort: „Dieses Gleichniß erfreute mich, und — ich war da- mals noch ein Kind, Herr Pastor! — ich fragte, ob nicht endlich, wenn die Saat zu einem mächtigen Baume geworden, dieser das kleine Gefäß zersprenge und sich frei mache, um frei die kühnen Wipfel zu dem blauen Himmel zu erheben, von dem das Saamen- korn einst herabgekommen? Ja! sagte mein Vater, und dies Freiwerden nennt man Sterben!“ „Eine artige Allegorie“, unterbrach sie der Pfarrer jetzt, „aber das will Christus nicht. Wir sollen nicht spielen mit Dem, was das Heiligste ist; wir sollen es mit Ernst erfassen, mit jenem Ernste, der Christus am Kreuze sterben machte für uns.“ „Das sagt auch Reinhard“, stimmte Jenny bei. „Ich soll das Leben mit Ernst betrachten, und ich selbst fühle das Bedürfniß, seit ich Reinhard kenne und empfunden habe, daß es auch dunkle Stunden in unserm Dasein gibt. Glauben Sie mir, wenn ich an die Möglich- keit dachte, von Reinhard, dem ich so unauf- löslich gehöre, für das ganze Leben getrennt zu sein, dann reichte der fröhliche Glaube mei- ner Jugend nicht aus. Ich verlangte darnach, einen Ersatz zu finden, der mich schadlos halte für das Leiden auf dieser Welt; und ich wünschte besonders, daß es mir möglich wäre, die heiligsten Interessen des Menschen auf die- selbe Art aufzufassen, wie mein Bräutigam. Mit Einem Worte, ich möchte Gott erkennen und das Leben begreifen, wie Christus es lehrt, ich möchte Christin werden, dem Herzen nach. — Lehren Sie mich das, sagte sie, und ich werde es Ihnen ewig denken!“ Der alte Mann gab ihr die Hand und sah sie lange an, ohne zu sprechen. Er er- kannte in Jenny einen ungewöhnlich gebildeten Geist, der dabei seine ursprüngliche Kindlichkeit behalten hatte und in dem sich das Streben nach Klarheit auf sonderbare Weise mit einem poeti- schen Gemüthe vereinte. In Folge dessen liebte Jenny es, Gedanken, die sie sich nicht ganz deut- lich zu machen wußte, in einen duftigen poe- tischen Schleier zu hüllen, als ob sie sie da- durch vor der entweihenden Berührung des Zweifels behüten könne. Dem Pastor wurde diese Richtung gleich in dieser ersten Unterre- dung klar. Er errieth, daß kein inneres Be- dürfniß, sondern nur Liebe zu Reinhard das Motiv sei, welches sie dem Christenthume ent- gegenführe, und er tadelte sie deshalb nicht. Ein langes Leben hatte ihn zu der Ueberzeu- gung gebracht, die er in früher Jugend mit orthodoxer Strenge bekämpft, daß man Christ sein könne ohne den Glauben an die christli- chen Dogmen, und er war, einmal zu dieser Erkenntniß gelangt, ernstlich mit sich zu Rathe gegangen, ob diese Ansicht ihn nicht zwinge, sein Amt niederzulegen. Mit dem gewissen- haftesten Eifer hatte er die Lehre Jesu und sich selbst geprüft und sich dadurch in der Ueber- zeugung befestigt, daß Liebe und Duldung nebst fortschreitender geistiger Entwickelung die Grundzüge des Christenthums und besonders des Protestantismus ausmachten. In diesem Sinne hatte er sein Amt behalten und verwal- tet. Er hatte von ganzem Herzen darnach ge- trachtet, unter seiner Gemeinde die Lehre Jesu in ihrer moralischen Reinheit zu verbreiten, und auch die Form heilig geehrt, in der diese Lehre uns übergeben, ohne jedoch Diejenigen fana- tisch zu verdammen, die sich ausschließlich an den Geist hielten. Diese bekannte Gesinnung hatte Herrn Meier bewogen, ihn zu Jenny's Lehrer zu wählen, womit Reinhard, nur auf Zureden seiner Mutter, sich einverstanden er- klärte. Der Unterricht begann und der Pastor mußte natürlich sein erstes Augenmerk gegen die pantheistische Weltanschauung richten, in der Jenny, ohne es zu ahnen, erwachsen, und in welcher die dichterische, gewissermaßen heid- nische Vorstellung der Gottheit ihr lieb gewor- den war. Es erfreute sie, Gott zu sehen in Allem, was sie umgab, und obgleich sie sich zu der reinen Anschauung Gottes im Geiste zu erheben vermochte, hatte sie oft die heitere Zeit des griechischen Alterthums zurückgewünscht, in der es den Menschen möglich war, sich die Gottheit als unter ihnen wandelnd zu denken. Viel leichter als mit Reinhard konnte sie sich mit ihrem jetzigen Lehrer verständigen; und es gewährte ihr in der ersten Zeit eine unbeschreib- liche innere Freudigkeit, zu sehen, daß sich ihr Verstand mit Ueberzeugung den Lehren an- schließen könne, die man ihr bot; doch bald sollte es anders werden. Hatte sie sich geistig spielend an den Göttern der Vorzeit erfreut, so widerstrebte der Gedanke an die Mensch- werdung Gottes, nun sie ihn als Bekenntniß annehmen sollte, ihrem Verstande. Die Er- lösung, Genugthuung und Versöhnung durch Christus kamen ihr wie grobe, sinnliche Be- griffe vor, die weder auf einen Geist, noch auf das Verhältniß eines Vaters zu seinen Kindern Anwendung finden konnten, und die Dreieinig- keit erschien ihr unerfaßbar. Mit aller Kraft ihres Geistes hörte sie den Vorträgen ihres Lehrers zu; sie wollte sich aus Liebe um jeden Preis überzeugen; glauben, was Millionen Menschen, die es kaum so eifrig ge- sucht wie sie, zur beseligenden Gewißheit, zur Stärkung in Roth und Tod geworden war. Warum sollte gerade ihr das unerreichbar bleiben? Warum gerade ihr, die ihn so eifrig erstrebte, der Glaube versagt sein? Eine quälende Unruhe bemächtigte sich ihrer. Geistig unaufhörlich mit der Lösung ihrer Zweifel be- schäftigt, auf der ihr ganzes Glück beruhte, erschien sie dem Geliebten zerstreut und theil- nahmlos, und er drang in sie, ihm den Grund ihrer Verstimmung zu entdecken. Das aber vermochte Jenny aus leicht begreiflichen Grün- den nicht. Sie schützte körperliches Unwohlsein, Sorge um Eduard, den offenbar ein tiefer Schmerz drückte, und tausend andere Veranlas- sungen vor, und versuchte durch eine erzwun- gene Heiterkeit Reinhard zu beruhigen, der die- sen plötzlichen Wechsel der Stimmung wieder einer kindischen Laune zuschrieb und sich mis- billigend darüber äußerte. Dazu kam, daß er, so oft sie allein beisammen waren, sich bei Jenny nach dem Fortgange des Religionsun- terrichts erkundigte; daß er zu wissen begehrte, was sie gehört und wie sie es aufgenommen. Und doch war es grade Das, was sie zu ver- meiden wünschte. Deshalb suchte sie es so ein- zurichten, daß Reinhard in den Stunden, die die er gewöhnlich bei ihr zubrachte, bald The- rese, bald Clara als Dritte fand; und mit Scherzen mancher Art machte sie jeder ernstern Unterhaltung ein Ende, aus Besorgniß, diese könne eine Richtung nehmen, die sie zu scheuen Ursache hatte. Wie natürlich setzte ein solches Betragen Reinhard in Verwunderung. Er konnte sich diese Leichtfertigkeit nicht erklären, um so weniger, als seine Braut früher mit besonderer Vorliebe sich ernsthafter Unterhal- tungen mit ihm zu erfreuen geschienen, und, um dies ungestört zu genießen, jede Gelegen- heit benutzt hatte, die Anwesenheit dritter Per- sonen zu verhindern. Auch zur Pfarrerin kam sie seltener oder zu Zeiten, wenn sie ihren Bräutigam außer dem Hause beschäftigt wußte, was diesen um so rücksichtsloser dünkte, als die Abreise der Pfarrerin in wenigen Tagen be- vorstand und ihm dann die Möglichkeit jener traulich süßen Stunden bei seiner Mutter für lange genommen war. Jenny schmerzte die Unzufriedenheit Rein- hard's; doch tröstete sie sich über den Kummer, den sie ihm und dadurch sich selbst bereitete, mit der Hoffnung, daß es ihr endlich doch ge- lingen müsse, das Christenthum zu erfassen, und daß Reinhard erst dann erfahren soll, wie schwere Stunden sie durchkämpft, wie wacker sie gerungen habe. In dieser Zeit begab sie sich eines Tages zur gewohnten Stunde in die Wohnung des Pastors, der heute mit ihr das Kapitel von der Dreieinigkeit verhandeln sollte. Nach einer einfachen Einleitung sagte er ihr, die ersten christlichen Philosophen, welche über die Drei- faltigkeit gedacht, erklärten sie ungefähr so: Gott war, aber außer ihm Nichts. Gott dachte sein Bild; und da das Denken und Entstehen bei Gott Eins ist, so war dies Bild Gottes vorhanden, ohne selbständiges Wesen zu sein, denn es besteht nur in Gott. Dieses Wesen, für das die deutsche Sprache kein Wort hat, heißt in dem Urtext der Bibel Logos und ist in dem Menschen Jesus Mensch geworden, als die geistigen Offenbarung ge- würdigt wurden. Darum nennt sich Christus den Erstgebornen. Das Band nun zwischen diesem Gedanken Gottes und Gott ist der hei- lige Geist. Man kann also Gott allein, ohne Jesus und den heiligen Geist denken, nicht aber die letztern ohne Gott — denn nur in ihm sind sie.“ — Als Jenny diese Erklärung vernommen, rief sie freudig: „O! Sie geben mir das Le- ben wieder, indem sie mir sagen, ich dürfe Gott denken, ohne Christus und den heiligen Geist! Das ist mein lieber Gott, den man mich von Kindheit an gelehrt, der uns Alle beschützt. So vermag ich zu glauben.“ „Nein, meine liebe Tochter!“ wandte der Greis ein, erstaunt über die willkürliche Aus- legung, welche Jenny seinen Worten gegeben. „Nein, Sie täuschen sich selbst! Ich habe Ihnen gesagt, daß wir Gott allein zu denken vermögen, aber es konnte unmöglich meine Ab- sicht sein, Ihnen den Glauben an die Dreifal- I. 14 tigkeit Gottes preiszugeben, den unsere Re- ligion lehrt“ „Das begehre ich auch nicht,“ sagte Jenny, noch immer in freudiger Aufregung. „Ich weiß, Gott ist — und er sandte Christus, der mehr als wir, mehr als Mensch, aber doch nicht dem Schöpfer gleich war, zu uns, um uns zu belehren; und wenn ich an Gott glaube, und zu ihm und Christus bete, und ihnen ver- traue, dann wird mir der Beistand des heiligen Geistes nicht entgehen.“ — Der Pfarrer schüt- telte bedenklich das Haupt und sprach ernst: „Es mag Ihnen leichter werden, sich in diese Vorstellung hineinzudenken, als an die Verkör- perung, das Menschwerden eines rein geistigen Wesens zu glauben. Und doch ist Ihre Ansicht verwerflich; denn sie ist das erste Hinneigen zur Vielgötterei. Christus ist nach ihr ein Halbgott, und es werden zwei Wesen der Ver- ehrung hingestellt, während die christliche Re- ligion nur Ein Urbild kennt, den Schöpfer, von dem Christus und der heilige Geist nicht zu trennen sind, denn er ist der dreieinige Gott!“ Das konnte Jenny zwar denken, aber sie vermochte nicht, es als eine Wahrheit einzu- sehen, die eben als Wahrheit Glauben gebiete. Sie begriff die Nothwendigkeit dieses Glau- bens nicht. Es ist hier nicht der Ort, noch kann es unsere Absicht sein, eine Abhandlung über die erhabene Religion unsers Heilandes zu geben, sondern es kommt nur darauf an, die Wir- kung derselben in dem Gemüthe eines jungen Mädchens darzuthun, das nicht von Jugend an in dem Glauben an diese heiligen Symbole erzogen war; und den Einfluß zu erzählen, den der Unterricht im Christenthum auf sie und ihr Schicksal ausübte. Deshalb dürfen wir die mehrstündige Unterhaltung des Pfarrers 14* mit Jenny übergehen und nur bemerken, daß nach manchem vergeblichen Versuche, ihr ein Bild von der Dreieinigkeit zu geben, welches sie befriedigte, der Pfarrer ihr sagte: „So fassen Sie es als ein Symbol auf, an das zu glauben Gott uns befohlen hat durch Christus!“ Das brachte Jenny aufs Neue mitten in ihre alten Kämpfe hinein. Sie hatte versprochen, nach dem Unterricht zu Reinhard's Mutter zu kommen und ging, da Reinhard sie damit neckte, wenn sie sich stets der Equipage bediente, langsam und sin- nend der fernen Gegend zu, in der die Pfar- rerin wohnte. Immer und immer wieder dachte sie an das Gehörte. Wenn sie sich die Gott- heit unverändert und ungetheilt stark, in Gott, in Christus und dem heiligen Geist dachte, so waren entweder Christus und der heilige Geist Eigenschaften Gottes, was der Pastor so nicht gedeutet haben wollte, oder sie waren Ausströ- mungen, Strahlen Gottes: und diese Deutung näherte sich in gewisser Art dem Pantheismus, vor dem der Pfarrer und Reinhard sie oft und ernst gewarnt hatten, der zu Hochmuth und Selbstanbetung führen sollte, da man nur zu geneigt wäre, den Gott in sich anzubeten und darüber den einzig wahren Gott zu vergessen. Vergebens rang sie darnach, zu einer klaren Vorstellung zu kommen, es gelang ihr nicht, und immer wieder tönte ihr das furchtbare „glaube“ ins Ohr, auf das man sie verwies und das sie nicht in sich erzwingen konnte. Der Abend fing schon an hereinzubrechen und die Atmosphäre hatte jenen warmen, been- genden Duft, der in unserm Klima den ersten Tagen des beginnenden Frühlings häufig eigen ist und der Seele eine weiche melancholische Stimmung gibt. Jenny, der man früher nie- mals erlaubt, ohne Begleitung eines Dieners die Straße zu betreten, wollte sich, um Rein- hard zu gefallen, gern von Allem entwöhnen, was der Luxus den Reichen zum Bedürfniß macht und hatte zu Hause erklärt, sie werde allein von dem Hause des Pastors zu ihrer künftigen Schwiegermutter gehen. Es war das erste Mal, daß sie den Versuch machen wollte, und als sie nun bei einbrechender Dunkelheit — denn der Unterricht hatte länger als gewöhnlich gedauert — allein durch die Straßen ging , überkam sie ein Gefühl von Elend, wie sie es nie zuvor empfunden hatte. Sie schämte sich, weil irgend ein Bekannter sie sehen könnte, und wünschte doch sehnlich, Jemandem zu be- gegnen, der sie beschütze, da sie sich fürchtete, unter dem Gewühl der Männer und Frauen, die jetzt um die sechste Stunde von der Arbeit heimkehrten. Wenn die Mutter wüßte, daß der Unterricht so lange gedauert; daß sie nun im Dämmerlichte, in der fernen Vorstadt ganz allein auf der Straße sei, ganz einsam und verlassen, wo Niemand sie kannte, noch fern von Reinhard und so weit von den Ihrigen: wie besorgt würde sie sein! sagte sie sich; und — rief es in ihr — was ist dies Verlassen sein gegen die geistige Vereinsamung, in der ich mich befinde? Durch einen Eid will ich mich in wenigen Wochen lossagen von dem Glauben meiner Väter, den ich begreife und heilig halte, und zu einer Religion übertreten, gegen welche meine Ueberzeugung sich noch im- mer sträubt. Das kann Gott nicht wollen, das wäre Sünde. Aber sich Reinhard ent- decken oder irgend Jemandem, hieße Reinhard verlieren; denn nur als Christin konnte sie die Seine werden, konnte er ihr gehören. Sie er- schien sich ärmer als der Aermste jener Hun- derte, die in Lumpen gehüllt, aber gewiß ru- hig im Geiste neben ihr herschritten. Was hatte sie verbrochen, um so schwer geprüft zu werden? Die sorglose Freudigkeit, mit der sie an Gott gedacht und das Rechte gethan, hatte ihr Reinhard geraubt und sie auf Lehren ge- wiesen, die ihr bis jetzt nicht die geringste Be- ruhigung boten und sie den qualvollsten innern Kämpfen preisgaben. Vater und Mutter sollte sie verlassen, sich von dem Bruder, von allen Freunden trennen. Sie sollte Reinhard folgen nach einem Orte, den sie nicht kannte, und der, vielleicht fern von der Heimat, öde und traurig sein würde. Sie dachte an ihr helles, sonniges Zimmer, an das Treibhaus, an all jenen Comfort des Lebens, den sie nie hochgeschätzt, weil sie nicht gefürchtet, ihn je- mals entbehren zu müssen. Auch wäre das gar nicht nöthig, wenn Reinhard nicht so wunderlich wäre, dachte sie weiter. Warum sollte sie nicht alle diese kleinen Bequemlichkei- ten auch in ihrem Hause haben können, da ihr Vater nur zu glücklich sein würde, ihr Alles zu gewähren? Aber Das gerade wünschte Reinhard nicht. Das erlaubte sein Stolz ihm nicht, den er ihr nicht zum Opfer bringen wollte, während sie Alles opfern mußte: Hei- mat, Eltern, Freunde und ihre Ueberzeugung, und es so gern, so bereitwillig that, um des Geliebten willen. Ertrug sie doch jetzt eben Furcht und Bangigkeit aus Liebe zu ihm! Wie ernst strebte sie, den Gedanken der Drei- einigkeit zu fassen um seinetwillen! Denn sie selbst konnte glücklich sein auch ohne diese Er- kenntniß — aber ohne Reinhard nicht. Je dunkler es wurde, um so mehr beschleu- 14** nigte sie den Anfangs so langsamen Schritt, und langte in höchster Aufregung und in der verzagtesten Stimmung von der Welt endlich fast athemlos bei der Pfarrerin an. Diese kam ihr freundlich entgegen und fuhr erschreckt zurück, als sie Jenny den Hut abnahm und ihr verstörtes, bleiches Gesicht erblickte. Die feuchte Abendluft hatte ihr Haar durchnäßt, das ungelockt über ihre Stirn fiel und sie noch bleicher erscheinen ließ, als sie ohnehin war. Große Thränen fielen aus ihren Augen. „Um Gottes willen, mein geliebtes Kind!“ rief die Matrone, und zog Jenny ängstlich zum Sopha, vor dem auf einem Tische die kleine Lampe brannte, „was ist Dir begegnet? wo kommst Du her? So rede doch nur, sage doch nur“, bat sie dringend, als Jenny noch immer kein Wort zu sprechen vermochte, „was ist Dir begegnet?“ Weinend erzählte Jenny, wie sie Reinhard zu Liebe habe ohne Diener gehen wollen, wie sie der Abend überrascht und sie eine entsetz- liche Angst ausgestanden habe. Die Pfarrerin suchte sie freundlich zu beruhigen und redete ihr zu, künftig Versuche der Art zu unterlas- sen. Sie selbst wollte ihrem Sohne sagen, daß er auch im Scherze nicht solche Anforde- rungen machen und Dinge verlangen dürfe, an die seine Braut weder gewöhnt sei, noch sich zu gewöhnen nöthig habe. Dann schob sie die Lampe in die Höhe, nöthigte Jenny, sich zu ihr auf das Sopha zu setzen, stellte das Theegeräth zurecht und fing, um sie zu zer- streuen an, ihr scherzend vorzuhalten, wie es gar nicht lange dauern würde, bis Jenny im eigenen Hause ebenso hausmütterlich schalten könne. „Dann brauchst Du, armes Kind“, sagte sie, „nicht mehr so spät allein in Reli- gionsstunden zu gehen, und kannst dem Gustav, der Dich zu dieser unzeitigen Promenade ver- anlaßt, und der eben nach Hause kommt, als wackere Hausfrau die Furcht gelegentlich vergelten, die Du heute unnöthig ausgestan- den hast.“ Wirklich trat, noch während sie sprach, Gustav herein und fragte ängstlich, als er von dem plötzlichen Lichtwechsel geblendet, Jenny hinter der Lampe nicht gleich sah: „Ist Jenny noch nicht hier? Da gab die Pfarrerin ihr ein Zeichen, sich einen Augenblick zu verstecken, und Reinhard fuhr fort: „Ich bin ihr bis zum Hause des Pastors entgegengegangen, als es dunkelte und ich sie noch nicht hier sah, weil sie heute zu Fuß und allein herkommen wollte. Dort ist sie lange fort, und —“ „Hier ist sie!“ sagte die Pfarrerin lächelnd, und sah mit Wohlgefallen, wie die Beiden sich entgegenflogen und der Freude kein Ende wer- den wollte. Dann aber verwies sie dem Sohne ernstlich, mit Jenny solche Experimente zu wa- gen. Sie schilderte ihm den Zustand, in dem das arme Kind bei ihr angelangt war, und den Jenny jetzt selbst bespöttelte, als sie in Gustav's Nähe daran dachte. Gustav versprach, künftig viel vernünftiger zu werden, keine Kunststücke, wie die Mutter sie nannte, von Jenny zu verlangen, und küßte hundertmal die schönen Augen, welche er wei- nen gemacht. „Es will mir nur immer nicht in den Kopf“, sagte er dann neckend, „daß Ihr jun- gen Damen so gar verwöhnt seid. Haben doch selbst die Engel auf Erden gewandelt , warum solltest Du, mein Engel, es nicht auch können?“ „Ja! das war damals, als noch Wunder geschahen“, scherzte die Pfarrerin, „und so ein Engel sich aufschwingen konnte, wenn ihn das Irdische zu rauh berührte, das ist nun leider vorüber.“ „Sage, Gott sei Dank! mein Mütter- chen!“ rief Jenny, „mich quälen schon die alten Wunder so ungemein, daß ich wirklich genug an ihnen habe und keine neuen begehre.“ Kaum aber hatte sie es gesagt, als sie es be- reute, weil Reinhard sie fragte, ob denn der Pastor heute von den Wundern mit ihr ge- sprochen und wovon überhaupt die Rede ge- wesen sei? Nun war das Gespräch, das sie gefürchtet, kaum zu vermeiden und sie er- zählte ruhig Alles, was der Pastor ihr über den Gegenstand gesagt hatte, ohne den Ein- druck zu berühren, den es ihr gemacht. Dann, als Reinhard zu wissen verlangte, ob ihr denn nun die Idee der Dreieinigkeit einleuchtend ge- worden, ob sie nun erfaßt hätte, was ihr frü- her unbegreiflich gewesen sei? sagte sie: „Nun Eine Dreieinigkeit habe ich immer erkannt, die vielleicht wieder Andern unverständlich oder we- nigstens nicht so in sich und durch sich be- dingt scheint, als mir. Er ist die Dreieinig- keit der Kunst! Diese ist mir von jeher ein- leuchtend gewesen, so sehr, daß ich Poesie, Musik und bildende Kunst gar nicht von ein- ander im Innersten der Seele zu trennen ver- mag; daß ich sie wie Eines immer zusammen empfinden und die Anschauung oder der Ge- nuß Einer dieser Künste mir gleich, wie zur Ergänzung, das Bedürfniß nach der andern hervorruft. Mir wird jede Musik Gedicht — jedes Gedicht zum Bilde. Hier ist mir, ob- gleich ich jede Kunst als selbständig in sich er- kenne, doch eine unauflösliche Einheit denkbar: und so kann man nicht sagen, daß ich bis jetzt den Begriff der Dreieinigkeit nicht hatte. Gu- stav wandte ein, daß der Vergleich nicht rich- tig sei, und wollte zu seiner eigentlichen Frage zurückkommen. Jenny unterbrach ihn aber ängstlich und sagte mit herzgewinnender Freund- lichkeit: „Und noch eine Dreieinigkeit begreife ich: Du, mein Mütterchen, und Gustav und ich u. s. w. Du, mein Mütterchen, und Gu- stav und ich, wir sind drei und sind doch Eines, so ganz Eines und einig, daß dieser geliebte Gustav auch mit keiner Silbe wider- sprechen darf, wenn seine Jenny es behauptet. Habe ich das recht verstanden?“ fragte sie den Glücklichen, der so vielem Liebreiz nicht zu widerstehen vermochte und sich willig den Plaudereien seiner Braut hingab, ohne an ihre religiöse Erkenntniß zu denken. Wenn er Jenny so vor sich sah in einfach- ster Kleidung, die sie ihm zu Liebe jetzt fast immer trug; wie sie in dem kleinen Stübchen an seiner Seite saß, ihm den Thee bereitend und mit den süßen, klugen Augen freundlich jeden seiner Wünsche erspähend, so ruhig und so begnügt, konnte er es nicht begreifen, wie ihm jemals davor bangen konnte, sie aus dem prächtigen Hause ihres Vaters in beschränktere Verhältnisse zu führen. Er warf es sich vor, ihr Unrecht gethan zu haben; er sah es nun selbst ein und nahm sich vor, ihr bei nächster Gelegenheit den Mangel an Zutrauen zu be- kennen, den er in dieser Beziehung zu ihr ge- habt habe. Er empfand sich auf dem Gipfel des Glückes, denn heute waren Herz und Ver- stand gleich befriedigt durch Jenny; er hatte keinen Wunsch, als daß es stets so bliebe; und auch davon war er überzeugt. Als sie nun so in friedlicher Stille beisam- men waren, klopfte es an die Thür. Rein- hard ging, um zu öffnen, und trat bald darauf mit einem Briefe in der Hand wie- der bei ihnen ein, den er, nachdem er ihn schnell durchlesen, seiner Braut mit den Wor- ten reichte: „Nun endlich, meine Jenny! lies, o, lies nur!“ Doch hinderte er selbst sie daran, indem er mit Entzücken erzählte, wie dieser Brief ihm die Nachricht von dem Entschlusse eines ent- fernten alten Verwandten bringe, zu seinen Gunsten eine Pfarrerstelle, die er bis jetzt be- kleidet, niederlegen zu wollen. Fröhlich, wie ihn die Aussicht machte, überhörte er die Be- merkung der Mutter, daß die Pfarre zu Schönfeld, von der eben die Rede war, in einer gar traurigen Gegend liege und glückli- cherweise entging ihm ebenso Jnny's Erbleichen bei seiner Mittheilung. Heute gerade, wo Reinhard sich zufrieden und mit sich einig fühlte, war Jenny in ent- gegengesetzter Stimmung. Nachdem sie auf dem Wege zur Pfarrerin zum ersten Male an die Entbehrungen gedacht, die sie sich künftig werde auferlegen müssen, erschien ihr Alles, was sie bisher in der Wohnung ihrer Schwiegermutter idyllisch und behaglich gefunden, wie entzau- bert. Die kleine Lampe fand sie düster, die Zimmer eng und beklommen; und in so kleinen Räumen, in solch beschränkten Verhältnissen für immer zu leben, hielt sie für ein Unglück, das selbst durch Reinhard's Liebe nur gemil- dert, nicht aufgehoben werden konnte. Mit gewohnter Freundlichkeit half sie der Pfarrerin bei den Zurüstungen zu dem einfachen Mahle und deckte den kleinen Tisch, wie sie pflegte; aber es machte ihr heute kein Vergnügen, und sie hätte es gern dem Hausmädchen überlassen, wenn sie nicht gewußt hätte, wie sehr sie ihren Bräutigam damit erfreute, der sie während der kleinen Arbeit nicht aus den Augen verlor und mit Blicken der innigsten Liebe jede ihrer Be- wegungen betrachtete. Innerlich konnte sie eine Niedergeschlagenheit nicht besiegen, die sich ih- rer bemächtigt hatte; und obgleich sie mit Freude bemerkte, daß weder ihr Bräutigam, noch dessen Mutter etwas von Dem erriethen, was in ihr vorging, fühlte sie sich erleichtert, als sie gegen die zehnte Stunde das bekannte Rollen ihres Wagens hörte und von der Pfar- rerin Abschied nahm, die sie mit ängstlicher Sorgfalt in den Mantel hüllte und noch ein Tuch hinzufügen wollte, damit sich Jenny nicht erkälte. „Nein, nein, Mütterchen! Ich bedarf all' dessen nicht; ich gehe ja nicht, ich fahre nach Hause!“ sagte sie mit einer Art von Wonne, die ihr selbst sehr komisch vorkam, als sie an Reinhard's Arm die Treppe hinunterging, der sie im Wagen nach Hause begleiten wollte, wo sie die Ihrigen noch beim Thee zu finden und ein Stündchen mit ihnen zusammen zu bleiben hoffte. Nun, als der Diener den Fußtritt her- unterschlug, sie gewandt beim Einsteigen unter- stützte und dann die Thür zumachte; als Rein- hard das Fenster in die Höhe zog und sie an seiner Seite, bequem und warm, dahinflog, drückte sie sich mit einer nie gekannten Wollust in die seidenen Kissen. Ihre ganze geistige Elasticität war wiedergekommen; und vollkom- men erheitert trat sie mit Reinhard, bei ihren Eltern ein, die sie mit einer Freude begrüßten, als ob sie Jahre hindurch das liebe Kind nicht gesehen hätten. Jenny selbst gefiel es un- beschreiblich, viel besser noch als sonst, zu Hause; und es machte ihr besonderes Vergnü- gen, daß sie Eduard und Joseph bei den El- tern fand, und nun, als man sie fragte, wie es ihr ergangen, in possenhafter Art ihre Angst und ihre Abenteuer erzählen konnte. „Und für all die Heldenthaten, die ich heute vollbracht, lieber Vater! bitte ich nur um Eine Belohnung. Du sollst mir zur Hochzeit nicht Perlen, nicht Brillanten schenken; daraus mache ich mir nichts und die möchten auch für eine Frau Pfarrerin nicht passen, welche Andern mit tugendhaftem Beispiele vorangehen soll“, sagte sie, indem sie sich scherzend ein sehr ernst- haftes Ansehen gab, „aber einen guten, ordent- lichen Landauer, liebes Väterchen, den kannst Du mir kaufen!“ „Der möchte leicht ebenso unpassend, als die Brillanten sein!“ wendete Reinhard ein, „und ich zweifle, daß ein Paar gewöhnliche Landpferde solche Carossen ziehen oder zieren würden.“ „Nun, da muß Vater ein Uebriges thun und zwei Pferde zulegen!“ rief Jenny lachend. „Und dann soll der Pfarrer wol in einer Equipage, die den reichsten Edelmann beschämt, durch das Dorf nach der Kirche fahren, um die Verachtung des Irdischen zu predigen?“ fragte Reinhard nicht ohne Spott. „Solch eine Equipage möchte leicht mehr kosten, als meine künftige Pfarre in zwei Jahren einträgt, und würde uns deshalb übel anstehen. Du solltest nur sehen, liebste Jenny, wie meine Amtsbrüder ruhig auf einem Leiterwagen über Land fahren: da würdest Du die Unmöglich- keit einer Staats-Equipage für uns gleich zu- geben.“ „Aber Sie können doch Jenny nicht zu- muthen, auf einem Leiterwagen oder irgend ei- ner andern Karette zu sitzen?“ meinte die Mutter verdrießlich. „Warum nicht?“ sagte Reinhard, gereizt durch den Ton dieser Frage. „Meine Mutter ist Jahrelang so gefahren und es ist ihr vor- trefflich bekommen, obgleich sie es ebenso we- nig gewöhnt war als Jenny! Aus Liebe kann man Viel!“ „Streitet doch nicht um des Kaisers Bart!“ rief Eduard dazwischen, als er sah, wie unangenehm Jenny diese Wendung des Gesprächs sein mußte. „Wenn Gustav eine Pfarre haben wird, mögt Ihr nach dieser Stelle Euren Wagen einrichten und das ist noch weit im Felde!“ „Glücklicherweise!“ murmelte die Mutter für sich, während Reinhard eben zu erzählen anfing, daß er im Gegentheil auf dem Punkte stehe, eine Stelle zu erhalten, die ihm, Alles zusammengerechnet, doch sechs bis siebenhundert Thaler bringen könne, und die nur den Einen Fehler habe, nahe der Grenze zu liegen, in einer wirklich etwas unwirthlichen Gegend; doch hoffe er, nur ein paar Jahre dort zu bleiben, und wolle sie bestimmt annehmen, weil man sie ihm biete. „Und was sagt Jenny dazu?“ fragte der Vater, nun ebenfalls gekränkt durch die rück- sichtslose Art, mit der Reinhard über seine Zukunft entschied, ohne an die Wünsche Jen- ny's oder ihrer Eltern zu denken. „Nun ich muß ja meinem Manne folgen, wie es in der Bibel steht“, sagte Jenny mit einer Stimme, die das Weinen verrieth, ob- gleich der Mund lächelte, „und vielleicht war- ten wir auch noch, bis sich eine Pfarre hier in der Nähe findet.“ „Ich bestimmt nicht!“ fuhr Reinhard auf. „Es gilt die Erreichung meiner beiden Hoff- nungen. Ich stehe an der Schwelle, einen Wirkungskreis und Dich zu erhalten: willst Du Dich mir länger entziehen — gut! ich muß es tragen; aber dann gehe ich allein fort von hier. Selbst meine Liebe soll mich nicht verleiten, meinen Beruf zu versäumen, der mir höher gilt als Alles. Doch will ich Dich nicht zwingen. Kannst Du und willst Du es, Jenny, so bleibe hier, und meine Mutter al- lein wird mir folgen, bis mein Loos sich gün- stiger gestaltet.“ Mit den Worten stand er rasch auf und wollte sich entfernen, aber Jenny hielt ihn in sprachloser Bewegung zurück. Es war der erste wirkliche Streit mit dem Geliebten, auch I. 15 Eduard suchte Reinhard zu besänftigen, wäh- rend die Mutter weinte. Joseph sah bald dü- ster vor sich nieder, bald blickte er verstohlen auf Jenny und trommelte mit den Fingern auf die Tischplatte, wie es seine Art war, wenn ihn etwas unangenehm berührte. Nur der Vater blieb anscheinend ruhig, und sagte: „Zu warten, bis Sie eine bessere Stelle in unserer Gegend haben, Reinhard, dazu würde ich meiner Tochter und Ihnen auch eigentlich rathen; wenn Sie nicht überhaupt besser thä- ten, in der Stadt zu bleiben. Ich wollte schon lange darüber mit Ihnen sprechen, und rechne darauf, daß Sie morgen früh eine Stunde zu mir kommen, damit wir es ohne die Frauen überlegen.“ Reinhard schickte sich an zu antworten, der alte Herr ließ es aber nicht zu. „Das hat Zeit bis morgen, lieber Freund!“ sprach er, „bis morgen können wir Beide das Für und Wider überdenken und verständigen uns dann leicht. Machen Sie jetzt nur ihren Frieden mit Jenny und der Mutter und — ehe Sie über christliche Geduld predigen dür- fen, junger Mann“, fügte er lächelnd hinzu, „werden Sie noch ein gutes Theil Ihrer unge- stümen Heftigkeit ablegen müssen.“ Reinhard war ebenso verstimmt als ver- legen: verstimmt über die Anforderungen, die man an ihn machte, und verlegen über die ungebürliche Heftigkeit, zu welcher er sich hatte hinreißen lassen. Er näherte sich seiner Braut, die ihm ihre Hand entgegenreichte, und fragte, sich zu ihr neigend: „Bist Du böse? sei es nicht!“ Dann sie festhaltend ging er zu Madame Meier, küßte ihr, mit ein paar freundlichen Worten sich entschuldi- gend, die Hand, und empfahl sich den Män- 15* nern. Jenny begleitete ihn, und auch Eduard wollte mitgehen; der Vater aber, der es be- merkte, sagte leise: „Bleibe hier und laß die Beiden allein.“ Tage vergingen und wurden zu Wochen. Das Frühjahr entfaltete sich immer heiterer; man näherte sich dem Ende Aprils und konnte mit neuer Hoffnung auf die schönen Tage des Maimonats blicken. Die Pfarrerin war abge- reist, nicht ohne die Besorgniß, daß es viel- leicht rathsamer gewesen wäre, in der Stadt zu bleiben, da ihr Sohn seit einiger Zeit manche kleine Reibungen mit seinen künftigen Schwiegereltern gehabt hatte, die nur durch ihre und Jenny's Vermittelung so leicht beige- legt worden waren. Herr Meier hatte näm- lich Reinhard bestimmt erklärt, daß er erst dann seine Erlaubniß zur Hochzeit geben werde, wenn Reinhard eine Stelle gefunden, die ihn vollkommen sorgenfrei ernähre, oder wenn er sich dazu verstände, von den Eltern seiner Braut eine Mitgift anzunehmen, hin- reichend, Jenny ein bequemes, häusliches Le- ben zu gewähren, was er bis jetzt abgelehnt hatte. „Ich will nicht“, hatte er ihm den Morgen, an dem er ihn zu sich beschieden, ge- sagt, „daß Jenny ohne allen Grund sich Ent- behrungen auflege; und ebenso wenig, als ich von Ihnen verlangen kann, ihr jene Stellung von Ihrem Gehalte zu verschaffen, ebenso we- nig können Sie von mir fordern, daß ich meine einzige Tochter in einer Hütte wohnen und sich mit ungewohnter Arbeit quälen lasse, wäh- rend ich und wir Alle uns hier im Schooße des Wohllebens befinden. „Wenn nun aber dies Wohlleben mit mei- nem Stande nicht verträglich ist!“ entgegnete Reinhard. „Wenn Sie wüßten, lieber Va- ter!“ fügte er hinzu, „wie sehr ich die Opfer fühle, die Jenny mir bringen muß; wie ent- setzlich sie mich drücken, Sie würden anders über mich urtheilen. Lassen Sie mich offen sein, wie ich es gegen den Vater meiner Braut sein muß. Ich habe mit aller Kraft meines Willens gegen die Liebe gekämpft, die ich für Jenny fühlte, weil ich wußte, daß unsere Wege weit von ein- ander liegen; daß es Thorheit sei, zu wähnen, ich würde ihr jemals eine Existenz bereiten kön- nen, welche dem Leben gleich käme, an das sie gewöhnt ist. Meine Liebe zu Jenny, und mein Vertrauen zu ihr, waren stärker, als alle Ein- wendungen der Vernunft. Ich täuschte mich selbst mit dem Ideale, daß Liebe jede Entbeh- rung nicht nur leicht, sondern unfühlbar mache. Tadeln Sie mich deshalb nicht zu strenge.“ Der Vater drückte ihm die Hand und fragte: „Und jetzt?“ „Jetzt“, antwortete er, „sehe ich, daß die Wirklichkeit auch gegen die tiefsten, heiligsten Gefühle ihr Recht geltend macht. Ich sehe ein, daß Jenny nicht in der Lage leben kann, die meine Einnahme allein möglich macht, und bin sehr unglücklich darüber, mich mit einem Luxus umgeben zu sollen, der andererseits auch für mich nicht paßt.“ „Davon ist nicht die Rede“, sagte der Va- ter begütigend. „Es kann meine Absicht nicht sein, Sie in Verhältnisse zu bringen, die un- passend für ihren Beruf sind. Nur das sollen Sie annehmen, daß ich Jenny eine Mitgift gebe, die Ihrer Einnahme so viel hinzufügt, als nöthig, um sie dem besten Pfarrergehalte im Lande gleich zu machen; und dagegen kön- nen Sie nichts einwenden. Ich achte den Stolz, den Sie in sich zu bekämpfen haben; aber zu sehr ins Ideale müssen Sie sich nicht verlieren. Sie haben mich zu Ihrem Vater angenommen, lassen Sie mich auch Ihren Kö- nig sein, der Ihnen ein Gehalt gibt, wie Ihre Kenntnisse es verdienen.“ Reinhard erkannte mit Achtung das Eh- renwerthe in dem Betragen des alten Man- nes und dankte ihm für die Zartheit, mit welcher er ihn behandelte. Er fühlte, daß er das Anerbieten annehmen müsse, so schwer es ihm auch sei, und erklärte sich bereit dazu. „Sie haben recht, mein theurer Vater“, sagte er, „aber es kostet mich das Opfer mei- nes schönsten Glückes, des seligen Gefühles, Jenny Alles zu sein, Gatte, Ernährer, Freund und Beschützer!“ Da klopfte der Vater ihm auf die Schul- ter und schalt ihn einen Schwärmer, der sich wol noch bessern werde, hatte aber in der That die Besorgniß, daß Dem nicht so sein möchte. Von dieser Stunde an war Reinhard mit sich selbst zerfallen. Er warf es sich vor, sich aus Liebe für seine Braut in die Lage ge- bracht zu haben, Unterstützungen anzunehmen, er, der es gebilligt hatte, daß seine Mutter lange Zeit sich auf das Kümmerlichste beholfen, um dieser verhaßten Abhängigkeit zu entgehen. Nur gegen seine Mutter hatte er sich über seine Unterredung mit Jenny's Vater ausge- gesprochen. Sie hatte dem alten Herrn voll- kommen beigestimmt und ihrem Sohne versi- chert, daß keinem Andern als ihm ein Kum- mer daraus erwachse, mit der Hand eines ge- 15 ** liebten, reichen Mädchens ein angemessenes Jahrgeld anzunehmen, oder wie es hier der Fall wäre, eine Mitgift, die im Verhältniß zu Jenny's einstigem Reichthum durchaus un- bedeutend erschien. Sie machte ihn darauf aufmerksam, wie Jenny trotz dem noch Vieles entbehren würde, woran sie in ihrem väterli- chen Hause gewöhnt worden, und wie sie durch die Freudigkeit, mit welcher sie der Zukunft gedächte, einen sichern Beweis gebe, daß ihr Reinhard's Liebe höher gelte als jener Reich- thum, den nur Reinhard selbst so hoch an- schlage, um sich damit zu quälen. Für einige Tage waren diese Vorstellungen wirksam gewe- sen; dann aber hatte es nur eines Wortes be- durft, das irgend Jemand arglos ausgespro- chen, und das eine andere Deutung zuließ, um ihn aufs Neue mit dem finstersten Un- muth zu erfüllen. Es bewährte sich auch an ihm, daß Niemand uns so tödtlich zu verletzen, so unablässig zu peinigen vermag, als wir uns selbst, weil Niemand so genau die wunde Stelle unserer Seele kennt und sie in jedem Augenblick so tief und sicher zu treffen weiß. Darum sollte man sich vor keinem Feinde so sehr hüten, als vor seinen eigenen Schwächen und Phantasien, mögen sie noch so nahe mit der Tugend verwandt sein! Jedem Feinde tritt man mit Härte, mit aller Macht des Geistes entgegen, und eine Art von Schadenfreude nebst der Lust am Siege sind uns vortreffliche Hülfstruppen gegen den Feind außer uns. Wer hat aber Selbstbeherrschung genug, mit offenen ehrlichen Waffen gegen sich selbst zu kämpfen? Wen freut es, über ein verhätschel- tes Kind des eigenen Wesens zu siegen, das wir doch immer lieben, eben wie ein Vater sein Kind, wenngleich er nicht blind für des- sen Fehler ist? Dennoch hatte sich äußerlich nach jener Un- terredung des Herrn Meier mit Reinhard das gute Vernehmen zwischen allen Theilen wieder hergestellt, und Herr Meier konnte seiner Frau die Versicherung geben, daß für Jenny's Zu- kunft in Bezug auf die gewohnten Annehm- lichkeiten des Lebens nichts zu befürchten sei. Eine andere Angelegenheit aber verursachte dem Vater jetzt immer lebhaftere Besorgniß: Eduard's tiefer Kummer nämlich, den er ver- gebens unter der Maske ruhigen Ernstes zu verbergen strebte und dessen Grund der alte Herr wohl errieth. Nachdem er also mit Reinhard Dasjenige besprochen hatte, was ihm für Jenny's Wohl unerläßlich schien, ließ er Eduard zu sich rufen, der bald darauf bei ihm eintrat. Setze Dich her zu mir, mein Sohn!“ sagte er nach der ersten Begrüßung. Eduard that, wie ihm geheißen, und der Vater fuhr fort: „Ich habe ein ernstes Wort mit Dir zu reden, und glaubte mit Recht erwarten zu dürfen, daß Du mir aus einem Verhältniß kein Ge- heimniß machen würdest, welches Dich so gänz- lich absorbirt. Du kannst nicht leugnen, daß Du Fräulein Horn liebst?“ „Auch möchte ich das nimmer“, fiel Eduard lebhaft ein. „So beantworte mir ehrlich die Eine Frage, wohin soll das führen? Bist Du entschlos- sen, Christ zu werden?“ fragte er weiter, da Eduard schwieg. „Um keinen Preis“, erwiderte Eduard fest, „selbst um Clara's Besitz nicht! Ja, Vater! ich liebe sie, und um sie zu erlan- gen, sie mein zu nennen, soll kein Mittel unversucht bleiben. Ihres Herzens bin ich ge- wiß, obgleich nie ein Wort von Liebe unsere Lippen berührt hat; und nicht aus Mißtrauen schwieg ich gegen Dich, sondern weil an dem Tage, an dem ich Dir Clara als meine Braut vorzustellen hoffte, ich Dir einen doppelten Sieg zu verkünden wünschte.“ „Der wäre?“ fragte der Vater. „In keinem Gesetz des Landes ist die Ehe zwischen Christen und Juden verboten, obgleich sie nicht gebräuchlich bei uns ist; und ich habe um die Erlaubniß dazu nachgesucht, mich dar- auf stützend, daß in Dänemark und Holland diese Verbindung stattfindet, die ebenfalls streng protestantische Länder sind. Wenn es mir nun gelungen, Vater, diese Erlaubniß zu erlangen; wenn ich, indem ich mir die Geliebte ge- wonnen, zugleich einen Schritt vorwärts ge- gen das Ziel gemacht hätte, das wir er- streben, dann wollte ich vor Dich hintreten und Dir die erkämpfte Braut als Tochter zu- führen.“ „Und wenn Du diese Erlaubniß nicht er- hältst? — dann hast Du auf eine höchst zwei- felhafte Aussicht hin die Ruhe, vielleicht das Leben eines Mädchens zerstört, das zu edel von Dir dachte, um zu glauben, Du würdest leichtsinnig Hoffnungen in ihr erregen, die zu erfüllen Dir unmöglich ist. Sage mir nicht, Du hättest Clara Deine Liebe nicht gestanden. Das sind Entschuldigungen, die kein ehrlicher Mann sich machen darf. Sie kennt Deine Liebe; sie erwidert sie; das wissen wir Alle, Clara's Eltern vielleicht ausgenommen: — daß Du um Clara's Liebe geworben, und das hast Du — verzeih mir, mein Sohn, das ist eine Unwürdigkeit, sobald Du entschlossen warst, Jude zu bleiben. Eduard fuhr auf, nahm sich aber zusam- men und sagte ruhig: „Unwürdig wäre es vielleicht gewesen, wenn ich nicht mit aller Kraft gegen diese Neigung gerungen; wenn ich sie nicht auf jede Weise vor Clara zu ver- bergen gesucht und ihr selbst immer die Hin- dernisse, die uns trennen, gezeigt hätte. Clara weiß, daß wir wenig hoffen dürfen.“ „Wozu nützt ihr dieses Wissen?“ fragte der Vater. „Rechnet sie darum weniger auf die Erfüllung Eurer gemeinsamen Wünsche? Und geschah es auch, um ihr jede Hoffnung zu rauben, daß Du sie in unser Haus geführt? Glaubst Du, Jenny's bevorstehende Taufe werde ihr nicht den Muth geben, auch von Dir Aehnliches zu erwarten? Was soll Cla- ra's Vater von mir denken, daß ich seine Tochter in mein Haus aufgenommen und mich dadurch zum Förderer und Schützer einer Liebe hergegeben habe, durch die das Mädchen un- glücklich wird?“ „Vater, Du gehst zu weit!“ sagte Eduard in heftigster Bewegung. Der alte Herr aber, der bis dahin mit kalter Ruhe, fast streng mit dem Sohne gesprochen, nahm plötzlich seine Hand, die er herzlich drückte, und sprach sehr mild: „So, Eduard, urtheilt der Mann, und Du verdienst den Tadel. Der Vater be- dauert Dich in tiefster Seele, und wollte Gott! ich könnte Dir helfen. Mein Herz ist nicht so kalt geworden, daß ich Dein Leiden nicht ver- stehen könnte, aber weil ich Dich, mein Sohn, vor Reue, und Clara, die ich ehre, vor grö- ßerm Kummer bewahren möchte, darum warne ich Dich. Thue keinen Schritt vorwärts; ver- meide Alles, was Euch einander näher bringen, Clara's Erwartungen erhöhen könnte, bis Du weißt, ob Du auf sie hoffen darfst. Denn wenn selbst, was ich bezweifle, der Staat eine solche Verbindung zugibt, steht Dir mit Clara's Eltern noch ein schwerer Kampf bevor; doch wollte ich, sie allein wären es, die Du gegen Dich hast“, schloß er, und sah bekümmert auf das verdüsterte Antlitz des Sohnes. Dieser schwieg lange, dann sagte er: „Ich bin mir bewußt, daß der Gedanke an Clara's Ruhe ebenso wenig einen Augenblick aus mei- ner Seele gekommen ist, als das Gefühl mei- ner Liebe! Der Schwäche mag ich schuldig sein, daß ich nicht immer den Wonnekelch von mir zu stoßen vermochte, den der Moment mir bot und nach dem mein Herz so glühend dürstete; doch falle mein Loos, wie es wolle, Du wirst mich Deiner würdig finden.“ „Und das genügt, mein Sohn!“ sprach der Vater. „Ich traue Dir, und wollte nichts, als Dich warnen, vor Dir selbst.“ Damit trennten sich Vater und Sohn, Beide tief ergriffen und besorgt, aber ruhig im Aeu- ßern, wie sie es immer waren, obgleich Eduard nun mit doppelter Ungeduld die Entscheidung seines Schicksals herbeiwünschte. Je länger er diese Liebe zu Clara in stiller Brust nährte, um so tiefer war sie in sein Herz gedrungen, und er konnte zwar sein Le- ben ohne Clara's Besitz denken, aber kein Glück ohne sie. Sie zu erkämpfen und seinem Volke zugleich damit zu nützen, das war der bele- bende Gedanke in seiner Seele geworden; und mit der Energie, die ihm eigen war, hatte er rasch die nöthigen Schritte dazu gethan, ohne mit irgend Jemandem darüber zu sprechen. An- fangs hatte er mit Zuversicht auf einen günsti- gen Bescheid gerechnet und sich mit einer Art von stolzer Sorglosigkeit der Leidenschaft hin- gegeben, die ihn beherrschte: nun aber, als die Antwort, die er erwartete, von Tag zu Tag ausblieb; als die Erkundigungen, welche er einzog, auf eine abschlägige Resolution hinzu- deuten schienen, mußten die Ermahnungen sei- nes Vaters einen um so tiefern Eindruck auf ihn machen. Zerstreut war er zu seinen Kran- ken gekommen und hatte kaum die nöthige Aufmerksamkeit für ihre Klagen in sich er- zwingen können. Das machte ihn noch trüber und unzufriedener mit sich. Er zog sich in den Stunden, welche ihm seine Praxis frei ließ, ganz in seine Wohnung zurück und kam auch nur des Mittags zu den Seinen, weil in dieser Stimmung ihm selbst der Umgang mit seiner Familie zur Beschwerde wurde. So mochten etwa acht Tage vergangen sein. Er saß Abends an den geöffneten Fen- stern seines Zimmers und sah, in tiefe Ge- danken versunken, nichts von der Pracht des Frühlings, dessen lieblichste Blumen in dem Garten, der das Haus nach dem Hafen hin begrenzte, sich zu entfalten anfingen. Lebhaft erinnerte er sich jener Winternacht, in der die- selbe hoffnungslose Liebe ihn in Sturm und Wetter hinausgetrieben hatte, und der leiden- schaftlich erregte Zustand jener Stunde schien ihm beneidenswerth gegen die Muthlosigkeit, welche er jetzt empfand, und aus der ihn, wie er wähnte, nichts empor zu rütteln ver- mochte. Da pochte es an seine Thüre, und es trat ein Bote herein, der ihm ein gro- ßes, mit stattlichem Petschaft gesiegeltes Pak- ket überreichte. Eduard nahm es ab; seine Hände bebten; mit fliegender Eile erbrach er es, näherte sich dem Fenster, um bei den letz- ten Strahlen des Tages die feste, deutliche Schrift zu lesen — dann entfiel das Blatt seinen Händen und lautlos warf er sich in einen Sessel. Es war entschieden. Der Jude durfte nicht auf das Glück hoffen, die Geliebte zu besitzen. Und was nun beginnen? Er hörte über seinem Haupte, in den obern Zimmern, Stühle hin und wieder rücken; er sah empor, es war Nacht geworden. Man stand vermuthlich bei seinen Eltern von der Abendmahlzeit auf. Er hatte also mehrere Stunden in dumpfem Brüten verbracht und kein kräftigender Gedanke war erleuchtend in die Nacht seines Leidens gedrungen. Flüsternd berührten Jenny's und Gustav's Stimmen sein Ohr. Der milde Abend hatte sie ins Freie ge- lockt und Eduard erblickte sie bald darauf in den breiten Gängen des Gartens. Aber! trog ihn sein Auge? noch eine dritte Gestalt ging mit ihnen. Therese konnte das nicht sein; sie war wenig größer, als Jenny, während diese schlanke, hohe Figur Jenny bedeutend über- ragte. Sie war es! Noch ahnete sie nichts von dem Elend, das er empfunden, das der nächste Tag auch ihr bringen mußte. Nur noch dies Eine Mal wollte er sie glücklich sehen; es schien ihm, als hätte sie im Vorübergehen, trotz der Dunkelheit, nach seinen Fenstern ge- blickt — im nächsten Moment war er an ihrer Seite — „Wo kommst Du her, Nachtwandler?“ fragte Jenny scherzend. „Du hast mich furcht- bar erschreckt, als Du so plötzlich hervortra- test; und auch die arme Clara fuhr zusammen: wo warst Du denn bis jetzt?“ „In meinem Zimmer“, antwortete er. „Da war es dunkel, als wir vorüber- gingen“, bemerkte Reinhard verwundert, „und Deine Eltern wähnten Dich außer dem Hause.“ „Das war ein Irrthum!“ erwiderte er, ebenso zerstreut und tonlos, als er die erste Antwort gegeben. „Höre, Eduard!“ rief Jenny, um nur ir- gend etwas zu sagen, weil sie nicht wußte, was die Stimmung ihres Bruders, die sie be- unruhigte, bedeute, „wenn Du nur gekommen bist, uns zu erschrecken, so hättest Du fort- bleiben sollen. Gustav war so gut, so lieb; Du hast uns um die schönste Erzählung aus seinen frühern Jahren gebracht, die ich nicht aufgeben will, und ich gehe mit Gustav fort, wenn Du nicht heiterer sein kannst. „So geht, ihr Lieben!“ sagte er, und lehnte sich tiefaufathmend an den dicken Stamm einer mächtigen Kastanie, deren junge Blät- ter leise unter der Berührung der Nachtluft zitterten.“ Unentschlossen standen Alle einen Augenblick einander gegenüber; dann führte Reinhard Jenny einen Augenblick mit sich fort und bot Clara den andern Arm. War es nur Täu- schung, oder hatte Eduard wirklich seine Hand bittend gegen Clara bewegt? — aber das Brautpaar war bereits einige Schritte fort, und Clara stand noch in scheuer Entfernung allein vor Eduard. Sie hatte die Hände ängst- lich über die Brust gefaltet, trat ihm näher und fragte mit flehender Stimme: „Sie kom- men nicht mit uns?“ Der Ton dieser süßen Stimme, das war mehr, als Eduard ertragen konnte. „Clara! Clara!“ rief er mit einer Leidenschaftlichkeit, in der das ganze Leiden der letzten Stunden sich zusammendrängte, und riß das junge Mädchen gewaltsam an seine Brust, das sich an ihn lehnte, als ob sie an seinem Herzen Schutz gegen ihn selbst erwartete. Wie nach lan- ger drückender Hitze die schwarzen Wolken sich in großen einzelnen Tropfen entladen, so fieleu aus Eduard's Augen heiße schwere Thränen auf die Stirn Clara's und auch sie weinte still. „Warum weinen wir denn, fragte sie end- lich, wenn ich mit Ihnen bin?“ „Weil ich Dich verloren habe“, antwortete er gepreßt, „weil ich über Dein geliebtes Haupt den Fluch heraufbeschworen, der mich verfolgt. „Auf dies geliebte Haupt“ sagte er, es in sei- nen Händen haltend und mit der Zärtlichkeit I. 16 eines Vaters küssend, auf das ich den grü- nen Kranz zu drücken hoffte und auf das ich allen Segen des Himmels herabzuflehen wünschte.“ Sie hing sich fester an seine Brust, und er fühlte, wie sie zitterte; aber kein selbstsüch- tiger Gedanke kam in ihre reine Seele, nur der Jammer des Geliebten war es, den sie jetzt zuerst empfand. „ Armer Eduard!“ seufzte sie, „und ich wagte, fröhlich zu hoffen, während Sie litten, ich hoffte ...“ „Clara Dein Wagen ist da!“ rief Jen- ny's Stimme und schreckte Clara empor von Eduard's Brust, der ihr seinen Arm reichte, dessen Hülfe der Bebenden dringend nöthig war, um sie aufrecht zu erhalten. Ohne ein Wort der Entschuldigung, des Abschiedes, ge- leitete er sie an Reinhard und Jenny vorüber zu ihrem Wagen, drückte einen langen Kuß auf ihre Hand, und ging dann schnell in sein Zimmer zurück, wohin wir ihm folgen wollen. Jenny und Gustav sahen erschreckt und ver- wundert die stumme Scene vor ihren Augen. Auch sie schritten dem Hause zu. „Die Un- glücklichen“, klagte Jenny, und Reinhard zog sie näher an sich, wie wenn er sich vor ähn- lichem Scheiden bewahren wollte. Arm in Arm kamen sie zu den Eltern. Jnny ent- schuldigte Clara's Fortfahren ohne Abschied; Eduard's wurde gar nicht erwähnte und bald darauf trennten sich auch die Uebrigen, Rein- hard und Jenny mit schwerem Herzen, und erst, nachdem sie sich durch einen nochma- ligen Gang nach dem Garten überzeugt, daß Eduard zu Hause sei. Dies bewies die Lampe, die durch die Vorhänge schimmerte und bei deren Schein sie ihn an seinem Schreibtische erblickten. Er schrieb: 16* „Jene Stunde, die ich mit aller Wonne der Liebe erwartet hatte, sie ist herangekommen und zur Trennungsstunde für uns geworden — das höchste Glück, das Bewußtsein, Ihre Liebe zu besitzen, wird zum Schmerz, denn auch auf Sie fällt die Pein des Scheidens — Clara! zürnen Sie mir nicht; mehr, als das Elend, das mich drückt, schmerzt mich der Gedanke, daß Sie mit mir leiden — daß meine glühende Liebe Sie nicht zu schützen, nicht zu beglücken vermag. Ich könnte eine Welt hassen, in der Herzen, die zusammen gehören, getrennt wer- den, weil das Eine so, das Andere anders zu seinem Schöpfer betet, der Beide für einander erschuf, der sie, wie uns, zusammenführte, um glücklich zu sein. Jahrtausende hat der Fluch über meinem Volke geschwebt, der auch mich getroffen. Ich wähnte, nun sei es Zeit, in kräftiger That zu zeigen, daß wir das Glück verdienen, frei zu sein von jenen Fesseln, die blinder Pfaffenglaube der ganzen Menschheit angelegt. Ich sah Dich, meine Clara! und ich hoffte, Du solltest die Aurora werden, welche ein neues Morgenroth der Aufklärung für unser ganzes Land verkündete. Denn nicht allein den Juden trifft der Wahnwitz dieses Hasses, er schlägt in gerechtem Undank selbst die Mutter, die ihn erzeugt. Auch Du! die Christin! erliegst ihm. Aber wer hieß Dich, einen Juden lieben? Warum wolltest Du lie- ben, was die Deinen hassen? Die Deinen, welche sich zu einer Religion der Liebe beken- nen! — O! Christus wußte, wie der Haß zerfleischt, entmenscht, darum predigte er Liebe, und die Unwürdigen begriffen nur den Haß, vor dem er sie gewarnt.“ „Aber ich wollte ruhig sein und nicht auch in Deine Seele den Widerschein der Fieber- gluth leuchten lassen, die in mir lodert! Ruhig denn! Seit ich Dich kenne, seit ich Dich liebe, habe ich keine Stunde ruhigen Glückes gekannt als in Deiner Nähe. Nur der Zauber Deiner Gegenwart konnte mich trösten, mich vergessen machen, daß ich Dich nicht besitzen würde. Ich fühlte in seligem Ahnen, wie Dein Herz sich zu mir neigte, und wollte Dich und mich vor jeder Hoffnung bewahren, indem ich Dir sagte, mit wie unauflöslichen Banden ich an mein Volk gekettet sei. Es ist nicht der Glaube, der mich an das Judenthum bindet: ich bin weder Jude noch Christ in dem Sinne der Menge — ich bin ein Mensch, den Gott geschaffen, der seinem Schöpfer dafür dankt und der seine Mitgeschöpfe liebt. Aber meine Ehre fesselt mich an die Juden, die gleich mir in Unterdrückung seufzen. Was dem ver- bannten Polen sein Vaterland, das ist dem Juden die Gemeinde; nur der Verräther sagt sich von ihr los. Denkst Du jener Polenhel- den, die wir jüngst gesehen, und der Narben auf ihren gramdurchfurchten Stirnen? O! diese Narben konnten heilen; aber der Schmerz ihrer gebrochenen Herzen nimmer! Geschieden von Bräuten, Weibern und Kindern, kamen sie in unser Land, Alles war ihnen geraubt, und sie hatten nichts als die Ehre und den heiligen Gram um ihr gesunkenes Vaterland. Nach langem Elend war das Volk der Polen erstanden, um mit Männerkraft seine Ketten zu zerreißen. Es mißlang und die Unterdrük- ker trugen wieder den Sieg davon.“ „So ist es mir ergangen. Ich wollte ver- suchen, auf Deinen Besitz zu verzichten, zu ersagen; aber Entsagen ist Feigheit, so lange noch eine Möglichkeit da ist, das Glück zu er- reichen. Ich verlangte vom Staate die Er- laubniß, Dich mein zu nennen, ohne Christ werden zu müssen. An Deiner Zustimmung, an Dir zweifelte ich nicht, und mit Dir hoffte ich die Einwendungen der Deinen leicht zu be- siegen. Ich hoffte, glücklich zu sein mit Dir, und Tausenden, die gleich uns gelitten, ein Befreier von bejammernswerthem Vorurtheil zu werden. Es ist anders gekommen.“ „Der Staat, der es erlaubt, daß Menschen, die sich hassen, den Eid der Treue vor dem Altare schwören; der es duldet, daß die Jung- frau mit gebrochenem Herzen in die Arme ei- nes Mannes geführt wird, welcher vielleicht noch gestern an der Brust einer Buhlerin des Ban- des gelacht, das er heute beschwört; der Ge- setze gibt, diese fluchenswerthen Ehen zu schüz- zen — derselbe Staat will es nicht dulden, daß zwei Herzen, die in reinstem Einklang schlagen, sich verbinden, weil sie auf verschie- dene Weise Gott für das Glück danken wür- den, das er ihnen durch ihre Liebe gewährt. — Das sind die Gesetze, vor denen man Achtung verlangt!“ „Noch Eine Zuflucht bietet sich uns dar, Clara! wenn Du es vermöchtest, frei zu den- ken von Vorurtheilen; wenn Du Dich ent- schließen könntest, mir unter dem Schutze der Meinen in ein Band zu folgen, das unsere Ehe zuläßt, und dort die Meine zu werden; wenn ich Dich im Triumphe zurückführen dürfte und den Verblendeten zeigen könnte, wie die Liebe frei ist vor dem Urtheil eines weisern Staates; wenn Du durch Ein Wort uns den versagten Himmel zu öffnen bereit wärest — ein Leben voll der glühendsten, er- gebensten Liebe sollte es Dir lohnen; Dir, die mir Liebe und Freiheit zugleich gegeben.“ „Mitten im kühnen Fluge seliger Hoffnung fühle ich das Unrecht, das ich an Dir begehe, indem ich Dich zum Richter über unsere Zu- kunft mache. Das hätte ich Dir ersparen sol- len, und kann es nicht. So nimm wenigstens das Versprechen, meine Clara, daß ich mit keinem Worte versuchen werde, das Urtheil, 16** das Du fällst, zu ändern. Was Dein lieben- des Herz über Dich vermag, was Dein gerader Sinn Dir zu thun gebietet, das soll auch meine Richtschnur sein, nur versage mir die Gunst nicht, Dich noch Einmal zu sehen. Lebe wohl, Clara!“ Vergebens würde es sein, ein Bild des zerreißenden Schmerzes zu geben, mit dem Eduard diesen Brief geschrieben, oder der Ge- fühle, die er in Clara hervorrief. Wer es je erfahren, plötzlich eines Glückes beraubt zu werden, auf das er eben ein volles Anrecht erworben, der mag ahnen, was Eduard und Clara litten bei dem Gedanken an Trennung, jetzt, nachdem sie durch das gegenseitige Ge- ständniß ihrer Liebe sich an einander gebunden. Von Minute zu Minute zögerte Clara, eine Antwort zu geben, die, so innig sie Eduard liebte, niemals eine günstige sein konnte. Im- mer hoffte sie, es werde sich ihr ein Aus- weg aus dem Labyrinthe zeigen; sie fürchtete Eduard's Leiden zu vergrößern durch die Schil- derung des Jammers in ihrer Brust; sie wollte ruhig werden, um ihn zu beruhigen; und das war der Brief, den sie endlich schrieb: „Gott hat es mir auferlegt, daß ich mit den ersten Worten, die ich Ihnen schreibe, Ih- nen und mir den tiefsten Schmerz bereite, den eine Menschenbrust empfinden kann. Er wird uns Kraft geben, ihn zu ertragen. Liebte ich Sie weniger, oder wäre ich nicht vollkom- men gewiß, es könne kein Zweifel an meiner Liebe Raum in Ihrer Seele finden, ich würde nicht den Muth haben, Ihnen zu sagen, daß ich nicht die Ihre werden, daß die schönste Hoffnung meines Lebebens nicht erfüllt werden dürfe. Ach, lieber Eduard! als ich Jenny und Reinhard ver- bunden sah, da wagte ich mir zu gestehen, daß ich ein ähnliches Glück begehrte und erhoffte, obgleich sie mich gelehrt, wie Sie über Jen- ny's Entschluß dächten; wie Sie bei Jenny billigten, was Sie selbst niemals zu thun ver- möchten. Ich täuschte mich gern, weil ich Sie liebte und kein höheres Glück kannte, als Ih- nen in jeder Stunde meines Daseins, mit je- dem Gedanken, mit jedem Gefühl meiner Seele zu eigen zu sein. Familienleben hatte ich erst in dem Hause Ihrer Eltern in seiner heiligen Schönheit begreifen gelernt, und ich wünschte sehnlichst, mit Ihnen zu den Kindern dieses Hauses zu gehören, das mich mit so viel Güte empfing, in dem ich die glücklichsten Stunden meines Lebens genossen.“ „Glauben Sie mir, ich verlange nichts als Ihre Liebe, nichts als Sie, Eduard! und jedes Band, das uns vereinigte, wäre mir heilig. Ich möchte Ihr treues Weib sein, gleichviel, welch ein Priester den Segen über uns gesprochen; jedes Land, jedes Verhältniß wäre mir gleich; ich könnte ruhig den Tadel der Menge ertra- gen — aber den Segen meiner Eltern kann ich nicht entbehren. Ohne diesen Segen, den ich nie zu erhalten hoffen darf, so lange Sie nicht Christ geworden, gäbe es, selbst mit Ih- nen, kein Glück für mich.“ „Meine Mutter hat mich William verlobt, ohne mich darum zu befragen, und ich habe mich dadurch keinen Augenblick für gebunden gehalten. William selbst würde meine Hand nicht begehrt haben, hätte er meine Liebe zu Ihnen gekannt. Ich vermag, so leid es mir thut, den Wunsch meiner Mutter nicht zu er- füllen, ich kann William's Frau nicht werden. Aber auch die Ihre nicht, Eduard! Sie bin- det die Ehre an Ihr Volk, mich die Pflicht an meine Eltern, und ich darf an eine Verbin- dung nicht denken, die auch einer minder stol- zen Frau als meiner Mutter verwerflich schei- nen müßte durch die befremdlichen Schritte, welche eine Trauung im Auslande erfordert. Ich wähnte, Liebe sei allmächtig, nun sehe ich, daß sie vor Pflicht und Ehre sich beugen muß — ich bin bereit, das Opfer zu bringen — aber es ist ein schweres, furchtbares Opfer, ich bringe es mit blutendem Herzen, und weiß kaum, wie ich das Unvermeidliche ertragen werde.“ „Sie nehmen Abschied von mir, Eduard! Sie sagen mir Lebewohl! das begreife ich nicht! Ist es nicht hart genug, daß wir einander nicht gehören sollen? Wollen wir uns selbst um das Glück bringen, uns zu sehen, uns zu sprechen und Trost für unser Leid in dem Beisammensein zu suchen, das uns vergönnt ist? Ich kann den Gedanken nicht fassen, Sie nicht mehr zu sehen; ich möchte die Wonne nicht entbehren, Ihrer treuen Brust anzuver- trauen, was mich bewegt, und zu erstarken an den großen Gedanken Ihres Geistes. Wa- ren wir nicht glücklich bis jetzt, auch ehe das Wort Liebe ausgesprochen? Hatten wir uns nicht verstanden? So kann und soll es wie- der werden! Man sagt, der Strom, der die Dämme durchbrach, könne niemals wieder von selbst in jene Schranken zurückkehren; das mag sein. Wo aber die Schranke allein Zuflucht vor gänzlichem Verarmen zu geben vermag, da muß man sie aufs Neue erbauen, sich hinter sie flüchten, um das einzige Gut zu behalten, das uns geblieben.“ „Schreiben Sie mir nicht mehr, das kann nicht sein. Lassen Sie uns versuchen, die Er- eignisse des gestrigen Tages im tiefsten Grunde des Herzens zu bergen. So allein — und ich rechne auf Sie, als ob Sie es mir mit dem heiligsten Eide gelobt — dürfen wir uns wie- dersehen. Sie, Eduard, sollen mich schützen vor der Gewalt unserer Liebe; Ihrem starken Willen vertraue ich mich an. Nur ein paar Tage der Einsamkeit gönnen Sie mir, mich zu gewöhnen an das schwere Loos, das uns ge- worden. Doch was klage ich? Ich begehrte, Glück und Leid mit Ihnen zu tragen, und sollte muthlos werden, nun die Prüfung naht? Nein, Eduard! Sie sollen sehen, daß Sie sich nicht in mir geirrt, daß ich würdig gewesen wäre, die Ihre zu sein, weil jedes Schicksal, das ich mit Ihnen theile, mir er- träglich scheint. Um mich sorgen Sie nicht, ich weiß, daß Sie mich lieben! mit dem Be- wußtsein kann ich Alles tragen; denn Liebe, selbst hoffnungslose Liebe ist Glück! Daran halten Sie fest, Eduard! wenn wir uns wie- dersehen.“ Dieser Brief brachte auf Eduard die dop- pelte Wirkung hervor, ihm Clara im vollsten Lichte ihres ruhig milden Wesens zu zeigen, und ihn zu ermannen, obgleich er ihn die ganze Größe seines Verlustes fühlen ließ. Er durfte nicht kleiner sein als sie, die ein unab- wendbares Geschick mit Ergebung trug und mit ängstlicher Sorgfalt das geringe Glück, auf das sie Anspruch hatte, sich und dem Ge- liebten zu erhalten strebte. Doch nur schwer und allmälig gelangte er zu der Fassung, welche Clara gleich in sich gefunden, um ihn damit zu beruhigen. Auch ihm drängte sich dadurch unwillkürlich die Frage auf, ob in der Frauen Natur wirklich eine höhere Leidensfä- higkeit liege, als in der des Mannes. Er be- wunderte Clara, aber er konnte diese Resigna- tion kaum begreifen. Ja, einen Augenblick lang wagte er zu glauben, Clara's Gefühl könne an Stärke dem seinigen nicht gleich sein; sie müsse ihn weniger lieben, als er sie. Das ist eine Ungerechtigkeit, deren man sich nur zu oft schuldig macht. Weil das Weib besser liebt, weil es nur an den Schmerz des Geliebten, nicht an sich selbst denkt und sich in dem Glück des Andern vollkommen verges- sen kann, schilt man es kalt und tröstet sich über den Gram, den man verursacht, mit dem alten Gemeinplatz, das Weib sei leidensfähiger, als der Mann. Die Schmach fühlt man gar nicht mehr, den Frauen, dem sogenannten schwachen Geschlecht, eine Stellung im Leben angewiesen zu haben, die sie von Jugend auf an Leiden und Entsagungen gewöhnt; man denkt nicht an jene schweren Stunden, in de- nen sie genöthigt sind, sich zu beherrschen, wenn ihr armes Herz vergeht vor innerm Leid. Wer sieht die Thränen, die oft aus der innersten Seele hervorbrechen möchten, wäh rend ein Männerarm die schöne Gestalt um- schlingt und mit ihr durch die fröhlichen Rei- hen des Walzers dahinfliegt? Ihr seht nur die schimmernden Thautropfen auf dem Rosen- kranz in ihren Locken, nur die Perlen, die den schönen Nacken zieren, und ahnet nicht, daß hinter dem feuchten Blau des Auges, das Euch entzückt, Perlen und Thautropfen glän- zen, viel kostbarer und reiner, als der Tand, den Ihr bewundert. Ihr preiset das süße Lä- cheln des holden Mundes, der nur zu oft trau- rig lächelt über ein Dasein, das so grelle Con- traste hervorbringt. Kommt dann Einer ein- mal zu der Erkenntniß des Schmerzes, den solch ein heiteres Frauenantlitz birgt, dann schreit er über die Verstellung, die Unwahrheit des Geschlechts, und vergißt, daß Jeder, der ein Mädchen traurig sieht, ohne sich zu beden- ken, auf eine unglückliche Liebe schließt und mit roher Hand das stille Geheimniß an das Licht ziehen möchte. Ein Frauenherz, in dem einmal der Strahl wahrer Liebe gezündet, er- kennt seinen Besieger in dem Manne, fühlt sich ihm unterthan, als Sklavin seines Wil- lens, und möchte doch aus angebornem Scham- gefühl nicht dem Auge jedes Ungeweihten die Fessel zeigen, durch die es gebunden wird, die oft blutig drückt, und selbst zerbrochen, unver- tilgbare Narben zurückläßt. Geliebt werden ist das Ziel der Frauen. Ihr Ehrgeiz ist Liebe erwerben; ihr Glück Lieben, und die Liebe nach der sie gestrebt, nicht erlangen zu können, unglücklich lieben, eine Schmach, welche nur die edelsten Frauennaturen mit Würde zu er- tragen vermögen. So beruht die ganze Ent- wickelung der weiblichen Seele auf dem Ver- hältniß zum Manne; und man darf das Weib nicht der Falschheit anklagen, wenn es den geheimnißvollen Proceß seines geistigen Werdens schamhaft der Welt verbergen möchte. In der ganzen Natur schreitet die Entwickelung so mystisch verhüllt vor, daß wir fast überall nur die Resultate erblicken, ohne uns über das Wie Rechenschaft geben zu können. Warum verlangt man es denn anders von den Frauen? Es mag den Mann stolz machen, die sichtbare Vorsehung des Weibes zu sein; zu fühlen, daß Leben und Tod ihm aus seiner Hand kommt; aber es sollte ihn auch Mitleid und Schonung für die Armen lehren, die echt biblisch die Hand küssen, welche sie schlägt, und man darf sich nicht wundern, wenn einst die Stunde kommt, in der das Weib gleichen Schmerz mit dem Manne zu tragen berufen ist, es ruhig in liebender Ergebung zu finden, wo der Mann gegen das Schicksal tobt, so lange er die Möglichkeit begreift, ein besseres Loos zu er- trotzen. Das Letztere war, wie gesagt, auch Eduard's Fall, der nicht allein die Geliebte verlor, son- dern der aufs Neue glaubte eine Unbill rächen zu müssen, die man an ihm, an seinem Volke begangen. Er hätte in der ersten Leidenschaft des Schmerzes eine Welt zertrümmern mögen, die noch immer in stumpfer Gefühllosigkeit Recht und Wahrheit verhöhnte; und seine Phantasie erschrak vor keiner noch so gewaltsa- men Maßregel, welche ihn zum Besitz der Ge- liebten, zur Erlangung seines guten Rechtes führen konnte. Dann, als der erste Sturm vorüber war, las er Clara's Brief aufs Neue und verstand die Schönheit einer Seele, die so zu entsagen vermochte. Er konnte die Zeit nicht erwarten, in der es ihm vergönnt sein würde, sie wiederzusehen, und durfte doch nicht wagen, den ersehnten Augenblick herbeizufüh- ren, ehe sie ihn dazu berechtigte. Sein Herz war noch tief bewegt und übervoll, als der Geist schon wieder zu seiner Klarheit gelangte und sich an einem Gedanken mächtig empor- rankte. Um sein Glück war es geschehen; sein Leben hatte man der reinsten Freuden beraubt; darum fühlte er den Muth, Alles von sich zu werfen, sein Vaterland, seine Aussichten für die Zukunft, selbst seine Freiheit, wenn es sein mußte, um damit das Einzige zu erkau- fen, das noch Werth für ihn hatte: die bür- gerliche Emancipation seines Volkes. Diese Idee gab ihm die nöthige Kraft, noch an demselben Tage vor seinem Vater zu er- scheinen und ihm zu verkünden, er habe das Spiel verloren, auf das er alle seine Hoffnun- gen gesetzt. Der Vater war bewegt. Auch ihn traf der Schlag doppelt, in seinem Sohne und in seinem Volke, obgleich ihm das Gelingen dieser Angelegenheit höchst zweifelhaft gewesen, und er die Zuversicht Eduard's, wie wir wissen, durchaus nicht getheilt hatten. „Und was denkst Du in Bezug auf Clara Horn jetzt zu thun?“ war eine der ersten Fragen des Greises. „Sie weiß es bereits“, antwortete Eduard. „Ich hatte ihr geschrieben, um Abschied von ihr zu nehmen. Ich war entschlossen, die Stadt zu meiden, um Clara und mir die un- selige Trennung zu erleichtern. Ich wollte mich in der freien Größe der Natur verlieren, weil ich mir einen Augenblick vorspiegelte, ich würde irgendwo die Bande nicht fühlen, die mich an Clara binden; die Ketten vergessen, unter de- nen die Juden seufzen. Du weißt ja, wie der erste Schmerz zu wüthen und sich zu täuschen pflegte! — Dann kam Clara's Antwort!“ — Er seufzte, und blieb eine Weile schweigend in seine Gedanken vertieft, endlich fuhr er fort: „Sie will nicht, daß wir scheiden; ihr rei- nes Herz vermag zu resigniren, sie hofft, in die Schranken ruhiger Neigung zurückzukehren, glücklich dabei sein zu können. Ich soll sie wiedersehen, bald, in wenig Tagen — und schweigen von der Leidenschaft, die mich durch- bebt — wie ist das möglich?“ „Möglich, mein Sohn!“ sagte der Vater, „muß es sein, weil Clara es will, und das Einzige, was Du thun kannst, ist, Dich un- bedingt in jeden Vorschlag zu fügen, den sie Dir macht, und von dem sie sich Beruhigung verspricht.“ „Du fragtest mich neulich, Vater! als wir über diesen Gegenstand sprachen: wohin soll das führen? ich gebe Dir heute die Frage zu- rück; wohin soll die Pein führen, uns zu se- hen und zu schweigen von Dem, was jeder Blick, jeder Gedanke uns dennoch verräth?“ „Zu einer nothwendigen Trennung, wenn Ihr nach Monden eingesehen haben werdet, daß der Instinkt der Jugend sich gegen jeden hoff- nungslosen Zustand sträubt. Denn lösen, Eduard, mußt Du jetzt ein Band, das Clara an Dich bindet, ohne ihr die mindeste Aus- sicht auf Glück zu geben.“ „Und mit diesem Bewußtsein soll ich sie sehen?“ rief Eduard. „Ich soll sie sehen und daran denken, sie zu verlassen, die mir ver- traut, die ich liebe?“ I. 17 „Von Dir spreche ich gar nicht“, sagte der Vater ruhig, „Du bist ein Mann!“ „Aber Clara! meine arme Clara! an sie denke, Vater! an ihr Leiden! was soll aus ihr werden?“ fragte Eduard im Tone des tief- sten Schmerzes. „William's Frau! wenn es irgend mit ihrer Neigung zu vermitteln ist“, antwortete der Vater, und fuhr, ohne auf Eduard's Entsetzen bei dem Ausspruch zu achten, in seiner gewohn- ten Art fort. „Ich gehöre zu den Leuten, welche glauben, der herbe Kelch, den uns das Leben bisweilen kredenzt, muß ganz und schnell geleert werden, wenn wir es uns nicht schwe- rer machen wollen, als es leider ohnehin ist. Darum stehe ich keinen Augenblick an, Dir zu sagen, Clara ist für Dich verloren, sie ist un- glücklich, wie Du — vielleicht noch mehr — aber damit ist Euer Leben nicht beendet. Gerade Clara gehört zu den Frauen, die ihr Glück in Andern zu finden vermögen. Wenn sie Wil- liam's Hand ausschlägt, zerfällt sie gänzlich mit ihrer Mutter. Die Deine kann sie niemals werden; soll sie unaufhörlich den Vorwürfen einer herrschsüchtigen Mutter ausgesetzt bleiben, damit Dir der Schmerz erspart werde, sie mit einem andern Mann glücklich zu sehen?“ „Könnte Clara so schnell vergessen!“ sprach Eduard im Tone des Zweifels, und doch bitter, bei dem bloßen Gedanken an die Möglichkeit: „Kann sie das wollen?“ „Das Erstere hoffe ich, mein Sohn! Nur Wahnwitzige verlangen Etwas, dessen Unmög- lichkeit sie eingesehen. William ist brav und liebt seine Cousine, Clara hätte ohne Dein Da- zwischentreten diese Liebe gewiß erwidert, und ich hoffe, daß sie noch jetzt, wenn auch mit Ueberwindung, sich zu dieser Ehe entschließt, in der ich allein Glück und Ruhe für sie er- blicke, wenn Du sie und William, die Dir 17* Beide als einem Freunde vertrauen, auf den richtigen Standpunkt führst.“ „Nimmermehr!“ rief Eduard. „Es ist schrecklich genug, daß ich sie verliere — kannst Du glauben, daß ich, ich selbst sie in die Arme eines Andern führen werde?“ „Ich erwarte das von Dir, wie ich Dich kenne!“ antwortete Herr Meier. Eduard konnte sich gegen die Wahrheit in den Worten seines Vaters nicht verblenden, so gern er es augenblicklich wollte. Er erkannte die edle strenge Gerechtigkeit des Greises, aber sein Gefühl empörte sich noch dagegen, wie gegen eine Sünde an Clara — und die Art, in welcher der Vater ihm, dem Schmerzdurchwühlten, seine Verhältnisse vorhielt, war jedenfalls eines von den gewagten Mitteln, die Herr Meier bei starken Menschen gern anwendete, wenn die Krisis unvermeidlich geworden. Er glaubte dadurch jenem langwie- rigen, unbestimmten Hinsiechen der Seele vor- zubeugen, wenn er die Wunde rasch nach allen Seiten hin untersuchte, sie tüchtig ausbluten ließ, und dann die Heilung der Zeit, und be- sonders dem Bedürfniß nach Glück überließ, das uns unbewußt antreibt, zu genesen, wenn ein geistiges Leid uns niedergeworfen. „Wir sind zum Glück geschaffen, wir streben darnach, und erlangen es am sichersten, wenn wir uns durch keine falschen Hoffnungen täuschen lassen“ — das war des alten Herrn Grundsatz, nach dem er auch heute gehandelt. Eine Weile saßen Vater und Sohn schwei- gend nebeneinander, dann schieden sie mit ei- nem Händedruck und Eduard ging davon, um am Bette der Kranken Trost zu bringen, er, der dessen selbst noch so nöthig bedurfte. „Also Adieu princesse? Adieu plaisir? “ sagte Steinheim zu Jenny, die auf dem Bal- kon, unter Erlau's Anleitung, spielend die Gegend aufnahm, welche vor ihren Augen lag. Sie wollte das Bildchen Reinhard schenken, ehe sie morgen auf das Gut hinausfuhren, auf dem sie im Sommer lebten. „ Adieu gewiß, für ein paar Tage“, ant- wortete sie, „doch hoffe ich, an Vergnügen soll es uns nicht fehlen; es sei denn, daß Ih- nen, Herr Steinheim, die Stunde Wegs nach Berghoff zu weit und zu anstrengend wäre.“ „Sagen Sie dem Hypochondristen das noch einmal, Fräulein! meinte Erlau, so glaubt er es und bleibt zu Hause; natürlich unter jäm- merlichen Klagen über seine schwache Gesund- heit und den Undank seiner Freunde, die sich Landgüter kaufen, ohne auf die Entfernung von seinem Hause und auf seine Rheumatismen Rücksicht zu nehmen.“ „Der Wunden lacht, wer Narben nie ge- fühlt“, rief Steinheim. „Wenn solch ein Springinsfeld, wie Erlau, der mit jedem Ha- sen um die Wette laufen könnte, doch nicht über die Empfindungen vernünftiger Leute spot- ten wollte, welche, ohne deshalb dick zu sein oder mißgestaltet, sich dennoch bei warmen Wetter ihres Körpers bewußt werden als ei- ner Zugabe, die sie am Laufen und Fliegen verhindert.“ Jenny und Erlau lachten, und man rief Therese herbei, um sie an der Unterhaltung Theil nehmen zu lassen. Sie trat hinter Jen- ny's Stuhl und bewunderte die raschen Fort- schritte, welche die Arbeit seit einer Stunde gemacht hatte. „Du solltest Dir“, sagte sie, „so lange Du noch zu Hause bist, allmälig alle Deine Lieblingspunkte zeichnen und sie zum Andenken mitnehmen, wenn Ihr einst fort- gehen werdet.“ „Der Gedanke ist des Monarchen werth, Fräulein Therese!“ fiel Steinheim ein. „Und schöne Gegenden werden Ihrem Auge erquickend sein“, sprach Erlau, „wenn Reinhard darauf besteht, Sie in jene Einöde zu führen, in der die Heerde weidet, die er hüten soll. Ich sehe Sie schon, Fräulein, mit einem Schä- fer- oder Krummstabe — ich weiß nicht, was Pfarrerinnen in Arkadien führen, durch die sandigen Fluren wallen. Ich höre Sie, Rein- hard zu Liebe, über jedes Heidekraut, das der Boden hervorbringt, in Ach! und Oh! zerflie- ßen und Gott danken dafür, daß er diesen Sand aus seiner großen Barmherzigkeit er- schaffen, damit er uns in die Augen fliege, wenn ein warmer Lufthauch sich je einmal in solch eine Gegend verirrt.“ „Lassen Sie das Gustav ja nicht hören“, warnte Jenny, „ er würde es übel deuten!“ „Du solltest es auch nicht leiden, liebe Jenny“, meinte Therese, „da Du weißt, wie unangenehm diese Scherze Deinem Bräutigam sind, der mit Entzücken an seinen künftigen Aufenthaltsort denkt.“ „Ich wollte, sie ginge nach dem entzücken- den Orte und ließe uns Jenny hier“, sagte Erlau leise zu Steinheim, und: „wer weiß, wie gern sie das thäte“, antwortete dieser ebenfalls leise, während Therese versicherte, für sie würde ein ganz eigner Reiz darin lie- gen, einem Manne sein einziges Glück zu sein. Je schlechter die Gegend, je weniger lockend die äußern Verhältnisse, um so theurer müßte ihm ja sein Haus und seine Frau werden! „Gott bewahre mich vor solchem Glück!“ rief Jenny und legte den Pinsel fort; „das ist ja, um mich bei Zeiten an biblische Wendun- gen zu gewöhnen, der Weib gewordene Egois- mus. Mein Mann sollte entbehren, damit ich geliebt würde? Wie kann man so Etwas den- 17** ken? Weißt Du, was ich mir wünschen würde? Reinhard müßte ein mächtiger Kai- ser sein, ein Napoleon, der die Erde be- herrschte, und dem aller Ruhm, alle Schätze der Welt eigen wären. Alle Menschen müß- ten ihn anbeten, weil er eine neue schöne Zeit heraufgeführt, und dann müßte er den schön- sten Lohn für seine Thaten darin finden, wenn ich Diejenige wäre, die ihn am meisten bewun- derte und liebte. Die Hand, mit der ich Abends die Falten auf seiner Stirn glättete, müßte ihm noch lieber sein, als die Kronen, die er auf sein Haupt gedrückt — denn neben- her müßte er ein Kaiser aus eigener Macht- vollkommenheit sein, nicht von Gottes Gnaden — Napoleon mit einem Worte! Da das aber nicht sein kann“, schloß sie, und nahm den Pinsel wieder vor, „ist nächst Napoleon mein Gustav doch der Beste!“ „Das sieht Dir ähnlich“, sagte Therese, „Du suchst — nimm mir das nicht übel — das Glück doch ein wenig in äußern Dingen und weichst darin sehr von Reinhard ab, der nichts begehrt, als ein bescheidenes Loos.“ Jenny stand verdrießlich von der Arbeit auf und ging mit Erlau nach der andern Seite des Balkons, während Steinheim The- rese mit ihren soliden Ansichten neckte und zu- letzt die Worte hinwarf: „Uebrigens glaube ich auch, daß Fräulein Jenny mit einer Hütte und einem Herzen nicht ganz so zufrieden wäre, als manche Andere .“ Diese Worte, die halb scherzend, halb ab- sichtlich gesprochen waren, erreichten Jenny's Ohr. Sie wendete sich um, sah Therese plötz- lich roth werden und sich unter einem gleich- gültigen Vorwande entfernen. Auch sie er- glühte einen Augenblick, warf einen langen forschenden Blick auf Therese und fuhr mit der Hand über die Stirne, als wenn sie einen Gedanken verbannen wollte, der ihr unvermu- thet aufgestiegen wäre. Steinheim gesellte sich gleich nach There- sens Entfernung zu den beiden Andern, und machte die Bemerkung, Fräulein Therese ge- wöhne sich seit einiger Zeit einen gewissen pe- dantischen Ton an, der sonst nur Gouvernan- ten eigen zu sein pflegte. „Sie will immer Alles besser wissen“, sagte er, „immer beleh- ren, man merkt die Absicht und man wird verstimmt.“ „Es ist so böse nicht gemeint“, entschul- digte Jenny, „sie glaubt nur, mich erziehen zu müssen, weil meine Eltern und Reinhard selbst sie mir früher oft als Beispiel aufgestellt haben. Zu dem hält sie sich meinem Bräuti- gam für den Unterricht verpflichtet, den er uns gegeben, und möchte, glaube ich, aus Dankbar- keit gegen ihn mich zu einer recht vollkommnen Frau nach seinem Sinne machen, und dazu fehlt noch viel.“ „Sie muß also aus Liebe quälen“, sagte Steinheim und nahm bald darauf Abschied von Jenny, die wieder zu malen angefan- gen hatte. Nun blieb sie mit Erlau allein. Eine Weile arbeitete sie eifrig fort, vielleicht um ungestört über etwas nachzudenken, bis Erlau sie fragte, ob sie Neigung hätte, Theresens Rath zu be- folgen und die schönsten Ansichten der Gegend zu skizziren? „Nein!“ antwortete sie, „ich bedarf dieser sinnlichen Anhaltepunkte nicht, um mich deut- lich und mit Vergnügen an Orte zu versetzen, die mir durch irgend etwas theuer sind. Es ist mir im Gegentheil oft lästig, wenn solch ein Bildchen mir eine Landschaft, die mir im schönsten Lichte fröhlicher Erinnerung vor- schwebt, so dürftig und klein zusammenge- schrumpft zeigt, daß sie mir fremd und mu- mienhaft erscheint.“ „Da werden Sie mich vielleicht für einen Menschen halten, der ganz und gar der Sin- nenwelt gehört, wenn ich Ihnen sage, daß ich erst vor einiger Zeit das Bild einer Dame be- endete, um es mir als Andenken an sie zu bewahren.“ „Geht die Giovanolla denn schon fort von hier? Ich hatte gehört, es sei gelungen, sie für die hiesige Bühne zu gewinnen“, sagte Jenny mit Beziehung auf die Huldigung, welche der junge Maler seit Monaten der schö- nen Sängerin unverholen dargebracht. „Die Giovanolla würde ich mir ebenso we- nig zum Andenken malen als die mediceische Venus. Sie ist mir Studie, und vielleicht die schönste, die man findet. Solche Köpfe be- wahrt unser Album, und sie gehören der Nach- welt, der wir sie überliefern. Anders ist es mit den Gestalten, die dauernd in unserer Seele leben und deren Abbild, nur von uns gesehen, auf unserm Herzen ruht“, erwiderte Erlau und zog eine kleine Kapsel hervor, die er mit einem Federdruck öffnete, und in wel- cher Jenny ihr eigenes Bild im Costüme der Rebekka sprechend ähnlich erblickte. „Erlau!“ rief Jenny erschreckt“, um Got- tes willen, was soll das heißen? „Das heißt, daß ich nicht das Irrlicht, der leichtfertige, unbeständige Mann bin, für den Sie mich halten; es beweist, daß auch ich das geistig Schöne erkennen und leidenschaftlich — er hielt inne, und sagte dann mit leiserem Tone „verehren kann.“ Verwirrt und überrascht schwieg Jenny still und sah scheu zur Erde nieder. Dies Schweigen benutzte Erlau. „Fürchten Sie nichts, Jenny!“ sagte er, „ich gehöre nicht zu den Thoren, die jeden schönen Stern, der in ihre Seele leuchtet, hinabziehen möchten in den Staub, um ihn sich anzueignen. Ich freue mich, daß er ist, daß er seine leuchtenden Strahlen auch in mein Auge fallen läßt, denn er ist es, der meinen Farben ihren Glanz, meinen Gebilden ihren tiefen Sinn verleiht, und ich ver- lange nichts, als daß er sich nicht verdunkeln lasse durch irdische Verhältnisse, daß er nicht un- tergehe in der Prosa eines gewöhnlichen Lebens. Versprechen Sie mir das?“ rief er mit Enthu- siasmus und reichte ihr seine Hand entgegen. „Mit vollster Zuversicht!“ antwortete Jenny und schlug in die dargebotene Rechte. „Ich verspreche Ihnen immer das Bild des Schönen in der Seele und das Streben darnach in mir rege zu erhalten. Ihrem Schaffen und Wir- ken, Ihnen selbst wird mein Geist willig fol- gen, Erlau! und in der Liebe zur Kunst blei- ben wir vereint, wenn wir einst uns trennen.“ „Und das geschieht noch heute“, sagte Er- lau. „Der Winter hat schwer auf mir gelegen, mein Herz hat unter seinem eisigen Scepter viel gelitten. Es hat mir weh gethan mein Herz — o recht weh! und Haß und Neid, und wie diese Dämonen sonst noch heißen mö- gen, die alle sind in meine einst so fröh- liche Seele gezogen. Seit ich dies theure Bild gemalt, hat kein anderes mehr gelingen wol- len; es wird immer nur das Eine, und darum Jenny! muß ich gehen. Wenn erst Italiens heiterer Himmel und seine schönen Menschen mich wieder umgeben, dann wird es bes- ser werden; und wenn ich zurückkehre, soll Niemand ahnen, wie ich geweint, als ich zum letzten Male vor Dir stand, Niemand als Du! Mit diesen Worten schied er plötzlich und ließ Jenny betäubt und erschüttert zurück. Nie war es ihr eingefallen, daß Erlau einer solchen Liebe fähig, daß sie der Gegenstand derselben sein könne. Sie hatte ihn sehr geistreich gefunden; seine fröhliche Laune, sein unerschöpflicher Hu- mor und besonders sein bedeutendes Talent hat- ten sie angezogen, und sie konnte sich nicht ver- hehlen, daß er ihr vor ihrer Verlobung in einer Weise begegnet sei, die ihr seine Neigung hätte verrathen können, wenn sie damals auf irgend Jemand, außer auf Reinhard, geachtet hätte. Erlau's Liebe zu ihr betrübte sie, und doch machte es ihr Freude, von ihm um jener Ei- genschaften willen geliebt zu werden, welche sie selbst in sich als eine Quelle poetischen Genus- ses schätzte, und die Reinhard weniger beach- tete. Sie hatte mit Erlau, wenn man so sa- gen darf, eine moussirende Leichtigkeit des Gei- stes gemein, die Scherz und Ernst auf wun- dersame Weise zu mischen und das Leben wie ein fröhliches Spiel zu nehmen begehrt, dessen ernste Bedeutung sie trotz dem wohl verstand. Aus dieser gewohnten Denkart hatte ihr Ver- hältniß zu Reinhard sie gerissen, und so sehr sie Reinhard's Charakter ehrte, so erschreckte sie doch oft der strenge Ernst, den er selbst auf die unbedeutendsten Verhältnisse angewendet wissen wollte. Jetzt besonders, als sie angst- voll mit den Zweifeln gerungen, die der Ueber- tritt zum Christenthum in ihr hervorgerufen, hatte Erlau, ihre trübe Stimmung bemerkend, mit unermüdlicher Gefälligkeit täglich auf ir- gend eine kleine Zerstreuung für sie gedacht. Er sah sie leiden; er bemerkte, daß seine Ge- sellschaft ihr willkommen sei, und ohne die Quelle ihres Kummers entdecken zu wollen, war er glücklich, ihr Alles zu gewähren, was sie zu bedürfen schien. Je ernster er sie sah, um so mehr strebte er, sie mit sich auf die heitere Höhe des Daseins zu führen, auf der ihn seine poetische Seele und die Freiheit des wahren Künstlerlebens stellten. Seine Bemü- hungen waren nicht ohne Wirkung auf sie ge- blieben, nun sollte auch dieser Trost ihr ge- nommen werden. Es war ihr, als ob mit Er- lau der Genius ihrer fröhlichen Jugend von ihr scheide. Sie hatte ihn lieb gehabt, mehr als sie geglaubt, denn ihm hatte sie sich gleich- gefühlt und nie gescheut, sich ihm in aller Er- centricität zu zeigen, zu welcher der Augen- blick sie gerade hingerissen hatte. Er war dem erwachsenen Mädchen ein lieber treuer Spiel- gefährte gewesen, und wehmütig schlug sie die Hände zusammen, und sagte: „Ach! das Le- ben wird immer ernster“, als Erlau sie verlas- sen hatte. Und wirklich schien es, als ob sie niemals zur Ruhe kommen sollte. Kaum war es ihr gelungen, mit sich über den Schritt einig zu werden, den sie jetzt durch die Taufe thun wollte, und schon drang neues Wirrniß auf sie ein. Von Erlau's Abschied, das fühlte sie, durfte Niemand erfahren, auch Reinhard nicht, obgleich sie wußte, es sei nicht recht, es diesem zu verschweigen. Erlau besaß ihr Bild, das für Reinhard zu malen, er immer unter neuen Vorwänden sich geweigert hatte. Sie hätte es ihm vielleicht nicht lassen dürfen; aber es zu fordern, hatte sie nicht Muth; sie gönnte es ihm, und doch hielt sie es für unrecht und sich für eine Mitschuldige Erlau's. Es kam ihr wie eine Untreue an Reinhard vor, daß sie schwieg, und besonders, daß trotz aller Einwendungen, die sie sich machte, Erlau's stille Liebe ihr wohlthat. Wie schroff stach gegen dieses Man- nes Liebe Theresens Betragen ab! Schon vor langer Zeit war Jenny der Ei- fer unangenehm gewesen, mit dem Therese im- mer gegen sie Partei genommen, wenn sie in den gleichgültigsten Sachen von Reinhard's Meinung abwich. Es fiel ihr ein, daß sie sich einaml scherzend gegen Joseph darüber be- I. 18 schwert und dieser erwidert hatte, er halte Therese für neidisch, und rathe überhaupt da- von ab, sie ganz in die Familie aufzunehmen. Das hatte Jenny mit tausend Gründen be- stritten. Sie erinnerte Joseph, wie gutmüthig Therese immer gewesen sei, wie anhänglich und anspruchslos, und versicherte, daß sie nie et- was so Gehässiges von ihr zu glauben ver- möchte. „Zudem“, hatte Jenny damals lächelnd gesagt, „ist sie doch gewissermaßen Reinhard und mir zu Hülfe gekommen, und hat minde- stens dazu beigetragen, uns schneller in den Hafen des Brautstandes zu bringen, dafür bin ich ihr dankbar, und ertrage ihre kleinen Launen; denn lieb hat sie uns, Reinhard und mich.“ „Reinhard gewiß!“ hatte Joseph geant- wortet, und so gleichgültig diese Bemerkung ihr damals erschienen war, so deutlich erin- nerte sie sich jetzt der Absichtlichkeit, mit der Joseph sie gesprochen. Tausend kleine Züge, welche sie früher nicht beachtet, fielen ihr ein, und erhoben die Vermuthung, die sich ihr heute aufgedrungen hatte, zur Gewißheit. Therese hatte eine Neigung für Reinhard gefaßt, und mißgönnte ihr das Glück, von ihm geliebt zu werden. „Sie muß fort, Therese darf nicht mit uns bleiben“, das war Jenny's erster Gedanke. Dann dachte sie an die Reihe von Jahren, in denen sie Therese gekannt, an unzählige kleine Liebesdienste, welche sie sich gegenseitig erzeigt hatten; sie erinnerte sich, wie Therese lange Zeit ihr einziger Um- gang gewesen, und daß erst, seit sie Reinhard und Clara kenne, jene so in den Hintergrund ihres Herzens getreten sei. Theresens Gesund- heit war schwankend, und Eduard, der ihr Arzt war, hatte gehofft, der Sommer auf dem Lande werde ihr gut thun, da sie im Meier- schen Hause nicht nöthig hätte, sich so ange- 18 * strengt zu beschäftigen, als bei ihrer Mutter. Madame Meier hatte Theresens Gesellschaft gern; sie war ihr in mancher Hinsicht bequem, und es schien nicht unwahrscheinlich, daß Therese sich gern entschließen würde, als Gesellschafterin im Meierschen Hause zu bleiben, wenn Jenny es nach ihrer Hochzeit verließ, wodurch für die Er- stere auf viele Jahre hinaus eine angenehme Stel- lung gesichert war. Diese Rücksichten stimmten Jenny milder. Sie durfte hoffen, noch im Laufe des Jahres mit Reinhard verbunden zu werden, und einige Monate, meinte sie, gingen leicht vor- über, darum mochte Therese immerhin sie nach Berghoff begleiten. Wenn sie ihrem Bräutigam offen die Wahrheit bekannte, konnte für Niemand Gefahr daraus entstehen. Durfte sie, ohnehin die Glücklichere, der armen Therese aus kleinlicher Eifersucht eine Zuflucht in ihrem väterlichen Hause mißgönnen, in das sie auf Jenny's Bit- ten getreten war? Reinhard's Liebe konnte ihr ja nie geraubt werden und ihr festes Vertrauen mußte ihm Freude machen. Trotz dieser Gedanken, welche sich nach ein- ander in Jenny entwickelten, konnten sie einer ge- wissen Beklommenheit nicht Herr werden. Er- lau's und Theresens Bild trat störend zwischen sie und Reinhard; und so sehr sie es sich zu ver- bergen strebte, sie fühlte ungeachtet ihrer guten Vorsätze einen Groll gegen Therese, wie sie ihn selbst an jenem Abend nicht empfunden, an dem ihre Eifersucht Veranlassung zu ihrer Verlobung geworden. Damals wußte Therese nicht, was Jenny für Reinhard fühlte; aber daß sie jetzt den Bräutigam ihrer Freundin zu lieben wagte, das war ein Verrath, denn sie ihr nicht verge- ben konnte. Sie war höchst empört, und nur die Furcht, zu zeigen, daß ihr Therese gefährlich scheine, hielt sie von Schritten gegen diese zurück, während sie sich einbildete, der Stimme der Ver- nunft und Milde Gehör zu geben, wenn sie The- 18 * * rese in ihrer Nähe duldete. Nur das Eine nahm sie sich fest vor, Reinhard, der eben die Straße heraufkam, noch heute zu erzählen, wie Therese an ihr handle. Die kleine Skizze, welche für ihn bestimmt gewesen, hatte Jenny bei Seite gelegt, weil in dem Augenblick Erlau's Andenken mit dieser Ar- beit so innig verwebt war, daß sie eine Scheu empfand, sie ihrem Bräutigam mit diesen Em- pfindungen zu schenken. Des armen Erlau's thrä- nenschweres Auge hatte auf dem Blatt geruht: nun sollte Gustav sich daran erfreuen? Das konnte nicht sein, es wäre unzart gegen beide Männer gehandelt; und als Gustav die Thüre des Treibhauses öffnete, das den Saal von dem Balkon trennte, machte Jenny schnell die Mappe auf und überließ das Blättchen dem Abendwinde, der sich seiner bemächtigte und es in tändelnder Eile dem Strome zuführte, der am Garten vor- überrauschte. Gustav freute sich, Jenny allein zu finden, und theilte ihr einen Brief seiner Mutter mit, welche mit hoher Zärtlichkeit von Jenny sprach und die Zusicherung gab, zur Taufe Jenny's zu kommen, die, um jedes Aufsehen zu vermeiden, in Bergfeld vollzogen werden sollte, sobald man sich dort wieder heimisch fühlte. Nach dieser Ce- remonie mußte Reinhard verreisen, um mit sei- nem alten Onkel persönlich die Bedingungen we- gen der Uebergabe seiner Stelle an ihn zu ver- abreden; „und das ist“, sagte Reinhard, „dann endlich die letzte Schwierigkeit, die wir zu besei- tigen haben, um an das Ziel zu gelangen. Nun steht uns, Gott sei Dank! kein Hinderniß mehr entgegen.“ „Wer weiß?“ meinte Jenny. „Wie? wenn ich nun plötzlich eifersüchtig würde und Dich nicht reisen ließe?“ „Jenny! könntest Du so süßer Thorheit fä- hig sein?“ antwortete Reinhard, „ich fände Dich noch tausendmal liebenswürdiger, als je zu- vor! Dann würdest Du fühlen, wie ich vor Sehn- sucht brenne, Dich bald mein Eigenthum zu wis- sen, wie unglücklich mich die Galanterien, die Aufmerksamkeiten all der Stutzer machen, die Dich hier umschwärmen, und die, das fühle ich, mehr oder weniger ein wirkliches Interesse daran haben, Dir zu gefallen, Deine Gunst zu erwerben.“ „Das quält Dich, lieber Gustav?“ fragte Jenny. „Was würdest Du denn beginnen, wenn nun Jemand, außer Dir, auf den närrischen Ein- fall käme, sich in mich alles Ernstes zu verlieben?“ „Wer wagt das?“ rief Reinhard, „denn Du scherzest nicht, Du verbirgst mir etwas, Jenny; sage mir, mein Leben, was ist es? Treibe kein Spiel mit mir, für das ich keinen Sinn habe und das mich peinigt.“ Jenny machte sich von Gustav's Arm, der sie umschlungen hatte, los und sagte, Steinheim's Manier nachäffend: „Und erst gespießt und dann gehangen. So würdest Du doch über jeden Mann urtheilen, Du Grausamer, der so unglücklich wäre, Deine Neigung für mich begreiflich zu finden, wäh- rend ich in nächster Nähe ein Wesen dulde, das — nun das vielleicht auch recht gern Frau Pfar- rerin Reinhard würde, und ich bin so großmü- thig, Dir das zu erzählen und ihr zu vergeben.“ „Wovon sprichst Du eigentlich?“ fragte Rein- hard dringender; „Du weißt, daß ich nicht ge- schickt zu solchen Scherzen bin, und es ist etwas in Deinem Auge, in Deiner ganzen Art, was mich Ernst in diesen Neckereien vermuthen läßt, darum sage mir, was hat sich denn ereignet?“ „Ereignet?“ wiederholte Jenny, und setzte sich wieder zu Reinhard hin, „ereignet hat sich eigentlich nichts; ich habe aber eine Entdeckung gemacht, die ich Dir vielleicht verhehlen würde, wenn Du nicht eben mein Gustav wärest, und von Eitelkeit so fern, als ich von Eifersucht. Denke Dir, Gustav! Therese liebt Dich.“ „Unmöglich“, rief der junge Mann. „Das finde ich nicht“, antwortete Jenny, „ich finde es im Gegentheil gar sehr natürlich und, wie ich aus Erfahrung weiß, durchaus zu ent- schuldigen — aber — Gustav! denke nicht daran, laß es uns Beide vergessen, und — ich glaube, nun ich es Dir gesagt habe, ich hätte es nicht thun sollen, denn .....“ „Einzig geliebtes Herz“, unterbrach Rein- hard sie fröhlich, also doch! Du kannst auch ei- fersüchtig sein? So lieb hast Du mich? Wie soll ich nur Therese danken, daß sie mir zum zwei- ten Male solch unverhoffte Freude bereitet! Ich wollte wirklich, ich könnte ihr vergelten, denn das habe ich oft gemerkt, sie ist in ihrer verstän- digen überlegten Art mein bester Anwalt bei Dir. Sie hat Dich manchmal in so freundlicher Weise auf das Gute aufmerksam gemacht, das unsere künftige Stellung mit sich bringen wird, daß ich ihr von Herzen ein ähnliches Glück wün- sche. Und in der That ist sie so hübsch und wohlerzogen, daß sie wol Anspruch hätte, zu gefallen! „Sieh! das finde ich nicht“, wendete Jenny ein. „Therese ist wirklich jung, aber sie hat für mich ein gewisses Etwas, nenne es Pedante- rie oder wie Du sonst willst, was mir mißfällt. Sie kommt mir gewissermaßen altjüngferlich und überlegt vor. Alles ist Absicht bei ihr und ich be- greife gar wohl, daß sie Männern nicht gefällt!“ Reinhard zog Jenny an seine Brust und sagte lachend: „Siehst Du, mein Kind! gerade so be- greife ich wohl, daß Männer, wie Steinheim, Er- lau und die Andern den Frauen gar nicht gefallen sollten; und Du hättest mir heute zum Abschied von der Stadt nichts Besseres geben können, als die Versicherung, daß Dir die arme Therese wirklich so sehr mißfällt. Aber laß es nur gut sein — wenn Jenny Meier nicht mehr neben ihr ist, um sie zu verdunkeln, findet wol irgend ein braver Mann die gute Therese nicht so unliebenswür- dig, als sie Dir heute erscheint.“ Dann verlangte er zu wissen, wie Jenny zu der Vermuthung gekommen sei, und obgleich sie ihn wegen seiner Neugier neckte, konnte sie nicht umhin, ihm mehr zu erzählen, als eigentlich in ihrer Absicht gelegen, nachdem sie gesehen, welch ein Interesse Reinhard daran nahm. Bald aber brach sie davon ab und ging zu ihren Eltern, um noch einige nöthige Verabredungen wegen der Taufe mit ihnen und Reinhard zu treffen; und sehr schnell war der kleine Rest des Abends vor- über, den die Verlobten mit den Eltern allein zu- brachten, da Therese zu ihrer Mutter gegangen war, und Eduard und Joseph außer dem Hause soupirten. Druck von F. A. Brockhaus in Leipzig. Im Verlag von F. A. Brockhaus in Leipzig ist erschienen und in allen Buchhand- lungen zu erhalten: Clementine. Woman's love! how strong is it in its weakness, how beautiful in its guilt. Bulwer, Pelham. Gr. 12. Geh. 1 Thlr. Zwei Gräber. von G. Schirges. Gr. 12. Geh. 1 Thlr. 18 Rgr.