Zur Geschichte der deutschen Kleingewerbe im 19. Jahrhundert. Statistische und nationalökonomische Untersuchungen von Gustav Schmoller. Halle, Verlag der Buchhandlung des Waisenhauses. 1870. Meinem Schwager Dr. Gustav Rümelin, k. w. Staatsrath a. D., Vorstand des k. w. statist. Bureaus, Dozenten der Philosophie und Statistik an der Universität Tübingen, in Liebe und Dankbarkeit gewidmet. Vorrede . D ie nachstehenden Untersuchungen sind ursprünglich veranlaßt durch die Redaktion des Arbeiterfreundes. Seit geraumer Zeit dem Namen nach Mitarbeiter dieser Zeitschrift fühlte ich längst die moralische Ver- pflichtung, diese nominelle Mitarbeiterschaft zu einer faktischen zu machen. Um den wiederholten Aufforde- rungen der Redaktion zu genügen, nahm ich eine Arbeit wieder vor, die mich seit lange beschäftigte, die Bearbeitung der Handwerkerstatistik der wichtigern deutschen Zollvereinsstaaten. Bald aber sah ich, daß die Vollendung dieser Arbeit einen Umfang gewinne, der die Veröffentlichung in einer Zeitschrift ausschließe. Damit war eine selbständige Publikation geboten, wie sie nunmehr erfolgt. Meiner Verpflichtung gegenüber dem Arbeiterfreund kam ich dadurch nach, daß mir die Verlagsbuchhandlung des Waisenhauses gestattete, einen Theil der Untersuchungen (etwa die Hälfte derselben) daneben im Arbeiterfreund abdrucken zu lassen. Es folgte aus dieser Kombination der Uebelstand, daß der Druck der ersten Bogen im Januar 1869, noch ehe der Entwurf der neuen Gewerbeordnung ausge- geben war, begann, während die letzten erst im Sep- Vorrede. tember und Oktober 1869 ganz vollendet und gedruckt wurden. Seit mir im Jahre 1862 die Ausarbeitung der im Dezember 1861 aufgenommenen württembergischen Gewerbestatistik übertragen worden war, hatte ich die hiermit zusammenhängenden Fragen und Untersuchungen stets mit besonderer Vorliebe im Auge behalten. Als ich nach Preußen kam, hatte ich doppelte Veranlassung mich immer und immer wieder für wissenschaftliche Vor- lesungen, für Vorlesungen in Gewerbe- und Hand- werkervereinen, sowie für literarische Arbeiten mit der preußischen Gewerbestatistik, sowie mit der des Nachbar- landes, mit der sächsischen, zu beschäftigen. So hatte sich das Material, die verschiedensten Arten der Berech- nung, der Tabellen bei mir gehäuft; meine eigenen Ansichten waren im Laufe dieser Zeit mannigfach andere geworden, als ich mich durch die genannte äußere Ver- anlassung zur definitiven Ausarbeitung entschloß. Ich theilte früher, meinen allgemeinern Studien und meinen politischen Anschauungen gemäß, die hergebrachten An- sichten der liberalen Nationalökonomie, die rein opti- mistische Auffassung unserer volkswirthschaftlichen Fort- schritte, die Idee, in der Gewerbefreiheit an sich liege ausschließlich das Heilmittel für alle Uebelstände. Je tiefer aber meine Studien gingen, desto mehr sah ich nicht die Unrichtigkeit, im Gegentheil die Berechtigung, aber auch die Einseitigkeit dieses Standpunktes ein, desto mehr verwandelten sich mir frühere Abstraktionen in konkrete Unterscheidungen, der schönfärbende Optimis- mus in die Einsicht, daß nothwendig aus den großen Vorrede. Umwälzungen unserer Zeit neben glänzenden, unerhör- ten Fortschritten tiefe soziale und wirthschaftliche Miß- stände sich ergeben; es verwandelte sich mir der Nihilis- mus des „laissez faire et laissez passer“ in die Forderung positiver Reformen, wobei die Reformen mir immer mehr als die Hauptsache erschienen, nicht die Frage, ob sie der Staat oder die Gesellschaft in die Hand zu nehmen habe. Doch zunächst haben diese Untersuchungen für jene tiefer liegenden Fragen nur das Material zu sammeln, einen Theil des status quo festzustellen. Der erste Zweck der Arbeit lag für mich darin, die so vielfach mißbräuchlich benutzten statistischen Zahlen kritisch zu untersuchen, nur vergleichbare Zahlen zusammen zu stellen, durch richtige Anordnung der Zahlen die Fragen zu stellen, welche sie beantworten können. Ich habe daher auch nicht gescheut, selbst mit einer breiten und hier und da ermüdenden Ausführlichkeit die Entstehung und den Werth der einzelnen Zahlen klar zu legen, durch zahlreiche Anmerkungen jedem Leser die eigene Prüfung und Nachrechnung zu ermöglichen. Die Mehr- zahl meiner Rechnungen habe ich durch einen ausge- zeichneten Mathematiker, Herrn Ulrich, Beamten der Versicherungsgesellschaft Iduna prüfen lassen; auch im Druck sind die Zahlen mit möglichster Sorgfalt rektifizirt, so daß hoffentlich die niemals ganz zu vermeidenden Druck- und Rechenfehler unbedeutend sind. Daneben habe ich angestrebt, die Zahlen so mitzutheilen, daß auch der Nichtfachmann sie leicht versteht, d. h. ich habe sie, durchaus in kleine Tabellen gruppirt, zwischen dem Vorrede. Texte mitgetheilt, auch absichtlich die Hauptresultate der Tabelle nochmals in Worten ausgesprochen, was ja in offiziellen Publikationen, wie in Werken für den Statistiker von Fach zu vermeiden ist. Wenn ich dabei möglichst suchte, die Zahlen ganz für sich sprechen zu lassen, so weiß doch jeder Statistiker, daß das nur möglich ist, wenn der, welcher die Zahlen vorführt, eine genaue vollständige Kenntniß der realen Verhältnisse hat, um die es sich handelt. Und dazu rechne ich nicht nur eine Kenntniß der spezifisch gewerb- lichen Zustände, der Technik der Gewerbe, der Absatz- und Preisverhältnisse, sondern ebenso sehr eine Kenntniß der psychologischen und sittlichen Zustände, der Personen, um die es sich handelt, der Art, wie die betreffenden wirthschaftlichen Klassen sozial und sonst mit einander verkehren und stehen. Ich habe mich in dieser Beziehung bemüht, das große literarische Material, das in den Handelskammer- berichten, in den Ausstellungsberichten, sowie in den volkswirthschaftlichen Zeitschriften liegt, zu verwerthen. Ich sammle seit Jahren an der sehr umfangreichen Brochürenliteratur über deutsche Volkswirthschaft des 19ten Jahrhunderts. Auf manchen Reisen und Wan- derungen habe ich den Süden und den Norden des Zollvereins durchstreift, die großen Fabriken besichtigt, die Werkstätten der Handwerker aufgesucht und in den Wohnungen der Arbeiter eingesprochen. Aber immer bleibt das, was man so selbst gesehen, sogar das, was man selbst gelesen und studirt hat, gegenüber dem großen Gebiete des gewerblichen Lebens ein kleines Vorrede. Bruchtheil. So kann es nicht fehlen, daß da oder dort vielleicht die Information eine ungenügende war, die Ausarbeitung eine ungleiche wurde. Die Grenz- linie zwischen Zahlenmittheilung und ausführender Be- trachtung konnte schon wegen der verschiedenen Bedeu- tung der einzelnen Fragen, Staaten und Gewerbe keine ganz gleichmäßige sein. Aber darauf kommt es auch nicht an. Das Wesentliche liegt immer wieder im Ge- sammtergebniß. Dieses ist wohl mehr durch die gleich- sam mathematisch festgestellten statistischen Resultate — daneben aber immer auch durch die sonstigen Studien und Ansichten, durch das Temperament und die Erleb- nisse des Autors bedingt. Ein subjektiver Rest bleibt immer. Es ist die Schattenseite jeder wissenschaftlichen Arbeit; es ist aber auch im gewissen Sinne ein Vor- zug. Es soll ein subjektiver Rest bleiben. Eine Arbeit derart, welche mit über die wichtigsten volkswirthschaft- lichen Fragen der Gegenwart sich ausspricht, soll sub- jektiv im guten Sinne des Wortes, sie soll eine erlebte sein. Sie soll sich gründen auf selbständige Forschung, die unter Kenntniß aller bisherigen Resultate der Wissenschaft, doch bei der Beobachtung von allen Schul- theorien zu abstrahiren, mit eigenem Auge und offenem Herzen zu sehen vermag. Das ist doppelt nothwendig für Fragen, welche vom Streite der politischen Parteien seit Jahren so hin- und hergezerrt wurden, daß auf allen Seiten die Unbefangenheit des Urtheils verloren ging, daß man die Parteidevisen über die Dinge stellte, daß man beiderseits mit Argumenten focht, die aus der Rüst- Vorrede. kammer der doch schon vielfach wieder veralteten Partei- schriften geholt (hier aus Adam Müller, Haller, Sismondi, dort aus Adam Smith und Bastiat), auf die im Augenblick streitigen Objekte oft kaum paßten. Besonders die extremen Flügel beider großen politischen Parteien haben intolerant, wie die Extreme immer sind, sich gerade auch für volkswirthschaftliche Dinge ein Parteidogma zurecht gemacht, an dessen Unfehlbar- keit und Unantastbarkeit sie mit der ganzen Leiden- schaftlichkeit einer pfäffischen Orthodoxie festhalten. Dieser Vorwurf trifft nicht bloß unsere konservativen, er trifft besonders auch die radikalen Volkswirthe. Man kann mit den Hauptzielen der volkswirth- schaftlichen liberalen Agitation des letzten Jahrzehntes, mit den Hauptzielen des volkswirthschaftlichen Kon- gresses vollständig einverstanden sein, man kann das Verdienst jener volkswirthschaftlichen Agitation um die praktische Durchführung wichtiger, allerdings über- wiegend negativer Reformen, man kann das positive Verdienst Schulze-Delitzsch’s sehr hoch stellen, ohne darum die ganz einseitigen theoretischen Grundlagen jener volkswirthschaftlichen Partei zu theilen — jenes abstrakte Schuldogma, das die unbedingte Harmonie aller Privatinteressen, das die unbedingte Berechtigung jedes wirthschaftlichen Egoismus predigt, das, die psychologischen, sozialen und sittlichen Vorbedingungen jedes konkreten volkswirthschaftlichen Zustandes ver- kennend, das wirthschaftliche Leben aus abstrakten Motiven ableitet. Man kann die Grenzen einer über- mächtigen Bureaukratie eingeengt, den Polizeistaat in Vorrede. einen wahrhaft konstitutionellen verwandelt wünschen, man kann ein Parteigänger politischer und wirthschaft- licher Freiheit sein, ohne darum die rechtlichen und staatlichen Grundlagen der Volkswirthschaft zu ver- kennen, wie es jenen radikalen Volkswirthen so oft begegnet. Sie wollen eine im Augenblick an der Re- gierung befindliche Partei, die theilweise freilich zugleich eine wirthschaftliche Klasse mit egoistischen Interessen ist, bekämpfen; und sie bekämpfen häufig die ewig sittliche Natur, das ewige Recht des Staates selbst, oder erklären sie, wie ihr Gegner, das wirthschaftliche Privatinteresse, das die meisten ihrer Mitglieder als wirthschaftliche Klasse haben, ohne Weiteres für das Staatsinteresse, für das allgemeine Interesse selbst. Solche Verwechslung von Partei- und Klassen- interessen mit theilweise oder scheinbar wissenschaftlichen Ausführungen und Ergebnissen kommt rechts und links vor; sie begegnet den Heißspornen beider Parteien oft ganz unbewußter Weise; manche, denen sie begegnet, glauben dabei in ehrlichster Weise zu handeln. Oft aber auch ist das nicht der Fall. Und das ist gerade die Gefahr, welcher die Nationalökonomie mehr als jede andere Wissenschaft ausgesetzt ist. Nicht die vielen Laien und Dilettanten, welche in bester Absicht heute volkswirthschaftliche Abhandlungen schreiben, sind gefähr- lich für eine klare und gesunde öffentliche Meinung, sondern jene geschulten Advokaten und Literaten, welche im Dienste einzelner Börsenunternehmungen, einzelner wirthschaftlicher Klassen, einzelner Zeitungen und Zeit- schriften, welche ausschließlich die Interessen dieser oder Vorrede. jener Klasse, oft gar einzelner Personen verfolgen, doch immer sich den Anschein geben, als sei ihre egoistische Interessentenpolemik ein Ergebniß der Wissen- schaft oder wenigstens durchaus im Einklang mit der allgemeinen Wohlfahrt, mit dem Staatsinteresse. Eine unbefangene Forschung, welche sich bemüht, frei von allen Schultheorien und Interessen, nur von den Dingen selbst auszugehen, wird das Meiste unter anderem Gesichtswinkel sehen, als der Parteimann und als der Klasseninteressent; sie wird Irrthümer einer- seits, berechtigte Momente andererseits auf beiden Seiten sehen und muß dieß, will sie anders ehrlich verfahren, offen aussprechen. Die politischen Parteien und die wirthschaftlichen Klassen als solche werden da- durch nicht befriedigt werden; ja man läuft Gefahr, alle vor den Kopf zu stoßen, ohne eine zu befriedigen. Die Wissenschaft kann sich darüber nicht grämen. Sie hat nicht den Parteien zu dienen, sondern über ihnen zu stehen, sie hat nur einen Zweck, den — ehrlich und mit Anstrengung aller ihrer Mittel nach Wahr- heit zu streben. Auch nur auf einem solchen Standpunkt wird es gelingen, was man so oft verlangt hat, so oft an- strebt, über die Theorien Adam Smith’s wahrhaft hinauszukommen — hinauszukommen nicht durch all- gemeine Deklamationen, durch unwahre Anpreisungen vergangener Zeiten und überlebter Institutionen, son- dern durch die exakte Forschung, welche, die einzelnen Gebiete nach einander durch emsige Arbeit klarlegend, den großen Gedanken des Zusammenhangs aller Vorrede. sozialen Probleme doch immer festhält, vor Allem den Grundgedanken einer tiefern Auffassung, die Ueber- zeugung von der nothwendigen Einheit und Ver- knüpfung des wirthschaftlichen mit dem sittlichen Leben der Völker immer vor Augen behält. Wenn es mir gelungen ist, in diesem Sinne einen Beitrag zur ethischen Begründung der National- ökonomie geliefert zu haben, in dem Sinne gearbeitet zu haben, in welchem schon J. G. Hoffmann, dann Roscher und Stein, Engel und Hildebrand, trotz ihrer verschiedenen Ausgangspunkte, sowie neuerdings mehrere der jüngern deutschen Nationalökonomen geforscht und gearbeitet haben, dann glaube ich meinen Zweck erreicht zu haben. Wenn mir das gelungen ist, dann auch nur glaube ich das volle Recht zu haben, dem Manne diese Untersuchungen zu widmen, der von tiefstem Einfluß auf meine geistige Entwicklung vor Allem durch sein Beispiel, durch seinen Umgang, wie durch seine wissenschaftlichen Arbeiten dazu beigetragen hat, mich zu erziehen zu wissen- schaftlicher Arbeit und zum Muthe selbständiger unab- hängiger Ueberzeugung! Halle a/S. im Oktober 1869. Gustav Schmoller. Inhaltsverzeichniß. Seite Einleitung 1—10 Ein Rückblick ins 18te Jahrhundert. 1. Das allgemeine Darniederliegen der Gewerbe 13—22 2. Die preußische Verwaltung und die preußische Industrie des 18ten Jahrhunderts 23—46 Die Hauptresultate der preußischen Aufnahmen von 1795—1861. 1. Die preuß. Handwerksstatistik von 1795/1803 49—58 2. Die preuß. Handwerkertabellen von 1816—43 59—69 3. Die preuß. Handwerkertabellen von 1846—61 70—99 Die Hauptresultate der Aufnahmen in Baden, Württemberg, Baiern und Sachsen im 19ten Jahrhundert. 1. Die badische Handwerkerstatistik von 1829—61 103—107 2. Die württembergische Handwerkerstatistik von 1835—61 und die Folgen der Gewerbefreiheit von 1862—67 108—117 3. Die bairische Handwerkerstatistik von 1810—61 118—137 4. Die sächsische Handwerkerstatistik von 1830— 1861, die Gewerbefreiheit von 1862—66 138—156 Die Umgestaltung von Produktion und Verkehr im 19 ten Jahrhundert. 1. Die Ursachen 159—195 2. Die neuere Art der Produktion 196—210 3. Das Verkaufsgeschäft des kleinen Handwerkers 211—227 4. Die Magazine und der Hausirhandel 228—254 Inhalt. Seite Die lokale und geschäftliche Vertheilung der Ge- werbetreibenden. 1. Das Handwerk in Stadt und Land 257—287 2. Das Handwerk nach Provinzen und Staaten 288—325 3. Das Verhältniß der Gehülfen zu den Meistern im Allgemeinen 326—355 4. Das Verhältniß der Gehülfen zu den Meistern im Speziellen 356—390 Der Kampf des großen und kleinen Betriebs in einzelnen Gewerbszweigen. 1. Die Nahrungsgewerbe im Allgemeinen und die in der Fabriktabelle verzeichneten im Speziellen 393—410 2. Die Bäcker und Fleischer 411—430 3. Die Wirthschafts- und verwandten Gewerbe 431—446 4. Die Baumwoll- und Leinenspinnerei 447—471 5. Die Wollspinnerei, die Zwirn-, Strick-, Stick- und Nähgarnfabriken, die Garnbleiche und Färberei und die Seilerei 472—491 6. Die Weberei überhaupt und die Weberei als häusliche Nebenbeschäftigung im Speziellen 492—510 7. Die handwerksmäßige lokale Weberei 511—533 8. Die Leinen- und Baumwollweberei für den Absatz im Großen nebst ihren Hülfsgewerben 534—575 9. Die Wollweberei im Großen, die Seiden-, die Band- und die Strumpfweberei 576—614 10. Die Schuhmacher, Schneider und ver- wandten Gewerbe 615—652 Schluß und Resultate 653—704 Einleitung . Zweck und Gegenstand der Untersuchungen. Die bisherigen Bearbeitungen der Gewerbestatistik. Die Quellen der Ge- werbestatistik und der kritische Werth gewerbestatistischer Auf- nahmen. Die Trennung der Aufnahmen in Fabrik- und Handwerkertabellen. Das Gesetz vom 8. Juli 1868, betreffend den Betrieb der stehenden Gewerbe, hat für das ganze Gebiet des norddeutschen Bundes die Gewerbefreiheit, soweit sie nicht vorher schon existirte, gebracht. Lange Angestrebtes ist damit erreicht, eine für alle Gewerbe nothwendige Gesetzesänderung erzielt. Aber irren würde man sicher, wenn man einen allzugroßen schnellen Ein- fluß dieser Aenderung auf die Lage und Entwickelung der Handwerke erwartete, wenn man glaubte, die Gewerbe- freiheit bringe den bestehenden Kleingewerben zunächst Vortheil. Ihre Entwickelung ist mehr durch andere Umstände, als durch die Gewerbegesetzgebung bedingt. Die Technik in den einzelnen Gewerben, die Konkurrenz mit der Großindustrie, die Bildung und Rührigkeit der Handwerker selbst, die landwirthschaftliche und die sonstige industrielle Entwickelung einer Gegend, die Dich- tigkeit der Bevölkerung, die Verkehrsmittel sind eben so wichtig oder wichtiger, als die Gewerbeverfassung. Schmoller , Gesch. d. Kleingewerbe. 1 Einleitung. Mag dem aber sein, wie ihm wolle, sicher ist es am Platze, bei einer so wichtigen Aenderung der Gesetz- gebung den Blick rückwärts und vorwärts zu wenden und sich von Neuem die oft besprochene Frage vorzulegen, welches war, ist und wird die Lage der Kleingewerbe sein? Vieles ist darüber geschrieben und gesagt wor- den, vielfach hat man einzelne Punkte untersucht, so gerade den Einfluß der Gewerbefreiheit, die Konkurrenz der Großindustrie, die neuen Organisationen, Assozia- tionen, Kreditvereine, die dem Handwerke Hülfe bringen sollen und theilweise auch schon gebracht haben. Viel weniger aber hat man nach dem Gesammtresultat aller der verschiedenen zusammenwirkenden Momente gefragt, wie sie in der Gewerbestatistik uns vorliegen. Was ich in den folgenden Untersuchungen beabsich- tige, ist weder eine zusammenfassende deutsche Gewerbe- statistik, noch eine vollständige Geschichte der Klein- gewerbe, noch der Gewerbegesetzgebung; eben sowenig beabsichtige ich ein näheres Eingehen auf das Assozia- tionswesen; ich will das gewerbestatistische Material der bedeutendern deutschen Zollvereinsstaaten, soweit es gedruckt vorliegt, kritisch untersuchen, damit das letzte Ergebniß aller zusammenwirkenden Ursachen möglichst feststellen und aus dieser festgestellten Beobachtung ver- suchen, Schlüsse über die Vergangenheit und gegen- wärtige Lage der Kleingewerbe, über diese und jene damit zusammenhängende Frage zu ziehen. Die folgenden Betrachtungen und Untersuchungen glauben um so mehr am Platze zu sein, sowie auch in loser, skizzenhafter Form auftreten zu dürfen, als es Frühere Bearbeitungen. mit einer gleich zu erwähnenden Ausnahme an jeder vollständigen neuen Bearbeitung besonders der preußischen Gewerbestatistik fehlt. Der trefflichen Bearbeitung von Hoffmann, Die Bevölkerung des preußischen Staates. Berlin 1839. S. 114 ff. welche die gewerbestatistischen Resultate bis 1837 in Betracht zieht, ist keine vollständig ebenbürtige gefolgt. Dieterici hat die Ergebnisse der Aufnahmen von 1843—55 Dieterici die statist. Tabellen des preuß. Staates für 1843, Berlin 1845; Tabellen und amtliche Nachrichten über den preuß. Staat I—VI. (enthaltend die Aufnahme von 1849, theilweise mit der von 1852.) Berlin 1851—55; Tabellen und amtliche Nachrichten für 1852, 1855 und 1858, je ein Band (letzterer nach dem Tode Dieterici’s von Engel herausgegeben.) Mitthei- lungen des statistischen Bureaus in Berlin, 13 Bände. 1848—60. veröffentlicht, Engel die von 1858 und 1861. Preußische Statistik in zwanglosen Heften V. Die Er- gebnisse der Volkszählung und Volksbeschreibung nach den Auf- nahmen vom 3. Dezember 1861, resp. Anfang 1862. Ber- lin 1864. Einzelne Fragen sind von Dieterici in dem Tabellenwerk von 1843, wie in den Mittheilungen erörtert; Dieterici, Mittheilungen des statist. Bureaus: I , 68 ent- hält nur die Mittheilungen der Gesammtresultate der Gewerbe- aufnahme von 1846, um zu berechnen, wie viele Personen zur eigentlich arbeitenden Klasse gehören; I , 213—291 und II , 1—16 enthält eine Vergleichung der wichtigern Handwerke von 1822 und 46, wobei hauptsächlich der Beweis geführt werden soll, daß die Gewerbefreiheit nicht zur Uebersetzung des Hand- werks geführt habe; II , 235—64 eine Vergleichung des König- reichs und der preuß. Provinz Sachsen nach dem Stand von 1846, worin die intensivere gewerbliche Entwickelung des König- für 1849 ist die Bearbeitung in dem V. Folio- 1 * Einleitung. band der offiziellen Tabellen auch eine etwas weiter gehende. Die Resultate von 1846—58 sind im ersten Band der Zeitschrift des statistischen Bureaus zu einer übersichtlichen Tabelle wenigstens vereinigt. Zeitschrift des königlich preuß. statistischen Bureaus I , S. 50—52. 1860. Die Resul- tate von 1846—61 sind für die einzelnen Gewerbe im Jahrbuch für die amtliche Statistik vergleichend zusammen- gestellt. Die Publikation der Aufnahme von 1861 ist eine bessere und eingehendere, als die früheren. Eine befriedigende Bearbeitung des Materials kann ich in all dem nicht sehen. Längst nachdem ich mit dieser Bearbeitung begon- nen, erschien der dritte Band von Viebahn’s ausge- zeichneter Statistik des zollvereinten und nördlichen Deutschlands, der das Gewerbewesen umfaßt. So voll- endet derselbe ist, so viel ich gestehe, aus demselben gelernt zu haben, so mannigfach ich mich auf seine Resultate und Berechnungen da und dort beziehen werde, so wenig konnte er mich abhalten, meine Untersuchun- reichs trotz Zunftverfassung nachgewiesen wird; III , 177—183 eine Uebersicht der mit Weberei und Spinnerei im Zollverein beschäftigten Personen; IV , 252—308 eine Vergleichung der Gewerbeaufnahmen der Zollvereinsstaaten von 1846, in der Hauptsache sich auf Mittheilung der Zahlen beschränkend; V , 212—269 eine Uebersicht der gewerblichen und Fabrikations- verhältnisse des preuß. Staates am Ende der Jahre 1846 und 49, ebenfalls in der Hauptsache nur die Zahlen mittheilend; VII , 328—352, die Meister und Gehülfen 1849 und 52, nicht viel mehr als die Zahlen und den allgemeinen Beweis der Zunahme. Literatur und Quellen. gen zu Ende zu führen und zu publiziren. Viebahn will nur den gegenwärtigen Standpunkt der deutschen Industrie darstellen; er geht nur selten auf ältere Zahlen über 1861, noch seltener über 1846 zurück. Ich will nirgends wie er darstellen, eine vollständige Beschreibung geben, ich will nur ein paar große Fragen historisch untersuchen, soweit es mit dem gewerbestati- stischen Material möglich ist. Die Fragen, welche mir die wichtigsten sind, kann Viebahn schon um des knappen Raumes in einem Sammelwerke willen vielfach kaum berühren, theilweise übergeht er sie ganz. Von den andern deutschen Staaten haben eben- falls nur wenige genügende Bearbeitungen ihrer Hand- werksstatistik aufzuweisen. Am umfassendsten noch sind die von Sachsen Zeitschrift des statist. Bureaus des königl. sächs. Mini- steriums des Innern 1860 Nr. 9 und 10: Zur Statistik der Handwerke in Sachsen; 1863 Nr. 9 und 10: Zur Statistik der Handwerke im Königreich Sachsen 1849 und 61. Das klas- sische Quellenwerk Engel’s über sächs. Gewerbestatistik, der dritte Folioband der Mittheilungen (Dresden 1854) kommt für unsere Untersuchungen weniger in Betracht, da es nur die Beschäf- tigungsstatistik des einen Jahres 1849 enthält; die dortige Untersuchung geht mehr auf Fragen, die hier ausgeschlossen sind, wie z. B. die lokale Vertheilung der sächs. Industrie, die Alters- und Civilstandsverhältnisse der Gewerbtreibenden. und Württemberg; Württembergische Jahrbücher 1862. Heft 2. Das Königreich Württemberg 1863. die bairische Die Bevölkerung und die Gewerbe des Königreichs Baiern, nach der Aufnahme von 1861 verglichen mit 1847. München 1862. Einleitung. und badische Dietz, die Gewerbe im Großherzogthum Baden. Karls- ruhe 1863. Bearbeitung geht nicht viel über die Mit- theilung der Zahlen hinaus, die hannöversche Zur Statistik des Königreichs Hannover. Heft 10. Ge- werbestatistik von 1861. Hannover 1864. beschränkt sich nur auf das Jahr 1861 und bietet daher unserer historischen Untersuchung kein Feld. Die thüringische Gewerbestatistik, Statistik Thüringens, Mittheilungen des statistischen Bureaus vereinigter thüringischer Staaten, herausgegeben von Dr. Bruno Hildebrandt I. Jena 1865—67. S. 228—324. Die Gewerbtreibenden im Großherzogthum Sachsen 1861 sind auch verzeichnet in: Beiträge zur Statistik des Großherzog- thums Sachsen-Weimar-Eisenach. Erstes Heft. Weimar 1864. S. 57—65. soweit sie mir bekannt ist, geht über das Jahr 1861 nur durch ein paar Mittheilungen aus Gotha und Koburg zurück; in der Hauptsache beschränkt sie sich auf 1861 und auf die Umrechnung der abso- luten Zahlen in Prozentverhältnisse nach einigen Haupt- richtungen. Auch auf Thüringen und die andern kleinen Staaten beabsichtige ich nicht näher einzugehen; auf allzukleinem Raume können zu leicht besondere exzeptionelle Ursachen einwirken, die das Resultat trüben. Derart waren die Verhältnisse in Bremen, wo der übertriebenste Zunftgeist die Gewerbe hemmte und die Zustände mit der Gewerbefreiheit um so plötzlicher sich änderten; siehe als Belag hierfür die interessante Vergleichung der bremischen Ge- werbestatistik von 1862 und 64: „Zur Statistik des bremischen Staats.“ Bremen 1865. S. 24 ff. Es wäre aber sicher sehr falsch, aus den dortigen Zahlen auf eine Handwerkerzunahme, die überhaupt aus allgemeinen Ursachen erfolge, schließen zu wollen. Die Kritik der Aufnahmen. gesammte Aufnahme in den Zollvereinsstaaten von 1861 ist vom Centralbureau des Zollvereins publizirt, aber ohne daß nur die Totalsummen der Tabellen gezogen wären. Statistische Uebersichten der Fabriken und vorherrschend für den Großhandel beschäftigten Gewerbsanstalten, der dafür arbeitenden mechanischen Kräfte und sämmtlicher Dampfmaschi- nen, der Handels- und Transportgewerbe, sowie der Hand- werker im Gebiete des Zollvereins. Berlin, Jonas 1864. Neuere Aufnahmen seit 1861 existiren leider fast gar keine, was um so mehr zu bedauern ist, als gerade von 1861—68 unser gewerbliches Leben sich so sehr verändert hat. Ehe ich zur Sache komme, muß ich noch eine Bemerkung vorausschicken. Die Nichtbeachtung und Nichtbearbeitung der Gewerbestatistik hatte und hat bei vielen hervorragenden Statistikern und Nationalökonomen einen, wenn nicht ganz genügenden, doch auch nicht ganz unstichhaltigen Grund — nämlich die Unvollkommenheit der Aufnahmen. Ueber Großgewerbe, Ackerbau, Forst- wirthschaft kann die Statistik eine Reihe wichtiger und theilweise leicht konstatirbarer Verhältnisse und Merk- male feststellen. Das Handwerk hat in der Regel nur eine Personalstatistik; nur die Zahl der Meister, der Gesellen und Lehrlinge oder beider letzteren zusammen läßt sich aufnehmen, daraus ihr Verhältniß zur Bevölke- rung berechnen. Damit weiß man noch unendlich wenig über die Produktion, über Blüthe oder Verfall, über die geschäftliche Organisation. Was sagt eine geringere Zahl Geschäfte, wenn jedes bestehende Geschäft mit so viel mehr Maschinen arbeitet? was sagt eine bloße Einleitung. Personalstatistik ohne Statistik der technischen Hülfs- mittel und des Umsatzes? Die ältern einfachen Kate- gorien „Meister und Gehülfen“ passen auf heutige Zu- stände nicht mehr ganz, erschöpfen sie wenigstens nicht. Vielfach sind heute verschiedene Handwerke in Gesammt- unternehmungen vereinigt; dasselbe Geschäft treibt Pelz- handel, Hutfabrikation, Handschuhmacherei. Dadurch und durch andere solche Verhältnisse entsteht eine Reihe von Schwierigkeiten, Bedenken, Unkorrektheiten. Nur bei einer möglichst genauen Kenntniß der realen gewerb- lichen Verhältnisse, um die es sich handelt, wie der Art der Aufnahmen werden sich die Irrthümer, die noth- wendige Folge dieser Mißstände sind, nicht ganz, aber doch einigermaßen vermeiden lassen. Der allgemeine Werth der Aufnahmen unterliegt neben diesen speziellen Bedenken noch dem Zweifel, der aus einer Vergleichung mit der Aufnahme der Bevölke- rungstabellen hervorgeht. Die Bevölkerungsaufnahmen haben sich successiv verbessert, eine wissenschaftlich bear- beitete Technik der Aufnahmen hat sich gebildet; die Selbstangaben in den Haus- oder Haushaltungslisten sind glaubwürdige Zeugnisse der betreffenden Personen über einfache verständliche Fragen. So sind die Gewerbe- tabellen nicht aufgenommen; sie stützen sich meist nicht auf Selbstangaben; schon die Rubriken der Tabellen sind zu komplizirt, um die Leute sie selbst ausfüllen zu lassen. Die Ausfüllung der ersten Tabellen fällt in die Hand von Lokalbehörden (Orts- oder Kreisvorstän- den), bei denen oftmals die gehörige Einsicht, öfter vielleicht noch der gehörige Wille fehlt. Für die Ver- Kritik der Aufnahmen. gleichung der verschiedenen Staaten kommt hinzu, daß man sich bis zu einem gewissen Grade schon 1846, vollständig 1861 zu einem gemeinsamen Schema in den Zollvereinsstaaten einigte, daß man aber keine sichere Garantie dafür hat, ob die Ausführung eine einheit- liche, gleichmäßige ist, ob dieselben Kategorien überall gleichmäßig aufgefaßt wurden. Gerechten Zweifeln und Bedenken unterliegt auch die ganze in Preußen übliche Trennung der Aufnahme in zwei besondere Tabellen, in die Fabriktabelle und die Handwerkertabelle. Die Angriffe gegen diese Eintheilung gehen hauptsächlich von Engel aus: s. Zeitschrift des statist. Bur. 1863. S. 80. und Preuß. Statistik V. S. 49. Engel hat nicht ganz Unrecht, wenn er sagt, es fehle an jeder scharfen Definition für diese Trennung, ganz abgesehen davon, daß die Uebergänge von der einen zur andern Art so zahlreich und fein schattirt seien, daß es schwer zu sagen sei, wo das Hand- werk aufhöre, die Fabrik anfange. Es gibt Gerbereien, Schmieden, Glockengießereien in der Handwerkertabelle verzeichnet, die größer sind als viele Fabriken. Als Meister werden nicht bloß selbständige Unternehmer, sondern viele Arbeiter bezeichnet, die zu Hause für Verleger arbeiten. Mag dem aber sein, wie ihm wolle, die Trennung ist eine gegebene Thatsache; für künftige Aufnahmen wird sie als offene Frage zu diskutiren sein, für die früheren ist sie da und es fragt sich bloß, ob sie die Thatsachen so entstellt, daß wegen ihr gar keine richtige Bearbei- tung möglich ist. Einleitung. Das zu behaupten wäre lächerlich. Gerade für eine Untersuchung, die nur die Kleingewerbe in Betracht ziehen will, bietet die Trennung sogar Vortheile. Und wenn man von Einzelheiten absieht, so entspricht sie selbst heute noch im Ganzen den realen Zuständen, hat ihnen jedenfalls bis in die fünfziger Jahre entsprochen. In der Hauptsache sind die Geschäfte, welche in der Handwerkertabelle stehen, etwas Anderes als die in der Fabriktabelle stehenden. Entscheidet im Detail oft nur Willkür und Zufall, ob eine Unternehmung in der einen oder andern Tabelle verzeichnet ist, für die Haupt- kategorien ist die Scheidung doch klar; für sie hat die- selbe jedenfalls in den verschiedenen Jahren nach gleichen Grundsätzen stattgefunden. Und wenn manche Unterneh- mung, die in der Fabriktabelle steht, in die Handwerker- tabelle gehört, so wird auch der umgekehrte Fehler statt- gefunden haben, und das Gesammtresultat wird in Folge dieser Ausgleichung doch relativ der Wahrheit sich nähern. Für mancherlei Fragen und Verhältnisse werden bedeutende Zweifel bleiben. Da wird man versuchen müssen die Zahlen kritisch zu rektifiziren, wenn es geht. Wenn das nicht geht, wird man die Schlüsse vorerst hypothetisch ziehen und so zunächst ein vorläufiges Re- sultat erhalten. Verfährt man nur wissenschaftlich, so hat man trotz der Unvollkommenheit der Aufnahmen ein werth- volles Untersuchungsmaterial, das bei richtiger und vor- sichtiger Fragestellung der Wahrheit entsprechende Ant- worten nicht schuldig bleibt. Ein Rückblick ins 18. Jahrhundert. 1. Das allgemeine Darniederliegen der Gewerbe. Die Nachwehen des dreißigjährigen Krieges und die Zustände überhaupt. Die zeitgenössischen Klagen über die elende Lage der Handwerke. Die verschiedene Wirkung der Zustände auf die Lokalgewerbe und die für den größeren Absatz arbeiten- den Gewerbe. Aus der Münchener Handwerksstatistik des 17. Jahrhundert. Einzelne gewerbestatistische Notizen aus dem 18. Jahrhundert: Bairische Tuchmacher; Niedergrafschaft Katzenellnbogen; Herzogthum Magdeburg; Fürstenthum Würz- burg; Schweidnitz; Kaufbeuern; Speier. Obgleich wir für das 18. Jahrhundert keine umfas- senden Gewerbeaufnahmen haben, sei es gestattet, mit einigen Worten an die damaligen Zustände zu erinnern. Siehe darüber Biedermann, Deutschland im 18. Jahr- hundert. Leipzig 1854. I , 235—329. Mascher, das deutsche Gewerbewesen. Potsdam 1866. 349—477. Gülich, geschicht- liche Darstellung des Handels, der Gewerbe ꝛc. Jena 1830. II, 197—335. Noch litt Deutschland an den Nachwehen des dreißigjährigen Krieges. Der deutsche Handel war ver- nichtet. Die Kleinstaaterei hemmte jede Bewegung. Das Gewerberecht war ausgeartet in den verrottetsten Zopf. Mißbräuche aller Art wucherten. Vergeblich suchten Ein Rückblick ins 18. Jahrhundert. Reichs- wie Landesgesetzgebung dagegen anzukämpfen. Vergeblich war Alles, weil Stumpfsinn und Apathie, kleinlicher Spießbürgergeist und beschränkte Indolenz überall herrschten, weil Gevatter Schneider und Hand- schuhmacher möglichst ohne Anstrengung und Arbeit sich nothdürftige Nahrung zu schaffen und zu erhalten such- ten. Ein großer Theil der Handwerker, auch der städtischen, war zu Halbbauern herabgesunken. Feindlich und apathisch verhielt sich die Mehrzahl gegen neue Anregungen, wie sie von den flüchtigen französischen Protestanten, von den Fürstenhöfen ausgingen. Das Fabrikwesen oder vielmehr einzelne für weitern Absatz arbeitende Hausindustrien wurden in einzelnen Ländern, wie in Preußen, in Sachsen, auch in Oestreich von aufgeklärten Fürsten gepflegt und gehoben; nur wenige Industrien, wie die Leinenmanufaktur, hatten aus alter Zeit her noch eine gewisse Blüthe gerettet; aber das berührte in der Hauptsache die hergebrachten Hand- werkszustände nicht viel, jedenfalls nur in einzelnen Ländern. Die ökonomische Lage der meisten Handwerker war ebenso kümmerlich als ihre Technik unvollendet, ihre Arbeit schlecht. Das dauernde Siechthum, wie es ebenso Folge der Gesetzgebung und der politischen Zu- stände, als der technischen Ungeschicklichkeit und spieß- bürgerlichen Trägheit war, hatte aber je nach der Art der Gewerbe und lokal, je nach den mitwirkenden son- stigen Verhältnissen, ziemlich verschiedene Folgen. In einigen Gegenden und Gewerben allgemeiner Rückgang selbst der Meisterzahl, in andern im Gegentheil eine Die Klagen über gewerbliche Noth. Uebersetzung des Handwerks. Ueberall aber treffen wir gleichmäßig die Klagen über gewerblichen Nothstand. Justus Möser klagt, Patriotische Phantasien. Berlin 1775. I, 181 ff. daß man Handel und Hand- werk auf dem platten Lande gestattete, da könne sich der Handwerker in allen kleinern Städten nicht mehr halten. An einer andern Stelle Eod. S. 21. sucht er die Ursache des Verfalls in der Krämerei: „Man lasse sich,“ ruft er, „die Rollen von unsern Handwerkern nur seit hun- dert Jahren zeigen. Die Krämer haben sich gerade dreifach vermehrt, und die Handwerker unter der Hälfte verlohren. Der Eisenkram hat den Kleinschmid, der Bureau- und Stuhlkram den Tischler, der Goldkram den Bortenwirker, der goldene, härene, gelbe und weiße Knopf den Knopfmacher und Gelbgießer verdorben. Und kann man sich eine Sache gedenken, womit der Krämer jetzt nicht heimlich oder öffentlich handelt?“ Aehnlich spricht sich auch Bergius in seinem Polizei- magazin aus. Siehe Bd. VI. 392—93 (1786). Beide täuschen sich über Ursache und Wirkung; die Krämerei war nicht die Ursache des Ver- falls der Handwerke, sondern mit und durch den Verfall des Handwerks und mit dem Aufblühen der Fabriken entstand erst der regere Detailhandel. Als fernern Beleg über die elenden Zustände im Allgemeinen möchte ich noch die Klagen von Krug aus der Zeit gegen 1800 hervorheben, die doppelt schwer wiegen, da sie sich auf Preußen beziehen, das immerhin den andern Staaten, wie wir sehen werden, noch wesent- Ein Rückblick ins 18. Jahrhundert. lich voraus war. Krug Betrachtungen über den National-Reichthum des preuß. Staates II , 153 ff. legt sich die Frage vor, ob der Wohlstand der Städte im Ganzen gegen ältere Zeiten zu- oder abgenommen habe. „Eine Erfahrung,“ antwortet er, „welche man nicht bloß in den preußi- schen Städten, sondern in den Städten vieler anderer Staaten gemacht hat und noch immer machen kann, möchte wohl diese Frage für die Abnahme des Reich- thums und Wohlstands im Ganzen entscheiden.“ Er erinnert an die mittelalterlichen Bauten der Städte, er klagt — wohl ziemlich übertrieben —, daß nur die- jenigen Industriellen, die dem Luxus, den nichtswür- digen Künsten, Gaukeleien und Spielereien der Vor- nehmen dienen, noch zunehmen. „Wenn wir“ — sagt er — „den Wohlstand des Bürgerstandes oder der industriösen Klassen in den Städten ohne Rücksicht auf jetzt herrschende Moden und den Einfluß des Zeitgeistes auf die Bedürfnisse dieses Standes betrachten, so wird wohl für wenige Städte der gesunkene Wohlstand des Handwerksstandes geleugnet und gründlich widerlegt werden können. Die Klagen über zunehmende Nahrungs- losigkeit der Landstädte werden in allen Provinzen gehört und sind in neuerer Zeit immer ausgebreiteter gewor- den; in den kleinen Landstädten hat der Luxus noch nicht unter der Mehrheit der Handwerker Platz finden können, und die alte Simplicität der Sitten und der Bedürfnisse ist hier noch am mehrsten zu finden. Es haben viele Ursachen zusammengewirkt, welche den Wohl- Die Klagen über gewerbliche Noth. stand des Bürgerstandes zerstört haben und die haupt- sächlichsten derselben mögen in falschen Abgabensystemen, in der Verwandlung einträglicher Gewerbe in Fabrik- anstalten, in der Aufhebung oder Beeinträchtigung der Innungen und in den Handelseinschränkungen zu suchen sein.“ Wir wollen mit Krug hier nicht rechten, in wie weit er Recht hat mit seinen Klagen, mit den Ursachen, die er anführt. Er vermengt Wahres mit Falschem; er sieht vorübergehende Mißstände zu Ende des Jahr- hunderts für dauernde Ursachen an; er verkennt man- ches Gute, weil es neu ist, weil es ihm als zusammen- hängend mit verderblichem Luxus erscheint Die statistischen Belege, welche er von den Städten der Kurmark als Beweis des Verfalls anführt, zeigen wohl einzelnes Schlimme, aber zum größern Theile beweisen sie das Gegentheil, nämlich den volkswirthschaftlichen Fortschritt der kurmärkischen Städte. — aber so viel beweisen seine Worte, blühend war das Hand- werk des 18. Jahrhunderts nicht. Suchen wir nun Einiges über die Zahlen der Handwerker und ihrer Gehülfen beizubringen. Der vorhin schon erwähnte Unterschied in der Rückwirkung der allgemeinen Zustände auf die Zahl der Handwerker mußte sich zeigen Hauptsächlich zwischen den reinen Lokalgewerben, die für den täglichen Absatz die nothwendigsten Waaren liefern, und jenen, die ent- behrlichere Waaren, sowie Waaren für den entfernteren Absatz produziren. Bei letztern wird der Ruin viel schneller eintreten, die Meisterzahl wird rasch sinken; Schmoller, Gesch. d. Kleingewerbe. 2 Ein Rückblick ins 18. Jahrhundert. erstere können lange der Zahl nach dieselben bleiben, aber sie machen immer schlechtere Geschäfte, führen Jahr- zehnte hindurch ein elendes Dasein. Ein zwar weiter zurück liegender, aber schlagender Beleg hiefür ist die Münchener Handwerksstatistik von 1618, 1633 und 1649. München während des dreißigjährigen Krieges, eine Rede von Georg von Sutner. München, Lindauer 1796. S. 60. 66 ff. Die Gesammtzahl der Meister betrug nach den Steuerbüchern, während die Bevölkerung der Stadt in dem einen Jahr 1635 um 15000 Men- schen durch den Tod ärmer geworden sein soll, Siehe eod. S. 36 und Hanser, Deutschland nach dem 30 jährigen Kriege. Leipzig, Winter 1862. S. 213. 1618 . . . . . . 1781 1633 . . . . . . 1469 1649 . . . . . . 1110 Einzelne Gewerbe, wie die Sammtweber, Kunstfüh- rer, Messingarbeiter, Saitenmacher, sind ganz verschwun- den. Andere ähnlicher Art zeigen wenigstens eine sehr starke Abnahme. Es sind Handwerksstatistik jener Zeit. Keine wesentliche Aenderung, ja theilweise eine Zunahme zeigen dagegen folgende Kategorien: Dieselbe Bewegung, die hier als akute Krankheit sich zeigt, sehen wir von da bis gegen 1800 als chro- nische Krankheit. Einzelne Handwerke nehmen reißend ab, während sie daneben an manchen Orten, begünstigt durch besondere Verhältnisse und fürstliche Bemü- hungen, auch wieder aufblühen; die Mehrzahl der gewöhnlichen Handwerke aber nimmt kaum ab, jeden- falls nicht stark genug, um den bleibenden aus- kömmliche Nahrung zu schaffen. Die Zunftverfassung gibt dem Einzelnen zu viel, um zu sterben, zu wenig, um ordentlich zu leben, und so ist das Handwerk im Verhältniß zur Bevölkerung an vielen Orten viel zu stark besetzt. Auch erblicher Hausbesitz, der gestattet, von der Miethe zu leben, nebenhergehende Acker- und Gartenwirthschaft wirkte da und dort auf Ueber- setzung. Daher die scheinbar widersprechenden Zahlen und Angaben. Nicolai Theil VI. S. 594. vergl. Gülich II , 285. führt in seiner Reise durch Deutsch- land folgende Statistik des Tuchmachergewerbes in Baiern an; es waren: 2 * Ein Rückblick ins 18. Jahrhundert. Dagegen ergibt sich eine vollständige Uebersetzung des Handwerks aus folgenden Zahlen. In der Nieder- grafschaft Katzenellnbogen Siehe Schlözer, Staatsanzeigen VI. 159—191. Mascher, Gewerbewesen S. 433. kommen 1783 nach der zuverlässigen Angabe eines dortigen Beamten, des Kam- merassessor Hüpeden, auf 19596 Seelen nicht weniger als 1663 Handwerker, Künstler und Handelsleute mit 87 Gesellen und 21 Lehrlingen — zusammen 1751 hand- werksmäßig beschäftigte Personen. Es sind darunter einige wenige Leute, die heute nicht in der Handwerks-, sondern in der Handelstabelle verzeichnet werden; neh- men wir nur 1600 handwerksmäßig beschäftigte Per- sonen auf 19596 Seelen an, so sind es 8, 16 % der ganzen Bevölkerung, während 1861 die Handwerker in dem gewerbreichen Sachsen erst 8, in Preußen 5—6 % der Bevölkerung betragen, während 1845 in den größ- ten deutschen Städten die sämmtlichen Gewerbetreiben- den 4—6 %, nur in Berlin und Wien bis 10 % Nach Reden, Zeitschrift des Vereins für deutsche Sta- tistik I , 763: Vergleichende Zusammenstellung der Bevölke- rung und der Zahl der Gewerbtreibenden in 14 deutschen Städten. ausmachen. Daß es sich um eine zu große Zahl Mei- ster handelt, die sich des halb kümmerlich nährt, zeigt Handwerksstatistik jener Zeit. die Gehülfenzahl; 168 auf 1663, also 10 % der Meister; in Sachsen kommen 1861 auf jeden Meister etwa 1½ Gehülfen, in Preußen auf jeden Meister einer — also 100 bis 150 % der Meister. Mascher und Kotelmann Gewerbewesen S. 432. Kotelmann, die Ursachen des Pauperismus unter den deutschen Handwerkern, deutsche Vier- teljahrsschrift 1851. Heft 1. S. 193 ff., besonders S. 202 und 226. theilen ohne Angabe der Quellen noch einige Daten mit, die ein ähnliches Bild ergeben. Im Herzogthum Magdeburg kommen 1784 auf 280332 Seelen 33203 Handwerker, darun- ter 2297 Gesellen und 1988 Lehrlinge und 1868 Meister, Gesellen und Lehrlinge in Fabriken beschäftigt. Es bleiben also 27050 selbständige kleine Meister mit 4285 Gehülfen: mit den Gehülfen über, ohne sie bei- nahe 10 % der ganzen Bevölkerung. Das wenig indu- strielle Fürstenthum Würzburg hat auf 262409 Seelen 13762 selbständige Gewerbetreibende mit 2176 Gehül- fen, zusammen 15938 oder 6, 08 % der Bevölkerung. Schweidnitz hatte 1788 folgende Bevölkerung: Civil- stand 6118 Seelen, Militär 2865, zusammen 8983 Seelen, davon 1072 Handwerker, also auf einen Handwerker etwa 8, 3 Seelen; der Handwerkerstand 12 % der Bevölkerung. Kaufbeuern hatte 1783 etwa 4000 Seelen mit 800 Gewerbtreibenden, worunter indessen 300 Weber eingerechnet sind. Wenn wir diese in Abzug bringen, so machen die Handwerker immer noch 12, 5 % aus. In Speier, das noch zu Ende des 16. Jahrhunderts 1000 Tuch- und Leinweberstühle Ein Rückblick ins 18. Jahrhundert. zählte, das 1792 deren nur noch 20 hatte, kommen in diesem Jahre auf 5129 Einwohner doch noch 674 selbständige Gewerbtreibende mit 290 Gehülfen, also 964 Personen, das sind 18, 79 % der Bevölkerung. Sie müssen in sehr schlimmer Lage gewesen sein, wenn man auch annimmt, sie hätten neben dem Absatz in der Stadt noch einen weitreichenden in der Umgegend gehabt. „Kaum 100 dieser Meister konnten von ihrem Gewerbebetrieb leben.“ „Ich kenne“ — sagt ein Augen- zeuge, der damalige Zunftherr Adam Weiß zu Speier — „äußerst thätige rechtschaffene Professionisten, die Tag und Nacht anhaltend zu arbeiten wünschen. Allein sie finden keine Beschäftigung und müssen zu ihrem gro- ßen Leidwesen gezwungen müßig gehen. Voll Wehmuth sieht man sie für die Ihrigen gegen den Hungertod käm- pfen, und kaum verschafft ihnen ihr Sieg das trockene Brod.“ So sind die gewerblichen Zustände Deutschlands im 18. Jahrhundert beinahe allenthalben. Immerhin aber gab es einzelne Theile des Reichs, wo die Lage des Gewerbsmannes etwas besser war, wie ich schon vorhin erwähnte. In Oestreich war durch Karl VI. , durch Maria Theresia und Joseph II. Manches gesche- hen. Auch in Sachsen war einiger gewerblicher Fort- schritt nicht zu leugnen. Vor Allem aber hatte man es in den preußischen Landen verstanden, den Wohl- stand zu fördern. Es ist nöthig, darauf noch einen Blick zu werfen. 2. Die preußische Verwaltung und die preußische Industrie des 18. Jahrhunderts. Die Thätigkeit des großen Kurfürsten und König Friedrich’s. Friedrich Wilhelm I. , die positiven Beförderungen der Indu- strie und die Reform der Zunftverfassung. Friedrich der Große; seine Justiz, Toleranz und Einwanderungspolitik; die positiven Beförderungen besonders der Gewebeindustrie; die fortgesetzte Reform des Zunftwesens, die westpreußische Hand- werksordnung von 1774. Der Erfolg dieser Maßregeln nach Marperger, Mirabeau, Krug; das Handwerk in Berlin 1784, in Brandenburg 1784. Allgemeine Würdigung der preußi- schen Verwaltung des 18. Jahrhunderts; die Berechtigung der Maßregeln, besonders der Reglements in Bezug auf die Hausindustrie. Schon der große Kurfürst beginnt mit jener plan- mäßigen Leitung und Beförderung der Gewerbe und des Handels durch die Staatsregierung. Das ziemlich vollständige Material für die Geschichte die- ser Bemühungen liegt vor in Mylius, Corpus Const. Marchic. V und in der Fortsetzung, im Novum Corpus Const. Prussic. 1751—1800. Es fehlt aber noch an einer irgendwie genü- genden Bearbeitung. Einen kurzen Abriß enthält die geschicht- liche Einleitung in Rönne, Gewerbepolizei des preuß. Staats. Breslau 1851. S. 8 ff. Seine Haupt- bemühung war, tüchtige niederländische und französische Ein Rückblick ins 18. Jahrhundert. Gewerbsleute ins Land zu ziehen. Durch die Edikte von 1667, 1669 und 1683 sollte in jeder Weise die Wiederbebauung wüster Stellen in Städten und Dör- fern befördert werden. An Stelle des höchst ungleich auf einzelnen Häusern haftenden alten Schosses setzte er die später vielgeschmähte Accise in den Städten durch, die zunächst sehr zur Hebung der städtischen Gewerbe beitrug, Handwerker, Krämer und Kaufleute von ander- wärts anzog. „Es wurde ein Gedränge verspürt, um Häuser zu kaufen.“ Die Edikte vom 3. November 1686, 7. Mai 1688 und 13. Juli 1688 sollten die ganze Gewerbeverfassung bessern. Theure Meisterstücke wur- den verboten; alle Geschlossenheit der Zünfte auf eine bestimmte Anzahl Meisterstellen ward verpönt. Alle Ein- wanderer erhielten freies Meister- und Bürgerrecht. Wo es nothwendig war, wurden die Zunftschranken durch Personalprivilegien durchbrochen. Die Linnenindustrie der Grafschaft Ravensberg, früher durch niederländische Flüchtlinge begründet, wurde durch die Leggeordnung von 1652 wieder wesentlich gehoben. Vergl. Mirabeau, de la monarchie prussienne. Lon- dres 1788. III , 217. Die Maße, die Qualität, die Namen bestimmter Gewebe wurden fest- gesetzt, die Leinwand nachgemessen, mit herrschaftlichem Stempel versehen, das Verhältniß von Stadt und Land geordnet. Er begann damit, das Privilegium der Städte in Bezug auf die Weberei aufzuheben, wie das noch mehr sein Sohn gethan hat. Daselbst S. 221—22. Mylius V. Abth. II. S. 428. Patent vom 25. Juni 1729. eod. S. 754: Spinner und Leine- Der große Churfürst und König Friedrich I. Auch in den übrigen Zweigen der Gewerbepolizei setzte König Friedrich eine ähnliche Politik fort; Siehe Stenzel, Geschichte des preuß. Staats. Hamburg 1841. III. , 47 ff. beson- ders die Beförderung aller Art von Einwanderern wurde systematisch betrieben. Magdeburg wurde von den Pfälzern vollständig wieder aufgebaut. In Berlin mehr- ten sich die französischen Geschäfte und Gewerbe. Im Jahre 1690 sollen schon 43 Arten neuer Gewerbszweige durch die Wallonen und Franzosen in der Mark hei- misch geworden sein. Heftig klagten die einheimischen Gewerbe über diese neue Konkurrenz; aber die Regierung achtete nicht auf diese Klagen. Unter Friedrich Wilhelm, dem sparsam klugen, hausväterlichen Tyrannen seiner Unterthanen, knüpften sich an diese Maßregeln weitere und tiefer eingreifende; Ausfuhrverbote von Rohstoffen, besonders von Wolle, Einfuhrverbote oder hohe Zölle resp. Acciseabgaben für fremde Manufakte werden erlassen. Walkmühlen, Fär- bereien, Pressen, Wollmagazine werden von der Regie- rung angelegt. Das Berliner Lagerhaus, als staatliche Muster-Tuchfabrik, wird gegründet. Niedere Steuern oder vollständige Steuerfreiheit, Freiheit von Einquartie- rung und Werbung, Vorschüsse auf 3 Jahre vom Tage ihrer Verheiratung werden fremden Tuch-, Rasch-, Zeug-, Fries-, Strumpf- und Hutmachern versprochen. Stenzel III , 413. weber soll man auf dem Lande so viel als man kann und will ansetzen dürfen. Ein Rückblick ins 18. Jahrhundert. In der Instruktion an die Fabrikinspektoren von 1729 Mylius V. Abth. II. S. 467. wird diesen aufgetragen, zu sehen, daß die armen Tuchmacher Verleger bekommen, welche ihnen Wolle und Arbeitslohn vorschießen. Strenge wird befohlen, daß die im Zuchthaus zu Spandau das Rasch- und Zeugmachen erlernt haben, in die Zunft aufzunehmen seien. In dem Generalprivilegium für die Tuchmacher der Mark von 1734 Mylius V. Abth. II. S. 375. wird erklärt, das Gewerbe sei ein ungeschlossenes, jeder Meister dürfe Gesellen halten so viel, als er wolle; ein niederes Maximum von 4—5 Thalern wird für die Kosten des Meisterwerdens festgesetzt; zwischen Fremden und Einheimischen, welche Meister werden wollen, soll kein Unterschied gemacht werden. Damit es nicht an Garn fehle für die Webe- rei, wird das Spinnen allen Hökerweibern, Handwerks- frauen und Bürgertöchtern, die in öffentlichen Buden feil halten, anbefohlen. In Bezug auf die Zunftverfassung überhaupt wer- den schon vor dem Reichsgesetz von 1731 wesentliche Aenderungen getroffen. Das Handwerk soll in der Hauptsache den Städten bleiben, aber nicht der bloß bornirte Egoismus der Zunftgenossen der Stadt soll über die Ausnahmen entscheiden. Es werden 1718 Prin- cipia regulativa Mylius V. Abth. II. S. 670. über das Verhältniß von Stadt und Land erlassen; nicht bloß Spinner und Leineweber, son- dern auch Schmiede, Schneider, Zimmerleute, Rade- macher sind zuzulassen, in jedem Dorfe wenigstens so Friedrich Wilhelm I. viele als 1624 Handwerksstellen da waren. Genaue Verzeichnisse über die Zahl der alten Stellen werden publicirt. Jede Gutsherrschaft kann für sie selbst arbei- tende Handwerker ansetzen, so viel sie will. Die Land- meister dürfen beliebig Gesellen halten und Jungen lehren, nur sie nicht lossprechen. Eod. S. 735, Anno 1724. Den Dorfküstern und Schulmeistern soll wegen ihres schlechten Gehalts fort erlaubt werden, eine Profession zu treiben. Mehrmals (1718 und 1721) Mylius V. Abth. I. 411. Abth. II. S. 674. werden Verzeich- nisse der in einzelnen Städten fehlenden Handwerker veröffentlicht, um Einwanderer gegen freies Bürger- und Meisterrecht, Bauholz und mehrjährige Abgaben- freiheit dahin zu ziehen. Alle theuren Meisterstücke werden 1723 verboten. Mylius V. Abth. II. 734. Waisen und Soldatenkindern soll das Vorwärtskommen in der Zunft in jeder Weise erleichtert werden. Hauptsächlich aber wurde das Reichsgesetz gegen die Zunftmißbräuche mit Nachdruck durchgeführt. Ein beson- derer Anhang in Mylius von 618 Spalten enthält die sämmtlichen hienach revidirten Zunftstatuten aus den Jahren 1734—37. Mit polizeilicher Gewalt durch die beaufsichtigenden Altmeister, durch die Steuerräthe und Fabrikinspektoren wird versucht, in alle Gewerbe Ord- nung, Fortschritt, tüchtige Arbeit zu bringen; viel Kleinliches und Veraltetes wird in hausväterlichem Sinne beibehalten, aber die eigentlich monopolistischen Mißbräuche werden schonungslos verfolgt. Ein Rückblick ins 18. Jahrhundert. Die Verwaltung des größten preußischen Königs ging von denselben Anschauungen aus; Das Material bei Mylius; sonst; Roscher, über die volkswirthsch. Ansichten Friederichs des Großen, akad. Festschrift der kgl. sächs. Gesellschaft der Wissensch.; Lippe-Weißenfeld, Westpreußen unter Friederich dem Großen. 1866; Mirabeau de la mon. prussienne Bd. III; Dohm, Denkwürdigkeiten Bd. IV. S. 85—132. 377—527. Hannover 1819; Preuß, Friederich der Große Bd. III u. IV und Urkundenband III u. IV. Berlin 1833 u. 34. Hertzberg, Huit dissertations. Berlin 1787. aber die Durch- führung war großartiger, fester, planvoller, wie seine Einsicht, seine Kenntnisse und sein Charakter dem seines Vorgängers unendlich überlegen waren. Dagegen wirkte unter ihm die höchste Anspannung der Finanzen, die übermäßige Ausbildung des indirekten Steuersystems den Bemühungen um Hebung des Wohlstandes stärker entgegen als früher. Als der wichtigste Grundsatz seiner hierin seinem Vater weit überlegenen Regierung stand der voran, das Justizverfahren so zu bessern und so unabhängig zu machen, die Gewissensfreiheit so festzustellen, daß Preu- ßen der Zielpunkt aller Auswanderung blieb und noch mehr werde. Hunderte von Dörfern hat er gegründet, Hertzberg, S. 191. Tausende von fleißigen Handwerkern und Fabrikanten hat er ins Land gezogen. Wie früher wurden Listen der an den einzelnen Orten fehlenden Handwerker publi- zirt. Massenhaft wurden besonders Bauhandwerker aus dem Voigtlande und dem Sächsischen nach Westpreußen Friedrich II. übergesiedelt (1776). Lippe-Weißenfeld S. 75 und 115. In Schlesien allein sollen 1763—77 nicht weniger als 30000 Gewerbtreibende eingewandert sein. Die positiven Beförderungen der Industrie waren schroff merkantilistische, die eben, weil sie schroff ein- greifen, manche Interessen verletzten, oft geändert, modifizirt werden mußten, wie z. B. die Wollausfuhr- verbote. Aber überallhin kam durch seine Anregungen gewerbliche Thätigkeit. Der schlesische Bergbau ist auf ihn zurückzuführen; eine große Eisenwaaren-Fabrik wurde in Neustadteberswalde ins Leben gerufen; die Berliner Staats-Eisengießerei, die Mutter der ganzen Berliner Maschinenindustrie, ist sein Werk. Die Krefelder Seiden- industrie erblühte unter ihm; die Elberfelder und Bar- mer Industrie Siehe darüber: Hocker, die Großindustrie Rheinlandes und Westfalens, ihre Geographie, Geschichte, Produktion und Statistik. Leipzig 1867. S. 180—188. erwuchs unter ihm aus bloßer Bleicherei und Färberei zur großartigsten Weberei. Die Bielefel- der Linnenindustrie wurde durch Einrichtung holländischer Bleichanstalten, durch ein Handels- und Bleichgericht, durch Beförderung des Absatzes auf diplomatischem Wege unterstützt. Am meisten vielleicht geschah für die Gewebeindustrie Schlesiens und der Mark, besonders Berlins. Technische Reglements, wie z. B. 1754 für die neumärkischen Tuchmacher, auch einzelne Spezial- befehle ordneten die gesammte Spinnerei und Weberei. Die Garnausfuhr wurde verboten, das Spinnen in jeder Weise befördert, selbst den Soldaten wurde es Ein Rückblick ins 18. Jahrhundert. befohlen, Mirabeau III. 74. 78. den Baumwollspinnern sogar Jahresprämien gezahlt. Novum Corpus Const. Pruss. 1753. S. 455. Niedere Steuern, Freiheit von jeder Meister- abgabe und von Einquartierung für die Weber und Spinner, volle Gleichstellung von Stadt und Land für diese Gewerbe, Einrichtung von Schauanstalten, Woll- magazine, Gewährung von Staatsdarlehen, von Pensio- nen an Lyoner und Schweizer Seidenweber neben dem Webelohn, den sie vom Fabrikanten erhielten; das waren die früher schon beliebten, jetzt noch mehr ausgebildeten Mittel. Wesentlich war die Sorge für die kleinen Handwerker, die für Verleger und Fabriken arbeiteten; es war das um so wichtiger, als die Hausindustrie damals noch fast die allgemeine Form war, in der die gesammte Eisen- und Gewebeindustrie sich bewegte. Die wohlhabenderen Meister arbeiteten auf eigene Rechnung und verkauften an die Verleger; die ärmeren erhielten den Rohstoff vom Verleger und hatten die fertige Waare abzuliefern. Für diese Handwerker sind die Edikte bemüht, Kredit und Rohstoff zu schaffen, für die Fabri- kanten Sicherheit des ihnen gehörigen Rohstoffes durch strenge Strafen gegen Veruntreuung, durch ein 1756 eingeführtes Separations- und Vindikationsrecht, das ihnen im Konkurse der kleinen Meister die gelieferten Rohstoffe an sich zu nehmen erlaubt. Im Verhältniß beider zu einander wird strenge darüber gewacht, daß kein Betrug, keine Uebervortheilung, kein unbilliger Nothverkauf stattfinde. Die Zunftreformen. Die allgemeine Gewerbegesetzgebung in Bezug auf Zünfte und Innungen wird noch mehr als früher von alten Mißbräuchen gereinigt. In den Jahren 1751—55 werden eine sehr große Zahl Innungsprivilegien beson- ders für Preußen (im e. S.) revidirt; Novum Corpus Const. Pruss. I, 1159. daneben wird durch einzelne Spezialbefehle dieser und jener Uebelstand abgestellt. Ueber die Richtung dieser Gesetzgebung nur einige Worte. Die Loskaufung vom Meisterstücke gegen Geld und Geschenke wird 1747 verboten. Als mit der Noth des Jahres 1771 viele Handwerksgesellen am Kolbergischen Festungsbau im Taglohn arbeiten, wird strenge eingeschärft, sie derohalben nicht aus der Zunft zu stoßen. Verordnung vom 21. März 1771; diese, wie manche andere Edikte und Verordnungen, die ich in den Original- drucken gesammelt habe, ist nicht im Nov. Corp. abgedruckt. Aus der Handwerkerordnung für West- preußen von 1774 hebe ich folgendes hervor: alle alten Artikel und Bräuche, alle Schmausereien sind abge- schafft; bei allen wichtigen Dingen, besonders bei Hand- habung der Zunftgerichtsbarkeit, muß ein Magistrats- mitglied anwesend sein; nur leicht verkäufliche Meisterstücke dürfen gefordert werden; Meister aus andern Städten müssen überall zugelassen werden, wenn sie das etwaige Plus an Meistergeld nachzahlen; jeder Meister hält so viel Gesellen und Stühle, als er will; nur die Lehr- lingszahl kann auf Wunsch durch die Ortsbehörde unter Zustimmung der Kriegs- und Domänenkammer beschränkt werden; alle fremden Gesellen, die nach fremdem Recht eine Stufe in der Zunfthierarchie erreicht haben, sind Ein Rückblick ins 18. Jahrhundert. in Preußen zuzulassen, wie wenn sie in Preußen nach dortigem Recht diese Stufe erreicht hätten; alle Geburts- beschränkungen für das Lehrlingwerden sind beseitigt, ebenso die zahlreichen Gründe der Unredlichkeit; volle Freiheit des Jahrmarktverkehrs, auch für Fremde, wird statuirt; mehrere einander nahestehende Zünfte sollen kombinirt werden, damit die Streitigkeiten aufhören. Das waren im Großen und Ganzen die Grund- sätze, nach denen im 18. Jahrhundert die brandenbur- gisch-preußischen Gewerbe behandelt wurden. Was war der Erfolg? der Erfolg trotz dem, was dieser Staat im 18. Jahrhundert erduldet. Ich erinnere dabei nur an die Pest, die Preußen und Pommern 1709—1711 fast entvölkerte, Stenzel III, 188. an den Steuerdruck und die Kriege unter dem großen König, an die volkswirthschaftliche Krisis, welche nach dem 7 jährigen Kriege hauptsächlich durch die Münzwirren entstand, Preuß, Urkundenbuch III , S. 86 ff. Briefwechsel zwischen Friederich dem Großen und seinen Ministern über den Verfall des Handels, der Fabriken und über das Projekt einer neuen Billetbank. 1766. an die Wirkungen der Hungerjahre von 1770—74. Trotz alledem war der Erfolg ein großer, wie ich nur durch einige zeitgenössische Urtheile und statistische Zahlen beweisen will. Schon zu Anfang des Jahrhunderts gilt der preu- ßische Gewerbfleiß als ein den Nachbarstaaten überlege- ner. „Man sehe die Handwerksstäte“ — ruft Mar- perger Paul Jakob Marperger’s, Mitglied der königl. preuß. Sozietät der Wissenschaften, Kurtzgefaßte geographische, histo- schon 1710 — „voller fleißiger Handwerksleute Der Erfolg der Maßregeln. und die öffentlichen Kramladen voll köstlicher Waaren, welche die Kaufleute theils aus der Fremde verschrieben, theils auch durch ihre eigene Industrie im Lande selbst von denen Handwerksleuten zuwege gebracht haben.“ Viel sicherer aber lauten die Nachrichten und die statistischen Ergebnisse, wenn wir uns in die letzten Lebensjahre König Friederich’s versetzen. Die Gesammtübersicht über die preußische Industrie im Jahre 1785 nach Hertzberg, huit dissertations S. 254 theile ich nicht mit, da ich sie mit keinen frühern oder spätern Zahlen direkt vergleichen kann; immerhin ist sie sehr lehrreich, sie zeigt klar die Entwickelung der preußischen Gewerbe bis gegen 1785. Bedeutend war vor Allem die schlesische Gewebe- industrie gewachsen. Unter der östreichischen Regierung zählte man 12000 Webstühle für Leinwand, zu Ende der Regierung Friederich’s des Großen 20000. Mirabeau III , 92. Die Produktion an Stücken Tuch war gewesen: Das. 96. Die Produktion von Strümpfen in Schlesien war gewesen: Das. 106. rische und merkatorische Beschreibung aller derjenigen Länder und Provinzen, welche dem königl. preuß. und churbrand. Scepter unterworfen. Berlin 1710. Zu vergleichen auch Büsching’s neue Erdbeschreibung, dritter Theil. Bd. II. S. 2067 — 68. Vierte Aufl. Hamb. 1765. Schmoller , Gesch. d. Kleingewerbe. 3 Ein Rückblick ins 18. Jahrhundert. Mirabeau, der so sehr sich bemüht, die Erfolge von König Friederich’s Verwaltungsgrundsätzen herabzu- setzen, ruft doch über Schlesien aus: „il y régne une population, une culture et une industrie vraiement immense.“ Schneer A. Schneer, über die Noth der Leinenarbeiter in Schlesien. Berlin, Veit 1844. schildert die Zustände der Weber- distrikte gegen 1800 als behagliche, allerdings durch jede Stockung des Absatzes bedrohte, die Weber als selb- ständige Unternehmer, die auf den Leinwandmärkten an die Kaufleute verkaufen. „Im Allgemeinen,“ sagt er, „war namentlich unter den Leinwandkaufleuten Reich- thum und Ueppigkeit und unter den arbeitenden Klassen der Leinwandindustrie ein gewisser Wohlstand und ein leichtsinniges Wohlleben verbreitet.“ Aehnliches ließe sich von der westfälischen Linnen- industrie, Siehe Mirabeau III , 199. von der rheinischen Seiden-, Baumwolle- und Eisenindustrie berichten. Ich will mich darauf beschrän- ken, über die Mark Brandenburg und Berlin noch Eini- ges mitzutheilen. Krug II , 162. stellt in Bezug auf die kur- märkischen Städte die lehrreiche, oben schon erwähnte Vergleichung zwischen 1750 und 1801 an. Es gab in denselben: Preußische Gewerbestatistik. Die Tabelle beweist freilich, daß mit dem Fort- schritt der Industrie und der Bevölkerung auch die schlimmen Elemente (Arme, Züchtlinge) wachsen; aber im Ganzen deutet sie doch mehr auf Fortschritt als auf Rückschritt. In Berlin hatte Handel und Verkehr außerordent- lich zugenommen; vor Allem die für den Großhandel arbeitenden Gewerbe hatten sich entwickelt, aber auch der kleine Handwerkerstand befand sich in guter Lage. Reden theilt gewerbestatistische Zahlen aus den Jahren 1783 — 85 mit, Zeitschrift des Vereins für deutsche Statistik II , 476: Die Gewerbthätigkeit Berlins in älterer und neuester Zeit. die er mit den Zahlen von 1847 vergleicht. Von Handwerksmeistern macht er 19 Kate- gorien namhaft, welche zusammen 1784 2, 22 %, 1847 3, 14 % der ganzen Bevölkerung ausmachen. Nicht alle einzelnen Kategorien aber haben zugenommen von 1784 bis 1847. Abgenommen gegenüber der Bevölkerung haben folgende: 3 * Ein Rückblick ins 18. Jahrhundert. Dagegen haben zugenommen: Die erstern Betriebe sind solche, bei welchen schon bis 1847 die kleinern Geschäfte durch größere verdrängt sind, bei welchen durch Maschinen, verbesserte Technik Die Gewerbe Berlin’s. und größere Arbeiterzahl das gewiß auch gestiegene Bedürfniß befriedigt wird. Die letztern Betriebe sind solche, bei denen das noch nicht geschehen ist, bei denen der steigende Wohl- stand eine größere Zahl kleiner Geschäfte bis 1847 her- vorgerufen hat. Jedenfalls ergiebt sich so viel aus den Zahlen, daß der Unterschied zwischen 1784 und 1847 kein allzugroßer ist. Sehr stark abgenommen hat nur die Zahl der Lohgerber und Maurermeister, stark zugenommen nur die der Tischler, Tapeziere, Klempner, Drechsler, Buch- binder, Instrumentenmacher. Bei den übrigen liegen die Verhältnißzahlen nicht weit auseinander, ein Beweis, daß schon 1784 die gewerblichen Zustände Berlins bessere waren, als in den meisten übrigen deutschen Städten. Eine andere Bemerkung drängt sich daneben noch auf. Welch ungeheurer Umschwung in der Zeit von 1784 bis 1847, und in den wichtigern Kleingewerben Berlins doch keine sehr bedeutende Aenderung. Von größern Gewerben hatten sich in Berlin vor Allem die Lederfabrikation, die Blumenfabrikation, die Strohhutmanufakturen, die Zuckersiedereien, die Kattun- druckereien, die Weberei aller Art entwickelt. Ich will die Zahlen nicht alle wiederholen; viele dieser Industrien sind 1783 — 85 stärker vertreten als 1847 — 49: Web- stühle wurden 1783 gezählt für Seide 2316, für Wolle 2566, für Linnen 238, für Baumwolle 1048, zusammen 6168; die Zahlen nehmen noch zu bis ins neue Jahrhundert; 1804 sind 3691 Baumwollstühle vor- handen; 1849 zählt man in Berlin 2147 Stühle für Ein Rückblick ins 18. Jahrhundert. Seide, 2270 für Wolle, 63 für Linnen, 2113 für Baumwolle. Mirabeau III , 113. muß von der Berliner Indu- strie gestehen: „Les manufactures établies à Berlin y trouvent un marché immense sous la main, le concours de toutes les sciences, de tous les artistes; ils peuvent donner à leurs ouvrages une perfection, une beauté qui les fassent rechercher au dehors. Tant d’avantages, joints aux priviléges exclusifs qui leur assurent le marché dans les états du roi de Prusse, doivent étendre considérablement leurs profits et accélérer leur activité.“ — Nicht überall natürlich in den preußischen Landen war die gewerbliche Entwickelung eine so glänzende; besonders der kleine Handwerkerstand befand sich noch da und dort in ähnlicher Lage wie im übrigen Deutschland. Die oben angeführten Magdeburger Zahlen zeigen, wie klein die Zahl der Gehülfen war, und das ist immer ein ungünstiges Zeichen. Aehnliches wird aus west- fälischen Städten berichtet. So zählte Bochum 1780 Jacobi, das Berg-, Hütten- und Gewerbewesen des Regierungsbezirks Arnsberg. Iserlohn 1857. S. 532. auf 13 Schreinermeister 2 Gesellen, auf 26 Schuh- machermeister 3, auf 21 Bäckermeister 1, auf 8 Zim- merleute 1, auf 5 Maurermeister 1 Gesellen; die mei- sten andern Handwerke waren ganz ohne Gesellen. Als Beweis aber, daß gerade auch in diesem Punkte die preußischen Zustände vielfach bessere waren, als im übri- gen Deutschland, möchte ich schließlich einige Zahlen aus der Handwerksstatistik der Stadt Brandenburg von 1784 Die preußischen Handwerke. anführen. Schlözer, Staatsanzeigen VI , 154. Es waren bei einer Bevölkerung von 8980 Civil- und 2290 Militärpersonen Diese Gesellen- und Lehrjungenzahlen deuten im Gegensatz zu den eben und oben angeführten auf ein sehr blühendes Handwerk hin. Nach diesen Bemerkungen über die Art der preußischen Gewerbebeförderung und über den thatsäch- lichen Erfolg derselben, kann ich nicht umhin, noch einige allgemeinere Betrachtungen über dieselbe anzustellen; denn wenn auch diese Untersuchungen in erster Linie die realen Zustände feststellen, nicht die jeweilige Gesetz- gebung beurtheilen wollen, so ist es doch gerade hier am Platze, ein Wort gerechter Würdigung auszusprechen, da bis in die neueste Zeit die Beurtheilung von doktri- närer Einseitigkeit beeinflußt ist. Mirabeau, Dohm, Preuß, Stenzel sind Theoretiker des entgegengesetzten Extrems, und das Urtheil über die preußische Gewerbe- Ein Rückblick ins 18. Jahrhundert. gesetzgebung des vorigen Jahrhunderts ist bis auf die neueste Zeit von ihren Aussprüchen fast gänzlich abhängig geblieben. Unter der Herrschaft des Merkantilsystems, wie später unter dem der Physiokraten und Smithianer hat man sich in doktrinärer Weise zu allgemein an allgemeine Sätze gehalten. Damals war das Prinzip: Staatsein- mischung unter allen Umständen; nichts — lehrte man — entsteht ohne sie; der Steuerrath, die Kriegs- und Domänenkammer weiß Alles besser. Dann wurde ebenso einseitig Fernhaltung aller Staatsintervention, Besei- tigung aller Gewerbegesetzgebung Prinzip; die Regie- rung — lehrte man — kann nur schaden, sie versteht niemals die Dinge besser als die Gewerbetreibenden; alle Industrie gedeiht nur, wenn man sie sich ganz selbst überläßt. Früher spezialisirte man zu sehr, man dachte mehr an die Vorbedingungen des gewerblichen Lebens im Kleinen und Einzelnen; dadurch, daß man da ein- griff, wollte man latente Kräfte entbinden, Hindernisse beseitigen. Später generalisirte man zu sehr; man dachte nur an die allgemeinsten Vorbedingungen; in die klei- nern Ursachen und persönlichen Hemmnisse, gleichsam in die Reibungswiderstände des praktischen Lebens wollte man gar nicht eingreifen. Beide Prinzipien sind gleich wahr und gleich falsch. Keins derselben, wenn auch das eine mehr als das andere, wird an sich Industrien ins Leben rufen; weder die volle Gewerbefreiheit noch die weitgehendsten Gewerbereglements und Vorschriften wirken ganz direkt und können darum Selbstzweck sein. Für alles gewerbliche Leben und Gedeihen sind eine Würdigung der preuß. Gewerbepolizei. ganze Reihe der verschiedenartigsten und komplizirtesten Kulturbedingungen nothwendig: staatliche und soziale Zu- stände, Bevölkerungsdichtigkeit, Kapitalansammlung, per- sönliche Kräfte, Kenntnisse, moralische Eigenschaften, Handelsverbindungen und manches Andere. Viele dieser Vorbedingungen sind von beiden Prinzipien gleich unab- hängig. Auf andere Vorbedingungen aber wirken sie, und das Urtheil über sie richtet sich eben danach, ob und wie sie auf eine Anzahl dieser Vorbedingungen fördernd wirken. Jedes der beiden Prinzipien wird bei der Man- nigfaltigkeit der realen Verhältnisse da und dort hem- men, da und dort fördern. Jedes ist dann am Platze, wenn es nach den zeitlichen Gesammtverhältnissen von Land und Volk im Ganzen mehr fördert, als hemmt. Je nach den psychologischen, moralischen und sozialen Ver- hältnissen wird das eine so sehr am Platze sein, wie das andere. Ein zartes Pflänzchen ist ein ander Ding als eine mehrhundertjährige Eiche, ein Kind bedarf anderer Pflege als der Mann. Niemals aber wird man Fana- tiker des Prinzips sein dürfen, weil man es immer auch zu einer bestimmten Zeit und in einem bestimmten Staate mit den verschiedenartigsten Menschen, Kräften und Zu- ständen zu thun hat. Es wird auch in Zeiten allge- meinster Staatseinmischung Verhältnisse geben, wo freie Bewegung, freie Konkurrenz am Platze ist; umgekehrt auch in Zeiten allgemeiner Gewerbefreiheit wird es Punkte geben, wo staatliche Aufsicht, polizeiliche Vor- schriften am Platze sind, weil sie im konkreten Falle die Vorbedingungen gewerblichen Lebens, technische Ge- schicklichkeit, angestrengte Arbeitsenergie, reelle Ehrlichkeit, Ein Rückblick ins 18. Jahrhundert. die doch auch beim Systeme der Freiheit letzter Zweck sind, mehr fördern. Man wird besonders nie vergessen dürfen, daß gewisse Klassen der Gesellschaft, gewisse Kreise der Volkswirthschaft viel langsamer sich entwickeln. Das Handwerk, der Kleinhandel, der Detailverkehr ist etwas total Anderes als die Großindustrie und der Groß- handel. Es handelt sich um andere Menschen, um andere Wirkungen, um andere Möglichkeiten der Ent- wickelung. Diese Erörterung mag sehr theoretisch klingen, sie sollte nur das apodiktische Urtheil einleiten, das ich wage. Jedem, der glaubt, durch ein System der vollen Ge- werbefreiheit und staatlichen Nichtintervention wäre die preußische Industrie von 1650 — 1800 so oder gar noch besser gewachsen, als sie mit dem entgegengesetzten System wirklich sich entwickelte, dem muß jedes tiefere historische und nationalökonomische Urtheil abgesprochen werden. Und damit ist das System im Ganzen für jene Zeit gerechtfertigt, mag es auch im Einzelnen viel Unrichtiges gethan oder mit sich gebracht haben, eben weil man an dem im Ganzen richtigen System auch damals zu dok- trinär festhielt. Giebt man Letzteres auch zu, ist nicht zu leugnen, daß man zu einseitig an den Segen staatlicher Pflege glaubte, so darf man dabei nicht vergessen, daß die allgemeine Zunftgesetzgebung nach vielen Richtungen hin im Sinne größerer Freiheit reformirt wurde. Die Ge- schlossenheit der Zunft wurde beseitigt, wie die egoistische Herrschaft der Altmeister. Jeder Meister durfte Gesellen halten, so viel er wollte, durfte sich niederlassen, wo Würdigung der preuß. Gewerbepolizei. er wollte; durch liberales Heranziehen Fremder wurde die Konkurrenz befördert, die gewerblichen Rechte des platten Landes wurden wesentlich ausgedehnt. Es ließe sich noch sehr zweifeln, ob alle diese Maßregeln nicht einen mindestens ebenso großen Fortschritt im Sinne der Freiheit und Rechtsgleichheit repräsentiren als die Gewerbe- freiheit von 1810, ob sie nicht einen größern Fortschritt enthalten gegenüber den vorherigen Zunftmißbräuchen, als das Gesetz von 1868 gegenüber dem von 1849. Die positiven Förderungen einzelner Gewerbe durch Kredit, Prämien, Reglements, Verbot fremder Waaren ent- sprachen im Allgemeinen der entsetzlichen Lethargie und Lähmung aller gewerblichen Kreise jener Zeit, entsprachen der gesellschaftlichen Stellung und Bildung der kleinen Leute, der für Verleger arbeitenden Meister, auf denen in der Hauptsache die ganze damalige Industrie ruhte. Oft wurde fehlgegriffen, öfter aber das Richtige getroffen. Die regierenden Elemente waren den Gewerbtreibenden an Einsicht und Kenntniß damals so überlegen, daß sie ihnen sagen konnten, was zu thun sei. In Bezug auf die Gewebeindustrie, auf die zahl- reichen Spinner- und Weberdörfer und Städte, die damals ins Leben gerufen, später theilweise in so große Noth gekommen sind, hat man oft gezweifelt, ob die Politik eine richtige war; ob es richtig war, so viele Arbeitskräfte zu einer Thätigkeit zu veranlassen, die in ihrer Einfachheit geringen Lohn gab und bei jeder Zoll- ermäßigung oder -Beseitigung in Gefahr war, wieder sistirt zu werden. Die Nothstände zeigten sich auch sehr bedeutend in den Napoleonischen Kriegen und bis gegen Ein Rückblick ins 18. Jahrhundert. 1818. Knuth Dieterici, der Volkswohlstand im preuß. Staate. Ber- lin 1846. S. 102. z. B. erklärt 1817 von der großen Berliner Kattunweberei auf einfachen Stühlen, sie gehöre zu den allererbärmlichsten Erwerbsmitteln, ein Kattun- weber verdiene täglich höchstens 6—7 Groschen, ein Tisch- lergeselle einen Thaler. Dennoch wäre es falsch, aus den Nothständen der Weberei von 1800—1818, aus der Thatsache, daß die einfache Kattunweberei nicht nach Berlin paßte, den Schluß zu ziehen, daß die ganze Beförderung der Ge- webeindustrie falsch war. In der Hauptsache war die Weberei gesund und nach den Verhältnissen des vorigen Jahrhunderts naturgemäß. Die Art der Hausindustrie ermöglichte einen glücklichen Uebergang des kleinen fleißigen Arbeiters zum Unternehmer. Viele arme Leinwandweber vom Lande zogen in die Städte und wurden da nach und nach wohlhabende Fabrikanten. Dieterici, Volkswohlstand S. 98. Das Eingreifen in die Kreditverhältnisse dieser kleinen Weber hatte ihre sehr gute Seite; nichts ist für den kleinen Mann schlim- mer als die Kreditlosigkeit, durch nichts ist ein System der Hausindustrie mehr gefährdet, als durch Lotterkredit, der in Abhängigkeit, Uebervortheilung und Aussaugung des kleinen Mannes nur zu leicht ausartet. Die ganze Ueberwachung der Hausindustrie durch technische Regle- ments und Schauämter war Bedingung einer gedeih- lichen Entwickelung in jener Zeit. Ganz richtig sagt Roscher, Volkswirthsch. Ansichten Friederich’s d. Gr. S. 37. solche Regierungsthätigkeit ersetze, was dem Würdigung der preuß. Gewerbepolizei. kleinen Handwerker sonst ganz fehle, nämlich durch ihre technischen Rathgeber die Verbindung des Gewerbes mit der Wissenschaft, durch ihre Handelskonsule die fortlau- fende Kenntniß der fremden Märkte, durch ihre Schau- und Stempelanstalten die weitreichende Notorietät einer großen Firma. Auch Mirabeau muß zugeben, daß man überall die Blüthe der Industrie auf diese Reglements zurückführt. z. B. III , 218. Ich will von zeitgenössischen Stimmen nur Justi Vollständige Abhandlung von denen Manufakturen und Fabriken. Kopenhagen 1758. I , 122. anführen, der 1758 sagt: „In den meisten deutschen Staaten, ohngeachtet man das Ansehen haben will, die Manufakturen zu gründen, fehlet es noch gar sehr an solchen Reglements. Nur in denen preußischen Staaten, wo man die wahren Maßregeln selten außer Acht läßt, haben alle Arten von Manufakturen die um- ständlichsten und vortreflichsten Ordnungen, und man muß dieselben zu Rathe ziehen, wenn man dergleichen Reglements verfertigen will.“ Wenn ich so im Ganzen die Friedericianische Ver- waltung als eine den damaligen Zuständen entsprechende bezeichne, so will ich daneben nicht leugnen, daß manche der merkantilistischen Maßregeln verkehrt, daß die Regie-, Accise- und Steuerverwaltung drückend und hart war. Besonders aber darf man für das Ende des Jahrhun- derts nicht vergessen, daß die Zustände selbst sich änder- ten; was 1740 noch am Platze war, konnte 1800 schon unerträglich sein. Und eine eingreifende Verwal- Ein Rückblick ins 18. Jahrhundert. tungspolitik, wie die preußische, erforderte Talent, Sach- kenntniß, unermüdliche Thätigkeit, um immer wieder die Reglements in Einklang mit den Zeitbedürfnissen zu bringen. Nach dem Tode des großen Königs war an die Stelle dieser unermüdlichen Thätigkeit Stagnation getreten. Unter allen Umständen bleibt wahr, was Viebahn von Friederich dem Großen sagt: er hat Preußen nicht nur politisch zur Großmacht erhoben, er hat sein Land auch kommerziell, gewerblich und geistig in die Reihe der ersten der welthistorischen Staaten gestellt. Er hat es gethan mit den Mitteln, die die Zeit gab und for- derte. Einem in Individualismus aufgelösten Volke hat er unerbittlich in allen Gebieten und so auch auf dem volkswirthschaftlichen Gebiete die höchste Pflicht gepredigt und gelehrt, alles Einzelne und Individuelle dem Ganzen zu opfern. Die Hauptresultate der preußischen Aufnahmen von 1795—1861. 1. Die preußische Handwerksstatistik von 1795/1803. Die Zustände gegen 1800. Die Gewerbefreiheit. Die wirth- schaftliche Entwickelung bis gegen 1831. Der Werth der Krug’schen Zahlen. Die Vergleichung der Aufnahmen von 1795/1803 und von 1831. Das Resultat ziemlich unveränderter Verhältnisse. Ich habe mein Urtheil über die preußische Ver- waltung wohl schon durch die Resultate der Statistik zu stützen gesucht; ich habe aber dabei eine wichtige Quelle noch nicht berührt, die preußische Handwerksstatistik von Krug in seinen Betrachtungen über den Nationalreich- thum des preußischen Staates. II , S. 172—205. Es wird passend sein, bei ihr, an der Grenzscheide des Jahrhunderts einen Moment zu verweilen und sie hauptsächlich mit einer spätern Aufnahme zu vergleichen, sie dadurch zu einem lebensvollen Bilde zu gestalten. Waren die gewerblichen Zustände gegen 1800 schon mannigfach durch die alte Gesetzgebung gehemmt, im Ganzen war der Wohlstand ein steigender bis gegen 1805 und 1806. Die außerordentliche Steigerung der Getreide- und Bodenpreise in ganz Norddeutschland von 1770 ab Schmoller , Gesch. d. Kleingewerbe. 4 Die preußischen Aufnahmen. hatte die Kaufkraft der ländlichen Kreise sehr geho- ben. Siehe: Gülich II , 293—336; Krug I , 404 ff. Die ersten französischen Kriege erstreckten ihre ungünstigen Wirkungen kaum auf Preußen. Erst seit 1799 machte sich die Stockung in den norddeutschen Handelsstädten geltend. Erst nach 1806 trat im ganzen Lande die Lähmung des Verkehrs, die wirthschaftliche Erschöpfung durch die Kriege, traten die Einquartierungen, Verwüstungen, Kontributionen ein. In diese Zeit fällt die Einführung der Gewerbe- freiheit. Sie war für Preußen und Littauen schon 1806 und 1808, für den ganzen damaligen preußischen Staat durch das Edikt vom 2. November 1810 einge- führt worden. Am linken Rheinufer verstand sie sich mit der französischen Herrschaft von selbst; für Westfalen wurde sie durch die Dekrete vom 5. August 1808 und 12. Februar 1810, für das Großherzogthum Berg durch das Dekret vom 31. März 1809 eingeführt. Sicher ist die in Preußen eingeführte Gewerbe- freiheit eine jener unschätzbaren liberalen Konzessionen gewesen, die zusammen so segensreich gewirkt, den National- geist gehoben, die unwiderstehliche Kraft der Bevöl- kerung im Jahre 1813 erzeugt haben. Aber es wird schwer sein, nachzuweisen, welche direkte, unmittelbare Wirkung die gesetzliche Aenderung auf die wirthschaftliche Lage der Kleingewerbe gehabt habe. Manches wird sich sogleich mit der Publikation des Ediktes geändert haben; mancher Geselle wird ein eigenes Geschäft angefangen haben, mancher sich an einem passendern Orte, in dem Die Zustände gegen 1800. benachbarten Dorfe statt in der Stadt niedergelassen haben; — aber die gewerblichen Gesammtverhältnisse werden sich zunächst nicht viel geändert haben, weil sie unter dem Drucke vieler anderer, mächtiger wirkender Ursachen standen. Mit dem Frieden erfolgte die Vergrößerung Preußens; in den neuerworbenen Landestheilen ließ man die her- gebrachte Gewerbeverfassung unverändert, die Gewerbe- freiheit am Rhein und in Westfalen, die Zunftverfassung in Sachsen. Immer war es der überwiegend größere Theil der Monarchie, in dem von da ab bis 1845 volle Gewerbefreiheit herrschte. Die ersten Jahre nach dem Frieden waren nicht eben günstige für die wirthschaftliche Entwickelung. Die Nachwehen der großen Verluste und Zerstörungen, die Hungersnoth 1816—17, die Ackerbaukrisis 1820—25 waren harte Schläge. Die Grenzveränderung brachte für die Industrie der rheinischen Städte manchen Verlust; das Aufhören der Kontinentalsperre, die englische Kon- kurrenz, die sich um so heftiger jetzt auf Deutschland warf, der Mangel einer gemeinsamen Ordnung des Zoll- wesens, — das Alles waren zunächst ungünstige Um- stände. Dem gegenüber war für Preußen die neue Ordnung des Zollwesens im Jahre 1818 ein großer Fortschritt. Die östlichen Provinzen standen nun der rheinischen Industrie offen; Aachen, Elberfeld, Barmen, Berlin, zeigen einen raschen Aufschwung, Gülich II , 420 ff. wie überhaupt alle preußischen Lande, während allerdings die vom 4 * Die preußischen Aufnahmen. preußischen Zollsystem ausgeschlossenen nächstliegenden Nachbarlande litten. Ein anderes wichtiges Moment für die allgemeine Besserung der Lage waren die Ende der zwanziger Jahre wieder steigenden Produktenpreise. Die Getreideausfuhr nach England nahm wieder zu, das Wollgeschäft des norddeutschen Landwirths war in der höchsten Blüthe, die Ackerbaukrisis so ziemlich zu Ende. Somit werden wir nicht irren, wenn wir die Jahre gegen 1830 als solche bezeichnen, in denen die beson- deren Mißstände, die sich an die Kriegsjahre und an die ersten Friedensjahre anschlossen, wesentlich zurück- getreten sind, in denen also die Gewerbefreiheit in ihren reinen Folgen sich ersichtlich zeigen muß; daneben sind es Jahre, in denen die Konkurrenz der Groß- industrie noch kaum begonnen hat, jedenfalls noch nicht in dem Maße vorhanden ist, wie heutzutage. Deshalb glaube ich, richtig zu verfahren, wenn ich, wie früher schon Dieterici, die preußische Gewerbe- statistik von 1795/1803 gerade mit der von 1831 vergleiche. Die erste ein Bild der Zustände vor dem Krieg, ein Bild relativ blühender Kleinindustrie, wie sie unter der Herrschaft des Zunftwesens und der staat- lichen Maßregelung möglich war; die zweite ein Bild der Zustände, wie sie nach so ziemlicher Beseitigung der Kriegswehen unter der beinahe vollständigen Herrschaft der Gewerbefreiheit sich gestalten. Krug’s statistische Aufnahmen sind in den Jahren 1795—1803 nach den einzelnen preußischen Provinzen gemacht; sie erstrecken sich nicht auf sämmtliche Provinzen oder Departements. Die in Betracht kommenden sind Die Krug’schen Zahlen. das Posener, Kalischer, Warschauer Departement, Pom- mern, Neumark, Schlesien, Kurmark, Magdeburg, Paderborn, Minden und Ravensburg, Grafschaft Mark, Kleve, Lingen und Tecklenburg, Ostfriesland, Neuchatel. Da diese Departements sich gleichmäßig auf die Monarchie vertheilen, so kann die Methode nicht angefochten werden, nach der Bevölkerung und der Meisterzahl dieser Auf- nahmen, die muthmaßliche Meisterzahl für die ganze Monarchie zu berechnen. Die Handwerksgesellen bleiben außer Betracht, da Krug ihre Zahl gar nicht nach den einzelnen Gewerben, sondern nur nach Provinzen mittheilt. Folgen wir nun für 1831 den Zahlen Dieterici’s, Der Volkswohlstand, S. 180. so ergiebt zunächst eine allgemeine Vergleichung von 26 der wichtigsten Handwerke, daß 1795—1803 auf 10.023900 Einwohner 194183 Meister in denselben, 1831 auf 13.038960 Einwohner 300752 Meister, damals also einer auf 51, 6 Menschen, jetzt auf 43, 4 Men- schen kamen. Damals sind 1, 93 %, jetzt 2, 3 % der Bevölkerung Handwerksmeister in den betreffenden 26 Hauptgewerben. Die Zahl der Meister ist also stärker gestiegen als die Bevölkerung; aber wir werden dieser Steigerung ein geringeres Gewicht beilegen, wenn wir uns erinnern, daß in den Zahlen von 1795/1803 die armen unbevölkerten Landstriche (Südpreußen und Neuostpreußen) stecken, die an Rußland abgetreten wurden, in denen von 1831 eine Reihe sehr entwickelter Gegen- den, die erst 1815 zu Preußen kamen, wie Theile der Rheinprovinz und der Provinz Sachsen. Die preußischen Aufnahmen. Eine genauere Einsicht gewährt die folgende spezielle Vergleichung einiger der wichtigern Gewerbe, wobei je in der ersten Spalte die Zahl der Meister, in der zweiten die der Einwohner, welche auf einen Meister kommen, verzeichnet ist. Hiernach ist die Meisterzahl geringer gestiegen als die Bevölkerung bei den Schmieden, den Hutmachern, den Goldschmieden; das sind Gewerbe, in denen die Bildung der größeren Geschäfte die wahrscheinlichste Ursache des Rückganges ist. In den wichtigsten der angeführten Gewerbe hat sich die Proportion zwischen Bevölkerung und Meisterzahl sehr wenig verändert, so Der Vergleich von 1803 und 1831. bei den Schuhmachern, Schneidern, Bäckern, Fleischern, Rade- und Stellmachern, kaum etwas mehr bei den Böttchern, Riemern, Sattlern, Seilern. Eine wesent- lich stärkere Zunahme als die Bevölkerung zeigen nur die Tischler und Drechsler, die Maurer, die Buchbinder und Zinngießer. Diese Zahlen sind beredt. Sie zeigen uns das Leben und die Entwickelung der wichtigsten Handwerke für die Zeit von 1800—1831 gleichsam als etwas Elementares, das von den Stürmen der Zeit, von der Aenderung der äußern Gewerbeverfassung weniger berührt wird, als man gewöhnlich erwartet. Die Gemeinde- verfassung, die ständischen Rechte, das ganze Agrarrecht war ein anderes geworden; die Gewerbefreiheit, die unbedingte Zulassung der Handwerker auf dem Lande war eingetreten. Das städtische Accisewesen war ein anderes geworden, die Gewerbesteuer war eingeführt worden. Und es erscheint beinahe, als ob All das spurlos an den Kleingewerben vorbeigegangen wäre. In vielen Gewerben dieselbe Meisterzahl trotz der außer- ordentlichen Veränderungen, die zwischen 1800 und 1831 liegen. Auch die großen Aenderungen in der Technik mancher Gewerbe, die Dampfmaschinen und die anderen neuen Maschinen und Entdeckungen zeigen keinen wesent- lichen Einfluß bis dahin auf die Handwerke. Selbst der gestiegene Wohlstand, wenn man für 1831 überhaupt einen solchen gegenüber 1800 annehmen will, zeigt sich nicht in einer größern Zahl von Bäcker-, Fleischer-, Schuhmacher- und Schneidermeistern; diese Haupt- gewerbe dienen ja auch ziemlich elementaren, sich nicht Die preußischen Aufnahmen. so leicht ändernden Bedürfnissen; — sondern nux in der größern Zahl Maurer, Tischler, Drechsler; d. h. man baut 1831 wieder mehr, man richtet die Wohnungen besser ein, aber man ißt, man kleidet und beschuht sich auf alte Weise. Man mag allerdings daran erinnern, daß dieselbe Meisterzahl nicht nothwendig dieselbe Technik, denselben Wohlstand, dieselbe Gesellen- und Lehrlingszahl andeutet. Aber sehr viel hat sich darin gerade bis 1831 nicht geändert; was die Gehülfenzahl betrifft, so führe ich als Beweis dafür an, daß die Meister- und Gehülfen- zahl von 1819 bis 1828 sich in ziemlich gleicher Pro- portion ändert; Nach den Zahlen bei Ferber, Beiträge zur Kenntniß der gewerblichen und kommerziellen Zustände der preußischen Monarchie. Aus amtlichen Quellen. Berlin, Trautwein 1829. Tabelle zu S. 329. Neue Beiträge S. 160. gerade die Gewerbefreiheit mußte dahin wirken, daß zunächst die Tendenz zur Bildung größerer Geschäfte mit mehr Gehülfen eher etwas aufgehalten wurde. Freilich ist bei dieser Vergleichung nur auf den Anfang und das Ende der Periode gesehen, auf die Zeit von 1795/1803 und auf die von 1831. Dazwischen hat der Handwerkerstand wohl stärker geschwankt. Im Jahre 1811 waren in Preußen noch 286000 Gewerbe- patente ertheilt worden; diese Zahl sinkt bis 1814 auf 242700, ist also in diesem Jahre um 15½ % niedriger; dann steigt die jährliche Zahl wieder; im Jahre 1820 Der Vergleich von 1803 und 1831. ist sie 20 % höher als 1814—15. Rau, Grundsätze der Volkswirthschafts - Politik. 2te Abth. 5. Aufl. S. 29; es sind Zahlen, welche der preuß. Staats- zeitung entlehnt sind. Durch solche Schwankungen in Folge der Kriege wird aber unsere Behauptung nur noch in helleres Licht gestellt. Trotz- dem, daß Alles erschüttert, geändert, umgestürzt wurde, — kann man sagen — bringen es gleichmäßig sich erhal- tende volkswirthschaftliche Bedingungen dahin, daß nach wenigen Jahren Alles so ziemlich im alten Geleise ist, daß ähnliche Zahlenproportionen sich bei den statistischen Aufnahmen wieder ergeben. Dabei will ich allerdings Eins im Voraus als Einschränkung meiner Behauptung hinzufügen. Die elementare, vom Wechsel der Jahre, wie der staatlichen Verfassung und Verwaltung wenig berührte Natur der wichtigsten Handwerke, die vor Allem gegenüber dem viel wechselvollern Leben der Großindustrie zu betonen ist, wird sich immer geltend machen; immer werden die Aenderungen schwer sich vollziehen, schon weil sie zusammenhängen mit den schwer sich ändernden Lebens- gewohnheiten, häuslichen Sitten und Bräuchen des ganzen Volkes. Aber zunächst beweisen die vorstehenden Zahlen nur, daß die großen Ereignisse von 1795—1831 daran wenig geändert haben. Wir werden sehen, daß später vielleicht unbedeutendere Ereignisse, aber Ereignisse anderer Art, tiefer eingreifen. Nur solange die Technik, die häusliche Wirthschaft und die Verkehrsverhältnisse dieselben bleiben — und die haben sich bis 1831 wenig geändert —, wird die Thatsache, daß die vorzüglichsten Die preußischen Aufnahmen. Handwerke in erster Linie für lokale, nothwendige, stets ziemlich konstante Bedürfnisse arbeiten, dem Handwerk den sichern, unveränderten Boden erhalten. Zugleich ist nicht zu vergessen, daß hier nur von 26 Arten der wichtigern lokalen Handwerke die Rede war. Die ganze Weberei und andere handwerksmäßige Hausindustriezweige sind nicht mit einbegriffen. Auch in den folgenden Untersuchungen müssen die Weber zunächst außer Betracht bleiben, da unsere Betrachtung sich von jetzt an streng an die Art der statistischen Aufnahmen halten muß. 2. Die preußischen Handwerkertabellen von 1816—43. Geschichte der Aufnahme. Kritische Feststellung der Hauptsummen. Ergebniß: Stabilität von 1816—28; Blüthe der Klein- gewerbe von 1828—43. Die einzelnen Faktoren der Gesammt- änderung nach den einzelnen Gewerben, nach Meistern und Gehülfen. Nach diesen einleitenden Bemerkungen über die Zustände vor und nach den Kriegsjahren wenden wir uns ausschließlich der Zeit nach 1815 zu. Und das Erste wird sein, uns einen Gesammteindruck der Ge- schichte des Handwerks zu verschaffen durch Betrachtung der Gesammtsummen, welche die preußischen Gewerbe- tabellen in den einzelnen Aufnahmejahren ergeben. Ueber die Aufnahme und den Umfang der Tabellen ist Folgendes zu bemerken. Nachdem J. G. Hoffmann, als Leiter des stati- stischen Bureaus, im Jahre 1816 die wichtigsten Hand- werker in der Populationsliste hatte mitzählen lassen, richtete er 1819 zum ersten Male eine besondere Gewerbe- tabelle ein, die nun von drei zu drei Jahren bei den Regierungen ausgefüllt werden sollte. Diese Tabelle blieb trotz mancher Aenderungen in den Grundzügen unver- Die preußischen Aufnahmen. ändert bis 1843. Erst die Aufnahme von 1846 erfolgte auf wesentlich anderer, breiterer Grundlage. Die ältere Tabelle war von Hoffmann so einfach als möglich entworfen. Siehe Tabellen und amtliche Nachrichten über den preuß. Staat für das Jahr 1849 Band V. Berlin 1854. S. IV. ff., und Böckh, die geschichtliche Entwickelung der amtlichen Statistik des preußischen Staates. Berlin 1863. S. 47, 53 ff., 78 ff. Ihr Hauptinhalt waren die wichtigsten mechanischen Künstler und Handwerker. Nicht bei allen, wohl aber bei der Mehrzahl wurden die Gehülfen (Gesellen und Lehrlinge zusammen) gezählt. Nicht inbegriffen sind z. B. Fischer, Gärtner, Barbiere, Friseure, ebenso wenig Spinner und Weber. Nach den Künstlern und Handwerkern enthält die Tabelle noch die gehenden Webstühle, die Mühlen, die Handelsgewerbe, die Transportgewerbe, das Gesinde. Für die Zustände des preußischen Staates vor 50 Jahren gaben diese Rubriken immerhin ein genügendes Bild, wenn sie auch für einzelne Gegenden und ihr entwickelteres Gewerbe- leben, hauptsächlich für die Rheinprovinz nicht ganz aus- reichten. Ihr Vortheil war, daß sie in ihrer Einfach- heit leicht auszufüllen waren. Das Bedürfniß nach Erweiterung zeigte sich aber bald. Neue Rubriken wurden hinzugefügt; besonders 1837 erweiterte Hoffmann die Tabelle wesentlich durch Aufnahme einer Anzahl Fabriken, der Dampfmaschinen u. s. w. Auch 1837 aber wurde an der eigentlichen Handwerkertabelle wenig geändert; für die Kürschner, Mechaniker, Buchbinder wurde die Gehülfenzahl hinzu- Kritik der Aufnahmen. gefügt; die Zimmermeister wurden in Zimmermeister und Zimmerflickarbeiter, die Maurer in Maurermeister, Flicker, Ziegeldecker und Steinmetzen zerlegt; 1840 wurden die Färber in Färber und Kattundrucker geschie- den. Es läßt sich somit eine vergleichbare Tabelle bis 1843 inkl. leicht herstellen. Die Aufnahmen, sowie offizielle Summirungen der- selben sind nicht gleichmäßig publizirt. Man ist genöthigt, die Zahlen für die verschiedenen Jahre aus sehr ver- schiedenen offiziellen, halboffiziellen oder ganz privaten Arbeiten der jeweiligen Direktoren des statistischen Bureaus zusammen zu suchen. Daher sind auch darüber einige kritische Bemerkungen nöthig. Die Summe der Meister und Gehülfen für 1816 ist der Publikation Dieterici’s in seinem „Volkswohl- stande“ entnommen. Siehe daselbst S. 187. Die Summe, wie sie von da aus in alle späteren, amtliche und nichtamtliche Schriften überging, ist aber insofern etwas zu niedrig, als in ihr die Kuchenbäcker, Korbmacher, Buchdrucker und Tuchscheerer fehlen. Doch würden diese nach Analogie der spätern Zahlen nicht mehr als circa 7000 Meister und 4000 Gehülfen betragen. Für die Gehülfenzahl von 1816 bis zur Gegenwart bemerke ich, daß sie mit den im Jahrbuch für die amtliche Sta- tistik des preuß. Staates Jahrg. II , S. 238 publizirten Zahlen nicht ganz übereinstimmen können. Es sind dort die männlichen Gehülfen getrennt von den weiblichen; ich habe überall die Summe beider beibehalten, da die Zahlen der weiblichen Ge- hülfen verschwindend klein sind und die großen Gesammtzahlen Die preußischen Aufnahmen. Die Summen für 1819, 1822, 1825 und 1828 sind Ferber’s Beiträgen, Beiträge Tabelle S. 228. Neue Beiträge, Tabelle S. 160. also einer halbamtlichen Publi- kation entnommen. Ferber giebt nicht näher an, was seine Zahlen umfassen; deswegen glaube ich annehmen zu müssen, daß sie sich auf die sämmtlichen damals aufgenommenen Handwerker erstrecken. Für das Jahr 1831 ist mir keine amtliche Sum- mirung der Handwerker bekannt, außer der bei Diete- rici, Volkswohlstand S. 253. die aber unvollständig ist, indem sie ebenfalls die Kuchenbäcker, Korbmacher, Buchdrucker und Tuchscheerer wegläßt. Durch Hinzufügung dieser ist meine Zahl höher als die von Dieterici, wie sie ebenfalls in alle spätere Werke übergegangen ist. Für 1834 ist mir keine amtliche Summirung bekannt. Ich habe daher die Zahlen nach der amt- lichen Spezialpublikation berechnet, die in Dieterici’s statistischer Uebersicht Dieterici, statistische Uebersicht der wichtigsten Gegen- stände des Verkehrs und Verbrauchs im preuß. Staate und im deutschen Zollverbande von 1831—36. Berlin 1838. S. 462—68. enthalten ist. durch diese Beibehaltung sich nicht wesentlich ändern. Außerdem können die Zahlen von 1816—43 deswegen nicht ganz dieselben sein, weil ich in meiner Zählung für alle die Gewerbe, für welche die Zählung der Gehülfen erst später eintrat, die Ge- hülfen bis 1843 wegließ. Groß sind übrigens die Unterschiede der Zahlen nicht. Zur Kritik der Zahlen. Auch für die folgenden Aufnahmen habe ich die Summen nach den Spezialtabellen neu berechnet, für 1837 und 40 nach den Fortsetzungen der statistischen Uebersichten, Erste Fortsetzung, Berlin 1842. S. 384—401. Zweite Fortsetzung, Berlin 1844. S. 600—618. für 1843 nach dem besondern für dieses Jahr veröffentlichten Tabellenwerk. Dieterici, die statistischen Tabellen S. 130. Ich habe dabei die sämmtlich bisher gezählten Gewerbe mitgezählt, die Gehülfen da weggelassen, wo sie früher auch fehlten, um so die Summen direkt vergleichbar mit den frühern Aufnahmen zu machen. Dadurch stimmen die Zahlen aber nicht ganz überein mit den gelegentlich von Die- terici erwähnten oder speziell von ihm berechneten. Für 1837 erwähnt Dieterici, 2te Fortsetzung S. 619, 368429 Meister mit 231266 Gehülfen; er giebt nicht an, wie er das berechnet hat; ohne Zweifel läßt er wieder die Tuchscheerer, Korbmacher, Buchdrucker, Kuchenbäcker weg; für 1840 giebt er das. S. 619 und 627 (an letzterer Stelle nach Provinzen summirt) 387687 Meister mit 286612 Gehülfen an; die gerin- gere Meisterzahl hat dieselbe Ursache, die höhere Gehülfenzahl als unsere hat ihren Grund in dem Mitzählen aller aufgenom- menen Gehülfen. Für 1843 giebt er in seinem „Volkswohl- stand“ S. 254 eine Summirung (400932 Meister mit 309570 Gehülfen), die von da in alle spätere Literatur übergegangen ist. Sie ist wesentlich niedriger als unsere, da sie, zur Ver- gleichung mit einer ebenfalls lückenhaften Tabelle von 1831 gemacht, wieder verschiedene Kategorien wegläßt. In den statist. Tabellen pro 1843 S. 145 giebt er eine andere Summirung nach Provinzen (410221 Meister mit 358660 Gehülfen), die wieder wesentlich höher ist als unsere; die Zahl der Meister nur um 2000, die Ursache ist mir nicht klar; die Zahl der Gehülfen um circa 47000, weil Dieterici hier für alle Gewerbe, in Die preußischen Aufnahmen. In der nun folgenden Tabelle, in welche ich die Bevölkerung Preußens nach Dieterici’s Handbuch der Statistik des preußischen Staates Berlin 1861. S. 134. Ich erwähne das nur, weil Kolb z. B. etwas andere Zahlen angiebt. einsetze, vergleiche ich das Verhältniß des Handwerkerstandes zur Total- bevölkerung. Die erste Prozentberechnung giebt Ant- wort auf die Frage, wie viel Prozente der Bevölke- rung machen Meister und Gehülfen zusammen aus? Die zweite auf die Frage, wie viel Prozente der Bevöl- kerung machen die Meister mit ihren Familien und Gehülfen aus? Die Familie eines Meisters ist dabei nach dem Vorgang Dieterici’s Statistische Tabellen pro 1843 S. 145. zu 4, 1 Personen gerechnet. Da die Gehülfen alle als unverheiratet angenommen sind, während die zahlreichen Maurer- und Zimmer- gesellen wenigstens zu einem großen Theil verheiratet sind, so bleiben jedenfalls die Summen der so gewon- nenen ganzen vom Handwerk lebenden Bevölkerung weit eher unter, als über der Wirklichkeit. Daß überhaupt gefragt werden muß, nicht ob die Zahl der Handwerker an sich, sondern ob sie im Ver- hältniß der Bevölkerung zugenommen hat, darüber brauche ich wohl kein Wort hinzu zu fügen. Nur daran möchte ich noch erinnern, daß allerdings bei einer so stark fortschreitenden Bevölkerung, wie bei der preußischen von 1816—43, eine Zunahme im Verhältniß der Bevöl- denen auch damals die Gehülfen noch nicht gezählt wurden, eine ungefähre Schätzung derselben einstellt, dahin gehend, daß wenigstens so viele Gehülfen als Meister vorhanden seien. Die Zahlen von 1816—43. kerung schon einen kleinen Fortschritt andeutet. Da die Zunahme der Bevölkerung in erster Linie Folge zahl- reicher Geburten ist, so sind es zunächst die niedrigsten Altersklassen, die reichlicher ausgefüllt sind, während die höhern, die schon einem bestimmten Beruf angehören, sich gleich bleiben, ja vielleicht, wie in diesem Fall, durch die Kriege dezimirt sind. Der Handwerkerstand behauptet sich nun auf seinem Niveau, wenn er nur im Verhältniß zu den gesammten Erwachsenen die gleiche Prozentzahl beschäftigt. Behauptet er im Verhältniß zur ganzen, hauptsächlich an Kindern reichen Bevölkerung die gleiche Prozentzahl, so nimmt er offenbar von den Erwachsenen relativ etwas mehr in Anspruch als vorher. Doch hier endlich nach langen Vorbemerkungen die Tabelle selbst: Man unterscheidet bei Betrachtung dieser Tabelle leicht zwei Perioden. Von 1816—31 beinahe Stabilität, die nur 1825 durch ein vorübergehendes Schmoller , Gesch. d. Kleingewerbe. 5 Die preußischen Aufnahmen. Anwachsen unterbrochen ist; von 1834 an eine successive Zunahme des Handwerkerstandes gegenüber der Bevöl- kerung. Die Ursachen liegen überwiegend in den allge- meinen, früher ungünstigen, später günstigen Vorbe- dingungen der wirthschaftlichen Entwickelung, an die ich, soweit sie die Zeit von 1816—31 betreffen, schon oben Oben S. 51—52. erinnerte. Man erholte sich erst wieder von Krieg und Ackerbaukrisis. Der Einfluß der vorangeschrittenen Industrieländer war noch gering, der deutsche Handel noch gelähmt durch die Zollschranken. Wesentlich besser gestalten sich die Zustände in den dreißiger Jahren. Der Zollverein beginnt seine Seg- nungen fühlbar zu machen; der deutsche Exporthandel nimmt zu, neue Gewerbszweige entstehen; Zuckerfabriken, Baumwollspinnereien werden gebaut. Daneben freilich ist der Einfluß des Auslandes noch gering; die ersten Eisenbahnen sind in England eben erst vollendet; noch haben die großen internationalen Ausstellungen nicht gewirkt, noch haben wir kaum einen heimischen Maschinen- bau, noch existiren unsere großen polytechnischen Schulen nicht oder sind eben erst gegründet. Der Fortschritt mußte sich also in den hergebrachten Formen halten, d. h. hauptsächlich in einer Zunahme der Kleingewerbe zeigen. Auch für wichtige Industriezweige, welche auf den Absatz im Großen angewiesen sind, bleibt die Form der Hausindustrie vorerst unangetastet — so für wichtige Theile der Metallindustrie; so für die Weberei, die nicht Die Resultate von 1816—43. in diesen Zahlen begriffen ist. Die Tuchmacher und Tuch- scheerer sind zwar theilweise schon in übler Lage; aber sonst ist der Handwebstuhl noch unangefochten. Die Zahl der Webstühle nimmt sogar in den meisten Branchen einen raschen Aufschwung bis 1840; erst in den rück- gehenden Zahlen von 1843 zeigt sich der Eintritt der Weberkrisis, die siegende Konkurrenz der neuen vollen- deteren Technik. Die vorstehenden Folgerungen aus der Tabelle für 1816—43 galten dem Hauptresultat, das dahin ging: Stabilität in den zwanziger, Fortschritt in den dreißiger Jahren. Ein solches Gesammtresultat kann nun aber auf sehr verschiedene Weise erreicht sein; es kann ausschließlich durch die Meister- oder durch die Gehülfenzahl oder gleichmäßig durch beide, es kann erzielt sein dadurch, daß einzelne Gewerbe ganz zu Grunde gingen, während andere um so kräftiger erblühten. Obwohl hier noch nicht näher in dieses Detail eingegangen werden soll, muß ich wenigstens einige Worte nach beiden Richtungen hin beifügen. Die Bewegung der einzelnen Gewerbe ist natür- lich keine ganz gleichmäßige; aber doch handelt es sich um keine allzugroßen Differenzen, nicht um den Unter- gang einzelner Gewerbe, für die andere an die Stelle träten. Es gehen einzelne etwas zurück, andere und zwar sehr viele bleiben der Bevölkerung parallel, wieder andere nehmen etwas stärker zu. Besonders in einzelnen Perioden ist die Differenz etwas größer. Die stärkste Zunahme erfolgt 1831—34; nach der Depression von Revolution und Cholera, nach der Bildung des Zoll- 5 * Die preußischen Aufnahmen. vereins nimmt Alles einen freudigern Aufschwung; wäh- rend die Bevölkerung von 100 auf 103 steigt, steigen beinahe alle Gewerbe von 100 auf 106 — 8, manche noch mehr; und es nehmen daran gerade die wichtigsten Gewerbe, wie Bäcker und Fleischer, die sonst gerne der Bevölkerung parallel bleiben, Theil. In den Jahren 1834 — 37 erhebt sich die Bevölkerung von 100 auf 104; eine wesentlich stärkere Zunahme zeigen in diesem Zeitraum nur die Gewerbe für Bauten und Hausein- richtung, sowie einzelne, die einem sich entwickelnden Luxusbedürfniß dienen, wie die Putzmacherinnen. Aehnlich ist es in den Perioden von 1837 — 40 und 1840 — 43; es gesellen sich als stärker fortschreitende Gewerbe zu ihnen hauptsächlich noch solche, welche die Großindustrie beschäftigt, wie Mechaniker, Schlosser, Steinmetzen, während die Hauptgewerbe Bäcker, Fleischer, Schuh- macher ihr Verhältniß zur Bevölkerung nicht viel ändern; selbst das entwickelungsfähige Schneidergewerbe zeigt 1837, 40 und 43 jedesmal eine die Bevölkerung nur kaum überholende Zunahme. Die bereits rückgehenden Gewerbe sind solche, bei denen die Konkurrenz der großen Geschäfte anfängt zu wirken: Seifensieder, Gerber, Handschuh- macher, Hutmacher, Töpfer und Ofenfabrikanten. Die Verschiedenheit der Bewegung zwischen den einzelnen Gewerben ist nicht so groß als die zwischen Meister und Gehülfen. Von 1816 — 19 nehmen nur die Meister zu, die Gehülfen ab; von 1819 — 25 ist die Bewegung so ziemlich gleich; von 25 — 28 nehmen nochmals die Meister zu und die Gehülfen ab; von 28 — 31 überwiegt wenigstens die Zunahme der Meister; Die Resultate von 1816 — 43. erst von 1831 ab tritt dauernd und zwar in ganz über- wiegender Weise eine stärkere Zunahme der Gehülfen ein, so daß als Gesammtergebniß von 1816 bis 43 die Meister von 100 auf circa 180, die Gehülfen von 100 auf circa 220 steigen. Diese Verschiedenheit der zwanziger und dreißiger Jahre entspricht dem Ergebniß der obigen Untersuchung. In dem ersten Zeitabschnitt fehlt die Möglichkeit, die Geschäfte auszudehnen, mehr Gehülfen zu halten; die Gewerbefreiheit ermöglicht Jedem, leicht selbst ein Ge- schäft anzufangen, leer gebliebene Lücken füllen sich; der Handel, das Einkaufen in Magazinen, das Ladenhalten ist noch weniger entwickelt; das ladet zur Niederlassung überall ein, dem lokalen Bedürfniß zu dienen, wenn auch das zu machende Geschäft vorerst klein ist. Im zweiten Abschnitt liegen die Dinge schon wesentlich anders: die Lücken sind besetzt; trotz der Gewerbefreiheit wird das Anfangen eines eigenen Betriebes in den größeren Städten, wo die Nachfrage wächst, schwieriger, und so nehmen hier eher die vorhandenen Geschäfte zu, als daß neue gegründet würden. Diese Richtung zeigt sich später noch viel mehr. Es ist aber wichtig, daran zu erinnern, daß sie schon vor 1845 und 1849 eintrat, weil man später oft glaubte, die veränderte Gewerbegesetzgebung sei daran schuld, was jedenfalls nur zum Theil der Fall war. 3. Die preußischen Handwerkertabellen von 1846 — 61. Die Summen. Kritische Prüfung derselben und Geschichte der Aufnahmen. Die allgemeine wirthschaftliche Lage und im Anschluß daran das Ergebniß der rektifizirten Tabellen. Vergleich von 1843 und 46, Beginn der Handwerkernoth. Vergleich von 1846 und 49, Höhepunkt der Krisis durch Revo- lution und Geschäftsstockung. Die Gesetzgebung von 1849 als Folge der Klagen; Beurtheilung dieser Gesetzgebung und ihrer Wirkung. Vergleich von 1849 und 52, unbedeutende Besserung. Vergleich von 1852 und 55, abermalige Krisis. Die Aufnahmen von 1855 — 61; die Besserung durch die allge- meine wirthschaftliche Lage. Die Zustände 1861 — 65. Die Zeit nach 1843, resp. von 1846 an, scheidet sich von der früheren in Preußen materiell durch die 1845 und noch mehr durch die 1849 erlassene Gewerbe- gesetzgebung; formell müßte sie schon unsere Betrachtung trennen, da die statistischen Aufnahmen von 1846 an wesentlich andere sind. Ehe ich aber auf die Verschie- denheit der Aufnahme eingehe, will ich die Zahlen selbst vorausschicken, wie sie hergebrachtermaßen in der offi- ziellen Statistik für 1846 — 58 mitgetheilt werden. „Die Hauptresultate der Gewerbetabellen in den Jahren 1846, 1849, 1853, 1855 und 1858“ in der Zeitschrift Ich Die Zahlen von 1843 — 61. wiederhole dabei die Zahlen für 1843 und setze für 1861 die Hauptsummen der Handwerkertabelle bei, wie sie in der amtlichen Publikation lauten. Preußische Statistik, in zwanglosen Heften. Berlin 1864. V, S. 28. Die gesammte Handwerkerbevölkerung ist wieder so berechnet, daß die Gehülfen als unverheiratet, die Familien der Meister jede zu 4, 1 Personen angenommen sind. Sollen diese Zahlen einer vergleichenden historischen Betrachtung zur Grundlage dienen, so muß man ihren Werth und ihre Entstehung kritisch prüfen, ehe man Schlüsse daraus zieht. Was die Richtigkeit der Zahlen an sich betrifft, so will ich nur wenige Worte in Bezug auf andere Sum- men, welche man da und dort trifft, vorausschicken. Für 1846 und 49 giebt Dieterici Mittheilungen V, 216: in den Mitthei- des statistischen Bureaus Jahrg. I, 50 — 52. Viebahn, Statistik des zollvereinten und nördl. Deutschlands III, 561. Die preußischen Aufnahmen. lungen andere Zahlen, als die obigen und zwar niedri- gere. Dies ist für 1849 sehr erklärlich; er will die Aufnahmen mit 1846 vergleichbar machen und läßt so alle erst 1849 hinzugekommenen Spalten weg. Warum aber 1846 circa 4000 Meister und 2000 Gehülfen weniger gerechnet sind, als in der spätern offiziellen Sta- tistik, vermag ich nicht anzugeben; eine eigene Nach- rechnung ist mir gar nicht möglich, da die Tabellen pro 1846 nicht vollständig publizirt sind. Die Mittheilungen I, 213 — 291; II, 1 — 32 geben nur einzelne der wichtigern Handwerke, um sie mit den Zahlen von 1822 zu vergleichen. Auch die Publikation im ersten Bande des Jahrbuchs für amtliche Statistik ist pro 1846 nicht zu Grunde zu legen; die Handwerkertabelle ist dort mit der Fabriktabelle vereinigt, eine gesonderte Summirung der Handwerker nicht vollzogen; eine Nachrechnung ist ebenfalls unmöglich, da Meister und Gehülfen nicht gesondert angegeben sind. Immerhin aber ist diese Abweichung so mäßig, daß sie übersehen werden kann. Für das Jahr 1852 giebt Dieterici die Zahlen in den amtlichen Tabellen, wie in einer späteren Bearbei- tung Amtliche Tabellen V, S. 884, Mittheilungen VII, 332—33 sind die Zahlen folgende: 552766 Meister und 446035 Gehülfen. etwas niedriger an, als sie Engel in den spä- tern offiziellen Angaben anführt. Da spätere Angaben derart als die rektifizirten gelten müssen, habe ich sie beibehalten. Der Grund der Differenz ist mir nicht ersichtlich; doch ist die Abweichung ebenfalls so unbe- deutend, daß sie keine weitere Beachtung verdient. Kritik der Zahlen. Für 1858 habe ich nach der amtlichen Publi- kation eine kalkulatorisch genau geprüfte Nachrechnung angestellt; ich mußte die Hauptsummen getrennt haben nach Stadt und Land für die Untersuchung dieses Ge- gensatzes. Das genaue Ergebniß der Gesammtsumme ist 1.042513, also etwa 10000 Personen weniger, als in der spätern Publikation Engels. Die Differenz ver- mag ich ebensowenig zu erklären. Für diese Unter- suchung muß ich Engel’s Zahl stehen lassen; für die spätere Untersuchung über den Gegensatz von Stadt und Land kann ich nur die von mir berechneten Zahlen benutzen, da andere fehlen. Für 1861 kenne ich noch zwei Summirungen, aller- dings nicht amtlicher Natur, die mit den vorstehenden Zahlen nicht übereinstimmen. Ad. Frantz Ad. Frantz, Tabellen der Gewerbestatistik der Staaten des deutschen Zollvereins. Brieg 1867. giebt in sei- nen gewerbestatistischen Tabellen allerdings beinahe die- selbe Hauptsumme von 1.092368 Personen, aber die- selbe entsteht bei ihm aus circa 16100 mehr Meister und weniger Gehülfen. Das kann nur den Grund haben, daß er die Flickarbeiter bei den Maurern und Zimmerleuten, die gerade so viel ausmachen, zu den Meistern rechnet, während sie die offizielle Statistik offen- bar zu den Gehülfen zählt. Mag Letzteres auch unrich- tiger sein, sofern die Flickarbeiter immerhin selbst Unternehmer sind, eigene Geschäfte haben, ich mußte bei den offiziellen Zahlen bleiben, schon weil sie die Vermuthung für sich haben, daß diese Frage bei ihnen Die preußischen Aufnahmen. gleichmäßig wie bei den frühern Aufnahmen entschieden ist. Es ist aber von Interesse, sich dessen eben bei diesen Zahlen bewußt zu bleiben. Die Abnahme der Meister im Ganzen kommt theilweise davon her, daß Leute, die früher als kleine Zimmer- und Maurer- meister gezählt worden wären, jetzt als Flickarbeiter unter den Gehülfen stecken. Viebahn zählt in seiner Statistik des Zollvereins III, 743. für 1861 nur 523481 Meister und 519412 Gehül- fen, zusammen 1.042893 Personen; auch seine Zahlen für die andern Staaten sind etwas geringer als die mir sonst bekannten Summirungen. Die Ursache der Dif- ferenz ist nicht ersichtlich. Viebahn muß wohl verschie- dene Kategorien der offiziellen Tabelle weggelassen haben. Gehen wir von der kalkulatorischen zur sachlichen Prüfung, so bleibt die Hauptsache zu wissen erstens, wie verschieden die Aufnahmen von 1846 ab gegenüber den frühern sind, und zweitens, ob sie wenigstens unter sich vergleichbar sind, wie sich aus ihrer Zusammenstellung in der amtlichen Statistik zu ergeben scheint. Die Gewerbetabellen bis 1843 waren J. G. Hoff- mann’s Werk; noch die letzten Aenderungen, die im Jahre 1837 eingeführt wurden, hatte er angeordnet. Sein späterer Nachfolger Dieterici war zwar seit 1835 Hülfsarbeiter des statistischen Bureau’s; die Direktion übernahm er aber erst 1844, als das statistische Bureau dem Handelsamt unterstellt wurde. Eine seiner ersten Aufgaben war die veränderte Einrichtung der Gewerbe- Kritik der Aufnahmen. tabelle, die durch die Entwickelung der gewerblichen Verhältnisse, durch die Spezialisirung so vieler Geschäfte, durch die Ausdehnung der Großindustrie geboten schien. Ueberdies hatte die Zollvereinskonferenz schon am 11. No- vember 1843 die Aufnahme einer Gewerbestatistik des Zollvereins beschlossen, Böckh, die geschichtl. Entwickelung der amtl. Statistik S. 54 ff., 75 ff. wobei die Absicht zunächst nur auf eine Statistik der Großgewerbe gerichtet war. Eine neue Grundlage war zu schaffen. Langwierige Unterhand- lungen fanden 1844 und 45 darüber mit dem Finanz- ministerium und den Oberpräsidenten statt. Dieterici bemühte sich, gegenüber den ganz neuen Vorschlägen die Tabelle der Handwerker wenigstens so zu erhalten, daß nicht alle Vergleichung mit früher ausgeschlossen war. Das endliche Resultat war das, daß zunächst die Auf- nahme in zwei Haupttabellen geschah; die eine war die sog. Fabriktabelle; die andere erhielt folgende Abthei- lungen: 1) die mechanischen Künstler und Handwerker (110 statt bisher 72 Kolonnen, es waren mehrere Arten hinzugesetzt und durchgehend die Zahlen für die selbstän- digen Gewerbtreibenden und für die Gehülfen und Lehr- linge getrennt worden), 2) die Anstalten für den litera- rischen Verkehr, 3) die Handelsgewerbe, 4) die Schiff- fahrt, das Fracht- und Lohnfuhrwerk, 5) die Gast- und Schenkwirthschaft, 6) das Gesinde, 7) die Handarbeiter. Die Regierungen wurden angewiesen, in allen bedeutenden Orten eine Prüfung der Tabellen durch Gewerbtreibende eintreten zu lassen. So fand die Aufnahme 1846 statt. Die preußischen Aufnahmen. Wie viel die Aufnahme der Gehülfen zu allen Handwerken ausmacht, läßt sich etwa darnach bemessen, daß die Tabelle von 1843 etwa 40000 Meister ohne Gehülfen angab, und daß Dieterici, wo er für 1843 die Gehülfenzahl voll rechnen will, statt 311458 — 358660 annimmt. Statistische Tabellen pro 1843 S. 145. Wie viel die bisher nicht gerech- neten Arten von Handwerkern ausmachen, kann ich nicht sagen, da mir für 1846 keine vollständige Spezialauf- nahme vorliegt und die von 1849 wieder wesentlich umfassender ist. Das geht auch daraus hervor, daß Dieterici bei der Vergleichung mit 1846 nicht 942373 Personen, sondern 848042 rechnete, wobei er offenbar die Arten wegläßt, die 1846 nicht gezählt sind. Mittheilungen V, 216. Es wurden 1849 abermals 16 neue Arten hinzugefügt. Die Gesammtzahl der Personen, welche in der Tabelle von 1849 der Art der Gewerbe nach neu sind gegenüber der von 1843, wird circa 130 — 150000 Personen ausmachen. Es sind darunter die Leinenspinner (57981 mit 26305 Gehülfen), die Gärtner (6598 mit 2853 Gehülfen), die Fischer (6430 mit 2633 Gehül- fen), die Barbiere (6033 mit 2431 Gehülfen), die Auktionatoren (4204 mit 270 Gehülfen) und noch manche Andere. Darnach ist, wenn die Zahlen von 1846 und 49 mit den früheren verglichen werden sollen, für 1849 ein Abzug von gegen 200000 zu machen (150000 für andere bisher nicht gezählte Arten von Gewerb- treibenden, 50000 für bisher nicht gezählte Gehülfen), für 1846 wenigstens einer von 100000. Kritik der Aufnahmen. Von 1849 an ist an den Tabellen relativ weniger geändert; besonders die Aufnahmen für 1852 und 1855 haben ganz denselben Umfang, höchstens eine Unterschei- dung dieses oder jenes unbedeutenden Gewerbes in zwei Unterarten kommt vor, was für unsern Zweck gleich- gültig ist. Die Hauptänderung bei der Aufnahme von 1858 ist die Trennung der Gehülfen in Gesellen und Lehr- linge bei jedem Gewerbe; doch ist das wieder für unsere Zwecke ohne Bedeutung. Andere Aenderungen sind nicht allzu wesentlich. Die letzten Rubriken sind 1858 nicht ganz gleich gefaßt, doch handelt es sich da höchstens um einige hundert Personen; nur eine große Rubrik blieb 1858 ganz weg, nämlich die der Auktionatoren, welche 1855 6188 Personen mit 310 Gehülfen umfaßte. Dagegen umfaßt die Rubrik „Kahnführer“ 1855 nur 93 Personen und 10 Gehülfen; 1858 ist sie zu „Kahn- führer, Pferdeverleiher, Vermiether möblirter Zimmer“ erweitert und hat nun 5551 Personen. Die ganze Diffe- renz der Aufnahme überschreitet somit einige Tausende nicht. Nicht ganz dasselbe läßt sich von der letzten Auf- nahme, von der für 1861 sagen; sie ist nach ziemlich verändertem Schema gemacht. Man wollte endlich mit einer gleichmäßigen Aufnahme im Zollverein Ernst machen; denn 1846 war es nur dahin gekommen, daß einige Staaten sich in der Hauptsache der preußischen Tabellen bedient hatten. Mittheilungen IV , 252 — 308: Statistische Uebersicht der Fabrikations- und gewerblichen Zustände in den verschie- denen Staaten des deutschen Zollvereins im Jahre 1846. Weitere Unterhandlungen mit Die preußischen Aufnahmen. den Zollvereinsstaaten wurden seit 1852 geführt. Be- sonders in München fanden 1854 Berathungen auf Grund eines Entwurfes von Viebahn statt, deren Re- sultate aber 1859 nochmal modifizirt wurden. Böckh, geschichtliche Entwickelung S. 81 und „For- mulare für Gewerbestatistik des Zollvereins nach den Vorschlägen der im Jahre 1854 zu München versammelten Kommission und nach den Abänderungsvorschlägen Preußens.“ Berlin, Oberhof- buchdruckerei. Hier- nach geschah 1861 die Aufnahme in den sämmtlichen Zollvereinsstaaten. Ueber Preußen siehe: Preußische Statistik Bd. V. S. 49. Nr. 14. Die Hauptänderung der Tabelle betrifft aber die äußerliche Anordnung. Dem Inhalt nach sind die wich- tigern Abtheilungen dieselben wie 1858; daß einige Gewerbe in Unterabtheilungen zerlegt, einige unbedeu- tende Gewerbe hinzu kamen (Inhaber von Badeanstalten, Waschanstalten, Verfertiger von Streichriemen ꝛc.), daß einige andere unbedeutende Gewerbe wegblieben (Blatt- geschirrmacher, Verfertiger von Wachslichtern, Zünd- waaren ꝛc.) wird nicht viel ausmachen, wird höchstens eine Differenz von einigen hundert Personen bedingen. Dagegen habe ich in Bezug auf die Leinenspinner, welche 1849 noch 84286, 1858 noch 54054 Meister und Gehülfen umfassen, einigen Zweifel, ob die Zahl von 14557 im Jahre 1861 der wirklichen Abnahme entspricht oder nicht vielmehr auf einer veränderten Auf- nahme beruht; das ergäbe eine Differenz von circa 40000 Personen, davon 36000 Meister. Auch wenn die Die Lage der Kleingewerbe 1840 — 46. Abnahme von 1858 — 61 wirklich so groß ist, so muß man diese Zahl bei der Vergleichung im Auge behalten; denn es ist ein großer Unterschied, ob die Spinner um 40000 Personen oder ob die eigentlichen Handwerker zusammen um 40000 Personen abnahmen. Nach dieser Kritik der Zahlen können wir erst zur Frage zurückkehren, welches die Lage des Handwerker- standes von Anfang der vierziger Jahre bis zur Gegen- wart nach diesen Zahlen war. Erinnern wir uns dabei der allgemeinen volkswirth- schaftlichen Lage. Die Fortschritte der technischen Bildung in Deutschland gehen Hand in Hand mit dem Bau der Eisenbahnen; die internationalen Beziehungen vervielfäl- tigen sich; der Export nach Amerika, nach den Kolonien nimmt nie dagewesene Dimensionen an; die großen Unternehmungen, vor Allem die, welche die Vortheile einer vollendeten Technik, eines großen Kapitals, einer weitsichtigen kaufmännischen Leitung in sich vereinigen, erlangen jetzt erst eine Stellung, wie sie sie in England schon früher inne hatten. Die Folgen für das Hand- werk mußten sehr verschieden sein, hier Förderung, Absatz, Arbeit in Fülle, dort Hemmung, Rückgang, erdrückende Konkurrenz. Im Ganzen überwog entschieden das Letztere. Seit der Handelskrisis von 1839 hatte die Krisis der Kleingewerbe begonnen. Schon 1840 hatten ja die Stadtverordneten in Berlin dem König eine Denkschrift überreicht mit der Bitte um Aenderung der Gewerbe- gesetzgebung. Schon da hatten sie geklagt, daß alles Handwerk übersetzt sei, während die Steuerfähigkeit der- Die preußischen Aufnahmen. selben ab-, die Zahl der Bankerotte unter ihnen erschreckend zunehme; da hatten sie geklagt über um sich greifende Entsittlichung, unzuverlässigere, schlechtere Arbeit der Handwerker, über die Thatsache, daß das Bedürfniß der Berliner Armenkasse von 104137 Thlr. im Jahre 1821 auf 373530 Thlr. im Jahre 1838 gestiegen sei. Ueber das Innungswesen und die Verhältnisse der städtischen Handwerke überhaupt von M. M. Gießen 1843. S. 13. Und solche Klagen waren nicht alleinstehend. Köln hatte eine ähnliche Bittschrift dem Könige überreicht. Statistisch zeigt sich die Krisis sprechend genug in dem Stillstand der Zahlen. Ziehen wir für 1846 circa 100000, für 1849 circa 200000 Personen von der preußischen Handwerkertabelle ab, so bleiben die Haupt- summen so ziemlich auf dem Niveau von 1843, wäh- rend die Bevölkerung zunimmt. Vergleicht man die einzelnen Handwerke in ihren Zahlen von 1843 und 46, so nehmen wohl noch manche der wichtigern unbedeutend zu; eine wesentliche Zunahme zeigt nur die Zahl der Maurergehülfen, was Folge der Eisenbahnbauten und Fabrikanlagen ist. Viele bleiben stabil; manche zeigen schon eine Abnahme — theilweise von nicht geringer Bedeutung; es sind solche, die unter der Konkurrenz der Fabrikwaaren leiden; ein- zelne von ihnen haben später wieder zugenommen als Reparaturgewerbe oder durch andere Ursachen. Was sie zunächst niederdrückt, ist der erste Gewaltstoß der neuen Zeit, der neuen Technik, dem sie nicht gewachsen sind, vor allem damals noch nicht gewachsen waren, da der Vergleich von 1843, 1846 und 1849. alte Schlendrian, die Unfähigkeit, der neuen Entwicke- lung sich anzubequemen, damals noch in hohem Maße vorhanden war. So nehmen z. B. die Schlossermeister von 20769 auf 17933, ihre Gehülfen von 19788 auf 18400 ab. Aehnlich die Drechsler und Glaser- meister. Nicht besser wurde es 1847 — 49; die Fehlernte kam hinzu, die Revolution, die allgemeine Geschäfts- stockung und Unsicherheit. Bei den Zählungen im Dezember 1849 war es schon wieder etwas besser; die gute Ernte von 1849 hatte günstig gewirkt, aber immer lebte Handel und Wandel noch nicht wieder auf. Da uns die obigen Zahlen für die genauere Ver- gleichung von 1846 und 1849 im Stiche lassen, so muß ich auf die von Dieterici speziell für diese Vergleichung modifizirten zurückgehen. Mittheilungen V, 212 ff., besonders S. 216 — 17. Es betrug nach ihm in ver- gleichbaren Ziffern: Während die Bevölkerung stieg im Verhältniß von 100:101, 35 , stieg die Gesammtzahl der handwerks- mäßigen Bevölkerung im Verhältniß von 100:101, 50 , die der Meister in dem von 100:103, 65 , die der Ge- hülfen nahm ab in dem von 100:98, 85 . Daß die Gesammtzahl überhaupt noch etwas wuchs, kann auf den ersten Blick überraschen. Wenn man aber näher zusieht, so findet diese immer sehr mäßige Schmoller , Gesch. d. Kleingewerbe. 6 Die preußischen Aufnahmen. Zunahme der Gesammtzahl, die etwas stärkere der Meister ihre einfache Erklärung. Die Spezialtabellen zeigen beinahe durchgehend eine geringere Anzahl Gehülfen. Von wichtigern Gewerben haben nur die Bäcker, Flei- scher und Schuhmacher etwa dieselbe Gehülfenzahl; die Riemer, Sattler, Schneider, Zimmerleute, Tischler, Böttcher, die Schmiede und Schlosser, sowie noch viele unbedeutendere beschäftigen nicht mehr die alte Gehülfen- zahl. Die Tischler zählen 4000, die Schneider 2000 Gehülfen weniger als 1846. Der Absatz stockte, Jeder schränkte sich ein; ein- zelne Geschäfte nun, die längst nur noch nothdürftig existirt hatten, brachen zusammen. Das war aber die Minderzahl; in der Hauptsache bleiben die alten Ge- schäfte zunächst, sie hatten nur nicht genug zu thun; sie entlassen also Hunderte früher beschäftigter Gesellen. Von diesen wissen viele keinen andern Ausweg, als sich selbst zu etabliren und so die Konkurrenz zu vermehren. So erklären sich sehr klar die obigen Zahlen; so erklären sich die großen Klagen des ganzen Handwerkerstandes in jener Zeit. Es waren allerdings die vorhandenen Geschäfte nicht genügend beschäftigt, es waren zu viel Meister, — aber nicht in erster Linie in Folge der Gewerbefreiheit, nicht wegen mangelnder Prüfung, sondern wegen vorübergehender Geschäftsstockung; es nahm aus diesem Grunde die Meisterzahl noch etwas zu, während die schon vorhandenen Meister täglich weitere Gesellen entlassen mußten. Es wird passend sein, hier einige Worte über die veränderte Gesetzgebung einzufügen, welche ja wesentlich Die Zustände und Klagen 1848 und 1849. hervorgerufen wurde durch die unklaren Klagen des Handwerkerstandes. Die Gewerbeordnung von 1845 hatte den bestehenden Zustand nach jahrelangen Vor- berathungen im Wesentlichen nur kodifizirt, die Gewerbe- freiheit auf die Provinzen ausgedehnt, wo sie noch nicht bestand. Die Innungen sollten, wo sie bestehen, erhalten bleiben, auch neue gebildet werden dürfen; doch wurde ihnen jeder Beitritts- und Prüfungszwang untersagt. Nur bei einigen wichtigeren Handwerken wurde die Befugniß, Lehrlinge zu halten, von der Mitgliedschaft einer Innung oder dem Nachweis der Befähigung durch Prüfung abhängig gemacht. Von einer Rückwirkung dieses Gesetzes auf Gedeihen oder Nichtgedeihen des Hand- werkerstandes wird nicht die Rede sein können. Das Gesetz wurde nirgends als etwas Neues, Einschneidendes betrachtet. Da kamen die schlimmen Jahre, die Gährung und Unklarheit der Revolution. Nach der Theorie des Radikalismus sollte jeder Einzelne, wie jeder Stand selbst die beste Einsicht haben, was ihm frommte, also hielten auch die ehrbaren Handwerke Versammlungen und Tage, und wie jederzeit jede ökonomische Klasse ihr nächstliegendes egoistisches Interesse als das Interesse des Staats und der Gesellschaft ansieht, so thaten es jetzt die Handwerker. Den Anfang der Zunftbewegung machte am 22. April 1848 das offene Sendschreiben der zweiund- zwanzig Leipziger Innungen an ihre Handwerksgenossen mit einem Protest gegen das ganze „Wesen, wie es sich jetzt in Frankreich breit macht, den letzten Rest von Tüchtigkeit und Wohlstand untergräbt und gleichsam 6 * Die preußischen Aufnahmen. mit fliegenden Fahnen und klingendem Spiele über Preußen seinen Einzug in Deutschland hält.“ Damit war die Gewerbefreiheit gemeint. Kurz darauf tagte der Vorkongreß der deutschen Handwerker in Hamburg (2 — 6. Juni). Es wurden Anträge auf Beibehaltung der Bannmeile, auf ausschließliche Befugniß der Städte zum Gewerbebetrieb, Aufhebung des Hausirhandels und der kaufmännischen Reisenden, „dieser modernen Hausirer,“ gestellt. Endlich am 15. Juli trat das Handwerker- parlament in Frankfurt zusammen. Es tagte bis zum 18. August in stürmischen Sitzungen. Man ging aus von einem „feierlichen, von Millionen Unglücklicher besiegelten Protest gegen die Gewerbefreiheit.“ Man verlangte neben dem politischen ein besonderes aus den Innungen hervorgehendes Handwerkerparlament als stehendes Organ; dieses selbst sollte jährlich das Hand- werksministerium ernennen. In Bezug auf die Gewerbe- gesetzgebung verlangen die von der „Freiheitsluft des Völkerfrühlings“ zusammengeführten Meister Folgendes: eventuelle Beschränkung der Meisterzahl an Einem Orte, Verbot des Hausirhandels, Verbot der Assoziation mit Nichtinnungsgenossen, Zugehörigkeit aller Handwerks- arbeit der Fabriken an die zünftigen Meister des Ortes, Beschränkung auf Ein Gewerbe, Zuscheidung des Klein- handels mit Handwerkswaaren an die Innungsmeister, für die Regel ausschließliche Berechtigung der Städte zum Gewerbebetrieb, Unzulässigkeit von Gemeinde-, Staats-, Aktienwerkstätten, Verbot des Zuschlags der öffentlichen Arbeiten an den Mindestfordernden und Vertheilung derselben an die Meister durch den von diesen besetzten Die Wünsche der Handwerker. Gewerberath, Verbot öffentlicher Versteigerung noch neuer Waaren, Verbot der Haltung von mehr als zwei Lehrlingen, Besteuerung der Fabriken zu Gunsten des Handwerks, eine Geschäftsgrenze für die Fabriken und den Handel mit Fabrikaten, endlich gleichmäßigen Lehr- zwang, Wanderzwang, Zwang zur Erstehung einer theoretischen und einer praktischen Prüfung. Ueberboten wurden diese Forderungen nur noch von dem besondern Frankfurter Schneiderkongreß, der vor Allem Aufhebung der Magazine, Beschränkung der Arbeit der Frauen- zimmer, Verbot auswärtiger Kleidereinfuhr verlangte. Siehe über die ganze Bewegung: Schäffle, gemeinsame Ordnung der Gewerbebefugnisse in Deutschland, deutsche Viertel- jahrsschrift. 1859. Heft 1. S. 218 ff., und Böhmert, Freiheit der Arbeit, Beiträge zur Reform der Gewerbegesetze. Bremen 1858. S. 163 ff. Wunderliche Produkte der Kurzsichtigkeit — wie der damals allerdings herrschenden Noth! Nur hätten die ehrbaren Meister nicht vergessen sollen, daß die Noth des Handwerkerstandes da am größten war, wo man dem Ideal eines solchen Gewerberechts noch am nächsten stand. Uebrigens hätte die ganze Sturmflut von Petitionen, alle Agitation auch in Preußen nichts erreicht, wenn nicht zwei Parteien in einer gänzlich unklaren Ver- kennung des Zusammenhangs die Bewegung unterstützt hätten. Die konservative, wie die schutzzöllnerische Partei Man vergleiche darüber das Organ der schutzzöllne- rischen Partei, das deutsche Zollvereinsblatt z. B. Jahrgang 1849. S. 230: „Und so begrüßen wir denn auch eine der wichtigsten Folgen der neuen preußischen Gewerbeordnung, die Innungen Die preußischen Aufnahmen. glaubten ihre Sache zu fördern, wenn die Zünfte her- gestellt würden. Ueberdies war die preußische Regierung, wie leicht jede Regierung, geneigt zu glauben, man könne der augenblicklichen Noth im Gewerbestande durch irgend welche Akte der Gesetzgebung abhelfen. Eine Kommission von betheiligten Sachverständigen wurde berufen und berieth den 17. bis 30. Januar 1849. Die Klagen konzentrirten sich darin, man könne sich zu leicht niederlassen und ein Geschäft eröffnen. Die Verordnung vom 9. Februar 1849 gibt diesem kurz- sichtig egoistischen Klasseninteresse nach, schafft wieder feste Arbeitsabgrenzung für die wichtigern Gewerbe und verlangt für die Ausübung derselben Beitritt zur Innung nach vorangängigem Nachweise der Befähigung bei der Zunft oder Nachweis der Befähigung vor einer besondern Prüfungskommission. Ein fester Bildungsgang als Lehrling und Geselle wird wieder vorgeschrieben; Hand- werksmeister dürfen zu technischen Arbeiten sich nur der Gesellen und Lehrlinge des Handwerks bedienen; diese dürfen nur bei Meistern ihres Handwerks oder bei Fabrikinhabern eintreten. Wo das Halten von Magazinen zum Detailverkauf von Handwerkswaaren erhebliche Nach- in Preußen, welche hie und da, als Anfänge einer neuen Aera des Handwerkerstandes, bereits ins Leben getreten sind, mit Freuden und wünschen ihnen guten Fortgang und Nachahmung von allen Seiten.“ S. 233 folgt ein Artikel „Handwerk und Freihandel;“ in demselben wird die Erklärung der 27 Stettiner Gewerke angeführt, welche dahin lautet: daß sie in der neuen preußischen Gewerbeordnung das Mittel erkennen, „der grenzen- losen Gewerbewillkür und dadurch herbeigeführten Demoralisation und Verarmung ein Ziel zu setzen.“ Die Gewerbenovelle von 1849. theile für die gewerklichen Verhältnisse des Ortes zur Folge hat, kann durch Ortsstatuten die Haltung von Magazinen durch Solche, die nicht Meister sind, beschränkt werden. Der Handwerkerstand war zunächst durch diese neue Gewerbeordnung befriedigt; die vorhandenen Meister gewannen zunächst etwas durch die Erschwerung des Meisterwerdens, und die durch ganz andere Ursachen bewirkte Besserung des Absatzes, der Geschäfte im fol- genden und nächstfolgenden Jahre schob man ohne Wei- teres der neuen Gesetzgebung, besonders den Prüfungen zu. Daß man damals so dachte, ist natürlich. Mehr zu verwundern ist und hat mich bei vielen persönlichen Rücksprachen mit liberalen aufgeklärten Meistern oft über- rascht, daß die Mehrzahl auch heute noch für die Prüfungen eingenommen ist. Waltet dabei mancherlei Mißverstand, mancherlei egoistisches Motiv vor, ein rich- tiger Kern ist mir in den Aussagen von vielen Meistern entgegengetreten. Das Leben der Gesellen und Lehrlinge außer dem Hause des Meisters, in der heutigen Groß- stadt, birgt in seiner Unabhängigkeit manche große Ge- fahr. Bei dem einen wächst damit der Charakter und der selbstvertrauende redliche Fleiß, bei sehr vielen nur die Genußsucht, die Unzufriedenheit, die Faulheit und Unzuverlässigkeit; leichtsinnige, zu frühe Ehen kommen zahlreicher vor. Mit diesen Uebelständen hat der Meister zu kämpfen; er wird sie, weil er darunter leidet, leicht überschätzen; aber vorhanden sind sie, und berechtigt ist es, auf moralische Mittel der Gegenwirkung zu denken. Und weil ihm die andern Mittel ferner liegen, so ist Die preußischen Aufnahmen. der Meister für die Prüfungen eingenommen, die aller- dings für Viele als Sporn, als zu erreichendes Ziel von guter moralischer Wirkung sein können. Wenn die Prü- fungen nicht zu leicht in egoistischen Mißbrauch aus- arteten, wenn sie nicht nothwendig sich verknüpften mit der heute ganz unleidlichen Abgrenzung der Arbeits- zweige, so könnte man allerdings die Frage als eine offene behandeln. Was die allgemeine Wirkung der Gesetzgebung von 1849 betrifft, so möchte ich dabei die mehr psychologische Wirkung von der realen, direkten Wirkung unter- scheiden. Die psychologischen Wirkungen waren theils gün- stige, theils ungünstige. Viebahn betont die ersteren besonders, wenn er sagt: „Nach dem Erscheinen dieser Novelle, welche der Innung wieder bestimmtere Rechte und mehr Inhalt verlieh, entstand im Handwerkerstand wieder ein lebhaftes Interesse an diesen Korporationen: die Statuten der alten wurden revidirt, zahlreiche neue errichtet. Die Zusammenkünfte, die Prüfungen und Freisprechungen beförderten das korporative Zusammen- halten und die Bildung unter den Gewerbsgenossen. Die Handwerker-Fortbildungsschulen sind großentheils aus der Anregung oder unter Mitwirkung der Innungen hervorgegangen, und wenn sich der gewerbliche Stand- punkt und die Leistungen der preußischen Handwerker gehoben haben, so kann auch den Innungen ein gewisses Verdienst dabei nicht abgesprochen werden.“ Das ist bis auf einen gewissen Grad wohl wahr. Das eigentlich Treibende aber, das Leben Gebende war die Noth. Die Die Folgen der Gewerbenovelle. Einsicht schlug durch, daß endlich auch der Handwerker vorwärts schreiten müsse. Deswegen rührte man sich, strebte nach Bildung, war für die Pläne von Schulze- Delitzsch empfänglich, gründete man Schulen und Gewerbe- vereine, deswegen hatte man auch lebendigeres Interesse für die Innungen und für die Prüfungen. Aber nicht umgekehrt waren die Innungen das Erste, das Anre- gende. Im Gegentheile vielfach wurden sie bald das Hemmende, einmal weil man sich durch die Existenz der Innungen an sich nun geholfen glaubte, noch mehr aber, weil die persönlichen Elemente, die in ihnen an die Spitze kamen, keine solche waren, die Verständniß für gewerblichen Fortschritt hatten. Das ist ja der Fluch jeder alten, einmal auf Abwege gerathenen Institution, daß bei Wiederbelebungsversuchen nicht die tüchtigen, die jungen, die aufopfernden Kräfte zuströmen, sondern die alten, egoistischen. Den Kreditvereinen, den Gewerbe- vereinen, den Arbeiterbildungsvereinen widmeten sich die frischen, aufstrebenden Kräfte; den Innungen mehr solche, die darin eine behagliche Existenz ohne Anstren- gung erhofften. Für Viele und nicht die untüchtigsten wurde die Sache durch die unpassende reaktionäre Ver- quickung verdächtigt. Die persönlichen Eigenschaften Derer, welche in den Innungen obenan kamen, waren der Krebs- schaden der neuen Institution, waren schlimmer als der Inhalt der Novelle selbst. Diese Wahrnehmung ist mir überall, wo ich mich näher nach Personen und Dingen erkundigte, entgegen getreten, und Regierungsrath Mülmann bestätigt das vollständig, wenn er in Bezug auf die Rheinprovinz und die dortige Innungsbildung Die preußischen Aufnahmen. sagt: Statistik des Regierungsbezirks Düsseldorf. Iserlohn 1867. II b , 489. „Nicht das Interesse des Handwerkerstandes, seine technische und soziale Fortbildung und Vereinigung zu gegenseitiger Unterstützung war die Triebfeder des Zusam- mentrittes, sondern wieder das Anstreben von Exklusiv- rechten, der Egoismus, wenn nichts Schlimmeres. Mit dem Durchdringen der Ueberzeugung, daß auch die Innungen zur Erfüllung dieser selbstsüchtigen Wünsche nicht geeignet seien, erlahmte auch mehr und mehr die Theilnahme an diesen Instituten. Ihre Versammlungen wurden nicht mehr besucht, die Beiträge nicht mehr geleistet, und sie schrumpften zuerst bis auf die Schatten- gerippe der Innungs-Prüfungskommissionen ein und vegetirten, seitdem auch diese durch Neuwahlen nicht mehr zu ergänzen sind, als leere Organisationen fort.“ So viel von den psychologischen Wirkungen. Was die direkten, realen Wirkungen betrifft, so lassen sie sich aus den gewerbestatistischen Zahlen nicht ganz sicher nach- weisen, da hier der Streit immer offen bleibt, ob die Zahlen so sind wegen oder trotz der Einrichtung. Immer- hin aber lehren die Zahlen, wie ich gleich zeigen werde, daß jedenfalls eine auffallende Wirkung nicht vorhanden ist. Eine solche ist aber auch nicht wahrscheinlich. Daß die Novelle wesentlich genutzt habe, glaubt Niemand heute mehr; daß sie geschadet habe, wird eher noch behauptet werden können. Sie legte dem Handwerk einige Fesseln auf, beschränkte die verschiedenen Kleingewerbe unter sich, ohne es aber zu wagen, die Großindustrie, Die Folgen der Gewerbenovelle. die Magazine, den Handel irgendwie zu Gunsten der Kleingewerbe zu beschränken. Selbst soweit die Novelle dazu etwa die Hand bot, wie durch die Bestimmung über die Magazine, wurde sie nicht ausgeführt. Ueber- haupt ist in solchen Dingen ja nicht der Wortlaut ent- scheidend, sondern die Art der Ausführung. Und diese war keine schroffe, selbst in Bezug auf die Prüfungen. Wohl haben diese manche Niederlassung erschwert, am meisten noch in den Baugewerken; das Anwachsen der bloßen Flickarbeiter gegenüber den Meistern hängt damit zusammen. Aber abgesehen hiervon wurde die größte Milde beobachtet; schon durch das Gesetz vom 15. Mai 1854 wurden, was dem Gesellen die Hauptsache war, die Prüfungsgebühren reduzirt. Kontraventionen, absicht- liche Täuschungen, Namensleihungen wurden selten ver- folgt. Die Strafen waren praktisch so nieder, daß selbst eine gerichtliche Verurtheilung keine Aenderung zur Folge hatte. Vergl. darüber die praktischen Bemerkungen von Mül- mann das. S. 493. Somit sind in der Hauptsache die statistischen Zahlen von 1852—61 nicht aus der veränderten Gesetz- gebung, sondern aus andern Ursachen zu erklären. Dies zeigt sich gleich bei denen für 1852. Die Hauptnoth ist vorbei; wenn sie in einigen Gewerben noch fortdauert, so haben die übrigen um so mehr sich erholt. Es waren Siehe die spezielle Vergleichung der beiden Jahre, Mit- theilungen VII, 328—52. Die preußischen Aufnahmen. Die Zunahme von Meistern und Gehülfen zusam- men beträgt 5, 99 %, die der Bevölkerung nur 3, 3 %; die Zunahme mußte natürlich stärker sein als die der Bevölkerung, wenn man nur halbwegs wieder auf leidliche Zustände kommen wollte, da die Zahlen für 1849 einen Nothstand repräsentiren. Die Zahl der Meister allein nahm um 3, 28 % zu, also nicht ganz so stark wie die Bevölkerung; in den meisten einzelnen Gewerben zeigen aber die absoluten Zahlen einige hundert Meister mehr als 1849. Abge- sehen von denen, welche dauernd wegen Konkurrenz der Großindustrie zurückgehen, hat die Meisterzahl von wich- tigen Gewerben nur bei den Zimmerleuten auch absolut etwas abgenommen; das wird den Prüfungen zuzu- schreiben sein. Bei den Maurern ist die absolute Meister- zahl trotz der Prüfungen gestiegen. Die Meister zeigen nur eine absolute, keine relative Zunahme, die wesentliche relative Zunahme der Gesammt- zahl liegt in den Gehülfen. Sie nahmen um 9, 44 % zu; in den bedeutenden Gewerbszweigen handelt es sich in jedem um einige tausend Gehülfen mehr, gegenüber von 1849. Der Absatz ist wieder ein besserer, die 1849 entlassenen Gesellen sind meist wieder eingestellt. Die Besserung der Zustände war aber noch keine nachhaltige; war die politische Lage eine ruhigere, ja warfen sich viele Kräfte, enttäuscht im politischen Leben, um so mehr auf das Gebiet materieller Thätigkeit, so wirkte das doch mehr nur belebend in den höheren Regionen des gewerblichen Lebens. Mehrere schlechte Ernten folgten sich, sie wirkten durch die Theurung Die Kleingewerbe 1849—1855. der Lebensmittel lähmend auf den Absatz der ohnedies gedrückten Kleingewerbe. Die Gesammtzahl von Meistern und Gehülfen ist 1855 zwar um circa 1700 Personen höher als 1852 (1.002384 gegen 1.000609), verglichen mit der Bevöl- kerung hat aber eine Abnahme stattgefunden; die sämmt- lichen Gewerbetreibenden machen 1852 = 5, 93 %, 1855 = 5, 85 % aus. In vielen wichtigen Gewerben haben sogar die absoluten Zahlen der Meister, wie der Gehülfen, abgenommen. Es gibt 1855 absolut weniger Meister bei den Fleischern, Seifensiedern, Gerbern Schuhmachern, Handschuhmachern, Seilern, Spritzen- machern, Schneidern (um 2000), Posamentieren, Hut- machern, Tuchscheerern, Färbern, Zimmerleuten, Zim- merflickern, Brunnenmachern, Wagenbauern, Böttchern, Drechslern, Haarkammmachern, Bürstenbindern, Mau- rern, Mauerflickern, Steinsetzern und noch manchen unbe- deutendern. Viel wirkt dabei der Prüfungszwang nicht. Die allgemeinen Ursachen und die Theurung sind wich- tiger; denn wäre jener die Hauptursache, so müßten die Gehülfen stärker zugenommen haben. Aber auch sie zeigen vielfach nicht nur relativ, sondern absolut niedrigere Zahlen als 1852. So bei folgenden Gewerben: bei den Fleischern, Seifensiedern, Gerbern, Schuh- machern (2000 weniger), Handschuhmachern, Seilern, Schneidern, Posamentieren, Tuchscheerern, Färbern, Brunnenmachern, Tischlern, Wagenbauern, Böttchern, Drechslern, Töpfern, Glasern. Wieder etwas besser gestaltet sich die Lage in der zweiten Hälfte des Jahrzehntes. Die allgemeinen Vorbe- Die preußischen Aufnahmen. dingungen der gewerblichen Entwickelung waren wieder andere geworden; die Ernten sind bessere, die Groß- industrie und der Welthandel nehmen stärker zu, als je. Die größeren Städte wachsen in ihrer Bevölkerung mehr und mehr, die Eisenbahnbauten vollenden sich in den meisten Provinzen. Das wirkt auch auf die Klein- gewerbe, wenigstens auf einen Theil derselben zurück. Auch die Kreditvereine von Schulze - Delitzsch beginnen ihren segensvollen Einfluß zu üben. Besonders ein- zelne Geschäfte dehnen sich aus, beschäftigen mehr Gehülfen. Die Gesammtzahl ist 1858 um circa 50000 Personen höher als 1855, 1861 ist sie abermals um 40000 Personen gestiegen, und sie würde sich noch wesentlich höher darstellen, wenn die Zahl der Leinen- spinner von 1858—61 nicht um circa 40000 abge- nommen hätte. Will man hiervon absehen und setzt deshalb für 1861 noch 40000 Personen zu, so ist auch die relative Zunahme 1858—61 größer als die von 1855—58. Die Handwerker würden danach 1855 = 5, 85 %, 1858 = 5, 95 % und 1861 = 6, 11 % der ganzen Bevölkerung ausmachen. Die Zunahme von 1855—61 liegt in der Gehülfen- zahl und konzentrirt sich auch hier auf einige Haupthand- werke, auf solche, die einen fabrikartigen Betrieb ein- zuführen anfangen, und solche, die jederzeit mit wachsendem Wohlstand sich ausdehnen; dahin gehören die Schuhmacher, Seiler, Schneider, Putzmacher, Riemer, Tischler, Rade- und Stellmacher, Schmiede, Schlosser, Zimmerleute und Maurer. Sie sind es hauptsächlich, deren Gehülfenzahl von 1855—61 wesentlich wuchs. Die Kleingewerbe 1855—1861. Immer ist die Zunahme aber nicht allzubedeutend, und die Zunahme der Gehülfen hat die Kehrseite einer abnehmenden Meisterzahl. Daraus erklärt sich auch, daß wir von 1849 ab den Prozentantheil der handwerks- mäßigen Bevölkerung mit ihren Familien an der Gesammt- bevölkerung als einen abnehmenden berechneten. Dieser Prozentantheil war: 1849 . . . . . 16, 52 %. 1852 . . . . . 16, 03 %. 1853 . . . . . 15, 70 %. 1858 . . . . . 15, 45 %. 1861 . . . . . 14, 87 %. Natürlich, wenn man die abnehmende Meisterzahl mit 4, 1 Personen multiplizirt, dazu auch die etwas zunehmenden Gehülfen addirt, so müssen die ganzen Summen gegenüber einer rasch wachsenden Bevölkerung sinkende sein. Die Lage der meisten kleinen Geschäfte ist übrigens auch gegen 1861, auch 1861—65, in welchen Jahren besonders die Löhne stiegen, die Lebensmittel billig waren, in welchen der Absatz allerwärts flott ging, keine sonderlich günstige. Ein mehr oder weniger trau- riges Bild gibt die Zusammenstellung des einschlägigen Materials aus den landräthlichen Kreisbeschreibungen (1858—66) im Jahrbuch für die amtliche Statistik des preußischen Staates. Jahrg. II. Berlin 1867. S. 265—348. Sieht man manchem der Berichte die landräthlich konservative Tendenz an, die Ver- gangenheit auf Kosten der Gegenwart, das Zunftwesen auf Kosten der heutigen Gesetze zu erheben; in den Die preußischen Aufnahmen. meisten leuchtet doch eine wahrheitsgetreue Bericht- erstattung durch, und sie lautet mehr oder weniger dahin, daß der Absatz der Handwerker abnimmt, sich immer mehr auf die untern Klassen beschränkt, daß ihre Zahl dagegen vielfach noch wächst, daß nur, wo Haus- oder Grundbesitz vorhanden, ihre Lage behaglich ist, daß ohne denselben die Lage des kleinen Meisters sich nicht über die des einfachen Tagelöhners erhebt, daß die kleinen Meister auf Jahrmärkten herumziehen oder auf Tagelohn neben der Gewerbsarbeit gehen müssen. Ich will nur einige im Jahrbuch nicht wörtlich, aber dem Sinne nach treu wiedergegebene Mittheilungen der Landräthe anführen. Aus Fraustadt (Reg.-Bez. Posen) wird 1860 geschrieben: „Nur die größte Betriebsamkeit und Ein- schränkung vermag den städtischen Handwerkern eine sorgenfreie Existenz zu sichern.“ Aus Schroda (Posen) 1863: „Weil die Handwerker vielfach ihren Betrieb mit Schulden beginnen und mit den Industriellen der großen Städte nicht konkurriren können, so müssen sie nicht selten tagelöhnern oder Erwerb durch Transport von Vagabunden oder durch Pachtung von Obstgärten suchen.“ Aus Kröben (Posen) 1863: „Die kleinen Städte werden meistens von dürftigen, schlecht ausgebildeten und ungeschickten, mit mangelhaftem Arbeitszeug versehenen Handwerkern bewohnt, deren Zahl das Bedürfniß über- steigt.“ Aus Habelschwerdt (Schlesien) 1860: „Die Mehrzahl der Handwerker arbeitet ohne Gesellen und Lehrling bei wenig schwunghaftem Betrieb; ebenso über- schreitet die große Anzahl der Viktualienhändler, welche Die landräthlichen Berichte über das Handwerk. ihre Existenz auf möglichst bequeme Weise fristen wollen, weitaus das Bedürfniß.“ Aus Weißenfels und Weißensee (Sachsen) 1860: „Je schlechter die Lage des kleinen Handwerks in den Städten durch theure Wohnungen, hohe Gemeindesteuern, Konkurrenz des Kapitals wird, desto mehr übersiedelt das Handwerk auf das platte Land, und zwar ohne dabei zu gewinnen; denn selten bringen es die Handwerker, wenigstens Schuhmacher und Schneider, zu eigenem schuldenfreien Besitz. Vielen sonst fleißigen Handwerkern wird es durch die zu zahlreichen Konkurrenten unmöglich gemacht, sich zu behaupten.“ Aus Oschersleben (Sachsen) 1863: „Das Handwerk ist von geringem Umfang und geht, abgesehen von den Bauhandwerkern, eher rück- als vorwärts.“ Aus Münster (Westfalen) 1863: „Das Handwerk hat geringe Bedeutung; die meisten Handwerker treiben nebenher Ackerbau. Viele Schneider, Schreiner, Wagenmacher und selbst Schuhmacher arbeiten bei ihren Kunden gegen Kost und Tagelohn. Gesellen verdienen oft kaum so viel wie Knechte.“ Aus Bonn (Rheinprovinz) 1859: „Die Auswanderung hat abgenommen; jetzt wandern fast nur noch junge und allein stehende Handwerker aus, welche in Amerika oder Australien eine Existenz zu gründen beabsichtigen.“ Aus Bergheim (Rheinprovinz) 1863: „Die kleinern Handwerker, Weber und dergl. stehen mit den Tagelöhnern, denen Wege- und andere öffentliche Bauten eine lohnende Beschäftigung gewähren, auf einer Erwerbsstufe.“ Aus Warendorf (Westfalen) 1865: „Mit den hauptsächlichsten Handwerkern ist jede Gemeinde fast mehr als genügend versehen; dem ver- Schmoller, Gesch. d. Kleingewerbe. 7 Die preußischen Aufnahmen. mögenslosen jungen Manne bleibt also, will er nicht Zeitlebens Tagelöhner sein, nur übrig, in industrie- reichen Gegenden einen Hausstand zu gründen.“ Man könnte diesen traurigen Aussprüchen gegenüber die Frage aufwerfen, ob es jemals früher in diesen Kreisen besser bestellt war? Man könnte daran erin- nern, daß jede starke Bevölkerungszunahme, man mag sie im Allgemeinen als noch so günstig betrachten, in einzelnen Kreisen, für Stellungen, die leicht zugänglich sind, einen stärkeren Andrang und damit ein gewisses Unbehagen erzeugen muß, daß aus diesem Unbehagen heraus ja aller Fortschritt stattfindet. Beide Einwen- dungen schwächen die Klagen über die gegenwärtige Lage der Handwerker ab; aber sie machen sie nicht ver- stummen. Die Hauptursachen des Druckes liegen in der volkswirthschaftlichen Umbildung aller unserer Verhält- nisse seit 20 Jahren. Wenn man das bei den eigentlichen Handwerkern leugnen wollte, jedenfalls müßte man es zugeben in Bezug auf die Hausindustrie der Weber, die von unserer bisherigen Untersuchung ausgeschlossen war. War ihre Lage 1850—60 vielfach wieder eine bessere als 1840—50, im Ganzen war sie doch jammervoll genug, wie die Mittheilungen aus den landräthlichen Kreisbe- schreibungen ebenfalls zeigen. Es gilt wenigstens für den größern Theil der Handweberei, was der Landrath des Kreises Landeshut in Schlesien (1860) sagt: „Die Beschäftigung so vieler Menschen mit einem unterge- henden Gewerbe läßt kaum einer Hoffnung des Besser- werdens Raum.“ Die landräthlichen Berichte über das Handwerk. Ich werde hierauf in den folgenden Untersuchungen zurückkommen. Es handelte sich hier nur um die Kon- statirung der Lage der Handwerker überhaupt. Und um das Bild zu vervollständigen, gehe ich nunmehr auf die Handwerksstatistik einiger der wichtigern Kleinstaaten über. Es ist das zur Bestätigung der bisherigen Resul- tate um so passender, als die preußischen Zahlen eigentlich geographisch zu groß sind, d. h. Länder mit zu ver- schiedenen Zuständen umfassen. Eine zunehmende und abnehmende Gesammtzahl kann hier aus zu verschie- denen Faktoren zusammengesetzt sein; es kann in einer Provinz ein Gewerbe von der Großindustrie schon voll- ständig verdrängt sein, während es in einer andern noch so zunimmt, daß die Zahlen der ganzen Monarchie als steigende erscheinen. Aus diesem Grunde sind die Resultate kleinerer Länder, die wesentlich nur eine gleiche Kultur umfassen, belehrender. Es wird sich bei der Betrachtung der Handwerks- zustände in den Kleinstaaten nicht vermeiden lassen, einige Worte über die allgemeinen Kultur- und Wirth- schaftsverhältnisse einzuflechten, obwohl ich zunächst nur die Veränderung der Zahlen in jedem einzelnen Lande für sich untersuchen und nicht die verschiedenen Staaten vergleichen will. Auf die lokalen Verschiedenheiten der einzelnen Staaten und der einzelnen preußischen Pro- vinzen unter einander werde ich erst in einem spätern Abschnitte eingehen. 7 * Die Hauptresultate der Aufnahmen in Baden, Württemberg, Baiern und Sachsen im 19. Jahrhundert. 1. Die badische Handwerksstatistik von 1829—1861. Land und Kulturverhältnisse. Zunahme der Handwerker von 1829—43. Die Krisis 1847—61. Die Gewerbefreiheit seit 15. Oktober 1862. Wer je auch nur flüchtig mit dem Dampfwagen durch das badische Land von Heidelberg bis Basel gefahren ist, der hat ein anschauliches Bild von dem langgestreckten Lande. Eine fleißige aufgeweckte Bevöl- kerung bebaut den nicht kärglichen, meist in kleine Besitz- stellen zertheilten Boden. Schon im Jahre 1834 lebten 4421, 1845 4845, später wieder etwas weniger Menschen auf der Quadratmeile. Das Land war bis zum Anschluß an den Zollverein ein vorzugsweise acker- bauendes. Denn von der alten gewerblichen Blüthe mancher Städte, besonders Freiburg’s, war längst nichts mehr übrig; und die in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts von Markgraf Karl Friederich ins Leben gerufenen Industriezweige, die Bijouteriefabrikation Pforzheims, die Baumwollenindustrie des Wiesenthals hatten bis da nicht allzuviel zu bedeuten. Eher Bedeu- Die Aufnahmen der kleinern Staaten. tung hatte die hausmäßige Industrie von Uhren, Bürsten und Holzwaaren auf dem Schwarzwalde. Siehe darüber, wie über das Folgende: Dietz, die Gewerbe im Großherzogthum Baden, ihre Statistik, ihre Pflege, ihre Erzeugnisse. S. 330 ff. Die kleinen Handwerke aller Art waren in den behaglichen Dörfern und kleinen Städten, in den Resi- denzen und Universitäten zahlreich verbreitet. Günstig auf sie wirkte auch zunächst der Anschluß an den Zoll- verein, die guten Jahre von 1830—1840. Nach den Aufnahmen der Steuerverwaltung existirten Dietz S. 17. während die Zahl der Fabrikanten sich von 161 auf 405, die ihres gesammten Personals von 2756 auf 8745 in dieser Zeit gehoben hatte. Es war zunächst ein Fort- schritt im alten Stile, ein Fortschritt viel mehr der Klein- als der Großgewerbe. Von der neuen Zeit, von der neuen Technik, von der neuen Konkurrenz wußte man noch wenig. Die beiden folgenden Jahrzehnte aber brachten das um so reichlicher. Und die Wirkung auf die Kleingewerbe ist um so stärker. Leider liegen mir Dietz S. 17—28. für die Vergleichung von 1847 und 1861 nur die Meisterzahlen der Hauptgewerbe vor, die der Gesellen fehlen für 1847; dadurch erscheint die Krisis noch schlimmer, als sie ist; denn wahrscheinlich würde der Abnahme der Meister eine Zunahme der Gehülfen gegenüberstehen. Wie dem aber auch sei, Die Zahlenresultate in Baden. jedenfalls zeigt die folgende Tabelle, wie viele kleine Handwerksmeister in dieser Zeit zu Grunde gegangen sind. Es existirten in Baden 1847 und 61, während die Bevölkerung so ziemlich dieselbe blieb: Die Aufnahmen der kleinern Staaten. Dagegen betrug die Zahl der Fabrikarbeiter mit Einschluß der Weber im Jahre 1861 50147 Personen; noch 1849 waren es 17105 gewesen. Nicht weniger als 15649 Handwerker sind in den 10 Jahren von 1852—62 aus Baden ausgewandert, meist nach Amerika, um dort jenseit des Ozeans sich den Heerd zu gründen, für den sie in der Heimath keinen Platz mehr fanden. Viele frühere Meister sind auch als Arbeiter in Fabriken eingetreten. Dietz versichert, daß nunmehr durch diese Aenderung die Lage der übrig- gebliebenen Handwerker im Lande sich wesentlich gebessert habe. Bis zum 15. Oktober 1862 hatte in Baden der Zunftzwang gedauert; seither existirt Gewerbefreiheit; war die Ausübung des Zunftzwangs sowie des obrig- keitlichen Konzessionswesens auch nicht allzustrenge gewesen, immer fühlte man sich beengt; und vor Allem war etwas erschwert, was in solchen Zeiten allgemeiner Umbildung der Technik und der Gliederung der Arbeitskräfte erleich- tert werden sollte, der Uebergang zu andern Geschäften und Betrieben, die Uebersiedlung nach andern Orten. Das ist jetzt leichter, und insofern war die Gewerbe- freiheit auch eine momentane Erleichterung für das Kleingewerbe. Dietz S. 145. Abgesehen aber hiervon, drückt die Kon- kurrenz der Großindustrie jetzt noch mehr als vorher. S. Viebahn III , 548. Der Zunftzwang war für manchen kleinen unvollkom- menen Betrieb noch eine Art Schutzmauer, die jetzt Die badischen Kleingewerbe seit 1861. wegfällt. Das ist natürlich kein Argument gegen die Gewerbefreiheit; denn es handelt sich da nur um ein Früher oder Später der Beseitigung doch unhaltbarer Existenzen. Aber das zeigt sich hier wie überall, daß die Noth der letzten Jahrzehnte nicht Folge des Zunft- zwanges war, daß mit der Gewerbefreiheit nicht sogleich goldene Tage für den Handwerker kommen. Die Haupt- ursache der Krisis ist von Zunft und Gewerbefreiheit unabhängig. 2. Die württembergische Handwerkerstatistik von 1835—61 und die Folgen der Gewerbefreiheit von 1862—67. Wirthschaftliche Zustände und Gewerbegesetzgebung. Die Meister- zahlen 1835, 1852 und 1861, Abnahme derselben. Die Zahlen der Meister und Gehülfen zusammen in denselben Jahren. Vergleichung von 26 wichtigen Handwerken 1852 und 62. Beendigung der Krisis 1861. Die Handelskammer- berichte von 1862—67 über Gewerbefreiheit; die Klein- gewerbe in unveränderter Lage. Weiter ab von der großen Heerstraße, weniger berührt von fremden Einflüssen als Baden, liegt das Württemberger Land; zäher, langsamer ist der Charakter des Stammes. Aber sonst sind Lebensbedingungen, wie wirthschaftliche Entwicklung ähnliche. Auf engem Raume eine dichte Bevölkerung; zahlreiche kleine Städte und Flecken; ein zertheilter Grundbesitz; bis in die neuere Zeit eine mehr landwirthschaftliche als gewerbliche Thätig- keit; wenigstens die Großindustrie hat erst in den letzten Jahrzehnten sich entwickelt, in diesen allerdings große Fortschritte gemacht. Die Gewerbegesetzgebung wurde schon 1828 und 1836 in liberalem Sinne reformirt; das Gesetz vom Wirthschaftliche Zustände und Gesetzgebung. 22. April 1828 hebt für 13 Gewerbe die Zünftigkeit auf, für etwa 50 behält sie sie bei, aber so, daß mit Beseitigung aller lästigen Vorrechte die Zünftigkeit nur zu zweierlei zwingt: zum Erwerb des Gemeindebürger- rechts am Orte der Niederlassung und zu einem ziemlich leichten Nachweis der Befähigung. Eine weitere Erleich- terung war die 1854 erfolgte Zusammenlegung von 28 bisher in einzelne Zünfte getheilten Gewerben in 7 Zunftgruppen. Von da war der Uebergang zu der 1862 (1. Mai) eingeführten Gewerbefreiheit kein allzugroßer Schritt. Die vorzugsweise in dem Kleingewerbe konzentrirte gewerbliche Thätigkeit ging in den zwanziger Jahren die alten hergebrachten Bahnen. Der bairische Zollverein brachte 1828 keine gefährliche Konkurrenz; erst mit dem Eintritt in den großen Zollverein entstand eine solche, aber damit auch Leben und Fortschritt. Es datirt von dieser Zeit der Uebergang zur Großindustrie, die ver- mehrte Berührung mit dem Ausland, die Verbesserung der Technik, — aber zugleich die theils verschuldete, theils unverschuldete Krisis der Kleingewerbe, Zu vergl.: Württ. Jahrbücher 1862. Heft 2. S. 161— 296: Schmoller, die Resultate der Gewerbestatistik von 1861, und Königreich Württemberg S. 551 ff.: Der Entwicklungs- gang des Gewerbslebens in den letzten 40 Jahren. deren sprechendes Bild in der folgenden Tabelle liegt, welche die Zahlen der Meister in den wichtigern Gewerben 1835—36, 1852 und 1861 verzeichnet. Die Aufnahmen der kleinern Staaten. Während die Bevölkerung wenigstens 1835—52 zunimmt, sinkt die Zahl der Meister in den meisten Ge- werben, und dabei sind einzelne, die am meisten litten, wie das Tuchmachergewerbe, in dieser Tabelle gar nicht begriffen. Einzelne sinken nur bis 1852 und erholen sich von da an wieder; sie haben die Krisis schon hinter Die Zahlenresultate in Württemberg. sich. Die Gesammtzahlen würden viel stärker sinken, wenn nicht doch manche steigende Gewerbe dazwischen wären, solche, die erst sich ausbilden, wie Putzmacher, Tapeziere, oder solche, bei denen der kleine handwerks- mäßige Betrieb wenig oder keine Konkurrenz zu leiden hat, die also mit dem steigenden Wohlstand sich auch der Meisterzahl nach heben. Daß der Wohlstand im Ganzen steigt, daß er der Krisis entgegen wirkt, ist klar; die kleinen Geschäfte machen Bankerott; neue in geringerer Zahl, aber umfang- reicher betrieben, prosperiren; daher ganz dieselben Ge- werbe meist steigende Zahlen zeigen, wenn man die Gesammtheit der Beschäftigten inkl. Gesellen und Lehr- lingen vergleicht. Nur die am stärksten leidenden zeigen auch hier einen Rückgang. Die Gesammtzahl der Meister, Gesellen und Lehrlinge betrug: Die Aufnahmen der kleinern Staaten. Nach einer Vergleichung, welche Professor Mährlen Württ. Jahrb. Jahrg. 1863. S. 39—40. anstellt, haben in den 26 wichtigsten Handwerken die Meister 1852—62 um 4, 5 %, die Gehülfen und Lehr- linge um 76 % zugenommen. Faßt man aber die- jenigen zusammen, bei welchen weniger günstige Verhält- nisse vorhanden sind, nämlich die Bäcker, Fleischer, Maurer, Zimmerleute, Töpfer, Schmiede, Kupfer- schmiede, Gerber, Sattler, Küfer, Färber, Posamen- tiere, Nadler, Gürtler, Zinngießer, Hutmacher, Fri- seure und Barbiere, so haben bei ihnen zusammen von 1852—62 die Meister um 8, 6 % abgenommen, die Gehülfen um 34, 7 % zugenommen. Nach der größern Tabelle über Meister und Ge- hülfen zusammen könnte man versucht sein, die Krisis ganz zu leugnen, nach den letztern Prozentverhältnissen Die Resultate in Württemberg. sieht man ihr Vorhandensein, aber auch die Besserung. Die Krisis ist so ziemlich überwunden, nachdem die Zahl der Meister abgenommen, ihre Geschicklichkeit und Bil- dung sich wesentlich gehoben hat. Freilich darf man dabei nicht vergessen, daß dem Jahre 1861 eben so glückliche Ernte- als Geschäftsjahre vorausgingen, wäh- rend 1830 — 40 der erste Stoß der fremden Konkurrenz, in den vierziger Jahren die Handelskrisen, die Hungers- noth und die Revolution, zu Anfang der funfziger Jahre wieder die Mißjahre die Krisis sehr verstärkt hatten, daß also die Besserung 1861 ebenso oder noch mehr accidentellen Ursachen zuzuschreiben ist als einer bleibenden Veränderung. Für die Zeit nach 1861 fehlt es an einer stati- stischen Aufnahme der württembergischen Gewerbe, wie in den andern Zollvereinsstaaten. Wohl aber ersieht man aus den zuverlässigen württembergischen Handels- kammerberichten Jahresberichte der Handels- und Gewerbekammern in Württemberg, Stuttgart, Blum und Vogel; für 1862 S. 28. S. 63. S. 119; für 1863 S. 23. S. 34. S. 46—49; für 1865 S. 118; für 1866 S. 45; für 1867 S. 7—11. wie die am 1. Mai 1862 eingeführte Gewerbefreiheit gewirkt hat. Im ersten Jahre, heißt es, habe ein ungeheurer Zudrang von Gewerbtreibenden nach den größern Städten, Stuttgart ausgenommen, oder von Gehülfen in selb- ständige Unternehmungen in dem Umfang, wie er befürchtet wurde, nicht stattgefunden, wohl aber sei der Zudrang zu den Detailgeschäften und zum Hausirhandel ein sehr starker. Die Lage der Kleingewerbe wird als Schmoller , Gesch. d. Kleingewerbe. 8 Die Aufnahmen der kleinern Staaten. günstig, aber von der Gewerbefreiheit kaum berührt bezeichnet. Im Jahre 1863 wird besonders die immer stärker wachsende Zunahme des Hausirhandels erwähnt. Sehr viele kleine Gewerbetreibende, welche sich früher ohne Hausiren durchzubringen suchten, heißt es, lassen sich Hausirscheine geben. Hauptsächlich kommt es auch vor, daß Hausirer an einzelnen Orten wochenlang ein Lokal miethen, ihre Waaren zum Verkauf bieten und dann weiter ziehen. Ueber die neue Gewerbeordnung über- haupt schreibt die Heilbronner Handelskammer: „Viel- fache Erkundigungen, welche wir von Gemeindebehörden, Gewerbevereinen und Einzelnen über die Wirkungen der neuen Gewerbeordnung eingezogen haben, sprechen sich ziemlich übereinstimmend dahin aus, daß sie bis jetzt, abgesehen vom Hausirhandel, sich weder als merklich wohlthätig noch als merklich nachtheilig erwiesen habe. Wie vorauszusehen war, so hatte sie namentlich durch die Beseitigung des Erfordernisses des Ortsbürgerrechts zur Folge, daß eine Menge Leute sich zur selbständigen Ausübung von Gewerben meldete, namentlich in den Städten, und daß der Wegfall der Konzessionen bei Krä- mereien und des Beweises der Vorbildung beim Detail- handel gleichfalls sehr viele Leute veranlaßte, den Handel als Haupt- oder Neben-Erwerbszweig zu ergreifen. Uebergänge von einem Handwerk auf ein anderes sind selten, von einem Handwerk oder von einer sonstigen Beschäftigung auf den Handel aber sehr häufig, häu- figer als wünschenswerth. Klagen über Uebersetzung sind uns nur bezüglich von Schneidern, Schuhmachern Die Gewerbefreiheit in Württemberg. und Händlern von einigen Orten aus bekannt gewor- den.“ Ganz ähnlich spricht sich die Ulmer Handels- kammer aus. Von 87 in der Stadt Ulm 1863 neu angemeldeten Handelsgeschäften sind 10, von 173 neu angemeldeten Kleingewerben 14 schon im gleichen Jahre wieder eingegangen. Die zahllosen kleinen Handels- geschäfte, heißt es, können unmöglich prosperiren. Der Zudrang der Handwerker besteht nur für Gewerbe, die kein Kapital erfordern; es sind Schuster und Schneider, Tischler und Maler, die daneben fortfahren, für andere Meister zu arbeiten. Dann kommt es vor im Maurer- und Zimmergewerbe; alte Gesellen, Polire versuchen ein eigenes kleines Geschäft zu beginnen, Reparaturen zu übernehmen. Auch von ihnen ist bereits eine ziem- liche Zahl wieder zu ihren Meistern zurückgekehrt. „Bei den übrigen Gewerben hat dagegen die Freigebung bei- nahe gar keine Aenderung hervorgebracht.“ Der Bericht für 1865 berichtet eher ungünstig als günstig über die Folgen; er betont, daß nicht sowohl durch das System der Gewerbefreiheit als durch die heutigen Verkehrsverhältnisse die Ueberlegenheit der großen Geschäfte immer steigt. „Der Einfluß der Gewerbe- freiheit“ — schreibt er — „zeigte sich theils in der vermehrten Zahl der Ehen, theils in der Vermehrung der Gewerbsstellen. Arbeiter, welche bisher in größern fabrikmäßig betriebenen Geschäften arbeiteten, errichten im Vertrauen auf ihre Geschicklichkeit, aber leider häufig ohne die gehörigen Mittel und die für den Unternehmer erforderliche Geschäfts- und Marktkenntniß, eigene Ge- 8 * Die Aufuahmen der kleinern Staaten. schäfte, mit denen sie sich in einen Wettkampf mit Gegnern einlassen, deren Ueberlegenheit sie zu spät fühlen, wenn das kleine Kapital aufgezehrt ist und noch oben- drein Schulden gemacht sind. Man sieht sich genöthigt, um Spottpreise für Grossisten zu arbeiten und schließlich doch wieder zum Fabrikanten zurückzukehren. Je schwie- riger es für den bloßen Arbeiter in seiner Stellung ist, eine genaue Kenntniß der statistischen Verhältnisse seines Fabrikationszweigs sich zu verschaffen, desto mehr thut Vorsicht bei Gründung neuer Unternehmungen Noth, wo bei dem Fortschritt der Handelsfreiheit die Beurtheilung des Umfangs der Konsumtion eines Artikels und seiner Produktion immer schwieriger wird.“ Die Geschäftsstockung im Jahre 1866 und 67 drückte nach den Berichten wesentlich auch auf die Lokal- und Kleingewerbe; das hat mit der Gewerbefreiheit nichts zu schaffen. Nicht uninteressant aber ist, daß die in den Kleingewerben herrschende Geschäftsstockung hauptsächlich den Hausirhandel, theilweise mehr den Bettel in der Form des Hausirhandels angeschwellt hat. In einzelnen Gegenden des Landes wird die Zunahme als eine wahre Landeskalamität betrachtet. Besonders das Ausgebot ganzer Waarenlager im Umherziehen von Stadt zu Stadt unter dem Titel und der Form von Waarenausverkäufen wird insofern beklagt, als solche Leute sich den Steuern vollständig oder ganz zu ent- ziehen wissen. „Allen Berichten gemeinschaftlich ist die Klage, daß diese Leute den Absatz der ortsansässigen und hochbesteuerten Handel- und Gewerbetreibenden beeinträchtigen, und daß ihr herumziehendes Leben Die Gewerbefreiheit in Württemberg. meistens ihren sittlichen und ökonomischen Ruin herbei- führe.“ Das mag übertrieben sein, wie jederzeit die Klagen der stehenden Gewerbe über den Hausirhandel; aber es zeigt, wenn es auch nur theilweise wahr ist, — eine Wahrheit, welche von den Schwärmern für volkswirth- schaftliche Freiheit so oft übersehen wird. Je tiefer man in den gesellschaftlichen Klassen herabsteigt, desto häufiger regulirt nicht mehr die Einsicht in das wirth- schaftlich für das Individuum Beste seine Handlungen, sondern kurzsichtige Genußsucht, augenblickliche Neigung zur Unthätigkeit; unsittliche Nebenmotive verschiedener Art bilden die psychologischen Faktoren, mit denen der Nationalökonom hier rechnen muß. 3. Die bairische Handwerkerstatistik von 1810—61. Volkscharakter und Kulturverhältnisse. Die Gesetzgebung und ihre Bedeutung gegenüber andern Ursachen. Vergleich der Gewerbsmeister 1810 und 1847 in den unmittelbaren Städten diesseit des Rhein’s; die Ursachen der Stabilität. Vergleich der Gesammtergebnisse 1847 und 1861 im Staate und nach Kreisen. Vergleich der wichtigern einzelnen Gewerbe 1847 und 1861. Die bairische Weberei. Das Handwerk in den unmittel- baren Städten und in den übrigen Gemeinden diesseit des Rhein’s 1847 und 1861. Die Zustände in der Pfalz, Zunahme von 1847—61, als Folge der vor 1847 erfolgten Abnahme und Auswanderung; die Zahl der Handwerker 1861 in der Pfalz noch wesentlich unter der von Altbaiern. Manche Theile Baierns stehen in ihrer industriellen Entwickelung dem übrigen Süddeutschland gleich, vor allen die Pfalz, die Gegend von Nürnberg und Fürth, Augsburg; aber in der Hauptsache ist Baiern doch gewerblich weniger entwickelt. Es ist vom großen Ver- kehr weniger berührt, theilweise gestattet die Boden- und Gebirgsformation nur eine sparsamere Bevölkerung, Religion und Geschichte haben den eigentlichen Baiern spröde gemacht gegen die Einflüsse der entwickelteren Volkscharakter und Kulturverhältnisse. Nachbarstämme. Es ist vor Allem ein tüchtiger, gesunder, wohlhabender Bauernstand, der zähe festhält am Alten in Sitte und Tracht, in Lebensanschauung und wirth- schaftlichem Betriebe. Wohl dringt auch das Neue da und dort ein, aber eher schafft es sich ganz neue Formen, als daß es zunächst bestehende Verhältnisse umwandelt. Der Bauer ist reicher geworden mit den steigenden Getreide- preisen; aber wenn er mehr kauft, so sind es mehr Industrie- als Handwerksprodukte. Die Großindustrie fängt an die Naturschätze, die Wasserkräfte, den billigen Arbeitslohn in Baiern zu benutzen, sie dehnt sich sogar in rein landwirthschaftlichen Distrikten aus. Daran ist theilweise die den Fabriken günstigere Gesetzgebung schuld; aber ebenso sehr wirken die allgemeinen Verhältnisse. Wo vorher jede lebendige, industrielle Thätigkeit fehlt, wo heute erst die Geschäfte neu eingerichtet werden, da werden sie viel mehr nach modernster Art mit umfassen- derem Betriebe angelegt, als wo sich der neue Aufschwung an altes, gewerbliches Leben anschließt. Auch in der preußischen Rheinprovinz ist heute noch Manches in der Hand kleiner Geschäfte, wofür die später entwickelten altpreußischen Provinzen nur große Geschäfte kennen. Die landläufige Auffassung schiebt die Schuld der langsamen Entwickelung Baierns vornehmlich auf die bisherige Gesetzgebung. Und es ist wahr, die Nieder- lassungs-, Gemeinde- und Verehelichungsgesetzgebung war engherzig; sie hat wesentlich dazu beigetragen, eine wenig dichte Bevölkerung zu erhalten (Oberbaiern 2452 Menschen auf die □ Meile, ganz Barien 3327 im Jahre Die Aufnahmen der kleinern Staaten. 1858). Aber ebenso wenig läßt sich leugnen, daß Sitte und Charakter des Volks ebenso daran Theil haben. Die Handhabung der Gesetze liegt in der Hand der Gemeinden. Wo moderner Sinn, Regsamkeit und Betriebsamkeit ist, da machen die Gemeinden keinen so engherzigen Gebrauch von ihrem Vetorecht bei neu zu gründenden Heimwesen. Oberfranken hatte bei derselben Gesetzgebung 1858 schon über 4000 Menschen auf der Quadratmeile. Mit der größten Leichtigkeit erfolgte da aber auch die Niederlassung, besonders in einzelnen Industriedörfern, wie in den Korbflechtergemeinden. Vergl. Bavaria, Landes- und Volkskunde des König- reichs Baiern. III. Erste Abtheilung. München 1865. S. 445. Mehr jedenfalls als durch die Niederlassungs- und Ehegesetzgebung war das gewerbliche Leben durch die Realgewerberechte und die bestehende Zunftgesetzgebung gehemmt. Schon zu Anfang des Jahrhunderts hatte man die Einsicht, daß diese Monopole, diese Ausschlie- ßungsrechte der Zünfte durchbrochen werden müßten. Eine Verordnung vom 1. Dezember 1804 und das Gesetz vom 11. September 1825, welches prinzipiell auf dem Boden der Gewerbefreiheit steht, suchte diesen Zweck dadurch zu erreichen, daß den Behörden die Befugniß zu Konzessionsertheilungen eingeräumt wurde. Das Konzessionssystem hat ja seine großen Nachtheile; aber wo die Gewerbefreiheit noch nicht möglich ist, schafft es doch einige Konkurrenz. Es war auch den ehrbaren bai- rischen Meistern so unbequem, daß sie sich sehr Mühe gaben, es zu beseitigen. Schon 1834 wurde das Recht Die bairische Gewerbegesetzgebung. der Behörden wesentlich zu Gunsten der Meister und Realberechtigten beschränkt. Die allgemeinen Klagen, die seit 1840 durch ganz Deutschland wiederklingen, daß das Handwerk übersetzt sei, trugen nicht dazu bei, die Gesetze milder zu handhaben. Die Instruktion von 1853 steht unter dem Hochdruck der Reaktion. Die Praxis war eine wesentlich härtere, als in Würtemberg, Sachsen, Baden, die ja damals auch noch Zunftverfas- sung hatten. Erst 1862 trat infolge der um sich greifenden Agitation für Gewerbefreiheit eine liberalere Behand- lung durch die veränderte Gewerbeinstruktion dieses Jah- res ein. Die volle Gewerbefreiheit erreichte ihre gesetz- liche Einführung endlich den 30. Januar 1868. Schöller, das Gesetz vom 30. Januar 1868, das Gewerb- wesen betreffend, erläutert. Erlangen 1869. In der Pfalz war die durch die französische Herrschaft ein- geführte Gewerbefreiheit nie angetastet worden. Als Beweis, daß nur die einschränkende Gesetz- gebung an der gewerblichen Stagnation Baierns Schuld sei, liebt man anzuführen, daß die Pfalz in besserer Lage sei, daß seit 1862 ein großer Aufschwung einge- treten sei, daß Fürth die Grundlage seiner gewerblichen Blüthe der Zeit verdanke, in der es als anspach’scher Flecken volle Gewerbefreiheit besaß. Sicher ist daran viel Wahres. Ebenso sicher aber haben jederzeit andere Umstände wesentlich mitgewirkt, und ebenso sicher wird die Vergleichung der Pfalz mit Altbaiern sehr häufig unter falschen Gesichtspunkten vorgenommen, wie ich unten zeigen werde. Die Aufnahmen der kleinern Staaten. Hauptsächlich eine wichtige Thatsache, auf welche ich in einem der folgenden Abschnitte über vergleichende deut- sche Gewerbestatistik noch näher kommen werde, möchte ich der Untersuchung der Zahlen voraus schicken, um durch sie einen richtigern Standpunkt zu gewinnen; es ist die, daß Baiern trotz seines vorwiegend ackerbauenden Cha- rakters, trotz der Stabilität der Meisterzahl von 1810—61 noch 1861 unter den deutschen Ländern steht, welche die größte Zahl Handwerker haben. Das wirft jedenfalls auf die gewöhnliche Ansicht, die Zahl der Meister sei nur der beschränkenden Gesetzgebung wegen nicht gewach- sen, ein sonderbares Licht. Für die Zeit vor 1847 ist mir nur die Untersu- chung Dr. Mahr’s über die Entwickelung des Handwer- kes in den Städten des Königreichs Bayern diesseit des Rhein’s bekannt. Hildebrandts Jahrbücher für Nationalökonomie und Statistik. VI. S. 113—129. In den Jahren 1809—12 wurde eine umfassende bairische „Reichsstatistik“ erhoben. Im Jahre 1847 wurde die Gewerbestatistik in Baiern nach dem Zollver- einsschema ausgeführt. Mayr stellt nun die vergleich- baren Zahlen der Gewerbsmeister in den unmittelbaren 28 Städten diesseit des Rhein’s zusammen; die Gehül- fen waren 1810 gar nicht gezählt. Das Verhältniß ist folgendes: Das Haudwerk in den Städten 1810 und 1847. So weit bleibt das Anwachsen der Meister hinter dem der Bevölkerung zurück. Aber dürfen wir darin, wie Mayr, nur eine Folge der Erschwerung des Mei- sterwerdens sehen? Die Erschwerung tritt erst seit 1834 ein; von 1810—34 herrschen liberale Grundsätze; von dem ganzen Zuwachs der Bevölkerung um 118642 Seelen kommen 90494 auf die vier großen Städte, München, Nürnberg, Augsburg und Würzburg; die andern Städte bleiben stabil, nehmen vielfach sogar ab; hier in den kleinen Städten ist man am engherzigsten mit neuen Niederlassungen. In den vier großen Städten, die allein bedeutend zunehmen, ist man es wohl auch, aber zugleich wirken hier alle die neuen Faktoren schon, welche dem kleinen Meister Konkurrenz machen. Da entstehen schon die größer und besser eingerichteten Unter- nehmungen, welche mit kleinerer Personenzahl die glei- chen, ja die vielfach gesteigerten Bedürfnisse befriedigen. Zieht man alles das mit in Erwägung, so wird man die Hauptursache der Stabilität in allgemeineren Zustän- den finden müssen, hauptsächlich darin, daß die Mehr- zahl der Mittel- und Kleinstädte nicht vorwärts schrei- tet, daß besonders für die Langsamkeit der allgemeinen wirthschaftlichen Entwickelung die Zahl der vorhandenen Meister schon zu Anfang der Periode eher zu groß ist. Verschlimmernd mußten allerdings darauf die engher- zigen Grundsätze von 1834 an wirken. Statt durch freie Konkurrenz haltlose Geschäfte zu beseitigen und sie da, wo sie am Platze sind, neu entstehen zu lassen, sucht man überall nur das Meisterwerden zu erschwe- ren, hindert leichte Uebersiedelungen und steigert dadurch Die Aufnahmen der kleinern Staaten. die Klagen, das Mißbehagen, besonders da in der Mehr- zahl der Städte die Bureaukratie und die Zünfte doch nicht so durchgreifen, daß die bestehenden Geschäfte ent- sprechend abnehmen. Gerade in Baiern wird gegen 1850 mit am meisten von Uebersetzung der Handwerker gespro- chen. Und das ist nicht bloße Phrase, sondern geht zu einem Theile auf einen wahren Uebelstand, auf eine lokal und zeitlich zu große Zahl von Meistern zurück. Für den Vergleich von 1847 und 1861 ist die offizielle Bearbeitung der beiden Aufnahmen von Staats- rath Hermann Die Bevölkerung und die Gewerbe des Königreichs Baiern nach der Aufnahme von 1861, die Gewerbe in Ver- gleichung mit deren Stande im Jahre 1847; herausgegeben vom königl. statistischen Bureau. München 1862. zu Grunde zu legen. Ich schicke die Betrachtung der Gesammtsummen voraus, um erst nach- her auf einzelne Gewerbe, auf die Handwerke in den Städten, sowie auf die besondern Zustände in der Pfalz zurückkommen. Die Vergleichung umfaßt nicht die sämmtlichen 1847 und 1861 aufgenommenen Gewerbe, sondern nur die in beiden Jahren gleichartig gezählten. Die Meister und Gehülfen mit Einschluß der Hand- weber betrugen also um 9364 oder 2, 6 % mehr, während die Bevöl- kerung um 4, 7 %, die Zahl der Fabrikarbeiter um 9 % gestiegen war. In Altbaiern fiel die Zahl von 333466 auf 330640, also um 2826 Personen oder 0, 85 %. Lassen wir die Weber bei Seite, so kommen, Vergleich von 1847 und 1861. Meister und Gehülfen zusammen gerechnet, je auf einen Gewerbtreibenden Einwohner: Gegenüber der Bevölkerung also hauptsächlich ein Rückgang in Niederbaiern, dagegen in der Oberpfalz, in Oberbaiern, Oberfranken und Mittelfranken Stabilität, eine kleine Zunahme in Unterfranken und Schwaben, eine wesentliche Zunahme nur in der Pfalz. Läßt man die Gehülfen bei Seite und rechnet nur die Meister, so betrugen sie in ganz Baiern (ohne die Weber): 1847 . . . 151006 1861 . . . 152976 also 1, 3 % mehr bei einem Zuwachs der Bevölkerung um 4, 7 %; bleibt die Pfalz weg, so nimmt die Zahl der Meister um 1 % ab; mit den Webern sinkt die Gesammtzahl der Meister in ganz Baiern um 3 %, in Altbaiern um 5, 2 %. Ueberall macht es einen wesentlichen Unterschied, ob die Pfalz in den Durchschnitt einbezogen oder aus- gelassen wird. Aber nicht die Pfalz allein trägt dazu bei, den relativen Gesammtrückgang kleiner erscheinen zu lassen. Auch die Gegend von Nürnberg und Fürth wirkt in ähnlichem Sinne. In den genannten Städten Die Aufnahmen der kleinern Staaten. haben, abgesehen von der Blüthe besonders der Groß- industrie, gerade auch eine Anzahl Handwerker, die sonst überall zurückgehen, z. B. die Gold- und Silberschläger, die Roth- und Gelbgießer, die Gürtler und Nadler bedeutend zugenommen; geschickt als Hausindustrie orga- nisirt, vereinigen sie die Vortheile des kleinen Betriebs mit einem Absatz im Großen. Bavaria III , zweite Abtheilung. S. 1059 ff.: der Nürn- berg-Fürther Industrie-Distrikt von Dr. Beeg. Auch in andern Gegen- den haben einzelne Gewerbzweige, die für weitern Absatz thätig sind, zugenommen, wie z. B. die Holzschnitzerei und die Korbflechterei. In um so grellerem Lichte erscheint der Rückgang im Uebrigen. Auf die wichtigern einzelnen Lokalgewerbe überge- hend, theile ich die absoluten Zahlen derselben 1847 und 1861 mit; die Bevölkerung hat sich (1847 4, 50 Mill., 1861: 4, 68 , ein Plus von 4, 7 %) sehr wenig geändert, so daß, ähnlich wie in Württemberg und Baden, für diese Zeit die absoluten Zahlen ziemlich klar Fortschritt oder Rückgang zeigen. Es gab: Die einzelnen Gewerbe 1847 und 1861. Einzelne Gewerbe, welche anderwärts am meisten litten, wie die Tuchscheerer und Färber, haben hier so- gar noch etwas zugenommen; eine starke Zunahme an Meistern wie an Gehülfen zeigen nur die Schneider, die Buchbinder und die ländlichen Gewerbe der Korb- flechter und Holzwaarenverfertiger; sonst Rückgang oder Stabilität; aber nicht bloß bei den Meistern, sondern Die Aufnahmen der kleinern Staaten. auch bei den Gehülfen; die Fleischer, die Gärtner, die Gerber, die Seifensieder, die Zimmerleute, die Schmiede, die Nadler, die Gürtler, die Seiler, die Posamentiere, die Böttcher haben 1861 weniger Hülfspersonal als 1847. Das beweist, daß der Hauptübelstand nicht in der Erschwerung des Meisterwerdens lag, sonst hätten die Gehülfen doch eher wachsen müssen; aber es beweist, daß die Zunftverfassung viele halbbeschäftigte Handwerker hält, die allerdings besser unter dem Sturmwind freier Konkurrenz vollends ganz beseitigt würden. Mehr als alle erwähnten Gewerbe haben die Weber gelitten. Man hat es in Baiern weniger als anderswo verstanden, den modernen Fortschritten soweit zu folgen, daß, wenn auch mit geringen Löhnen, wenigstens die Existenz der Handweber gerettet wurde. Tuchmacherei und Wollweberei war von Alters her im ganzen Lande zu Hause, hauptsächlich aber in Schwaben, in Mittel- und Oberfranken, in der Oberpfalz und Niederbaiern, an der böhmischen Grenze. Von letzterer Gegend sagt der Berichterstatter in der Bavaria, Alois Schels: I , zweite Abtheilung S. 1050. „die Tuchfabrikation beschäftigte vor Jahren im Vils- und Rottthale viele fleißige Hände; doch gegenwärtig liegen mehrere Realrechte brach und ist der frühere Industriebetrieb zum Kleingewerbe herabgesunken; ehe noch die mächtige Konkurrenz der andern zollvereinten Staaten eintrat, gab Präsident von Rudhart, der die Zustände und Bedürfnisse der ihm anvertrauten Pro- vinz wohl erkannte, den Tuchmachern die entsprechend- Die bairische Weberei. sten Andeutungen zu gemeinsamem Zusammenwirken und gegenseitiger Hilfeleistung; leider vergebens.“ Die Zahl der Webstühle für wollene Stoffe sank von 2797 auf 2480 in dem Zeitraum von 1847—61. Am stärksten ging die Linnenindustrie zurück; von 29499 Stühlen auf 22740. Im bairischen Wald wurde sie theilweise von der Holzindustrie ersetzt, gedeiht aber dort daneben noch leidlich. Bavaria I , zweite Abtheilung S. 1048. Der frühere Haupt- sitz dieser Industrie war Schwaben. Ein Handelskam- merbericht des Kreises spricht sich darüber (1863) so aus: Das. II , zweite Abtheilung S. 926. „Die früher schwunghaft betriebene Leinenfabri- kation hat sowohl durch den allgemeiner gewordenen Gebrauch von Baumwollfabrikaten als durch die An- wendung mechanischer Spinn- und Webstühle, wozu noch der Mangel an einheimischem Rohmaterial und zweckmäßigen Röstanstalten sich gesellte, fast gänzlich auf- gehört, und es ist keine Aussicht vorhanden, selbst mit namhaften Opfern sie wieder zu einiger Bedeutung zu bringen.“ Nur die Augsburger Weber scheinen eine Ausnahme zu machen. Dort gelang es nach und nach, wie der Verfasser von „Augsburgs Industrie“ Die Industrie Augsburgs mit Rücksicht auf die poly- technische Schule 1862. nach- weist, „durch Vereinigung zu gemeinsamen Werken, durch zweckmäßige Verwendung des Innungsvermögens und anderweitiger Zuschüsse zur Anschaffung von Material und der zur Gebild- und Buntweberei erforderlichen Stühle und Maschinen, dann durch die Bestrebungen Schmoller , Gesch. d. Kleingewerbe. 9 Die Aufnahmen der kleinern Staaten. einzelner intelligenter und bemittelter Meister, die Hand- weberei auf den rechten Weg zu führen und wieder zu heben.“ Die Baumwollweberei hat ihren Hauptsitz in Ober- franken, im Voigtlande, wo eine rührige fleißige Bevöl- kerung mit erschöpfender Thätigkeit und Arbeitslust ihr rührend genügsames Dasein fristet. Siehe Bavaria III , erste Abtheilung S. 336. Fentsch, der lokalkundige unparteiische Verfasser dieses Abschnitts sagt: „Der Oberfranke ist im Allgemeinen rührig und fleißig. In den Bezirken, wo eine industrielle Beschäftigung vorwiegend ist, bei den Paterlmachern, den Verfertigern von Holzschuhen und den Schwingenmachern im Gebirge, den Korbflechtern am Main und an der Rodach, den Tafelmachern im Thüringer Wald, in den Weberdistrikten des Voigtlandes und des Wunsiedler Kreises, dann um Berneck, wo das Plauisch-Nähen (die Sticke- rei) in einem großen Theil der Hütten und Bürgerhäuser alle Hände beschäftigt, ist die Arbeit nahebei zur Mühsal geworden. Der geringe Verdienst gestattet nur wenig Ruhepunkte, und auf dem Werktagsleben lastet eine unerquickliche Monotonie, deren Wirkung sich in einem Mangel an Frische und Freudigkeit kund- giebt.“ Der 30ste Mensch ist in Oberfranken ein Weber, in ganz Baiern der 96ste. Im Bezirke Müncheberg kommen auf 24000 Seelen etwa 2000 Webermeister mit ungefähr 1000 Gesellen, also eine Weberbevölkerung von gegen 10000—12000 Menschen. Die Baumwollweberei entwickelte sich hier als freieres Gewerbe gegenüber der strengern zunftmäßigen Leinenweberei seit dem 15. Jahrhundert. Noch gegen Ende des vorigen Jahrhunderts war es ein blühender Zustand. Einige wenige Fabrikanten beschäftigten schon 140—150 Stühle; die meisten nur wenige Stühle; Die bairische Weberei. die kleinern verkauften ihr Produkt an die großen, waren aber als besitzende Leute von diesen nicht abhängig. In diesem Jahrhundert nahm die Verarmung mit den sin- kenden Preisen der Baumwolle und der Baumwollpro- dukte zu. Viele hatten bald keine eigenen Stühle, keine eigenen Spulen mehr; Spullohn und Miethe für den Stuhl wurde ihnen vorweg am Verdienst abgezogen. Kapital zu Ankauf eigener Twiste war nicht mehr da. So wurden die Weber reine Lohnarbeiter; die Auswahl, für diesen oder jenen Fabrikanten zu arbeiten, wurde im- mer kleiner, da die kleinen Fabrikanten selbst Bankerott machten. Der Höhepunkt des Elends war in den vier- ziger Jahren. Seither ist es eher wieder besser gewor- den, besonders seit sächsische Fabrikanten, durch die Bil- ligkeit des Lohnes angezogen, viel im Voigtlande arbei- ten lassen und so den wenigen inländischen Großgeschäf- ten, die den Weber ganz in den Händen hatten, Kon- kurrenz machten. Die Zahl der Baumwollstühle hat in Oberfranken sogar von 11301 auf 13378 von 1847 bis 61 zugenommen. Die Gesammtzahl der Webermeister in Baiern aber hat nach der Berechnung von Hermann Die Bevölkerung und die Gewerbe ꝛc. im Jahre 1861. S. 162. von 38323 im Jahre 1847 auf 30935 abgenommen, d. h. um 23, 9 %, während die Bevölkerung um 4, 7 % wuchs; auch in der Pfalz nahmen die Webermeister um 13, 9 % ab. Welche Kämpfe, welches Elend, wie viel zerrüttetes Familienglück liegen zwischen zwei solchen Zahlen! 9 * Die Aufnahmen der kleinern Staaten. Nach dieser Abschweifung über die Weber kehre ich zu den Gesammtresultaten zurück, wie sie sich unter besondern lokalen Verhältnissen gestalten. Die unmittelbaren Städte diesseit des Rhein’s haben sich stark vergrößert, von 453986 auf 544067 Einwohner; sie sind um 19 % reicher an Menschen, von welchen freilich wieder der Haupttheil auf München, Nürnberg, Augsburg und Würzburg fällt; die ganze Zunahme ist 90081 Seelen, auf die vier Städte kom- men 79863. Die Zahl der Haudwerker inkl. der Weber und mit den Gehülfen fiel in den unmittelbaren Städ- ten von 58850 auf 57694, d. h. um 2 %; die Zahl der Meister mit den Webern um 2, 6 %; ohne die Weber stieg die Meisterzahl um 8 %. Die Meisterzahl ohne die Weber hat also wenigstens absolut noch etwas zuge- nommen, die der Gehülfen dagegen hat auch absolut abgenommen. Wieder ein Argument gegen die Zurück- führung aller Mißstände auf erschwertes Meisterwerden. In den sämmtlichen übrigen Gemeinden nach Abzug der unmittelbaren Städte nahm die gesammte Handwer- kerbevölkerung nur um 0, 6 % ab, während die Bevölke- rung nicht so stieg, wie in den Städten. Und doch galten da die gleichen Gesetze, und es wird in den Dörfern und kleinen Städten die Handhabung eher noch engherziger gewesen sein. Die Städte litten mehr als das Land, weil auf dem Lande noch die alten Zustände fortdauern, in den Städten die Umbildungen beginnen. Daß in der gewerbefreien Pfalz die Resultate besser sind, d. h. daß da die Gesammtzahl der Handwerker von 1847—61 stieg, ist schon erwähnt; es ist aber Die Zustände in der Pfalz. nöthig, dabei noch einen Moment zu verweilen. Um keine falschen Schlüsse aus dem Gegensatz zu ziehen, muß man sich der Vergangenheit und der anderweitigen Zu- stände in der Pfalz erinnern. Das schöne, von der Natur reich gesegnete Land hatte mit der französischen Herrschaft die freiheitliche Gesetzgebung erhalten; der beweglich rührige Sinn der Bewohner war dem Neuen ohnedieß zugänglich; die Aenderungen, welche andere Länder erst nach Jahrzehn- ten erfuhren, vollzogen sich schon jetzt; die zahlreichen indolenten bisher nur durch die Zunft geschützten Meister begannen schon damals abzunehmen. Als die Verwü- stungen der Kriege überwunden waren, als vollends mit dem Zollverein die Segnungen des freien Verkehrs und der günstigen Lage, die Segnungen der Eisenerzlager, des vorzüglichen Weinbodens mehr und mehr zu Tage traten, da wuchs die dichte Bevölkerung immer mehr; die Kultur des Landes, der Bau von Tabak und Wein drängte zu immer weiter gehender Parcellirung; die Parcelle ist im Durchschnitt noch nicht ein halbes Tag- werk 1 Tagwerk = 1, 7 preuß. Morgen. groß; jeder Grundbesitzer hat seinen kleinen Besitz durchschnittlich in nicht weniger als 9 Parcellen. Die Bevölkerung hatte 1818 4124 Menschen pro Quadrat- meile betragen, 1849 betrug sie 5697. Aber successiv war die Zunahme eine langsamere geworden, der Lohn war gesunken, die Noth gestiegen. Die Auswanderung nach Amerika nahm bedeutende Di- mensionen an, nannte man doch häufig den deutschen Die Aufnahmen der kleinern Staaten. Auswanderer schlechthin einen Pfälzer. Von 1849 bis 1856 wanderten nicht weniger als 64852 Köpfe aus, ganz abgesehen von der heimlichen Emigration, — das sind etwa 10 % der Bevölkerung des Landes. Die Bevölkerung nahm trotz des immer starken natürlichen Zuwachses um etwa 5 % in dieser Periode ab. Die nächstliegenden Ursachen waren die theuren Jahre, die Revolution; die ferner liegenden aber waren die allgemeinen Veränderungen der industriellen Pro- duktion, die Dichtigkeit der Bevölkerung, die Parcel- lirung. Ein großer Theil der Leute lebt halb vom Boden, halb von gewerblicher Arbeit. „Wenn Pflug und Hacke, Sense und Dreschflegel ihre Arbeit gethan haben, nehmen Cigarrenfabrikation, die Strohflechterei, die Bürstenbinderei, der Hausirhandel ihren Anfang.“ Auch in diesen Branchen drückte die Konkurrenz mit vor- angeschrittenen Gegenden die Preise; das Auskommen wurde immer kärglicher. Aehnlich war es in den Klein- gewerben, deren Betrieb trotz der Gewerbefreiheit tech- nisch zurück war. Sie waren längst zurückgegangen; 1845—50 wanderten noch mehr Handwerker aus. Es gab in der Pfalz im Jahre 1847, Meister und Gehülfen zusammengerechnet, noch nicht halb so viel Handwerker, als z. B. in dem gewerbelosen Oberbaiern; ein Hand- werker kam in Oberbaiern schon auf 13 Menschen, in der Pfalz erst einer auf 27 Die Bevölkerung und die Gewerbe S. 31. . Das Verdienst der Gewerbefreiheit war somit das gewesen, mit dem Klein- gewerbe in der Pfalz sehr viel früher aufgeräumt zu Die Handwerker in der Pfalz 1847 und 1861. haben als anderswo. Der Zustand damals war kein erfreulicher; immer weniger konnte sich der kleine Mei- ster halten, und doch entstanden zunächst keine größeren Geschäfte, weil der Trieb nach Selbständigkeit überwog und die Gewerbefreiheit Jedem die Selbständigkeit ge- stattete. Auf 17756 Meister kommen 1847 nur 4717 Gehülfen; das heißt, die vorhandenen Geschäfte sind kleiner und elender als irgendwo anders; im übrigen Baiern kommen damals 30 Einwohner auf einen Gehül- fen, in der Pfalz kommt erst auf 129 Einwohner ein solcher. Nach Mitte der 50er Jahre bessern sich nun, wie allerwärts, so auch in der Pfalz die Zustände; die Pro- duktenpreise steigen, die Großindustrie erhebt sich in glänzendster Weise, die Eisenwerke, die Maschinenfabri- ken, die großen Spinnereien und Webereien in Kai- serslautern und Zweibrücken, die chemischen Fabriken, die großen Glas- und Steingutfabriken geben mit der Vollendung der Eisenbahnen dem Lande einen andern Charakter; auch die Bevölkerung wächst wieder und überschreitet selbst die 1849 erreichte Höhe, sie steigt auf 5779 Menschen pro Quadratmeile im Jahre 1864. Das wirkt auch auf die Kleingewerbe zurück; ihre Gesammtzahl inkl. der Weber und Gehülfen ist 1847 . . . . 27226 1861 . . . . 39416, also eine Zunahme von 44, 8 %; die Fabrikarbeiter hatten 18478501, 186112348 Personen betragen, sie sind also auch um 45 % gestiegen. Die Zahl der Meister allein (inkl. Weber) betrug Die Aufnahmen der kleinern Staaten. 1847 . . . . 20785 1861 . . . . 23702, also eine Zunahme von 14 %. Die Hauptzunahme bei den Kleingewerben erfolgte somit in der Gehülfenzahl. Dabei darf man aber nicht vergessen, daß diese Zunahme eine Zunahme ist nach Jahren der Noth und der Decimirung; selbst mit dieser großen Zunahme ist die Gesammtzahl der im Handwerk beschäftigten Perso- nen in der Pfalz immer noch nicht so stark, wie im Durchschnitt des Königreichs Baiern; es kommen im Durchschnitt des Königreichs 1861 auf 14 Menschen 1 Handwerker, in der Pfalz auf 17. Die Zahl der Meister ist jetzt wieder stärker in der Pfalz als im Durchschnitt des Königreichs. Die Zahl der Gehülfen ist trotz der Zunahme noch wesentlich geringer. Die einzelnen Geschäfte sind auch jetzt noch kleiner als in Altbaiern. Der Trieb, sich selbständig zu machen, über- wiegt die Tendenz der Zeit auf größere Geschäfte. Die Hauptzunahme der Kleingewerbe bis 1861 trifft übrigens in der Pfalz wohl nicht so sehr die für lokalen Bedarf arbeitenden Meister aller Art, sondern vornehm- lich einzelne Hausindustrien, die in technisch vervoll- kommneter Weise für den Großhandel thätig sind, so die Schuhfabrikation in Pirmasens, die Strohflechterei, die Bürstenfabrikation. Seit 1861, besonders von 1861—65 hat sich der Zustand der Pfalz noch mehr gehoben; bei der im- mer noch geringen Zahl der vorhandenen Handwerker im Jahre 1861 ist das begreiflich. Wenn besonders in einzelnen rasch wachsenden Städten, wie Kaiserslau- Die Handwerker in der Pfalz 1861—1865. tern, die Zunahme groß ist, wenn die Meister dort 1861410, 1863542 Personen, die Gehülfen dersel- ben 1861526, 1864 die Gesellen allein 889 Perso- nen ausmachen, wenn bei der Zunahme alle Arten von Meistern betheiligt sind, wenn z. B. die Schmiede von 10 auf 23, die Schneider von 47 auf 76, die Schuh- macher von 69 auf 90, die Bäcker von 27 auf 34, die Glaser von 9 auf 14, die Metzger von 20 auf 28, die Buchbinder von 6 auf 8, die Sattler von 6 auf 7 stiegen, Bavaria, IV , 2. Abth. 1867. S. 472 ff. so beweist das allerdings, daß ein technisch vollendeteres Handwerk auch heute immer noch seinen Platz hat; aber es beweist noch nichts über das Ge- sammtverhältniß von großer und kleiner Industrie, nichts über die gesunde und ungesunde Vermögens- und Ein- kommenvertheilung der heutigen Zeit überhaupt. Die Gewerbefreiheit der Pfalz hat unhaltbare Zu- stände früher beseitigt, den Uebergang befördert, die Technik allerwärts verbessert, aber die Kleingewerbe hat sie nicht erhalten, sondern früher vernichtet, — freilich um sie später auf gesunderer Grundlage mit besserer Technik wenigstens zu einem Theile wieder erstehen zu lassen. Vor Allem aber und hauptsächlich hat sie die Großgewerbe gestärkt. Auch von 1861 bis zur Gegen- wart fällt auf sie die Hauptentwickelung. 4. Die sächsische Handwerkerstatistik von 1830—61, die Gewerbefreiheit von 1862—66. Die ältern gewerblichen Zustände, zahlreiches Haudwerk , große Hausindustrie 1846. Die Gesetzgebung. Beginn der Krisis schon zwischen 1836 und 49; Vergleichung der Meisterzahlen dieser Jahre; Zunahme der Hausindustrie, Abnahme der übri- gen Meister. Vergleichung der Handwerker in den 30 größ- ten Städten des Landes 1830 und 1856. Die Beschäfti- gungsstatistik 1849 und 61, Wachsthum aller übrigen Kate- gorien von Personen, Rückgang der Handwerker. Die Hand- werkerlisten 1849 und 61 und die wichtigern einzelnen Hand- werke. Die Gewerbefreiheit im Handelskammerbezirk Dresden 1862—65, im Handelskammerbezirk Leipzig 1862—66. Das Königreich Sachsen ist das dichtbevölkertste Land des Zollvereins; schon im Jahre 1834 lebten 5868, 18587805 Menschen auf der Quadratmeile. Handel und Gewerbe, seit alter Zeit dort heimisch, sind die wesentlichen Faktoren dieser Bevölkerungsentwickelung. Der Boden ist theilweise karg; im Erzgebirge bietet er selbst dem hartnäckigsten Fleiße große Schwierigkeiten. Der Besitz aber ist meist ziemlich getheilt. Große und klei- nere Städte bilden überall gewerbliche Mittelpunkte. Die vielfach verbreitete Hausindustrie der Weberei, der Die gewerblichen Zustände 1846. Strumpfwirkerei, der Posamentierarbeiten erstreckt sich ebenso über die Dörfer als über die Städte, so beson- ders in der Lausitz, im Erzgebirge, in den sogenannten Schönburgischen Rezeßherrschaften. In den Jahren 1790—1806 hatte der sächsische Handel durch die Leipziger Messen einen großen Auf- schwung genommen. Während der Kontinentalsperre ent- wickelte sich besonders die Gewebeindustrie rasch und erhob sich selbst u einem bedeutenden Export nach dem Auslande. Die Aufhebung der Kontinentalsperre, die Konkurrenz mit England brachte manche Schwierigkeit, aber sie hielt den Fortschritt nicht auf; hinderlicher waren die 1818 errichteten preußischen Zollschranken, die erst 1833 durch den Eintritt Sachsens in den Zollverein fielen. Die größte relative Zunahme erfuhren schon damals die großen Betriebe, der Bergbau, das Hüttenwesen, die Spinnereien; aber der Personenzahl nach standen Hausindustrie und Handwerk bis Ende der vierziger Jahre im Vordergrunde. Mechanische Webstühle waren 1846 noch keine vorhanden. Außer für Eisenbahnen und Bergbau, Spinnereien und Maschinenfabriken gab es 1846 nur einige Dampfmaschinen im ganzen Lande. Mittheilungen d. statist. Bureaus in Berlin. II , 255. Die Zahl der Handwerker (sogar ohne die Weber) war 1846 in Sachsen am höchsten von allen den Staaten, in denen eine Gewerbestatistik damals aufge- nommen wurde. Es kam damals schon auf 13, 4 Ein- wohner ein Handwerker (Meister und Gehülfen zusam- Die Aufnahmen der kleinern Staaten. mengenommen), in Baden erst auf 15, 5 , in Bayern auf 16, 2 , in Preußen auf 20, 5 Einwohner. Mittheilungen des statist. Bur. in Berlin IV , 292. Und doch galt damals in Sachsen die alte Zunft- verfassung mit Innungszwang, Lehr- und Wanderzwang für alle älteren Gewerbe; bis 1840 noch mit wesent- licher Erschwerung des Gewerbebetriebes auf dem plat- ten Lande. Die Hausindustriezweige freilich, die Webe- rei, Strumpfwirkerei, Holzwaaren- und Instrumenten- fabrikation, ferner die Gewerbe der Bürstenmacher, Nagelschmiede, Blechschmiede, Bandmacher und Posa- mentiere hatten sich wenigstens in vielen Gegenden unter Beibehaltung der Innungsverfassung auf dem Lande aus- gebreitet. Viele Landgemeinden hatten überdieß beson- dere Privilegien für Gewerbebetrieb. Außerdem waren auf dem Lande die unzünftigen Gewerbe frei, die zünf- tigen waren nur unter gewissen Beschränkungen zugelas- sen. Das Gesetz vom 9. Okt. 1840 brachte wenigstens einige Erleichterung: Fabrikgewerbe, Maurer, Zimmer- leute, Essenkehrer und Schwarzbrodbäcker sollten wie bisher schon frei sein; außerdem soll von der Obrigkeit für jede Landgemeinde wenigstens ein Schneider, Schuh- macher, Weißbäcker, Fleischer, Schmied, Stellmacher, Sattler, Tischler, Glaser, Seiler und Böttcher ohne Weiteres zugelassen werden. Weitere zünftige Handwer- ker bedürfen der Regierungserlaubniß. Vor wie nach 1840 waren für einzelne wenige Innungen und ein- zelne Städte Realrechte vorhanden, welche kraft beson- derer Privilegien allein in dem Orte Meisterrecht gaben, Die sächsische Gewerbegesetzgebung. eine geschlossene Zahl repräsentirten. Manche Uebelstände ergaben sich aus dieser Gesetzgebung. Die gewerbliche Entwickelung im Ganzen aber wurde dadurch bis in die vierziger Jahre nicht gehemmt. Das sächsische statistische Bureau sagt hieran anschließend: Zeitschrift für 1860. Nr. 9—12. Zur Statistik der Handwerke in Sachsen. S. 109. „Die Gewerbeverfas- sung hat auf die Zahl der Meister lange nicht den Ein- fluß, als man anzunehmen geneigt ist. Wenn die übri- gen Bedingungen nicht gegeben sind, vermehren sich auch in gewerbefreien Ländern die Meister nicht rasch, und wo sich diese Bedingungen vorfinden, hindert auch die Zunftverfassung ein rasches Anwachsen der Meisterzahl selbst über das reelle Bedürfniß hinaus (d. h. unter gleichzeitiger Abnahme des Hülfspersonals) nicht.“ So viel ist richtig, so viel beweisen die sächsischen Zahlen vor 1846, daß die anderen Ursachen wichtiger sind, als die Gewerbeverfassung. Die praktische Hand- habung der Gewerbegesetze war keine allzuschroffe. Die industrielle Entwicklung Sachsens war eine günstige; der Zuwachs an Handwerkern war natürlich, solange in diesen Bahnen sich die gewerbliche Thätigkeit über- haupt bewegte. Die große Verbreitung der Kleinge- werbe hatte ihre einfache Ursache darin, daß die gewerb- liche Blüthe Sachsens schon lange vor 1840 beginnt. Mit den vierziger Jahren freilich und noch mehr mit den fünfziger wird Vieles anders. Mehr und mehr wächst nur der große Betrieb. Die Eisenbahnen und der große Verkehr vollenden die Leichtigkeit des Absatzes, Die Aufnahmen der kleinern Staaten. verlangen billigere und vollendetere Produkte, wie sie nur spezialisirte Betriebe mit ausgezeichneten Maschinen liefern können. Es steigert sich der Bedarf an Kohlen, es wachsen hauptsächlich die großen Berg- und Hütten- werke, daneben die Spinnereien, die großen Appretur- anstalten, die mechanischen Webereien. Die erste Wirkung dieses Umschwungs zeigt sich uns schon in einer Vergleichung der Meisterzahlen des ganzen Königreichs von 1836 und 1849, Zeitschrift d. stat. Bur. 1860. S. 106. Tab. 3 b . wobei zu bedauern ist, daß die Zahl der Gehülfen für die Ver- gleichung dieser beiden Jahre fehlt; nur wenn man beide zusammenfaßt, ist ja ersichtlich, ob das Hand- werk im Ganzen zu- oder abgenommen, ob nicht die theil- weise Abnahme der Meister durch Zunahme der Gehül- fen sich ausgleicht. Letzteres scheint aber hier nicht der Fall zu sein, wenigstens spricht sich das statistische Bu- reau über diese Epoche dahin aus, daß die Zahl der Gesellen und Lehrlinge nicht bloß relativ, sondern sogar in vielen Gewerben absolut in deutlicher Abnahme begriffen sei. Zeitschrift d. stat. Bur. 1860. S. 100. Was den kritischen Werth der Zahlen betrifft, so sei nach dem Gewährsmann des statistischen Bureaus bemerkt, daß die Zahlen für 1836 dem Gewerbesteuer- kataster entnommen sind, daß die Weber und Strumpf- wirker für dieses Jahr zu niedrig erscheinen, weil die Lohnmeister nicht einbegriffen sind, daß die Schnei- derzahl damals zu hoch ist, weil die Flickschneider und Die sächsischen Meister 1836 und 1849. Schneiderinnen mitgezählt sind. Für 1849 sind die Zahlen der Meister durchaus etwas zu hoch, da bei der Aufnahme von 1849 auf die Frage, ob ein Innungs- meister auch wirklich noch sein Gewerbe ausübe, gar kein Gewicht gelegt wurde. Zeitschrift d. stat. Bur. 1860. S. 102—3. Darnach ist die Zahl der Mei- ster und ihr Verhältniß zur Bevölkerung zu beurtheilen. Es waren: Die Aufnahmen der kleinern Staaten. Ich habe in der vierten Spalte da, wo sich eine Abnahme gegenüber der Bevölkerung findet, ein Minus- zeichen beigefügt; die Gesammtzahl aber hat nicht ab, sondern zugenommen; es kamen auf 10000 Einw. Die sächsischen Meister 1836 und 1849. 1836 ‒ 415, 1849‒645 Meister; die Zunahme trifft aber ausschließlich die Hausindustrie der Gewebe, die überdies 1836 zu niedrig angegeben ist, womit frei- lich nicht geleugnet werden soll, daß sie zugenommen habe. Trennt man die Posamentiere, Strumpfwirker, Tuchmacher und Weber von den übrigen Handwerkern, so kommen von ersteren auf 10000 Einwohner 1836‒ 97, 54 , 1849‒336, 82 Meister, von den sämmtlichen übrigen aber 1836‒317, 46 , 1849‒308, 18 . Die Zahlen für 1849 sind nicht ganz maßgebend, sofern dieses Jahr ein besonders gedrücktes war. Doch würde von diesem Druck die Zahl der Gesellen viel mehr affizirt sein, als die der Meister. Nehmen wir dazu, daß die Aufnahme 1849 viele Meister mitzählte, welche ihr Gewerbe nicht mehr ausübten, so kommen wir allerdings zu dem Schlusse, daß in einer Zeit, in der die Bevölkerung, die Landwirthschaft, die große Industrie Sachsens die größten Fortschritte machte, die Zahl der Handwerker nicht ebenso gewachsen, gegen- über der Bevölkerung eher zurückgegangen ist. Es ist das um so sprechender, als gerade der sonstige Fortschritt der Landwirthschaft und der Bevölkerungsdichtigkeit doch für viele einzelne Gewerbe Vortheile, weitern Spiel- raum und auch wirkliche Zunahme brachte. Die Arbeit, der die vorstehenden Zahlen entnom- men sind, Zur Statistik der Handwerke in Sachsen. Zeitschrift 1860. Nr. 9—12. beschäftigt sich außer den allgemeinen Fragen spezieller mit der Handwerksstatistik der 30 größern Schmoller , Gesch. d. Kleingewerbe. 10 Die Aufnahmen der kleinern Staaten. sächsischen Städte, indem sie die Zahlen der Meister, Gesellen und Lehrlinge für die Jahre 1830 und 1856 vergleicht; die Zahlen stützen sich auf eine besondere durch die Innungen gemachte Aufnahme. Es kann sich hier nicht darum handeln, aus den umfangreichen Tabellen der einzelnen Städte das Detail mitzutheilen, um so weniger, als wir auf den Gegensatz von Stadt und Land noch besonders werden zu sprechen kommen; nur das Gesammtresultat, soweit es eine Bestätigung der bisherigen Untersuchung enthält, ist zu erwähnen. Und das geht nach den Worten der Zeitschrift dahin: „Gehen wir“ — sagt sie — „auf die Vergleichung der Zustände von 1830 und 56 ein, so ist auffallend, daß die meisten Gewerbe (auch abgesehen von den mit Bankgerechtigkeiten in geschlossener Zahl versehenen, welche sich freilich gar nicht oder nur wenig mehren konnten) in den meisten Städten in ihrer Meisterzahl hinter dem Wachsthum der Bevölkerung zum Theil sehr erheblich zurückgeblieben sind, ja zum Theil sich abso- lut vermindert haben. Nur bei wenigen ist diese Ver- minderung der Meisterzahl positiv durch eine Vermeh- rung des Hülfspersonals ausgeglichen oder selbst in eine relative Vermehrung des Gewerbes verwandelt; bei eini- gen ist sogar eine relative Vermehrung der Meisterzahl durch Verminderung des Hülfspersonals negativ ausge- glichen. Ein Theil des Zurückbleibens hinter dem Wachs- thum der Bevölkerung rührt gewiß von der zum Theil in Folge des Gesetzes vom 9. Okt. 1840 entstandenen gleichmäßigern Verbreitung gewisser Handwerke über das platte Land her. Indessen wird sich doch zeigen, daß Das Handwerk in den sächsischen Städten 1830 u. 1856. dieser Einfluß auf die Gestaltung des städtischen Hand- werksbetriebs überschätzt worden ist, und daß viele kleine Städte noch immer die Mittelpunkte des Handwerks auch für das Land geblieben sind, soweit man dies nach den Personalverhältnissen beurtheilen kann. Je größer eine Stadt wird, desto mehr tritt von selbst der Antheil in den Hintergrund, welchen das umgebende platte Land von der Beschäftigung der städtischen Handwerker hat. Solche Städte dürften auch von völliger Freigebung des Gewerbebetriebs auf dem Lande nur wenig oder gar nicht berührt werden.“ Wenn in Leipzig, in Dresden, in Chemnitz die Zahl der Meister, Gesellen und Lehrlinge nur in 2—3 Handwerken zugenommen, in vielen aber um 20—50, ja bis 70 % gegenüber der Bevölkerung abgenommen hat, Die prozentuale Abnahme ist berechnet in Tabelle 35 S. 122—124 a. a. O. wenn das in den kleinen Städten nicht ganz so, aber ähnlich ist, so ist neben der veränderten Gesetzge- bung die Hauptursache die, daß in den großen Städten die neue Richtung, die nach spezialisirter Produktion und nach dem Magazinsystem drängt, am gewaltigsten sich jetzt schon geltend gemacht hat. Die Ergebnisse der Beschäftigungs- und Gewerbe- statistik von 1849 und 1861 Zeitschrift des stat. Bureaus für 1863. Nr. 3 u. 4: „Beiträge zur Statistik der in geschlossenen Etablissements mit mechanischen Mitteln betriebenen Industriezweige Sachsens im Jahre 1861.“ Nr. 5—8.: „Die Bevölkerung des Königreichs Sachsen nach ihrer Beschäftigung und ihrem Erwerbe 1861.“ bestätigen im Allgemeinen 10 * Die Aufnahmen der kleinern Staaten. die Richtigkeit der vorstehenden Folgerungen. Es handelt sich um zwei einander entgegen wirkende Strömungen: auf der einen Seite eine rasch zunehmende Bevölkerung, ein rascher Zuwachs besonders der Städte, eine glän- zende Entwickelung der großen Industrie, besonders der Gewebeindustrie; das muß nothwendig auch auf einzelne kleine Geschäfte und Betriebe günstig zurückwirken; — auf der andern Seite die Unmöglichkeit für viele Handwerke, mit dieser Entwickelung gleichen Schritt zu halten; theil- weiser Rückgang, Abnahme der Meister, zum Theil auch des Hülfspersonals. Was die positiven Zahlen betrifft, so geschah die Aufnahme in folgender Weise. Im Jahre 1849 hatte Dr. Engel in direktem Anschluß an die Bevölkerungs- zählung eine Beschäftigungsstatistik erheben lassen, wobei nicht die Fabriken, die einzelnen Unternehmungen über ihre Geschäfte und Arbeiter Angaben machten, sondern in den Hauslisten den Individualangaben Bemerkungen über die Art des Unterhalts beigefügt wurden. An diese Art der Zählung schloß man sich auch 1861 an und fügte nur auf den Rückseiten der Haushaltungslisten die Sche- mata der Gewerbestatistik des Zollvereins bei, welche von andern Gesichtspunkten ausgeht, nach Geschäften, Unternehmungen zählt. So entstand eine doppelte Auf- nahme, die aber, was die Handwerker betrifft, ziemlich identisch ist. An Unrichtigkeit leidet die Aufnahme in so fern, als viele kleine Meister, welche für größere arbei- Nr. 9—10.: „Zur Statistik der Handwerke im Königreich Sach- sen 1849 und 1861.“ Die sächsische Industrie 1849 und 1861. ten, sich als selbständige Geschäfte angegeben haben, und noch mehr in sofern, als viele frühere Gesellen, beson- ders Schmiede-, Schlossergesellen, die in Fabriken arbei- ten, die oft nicht am Orte selbst, sondern in den nächst- liegenden Dörfern wohnen, sich nach ihrer innungsmäßig erworbenen Qualifikation als „Gesellen“ angaben, und dadurch in der Handwerker- statt in der Fabriktabelle verzeichnet sind. Sowohl Meister als Gehülfen erschei- nen daher 1861 in größerer Zahl, als sie wirklich vorhanden, resp. dem Kleingewerbe angehörig sind. Nach der Beschäftigungsstatistik betrugen nun die Selbstthätigen 1849 und 1861 in den folgenden Abthei- lungen: Faßt man diese mit den sämmtlichen übrigen Selbst- thätigen zusammen und fragt, wie viele Prozente der sämmtlichen Selbstthätigen jede dieser Klassen 1849 und Die Aufnahmen der kleinern Staaten. 1861 ausmachte, so steigen die Selbstthätigen im Berg- bau von 2, 11 % auf 2, 52 %, die in der Fabrikin- dustrie von 3, 34 auf 6, 07 %, die in der Hausindustrie von 17, 67 auf 19, 31 %, die in freien Gewerben von 1, 92 auf 2, 32 %, die Handarbeiter von 6, 13 auf 8, 88 %, — nur die Handwerker sinken von 14, 03 auf 13, 79 % der sämmtlichen Selbstthätigen des Königreichs herab. Die Handwerkertabelle, nach der Zollvereinsauf- nahme im Jahre 1861 geordnet ist, nicht direkt mit der Beschäftigungsstatistik von 1849 vergleichbar; doch ist die Mehrzahl der Handwerker mit Ausschluß der Handelsgewerbe und Hausindustrie in einer besondern Tabelle nach den absoluten Zahlen von 1849 und 61 verzeichnet, Zeitschrift des statist. Bur. 1863. S. 102. deren Resultat ich summirt habe. Die dort verzeichneten Meister sind von 54859 auf 56257, die Gehülfen von 73403 auf 95359, die Summe beider ist von 128262 auf 151610 gestiegen. Das ist eine Zunahme von 11, 82 %, während die Zunahme der Bevölkerung 17, 03 % beträgt. Diese Rechnung bestätigt, was die Zeitschrift ver- sichert, ohne die Zahlen zu summiren. Nachdem sie vorausgeschickt, daß sich die Meisterzahlen in sehr vie- len Gewerben und Städten sogar absolut vermindert haben, daß in vielen andern Gewerben die Meisterzah- len zwar absolut gewachsen sind, aber selten im Ver- hältniß der Bevölkerung zunahmen, fügt sie über die Gesammtzahlen von Meistern und Gehülfen noch hinzu, daß auch sie meist hinter dem Wachsthum der Bevölkerung Die sächsischen Kleingewerbe 1819 und 1861. zurückgeblieben seien; doch seien die Ausnahmen des Gegentheils zahlreicher, als wenn man die Meister allein in Betracht ziehe. Was die einzelnen Gewerbe betrifft, so haben sich ausnahmslos weniger vermehrt als die Bevölkerung die Schneider, Schuhmacher und Nagelschmiede, fast aus- nahmslos die Gerber, Seifensieder, Kammmacher und Gürtler. Der Bevölkerung so ziemlich parallel blieben, eher ihr etwas voraus eilten die Bäcker, Barbiere, Bürstenmacher, Buchbinder, Friseure, Glaser, Hut- macher, Korbmacher, Kürschner, Klempner, Tischler; ausnahmslos vermehrt haben sich nur die Maurer, Zimmerleute und Schlosser. Die Zeitschrift knüpft daran die richtige Bemerkung, daß die für persönliche Dienste und Nahrungszwecke arbeitenden Gewerbe, besonders da sie bis jetzt der Maschinenhülfe fast noch ganz entbehren, nothwendig sich in einem gewissen Gleichgewicht mit der Bevölkerung halten, daß dagegen alle mit dem Ma- schinen- und Bauwesen verknüpften Gewerbe einen größern Spielraum für Zu- oder Abnahme bieten, daß wenn sie der Bevölkerung voraus eilen, dieß wohl als ein Beweis des wachsenden Wohlstandes im Allgemeinen anzu- sehen sei. Es wird auch Niemand leugnen können, daß der Wohlstand im Allgemeinen in Sachsen trotz des Miß- behagens so vieler Kleingewerbe von 1849—61 gestiegen ist. Durch das Gesetz vom 15. Oktober 1861 wurden in Sachsen die Realgewerberechte aufgehoben und entschä- digt, die Gewerbefreiheit vom 1. Januar 1862 an eingeführt, die Innungen aber als freiwillige Vereinigun- gen beibehalten. Die Aufnahmen der kleinern Staaten. Eine vollständige statistische Erhebung, wie das Gesetz gewirkt hat, ist auch für Sachsen nicht vorhan- den. Immer aber mögen einige Mittheilungen über die Wirkung auch hier ihre Stelle finden. Für den Dresdener Handelskammerbezirk hat Dr. Rentzsch eine Anzahl statistischer Angaben in Bezug auf die Städte des Handelskammerbezirks Dresden durch besondere Erhe- bungen gesammelt und publizirt, die einiges Licht auf die Folgen werfen. Dr. H. Rentzsch, gewerbestatistische Mittheilungen zur Berathung der Ministerial - Vorlage über das Gewerbegesetz. Dresden 1866. Er untersucht, wie viele neue gewerbliche Niederlas- sungen in den 33 Städten des Dresdener Handelskam- merbezirks 1862—65 vorkamen. Auf 1000 Einwoh- ner kamen durchschnittlich jährlich 6, 55 Neuetablirungen; der Hauptandrang erfolgte 1862; man war seit Ende 1860 der Erlassung des Gesetzes sicher gewesen, sehr viele hatten der Kosten wegen gewartet, so wurde die Zahl 1862 ziemlich groß. In den beiden folgenden Jahren fanden aber wieder um so weniger statt; der Ausfall gegen 1862 beträgt fast überall 33 %, nicht selten bis 50 %. In den kleinen Ackerbaustädten ist der Fortschritt ein geringer; die Hauptanziehungskraft haben die größern Städte Dresden, Freiberg, Meißen. Eine wesentliche Zunahme mußte besonders da erfolgen, wo vorher Verbietungsrechte waren. Daß aber die Grundverhältnisse des Handwerksbetriebs dadurch keine andern geworden sind, geht aus zweierlei hervor. Ein- Die Folgen der Gewerbefreiheit. mal hat nach Rentzsch der Zuwachs der Gesellen und Lehrlinge mindestens gleichen Schritt gehalten mit der Vermehrung der Niederlassungen. Und dann hat der gesammte Personalbestand sowohl an sich als gegenüber der Bevölkerung sich nicht wesentlich geändert. „Von 302 Gewerben“ — sagt Rentzsch — „hat eine Steige- rung des Personalbestandes nur bei 92 der aufgezählten Gewerbe stattgefunden und darunter in Bezug auf die Arbeitgeber nur bei 56, in Bezug auf das gesammte beschäftigte Personal nur bei 57 über das Wachsthum der Bevölkerung hinaus.“ In der Stadt Leipzig erfolgte ebenfalls — nach den Handelskammerberichten Jahresbericht der Handels- und Gewerbekammer zu Leipzig für 1863. Leipzig, Hirzel. S. 4—8; für 1865 u. 66. Leipzig, Hirzel 1867. S. 10 u. 157. Der Bericht pro 1864 ist mir nur im Abdruck des preuß. Handelsarchivs 1866. I. hauptsächl. S. 620. zur Hand. — der Hauptandrang 1862; es ergaben sich 986 Anmeldungen, im Jahre 1863 sinken sie schon auf 568. In der Hauptsache erfolgt der Andrang nicht auf das eigentliche Handwerk; von den 986 Anmeldungen bezwecken 163 die Eröff- nung von Schankwirthschaften, gegen 100 Detailhändler- geschäfte aller Art; außerdem sind die Schneider (35), Schuhmacher (46) und Tischler (40) noch etwas stärker vertreten. Geklagt wird nur über allzu starken Andrang im Kleinhandel. Sonst wird konstatirt, daß die große Umgestaltung, die der eine gefürchtet, der andere gehofft habe, in der Hauptsache bis jetzt noch nicht eingetreten sei. „Die gefürchteten und gehofften Erscheinungen“ — Die Aufnahmen der kleinern Staaten. sagt der Bericht — „waren wohl auch meistens der Art, daß sie erst im Verlaufe eines längeren Zeitraumes eintreten können; weder ein Verlust an Selbständigkeit seitens der kleinern Meister gegenüber dem Kapitale, noch die wegen Wegfalles des Lehrzwangs gefürchtete Verschlechterung oder die von anderer Seite gehoffte Ver- besserung der technischen Fertigkeiten und Kenntnisse, und endlich größere Billigkeit der Arbeit vermöge grö- ßerer Theilung der Arbeit und häufigerer Verwendung von Maschinen ist bis jetzt im Großen und Ganzen auffällig bemerkbar geworden. Und wenn auch manche Erscheinungen dieser Art allerdings bereits vorliegen, wie z. B. der überall wahrgenommene Uebergang des Schneidergewerbes zur Magazinschneiderei und damit verbundene Unselbständigkeit kleinerer Meister, fabrikmä- ßiger Betrieb des Zimmergewerbes, der Schlosserei, der Klempnerei, der Böttcherei, der Schuhmacherei, so ist hierin wohl mehr die Entwickelung der Gewerbe über- haupt, als gerade eine Folge der Gewerbefreiheit zu erblicken, wie denn auch einige dieser Erscheinungen bereits weit hinter Einführung der Gewerbefreiheit zu- rückreichen.“ Aehnlich lauten auch die spätern Berichte. Der Gewerbefreiheit wird nachgerühmt, daß sie schärfere Konkurrenz bringe, die Intelligenz anspanne, aber mehr in den höhern gewerblichen Kreisen, als im eigentlichen Handwerk. Die Gewerbefreiheit ist heut zutage unentbehrlich, weil die alte Abgrenzung der Arbeitszweige zur Unmög- lichkeit geworden ist. Das aber, was die Masse, an Die Folgen der Gewerbefreiheit. ihr lobt und tadelt ist für das Gemeinwohl gleichgültig; denn der eine tadelt sie, weil unbequeme Konkurrenz für ihn entsteht, der andere lobt sie, weil einige Unbequem- lichkeiten und Förmlichkeiten ihm erspart sind. Das, was an Segen für das Gemeinwohl der Weiterblickende von der Gewerbefreiheit erwartet, ist etwas anderes, es kann eintreten, aber es muß nicht immer eintreten. Man erwartet, daß die wirthschaftliche Freiheit andere Sitten, andere Eigenschaften, andere Menschen schaffe, daß, wenn zunächst nur Einzelne sich mehr an- strengen, die andern durch die Konkurrenz gezwungen werden, ihnen zu folgen. Das geht jedenfalls lang- sam; nur von Generation zu Generation ändern sich Sitten und Menschen. Mögen die Folgen aber etwas früher oder später kommen, nur und ausschließlich günstige Wirkungen könnten dann eintreten, wenn alle Gewerb- treibende rührig und dem Fortschritt geneigt wären, wie so häufig Nationalökonomen und Politiker glauben, die nur höher stehende Fabrikanten und Kaufleute persönlich kennen. Da daß nicht immer der Fall ist, so kann die Gewerbefreiheit in einzelnen Kreisen ziemlich wirkungs- los bleiben, ja sie kann umgekehrt durch den Konkurrenz- kampf einen großen Theil der Handwerker tiefer herab- drücken, sie wird es leicht thun, wenn nicht zugleich andere Mittel und Einwirkungen psychologischer und realer Art dieselben fassen und vorwärts bringen. Wenn der radicale Volkswirth gerne bereit ist, zu erklären, alle welche durch die Gewerbefreiheit nicht vorwärts kommen, seien werth zu Grunde zu gehen, so zieht er in seinem Urtheil eine schroffe Scheidelinie, die Die Aufnahmen der kleinern Staaten. den Thatsachen des des Lebens gegenüber als unwahr erscheint, so übersieht er neben zwei Extremen, welche wenige Personen zählen, die große Zahl derer, welche zwischen beiden in der Mitte stehen. Die Gewerbefreiheit schafft einen leeren Raum; aber sie garantirt nicht, daß alles, was in diesem Raume wächst, gesund sei. Will man das gewiß behaupten, so muß man den Boden, die Pflanzen, alle witwirkenden Ursachen noch genau untersuchen; dann erst hat man ein sicheres Urtheil über das wahrscheinliche Resultat. Diese mitwirkenden Ursachen sind gar mannigfaltig; lokale Sitten und Zustände, wie allgemeine Thatsachen kommen in Betracht. Die Technik, die Produktion bildet sich um, der Verkehr ändert sich. Die Bevölke- rung wächst in einer früher nie erlebten Weise. Und wenn die heranwachsenden Ueberschüsse derselben bis in die dreißiger und vierziger Jahre Platz fanden in dem schon seit alter Zeit reichlich besetzten Handwerk, so änderte sich das später um so mehr. Es trat die Stockung, die Stabilität, ja theilweise eine Abnahme ein. Das Mißbehagen einer Uebergangszeit drückt sich allerwärts aus. Eine veränderte geschäftliche und sociale Schichtung der Gesellschaft vollzieht sich, die vorerst zum mindesten nicht nach allen Seiten hin als eine erfreuliche betrachtet werden darf. Die Umgestaltung von Produktion und Verkehr im 19. Jahrhundert. 1. Die Ursachen. Fabrik und Handwerk. Die Vortheile des Großbetriebs und der Fortschritt des Großbetriebs im Zollverein. Die eigent- liche Großindustrie nur theilweise in Konkurrenz mit dem Handwerk. Die Verkehrsänderungen und der Zeitpunkt ihrer Wirkung in Deutschland. Kanäle und Chausseen. Die Posten, die Dampfschiffahrt, die Eisenbahnen, die Telegraphen und der Welthandel. Der städtische Verkehr der Droschken, Omni- busse und Stadteisenbahnen. Die Lokalisirung der gewerb- lichen Thätigkeit vor diesen Verkehrsänderungen, die Umwäl- zung mit denselben. Die veränderte Wirthschaft der Familie, der moralische und der wirthschaftliche Erfolg derselben. Die veränderte Vertheilung der Bevölkerung. Amerikanische Ver- hältnisse. Die deutschen Dörfer, Mittel- und Landstädte; die Decentralisation der Industrie; das moderne Anwachsen der Großstädte durch Industrie, Handel und andere Ursachen. Die städtische Bevölkerung in Preußen und die Aenderungen der- selben von 1831—64. Wenn ich in den bisherigen Betrachtungen ver- suchte, die äußerlichen Gesammtresultate der Geschichte des Handwerks zu verzeichnen, die Zu- und Abnahme, die wirthschaftliche Blüthe oder den wirthschaftlichen Verfall der deutschen Kleingewerbe in den einzelnen Epochen der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts festzustellen, so habe ich dabei die mancherlei Ursachen, den Einfluß der Gesetzgebung, die Rückwirkung der allgemeinen wirth- Die Umgestaltung von Produktion und Verkehr. schaftlichen Zustände auf das Handwerk da und dort berührt, aber ich habe es absichtlich vermieden, prinzipiell die Hauptfrage zu erörtern, nämlich die, welche von den verschiedenen Ursachen des Umschwungs die wichtigste sei. Darauf komme ich nunmehr. Die Antwort scheint einfach, jeder Laie hat sie auf der Zunge, sie ist in dieser bekannten Fassung von mir auch in den bisherigen Untersuchungen gleichsam als selbstverständlich vorausgesetzt. Die Fabrik, sagt man, hat das Handwerk verdrängt; die große Industrie siegt allerwärts über die kleine. Nur die großen Betriebe entsprechen den heutigen Anforderungen, können vor der stärkeren Konkurrenz der Gegenwart Stand halten. Es ist das bis auf einen gewissen Grad ja richtig. Aber der Satz ist zu allgemein, rückt zu verschiedene Dinge unter einen Gesichtswinkel, als daß man sich dabei befriedigen könnte. Fragen wir, woran man in erster Linie denkt, wenn man von der Großindustrie spricht. Man denkt an die Massenproduktion, an die größere Zahl von Arbeitern, die in einem Unternehmen, meist in denselben großen Gebäuden vereinigt sind, an die Arbeitstheilung, die mit der Zahl der Personen einer und derselben Unter- nehmung wächst. Man denkt vor Allem an die neuen Kraft- und Arbeitsmaschinen. Die Dampfmaschine und die Turbine arbeiten billi- ger als jede thierische und menschliche Arbeitskraft. Man hat berechnet, daß nach englischen Preisen die Arbeit von Pferden 10 mal, die von Menschen 90 mal, nach deutschen Preisen die von Pferden 2, 2 mal, die von Die Vortheile des Großbetriebs. Menschen 36 mal so theuer sei, als die der Dampf- maschine. Annalen der Landwirthschaft Bd. 38. S. 175. Mag die Berechnung ganz genau sein oder nicht, sie giebt der Phantasie ein Bild der Aenderung. Und wichtiger vielleicht noch als die technischen Fort- schritte in den Motoren sind die Fortschritte in den Arbeitsmaschinen, in den Spinn- und Webstühlen, in den Walzwerken und Dampfhämmern, in den Maschinen aller Art. Sie sparen an Arbeit und Stoff, sie voll- enden in Sekunden, zu was man früher Stunden und Tage brauchte. Mit ihnen kam in die technische Seite der Produktion jene wunderbare Ausnutzung aller Natur- kräfte, jene scharfsinnige Ueberlegtheit, welche — die großen Fortschritte der Wissenschaft benutzend — die Natur- und Menschenkraft zu komplizirten Gesammtlei- stungen auf die sinnreichste, kostensparendste Art verbindet. Außerdem aber denkt man, wenn man von der Großindustrie spricht, an die Verkehrsvortheile großer Geschäfte, an die Leichtigkeit, sich überall, auch in der Ferne, Absatz zu verschaffen, an die Vortheile sozialer und geschäftlicher Verbindungen. Je großartiger die Geschäfte sind, desto größer ist der Kredit, mit dem das große Kapital noch zu vergrößern, die großen Leistungen noch zu verdoppeln sind. Je größer die Geschäfte sind, desto leichter rentirt es, in der Presse und in der Oeffent- lichkeit für die Interessen der speziellen Industrie zu wirken, hochbesoldete Literaten in Dienst zu nehmen, die Regierung für das Gedeihen der Industrie zu interessiren. Schmoller , Geschichte d. Kleingewerbe. 11 Die Umgestaltung von Produktion und Verkehr. Ich will mich bei dieser Schilderung nicht aufhalten; sie ist schon oft Ich erinnere z. B. an Roscher, Ansichten der Volks- wirthschaft S. 117: „über Industrie im Großen und Kleinen;“ S. 173: „über die volkswirthschaftliche Bedeutung der Maschinen- industrie.“ Frédéric Passy, les machines et leur influence sur le développement de l’humanité. Paris. Hachette 1866. Michel Chevalier, die Weltindustrie, übers. von Horn. Stuttg. 1869. — Uebrigens ist es für den Nationalökonomen schwer, allen Fortschritten der Technik und des Maschinenwesens zu folgen und die hiernach sich bemessende größere Billigkeit und Leistungsfähig- keit der Industrie im Detail zu übersehen, da auch die spezifisch technischen Werke darüber oft nicht einmal Auskunft geben. Viel Gutes gerade nach technischer Seite enthält auch Viebahn’s Gewerbestatistik. von Meisterhand ausgeführt worden; ich könnte nur Bekanntes wiederholen. Es handelt sich hier nicht darum, diese Aenderung zu schildern, sondern konkreter die Frage zu stellen dahin, ob und in wie weit auch bei uns im Zollverein diese Richtung auf größere Betriebe sich geltend gemacht hat. Man wird es nicht leugnen können. Jede technische Besserung des Betriebs muß sich bei freier Konkurrenz auf die Dauer Geltung verschaffen, und es ist gut, daß sie es thut; denn jede technische Besserung ist ein wahrer Fortschritt der Kultur. Wir sehen auch deshalb den Großbetrieb unerbittlich bei uns wachsen. Das durch- schnittliche Anlagekapital jeder Spindel in der Baum- woll- und Flachsspinnerei nimmt ab, je größer die Spindelzahl ist; jährlich wächst die Durchschnittszahl der Spindeln einer Spinnerei; sie war in Preußen 1837 - 828, 1846 - 1126, 1858 - 2627, 1861 - 5783 Spindeln Der Fortschritt des Großbetriebs im Zollverein. in der Baumwollspinnerei. Die Etablissements steigen 1837 bis 55 von 152 auf 209, sinken 1858 auf 127, 1861 auf 69. Aehnlich geht es in vielen Branchen der Gewebeindustrie, besonders auch in den Hülfsgewerben, den Färbereien, Bleichen, Appreturanstalten. Für sie sind technische Kräfte ausgezeichneter Art ein Bedürfniß. Solche können nur in großen Etablissements angestellt, voll beschäftigt und bezahlt werden. Von immer größerer Wichtigkeit werden die Unter- nehmungen, welche uns die Brennstoffe und die Metalle liefern. Auch sie zeigen dieselbe Tendenz. Die kleinen Torfstiche rentiren kaum; immer mehr bilden sich große Anstalten, die den Torf als Brennmaterial, Leucht- material, als Düngemittel zu chemischen Zwecken in systematischer Weise ausnutzen. Zeitschrift des sächs. statistischen Bureaus II, S. 9 ff. Die Leistung jedes Ar- beiters in den Steinkohlenbauten der Ruhr war 1855 noch 700, 1864 986 Tonnen; die Zahl der Werke hat nicht zugenommen, aber ihre Größe. Mit ihr haben sich die technischen Einrichtungen, die Maschinen ver- bessert, und dadurch wird die größere Leistungsfähig- keit jedes Arbeiters erreicht. Hocker, die Großindustrie Rheinlands und Westfalens S. 217, verglichen mit 227—28. Die Jahresproduktion eines zollvereinsländischen Steinkohlenwerks war 1848 - 148344 Zentner, 1857 - 354694 Zentner. Viebahn II, 366. Aehnlich geht es mit allen Bergwerken. Die in Spekulations- zeiten in großer Zahl auftauchenden kleinen Gruben, 11 * Die Umgestaltung von Produktion und Verkehr. sagt die Zeitschrift des sächsischen statistischen Bureaus, VI. Jahrg. 1860. S. 79. verschwinden immer bald wieder, theils durch Konsoli- dation, theils durch Auflassung; aber die größern stärken sich und dehnen sich aus, so daß — mit Ausnahme des Kobaltbergbaues, welcher die frühere Höhe nicht wieder erreichen dürfte — sowohl nach Arbeiterzahl, als nach Produktion alle Hauptzweige des Bergbaues thatsächlich trotz der Verminderung der Grubenzahl im Steigen begriffen sind. Und nicht viel Anderes als von den Bergwerken wird von den Hütten- und Eisenwerken berichtet. Ein kleiner Hochofen nach dem andern wird ausgeblasen, nur die großen halten sich. Die Leistungs- fähigkeit der großen Eisengießereien und Maschinenfabriken wächst mit dem Umfang. Bei Krupp in Essen, erzählt ein Augenzeuge, sind zur Erzeugung des Gußstahl 240 Schmelzöfen in einer Gußhütte aufgestellt; beim Guß wirkt eine eigens dazu bestimmte gut eingeschulte Bri- gade von 800 Mann nach dem Kommando mit einer staunenswerthen Präzision zusammen, wobei bis auf die Sekunde jeder Handgriff, jede Leistung in den Zusammen- hang des Ganzen passen muß. Hocker, S. 373. Die kleinen Ziegeleien können nicht mehr konkur- riren mit den besser eingerichteten großen. „Ein Hof- mann’scher Ringofen veranlaßt manche Feldziegelei zum Eingehen.“ Die Steingutfabrikation und die Glasindustrie leiden unter der Holztheuerung; sie können nur durch ganz große, technisch vollendete Heizeinrichtungen und Die Großindustrie und das Handwerk. Uebergang zur Steinkohle billig genug produziren. Biebahn III, 866. Die Zahl der Branntweinbrennereien im Zollverein hat von 11225 im Jahre 1851 auf 7711 im Jahre 1865 abgenommen, die Produktion ist auf das Anderthalb- fache gestiegen. Von den Zuckerfabriken machen die großen die besten Geschäfte. Die alten kleinen Mahl- mühlen, welche für Kunden um Lohn arbeiten, ver- schwinden wenigstens in den Städten, große Dampf- mühlen, technisch vollendet eingerichtet, treten an die Stelle und sie arbeiten nicht mehr um Lohn; der Dampfmüller macht eigene Geschäfte, um zugleich alle Vortheile des Preiswechsels und der großen Spekula- tion auszunutzen. Zeitschrift des sächs. statistischen Bureaus II, 126. Die Zahl der sämmtlichen Dampf- maschinen nimmt nicht so zu, wie ihr Umfang; die Zahl derselben stieg im Königreich Sachsen von 1856 bis 1861 um 82 Prozent, die der Pferdekräfte um 119 Prozent. Daselbst VIII, 105. Ich habe diese zahlreichen Beispiele der immer groß- artiger sich entwickelnden Großindustrie absichtlich ange- führt, um dadurch von selbst den Einwand hervorzu- rufen, den ich machen muß; nämlich den, — was hat diese ganze Entwickelung mit dem Handwerk zu thun? Was schadet es dem Bäcker und Fleischer, dem Schuh- macher und Schneider, dem Tischler und Schlosser, wenn die Spinnereien und Färbereien, die Gruben und Hütten, Die Umgestaltung von Produktion und Verkehr. die Brennereien und Mühlen immer größer werden? Das ist eine Sache für sich. Dieser Einwand ist richtig; er zeigt uns wenigstens, daß die landläufige Phrase, die Großindustrie habe das Handwerk verdrängt, die Sache nicht erschöpft. Viele, man könnte sagen die meisten, Großindustrien berühren das Handwerk nicht direkt; sie beziehen sich auf neue Betriebe, auf solche, welche nie dem Handwerk ange- hörten; daß sie selbst in immer größere Etablissements sich konzentriren, kann dem Handwerk nicht schaden. Ihr Wachsthum muß im Gegentheil, wie das Wachsen der Verkehrsanstalten, der Eisenbahnen, der Posten, mehr Handwerker beschäftigen. Es gilt dieß freilich nicht von allen den heutigen großen Fabriken und Etablissements; die Spinnereien haben allerdings die professionsmäßigen Spinner ver- drängt; die ganze Gewebeindustrie ist heute noch mitten im Kampf zwischen Handwerk und Fabrik begriffen; ähnlich ein Theil der Metallindustrie und der Holz- waarenindustrie. Aber immer sind das nur einzelne bestimmte Ge- werbszweige, die so direkt mit den Fabriken zu kämpfen haben. Und doch sehen wir in der Gesammtheit der Kleingewerbe Aenderungen, deren Ursachen wir uns klar zu machen haben. Um diesen näher zu treten, müssen wir etwas weiter ausholen. Die tiefer liegende Ursache, die auch der Mechanik und Technik der Neuzeit erst die Möglichkeit einer allge- meinen Anwendung verschaffte, ist die Aenderung des Verkehrs, aller Verkehrsformen. Ich will nur an Die Verkehrsänderungen. einige Thatsachen und Jahreszahlen flüchtig erinnern. Zu vergleichen: Behm, die modernen Verkehrsmittel, 19tes Ergänzungsheft der Petermann’schen Mittheilungen. 1867. Die Verkehrsmittel auf der Weltausstellung zu Paris im Jahre 1867, offizieller östr. Ausstellungsbericht, 2te Lieferung. Perrot zur Geschichte des Verkehrswesens in Faucher’s Vierteljahrs- schrift XXI, 27 ff. XXII, 62 ff. Berlin 1867. Baxter, Railway Extension and its Results in dem Journal of the statistical society 1866, S. 549—595. Sie werden schlagend zeigen, in welch engem Zusammen- hang sie gerade auch mit der Geschichte der Klein- gewerbe stehen. Alle unsere heutigen Verkehrsmittel sind neuesten Datums, wenigstens ihre allgemeine Anwendung. Der englische Kanalbau nimmt erst seit 1755 eine größere Bedeutung an; Großbritannien hat 1824 schon 528 deutsche Meilen Kanäle; Altpreußen 1866 erst 94, 8 . Der englische und französische Straßenbau beginnt eben- falls erst in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts. In Preußen baut Friedrich der Große 1757 die erste Chaussee. Erst 1812 lernt Mac Adam Ueber die Wirkungen der Mac Adam’schen Chausseebau- methode bis in alle Einzelheiten des Dorflebens siehe die hübsche Skizze von J. G. Kohl „alte und neue Zeit im Dorfe Lehr- bach“ in der Vierteljahrsschrift für Volkswirthschaft VII, 1—7. die heute all- gemein übliche Methode des Chausseebaues in China kennen; erst gegen 1820 verbreitet sie sich in Europa, erst nun beginnt der größere Frachtverkehr mit schweren Lastwagen statt der kleinen Karren. Im Jahre 1816 existi- ren in Preußen 3694 Frachtfuhrleute mit 8440 Pferden, Die Umgestaltung von Produktion und Verkehr. im Jahre 1861 9642 mit 27464 Pferden. Straßen (Chausseen) zählte man in Preußen: Die Hauptthätigkeit im Chausseebau fällt erst in die Zeit von 1844—1861. Die ersten modernen Posten waren von Franz von Taxis zwischen Wien und Brüssel 1516 eingerichtet worden. In Brandenburg richtete der große Kurfürst eine Landespostanstalt ein, „weil zuvörderst dem Kauf- und Handelsmanne hoch und viel daran gelegen sei.“ Es waren Reitposten, später auch Postwagen, welche die Post von Berlin nach Königsberg in 4, von Amster- dam nach Königsberg in 12 Tagen brachten. Das war eine außergewöhnliche Schnelligkeit, die allgemeines Auf- sehen erregte. Den Personenverkehr übernahmen die Posten in England und Frankreich früher; in Deutsch- land mußte man im 18. Jahrhundert eigenes Fuhrwerk kaufen, Extrapost nehmen oder mit den konzessionirten Landkutschen fahren. Sie vermittelten den Personenver- kehr, aber entsetzlich langsam. „Von Dresden nach Berlin ging die Landkutsche alle 14 Tage, nach Alten- burg, Chemnitz, Freiberg, Zwickau ein Mal wöchent- lich; nach Bautzen und Görlitz war die Zahl der Pas- sagiere nicht so sicher, daß der Kutscher jede Woche an bestimmten Tagen abgehen konnte; nach Meißen gingen das grüne und rothe Marktschiff, jedes ein Mal wöchent- Das Postwesen. lich hin und zurück. Man reiste auch mit der besten Fuhre sehr langsam. Fünf Meilen der Tag, zwei Stunden die Meile, scheint der gewöhnliche Fortschritt gewesen zu sein. Eine Entfernung von 20 Meilen war zu Wagen nicht unter 3 Tagen zu durchmessen, in der Regel wurden 4 dazu gebraucht.“ In England hatte man für die Briefbeförderung schon länger die sogenannten Schnellposten. Der preußische Generalpostmeister von Nagler führt sie 1824 auf deutschem Boden ein. Es erregt große Bewunderung, daß der Post- wagen von Berlin nach Magdeburg, der vorher 2 Tage und eine Nacht gebraucht, nunmehr den Weg in 15 Stunden zurücklegt. Die Personenposten zum Verkehr von Personen, Briefen und Paketen zusammen datiren in Preußen erst von 1838. Landbriefträger gab es 1846 erst 571 in Preußen, 1856 schon 3868. Das Land- briefträger-Institut beförderte 1850 etwa 7⅘ Millionen Briefe, 1856 schon 15 Millionen. Vergl. darüber Jahrb. für die amtliche Statistik I, 516 ff. Schmidt, zur Geschichte der Briefportoreform in Deutschland in Hildebr. Jahrb. III, S. 1 ff. Die Briefportoreform ging von England aus; Row- land Hill setzt 1840 die einstufige Taxe durch; 1839 wurden in England 79, 1840 - 186, 1854 - 400, 1862 - 605, 1865 - 720 Millionen Briefe befördert. In Preußen konnte noch 1844 ein Brief bis 19 Sgr. kosten. Von Frankfurt a/M. bis Berlin kostete er 8 Sgr., von Frankfurt a/M. bis Danzig 15 Sgr. Im Jahre 1844 tritt die Ermäßigung auf höchstens 6 Sgr. Die Umgestaltung von Produktion und Verkehr. ein. Die Dresdener Postkonferenzen von 1847 — 48 und der Postvereinstag von 1851 bringen die dreistufige Brieftaxe, der norddeutsche Bund 1867 die einstufige. Die preußische Post beförderte 1840 - 36, 1854 - 90, 1861 - 140, 1862 - 148 Millionen Briefpostgegen- stände. Die Hauptentwickelung fällt wieder nach 1850. Die erste regelmäßige Dampfschiffahrt zwischen Amerika und England wird 1838 eingerichtet; 1848 besaß England 1100, 1866 3165 Dampfer; die norddeutsche Handelsflotte zählt 1866 erst 249 Dampfer. Die großen regelmäßigen Dampferlinien des Weltver- kehrs sind meist erst in den letzten Jahren eingerichtet worden. Die erste Eisenbahn wurde 1825 von Darlington nach Stockton, mehr nur für den Kohlenverkehr eröffnet. Die erste wichtige Eisenbahn war die 1830 zwischen Manchester und Liverpool vollendete. Das preußische Eisenbahngesetz stammt von 1838; erst im Jahre 1842 Bluntschli, Staatswörterbuch Art. Eisenbahnen III, 379. kam dadurch Leben in die Sache, daß die Regierung Zinsengarantien übernahm; im Jahre 1847 entschloß sie sich selbst Hand ans Werk zu legen. Im Jahre 1840 existirten in Preußen 17 Meilen Bahn, 1845 - 138, 1850-356, 1855-467, 1860-713, 1866-874 Mei- len. Eine Meile Bahn kommt 1866 in Preußen auf 5, 8 □ Meilen, in Frankreich auf 5, 2 , in Großbritannien und Irland auf 2, 0 , in Belgien auf 1, 5 . Jahrbuch für die amtl. Statistik I, 607 — 9 u. preuß. Handelsarchiv 1867. II, 710. Die Eisenbahnen und Telegraphen. Die Telegraphenlinien sind noch jünger. Die Telegraphie wurde 1840 zuerst an englischen Bahnen angewandt. Erst 1843 ließ die Direktion der rheini- schen Eisenbahn bei Aachen die erste kurze Leitung aus- führen. Der deutsch-österreichische Telegraphenverein hat 1856 Linien von 2317, 1865 von 5623 Meilen Länge im Betrieb. Die Anzahl Jahrbuch für die amtliche Statistik I, 537. der in ganz Preußen beför- derten Depeschen betrug: Handelsarchiv 1867 I, 574. Damit im Einklang steht die Welthandelsentwicke- lung, die ganz ähnlich in allen europäischen Staaten erst etwa von 1850 an ihren großen Aufschwung nimmt. Ich belege diese Thatsache nur mit einigen englischen, Baxter a. a. O. S. 564. französischen Daselbst S. 575. und deutschen Hamburgs Schiffahrt und Handel 1867, offizielle tabella- rische Uebersichten. Zahlen. Die Umgestaltung von Produktion und Verkehr. Aber nicht bloß auf die großen Welthandelsstraßen muß man blicken, wenn man das heutige Wachsen des Verkehrs ermessen will; eben so sehr muß man sich erinnern, daß auch der bedeutende lokale Verkehr, die meisten Vicinalwege, die Landpoststellen, die Landfahr- gelegenheiten, die Droschken und Omnibusse in den Städten erst Kinder der letzten Jahre und Jahrzehnte sind. Das Institut der Fiaker entstand 1630 in Paris. In Berlin Dieterici jr., geschichtliche und statistische Mittheilungen über das öffentliche Fuhrwesen in Berlin, Zeitschrift des stat. Bür. V. S. 155—164, 179—189. Bruch, der Straßen- verkehr in Berlin im Berliner Gemeindekalender für 1868, S. 65—121. wurden 1739 durch Friedrich Wilhelm I. 15 Fiaker eingerichtet, die regelmäßig auf einigen der größeren Plätze bereit stehen sollten. Im Jahre 1780 Der Welthandel und der städtische Verkehr. gab es deren 20. Erst 1815 wurde das Berliner Droschkenwesen ordentlich polizeilich geregelt. Im Jahre 1836 existirten etwa 300 bis 400 einspännige Droschken, 1848-839, 1860-999, 1865 dagegen schon 2077. Die Omnibusse für den städtischen Verkehr kommen in Paris und London in den zwanziger Jahren auf. In Berlin werden sie 1846 eingeführt; es sind 1848 erst 19 Wagen, 1855-43, 1860-47, 1862-110, 1864 dagegen schon 393, die diesem wichtigen Verkehrszwecke dienen. Noch neuer sind die Straßeneisenbahnen; in Berlin existirt erst seit wenigen Jahren die einzige Berlin- Charlottenburger Linie, während hauptsächlich in Ame- rika es deren in allen großen Städten seit 10 — 15 Jahren giebt, und sie dort einen Hauptfaktor des enormen Anwachsens der Städte bilden. Wiß, das Gesetz der Bevölkerung und die Eisenbahnen. Berlin, Herbig 1867. S. 55. Der Höhepunkt städti- schen Verkehrs wird freilich erst erreicht durch die Stadteisenbahnen mit Dampfbetrieb, wie sie vollständig wohl erst in London organisirt sind. Der Metro- politan Railway Passy, les machines S. 35. transportirt jährlich 111 Millionen Personen. Jeder soll dabei nur eine Stunde Arbeitszeit gewinnen, so giebt das in dem einen Jahr ein Plus von Arbeitszeit für die Londoner Bevölkerung von 111 Millionen Stunden oder, wenn man das Jahr zu 300 Arbeitstagen und den Tag zu 10 Arbeitsstunden rechnet, von 38000 Jahren. Nicht um statistische Notizen zu häufen, habe ich alle diese Zahlen mitgetheilt, sondern um durch sie Die Umgestaltung von Produktion und Verkehr. Maß und Zeit der großen Aenderungen einigermaßen festzustellen, um durch sie zu erklären, warum die Krisis der Handwerker in den vierziger Jahren beginnt, um durch sie anschaulich zu machen, daß wir, in Deutschland wenigstens, nur einen Theil der ganzen Umwälzung hinter uns haben. Die frühere Zeit, der die Verkehrsmittel fehlten, mußte alle gewerbliche Thätigkeit lokalisiren. Produktion im eigenen Hause, im eigenen Dorfe, in der eigenen Stadt, wenigstens im eigenen Kreise, das war die Folge davon, daß man Anderes nicht gesehen, nicht kennen gelernt, daß man es, selbst wenn man es kannte, nur schwer beziehen konnte. Der persönliche Reiseverkehr, der Brief- und Zeitungsverkehr, der uns jetzt leicht und schnell Nachricht und Kenntniß des Vollkommenern überall her bringt, ist ebenso wichtig für die Aenderung aller Produktions- und Konsumtionsverhältnisse, wie der sachliche Verkehr, der uns die Waaren selbst bringt. Alle größere, alle spezialisirte Produktion, alle weiter gehende Arbeitstheilung ist erst mit diesem Ver- kehr möglich geworden. Die Art der Produktion, wie sie früher nur für wenige leicht transportable Luxus- gegenstände üblich war, ist jetzt erst auf die Masse, auf die Mehrzahl der gewöhnlichen Waaren anwendbar. Deshalb hat dieser neue Verkehr das Größte wie das Kleinste geändert. Ueberall und in allen Beziehungen hat er die Fäden des wirthschaftlichen Lebens ausein- andergezogen, künstlicher und komplizirter geknüpft, er hat geschäftlich und lokal — dem Wohnorte nach — die Menschen anders gruppirt, er hat den Handel wie die Die Folgen der Verkehrsänderungen. Produktion, die Anschauungen und Bedürfnisse der Menschen, wie ihre Sitten und Lebensgewohnheiten umgestaltet. Durch diesen Verkehr vor Allem ist es anders geworden in der Welt, seit der Großvater die Großmutter nahm, ist es anders geworden in Haus und Hof, am Familientisch wie in der Gesindestube, auf dem Jahr- und Wochenmarkt wie im Laden des Städtchens, auf den großen Börsen wie auf den rie- sigen Stapelplätzen, wo zwei Welten ihre Schätze tauschen. Die totale Aenderung der Verkehrsverhältnisse und die hieraus folgende Revolution in der ganzen Pro- duktion und in der lokalen und geschäftlichen Gruppirung der Menschen hat auch die Unzufriedenheit mit der früher bestehenden Gewerbe- und Niederlassungsgesetzgebung erst so gesteigert, daß sie mit Recht Beachtung verlangte. Solange die Zustände sich nicht wesentlich änderten, die großen und kleinen Städte, Städte und plattes Land in denselben Verhältnissen blieben, da war zwischen Gewerbe- freiheit und einem Zunft- und Konzessionssystem, das liberal gehandhabt wurde, kein so großer Unterschied. Als aber alles in Fluß kam, als alle Zustände andere wurden, als die Technik, die Arbeitstheilung, die Ge- schäftsorganisation total andere wurden, ohne daß die Bureaukratie oder irgend Jemand anders die Tragweite der nothwendigen Aenderungen und Uebersiedlungen auch nur entfernt ermessen konnte, da erst hörte jede Mög- lichkeit, ein staatliches Zunft- und Konzessionswesen, einen in alter Weise polizeilich kontrolirten Detail- und Hausirhandel der realen Umbildung entsprechend zu leiten, Die Umgestaltung von Produktion und Verkehr. auf. Da mußte man freien Spielraum geben, wenn man auch manchen Mißständen, manchem modernen Schwindel dadurch ebenfalls freie Bahn gab. Durch eine bureaukratische Leitung schadete man zu viel, hemmte man die nothwendige, den Wohlstand im Ganzen jeden- falls außerordentlich befördernde gewerbliche und Verkehrs- revolution zu sehr. Bleiben wir zunächst beim Kleinsten und Größten, bei der Umbildung der Familienwirthschaft und der veränderten lokalen Vertheilung der ganzen Bevölkerung stehen. Wenn ich davon spreche, was in der Familie seit drei Generationen anders geworden ist, so bleibe ich nicht dabei stehen, was der Verkehr geändert hat. Es ist mir gleichgültig, ob der sich ändernde Verkehr die erste, die Umbildung der Produktion die zweite Ursache ist; ich kann nicht genau ausscheiden, wie viel auf die erwähnten Ursachen, wie viel auf Rechnung des größern Wohlstandes und Kapitalbesitzes kommt. Wesentlich ist mir ja nur, zusammenfassend zu zeigen, wie alle diese Ursachen in Verbindung mit der ganzen Lebensrichtung der neuen Zeit dem wirthschaftlichen Leben der Familie und damit dem Handwerke eine andere Stellung gegeben haben. Roscher erzählt nach Eden, daß noch zu Ende des vorigen Jahrhunderts der Bauer in Hochschottland Weber, Walker, Färber, Gerber, Schuster in eigener Person war; es galt noch das alte Wort „ every man Jack of all trades. “ Das ist theilweise bei uns noch so in den rein agrarischen Gegenden. Noch 1861 kommen in Die frühere Wirthschaft der Familie. der Provinz Preußen auf 765 gewerbsmäßige Linnen- webstühle 114550, die in den Bauerhäusern stehen und dort wesentlich mit für den eigenen Bedarf arbeiten. Hoffmann berichtet 1837, daß die Landbevölkerung Preußens meist das selbstgewebte sogenannte Wand, ein tuchartiges starkes wollenes Gewebe, zu Oberröcken und Mänteln trägt. Noch schlachtet in vielen Gegenden der Bauer zu Anfang des Winters seine Kuh und ein oder zwei Schweine für den Winter, von dem eigenen Backen des Brotes gar nicht zu reden. Noch soll in Oberbaiern in manchen Dörfern, wenn ein Haus gebaut wird, die ganze Gemeinde zusammen helfen. „Am mittleren Inn“ — heißt es in der Bavaria I, erste Abtheilung S. 283. — „besteht noch die Sitte, daß die Bauern mit ihren Leuten unter Beihilfe weniger Handwerker die Häuser selbst bauen; sogar die Ziegel zu den Mauern werden nicht selten von den Landleuten selbst bereitet; alle Arbeiten der Handwerker, selbst der Tischler und Maler, werden auf der sogenannten „Stör“ besorgt; der Bauherr liefert die Rohstoffe, beköstigt die Arbeiter und zahlt gewöhnlich noch einen Tagelohn.“ Noch ist es der Polizei nicht ganz gelungen, die Spinn- stuben Oberbaierns zu schließen, wo die Frauen und Mädchen spinnen, die Burschen Späne schneiden und allerhand Schnitzwerk fertigen. So wie es auf dem Lande noch heute zugeht, so und ähnlich ging es im städtischen Bürger- oder Beamten- hause noch vor 60, noch vor 30 Jahren zu. Wessen Erinnerung zurückreicht in das großelterliche Haus, das Schmoller; Geschichte d. Kleingewerbe. 12 Die Umgestaltung von Produktion und Verkehr. noch vor dem Anfang dieses Jahrhunderts begründet wurde, der kann sich eine Vorstellung davon machen, was wir meinen. Wem diese Erinnerung fehlt, der möge einen Blick in Kießelbach’s reizende Skizze über die „drei Generationen“ Deutsche Vierteljahrsschrift 1860. 3 tes Heft S. 1 — 57. werfen. Ich will nur mit einigen Worten an jene Zeit erinnern. Die Spindel war noch immer das Symbol der Hausfrau; selbstgesponnenes Linnen zu tragen, war Ehre und Stolz; eine heilsame Sitte war es, daß in allen Kreisen die Jungfrau nicht für eigentlich berechtigt galt zur Ehe zu schreiten, ehe sie die Aussteuer aus selbstgesponnenerLeinwand beschaffen konnte. Dem Weber des Hauses wurde das Garn überliefert, er hatte die Leinwand zu fertigen; für die Bleiche sorgte wieder die Hausfrau. Aber nicht nur an Leinwand, auch an Tuch, selbst an Leder hielt man eigene, sorgfältig bereitete oder gewählte Vorräthe; die Schränke mußten wohlgefüllt sein. Das Weißzeug, die Kleider, die Beschuhung selbst wurden im Hause gefertigt; der Schneider, der Schuster kam dazu als technischer Gehülfe. Auch Polsterwaaren und Betten entstanden in ähn- licher Weise. Von selbst geschlachtetem Geflügel wurden die Federn durch eine Schaar eigens sich hiezu ver- miethender Weiber ausgelesen; das Roßhaar wurde sorg- fältig gereinigt; der Polsterarbeiter mehr als jeder andere mußte unter dem Auge der Hausfrau arbeiten, damit die Füllung der Bettstücke, der Matratzen, der Sophas sicher mit dem gewählten Material und in der gewünschten Die frühere Wirthschaft der Familie. Menge erfolgte. Bei Gründung der Haushaltung, wie bei Erweiterungen derselben wurde der Tischler beauftragt, diese bestimmten Stühle und Tische, Bettstellen und Schränke nach Maß und Vorschrift zu fertigen. Alljähr- lich erschien er wenigstens einmal bei der großen min- destens eine Woche dauernden Reinigung, um zu helfen, auszubessern, aufzupoliren. Dieser Reinigungszeit ähnlich an Unruhe und Mühsal war die große Wäsche, die alle zwei oder drei Monate gehalten wurde, welche wieder verschiedene Ge- werbe beschäftigte, von dem Kübler oder Böttcher, der die Gefäße herrichtete, und den Waschfrauen, die am ersten Tag Morgens um 2 oder 3 Uhr in hellen Haufen vor das Haus rückten, bis zu den Plättfrauen, die am letzten Tag die häusliche Ruhestörung abschlossen. Wichtiger als All das war die Thätigkeit für Küche und Keller. Das Gemüse, das Obst zog man möglichst im eigenen Garten; man hatte seinen Gärtner, der an bestimmten Tagen erschien, wie seinen Rebmann oder Weingärtner, der den eigenen Weinberg bestellte, die Rebengelände am Hause aufband. Das Holz wurde in großen Klaftern gekauft; eine Reihe von Tagen arbeitete der Holzspalter mit seinen Jungen und Gehülfen im Hause. Die Hauptsorge der Hausfrau aber bezog sich auf die Wintervorräthe, die man theils selbst produ- zirte, theils einkaufte; bis Alles in Ordnung war, hatten aber mancherlei Handwerker dabei zu thun. Zum Ein- schneiden und Einlegen des Sauerkrauts kann eine beson- dere Frau mit ihrer Maschine, den selbstgekauften Weizen oder Roggen ließ man in der Mühle mahlen, das 12 * Die Umgestaltung von Produktion und Verkehr. Brot wurde selbst gefertigt; wenn man keinen eigenen Backofen hatte, wurden die Laibe in den Gemeinde- backofen oder in den Ofen des Bäckers gebracht und da fertig gebacken. Die Sorge für den Keller und seine Weinschätze, die Sorge für Instandhaltung der zahl- reichen Fässer, die Beobachtung der Gährung des neuen Weins, die Nachfüllung der Fässer, in denen der alte Wein sich befand, das war dem Küfer anvertraut, der jede Woche einmal kam, die Kellerschlüssel erhielt und ein paar Stunden sich im Keller zu thun machte. Der Hauptfesttag aber war der des Schlachtens. Der Flei- scher mit seinen Gesellen hatte ein oder mehrere Tage zu thun, bis die einzelnen Stücke in der richtig kompo- nirten Salzlauge lagen, bis die Würste dutzend- und hundertweise im Rauche hingen. Kam endlich noch Landwirthschaft hinzu, hielt man Pferde, dann wurde auch der Sattler, der Stellmacher oder Wagner, der Schmied in ähnlicher Weise beschäftigt. Sie kamen ins Haus, zu bestimmten Zeiten oder herbei- gerufen, erhielten einen bestimmten Tage- oder Stücklohn, theilweise Aversalsummen fürs ganze Jahr, daneben meist auch Kost, Brot, jedenfalls einen Trunk Wein, Bier oder wenigstens Apfelmost. Das Handwerkszeug und einige Hülfsstoffe hatte der Meister zu liefern, sonst brauchte er für diese Art der Geschäfte kaum Vorräthe an Rohstoffen zu halten, noch weniger an fertigen Waaren. Er hatte daneben wohl auch Vorräthe und Waaren zum Verkauf, aber selten in ausgedehntem Maße; dazu fehlte der sichere Absatz, wie das Kapital. Die Hausfrau mußte also die Vorräthe Die heutige Wirthschaft der Familie. halten. Waaren im Vorrath zu arbeiten, Möbel, Ge- räthschaften, Kleider, Schuhe auf Lager zu halten, war auch deswegen nicht so leicht wie heute, weil mit dem mangelnden Verkehr die individuelle Liebhaberei, die Eigenart jedes Individuums mehr im Vordergrund stand, weil entsprechend dem geringern Wohlstand die Kaufenden oder Bestellenden damals viel mehr als heute ausschließ- lich der Klasse angehörten, die das nicht besitzen will, was tausend Andere in gleicher Form haben. Heute ist das Alles, beinahe Alles anders geworden in jeder halbwegs modernisirten Stadt. Vorräthe hält man nicht mehr, — Handlungen aller Art sind ja in der Nähe, die Jahr aus Jahr ein bieten, was man braucht. Man kauft fertige Hemden, fertige Kleider und Schuhe, fertige Möbel, auf Flaschen abgezogenen Wein; Brot und Fleisch wird ins Haus gebracht, theilweise gar das Essen; die amerikanische Sitte, welche auch für ganze Familien das Leben im Boardinghause, im Gast- hofe gestattet, beginnt auch bei uns Nachahmer, Ver- theidiger zu finden. In großen Etablissements läßt man waschen. Man hat in den größern Städten weder zum Halten der früheren Vorräthe, noch zur Vornahme aller jener früheren Verrichtungen die Räume. Der Laudator temporis acti sieht nur mit Weh- muth diese Aenderungen. Und es ist wahr, daß in der Art und Weise, wie früher die Wirthschaft einer Familie geführt wurde, viele Motive und Veranlassungen zu einem geordneten Leben lagen. Vorsicht und Sparsamkeit vor der Ehe, Umsicht und Fleiß, haushälterischer Sinn und angestrengte Thätigkeit in der Ehe hingen damit Die Umgestaltung von Produktion und Verkehr. zusammen. Aber sollten diese moralischen Eigenschaften so ausschließlich mit einer einzigen Art äußerlichen Wirth- schaftens verknüpft sein? Sollten die Menschen nothwen- dig wichtige Eigenschaften verlieren, wenn einige äußere Veranlassungen zu Fleiß und Sparsamkeit nicht sowohl ganz wegfallen, als andere Form gewinnen. Die Aende- rungen sind Folgen wahrer technischer Fortschritte, und somit muß man sich ihrer bedienen; immer muß es möglich bleiben, auch mit der neuen Art des Wirth- schaftens das Leben so zu gestalten, daß die alten wirth- schaftlichen Tugenden dieselben bleiben. Und das wird selbst der eifrigste Freund des Alten zugestehen, daß in den höhern Kreisen die Tugenden des Fleißes, der Thätigkeit nicht verschwunden sind, daß sie nur eine andere Richtung erhalten haben. Es wurde früher für geringen Effekt viel geistige und körperliche Arbeitskraft mit viel Geräusch und viel Unruhe ver- schwendet. Die Arbeitskraft der helfenden kleinen Meister war nicht ausgenutzt; mit Laufereien, mit Warten und Herumschlendern wurde viel Zeit versäumt. Die Leistun- gen nach technischer Seite konnten nur unvollkommen sein. Eine bessere Zeiteintheilung und Arbeitstheilung gibt jetzt bessere Leistungen und Produkte mit geringerem Aufwand. Das Familienleben hat an Ruhe und an Möglichkeit geistiger und gemüthlicher Vertiefung gewonnen. Weniger freilich wird man das von den untern Klassen sagen können. Da hat die Leichtigkeit, Alles fertig im Laden zu kaufen, statt es durch die Thätigkeit der Hausfrau entstehen zu lassen, bis jetzt moralisch eher ungünstig gewirkt. Indolenz, Unlust zu weiblichen Ar- Vergleich der alten und neuen Zeit. beiten, selbst Ungeschicklichkeit zu backen und zu kochen einerseits, Frauenarbeit außer dem Hause andererseits sind zusammenhängende traurige Beigaben der neuen Entwicklung. Aber auch hier sind diese Folgen keine nothwendigen; überdies ist gerade in diesen Kreisen, besonders auf dem Lande, die alte Art der Wirthschafts- führung noch überwiegend und wird es noch lange bleiben. Aber ich vergesse, daß ich hier nicht von den moralischen Folgen dieser Aenderung für das Familien- leben, sondern von den Folgen für den Handwerkerstand zu sprechen habe. Der Handwerker war früher ein technischer Arbeiter, thätig für eine Anzahl ihm persönlich nahe stehender Familien. Jetzt dagegen tritt das Ver- kaufen fertiger Waaren immer mehr in Vordergrund; der Handwerker muß die Stoffe einkaufen, Lager halten, mit Borräthen spekuliren; dazu gehört Kapital, kauf- männische Bildung, eine höhere soziale Stellung. Eine viel kleinere Zahl größerer Geschäfte wird übernehmen, was früher eine größere Zahl einzelner technischer Ar- beiter d. h. kleiner Meister mit den Hausfrauen zusammen besorgte. Ich werde davon im folgenden Abschnitt noch weiter zu sprechen haben; vorher ist es nöthig, noch von der wichtigsten Vorbedingung der ganzen Umwandlung zu sprechen. All das Erwähnte vollzieht sich hauptsächlich in den großen Städten. Die veränderte Vertheilung der Bevölkerung ist mit die wichtigste Folge der neuen Ver- kehrsmittel. Am klarsten hat man die Wirkung der Eisenbahnen auf die Bevölkerungsvertheilung in den Vereinigten Die Umgestaltung von Produktion und Verkehr. Staaten von Nordamerika vor sich, und zwar deswegen klarer als irgend wo anders, weil hier die ganze Kultur erst mit den Eisenbahnen entsteht. Keine zahlreichen Dörfer und Marktflecken, keine kleinen überall zerstreuten Städte, sondern einzelne Farmen und Riesenstädte, in denen sich Handel und Industrie konzentriren, die in wenigen Jahren um Hunderttausende zunehmen, das ist das Bild, das sich uns dort bietet. Vergl. hauptsächlich Wiß, das Gesetz der Bevölkerung und die Eisenbahnen, eine volkswirthschaftliche und statistische Untersuchung geführt auf dem Terrain der Vereinigten Staaten von Nordamerika. Das riesige Anwachsen der Städte spiegelt sich am sichersten in den Boden- und Miethpreisen. „Eine Wohnung, welche in Leipzig, Dresden oder Berlin 100 Thaler kosten würde, kostet in den bessern Theilen von Newyork und Boston 5—800 Thlr. jährlich.“ Douai, Land und Leute in der Union. Berlin, Janke 1864. S. 224. Auch der Ackerboden steht in der Nähe dieser Riesenstädte ja höher im Preise als in Europa. Pflaume, Einleitung zur Kenntniß der nordamerikani- schen Landwirthschaft. Leipzig, Wigand 1866. S. 57. Im alten Europa ist die Wirkung langsamer; die bestehenden Verhältnisse stammen aus einer andern Zeit, und sie bleiben zunächst maßgebend. Wo der kleine Besitz vorherrscht, da existiren seit dem Mittelalter die großen Dörfer, die kleinen Landstädte. Bis zur Zeit der Eisenbahnen hat der steigende Verkehr in der Form der Posten und der Frachtfuhrwagen diese kleinen Ver- Die Vertheilung der Bevölkerung in alter Zeit. kehrsmittelpunkte noch begünstigt. Die Klagen aus dem vorigen Jahrhundert über den Verfall der Landstädte sind mehr auf die allgemeinen Ursachen gewerblichen Still- stands zurückzuführen; theilweise sind sie nur Ausdrücke egoistischer Unzufriedenheit darüber, daß aufgeklärte Regierungen einige Handwerker mehr auf dem Lande zulassen; theilweise beruhen sie auf einem Irrthum. Sie beziehen sich auf Orte, die niemals größer waren, Orte, welche erst in der Zeit des kleinstaatlichen Despotismus — der Märkte und der unbeschränkten Aufnahme von Gewerbtreibenden wegen — die Verleihung des Stadt- rechts an sie durchsetzten, und die nun gegenüber städtischen Begriffen und Ansprüchen doch zu klein waren. Ein Rückgang der kleinen Städte als solcher ist sicher im vorigen Jahrhundert nicht eingetreten. Die kleinen Territorien Deutschlands beförderten ebenfalls eine gleich- mäßige Vertheilung der Bevölkerung; da war eine kleine Residenz, dort eine Universität, da war Garnison, dort eine Kriegs- und Domänenkammer, ein Oberlandes- gericht. Diese bestehenden Verhältnisse ändern sich nur schwer und langsam, aber immer sind schon wesentliche Umbil- dungen eingetreten. Die volkswirthschaftlichen Aenderun- gen machen sich nach und nach unerbittlich geltend. In Bezug auf die gewerbliche Entwicklung möchte ich vor Allem an die Resultate von Roscher’s Untersuchung über den Standort der Industriezweige erinnern. Deutsche Vierteljahrs-Schrift 1865, Heft 2. S. 139—201. Er führt aus, wie im Mittelalter, überhaupt in Zeiten geringen Die Umgestaltung von Produktion und Verkehr. Verkehrs, in Zeiten, in welchen beinahe nur die Luxus- industrien stärker sich entwickeln, die Gewerbe den Markt- mittelpunkt aufsuchen, da produziren, wo sie auch gleich verkaufen können. Mit der Zeit, so zeigt er weiter, wird das anders. Der Verkehr hat sich gehoben, der Waarentransport ist schon leichter; in den Hauptstädten ist das Leben und der Boden schon sehr theuer geworden; die Massenindustrien fangen an sich zu entwickeln, sie bedürfen der schweren Rohstoffe, der Erze, der Kohlen, sowie der zahlreichen Arbeiter. Die Industrie decentralisirt sich, sie zieht dem Ursprungsort der Rohstoffe, sie zieht der Wasserkraft, dem billigen Arbeitslohn nach. Erst mit der Vollendung der Eisenbahnen wird das wieder anders. Die Lebensmittel können nun viel leichter aus weiter Ferne zur Stadt geführt werden. Das Wachsen ist möglich ohne Steigerung der Lebensmittelpreise und der Löhne; und nicht nur Fleisch und Getreide, auch Kohlen, Eisen, Wolle, Baumwolle können jetzt billig Hunderte von Meilen weit her bezogen werden. Der billige und leichte Kredit in den Städten, die Leichtigkeit des Absatzes, die mannigfaltige Förderung durch persön- liche Berührung und persönliche Bekanntschaft, die Hülfe ineinander greifender Industrien, die größere Möglichkeit, Abfälle zu verwerthen, die technischen und künstlerischen Bildungsmittel der Großstädte werden jetzt das Ent- scheidende. Und wie die Industrie, so konzentrirt sich auch der Handel; ein Mittelglied nach dem andern fällt aus, weil der Verkehr so viel leichter geworden ist. Der Getreidehandel von Posen und Breslau geht jetzt direkt Die Anziehungskraft der Städte. an den Rhein; er braucht die vermittelnden Handels- häuser in Mitteldeutschland nicht mehr. Der große Holz- handel von Süddeutschland nach Holland ging früher durch mehrere Hände; der Holzhändler auf dem Schwarz- wald, in Heilbronn, in Mannheim verkaufte an den Kölner, der Kölner an den Holländer; jetzt kauft der Commis voyageur des Holländers direkt in den Wäldern bei den Auktionen. Der Kolonialwaarenhandel hat sich wesentlich umgebildet; der kleinste Krämer fängt an, direkt von dem Antwerpener und Hamburger Großhändler zu kaufen, um die Spesen zweiter und dritter Hand zu ersparen. Westfälische Hütten lassen die Provinz Preu- ßen bereisen und führen selbst die kleinsten Aufträge direkt aus. Jahresberichte der Handelskammern des preuß. Staates für 1865. Beilage des Handelsarchivs S. 102. Die großen Plätze nehmen zu, die kleinen ab. Auf den großen Plätzen ist jeder Käufer sicher, durch keine Zufälligkeiten getrübte, durch lebendige Kon- kurrenz festgestellte Stapelpreise zu erhalten; der Bezug von den großen Plätzen wird durch die billigen Frachten auf weite Entfernungen erleichtert. Und das sind noch nicht die einzigen Ursachen, welche heute immer größere Menschenmengen nach den großen Städten ziehen. Soziale und sittliche, resp. unsittliche Motive aller Art wirken da mit; Bildungs- und Erzie- hungsinteressen, die Anziehung, welche die geistig hoch- gespannte Atmosphäre jeder Großstadt übt, das Interesse am Mittelpunkt von Politik und Literatur zu sein, dann wieder die Aussicht auf erlaubte und unerlaubte Genüsse Die Umgestaltung von Produktion und Verkehr. aller Art, die Eitelkeit, welche dem Gesellen und Bauer- jungen, der in der Großstadt diente, die Bedientenlivree mit ihren Reizen verführerischer macht, als eine selbstän- dige Stellung auf dem Lande, — auch die Hoffnung auf eine bessere Armenverpflegung, hauptsächlich aber der Gedanke zahlloser halb und ganz verlorener Existenzen, dort in dem großen Getriebe irgend eine Chance zu finden, ehrlich oder mit Betrug und Schwindel in dem wechselvollen Hazardspiel des großstädtischen Lebens einen Treffer zu ziehen, — all das wirkt zusammen. Wie einfache Zeiten einen Abscheu vor den engen Mauern der Stadt haben, so stürzen sich hoch- und überkultivirte in den Strudel des städtischen Lebens. Im spätern römischen Reich war das platte Land verödet, Alles wollte an den Genüssen der Städte theilnehmen. Ich brauche diese allgemeine Richtung unserer Zeit nicht weiter zu schildern; sie ist Jedem bekannt; es handelt sich hier vielmehr wieder, wie bei den obigen Fragen darum, festzustellen, wie weit sie bei uns in Deutschland und speziell in Preußen bis jetzt sich durch- gesetzt hat, in wie weit ihr andere Thatsachen, die ein- mal decentralisirte Industrie, die bestehende Bodenver- theilung, die Anhänglichkeit an die engere und engste Heimat und manches Andere bis jetzt das Gleichgewicht gehalten haben. Zu vergl. Dieterici, statist. Unters. der Bevölkerung der Städte der Kurmark Brandenburg von 1736—1846, Mit- theilungen II, 265—277; Dieterici, über die Anzahl und Dichtigkeit der Bevölkerung von Frankreich, England und Preußen m Allgemeinen und nach den einzelnen Landestheilen, sowie über Städtische und ländliche Bevölkerung. Berechnet man zunächst die ganze städtische und die ganze ländliche Bevölkerung verschiedener Staaten nach den Ausweisen der amtlichen Statistik, so ist der Begriff der „städtischen Bevölkerung“ ja nicht überall und nicht jederzeit gleich, aber ungefähr lassen sich die Zahlen doch vergleichen, wie es auch Wappäus, dessen Resultate ich anführe, gethan hat. In Preußen zählen bekannt- lich bei den statistischen Aufnahmen diejenigen Orte als Städte, denen dieses Prädikat nach dem bestehenden Ver- waltungsrecht zukömmt. Es waren schon 1816-935 Orte, 1861 sind es gerade 1000, von welchen etwa ¾ über 1500, nur wenige unter 600 Einwohner haben. Die Ausdehnung der Bezeichnung „Stadt“ auf eine Anzahl früher nicht so bezeichneter Orte ist von keiner so großen Bedeutung, daß nicht zeitlich die verschiedenen Zahlen verglichen werden könnten. Die städtische Bevölkerung betrug nach Wappäus in den beigefügten Jahren folgende Prozente der Gesammt- bevölkerung: die Vermehrung ihrer Bevölkerung in den letzten Jahrzehnten, Mittheilungen VI, 142—205. Dieterici, über die Zunahme der Bevölkerung im preuß. Staate in Bezug auf die Vertheilung derselben nach Stadt und Land, aus den Abhandlungen der Aka- demie von 1857. Horn, bevölkerungswissenschaftliche Studien aus Belgien 1854, S. 47—61; Wappäus, allg. Bevölkerungs- statistik 1861. II, 476—546. Viebahn, Statistik des Zollver- eins II, 138—164. Schwabe, Statistik des preußischen Städte- wesens, in Hildebrand’s Jahrbüchern, VII, S. 1—32. Die Umgestaltung von Produktion und Verkehr. Von den englischen Zuständen ist man auf dem Kontinent noch sehr weit entfernt. In einzelnen kleineren Distrikten freilich zeigen sich schon andere Verhältnisse. Es beträgt die städtische Bevölkerung: Mittheilungen VI, 174. In den andern Regierungsbezirken schwankt sie zwischen 9, 8 (Gumbinnen) und 31, 5 % (Erfurt). Ist so zunächst gegenüber andern Ländern die An- häufung der Bevölkerung in den Städten immer noch eine mäßige, so kommt die weitere Frage: ist das ein stabiler Zustand, oder beginnen auch bei uns die Ver- hältnisse sich zu ändern? Horn Bevölkerungswissenschaftliche Studien aus Belgien. S. 25. sucht zu zeigen, daß man die Zunahme der städtischen Bevölkerung in Preußen sehr übertreibe; er sagt, in den 19 Jahren von 1831 — 49 habe in Preu- ßen diese städtische Bevölkerung nur zugenommen von 27, 4 % auf 28, 3 %; das sei keine wesentliche Aende- rung. Die hiervon etwas abweichenden Zahlen Legoyt’s ergeben für Preußen allerdings eine geringere Aende- rung als für Frankreich. Die Prozente der städtischen Bevölkerung waren nach ihm: Die preußische städtische Bevölkerung. Doch ist das auch für Preußen keine ganz unbedeutende Zunahme und wenn vollends 1858 die Städte 29, 6 , 1861 30, 4 , 1864 31, 07 % Die Zahlen für 1858 und 61 nach Kolb, 4 te Aufl., S. 171, die für 1864 berechnet nach d. Zeitschr. des stat. Bureaus 1865. V. S. 286. ausmachten, so sieht man, daß der Zug nach den Städten immer nicht so klein ist, daß er von 1831 - 51 vielleicht unbedeutend, dagegen 1851 - 64 sehr wirksam auftritt. Und dabei ist nicht zu übersehen, daß in dem Gesammtdurchschnitte der Städte die vielen stabilen ganz kleinen Landstädte stecken; ohne sie würde der städtische Zuwachs bedeutend größer sich darstellen. Das erklärt ja auch allein, daß nach den Berechnungen des amtlichen Jahrbuchs die gesammte ländliche Bevölke- rung von 1816 bis 1858 nicht viel weniger zunahm als die städtische, von 100: 167, während die städtische von 100 : 181 stieg. Was nun aber das Verhältniß der verschiedenen Städte unter sich betrifft, so ist klar, daß die Zeit bis gegen 1850 eine andere war, als die von 1850 bis 1869, und ebenso unzweifelhaft ist, daß, abgesehen von den Großstädten, die Mittelstädte von den Verkehrs- änderungen anders berührt werden, als die ganz kleinen Acker- und Beamtenstädte. Vollständige Untersuchungen, die diese Frage nach allen Seiten hin abschließend lösten, besitzen wir leider nicht. Von den vorhandenen hebe ich die von Dieterici und Schwabe hervor. Dieterici’s Untersuchung geht auf die Zeit von 1840 - 55. Er sucht zu beweisen, daß in dieser Zeit nicht bloß und nicht am meisten die großen, sondern Die Umgestaltung von Produktion und Verkehr. auch die Mittelstädte zugenommen haben; daß nicht bloß die hauptstädtische Industrie, sondern auch andere Ele- mente, Bergbau, ländliche Gewerbe, Landwirthschaft am Wachsthum theilhaben. Ich führe nur einige Zahlen an. Im Regierungs- bezirk Düsseldorf sind an mittleren Städten von 1840-55 stark gewachsen: Dülken von 100 auf 157, Duisburg auf 165, Essen auf 203, Gladbach auf 157, Greven- broich auf 134, Hückeswagen auf 296, Kaiserswerth auf 135, Langenberg auf 133, Mülheim an der Ruhr auf 133, Orsoy auf 133, Rheydt auf 153, Ruhrort auf 178, Solingen auf 154, Süchteln auf 169, Velbert auf 155, Viersen auf 162. Aehnliches zeigt sich in der Mark: Angermünde stieg in derselben Zeit (1840-55) von 100 auf 136, Bernau auf 141, Bie- senthal auf 132, Brandenburg auf 134, Charlottenburg auf 144, Köpnik auf 132, Friesack auf 132, Kremmen auf 142, Luckenwalde auf 141, Rhinow auf 151, Saarmund auf 158, Spandau auf 143, Werder auf 130, Wittenberge auf 201; das sind meist gegen oder über 3 % jährliche Zunahme. Von den großen Städten (über 30000 Einw.) stieg Breslau in derselben Zeit von 100 auf 131, Köln auf 142, Königsberg auf 118, Magdeburg auf 129, Danzig auf 109, Aachen auf 123, Stettin auf 147, Krefeld auf 174, Barmen auf 134, Elberfeld auf 130, Posen auf 128, Halle auf 126, Potsdam auf 120, Frankfurt auf 124; sie sind also meist nicht so stark gewachsen, wie die Mittelstädte. Von den sämmtlichen kleinern Städten ist nur durch- schnittlich eine von 11 in dieser Zeit zurückgegangen; Die preußischen Städte 1840—55. in der Provinz Sachsen z. B. nur Bitterfeld, Düben, Stolberg, Burg, Dardesheim, Hornburg, Kroppenstedt, Osterwieck, Salzwedel, Wanzleben, Ellrich, Tennstedt, Thamsbrück, Treffurt, also 14 von 138 kleinern Städten. Die ganze Zeit von 1840—55 hat noch mehr die Rich- tung auf Decentralisation der Industrie; noch ist die Wirkung der Eisenbahnen keine so beherrschende wie später. Auch später aber nehmen nicht alle kleinen, noch weniger alle Mittelstädte ab. Auf diese Zeit und auf die Wirkung der Eisenbahnen erstreckt sich Schwabe’s Untersuchung. Er faßt seine Resultate in folgenden drei Sätzen zusammen: „1) Unter den mittleren und kleinern Städten wirken die Eisenbahnen hauptsächlich auf diejenigen, welche sich durch einen vorherrschend gewerb- lichen oder industriellen Charakter auszeichnen. 2) Der Vermehrung der übrigen mittleren und kleinen Städte entziehen die Eisenbahnen vielfach Terrain, namentlich wird die Bevölkerungszunahme der kleinen Städte sichtlich abgeschwächt. 3) Bloß die großen Städte, so zu sagen die Knotenpunkte des Verkehrs, nehmen durch die Eisen- bahnen zu.“ Schwabe illustrirt diese Behauptungen durch folgende Tabelle. Es betrug in Prozenten der gesammten Bevölkerung die Einwohnerzahl Ich füge diesen Zahlen die von mir gemachte Berech- nung Berechnet nach den absoluten Zahlen, Preußische Statistik, die Ergebnisse der Volkszählung von 1864. Berlin 1867. S. 284. bei, wie sich die ganze städtische Bevölkerung im Schmoller , Gesch. d. Kleingewerbe. 13 Die Umgestaltung von Produktion und Verkehr. Jahre 1864 auf die verschiedenen Größenklassen ver- theilt. Von den 5, 98 in Städten lebenden Millionen Menschen, welche selbst 31, 07 % der ganzen Bevölkerung ausmachen, kommen auf Beinahe die Hälfte der städtischen Bevölkerung kommt also noch auf die kleinen Städte, welche bis 10000 Ein- wohner haben, ein Drittel beinahe freilich auf die großen und ganz großen Städte! Die letzte Tabelle ist geeignet, die Behauptungen Schwabe’s nicht abzuschwächen, aber doch sie auf ihr richtiges Maß zurückführen. Eine große Aenderung ist im Begriff sich zu vollziehen, aber noch sind die frühern bestehenden Verhältnisse dadurch nicht wesentlich umge- staltet. Auch jetzt noch wachsen viele kleine Städte, auch jetzt noch nehmen viele Mittelstädte stärker zu, als die ganz großen. Die Industrie ist einmal in vielen Theilen Deutschlands mehr decentralisirt, und so erfolgt das weitere Wachsthum an den Punkten der bestehenden gewerblichen Thätigkeit. Im Königreich Sachsen haben viele der Weber- und Bergbaudörfer, der Vorstadt- und Gärtnerdörfer bis in die neueste Zeit so stark zugenommen wie irgend eine Stadt. Zeitschrift des sächsischen statist. Bureaus 1865. S. 64. Chemnitz nahm 1861—64 um 18, 73 %, also jährlich um 6 %, Glau- chau in derselben Zeit um 16, 34 %, Oelsnitz um Die preußischen und sächsischen Städte 1864. 15, 79 %, also beide jährlich auch über 5 % zu. Berlin hatte, während die ganze preußische Bevölkerung jähr- lich um ½ — 1½ % zunimmt, 1736 — 85 jährlich um 2, 38 %, 1786—1802 jährlich um 1, 15 %, 1802—46 um 2, 93 % Dieterici Mittheilungen II, 272—77. zugenommen, erst in letzter Zeit stieg die Zunahme auf 3—4 % Engel, die Industrie der großen Städte, im Berliner Gemeindekalender II, 134. jährlich. Das ist eine unge- heure Zunahme, aber immer ist sie noch nicht so groß, als die der mittleren sächsischen Industriestädte. All das ist sehr wichtig für das Handwerk. Der Zug nach den Großstädten vernichtet das kleine Hand- werk; die entgegenstehende Erhaltung der kleinern und der Mittelstädte fristet das Dasein des kleinern ein- fachern Handwerksbetriebs. 13 * 2. Die neuere Art der Produktion. Die verschiedenen Arten des heutigen Handwerks. Das Klein- gewerbe im Dienste der großen Industrie. Die Reparatur- gewerbe. Das Ausarbeiten heutzutage. Der Charakter des neuen spezialisirten Handwerks und seine Voraussetzungen. Beispiele desselben. Uebergang mancher Handwerke zur Haus- industrie. Die Organisation der Hausindustrie; die Verhältnisse, welche ihren Uebergang zur Fabrik wünschenswerth machen; die Verhältnisse welche die Hausindustrie erhalten. Das Genossen- schaftswesen. Die Nürnberger Hausindustrie. Die letzten Bemerkungen über die Zunahme auch der kleinern Städte deuteten schon darauf hin, daß der Umschwung im Handwerksbetrieb immer bis jetzt nur ein partieller ist. Mancherlei Umbildungen sind erst in ihren Anfängen vorhanden; sie werden für manche Verhältnisse, besonders für das platte Land niemals erreichbar sein, weil eben hier die Bedürfnisse, die Verkehrseinrichtungen andere sind. Die Eigenart mancher Gewerbe und der von ihnen produzirten Waaren schließen theilweise die modernen Veränderungen aus. Vorerst aber möchte ich von diesen letztern Ausnahmen absehen und versuchen, die Aenderungen im Allgemeinen zu schildern. Ich will dabei die zwei Seiten alles Geschäftslebens, die Produktion und den Vertrieb der Waaren, in der Besprechung aus- Die verschiedenen Arten des Handwerks. einanderhalten; im Ganzen geht ja auch die reale Richtung des Geschäftslebens auf eine Trennung beider Seiten, wenn auch einzelne Neubildungen, wie das Ma- gazinsystem, nicht sowohl eine vollständige Trennung als eine andere Art der Verbindung von Produktion und Vertrieb bezwecken. Auch da übrigens, wo der Boden für moderne Ein- richtungen vollständig vorhanden ist, bleiben noch viele Handwerksgeschäfte alter Art, ja es bilden sich gerade wieder durch die große Industrie Verhältnisse, welche neben den neuern Geschäften diesen und jenen Meister in alter Weise beschäftigen. Wie früher als technische Gehülfen in den Familien, so arbeiten jetzt noch viele kleine Meister für große Unter- nehmungen. Auf großen Gütern ist ein eigener Schmied, ein Stellmacher nothwendig; mancher Tischler und Bött- cher liefert ausschließlich Kisten und Fässer zur Verpackung in eine große Fabrik. Jedes größere industrielle Etablis- sement hat seine Schlosser-, seine Reparaturwerkstätte. Mancher Buchbinder ist ausschließlich für diese oder jene große Verlagsfirma beschäftigt. Dazu kommen nicht bloß für die großen, sondern ebenso für die kleinen Geschäfte und die Wirthschaften der Familien die Reparaturgewerbe. Mancher Schlosser, Schmied, Stellmacher hat in ma- schinen- und industriereichen Gegenden heute so viel mit Reparaturen zu thun, als früher mit Neuanfertigungen. Wo jeder Junge von 10 Jahren eine Taschenuhr trägt, wird ein Uhrmacher mit Reparaturen mehr verdienen, als mancher mit Uhrenanfertigung in einer Zeit, in welcher auf Tausende von Menschen erst ein Uhrenbesitzer kam. Die Umgestaltung von Produktion und Verkehr. Kleine Geschäfte dieser Art, die ihren Mann nähren, sind auch heute noch möglich. Dagegen ist es meist nur ein Zeichen verarmter überzähliger Meister, wenn heute wieder das Ausarbeiten in den Häusern der Kunden zunimmt, wenn z. B. im Regierungsbezirk Arnsberg 1855—57 noch Schneider, Schuster, Tischler und ähn- liche Handwerker bei solchem „Ausarbeiten“ mit 3 Sgr. täglich und freier Kost zufrieden sind, 5 Sgr. schon als einen guten Verdienst schätzen. Jakobi, das Berg-, Hütten- und Gewerbewesen des Regierungsbezirks Arnsberg. S. 531. Dazu wird heute in der Regel nur die Verarmung den kleinen Meister bewegen. Unter Umständen freilich, auf dem Lande, kann auch diese Art des Geschäfts noch ganz am Platze sein. Meist aber verschwindet sie; eine andere Art der Geschäftsführung ist üblich geworden. Der tüchtige Meister sucht auf Vorrath zu arbeiten, sucht vor Allem einen mehr als lokalen Absatz; er versucht alle technischen Fortschritte zu benutzen; er kauft einzelne Theile, die andere Geschäfte besser liefern, von ihnen, beschränkt sich mehr noch in der Anfertigung als im Verkauf auf bestimmte Spezialitäten; den veränderten Bedürfnissen dienend, vielfach ganz neue Artikel anfertigend, braucht er verschiedene Arbeitskräfte; hat er nur zwei bis drei Arbeiter, so gehören sie doch häufig verschiedenen früher getrennten Gewerben an. Es ist damit sozial ein ganz anderer Stand von kleinen Unternehmern entstanden, die nicht sowohl durch die Größe des Geschäfts und Kapitals als durch die Der moderne Handwerksbetrieb. Art des Betriebs vom alten Handwerk und zwar zu ihrem Vortheil sich unterscheiden. Viele waren ursprüng- lich tüchtige Gesellen, oft einfache Arbeiter, manche sind ursprünglich Kaufleute, — alle nennen sich aber jetzt mit Vorliebe Fabrikanten, auch wenn sie nur einen einzigen oder zwei Arbeiter beschäftigen. Ihre andere soziale Stellung beruht wesentlich mit auf ihren Kennt- nissen und ihren Verbindungen. Es sind Leute, die auf Fortbildungs-, auf Gewerbe- und polytechnischen Schulen etwas gelernt haben, Leute, die auf Reisen, auf Jahr- markts- und Meßbesuchen sich Bezugsquellen und Absatz verschafft haben. Diese persönlichen und geschäftlichen Verbindungen sind in den großen Städten leichter zu erwerben, sie sind es oft am meisten, was dem unge- wandten kleinen Manne in abgelegenern Orten fehlt. Immer gehört zu dieser Art von Geschäften einiges Kapital, zu einzelnen schon ein bedeutendes. Vielfach aber sind es Geschäfte, die in sehr verschiedener Aus- dehnung betrieben werden können. Technische Geschicklich- keit und Marktkenntniß sind meist wichtiger als ein großes Kapital. So wenig ich leugnen will, daß das große Kapital in manchen Beziehungen durch die Gewalt seiner Ueberlegenheit heute unberechtigte Gewinne macht, eine zu ungleiche Vermögensvertheilung noch ungleicher macht, so darf man auf der andern Seite da, wo gerade nicht sowohl das Kapital als persönliche Eigenschaften den Ausschlag geben, das nicht verschweigen. Unfähigkeit, sich in Neues zu finden, Unfähigkeit, sich einer ganz regelmäßigen Thätigkeit zu unterwerfen, Unfähigkeit zu sparen, wenn der Erwerb einmal flotter geht, niedrige Die Umgestaltung von Produktion und Verkehr. Leidenschaften, Trunk und Spiel, häusliche Mißverhält- nisse sind in den tiefern sozialen Schichten häufiger, als in den höhern. Mag andere moralische Fäulniß in den höhern Schichten weit größer sein, für den wirth- schaftlichen Erwerb stehen sie höher, für den wirthschaft- lichen Erwerb neuerer Art fehlen gerade dem Hand- werker oft die moralischen Qualitäten, die Erziehung, wie Schulze-Delitzsch das auch immer und immer wieder betont. Als Beweis, daß zu dieser neuen Art des Hand- werksbetriebs nicht sowohl großes Kapital, als persön- liche Eigenschaften gehören, führe ich nur einige bekannte Beispiele an. Die Gerberei hat sich wesentlich umgebildet; es giebt große, aber auch noch mittlere und kleinere gute Geschäfte. Die lederverarbeitenden Gewerbe sind sehr vielfältig geworden. Einzelne Geschäfte fertigen nur Sattelzeug, andere nur Reisezeug und Aehnliches. Hier- mit verwandt sind eine Reihe von Buchbinderarbeiten, die zu selbständigen Geschäften geworden sind: die Anfer- tigung von Etuis, Futteralen, Mappen, Albums, Karten, Portefeuilles. Die Fabrikation von künstlichen Blumen, von Papiermachéwaaren, von Spielkarten, von Horn- und andern Dosen, von Kämmen, von Düten, Fir- nissen, Schmieren, Wichsen liegt meist in der Hand kleiner, aber für größern Absatz arbeitender Geschäfte. Von den Klempnern spezialisirt sich heute der eine auf Lampen, der andere auf Wagenlaternen, der dritte auf lackirte Waaren; auch im kleinsten Geschäfte werden dabei die neuen Maschinen, die Abkantmaschine, die Biege- Die Specialisirung der Geschäfte. maschine, die Rundschneidemaschine angewandt. Geschäfte, welche eiserne Möbel liefern, haben einzelne Arbeiter in Berlin und in Frankfurt a/M. zu gleicher Zeit. Die Zusammensetzung, die letzte Ausstattung erfolgt an irgend einem andern Orte. Aehnlich ist es in vielen Branchen der Metallwaarenindustrie. Die Tischlerei hat sich in die verschiedensten Zweige aufgelöst; da sind die Hauptbranchen Bautischlerei und Möbeltischlerei; jede Branche hat verschiedene Hülfs- gewerbe, welche einzelne Theile, Fourniere, Schnitzerei liefern. Aber jede hat in sich noch eine weiter gehende Arbeitstheilung. Es giebt Meister, die nur Fenster, die nur Thüren, nur Stücke zu Parketböden fertigen. Thüren- drücker und dergleichen aus Horn verfertigen für ein weites Absatzgebiet zwei hiesige Drechslermeister, sagt der Leipziger Handelskammerbericht von 1866. Einzelne Meister legen sich nur auf Tische, andere auf Stühle, wieder andere auf Buffets. Siehe z. B. die Schilderung der Berliner Möbelindustrie in den preuß. Handelskammerberichten für 1866. S. 281. Verwandt mit diesen ver- schiedenen Tischlergeschäften, theilweise in den eigentlichen Holzhandel übergehend, sind Geschäfte, die Radfelgen, Speichen, Stäbe, Mauerlatten, Eisenbahnschwellen, Tele- graphenstangen liefern, solche welche hauptsächlich die Imprägnation der letztern besorgen. Der städtische Wagenbau, der Eisenbahnwagen- bau, das Tapezier- und Polstergewerbe braucht eine Reihe von einzelnen Hülfsgewerben, welche die massen- hafte Anfertigung einzelner Theile übernehmen. Die Umgestaltung von Produktion und Verkehr. Die Organisation ist in all diesen Branchen sehr wechselvoll und verschieden. Es giebt da meist große geschlossene Etablissements, aber eben so oft kleine sich gegenseitig in die Hände arbeitende Geschäfte. Beson- ders wo größere persönliche Geschicklichkeit und Kunst- fertigkeit gefordert wird, da blühen die kleinen neben den größeren Geschäften; die einen übernehmen das, die andern jenes. So in der Waffenfabrikation, in der Ver- fertigung von Beinwaaren, plattirten Waaren, Kupfer- waaren, Zinnapparaten, pharmazeutischen Apparaten, chirurgischen und musikalischen Instrumenten. In Silber- waarenartikeln haben Meister und Fabrikanten in Berlin zusammen 1864 112 Werkstätten mit nur 475 Gehülfen oder Arbeitern. Preußische Handelskammerberichte für 1864. S. 68. Der städtische Wagenbau wird in sehr verschiedener Ausdehnung betrieben; nur in den ganz großen Städten hat er sich zu Geschäften konzentrirt, welche die ganze umliegende Gegend versehen. Am wenigsten sind die Nahrungs-, die Bau- und die persön- lichen Gewerbe von der ganzen Umbildung ergriffen, sie bleiben ihrer Natur nach mehr lokal. Beinahe voll- ständig dagegen zur Großindustrie übergegangen ist die Tapeten-, Hut-, Knopf-, Schirm-, Stock-, Seifen- und Lichterfabrikation. Wenn das Arbeiten für größeren und entfernteren Absatz in den Vordergrund tritt, so macht sich bald geltend, daß die Geschäfte am besten prosperiren, wo sie in größerer Zahl sind, wo sich Fachschulen für das Gewerbe errichten lassen, wo die Traditionen im Arbeiter- Alte und neue Hausindustrien. stand die gleiche Richtung haben, wo die Kinder schon mit den Handgriffen und technischen Vortheilen vertraut werden. Für einzelne Geschäftsbranchen ist das nichts Neues; die schwarzwälder Uhrenindustrie, die Bürsten- binderei in der Pfalz, die Anfertigung musikalischer Instrumente und verschiedener Blechwaaren in den sächsi- schen Gebirgsgegenden, die Kleineisenindustrie am Rhein und in Westfalen, die Holzschnitzerei vieler Gebirgs- gegenden, die Strohmanufaktur, die Weberei aller Orten sind Beispiele dafür. Neu ist es, daß sich für eine Reihe anderer Gewerbe, die früher nicht in dieser Kon- zentration vorkamen, dieselbe Tendenz zeigt. Die Ver- fertigung von Handschuhen, von Schuhen und Stiefeln, die Verfertigung von fertigen Weißwaaren, Hemden, Hemdkragen, von fertigen Kleidern, die Korbflechterei, die Anfertigung von Spielwaaren, Gürtlerwaaren, Bein- waaren — alle diese Gewerbe sind mehr und mehr zu Hausindustrien in einzelnen Gegenden geworden. Die geschäftliche Organisation dieser Hausindustrien ist sehr verschieden, je nach dem erforderlichen Bildungs- grad, dem Verdienst, den technischen Hülfsmitteln, die nothwendig sind. Je höher nach allen diesen Merk- malen eine Geschäftsbranche steht, desto mehr werden die kleinen Meister selbständige Unternehmer, Eigen- thümer von Rohstoff und Maschinen sein, nur den Ver- kauf und etwa die letzte Vollendung und Verpackung dem Verleger überlassen. Bei der Uhrenindustrie, bei manchen Produktionen von Metallwaaren übernimmt der einzelne Meister nur die Anfertigung bestimmter Theile; da ist die Zusammensetzung und Adjustirung der Waare Die Umgestaltung von Produktion und Verkehr. das Hauptgeschäft des Verlegers. Je tiefer Bildungs- grad, Geschicklichkeit und Verdienst der betreffenden Ar- beiter steht, desto leichter kann der schlimme Fall ein- treten, daß mit einem zu großen Angebot von Arbeits- kräften der Lohn gedrückt ist, der selbständige Besitz der Arbeitsmittel aufhört, wie der selbständige Einkauf des Rohmaterials, daß eine große Zahl verarmter Familien von wenigen Fabrikanten abhängig wird, in der Noth sich durch betrügerische Waarenlieferung zu helfen sucht, zum verkommenen Proletariat herabsinkt. Solche Zustände sind es, wo der Uebergang zur Arbeit in geschlossenen Etablissements nur eine Besserung enthält, den Arbeiter unter Aufsicht und Kontrole stellt, ihn in gesündere Räume setzt, ihm von seiner Selbständigkeit nichts mehr nimmt, weil sie doch nicht mehr vorhanden ist. Siehe die ausgezeichnete kleine Schrift von Dr. med. Michaelis: Ueber den Einfluß einiger Gewerbezweige auf den Gesundheitszustand. Leipzig 1866. Außerdem ist der Uebergang von der Hausindustrie zum Fabrikbetrieb in großen Etablissements dann ange- zeigt, wenn große Maschinen nöthig sind, die sich der kleine Meister nicht wohl halten kann. Die Maschinen- weberei wird nur schwer in die Hütte des kleinen Mannes einkehren. Die Hausindustrie der Nagelschmiede, der Bürstenbinder, theilweise auch der Stickerei gewährt ein zu elendes Auskommen, als daß man nicht ihr Aufhören, ihren Ersatz durch Fabriken wünschen müßte. Abgesehen aber von solchen Fällen, kann sich die Hausindustrie, die so viele moralische und soziale Vor- züge hat, sehr gut halten, und es geht viel zu weit, Die mögliche Erhaltung der Hausindustrie. ihren Untergang allgemein zu prophezeihen. Für eine ganze Reihe von Thätigkeiten hat sie mit der Näh- maschine einen neuen Boden erhalten. Aus den sächsi- schen Gegenden der Stick-, Näh- und Konfektionswaaren- industrie wird berichtet, daß zwar einerseits die Zahl der Stickmaschinen in den Fabriken zunimmt und ein bisher noch der Handstickerei gehöriges Gebiet sich zu eigen macht, daß dagegen für alle Arbeit, in der die gewöhn- liche Nähmaschine ausreicht, die Hausindustrie wieder zunimmt. Der Hauptabsatz der Nähmaschinen geht nicht an Fabriken, sondern an Familien, an kleine Gewerb- treibende. Die Nähmaschine, sagt der Bericht von Plauen für 1865, Preuß. Handelsarchiv Jahrg. 1867. I, S. 278. wird einestheils im Hause des Arbeiters längere Zeit als in geschlossenen Etablissements und dessen regelmäßigen Arbeitsstunden ausgebeutet und anderseits dort als eigener Besitz des Arbeiters vor- sichtiger und pfleglicher behandelt. Der Arbeitgeber ist frei von eigener Verantwortlichkeit für Verderb und Ver- schlechterung; die für Reparaturen erforderliche Zeit wird wesentlich abgekürzt. Manchfach haben die Verleger oder Kaufleute den Arbeitern die Nähmaschine vorschußweise angeschafft. Kleine Abzüge am Lohn lassen sie sukzessiv ins Eigenthum der arbeitenden Familie übergehen. Sicher ein erfreuliches Zeichen. Schon der eigene Besitz eines solchen Kapitals, die dadurch dem Arbeitgeber gegenüber erreichte Selbständigkeit ist ein Gewinn. Aber auch sonst sehen wir viele blühende Haus- industrien noch heut zu Tage. Ihre Erhaltung gegen- Die Umgestaltung von Produktion und Verkehr. über dem Fabriksystem hängt ab freilich in erster Linie von der Technik, von der Thatsache, ob für eine Pro- duktion ganz große Maschinen nothwendig werden, dann aber auch von der Geschicklichkeit, der Rührigkeit, den moralischen Eigenschaften im Kreise der kleinen Meister. Und All das hinwiederum steht im Zusammenhang mit der geschäftlichen Organisation, mit der Thätigkeit von Gemeinde und Staat für Schulen und gemeinsame Institute, mit der Entwickelung des Genossenschaftswesens unter den Leuten selbst. Oft hat nur das letztere den hausindustriellen Betrieb, überhaupt die kleinern Ge- schäfte gegenüber den Fabriken erhalten. Besonders schwer ist es häufig für den kleinen Meister guten und billigen Rohstoff, Leder, Garn, Tuch und Aehnliches zu kaufen. Es ist nicht zu beschreiben, wie der kleine Mann, der um jeden Preis Arbeit sucht, da von gewissenlosen Händlern betrügerisch übertheuert, durch absichtlichen Lotterkredit in Abhängigkeit gebracht wird. Da wirken die Kreditvereine, die Rohstoffgenossenschaften Wunder. Ebenso wichtig freilich sind die gemeinsamen Verkaufsmagazine und besonders gemeinsame Wasser- oder Dampfkräfte mit den entsprechenden Einrichtungen, gemeinsame Walken und Appreturanstalten für die Weber. Gemeinsame Unternehmungen der letztern Art sind heut- zutage schon eher zu Stande zu bringen, auch ist bei ihnen eine Intervention von Gemeinde und Staat weniger gefährlich als bei den eigentlichen Produktivassociationen. Da aber, wo für diese die moralischen und geschäftlichen Eigenschaften bei den kleinen Meistern vorhanden sind, liegt in ihnen sicher das beste Mittel, das Handwerk Das Genossenschaftswesen. zu retten, ihm einen Absatz im Großen zu verschaffen, den kleinen Meister der Hausindustrie zum Unternehmer zu erheben. Wo sie gelingen und wo sie mißlingen, da wiederholen sie die Lehre, daß meist persönliche Eigen- schaften wichtiger sind oder gleich wichtig, wie die Kapital- beschaffung. Uhrmacher, Tischler, Weber, Schneider, Schuhmacher, Buchdrucker, Maschinenbauer, Stellmacher, Metallarbeiter und Klempner sind es, die bis jetzt auf dem Wege der Produktivassociation sich zu helfen suchten. Der Bericht Schulze-Delitzsch, Jahresbericht für 1867 über die auf Selbsthülfe gegründeten deutschen Erwerbs- und Wirthschafts- genossenschaften. Leipzig, Mayer 1868 S. 59. Der Bericht für 1865 S. 13 enthält besonders lehrreiche Mittheilungen über die zwei Produktivgenossenschaften der Berliner Chalesweber und der Freiburger Uhrmacher. Die übrige Literatur über diesen Gegenstand von Schulze, Huber und Anderen ist zu bekannt, als daß sie hier speciell angeführt zu werden brauchte. Schulze’s für 1867 zählt bereits 36 solcher Unternehmungen auf und er umfaßt nicht alle, welche existiren. Vieles ließe sich noch über dieses Thema sagen. Da es aber sonst so vielfach besprochen wird, so beschränke ich mich darauf, nur im Allgemeinen noch einige Bei- spiele der sich erhaltenden Hausindustrie zu erwähnen. Die Korbflechterei ist heute noch in manchen Ge- genden, wo auch für den Absatz im Großen gearbeitet wird, ganz Sache kleiner Meister, z. B. in Frank- furt a. O., wo 30 handwerksmäßige Geschäfte einen schwunghaften Absatz an Tischen, Stühlen, Blumen- ständern, Waschkörben, Körben zum Verpacken haben. Preußische Handelskammerberichte für 1865. S. 724. Die Umgestaltung von Produktion und Verkehr. Dagegen ist z. B. die große bairische Korbflechterindu- strie in Oberfranken Bavaria III, erste Abtheilung, 462—65. neuerdings mehr und mehr in die Hände großer Kapitalbesitzer übergegangen. Die Korbflechter erhalten das Rohmaterial vom Fabrikanten entweder zum Kaufe oder gegen Abzug am Lohn, sie sind ganz in seinen Händen. Die eine wie die andere Geschäftsform ist möglich; es handelt sich für die kleinen Geschäfte nur um eine richtige Organisation in Bezug des Rohstoffs und Vermittlung des Absatzes. In Berlin existirt seit einigen Jahren mit Erfolg eine Genossenschaft von Korbmachern zum gemeinsamen Bezug des Rohstoffes. Die bedeutende Achatindustrie im Fürstenthum Bir- kenfeld und im Regierungsbezirk Trier Preußische Handelskammerberichte für 1867. S. 810. ist heute noch ganz Sache der kleinen Achatschleifmeister, Bohrer, Gold- schmiede, Graveure, Tombakschmiede. Man zählte Ein schönes Bild sich erhaltender Hausindustrie gewährt vor Allem die früher schon erwähnte Nürn- berger und Fürther Industrie. Ich will nur Einiges nach der anziehenden Beschreibung Dr. Beeg’s anführen. In der Bavaria III, zweite Abtheilung, S. 1059 — 1079. Die Gegenstände der Fabrikation sind Spielwaaren, Messingwaaren und andere Metallwaaren, als Waagen, Gewichte, Schellen, Rollen, Hahnen, Zapfen, Feuer- Die Nürnberger Hausindustrie. spritzen, physikalische Apparate, Rechenpfennige, Spiel- marken, Blattgold, Draht aller Art, Reißzeuge, Zirkel, Ahlen und Feilen, Ringe, Brochen, Haken, dann Kämme, Brillengläser, Brillengestelle, optische Instrumente, Drechslerwaaren, Pfeifen, Zigarrenspitzen, Papparbeiten, Buntpapier, Bilderbogen. Ein Lager Nürnberger Waaren zählt über 14000 Nummern, wobei die Größenver- schiedenheiten noch ungerechnet sind. In dem Packlokal des Nürnberger Kaufmanns stehen Kisten, welche nach Madras und Hongkong bestimmt sind, neben solchen, die nach Newyork, Mexiko oder Südamerika gehen werden. Der Kundige erkennt an dem Waarenmuster, an der Verpackung den Bestimmungsort: der Horn- kamm mit diesen Verzierungen gehört nach Texas; diese schlanken Haken und Oesen aus dünnem Draht finden nur in Südamerika Käufer. Die Produktion, sagt Beeg, geschieht in der Regel fabrikartig, aber doch zugleich handwerksmäßig, indem sich das Handwerk ebensowohl für die einzelnen Artikel, als sogar für manche Manipulationen in vielfacher Weise zergliedert hat. Die Werkstätten sind daher seltener in großen Fabrikpalästen, sondern meistens in den kleinen Wohnungen der arbeitsamen Gewerbtreibenden. Eine Hauptstütze der kleinen Geschäfte sind die verschie- denen Mühlen, besonders die vom Magistrat 1854 ange- kaufte, umgebaute und hiefür eingerichtete Schwaben- mühle; es werden dort Lokale und Kraftbenutzung an Gewerbtreibende vermiethet. In der Schwabenmühle sind 48 solcher Werkstätten; man zahlt für 1 □΄ Boden- raum des Lokals 9 Kr., für die Benutzung einer ganzen Schmoller , Gesch. d. Kleingewerbe. 14 Die Umgestaltung von Produktion und Verkehr. Pferdekraft 300 Fl., einer halben 160 Fl., einer Viertels- kraft 90 Fl. jährlich. Erst neuerdings haben auch Fabrik- besitzer angefangen, ihre überschüssige Dampfkraft so an kleine Leute zu vermiethen. Die kleinen Produzenten vermitteln theilweise den Absatz selbst, besonders den in der Nähe, sie besuchen die Messen in Frankfurt a/M., Leipzig und München. Mehr aber noch überlassen sie den Vertrieb dem Nürnberger Kaufmann, dessen Lager mit den meisten Nürnberger Waaren assortirt ist. Der Kaufmann empfängt die aus- wärtigen Aufträge und bestellt nach denselben die mannig- fachen Artikel bei den verschiedenen Werkstätten gewöhn- lich vermittelst Zettel mit bestimmter Lieferzeit. Er ist aber nicht bloß Kommissionär; er versorgt die Ge- werbsleute gelegentlich mit neuen Mustern, hält häufig Lager, läßt Vieles auf Spekulation arbeiten, sendet Reisende aus. Die für ihn arbeitenden Geschäfte sind aber völlig unabhängig. Es darf — so schließt Beeg seine Erzählung — die glückliche Organisation dieser Industrie nicht übersehen werden, welche den unabhän- gigen bürgerlichen Handwerksstand zur Produktion für den großen Welthandel herangebildet und die Gefahren des Entstehens eines Proletariates auf ein Kleinstes ermäßigt hat. 3. Das Verkaufsgeschäft des kleinen Handwerkers. Das Ladengeschäft als Aushülfe, wenn die Produktion nicht geht. Die Schattenseiten dieser Ladengeschäfte neben ihrer Nothwen- digkeit. Der starke Zudrang zu ihnen und die Folgen für diese Geschäfte. Der Wochenmarkt, soweit er von Handwerkern besucht wird. Der Jahrmarkts- und Meßverkehr früher und jetzt. Der traditionelle Verkehr auf denselben und seine Ab- nahme. Nachweis dieser abnehmenden Bedeutung. Die Messen. Die Jahrmärkte, zugleich abhängig von Gesetzgebung, Ver- waltung und lokalen Nebeninteressen. Die Verbindung der Jahrmärkte mit Vieh- und Spezialmärkten, die eine ganz andere wirthschaftliche Bedeutung haben. Statistik der preußi- schen und sächsischen Jahrmärkte. Gehen wir nach diesen Betrachtungen über die Aenderung in der Produktion auf die Aenderung im Vertrieb der produzirten Waaren über. Es handelt sich dabei um die kleinen Detailverkaufsgeschäfte, um den Markt- und Meßverkehr derselben, dann um die grö- ßeren Magazine, die in der Regel zugleich irgendwie an der Produktion betheiligt sind, und um den Hausir- handel mit Handwerks- und andern Waaren. Der lokale Verkauf bleibt unentbehrlich, wenn die lokale Produktion auch aufhört. Man will, man muß Läden aller Art in der Nähe haben. Je unbedeutender 14 * Die Umgestaltung von Produktion und Verkehr. die eigentlich gewerbliche Thätigkeit des Handwerkers meist wurde, desto mehr trat das Ladengeschäft in den Vordergrund; man fing an, neben den eigenen fremde Produkte, zusammen passende und nicht zusammen passende Artikel zu führen, wenn man nur Etwas wenigstens verdiente. Der Buchbinder handelt mit Dinte, Federn und Papier, der Klempner mit Petroleum, der Friseur und der Bürstenbinder mit Oelen, Seifen, Parfümerien, alle versuchen es mit Zigarren. Ein solcher Detailhandel war mit einzelnen Gewerben längst verbunden. Gesetz- gebung und Theorie hatten sich schon im vorigen Jahr- hundert viel damit beschäftigt. Bergius meint, Bergius, Polizeimagazin (neue Auflage 1786) IV, 392- 93; vergl. auch Möser, Patriot. Phant. I, 21 ff. II, 303. das Handwerk verliere jetzt dadurch so viel, daß der Meister im Laden stehe, daß ihm die Krämerei immer wichtiger werde; die Arbeit geschehe durch nicht beaufsichtigte Ge- sellen und Lehrlinge; Krämerei und Handwerk sei nicht verträglich. Es liegt in diesem Vorwurf sicher ein Keim von Wahrheit; der Handwerker mochte häufig so viel an technischer Geschicklichkeit verlieren, als er an kaufmän- nischer Gewandtheit und Spekulationssinn gewann. Aber gleichviel, war der Detailverkauf Bedürfniß, gewann man dabei, so nahm er zu. Mochte der alte Zunft- meister bedenklich den Kopf dazu schütteln, mochten ein- zelne reaktionäre Gesetze, wie das hannöversche Bening, zur Gewerbeordnung. Hannover 1857. S. 44. vom 15. Juni 1848, nochmals den Versuch machen, dem Das kleine Ladengeschäft. Handwerker zu verbieten, erkaufte Waaren im Laden auszustellen und Handel damit zu treiben; es war zu widersinnig. Selbst Vertheidiger der sonstigen alten Zunft- vorschriften gestehen jetzt das wenigstens, daß jeder Unter- schied zwischen Handwerker und Kaufmann aufhören müsse. Schübler, Gewerbefreiheit und Gewerbeordnung. Stutt- gart 1860. S. 29. Das Bedürfniß war da. Wo volle Gewerbe- freiheit eintritt, da zeigt sich als Hauptfolge die starke Zunahme dieser kleinen Läden, wie ich oben bei Betrach- tung der einzelnen Staaten mehrfach hervorhob. So sehr das aber mit dem wirklichen Bedürfniß des lokalen Bedarfs zusammenhängt, so wenig läßt sich verkennen, daß dem Bedürfniß eine noch viel stärkere Neigung der Anbietenden entgegenkommt. Der Hannö- versche Handelskammerbericht von 1867 bezeichnet es als eine förmliche Verirrung, daß das Handwerk, unfähig seine Produktion zu vervollkommnen, sich so ausschließlich auf den bloßen Handel gelegt habe; es habe da erst recht die Macht des großen Kapitals kennen lernen müssen, und jetzt erst durch die vielen Mißerfolge klug gemacht, werde es sich wieder mehr der Produktion zuwenden. Preußische Handelskammerberichte für 1867. S. 839. Der starke Zudrang ist psychologisch leicht erklär- lich. Es ist, wenn es gelingt von dem kleinen Laden zu leben, das bequemste Geschäft; ohne besondern Fleiß, ohne Arbeit sitzt der Mann hinter dem Ladentisch, oft stundenlang Zigarren rauchend und Romane lesend. Liegt Die Umgestaltung von Produktion und Verkehr. der Laden gut, so geht es doch; liegt er schlecht, so kommt der Konkurs, ob er sich etwas mehr anstrengt oder nicht. Sehr häufig aber kommt er; — ich bin sicher, daß, wenn die Konkurslisten nach dieser Richtung die Geschäfte unterschieden, ein sehr großer Theil der Konkurse als aus solchen Verhältnissen herrührend sich darstellen würde. Die Handelskammerberichte bestätigen das auch. Z. B. Jahresberichte der Handels- und Gewerbekammern in Württemberg für das Jahr 1862. S. 31. Es sind dieselben Motive, die der Schank- und Gastwirthschaft und dem Detailhandel mit Viktua- lien leicht zu viele und zweifelhafte Existenzen zuführen; es sind dieselben psychologischen Ursachen, die in diesen Kreisen so leicht zu Betrug und Fälschung führen, zu jenen Mißbildungen des Detailverkehrs, welche die Kon- sumvereine nothwendig gemacht haben. Gegen den Betrug kann eine strenge Polizei, gegen den zu starken Andrang auch zweifelhafter Persönlich- keiten kann zunächst nur die freie Konkurrenz helfen; abmessen läßt sich das Bedürfniß zumal während der jetzt sich umbildenden Verhältnisse nicht. Aber so viel ist klar, daß gerade bei freiester Kon- kurrenz die zahlreichen Geschäfte derart immer kleine Gewinne machen werden. Nur wenige werden sich zu einem großstädtischen Magazin emporschwingen; die andern werden um so kleiner bleiben, werden unter dem Niveau des alten Handwerks an Einkommen, wie an sozialer Stellung des Inhabers stehen, werden leicht der Gefahr des Bankerotts, wie der Anwendung betrügerischer Der Andrang zum Ladengeschäft. Mittel verfallen, werden den schlechten Lotterkredit för- dern, weil sie nur so ihre Kunden, die den ärmsten Volksklassen angehören, anziehen. Dennoch wäre jeder polizeiliche Eingriff da heutzutage nicht am Platze. Manchmal erhalten solche Ladengeschäfte dadurch ihre volle sittliche und wirthschaftliche Berechtigung, daß Frau und Kinder den Kram und Verkauf besorgen, während der Mann arbeitet, sei es im eigenen oder in einem fremden Geschäfte. Nur indirekt läßt sich der zu zahl- reichen Gründung solcher Geschäfte entgegenwirken, durch Verbreitung technischer Geschicklichkeit, durch Erziehung des ganzen Volkes zur Arbeit, durch eine solche volkswirth- schaftliche Entwicklung, welche alle tüchtigen Kräfte besser verwendet, sie überhebt, zu diesem Nothbehelf zu greifen. Neben dem Verkauf im Laden spielt der auf den Wochenmärkten immer noch eine Rolle. Der eigentliche Wochenmarktsverkehr zwar berührt das Handwerk nicht. Zu vergl. über den Wochenmarkt: J. G. Hoffmann, die Befugniß zum Gewerbebetrieb, Berlin, Nicolai 1841. S. 328— 344. Auch über diesen Punkt sind die Ausführungen Hoff- mann’s klassisch; wenn auch theilweise nicht mehr den heutigen Verhältnissen entsprechend, stehen sie immer noch höher als Manches, was von abstraktem unhistorischem Standpunkte die entgegengesetzte Einseitigkeit vertritt, wie z. B. in diesem Punkt der Artikel von Karl Scholz „der Wochenmarkt“ in Faucher’s Vierteljahrsschrift, XVII, S. 25—43 Die Hauptsache auf dem Wochen- markt ist ja nach Bedürfniß, nach Herkommen und gesetz- lichen Bestimmungen der Kleinverkehr mit Viktualien, welche die ländlichen Produzenten, die Gemüsegärtner oder die Aufkäufer, die Höker zu Markte bringen. Daß auch Die Umgestaltung von Produktion und Verkehr. dieser Viktualienhandel in den großen Städten sich um- bildet zu stehenden Verkaufshallen, großen Ladengeschäften, ist eine Sache für sich, die uns hier nicht weiter beschäftigt. Je kleiner aber eine Stadt ist, desto mehr trifft man auf den Wochenmärkten noch Handwerkerprodukte daneben aufgestellt. Die preußische Verwaltung läßt überall grobe Korbwaaren und Töpferwaaren Rönne, Gewerbepolizei II, 256. zu. Da- neben bestimmt die Gewerbeordnung von 1845 (§ 78), daß in jedem Regierungsbezirk nach Ortsgewohnheit und Bedürfniß weitere Artikel zum Wochenmarktsverkehr gerechnet werden können. In diesem Falle dürfen auch andere als Ortseinwohner sie auf den Markt bringen. Die Gewerbetreibenden des Ortes selbst dürfen natür- lich auf dem Markt zur Wochenmarktszeit alle Produkte, alle Handwerkerwaaren verkaufen, wenn sie nach der Marktordnung eine Bude oder einen Stand haben, resp. bezahlen. Der Entwurf einer Gewerbeordnung des norddeutschen Bundes läßt es den Gemeinden offen, die- sen Rechtszustand zu erhalten. Drucksachen des Reichstags I. Legislatur-Periode, Sitzungsperiode 1869. Nr. 19 Entwurf §§ 65—72. Motive S. 79. Im Gesetze jetzt §. 64, Absatz 2. Die betreffenden Artikel fanden auch in der Berathung des Reichstages keine wesentliche Beanstandung. Es liegt auch kein Bedürfniß vor, die Bestimmungen zu ändern, z. B. unbedingt alle fremden Handwerker auch mit Waaren, die nicht Wochenmarktsartikel sind, zuzulassen. Denn nicht fremde Handwerker, die durch Erklärung einer Waare als Der Wochenmarkt. Wochenmarktsartikel erst zugelassen werden, sondern die städtischen armen Handwerker stellen das Hauptkontin- gent zu dem Verkauf von Handwerkswaaren auf dem Wochenmarkte. Es ist ein zeitraubendes, schlechtes Geschäft. Der tüchtige Handwerksmann, der seine Kunden, seinen Absatz hat, läßt sich in seinem Laden, in seiner Werkstatt auf- suchen. Es suchen sich mit dem Beziehen des Wochen- marktes die zu helfen, welche die Miethe für einen gut gelegenen Laden nicht erschwingen können. Es ist häufig das letzte Auskunftsmittel; deswegen kann gerade eine große Zahl dem Bankerott nahe stehender Kleingewerbe den Andrang zum Wochenmarktsverkehr zunächst steigern. Auch der Jahrmarktsverkehr ist zu einem großen Theil auf dieses Niveau herabgesunken. Die Jahrmärkte und Messen hatten früher einen andern Sinn. J. G. Hoffmann, die Befugniß zum Gewerbebetrieb S. 344 ff. Läden, Magazine mit reicher glänzender Auswahl gab es nicht, nach den großen Städten kam man nicht. Man war dem Zunftmeister des Ortes preisgegeben, der mancherlei Waaren gar nicht, andere nur unvollkommen hatte. Dem gegenüber schufen Märkte und Messen Tage und Wochen freier Konkurrenz, eine örtliche und zeitliche Konzentrirung von Angebot und Nachfrage. Der Konsument fand hier alle seltenern Artikel, eine reiche Auswahl, billige Preise. Der Pro- duzent, der Handwerker fand hier allein die Gelegen- heit, seinem Vorrathshandel Schwung zu geben. Die Die Umgestaltung von Produktion und Verkehr. Bauern und Gutsbesitzer der ländlichen Distrikte, die Hauptbesucher des Marktes, richteten ihre Einkäufe an Kleidern und Stoffen, Haus- und Wirthschaftsgeräth, an Spielwaaren für die Kinder ohnedieß gerne auf bestimmte Tage und Zeiten, auf die, in welchen sie selbst verkauft hatten. Die traditionell sich anschließenden Volksfeste, die Schaustellungen und Thierbuden, die englischen Reiter und die Seiltänzer lockten Menschen und Käufer von fern und nahe an. So waren die Messen und Märkte, ehe die Zeit der Eisenbahnen kam, ein wichtiges Glied unsers Verkehrslebens, wichtig nicht nur für die kleinen und großen Händler, für den Absatz von Fabrikwaaren, sondern vor Allem auch für einen großen Theil der Handwerksindustrie. Besonders einzelne Gewerbetreibende, wie die Leb- küchler, die kleinen Weber, vor allen die Schuhmacher, dann auch die Verfertiger mancher Metallwaaren, die Gürtler, Instrumentenmacher, Messerschmiede lebten zu einem großen Theile vom Jahrmarktsbesuch. J. G. Hoff- mann Die Bevölkerung des preußischen Staates S. 120. meint 1839, die höhere Zahl der Schuhmacher gegenüber den Schneidern gehe wesentlich auf den viel- fach üblichen Jahrmarktsbesuch der Schuster, der so viel Zeit koste, zurück. Freilich fügt er schon damals hinzu: „die Schuhmacher beziehen die Jahrmärkte in dem Maße mehr, worin ihr Gewerbebetrieb armseliger wird.“ Das ist jedenfalls heute noch mehr der Fall als damals. Manche zwar brauchen die Märkte und Messen zugleich als Berührungspunkte mit Abnehmern und Liefe- Die Jahrmärkte und Messen früher und jetzt. ranten, die sie nur so sehen, nur so kennen lernen. Aber abgesehen hiervon, beginnt man einzusehen, daß bei dem Jahrmarktsbesuch nicht viel herauskommt. Der tüchtige Geschäftsmann ist sparsamer mit seiner Zeit geworden; er widmet sich ausschließlich der Produktion oder dem stehenden Ladengeschäft. Das Publikum findet beinahe überall auch ohne Märkte Alles, was es braucht. Immer weniger suchen tüchtige Handwerker ihre Existenz auf den Jahrmarkts- und Meßbesuch zu gründen. — Auch hierdurch ist dem kleinen Handwerk eine Position entzogen, auf die es bisher theilweise gestützt war. Und sie würde ihm längst schon noch weiter entzogen sein, wenn in diesem Verkehr mehr wirkliches Verständniß und klares Interesse herrschten, wenn nicht traditionelle An- sichten der Hausfrauen und Dienstboten, sowie der ganzen ländlichen Bevölkerung, anerzogene und schwer ausrott- bare Irrthümer noch überwiegen würden. So unzweifelhaft der Beginn dieser veränderten Stellung der Messen und Jahrmärkte ist, so schwer läßt er sich statistisch oder durch anderweite sichere Berichte nachweisen. Das große Meßgeschäft berührt unsere Untersuchung nicht direkt; doch sei beiläufig bemerkt, daß auch es beinahe überall in Rückgang ist. Das frühere Großmeßgeschäft beruhte auf Privilegien, auf Ermäßigung der sonst über- mäßigen Zölle, Geleite, Stapel-, Wage-, Pflastergelder. Für die Messen trat der Nachlaß ein, die Großhändler und Fabrikanten strömten herbei, um, dieser Gunst sich erfreuend, an den Handwerker und Detailhändler nach Pfund und Elle zu verkaufen. Seitdem diese Verkehrs- Die Umgestaltung von Produktion und Verkehr. erschwerungen zum großen Theil wegfielen, hat die Messe nicht mehr die alte Bedeutung. Emminghaus, Messen und Märkte, Vierteljahrschrift für Volkswirthschaft. XVII. S. 65 ff., besonders S. 78—84. Leipzig’s Handel und Messen seit Eintritt Sachsen’s in den Zoll- verein, Zeitschr. d. sächs. stat. Bür. 1861. S. 1—16. Seitdem überdieß der Telegraph, die Post und die Eisenbahn zusammenwirken, um Angebot und Bestellung, Probe und Waare, Wechsel und Baarzahlung rasch, billig und sicher zu vermitteln, seitdem Handelsgesetz und rechtliche Ordnung überhaupt dem Handelsverkehr eine größere Solidität geben, bleibt die Messe nur nothwendig für Waaren wie z. B. die Pelzwaaren, die nicht nach Probe zu verkaufen sind, für Firmen, von denen man nicht gerne nach bloßer Probe kauft. Man will überhaupt manche Waare am Stücke sehen. Und das ist auch heute noch richtig, daß die große Auswahl und die Konkurrenz auf der Messe die Preise häufig noch erniedrigen. Für Leipzig, dessen Meßgeschäft allein nicht positiv abgenommen hat, kommt noch hinzu, daß sich hier das ganze Großmeßgeschäft des Zollvereins konzentrirt hat. Selbst der Großmeßver- kehr Leipzig’s aber, der ja besonders in Produkten der Zollvereinsindustrie immer noch bisher zunahm, ist nicht so gewachsen, wie der übrige Verkehr des ganzen Zoll- vereins. „Man könnte behaupten, daß der gesammte Meßverkehr Leipzig’s trotz seiner quantitativen Steige- rung gegenüber dem Gesammtverkehr und der Ge- sammtproduktion des Zollvereins eine relativ niedrigere Stellung einnimmt, als kurz nach Gründung des Zoll- Die Jahrmärkte und Messen früher und jetzt. vereins.“ Zeitschrift d. sächs. stat. Bür. 1861. S. 14. Darüber aber sind alle Kenner einig, daß nicht bloß in Folge des sinkenden Großmeßgeschäfts, sondern auch aus den andern angeführten Ursachen der Kleinverkauf von Handwerkswaaren auf diesen Messen in Braunschweig, in Frankfurt a/M., in Frankfurt a/O., in Leipzig nicht mehr die alte Bedeu- tung hat. In Bezug auf die eigentlichen Jahrmärkte ist die Beurtheilung der abnehmenden Bedeutung dadurch schwie- rig, daß sie meist nicht bloß Märkte für Kramwaaren und Handwerksprodukte sind, sondern sich verbinden mit Vieh- und andern Spezialproduktenmärkten. Diese letz- tere Marktart hat heute noch ihre volle Berechtigung. Woll-, Leder-, Flachs-, Vieh-, Leinwandmärkte, Spezial- märkte, auf welchen z. B. Tischlerwaaren im Großen verkauft werden, Vergl. Jahresberichte d. württ. Handelskammern 1865 S. 77. 1866 S. 32—33 über die Stuttgarter Möbelmessen. sind auch heute noch am Platz. Derartige Märkte bilden sich sogar täglich neue und erhalten so theilweise mit den alten Krammarkt. Außerdem kommt in Betracht, daß die Zahl der Märkte nicht bloß von dem wirklichen wirthschaftlichen Bedürfniß abhängt, von der Frage, ob in den stehenden Läden die Waaren billiger und reeller zu kaufen sind, auch nicht bloß von Gewohnheit und Einbildung, von der hergebrachten Neigung, sich auf dem Jahrmarkt an- schwindeln zu lassen, sondern daneben vornehmlich von der Tendenz der Kommunalbehörden, durch Märkte den Die Umgestaltung von Produktion und Verkehr. Verkehr am Orte zu beleben. Diese Tendenz selbst ist wieder abhängig von den bestehenden Gesetzen und der bestehenden Verwaltungspraxis über Jahrmärkte. In Preußen gelten über die Jahrmärkte noch die Bestimmun- gen des Landrechtes, welche durch die Gewerbeordnung von 1845 nur näher bestimmt worden sind. Rönne, Gewerbepolizei II, 514. Staatsrecht, zweite Aufl. II, b, S. 376. Auch darin ändern der Entwurf der neuen Gewerbeordnung, sowie die Beschlüsse des Reichstages nichts. Die Bestimmung der Gewerbeordnung §. 65 lautet: „Die Zahl, Zeit und Dauer der Messen, Jahr- und Wochenmärkte wird von der zuständigen Verwaltungsbehörde festgesetzt. Den Martberech- tigten steht gegen eine solche Anordnung kein Widerspruch zu.“ Das Meß- und Marktrecht wird vom Landesherrn ertheilt, in der Regel nur an Städte. Die Feststellung der einzelnen Märkte erfolgt jährlich durch die Regierung im Einver- ständniß mit den betreffenden Ortsbehörden. Je mehr in früherer Zeit durch die Regierungen und Grund- herrschaften Marktprivilegien ertheilt worden waren, nur um eine Einnahmequelle zu Gunsten der berechtigten Ortschaften zu schaffen, um so berechtigter erscheint die Absicht der preußischen Verwaltung, die Zahl der Jahr- märkte wenigstens einigermaßen zu beschränken. Diese Tendenz zeigt sich klar in den zahlreichen Reskripten, welche Rönne mittheilt. Aber sie scheint nicht recht zum Ziele zu gelangen. In Posen hatte man schon 1805 und 1817 die sämmtlichen Märkte auf dem platten Lande aufgehoben. Herzog, die Entwicklung der gewerblichen Verhältnisse im Regierungsbezirk Posen seit 1815. Posen 1867. S. 65 ff. Und doch heißt es noch 1830 in der Die Verwaltungspraxis über Jahrmärkte. Kabinetsordre vom 21. August 1830, die Majorität des posenschen Landtags sei mit den Staats- und Provinzial- behörden darin einverstanden gewesen, daß die große Zahl der Jahrmärkte in dortiger Provinz auf die Sittlichkeit der Einwohner ebenso nachtheilig wirke als auf das Auf- kommen des dortigen Verkehrs, und es sollen daher in keiner Stadt jährlich mehr als vier Märkte gehalten werden. In Sachsen hat das Gewerbegesetz vom 15. Oktober 1861 die Tendenz, die Jahrmärkte zu beschränken. Es sollen von 1872 an in keinem Orte unter 10000 Ein- wohnern mehr als zwei, in keinem größern mehr als drei Jahrmärkte jährlich gehalten werden. „Man scheint aber“ — sagt die Zeitschrift des stat. Bureaus Jahrgang 1866. S. 165. — „in den meisten Fällen diese Zeit bis 1872 für den Fortbe- stand der alten Einrichtung voll ausnutzen zu wollen. Wenigstens ist bis jetzt, nachdem die Hälfte jener Frist verstrichen ist, erst an sehr wenigen Orten eine Reduktion eingetreten und besteht noch an sehr vielen Orten eine über das vom 1. Januar 1872 ab zulässige Maß hinausgehende Zahl von Jahrmärkten.“ Da überall die Interessen der Wirthe, der Schau- und Vergnügungslustigen, Nebeninteressen noch schlim- merer Art mit dem allgemeinen lokalen Interesse zu- sammenfallen, die Märkte zu erhalten, so ist klar, daß zunächst mehr ihre Bedeutung als ihre Zahl abnehmen muß. Immer aber zeigt eine nähere Betrachtung selbst Die Umgestaltung von Produktion und Verkehr. der bloßen Zahl der Märkte, Mir ist an statist. Nachweisen nur bekannt: Statistische Nachrichten über die Zahl der Jahrmärkte, welche im Preußischen Staate im Laufe des Jahres 1858 werden abgehalten werden, Mittheilungen des stat. Bur. in Berlin XI. S. 87—96. Der Marktverkehr, im Jahrbuch für die amtliche Statistik des Preuß. Staates I, 465, enthaltend ein Verzeichniß der Märkte von 1863. Die Jahr- und Viehmärkte im Königreich Sachsen und in Preußen, Zeitschrift d. sächs. statist. Bureaus 1866. S. 165—173. Märkte und Börsen, Königreich Württemberg 1863. S. 651—54. daß meine Behauptung im Allgemeinen richtig ist. Die Zahl der sämmtlichen Jahr-, Vieh- und Pro- duktenmärkte war 1858 und 1867 folgende in Preußen: Besonders da die Vieh- und Produktenmärkte mit- begriffen sind, ist es begreiflich, daß in den östlichen Provinzen noch eine Zunahme der Jahrmärkte stattfindet. In den verkehrsarmen Strecken des platten Landes im Osten sind sie heute noch am Platz, um Handwerks- waaren, wie Fabrikreste und Ladenhüter, die in der Stadt nicht mehr gehen, die nicht mehr in der Mode sind, aber ganz gut noch dem einfachen Bedürfniß ent- sprechen, abzusetzen. Dagegen sehen wir, daß in Pom- Die preußischen Jahrmärkte. mern, in Sachsen und am Rhein die Zahl der Jahr- märkte schon etwas, wenn auch wenig, abnimmt; in Pom- mern allerdings wohl nicht in Folge hochentwickelten Ver- kehrs, sondern eher in Folge eines gewissen Stillstandes. Nach dem Stande von 1858 war die Bedeutung der preußischen Marktorte und Märkte folgende: Die dicht bevölkerte Rheinprovinz hat die meisten Marktorte der Fläche, Westfalen der Bevölkerung nach. Je mehr eine Provinz Marktorte hat, desto weniger bedarf sie der Märkte. An einem und demselben Orte wurden durchschnittlich im Jahre in Westfalen am wenig- sten Märkte gehalten, nämlich 2½, in den östlichen Provinzen noch 5—6; die Jahrmärkte haben also hier noch eine viel größere Bedeutung. In der Rheinprovinz und Westfalen hat der Landbewohner durchschnittlich bis zum nächsten Marktorte eine oder nicht einmal eine Meile zurückzulegen; er wird öfter, zu jeder Zeit in die Stadt kommen; damit tritt die Bedeutung des Jahrmarkts zurück. In Preußen und Pommern hat der Landbewohner 5—6 Meilen bis zum Marktorte zurück- Schmoller , Geschichte d. Kleingewerbe. 15 Die Umgestaltung von Produktion und Verkehr. zulegen; da wird er viel seltner kommen, aber wenn er kommt, viel zu kaufen haben, und je weniger die Läden der Stadt bieten, desto wichtiger wird ihm noch die Konzentration des Angebots auf einem Markte sein. Schlesien hat im Verhältniß zur Bevölkerung die wenig- sten Marktorte, erst einen auf ungefähr 20000 Men- schen, dafür aber an einem Marktort jährlich 6—7 Märkte. Die Dauer der Märkte (zwischen 1, 1 und 1, 5 Tage auf einen Markt) vermag ich nicht auf allgemeine Ursachen zurückzuführen; es scheinen da mehr zufällige Momente zu walten. Im Königreich Sachsen müßten nach dem hohen Kulturgrad, nach der Dichtigkeit der Bevölkerung, nach den zahlreichen Städten und Flecken mit Läden und Magazinen die Jahrmärkte entschieden an Bedeutung und Zahl verlieren. Daß dies auch bis auf einen gewissen Grad der Fall ist, beweisen die Aussprüche der Handelskammerberichte, wie z. B. der Chemnitzer von 1863 sagt: „Auf den Jahrmärkten hat sich das Grossogeschäft bis auf ein Minimum reduzirt; ebenso ist auch im Detailhandel für reelle Geschäfte nur noch wenig zu erzielen, da durch den sich immer mehr ver- breitenden Handel in den Städten und auf dem Lande für die Befriedigung der Bedürfnisse vollkommen gesorgt wird. Dagegen haben die Jahrmärkte jedenfalls den großen nachtheil, daß auf denselben liederliche und un- solide Geschäftsleute immer noch Gelegenheit finden, ihr Jahresbericht der Handels- und Gewerbekammer in Chemnitz 1863. Chemnitz, Focke 1864. S. 10. Auch die dor- tigen Aussprüche über das Meßgeschäft sind interessant. Die sächsischen Jahrmärkte. Spiel zu treiben und dem soliden Verkäufer das Ge- schäft zu erschweren, wenn nicht unmöglich zu machen. Die Bedeutung der Jahrmärkte hat sich überlebt. Die- selben untergraben die Solidität des Kleinhandels, erschweren an einzelnen Orten die naturgemäße Ent- wickelung desselben und erzeugen und fristen das Dasein eines handeltreibenden Proletariats. Die Verminderung und schließlich gänzliche Beseitigung der Jahrmärkte wird deshalb den veränderten sozialen Verhältnissen der Jetzt- zeit entsprechen.“ Wir sahen schon, daß dennoch die Gesammtzahl der sächsischen Märkte zunächst keine Neigung zur Ab- nahme hat. Aber innerhalb der Gesammtzahl liegen wesentliche Aenderungen, indem die Vieh- und Produkten- märkte zu, die Krammärkte abnehmen. Es waren nämlich: Zeitschrift des sächsischen statistischen Bureaus für 1866. S. 170. Diese Zahlen bestätigen ebenfalls die Richtung auf eine sinkende Bedeutung der Krammärkte. Wo und soweit die Jahrmärkte noch blühen, sind die ausbietenden Verkäufer, wie auch der Chemnitzer Bericht andeutet, mehr reine Händler und Hausirer, als Handwerker, es sind Leute, welche den Handels- vertrieb ausschließlich treiben und deswegen wieder eher dazu passen, als die produzirenden Handwerker, welche durch den Jahrmarktsbesuch Zeit und Arbeitslust verlieren. 15 * 4. Die Magazine und der Hausirhandel. Die städtischen Magazine, ihr Charakter, ihre Konkurrenz für das kleine Handwerk. Ihre Schattenseiten, Humbug und Be- trug. Daneben ihre volkswirthschaftliche Berechtigung. Das verschiedene Verhältniß der Magazine zur Produktion, zu den Arbeitern oder kleinen Meistern. Die Uebelstände und ihre Erklärung. Die Wirkung der großen Magazine über das ganze Land. Die Wanderlager oder umherziehenden Magazine. Der Hausirhandel. Die verschiedenen Thätigkeiten, die zu ihm gerechnet werden. Zur Geschichte desselben. Die Hausirer der ältern Zeit. Die Tendenz der Verwaltung, sie zu be- schränken. Die von selbst erfolgende Abnahme des alten Hausirhandels. Die Wendung der neuesten Zeit auf Wieder- zunahme. Die Arten der Hausirer, welche wieder zunehmen. Die Berechtigung dieser Zunahme, neben der theilweise un- sittlichen und proletarischen Zunahme. Württembergische Ver- hältnisse in dieser Beziehung. Die Bestimmungen der Ge- werbeordnung des norddeutschen Bundes. Wie der tüchtige vorwärtsschreitende Handwerker den Bezug des Jahrmarkts aufgiebt, um keine kostbare Arbeitszeit zu verlieren, so weiß auch der Händler mit Handwerksprodukten, daß er besser fährt, wenn er sein Ladengeschäft in der Stadt so steigern kann, daß es ihn ausschließlich zu nähren, zu beschäftigen vermag. Wir sprechen von einem Magazinsystem da, wo der kaufmännische Vertrieb den Schwerpunkt des Geschäftes bildet. Der Bezug, die Anfertigung der Waaren ist Der Charakter des städtischen Magazins. mannigfach; die Stellung des Unternehmers ebenso: er ist bald nur Kaufmann, bald Techniker, immer ein Mann etwas höherer Bildung und sozialer Stellung. Größeres Kapital ist die Voraussetzung, große Vorräthe zur Auswahl bilden die Grundlage des Geschäfts. Eine vom Geist moderner Spekulation geleitete Reklame, glän- zende Ausstattung, kolossale Schaufenster, gewandtes Ein- gehen auf alle Bedürfnisse des Publikums bilden die Mittel anzuziehen und einen großen Absatz zu erhalten. Die Magazine bilden die Hauptklage des kleinen Meisters, ihre Konkurrenz nimmt ihm die Arbeit und würde ihm häufig noch gefährlicher werden, wenn das Magazin nicht meist Baarzahlung verlangte, während die Schneider und Schuster oft erst in einem Jahre, oft noch später bezahlt werden und diesen ruinirenden Kredit nicht weigern können, da in der That ein großer Theil derer, die zu ihnen noch kommen, es nur thut, weil hergebrachter Maßen dieser überlange Kredit im Verkehr mit dem kleinen Meister üblich ist. Aber nicht bloß der kleine Meister, auch mancher solide Geschäftsmann warnt bedenklich vor dem Magazin, und es unterliegt keinem Zweifel, — das Magazinsystem ist sehr vielfach der eigentliche Tummelplatz des modernen Schwindels und Humbugs, ja der eigentlichen Betrügerei. Der Großhandel ist reeller und solider geworden, weil sich bei ihm in der Regel zwei Sachverständige gegen- über stehen. Im Laden und Magazin stehen sich meist ein Sachverständiger und ein Laie, ein mit den Fälschungen, mit der bestimmten Waare überhaupt wenig oder gar nicht Vertrauter gegenüber. Die Umgestaltung von Produktion und Verkehr. Der rechte Spekulant geht aus von dem Grundsatz: mundus vult decipi, ergo decipiatur. Die glänzende Außenseite der Produkte ist ihm die Hauptsache, viel weniger die Haltbarkeit, die Solidität. Doch darf man nicht vergessen, daß die Waare, die er liefert, meist fabrikmäßig hergestellt ist. Sie kann nicht die Voll- endung und Haltbarkeit haben, wie ein Produkt, das nach Angabe des Bestellers gearbeitet, in allem Detail von der Hand des Meisters selbst geprüft ist. Ist die Waare nur entsprechend billig, so ist das kein Vorwurf gegen sie. Freilich geht oft die Unsolidität viel weiter, wenn es auch nicht oft vorgekommen sein mag, daß Kleidermagazine geleimte statt genähter Hosen verkauften, die im Regen bedenkliche Resultate geliefert haben sollen. Aber nicht bloß durch glänzend aussehende Waare wirkt der Spekulant, der sein Magazin in die Höhe treiben will. Alle erlaubten und unerlaubten Mittel der Täuschung und der Reklame werden von gewissen- losen Menschen in Szene gesetzt; und, was das schlimme ist, der eine kann nicht hinter dem andern zurückbleiben, so häuft sich Täuschung auf Täuschung, Betrug auf Betrug. Ein sehr interessanter Beleg hiefür ist der zunächst auf englische Verhältnisse sich beziehende Artikel in der Westminster Review 1859, Vol. XV New Series S. 357: „the morals of trade.“ Ein anderer nicht unwichtiger Beitrag findet sich in den „Hausblättern“ für 1866, Heft 21 S. 227: zur Geschichte der Reklame, eine kulturhistorische Skizze von Hugo Schramm. Ferner: The humbugs of the world, by P. T. Barnum. London, Hotten 1865. Sind wir von amerikanischem, englischem Die Schattenseiten der Magazine. und französischem Humbug noch weit entfernt, so sind diese Dinge bei uns doch auch schon so entwickelt wie irgend wünschenswerth. Der gewandte Rechtsanwalt und Handelsrichter weiß davon zu erzählen. Wie manchmal ist der Fall schon durch ärgerliche Prozesse, die unter den Helfershelfern ausbrechen, ans Licht gekom- men, daß der spottbillige Verkauf guter Kleider in diesem und jenem Magazin darauf beruhte, daß der Inhaber für 2000 Thaler einen Tuchvorrath kaufte und baar bezahlte, der 4000—5000 Thaler werth war. Der Verkäufer des Vorraths steht vor dem Bankerott und will noch etwas auf die Seite schaffen. Er verkauft, betrügt seine Gläubiger; Käufer und Verkäufer verpflichten sich zu schweigen; in den Büchern wird die Sache irgend- wie vertuscht, und Niemand erfährt etwas, wenn die saubern Geschäftsfreunde nicht Händel bekommen. Andere Magazine helfen sich wenigstens dadurch, daß sie keine andern Waaren als Konkurswaaren kaufen. Und in bewegter Spekulationszeit machen sicher immer so viele Magazine Bankerott, daß aus ihren Zwangsauktionen billig zu kaufen ist. Ich will nicht behaupten, daß auch nur die Hälfte, auch nur ein Drittheil unserer deutschen Magazine an solchen Unlauterkeiten theilnehmen; aber immer wäre das Bild des Magazinsystems einseitig, wenn man diese Auswüchse nicht erwähnte. Sie sind um so mehr zu erwähnen, als Polizei und öffentliche Meinung bei uns weniger als in entwickeltern Ländern diese Dinge ver- pönen, verfolgen, überhaupt kennen; um so mehr zu betonen, als doch trotz aller dieser möglichen Uebelstände Die Umgestaltung von Produktion und Verkehr. zuzugeben ist, daß das Magazinsystem heute eine volks- wirthschaftliche Nothwendigkeit ist. Der beste Beweis hiefür ist, daß sie trotz aller Klagen über schlechte Waaren ein immer größeres Publi- kum finden, immer mehr zunehmen. Und das hat ein- sache volkswirthschaftliche Ursachen. Die Arbeitstheilung zwischen Produktion und Vertrieb ermöglicht bessere Pro- duktion und bessern Vertrieb. Die Magazine ent- sprechen dem heutigen Stande der Kapitalansammlung, der Technik, der Geschäftsorganisation. Die Magazine haben Kapital und Kredit, die Konjunkturen zu benutzen, sie bilden, wo sie nicht selbst produziren, für die Fabriken oder kleinen Produzenten sichere, zahlungsfähige Abneh- mer; sie kaufen, wenn sie selbst produziren lassen, die Roh- und Hülfsstoffe billig im Großen ein. Sie liefern billigere Waaren als früher, sie bieten dem Publikum die große Auswahl zwischen fertigen Produkten, die es wünscht. Die Waarenvorräthe, welche sie halten, können als eine Art Reservefonds für das ganze Volk betrachtet werden. Sind nur die Verhältnisse richtig geordnet, so werden Preise und Betrieb durch die Magazine eher gleichmäßiger, Krisen seltener. Das Magazin hält eine Mißgunst der Konjunktur eher aus, als der kleine Meister; es wird auf Vorrath arbeiten lassen, gerade wenn die Löhne gedrückt sind. Das Verhältniß der Magazine zu den Arbeitern ist sehr verschieden. Einzelne haben eigene Arbeits- räume, wo sie Arbeiter und Arbeiterinnen beschäftigen; sie sind ganz auf dem Fuß einer Fabrik eingerichtet; der Arbeiter hier unterscheidet sich nur darin vom Das Verhältniß der Magazine zur Produktion. gewöhnlichen Fabrikarbeiter, daß er ein gelernter Hand- werker ist, dem entsprechend eine andere Stellung und andern Lohn beansprucht. Andere Magazine sind ganz oder fast ausschließlich auf Einkauf fertiger Produkte, fertiger Lederwaaren, fertiger Kleider eingerichtet. Sie beziehen dieselben von Fabriken oder von verschiedenen Handwerksgeschäften, welche selb- ständig die Rohstoffe einkaufen und verarbeiten, welche sich ausschließlich auf einzelne Spezialitäten, z. B. auf die ausschließliche Anfertigung von Damenmänteln werfen. Solche Handwerker arbeiten dann für eine Reihe von Magazinen, oft für Magazine an verschiedenen Orten. Ihre Geschäfte vervollkommnen sich technisch, sind durch ihren Absatz an verschiedene Magazine unabhängig; sie machen häufig gute Geschäfte; es ist kein allzugroßes Kapital zum Beginne nöthig. In dieser Weise hat sich in Thüringen und ganz Mitteldeutschland vielfach die Schuhmacherei gestaltet. Die kleinen Meister kaufen selbst das Leder — besonders da, wo Rohstoffgenossen- schaften ihnen das erleichtern — und verkaufen die fer- tige Waare an die Magazine. Häufig aber beschäftigen die Magazine die kleinen Meister und Arbeiter so, daß sie den Rohstoff liefern, den Arbeiter in seiner eignen Wohnung arbeiten lassen, ihm nur die Arbeit bezahlen. Von solchen Verhält- nissen hauptsächlich geht die vielfach verbreitete Meinung aus, als ob das Magazinsystem an sich identisch sei mit Lohnherabdrückung, mit blutiger Aussaugung des Arbeiter- standes. Diese Meinung irrt in ihrer Allgemeinheit schon deshalb, weil das Magazinsystem ganz verschiedene Die Umgestaltung von Produktion und Verkehr. geschäftliche Organisationen zuläßt, die gerade die Be- ziehungen zwischen dem Arbeiter und dem Magazin ganz verschieden gestalten. Nur so viel läßt sich im Allgemeinen sagen, daß dem Magazininhaber meist der Vertrieb, der Verkauf die Hauptsache ist, daß ihm die Produktion erst in zweiter Linie steht, daß er also deswegen weniger In- teresse an seinen Arbeitern hat, als der eigentliche Fa- brikant und als der Verleger der Hausindustrie, deren eigenes Gedeihen mit dem Wohle der Arbeiter näher zusammenhängt. Ein Theil der Mißbräuche in diesen Geschäfts- verhältnissen hängt mit diesem Umstande zusammen; der größere Theil aber hat andere Ursachen, liegt in der allgemeinen Krisis der Handwerksindustrie, in dem zu großen Angebot von Arbeitskräften, besonders in solchen Gewerben, die leicht zu erlernen sind, in denen der Zu- drang groß ist, weil sie bisher ohne bedeutendes Kapital leicht die Gründung eines eignen Geschäfts erlaubten. Auch die früher mangelnde Freizügigkeit, die Schwer- fälligkeit in Uebersiedelungen hat viel mitgewirkt; die Eisenbahnen haben die Schwerpunkte des gewerblichen Lebens total verrückt; an einem Orte ist der größte Arbeitermangel, am andern haben die Leute nichts mehr zu thun. Wo so das Angebot an Arbeitern überwog, wo zahlreiche kleine Meister unbeschäftigt waren, da haben die Magazine arbeiten lassen. Sicher haben sie die Unkenntniß und die Noth der armen Leute oftmals blutig und entsetzlich ausgenutzt. Aber meist geschah es Das Arbeiten für die Magazine. da, wo ohne die Magazine die Arbeiter gar keine Arbeit gefunden hätten, die Noth also noch größer gewesen wäre. Oft auch haben sich die Schuhmacher und Schneider, welche für Magazine arbeiten, selbst dadurch geschadet, daß sie das Magazin im Stiche ließen, wenn dieses ihre Arbeit am nothwendigsten brauchte. Sie halten es häufig noch für eine Schande, für „die Juden“ zu arbeiten, sie wollen eine eigene Kundschaft erwerben und lösen, sobald in einem günstigen Geschäftsjahr die Nach- frage steigt, ihren Zusammenhang mit dem Magazin. Nun kommt wieder eine Geschäftsstille; der Versuch, ein eigenes Geschäft zu gründen, zeigt sich als mißlungen; die Ersparnisse sind verbraucht. Der Magazininhaber wie der Meister sind gegenseitig erbittert; jeder schiebt den flauen Absatz dem andern in die Schuhe. Und jetzt gerade muß der kleine Meister um jeden Preis Arbeit suchen! So kann das Verhältniß sein, so muß es nicht sein. Hat sich nach Umwandlung der Verhältnisse die Zahl der Arbeitenden in ein richtiges Verhältniß zur Nachfrage gestellt, ist die Lage der Leute eine behag- lichere, bessere, besitzen sie wenigstens das nothwendige handwerkszeug selbst, sind sie nicht durch Vorschüsse von einzelnen großen Unternehmern abhängig, so ist ihre Lage nicht schlimm. Es fehlt ihnen die alte Selbstän- digkeit des Handwerks, es fehlt ihnen die Möglichkeit, am Unternehmergewinn theilzunehmen; aber sie haben ihr gesichertes Verdienst, und wenn sie sehr geschickt sind, wenn sie etwas ersparen, können sie immer in die Reihe der Unternehmer selbst wieder eintreten. Die Umgestaltung von Produktion und Verkehr. Die Wirkung der städtischen Magazine beschränkt sich nicht auf die Städte; die ganze Umgegend der Stadt fängt an, bei ihnen zu kaufen; der schöne Laden beginnt auch dem Bauern zu imponiren, der staunend vor den gro- ßen Spiegelfenstern und ihrer Schaustellung stehen bleibt. Die Eitelkeit spielt mit: mancher will hinter der Mode nicht zurückbleiben; die neueste Mode, die neueste Fa ç on findet man in den großen schönen Läden. Die Eisenbahn erleichtert den Besuch selbst für den ferner Wohnenden. Wie der Bauer gern in die Stadt, so geht der Be- wohner des Städtchens gerne auf einen Tag in die Hauptstadt der Provinz; der wohlhabende Bewohner der Provinzialhauptstadt aber würde es unter seiner Würde finden, wenn er nicht Möbel und Kleider von Berlin bezöge; die vornehme Berlinerin hat ihre Putzmacherin in Paris, nur dort kann sie die neuen seidenen Roben einkaufen und erträglich machen lassen. Berliner Möbel sind nächstens in den Magazinen aller deutschen Städte; es ist dasselbe Holz, dieselbe Arbeit, dieselben Modelle; aber der „Gebildete“ reist doch nach Berlin, um dort einzukaufen, und sicher findet er auch da eine noch größere Auswahl, die schönsten Stücke, die billigsten Engros -Preise, oftmals freilich auch noch mehr Täuschung und Betrug, als zu Hause. Aber auch für Denjenigen, der nicht die Reisen nach der Provinzial- oder Landeshauptstadt machen kann, hat die wachsende Spekulation Gelegenheit geschaffen, die Magazinwaaren zu kaufen, durch die wandernden Maga- zine, welche den Uebergang zu dem eigentlichen Hausir- handel bilden. Die Wanderlager. Man wird diesen Wandermagazinen nicht voll- ständig die volkswirthschaftliche Berechtigung absprechen dürfen. Wenn an einem Orte ein Geschäft nicht das ganze Jahr zu thun findet, so kann der Wechsel des Ortes von Monat zu Monat am Platze sein. Die Funktion, neue Bedürfnisse in abgelegenen Orten zu wecken, ist ebenfalls eine berechtigte, wenn sie nicht zu weit geht. Auf der andern Seite aber ist ebenso unzweifelhaft, daß solche Wandermagazine mehr als jeder andere Ge- werbebetrieb es auf Täuschung des Publikums, auf Umgehung der Gewerbesteuer anlegen. Die Reklame, das Aushängeschild des Ausverkaufs, die verführerische Form der Auktionen muß helfen einen schnellen Absatz zu bewerkstelligen, und bis die Käufer den Schaden merken, ist das Magazin längst an einem andern Orte. Was ich oben von den Schattenseiten der stehenden Magazine sagte, gilt doppelt und dreifach von den wandernden. Die großen Klagen in Württemberg über der- artige Wandermagazine erwähnte ich schon oben. Seit die Gewerbesteuer dieser Art von Geschäften geregelt ist (1865), hat aber das wandernde Ausbieten von ganzen Waarenlagern in Wirths- und Privat- häusern wieder wesentlich abgenommen. Württ. Handelskammerberichte für 1865. S. 119. Das neue Bairische Gewerbegesetz hat trotz seiner sonst durchaus liberalen Richtung die Bestimmung, daß die sogenannten Wanderlager von der ortspolizeilichen Bewilligung ab- Die Umgestaltung von Produktion und Verkehr. hängen und einer besondern Abgabe für die Gemeinde- kasse des betreffenden Ortes unterliegen. Art. 21. s. die angeführten Erläuterungen von Schöller S. 79—80. Der große Erguß von Berliner Spekulanten über Thüringen und ganz Mitteldeutschland in der Form von Wanderlagern, über den jetzt allerwärts geklagt ist, scheint auch mit einer mangelhaften Regelung der Steuerverhältnisse zu- sammenzuhängen; vielfach sind natürlich die Klagen über- trieben, sie zeigen theilweise nur, daß Konkurrenz kommt, und daß sie ungeschickten Meistern und uncoulanten kenntnißlosen kleinen Händlern unbequem ist. Wandernde wie stehende Magazine, welche Fabrikwaaren verkaufen, hätten ja überhaupt unendlich weniger zu thun, wenn die Kunden bei den kleinen Meistern etwas bessere und kunstgerechtere Produkte im Falle der Bestellung erhielten. Wenden wir uns endlich zum eigentlichen Hausir- handel, der freilich nur theilweise hierher gehört, nur theilweise dem kleinen Handwerker und seinem Laden- geschäft Konkurrenz macht. Es werden zum Hausirhandel im weitern Sinne ziemlich verschiedene Handels- und Gewerbebetriebe gerechnet: Leute, welche ihre Dienste anbieten, wie Scheerenschleifer, Kesselflicker, Topfbinder, Kastrirer, die in weiter Ferne herumkommen, und Glaser, die mit Glasscheiben und Werkzeug nur in der nächsten Umgegend Nachfrage halten, ob irgendwo eine Reparatur noth- wendig sei; Händler, welche alle Arten von Kramwaaren vertreiben, und solche, die von einzelnen Industrien aus- Der Hausirhandel. gesendet, ihre Produkte in die weiteste Ferne bringen, diesen Industrien vielfach erst Absatz schaffen; dann wie- der Sammler von Abfällen, Aufkäufer von Obst, Ge- flügel, Eier, Garnsammler und wandernde Flachsver- käufer, die letztgenannten alles Leute, die mit festem Wohnsitz den Verkehr höchstens auf einige Meilen ver- mitteln, in kurzen Zeiträumen immer wieder erscheinen. Diese Verschiedenheit derjenigen, die man unter dem Begriff der Hausirer umfaßt, und die bisher nach den meisten Gesetzgebungen ziemlich gleichmäßig unter den gesetz- lichen Bestimmungen über den Gewerbebetrieb im Umher- ziehen standen, erklärt auch die Verschiedenheit der An- sichten über Werth und Berechtigung des Hausirhandels. Je nachdem die eine oder andere Art vorwiegt, je nachdem die sonstigen begleitenden Kulturzustände sind, muß das Urtheil anders ausfallen. Ich will nur flüchtig anzu- deuten suchen, wie je nach den verschiedenen Branchen, je nach den Zeitverhältnissen der Hausirhandel zu- oder abnehmen mußte, günstiger oder ungünstiger beurtheilt wurde. Bei ganz rohen Zuständen, wie heute noch in vielen Gegenden Nordamerika’s, ist der Hausirer der einzige Vermittler mit der übrigen Kulturwelt, der ein- zige, der Kunstprodukte, Gewebe, Nadel und Faden, Geräthe und Instrumente dem abgelegen wohnenden Landmanne bringt. Der römische Hausirer durchzog die germanischen Lande; ähnliche Dienste leistete im Mittel- alter der Jude, der Lombarde, der Zigeuner, später auch viele Deutsche selbst. In armen gebirgigen Gegen- den warfen sich ganze Ortschaften auf diesen mühevollen Die Umgestaltung von Produktion und Verkehr. Erwerb und haben sich bis in die neuere Zeit so erhalten. Ich erwähne aus Süddeutschland die nassauischen Töpfer- händler, die schwarzwälder Uhrenhändler, aus Nord- deutschland vor Allem die Hausirer Westfalens, die Winterberger und Westfälinger, die Händler aus dem Hückengrunde, die mit Holz-, Töpfer- und Eisenwaaren, mit Hopfen und andern Waaren durch die Welt zogen, die früher vorzüglich nach Dänemark, nach Schweden und Norwegen bis in die einsamsten Thäler vordrangen, deutsche Waaren absetzten und dafür den Feuerschwamm mitbrachten. In Westfalen gibt es noch bis in die neuere Zeit Städtchen und Dörfer von 1000—6000 Ein- wohnern mit mehreren Hundert Hausirern. Jacobi, das Berg-, Hütten- und Gewerbewesen des Regbz. Arnsberg, S. 488 ff. Zu Tausen- den zogen sie aus jenen Gegenden jedes Frühjahr aus. Ulmenstein, über den Hausirhandel, Archiv d. pol. Oek. von Rau I, S. 213 und passim. Waren immer schon viele schlimme Elemente unter einer derartigen Bevölkerung, war das noch mehr der Fall an der polnischen Grenze, wo unter Juden und Polen noch mehr nomadenhafte Gewohnheiten und Hang zu Betrug und Diebstahl existirten, immer gab es unter ihnen sehr viele ehrliche, tüchtige Leute. Aber neben ihnen finden wir früh ganz andere Elemente, die mit Recht die strengste polizeiliche Ueberwachung heraus- forderten. Aus den fahrenden Leuten des Mittelalters wird nach der Reformationszeit, noch mehr nach dem dreißigjährigen Kriege eine wahre Landeskalamität; die Verwilderung hatte alle sittlichen Bande zerstört. Die Die vagabundirenden Hausirer. Arbeitsscheu schwellte damals den Hausirhandel unnatür- lich an. Die Bevölkerung ganzer Dörfer, ganzer Gegen- den hatte sich in fahrende Diebs- und Räuberbanden verwandelt. Mißbräuche aller Art nahmen zu. Schleich- handel, Kundschafterei für Diebsbanden, Diebshehlerei, wenn nicht Schlimmeres, Quacksalberei, systematischer Betrug, Verkauf unsittlicher Bilder und verbotener Schriften galten für identisch mit Hausirhandel, und bis in die neuere Zeit trifft man nur allzureiche Spuren hiervon. Eine gewaltthätige Gesetzgebung suchte dieses Gesindel wieder zu seßhaftem Leben zu bringen, suchte mit allen Mitteln diesem unsteten Leben entgegen zu wirken; und als längst schon in andern Gebieten die abstrakte Theorie von der Freiheit alles wirthschaftlichen Verkehrs als unbedingtes Dogma galt, war in Bezug auf den Hausir- handel Theorie und Praxis einig, war bemüht, den Hausirhandel möglichst zu beschränken, das stehende Ge- werbe vor seiner Konkurrenz zu schützen. Von diesem Geiste sind die Hausirgesetze bis in die neuere Zeit beherrscht. Auf diesem Standpunkt steht z. B. noch 1841 Hoffmann, Die Befugniß zum Gewerbebetrieb S. 240. dem Rönne Gewerbepolizei II. 224. dieselben Worte noch 1851 unbedingt nachspricht, wenn er sagt: „Die Fortdauer des Gewerbebetriebs im Umherziehen auf der Bildungs- stufe, worauf sich Deutschland und Preußen insbesondere befindet, ist eine merkwürdige Erscheinung. Eine Noth- wendigkeit derselben ist durchaus unerweislich.“ Schmoller , Gesch. d. Kleingewerbe. 16 Die Umgestaltung von Produktion und Verkehr. Das preußische Regulativ vom 28. April 1824, das bis jetzt gegolten hat, war übrigens in relativ liberalem Geiste gehalten. Hoffmann findet, daß es viel zu sehr die Dinge sich selbst überlasse, wenn es auch auf der andern Seite durch die hohe Gewerbesteuer für den Gewerbebetrieb im Umherziehen an einzelnen Punkten wieder einschränkend wirke. Für Denjenigen, dem die Verwaltungspraxis in den verschiedenen Landes- theilen nicht genau bekannt ist, ist es schwer, ein selb- ständiges Urtheil darüber zu fällen, in wie weit die Gesetzgebung, in wie weit die andern Ursachen, die realen wirthschaftlichen Bedürfnisse auf Zunahme oder Abnahme des Hausirhandels gewirkt haben. Jedenfalls ist anzunehmen, daß die Verwaltungspraxis in Preußen von 1824 bis zur Gegenwart ungefähr dieselbe blieb, daß also die Stabilität des Hausirhandels früher und die Zunahme, die neuerdings eingetreten ist, auf andere Ursachen zurückzuführen sind. Im Ganzen wird man behaupten dürfen, daß die wirthschaftlichen Verhältnisse, die steigende Oeffentlichkeit und Moralität bis in die neuere Zeit in ähnlichem Sinne wirkten, wie die Hausirgesetze. Der Hausirhan- del, der nur dem Vagabundenleben zum Schilde dient, hat entschieden abgenommen. Und nicht bloß der unsolide, auch der solide Hausirhandel ist theilweise nicht mehr so nothwendig wie früher. Seit der neuern Zunahme des Verkehrs hängen nicht mehr, wie früher, ganze Industriezweige vom Absatz der Hausirer ab. Die Nürnberger und Fürther Industrie, die schwarzwälder Uhrenindustrie, die rheinbairische Bürsten- und Besen- Die Abnahme des ältern Hausirhandels. industrie setzen ihre Produkte jetzt mehr auf andere Weise ab. Der Tyroler Hausirer mit seinen Lederwaaren und Handschuhen besucht jetzt die Messen und Märkte, vielfach hat er sich fest angesiedelt, als Hausirer trifft man ihn selten mehr. Die Gegenden und Ortschaften, die beinahe ausschließlich vom Hausirhandel lebten, gehen wesentlich zurück oder nehmen die Betriebsweisen eines geordneten stehenden Handels an. Wenn der west- fälische Hausirer — so erzählt Jacobi — früher oft 1000 Fl. von einer Jahrestour aus Holland zurück- brachte, so ist er jetzt mit 100 Thlr. durchschnittlich zu- frieden. In immer weitere Kreise muß er ziehen, um sich zu nähren. Von den süddeutschen Hausirern der Ehninger Gegend, die in aller Welt bekannt sind, berichtet Mährlen: Königreich Württemberg S. 623. „Der Hausirhandel, wie er bisher von den Krämern in Ehningen mit einem Jahresum- schlag von einigen Millionen Gulden betrieben wurde, ist in starker Abnahme begriffen, und es haben manche der zahlreichen Firmen dieses Orts bereits angefangen, ihren Uebergang zur Seßhaftigkeit durch Kommanditen im In- und Auslande anzubahnen.“ Während aber so auf der einen Seite von selbst und durch die Be- mühung der Verwaltung einzelne Arten des Hausir- handels abnahmen, mußten die neuesten Verkehrs- änderungen wieder andere zur Ausdehnung veran- lassen. Ladengeschäfte und Handwerk nahmen seit der Zeit der Eisenbahnen auf dem Lande nicht mehr so zu wie 16 * Die Umgestaltung von Produktion und Verkehr. früher; der Jahr- und Wochenmarktsbesuch ist nicht mehr derselbe. Der Bauer hat nicht mehr Zeit, so oft zu Markte zu fahren und ganze Tage mit Verkaufen und Einkaufen zu verlieren. Der Hausirer kann billigere und bessere Waaren liefern, als der Laden im Dorfe. Der Hausirer mit Kramwaaren, mit Weißwaaren, mit Küchengeschirr, gewinnt dadurch eher wieder. Mancherlei Neues wird heute produzirt; Bedürfnisse und Ansprüche ändern sich; in abgelegenere Gegenden kommt dieses Neue nur durch den Hausirer. Vor Allem aber mußte der einkaufende Hausirhandel zunehmen. Der Viktualien- handel ist meist jetzt in den Händen solcher kleinen Kommissionäre, welche bisher in Preußen einen Hausir- schein brauchten. Sie kaufen für den Müller die kleinen Getreideposten zusammen, sie liefern dem Geflügel- händler, dem Eier-, Butter- und Milchhändler der Stadt ihre Waaren. Aber fast immer verbindet sich damit ein Vertrieb von Waaren, welche der Landmann braucht; sie besorgen dem Bauern dies und jenes in der Stadt, kaufen dort für ihn ein. Außerdem ist man heute bemüht, die Abfälle besser zu nützen als früher. Altes Eisen, Lumpen lassen sich schwer anders sammeln als durch den Hausirer, sie würden nicht benutzt, wenn der Hausirer sie nicht holte. Die meisten derartigen Geschäfte sind in den Händen nicht ganz unbemittelter Leute; sie müssen baar zahlen und gegen Kredit ver- kaufen, wenigstens die an die Viktualienhändler der Stadt verkaufenden. Dazu gehört einiges Kapital. Das erklärt, warum in neuerer Zeit die Zahl der sogenannten Hausirer resp. der Hausirpatente auch bei Die neueste Zunahme des Hausirhandels. gleichbleibender Gesetzgebung zunahm, erklärt, warum bei einer Erleichterung des Hausirhandels durch eine liberalere Gesetzgebung der Zudrang ein so großer ist, obwohl damit nicht geleugnet werden soll, daß, wenn eine solche Gesetzesänderung eintritt, auch eine Reihe unlauterer Motive, sowie die steigende Zahl der Bevöl- kerung an sich zur Ausdehnung mitwirken. Die Zahl der jährlich in Preußen nachgesuchten und ertheilten Hausirscheine ist mir leider nur für ein- zelne Jahre bekannt. Die Zahlen der in der amtlichen Statistik seit 1837 angeführten Gewerbetreibenden dieser Art sind mir zu einem strengen Beweis nicht ganz un- verdächtig; denn einmal stimmen sie nicht überein mit der Zahl der aus einzelnen Jahren mir bekannten Hausirscheine; das hat wohl seinen Grund darin, daß nur die ausschließlich als Hausirer lebenden Personen in der Gewerbetabelle unter dieser Rubrik gezählt werden. Dann ist die aufzunehmende Kategorie aber auch nicht immer gleich gefaßt gewesen. Immerhin will ich die Zahlen mittheilen und versuchen, zu folgern, was sie ungefähr enthalten. Die aufzunehmende Kategorie lautete zuerst Dieterici, statist. Uebersicht. 2te Forts. S. 617. „herumziehende Krämer,“ später „herumziehende Krämer und Lumpensammler;“ die Pferde- und Viehhändler waren nicht darunter; sie machen 1858 noch eine beson- dere Kategorie aus (12112 Personen zusammen mit Kohlen-, Pech-, Theerhändlern und Trödlern). Im Die Umgestaltung von Produktion und Verkehr. Jahre 1861 sind die Kategorien etwas andere. Die Rubrik „Pferde-, Vieh-, Pech-, Theer-, Kohlenhändler und Trödler“ fehlt ganz. Die Hausirer sind so gefaßt: „herumziehende Krämer, Lumpensammler und andere herumziehende Händler.“ Darnach ist ein Theil der 1858 unter den 12112 Personen steckenden Händler jetzt hier mitverzeichnet, aber auch nur ein Theil, z. B. die Trödler nicht, wonach die Zahl für 1861 also, um mit den früheren Zahlen vergleichbar zu werden, um einige Tausend reduzirt werden müßte. Die Zahlen selbst sind folgende: 1837 . 15753 1840 . 16237 1843 . 18146 1846 . 21049 1849 . 16724 1852 . 20404 1855 . 21214 1858 . 22497 1861 . 44411. Nach dieser Tabelle würde die Zahl der Hausirer von 1837 bis 58 sich kaum, nur etwa der Bevölkerungs- bewegung entsprechend, vermehrt haben. Die vorüber- gehende Steigerung 1846 erklärt sich aus der damaligen Noth und Stockung der Kleingewerbe, welche Manche nöthigte, auf dem Wege des Hausirens sich durchzu- bringen. Für 1858—61 bleibt eine bedeutende Zu- nahme, man mag auch tausende von der Zahl wegen anderer Fassung der Rubrik abziehen. Und diese Zu- nahme halte ich gerade von 1858 ab nicht für un- wahrscheinlich. Die Preußische Statistik des Hausirhandels. Es ist daneben nicht ohne Interesse auf die Ver- theilung der Hausirer nach Provinzen 1837 und 1861 einen Blick zu werfen: Wo am meisten Verkehr und Industrie, wo der Kleinbesitz vertreten, wo die wirthschaftliche Kultur am höchsten ist, da finden wir die größte Zahl derselben. Der relative Zuwachs, wenn wir ihn überhaupt nach diesen Zahlen glauben schätzen zu dürfen, ist nächst Preußen am stärksten in Sachsen und am Rhein, am schwächsten in Pommern, Brandenburg, Posen. Das deutet darauf, daß es nicht sowohl die vagabundiren- den, nomadenhaften, auf Diebstahl und Nichtsthun spekulirenden Hausirer, sondern die kleinen, reellen, wahren wirthschaftlichen Bedürfnissen dienenden Auf- und Verkäufer sind, die zunehmen. Daß trotzdem auch heute noch der Hausirhandel seine wirthschaftlichen und sittlichen Gefahren hat, zeigt sich am besten, wie ich vorhin schon erwähnte, wenn irgendwo die Verwaltung das Lösen der Gewerbescheine erleichtert, die Steuern herabsetzt, oder die Umgehung Die Umgestaltung von Produktion und Verkehr. derselben erleichtert. Der Andrang und die Mißbräuche, die da entstehen, sind nicht unbedeutend, es fragt sich nur, ob sie nicht theilweise vorübergehend sind, ob nicht durch die bisherige einschränkende Verwaltungspraxis neben manchem Unfug sehr viele berechtigte Geschäfte abgeschnitten wurden. Ich möchte in dieser Beziehung noch Einiges aus den unparteiischen, schon oben erwähnten Berichten der württembergischen Handelskammern hervorheben. Die Berichte erkennen vollständig an, daß die größere Ausdehnung des Hausirhandels seit dem liberalen Gewerbegesetz von 1862 ihre volkswirthschaftliche Be- rechtigung habe, daß der Hausirhandel Konkurrenz und Preisermäßigung schaffe, daß er Geschäfte, Einkäufe und Verkäufe veranlasse, die ohne ihn vielfach ganz unter- blieben wären. Aber ebenso betonen sie die Mißstände. Die unreellen Geschäfte, der Schwindel, Täuschung und Betrug, die unverschämte Zudringlichkeit, welche sich nicht vermindert, wenn dem Hausirer verboten wird, die Häuser zu betreten, haben ebenfalls zugenommen. Einzelne ganz schlimme Auswüchse werden erzählt. In einem der Berichte heißt es: „Es kommen Leute ins Land, welche als Entrepreneurs eine Anzahl von Kin- dern und Halberwachsenen mit sich führen, in Wirths- häusern sich festsetzen und diese Leute mit Mausfallen, ordinären Blechwaaren und dergleichen ins Hausiren schicken, mit der Auflage, täglich eine Summe Geldes einzubringen, in deren Ermangelung Mißhandlungen eintreten. Der Entrepreneur lebt gut, seine Unter- gebenen desto schlechter und kaum anders als in andern Württembergisches Hausirwesen. Welttheilen die Sklaven. Dieß ist ein Mißstand, welcher durch die Gewerbefreiheit nicht gedeckt werden sollte.“ Sehen wir aber von solchen einzelnen Mißbräuchen ab, die theilweise wenigstens durch eine richtige, sonst freieste Bewegung gestattende Gesetzgebung und Verwal- tung verhindert werden können, so geht das Haupt- resultat dahin: Die Zahl der Hausirer hat sich 1862 und 63 außerordentlich vermehrt, schon 1864 und 65 aber wieder abgenommen; erst die Geschäftsstockung von 1866 hat sie wieder sehr vermehrt. Weitaus die Mehrzahl der Hausirausweise aber wird von Leuten benutzt, über welche die stehenden Gewerbe nicht klagen, und welchen man keine Arbeitsscheu vorwerfen kann; es sind Frauen, ältere, schwächliche Leute, die Knochen, Lumpen, Landesprodukte aufkaufen, mit Beeren, Besen, Schindeln handeln. Die kräftigen, zur Arbeit tauglichen Hausirer sind meist Ausländer oder Israeliten. Allerdings wird mit der Zunahme dieser Handelszweige die Neigung zu Diebstahl und Nichtsthun etwas befördert; aber allgemein ist diese Folge nicht. Und bis jetzt haben in Württemberg die Verbrechen gegen Person und Eigen- thum, die Vergehen gegen die Sittlichkeit nirgends wesentlich zugenommen. Es wird zugegeben, daß bei einer richtigen Handhabung der Steuergesetze die wirth- schaftlichen Mißstände keinenfalls überwiegen und theil- weise ganz vorübergehend sind, daß der Andrang in mäßigen Schranken gehalten werden kann. Die Berichte zeigen, daß jedenfalls eine berechtigte Tendenz zur Ausdehnung vorhanden ist, daß mehr an- Die Umgestaltung von Produktion und Verkehr. ständige Motive und wirthschaftliche Bedürfnisse den Hausirhandel dort zunehmen lassen als betrügerische und unlautere Absichten. Es kommt auf Land und Leute, auf Volkscharakter und sittliche Bildung im konkreten Falle an. Jedenfalls aber sind diese Faktoren auch in Preußen und im ganzen norddeutschen Bunde solche, daß eine Erleichterung gegenüber der früheren Verwaltungspraxis nothwendig und angezeigt ist, wie sie in der neuen Gewerbeordnung des norddeutschen Bundes angestrebt wird. Es gehört eine Betrachtung dieser neuen Gesetzgebung eigentlich nicht hierher; doch mögen einige Worte gestattet sein. Der Entwurf Drucksachen des Reichstags Nro. 13. § 53 — 64. Die Motive sind enthalten S. 13 — 29. Die Anlage C. S. 113 ff. gibt eine Uebersicht über die bestehende Gesetzgebung der Bundes- staaten in Betreff des Gewerbebetriebs im Umherziehen. schon geht von der Absicht aus, die stehenden Gewerbe als solche nicht mehr zu bevor- zugen, den Gewerbebetrieb im Umherziehen als gleich- berechtigt anzuerkennen, nur da Beschränkungen eintreten zu lassen, wo es sich um ungesunde und gefährliche Ele- mente handelt, um Geschäftszweige, welche in ungleich höherem Grade unlautern Zwecken als dem redlichen Er- werbe zu dienen pflegen. Die im Allgemeinen beibehaltene Legitimationspflicht soll, abgesehen von ihrer sicherheits- polizeilichen Unentbehrlichkeit, dem Publikum wenigstens einigermaßen die Garantie, wie sie der stehende Betrieb von selbst bietet, ersetzen. Zum Viktualienhandel im Umherziehen soll kein Gewerbeschein mehr nothwendig Das Hausirwesen in der neuen Gewerbeordnung. sein. Während bisher Gewerbescheine in Preußen nur ertheilt wurden für eine bestimmte Anzahl von Waaren- gattungen, sollen jetzt solche für alle nicht besonders ausgenommenen Waaren ertheilt werden. Ausgenommen sollten nur sein: Verzehrungsgegenstände, soweit sie nicht zu den Gegenständen des Wochenmarktverkehrs gehören, geistige Getränke, gebrauchte Kleider und Betten, Garnabfälle, Enden oder Dräumen von Seide, Wolle, Leinen und Baumwolle, Bruchgold und Bruch- silber, Spielkarten, Lotterielose, Staats- und sonstige Werthpapiere, Schießpulver, Feuerwerkskörper und an- dere explosive Stoffe, Arzneimittel, Gifte und giftige Stoffe. Nur für Gaukler, Marktschreier, Bänkelsänger und ähnliche Personen, welche sich produziren wollen, soll der Gewerbeschein auf einen oder mehrere Regie- rungsbezirke beschränkt und soll die Ertheilung abhängig gemacht werden von dem Bedürfniß. Abgesehen hier- von sollte nach dem Entwurfe die Ertheilung nur ver- sagt werden, wenn der Nachsuchende mit ekelhaften Krankheiten behaftet sei oder ihm die Zuverlässigkeit in Bezug auf den beabsichtigten Gewerbebetrieb fehle. Die Besteuerung der Hausirer soll Sache der einzelnen Staaten bleiben und durch die neue Gewerbeordnung gar nicht berührt werden, obwohl der Gewerbeschein für das ganze Bundesgebiet legitimirt. Die Motive gehen davon aus, daß diese Grund- sätze gegenüber den bestehenden Vorschriften ein wesent- lich befreiende Wirksamkeit üben werden. Der Com- missar der Bundesregierungen hob in der Debatte her- vor, daß schon die Regierungsvorlage einen kolossalen Die Umgestaltung von Produktion und Verkehr. Schritt vorwärts im Sinne der Befreiung der gewerb- lichen Thätigkeit enthalte und warnte dringend, nicht viel weiter zu gehen, nicht viel über dieses Ziel hinauszuschießen, da eine weitergehende Befreiung gar nicht einmal im Einklang mit der öffentlichen Mei- nung stehe. Die Majorität des Reichstages stand auch prinzipiell auf gleichem Boden der Anschauung, aber sie ging im Detail doch wesentlich weiter, glaubte eine Reihe von Cautelen fallen lassen zu können, welche der Entwurf beibehalten hatte, um Betrügerei und unlautere Ele- mente leichter auszuschließen. Der Entwurf verweigerte dem den Hausirschein, der nicht zuverlässig sei. Das kann und wird die Ver- waltungsbehörde leicht mißbrauchen, wenigstens ungleich- mäßig und willkührlich auslegen. Jetzt ist festgesetzt, daß der nicht mehr Gewerbe- sondern Legitimationsschein genannte Ausweis nur dem verweigert werden darf, der bestimmte Strafen erlitten hat, unter Polizeiaufsicht steht, als notorischer Bettler und Landstreicher bekannt ist. Sicher gerechter; aber die Zunahme unreeller Geschäfte ist so auch viel schwerer zu hemmen. Der Entwurf ver- langte Meldung bei der Polizei an jedem Orte, ver- bot ohne Aufforderung die Häuser zu betreten. Beides wurde beseitigt, letztere Bestimmung, weil das gewöhnliche Hausrecht ausreiche. Von Waaren, welche der Entwurf noch ausschließen wollte und die jetzt doch zugelassen werden, sind nur zu nennen die Verzehrungsgegen- stände, welche nicht zum Wochenmarktsverkehr gehören, also hauptsächlich Colonialwaaren. Sie sollten ausge- Das Hausirwesen in der neuen Gewerbeordnung. schlossen werden, weil bei ihnen Fälschungen zu leicht und häufig vorkommen. Die Kommission des Reichs- tages wollte auch den Handel mit Staatspapieren, Aktien und andern Werthpapieren den Hausirern zuge- stehen, worauf aber der Reichstag in Anbetracht der großen Gefahren des Aktienschwindels, in Anbetracht der großen Leichtgläubigkeit des Publikums in dieser Beziehung nicht einging. Die Folge wird erst lehren können, ob man damit nicht theilweise zu weit ging. Daran aber zweifle ich keinen Moment, daß der Hausirhandel von dem Inkraft- treten des Gesetzes an außerordentlich zunehmen wird, aber auch zugenommen hätte, wenn nur die Bestim- mungen des Entwurfes angenommen worden wären. Es ist eine Richtung, die sich vollzieht, ob die gesetz- lichen Bestimmungen etwas enger oder weiter gefaßt sind, eine Richtung, welche mancherlei Schmutz aufrührt und mit sich bringt, aber in der Hauptsache berechtigt und nothwendig ist. Manch kleiner Laden, manch kleiner Handwerker wird darunter leiden, vielleicht gar zu Grunde gehen. Das läßt sich nicht ändern. Das steht in nothwendigem Zusammenhang mit der ganzen Umbildung der Pro- duktion und des Verkehrs in unserer Zeit. Eine Produktion durch Fabriken oder größere Hand- werkergeschäfte, eine Produktion, die nicht mehr am Orte des Konsumenten zu sein braucht, die nicht mehr sich verbindet mit dem direkten Verkauf an den Konsu- menten, daneben die selbständigere Entwicklung des Die Umgestaltung von Produktion und Verkehr. Handels — als Großgeschäft, als Magazin in den größern Städten, theilweise als Detailhandel und kleines Ladengeschäft in den kleinen Städten und Dörfern, theilweise als Wandermagazin und Hausirhandel auf dem Lande, das sind Glieder einer und derselben Kette. Die lokale und geschäftliche Vertheilung der Gewerbetreibenden. 1. Das Handwerk in Stadt und Land. Der Gegensatz von Stadt und Land, volkswirthschaftlich und historisch. Die spezifisch ländlichen Gewerbe. Ihr Vorkommen schon zur Zeit des gewerblichen Städtezwangs. Kornwestheim 1787. Die preußischen ländlichen Gewerbe nach Krug 1795/1803, dieselben in Schlesien und in der Mark 1810 nach Hoffmann. Das statistische Material für die spätere Zeit. Die volkswirthschaftlichen Vorbedingungen für das Landgewerbe von 1815 — 55. Das preußische Handwerk nach Stadt und Land 1828, 1849 und 1858. Die veränderten Verhältnisse in neuester Zeit. Die wichtigsten einzelnen Gewerbe in Stadt und Land 1828 u. 1858. — Der Unterschied zwischen den grö- ßern und kleinern Städten 1828 und 1837. Das Handwerk der größern preußischen Städte 1861. — Das bairische Hand- werk in den unmittelbaren Städten und im übrigen Lande 1847 und 1861. Die sächsischen Kleingewerbe in den Städten 1830 und 1856; der Vergleich der großen, der kleinen Städte und des platten Landes 1849 und 1861. In einem mehr systematischen Ueberblick die Haupt- veränderungen, welche das Handwerk im 19. Jahrhundert erfahren hat, darzustellen, war der Zweck der letzten Betrachtungen. Mancherlei statistisches Material habe ich zum Beweis für dieses und jenes herangezogen, nicht aber die statistischen Aufnahmen der Kleingewerbe selbst. Zu ihnen kehre ich jetzt zurück, um zu prüfen, ob das, Schmoller , Gesch. d. Kleingewerbe. 17 Die Vertheilung der Gewerbetreibenden. was ich im Allgemeinen behauptete, sich hier im Spe- ziellen bestätigt. Die Hauptpunkte freilich, um die es sich dabei handelt, entziehen sich aller statistischen Erfaßbarkeit. Aber immer läßt sich die Prüfung wenigstens nach ein- zelnen Seiten hin vollziehen und zugleich schließen sich daran Untersuchungen, die auch ein selbständiges Interesse für sich in Anspruch nehmen. Wir beginnen mit der Frage nach der lokalen Ver- theilung des Handwerks. Diese Vertheilung kann bei der Art der statistischen Aufnahmen, die wir besitzen, nach zwei Richtungen untersucht werden. Man kann fragen, wie verhält sich Stadt und Land im Durch- schnitt von ganz Preußen, Sachsen, Baiern, und man kann fragen, wie vertheilt sich das Handwerk nach den einzelnen deutschen Staaten und nach den Provinzen des preußischen Staats? Bleiben wir zunächst bei dem Verhältnisse von Stadt und Land, so liegen die wesentlichen Ursachen der verschiedenen Vertheilung des Handwerks natur- gemäß in dem volkswirthschaftlichen Gegensatz von Stadt und Land selbst, in der verschiedenen wirthschaft- lichen Bedeutung, welche die Städte und das platte Land früher gehabt haben und gegenwärtig haben. Nur in zweiter Linie kommt die Gesetzgebung in Betracht, die von jeweiligen Theorien, von anderweiten Gesichts- punkten aus die Vertheilung des Handwerks beherrschen wollte, aber gegenüber den realen Bedürfnissen das doch immer nur bis auf einen gewissen Grad vermochte. Der Gegensatz von Stadt und Land. Die Städte sind entstanden durch die nach einem gemeinsamen Mittelpunkt drängenden politischen, kirch- lichen, wirthschaftlichen Bedürfnisse der einzelnen Landes- theile. Jede Gegend, jeder Kreis hat das Bedürfniß, die Verwaltung, das Gericht, den Handel, die Feste der Kirche und des Volkes an einem Punkte zu kon- zentriren; im Mittelalter bot der Schutz der Mauern und der städtischen Rechte dem Handelsmann und dem Handwerker allein die Garantie einer gesicherten Existenz. Handel und Gewerbe blühten ausschließlich in den Städten, weil hier ausschließlich die Bedingungen ihrer Blüthe vorhanden waren. Mit einer gewissen Entwicklung des platten Landes entstand aber auch in den Dörfern, auf den Gütern das Bedürfniß, für einzelne Thätigkeiten Gewerbetreibende am Orte selbst zu haben; das theure Leben in den Städten ließ dem armen Handwerksmann die Ansiedlung auf dem Lande mit etwaigem Vertrieb der Waaren nach der Stadt wünschenswerth erscheinen. Das war schon im Mittelalter so und erst mit der Ausartung des Zunftwesens, mit dem Sinken der deutschen Volkswirth- schaft strebten die Städte danach, das Handwerk mög- lichst ausschließlich auf ihre Mauern zu beschränken, In Nürnberg wird erst im 15. Jahrhundert gegen das Landhandwerk eingeschritten: s. Baader, Nürnberger Polizei- ordnungen. Stuttgart, liter. Verein 1861. S. 170. In Lübeck beginnen die Klagen über das Landhandwerk erst im 16. Jahr- hundert, wie auch das systematische Jagen der Bönhasen erst um diese Zeit beginnt: s. Wehrmann, Die ältern lübeckischen Zunftrollen, Lübeck 1864, S. 96 u. 98. 17 * Die Vertheilung der Gewerbetreibenden. suchte die Fürstenpolitik, welche die Städte als Stützen ihrer Macht und ihrer Steuerkraft betrachteten und pflegten, sie dadurch zu halten. Die Kriege des 17. Jahrhunderts hatten viele deutsche Gegenden in ihrer ganzen wirthschaftlichen Kultur wieder um Jahrhunderte zurückgebracht. Alles lag dar- nieder. Um so mehr hielt man sich an alte Rechte; auch die Städte strebten jetzt mehr als je, das Hand- werk für sich allein in Anspruch zu nehmen, und erreich- ten da ihren Zweck, wo nicht eine aufgeklärte Fürsten- politik dazwischen griff. So kommt es, daß im 18. Jahrhundert Stadt und Land sich noch ziemlich in alter Weise schroff gegen- über stehen. Aber zugleich haben die mannigfaltigsten Schicksale dafür gesorgt, daß ein großer Theil der Orte, welche den städtischen Namen tragen und damit die Vorrechte einer Stadt genießen, dafür mehr histo- rische und zufällige, als wirthschaftliche Gründe anzu- führen haben. Es sind alte Reichsstädte, alte und neue Fürsten- und Bischofssitze, einige Beamten- und Militärstädte; da und dort schon einige neu aufblühende Handels- und Industriestädte; unter den letzteren wie unter denen, die mehr nur einem Dorfe gleichen, sind manche, welche das Stadtrecht sich erst jetzt vom Landesherrn erkauft haben, um auch einen Jahrmarkt zu halten, um ihre Gewerbsamkeit etwas weniger durch die steifen landes- herrlichen Beamten geniren zu lassen, um auf Kreis- oder Landtagen eine Stimme zu haben. Die über- wiegende Mehrzahl fällt auf jene mittleren Land- und Stadt und Land in alter und neuer Zeit. Kleinstädte, die allerdings den gewerblichen und Ver- waltungsmittelpunkt für eine Anzahl Dörfer und Herr- schaften bilden, die aber keinen durchaus gewerblichen Charakter haben, manchen Bauern in ihren Mauern bergen, wenn sie nicht gar fast ausschließliche Ackerstädte sind. Manche früher stolze Stadt war ganz zum Dorfe herabgesunken, führte aber die stolzen städtischen Titel gleichmäßig fort. Diese Verhältnisse erstrecken ihre Wirkung bis auf den heutigen Tag. Der Begriff einer Stadt in Preußen ist auch heute noch, wie ich oben schon erwähnte, keiner, der eine gewisse Größe, einen ausschließlich gewerblichen Charakter bezeichnete; es läßt sich nur soviel sagen, daß von den 1000 gegenwärtig in Altpreußen existirenden Städten ¾ etwa über 1500, nur wenige unter 600 Einwohner haben, daß es dagegen nicht sehr viele Dörfer geben wird, die über 600—800 Einwohner haben. Ich mußte diese theilweise schon oben gemachten Bemerkungen wiederholen, um zu zeigen, daß eine Auf- nahme des Handwerks nach Stadt und Land die wirth- schaftlichen Gegensätze, an die man dabei denkt, nur ungefähr trifft. Unter den Städten sind manche Orte rein landwirthschaftlichen Charakters, unter den Dörfern manche gewerbetreibende Orte. Und bis auf einen gewissen Grad war das schon im vorigen Jahr- hundert so, besonders wo Bergbau, Weberei, Spinnerei und andere Industrien sich übers platte Land ausdehnten. Privilegien, Konzessionen aller Art hatten den Städte- zwang durchlöchert. Da und dort hatte sich schon da- mals das platte Land als vorzugsweise geeignet zu Die Vertheilung der Gewerbetreibenden. einzelnen Gewerben gezeigt. Und überall bedurfte auch damals schon die rein bäuerliche Wirthschaft der Hülfe wenigstens einiger Handwerker. Diese mußte man zulassen. Es ist vielleicht gut, zunächst von diesen heute wie damals auch für die rein landwirthschaftlichen Gegenden nothwendigen Handwerkern uns ein Bild zu machen. Die Schmiede und Stellmacher oder Wagner stehen in erster Linie. Der Schmied ist unentbehrlich für den Beschlag der Pferde, des Fuhrwerks, der Ackerwerkzeuge, für alle Eisenreparaturen. Der Stellmacher ist heute mehr auf dem Lande zu Hause als in der Stadt, wo der Wagenfabrikant theilweise an seine Stelle getreten ist. Die einfachen Wagengestelle, die Räder, die Holztheile an Pflug und Egge kann er leicht fertigen. Wo mehr landwirthschaftliche Maschinen angewandt werden, da hat er auch vielfach mit ihnen zu thun. Die Arbeiten beider Handwerke sind so umfassend, daß selbst ein mäßiges Dorf schon mehrere Meister von jedem der beiden Gewerbe beschäftigt, daß größere Güter je einen Meister für sich in Anspruch nehmen. Schon weniger Arbeit findet der Riemer oder Sattler auf dem Lande, und doch ist er für Sattelzeug und Pferdegeschirr ein nothwendiger Gehülfe; die Produkte seines Handwerks kauft der Bauer freilich mit Vorliebe auf dem Jahr- markt, dem Dorfmeister bleiben mehr die Reparaturen, wenn er nicht selbst den Jahrmarkt bezieht. Die Fässer, die Kübel, die Geräthschaften des Böttchers fehlen in keiner ländlichen Wirthschaft ganz; das Produkt ist ein so einfaches, daß der kleinste Betrieb möglich ist. Die Die nothwendigen ländlichen Handwerker. amerikanische Faßmaschine, welche auf der letzten Pariser Ausstellung zu sehen war und nach der Versicherung des Ausstellers Siehe die deutsche Ausstellungszeitung. Paris 1867. Nro. 15. täglich 1100 Fässer aus rohem Holz bis zum Binden fertig macht, dürfte kaum in Deutsch- land existiren und wenn sie eingeführt wird, dem Bött- cher in der Stadt wohl, aber kaum dem auf dem Lande Konkurrenz machen. Neben den Bedürfnissen des landwirthschaftlichen Betriebes kommen die Bau- und Wohnungsbedürfnisse. Den Maurer und Zimmermann, den Schlosser und Tischler kann das größere Dorf schwer entbehren. Da- gegen ist der Müller von den Nahrungsgewerben der einzig nothwendige. Die Zahl der Brauer, der Bäcker, der Fleischer und der Wirthe hängt von dem Grade der Arbeitstheilung und dem Verkehr, von Sitten und Wohlstand ab. Die meisten der ländlichen Handwerker sind daneben Bauern oder Tagelöhner und je nachdem in sehr ver- schiedener Lage. Da sie vielfach ohne alle Gehülfen arbeiten, sind ihre Leistungen technisch gering, aber doch dem Zweck entsprechend. Weniger ob die erwähnten, als ob auch noch andere Arten des Handwerks sich auf dem Lande, beson- ders in den großen Dörfern befanden, hing, so lange die Städte ausschließliche Gewerberechte hatten, von der Verwaltung ab. Die Vertheilung der Gewerbetreibenden. Da man sich häufig über das Fehlen der Hand- werker auf dem Lande in früherer Zeit falsche Vor- stellungen macht, will ich nur Einiges über diesen Punkt anführen, ehe ich zu den Verhältnissen der Gegenwart übergehe. Das altwürttembergische Dorf Kornwestheim, (Rümelin), Statistik eines altwürttembergischen Dorfes vor 70 Jahren und jetzt. Württembergische Jahrbücher 1860. 1. Heft. S. 95 ff. besonders S. 122—128. einige Stunden von Stuttgart, an einigen größern Straßen liegend, hatte im Jahre 1787 eine Bevölkerung von 838 Personen; bis 1850 war diese Bevölkerung gestiegen auf 1465 Personen; das Dorf ist heute noch ausschließ- lich mit Ackerbau beschäftigt. Die große Aenderung, die eintrat, ist nur die, daß die alte Straße sich in eine Eisenbahn verwandelt hat. Die Gewerbetreibenden waren: Die Zahl der Gewerbetreibenden ist 1787 nicht unbedeutend, ja sie ist in den wichtigsten Gewerben Das Dorf Kornwestheim 1787 und 1852. höher als 1852, trotzdem, daß die Bevölkerung beinahe auf die doppelte Zahl gewachsen ist. Die Verminderung der Wirthshäuser, der Bäcker- und Metzgerladen hängt damit zusammen, daß die früher sehr frequente Land- straße durch die Eisenbahn so ziemlich verödet ist. Die Nichtzunahme der übrigen läßt darauf schließen, daß die damaligen Handwerker sehr wenig zu thun hatten. Es waren damals wohl nicht viele Gehülfen bei den Dorf- meistern beschäftigt, 1852 sind deren eine nicht unbe- deutende Zahl vorhanden. Ueber die für die damalige Zeit große Zahl Gewerbetreibender bemerkt der Verfasser dieser Dorfstatistik aus dem Jahre 1787, Regierungs- rath Kerner, es könne auffallen, daß Kornwestheim so viele Gewerbetreibende habe trotz der Nähe der drei Städte Stuttgart, Ludwigsburg und Cannstadt, aber es sei so in den mehrsten Dörfern; freilich werde dadurch der alte Grundsatz, in den Städten solle das Handwerk, in den Dörfern der Feldbau getrieben werden, aus dem Gleichgewicht gebracht; aber das sei nicht zu ändern. „Daß die Anzahl der Handwerker in den Dörfern“ — so fährt er fort — „gegenwärtig stärker ist, als in ehe- maliger Zeit, hat seinen Grund in der gegenwärtigen stärkern Bevölkerung und der daraus fließenden mehreren Verstückelung der Bauerngüter, durch welche die Land- leute außer Stand gesetzt werden, einzig von den Gütern zu leben und dahero Handwerke erlernen. Diese Hand- werksleute aber zu zwingen, ihre Arbeit niederzulegen oder in die Städte zu ziehen, würde umsonst sein.“ Die Verhältnisse waren stärker als die veralteten Verwaltungsvorschriften. „Auch wo der strengste Städte- Die Vertheilung der Gewerbetreibenden. zwang herrschte“ — sagt Hoffmann J. G. Hoffmann, Nachlaß kl. Schriften S. 407. — „wohnten längst viele Handwerker, zum Theil im Verborgenen auf dem Lande, wenn dasselbe volkreich und wohl- habend war.“ Ich erwähnte bei der Besprechung der preußischen Gewerbepolizei des 18. Jahrhunderts, daß man in Preußen wohl prinzipiell an dem alten Grundsatz fest- halten wollte, aber daneben einzelne Gewerbe, wie die Spinner und Weber, unbedingt, andere wenigstens bedingungsweise zuließ. Der Grundsatz Friedrich Wil- helm’s I., so viele Handwerker überall zuzulassen, als 1624 Handwerksstellen vorhanden gewesen waren, gab ziemlich großen Spielraum. Besonders in einzelnen Landestheilen, die eine höhere Kultur besaßen, oder die vor ihrer Einverleibung in den preußischen Staat in dieser Beziehung nach noch liberaleren Grundsätzen regiert worden waren, wie Schlesien, hatte man die Zulassung auf dem Lande ziemlich wenig erschwert. Den besten Beweis hiefür giebt Krug. Er führt in seiner Handwerksstatistik Nationalreichthum des preuß. Staates II, 173—205. (aus der Zeit 1795/1803) bei jeder einzelnen Gewerbsart an, ob die Meister aus- schließlich in den Städten, oder auch auf dem Lande, und in welcher Zahl sie da und dort zu treffen seien. Die ausschließlich in den Städten Vorkommenden sind nicht die der Zahl nach bedeutenderen; es sind die Apotheker, Bildhauer, Buchbinder, Buchdrucker, Bürsten- Die ländlichen Handwerker in Preußen 1800. binder, Roth- und Gelbgießer, Goldschmiede, Gürtler, Handschuhmacher, Hutmacher, Klempner, Knopfmacher, Kürschner, Kupferschmiede, Maler, Perückenmacher, Schornsteinfeger, Seifensieder, Seiler, Tuchmacher, Uhrmacher, Weißgerber und Zinngießer. Sehr sparsam sind auf dem Lande vertreten die Fleischer (mit Aus- nahme Schlesiens, wo Stadt- und Landfleischer nicht unterschieden sind), schon etwas stärker die Glaser, die Kaufleute und Krämer, die aber in den rheinischen Pro- vinzen auch schon zahlreicher auf dem Lande vorkommen, dort sogar auf dem Lande theilweise schon stärker sind, als in den Städten; ähnlich die Korbmacher und Musikanten, die Riemer und Schlosser, die Färber Branntweinbrenner und Barbiere; Lohgerber sind nur in der Mark ländliche vorhanden. Die übrigen Gewerbe sind auf dem Lande schon ziemlich allgemein und zahl- reich vertreten. Landbäcker kommen in Pommern 10 auf 571 Stadtbäcker, dagegen in der Grafschaft Mark 113 Landbäcker auf 289 Stadtbäcker, in Magdeburg 229 Landbäcker auf 316 Stadtbäcker, in Ostfriesland 247 Landbäcker auf 197 Stadtbäcker. Auch bei den Böttchern, Schneidern, Stell- und Rademachern, Tisch- lern, Schuhmachern und Maurern halten Stadt und Land sich etwa die Waage. Und bei den Zimmerleuten, den Schmieden, Müllern und Leinewebern sind die Landmeister weitaus überwiegend. Bei diesen Zahlen müßte man, um sie recht zu würdigen, noch genau wissen, wie in den einzelnen Landestheilen die städtische sich zur ländlichen Bevölke- rung stellt. Das zieht Hoffmann in Betracht, wenn Die Vertheilung der Gewerbetreibenden. er die Aufnahme von 1810 für die Kur- und Neu- mark einer-, für Schlesien andererseits vergleicht, J. G. Hoffmann, Befugniß zum Gewerbebetrieb S. 17—20. dabei stillschweigend voraussetzend, daß die Zustände 1810 noch ganz als Folge der früheren Gesetzgebung aufzu- fassen seien. In der Kur- und Neumark kommen auf 3 Städter 4 Landleute, in Schlesien auf 2 Städter 9 Landbewohner; d. h. in der Mark sind neben zahl- reichen Städten nur kleine Dörfer, ist das platte Land weniger bewohnt; in Schlesien sind zahlreiche schon etwas größere industrielle Dörfer; Orte, die in der Mark vielleicht schon städtische Rechte haben, zählen hier als Dörfer. Dieser Gegensatz wohl mehr als der von Hoffmann betonte Gegensatz der Verwaltung, d. h. die Nachwirkung der größern Liberalität, mit der die östreichische Regierung das Landhandwerk zuließ, ist als Ursache anzusehen, daß die ländliche Bevölkerung Schlesiens zwar gleich viel Schneider, Schmiede und Stellmacher hat wie die der Kur- und Neumark, aber 1 ½ mal so viel Tischler, 2 mal so viel Böttcher, 4 mal so viel Schuhmacher, 7 mal so viel Fleischer und 8 mal so viel Bäcker. In der Zeit nach den Freiheitskriegen, nach der Feststellung des preußischen Zollsystems, nach der Grün- dung des Zollvereins war für den größern Theil der preußischen Monarchie die Gesetzgebung eine andere geworden, wurden für die Zollvereinsstaaten die allge- meinen volkswirthschaftlichen Verhältnisse andere. Wir Das preußische Landhandwerk seit 1815. haben zu prüfen, wie sich nun unter Einwirkung dieser beiden Faktoren das Handwerk in Stadt und Land zu einander stellt. Leider ist das statistische Material für diese Prü- fung ein ziemlich unvollständiges. Die Unterscheidung von Stadt und Land ist in Preußen nicht bei allen Aufnahmen oder Publikationen festgehalten. Eine wesent- liche Beachtung hauptsächlich auch mit weiterer Unter- scheidung großer, mittlerer und kleiner Städte hat der Gegensatz nur bei Hoffmann gefunden. Nachlaß kleiner Schriften S. 398, Bevölkerung des preuß. Staates S 114, Befugniß zum Gewerbetrieb passim. Was die spätern Aufnahmen betrifft, so unterscheidet Dieterici 1849 das Gesammtresultat nach Stadt und Land, Band V. der Tabellen u. amtlichen Nachrichten S. 825. und die Zahlen für 1858 sind wenigstens getrennt nach Stadt und Land veröffentlicht. Die Aufnahme von 1861 kennt diesen Unterschied gar nicht, führt aber die Handwerker für alle einzelnen Städte über 20000 Ein- wohner besonders an. Von andern deutschen Ländern hat man nur in Sachsen dieser Frage nähere Aufmerk- samkeit bei den statistischen Arbeiten geschenkt. Hauptsächlich für die Aufnahme von 1861, Zeitschrift des sächs. stat. Bureaus für 1863. S. 102 und 103. Nach Einführung der Gewerbefreiheit in Preußen lagen die Dinge folgendermaßen. Es konnte sich auf dem Lande jeder Meister niederlassen; es war auch zu erwarten, daß mit steigender Wohlhabenheit theil- weise die Arbeitstheilung, die in der Stadt vor sich Die Vertheilung der Gewerbetreibenden. gegangen, auf dem Lande sich vollziehe. Aber zunächst kamen ungünstige Jahre; die Zahl der Landhandwerker war immer schon bedeutend gewesen. Mancherlei Arbeits- theilung auch, welche für den Städter geboten, ist es nicht auf dem Lande. Wo ein Gemeindebackhaus gebaut wird, werden theilweise heute noch die Bäcker des Dorfes überflüssig. Die Neigung gelernter Handwerker zieht sie immer zunächst mehr nach den Städten. So — glaube ich — war die Zunahme des Land- handwerks zuerst keine allzugroße; wo sie stattfand, beruhte sie wohl darauf, daß Bauernsöhne, um sich zu halten, um den Besitz des Vaters theilen zu können, anfingen, nebenher ein Handwerk zu treiben. Als aber später die Bevölkerung noch weiter zunahm, als die Stellen in den Städten mehr und mehr besetzt waren, als auch die größere Industrie theilweise auf das platte Land sich zurückzog, als 1830—55 die Bodenpreise und die ländliche Wohlhabenheit bedeutend stiegen, da mußte auch das Landhandwerk an Zahl zu- nehmen. Uebrigens glaube ich immerhin, daß die wesentliche Zunahme erst mit der eigentlichen Hand- werkerkrisis beginnt, d. h. von 1838—40 an. Die Mittheilungen von Hoffmann zeigen für 1828 wenigstens ungefähr die damalige Bedeutung des länd- lichen Gewerbebetriebs. Er faßt die Meister von 13 der wichtigsten Gewerbe zusammen, die gegen ⅚ aller damals gezählten Handwerker ausmachen. Es sind 268023 Mei- ster, während die Gesammtzahl sich auf 323538 beläuft. Obwohl dabei die vielfach auf dem Lande wohnenden Weber und Spinner nicht sind, so machen die Land- Das preußische Landhandwerk 1828 und 1849. meister hiervon 140112 oder 52 % aus. Dabei ist aber zuzugeben, daß Hoffmann zu den 13 Gewerben diejenigen wählte (außer den Webern und Spinnern), die am meisten auf dem Lande vertreten sind. Auch erhält die Eintheilung sogleich ein etwas anderes Aus- sehen, wenn man neben die Meister die Gehülfen stellt. Es waren 1828 von den gleichen 13 Haupt- gewerben: Also 221047 beschäftigte Personen in den Städten, 176868 auf dem Lande; 55, 55 % städtische gegen 44, 45 % ländliche Handwerker; die in den Städten würden sicher noch etwas mehr überwiegen, wenn die Zahlen alle Handwerker umfaßten. Es könnten dann wohl 60 % städtische gegen 40 % ländliche Handwerker sein. Im Jahre 1849 zählt Dieterici in den Städten 535232 Personen, auf dem Lande 407141 Personen als dem Handwerkerstand angehörig; sie machen in den Städten bei einer Bevölkerung von 4, 57 Mill. Menschen 10, 85 %, auf dem Lande bei einer solchen von 11, 71 Mill. 3, 81 % aus. Mit den Zahlen Hoffmanns von 1828 sind sie nicht direkt zu vergleichen, da sie nicht dieselben Kategorien umfassen. Die 1828 bei Hoffmann fehlen- den sind theilweise solche, welche 1849 die Zahlen des platten Landes steigern, wie die Leinenspinner, theilweise und noch mehr aber solche, welche ausschließlich in den Städten wohnen. Wenn daher 1849 von den gesamm- Die Vertheilung der Gewerbetreibenden. ten Handwerkern 56, 79 % auf die Städte, 43, 21 % auf das Land kommen, so glaube ich liegt darin immer noch ein Beweis, daß das Landhandwerk von 1828—49 stärker zunahm, als die städtischen Handwerker. Vollkommen vergleichbar sind Aufnahmen von 1849 und 58. Nach der von mir angestellten Berechnung kommen 1858 564845 Meister und Gehülfen auf die Städte, 477668 - - - - das Land, d. h. 54, 18 % der Handwerker sind städtische, 45, 82 % ländliche; die ländlichen sind 2—3 % stärker als 1849. Im Verhältniß zur Bevölkerung erscheint diese Zunahme etwas geringer. Die ganze städtische Bevölkerung macht 1858 5, 34 Millionen aus, davon nehmen die Hand- werker 10, 76 % ein (gegen 10, 85 im Jahre 1849), die ganze ländliche Bevölkerung macht 12, 49 Millionen, da- von die Handwerker 3, 82 % (gegen 3, 81 im Jahre 1849). Also im Verhältniß zur Bevölkerung nur eine sehr un- bedeutende Zunahme des Landhandwerks. Man darf bei solchen großen statistischen Durch- schnitten, bei den großen Zahlenergebnissen eines ganzen Landes nie vergessen, daß gerade dieses bestimmte Ge- sammtresultat durch sehr verschiedene, oftmals entgegen- gesetzte lokale Zustände bedingt ist, daß die verschieden- sten Ursachen und Bewegungen, neben und gegen einander wirkend, diese gemeinsamen Resultate ergeben. Deßwegen kann meine obige Behauptung, daß von 1830—55 eine ziemliche Zunahme des ländlichen Handwerks nach allgemeinen Ursachen anzunehmen sei, Das preußische Landhandwerk 1858 und später. mit diesem Zahlenergebniß ganz wohl zusammen bestehen. Aber je nach den Provinzen ist das verschieden; es ist mehr der Fall in Provinzen wie Sachsen, Schle- sien und der Rheinprovinz, viel weniger in Pommern, Posen. Es nehmen überall die Meister mehr auf dem Lande zu, die Gehülfen mehr in den Städten und oft stärker, als dort die Meister. Auch wo die Zunahme des Landhandwerks eintrat, da erreichte sie wohl bald eine gewisse Grenze, über die sie nicht mehr hinauskam. Ich erinnere an das Beispiel des Dorfes Kornwestheim, das ich oben anführte. Es begannen vor Allem seit den fünfziger Jahren die Wirkungen der großen Pro- duktion, des großen Verkehrs, der städtischen Maga- zine, es begann der Zug vom Lande ab nach den Städten, so daß es mir fraglich erscheint, ob nicht jetzt im Durchschnitt des ganzen preußischen Staates bereits wieder ein Rückgang des Landhandwerks ein- getreten ist. Einzelne Gewerbe werden trotzdem auf dem Lande wachsen, während die andern zurückgehen. Ich will in dieser Beziehung nur einige der wichtigern, haupt- sächlich der ländlichen Gewerbe nach dem Stand der Meister von 1828 und 1858 mittheilen; ich füge für 1858 noch einige weitere Gewerbe bei, für die ich keine Vergleichung anstellen kann. Man sieht bei ihnen wenigstens, wie sich 1858 die Land- meister zu den Stadtmeistern verhalten. Es betrug die Zahl: Schmoller , Gesch. d. Kleingewerbe. 18 Die Vertheilung der Gewerbetreibenden. Die Aenderungen von 1828—58 sind belehrend. Ziemlich bedeutender ist das Landhandwerk geworden bei den Stellmachern, Böttchern, Tischlern und Seilern, etwas stieg es bei den Schustern und Gerbern, gleich im Verhältniß zum Stadthandwerk blieb es bei den Fleischern und Riemern; zurück ging es bei den Schmieden, Schneidern, Bäckern, Töpfern, ganz außerordentlich bei den Schlossern, die auf dem Lande sogar der absoluten Zahl nach abgenommen haben, von 7810 auf 5838. Das heißt: es nahmen einige Gewerbe, welche aus- schließlich der bäuerlichen Wirthschaft oder den einfachsten Einzelne Gewerbe nach Stadt und Land. häuslichen Bedürfnissen dienen und leicht auf dem Lande betrieben werden können, auf dem Lande stärker zu wie in der Stadt. Solche dagegen, deren Produkte jetzt mehr in Masse erzeugt werden, für welche in den Städten große Handlungen sind, solche, welche unter dem veränderten Verkehr leiden, nahmen ab. Wären die Beispiele zahlreicher, so würde sich das wahrscheinlich noch mehr zeigen. In engem Zusammenhang mit der Vertheilung des Handwerks nach Stadt und Land steht die Verbreitung der großen Industrie. Eine dezentralisirte Industrie wird eher das ländliche Handwerk, eine zentralisirte mehr das städtische Handwerk heben. Eine abschließende Untersuchung darüber ist an dieser Stelle nicht möglich; aber einige Bemerkungen darüber will ich nicht unterlassen einzuschieben. Auch für die größere Industrie wurde 1849 und 1858 eine Trennung der preußischen Tabellen nach Stadt und Land vollzogen; es ist hiernach ein einigermaßen begründetes Urtheil möglich, obwohl der große Zug nach den Städten wahrscheinlich bei einer Vergleichung von 1858 und 1868 viel mehr hervortreten würde. Eine Reihe von Industrien zeigen von 1849 bis 1858 keine wesentlichen Aenderungen. Die Kunst-, die Luxusindustrien, die feinere Mechanik und ähnliche Ge- werbe sind damals wie später vornehmlich in den Städten. Die Eisen- und Hüttenwerke, die Braun- und Steinkohlen- werke, die Glashütten, die Kupferhämmer, die Ziegeleien, die Theeröfen, die Zuckerfabriken befinden sich damals wie später überwiegend auf dem Lande. Dagegen zeigen 18 * Die Vertheilung der Gewerbetreibenden. andere Industrien doch nicht unbedeutende Aenderungen. Blicken wir z. B. auf die folgende Uebersicht der Dampf- maschinen und ihrer Pferdekräfte: Die Getreidedampfmühlen, die Bergwerke und die Metallfabriken haben auf dem Lande, alle übrigen Gewerbe in der Stadt mehr zugenommen; und das letztere theil- weise in sehr viel stärkerer Proportion, als hier ersichtlich ist. Die Arbeiter der städtischen Maschinenfabriken z. B. nahmen von 3980 auf 16697, die der ländlichen nur von 2218 auf 5729 zu. Als weiterer Beleg mögen noch die Zahlen der Feinspindeln und der Web- stühle nach Stadt und Land folgen. Man zählte: Die große Industrie nach Stadt und Land. Auch hier zeigt sich eine ziemlich stärkere Zunahme der städtischen wie der ländlichen Industrie: ein Beweis wohl, daß im Allgemeinen meine schon oben ausge- sprochene Behauptung, die Industrie habe in neuester Zeit eine mehr zentralisirende Richtung, der Wahrheit entspricht und daß wahrscheinlich demgemäß auch in der frühern Zunahme des Landhandwerks schon ein Still- stand, wenn nicht gar ein Rückgang eingetreten ist. Uebrigens ist man bei dieser ganzen Untersuchung immer wieder versucht, daran zu denken, daß die statisti- schen Begriffe „Stadt“ und „Land“ so wenig feste sind. Man müßte, um ganz sicher zu gehen, die verschiedenen Arten der Städte wie der Dörfer trennen können; man müßte große und kleine Dörfer, rein landwirthschaftliche und industrielle Dörfer auseinander halten. Dazu fehlt aber leider das statistische Material. Wenigstens in Bezug auf die Städte können wir den entsprechenden Unterschied etwas verfolgen, ich meine den Unterschied, der zwischen größern und kleinern Städten, d. h. der Zahl und Art der Handwerker, die sie zählen, sein muß. Die Vertheilung der Gewerbetreibenden. Hoffmann Nachlaß kleiner Schriften S. 395 ff. trennt in der mehr erwähnten Unter- suchung über die 13 wichtigsten Arten der Handwerker im Jahre 1828 die 39 größern preußischen Städte von den sämmtlichen übrigen kleinern Städten und dem platten Lande. Es kommen nach ihm auf je 10000 Einwohner: Die 13 Arten von Gewerbetreibenden machen in den größern Städten 5, 87 %, in den kleinern 6, 93 %, auf dem Lande 1, 89 % aus. In den kleinern Städten ist der Hauptsitz des alten Handwerks. Da sind die kleinen Meister am zahlreichsten. In den größern Städten ist die Zahl der Meister kaum viel mehr als halb so groß, dafür ist die Zahl der Gehülfen wesentlich höher. Die Gesammtzahl der Gewerbetreibenden aber ist geringer. In den großen Städten haben 10000 Menschen 587, in den kleinen 693 Gewerbetreibende nöthig. Und die der größern Städte haben ohne Zweifel einen wohlhabendern Kundenkreis, der sie mehr in Anspruch nimmt, haben auch auf das Land hinaus einen größern Absatz, als die kleinstädtischen Meister. Der Zahlengegensatz zeigt also recht klar die Unvollkommenheit des kleinstädtischen Hand- werks, die großen Zeitverluste, die vom Wochen- und Jahrmarktsverkehr herrühren, die Nothwendigkeit für das kleinstädtische Handwerk, auf Nebenbeschäftigungen sich zu legen. Das Handwerk der kleinern Städte. In den Mittheilungen über die Aufnahme von 1837 unterscheidet Hoffmann Bevölkerung des preuß. Staates, S. 117 ff.; die Be- fugniß zum Gewerbebetrieb S. 126. in Bezug auf die wich- tigern einzelnen Gewerbe die 10 Städte erster Gewerbe- steuerklasse, die 30 ansehnlichsten Städte zweiter Gewerbe- steuerklasse, die sämmtlichen übrigen Städte und das platte Land. Es zeigt sich da derselbe Gegensatz. Außer bei den ländlichen Gewerben ist die Hauptmasse der kleinen Meister in den kleinen Städten; die Mehrzahl arbeitet ohne Gehülfen. Bei einzelnen Gewerben zeigt sich schon damals, daß sie in den größern Städten einer neuen Produktionsmethode Platz machen, dagegen sich noch in den kleinen Städten halten. Es sind z. B. Meister und Gehülfen zusammen 1837 an Beides sind Handwerke, die größern Geschäften weichen; in den kleinern Städten aber geht die Entwick- lung langsamer. Da sind noch keine Lederfabriken, da verkauft der Töpfermeister noch seine Waaren. In den größern Städten wird das Leder beim Lederhändler, der nicht selbst produzirt, gekauft; da treten das Steingut, die Fayencewaaren der Fabriken, das Kochgeschirr aus Die Vertheilung der Gewerbetreibenden. Gußeisen, Eisen- und Kupferblech an die Stelle des irdenen einfachen Geschirres, da tritt der eiserne Ofen, der berliner Fabrikofen an die Stelle des alten irdenen vom Töpfer gelieferten. Die spätern preußischen Aufnahmen und ihre Be- arbeitung lassen diesen Unterschied zwischen den verschie- denen Städten ganz außer Acht. Nur die Aufnahme von 1861 gibt, wie erwähnt, die Gewerbetabellen in Bezug auf alle größern preußischen Städte; danach ist die folgende Tabelle berechnet. Um den Charakter der einzelnen Städte noch etwas näher zu kennzeichnen, habe ich in den beiden letzten Spalten die Prozent- zahlen der Fabrik- und der Handelstabelle hinzugefügt. Sie zeigen, welchen Antheil an der Bevölkerung einer Stadt die Fabrikdirigenten und Fabrikarbeiter incl. der Weber, Müller ꝛc. einerseits, die sämmtlichen in Han- dels-, Transport-, Wirthschafts- und literarischen Ge- werben beschäftigten Personen andererseits haben. Daß die Prozentzahlen der Handwerker mit den Hoffmann’- schen von 1828, welche nur 13 Handwerke umfaßten, nicht zu vergleichen sind, brauche ich wohl kaum zu bemerken. Das Handwerk der größern Städte 1861. Das Handwerk im Sinne der Tabelle von 1861 beschäftigt in diesen Städten 6—12 % der Bevölkerung, d. h. wenn wir die erwachsenen Männer zu etwa 25 % der Bevölkerung annehmen, den vierten Theil bis zur Die Vertheilung der Gewerbetreibenden. Hälfte derselben. Die Rangordnung gestaltet sich so, daß die rheinischen Städte nur 6—9 % Handwerker, die Städte der mittleren und östlichen Provinzen 10— 12 % Handwerker besitzen, wobei nur Trier unter den rheinischen, Danzig unter den östlichen Städten eine Ausnahme macht. Daß an der größern oder geringern Zahl der Handwerker die große Industrie direkt schuld sei, läßt sich nicht behaupten. Koblenz mit 3 %, Köln mit 5 %, Aachen mit 15 %, Elberfeld mit 26 % Fabrikpersonal stehen sich in Bezug auf das Handwerk fast gleich. Ebensowenig läßt sich behaupten, daß die Größe der Städte einen Einfluß auf die Prozentzahl der Handwerker habe. Alle diese Städte haben mehr oder weniger den Charakter einer größern Stadt. Der vorhin besprochene Gegensatz von Kleinstädten und größeren Städten fällt vollständig aus dieser Tabelle hinaus. Theilweise liegt der Grund des weniger zahl- reichen Handwerks der rheinischen Städte in der höhern wirthschaftlichen Kultur, die für dieselben Zwecke weniger Arbeitskräfte braucht. Es kommt das gegenüber den sächsischen Städten in Betracht. Theilweise aber liegt der Grund darin, daß bei der Art, wie die Bevölkerung am Rhein vertheilt ist, die dortigen Städte viel weniger als im Osten die gewerblichen Mittelpunkte ganzer Gegenden bilden. Das ganze Land hat dort mehr Handwerker, darum können die Städte etwas weniger haben. Wenn sich die sächsischen und westfälischen Städte einer-, die preußischen, posenschen, märkischen anderer- seits so ziemlich gleich in der Prozentzahl ihrer Hand- werker stehen, so hat das nicht ganz dieselben Ursachen. Das Handwerk der größern Städte 1861. In Magdeburg, Erfurt, Halle, Münster ist die Hand- werkerzahl groß, weil hier eine gleichmäßigere Vermögens- vertheilung auch die kleinen Handwerksgeschäfte hält. Im Osten ist man überhaupt weiter zurück; deßwegen ist die Zahl hier nicht unbeträchtlich; und dann spielen hier die größern Städte eine ganz andere Rolle gegenüber dem platten Lande, als in Sachsen und Westfalen. Wir sehen, wie auch hier wieder die verschiedensten Ursachen neben- und gegeneinander wirken. Vergleicht man die Prozente der Handwerkertabelle mit denen der Fabrik- und der Handelstabelle, so ist her- vorzuheben, daß die Handelstabelle vielfach höhere Prozente zeigt, als die Fabriktabelle, daß meist beide zusammen noch nicht so hoch sind, wie die Prozente der Hand- werkertabelle. Nur in wenigen Fabrikstädten kommt die Fabriktabelle der Handwerkertabelle nahe, nur in Brandenburg, Krefeld, Essen, Elberfeld, Barmen und Aachen überwiegt sie. Das Handwerk zeigt gegenüber den beiden andern Branchen seinen immer noch vorhandenen elementaren Charakter, seine aller- wärts sich zeigende Nothwendigkeit dadurch, daß es nur zwischen 6 und 12 % der Bevölkerung schwankt; die die Fabriktabelle schwankt zwischen 0, 9 und 27 %, die Handelstabelle zwischen 2 und 9 % der Bevölkerung. Als Ergänzung der bisherigen Untersuchung über die preußischen Verhältnisse will ich nunmehr noch Einiges aus der bairischen und sächsischen Statistik anführen, schicke jedoch wieder voraus, daß die absoluten und die Prozent- zahlen mit den preußischen nirgends direkt vergleichbar sind, da die Kategorien der Handwerker, die in den Die Vertheilung der Gewerbetreibenden. einzelnen drei Staaten zu Gesammtresultaten vereinigt sind, nicht ganz übereinstimmen, theilweise wesentlich differiren. Die bairische Handwerksstatistik liefert nur einen kleinen Beitrag über den Gegensatz von Stadt und Land; Die Bevölkerung und Gewerbe Baierns S. 163; ich habe die Zahlen b ) dort zu Grunde gelegt und darnach die Prozente berechnet. Die Pfalz ist nicht einbegriffen. sie unterscheidet nicht Stadt und Land über- haupt, sondern nur die größern sog. unmittelbaren Städte und das gesammte übrige Land, welches also das platte Land mit seinen wenigen, wie die kleinen Städte mit ihren zahlreichen Handwerkern umfaßt. Die Meister und Gehülfen sind mit Einschluß der Weber zusammen- gerechnet. Es kamen in den größern Städten Also die Hauptabnahme eben auch da, wo die Um- bildung in neue Zustände sich vollzieht, d. h. in den größern Städten. In Bezug auf Sachsen erwähnte ich in anderem Zusammenhang schon, Siehe oben S. 146—147; vergl. Zeitschrift des sächs. stat. Bür. 1860. S. 122—24. daß nach einem Vergleich von Stadt und Land in Baiern und Sachsen. 1830 und 1856 das Handwerk in den größern Städten sehr bedeutend, einzelne Gewerbe um 20—70 %, in den kleinern Städten dagegen nicht ebenso abgenommen habe; an sie sollte die Reihe erst später kommen. Für die spätere Zeit, d. h. für den Vergleich von 1849 und 1861 benütze ich eine Tabelle, Tab. 13, Zeitschr. des stat. Bür. 1863. S. 102. welche die 36 wichtigsten Handwerke, mit Ausschluß aller Haus- industrie, besonders der Weberei, von 1849 und 1861 getrennt nach den größern, den kleinern Städten und dem platten Lande umfaßt. Nach ihr ist die folgende Uebersicht berechnet. Es waren Sollte der Leser trotz meiner Warnung an einen Vergleich dieser Zahlen mit den preußischen denken, so ist zu erwähnen, daß in den preußischen Tabellen etwa 80, hier 36 Arten von Handwerkern zusammengefaßt sind. Sind das auch weitaus die zahlreichern, dennoch bleibt eine direkte Vergleichung mißlich. Einige Prozente Die Vertheilung der Gewerbetreibenden. müßte man jedenfalls zusetzen, so daß die größern sächsi- schen Städte auf 10—11 %, die kleinern auf 12—13 % kämen. Das ist jedenfalls den preußischen Verhältnissen analog, daß die kleineren Städte das zahlreichste Hand- werk haben. Das gegenüber Preußen viel stärkere länd- liche Handwerk hat seine Ursache in dem städtisch-in- dustriellen Charakter eines großen Theiles des platten Landes in Sachsen, außerdem in den zahlreichen Vor- stadtdörfern, in welchen für die Stadt arbeitende Hand- werker wohnen. Zeitschrift des sächs. statist. Büreaus 1860. S. 122. Zugleich erhellt aus den sächsischen und preußischen Zahlen, welche das platte Land betreffen, wieder, wie viel wichtiger die realen Zustände und Be- dürfnisse gegenüber der Gewerbegesetzgebung sind. In Sachsen bis 1862 gewisse Beschränkungen des Land- handwerks, in Preußen keine Spur hiervon mehr seit langer Zeit; und doch ist das sächsische Landhandwerk zahlreicher. Was nun aber die Veränderungen zwischen 1849 und 1861 in Sachsen betrifft, so sind sie sehr sprechend. In den größern Städten hat das Handwerk nicht viel mehr abgenommen, weil es hier schon früher sehr zurückging; die Hauptabnahme trifft die kleinen Städte; in ihnen vollzieht sich der Umschwung erst jetzt. Auf dem Lande haben die Handwerker etwas, aber sehr unbedeutend zu- genommen. Unterscheidet man die einzelnen Gewerbe in dieser Beziehung, so trifft die Zunahme auf dem Lande gegen- über der Bevölkerung außer den hausindustriellen Be- Stadt und Land in Sachsen. trieben hauptsächlich die Tischler, Glaser, Stellmacher, Seiler, Riemer, Kürschner, Bäcker und Buchbinder, sowie die Zimmerleute und Maurer, letztere wahrscheinlich nur scheinbar, durch Zählung städtischer Arbeiter an ihrem ländlichen Wohnort in der städtischen Umgebung, wie auch aus diesem Grunde allein die ländlichen Buch- drucker Sachsens zunahmen. Dagegen haben auf dem Lande abgenommen die Schneider, die Schuhmacher, die Fleischer, die Hufschmiede, die Gürtler, die Kupfer- schmiede, die Seifensieder, die Gerber, die Töpfer, die Kammmacher, die Drechsler. Mancherlei bezieht der ländliche Konsument jetzt von der Stadt, was er früher beim Meister im Dorfe bestellte. Ob das seit 1862, seit das Landhandwerk in Sachsen ganz frei wurde, wieder sich geändert hat, ob die Gewerbefreiheit dem ländlichen Meister den Absatz wieder brachte, den er schon 1861 verloren hatte, möchte ich bezweifeln. 2. Das Handwerk nach Provinzen und Staaten. Die preußischen Provinzen 1822, 1846 und 1861. Die preußi- schen Regierungsbezirke 1861 mit ihrer Handwerker-, Fabrik- und Handelsbevölkerung. Die Bäcker, Fleischer, Schneider und Schuhmacher nach Provinzen 1849 und 1861. Einzelne Gewerbe im Regierungsbezirk Posen 1822, 1846 und 1861. Das Handwerk in den wichtigern Zollvereinsstaaten 1846 und 1861. Die spezielleren Ergebnisse von 1861 in sämmtlichen Staaten des Zollvereins. — Die Ursachen der Gegensätze: Der verschiedene Wohlstand. Die Dichtigkeit der Bevölkerung. Landwirthschaftliche und industrielle Gegenden. Der Einfluß der Großindustrie. Das Alter der wirthschaftlichen Kultur in den verschiedenen Gegenden. Die frühere oder spätere Besei- tigung des Zunftwesens. Die ganze Einkommens- und Ver- mögensvertheilung, die Art und Größe der Wohnsitze der Bevölkerung, die Vertheilung des Grund und Bodens. Die daraus folgenden wirthschaftlichen Sitten, der Volkscharakter, die Thätigkeit der Regierungen für das kleinere Handwerk. Dem Gegensatz zwischen Stadt und Land folgt der zwischen Landschaften und Provinzen, Provinzen und Staaten. Er ist theilweise ein ähnlicher; ein Haupt- moment des Gegensatzes ist dasselbe. Da mehr agra- rische, dort mehr gewerbliche Zustände. Aber dazu kom- men eine Reihe andere Momente; es wechseln alte und junge Kultur, reiche und arme Gegenden. Andere Die preußischen Provinzen 1822—61. Besitz- und andere Bevölkerungsvertheilung, verschie- dene Verwaltung und verschiedenes Recht, verschiedene Geschichte und verschiedener Volkscharakter sprechen mit. Ehe ich auf die Ursachen aber näher eingehe, will ich die statistischen Grundlagen vorlegen. Ich bleibe zuerst bei den alten preußischen Provinzen stehen, da für sie das reichhaltigste Untersuchungsmaterial vorliegt; erst nachher will ich die übrigen Zollvereinsstaaten und die neuen preußischen Provinzen in den Vergleich her- einziehen. Wie stark war der Handwerkerstand gegenüber der Bevölkerung in den einzelnen preußischen Provinzen 1822, 1846 und 1861? In Bezug auf die ersten beiden Jahre gibt die Untersuchung Dieterici’s Mittheilungen II, 13. Ant- wort. In Bezug auf 1861 hat Viebahn III, S. 745. Berechnun- gen gemacht. Ich stelle daneben eine eigene Berechnung, die nach den offiziellen Zahlen angestellt ist, und noth- wendig etwas höhere Procentzahlen ergiebt, da Viebahn’s absolute Handwerkerzahlen für 1861, wie ich schon er- wähnte, — wie ich hier noch besonders bemerken will, wahrscheinlich durch Ausscheidung der Kunstgewerbe — etwas niedriger sind, als die der offiziellen Tabelle. Was den Vergleich der Zahlen für diese drei Jahre unter sich betrifft, so ist der zwischen 1822 und 1846 ganz der Wirklichkeit entsprechend, da Dieterici nur die gleichen Kategorien von Handwerkern in den Vergleich hereinzieht, dagegen umfassen die Zahlen von 1861 Schmoller, Gesch. d. Kleingewerbe. 19 Die Vertheilung der Gewerbetreibenden. einige weitere Kategorien von Handwerkern; die Zu- nahme erscheint daher etwas zu groß, wenigstens nach den von mir berechneten Zahlen. Der Vergleich, wie sich in den einzelnen Provinzen die Procentzahl in den drei verschiedenen Zeitpunkten stellt, ist hier aber auch nicht die Hauptsache; wichtiger ist hier die Frage, wie sich das Rangverhältniß der Provinzen unter einander in den genannten Epochen umgestaltet hat, und zur Beantwortung dieser Frage ist die Tabelle vollständig brauchbar. Ich gebe die Zahlen in der doppelten möglichen Berechnung; die sämmtlichen Gewerbetreibenden machten Procente der Bevölkerung aus: Oder, was dasselbe ist, es kamen auf einen Gewerbetreibenden Einwohner: Die preußischen Provinzen und Regierungsbezirke. Die Zahlen für 1861 will ich versuchen gleich dadurch noch etwas weiter zu illustriren, daß ich eine Prozentberechnung des Handwerkerstandes nach den ein- zelnen Regierungsbezirken beifüge. Denn welche Gegen- sätze birgt z. B. Schlesien; im Regierungsbezirk Breslau zählt man 6, 53 % Handwerker, im Regierungsbezirk Oppeln nur 3, 93 %. Zugleich will ich, wie oben bei den größern Städten, die Prozentzahlen der Fabrik- und der Handelsbevölkerung daneben stellen, d. h. die Pro- zente, welche die gesammten 1861 in der Fabrik- und in der Handelstabelle nach dem bekannten Inhalt der- selben verzeichneten Personen gegenüber der ganzen Be- völkerung ausmachen. Man ersieht daraus die unge- fähre Bedeutung des Handwerks in den einzelnen Re- gierungsbezirken gegenüber den Fabrik- und Handels- geschäften. Neben dem speziellen Resultat dieser Tabelle, das uns hier zunächst interessirt, möchte ich den Leser darauf aufmerksam machen, welche Resultate vergleichender Betrachtung sich ergeben, wenn er die folgende Tabelle über die Regierungsbezirke vergleicht mit der obigen entsprechenden über die größern Städte. Am Rhein sind die Prozente der Handwerker in den Städten und Regierungsbezirken nahezu gleich, im Nordosten haben die Regierungsbezirke theilweise nur ein Drittel oder Viertel der städtischen Prozentzahlen. In der städtischen Tabelle ist die Fabrik- und Handels- bevölkerung der Handwerkerzahl schon viel näher gerückt, als in der Tabelle der Regierungsbezirke. Doch das nebenbei. — Die Tabelle ist folgende: 19 * Die Vertheilung der Gewerbetreibenden. Die lokalen Gegensätze der Fabrik- und der Handels- entwicklung sind hier, wie in den großen Städten, viel bedeutender als die des Handwerks. Es giebt Regierungs- bezirke und Provinzen, die noch einmal so viel Hand- werker haben als andere, im Handel und Fabrikwesen solche, die 4—11 mal so viel Personen beschäftigen. Das Handwerk zeigt auch hier wieder seine elementare Natur. Die Veränderungen von 1822 — 61. Es dient nothwendigen lokalen Bedürfnissen, die einer- seits auch heute noch überall vorhanden sind und ande- rerseits nirgends über ein gewisses Maß hinausgehen. Freilich sind die Differenzen noch stark genug: im Osten beschäftigt es 3 — 4 %, im Westen 6 und 7 % der Bevölkerung. Am tiefsten steht der Regierungsbezirk Gumbinnen 1861 mit 3, 63 , dann Bromberg mit 3, 66 , Posen mit 3, 81 %; über 7 % haben die Regierungs- bezirke Liegnitz, Magdeburg, Merseburg, Erfurt, Arns- berg, Düsseldorf; am höchsten steht Erfurt mit 7, 83 %. Um aber zunächst zurückzukehren zu der Provinzial- tabelle und dem Unterschied zwischen den verschiedenen Jahren der Aufnahme, so ist das Rangverhältniß der Provinzen unter sich 1822 und 1861 so ziemlich dasselbe. Posen z. B. hat damals wie jetzt etwa halb so viel Hand- werker als Sachsen. Dieß Resultat hat mich vollständig überrascht; ich hatte, ehe ich die Untersuchung anstellte, erwartet, daß in den westlichen und mittleren Provinzen die Prozentzahl sich weniger geändert zeigen werde; ich dachte mir hier gleichsam das Bedürfniß gesättigt; ich dachte, daß wenn hier Neubildungen stattfinden, sie eher die Form der Fabriken und großen Unternehmungen an- nehmen werden. In den östlichen Provinzen dagegen, dachte ich, war die Zahl selbst der nothwendigsten Hand- werker, wie der Bäcker, Fleischer, Schneider, Schuh- macher, Tischler 1822 noch so gering, daß sie mit der Kulturentwicklung, mit der steigenden Arbeitstheilung hier bedeutend steigen müsse, ich dachte, daß 1822 — 61 diese Provinzen sich den Zuständen in Mittel- und West- deutschland müßten genähert haben. Die Vertheilung der Gewerbetreibenden. Und ganz unrichtig war diese Vermuthung auch nicht. Von 1822 — 46 ist der Zuwachs in Preußen, Posen, Brandenburg, Pommern und Schlesien im Ganzen relativ fast größer als in Sachsen, Westfalen und der Rheinprovinz; erst von 1846 — 61 bleiben Preußen, Posen, Pommern so ziemlich stabil, während die andern Provinzen wieder schneller voranschreiten. Es wird nun nicht zu leugnen sein, daß einzelne Hauptgewerbe auch 1846 — 61 im Osten noch zuneh- men; die wichtigste Ursache der geringen Gesammtzunahme liegt nicht sowohl in den einfachen Haupthandwerken, als in der größern Zahl der Handwerker, welche feinern Be- dürfnissen dienen — in den Gürtlern, Hutmachern, Hand- schuhmachern, Gold- und Silberarbeitern, Klempnern, Posamentieren, Tapezierern und ähnlichen. Derartige, wenn ich so sagen soll, höhere Handwerke fehlten vorher fast noch ganz; da sie erst nach 1846 hätten sich bilden müssen, blieben sie fast ganz aus, weil nunmehr der Handel und Verkehr sich schon umgestaltete, die lokale Produktion nicht mehr wie früher nothwendig war. Freilich bleiben auch die wichtigern Handwerke von 1846 an im Osten zurück; theilweise wirken die ange- führten Ursachen auch auf sie. Ich will nur für einige Hauptgewerbe, die Bäcker, Fleischer, Schneider und Schuhmacher eine spezielle Berechnung anstellen, wie sie in den einzelnen Provinzen 1849 — 61 zuge- nommen haben. Die folgende Tabelle beantwortet die Frage, auf wie viele Einwohner ein Gewerbetreibender je des betreffenden Gewerbes kam: Der Gegensatz der westlichen und östlichen Provinzen. Die Tabelle zeigt, daß von 1849 — 61 fast nur die Fleischer in Preußen und Posen bedeutend zunahmen, die anderen Gewerbe aber in den mittlern und westlichen Provinzen mehr stiegen als im Osten. Und auch bei den Fleischern erscheint hauptsächlich deßwegen eine Zu- nahme in Preußen und Posen, weil die Zahl der Fleischer hier 1849 ausnahmsweise niedrig, viel niedriger als 1816 ist. Es ist, als ob das Handwerk, weil es hier jünger war, der neuen Zeit, ihrer Technik und ihrem Betrieb noch weniger Widerstandskraft ent- gegenzusetzen gehabt hätte. Einen weitern schlagenden Beweis hierfür liefern die Zahlen, welche Herzog Die Entwicklung der gewerblichen Verhältnisse im Re- gierungsbezirk Posen seit 1815. S. 108 — 133. aus dem Regierungsbezirk Posen mittheilt. Ich erwähne nur einige Hauptgewerbe nach den absoluten Zahlen der Jahre 1822, 1846 und 1861: Die Vertheilung der Gewerbetreibenden. Eine große Zunahme bis 1846; von da ab vollständiger Stillstand oder Rückgang, während doch sonst die Verhältnisse gerade von 1846 ab erst wesentlich sich bessern, die Straßen, der Verkehr, der Bodenwerth steigen. Gerade das muß nach den dortigen Verhält- nissen eben dem kleinen Handwerkerstand nicht günstig gewesen sein. Er blieb besonders in den kleinen Städten zurück, während die wohlhabendern Konsumenten nicht zurückbleiben wollten, sich hier wohl mehr als ander- wärts nach der Hauptstadt der Provinz oder nach Berlin wandten. „Wohlhabendere machen ihre Einkäufe und Bestellungen meistentheils in der Stadt Posen,“ sagt ein Bericht im Jahrbuch für amtliche Statistik, Jahrgang II, 288. welcher hauptsächlich die Noth der Handwerker in den kleinen Städten der Provinz Posen betont. Daß die gewerbliche Thätigkeit in der Provinz Posen wie in der Provinz Preußen vor Allem durch Die Zustände in Posen 1822 — 61. die russische Zolllinie gehemmt und gelähmt wird, ist richtig, kann aber hier nicht als hauptsächliche Ursache angeführt werden. Es trifft das mehr die größere Industrie; überdieß war dieser Umstand schon 1822 — 1846 vorhanden. Der Stillstand von 1846 an muß also mehr andere Ursachen haben. Ehe ich aber hierauf noch näher eingehe, theile ich die Zahlen über die andern Theile des Zollvereins, so- weit solche vorliegen, mit. Sie zeigen theilweise dieselben Gegensätze; theilweise aber ist das Resultat auch ein wesentlich anderes; gerade da, wo das der Fall ist, sind wir aufgefordert nachzuforschen, warum es ein anderes ist. Für 1846 hat schon Dieterici eine Vergleichung der- jenigen Zollvereinsstaaten angestellt, die damals brauch- bare Aufnahmen machten. Mittheilungen IV, 252 ff. Statistische Uebersicht der Fabrikations- und gewerblichen Zustände in den verschiedenen Staaten des deutschen Zollvereins im Jahre 1846. Die Summen der Hand- werker aber, die er hiebei für Preußen z. B. zu Grunde legt, sind ziemlich niedriger, als die der sonstigen offiziellen Statistik, Er zählt 803658 Meister und Gehülfen in Preußen, sonst werden 842148 gezählt. wohl weil er solche Kategorien, in denen die Aufnahme nicht überall gleich gemacht wurde, weg ließ. Deshalb sind die aus den Hauptsummen abge- leiteten Prozentzahlen eigentlich nicht direkt vergleichbar mit den Prozentzahlen nach der Aufnahme von 1861. Für 1861 existiren offizielle Summirungen nur von den Die Vertheilung der Gewerbetreibenden. Staaten, die ihre Gewerbeaufnahme besonders publizirt haben. Außerdem hat man die Summirungen in der Privatarbeit von Frantz, A. Frantz, Tabellen der Gewerbestatistik der Staaten des deutschen Zollvereins. Brieg 1867. Die Differenz der Frantz’schen und der offiziellen Summe für Preußen erwähnte ich schon oben S. 73. Für Württemberg führt Frantz 80775 Meister und 64468 Gehülfen an, in den württembergischen Jahrbüchern für 1862 Heft 2, S. 245 werden 79912 Meister mit 64147 Ge- hülfen gezählt. Für Baiern weichen seine Zahlen von den offi- ziellen etwas weiter ab. die mit den offiziellen Summen, soweit sie existiren, theilweise fast ganz, theilweise wenig- stens ungefähr übereinstimmen, und die Summen bei Viebahn, Statistik des Zollvereins III, 745. die, ähnlich wie seine preußischen Zahlen, etwas niedriger als die offiziellen Summen sind. Da sie aus eben dem Grunde den von Dieterici für 1846 berechneten Zahlen am nächsten stehen werden, am ehesten mit ihnen vergleichbar sein werden, so stelle ich sie zunächst mit denen Dieterici’s von 1846 zusammen. Ganz korrekt ist die Tabelle freilich nicht; einzelne Staaten zeigen eine kleine Zunahme, welche sie nach unsern obigen Unter- suchungen nicht haben; die größern Veränderungen aber sind sicherlich wahrheitsgetreu; jedenfalls bleibt der Ta- belle, wie der obigen Tabelle über die preußischen Pro- vinzen, der Werth, daß sie zeigt, wie die Proportionen der Zahlen von 1846 und der Zahlen von 1861 je unter einander sich änderten, wie das Rangverhältniß der Staaten unter sich gewechselt hat. Es betrug die Zahl der Meister und Gehülfen in Prozenten der gesammten Bevölkerung: Vergleichung einiger Staaten 1846 und 1861. Die Zustände haben sich von 1846 — 61 im Ganzen nicht unwesentlich geändert. Thüringen hatte 1846 am wenigsten Handwerker, 1861 am meisten. Das Großherzogthum Hessen steht in der Reihe der Staaten mit zahlreichem Handwerk jetzt oben an; Baden ist zurückgeblieben. Die äußersten Differenzen sind 1861 geringer, weil die Staaten, welche 1846 das stärkste Handwerk hatten, Sachsen, Baden und Baiern, ziemlich stabil blieben, dagegen die Staaten, welche 1846 zurück waren, an Handwerkern zunahmen, namentlich Thü- ringen und beide Hessen, selbst Nassau. Wie kommt es, daß sie, welche bis 1846 auf ähnlichem Standpunkt wie die östlichen preußischen Provinzen standen, noch an Handwerkern zunahmen, während in jenen das Hand- werk sich nicht weiter entwickelte? Ich werde darauf zurückkommen. Zunächst möchte ich noch eine speziellere Vergleichung sämmtlicher Zollvereinsstaaten und preußischen Provinzen pro 1861 als weiteres Material für die Untersuchung an- führen. Die Tabelle ist Viebahn Statistik des Zollvereins III, 745. entlehnt. Sie beantwortet Die Vertheilung der Gewerbetreibenden. in der letzten Spalte die Frage, wie viele Meister je auf 1000 Familien kamen, in der vorletzten die Frage, wie viele Meister und Gehülfen je auf 1000 Einwohner kamen; die vorhergehenden Spalten geben darüber Auskunft, wie stark die einzelnen Hauptabtheilungen der Gewerbe im Verhältniß der Bevölkerung waren. Das Handwerk in sämmtlichen Zollvereinsstaaten 1861. Als Ergänzung führe ich noch die Prozentzahlen einiger speziellen Gewerbe nach Viebahn an. Bei einzelnen hat er Meister und Gehülfen, bei andern nur die Meister in Rechnung gezogen. An Meistern und Gehülfen kamen 1861 auf 10000 Einwohner bei folgenden Gewerben: Die Vertheilung der Gewerbetreibenden. Von den folgenden Gewerben kamen 1861 auf 10000 Einwohner je die folgende Zahl Meister: Die provinzielle Stärke einzelner Gewerbe. Daß einzelne Differenzen, welche sich in diesen speziellen Zahlen zeigen, nicht bloß und nicht vollständig von der wirklichen Verschiedenheit der Zustände, sondern da und dort auch theilweise von einer Verschiedenheit der Aufnahme herrühren, wird nicht zu leugnen sein. Aber wir brauchen uns in dieser Beziehung hier mit keiner Detailkritik abzugeben, da es sich ja zunächst mehr um das allgemeine Resultat, um die allgemeinen Gegen- sätze, die zu Tage treten, handelt. Diese allgemeinen Gegensätze nun, welche sich uns in den sämmtlichen Tabellen ersichtlich machen, sind Die Vertheilung der Gewerbetreibenden. etwas größer als die, welche wir bei Vergleich der alt- preußischen Provinzen und Regierungsbezirke ersahen. In den altpreußischen Provinzen schwankt der Hand- werkerstand zwischen 3, 6 und 7, 2 % der Bevölkerung, in den altpreußischen Regierungsbezirken zwischen 3, 6 und 7, 8 %, in den von Viebahn verglichenen Gegenden zwischen 3, 6 und 8, 6 %, wobei ich Frankfurt mit 16, 6 % als einzelne Stadt außer Acht lasse. Hohenzollern, Württemberg, Sachsen, Thüringen haben alle über 8 % Handwerker, also mehr als irgend eine altpreußische Provinz, über 7 % haben Anhalt, Braunschweig, Groß- herzogthum Hessen, ihnen steht nur die Provinz Sachsen mit 7, 2 % gleich; zwischen 6 und 7 % haben — ähnlich wie Brandenburg, Westfalen und die Rheinprovinz — Hannover, Kurhessen, Baiern, Baden, Oldenburg, Waldeck, Luxemburg. Nassau allein von den west- und süddeutschen Bezirken steht mit 5, 6 % den östlichen preußischen Provinzen gleich oder nahe; Schlesien hat 5, 6 , Pommern 4, 8 , Preußen 3, 9 , Posen 3, 6 %. Die einzelnen Hauptgruppen von Handwerken sind theilweise gleichmäßiger, theilweise aber auch um so un- gleichmäßiger vertheilt. Ziemlich gleich stark sind überall die Metallarbeiter. Aehnlich die Bekleidungsgewerbe und Holzwaarenarbeiter; in den Bekleidungsgewerben z. B. stehen die mittleren preußischen Provinzen den süddeutschen und rheinischen Staaten so ziemlich gleich, während sie in den Gesammtzahlen wesentlich zurückbleiben; selbst Posen und Preußen stehen hier nicht so sehr zurück; sie haben 1, 5 % in den Bekleidungsgewerben, Hohen- zollern nur 2, 6 , Württemberg 2, 8 , also noch nicht Die provinzielle Stärke einzelner Gewerbe. doppelt so viel; dagegen wird in den Baugewerben die Zahl Posens von Hohenzollern um mehr als das 4 fache, von Süddeutschland, Obersachsen und den rheinischen Staaten um das 2—3 fache übertroffen. In Posen kommen auf 10000 Menschen 20, in Preußen 30, in Pommern 42 Maurer, in Thüringen dagegen 110, in Württemberg 71, in Baiern 74. Eine starke Ver- schiedenheit zeigen auch die Gewerbe für persönliche Dienst- leistungen und für Stoffbereitung, sowie die Nahrungs- gewerbe. Im Südwesten Deutschlands etwa die drei- fache Zahl wie im Nordosten. Diese Differenzen, wie überhaupt die Differenzen in den meisten Gewerben, werden noch stärker, wenn man nur die Meisterzahlen ansieht. Da wo die Zustände noch ein zahlreiches Handwerk erlauben, gibt es auch noch mehr kleine Geschäfte, also um so mehr Meister, während in den Ländern mit entgegengesetzten Zuständen die Gehülfenzahl relativ stärker sein wird. In Hessen-Darmstadt gibt es 4—5 mal so viel Fleischermeister als in Preußen im e. S., in Württemberg gibt es 6 mal so viel Bäckermeister als in Preußen, in Hessen 6 mal so viel Barbiere als in Preußen, in Thü- ringen 7 mal so viel Gerbermeister als in Posen, in Württemberg 60 mal so viel Steinhauermeister als in Posen, 8 mal so viel Glasermeister als in Schlesien. Einige andere Gewerbe freilich zeigen auch, wenn man nur die Meisterzahlen vergleicht, keinen größern Unterschied. Die spezifisch ländlichen Gewerbe der Schmiede, der Sattler, dann die Gewerbe der Tischler, auch der Schneider und Schuhmacher sind sich in den Schmoller , Geschichte d. Kleingewerbe. 20 Die Vertheilung der Gewerbetreibenden. verschiedenen Gegenden ihrer Meisterzahl nach ziemlich nahe. In einigen Gewerben stehen sich Württemberg, Baden, Baiern einerseits, Preußen und Posen anderer- seits sogar sehr nahe. In der nordöstlichen, wie in der südwestlichen Ecke sind z. B. noch am meisten Töpfermeister; in dem ganzen Gebiete dazwischen sind sie von den größern Geschäften und dem Handel ver- drängt. Dort ist es die Unentwickeltheit der wirthschaft- lichen Verhältnisse überhaupt, hier sind es die kleinen Städte und großen Dörfer, welche sie halten. Diese letzte Bemerkung zeigt, wie mannigfaltig und verschieden die Ursachen sein können, die eine hohe oder niedrige Prozentzahl von Handwerkern hervorrufen, wie vorsichtig man in allgemeinen Schlüssen sein muß. Um daher, ehe ich die Ursachen, welche die Gegen- sätze beherrschen, genauer bespreche, noch weiteres Licht auf den Gegenstand zu werfen, will ich noch einige Berech- nungen über das Verhältniß der Handwerker zur Fabrik- bevölkerung in den einzelnen Staaten nach dem Stande von 1861 mittheilen. Die absoluten Zahlen sind Frantz Die geringen Abweichungen seiner Zahlen von den offiziellen, soweit diese überhaupt existiren, sind für diese Berech- nungen gleichgültig. Ich habe absichtlich hiezu nicht die Viebahn- schen Zahlen genommen, weil sie in Bezug auf die Fabriken viel mehr als in Bezug auf das Handwerk unter den offiziellen Zahlen bleiben. entnommen. Der Inhalt der Handwerker- und der Fabrik- tabelle ist bekannt. Die Vergleichung gibt wenigstens ungefähr ein Bild davon, wie in den einzelnen Staaten Fabrik und Handwerk in den einzelnen Staaten. Fabrik und Handwerk sich in Wirklichkeit verhalten. Die erste Tabelle gibt die absoluten Zahlen und den Prozentantheil von Fabrik und Handwerk an der Gesammtsumme. In Hannover, wo die rein landwirthschaftlichen Gegenden vorwiegen, ist das Handwerk am stärksten, es folgen Baiern, Kurhessen, Württemberg; dann Preußen und Baden; zuletzt Sachsen, wo allein die Fabriktabelle stärker ist, als die Handwerkertabelle. Diese Zahlen sind aber nur relativ. Hannover hat gegenüber seinen Fabriken das stärkste Handwerk; mit der Bevölkerung verglichen, hat es ein schwächeres Handwerk als Sachsen, Baden, Württemberg und Baiern. Diesen Vergleich der Fabrik- und der Handwerkertabellen mit der Bevöl- kerung führt die folgende Tabelle noch aus, wobei ich für die Handwerkerzahlen neben die Frantz’schen die 20 * Die Vertheilung der Gewerbetreibenden. oben schon angeführten von Viebahn stelle. Sie zeigen, daß der Unterschied kein allzugroßer ist. Das Handwerk ist hiernach am stärksten in Württem- berg, wo die Fabriken bedeutend, aber nicht am stärksten sind; dann folgt Sachsen, mit 8 resp. 8, 49 % Hand- werkern neben 10, 03 % Fabrikpersonal. Also vertragen sich zahlreiche Handwerker wohl mit zahlreichen Fabriken; freilich nur unter Umständen. Nach Sachsen folgt Baiern mit der nächsthöchsten Handwerkerzahl, während sein Fabrikpersonal mit an letzter Stelle steht. Hannover und Altpreußen sind an Handwerkern fast gleich, wenig- stens sehr nahe, an Fabrikpersonal hat Preußen nahezu die doppelte Zahl. Die Bemerkungen beweisen auf’s schlagendste, daß das Handwerk weder in gerader Proportion wächst mit den Fabriken, wie man oft Die Ursachen der Handwerkerzahl. behauptet hat, noch daß es umgekehrt in gerader Proportion mit ihnen abnimmt, wie andere oftmals vorgaben. Ich werde darauf im Zusammenhang mit den andern Ursachen, um die es sich handelt, zurück- kommen. Gehen wir nun endlich nach langen, beinahe ermüden- den Zahlenmittheilungen auf die einzelnen Ursachen näher ein, welche ein schwächeres oder stärkeres Handwerk in den einzelnen Provinzen und Staaten bedingen, welche das Plus oder Minus an Handwerkern beeinflussen und beherrschen, so wird man zunächst beim Allgemeinsten stehen bleiben müssen. Man könnte zuerst geneigt sein, an die Verschiedenheit des Wohlstands überhaupt zu denken, man könnte geneigt sein zu glauben, daß reichere Gegenden mehr, ärmere weniger Handwerker im Ver- hältniß zur Bevölkerung besitzen. Gewiß ist das auch bis auf einen gewissen Grad der Fall; aber entfernt nicht durchaus. Bei größerm Reichthum und hoher Kultur kann die Art und die Richtung der Volkswirth- schaft so sein, daß doch die Zahl der Handwerker nicht so groß ist, als in andern minder wohlhabenden Gegen- den. Schlesien und Nassau haben dieselbe Prozentzahl Handwerker, und Schlesien ist viel reicher; Hohenzollern hat 8, 9 % Handwerker, die Rheinprovinz 6, 2 , und doch ist letztere gewiß viel reicher; Baden hat 6, 2 %, Baiern 6, 9 %, und letzteres ist weit hinter dem ersten an allge- meiner wirthschaftlicher Entwickelung zurück. Nächst dem Wohlstand im Allgemeinen wird es gerechtfertigt sein, die Dichtigkeit der Bevölkerung ins Auge zu fassen. Und man wird wieder sagen können, Die Vertheilung der Gewerbetreibenden. daß im Allgemeinen allerdings mit der größern Zahl Menschen, die auf der Quadratmeile leben, die Prozent- zahl der Handwerker gegenüber der Bevölkerung wächst, daß aber im Einzelnen sehr grelle Ausnahmen von dieser Regel vorkommen, die auf das Mitwirken anderer Ur- sachen hindeuten. Nehmen wir die Hauptgruppen, so hatten: Nach Viebahn II, 171 ff. Die Zahlen sind von 1858; ich wähle sie, weil sie nach denselben Hauptgruppen zusammen- gefaßt sind, wie die Handwerkerzahlen. Die Bevölkerungsdichtigkeit und die Großindustrie. Also weder der Wohlstand im Allgemeinen, noch die Dichtigkeit der Bevölkerung beherrschen allein die Handwerkerziffer. Aber die Richtung der Produktion, wird man ent- gegnen; in den rein agrarischen Gegenden können nicht so viele Handwerker sein, wie in den industriellen. Wenn Posen 3, 6 %, die Provinz Sachsen 7, 2 % Hand- werker hat, so ist daran schuld, daß die eine Provinz eine landwirthschaftliche, die andere eine industrielle ist. Aber wieder lassen sich andere Länder resp. Provinzen neben einander stellen, bei denen die Gleichheit oder die Differenz daraus nicht zu erklären ist. Das industrie- reiche Schlesien hat 5, 6 %, das rein landwirthschaftliche Hannover hat 6, 2 %; das vorwiegend agrarische Baiern hat 6, 9 % Handwerker, das gewerbsame Baden zählt 6, 2 %, die fast nur aus Bauerngemeinden bestehende Provinz Kurhessen hat ebenfalls 6, 0 % Gewerbetreibende. Und es ist natürlich. Auch das platte Land und die kleinen Ackerstädte können zahlreiche Handwerker haben. Der industrielle Charakter eines Landes als solcher steigert nicht überall das kleine Handwerk. Ich habe dafür schon oben die Belege mitgetheilt, wo ich die Prozentzahlen der Handwerker- und der Fabriktabelle verglich. Es gibt allerdings Gegenden, wo mit der Großindustrie nicht sowohl die Kleingewerbe zunehmen, wo sie aber von früher her zahlreich, später leidend und abnehmend, durch den Aufschwung der Großindustrie eher wieder in bessere Tage kamen. Württemberg, einzelne Theile Sachsens und der Rhein- provinz beweisen das. Aber ganz falsch ist es, das all- Die Vertheilung der Gewerbetreibenden. gemein zu behaupten, allgemein es auszusprechen, die Großindustrie an sich fördere und hebe nothwendig das Handwerk. Offizielle und halboffizielle Schönfärberei, von der selbst Viebahn nicht ganz frei ist, Statistik des Zollvereins III, 744. haben das eben so oft zuversichtlich ausgesprochen, als der Optimis- mus der radikalen Volkswirthe, die den Beruf fühlen, die Großindustrie und die große Spekulation gegen jeden Vorwurf zu vertheidigen, alles schön und vollkommen zu finden, was wirklich oder scheinbar durch freie Kon- kurrenz entstanden ist. Beide Richtungen haben es behauptet, aber nicht bewiesen. Sobald man näher zusieht, wie die Konkurrenz von Handwerk und Großindustrie ist, so bekommt man eine klare Anschauung, wo die letztere dem Handwerke schadet, wo sie es fördert. In den wenigen Branchen, in welchen die Fabrik dieselben Waaren liefert wie der Handwerker, vornehmlich, wo sie selbst die lokalen Bedürfnisse befriedigt, da drückt sie auf das Handwerk, verdrängt es. Der überwiegende Theil aber der größern Unternehmungen liefert nicht Waaren für lokalen Bedarf, sondern für ganze Länder. Dadurch entsteht auch ein Druck auf das Handwerk, aber es ist ein Druck, der sich dann auch über ganze Länder verbreitet, der in dieser Vergleichung nach Provinzen gar nicht ersichtlich sein kann. Die Förderung, welche die Großindustrie dem Handwerk geben kann, ist nur indirekt, wenn wir von einigen Reparatur- und Hülfsgewerben absehen. Das Alter der gewerblichen Kultur. Sie schafft eine dichtere, unter Umständen wohlhabendere Bevölkerung. Ob diese aber viele Handwerker beschäftigt, hängt ab von dem Grade der Wohlhabenheit der Ar- beiter, von der Art des Zusammenwohnens, von einer Reihe weiterer Umstände. Besonders in den Groß- städten beschäftigt die größte Zahl Fabrikarbeiter nicht sowohl Handwerker, als zahlreiche Detailhändler und Magazine, große und kleine Speisehäuser und Schank- wirthschaften. Viel hängt in dieser Beziehung ab von den hergebrachten Sitten und den häuslichen Gewohn- heiten einer Gegend. An allem Hergebrachten hängt die Mehrzahl viel zäher fest, als die National- ökonomen meist glauben. Das verschiedene Alter der gewerblichen Kultur, das den ganzen Westen Deutschlands von dem Osten unterscheidet, kommt da in Betracht. Wo ein zahlreicher kleiner Handwerker- stand ist, da erhält er sich wenigstens theilweise durch die zähe Festigkeit bestehender Lebensgewohnheiten und Geschäftssitten; wo eine gewerbliche Entwickelung erst mit der Zeit der Dampfmaschinen und Eisenbahnen eintritt, da wird, worauf ich schon in anderem Zu- sammenhang aufmerksam machte, das nun neu Anzu- fangende nicht im alten, sondern in neuem großen Style begonnen. Die größere Zahl Handwerker am Rhein, im Südwesten Deutschlands hängt hiermit zu- sammen. Aber wieder wäre es falsch, wenn man diese Wahrheit zu sehr erweiterte, zu allgemein ausspräche. Thüringen hatte 1846 noch 3, 4 %. Handwerker, 1861 8, 6 %; seine gewerbliche Entwickelung ist also sehr jung, Die Vertheilung der Gewerbetreibenden. und doch zählt es jetzt mehr Handwerker als Sachsen, Baden, Baiern und Württemberg. Mit den zuletzt besprochenen Punkten hängt ein anderer enge zusammen; ich meine den Einfluß der Zunftverfassung. Es ist ein entschiedener Unterschied zwischen den Ländern, wo sie früher beseitigt wurde und denen, wo sie länger bestand. Die Gewerbefreiheit hat mit ihrer größern Konkurrenz das kleine, technisch weniger vollkommene Handwerk früher beseitigt. Wo die alten Zunftvorschriften beibehalten oder auch nur vermittelnde Gewerbegesetze erlassen wurden, da hatte der Groß- betrieb, das Magazinsystem, da hatte alles Neue doch mit mancherlei Schwierigkeiten zu kämpfen; da erhielten sich die bestehenden Gewohnheiten des Verkehrs und Geschäftslebens mehr im alten Geleise. War man zu engherzig, so beschränkte das wohl wieder die Zahlen der Handwerker, aber abgesehen hiervon erhielt eine gemäßigte Zunftverfassung entschieden eine größere Zahl kleiner Geschäfte. Das ist wohl die Ursache, auf die es neben andern zurückzuführen ist, daß die entwickeltern altpreußischen Provinzen hinter sonst ähnlichen Gegenden in der Zahl der Handwerker zurückstehen; die Provinz Sachsen hat 7, 2 , das Königreich 8, 0 , Thüringen 8, 6 %; Schlesien hat 5, 6 und Hannover 6, 2 %, die Rheinprovinz hat 6, 2 %, die Rheinstaaten haben 7, 1 % Handwerker. Man sieht daraus wenigstens, daß die bestehenden Hand- werke von einem eng egoistischen Standpunkte nicht ganz unrecht hatten mit ihrer Abneigung gegen die Gewerbe- freiheit. Von einem höhern Standpunkt aus wird man anders urtheilen; da wird man es nicht an sich als Der Einfluß der Gewerbegesetzgebung ein Glück betrachten, wenn die Handwerker etwas zahl- reicher, dafür aber um so ungeschickter und indolenter sind und viele halbbeschäftigte Existenzen in sich bergen. Da wird man, selbst wenn man die mit der Gewerbe- freiheit und den Fortschritten der Technik sich ergebende ungleichere Vermögensvertheilung, das theilweise Ver- schwinden eines Mittelstandes tief beklagt, die ander- weitigen Fortschritte immer dagegen halten. Uebrigens darf man den ganzen Einfluß der Ge- werbegesetzgebung nicht überschätzen. Er beschränkt sich, so wie unsere deutschen Gesetze alle waren und gehand- habt wurden, darauf, daß große durch andere Ursachen hervorgerufene Bewegungen etwas verlangsamt oder etwas verstärkt wurden. Auch die Rheinprovinz hat trotz der längst bestehenden Gewerbefreiheit noch immer ein nicht unbedeutendes Handwerk; das Königreich Sachsen hat trotz der Zunftgesetze und Realberechtigungen seinen Uebergang zur Großindustrie, da wo er angezeigt war, vollzogen. Alle bisher besprochenen Ursachen treffen nicht in das Herz der Sache; theilweise selbst nicht einfacher Natur, wirken sie vollends unter sehr verschiedenen Ver- hältnissen sehr verschieden. Mehr und weniger wird man freilich so von den meisten Ursachen sozialer und volkswirthschaftlicher Dinge urtheilen müssen, wenn man genauer zusieht. Aber doch nur mehr oder weniger. Es gibt durchgreifendere Ursachen mit ein- fachern Wirkungen. Und eine solche, wie mir scheint die wichtigste in dieser ganzen Frage, habe ich noch hervorzuheben. Die Vertheilung der Gewerbetreibenden. Ich erwähnte schon, wie wichtig die häuslichen Sitten, die Art der Familienwirthschaft sei. Der Stammescharakter und die wirtschaftliche Geschichte eines Volkes sind die allgemeinen Ursachen, von denen diese Sitten abhängen. Spezieller aber läßt sich behaupten, daß die Gesammtheit dieser Verhältnisse hauptsächlich wieder bedingt ist von der Vermögens- und Einkommensvertheilung einerseits, der Vertheilung der Bevölkerung in großen oder kleinen Städten, großen oder kleinen Dörfern anderseits. Die Kleingewerbe sind da am stärksten, wo der kleine Grundbesitz und der kleine landwirtschaftliche Betrieb vorwaltet, wo zahlreiche große Dörfer statt der ansehnlichen Rittergüter mit wenigen Tagelöhnerhütten sind, wo viele kleinere und mittlere Städte statt weniger ganz großer Städte neben einem wenig bevölkerten platten Lande existiren. Ich glaube Lorenz Stein spricht es einmal aus, — „die Vertheilung des Grundbesitzes gibt der ganzen Volkswirthschaft ihre Signatur.“ Das zeigt sich gerade hier sehr deutlich. Wo der kleine Besitz vorherrscht, da steht sich Arm und Reich anders gegenüber, da bilden sich Anschauungen und Sitten durch alle Schichten der Gesellschaft hin- durch, welche die Gegensätze nicht so hervortreten lassen. Selbst die höheren Klassen der Gesellschaft, der Adel, die hohen Beamten, die Offiziere stehen in solchen Ländern mit ihren Gewohnheiten, Anschauungen und Bedürf- nissen nicht so über der Masse des Mittelstandes. Die maßgebenden Personen in der Regierung wie in den politischen Parteien stehen dem kleinen Mittelstande Wohnsitze und Grundbesitzvertheilung. näher. Der Wohlhabende lebt in Süddeutschland ein- facher, der Aermere besser als in Norddeutschland. Es wiegt mehr ein mittleres Niveau von Bedürfnissen und Lebensanschauungen vor. Und die Art der Bedürfnisse; die Art der Konsumtion bestimmt, ob größere oder kleinere Geschäfte, ob der Handwerkermeister oder das Magazin sie befriedigen. Das Land der kleinen Leute, des vorwiegenden Mittelstandes gibt auch der kleinen Industrie noch mehr Beschäftigung. Wo der bäuerliche Mittelstand fehlt, fehlt der übrige Mittelstand leicht auch. Da sind keine kleinen Städte und Verkehrsmittelpunkte, da wird heute nur noch im Großmagazin der Hauptstadt — oder vom Hau- sirer gekauft. Und das ist die wesentlichste Ursache, warum die östlichen preußischen Provinzen auf die gleiche Bevölkerung nie die gleiche Zahl Handwerker wie in Süd- und Mitteldeutschland bekommen hätten, auch wenn die Technik, die Arbeitstheilung dieselbe geblieben wäre, auch wenn der neue Verkehr nicht Alles geändert hätte. Das ist die wesentlichste Ursache, warum sie sie jetzt noch weniger bekommen werden, warum sie, wie wir beim Regierungsbezirk Posen sahen, seit 1846 einen solchen Stillstand ihrer Handwerkerzahl zeigen. Nur mit ein paar statistischen Zahlen will ich diese Behauptung noch zu illustriren suchen. Die Durchschnitts- größe der einzelnen Grundbesitzung ist nach Hausner in der Rheinprovinz, Württemberg, Baden, Nassau, Hessendarmstadt 3—5, 3 Hektaren; in den Königreichen Sachsen und Baiern, sowie der Provinz Westfalen ist der durchschnittliche Besitz 6, 3 —7, 4 Hektaren, in Preußisch Die Vertheilung der Gewerbetreibenden. Sachsen 9, 8 , Hannover und Schlesien 11, 1 , Branden- burg, Posen, Preußen, Pommern 21—28, 5 Hektaren; Vergleichende Statistik von Europa, Lemberg 1865, II, 211. Die Zahlen von Hausner stimmen mit Viebahn’s ( II, 563) preuß. Zahlen vollständig, den Hektar zu 4 preuß. Morgen gerechnet. das ist, wenn man einige entgegengesetzt wirkende Ur- sachen wegdenkt, in der Hauptsache dieselbe Rang- ordnung, welche sich nach dem Prozentantheil der Hand- werker an der Bevölkerung ergiebt. Ueber die Größe der Dörfer in den einzelnen preußischen Provinzen fehlen mir neuere Zahlen. Ich muß daher auf einige ältere zurückgreifen, welche theil- weise vielleicht nicht mehr ganz richtig, doch immer noch ein ungefähres Bild der Sache geben. Im Jahre 1849 Kries, Betrachtungen über Armenpflege und Heimath- recht, Zeitschrift für die gesammte Staatswissenschaft IX, 22. Die Zahlen sind theils den Regierungsmotiven der damals vor- gelegten Gemeindeordnung, theils der offiziellen Statistik ent- nommen. hatten von 36588 ländlichen Gemeinden in Preußen 8355 weniger als 100, nur 5292 hatten über 500 Seelen. In den Provinzen Preußen, Posen und Pom- mern kommen 20—30, am Rhein 60—70 Woh- nungen auf ein Dorf. Genauere Zahlen gibt Haxt- hausen 1839. Die ländliche Verfassung in Ost- und Westpreußen. Königsberg 1839. S. 66. Nach ihm hatte ein Dorf durch- schnittlich in den folgenden Regierungsbezirken Ein- wohner: Königsberg 104, Danzig 108, Marienwerder Die Größe der Dörfer und Städte. 94, Posen 134, Bromberg 196, Köslin 227, Stettin 293, Stralsund 262, Potsdam 321, Frankfurt 309, Liegnitz 323, Oppeln 330, Magdeburg 351, Merse- burg 243, Erfurt 442. In Württemberg dagegen hat ein Dorf nach Hausner I, 102. gegenwärtig 857, in Hannover 209 Einwohner. Es ist klar, von wel- cher Bedeutung das für das kleine Handwerk ist; ebenso wie das Vorkommen vieler kleiner Städte, die nachgewiesenermaßen den größten Handwerkerstand haben. Es kam, wieder nach Hausner, I, 190. in Württem- berg schon auf eine □ Meile eine Stadt (incl. der Marktflecken), in Nassau eine auf 1, 25 , in Hessendarm- stadt auf 1, 3 , in Thüringen auf 1, 5 , in Baden und Sachsen auf 1, 7 , in Hessen-Kassel auf 1, 8 , in Baiern auf 2, 35 , in ganz Preußen auf 3, 7 , in Hannover auf 3, 9 □ Meilen. Je größer die Zahl der Städte, desto kleiner sind sie. Die Reihenfolge entspricht wieder un- gefähr dem prozentualen Vorkommen des Handwerks. Im Anschluß hieran möchte ich noch auf zwei Punkte aufmerksam machen, die in gewissem Sinne nur eine Wiederholung des eben Gesagten enthalten, da- neben aber doch auch selbständige Gesichtspunkte zur Erklärung beibringen. Von der Art des Familienlebens, der Vertheilung des Grundbesitzes, der Art der menschlichen Wohnstätten (freilich auch von manchem Andern), ist das bedingt, Die Vertheilung der Gewerbetreibenden. was man im Allgemeinen den Volkscharakter nennt. Jeder deutsche Stamm hat seine Eigenthümlichkeit; der höfliche emsige Sachse, der bescheidene gutmüthige Thü- ringer, der leichtlebige Rheinländer, der derbe Baier, jeder hat seinen eigenen Charakter, hat Züge, die das ganze wirthschaftliche Leben der Provinz, der Gegend influiren, die besonders von Einfluß sind auf die Art, wie man die nächstliegenden täglichen Bedürfnisse befrie- digt. Viel größere Unterschiede aber als die eben erwähn- ten bietet ganz West- und Mittel-Deutschland mit seiner rein deutschen Bevölkerung einerseits und der Osten mit seinen slavischen, emigrirt-französischen, auch stär- keren jüdischen Beimischungen andererseits. Schon im Mittelalter war der Handwerker in den ehemals slavischen Ländern ein Deutscher. Zu einem gesunden städtischen Mittelstande haben es die mehr slavischen, die polnischen Gegenden nie recht bringen können. Ob es mehr der Verlauf der polnischen Geschichte mit sich gebracht haben mag oder der ursprüngliche Stammescharakter, die großen Dörfer und die Städte sind germanischer Ab- kunft. In den kleinen Städten der Provinz Posen da bilden den wichtigsten Theil des Mittelstandes die Juden. Der Israelit beginnt mit dem Schnapsladen, er geht dann zu einem Materialladen, zum Handel mit Landes- produkten und mit allem Möglichen über, und wenn er reich geworden ist, zieht er nach Posen oder gar nach Berlin. Der dortige Mittelstand überhaupt neigt mehr zum Handel, als zum Handwerk. Es ist charakteristisch, daß der deutsche Tagelöhner auf den großen Gütern der Mark und Pommerns im Winter am Webstuhl Der Volkscharakter und die Verwaltung. sitzt, alle mögliche Handwerksarbeit lernt und verrichtet, während dazu der slavische Tagelöhner in Posen nicht zu brauchen ist. Aus einem solchen Arbeiterstand gehen keine Handwerker in Dorf und Stadt hervor. Der andere Punkt, den ich noch hervorheben möchte, ist folgender. In den Ländern des Kleinbesitzes, der gleichen Vermögensvertheilung, die freilich zugleich Klein- staaten sind, hat sich in Zusammenhang mit den dor- tigen sozialen Sitten und Anschauungen nicht die Gesetz- gebung, aber die Verwaltung dem Handwerke gegenüber anders gestellt als in Preußen. Man wird nicht behaupten können, daß man in Preußen an sich weniger thue oder gethan habe für In- dustrie und Verkehr; im Gegentheile; aber das wird man sagen dürfen, daß das, was geschieht, an eine andere Adresse geht. In den größern Verhältnissen macht sich das Bedürfniß der kleinen Leute weniger geltend. Große Fabrikanten und Unternehmer, große Ingenieure und Spekulanten mit ihren spezifischen In- teressen stehen in Berlin mehr im Vordergrund als in den Regierungssitzen der Kleinstaaten, führen mehr das Wort in den öffentlichen Versammlungen, in den Ge- werbekammern, im Parlament, in der Presse. Großes hat Preußen im gewerblichen Bildungswesen geleistet; das Gewerbeinstitut und die Bauakademie sind Zeuge dafür; Staatstechniker, die in Privatdienste übertraten, haben die großen Privatbergwerke und -Hüttenwerke wesent- lich gehoben; die Seehandlung, die Bank haben tausend- fach da und dort eingegriffen, geholfen, Kredit gegeben; Staatsgarantien haben dem Eisenbahnbau Schwung ver- Schmoller, Gesch. d. Kleingewerbe. 21 Die Vertheilung der Gewerbetreibenden. liehen. Alle diese Bestrebungen kommen indirekt dem Ganzen, direkt und zunächst aber der großen Industrie, dem großen Kapital zu Gute. Was für die kleine Industrie geschehen ist, ist unbe- deutend; Schwabe, die Förderung der Kunstindustrie in England, Berlin 1866, gibt einen Ueberblick über die deutschen Bestrebungen nach dieser Richtung und spricht sich ganz in gleichem Sinne aus S. 188—191. die wenigen Provinzialgewerbeschulen erstrecken ihre Wirkung nur auf die Elite des höhern Hand- werkerstandes; der Zeichenunterricht, das niedere gewerb- liche Schulwesen liegt bis in die neuere Zeit mit weni- gen Ausnahmen ganz darnieder, ist nur an denjenigen Orten entwickelt, wo Privat-, Handwerkerbildungs- und Gewerbevereine die Sache in die Hand nahmen. Man blicke dem gegenüber auf das gewerbliche Bildungswesen Süddeutschlands, auf das, was man dort für die Kleingewerbe überhaupt thut. Ich will von der Thätigkeit Badens und Baierns nach dieser Richtung nicht weiter sprechen. Von Baiern wäre haupt- sächlich der wohlthätige Einfluß der ausgezeichneten Nürnberger Kunstgewerbeschule zu erwähnen. Nur an die mir am meisten bekannte Thätigkeit der württem- bergischen Zentralstelle für Handel und Gewerbe Siehe: Steinbeis, die Elemente der Gewerbebeför- derung, nachgewiesen an der belgischen Industrie. 1851. Mirus, über Gewerbebeförderung und Gewerbsthätigkeit im Königreich Württemberg. Leipzig 1861. Württembergische Han- delskammerberichte für 1864, Anhang. Dorn, Pflege und För- derung des gewerblichen Forschritts durch die Regierung in Württemberg. Wien 1868. will Die Förderung der Kleingewerbe in Württemberg. ich erinnern. Sie hat unter ihrem tüchtigen Direktor Steinbeis sich vorzugsweise bemüht, in die Kreise des eigentlichen Handwerks Anregung und Förderung zu bringen. Sie hat neue lohnendere Industriezweige ein- geführt, die bestehenden Hausindustrien auf die kunst- volleren Branchen, die dem Handwerk bleiben, überge- leitet, sie hat tüchtige Gewerbetreibende im Auslande lernen lassen, fremde Gewerbetreibende zur Einführung und Hebung einzelner Gewerbe ins Land gezogen. Sie hat einen dauerden Fonds zu Reiseunterstützungen für kleine Gewerbetreibende. Sie hat in jeder Weise den Absatz nach Außen zu fördern gesucht; sie hat in dem stutt- garter Musterlager dem kleinen Manne, der nicht reisen kann, Gelegenheit geschafft, alles Neue, Muster, Ma- schinen und Werkzeuge zu sehen; sie überläßt zeitweise neue Maschinen den Einzelnen zur Probe. Zwei Webschulen und verschiedene Lehrwerkstätten für Weber hat sie in’s Leben gerufen, sie zahlt Prämien für Anschaffung neuer musterhafter Webstühle. In hunderte von Werkstätten kamen so im Laufe weniger Jahre verbesserte Werkzeuge und Methoden. Auch literarisch sucht sie zu wirken durch das billige tüchtig redigirte Gewerbeblatt, durch Verbreitung leicht verständlicher technischer Schriften. Das wichtigste aber ist das gesammte gewerbliche Fortbildungswesen, das die Lehrlinge und Gesellen all- abendlich und des Sonntags wieder zur Schule ver- sammelt. Die Anregung ging auch von der Zentral- stelle aus, die Gemeinden wirkten mit, indem sie einen Theil der Kosten übernahmen. Besonders der ertheilte Zeichen- und Modellirunterricht, der in den 21 * Die Vertheilung der Gewerbetreibenden. größern Schulen, wie in Stuttgart, getrennt für einzelne Gewerbe, wie für Bauhandwerker, Schreiner, Schlosser, Sattler ertheilt wird, hat schon unendlichen Segen gestiftet. Mag der Unterricht einzelner norddeutscher Musteranstalten, wie der des Berliner Handwerkervereins, diesen Schulen kühn an die Seite treten, mögen da, wo solche freiwillige Schulen sich dauernd erhalten haben, die- selben noch größern Segen stiften, wie jede rein auf Selbsthülfe basirte Einrichtung einen größern Werth hat, — für alle kleinern Verhältnisse reichen die freiwilligen Lehrer, reichen zufällige Privatmittel und Anregungen nicht aus. Es soll damit das gesammte norddeutsche Hand- werker- und Arbeiterbildungsvereinswesen kein Vorwurf treffen. Es hat dasselbe seine volle Berechtigung; es hat viel geleistet, aber es reicht für den gewerblichen und künstlerischen Unterricht nicht aus. Vergleiche über diese Vereine den Arbeiterfreund 1866: Die Handwerker-, Arbeiter- und ähnlichen Vereine in Preußen, bearbeitet von Hermann Brämer, S. 48 ff., S. 222 ff. und S. 293 ff.; daneben in dems. Jahrg. S. 338: Kletke, über die wissenschaftliche Erziehung unserer Handwerker. Ferner über diesen Punkt: Dr. Schwabe, Staatshülfe und Selbsthülfe auf dem Gebiete der Kunstindustrie. Berlin 1868. Der Unterricht bloßer Privatvereine ist zu oft schlecht, ungenügend, geht zu häufig wieder ganz ein. Eine systematische Ordnung durch den Staat, ein systematisches Heranziehen der Gemeinden ist nothwendig, um Bestand und Erfolg in dieses gewerbliche Fortbil- dungswesen zu bringen, um es allgemeiner zu verbreiten. Der große Vorzug der württembergischen Schulen ist eben ihre große Verbreitung. Von den 101 im Jahre 1864 schon bestehenden gewerblichen Fortbildungsschulen Das gewerbliche Bildungswesen. sind 86 in Orten von weniger als 6000 Einwohnern; die Schulfrequenz ist eine außerordentliche. Es bezeichnet den Gegensatz zum Norden, daß man jetzt endlich in Preußen anfängt, von Seiten des Kultus- ministeriums die großen Städte von gegen 50000 Ein- wohnern aufzufordern, ähnliche Zeichenschulen zu errichten, daß der Staat sich bereit erklärt, für diesen Fall einen Beitrag zu geben, daß das neu gegründete Berliner Gewerbemuseum daran denkt, nach Art des englischen Kensington ‒ Museums seine Wirksamkeit auch außer- halb Berlins auszudehnen. Es ist dieser Unterricht mit der wichtigste Faktor, das kleine Handwerk zu erhalten, es produktionsfähig für den weiteren Absatz zu machen, ihm Bildung, Kennt- nisse, Unternehmungsgeist zu geben. Denn die kleinen Geschäfte erhalten sich für direkten Absatz oder als Haus- industrie organisirt in allen den Branchen, in welchen die persönliche Arbeitskraft und Geschicklichkeit, der künst- lerische Geschmack im Vordergrund steht, ohne daß doch eine Massenproduktion möglich wäre, welche sich des vom großen Fabrikanten besoldeten Künstlers bedienen könnte. Das Tischler-, das Drechsler-, das Klempner-, das Stein- hauer-, Maurer- und Zimmergewerbe und noch viele Andere haben als Kleingewerbe einen ganz andern Boden, wo ein tüchtiger gewerblicher Unterricht existirt. Das gewerbliche Bildungswesen ist vielleicht noch wichtiger als das ganze Assoziationswesen; blühende Ge- nossenschaften nützen doch zunächst nur Einzelnen; das gewerbliche Bildungswesen wendet sich an Alle. 3. Das Verhältniß der Gehülfen zu den Meistern im Allgemeinen. Die Stellung des Lehrlings und des Gesellen in alter Zeit; Mißstände schon damals. Die Gehülfenzahl im vorigen Jahr- hundert. Die Zahl der preußischen Gehülfen von 1816—43. Die Aufnahmen von 1846—61, das Gleichgewicht der Meister- und Gehülfenzahl 1861. Der Fortschritt, der in der steigenden Gehülfenzahl liegt; daneben die immer geringere Aussicht für alle, selbst Meister zu werden. Die Ursachen, warum die Zunahme der Gehülfenzahl leicht die Bevölkerungs- zunahme übersteigt, nicht im Verhältniß mit dem wirklichen dauernden Bedürfniß der Volkswirthschaft steht. Die Auf- lösung der alten Handwerkszustände. Der Uebergang älterer Gesellen zu anderen Berufen und die Auswanderung. Die Nothwendigkeit eines verheiratheten Gesellenstandes. Die Miß- stände und Schwierigkeiten, welche aus dem Uebergang hiezu entstehen. Die Vernichtung der alten Rangordnung im Hand- werk; die Nothwendigkeit der verschiedensten Arbeitskräfte nebeneinander. Die Stellung des Lehrlings in Folge der wegfallenden Prüfung und der ganz anderen Einrichtung der heutigen Geschäfte. In dem Verhältniß des Meisters und der Meisters- familie zu dem Gesellen und Lehrlinge liegt eigentlich der halb poetische halb patriarchalische Duft, der heute noch auf dem Handwerk der alten Zeit, wie eine Der Lehrling und Geselle in alter Zeit. schöne Erinnerung, liegt. Und es ist wahr. In dem Verbande der verschiedenen wirthschaftlichen Kräfte nicht bloß zu Einer Arbeit, sondern auch zu Einem Familien- leben lag eine große sittigende Kraft. Der Lehrling wurde nicht bloß technisch unterrichtet, er wurde durch Anweisung und Vorbild zu Fleiß und Ehrbarkeit vom Meister erzogen, zu Sparsamkeit, Ordnung und Rein- lichkeit vom sorgenden Auge der Meisterin angehalten. Der Geselle, der in der Werkstatt des Meisters arbeitete, an seinem Tische aß und unter seinem Dache schlief, war in einen für seine Jahre engen Kreis gebannt, er opferte seine besten Jahre der Hoffnung, später selbst Meister zu werden; aber in diesem engen Kreise um- schloß ihn zugleich eine heilsame bürgerliche Zucht und Sittenstrenge; eine Reihe sinniger Gebräuche und Zere- monien gliederten seinen Lebensgang, der in feste Sta- tionen gebannt war, aber auch ein sicheres Ziel vor sich hatte, eine schöne einheitliche Ordnung darstellte. Die soziale Gleichheit von Arbeitgeber und Arbeiter, die Verbindung von Arbeit und Erziehung, von technischer und menschlicher Erziehung, das waren die großen Vor- züge jener ältern Gewerbeverfassung. Freilich hafteten ihr auch zu ihrer Blüthezeit, auch so lange noch nicht die sinnigen Bräuche in ein dem grassesten Egoismus dienendes schwerfälliges Zeremoniell ausgeartet waren, nicht unbedeutende Mißstände an. Das Ideal war niemals ein dauernd haltbares. Wo die Bevölkerung wächst, wo das Handwerk blüht, da wächst die Lehrlings- und Gesellenzahl, der überschüssige Nachwuchs der Bevölkerung drängt sich besonders gerne Die Vertheilung der Gewerbetreibenden. in diese Bahnen; das blühende Handwerk selbst braucht eine größere Gehülfenzahl. Aber für diese steigende Gehülfen- zahl wird die Zahl der Meisterstellen bald zu klein. Die alte Ordnung läßt sich nicht oder nur gewaltsam aufrecht erhalten. Die zunehmende Bevölkerung zer- sprengt hier, wie in andern Verhältnissen, immer wie- der die bestehenden volkswirthschaftlichen Formen. Die deutsche Zunftverfassung half sich in ihrer spätern Zeit damit, sowohl die Lehrlings- als die Ge- sellenzahl zu beschränken Schönberg, zur wirthschaftlichen Bedeutung des deut- schen Zunftwesens im Mittelalter. Hildebrand’s Jahrbücher IX, S. 105. und das Meisterwerden immer mehr zu erschweren. Das hatte wieder die Kehrseite, daß in dieser spätern Epoche der Gesellenstand als solcher sich zusammenschloß gegen die Meister, in systematische Opposition und Feindschaft zu dem Meisterstande kam. S. Wackernagel, Werkstattfehden in alter Zeit, in der Vierteljahrsschrift für Volkswirthschaft XX, S. 81—92. In Frankreich drängte die frühere industrielle Ent- wickelung auch früher zu einem Verlassen der alten Formen. Auf dem Höhepunkt der mittelalterlichen Entwickelung im 13. Jahrhundert lebte in den größern Städten wohl der Lehrling aber nicht der Geselle im Hause des Meisters; die Zahl der zu haltenden Lehrlinge war beschränkt, die Zahl der Gesellen unbe- schränkt; vielfach waren die Gesellen verheirathet und ließen ihre Frauen mit arbeiten. Siehe die Beweise Levasseur, histoire des classes ouvrières en France. Paris 1859. I, 235, 236, 238. Später, im 14 ten Die alten Mißstände der Zunftverfassung. und 15 ten Jahrhundert waren die Gesellen damit nicht mehr zufrieden. Das erschwerte Meisterwerden führte noch viel mehr als in Deutschland zu einer selbständigen gegen die Meister gerichten Organisation, zu heftigen Kämpfen und Mißbräuchen aller Art. Levasseur I, 496—516. Von der Zeit der stehenden Heere an beruhte die Erhaltung der Zunftverfassung mit darauf, daß der große Ueberschuß alternder Gesellen, die nicht Meister werden konnten, sich anwerben ließ. Die stehenden Soldheere des 17 ten und 18 ten Jahrhunderts bestanden hauptsäch- lich aus früheren Handwerksgesellen. J. G. Hoffmann, Nachlaß kleiner Schriften S. 402. Erst mit der Konskription und noch mehr mit der allgemeinen Wehr- pflicht hörte das auf. In wie weit freilich das vorige Jahrhundert dieses Abflusses noch bedurfte, um die Zunftverfassung in alter Weise zu erhalten, darüber ließe sich streiten. In der Hauptsache lagen jetzt die Dinge wieder total anders, als zur Blüthezeit der mittelalterlichen Gewerbe. Das Handwerk befand sich mit wenigen Ausnahmen ja auf so tiefem Standpunkt, daß es zahlreiche Lehrlinge und Gesellen gar nicht beschäftigte. Die statistischen Zahlen sind in dieser Beziehung geradezu erschreckend. Sie zeigen, wie wenig die Meister zu thun hatten, wie viel- fach sie selbst nebenher auf Tagelohn gehen mußten, um nur das ganze Jahr beschäftigt zu sein. Die Zahl der Meisterstellen war seit langeher trotz der Zunftver- Die Vertheilung der Gewerbetreibenden. fassung zu groß, die der Lehrlinge und Gesellen war zu klein für einen halbwegs blühenden Geschäftszustand. Nach den im ersten Abschnitt angeführten Hand- werkerzahlen kamen 1783 in der Niedergrafschaft Katzen- ellnbogen auf 100 Meister durchschnittlich 5, 23 Gehülfen; 1784 auf 100 Meister im Herzogthum Magdeburg 15, 84 Gehülfen, ungefähr zur selben Zeit im Fürsten- thum Würzburg 15, 81 Gehülfen; d. h. von 100 Meistern hatten 95 resp. 85 gar keine Gehülfen, weder Gesellen noch Lehrlinge. Da ergab es sich aus den Verhältnissen von selbst, daß der Geselle nicht verheirathet war. Und wenn die Handwerksgewohnheit es erschwerte, so war sie nicht im Widerspruch mit den thatsächlichen Be- dürfnissen. Siehe Mascher, S. 404. Abs. 42. Das Reichsgesetz v. 16. Ang. 1731, das die wesentlichsten Mißbräuche abschaffen will, spricht sich übrigens Art. XIII. Abs. 6 auch dagegen aus, daß man an einzelnen Orten verheirathete Gesellen nicht mehr zum Meisterwerden zulassen wolle. In Preußen mag die Zahl der Gehülfen schon 1795—1803, der Zeit der Krug’schen Aufnahmen, ziemlich höher gewesen sein. Für einzelne Provinzen führt Krug II, S. 205. sogar eine sehr hohe Zahl von Gesellen und Lehrlingen an, z. B. für Schlesien 60860, während 1861 erst 102679 Gesellen und Lehrlinge gezählt werden. Die Krug’sche Zahl faßt ohne Zweifel alle Spinner- und Webergehülfen mit in sich, von welchen 1861 nur die erstern in der Handwerkertabelle stehen. Ein all- gemeiner Schluß läßt sich jedenfalls aus den unvollstän- Die Zahl der Gehülfen in Preußen 1783—1843. digen Angaben von Krug nicht ziehen. Wohl aber gestattet Einzelnes eine Vergleichung. Er führt z. B. für das Herzogthum Magdeburg 1802 ‒ 3135 Gesellen an; 1784 waren es nach den vorhin erwähnten Angaben 2297 Gesellen gewesen; also immerhin eine Zunahme, aber keine große für die Zahl von etwa 27000 Meistern. Festern Boden für die Untersuchung bekommen wir von 1816 ab durch die Zahlen der preußischen Gewerbe- statistik. Ich lege dabei die von mir im ersten Abschnitte berechneten Hauptzahlen zu Grunde, wobei freilich nicht zu vergessen ist, daß zunächst nur die Aufnahmen von 1816—43 unter sich vergleichbar sind, und daß in diesem Zeitraum die Gehülfenzahl gleichmäßig etwas zu niedrig erscheint, weil bei einigen Gewerben die Gehül- fen nicht mit aufgenommen wurden. Die Berechnung stellt sich nun dahin, daß auf 100 Meister im Durch- schnitt der gesammten gezählten Handwerke in Preußen kamen: Wir haben es, wie ich darauf schon bei Besprechung der Grundzahlen aufmerksam machte, mit zwei ziemlich verschiedenen Perioden zu thun; 1816—31 eine Zeit der Die Vertheilung der Gewerbetreibenden. Stabilität; theilweise gedrückte, theilweise erst langsam sich bessernde Zustände; später eine Zeit des Fortschritts, der Blüthe. In der ersten Periode beträgt die Gehülfen- zahl mit nicht allzugroßen Schwankungen etwas über die Hälfte der Meisterzahl. Es ist das Verhältniß, wobei jeder Gehülfe noch sichere Aussicht hat, bald selbst Meister zu werden, eine Aussicht, die durch die Gewerbefreiheit noch erhöht wurde. Jedem war ja jetzt gestattet, selbst ein Geschäft anzufangen. Und die tech- nischen Anforderungen waren noch so gering, daß die kleinen Geschäfte wohl noch bestehen konnten. Der Wechsel der Gehülfenzahl unter sich in den Jahren 1816—31 ist darnach auch sehr begreiflich. Mehren sich die Bestellungen, die Geschäfte etwas, so nehmen die Meister zunächst etwas mehr Lehrlinge an, die bald zu Gesellen werden. Dauert das nur einige Zeit, das Meisterwerden ist aber nach den Erforder- nissen, die an den Kapitalbesitz, an die technische Fertig- keit der Betreffenden vom Publikum gestellt werden, noch leicht, so wird der Wunsch aller ältern Gesellen, selbständig zu werden, sich geltend machen. Dadurch muß bei der nächsten Aufnahme die Meisterzahl wieder etwas höher, die Gehülfenzahl wieder etwas niedriger sich stellen, wenn nicht unterdessen die Gesammtnachfrage so gestiegen ist, daß die vom Gesellen zum Meister Uebergehenden schon wieder mehr als ersetzt sind durch Neueintretende. So, glaube ich, haben wir den zwei- maligen Anlauf zu einer etwas stärkeren Gehülfenzahl 1816 und 1825 zu erklären, der beidesmal wieder einem Rückgang Platz macht. Der Wechsel in der Gehülfenzahl 1816—43. Von 1834 an tritt dieser Rückgang zunächst nicht mehr ein. Die Meister steigen langsam und gleich- mäßig, viel stärker aber die Gehülfen. Sie, die 1828 noch 56 % der Meister ausgemacht, machen 1843 schon 76 % aus. In den guten Jahren 1833—40 hatten die Meister den steigenden Bedürfnissen dadurch genügt, daß sie eine größere Zahl Lehrlinge angenommen und dieselben später als Gesellen beschäftigt hatten. Das ergab blühende Zustände, gute Geschäfte für die Meister, so lange die neu dem Gewerbe Zutretenden jung waren, noch nicht selbst Meister werden wollten. Als aber gegen 1840—43 die zahlreich seit 1828 Eingetretenen älter wurden, das dreißigste Lebensjahr meist hinter sich hatten, da begann die kritische Zeit; entweder mußte der Stand der Meister die großen Ueberschüsse aufnehmen, oder man mußte zu einem System verhei- ratheter Gesellen übergehen, oder es mußten Handwerks- gesellen in größerer Zahl in Fabriken eintreten, zu an- dern Berufsarten übergehen. Die Mehrzahl der Gesellen war in den Städten, hatte bisher da gearbeitet; sie versuchten eigene Geschäfte anzufangen; es wurde immer schwieriger, es war bei der Umbildung der Technik immer mehr Kapital dazu nöthig. Viele Bankerotte solcher Anfänger und Klagen, daß das Handwerk übersetzt sei, mußten nun nebeneinander vor- kommen. Theilweise allerdings trat nun die Uebersiedlung älterer Gesellen auf das Land, nach kleinern Städten ein. Aber immer fällt dem Gesellen, der in der Stadt gelebt, die Rückkehr in das stille Dorf der Heimath schwer. Jeder fängt nur da gerne ein selbständiges Die Vertheilung der Gewerbetreibenden. Geschäft an, wo er als Geselle bekannt geworden ist, wo er sich eingelebt hat. Was nun die Zeit von 1846 an betrifft, so sind die Aufnahmen von 1846 ab etwas andere. Eine Berechnung von Dieterici, die sich auf den Vergleich einer Anzahl Gewerbe nach dem Stande von 1822 und 1846 bezieht, ergiebt zwar, daß die Ausdehnung der Aufnahmen von 1846 auf einige weitere Kategorien von Gewerben das Verhältniß der Meister zu den Ge- hülfen nicht allzusehr berührt. Aber das macht jeden- falls einen Unterschied, der die ganz direkte Vergleichung ausschließt, daß von da ab für alle Gewerbe die Ge- sellen und Lehrlinge aufgenommen sind. Wenn sonach 1843 auf 100 Meister 76 Gehülfen kamen, 1846 aber 84, so ist diese Zunahme in Wirklichkeit nicht ganz so stark gewesen. Das Umgekehrte gilt für den Vergleich von 1846 und 1849. In letzterm Jahre sind eine Reihe von Ge- werben hinzugekommen, die überwiegend mehr Meister als Gehülfen haben; dadurch erscheint das Verhältniß der Gehülfen zu den Meistern als ein zu gedrücktes. Nach der Totalaufnahme kamen 1849 auf 100 Meister 76, 06 Gehülfen; darnach hätten die Gehülfen von 1846—49 (auf je 100 Meister) von 84 auf 76 abgenommen. Nach einer nur die gleichen Kategorien umfassenden Vergleichung Dieterici’s Mittheilungen V, 216. dagegen stellt sich das Verhältniß so; es kommen Mittheilungen II, S. 8 — 9. Die Krisis 1843—55, die Zunahme der Gehülfen bis 1861. auf 100 Meister. Vier Gehülfen weniger auf 100 Meister deutet schon eine wesentliche Krisis an. Er- wägt man dabei, daß die schlimmste Geschäftsstockung im Dezember 1849 bei den Aufnahmen schon vorüber war, daß der Rückgang wohl ausschließlich durch ent- lassene Gesellen, nicht durch eine Minderzahl an Lehr- lingen hervorgerufen war, daß einzelne Gewerbe, wie z. B. die Nahrungsgewerbe 1849 sogar mehr Gesellen hatten, daß der Rückgang hauptsächlich die Kunst-, Bau-, Holz- und Metallgewerbe traf, — dann erscheint die oben näher besprochene Krisis klar genug in diesen Zahlen. Wenn der Durchschnitt der Totalaufnahme von 1849 mit dem von 1846 nicht vergleichbar ist, so ist er es doch mit den folgenden. Ich theile daher zunächst das Verhältniß der Gehülfen zu den Meistern von 1849 an, nach den früher mitgetheilten Grundzahlen berechnet, mit. Es kamen auf 100 Meister in ganz Preußen nach dem Durchschnitt der ganzen Handwerkertabelle: Die Aenderung von 1849—52 zeigt nur, daß die früher schon vorhandene Zahl Gehülfen wieder Be- schäftigung findet. Abgesehen davon bleiben die Dinge ziemlich stabil; auch von 1852—55 zeigt sich keine große Zunahme der Gehülfenzahl. Die ganze Zeit von Die Vertheilung der Gewerbetreibenden. 1850—55 ist eine für das Handwerk stabile, gedrückte, und der Druck geht hauptsächlich hervor aus dem Ver- hältniß der Zahl der Gehülfen zu dem der Meister. Die Lage wird keine bessere, weil man in der Hauptsache noch zu keiner andern Organisation der Geschäfte über- geht, weil die technischen Fortschritte nicht Platz greifen; die Zahl der Gehülfen nimmt nicht mehr bedeutend zu, weil viele auswandern und in Fabriken eintreten, weil die allgemeine Noth unter den Meistern doch manche jungen Leute von dem Erlernen eines Handwerks abschreckt. Erst mit der Mitte der fünfziger Jahre wird das anders. Die technische Bildung und der Verkehr steigen; alle Verhältnisse werden andere. Auch im Handwerk vollzieht sich mehr und mehr die oben eingehender besprochene Revolution. Neue Kräfte strömen zu, Lehr- linge sind wieder gesucht. Das Verhältniß der Ge- hülfen zu den Meistern, das lange 80:100 gewesen war, geht auf 104:100 im Jahre 1861 empor. Auch wenn man die Maurer- und Zimmerflickarbeiter nicht zu den Gehülfen, sondern zu den Meistern rechnete, ist das Verhältniß 98, 49 : 100. Unwiderleglich liegt in der großen Veränderung seit 1830 der Beweis, daß auch das Handwerk, wenig- stens ein Theil desselben, mehr und mehr zu etwas größern Betrieben übergeht. Ich will nun zunächst absichtlich davon absehen, daß der Landmeister wie der Meister in kleinern Städten vielfach auch heute noch ohne Gesellen und Lehrlinge arbeitet, daß die Gehülfenzahl in einigen Gewerben viel größer ist als in andern, ich will auch das außer Acht Das Gleichgewicht der Meister- und Gehülfenzahl. lassen, daß selbst in großen Städten häufig nur wenige Meister eine größere Zahl, die andern gar keine Gehülfen haben, ich will zunächst nur die allgemeine Frage noch etwas eingehender erörtern, welche Folgen sich aus der Thatsache ergeben, daß die Gehülfenzahl die Meister- zahl im Durchschnitt erreicht hat. Oft hat man darauf aufmerksam gemacht, daß in dieser Veränderung ein Fortschritt liege; man hat die steigende Gehülfenzahl an sich als einen Beweis gesunder Handwerkszustände angesehen. Zeitschrift d. sächs. stat. Bureaus 1860. S. 110. Man hat es als das soziale und wirthschaftliche Ideal hingestellt, daß jedes Gewerk ungefähr eben so viele Lehrlinge und dreimal so viele Gesellen als Meister habe. Ich selbst habe mich früher fast unbedingt dahin ausgesprochen, wenn ich sagte: Württ. Jahrb. 1862. Heft 2. S. 247. „Sowohl in sozialer als in technisch ökonomischer Beziehung liegt in der steigenden Gehülfenzahl ein unbe- rechenbarer Fortschritt. Die Veränderung, die wir vor uns haben, ist nicht eine Verminderung der ökonomisch gesunden selbständigen Handwerksmeister, sondern ein Wachsthum dieser neben dem Verschwinden der absolut unselbständigen proletarierartigen kleinen Meister, welche ohne Gesellen und Lehrlinge nur ein kümmerliches Da- sein fristen, und an deren Stelle mehr und mehr solche Arbeiter treten, welche es vorziehen, statt mit geringen Mitteln ein eigenes Geschäft zu eröffnen, bei Meistern, welche sie ununterbrochen beschäftigen, als Gesellen zu arbeiten. Nicht ein Verschwinden des bürgerlichen Schmoller, Gesch. d. Kleingewerbe. 22 Die Vertheilung der Gewerbetreibenden. Mittelstandes, wie man schon gemeint hat, erkennen wir in diesen Resultaten, sondern gerade die Bildung einer gesunden ökonomischen Mittelklasse.“ Sicher ist daran viel Richtiges. Es ist besonders in den größern Städten eine neue Art bürgerlichen Mittelstandes in den letzten Jahrzehnten groß geworden, die über dem früheren Meister stehend dem größern Unternehmer sich nähern, mehrere, ja viele Gesellen oder Arbeiter beschäftigen, großentheils persönlich durch Fleiß und Thatkraft sich auszeichnen, technisch alle Fortschritte der Neuzeit verfolgen. Wenn wir das aber einerseits freudig begrüßen, wenn wir zugeben, daß diese Entwickelung eine in gewissem Sinne nothwendige ist, so dürfen wir anderer- seits nicht vergessen, daß das eine Kehrseite hat, welche wenigstens zunächst für die Gesellen und Lehrlinge traurig ist. Es vermindert sich für sie die Möglichkeit, je selbständig zu werden, immer mehr. Ich habe darauf schon hingedeutet, ich muß dabei noch etwas verweilen. Es ist ein einfaches Rechenexempel, um das es sich handelt, auf das I. G. Hoffmann Die Bevölkerung des preuß. Staats S. 118. zuerst aufmerk- sam machte. „Der einzelne Mensch“ — sagt er — „welcher vom 14. Jahre ab 16 Jahre lang als Lehrling und Geselle dient, will doch mit dem 30. Jahre endlich einen eigenen Hausstand anfangen, um nun 30—40 Jahre lang als Meister zu leben. Er ist also wenig- stens doppelt so lange Meister, als er vormals Gehülfe war, und es wird demnach nur halb so viel Gehülfen, Licht- und Schattenseiten der großen Gehülfenzahl. als es überhaupt Meister giebt, wirklich die Aussicht auf die Meisterstelle eröffnet werden können.“ Wenn man die Rechnung nur auf die Lehrlinge beschränkt, so wird sie noch klarer. „Ein Meister“ — sagt Hoffmann an anderer Stelle Die Befugniß zum Gewerbebetrieb S. 131. — „unterhalte nur einen Lehrling gleichzeitig, so wird er doch von seinem dreißigsten bis zu seinem sechzigsten Lebensjahre bei vierjähriger Lehrzeit sieben auslernen können, wovon endlich doch nur einer ihn dereinst als Meister ersetzen kann. Rechnet man auch darauf, daß während eines Zeitraums von dreißig Jahren die Bevölkerung ungefähr um fünfzig auf hun- dert wächst, daß also in demselben Verhältnisse auch statt zwei jetzigen Meistern nach dreißig Jahren drei zur Befriedigung der Bedürfnisse des Volkes nöthig sein werden, und daß auch in den Gesellenjahren einige zum Handwerke Angelernte sterben, so wird man doch immer für Fünfe von jenen Sieben keine Aussicht auf anstän- digen Erwerb als Meister eröffnen können. In die- sem selten klar genug erkannten Verhältnisse liegt die Unhaltbarkeit der Zunftverfassung und der seit Jahr- hunderten fortdauernden Beschwerden über unverbesser- liche Mißbräuche der zünftigen Handwerker.“ Je nachdem man eine Zunahme der Meister für möglich oder wahrscheinlich hält, je nachdem man die mittlere Lebensdauer der Meister setzt und eine Sterblichkeit unter den Lehrlingen und Gesellen annimmt, wird die Rechnung etwas anders, aber in der Haupt- sache bleibt die Frage dieselbe. 22 * Die Vertheilung der Gewerbetreibenden. Der Verfasser der Untersuchungen über sächsische Handwerkerstatistik in der Zeitschrift des sächsischen statisti- schen Büreaus hat den Hoffmann’schen Gedanken etwas genauer ausgeführt und kommt da zu folgendem Resul- tat. „Nimmt man“ — sagt er — „an, daß im Mittel der Handwerker nicht vor dem dreißigsten Jahre Meister wird, und daß die mittlere Lebensdauer des Handwerks- meisters 55 Jahre sei (statt 60—70, wie Hoffmann), so ist in jedem Jahre nur der 25 ste Theil der Meister zu ergänzen, um die absolute Zahl zu erhalten. Neh- men wir aber, da auch ein Zuwachs der Bevölkerung zu beachten ist, und mancher Meister aus andern Gründen in Abgang kommt, den zwanzigsten Theil an. Ist ferner die durchschnittliche Lehrzeit 4 Jahre und wird auch die Sterblichkeit zwischen dem 14 ten und 30 sten Lebenjahre beachtet, so kann die Zahl der Lehr- linge in einem Gewerbe, welche herangebildet werden muß, um den Personalbestand im Verhältniß zur Be- völkerung auf gleicher Höhe zu erhalten, nur zwischen ¼ und höchstens ⅓ der Meisterzahl betragen; d. h. nur je der dritte oder vierte Meister darf einen Lehrling halten, wenn nicht ein Ueberschuß herangebildet werden soll, der keine Aussicht auf Selbständigkeit hat. Die mittlere Gesellenzeit nehmen wir hoch zu 12 Jahren an. Die Zahl der Gesellen wird also unter gleicher Voraussetzung zur Erhaltung des Gleichgewichts nur ¾— \frac{4}{4} der Meister betragen, die Summe der Gesellen und Lehrlinge sich also zu den Meistern zwischen 1:1 und 1, 33 : 1 verhalten dürfen. Bei Gewerben mit kurzer Lehrzeit wird dieses Verhältniß kleiner, bei langer Die sinkende Möglichkeit des Meisterwerdens. Lehrzeit größer werden, und einen ähnlichen Einfluß müßte eine etwaige Verschiedenheit der mittleren Lebens- dauer der Meister äußern. Gewerbe, bei denen diese Normalverhältnisse nicht erreicht werden, gehen entweder zurück oder rekrutiren sich vorzugsweise aus dem Aus- lande; Gewerbe dagegen, welche ein größeres Verhältniß darbieten, sind entweder in der Vermehrung begriffen oder überhaupt nicht geeignet, allen Gesellen Aussicht auf Selbständigkeit zu gewähren.“ Die hier angenommene Sterblichkeit wird ungefähr den realen Verhältnissen entsprechen. Soweit exakte Untersuchungen über Sterblichkeit dieser Berufsklassen vorliegen, bestätigen sie ungefähr die hier ange- nommenen Zahlen. Es sind die bekannten von Neufville, Engel und Neumann. Dr. A. Neufville, Lebensdauer und Todesursachen 22 verschiedener Stände und Gewerbe, Frankfurt 1855. Die Beobachtung umfaßt die Stadt Frankfurt und die Zeit von 1820—55. Engel in der Zeitschr. des statist. Bür. 1862. S. 242. Es sind Berliner Ergebnisse von 1855—60. Neumann, das Sterblichkeitsverhältniß der Berliner Arbeiterbevölkerung. Arbeiter- freund 1866. S. 113 ff. Siehe auch Frantz, Handbuch der Statistik, 1864. S. 117 ff. Näher auf sie einzugehen, ist hier nicht der Ort. Nur ein paar Worte sind zu bemerken. Die beiden letzten Unter- suchungen beschäftigen sich mit den Meistern und Ge- hülfen zusammen, mit den 15—70 jährigen; wenn Engel also für die verschiedenen hauptsächlichen Hand- werke ein Durchschnittsalter von 33—48 Jahre berech- net, so widerspricht das der obigen Annahme nicht; Die Vertheilung der Gewerbetreibenden. denn sie geht nur dahin, daß der 30 Jahre alt Gewor- dene durchschnittlich das 55 ste Jahr erreiche, nicht daß die Gesammtheit der 15—70 jährigen durchschnittlich 55 Jahre erlebe. Die Untersuchung von Neufville beschränkt sich nun aber auf solche, die schon Meister geworden sind, und da schwankt das Durchschnittsalter eben um diese Grenze; es betrug für die Bäcker 51, 5 , die Bildhauer 43, 8 , die Brauer 50, 5 , die Fischer 55, 7 , die Gärtner 56, 8 , die Gerber 56, 8 , die Kürschner 56, 6 , die Maler 47, 5 , die Maurer 48, 7 , die Schlächter 56, 8 , die Schmiede 46, 3 , die Schneider 45, 3 , die Schuh- macher 47, 3 , die Tischler 46, 3 , die Zimmerleute 49, 2 Jahre. Der Durchschnitt würde wohl etwas, aber nicht sehr viel unter 55 Jahren sein. Nimmt man hiernach die Möglichkeit, Meister zu werden, auch noch für etwas mehr Lehrlinge und Gesellen an, als das sächsische statistische Büreau es thut, im Ganzen bleibt das Verhältniß dasselbe. Von der Zeit an, in welcher die Gehülfenzahl die Meisterzahl wesent- lich überschreitet, hört die Möglichkeit, Meister zu werden, je ein selbständiges Geschäft anzufangen, für eine Anzahl von Gehülfen auf. Selbst abgesehen von der Umbildung der Technik und der Arbeitstheilung, von den Einflüssen des Verkehrs und des Kapitals, liegt in diesem Zahlenverhältniß an sich die voll- ständige und nothwendige Auflösung der alten hand- werksmäßigen Zustände. Das Hinzukommen dieser erwähnten Einflüsse verstärkt aber die Auflösung. Täg- lich wird es wegen ihrer schwerer, ein eigenes Ge- schäft anzufangen Die Zahl der preußischen Meister Die Ursachen des Zudrangs zum Handwerk. ist 1861 noch nicht wieder so hoch wie 1849, trotzdem daß 1861 wahrscheinlich unter den Meistern sehr viele mehr gezählt sind, die keine selbständigen Unternehmungen mehr haben, als 1849. Ehe ich von den Folgen dieser allgemeinen Auf- lösung der alten Handwerkszustände spreche, will ich noch bemerken, daß der Zudrang zum Handwerk, der zunächst die Gehülfenzahl steigen läßt, nicht nothwendig ein den wirklichen dauernden wirthschaftlichen Bedürfnissen, sei es des alten oder des neuen Handwerks, entsprechender ist. Mit rasch wachsender Bevölkerung kommt leicht ein Zufluß, der seine Ursache nicht in dem dauernden Bedürf- niß der Gewerbe hat, sondern in andern. Umständen psychologischer und moralischer Natur, sowie vorüber- gehender wirthschaftlicher Art. Man hat in Bezug auf eine starke Zunahme der Bevölkerung kurz nach einander gleich extremen und un- richtigen Theorien gehuldigt. Man hat, angesteckt vom ersten Schrecken der Malthus’schen Theorie, eine Zeit lang jede Zunahme für schlimm und unheilvoll gehalten, man hat dann wieder in optimistischer Uebertreibung der wirtschaftlichen Fortschritte unserer Zeit jede Zunahme an sich als ein Glück gepriesen. Sie ist es, aber nur in gewissem Sinne. Alle höhern Güter der Kultur sind nur erreichbar in dichtbevölkerten Gegenden. Aber jede starke Bevölkerungszunahme setzt Fortschritte, Aende- rungen in der ganzen Volkswirthschaft voraus, muß in der Regel verbunden sein mit einer ganz anderen Orga- nisation aller Geschäfte, aller Verkehrsverhältnisse, mit einer andern lokalen Vertheilung der Bevölkerung, mit Die Vertheilung der Gewerbetreibenden. einer andern Vertheilung derselben nach Berufszweigen. Das setzt sich langsam durch, will erkämpft sein, braucht Jahre und Jahrzehnte. Die heranwachsenden Gene- rationen ergreifen selten sogleich und in richtigem Ver- hältniß die Bahnen, in denen der Ueberschuß später definitiv Platz findet. Die Bodenvertheilung ändert sich meist schwer, die Landwirthschaft sendet zunächst ihre jüngern Söhne den Gewerben zu. Je tiefer ein Ge- werbe steht, je leichter es zu erlernen ist, je weniger es Kapital erfordert, desto größer leicht der Zudrang ohne Rücksicht auf das Bedürfniß. In den Kreisen, um die es sich da vorzugsweise handelt, wird der 14 jährige Junge, der aus der Schule entlassen ist, durchaus nicht immer mit klarer Erkenntniß für einen der Berufe bestimmt, in denen im Augen- blicke die größte Nachfrage ist. Das häufige traditionelle Festhalten am Gewerbe des Vaters ist noch nicht das schlimmste; Zufall, Rücksicht auf die geringsten Kosten, auf die größte Bequemlichkeit für die Eltern und ähnliche Motive wirken theilweise noch schlimmer. Die alther- gebrachte Uebersetzung einzelner Gewerbe, die heutzutage meist doppelt sich geltend macht, hängt damit zu- sammen. Trifft in dieser Beziehung die Väter der betreffen- den Kinder oder vielmehr die Unkenntniß dieser Kreise in derartigen Fragen die Schuld, so wirken von der andern Seite zeitweise auch die Meister und Arbeitgeber auf partiellen und zeitweisen zu großen Andrang. Wenn mit den stark wechselnden Konjunkturen des heutigen Marktes die Geschäfte zeitweilig wachsen, so suchen sich Die Berufswahl des Lehrlings. die Betreffenden häufig, weil es zunächst das Billigste ist, durch Annahme weiterer Lehrlinge zu helfen, ohne Rück- sicht auf die dauernde Bedürfnißfrage. Siehe ein schlagendes Beispiel derart bei Degenkolb, Arbeitsverhältnisse, 2 te Aufl. Frankfurt 1849, S. 70 ff. Es bezieht sich auf die Kattundrucker; eine übermäßige Annahme von Lehrlingen 1833—40, der drückendste Ueberfluß an Gesellen von 1840—46. Es giebt zeit- weise Gewerbszweige, in welchen in Folge hiervon die Lehrlingszahl die Gesellenzahl erreicht, während bei vier- jähriger Lehr- und zwölfjähriger Gesellenzeit die Zahl der Lehrlinge doch immer höchstens ⅓ der Gesellen ausmachen sollte. Daraus erklärt sich, daß die frühere Beschränkung der Lehrlingszahl nicht so ganz sinnlos war, wie man oft meinte. Noch neuestens spricht sich Richard Härtel Vergl. den auch sonst interessanten Artikel „zur Lehrlings- frage“ im Correspondent, Wochenschrift für Deutschlands Buch- drucker, Extrabeilage zu Nro. 11 vom 12. März 1869. in Beziehung auf die Buchdruckerei aufs Entschiedenste dahin aus, daß auf die Dauer ein ordentlicher Stand von Buchdruckergehülfen und -Arbei- tern nur dann sich erhalten lasse, wenn die Druckerei- besitzer der Versuchung einer zu starken Anwendung soge- nannter Lehrlinge, d. h. unerwachsener Arbeiter wider- stünden, wenn sie der alten Geschäftssitte treu bleiben, auf drei Gehülfen einen, auf neun Gehülfen erst zwei Lehrlinge zu halten. Welches aber auch die Ursachen der anschwellenden Gehülfen- und Lehrlingszahl im Einzelnen sein mögen, so viel ist sicher, die alten Handwerkszustände müssen Die Vertheilung der Gewerbetreibenden. sich damit auflösen; d. h. es muß einerseits eine Anzahl gelernter Gesellen später wieder zu andern Berufen übergehen, es muß andererseits ein verheiratheter Gesellen- stand sich bilden, die ganzen Rangverhältnisse im Hand- werk müssen andere werden. Oefter wurde es schon erwähnt, wie viele Gesellen heute in eigentliche Fabriken eintreten; das war ihnen auch nach der Verordnung vom 9. Februar 1849 nicht verboten. Selbst für Arbeiten, die nicht einen gelernten Handwerker gerade dieser Art erfordern, nehmen viele Fabrikanten gerne Gesellen; sie sind geschickter, haben mehr gelernt und gesehen, als einfache Fabrikarbeiter. Aber das reicht nicht aus, den Ueberschuß aufzu- nehmen. In den verschiedensten anderweitigen Berufen finden wir frühere gelernte Handwerksgesellen. Mag es an Zahl verschwinden, daß auf den Brettern, die die Welt bedeuten, so manche Schneider- und andere Ge- sellen eine Zuflucht gefunden, daß der Stiefelputzer der deutschen Universitätsstädte fast ausschließlich ein alter Ge- selle ist, der nicht Meister werden konnte, daß die vielen Diener von Museen, Lesegesellschaften, Vereinen, haupt- sächlich aus verunglückten Meistern und Gesellen bestehen; schon nach Hunderten und Tausenden zählen andere Zufluchtsorte ihre aus dem Handwerkerstand rekrutirten Mitglieder. Höckerei und Schankwirthschaft sind da in erster Linie zu nennen. Die zahllosen Dienstmänner, die in jeder größern Stadt jetzt sich anbieten, habe ich bei vielfacher persönlicher Frage fast immer als gelernte Handwerksgesellen erkannt, denen es mißlungen ist, ein eigenes Geschäft zu begründen, und die doch nicht zeit- Die Schicksale alternder Gesellen. lebens Gesellen bleiben wollten. Die Hunderte und Tausende von preußischen Zivilversorgungsberechtigten, die durch längere Militärzeit sich einen Anspruch auf eine subalterne Anstellung im Staats-, Gemeinde- oder Eisenbahndienst erwerben, haben zu einem großen Theil früher dem Handwerk angehört. Vor Allem aber sind die ältern Gesellen und Meister, die nicht vorwärts kommen, unter den Auswanderern vertreten. Zur Zeit der stärksten Auswanderung gegen 1854 wanderten jährlich etwa 250000 Personen Hübner, Jahrb. f. Volkswirthschaft u. Statistik V, 285. aus Deutschland aus, ein sehr großer Theil hiervon gehörte dem Handwerker- stande an. Hübner III, S. 293 bringt darüber Nachweise für Preußen, Braunschweig, Meklenburg, Oldenburg pro 1853; V, S. 288 für Baden pro 1840—55; daselbst für Meklenburg und Braunschweig pro 1855; VII, S. 146 für Sachsen pro 1853—58; VIII, S. 229 für Sachsen pro 1859—61. Nur wo ein verkommenes bäuerliches Zwergproletariat ist, wird der bäuerliche Antheil an der Auswanderung ebenfalls bedeutend; sonst überwiegt durchaus das Handwerk nach den Zahlen Hübner’s; mit am stärksten in Sachsen. Und noch jetzt zeigt jeder Ausweis über den Beruf von Auswandern dasselbe. Im Jahre 1866 kamen z. B. in Württemberg Württembergische Jahrbücher 1866, S. 9—13. auf 1275 einwandernde 6995 auswandernde Personen; von letztern sind 3576 erwachsene Personen männlichen Geschlechts; und von ihnen wieder fällt weitaus der Haupttheil auf das Handwerk, nämlich 2110 Personen; der Rest theilt sich in 24 Fabrikarbeiter, 153 Tagelöhner, 694 Bauern, Die Vertheilung der Gewerbetreibenden. 353 Handelsleute und etliche andere Kategorien von geringer Bedeutung. Die einzelnen Haupthandwerke zeigen Posten von nicht unbedeutendem Umfang. Es sind verzeichnet 232 Schmiede und Schlosser, 193 Tischler, 176 Maurer, 95 Zimmerleute, 197 Schuhmacher, 150 Weber, 110 Schneider, 151 Bäcker, 134 Metzger, 85 Bierbrauer, 96 Drechsler und Wagner, 78 Gerber, 62 Küfer, 53 Mechaniker, 50 Gießer, 42 Goldarbeiter. Die andern Gewerbe sind etwas geringer vertreten. Und trotz aller dieser Abflüsse der verschiedensten Art bleibt die Zahl 27—36 jähriger Gesellen, die selbständig werden möchten, doch noch immer so groß, daß jede Erleichterung der Gesetzgebung im Sinne der Gewerbefreiheit und der Niederlassungsmöglichkeit den Anstoß zu zahlreichen Versuchen selbständiger kleiner Ge- schäfte gibt, aus denen einzelne tüchtige Leute sich empor arbeiten, von denen die Mehrzahl aber wieder eingeht. Zu einem verheiratheten Gesellenstande überzugehen, hatte schon Hoffmann Die Befugniß zum Gewerbebetrieb S. 141—150. 1841 als das Hauptmittel em- pfohlen, um die Mißbräuche und Mißstände des Zunft- wesens, die Erschwerung des Meisterwerdens, die Wander- pflicht und ähnliches zu beseitigen. In Gewerben mit größerer Gesellenzahl, wie in den Baugewerben, ist das auch längst der Fall; Lohn- und Kontraktsverhältnisse haben sich da so geordnet, daß sie einem verheiratheten Gesellenstand entsprechen. In andern Gewerben fängt das erst an und ist zunächst mit mancherlei Schwierigkeiten und Uebeln ver- Ein Stand verheiratheter Gesellen. bunden. Das alte Verhältniß, den Lehrling und die Gesellen im Hause zu haben, wird verlassen, nicht aus der theoretischen Einsicht heraus, daß man zur reinen Geldwirthschaft übergehen, daß man nach der heutigen Gehülfenzahl einen verheiratheten Gesellenstand erhalten müsse, sondern weil es zunächst bequemer oder schein- bar billiger ist, weil die Stück- und Akkordarbeit das Zusammensein überhaupt, selbst während der Arbeit überflüssig macht. Der Meister, der in guter Verkehrs- lage miethet, hat nicht Raum, die Leute zu beher- bergen, oftmals nicht Raum zum Arbeiten in seinem Lokale. Er spart, wenn er die Leute zu Hause arbeiten läßt, Licht und Heizung, oft auch das Handwerkszeug. Der Geselle hat zu Hause ohnedieß ein geheiztes Kämmer- chen, besonders wenn er verheirathet ist; Frau und Kinder können mithelfen. Es ist dieß unvermeidlich, hat auch seine guten Seiten, aber vorerst hört man darüber Klagen aller Art, wie z. B. Regierungsrath Mülman Mülmann, Statistik des Regierungsbezirks Düsseldorf. II, zweite Hälfte. S. 491—93. in seinem Bericht über die rheinischen Ver- hältnisse hauptsächlich die Schattenseiten betont. „Die alte patriarchalische Sitte“ — sagt er — „die Gewerbs- gehülfen als zum Hausstande des Meisters gehörig zu betrachten, herrscht fast nirgendwo mehr, vielmehr wird der Lohn nur in baarem Gelde gegeben. Die Gesellen stehen sich hierbei nicht besser, da sie für Kost und Wohnung überall mehr ausgeben müssen, als ihnen der Meister anrechnen konnte. Aber das Streben nach un- Die Vertheilung der Gewerbetreibenden. abhängigem Leben läßt sie diese Vertheuerung übersehen. Noch mehr entfernt das immer mehr und leider oft in hierzu sehr ungeeigneten Arbeitsverhältnissen einreißende Akkordarbeiten die Gesellen von dem Meister, indem es sie auch hinsichtlich der Arbeitszeit unabhängig macht. Im Allgemeinen ist durch diese Gestaltung der Verhält- nisse der Meisterstand in sehr übler Lage wegen seines Hülfspersonals, denn er hat weit größere Interessen zu vertreten, als der mit seiner Arbeitskraft leicht wieder unterkommende Geselle. Es ist hierdurch so weit gekom- men, daß in manchen Handwerken viel mehr die Furcht vor Mangel an treu aushaltendem Personale, als vor Mangel an Kundschaft von Erweiterung des Geschäfts abhält, und daß im Allgemeinen die Meister die freie und gesicherte Stellung der Gesellen beneiden, weshalb denn auch eine verhältnißmäßig große Zahl von Gesellen in zwar bescheidenen, aber gesicherten Verhältnissen einen ehelichen Hausstand führt.“ Es ist zuzugeben, daß nicht bloß ältere verheirathete Leute, sondern ebenso junge kaum 18—25 jährige, denen eine gewisse Zucht und Aufsicht sehr heilsam wäre, dadurch selbständig werden, dadurch Gefahren aller Art ausgesetzt sind, körperlich, moralisch und geistig zu Grunde gehen. Dem Verhältniß zu ihrem Meister fehlen die früheren Bande, die aus dem Zusammensein am häuslichen Heerde entsprangen. Die Lohnfrage muß überdieß Meister und Gesellen mehr als je entzweien. Die früheren Gesellenlöhne waren relativ sehr niedrig; der Geselle wurde früher neben Geld und Verpflegung gleichsam mit der sichern Aussicht bezahlt, Meister zu Die reine Geldablohnung der Gehülfen. werden und da von seinen Gesellen den Vortheil zu haben, den er jetzt seinem Meister bot. Diese Aussicht ist verschwunden, darum schon muß der Lohn höher sein. Außerdem muß die Naturalverpflegung ersetzt werden. Die Löhne müssen noch mehr steigen, je mehr die Ge- sellen verheirathet sind, je mehr sie in Fabriken Gelegen- heit haben, als geschickte, technisch gebildete Arbeiter so viel zu verdienen, daß sie leicht eine Familie ernähren können. Es würde zu weit führen, wollte ich hier dieses Steigen der Löhne durch Eingehen auf das vorhandene Beweismaterial nachweisen; ich hebe nur zwei ausgezeichnete Arbeiten hervor: „Statistik der Arbeitslöhne in Fabriken und Handwerken von 1830—65,“ im statistischen Anhang zu den württembergischen Handelskammerberichten für 1865. S. 30—40. „Die Arbeits- löhne in Niederschlesien“ von Regierungsrath Jacobi, Zeit- schrift des preuß. statist. Bureaus 1868. S. 326—351. Alles das will der ehrbare alte Meister, der seine Anschauungen aus einer andern Zeit mitgebracht hat, nicht sehen, nicht anerkennen. Und darum steht er viel- fach auf Kriegsfuß mit seinen Arbeitern. Dem Meister an Bildung gleichstehend, empfinden die ältern Gesellen den drückenden Unterschied zwischen Unternehmer und Arbeiter doppelt. Viele unter ihnen haben vergeblich versucht, ein eigenes Geschäft anzufangen. Oft sind das mit die geschicktesten, begabtesten, die in dem Bewußt- sein ihrer Talente nicht begreifen wollen, daß fehlende moralische und Charaktereigenschaften sie in dem Ver- suche einer eigenen Unternehmung scheitern lassen mußten. Sie sind heute mit die unzufriedensten Elemente der Die Vertheilung der Gewerbetreibenden. Gesellschaft. Aus ihnen vor Allem rekrutirt sich die sozialdemokratische Partei. Theilweise liegt die gegenseitige Unzufriedenheit an der Neuheit des ganzen Verhältnisses. Soweit in der neuen Art des Lebens der Gehülfen wirkliche Gefahren liegen, besonders für jüngere Leute, so weit müssen eben alle die übrigen Mittel geistiger und moralischer Hebung stärker herangezogen werden. Volksschule und Kirche, Vereinsleben und genossenschaftliche Ehre, vor Allem ein richtiges geordnetes gewerbliches Bildungs- wesen müssen ersetzen, was an moralischer Wirkung neben allen Mißbräuchen mit dem alten Lehrlings- und Gesellenverhältniß gegeben war. Dann werden die Klagen über Zunahme wilder Ehen, über Sittenlosigkeit, über Zunahme des Luxus ohne Zunahme der Sparsam- keit, die Klagen über leichtsinnige und zu frühe Ehen in diesen Kreisen — Klagen, mit denen man gegen- über den untern Klassen ohnedieß zu leicht bei der Hand ist — nicht mehr zunehmen; dann werden sich bei den verheiratheten Gesellen die möglichen segensvollen Wirkungen der Ehe, Sparsamkeit, Fleiß und An- strengung, mehr und mehr einstellen. Sie stehen dann den kleinen Meistern, die für Magazine oder andere Meister arbeiten, gleich; sie stehen immer noch wesentlich über dem Fabrikarbeiter, können bei Geschicklichkeit und Sparsamkeit immer selbst in die Reihe der Unternehmer eintreten, sei es allein, sei es im Wege der Assoziation. Die alte Rangordnung im Handwerk, der feste Stufengang ist allerdings damit unwiederbringlich ver- nichtet, wie sie zugleich durch die neuere Technik, durch die Die Auflösung der alten Handwerkszustände. verschiedenen Arbeitskräfte, die man heute nebeneinander in einem Geschäfte braucht, unhaltbar geworden sind. Für leichtere Arbeit verwendet man jetzt vielfach Frauen- hände, für gemeine Arbeit Tagelöhner. Letztere auch im Handwerk anzuwenden ist ganz passend, ermäßigt die Zahl derer, die Meister werden wollen, vermeidet Vergeudung höherer Kräfte zu niederer Arbeit. Das hat ja auch die Verordnung von 1849 zugelassen. Sie wollte aber hin- dern, daß der gelernte Tischlergeselle bei einem Zimmer- meister arbeite, sie wollte alle Meister zwingen sich nicht an Gesellen, sondern an Meister der andern Gewerbe zu wenden, wenn sie deren Hülfe brauchten. Es war ein lächerlicher Versuch, den Lauf der Dinge zu fesseln, es war überdieß ein erbärmlicher unmoralischer Versuch, weil man dem Fabrikanten erlaubte, was man dem Meister verbot. Mit der andern Technik, mit der veränderten Ab- grenzung der Geschäfte gegeneinander, mit der größern Spezialisirung aller Produktion ist, um hierauf noch zu kommen, auch die Stellung des Lehrlings, soweit es sich gerade um das Erlernen des Gewerbes handelt, eine total andere geworden. Wurde er früher oft ein Jahr lang und länger als Laufbursche verwendet, von der Frau Mei- sterin zu allen möglichen häuslichen Dienstleistungen gebraucht und mißbraucht, so lernte und sah er doch später Alles, was in der Werkstatt gemacht wurde, und alle die verschiedene Arbeiten seines Gewerbes kamen in der Werkstatt vor. Die Prüfungen nöthigten ihn zu einer gewissen Ausbildung nach allen Seiten. Der Mißbrauch ersterer Art ist nicht verschwunden; wo heute, um Taglöhner oder Dienstboten zu sparen, Schmoller , Geschichte d. Kleingewerbe. 23 Die Vertheilung der Gewerbetreibenden. allzu zahlreich Lehrlinge angenommen werden, da lernen sie in der ersten Zeit so wenig wie früher. Aber auch später lernen sie theilweise heute nicht mehr so viel wie früher, weil die einzelnen Geschäfte nur einseitig auf wenige Artikel sich werfen. Und innerhalb des spezialisirten Geschäfts wird der Lehrling zu einer ein- zelnen bestimmten Art der Arbeit gebraucht. Wie soll er da viel lernen? Die Prüfung ist weggefallen und damit jedenfalls auch ein gewisser Sporn. Die zu große Unabhängigkeit vom 14. Jahre ab steigert bei der Masse nicht den Trieb, etwas zu lernen. Die allgemeine Aus- bildung bleibt so leicht zurück. Viel Wahres über diese und ähnliche Punkte in den amtlichen Protokollen, welche über die „Verhandlungen der 1865 zur Berathung der Koalitionsfrage berufenen Kommission“ publizirt wurden. Berlin, Decker 1865. Böhmert, der eifrigste Vertheidiger der Gewerbefreiheit, muß zugeben, daß die schweizer Gewerbetreibenden sehr gerne deutsche Gesellen aus Ländern, wo noch Prüfungen existiren, haben, weil sie dieselben für fleißiger, geschickter und anstelliger halten. Und aus ähnlichem Grunde sind deutsche Ge- sellen in Frankreich und England beliebt. Daraus will ich entfernt keinen Schluß ziehen, der auf Wiederherstellung des Zunftwesens und der Zunft- prüfungen ginge. Diese Wiederherstellung wäre aus andern Gründen schädlich, ja unmöglich. Aber das glaube ich mit dem Angeführten bewiesen zu haben, daß die Beibehaltung der alten vierjährigen Lehrling- schaft, ohne die Prüfungen und ohne die alte viel- seitige Werkstatt, die aufwachsende gewerbliche Gene- Die Bildung des Lehrlings. ration noch tiefer herabdrückt, noch mehr dazu beiträgt, alle Geschäfte in die Hände der höhern Unternehmer- klasse zu bringen. Dem ist nur abzuhelfen, wenn man in den Kreisen der Handwerker den gewerblichen Schulen die Aufmerksamkeit schenkt, die sie verdienen, wenn man die jungen Leute zu ihrem Besuche anhält, wenn man dieselben je kürzere Zeit in verschiedene Etablissements als Volontaire oder Arbeiter unterbringt, wobei sie praktisch alles in ihr Geschäft Einschlägige lernen und sehen, wenn man endlich möglichst durch freiwillige Prüfungen den Ehrgeiz zu wecken, den Bemühungen ein festes Ziel zu setzen sucht. Das ist die neue Art, wie man die gewerbliche Jugend heranbilden muß. Die Jugend soll arbeiten lernen; aber die Jugendjahre sollen daneben vor Allem eine Bildungs- , nicht bloß eine Arbeits zeit sein. Und das Gefährliche aller in neuerem Style eingerichteten Geschäfte ist es, schon den 14 jährigen als reinen Ar- beiter zu gebrauchen, ohne ihn etwas lernen zu lassen, ohne ihm einen Ueberblick über die sämmtlichen kauf- männischen und technischen Spezialitäten seiner Geschäfts- branche zu geben. 23 * 4. Das Verhältniß der Gehülfen zu den Meistern im Speziellen. Die Gehülfenzahl nach den preußischen Provinzen 1822, 1846 und 1861, sowie nach den preußischen Regierungsbezirken und einigen andern Zollvereinsstaaten 1861. Die preußische Ge- hülfenzahl in Stadt und Land 1828, 1849 und 1858. Die Gehülfenzahl in den großen preußischen Städten 1861. Die Gehülfenzahl in Sachsen nach Stadt und Land 1849 und 1861. — Die Gehülfenzahl in einzelnen Gewerben; sächsische Zahlen von 1849, preußische von 1822—61, württembergische von 1835—61, berliner von 1861. Die Resultate dieser Tabellen. Die Gewerbe, in welchen die Gehülfenzahl selbst in neuerer Zeit niedrig bleibt. Die Gewerbe mit höherer Gehülfenzahl. Die Baugewerbe. Die Meister und Flick- arbeiter. Die Zahlen der preußischen Baugewerbe von 1816 — 61. Die provinziellen Gegensätze in der Organisation der Geschäfte: die größern Bauunternehmnngen im Osten, der Bau für eigne Rechnung durch die kleinen Meister im Westen. An die Thatsache, daß in Preußen im Jahre 1861 die Gehülfenzahl im Durchschnitt des ganzen Staates und der sämmtlichen Handwerke die Meisterzahl erreicht hat, knüpfte ich die allgemeinen Betrachtungen an, welche sich aus der Umbildung der Handwerksgeschäfte nach dieser Richtung hin ergeben. Ich kehre jetzt zu den Resultaten der Statistik zurück. Die Verschiedenheit der Gehülfenzahl. So unbestreitbar das allgemeine Resultat ist, das ich aus den Durchschnittszahlen des ganzen preußischen Staates und seiner gesammten Kleingewerbe folgerte, so nothwendig ist es andererseits, hier wieder, wie schon oft, daran zu erinnern, daß jede solche Durchschnittszahl in gewissem Sinne falsch ist, ein falsches Bild giebt, sofern sie den Schein erweckt, als ob dieser Durchschnitts- zahl entsprechende Zustände nun, gleichmäßig verbreitet, in den verschiedenen Gegenden und Geschäften vorhanden wären. Die Wahrheit ist, daß sehr verschiedene Zu- stände, verschieden nach Gegenden wie nach Geschäfts- branchen, dieses Durchschnittsresultat ergeben haben. Soll unsere Betrachtung also nicht einseitig sein, so müssen wir neben dem allgemeinen Resultat diese Ver- schiedenheiten noch in Betracht ziehen. Sie bieten an sich selbst und in Bezug auf die hier besprochene Frage der Meister- und Gehülfenzahl ein Interesse; außerdem aber wird ihre Untersuchung manche frühere Ausfüh- rungen, z. B. die über die lokalen Gegensätze, noch in helleres Licht rücken. Einige Wiederholungen sind dabei leider nicht zu vermeiden. Dieterici hat schon früher Mittheilungen II, S. 9. auf den großen Unter- schied aufmerksam gemacht, der zwischen den einzelnen preußischen Provinzen herrscht. Bei der Vergleichung von 1822 und 1846 hat er die Lücken der Aufnahme von 1822 durch Schätzungen ergänzt. Ich stelle neben seine Zahlen die für 1861 von mir nach der offiziellen Aufnahme berechneten. Daß die Aufnahme von 1861 Die Vertheilung der Gewerbetreibenden. einige Kategorien von Handwerkern mehr umfaßt, ist für diese Durchschnitte ganz gleichgültig. Das Resultat ist folgendes: es kamen auf 100 Meister Die Mark Brandenburg erscheint in ihren Zahlen ausschließlich von der Hauptstadt, von dem Charakter der hauptstädtischen Geschäfte beeinflußt. Ein Drittel ihrer Meister und Gehülfen gehören Berlin an. Daher lasse ich diese Provinz außer Betracht. In den Zahlen der andern Provinzen zeigt sich vor Allem wieder der große Unterschied zwischen dem Westen und Osten des preußischen Staates, hauptsächlich aber der Unterschied in der Entwicklung beider Theile. Die Gegensätze sind 1822 total andere als 1861. Im Jahre 1822 stehen die Rheinprovinz, Sachsen und Pommern voran in der Gehülfenzahl, es folgen Westfalen und Schle- sien; Preußen und Posen haben die geringste Gehülfen- zahl. Schon 1846 liegen die Dinge anders. Posen z. B. hat jetzt schon die gleiche Gehülfenzahl wie Westfalen und die Rheinprovinz. Vollends bis 1861 dreht sich das Verhältniß vollständig um. Am Rhein, in Westfalen, in Sachsen wächst die Gehülfenzahl wohl auch noch etwas, Die Gehülfenzahl nach den preußischen Provinzen. aber unbedeutend. In der Rheinprovinz sind 1861 noch Verhältnisse, die auf ein Ueberwiegen kleiner Geschäfte, auf die Möglichkeit für jeden Gesellen, selbst Meister zu werden, deuten. Im Osten dagegen ist die Gehülfen- zahl auf das 2—3 fache gegen 1822 gestiegen, obwohl anzunehmen ist, daß das Landhandwerk hier, soweit es existirt, auch heute noch weniger Gehülfen hat, als das Landhandwerk am Rhein. Die Zahlen zeigen, daß hier die Gehülfen nicht bloß gewachsen sind, wie es im All- gemeinen einem etwas gestiegenen Wohlstand entspricht, sie zeigen, daß hier ganz andere Zustände sich gebildet haben, sie zeigen, daß hier mehr und mehr das Handwerk der großen Städte, daß in den bedeutendern Städten mehr und mehr die größern Handwerksgeschäfte und die Magazine überwiegen. Aehnliche Gedanken ergeben sich uns, wenn wir noch etwas weiter ins Detail gehen, uns die Ergebnisse nach den einzelnen preußischen Regierungsbezirken geordnet ansehen. Ich lasse ihnen als weitere Ergänzung gleich die Zahlen für einige der neuen preußischen Provinzen und kleinern deutschen Staaten, berechnet nach den Frantz’schen Summen, Die Zahlen weichen, wie mehr erwähnt, von den offiziellen, soweit sie existiren, theilweise etwas ab; aber ich konnte hier keine anderen zu Grunde legen; Viebahn hat über- haupt keine Summen der Meister und Gehülfen getrennt, und offizielle Summirungen existiren nur von ein paar Staaten. Die Frantz’schen Zahlen haben wenigstens die Wahrscheinlichkeit für sich, nach derselben Methode gewonnen zu sein. folgen. Es kamen auf die: Die Vertheilung der Gewerbetreibenden. Die Gehülfenzahl in verschiedenen Gegenden. Die niedrigste Gehülfenzahl haben die armen vor- wiegend landwirthschaftlichen Gegenden, wie Nassau und Oberhessen. Wo der Wohlstand steigt, der rein land- wirthschaftliche Charakter zurücktritt, ist die Gehülfenzahl etwas größer. Aber dieses Steigen der Gehülfenzahl geht nun nicht weiter diesen beiden Ursachen entsprechend. Wohlhabende gewerbliche Gegenden wie Württemberg, Baden, die Regierungsbezirke Koblenz, Trier, Aachen behalten ihre mittlere Gehülfenzahl; der Regierungsbezirk Erfurt hat eine niedrigere Gehülfenzahl als die Regie- rungsbezirke Merseburg und Magdeburg und ist so wohl- habend als sie, hat auch wohl so ziemlich gleichen gewerb- lichen Charakter. Die größte Gehülfenzahl außer den letztgenannten haben die Regierungsbezirke Königsberg, Danzig, Potsdam, Breslau, Liegnitz, also der Osten, der weder am reichsten ist, noch überall durch spezifisch gewerblichen Charakter sich auszeichnet. Da zeigt es sich wieder, daß die ganze Vermögens- und Einkommen- vertheilung, das Wohnen in großen oder kleinen Städten, die Grundbesitzvertheilung es bestimmt, ob sich heute die kleinern Handwerksgeschäfte noch halten. Bei einzelnen Staaten, wie Baiern und Sachsen, hängt die größere Gehülfenzahl vielleicht etwas mit der früheren Erschwerung des Meisterwerdens zusammen. Viel wohl nicht. Auf die Dauer wirkt die freie Kon- kurrenz — allerdings an anderer Stelle und mit andern sonstigen Wirkungen — noch mehr auf größere Geschäfte als die Zunftverfassung. In den Gegenden und Bezirken, in welchen die Gehülfenzahl am niedrigsten ist, in welchen gegen 60 Die Vertheilung der Gewerbetreibenden. bis 80 Gehülfen auf 100 Meister kommen, wird immer- hin diese Zahl ausreichen, um die Meisterstellen wieder zu besetzen. Ein regelmäßiger Zufluß aus Gegenden mit größerer Gehülfenzahl ist kaum anzunehmen. Be- sonders zwischen den verschiedenen Staaten war eine derartige Beweglichkeit der Arbeitskräfte früher sehr erschwert. Ist ja jetzt erst im norddeutschen Bunde die Freizügigkeit geschaffen. Dagegen ist allerdings zwischen Stadt und Land einer und derselben Gegend und Provinz eine solche Fluktuation der Arbeitskräfte anzunehmen. Wünscht auch der Lehrling, der in der Stadt gelernt, der Ge- selle, der dort gearbeitet hat, wo möglich dort zu bleiben, der Mittellose muß auf’s Land zurück, wenn er selb- ständig werden will; andere werden durch Familien- verhältnisse, durch Land- und Hausbesitz dazu gezwungen. Das ist bei den Gehülfenzahlen nach Stadt und Land, zu welchen wir uns jetzt wenden, nicht zu übersehen. Nach der Aufnahme von 1828 berechnet Hoff- mann, Nachlaß kl. Schriften S. 399. Der Durchschnitt für das ganze Land stellt sich dort zu 48 Gehülfen (auf 100 Meister), während ich oben 56 berechnet habe. Das hat seine Ursache darin, daß Hoffmann seiner Berechnung nicht die gesammten Handwerker, sondern nur die 13 wichtigsten Arten zu Grunde legt. die 13 wichtigsten Arten der Handwerker zu- sammenfassend, im Durchschnitte auf 100 Meister Die preußischen Gehülfen in Stadt und Land. Nach den einzelnen Provinzen vertheilen sich 1828 die Gehülfen der Landmeister folgendermaßen; auf 100 Landmeister kamen Im Westen hat wenigstens jeder dritte Land- meister einen Gesellen oder Lehrling; im Nordosten arbeiten von 100 Landmeistern 89 ohne jede gewerb- liche Hülfe. Im Jahre 1849 haben Gehülfen und Meister in den preußischen Städten etwa das Gleichgewicht erreicht, es kamen auf 100 Meister da 98, auf dem Lande 56 Gehülfen. Neun Jahre später, im Jahre 1858, haben 100 städtische Meister 115, 4 , 100 Landmeister 71, 8 Gehülfen. Das Landhandwerk hat 1858 beinahe so viel Gehülfen, daß es seine Meisterstellen allein besetzen könnte. Die Zahl der Lehrlinge, gegenüber den Gesellen, erscheint im Ganzen 1858 als normal: 125202 Lehrlinge auf 377093 Gesellen; also jene etwa ⅓ dieser; in den Städten freilich nähert sich die Zahl der Lehrlinge nahezu der Hälfte der Gesellen, auf dem Lande beträgt sie etwa ein Viertel derselben. Nach der Aufnahme von 1861 stellt sich das Ver- hältniß der Meister und Gehülfen in den größern preu- ßischen Städten folgendermaßen: Die Vertheilung der Gewerbetreibenden. Die mehr besprochenen provinziellen Gegensätze zeigen sich auch hier. Die größte Gehülfenzahl hat nicht Berlin, sondern Königsberg, Elbing und Breslau. In Berlin Mittheilungen II, S. 9. kamen schon 1822 auf 100 Meister 185, 1846 - 210 Gehülfen, 1861 dagegen 207. Daraus Die Gehülfen in den größern Städten 1861. ließe sich ein Schluß ziehen, den ich freilich nur mit einer gewissen Vorsicht aussprechen möchte, — nämlich der, daß für die Mehrzahl der Handwerke der Ueber- gang zu einem größern Betriebe, auch heute noch eine gewisse Grenze hat, wenigstens 1861 noch hatte. Ich suchte oben zu zeigen, daß das heutige Handwerk nicht zu dem wird, was man spezifisch Großindustrie nennt, sondern nur zu etwas umfassenderen und anders orga- nisirten Geschäften übergeht. Erwägt man überdieß, daß gerade in den großen Städten doch noch viele kleine Meister, Anfänger, Flickarbeiter ohne alle Gehülfen arbeiten, so könnte man allerdings den Schluß für berechtigt halten, 2—3 Gehülfen auf einen Meister im Durchschnitt sei das Maximum. Immer aber bleibt dieser Schluß problematisch; er ist richtig für einzelne, für viele Gewerbszweige, daneben unrichtig für andere, welche auch in der Handwerkertabelle verzeichnet sind und bis zu 10 und mehr Gehülen auf einen Meister haben können, wie das Zimmer- und Maurergewerbe, einzelne Metall- und Holzgewerbe, Glockengießereien, große Möbelanstalten. Daß im Königreich Sachsen die Zahl der Gehülfen im Durchschnitt des ganzen Staates wesentlich höher ist, als die in Preußen, sahen wir schon; sie ist höher als die irgend eines preußischen Regierungsbezirks. Stadt und Land haben gleichmäßig blühende Gewerbe aller Art; die dortige Handwerkertabelle umfaßt mehr wahrscheinlich als die irgend eines andern größern deutschen Landes solche Geschäfte, die für den Absatz im Großen thätig sind. Die Vertheilung der Gewerbetreibenden. Schon im Jahre 1849 kamen im Durchschnitt des ganzen Landes bei den 50 wichtigsten Handwerken Zeitschrift des sächs. statist. Büreaus 1860. S. 105. auf 100 Meister 111 Gehülfen, in den Städten allein nur 112, also kaum mehr als im Durchschnitt des ganzen Landes. Trennt man Gesellen und Lehrlinge, so kommen nach dieser Rechnung auf 100 Meister Dabei sind aber die besonders auf dem Lande als Hausindustrie betriebenen Gewerke einbegriffen; von einem Theil derselben rührt die hohe Zahl Gehülfen des platten Landes her, so von den Bürstenmachern, den Landklempnern und Nagelschmieden; andere wieder, wie die Weber, haben keine besonders hohe Gehülfen- zahl. Daneben ist nicht zu vergessen, was ich oben schon erwähnte, daß die Gehülfenzahl auf dem Lande viel zu hoch erscheint durch die Art der Zählung. Tausende von Maurern, Zimmerleuten, Buchdruckern und andern Gesellen und Arbeitern, die in der Stadt arbeiten, wohnen auf dem Lande und werden da gezählt. Für die Vergleichung von 1849 und 1861 sind andere Zahlen zu Grunde zu legen; nämlich die der öfter schon angeführten Tabelle, Zeitschrift des sächs. statist. Büreaus 1863. S. 102. welche die Meister und Gehülfen in 36 Handwerken, getrennt nach größern, Die Gehülfenzahl in Sachsen. kleinern Städten und plattem Lande, aufführt. Die Tabelle beschränkt sich auf die spezifisch lokalen Gewerbe und schließt alle Hausindustrien und fabrikmäßigen Hand- werke, wie die Weber, Tuchmacher, Tuchscheerer, Strumpfwirker, Posamentiere, Instrumentenmacher, Färber, Nadler und Aehnliche aus. Nach den dortigen absoluten Zahlen habe ich die folgenden Verhältnisse berechnet. Es kamen auf 100 Meister: Das Verhältniß der drei verschiedenen Arten des Handwerks unter sich ist ebenso schlagend, wie die Um- bildung jeder einzelnen Art von 1849—61. Das An- wachsen der Gehülfenzahl auf dem Lande ist am über- raschendsten. Es entzieht sich aber jeder weitern Erörte- rung, da man nicht absieht, wie weit es aus den vorhin angeführten Gründen der Wirklichkeit, d. h. dem thatsäch- lichen Umfang der Geschäfte auf dem Lande entspricht. Keine wesentliche Aenderung zeigt sich in den kleinern Städten, wie das nach den obigen Untersuchungen über das kleinstädtische Handwerk zu erwarten war. Die stärkste Zunahme der Gehülfenzahl fand in den großen Städten statt. Es ist ein totaler Umschwung der Ver- hältnisse, der zwischen diesen beiden Zahlen liegt. Vor- her noch 1½, jetzt im Gesammtdurchschnitt 2—3 Ge- hülfen auf einen Meister. Damit ist in den sämmt- Die Vertheilung der Gewerbetreibenden. lichen sächsischen Städten über 10000 Einwohner die Grenze erreicht, die wir vorhin als eine Art Maximum hinstellten, die Grenze, die selbst in der Großstadt Berlin und den andern größten preußischen Städten 1861 nicht überschritten ist. Dieses Maximum aber, wie alle die vorstehenden Verhältnißzahlen sind berechnet als Durchschnitte verschie- dener Gewerbe. Eine wirklich konkrete Anschauung der Verhältnisse gewinnen wir erst, wenn wir die einzelnen Gewerbe unterscheiden. Jedes ist in seiner Technik, in seiner Organisation, in seinem Verhältniß zum Publikum wieder ein anderes, wie ein Blick auf die folgenden Tabellen lehrt. Um das statistische Material nicht zu sehr zu häufen, beschränke ich mich auf die Mittheilung von vier Tabellen. Die sächsische umfaßt 50 Gewerbe nach dem Stande von 1849. Zeitschrift des sächs. statist. Büreaus 1860. S. 105. Die preu- ßische für die Jahre 1822 und 1846 stammt von Dieterici; Mittheilungen II, S. 8. die Jahre 1858 und 1861 habe ich nach den Quellen nachgerechnet. Die württembergische Tabelle ist von mir in meiner württembergischen Gewerbestatistik Württembergische Jahrbücher 1862, 2tes Hest, S. 248. berechnet. Als Gegensatz zu diesen drei ganze Länder umfassenden Uebersichten füge ich noch den Stand einiger der wichtigern Berliner Handwerke im Jahre 1861 bei, berechnet nach den Zahlen der offiziellen Publikation. Preußische Statistik in zwanglosen Heften V, 172—182. Die Gehülfenzahl in einzelnen Gewerben. Es kamen 1849 in Sachsen auf 100 Meister: Die preußischen Zahlen sind, wie wir das schon aus den allgemeinen Ergebnissen wissen, geringer; es kamen da auf 100 Meister Gehülfen: Schmoller, Gesch. d. Kleingewerbe. 24 Die Vertheilung der Gewerbetreibenden. Und nochmal geringer als die preußischen sind die württembergischen Gehülfenzahlen; es kamen dort Ge- hülfen auf 100 Meister: Die Gehülfenzahl in einzelnen Gewerben. Ganz anders natürlich lauten die Verhältnißzahlen Berlins; ich theile zugleich die absoluten Zahlen der Meister, Gehülfen und Lehrlinge mit; man zählte 1861: 24 * Die Vertheilung der Gewerbetreibenden. Wir sehen große Gegensätze in diesen Zahlen und Gegensätze verschiedener Art. Von den provinziellen Gegensätzen will ich weiter nicht reden; es sind die schon mehr besprochenen. Auch die sukzessive Aenderung von 1822, resp. 1835 bis 1861 bietet nach den obigen Ausführungen zunächst nichts Neues. Was uns hier interessirt, ist der Unterschied der einzelnen Gewerbe unter sich. Die äußersten Differenzen, die sich da zeigen, liegen ziemlich weit auseinander. Bei den Glasern Die Gehülfenzahl in einzelnen Gewerben. kamen 1861 in Preußen auf 100 Meister 49, bei den Maurern 566 Gehülfen; in Sachsen ist 1849 der äußerste Gegensatz 47 und 2574, in Württemberg 1861 43 und 209, in Berlin 1861 - 92 und 1686. Je ärmlicher und einfacher ein Gewerbe in der Regel ist, je mehr es Landmeister unter sich begreift, je weniger es großes Kapital zum Anfang des Geschäfts fordert, je mehr es ausschließlich auf persönlichen Dienst- leistungen des Meisters beruht, desto niedriger ist die Gehülfenzahl. Man sieht besonders an der württem- bergischen, aber auch an der preußischen Tabelle, daß wo und sofern die Verhältnisse so einfach bleiben, die Ge- hülfenzahl, welche auf 100 Meister kommt, 43 — 80 nicht überschreitet. Jede zeitweilig höhere Zahl sinkt wieder, da die Gesellen, in ein gewisses Alter gekommen, keine Ursache haben, nicht ein eigenes Geschäft anzu- fangen. Anders wieder in den Gewerben, welche größeres Kapital erfordern, welche für größern Absatz anfangen zu arbeiten; die hausindustriellen Betriebe bilden zwar gerade einen gewissen Gegensatz zu den großen Geschäften, aber wo sie blühen, hat der Meister, welcher für den Kaufmann oder Verleger arbeitet, doch häufig einige Gesellen oder einen Lehrling, wie sich das bei den sächsischen Nagelschmieden, Klempnermeistern, Posamen- tieren zeigt. Die Gewerbe, welche durchgängig die höchste Zahl von Gehülfen zeigen, sind die Gerber, Töpfer, Hutmacher und vor allem die Baugewerbe. Alle die genannten neigen mehr oder weniger zu größern Geschäften. Ihnen am nächsten stehen die Gürtler, Klempner, Die Vertheilung der Gewerbetreibenden. Schlosser und Buchbinder, Gewerbe, welche schwung- haft betrieben zur Maschinenanwendung und zur Spezialisirung auf einzelne Artikel übergegangen sind. In allen diesen Gewerben kann nicht mehr davon die Rede sein, daß die Gesellen sämmtlich selbständig werden können. Wenn in den Gewerben, welche außer dem Hause arbeiten lassen, die sämmtlichen so Beschäftigten als Gehülfen, und nicht, wie vielfach, als Meister gezählt wären, so würde die Gehülfenzahl in verschiedenen Ge- werben noch wesentlich höher sein. Diejenigen Gewerbe, welche eine gleich hohe Gehülfen- zahl im Durchschnitt haben, werden sich an technischer Entwickelung, Kapitalbedürfniß, Einkommen und sozialer Stellung ungefähr auch gleich stehen. Aber doch nicht vollständig. Das eine Gewerbe bedarf mehr des Kapi- tals, das andere mehr der persönlichen Arbeitskräfte. Die Fleischer, Schneider und Schuster z. B. haben 1861 in Preußen dieselbe Gehülfenzahl. Und doch steht im Durchschnitt der Schneidermeister etwas unter dem Schuhmachermeister, jedenfalls überragt der Fleischer- meister beide durchschnittlich an Einkommen und sozialer Stellung. Der Schuster hat in der Regel schon etwas mehr Kapital in seinem Geschäft stecken, er treibt eher als der Schneider Vorrathshandel. Eine andere Stellung als beide hat der Fleischer, der Geld zum Vieheinkauf braucht, der meist ein Pferd hält, um auf den Einkauf zu fahren, der eines eigenen Hauses, einer Schlacht- stätte schwer entbehren kann. Im Jahre 1822 haben die Fleischer ein Drittel weniger Gehülfen als die Die Gewerbe mit gleicher Gehülsenzahl. Schuster und doch ist damals schon der Fleischermeister durchschnittlich wohlhabender als der Schuhmacher. Uebrigens haben die Nahrungsgewerbe in Wirklich- keit einen größern Umfang; sie beschäftigen mehr Hände, als hier ersichtlich ist; aber es sind nicht sowohl technisch gebildete Gehülfen, Lehrlinge und Gesellen, als Knechte und Mägde. Wenn 1864 in den thüringischen Staaten Kollmann, Geschichte und Statistik des Gesindewesens, in Hildebrand’s Jahrbücher X, S. 298. auf 100 Selbständige in den Nahrungsgewerben 71 Dienstboten, in den Bekleidungsgewerben aber nur 5, bei den Bauhandwerken 21, bei den Gewerben, welche sich mit Einrichtung der Wohnungen und Herstellung von Geräthschaften abgeben, 11, bei allen übrigen Ge- werben endlich 6 Dienstboten kommen, so sind das Ver- hältnißzahlen, wie sie sich ähnlich auch wohl anderwärts ergeben würden, sofern Aufnahmen nach der Richtung existirten. Sie zeigen einen sprechenden Unterschied der einzelnen Gewerbearten in der Wohlhabenheit und in dem Bedürfniß an helfenden Händen für das Geschäft. Sie zeigen, daß die Zahlen der technischen Gehülfen nicht allein maßgebend sind. Von besonderem Einfluß auf die Gehülfenzahl ist die Thatsache, ob das betreffende Gewerbe auf dem Lande mit vorkommt. Zahlreiche Landmeister ohne Ge- hülfen neben städtischen Meistern mit 2 — 3 Gehülfen geben für den Durchschnitt des ganzen Gewerbes doch nur 60 — 80 Gehülfen auf 100 Meister. Die Rade- macher haben in Preußen 1861 - 55, die Glaser 49 Die Vertheilung der Gewerbetreibenden. Gehülfen; die Tischler, Schlosser und ähnliche Gewerbe sehr viel mehr. Und doch wird zwischen den städtischen Geschäften kein sehr großer Unterschied sein. In Berlin ist die Gehülfenzahl sehr viel größer, als im Durchschnitt des ganzen Landes. Einzelne Arten von Gewerben werden in der Großstadt zu etwas ganz Anderem. Aber in der Hauptsache ist doch die Ab- stufung zwischen den einzelnen Arten der Gewerbe die- selbe, und bei der überwiegenden Mehrzahl kommen auf einen Meister doch nicht über 1 — 3 Gehülfen durchschnittlich. Nur wenige Gewerbe haben eine noch größere Gehülfenzahl und auch das sind fast lauter solche Gewerbszweige, bei welchen große und kleine Geschäfte neben einander vorkommen. Von den in der Fabrik- tabelle Berlins verzeichneten Geschäften sind sie fast alle noch weit entfernt. Es kamen durchschnittlich auf einen Arbeitgeber 1861 in Berlin: Engel, die Industrie der großen Städte, Berliner Gemeindekalender II, S. 143. bei den Spinnereien 15, 7 , den Webereien 7, 6 , den Fabriken für Metallproduktion 21, 8 , denen für Metallwaaren 22, 9 , denen für mine- ralische Stoffe 16, 3 , denen für Pflanzenstoffe 7, 9 , denen für Holzwaaren 12, 3 , denen für Verzehrungsgegenstände 8, 9 Arbeiter. Diesen Fabriken stehen von den oben angeführten Gewerbszweigen nur die Baugewerbe gleich. Jeder Pflasterermeister in Berlin hatte 1861 durch- schnittlich 6, jeder Steinhauermeister 8, jeder Zimmer- meister 14, jeder Maurermeister 16 Gesellen und Lehrlinge. Die Baugewerbe. Zahlreiche Arbeitskräste sind in den Baugewerben für den Meister nothwendig; vielfach ist er in den größern Städten überhaupt ein großer Spekulant und Unternehmer geworden, der über tausende von Thalern muß verfügen können. Immer aber zeigt sich auch hierin noch eine große Verschiedenheit der Verhältnisse. Darüber möchte ich noch einige Worte bemerken, auch einige weitere Betrachtungen über die Baugewerbe, auf die ich nicht mehr im Speziellen komme, beifügen. Zuerst eine Bemerkung über die obigen Zahlen. Wenn nach den Tabellen 1861 ein Maurer- oder Zimmer- meister in Württemberg 1 — 2, in Preußen 4 — 5, in Sachsen 18 — 25, in Berlin 14 — 16 Gehülfen beschäf- tigt, so sind das nicht durchaus vergleichbare Zahlen. Die polizeilichen Bestimmungen über das Meisterwerden sind verschieden, und in Folge davon ist theilweise eine besondere Mittelklasse zwischen den Meistern und den Gehülfen ausgeschieden, theilweise ist dieß nicht der Fall. In Württemberg z. B. fehlt dieser Unterschied. Die Meisterprüfung war überdieß niemals allzuschwer; die Zahl der Gesellen ist daher nicht so sehr viel stärker als die der Meister; ein Verhältniß, das noch durch die übrigen Ursachen, die dort überhaupt auf kleinern Be- trieb hinwirken, unterstützt wurde. In Preußen hatte das Gewerbepolizeiedikt von 1811 die Beibehaltung der Prüfungen für die Bauhand- werker ausgesprochen, die Instruktionen von 1821 und 1833 hatten dieselben geordnet. Rönne, Gewerbepolizei II, 99. Die Anforderungen Die Vertheilung der Gewerbetreibenden. waren mäßige, aber immerhin mußte man besonders auf dem Lande eine Reihe von kleinen Arbeiten auch Leute selbständig ausführen lassen, welche die Prüfung nicht bestanden hatten. Diese sogenannten Flickarbeiter wurden aber erst 1837 als besondere Rubrik bei der statistischen Aufnahme gezählt. Bei der Vergleichung von 1822 und 46, welche Dieterici anstellte, rechnet er die Flickarbeiter zu den Meistern, und demgemäß habe ich in den Berechnungen für 1858 und 61 dasselbe gethan. Dagegen zeigen die Zahlen für Berlin nur das Verhältniß der eigentlichen Meister zu den Gehülfen. Läßt man für die Zahlen des ganzen Staates die Flick- arbeiter weg, so stellt sich das Verhältniß ganz anders, als die obigen Zahlen es darstellen; es kommen dann auf 100 Meister Diese Zahlen beweisen zugleich, daß die nach den obigen Zahlen sich ergebende Abnahme der Gehülfenzahl von 1858 bis 1861 (von 653 auf 440 Gehülfen bei den Zimmerleuten, von 927 auf 566 bei den Maurern pro 100 Meister) nur eine scheinbare, von der Zunahme der Flickarbeiter herrührende ist. Die Zunahme der Flickarbeiter war selbst wieder nicht Folge einer volkswirthschaftlichen, sondern einer polizei- lichen Anordnung. Eine solche war durch die Gewerbe- ordnung von 1845 und die Gewerbenovelle von 1849 eigentlich nicht hervorgerufen worden; man war wohl Die Baugewerbe in Preußen. von 1849 an etwas strenger; aber die alten Prüfungs- instruktionen waren bis 1856 in Geltung gewesen. Erst die neue Instruktion vom 24. Januar 1856 hatte die Meisterprüfungen wesentlich zu erschweren, die Arbeiten, welche zur selbständigen Ausführung ältern Gesellen als Flickarbeitern überlassen bleiben, ziemlich enge einzu- schränken gesucht. Darauf hin hatten die Meister zuerst abgenommen; nach wenigen Jahren mußten die Flick- arbeiter, die nun trotz ihres engen Wirkungskreises um so nothwendiger wurden, um so mehr zunehmen. Um jedoch über die ganzen hier in Betracht kom- menden Gewerbe eine klarere Uebersicht zu geben, lasse ich zunächst die zwei folgenden historischen Tabellen folgen. Sie enthalten eine ziemlich vollständige Uebersicht über die gesammten preußischen Baugewerbe von 1816 — 61. Ich sage eine ziemlich vollständige, denn zu einer ganz vollstän- digen würde gehören, daß sie auch die Kalkbrennereien und Ziegeleien, die Gyps- und Traßmühlen, die großen Zementfabriken, die jetzt Grabdenkmale, Bauornamente, Flurplatten, Treppenlehnen liefern, daß sie alle die Arbeiter, die in Stein-, Marmor- und Schieferbrüchen thätig sind, mitzählten. Auch die Maurer- und Zimmer- meister selbst beschäftigen noch außer ihren gelernten hier gezählten Gehülfen viele bloße Tagelöhner. Die Zählung der Gehülfen selbst ist bei den Maurern wenig- stens deswegen unsicherer als bei einem andern Gewerbe, weil die Maurergesellen in den strengen Wintermonaten, in welchen die Zählung stattfindet, meist nicht in ihrem Gewerbe beschäftigt sind, dann auf dem Lande wohnen und anderweitigen Arbeiten obliegen. Die Vertheilung der Gewerbetreibenden. Man zählte: Statistik der preußischen Baugewerbe. Die Vertheilung der Gewerbetreibenden. Aus diesen Tabellen erhellt zuerst, wie bedeutend die Baugewerbe zunahmen. Die Zimmerleute wuchsen 41, die Maurer 182 % stärker als die Bevölkerung. Dann zeigt sich, wie trotz der Zuziehung der Flick- arbeiter zu den Meistern die einzelnen Geschäfte an Um- fang zunahmen; sie haben durchschnittlich 1861 etwa die dreifache Gehülfenzahl gegen 1816. Die Abnahme des Umfangs von 1858 bis 1861 liegt wieder in der starken Zunahme der Flickarbeiter, welche hier als Meister gerechnet sind. Drittens sehen wir, daß 1816 die Zimmerleute und Maurer, je nebst den einschlägigen Geschäften, sich beinahe die Waage halten, daß sogar die Zimmerleute noch etwas überwiegen. Das ändert sich. Die Maurer nehmen sehr viel stärker zu; 1861 sind sie beinahe doppelt so stark vertreten. Es hängt gewiß damit zusammen, daß mit wachsendem Wohlstand und steigen- den Holzpreisen der Fachbau und die Holzkonstruktionen zurücktreten gegenüber dem Steinbau, neuerdings auch gegenüber der Anwendung von Eisenkonstruktionen. Einen tiefern Einblick in die Art der geschäftlichen Organisation der Baugewerbe geben die vorstehenden Tabellen noch nicht. Um ihn zu gewinnen, will ich eine Tabelle mittheilen, in der die Zimmerleute und Maurer nach Provinzen geordnet erscheinen, in der nur die Meister und Gehülfen, nicht aber die Flickarbeiter in Betracht gezogen sind. Die Zahlen für 1837 Die Bevölkerung des preuß. Staats S. 131. sind Hoffmann entlehnt, die für 1861 sind von mir nach Die Baugewerbe in den einzelnen Provinzen. den offiziellen Zahlen Preußische Statistik in zwanglosen Heften V, S. 23. berechnet. In der letzten Spalte füge ich die oben schon angeführten Prozentzahlen bei, mit denen die Baugewerbe 1861 an der ganzen Bevöl- kerung theilnehmen. Es kommen Gehülfen auf 100 Meister: Die großen provinziellen Gegensätze, die wir hier vor uns sehen, die 1861 etwas geringer geworden aber nicht verschwunden sind, entsprechen zugleich der histori- schen Entwicklung der geschäftlichen Organisation. Der mittelalterliche Maurer- und Zimmermeister war ein Handwerker ohne großes Kapital; er durfte wohl mehr Gesellen und Lehrlinge halten als andere Meister, oft 4 Gesellen und noch mehr, während andern nur einer oder zwei erlaubt waren; aber ein großer Unter- nehmer wurde er dadurch nicht. Die Lieferung der Materialien, des Kalks, der Steine, des Holzes, der Ziegeln, war Sache dessen, der bauen ließ; der Kapital- besitz des Meisters reichte dazu nicht, Sitte und Vor- Die Vertheilung der Gewerbetreibenden. schrift wollte es auch nicht, um die Geschäfte nicht zu groß werden zu lassen. Oft war ja auch den Meistern verboten mehr als ein oder zwei Werke zugleich zu über- nehmen. Schönberg, deutsches Zunftwesen, Hildebr. Jahrb. IX, 106 ff. Baader, Nürnb. Polizeiordnungen, S. 286, Abs. 1. Größere Bauten lagen in der Hand eines Rathsherrn, Vergl. hauptsächlich die interessanten Details über den Rathhausbau in Bremen von 1407—10 im II. Jahrgang des brem. Jahrbuchs, sowie Entres Tuchers Baumeisterbuch der Stadt Nürnberg (1464—1475), herausgegeben von Dr. Lexer, Stuttgart, literar. Verein 1862. eines Domkapitulars, dem die Rechnungs- führung übertragen war; an solchen arbeiteten viele Meister. Für Meister und Gesellen waren feste Tage- lohnsätze hergebracht, die des Meisters etwas höher, weil er die Geräthe auch für seine Gesellen zu stellen hatte. In der Blüthezeit des mittelalterlichen Bau- wesens gaben die Bauhütten, Viebahn III, 627—28. die als Bauhütten ein- zelner großer Städte wie ganzer Länder auftraten, der Gesammtheit der Meister eine feste Organisation, die bei großen Bauten auch wohl geschäftlich verwandt wurde. Die in Polizei-, Landes- und Taxordnungen fest- gestellten Löhne geben uns heute noch eine klare Anschauung von dieser Stellung der Meister. So z. B. in den ausführlichen Bestimmungen der bairischen Landesordnung, die in der mir vorliegenden Ausgabe von 1553 S. 163—164 davon handelt. Selbst in großen Der Maurer- und Zimmermeister alter Zeit. Städten wie Wien ist es nach der Polizeiordnung von 1527 die Regel, daß die Meister nicht Unternehmer sind, sondern für Tagelohn arbeiten; nur als Ausnahme wird ihnen erlaubt, daß sie „Bestännd und geding an- nemmen müge;“ doch sollen sie sich dann nicht übereilen, und es sollen ihnen die in der Polizeiordnung festge- stellten Tagelohnsätze dabei als Norm dienen. Bei dem tiefern Stand der Volkswirthschaft im 17 ten und 18 ten Jahrhundert treten selbst diese An- fänge von Akkordarbeit und eigentlicher Bauunterneh- mung durch die Meister wieder zurück. Die chursäch- sische Taxordnung von 1623 Müntz-Mandat und Taxtordnung, nachdem sich män- niglichen in diesem Churfürstenthumb achten und richten soll. Leipzig 1623. S. 265—69. kennt in ihrer unendlich breiten Ausführlichkeit nur Tagelohnsätze für Meister, wie für Gesellen; die Sätze des Meisters sind etwas höher dafür, „daß er den Werkzeug helt.“ Für das 18 te Jahrhundert führe ich an, daß Bergius Polizei- und Kameralmagazin. Wien 1786, I, 217 ff. zwar die Akkordarbeit bei Bauten unter Erwähnung preußischer Reglements empfiehlt, aber doch die Bezahlung selbst der Meister im Tagelohn als das Gewöhnliche betrachtet, den Meistergroschen genau bespricht, den der Geselle dem Meister für die Benützung der Werkzeuge gibt. Im Gegensatz zu den Zimmerleuten, Maurern und Stein- metzen bemerkt er, die Glaser, Schlosser und Klempner pflegten bei den Bauten nicht auf Tagelohn, sondern Wiener Polizeiordnung von 1527. Originaldruck S. IX—X und S. XXXII. Schmoller , Gesch. d. Kleingewerbe. 25 Die Vertheilung der Gewerbetreibenden. nach dem Verdinge oder stückweise zu arbeiten. Daß auf dem Lande in Baiern noch heute so gebaut wird, erwähnte ich oben. Aber nicht bloß hier, auch ander- wärts geht es noch so zu, wenigstens theilweise, wenig- stens auf dem Lande und in kleinen Städten; da arbeitet der Meister selbst mit, hat nur wenige Gesellen; der Privatmann, welcher bauen läßt, muß es auf eigene Rechnung thun. In den schon vor 1815 zu Preußen gehörigen Landestheilen hatten die Dinge schon früher sich geändert. Eine strenge Baupolizei hatte höhere Anforderungen an den einzelnen Meister gestellt. Alle größern, besonders die staatlichen Bauten, wurden zwar den höhern, vom Staate geprüften und von ihm angestellten Bau- technikern zur Leitung übergeben. Und bis in die neuere Zeit läßt ja selbst der reichere Privatmann die Pläne und Risse von solchen entwerfen. Aber für die Aus- führung derselben brauchte man größere Werkmeister und eigentliche Unternehmer. Und je mehr es früher an großen Bauspekulanten fehlte, die bloß als kauf- männisches Geschäft, als Spekulation gegen feste Aversal- summen Bauten übernahmen und sich selbst wieder der einzelnen Meister für die Ausführung bedienten, um so mehr begünstigte man es, wenn die Meister selbst als Unternehmer auftraten. Die Rechnungslegung wurde einfacher; man hatte Einen verantwortlichen Unternehmer, einen Mann von größerer Zuverlässigkeit, von einigem Vermögen, an den man sich halten konnte; solche größere Zimmer- und Maurermeister hatten selbst die nöthigen Rammen, Pumpen, Rüstungen, Die großen Bauunternehmer der östlichen Provinzen. Hebezeuge, die zu umfassenden Bauten nothwendig sind; schon deßwegen gab man ihnen gerne den Vorzug. J. G. Hoffmann, die Bevölkerung des preußischen Staats. S. 131—133. Wie die künstlerische Seite des Bauhandwerks reformirt wurde in erster Linie durch den Einfluß der höhern vom Staate gebildeten Baubeamten, durch den Einfluß der vom Staate in’s Leben gerufenen Schulen, besonders der 1799 gegründeten Bauakademie, so sind es auch in erster Linie staatliche Einflüsse, welche die geschäftliche Organisation umgebildet haben. Und da diese Einflüsse in den altpreußischen Provinzen älter und tiefgreifender sind, da hier die ungleichere Vermögens- vertheilung ohnedieß, wie wir oben sahen, auf größere Geschäfte hinwirkt, so ist es begreiflich, daß die einzelnen Meister in den östlichen Provinzen so viel mehr Ge- hülfen beschäftigen, als am Rhein und in Westfalen. Die Maurer- und Zimmermeister sind da mehr und mehr große Unternehmer geworden, die nach Entwürfen eines Baumeisters die Generalentreprise großer Bauten übernehmen, aber auch selbst Pläne entwerfen, Häuser auf Bestellung und auf Spekulation bauen, häufig eine ganze Reihe von Bauten zu gleicher Zeit ausführen, auf dem einzelnen Bau die Aufsicht einem Polir übertragen, in ihrer Wohnung ein besonderes Zeichen- und Geschäfts- bureau halten müssen. Ist diese Richtung einmal im Geschäftsleben vorhanden, so müssen da, wo am meisten gebaut wird, wo der größte Wohlstand ist, wo die In- dustrie viele größere Bauten erfordert, die Geschäfte 25 * Die Vertheilung der Gewerbetreibenden. leicht noch größer werden. Sie sind in Sachsen und Schlesien am größten, wo die Baugewerbetreibenden am stärksten sind. Es sind dort über 2 % der Bevölkerung in den Baugewerben beschäftigt; der einzelne Meister hat 24—39 Gehülfen. Dann folgt Brandenburg. Es hat 1, 6 % Bauhandwerker, 21—26 Gehülfen auf einen Meister. Pommern steht nicht viel nach. Preußen und Posen haben dieselbe allgemeine Richtung, aber der geringere Wohlstand, die geringere Bauthätigkeit (0, 7 — 0, 9 % der Bevölkerung sind Bauhandwerker) bewirken es, daß auf den Meister nur 10—19 Gehülfen kommen. Viel mehr Bauhandwerker wieder haben Westfalen und die Rheinprovinz; aber dieselben sind in kleine Geschäfte zertheilt, besonders am Rhein. Dort kommen auch 1861 auf einen Zimmermeister erst 2—3, auf einen Maurer- meister 5 Gehülfen. Dort war, wie Hoffmann sagt, die Vielherrschaft kein Förderungsmittel einer strengen Baupolizei. Das Meisterrecht konnte leicht erlangt werden; das Gewerbe der Bauhandwerker zersplitterte sich, wie das Land, worin es getrieben wurde. Die kleinen Landwirthe, wie die Handwerker und Fabrikan- ten, nahmen die einfachen Bauten gerne selbst in die Hand. Und so haben sich die Sitten erhalten mehr oder weniger bis auf den heutigen Tag, trotzdem daß die Fabrik- und Eisenbahnbauten, die Bauten von schönen Privathäusern, entsprechend dem großen Wohlstand der Provinz, dort so zahlreich und großartig sind, als in irgend einem andern Theile der Monarchie. In den größeren Fabrikstädten haben sich natürlich die Verhält- Die Baugewerbe am Rhein. nisse schon etwas anders gestaltet; die Durchschnittszahlen der Provinz sind beeinflußt von den zahlreichen Meistern in den vielen Dörfern. Aber selbst in Köln hat der Maurermeister wie der Zimmermeister durchschnittlich 1861 nur etwa 6 Gehülfen; ähnliche Zahlen zeigen sich in Krefeld, Düsseldorf, Essen, Elberfeld, Barmen und Aachen; in Koblenz und Trier sind die Geschäfte noch sehr viel kleiner. Die allgemeinen Verhältnisse begün- stigen dort auch heute noch mehr die kleinen Geschäfte. Der Bau auf eigene Rechnung ist überhaupt auch heute noch bei richtiger Beaufsichtigung das billigste. Große Bauten werden dort, wie anderwärts, nicht von den Werk- meistern, sondern von königlichen Baumeistern entworfen und geleitet und es handelt sich dann bei der Ausführung nur darum, statt einem oder wenigen Werkmeistern um- fangreiche Theile des Baues in Verding zu geben, eine größere Zahl kleinerer Meister für die einzelnen Theile heran zu ziehen. Die Aufhebung der Prüfungen für die Bauhand- werker wird Manches besonders in den alten östlichen Provinzen ändern. Für die Bauten auf dem Lande, für die Bauten der kleinen Leute wird sie entschieden als eine Wohlthat zu begrüßen sein; kleine Wohnun- gen, Wohnungen für die arbeitenden Klassen werden leichter entstehen, weil kleine Meister, die vom einfachen Gesellen sich durch Fleiß und Sparsamkeit empor arbei- ten, zahlreicher als vorher sich zu solchen Bauten an- bieten werden. Es kann da auch der Bau auf eigene Rechnung durch kleine Meister wieder etwas häufiger werden. Die Vertheilung der Gewerbetreibenden. Aber verwischen wird sich dadurch der Gegensatz nicht; wo nach den bestehenden Sitten und Traditionen die großen Werkmeister herkömmlich die Bauten über- nehmen, da wird es in der Hauptsache dabei bleiben; Sitten dieser Art sind mit tausend Wurzeln fest- gewachsen, hängen überdieß mit sonstigen Ursachen, Klassen- und Besitzverhältnissen so zusammen, daß sie nicht leicht sich ändern. Und Manches wirkt den kleinen Bauunternehmungen in neuester Zeit noch mehr als andern kleinen Unter- nehmungen entgegen: eine immer komplizirtere Technik, große Auslagen für Baumaterialien, Maschinen und Vorrichtungen, erhebliche Vorschüsse an Löhnen, welche nothwendig sind, endlich die Neigung der Bestellenden, lange Kredite vom Unternehmer zu fordern, erlauben nur Leuten von einigem Vermögen, solche Geschäfte zu beginnen. Der Kampf des großen und kleinen Betriebs in einzelnen Gewerbszweigen. 1. Die Nahrungsgewerbe im Allgemeinen und die in der Fabriktabelle verzeichneten im Speziellen. Einleitung. Bedeutung der Nahrungsgewerbe. Zahl der Per- sonen. Die großen Betriebe. Die Zuckerindustrie. Der Um- fang der andern hierher gehörenden Fabriken. Das Mühlen- wesen. Seine Fortschritte, Mehlhandel und Dampfmüllerei. Trotzdem daneben der Fortbestand der kleinen Mühlen. Die Spiritusbrennerei, der frühere Kleinbetrieb, der jetzige aus- schließliche Großbetrieb. Die Brauerei, der theilweise Ueber- gang zu größern Geschäften. Der Gegensatz zwischen dem Südwesten des Zollvereins und dem Nordosten. Die letzten Betrachtungen über die Baugewerbe haben uns eigentlich schon von der allgemeinen auf die speziellere Untersuchung einzelner Gewerbe übergeführt, die als letzter Abschnitt sich anschließen soll. Den Mittelpunkt der Betrachtung wird dasselbe Thema bilden wie bisher — die Umbildung der Klein- gewerbe, die Frage, in wie weit das einzelne Gewerbe durch die veränderte Technik, durch die Aenderung der Verkehrsverhältnisse und Geschäftsgebräuche, durch die Ansammlung großer Kapitale, durch die großstädtischen Verhältnisse ein anderes geworden ist. Ich werde mich dabei aber nicht wie bisher auf die in der Handwerker- Die Umbildung einzelner Gewerbszweige. tabelle verzeichneten Gewerbe beschränken können. Auch in der Fabriktabelle stehen viele kleineren Geschäfte; auch einzelne eigentliche Großgewerbe, soweit sie mit den Kleingewerben konkurriren oder sachlich ihnen nahe stehen, werde ich, wenigstens flüchtig, berühren müssen. Rück- blicke auf frühere Aufnahmen, hauptsächlich aber die Ergebnisse von 1861 werden die statistische Grundlage bilden. Um die Untersuchungen nicht allzusehr an Um- fang anschwellen zu lassen, werden es vorzugsweise die altpreußischen Provinzen sein, auf deren Betrachtung ich mich beschränke. — Wenden wir uns zunächst den Nahrungsgewerben zu. Nach den Untersuchungen von Ducpetiaux, Le Play und Engel kommen bei einer wohlhabenden Familie durchschnittlich 50 Prozent, bei einer Familie des Mittel- standes 55 Prozent, bei weniger bemittelten Familien bis zu 65 und 70 Prozent der Ausgaben auf die Nahrung. Engel, in der Zeitschrift des sächs. statistischen Bureaus 1857. S. 168—171. Die Nahrung ist bei weitem der größte Posten in den meisten häuslichen Budgets, in allen, die den gewöhnlichen mittleren Kreisen angehören. Dem entsprechend umfassen auch die Nahrungs- gewerbe in ihrem weitesten Sinne den größten Bruch- theil der arbeitenden Bevölkerung; es gehört neben den spezifisch sogenannten Nahrungsgewerben beinahe die gesammte landwirthschaftliche Bevölkerung hierher, welche in Preußen 1849 noch 51, 2 %, 1861 - 45 4 % der Bevölkerung betrug, in Sachsen 1849 - 33, 82 , 1861 Die Bedeutung der Nahrungsgewerbe. 26, 78 % der Selbstthätigen ausmachte. Die landwirth- schaftliche Bevölkerung interessirt uns hier allerdings nicht, wir haben es nur mit den Gewerben im engern Sinne zu thun. Aber auch ohne die Landwirthschaft sind die Nahrungsgewerbe noch umfangreich genug. Engel rechnet für die gesammten Nahrungsgewerbe 1849 45, 41 % der Selbstthätigen, wovon 33, 82 % auf die Landwirthschaft kommen, also 11, 59 % für Fabriken, Handwerke, Wirthe und Händler übrig bleiben. Die Handwerker allein, die hierher gehören, nämlich die Bäcker, Fleischer und Kuchenbäcker, nebst Fischern, Gärt- nern und Verfertigern von Getreideprodukten, machen allerdings 1861 nach Viebahn in den verschiedenen Zollvereinsstaaten nur 0, 5 — 0, 8 % der Bevölkerung aus, das wären etwa 2 — 3 % der männlichen erwachsenen Personen; der Rest fällt auf die Fabriken, Mühlen, Wirthschaften und Händler. Die Fabriken für Verzehrungsgegenstände haben 1861 in Preußen ein Personal von 168963 Personen, die Handwerke für Nahrungsmittel ein solches von 107092, also zusammen von 276055 Personen. Hiezu kämen noch etwa 80000 — 90000 Personen in den Wirth- schaftsgewerben, 50000 Personen, welche Viktualien- handel treiben, eine Anzahl Weinhandlungen und Ge- treidehandlungen, so daß zusammen mindestens 450000 Personen oder 2, 4 % der ganzen Bevölkerung, 9 — 10 % der erwachsenen männlichen Bevölkerung herauskommen. Wie viele von diesen Personen gehören nun wirklich großen Geschäften an? Darauf gibt die Statistik von 1861 in so fern eine Antwort, als sie alle Fabriken, welche Die Umbildung einzelner Gewerbszweige. über 50 Personen beschäftigen, besonders ausgeschieden hat. Von den 50319 hierher gehörigen Fabriken, Mühlen und Anstalten haben nur 338 je über 50 Personen beschäftigt; die auf die 338 großen Fabriken fallende Personenzahl ist 50245, also 11, 1 % der gesammten vorhin gezählten, 29, 7 % der in der Fabriktabelle aufgeführten Personen. Es sind das hauptsächlich die Rübenzuckerfabriken und Raffinerien, deren eine durchschnittlich nach der preußischen Aufnahme 1861 - 159 Personen beschäftigt. Die Anfänge dieser Industrie waren sehr viel kleinere; aber schon 1849 kamen in Preußen 130 Personen auf eine einzige Fabrik. Die technische Durchschnittsleistung jeder Rübenzuckerfabrik ist 1840 — 65 auf das fünffache gestiegen. Viebahn III, 775. Hat hierzu die Art der Besteuerung, welche in jeder Weise auf technische Vervollkommnung, ja sogar auf eine Vervollkommnung selbst mit einer übermäßigen Steigerung der Produktionskosten hinwirkt, etwas bei- getragen, hat sie die Industrie wesentlich an die großen Güter geknüpft, auch mit einer Besteuerung ähnlich der französischen hätte der Umfang der einzelnen Geschäfte wachsen müssen, hätten sich die ganz kleinen Fabriken nicht gehalten. Viel weniger umfangreich sind die übrigen hierher gehörigen Geschäfte nach der Aufnahme von 1861. Eine Chocoladenfabrik zählt durchschnittlich 15 Personen, eine Schaumweinfabrik 9, eine Stärkefabrik — obwohl dabei die kleinsten Produzenten nicht sind, sie stehen mit in der Handwerkertabelle — 6; eine Bierbrauerei und Der Großbetrieb in den Nahrungsgewerben. eine Branntweinbrennerei haben je nur gegen 3, eine Essigfabrik, eine Fabrik für eingedickte Pflanzensäfte, eine Fleischpökelei durchschnittlich nur gegen 2 Personen zur Verfügung; auf eine preußische Mühle kommen noch nicht 2 Personen nach der Aufnahme von 1861. Wenn wir nur auf den Durchschnitt sehen, also lauter Ge- schäfte, die den Grenzen des kleinern Betriebs noch nicht oder kaum entwachsen sind. In gewissem Sinne kann jede solche Durchschnitts- zahl freilich trügen; sie kann das Produkt einer großen Zahl mittlerer Geschäfte, wie das Produkt ganz großer und ganz kleiner Unternehmungen sein. Mehr oder weniger ist das letztere der Fall bei den Mühlen, den Brauereien und Brennereien. Im Mühlenwesen drängen zwei Ursachen auf größere technisch verbesserte Einrichtungen. Der Mehl- handel im Großen gewinnt eine immer steigende Bedeu- tung gegenüber dem Getreidehandel. Nicht bloß die große amerikanische und deutsche Einfuhr nach England zeigt mehr und mehr statt des Getreides Mehl, auch der deutsche Provinzialhandel geht schon vielfach auf Mehl über. Bedeutende Massen Weizenmehl werden in der Mark aus schlesischen, posenschen und preußischen Mühlen bezogen. In Berlin wurden 1866 - 438949 Zentner Weizenmehl und 545204 Zentner Roggenmehl eingeführt, in Berlin selbst gemahlen nur 118465 Zentner Weizenkörner und 215718 Zentner Roggenkörner. Meyer, Bericht über den Getreide- ꝛc. Handel in Berlin im Jahre 1866. Berlin 1867. S. 11. Zu Die Umbildung einzelner Gewerbszweige. diesem Mehlhandel ist aber das in den alten kleinen Mühlen gemahlene Getreide wenig brauchbar. Die Art der Befeuchtung beim alten Mahlverfahren macht das Mehl unhaltbar. Die neueren Mahleinrichtungen erfor- dern das Befeuchten gar nicht und liefern ein haltbares Mehl, wie es der Großhandel erfordert. Stohmann, theoretische, praktische und analytische Chemie 2 te Aufl. I. Braunschweig 1865. Sp. 1191. Wichtiger noch ist die billige und bessere Produktion an sich durch die neueren Mühleinrichtungen. Passy versichert, die gleiche Quantität Korn, die in früherer Zeit 100 Pfund Mehl geliefert habe, könne nach den verbesserten Einrichtungen über 190 Pfund geben. Passy, Dictionnaire d’économie politique II, 515 nach Schütz, über die Renten, Tübinger Zeitschr. für Staats- wissenschaft XI, S. 203. Die neue Sichtmaschine von Henri Cabanet aus Bordeaux allein will, da sie 10 — 75 % fremde Theile vorher ausscheidet, den Steinen eine unnütze Arbeit von 10 — 75 % abnehmen und stellt außerdem eine Vermehrung des Mehles in Aussicht, die bei allgemeiner Anwendung gleich 1/45 — 1/50 der ganzen Ernte sein würde. Offizieller Katalog der internationalen Ausstellung von Maschinen, Produkten und Spezialitäten der Müllerei ꝛc. im Mai und Juni in Leipzig 1869. S. 41 — 46. Wie dem aber genauer im Detail sei, die Leistungsfähigkeit ist jedenfalls eine außerordentlich viel größere. Der Gang einer Wind- oder Roßmühle macht in 24 Stunden 8 — 12 Scheffel, ein Wassergang 24 Scheffel, ein Dampfgang 48 Scheffel bei unausgesetztem Betriebe. Viebahn III, 759. Die Fortschritte der Müllerei. Die bessern Einrichtungen sind nichts Neues. Das amerikanische Mahlverfahren wurde schon Anfang der dreißiger Jahre in größern städtischen Mühlen einge- führt. In den großen Seestädten, auch theilweise in den bedeutendern Binnenstädten existiren heute große Aktien- unternehmungen sowie reiche Unternehmer, die nicht mehr mit der Lohnmüllerei sich abgeben, sondern die Müllerei und die Mehlspekulation auf eigene Rechnung im Gro- ßen betreiben. Die Dampfmühlen haben bedeutend zu- genommen; jede ganz große Mühle beinahe muß, wegen der Ungleichheit des Wasserzuflusses, wenigstens eine Re- servedampfmaschine haben. Es gab deren in Preußen Das sind die großen Geschäfte, deren einzelne bis zu 60 und 70 Arbeiter beschäftigen. Sie haben beson- ders von 1861 bis zur Gegenwart noch große Fort- schritte gemacht, aber sie werfen sich auch mehr und mehr auf den Export. Der Stettiner Handelskammer- bericht von 1865 Preußische Handelskammerberichte für 1865, S. 234. schildert in glänzenden Farben die Fortschritte der großen Dampfmühlen, besonders der Stettiner Dampfmühlenaktiengesellschaft, aber als Haupt- erfolg hebt er hervor, daß die Produkte nunmehr auf englischen und französischen Märkten konkurriren können. Das kann es uns erklären, daß die Konkurrenz der großen Dampfmühlen den zahlreichen kleinen Mühlen Die Umbildung einzelner Gewerbszweige. noch nicht allzu gefährlich war. Die letzteren bestreiten noch immer den größten Theil des Bedürfnisses. Der Mehlhandel im Großen ist verschwindend gegen den loka- len Mehlbedarf. Alle technische Vollendung und billige Produktion großer Unternehmungen kann nicht aufkom- men gegen die Transportkosten, die aus einer größern Konzentration des Mühlenwesens entstehen würden. Und theilweise sind ja die Verbesserungen auch im kleinen Betrieb anzubringen. Die ländlichen Mühlen sind auch jetzt noch die Haupt- sache; 1861 sind von den preußischen Wassermühlen 88 % ländliche, Viebahn III, 756. von den Windmühlen wohl noch mehr. In Sachsen existiren 1855 - 512 städtische, 3543 länd- liche Mühlen; von 5328 gewöhnlichen deutschen Gängen sind 2979 noch nicht über 4 Monate im Gange. Zeitschrift d. sächs. stat. Bur. 1857. S. 53. Der kleine Müller ist nebenher Bauer, Wirth, er hat eine kleine Säge- oder Oelmühle mit seiner Wasserkraft ver- bunden und ist trotz unvollkommener Technik ein wohl- habender Bürger und Handwerker, der nicht unter der Konkurrenz der großen Mühlen leidet. Als Beweis, daß selbst die kleinen Windmühlen die neuern Fortschritte der Technik theilweise adoptiren können, führe ich die Bemerkungen der Greifswalder Handelskammer von 1865 an; Preußische Handelskammerberichte pro 1865. S. 316. es wird, nachdem der schwunghafte Betrieb der einzigen Dampfmühle erwähnt ist, berichtet, die dortigen 20 Windmühlen hätten ungefähr die gleiche Der Fortbestand der kleinen Mühlen. Quantität Roggen und Weizen, aber ausschließlich für den Platzkonsum vermahlen. Dann heißt es: „Dank der spornenden Konkurrenz der Dampfmühlen muß an- erkannt werden, daß die Windmühlen ihr Mahlsystem jetzt hier sämmtlich verbessert und nach dem Muster der Dampfmühlen eingerichtet haben. Sie haben des- halb es auch dahin gebracht, in Roggenmehl ein so gutes Produkt zu liefern, daß sie wohl von dieser Sorte hier die Platzversorgung der Hauptsache nach behaupten können, da gerade auch Roggen sich für kleinere Mühlen- betriebe geeigneter zeigt als Weizen.“ Auch auf der dießjährigen Ausstellung von Müllereimaschinen und -Produkten in Leipzig hatte man den Eindruck, daß die meisten Fortschritte und Verbesserungen in kleinen Mühlen durchzuführen seien. Die theilweise ganz neuen Hülfsmaschinen sind nicht allzutheuer. Die vorhin erwähnte Sichtmaschine z. B. war zu 1200 Francs notirt. Aehnlich manche der andern Maschinen. Bei einzelnen bessern Hülfsvorrichtungen am Mahlgang handelt es sich sogar nur um ein paar Thaler. So kommt es, daß uns die Statistik neben der Zunahme der Dampfmühlen keine Abnahme der andern zeigt. Man verzeichnete in Preußen früher Wasser- und Windmühlen zusammen, erst später getrennt. Von den Windmühlen haben in der Regel die alten Bockmühlen, welche noch 1861-88 % der gesammten Windmühlen aus- machen, einen, die holländischen Mühlen zwei Gänge. Die Zahl der Gänge wird bei den Windmühlen nicht aufge- nommen. Abgesehen nun von den nicht zahlreichen durch thierische Kräfte getriebenen Mühlen gab es in Preußen: Schmoller , Geschichte d. Klein gewerbe. 26 Die Umbildung einzelner Gewerbszweige. Nach Aufhebung des Mühlenzwangs 1810 in Preußen waren viele Windmühlen rasch entstanden; 1825 wurde der Bau einer Windmühle an eine Kon- zessionsertheilung geknüpft, welche erfolgen sollte je nach dem Bedürfniß; seit 1845 ist das beseitigt; in Folge hiervon trat die bedeutende Zunahme der Windmühlen ein, die aber nicht stattgefunden hätte, wenn die Kon- kurrenz der großen Etablissements auch auf dem Lande und in den kleinen Städten wirkte. Im Süden und Westen Deutschlands ist die Zahl der Mühlen größer, schon weil der Mehlkonsum viel stärker ist. Selbst die größern Geschäfte aber sind kleiner als im Norden; auf eine badische Dampfmühle kommen nach Viebahn 14, auf eine pommersche 40 Gänge. Es gibt im Süden noch viel mehr Lohn- oder Kundenmühlen; man hat dort auch viele Kundenmühlen mit verbesserten amerikanischen Einrichtungen. Dagegen fehlen dort die kleinen ländlichen Windmühlen. Es überwiegt die mittlere Wassermühle, während man in Norddeutschland mehr ganz große und ganz kleine Ge- schäfte findet. Die Branntweinbrennerei. Die Branntweinbrennerei gehört nach der sozialen Stellung der Unternehmer weniger dem gewerblichen als dem landwirthschaftlichen Leben an. Aber ein paar Worte mögen doch erlaubt sein. Die preußische Branntweinbrennerei empfing ihren Hauptimpuls durch die landwirthschaftliche Ueberproduk- tion der zwanziger Jahre. In jener verkehrsarmen Zeit war sie doppelt am Platz, um die untransportablen Kartoffeln, auch das Getreide zu verwerthen. Es ent- standen die vielen kleinen und vielfach unvollkommenen Brennereien. Von 1831 ab nimmt, wohl auch in Folge der verschärften Steuer, die Zahl der Brennereien schon ab, die Gesammtproduktion steigt aber noch bis 1839; da erreicht die preußische Produktion den Höhe- punkt von 197 Millionen Quart Branntwein oder 13, 2 Quart pro Kopf der Bevölkerung. Dieterici, statist. Uebers., erste Folge, 1842. S. 223. In den vierziger Jahren kamen die schlechten Kartoffelernten hinzu; 1854 ist die Produktion gesunken bis auf 109 Mill. Quart. Bienengräber, Statistik des Verkehrs und Verbrauchs im Zollverein für die Jahre 1842 — 64. Berlin 1868. S. 183. Die Rohstoffe sind theilweise schon einträglicher anders zu verwerthen, die Branntweinpreise sind in Folge der Ueberproduktion außerordentlich gefallen. Das Quart kostete in leichten Pfennigen: J. G. Hoffmann, Darstellung des Zustandes, worin sich die Bereitung und der Verbrauch des Branntweins in Bezug auf staatswirthschaftliche und sittliche Verhältnisse dermalen im preußi- schen Staate befindet, Sammlung kleiner Schriften. Berlin 1843, S. 448. 26 * Die Umbildung einzelner Gewerbszweige. Den tiefsten Stand erreichen die Preise 1849 und 50; da stehen sie auf 24 Pf. pro Quart in Berlin. Jahrbuch für die amtliche Statistik II, 152. Man hatte in kleinen Geschäften überall fortproduzirt ohne jede Rücksicht auf den Absatz des Branntweins, nur um die Schlempe als Viehfutter zu haben. Sie hat ihrer Zusammensetzung wegen einen besondern Werth, braucht weniger Zusätze an Proteinstoffen, als wenn man die Kartoffeln direkt verfütterte; das kann ja unter Verhältnissen so weit gehen, daß die Schlempe, die als Viehfutter nebenher abfällt, so viel Werth hat, als der ursprüngliche Rohstoff im Ganzen. Siehe die Kostenberechnungen für die Zeit von 1840 bis 1850 bei Engel, sächs. Jahrb. S. 382. Ferner: Settegast, die Thierzucht, Breslau 1868. S. 444—448. Das war auch hauptsächlich die Ursache, warum die Fabrikation trotz der Ueberproduktion und den gesunkenen Preisen nicht ganz aufhörte. Ja sie nimmt von 1854 an sogar einen neuen Aufschwung; sie steigt von 109 Mill. Quart 1854 bis auf 208 Mill. Quart 1864. Der Sieg des Großbetriebs in der Brennerei. Aber möglich war das nur durch das vollständige Verlassen des Kleinbetriebs. Die Zunahme ist rein auf Rechnung der vollendeten Technik, des Großbetriebs, der Brennereien auf ganz großen Gütern zu setzen. Schon in den dreißiger Jahren hatten die Fortschritte in den Fabriken, welche den Betrieb fortsetzten, begonnen, vollendet haben sie sich erst von 1854 ab. Die Zahl der Geschäfte hat bedeutend abgenommen; es gab: Schon 1831 freilich zahlten von den 13819 betriebenen Geschäften 2795 je über 500 Thlr. jährliche Brannt- weinsteuer, aber 1865 zahlen von 7711 nicht weniger als 3682, also beinahe die Hälfte, über 500 Thlr. Der Umfang der Geschäfte nimmt auf der Linie nach Nordost wieder zu. Im Jahre 1864 haben 533 Brennereien über 5000 Thlr. Steuern gezahlt, 115 hiervon fallen auf Posen, 51 auf Pommern, 74 auf Schlesien, 124 auf die Mark, 90 auf Sachsen; das sind zusammen 454. Die 466 Brennereien Posens produziren das dreifache Quantum der 2422 rheinischen Brennereien. Es liegt in alledem der klare Beweis, daß der Großbetrieb zur Herrschaft gelangt ist. Wenn 1861 auf eine Brennerei durchschnittlich 3 Personen kommen, so beweist das nur, daß neben den großen Etablissements im Osten eine gewisse Zahl ganz unbedeutender Brennereien noch existirt, sowie daß die Erhebung der Personenzahl nicht genau sein kann bei einem Nebengewerbe, das nur Die Umbildung einzelner Gewerbszweige. einen Theil des Jahres Personen beschäftigt, die sonst rein der Landwirthschaft sich widmen. Etwas anderes ist es mit der Brauerei, wenn gleich auch sie vielfach in den Großbetrieb übergeht. Die Brauerei tritt auch theilweise als ländliches Neben- gewerbe auf, aber viel weniger, als die Branntwein- brennerei; sie flüchtete sich hauptsächlich zu einer Zeit aufs Land, als die Zunftmißbräuche in den Städten gerade hier, gerade in diesem Gewerbe den höchsten Grad erreicht hatten. Engel, sächsisches Jahrbuch S. 376. Die alte weitberühmte Brauerei der deutschen Städte, welche bis in das 17te Jahrhundert sich erhal- ten hatte, zerfiel im 18ten mehr und mehr. Thee und Kaffee, Wein und Branntwein verdrängten das Bier bei Vornehm und Gering. Die städtische Brauzunft bestand aus einer Anzahl Hausbesitzern, die das aus- schließliche Recht zu brauen als eine Pfründe betrachteten, es häufig nur verpachteten, jedenfalls wenig von der Brauerei verstanden, da sie nicht, wie andere Real- berechtigte, gezwungen waren, durch eine technische Bildung sich das Meisterrecht zu erwerben. Bei sinken- dem Absatz wurde das Reihebrauen eingeführt, oft mit einem gemeinsamen Malzhaus und in einem gemein- samen Brauhaus, welche jeder nach der Reihe benutzte, weil es nicht lohnte, mehrere stehende Einrichtungen derart zu haben. J. G. Hoffmann, Befugniß zum Gewerbetrieb S. 188 bis 197. Die Bierbrauerei. Erst mit einer veränderten Gewerbegesetzgebung, welche diese Mißbräuche beseitigte oder zu beseitigen erlaubte, nahm die Brauerei einen neuen Aufschwung, zeigte sich aber auch bald die Neigung zu größern Ge- schäften. Die Möglichkeit eines bedeutenden Absatzes in die Ferne ist vorhanden, die technischen Ansprüche an die gute Leitung einer Brauerei, wie an die Vollkommen- heit der Einrichtung haben sich immer mehr gesteigert. „Eine den heutigen Anforderungen entsprechende Kunst- brauerei“ — sagt Viebahn — „bedarf nächst ausgedehn- ten Gebäuden eines umfassenden Systems von Apparaten und Maschinen zum Darren und zur Zerkleinerung des Malzes, zur Fortschaffung und zum Kochen des Malz- schrotes, eiserner Kühler in Verbindung mit Ventilatoren und Eiskühlung, welche eine für längere Dauer geeignete Untergährung auch bei wärmerer Witterung ermöglichen, Saccharometer zur genauen Beobachtung des Gährungs- laufes, ausgedehnter Eis- und Bierkeller. Die alten professionsmäßigen Brauereien sind der Konkurrenz mit diesen neuen planmäßig eingerichteten Fabriken im Bier- handel selten gewachsen, sie beschränken sich deshalb, da sie meistens auch Schenken haben, auf die Produktion für den eigenen Bedarf.“ Letztere sind im Süden Deutschlands, am Rhein und in Westfalen noch zahlreicher; auch da vergrößern sich die einzelnen Geschäfte; Siehe württemberg. Jahrb. 1862 Heft 2. S. 230. bessere, theuerere Einrich- tungen werden gemacht; aber vielfach auch in kleinern mit Schank- und Gastwirthschaft verbundenen Geschäften. Die Umbildung einzelner Gewerbszweige. Jedes Dorf beinahe, jedes kleine Städtchen hat eine oder einige Brauereien. Die soziale Stellung des Brauers ist dort überwiegend noch die eines wohlhaben- den Handwerkers, während im Norden der Brauer ein vornehmer Fabrikherr geworden ist. Die bairischen Brauereien, von welchen die Impulse des Fortschrittes ja wesentlich ausgingen, sind theilweise sehr groß, im Durchschnitt aber auch noch mäßigen Um- fangs. Der jährliche Durchschnittsverbrauch an Malz für eine Brauerei wird auf 247 bairische (etwa 1000 preußische) Scheffel gerechnet, die entsprechende Pro- duktion auf 1730 bairische Eimer Bier. Bavaria I, erste Abtheilung, 501. In München waren 1857 zwei Brauereien, welche jährlich über 100000 Eimer (100 = 93 preuß.), 10 welche zwischen 34000 und 77000 Eimer produzirten, und 14 kleinere, auf welche durchschnittlich 14000 Eimer kamen. Das sind große Geschäfte. Aehnliche gibt es in Erlangen, Nürnberg, Kitzingen, Kulmbach, Landshut, Regensburg, Windsheim, Bayreuth, Hof und Tölz; die übrigen Brauereien im Lande sind dagegen viel kleiner. In Preußen werden die nicht gewerblichen Brauereien, die nur für den Hausbedarf arbeiten, unterschieden von den gewerblichen; die Zahl der nicht gewerblichen hat sich wenig geändert, dagegen hat die Zahl der gewerblichen bedeutend abgenommen, während die Produktion allein von 1854—64 von 9 auf 14 Quart pro Kopf stieg; es waren: Bienengräber, Statistik des Verkehrs S. 159. Die Abnahme der kleinen Bierbrauereien. Die Abnahme erfolgte in den verschiedenen Pro- vinzen wieder in derselben Ordnung von Südwest nach Nordost; sie betrug 1839—64 in Prozenten: Aus diesen Zahlen ist ersichtlich, wie viel stärker der Rückgang der ländlichen als der städtischen Geschäfte, hauptsächlich aber, wie viel stärker der Rückgang in den östlichen Provinzen ist. Die städtischen Brauereien der Rheinprovinz haben am wenigsten abgenommen, die schlesischen sogar etwas zugenommen. Deutlicher noch zeigt sich die Größenvertheilung der Unternehmungen in folgender Tabelle, welche zusammengezogen nach den Zahlen von Bienengräber mittheilt, wie groß die Zahl der Brauereien ist, welche 1864 eine bestimmte Quan- tität Braumalz verarbeiten. Ich füge in der letzten Spalte nach Viebahn den Betrag bei, den 1865 durch- schnittlich eine Brauerei an Steuer zahlte. Die Umbildung einzelner Gewerbszweige. Die kleinen Geschäfte, welche unter 100 Centner Braumalz verbrauchen, sind der Zahl nach nur in den beiden westlichen Provinzen noch überwiegend; dagegen sind der Zahl nach überall noch die mittleren Geschäfte vorherrschend, welche zwischen 100 und 1000 Centner ver- arbeiten. Die Aenderung aber seit 1853 in dieser Beziehung ist groß; damals machten aus Wenn vorerst noch die Mittelgeschäfte überwiegen, so ist die Frage, wie lange das noch anhält. Wir sind auch hier mitten inne in dem Umbildungsprozeß. 2. Die Bäcker und die Fleischer. Die technischen Fortschritte in der Bäckerei. Die Brodfabriken. Die Ursachen ihrer geringen Zunahme. Die preußischen Bäcker 1816—61. Ihre Stabilität. Die Brodkonsumtion und die Hausbäckerei. Die Kuchenbäcker und die Konfiturenfabriken. Das Fleischergewerbe. Seine großstädtische Organisation. Die Schlachthausfrage. Die preußischen Fleischer 1816—61. Kleine Geschäfte und geringe Zunahme. Die Fleischproduktion und Konsumtion. Ihre theilweise Abnahme. Hausschlächterei und gewerbliche Schlächterei. Sieht man nur auf die Technik und ihre Fort- schritte, so könnte man erwarten, daß die Brodfabri- kation der Brauerei in ihrer Umbildung nicht nach- stünde. Nicht bloß die alte Art der Brodbereitung hat große technische Verbesserungen aufzuweisen, auch ganz neue Methoden sind in den großen englischen Brodfabriken in Anwendung. Ich erwähne als Beispiel die in einigen englischen Dampfbrodfabriken eingeführte Methode von Dauglisch. Stohmann, Chemie I, 1224—29. Sie besteht darin, daß das Mehl unter Zugabe der erforderlichen Menge Salz unter sehr hohem Drucke in einer Athmosphäre von Kohlensäure mit an Kohlen- Die Umbildung einzelner Gewerbszweige. säure gesättigtem Wasser angerührt wird. Der Teig enthält dann kohlensaures Gas in Wasser unter hohem Druck vertheilt. Sobald dieser Druck aufgehoben wird, strebt das komprimirte Gas zu entweichen und lockert dabei den Teig. Das Backen erfolgt in einem 40 Fuß langen Ofen, dessen Sohle aus Eisenplatten besteht und von unten geheizt wird; über der Sohle läuft ein end- loses Rollenpaar, das die Backplatten trägt und all- mählig nach dem andern Ende des Ofens bringt. Das Brod ist ausgezeichnet; die Ausgaben für Hefe und mancherlei Verluste fallen weg; Arbeit ist beinahe keine nöthig, da Alles durch Maschinen geschieht. Das Mehl ist in 1½ Stunden in fertiges Brod verwandelt, wäh- rend sonst eine 3—4 fache Zeit nothwendig ist. Auch in England, speziell in London, aber sind solche Etablissements nach der ausdrücklichen Versicherung eines kompetenten Beurtheilers Des Halles et marchés et du Commerce des objects de consommation à Londres et à Paris. Rapport à s. Exc. le ministre de l’agriculture du commerce et des travaux publics par S. Robert de Massy. Paris Impr. impér. 1861. I, 75. 1861 noch sehr selten gegenüber der Masse gewöhnlicher Bäcker. Außerordentliches läßt sich unter Beibehaltung der alten Art der Zubereitung schon leisten durch die verbesserten, vornehmlich durch die ganz großen Backöfen. Engel hat schon 1857 über die Er- sparung an Heizkosten und Heizmaterial interessante Berechnungen gemacht. Zeitschrift des sächs. stat. Bür. 1857. S. 54—55. In den gewöhnlichen land- Die Brodfabriken und die verbesserten Backöfen. wirthschaftlichen Backöfen, — sagt er — in welchen nur zeitweilig Brod gebacken wird, braucht man für je 100 Pfund Brod 60—70 Pfund Holz; in Oefen, worin täglich 2- bis 3 mal gebacken wird, 30—36 Pfund; in Oefen, in welchen Tag und Nacht ununter- brochen gebacken wird, 17—18 Pfund; das macht das Pfund Holz zu 1 Pfennig gerechnet 70, 36 oder 18 Pfennige; bei konstanter Steinkohlenheizung braucht man 10—12 Pfund Steinkohlen, die 7—8 Pfennige kosten, womit die wirklichen Rechnungen der großen Bäckerei im Hospital St. Jean in Brüssel überein- stimmen. Engel nimmt an, daß in Sachsen jährlich 800 Millionen Pfund Brod konsumirt werden, und daß demnach durch Konzentration der ganzen Brodbäckerei eine Ersparniß von nahezu einer Million Thaler zu erzielen wäre. Die jetzt viel genannten Wochenmeyer- schen Dampfbacköfen leisten bei gleichen Kosten mindestens das 2½ fache gewöhnlicher Backöfen. Zu derartigen großen Einrichtungen gehört aber ein großes Kapital. Reiche Unternehmer nur oder Aktien- gesellschaften, Spitäler, große militärische Verpflegungs- anstalten, sowie Genossenschaften können sie in die Hand nehmen. In Stuttgart ist Ende 1865 eine Brod- fabrik entstanden, welche einen großen Zulauf hat und eine gute Qualität Brod unter dem Preise der übrigen Bäcker liefert. Die Berliner Aktienbäckerei hat nach Viebahn einen jährlichen Absatz von 15 Millionen Pfund. In Trier und Köln sind große Geschäfte, die ihre Pro- dukte meilenweit in die Umgegend absetzen. Die Bäcke- reien von Hameln sollen in den letzten Jahren für etwa Die Umbildung einzelner Gewerbszweige. 42000 Thaler jährlich Brod nach Westfalen abgesetzt haben. In Berlin und Chemnitz existiren große Ge- nossenschaftsbäckereien, der St. Johann-Saarbrücker Konsumverein hat eine eigene Brodbäckerei. Die zweite Voraussetzung solcher großer Bäckereien ist die Organisation des Absatzes, des Brodhandels. Nun ist der Brodhandel ja besonders in Nord- deutschland sehr entwickelt, der Brodverkauf auf den Wochenmärkten durch die umliegenden Landmeister ist ziemlich bedeutend. Häufig haben die Landmeister bestimmte Kunden in der Stadt, denen sie täglich oder alle paar Tage die nothwendige Brodquantität in’s Haus bringen. In Berlin wurden 1864 - 184400 Zentner Brod eingeführt. Aber das ist mehr ein Brod- handel im Kleinen; die Frau und die Kinder des Land- meisters besorgen ihn, ohne daß es dazu kostspieliger Organe bedurfte. Auch die genossenschaftliche Bäckerei kommt ohne große Kosten für den Absatz weg. Die Mitglieder holen es in der Regel in den ohnedieß gehaltenen Kaufstellen. Nicht so die Privatbrodfabrik. Bei ihr entstehen bedeutende Kosten für Verkaufsstellen, für den Transport, welche theilweise die Ersparnisse der Massenproduktion aufwiegen können. Die Einrichtung besonderer Brod- wagen, welche herumfahren, den Familien den täglichen Bedarf in’s Haus zu liefern, lohnt nur in großen Städten. Und dann kostet eine solche Organisation nicht bloß viel, sie widerstreitet auch vielfach den Gewohn- heiten und Bedürfnissen. Viele wollen nicht so fest bestellen, sondern selbst einkaufen, in der Nähe ein- Die Erhaltung der professionsmäßigen Bäckerei. kaufen. Jede Hausfrau wünscht einen Bäcker in nächster Nähe zu haben, besonders um frisches Gebäck jederzeit zu bekommen. Dieses lokale Bedürfniß ist neben der Zähigkeit aller Gewohnheiten, neben dem meist noch mangelnden Kapital und den früher und bis in die neuere Zeit mangelnden Kenntnissen in den Kreisen der gewerbsmäßigen Bäcker die Hauptursache davon, daß bis jetzt die Brodfabriken so wenig Terrain erobert haben, daß bis jetzt die althergebrachte professionsmäßige Bäckerei in der Hauptsache noch unbestritten herrscht. Dazu kommt freilich noch ein wichtiger Umstand. Die erwähnten ganz neuen Systeme lassen sich nur in großen Fabriken durchführen, die höchste Feuer- materialersparniß tritt nur ein bei Etagenbacköfen, welche in 3 — 4 Stockwerken zugleich zu backen erlauben, aber eine Reihe anderer kleinerer Verbesserungen und Erfin- dungen, die das Geschäft schon ziemlich rentabler machen, sind so, daß selbst der kleinste Bäcker sie anwenden kann. Sie gerade haben sich mannigfach in letzter Zeit verbreitet, haben sich leichter verbreitet, weil sie sich an das bestehende System kleiner Geschäfte anschließen. Die Knetmaschinen sind einfach, billig, durch die Hand in Bewegung zu setzen. Dampfbacköfen kleinsten Umfangs und sehr billig werden heute neben den großen gebaut. Mit Horsford-Liebig’schem Backpulver, das man in kleinen Probepacketen von 5 Pfund, dann in Kisten von 50 Pfund für ein paar Thaler erhält, kann jeder heute versuchen zu backen; jeder, der es anwendet, wird 10 — 12 % mehr Brod, wird innerhalb 2 Stunden Die Umbildung einzelner Gewerbszweige. aus dem Mehl fertiges Brod erhalten, wenn die Angaben, durch welche dieses Pulver empfohlen wird, richtig sind. Alle solche technischen Aenderungen stützen wieder den Kleinbetrieb. Daß jedenfalls bis 1861 in Preußen sich im All- gemeinen der Kleinbetrieb vollständig erhalten hat, das lehrt die folgende Tabelle, welche eine Uebersicht über die preußischen Bäcker von 1816 — 61 gibt: Zu vergleichen über die preußische Bäckerei: Mit- theilungen I, S. 224. Tabellen und amtliche Nachrichten V, S. 826. Die preußischen Bäcker 1816 — 61. Die Zahl der Gehülfen ist ziemlich gestiegen, aber noch hat sie 1861 die der Meister nicht erreicht; noch können nach dieser Durchschnittszahl nur wenige größere Geschäfte vorhanden sein; noch hat nach dem Zahlenverhältniß an sich jeder Gehülfe die Aussicht, selbst Meister zu werden. Das Verhältniß sämmtlicher Gewerbetreibenden eines Handwerks zur Bevölkerung gibt da, wo die Technik sich schon vollständig geändert hat, kein Bild der Produktion, aber bei der Bäckerei, wo das bis 1861 noch so wenig der Fall ist, da belehrt uns das Verhältniß der Zahl der Gewerbetreibenden zur Bevölkerung über die Größe der Produktion; denn bedeutend kann der Umfang der Geschäfte in solchem Falle bei gleichbleibender Meister- und Gehülfenzahl nicht wachsen. Die Zahl der Bäcker nun schwankt von 1816 — 49 etwas, bleibt mehr oder weniger hinter der Bevölkerung zurück; 1849 ist die Zahl dieselbe wie 1816 und erst von da überholt sie die Be- völkerung, aber nur um 4, 9 %. Wie viel spricht man von den Fortschritten der Konsumtion, von der Ver- besserung der Lage aller Klassen, von der bessern Er- nährung, welche heutzutage stattfinde, und wir sehen hier das ganze 19 te Jahrhundert hindurch fast unver- änderte Verhältnisse, kaum eine etwas größere Zahl Bäcker! Und man denke nur, wie z. B. die städtische Bevölkerung zugenommen hat, welche nach der gewöhn- lichen Annahme doch ihr Brod und Gebäck vom Bäcker bezieht. Jedenfalls beweist die geringe Aenderung von 1816 bis 1861 wieder die elementare, stabile Natur der ein- Schmoller, Gesch. d. Kleingewerbe. 27 Die Umbildung einzelner Gewerbszweige. fachen Handwerke, beweist, wie langsam die Gewohn- heiten des häuslichen und wirthschaftlichen Lebens ganzer Völker sich ändern. Uebrigens hängt die Zahl der Bäcker von zwei ganz verschiedenen Ursachen ab, 1) davon, wie viel Brod gegessen wird gegenüber Breiarten, gegenüber der Kar- toffelkonsumtion und 2) davon, wie viel Brod vom Bäcker gekauft, wie viel von den Hausfrauen selbst bereitet wird. Die erste Ursache kommt besonders für das platte Land und für die östlichen preußischen Provinzen in Betracht. Wenig hat sich da in den Lebensgewohn- heiten des ländlichen Arbeiters, des Landvolks noch geändert. Die Zahl der Landbäcker ist beinahe dieselbe 1849 und 1858. In Preußen im engern Sinne kommen auf 10000 Einwohner, wie oben schon erwähnt ist, 6, in Westfalen 21, in Württemberg 36 Bäcker- meister. Ebenso freilich ist an diesen Zahlen die Haus- bäckerei schuld. Viebahn nimmt an, daß in Frankreich die Hälfte, in ganz Deutschland nur ⅓ des gebackenen Brodes vom Bäcker gekauft wird. Hauptsächlich im Nordosten Deutschlands ist auf dem Lande das Haus- backen noch üblich. Das Leben ist in dieser Beziehung da fast dasselbe, wie vor 50 und 100 Jahren. Wenn auch z. B. im Regierungsbezirk Köslin, der die wenig- sten Bäcker überhaupt hat, die Landmeister von 17 im Jahre 1849 auf 41 im Jahre 1861 gewachsen sind, so will das nicht viel sagen. Aber auch auf dem Lande in Mittel- und Westdeutschland hat sich noch nicht viel geändert. Viebahn berichtet von Sachsen Der Brodkonsum und die Hausbäckerei. ausdrücklich, daß man mehr zu dem Systeme der häuslichen Brodbäckerei auf dem Lande zurückkehre, Die Ergebnisse der sächsischen Statistik sind sehr zweifel- haft. Nach der Zeitschrift 1857, S. 44 — 55 zählte man länd- liche Bäckereien 1846 - 1460, 1855 - 2046; also eine wesentliche Zunahme; nach Zeitschrift 1863, S. 102 gab es ländliche Bäcke- reien 1849 - 1147, 1861 - 1318, also eine Zunahme, welche etwa der Bevölkerungszunahme entspricht. Mag das platte Land 1846/55 und 1849/61 anders gefaßt, und so theilweise die Differenz zu erklären sein; immer bleibt es unmöglich, daß alle Zahlen richtig sind; das reale Resultat ist zu verschieden. wie das mit dem Bau von Gemeindebacköfen ja auch anderwärts geschieht. Was die Städte betrifft, so hat in den höhern Kreisen das Hausbacken bedeutend abge- nommen; in den untern aber verhält es sich, theil- weise wenigstens, umgekehrt. Selbst der Aermste wird dem Bäcker etwas durch Einkauf frischer Semmeln zu verdienen geben. Das Selbstbacken des Brodes aber hat in diesen Kreisen mit der steigenden Theuerung des städtischen Lebens, mit den Nothständen des städtischen kleinen Mannes wieder zugenommen. Von verschiedenen Orten höre ich das; hier in Halle ist es entschieden der Fall. Es hängt das in den preußischen Städten theil- weise mit der Mahlsteuer zusammen. Beim Bäcker muß sie mit bezahlt werden; zum Hausbacken bringt man das Mehl in so kleinen Quantitäten durch die Kinder in die Stadt, daß die Steuer vermieden wird. Zugleich aber rechnet die Hausfrau ihre Arbeit nicht, weil sie sie häufig doch nicht anders verwerthen kann, während sie die des Bäckers theuer bezahlen muß. 27 * Die Umbildung einzelner Gewerbszweige. Es ist aus diesen Bemerkungen ersichtlich, daß die Stabilität der Bäckerzahl im Ganzen sich aus verschie- denen Verhältnissen zusammen setzt. Zugleich zeigt eine derartige konkrete Betrachtung, von wie vielen Umstän- den eine allgemeine Bewegung wie die fortschreitende Arbeitstheilung, welche die abstrakte Nationalökonomie gerne ohne weiteres annimmt, im Einzelnen ab- hängig ist. Ein Hauptnebengewerbe der Bäcker in Süddeutsch- land, das ihre Zahl wesentlich dort vermehrt, ist der Weinschank; im Norden ist das weniger Sitte, wohl aber sind hier die Konditoreien sehr viel mit dem Aus- schank von Kaffee, Thee und Punsch oder mit Zeitungs- kabinetten verbunden. Daraus und aus dem steigenden Wohlstand überhaupt ist die Zunahme dieser Gewerbe- treibenden, welche beinahe nur in den Städten vor- kommen, zu erklären. Dieterici hat schon früher darauf aufmerksam gemacht, daß die Hauptzunahme in den östlichen Provinzen erfolgt sei. Mittheilungen I, 225. Das liegt theilweise in den Lebensgewohnheiten. Der Rheinländer geht in die Kneipe, im Norden geht man in die Konditorei. Theilweise hängt es auch mit der ungleichern Vermögens- vertheilung zusammen. Die preußischen Zahlen der Konditoren und Kuchen- bäcker, die ich leider nur seit 1831, vollständig nur seit 1849 mittheilen kann, sind folgende: Die Konditoren und Kuchenbäcker. Der Umfang der einzelnen Geschäfte ist größer als bei der Bäckerei; die Zeit von 1849 — 61 zeigt in dieser Beziehung eine nicht unwesentliche Aenderung. Es hat sich neben den kleinen Geschäften mehr und mehr eine fabrikartige Produktion entwickelt, die nur theil- weise in der Fabriktabelle vorgetragen, theilweise noch in der Handwerkertabelle verzeichnet ist. Chokoladen-, Konfituren-, Essenzen-, Liqueurfabriken entstehen da und dort. Zuckerbackwaaren bilden sogar einen nicht unbe- deutenden Erportartikel des Zollvereins. Viebahn hebt eine Reihe von Orten hervor, wo die Fabrikation blüht. III, 591. Königsberg, sagt er, liefert seinen Marzipan, Thorn Die Umbildung einzelner Gewerbszweige. seinen Pfefferkuchen massenhaft in den Handel; letzteres fabrikmäßig jährlich gegen 2000 Centner. In Halle und Eilenburg werden Zuckerwaaren und Konfituren fabrikmäßig hergestellt, bis Süddeutschland und in die Ostseeprovinzen abgesetzt. In Sachsen hat sich die Großindustrie der Fabrikation von Bonbons, Dragées, englischem Biskuit und dergleichen mit Erfolg bemächtigt, namentlich seit zweckmäßige Maschinen für einzelne Zweige in Anwendung kamen. Das Fleischergewerbe gehört wie die Bäckerei zu den Gewerben, in welchen zu einer selbständigen Unter- nehmung, abgesehen vom Hausschlächter auf dem Lande, von jeher ein gewisser Besitz, ein gewisses Kapital gehört hat. Die Technik des Gewerbes hat vielleicht noch weniger als bei dem Bäckergewerbe sich bis jetzt geändert. Wohl existiren in großen Städten, besonders in den Seestädten, große Pökel- und Räucherungsanstalten mit mehr fabrikmäßigem Betrieb, wohl setzen auch größere Wurstfabriken ihre Schneide- und Hackapparate mit Dampf in Bewegung; aber die Hauptoperationen, das Tödten des Vieh’s, das Abziehen, das Zerlegen bleiben Sache des Arbeiters. Allerdings werden in den Städten die stehenden Einrichtungen einer Schlächterei theurer und kostspieliger und für die meisten Geschäfte wächst die Bedeutung des Kredits und des Betriebs- kapitals; ein gutes Geschäft hängt wesentlich ab von geschicktem auf genauer Kenntniß des Vieh’s gestütztem Vieheinkauf; dabei hat das größere Geschäft, das größere Kapital mancherlei voraus. Das Fleischergewerbe. Uebrigens ist die Arbeitstheilung zwischen dem eigentlichen Viehhandel und dem Fleischergewerbe eine sehr verschiedene. Die großstädtische Entwicklung scheint theilweise dem Fleischergewerbe den kostspieligen, Vor- schuß erfordernden Viehhandel wieder abzunehmen. Hartstein Hartstein, der Londoner Viehmarkt, Bonn 1867. Da- neben das erwähnte Werk von R. de Massy über den Lebens- mittelverkehr von London und Paris, und Dr. H. Janke, der internationale Fleischverbrauch in seiner neuesten Gestalt, Viertel- jahrsschrift für Volkswirthschaft XXIV, 1 — 45. beschreibt die Londoner Verhältnisse der Gegenwart in folgender Weise. Die Viehhändler ver- kaufen auf dem zweimal wöchentlich gehaltenen Metro- politan Cattle Market durch ihren Kommissionär, den salesman, an den Großschlächter, der in der Regel baar bezahlt. Wenn der salesman Kredit gibt, thut er es auf seine Gefahr. Der Großschlächter ist ein großer Unternehmer, der wöchentlich 80 — 100 Stück Großvieh und 500 — 800 Stück Schafe in eigenen großen Etablissements, Schlachthaus und Stallungen enthaltend, schlachtet und in großen Stücken verkauft. Seine Käufer sind verschiedene Leute. Einmal die großen Fleischlieferanten, welche die Fleischlieferungen an die Armee, an öffentliche Institute, an Schulen übernommen haben. Theilweise führen diese Lieferanten das Geschäft nicht selbst aus, sondern bilden nur die kaufmännische Vermittelung, übergeben einzelnen Schlächtern die Liefe- rungen im Detail, haften aber dafür im Ganzen. Da- neben verkaufen die Großschlächter an die Kleinschlächter, Die Umbildung einzelner Gewerbszweige. die theilweise auch selbst schlachten, aber nur eine geringe Zahl Vieh, und an die reinen Detailhändler, die das Fleisch in größern Stücken übernehmen, die verschiedenen Sorten trennen, die einzelnen Stücke hübsch zurecht machen, bei denen das Ladengeschäft die Haupt- sache ist. Beide letztere Arten von Schlächtern verkaufen ihre Abfälle an den Eingeweidehändler (tripe-shop), oder an den Kochladen (cock-shop), wo vornehmlich die untersten Volksklassen diese Abfälle kaufen oder ver- zehren. Eine ähnliche, wenn auch nicht so weit gehende Arbeitstheilung findet in andern großen Städten statt. Der Berliner Adreßkalender unterscheidet wenigstens Schlächter und Fleischwaarenhandlungen. Im Jahre 1860 kommen auf 80 Fleischwaarenhandlungen 557 Schlächter, 1868 auf 101 Handlungen 976 Schlächter. Engel, die Industrie der großen Städte, Berliner Gemeindekalender II, 144. Die Kleinschlächter und Detailhändler brauchen trotz dieser Arbeitstheilung noch ein nicht unbeträchtliches Kapital. Wichtig auch für den Groß- und Kleinbetrieb des Fleischergewerbes ist die jetzt aus sanitätspolizei- lichen Standpunkt viel besprochene Schlachthausfrage. Siehe Risch, Bericht über Schlachthäuser und Vieh- märkte, Berlin 1866. Ueber die preuß. Gesetzgebung und die Unmöglichkeit mit ihr die einzelnen widerstrebenden Fleischer zur ausschließlichen Benutzung öffentlicher Schlachthäuser zu zwingen. Viebahn III, 593 — 94. Der Vieh- und Fleischhandel, die Schlachthausfrage. Zunächst ist jede große Aenderung derart für die bestehenden Verhältnisse, hauptsächlich für den bestehen- den Besitz, unangenehm. Auf die Dauer aber wür- den durch gemeinsame Schlachthäuser, deren Bau Assoziationen oder die Gemeinden übernähmen, deren Bau der Staat ganz mit Recht auf verschiedene Weise fördern könnte, die kleinen Geschäfte wahrscheinlich mehr gewinnen als die großen; sie würden dadurch mit billigen Kosten die Vortheile gut eingerichteter Anstalten erhalten, während der Großschlächter nichts dort fände, was er nicht in seinem eigenen Schlachthaus auch anordnen kann. Die allgemeinen Vortheile solcher Anstalten liegen in den niedrigen Generalkosten überhaupt, speziell in verschiedenen Einrichtungen, die nur in größern Etablisse- ments möglich sind, z. B. in der Nutzung des meist bisher ungenutzt abfließenden Blutes zur Gewinnung von Eiweißstoffen. Kehren wir nach diesen allgemeinern Bemerkungen über das Fleischergewerbe zu den konkreten Verhältnissen Preußens Zu vergleichen: Hoffmann, die Bevölkerung des preuß. Staates, S. 120 ff. Mittheilungen I, 226. Tabellen u. amt- liche Nachrichten V, 827 — 828. und den statistischen Ergebnissen von 1816 — 1861 zurück, so ist im Durchschnitt des ganzen Staates der Fortschritt zu größern Geschäften wohl vorhanden; aber noch überwiegen die kleinen Meister weitaus, noch ist eine Schlächterei durchschnittlich kleiner als ein Bäckergeschäft. Man zählte: Die Umbildung einzelner Gewerbszweige. Selbst in Berlin hat 1861 ein Fleischer durch- schnittlich nur 1 ½ Gehülfen, während der dortige Bäcker 3 — 4 Gehülfen beschäftigt. Der Fleischer ist in der Regel ähnlich wie der Bäcker auf einen Absatz in den nächsten Straßen und Häusern angewiesen; die Hausfrau will nicht zu viel Zeit verlieren, wenn sie zu ihm geht, noch weniger, wenn sie das Dienstmädchen schickt. Das vielfach übliche Bringen des Fleisches in die Wohnungen der Kunden ist nur möglich, wenn der Fleischer in der Nähe wohnt. Der Fleischhandel ist noch schwieriger zu organisiren als der Brodhandel, wenn er nicht zu dem gesalzenen und getrockneten Fleische über- Die preußischen Fleischer 1816 — 61. gehen soll, das weniger schmackhaft, weniger beliebt ist. Wenn man neuestens Versuche macht, auch frisches Fleisch nach besondern Methoden zu konserviren und auf weite Entfernungen zu transportiren, so kann das später vielleicht einmal die bisherige Art des Betriebes ändern. Bis jetzt haben diese Versuche keine allgemeine praktische Bedeutung. Die Gesammtzahl der preußischen Fleischer, welche um etwa ¼ geringer ist, als die der Bäcker, hat eben- falls kaum stärker zugenommen, als die Bevölkerung; es kommen 1861 auf die gleiche Zahl Einwohner nur 8, 5 % mehr Fleischer als 1816. Bis 1843 hat die Bevölkerung stärker zugenommen; 1849 sowie 1855 steht wieder die Fleischerzahl hinter der von 1816 zurück. Trotz der großen sonstigen Aenderungen des 19. Jahr- hundert eine solche Stabilität! Die erste Ursache der Fleischerzahl ist die Fleisch- konsumtion. Wenn in Hessen-Darmstadt, Braunschweig 37 — 38 Fleischermeister, in Baden, Sachsen, Hannover 14 — 19, in den östlichen preußischen Provinzen nur 8 — 12 Fleischermeister auf 10000 Einwohner kommen, Viebahn III, 594 — 95, verglichen mit 606. so läßt sich der Zusammenhang nicht verkennen mit der andern Thatsache, daß die Fleischproduktion (incl. Aus- fuhr) in Altpreußen pro Kopf der Bevölkerung nur auf 46 — 47 Pfund, in Nassau-Frankfurt, Baden, den rheinischen und thüringischen Staaten auf 48 — 56 Pfund, in den niedersächsischen Staaten, besonders in den Elb- herzogthümern, auf 74 Pfund pro Kopf steigt. Freilich Die Umbildung einzelner Gewerbszweige. zeigt die Vergleichung auch Ausnahmen, da hohe und niedrige Produktion und Konsumtion nicht nothwendig zusammen fallen, da Aus- und Einfuhr, die Haus- schlächterei und Anderes mitsprechen. Gerade in den östlichen preußischen Provinzen ist die Fleischproduktion wieder größer als im Durchschnitt Preußens, die Kon- sumtion aber auf dem Lande und in den untern Klassen sehr gering. Unzweifelhafter ist der Zusammenhang zwischen der historischen Veränderung der Fleischerzahl und der Fleisch- konsumtion in Preußen. Der geringen Zunahme jener entspricht diese. Die Fleischkonsumtion betrug ja nach Dieterici und Engel Zeitschrift des statist. Bureaus IV, 129. pro Kopf der Bevölkerung Die steigenden Fleischpreise erschweren trotz aller Fortschritte des Wohlstandes eine steigende Fleischkon- sumtion sehr. Für die 30 Pfund 1806 gab der Ein- zelne 2 Thlr. 6 Sgr. aus, für die 35 Pfund 1863 gibt er 4 Thlr. 4 Sgr. aus. In Berlin zahlte man 1835 für das Rindfleisch besonderer Güte 2 Sgr. 6 Pf., jetzt 10 und mehr Sgr. Und je größer die Vermögens- ungleichheit in einem Lande ist, je mehr Sitten und Bedürfnisse der verschiedenen Gesellschaftsklassen ausein- ander liegen, desto ungleicher wird sich die Abnahme der Fleischkonsumtion vertheilen. Besonders in den Der Fleischkonsum und die Hausschlächterei. Städten hat der Fleischkonsum der Wohlhabenden, ja des ganzen Mittelstandes unzweifelhaft zugenommen; aber in den untern Klassen muß er abgenommen haben, sonst könnten sich die Gesammtzahlen der Konsumtion nicht gleich bleiben. Theilweise freilich finden diese Klassen Ersatz in dem Uebergang zu Pferdefleisch, zur Kon- sumtion von bloßen Abfällen. Es heißt aber die opti- mistische Schönfärberei weit treiben, wenn man in dieser Thatsache, wie Faucher, nur ein „feiner ausgebildetes Schlächtergewerbe“ findet. Die genauen Untersuchungen, welche Asher und Soetbeer über Fleischkonsumtion ver- öffentlicht haben, Beiträge zur Statistik Hamburg’s, mit besonderer Rück- sicht auf die Jahre 1821—52, Hamburg 1854. S. 145—149. reichen allerdings nur bis 1852 und schließen also mit ungünstigen Jahren ab, aber sie zeigen, auch wenn man das berücksichtigt, eine in den größern Städten fast ausnahmslos abnehmende Fleisch- konsumtion. Ich führe nur die Hamburger Zahlen an; da hat der Verbrauch pro Haushaltung betragen an Fleisch: Daneben ist der Fischkonsum nicht gestiegen, die Butter- und Käsekonsumtion hat auch abgenommen, der Die Umbildung einzelner Gewerbszweige. Cerealienverbrauch ist so ziemlich derselbe geblieben. Ohne Zweifel hat sich das in neuerer Zeit wieder etwas gebessert; aber wie dem auch sei, die obigen Zahlen sagen genug. Neben dem Fleischkonsum hängt die Fleischerzahl davon ab, wie weit die Hausschlächterei noch verbreitet ist, welche den gewerbsmäßigen Schlächter in der Form des Hausschlächters zwar nicht durchaus, aber doch theil- weise entbehren kann. Die hohe Zahl der Fleischer in Württemberg, in Hohenzollern (26 — 28 Meister auf 10000 Einwohner) ist theilweise Folge davon, daß die Hausschlächterei dort wenig mehr vorkommt. Die Fleisch- konsumtion ist dort nicht um so viel stärker als in Schlesien, um allein es zu erklären, daß hier nur 15 Meister, dort 26 — 28 auf 10000 Einwohner kommen. In den östlichen preußischen Provinzen, aber auch in Baiern, wie überhaupt in den rein landwirth- schaftlichen Gegenden, ist Hausschlächterei noch vielfach vorhanden. Theilweise wird sie gegenüber der gewerb- lichen Schlächterei wieder durch die steigenden Preise begünstigt. Täglich frisches Fleisch zu genießen, ist theurer, als eingepökeltes und geräuchertes Fleisch im Vorrath zu halten. 3. Die Wirthschafts- und verwandten Gewerbe. Die gewerbliche Thätigkeit des Landwirths; die Weinbauern, Gärtner und Fischer. Der Handel mit Lebensmitteln. Die Viktualiengeschäfte in Preußen von 1837 — 58. Die Wirth- schaftsgewerbe, meist als Nebenbeschäftigung. Die preußische Statistik 1822 — 61. Die Gasthöfe und Ausspannungen. Die Speisewirthschaften. Die Schankwirthschaften, ihre Ab- nahme. Die möglichen Ursachen einer von selbst eintreten- den Abnahme. Das Konzessionssystem. Seine allgemeine Würdigung. Die Ausführung in Preußen. Die frühere und die neueste Gesetzgebung. Allgemeine Betrachtungen über Groß- und Kleinbetrieb in den Nahrungsgewerben. Die Volksküchen, die Konsumvereine und Aehnliches. Der Kreis der dem Nahrungsbedürfniß dienenden Gewerbe ist mit den Bäckern, Konditoren und Fleischern noch nicht abgeschlossen. Der kleine und große Landwirth übernimmt vielfach gewerbliche Thätigkeit, abgesehen ganz von der Rohpro- duktion. Er fabrizirt Butter und Käse, verkauft getrock- netes Obst und künstlich wie unkünstlich zubereiteten Wein. Eine zahlreiche Klasse von Personen sind die kleinen Weinbauern und die Blumen- und Gemüse- gärtner, die zwischen Landwirthschaft und Gewerbe in der Mitte stehen, einen gesunden Mittelstand repräsentiren, Die Umbildung einzelner Gewerbszweige. durch die Art ihres Betriebs, durch die vorzugsweise geforderte sorgfältige Arbeit niemals von großen Ge- schäften verdrängt werden können. Außer den 4224 preußischen Gärtnern mit 3310 Gehülfen (1861) sind auch die 7197 Fischer mit 3822 Gehülfen zu nennen; auch dieses Gewerbe bleibt, der persönlichen Thätigkeit, des mäßigen Gewinnes wegen, im Binnenlande dem Kleinbetriebe. Dann gehören hieher mannigfache Handelsgeschäfte, welche ihrer Natur nach gewisse gewerbliche Umformungen vornehmen. Der Weinhandel, der Getreidehandel thut das, vor allem aber der kleine Detailhandel, der Kaffee röstet und Zucker schlägt, alle möglichen Waaren färbt, vielfach auch verdirbt und fälscht. Noch mehr gibt sich der kleine Viktualienhandel damit ab. Im Butterladen wird gekochter Kaffee ausgeschenkt; die Garküche ist häufig hiermit verbunden. Die Zahl der fast durchaus kleinen Viktualiengeschäfte ist etwa so groß in Preußen, als die der Bäcker und Fleischer zusammen. Im Jahre 1861 sind sie nicht aufgenommen. Früher zählte man: Es gehört zu diesen Geschäften geringe Bildung und geringes Kapital. Die Art des Betriebes, des Aufkaufs, des Verkaufs auf dem Wochenmarkt oder in den kleinen Kellerläden, übt auf Leute, welche etwas besseres ergreifen können, keinen Reiz aus; daher wenden sich ihnen mehr nur Leute der untersten Klassen zu. Größere Geschäfte mit schönen Läden beginnen höchstens Die Viktualiengeschäfte und Wirthschaftsgewerbe. in einigen größern Städten, aber auch da nur für die Lebensmittel und Viktualien der höhern Gesellschafts- klassen. Abgesehen von diesen, sowie von den Geschäften, welche hauptsächlich den Wochenmarkt beziehen, sucht der kleine Viktualienhandel ähnlich wie der Bäcker und Fleischer einen lokalen Absatz in den nächstliegenden Häusern und Straßen. Die eigentlichen Wirthschaftsgewerbe endlich, welche in der Umformung und Bereitung der Nahrungsmittel am weitesten gehen, sind, wie ich das schon mehr erwähnte, sehr vielfach in den Händen von Personen, welche nebenbei mit der Produktion oder dem Handel von Nahrungsmitteln beschäftigt sind, oder vielmehr von solchen, welche das Wirthschaftsgewerbe nur neben- bei betreiben. Es ist ebenfalls das lokale Bedürfniß, das darauf hinwirkt. Die Brauerei verbindet sich mit der Gastwirthschaft, die Mühle mit einer Ausspannung, die Bäckerei mit dem Weinausschank, die Hökerei mit dem Bier- und Kaffeschank, der Materialladen mit dem Schnapsverkauf — je eines allein würde seinen Mann nicht nähren, beides zusammen aber reicht aus, eine leidliche Existenz für eine Familie zu schaffen. Diese häufige Verbindung der Wirthschaftsgewerbe mit andern ist für das richtige Verständniß des ganzen Gewerbes, wie schon für die richtige Beurtheilung der Zahlen wichtig. Das Hülfspersonal wird in den Tabellen etwas niederer erscheinen, als es in Wirklich- keit ist. Zu- und Abnahme haben eine etwas andere Bedeutung. Schmoller , Gesch. d. Kleingewerbe. 28 Die Umbildung einzelner Gewerbszweige. Die Zahlen, um die es sich handelt, sind folgende; es gab in Preußen: Nach Ferber’s, Dieterici’s u. Engel’s amtlichen Zahlen, vergl. hauptsächlich für 1849 Tabellen u. amtliche Nachrichten V, S. 994 ff. Die Zahl der Geschäfte hat in keiner der drei Ab- theilungen so zugenommen, wie die Bevölkerung, welche von 11 auf 18 Millionen in dieser Zeit stieg; in einer Abtheilung hat die Zahl der Geschäfte sogar abgenommen. Wären die Wirthschaften alle voll beschäftigt gewesen, lebten die betreffenden Gewerbetreibenden nur hiervon, so wäre vorauszusetzen, daß die Geschäfte mindestens der Bevölkerung entsprechend zugenommen hätten. Von der ersten Kategorie, den Gastwirthschaften, fällt nur ein kleiner Theil unter den Begriff eines Gasthofs; 1861 sind die eigentlichen Gasthöfe nicht besonders unterschieden; 1849 machen von den 27520 Gastwirthschaften nur 4447 Gasthöfe für die gebildeten Stände aus, wovon 2833 auf die Städte kommen. Nur diese sind zu einem Theile als größere Etablisse- ments aufzufassen. Im Jahre 1861 zählen die 31520 Gastwirthschaften ein Hülfspersonal von 7919 Personen, also sind ¾ der sämmtlichen Gastwirthe wenigstens Die preußischen Wirthschaftsgewerbe 1822 — 61. ohne gewerbliches Hülfspersonal; sie können nur ganz kleine Geschäfte haben. Die Speisewirthschaften gehören fast ganz den Städten an; von 1928 im Jahre 1849 verzeichneten sind 1461 städtische. Die Zahl ist eine beinahe stabile. Der durchnittliche Umfang der Geschäfte ist ein sehr geringer, denn es werden 1861 auf 2221 Speisewirthe nur 885 Diener, Kellner und Kellnerinnen gerechnet. Aehnliches gilt von den Schankwirthen; auf 37917 Geschäfte kommen 1861 nur 6290 Hülfspersonen, was einen sichern Schluß auf den trotz der gesunkenen Ge- sammtzahl immer noch geringen Umfang der meisten Schankwirthschaften gestattet. Mögen auch manche Hülfspersonen aus den vorhin angeführten Gründen gar nicht in den Tabellen erscheinen, viel kann das nicht ausmachen. Die Abnahme der Schankwirthschaften von 1843 ab bis 1861 ist eine sehr bedeutende. Damals kam schon auf 289, 1849 auf 343, 1861 erst auf 487 Einwohner eine Schenke. Die Maximal- grenze, auf welche herab die Verwaltung Vergl. Arbeiterfreund V, 185. in Gegen- den eines allzugroßen Reichthums von Schenken die Zahl derselben zu bringen suchte, ist eine auf 250 Einwohner. Zunächst ist man versucht zu zweifeln, ob die Aufnahmen überhaupt richtig sind, denn jedermann ist geneigt, heute eher an eine Zunahme, als an eine Abnahme der Schenken zu glauben. Ich kenne fast keine größere Stadt näher, in der ich nicht Klagen über eine allzugroße Zunahme der Schenken gehört hätte. 28 * Die Umbildung einzelner Gewerbszweige. Da ich jedoch keinen Anhalt dafür habe, die Aufnahmen für falsch zu halten, so muß ich sie bis zum Gegen- beweis als richtig annehmen. Nur das will ich noch bemerken, daß nicht bloß die Gasthöfe und Speisewirth- schaften zugleich geistige Getränke ausschenken, sondern daß auch sehr viele Spezereiläden Branntwein stehend verabreichen. Und diese sind, wie ich annehme, nicht unter den Schankwirthschaften der amtlichen preußischen Statistik mitgezählt. Selbst wenn aber die Branntwein verkaufenden Materialläden ebenso zugenommen hätten, als die eigentlichen Schankstätten abnahmen, wäre es ohne Zweifel eine Besserung. Die Trunksucht wird durch diese mehr gefördert, als durch den Verkauf in dem Spezereiladen, wo der Arbeiter stehend, ohne langen Aufenthalt, ohne Gesellschaft sein Gläschen Schnaps trinkt. So wie so bleibt die Abnahme der eigentlichen Schankwirthschaften als eine bemerkenswerthe Thatsache stehen, und es wirft sich die Frage auf, ob sie eine von selbst erfolgende war, oder nur durch die Handhabung des polizeilichen Konzessionswesen eintrat. Eine Abnahme von selbst ließe sich immerhin denken; die Schankwirthschaft ist bei Vielen nicht die ursprüngliche Thätigkeit; sie werfen sich darauf, wenn nichts anderes mehr geht. In den Weinländern ist der Ausschank noch mehr bloßes Nebengewerbe des kleinen Weinproduzenten. In Zeiten der Noth schwillt die Zahl der Schankstätten, dann auch in Zeiten politischer Aufregung. Es wäre hiernach wohl denkbar, daß die Zahl der Schankstätten zu Anfang der 40 er Jahre durch die Krisis der meisten Handwerke, 1848 — 50 Die Abnahme der Schankwirthschaften 1843—61. durch die Revolution stärker war, als sie ohnedem gewesen wäre, daß die besseren Zeiten nach 1856 nicht mehr so viele Leute nöthigten, zu diesem Nothbehelf zu greifen. Nach den Provinzen stellt sich der Unterschied der Schankstätten 1849 und 61 folgendermaßen; es gab in: Am meisten haben sie also in der Rheinprovinz abgenommen, und das ist großentheils sicher auf die bessere wirthschaftliche Lage zurückzuführen, die nicht zu einem geringern Konsum an Speisen und Getränken, wohl aber zu einem etwas geringeren Kneipenbesuch und einem geringeren Angebot von Personen führt, die sich als Schankwirthe zu nähren suchen. Dennoch, glaube ich, wäre es im Allgemeinen falsch, anzunehmen, daß die Abnahme der Schankstätten ganz von selbst erfolgt wäre. Der Andrang zu diesem mühelosen Gewerbe ist in den untern Klassen immer sehr groß; es übt einen besondern Reiz durch die Unter- haltung, den Verkehr, den es gewährt, durch unsittliche und verwerfliche Genüsse, die sich leicht damit verbinden. Wo keine Konzessionspflicht mehr existirt, wie bis jetzt allein in Bremen, erfolgt leicht eine rapide, verwerfliche Die Umbildung einzelner Gewerbszweige. und gefährliche Zunahme. Vor Erlaß der Konzessions- pflicht im Jahre 1862 gab es in Bremen 512 Lokale, in welchen spirituöse Getränke feil gehalten wurden, im Jahre 1867 - 829, damals eines auf 192, jetzt eines auf 132 Einwohner. Dieß ist der Grund, der mich veranlaßt anzuneh- men, daß auch in Preußen die Abnahme nicht ganz von selbst erfolgt wäre, wenn man nicht auch durch das Konzessionssystem darauf hingewirkt hätte. Bei der Frage der vollständigen Freigebung der Schankgewerbe muß man die allgemeinen Gesichtspunkte und die Art der Ausführung aus auseinander halten. Der abstrakte Theoretiker verlangt auch hier unbe- dingte Freiheit, weil er das Leben nicht kennt. Er über- sieht die Gefahren, die besonders mit dem Branntwein- schank, vollends in Fabrikdistrikten, verbunden sind; er übersieht, daß die proletarische Konkurrenz die Schank- wirthe nöthigt, in jeder Weise anzulocken, zu verführen, einen korrumpirenden Kredit zu geben; er übersieht, daß die ganze Lebenshaltung, das Familienleben, die Sittlich- keit der arbeitenden Klassen hiermit zusammenhängen; er weiß es nicht, wie segensreich es in großen Fabrik- distrikten wirkt, wenn den Arbeitern kontraktlich verboten wird, eine Schankwirthschaft anzufangen. Des Freiherrn von Diergardt Maßregeln zur Förde- rung der arbeitenden Klassen, Arbeiterfreund V, 1867. S. 115. Alle diese Gründe sprechen für eine Beschränkung der Zahl der Schankwirthschaften, für eine Beibehaltung des Kon- zessionssystems. Die Konzessionirung der Wirthschaftsgewerbe. Es handelt sich nur darum, es richtig und gerecht zu handhaben. Daß immer Mißgriffe vorkommen, ist natürlich. Nur können sie soweit gehen, daß die Frei- gebung dagegen wieder als das kleinere Uebel erscheint. Immer sollte man vermeiden, politische Partei- gesichtspunkte einzumischen. Schwer hat in dieser Be- ziehung ein reaktionäres Regiment in Preußen gesündigt. Ganz übertrieben aber hat das verletzte Interesse Ein- zelner diese nicht zu leugnenden Mißbräuche dargestellt. Abgesehen hiervon kamen Mißgriffe da vor, wo unfähige Landräthe oder vielmehr willkürliche Kreissekretäre sich Fehler zu Schulden kommen ließen. Soweit die Regie- rungen eingriffen, war die Praxis eine fast durchaus gerechte. Ueber die Vorschriften der Kabinetsordre vom 7. Februar 1835, Rönne, Staatsrecht zweite Aufl. II, b S. 318. Der- selbe Gewerbepolizei II, 151. Döhl, das Konzessionswesen des preußischen Staates, Berlin 1862, S. 149 ff. welche nur etwas durch die Ver- ordnung vom 21. Juni 1844 verschärft wurde, sei nur soviel bemerkt, daß die Konzessionen je auf ein Jahr ertheilt wurden, in den Städten von der Orts- polizeibehörde, auf dem Lande durch den Landrath nach Anhörung der Kommunalbehörde, wobei die Lage des Lokals und die Person des Wirthes immer, die Nützlichkeit und das Bedürfniß aber nur geprüft werden sollte, wenn es sich um Gastwirthschaften in den Ortschaften vierter Gewerbesteuerklassen, um Schankwirthschaften, in welchen geistige Getränke zum Genuß auf der Stelle feilgeboten werden sollten, um Die Umbildung einzelner Gewerbszweige. Kleinhandlungen mit geistigen Getränken handelte. In erster Linie sollte dem Kleinhandel mit Branntwein oder vielmehr dem übermäßigen Genusse dieses gefähr- lichen und durch seine zunehmende Billigkeit immer leichter erreichbaren Reizmittels in den untern Klassen entgegen gewirkt werden. Die neue Gewerbeordnung des norddeutschen Bun- des behält nach dem Antrage Miquel’s das Konzessions- wesen für die Gast- und Schankwirthschaft, sowie für den Detailhandel mit geistigen Getränken bei; die Er- laubniß wird nicht auf eine bestimmte Zeit ertheilt, sie kann Personen nicht mehr versagt werden, denen nur der vage leicht zu Willkür führende Begriff der soge- nannten Zuverlässigkeit fehlt, wie der Entwurf wollte, sondern nur solchen, gegen die besondere gravirende Thatsachen vorliegen, oder welche kein geeignetes Lokal haben. Es bleibt aber der Landesgesetzgebung vorbe- halten, in Bezug auf den Branntweinausschank auch die Bedürfnißfrage zu prüfen. Darnach werden in Preußen einige bisher hervortretenden Mißstände und Willkürlich- keiten der Konzessionspraxis verschwinden, in der Haupt- sache aber wird das System dasselbe bleiben. Wenn wir im Vorstehenden sahen, daß bei den Wirthschaftsgewerben noch durchaus die kleinen Geschäfte vorwalten, so sind die Ursachen ähnliche, wie bei allen Nahrungsgewerben, wie beim Detailhandel mit Lebens- mitteln und Kolonialwaaren; ich habe sie theilweise schon berührt, aber ich muß nochmals auf sie zurückkommen. Ich betonte als Hauptursache der kleinen Geschäfte das lokale Bedürfniß; das allein aber würde nicht Der proletarische Kleinbetrieb in den Nahrungsgewerben. genügen, die große Zahl allzukleiner Betriebe hervor zu rufen. Denn dem stehen immer wieder die Vortheile größerer Geschäfte entgegen; wie viel billiger läßt sich im Großen kochen und doch herrschen die kleinen elenden Garküchen vor; wie viel billiger läßt sich im Großen einkaufen, und doch überwiegen die kleinen Kramläden, die kleinen Gewürz- und Kaffeekrämer. Das hängt eben mit dem übermäßigen Andrang zu allen diesen leicht betreibbaren Geschäften zusammen, welcher dann besonders erfolgt, wenn bei rasch wachsen- der Bevölkerung die Erziehung der untern Klassen zur Arbeit, die Gelegenheit zu Ausbildung und zu Verdienst nach andern Richtungen zeitweise nicht ebenso wächst. Die übermäßige Konkurrenz drückt dann auf alle diesen Thätigkeiten Angehörenden; Mißbräuche und Unreellität steigern sich; das ganze Standesbewußtsein und Ehr- gefühl der Betreffenden wird dadurch herabgedrückt; Lotterkredit wird gegeben, nur um Kunden anzuziehen. Vergl. oben S. 113 ff., S. 153, S. 213 ff. — Huber, dessen eben erfolgten Tod die Wissenschaft ebenso zu beklagen hat, wie der Arbeiterstand und alle Freunde der Arbeitersache, spricht sich noch neulich in dem Artikel über die Arbeiterfrage in Deutschland (deutsche Vierteljahrsschrift Juli — Septemberheft 1869. S. 173 ff.) über den verderblichen Ein- fluß dieser Elemente aus, er betont die Vertheuerung und Adulteration aller Lebensbedürfnisse, die Ueberfüllung konkur- rirender Verkaufsstätten, die Ueberreizung von Produktion und Konsumtion. Wo 3—4 einfache oder kooperative Geschäfte mit einem Perfonal von 2—3 Dutzend Personen ausreichten, — sagt er, — wird die 4—5 fache Zahl beschäftigt, die Kosten werden ver- theuert, Schwindel aller Art, trügerischer Kredit als Reizmittel Die Umbildung einzelner Gewerbszweige. Man wird mir entgegnen, diese Behauptungen seien übertrieben und ich gebe es auch zu, daß sie es, so allgemein ausgesprochen, sind. Ich muß mein Urtheil noch etwas begrenzen. Es ist ganz wahr nur so weit, als diese Geschäfte mehr dem Dienste der untern Klassen sich zuwenden. Die Restaurants, in welchen der Gebildete ißt, die feinen Weinstuben, die Detailläden mit guter Kund- schaft sind etwas für sich; sie erfordern größeres Kapital, einen anständigen Geschäftsführer. Je weiter man aber herabsteigt, desto schlimmer wird es. Und da ist die eigenthümliche Ursache, welche die vielfach korrupten kleinen theuren Geschäfte erhält, eben die, daß der wohl- habendere anständigere Geschäftsmann, der ihnen allein mit Erfolg Konkurrenz machen, sie, was wünschenswerth wäre, ganz beseitigen könnte, dazu keine Lust hat wegen der Personen, mit denen er dadurch zu thun bekäme. Mehr als man glauben sollte, sucht jeder Gewerbe- treibende in seinem Geschäfte neben dem Gewinn den sozialen Zusammenhang; jeder will möglichst vornehme, wohlhabende Kunden. sind die Folge. — Der Altenaer Handelskammerbericht pro 1867 (preuß. H.-K.-B. S. 1182) sagt: „Das Kapital trägt eine schwer wiegende Schuld, so lange man zugeben muß, daß der Arbeiter seine Lebensbedürfnisse am theuersten bezahlt, obgleich seine Mittel die kleinsten sind. Niemand kann sich auch mit Unwissenheit entschuldigen gegenüber dem schreienden Mißstande, daß ein großer Theil der Arbeiter noch in der traurigsten Ab- hängigkeit in Folge der leichtsinnigen Borgschulden lebt.“ — Segensvoll wird in dieser Beziehung das gesetzliche Verbot der Beschlagnahme nicht verdienter Löhne wirken. Die Schattenseiten des proletarischen Kleinbetriebs. Hiervon giebt es in großen Städten einige wenige Ausnahmen, besonders was große Vergnügungslokale betrifft; aber in der Hauptsache ist der kleine Mann auch in der größten Stadt auf die kleine elende Gar- küche, auf die erbärmlichste Schnapsschenke, auf den korruptesten Spezereiladen angewiesen; sie allein nehmen ihn als Kunden an, weil sie keine bessern erhalten. Selbst die Hökerfrauen auf dem Gemüse-, dem Butter-, dem Fischmarkt machen strenge Unterschiede der Art. So leiden die kleinen Leute nicht bloß als Produ- zenten, sondern vor Allem auch als Konsumenten. Die Vortheile der großen Geschäfte kommen ihnen nicht ein- mal da zu Gute. Die kapitalbesitzende Privatspekulation arbeitet nicht für sie, weil sie sich nicht mit ihnen beschmutzen will, weil sie sich vor ihrer Zahlungsunfähig- keit fürchtet. Es ist dieselbe Ursache, welche in den großen Städten die Miethpreise für ärmliche Wohnungen unnatürlich anschwellen läßt, während die Privatspekulation noch fortfährt elegante Quartiere zu bauen, selbst wenn solche schon in übergroßer Zahl angeboten sind. Ein Beweis, daß diese Mißstände vorhanden sind, liegt darin, daß längst humane Fabrikanten, Vereine, Gemeinden, der Staat, wo er Privatunternehmungen hat, vor Allem aber Genossenschaften von Arbeitern selbst sich entschlossen haben, einzugreifen, das zu über- nehmen, was die Privatspekulation für die armen Leute nicht leistet. Man streitet sich in Paris, ob die neuen eleganten ungeheuren Arbeitercaf é s, in denen die Arbeiter und Die Umbildung einzelner Gewerbszweige. ihre Familien so billig essen und trinken, geheime kaiser- liche Subvention haben oder gehabt haben. Die cafés und restaurants fraternelles, die associations pour la vie à bon marché, die société de l’humanité in Lille, von welchen Huber erzählt, Huber, Reisebriefe, Hamburg 1854, I, 293. sind Sache von Ar- beitervereinen. Wenn jetzt in Paris ähnliche Riesen- küchenanstalten auch vereinzelt durch Privatthätigkeit ent- standen sind, wie die Duval’schen Etablissements, die maisons de bouillon, so sind das doch mehr Ausnah- men. In Berlin ist erst durch gemeinnützige Thätigkeit in den letzten Jahren der Verein für Volksküchen ent- standen, der durch den Betrieb im Großen im Stande ist, für 1¾ Sgr. eine ganze für einen kräftigen Mann ausreichende Portion kompaktes in Bouillon gekochtes Gemüse und Fleisch zu verabreichen. Siehe den Bericht im Arbeiterfreund V, 1867. S. 375 ff. In Sachsen Zeitschrift des sächsischen statistischen Bureaus 1857. S. 55—57. werden schon 1849—56 eine Reihe von Volksküchen erwähnt; 1855 sogar 74 an der Zahl; 1856 sind sie schon wieder auf 44 gesunken; die bloß als Wohlthätig- keitsinstitute fungirenden sind wieder eingestellt. Engel lobt ihren Erfolg außerordentlich in rein wirthschaftlicher, aber auch in hygienischer und moralischer Beziehung; er fügt hinzu: gedachte Volksküchen sind zum Theil eine Maßregel der Wohlthätigkeit und der Gesundheits- pflege, zum Theil der Sparsamkeit, am wenigsten aber wohl ein Gegenstand der Spekulation. Die Volksküchen und Konsumvereine. Mit vielen Fabriken und Etablissements sind solche Küchengeschäfte im Großen jetzt verbunden; wie auch Holz-, Mehl-, Kartoffellieferungen im Großen und zu Engros- preisen vielfach von edel- und humandenkenden Fabrik- herren und großen Grundbesitzern übernommen werden. Typisch bekannt hierfür ist ja die cité ouvrière in Mühlhausen mit ihrem Waschhaus, ihrem Badehaus, mit der großen Bäckerei, dem Schlachthaus, Kosthaus und Materialwaarendepot. Aehnliches Aufsehen haben neuer- dings die Einrichtungen von Staub in Kuchen im König- reich Württemberg gemacht. Es ist überall dasselbe Prinzip des Betriebes im Großen, das durch die Privat- spekulation nicht zur Geltung kommend, für den Konsum der kleinen Leute thätig gemacht werden soll. Am besten freilich wird der Arbeiter dem Lotter- kredit, der Abhängigkeit vom kleinen Detailladen ent- rissen durch den Konsumverein, der ihm alle Vortheile des Bezugs der Waaren im Großen bietet, theilweise auch die Vortheile der Produktion im Großen. In England wenigstens sind die Konsumvereine längst ver- bunden mit großen Assoziationsmühlen, großen Bäcke- reien, theilweise auch eigenen Schlächtereien. Auch in Deutschland haben sich die Konsumvereine jetzt rasch entwickelt. Im Jahre 1868 zählt der Schultze’sche Be- richt deren schon 555. Die meisten sind bis jetzt nur Kauf- und Verkaufsgeschäfte. Aber schon sind auch ein- zelne zur selbständigen Produktion im Großen über- gegangen. In Berlin haben die dortigen Konsumvereine eine gemeinsame große Brodbäckerei gegründet; in Saar- brücken, in Chemnitz existirt eine Assoziationsbäckerei; Die Umbildung einzelner Gewerbszweige. der Züricher Konsumverein hat eine große fünf Oefen umfassende Bäckerei, die 1863 über eine Million Pfund Brod absetzte. Pfeiffer, die Konsumvereine. Stuttgart 1865. S. 38. Man wird sich über diese Bestrebungen auf der einen Seite nur freuen dürfen. Sie liefern dem Ar- beiter billigere und bessere Waaren, sie verdrängen einen korrupten betrügerischen Kleinhandel. Aber auf der andern Seite zeigen sie wieder, daß das Gebiet, das den kleinen Geschäften bleibt, theilweise durch ihre eigenen Schuld sich einengt, daß der große Betrieb selbst da, wo soziale Verhältnisse und das lokale Bedürfniß ihm entgegenstehen, vordringt, daß, wenn die großen Unter- nehmer und das große Kapital ihn nicht einführen, die Humanität und die Arbeiter selbst ihn einführen müssen, weil er technisch zu große Vortheile bietet, weil soweit es sich um den Kleinverkauf im Detail handelt, eine übermäßige Vertheuerung durch die kleinen Geschäfte leicht eintritt, zu leicht unreelle Geschäftsverhältnisse den Konsumenten benachtheiligen. 4. Die Baumwoll- und Leinenspinnerei. Die Bedeutung der Bekleidungsgewerbe überhaupt. Der allge- meine Umschwung in ihnen. Die Handspinnerei und die Geschichte der Spinnmaschine. Die deutsche Baumwollspinnerei des vorigen Jahrhunderts. Die kleinen deutschen Maschinen- spinnereien bis 1840. Die großen Spinnereien der Neuzeit. Die deutsche professionsmäßige Flachsspinnerei des vorigen Jahrhunderts. Die Anfänge der großbritannischen Maschinen- spinnerei. Die Absatzstockung des deutschen Handgarns. Die Verschlechterung der Produktion. Die Noth der Spinner, die Veränderung der geschäftlichen Organisation. Die Zustände 1820—40; die sinkenden Garnpreise; die Versuche der Hand- spinnerei wieder aufzuhelfen. Die Abnahme der professions- mäßigen Spinnerei von 1849—61. Die nur zu langsame Entwickelung der deutschen Maschinenspinnerei. Die Lage der Handspinnerei von 1860 bis zur Gegenwart. Die Entstehung der besondern Flachsbereitungsanstalten und ihr Umfang. Den Nahrungsgewerben am nächsten an Bedeutung stehen die Bekleidungsgewerbe, ja sie überragen sie, sofern man an die gewerbliche Thätigkeit im engern Sinne denkt. Die Ausgaben einer Familie für die Kleidung betragen nach den oben schon erwähnten Be- rechnungen von Ducpetiaux, Le Play und Engel 14 bis 20 % je nach der höhern oder geringern Stellung der Betreffenden, also zusammen mit den Ausgaben für Die Umbildung einzelner Gewerbszweige. Nahrung 64 — 90 % des Gesammteinkommens. Nur eine Ausgabe kommt der für Kleidung noch nahe, die für Wohnung mit durchschnittlich 5 — 18 % der Ge- sammtausgaben, je nach Stand und Einkommen. Die Zahl der Personen, welche sich ausschließlich mit der Herstellung von Bekleidungsstücken irgend welcher Art abgeben, umfaßte (1849) in Sachsen nach Engel Zeitschrift des sächs. statistischen Büreaus 1857. S. 173. 30, 24 % der sämmtlichen Selbstthätigen, während auf die gesamm- ten Nahrungsgewerbe incl. Landwirthschaft 45, 41 % auf die Gewerbe, welche sich mit Herstellung der Wohnung im weitern Sinne abgeben 12, 22 %, auf alle andern Thätigkeiten zusammen nur 12, 13 % fielen. Sprechender läßt sich die Bedeutung der Bekleidungsgewerbe nicht hervorheben. Im Gegensatz zu den Nahrungsgewerben haben die Bekleidungsgewerbe viel weniger das Bedürfniß, in der Nähe der Konsumenten zu sein. Eine ganz andere Wirkung mußten die modernen Verkehrserleichterungen und die moderne Technik da haben. Das Leder an unseren Schuhen ist aus der Haut eines südamerikanischen Büffels geschnitten, die Wolle unseres Tuchrockes kommt aus Australien, der Rohstoff unserer seidenen Weste stammt aus China oder Indien, aus Italien oder Südfrankreich, die Baumwollfaser unseres Hemdes kommt aus Amerika oder Aegypten. Trans- portabler noch als die Rohstoffe sind die werthvollen Halb- und Ganzfabrikate. Garne und Zwirne, Leinwand und Kattun, Tuche und Teppiche gehen durch die ganze Der Charakter der Gewebeindustrie. Welt. Mehr als in irgend einer andern gewerb- lichen Branche haben sich hier die Eigenthümlichkeiten der modernen Produktion ausgebildet: eine weit gehende Anwendung von Kapital, die höchste Ausbildung des Maschinenwesens, die möglichste Ersetzung aller mensch- lichen Kräfte durch Dampfkraft, die möglichste Spezialisi- rung der Industrie nach Städten und Gegenden, wie nach einzelnen Geschäften, alles gesteigert durch die leben- digste Konkurrenz und durch die Ausbildung der weit- gehendsten Handelsbeziehungen. Es ist bekannt, daß gerade in das Gebiet der Gewebeindustrie die größten Fortschritte, die schönsten praktischen Anwendungen der Naturwissenschaften fallen. Auch das drängte vor Allem auf den Betrieb in großen geschlossenen Etablissements. Es ist eine ungeheure volkswirthschaftliche und soziale Umwälzung, die ich hier, freilich nur in ihren Hauptumrissen und nur soweit sie Deutschland und speziell Preußen berührt, zu skizziren habe. Ich werde nachzuweisen haben, in wie weit die häusliche Thätigkeit der Familie, die lokale Thätigkeit des kleinen Meisters zurückgetreten ist, in wie weit sie sich auch später, auch heute noch erhalten. Es wird sich darum handeln zu zeigen, wo der Uebergang mit harten volkswirthschaft- lichen Krisen, mit dem Ruin ganzer Gegenden und wirthschaftlichen Klassen verbunden war, und wo er — im Gegensatz hierzu — nicht nur leichter sich vollzog, sondern theilweise neben dem technischen Fortschritte von Anfang an zugleich eine soziale Besserung für die arbeitende Klasse, eine Beseitigung ungesunder Ver- hältnisse in sich schloß. — Schmoller, Geschichte d. Kleingewerbe. 29 Die Umbildung einzelner Gewerbszweige. Wir haben zuerst von der Herstellung der Garne, von der Verspinnung des Flachses, der Baumwolle und der Wolle zu reden. Das einfachste Werkzeug zum Spinnen, das man bis in die neuere Zeit noch findet, ist Kunkel und Spindel. Das 1530 erfundene Spinnrad war billig genug, um gleichfalls einzudringen bis in die untersten Klassen. Die Fürstin wie die Tagelöhnerfrau saß in früherer Zeit am Spinnrad oder arbeitete mit der Spindel; auch Männer füllten ihre Zeit damit aus. Und noch heute ist besonders auf dem Lande die Sitte noch nicht verschwunden. Das alte Mütterchen, wie die kränklichen Schwestern, die halberwachsenen Mädchen können nur so sich nützlich machen; Abend- stunden und Wintertage, welche sonst ganz verloren wären, werden nur so mit emsiger Arbeit ausgefüllt. Was so als Nebenbeschäftigung gesponnen wurde, konnte da nicht reichen, wo eine blühende Weberei exi- stirte, reichte also auch in Deutschland, besonders in Preußen und Sachsen, nicht mehr hin, als im vorigen Jahrhundert die Weberei zunahm, sich zu einem blühen- den Exportgewerbe emporschwang. Um einen Weber voll zu beschäftigen, braucht man das Gespinnst von 10 und noch mehr Spinnern. Ich erzählte oben schon, wie man in Preußen das Spinnen zu fördern suchte. S. 26 und S. 29 — 30. Man ließ die Soldaten spinnen; man führte in allen Strafanstalten das Spinnen als Hauptbeschäftigung ein; es reichte nicht; man gründete ganze Spinnerkolonien; Die Handspinnerei. die Bevölkerung mancher ländlichen Distrikte wuchs rasch unter dem Sporn der steigenden Garnpreise. Der Unterhalt, den diese Beschäftigung gab, mochte leidlich sein, so lange die Nachfrage entfernt durch die steigende Produktion nicht befriedigt wurde; aber immer war es schon damals eine elende Thätigkeit. Sie erforderte weder Kunst, noch Kraft, noch Kenntnisse; der schwäch- lichste Theil des Arbeiterstandes floß ihr zu. Eine ganze Bevölkerung, die sich ihr durch Generationen hin- durch ergab, mußte geistig und körperlich herunter- kommen. „Es war immer“ — wie Hoffmann sagt J. G. Hoffmann, Nachlaß kleiner Schriften S. 55 in der klassischen „Uebersicht der Wirkungen der Spinnmaschinen.“ — „eine Vergeudung menschlicher Kraft, weder hinreichend fruchtbar in wirthschaftlicher Beziehung, noch würdig genug in sittlicher.“ Auch in England hatte der Aufschwung besonders der Baumwollenweberei eine immer größere Nachfrage nach Garnen, nach Handspinnern erzeugt. John Wyatt Vergl. über die Geschichte dieser Erfindungen den amt- lichen Bericht der Zollvereinsregierungen über die Industrie- ausstellung von 1851, Berlin, Decker 1852, Bd. II, S. 1 ff. Ellison, Handbuch der Baumwollkultur, deutsch, Bremen 1860; Grothe, Geschichte der Baumwolle und Baumwollenmanufaktur in der deutschen Vierteljahrsschrift 1864, Heft 2, S. 77 — 121. hatte schon 1730 — 38 Versuche gemacht, eine Spinn- maschine mit einer Reihe von Spindeln zu konstruiren. Im Jahre 1738 hatte John Kay die wichtigste Ver- besserung des Webstuhls, die Schnellschütze, erfunden. Wo sie angewandt wurde, war die doppelte und mehr- 29 * Die Umbildung einzelner Gewerbszweige. fache Produktion möglich, großer Garnmangel war un- ausbleiblich. Der weitere Fortschritt in der Spinnmaschine schließt sich an den Namen von James Hargreaves, eines armen Webers, der im Jahre 1767 seine Spinn- maschine erfand und nach seiner Tochter Jenny nannte. Schon im folgenden Jahre trat Arkwright mit seiner Spinnmaschine hervor, die zum erstenmale mit Pferde- oder Wasserkraft in Bewegung gesetzt war. Bis 1785 mit einem ausschließlichen Patente versehen, baute er bereits viele Spinnereiapparate. Der Hauptaufschwung der mechanischen Spinnerei datirt aber erst von dem Er- löschen seines Patents; Samuel Crompton hatte 1775 (oder 79) die Erfindungen Hargreaves’ und Arkwright’s kombinirt, die sogenannte mulejenny konstruirt. Die letzte Vollendung erreichte die Spinnmaschine erst 1825, in welchem Jahre Roberts zu Manchester den selbstthätigen Mulestuhl erfand. Erinnern wir uns daneben, daß James Watt 1769 — 85 die Dampfmaschine, Cartwright 1787 den mechanischen Kraftwebstuhl, daß 1793 Eli Whitney in Connecticut den Saw-gine zur Trennung der Baumwolle von der Kapsel, d. h. die Maschine, welche die nothwendige Bedingung der Ausdehnung der Baum- wollkultur war, daß 1785 der Franzose Berthollet die Kunstbleiche mit Chlor erfunden hatte, daß 1798 Mac Intosh sie verbessert in England einführte, so haben wir damit das merkwürdige Zusammentreffen außer- ordentlicher Männer und Erfindungen, die alle ineinander- greifend den ungeheuren Aufschwung der Gewebeindustrie bedingten, den Uebergang zur Großindustrie von selbst nach sich zogen. Die Spinnmaschine und ihre Folgen. Der Umschwung, der sich zuerst in England und speziell in der Baumwollindustrie vollzogen hatte, mußte sich nach und nach auch anderwärts geltend machen. England konnte durch ihn billiger und besser produziren. Die Konkurrenz mit England wurde zur Existenzfrage für alle kontinentale Gewebeindustrie. Es fragte sich, welche Stellung, welchen Umfang die einzelne Industrie, zunächst hier die einzelne Art der Spinnerei hatte. Baumwolle wurde im vorigen Jahrhundert in Deutschland noch wenig getragen. Der Stoff war schon viel zu theuer; kostete doch der Centner hundert und mehr Thaler. Die am meisten getragenen Gewebearten, die Zitze und Nankings, wurden eingeführt. Gegen Ende des Jahrhunderts hatte die Baumwollweberei zwar wesentlich zugenommen; immer hatte man zu Lichtern und Lampendocht Baumwollgarn gebraucht; zu den Stoffen, welche die Zunft der Züchner webte, war es ebenfalls nothwendig. Aber in der Hauptsache hatte es doch gereicht, die Baumwolle von Frauen und Kindern um Lohn verspinnen zu lassen. Eine professionsmäßige Spinnerbevölkerung gab es wenigstens nicht in allzu- großem Umfange. Als sich daher 1738 — 79 die mechanische Baumwollspinnerei in England entwickelte, als von 1783 an auch in Deutschland die Maschinen- spinnerei begann, verdrängte sie langsam die Beschäftigung einiger alten Frauen, aber sie traf nicht eine ganze Bevölkerungsklasse in ihrem Haupterwerbszweig. Und als vollends das Sinken der Baumwollpreise und der Twiste im 19. Jahrhundert eintrat, als der Centner rohe Baumwolle, der 1817 noch 70 Thaler in Berlin Die Umbildung einzelner Gewerbszweige. gekostet hatte, bis auf 19 und 20 Thaler gegen 1829 bis 1832 sank, als damit die ungeheure Zunahme des Baumwollverbrauchs erfolgte, da dachte man längst nicht mehr an die Möglichkeit einer Handspinnerei der Baumwolle. Die Twistpreise standen so, daß damals schon eine Spinnerin selbst beim höchsten Fleiße noch 1 Sgr. mit den gröbsten Garnnummern, höchstens einige Pfennige bei höhern Nummern hätte verdienen können. J. G. Hoffmann a. a. O. S. 94 — 95. Und das Minimum des Verdienstes, mit dem sich damals eine Person begnügte, wäre doch etwa 2 Sgr. gewesen. Man verarbeitete daher schon damals nur Maschinengarn. Innerhalb der Maschinenspinnerei selbst aber trat der große Konkurrenzkampf zwischen England und Deutsch- land, zwischen den großen Etablissements und jenen kleinen Spinnereien ein, welche dem Handwerke noch nahe standen. Den Hauptanstoß erhielten die deutschen Spinnereien durch die Kontinentalsperre. Am Rhein, an der Wupper, Ruhr, Erft und Sieg, in Sachsen, Schlesien und Baiern entstanden zahlreiche, meist kleine, aber bei den damaligen Preisen sehr gewinnbringende Geschäfte. Wiek, industrielle Zustände Sachsens, das Gesammtgebiet des sächs. Manufaktur- u. Fabrikwesens, Chemnitz 1840, S. 56. Nach 1815 trat unter dem Druck der eng- lischen Konkurrenz ein Stillstand ein, manche der kleinen Spinnereien gingen wieder ein. Das Schlimmste waren von da an die Rückschläge des schwankenden englischen Marktes; nach Jahren steigender Nachfrage und steigen- Die deutsche Baumwollspinnerei. der Preise, welche wieder zahlreiche Anfangsgeschäfte hervorgerufen hatten, trat mit den Handelskrisen (so von 1825 — 26) wieder eine längere Zeit des gedrücktesten Absatzes ein, welche in England wie bei uns den kleinen Geschäften ein Ende machte. Die Zeit von 1826 — 32 war keine glänzende. Von 1833 — 36 waren wieder steigende Konjunkturen; Berichte aus dieser Zeit sagen: wenn ein Bauer oder Müller sich zu wohl fühlte, baute er eine Spinnerei. Nach den Handelskrisen von 1836 und 39 traten wieder die Rückschläge und mit ihnen wieder die zahlreichen Bankerotte der kleinen Spinner ein. So zog sich unter wechselnden Verhältnissen die deutsche Baumwollspinnerei hin, mehr und mehr auch auf ganz große Etablissements sich beschränkend, was ja in dieser Geschäftsbranche mehr als irgendwo angezeigt ist, da nicht leicht in einem Zweige so sehr wie hier das größere Geschäft immer billiger zu arbeiten erlaubt. Wenn die deutsche Baumwollspinnerei in den letzten 20 Jahren endlich in Folge der steigenden Kapitalansammlung und der Ausbildung unserer Maschinenfabriken zu vollständiger Ebenbürtigkeit mit den englischen Spinnereien herange- wachsen ist, so hat darunter nicht das eigentliche Handwerk, sondern nur ein Theil der kleinen Fabrikanten gelitten; Vergl oben die Zahlen über den Umfang der preuß. Spinnereien S. 162 — 63; sonst: Mährlen, die Darstellung und Verarbeitung der Gespinnste, Stuttgart 1861, S. 102 ff. Zollvereinsländischer Ausstellungsbericht von 1851. Bd. II, S. 10 ff. Oestr. Ausstellungsbericht von 1867, Bd. IV, S. 3 ff. der Haupterfolg aber war die wenigstens theilweise Ver- drängung der englischen Twiste vom deutschen Markte. Die Umbildung einzelner Gewerbszweige. Ganz anders lagen die Dinge in der Flachs- spinnerei. Leinwand war seit Jahrhunderten der Hauptstoff für Ober- und Unterkleider, für Bett- und Tischzeug aller Stände. Dieterici rechnet, Der Volkswohlstand im preuß. Staat, S. 142 — 46. daß 1806 im Durch- schnitt der ganzen preußischen Bevölkerung jede einzelne Person jährlich ½ Elle Wollgewebe, ¾ Ellen Baumwoll- stoffe, — aber 4 Ellen Leinwand verbraucht habe. Und zu diesem Bedarf für den eigenen Verbrauch kam der Export. Seit alter Zeit hatte man aus Deutschland viel Leinen exportirt; im 18 ten Jahrhundert hatte die Ausfuhr besonders schlesischer und westfälischer Leinwand sich wieder außerordentlich gesteigert. Und mit der Ausfuhr der Leinwand hatte sich auch die Ausfuhr von Leinengarn gehoben. Allein aus den preußischen Staaten erreichte der Werth der jährlichen Ausfuhr gegen Ende des Jahrhunderts einen Betrag von etwa 3 Millionen Thaler. Dieterici, daselbst S. 24. In ganz Norddeutschland, besonders aber in Schlesien, in Osnabrück, in Ravensberg, im Hannöver- schen und Braunschweigischen hatte sich das Spinnen verbreitet. Vergl. Gülich II, 318. Die Hauptquelle für die Geschichte der preuß. Leindwandindustrie ist Schneer, über die Noth der Leinenarbeiter in Schlesien, Berlin 1844. Vergl. auch Volz, Bei- träge zur Geschichte der Leinwandfabrikation und des Leinwand- handels in Württemberg von den ältesten bis auf die neuesten Zeiten. Württembergische Jahrbücher 1854. Heft 1. S. 148 — 184, Heft 2, S. 1 — 62. Man spann in allen Familien des Mittel- Die deutsche Flachsspinnerei vor 1800. standes, man spann in den Bauern- und Tagelöhner- hütten; man baute den Flachs selbst, bereitete ihn selbst; der Verdienst einer spinnenden Person von etwa 2½ Groschen täglich war ein hübscher Zusatz zu dem Ein- kommen aus der bäuerlichen Stelle. Daneben waren aber auch zahlreiche Spinnerkolonien, wie ich vorhin schon erwähnte, entstanden, welche fast ausschließlich vom Spinnen lebten; man hatte ihre Zunahme in jeder Weise begünstigt. Ihre Existenz war immer prekär gewesen; doch konnte eine Familie, zu 3 — 4 Köpfen gerechnet, deren jeder täglich 2 — 2½ Groschen ver- diente, noch behaglich auskommen, so lange die Lebensmittelpreise niedrig waren, so lange in theuren Jahren die Friedericianischen großen Getreidemagazine sich ihrer angenommen hatten. Mit dem außerordent- lichen Steigen aller Lebensmittelpreise gegen Ende des Jahrhunderts freilich wurde ihre Lage, trotz der noch immer dauernden Zunahme der Spinnerei, schon viel weniger günstiger, kamen Nothzustände schon da und dort vor. Vergl. Jacobi, die Arbeitslöhne in Niederschlesien, Zeit- schrift d. stat. Bür. VIII, S. 330, Anm. und Gemählde des gesell- schaftlichen Zustandes im Königreich Preußen bis 1806, Berlin 1808, I, 90; es werden daselbst die Folgen der Lebensmittel- vertheuerung für die Handwerker überhaupt beschrieben. Die Spinner, welche den Flachs nicht selbst bereite- ten, kauften denselben von den Detailhändlern, wie sie in den Spinnerdörfern vorhanden waren. Das fertige Garn wurde auf dem Garnmarkt oder an den hausiren- den Garnsammler verkauft. Die bloße Lohnspinnerei war Die Umbildung einzelner Gewerbszweige. selten. Der Spinner war selbständiger Unternehmer, Eigen- thümer des von ihm verarbeiteten Rohstoffs. Strenge gehandhabte Vorschriften über den Flachshandel, über die Garnmaße und Benennungen, über die Zahl der Fäden, welche eine Strähne, ein Gebinde enthalten mußte, über getrennten Verkauf von Kette und Schuß- garn erhielten die Geschäfte reell, schafften den Produkten Vertrauen im Ausland. Während so in Deutschland die Spinnerei neben der Weberei sich entwickelt hatte, mußten andere Länder ihr Leinengarn für die Weberei aus dem Ausland beziehen. So besonders Irland, das schon damals eine nicht unbedeutende Leinenweberei hatte. Irland allein bezog jährlich etwa 16 Millionen Pfund deutsches und holländisches Leinengarn. Zollvereinsblatt, Jahrg. 1843, S. 969 ff. Ueber die deutsche Leinenindustrie und den deutschen Leinwandhandel. Da mußte, nach der Erfin- dung der Baumwollspinnmaschine, der Gedanke nahe liegen, diese Maschine auch für die Flachsspinnerei zu verwenden. Aber es stellten sich diesem Versuche die größten Schwierigkeiten entgegen. Der Flachs erträgt das gleichmäßige Ziehen der Maschine viel weniger als die Baumwolle, die Anfeuchtung des ausgezogenen Flachses durch die Spinner wußte man lange nicht zu ersetzen. Die Herstellung der Maschinen war sehr kost- spielig; die ersten mechanischen Flachsspinnereien arbeite- ten unvollkommen und theuer. Weder die feinen, noch die ganz groben Nummern konnte man vorerst auf der Maschine spinnen. Die Flachsspinnerei 1800 — 1820. So wäre auch die Entwickelung der englischen Maschinenspinnerei zunächst eine sehr langsame geblieben, wenn nicht durch die napoleonischen Kriege, später haupt- sächlich durch die Kontinentalsperre der Bezug der deutschen Garne wie der deutschen Leinwand erschwert worden wäre. Die Preise stiegen; auch in den spani- schen Kolonien blieb die deutsche Leinwand aus; da warf sich das englische Kapital mit Macht auf die Flachs- spinnerei. Prämien für Flachsbau, halbjährig steigende Importzölle Ueber die Geschichte der engl. Maschinenspinnerei vergl. den zollver. Ausstellungsbericht von 1851, II, 155. auf fremdes Leinengarn, Rückzölle für aus- geführte Leinwand kamen hinzu, schnell und sicher die Blüthe der englischen Maschinenspinnerei herbeizuführen. Unterdessen begann in Deutschland die Noth der Spinner, übertäubt vom Lärm des Krieges, erst recht klar sich zeigend, als 1815 der Frieden wiederkehrte. Theilweise zwar hob sich der Garnbedarf und die Garnausfuhr wieder etwas, aber nicht genügend; die Baumwolle verdrängte die Leinwand mehr und mehr; der Absatz erhielt sich nur, wenn man das Handgarn immer billiger lieferte. Die Vorurtheile gegen das Maschinengarn schwanden überall nach und nach, nur in Deutschland nicht. Jedenfalls zeigte das Maschinen- garn einen Vortheil, den das Handgarn nie in dem Maße gehabt, jetzt vollends durch schlechte Produktion verlor, eine reelle Gleichmäßigkeit des Gespinnstes. Dieser letztere Umstand der abnehmenden Güte des deutschen Handgarns wurde verhängnißvoll. Noch war Die Umbildung einzelner Gewerbszweige. der Export und der innere Bedarf ein solcher, noch war innerhalb Deutschlands der Uebergang zur Maschinen- spinnerei so schwierig, theuer und unbeliebt, Die preußische Regierung hatte zuerst 1810 eine unvoll- kommene Spinnmaschine gekauft und dem Kaufmann Alberti im schlesischen Gebirge überlassen; aber erst nach Jahren war sie leidlich in Gang gekommen. S. Hoffmann, Uebersicht der Wir- kungen der Spinnmaschinen a. a. O. S. 149. daß der Handspinnerei immer noch ein großes Feld geblieben wäre, wenn sie sich nicht selbst durch die Verschlechterung des Produktes diskreditirt hätte. Gerade als die Garnpreise zu sinken begannen, fing man in Schlesien an, das sächsische Spinnrad ein- zuführen, das mehr und schneller, aber auch viel schlechter zu spinnen erlaubte. Schneer, über die Noth der Leinenarbeiter S. 11. Bei dem täglich sinken- den Lohn suchten sich die Leute durch eine immer schnellere und schlechtere Produktion zu helfen. Eine strenge poli- zeiliche Beaufsichtigung der Produkte wäre doppelt am Platze gewesen und gerade jetzt fiel sie fast ganz weg. Man hatte in Preußen mit der freiheitlichen Gewerbe- gesetzgebung die Spinner- und Weberreglements nicht vollständig aufgehoben, man hatte aber aufgehört, sie streng durchzuführen. Mehr und mehr schlichen sich betrügerische Verschlechterungen ein, die deutsche Waare kam im Ausland in Verruf. Das Maschinengarn gewann damals an Beliebtheit nur, weil man sicher war, ein gleichmäßiges bestimmtes Produkt vor sich zu haben, während das Handgarn die Publica fides, deren es früher genoß, verloren hatte. Im Jahre 1828 Die Verschlechterung des deutschen Handgarns. erklärten die britischen Kaufleute das deutsche Garn, das früher so beliebt war, sei aus diesem Grunde fast unverkäuflich. Gülich II, 467. Mit der unreellen Behandlung des ganzen Geschäfts und der sich steigernden Noth gestaltete sich auch die ganze bisherige Organisation des Geschäfts zur Geißel für die Spinner. Sie hatten früher durch den Selbst- bau oder Baarkauf des Flachses und den Verkauf des Garnes eine gewisse Selbständigkeit behauptet. Mit der Noth wurde das anders. Für den Selbstbau des Flachses fehlten die Mittel; es wurde den Leuten immer schwerer ein Stückchen Land zu pachten; sie mußten den Flachs vom Flachshändler nehmen. Dieser machte ohne- dieß schlechte Geschäfte durch die sinkenden Konjunkturen, suchte sich dadurch zu helfen, daß er immer schlechtern und billigern Flachs kaufte, den die von ihm abhängigen, an ihn schon verschuldeten Spinner doch zu den alten Preisen nehmen mußten. Der Verfall der Flachs- bereitung hängt hiermit zusammen. Gegenüber dem Garnhändler war der Spinner nicht in besserer Lage; konnte er gar keinen Flachs mehr kaufen, so mußte er froh sein, dem Garnhändler welchen um Lohn zu verspinnen; hatte er noch eigenes Garn zu verkaufen, so war er doch beim Handel immer der, den die Noth drängte zu verkaufen, der sich jeden Preis gefallen lassen mußte. Vom Händler und Faktor oft- mals gewissenlos gedrückt, hielt er sich nun seinerseits zu jedem Betrug berechtigt. Es entstand ein System Die Umbildung einzelner Gewerbszweige. der Geschäftsorganisation, das nach allen Seiten ver- giftet und verdorben, die wirthschaftliche Noth nur noch steigerte, die Bevölkerung ganzer Dörfer und Gegenden moralisch so tief herabdrückte, daß von da an das System einer in den Hütten der kleinen Leute zerstreuten Hausindustrie in manchen Kreisen für identisch galt mit der Zulassung von Betrug und Diebstahl aller Art. Man könnte glauben, die billigen Lebensmittel der zwanziger Jahre hätten die Existenz der Spinner erleich- tert; aber in Wahrheit war diese Billigkeit für sie eher verhängnißvoll. Sie ließen sich leichter die sinkenden Löhne gefallen, und als von 1828 an die Preise wieder stiegen, da war die Lage um so schlimmer. Der Ver- dienst eines westfälischen Spinners betrug 1828 selten mehr als 2 Groschen täglich. Gülich II, 489. Und daneben trieb die Landbaukrisis viele kleine Bauern, welche früher nicht gesponnen hatten, zu diesem Nebenerwerb. Es war ein zunehmendes Angebot bei sinkender Nachfrage und über- dieß lieferten die Bauern oft noch schlechteres Garn, als die professionsmäßigen Spinner. Da die Garne der deutschen Länder, wo die strengste Leggeordnung stets aufrecht erhalten worden war, wie z. B. die Hannover’schen, entschieden besser blieben, ihren Ruf im Ausland behaupteten, so suchte auch die preußische Regierung den täglich sinkenden Ruf des preußischen besonders schlesischen Handgarns durch theilweise Wiederherstellung der Reglements noch zu retten, dem unreellen Geschäftsbetrieb entgegen zu arbei- Die zunehmende Noth der Handspinner. ten. Besonders für Schlesien und die Grafschaft Glatz wurde die Verordnung vom 2. Juni 1827, Rönne, Gewerbepolizei I, 451 ff. betreffend die polizeilichen Verhältnisse des Leinengewerbes, erlassen, welche wieder einigermaßen Ordnung schaffen sollte. Aber sie genügte nicht. Daß sie nicht wagte mit der nothwendigen Schärfe und Strenge gegen die armen Leute durchzugreifen, war begreiflich, aber es wäre noch das einzige Hülfsmittel damals gewesen. Der Provinzial- landtag hatte schon 1825 es ausgesprochen und bewiesen, daß nur eine schärfere polizeiliche Regelung des Flachs- handels die Geschäfte wieder auf reelle Basis zurück- führen könne. Schneer, S. 155 ff., besonders S. 157. Wenn man übrigens die Preise betrachtet, sieht man, daß alles auf die Dauer nicht helfen konnte, der Handarbeit ihr immer schon kärgliches Verdienst zu erhalten. Hoffmann berechnet, daß der Flachs für das Schock Garn von 60 Stücken rein gehechelt, das Verdienst des Händlers eingerechnet, auf durchschnittlich etwa 18 Thaler zu stehen kam. Der Preis des Garnes Vergl. auch die Preistabelle in dem zollvereinsländ. Ausstellungsbericht für 1851. II, S. 157. war nun: Die Umbildung einzelner Gewerbszweige. Darnach blieb dem Spinner früher an dem Schock ein Verdienst von 28—32 Thlr., 1833 noch von 5 Thlr. bei dem bessern Garn, während das schlechtere, das Einschußgarn, bei dem auch viel früher die Ma- schine konkurrirte, kaum mehr einen Verdienst gab. So kam es, „daß zu Anfang der vierziger Jahre eine ganze Spinnerfamilie, Mann, Frau und Kinder, bei allem Fleiße, wenn sie fast Tag und Nacht am Spinnrade saßen, nicht über 2 Groschen täglichen Verdienstes hatte.“ Schon waren damals die Bemühungen für Ver- besserung der Flachsbereitung im Gang. Gut einge- richtete Staatsflachsanstalten, wie in Belgien, wurden vorgeschlagen und eingerichtet, um den Spinner aus der Hand des Flachshändlers zu befreien; in ähnlicher Weise sorgte man für direkten Absatz des Garns, um den wucherischen Druck des Garnsammlers von ihm zu neh- men. Durch zahlreiche Spinnschulen suchte man auf eine bessere Produktion hinzuarbeiten. In Westfalen existirten 1845 - 75 derartige Schulen, Zollvereinsblatt, Jahrg. 1845. S. 605. (aus der Enqu e te, welche das Berliner Handelsamt anstellte). Gülich IV, 447. in Schlesien wurden ebenfalls zahlreiche errichtet. Das waren Linderungsmittel der Noth; in der Hauptsache konnten sie nicht helfen, um so weniger, als die mechanische Flachsspinnerei sich nunmehr in England großartig ent- wickelt hatte, im Stande war, größere Mengen guten Maschinengarns auch nach dem Zollverein zu liefern. Die Flachsspindel in der Fabrik hatte schon 1818 etwa 120 mal so viel geliefert, als ein Handspinnrad; in Die Krisis der deutschen Handspinnerei. den vierziger Jahren nahm man an, daß ein Arbeiter mit Hilfe der Spinnmaschine 500 mal so viel liefern könne, als ein Handspinner. Auch das konnte nicht ohne Wirkung bleiben, daß sich heraus stellte, der Weber könne mit Maschinengarn täglich ⅓ mehr zu Stande bringen. Degenkolb, Arbeitsverhältnisse, S. 35 und 69. Die größte Noth der Spinner fällt in die vierziger Jahre. Tausende sind dem Hungertyphus erlegen. Die Uebelstände waren da am größten, wo das Spinnen ausschließliche Beschäftigung der Leute, ja ausschließlicher Erwerb ganzer Dörfer war, welche, erst im 18. Jahr- hundert gegründet, oft kaum einigen Grundbesitz hatten. Am meisten war dieß in Schlesien und der Lausitz der Fall, weniger in Westfalen. Schwer entschloß sich die schwächliche, durch Generationen herabgekommene Spinner- bevölkerung zu anderer Thätigkeit überzugehen. Es gab auch damals noch nicht so viele Aushülfswege, noch nicht so viele neu aufblühende Industrien, die Arbeiter suchten. Der Lohn war allerwärts noch gedrückt, erst gegen 1850 fangen die Eisenbahnbauten an, ihn zu heben. Die preußischen Gewerbetabellen verzeichnen erst von 1849 an die noch mit Handspinnerei von Leinengarn beschäftigten Personen. Ihre Zahl betrug: Schmoller, Gesch. d. Kleingewerbe. 30 Die Umbildung einzelner Gewerbszweige. Die lapidare Sprache dieser Zahlen ist deutlich und entsetzlich, wenn man das Elend bedenkt, das zwischen den Zeilen liegt. Der Sprung von 1858 — 61 ist der größte. Selbst wenn man annehmen wollte, daß er in Folge von Fehlern der Aufnahme größer sei, als die Veränderung in Wirklichkeit war, das letzte Resultat bleibt dasselbe. Die Handspinnerei als selbständige Be- schäftigung hat beinahe überall seit den letzten Jahren aufgehört. Ueber 6 Pfennige täglich läßt sich kaum mehr damit verdienen. Jacobi, Arbeitslöhne in Niederschlesien, a. a. O. S. 328. Soweit die Spinner nicht, körperlich und geistig zu tief gesunken, dem Elend nach und nach erlegen sind, haben sie in Feld- und Wald- arbeit, bei Straßen- und Eisenbahnbauten eine gesündere und besser bezahlte Beschäftigung gefunden. Die Maschinenspinnereien, welche das professions- mäßige Handspinnen zur Unmöglichkeit gemacht, waren in der Hauptsache keine zollvereinsländischen, sondern fremde, besonders englische. Für die Handspinner aber lag darin keine Erleichterung, daß die deutsche Maschinen- spinnerei sich so langsam entwickelte. Gülich IV, S. 442 ff. Und daneben hatte diese langsame Entwickelung große Nachtheile für die Weberei; der verspätete Uebergang zum Maschinen- garn war die Hauptursache, welche ihren alten Absatz vernichtete. Freilich war der Uebergang in Deutschland schwie- rig; es fehlte das große Kapital, es fehlten die Ma- schinenfabriken; vor Allem mußte es in einem Lande, Die Flachsmaschinenspinnereien. welches das Handgespinnst so billig und so über den Be- darf lieferte, schwer halten, zur Maschinenspinnerei über- zugehen. Die schutzzöllnerische Partei verlangte längst einen Schutzzoll zu Gunsten der Maschinenspinnerei, sie erinnerte an England und die englischen Schutzzölle für diese Branche, sie pochte darauf, daß Belgien, in ähn- licher Lage wie der Zollverein, sich durch Einführung von Schutzzöllen seit 1838 außerordentlich rasch eine bedeutende Maschinenspinnerei geschaffen Vergl. Ausstellungsbericht von 1851 II, 160. Hanse- mann, die wirthschaftlichen Verhältnisse des Zollvereins, Berlin 1863. S. 44 (schutzzöllnerisch-tendenziös, aber sehr gut in sach- lichen und technischen Ausführungen). und dadurch seiner ganzen Leinenmanufaktur wieder aufgeholfen habe. Man zögerte aus Rücksicht auf die Spinner, man wollte den Webern das Garn nicht vertheuern, man entschloß sich mit Recht nicht so leicht zu Erhöhung und Einführung von Schutzzöllen, obwohl ein Schutzzoll hier vielleicht eher am Platze war, als für manche andere Gewerbe. Der Export des deutschen Garnes hörte mehr und mehr auf; das fremde Maschinengarn wurde immer nothwendiger. Noch 1833 hatte die Mehrausfuhr an rohem Leinengarn 35267 Zentner betragen; schon 1840 belief sich die Mehreinfuhr auf 10939, Dieterici, Uebersicht S. 412, zweite Fortsetzung S. 521. 1842 — 46 jährlich auf 29990 Zentner. Da entschloß man sich 1847 doch zur Erhöhung des Zolls von 5 Sgr. auf 2 Thlr. pro Zentner. Doch blieb auch jetzt die Entwickelung der zollvereinsländischen Maschinenspinnerei eine sehr lang- 30 * Die Umbildung einzelner Gewerbszweige. same. Im Jahre 1843 hatten 20 Spinnereien existirt, im Jahre 1861 betrug ihre Zahl erst 38, von welchen 21 auf die ältern preußischen Provinzen kamen. Die Zahl der Feinspindeln ist in dieser Zeit im Zollverein von 36000 auf 136492 gestiegen; auch 1865 zählte man erst 219000 Spindeln. Viebahn III, 893. Die Zunahme der Maschinen- spinnerei hat in Deutschland mehr noch als in England eine Schwierigkeit: die Konstruktion von Flachsmaschinen ist so viel seltener, als die von Baumwollmaschinen, daß sich schwerer Etablissements bilden, die ausschließlich sich hiermit abgeben; nur in Irland und in Yorkshire gibt es einige wenige Firmen; in Belgien existirt ein einziges Haus von Bedeutung in Gent. In Deutschland baut Hartmann in Chemnitz, „der überhaupt Alles macht,“ auch Flachsmaschinen. Einige süd- deutsche und schweizer Maschinenfabriken haben sich darauf gelegt, es aber wieder aufgegeben, weil sich die Unmöglichkeit heraus- stellte, stets genug Arbeit in dem Fache zu finden. Selbst die paar englischen großen Fabriken fangen an, neben den Flachs- maschinen sich auf Werkzeugmaschinen zu werfen, um bei ein- tretender Ebbe nicht ganz feiern zu müssen. Oestreich. Aus- stellungsbericht Bd. II, S. 517 — 18. Die Mehreinfuhr an rohem Leinengarn war durchschnittlich 1860 — 64 noch 90667 Zentner. Oestreich zählte 1865 — 340000, Frankreich 600000, Großbritannien 1.781000 Spindeln, sie sind also dem Zollverein weit voraus. Ganz hat die Handspinnerei noch nicht aufgehört und wird nicht so leicht aufhören, da einzelne Garn- sorten nur mit der Hand zu spinnen sind. Aber es wird nur noch als Nebenbeschäftigung auf dem Lande gesponnen, und auch das schränkt sich von Jahr zu Jahr ein. Immer weniger findet dieses Garn Anwendung Die neueste Lage der Handspinnerei. für die gewöhnlichen Gewebe, welche in den Welthandel kommen; aus Bielefeld, aus dem Ravensberg’schen, aus Schlesien erzählen die Handelskammerberichte Jahr für Jahr, daß die Produktion aus Handgespinnst abnehme. Der Herforder Verein für Leinen aus reinem Hand- gespinnst ist der Auflösung nahe, schreibt der Bericht für 1864. Preußische Handelskammerberichte pro 1864. S. 152. Einzelne Theile unseres Bezirks, schreibt derselbe Bielefelder Berichterstatter 1865, A. a. O. pro 1865, S. 144; zu vergl. pro 1866, S. 209. halten vor- erst noch am Handgespinnst fest, aber ohne dabei zu prosperiren. In abgelegenern Gegenden hält sie sich eher noch. So kamen z. B. 1867 in den hannöverschen Leggebezirken von den geleggten Linnen Aber auf den Leggen, auf welchen die Handgarne noch bedeutend überwiegen, sind die absoluten Sum- men des jährlich produzirten Leinens sehr geringe und nehmen immer mehr ab. Der Bericht für die Stadt Hannover schreibt in demselben Jahre: „Die Darstellung von Handgespinnst findet zwar immer noch statt, läßt jedoch bedeutend nach. Mit der Spinnerei genau A. a. O. pro 1867, S. 668. Die Umbildung einzelner Gewerbszweige. bekannte Personen halten es im Interesse des Hand- gespinnst liefernden Publikums, wie des Handels für wünschenswerth, daß die Handspinnerei ganz aufhöre. Die Ansicht, daß Leinen von Handgespinnst besser sei, als das aus Maschinengarn, hat mehr dazu beigetragen, die deutschen Leinen zu verdrängen, als Englands mer- kantilische Lage. Das Rohmaterial wird ebenso theuer bezahlt, wie das Handgespinnst. So erzielten z. B. im letzten Winter Handgespinnste von etwa 7 Pfund 1 Thlr. 15 Gr. für das Bund, und sind zu derselben Zeit 7 Pfund Flachs mit 1 Thlr. 12 Gr. bis 1 Thlr. 15 Gr. bezahlt.“ Daß selbst der Bauer und Tagelöhner in Gegen- den, wo das Spinnen bisher üblich war, es nunmehr aufgibt und seinen Flachs verkauft, hängt mit der Um- bildung der Flachsbereitung zu eigenen selbständigen Geschäften zusammen. Das alte Rösten, Brechen und Schwingen des Flachses durch den Bauern selbst lieferte ein zu schlechtes Produkt. „Seit den 40 er Jahren haben die Schenk’sche Warmwasserröste, die Watt’sche Dampfröste, die Brech- und Schwingemaschinen von Lee, Durand, Lowder, Christian, Kuthe, Bücklers, Kaselowsky, Friedländer die weitere fabrikmäßige Zubereitung des Flachses angebahnt, welche zu ihrer Ausführung mecha- nische Kraft und Fabrikationsräume erfordert.“ Die Regierungen, wie patriotischen Vereine suchten solche An- stalten ins Leben zu rufen, um dem Flachsbau in Deutsch- land seine alte Bedeutung wieder zu geben, die große Mehreinfuhr von Flachs überflüssig zu machen. Theil- weise verbanden sich solche Anstalten mit den großen Die Flachsbereitungsanstalten. Maschinenspinnereien, theilweise traten sie selbständig auf; zuerst mehr in kleinern Umfang und mehr um Lohn den Flachs für die Eigenthümer zubereitend, die ihn dann selbst verspannen oder verkauften; später mehr als große Fabrikgeschäfte, die nicht um Lohn arbeiten, son- dern den rohen Flachs einkaufen, den geschwungenen fertigen Flachs verkaufen. Die Gewerbetabellen für 1861 zählen zum erstenmale solche Anstalten und zwar in Schlesien solche mit über 30 Arbeitern auf eine An- stalt, ähnlich große in Posen, im Königreich Sachsen, in Braunschweig; dagegen sind es in Westfalen und Süddeutschland mehr handwerksmäßige Geschäfte; denn die Zahl der Geschäfte steht der Zahl der Arbeiter so ziemlich gleich. Es handelt sich theilweise um Maschinen, welche durch einen Pferdegöpel in Betrieb gesetzt werden, um Maschinen, deren Preis einige hundert Thaler nicht überschreitet, so daß die kleinen Geschäfte auch wohl bestehen und prosperiren können. Oestreich. Ausstellungsbericht Bd. II, S. 520 ist z. B. eine ausgezeichnete Brech- und Schwingemaschine von Victor Rack in Erdmannsdorf erwähnt, welche 200 Thlr. kostet. 5. Die Wollspinnerei, die Zwirn-, Strick-, Stick- und Nähgarnfabriken, die Garnbleiche und -Färberei und die Seilerei. Der Verbrauch an Wolle und die Technik der Wollspinnerei. Die Handspinnerei und Kämmerei in früherer Zeit. Die frühe Entwickelung der kleinen deutschen Streichgarnspinnereien. Die theilweise Erhaltung der Handspinnerei. Der Kampf der großen und der kleinen Streichgarnspinnereien; die Statistik derselben 1837 — 61. Die Lage der Streichgarnspinnereien seit 1861. Die Kammgarnspinnerei. Die Handkämmerei als Lohnarbeit, die Maschinenkämmerei erst seit neuester Zeit. Der geringe Umfang der deutschen Kammgarnindustrie; das Aufhören der deutschen Handkämmerei. Die Zwirn-, Strick-, Stick- und Nähgarnfabriken. Die Garnbleichen. Die Färberei; die Abnahme der handwerksmäßigen Geschäfte, die Bildung großer fabrikmäßiger Geschäfte. Die Seilerei und die Fabriken für Seilerwaaren. Die Handspinnerei und Kämmerei von Schafwolle beschäftigte, als die neuen Spinnmaschinen entdeckt wurden, auch zahlreiche Personen; aber ihre Zahl und ihre Stellung war doch eine andere, als die der Leinengarn- spinner, und das geht auf Ursachen zurück, die bis in die neueste Zeit auch die mechanischen Wollspinnereien beein- flußt haben, die ich daher zuerst erwähnen will. Der Verbrauch an Wollgarn. Die Technik des Wollspinnens ist eine andere, weniger Arbeit erfordernde; der Verbrauch an Woll- waaren ist ein sehr viel geringerer, als der von Baum- wolle und Leinen. Ueber den Verbrauch an Wollwaaren in früherer Zeit sagt Dieterici, indem er den Verbrauch pro Kopf der preußischen Bevölkerung auf ½ Elle gegen 1800 an- schlägt: „es ist notorisch, wie arm in Bezug auf tuchne Bekleidung das Landvolk, d. h. die Masse der Nation, vor 1806 gewesen. Der Tuchrock des Bauern mußte viele Jahre aushalten und oft erschienen Knechte und Tagelöhner im strengsten Winter bei dem Gutsherrn und im Gerichtstermin im leinenen Kittel.“ Die Tuche und andere Wollwaaren werden jetzt ja leichter gemacht, aber immer kann man noch rechnen, daß sie die drei- und mehrfache Zeit von Baumwoll- stoffen aushalten, wodurch sich der jährliche Bedarf natür- lich geringer stellt. Der Wollverbrauch wird jetzt in Deutschland auf etwa 2, in England auf 5 Pfund Für Frankreich berechnet Moreau de Jonnès, Sta- tistique de l’industrie de la France (Paris 1856) S. 22 nur ½ Kilogr., also 1 Pfund pro Kopf und fügt dem bei: c’est une pénurie extrême pour le temps où nous vivons. On peut dire même que c’est une calamité publique, car le pauvre est privé des vêtements de leine qu’exige la rigueur du climat. pro Kopf berechnet, der Baumwollverbrauch in Deutsch- land auf 4, in England auf 30—40 Pfund. Dieterici und Engel rechnen pro Kopf in Preußen einen jährlichen Verbrauch (nach freilich ganz ungefähren Schätzungen): Die Umbildung einzelner Gewerbszweige. Was die Technik betrifft, so ist die Ursache der geringern Arbeit die viel geringere Feinheit aller Woll- gespinnste. Das gröbste Baumwollzeug beginnt mit 70 Kettenfäden auf den Zoll, das grobe Tuch beginnt mit 27 Kettenfäden, das mittlere hat 40—50, nur das feinste Tuch steigt bis zu 70. J. G. Hoffmann, Uebersicht der Wirkungen der Spinn- maschine a. a. O. S. 127. Die durchschnittliche Arbeit bei der Baumwollspinnerei ist nach Hoffmann mindestens die 24 fache gegenüber der Wollspinnerei. Der Werth der Wolle wird selbst durch die letzte Verarbeitung zu feinen Geweben durchschnittlich nur verdoppelt, der Werth des Flachses verdreifacht, der Werth der Baumwolle steigt auf das 10, 30 und mehrfache durch die Verarbeitung bis zu bessern Geweben. Die Vortheile der Maschine und des Großbetriebs sind damit selbstverständlich für die Wollindustrie kleinere. Spinnereien als selbständige Ge- schäfte waren und sind auch dadurch für Wolle schwieriger zu etabliren, daß die Wolle pro Zentner 40—100 Thlr. kostet, während die Baumwolle von ähnlichen Preisen zu Anfang des Jahrhunderts bis auf wenige Thaler herab- gesunken ist. Aus diesen Gründen war auch die Wollspinnerei früherer Zeit, welche das Garn für die wollenen Gewebe, wie zum Stricken und zu Strumpfwaaren mit der Hand Die Wollspinnerei in früherer Zeit. und dem Spinnrad zu liefern hatte, niemals ein so bedeutendes Gewerbe, wie die Flachsspinnerei; sie war selten ein selbständiges Gewerbe wie jene. Auch im Mittelalter bildeten nur in den größten und blühendsten Städten der damaligen Tuchindustrie die Wollschläger, die Wollkämmer und die Wollspinner eigene Zünfte. Meist wurde das Schlagen der Wolle von den Tuchmachern selbst besorgt; das Kämmen wurde beinahe durchaus von Frauen um Lohn betrieben und selbst das Spinnen war mehr Nebenbeschäftigung der untern Klassen überhaupt; vielfach hielten sich die Weber eigene Knechte und Mägde zu diesem Geschäfte. (Hildebrand) zur Geschichte der deutschen Wollindustrie, in Hildebrand’s Jahrbücher VII, S. 90. Das vorige Jahrhundert, dessen Wollindustrie die der früheren Zeit ja im Durchschnitt keinenfalls erreichte, kannte zwar neben der Hausspinnerei professionsmäßige Spinner, aber nicht in zu großer Zahl; die armen Leute in den Städten der Wollindustrie, in nächster Nähe der Tuch- macher und Raschmacher gaben sich damit ab. Sie bildeten nicht wie die Leinenspinner ganze Kolonien auf dem Lande. Justi, Abhandlung von denen Manufaktur- und Fabrikenreglements zur Ergänzung seines Werkes von denen Manufakturen und Fabriken, Berlin und Leipzig 1762. S. 48. Sie waren nicht Unternehmer, wie jene; sie waren zum Einkauf des Rohmaterials viel zu arm. Die Wolle war zu theuer, der Wollhandel war schon entwickelt, selbst die Webermeister waren theilweise ja zu arm, Wolle selbst zu kaufen. Das Bild, das uns aus den zahlreichen Reglements des vorigen Jahr- Die Umbildung einzelner Gewerbszweige. hunderts entgegen tritt, ist folgendes. Der Weber mit seinen Gesellen und Jungen sortirte, schlug und reinigte die Wolle, gab sie dann dem Spinner und Kämmer, der für ihn um Lohn arbeitete; dann erst wurde gewebt, gewalkt, appretirt, und wenn der Weber nicht Eigen- thümer des Rohstoffes war, erhielt nun der Verleger das fertige Produkt gegen den Lohn zurück. Das erklärt es, daß die Stockung des Absatzes von Wollwaaren zur Zeit der napoleonischen Kriege und der Uebergang zu der kleinen Spinnmaschine, der sich schon zu Anfang des Jahrhunderts vollzog, nirgends als ein allgemeiner Nothstand, als der Ruin eines blühen- den Handwerks empfunden wurde. Für das sogenannte Streichgarn, d. h. für das Garn zu gewalkten Waaren, Flanellen und einigen andern Stoffen, bedurfte es damals nur sehr einfacher Maschinen. Das Garn darf nicht scharf gedreht sein, muß einen ziemlichen Durchmesser haben, um den Ein- fluß des Walkens nicht zu widerstehen. Maschinen hierzu waren leicht zu bauen, leicht zu bezahlen. Wohlhabende Tuchmacher, deren es, wie ich unten noch zeigen werde, besonders in Preußen und Sachsen damals ziemlich viele gab, erwarben schnell und zahlreich solche kleine Maschinen; auch kleine handwerksmäßige Lohnspinne- reien entstanden. „Schon vor 1800 bauten in Berlin die Mechaniker Hoppe und Tappert Maschinen zum Schrobbeln, Streichen und Spinnen der Wolle, in welchen letztern dreißig Spindeln gleichzeitig gingen und welche man zur Produktion ordinärer Garne mit Erfolg verwendete.“ Der englische Maschinenbauer Cockerill Die kleinen Streichgarnstühle und die Handspinnerei. brachte bald darauf seine schon viel vollendetere Woll- spinnmaschine nach Verviers, führte sie dann auch in Aachen ein, und seine Söhne errichteten schon 1815 aus Veranlassung der preußischen Regierung eine hierzu eingerichtete Maschinenfabrik in Berlin. Neben diesen kleinen rasch sich verbreitenden Streich- garnspinnmaschinen erhielt sich bis in die neueste Zeit in abgelegenen Gegenden als Nebenbeschäftigung die Handspinnerei. Wo der Bauer sein eigenes Tuch sich noch webt, da spinnt er auch die Wolle dazu. Mehr noch wird zu Strick- und Strumpfwaaren das Garn mit der Hand gesponnen. In Thüringen, Westfalen und Württemberg gibt es bis in die neuere Zeit noch Spinnerfamilien, doch dringen auch auf dem Lande die Maschinenstrickgarne täglich weiter vor. Die preußische Statistik verzeichnet die Wollspinner zusammen mit den gewerbsmäßigen Wollstrickern; das erschwert eine sichere Beurtheilung der Verhältnisse nach den Zahlen; auch die Grenze zwischen gewerblicher und Hausarbeit ist natürlich schwankend. Man zählte in Preußen: So viel sieht man aus den Zahlen, daß es sich um kein bedeutendes Gewerbe mehr handelt, auch nicht um ein plötzliches Zurückgehen. Wohl galt es noch einen Kampf zwischen dem kleinen und dem großen Betrieb; aber die Losung war hier nicht mehr: Handarbeit oder Maschine, sondern: kleine oder große Maschine! Es hatte sich der Kampf Die Umbildung einzelner Gewerbszweige. zu vollziehen zwischen den handwerksmäßigen Spinn- stühlen von 30 — 40 Spindeln und den großen Etablisse- ments. Es ist der Kampf zwischen den professions- mäßigen Tuchmachern und den Tuchfabriken, auf den ich weiter unten nochmals komme. Es ist bekannt, wie rasch und kräftig sich die große deutsche Tuchindustrie schon in den dreißiger und vier- ziger Jahren entwickelte; es ist bekannt, daß bei ihr eine Konzentration sich vollzog, weiter gehend sogar als in England. Damit war aber zugleich die Unhaltbar- keit der kleinen Streichgarnspinnereien von 30 — 40 Spindeln gegeben. Es spricht sich das deutlich und klar in der folgenden Uebersicht der preußischen Streichgarnspinnereien, welche erst von 1837 an aufgenommen wurden, aus: Bis Anfang der vierziger Jahre deuten die Zahlen noch überwiegend auf kleine Geschäfte; es sind Spinne- reien in der Hand der Tuchmacher; dieselben hatten ein oder zwei Stühle mit je 40 Spindeln in ihrer eigenen Wohnung und besorgten das Spinnen darauf selbst mit Die Krisis der kleinen Streichgarnspinnereien. Hülfe der Familienmitglieder und Hausgenossen. Noch 1843 hatten von den 3300 Maschinen 2894 zusammen 163211 Spindeln, also eine 56; in Preußen, Posen, und Pommern kamen 1843 auf ein Geschäft nur 45 Spindeln; es scheint, sagt Hoffmann, daß es in diesen Provinzen keines gab mit über 80 Spindeln. In der Mark hatten die Tuchmacher noch fast ausschließlich eigene kleine Spinnereien; im Regierungsbezirk Frankfurt kamen 150 Spindeln auf eine Spinnerei. Nur in Schlesien und am Rhein war es damals schon wesentlich anders. In Schlesien hatten sich schon damals größere Lohnspinnereien gebildet, welche für die Tuchmacher wie für die Tuchfabrikanten arbeiteten. In der Gegend von Aachen hatten die Tuchfabrikanten meist schon ihre eigenen größern Spinnereien; im Regierungsbezirk Aachen kamen damals schon auf ein Geschäft etwa 1000 Spindeln. In die Zeit von 1843 — 55 fällt die Hauptkrisis; es ist die kritische Zeit für die kleinen Tuchmacher; ihr eigenes Garn, wie ihre eigene Walkerei, Färberei und Appretur können nicht Schritt halten mit den Verbesse- rungen, und damit verschwinden auch die kleinen Spinnereien nach einander. Von 1855 — 61 setzt sich diese Richtung fort, etwas weniger akut, weil diejenigen, welche am wenigsten konkurriren konnten, schon gefallen sind. Die Zahl der Geschäfte sinkt von 1843 — 61 auf den dritten Theil herab, der Umfang der einzelnen Spinnereien steigt auf das dreifache bis sechsfache. Doch ist der Verlauf der Krisis sehr verschieden nach den Provinzen. In Preußen, Posen, Pommern gibt es Die Umbildung einzelner Gewerbszweige. 1861 noch 84 Spinnereien mit durchschnittlich 102 — 186 Spindeln; in der Provinz Sachsen hat ein Geschäft 1861 durchschnittlich 288, in Brandenburg und Schle- sien 524, am Rhein 1246 Spindeln. In den übrigen Theilen des Zollvereins sind die Verhältnisse ähnlich; die Krisis fällt auch meist in die vierziger Jahre. Die Umbildung zu größeren Geschäften geschieht in den beiden letzten Jahrzehnten. Im Jahre 1861 zählte man im ganzen Zollverein 1797 Streichgarnspinnereien mit 1.117870 Feinspindeln, auf eine Spinnerei durch- schnittlich 15 Personen und 629 Spindeln. In der Zeit nach 1861 hat sich noch Manches geändert; die Arbeitstheilung, die Spezialisirung, die Anwendung von weitern Maschinen hat zugenommen, aber mehr in andern Ländern, besonders in England und Frankreich, Oestreich. Ausstellungsbericht Bd. IV, S. 86. ohne daß sich sagen ließe, daß die zollvereinsländische Industrie zurückgeblieben wäre. Es kommt wesentlich auf die einzelnen Spezialitäten an. Auch in England gab es noch 1850 neben den großen Streichgarnspinnereien viele mit nicht mehr als 100 Spindeln. Mährlen, die Darstellung und Verarbeitung der Ge- spinnste, S. 187. Theilweise ist das dort jetzt noch so. Es können sich auch kleinere Geschäfte noch halten für ein- zelne Artikel, für gröbere Waaren, für den Lokalbedarf der mittleren und untern Klassen. Die ganze Tuch- industrie, besonders die Produktion gröberer Tuche, wie sie der Zollverein hauptsächlich liefert, stellt beschei- Die jetzige Lage der Streichgarnspinnerei. denere Anforderungen an die Spinnerei, hat etwas Stabileres, Einfacheres, als die Produktion der Mode-, der Phantasieartikel, der nouveautés und hautes nouveautés, wie sie vor allem die Franzosen erzeugen, oder die Produktion der ganz feinen Modetücher, wie sie von Aachen aus Absatz auf allen Weltmärkten finden. Je feiner die Artikel sind, für welche das Garn bestimmt ist, desto mehr werden alle die neuen komplizirten Maschinen nothwendig, desto mehr wächst der Umfang der Spinnereien. Die Krämpel- oder Krazmaschinen, die Vorspinn- und die Feinspinn- maschinen fehlen in keiner großen Fabrik mehr. Dagegen sind Selfactors noch selten. Erst seit Anfang der sechsziger Jahre wurden dieselben auf die Streich- garnspinnerei angewandt. Erst in neuerer Zeit gewinnen die Wollwasch- und Trocknungsmaschinen an Ausdeh- nung. Auf der pariser Ausstellung von 1867 machte eine Wollwaschmaschine aus Rouen großes Aufsehen, welche mit einer Frau und einem Arbeiter leistet, was früher 28 Leute thaten, wodurch sich der dortige Fabri- kant eine tägliche Ersparniß von 60 Francs berechnet. Oestr. Ausstellungsbericht Bd. II, S. 536. Das läßt sich nicht leugnen, daß die neugegrün- deten Geschäfte meist auf breitester Grundlage beginnen; besonders in ganz neuen Branchen ist das ersichtlich, z. B. in der Kunstwollfabrikation, d. h. der Herstellung von neuem Garn aus alten Tuchresten. Eine Reihe großer Aktiengesellschaften hat sich auch in der Streich- garnspinnerei gebildet. Schmoller , Gesch. d. Kleingewerbe. 31 Die Umbildung einzelner Gewerbszweige. Allerdings erfolgt damit wieder eine theilweise Trennung bisher in einheitlichen Etablissements ver- bundener Geschäfte. Das Waschen und Reinigen der Wolle fängt an, ein selbständiger Industriezweig zu werden. Vergl. östr. Ausstellungsbericht Bd. IV, S. 14. Anm. 2. Die neuen großen Spinnereien sind nicht mehr so häufig wie früher mit Tuchfabriken verbunden, sondern beschränken sich auf das Spinnen und Färben der Wolle um Lohn oder auf eigene Rechnung, was freilich nur beweist, daß in den bisher bestehenden Etablissements zu Verschiedenartiges zusammengehäuft war, nicht daß wieder kleine Geschäfte entstehen. Im Ganzen aber ist die Streichgarnspinnerei doch entfernt nicht so konzentrirt, wie die Baumwollspinnerei; selbst die größten Geschäfte haben nicht über einige tausend Feinspindeln. Die lokale Verbreitung ist eine gleichmäßigere. Weniger läßt sich das von der andern Art der Wollspinnerei, der Kammgarnspinnerei sagen. Man bezeichnet die Kammgarne ( worsted yarn ) gewöhnlich dadurch, daß man hervorhebt, sie seien für die ungewalkten Gewebe bestimmt; das ist insofern nicht ganz richtig, als es auch eine Reihe ungewalkter Gewebe aus Streichgarn gibt. Das Kammgarn ist das- jenige, welches für Thibets, Orleans, für Hosen-, Westen-, Möbelstoffe, für gemischte Gewebe bestimmt ist; es wird meist aus der langhaarigen Wolle des englischen Landschafes, oder aus Alpaka- und Mohair- wolle gefertigt; nur ein kleiner Theil des Lüstre- Die Kammgarnspinnerei. garns ist aus Merinowolle. Die Wolle wird nach der Wäsche zuerst gekämmt, dann durchschnittlich viel feiner gesponnen als das Streichgarn und stärker gedreht. Die ganze Technik ist komplizirter und schwieriger, und doch hat die Handarbeit hier lange sich behauptet. Die Maschinen waren schwieriger zu konstruiren. Besonders das Kämmen geschah bis in die neuere Zeit mit der Hand, aber viel weniger in selbständigen Geschäften, sondern um Lohn von einzelnen Arbeitern, von Weibern, von Züchtlingen für die betreffenden Weber und Fabriken. Es war kein selbständiges, gesun- des Gewerbe, wenn auch der Lohn zeitweise, wie in England bei dem großen Aufschwung der Worstedfabriken, hoch stand (17—20 Sh. die Woche). Ausstellungsbericht von 1851, II, 64: man zählte in der Grafschaft York 1851 auf 423 Fabriken und 118433 Arbeiter (incl. der Kämmer) — 30000 Handkämmer. „Die Hand- kämmerei“, schreibt Wiek 1840, Industrielle Zustände Sachsens S. 221. „ist der große Hemm- schuh der Spinnerei; gekämmte Wolle ist nicht immer zu haben; die verschiedenen Hände kämmen ungleich; die Veruntreuung, ja die Umtauschung der Wolle ist nicht zu vermeiden; die gekämmte Wolle (der Zug) wird durch Oel verunreinigt.“ Doch wollte es lange nicht gelingen, brauchbare und billiger arbeitende Kämm- maschinen zu konstruiren. Erst in den fünfziger Jahren, mehr noch seit 1861 trat der Umschwung ein. Ein Handspinner hatte täglich etwa 1½ Pfund Zug und etwa eben so viel Abfall (die Kämmlinge) liefern können; die Collier’sche Kammmaschine lieferte nun mit wenigen 31 * Die Umbildung einzelner Gewerbszweige. Händen 50—60 Pfund Zug per Tag; weitere Ver- besserungen brachte das Heilmann’sche System, das Nobelsystem, die Morel-Kammmaschine, welche auch gröbere Wolle und ohne viel Abfall kämmen. Oestr. Ausstellungsbericht von 1867 Bd. IV, S. 65. Eine Morel’sche Maschine kostet 8000 Francs und fordert ½ Pferdekraft, liefert mit einem Arbeiter in 12 Stun- den 350 Kilo, d. h. 700 Pfund. Daselbst II, 555. Für Deutschland war der Uebergang von der Hand- kämmerei zur Maschine, wie von der Handspinnerei zur Maschine, nicht von sehr großem Einfluß, da der Um- fang dieser Industrie früher nicht bedeutend war. Die Raschmacher hatten das sogenannte Rasch, ein ziemlich grobes Gewebe, welches meist zum Futter besserer Kleider verwendet wurde, geliefert. Was an feinern Stoffen derart, besonders für die Frauenkleider der höhern Stände verwendet wurde, kam aus Belgien, Frankreich und England. Aber der Verbrauch auch dieser Stoffe nahm eher noch ab, als zu Anfang dieses Jahrhunderts die feinern, mannigfaltigen Baumwollstoffe sich mehr und mehr verbreiteten. Die Produktion solcher Stoffe war gegen 1840 beinahe verschwunden. Erst von da brachte die steigende Wohlhabenheit, die Unzufriedenheit mit den vielfach schlechten Baumwollwaaren wieder eine größere Neigung für derartige Gewebe hervor. Es entstanden zunächst eine Anzahl fast durchaus kleiner Spinnereien; aber ihre Bedeutung war nicht groß; 1840 kamen in Preußen Die geringe Zahl deutscher Kammgarnspinnereien. auf 380839 Streichgarnspindeln nur 56258 Kamm- garnspindeln. Und ihre Zahl nahm sogar mit dem größern Bedarf noch mehr ab, weil die kleinen Spinne- reien in dieser Branche viel weniger die Konkurrenz des Auslandes aushalten konnten. Im Jahre 1846 war die Zahl der Spindeln in Preußen auf 32470 gesunken; 1861 sind es 47153, die sich aber jetzt auf einige wenige große Geschäfte (auf 49 in ganz Preußen, 1846 noch 253) vertheilen. Im ganzen Zollverein zählte man 1861 - 146 Kammgarnspinnereien mit 251897 Spindeln. Noch jetzt besteht der überwiegende Theil der großen Einfuhr von einfachem Wollgarn des Zoll- vereins (213071 Ztr. im Jahre 1864) aus Kamm- garnen. Immerhin aber existiren jetzt eine Anzahl großer Kammgarnspinnereien in Schlesien, Brandenburg, am Rhein, vor allem im Königreich Sachsen und in Baiern. Aber sie sind meist ziemlich jungen Ursprungs und haben dann gleich von Anfang an einen den englischen Geschäften ähnlichen Charakter angenommen, jenen Charakter der Großartigkeit, wie er hier aus der Natur der Sache folgt. Die Mode stellt an diese Garne gegenwärtig so hohe Forderungen in Bezug auf Ansehen, Weichheit, Farbe, Elastizität, Leichtigkeit und Geschmeidigkeit, daß nur die raffinirteste Anspannung und Anwendung aller technischen Mittel auf dem Markte bestehen kann. Was durch diese Anstalten jetzt bei uns verdrängt wird, ist die fremde Einfuhr, keine einheimischen kleinen Geschäfte. Ebensowenig kann man das Aufhören der Hand- kämmerei, das sich in den letzten zwanzig Jahren voll- zogen hat, beklagen. Theilweise verschwinden damit, Die Umbildung einzelner Gewerbszweige. wie schon erwähnt, gar keine selbständigen Geschäfte, sondern nur Lohnarbeiter der Weber und Fabriken; theilweise wurde das Kämmen allerdings auch als selb- ständige Unternehmung auf eigene Rechnung betrieben. Es gab solche Geschäfte in Sachsen, in Thüringen, in Württemberg, in Brandenburg, in Schlesien, am Rhein. Die preußische Statistik gibt insofern keine klare Auskunft über sie, als sie sie mit der Leisten- (Kuhhaar-) spinnerei, Haarspinnerei und früher mit der Hand- spinnerei zusammen aufführte, auch wahrscheinlich Ar- beiter mit aufzählt, die nicht für diese Geschäfte, sondern direkt für Fabriken arbeiteten. Die Zahlen sind folgende: Eine Zunahme der Anstalten bis 1855, der Per- sonen bis 1849; von da an rasche Abnahme. Es wird jetzt bald nur noch in den großen Kammgarnspinnereien selbst mit den peigneuses gekämmt werden. Im Anschluß an die Spinnerei noch einige Worte über die Herstellung von Zwirn, Strick-, Stick- und Nähgarn, einschließlich der Garnbleiche und Färberei, und über die Seilerei. Was die Zwirne und mehrfachen Garne betrifft, so ist klar, daß mit der Maschinenspinnerei auch sie der maschinenmäßigen Anfertigung im Großen anheim- Die Zwirn- und Garnfabriken. fielen, daß die kleinen handwerksmäßigen Geschäfte in den Hintergrund traten. In Preußen sind sie 1846 zum ersten Male aufgenommen. Man zählte: Die Umbildung fällt in die Zeit von 1855—61. In andern deutschen Staaten sehen wir auch 1861 noch viel kleinere Geschäfte, die immerhin auch nicht bloß für den lokalen Bedarf arbeiten; z. B. werden in Württemberg 24 Geschäfte mit 395 Personen, in Sachsen 118 Geschäfte mit 472 Personen gezählt. Das sind entschieden noch mehr handwerksmäßige kleine Unter- nehmungen. Aber es ist fraglich, ob sie sich auf die Dauer halten werden. Wenn es sich darum handelt, in dieser Branche die englische Konkurrenz zu beseitigen, besonders die immer noch sehr starke Einfuhr von Leinen- zwirn überflüssig zu machen, so werden dazu nur größere Geschäfte im Stande sein. Aehnlich verhält es sich mit den Garnbleichen und Garnfärbereien aller Art, die nur theilweise als selb- ständige Geschäfte, theilweise verbunden mit andern Be- trieben, Stückbleichen, Appreturanstalten, Stickgarn- fabriken, vorkommen. In Schlesien existiren viele Garnbleichen für Leinen und Baumwolle; seit alter Zeit ist Elberfeld und Barmen dafür bekannt; sie hatten schon 1790 - 150 Garnbleichen. Der Verbrauch gebleichter Garne für die Weberei ist im Zunehmen. Im Jahre 1846 wurden in Preußen 206 Garnbleichen mit 989 Arbeitern, Die Umbildung einzelner Gewerbszweige. 1861 230 mit 1124 männlichen und 226 weiblichen Arbeitern, im ganzen Zollverein 403 Anstalten mit 1623 männlichen und 420 weiblichen Arbeitern gezählt. Die Garnfärberei lag früher mit in der Hand der professionsmäßigen Färber, welche in der Regel alle Zweige der Garn- und Stückfärberei, des Wiederauf- färbens, häufig auch noch die Druckerei zugleich betrieben. Derartige Geschäfte existiren immer noch für den Lokal- bedarf, sie arbeiten für kleine Spinnereien und Webereien. Aber sie haben doch schon bedeutend abgenommen; die fabrikmäßigen Garnfärbereien, welche sich auf einzelne Spezialitäten legen, die Kattundruckereien, die Färbe- reien, welche mit den Wollspinnereien und Tuchfabriken vereinigt sind, ersetzen sie. Bis 1837 wurden sie in Preußen mit den Kattundruckern zusammengezählt, daher die Abnahme von 1837—40 viel zu groß erscheint; aber auch von 1840—61 bleibt sie bedeutend. Man zählte in Preußen: Der Rückgang des Gewerbes wurde von den Meistern wohl als Kalamität empfunden, aber die Ge- sellen kamen leicht in den Fabrikgeschäften unter. Die Färberei. Von den fabrikmäßigen Garnfärbereien haben beson- ders die Türkischrothfärbereien Fortschritte gemacht. Von Elberfeld und Barmen, wo sie seit 1780 blühten, haben sie sich auch nach Sachsen und Süddeutschland verbreitet; man zählte in Preußen 1849 erst 22 mit 831, 1861 36 mit 1388 Arbeitern. Die andern Garnfärbereien in Wolle und Baumwolle wurden früher in Preußen mit den Färbereien überhaupt zusammen gezählt; 1861 erst wurden sie besonders aufgenommen; man zählte in Preußen 561 Anstalten mit 2526 Arbeitern. Sie kommen auch sonst zahlreich vor; im ganzen Zollverein betrug ihre Zahl 834 mit 3826 Arbeitern. Doch sind alle diese Zahlen wenig zuverlässig, da so viele dieser Geschäfte nicht selbständig, sondern mit andern großen Etablisse- ments verbunden vorkommen. Von besonderer Bedeutung sind die Färbereien von wollenen Stickgarnen, den soge- nannten Zephyrgarnen, deren Hauptsitz Berlin ist. In der Seilerei handelt es sich um zwei große Aenderungen. Der Hanf wird nicht mehr mit der Hand versponnen, auch hier hat die Maschinenspinnerei Platz gegriffen. Das ist aber nicht das Schlimmste für den kleinen Seilermeister; theilweise hat er dadurch sogar Förderung erhalten, indem er selbst hanfenes Maschinengarn verwendet. Siehe einen Bericht aus Chemnitz im Preuß. Handels- archiv 1868. II, 116. Der weitere Schritt aber war, daß auch für die Herstellung der Seilerwaaren selbst neue Apparate und Maschinen erfunden wurden. Der deutsche Ausstellungsbericht von 1851 schreibt schon: Die Umbildung einzelner Gewerbszweige. „Die mechanische Arbeit ist bereits in alle Zweige dieses Gewerbes eingedrungen, von der Herstellung des Bind- fadens und der Taue an, bis zu den Spritzenschläuchen, Maschinenband, ja selbst bis zur Anfertigung von Fisch- netzen. Allerdings findet bei vielen Waaren dieser Gattung keine nennenswerthe internationale Konkurrenz statt; allein trotzdem ist vorauszusehen, daß das Gewerbe überall in die drückendste Lage gerathen wird, wo man es versäumt, rechtzeitig die Handarbeit zu verlassen und auf den Maschinenbetrieb überzugehen.“ Schon 1849 zählte die preußische Fabriktabelle 7 Seilerwaarenfabriken mit 222 Arbeitern, also Geschäfte mit durchschnittlich 31 — 32 Arbeitern. Besonders wo der Absatz ein großer ist, in Fabrik- und Seestädten, oder in den Gegenden eines ausgezeichneten Rohproduktes, einer blühenden Hanfkultur haben die großen Geschäfte zugenommen. Immer aber handelt es sich in der Hauptsache nicht um einen vollständigen Uebergang zu ganz großen Etablissements, sondern nur zu etwas größern, mit Maschinen arbeitenden Handwerksgeschäften. Die Ma- schinen, welche zur Anwendung kommen, sind sehr ver- schieden; von einer Art der mechanischen Seilerei heißt es in dem Berichte über sie: die Maschine ist so klein, daß jeder sie anwenden kann; sie ist im Innern jeder Wohnung, im kleinsten Raume, wenn man will hinter dem Ofen aufzustellen. Andere sind allerdings schon viel komplizirter und theurer. Vergl. östreich. Ausstellungsbericht von 1867. Bd. II, S. 570 ff. Die Seilerei. Die preußischen Zahlen über das Seilergewerbe zeigen jedenfalls, daß der Uebergang zum Maschinen- betrieb und zu den großen Geschäften 1861 noch nicht allgemein sich vollzogen haben konnte; man zählte: Freilich darf man dabei nicht außer Acht lassen, daß sehr viele der sogenannten Seilermeister heute nur noch Detailhändler sind; sie verkaufen Seilerwaaren in der Regel zusammen mit Schnaps, mit Salzgurken, theilweise auch mit Kolonialwaaren. 6. Die Weberei überhaupt und die Weberei als häusliche Nebenbeschäftigung im Speziellen. Zur technischen Geschichte der Weberei. Die Leistungen und Preise der verschiedenen Stühle. Die verschiedene geschäftliche Organisation der Weberei und ihre Beachtung in den statisti- schen Aufnahmen. Kritik der preußischen und zollvereins- ländischen Weberstatistik überhaupt. Die Hausweberei und ihre selbständige Stellung gegenüber der Konkurrenz. Die Wollweberei in Preußen als Nebenbeschäftigung. Die Lein- wandweberei als Nebenbeschäftigung. Die preußische Statistik von 1816—61, Zunahme bis 1843, Stabilität von 1843— 1861. Die Stühle nach den einzelnen Provinzen. Schätzung der Produktion der häuslichen Weberei gegenüber der gewerbs- mäßigen. In der Spinnerei haben die großen Fabriken mit mechanischer Arbeit heute definitiv gesiegt, die Weberei steht noch mitten inne in dem Kampfe zwischen kleinem und großem Betrieb, zwischen Handarbeit und Maschinen- arbeit. Die Aenderungen in der Technik des Webens sind mehr Verbesserungen als totale Veränderungen; die wichtigsten und folgenreichsten waren auch am Hand- stuhl anzubringen, ja theilweise waren sie bis in die neueste Zeit nur von ihm auszunützen; der Maschinen- stuhl hat in der Hauptsache dieselbe Konstruktion, wie der Handstuhl, er wird nur von der mechanischen, statt Zur technischen Geschichte der Weberei. von der menschlichen Kraft bewegt; die Maschine arbeitete lange kaum oder gar nicht billiger, als der meist genüg- same Handweber; für einzelne Branchen ist die Maschinen- arbeit heute noch nicht anwendbar. Die technischen Ope- rationen, denen die Gewebe vor und nach dem Weben zu unterwerfen sind, waren es früher mehr, als die Maschinenweberei, welche der Großindustrie das Ueber- gewicht verschafften. Und aus eben dem Grunde existi- ren bis heute blühende Branchen der Textilgewerbe als Hausindustrie, mit technischer Vollendung der Gewebe durch Fabrikanten und Kaufleute. Der alte einfache Webstuhl, wie er bis zu Anfang dieses Jahrhunderts so ziemlich überall üblich war, ist beinahe Jahrtausende alt. Wir finden ihn in den Ge- mächern der Penelope, wie in den Frauenhäusern auf den großen Königshöfen und Domänen Karls des Großen. Es ist derselbe Webstuhl, an dem später die zahlreichen niederländischen Tuchmacher sitzen, den die Niederländer von da über ganz Norddeutschland verbreiten; es ist derselbe Webstuhl, der im 15ten Jahrhundert der schwäbischen Linnenindustrie zu ihrem Weltrufe verhilft, der später die große westfälische oder ravensbergische Exportindustrie, die schlesische Linnenindustrie, die sächsische und preußische Tuchmacherei des 18ten Jahrhunderts in Flor bringt. Nur eine etwas andere verbesserte Einrichtung durch eine Mehrzahl von Tritten und Schäften brauchte es, um die im 17ten Jahrhundert aus den Niederlanden nach Deutschland gebrachte Weberei der künstlerisch gemusterten Gewebe, der Drelle und Damaste zu ermöglichen. Die Umbildung einzelner Gewerbszweige. Die tägliche Leistung eines solchen einfachen Hand- stuhles ist natürlich sehr verschieden je nach der Breite, je nach dem Stoffe, sowie je nach der Feinheit des Garnes. Die Durchschnittsangaben, welche darüber früher und später gemacht wurden, ziehen zugleich häufig noch in Rechnung, daß ein großer Theil der Webstühle nur einen Theil des Tages im Gange ist; es hängt davon ab, ob der Weber noch andere Arbeit verrichtet, ob er die Hülfsoperationen selbst vornehmen muß oder nicht. Man wird bei 12 stündiger Arbeit und mittlerem Gewebe zu Anfang des Jahrhunderts nicht über 3—6 Ellen als tägliche Leistung annehmen können. Viebahn rechnet noch 1846 bei 14 stündiger Arbeit 3—6 preußische Ellen Leinwand, Dieterici etwa zur selben Zeit 5 Ellen als tägliche Leistung. Die Hauptverbesserung des gewöhnlichen Webstuhls ist die schon 1738 von John Kay erfundene Schnell- schütze, die mechanische Bewegung des Weberschiffchens; sie erlaubt viel breitere Zeuge zu weben und steigert die tägliche Ellenzahl wenigstens auf das Doppelte. In Deutschland fand die Schnellschütze erst in den zwanziger Jahren dieses Jahrhunderts allgemeinere Verbreitung. Noch neuer ist die Verbesserung des gewöhnlichen Web- stuhls durch einen Mechanismus, welcher das fertige Zeug von selbst aufwickelt und die Kette von selbst weiter abwickelt. Schon 1750 hatte Vaucanson einen Webstuhl gebaut, dessen einzelne Thätigkeiten mittelst Kurbeldrehung bewirkt wurden; aber die Einrichtung war nicht praktisch. Im Jahre 1785 ließ der Theologe Dr. Kartwright seinen Die Verbesserung des Handstuhls und der Kraftwebstuhl. mechanischen Webstuhl patentiren; aber die Anwendung scheiterte immer noch daran, daß die baumwollenen Fäden nicht fest genug waren, den kräftigen mechanischen Gang des Geschirres auszuhalten. Man half durch Bestreichen der Kette mit der sogenannten Schlichte; das kostete zu viel Zeit, bis 1802 die Schlichtmaschine erfunden wurde. Aber selbst 1813 waren noch kaum 4000 solcher Webstühle in England, als sie in diesem Jahre durch den Aufstand der Weber beinahe alle zer- stört wurden. Von da an aber fanden sie weitere Ver- breitung. Horrock in Stockport hatte die Stühle bedeu- tend verbessert, noch mehr gelang das Roberts in Manchester, dessen Stühle von 1822 an auch nach Deutschland kamen. Lange blieb ihre Anwendung auf Baumwolle beschränkt, dehnte sich dann auf Kammgarn und Leinengarn, nur langsam und sehr beschränkt auf Streichgarn und Seide aus. Die neueren Erfindungen beziehen sich auf die Hülfsmaschinen: Schuß-, Spulen- und Aufwindmaschinen, Zettel- und Schlichtmaschinen, Meß- und Faltmaschinen, Maschinen zur Reinigung der Gewebe vollenden in den großen Fabriken die Prä- zision, Schnelligkeit und Billigkeit der Arbeit. Die Jacquardmaschine, welche die Hebung der Kettenfäden in beliebiger Weise nach bestimmten Mustern regulirt und dadurch gemusterte Gewebe leichter herzu- stellen erlaubt, stammt aus dem Jahre 1808; sie ver- breitete sich ziemlich schnell auch in Deutschland. Der Jacquardstuhl, wie alle die andern komplizirteren Stühle, der Korsettstuhl, die Stühle mit einer Mehr- zahl von Schäften und Tritten, die Stühle mit Die Umbildung einzelner Gewerbszweige. Wechsellade sind bis in die neuere Zeit überwiegend Handstühle. Die Leistungen der verschiedenen Stühle nun können durchschnittlich in neuerer Zeit so angenommen werden: Hauptsächlich nach den genauen Untersuchungen von Mährlen, die Darstellung und Verarbeitung der Gespinnste, passim. Die Angaben dort sind in württemb. Ellen; 100 preuß. = 108, 83 württemb. Ellen. Einzelne verbesserte Handstühle liefern noch mehr; z. B. der Schwarz’sche Doppelwebstuhl in 12 Stunden 55 Ellen 11/8 breite Nessel; der Stuhl kostet 65 Fl. südd. Zollvereinsblatt 1849. II, S. 55. der verbesserte Handstuhl mit Schnellschütze ꝛc. liefert etwa 8 Ellen feine, 20 Ellen starke Leinwand, 25—30, unter Umständen noch mehr Ellen Calico, der Jacquard- stuhl 5—6 Ellen, der Korsettstuhl 3 Ellen; der Kraft- stuhl dagegen 40 und mehr Ellen; er hat daneben den Vorzug des immer gleichen Schlages, des gleichmäßigeren Gewebes. Bei Wollgeweben liefert der Handstuhl 5—10 Ellen, der Maschinenstuhl durchschnittlich auch nicht viel mehr als 10 Ellen. Die Preise auch der einfachen Stühle sind je nach der Stärke verschieden; für Baumwolle und Leinen hat man leichtere, für Wolle schwerere. In den 40er Jahren rechnete man als Preis des einfachen Leinwand- stuhls 6 Thlr. Schneer, S. 84. Jetzt werden in Schlesien die gesammten Kosten für Webstuhl, Geschirr u. s. w. zwischen 11 und 30 Thlr. gerechnet; ein guter Webstuhl für 8/4 breite Waare allein kostet 15 Thlr. Jakobi, Zeitschrift d. preuß. stat. Bur. 1868. S. 329. Ein guter Handtuch- Preise und Leistungen der Webstühle. webstuhl, der kräftiger gebaut sein muß, als der Lein- wandstuhl, aber in der Hauptsache von Holz ist, wird hier zu Lande zu 20—30 Thlr. angeschlagen. Mährlen Darstellung und Verarbeitung der Gespinnste, S. 145. rechnet einen guten Baumwollstuhl zu 20 Fl. südd., einen schmalen Jacquardstuhl zu 75 Fl., einen breiten zu 200 Fl., einen Korsettstuhl zu 50, einen Kraftstuhl zu 230 Fl. Der Maschinenstuhl wird nicht bloß da- durch soviel theurer, daß die Haupttheile von Eisen sind, er ist auch komplizirter und muß viel exakter gearbeitet sein. Freilich entscheidet der Preis des Stuhls noch nicht allein die Rentabilität des einen oder andern Betriebs; die Kosten der bewegenden Kraft, die An- wendung anderer Arbeiter an der Maschine, die General- kosten der Fabrik, die verschiedenen Preise für Hand- und Maschinenprodukte kommen mit in Betracht. Diese technischen Vorbemerkungen enthalten schon einen ungefähren Ueberblick über den Gang der Ver- änderungen, aber eine halbwegs befriedigende Kenntniß können wir doch erst erhalten, wenn wir konkreter auf die Verhältnisse eingehen. Wir müssen uns dabei schon nach dem Zwecke dieser ganzen Untersuchungen vor Allem an die Ergebnisse der zollvereinsländischen, hauptsächlich der preußischen Gewerbestatistik halten. Die erste auf- zuwerfende Frage ist demnach, welche Arten der Weberei müssen wir unterscheiden und wie ist dieser Unterschei- dung in der offiziellen Statistik Rechnung getragen? Die Geschäftsarten, welche wir für unsere Unter- suchungen zu trennen haben, sind folgende: 1) die Pro- Schmoller, Geschichte d. Kleingewerbe. 32 Die Umbildung einzelner Gewerbszweige. duktion als Nebenbeschäftigung für den häuslichen Bedarf; 2) die Lohnweberei für einzelne Kunden, welche dem Weber das Garn liefern und für ihren eigenen Bedarf verweben lassen; dieses Geschäft verbindet sich meist mit der handwerksmäßigen Weberei auf eigene Gefahr für den lokalen Absatz, für den Vertrieb auf Wochen- und Jahrmärkten; 3) die Weberei für den Absatz im Großen; sie kann selbst wieder Weberei in geschlossenen Etablisse- ments vorzüglich auf mechanischen Stühlen oder wenig- stens künstlicheren Handstühlen sein, oder es übernimmt der Fabrikant nur die kaufmännische Vermittelung und gewisse schwierigere technische Prozesse, läßt dagegen die Weberei durch kleine Meister im Hause ausführen; letzteres kann wieder Kauf- oder Lohnweberei sein. Was zuerst die Nebenbeschäftigung für den häus- lichen Bedarf betrifft, so haben die preußischen Tabellen seit 1816 eine besondere Rubrik hierfür, und die andern Zollvereinsstaaten sind dem gefolgt; es bleibt nur die Frage, welche Stühle dahin gerechnet werden, welchen Werth die Zahlen haben. Die Angaben über die Stühle sind durchschnittlich immer zu niedrig, da sie sehr schwer zu ermitteln sind, in abgelegenen Dörfern sich der Beobachtung entziehen. Z. B. wurden 1861 in Sachsen nur noch wenige gezählt; es wird aber bemerkt, es seien noch manche vorhanden, sie seien nur schwer zu ermitteln; Zeitschrift des sächs. statist. Büreaus 1863. S. 69. Das Kriterium für die Aufnahme in diese Rubrik kann nicht der Umstand sein, ob neben der Produktion für Die geschäftlichen Arten der Weberei den eigenen Bedarf auch ab und zu einige Stücke Lein- wand verkauft werden, sondern ob der Besitzer des Stuhls in der Hauptsache Bauer, Handwerker oder sonst etwas ist und nebenher seine freie Zeit zum Weben benutzt. Stühle dagegen, welche einem Weber gehören, der auch nicht das ganze Jahr am Webstuhl sitzt, der vielleicht jetzt den ganzen Sommer auf Tagelohn geht, gehören nicht in diese Kategorie. Die preußischen Ta- bellen sind in der Hauptsache so aufgefaßt und behandelt worden, obwohl die Grenze zwischen Hausarbeit und gewerblicher Arbeit natürlich immer etwas schwankend bleibt. Der Beweis hierfür liegt darin, daß die Web- stühle, welche unter dieser Kategorie verzeichnet sind, zum kleinsten Theil auf die Weberdistrikte, fast aus- schließlich auf die rein agrarischen Gegenden fallen. Weniger ist das der Fall in Süddeutschland. Das Weben ist dort als häusliche Nebenbeschäftigung über- haupt sehr viel weniger verbreitet als im Norden. Man hat es schon allgemein ausgesprochen, in den Gegenden des Weinbaues fehle diese Nebenbeschäftigung ganz. Die Zeit der kleinen Leute ist mehr durch andere Arbeiten ausgefüllt. Die dort unter dieser Rubrik ver- zeichneten Stühle gehören mehr jedenfalls als im Norden kleinen Lohnwebern, welche nur einen Theil des Jahres sich mit Weben abgeben. Vergl. Mährlen S. 168 und 169; Mährlen hat eine genaue Aufnahme veranstaltet, welche für Württemberg erhebt, welche Anzahl Tage jeder Webstuhl durchschnittlich geht; (siehe das. S. 65): ein Stuhl auf Baumwolle geht durchschnittlich 255, 32 * Die Umbildung einzelner Gewerbszweige. Neben diesen Stühlen wurden in Preußen 1816— 1843 die sämmtlichen gewerbsweise gehenden Webstühle für jede Art der Textilindustrie in einer Summe erhoben. Die lokale Weberei um Lohn und für eigene Rechnung, wie die Weberei für Verleger und Fabriken stecken gleichmäßig in diesen Zahlen. Eine Unterschei- dung war auch früher kaum nothwendig, da es Fabriken nur wenige gab, der professionsmäßige Weber eine ähn- liche Stellung hatte, ob er für Kunden, für eigene Rechnung oder für Verleger arbeitete. Von 1846 an sollte mit der Aenderung der Ge- werbeaufnahmen überhaupt auch eine genauere Erhebung der Gewebeindustrie eintreten. Zuerst sollten wie bisher die sämmtlichen überhaupt vorhandenen Webstühle gezählt werden. Dann die Webermeister jeder Branche mit ihren Gehülfen und Lehrlingen. In dieser sollten aber alle nicht technischen Hülfskräfte, Kinder, Frauen, die häufig beim Spulen, Kettenscheeren, Aufbäumen, Muster- machen helfen, ausdrücklich weggelassen werden. Da- durch sind diese Zahlen stets etwas zu niedrig. Ferner ist aber auch nicht vollständig klar, ob unter den Webern und ihren Gehülfen außer denen, welche in selbständigen Handwerksgeschäften und in der Hausindustrie beschäftigt einer auf Wolle 296, einer auf gemischte Stoffe 251, einer auf Leinwand nur 115 Tage; darnach wären fast alle württem- bergischen Leinwandstühle solche, die nur als Nebenbeschäftigung betrieben werden; Mährlen rechnet auch 86, 4 % der Stühle dahin, während die amtlichen Aufnahmen 1852-45, 7 %, 1861-56, 9 % (Königreich Württemberg S. 576) der Leinwandstühle als solche bezeichnen, welche nur nebenbei betrieben werden. Die amtliche Statistik der Weberei. sind, auch die sämmtlichen in geschlossenen Etablissements arbeitenden Weber mitgerechnet sind oder nicht. Neben dieser Gesammtaufnahme der Weberei wurden nun die Fabriken noch besonders gezählt. Nur die Zahlen der unter den Fabriken gezählten Maschinenstühle können als zuverlässige betrachtet werden. Die Zahlen der Fabriken selbst und des Direktionspersonals sind unzu- verlässig, sofern nicht klar ist, ob bei den verschiedenen Aufnahmen und selbst bei derselben Aufnahme in den verschiedenen Gegenden nur die eigentlichen Fabriken, oder auch die Kaufleute, welche fertige Gewebe kaufen und etwa noch bleichen und appretiren lassen, als solche gerechnet, ob auch die Faktoren als Inhaber selbständiger Geschäfte mitgezählt sind. Noch viel werthloser aber sind die Zahlen der Arbeiter und der Handstühle, welche mit den Fabriken aufgenommen sind. Bei den Arbeitern soll auch all das untergeordnete Hülfs- personal, das bei der Gesammtzählung weggelassen wird, mitgerechnet werden. Die Hauptfrage ist aber die, ob nur die in den Fabriken selbst arbeitenden Leute und aufgestellten Handstühle oder sämmtliche für die Fabriken arbeitenden gerechnet werden. Als 1846 zum ersten Male die Fabriken besonders gezählt wurden, geschah mehr das letztere. Dieterici spricht damals von „in und für Fabriken arbeitenden Web- stühlen.“ Später geschah mehr und mehr das erstere — aber nicht durchaus. Durch diese Unsicherheiten von Anfang an, durch die vollends sich ändernde Praxis ist jeder Schluß aus diesen Zahlen vollständig werthlos; wir müssen daher leider fast ganz von ihnen absehen. Die Umbildung einzelner Gewerbszweige. Die Zollvereinskonferenz, welche in München 1854 über die Tabellen berieth, ging nicht von einer derartigen Doppelzählung 1) der gesammten und 2) der fabrik- mäßigen Weberei aus; sie stellte als Kriterium fest, daß alle Unternehmer, welche mechanische Stühle oder über 10 Stühle beschäftigen, unter die Fabriken, alle andern zu der handwerksmäßigen Weberei gehören. Darnach sind die württembergischen Vergl. württ. Jahrb. 1862, Heft 2, S. 126 u. 129. — ohne Zweifel auch die meisten andern zollvereinsländischen Aufnahmen 1861 gemacht. In Sachsen z. B. sind ausdrücklich unter den II A (Rubrik 50) verzeichneten Webstühlen nicht alle Stühle, sondern nur diejenigen begriffen, „welche nicht unmittel- bar zu den unter B angegebenen geschlossenen Etablisse- ments und Geschäften gehören.“ Zeitschrift des sächs. stat. Bureaus für 1863. S. 63. Anmerkung zu II A. Viebahn selbst hebt hervor, daß die vierzehnte Generalkonferenz keine Doppel- zählung, wie sie früher in Preußen üblich war, an- ordnen wollte. Viebahn III, 932—33. Und bei einzelnen Posten der preußi- schen Tabelle ist man versucht zu glauben, es sei auch in Preußen 1861 so gezählt worden, die Rubrik II A 50 umfasse nicht mehr die Gesammtheit der Stühle. Z. B. könnte die Abnahme der Seidewebstühle von 1858—61, die gewiß der Wirklichkeit nicht entspricht, so erklärt werden. Selbst wenn aber theilweise so gezählt worden ist bei den Regierungen, das preußische statistische Bureau geht davon aus, es habe wie früher eine Doppelzählung Kritik der amtlichen Webereistatistik. stattgefunden, Jahrbuch für die amtl. Statistik I, 451. Preußische Statistik in zwanglosen Heften V, 48. die Rubrik II A 50 umfasse also stets die Gesammtheit aller Webstühle. Das Zollvereinsbureau hat es nicht für der Mühe werth gehalten, irgend welche Aufklärungen über die Art der Aufnahme in den verschiedenen Staaten zu publiziren, es stellt einfach die preußischen und die andern Zahlen, die demnach unver- gleichbar sind, untereinander, und Viebahn benutzt in seiner Gewerbestatistik diese Webstuhlzahlen fast unbean- standet, III, 933 fügt er die Summe der Baumwollstühle des Zollvereinsbureaus in Rubrik 50 noch die Fabrikstühle Hanno- vers, Anhalts und Hessens bei, ohne daß man ersieht, warum gerade nur diese. Bei den andern Arten der Weberei nimmt er einfach die Summen des Zollvereinsbureaus unter II A 50 als Gesammtsumme der ganzen Weberei. obwohl sie nach unsern Auseinandersetzungen stets um den Betrag der Stühle, welche die Zoll- vereinsstaaten außer Preußen bei den Fabriken zählen, zu niedrig sind. Wenn sich aus den vorstehenden Bemerkungen ergibt, daß die preußische und Zollvereinsstatistik für 1861 nicht einmal ganz sichere Summen über die Ge- sammtzahl der Webstühle einer Gattung liefert, daß die preußische Statistik auch in ihren frühern Aufnahmen weder ein ganz zutreffendes Bild von der lokalen hand- werksmäßigen Weberei, noch von der Hausweberei für den großen Absatz, noch von der Weberei in geschlossenen Etablissements gibt, — ganz werthlos ist darum ein Theil der Zahlen doch nicht, wenn man sie nur wissen- Die Umbildung einzelner Gewerbszweige. schaftlich gebraucht und gruppirt, andere sichere Nach- richten heranzieht, um die Schlüsse und Konjekturen zu stützen. Gehen wir nun aber zur Sache selbst über und zunächst zur Frage, in wie weit sich die häusliche Weberei als Nebenbeschäftigung bis jetzt erhalten hat. Die häusliche Weberei steht eigentlich bis in die neueste Zeit nicht in direkter Konkurrenz mit der gewerbs- mäßigen. Wo der Bauer, der ländliche Handwerker und Tagelöhner die paar Thaler für einen Stuhl erschwingen kann, wo die Beschäftigung traditionell seit Jahrhunderten besteht, sich naturgemäß anschließt an die eigene Produktion von Wolle und Flachs, da macht man keine Ansprüche an eine technisch vollendete Waare. Da wird das Bedürfniß der Kleidung am billigsten und passendsten auf diese Weise befriedigt, so lange die Zeit und die Arbeitskräfte dazu vorhanden sind, im Winter unbenutzt blieben ohne diese Nebenbeschäftigung. Der mangelnde Verkehr und Handel in früherer Zeit machte die Thätigkeit nothwendiger; aber sie dauert auch noch fort, lange nachdem der Bauer in den Läden der näch- sten Stadt, auf Wochen- und Jahrmärkten einkaufen könnte. In Preußen, Posen, Pommern werden auch heute noch die Wollgewebe, welche das Landvolk trägt, theil- weise so gefertigt. Vergl. oben S. 177 und J. G. Hoffmann, Bevölkerung des preuß. Staates S. 159. Wollstühle als Nebenbeschäftigung gehend gab es im ganzen Staate 1831 ‒ 2693, 1840 Die Weberei als häusliche Nebenbeschäftigung. 6072, 1846 ‒ 4519, 1861 ‒ 4447. Also bis 1840 sogar eine große Zunahme, von da Abnahme bis 1846; seither aber kaum eine Aenderung. Diese Stühle machen 1846 12, 6 %, 1861 12, 2 % aller Wollwebstühle aus. Viel zahlreicher sind die Leinwandstühle, welche als Nebenbeschäftigung gehen. Die Leinenweberei ist seit Jahrhunderten Sache des deutschen Landmannes; in gleicher einfacher Weise hat sie sich erhalten bis in die neuere Zeit; ihre jüngere Schwester, die Baumwoll- weberei, hat sie in diesem Jahrhundert zwar aus der Kleidung der untern Volksklassen theilweise verdrängt, aber mehr in der Stadt als auf dem Lande; die Her- stellung baumwollener Gewebe ist — so viel später ent- standen und schnell zur Großindustrie entwickelt — nie- mals in ähnlicher Weise eine trauliche Nebenbeschäftigung des kleinen Mannes geworden. Die Zahlen der als Nebenbeschäftigung gehenden Leinwandstühle in Preußen kann ich theilweise nicht direkt angeben; ich muß theilweise dafür die sämmtlichen als Nebenbeschäftigung gehenden Stühle setzen; doch machen erstere immer den weitaus größten Theil der letztern, z. B. 1861 ‒ 96 % derselben, aus. Man zählte in Preußen als Nebenbeschäftigung betriebene Stühle: Die Umbildung einzelner Gewerbszweige. Es ist eine starke Zunahme von 1816 bis 1843. Während die Bevölkerung etwa auf das 1½fache stieg, nahm die Zahl dieser Stühle beinahe um’s Doppelte zu. Und nicht etwa nur scheinbar, indem früher gewerbs- mäßig betriebene Stühle in diese Kategorie übertreten. Die Zahl dieser ist schon viel zu klein, um die Zunahme so zu erklären. Die vorhin angegebenen Ursachen wirken auf eine wirkliche Zunahme bis 1843, d. h. bis zu dem kritischen Zeitpunkt, der ja auch nach anderer Richtung die Grenzscheide einer andern volkswirthschaftlichen Zeit bezeichnet. Von da an nimmt die Gesammtzahl nicht ab, sie bleibt nur stabil; die häuslichen Stühle machen 1846 86, 1 %, 1861 ‒ 86, 0 % aller auf Leinwand gehenden Stühle aus. Schuld hieran ist nicht sowohl die direkte Konkurrenz, das Angebot billiger Fabrikwaaren, das überall hin dringt, der etwa zunehmende Luxus, der mit dem einfachen eigenen Produkt nicht mehr so zu- frieden wäre. Etwas wirken diese Faktoren ja mit, Die Statistik der Hausweberei. aber nicht allzuviel. Dem Bauer kommt sein Hand- gewebe immer noch billiger als das billigste Maschinen- produkt, das er in dieser Form nicht einmal liebt, so lange er Zeit und Arbeitskräfte zur eigenen Weberei hat. Aber gerade das hört auf. Man hat mit der intensiven Kultur, mit andern Nebenarbeiten so viel mehr zu thun. Und während die Arbeit in Haus und Hof, in Flur und Feld gewachsen ist, hat man weniger Leute. Die jüngern Söhne und Töchter haben nicht mehr Lust, unverheirathet auf dem Hofe zu bleiben, man hat besonders in West- und Mitteldeutschland sehr viel weniger Gesinde als früher. Kollmann, Geschichte und Statistik des Gesindewesens in Hildebrand’s Jahrbücher X, 237 ff.; Jahrbuch für die amtl. Statistik des preuß. Staates II, 234 — 37. Das eben so sehr, als die gestiegenen Flachspreise veranlassen den westfälischen Bauern, heute mehr und mehr seinen Flachs zu Markte zu tragen und die fertige Leinwand zu kaufen. Während aber im Westen die Stühle abnehmen, nehmen sie im Osten bis 1861 noch zu. Die Stabilität der preußischen Zahlen wird 1843 — 61 durch diese entgegengesetzte Bewegung erreicht. Um die provinziellen Zahlen auch noch mit dem Stande von 1816 zu ver- gleichen, führe ich zuerst die sämmtlichen als Neben- beschäftigung gehenden Stühle an. Die Zahlen für 1816 nach Dieterici, Volkswohlstand S. 186, die für 1831 nach Hoffmann, Bevölkerung S. 156 die für 1861 nach der offiziellen Publikation, preuß. Statistik V, S. 30. — Man zählte: Die Umbildung einzelner Gewerbszweige. Die ausschließlich für Leinwand gehenden Stühle sind kaum etwas geringer; sie machen aus: Aehnliche Ergebnisse, wie die östlichen preußischen Provinzen, zeigen einige andere norddeutsche Staaten, ähnliche Ergebnisse wie Sachsen, Schlesien, Westfalen und die Rheinprovinz zeigen die süddeutschen Staaten. Viebahn III, 952. giebt in der Gesammtübersicht der Weberei des Zollvereins, die allerdings nach meinen obigen Aus- führungen zu niedrige Zahlen enthält, das folgende all- gemeine Resultat. Auf 39554 Maschinenstühle und 394865 gewerbsmäßige Handstühle aller Art zählt er Vergleich der häuslichen u. gewerbsmäßigen Linnenproduktion. noch 387969 als Nebenbeschäftigung gehende Hand- stühle. In der Linnenindustrie allein zählt er 350 Maschinenstühle, 119928 Diese Zahl ist höchstens um einige hundert Stühle zu niedrig; mehr haben die andern Zollvereinsstaaten (außer Preußen) nicht bei ihren Fabriken verzeichnet. gewerbsmäßig gehende Hand- stühle, 370970 als Nebenbeschäftigung gehende Hand- stühle. Wollen wir die Produktion vergleichen, so dürfen wir für die letztern Stühle als tägliche Leistung nicht über 3 Ellen annehmen, auch keine Thätigkeit, die über 1 — 2 Monate, also etwa auf 45 Tage sich erstreckte. Die Leistung wäre etwas über 50 Millionen Ellen. Bei der gewerblichen Produktion kämen 350 Maschinenstühle mit täglich etwa 40 Ellen und 300 jährlichen Arbeitstagen in Betracht; das gäbe etwas über 4 Millionen Ellen. Die 119928 Handstühle sollen hoch gerechnet täglich je 10 Ellen liefern; über 250 Arbeitstage sind auf sie nicht zu rechnen. Das ergäbe zusammen etwa 300 Millionen Ellen. Hiernach kommen etwa 10 Ellen jährlich auf den Kopf der Bevölkerung des Zollvereins, von Aus- und Einfuhr abge- sehen; die oben angeführte Berechnung Engel’s (Zeitschrift IV, 130), mit 5 Ellen pro Kopf nach Abzug der Mehrausfuhr, ist zu niedrig; er rechnet auch für den gewerblichen Handstuhl täg- lich nur 5 Ellen. Die gewerbsmäßige Produktion betrüge in Preußen 1861 nach Engel’s Rechnung 70 Millionen Ellen, die häusliche 36 Millionen Ellen. So wenig sicher diese Zahlen sind, so geben sie doch eine klare Anschauung davon, von welcher Bedeutung die häusliche Weberei auch heute noch ist. Denjenigen Die Umbildung einzelner Gewerbszweige. aber, der hieran noch zweifelte, den möchte ich daran erinnern, daß nach den Berechnungen von Moreau de Jonn è s Statistique de l’industrie de la France. S. 177. Die Zahlenergebnisse beziehen sich an dieser Stelle wohl wie durchaus auf das Jahr 1850. in Frankreich die gewerbliche Leinenproduktion allerdings nach Abzug des Werthes des Rohstoffes einen Werth von jährlich 62 Millionen Frcs., die häusliche ländliche Linnenproduktion, unter Hinzufügung des Werthes des gesammten Rohstoffes, einen jährlichen Werth von 288 Millionen Frcs. erzeugt; auf jene kommen 18, auf diese 82 % des Gesammtwerthes. 7. Die handwerksmäßige lokale Weberei. Die Geschäfte des handwerksmäßigen Webers, die Lohnweberei für Kunden, die Produktion für den lokalen Bedarf, für Wochen- und Jahrmärkte. Die Konkurrenz mit der für den Absatz im Großen arbeitenden Hausindustrie. Die statistische Ermittlung der lokalen Produktion. Ihre Bedeutung in Preußen 1795/1803 nach Krug. Ihre Lage 1816 — 1831. Die lokale Baumwollweberei 1834 — 1861. Die professionsmäßige Linnenweberei 1834 — 1861. Die Zunahme der kleinen preußischen Tuchmacher bis gegen 1840. Die Lage in andern Zollvereinsstaaten. Die Krisis der kleinen Geschäfte und ihre Ursachen 1840 — 1861. — Rückblick auf die lokale Weberei überhaupt. Die Ursachen, welche sie theilweise noch halten. Die lokalen Unterschiede in dieser Beziehung. Berichte aus Württemberg. Die Verdrängung der lokalen Weberei aus den größern Städten durch den Detailhandel. Halle und Berlin. Der Gegensatz eines Mittelstandes, der auf dem Handwerk, und eines solchen, der auf dem Detailhandel basirt. Schon eine Stufe weiterer Arbeitstheilung zeigt es an, wenn das Weben nicht mehr in der Familie, son- dern im Hause des lokalen handwerksmäßigen Webers geschieht. Das in der Familie gesponnene Garn wurde dem Weber ausgehändigt, er hatte das rohe Gewebe zurückzuliefern, das die Hausfrau dann vollends bleichen, färben, fertig machen ließ. Die armen Leute, die keinen Die Umbildung einzelner Gewerbszweige. eigenen Webstuhl erschwingen konnten, wie der wohl- habendere Mittelstand, die Bürger- und Beamtenfrauen, welche zum Selbstweben schon zu vornehm sich fühlten, verfuhren so. In den Gegenden einer schwunghaften Weberei arbeiteten die Weber fast immer neben ihrer Thätigkeit für die Kaufleute und Verleger nebenbei für Kunden. In anderen Gegenden suchte der Lohnweber, wenn er etwas erspart hatte, womöglich auch auf eigne Rechnung zu arbeiten, um entweder selbst einen Laden zu eröffnen, oder an einen der Meister des Orts zu verkaufen, welche schon in der etwas glücklicheren Lage waren. Solche hießen Kaufweber; sie bezogen die Wochen- und Jahrmärkte; aus ihnen gingen später viel- fach die größern Fabrikanten und Kaufleute hervor. Diese lokale Produktion lieferte die landesüblichen althergebrachten Stoffe; vor allem einfache Leinwand, höchstens etwas Drell, später auch Jacquardgewebe, aber nicht viel (im Jahre 1820 kommen in Württemberg auf 28 sog. Bildweber 17492 einfache Leineweber); dann, aber in viel geringerem Umfange, die einfachen Kattune, die halbbaumwollenen Gewebe, das alte Parchend, das die Züchner fertigten, jene farbigen Kotonette, in Süddeutsch- land „Zeugle“ genannt, buntstreifige Gewebe, die theil- weise zu Bettzeug, theilweise zur weiblichen und Kinder- kleidung in den untern und mittleren Klassen dienen; endlich die ungewalkten Rasche und die einfachsten gröberen Tucharten. Eine größere an einzelnen Orten als Hausindustrie konzentrirte Weberei existirte wohl schon in verschiedenen Gegenden Deutschlands im vorigen Jahrhundert; aber Die lokale Weberei früherer Zeit. ihre Konkurrenz übte keinen Druck auf die fast aller- wärts vorhandene lokale Produktion. Jene lieferte die feinern bessern Stoffe für die höhern Klassen, für die großen Städte, für die Höfe; theilweise lieferte sie auch dieselben Produkte wie die lokale Weberei, war in ihrer Technik gleich einfach wie sie; aber sie arbeitete dann hauptsächlich für den Export; es waren Weberdistrikte, welche durch den wachsenden Export groß geworden waren. Nach dem damaligen Zustande des Verkehrs, der Handelsorganisation war es fast leichter, daß die schlesische Leinwand über Hamburg nach Amerika und Indien ging, als daß sie den Weg in alle abgelegenen Landstädtchen Deutschlands gefunden hätte. Doch war natürlich zwischen den verschiedenen Arten der Weberei in dieser Beziehung ein ziemlicher Unterschied. Die Tuchmacherei war schon nicht so allgemein verbreitet wie die Leineweberei; und beiden gegenüber traten die jüngern Industrien, die Baumwoll- und Seidenweberei, von Anfang an weniger als Lokalgewerbe auf. Nach dem Charakter der amtlichen statistischen Er- hebungen, wie ich ihn oben schilderte, läßt sich aus ihnen kein direkter Schluß ziehen, wie früher die lokale handwerksmäßige Weberei sich zur großen Hausindustrie, später zur fabrikmäßigen Weberei stellte. Die einzige Methode, welche uns offen bleibt, indirekt das Ver- hältniß der lokalen zur großen Weberei zu untersuchen, liegt darin, nach den Spezialtabellen zu prüfen, ob die eine oder andere Art der Weberei eine allgemeine lokale Verbreitung hat oder ausschließlich an einzelnen Orten konzentrirt vorkommt. Schmoller, Gesch. d. Kleingewerbe. 33 Die Umbildung einzelner Gewerbszweige. In dieser Beziehung geben schon die Krug’schen Tabellen Betrachtungen über den Nationalwohlstand des preuß. Staates II, 220—315; Dieterici gibt Volkswohlstand S. 28 eine Tabelle nach diesen Krug’schen Zahlen, welche aber total falsch ist, indem sie nur diejenigen Stühle reproduzirt, welche Krug je am Schlusse einer Abtheilung, als an den wichtigsten industriellen Punkten konzentrirt, nochmals wiederholt. (1795—1803) ein ziemlich klares Bild. Seiden- und Baumwollweber verzeichnet Krug nur an wenigen Orten, aber dann in größern Posten. In der Wollweberei zählt Krug 305 einzelne Orte auf, eine Anzahl hiervon mit über 100 Stühlen, die überwiegende Mehrzahl aber mit je nur ein paar Arbeitern und Stühlen. Die an gleicher Stelle von Krug gegebene Uebersicht über die Leineweberei resp. die Leinewebstühle ist weniger klar, sofern sie theilweise nach ganzen Pro- vinzen, theilweise nach Städten die Stühle und Arbeiter aufführt. Dagegen gibt die Tabelle der Leineweber unter den Handwerkern II, 189. eine Anschauung davon, wie neben der konzentrirten Produktion Schlesiens und einiger anderer Theile der Monarchie doch überall die lokale Weberei blühte. Die Zahl der Leineweber betrug hier- nach in den folgenden einzelnen Landestheilen: Die lokale Weberei gegen 1800. Diese Zahl der Leineweber setzt natürlich eine sehr viel größere der Leinewebstühle voraus; hatte doch Hertzberg ( huits dissertations S. 254) schon 1785 - 51000 Webstühle gezählt, wobei die als Nebenbeschäftigung gehenden kaum mit erhoben sind, und Dieterici zählt in der erwähnten unvollständigen Tabelle 41420 Leinwandstühle. Im Departement der Breslauer Kammer wurden nach Schneer S. 2 allein 19000 Leinwand- stühle 1808 gezählt. Auch für die spätere Zeit ist statistisch kein anderer Beweis für das Vorkommen dieser lokalen handwerks- mäßigen Weberei zu führen, als durch eine Prüfung der Spezialtabellen nach der erwähnten Richtung. Am besten taugen hierzu Tabellen nach Regierungsbezirken; da mir solche aber für die frühere Zeit fehlen, muß ich mich für 1816—31 darauf beschränken, eine Tabelle nach Provinzen mitzutheilen; Nach Dieterici, Volkswohlstand S. 186. man zählte Webstühle: 33 * Die Umbildung einzelner Gewerbszweige. Die Zahlen der Seidenweberei zeigen klar, daß sie nicht hierher gehören; es ist ein konzentrirter Massen- betrieb an einzelnen Orten. Aehnlich auch die Baum- wollweberei, sowie die damalige Bandweberei. Eine relativ gleichmäßigere Verbreitung dagegen ergibt sich bei der Strumpfweberei; und die Leinen- und Wollen- weberei zeigen neben der größern Industrie ein ziemlich Die lokale Weberei 1816—31. allgemeines Vorkommen. Die Leineweberei in Schlesien, Sachsen und Westfalen geht schon bedeutend zurück; in diesen Provinzen ist der Sitz der großen Weberei, der Absatz nach dem Ausland stockte, wie wir weiter unten noch näher sehen werden. In den Provinzen mit mehr lokaler Weberei ist der Rückgang ent- weder sehr viel kleiner, oder sogar eine Zunahme zu konstatiren, wie in Westpreußen, Brandenburg, Pommern. Die Wollweberei zeigt 1816—31 theil- weise bedeutende Rückschritte, am stärksten in Schlesien und Posen; diese Provinzen verlieren ihren großen Ab- satz nach Rußland; die lokale Tuchmacherei aber nimmt da und dort etwas zu, wie wir z. B. an den pommer- schen Zahlen sehen. Für die spätere Zeit stelle ich die Webstühle nach Regierungsbezirken zusammen, lasse dabei aber die Seidenweberei, die Band- und Strumpfweberei zunächst außer Betracht. Ich komme auf sie weiter unten zurück. Die auf der folgenden Seite abgedruckte Tabelle der Baumwollweberei zeigt in Bezug auf die lokale Ver- theilung ein wechselndes Ergebniß: 1834 gibt es in den östlichen Provinzen — außer den Weberdistrikten — fast noch gar keine „Züchner,“ wohl aber in den mittleren und westlichen Provinzen; sie nehmen bis 1840 und von 1840 bis 1849 in den Regierungsbezirken, wo sie vorher fehlten, meist zu. Dagegen zeigt sich von 1849—61 schon wieder eine theilweise Abnahme — aber auch nur theilweise —, in einzelnen Bezirken, Gumbinnen, Danzig, Posen, Köslin, Trier, nehmen sie noch zu. Dabei ist nicht zu vergessen, daß die Zunahme der kleinen, wie der großen Die Umbildung einzelner Gewerbszweige. Baumwollweberei weist mit dem Uebergang von der Linnen- zur Baumwollweberei zusammenhängt, und daß die Konjunkturen von 1849—61 für die Baumwoll- weberei selten günstige, die Handweberei durch ganz exzeptionelle Preise wieder fristende waren. Ohne das würde die lokale Weberei nicht einmal so stark zugenom- men haben. Im schroffen Gegensatz aber zu der immer- hin kleinen Zunahme der Stühle und Geschäfte in den Die lokale Baumwoll- und Linnenweberei 1834—61. besprochenen Bezirken steht die starke Zunahme besonders von 1840 an in den Hauptgegenden der großen In- dustrie, in den Regierungsbezirken Breslau, Liegnitz, Erfurt, Münster. Der Schwerpunkt der jetzt erst glänzend sich entwickelnden Industrie mußte naturgemäß nicht in die lokalen Geschäfte, sondern in den konzentrir- ten massenhaften Betrieb an einzelnen Orten fallen. Die Linnenindustrie gibt folgende Zahlen: Die Umbildung einzelner Gewerbszweige. Im Gegensatze zur Tabelle der Baumwollweberei sehen wir hier 1834 eine ziemlich gleichmäßige Ver- breitung der gewerbsmäßig betriebenen Stühle; aller Orten sind kleine handwerksmäßige Meister. Von 1834 bis 1840 nehmen die kleinen Zahlen mehr zu als die großen. Das heißt: die lokale Kundenweberei, die handwerksmäßige Kaufweberei, das Verkaufen der Haus- leinwand auf Jahr- und Wochenmärkten nimmt noch zu, während die Weberei für den Absatz im Großen nur theilweise noch etwas zunimmt, theilweise stabil bleibt oder schon abnimmt. Von 1840—49 nehmen die kleinen Zahlen noch etwas zu, die großen verhalten sich ähnlich wie 1834—40. Von 1849—61 erst gehen wesentlich auch die kleinen Zahlen zurück. Erst also von 1849—61 schränkt sich die Art des Geschäfts- betriebs, von welchem wir hier zunächst sprechen, wesent- lich ein; denn jetzt erst nimmt Verkehr und Handel so zu, daß die lokale Produktion mehr und mehr über- flüssig wird. Doch ist sie 1861 von allen Arten der lokalen Weberei noch am ausgedehntesten. Während bei der Linnenindustrie die Hausweberei für den Absatz im Großen eine größere Krisis durchzu- machen hatte, als die lokalen professionsmäßigen Unter- nehmer, gilt das Gegentheil von der Wollweberei. Einem fast vollständigen Untergang der kleinen Geschäfte in neuester Zeit steht der glänzendste Aufschwung der großen gegenüber. Deßwegen ist die Krisis in der folgenden Tabelle auch nicht so klar ersichtlich. Voraus- schicken will ich noch, daß hier die Tuchmacher und Raschmacher (in Süddeutschland Zeugmacher) zusammen Die lokale Wollweberei 1834—61. verzeichnet sind, daß aber die ersteren weitaus über- wiegen. Die Zahlen sind folgende: Das Tuchmachergewerbe war in Deutschland seit Ende des vorigen Jahrhunderts wieder vielfach aufge- blüht; der rasche Uebergang zu kleinen Streichgarn- spinnereien war auch von den kleinen Geschäften vollzogen worden; mit steigendem Wohlstand hob sich die innere Nachfrage; große Tuchfabriken hatten sich daneben schon Die Umbildung einzelner Gewerbszweige. bis 1831 zahlreich entwickelt; sie hatten sich stark auf den Export geworfen und drückten so zunächst nicht so sehr auf die kleinen Geschäfte; im Gegentheil, die steigende Ausfuhr kam auch diesen zu Gute; sie machten, wie die obigen Zahlen lehren, jedenfalls noch von 1834—40 Fortschritte. Die kleinen Zahlen nehmen in der Tabelle so stark zu wie die großen. Gegen 1840 freilich beginnt schon der Umschwung. In den andern Ländern des Zollvereins hatte sich schon mit dem Anschluß an den preußischen Zollverein die Schwierigkeit für die kleinen Tuchmacher gezeigt mit den vorzüglichen Produkten der rheinischen, sächsischen oder brandenburgischen Fabriken zu konkurriren. Die in Württemberg so zahlreich 1825—33 entstandenen klei- nen Tuchmachergeschäfte Mährlen beschreibt die Krisis sehr gut a. a. O. S. 200 bis 214. zeigten jetzt, daß sie zu vielerlei produzirten, daß ihren Waaren die Ausrüstung, die Legart, die Appretur fehlte; der Detailverschluß am Wohnort, der Verkauf auf Jahrmärkten wollte, je mehr der Handel sich ausbildete, nicht mehr gehen. Auch der Uebergang zu Mode- und Sommerstoffen allein konnte den kleinen Meister nicht retten. Vom Königreich Sachsen meldet Wiek Industrielle Zustände Sachsens S. 40—48. schon 1840 ähnliches: die kleinen Tuchmacher verdienen trotz großer Anstrengung kaum mehr so viel, daß sie sich halten können; selbst wenn sie sich anstrengen, können sie das Tuch der Fabriken nicht liefern, ihre Waare ist eine total andere; Die Krisis der kleinen Tuchmacher. sie ist durch den Druck der Konkurrenz billiger geworden, aber damit auch um so viel undichter, leichter gewalkt und nicht mehr gut gerauht. Es ist mit ziemlicher Gewißheit vorauszusehen, sagt er, daß nach und nach wie in England und den Niederlanden, so auch hier der Meisterbetrieb aufgehen muß in den Fabrik- betrieb. Wo eine Mehrzahl von Tuchmachern bestand, da hätten sich dieselben durch Assoziation helfen können, wenn nicht bei den meisten der Hang an Vorurtheilen, an Zunft- und Innungssatzungen, die Bedenklichkeit des Uebergangs vom Alten zum Neuen den Schritt erschwert hätte. Der einzelne kleine Meister aber war unrettbar verloren. Die eigentlich kritische Zeit fällt in die Jahre 1840—55. Nicht aber der Maschinenwebstuhl war es, was den Tuchmacher ruinirte; es gab in Preußen, dessen Fabriken im Zollverein an der Spitze standen, 1846 erst 4, 7 , selbst 1861 erst 11, 1 % Maschinenstühle unter den sämmtlichen Wollwebstühlen. Die Hauptsache war die Vereinigung aller bisher getrennten Zweige des Ge- schäfts in einheitliche konsequent geleitete Etablissements; Vergl. die ausgezeichneten technischen und national- ökonomischen Ausführungen im Ausstellungsberichte von 1851. II, besonders S. 85. es war die Vervollkommnung der Spinnerei einerseits, der Walke, des Rauhens und Scheerens andererseits. Besonders die in den vierziger Jahren sich verbreitenden Zylinderwalken wirkten epochemachend, sie erlaubten die Die Umbildung einzelner Gewerbszweige. Filzung der Zeuge genauer zu überwachen; es kamen ferner die Wäsch-, Rauh-, Borst- und Scheermaschinen, die Transversal-, Longitudinal- und Diagonalzylinder- scheermaschinen, die Dampflüstrirapparate, die hydrau- lischen Pressen. Alles zugleich theure Maschinen, welche dem kleinen Manne nicht erreichbar sind. Wir sprachen schon in anderem Zusammenhang von dem Rückgang der baierischen Tuchmacherei. Vergl. oben S. 128—29. Von Württemberg will ich noch erwähnen, daß 1840—47 jeder 6 te Tuchmacher bankerott machte. Württ. Jahrb. 1862. Heft 2. S. 190. Und doch sagt Mährlen: die meisten Fallimente unter den kleinen Tuchmachern fallen in die Jahre 1847 bis 1853. Der Rückgang in Preußen ist ersichtlich aus der früher schon angeführten Tabelle der Streichgarnspinnereien und aus der Thatsache, daß von 1840 an die Wollwebstühle in den Regierungsbezirken mit großer Industrie, wie Aachen, Düsseldorf, Erfurt, Liegnitz und Frankfurt außerordentlich zunehmen, während die Stühle in den Regierungsbezirken mit kleiner lokaler Produktion, beson- ders in den östlichen, meist bedeutend abnehmen. Die Kreisbeschreibung von Ratibor schreibt: in Hultschin gibt es dem Namen nach viele Tuchmacher, von denen aber mangels Bestellungen nur wenige das Gewerbe betreiben. Jahr- buch für die amtl. Statistik II, 274. Außerdem zeigt sich der Verfall der kleinen Tuchmacher noch recht klar in dem Rückgang der Hülfsgewerbe. Man zählte in Preußen: Der Rückgang der Tuchscheerer und Walkmühlen. Nach diesen Zahlen beginnt die Krisis bei den Tuchscheerern schon zwischen 1834 — 37, bei den Walk- mühlen nicht viel später. Beide Gewerbe hören als selbständig nach und nach ganz auf, da die große Tuch- industrie eigene Walken, eigene Scheermaschinen besitzt. Blicken wir so im Ganzen zurück auf die kleine handwerksmäßige Produktion, so läßt sich nicht leugnen, daß sie allerwärts im Rückgang begriffen, theilweise schon vollständig verschwunden ist. Aber immerhin ist der Uebergang noch nicht überall vollzogen; in einzelnen Branchen wird er noch Jahre und Jahrzehnte sich hinziehen. Mancherlei Ursachen tragen dazu bei. Althergebrachte Gewohnheiten wirken den Fabrikprodukten entgegen; in abgelegenen Gegenden ist der Handel mit ihnen nicht entwickelt. Die untern Klassen, die Hausfrauen in diesen Kreisen wünschen nach wie vor bei dem ihnen persönlich bekannten Weber auf dem Jahrmarkte zu kaufen. Auch jetzt noch haben Die Umbildung einzelner Gewerbszweige. manche Weber ausschließlich damit zu thun, altes Garn, das von aufgezogenen Strümpfen, alten Stoffen und Resten stammt, für ärmere Leute zu verweben. Theil- weise liefert die Großindustrie gar nicht das herkömmlich von den untern Klassen Gewünschte und Getragene. Am meisten wohl noch in Tuchen; gerade die große deutsche Tuchindustrie der östlichen Provinzen liefert ein- fache, billige Stoffe. Daneben freilich werden auch noch rohe Tuche ohne Appretur gekauft; die ungewalkten Gewebe, wie sie vor 100 Jahren schon die Zeug- und Raschmacher lieferten, die einfachen Flanelle, welche jeder Weber leicht liefern kann, sind heute noch auf jedem Jahrmarkt zu sehen neben den modernern Hosen-, Westen- und Damenkleiderstoffen, die auch der kleine Kaufweber, der kleine Händler vom Fabrikanten erkauft hat. Das Fabrikprodukt wird theilweise durch zwei- bis dreifache Spesen vertheuert und so, wenn auch ursprünglich billiger, doch zuletzt dem Produkte des lokalen Webers im Preise gleich. Eine plötzliche Aende- rung ist schon dadurch ausgeschlossen, daß die Fabriken nicht auf einmal ihre Produktion so ausdehnen können, um den ganzen Lokalbedarf mit zu befriedigen. Was das Linnenzeug betrifft, so haben auch manche der lokalen Weber sich die bessern Trittstühle, sogar Jacquardstühle angeschafft, und liefern Tischzeug, Ser- vietten für einfachen Bedarf. Die gewöhnliche Lein- wand, welche in den Großhandel kommt, soll vor Allem durch schöne Bleiche, durch gute Appretur, durch schönes Aussehen sich auszeichnen. Für den lokalen Kleinhandel ist das nicht nöthig. Schwere, dauerhafte, theilweise un- Die theilweise Erhaltung der lokalen Weberei. gebleichte Leinwand ohne Appretur wird auf den Jahr- märkten verlangt; die mißtrauische Hausfrau des kleinen Mannes traut den künstlichen Bleichmitteln nicht. Sie zieht die alte Art des Aussehens vor. Gebleichte Leinwand liefert der kleine Weber, indem er gebleichtes Garn kauft. Theilweise allerdings erhält sich die lokale Pro- duktion nur dadurch, daß sie sich die niedrigeren Preise, den geringern Gewinn gefallen läßt. Der kleine Mann, der ein eigenes Haus, einen eigenen Garten hat, kann immer noch bestehen, wenn auch schlechter als früher; man rechnet in diesen Kreisen nicht so, wie bei der großen Industrie und dem großen Handel. Die Aende- rungen vollziehen sich erst nach Generationen. Ein großer Unterschied findet auch in dieser Beziehung noch zwischen den verschiedenen Theilen des Zollvereins statt. Die allgemeinen Ursachen, welche den Kleinbetrieb erhalten, eine gleichmäßige Vermögens- und Einkommensvertheilung, ein zahlreicher, aber in seinen Sitten einfacher Mittelstand werden auch in der Weberei die kleine lokale Produktion eher erhalten. Dem kleinen Weber sind die Verhältnisse in der Provinz Sachsen, in Thüringen, am Rhein, in Süddeutschland günstiger, als die im Nordosten. Ueberraschend ist in dieser Beziehung die genaue öfter erwähnte Aufnahme von Mährlen in Bezug auf Württemberg. Sie bezieht sich zwar auf das Jahr 1858; seitdem wird dort auch Vieles schon wieder anders geworden sein. Aber für den da- maligen Zeitpunkt gibt sie genauen Anhalt dafür, daß damals noch die lokale Kundenweberei und die hand- Die Umbildung einzelner Gewerbszweige. werksmäßige Lokalproduktion ziemlich bedeutend war. Ich will nur Einiges anführen. Von Kalw heißt es: Die Lein- und Baumwoll- weberei wird nur von etwa 5 Meistern für eigene Rechnung betrieben, alle übrigen Weber sind Lohn- arbeiter, welche für Kunden weben. Von Gmünd: es werden jährlich 277750 Ellen Leinwand erzeugt, dar- unter 55 — 60000 Ellen Handelswaare, die jedoch nur im Bezirke und dessen Nachbarschaft auf Wochen- und Jahrmärkten vertrieben wird. Besonders die Leine- weberei wird fast überall als ausschließlich für den Haus- und Lokalbedarf bestimmt bezeichnet. Auch von den selbständigen Unternehmern, die um Lohn weben lassen oder Leinwand kaufen, — sagt Mährlen — gehört ein großer Theil noch den professionsmäßigen Webern selbst an. Er berechnet, daß von der gesammten württembergischen Linnenproduktion der Ellenzahl nach 78, 1 % auf gemeine Hausleinwand, 4, 4 % auf feinere Handelsleinwand, 0, 9 % auf Jacquardgewebe, 16, 6 % auf Pack- und Sackleinewand fallen. Allerdings hebt Mährlen daneben hervor, daß die lokale handwerksmäßige Produktion allerwärts in Abnahme, die große Produktion und der Handel mit Fabrikwaaren aber im Zunehmen begriffen seien. Anderwärts hat sich das schon vollzogen, am meisten in den größern Städten. Als schlagenden Be- weis dafür möchte ich nur noch einige Zahlen anführen. Halle ist gegenwärtig eine Stadt von etwa 50000 Einwohnern, die aber in Allem, was großstädtische Ent- wickelung betrifft, noch wesentlich zurück ist, mehr noch Der lokale Handel mit Geweben. den Charakter einer kleinen Stadt an sich trägt, einen zahlreichen Handwerkerstand, erst neuerdings etwas glänzendere Magazine hat. In dem Adreßbuch für 1869 zählt man noch 12 Webermeister, 9 Strumpf- wirkermeister, auch 3 Tuchscheerer und 4 Tuchfabriken, sowie 4 Schnürleibfabriken und 1 Wattenfabrik; dagegen folgende Handlungen: 13 Garn- und Bandhandlungen, 9 Leinwandhandlungen, 17 Weißwaarenhandlungen, 6 Tapisseriehandlungen, 17 Modewaarenhandlungen, 19 Putz- und Modewaarenhandlungen, 15 Posamentier- waarenhandlungen, 21 Schnittwaarenhandlungen, 6 Tuch- handlungen, 24 Wollwaarenhandlungen. Die Statistik, welche Engel Berliner Gemeindekalender für 1868, S. 145. nach den Berliner Adreßbüchern von 1811 — 68 zusammenstellen ließ, zeigt ebenfalls, wie der lokale Handel zu-, die kleine lokale Produktion abnimmt. Die Kategorien der Adreßbücher fassen freilich theilweise gerade das, was wir trennen wollen, die Produktionsgeschäfte, die Fabriken und die Handlungen einer Art zusammen. Ich lasse daher noch die Zahl der Fabriken und der Webermeister nach den offiziellen Aufnahmen von 1849 und 1861 folgen, wodurch ein sichereres Urtheil möglich wird. Zieht man nunmehr z. B. die Zahl der Tuchfabriken von der Gesammtzahl der Tuchfabriken und Tuchhandlungen ab, so ergiebt sich genau das Verhältniß der Produktions- geschäfte zu den Handlungen. Die angeführten Weber haben natürlich nur zum wenigsten Theil eigene Geschäfte, sondern arbeiten für Fabriken. Schmoller, Gesch. d. Kleingewerbe. 34 Die Umbildung einzelner Gewerbszweige. Das Resultat der Adreßbücher ist folgendes: Dagegen zählen die offiziellen Aufnahmen: Gewebeproduktion und Gewebehandel in Berlin. Man muß die beiden Tabellen genau studiren und unter sich vergleichen, um nach so verschiedenen Auf- nahmen ein klares Bild des Inhalts zu bekommen. Und doch ist das eine Resultat schon für einen ober- flächlichen Blick klar. Es hört die lokale Produktion auf; einzelne immer größer werdende Fabriken, die nicht sowohl für Berlin, als für den Absatz im Großen arbeiten, bilden sich, daneben vollzieht sich die selbständige Entwickelung des Detailverkaufs und -Handels. Auf 3 Teppichfabriken der offiziellen Tabelle kommen (1860 bis 1861) 27 Teppichhändler und Fabrikanten des Adreßbuchs; auf 18 Zwirnereien der offiziellen Auf- nahme kommen 182 Garnhändler und Garnfabrikanten des Adreßbuchs. Das darf man daneben nicht über- sehen, daß fast alle diese zahlreichen Handlungen, die durch das lokale Bedürfniß jeder Straße, jedes Stadt- theils hervorgerufen werden, sich in irgend welcher Weise an der Produktion betheiligen, dies und jenes vollenden, nähen, zusammenstellen, ausschmücken lassen. 34 * Die Umbildung einzelner Gewerbszweige. Einzelne dieser Verkaufsgeschäfte haben wohl auch einen großen Umfang, die Mehrzahl aber ist klein, basirt auf dem allernächsten lokalen Bedürfniß. Es kommt das in sozialer Beziehung in Betracht. Viele kleine Leute, welche hier wie allerwärts früher als Produzenten, als Handwerksmeister ihr Geschäft trieben, leben jetzt als Händler; und häufig sind es dieselben Personen, wie z. B. ein Bericht aus Bunzlau schreibt: Zeitschrift des preuß. stat. Büreaus 1864. Bd. IV, S. 127; vergl. auch oben S. 211 ff. „Tuchmacher und Weber kaufen von größern Fabriken die Waare und leben fast nur noch vom Handel.“ Von den sächsischen kleinen Tuchmachern sagt ein kompetenter Berichterstatter: Zeitschrift des sächs. statist. Büreaus 1860, S. 135. „Das Handwerk hat auch hier im reinen Handelsgewerbe geendet. Gleiches haben wir bei den Posamentieren gesehen, es findet auch bei den Strumpfwirkern statt und wird für die Weber bald nachgewiesen werden.“ Es ist das, wie gesagt, für den Sozialpolitiker, den nur die Erhaltung eines gesunden Mittelstandes interessirt, von Bedeutung. Er wird auf der einen Seite sich freuen, wenn wenigstens ein Theil der kleinen Geschäfte sich so hält, aber er wird auf der andern Seite zugleich betonen, daß der sich so erhaltende Mittel- stand jedenfalls ein anderer ist, andere Menschen, andere soziale Kräfte, andere Anschauungen und Sitten in sich schließt. Der kleine Händler ist etwas Anderes, als der kleine Meister. Dieser lebt von seiner Arbeit, jener Der Gegensatz des Handwerkers und Detailhändlers. von seiner Klugheit, seinem Rechentalent; dieser hat sich von früh bis spät anzustrengen, thätig zu sein, jener sucht Gewinn, nicht ohne zu arbeiten, aber doch ent- spricht der Gewinn nicht sowohl der Arbeit, als der rich- tigen Reklame, der Mode, den Zufällen der Konjunktur. Aehnliche Mißbildungen aus ähnlichen Ursachen, wie der oben besprochene Kleinhandel mit Lebensmitteln, birgt auch der Kleinhandel mit Geweben, Garnen, Bändern und derartigen Artikeln. Flagrante Beispiele haben sich neuestens in den größern Städten gehäuft. Eine proletarische Konkurrenz, die sich nicht genirt mit gestohlenen Waaren zu handeln, ist nichts Unerhörtes. Zeigte sich doch neulich in Berlin, bei Aufhebung der großen seit Jahren thätigen Diebesbande, welch’ erschreckend große Zahl für achtbar gehaltener Firmen mit gestohlenen Waaren gehandelt hatte. Man darf aus solchen einzelnen Beispielen freilich nicht zu viel folgern; aber eben so wenig darf man sie in einem Gesammtbild unserer gegenwärtigen Zustände übersehen. Es kommt darauf an, ob die vorhandenen moralischen Kräfte, eine steigende Oeffentlichkeit, eine gesunde kauf- männische Presse, im Stande sind, dem unreellen Treiben die Waage zu halten und es in die Grenzen zurückzudrängen, wie es immer als Folge einzelner Per- sönlichkeiten vorkommen muß. 8. Die Leinen- und Baumwollenweberei für den Absatz im Großen nebst ihren Hülfsgewerben. Die große Weberei des Mittelalters und ihre Organisation. Die Weberei des 18. Jahrhunderts. Der wachsende deutsche Export von Leinwand und Tuch. Die Organisation als Hausindustrie. Die Vortheile und Nachtheile derselben. Die Napoleonischen Kriege. Die Leinenindustrie von 1806 an. Die Lage von 1816 — 49. Die Verschlechterung der Pro- duktion, die Noth der Weber, die geschäftliche Organisation, die Vermittlung durch den Faktor. Die Zustände von 1846 — 61, Beginn der Maschinenweberei. Die Verhältnisse, in welchen das Fabriksystem siegt; die, in welchen die Haus- industrie bleibt. — Der Aufschwung der Baumwollenweberei. Statistik derselben 1816 — 61. Der Charakter der Unter- nehmungen: Fabriken neben Erhaltung der Hausweberei. Die Noth der Weber; die durch besondere Preisverhältnisse eintretende Wiederbelebung der Handweberei 1850 — 60. Der Sieg der Maschinenweberei auch in Deutschland. Die lokale Vertheilung von Hand- und Maschinenweberei in Deutschland. Die theilweis mögliche Erhaltung der Hausindustrie. — Die handwerksmäßigen Bleicher und die fabrikmäßigen Kunst- bleichen und Appreturanstalten. Die Färbereien und Kattun- druckereien. Der lokalen handwerksmäßigen Weberei habe ich in den bisherigen Ausführungen die Weberei für den Die Gewebeindustrie des Mittelalters. Absatz im Großen entgegengesetzt. Es war unter letz- terer dabei sowohl die Hausindustrie, welche für den großen Markt arbeitet, als die fabrikmäßige Weberei verstanden. Wir haben jetzt noch zu untersuchen, wie sich der Konkurrenzkampf zwischen diesen beiden Faktoren gestaltet hat, wo das Fabriksystem und der Maschinen- stuhl die Hausindustrie verdrängt haben. Das Schwierige ist dabei, daß auch der flüchtigste Ueberblick über die Geschichte der betreffenden Industrien sich nicht geben läßt, ohne eine Reihe von mitwirkenden, aber unserer Untersuchung ferner liegenden Ursachen hereinzuziehen. Die allgemeine Handelsgeschichte, die Rückwirkung poli- tischer Ereignisse, das Zollwesen des eignen und der benachbarten Staaten und ähnliche Dinge sind theil- weise bedeutungsvoller für Aenderung oder Erhaltung dieser und jener Form der Industrie geworden, als die direkten Vortheile und Nachtheile dieser und jener Art des Betriebs selbst. Zahlreiche handwerksmäßige Geschäfte an demselben Orte vereinigt mit theilweise gemeinsamen Einrichtun- gen, mit einem sehr bedeutenden Absatz nach fremden Märkten kannte schon das Mittelalter — und zwar hauptsächlich in der Gewebeindustrie. In Gent sollen seiner Zeit 40000 Webstühle gestanden haben, in Brügge sollen zur Zeit der höchsten Blüthe 50000 Men- schen von der Verarbeitung der Wolle gelebt haben. In Köln wurden nach einem Aufstande der Weber auf einmal 1800 Tuchmacher verbannt. Noch 1610 gab es in Augsburg 6000 Leineweber. Von 1415 bis gegen 1564, bis die englische Konkurrenz durch die vertriebenen Die Umbildung einzelner Gewerbszweige. Niederländer so bedeutend zunahm, lebten die märkischen Städte fast ausschließlich von der Wollweberei. Vergl. über die ältere Geschichte der deutschen Gewebe- industrie: (Hildebrand), zur Geschichte der deutschen Woll- industrie in seinen Jahrbüchern VI , 186 — 254, VII , 81 — 153; Werner, Urkundliche Geschichte der Iglauer Tuchmacherzunft, Leipzig 1861; Historische Nachricht von den Hauptmanufakturen der Tücher ꝛc. in der Churmark, in den „historischen Beiträgen die kgl. preuß. Staaten betreffend,“ Dessau 1781; ferner Mone, Zeitschrift d. Gesch. des Oberrheins passim und die erwähnte Geschichte der Linnenindustrie von Volz. Es war eine Massenindustrie, aber keine Groß- industrie. Die einzelnen Weber waren theilweise reiche Leute und traten als solche in die höhern Klassen der Gesellschaft über, aber in der Hauptsache blieben sie, so lange sie das Geschäft betrieben, Handwerker, Meister, die selbst Hand anlegten. Ob diese glückliche soziale Organisation der mittelalterlichen Gewebeindustrie mehr Folge der allgemeinen damaligen wirthschaftlichen Zu- stände, der einfachen Technik, der mäßigen Kapitalvor- räthe war oder vielmehr Folge einer naiven sozialisti- schen Gesetzgebung, die im Einklang mit den Sitten und den moralischen Anschauungen jener Zeit absichtlich eine gewisse soziale und wirthschaftliche Gleichheit unter sämmtlichen Produzenten erhalten wollte, Das behauptet hauptsächlich Schönberg in seinen Unter- suchungen über das Zunftwesen. will ich hier nicht entscheiden. Es würde zu weit abführen, wollte ich hier das Entstehen, die Voraussetzungen, die Ursachen der Blüthe jener Gewebeindustrie schildern. Nur das möchte ich betonen, daß auch damals, wie bei einer Die Organisation der mittelalterlichen Weberei. handwerksmäßigen Massenindustrie immer, das einzelne kleine Geschäft nicht auf sich allein stehen konnte. Die große Fabrik der Gegenwart ist eine Einheit für sich, geleitet von einem Manne höherer Bildung und weiten Blickes. Bei der Hausindustrie handelt es sich immer um eine Reihe von Geschäften, die theils in einander greifen, theils sich parallel entwickeln müssen, um einen gemeinsamen Effekt zu erreichen, die in der Mehrzahl von Leuten mittlerer und geringer technischer und kauf- männischer Bildung geleitet werden. Großes hat in den blühendsten Zeiten des kräf- tigen Städtelebens das Genossenschaftswesen für gleich- mäßige Produktion, für gemeinsame Einrichtungen und gemeinsam organisirten Absatz geleistet. Aber angelehnt waren diese genossenschaftlichen Institute immer an die Zunft, und die Zunft war in ihrer besten Zeit keine den städtischen oder staatlichen Behörden entgegengesetzte Genossenschaft, sie war Genossenschaft und städtische Behörde zugleich, vom Rathe kontrolirt, vom Rathe gehindert, egoistische kurzsichtige Beschränkungen eintreten zu lassen, durch schlechte Waarenlieferung den Kredit der Stadt zu kompromittiren, vom Rathe unterstützt und nach Außen vertreten. Die Zünfte „errichteten oder brachten an sich Wollküchen, in welchen die rohe Wolle gereinigt, Kämmhäuser, in welchen dieselbe gekämmt wurde, Walkmühlen, Schleifereien, um die Scheeren der Tuchscheerer zu schleifen, Tuchrollen, Mange- und Färbehäuser; sie besaßen oder mietheten gemeinsam große Räume, wo die Tuchrahmen zum Trocknen aufgestellt wurden, Gärten, wo gebleicht, endlich Gewandhäuser, Die Umbildung einzelner Gewerbszweige. in welchen die Tuche verkauft wurden.“ Ebenso oft als die Zunft übernahm die Stadt selbst solche Institute. Der Name und das Siegel der Stadt garantirte in weiter Ferne die Güte der Waare. In jeder Weise bemühten sich die städtischen Behörden für das Gedeihen solcher Gewerbe, auf welchen der Wohlstand der ganzen Stadt ruhte. Die territoriale Fürstenmacht trat im 17. und 18. Jahrhundert, als der Zunft- und Gemeindegeist tief gesunken, einer selbständigen gesunden Aktion nicht mehr fähig war, nur das Erbe des früheren städtischen Regiments an, wenn sie nun diese Funktionen übernahm, wenn sie durch ihre Gewerbereglements, durch Legge- stellen und Schauämter für die nothwendige gleichmäßige Produktion der einzelnen kleinen Meister, wenn sie mit staatlichen Mitteln für mancherlei gemeinsame Einrich- tungen und Anstalten sorgte. Nach dem Stande der Technik, nach der Bildung des damaligen deutschen Handwerkerstandes, nach den vorhandenen Kapitalmitteln war in vielen Zweigen eine blühende Industrie nur so oder gar nicht möglich. Ohne diese Vermittlung, ohne diese einheitliche Organisation war es nicht möglich, damals in Deutschland Tausende von kleinen Unter- nehmern zur Wohlhabenheit und zur Thätigkeit für den Welthandel zu erziehen. Vergl. oben S. 23 — 46; über die Hausindustrie hauptsächlich S. 44 — 45. Die Prohibitivmaßregeln, die Aus- und Einfuhrverbote, welche in merkantilisti- schem Sinne in Preußen und anderwärts erlassen Die große Weberei des 18. Jahrhunderts. wurden, mag man verurtheilen; für die wichtigste Ge- webeindustrie, für die Leineweberei, waren sie gleich- gültig; ihre Blüthe beruhte auf dem großen Export; in freier Konkurrenz hatte sie sich ihre Stellung auf dem Weltmarkt erkämpft, nnd die Wollindustrie, die Strumpfwaarenindustrie, auch Anfänge andrer Gewebe- industrien waren gefolgt, hatten ebenfalls begonnen zu exportiren. Die deutsche Linnenweberei des vorigen Jahrhun- derts hatte in Schlesien, in der Lausitz, in Westfalen, in Osnabrück, im Ravensbergischen ihre Hauptsitze. In Bielefeld hatte sich schon seit Anfang des Jahr- hunderts die Damastweberei entwickelt. Mehr und mehr bezahlte Deutschland seine Colonialwaaren mit Leinwand; in den holländischen und spanischen Colonien war deutsche Leinwand zu Hause; vor Allem der Absatz über Spa- nien und nach Spanien war sehr bedeutend; nach der Schweiz, nach Italien und Frankreich kam ebenfalls viel deutsche Leinwand, nach diesen Ländern mehr aus Süd- deutschland; die vereinigten Staaten eröffneten nach ihrem Abfall vom Mutterlande einen neuen großen Markt. Besonders seit 1776 steigerte sich die deutsche Linnen- ausfuhr von Jahr zu Jahr. Die Bevölkerung nahm in den Webergegenden rasch zu, die Bodenpreise standen dort noch einmal so hoch als anderwärts. Gülich II , 226. Die Kon- junkturen waren immer steigende, der Begehr regelmäßig größer als die Produktion. Allein aus Schlesien wurden 1777 für 3 — 4 Mill. Thaler Leinwand direkt nach Die Umbildung einzelner Gewerbszweige. Spanien gesandt. Schlötzer’s Briefwechsel Th. III , 69 — 70. Gegen 1800 hatte die jährliche Ausfuhr aus Schlesien an Leinwand einen Werth von gegen 13 Mill. Thaler. Der Werth der jährlich aus der sächsischen Oberlausitz ausgeführten Leinewand erreichte im letzten Viertel des 18. Jahrhunderts durchschnittlich mehr als zwei Mill. Thaler. Wiek, industrielle Zustände Sachsens S. 234. Die große märkische Tuchindustrie war durch den dreißigjährigen Krieg und schon vorher verfallen; viele Tuchmacher hatten sich nach Sachsen gezogen, wo die Tuchmacherei fortdauernd blühte, gegen Ende des 18. Jahrhunderts durch die Wolle der 1765 und 1778 vom Churfürsten eingeführten Merinoheerden, durch den Glanz des sächsischen Hofes und durch die Lepziger Messe einen neuen Aufschwung nahm. Aber auch in den preußischen Staaten erblühte die Wollweberei, durch alle möglichen Regierungsmaßregeln befördert, wieder; Siehe oben S. 33. die französischen Refugiés, speziell hiefür herbeigeholte Tuchmacher aus Jülich und Holand, die Gewerberegle- ments hoben die Technik; die stehenden Heere steigerten hier wie anderwärts bedeutend die Nachfrage. Aber auch nach dem Auslande nahm der Absatz zu. Bran- denburgische und schlesische Tücher wurden nach Nieder- sachsen und Westfalen gebracht; der Hauptexport aber ging über Hamburg und dann direkt nach Polen und Rußland. Während für die letzten Jahre Friedrich’s des Großen Mirabeau eine Gesammtproduktion in dem Die große Weberei des 18. Jahrhunderts. preußischen Staate von 5, 8 Mill. Thlr. Wollwaaren und einen Export von 1 Mill. Thlr. annimmt, wird die Gesammtproduktion von Krug für 1802 auf 13 Mill. berechnet, wovon über 7 Mill. ausgeführt wurden (neben einer Einfuhr von etwa 2 Mill.). Dieterici, Volkswohlstand S. 20—21. Die Seiden- und Baumwollenweberei arbeitete mehr für den innern Bedarf, war aber in einzelnen Gegenden auch schon ziemlich bedeutend. Erstere am Rhein und in Berlin, letztere besonders im sächsischen Voigtlande, wohin schweizer Spinner und Weber diese Industrie schon im 17. Jahrhundert gebracht hatten. Auch die Erzgebirgische Spitzen- und Strumpffabrikation existirte schon als blühende Hausindustrie mit einem nicht unbeträchtlichen Absatz nach außen. Die Organisation der Weberei war fast überall dieselbe, wie die staatliche Beaufsichtigung durch Regle- ments und Schauämter. Die Weber waren besonders in der Linnen- und Strumpfwaarenindustrie fast durch- aus selbständige Unternehmer, häufig zugleich kleine Haus- und Grundbesitzer, Eigenthümer der Webstühle; die wohlhabendern beschäftigten ein oder ein paar Ge- hülfen. Sie verkauften meist direkt, d. h. ohne die Zwischenhand eines Factors, eines Kommissionärs, in der Regel auf besondern Märkten an die Kaufleute, welche die Waare bleichen, färben und zurichten ließen, dieselbe in den Welthandel brachten. Die Kaufleute waren selbst zu einem großen Theil wohlhabend gewor- dene Weber. Sie erhielten die Aufträge auf die bestimmt Die Umbildung einzelner Gewerbszweige. hergebrachten Arten von Geweben aus Hamburg, Bre- men, aus den Absatzländern selbst. Der Vortheil der Organisation lag eben darin, daß die großen Gewinne sich auf so viele kleine Unter- nehmer vertheilten, daß die große Industrie auf die Weise herabstieg in die Hütte des kleinen Handwerkers, sich auf dem Lande ansiedelte, jene glückliche Verbin- dung mit der Bewirthschaftung eines kleinen Grundstücks erlaubte, welche z. B. Bowring noch im Jahre 1839 zu den begeisterten Lobreden auf die deutsche Gewebe- industrie im Gegensatz zur englischen veranlaßte. John Bowring’s Bericht über den deutschen Zollver- band, übers. von Dr. Bueck, Berlin 1840, S. 85. Dagegen ließen Nachtheile auch schon damals sich nicht verkennen. Die überwiegende Mehrzahl der Pro- duzenten waren weder technisch noch kaufmännisch gebil- dete Handwerker; schwerfällig hielten sie am Hergebrach- ten fest. Wollte je Einer Etwas Neues einführen, so hing er z. B. in der Wollindustrie vom Spinner und Kämmer oder Streicher, von der Ortswalke, vom Tuchscheerer ab. Vgl. Roscher, Ansichten der Volkswirthschaft S. 147 bis 148. Der Kaufmann, der einen neuen Artikel verlangte, hatte die verschiedensten Leute und Geschäfte dazu anzulernen, mußte ihnen die neuen Muster, den neuen Rohstoff liefern. Von einem Anschmiegen an den wechselnden Geschmack des Publikums, von rascher Einführung neuer Methoden konnte nicht die Rede sein. Nur langsam, mit Verlusten, durch veränderte Regle- Vortheile und Nachtheile der Hausindustrie. ments war dies möglich. Ganz bestimmte Arten von Geweben mit festem Namen, bestimmter Breite und Stücklänge konnten in der Regel nur gefertigt werden. Bei ihnen mußte man schon bleiben, weil nur über solche feststehende stereotype Produkte eine Kontrole durch Schauämter, eine Stempelung möglich war; und diese Kontrole wieder war unentbehrlich, weil ohne sie die Waaren, welche der einzelne Kaufmann lieferte, welche aber Dutzende von Webern gefertigt hatten, zu ungleich- mäßig ausgefallen wären, weil unter den kleinen Webern immer viele waren, die nicht so weitsichtig sein konnten, wie heute jede große Fabrik es ist oder sein sollte, einzusehen, daß kleine Fälschungen und Nachlässigkeiten den ganzen Absatz gefährden. Große politische Stürme, große anhaltende Stockun- gen des Absatzes, bedeutende Fortschritte in der Technik, veränderte Anschauungen über Recht und Pflicht des Staates, sich der Industrie des Landes anzunehmen, das waren Schläge, welche eine derartig organisirte Hausindustrie doppelt treffen mußten, zumal wenn sie sich fast alle zu gleicher Zeit vereinigten. Die napoleonischen Kriege, die Kontinentalsperre, die Vernichtung des auswärtigen deutschen Handels, die großen Veränderungen innerer und äußerer Zollinien und Zollsätze haben je nach den einzelnen Industrien auf Deutschland sehr verschieden gewirkt; einzelne, wenig entwickelt und jetzt von der englischen Konkurrenz befreit, haben große Fortschritte in dieser Zeit gemacht; andere, deren Absatz bisher über England, überhaupt nach Staaten und Ländern gegangen war, mit denen der Die Umbildung einzelner Gewerbszweige. Handel damals unmöglich war, mußten um so empfind- licher leiden; da die Stockung eine Jahrelang audauernde war, mußten die bisher von Deutschland aus versorgten Länder entweder ihre Industrie selbst entwickeln oder mit andern Bezugsquellen sich in Verbindung setzen. Das war zunächst der Hauptschlag, der die deutsche Linnenindustrie traf Gülich II, 337 — 376. und zugleich die englische hob, wie ich oben schon bei Besprechung der Flachsspinnerei zu zeigen suchte. Englands Marine, sein auswärtiger Handel nahm zu, ihm allein standen die Märkte der Kolonien noch offen, die Linnenpreise standen dort hoch; es warf sich mit Macht auf diese Industrie, in der Spinnerei die Maschine, in der Bleiche und Appretur die neuen Methoden, in der Weberei aber auch noch fast durchaus den Handstuhl benutzend. In Deutschland war die Noth in den Weber- distrikten in jener Zeit groß, freilich verschieden je nach- dem die Weberei ausschließliche Erwerbsquelle der Leute war oder nicht. Der Absatz stockte, die Preise waren gedrückt und doch schränkte sich die Produktion nicht ein. Die kleinen Meister fuhren fort zu arbeiten, ja die eben erlassene Gewerbefreiheit in Preußen und die Noth auch in andern Gewerbszweigen veranlaßte da und dort sogar noch einen weitern Zudrang, besonders in Schlesien. Während die Leinwandkaufleute und die wohlhabenden Weber sich eher aus dem Geschäft zurückzogen, um nicht auch, wie so manche ihrer Kollegen, Bankerott zu machen, vermehrte sich das Angebot der kleinen unvoll- Die preußische Leineweberei 1806 — 15. kommenen Weber. Hätte das Geschäft geblüht, so wären jene, die sich jetzt mit ihrem Vermögen zurückzogen, die berufenen Leute gewesen, die Fortschritte des eng- lischen Maschinenwesens nachzuahmen. Bei der Ueber- produktion aber war keine Veranlassung hiezu. Und die, welche bei der Weberei blieben und neu sich zudräng- ten, waren die mittellosen und ungeschicktern Weber. Sie fingen im Gegentheil mehr und mehr, freilich durch die Noth getrieben, an, zu versuchen, ob sie durch schnelle, schlechte und gefälschte Produktion nicht ersetzen könnten, was sie an den gedrückten Preisen verloren. Es kann in dieser Beziehung nach den übereinstim- menden Aussagen der Sachverständigen Ich verweise hauptsächlich auf Schneer und das große dort angeführte Material. Auch in Frankreich fanden in den vierziger Jahren vielfache Verhandlungen statt, ob nicht der sinkenden Hausindustrie durch Wiederherstellung der alten Kon- trolen aufzuhelfen sei: Zollvereinsblatt 1845, S. 922; noch 1856 erklärt Moreau de Jonn è s den Zustand der kleinen Leine- weber für einen solchen, dem nur durch verschiedene Staats- und Gemeindeanstalten ꝛc. zu helfen sei, Statistique de l’in- dustrie S. 184 — 185. Aehnliche Berathungen in Sachsen, die aber auch zu keinem Resultate führten, Wiek S. 241 nicht zweifel- haft sein, daß die Gewerbefreiheit und die in Folge hievon eingetretene laxere Handhabung oder vollständige Nichtachtung der Reglements verhängnißvoll besonders für die schlesische Linnenweberei geworden ist. Stände, Regierung und Kaufleute sahen das nach Jahren ja auch ein. Man versuchte in Schlesien 1827 die Kontrolen theilweise wieder herzustellen, wie ich schon Schmoller , Geschichte d. Kleingewerbe. 35 Die Umbildung einzelner Gewerbszweige. bei Betrachtung der Spinnerei erzählte. Aber es war schwierig; man fand Widerstand aller Art; für einzelne größere solide Geschäfte war jede derartige Kontrole überflüssig, daneben lästig und hemmend. Eine sehr große Zahl anderer Kaufleute und Weber, die seit Jahren schlechte und gefälschte Waaren lieferten, hatten alle Ursache, aus diesem Grunde Opposition zu machen. So wagte man nicht die Schau und Stempelung obli- gatorisch zu machen; es wurde nur angeordnet, daß die Weber gestempelte Weberblätter benutzen sollten, worin, wenn sie sie anwendeten, allerdings eine Kontrole der Breite des Gewebes und der Fädenzahl der Kette gele- gen hätte. Ich habe übrigens damit der Erzählung weit vor- gegriffen. Zunächst hatten sich die Verhältnisse nach 1815 wieder etwas gebessert, wenigstens ein Theil des Absatzes nach Außen war, wenn man billig genug ver- kaufte, wieder zu gewinnen. Gülich II, 412. Der Absatz in Deutsch- land selbst hob sich mit rückkehrendem Frieden; das preußische Zollsystem, später der Abschluß des Zollvereins wirkten günstig. Wo man streng an der Naturbleiche festhielt, hauptsächlich feines Garn, das die Maschine noch nicht liefern konnte, verwebte, wie in Bielefeld, Verhandlungen vor dem Berliner Handelsamt, Zoll- vereinsblatt von 1845, S. 601. Aussage, daß der Leinen- handel Westfalens seine glücklichste Zeit 1833 — 39 gehabt habe. wo strengere Kontrolen die Solidität des Geschäfts auf- recht erhalten hatten, wie in Hannover, da nahm der Absatz sogar theilweise einen neuen Aufschwung. In Die Lage der Leineweberei 1815—40. Hannover hatte sich die Linnenproduktion noch von 1826 bis 38 verdoppelt. Bowring’s Bericht über den deutschen Zollverband S. 70. Aber im Ganzen wurde die Lage nicht besser, son- dern immer schlimmer. Die Konkurrenz der Baumwolle und der billigern englischen und irischen Linnenprodukte drückte schwerer und immer schwerer. Das Sinken der Leinwandpreise hatte besonders in den zwanziger Jahren begonnen. In Schlesien — sagt Gülich — sanken vom Jahre 1823—1828 die Preise der meisten Leinen- gattungen in dem Verhältnisse von 7 zu 5, im Osna- brück’schen wenigstens in einem eben so großen; eine Elle des hier viel gefertigten Löwentlinnens, welche man im Jahre 1815 mit etwa 100 Pfennigen bezahlt hatte, kostete im Jahre 1828 nicht die Hälfte; in Münden kaufte man im letztern Jahre ein Stück der in der Um- gegend gemachten groben Leinwand, deren Preis im Jahre 1825 etwa 4 Thlr. war, für 2½ Thlr. Besonders in Schlesien beantwortete man das Sinken der Preise — mit Ausnahme weniger großer solider Häuser, wie Kramsta — durch eine immer schlechtere Produktion und schädigte dadurch den Ruf der deutschen Leinwand immer mehr. Die neue Schnell- bleiche wurde theilweise eingeführt, ohne daß man sie recht verstand. Verbrannte Waare, die beinahe im Stück nicht mehr zusammenhielt, wurde nochmals gestärkt und appretirt zum Export verpackt. Die betrügerische Vermischung mit Baumwolle nahm von Jahr zu Jahr 35 * Die Umbildung einzelner Gewerbszweige. zu, Vergl. Gülich IV, 437. Zollvereinsblatt 1844, S. 928 schreibt eine Korrespondenz aus Mexico: „Den größten Fehler begingen die Deutschen durch ein schmales Gewebe und schlechtes Maß. Ein anderer Fehler der deutschen Waare ist die sehr große Verschiedenheit von Faden, Gewebe, Farbe, Appretur, Etiquette und die unendliche Masse Nummern, welche die Käufer verwirrt. Nur ein Freiburger Haus hat von allen deutschen Fabrikanten sich gut gehalten, es führt wenige allgemein bekannte Nummern, welche immer dieselben bleiben und an Qualität sich gar nicht ändern. weil viele Häuser nur so die tief gesunkenen Preise glaubten aushalten zu können. Der einzige technische Fortschritt war der, die beigemengte Baumwolle so zu verstecken, daß kaum das geübteste Auge diese Stoffe von unvermengtem Linnen zu unterscheiden vermochte. Ueber die englische resp. irische Konkurrenz will ich nur einige Worte bemerken. Durch was sie bis 1840 wirkte, war weder der Maschinenstuhl noch ein Herabdrücken des Handlohns, sondern das billige Ma- schinengarn und die Lieferung solider gleichmäßiger reeller Waare. Im Jahre 1835 existirten in ganz Großbri- tannien erst 309 Maschinenstühle für Leinwand, während für Baumwollwaare 109626, für Wollwaare 5127, für Seidenwaare 1714 gingen. Porter, progress of the nation, new edition. Lon- don 1851. S. 200. Und die Ausfuhr war von 1800 bis zu dieser Zeit bedeutend gestiegen, wenn auch die Hauptzunahme erst später fällt. Porter, S. 225 ff. Hansemann, die wirthschaftlichen Verhältnisse des Zollvereins, berechnet S. 35, daß die großbrit. Ausfuhr betrug 1836/40 jährlich 78 Mill. Yards Linnengewebe, 1846/50 - 99, 1856/60 - 136 Mill. Yards. Der Statistik der Leinewebstühle 1816—49. Preis desselben Stückes Kanvas war nach Porter von 1813—33 von 30 auf 16—18 sh. gefallen, der Web- lohn eines solchen Stückes nur von 2 sh. 8 p. auf 2 sh. 6 p. Wie gestalten sich dem gegenüber die deutschen Verhältnisse bis zum Höhepunkt der Krisis zu Anfang und Mitte der vierziger Jahre, bis zu jener Zeit, in welcher das Sinken der Preise und der Rückgang der deutschen Ausfuhr am stärksten war? Die Ausfuhr über Bremen und Hamburg hatte 1839—44 etwa um 50 % abgenommen, Zollvereinsblatt 1845, S. 1021. An roher Leinwand hatte der Zollverein noch 1834 eine Mehrausfuhr von 9440 Ctnr., von da eine Mehreinfuhr, 1842—46 z. B. von jährlich 12331 Ctnr. Die Mehrausfuhr gebleichter Leinwand war 1842 noch 57499, 1860 - 18693 Ctr. Die Zahl der gewerbsmäßig in Preußen gehenden Webstühle war nach der Aufnahme folgende: Die offiziellen Zahlen Schlesiens sind nach Schneer viel zu niedrig; man zählte 1846 - 12347 gewerbsweise, 8820 als Nebenbeschäftigung gehende Webstühle, zus. 21167; die Zahl der Spinner war nach ihm jedenfalls noch die vierfache damals, hierzu kommen die Spuler und Bleicher, so daß die Zahl der nothleidenden Arbeiter ohne ihre Kinder mindestens auf 120000 anzuschlagen sei. Schneer S. 56. Die Umbildung einzelner Gewerbszweige. Von 1816—31 eine bedeutende Abnahme; sie ist aber in Wirklichkeit nicht von großem Einfluß, da in dieser Zeit die als Nebenbeschäftigung gehenden Stühle um so mehr zunahmen. Von 1831—49 trotz der furchtbaren Krisis im ganzen Staate eine Zunahme, in Schlesien erst gegen 1849 eine Abnahme. Sehr viele Weber zwar gingen in dieser Zeit schon zur Baumwoll- weberei über, dafür aber rekrutirte sich die Zahl der Leineweber immer wieder aus den Reihen der Spinner, die in noch schlimmerer Lage sich durch den Uebergang zum Webstuhl zu helfen suchten. Vgl. z. B. Zollvereinsblatt 1845, S. 520, über die Spinner im Eichsfelde, welche zur Weberei übergingen. Diese Stabilität der Zahl hängt zusammen mit dem schlimmsten Uebelstand der Leineweberei: alle Un- gunst einer langsam durch Jahrzehnte hindurch sinkenden Preiskonjunktur wurde ertragen durch den langsam aber sicher immer tiefer sinkenden Lohn, durch die sukzessive Einschränkung der Bedürfnisse, welche eine genügsame Arbeiterbevölkerung sich gefallen ließ. „Die Löhne“ — ruft Schneer — „wurden immer mehr herabgesetzt, die Indolenz, der Eigensinn und das Kleben am Alten, welche die eigenthümlichen Charakterzüge des schlesischen Arbeiters bilden, ließ die Weber und Spinner bei der großen Zahl der Bewerber um Arbeit, mit dem Noth- dürftigen und endlich mit dem Nothdürftigsten des Lebensunterhaltes sich begnügen.“ Ueber die schlechte Ernährung in den schlesischen und sächsi- schen Weberdistrikten: Michaelis, über den Einfluß einiger In- dustriezweige ꝛc. Noch 1863 schreibt die amtliche Kreisbeschreibung Und selbst wenn Schilderung der schlesischen Nothstände. die Weber andere Erwerbszweige hätten ergreifen können und wollen, es gab deren vor 1846 kaum welche. Der tägliche Lohn für die mühevolle 14—16 stündige Arbeit eines Webers, zugleich für Abnutzung der Ge- räthschaften, Benutzung der Wohnräume, Heitzung und Beleuchtung, für Beihülfe von Frau und Kindern wird im Durchschnitt nicht über 2—3 Sgr. damals betra- gen haben. Gülich II, 489. Schneer gibt 1844 den Lohn des Leinewebers auf 10—20 Groschen für die Woche an. Mit den Bedürfnissen und den Ansprüchen an’s Leben sank die geistige und moralische Spannkraft der Bevölkerung noch mehr; eine dumpfe, apathische Re- signation lagerte sich über ganze Gegenden; von Gene- ration zu Generation wuchs ein schwächlicheres Geschlecht. Die Leute waren rührend fleißig, auch Trunkenheit und andere hervorstechende Laster waren in den Webergegen- den nicht zu Hause; aber es mangelte an jeder höhern technischen und sonstigen Bildung und an allen Bildungs- elementen in den abgelegenen Gebirgskreisen. Ueberfrühe Ehen und ein großer Kinderreichthum bildeten wie gewöhnlich die Folge eines sozialen Zustandes, von dem es schien, daß er sich nicht mehr verschlechtern könne. von Neurode in Schlesien (Jahrbuch für die amtliche Statistik II, 306): Die Lohnweber haben so geringen Verdienst, daß sie mit den schlechtesten Nahrungsmitteln — Kartoffeln ohne Butter, Klößen oder Suppen von sog. Schwarzmehl u. s. w. — sich begnügen müssen; dabei arbeiten die Lohnweber oft die ganze Nacht hin- durch, Arbeiter in den Spinn- und Appreturanstalten 18 Stun- den täglich. Die Umbildung einzelner Gewerbszweige. Noch weniger als früher waren die Leute fähig zu irgend welchem Fortschritt, zu neuen Methoden, Mustern und Verbesserungen. Die Verschuldung stieg. Manche griffen wieder zum Spinnen und Stricken, weil sie in der Noth den Webstuhl verkauft hatten. Viele zahlten eine jährliche Miethe bis zu 4 Thaler für einen Stuhl, welcher höchstens 6 Thaler werth war. Vergl. oben die Schilderung der bairischen Weber- distrikte S. 128—131. Wer alles gewerbliche Leben immer nur sich selbst überlassen will, wird über diese Zustände Niemand einen Vorwurf machen dürfen. Wer aber auf dem humanen Standpunkt steht, die Besitzenden und Gebildeten einer Gegend einerseits, die Lehrer, Geistlichen und Beamten andererseits stets mit für verantwortlich zu halten für die Bildung, für die Lage ihrer Nachbarn, ihrer Ge- meindegenossen, ihrer Arbeiter, der wird allerdings die Regierung Die Klagen bei Schneer konzentriren sich auf die Hand- habung der ländlichen Polizei, auf die Unthätigkeit unfähiger Landräthe und auf den ganzen Standpunkt der Regierung. Nach seiner Ansicht hätte die Regierung, wenn sie die Weberei halten wollte, die Reglements streng wiederherstellen, die Ver- mittlung des Absatzes in großartiger Weise durch die See- handlung und konsularische Thätigkeit übernehmen müssen; statt dem wurde sehr viel Geld ausgegeben, hauptsächlich in der Form von zinslosen Darlehen (je bis zu Posten von 8000 Thalern) an einzelne Leinwandkaufleute, damit sie die Weber beschäftigten; viel besser, meint Schneer, wäre dieses Geld zur Gründung von Weberkompagnien (Assoziationen) verwendet worden, deren erste Leitung man natürlich hätte in der Hand behalten müssen. und die größern Industriellen, die Kauf- Schilderung der schlesischen Nothstände. leute der dortigen Gegenden großer Unterlassungs- sünden zeihen. Abgesehen aber hiervon sind die maßlosen Vor- würfe, mit welchen man die Kaufleute überhäufte, sie nutzten die Noth der Weber aus, meistentheils über- trieben; es geschah lokal und individuell; aber im Ganzen handelten sie nicht anders, als die heutigen Unternehmer in der Regel handeln; die einzelnen als solche waren nicht schlimmer, als andere Geschäftsleute. Sie drückten möglichst die Preise, weil sie selbst kaum bestehen konnten. Sie suchten, ohne aus dem alten Geleise des bisherigen Geschäftsganges herauszukommen, ohne die Mühe und die Gefahr auf sich zu laden, neue Methoden und Maschinen einzuführen, noch möglichst zu bestehen, noch möglichst Gewinne zu machen, und das ging nicht anders, als durch möglichste Herabdrückung des Lohnes; es gelang immer, weil das Angebot von Arbeitern zu groß war. Härter als über die Kaufleute, wird sich auch die gerechteste Beurtheilung über die Faktoren, Mäkler, Kommissionäre aussprechen müssen, welche sich mit der steigenden Noth mehr und mehr zwischen Weber und Kaufmann einschoben, obwohl auch dieses Verhältniß nicht nothwendig, nicht an sich schlimm ist, unter Um- ständen heilsam und unentbehrlich sein kann und einzelne achtbare Persönlichkeiten in sich bergen mag. Speziell hier aber gaben und konnten sich nur harte ungebildete Menschen mit diesem Geschäft abgeben; die Verhältnisse waren wie zu Mißbrauch und Betrug einladend; es wurde ein ähnliches Verhältniß, wie das des Middleman, Die Umbildung einzelner Gewerbszweige. der zwischen dem irischen Zwergpächter und dem Grund- besitzer steht. Die verschiedensten Zeugnisse lassen sich hierfür anfüh- ren, von Webern, von Kaufleuten, von amtlicher Seite; außer Schneer und Michaelis siehe die Notizen aus den Kreisbeschrei- bungen, Zeitschrift des stat. Bür. IV, 126. Degenkolb, selbst ein großer Weber, sagt Arbeitsverhältnisse S. 36: „Können die Weber nicht in großen Werkstätten vereinigt arbeiten, so sollte wenigstens die Unmittelbarkeit zwischen Arbeiter und Arbeitgeber hergestellt und alle lästigen Mittelspersonen, als Garnhändler, Faktor und Aufkäufer ꝛc., entfernt werden.“ In Frankreich sind vielfach ähnliche Zustände in der Gewebeindustrie; und daher ist der Ausspruch eines französischen Arbeiters: les commissionaires c’est la lepre de notre industrie, begreiflich; siehe Sarassin in Gelzer’s Monatsblätter Bd. 33. Heft 2. S. 117. Vergl. Roscher, Ansichten der Volkswirthschaft S. 144 bis 145 u. S. 165, wo er von den Mittelspersonen der engli- schen Metallhausindustrie erzählt und die verurtheilenden Aus- sprüche Leon Faucher’s über sie anführt. Der Faktor steht zum Weber in verschiedenem Ver- hältniß; bald ist er nur Käufer seines Gewebes, bald ist er Gläubiger oder Eigenthümer des Stuhls, der bei ihm für Lohn arbeiten läßt. Der Weber ist so wie so vom Faktor abhängig. Der Geschäftsgang ist meist so. Der Faktor läßt sich vom Kaufmann das Garn zu einem bestimmten Auftrag gegen bestimmten Preis zu- messen. Wo er arbeiten läßt, was er dem Weber zahlt, darum kümmert sich der Kaufmann nicht. Der Weber erhält mit der Zeugprobe den sogenannten Scheerzettel, auf dem vom Kaufmann nach Gut- dünken die Strafen festgesetzt sind, welche für zu kurzes Maß, zu wenig Schuß, unreines Ablesen und Die Stellung der sogenannten Faktoren. Aehnliches vom Lohne abgezogen werden. Die Ab- züge werden mit Recht oder Unrecht vom Kaufmann dann dem Faktor gemacht, der sich an den Weber hält. Remonstrirt der Weber beim Faktor, so zeigt dieser ihm das Lieferbuch, in dem der Abzug verzeichnet ist, remonstrirt er beim Kaufmann, so erhält er die Antwort, er solle sich an den Faktor halten, der Kauf- mann wisse ja nicht, wer dieses oder jenes Stück gemacht habe. Zur Klage kommt es nicht, das riskirt der arme Weber nicht. Sehr oft kann er es auch nicht riskiren; oftmals liegen wirkliche Defekte vor. Die Noth, das Unrecht, das der Weber glaubt erdulden zu müssen, hat es dahin gebracht, daß selbst früher ordentliche Leute fast immer etwas Garn auf die Seite bringen. In fast jedem Weberdorfe gibt es Leute, von welchen jeder weiß, daß sie mit gestohlenem Garn handeln. Alle Parteien befinden sich in einer Art Kriegszustand und jeder sucht den andern zu übervortheilen, zu täuschen, zu betrügen. Der Hauptübelstand der Faktorenwirthschaft ist der, daß dadurch jeder sittliche Zusammenhang zwischen Arbeit- geber und Arbeiter aufgehoben ist. Der Fabrikant kennt seine Arbeiter nicht, er weiß nicht, wen und wie viele Leute er beschäftigt, er hat nicht das Gefühl der Ver- antwortlichkeit, diese bestimmte Zahl Leute zu diesem Gewerbe veranlaßt zu haben, sie daher möglichst in gleicher Zahl dauernd beschäftigen zu sollen. Haupt- sächlich aus diesem Grunde lasten auf dem Gewerbe die drückenden Wechsel der Konjunktur lästiger, als auf irgend einem andern. Die Umbildung einzelner Gewerbszweige. Nachdem in den vierziger Jahren die Zustände hauptsächlich in Schlesien, bis auf einen gewissen Grad auch anderwärts, sich bis zu dieser Entsetzlichkeit ent- wickelt hatten, nachdem selbst die Zeit der höchsten Noth wohl hunderte dem langsamen Hungertode über- liefert, aber die Masse der Weber, wie die ganze Ge- schäftsorganisation doch in alter Weise erhalten hatte, nachdem der wichtigste Theil des auswärtigen Absatzes einmal verloren war, mußte es in den folgenden Jahren eher wieder etwas besser werden. Die Produktion hatte sich doch jedenfalls etwas eingeschränkt, es handelt sich jetzt hauptsächlich nur noch um den innern, von Zöllen geschützten Bedarf. Daraus erklären sich die preußischen Zahlen von 1846—61, die ich hier einschiebe: Der ganze Zollverein zählte nach dem Zollvereins- bureau 1861 - 120278 Die Webstühle sind nach meiner obigen Ausführung wohl auch etwas, aber nicht viel zu niedrig, da mit den Fabriken nur 2678 Handstühle aufgeführt sind. Webstühle mit 87812 Mei- stern und 39833 Gehülfen, neben 301 sogenanten Fabriken mit nur 350 Maschinenstühlen. Diese Zahlen sind keine erfreulichen, nicht sowohl weil sie von 1852—61 eine kleine Abnahme der Die Leineweberei von 1846—61. Stühle, der Weber, auch der Fabrikgeschäfte, deren Zählung übrigens wenig zuverlässig erscheint, zeigen, sondern weil aus ihnen ersichtlich ist, daß bis 1861 so ziemlich die alten ungesunden Verhältnisse sich erhalten haben. Mancherlei Verbesserungen waren zwar da und dort eingetreten. Die Bleiche und Appretur einzelner größerer Geschäfte hatte sich vervollkommnet, die Muster- weberei war da und dort mit bessern Stühlen einge- führt worden. Wo solche Fortschritte gemacht wurden, stieg auch der Lohn; aber die Mehrzahl blieb unberührt hiervon und begnügte sich mit einem Lohn, der etwas besser als in den vierziger Jahren, aber immer noch schlecht genug war. Zu Anfang der sechsziger Jahre war der tägliche Verdienst eines Hirschberger Damast- webers wohl 10—12 Gr., eines Bolkenhainer Webers ganz feiner Leinwand sogar 10—15 Gr., aber der gewöhnliche Weber kam täglich noch nicht über 3—4, wöchentlich über 20—25 Groschen. Zeitschrift des preuß. stat. Bür. IV, 126—128 „über die Lage der Weberbevölkerung in Schlesien;“ Jahrbuch für die amtliche Statistik II , 264—348, die zahlreichen Angaben aus den amtlichen Kreisbeschreibungen; aus Ratibor wird geschrieben: Der Lumpensammler verdient täglich 10 Sgr., der Leineweber 4—5 Sgr. Jetzt erst hatte die Maschinenkonkurrenz begonnen und drückte den Lohn für einfache Gewebe, nachdem er kaum etwas zu steigen begonnen, wieder herab. Man hatte gelernt, das Maschinengarn so zu spinnen, daß es auch den Maschinenwebstuhl aushielt; die große Rein- Die Umbildung einzelner Gewerbszweige. heit, die vollkommene Gleichheit, das gefällige Aussehen des englischen Maschinengewebes gewannen mehr und mehr Beifall. Für den Weltmarkt werden hauptsächlich solche Gewebe gewünscht. Man erkannte den Vortheil der englischen mechanischen Webereien, welcher darin liegt, je nach den Konjunkturen die Produktion zu steigern oder zu mindern, ohne eine ganze große Weber- bevölkerung zeitweise heranzuziehen und wieder in Un- thätigkeit zu versetzen. Dennoch war es lange fraglich, ob der deutsche Fabrikant nicht noch immer billiger produzire, wenn er die Noth des armen Handwebers ausnutze, statt sich theure Maschinen anzuschaffen. Die Zahl der Maschinen- stühle war 1858 noch verschwindend, 1861 ist sie etwas gewachsen, dann erst stieg sie rasch; 1867 wurde sie auf 1800 im Zollverein geschätzt; in Frankreich dagegen sollen schon 4000, in Belgien 3000 Maschinenstühle gehen, in England zählte man 20000. Oestr. Ausstellungsbericht Band IV, S. 50. Man ging in Westfalen, in Schlesien und andern deutschen Gegenden zur Maschinenweberei über, als end- lich mit der großen Nachfrage nach Arbeitern von 1862 an die Handweber anfingen, massenweis zu einfacher Tagelohnarbeit überzugehen. Preußische Handelskammerberichte pro 1865, S. 144 Abnahme in Bielefeld; S. 258 in Gladbach; S. 325: in Hirsch- berg wollen frühere Leineweber selbst gegen eine Erhöhung der Löhne um 25 % nicht mehr zu der alten Beschäftigung zurück- kehren; S. 633: im Eichsfelde sogar wird die mechanische Weberei wegen Mangel an Arbeitskräften nothwendig. Es kann sich jetzt die Hand- Die Konkurrenz der Maschinenweberei. weberei für einfache Sorten nur unter besondern Verhält- nissen noch erhalten; z. B. da, wo die Männer an Tritt- und Jacquardstühlen arbeiten, Frau und Kinder da- neben an ein oder zwei gewöhnlichen Stühlen, die so viel weniger Kraft erfordern, oder wo die Weberei zur bloßen Nebenbeschäftigung geworden ist. „Viele, in einigen Gegenden die meisten Weber“ — sagt Jakobi Zeitschrift des preuß. stat. Bureaus VIII, 328. von Niederschlesien — „haben vom Frühjahr bis Herbst mancherlei in eigener Garten- und Feldwirthschaft zu thun, oder sind selbst als Maurer, Zimmerleute, Eisen- bahnarbeiter, Feldarbeiter, Holzhauer außer dem Hause beschäftigt und betreiben daher in Sommerszeiten die Weberei nur bei ungünstiger Witterung, oder beim Fehlen von sonstiger Arbeit.“ Abgesehen von solchen Verhältnissen, kann sich die Handarbeit und damit die Hausindustrie auf die Dauer nur für ganz feine und gemusterte Artikel halten. Ein rascher entschlossener Uebergang zum Fabriksystem kann nur erwünscht sein. Zeitweise und lokal nimmt die Noth der Handweber dadurch nochmals zu. Jahrbuch für die amtl. Stat. II, 303 (Bolkenhain 1863): „durch die Maschinenweberei werden die Löhne der Handweber immer mehr gedrückt.“ Aber im Ganzen trifft die Maschinenkonkurrenz den Handweber jetzt nicht so schwer, weil die Löhne fast überall steigen. Das Verschwinden der Hausindustrie, welche beseitigt wird, ist nicht zu beklagen; es verschwindet eine ärm- liche, schlecht bezahlte Art der Beschäftigung, es ver- schwinden korrupte, betrügerische Geschäftsverhältnisse. Die Umbildung einzelner Gewerbszweige. Es sind meist Leute, welche wegen mangelnder morali- scher, geistiger und technischer Bildung auch für das Assoziationswesen, welches ihnen ihre frühere Selbständig- keit erhalten könnte, wenig oder gar nicht brauchbar und empfänglich sind. Ich komme auf diesen Punkt zurück und gehe zunächst zur Baumwollweberei über. Dieselbe hat im Allgemeinen total andere Schicksale aufzuweisen; wie die Leineweberei im Ganzen zurückging, ging sie vorwärts; sie verdrängte jene ja vielfach; eine rapid wachsende Ausfuhr gab ihr von Jahr zu Jahr größern Spielraum; — und doch ist die Geschichte der deutschen Baumwollweber, d. h. der Arbeiter, eine fast eben so traurige, als die der Leineweber. Zu Ende des vorigen Jahrhunderts war die Weberei von Baumwollstoffen noch nicht sehr bedeutend. Sie hatte sich von den Niederlanden her am Nieder- rhein, in Kursachsen, in Oberfranken, auch in Branden- burg und Schlesien verbreitet. In Augsburg blühte neben der Weberei schon die Kattundruckerei. Es wur- den auch schon deutsche Waaren exportirt, aber der Import überwog. Und daraus ist erklärlich, daß die Kontinentalsperre dem Geschäfte einen großen Impuls gab; der täglich steigende Bedarf des innern Marktes war zu decken, Frankreich, Italien und Oestreich boten einen großen jetzt den Engländern versperrten Markt. Die Entwicklung war besonders im Königreich Sachsen, aber auch anderwärts, außerordentlich. Es handelte sich damals überwiegend um kleine Geschäfte, es waren ja meist junge Anfänger. Die Baumwollweberei. Nach 1815 trat ein heftiger Rückschlag durch die englische Konkurrenz ein; aber als sich Preußen 1818 abschloß, als Preußen wie später der Zollverein die sämmtlichen Baumwollgewebe mit einem hohen, für gröbere Waaren fast prohibirenden Schutzzoll versah, nahm die Weberei nicht bloß für den innern Bedarf, sondern bald auch zum Export wieder einen glänzenden Aufschwung. Bienengräber Statistik des Verkehrs S. 214. Der zollvereins- ländische Export erreicht freilich noch entfernt nicht den engli- schen, der pro Kopf der Bevölkerung nach Hansemann S. 71 über 8 Thlr. 1856—60 betrug, während er im Zollverein 0, 47 , in Belgien 0, 89 , in Frankreich 0, 30 Thlr. erreicht. berechnet die inländische jährliche Produktion an Baumwollwaaren und die Mehrausfuhr an solchen (über die Einfuhr) im Zoll- verein folgendermaßen: Diesen Zahlen entsprechend sind die Zahlen der gewerbsmäßig in Preußen gehenden Webstühle (ohne Band-, Posamentier- ꝛc. Stühle), der Webermeister und Gehülfen; man zählte in Preußen Webstühle: Schmoller , Geschichte d. Kleingewerbe. 36 Die Umbildung einzelner Gewerbszweige. Die Zahlen der Fabriken erscheinen wie bei der Linnen- industrie werthlos; die Abnahme von 1858—61 zeigt, daß nicht immer nach gleichen Grundsätzen gezählt wurde. Im ganzen Zollverein zählte das Zollvereinsbureau 1861 ‒ 151451 Handstühle, Diese Zahl ist wieder zu niedrig, aber höchstens um 13008 Stühle, denn so viel zählt das Zollvereinsbureau unter den Fabriken Handstühle. 77915 Webermeister mit 80387 Gehülfen, 940 Fabriken und 23491 Maschinenstühle. Baiern, Sachsen, Württemberg, Baden und Thüringen sind außer Preußen haupt- sächlich betheiligt. Die Geschäftsorganisation war von Anfang an eine andere, als bei der Linnenindustrie. Es war kein althergebrachtes überall verbreitetes Gewerbe; es han- delte sich um Schaffung einer ganz neuen Industrie, einer Industrie, deren Produkte sich einer steigenden Beliebtheit erfreuten, da sie durch ihre Billigkeit den ärmern Klassen erlaubten, sich besser und reichlicher zu kleiden und daneben durch die Mannigfaltigkeit der Verarbeitung dem Luxus der höhern Klassen dienten. Die Baumwolle war der Stoff, auf den sich alle die neuen Maschinen und Verfahrungsweisen am leichtesten Statistik und Organisation der Baumwollweberei. anwenden ließen; die Ausbeutung aller der Möglich- keiten, welche dieser Stoff — schon lange der Proteus der modernen Industrie genannt — bot, mußte den Scharfsinn der Ingenieure, der Fabrikanten, der Kauf- leute in besonderer Weise reizen. Der bloße Kaufmann, der das fertige Produkt vom Weber kaufte, wie in der Linnenindustrie, reichte nicht aus. Auch wo zunächst die Weberei dem Hand- weber blieb, mußte der Kaufmann für das Garn sorgen, es aus dem Auslande beziehen oder selbst spinnen lassen, die Vollendung der Waare, die Bleiche, die Appretur, die Färberei und Druckerei übernehmen. Selbst die einfachen Hemdenkattune, die Shirtings, sind nur ver- käuflich mit fabrikmäßiger schöner Appretur. Ein großer Theil der Stoffe wird bedruckt verkauft. Die bunten Baumwollgewebe, die geköperten und kroisirten Stoffe, die Piqu é s, Trikots, Jakonets, die locker gewebten Mousseline, die Vorhangstoffe, vielfach durch Stickerei verziert, die faconnirten Hosen- und Westenstoffe, die gemischten halbbaumwollenen und halbwollenen Stoffe, die Jacquardgewebe, Möbelstoffe, Tischdecken, Bettdecken und Aehnliches, die Baumwollsammte und Plüsche — All das sind mehr oder weniger Modeartikel, erfordern einen gebildeten Unternehmerstand. Während so die Natur des Gewerbes, freilich unter manchen harten Rückschlägen, einen tüchtigen, dem Fortschritt geneigten Fabrikantenstand heranzog, blieb derselbe in einer Beziehung doch überwiegend im alt- hergebrachten Geleise; die Weberei wurde nicht mit den übrigen Prozeduren in großen Etablissements vereinigt, 36 * Die Umbildung einzelner Gewerbszweige. sondern blieb Hausweberei; fast nirgends so, daß die Weber als selbständige Unternehmer Garn gekauft und das Gewebe an die Fabrikanten verkauft hätten, sondern so, daß sie die Garne nebst Muster und Anweisung erhielten, um bestimmten Lohn webten. Die Vermitt- lung des Faktors wurde dadurch in der Baumwoll- weberei noch viel häufiger, als in der Leineweberei; alle Mißstände dieser Geschäftsorganisation zeigten sich hier in fast noch grellerem Lichte, als bei der Linnenindustrie. In England hatte sich für alle einfachern Gewebe der Uebergang zum Maschinenstuhl schon in den zwanziger und dreißiger Jahren vollzogen, in Verbindung freilich mit entsetzlicher Noth unter den Handwebern. In Deutschland hatte man kaum Kapital genug, für die sonstigen Einrichtungen; die direkte Konkurrenz der eng- lischen Maschinenstühle war durch die Schutzzölle abge- halten. Der Ueberfluß der sich anbietenden Hand- weber war so groß, der Preis zu dem sie sich anboten so niedrig, daß von einem Uebergang zu Maschinen- stühlen nicht die Rede sein konnte. Die zahllosen ver- armten Leineweber in Schlesien, in Sachsen, am Rhein waren froh, hier wenigstens wieder Beschäftigung zu finden. Die rasche Bevölkerungszunahme in den Weber- distrikten hielt das Angebot Arbeitsuchender auf einer stets bedenklichen Höhe. Der Lohn eines Baumwollwebers war in den zwanziger Jahren im Voigtlande und im sächsischen Erzgebirge nicht über 2 Gr. täglich. Gülich II, 489. In Schlesien Die schlechte Lage des Handwebers. konnte der Lohn nicht höher sein, als in der Leine- weberei; auch alle die übrigen traurigen Folgen, die betrügerischen Geschäftsgewohnheiten, das niedrige geistige Niveau, der Volkscharakter dieser Bevölkerung, wenn ich so sagen darf, übertrug sich von der Leine- auf die Baumwollweberei. Von Anfang der dreißiger Jahre bis 1836 und 37 erfolgte die große Zunahme der Baumwollindustrie, die Löhne besserten sich etwas. Dann folgte der Rückschlag von 1837—41; in Manchester standen damals ja 1000 Häuser leer, über 10000 Familien waren brotlos, in ganz Lancashire etwa 400000 Menschen ohne Beschäf- tigung. Grothe a. a. O. D. V. T. Sch. 1864. Heft 2. S. 111. Der sächsische und schlesische Kattunweber war 1840 zufrieden, wenn sich sein Wochenverdienst einem Thaler näherte, und Wiek, der dies mittheilt, meint damals, die Maschinenweberei werde wohl nie in Deutschland sich ausbreiten, denn die Dinge lägen in England, wo die Maschinen jetzt zunähmen, total anders, der einfache Handweber erhalte dort min- destens wöchentlich 4 Thaler. Wiek, industrielle Zustände Sachsens S. 29. In Chemnitz, Siehe die eingehende Geschichte der Chemnitzer Gewebe- industrie im Handelskammerbericht für 1863, S. 91 ff. einem der Hauptsitze der deutschen Baumwollweberei, hatte man bisher fast nur einfache Kattune gefertigt. Als der Lohn hierfür immer spär- licher wurde, ging man zu den Ginghams, den Bunt- waaren über. Die Ginghams — sagt der Bericht- Die Umbildung einzelner Gewerbszweige. erstatter der Chemnitzer Handelskammer — gaben in Chemnitz und der Umgegend lange Zeit vielen Händen Beschäftigung, bis in Folge drückender Konkurrenz die Löhne auf ein Minimum herabsanken, kaum ausreichend, zur Bestreitung der dringlichsten Lebensbedürfnisse. Dann ging man zu den gemischten Stoffen, Meubles- stoffen, Jacquardgeweben über, in welchen Gebieten man wieder etwas höhere Löhne zahlen konnte; in neuester Zeit (von 1860 an) hat aber auch das mehr und mehr (als Handarbeit und Hausindustrie) aufge- hört; „der Grund der Abnahme ist darin zu suchen, daß bei den verhältnißmäßig niedrigen Löhnen (von 1½ Thlr. wöchentlich bis 4 Thlr.) und bei der bedeu- tenden Vertheuerung aller Lebensbedürfnisse die jungen Arbeitskräfte sich denjenigen Industriezweigen zugewendet haben, bei welchen höhere Löhne zu erreichen sind.“ Ein Hauptübelstand für die moralischen Verhält- nisse, für die ganze Lebenshaltung der Handweber liegt in den oben schon erwähnten wechselnden Kon- junkturen: eine Zeit lang glänzender Verdienst, dann Monate und Jahre lang wieder eine Noth, welche zwingt, mit dem erbärmlichsten zufrieden zu sein. Solcher Wechsel führt dahin, daß auch in den bessern Zeiten nicht gespart, sondern nur geschlemmt wird, er depravirt die Weberbevölkerung. Solcher Wechsel trägt außerdem vor allem dazu bei, die Handarbeit zeitweilig wieder unnatürlich zu halten und auszu- dehnen. Nach der Noth der vierziger Jahre mußte man die Handweberei für alle einfachen Gewebe schon für Die zu lange Erhaltung der Handweberei. ganz verloren halten, zumal in der Baumwollweberei. Da gab die außerordentliche Nachfrage, die glänzende Steigerung des Exports nach Amerika von 1851—57 und wieder von 1858—61 den Preisen und Löhnen eine solche Wendung, daß der Handweber wieder existiren zu können glaubte; statt ausschließlicher Aus- dehnung der Maschinenweberei, die theilweise ja auch erfolgte, beschäftigte man wieder zahlreich die mit dem geringsten Lohn zufriedenen Handweber und veranlaßte die Eltern, ihre Kinder wieder dem Gewerbe zu widmen; viele Leineweber gingen auch jetzt wieder zur Baumwollweberei über. Man ließ Artikel auf’s Neue bei Handwebern fertigen, die längst der Maschine verfallen waren. Selbst der einfachste Kattunweber kam damals in Württemberg wieder auf etwa 34 Kr. täglich (d. h. beinahe 10 Gr.), der Jacquardweber auf 50, der Korsettweber auf 60 Kr. Mährlen, Darstellung und Verarbeitung der Gespinuste S. 142. Auch in Sachsen nahmen in Folge hiervon die Hand- stühle (theilweise freilich waren es Tritt- und Jacquard- stühle) von 1846—61 so sehr zu: von 17739 auf 31508, die Maschinenstühle von 150 auf 1418. Schon damals warnte der Einsichtige, es könne das nicht auf die Dauer so bleiben. „Besondere Konjunkturen des Marktes,“ ruft Mährlen 1858, „exempte Betriebs- und ökonomische Verhältnisse der Unternehmer und Lohn- weber mögen es eine Zeit lang der Handarbeit möglich machen, mit der Maschinenarbeit auf dem gleichen Pro- duktionsgebiet zu konkurriren — von Dauer ist ein solcher Die Umbildung einzelner Gewerbszweige. Zustand nie, da er gegen die Natur der Dinge streitet. Ueber kurz oder lang macht die Maschine ihr Uebergewicht geltend und reißt ihr natürliches Recht an sich.“ Und so war es natürlich; der Rückschlag begann schon etwas 1858, vollends 1862 mit der Baumwoll- krisis und dem gestörten Export nach Amerika. Die Anfang der sechsziger Jahre in den amtlichen Kreis- beschreibungen erhobenen Löhne, Zeitschrift des preuß. stat. Bür. IV, 128. waren täglich 4—5 Gr. in Hirschberg, 3—4 Gr. in Glatz (Regierungsbezirk Breslau), 5½—6 Gr. in Kösfeld (Westfalen). Zahl- reich gingen nun auch die Kattun- und Nesselweber zu andern Gewerben, zur gemeinen Tagelohnarbeit über. Jahrb. für die amtl. Stat. II, 346. Viebahn III, 926. Die Konkurrenz der Maschinenarbeit zeigte sich jetzt natürlich mehr als je, sowohl in andern Län- dern, als im Zollverein selbst. Berechnete Mährlen doch schon 1858, daß durchschnittlich der Maschinenstuhl von den in Württemberg fabrizirten Geweben die Elle zu 9 Kr., der Handstuhl aber die Elle zu 14 Kr. liefert. Mährlen, Darstellung und Verarbeitung der Gespinuste S. 87. In Großbritannien hatte man schon 1835‒109626 Powerlooms für Baumwollartikel gezählt, 1856 betrug ihre Zahl gegen 300000. Die Weberei hat sich kon- zentrirt wie die Spinnerei; meist ist dort Spinnerei und Weberei nicht ohne Vortheil in denselben Etablissements Die Konkurrenz der Maschinenweberei. verbunden. In Frankreich existirten 1855 etwa 50000 mechanische Webstühle, 1867 aber schon 80000. Oestr. Ausstellungsbericht Band IV, 25. Selbst die große Schweizer Baumwollweberei, deren Uebergang zur Maschine lange auch durch die billigen Löhne aufgehalten war, ist jetzt in rapidem Uebergang hierzu begriffen. Man zählte 1867 gegen 13000 Maschinenstühle. Die daneben noch zahlreichen Hand- weber (hauptsächlich in St. Gallen noch vorherrschend) arbeiten vor Allem die bunten Stoffe, die Ginghams. Aber selbst dieser Artikel fängt wie in Sachsen an, auf den Maschinenstuhl überzugehen. In Preußen hatten die Maschinenstühle 1846 erst 3, 17 % betragen. Von 1855—61 fand, wie die obige Tabelle ausweist, eine nicht unbedeutende Zunahme statt; die Powerlooms machen 1861 - 9, 2 % der Gesammtzahl aus. Die Zunahme ist aber sehr verschieden je nach den Provinzen; sie war auch in andern Ländern stärker als in Preußen, wie die folgende Tabelle zeigt, welche je die Gesammtzahl Bei den preußischen Provinzen ist als Gesammtzahl die Summe der gehenden Webstühle (Spalte 50 der Aufnahme- tabelle), bei den andern Staaten die Summe dieser, nebst der bei den Fabriken gezählten Hand- und Maschinenstühlen (Spalte 50, 87 u. 88) angenommen, wie das nach meinen obigen Aus- führungen nothwendig ist. der Stühle mit den Maschinen- stühlen vergleicht. Von den andern deutschen Ländern führe ich nur die an, in welchen die Baumwollweberei von größerer Bedeutung ist. Die Umbildung einzelner Gewerbszweige. Es ergiebt sich aus dieser Tabelle unzweifelhaft und auch Viebahn bestätigt das, daß die mechanische Weberei hauptsächlich da sich ausdehnt, wo sie sich an die große Spinnerei anschließt, wie in Baden, Baiern und am Rhein. Es sind zugleich die Länder, wo nicht ein massenhaftes Weberproletariat den Fabrikanten ver- anlaßt, vorerst lieber bei der billigen Handarbeit zu bleiben, als zum Maschinenstuhl überzugehen. Schlesien und das Königreich Sachsen stehen in letzterer Beziehung oben an; sie haben 1861 die größte Baumwollweberei, aber fast die wenigsten Maschinenstühle. Von 1861 bis zur Gegenwart hat sich nun noch viel verändert; beson- ders im Königreich Sachsen hat sich die Maschinen- weberei ausgedehnt, die Hausindustrie eingeschränkt. Vergl. die Tab. im Chemnitzer H. -K. -Ber. pro 1863, S. 97. Ein genauer Nachweis darüber ist mir nicht möglich. Die mögliche Erhaltung der Hausindustrie. Die letzte Frage, welche sich hieran anschließt, ist die, ob mit dieser Bewegung die Handarbeit und Haus- industrie ganz verschwinden wird oder nicht. Es kommt darauf an, was ihr je nach den konkreten Verhältnissen bisher geblieben war, auf welcher Stufe moralischer und technischer Bildung die Weber der einzelnen Gegend stehen. Dr. Peez berichtet z. B. Im östreichischen Ausstellungsbericht Bd. IV, S. 25. von Frankreich, daß 1867 neben 80000 mechanischen noch 200000 Hand- stühle gehen, und setzt hinzu: „Um die hohe Zahl der letzteren zu begreifen, muß man sich erinnern, daß es sich in Frankreich nicht mehr um den hoffnungslosen Wettlauf der Handweberei mit der Maschine bei groben gewöhnlichen Geweben handelt, daß vielmehr die hoch- entwickelte französische Feinwaarenindustrie eine Menge von Geweben fordert, die wegen häufiger, von der Mode geforderter Variationen nur mit gut bezahlter Handarbeit erzeugt werden können. Hierher gehören vor Allem die feinen Artikel von St. Quentin und Tarare, aber auch die Piqu é s für Westen und Anderes.“ Das ist der Punkt, um den es sich auch in Deutschland handelt. Wo der niedrige Lohn und die Noth die Weberbevölkerung nicht allzuweit herabgedrückt haben, wo die Geschäftsvermittlung der Faktoren nicht zu dem traurigen Systeme gegenseitiger Betrügerei und Uebervortheilung ausgeartet ist, wo man den Leuten theure Garne und werthvolle Muster anvertrauen kann, wo die technischen Kenntnisse der Weber, sei es in Folge der bessern Lage, sei es in Folge von Webschulen Fort- Die Umbildung einzelner Gewerbszweige. schritte gemacht haben, wo sie den Sinn dafür und Geld oder Kredit hatten, sich bessere Stühle, Tritt-, Jacquard- und Korsettstühle anzuschaffen, wo sich weitere Arbeiten, wie die Vorhangstickerei, mit der Weberei verbunden haben, wo Alles das durch einen noch vor- handenen kleinen Haus- und Landbesitz der Weber begünstigt wurde, da hat sich die Hausweberei bis jetzt erhalten und wird sich auch in Zukunft in ziemlicher Ausdehnung noch halten. Leider ist das nicht überall, in den meisten deutschen Weberdistrikten sogar nicht der Fall. Leider trat in Schlesien, in der Lausitz, im bairischen Voigtlande zu einem großen Theile der umgekehrte Fall ein. Man fing an, Vergl. Zeitschrift des sächs. stat. Büreaus 1863, S. 36. Dort wird die ganze Entstehung geschlossener Etablissements vor der Zeit der Maschinenweberei so erklärt. — weil man den Webern das kostbare Material nicht anvertrauen wollte, von ihnen nicht die gehörige Sorgfalt der Ausführung erwartete, sie die Stühle nicht besaßen, — alle feinern und bessern Gewebe in der Fabrik, nur die gemeinern Sorten noch außer dem Hause weben zu lassen. Wo das geschah, war es auch natürlich, daß man die tüchtigern Leute mit höherem Lohne in die Fabrik nahm. Die ungeschickten, unfähigen blieben Hausweber — aber Hausweber für Artikel, die nur allzubald der Maschinenweberei anheimfielen. Eine solche Hausindustrie mußte bald einer noch größern Lohnherabsetzung und endlich ihrem völligen Ruin ent- gegen gehen. Die mögliche Erhaltung der Hausindustrie. In einzelnen Zweigen der Baumwoll- wie anderer Gewebeindustrien mag die spezielle Technik diesen Weg vorgezeichnet haben, in der Hauptsache aber wurde der eine oder der andere Weg der Entwicklung vorgezeichnet durch die technische und sittliche Bildung der Weber, durch die rechtzeitige Anbahnung von technischen Fort- schritten, durch eine Erziehung der Weber zu einer Zeit, da die Noth sie noch nicht auf die tiefste Stufe des Proletariats herabgedrückt hatte. Ganz die gleichen Momente kommen bei der Möglichkeit einer Ausdehnung des Assoziationswesens in Betracht, vor der ich lieber erst unten im Zusammenhang spreche. Zunächst will ich nur wenige Worte noch über die Bleichereien, Appreturanstalten, Färbereien und Kattun- druckereien anhängen. Eine genaue Statistik über diese Hülfsgewerbe der Weberei gibt es freilich nicht. Ein Blick auf die amt- lichen Tabellen zeigt, wie werthlos sie im Ganzen sind; die Abgrenzung von Handwerk und Fabrik, die Ver- bindung mit andern Geschäften macht die Zählung hier so schwierig, führt bei jeder Aufnahme wieder zu anderer Behandlung, so daß die Zahlen kaum irgend brauchbar zu einer Vergleichung sind. Ich hebe auch nur die all- gemeinsten Resultate hervor. Die handwerksmäßigen Bleicher, Kalanderer ꝛc. haben in Preußen von 1849—61 von 979 Meistern auf 732, von 1051 Gehülfen auf 873 abgenommen. Die Kunstbleichen und Appreturen haben technisch große Fortschritte gemacht, die großen Geschäfte haben alle die neuen chemischen Hülfsmittel, die Kalander- und Die Umbildung einzelner Gewerbszweige. Walzenmaschinen eingeführt; ihre Zahl, wie die beschäf- tigten Personen haben aber abgenommen; man zählte in Preußen 1849 - 385 mit 1990, 1861 - 251 mit 1792 Arbeitern. Von den handwerksmäßigen Färbern und ihrer Abnahme habe ich schon oben gesprochen. Die fabrik- mäßigen Stückfärbereien wurden in Preußen bis 1858 mit den Garnfärbereien zusammen erhoben; erst 1861 sind sie besonders gezählt und umfassen 1077 Anstalten mit 9429 Arbeitern. Die Kattundruckereien, sowie die Druckereien aller Art, waren mehr noch als handwerksmäßiges Gewerbe besonders während der Kontinentalsperre aufgeblüht, waren dann aber der englischen Konkurrenz wieder fast erlegen. Wiek, S. 161 ff.; Degenkolb, S. 48. Die Handdrucktische und die hölzer- nen Druckmodel herrschten noch durchaus vor. In den Jahren bis 1839 fand mit dem Aufschwung der Baumwollindustrie nochmal eine Zunahme hauptsächlich von kleinen Geschäften statt. Unterdessen hatten sich in England und Frankreich die Walzendruckmaschinen, die Perrotinen, die Maschinen zur Herstellung der Druck- walzen verbreitet. Die starke englische Konkurrenz erdrückte in den vierziger Jahren die kleinen unvoll- kommenen Geschäfte; die größern Geschäfte, die sich hielten, machten die Fortschritte mit, und gegenwärtig steht die zollvereinländische Druckerei mit dem Auslande auf ziemlich gleicher Höhe, nachdem sie sich wesentlich Die Färbereien und Kattundruckereien. konzentrirt hat, wie man aus den folgenden Zahlen sieht; man zählte in Preußen: Der ganze Zollverein zählte 1861 - 640 Anstalten mit 362 Druckmaschinen, einschließlich der Perrotinen, mit 3309 Drucktischen, welche hauptsächlich noch in Sachsen und Thüringen zahlreich sind, und mit 9264 Arbeitern. Auch hier haben sich wenige große Fabriken an Stelle der zahlreichen früheren kleinen Geschäfte gesetzt. 9. Die Wollweberei im Großen, die Seiden-, die Band- und die Strumpfweberei. Die Zunahme der deutschen Wollindustrie und des deutschen Exports. Preußische Statistik von 1816—61; zollvereins- ländische von 1861. Die Organisation der Tuch- und Kamm- garnwaarenindustrie. Die großen geschlossenen Etablissements. Die Möglichkeit für kleine Geschäfte, bei richtiger Organisation für den Absatz im Großen zu arbeiten. Die genossenschaft- lichen Spinnereien, Walken und Webereien. Beispiele aus England und Deutschland. Die Bedingungen des Entstehens und der Blüthe der Genossenschaften. — Die deutsche Seiden- industrie. Preußische Statistik von 1816—61; zollvereins- ländische von 1861. Das Ueberwiegen des Handstuhls und der Hausindustrie. Ein Wort über Shawl- und Teppich- weberei. — Die Bandweberei und die Posamentierarbeiten. Zur Geschichte der Technik. Die preußischen Posamentiergeschäfte 1816—61. Die unsichern statistischen Ergebnisse über die Band- weberei. Das sächsische Posamentiergewerbe. — Die Strumpf- wirkerei. Die preußische Statistik. Die Apoldaer Strumpf- wirkerei. Die sächsische Strumpfwirkerei. Ihre Zunahme und Blüthe der Hausindustrie; ihre Schattenseiten. Die Krisis seit 1862 und die neuen Maschinen. Die theilweise Besserung 1865—66. Nachdem die große Linnen- und Baumwollweberei im letzten Abschnitt ziemlich ausführlich besprochen ist, bleibt mir für diesen Abschnitt übrig, zuerst über die Wollweberei im Großen und im Zusammenhang hiermit Die Wollweberei. über genossenschaftliche Weberei einige Worte zu sagen, um dann noch auf einige Zweige der Weberei einzu- gehen, deren handwerksmäßiges Vorkommen ich oben noch nicht näher besprochen habe, weil ich über sie an sich kürzer sein wollte; ich meine die Seidenweberei, die Bandfabrikation und die Strumpfwirkerei. In der obigen Besprechung der Wollspinnerei sowie der handwerksmäßigen Wollweberei ist der Gang, den die große Weberei genommen hat, im Allgemeinen schon bezeichnet. Ich muß hier aber nochmals von dem Stand- punkt der Industrie zu Anfang des Jahrhunderts aus- gehen. Es gab damals in Preußen, in Sachsen, am Rhein zahlreiche kleine Geschäfte, welche, ähnlich wie bei der Linnenindustrie, durch Vermittlung von Kaufleuten für den Export arbeiteten. Ihre Zahl war besonders in Schlesien, Posen und Brandenburg groß, der Absatz ging nach Rußland. Der härteste Schlag der sie traf, war die Einführung der prohibitivartigen Zölle in Ruß- land. Von 1818—28 sollen gegen 250000 Deutsche nach Polen ausgewandert sein, welche nur durch das russische Zollsystem dazu genöthigt wurden, und von welchen die Tuchmacher einen bedeutenden Theil aus- machten. Gülich II, 470. Trotzdem stieg die jährliche Produktion von Wollwaaren in Preußen von 1806—31 nach Dieterici von 13½ auf 25—27 Mill. Thlr. Noch glänzender ist der spätere Aufschwung der großen Industrie. Die Einfuhr blieb sich so ziemlich gleich; es ist darunter aber durchschnittlich nur 1 % Tuche, der Rest fällt auf Kamm- Schmoller , Gesch. d. Kleingewerbe. 37 Die Umbildung einzelner Gewerbszweige. garnartikel. Dagegen hat sich die zollvereinsländische Ausfuhr von Anfang der vierziger Jahre bis Anfang der sechziger Jahre auf den 4—5 fachen Betrag dem Gewicht nach gehoben. Im Durchschnitt der Jahre 1860—64 hatte der Zollverein eine jährliche Mehrein- fuhr von roher Wolle und Wollgarn im Werth von 31 Mill. Thlr., dagegen eine Mehrausfuhr von Woll- geweben im Werth von 44 Mill. Thalern Bienengräber S. 227—231. Nach Hansemann, die wirthsch. Verhältnisse des Zollvereins, S. 77 und 84, beträgt (bei einer jährlichen Totalausfuhr von 50—60 Mill. Thalern). Dem entsprechend ist auch die Zunahme in der Gesammtzahl der preußischen Webstühle; der Ruin der handwerksmäßigen Geschäfte von 1840—55 ist darin, wegen der sie mehr als ersetzenden Zunahme der großen Etablissements, gar nicht ersichtlich. Man zählte: Die Zunahme der Wollweberei im Großen. Das Zollvereinsbureau zählt 1861 für den ganzen Zollverein 67343 gehende Webstühle mit 31310 Mei- stern und 51645 Gehülfen, 1067 Tuchfabriken mit 2592 Maschinenstühlen und 11818 Handstühlen, 622 Fabriken für andere Wollwaaren mit 3655 Maschinen- und 9068 Handstühlen. Die Gesammtzahl der Stühle würde sich auf etwa 78000 stellen, wenn wir bei den nichtpreußischen Staaten die mit den Fabriken gezählten Stühle der Hauptsumme zusetzen. Wenn in Preußen 1861 auf 33273 gewerbsmäßig gehende Stühle überhaupt noch 10771 Webermeister und 26096 Gehülfen, zusammen 36868 Personen, gerechnet werden, so könnte man versucht sein zu glau- ben, diese große Zahl Meister und Gehülfen bedeute, da es selbständige kleine Tuchmachergeschäfte in der Hauptsache nicht sein können, eine blühende Hausindustrie; aber dem ist nicht so, es sind das überwiegend Per- sonen, welche in Fabriken arbeiten, wie man durch einen Blick auf die Spezialtabellen sieht. Im Regierungs- bezirk Aachen kommen auf 930 Webermeister 5349 Ge- hülfen, im Regierungsbezirk Frankfurt auf 1163 Meister 6602 Gehülfen. Es sind dieselben Personen, welche unter den Tuchfabriken nochmals gezählt sind. In Sachsen freilich und den andern Staaten, wo die mehr besprochene Doppelzählung nicht stattfand, ist es etwas der jährliche Export pro Kopf der Bevölkerung von 1856—60 an Tuch aus dem Zollverein 0, 82 Thlr., aus England 0, 85 , aus Belgien 1, 53 , aus Frankreich 0, 51 , an sämmtlichen Woll- waaren dagegen aus dem Zollverein 1, 37 Thlr., aus England 2, 58 , aus Belgien 1, 63 , aus Frankreich 1, 27 Thlr. 37 * Die Umbildung einzelner Gewerbszweige. anderes. Da deutet eine bedeutende Zahl Wollweb- meister, welche sub. II. A. Rubrik 57 — 58 der amt- lichen Tabellen aufgeführt sind, auf lokale Geschäfte oder Hausindustrie. Von Bedeutung sind solche außer- halb der Fabriken arbeitende Wollwebmeister aber auch nur in Sachsen und Thüringen; da ist also 1861 auch die Wollweberei noch vielfach Hausindustrie. Im Ganzen ist aber in der Wollweberei die Haus- industrie mehr verdrängt, als in irgend einer andern Spezialität der Weberei. Die Anfertigung von Kamm- garnartikeln ist überdieß ziemlich jung im Zollverein, die zu liefernden Artikel erfordern einen hohen Grad von technischer Vollendung, das englische Vorbild zeigte fast nur ganz große Geschäfte. In der Kammwollindustrie ( worsted -Artikel) liegt der Schwerpunkt der englischen Wollwaarenfabrikation; in ihr hat auch der Maschinenstuhl und das Fabriksystem seit 1836 — 40 vollständig gesiegt; die Ausfuhr dieser Artikel hat außerordentlich zugenommen in England, ungefähr in eben dem Maße, als die Ausfuhr von Tüchern zurückging; vergl. Ausstellungsbericht von 1851 II, S. 54 — 67. Die Maschinenstühle des Zollvereins sind in dieser Branche auch schon zahl- reicher (3655, davon 1391 auf Sachsen) als in der Tuchfabrikation (2592, davon nur 506 auf Sachsen). In der Tuchweberei wurde die Aufstellung der Web- stühle in den geschlossenen Etablissements selbst auch schon frühe üblich. Viele große heute wohlhabende Tuch- fabrikanten Von Sachsen sagt die Zeitschrift des stat. Bureaus 1860 S. 135: „Die Inhaber fast aller großen Tuchfabriken sind ursprünglich Tuchmachermeister und Innungsmitglieder.“ haben sich vom kleinen Meister selbst herauf- Der frühe Sieg der großen Etablissements. gearbeitet, haben nach und nach einen Stuhl nach dem andern aufgestellt. Der Sitz der großen Tuchindustrie ist nicht oder nicht vorwiegend, wie der Sitz der großen Linnenindustrie, an den Orten, wo von altersher zahl- reiche Weber waren, die man hätte beschäftigen können. Die Zahl der Stühle ist überhaupt geringer, als in der Linnen- und Baumwollindustrie. Wer die Fortschritte mitmachte in der Tuchindustrie, erzielte reichliche Gewinne, welche die Ausdehnung der Etablissements erlaubten, und es galt in den Geschäftskreisen für ganz unzweifel- haft, daß die Blüthe der deutschen Tuchindustrie von dem Uebergang zu größeren geschlossenen Etablissements, von der Verbindung des Färbens, Spinnens, Webens, Walkens, Scheerens und Appretirens in einem und demselben Lokale abhänge. Siehe oben S. 523; Hansemann, S. 78 ff. Viel unwesentlicher war dem gegenüber die sukzessiv eintretende Ausdehnung des Maschinenstuhls. Die Maschine machte ja auch hier Fortschritte, aber langsame; noch heute arbeiten viele Tuchfabriken ersten Rangs mit Handstühlen. Die Leistung des Maschinenstuhls ist gleichmäßiger und kann sich täg- lich auf eine längere Zeit erstrecken; aber abgesehen hier- von ist sie kaum größer. Nach Mährlen’s Aufnahme von 1858 z. B. ist die tägliche Durchschnittsleistung der württembergischen Maschinenstühle 10, 2 Ellen, während er als Durchschnittsleistung der Handstühle im Ulmer Kammerbezirk 10, 3 Ellen, im Durchschnitt des ganzen Landes allerdings 8, 3 Ellen anführt. Wenn die Ma- schinenstühle von 1861 bis zur Gegenwart noch ziemlich Die Umbildung einzelner Gewerbszweige. zugenommen haben, so haben sie doch dadurch die Hand- arbeit in den Fabriken selbst kaum beeinträchtigt. Ich kenne Tuchfabriken, in welchen neben den Maschinen- stühlen Handstühle gehen, auf welchen der Arbeiter mit Leichtigkeit täglich einen Thaler verdient. Das Charakteristische der großen Betriebe ist so, wie gesagt, nicht der Maschinenstuhl, sondern die Vereini- gung aller Hülfsgewerbe, die höchste Ausbildung dieser in einheitlichen geschlossenen Etablissements. Aber es ist hiegegen doch schon eine Art Reaktion eingetreten, wie Staatsrath Hermann bereits 1851 bemerkt, wenn er sagt: „Es waren die ganz großen Geschäfte, welche die Tuchmanufaktur Deutschlands auf ihre jetzige Höhe gehoben haben. Aber gerade bei der Vereinigung aller Zweige der Fabrikation und des Absatzes in einer Hand kommt der Unternehmer endlich an einen Punkt, wo die Beaufsichtigung der vielen verschiedenen technischen Arbeiten und die Besorgung des Absatzes so umfangreich und komplizirt wird und so viele Kosten verursacht, daß der Gesammtertrag der Fabrik leicht kleiner ausfällt, als bei mäßigerem Umfang der Hauptgeschäfte der Fall gewesen. Damit ist dann die Theilung der Geschäfte durch das eigene Interesse der Fabrikanten geboten.“ Diese Theilung kann darin bestehen, daß die Fa- brikanten ihr Garn wieder außer dem Hause weben lassen, wie das in Sachsen niemals ganz aufgehört hat, auch in Aachen Jahrbuch für die amtl. Statist. II, 328. noch theilweise üblich ist. Oder kann sie darin bestehen, daß das Spinnen und die Her- Die kleinen englischen Tuchmacher. stellung roher Gewebe Sache des kleinen Tuchmachers bleibt, das Scheeren und Appretiren sowie der Vertrieb der Waare dem Fabrikanten bleibt. Das ist die in England, besonders in Leeds und Um- gegend noch heute allgemein übliche Geschäftsorgani- sation. Baines erzählt 1859 von ihr: Siehe Beschreibungen: Zollvereinsblatt 1844, S. 33 bis 36; Journal of the stastical Society 1859, S. 1 — 34: Baines on the woollen manufacture of England, speziell S. 29 — 30; Oestr. Ausstellungsbericht von 1867, Band IV, S. 94. „Vor einigen Jahren glaubte man, die großen Fabriken würden durch die Macht des Kapitals, durch die Macht der Maschinen und die Zeitersparniß das alte System der häuslichen und ländlichen Manufaktur vollständig zerstören. Aber sie haben das System nicht wesentlich alterirt. Der Hauptgrund wurde schon erwähnt, er liegt in der Eigen- thümlichkeit der Wollindustrie, dem Powerloom keinen bedeutenden Vortheil über den Handstuhl zu geben. Dennoch hätte die häusliche Manufaktur unterliegen müssen, hätten nicht die Tuchmacher die Maschine für diejenigen Prozesse zu Hülfe gerufen, in welchen sie eine unzweifelhafte Ueberlegenheit über die Handarbeit hat, d. h. für die Vorbereitung der Wolle und das Spinnen. Sie vereinigten sich, Aktienfabriken zu errichten, wohin jeder Theilhaber seine eigene Wolle bringt und sie rei- nigen, färben, streichen und spinnen läßt; dann wird Kette und Einschlag wieder in das eigene Haus oder die eigene Werkstatt gebracht und auf dem Handstuhl verwebt, oft durch die Mitglieder der Familie; das Die Umbildung einzelner Gewerbszweige. Tuch wird hierauf in der Fabrik gewalkt, gewaschen und gestreckt und endlich in sog. rohem Zustande ( balk state ) nach Leeds gebracht und verkauft; vollendet wird es durch die Tuchbereiter ( Dressers ) nach der Bestel- lung der Kaufleute. Viele dieser gemeinsamen Fabriken sind gut verwaltet und zahlen den Theilnehmern hohe Dividenden. Sie arbeiten nach Auftrag auch für andere als für die Aktionäre. Die Tuchmacher finden so durch Fleiß und Sparsamkeit sich in der Lage, mit den großen Fabrikbesitzern zu konkurriren, deren große Werke und komplizirte Maschinen große Ausgaben mit sich bringen.“ Es ist eine glückliche Verbindung von selbständigem Kleingewerbe, Assoziation und fabrikmäßigem Absatze. Zu einem kleinen Theile haben wir auch in Deutsch- land ähnliche Verhältnisse. Schon in den vierziger Jahren bildeten sich an Orten mit einer großen Anzahl Tuchmachern größere Spinnereien, welche für sie um Lohn arbeiteten und sie so zunächst hielten. Siehe die Beschreibung der Hersfelder Tuchmanufaktur in dieser Zeit, Zollvereinsblatt 1845, S. 91. Auch voll- ständig modern eingerichtete Appreturanstalten mit Walk-, Rauh-, Zylinderscheer- und Bürstmaschinen als eigene Geschäfte bildeten sich, wo eine Reihe Tuchmacher und kleiner Fabrikanten sie um Lohn beschäftigten. So z. B. in Kalw (Württemberg), Dörtenbach, Mit- theilungen über Gewerbe und Handel in Kalw. Kalw 1862. S. 6. Der Ankauf roher Tuche von den kleinern Tuchmachern durch größere Fabrikanten, um die Waare zu vollenden und in den Handel zu bringen, ist in Schlesien, in der Die Erhaltung der Tuchmacher durch Assoziationen. Mark, auch in Sachsen nicht ungewöhnlich; besonders für Militärtuche ist diese Art der Arbeitstheilung in Preußen üblich. Ausstellungsbericht von 1851, II, S. 94. Aber auch eigentliche Assoziationen sind vorhanden; am zahlreichsten wohl in Sachsen. Schon 1860 wird berichtet: Zeitschrift des sächs. stat. Bureaus 1860, S. 135. „An manchen Orten, wie Roßhain, Großenhain, Leisnig, Kamenz hat sich neben größern Etablissements der genossenschaftliche Betrieb entwickelt, indem, abgesehen von den fast überall vor- handenen Innungswalken, sich (mit der Innung nicht identische) Genossenschaften von Meistern zu gemein- schaftlichem Betrieb der Spinnerei und Appretur ver- einigt haben.“ Doch haben auch die Innungen theil- weise die Anregung gegeben; die Tuchmacher und Weber- innungen sind diejenigen, welche nach der Aufnahme von 1860 von allen Innungen das bedeutendste Vermögen besitzen, und die außer den Fleischern (zu Schlachthäusern) allein dieses Vermögen zu gewerblichen Produktions- zwecken verwendet haben. Vierzig sächsische Weberin- nungen hatten damals ein Vermögen von 149000, 19 Tuchmacherinnungen ein solches vor 59000 Thlr. Daselbst S. 140. Genaueres theilt ein Leipziger Bericht 1863 Jahresbericht der Handels- und Gewerbekammer zu Leipzig 1863. S. 41 ff. mit: „Die ältesten hieher gehörigen Assoziationen“ — sagt er — „sind wohl die in den Wollmanufakturstädten aus den Tuchmacherinnungen hervorgegangenen, theil- weise über einen Zeitraum von 50 — 60 Jahren und Die Umbildung einzelner Gewerbszweige. noch weiter zurückgreifenden Genossenschaften, welche die einen fabrikmäßigen Betrieb erfordernden Arbeiten bei der Tuchweberei, als Walke, Färberei, Spinnen der erforderlichen Garne und die Appretur auf gemeinschaft- liche Rechnung betreiben, und auf diese Weise den klei- nern Tuchmachermeistern Selbständigkeit und Konkurrenz- fähigkeit verleihen. Derartige Assoziationen finden wir in Leisnig, wo neben der Innungswalke eine Assoziation von 9 Genossen zur Appretur und eine solche zur Woll- spinnerei mit 3 Assortimenten besteht. Ebenso hat die Tuchmacherinnung zu Großenhain eine Wollspinnerei von 3 Assortimenten, womit sie den Bedarf von 15 für sich arbeitenden Genossen spinnt und mit 13 direkt betheilig- ten Genossen eine Appretur, welche mit 2 Rauhma- schinen und den nöthigen Scheerzylindern das Bedürfniß der Betreffenden an Appretur auf ihre Erzeugnisse deckt. In gleicher Weise hat Roßwein mehrere derartige Assoziationen zur Spinnerei mit zusammen 10 Assorti- menten und Dobeln eine Innungswalke.“ Im Leipziger Berichte für 1865 — 66 Handelskammerbericht S. 104. wird betont, daß die mecha- nische Weberei immer mehr Terrain gewinne, daß aber auch bereits eine Genossenschaft in Großenhain eine An- zahl mechanischer Stühle in einem dazu errichteten Saale des der Tuchmacherinnung gehörigen neuen Hauses auf- gestellt habe. Wo der mechanische Stuhl absolut noth- wendig wird, da läßt sich auch die in England schon ab und zu vorkommende Einrichtung treffen, daß von einer gemeinsam betriebenen Dampfmaschine die Kraft Deutsche Webergenossenschaften. durch Transmissionen ganze Straßenzüge entlang in die Wohnungen der kleinen Weber geleitet wird. Sax, Die Wohnungszustände der arbeitenden Klassen. Wien 1869. S. 102. Vereinzelt finden sich ähnliche Einrichtungen wie die sächsischen auch anderwärts. Die Göttinger Tuch- macherinnung bildet eine Gewerkschaft, besitzt ein grö- ßeres Fabriketablissement. Preußische Handelskammerberichte pro 1867, S. 666. Vor Allen sind die Tuch- macher von Sagan zu erwähnen, welche schon 1810 eine Walke, 1841, nachdem die Walke abgebrannt war, eine vollständige Fabrik, d. h. Spinnerei, Walke und Appreturanstalt für 48362 Thaler, damals in der Hauptsache auf Schulden bauten; 1863 waren 85 Mei- ster fabrikberechtigt, die Activa der Fabrik betrugen 288129, die Passiva 58312, das freie Vermögen also 229817 Thlr.; in den letzten 10 Jahren hatten die Meister für 121520 Thlr. neue Maschinen ange- schafft. Jacobi, die Fabrik der Tuchmacherinnung zu Sagan, Zeitschrift des preuß. stat. Bureau’s 1864, S. 205 — 208. Diese Beispiele beweisen wenigstens, daß das, was so sehr wünschenswerth wäre, im Bereiche der Möglich- keit liegt. Da die Frage eine ähnliche für die ganze Gewebeindustrie ist, möchte ich hier noch einige Worte über die Webergenossenschaften im Allgemeinen anfügen. Vorausschicken will ich thatsächlich nur, daß Schulze- Delitzsch in seinem Berichte von 1867 resp. 1868 5 Webergenossenschaften zu gemeinschaftlichem Ankauf des Rohstoffs und 9 resp. 10 eigentliche Produktiv- Die Umbildung einzelner Gewerbszweige. genossenschaften anführt; es sind Baumwoll- und Leine- weber, Tuchmacher und Shawlweber darunter. Ein wesentlicher Fortschritt findet nicht statt; schon in dem Bericht von 1863 zählt er 10 Weberassoziationen für gemeinsamen Einkauf oder gemeinsame Produktion auf. Außerdem sind mir nur noch eine Anzahl sächsischer Genossenschaften bekannt, welche den einzigen Zweck ver- folgen, den Faktor und dessen drückendes Zwischengeschäft entbehrlich zu machen. Vgl. die genauere Beschreibung dieser Geschäfte, Leip- ziger Handelskammerbericht für 1863, S. 42, Chemnitzer für 1863, S. 99. Aber was will das heißen gegen die Hunderte und Tausende von kleinen Meistern, die im Laufe der letzten 30 Jahre zu Grunde gegangen sind, die heute noch im Dienste der Großindustrie, wie für eigene Rechnung arbeitend existiren? Gewisse Arten der Gewebeindustrie freilich entziehen sich dem genossenschaftlichen Betrieb von selbst, theils wegen der persönlichen Eigenschaften außerordentlicher Art, welche vom Dirigenten, von den Technikern des Geschäfts gefordert werden, theils wegen der zu großen Kapitalien, die das gut betriebene Geschäft bedarf. Die Maschinenweberei gehört, wie wir sahen, nicht nothwen- dig hieher, wohl aber die Kattundruckerei, die Anfer- tigung von Modeartikeln und Aehnliches. In Bezug auf die Personen ist der genossenschaftliche Betrieb da unmöglich, wo eine seit Jahrzehnten verarmte halb ver- hungerte Weberbevölkerung, an Geist und Körper ver- kommen, alle Kraft zu selbständigen Fortschritten ver- loren hat. Die Bedingungen der genossenschaftlichen Weberei. Aber wie viele kleine Webermeister stehen doch noch über diesem Niveau; wie manche Fortschritte der Technik, der Bildung, welche andere tüchtigere Menschen voraussetzen, sind wenigstens in einzelnen Gegenden zu konstatiren. Und doch fehlt es an jeder erheblichen Zunahme, während doch der genossenschaftliche Betrieb gerade in der Weberei am angezeigtesten wäre, während es kein zahlreicheres, älteres, der Erhaltung würdigeres Gewerbe in Deutschland gibt. Das tausendmal geprie- sene System der Hausindustrie drückt, an große Fabriken angelehnt, die Arbeiter doch leicht zum Proletariat herab, genossenschaftlich aber organisirt würde es tausende und aber tausende kleiner gesunder Geschäfte erhalten. In der ganzen volkswirthschaftlichen Geschichte des 19. Jahr- hunderts wäre neben der Konservirung unseres deutschen Bauernstandes eine Erhaltung der kleinen Webermeister die wichtigste Maßregel, wenn man überhaupt auf eine sozial und politisch segensvolle größere Gleichheit der Besitz- und Einkommensverhältnisse Werth legt. Aber es geht hier wie in andern Geschäftsbranchen. So lange der kleine Meister noch zur Noth von dem lokalen Absatz leben kann, so lange der Hausweber noch mit halbwegs leidlichem Lohn vom Fabrikanten beschäf- tigt wird, so denkt er nicht an solche radikale Reformen. Auch in diesen Kreisen überwiegt das träge Kleben am Althergebrachten; zu was Mühe, Sorge, Gefahr auf sich nehmen, wenn es im alten Geleise noch geht? Wenn die Noth dann eintritt und einige Zeit, einige Jahre und noch länger gedauert hat, ja dann fehlt es an Kapital, dann sind die Tüchtigern unter den Leuten Die Umbildung einzelner Gewerbszweige. ausgewandert, zu andern Berufen übergegangen, dann ist das ganze geistige und moralische Niveau der Leute zu tief herabgedrückt. Es fehlt in erster Linie an der Initiative zur rechten Zeit, an den rechten Führern. In der ganzen genossenschaftlichen Bewegung han- delt es sich darum, die kleinen Meister und Arbeiter zu erziehen zu den Geschäftssitten, zu der kaufmännischen Umsicht, der reellen Zuverlässigkeit der bürgerlichen Mit- telklassen. Wer die Vorschußvereine und die andern Genossenschaften in der Nähe kennt, muß das zugeben; die Persönlichkeiten entscheiden; Schulze-Delitzsch wird genannt, hunderte von Andern mit ähnlicher höherer Bildung halten die Sache, erziehen den Handwerkerstand, indem sie an die Spitze treten. Nur sie überwinden das Mißtrauen, den Neid der Meister unter einander. In der größern Stadt nun findet man leichter die Per- sönlichkeiten hiezu, viel weniger aber oder gar nicht sind sie aufzutreiben in den einsamen Gebirgsthälern, auf dem platten Lande, wo die Hütte des Webers steht. Die einzig Gebildeten, von welchen hier die Initiative ausgehen könnte, sind neben den Geistlichen, die sich leider ja heute um solche Dinge gar wenig kümmern, die Faktoren, die Kaufleute, die Fabrikanten, d. h. die- jenigen, welche gerade das gleiche Interesse haben Weber- assoziationen zu stiften, wie etwa die Detailhändler, Konsumvereine ins Leben zu rufen. Es ist das einer der Punkte, wo die Frage ent- steht, ob der Staat nicht in irgend welcher Form — nicht sowohl das Kapital beschaffen, als die Orga- nisation anregen, zur Erziehung der kleinen Meister für Die Bedingungen der genossenschaftlichen Weberei. den genossenschaftlichen Betrieb mitwirken sollte, ob er es nicht in den vierziger Jahren hätte thun sollen, da es heute vielfach schon zu spät ist. Das Kapital allein vom Staate dargereicht, wäre nur schädlich; es würde in nutzlosen Versuchen vergeudet, wenn nicht die Erzie- hung, die Organisation, die geistige und technische För- derung der Leute hinzukommt. Die mehrerwähnte Schrift des Dr. Michaelis, eines Arztes, über die Zustände in den schles. u. sächs. Baumwoll- und Leinenweberdistrikten, fordert unter Hinweisung auf die staatlichen Kräfte, welche in Belgien die verarmten Distrikte wieder zu einer bessern Flachsbereitung erzogen haben, die Hülfe des Staates, Kapital, das in festen kurzen Terminen zurückzuzahlen wäre — noch mehr aber die geistige Initiative, die Erziehung der Weber für gemeinsame bessere Produktion. Ich werde auf die Berechtigung solcher staatlichen Eingriffe nochmals zurück- kommen. Kehren wir aber nach dieser Abschweifung über Webergenossenschaften zurück zu der Schilderung der thatsächlichen Verhältnisse in Preußen und im Zoll- verein, und zwar zunächst zur Seide- und Seidenband- weberei. Die deutsche Seidenindustrie ist ein Produkt der französischen Protestanten und der preußischen Gewerbe- politik. Vgl. oben S. 29 u. 37. Im Laufe dieses Jahrhunderts hat sie sich aber auch in andern deutschen Staaten entwickelt. Bayern und besonders Baden besitzen eine nicht unbe- deutende Seidenweberei. Die Hauptsitze der Industrie sind aber auch jetzt noch Elberfeld, Krefeld, der ganze Regierungsbezirk Düsseldorf, Aachen, Berlin und Pots- Die Umbildung einzelner Gewerbszweige. dam. Theilweise unter schwerem Kampf mit der fran- zösischen und englischen Konkurrenz haben sich die deut- schen Geschäfte emporgearbeitet, mehr und mehr haben sie den inländischen Markt sich erobert und einen bedeu- tenden Export gewonnen, so daß jetzt die deutsche Seidenindustrie die erste nach der französischen ist, die deutsche Stadt Krefeld nächst Lyon als der erste Seiden- manufakturort der Welt gilt. Die Einfuhr fremder, hauptsächlich französischer Seidenwaaren hat in Artikeln, welche in Deutschland wenig oder gar nicht gemacht werden, noch bis in die neueste Zeit zugenommen, aber sehr viel stärker stieg die Ausfuhr, sowohl in seidenen als in halbseidenen Waaren. Bienengräber S. 237 ff.: 1842 eine Mehrausfuhr von 2736 Ztnr. seidnen und 1075 Ztnr. halbseidnen, 1864 von 13676 seidnen und 10276 Ztnr. halbseidnen Waaren. Die folgende Uebersicht zeigt die Zunahme der preußischen Seidenweberei, wobei ich jedoch bemerke, daß der Rückgang in der Zahl der Webstühle und noch mehr in der Zahl der Fabrikgeschäfte von 1858 — 61 mehr von einer veränderten Art der Zählung, als von einer wirklichen Abnahme herrühren muß. Im Ganzen zeigt die Tabelle klar die glänzende Entwicklung der preußi- schen Seidenweberei: Die Seidenweberei. Die auch hier wieder nicht ganz zuverlässige Zäh- lung des Zollvereinsbureaus ergiebt für den ganzen Zollverein 1861 - 32882 gehende Webstühle mit 18806 Webermeistern und 17432 Gehülfen; da- neben als Fabriken aufgeführt 314 Geschäfte mit 1270 Maschinenstühlen (689 auf Baden) und 5392 Handstühlen. Kleine professionsmäßige Geschäfte mit lokalem Absatz, mit einem Vertrieb auf Jahrmärkten gab es früher wohl auch welche, aber ihre Zahl war nie groß. Der Verbrauch der Seidenwaaren ist Sache der höhern Klassen; der Einkauf geschieht und geschah auch früher mehr in den Läden der großen Städte, welche ihre Waaren von den Fabriken beziehen; die Fabrikation war von jeher mehr eine für den Absatz im Großen. Die Leitung der Geschäfte war keine leichte, der Bezug des theuren Rohstoffes, die Herrichtung der Garne, die künstlerische Seite des Gewerbes, das Färben der Garne, die Sorge für schöne geschmackvolle Muster erforderte wohlhabende, technisch und künstlerisch gebildete Unter- nehmer. Dabei blieb aber das Weben bis jetzt über- wiegend Sache der Hausindustrie. Schmoller, Gesch. d. Kleingewerbe. 38 Die Umbildung einzelner Gewerbszweige. Der mechanische Webstuhl hat wohl in keiner andern Branche der Weberei mit so viel technischer Schwierig- keit zu kämpfen als hier. Trotzdem ist er in England auch zur Herrschaft gelangt; aber er hat darum die Hausindustrie nicht verdrängt, indem gerade hier die erwähnten Einrichtungen vorkommen, welche den Ma- schinenstuhl in den Wohnungen der Weber selbst aufzu- stellen erlauben. Man zählte dort nach Grothe 1861 auf 7217 Handstühle 10709 mechanische Stühle für Seidenweberei. Grothe, Geschichte der Seidenzucht und Seidenmanu- faktur S. 99, in der deutschen Vierteljahrschrift, 1864, 4. Heft S. 44—120. Es hat das Ueberwiegen der Ma- schinenstühle in England seinen Grund in der Speziali- tät der englischen Seidengewebe; es sind einfache nicht der Mode unterworfene Artikel. Ueberall sonst über- wiegt theils der technischen Schwierigkeiten, theils der wechselnden Mode, theils der tüchtigen Handweberei wegen noch die Handarbeit, hauptsächlich auch in Frank- reich. Sowohl in Lyon und Umgegend, wo die Stoff- weberei, als in St. Etienne, wo die Seidenbandweberei zu Hause ist, werden die Weber, die sog. contremaîtres, welche auf dem Lande zerstreut wohnen, von dem Unter- nehmer entweder durch Komissionäre, welche unsern Faktoren gleichstehen, oder direkt durch die reitenden Kommis des Hauses beschäftigt. Diese contremaîtres besitzen meist einige Stühle, fast durchaus Tritt- und Jacquardstühle, deren Instandhaltung, Veränderung und Verbesserung sie mit Intelligenz und Sachkenntniß besor- Die glückliche Organisation der Seidenweberei. gen. „Wohl wird“ — sagt Harpke Oestr. Ausstellungsbericht Band IV, 136. — „durch dieses System der Arbeitslohn vertheuert, doch genießt der Fabrikant den Vortheil, für ganz kleine Gruppen von Stühlen verantwortliche Werkführer zu besitzen, welche die Ausführung der Arbeit mit der größten Sorgfalt überwachen, wovon in vielen Fällen die Lösung mancher schwierigen Aufgabe abhängt.“ In Deutschland sind die Verhältnisse verschieden; neben Maschinenstühlen für glatte Gewebe trifft man auch Handstühle in geschlossenen Etablissements, aber im ganzen überwiegt auch im Zollverein bis jetzt der Handstuhl und die Hausindustrie. Auf 30699 Web- stühle zählt man in Preußen 1861 erst einige hundert Maschinenstühle; 4533 Handstühle sind bei den Fabri- ken gezählt; und selbst von diesen ist ja nach der unvollkommenen Art der Aufnahme fraglich, ob sie alle in den Fabriken selbst stehen. In Krefeld und Elber- feld wohnen die Weber mehr in der Stadt und nähern sich damit mehr der gewöhnlichen Arbeiterbevölkerung. Die großen Geschäfte in Viersen und Gladbach beschäf- tigen mehr auf dem Lande zerstreut wohnende Weber; auch hier wird die Verbindung einer kleinen Landwirth- schaft mit der Weberei als der größte Segen empfunden. Dem Bericht des erst kürzlich verstorbenen Herr von Diergardt, Der Freiherrn von Diergardt Maßregeln zur Förderung der arbeitenden Klassen, Arbeiterfreund V, 1867. S. 181—189. welcher das hauptsächlich auch betont, über sein enormes Seidengeschäft entnehme ich folgendes: Die 38 * Die Umbildung einzelner Gewerbszweige. Hauptsorge des Geschäfts geht auf dauernde gleichmäßige Beschäftigung der Weber; „es giebt eine Menge von Arbeiterfamilien, wovon der Großvater, Vater, Sohn und Enkel fortwährend für mich beschäftigt gewesen sind, trotzdem daß solche alle entfernt von der Fabrik wohnen und in ihren eigenen Häusern arbeiten; eine große Zahl der Arbeiter hat ziemlich erhebliche Ersparnisse gemacht; viele besitzen ein eigenes Haus, darunter sind manche im Werthe von 2000 Thalern und darüber.“ Zu dem Hause gesellen sich häufig Garten, Ackerland, Wiese oder Holzung. Für gelungene Waare und schnelle An- fertigung werden außer dem Lohn angemessene Prämien bezahlt. Der Lohn der Seidenweber ist seit lange, trotz der ab und zu schwer auf Fabrikanten und Arbeitern lasten- den Krisen und Geschäftsstockungen, ein guter gewesen; die steigende Entwicklung der deutschen Seidenindustrie sowie die Thatsache, daß die meisten Gewebe nicht mit der Maschine herzustellen sind, wirkten günstig, man konnte nur tüchtige Leute brauchen, nur soliden zuver- lässigen Leuten die theuern Stoffe anvertrauen. Das ganze geistige und moralische Niveau ist damit ein höheres geblieben. Gegenwärtig wird der Tagesverdienst eines Seidenwebers auf etwa einen Thaler geschätzt. Zeitschrift des stat. Bureaus IV, 128, nach der mehr- erwähnten Lohnzusammenstellung aus den Kreisbeschreibungen. Mehr und mehr sind die früher den Fabrikanten gehörigen Stühle in das Eigenthum der Weber übergegangen. Viebahn III, 938. Der hohe Lohn in der Seiden-, Shawl- u. Teppichweberei. Aeußere Umstände waren für diese glückliche Ent- wicklung allerdings von Bedeutung; von größerem Ein- fluß aber noch waren die moralischen und geistigen Eigen- schaften sowohl der Unternehmer, als der Arbeiter. Von der ganzen Shawl- und Teppichweberei, auf die ich hier des Raumes wegen nicht näher eingehen will, läßt sich Aehnliches sagen, wie von der Seiden- industrie. Theilweise ist die Fabrikation ganz auf die großen geschlossenen Etablissements übergegangen; theil- weise aber hält sich die Hausweberei noch; sie setzt aber dann geschickte, gebildete, zuverlässige Leute im Besitz guter Jacquardstühle voraus, deren Lage daher nicht schlecht ist. Die Berliner Shawlweberei ist fast durchaus noch Hausarbeit; ein tüchtiger Weber verdient leicht einen Thaler täglich, Näheres im Oestr. Ausstellungsbericht Band IV, 145—157. sein Gehülfe 15 Sgr., mithelfende Kinder 6—7½ Sgr. Einer der wichtigsten Zweige der Bandweberei, der der Seidenbandweberei, ist schon unter den statisti- schen Ergebnissen der Seidenindustrie begriffen. Wir haben es nunmehr nur noch mit der Anfertigung von leinenen, baumwollenen und wollenen Bändern zu thun, mit einem Gewerbe, das so vielfach mit dem Posa- mentiergewerbe, mit der Anfertigung von Litzen, Kor- deln, Tressen, Borten, Gimpen, Schnüren, Frangen und Zeugknöpfen zusammenfällt, daß eine getrennte Aufnahme leider immer dadurch leiden und unklar werden muß. Die Umbildung einzelner Gewerbszweige. Ehe ich jedoch die Zahlen mittheile, will ich bemerken, daß auf den ganz alten Handstühlen jedes Band einzeln gewebt wurde. Auch die sogenannten Schubstühle sind noch ziemlich unvollkommen. Daneben kam schon frühe die Bandmühle auf, Viebahn III, 663 und 929, Beckmann, Beiträge zur Geschichte der Erfindungen, Leipzig 1786, I, 122. ein künstlicher Webstuhl, der 8—40 Bänder zu gleicher Zeit zu weben erlaubt; eine solche soll schon 1586 in Danzig erfun- den, aber vom Rathe verboten worden sein, weil sie eine Menge Arbeiter zu Bettlern mache. Uebrigens konnte diese Bandmühle von der Hand getrieben werden und war sonach auch im kleinen handwerksmäßigen Ge- schäft anwendbar. Erst der neuesten Zeit gehören die eigentlichen Bandmaschinenstühle, die Anwendung von Jacquardmaschinen für Posamentierartikel, die Klöppel- maschinen an. Auf einem Maschinenstuhle kann ein einziger Arbeiter täglich, je nach der Breite des Bandes und der Zahl der Läufe, von 50 bis gegen 700 Ellen Band weben. Dem entsprechend haben auch die kleinen hand- werksmäßigen lokalen Geschäfte abgenommen. Nur ein- zelne Arten lokal vorkommender Bauernbänder, einfache Borten, Schnüre und Gurte für’s Landvolk werden von ihnen noch geliefert — und dann Posamentierartikel, welche auch heute deßwegen der Fabrik- und Hausindustrie nicht ganz anheim fallen, weil sie theilweise doch immer noch nach Bestellung des einzelnen Kunden gearbeitet werden müssen. Doch ist auch hierin ein großer Um- Die Bandweberei und das Posamentiergewerbe. schwung durch die Verkehrserleichterungen eingetreten. Jedes kleine Ladengeschäft kann heute eine Bestellung, statt sie selbst auszuführen, einer entfernt liegenden Fabrik übertragen. Die Posamentiere halten sich heute mehr als Ladengeschäfte und Detailhändler. Die Zu- nahme des Bedarfs fällt auf die Fabrikwaaren, auf jene zahlreichen Artikel für Kleider, Möbel, Zimmer- dekorationen, für Eisenbahn- und andere Wagen. Die preußische Statistik zählt nun die handwerks- mäßigen Posamentiere in der Handwerker-, die Band- stühle in der Fabriktabelle; das Ergebniß ist folgendes. Man zählte Posamentiere: Darnach fand eine ziemliche Abnahme der Posa- mentiere neuerdings statt; doch ist sie in so fern nicht ganz sicher, als die Grenze gegenüber der in der Fabrik- tabelle gezählten Bandweberei unsicher ist. Was die Bandstühle betrifft, so zählte man früher ausschließlich die Zahl der Gänge; es gab: Vergl. oben S. 516 die Vertheilung nach Provinzen, welche zeigt, daß schon 1816 und 1831 die Bandstühle nicht gleichmäßig überall, sondern mehr konzentrirt vornehmlich in der Rheinprovinz als Hausindustrie vorkamen. Die Umbildung einzelner Gewerbszweige. Von da an zählte man die Stühle, wobei aber die Zahlen von 1852 und 1855 offenbar falsch sind; es werden erwähnt: Die Weber und Gehülfen, sowie die Fabriken nebst Stühlen ergaben daneben seit 1846 folgendes Resultat: Auch diese Zahlen zeigen theilweise durch ihren schroffen Wechsel, daß sie falsch sein müssen; die bei den Fabriken daneben noch gezählten Arbeiter betrugen ebenfalls 1852 und 1855 circa 10000, sonst gegen 7000 Personen. Sicher scheint nur die Abnahme der Handstühle und die Zunahme der Maschinenstühle. Das Zollvereinsbureau zählte 1861 bei der Band- weberei in den andern Staaten nur verschwindend kleine Die Bandweberei als Hausindustrie. unbedeutende Zahlen. Die Mehrzahl der hierher gehö- rigen Personen ist in der Handwerkertabelle verzeichnet. Dieß gilt besonders von Sachsen, wo das Posamentier- gewerbe bisher als schwunghaft betriebene Hausindustrie blühte, jetzt theilweise auch zum Fabriksysteme übergeht. Im Jahre 1836 zählte man 1246 Meister in Sachsen, im Jahre 1849 aber 3191; 1861 werden 2741 Meister mit 3782 Gehülfen als Posamentiere in der Handwerkertabelle, 316 handwerksmäßige Bandweber mit 450 Stühlen und 236 Gehülfen, 115 Fabriken (in ganz Preußen nur 182) mit 284 Maschinenstühlen, 197 einfachen Posamentierstühlen und 1420 Klöppel- maschinen in der Fabriktabelle gezählt. Die Stühle der professionsmäßigen Posamentiere sind sonach in den Tabellen gar nicht gezählt. Viebahn schätzt die betheilig- ten Personen in Sachsen 1861 auf wenigstens 1700 Faktore und 20000 arbeitende Männer, Frauen und Kinder, die einen guten Verdienst haben. Er sagt: „Sachsen hat seit alter Zeit in Annaberg, Buchholz, Geyer, Thum und Scheibenberg eine wichtige Posa- menteriefabrikation, welche gegen 5000 Posamentier- und Bandstühle beschäftigt und ganz Deutschland mit wohlfeilen Borden, Bändern, Frangen, Gürteln, Gorls (Agrements), Chenille und Zeugknöpfen versieht. Auch Soutachen und die für Besätze erforderlichen Seiden- schnuren werden seit einiger Zeit in Annaberg und Buchholz fabrizirt. Gedrehte und geflochtene Kleider- schnuren in Wolle und Baumwolle, sowie Schnuren für industrielle Zwecke werden in einem mit Dampf- kraft ausgestatteten Etablissement zu Chemnitz, außer- Die Umbildung einzelner Gewerbszweige. dem in Hainichen und andern Orten fabrizirt; nament- lich haben die geflochtenen Spindelschnuren wegen ihrer Haltbarkeit bedeutenden Absatz gefunden. Die Ver- fertigung leinener und baumwollener Bänder, Schnür- senkel, Hosenträger und Gurten beschäftigt in der Lausitz und im Dresdener Bezirk namentlich zu Pulsnitz, Groß- röhrsdorf und Brettnich zu Zeiten bis zu 1200 Stühle: die ursprünglichen mangelhaften Schubstühle weichen den Mühlstühlen, auch zahlreiche Maschinenstühle sind schon im Gange und die nöthigen Baumwollfärbereien kommen zu Hülfe. Die bekannte Jacquardhosenträger- gurtfabrikation steht hier allein und unterliegt keiner Konkurrenz.“ Die Geschäfte gingen bis in die neuere Zeit so schwunghaft, daß Fabrik- und Maschinenstühle die Hand- arbeit und Hausindustrie nicht verdrängt haben; es fand mehr eine Arbeitstheilung zwischen beiden Systemen statt; der Lohn war ein steigender. Frauen, welche früher die Woche nicht über 1¼ Thaler gekommen waren, verdienten seit Anfang der sechsziger Jahre oft bis 3 Thaler die Woche. Der Chemnitzer Handels- kammerbericht gibt für 1863 folgende Uebersicht über die Stühle im Kammerbezirk. Man zählte: Der neueste Stand der Posamentierindustrie. Er fügt bei: „Nur die Klöppelmaschinen, worauf Schnüre und Bänder zu Krinolinen fabrizirt werden, gehören den Fabrikanten, die andern Stühle, auch die Chenillestühle, gehören den Faktoren oder den Arbeitern selbst. Der Fabrikant kauft vom Faktor und liefert ihm die neuen Muster.“ Der Umschwung der Technik und der Geschäftsorganisation zeigt sich aber doch darin, daß von den einfachen Posamentierstühlen etwa nur die Hälfte, die andern Stühle fast alle voll beschäftigt sind. An die Bemerkungen über das Posamentiergewerbe schließen sich endlich die über Strumpfwirkerei; sie ist theilweise auch lokal mit jenem Gewerbe vereinigt. Strumpfwaaren werden seit alter Zeit neben der Handstrickerei auf dem hölzernen Strumpfwirkstuhl gefer- tigt, welcher schon 1589 von dem Magister William Lee zu Kambridge erfunden worden war und bis zur Mitte dieses Jahrhunderts unverdrängt blieb. Ein solcher Stuhl kostete in den zwanziger und dreißiger Jahren kaum einige Thaler, war also auch dem ärm- lichsten Handwerker erreichbar. Zahlreiche lokale Ge- schäfte entwickelten sich schon im vorigen Jahrhundert, neben der besonders in Sachsen und Thüringen blühen- den Hausindustrie. Die preußischen Strumpfwirkerstühle führte ich für 1816 und 1831 schon oben nach Provinzen an; wir sahen, daß sie überall vorkamen. Die Gesammtsumme der Stühle hatte 1816 ‒ 2085, 1831 ‒ 2110 betragen. Auch die folgende Uebersicht nach Regierungsbezirken zeigt für die spätere Zeit einen ähnlichen Charakter, Die Umbildung einzelner Gewerbszweige. d. h. einzelne Sitze einer nicht gerade bedeutenden Haus- industrie, daneben keine durchgängige große Abnahme in den Bezirken, welche nur kleine handwerksmäßige Ge- schäfte haben. Die Gesammtsumme der Stühle im preußischen Staate war 1834 ‒ 2181, 1840 ‒ 2398, 1849 ‒ 2106, 1861 ‒ 2336. Die Meister fielen 1849—61 von 1438 auf 1369, die Gehülfen stiegen von 971 auf 1137. Es trat bis 1861 weder eine Die Strumpfwirkerei. wesentliche Aenderung der Technik, noch der Geschäfts- organisation ein. Die daneben in Preußen besonders gezählten Fabri- ken sind wohl hauptsächlich nur Geschäfte, welche die Produkte der Hausindustrie vollenden und vertreiben; ihre Zählung ist demgemäß unsicher; — man findet 1846 ‒ 165, 1861 ‒ 64 Fabriken mit damals 92, später 94 Maschinenstühlen, einigen hundert Handstühlen und gegen 1000 Arbeitern. Das Zollvereinsbureau zählt unter II. A. 39944 Strumpfwirkerstühle, 17962 Meister und 16093 Ge- hülfen, von welchen die Hauptposten auf Sachsen, Thüringen und Baiern fallen, daneben unter II. B. 279 Fabriken mit 4236 Maschinenstühlen, 1739 Hand- stühlen, 2535 männlichen und 3369 weiblichen Arbei- tern. Von den 4236 Maschinenstühlen fallen wieder 3965 auf Sachsen; es sind zu einem großen Theil englische Rundstühle, welche mit der Hand betrieben werden. Ich komme darauf zurück; vorher will ich nur ein Wort über den Hauptsitz der thüringischen Strumpf- wirkerei, über Apolda bemerken. Die Wollenindustrie Apolda’s, Hildebrand’s Jahrbücher II, S. 310—312. Ein einfacher Strumpfwirker, Christian Zimmer- mann, der zu Ende des vorigen Jahrhunderts seine Waaren auf dem Rücken nach Leipzig trug, hat die große dortige Strumpfwirkerindustrie, welche die ganze Gegend beschäftigt, welche die verschiedensten Artikel — über 4000 Nummern zählen die Waarenlager — nach Die Umbildung einzelner Gewerbszweige. allen Weltgegenden liefert, veranlaßt und ins Leben gerufen. Was die Organisation betrifft, so herrscht fast durchaus noch die Hausindustrie. Die Wirkermeister, welche bis 1. Januar 1863 eine Handwerkerzunft bil- deten, haben ihre eigenen Wirkerstühle in ihren eigenen Wohnungen, erhalten Muster und Garne von dem Fabrikanten zugewogen und fertigen mit ihren Gesellen und Lehrlingen die bestellten Waaren für die akkordirten Preise in ihrem Hause an, so daß dem Fabrikanten nur die Anfertigung der Muster und die Arbeit der Prüfung, Sortirung, Etikettirung und Verpackung der fertigen Waaren bleibt. Um dem Bedürfniß der Detail- händler, welche von ihnen die Waaren erhalten, voll- ständig zu genügen, lassen sie auch, hauptsächlich aus- wärts auf Meilen weit bis Halle und Kassel stricken und andere Handarbeit von Frauen, von Wittwen und Waisen fertigen. Von 941 Wirkermeistern im Groß- herzogthum Weimar kamen 1861 ‒ 534 auf Apolda; sie hatten 449 männliche und etwa 400 weibliche Gehülfen; daneben zählte man 39 Fabrikanten, die innerhalb ihrer Lokale 73 Buchhalter und Kommis, 77 männliche und 191 weibliche Arbeiter beschäftigten. Mechanische Wirkstühle gab es erst 62; man ging 1861 eben erst daran, sie zum erstenmal mit Dampf in Bewegung zu setzen. Die Aufnahme von 1864 zeigt im Großherzogthum Weimar nur 748 selbständige Strumpfwirkergeschäfte. Statistik Thüringens von Hildebrand I, S. 249. Die Ab- nahme von 1861—64 hat dieselbe Ursache, die ich gleich bei der sächsischen Industrie werde zu besprechen haben. Die apoldaer und die sächsische Strumpfwirkerei. Die sächsische Strumpfwirkerei, John Bowring’s Bericht über den deutschen Zollver- band. S. 53—54. Zeitschrift des sächs. stat. Bureaus 1860, S. 106; 1863, S. 27 u. S. 38 ff. Chemnitzer Handelskammer- bericht für 1863 S. 101—111. schon aus dem vorigen Jahrhundert stammend, nahm hauptsächlich seit Anfang der zwanziger Jahre ihren großen Aufschwung. Damals regten deutsche Importeure aus den Vereinigten Staaten die Anfertigung von Strümpfen nach englischen Mustern an; „die Nachahmung führte auf wesentliche Verbesserungen in Fa ç on, Naht, Herstellung, Bleiche und Industrie; die nun von Spinnmaschinen gelieferten Garne ermöglichten auch feinere Qualitäten als bisher, und so bildete sich ziemlich rasch ein Exportgeschäft aus, das zwar auch seine Krisen hatte, aber doch mächtig zur Ausdehnung des Industriezweiges beitrug.“ Bowring gibt die Zahl der sächsischen Strumpfwebemaschinen in beinahe übertrieben scheinenden Zahlen so an: Die Zahl der Meister gibt er 1831 zu 7165 an, während eine offizielle Angabe 1836 nur 3315 zählt. Den Wochenverdienst von einem Rahmen schätzt Bowring auf 1 Thlr. 4 Gr. „Dieser Industriezweig“ — sagt er — „erfordert nur eine kleine Auslage an Kapital für den Strumpfwirker; sein hölzerner Rahmen ist nicht kostspielig, die Ausgabe für den Vorrath an Baum- wollengarn ist klein; er kann das Leben des Landmanns Die Umbildung einzelner Gewerbszweige. mit dem des Handarbeiters vereinigen. Man kann sagen, daß die sächsischen Strumpfwirker sich in einem Zustande fortschreitend wachsenden Wohlstandes befinden, und daß ihre Lage eine Art häuslichen Glückes ist. Viele von ihnen sind unabhängige Arbeiter, kaufen aus eigener Hand das rohe Material und verkaufen die fer- tigen Strümpfe an Aufkäufer, welche die Märkte in Chemnitz und Leipzig versorgen.“ Daneben zeigten sich freilich auch schon damals die Mißstände jeder Hausindustrie, die ihre Impulse nicht von oben herab, durch Einmischung der Regierung oder durch sehr intelligente, um die ganze Bildung der Leute sich kümmernde Fabrikanten bekömmt. Schon von den dreißiger Jahren sagt ein anderer Bericht: „Leider ging mit diesem allgemeinen Wohlbefinden der Arbeiter das Streben uach Verbesserung nicht Hand in Hand. Je besser der Verdienst war, desto nachlässiger wurde gear- beitet und man war taub gegen jede Mahnung, auf tadellose Qualität zu halten und neue Erfindungen ein- zuführen. Alles Neue, Ungewohnte fand bei der Mehr- zahl der Arbeiter Widerstand, den nur die Noth besiegen konnte.“ Und sie trat ein; der Absatz stockte gewaltig zu Anfang der vierziger Jahre mit der allgemeinen Ueber- produktion an Baumwollwaaren; erst gegen Ende des Jahrzehntes wurde es wieder besser, man zählte in Sachsen 1846 ‒ 19611 Handwirkerstühle, 1849 ‒ 90 Fabrikanten oder Unternehmer, 136 Faktore, 14763 Strumpfwirkermeister und 18189 Gehülfen; von einer Aenderung der Technik, von Maschinenstühlen, von einer Die sächsische Strumpfwirkerei. Produktion in Fabriken war noch nicht die Rede. Dazu kam es erst in den funfziger Jahren; zuerst wohl, weil der Absatz wieder stockte und man versuchen mußte, billiger zu produziren. Von 1855 an freilich konnte wieder für den amerikanischen Absatz nicht genug pro- duzirt werden, die technischen Fortschritte waren nicht mehr nothwendig, um Arbeit zu erhalten, sie waren nur angezeigt, um mehr Waare zu liefern. Im Jahre 1861 werden 21179 Handstühle, 12854 Strumpf- wirkermeister und 12185 Gehülfen (letztere wohl nicht mit der Zahl von 1849 vergleichbar, da nach der preuß. Vorschrift alle helfenden Personen für Spulen, Nähen ꝛc. wegblieben) gezählt; daneben 151 Fabriken mit 3965 Maschinen-, 775 Handstühlen, 893 männlichen und 1208 weiblichen Arbeitern. Neben der so lautenden offiziellen Aufnahme Vergl. Zeitschrift des sächs. stat. Bür. 1863, S. 21. hat eine genauere durch Sach- verständige für alle größeren Geschäfte im Laufe des Jahres 1862 stattgefunden; diese ergiebt, daß 124 größere Geschäfte den Absatz der Strumpfwirkerwaaren in Sachsen vermittelten, daß aber auch von diesen damals nur 46 geschlossene Etablissements besaßen, wovon 8 mit Dampf, 3 mit Wasser, 1 mit Wasser und Dampf betrieben wurden. Man schätzte die Gesammtzahl der Personen, welche in Sachsen (1861—62) von der Strumpfwirkerei lebten, auf 45000, nämlich auf 30000 Männer und 15000 Frauen. Was die Aenderung der Technik betrifft, die eigent- lich erst mit der Absatzstockung von 1862 an sehr Schmoller , Gesch. d. Kleingewerbe. 39 Die Umbildung einzelner Gewerbszweige. empfindlich wirksam für die Hausindustrie wurde, so will ich darüber nur noch einige Worte bemerken. Die alten ganz einfachen und billigen Holzstühle lieferten nur ein einziges geradliniges Stück, die später verbesserten mehrere, hauptsächlich 6 und 12 Stücke auf einmal. Diese einfachen Stühle aber machen alle sog. geschnittene Waare, welche zusammengenäht werden muß. Die breiten Handstühle, sowie die Theilung der Arbeit, auf einzelnen Stühlen je Beine, Fersen, Füße für sich zu machen, wie das in England länger schon üblich ist, haben sich erst zu Ende der funfziger Jahre verbreitet. Daneben war aber ein ganz anderer Stuhl, der Kreis- wirkstuhl, in den vierziger Jahren erfunden worden. Der englische Rundstuhl wird in der Regel mit meh- reren (6—8) Köpfen gebaut, d. h. so, daß mehrere rohrartige Gewebe zugleich gefertigt werden können. Der gewöhnliche englische Rundstuhl liefert 96000 Maschen in der Minute, in der Woche das Maschenwerk für 1200 Paar Strümpfe; er kostet pro Kopf 30 bis 50 Thaler. Der französische Rundstuhl ist etwas anders gebaut und ist ziemlich theurer (Preisangaben zwischen 150 und 500 Thlr.); er liefert Trikots, Jacken, Unterhosen. Eiserne Handstühle kommen auch schon auf 130 bis 200 Thlr. Auf besonderen Kettenstühlen (zu 150 bis 250 Thlr.) werden Handschuhe, auf den sog. Ränder- stühlen (zu 50—80 Thlr.) die elastischen Ränder für Strümpfe, Aermel und Hosen, auf den starken Coulir- stühlen besonders starke Strümpfe und Hosen gefertigt. Eine besondere Art von Nähmaschinen ( à 20 Thlr.) wird zum Zusammennähen der einzelnen Stücke gebraucht. Die technischen Fortschritte in der Strumpfwirkerei. Endlich existiren jetzt auch breite mechanische Stühle, deren einer etwa 1000 Thaler kostet. Die anderen Stühle können alle auch mit der Hand bewegt werden. Die ersten englischen und französischen Rundstühle wurden in Sachsen 1851 (nach einer anderen Angabe 1852) eingeführt. Die Fortschritte gingen aber langsam. Im Jahre 1861 hatten erst 12 Etablissements solche verbesserte Stühle durch mechanische Kraft betrieben, 34 hatten solche, aber von Arbeitern bewegt. Man zählte damals in ganz Sachsen: Das größte Etablissement hatte allein 1600 eng- lische Köpfe und 60 französische Rundstühle. Die kleinen Strumpfwirker waren fast alle bei ihren alten Stühlen geblieben und hatten zu thun, bis 1862 der Absatz nach Amerika in’s Stocken kam. Der Lohn wurde gedrückt; ein gewöhnlicher Strumpfwirker ver- diente nicht mehr als 25—30 Sgr. in der Woche, wobei die Hülfe von Frau und Kindern zum Nähen und Spulen noch eingerechnet werden mußte. Selbst auf breiten Stühlen und mit besser lohnenden Artikeln konnte es ein fleißiger Wirker kaum auf 2 Thlr. die Woche bringen, während beim Eisenbahnbau 15 Gr. täglich bezahlt wurden. Die folgende Uebersicht der Stühle des Kammerbezirks Chemnitz zeigt die Stockung, 39 * Die Umbildung einzelner Gewerbszweige. am besten, daneben gibt sie die Zahl und die Art der Stühle, wobei zugleich ersichtlich, daß die Aufnahme der Handstühle für ganz Sachsen 1861 unvollständig war. Man zählte im Herbst 1863 nach der besonderen Aufnahme: Etwa 3000 dieser Stühle — wird hinzugefügt — gehören Maurern, Zimmerleuten, Feldarbeitern, sie sind immer nur im Winter im Gange. Der Gesammtwerth der obigen Handstühle (wozu Hand-, Ketten- und Ränderstühle gerechnet sind) wird von dem Berichterstatter zu 929510 Thlr., der Gesammtwerth der sog. Maschinenstühle (von welchen aber auch viele mit der Hand betrieben werden) zu 278990 Thlr. berechnet, wobei alle Hülfsmaschinen, Spulräder, Spulmaschinen, Appreturutensilien, die Motoren ꝛc. noch nicht gerechnet sind. Bei vollem Gange erfordern diese Stühle jährlich 10 Mill. Pfund Garn. Der Chemnitzer Berichterstatter erklärt die Noth neben der Absatzstockung aus dem geringen Fortschritt im Maschinenwesen, aus dem Zurückbleiben gegenüber den englischen Konkurrenten. Er beklagt vom sittlichen Standpunkt aus den Verfall der Hausindustrie, aber Die Krisis der kleinen Strumpfwirker 1862—65. er findet in ihr die Hauptursache der Stabilität. „Das Uebel“ — sagt er — „liegt in unserem System der Hausindustrie, nach welchem fast jeder Arbeiter sein eigener Herr und Besitzer seines Stuhles ist, mit welchem er, zähe am Alten hängend, lieber das Ge- wohnte zu billigerem Lohne macht, als sich auf neue Betriebsarten einzurichten. Meist fehlen den Leuten auch die Mittel dazu, denn da sie keine Amortisation und keine Reparaturen rechnen, so verarmen sie schließ- lich und drücken mit ihrem billigen, freilich oft auch sehr schlechten Fabrikat den Markt, daß es schwer ist, selbst mit verbesserten, aber besseren Lohn erheischenden Stühlen im Welthandel dagegen zu konkurriren.“ Hunderte von Strumpfwirkern haben allerdings damals ihr Geschäft aufgegeben, haben ihre Stühle verkauft und sind zu dem damals flott gehenden Anna- berger Posamentiergeschäft oder zu anderem Beruf, auch zur reinen Tagelöhnerarbeit übergegangen. Aber als 1865 der Absatz wieder besser wurde, da fanden alle noch nicht verkauften Stühle wieder Beschäftigung, der Lohn stieg wieder. Es bildete sich, woran es vorher hauptsächlich gefehlt, in Sachsen selbst der Bau von Rundstühlen und verbesserten eisernen Stühlen überhaupt aus. Der Chemnitzer Bericht von 1866 Preußisches Handelsarchiv 1868, II, S. 93—94. meldet, daß auch die Hausindustrie sich mehr und mehr in den Besitz solcher verbesserter Arbeitsmittel gesetzt habe. Die 1863 oft gehörte Prophezeihung, nur das voll- ständige Verlassen der Hausindustrie könne die sächsische Die Umbildung einzelner Gewerbszweige. Strumpfwirkerei retten, hat sich erfreulicher Weise wenig- stens nicht vollständig bestätigt. Die Hausindustrie ist hauptsächlich da und dann nicht haltbar, wo und wenn ihr der geistige Impuls, die Bildung fehlt. Der kaufmännische Standpunkt raisonnirt gerne auf die Hausindustrie, weil sie an die Kaufleute und Fabrikanten das Verlangen stellt, mit Mühe und mancherlei Schwierigkeiten für die technische Bildung der Arbeiter zu sorgen. Die große Fabrik ist bequemer; da bezahlt man einen tüchtigen Ingenieur und einen tüchtigen Zeichner; dann ist die Bildung des Restes der Arbeiter nicht mehr von solcher Bedeutung. 10. Die Schuhmacher, Schneider und verwandten Gewerbe. Der Charakter dieser Gewerbe. Die Nadel-, Kamm-, Knopf-, Stock- und Schirmfabrikation. Die Gerberei; ihr Aufschwung und ihre Organisation. Statistik der Gerberei von 1816 bis 67. Die preußischen Schuhmacher 1816—61. Das Schuhmachergewerbe bis 1846. Die Aenderungen der Organi- sation und Technik seither. Die Genossenschaften von Schuh- machern. Die Kürschner, Rauchwaarenhändler und Mützen- macher. Die produzirenden und die Handelsgeschäfte dieser Branche; die provinzielle Vertheilung. Die Handschuh- macherei; der Uebergang zu großen Geschäften. Die Kravatten- macherei. Die Strohhutfabrikation. Die Hutmacherei, ihre Konzentration in großen Fabriken. Die weibliche Kopfbe- deckung und die Anfertigung künstlicher Blumen. Das Putz- machergeschäft. Das Schneidergewerbe. Der Inhalt der Tabellen, die Zunahme des Gewerbes. Die veränderte Or- ganisation des Gewerbes. Die glänzenden großen Geschäfte, die Noth der kleinen Meister. Die Anwendung von Frauen- arbeit. Die Weißwaarenfabriken. Die Stickerei und Spitzen- industrie. Die Stickmaschine. Wollen wir nach den Ausführungen über die wich- tigsten Arten der Herstellung von Bekleidungsstoffen unsern Blick noch auf die weitere Verarbeitung derselben, überhaupt auf die Gewerbe werfen, welche mit der Vollendung der menschlichen Bekleidung und Beschuhung Die Umbildung einzelner Gewerbszweige. zu thun haben, so ist hier von einer Großindustrie, wie bei der Spinnerei und Weberei nicht die Rede. Aber sehr Vieles hat sich auch hier geändert oder ist nahe daran, sich zu ändern. Die frühere fast ausschließlich lokale Produktion, sowie die Herstellung von Kleidern innerhalb der Familie hat einen bedeutenden Stoß erhalten; die Fortschritte des Verkehrs, die Arbeitstheilung, die Mechanik haben auch hier eingegriffen. Aber die Aenderungen der Technik sind fast alle so, daß die vollständige Durchführung der- selben doch nicht zu ganz großen Etablissements führt, daß, wo solche existiren, dieselben doch nur dieselben Apparate zehn- und mehrfach neben einanderstellen, daß sie in den persönlichen Leistungen der Arbeiter vielleicht eine noch etwas weiter gehende Theilung und Speziali- sirung eintreten lassen, aber doch keine solche Ueberlegen- heit über die kleinen Geschäfte besitzen, wie z. B. die großen Baumwollspinnereien über die kleinen, der mecha- nische Webstuhl über den Handstuhl. Außerdem aber wirkt der Konzentration in diesem Gebiete, der Pro- duktion für andere Orte, Gegenden und Länder der Umstand entgegen, daß der persönliche Geschmack sich doch nie vollständig mit Schablonenarbeit zufrieden gibt, daß eine große Zahl von Personen alle Kleider und Schuhe, Hüte und Handschuhe nach bestimmten Vor- schriften gearbeitet haben will. Das erhält bis auf einen gewissen Grad die lokalen und damit auch kleinere Geschäfte neben den großen. Das moderne Magazin hat sich gerade der hier in Betracht kommenden Gewerbe am meisten bemächtigt. Der Charakter dieser Bekleidungsgewerbe. Das Magazin ist ein glänzendes Verkaufsgeschäft, ein Laden mit großer Auswahl, aber ein solcher, der in der Regel doch auch auf Bestellung, auf Maß arbeiten läßt, weil das in diesen Artikeln vom Publikum ge- wünscht wird. Die Produktion des Magazins ist eine andere, als die des kleinen Handwerkers, aber in der Regel doch auch nicht die einer großen Fabrik; das Magazin bezieht die einzelnen Theile, die halb fertigen Waaren da und dort her, läßt da und dort arbeiten, wendet Maschinen an, wenn es nothwendig ist, aber der lokale Absatz bleibt die Hauptsache. Uebrigens will ich hier nicht wiederholen, was ich oben von dem Ma- gazinsystem sagte; es genügt, daran zu erinnern. Am weitesten ist wohl das Fabriksystem vorgedrun- gen in der Produktion jener kleinen Theile und Hülfs- mittel menschlicher Bekleidung, welche am leichtesten versendbar, zu Hunderten und Tausenden nach gleichen Mustern angefertigt werden können. Doch ist auch hier der Umschwung noch kein vollständiger. Die Nähnadeln werden jetzt durchaus in Fabriken, die Stecknadeln, Haarnadeln, Haken, Oesen auch noch mannigfach von Handwerkern gemacht. Der alte Horn- kamm ist theilweise von den Waaren aus vulkanisirtem Kautschuk verdrängt, und diese werden von Fabriken geliefert; aber noch existiren viele Kammmacher, Horn- dreher, Elfenbeinarbeiter; eine Kammschneidemaschine ist nicht ganz billig, aber sie wird auch von Professio- nisten angeschafft. Die übersponnenen Knöpfe liefert das Posamentiergewerbe, die Knöpfe aus Horn und Holz, sowie die Metallknöpfe sind schon mehr auf große Ge- Die Umbildung einzelner Gewerbszweige. schäfte übergegangen, ähnlich wie die Anfertigung von Stöcken, Sonnen- und Regenschirmen, Fächern und ähnlichen Dingen. Doch ist in allen diesen Gewerben der Großbetrieb nicht absolut nothwendig. Wir sehen neben den Fabriken lokale Geschäfte, freilich vielfach mit Läden und Reparaturgeschäften verbunden, wir sehen außerdem, daß diese Waaren theilweise auch durch die Hausindustrie, also durch die Thätigkeit kleiner Meister entstehen können. Ich erinnere nur an das Tabletterie- gewerbe in der Umgegend von Paris, Roscher, Ansichten der Volkswirthschaft. S. 149. an die Thatsache, daß die große Londoner Sonnen- und Regenschirm- fabrikation mit ihrem ungeheuren Export durchaus Haus- industrie ist. „Die Fabrikation der Gestelle für Regen- und Sonnenschirme“ — sagt Professor Hofmann in London Zollv. Ausstellungsbericht 1851. III, S. 549—50. — „wird hauptsächlich von kleinen Meistern betrieben, die gewöhnlich einige Knaben als Gehülfen beschäftigen; das Ueberziehen der Schirme hingegen wird von Frauen und Mädchen besorgt, die in ihren Woh- nungen arbeiten. England verdankt den Vorrang in dieser Industrie nicht sowohl der Einführung neuer kostbarer Maschinen — denn die Werkzeuge der Sonnen- und Regenschirmmacher sind noch fast eben so einfach, als sie es vor 100 Jahren waren — sondern vielmehr einer verständigen Anwendung des Prinzips der Arbeits- theilung.“ Gehen wir aber nun zu den eigentlichen Hand- werken, welche hierher gehören, über. Ich beginne als Die Gerberei. Einleitung für die Betrachtung der Schuhmacherei mit der Lederbereitung, mit der Gerberei. Der Bedarf an Leder ist außerordentlich gestiegen; der Gebrauch lederner Fußbekleidung ist sehr viel all- gemeiner geworden als früher; auch für andere Zwecke, für Fuhrwerke, Pferdegeschirr, Maschinenriemen wird heute sehr viel mehr Leder erfordert. Die eigene Pro- duktion von Häuten im Zollverein ist mit der Viehzahl gestiegen; 1816 zählte man in Preußen 4, 0 Mill. Stück Rindvieh, 1864 - 5, 8 Mill. Die Mehreinfuhr von rohen Häuten zur Lederbereitung in Preußen betrug 1822 - 45334 Ztnr., die Mehreinfuhr in den Zoll- verein 1842 - 183980 Ztnr., 1861—64 - 470000 bis 500000 Ztnr. Fertiges Leder wird wenig eingeführt; die Verarbeitung dieser eingeführten wie der im Zoll- verein produzirten Häute erfolgt im Lande selbst; ebenso aber auch der Verbrauch des fertigen Leders; die Mehr- ausfuhr von fertigem Leder (hauptsächlich nach Oestreich und der Schweiz) ist nicht bedeutend. Bienengräber, Statistik des Verkehrs. S. 391—402. Die Lederpro- duktion des Zollvereins wurde schon 1844 zu 1 Mill. Zentner im Werthe von 47 Mill. Thalern geschätzt; sie soll sich von 1850—62 etwa verdoppelt haben. Die deutsche Lederindustrie steht mit an erster Stelle. Viebahn III, 613. Schon früher war das Gewerbe neben einzelnen lokalen Geschäften mehr in denjenigen Gegenden und Orten zu Hause, welche ihm die günstigsten Vorbedingun- gen, hauptsächlich gute Eichenrinde zur Lohe boten. Es Die Umbildung einzelner Gewerbszweige. erfordert von jeher ein gewisses Kapital zum Einkaufe der Häute und der Hülfsstoffe, dann umfassende Gebäude, Gruben, Vorrathshäuser. Die Einrichtungen sind meist so, daß, wenn nur das größere Kapital zum Einkauf der Häute da ist, die Ausdehnung des Geschäfts keine Schwierigkeiten hat, und dieses nicht entsprechend mehr Arbeit erfordert. Große Aenderungen in der Technik sind kaum zu konstatiren, abgesehen von den Methoden, welche die Abkürzung der Zeit, die sogenannten Schnell- gerberei anstreben, und den Manipulationen, welche die mehr mechanische Zurichtung des Leders nach dem eigentlichen Gerbeprozesse bezwecken. Vergl. Preuß. Handelskammerberichte 1866, S. 150; es heißt da: von den 3 großen Lederfabriken Krefeld’s arbeiten zwei nach der alten Gerbemethode fast ausschließlich Ledersorten, die zu Schuhmacherwaaren in Stadt und Umgegend Absatz finden. Eine dagegen läßt mit den neuesten Maschinen ihres Faches, mit Dampf, unter theilweiser Anwendung der Prin- zipien der Schuellgerberei hauptsächlich solche Artikel fertigen, welche in Wagenfabriken, zu feinen Sattlerarbeiten, zu Militär- effekten Absatz finden. Eine vollendete Produktion freilich setzt einen ziemlichen Grad chemischer Kenntnisse, eine geschickte Leitung und eine sehr exakte Arbeit voraus. Noch mehr ist das der Fall bei der Bereitung der lackirten und gefärbten Leder, welche daher auch am frühesten auf eigentliche Fabriken über- gegangen ist. Die Zahl der Geschäfte hat in Preußen seit neuerer Zeit nicht zu- sondern sogar etwas abgenommen; man zählte: Die Gerberei. Im Jahre 1849 hatte man die großen fabrik- mäßigen Gerbereien mit den Fabriken, in welchen lackir- tes und gefärbtes Leder bereitet wird, zusammen gezählt; es ergaben sich solche Lederfabriken 505 mit 3361 Ar- beitern, Tabellen und amtliche Nachrichten V, S. 832. von welchen etwa die Hälfte auf Westfalen und die Rheinprovinz kamen. In Malmedy, einem der Hauptorte der Gerberei, zählte man schon 1849 6 Meister mit 9 Gehülfen, 39 Fabrikherrn mit 208 Ar- beitern, in Berlin 30 große Gerbereien mit 303 Arbei- tern neben 74 Meistern mit 252 Gehülfen. Im Jahre 1861 sind wieder die großen Gerbereien in der Hand- werkertabelle mit gezählt; daher das Resultat: 4907 Meister mit 6292 Gehülfen. Manche Fabriken sind darunter, die große Steigerung der Produktion kommt hauptsächlich auf ihre Rechnung. Aber auch die großen Geschäfte sind gegenüber anderen Großindustrien noch mäßigen Umfangs und daneben hat sich eine große Zahl kleiner Geschäfte erhalten. Die außerpreußischen Hauptsitze der Gerberei des Zollvereins sind Bayern, Württemberg, Sachsen und Thüringen, in welchen die Gehülfenzahl die Meister entweder nicht ganz erreicht oder doch kaum übersteigt. Im ganzen Zoll- verein zählte man 1861 - 11992 Meister mit 14309 Gehülfen. Die Umbildung einzelner Gewerbszweige. Von 1861 bis zur Gegenwart sehen wir ähnliche Resultate; die 1353 Geschäfte, welche 1861 in der Rheinprovinz waren, sind bis 1867 auf 1155 gesunken, Bienengräber, Statistik des Verkehrs, S. 397. während die Produktion noch zunahm; aber auch 1867 ist die durchschnittliche Quantität verarbeiteter Häute, welche dort auf eine Gerberei kommt, nicht über 656 Ztnr. mit einem Durchschnittswerth des fertigen Produktes von 5939 Thlr. für je eine Gerberei. Das deutet immer noch auf Geschäfte hin, welche im Durch- schnitt zwischen großem und kleinem Betrieb in der Mitte stehen. Das wichtigste Gewerbe in der Verarbeitung des Leders sind die Schuhmacher; sie sind überhaupt fast überall das zahlreichste Gewerbe; Vgl. oben S. 302; ferner Mittheilungen I, 234; Tabellen und amtliche Nachrichten V, 833. Viebahn III, 680. selbst Preußen, Posen, Pommern haben im Verhältniß zur Bevölkerung nicht sehr viel weniger Schuhmacher als Westfalen und die Rheinprovinz; die größte Zahl Schuhmachermeister hat Württemberg (73 auf 10000 Einw., 52 in Altpreußen), während nach Viebahn in Frankreich 52, in Oestreich 20 Meister auf dieselbe Einwohnerzahl kommen. Was die historische Entwicklung betrifft, so wirken man- cherlei Ursachen neben und gegen einander. Ich theile zunächst das Resultat der preußischen Aufnahmen mit, um daran die weiteren Bemerkungen zu knüpfen. Man zählte: Die Schuhmacher. Im ganzen Zollvereine zählte man 1861 - 189006 Meister mit 127875 Gehülfen; auf 100 Meister kom- men 60 Gehülfen. Die Zunahme des Gewerbes von 1816—46 (um 10 % stärker als die Bevölkerung) darf theilweise wenigstens als Folge des steigenden Wohlstandes betrachtet werden. Es hatte sich bis dahin in der Technik und in der Organisation des Gewerbes nichts geändert. Freilich wäre eine Zunahme des Schuhver- brauchs auch denkbar ohne Zunahme der Gewerbe- treibenden, da die Schuhmacher von jeher zugleich eins der Gewerbe waren, welches am meisten über eine zu große Zahl von Meistern klagte. Besonders Die Umbildung einzelner Gewerbszweige. so lange fast nur auf Bestellung, fast gar nicht auf Lager gearbeitet wurde, war es eines der am leich- testen und mit den wenigsten Mitteln zu ergreifenden Gewerbe. Das Bedürfniß an Schuhmachern war von jeher groß, es stieg mit jeder allgemeinen Besserung der wirthschaftlichen Verhältnisse; der Zudrang war daher immer groß; die halbbeschäftigten Existenzen waren immer zahlreich, der Jahrmarkts- und Wochenmarkts- besuch war die Folge davon. Diese Lage der überwie- genden Zahl der Meister erklärt zugleich den kolossal steigenden Lederverbrauch neben der mäßigen Zunahme der Schuhmacher. Bis 1849 (vorübergehend sogar noch einmal 1855) bleibt auch die Zahl der Gehülfen so niedrig als sie 1816 war: auf 100 Meister nur 56 Ge- hülfen; d. h. jeder Geselle, der in ein gewisses Alter kommt, und dann nicht zu einer andern Beschäftigung übergeht oder auswandert, versucht als Meister sein Glück. Von da bis 1861, noch mehr von 1861 bis zur Gegenwart ändern sich die Dinge; und es zeigt sich das auch in den Zahlen. Die Gesammtzahl der Schuh- macher bleibt 1846 — 61 gegenüber der Bevölkerung so ziemlich stabil, während der Lederkonsum noch viel stärker wächst; die Gehülfenzahl steigt wenigstens etwas und deutet darauf hin, daß neben den zahlreichen kleinen Meistern, deren Klagen in dieser Zeit lauter als je ertönen, einzelne größere Geschäfte sich bilden. Es beginnt der Umschwung in der Technik, wie in der Geschäftsorganisation. In den Städten bilden sich die Magazine; die verarmten Meister, welche die Mittel Leder zu kaufen, Die Schuhmacherei im Großen. nicht mehr besitzen, müssen für sie arbeiten. Es beginnt mehr und allgemeiner das Arbeiten auf Lager; die kauf- männische Spekulation bemächtigte sich der Sache. Der Zollverein, der 1842 — 46 erst eine Mehrausfuhr von jährlich 1559 Ztnr. groben und 1068 Ztnr. feinen Lederwaaren hatte, bringt es 1860 — 61 auf eine Mehr- ausfuhr von 16781 Ztnr. groben und 10532 Ztnr. feinen Lederwaaren. Damit bekamen die Schuster als Hausindustrie eine andere Stellung. Innerhalb des Zollvereins freilich hatten längst einzelne Orte Schuhe, Stiefeln und Pantoffeln auch für weiteren Absatz ange- fertigt. Schon 1822 ist der 10 te Kahlauer ein Schuh- macher, ebenso der 34 ste Erfurter; 1846 der 8 te Kahlauer und der 30 ste Erfurter. Aber eine solche Produktion war doch mehr vereinzelt. Mit dem heutigen Verkehr konnte diese Art des Betriebes einen neuen Aufschwung nehmen, um so mehr als an solchen Orten größere Geschäfte entstanden und alle Fortschritte der Technik schnell ein- geführt wurden. In Erfurt waren schon 1849 neben 410 Meistern mit 411 Gehülfen 5 Schuhfabriken mit 148 Arbeitern. In Mainz hat jetzt ein Geschäft allein 160 männliche und weibliche Arbeiter. In Württemberg geht der Schuhexport von Tuttlingen und Balingen aus. In Thüringen kommen besonders noch Gotha, in der Provinz Sachsen Naumburg und Mühl- hausen in Betracht. Im Königreich Sachsen liefern die Groitz’schen Schuhmacher mit 339 Gesellen und Lehr- lingen, 1200 anderen Personen und 44 Steppmaschinen jährlich 72000 Dutzend Paar Schuhe. In der Rhein- pfalz ist neben Worms vor Allem das kleine Städtchen Schmoller , Geschichte d. Kleingewerbe. 40 Die Umbildung einzelner Gewerbszweige. Pirmasenz als Schuhmacherort bekannt. Die Entstehung des Gewerbes an diesem Ort ist komisch genug. Land- graf Ludwig IX von Hessen hatte seine Residenz dahin verlegt und wollte daselbst möglichst viel Soldaten, zugleich aber eine zunehmende Bevölkerung haben; er machte seinen Soldaten das Heirathen zur Pflicht, erlaubte ihnen aber nebenher ein Gewerbe zu treiben; sie warfen sich hauptsächlich auf die Schuhmacherei, die Pirmasenzer Schuhmädchen gingen damit hausiren; jetzt zählt der Ort von 8000 Einwohnern 13 größere und 63 kleinere Geschäfte mit 17 Buchhaltern, 54 Zuschnei- dern, 1154 Arbeitern und 466 Arbeiterinnen mit 60 bis 90 Näh-, Sohlschneide- und andern Maschinen. Deutsche Ausstellungszeitung v. 20. Mai 1867, Nr. 20 verglichen mit Viebahn III, 682. Sie liefern jährlich 130000 Dutzend Paar Stiefeln oder Schuhe im Werthe von etwa 2 Mill. fl.; der Export geht nach Ost- und Westindien, Australien und Südamerika. Die erste wichtigere Aenderung der Technik, war die in den vierziger Jahren aus Amerika importirte Methode, die Sohlen mit Holzstiften aufzunageln statt zu nähen; die Arbeit geht rascher und ist besser; auch ist die Arbeitsart freier, der Konstitution des Körpers angemessener. Später kam die Nähmaschine, welche besonders mit der zunehmenden Verwendung von Ge- weben für das Schuhwerk von Damen die Anfertigung der oberen Theile der Schuhe sehr erleichterte. Be- Die technischen Fortschritte in der Schuhmacherei. sondere größere Geschäfte bildeten sich, welche einzelne Theile en gros produziren und liefern — wie Absätze, Schuhverzierungen, Gummizüge u. s. w. Eine Maschine zum Anschrauben der Sohlen befand sich schon 1851 auf der Londoner Ausstellung; in neuerer Zeit kom- men solche Maschinen in den preußischen Militärschuh- machereien zur Anwendung; eine Berliner Fabrik liefert sie das Stück zu 200 Thlr. Der vollständige Ueber- gang zur Maschinenanwendung aber datirt erst aus neuester Zeit. Er hat sich — sagt der Ausstellungsbericht von 1867 — seit kaum zwei Jahren und so zu sagen plötz- lich vollzogen. Den Anstoß gab das industrielle Amerika. Mehr als drei Jahrtausende, seit der Zeit der Pharao- nen, hat man die Schuhe in gleicher Weise einfach mit der Hand gearbeitet, jetzt ist die rein mechanische An- fertigung gelungen. Man konnte den Beweis hierfür auf der Ausstellung selbst sehen. In einer der aus- gestellten Werkstätten konnte man sich ein Paar Leder- gamaschenschuhe nach Maaß unter seinen Augen binnen 45 Minuten anfertigen lassen. Die Maschinen von Silvan Depuis et Comp. waren darauf eingerichtet nur durch Frauenhände bedient zu werden; eine Maschine lieferte mit einem Arbeiter täglich 23 — 27 Paar Schuhe, eine andere die doppelte Zahl, während jetzt ein Geselle allein 4 Stunden zum Annageln eines Paares mit Holz- stiften braucht. Die Maschinen, um welche es sich handelt, sind abgesehen von der Schraubenmaschine, die Leistenschneidemaschine, die Stanzmaschine, welche die Sohlen nach bestimmten Nummern heraussticht, die Walzmaschine, die Sohlenpresse, die Absatzpresse und 40 * Die Umbildung einzelner Gewerbszweige. die Hobel- und Glättmaschine, beide letztere zur Her- stellung der Absätze. Oesterr. Ausstellungsbericht, IV, 240; Ausstellungs- zeitung Nr. 31 u. 32. Die meisten dieser Maschinen sind in Deutschland noch kaum bekannt. Mit ihrer Verbreitung werden sie noch mehr das Uebergewicht der großen Geschäfte ver- stärken und dem kleinen Meister die Konkurrenz erschwe- ren; desto mehr kann aber auch eine steigende Pro- duktion mit abnehmender Personenzahl stattfinden. Den kleinen Meistern bleibt auch dem gegenüber nur der Weg der Genossenschaft übrig, den sie gerade in der Schuhmacherei auch schon mit einigem Erfolg betreten haben; zunächst allerdings nur, um sich die Rohstoffe besser und billiger zu beschaffen. Vergl. oben S. 233. Schulze erzählte selbst auf dem volkswirthschaftlichen Kongreß zu Gotha 1858 darüber Folgendes: „Man macht sich kaum Vorstellungen davon, wie sehr die ärmeren Handwerker von den Zwischenhändlern in den Preisen heraufgesetzt werden. Ein einziges Paar Stiefel- sohlen kam in der Assoziation 25 % billiger und dazu war das Material besser. Als nun gar in den letzten Jahren die hohen Lederpreise, welche im Jahre 1857 bis auf 100 % gegen früher gestiegen waren, eintraten, war für viele Mitglieder jene die einzige Rettung. Der Aufschwung des Schuhmachergewerkes in Delitzsch, wel- ches sich zuerst assoziirte, war bald so bedeutend, daß Die Schuhmachergenossenschaften. die Schuhmacher aus den Nachbarstädten, welche mit den Delitzsch’en die Märkte bezogen, zu mir kamen und sagten: wir können mit den Schuhmachern in Delitzsch nicht mehr konkurriren, sie haben ihren Markt nach Magdeburg hin ausgedehnt, wir wünschen uns auch zu assoziiren.“ Die Bewegung kam in Gang; im Jahre 1863 zählte Schulze bereits 33 preußische, 18 sächsische und 30 andere deutsche Schuhmacherrohstoffgenossen- schaften; 1866 sind es 22 preußische, 15 sächsische und 25 andere deutsche Rohstoffvereine, neben einigen Ma- gazin- und Produktivgenossenschaften; die Zahl hat also seither nicht zugenommen, wohl aber haben einzelne 40, 60 ja bis 140 Mitglieder; der Berliner Verein hat 1868 für 39016 Thaler, der Wolfenbütteler für 31104 Thlr. Leder an die Mitglieder verkauft. Gegenüber der Gesammtzahl der 189006 zoll- vereinsländischen Meister ist es allerdings immer noch unbedeutend, wenn einige Hundert durch die Rohstoff- vereine in besserer Lage sind. Und dann reichen die Rohstoffvereine nicht aus, die Lage der Betreffenden von Grund aus zu bessern; die Produktion bleibt unvoll- kommen, der Absatz prekär. Die Geschäftsführung ver- leitet leicht die Vorstände, den Verein für sich auszunutzen. Viele dieser Genossenschaften sind dadurch wieder zu Grunde gegangen, daß die an der Spitze stehenden Meister immer das beste Leder für sich ausschnitten. Das was nun für die kleineren und ärmeren Mitglieder übrig blieb, war nicht besser, als sie es sonst erhalten konnten. Und so lösten sich die Vereine wieder auf. Es fehlt hier, wie in andern Gewerben, an den Leuten, Die Umbildung einzelner Gewerbszweige. welche die Genossenschaft richtig leiten und zusammen- halten können. Die Masse der Meister ist in schlechter, elender Lage. Jedem, der praktisch in unsern großen Städten sich um das Armenwesen bekümmert hat, dem ist der hungernde verarmte Schuhmacher mit zahlreicher Kinderschaar als typische Erscheinung bekannt. Und ein neuer Stoß bereitet sich vor, wenn die Maschinen sieg- reich weiter vordringen und doch zunächst nur Einzelne, seien es einzelne Meister oder einzelne Genossenschaften, sie einführen. Während wir bei den Schuhmachern mit einem einfachen Gewerbe zu thun hatten, kommen wir bei den Kürschnern zu einem Handwerke, das in der Regel mit einem Handelsbetriebe werthvoller Waaren, mit dem Pelzhandel, verbunden ist. Die Anfertigung von Mützen ist ein einfaches Gewerbe, der Pelzhandel dagegen setzt ein bedeutenderes Kapital voraus. Die Inhaber größerer Pelzwaarenmagazine in den Städten gehören in der Regel zu den wohlhabendsten Mitgliedern des Bürger- standes. Es handelt sich eigentlich um zwei zwar häufig verbundene, aber doch sehr verschiedene Gewerbe; in beiden ist die lokale Produktion zurückgetreten gegen- über der Massenanfertigung; aber das eine kann als Handelsgewerbe noch gut existiren, während das andere hierfür zn ärmlich ist. Danach ist die folgende Tabelle zu beurtheilen, welche die preußischen Kürschner, Rauch- waarenhändler und Mützenmacher umfaßt. Im ganzen Zollverein zählte man 1861 - 8045 Kürschner mit 15992 Gehülfen. Die Kürschner und Mützenmacher. Der Verbrauch an Pelzwaaren ist in kälteren Ge- genden nicht bloß ein Luxusbedürfniß, sondern eine Noth- wendigkeit; mit steigendem Wohlstand wird er in den höhern Klassen bedeutend zunehmen, wie auch die Mehreinfuhr von Fellen zur Pelzbereitung im Zollverein beweist; sie betrug jährlich 1842 — 46 ‒ 8064 Ztnr., 1860 — 64 - 11564 Ztnr.; Bienengräber, Statistik des Verkehrs, S. 394. die Einfuhr hat sich fast auf das Doppelte in dieser Zeit gehoben, aber auch die Ausfuhr stieg. Leipzig mit seiner Messe ist ja überhaupt der größte Markt für Pelzwaaren; die jährlich dahin gebrachten Pelze werden auf über 6 Millionen Thaler Die Umbildung einzelner Gewerbszweige. geschätzt: etwa der dritte Theil der Gesammtproduktion der Erde. An dieses große Geschäft haben sich besonders in Leipzig und Berlin größere Kürschneretablissements an- geschlossen, welche das Reinigen und Gerben der Felle, das Umarbeiten derselben zu Röcken, Mänteln, Kragen, Mützen, Handschuhen, Müffen und Halswärmern im Großen betreiben und ihre Produkte ins Ausland wie an die inländischen Lokalgeschäfte absetzen. Die größere Leistungsfähigkeit solcher Geschäfte erlaubt eine Aus- dehnung der Geschäfte ohne stark wachsende Personen- zahl. Dagegen wachsen neben ihnen auch die lokalen Geschäfte, mehr als Magazine, vom Handel und Re- paraturen lebend, als selbst das Kürschnergeschäft noch ausübend. Je mehr diese Lokalgeschäfte aber bloße Handelsgeschäfte sind, desto weniger werden sie eine steigende Gehülfenzahl beschäftigen. Aus ähnlichem Grunde hat die Zahl der aus- schließlich Mützen verfertigenden Meister wahrscheinlich nur bis in die vierziger Jahre zugenommen. Wenn sich auch die Technik der Mützenanfertigung seither kaum sehr geändert hat, so hat sich doch die Produktion unter Zuhülfenahme von Nähmaschinen und Arbeitstheilung konzentrirt, der Geschmack spielt eine größere Rolle als früher. Eine Reihe von Magazinen verkaufen nebenbei Mützen, welche sie in größeren Quantitäten aus den Hauptsitzen der tonangebenden Mode beziehen. Der kleine bloße Mützenmacher oder Mützenhändler ist jetzt einer der ärmlichsten Handwerker. Ich glaube, daß diese Art von kleinen Geschäften sogar eher abgenommen Der Pelz- und Mützenhandel. hat; die obigen Gesammtzahlen der hierher gehörenden Gewerbetreibenden zeigen auch gegenüber der Bevölkerung von 1852 an eine Abnahme, was ich auf die abneh- menden Mützenmacher zurückführen möchte, neben welchen der Pelzhandel wahrscheinlich noch zugenommen hat. Daß der Pelzhandel den Schwerpunkt der Geschäfte dieser Rubrik bildet, sieht man auch klar aus der pro- vinziellen Vertheilung; man zählte: In den östlichen kälteren Provinzen ist die Mehr- zahl der Geschäfte; am Rhein und in Westfalen fehlten sie früher fast ganz, daher hier 1837 — 61 eine beträcht- liche Zunahme. Gehen wir von der Mützenmacherei zu der Hand- schuhmacherei über, so sind die gewebten Handschuhe zu unterscheiden von den zugeschnittenen und genähten. Jene werden von den Strumpfwirkern geliefert, diese von den Handschuhmachern. Die frühere deutsche Handschuhmacherei lieferte hauptsächlich schwere lederne, leinene und wollene Handschuhe. Die moderne Gla çé - handschuhfabrikation kam durch vertriebene Hugenotten im 17. Jahrhundert nach einigen großen Städten, nach Die Umbildung einzelner Gewerbszweige. Erlangen, Dresden, Prag und Berlin; die deutsche Gerberei hatte früher das Leder nicht so weich, zart und elastisch herzustellen vermocht. Später entwickelte sich diese Glac é handschuhmacherei in allen halbwegs bedeutenden Städten, daneben wurden aber noch ziemlich viel französische Waaren eingeführt. Bis Mitte der funfziger Jahre hatte der Zollverein eine Mehreinfuhr von ledernen Handschuhen, erst von da hat sich die Fabrikation so gehoben, daß sich eine Mehrausfuhr heraus- stellte. Zollvereinsländische Handschuhe konkurriren jetzt mit englischeu, französischen, österreichischen im Auslande. Die Zunahme der Produktion hat aber wieder zwei verschiedene Epochen, wie die folgende Tabelle der preußischen Handschuhmacher zeigt: Die Handschuhmacher. Die Zahl der Meister, d. h. der kleinen mehr lokalen Geschäfte, nimmt zu bis 1843; von da geht sie zurück, während nun von 1840 — 61 die Gehülfen- zahl sich verdoppelt und die Gesammtzahl der Gewerbe- treibenden gegenüber der Bevölkerung so ziemlich stabil bleibt. Letzteres wäre ohne Zweifel nicht der Fall, wenn die sämmtlichen Frauen und Mädchen, welche für größere Geschäfte zu Hause Handschuhe nähen, mit ver- zeichnet wären. In dieser Weise hat sich nämlich die große Industrie gestaltet, daß der Fabrikant nur das Leder einkauft, die Handschuhe — theilweise mit der von Jouvin erfundenen Maschine — zuschneidet, das Nähen aber als Haus- industrie und meist noch mit der Hand besorgen läßt. Die Berliner Geschäfte haben sich vielfach — der Theurung in Berlin wegen — nach Potsdam gezogen und lassen dort in der Umgegend auf dem Lande nähen. Außerdem sind die größten Handschuhfabriken des Zoll- vereins in Luxemburg, wo jährlich etwa eine Million Zickel- und Lammfelle von 5 Fabriken mit 1576 Arbei- tern verarbeitet werden, in den Städten Aachen, Kassel, Magdeburg, Halberstadt, Erlangen, im Königreich Sachsen und in Schlesien. Preuß. Handelskammerberichte pro 1865, S. 481. Auch in Oestreich blüht die Handschuhmacherei und hat sich dort fast noch mehr als im Zollverein konzentrirt. „In Wien allein“ berichtet Rehlen Geschichte der Handwerke und Gewerbe, zweite Ausgabe, Leipzig 1856. S. 143. „sind mehr als 250 Geschäfte etablirt, Die Umbildung einzelner Gewerbszweige. welche einschließlich der Nätherinnen über 4000 Arbeiter beschäftigen und an 18000 Dutzend Gla çé handschuhe verfertigen, im Werth von mehr als einer Million Gulden. Prag besitzt etwa 50 Etablissements, welche über 25000 Dutzend im Werthe von 200000 Gulden produziren.“ Der ganze Zollverein zählte 1861 - 1854 Meister mit 6520 Gehülfen, an welcher Zahl sich deutlich erkennen läßt, daß der Uebergang zu größern Geschäften meist sich vollzogen hat. In Sachsen kommen auf 85 Meister 792 Gehülfen, in Thüringen auf 33 Meister 815 Gehülfen. Der lokale Vertrieb ist zu einem großen Theile auf Modewaarenhandlungen und Magazine verschiedener Art übergegangen. Doch prosperiren auch immer noch lokale Geschafte in allen größern Städten. Manche Leute wünschen doch Handschuhe nach Maß und die Produktion ist technisch immer noch einfach; selbst die Zuschneidemaschine ist nicht allzutheuer und ihre Vor- theile sind mäßig. Ich kenne Geschäfte, wo sie vor- handen ist, aber nicht regelmäßig benutzt wird. Die Anfertigung von Halsbinden, Halstüchern, Kravatten, Schlipsen und ähnlichen Artikeln, welche früher dem lokalen Handschuh- oder Mützenmacher zu- fiel, ist in neuerer Zeit auch auf wenige große Geschäfte übergegangen, welche durch Direktricen die einzelnen Bestandtheile zuschneiden und sie von Arbeiterinnen in ihren Wohnungen nähen lassen. Ausstellungsbericht von 1851, II, 666 — 68. Die Kravattenmacherei und die Strohhutmanufaktur. Unter den Gewerben, welche sich mit der Bedeckung des Kopfes beschäftigen, war die Strohhutmanufaktur niemals eigentlich ein lokales Gewerbe; ursprünglich in Toskana zu Hause, kam sie als Hausindustrie nach der Schweiz, nach dem Schwarzwalde, dann auch nach Sachsen, Schlesien, in’s Eichsfeld und so ist die Strohhutfabri- kation und Strohflechterei heute noch mehr eine Neben- beschäftigung in ländlichen Kreisen, hat durch besondere Schulen eingeführt theilweise das Spinnen und Weben ersetzt. Die aufgenommenen Zahlen von Arbeitern sind daher auch wenig zuverlässig; man zählte in Preußen 1861 auf 99 Fabriken 964 männliche und 1245 weib- liche Arbeiter, im Zollverein auf 496 Fabriken (Baden allein 239, wobei wohl die Faktore mitgerechnet sind) mit 2068 männlichen und 3850 weiblichen Arbeitern. Dagegen war die Anfertigung von Filzhüten, sowie von Seidenhüten, früher Sache lokaler Handwerker; hierin ist ein großer Umschwung eingetreten; der leichte Verkehr und die Herrschaft der Mode nicht bloß, son- dern auch eine ganz veränderte Technik begünstigte den Uebergang zu einigen wenigen großen Fabriken. Die Enthaarung der Felle und Zurichtung der Haare für die Hutmacherei ist anderwärts schon ein eigenes Gewerbe geworden; sie ist in Deutschland meist noch mit der Hut- macherei verbunden, doch existiren auch schon einige größere Etablissements in Hanau, Darmstadt, Offenbach und Berlin. Auch die früher mit der Hutmacherei ver- bundene Anfertigung von Filzschuhen und anderen Filz- waaren hat sich zu besondern größern Geschäften abge- Die Umbildung einzelner Gewerbszweige. schieden. Viehbahn III, 666. Einzelne der großen Hutfabriken haben jetzt mehrere hundert Arbeiter. Auf der Pariser Ausstellung von 1867 befand sich eine vollständige Dampfhutfabrik, Dentsche Ausstellungszeitung Nro. 32. in welcher so ziemlich alle Stadien der Fabrikation, vom Abwiegen der zu einem Hut erforderlichen Quantität Kaninchenhaare bis zur letzten Garnirung, dem mecha- nischen Betriebe anheimgegeben waren. Darnach kann die folgende Tabelle der preußischen Hutmacher uns nicht in Erstaunen setzen; man zählte: Noch nicht ganz die halbe Zahl der 1816 beschäf- tigten Personen reicht 1861 aus, einem gewiß größern Die Hutmacherei und die Blumenfabriken. Bedürfniß zu genügen. Im Zollverein kommen 1861 auf 3117 Meister 5362 Gehülfen oder Arbeiter. An kleinen Orten halten sich wohl noch die kleinen Meister, aber mehr als Händler; in den großen Städten eröffnen die Fabriken selbst große Magazine und verkaufen da- neben an die Handlungen, welche die sämmtlichen Herrengarderobeartikel führen. Während die männliche Kopfbedeckung im Laufe der Zeit immer einfacher, stereotyper wird, läßt sich das von der weiblichen nicht sagen. Phantasie und Mode sind bestrebt, in mannigfaltigster, immer wechseln- der Weise den weiblichen Kopf mit allen möglichen Arten von Kopfbedeckungen zu zieren, dabei in der raffinirtesten Weise den Stroh- oder Filzhut, die Spitzen- oder Tüll- haube mit Bändern, Schleifen, Blumen und Federn zu dekoriren. Die Band- und Posamentiergewerbe liefern, abgesehen von den Hüten und breiten Geweben, dazu die Rohstoffe; auch hierfür sind besondere große Geschäfte in Berlin, Leipzig und Frankfurt thätig, soweit diese Waaren nicht vom Ausland bezogen werden. Daneben kommen die Gewerbe der Buntsticker, Blumen-, Feder- und Federbuschmacher und Strohhutnäher in Betracht, welche in den Tabellen als eigene Kategorie zusammen- gefaßt, in Preußen 1861 - 437 Meister mit 1148 Ge- hülfen, im Zollverein 1936 Meister mit 7811 Gehülfen zählen. Schon die Zahlen zeigen, daß es vielfach größere Geschäfte sind. Die wichtigste Abtheilung ist die künstliche Blumenfabrikation, die auch im Zollverein rasche Fortschritte macht, ihr Vorbild aber immer noch in Frankreich und speziell in Paris hat, woher noch Die Umbildung einzelner Gewerbszweige. ein großer Theil der im Zollverein verbrauchten Blumen bezogen wird. Die dortige Industrie hat eine seltene Vollendung und einen seltenen Umfang erreicht; der Werth der produzirten Waaren war 1847 - 11, 1858 16, 1867 - 25 Mill. Frcs., wovon etwa die Hälfte der Handarbeit, zu dem größten Theil Frauen und Mädchen, welche zu Hause arbeiten, zu Gute kommt. Besondere Graveure und Werkzeugfabrikanten liefern die Matrizen, Pressen und Modelle für die künstlichen Blumen; darunter sind wirkliche Künstler; je treuer und schöner sie die Natur nachzuahmen verstehen, desto voll- endeter sind die Produkte. Dann kommen die Fabri- kanten, welche mit strenger Sonderung der einzelnen Bestandtheile, Kelche, Samenkapseln, Knospen, Gräser, Körner liefern. Eine dritte Gruppe färbt und preßt die Stoffe und stellt Zweige her. Dann erst kommen die eigentlichen Blumenmacher, welche die meisten Frauen beschäftigen, wobei auch wieder strenge Arbeitstheilung zwischen Trauerblumen, Rosenfabrikanten ꝛc. statt- findet. Endlich kommen die Blumenmodisten, welche die verschiedenen Blumen zusammensetzen, Bouquets und Kränze fertigen, hauptsächlich aber in den Ma- gazinen die Waaren verkaufen, die Mode beherr- schen, die Verwendung für die einzelne Toilette bestimmen. In annähernder Weise hat sich auch das Geschäft in Deutschland gestaltet. Die Herstellung der Materialien Ausstellungsbericht von 1851, III, 594. Oestr. Aus- stellungsbericht 1867, Bd. IV, 232. Die Putzmachergeschäfte. ist Sache besonderer größerer Geschäfte; im Putzmacher- laden findet nur die Zusammenstellung und Anpassung, das Zusammennähen statt. Der persönliche Geschmack der Dirigentin ist die Hauptsache; das lokale Bedürfniß macht überall Geschäfte nothwendig; bis auf die Land- städte und Dörfer dringen die neuen Moden jetzt, und so sehen wir, daß bei den Putzmachergeschäften mehr die Zahl der Geschäfte als ihr Umfang zunimmt. Man zählte in Preußen (im Zollverein 1861 - 12832 Ge- schäfte mit 13348 Gehülfen): Die bedeutende Zunahme hat übrigens neben der steigenden Wohlhabenheit und dem größern Luxus noch Schmoller , Gesch. d. Kleingewerbe. 41 Die Umbildung einzelner Gewerbszweige. eine weitere Ursache. Es findet ein großer Zudrang zu diesem Gewerbe statt. Die Mehrzahl der Geschäfte ist in weiblichen Händen, wie die Mehrzahl der Ge- hülfinnen junge Mädchen sind, welche theilweise nur das Gewerbe erlernen wollen, jedenfalls sich ihm gerne zuwenden, da es immer noch etwas bessern Verdienst giebt, als die bloße Nätherei. Von den preußischen 6424 Geschäften haben 6177 weibliche Vorsteher, von den 5989 Gehülfen gehören 5819 dem schönern Ge- schlechte an. Die Geschäftsinhaberinnen sind meist Wittwen, ältere unverheirathete Fräuleins, vor Allem Frauen von kleinen Geschäftsleuten, von Angestellten, deren Einkommen nicht ausreicht. Die Frau versucht durch ein Putzgeschäft das Fehlende zu ersetzen; sie ist mit mäßigem Verdienst zufrieden, die Konkurrenz ist groß; zahlreiche Bankerotte zeigen die Schwierigkeit und den großen Andrang. Daneben gibt es in den größern Städten freilich immer auch eine Anzahl sehr großer wohlrenommirter Geschäfte, welche entsprechend theurer arbeiten und das können, weil sie die wohlhabendsten Klassen zu ihren Kunden haben. Umfassender und bedeutender als alle diese kleinern Gewerbe ist das Schneidergewerbe; es steht an Zahl fast dem Schuhmachergewerbe nahe. Ich theile zuerst die Uebersicht der preußischen Schneider von 1816 — 61 mit. Daneben will ich gleich als Ausgangspunkt unserer Betrachtung vorausschicken, daß 1861 von den 76823 Geschäftsinhabern 13741, von den 49291 Gehülfen 8677 weibliche Personen sind. Im ganzen Die Schneider und Kleidermacher. Zollverein zählte man 1861 - 169824 Geschäfte, davon 34191 in weiblichen Händen, und 98772 Gehülfen, davon 16102 weibliche. Uebrigens scheint die Auf- nahme in der Heranziehung der Frauen zu derselben sehr verschiedene Grundsätze befolgt zu haben; in Baiern und Hannover sind über ein Drittel der Geschäfte in Frauenhänden, in andern Staaten sind auf mehrere tau- send männliche Schneider nur wenige weibliche Geschäfte notirt, ohne daß doch eine solche reale Verschiedenheit wahrscheinlich wäre. Dieser Umstand zeigt aber über- haupt, welchen Bedenken die ganze Aufnahme des Schneidergewerbes unterliegt. Der Uebergang von der 41 * Die Umbildung einzelner Gewerbszweige. bloßen Nätherin zum Schneidergeschäft ist ein unmerk- licher. Früher wurden in Preußen die Nätherinnen und Wäscherinnen mit den weiblichen Tagelöhnern zusammen aufgenommen (z. B. 1849: 679719, wovon 149610 in den Städten), wobei aber nicht festzustellen ist, wie viele von den hier gezählten Frauen Nätherinnen sind. Die häusliche Weißnäherei ist ja wohl jedenfalls nicht unter der Kategorie der „Schneider“ mitbegriffen; aber fraglich erscheint mir, ob die theilweise mit Kleider- geschäften verbundenen Konfektionsgeschäfte, die Magazine für Weißwaaren und Damenartikel hier mitgerechnet sind oder nicht; dadurch erscheint mir der Zweifel nicht gehoben, daß der ganze Zollverein 1861 - 4 preußische Weißzeugfabriken mit einigen hundert Arbeitern beson- ders in der Fabriktabelle aufführt. Trotz dieser Unklarheit des Inhalts der Tabelle müssen wir versuchen, die Resultate aus derselben zu fol- gern. Das erste wäre, daß die Gesammtzahl der preußi- schen Schneider um 15, 1 % stärker zunahm, als die Be- völkerung. Nimmt man dazu, daß die Leistungsfähig- keit des einzelnen Arbeiters in größern Geschäften schon lange, auch in allen kleinern seit Einführung der Näh- maschinen, sehr gewachsen ist, nehmen wir ferner dazu, daß die Mehrausfuhr an fertigen Kleidern aus dem Zollverein seit 20 Jahren sich verzehnfacht hat (1860 — 64 jährlich 11365 Ztur. im Werth von 3 — 4 Mill. Thlr.), so wird man einen Fortschritt des Gewerbes nicht leugnen können, wie man wohl auch mit Recht annehmen kann, daß gerade die Bekleidung fast in allen Klassen der Bevölkerung eine bessere gewor- Die Zunahme der Schneider. den ist. Freilich bleiben daneben manche Zweifel: Die Zunahme des Personalbestandes ließe sich auch darauf zurückführen, daß jetzt gekaufte oder bestellte Kleider in vielen Kreisen getragen werden, welche früher Kleider trugen, die von der Familie selbst gemacht waren. Die Poesie der Nationaltracht, der besonderen ländlichen Be- kleidung verschwindet; selbst der deutsche Bauer fängt an, fertige städtische Kleider zu kaufen. Auch Frauen- kleider werden gegenwärtig vielfach fertig in den Maga- zinen gekauft, wenn gleich noch entfernt nicht so sehr wie die Männerkleider. Doch glaube ich kaum, daß die Zahl der Nätherinnen, welche im Hause der Kunden Frauen- kleider fertigen, gegen früher abgenommen hat. In der Organisation des Geschäfts sind große Aenderungen eingetreten, welche aber nicht aus der obigen Tabelle zu ersehen sind. Ob unsere großen Städte schon Geschäfte haben, wie die Pariser, welche nur Modelle anfertigen, ist mir zweifelhaft, Oestr. Ausstellungsbericht Bd. IV, 230: „da gibt es Häuser, welche nur Modelle aufertigen, welche Zeichner, Maler, Literaten und Sachverständige aller Art beschäftigen, mit den Fabriken in regem Verkehr stehen, die Modefarbe bestimmen oder wenigstens alle Stoffe dieser Art für eine gewisse Zeit, gewöhnlich drei Monate, aufkaufen. In diesen Häusern kaufen die ersten Schneider und Konfektionsfabrikanten die Modelle und propagiren jene, welche Sukzeß haben.“ wohl aber hat sich in den größern Städten die Arbeitstheilung vollzogen, Vergl. die ausgezeichnete Untersuchung von Laspeyres, die Gruppirung der Industrie in den großen Städten, Berliner Gemeindekalender III, 65 — 67. welche in Paris mit den Namen „Tailleurs Die Umbildung einzelner Gewerbszweige. fabricants“ und „Tailleurs apiéceurs“ bezeichnet wird. In beiden Arten von Geschäften sehen wir große Etablissements, welche 50 — 60, ja bis 300 Gesellen in ihren Räumen beschäftigen, daneben auch außer dem Hause nähen lassen. Beide beziehen die Tuche und anderen Stoffe mehr und mehr direkt vom Fabrikanten, um dadurch die vertheuernde Zwischenhand des Tuch- händlers zu sparen. Häufig sind frühere Tuchmagazine durch Annahme eines Zuschneiders und einer Anzahl Schneidergesellen zu Kleidermagazinen geworden. Der Umfang der Geschäfte, welche nach Maß und Bestellung arbeiten, bleibt selbst in den größten Städten in der Regel ein etwas geringerer. Dagegen wächst der Um- fang der eigentlichen Kleiderfabriken theilweise in’s Un- glaubliche. Von dem Gerson’schen Geschäft in Berlin, das hauptsächlich Damenmäntel, Mantillen, Mode- waaren aller Art führt und nach allen Staaten und Himmelsgegenden exportirt, schreibt Viebahn schon 1852: „das Geschäft hat im vergangenen Jahre etwa 16000 bis 20000 fertige Mäntel, Mantillen ꝛc. geliefert. In zwei Geschäftshäusern werden unter Leitung von 5 Hand- werksmeistern und 3 Direktrizen 120—140 Arbeiterinnen, außerdem aber in den Wohnungen etwa 150 Meister mit durchschnittlich 10 Gesellen, welche nur für dies Haus arbeiten, und im Ganzen in solchen fertigen Artikeln, das Weißwaarenfach mitgerechnet, 1600 — 2000 Personen, je nachdem es stille oder lebhafte Zeit ist, beschäftigt; in dem Verkaufslokal selbst arbeiten gegen 100 Kommis, Aufseher, Ladenjungfern und Diener.“ Die großen Kleiderfabriken und die kleinen Schneider. Wenn in dieser Weise die Kleiderfabrikation sich konzentrirt, so muß es Wunder nehmen, daß im Ganzen in Preußen auf 100 Meister erst 64 Gehülfen, auch in Berlin nur 138 kommen. Selbst wenn man berück- sichtigt, daß manche als Meister gezählte für Magazine und größere Meister arbeiten, so bleibt das Resultat überraschend. Es hat ähnliche Ursachen, wie die große Zahl kleiner Schuhmacher. Dem Glanz und der Ent- wicklung der großen Geschäfte und Magazine steht die um so größere Noth der kleinen Meister gegenüber. Der Versuch, ein eigenes Geschäft zu beginnen, kann fast ohne Kapital gemacht werden, der Zudrang ist bedeutend. Selbst auf dem Lande ist die Zahl der Meister sehr groß; 1858 kamen in Preußen auf 30 229 städtische, 40 849 ländliche Meister; schon 1849 Tabellen und amtliche Nachrichten V, 837. kam auf dem platten Lande im Regierungsbezirk Arnsberg auf 131, im Regierungsbezirk Münster auf 133, im Regierungs- bezirk Magdeburg auf 144, im Regierungsbezirk Köslin auf 220 Einwohner ein Schneider (Meister und Ge- hülfen zusammen). Die meisten dieser kleinen Schneider leben in den ärmlichsten Verhältnissen, viele nur als Flickschneider und als Hausarbeiter in den Häusern der Kunden. Auch Viebahn III, 676. nimmt an, daß zwar das Durchschnittseinkommen, das ein großstädtisches Schneidergeschäft gewähre, etwa 400 Thaler betrage, daß dasselbe aber in kleinen Städten von 400 auf 200 Thaler sinke, auf dem Lande wohl noch tiefer Die Umbildung einzelner Gewerbszweige. herabgehe, wofür dann freilich einige Naturaleinnahmen hinzukämen. Die Genossenschaften haben hierin wohl Einiges gebessert; schon 1863 existirten 20 preußische und 16 andere deutsche Rohstoffvereine von Schneidern; 1868 zählt Schulze 23 Rohstoffvereine, 11 Magazingenossen- schaften und 10 wirkliche Produktivvereine (einige hier- von sind in Böhmen) auf; die Stuttgarter Produktiv- genossenschaft, durch Dr. Pfeifer besonders in Gang gebracht, erfreut sich eines blühenden Geschäfts, wie denn nicht zu bezweifeln, daß die Schneider sich auf kooperativem Wege helfen können. Aber was bedeuten bis jetzt diese paar Vereine gegenüber den 169924 zoll- vereinsländischen Geschäften! Je mehr das Magazinsystem siegt, desto mehr findet die Beschäftigung weiblicher Hände in der Schneiderei statt; in allen Geschäften, welche fertige Kleider liefern, seien es Herren- oder Frauenkleider, wendet man mehr und mehr Mädchen an, was schon aus den täglichen Annoncen der Zeitungen zu sehen ist, welche Mädchen suchen, „die auf Herrenarbeit geübt sind.“ Und nicht bloß aus den untern Ständen rekrutirt sich die Zahl dieser weiblichen Hände; der ganze Ueberschuß von Töch- tern aus dem Krämer-, Handwerker- und Beamten- stand, die nicht so glücklich sind in den Hafen einer auskömmlichen Ehe einzulaufen, sehr viele Wittwen sind froh, solche Beschäftigung zu finden; hat ja doch erst in neuerer Zeit die Bewegung begonnen, ihnen auch andere und lohnendere Stellungen zu eröffnen. An manchen Orten klagen die Schneider, sie könnten mit Die Frauenarbeit in der Schneiderei u. d. Weißwaarengeschäft. den Berliner Geheimrathstöchtern nicht mehr konkurriren, so billig, wie jene, können sie nicht arbeiten. Das alles drückt auf die kleinen Geschäfte, während die großen den Vortheil billiger und guter Arbeit dadurch haben. Daß es nicht ganz klar sei, ob unter den obigen Zahlen auch die Weißwaarengeschäfte begriffen sind, erwähnte ich schon. Ich will über sie nur noch ein paar Worte hinzufügen. Die Anfertigung der Leib- und Bettwäsche war früher ausschließlich Sache der Hausfrau; doch entstanden schon in den vierziger Jahren große Geschäfte, welche auf Lager arbeiten ließen, die eigentliche Ausbildung des Geschäfts, vor Allem die Ausdehnung des Exports, fand erst in letzter Zeit statt. Den lokalen Markt versorgen überall die lokalen Lein- wandhandlungen, die fast durchaus jetzt auch fertige Wäsche verkaufen; das Hauptgeschäft aber konzentrirt sich in den Gegenden der Gewebeindustrie, sowie in den Hauptstädten, in Berlin, Dresden, Wien ꝛc. Von Sachsen erzählte ich schon oben, daß mit der Nähmaschine die Geschäfte dieser Art einen neuen Impuls bekommen, daß dadurch die Hausindustrie wieder eine Kräftigung erhalten habe. Anderwärts freilich siegt der Fabrik- betrieb. Von Bielefeld wird 1867 in Bezug auf die Fabrikation fertiger Wäsche geschrieben: Preuß. Handelskammerbericht pro 1867, S. 964. Sehr groß ist dieses Geschäft in Frankreich; der östr. Ausstellungs- bericht IV, 193 schätzt den Werth der jährlichen Produktion auf- 100 Mill. Frcs. Der Hauptsitz des Geschäfts ist in Paris; die großen Lingerie -geschäfte lassen aber nicht selbst arbeiten, son- „Eine weitere Die Umbildung einzelner Gewerbszweige. Zunahme des Umsatzes und der Zahl der beschäftigten Nähmaschinen ist zu konstatiren; ihre Zahl beläuft sich jetzt hier auf 504, wobei 1500 Arbeiterinnen fast un- ausgesetzte Beschäftigung finden. Dieser Geschäftszweig hat immer mehr an Boden gewonnen; doch haben sich die Hoffnungen auf den durch den Handelsvertrag mit Frankreich ermöglichten größern Absatz in diesem Lande bis jetzt nur noch in geringem Maße verwirklicht, da man unter Anderem auch noch der Handarbeit zu sehr den Vorzug gibt, die zu billigeren Preisen in den Klöstern des Elsasses angefertigt wird. Als eigenthümlich hervor- gehoben wird es, daß hierbei in Folge der Bestrebungen der hiesigen Fabrikanten die Einzelarbeit immer mehr abnimmt, um durch Vereinigung der dabei beschäftigten Kräfte unter den größern Fabrikanten, den handwerks- mäßigen Betrieb immer mehr zu verlassen. Die Aus- dehnung der Dampfnähereien ist nur durch technische Schwierigkeiten verzögert, aber in Aussicht genommen.“ Mit der Weißnäherei steht die Stickerei und Spitzenindustrie auf einer Linie. Neben der Thätigkeit aller Frauen der gebildeten Stände arbeiten überall arme Frauen um Lohn; zu einem eigentlichen Industrie- zweige wurde die Stickerei innerhalb des Zollvereins eigentlich nur in Schlesien, Westfalen und Württemberg, dann im sächsischen Erzgebirge und im Voigtlande. In Sachsen sollen 15000 Personen 1861 in der Haus- dern die technische Ausführung liegt in den Händen der sousentrepreneuses (vergl. Laspeyres a. a. O. S. 65 — 67), oder gar einzelner zu Hause arbeitender Nätherinnen. Die Stickerei und Spitzenindustrie. industrie der Spitzenklöppelei und Stickerei beschäftigt gewesen sein; der Vorzug der deutschen Industrie liegt wieder — sozial betrachtet — in einem traurigen Grunde, in der außerordentlichen Billigkeit der Löhne. Die eigentlichen Spitzen werden entweder geklöppelt, oder mit der Nadel gefertigt; beides blieb bis in die neuere Zeit Handarbeit für Frauen und Kinder, wäh- rend die ihnen nahe stehenden Tüllgewebe, die Gaze, die Pettinets und Bobbinets auf künstlichen Maschinen gewebt werden. Erst 1840 wurde eine mechanische Stickmaschine von Heilmann im Elsaß erfunden; aber erst 1850 gelangte sie in St. Gallen und Appenzell zur praktischen Anwendung. Erst 1857 führte ein Haus in Plauen die ersten Stickmaschinen aus der Schweiz ein. Bald darauf bemächtigte sich ein sächsischer Maschinenbauer der Herstellung und verbesserte sie sogar wesentlich, indem er an dem 14 — 15 Fuß langen Stuhl statt einer Reihe zwei bis drei Reihen Nadeln aubrachte. Ende 1861 zählte man in Sachsen 7 Etablissements mit 52 Maschinen, März 1863 schon 16 mit 97 Ma- schinen. Sie werden übrigens mit der Hand getrieben. Die sogenannten doppelten Maschinen kosten 800 Thlr., die dreifachen 1100 Thlr. mit allem Zubehör. Auch für die Stickerei also hat der Kampf mit der Maschine begonnen; vorerst freilich nur mit der Folge, den Lohn der armen Frauen und Kinder herabzudrücken. Im Jahre 1863 zählte man im Chemnitzer Handels- kammerbezirk noch 14695 Klöppelkissen für Erwachsene, von denen 12773 im Betrieb waren, 7296 für Kinder, Die Umbildung einzelner Gewerbszweige. wovon 6851 in Thätigkeit waren. Der östreichische Ausstellungsbericht beginnt zwar seine Betrachtungen über die Spitzenmanufaktur mit den Worten: „die Pariser Universalausstellung vom Jahre 1867 fällt in die Zeit, wo die Handspitze über die Maschinenspitze nach einem längern Kampfe den Sieg davon trug und die Ausstellung selbst brachte diesen Sieg erst zur allge- meinen Anschauung; sie wird daher in der Geschichte der Spitzenarbeit fortan als ein wichtiger Wendepunkt merkwürdig bleiben. Die durch Nadel und Klöppel erzeugten Handspitzen erlangten diesen Sieg über die Maschinenspitzen zumeist durch die schöne und geschmack- volle Herstellung der Zeichnung oder der Musterung, also durch die sorgsame Pflege des künstlerischen An- theiles.“ Das ist aber gerade für die deutschen Bezirke, welche bisher mehr einfache und billige Produkte liefer- ten, kein Trost. Die belgische und französische Spitzen- manufaktur erster Qualität wird bei der Handarbeit bleiben, die deutsche wird der Maschine in dem Maße erliegen, als man versäumt, auf bessere Qualitäten überzugehen; die Handarbeit wird sich nur da behaupten, wo bei höherem Lohn und besseren sozialen Verhältnissen die Stickerinnen nicht nach Bildung und Herkommen auf die traurige Konkurrenz mit den einfachern Maschinen- produkten angewiesen sind. Schluß und Resultate . Noch ein Wort über die Metall- und Maschinenindustrie. Die großen Fabriken und die Hausindustrie. Wo und wie letztere sich halten läßt. — Die Krisis des Handwerks und ihre allgemeinen Ursachen. Die Gewerbefreiheit und die Abnahme der kleinen Geschäfte. Die Arten der Meister: Die vorwärts- kommende Elite und die verarmende Masse. Der Handwerker- bund. Die Muthlosigkeit. Die Stellenjägerei. Die Aus- wanderung. Die Sozialdemokraten. Die Bankerottirer und „Macher.“ Die Meister der Hausindustrie. Sind alle diese Leute Schuld an ihrem wirthschaftlichen Ruin? Der Zusam- menhang zwischen persönlichen Tugenden und der Besitz- und Einkommensvertheilung überhaupt. Prüfung unserer Zeit nach dieser Richtung: Die Lohn- und Fabrikarbeiter, der Bauernstand, der höhere Gewerbestand, der Haus- und Grundbesitz, die Börse, das Aktienwesen, die Staatsschulden. Die letzten Folgen jeder übermäßigen Vermögensungleichheit. — Die positiven Aufgaben und der Standpunkt dafür. Die wirthschaftliche Freiheit und die Oeffentlichkeit. Staatliche Maßregeln; die Bureaukratie und der Egoismus der bürger- lichen Mittelklassen. Was verdient den Vorwurf einer sozialisti- schen Maßregel? Unsere negative Gesetzgebung reicht nicht aus. Die Bevölkerungsfrage. Die Vorschläge in Bezug auf Fabrikwesen. Die Vorschläge in Bezug auf das Handwerk und die Hausindustrie. In ähnlicher Weise, wie im Vorstehenden die Ge- webeindustrie und Bekleidungsgewerbe, noch die Metall- Schluß und Resultate. und Maschinenindustrie, die Instrumenten-, Geräthe- und Holzwaarengewerbe nach ihrer historischen Umbil- dung in Deutschland zu untersuchen, war meine Absicht. Aber der diesem Buche ursprünglich zugemessene Raum ist bereits ziemlich überschritten und eine ähnliche Bear- beitung, wie die der Gewebeindustrie würde das Er- scheinen des Buches noch um längere Zeit verzögern. Die numerische Bedeutung der Metallgewerbe erreicht auch die der bisher besprochenen Gewerbe entfernt nicht; berechnet doch auch Viebahn III , 1133. nach dem Gesammtinhalte der Handwerker-, Handels- und Fabriktabelle des Zoll- vereins im Jahre 1861, daß 40 % der Arbeitenden auf die Textilgruppe, 21 % auf die baulichen Arbeiten, 17 % auf die Nährgewerbe, 12 % auf die Dekorations-, artistischen und literarischen Gewerbe und nur 10 % auf die Metallurgie kommen. Sachlich freilich ist die Bedeutung der Metallgewerbe um so größer. Es ist die Industriebranche, von welcher die übrigen vielfach in ihren Fortschritten abhängen, die auch in Deutsch- land in den letzten 30 Jahren die glänzendste Ent- wickelung hatte, welche die tüchtigsten Unternehmer, die kräftigsten und am besten bezahlten Arbeiter zählt. So mögen denn wenigstens einige flüchtige Worte über sie hier noch als Einleitung der Schlußbetrachtungen ihre Stelle finden. Die Werke und Hütten, welche die Metalle zu Tage fördern und ausschmelzen, sind nicht bloß selbst zu immer größerem Umfang angewachsen, sie haben Die Metall- und Maschinenindustrie. vielfach auch die erste Verarbeitung der Metalle mit übernommen; eiserne Oefen, sowie einfachere Eisengeräthe und Maschinentheile werden auf den Hütten selbst gegossen; Stahl-, Eisenwalz- und Eisendrahtwerke sind mit den Hütten verbunden; häufig sind die großen Gewerkschaften sogar im Besitz von Maschinenfabriken. Aber auch wo die weitere Verarbeitung der Metalle, besonders des Eisens und Stahls, selbständigen Geschäften anheimfällt, können wenigstens für eine Reihe von Spezialitäten nur noch die größten Etablissements konkurriren, da die noth- wendigen Ingenieure, Zeichner und Modelleure nur in solchen voll ausgenutzt und demgemäß bezahlt werden können, da die Gebäude, die sonstigen Anlagen, die großen Summen zum Einkauf der Rohstoffe und zur monate- lang vorher erfolgenden Auszahlung hoher Löhne nur dem großen Kapital die Betheiligung erlauben. So für Lokomotiven, Damfschiffe, Dampfmaschinen, mechanische Spinnereien, Eisenbahnwagen, bergmännische Maschinen und Geschütze. Krupp in Essen hat gegen 8000, Borsig in Berlin gegen 3000, Hartmann in Chemnitz 2000, Kramer-Klett in Nürnberg gegen 1000 Arbeiter. Auf eine Wagen- und Bahnenwagenfabrik im Zollverein kommen 1861 - 70, auf eine Maschinenbauanstalt 54, in Berlin allein 80 Arbeiter. Um die große Maschinen- industrie gruppiren sich nach und nach wieder eine Reihe mittlerer Geschäfte, welche massenhaft einzelne Theile, Kesselarmaturen und Aehnliches übernehmen; das ist in entwickelteren Ländern, wie in England, noch mehr der Fall; eigentlich kleine Geschäfte sind das aber auch noch nicht. Neben den Maschinenfabriken kommen eine Reihe Schluß und Resultate. von Anstalten, deren Ausdehnung ziemlich verschieden ist: Dampfkessel-, Ketten-, Anker-, Schrauben-, Nägel- und Drahtstiftfabriken, Sensenhämmer, kleinere Gieße- reien, Kratzenfabriken, Anstalten für Hecheln, Kämme, Jacquardmaschinenkarden, hölzerne Web- und Strumpf- stühle und Aehnliches. Die für Webereibedürfnisse arbei- tenden Werkstätten zählten 1861 noch (entsprechend der noch überwiegenden Handweberei) auf eine Anstalt nur 3 Personen; doch ändern sich auch hier die Dinge von Tag zu Tag. Die kleinen Geräthe und Instrumente aus Eisen und andern Metallen, die Produkte der Feinmechanik, die Blechwaaren, Schmiedewaaren, die Waffen und Uhren, die musikalischen, optischen, chirurgischen Instru- mente werden theilweise auch noch vom Handwerk, viel- fach noch von der Hausindustrie, aber auch schon man- nigfach und mit täglich steigendem Erfolg von großen Fabriken geliefert. Was früher mit der Hand, aus geschnittenen Blechen, durch getriebene Arbeit hergestellt wurde, wird jetzt mehr gegossen oder durch Druck-, durch Fall- und Walzwerke gestanzt und gewalzt; die einfachen Ackergeräthe, welche der Schmied lieferte, gin- gen auf Eisenwerke und landwirthschaftliche Maschinen- fabriken über. Alle Baubedürfnisse, Schlösser, Thür- und Fensterbeschläge macht die Fabrik billiger; die Aus- führung von Dach- und andern Eisenkonstruktionen beim Häuserbau, welche sich nach der Oertlichkeit richten, bleiben eher dem lokalen Handwerker. Die Nagel- schmiede sind theilweise schon ganz verschwunden, im Erzgebirge und Oberfranken aber hämmern sie sich den Die Kleinmetallgewerbe. Drahtstiftfabriken zum Trotze noch müde, unter deren Konkurrenz sie verkümmern, und denken nicht daran, ihrer Arbeit eine andere Richtung zu geben, ihren spär- lichen Gewinn durch ein gesuchteres Fabrikat zu ersetzen. In ähnlicher, theilweise auch noch in besserer Lage sind eine Menge von Metall und Holz verarbeitenden Haus- industrien Mitteldeutschlands, in Sachsen, in Thürin- gen, im nördlichen Baiern bis nach Nassau und der Rheinpfalz. Die kleinen Nadler in Pappenheim, die „Heimarbeiter“ der Nähnadel- und ähnlicher Fabriken in Schwabach, die erzgebirgischen Blecharbeiter, die fichtelgebirgischen Tafelmacher und Schieferarbeiter, die Sonneberger Holzschnitzer und Spielwaarenverfertiger, die Krugmacher des Westerwaldes, die pfälzer Bürsten- binder, alle diese Hausindustrien haben zu kämpfen mit dem beginnenden Fabriksystem und halten sich vorerst durch die staunenswerthe Bedürfnißlosigkeit und Genüg- samkeit der Arbeiter. Manche sind in jammervoller Noth und drückender Abhängigkeit von den Kaufleuten und Faktoren, welche ihnen die Rohstoffe liefern. Wo durch technische Schulen und andere Mittel die Bildung und Leistungsfähigkeit sich gehoben hat, da ist die Lage besser, wie z. B. die der Spielwaarenverfertigung in Sonneberg, die noch kaum Fabrikkonkurrenz hat. Aehnlich ging es ja auch mit der großen Schwarzwälder Uhren- industrie, deren Krisis schon in den Anfang der vierziger Jahre fällt. Die Furtwanger Uhrmacherschule, eine Reihe tüchtiger Werkzeugmacher genügten, die kleinen Leute so zu heben, daß sie jetzt wieder mit jeder Großindustrie der Welt konkurriren. Schmoller, Gesch. d. Kleingewerbe. 42 Schluß und Resultate. Die rheinische Kleineisen- und Metallindustrie in Solingen, Remscheid, Lindenscheid, Hagen, Altena, Iserlohn war bis in die neuere Zeit auch überwiegend Hausindustrie und Sache kleiner selbständiger Meister. Die großen kaufmännischen Geschäfte (hier Kommissionäre genannt) geben dem Meister (hier Fabrikant genannt) die Bestellungen; den Rohstoff erhält er theilweise, theil- weise liefert er ihn selbst. Die erste Arbeit fällt dem Schmiede zu; man unterscheidet die verschiedensten Arten (20—30) von Schmieden; dann gehen die Stücke an den Schleifer, der in der Schleifkotte polirt, endlich an den Reider, der das Heft aufschlägt. Siehe die ausgezeichneten Schilderungen bei Jacobi, das Berg-, Hütten- und Gewerbewesen des Regbez. Arnsberg, besonders S. S. 77, 365, 375—390. Aehnlich ist ein großer Theil der Waffenindustrie organisirt. Aber überall zeigen sich auch hier die Aenderungen, überall dieselben Klagen: die kleinen Meister wohnen zu zer- streut, können größere Maschinen nicht anwenden, machen die technischen Fortschritte nicht mit. Jacobi sagt (1855): „Es drängt auch hier der Zug der modernen Industrie die Fabrikation unwiderstehlich mehr und mehr aus den vereinzelten Werkstätten und dem noch halb handwerks- mäßigen Betriebe in die großen gewerblichen Anlagen und den geschlossenen Fabrikbetrieb hinüber. Schon sind die Nadler, die Sporenmacher, die Gelbgießer, die Gürtler und Andere den großen Fabrikanstalten meistens gewichen und gleichartige Entwicklungen bereiten sich nach allen Sei- ten vor. Die Walzen treten an die Stelle der Hämmer, Die rheinischen Hausindustrien für Metallwaaren. die Puddelöfen an die Stelle der Frischöfen.“ Doch muß Jacobi zugeben, daß die meisten Uebelstände auch ohne Uebergang zur großen Fabrik sich vermeiden lassen, wenn nur die richtigen Mittel ergriffen werden. Da und dort haben sich einige tüchtige Meister vereinigt; mancher Schloßschmied arbeitet mit Durchschnittmaschinen, Pressen, Kreisscheeren zum Ausschneiden und Formen der Schloßkasten, mancher Schüppenschmied mit der Schlag- maschine zum Stampfen der Schaufeln. Bei richtiger Bildung der kleinen Meister, bei richtiger lokaler Ver- einigung, bei Benutzung gemeinsamer mechanischer Kräfte ließen sich auch hier die kleinen Geschäfte halten, so gut wie in Birmingham. Zollv. Ausstellungsber. 1851 III, 168, es heißt da von der Messingwaarenfabrikation und Schmiederei Birmingham’s: Die Stadt hatte 1820-100000, jetzt 240000 Einw. Die Geschäfte werden nicht bloß mit großen Kapitalien betrieben, es giebt deren Viele, in welchen nicht über 3000—5000 Thlr. stecken. Die kleineren Geschäfte sind im Zunehmen, seit sich einzelne Unternehmer dazu hergeben, Dampfkräfte von beliebiger Stärke mit entsprechenden Räumlichkeiten miethweise abzugeben, so daß der kleine Fabrikant oder Handwerker sich nur die Arbeits- maschine und Werkzeuge, nicht aber die theuren Triebwerke anzuschaffen braucht. Daneben ist das entwickelte Banksystem von Bedeutung für die kleinen Leute. Durch die Zunahme der kleinen Unternehmer sind die Preise der Fabrikate weit billiger geworden, weil der Arbeiter, der für eigene Rechnung fabrizirt, viel mehr raffinirt als der Lohnarbeiter. Die Fabrik siegt nicht sowohl, weil sie dauernd absolut bessere Produkte liefert, son- dern weil die kleinen Meister den Uebergang zu manchem Neuen nicht zu machen verstehen. Die oben besprochene 42 * Schluß und Resultate. Nürnberger und Fürther Hausindustrie ist ein Beweis hierfür. Es handelt sich hier, ähnlich wie bei vielen Bran- chen der Textilindustrie sowie vieler anderer Gewerbe, um Arbeiten, um Prozeduren und Vorgänge, die nicht nothwendig ein großes Fabriksystem erfordern, um Thätigkeiten, für welche das große Geschäft diese, das kleine jene Vorzüge hat. Den Ausschlag nach der einen oder andern Richtung geben die verschiedenartigsten, häufig gar nicht spezifisch volkswirthschaftlichen Ursachen. Neben Klassen- und Kreditverhältnissen kommen Volks- sitten und Charakter, hergebrachte Gewohnheiten und zufällige Anregungen durch einzelne Personen, die Ein- flüsse der Beamten, die Schulverhältnisse, die Sorge für technische Bildung, die erste Organisation des für die Hausindustrie immer schwierigeren Absatzes, die zeit- weise Unterstützung zur Ueberleitung in neue technische und kaufmännische Verhältnisse in Betracht. Mit diesem Ergebniß, das den flüchtigen Ueber- blick über die Metallindustrie abschließt, aber zugleich auch ein allgemeines Resultat unserer Untersuchungen ausspricht, komme ich zurück auf den eigentlichen Zweck dieses letzten Abschnittes, auf die Endergebnisse und Schlußresultate, die ich hier theilweise erst zu ziehen, theilweise in Kürze zu resumiren habe. Die Krisis des Handwerks ist keine Sache für sich, sie ist nur eine Folge der allgemeinen Aenderungen unserer gesammten wirthschaftlichen Verhältnisse. Ein totaler Umschwung der Technik und des Verkehrswesens, Die Krisis des Handwerks. eine außerordentlich rasch zunehmende Bevölkerung, eine vollständige Verlegung fast aller Standorte der Industrie wie der Landwirthschaft, eine ganz andere Organisation der bei der Produktion zusammenwirkenden Kräfte, total veränderte Klassen- und Besitzverhältnisse, eine ganz andere volkswirthschaftliche Gesetzgebung, alle diese Mo- mente zusammen haben die moderne soziale Frage geschaffen. Einzelne dieser tief eingreifenden Ursachen stehen an sich in engem Zusammenhang, andere fallen gleichsam nur zufällig in dieselbe Zeit. Die Gesammt- wirkung kann keine einfache sein. Viele Errungenschaften der neuen Zeit kommen allen Klassen gleichmäßig zu gute, andere nur einzelnen. Die vollständige Neugestaltung der Vermögens- und Einkommensverhältnisse, als Folge nicht bloß spezifisch wirthschaftlicher, sondern auch anderer Ursachen hat einzelne Stände, einzelne Klassen in ebenso behagliche, wie andere in traurige ärmliche Lage versetzt. Die Streiflichter, welche unsere Untersuchungen auf die Konsumtion warfen, deuteten an, welch große Zunahme des Verbrauchs in einzelnen Artikeln, welche Stabilität oder gar Abnahme in anderen stattfand, wie ungleich nach den verschiedenen gesellschaftlichen Klassen sich die Fortschritte des Wohlstandes vertheilen. Da Licht, dort Schatten, da die größten Fortschritte, dort Stabilität und Mißbehagen — das ist das Bild unserer Zeit. Ein optimistischer „Zivilisationshochmuth“ sieht nur, wie herrlich weit wir es gebracht, und es wird sich gar nicht leugnen lassen, daß Großes geschehen und erreicht ist. Nur wird man bei unbefangener Beachtung zugeben, daß wir noch mitten inne in einem Gährungsprozesse stehen, Schluß und Resultate. in einem Kampfe gesunder und ungesunder Elemente, in einem Kampfe neuer Tugenden und neuer Laster; man wird zugeben, daß in dem neuen Wohnhause, das die Menschheit bezogen, gleichsam die Hausordnung noch nicht oder noch nicht definitiv festgestellt ist. Das schönere größere Wohnhaus wird der Menschheit zum Heile bleiben, aber vielleicht werden erst künftige Generationen zu den Regeln des Zusammenlebens, zu den Sitten und Anschauungen sich durcharbeiten, die das Wohnen in dem neuen Gebäude für Alle oder wenigstens für die Mehrzahl zum Segen machen. Wer freilich daran glaubt, daß die Volkswirthschaft in ihrer historischen Entwicklung eine automatisch und immer har- monisch von selbst sich drehende Maschine sei, der wird, nur die technischen und andern Fortschritte sehend, nicht zugeben, daß trotz derselben und theilweise durch die- selben zunächst viele und schwere Mißstände sich ergeben, hauptsächlich die täglich steigende Ungleichheit der Ver- mögens- und Einkommensvertheilung; der wird nicht einsehen, daß zur Ergänzung des totalen Umschwungs in unserem äußeren wirthschaftlichen Leben ein gleicher Umschwung unserer Sitten und Gewohnheiten, unseres Rechts- und Sittlichkeitsbewußtseins gehörte, daß ein solcher, bis er durchgesetzt und erkämpft ist, längere Zeit, vielleicht Jahrzehnte und Jahrhunderte braucht, jeden- falls gegenwärtig noch nicht erfolgt ist. Wer auf dem entgegengesetzten Standpunkte steht, wer den Zusam- menhang zwischen dem innern geistigen und sittlichen Leben der Völker und den äußern Gestaltungen von Recht und Wirthschaft erkennt, wer weiß, daß das eine Die einseitigen Fortschritte unserer Zeit. wie das andere Element allein in Bewegung kommen kann, daß das Pflichtgefühl der höhern Klassen ebenso schwer Neuem zugänglich ist, wie die technische Durch- schnittsbildung der untern Klassen, der wird es sehr begreiflich ja nothwendig finden, daß wir uns zunächst in einem Chaos, in einem Kampfe der sozialen Klassen befinden, der wird nicht erwarten, daß die Folge so großer theilweise unter sich gar nicht zusammenhängender Ursachen eine vollständig harmonische Entwickelung sei, daß wir für alle die Aenderungen unseres äußeren wirth- schaftlichen Lebens auch schon die absolut richtigen sitt- lichen und rechtlichen Kulturformen gefunden haben. Die reine Wissenschaft wird sich daher nicht scheuen, von diesem Standpunkte aus alle Grundlagen unseres sozialen Lebens in Frage zu stellen; denn nur, was vor erneuter Prüfung Stich hält, soll bleiben. Aber sie wird sich nicht der sonderbaren Inkonsequenz unserer radikalen Volkswirthe schuldig machen, die so leicht und vielfach mit Recht das bestehende Privat- und Staats- recht als ein unhaltbares historisch überlebtes an- greifen, dagegen vor dem zufällig heute so festgestellten Recht des Privateigenthums, vor dem heute zufällig bestehenden Obligationsrecht der Arbeitsmiethe als einem unantastbaren Noli me tangere stehen bleiben und in diesen Punkten nicht bloß konservativ, sondern reak- tionär und altgläubig bis zum Uebermaß werden. Nicht als wollten wir ohne Weiteres diese Rechtsformen an sich angreifen, aber das geben wir zu: auch sie sind in ihrer augenblicklichen Gestaltung doch nur historisch gewordene, durch bestimmte Zustände und Sitten bedingte Schluß und Resultate. Institutionen, die nicht immer gerade so waren und nicht nothwendig in Zukunft immer so sein werden, die nur dann ihre innere Berechtigung sich erhalten, wenn sie unter den bestimmt gegebenen äußern und innern Verhältnissen die beste Rechtsform für die Gesell- schaft sind. Doch zunächst nicht diese allgemeine Frage haben wir zu besprechen, sondern die konkretere, wie nach den vorstehenden Untersuchungen sich die Lage des deutschen Handwerkerstandes im 19. Jahrhundert gestaltet hat. Wir sehen, daß die Gewerbefreiheit, nothwendig nach dem heutigen Stande der Technik, mancherlei Hem- mungen, mancherlei veraltete Vorschriften beseitigt, daß sie, soweit sie innerhalb sittlcher Schranken oder, wie der Kaufmann zu sagen liebt, innerhalb des reellen Ge- schäftslebens auftritt, den einzelnen und besonders den Fähigen, den an sich schon Höherstehenden zu früher nicht gekannter Anstrengung und Arbeit treibt, daß sie aber an sich dem kleinen Haudwerk keine Rettung, dem großen Gewerbe viel eher als den kleinen Meistern Förderung bringt, die Kardinalpunkte, um die es sich handelt, wenn das Handwerk d. h. ein zahlreicher städti- scher Mittelstand erhalten werden soll, kaum berührt. In der neuen freieren Stellung der Innungen, in dem Wegfall jedes Zwanges zum Beitritt wird man eher eine direkte Förderung sehen. Man kann das z. B. in Sachsen erkennen. Die Innungen, welche sich halten wollen, an deren Spitze tüchtige Leute stehen, müssen, um anzulocken, etwas bieten, irgend wie positiv das Ge- werbe fördern, und dann werden sie auch an Mitglieder- Die Gewerbefreiheit und die Zahl der Meister. zahl zunehmen, während sie bisher daran nicht dachten, nur eifersüchtig auf ihre Rechte pochten, ohne damit ihrem Ruin irgend wie Einhalt zu gebieten. Zunächst wird aber auch das nicht zu viel wirken. Es wird die allgemeine Richtung nicht aufhalten, die, wie wir an den vielen Beispielen sahen, dahin geht, fast in allen Zweigen der Industrie die kleinen Geschäfte zu verdrängen, eine geringe Zahl von großen Unter- nehmungen mit Lohnarbeitern an deren Stelle zu setzen. Man mag sich dem gegenüber darauf berufen, daß nach meinen eigenen Berechnungen die Handwerkertabelle fast überall noch die Fabriktabelle überwiegt, S. 307, dann auch S. 281 u. 292. man mag daran erinnern, daß Viebahn für den ganzen Zollverein folgendes Verhältniß im Jahre 1861 berechnet: Solche Zahlen aber beweisen als Durchschnitt eines einzigen Momentes nicht sehr viel. Nicht auf die Lage in diesem oder jenem Zeitpunkt kommt es an; die Frage ist, ob eine große Aenderung sich vollzieht und diese kann sich nie in den Zahlen eines Jahres allein zeigen, sie kann sich vollends nicht in den Zahlen von 1861 klar zeigen, da die Wirkung der dem Handwerk feind- lichen Faktoren theilweise wohl schon seit 1838—40, theilweise aber auch erst von 1850—55, ja von 1861 an beginnt. Um einen Ueberblick über die wirkliche Schluß und Resultate. äußere und innere Lage der Handwerker zu geben, möchte ich sie folgerdermaßen klassifiziren. Die tüchtigsten Meister, die cholerischen, geistig und körperlich kräftigsten Naturen haben sich durch den Druck der Verhältnisse eher gehoben; es sind die self made men, es sind die Stützen der Schulze-Delitzsch’schen Vereine, es sind die Parteigänger der Gewerbefreiheit unter den Meistern selbst, es sind politisch fast durchaus liberale Leute; es sind diejenigen, aus denen immer einzelne zum Besitze großer Fabriken sich emporarbeiten. Aber ihre Zahl ist gering, sehr gering. Man darf sich durch die Mitgliederzahl der Vorschußvereine nicht täu- schen lassen; die Mitgliederzahl der Rohstoff-, Magazin- und Produktivvereine ist ohnedies klein genug, wie wir da und dort sahen. In den Vorschußvereinen gehört die Hälfte bis zwei Drittel Leuten an, die nicht in der Handwerkertabelle gezählt werden; es sind gar viele kleine Kaufleute, kleinere und größere Fabrikanten, Rentiers und andere Personen dabei, und unter den Handwerkern selbst ist nicht jedem an sich schon geholfen, der Mit- glied eines Vorschußvereins ist. Viebahn zählt 1861 im ganzen Zollverein 1101714 selbständige Handwerker und 47575 auch zum großen Theil kleine kunstindustrielle Geschäfte; Schulze zählt 1868 auf die ihm genauer bekannten 666 Vorschußvereine 256337 Mitglieder, von denen aber, wie gesagt, sehr viele keine Handwerker sind. Immer ist der Segen der Genossenschaftsbewegung und speziell der Vorschußvereine ein großer, der Erfolg ein glänzender; es ist, möchte ich sagen, fast die einzige Lichtseite des heutigen Handwerks; aber es ist eine Die vorwärtskommenden und die verarmenden Meister. Förderung, die nur einer verhältnißmäßig kleinen Elite zu Gute kommt. Ihnen gegenüber steht die Hauptmasse der kleinen Meister, die über die herkömmlichen Anschauungen, wie über die Noth des Tages nicht hinauskommen. Es sind nicht bloß die faulen, phlegmatischen, es ist der Mittel- schlag der Menschen, der überall überwiegt. Es sind darunter auch manche Wohlhabende mit ererbtem, seltener mit erworbenem Besitz. Sie suchen ihr Handwerk zu treiben, wie es der Vater und der Großvater getrieben; die neue Zeit verstehen sie nicht, sie sehen nur, daß sie trotz aller Arbeit ärmer und ärmer werden, sie haben die dumpfe Erinnerung, daß es früher um das Hand- werk besser gestanden habe. Das sittlich Berechtigte ihrer Bestrebungen liegt in einem gewissen spießbürger- lichen Festhalten an althergebrachter Zucht und Sitte, das freilich nicht gepaart ist mit dem Verständniß für die neue technische Bildung, die sie ihren Lehrlingen geben müßten. Ausschließlich sehen sie das Heil der Handwerkersache in Zunftrechten und Innungen, welche doch nichts für das Handwerk leisteten. Sie ließen sich von der Reaktion ins Schlepptau nehmen, welche ihnen mit Wiederherstellung der Zunft bessere Zeiten vor- spiegelte. Wenn Leute, wie der Geh. Rath Wagener, welche den Bund zwischen den alten Handwerksmeistern und der konservativen Partei zu knüpfen suchten, nicht ausschließlich politische Parteizwecke verfolgt hätten, wenn sie mit Energie und den großen Geldmitteln, über welche sie verfügen konnten, die systematische Or- ganisation von technischen Schulen, von Genossenschaften Schluß und Resultate. und hauptsächlich von Produktivassoziationen in die Hand genommen, sie instruirt und geleitet hätten, statt mit der Fata Morgana einer neuen Zunftepoche die Leute zu täuschen, so wäre auch mit dieser Klasse der Meister Manches zu erreichen gewesen. So aber hat der Bund zwischen den ehrbaren Meistern und unsern Hochtory’s diesen mehr geschadet als genützt, wie das Huber seinen ehemaligen konservativen Freunden immer gepredigt hat. Vergl. V. A. Huber, Handwerkerbund und Handwerker- noth, Nordhausen 1867. Auch der Handwerkerbund und die Handwerkertage, wo der Berliner Schuhmachermeister Panse im Verein mit ultrawelfischen Zeitungsredakteuren das große Wort führt, haben sich nur in Klagen über Gewerbefreiheit und in der Hoffnung einer Wiederherstellung der Zunftrechte ergangen, als ob mit diesen Rechten der innere Fort- schritt, der allein helfen kann, irgend wie angebahnt würde. Auf dem neuesten Handwerkertage, der eben jetzt hier in Halle berathet, wird zwar die Gewerbe- freiheit als fait accompli anerkannt, man beschließt, nicht mehr dagegen zu petitioniren, es wird im Detail manches Wahre und Gute von einzelnen Meistern bemerkt; aber die Wortführer, Panse und Genossen, verweisen doch in der Hauptsache nur auf eine Konser- virung der Innungen, die einstens, nachdem allgemeine Unordnung und allgemeines Elend aus der Gewerbe- freiheit entstanden sein werde, wieder zu Ehren und Rechten kommen müßten. Die Masse der Meister glaubt das nicht mehr, die Theilnahme für solche Verheißungen Die Muthlosigkeit der kleinen Meister. sinkt ganz entschieden; aber eben damit steigt die Rath- losigkeit und die Muthlosigkeit. Eben für diese Muthlosigkeit möchte ich einige persön- liche Erfahrungen als Bestätigung anführen. Ich habe seit längerer Zeit, auf Reisen und zu Hause, versucht, das Alter der Meister zu beobachten; ich fand fast immer mehr alte als junge Meister: viele der 1861 noch vorhandenen Meister werden nicht mehr durch neue ersetzt werden. Die Aelteren siechen vollends hin, weil sie nichts anderes zu ergreifen wissen. Als ich neulich den Vorstand der hiesigen an sich blühenden Weberassoziation fragte, wie es gehe, meinte er, der Absatz gehe, seine 9 Weber seien immer voll beschäftigt; aber einer seiner alten Freunde nach dem andern sterbe weg, junge treten nicht zu, es setzten sich gar keine jungen Webermeister mehr hier. Und ähnlich geht es mit einer Reihe von Gewerbszweigen, die heute noch als kleine Geschäfte existiren, in die aber kein junger Nachwuchs eintritt. Unter den jüngern Meistern, die in anderen Branchen noch versuchen, ein Geschäft anzufangen, hat mich bei mannigfachen Gesprächen da und dort ein Symptom um so mehr erschreckt, je öfter ich darauf stieß: die Stellenjägerei von Leuten, deren Stolz und Ehre das eigene Geschäft doch sein sollte. Sie wollen ihr Geschäft aufgeben, wenn man ihnen nur die Stelle eines Hausmanns, eines Schließers mit freier Woh- nung oder ein paar Thalern in Aussicht stellt, wenn sie bei einer Eisenbahn nur Wagenschieber mit jährlich 100 Thlr. werden können. Eisenbahnen und Aktien- gesellschaften wissen davon zu erzählen. Die zahlreichen Schluß und Resultate. Auswanderungen von Handwerkern sind Folge des- selben Zusammenhangs. Nur ein anderes Symptom der Muthlosigkeit ist es, wenn die leidenschaftlichen, die sanguinischen, die verbissenen Naturen der Sozial- demokratie sich in die Arme werfen. Kleine Meister und ältere Gesellen, die es zu keinem ordentlichen Ge- schäft bringen können, stellen ein ziemliches Kontingent zu dieser Partei. Freilich gibt es auch welche, die den Muth nicht ganz sinken lassen; es sind die pfiffigen, die verschmitz- ten, geriebenen; für sie ist das Bankerottmachen ein gutes Geschäft; ursprünglich Handwerker, werden sie später ausschließlich Krämer, Unterhändler, Kommis- sionäre, Winkeladvokaten, Hausirer; ihnen ist kein Ge- schäft zu schlecht; man nennt sie hier zu Lande die „Macher,“ weil sie Alles und in Allem machen. Der schlimmste Theil bildet die Rekruten für das Zuchthaus; viele aber waren ursprünglich ehrliche Leute, welche nur die Noth zu „Machern“ gemacht hat. Unter alle die vorstehenden Kategorien paßt eine Klasse der kleinen Meister nicht recht und zwar eine der zahlreichsten; ich meine die Weber, die Schmiede, die Blecharbeiter, die Holzschnitzer und andere in Haus- industrien beschästigte Meister und Arbeiter, welche über- wiegend auf dem Lande wohnen. Von Schlesien bis an und über den Rhein zieht sich besonders durch ganz Mitteldeutschland zu Tausenden diese Art kleiner Unter- nehmungen. Meist schon lokal abgeschnitten von för- dernden Anregungen, bleiben sie trotz immer sinkenden Lohnes ihrer Arbeit treu. In einzelnen Branchen, wie Die Hausindustrien. in der Spinnerei, sind sie vernichtet, in anderen naht der Untergang. Sie haben der deutschen Industrie zu dem traurigen Weltruf verholfen, in erster Linie durch Billigkeit der Arbeit sich auszuzeichnen. Sie haben der Bevölkerung ganzer Gegenden jenen Typus der äußersten Genügsamkeit verliehen, die sich jede Lohn- reduktion gefallen läßt. Wenn man jetzt so oft versichert, die Löhne steigen allgemein (was oft nur mit ein paar zufälligen englischen Zahlen bewiesen wird), so bilden sie einen lebendigen Protest gegen diese Behauptung in ihrer Allgemeinheit. Und wenn man diese Leute einfach mit der Anweisung auf den steigenden Lohn in der Fabrik tröstet, so gibt man damit wenigstens zu, daß der selbständige industrielle Mittelstand in bedeutender Ab- nahme begriffen ist. Gegenüber der Mehrzahl der so verarmenden und abnehmenden kleinen Meister kann man ohne große Ungerechtigkeit nicht den Satz aufstellen, sie seien selbst an ihrem Untergange schuld. Wohl sind manche Ein- zelne persönlich schlechte faule indolente Menschen, wohl ist jedem hervorragend Begabten der Weg nach Oben offen, wohl trägt der ganze Stand die Schuld Jahr- hunderte langer Lethargie und kleinlicher Spießbürgerei; aber schon dieses letztere Moment ist keine Schuld, die den Stand allein, sondern eine Schuld, welche die Nation und ihre Geschichte trifft. Und vollends allen den neuern Fortschritten der Technik gegenüber befindet sich die Masse der Meister fast vollständig in der Un- möglichkeit, sie nach ihrer herkömmlichen, seit Jahr- hunderten ausreichenden Bildung zu verstehen, in der Schluß und Resultate. Unmöglichkeit, sie nach ihrem Kapitalbesitz anzuwenden. Das hauptsächlich erzeugt den Mißmuth und die dumpfe Unzufriedenheit der Meister, wie der vollends zum Lohn- und Fabrikarbeiter Herabgedrückten. Sie verarmen ohne oder ohne entsprechende Schuld, während sie auf der andern Seite sich Vermögen bilden, einen übermüthigen materialistischen Luxus entstehen sehen, ohne oder schein- bar ohne persönliches Verdienst. Das Volksbewußtsein wird jede bestehende Un- gleichheit des Vermögens und Einkommens als erträg- lich ansehen, welche wenigstens ungefähr den persönlichen Eigenschaften, dem sittlichen und geistigen Verdienst der Betreffenden, der gesellschaftlichen Klasse entspricht. Ich sage — ungefähr. Denn ganz wird und kann das nie der Fall sein. Die bestehende Vermögensvertheilung geht theilweise immer zurück auf Jahrhunderte alte Ge- walt, auf Zufälle mancher Art, auf Gesetze und Ereig- nisse, die nicht wirthschaftlicher Natur sind. Aber im Ganzen wird doch im gewöhnlichen Laufe der Dinge der Tüchtige erwerben, der Untüchtige verarmen. Auf diesen nur unklar gefaßten sittlichen Gedanken gründet sich ja auch die in ihrer Uebertreibung freilich nicht mehr wahre Behauptung: aller Werth entspreche der Arbeit. Wenn dem immer so wäre, so gäbe es keine schwierigen sozialen Probleme. Sie entstehen eben, wenn übermächtige große Ereignisse politischer, rechtlicher, volkswirthschaft- licher und technischer Natur die Harmonie zwischen Besitz und Einkommen einerseits und dem persönlichen Verdienst andererseits entweder völlig aufheben oder wenigstens mehr oder weniger trüben und verdecken. Unsere Zeit Die Parallele zwischen Verdienst und Besitz. zeigt in dieser Beziehung mancherlei widersprechende Thatsachen. Ich wiederhole dabei nicht, was ich eben vom Handwerk und den Hausindustrien sagte. Der Lohn der ländlichen Tagelöhner und Fabrik- arbeiter ist bis in die fünfziger Jahre in Deutsch- land überhaupt kaum gestiegen, von da an wohl nicht mehr, als die Lebensbedürfnisse theurer wurden, keinen- falls aber in dem Maße, als das Einkommen anderer Klassen stieg. Selbst in neuerer Zeit ist er nicht überall gestiegen. Das Steigen hängt ab von der Bevölkerungs- bewegung, diese von der ganzen sittlichen und wirthschaft- lichen Lebenshaltung der untern Klassen. So wie die Dinge — mit rühmenswerthen Ausnahmen — liegen, ist aber eben die Stellung, die äußere Lage der Lohn- und Fabrikarbeiter dem geistigen und wirthschaftlichen Fort- schritt der Betreffenden so wenig, so sehr viel weniger günstig, als ein eigenes Geschäft; jenes leichtsinnige Leben in den Tag hinein, wodurch selbst bei hohem Lohn die ganze Klasse der Arbeiter sinkt, ist leicht Folge der Verhält- nisse, nicht Folge der Personen, und kann also den Betreffen- den nicht rein als ihre Schuld angerechnet werden. Unser kleiner Bauernstand ist vorwärts gekommen, vielfach wohlhabend ja reich geworden, — aber mehr durch andere Verhältnisse und Einwirkungen als durch sich selbst. Die Separationen, die Gemeinheitstheilungen und die Ablösungen, also vor Allem staatliche Thätigkeit und staatliche Eingriffe haben ihn wohlhabend und land- wirthschaftlichen Fortschritten zugänglich gemacht. In Bezug auf den höhern Gewerbestand läßt sich nicht leugnen, daß sehr viele unserer heutigen wohl- Schmoller , Geschichte d. Kleingewerbe. 43 Schluß und Resultate. habenden Fabrikanten vom einfachen Arbeiter oder Hand- werksmeister emporgestiegen sind zum größten Besitz, zu den höchsten Ehren in Staat und Gesellschaft. Die Standesunterschiede, welche früher dem Talente oft sich in den Weg stellten, sind gefallen. Aber dieses Empor- steigen wird von Tag zu Tag schwerer. In den Jahren 1830—40 gab es noch kaum große Tuch- oder Ma- schinenfabriken; gerade weil es damals fast noch keine Konkurrenz, fast noch keine großen Geschäfte gab, kamen die Tüchtigsten unter den Tuchmachern und Kessel- schmieden empor. Das ist heute total anders geworden. Jedenfalls ist ein solches Emporsteigen immer nur Einzelnen, besonders Talentvollen und von glücklichen Zufällen Begünstigten möglich. Daneben ist unbestreit- bar, daß die große Industrie in ihrer Gesammtheit lange Zeit das Schoßkind der Regierungen war. Die früher gegründeten polytechnischen Schulen haben unsere In- genieure und Fabrikanten großgezogen, Schutzzölle haben unsere Baumwollspinner, unsere Zuckerfabrikanten und andere Fabriken reich gemacht; zahlreiche direkte Staats- unterstützungen in Preußen, die Thätigkeit von Bank- und Seehandlung kamen in erster Linie den großen Ge- schäften, wenn auch in weiterer Linie dem Ganzen ebenfalls zu Gute. In Bezug auf das große Kapital hat Lasalle von einem blinden Werthwechsel gesprochen, der die Besitzen- den noch reicher, die Nichtbesitzenden täglich ärmer mache. Diese Anschauung gehört in das Land der Träume. Aber Ein großer Werthwechsel hat allerdings statt- gefunden, an dem nur die Besitzenden und zwar die Die wirthschaftlichen Klassen der Gegenwart. Einzelnen ohne jede entsprechende Arbeit theilgenommen haben, an dem die Nichtbesitzenden nur negativ durch die höheren Mieths- und Lebensmittelpreise partizipi- ren. Die Werthsteigerung des Haus- und Grund- besitzes ist im letzten Jahrhundert, speziell in den letzten 30 Jahren, stärker gewesen als je, weil nicht leicht jemals die Bevölkerung in so kurzer Zeit und besonders in den großen Städten so gewachsen ist. Sie gleicht einer Neuvertheilung des Vermögens, von der man nie der Masse oder der Wissenschaft weiß machen kann, sie gehe irgend welcher entsprechenden Arbeit der Gewin- nenden parallel. Welche Vermögen sind entstanden durch die zufällige Thatsache, daß eine Parzelle in den Bereich einer Bahnlinie oder gar eines Bahnhofes fiel. Wie sind die Häuser der großen Städte, welche immer daneben bewohnt waren, also ihre Rente abwarfen, im Preise gestiegen. Das Haus, in welchem Alex. v. Hum- bold geboren wurde, kostete 1746 - 4350 Thlr., 1761 8000, 1796-21000, 1803-35200, 1824-40000, 1863-92000, 1865 - 140000 Thlr.; damals erst wurde es wesentlich umgebaut. Und ähnlich gewann ein großer Theil des ländlichen Besitzes. Wenn heute der städtische und ländliche Grundbesitz so vielfach über Verschuldung klagt, so kommt es hauptsächlich daher, daß die reich Gewordenen verkauft, sich als reiche Ren- tiers zurückgezogen haben, und der Spekulant, der mit Schulden gekauft hat, der in kürzester Zeit wieder auf ein weiteres Steigen der Preise rechnet, dies nicht abwarten kann. In vielen Familien unseres Adels freilich hat die Verschuldung die Ursache, daß Luxus 43 * Schluß und Resultate. und Verschwendung, theilweise auch die Zahl der Fa- milienmitglieder, welche ohne Arbeit leben wollen, noch bedeutender stieg, als der Güterwerth. Am ungerechtesten vielleicht sind die Anschauungen des Laien gewöhnlich über das unberechtigte Reichwerden an der Börse. Die Spekulation an sich ist ein noth- wendiges und heilsames Glied unseres Verkehrs; wer hier oder als Bankier dauernd gewinnt, den zeichnen meist außerordentliche Eigenschaften aus. Aber ein richtiger Keim liegt doch in der oft ausgesprochenen Mißachtung des Börsengewinnes. An der Börse und in den Börsengeschäften ist die kaufmännische Moral am laxesten geworden; Geschäfte werden hier vertheidigt, die ein Rest von Anstandsgefühl verurtheilt. Täuschun- gen, Fälschungen von Nachrichten, Bestechungen von Zeitungen und Beamten und Aehnliches gelten beinahe als erlaubt; die Grenze der reellen und unreellen Ge- schäfte hat sich bis auf vollständige Unkenntlichkeit ver- wischt. Und diese Entsittlichung des Geschäftslebens hat sich von der Börse vielfach auf das ganze Aktienwesen verbreitet. Betrügerische Ausnutzung des Publikums zu Gunsten von Gründern und Verwaltungsräthen hat den Schein erweckt, als ob alles hier gewonnene Geld unrecht erworben wäre. In Bezug auf das ganze Staats- schuldenwesen will ich wenigstens daran erinnern, daß die Untersuchungen von Soetbeer Betrachtungen über das Staatsschuldenwesen und dessen Einfluß auf die Vertheilung des Volksvermögens, Vierteljahrs- schrift für Volkswirthschaft X, 1—35. das unwiderleglich Die Gefahren der zu großen Vermögensungleichheit. bewiesen haben, daß unser modernes Staatsschuldenwesen die Besitzvertheilung wesentlich zu Gunsten der Besitzen- den und zu Ungunsten der Nichtbesitzenden beeinflußt. Ueber jeden einzelnen der angeführten Punkte wird sich streiten lassen, aber über den Gesammterfolg, über die steigende Ungleichheit der Besitz- und Einkommens- verhältnisse nicht. Und mag der faktische Zusammenhang zwischen wirthschaftlichen Tugenden und persönlichen Fähigkeiten einerseits und der Vermögensvertheilung andererseits heutzutage sein, welcher er will, der weitere Erfolg ist jedenfalls ein schlimmer: das Verschwinden des Mittelstandes untergräbt unsere politische wie unsere soziale Zukunft. Vollends in einem Lande, das den Besitzenden bis jetzt noch kaum die Pflicht freiwilligen Ehrendienstes für den Staat und die Gemeinde auferlegt, wird eine steigende Vermögensungleichheit die Folgen haben, die sie immer gehabt hat, und es wäre thörichte Selbsttäuschung, wenn wir leugnen wollten, daß wir An- fänge hierzu bei uns nur allzu zahlreich finden: auf der einen Seite den Untergang der Besitzenden in Genuß- sucht und Materialismus, Maitressenwirthschaft und Geldheirathen, kinderlose Ehen, welche die großen Ver- mögen noch mehr zusammenhäufen, Mißbrauch des Regiments für die Zwecke der Besitzenden, hartherzige Frivolität gegenüber den nothleidenden Klassen; — auf der anderen Seite die Masse der Besitzlosen ohne anderes Vorbild als diese Vermögensaristokratie, ohne Bildungselemente und geistige Anregung in sich, ver- zehrt von dumpfem gehässigem Neid, die Arbeit ver- fluchend, ergeben einem leichtsinnigen Leben in den Tag, Schluß und Resultate. angesteckt von den Lastern der Besitzenden, sich proleta- risch vermehrend, bis in Folge der Laster auch dieß auf- hört; — als letztes Ergebniß soziale und kommunistische Revolutionen von oben oder unten, allgemeinen Umsturz oder eine Tyrannys, welche die Besitzenden beraubt, um den Besitzlosen panem et circenses ohne Arbeit zu reichen. Noch sind wir weit hiervon entfernt, noch sind die guten Elemente zahlreich, noch ist die Ungleichheit des Besitzes nicht so groß, noch haben wir einen nicht unbedeutenden Mittelstand; aber kurzsichtig wäre es, zu verneinen, daß unsere gegenwärtige industrielle Ent- wicklung dahin neigt. Mit allen Mitteln ist deßhalb der steigenden Vermögensungleichheit entgegenzuarbeiten, und eine der wichtigsten praktischen Fragen ist eben die möglichste Erhaltung des noch vorhandenen Handwerker- standes. Manche Anfänge dazu sind auch vorhanden, ich habe sie da und dort erwähnt. Am wichtigsten ist die genossenschaftliche Bewegung. Aber viel bleibt daneben zu thun. Der ganze Standpunkt, von dem aus diese Frage meist beurtheilt worden, ist ein ungenügender. Ich meine damit die Uebertragung des schönen Wortes wirthschaftlicher Freiheit von der Beseitigung veralteter mittelalterlicher Gesetze, die vom Liberalismus mit Recht gefordert und durchgeführt wurde, — auf die Negation positiver Aufgaben, die, wo es an freiwilligen Organen der Gesellschaft fehlt, der Staat wenigstens theilweise in die Hand nehmen muß, die theilweise ohne ein neues Recht, ohne positive Gesetze gegenüber dem Schlendrian Das Prinzip der wirthschaftlichen Freiheit. und dem stets kurzsichtigen, immer nur an den nächst- liegenden Erwerb denkenden Egoismus der Masse nicht durchzusetzen sind. Je mehr der Radikalismus das Alles nur negirt, die starre Reaktion sich festklammert an den Trümmern und Privilegien einer untergegangenen Zeit, desto mehr ist es Sache der Mittelparteien, sollte es gerade auch Sache eines weitsehenden hochsinnigen Liberalismus sein, diese positiven Aufgaben durchzu- führen, wenn er dadurch auch seinen eigenen Partei- mitgliedern wirthschaftliche Opfer auferlegt. Immer wird man unter dem Paniere politischer und wirthschaftlicher Freiheit alle edel und idealistisch Denkenden sich vereinigen sehen. Aber die konkrete Durchführung der einzelnen Freiheiten darf den prak- tischen Boden der Wirklichkeit nicht verlassen, muß immer darauf sehen, mit welchen Menschen und Ver- hältnissen man es zu thun hat. Die wirthschaftliche Freiheit, welche die Gegenwart fordert, ist kein Unrecht in abstracto, ist keine Schablone, die immer und überall paßt; sie ist nur soweit berechtigt, als sie die wirthschaftlichen Tugenden des Fleißes, der Anstrengung, der Selbstverantwortlichkeit fördert; sie wird um so segensvoller wirken, wenn es sich um Erleichterungen handelt, welche Allen oder den Meisten zu Gute kom- men. Aber vielfach wird auch ganz anderes im Namen der wirthschaftlichen Freiheit verlangt. Einige verlangen von dem egoistischen Standpunkte ihres speziellen Er- werbes und Geschäftes die Beseitigung sittlicher und rechtlicher Schranken und Kontrolen, die der Gesammt- heit zum Segen, nur der ungezügelten Gewinnsucht der Schluß und Resultate. Einzelnen zum Schaden gereichen. Sie wollen die Masse rücksichtslos ausbeuten und suchen, oft unterstützt durch eine feile bezahlte kaufmännische Presse, der öffentlichen Meinung weißzumachen, es geschehe das im allgemeinen Interesse. Nirgends freilich bin ich auch über solche Mißstände ängstlich, wo es eine wahrhafte Oeffentlich- keit giebt. Sie wendet alle wirthschaftliche, wie alle politische Freiheit bei gesundem Volksgeiste zum Segen. Aber die Oeffentlichkeit existirt und besteht nicht von selbst, nicht überall; sie braucht Organe; sie wirkt nur günstig und kräftig, wenn sie gesunde und sachverständige Organe hat; die gewöhnliche Presse reicht nicht überall, ist nicht überall sachverständig, nicht immer unbestechlich genug. Nach unten, in den Kreisen des Kleinverkehrs, des Trödels, Hausirhandels, der Schankwirthschaft, der kleinen Zwischenhändler sind andere Verhältnisse, als im großen kaufmännischen Verkehr. Der Einkaufende ist selten Sachverständiger; der Verkaufende weiß, daß keine öffentliche Meinung ihn ausfindig macht und brand- markt, wie der große Kaufmann oder Fabrikant fürchten muß, der seine Käufer täuscht und betrügt. Die wirth- schaftliche Freiheit kann hier die Untugenden und Miß- stände mehr steigern, als sie den Fleiß fördert. Eine proletarische Konkurrenz kann hier zugleich Kontrolen nothwendig machen, nicht in erster Linie der Käufer wegen, die geprellt werden könnten, sondern der Leute selbst wegen, die ohne das moralisch und wirthschaftlich noch tiefer sinken. Vgl. oben S. 114 ff., 153, 213 ff., 237 ff., 437 — 446. In diesen Kreisen ist auch entfernt nicht Die Kontrole wahrer Oeffentlichkeit. jedes neue Zwischenglied, das der Verkehr einschiebt, berechtigt, wie man so oft sagt. Das ist nur im höheren kaufmännischen Verkehr der Fall. Vergl. oben S. 554 ff.; daneben über den kleinen Viehhändler und seine die kleinen Bauern ruinirenden Geschäfte: Held, die ländlichen Dahrlehnskassenvereine in der Rheinprov., in Hildebrand’s Jahrb., XIII, S. 38. Auch in höheren Kreisen kann nur die sittliche Kontrole der Oeffentlichkeit verhindern, daß die unbe- dingt freie Konkurrenz nicht die unreellen Geschäfte steigert. Wenn auf dem diesjährigen Genossenschaftstage der Antrag, „den verbundenen Vereinen die gegenseitige Informationsertheilung über Kreditverhältnisse nach bestem Gewissen zur Pflicht zu machen und nach Be- finden die Organisation förmlicher Schutzgenossenschaften entweder ganz allgemein oder in einzelnen Verbänden und Bezirken vorzubereiten,“ trotz Schulze’s Bemühun- gen vollständig durchfiel, wenn die gern im Dunkeln und Trüben Wirthschaftenden alles Derartige für einen neuen Polizeistaat erklärten, so ist das ein sehr trau- riges Zeichen. Sie wollen die Freiheit ohne die sittliche Kontrole der Oeffentlichkeit, — sie wollen unreelle Ge- schäfte machen, unreellen Kredit haben, und wer das ans Licht zieht, den erklären sie für „eine neue Art von schlimmem Polizeiagenten.“ Das ist die abschüssige Bahn, die von der Gewerbefreiheit zur Spielfreiheit, zur Freiheit, betrügerischen Bankerott zu machen, endlich zur Verbrechensfreiheit führt, von der man dann auch ver- sichern kann, sie werde am vollständigsten die Ver- brechen beseitigen. Schluß und Resultate. Eine Reihe von Verhältnissen entziehen sich der Oeffentlichkeit in ihrer wahren Gestalt immer, wenn es nicht amtliche Behörden gibt, die ohne jeden sonstigen Eingriff einen sichern Befund aufnehmen und ihn publi- ziren. So im Versicherungswesen, theilweise im Bank-, Berg- und Fabrikwesen. Welche günstigen Folgen haben die Publikationen der schweizer Fabrikinspektoren für die Behandlung der Arbeiter gehabt! Ein Punkt aber ist es vor Allem, der bisher stets übersehen wurde. Freie Konkurrenz zwischen deutschen und englischen Spinnern, deutschem und englischem Eisen, freie Konkurrenz zwischen dem Rübenzuckersabri- kanten und dem Hamburger Importeur, freie Konkur- renz zwischen den Gewerben von Stadt und Land, freie Konkurrenz zwischen Fabrik- und Hausindustrie, zwischen den verschiedenen Geschäften derselben Geschäftsbranche, — das Alles ist ein total anderes Ding, als freie Kon- kurrenz zwischen Herrn und Knecht, zwischen dem irischen Lord und seinem Pachter, zwischen dem Fabrikanten und seinem Arbeiter. Wo die wirthschaftlichen Kontrahenten als zwei soziale Klassen einander gegenüber stehen, die eine ausgerüstet mit der ganzen Uebermacht, welche Reich- thum und Bildung gibt, die andere ohne alle diese Hülfs- mittel, — da kann bei sehr guten sittlichen und wirth- schaftlichen Verhältnissen auch die absolute Freiheit das beste sein; aber sehr oft wird die wirthschaftliche Frei- heit hier auch nur so viel bedeuten, als vollständige Unterdrückung und blutige Ausnutzung. Da hilft auch die Oeffentlichkeit selten allein, weil die Organe der- selben im Besitze der höhern Klassen sind, weil die Die theilweise Berechtigung staatlicher Eingriffe. etwaigen Organe der untern Klassen durch einzelne Roh- heiten und Pöbelhaftigkeiten unehrlicher und ehrgeiziger Führer entstellt werden, übers Ziel hinausschießen, eine sonst gute Sache zu oft diskreditiren. Deßwegen können die Zustände leicht so liegen, daß der Staat im Inter- esse der Allgemeinheit, als Träger der sittlichen Zukunft der ganzen Nation irgendwie eingreifen muß. Die Gegner jeder solchen Maßregel suchen sie dadurch lächerlich zu machen, daß sie es darstellen, als ob ein solcher Eingriff nur stattfinden könne in der Form plumber Lohnregulirung, die in Widerspruch mit Angebot und Nachfrage stehe, oder in der Form roher sozialistischer Eigenthumsverletzungen, daß sie jede derartige Thätigkeit zusammenwerfen mit jenem „furor bureau- kraticus,“ der ohne Verständniß für bürgerliche Freiheit und Selbständigkeit alles durch Beamte regeln läßt. Gewiß haben wir in Deutschland bisher an einem Uebermaß von Beamtenmaßregelung gelitten; gewiß gilt es vor Allem, die Bureaukratie zu beschränken, ihr durch entsprechende Reformen Gegengewichte zu schaffen; aber einer komplizirten Gesetzgebung können wir damit für unsere komplizirten Kulturverhältnisse nicht entbehren. Wir haben nur dafür zu sorgen, daß ein möglichst großer Theil dieser Gesetze durch die Organe der Selbstver- waltung, durch Ehrenämter, durch Bürger selbst und nicht durch Beamte ausgeführt werden. Für andere Dinge, besonders für solche, in welchen die Klassen- interessen der Besitzenden engagirt sind, können wir dagegen der staatlichen Organe nicht entbehren. Haben wir aber erst eine richtige Selbstverwaltung in der Schluß und Resultate. Gemeinde und im Kreise, so ist sehr gut Platz für ein nothwendiges staatliches Fabrik- und Gewerbeinspektorat. Ich habe viel über Gensdarmen, über Landräthe und Regierungen klagen hören; aber nie habe ich von ver- nünftigen Leuten gehört, unsere Spezialkommissare und Generalkommissionen seien ein überflüssiges schädliches Reis am Baume der Bureaukratie; und ihnen wären etwaige neue Behörden derart gleichzustellen. Man mag zweifeln, ob unsere gegenwärtige preu- ßische Bureaukratie zu solchen Aemtern, zu solcher Thä- tigkeit fähig sei. Huber selbst spricht es aus, nur weil er die gegenwärtige Generation gewöhnlicher preußischer Beamten hierfür nicht für qualifizirt halte, sei er nicht dafür, daß die Regierung sich irgendwie in das Ge- nossenschaftswesen mische. Aber das ist zu ändern; wenn es die rechten Leute nicht gibt, sind sie zu ziehen. Ein großer Theil unserer Liberalen widerstrebt allen solchen Maßregeln nur, weil sie die im Augenblick an der Regierung befindliche Partei nicht stärken wollen; sie würden, wie es jeder liberalen Partei, die zur Regie- rung kommt, gegangen ist, — später selbst Maßregeln durchführen müssen, die sie heute bekämpfen. Aber sozialistisch ist jeder solche Eingriff in die freie Volkswirthschaft, das ist jetzt das beliebte Schlag- wort, mit dem eine abstrakte Theorie, wie der behag- liche Besitz der Mittelklassen zugleich die unsinnigsten Umsturzideen, wie die heilsamsten sozialen Reformpläne, welche den besitzenden Mittelklassen einige Opfer oder Unbequemlichkeiten, einige Kontrole ihrer Geschäftsbetriebe auferlegen, bekämpft und brandmarkt. Ich billige nicht Was ist sozialistisch? die übertriebene Verachtung, die täglich von gewisser Seite über den Egoismus dieser bürgerlichen Mittelklassen, über diese „geldsüchtige Bourgeoisie,“ über diese „Man- chesterschule,“ über diese Doktrin der Geldsäcke, welche nur deßwegen Freiheit verlange, um ohne jede Schranke durch ihr Geld allein zu herrschen, ausgegossen wird. Aber wer möchte unsere Fabrikanten und Bankiers, unsere Ingenieure und Unternehmer, wenn er gerecht ist, ganz freisprechen? Sie sind allerdings andere Leute als die englischen Manchesterleute und als die französische Bour- geoisie von 1830 — 48. Aber hat sie nicht auch Mohl die Non Donnants genannt? haben sie nicht ihr spezi- fisches Klasseninteresse, und tritt das nicht nur allzu oft und grell in ihren politischen Maßnahmen und Doktrinen hervor? Maskiren sie nicht oft mit dem schönen Worte der wirthschaftlichen Freiheit nur, was ihrem Geld- beutel und ihren Spekulationen ausschließlich Gewinn bringt? Unsere Konservativen dürfen nichts sagen. Der Großgrundbesitz trägt in allen Steuerfragen, in der ländlichen Arbeiterfrage seinen wirthschaftlichen Egoismus noch nackter und naiver zur Schau. Unsere bürger- lichen Mittelklassen erheben sich durch den Einfluß von Gelehrten, Beamten, Juristen immer noch eher zu höheren idealen Gesichtspunkten. Aber gesündigt wird auf beiden Seiten, und die Rückwirkung davon trifft beidesmal die arbeitenden, die unteren Klassen. Was ist denn nun aber eigentlich der von den radikalen Volkswirthen so sehr gebrandmarkte Sozialis- mus? Die vollständige Negation des Eigenthums- und Erbrechts wird so genannt, aber auch jede Thätigkeit der Schluß und Resultate. Regierung für die unteren Klassen, die ganze Armen- pflege, die staatlichen Unterstützungs- und Sparkassen, die gesetzmäßige Organisation des Knappschaftswesens, die Fabrikgesetzgebung, vollends das Institut der Fabrik- inspektoren, der Staatskredit für Wohnungen der arbei- tenden Klassen, wie er in England lange gegeben wird; das alles wird ohne Weiteres in einen Topf geworfen. Wer noch auf solch’ überwundenem Standpunkte steht, der wird als Sozialist oder als pseudoreaktionärer Schleicher verurtheilt. Er kann den Eid auf die alleinseligmachende Lehre von der wirthschaftlichen Freiheit ja nicht leisten; er wird ausgestoßen. Auch ich verurtheile jede Maßregel, die aus unehr- lichen oder Nebenabsichten willkürlich in das bestehende Eigenthum eingreift, die von materialistischer Gleich- macherei diktirt, von brutaler Leidenschaft und neidischem Haß geschürt, frivol die Kontinuität unserer Rechts- institutionen entzwei reißen, eine neue willkürliche Ord- nung des Besitzes vornehmen will, ohne die Garantie zu bieten, daß die, welche nun mehr erhalten, dadurch bessere und glückliche Bürger werden. Aber ich habe nicht jene kleinliche Furcht vor jeder Maßregel, die irgendwie das bestehende Eigenthum und seinen Werth berührt. Das Eigenthum ist kein absolutes; der Werth des Eigenthums ist immer mehr Folge der Gesellschaft als Verdienst des Einzelnen; jeder Einzelne ist der Ge- sellschaft und dem Staate so tausendfach verpflichtet, daß sein Eigenthum nur denkbar ist mit weitgehenden Pflichten und Lasten gegen das Ganze. Für gewöhnlich werden diese in mäßigen Grenzen sich halten. In großen Die berechtigten Eingriffe ins Privateigenthum. außerordentlichen Zeiten können auch große Opfer gefor- dert werden. In einem Staate der allgemeinen Wehr- pflicht, in einem Staate, welcher das Recht hat, das Leben seiner Bürger jeden Augenblick fürs Ganze zu fordern, wie lächerlich ist da eine Eigenthumstheorie, welche das kleinste Opfer für das Ganze als unsinnigen Sozialismus bezeichnet. Sind irgendwo die Klassen- und Besitzverhältnisse durch wirthschaftliche oder andere Ur- sachen so abnorm geworden, daß dadurch die ganze Zukunft des Staates und der Gesellschaft bedroht ist, und greift dann eine hochherzige Regierung auf gesetz- lichem Wege ein, stellt die Maßregeln nach genauen Prüfungen fest, läßt sie geordnet ausführen, so werden immer Privatinteressen verletzt werden, so werden die Verletzten über Vergewaltigung immer klagen, so werden einzelne darüber zu Grunde gehen, aber der unbefangene Historiker einer späteren Zeit wird die Maßregel nicht als unheilvoll sozialistisch verdammen. Ist nicht heute noch das Herz jedes Edeldenkenden auf Seite Solon’s, wenn er die Schuldverhältnisse der untern Klassen Athens ordnet, ihre Schulden reduzirt; sind wir nicht heute noch alle auf Seite der landfordernden Plebejer in Rom, auf Seite jener späteren kaiserlichen Gesetze, welche verboten, dem Kolonen den Pachtzins weiter zu erhöhen? Billigen wir nicht die mittelalterlichen und späteren Säkularisationen, die eben auch nichts waren als Eigenthumsverletzungen, um eine ungesunde An- häufung des Besitzes aufzuheben, wieder eine gesun- dere Grundbesitzvertheilung herbeizuführen. Was ist unsere ganze moderne Agrargesetzgebung, Separation Schluß und Resultate. und Ablösung, durch welche die Berechtigten oft mehr als die Hälfte ihres Vermögens verloren, anders als eine jener gewaltsamen, aber unendlich segensvollen Neuvertheilungen des Eigenthums? Gerade als man in Preußen überall, wo es ging, wirthschaftliche Freiheit und freien Verkehr proklamirte, setzte man Staats- behörden ein, um da zu interveniren. Warum überließ man das nicht auch dem Voluntarismus, wenn er Alles leisten kann? Warum verbot man die alten Zustände durch Privatverträge neu zu gründen, wenn der freie Privatvertrag das fürs Ganze Zuträglichste immer von selbst findet? Warum schuf man durch gewaltthätig ins Eigenthum eingreifende Gesetze unsern deutschen Bauernstand, den Stolz und die Zierde unserer Volkswirthschaft, wenn durch den freien Verkehr die richtige Vermögens-, Boden- und Einkommensverthei- lung stets von selbst erfolgt? Halt — wird man sagen — da galt es verrottete, veraltete, durch Gewalt ent- standene Zustände zu beseitigen. Ja, ist denn heute jede Gewalt abwesend? Ist die Lage, ist die Bildung unserer unteren Klassen nicht auch eine Nachwirkung Jahrhunderte alter Mißbräuche? Werden die heutigen Zustände unseres Proletariats späteren Zeiten nicht ebenso erscheinen, wie uns die Lage der Bauern im vorigen Jahrhundert? Wird das Privat- und Polizei- recht unserer Zeit später nicht vielleicht für ebenso hart und gewaltsam gehalten werden, als es der Gegenwart geläufig und natürlich vorkommt? Doch will ich keine direkten Folgerungen aus der Agrargesetzgebung von 1808 — 50 auf unsere heutige Die Klassengegensätze als Bildungsunterschiede. Gewerbegesetzgebung ziehen. Wären die Zustände so schlimm, daß eine solch’ radikale Reform nothwendig wäre, die Aussicht, sie durchzusetzen, würde gering sein. Nur einer großen tiefbewegten Zeit, nur politischen Zuständen, welche zu einer kürzern oder längern Diktatur führen, sind solche kolossale Reformen eigen. Freie parlamen- tarische Verfassungen sind, wie das Gneist immer betont, nicht für den Austrag solcher tiefen sozialen Kämpfe geschaffen, da der Parteikampf in diesem Falle zum erbitterten Klassenkampf ausarten würde. Es handelt sich aber auch, wie gesagt, um so tief greifende Reformen noch nicht. Mildere Mittel reichen, an Bestehendes kann angeknüpft werden. Immer ist es besser, wenn ein äußerer Eingriff in die bestehende Besitzvertheilung vermieden werden kann, da seine psychologische Wirkung stets problematisch bleibt. Für das gewerbliche Leben, von dessen Reform wir hier sprechen, ist auch der Besitz nie so wichtig, wie die per- sönlichen Eigenschaften. Gelingt die geistige und tech- nische Hebung des Handwerkerstandes, wie des Arbeiter- standes, so ist damit das Wichtigste erreicht. Es han- delt sich in erster Linie um eine Erziehung der Leute zu andern gesellschaftlichen Gewohnheiten, zu andern häuslichen Sitten, zu einem weitern Blick, zu einer höhern technischen Bildung. Wenn wir das voranstellen, können wir auch eher hoffen, die verschiedenen politischen Parteien für unsere Vorschläge zu gewinnen. Aber das ist zu betonen, daß die bloßen Privatkräfte nicht aus- reichen. Man darf sich nicht einbilden, Alles Nothwendige sei geschehen, wenn Gewerbe- und Bankfreiheit, Ehe- und Schmoller , Gesch. d. Kleingewerbe. 44 Schluß und Resultate. Niederlassungsfreiheit errungen ist. Man darf nicht glauben, alles Uebrige finde sich von selbst. Ueberall muß dieser negativen Thätigkeit eine positive zur Seite gehen, wobei Private und Vereine, Schule und Kirche, Gemeinden und Staatsregierung mitzuwirken, zu fördern haben, wobei theilweise auch neue Beamtenorgane und neue Gesetze unentbehrlich sind. Die wichtigste Grundlage der Arbeiter- und Hand- werkerfrage ist die Bevölkerungsbewegung. Ich will nur andeuten, wie auch hier die bloß negative Beseitigung bisher beschränkender Gesetze allein die Uebelstände unserer Zeit nicht heilt. Der außerordentliche starke Bevölkerungszuwachs kann immer leicht zu einem übermäßigen Angebot von Arbeit und damit zum Druck und zur Noth der arbei- tenden Klassen führen. Die optimistische Freihandels- schule glaubt das nicht. Sie hält die stärkste Bevölke- rungszunahme für das Beste. Das Kapital wachse immer von selbst noch schneller. Ist das aber so sicher und kommt es nicht auf die Vertheilung des Besitzes, des Kapitals an? Ich habe oben schon auszuführen ver- sucht, daß allerdings eine immer dichtere Bevölkerung die Voraussetzung jeder höhern Kulturstufe sei, daß unsere gegenwärtigen deutschen Verhältnisse noch lange einen großen Zuwachs brauchen können, daß aber die Bedingungen, den Zuwachs zum Segen zu wenden, nicht so einfach seien. Sie liegen in einer totalen Aenderung der volkswirthschaftlichen Organisation, wo möglich in einer andern gleichmäßigern Vertheilung des Grundbesitzes, in dem Aufblühen neuer Industrien, in Die Bevölkerungsfrage. einer andern lokalen und berufsmäßigen Vertheilung der Bevölkerung. Alle diese Aenderungen haben wieder so mannigfache Vorbedingungen, vollziehen sich nur nach so schweren Kämpfen, Irrungen, Gesetzesänderungen, daß man sich nicht wundern darf, wenn sie häufig zunächst hinter dem Zuwachs der Bevölkerung zurück- bleiben. Und das ist, nicht allgemein, aber doch jedenfalls in einzelnen Gegenden und Verhältnissen bei uns der Fall. Die neuesten Resultate der Bevölkerungs- statistik sind keine durchaus erfreulichen. Ich will nur einige Punkte nach Engel, Wappäus und Horn anführen. Obwohl die Zahl der überhaupt Verheiratheten, wie die jährliche Trauungsziffer in Preußen ziemlich abge- nommen, hat die verhältnißmäßige Zahl der Geburten kaum etwas sich vermindert. Ein übermäßig großer Theil der Neugebornen stirbt wieder in den ersten Jahren. Preußen und einige andere deutsche Staaten haben überhaupt die größte Kindersterblichkeit; besonders trifft dieser Vorwurf die industrielle Bevölkerung. Der Acker- bau erzeugt weniger, aber lebensfähigere Geburten. Die Ursache ist naheliegend; ein übergroßer Theil der Eltern ist nicht in der Lage, die große Zahl Kinder so zu nähren und zu pflegen, daß sie das höhere Alter erreichen, der Nation das wieder ersetzen, was sie in ihrer Jugend gekostet. Es ist eine der schwersten wirthschaftlichen Lasten für eine Nation, wenn sie einen bestimmten Bevölkerungszuwachs, den sie mit viel weniger Geburten und Todesfällen haben könnte, so d. h. mit einer Ueberzahl Geburten und einer übergroßen Kindersterblichkeit sich erwirbt. Es deutet 44 * Schluß und Resultate. das immer mehr oder weniger auf proletarische Zustände. Daneben hat die Mortalität zugenommen. Die Behauptung einer Verlängerung der mittleren Lebens- dauer ist von der Wissenschaft längst in’s Reich der Mährchen verwiesen. Die einzige wissenschaftliche Be- rechnung für Preußen, welche sich auf das Durchschnitts- alter der jährlich Gestorbenen bezieht, zeigt, daß dieses sukzessiv von Anfang des Jahrhunderts bis zur Gegen- wart abgenommen hat. Das Leben ist eine durch- schnittlich kürzere Erscheinung geworden. Arbeit und Genuß reiben es auf. Wechselvollere Kämpfe und Schick- sale treffen das Leben der Meisten und lassen dieses Resultat natürlich erscheinen. Und dem gegenüber sollte es ausreichen, wenn man nur unbedingt die Fesseln abstreift, die da und dort der Eheschließung entgegenstehen? Erzählen uns die Berichte besonders aus den Gegenden der Haus- industrien, der Weber- und Fabrikdistrikte nicht, daß übermäßig junge und leichtsinnige Ehen im Alter von 20 und 21 Jahren, übermäßige Kinderzahlen nicht die erste Quelle des Elends sind, aber nachdem es vor- handen, die wichtigste Ursache der Steigerung bilden? Ich gebe zu, daß jede polizeiliche Eheerschwerung unge- recht und schablonenhaft ist, daß sie, wo in der prole- tarischen Gesinnung jedes Verantwortlichkeitsgefühl auf- gehört hat, wo der Arme, im Gefühl, schlimmer könne es nicht mehr werden, sich dem einzigen Genusse, der ihm geblieben, ohne jeden Rückhalt ergibt, leicht nur zu einer Mehrzahl von unehelichen Geburten führt. Aber Die Reformen in Bezug auf das Fabriksystem. das beweist nicht, daß nicht andere positive Bemühungen der verschiedensten Art der Ehefreiheit zur Seite zu treten haben, um das leichtsinnige überfrühe Heirathen zu erschweren, das Verantwortlichkeitsgefühl nach dieser Richtung wieder zu steigern. In Bezug auf das gewerbliche Leben selbst nun ist zu scheiden zwischen den Geschäften, die einmal noth- wendig dem großen Fabrikbetrieb anheimfallen, und denen, welche dem Handwerk und der Hausindustrie bleiben. Den ersteren Kreis der Gewerbsthätigkeit etwa künstlich auch den kleinen Geschäften erhalten zu wollen, wäre durchaus verwerflich. Da ist das Fabriksystem zu akzeptiren, aber so auszubilden, daß der Arbeiterstand seiner jetzigen meist elenden Lage entrissen wird. Die äußern Verhältnisse, in denen er hier lebt, sind so zu gestalten, daß sie nicht mehr nothwendig an sich zu psychologischen Ursachen von Inmoralität, von unglück- lichen Ehen und leichtsinniger Lebenshaltung werden. Die Mittel dazu sind mannigfach, ich habe sie hier nicht näher zu besprechen; es handelt sich um die Schul- und die technische Bildung, um Spar- und Krankenkassen, um die richtige Organisation von Arbeitseinstellungen, um die Wohnungsfrage, um die Bezahlung nach dem Stück, um die Hinzufügung von Prämien, um die Haftung der Unternehmer für Unglücksfälle, um die Betheiligung am Gewinn, um das System der Industrialpartnership, um das Genossenschaftswesen, die Konsumvereine, die Produktivassoziation. Nur eines möchte ich hier noch betonen: die Ausbildung einer klaren konsequenten spe- zialisirten Fabrikgesetzgebung und die Schaffung selbstän- Schluß und Resultate. diger Organe, welche dieselbe handhaben. Die neue Ge- werbeordnung hat nur die schüchternsten Anfänge hierzu; ihre Bestimmungen über Inspektionen, gesundheitliche Vor- richtungen u. s. w. sind meist so vag, daß sie entweder gar nichts oder Alles sagen. In den Händen unserer gewöhn- lichen lokalen Polizeibehörden sind sie nicht viel mehr als ein todtes Stück Papier. Allerdings kann eine solche Gesetz- gebung nur auf Grundlage umfassender Enqu ê ten richtig sich aufbauen und in sofern mußten die weitergehenden Anträge der Sozialisten und Konservativen zunächst ab- gelehnt werden. Aber die meisten gegnerischen Reden im Reichstag zeigten den vollständigsten Mangel an Ver- ständniß für die ideale und weitgreifende Bedeutung einer derartigen Fabrikgesetzgebung, brachten nur einen kurzsichtigen Doktrinarismus und die egoistischen nächst- liegenden Interessen der Unternehmerklasse zum Ausdruck. Die Bedeutung einer eingehenden spezialisirten Fabrikgesetzgebung, wie der englischen, liegt nicht sowohl in den zunächst ergehenden Geboten und Verboten (diese müssen oft plumb eingreifen, auch berechtigte Inter- essen verletzen, können allein nie helfen, wenn sie nicht dauernd auf die innern Ursachen der Schäden wirken); sie liegt in dem erziehenden, die sittlichen Anschauungen von Fabrikanten und Arbeiter sukzessiv ändernden Ein- fluß, wie er für die englische Gesetzgebung neuerdings von Ludlow und Jones so schön nachgewiesen wurde. Nachdruck hat eine solche Gesetzgebung aber nur in der Hand eigener reisender Beamten, wie es die eng- lischen Fabrikinspektoren sind. Selbst die freie Schweiz hat sich dieser Institution bemächtigt; bei uns wird Die Reformen in Bezug auf das Handwerk. man als Sozialist und Pseudoreaktionär bezeichnet, wenn man sie verlangt. Eine geringe Zahl solcher Beamter mit je großen Bezirken würde genügen. Ihnen wäre auch das großentheils in die Hand zu geben, was für das eigentliche Handwerk und die Hausindustrie von Regierungsseite geschehen könnte. Was kann aber geschehen? Es konzentrirt sich in zwei Punkten: 1) Erziehung der arbeitenden Klassen, d. h. Schulbildung und eine möglichst überall zugänglich zu machende technische Erziehung und 2) Ueberleitung in neue Zustände und Verhältnisse, soweit eine zurückgeblie- bene Bildung der Handwerker das nicht selbst vermag. Aber sollen wir dabei den segensvollen Weg der Selbsthülfe verlassen? Was heißt Selbsthülfe? Kein Gegensatz ist falscher und unklarer, als die hergebrachte Gegenüberstellung von Staatshülfe und Selbsthülfe. Ob Schulze-Delitzsch, ob ein Fabrikinspektor Genossen- schaften organisirt, sie ordentlich Buch führen, sparen und sammeln lehrt; in beiden Fällen wirkt die höhere Bildung, getrieben von sittlichen Motiven, auf die untern Klassen, erzieht sie und hebt sie. Die national- ökonomische Schule, welche nur den platten Egoismus anerkennt, muß jede Genossenschaft, in der immer die Tüchtigsten und Besten für die Gesammtheit arbeiten, verdammen. Auch Schulze’s und aller seiner tüchtigen Anhänger Einfluß ist, wie ich schon oben bemerkte, in erster Linie ein erziehender. Es ist eine Thätigkeit, die stets in einzelnen Fällen eben so schlimm, oder vielmehr eben so erfolglos wirken kann, wie etwaige Staatsthätig- keit, nämlich dann, wenn die Aufopferung, die Thätigkeit Schluß und Resultate. der Leiter und Stifter die Mitgenossen nicht erzieht und emporzieht, wenn diese nur den Vortheil der Genossen- schaft ausnutzen, ohne selbst dadurch andere Menschen zu werden. Jede Staatshülfe ist dann verwerflich, wenn sie bloß äußerlich eingreift, wenn sie Leuten, die es nicht verdienen, die dadurch innerlich nicht anders werden, Geld und Kapital bietet. Sie ist dann berechtigt und steht mit der ganzen Schulze’schen Bewegung vollständig auf einer Linie, wenn sie die erziehende Thätigkeit, die geistige Hebung voranstellt und erreicht. Sie ist dann nothwendig, wenn der Voluntarismus nicht ausreicht wie hier; wenn er, um recht zu wirken, einer über den ganzen Staat sich erstreckenden festgegliederten Organi- sation bedarf. Und das ist der Fall. In kleinern Städten, in den abgelegenen Gegenden der Hausindustrie fehlen die freiwilligen Kräfte, welche die großen Städte bieten; eine festgegliederte allgemeine Organisation strebt ja Schulze selbst an; wo eine solche aber einmal noth- wendig ist, da wird für die Regel der Staat, d. h. die organisirte Gesammtpersönlichkeit aller berufen sein, sie in die Hand zu nehmen. So lange Schulze lebt und seine Anwaltschaft so tüchtig wirkt, ist sie gewiß besser, als jede Staatsthätigkeit. Später werden die Dinge anders liegen. Jedenfalls ist für jetzt die lokale Thätig- keit von unten herauf das wichtigere. Da gilt es nicht Schulze zu verdrängen, sondern ihm nachzueifern und, wo es an Organen dazu fehlt, sie zu schaffen. Der erste Punkt ist die Schulfrage. Bei unserer heutigen sonstigen Rechts- und Staatsverfassung sind alle sozialen Gegensätze in erster Linie Bildungsgegensätze. Die Schulfrage. Längst hat man in Preußen — im schroffen Gegensatz gegen die Theorie, Alles müsse sich in Leistung und Gegenleistung auflösen — sich auf den erhabenen „soziali- stischen“ Standpunkt gestellt, die Schulbildung für eine nationale Angelegenheit zu erklären. Der Schulzwang existirte schon vor dem Landrecht; das Landrecht fügt ihm den Satz bei, daß die Schulen auf Steuern zu basiren seien, statt auf die direkte Gegenleistung, auf das Schulgeld. Bis in die neueste Zeit hat sich der Streit über die letztere Frage hingezogen. Es war Lorenz Stein und Gneist vorbehalten, die eminent soziale Be- deutung der Frage ins Licht zu stellen: Die Gesellschaft ist verpflichtet, die aufwachsende unmündige Generation auszurüsten mit dem Maße der Bildung, welche die arbeitende Kraft über die bloß mechanische Leistung und damit über das Maß des Maschinenlohns, über das Niveau des Proletariats erhebt. Dieser Pflicht kommt die Gesellschaft nur nach, wenn sie den unbedingten Schulzwang ausspricht, die wirthschaftliche Last der Schule auf Steuern, d. h. in erster Linie auf die Schultern der Besitzenden überträgt, die Forderungen an den Elementarunterricht steigert, die ganze Schulorgani- sation besonders auf dem Lande ändert und dadurch das ganze geistige Niveau der untern Klassen emporhebt. Der zweite Punkt ist die technische Bildung. Die besitzenden Klassen haben längst dafür gesorgt, daß sie auf Staatskosten (denn die Schul-, Kolleggelder ꝛc. sind fast verschwindend) Universitäten, landwirthschaftliche und andere Fachschulen, Polytechniken haben, sich eine über- legene Bildung auf ihnen schaffen. Diesen höhern Schluß und Resultate. Schulen folgten die Mittelschulen, Provinzialgewerbe- schulen, Baugewerkschulen und ähnliche Institute, die aber, wie ich schon oben hervorhob, auch mehr der höhern besitzenden Klasse, den größern Werk- meistern, als den kleinen Handwerkern zu gute kommen. Vergl. oben S. 321; Viebahn III, 1144 gibt eine Uebersicht über die sämmtlichen zollvereinsländischen gewerb- lichen Schulen. Einzelne Fachschulen für die Meister und Arbeiter der Hausindustrie hat die Noth da und dort hervorgerufen: Spinnschulen, Webschulen, Posamentier- schulen, Uhrmacherschulen, Strohflechtschulen, Klöppel- schulen, Näh- und Strickschulen. Anderwärts fehlt es noch sehr an solchen. Manches haben dann in späterer, meist erst in allerneuester Zeit, freiwillige Sonntagsschulen, der Unterricht in Arbeiter- und Ge- werbevereinen geleistet. Dennoch muß ich die oben aus- gesprochene Behauptung aufrecht erhalten, daß diese Bemühungen nicht reichen, dem kleinen Meister, dem Gesellen und Lehrling in Dörfern und kleinen Städten unzugänglich sind. Nur eine systematische Ordnung des Zeichen- und gewerblichen Fortbildungsunterrichts, wie sie in Württemberg erfolgt ist und diese Wohlthaten bis in die kleinsten Städte und größern Dörfer hinaus- trägt, genügt. Ob nicht den Unternehmern ein Zwang zur Freilassung gewisser Stunden für den Besuch der Schulen, den Arbeitern ein gewisser Zwang des Besuchs aufzuerlegen sei, wird neuerdings sogar in vielen Handels- kammerberichten als eine offene Frage behandelt. Ich Die technischen Schulen. sehe in diesem Unterricht fast das einzige Gegengewicht gegen die durchaus einseitige, keine technische und mensch- liche Erziehung gewährende Beschäftigung unserer 14— 18 jährigen jungen Leute in den großen Geschäften. Die Prüfungsatteste solcher Schulen haben die Lehrlings-, Gesellen- und Meisterprüfungen zu ersetzen. Außerdem handelt es sich darum, an solchen Stellen, wo der Uebergang zu neuen Verhältnissen dem Handwerkerstande allein nicht möglich, wo die entstehende große Konkurrenz zu plötzlich gleichsam ihn überfällt, auch positiv einzugreifen. Und dazu bedarf es der Or- gane. Die Berliner Innungen haben vorgeschlagen im Gegensatz zu den Handelskammern Gewerbekammern, in welchen das kleine Handwerk zu Worte komme und seine Interessen vertrete, zu gründen. Damit wäre aber nichts erreicht. Was bessern solche Kammern? Selbst die Thätigkeit der bestehenden Handelskammern konzentrirt sich in ihren Jahresberichten. Daß diese, ver- faßt meist von besoldeten Literaten, welche der großen Industrie immer näher stehen, als dem kleinen Handwerk, alle Dinge mehr nur vom Standpunkt der großen Indu- strie und des Handels betrachten, ist wahr. Man hat die Berichte spöttisch oft schon die Wunschzettel unserer großen Unternehmer genannt. Ob das zu ändern wäre, durch andere Zusammensetzung, will ich hier nicht erörtern, so viel aber ist unzweifelhaft, daß Gewerbekammern, in welchen nur kleine Meister ihre Interessen berathen, die Handwerkersache wieder mit dem sogenannten Handwerker- recht zusammenwerfen und nicht viel Ersprießliches leisten würden. Schluß und Resultate. Auf der andern Seite sind die bestehenden Staats- organe für die in Frage kommenden Aufgaben durchaus unfähig. Der Landrath versteht nichts davon, ist mit andern Geschäften und Schreibereien überhäuft, von den mannigfach noch vorhandenen Herren gar nicht zu sprechen, welche jeden gewerblichen Fortschritt in ihrem Kreise überhaupt als ein Unglück, als eine Neuerung, als eine Gefahr für den alten befestigten Grundbesitz beklagen. In den Regierungen und städtischen Magi- straten hat irgend ein älterer wohlwollender Rath nebenher auch ein Dezernat in Gewerbesachen, gewerb- lichen Unterstützungskassen und Aehnlichem. Aber was außer dem hergebrachten Abarbeiten der Nummern liegt, wäre in der Regel zu viel von ihm verlangt, wenn auch rühmenswerthe Ausnahmen vorkommen. Es bedarf einzelner nur hiermit beschäftigter hoch- gebildeter und gutbezahlter Beamter, gewählt nicht noth- wendig aus dem Kreise der Bureaukraten, sondern und vielleicht noch eher aus dem Kreise tüchtiger Techniker oder Kaufleute, die an der Spitze eines großen Bezirks gleichsam die Anwälte der arbeitenden Klassen würden. Ich meine damit etwa eine Kombination der württember- gischen Zentralstelle und des englischen Fabrikinspektorats. Die Inspektoren hätten neben der Aufsicht über die Fabriken, neben der Aufgabe, die Berichte hierüber zu publiziren, die Verpflichtung, den kleinern Leuten mit Rath und Anweisung, unter Umständen auch mit posi- tiver Hülfe beizustehen. Ein gewisser Fonds, angewiesen auf staatliche oder kommunale Mittel, müßte ihnen zur Seite stehen. Ihre Hauptsorge hätte sich zu beziehen Das Gewerbe- und Fabrikinspektorat. auf die technischen Fortschritte der kleinen Geschäfte; lokale Ausstellungen von Geräthen, Werkzeugen und Ma- schinen aus dem Kreise der kleinen Gewerbe, Prämien für Anschaffung solcher, einzelne Reiseunterstützungen, unter Umständen Ueberlassung von Werkzeugen auf Probe könnten hinzukommen. Hauptsächlich aber hätten sie Ge- nossenschaften anzuregen, wo es an der Initiative fehlte, die Leute zur Theilnahme zu bewegen, die Buchführung einzurichten. Es fehlt so vielfach nur an einer der- artigen gebildeten und sachverständigen Initiative. Dabei hätten sie sich jedes Eingriffs gegenüber bestehenden Ge- nossenschaften, die nichts von ihnen wissen wollen, zu enthalten. Vor Allem in Bezug auf die noch bestehenden Hausindustrien wäre es Pflicht, nicht unthätig ihrem Untergange zuzusehen. Die schwersten Vorwürfe treffen in dieser Richtung die Regierungen und die besitzenden Klassen, wie ich oben bei der eingehenden Schilderung der Spinnerei und Weberei zeigte. Manches geschah ja auch in Folge entsetzlicher Nothzustände, aber meist geschah es zu spät und häufig am unrechten Platze. Um nicht künstlich eine Hausindustrie da zu erhal- ten, wo nothwendig zuletzt doch das Fabriksystem siegt, wäre als Grundlage solcher Maßregeln eine umfassende Enqu ê te dieser Verhältnisse zu empfehlen. Erst auf Grundlage einer derartigen Detailinformation könen auch die Detailvorschläge gemacht werden. Manches aber läßt sich auch vom allgemeinen Standpunkt aus sagen. Alle die erwähnten Maßregeln, die für das Handwerk überhaupt nothwendig sind, müssen für diese meist auf dem Land Schluß und Resultate. zerstreuten und damit der Bildungselemente ohnedieß mehr entbehrenden Industrien doppelt am Platze sein. Die wichtigste Maßregel, die Gründung von Etablisse- ments, in welchen Dampf- oder Wasserkraft an die einzelnen kleinen Meister vermiethet wird, könnte ohne irgend welchen Verlust, wenn es an andern Mitteln fehlt, vom Staat oder von Gemeinden (wie in Nürn- berg) in die Hand genommen werden. Ueber ein derartiges auf Aktien gegründetes Etablisse- ment in Dresden und die Geschäfte, die es macht, vergl. Dres- dener Handelskammerbericht für 1867, S. 102; es ist für Drechsler und Reifendreher; der Einzelne zahlt 12—36 Thlr. jährliche Miethe; es sind 150 Stellen; im ersten Jahre 1867 waren nur 50 vermiethet; im zweiten schon über 100. Wo nur staatliche Aufsichtsbehörden in die zerstreute Produktion Einheit bringen, wo nur sie der Waare Ruf und Absatz verschaffen, hätte man sie einzurichten und zu erhalten. Die Solinger Schußwaffenfabrikation durch kleine Meister hat sich erst jetzt recht entwickelt, nachdem man dem Drängen der Leute nachgegeben, eine königliche Probir- anstalt unter Leitung eines Offiziers eingerichtet hat, welche jedem Stücke, das sich tüchtig erweist, den preußischen heraldischen Adler und die Buchstaben S. P. einprägt. Handelskammerberichte pro 1867, S. 637. Unter Umständen sind auch heute noch Regle- ments aufzustellen, andere sind aufzuheben oder zu verbes- sern. Auch Staatskredit kann hier unter Umständen noth- wendig sein, einzelnen Genossenschaften gegeben werden, heilsam da und dort wirken, er darf aber nie als das wesentliche erscheinen. Eher wären staatliche Geschäfte zu Die Mittel zur Erhaltung der Hausindustrien. empfehlen, wenn es sich darum handelt, einen betrüge- rischen die Noth der armen Meister ausbeutenden Zwi- schenhandel dadurch zu verdrängen, daß man ihm durch Geschäfte auf reeller anständiger Basis Konkurrenz macht. Man hat ja auch in Preußen aus diesem Grunde Staats- flachsaustalten errichtet, gewisse Bestimmungen über den Garnhandel getroffen. Durch solche Mittel lassen sich hunderte und tau- sende von kleinen Geschäften noch halten und nicht bloß vorübergehend noch halten, sondern auf die Dauer. Geschieht nichts, so gehen sie Krisen entgegen, wie die Weber und Spinner Schlesiens seiner Zeit. Greift man bei Zeiten ein, so werden wohl die Interessen der Faktore, der Kaufleute und Fabrikanten ab und zu ver- letzt, aber man erhält einen gesunden Mittelstand und vermeidet Nothstände, die zuletzt den Besitzenden mehr kosten, auch ihre Interessen tiefer schädigen, ganz anders die Staatshülfe nothwendig machen, als wir es hier empfehlen. Damit bin ich zum Ende meiner Schlußbetrach- tungen gelangt. — Wenn es wahr ist, daß ein Staat nur durch die Grundsätze sich erhalten kann, durch die er groß gewor- den, so hat der preußische Staat vor allen die Pflicht, einerseits an der Spitze zu bleiben jedes geistigen und sittlichen Fortschritts, jeder gesunden politischen Frei- heit, aber andererseits die schönste Pflicht jeder Re- gierung, die Initiative für das Wohl der untern Klassen nicht aus seiner Hand zu geben. Er hat die besitzenden Klassen durch Heranziehung zu einer Schluß und Resultate. wahrhaften Selbstregierung, zu den sittlichen Pflichten des Staats- und Gemeindeamts zu erheben über die kurzsichtig egoistische Sphäre nächstliegender Interessen bis zu der sittlichen Höhe gesellschaftlicher Pflichterfüllung; er hat daneben selbst seinen Einfluß und seine Macht zu brauchen, die Nothleidenden zu schützen, die Unge- bildeten zu heben und zu erziehen, die Nichtbesitzenden gegen den Egoismus und die Kurzsichtigkeit der Besitzen- den, gegen diese Laster, welche immer und immer wie- der hervorbrechen, zu schützen. Immer haben die großen preußischen Regenten das gethan. Immer haben sie darum vor Allem für große Fürsten gegolten. Le roi des Prusses était toujours un roi des gueux! Eine solche maßvolle Staatsthätigkeit, die auf Hebung der untern Klassen nicht durch gewaltthätige Experimente, sondern vor Allem durch Schule und Erziehung, durch Beeinflussung der Sitten und Anschauungen zu wirken sucht, wird immer und immer wieder erlaubt wie noth- wendig sein, eine solche Staatsthätigkeit hat zu allen Zeiten für die Zierde einer weisen, freien und gerechten Regierung gegolten! Halle , Buchdruckerei des Waisenhauses.