Goͤtterlehre oder mythologische Dichtungen der Alten. Zusammengestellt von Karl Philipp Moritz . Mit fuͤnf und sechzig in Kupfer gestochenen Abbildungen nach antiken geschnittnen Steinen und andern Denkmälern des Alterthums. Berlin, bei Johann Friedrich Unger, 1791 . I ch habe es versucht, die mythologischen Dichtungen der Alten in dem Sinne darzustellen, worin sie von den vorzuͤg- lichsten Dichtern und bildenden Kuͤnstlern des Alterthums selbst, als eine Spra- che der Phantasie , benutzt und ihren Werken eingewebt sind, deren aufmerk- same Betrachtung, mir durch das Laby- rinth dieser Dichtungen zum Leitfaden gedient hat. Die Abdruͤcke von den * 2 Gemmen aus der Lippertschen Daktylio- thek und aus der Stoschischen Samm- lung habe ich mit dem Herrn Pro- fessor Karstens , der die Zeichnungen zu den Kupfern verfertigt hat, gernein- schaftlich ausgewaͤhlt, um, so viel es sich thun ließ, diejenigen vorzuziehen, deren Werth zugleich mit in ihrer Schoͤn- heit, und der Kunst, womit die Dar- stellung ausgefuͤhrt ist, besteht. Inhalt . Seite. Gesichtspunkt fuͤr die mythologischen Dichtungen 1 Die Erzeugung der Goͤtter 13 Der Goͤtterkrieg 20 Die Bildung der Menschen 31 Die Nacht und das Fatum, das uͤber Goͤtter und Menschen herrscht 44 Die alten Goͤtter 53 Amor 54 Die himmlische Venus 56 Aurora 57 Helios 58 Seite. Selene 59 Hekate 60 Oceanus 61 Die Oceaniden 63 Mnemosyne 66 Themis 66 Pontus 69 Nereus 70 Thaumas 73 Eurybia 73 Phorkys und die schoͤre Ceto oder die Erzeugung der Ungeheuer 74 Die Fluͤsse 76 Proteus 76 Chiron 77 Atlas 77 Nemesis 78 Prometheus 78 Jupiter, der Vater der Goͤtter 79 Die Eifersucht der Ju n o 82 Vesta 84 Ceres 85 Jupiter 85 Seite. Die neue Bildung des Menschenge- schlechts 89 Ogyges 92 Inachus 93 Cekrops 95 Deukalion 96 Die alten Einwohner von Arkadien 97 Der Dodonische Wald 97 Die menschenaͤhnliche Bildung der Goͤtter 98 Jupiter 99 Juno 105 Apollo 109 Neptun 115 Minerva 121 Mars 127 Venus 131 Diana 135 Ceres 140 Vulkan 145 Vesta 151 Merkur 155 Die Erde 163 Seite. Cybele 164 Bachus 167 Die heiligen Wohnploͤtze der Goͤtter unter den Menschen 179 Kreta 180 Dodona 181 Delos 183 Delphi 184 Argos 188 Olympia 189 Athen 191 Cypern 191 Gnidus 192 Cythere 192 Lemnos 193 Ephesus 193 Thracien 194 Arkadien 196 Phrygien 197 Das goͤtteraͤhnliche Menschengeschlecht 200 Perseus 205 Bellerophon 212 Herkules 216 Seite. Die zwoͤlf Arbeiten des Herkules 225 Der Nemaͤische Loͤwe 225 Die Lernaͤische Schlange 226 Der Erymanthische Eber 227 Der Hirsch der Diana 228 Die Stymphaliden 229 Das Wehrgehenk der Koͤnigin der Amazonen 230 Der Stall des Augias 231 Der Kretensische Stier 232 Die Rosse des Diomedes 233 Der dreikoͤpfigte Geryon 234 Die goldenen Aepfel der Hesperiden 235 Der Hoͤllenhund Cerberus 236 Die Thaten des Herkules, welche er nicht auf fremden Befehl vollfuͤhrt hat 238 Die Befreiung der Hesione 239 Die Ueberwindung des Antaͤus, Busiris und Kakus 240 Die Befreiung der Alceste aus der Unterwelt 242 Die Befreiung des Prometheus von seinen Qualen 244 Die Aufrichtung der Saͤulen an der Meer- enge zwischen Europa und Afrika 244 Die Vermaͤhlungen des Herkules und seine Vergehungen und Schwaͤchen 246 Des Herkules letzte Duldung und seine Vergoͤtterung 251 Seite. Kastor und Pollux 253 Jason 257 Die Fahrt der Argonauten 262 Meleager 276 Die Kalydonische Jagd 276 Atalante 278 Minos 279 Daͤdalus 283 Theseus 287 Die Wesen, welche das Band zwischen Goͤttern und Menschen knuͤpfen 301 Genien 301 Musen 302 Liebesgoͤtter 309 Grazien 311 Horen 313 Nymphen 314 Satyrn 315 Faunen 317 Pan 319 Sylvan 321 Penaten 323 Priapus 323 Seite. Komus 324 Hymen 325 Orpheus 325 Chiron 325 Aeskulap 326 Hygea 328 Die Lieblinge der Goͤtter 330 Ganymed 330 Atys 333 Tithonus 334 Anchises 335 Adonis 336 Hyacinthus 338 Cyparissus 338 Leukothoe 339 Endymion 340 Acis 341 Peleus 342 Die tragischen Dichtungen 344 Theben 346 Kadmus 346 Oedipus 351 Eteokles und Polynices 355 Der Thebanische Krieg 356 Seite. Die Pelopiden 362 Troja 370 Niobe 382 Cephalus und Prokris 383 Phaeton 384 Die Schattenwelt 386 Pluto 387 Furien 392 Die Strafen der Verurtheilten im Tartarus 392 Tantalus 393 Ixion 394 Phlegyas 395 Die Danaiden 396 Sisyphus 396 Amor und Psyche 397 Gesichtspunkt fuͤr die mythologischen Dichtungen. D ie mythologischen Dichtungen muͤssen als eine Sprache der Phantasie betrachtet werden: Als eine solche genommen, machen sie gleich- sam eine Welt fuͤr sich aus, und sind aus dem Zusammenhange der wirklichen Dinge heraus- gehoben. Die Phantasie herrscht in ihrem eigenen Gebiete nach Wohlgefallen, und stoͤßt nirgends an. Ihr Wesen ist zu formen und zu bilden; wozu sie sich einen weiten Spielraum schaft, indem sie sorgfaͤltig alle abstrakten und meta- physischen Begriffe meidet, welche ihre Bildun- gen stoͤren koͤnnten. A Sie scheuet den Begriff einer metaphysi- schen Unendlichkeit und Unumschraͤnktheit am allermeisten, weil ihre zarten Schoͤpfungen, wie in einer oͤden Wuͤste, sich ploͤtzlich darin verlieren wuͤrden. Sie flieht den Begriff eines anfangslosen Daseyns; alles ist bei ihr Entstehung, Zeugen und Gebaͤhren, bis in die aͤlteste Goͤtterge- schichte. Keines der hoͤhern Wesen, welche die Phantasie sich darstellt, ist von Ewigkeit; kei- nes von ganz unumschraͤnkter Macht. Auch meidet die Phantasie den Begriff der Allgegen- wart, der das Leben und die Bewegung in ih- rer Goͤtterwelt hemmen wuͤrde. Sie sucht vielmehr so viel wie moͤglich, ihre Bildungen an Zeit und Ort zu knuͤpfen; sie ruht und schwebt gern uͤber der Wirklich- keit; weil aber die zu große Naͤhe und Deut- lichkeit des Wirklichen ihrem daͤmmernden Lichte schaden wuͤrde, so schmiegt sie sich am liebsten an die dunkle Geschichte der Vorwelt an, wo Zeit und Ort oft selber noch schwan- kend und unbestimmt sind, und sie desto freiern Spielraum hat: Jupiter, der Vater der Goͤt- ter und Menschen wird auf der Insel Kreta mit der Milch einer Ziege gesaͤugt, und von den Nymphen des Waldes erzogen. Dadurch nun, daß in den mythologischen Dichtungen zugleich eine geheime Spur zu der aͤltesten verlohren gegangenen Geschichte ver- borgen liegt, werden sie ehrwuͤrdiger, weil sie kein leeres Traumbild oder bloßes Spiel des Witzes sind, das in die Luft zerflattert, son- dern durch ihre innige Verwebung mit den aͤltesten Begebenheiten, ein Gewicht erhalten, wodurch ihre Aufloͤsung in bloße Allegorie ver- hindert wird. Die Goͤttergeschichte der Alten durch aller- lei Ausdeutungen zu bloßen Allegorien umbil- den zu wollen, ist ein eben so thoͤrichtes Unter- nehmen, als wenn man diese Dichtungen durch allerlei gezwungene Erklaͤrungen in lauter wahre Geschichte zu verwandeln sucht. Die Hand, welche den Schleier, der diese Dichtungen bedeckt, ganz hinwegziehen will, verletzt zugleich das zarte Gewebe der Phanta- sie, und stoͤßt alsdann statt der gehoften Ent- A 2 deckungen auf lauter Widerspruͤche und Unge- reimtheiten. Um an diesen schoͤnen Dichtungen nichts zu verderben, ist es noͤthig, sie zuerst, ohne Ruͤcksicht auf etwas, das sie bedeuten sollen, grade so zu nehmen wie sie sind, und soviel wie moͤglich mit einem Ueberblick das Ganze zu betrachten, um auch den entfernteren Bezie- hungen und Verhaͤltnissen zwischen den einzeln Bruchstuͤcken, die uns noch uͤbrig sind, allmaͤ- lich auf die Spur zu kommen. Denn wenn man z. B. auch sagt: Jupiter bedeutet die obere Luft; so druͤckt man doch dadurch nichts weniger, als den Begriff Jupiter aus, wozu alles das mitgerechnet werden muß, was die Phantasie einmal hin- eingelegt, und wodurch dieser Begriff an und fuͤr sich selbst eine Art von Vollstaͤndigkeit er- halten hat, ohne erst außer sich selbst noch etwas andeuten zu duͤrfen. Der Begriff Jupiter bedeutet in dem Gebiete der Phantasie zuerst sich selbst, so wie der Begriff Caͤsar in der Reihe der wirklichen Dinge den Caͤsar selbst bedeutet. Denn wer wuͤrde wohl z. B. bei dem Anblick der Bildsaͤule des Jupiter von Phidias Meisterhand, zuerst an die oͤbere Luft gedacht haben, die durch den Jupiter bezeichnet werden soll, als wer alles Gefuͤhl fuͤr Erhabenheit und Schoͤnheit ver- laͤugnet haͤtte, und im Stande gewesen waͤre, das hoͤchste Werk der Kunst, wie eine Hierogly- phe oder einen todten Buchstaben zu betrach- ten, der seinen ganzen Werth nur dadurch hat, weil er etwas außer sich bedeutet. Ein wahres Kunstwerk, eine schoͤne Dich- tung ist etwas in sich Fertiges und Vollende- tes, das um sein selbst willen da ist, und des- sen Werth in ihm selber, und in dem wohlge- ordneten Verhaͤltniß seiner Theile liegt; da hingegen die bloßen Hiroglyphen oder Buchsta- ben an sich so ungestaltet seyn koͤnnen, wie sie wollen, wenn sie nur das bezeichnen, was man sich dabei denken soll. Der muͤßte wenig von den hohen Dichter- schoͤnheiten des Homer geruͤhrt seyn, der nach Durchlesung desselben noch fragen koͤnnte: was bedeutet die Iliade? was bedeutet die Odyssee? Alles, was eine schoͤne Dichtung bedeutet, liegt ja in ihr selber; sie spiegelt in ihrem gros- sen oder kleinen Umfange, die Verhaͤltnisse der Dinge, das Leben und die Schicksale der Men- schen ab; sie lehrt auch Lebensweisheit, nach Horazens Ausspruch, besser als Krantor und Chrysipp. Aber alles dieses ist den dichterischen Schoͤnheiten untergeordnet, und nicht der Hauptendzweck der Poesie; denn eben darum lehrt sie besser, weil Lehren nicht ihr Zweck ist; weil die Lehre selbst sich dem Schoͤnen unter- ordnet, und dadurch Anmuth und Reitz ge- winnt. In den mythologischen Dichtungen ist nun die Lehre freilich so sehr untergeordnet, daß sie ja nicht darin gesucht werden muß, wenn das ganze Gewebe dieser Dichtungen uns nicht als frevelhaft erscheinen soll. Denn der Mensch ist in diesen poetischen Darstellungen der hoͤhern Wesen so etwas Un- tergeordnetes, daß auf ihn uͤberhaupt, und also auch auf seine moralischen Beduͤrfnisse we- nig Ruͤcksicht genommen wird. Er ist oft ein Spiel der hoͤhern Maͤchte, die uͤber alle Rechenschaft erhaben, ihn nach Gefallen erhoͤhen und stuͤrzen, und nicht sowohl die Beleidigungen strafen, welche die Men- schen sich untereinander zufuͤgen, als vielmehr jeden Anschein von Eingriff in die Vorrechte der Goͤtter auf das schrecklichste ahnden. Diese hoͤhern Maͤchte sind nichts weniger, als moralische Wesen. Die Macht ist immer bei ihnen der Hauptbegriff, dem alles uͤbrige untergeordnet ist. Die immerwaͤhrende Ju- gendkraft, welche sie besitzen, aͤußert sich bei ihnen in ihrer ganzen uͤppigen Fuͤlle. Denn da ein jedes dieser von der Phanta- sie gebornen Wesen, in gewisser Ruͤcksicht, die ganze Natur mit allen ihren uͤppigen Auswuͤch- sen, und ihrem ganzen schwellenden Ueberfluß in sich darstellt, so ist es, als eine solche Dar- stellung, uͤber alle Begriffe der Moralitaͤt er- haben. Weil man weder von der ganzen Na- tur sagen kann, daß sie ausschweife; noch dem Loͤwen seinen Grimm, dem Adler seine Raub- sucht; oder der giftigen Schlange ihre Schaͤd- lichkeit, zum Frevel anrechnen darf. Weil aber die Phantasie die allgemeinen Begriffe fliehet, und ihre Bildungen, so viel wie moͤglich, individuell zu machen sucht, so uͤbertraͤgt sie den Begriff der hoͤhern obwalten- den Macht auf Wesen, die sie als wirklich dar- stellt, denen sie Geschlechtsregister, Geburt und Nahmen, und menschliche Gestalt bei- legt. Sie laͤßt so viel wie moͤglich die Wesen, die sie schaft, in das Reich der Wirklichkeit spielen. Die Goͤtter vermaͤhlen sich mit den Toͤchtern der Menschen, und erzeugen mit ih- nen die Helden, welche durch kuͤhne Thaten zur Unsterblichkeit reifen. Hier ist es nun, wo das Gebiet der Phan- tasie und der Wirklichkeit am naͤchsten aneinan- der grenzt, und wo es darauf ankommt, das, was Sprache der Phantasie oder mythologi- sche Dichtung ist, auch bloß als solche zu be- trachten, und vor allen voreiligen historischen Ausdeutungen sich zu huͤten. Denn diese Mischung des Wahren, mit der Dichtung in der aͤltesten Geschichte, macht an unserm Gesichtskreise, so weit wir in die Ferne zuruͤckblicken, gleichsam den daͤmmern- den Horizont aus. Soll uns hier eine neue Morgenroͤthe aufgehen, so ist es noͤthig, die mythologischen Dichtungen, als alte Voͤlker- sagen, so viel wie moͤglich von einander zu schei- den, um den Faden ihrer allmaͤhligen Verwe- bungen und Uebertragungen wieder aufzufinden. In dieser Ruͤcksicht die aͤltesten Voͤlkersagen, welche auf uns gekommen sind, nebeneinander zu stellen, ist das Geschaͤft einer allgemeinen Mythologie, wozu die gegenwaͤrtige, welche auf die Goͤtterlehre der Griechen und Roͤmer be- schraͤnkt ist, nur von fern die Hand bieten kann. In das Gebiet der Phantasie, welches wir nun betreten wollen, soll uns ein Dich- ter fuͤhren, der ihr Lob am wahrsten gesun- gen hat. Meine Goͤttin . W elcher Unsterblichen Soll der hoͤchste Preis seyn? Mit niemand streit’ ich, Aber ich geb’ ihn Der ewig beweglichen, Immer neuen, Seltsamsten Tochter Jovis, Seinem Schooßkinde, Der Phantasie. Denn ihr hat er Alle Launen, Die er sonst nur allein Sich vorbehaͤlt, Zugestanden, Und hat seine Freude An der Thoͤrin. Sie mag rosenbekraͤnzt Mit dem Lilienstaͤngel Blumenthaͤler betreten, Sommervoͤgeln gebieten, Und leichtnaͤhrenden Thau Mit Bienenlippen Von Bluͤthen saugen: Oder sie mag Mit fliegendem Haar Und duͤsterm Blicke Im Winde sausen Um Felsenwaͤnde, Und tausendfarbig, Wie Morgen und Abend, Immer wechselnd, Wie Mondesblicke, Den Sterblichen scheinen. Laßt uns alle Den Vater preisen! Den alten, hohen, Der solch eine schoͤne, Unverwelkliche Gattin Den sterblichen Menschen Gesellen moͤgen! Denn uns allein Hat er sie verbunden Mit Himmelsband, Und ihr geboten, In Freud’ und Elend, Als treue Gattin, Nicht zu entweichen. Alle die andern Armen Geschlechter Der kinderreichen, Lebendigen Erde Wandeln und weiden Im dunkeln Genuß Und truͤben Schmerzen Des augenblicklichen, Beschraͤnkten Lebens, Gebeugt vom Joche Der Nothdurft. Uns aber hat er Seine gewandteste, Verzaͤrtelte Tochter, Freut euch! gegoͤnnt! Begegnet ihr lieblich, Wie einer Geliebten, Laßt ihr die Wuͤrde Der Frauen im Haus. Und daß die alte Schwiegermutter Weisheit Das zarte Seelchen Ja nicht beleid’ge! Doch kenn’ ich ihre Schwester, Die aͤltere, gesetztere, Meine stille Freundin: O daß die erst Mit dem Lichte des Lebens Sich von mir wende, Die edle Treiberin, Troͤsterin, Hofnung! Goͤthe. Die Erzeugung der Goͤtter. D a wo das Auge der Phantasie nicht weiter traͤgt ist Chaos, Nacht, und Finsterniß; und doch trug die schoͤne Einbildungskraft der Griechen auch in diese Nacht einen sanften Schimmer, der selbst ihre Furchtbarkeit reitzend macht. — Zuerst ist das Chaos, dann die weite Erde, der finstere Tartarus — und Amor, der schoͤnste unter den unsterblichen Goͤttern. Gleich im Anfange dieser Dichtungen vereini- gen sich die entgegengesetzten Enden der Dinge; an das Furchtbarste und Schrecklichste grenzt das Liebenswuͤrdigste. — Das Gebildete und Schoͤne entwickelt sich aus dem Unfoͤrmlichen und Unge- bildeten. — Das Licht steigt aus der Finsterniß empor. — Die Nacht vermaͤhlt sich mit dem Ere- bus, dem alten Sitze der Finsterniß und gebiert den Aether und den Tag. Die Nacht ist reich an mannigfaltigen Geburten, denn sie huͤllt alle die Gestalten in sich ein, welche das Licht des Tages vor unserm Blick entfaltet. Das Finstere, Irrdische und Tiefe ist die Mutter des Himmlischen, Hohen, und Leuchten- den. Die Erde erzeugt aus sich selbst den Uranos oder den Himmel, der sie umwoͤlbet. Es ist die dunkele und feste Koͤrpermasse, welche von Licht und Klarheit umgeben den Saamen der Dinge in sich einschließt, und aus deren Schoße alle Erzeugungen sich entwickeln. Nachdem die Erde auch aus sich selber die Berge und den Pontus oder das Meer erzeugt hat, vermaͤhlt sie sich mit dem umwoͤlbenden Ura- nos, und gebiert ihm starke Soͤhne und Toͤchter, die selbst ihrem Erzeuger furchtbar werden. Hundertaͤrmige Riesen, den Kottus, Gyges, und Briareus; ungeheure Cyklopen, den Bron- tes, Steropes, und Arges; herrschsuͤchtige und mit weit um sich greifender Macht geruͤstete Tita- nen, den Coͤus, Krius, Hyperion, und Japet; den Oceanus; die maͤchtigen Titaniden, die Thia, die Rhea, die Themis, die Mnemosyne, die Phoͤbe, die Thethys, und den Saturnus oder Kronos, den juͤngsten unter den Titanen. Diese Kinder der Erde und des Himmels aber erblicken das Licht des Tages nicht; sondern wer- den von ihrem Erzeuger, der ihre angebohrne Macht scheuet, sobald sie gebohren sind, wieder in den Tartarus eingekerkert. Das Chaos be- hauptet noch seine Rechte. Die Bildungen schwan- ken noch zwischen Unterdruͤckung und Empoͤrung. — Die Erde seufzt in ihren innersten Tiefen uͤber das Schicksal ihrer Kinder, und denkt auf Rache; sie schmiedet die erste Sichel, und giebt sie als ein raͤchendes Werkzeug dem Saturnus, ihrem juͤng- sten Sohne. Die wilden Erzeugungen muͤssen aufhoͤren; Uranos, der seine eigenen Kinder in naͤchtlichem Dunkel gefangen haͤlt, muß seiner Herrschaft ent- setzt werden. — Sein juͤngster Sohn Saturnus uͤberlistet ihn, da er sich mit der Erde begattet, und entmannet seinen Erzeuger mit der Sichel, die ihm seine Mutter gab. Aus den Blutstropfen, welche die Erde auffaͤngt, entstehen in der Folge der Zeit die raͤcherischen Furien, die furchtbaren, den Goͤttern drohenden Giganten, und die Nym- phen Meliaͤ, welche die Berge bewohnen. — Die dem Uranos entnommene Zeugungskraft be- fruchtet das Meer, aus dessen Schaum Aphro- dite, die Goͤttin der Liebe empor steigt. — Aus Streit und Empoͤrung der urspruͤnglichen Wesen gegeneinander entwickelt und bildet sich das Schoͤne. Nun vermaͤhlen sich die Kinder des Himmels und der Erde, und pflanzen das Geschlecht der Ti- tanen fort. — Coͤus mit der Phoͤbe, einer Toch- ter des Himmels, zeugt die Latona, welche nach- her die Vermaͤhlte des Jupiter, und die Asteria, welche die Mutter der Hecate ward. — Hyperion mit der Thia, einer Tochter des Himmels, zeugt die Aurora, den Helios oder Sonnengott, und die Luna. — Oceanus mit der Tethys, einer Tochter des Himmels, erzeugt die Fluͤsse und Quellen. — Japet vermaͤhlt sich mit der Klymene, einer Toch- ter des Oceanus, und erzeugt mit ihr die Titanen, Atlas, Menoͤtios, den Prometheus, der die Menschen bildete, und den Epimetheus. — Krius mit der Eurybia, einer Tochter des Pontus, er- zeugt die Titanen, Astraͤus, Pallas und Perses. Saturnus vermaͤhlt sich mit seiner Schwester der Rhea, und mit ihm hebt eine Reihe von neuen Goͤttererzeugungen an, wodurch die Alten in der Zukunft verdraͤngt werden sollen. Die bleibenden Gestalten gewinnen endlich die Ober- hand; aber sie muͤssen vorher noch lange mit der alles zerstoͤrenden Zeit, und dem alles verschlingen- den Chaos kaͤmpfen. Saturnus ist zugleich ein Bild dieser zerstoͤrenden Zeit. Er, der seinen Erzeuger entmannt hat, verschlingt seine eigenen Kinder, so wie sie gebohren werden: denn ihm ist von sei- ner Mutter, der Erde, geweißagt worden, daß einer seiner Soͤhne ihn seiner Herrschaft berauben werde. So raͤchte sich der an seinem Erzeuger veruͤbte Frevel; Saturnus fuͤrchtet gleich diesem, die sich empoͤrende Macht, und waͤhrend er uͤber feine Bruͤder, die Titanen herrschte, hielt er den- noch, gleich dem Uranos, die hundertaͤrmigen Rie- sen und Cyklopen, in dem Tartarus eingekerkert. Von seinen Kindern fuͤrchtet er Verderben; denn noch lehnet das Neuentstandene sich gegen seinen Ursprung auf, der es wieder zu vernichten droht. So wie die Erde seufzte, daß der umwoͤl- bende Himmel ihre Kinder in ihrem Schooße ge- fangen hielt, so seufzt nun Rhea uͤber die Grau- samkeit der alles zerstoͤrenden, ihre eigenen Bil- dungen verschlingenden Macht, mit welcher sie vermaͤhlt ist. Und da sie den Jupiter, den kuͤnf- tigen Beherrscher der Goͤtter und Menschen ge- baͤhren soll, so fleht sie die Erde und den gestirn- ten Himmel um die Erhaltung ihres noch unge- bohrnen Kindes an. Die uralten Gottheiten sind ihrer Herrschaft entsetzt, und haben nur noch Einfluß durch Weis- sagung und Rath; sie rathen ihrer Tochter, wie sie den Jupiter, sobald sie ihn gebohren, in eine fruchtbare Gegend, in Kreta, verbergen soll. — Die wilde umherschweifende Phantasie heftet sich nun auf einen Fleck der Erde, und findet auf dem Eilande, wo dies Goͤtterkind erzogen werden soll, den ersten Ruheplatz. Auf den Rath ihrer Mutter Erde wickelt die Rhea einen Stein in Windeln, und giebt ihn dem Saturnus, statt des neugebohrnen Goͤtter- kindes, zu verschlingen. Durch diesen bedeutungs- B vollen Stein, dessen bei den Alten so oft Erwaͤh- nung geschieht, sind der Zerstoͤrung ihre Grenzen gesetzt; die zerstoͤrende Macht hat zum erstenmale das Leblose statt des Lebenden mit ihrer vernichten- den Gewalt ergriffen, und das Lebende und Ge- bildete hat Zeit gewonnen gleichsam verstohlner Weise sich an das Licht emporzudraͤngen. Allein es ist noch vor den Verfolgungen seines allverschlingenden Ursprungs nicht gesichert. Dar- um muͤssen die Erzieher des Goͤtterkindes auf der Insel Kreta, die Kureten oder Korybanten, deren Wesen und Ursprung in geheimnißvolles Dunkel gehuͤllt ist, mit ihren Spießen und Schil- den ein immerwaͤhrendes Getoͤse machen, damit Saturnus die Stimme des weinenden Kindes nicht vernehme. — Denn die zerstoͤrenden Kraͤfte lauern, das zarte Gebildete, in seinem ersten Aufkeimen, wo moͤglich, wieder zu zernichten. Die Erziehung des Jupiter auf der Insel Kreta macht eines der reizendsten Bilder d er Phan- tasie; ihn saͤugt die Ziege Amalthea, welche in der Folge unter die Sterne versetzt, und ihr Horn zum Horn des Ueberflusses erhoͤhet wird. Die Tauben bringen ihm Nahrung, goldgefaͤrbte Bie- nen fuͤhren ihm Honig zu, und Nymphen des Waldes sind seine Pflegerinnen. Schnell entwickeln sich nun die Kraͤfte dieses kuͤnftigen Beherrschers der Goͤtter und Menschen. Das Ende von dem alten Reiche des Saturnus naͤhert sich. Denn fuͤnf seiner Kinder sind noch, außer dem Jupiter, von seiner zerstoͤrenden Macht gerettet. Die den Erdkreis mit heiliger Glut be- lebende Vesta, die befruchtende Ceres, Juno, Neptun, und Pluto. Mit diesen kuͤndigt Jupiter dem Saturnus, und den Titanen, welche dem Saturnus bei- stehen, den Krieg an, nachdem er vorher die Cyklopen aus ihrem Kerker befreiet, und diese ihn dafuͤr mit dem Donner und dem leuchtenden Blitze begabt hatten. Und nun scheiden sich die neuern Goͤtter, die vom Saturnus und der Rhea abstammen, von den alten Gottheiten oder den Titanen, welche Kinder des Himmels und der Erde sind. B 2 Der Goͤtterkrieg. D ie Titanen sind das Empoͤrende, welches sich gegen jede Oberherrschaft auflehnt; es sind die unmittelbaren Kinder des Himmels und der Erde, deren weit um sich greifende Macht keine Grenzen kennet, und keine Einschraͤnkung duldet. Jupiter aber hatte sich den Weg zu der Al- leinherrschaft schon gebahnet, indem er die hun- dertaͤrmigen Riesen, Kottus, Gyges, und Briareus, und die Cyklopen, die unter dem Uranos und Saturnus gefangen gehalten wur- den, aus ihrem Kerker befreiet, und dadurch den Donner und Blitz in seine Gewalt bekommen hatte. Die neuern Goͤtter, mit dem Jupiter an ihrer Spitze, versammleten sich auf dem Olymp; die Titanen ihnen gegenuͤber auf dem Othrys, und der Goͤtterkrieg hub an. — Zehn Jahre dauerte schon der Kampf der neuern Goͤtter mit den Tita- nen, als der Sieg noch unentschieden war, bis Jupiter sich den Beistand der hundertaͤrmigen Riesen erbat, die ihm die Befreiung aus ihrem Kerker dankten. Als diese nun an dem Treffen Theil nahmen, so faßten sie ungeheure Felsen in ihre hundert Haͤnde, um sie auf die Titanen zu schleudern, welche in geschlossenen Phalangen in Schlachtord- nung standen. Als nun die Goͤtter auf einander den ersten Angriff thaten, so wallte das Meer hoch auf, die Erde seufzte, der Himmel aͤchzte, und der hohe Olymp wurde vom Gipfel bis zur Wurzel erschuͤttert. Die Blitze flogen schaarenweise aus Jupi- ters starker Hand, der Donner rollte, der Wald entzuͤndete sich, das Meer siedete, und heißer Dampf und Nebel huͤllte dle Titanen ein. Kottus, Gyges, und Briareus standen voran im Goͤttertreffen, und mit jedem Wurf schleuderten sie dreihundert Felsenstuͤcke auf die Haͤupter der Titanen herab. Da lenkte sich der Sieg auf die Seite des Donnerers. Die Tita- nen stuͤrzten nieder, und wurden so weit in den Tartarus hinabgeschleudert, als hoch der Himmel uͤber der Erde ist. Nun theilten die drei siegreichen Soͤhne des Saturnus das alte Reich der Titanen unter sich; Jupiter beherrschte den Himmel, Neptun das Meer, und Pluto die Unterwelt. Die hundert- aͤrmigen Riesen aber bewachten den Eingang zu dem furchtbaren Kerker, der die Titanen ge- fangen hielt. Jupiters Blitz beherrschte nun zwar die Goͤt- ter, allein sein Reich stand noch nicht fest. Die Erde seufzte aufs neue uͤber die Schmach ihrer Kinder, die im dunkeln Kerker saßen. Mit den Blutstropfen befruchtet, die sie bei der Entman- nung des Uranos in ihrem Schooße aufnahm, gebahr sie in den phlegraͤischen Gefilden die him- melanstuͤrmenden Giganten mit drohender Stirn und Drachenfuͤßen, bereit die Schmach der Tita- nen zu raͤchen. Zu Boden geworfen, waren sie nicht be- siegt, denn mit jeder Beruͤhrung ihrer Mutter Erde gewannen sie neue Kraͤfte. — Por- phyrion und Alcyoneus, Oromedon und Enceladus, Rhoͤtus und der tapfre Mi- mas huben am stolzesten ihre Haͤupter empor; sie schleuderten Eichen und Felsenstuͤcke mit ju- gendlicher Kraft gen Himmel, und achteten Jupiters Blitze nicht. In dem hier beigefuͤgten, nach einem der schoͤnsten Werke des Alterthums verfertigten Umriß, heben die maͤchtigen Soͤhne der Erde, unter Jupiters Donnerwagen zu Boden gestreckt, dennoch gegen ihn ihr drohendes Haupt empor. — Macht ist gegen Macht empoͤrt — einer der er- habensten Gegenstaͤnde, den je die bildende Kunst benutzte. Daraus, daß in den mythologischen Dichtun- gen die Giganten den Goͤttern entgegengesetzt werden, sieht man auch, daß die Alten den Goͤt- tern keine ungeheure Groͤße beilegten. Das Gebildete hatte bei ihnen immer den Vorzug vor der Masse; und die ungeheuren Wesen, welche die Phantasie sich schuf, entstanden nur um von der in die hohe Menschenbildung eingehuͤllten Goͤt- terkraft besiegt zu werden, und unter ihrer eigenen Unfoͤrmlichkeit zu erliegen. Gerade die Vermeidung des Ungeheuren, das edle Maaß, wodurch allen Bildungen ihre Grenzen vorgeschrieben wurden, ist ein Haupt- zug in der schoͤnen Kunst der Alten; und nicht umsonst drehet sich ihre Phantasie in den aͤlte- sten Dichtungen immer um die Vorstellung, daß das Unfoͤrmliche, Ungebildete, Unbegrenzte, erst vertilgt und besiegt werden muß, ehe der Lauf der Dinge in sein Gleis koͤmmt. Die ganze Dichtung des Goͤtterkrieges scheint sich mit auf diese Vorstellung zu gruͤnden. Ura- nos oder die weitausgebreitete Himmelswoͤl- bung ließ sich noch unter keinem Bilde fassen; was die Phantasie sich dachte, war noch zu weit ausgebreitet, unfoͤrmlich und gestaltlos; dem Uranos wurden seine eigenen Erzeugun- gen furchtbar, seine Kinder, die Titanen, em- poͤrten sich gegen ihn, und sein Reich entschwand in Nacht und Dunkel. Der Name der Titanen zeigt schon das weit um sich Greifende, Grenzenlose, in ihrem Wesen an, wodurch die Bildungen, welche sich die Phantasie von ihnen macht, schwankend und unbestimmt werden. Die Phantasie flieht vor dem Grenzenlosen und Unbeschraͤnkten; die neuen Goͤtter siegen, das Reich der Titanen hoͤrt auf, und ihre Gestalten treten gleichsam in Nebel zuruͤck, wodurch sie nur noch schwach hervorschimmern. An der Stelle des Titanen Helios oder des Sonnengottes steht der ewig junge Apoll mit Pfeil und Bogen. Unbestimmt und schwankend schimmert das Bild vom Helios durch, und die Phantasie verwechselt in den Werken der Dicht- kunst oft beide mit einander. So steht an der Stelle des alten Oceanus, Neptun mit seinem Dreizack, und beherrscht die Fluthen des Meers. Demohngeachtet aber bleiben die alten Gott- heiten noch immer ehrwuͤrdig, denn sie waren den neuern Goͤttern nicht etwa wie das Ver- derbliche und Hassenswuͤrdige dem Wohlthaͤtigen und Guten entgegengesetzt; sondern Macht em- poͤrte sich gegen Macht; Macht siegte uͤber Macht, und das Besiegte selbst blieb in seinem Sturz noch groß. So wie man sich nehmlich unter dem Reiche der Titanen und unter der Herrschaft des Sa- turnus, der seine eigenen Kinder verschlang, noch das Grenzenlose, Chaotische, Ungebildete dachte, worauf die Einbildungskraft nicht haften kann; so verknuͤpfte man doch wieder mit dieser Vorstel- lung von dem Ungebildeten, Umherschweifenden, und Grenzenlosen, das keinem Zwange unterwor- fen ist, den Begriff von Freiheit und Gleichheit, der unter der Alleinherrschaft des Einzigen, der mit dem Donner bewafnet war, nicht mehr statt finden konnte. Man versetzte daher das goldene Zeitalter un- ter die Regierung des Saturnus; welcher, nach- dem er in dem Goͤtterkriege seiner zerstoͤrenden Macht beraubt war, nach einer alten Sage, dem Schicksal der uͤbrigen Titanen, die in den Tarta- rus geschleudert wurden, entfloh, und sich in den mit Bergen umschlossenen Ebenen von Latium verbarg, wohin er das goldene Zeitalter brachte, indem er in einem Schiffe auf dem Tiberstrome, beim Janus anlangte, und mit ihm vereint, die Menschen mit Weisheit und Guͤte beherrschte. Diese Dichtung ist vorzuͤglich schoͤn, wegen des Ueberganges vom Kriegerischen und Zerstoͤren- den, zum Friedlichen und Sanften. Waͤhrend daß Jupiter noch immer in Gefahr der Herr- schaft entsetzt zu werden, seine Blitze gegen die Giganten schleudert, ist Saturnus fern von dem verderblichen Goͤtterkriege in Latium ange- langt, wo unter ihm sich die gluͤcklichen Zeiten bil- den, die nachher in den Liedern der Menschen als ein entflohenes Gut besungen, und vergeblich zu- ruͤck gewuͤnscht wurden. So ist er auf einer alten Gemme, wovon hier der Umriß beigefuͤgt ist, mit der Sense in der Hand, auf einem Schiffe, wovon nur der Schna- bel oder das Vordertheil sichtbar ist, abgebildet, neben dem Schiffe sieht man einen Theil einer Mauer und eines Gebaͤudes hervorragen, wahr- scheinlich weil an den Ufern der Tiber vom Sa- turnus, die alte Stadt Saturnia auf den nach- maligen Huͤgeln Roms erbauet wurde. Auf die Weise ist nun Saturnus bald ein Bild der alleszerstoͤrenden Zeit, bald ein Koͤnig, der zu einer gewissen Zeit in Latium herrschte. Die Erzaͤhlungen von ihm sind weder bloße Alle- gorien, noch bloße Geschichte, sondern beides zu- sammengenommen, und nach den Gesetzen der Einbildungskraft verwebt. Dieß ist auch der Fall bei den Erzaͤhlungen von den uͤbrigen Gott- heiten, die wir durchgaͤngig als schoͤne Dichtun- gen nehmen, und durch zu bestimmte Ausdeu- tungen nicht verderben muͤssen. Denn da die ganze Religion der Alten eine Religion der Phan- tasie und nicht des Verstandes war, so ist auch ihre Goͤtterlehre ein schoͤner Traum, der zwar viel Bedeutung und Zusammenhang in sich hat, auch zuweilen erhabene Aussichten giebt, von dem man aber die Genauigkeit und Bestimmtheit der Ideen im wachenden Zustande nicht fordern muß. Ob nun Jupiter gleich die Titanen in den Tartarus verbannt, und uͤber die Giganten zuletzt die Inseln des Meeres mit rauchenden Vulkanen gewaͤlzt hatte, so war dennoch sein Reich noch nicht befestigt; denn die Erde zuͤrnte aufs neue uͤber die Gefangenschaft ihrer Kinder, und gebahr, nach- dem sie sich mit dem Tartarus begattet hatte, den Tiphoͤus, ihren juͤngsten Sohn. Das furchtbarste Ungeheuer, das je aus der dunkeln Nacht emporstieg; dessen hundert Dra- chenhaͤupter mit schwarzen Zungen leckten, und mit feurigen Augen blitzten; das bald verstaͤndli- che Laute von sich gab, und bald mit hundert verschiedenen Stimmen der Thiere des Waldes heulte und bruͤllte, daß die Berge davon wieder- hallten. Nun waͤre es um die Herrschaft der neuen Goͤtter gethan gewesen, wenn Jupiter nicht schleunig seinen Blitz ergriffen, und ihn unauf- hoͤrlich auf das Ungeheuer geschleudert haͤtte, so lange bis Erd’ und Himmel in Flammen stand, und der Weltbau erschuͤttert ward, so daß Pluto, der Koͤnig der Schatten, und die Titanen im Tartarus uͤber das unaufhoͤrliche Getoͤse erbeten, das uͤber ihren Haͤuptern rollte. Der Sieg uͤber dies Ungeheuer wurde dem Jupiter am schwersten unter allen, und drohte ihm selber den Untergang. Er freute sich daher dieses Sieges nicht, sandern schleuderte den Ti- phoͤus, als er zu Boden gesunken war, trauer- voll in den Tartarus hinab. Denn dem Herrscher der Goͤtter, drohte stets Gefahr, nicht nur von fremder Macht, sondern auch von seinen eigenen Entschließungen. So weißagte ihm, als er sich mit der weisheitbegabten Metis, einer Tochter des Oceanus vermaͤhlt hatte, ein Orakelspruch, daß sie ihm einen Sohn gebaͤren, und daß dieser zugleich mit der Weis- heit seiner Mutter, und der Macht seines Vaters ausgeruͤstet, die Goͤtter alle beherrschen wuͤrde. Um dem vorzubeugen zog Jupiter die weis- heitbegabte Metis mit schmeichelnden Lockungen in sich hinuͤber, und gebahr nun selbst die Mi- nerva, welche bewafnet aus seinem Haupte her- vorsprang. — Eine aͤhnliche Gefahr drohte ihm noch einmal, da er sich mit der Thetis begatten wollte, von der ein Orakelspruch geweißagt hatte, sie wuͤrde einen Sohn gebaͤhren, der wuͤrde maͤchtiger als sein Vater seyn. So fuͤrchtet sich in diesen Dichtungen das Maͤchtigste immer vor noch etwas Maͤchtigerm. Bei dem Begriff der ganz unumschraͤnkten Macht hingegen hoͤrt alle Dichtung auf, und die Phantasie hat keinen Spielraum mehr. Man muß daher die Verstandesbegriffe auf keine Weise hiemit ver- mengen, da man uͤberdem, eins dem andern un- beschadet, jedes fuͤr sich abgesondert, sehr wohl betrachten kann. In der folgenden Zeit wurden sogar zwei Soͤhne des Neptun, die derselbe mit der Iphi- media, einer Tochter des Aloeus erzeugte, und welche daher die Aloiden hießen, dem Jupiter furchtbar. Ihre Namen waren, Otus und Ephialtes; sie ragten im Schmuck der Jugend und Schoͤnheit mit Riesengroͤße zum Himmel em- por, und drohten den unsterblichen Goͤttern, in- dem sie Berge auf einander thuͤrmten, auf den Olymp den Ossa, und auf den Ossa den Pelion waͤltzten, um so den Himmel zu ersteigeu , welches ihnen gelungen waͤre, wenn sie die Jahre der Mannbarkeit erreicht haͤtten. Aber Apollo er- legte sie mit seinen Pfeilen, ehe noch das weiche Milchhaar ihr Kinn bedeckte. Selbst die Sterblichen wagten es also sich ge- gen die Goͤtter aufzulehnen, welche daher auch eifersuͤchtig, auf jede hoͤhere Entwickelung mensch- licher Kraͤfte waren; jede Ueberhebung auf das schaͤrfste ahndeten, und den armen Sterblichen anfaͤnglich sogar das Feuer mißgoͤnnten. Denn die Menschen mußten noch den Haß der Goͤtter gegen die Titanen tragen, weil sie von einem Ab- koͤmmling derselben, dem Prometheus, gebildet und ins Leben hervorgerufen waren. Die Bildung der Menschen. S o untergeordnet ist in diesen Dichtungen der Ursprung der Menschen, daß sie nicht einmal den herrschenden Goͤttern, sondern einem Abkoͤmm- linge der Titanen, ihr Daseyn danken. Denn Prometheus, welcher die Menschen aus Thon bildete, war ein Sohn des Japet, der außer ihm noch drei Soͤhne erzeugt hatte, den Atlas, Menoͤtius, und Epimetheus, die alle den Goͤttern verhaßt waren. Japet, der Stammvater der Menschen, lag schon vom Jupiter mit den uͤbrigen Titanen in den Tartarus hinabgeschleudert; sein starker Sohn, Menoͤtius, wurde wegen seiner den Goͤt- tern furchtbaren Macht, und uͤbermuͤthigem Stolz, von Jupiters Blitz erschlagen, in den Erebus hin- abgestuͤrzt. Dem Atlas legte Jupiter die ganze Last des Himmels auf seine Schultern; den Pro- metheus selber ließ er zuletzt an einen Felsen schmieden, wo ein Geier unaufhoͤrlich an seinem Eingeweide nagte; und den Epimetheus ließ er das Ungluͤck uͤber die Menschen bringen. So verhaßt war den Goͤttern das Geschlecht des Japet, woraus der Mensch entsprang, auf den in der Folge die unzaͤhligen Leiden sich zusam- menhaͤuften, wodurch er die Schuld des ihm mißgoͤnnten Daseyns vielfach buͤßen mußte. Prometheus befeuchtete die noch von den himmlischen Theilchen geschwaͤngerte Erde mit Wasser, und machte den Menschen nach dem Bilde der Goͤtter, so daß er allein seinen Blick gen Himmel empor hebt, indeß alle andern Thiere ihr Haupt zur Erde neigen. Den Goͤttern selber also konnte die Phantasie keine hoͤhere Bildung als die Menschenbildung bei- legen, weil nichts mehr uͤber die erhabene auf- rechte Stellung geht, in welcher sich gleichsam die ganze Natur verjuͤngt, und erst zum Anschauen von sich selber koͤmmt. Denn die Strahlen der Sonne leuchten, aber das Auge des Menschen siehet. — Der Donner rollt, und die Stuͤrme des Meeres brausen, aber die Zunge des Menschen redet vernehmliche Toͤne. — Die Morgenroͤthe schimmert in ihrer Pracht, aber die Gesichtszuͤge des Menschen sind sprechend und bedeutend. Es scheint als muͤsse die unermeßliche Natur sich erst in diese zarten Umrisse schmiegen, um sich selbst zu fassen, und wieder umfaßt zu werden. Um die goͤttliche Gestalt abzubilden gab es nichts Hoͤheres, als Aug’ und Nase, und Stirn und Augenbraunen, als Wang’ und Mund und Kinn; weil wir nur von dem, was lebt und diese Gestalt hat, wissen koͤnnen, daß es Vorstellungen habe wie wir, und daß wir Gedanken und Worte mit ihm wechseln koͤnnen. Prometheus ist daher auf den alten Kunst- werken ganz wie der bildende Kuͤnstler darge- stellt, so wie auch auf dem hier beigefuͤgten Um- riß, nach einem antiken geschnittenen Steine, wo zu seinen Fuͤßen eine Vase, und vor ihm ein menschlicher Torso steht, den er, so wie jene, aus Thon gebildet, und dessen Vollendung er zum einzigen Augenmerk seiner ganzen Denkkraft ge- macht zu haben scheint. Als es dem Prometheus gelungen war, die goͤttliche Gestalt wieder außer sich darzustellen, brannte er vor Begierde, sein Werk zu vollenden: und er stieg hinauf zum Sonnenwagen, und zuͤn- dete da die Fackel an, von deren Gluth er seinen Bildungen die aͤtherische Flamme in den Busen hauchte, und ihnen Waͤrme und Leben gab. So ist er hier zum zweitenmal abgebildet, sitzend mit der Fackel in der Hand, uͤber der ein Schmetterling schwebt, welcher den beseelenden Hauch andeutet, wodurch die todte Masse belebt wird. Der bildende Kuͤnstler ist zum Schoͤpfer geworden; seine Bildungen werden ihm gleich. C Daß Prometheus selbst ein Schoͤpfer goͤttli- cher Bildungen wurde, daruͤber zuͤrnte Jupiter, und dachte darauf, wie er die Menschen verder- ben wollte. Als daher Prometheus einst einen Stier schlachtete, und um den Jupiter zu versu- chen, das Fleisch und die Knochen jedes in eine Haut gewickelt besonders legte, damit Jupiter waͤhlen moͤchte, so waͤhlte dieser mit Fleiß den schlechtern Theil, um wegen des Betruges auf den Prometheus zuͤrnen zu koͤnnen, und seinen Zorn an den Sterblichen auszulassen, die er nun ploͤtzlich des Feuers beraubte. Denn an dem Prometheus selber seinen Haß auszuuͤben wagte Jupiter damals noch nicht; er suchte ihm nur sein Werk zu verderben; aber auch dies gelang ihm nicht; denn Prometheus, der den Jammer der Menschen nicht dulden konnte, stieg wiederum zum Sonnenwagen, und entwen- dete aufs neue den aͤtherischen Funken, den er in dem Marke der roͤhrichten Pflanze verbarg, und ihn den Sterblichen vom Himmel wiederbrachte. Als nun Jupiter von fern den Glanz des Feuers unter den Menschen erblickte, so dachte er aufs neue, wie er sie durch ihre eigene Thorheit strafen wollte; waͤhrend daß Prometheus fortfuhr die Menschen alle nuͤtzliche Kuͤnste zu lehren, welche der Gebrauch des Feuers moͤglich macht, und was die groͤßte Wohlthat war, ihnen den Blick in die Zukunft benahm, damit sie unvermeidliche Uebel nicht voraus sehen moͤchten. Dem Jupiter also gleichsam zum Trotz suchte Prometheus seine Menschenschoͤpfung und Men- schenbildung zu vollenden, ob er gleich selber wuß- te, daß er dereinst schrecklich wuͤrde dafuͤr buͤßen muͤssen. — Dieß ungleiche Verhaͤltniß der Men- schen zu den herrschenden Goͤttern gab nachher den Stoff zu den tragischen Dichtungen, deren Geist in den folgenden Zeilen athmet, worin ein Dich- ter unserer Zeiten den Prometheus, im Nahmen der Menschen, deren Jammer er in seinem Busen traͤgt, redend einfuͤhrt. Prometheus . B edecke deinen Himmel, Zevs, Mit Wolkendunst, Und uͤbe, dem Knaben gleich, Der Disteln koͤpft, An Eichen dich und Vergeshoͤhn; Mußt mir meine Erde Doch lassen stehn, Und meine Huͤtte, die du nicht gebaut, Und meinen Herd, Um dessen Gluth Du mich beneidest. C 2 Ich kenne nichts aͤrmers Unter der Sonn’ als euch Goͤtter! Ihr naͤhret kuͤmmerlich Von Opfersteuern Und Gebetshauch Eure Majestaͤt, Und darbtet, waͤren Nicht Kinder und Bettler Hoffnungsvolle Thoren. Da ich ein Kind war, Nicht wußte wo aus noch ein, Kehrt’ ich mein verirrtes Auge Zur Sonne, als wenn druͤber waͤr’ Ein Ohr zu hoͤren meine Klage, Ein Herz wie mein’s Sich des Bedraͤngten zu erbarmen. Wer half mir Wider der Titanen Uebermuth? Wer rettete vom Tode mich Von Sklaverey? Hast du nicht alles selbst vollendet, Heilig gluͤhend Herz? Und gluͤhtest jung und gut, Betrogen, Rettungsdank Dem Schlafenden da droben? Ich dich ehren? Wofuͤr? Hast du die Schmerzen gelindert Je des Beladenen? Hast du die Thraͤnen gestillet Je des Geaͤngsteten? Hat nicht mich zum Manne geschmiedet Die allmaͤchtige Zeit, Und das ewige Schicksal Meine Herrn und deine? Waͤhntest du etwa, Ich sollte das Leben hassen, In Wuͤsten fliehen, Weil nicht alle Bluͤthentraͤume reiften? Hier sitz’ ich, forme Menschen Nach meinem Bilde, Ein Geschlecht, das mir gleich sey, Zu leiden, zu weinen, Zu genießen und zu freuen sich, Und dein nicht zu achten, Wie ich! Goͤthe. Nun ließ aber Jupiter, der uͤber den Raub des Feuers noch immer zuͤrnte, eine weibliche Ge- stalt von Goͤtterhaͤnden bilden, die er mit allen Ga- ben ausgeschmuͤckt, Pandora nannte, und sandte sie mit allen verfuͤhrerischen Reitzen, und mit einer Buͤchse, worin das ganze Heer von Uebeln, das den Menschen drohte, verschlossen war, zum Pro- metheus, der bald den Betrug erkannte, und dieß gefaͤhrliche Geschenk der Goͤtter ausschlug. Da konnte Jupiter seinem Zorn nicht laͤnger Einhalt thun, sondern ließ den Prometheus, fuͤr seine Klugheit zu buͤßen, an einen Felsen schmieden; und das Ungluͤck kam demohngeachtet uͤber die Menschen; denn der unvorsichtige Epime- theus, des Prometheus Bruder, ließ sich, ob- gleich gewarnt, durch die Reitze der Pandora bethoͤren, welche, sobald er sich mit ihr vermaͤhlt hatte, die Buͤchse eroͤfnete, woraus sich ploͤtzlich alles Unheil uͤber die ganze Erde, und uͤber das Menschengeschlecht verbreitete. Sie machte schnell den Deckel wieder zu, ehe noch die Hofnung entschluͤpfte, welche, nach Ju- piters Rathschluß, allein zuruͤck blieb, um einst noch zu rechter Zeit, den Sterblichen Trost zu ge- waͤhren. Die verfuͤhrerischen Reitze zu der sinn- lichen Lust, brachten also auch nach dieser Dich- tung zuerst das Ungluͤck uͤber die Menschen. Der thoͤrichte Epimetheus vereitelte bald die vorsehende Weisheit des Prometheus. Vernunft und Thor- heit waren sogleich bei der Bildung und Entste- hung des Menschen miteinander im Kampfe. Prometheus duldete nun an den Felsen ge- schmiedet, in seiner Person, die Qualen des Menschengeschlechts, das ihm seine Bildung dank- te; die immerwaͤhrende Unruhe, und die rastlose stets unbefriedigte Begier der Sterblichen. — Es ist der vom Jupiter gesandte Geier, der dem Pro- metheus an der immer wieder wachsenden Leber, dem Sitz der Begierden, nagt. So ist dieser Dulder fuͤr die Menschheit abge- bildet, die Haͤnde auf den Ruͤcken gefesselt, sitzend, an den Felsen geschmiedet mit dem Geier auf dem Knie. — Die vier Abbildungen auf der hier beigefuͤgten Kupfertafel, geben einen vollstaͤndigen Ueberblick von dieser Dichtung der Alten: Prometheus bil- det den Menschen; er raubt die aͤtherische Flam- me; Pandora, sitzend, eroͤfnet die Buͤchse, wor- aus das Ungluͤck uͤber die Menschen koͤmmt; und Prometheus duldet an den Felsen geschmiedet. Nachdem aus der Buͤchse der Pandora sich das Ungluͤck uͤber die Menschen verbreitet hatte, schickte Jupiter eine Suͤndfluth, welche das Men- schengeschlecht vollends vertilgte, so daß niemand uͤbrig blieb, als ein einziges Paar, Deukalion, ein Sohn des Prometheus, und Pyrrha, eine Tochter des Epimetheus, deren schwimmender Na- chen, sich auf dem Berge Parnassus niederließ, wo ein Orakel der Themis war, das sie wegen der Zukunft um Rath befragten. Und das Orakel that den Ausspruch, sie soll- ten, um die einsame Erde wieder zu bevoͤlkern, mit verhuͤlltem Antlitz, die Gebeine ihrer Mut- ter hinter sich werfen. Sie deuteten diesen ge- heimnißvollen Ausspruch auf die Steine, welche sie als die harten und festen Theile ihrer Mutter Erde hinter sich warfen, und gleichsam von der wunderbaren neuen Bildung ehrfurchtsvoll ihre Blicke wegwandten. Und als sie sich umsahen, war aus den har- ten Kieselsteinen ein neues Geschlecht der Men- schen entsprossen, deren harte Herzen keine Ge- fahr und keine Drohung scheuen; die kuͤhn das Meer beschiffen; den wilden Stuͤrmen trotz bie- ten, und in der blutigen Feldschlacht dem Tod’ ins Angesicht sehen. Es ist merkwuͤrdig, daß in diesen alten Dich- tungen der Ursprung der Menschen immer schon ihre Anlage zum Unbiegsamen, Harten und Kriegerischen in sich faßt. So mußte Kadmus in dem einsamen Boͤotien, auf den Befehl der Goͤtter, die Zaͤhne des von ihm erlegten Drachen in die Erde saͤen, um seine gefallenen Krieger zu ersetzen. Und aus dieser Saat des Kadmus keimten geharnischte Maͤnner auf, die ihre Schwerdter gegen einander kehrten, und eher vom Streit nicht ruhten, bis nur noch fuͤnfe von ihnen uͤbrig waren, die dem Kadmus beistanden. In diese Bilder huͤllte die Phantasie der Al- ten die Entstehung der Menschen ein, die im ewi- gen Zwiste mit sich selber von außen oder von in- nen, die Spitze ihrer inwohnenden Kraft gegen sich selber kehren, und gleichsam mit angestammter Grausamkeit, in ihr eigenes Eingeweide wuͤthen. Die Qualen des Prometheus dauerten daher so lange, bis ein Sterblicher durch Tapferkeit und unuͤberwindlichen Muth sich den Weg zur Unsterb- lichkeit und zum Sitz der Goͤtter bahnte, und das Menschengeschlecht mit dem Jupiter gleichsam wie- der aussoͤhnte. — Es ist Herkules, Jupiters und Alkmenens Sohn, der endlich mit seinen Pfeilen den Geier toͤdtet, und mit Jupiters Einwilligung den Prometheus von seiner langen Qual befreiet. Allein die goldenen Jahre der Sterblichen versetzte die Phantasie in jene Zeiten hin, wo noch kein Jupiter mit dem Donner herrschte, un- ter die Regierung des Saturnus, wohin man sich alles laͤngst Vergangene, die graue Vorzeit dach- te, die zwar gleich dem Saturnus, der seine Kin- der verschlang, die voruͤberrollenden Jahre in Ver- gessenheit begrub, aber auch keine Spur von blu- tigen Kriegen, zerstoͤrten Staͤdten, und unter- jochten Voͤlkern zuruͤckließ, welches den Hauptstoff der Geschichte ausmacht, seitdem die Menschen anfingen, ihre Begebenheiten aufzuzeichnen. Wie die Goͤtter lebten die Menschen damals, als noch Freiheit und Gleichheit herrschte, in Si- cherheit, ohne Muͤhe und Sorgen; und von den Beschwerlichkeiten des Alters unbedruͤckt. Die Erde trug ihnen Fruͤchte, ohne muͤhsam bebaut zu werden; unwissend was Krankheit war, starben sie, wie von sanftem Schlummer uͤbermannt; und wenn der Schooß der Erde ihren Staub auf- nahm, so wurden die Seelen der Abgeschiedenen, in leichte Luft gehuͤllt, die Schutzgeister der Ueber- lebenden. So schildern die Dichter jene goldnen Zeiten, worauf die Phantasie, von den geraͤuschvollen Scenen der geschaͤftigen Welt ermuͤdet, so gern verweilt. — Nachher aber wurden die Sterbli- chen die Muͤhebeladensten unter allen Geschoͤpfen, und die Dichter schildern die Arbeit und Beschwer- den des kummervollen Lebens der Menschen immer im Gegensatz gegen den sorgenfreien Zustand der seeligen Goͤtter. Um die Fluͤchtigkeit und Vergaͤnglichkeit des Lebens zu bezeichnen, wurde zum dankbaren An- denken des Prometheus in Athen ein schoͤnes Fest gefeiert; ihm war nemlich in einiger Entfernung von der Stadt ein Altar errichtet, von welchem man bis zur Stadt einen Wettlauf mit Fackeln hielt. Wer mit brennender Fackel das Ziel er- reichte, trug den Preis davon. Der erste, dessen Fackel unterwegens ausloͤschte, trat seine Stelle dem Zweiten, dieser die seinige dem Dritten ab, und so fort; wenn alle Fackeln verloͤschten, so trug keiner den Sieg davon. Die Alten liebten in ihren Dichtungen vor- zuͤglich den tragischen Stoff, wozu das Verhaͤltniß der Menschen gegen die Goͤtter, so wie sie es sich dachten, nicht wenig beitrug. Auf die armen Sterblichen wird wenig Ruͤcksicht genommen; sie sind den Goͤttern oft ein Spiel: ihnen bleibt nichts uͤbrig, als sich der eisernen Nothwendigkeit, und dem unwandelbaren Schicksal zu fuͤgen, dessen Oberherrschaft sich uͤber Goͤtter und Menschen erstreckt. Die Nacht und das Fatum, das uͤber Goͤtter und Menschen herrscht. A ls Jupiter einst auf den Gott des Schlafs er- zuͤrnt war, so huͤllte diesen die Nacht in ihren Mantel, und Jupiter hielt seinen Zorn zuruͤck, denn er fuͤrchtete sich, die schnelle Nacht zu betruͤben. Es giebt also etwas, wovor die Goͤtter selber Scheu tragen. Es ist das naͤchtliche geheimniß- volle Dunkel, worin sich noch etwas uͤber Goͤtter und Menschen Obwaltendes verhuͤllt, das die Be- griffe der Sterblichen uͤbersteigt. Die Nacht verbirgt, verhuͤllt; darum ist sie die Mutter alles Schoͤnen, so wie alles Furcht- baren. Aus ihrem Schooße wird des Tages Glanz gebohren, worin alle Bildungen sich entfalten. Und sie ist auch die Mutter: Des in Dunkel gehuͤllten Schicksals; Der unerbittlichen Parzen Lachesis, Klotho und Atropos; Der raͤchenden Nemesis, die verborgene Vergehungen straft; Der Bruͤder Schlaf und Tod, wovon der eine die Menschen sanft und milde besucht, der andre aber ein eisernes Herz im Busen traͤgt. — Sie ist ferner die Mutter der ganzen Schaar der Traͤume; Der fabelhaften Hesperiden, welche an den entferntesten Ufern des Oceans die goldne Frucht bewahren; Des Betruges, der sich in Dunkel huͤllt; Der haͤmischen Tadelsucht; Des nagenden Kummers; Der Muͤhe, welche das Ende wuͤnscht; Des Hungers; Des verderblichen Krieges; Der Zweideutigkeiten im Reden, und Des Meineides. Alle diese Geburten der Nacht sind dasjenige, was sich entweder dem Blick der Sterblichen ent- zieht, oder was die Phantasie selbst gern in naͤcht- liches Dunkel huͤllt. Eine hier beigefuͤgte Abbildung der Nacht, wie sie den Tod und den Schlaf in ihren Mantel huͤllt, und aus einer Felsengrotte zu ihren Fuͤßen, die phantastischen Gestalten der Traͤume hervorbli- cken, ist von dem neuern Kuͤnstler, der die Um- risse zu diesem Werk gezeichnet, nach einer Be- schreibung des Pausanias entworfen. Pausanias erzaͤhlt nemlich, daß er auf dem Kasten des Cypselus auf der einen Seite desselben, die Nacht in weiblicher Gestalt abgebildet gesehen, wie sie zwei Knaben mit verschraͤnkten, oder uͤber einander geschlagenen Fuͤßen in ihren beiden Armen hielt, wovon der eine weiß, der andre schwarz war; der eine schlief, der andere zu schlafen schien. In der hier beigefuͤgten Abbildung ist der Tod durch eine umgekehrte Fackel und der Schlaf durch einen Mohnstengel bezeichnet. Die Nacht selbst ist, als die fruchtbare Gebaͤhrerin aller Din- ge in jugendlicher Kraft und Schoͤnheit dargestellt. So ist sie auch auf einer antiken Gemme, de- ren Umriß ebenfalls hier beigefuͤgt ist, abgebildet, wie sie unter dem umschattenden Wipfel eines Baumes, dem Morpheus und seinen Bruͤdern Mohn austheilet. Der bildende Traumgott Mor- pheus, ein Sohn des Schlafs, steht in schoͤner jugendlicher Gestalt vor ihr, und empfaͤngt den Mohn aus ihren Haͤnden, indeß die Bruͤder des Morpheus, ebenfals Goͤtter der Traͤume und Kin- der des Schlafes, hinter ihr gebuͤckt gehen, um die uͤbrigen von ihr ausgestreueten Mohnstengel aufzulesen. Man sieht, wie die Alten das Dunkle und Furchtbare in reitzende Bilder einkleideten; und wie sie demohngeachtet fuͤr das hoͤchste Tragische empfaͤnglich waren, indem sie sich unter dem von der Nacht gebohrnen unvermeidlichen Schicksal oder dem Fatum das Hoͤhere Obwaltende dach- ten, dessen altes Reich, und dessen dunkle Plaͤne weit außer dem menschlichen Gesichtskreise liegen; Dessen Spuren man in dem vielfaͤltigen Jam- mer laß, der die Menschheit druͤckt; indem man das Unbekannte ahndete, unter dessen Macht die untergeordneten Kraͤfte sich beugen muͤssen und ein wunderbares Gefallen selbst an der Da- stellung schrecklicher Ereignisse, und verwuͤsten Zerstoͤrung fand, indem die Einbildungskraft n Vergnuͤgen sich in das Gebiet der Nacht und oͤden Schattenwelt verirrte. Demohngeachtet stellt sich uns in den schoͤn Dichtungen der Alten kein einziges ganz hassen s und verabscheuungswuͤrdiges Wesen dar. — Die unerbittlichen Parzen, welche die Nacht gebohren hat, und selbst die raͤcherischen Furien, sind im- mer noch ein Gegenstand der Verehrung der Sterblichen. Selbst die Sorgen und der druͤckende Kum- mer gehoͤren in der Vorstellungsart der Alten mit zu dem Gebiet des dunkeln Obwaltenden, daß die stolzen Wuͤnsche der Sterblichen hemmt, und dem Endlichen seine Grenzen vorschreibt. Alle diese furchtbaren Dinge treten mit in der Reihe der Goͤttergestalten auf, und werden nicht als ausgeschlossen gedacht, weil sie sich in dem nothwendigen Zusammenhange der Dinge mit befinden. Dieser nothwendige Zusammenhang der Din- ge oder die Nothwendigkeit selber, welche die Griechen Eimarmene nannten, war eben jene in furchtbares Dunkel gehuͤllte Gottheit, welche mit unsichtbarem Scepter alle uͤbrigen beherrschte und deren Dienerinnen die unerbittlichen Parzen w aren. Klotho haͤlt den Rocken, Lachesis spinnt d en Lebensfaden, und Atropos mit der furchtba- en Scheere schneidet ihn ab. Die Parzen bezeichnen die furchtbare, schreck- che Macht, der selbst die Goͤtter unterworfen sind, und sind doch weiblich und schoͤn gebildet, spinnend, und in den Gesang der Sirenen stim- mend. Alles ist leicht und zart bei der unbegrenz- ten hoͤchsten Macht. Nichts Beschwerliches, Un- behuͤlfliches findet hier mehr statt; aller Wider- stand des Maͤchtigern erreicht auf diesem Gipfel seine Endschaft. Es bedarf nur der leichtesten Beruͤhrung mit den Fingerspitzen, um den Umwaͤlzungen der Din- ge ihre Bahnen, dem Maͤchtigen seine Schran- ken vorzuschreiben. Es ist die leichteste Arbeit von weiblichen Haͤnden, wodurch der geheim- nißvolle Umlauf der Dinge gelenkt wird. Das schoͤne Bild von dem zart gesponnenen, mit der leichtesten Muͤhe zerschnittenen Lebensfa- den ist durch kein andres zu ersetzen. — Der Fa- den reißt nicht, sondern wird absichtlich von der Hand der Parze mit dem trennenden Eisen durch- schnitten. — Die Ursache des Aufhoͤrens liegt in der Willkuͤr der hoͤhern Maͤchte, bei denen das schon fest beschlossen ist, was Goͤtter und Men- schen noch zu bewirken oder zu verhindern sich be- muͤhen. Vergeblich wuͤnscht Jupiter, dem Fatum zuwi- der, seinem Sohne Sarpedon im Treffen vor Troja, das Leben zu erhalten. Weh mir, ruft er aus, daß mein Sarpedon jetzt, nach dem Schluß des Schicksals, durch die Hand des Patroklus fallen muß! und ob er nun gleich dem Fatum zuwider ihn gerne retten moͤchte; so muß es sich doch so fuͤgen, daß er auf den Rath der Juno, ihn erst durch die Hand des Patroklus fal- len laͤßt, und ihn dann dem Tode und dem suͤßen Schlummer uͤbergiebt, die ihn in seine Heimath D bringen, wo seine Freunde und Bruͤder ihn beweinen. Dem Ulysses ist vom Schicksal bestimmt, nach der Zerstoͤrung von Troja zehn Jahre umher zu irren, und ohne seine Gefaͤhrten, nach vielen Kum- mer, in seine Heimath wieder zuruͤckzukehren. — Und gerade da, wo alles am angenehmsten und einladendsten scheinet, lauert immer die meiste Ge- fahr; wie in dem ruhigen Hafen der Laͤstrigonen; bei dem Gesange der Sirenen, und beim Zauber- trank der Circe. — Ulysses mag das Ziel seiner Wuͤnsche noch so nahe vor sich sehen, so wird er doch immer wieder weit davon verschlagen; seine Thraͤnen und seine heißesten Wuͤnsche sind vergebens, — bis endlich, da es das Schicksal will, die Phaͤazier, auf ihrem Schiffe, ihn schlafend in seine Heimath bringen. An die Vorstellung von den Parzen schloß sich in der Phantasie der Alten das Bild von den raͤ- cherischen Furien an, und diese beiden Dichtungen gehen zuweilen unmerklich ineinander uͤber. Auch die quaͤlenden Furien sind furchtbare, schreckliche und dennoch verehrte geheimnißvolle Wesen; aus den Blutstropfen, welche bei der ersten Gewaltthaͤtigkeit, bei der Entmannung des Uranos die Erde auffing, erzeugt; mit Schlan- genhaaren, und Dolchen in den Haͤnden; uner- bittliche Goͤttinnen, den Frevel und das Unrecht zu strafen. In aͤhnlicher Gestalt, wie die erste Figur, nach einem antiken geschnittenen Steine aus der Stoschischen Sammlung, auf der hier beigefuͤg- ten Kupfertafel, mit dem Dolch und fliegendem Haar, scheint man sich zuweilen dasjenige gedacht zu haben, w a s man das feindseelige Schicksal, oder das schwarze Verhaͤngniß nannte, und womit man den erhabenen Begriff der Nothwen- digkeit noch nicht verknuͤpfte, in welchem sich al- les in Harmonie aufloͤßt, und das Schreckenvolle verschwindet. Lachesis, diejenige von den Parzen, welche den Faden spinnt, und irgendwo die schoͤne Toch- ter der Nothwendigkeit genannt wird, ist hier, ebenfalls nach einem geschnittenen Steine aus der Stoschischen Sammlung, in jugendlicher Schoͤn- heit abgebildet, sitzend und spinnend, einen Ro- cken vor, den andern hinter sich, und zu ihren Fuͤßen eine komische und eine tragische Maske. Da man selten Abbildungen von den Parzen findet, so hat dieß Denkmal aus dem Alterthum einen desto groͤßern Werth; und das Bedeutende in dieser Darstellung macht dasselbe doppelt anzie- hend. Die tragische und komische Maske zu den Fuͤßen der Parze ist eine der gluͤcklichsten Anspie- D 2 lungen auf das Leben, wenn man einen Blick auf dasselbe mit allen seinen ernsten und komischen Scenen wirft, wozu der zarte jung- fraͤuliche Finger der hohen Schicksalsgoͤttin den Faden drehet, indem die einen ihr nicht wichti- ger als die andern sind. Auf eine aͤhnliche Weise, in ruhiger Stellung, sich auf eine Saͤule stuͤtzend, in der Linken den Rocken sorglos haltend, und gleichsam mit dem Schicksalsfaden spielend, ist die Parze noch einmal auf einem andern geschnittenen Steine in der Stoschischen Sammlung abgebildet, wovon der Umriß ebenfalls hier beigefuͤgt ist. Diese ruhige Stellung der hohen Schicksals- goͤttin, womit sie auf die weitaussehenden Plane gleichsam laͤchelnd herabsieht, ist eine vorzuͤglich schoͤne Idee des alten Kuͤnstlers, von dem sich diese Bildung herschreibt. — Waͤhrend daß Goͤtter ihre ganze Macht, und Sterbliche alle ihre Kraͤfte aufbieten, um ihre Endzwecke und Absichten durch- zusetzen, haͤlt die hohe Goͤttin, spielend den Faden in der Hand, an welchem sie die Umwaͤlzungen der Dinge, und die stolzesten Entwuͤrfe der Koͤni- ge lenkt. — Die alten Goͤtter. D ie Scheidung zwischen den alten und neuen Goͤttern giebt den mythologischen Dichtungen ei- nen vorzuͤglichen Reitz. Die alten Gottheiten sind, wie wir schon bemerkt haben, gleichsam in Nebel zuruͤck getreten, woraus sie nur noch schwach hervorschimmern, indeß die neuen Goͤtter in dem Gebiete der Phantasie ihren Platz behaupten, und durch die bildende Kunst bestimmte Formen erhal- ten, in welche sich die verkoͤrperte Macht und Ho- heit kleidet, und ein Gegenstand der Verehrung der Sterblichen in Tempeln und heiligen Hainen wird. Durch die alten Gottheiten aber sind die neuen gleichsam vorgebildet. — Das Erhabene und Goͤttliche, was immer schon da war, laͤtzt die Phantasie in erneuerter und jugendlicher Gestalt, von unsterblichen oder von sterblichen Muͤttern, wieder gebohren werden, und giebt ihm Geschlechtsfolge, Nahmen und Geburtsort, um es naͤher mit den Begriffen der Sterblichen zu vereinen, und mit ihren Schicksalen zu ver- weben. Weil demohngeachtet aber die Phantasie sich an keine bestimmte Folge ihrer Erscheinungen bin- det, so ist oft eine und dieselbe Gottheit, unter verschiedenen Gestalten, mehrmal da. Denn die Begriffe vom Goͤttlichen und Erhabenen waren immer; allein sie huͤllten sich von Zeit zu Zeit in menschliche Geschichten ein, die sich, ihrer Aehn- lichkeit wegen, ineinander verlohren, und laby- rintisch verflochten haben; so daß in dem Zauber- spiegel der dunkeln Vorzeit, fast alle Goͤtterge- stalten, gleichsam im vergroͤßernden Wider- scheine, sich noch einmal darstellen; welches die Dichter wohl genutzt haben, deren Einbildungs- kraft, durch den Reitz des Fabelhaften in dieser dunkeln Verwebung mehrerer Geschichten, einen desto freiern Spielraum fand. Amor . Ist der aͤlteste unter den Goͤttern. Er war vor allen Erzeugungen da, und regte zuerst das unfruchtbare Chaos an, daß es die Finster- niß gebahr, woraus der Aether und der Tag her- vorging. Der komische Dichter Aristophanes fuͤhrt diese alte Dichtung scherzend an, indem er die Voͤgel redend einfuͤhrt, wie sie alle den geheimnißvollen urspruͤnglichen Wesen Fluͤgel beilegen, um sie dadurch sich aͤhnlich zu bilden, und ihren eigenen erhabenen Ursprung in ihnen wieder zu finden. Sie lassen daher den Amor selbst ehe er das Chaos befruchtet, aus einem Ei hervorgehen. Die schwarzgefluͤgelte Nacht, heißt es, brachte das erste Ei in dem weiten Schooße des Erebus hervor, aus dem nach einiger Zeit der reitzende Amor, mit goldenen Fluͤgeln versehen, hervor- kam, und indem er sich mit dem gefluͤgelten Chaos vermaͤhlte, zuerst das Geschlecht der Voͤgel erzeugte. Man sieht also, daß diese Dichtungen, von den komischen Dichtern eben sowohl scherzhaft, als von den tragischen Dichtern tragisch genommen wurden; weil man sie einmal als eine Sprache der Phantasie betrachtete, worin sich Gedanken jeder Art huͤllen ließen, und selbst die gewoͤhnlich- sten Dinge einen neuen Glanz und eine bluͤhende Farbe erhielten. Die Dichtung vom Amor bleibt auch selber noch in der scherzhaften Einkleidung des komischen Dichters schoͤn. — Dieser aͤlteste Amor ist vorzuͤg- lich der erhabene Begriff von der alles erregenden und befruchtenden Liebe selber. — Unter den neuen Goͤttern wird Amor von der Venus ge- bohren, und Mars ist sein Erzeuger. — Es ist der gefluͤgelte Knabe mit Pfeil und Bogen. — Die Wirkung von seinem Geschoß sind die schmer- zenden Wunden der Liebe — und seine Macht ist Goͤttern und Menschen furchtbar. Die himmlische Venus . Sie ist das erste Schoͤne, was sich aus Streit und Empoͤrung der urspruͤnglichen Wesen gegen einander entwickelt und gebildet hat. — Saturnus entmannet den Uranos. Die dem Uranos entnom- mene Zeugungskraft befruchtet das Meer; und aus dem Schaume der Meereswellen steigt Aphrodite, die Goͤttin der Liebe, empor. In ihr bildet sich die himmlische Zeugungskraft zu dem vollkommenen Schoͤnen, das alle Wesen beherrscht, und welchem von Goͤttern und Menschen gehuldigt wird. Unter den neuen Goͤttern ist Venus eine Tochter des Jupiter, die er mit der Dione einer Tochter des Aether erzeugte. — Sie traͤgt unter den Goͤttinnen den Preis der Schoͤnheit davon. — Sie ist mit dem Vulkan vermaͤhlt, und pflegt mit dem Mars, dem rauhen Kriegsgott, verstohlner Liebe. Die Vorstellungen von den Goͤttern sind er- habener, je dunkler und unbestimmter sie sind, und je weiter sie in das Alterthum zuruͤcktreten; sie werden aber immer reitzender und mannichfal- tiger je naͤher das Goͤttliche mit dem Menschlichen sich verknuͤpft; und jene erhabenen Vorstellungen schimmern dennoch immer durch, weil die Phan- tasie die Zartheit nnd Bildsamkeit des Neuen mit der Hoheit des Alten wieder uͤberkleidet. Aurora . Hyperion, ein Sohn des Himmels und der Erde, erzeugte mit der Thia, einer Tochter des Himmels, die Aurora, den Helios, und die Selene. Anstatt des Helios und der Selene tre- ten unter den neuen Goͤttern Apoll und Diana auf. Aurora aber schimmert, selbst unter den neu- en Gottheiten, in urspruͤnglicher Schoͤnheit und Jugend hervor. Sie vermaͤhlt sich mit dem Astraͤus aus dem Titanengeschlechte, einem Sohne des Krius, und gebiehrt die starken Winde, und den Mor- genstern. — Man siehet, daß sie zu den alten Goͤttergestalten gehoͤrt, die eigentlich als erhabene Naturerscheinungen betrachtet wurden, und welche die Einbildungskraft nur gleichsam mit we- nigen großen Umrissen, als zu Personen gebil- dete Wesen darstellte. — Sie erscheint in der Fruͤhe, aus der dunkeln Luft, mit Rosenfingern den Schleier der Nacht aufhebend, und leuchtet den Sterblichen eine Weile, und verschwindet wieder vor dem Glanz des Tages. Helios . Der Lenker des Sonnenwagens ist ebenfalls eine von den Goͤttergestalten, die nur durch we- nige große Umrisse, als zu Personen gebildete Wesen dargestellt sind. Denn es ist immer die leuchtende Sonne selbst, welche in den Bildern vom Helios durchschimmert. Das Haupt des Helios ist mit Strahlen um- geben. Er leuchtet den sterblichen Menschen und den unsterblichen Goͤttern. Er siehet und hoͤret alles, und entdeckt das Verborgene. Ihm waren auf der Insel Sicilien die feisten Rinder heilig, die ohne Hirren weideten, und an denen er sich ergoͤtz- te, so oft er am Himmel aufging und unterging. Als die Gefaͤhrten des Ulysses einige dieser Rinder geschlachtet hatten so drohte der Sonnen- gott, daß er in den Orkus hinabsteigen, und unter den Todten leuchten wolle, wenn Jupi- ter den Frevel nicht raͤchte. Und Jupiter zer- schmetterte bald das Schiff des Ulysses, dessen Ge- faͤhrten alle ein Raub der Wellen wurden. Zuweilen fuͤhrt der Sonnengott auch von den Titanen, aus deren Geschlechte er war, den Nah- men Titan; und von seinem Erzeuger, mit dem er in den alten Dichtungen zuweilen verwechselt wird; den Nahmen Hyperion, der das Hohe und Erhabene bezeichnet. Unter den neuen Goͤttern heißt der Lenker des Sonnenwagens Apollo, und ist ein Sohn Jupiters, der ihn und die Diana mit der Latona erzeugte, die aus dem Titanengeschlechte eine Toch- ter des Coͤus und der Phoͤbe war. Dieser Apollo ist eine bis auf die feinsten Zuͤge ausgebildete Goͤttergestalt, von der Phantasie mit dem Reitze ewiger Jugend und Schoͤnheit ge- schmuͤckt; der fernhintreffende Gott, den silbernen Bogen spannend, und der Vater der Dichter, die goldne Zitter schlagend. Da nun Apollo nicht zu gleicher Zeit auf Er- den der Gott der Dichtkunst und der Tonkunst seyn, die Goͤtter im Olymp mit Saitenspiel und Gesang ergoͤtzen, und auch den Sonnenwagen len- ken kann; so scheint es, als habe die Phantasie der Dichter, den Apollo und Helios sich zu einem Wesen gebildet, daß sich gleichsam in sich selbst verjuͤngt, indem es im Himmel als leuchtende Sonne von Alters her auf und untergeht, und auf Erden in jugendlicher Schoͤnheit, neu ge- bohren, wandelnd, mit goldenen Locken, ein unsterblicher Juͤngling, die Herzen der Goͤtter und Menschen mit Saitenspiel und Gesang erfreuet. Selene . Das Geschaͤft der Selene oder der Luna, eben- falls einer Tochter des Hyperion, ist, mit ihrem sanften Scheine die Nacht zu erleuchten. — Un- ter den neuen Gottheiten heißt diejenige, welche den Wagen des Mondes lenkt, Diana, und ist eine Tochter des Jupiter, die er, so wie den Apollo, mit der Latona erzeugte. Diana ist gleich dem Apoll mit Koͤcher und Bogen abgebildet; denn sie ist zugleich die Goͤttin der Jagd. In ihr hat sich die Tochter Hype- rions verjuͤngt, mit der sie, so wie Apollo mit dem Helios, gleichsam ein Wesen ausmacht; in- dem sie am Himmel von Alters her, als Luna, allnaͤchtlich den Wagen des Mondes lenkt, und auf Erden in jugendlicher Schoͤnheit neu geboh- ren, von ihren Nymphen begleitet, mit Koͤcher und Bogen einhergeht, und in den Waͤldern sich mit der Jagd ergoͤtzt. So wie Selene und Helios, von dem Titanen Hyperion, sind Apollo und Diana, vom Jupiter erzeugt, der die Titanen verdraͤngt hat, und von dem sich nun die Reihe der neuen Goͤttererzeugun- gen herschreibt, weswegen er der Vater der Goͤtter heißt. Hekate . Der Titane Coͤus erzeugte mit der Phoͤbe, einer Tochter des Himmels, außer der Latona auch die Asteria. Diese vermaͤhlte sich mit dem Per- ses einem Sohne des Titanen Krius, und ge- bahr ihm die Hakate, welche, obgleich aus dem Geschlecht der Titanen entsprossen, vom Jupiter vorzuͤglich geehrt wurde. Denn sie gehoͤrt zu den naͤchtlichen geheim- nißvollen Wesen, deren Macht sich weit erstreckt. Sie ist zugleich eine Art von Schicksalsgoͤttin, in deren Haͤnden das Loos des Menschen steht; sie theilt nach Gefallen Sieg und Ruhm aus; sie herrscht uͤber Erde, Meer, und Luͤfte; den neu- gebohrnen Kindern giebt sie Wachsthum und Ge- deihen; und alle verborgenen Zauberkraͤfte stehen ihr zu Gebote. Auch diese alte geheimnißvolle Gottheit laͤßt die Phantasie in der Gestalt der naͤchtlichleuch- tenden Diana sich verjuͤngen, und mit dieser gleichsam neu wieder gebohren werden. — Die neue Gottheit, worauf Gedanke und Einbildung einmal haftet, zieht das Aehnliche und Verwand- te in sich hinuͤber, und uͤberformt es in sich. Oceanus . Ein Sohn des Himmels und der Erde, ver- maͤhlte sich mit der Tethys, einer Tochter des Him- mels, und erzeugte die Fluͤsse und Quellen. Er nahm an dem Goͤtterkriege keinen Antheil; dem- ohngeachtet aber ist er unter die alten Gottheiten zuruͤckgewichen, die durch die Verehrung der neuen Goͤtter gleichsam in Schatten gestellt sind. Denn als Jupiter die Titanen besiegt hatte, so theilte er sich mit seinen Bruͤdern, dem Neptun und Pluto, in die Oberherrschaft, so daß Jupiter den Himmel, Neptun das Meer, und Pluto die Unterwelt beherrschte. Neptun ist also der Koͤnig uͤber die Gewaͤsser, und des Oceanus wird selten mehr gedacht; ob- gleich die aͤußersten Grenzen der Erde, da wo nach der alten Vorstellungsart, die Sonne ins Meer sank, das eigentliche Gebiet des alten Oceanus sind, das aber gleichsam zu entfernt liegt, als daß die Phantasie darauf haͤtte haften koͤnnen. Neptun hingegen bezeichnet die Meeresflu- then, in so fern sie mit Schiffen befahren werden, und er entweder Stuͤrme erregt, oder mit seinem maͤchtigen Dreizack die Meereswogen baͤndigt. Darum wurden ihm allenthalben Tempel erbaut, Altaͤre geweiht, und Opfer dargebracht. Als Juno einst, bei dem Kriege vor Troja, um den Jupiter zu uͤberlisten, sich den Liebeeinfloͤßen- den Guͤrtel der Venus erbat, so that sie es unter dem Vorwande, sie wolle sich dieses Guͤrtels be- dienen, um an den Grenzen der Erde, bei dem Oceanus und der Tethys, von denen sie zu der Zeit des Saturnus liebevoll gepflegt und erzogen sey, einen alten Zwist, wodurch dies Goͤtterpaar schon lange entzweiet waͤre, beizulegen. — Diese beiden alten Gottheiten werden also wie ganz entfernt von der Regierung und den Geschaͤf- ten der neuen Goͤtter dargestellt; und ihrer nur ge- dacht, indem ihre alten Zwiste der Juno zum Vorwande dienen, den Guͤrtel der Venus zu er- halten, womit sie den Jupiter uͤberlisten will. Die Oceaniden . Die Soͤhne und Toͤchter des Oceanus sind die Fluͤsse und Quellen. Die Toͤchter des Oceans werden von dem ersten tragischen Dichter der Griechen aufgefuͤhrt, wie sie den Prometheus, der an den Felsen geschmiedet ist, beklagen, und uͤber die Tyrannei des neuen Herrschers der Goͤt- ter mit ihm seufzen. Metis . Eine Tochter des Oceans vermaͤhlte sich mit dem Jupiter; allein sie ward ihm furchtbar, weil sie einen Sohn gebaͤhren sollte, der uͤber alle Goͤt- ter herrschen wuͤrde. — Jupiter zog sie in sich hin- uͤber und gebahr selbst von ihr die Minerva aus seinem Haupte. Eurynome . Eine Tochter des Oceans vermaͤhlte sich eben- falls mit dem Jupiter, und gebahr ihm die Gra- zien Aglaja, Thalia, und Euphrosine, de- ren Augen Liebe einfloͤßen, und die freundlich un- ter den Augenbraunen hervorblicken. Styx. Die geehrteste unter den Toͤchtern des Oce- ans, die mit dem Pallas aus dem Titanenge- schlechte, einem Sohne des Krius sich vermaͤhlte, und ihm die maͤchtigen Soͤhne, Kampf und Sieg, Gewalt und Staͤrke gebahr. Auf den Rath ihres Erzeugers ging die Styx mit ihren Soͤhnen, in dem Goͤtterkriege, zu dem Jupiter uͤber; und seit der Zeit haben ihre Soͤhne bestaͤndig beim Jupiter ihren Sitz. Gewalt und Staͤrke mußten auf den Be- fehl des Jupiter den Prometheus zu dem Felsen fuͤhren, woran er geschmiedet wurde. Jupiter siegte mit List uͤber die Titanen, indem er die staͤrksten von ihnen zu seiner Parthei zu ziehen wußte. Die drei Soͤhne des Titanen Krius, Pallas mit der Styx, Perses mit der Asteria der Mut- ter der Hekate, und Astraͤus mit der Aurora vermaͤhlt, treten in Dunkel zuruͤck, und die folgenden Dichtungen scheinen vorauszusetzen, daß sie in dem Goͤtterkriege, gegen den Jupiter gestritten, und mit ihrem Erzeuger und den uͤbri- gen Titanen in den Tartarus geschleudert sind. Bei diesen Titanen im Tartarus und bei der furchtbaren Styx, dem unterirdischen Quell, dessen Wasser im naͤchtlichen Dunkel vom hoch sich woͤl- benden Felsen traͤufelt, und den Fluß bildet, uͤber welchen keine Ruͤckkehr statt findet, schwoͤren die Goͤtter den schrecklichen unverletzlichen Schwur, von dessen Banden keine Macht im Himmel und auf Erden befreien kann. Die hohen Goͤtter koͤnnen nur bei dem Tiefen schwoͤren, wo Nacht und Finsterniß herrscht, wo aber auch zugleich die Grundfeste der Dinge ist, auf der die Erhaltung des Daseyns aller Wesen beruht. Denn da, wo sich die schwarze Styx ergießt, ist der finstre Tartarus mit eherner Mauer um- schlossen, und von dreifacher Nacht umgeben. Hier ist es, wo die Titanen im dunkeln Kerker sitzen. Hier sind aber auch zugleich nach der alten Dichtung die Grundsaͤulen der Erde, des Meeres und des gestirnten Himmels. Hier an den entfernten Ufern des Oceans ist auch die unaufhoͤrlich mit schwarzen Wolken bedeckte Wohnung der Nacht; und Atlas der Sohn des Japet steht davor, mit unermuͤdetem Haupt und Haͤnden die Last des Himmels tragend. Da, wo Tag und Nacht einander sich stets begegnen, und niemals beisammen wohnen. E Hier war es auch, wo Kottus, Gyges, und Briareus in den Tiefen des Oceans ihre Behau- sung hatten, und den Eingang zu dem Kerker der Titanen bewachten. Mnemosyne . Auch diese schoͤne Bildung der Phantasie ge- hoͤrt zu den alten Gottheiten; denn sie ist eine Tochter des Himmels und der Erde. Ihr schoͤ- ner Nahme bezeichnet das Denkende, sich Zuruͤck- erinnernde, welches in ihr aus der Vermaͤhlung des Himmels mit der Erde entstand. — Sie blieb jungfraͤulich unter den Titanen, bis Jupiter sich mit ihr vermaͤhlte, und die Musen mit ihr er- zeugte, die den Schatz des Wissens unter sich theilten, den ihre erhabene Mutter vereint besaß. Themis . Auch diese war eine Tochter des Himmels und der Erde, welche Prometheus bei dem tragischen Dichter, der ihn leidend darstellt, seine Mutter nennt, die ihm, wie auch die Erde, als eine Ge- stalt unter vielen Nahmen, die Zukunft weis- sagte. Wir haben schon bemerkt, daß die alten Goͤt- ter noch durch Rath und Weißagung Einfluß hat- ten. Die Erde selber war das aͤlteste Orakel, und an diese schloß sich am naͤchsten die Themis an, welche nach der Ueberschwemmung der Erde, dem Deukalion und der Pyrrha, auf dem Parnaß, den schon angefuͤhrten Orakelspruch ertheilte, sie sollten, um das Menschengeschlecht wieder herzu- stellen, die Gebeine ihrer Mutter mit verhuͤlltem Antlitz hinter sich werfen. Die Themis lehrte den Prometheus in die Zukunft blicken, und da die Titanen in dem Goͤt- terkriege seinem Rath nicht folgten, so ging er mit ihr zum Jupiter uͤber, dem er durch klugen Rath die Titanen besiegen half, wofuͤr dieser ihn nach- her mit Schmach und Pein belohnte. Mit der Themis aber vermaͤhlte sich Jupiter, und erzeugte mit ihr die Eunomia, Dice, nnd Irene, welche auch Horen genannt wurden; Goͤttinnen der Eintracht befoͤrdernden Gerechtig- keit und Gefaͤhrtinnen der Grazien, welche eben- falls Toͤchter des Jupiter, Hand in Hand ge- schlungen, ein schoͤnes Sinnbild wohlwollender Freundschaft sind. Themis selber behauptet auch unter den neuen Gottheiten, als die Goͤttin der Gerechtigkeit ihren Platz. So wie sie dem Prometheus die Zukunft enthuͤllte, nahm sie sich auch der Men- schen an, die sein Werk waren, und durch die Befolgung ihres Orakelspruchs nach der Deukalio- E 2 nischen Ueberschwemmung, aufs neue aus har- ten Steinen wieder gebildet wurden. — Auch erwaͤhnen die alten Dichtungen der Astraͤa einer Tochter der Themis, die von den Schutzgoͤttinnen der Sterblichen am laͤngsten bei ihnen verweilte, bis sie zuletzt gen Himmel entfloh, da der Frevel der Menschen uͤberhand nahm, und weder Ge- rechtigkeit noch Scheu mehr galt. Weil die Themis dem Jupiter die Zukunft oder den Schluß des Schicksals enthuͤllte, so laͤßt eine besondere Dichtung auch die Parzen Lachesis, Klotho und Atropos, die Toͤchter der alten Nacht, vom Jupiter wieder erzeugt, und von der Themis gebohren worden. Die Parzen sind also in diesen Dichtungen eine doppelte Erscheinung, einmal als Toͤchter der alten Nacht und als Dienerinnen des Schicksals, uͤber den Jupiter weit erhaben; und dann als Toͤchter des Jupiter, die nach dem Willen des Schicksals, seine Rathschluͤsse voll- ziehen. Die doppelten Erscheinungen der Goͤtter- gestalten, sind in diesem traumaͤhnlichen Gewebe der Phantasie nicht selten; was vor dem Jupiter da war, wird, da der Lauf der Zeiten mit ihm aufs neue beginnt, noch einmal wieder von ihm erzeugt, um seine Macht zu verherrlichen, und ihn zum Vater der Goͤtter zu erheben. — Die Dichter haben von jeher das Schwankende in die- sen Dichtungen zu ihrem Vortheil benutzt, und sich ihrer als einer hoͤhern Sprache bedient, um das Erhabene anzudeuten, was oft vor den trun- kenen Sinnen schwebt, und der Gedanke nicht fas- sen kann. Pontus . Die Erde erzeugte aus sich selber den Uranos oder den Himmel, der sie umwoͤlbet; die hohen Berge mit ihren waldigten Gipfeln; und den Pontus oder das unfruchtbare Meer; hierauf gebahr sie erst, indem sie sich mit dem Himmel vermaͤhlte den entfernten grundlosen Ocean. Den Pontus oder das mittellaͤndische be- kannte befahrne Meer, traͤgt die Erde, so wie die Berge, gleichsam in ihrem Schooße, das heißt in dieser Dichtung, sie hat diese großen Erscheinungen aus sich selbst erzeugt; und aus den aufsteigenden Nebelduͤnsten hat sie den umwoͤlbenden Luftkreis um sich her gewebt. Da aber, wo der Himmel sich gleichsam mit ihr vermaͤhlt, indem seine Woͤlbung auf ihr zu ruhen scheint, am aͤußersten westlichen Hori- zonte, wo die Sonne ins Meer sinkt, breitet sich erst in weiten Kreisen der unbekannte unbe- grenzte Ocean um sie her, der nach der alten Dich- tung, aus der Beruͤhrung oder Begattung des Him- mels und der Erde gebohren ward. Der Pontus oder das Meer, das die Erde in ihrem Schooße traͤgt, vermaͤhlte sich mit seiner Mutter Erde, und erzeugte mit ihr den sanften Nereus, den Thaumas, die Eurybia, die ein eisernes Herz im Busen traͤgt, den Phorkys und die schoͤne Ceto. Nereus . In dem Nereus gab die Dichtung der sanf- ten ruhigen Meeresflaͤche Persoͤnlichkeit und Bil- dung. Er ist wahrhaft und milde, und vergißt des Rechts und der Billigkeit nie; liebt Maͤßigung und haßt Gewalt. Mit ruhigem Blick schaut er in die Zukunft hin, und sagt die kommenden Schicksale vorher. Ein Dichter aus dem Alterthum fuͤhrt ihn redend ein, wie er bei Wind und Meeresstille, dem Paris, welcher die Helena aus Griechenland entfuͤhrt, das Schicksal von Troja vorher verkuͤn- digt. Er vermaͤhlte sich mit der Doris, der schoͤ- nen Tochter des Ocean; und dieses Goͤtterpaar, sich zaͤrtlich umarmend, und auf den Wellen des Meeres sanft emporgetragen, ist eines der schoͤn- sten Bilder der Phantasie aus jenen Zeiten, wo man den großen unuͤbersehbaren Massen so gern Form und Bildung gab. — Nereus, der Gott der ruhigen Meeresflaͤche, erzeugte mit der Do- ris, der Tochter des Ocean: Die Nereiden . Ihrer ist eben so wie der Toͤchter des Ocean eine große Zahl. — Das wuͤste Meer wurde durch diese Bildungen der Phantasie ein Aufent- halt hoher Wesen, die da, wo Sterbliche ihr Grab finden wuͤrden, ihre glaͤnzende Wohnung hatten, und von Zeit zu Zeit sich auf der stillen Meeresflaͤche zeigten, welches zu reitzenden Dich- tungen Anlaß gab. So stieg einst Galatea, eine Tochter des Nereus, aus den Wellen empor, welche der Riese Polyphem erblickte, der sich ploͤtzlich vom Pfeil der Liebe verwundet fuͤhlte, und so oft sie nachher sich zeigte, ihr sein Leid vergeblich klagte. Thetis, eine Tochter des Nereus, welche mit der Tethys, einer Tochter des Himmels und Vermaͤhlten des Oceans, nicht zu verwechseln ist, wurde, eben so wie die Metis, dem Jupiter, der sich mit ihr vermaͤhlen wollte, furchtbar, als ihn die Prophezeihung schreckte: sie wuͤrde einen Sohn gebaͤhren, der wuͤrde maͤchtiger als sein Vater seyn. Durch die Veranstaltung der Goͤtter wurde sie daher mit dem Koͤnige Peleus vermaͤhlt, der den Achill mit ihr erzeugte, welcher maͤchtiger als sein Vater wurde; denn die Thetis tauchte ihn in den Styx, wodurch er, ausgenommen an der Ferse, woran sie ihn hielt, unverwundbar ward, aber auch gerade an dieser einzigen verwundbaren Stelle, in dem Kriege vor Troja, die toͤdtliche Wunde empfing. Noch sagt die Dichtung, daß diese Thetis einst, da die neuen Goͤtter den Jupiter binden wollten, und der wahrsagende Nereus ihr dieß entdeckte, den hundertaͤrmigen Briareus aus der Tiefe des Meers hervorrief, der sich neben den Donnerer setzte, worauf es keiner der Goͤtter wagte, die Hand an den Jupiter zu legen. Mit der Amphitrite, einer Tochter des Ne- reus, vermaͤhlte sich Neptun; sie tritt also unter den neuen Gottheiten majestaͤtisch auf, und wird abgebildet, wie sie gleich dem Gott, dem sie ver- maͤhlt ist, den maͤchtigen Dreizack in der Hand haͤlt, und die wilden Fluthen baͤndigt. Von funfzig Toͤchtern des Nereus sind die Nahmen aufgezeichnet, allein nur wenige unter ihnen sind in die fernere Geschichte der Goͤtter verflochten; die uͤbrigen machen das Gefolge glaͤn- zend, wenn Theris oder Amphitrite aus dem Meer emporsteigt. Thaumas . Das Staunen und die Verwunderung uͤber die großen Erscheinungen der Natur, ist aus dem Meer erzeugt, und wird, obgleich nur mit wenigen Umrissen, in dem Thaumas, einem Sohne des Pontus als persoͤnlich dargestellt. Thaumas vermaͤhlt sich mit der Elektra, ei- ner Tochter des Ocean, und erzeugt mit ihr die bewundernswuͤrdigste Erscheinung, den viel- farbigten Regenbogen, der wegen der Schnellig- keit, womit seine Fuͤße die Erde beruͤhren, indeß sein Haupt noch in die Wolken ragt, unter dem Nahmen Iris, als die Botin der Goͤtter dar- gestellt wird, die in der neuen Goͤttergeschichte zum oͤftern handelnd wieder auftritt. Thaumas mit der Elektra erzeugte auch die schnellen gefluͤgelten Harpyen, Aello und Ocy- pete, den Sterblichen ein Schrecken, die, gleich den reißenden Wirbelwinden, dem Meer entstei- gen, und unaufhaltsam ihren Raub mit sich hin- wegfuͤhren. Eurybia . Eine Tochter des Pontus, die ein eisernes Herz im Busen traͤgt, und mit dem Titanen Krius sich vermaͤhlt, dem sie die starken Soͤhne, Astraͤus, Pallas, und Perses gebiehrt; sie ist eine dunkle Erscheinung, die in Nacht zuruͤcktritt. Phorkys und die schoͤne Ceto oder die Erzeugung der Ungeheuer. Phorkys, ein Sohn des Pontus, erzeugte mit der schoͤnen Ceto, einer Tochter des Pontus: Die Graͤen: Dino, Pephredo, und Enyo; die ewigen alten drei schwanenweißen Jungfrauen, die von ihrer Geburt an grau waren, nur einen Zahn und ein Auge hatten, und an den aͤußersten Grenzen der Erde wohnten, wo die Behausung der Nacht ist, und wo sie nie von der Sonne, noch von dem Lichte des Mondes beschienen wurden. Die Gorgonen, Schwestern der Graͤen, mit furchtbarem Antlitz und Schlangenhaaren, Euryale, Stheno, und Medusa. Den Drachen, der an den außersten Gren- zen der Erde die goldenen Aepfel der Hesperiden bewacht. Aus dem Blute der Medusa, da sie vom Per- seus enthauptet wurde, sprang Chrysaor mit gold- nem Schwerdte, und der gefluͤgelte Pegasus hervor. Chrysaor vermaͤhlte sich mit der Kallirhoe, ei- ner Tochter des Oceans, und erzeugte mit ihr den dreikoͤpfigten Geryon und die Echidna, halb Nymphe mit schwarzen Augen und bluͤhenden Wan- gen, und halb ein ungeheurer Drache; mit dieser erzeugte Typhaon, ein heulender Sturmwind: Den dreikoͤpfigten Hund Cerberus; Den zweikoͤpfigten Hund Orthrus; Die Lernaͤische Schlange; Die feuerspeiende Chimaͤra, mit dem Ant- litz des Loͤwen, dem Leib der Ziege, und dem Schweif des Drachen, — und zuletzt gebahr die Echidna, nachdem sie sich mit dem Orthrus be- gattet hatte, Den nemaͤischen Loͤwen, und Die raͤthselhafte Sphinx mit dem jungfraͤuli- chen Antlitz und den Loͤwenklauen. Dieß ist die Nachkommenschaft des Phorkys und der schoͤnen Ceto. — Die Erzeugung der Un- geheuer endigt sich mit der Geburt des Geheim- nißvollen und Raͤthselhaften, worin die alten Ausspruͤche und dunkeln Sagen der Vorzeit gehuͤl- let sind. — Und so wie die Nacht die Mutter des Ver- borgenen, Unbekannten ist, wie z. B. der Hespe- riden, die an den entferntesten Ufern des Oceans die goldnen Aepfel bewahren; so laͤßt die Phan- tasie die Ungeheuer, wie z. B. den Drachen, der diese goldene Frucht bewacht, dem Meer ent- stammen. Allein diese Ungeheuer entstehen nur, um in der Folge die Tapferkeit und den Muth zu pruͤfen, und von Goͤtterentstammten Helden besiegt zu werden, die durch kuͤhne Thaten sich den Weg zur Unsterblichkeit bahnen. Die Fluͤsse . Auch den Fluͤssen gab die Einbildungskraft Persoͤnlichkeit. — Sie gehoͤren als Soͤhne des Oceans zu den alten Gottheiten, und sind zum Theil in die folgende Goͤttergeschichte als handeln- de Wesen mit verflochten, wie z. B. Skaman- der, Achelous, Peneus, Alphaͤus, Ina- chus. Die Bildung der Flußgoͤtter giebt zu schoͤnen Dichtungen Anlaß; der Stammvater eines Volks, z. B. dessen Ursprung nicht weiter zu erforschen ist, heißt der Sohn des Flusses, an welchem seine Nachkommen wohnen. Durch diese Dichtungen knuͤpfte die leblose Natur sich naͤher an die Men- schen an, und man dachte sich gleichsam naͤher mit ihr verwandt. Proteus . Ein Sohn des Oceans und der Tethys; der Huͤter der Meerkaͤlber; welcher gleich der geheim- nißvollen Natur, die unter tausend abwechseln- den Gestalten den forschenden Blicken der Sterb- lichen entschluͤpft, sich in Feuer und Wasser, Thier und Pflanze verwandeln konnte, und nur denen, die unter jeder Verwandelung ihn mit starken Armen fest hielten, zuletzt in seiner eigenen Gestalt erschien, und ihnen das Wahre entdeckte. Chiron . Schon Saturnus pflog einer verstohlnen Liebe mit der Philyra, einer Tochter des Flußgottes Asopus. Indem er sich mit ihr begattete, ver- wandelte er sich, um die eifersuͤchtigen Blicke der Rhea zu taͤuschen, in ein Pferd, und erzeugte mit der Philyra den Chiron, der halb Mensch halb Pferd, dennoch Schaͤtze hoher Weisheit in sich schloß, und in der Folge der Erzieher von Koͤ- nigen und Helden ward, die ihm ihre Tugenden und ihre Bildung dankten. Atlas . Unter den Nachkommen der Titanen ist Atlas einer von den großen Goͤttergestalten, die in die Folge der fabelhaften Geschichte zum oͤftern wieder verflochten werden: Jupiter vermaͤhlte sich mit seiner Tochter der Maja, und erzeugte mit ihr den Merkur, welcher daher ein Enkel des Atlas heißt. Nemesis . Sie ist, wie die Parzen, eine Tochter der Nacht; sie hemmet Stolz und Uebermuth, straft und belohnt nach gerechtem Maaß, und ahndet verborgnen Frevel. Sie gehoͤrt unter den alten Gottheiten zu den hohen geheimnißvollen Wesen, die von Goͤttern und Menschen mit Ehrfurcht be- trachtet werden. Und unter den neuen Goͤttern behauptet sie bleibend und herrschend ihren Platz. Prometheus . Der Weiseste unter den Titanen, dessen schoͤpferischer Genius die Menschen bildete, hat, wie die meisten alten Gottheiten, nur noch durch Weißagung und Rath in die Folge der Goͤtterge- schichte Einfluß; seine große Erscheinung tritt in Nebel zuruͤck. Jupiter, der Vater der Goͤtter . I n der Darstellung der alten Goͤtter spielt die Phantasie der Dichter mit lauter großen Bil- dern. — Es sind die großen Erscheinungen der Natur; der Himmel und die Erde, das Meer, die Morgenroͤthe, die Macht der sich empoͤrenden Elemente unter dem Bilde der Titanen, die strah- lende Sonne und der leuchtende Mond, welche alle nur mit wenigen Zuͤgen, als persoͤnliche Wesen dargestellt, in Reihe und Glied mit stehen, und mehr Stoff fuͤr die Dichtkunst als fuͤr die bil- dende Kunst darbieten. Aus dem Nebel dieser Erscheinungen treten die neuen Goͤttergestalten in Sonnenglanz her- vor. — Der maͤchtige Donnergott mit dem Adler zu seinen Fuͤßen; Neptun, der Erderschuͤtterer, mit dem maͤchtigen Dreizack; die majestaͤtische Juno; der ewig junge Apoll mit dem silbernen Bogen; die blauaͤugigte Minerva mit Helm und Spieß; die goldne Aphrodite; die jungfraͤuliche Diana mit Koͤcher und Bogen; der eherne Kriegs- gott, Mars; Merkur, der schnelle Goͤtterbote. — Auf den Jupiter selber faͤllt der hoͤchste Glanz zuruͤck; denn er ist der Erzeuger der strahlenden Gestalten, die in jugendlicher Schoͤnheit neu hervorgehen. — Neptun und Pluto, Juno, Vesta und die befruchtende Ceres sind unter den neuen Goͤttern mit ihm zugleich vom Saturnus erzeugt, und von der Rhea gebohren; vom Ju- piter selber ist die groͤßre Zahl der neuen Goͤtter entsprossen. Unter den alten Gottheiten erzeugte Jupiter schon: Mit der Metis, einer Tochter des Oceans, die Minerva; Mit der Mnemosyne, einer Tochter des Himmels, die Musen; Mit der Themis, einer Tochter des Himmels, die Goͤttinnen der Eintracht und Gerechtigkeit; Mit der Eurynome, einer Tochter des Oce- ans, die Grazien; Mit der Latona, einer Tochter des Coͤus und der Phoͤbe, den Apoll und die Diana; Mit der Maja, einer Tochter des Atlas, den Merkur. Allein alle diese hohen Goͤttinnen und erhab- nen Muͤtter himmlischer Wesen, treten dennoch in Schatten zuruͤck, gegen die herrschende Juno, die vor allen das Recht behauptet, die Vermaͤhlte des Donnergottes zu seyn, und deren Eifersucht dem Jupiter, nachdem er schon lange die Titanen be- siegt, und die Giganten uͤberwunden hat, noch oft den Glanz seiner Goͤttermacht verleidet. In die Goͤtterehe des Jupiter und der Juno trug die Dichtung auch die menschlichen Verhaͤlt- nisse hinuͤber, welche nach den Begriffen einer Gottheit des Verstandes freilich thoͤricht und laͤcherlich waren, aber nicht nach dem Begriff einer Gottheit der Phantasie, deren nachahmende Bildungskraft sich eben sowohl ihre Goͤtter nach dem Bilde der Menschen, als ihre Menschen nach dem Bilde der Goͤtter schuf, leise ahndend, daß die Menschheit beides in sich vereinigt. In diesem Sinne ist Juno auch die Goͤttin der Ehe, und gebahr dem Jupiter die Lucina oder Ilithya, welche den Schwangern bei ihrer Entbindung beisteht. Mit ihr erzeugte Jupiter auch die Hebe, oder die Goͤttin der Jugend, ein Sinnbild der Fortpflanzung, wodurch die Gat- tung immer neu gebohren, in ewiger Jugend sich erhaͤlt. Diese Goͤttin ist dereinst dem Herkules, wenn er durch große und schoͤne Thaten sich die Unsterblichkeit erworben, zum Lohn der Tugend und Tapferkeit bestimmt. Juno gebahr aber auch dem Jupiter den un- versoͤhnlichen Mars, den schrecklichen Krieges- gott, auf welchen Jupiter oftmals zuͤrnte, und F ihn vom Himmel zu schleudern drohte, aber sei- ner schonte, weil er sein eigener Sohn war. Den Vulkan gebahr die Juno ohne Begat- tung, dem Jupiter zum Trotz, weil dieser die Minerva aus seinem Haupte gebohren hatte. — Es sind die beiden bildenden Gottheiten, in deren Hervorbringung Jupiter und Juno wettei- fern. — Was nun aber die Entwickelung des Hohen und Goͤttlichen verhindert und erschwert, das ist bei den Erzeugungen des Jupiter Die Eifersucht der Juno. Eben so wie Jupiter, da er kaum gebohren war, nur mit Muͤhe vor den Nachstellungen der verfolgenden zerstoͤrenden Macht gerettet werden konnte, und seine Waͤchter um seine Lagerstatt ein wildes Getoͤse erheben mußten, damit Saturnus die Stimme des weinenden Kindes nicht verneh- men moͤchte; So suchte auch die Tochter des Saturnus, das neugebildete Hohe und Goͤttliche, wo moͤglich, in seinem Keime zu zerstoͤren, und seine Geburt mit furchtbarer Macht zu hindern, damit es nie das Licht des Tages erblicken moͤchte. Als die sanfte Latona den Apollo und die Diana, dem Jupiter gebaͤhren sollte, so ließ Juno sie durch einen Drachen verfolgen, und beschwur die Erde, ihr keinen Platz zur Entbindung zu vergoͤnnen. — Die Insel Delos war, als ein schwimmendes Eiland, das keine bleibende Staͤtte hatte, nicht mit unter dem Schwur begriffen; hier fand Latona erst, wo ihr Fuß ruhen konnte. Die- ses Eiland war es, wo sie zwischen einem Oehl- baum und Palmbaum zuerst die Diana und dann den Apollo gebahr. Da Semele, die Tochter des Kadmus in Theben, vom Jupiter den Bachus gebaͤhren sollte, so wußte Juno, unter der Gestalt ihrer Am- me, sie mit schwarzem Trug zu uͤberreden, sie solle den Jupiter schwoͤren lassen, er wolle ihr eben so erscheinen, als wenn er der Juno Bett bestiege; Jupiter erschien ihr in der Gestalt des Donnergottes, und Semele ward ein Raub der Flammen; den jungen Bachus rettete Jupiter und verbarg ihn in seine Huͤfte. Und als nachher Alkmene vom Herkules, dem Sohne des Jupiter, entbunden werden sollte, so setzte sich Juno vor der Thuͤr des Hauses auf ei- nem Steine nieder, mit beiden Haͤnden ihre Knie umschlungen, und machte auf die Weise der Mutter des Herkules die Entbindung schwer. Den Herkules selbst verfolgte sie von seiner Kindheit an, wodurch sein Heldenmuth gepruͤft, seine Brust gestaͤhlt, und F 2 ihm der Weg zur Unsterblichkeit und zum Sitz der Goͤtter gebahnet wurde. Von der Eifersucht der Juno ist, nach einer wohlerfundenen Dichtung, selbst ein Gestirn am Himmel ein unausloͤschliches Zeichen. Sie ver- wandelte nemlich die vom Jupiter geliebte Nym- phe Kallisto in eine Baͤrin, die nachher von ihm unter die Sterne versetzt ward. Da bat die Juno den Ocean, er moͤchte diese neue glaͤnzende Gestalt am Himmel nicht in seinen Schooß aufneh- men — und dieß Gestirn geht niemals unter. Die Eifersucht der Juno haucht diesen Dich- tungen Leben ein, so wie die Winde das stille Meer aufregen. Auch ist diese Eifersucht an sich selbst erhaben, weil sie nicht ohnmaͤchtig, son- dern mit Goͤtterkraft und Hoheit verknuͤpft, den Gott des Donners selber auf dem hoͤchsten Gipfel seiner Macht beschraͤnkt. Vesta , Die den Erdkreis mit heiliger Gluth belebt, ist selbst unter den neuen Goͤttern ein geheimniß- volles Wesen; sie blieb jungfraͤulich unter den Toͤchtern des Saturnus und der Rhea, und der keusche Schleier huͤllt ihre Bildung ein. — Ceres . Mit ihr, der alles befruchtenden und alles er- naͤhrenden Goͤttin, die vom Saturnus erzeugt, und aus dem Schooß der Rhea gebohren ward, erzeugte Jupiter die jungfraͤuliche Proserpina, die, vom Pluto entfuͤhrt, in der Unterwelt die Koͤnigin der Schatten ward. Pluto und Proserpina sind also unter den neuen Goͤttern die Beherrscher des Orkus oder der Schattenwelt. — Der Tartarus ist eine der groͤßren Erscheinungen aus dem Zeitraume der alten Goͤtter; — er ist, tief unter dem Orkus, mit eherner Mauer umgeben, und dreifacher Nacht umgossen, der Aufenthalt der Titanen, die ewiges Dunkel gefangen haͤlt. Diese sind nun besiegt, und Jupiter, Neptun, und Pluto haben sich in die Herrschaft uͤber Erde, Meer, und Luft getheilt. — Das Chaos hat sich gebildet; — die Elemente haben sich gesondert; — aber des Himmels Glanz umgiebt den herrschenden Jupiter . Er hat auf dem Olymp den hoͤchsten Sitz; — er winket mit den Augenbraunen, und der Olymp erbebt; — er ist das umgebende Ganze selber; — vor ihm beugt sich der Erdkreis; er laͤchelt, und der ganze Himmel heitert mit einemmal sich auf. — Mit seiner Macht und Hoheit vereint sich die ganze Fuͤlle der Jugendkraft , welche durch nichts gehemmt ist. — Der Himmel faßt die Fuͤlle sei- nes Wesens nicht. — Um seine Goͤtterkraft in manchem Heldenstamme auf Erden fortzupflan- zen, richtete er auf die Toͤchter der Sterblichen seine Blicke; und damit sie Semelens Schicksal nicht erfuͤhren, huͤllte der Allesdurchwebende in taͤuschende Gestalten seine Gottheit ein. Von seinem hohen Sitze senkte er sich, in dem goldnen Regen , in Danaens Schooß hernieder, und erzeugte mit ihr den tapfern Perseus, der die Ungeheuer mit maͤchtigem Arm besiegte. Mit dem majestaͤtischen Schwanenhalse schmiegte er sich an Ledas Busen, und sie gebahr den edelmuͤthigen Pollux, und die goͤttliche Hele- na, das schoͤnste Weib auf Erden, aus Jupiters Umarmung. In der Kraft des muthigen Stiers , lud er mit sanftem Blick, die jungfraͤuliche Europa auf seinen Ruͤcken ein, und trug sie durch die Meeres- fluthen an Kretas Ufer, wo er den Minos mit ihr erzeugte, der den Voͤlkern Gesetze gab, und uͤber sie mit Macht und Weisheit herrschte. Auch die Thiergestalten sind in diesen Dich- tungen heilig, wo man unter dem Bilde der Gott- heit die ganze Natur verehrte, und nichts Un- edles in der Vorstellung lag, den hoͤchsten unter den Goͤttern in irgend einer der Gestalten der all- umfassenden Natur sich verhuͤllt zu denken. Daß nun eine widerstrebende, eifersuͤchtige, und doch auch erhabene Macht die hoͤchste Macht zu beschraͤnken, und ihre Plane zu verei- teln sucht; daß Jupiters verstohlnen Umar- mungen die tapfern Soͤhne entstammen, ist ganz in dem Geiste dieser Dichtungen, wo alles Schoͤ- ne und Starke, was sich entwickeln und bilden soll, mit Widerstand und Schwierigkeiten kaͤmpfen, und manche Noth und Gefahr bestehen muß, bis sein Werth erprobt ist. Von nun ist die Goͤttergeschichte in die Ge- schichte der Menschen verflochten und verwebt. — Die Goͤtterkriege haben nun aufgehoͤrt, und was die seeligen Goͤtter noch beschaͤftigt, das sind die Schicksale der Sterblichen, mit denen ihre Macht, den einen hebend und den andern stuͤrzend zum oͤftern gern ihr Spiel treibt; — zum oͤftern aber auch der hohen Heldentugend und Tapferkeit sich annimmt; zuerst am Kampf des Helden sich er- goͤtzt, und dann mit Unsterblichkeit den Sieger lohnt. — Nun ist es aber das Verhaͤltniß des Donner- gottes zu der hohen Juno, worin die Verwicke- lung dieser Geschichten groͤßtentheils sich gruͤndet. Ihre verfolgende Eifersucht ist es, die den Helden ihre schwere Laufbahn vorschreibt. — So bildet sich das Gewebe dieser Dichtungen aus einem er- habenen Punkte, und knuͤpft sich immer wieder an die Majestaͤt der herrschenden Gottheit an. Die neue Bildung des Menschengeschlechts. N achdem das Menschengeschlecht nun einmal da war, so schien es unvertilgbar zu seyn. — Jupiter schickte vergeblich seine Suͤndfluth; — es wuchs aus Kteselsteinen, und keimte aus Drachenzaͤhnen wieder auf. — Dem Schlamm der feuchten Erde entsproßten Menschen, und Menschen entstamm- ten den Eichen des Waldes, der ihnen Nah- rung gab. Allein das goldene Zeitalter war entflohen, und noch waren die Kuͤnste nicht erfunden, die das harte Leben der Menschen sanft und ertraͤglich machen. — Des Feuers beraubt, war dieß Geschlecht nun das unseeligste unter allen, und mußte durch manche Noth sein unverschuldetes Daseyn buͤßen. — Bis selbst, durch diese Noth gedrungen, der langverborgene Goͤtterfunken sich endlich in den Tiefgesunkenen wieder regte, und sie aus eigener Kraft nun wurden, wozu kein Gott sie bilden konnte; indem sie jedes Gut, mit unverdrossenem Fleiß, sich selbst verschaften, dessen Besitz sie nun der Wohlthat keines Gottes mehr verdankten. Als Hasser des Prometheus und der Titanen- feind, suchte Jupiter durch die Beraubung des Feuers, die Menschen zu verderben. — Aber als die uͤber ihren eigenen Zorn erhabene, ruhige, mit dem Schicksal einverstandene Macht, sahe er aus der Unterdruͤckung, die sein eigenes Werk war, ein neues Geschlecht hervorgehen, das durch Aus- harren, Kraft, und Duldung, den Goͤttern aͤhn- lich ward. — So stellt ein Dichter aus dem Al- terthum in folgenden Zeilen, den Jupiter nicht als den Hasser, sondern als den Wohlthaͤter und Vater der Menschen dar. Selbst der Vater beschied dem Feldbau Muͤh, und bestellt’ ihn Erst durch Kunst, mit Sorgen den Geist der Sterb- lichen schaͤrfend; Daß nicht starrte sein Reich in des Schlummers dumpfer Betaͤubung. Nie vor Jupiter bauten das Fruchtfeld ackern- de Pfluͤger; Weder Mal noch Theilung durchschnitt die gemein- samen Fluren: Alle suchten fuͤr alle; ja selbst die Erde, da nie- mand Forderte, trug unsklavisch und gern. Doch Jupiters Rathschluß Gab ihr toͤdtendes Gift der schwarz aufschwellenden Natter, Sandte die hungrigen Woͤlfe zum Raub’ und regte das Meer auf, Schuͤttelt’ ihr Honig den Baͤumen herab, und ent- ruͤckte das Feuer, Hieß auch stocken den Wein, der in schlaͤngelnden Baͤ- chen umherfloß; Daß der Gebrauch allmaͤlig die mancherlei Kuͤnste mit regen Sinnen erzwaͤng’ und den naͤhrenden Halm in Fur- chen erzeugte, Auch das verborgene Feuer entschluͤg’ aus den Adern des Kiesels. Jetzo fuͤhrte zuerst der Strom die gehoͤhleten Er- len; Jetzo gab dem Gestirne der Steuerer Zahlen und Nahmen, Merkend Plejad’ und die leuchtende Baͤrin Ly- kaons. Jetzo laurte die Schling’ im Gestraͤuch, und die Rute voll zaͤhes Vogelleims; es drohten die Hund’ um den maͤchti- gen Bergwald. Dort nun fuhr in die Tiefe des breiten Stromes das Wurfnetz Rauschend hinab, dort schwebt’ in dem Meer das triefende Zuggarn. Jetzo starrte das Eisen, es klang die knarrende Saͤge; Denn sonst pflegte der Keil den kluͤftigen Stamm zu zerspalten; Jetzo kamen die Kuͤnst’ und Erfindungen. Alles besieget; Unverdrossener Fleiß, und die Noth des dringen- den Mangels. Virgil. Von Voß übersetzt. Da nun Prometheus in Schatten zuruͤckge- wichen ist, und eine neue Menschenerzeugung an- hebt, so sind, außer dem Deukalion die Stamm- vaͤter oder neuen Schoͤpfer des Menschengeschlechts, mit denen es gleichsam aus der Vergessenheit wie- der emporragt: Ogyges, Cekrops und Inachus. Ogyges . In die Zeiten des Ogyges faͤllt eine Ueber- schwemmung, die noch aͤlter als die Deukalionische ist. — Der Gesichtskreis schließt sich mit dieser Ogygischen Fluth, uͤber welche selbst die fabel- hafte Geschichte nicht weiter hinausgeht. Ogyges, welcher die Gegend beherrschte, die in der Folge der Zeit Attika und Boͤotien hieß, erzeugte mit der Thebe, einer Tochter des Jupi- ter, den Eleusinus, der damals schon die Stadt Eleusis erbauete, in welcher nachher die Eleusini- schen Geheimnisse gestiftet wurden. Inachus . Auf den Inachus, einen Sohn des Oceans, wird ein großer Theil der aͤltesten Geschichte zu- ruͤckgefuͤhrt. — Dieser Inachus war ein Strom, der die Fluren von Argolis im Pelopponeß bewaͤs- serte. — Die Dichtung gab ihm Persoͤnlichkeit, und machte ihn selber zum Stammvater des Men- schengeschlechts, das an seinen Ufern sich ausge- breitet hatte. Sein Sohn Phoroneus lehrte die Menschen den Gebrauch des Feuers wieder, und beredete sie, sich gemeinschaftliche Wohnplaͤtze zu erbauen, da sie vorher zerstreut in Waͤldern lebten. — Er war einer der aͤltesten Wohlthaͤter des gleichsam wiedergebohrnen Menschengeschlechts. Jo, eine Tochter des Inachus, wurde vom Jupiter geliebt und von der Juno verfolgt, in die Gestalt einer Kuh verwandelt, in rasender Wuth auf dem ganzen Erdkreise umhergetrieben, bis sie endlich in Aegypten einen Ruheplatz fand, wo sie goͤttlich verehrt wurde, und Jupiter den Epaphus mit ihr erzeugte. — Von diesem Epaphus stammte ein koͤniglich Geschlecht, das lange nach- her in Griechenland wieder herrschte, und dessen Recht zur Oberherrschaft auf seinen Ursprung vom alten Inachus sich stuͤtzte. Mit der Lybia, einer Tochter des aͤgyptischen Koͤniges Epaphus , erzeugte Neptun den Belus und Agenor. — Agenor herrschte zu Tyrus; Kadmus , wel- cher Theben erbauete, und die erste Schrift nach Griechenland brachte, war sein Sohn, und die vom Jupiter entfuͤhrte Europa seine Toch- ter. — Die Tochter des Kadmus war Semele, die den Bachus gebahr. Belus, der andere Enkel des Epaphus, erzeugte den Danaus, und Aegyptus. Danaus kam nach Griechenland, und herrschte uͤber Ar- gos; von ihm stammte Akrisius ab, mit dessen Tochter, der Danae, Jupiter in einem goldnen Regen sich vermaͤhlte, und den Perseus mit ihr erzeugte. Alcaͤus war ein Sohn des Perseus; und eine Enkelin des Alcaͤus war Alkmene, die Mut- ter des Herkules. — Dieß sind die vornehmsten Erzeugungen aus dem von Inachus abgeleiteten Heldenstamme. Weil man nun nicht weiter als bis auf den Inachus, den Stamm der aͤltesten Koͤnige und Helden zuruͤckzufuͤhren vermochte; so heißt es nachher in der Dichtersprache: du magst vom alten Inachus dein Geschlecht herleiten, so bleibst du doch ein Opfer des unerbittlichen Orkus! Cekrops . Mit ihm bildete sich in der Gegend von Attika ein Geschlecht von Menschen, die er lehrte, in Huͤtten zusammen zu wohnen; und unter de- nen er zuerst den Ehestand einfuͤhrte, weswegen man ihn mit doppeltem Antlitz, einem maͤnn- lichen und weiblichen gebildet hat. — Aus dem nachmaligen Stamme der athen i ensischen Koͤnige, welche vom Erechtheus die Erechthiden hießen, war Theseus der beruͤhmteste Held. Athen wurde nachher die gebildetste unter den Staͤdten Griechenlands, und bis in die aͤlte- ste fabelhafte Geschichte derselben, ist die Idee von bildender Kunst die herrschende. — Nep- tun und Minerva, die auch Pallas Athene heißt, wetteiferten, nach wessen Nahmen die neu sich bildende Stadt benannt werden sollte; Mi- nerva trug den Sieg davon, und nach ihrem Nahmen wurde die Stadt Athen genannt. Deukalion . Obgleich Deukalion als der eigentliche Wie- derhersteller des vertilgten Menschengeschlechts be- trachtet wurde; so sehen wir doch, wie aͤltere Sa- gen sich an diese Dichtung anschließen, und die neue Menschenschoͤpfung oder Menschenbildung des Deukalion nur auf einen Theil von Griechen- land beschraͤnken. Amphyktion, ein Sohn des Deukalion, stiftete zuerst eine heilige Verbindung unter meh- reren Voͤlkern, die durch gemeinschaftliche Be- rathschlagungen gleichsam zu einem Volke sich vereinigten. — Diese heilige Stiftung wurde lan- ge nachher nach seinem Nahmen die Versamm- lung der Amphyktionen genannt. Hellen, der zweite Sohn des Deukalion, herrschte in Thessalien, und erzeugte den Aeolus; den Stammvater vieler Helden. Die beruͤhmte- sten aus dem Aeolischen Heldenstamme, sind Me- leager, Jason, und Bellerophon. Meleager uͤberwand den Kalydonischen Eber; Bellero- phon besiegte die Chimaͤra; und Jason erbeutete das goldne Fließ. Die alten Einwohner von Arkadien . Unter diesen dachte man sich die aͤltesten Menschen, die schon vor irgend einer Zeitrech- nung da waren; welches man in die Dichtung ein- kleidete, sie waͤren eher, als der Mond, gewe- sen. — Auch bei diesem Geschlechte der Men- schen artete die urspruͤngliche Einfalt und Unschuld der Sitten dergestalt in Laster und Bosheit aus, daß Jupiter einst so lange seine Blitze auf Arka- dien fallen ließ, bis endlich selbst die Erde ihre Arme ausstreckte und ihn um Erbarmung flehte. Der Dodonische Wald . In Chaonien , einer Gegend von Epirus, war der Dodonische Eichenwald, worin sich ein Orakel des Jupiter befand, und in welchen man auch den Aufenthalt von dem uralten Geschlecht der Menschen versetzte, die noch keine andere Nah- rung als Eicheln kannten. G Die menschenaͤhnliche Bildung der Goͤtter. W ir haben schon bemerkt, daß die Phantasie sich eben sowohl ihre Goͤtter nach dem Bilde der Menschen, als ihre Menschen nach dem Bilde der Goͤtter schuf. — Das Unendliche, Unbegrenzte, ohne Ge- stalt und Form, ist ein untroͤstlicher Anblick. — Das Gebildete sucht sich an dem Gebildeten fest zu halten. — Und so wie dem Schiffer, der Land erblickt, sein Muth erhoͤhet, und seine Kraft belebt wird; so ist fuͤr die Phantasie der troͤstliche Umriß einer Menschenbildung das sichere Steuer, woran sie auf dem Ocean der großen Erscheinun- gen der Natur sich fest haͤlt. — Dieß Gefuͤhl war bei den Alten vorzuͤglich lebhaft. — Die unendlichen Massen, die den Menschen umgeben, Himmel, Erd’ und Meer, erhielten in ihrer heitern Imagination Bildung und Form. — Man suchte die Zartheit des Ge- bildeten, mit der Staͤrke des Ungebildeten zu vereinen; und gleich wie in dem hohen aufrechten Koͤrperbau des Menschen, die Festigkeit des Eichen- stammes sich mit der Biegsamkeit des zarten Halms verknuͤpft; so verband sein schoͤpferischer Genius auch mit der Staͤrke des tobenden Elements, und mit der Majestaͤt des rollenden Donners, die Zuͤge der redenden Menschenlippe, die winken- den Augenbraunen, und das sprechende Auge. — Jupiter . Die Bildung, welcher die schaffende Phan- tasie den Donner in die Hand gab, mußte uͤber jede Menschenbildung erhaben, und doch mit ihr harmonisch seyn; weil eine denkende Macht be- zeichnet werden sollte, die nur durch Zuͤge des re- denden Antlitzes ausgedruͤckt werden kann; und bis zu dem Gipfel hub die bildende Kunst der Grie- chen, durch ihren Gegenstand selbst geheiligt, sich empor; daß sie menschenaͤhnliche, und doch uͤber die Menschenbildung erhabene Goͤttergestalten schuf, in welchen alles Zufaͤllige ausgeschlossen, und alle wesentlichen Zuͤge von Macht und Hoheit vereinigt sind. So wie nun aber der Begriff der Macht in der Vorstellungsart der Alten von ihren Goͤttern und Helden fast immer der herrschende ist; so ist auch in ihren erhabensten Goͤtterbildungen der Ausdruck der Macht das Ueberwiegende. G 2 Jupiters schweres Haupt, aus dem die Weis- heit gebohren ward, senkt sich vorwaͤrts uͤber; — es waltet uͤber den Wechsel der Dinge; — es waͤgt die Umwaͤlzungen. — Doch zieht die ewig heitre Stirn sich nie in sinnende Falten. Am unbeschraͤnktesten ist die Macht des Don- nergottes; — es ist die mindermaͤchtige Juno, die den Jupiter uͤberlistet; — und Merkur der Goͤtterbote, der nur die Befehle der hoͤhern Maͤchte vollzieht, ist der Listigste unter den Goͤt- tern. Auch stellt die bildende Kunst der Alten den Jupiter am haͤufigsten dar, wie er gleichsam in seiner ganzen Macht sich fuͤhlt, und dieser Macht sich freut. — So ist er auf der hier beigefuͤgten Kupfertafel, nach dem Abdrucke einer antiken Gemme in der Lippertschen Daktyliothek, sitzend abgebildet, den Donner in der Rechten, den Zepter in der Linken, und den Adler zu seinen Fuͤßen. Auf eben dieser Kupfertafel befindet sich noch, ebenfalls aus der Lippertschen Daktyliothek, der Umriß einer Buͤste des Jupiter, mit dem Mantel bekleidet, und mit der koͤniglichen Binde um das Haupt; daneben ein Jupiterskopf mit Widder- hoͤrnern; und unten zur Gegeneinanderstellung, ein geschleierter Saturnuskopf, mit einer Kugel auf demselben, und einem sichelaͤhnlichen Zepter, der im Nacken hervorragt. Der Kopf mit Widderhoͤrnern bezeichnet den Jupiter Ammon, der in Lybien, wo er Orakel- spruͤche ertheilte, unter dieser Gestalt verehrt wurde. Und in dieser Bildung tritt selbst Jupiter un- ter die alten Goͤttergestalten zuruͤck, wo er, nicht mit dem Donner bewafnet, nur weißa- gend seine Gottheit offenbart, obgleich die bilden- de Kunst der Alten auch in diese Darstellung den Ausdruck der Macht des Donnergottes zum Theil uͤbertragen hat. In dem geschleierten Saturnuskopf aber tritt eine alte in Schatten zuruͤckgewichene Goͤtterge- stalt im Gegensatz gegen die neue herrschende auf. — Es ist der seines alten Reichs entsetzte Erzeuger des Jupiter; den aber die Sterblichen noch immer, als den Stifter des goldnen Zeital- ters, unter einer sanftern und mildern Gestalt verehrten. Bart und Haupthaar sind beim Inpiter be- zeichnend in Ansehung der inwohnenden Kraft und jugendlichen Staͤrke, welche in den dichtgekraͤusel- ten Locken sich zusammendraͤngt. „Er winket mit den schwarzen Augenbrau- „nen; — er schuͤttelt die ambrosischen Locken auf „seinem unsterblichen Haupte, — und der Olymp „erbebt. —“ Bei dem aͤltesten Dichter spricht Jupiter sel- ber, indem er den uͤbrigen Goͤttern drohet, auf folgende Weise, die Macht seines Wesens aus: Eine goldne Kette will ich aus meiner Hand vom Himmel zur Erde senken; versucht es, all’ ihr Goͤtter und Goͤttinnen, und haͤngt das Gewicht eurer ganzen vereinten Macht an diese Kette; es wird euch nicht gelingen, den hoͤchsten Jupiter vom Himmel zur Erde herabzuziehen; dieser aber wird die Kette, mit leichter Hand, und mit ihr Erd’ und Meer gen Himmel heben, und sie an seinem hohen Sitz befestigen, daß die Welt an ihr schwebend haͤngt. Hieraus erhellet deutlich, daß man sich zu dem erhabensten Begriff vom Jupiter das umge- bende Ganze selber als Urbild dachte. — Da sich nun in dem Begriff dieser Umgebung alles veredelt; was Wunder denn, daß man die Hel- den, deren Erzeuger man nicht wußte, Soͤhne des Jupiter nannte, der in taͤuschenden Verwand- lungen sie mit ihren Muͤttern erzeugte. — Denn mit dieser Gottheit, die das Spielende und Zarte, so wie das Majestaͤtische und Hohe in sich vereinte, und selber sich in tausend Gestalten huͤllte, konnte die Phantasie noch frei in kuͤhnen Bildern scherzen; sie durfte sich mit an die goldne Kette haͤngen, den Jupiter vom Himmel herab zu ziehen; so wurde sie selber zum Himmel empor gezogen. — Und hier ist es, wo demohngeachtet die Gott- heit uͤber die Menschheit, selbst in diesen Dichtun- gen, uͤberschwenglich sich emporhebt. — In den folgenden Zeilen hat ein neuer Dichter diesen Ab- stand ganz im Geiste der Alten besungen: Graͤnzen der Menschheit . W enn der uralte, Heilige Vater Mit gelassener Hand Aus rollenden Wolken Segnende Blitze Ueber die Erde saͤ’t, Kuͤß’ ich den letzten Saum seines Kleides, Kindliche Schauer, Treu in der Brust. Denn mit Goͤttern Soll sich nicht messen Irgend ein Mensch. Hebt er sich aufwaͤrts, Und beruͤhrt Mit dem Scheitel die Sterne, Nirgends haften dann Die unsichern Sohlen, Und mit ihm spielen Wolken und Winde. Steht er mit festen, Markigen Knochen Auf der wohlgegruͤndeten, Dauernden Erde; Reicht er nicht auf, Nur mit der Eiche Oder der Rebe Sich zu vergleichen. Was unterscheidet Goͤtter von Menschen? Daß viele Wellen Vor jenen wandeln, Ein ewiger Strom: Uns hebt die Welle, Verschlingt die Welle, Und wir versinken. Ein kleiner Ring Begraͤnzt unser Leben, Und viele Geschlechter Reihen sich dauernd An ihres Daseyns Unendliche Kette. Goͤthe. Nichts Hoͤheres aber konnte man sich denken, als den umwoͤlbenden Aether, in welchem alle Bildungen und Gestalten ruhen; dieser war da- her auch Jupiters hoͤchstes Urbild. — So sang ein Dichter aus dem Alterthum: Du siehst den er- habenen ungemessenen Aether, der mit sanf- ter Umgebung die Erd’ umfaßt; den sollst du fuͤr die hoͤchste Gottheit, du sollst fuͤr Ju- piter ihn halten! Juno . Unter der Juno dachte man sich das Erhabne mit der Macht vereinte Schoͤne. — Der Juno hohes Urbild war der Luftkreis, welcher die Erde umgiebt; dieser vermaͤhlte sich mit dem ewigen Aether, der auf ihm ruht. — In der vom Glanz der Sonne durchschimmer- ten Atmosphaͤre bildet sich der vielfarbigte Regen- bogen. Dieser ist wiederum das Urbild der schnel- len Goͤtterbotin, welche die Befehle der Juno vollzieht. Es ist die glaͤnzende Iris, eine Toch- ter des Thaumas, welche, wenn sie in den Wol- ken steht, die Gegenwart der hohen Himmels- koͤnigin verkuͤndigt. Der Regenbogen spiegelt den majestaͤtischen Schweif der Pfauen, die den Wagen der Juno in den Wolken ziehn. — Alles ist uͤbereinstim- mend in dieser schoͤnen Dichtung; die Harmonie des Ganzen wird durch kein einziges Bild gestoͤrt. Die erhabene Juno heißt die herrschende, großaͤugigte, weißarmigte; — es ist nicht sanfter Reitz der Augen, der ihre Bildung zeich- net; sondern Ehrfurcht einpraͤgende Groͤße — und von dem uͤbrigen Umriß dieser Goͤttergestalt beruͤhrt die Dichtkunst nur die Schoͤnheit des maͤchtigen Arms. So wie nun aber gleich den Stuͤrmen, die das Meer aufregen, die Eifersucht der Juno den Dichtungen Leben einhaucht; so sind ihr Urbild auch die tobenden Elemente, wovon das ganze Spiel der menschlichen Leidenschaften im Kleinen ein Abdruck ist. Die Elemente sind im Streit; sie zuͤrnen in Ungewittern, verdraͤngen und unterdruͤcken ein- ander; berauben und raͤchen sich. — Der Felsen kracht im tobenden Meere, und unter dem Wind- stoß heult die Welle. — Dieß alles aber beschraͤnkt sich nur auf die niedre Atmosphaͤre. Ueber dieser ist alles bleibend und regelmaͤs- sig. — Alles hat Raum genug; — im stillen Aether vollenden die Weltkoͤrper ihre Bahnen, und nichts verdraͤngt, nichts hemmt das andre. — Krieg und Empoͤrung sind erst da, wo das ungemessene Ganze sich in die kleinern Punkte zu- sammendraͤngt, wo es sich aneinanderreibt, stoͤßt und lebendig wird. — Da ist die immerwaͤhrende Werkstatt der Bildung und Zerstoͤrung; aber auch der Sitz der Wehklage, des Zorns, des Jam- mers. — Da muß Hektor fallen; — Hekuba muß ihr Haar zerraufen, — und Troja ein Raub der Flammen werden. — Aber der Gipfel des hohen Olymp ragt uͤber die Wolken in den umwoͤlbenden Aether empor. — Dahin versetzt die Einbildungskraft den Wohnsitz der seeligen Goͤtter, die, selbst uͤber Sorgen und Ungemach erhaben, bei frohem Saitenspiel, den suͤßen Nektar schluͤrfen, und laͤcheln, daß sie der muͤhebeladenen Sterblichen wegen sich ent- zweien konnten. So knuͤpft die Phantasie die menschenaͤhnli- che Gestalt der Goͤtter bestaͤndig wieder an ihr himmlisches Urbild an. — Der Schwan in Ledas Schooße umwoͤlbt im blauen Aether Erde, Meer, und Luft. — Juno, die Koͤnigin, umstroͤmt den Erdkreis in dem zarten durchsichtigen Nebeldunste, worin der Regenbogen mit glaͤnzenden Farben spielt. — Als Juno sich einst empoͤrte, hing Jupiter in dem Luftkreise, den sie selbst beherrschte, schwere Amboße an ihre Fuͤße. — Das Hohe und Erha- bene mußte die Schmach des Niederziehens dulden — und alle Himmlische trauerten bei dem Anblick. — Da wir nichts Uebermenschliches kennen, so konnte mit den erhabenen aus der Natur genom- menen Bildern auch nur das Menschliche sich ver- knuͤpfen. — Es ist daher als ob die Menschheit selber in diesen Dichtungen sich naͤher mit der gros- sen Natur verwebte, und sich in suͤßen Traͤumen an sie anschmiegt. Juno bezeichnet nun in einer hoͤhern Sprache die hohe Gebietende, uͤber den sanften Liebreitz selbst erhabene Schoͤnheit. — Als Juno den Ju- piter mit Liebreitz fesseln wollte, so mußte sie erst den Guͤrtel der Venus leihen, deren sanftere Schoͤnheit schon vorher den Preis davon trug, als der Hirt auf Idas Gipfel den kuͤhnen entscheiden- den Ausspruch that. Da nun Juno sich schmuͤckt, dem Jupiter zu gefallen, so ordnet sie, in ihrem Schlafgemach, ihr glaͤnzendes Haar in Locken; sie salbet sich mit dem Oehle der Goͤtter, wovon der Wohlgeruch, sobald es nur geregt wird, vom Himmel bis zur Erde sich verbreitet. Sie zieht ihr goͤttliches Kleid an, das von der Minerva selbst gewebt ist, und hakt es auf der Brust mit goldenen Haken zu. — Sie um- guͤrtet sich mit ihrem Guͤrtel, und bindet an ihre Fuͤße die glaͤnzenden Schuhe; den Guͤrtel der Ve- nus aber verbirgt sie in ihrem Busen. — So vollendet sich diese schoͤne Dichtung, in- dem sie von ihrem hohen Urbilde allmaͤlig nieder- steigt, und bei der Darstellung der Koͤnigin des Himmels, auch nicht den kleinsten weiblichen Schmuck vergißt. — Auf der hier beigefuͤg- ten Kupfertafel befindet sich im Umriß, nach antiken geschnittenen Steinen aus der Lippert, schen Daktyliothek, außer einem Kopf der Juno, noch eine Abbildung von ihr, wo sie der bilden- de Kuͤnstler, sitzend auf Jupiters Adler, den Zepter in der Hand, und einen Schleier uͤber sich schwebend haltend, ihr Haupt mit Sternen um- geben, gleichsam auf dem Gipfel ihrer Hoheit, darstellt. Apollo . Das erste Urbild des Apollo ist der Sonnen- strahl in ewigem Jugendglanze. — Den huͤllt die Menschenbildung in sich ein, und hebt mit ihm zum Ideal der Schoͤnheit sich empor, wo der Aus- druck der zerstoͤrenden Macht selbst in die Har- monie der jugendlichen Zuͤge sich verliert. — Die hohe Bildung des Apollo stellt die ewig junge Menschheit in sich dar, die gleich den Blaͤt- tern auf den immergruͤnenden Baͤumen; nur durch den allmaͤligen Abfall und Zerstoͤrung des Verwelkten, sich in ihrer immerwaͤhrenden Bluͤthe, und frischen Farbe erhaͤlt. Der Gott der Schoͤnheit und Jugend, den Saitenspiel und Gesang erfreut, traͤgt auch den Koͤcher auf seiner Schulter, spannt den silber- nen Bogen, und sendet zuͤrnend seine Pfeile, daß sie verderbliche Seuchen bringen, oder er toͤdtet auch mit sanftem Geschoß die Menschen. Unter den Dichtungen der Alten ist diese eine der erhabensten und liebenswuͤrdigsten, weil sie selbst den Begriff der Zerstoͤrung, ohne davor zu- ruͤckzubeben, in den Begriff der Jugend und Schoͤnheit wieder aufloͤßt, und auf die Weise dem ganz Entgegengesetzten dennoch einen harmoni- schen Einklang giebt. Daher scheint auch die bildende Kunst der Alten in der schoͤnsten Darstellung vom Apollo, die unsre Zeiten noch besitzen, ein Ideal von Schoͤnheit erreicht zu haben, die alles Uebrige in sich faßt, und deren Anblick, wegen des unend- lich Mannichfaltigen, was sie in sich begreift, die Seele mit Staunen erfuͤllt. Apollo und Diana sind die verschwisterten To- desgoͤtter, — sie theilen sich in die Gattung: — Jener nimmt sich den Mann, und diese das Weib zum Ziele; und wen das Alter beschleicht, den toͤdten sie mit sanftem Pfeil; damit die Gattung sich in ewiger Jugend erhalte, waͤh- rend daß Bildung und Zerstoͤrung immer gleichen Schritt haͤlt. Gleich den vom Vater der Goͤtter gesandten Tauben, die vor der gefahrvollen Scylla vorbei- fliegend, bestaͤndig eine aus ihrer Mitte verlieren, die vom Jupiter sogleich ersetzt wird, damit die Zahl voll bleibe; macht auch ein Menschenge- schlecht unmerklich dem andern Platz, und wer von Alter und Schwachheit uͤbermannt, entschlum- mert, den hat in der Dichtersprache Diana oder Apollo mit sanftem Pfeil getoͤdtet. Daß dieß die Vorstellungsart der Alten war, erhellet aus ihrer Sprache. — Das kleine gluͤck- liche Eiland, wo ich gebohren bin, erzaͤhlt der Hirt Eumaͤus dem Ulysses, liegt unter einem ge- sunden wohlthaͤtigen Himmelsstrich; keine ver- haßte Krankheit raft da die Menschen hin; son- dern wenn nun das Alter da ist, so kommen Diana und Apoll mit ihrem silbernen Bogen, und toͤdten die Menschen mit ihrem sanften Pfeil. — Wenn Ulysses in der Unterwelt den Schatten seiner Mutter fraͤgt, wie sie gestorben sey; so giebt sie ihm zur Antwort: mich hat nicht Dianens sanfter Pfeil getoͤdtet, auch hat mich keine Krankheit dahin geraft; sondern mein Verlan- gen nach dir, und mein Kummer um dich, mein Sohn, haben mich des suͤssen Lebens beraubt. Wenn aber der Gott mit dem silbernen Bo- gen auf das Heer der Griechen zuͤrnend, eine Pest in ihr Lager schickt, die ploͤtzlich Mann auf Mann dahin raft, das unaufhoͤrlich die Scheiterhaufen der Verstorbenen lodern; so schreitet er wie die Nacht einher, spannt den silbernen Bogen, und sendet die verderblichen Pfeile in das Lager der Griechen. Allein der jugendliche Gott des Todes zuͤrnt nicht immer; der, dessen Pfeil verwundet, heilt auch wieder; — er selbst wird unter dem Nah- men der Heilende mit einer Hand voll Kraͤuter abgebildet; — auch zeugte er den sanften Aesku- lap, der Mittel fuͤr jeden Schmerz und jede Krankheit wußte; und selbst durch seine Kunst vom Tod’ erretten konnte. Gleichwie nun in den wohlthaͤtigen und ver- derblichen Sonnenstrahlen, und in der befruchten- den und Verwesung bruͤtenden Sonnenwaͤrme, das Bildende mit dem Zerstoͤrenden sich vereint, so war auch hier das Furchtbare mit dem Sanften in der Goͤttergestalt verknuͤpft, die jene Strahlen und jene Waͤrme, als ihr erhabnes Urbild in sich faßte. Daher giebt diesen Trost ein Dichter aus dem Alterthum, indem er das Gemuͤth zu sanfter Freud’ aufheitert: „wenn du jetzt trauern mußt, so wird es nicht stets so seyn! Nicht immer spannt Apollo den Bogen, zuweilen weckt er auch aufs neue wieder zum Saitenspiel die schwei- gende Muse! “ Bei allen diesen Dichtungen schimmert das Bild vom Helios durch; — es ist der erfreuende Sonnenstrahl, welcher das Herz zu Saitenspiel und Gesang belebt. — So ehrte Aurora den Memmon, ihren fruͤh verstorbenen Sohn, indem seine metallene Gedaͤchtnißsaͤule in Aegypten, so oft die Strahlen der aufgehenden Sonne sie be- ruͤhrten, mit sanftem Klang ertoͤnte. Aber es ist auch der alles entdeckende, alles enthuͤllende Strahl, der in dem wahrsagenden Apollo sich verjuͤngt. — Eben eine solche verjuͤngte Erscheinung ist Apollo der Hirt; denn nach der alten Dichtung wurden schon die Heerden, die ohne Hirten weiden, von der allsehenden Son- ne gehuͤtet. Alle diese großen Bilder aber fuͤgen sich in zartere Umrisse, da Apollo vom Jupiter erzeugt, und von der sanften Latona gebohren wird. — er weidet die Heerden des Admet; begeistert die wahrsagende Pythia; und fuͤhrt die Choͤre der Musen an. — Nach seiner Geburt entwickelt sich schnell die in ihm wohnende Goͤtterkraft. Auf Delos entwindet er sich dem Schooß der Mutter. — Die hohen Goͤttinnen Themis, Rhea, Dione und Amphitrite, sind bei seiner Geburt zugegen; — sie wickelten ihn in zarte Windeln; — allein er sog die Brust der Mutter nicht; — ihm reichte Themis Nektar und Ambrosia dar. — H Und als ihn nun zum erstenmal die Goͤtter- kost genaͤhrt, da hielten seine Bande ihn nicht mehr; auf seinen Fuͤßen stand der bluͤhende Goͤt- terknabe, und auch das Band der Zunge war ge- loͤst: Die goldne Zitter, sprach er, soll meine Freude seyn, der gekruͤmmte Bogen meine Lust, und in Orakelspruͤchen will ich die dunkle Zukunft prophezeihen. — Und als er dieß gesagt, so schritt er schon als ewig bluͤhender Juͤngling majestaͤtisch uͤber die Berge und Inseln einher; er kam zur felsigten Pytho, und stieg von da zum Olymp hinauf, schnell wie ein Gedanke, in die Versammlung der uͤbrigen Goͤtter. — Da herrschte auf einmal Gesang und Saitenspiel; die Grazien und die Horen tanzten, und die Musen sangen mit wech- selnden Stimmen, die Freuden der seeligen Goͤt- ter, und den Kummer der Menschen, die kein Mittel finden, dem Tode und dem Alter zu entgehen. — Als er nun vom Olymp herabstieg, so toͤdtete er den Drachen Python, auf dem Fleck, wo kuͤnftig seine Orakelspruͤche sich uͤber den Erdkreis verbreiten sollten. Den getoͤdteten Drachen ließ die Sonne in Verwesung uͤbergehen; von dieser Verwesung ward er Python, und Apollo selbst von dieser That der Pythische benannt. — Hier stand auf einem hohen Felsen der Tempel des Apollo; und uͤber der Oefnung einer Hoͤhle stand der Dreifuß, auf welchem die Priesterin saß, die auch den Nah- men Pythia fuͤhrte, und durch deren Mund der Gott die Zukunft offenbarte. So ist er auf der hier beigefuͤgten Kupfertafel nach einem antiken geschnittenen Steine, der als ein Meisterwerk der griechischen Kunst beruͤhmt ist, abgebildet, wie er auf dem Haupte der Pythia, welche die Opferschaale in der Hand haͤlt, seine Leyer stimmt. — Er floͤßte der Priesterin, die seine Goͤtterspruͤche verkuͤndigen sollte, selber die himmlischen Harmonien ein, die ihr den Blick in die Zukunft gaben. Die andre Abbildung des Apollo, ebenfalls nach einer antiken Gemme, stellt ihn dar, auf einen attischen Pfeiler gelehnt; in der Linken den Bogen; die Leyer zu seinen Fuͤßen. — Man sieht in ihm den Gott, den, nach des Dichters Ausdruck, der blitzende Bogen schmuͤckt, der aber auch den Choͤren der Musen sich zugesellt, und der die zerschellten Glieder durch heilende Kunst erquickt. — Neptun . So wie die hohen Goͤttergestalten Pontus, Oceanus, und Nereus in Schatten zuruͤckge- wichen sind, steigt nun in herrschender Majestaͤt H 2 Neptun empor, den maͤchtigen Dreizack in der Hand, womit er die empoͤrten Wogen ebnet, daß auf der stillen Meeresflaͤche sich sanfte Furchen bilden. Was schnell sich fort bewegt, ergoͤtzt den Herrscher der Wasserwogen; zu Lande lenkt er Roß und Wagen; und auf dem Meere sind die schnellen Schiffe seine Lust. — Er schlug die Erde mit seinem Dreizack, da sprang das Roß her- vor. — Mit der Medusa erzeugte er den gefluͤgelten Pegasus, der noch aus ihrem Blute hervorsprang, als sie vom Perseus enthauptet ward. — Ceres verwandelte sich in ein Pferd, um seiner Umar- mung zu entfliehen, allein er verfolgte sie in aͤhn- licher Gestalt, und zeugte mit ihr den Arion das edelste, mit der Schnelligkeit des Windes begabte Roß, das Koͤnige und Helden trug, und bei den Kampfspielen in Griechenland seinen Reiter ab- warf, und selbst fuͤr sich den Preis davon trug. Wir sehen in diesen Dichtungen die Thierwelt mit der Goͤtterwelt immer nahe verknuͤpft. — Das Thier wird als ein hohes Sinnbild der Na- tur betrachtet, worin die Gottheit selbst sich wie- der darstellt. In der aͤgyptischen Goͤtterlehre huͤll- te die Gottheit sich in lauter Thiergestalten, wel- ches in einer sinnreichen Dichtung heißt, die Goͤt- ter waͤren aus Furcht vor den Giganten nach Aegypten geflohen, und haͤtten dort sich alle in Thiere verwandelt. Obgleich mit dem Donnergott von einem Va- ter erzeugt, ist dennoch Neptun, gleich dem Element, das er beherrscht, die untergeordnete Macht. — Da Iris in dem Kriege vor Troja dem Neptun die Drohung des Jupiter uͤberbringt; er moͤge sich ja mit des Donnerers Macht nicht messen, und ablas- sen den Griechen beizustehen; so antwortet ihr der Erderschuͤttrer: „Jupiter sey so maͤchtig er wolle, so hat er doch sehr stolz geredet! sind wir nicht alle drei vom Saturnus erzeugt, und von der Rhea gebohren? ist nicht unter uns das Reich getheilt? Er mag seine Soͤhne und Toͤchter, aber nicht mich mit solchen Worten schrecken!“ — Iris stellt ihm vor: „ den aͤltern Bruder schuͤtzt die Macht der Erynnen! “ Und Neptun giebt dem Donn- rer nach, und sagt die sanften Worte: „Du hast sehr wohl gesprochen, o Goͤttin, und es ist gut, wenn auch ein Bote das Nuͤtzliche weiß.“ Das Urbild des Neptun ist die ungeheure Wasserflaͤche, die gleichsam auf das Erhabene zuͤrnt, und es sich gleich zu machen strebt. — Als die Griechen in der Belagerung von Troja nahe am Ufer des Meeres um ihre Schiffe eine Mauer, zu einem Bollwerk gegen die Feinde er- richtet hatten; so zuͤrnte Neptun daruͤber und be- klagte sich beim Jupiter: „Der Ruhm dieser Maner, sagte er, wird sich verbreiten, so weit sich das Licht erstreckt; der meinigen aber, die ich einst dem Lamedon um Troja erbaute, wird man vergessen!“ Da antwortete ihm Jupiter: „o du großer Erderschuͤttrer; mich sollt’ es nicht wundern, wenn ein andrer, nicht so maͤchtiger Gott, ein solches Werk sich anfechten ließe; aber dein Ruhm verbreitet sich ja schon so weit sich das Licht er- streckt, — und du wirst ja, so bald die Griechen hinweg sind, die Mauer ins Meer versenken, und die Ufer mit Sand bedecken, daß keine Spur von ihr uͤbrig bleibt. — Mit diesen Worten verwieß Jupiter dem Neptun diese Art von kindischer Miß- gunst gegen ein Werk der sterblichen Menschen. Allein es ist das zuͤrnende Element, und seine gleichsam kindische gedankenlose Macht, die durch den Mund der Goͤtter spricht; wenn nun die Dich- tung dem tobenden Elemente Bildung und Sprache giebt, so druͤcken seine Worte auch die Natur seines Wesens aus; das Wort bezeichnet selbst die unbe- huͤlfliche Macht, und sinkt wieder unter die Menschenrede herab, in welcher der leichte Ge- danke herrscht. Auch die Erzeugungen des Neptun sind groͤß- tentheils ungeheuer. — Die Aloiden, seine Soͤhne, welche auf den Olymp den Ossa waͤlzten, wurden selbst dem Jupiter furchtbar. — Den ungeheuren Polyphem, einen Sohn des Neptun, hatte der klugheitbegabte Ulysses seines Auges beraubt; von der Zeit an verfolgte Neptun den Ulysses mit unversoͤhnlichem Haß. Er vereitelte ihm so lang er konnte die Ruͤck- kehr in sein Vaterland; und da diese nach dem Schluß des Schicksals dennoch zuletzt erfolgen mußte, so nahm er an dem unschuldigen Schiffe der gastfreien Phaͤacier, die den Ulysses nach Ithaka gebracht hatten, seine Rache, indem er es auf der Ruͤckkehr in einen Fels verwandelte. So gefahrvoll war es, selbst fuͤr den Guͤnst- ling der Minerva, die ungeheure Macht des starken Elementes, und was mit ihr verwandt war, zum Zorn gereitzt zu haben. — Als einst die Musen auf dem Helikon Gesang und Seitenspiel so maͤchtig ertoͤnen ließen, daß alles rund umher belebt ward, und selbst der Berg zu ihren Fuͤßen huͤpfte. — Da zuͤrnte Neptun und sandte den Pegasus hinauf, daß er dem zu kuͤhn gen Himmel sich Erhebenden Grenzen setzen sollte; als dieser nun auf dem Gipfel des Helikon mit dem Fuße stampfte, war alles wieder in dem ruhigern, sanftern Gleise, und unter seinem stampfenden Fuße brach der Dichterquell hervor, der von des Rosses Tritt die Hippokrene heißt. Im Kriege vor Troja saß Neptun auf der Spitze des waldigten Samos, und sahe dem Tref- fen zu. — Er zuͤrnte heftig auf den Jupiter, daß er den Trojanern Sieg gab. — Er stieg vom Berge hinunter; der Berg erbebte unter seinem Fußtritt. — Drei Schritte that er vorwaͤrts, und mit dem vierten war er in Aege, wo tief im Meere sein Pallast ist. — Er bestieg seinen Wagen, und fuhr auf den Wellen daher. — Die Heere der Wasserwelt stie- gen empor, und erkannten ihren Koͤnig. — Das Meer wich ehrfurchtsvoll zu beiden Seiten, — und schnell flog der Wagen des Gottes, daß die eherne Axe unbenetzt blieb. — In dem zornigen Blick des Neptun mahlt sich das tobende Element; — so ist er auf der hier beigefuͤgten Kupfertafel, nach einem antiken ge- schnittenen Steine aus der Lippertschen Daktylio- thek im Umriß abgebildet; in der Rechten den Dreizack haltend, und mit der erhobenen Linken die Zuͤgel zusammenfassend, woran er die stolzen Rosse vor seinem Wagen lenkt, waͤhrend daß sein Gewand im Sturmwinde flattert. — Auf eben dieser Kupfertafel ist Neptun, nach einer andern Gemme aus Lipperts Daktyliothek, noch einmal abgebildet, wie er mit dem ganzen Gewicht seiner Macht, den Dreizack auf der Schulter, die Hand auf den Ruͤcken haltend, aus dem Meere auf einen Felsen steigt. — Die Dichtkunst sowohl als die bildende Kunst stellt zwar den Koͤnig der Gewaͤsser in aͤhnlicher Majestaͤt, wie den Jupiter dar; nur bleibt der Ausdruck von Macht und Hoheit immer unterge- ordnet. — Es ist nicht die ruhige, erhabene, mit dem Wink der Augenbraunen gebietende Macht, mit deren Laͤcheln sich der ganze Himmel aufheitert, und welche nur selten zuͤrnen darf, weil sie am wenigsten beschraͤnkt ist. — Vielmehr ist beim Neptun der Ausdruck des Zorns der herrschen- de. — Er schilt die Winde, die auf die Veran- lassung der Juno ohne seinen Wink die Wellen des Meeres aufthuͤrmten; und sein quos ego! wo- mit er sie bedrohet, ist dasjenige, dessen Ausdruck die bildende Kunst, auch in neuern Zeiten, am oͤftersten versucht hat. Minerva . Als die blauaͤugigte Goͤttin aus Jupiters un- sterblichem Haupte mit glaͤnzenden Waffen hervor- sprang, so bebte der Olymp; die Erd’ und das Meer erzitterte; und der Lenker des Sonnenwa- gens hielt seine schnaubenden Rosse an, bis sie die goͤttlichen Waffen von ihrer Schulter nahm. Aus keiner Mutter Schooß gebohren, war ihre Brust so kalt, wie der Stahl, der sie bedeckte. — Sie naͤherte sich dem maͤnnlich Großen, und weiblicher Zaͤrtlichkeit war ihr Bu- sen ganz verschlossen. Der Mangel an weiblicher Zaͤrtlichkeit aber ist mit Zerstoͤrungssucht verknuͤpft, welche stets mit jenem in gleichem Grade zunimmt. — Es ist die sanfte Venus, die nur aus Liebe zum Adonis mit ihm die Rehe verfolgt; die kaͤltere Diana findet an der Jagd und an der Zerstoͤrung selbst schon ihre Lust, indeß sie doch zuweilen noch mit ver- stohlner Zaͤrtlichkeit sich an Endymions Schoͤnheit weidet. Der kalten jungfraͤulichen Minerva aber ist jedes Gefuͤhl von Zaͤrtlichkeit und schmachtender Sehnsucht fremd; — sie findet daher auch gleich dem Kriegesgott am Schlachtgetuͤmmel und an zer- stoͤrten Staͤdten ihr Ergoͤtzen, nur daß sie nicht von jenem die rauhe Wildheit hat, weil sie zugleich die friedlichen Kuͤnste schuͤtzt. Zuruͤckschreckende Kaͤlte macht den Haupt- zug in dem Wesen dieser erhabenen Goͤtterbildung aus, wodurch sie zur grausamen Zerstoͤrung, und zur muͤhsamen Arbeit des Webens, zur Erfindung nuͤtzlicher Kuͤnste, und zur Lenkung der aufgebrachten Gemuͤther der Helden, gleich faͤhig ist. Als Achill im Begriff war gegen den Aga- memnon sein Schwerdt zu ziehen, so stand ploͤtz- lich, ihm allein nur sichtbar, die blauaͤugigte Goͤt- tin hinter ihm, mit schrecklichem Blick — bei seinem gelben Haar ihn fassend — und hielt mit weisem Rath den jungen Held zuruͤck, — daß er am silbernen Griff sein Schwerdt wieder in die Scheide druͤckte. So ist die himmlische Pallas mitten im Krie- ge selbst noch Friedensstifterin. — Die wilde Bel- lona hingegen, welche mit fliegendem Haar, die Geißel in der einen, die Waffen in der andern Hand, den Wagen des Kriegesgottes lenkt, ist eine untergeordnete Goͤttergestalt. In ihr ist nicht die erhabene Friedensstifterin, die Erfinderin der Kuͤnste noch mitten im wuͤthenden Treffen sicht- bar; sondern nur die rasende Wuth; die Grau- samkeit; die Mordlust; und die Zerstoͤrung fuͤr sich allein. Daß in Minervens hoher Goͤtterbildung, so wie beim Apollo, das ganz Entgegengesetzte sich zusammenfindet, macht eben diese Dichtung schoͤn, welche hier gleichsam zu einer hoͤhern Sprache wird, die eine ganze Anzahl harmonisch ineinan- der toͤnender Begriffe, die sonst zerstreut und ein- zeln sind, in einem Ausdruck zusammenfaßt. So ist Minerva die verwundende und die hei- lende; die zerstoͤrende und die bildende; eben die Goͤttin, welche am Waffengetuͤmmel und an der tobenden Feldschlacht sich ergoͤtzt, lehrt auch die Menschen die Kunst zu weben, und aus den Oli- ven das Oehl zu pressen. Die furchtbare Zerstoͤrerin der Staͤdte, wett- eifert mit dem Neptun nach wessen Nahmen die gebildetste Stadt, die je den Erdkreis zierte, ge- nannt werden sollte; und als der Koͤnig der Ge- waͤsser mit seinem Dreizack das kriegerische Roß hervorrief, so ließ sie den friedlichen Oehlbaum aus der Erde sprossen, und gab der Stadt, worin die Kuͤnste bluͤhen sollten, ihren sanftern Nahmen. Die Wildheit des Kriegerischen war bei dieser Goͤttergestalt durch ihre Weiblichkeit gemildert, und die Weichheit und Sanftheit des Friedens und der bildenden Kuͤnste, lag unter der kriegerischen Gestalt verdeckt. — Was man sich selten zusam- mendenkt, und was in diesem schoͤnen Ganzen der Natur doch eingehuͤllt noch schlummert, das rief die hohe Dichtung in eine einzige vielumfas- sende Goͤttergestalt herauf, und hauchte dem neu sich bildenden Begriffe Leben ein. Ohngeachtet des Entgegengesetzten stoͤrt doch keins der Bilder, welche diese Dichtung in sich vereinigt, die Harmonie des Ganzen. — Alles deutet auf kalte uͤberlegende Weisheit, welche nie die Stimme der Leidenschaft hoͤrt, und zugleich in das Zuruͤckschreckende der gaͤnzlichen Unzaͤrtlichkeit sich einhuͤllt. Das versteinernde Haupt der Medusa drohet auf dem Schilde, welcher Minervens Brust be- deckt; — es ist der duͤstre freudenlose Nachtvo- gel, der uͤber ihrem Haupte schwebt. — Sie sel- ber ist es, die den duldenden, standhaften, kal- ten, und verschlagenen Ulysses in Schutz nimmt, und die aufgebrachten Helden zur Kaltbluͤtigkeit zuruͤckruft. — Auch wird in diesen Dichtungen die sanftre kriegerische Macht der ungestuͤmern als uͤberlegen dargestellt. Da nemlich in dem Kriege vor Troja zuletzt die Goͤtter selber, nachdem sie die Parthei der Griechen oder Trojaner nahmen, sich zum Streit auffordern; so tritt der wilde Kriegsgott Mars gegen die sanftre und erhabnere Pallas auf, und rennt mit seiner Lanze wuͤthend gegen ihren Schild an, wogegen selbst Jupiters Blitze nichts vermoͤgen. Sie aber tritt ein wenig zuruͤck, und hebt mit starker Hand vom Felde einen ungeheuren Grenz- stein auf, den schleudert sie gegen die Stirne des Kriegesgottes, daß er darnieder faͤllt, und sieben Joch Landes deckt. — Demohngeachtet aber laͤßt die Dichtung auch die Zuͤge dieser maͤnnlichstarken erhabnen Goͤttin ganz leise wieder ins Weibliche uͤbergehen. — Denn da sie die Floͤte erfunden hatte, und in der kla- ren Fluth sich spiegelnd, sahe, daß durch das Blasen sich ihr Gesicht entstellte, so warf sie die Floͤte weg, die Marsyas nachher zu seinem Ungluͤck fand. Auch war sie, gleich der Juno, eifersuͤchtig, daß Venus den goldnen Apfel, als den Preis der Schoͤnheit, aus Paris Hand erhielt. Sie ruhte gleich der Juno nicht eher, bis Troja in Flam- men stand, des Priamus Geschlecht vertilgt, und ihre Rache befriedigt war. — Die Goͤtterbildung wird menschenaͤhnlich, und stellt die Rachsucht selbst, wegen der Macht, mit der sie ausgeuͤbt wird, in hoher dichterischer Schoͤnheit dar. Eine einfache und schoͤne Darstellung der Mi- nerva im Brustbilde, nach einem antiken geschnitt- nen Steine aus der Lippertschen Daktyliothek, befin- det sich auf der hier beigefuͤgten Kupfertafel; und darunter das Haupt der Medusa, wie es die Alten gebildet haben, so daß es groß in seinen Zuͤgen und schrecklich, dennoch schoͤn ist. — Dieß Haupt, vom Koͤrper abgesondert, macht in seinen großen Zuͤgen gleichsam fuͤr sich ein Gan- zes aus, und stellt sich wie eine furchtbare Erschei- nung dar; — so fuͤrchtet Ulysses in der Unterwelt als sich die Schatten schaarenweise zu ihm draͤn- gen, daß Proserpina endlich das Haupt der Gorgo ihm entgegen senden moͤchte, und eilet, dem toͤdtlichen Anblick zu entfliehen. Mars . Auch dem Furchtbaren und Schrecklichen, dem verderblichen Kriege selber, gab die Einbil- dungskraft der Alten Persoͤnlichkeit und Bildung, und milderte selbst dadurch den Begriff des Wil- den und Ungestuͤmen, das durch die Heere wie ein Wetter hinfaͤhrt; Wagen zertruͤmmert; Hel- me zerschellt; den Tapfern wie den Feigen, im wirbelnden Sturme zu Boden wirft; und uͤber der grauenvollen Verwuͤstung triumphiert. Die menschenaͤhnliche Bildung, worin die Dichtung diese furchtbare Erscheinung huͤllte, und sie dem Chor der seeligen Goͤtter zugesellte; gab nun dem Krieger auch ein hohes Urbild, das uͤber ihm in Majestaͤt gehuͤllt war, und das er durch Kuͤhnheit und Tapferkeit nachahmend in sich uͤber- trug. Demohngeachtet verliert sich zuweilen in den Dichtungen die menschenaͤhnliche Bildung des Mars wieder in den Begriff des streitenden Heers. — Als er selbst im Treffen vor Troja, mit Huͤlfe der Minerva, von dem tapfern Dio- medes verwundet wurde, so bruͤllte er wie zehn- tausend Mann im Schlachtgetuͤmmel, — und Furcht und Entsetzen kam die Trojaner und Griechen an, als sie den ehernen Kriegsgott bruͤllen hoͤrten. — Dieser aber erschien dem Diomed wie naͤchtliches Dunkel, das vor dem Sturme hergeht, als er in Wolken gehuͤllt zum Himmel aufstieg. Und als er nun hier beim Jupiter sich beklagte, so schalt ihn dieser mit zuͤrnenden Worten: be- laͤstige mich nicht mit deinen Klagen, Unbestaͤn- diger, der du mir der verhaßteste unter allen Goͤt- tern bist, die den Olymp bewohnen. — Denn du hast nur Gefallen an Krieg und Streit — in dir wohnet ganz die Gemuͤthsart deiner Mut- ter, — und waͤrst du der Sohn eines andern Gottes und nicht mein Sohn, so laͤgst du laͤngst schon tiefer, als Uranos Soͤhne liegen. Die Unbestaͤndigkeit des Mars, welche ihm auch Minerva vorwirft, die ihn einen Ueber- laͤufer schilt, der es bald mit dem einem Heer, bald mit dem andern haͤlt, ist wiederum der Be- griff des Krieges selber, den die Dichtkunst hier als ein Wesen darstellt, das gleichsam um sein selbst willen da ist, unbekuͤmmert, wer uͤberwun- den wird oder siegt; wenn nur das Schlachtge- tuͤmmel fortwaͤhrt. So zuͤrnen die erhabenern und eben deswe- gen auch sanftern Gottheiten, Minerva und Jupi- ter auf den ungestuͤmen und unbestaͤndigen Mars, — der aber demohngeachtet als ein hohes Wesen sei- nen Sitz unter den himmlischen Goͤttern hat, und dem auf Erden Tempel und Altare geweiht sind. Auch wußte der wilde Mars mit seinem ju- gendlichen Ungestuͤm die sanfte Venus selbst zu fes- seln, die ihrem Gatten dem kunstreichen bildenden Vulkan, den zerstoͤrenden Kriegsgott vorzog, mit dem sie ein verstohlnes Liebesbuͤndniß knuͤpfte. — Aus diesem verstohlnen Buͤndniß des Sanf- ten mit dem Ungestuͤmen, entstand Harmonia, der Venus schoͤne Tochter, die mit Kadmus, dem Stifter und Erbauer von Theben, sich ver- maͤhlte. — Auf der Untreue der Venus verweilt die bil- dende Kunst der Alten und ihre Dichtkunst gern. — Vulkanus zuͤrnt vergeblich; die Schoͤnheit bindet sich an kein Gesetz; sie ist uͤber allen Zwang erha- ben; und das verderbliche Jugendliche, ist, was ihr wohl gefaͤllt. So wie nun Venus mit Zaͤrtlichkeit den Krie- gesgott fesselt; so haͤlt Minerva ihn mit Weis- heit von seinem Ungestuͤm zuruͤck. — Denn als einst Jupiters drohendes Verbot den Goͤttern un- tersagt hatte, in den Krieg der Trojaner und Griechen sich zu mischen, und Mars vernahm, sein Sohn Askalaphus sey erschlagen; so ließ er seine Diener, das Schrecken und das Entsetzen die Pferde vor seinen Wagen spannen, und legte seine leuchtenden Waffen an. Zuͤrnt nicht, ihr Goͤtter, sprach er, daß ich den Tod meines Sohnes raͤche, wenn Jupiter J selbst auch seine Blitze auf mich schleudert. — Da sprang Minerva zu, riß ihm den ehernen Spieß aus seiner starken Hand, den Helm vom Haupte, den Schild von seiner Schulter. — Rasender, sprach sie, willst du uns alle ins Verderben stuͤr- zen, wenn aufs hoͤchste Jupiters Zorn gereitzt ist! — Laß ab zu zuͤrnen, denn mancher ist er- schlagen, der staͤrker war als dein Sohn, und mancher Staͤrkere wird noch fallen; — wer kann die Sterblichen vom Tode befreien! — so sprach sie, und brachte den Mars zu seinem Sitz zuruͤck. Wer sieht nicht, durch alle diese menschenaͤhn- lichen Darstellungen der Goͤtter, die großen Bilder und Gedanken durchschimmern, welche diesen Dich- tungen Hoheit und Wuͤrde geben; — es sind im- mer die Begriffe von wilder Zerstoͤrung, Sanft- heit des Erhabenen, hohem Reitz des Schoͤnen, und von lenkender Weisheit, die auf mannichfal- tige Weise ineinander spielen, und unter der Decke des Menschenaͤhnlichen sich verhuͤllen. Auf der hier beigefuͤgten Kupfertafel ist nach einem antiken geschnittenen Steine aus der Lippert- schen Daktyliothek, der Kriegesgott abgebildet, wie er, sich mit der Rechten stuͤtzend, und Spieß und Schild in der Linken tragend, vom Gipfel des umwoͤlkten Olymps herniedersteigt. — Auf eben dieser Tafel ist Venus mit dem Liebesgott, ebenfalls nach einem antiken geschnittenen Steine, im Umriß abgebildet. Venus . Man verehrte in dieser reitzenden Goͤtterge- stalt, den heiligen Trieb der alle Wesen fort- pflanzt. — Die Fuͤlle der Lebenskraft, die in die nachkommenden Geschlechter sich ergießt. — Den Reitz der Schoͤnheit, der zur Vermaͤhlung an- lockt; — sie war es, welche den Blick der Goͤtter selbst auf Jugend und Schoͤnheit in sterblichen Huͤllen lenkte, und triumphirend ihrer Macht sich freute, bis auch sie erlag, dem bluͤhenden Anchi- ses sich in die Arme werfend; von welchem sie Aeneas, den goͤttergleichen Held gebahr. — So wie nun aber jener sanfte wohlthaͤtige Trieb, auch oft verderblich wird, und uͤber ganze Nationen Krieg und Unheil bringt, so stellt die sanfteste unter den Goͤttinnen, sich in den Dich- tungen der Alten, auch als ein furchtbares We- sen dar. Sie hatte den Paris, der ihr vor allen Goͤt- tinnen den Preis der Schoͤnheit zuerkannte, das schoͤnste Weib versprochen; nun stiftete sie selbst ihn an, dem griechischen Menelaus seine Gattin, die Helena, zu entfuͤhren, und floͤßte dieser selbst zuerst den Wankelmuth und die Treulosigkeit in den Busen ein. J 2 So hielt sie dem Paris ihr Wort, ganz unbe- kuͤmmert, was fuͤr Zerstoͤrung und Jammer dar- aus entstehen wuͤrde. — Im Kriege vor Troja huͤllte sie den Paris, als Menelaus im Zweikampf ihn toͤdten wollte, in naͤchtliches Dunkel ein, und fuͤhrte ihn in sein duftendes Schlafgemach, wo sie selber die Helena zu ihm rief. — Und als diese, ihre Schuld bereuend, sich wei- gerte, der Liebesgoͤttiu Ruf zu folgen, so sprach Venus mit zuͤrnenden Worten: Elende! reitze mich nicht, damit ich nicht eben so sehr dich hasse, als ich bis jetzt dich liebte. — Unter den Troja- nern und Griechen stifte ich dennoch verderblichen Hader an, dich aber soll ein unseeliges Schicksal treffen! — Und nun laͤßt die gebietende Venus, dem rechtmaͤßigen erzuͤrnten Gatten gleichsam zum Trotz, den wolluͤstigen Paris die Freuden der Liebe genießen. — Wenn nun diese Goͤttergestalt zugleich die kalte Weisheit der Minerva, oder den Ernst der Themis, in sich vereinte, so wuͤrde sie freilich nicht so ungerecht, um die verderbliche Lust eines einzigen Lieblings zu beguͤnstigen, der alles verwuͤstenden Zerstoͤrung, die sie dadurch ver- anlaßt, ruhig zusehn. Dann waͤre sie aber auch nicht mehr aus- schließend die Goͤttin der Liebe; sie bliebe kein Gegenstand der Phantasie; und waͤre nicht mehr die hohe dichterische Darstellung desjenigen, was in der ganzen Natur mit unwiderstehlichem Reitze unaufhoͤrlich fortwirkt, unbekuͤmmert, ob es Spu- ren blutiger Kriege oder gluͤcklich durchlebter Men- schenalter hinter sich zuruͤck laͤßt. — Ueberhaupt ist es das Mangelhafte, oder die gleichsam fehlenden Zuͤge, in den Erscheinungen der Goͤttergestalten, was denselben den hoͤchsten Reitz giebt, und wodurch eben diese Dichtungen ineinander verflochten werden. Der hohen Juno mangelt es an sanftem Lieb- reitz; sie muß den Guͤrtel der Venus borgen. — Die uͤberlegende Weisheit fehlt dem maͤchtigen Krieges- gotte; Minerva lenkt seinen Ungestuͤm. Venus besitzt den hoͤchsten Liebreitz; aber Mi- nerva, der es ganz an weiblicher Zaͤrtlichkeit man- gelt, ist ihr an Macht weit uͤberlegen. Im Tref- fen vor Troja, wo zuletzt die Goͤtter selber sich zum Streit auffordern, und Venus den Trojanern, Minerva den Griechen beisteht, giebt Minerva der Venus, die dem Mars zu Huͤlfe eilt, mit starker Hand einen Schlag auf die Brust, daß ihre Knie sinken; und Minerva sagt triumphie- rend: moͤgen doch alle, die den Trojanern beiste- hen, der Venus an Tapferkeit und Kuͤhnheit glei- chen! Als Venus vom Diomed in die Hand ver- wundet gen Himmel stieg, und bei ihrer Mutter Dione uͤber die verwegene Kuͤhnheit der Sterbli- chen sich beklagte; so spottete Minerva ihrer mit den Worten: gewiß hat Venus irgend eine schoͤne geschmuͤckte Griechin uͤberreden wollen, daß sie ih- ren geliebten Trojanern folgen moͤchte, und beim Liebkosen hat sie sich in die goldene Schnalle die zarte Hand geritzt. Da laͤchelte der Vater der Goͤtter und Men- schen, rief die Venus zu sich, und sprach zu ihr mit sanften Worten: Die kriegerischen Geschaͤfte, mein Kind, sind nicht dein Werk; die Freuden der Hochzeit zu bereiten, ist dein suͤß Geschaͤft; laß du nur fuͤr das wilde Kriegsgetuͤmmel Mars und Minerva sorgen! So scherzte in diesen Dichtungen der Alten die Phantasie in kuͤhnen Bildern, mit der Gott- heit, die sie sich in den kleinsten Zuͤgen nach dem Bilde der Menschen schuf, und dennoch die groͤß- ten und erhabensten Erscheinungen der alles um- fassenden Natur bestaͤndig zu ihrem hohen Urbilde nahm. Die Horen empfangen die Venus, wenn sie, nach der alten Dichtung, dem Meer ent- steigt; sie ziehen ihr goͤttliche Kleider an, setzen ihr aufs unsterbliche Haupt die goldene Krone; schmuͤcken ihr mit goldenem Geschmeide Hals und Arme; und haͤngen blitzende Ohrgehaͤnge in ihre durchloͤcherten Ohren; — so mahlt sich bis auf den kleinsten weiblichen Schmuck das Bild der hohen Goͤttin aus. — Der Venus waren vom Jupiter die Gra- zien zugesellt — in ihrem Gefolge waren die Lie- besgoͤtter, — vor ihren Wagen waren Tauben gespannt. — Alles ist sanft und weich in diesem Bilde; — doch ist der Liebesgott mit Bogen und Pfeil bewafnet, und stellt die furchtbare Macht seiner himmlischen Mutter, der alles besiegenden Goͤttin, in sich dar. — Diana . Drei himmlische Goͤttinnen sind uͤber die Macht der Venus erhaben. — Minerva, welche dem Kriege vorsteht, und nuͤtzliche Kuͤnste die Menschen lehrt. — Die jungfraͤuliche Vesta, welche bei Jupiters Haupte schwur, sich nie einem Manne zu vermaͤhlen — und Diana, mit dem goldenen Bogen, die sich der Pfeile freut, an schattigten Waͤldern ihre Lust hat, und an der Verfolgung der schnellen Hirsche sich ergoͤtzt. — Als Jupiter, den sie schmeichelnd bat, ihr den jungfraͤulichen Stand vergoͤnnte, so nahm sie Pfeil und Bogen, zuͤndete ihre Fackel bei Jupi- ters Blitzen an, und ging, von ihren Nymphen begleitet, hoch in den Waͤldern einher, und auf den stuͤrmischen Gipfeln. — Sie spannt den goldenen Bogen, und sendet die toͤdtlichen Pfeile ab; die Spitzen der Berge zittern. — Vom Aechzen des Wildes ertoͤnt der Wald, — hoch uͤber alle ihre Nymphen ragt die Goͤttin mit Stirn und Haupt empor, und wen- det ihr Geschoß nach allen Seiten. Doch vergißt die hohe Goͤttin auch im Ge- tuͤmmel der Jagd des himmlischen Bruders nicht. — Und wenn sie gnug mit Jagen sich ergoͤtzt hat, so spannt sie den goldnen Bogen ab, und eilet nach Delphi, zu dem Sitze des leuchtenden Apollo, — da haͤngt sie ihren Bogen auf, und fuͤhrt die Choͤre der Musen und Grazien an, welche das Lob der himmlischen Latona singen, die solche Kin- der gebahr. — Als die Schwester des Apollo schimmert Dia- na am hellsten hervor, weil dieser seinen Glanz mit auf sie wirft — so wie sie mit ihm vereint, die Kinder der Niobe mit schrecklichen Pfeilen toͤd- tet; so richtet sie auch mit ihm vereint ihr sanftes Geschoß auf die Geschlechter der Menschen, die gleich den welkenden Blaͤttern, der bluͤhenden Nachkommenschaft allmaͤlig weichen. Nach einer schoͤnen Dichtung uͤbte sich Diana zu diesem Geschaͤft zuerst an Baͤumen, dann an Thieren, und zuletzt an einer ungerechten Stadt, wo sie die Menschen mit verderblichen, Krankheit und Seuchen bringenden Pfeilen erlegte. Das Urbild der Diana ist der leuchtende Mond, der kalt und keusch in naͤchtlicher Stille uͤber die Waͤlder seinen Glanz aussireuet. — Diese Keuschheit der Diana selber aber ist ein furchtbarer Zug in ihrem Wesen. — Den Jaͤger Aktaͤon, der sie im Bade erblickte, ließ sie, in einen Hirsch verwan- delt, von seinen eigenen Hunden zerrissen, ihrer jungfraͤulichen Schamhaftigkeit ein schreckliches Opfer werden. Und als eine Priesterin der Diana ihren Tem- pel durch die Annahme der Besuche ihres gelieb- ten Juͤnglings in demselben entweihte, bestrafte die Goͤttin das ganze Land mit Pest und Seu- chen, bis man das schuldige Paar ihr selber zum Opfer brachte. — Ihr widmeten sich die Jung- frauen, die das Geluͤbde der Keuschheit thaten, des- sen Verletzung sie mit grausamen Strafen raͤchte. Wenn Jungfrauen, die dieß Geluͤbde thaten, sich dennoch, ihren Entschluß bereuend, vermaͤhlen wollten, so zitterten sie vor Dianens Rache, und such- ten die zuͤrnende Goͤttin mit Opfern zu versoͤhnen. Diana und Venus waren die allerentgegen- gesetztesten unter den himmlischen Goͤttergestal- ten. — Demohngeachtet wurden beide verehrt. — Die ausschweifende Lust der einen, und die Keusch- heit der andern war uͤber Lob und Tadel der Sterb- lichen weit erhaben, die eine wie die andre, gleich wohlthaͤtig und gleich furchtbar. Als aber die maͤchtige Diana in dem Treffen vor Troja, die maͤchtigere Juno zum Streit aufforderte, so fuͤhlte sie die starken Arme der Ver- maͤhlten des Donnergottes. — Das Wild auf den Bergen, sprach Juno, kannst du toͤdten, aber nicht mit Maͤchtigern streiten! Darauf faßte sie die beiden Haͤnde der Diana an dem Gelenke in ihre Linke zusammen, nahm mit der Rechten den Koͤcher von Dianens Schulter, und schlug sie damit auf beide Wangen, daß die Pfeile zur Erden fielen — und gleich der furchtsamen Taube vor dem Habicht, floh die sonst so maͤchtige Goͤttin weinend davon, und ließ ihren Koͤcher zuruͤck, wel- chen Latona wieder aufhob, und die zerstreueten Pfeile wieder auflaß. So menschenaͤhnlich auch diese hohen Goͤtter- gestalten handeln, ist dennoch diese Dichtung groß und schoͤn, sobald man sie nicht einzeln, sondern im Sinn des Ganzen dieser Dichtung nimmt. — Derselbe furchtbare Koͤcher, aus welchem die toͤdtlichen Pfeile sich uͤber das Geschlecht der Sterblichen verbreiten, ist ein leichtes Spielwerk in den Haͤnden der erhabenen Juno, die ihn als ein Werkzeug braucht, den Uebermuth der Min- dermaͤchtigen zu bestrafen, deren erroͤthende Wan- ge, von einer staͤrkern Hand die Schlaͤge des ras- selnden Koͤchers fuͤhlt, mit welchem sie sonst furcht- bar einhergeht. — Es giebt kein treffenderes Bild der tief gedemuͤthigten weiblichen Macht als dieß. Der weisere Apoll antwortet dem Neptun, der ihn zum Streit auffordert: warum sollte ich mit dir der elenden Sterblichen wegen fechten, die gleich den Blaͤttern auf den Baͤumen, nur eine Zeitlang dauern, und bald verwelken! — Laß uns vom Kampf abstehen; sie moͤgen unter einan- der sich selbst bekriegen! Auf der hier beigefuͤgten Kupfertafel befindet sich eine Abbildung der Diana nach einem antiken geschnittenen Steine, wo sie, im aufgeschuͤrzten Kleide, auf einen attischen Pfeiler gelehnt, in ruhiger Stellung steht, den Koͤcher und Bogen auf der Schulter, und als die Erleuchterin der Nacht mit einer Fackel in der Hand, welche sie auszuloͤschen im Begriff ist. Hinter ihr ragt ein Berg hervor, welcher sie als die Goͤttin bezeichnet, die auf den waldigten Gip- feln einhergehend, die Spur des Wildes verfolgt. Auf eben dieser Kupfertafel befindet sich auch eine Abbildung der Ceres nach einem antiken ge- schnittenen Steine. — In der Rechten haͤlt sie eine Sichel, in der Linken eine Fackel, die sie auf dem Aetna anzuͤndete, um ihre geraubte Tochter in den verborgensten Winkeln der Erde zu suchen. Zu ihren Fuͤßen schmiegen sich die Drachen, die ihren Wagen zogen. Ceres . Unter den drei hohen Goͤttinnen, die vom Saturnus erzeugt, und von der Rhea gebohren sind, ist Juno allein die Koͤnigin des Himmels. — Ceres und Vesta sind auf Erden wohlthaͤtige Wesen, wovon die eine den naͤhrenden Halm her- vorruft; die andre selbst jungfraͤulich, dennoch den Schooß der Erde mit heiliger fruchtbarmachen- der Waͤrme durchgluͤht. Mit der Ceres erzeugte der Vater der Goͤtter die jungfraͤuliche Proserpina, welcher des Lichtes suͤßer Anblick nur kurze Zeit gewaͤhrt war — denn nur zu bald wurde Jugend und Schoͤnheit ein Opfer des unerbittlichen Orkus. — Da sie in sorgenfreier Unschuld mit ihren Ge- spielinnen auf der Wiese Blumen sammlet, schlingt schon der Koͤnig der Schrecken die starken Arme um sie her, und hebt die umsonst sich straͤubende auf seinen mit schwarzen Rossen bespannten Wa- gen. — Zuͤrnend und mitleidsvoll versucht die Nymphe Cyane die schnaubenden Rosse aufzuhalten. — Pluto aber stampft mit seinem zweizackigten Zepter von Ebenholz den Boden, und oͤfnet sich mitten durch die Kluͤfte der Erde zu seinem unterirdischen Pallast einen Weg. Ceres aber, da sie den Raub ihrer Tochter vernimmt, unwissend wer sie entfuͤhrte, zuͤndet auf dem flammenden Aetna ihre Fackel an, setzt sich auf ihren mit Drachen bespannten Wagen, und sucht ihre Tochter in den verborgensten Win- keln der Erde, wohin kein Strahl der Sonne drang. — Sie sucht die Nacht zu erleuchten; das Verborgene aufzudecken; um das Verlohrne und Entschwundene, was ihr so nah ver- wandt ist, wieder ans Licht zu bringen. — Nachdem sie ihre Tochter nun vergebens auf der ganzen Erde gesucht hatte, so kam sie endlich in Eleusis, einem Flecken in Attika, ermuͤ- det an. — Mit der Macht der Gottheit verknuͤpft die schoͤne Dichtung menschliches Leiden. — Die erhabene Goͤttin war jammervoll — sie setzte sich betruͤbt auf einem Steine nieder — bis der gast- freie Celeus sie in seine Wohnung einlud, ohnge- achtet sein Haus voll Trauer war, weil sein ge- liebter Sohn in letzten Zuͤgen lag. Die Goͤttin nahm an dieser Trauer Theil, weil sie den Schmerz uͤber den Verlust eines Kin- des in seiner ganzen Groͤße selber kannte. — Nun aber that sie, was als Goͤttin ihr ein Leichtes war; sie machte des Celeus Sohn gesund. Auch wollte sie die Unsterblichkeit dem bluͤ- henden Knaben schenken, indem sie ihn alle Nacht auf ihrem Schooße in Flammen huͤllte, um alles Sterbliche an ihm zu tilgen; bis durch den unge- stuͤmen Schrei, und durch die unzeitige Furcht der Mutter, welche die Ceres einst bei diesem Geschaͤft belauschte, auch dieser Wunsch der Goͤttin verei- telt ward. Dennoch setzte sie ihrer Wohlthaͤtigkeit keine Schranken; sie gab dem Triptolemus des Ce- leus aͤlterm Sohne, einen Wagen mit fliegenden Drachen bespannt, und schenkte ihm den edlen Waizen, daß er ihn auf der ganzen Erde mit vol- len Haͤnden ausstreuen, und Seegen allenthalben seine Spur begleiten sollte. Endlich entdeckte nun auch der Ceres die all- sehende Sonne den Aufenthalt ihrer Tochter, — da forderte sie die gewaltsam Geraubte zuͤrnend vom Orkus wieder, — und Jupiter selber bewil- ligte Proserpinens Ruͤckkehr, unter der Bedin- gung, daß von der Kost in Plutos Reiche ihre Lippe noch unberuͤhrt sey. Proserpina aber hatte dem Reitz nicht wider- standen, aus einem Granatapfel einige Koͤrner zu verzehren, — nun war sie dem Orkus eigen, und konnte keine Ruͤckkehr hoffen. Dennoch bewirkte ihre maͤchtige Mutter, daß sie nur einen Theil des Jahres beim Pluto ver- weilen durfte, den andern aber wieder auf der Oberwelt des himmlischen Lichts genoͤsse, damit die liebende Mutter sich alljaͤhrlich der wiederge- fundenen Tochter freue. Durch alle diese Dichtungen schimmern die Begriffe von der geheimnißvollen Entwickelung des Keims im Schooß der Erde, von dem innern verborgenen Leben der Natur hervor. — Es giebt keine Erscheinung in der Natur, wo Leben und Tod, dem Ansehen nach, naͤher aneinander grenzen, als da, wo das Saamenkorn, dem Auge ganz verdeckt, im Schooß der Erde vergraben, und gaͤnzlich verschwunden ist; und dennoch grade auf dem Punkte, wo das Leben ganz seine Endschaft zu erreichen scheint, ein neues Leben anhebt. Durch den sanften Schooß der Ceres pflanzen sich bis in das dunkle Reich des Pluto die himmli- schen Einfluͤsse fort. — Pluto heißt auch der sty- gische oder unterirdische Jupiter; und mit ihm vermaͤhlt sich des himmlischen Jupiters reitzende Tochter, in welcher die Dichtung die entgegen- gesetzten Begriffe von Leben und Tod zusammen- faßt, und durch welche sich zwischen dem Hohen und Tiefen ein zartes geheimnißvolles Band knuͤpft. Auf den Marmorsaͤrgen der Alten findet man oft den Raub der Proserpina abgebildet, — und bei den geheimnißvollen Festen, welche der Ceres und der Proserpina gefeiert wurden, scheint es, als habe man grade dieß Aneinandergrenzen des Furchtbaren und Schoͤnen, zum Augenmerk genommen, um die Gemuͤther der Eingeweihten mit einem sanften Staunen zu erfuͤllen, wenn das ganz Entgegengesetzte sich am Ende in Harmonie aufloͤßte. — An die Vorstellung vom Ackerbau, welche den Menschen nachher so gewoͤhnlich und alltaͤglich geworden ist, knuͤpften sich in jenen Zeiten, wo man noch die Gaben der Natur gleichsam unmit- telbar aus ihrer Hand empfing, erhabne und schoͤne Begriffe an; — es war die Menschheit und ihre hoͤhere Bildung selber, die man in dieser einfachen Vorstellung wiederfand, unter welcher man sich auch die ganze Natur mit ihren wunderbarsten abwechselnden Erscheinungen dach- te, und sich an dieselbe unter allen ihren Ge- stalten, so nahe wie moͤglich anschloß. Unter den hohen Goͤttergestalten ist Ceres eine der sanftesten und mildesten; demohngeachtet ließ sie auch den Erysichthon, welcher an einem ihr geweihten heiligen Haine Frevel veruͤbte, ihre furchtbare Macht empfinden. — Sie selber warnte ihn zuvor, da er im Begriff war die heilige Pap- pel umzuhauen; als er aber dennoch den grausa- men Hieb vollfuͤhrte, so mußte er fuͤr sein Ver- gehen gegen die alles ernaͤhrende Goͤttin, mit ewig nicht zu stillendem Hunger, buͤßen. Und als sie ihre verlohrne Tochter auf dem ganzen Erdkreis suchend, einst lechzend und ermat- tet in eine Huͤtte einkehrte, wo sie begierig trin- kend, von einem Knaben verspottet ward, so duldete sie die Schmach nicht, sondern besprengte den kindischen Frevler mit Wassertropfen, der ploͤtzlich in eine Eidexe verwandelt, von der furcht- baren Macht der Goͤttin ein Zeuge ward. Vulkan . Das Muͤhsame und Beschwerliche der Arbeit in der mit Rauch und Dampf erfuͤllten Werkstatt, zusammengedacht mit der erhabnen Kunst, die unermuͤdet hier mit schaffendem Geiste wirkt, huͤllte die Phantasie der Alten in eine eigene hohe Goͤtterbildung ein, bei welcher alle Kraft sich in den maͤchtigen Arm vereint, der den gewaltigen Hammer auf dem Ambos fuͤhrt, indeß die gelaͤhm- ten Fuͤße hinken. Wetteifernd mit dem Jupiter hatte Juno den Vulkan, wie dieser die Minerva, aus sich selbst gebohren und erzeugt. — Jupiter aber schleuderte ihn vom Himmel hinab; er sollte in den glaͤnzen- den Reihen des hohen Goͤtterchors nicht aufge- nommen seyn. — Der Rauch, der schwarze Dampf, die halb- erstickte Flamme, vereinte sich mit dem reinen K Aether nicht, und widerstrebte dem Begriff von Klarheit, Schoͤnheit, und hoher Goͤtterwuͤrde. — Die Haͤßlichkeit Vulkans ist ihm ein bittrer Vor- wurf. Und dennoch nahm die Phantasie auch diese Goͤtterbildung unter den Glanz des Hohen und Himmlischen, durch den Weg des Komischen wieder auf. — Die seeligen Goͤtter gerathen in ein unendliches Lachen, wenn der hinkende Vul- kan das Amt des Ganymed verwaltend, und selbst uͤber sein Gebrechen scherzend, den mit Nektar gefuͤllten Becher in der Versammlung der Goͤtter umherreicht. — Die kuͤhne Einbildungskraft der Alten aber wußte das Komische selber wieder mit Goͤtter- macht und Hoheit, und einer uͤber alles Mensch- liche erhabnen Wuͤrde zu umkleiden, wodurch sie eine Schattirung mehr erhielten, die ihren Dich- tungen einen unnachahmlichen Reitz giebt. Der Hinkende, wegen seiner Haͤßlichkeit vom Himmel geschleuderte Sohn der Juno, welcher unbehuͤlflich das Amt des zarten Ganymed verrich- tet, ist in der mechanischen Kunst vortreflich; bei dieser schaden ihm die gelaͤhmten Fuͤße nicht; auch schmaͤlert sein Sturtz vom Himmel die Macht und Hoheit nicht, wodurch er ein Gegenstand der Ver- ehrung der Voͤlker wird. In seiner Schmiede fuͤhrt er auf dem Ambos mit maͤchtigen Schlaͤgen selbst den Hammer; — aber Luft und Feuer stehen ihm zu Gebote. — Die Blasebaͤlge athmen auf seinen Wink, und hauchen die Flamme schwaͤcher oder staͤrker an; — jeder seiner Gedanken fuͤhrt schnell mit Goͤtterkraft sich aus, und unter seinen bildenden Haͤnden tritt ma- jestaͤtisch das Werk hervor. Ihm ist es ein Leichtes seinen Bildungen Le- ben einzuhauchen; — er schmiedet zwanzig Drei- fuͤße auf goldenen Raͤdern rollend, welche auf seinen Wink in die Versammlung der Goͤtter ge- hen und wiederkehren. — Auch hat er sich goldne Maͤgde gebildet, die Leben und Bewegung haben, und ihn im Gehen stuͤtzen. — Wenn er aus seiner Schmiede tritt, so traͤgt er ein koͤniglich Gewand und Scepter; — auch ist in ihm die hohe bildende Kunst, obgleich in un- ansehnliche Gestalt verhuͤllt, doch mit der Schoͤn- heit selbst vermaͤhlt; — durch diese Vermaͤhlung mit der Venus aber, erhaͤlt das Komische in den Zuͤgen der Goͤtterbildung des Vulkan den hoͤch- sten Reitz, weil auch die Eifersucht sich dazu ge- sellt. — Das kuͤnstliche Netz, welches der eifersuͤchtige Gatte um den Mars und die Venus schmiedet, und alle Goͤtter herbeiruft, um uͤber sein Ungluͤck sich zu beklagen, ist in den Dichtungen der Alten K 2 unter Goͤttern und Menschen zu einer belustigen- den Fabel geworden, wodurch der finstre Ernst ge- mildert, und das Gemuͤth zu frohem Laͤcheln auf- geheitert wird. In der Goͤtterbildung des Vulkan aber findet sich das ganz Entgegengesetzte zusammen, was die Alten vorzuͤglich in ihren Dichtungen liebten; in ihm vermaͤhlt sich die Haͤßlichkeit mit der Schoͤn- heit selber; — das Komische ist in ihm mit Wuͤrde; die Schwachheit mit der Staͤrke, die Laͤhmung des Fußes mit der Kraft des maͤchtigen Arms ver- eint. — Es ist, wie wir schon bemerkt haben, gleichsam das Mangelhafte, oder die fehlenden Zuͤge, wodurch auch diese Goͤttergestalt sich an die uͤbrigen anschließt. Wie hoch aber die Kunst das Eisen zu schmie- den von den Alten geschaͤtzt wurde, erhellet auch aus dieser Dichtung, wo sie unter allen Kuͤnsten allein das ausschließende Geschaͤft eines Gottes ist, der selber mit in dem Rathe der hohen Goͤt- ter sitzt. Ob nun gleich Vulkan erst unter den neuen Goͤttern auftritt, so schimmert dennoch auch sein Urbild unter den alten Goͤttergestalten dunkel her- vor; — die Kureten oder Korybanten, welche den Jupiter auf der Insel Kreta bewachten, wa- ren nach einer alten Sage, seine Abkoͤmmlinge; auch war er einer der aͤltesten oder die aͤlteste unter den Aegyptischen Gottheiten. Die Kureten machten schon ein Getoͤse mit Waffen, die von Eisen geschmiedet waren. — Die Cyklopen hatten schon vorher, ehe Jupiters Reich begann, in den Hoͤhlen der Erde den Blitz und den Donner bereitet, und die Erde selber hatte schon eine Sichel geschmiedet, womit Saturnus seinen Erzeuger entmannte. Auch waren eine Art geheimnißvoller Goͤtter- bildungen aus dem hoͤchsten Alterthum, welche unter dem Nahmen der Kabiren in Aegypten und Samothracien verehrt wurden, nach einer alten Sage, Soͤhne oder Abkoͤmmlinge des Vulkan, dessen Erscheinung hiedurch auf einmal weit zuruͤck- tritt, und in den Nebel der grauen Vorzeit sich verhuͤllt. Schoͤn und bedeutend ist es in diesen Dich- tungen, daß die bildenden Goͤtter einander huͤlf- reich sind. — Als Prometheus die Menschen bil- dete, so standen Minerva und Vulkan ihm bei. — Vulkan aber mußte nachher selber auf Jupiters Befehl den Prometheus an den Felsen schmieden, welches er nach der Darstellung des tragischen Dichters, da er dem Donnerer nicht widerstreben durfte, mit lautem Jammer that. Auch wuͤnschte Vulkan, obgleich vergeblich, sich mit der Minerva zu vermaͤhlen. — Und als er gewaltsam sich ihrer zu bemaͤchtigen suchte, wurde, waͤhrend daß er mit der Goͤttin kaͤmpfte, die Erde von seiner Zeugungskraft befruchtet, und gebahr den Erichthonius mit Drachenfuͤßen , den Minerva selbst in Schutz nahm, und ihn den Einwohnern ihrer geliebten Stadt Athen zum Koͤnige setzte, wo er, um seine ungestalten Fuͤße zu verbergen, den vierraͤdrigen bedeckten Wagen erfand. — Die Drachengestalt und Drachenfuͤße bezeich- nen in diesen Dichtungen fast immer das der Erde entsprossene, mit der Erde nah verwandte, — so bildet die Phantasie die himmelanstuͤrmenden Gi- ganten, als Kinder der Erde mit Drachenfuͤßen; und auch der Wagen der Ceres, die die Erde be- fruchtet, ist mit Drachen bespannt. Ganz menschenaͤhnlich stellt die Dichtung den Gott der Flammen dar, wie er, um die The- tis zu empfangen, die zu ihm koͤmmt, um fuͤr ihren geliebten Sohn Achilles einen neuen Schild und Ruͤstung zu erbitten, sich mit dem nassen Schwamme, erst Brust und Nacken, Gesicht und Haͤnde waͤscht, um mit dem Schmutz der Arbeit nicht vor der besuchenden Goͤttin zu erscheinen. Als er aber in dem Treffen vor Troja auf den Befehl seiner Mutter sich mit seinen Flammen dem Flußgott Skamander widersetzte, der mit seinen anschwellenden Fluthen den Achill verfolgte; so be- gann ein furchtbarer Kampf zwischen den beiden entgegengesetzten Elementen. Zuerst verbrannte Vulkan das Feld mit allen Todten; — dann richte- te er die leuchtende Flamme gegen den hochaufschwel- lenden Strom, daß das Schilf an seinen Ufern verbrannte, das Wasser siedete, und die Fische ge- aͤngstiget wurden. — Da flehte der Flußgott die Juno um Erbarmung an, — und Vulkan ließ ab ihn zu aͤngstigen, da seine Mutter es ihm be- fahl, und zu ihm sprach: hoͤre auf, es ist nicht billig, daß ein unsterblicher Gott der sterbli- chen Menschen wegen so gequaͤlt werde ! Auf der hier beigefuͤgten Kupfertafel befindet sich im Umriß nach antiken geschnittnen Steinen aus der Lippertschen Daktyliothek, außer einem Kopf des Vulkan, noch eine Abbildung desselben, wie er einen Pfeil schmiedet, und ihm zur Seite Venus mit dem Kupido steht, der nach den Pfei- len greift, die Venus in der Hand haͤlt. Vesta . So wie Vulkan die zerstoͤrende, und auch die bildende Flamme, das verzehrende Feuer, und die alles zerschmelzende Gluth bezeichnet; so ist der Vesta hoͤheres Urbild das heilige gluͤhende Leben der Natur, das unsichtbar mit sanfter Waͤrme, durch alle Wesen sich verbreitet. Es ist die reine Flamme in dem keuschen Bu- sen der hohen Himmelsgoͤttin, welche als ein er- habnes Sinnbild auf dem Altar der Vesta loderte, und wenn sie verloschen war, nur durch den elek- trischen, durch Reibung hervorgelockten Funken, sich wieder entzuͤnden durfte. Unter diesem hohen Sinnbilde wurde das um- gebende Ganze selber in seinem geheimsten Mittel- punkte verehrt, wo Gestalt und Bildung aufhoͤrte, und der runde, umwoͤlbende Tempel, mit dem Altar und der darauf lodernden Flamme, selbst das Bild der inwohnenden Gottheit war. Dieser uralte Gottesdienst verflochte sich auch in das schoͤne haͤusliche Leben der Alten: Man dankte der Vesta jede wohlthaͤtige Wirkung des Feuers, die auf Erhaltung und Ernaͤhrung ab- zweckt. — Sie war es, welche die Menschen lehrte, sich auf dem heiligen Heerde die naͤhrende Kost zu bereiten. Auch das Haͤuserbauen lehrte Vesta die Men- schen, — und so wie das umgebende Ganze selber ihr Tempel war, so war auch die schuͤtzende Umgebung des Menschen ihr wohlthaͤtiges Werk, das ihr die Sterblichen dankten; denn der Ein- tritt zu jeglichem Hause und der Vorhof waren ihr heilig. Es war ein reines dankbares Gefuͤhl bei den Alten, wodurch sie jede einzelne Wohlthat der Natur, unter irgend einem bezeichnenden Sinn- bilde besonders anerkannten; — es war eine schoͤne Idee, der heiligen Flamme, welche wohlthaͤtig den Menschen dient, gleichsam wieder zu pflegen, und unbefleckte Jung- frauen, als die heiligsten Priesterinnen, ih- rem immerwaͤhrenden Dienste zu weihen . Fuͤr das Feuer, welches allenthalben den Menschen nuͤtzt, gab es auch einen Fleck, wo es nie durch den Gebrauch zu menschlichem Beduͤrfniß herabgezogen, stets um sein selbst willen loderte, und die Ehrfurcht der Sterblichen auf sich zog. Wenn die Kunst der Alten es wagte, die Vesta abzubilden, so trug die geheimnißvolle Goͤt- tin eine Fackel in der Hand, aber der keusche Schleyer huͤllte dennoch ihre Bildung ein. — Auf der hier beigefuͤgten Kupfertafel befindet sich eine Abbildung der Vesta, nach einem antiken geschnit- tenen Steine aus der Lippertschen Daktyliothek, die aber so zusammengesetzt, und raͤthselhaft ist, daß man leicht sieht, der Kuͤnstler habe vorzuͤglich nur das Geheimnißvolle in dem Begriff von die- ser Gottheit selbst bezeichnen wollen. Pluto oder der stygische Jupiter, der auch Jupiter Serapis heißt, sitzt auf einem Throne, und legt, in der Linken den Scepter haltend, seine Rechte auf eine gefluͤgelte Thiergestalt. — Zu sei- ner Linken steht Harpokrates, der Gott des Still- schweigens, mit dem Finger auf dem Munde, und zur Rechten die geschleierte Vesta mit der Fackel in der Hand. Auch haͤlt Harpokrates ein Horn des Ueberflusses. — Lauter Sinnbilder des Tiefen, Verborgenen, Geheimnißvollen , im Innersten der Natur, woraus sich unaufhoͤr- lich Leben und Fuͤlle ergießt. Unter der Abbildung der Vesta mit der Fackel, denkt man sich eine aͤltere Vesta, welche mit der Erde einerlei ist, die unter mannichfaltigen Nah- men auch diesen traͤgt. — Allein die aͤhnlichen alten und neuen Goͤttergestalten verlieren sich in den Dichtungen der Alten ineinander; und da die Erde, als eine der alten Gottheiten unter den neuen herrschenden Goͤttern nicht mit auftritt, so scheint sie in der Vesta , wie Helios im Apollo, sich gleichsam verjuͤngt zu haben, und wohnt in ihr dem Rath der himmlischen Goͤtter bei. Auf eben dieser Kupfertafel befindet sich auch, nach einem schoͤnen antiken geschnittenen Steine, eine Abbildung des Merkur , der als der Gott der Wege den Altar, worauf ein antiker Mei- lenzeiger steht, mit seinem Stabe beruͤhrt. Auf dem Altare liegt ein Stab, zum Zeichen, daß die Reisenden dem Merkur, wenn sie die Reise voll- bracht, ihre Wanderstaͤbe weihten. — Zum Zei- chen der Sicherheit der Wege, windet sich der friedliche Oehlzweig um die Meilensaͤule. Merkur traͤgt auf dem Haupte den gefluͤgelten Hut, und ist mit einem kurzen Mantel bekleidet. Merkur und Vesta waren beide die Menschen lehrende wohlthaͤtige Wesen, und der Gesang ver- eint ihr Lob. In allen Haͤusern und Pallaͤsten der Goͤtter und der Menschen hat Vesta ihren eignen Sitz, und ihre alte Ehre; — der ersten und der letzten Vesta wird bei jedem Gastmahle suͤßer Wein mit Ehrfurcht ausgegossen. — Der Sohn des Jupiter und der Maja, der Bote der Goͤtter mit dem goldenen Stabe, der Geber vieles Guten, bewohnet mit der Vesta die Haͤuser der Sterblichen, und beide sind einander lieb, weil beide, in schoͤner Uebereinstimmung, nuͤtzliche Kuͤnste lehren . — Merkur . In diese leichte Goͤtterbildung huͤllte die Phan- tasie der Alten die Begriffe von schneller Erfin- dungskraft, List , und Gewandtheit ein, die sich sowohl in der taͤuschenden Ueberredung , als in dem leicht vollfuͤhrten scherzenden Dieb- stahl zeigte, woruͤber selbst der Beraubte, wenn er die kuͤhne Schalkheit wahrnahm, laͤcheln mußte. — Schalkheit und List ist hier mit der Macht der Gottheit und mit Unsterblichkeit gepaart, — denn nichts war unheilig in der Vorstellungsart der Alten, was aus dem mannichfaltigen Bildungs- triebe der Natur hervorging, und, wenn gleich durch sich selber schadend, dennoch den Stoff des Schoͤnen und Nuͤtzlichen in sich enthielt. Die Phantasie setzt ihren Goͤttergestalten kei- ne Schranken, — sie laͤßt bei jeglicher den herr- schenden inwohnenden Trieb in seinem weitesten Umfange spielen, und fuͤhrt ihn gern bis auf den Punkt des Schaͤdlichen hin; eben weil in diesen Dichtungen die großen Massen von Licht und Schatten , und die furchtbaren Gegensaͤtze in der Natur sich zusammendraͤngen, die sonst das Auge nur zerstreut und einzeln wahrnimmt; und weil gewissermaßen jede Goͤttergestalt, das We- sen der Dinge selbst, aus irgend einem erhabe- nen Gesichtspunkt betrachtet, in sich zusammen- faßt. In dieser Ruͤcksicht ist die Dichtung vom Mer- kur eine der schoͤnsten und vielumfassendsten. — Er ist der behende Goͤtterbote — der Gott der Rede — der Gott der Wege — in ihm ver- juͤngt sich das schnelle gefluͤgelte Wort , und wiederholt sich auf seinen Lippen, wenn er die Befehle der Goͤtter uͤberbringt. — Darum ist auch sein erhabenstes Urbild die Rede selber, welche als der zarteste Hauch der Luft sich in den maͤchtigen Zusammenhang der Dinge gleichsam stehlen muß , um durch den Ge- danken und die Klugheit zu ersetzen, was ihrer Wirksamkeit an Macht abgeht. — Auch lieh die Phantasie der Alten gern dem Worte Fluͤgel , weil es vom schnellen Hauch be- gleitet erst hoͤrbar wird; und wenn der Laut nicht uͤber die Lippen kam, so war ihr schoͤner Aus- druck: dem Worte fehlten die Fluͤgel . Die Zunge der Opferthiere war dem Merkur geweiht; Milch und Honig brachte man dem Gott der sanft hinstroͤmenden Unterredung dar. — Aus seinem Munde senkte sich, nach einer dichterischen Darstellung, vom Himmel eine goldne Kette nie- der, bis zu dem lauschenden Ohre der Sterblichen, die der suͤße Wohllaut von seinen Lippen mit maͤchtigem Zauber lenkte. — Unwiderstehlich ist seine Macht, den Zwist zu schlichten, das Streitende zu versoͤhnen, und das Mißtoͤnende harmonisch zu verbinden. — Dem Schooß der Mutter noch nicht lange entwunden, schlug er mit seinem goldnen Stabe zwischen zwei erzuͤrnte miteinander streitende Schlangen, — und diese vergaßen ploͤtzlich ihrer Wuth, und wik- kelten sich vereint, in sanften Kruͤmmungen um den Stab, bis an die Spitze, wo ihre Haͤupter in ewiger Eintracht sich begegnen. Es giebt kein schoͤneres Sinnbild, um die Versoͤhnung und den Frieden, so wie die harmo- nische Verbindung des Widerstreitenden und Ent- gegengesetzten zu bezeichnen, als diesen Schlangen- umwundenen Stab, der, im der Hand des Goͤt- terboten, der Herold seiner Macht ist. Nichts ist reizender als die dichterischen Schil- derungen der Alten von der schnell sich entwickeln- den Goͤtterkraft, die gleichsam lange vorher schon war, und nun in verjuͤngter Gestalt aus dem Schooß der Mutter neu gebohren, die Fuͤlle ihres Wesens, welche sie in sich spuͤrt, nicht lange durch Windeln und durch die Wiege beschraͤnken laͤßt. Waͤhrend daß Juno schlief, hatte Jupiter in verstohlner Umarmung mit der holden Maja den Merkur in einer schattigten Hoͤhle erzeugt. — Und als die Zeit der Entbindung da war, so wurde am fruͤhen Morgen der Goͤtterknabe gebohren, am Mittag schlug er schon die von ihm selbst er- fundene Laute, und am Abend entwandte er die Rinder des Apollo. Die Laute erfand er, da er am ersten Mit- tage sich aus der Wiege stahl, und indem er uͤber die Schwelle trat, eine Schildkroͤte ihm entgegen kam, deren umwoͤlbende Schaale ihm sogleich ein schickliches Werkzeug schien, um von dem Klange darauf gespannter Saiten wiederzutoͤ- nen. — Wenn du todt bist, sprach er zu der Schild- kroͤte, dann wird erst dein Gesang anheben. — Und als er ihr nun das Leben geraubt hatte, und die Umwoͤlbung leer war, spannte er sieben aus Sehnen geflochtene miteinander toͤnende Saiten daruͤber, und schlug sie mit dem klangentlockenden Staͤbchen, jeden einzelnen Ton versuchend, der tief im Bauch der Woͤlbung wiederhallte. Nun konnte er auch der Lust zu singen nicht widerstehen, und besang, die Laute schlagend, was nur sein Auge erblickte; die Dreifuͤße und Gefaͤße in seiner Mutter Hause; aber er sang auch schon mit hoͤherm Schwunge, Jupiters Lie- besbuͤndniß mit der holden Maja, als seiner eige- nen Gottheit Ursprung. Als nun am Abend die Sonne sich in den Ocean tauchte, war er schon auf den Piraͤischen Gebirgen, wo die Heerden der unsterblichen Goͤt- ter weiden. Funfzig entwandte er von Apollos Rindern, und trieb sie mit manchem listigen Kunstgriff uͤber Berg und Thal, daß niemand die Spur des Raubes entdecken konnte, wenn nicht ein Greis, der auf dem Felde grub, den Knaben mit den Rindern vor sich her bemerkt, und ihn dem Apollo verrathen haͤtte. Als er nun am Alpheusstrome zwei von den Rindern geschlachtet, und sie sich selber geop- fert hatte , so loͤschte er wieder das Feuer aus, verscharrte die Asche in den Sand, und warf die Schuh von gruͤnern Reisern, womit er die Fuß- stapfen unkenntlich zu machen gesucht, in den voruͤberstroͤmenden Alpheus, damit auch hier sich keine Spur mehr zeige. Dieß alles that er bei Nacht und hellem Mondenschein. — Als nun der Tag anbrach, da schlich er sich leise wieder in die Wohnung seiner Mutter, und legte sich in die Wiege, die Windeln um sich her, die Laute, als sein liebstes Spielwerk, mit der Linken haltend. Und als nun Apollo wegen der geraubten Rinder zuͤrnend kam, so stellte sich der Raͤuber, als ob er in der Wiege in suͤßem Schlummer laͤge, die Laute unterm Arme. Apollo drohte, ihn in den Tartarus zu schleudern, wenn er nicht schnell den Ort anzeigte, wo die entwandten Rinder waͤren. Da antwortete der listige Knabe mit den Au- gen blinzelnd: wie grausam redest du, Latonens Sohn, einen kleinen Knaben an, der gestern gebohren ist, und dem ganz andre Dinge lieb sind, als Rinder hinwegzutreiben; der sich nach suͤßem Schlummer, und nach der Brust der Mutter sehnt; und dessen Fuͤße viel zu weich und zart sind, als daß sie rauhe Pfade betreten koͤnnten. — Doch will ich bei meines Vaters Jupiters Haupte schwoͤren, daß ich die Rinder weder selber entwandt habe, noch den Thaͤter weiß. Und als sie nun beide, um ihren Streit zu schlichten, vor dem Vater der Goͤtter auf dem Olymp erscheinen, so bringt zuerst Apollo wegen der entwandten Rinder seine Klage vor. — Merkur aber stand in Windeln da, um durch sein zartes Alter selbst die Klage zu widerlegen. Seh’ ich denn wohl, so sprach er zum Jupiter, einem starken Manne gleich, der Rinder hinweg- zutreiben vermag? — Gewiß sollst du, mein Erzeuger selbst, die Wahrheit von mir hoͤren: ich lag in suͤßem Schlummer, und habe die Schwelle unsrer Wohnung nicht uͤberschritten; — du weißt auch selber wohl, daß ich nicht schuldig bin; doch will ichs auch durch den groͤßten Schwur betheu- ern; und jenem einst sein grausames Wort ver- gelten; du aber stehe dem juͤngern bei! So sprach Merkur mit den Augen blinzelnd, und Jupiter laͤchelte uͤber den Knaben, daß er so schoͤn und klug den Diebstahl zu leugnen wußte . — Zugleich befahl er dem Merkur, den Ort zu zeigen, wo die Rinder verborgen waͤren. Als dieser nun Jupiters Befehl gehorchte, ward auch Apollo wieder mit ihm versoͤhnet; und die vom Merkur erfundene Laute war der Versoͤhnung Unterpfand. Denn als der Gott der Harmonien ganz ent- zuͤckt den lieblichen Ton vernahm, der faͤhig ist, L Liebe und Freude und Schlummer zu bewirken, gewann er auch den klugen Erfinder lieb, und sprach: die Erfindung sey der funfzig geraubten Rinder werth! — Da schenkte ihm Merkur die Laute, und Apollo war uͤber den Besitz des kost- baren Schatzes hocherfreut; damit ihm dieser aber vollkommen gesichert sey, so bat er den Mer- kur, ihm noch bei dem Styx zu schwoͤren, daß er die sanft ertoͤnende Laute ihrem nunmehrigen Besitzer nie wieder entwenden wolle . Apollo schenkte nachher dem Merkur den gol- denen Stab, der alle Zwiste schlichtet; — jetzt aber kehrten die beiden Nahverwandten Hand in Hand geschlungen zum Olymp zuruͤck; es war die Kunst, die ein schoͤnes Band zwischen ihnen knuͤpfte, und Jupiter freute sich ihrer Eintracht. — Merkur wird nun der Goͤtterbote; — er ist die behende Macht — das schnell sich Bewe- gende unter den hohen Goͤttergestalten, die gleich- sam fest gegruͤndet in ihrer Majestaͤt, den schnellen erfindungsreichen Gedanken vom Himmel zur Erde senden, und wenn er wiederkehrt, ihn in ihrem hohen Rath aufnehmen. Auch die Kunst zu ringen, und durch Be- hendigkeit der Staͤrke uͤberlegen zu seyn, lehrte Merkur die Menschen. Alles, wodurch der zarte Gedanke, sich in der Dinge geheimste Fugen stehlend, des maͤchtigen Zusammenhangs Meister wird, ist das Werk des leichten Goͤtterboten. Er stieg vom hohen Olymp ins Reich des Pluto nieder. — Die Seelen der Verstorbenen fuͤhrt er mit seinem Stabe der oͤden Schattenwelt, der dunkeln Behausung der Todten zu; er selber steigt wieder zum Olymp empor, wo ewiger Glanz und Klarheit herrscht. — Die Erde . Obgleich die Erde, die den umwoͤlbenden Uranos aus sich gebahr, und sich mit ihm ver- maͤhlte, unter die uralten uͤber Bildung und Form erhabenen Erscheinungen, worauf die Phantasie noch nicht haften kann, zuruͤcktritt; so hat den- noch die bildende Kunst versucht, auch diese Goͤt- tergestalt durch allegorische Darstellung zu be- zeichnen. So ist auf der hier beigefuͤgten Kupfertafel, nach einem antiken geschnittenen Steine, die alles ernaͤhrende Erde gebildet, in ruhiger Stellung am Boden sitzend, und mit ihrer Rechten den Stamm eines Baums umfassend, dessen Zweige sich uͤber ihrem Haupte ausbreiten. Neben ihr liegt ein Horn des Ueberflusses; mit der Linken beruͤhrt sie die neben ihr ruhende Himmelskugel ; vor ihr steht die Siegesgoͤttin; und unter dem L 2 Bilde zweier kleinen weiblichen Figuren, welche Gefaͤße in den Haͤnden tragen, bringen die wech- selnden Jahreszeiten der seegnenden Mutter ihre Gaben dar. Von der Goͤttin Cybele , unter welchem Nahmen Rhea , eine Tochter der Erde, und des Saturnus Vermaͤhlte, als die große Mutter oder die Mutter aller Goͤtter verehrt ward, be- findet sich auf eben dieser Tafel eine Abbildung nach einem antiken geschnittenen Steine aus der Stoschischen Sammlung; wo die maͤchtige Goͤttin dargestellt ist, auf einem Loͤwen reitend, das leuchtende Gestirn zu ihrer Rechten; zu ihrer Lin- ken den gehoͤrnten Mond; die Handpauke nah am Haupte haltend, und gleichsam auf das Ge- toͤse lauschend. Cybele . In dieser fremden Goͤttergestalt, die Phry- gischen Ursprungs war, verjuͤngte sich die Dich- tung von der Rhea , welche, da sie den Jupiter gebohren, statt seiner einen eingewickelten Stein dem Saturnus zu verschlingen gab, und heimlich auf der Insel Kreta das Goͤtterkind erziehen ließ, um welches die Korybanten mit ihren Waffen ein wildes Getoͤse machten, damit Saturnus nicht die Stimme des weinenden Kindes hoͤrte. An diese alte Sage knuͤpften sich die Begriffe von Entstehung und Erzeugung des Gebildeten an. — Es war die Mutter aller Dinge, wel- che die zerstoͤrende Obermacht zu taͤuschen, das zarte Gebildete vom Untergange zu retten, und es heimlich und sorgsam zu pflegen wußte; so wie die allbefruchtende Natur es mit dem zarten Keime macht, den sie im Schooß der Erde vor Wind und Stuͤrmen schuͤtzt. So war das Urbild der Cybele die große Erzeugungskraft, die alle Naturen baͤndigt; den Loͤwen zaͤhmt; den Schooß der Erde befruchtet. — Man dachte sie sich, als die Beherrscherin der Ele- mente; den Anfang aller Zeiten; die hoͤchste Him- melsgoͤttin; die Koͤnigin der Unterwelt; und sel- ber als das Urbild jeder Gottheit, die wegen der immer herrschenden, erzeugenden und gebaͤhren- den Kraft, in ihr sich weiblich darstellt. Ob aber gleich diese Goͤttin auf einem mit Loͤwen bespannten Wagen, und mit einer Mauer- oder Thurmkrone auf dem Haupte abgebildet wur- de, wodurch ihre alles baͤndigende Macht, und zugleich ihre Herrschaft uͤber den mit Staͤdten besaͤeten Erdkreis dargestellt werden sollte; so war doch diese Abbildung gleichsam nur eine aͤußere Ueberkleidung ihres unbegreiflichen gestaltlosen Wesens, welches man sich grade unter dem Un- foͤrmlichen am ehrwuͤrdigsten dachte. — Im Tempel der großen Mutter in Pessinunt war es ein kleiner schwarzgrauer, unebener, spitziger Stein, an welchem die Idee von Gestalt und Form am wenigsten haften konnte, der die verehrte Mutter der Dinge bezeichnete. — Es war derselbe Begriff von diesem hohen Wesen, das sich auch in die Gestalt der aͤgypti- schen Isis huͤllte, auf deren Tempel geschrieben stand: ich bin alles, was da ist, was da war, was da seyn wird, und meinen Schleier hat kein Sterblicher aufgedeckt. So verehrt nun diese große Goͤttin selber war, so veraͤchtlich waren groͤßtentheils ihre Prie- ster, an welchen sie dafuͤr, daß sie sich ihr gleich- sam zu sehr naͤhern wollten, eine furchtbare Rache nahm. — Die Priester der Cybele entmannten in ihrer fanatischen Wuth sich selber, und geißelten und zerfleischten sich. — Sie liefen in wilder Begei- sterung mit fliegendem Haar umher, das Haupt in den Nacken und von einer Seite zur andern werfend. — Die hohe Goͤttin sahe den Trupp entmannter Weichlinge gleichsam triumphierend in ihrem Gefolge. — Es war die uͤppigste, ausschweifendste, sich selbst uͤberstroͤmende und in zerfleischende Wuth ausartende Lebensfuͤlle, welche den Zug der großen Erzeugerin, der maͤchtigen Loͤwen- baͤndigerin allenthalben begleitete. Die große Mutter selber aber blieb stets ver- ehrt. — Der Gottheit schadete die Raserei ihrer Priester nicht, — und der Begriff von ihr be- hielt unter allem Mißbrauch ihrer Hoheit, seine urspruͤngliche Erhabenheit, indem man in ihr, unter jeder Benennung, nichts anders als die allerzeugende, allbefruchtende und allbelebende Mutter Natur, selbst verehrte. Bachus . Obgleich von sterblichen Muͤttern gebohren, sind Bachus und Herkules dennoch dem Chore der himmlischen Goͤtter zugesellt. Bachus aber ist demohngeachtet die hoͤhere Goͤttergestalt — in ihm offenbart sich gleich die ganze Fuͤlle seines Wesens, und er hat unmittelbar unter den himmlischen Goͤt- tern seinen Sitz, wozu sich Herkules durch un- uͤberwindlichen Heldenmuth den Weg erst bahnen muß. Dieser tritt daher auch in den Dichtungen der Alten erst unter den goͤtteraͤhnlichen Helden auf, indeß sich Bachus gleich dem Chor der Goͤtter an- schließt. — Des Bachus hohes Urbild war die innre schwellende Lebensfuͤlle der Natur, womit sie dem Geweihten begeisternden Genuß und suͤßen Tau- mel aus ihrem schaͤumenden Becher schenkt. — Der Dienst des Bachus war daher, so wie der Dienst der Ceres, geheimnißvoll; — denn beide Gottheiten sind ein Sinnbild der ganzen wohlthaͤ- tigen Natur, die keines Sterblichen Blick um- faßt, und deren Heiligthum keiner ungestraft ent- weiht. — Die Dichtung von der Geburt des Bachus selber enthaͤlt einen hohen Sinn. — Die eifer- suͤchtige Juno verleitet Semelen zu dem thoͤrich- ten Wunsche, in Jupiters Umarmung auch seine Gottheit zu umfassen, — sie fordert vom Ju- piter erst den unverletzlichen Schwur, ihre Bitte zu erfuͤllen, und nun verlangt sie, daß er in sei- ner wahren Goͤttergestalt bei ihr erscheinen solle — Jupiter naͤhert sich ihr mit seinem Donner, sie aber wird, vom Blitz erschlagen, ein Opfer ihres vermessenen Wunsches. — Den jungen Bachus reißt der Donnergott aus der Mutter Schooße, und verbirgt ihn, bis zur Zeit der Geburt in seine eigene Huͤfte. — Das Sterbliche wird zerstoͤrt, ehe das Unsterbliche hervorgeht. — Die Menschheit kann den Glanz der Gottheit nicht ertragen, und wird vor ihrer furchtbaren Majestaͤt vernichtet . — Merkur trug nun den jungen Bachus zu den Nymphen, die ihn erziehen sollten, und die In- seln und Laͤnder streiten sich um den Vorzug, die wohlthaͤtige Gottheit, welche die Menschen den Weinbau lehrte, in ihrem Schooße gepflegt zu haben. Als Knaben stellen die Dichtungen den Bachus dar, wie er gleichsam halb in suͤßem Schlummer taumelnd, noch nicht die ganze Fuͤlle seines We- sens faßt, und vor den Beleidigungen der Men- schen furchtsam scheint, — bis sich auf einmal durch wunderbare Ereignisse seine furchtbare Macht entdeckt. Lykurgus, ein Koͤnig in Thracien, verfolgte die Pflegerinnen des Bachus auf dem Berge Nysa und verwundete sie mit seinem Beile. — Bachus selber warf sich vor Schrecken ins Meer, wo ihn die Thetis in ihre Arme aufnahm, die ehemals auch den Vulkan bei sich verbarg, als Jupiter ihn vom Himmel geschleudert hatte. — Lykurgus aber wurde fuͤr seinen Frevel von den Goͤttern mit Blindheit bestraft, und lebte nicht lange mehr, denn er war den unsterblichen Goͤttern ver- haßt. — Als Seeraͤuber einst den Bachus, den sie fuͤr den Sohn eines Koͤnigs hielten, in Hofnung eines kostbaren Loͤsegelds, entfuͤhren und binden woll- ten, so fielen dem laͤchelnden Knaben die Banden von selber ab; und da sie dennoch seine Gottheit nicht erkannten, so ergoß sich erst ein duftender Strom von Weine durch das Schiff; dann breitete sich ploͤtzlich bis zum hoͤchsten Segel ein Weinstock aus, an welchem schwere Trauben hingen; um den Mastbaum wand sich dunkler Epheu; und mit Weinlaub waren alle Ruder bekraͤnzt. — Auf dem Verdeck des Schiffes aber zeigte sich ein Loͤwe und warf die grimmigen drohenden Blicke umher. — Da ergriff die Frevler Angst und grauenvolles Entsetzen; zur Flucht stand ih- nen kein Weg mehr offen; sie sprangen vom Schiffe ins Meer, wo sie sich ploͤtzlich als Delphi- nen kruͤmmend, Zeugen von der Macht der alles besiegenden Gottheit wurden. Pentheus, ein Koͤnig in Theben, der gleich dem Bachus ein Enkel des Kadmus war, und der Verehrung der neuen Gottheit, welcher alles Volk Altaͤre weihte, sich spottend widersetzte, mußte, gleich den Frevlern auf dem Schiffe, des Weingottes furchtbare Macht empfinden. Unter der Gestalt eines Juͤnglings aus dem Gefolge des Bachus erschien der Gott ihm selber, und warnte ihn durch die Erzaͤhlung von dem Schicksal, das die frevelnden Maͤnner traf, die den maͤchtigen Pflanzer der Reben, auf ihrem Schiffe gebunden entfuͤhren wollten. Pentheus, noch mehr vom Zorn entbrannt, ließ den vermeinten Juͤngling ins Gefaͤngniß wer- fen, und zu seiner Marter und Hinrichtung die grausamen Werkzeuge bringen. — Ploͤtzlich stuͤrzte das Gefaͤngniß ein, der Gott schuͤttelte seine Banden ab; und Pentheus, der voll rasender Wuth, auf dem Berge Cythaͤron, die Priesterinnen des Bachus verfolgte, ward von seiner eigenen Mutter und ihren Schwestern, die in der wilden Begeisterung, ihn fuͤr einen Loͤwen ansahen, in Stuͤcken zerrissen, und sein Haupt im Triumph emporgetragen. Der Zug des Bachus in Indien ist eine schoͤ- ne und erhabne Dichtung. — Mit einem Krie- gesheer von Maͤnnern und Weibern, das mit freudigem Getuͤmmel einherzog, breitete er seine wohlthaͤtigen Eroberungen bis an den Ganges aus. — Er lehrte die besiegten Voͤlker hoͤhern Lebensgenuß, den Weinbau, und Gesetze. — In seiner Goͤtterbildung verehrten die Sterb- lichen das Hohe, Freudenreiche des Genusses, was in die menschliche Natur verwebt ist, als ein fuͤr sich bestehendes hohes Wesen, das in der Gestalt des ewig bluͤhenden Knaben, Loͤwen und Tyger baͤndigt, die seinen Wagen ziehen, und im goͤttlich suͤßen Taumel, unter dem Schall der Floͤten und Trommeln, vom Aufgange bis zum Niedergange durch die Laͤnder aller Nationen tri- umphierend seinen Einzug haͤlt. In drei Jahren vollendete Bachus seinen siegreichen, die Voͤlker der Erde begluͤckenden Zug, zu dessen Andenken stets nachher, so oft drei Jahre verflossen waren, die Feste gefeiert wurden, an denen das freudige Getuͤmmel, womit der Zug des Bachus begleitet war, aufs neue von den Bergen widerhallte. — Die Priesterinnen des Bachus mit zerstreu- tem Haar, auf den Bergen umher schweifend, erfuͤllten die Luft mit dem Getoͤse ihrer Trommeln, und mit ihrem wilden Geschrei: Evohe Ba- chus! — Der drohende Thyrsusstab in ihrer Hand, an dem die farbigten Baͤnder wehten, waͤhrend daß unter dem Fichtenapfel sich oben die verwundende Spitze barg, bezeichnete den schoͤnen Feldzug, wo das Furchtbare und Kriegerische, unter Gesang und Floͤtenspiel verborgen lauschte. — Diese begeisterten Priesterinnen des Bachus, welche auch Bachantinnen hießen, sind ein erhab- ner Gegenstand der Poesie. — Eine Bachantin ist gleichsam uͤber die Menschheit erhaben. — Von der Macht der Gottheit erfuͤllt, sind die Grenzen der Menschheit ihr zu enge. — So schildert ein Dichter aus dem Alterthum die Begeisterte, wie sie auf dem Gipfel des Ge- birges, den sie bewußtlos erstiegen hat, auf ein- mal vom Schlummer erwacht, und nun den Hebrus und das ganze mit Schnee bedeckte Thra- zien vor sich liegen sieht. — Die Gefahr ist suͤß, ruft der Dichter aus, dem Gott zu folgen, der mit gruͤnendem Laube die Schlaͤfe umkraͤnzt hat. — Eben diese Anstrengung aller Kraͤfte, dieß Emporstreben in der wilden furchtbaren Begeiste- rung ist es, wodurch dieß Bild so schoͤn wird. Auch das Alter wird in dem Gefolge des Ba- chus berauscht vom Lebensgenuß und taumelnd mit aufgefuͤhrt. — Auf seinem Esel reitet der alte Silen mit schwerem Haupte, von Satyrn und Faunen gestuͤtzt, und macht in dem jugendlichen Gemaͤhlde den reitzendsten Kontrast. Ohngeachtet dieses Laͤcherlichen wurde Silen in den Dichtungen der Alten, als ein hohes We- sen dargestellt. — Ihm wird eine hohe Kenntniß goͤttlicher Dinge zugeschrieben, und seine Trun- kenheit selber wurde sinnbildlich auf den hohen Taumel, worin sein Nachdenken uͤber die erha- bensten Dinge ihn versetzte, gedeutet. — Auch war er nebst dem weisheitbegabten Chiron, der Erzieher des jungen Bachus. Zwei Hirtenknaben binden einst den trunke- nen, schlummernden Silen, — weil sich ein Gott, den Sterbliche im Schlummer binden koͤn- nen, durch die Gewaͤhrung einer Bitte loͤsen muß; — schalkhaft mahlt die Nymphe mit dem Saft der Beeren des Trunknen Schlaͤfe roth, — und da nun Silen erwacht, so fordern die Hirten nichts weiter als ein Lied von ihm zum Loͤsegelde. Und nun ertoͤnet hohe Weisheit von den Lip- pen, die der Nektartrank der suͤßen Trauben netzte. — Er singt der Dinge Entstehung, und ihren wunderbaren Wechsel. — Die Hirten lau- schen entzuͤckt auf den Gesang, und halten dieses Lied ihrer hoͤchsten Wuͤnsche werth. — Auch diese schoͤne Dichtung zeigt, wie die Alten das Komische selber wieder mit Wuͤrde zu uͤberkleiden wußten, und einen Vereinigungspunkt fuͤr lachenden Scherz und himmlische Hoheit fan- den, der uns entschwunden scheint. — In Elis in Griechenland hatte Silen einen eigenen Tempel, wo man ihm goͤttliche Ehre erzeigte. — Der schalkhaft laͤchelnde Faun, der boshaft spottende Satyr gehoͤrten mit in das Gefolge des Bachus, worin sich alles vereinigte, was bei jugendlicher Schalkhaftigkeit und frohem Leicht- sinn durch eine hoͤhere Natur, uͤber die Sorgen und Pflichten der Sterblichen erhaben, und durch menschliche Beduͤrfnisse auf keinen Grad der Maͤßigung beschraͤnkt war. Denn in dem hohen Sinnbilde, welches den froͤlichen Genuß des Lebens selbst bezeichnet, der uͤber den ganzen Erdkreis sich mittheilend und ver- breitend, keine Grenzen kennt, mußte auch die Darstellung des hoͤchsten Genusses unbeschraͤnkt seyn, und alles das sich in der Dichtung zusam- menfinden, was, wenn es wirklich waͤre, die Menschheit zerstoͤren wuͤrde. — Denn freilich ist es die Allgewalt des Genus- ses, die furchtbar uͤber den Menschen wandelt, und eben so wohlthaͤtig wie sie ist, auch wieder Verderben drohet. — Eben der Dichter aus dem Alterthum, wel- cher mit hoher Begeisterung das Lob des Bachus singt, ermahnt daher die Trinker, des blutigen Zanks sich zu enthalten, — und fuͤhrt zum war- nenden Beispiel das Gefecht der Centauren und Lapithen an, welche vom Wein erhitzt des gast- freundschaftlichen Mahls vergaßen, und von wil- der Mordlust hingerissen, im rasenden Getuͤmmel gegeneinander stuͤrmten, bis die Leichname der Er- schlagnen den Boden deckten. Ohngeachtet dieser drohenden Gefahr war aber dennoch hoher Lebensgenuß, und selbst die wilde Freude, bei den Alten in der Reihe der Dinge mitgezaͤhlt, und von den Festen der Goͤtter nicht ausgeschlossen. — Das Leben war ein saft- voller Baum, der ungehindert in Aeste und Zweige emporschoß, und den auch seine uͤppigen Auswuͤchse nicht entstellten. Bis zu der hellsten Flamme wurden die Lei- denschaften angefacht, und hielten dennoch alle gleich maͤchtig, sich die mehrste Zeit einander im schoͤ- nen Gleichgewicht. — Heidenruhm, Triumphe, frohlockende Gesaͤnge, und hohe Lebensfreuden, wa- ren im immerwaͤhrenden Gefolge: durch diesen suͤßen Wechsel wurde das Gemuͤth stets offen und frei er- halten; geheime Wuͤnsche und Gedanken durften noch unter keiner Larve von falscher Bescheidenheit und Demuth sich verstecken. — Sobald man ein Bachanal sich ohne Ueppig- keit denken wollte, wuͤrde es aufhoͤren, ein Ge- genstand der Kunst zu seyn; denn gerade die Wildheit, das Taumeln, das Schwingen des Thyrsusstabes, die Ausgelassenheit, der Muth- wille, macht das Schoͤne bei diesen frohen Wesen aus, die nur in der Einbildungskraft ihr Daseyn hatten, und bei den Festen der Alten in einer Art von Schauspiel dargestellt, den duͤstern Ernst verscheuchten. Auf den Marmorsaͤrgen der Alten findet man haͤufig Bachanale abgebildet. — Um selbst noch hier den Ernst mit frohem Laͤcheln, die Trauer mit der Froͤhlichkeit zu vermaͤhlen, ist gerade der Punkt gewaͤhlt, wo Tod und Leben auf dem Gip- fel der Lust am naͤchsten aneinander grenzen. — Denn der hoͤchste Genuß grenzt an das Tragi- sche, — er droht Verderben und Untergang, — das- selbe, was die Menschengattung, mit jugendlichem Feuer beseelet, untergraͤbt und zerstoͤrt sie auch. — Da nun durch das frohe Getuͤmmel des Ba- chus die hoͤchste Fuͤlle der Lust bezeichnet werden soll, so ist ein gemaͤßigtes Bachanal kein Bacha- nal; eben so wie eine sanfte Juno keine Juno; ein ehrlicher Merkur kein Merkur; ein enthaltsamer kalter Jupiter kein Jupiter; und eine dem Vulkan getreue Venus keine Venus ist. — In der Goͤttergestalt des ewig jungen Bachus verjuͤngten sich nun auch, so wie bei den uͤbrigen Goͤttern, die aͤhnlichen Erscheinungen, welche die Vorwelt in dunkle Sagen huͤllte. — Demohngeachtet gab es noch einen Indischen oder Aegyptischen Bachus, welcher baͤrtig darge- stellt wurde, und dessen Abbildung man nicht sel- ten unter den alten Denkmaͤlern findet. — Die goldnen Hoͤrner auf dem Haupte des Bachus, welche die bildende Kunst der Griechen versteckte, oder sie nur ein wenig hervorscheinen ließ, geben dieser Dichtung ebenfalls ein Gepraͤge des hohen Alterthums, wo das Horn auf die erhabensten Begriffe von inwohnender wohlthaͤtiger Goͤtter- kraft, und unbesiegter Saͤrke deutet. — Unter den Thieren ist der gefleckte Panther dem Bachus gewetht; — es ist die Wuth, die Grausamkeit selber, welche durch ihn gezaͤhmt wird, und sich zu seinen Fuͤßen schmiegt. Der immergruͤnende Epheu, die Schlange, die sich verjuͤngt, indem sie ihr Fell abstreift, sind M schoͤne Sinnbilder der nie verwelkenden Jugend, worin die Goͤttergestalt des Bachus dem Apollo gleicht, nur das die bildende Kunst der Alten den Bachus weicher und weiblicher, mit staͤrkern Huͤf- ten, darstellt. — Auf der hier beigefuͤgten Kupfertafel befindet sich eine Abbildung des Bachus nach einem schoͤ- nen antiken geschnittenen Steine aus der Lippert- schen Daktyliothek: Bachus sitzt auf einem Wa- gen, der von zwei Panthern gezogen wird; auf den Panthern sitzen Liebesgoͤtter, von denen der eine die Floͤte spielt. Das Grausame und Wilde schmiegt sich unter die Herrschaft des Sanften und Froͤlichen. Auf eben dieser Tafel ist auch Silen nach einem antiken geschnittenen Steine abgebildet, in seiner Rechten eine Hippe, und mit der Linken sich auf eine Leyer stuͤtzend. — Ein schoͤnes Sinn- bild des hohen Taumels, der in harmonische Ge- saͤnge uͤberstroͤmt. Die heiligen Wohnplaͤtze der Goͤt- ter unter den Menschen. D ie Phantasie der Alten ließ ihre Dichtungen, uͤber der Wirklichkeit schwebend, allmaͤlig sich vom Himmel zur Erde niedersenken. — Sie heiligte die Plaͤtze, wo, nach der Sage der Vorwelt, die junge Gottheit neugebohren, zuerst in jugendlichem Glanz hervortrat; oder wo ein Land oder eine Insel so gluͤcklich war, in ihrem Schooße ein Goͤtterkind zu pflegen. — Sie weihte auch die Oerter, wo in Orakel- spruͤchen die Gottheit ihre Gegenwart offenbarte; und jeder Platz, den irgend eine Gottheit, nach der alten Sage, zu ihrem Lieblingsaufenthalte sich waͤhlte, ward in der Dichtersprache zu einem schoͤnen Nahmen, an welchen sich der Begriff der Gottheit selber knuͤpfte, die unter irgend einer be- sondern bedeutenden Gestalt auf diesem Fleck ver- ehrt ward. Nun fand die Einbildungskraft so viele Ruhe- punkte, worauf sie sich heften konnte, als Tempel waren, welche die Menschen den uͤber den Wolken M 2 thronenden Goͤttern weihten, die oft zu ihnen herniederstiegen, und in ihre geringsten Angele- genheiten sich mit zaͤrtlicher Sorgfalt mischten. Kreta . Auf diesem Eilande senkte sich, durch irgend eine in Dunkel gehuͤllte Veranlassung, zuerst die kuͤhne Dichtung nieder, welche den hoͤchsten Ju- piter auf dem Ida mit der Stimme des neuge- bohrnen Kindes weinen, und nach der suͤßen Nahrung und Pflege sich sehnen ließ. — In der Diktaͤischen Grotte wurde das Goͤtter- kind erzogen, und durch das Getoͤse, welches die Korybanten machten, wurden, nach einer arti- gen Dichtung, die Bienen herbeigelockt, die den Jupiter mit ihrem Honig naͤhrten, dem auch die Tauben in ihrem Schnabel uͤbers Meer Ambrosia zufuͤhrten, indeß die Ziege Amalthea mit ihrer Milch ihn saͤugte. Auch legte man dem Jupiter von dem Berge, wo seine Kindheit gepflegt war, den Zunahmen des Idaͤischen bei. — Bei Troja war ein Berg, der auch den Nahmen Ida fuͤhrte, — der Gar- garus war dieses Berges hoͤchster Gipfel; — hier uͤbersah Jupiter das Schlachtfeld der Griechen und Trojaner, und wog mit der furchtbaren Waage wechselsweise Sieg und Tod den streitenden Hee- ren zu. Dodona . In dem Dodonischen Walde, in Epirus, welches vormals Chaonien hieß, und wo die aͤlte- sten Bewohner der Erde, nach der Sage der Vor- zeit, von Eicheln lebten, war ein Orakel des Jupiter. Dieß Orakel war das aͤlteste in Griechenland. Aus Theben in Aegypten, entflohen, nach der uralten Dichtung, zwei Tauben des Jupiter, wo- von die eine sich nach Lybien, die andre nach Dodona wandte, um Jupiters Rathschluͤsse den Menschen kund zu thun. Unter dem schoͤnen Bilde der redenden Taube stellt die alte Dichtung die wahrsagende Priesterin dar, welche zuerst in den Wald von Epirus kam, und die unaufmerksamen Menschen auf das sanfte Gemurmel eines Quelles lauschen lehrte, der den Fuß einer Eiche netzte, und dessen wechselnden Toͤnen sie eine geheime Deutung auf die Zu- kunft gab. Nachher wurden auf diesem Fleck zwei Saͤu- len errichtet; auf der einen stand ein ehernes Bek- ken; auf der andern die Bildsaͤule eines Knaben, mit einer metallenen Ruthe, die der Wind bewe- gen konnte, und welche, so oft sich nur ein Luͤft- chen regte, an das helltoͤnende Becken schlug. Aus dem Getoͤne des Erztes wurde nun, wie vorher aus dem Murmeln des Quelles, die dunkle Zukunft prophezeit. — Es war der wechselnde Hauch der alles umstroͤmenden Luft, deren gehei- me Sprache man durch das sanftberuͤhrte Metall zu vernehmen lauschte. — Es war die umgebende sprachlose Natur, womit der Mensch sich gleich- sam in vertraute Gespraͤche einzulassen, und kuͤnf- tige Ereignisse, die sich in ihr bilden, von ihr zu erforschen wuͤnschte. Die Deutung aus einem zufaͤlligen Getoͤne ist der natuͤrlichste Anfang der Orakelspruͤche, weil das Gemuͤth ohnedem geneigt ist, dem Klange, den das Ohr vernimmt, die Wuͤnsche des Herzens unterzulegen, die gern aus jedem Geraͤusche wi- derhallen. — Auch war es kein Wunder, daß die Sehnsucht, irgend einen Wunsch so gut als er- fuͤllt zu wissen, sich willig taͤuschen ließ. Selbst aus den Hoͤhlungen der Baͤume in dem dodonischen Walde ließen die Priester ihre Orakel- spruͤche hoͤren, welches die Dichtung in die Fa- bel kleidet, daß die dem Jupiter geweihten Eichen selbst geredet, und die Zukunft enthuͤllet haben. — Die immer thaͤtige Phantasie suchte auch hier das Leblose zu beleben. — Die gegenwaͤrtige Gottheit erfuͤllte den ganzen ihr geweihten Hain, und jedes Rauschen des Blattes war bedeutend. Delos . Die Laͤnder und Inseln zittern, auf denen La- tona den fernhintreffenden Apoll gebaͤhren will; — kein hervorragendes Eiland wagt es, den Gott in seinem Schooße zu tragen. — Bis Latona end- lich das rauhe unfruchtbare Delos besteigt, und ihm verspricht, daß ein Tempel auf seinem felsig- ten Boden erbauet werden soll, zu welchem alle Voͤlker Geschenke und Hekatomben bringen wer- den, wenn es den fernhintreffenden Gott in seinen Schooß aufnimmt. Da schwebte Delos zwischen Freude und Furcht, daß, wenn sein Nahme gleich zu ewigen Zeiten glaͤnzte, der Gott, sobald er das Licht er- blickte, es wegen seines rauhen Bodens verach- ten, und in den Abgrund des Meeres zuͤrnend versenken moͤchte. Latona mußte mit dem unver- letzlichen Schwur der Goͤtter dem besorgten Eilande schwoͤren, daß auf ihm der erste Tempel dem Apollo erbaut werden, und auf seinem Altar be- staͤndig die Opferflamme lodern solle. Und nun war Delos hocherfreut, daß der fernhintreffende Gott es zu seiner Wiege waͤhlte. — Denn Reichthuͤmer stroͤmten nun von allen Seiten dem unfruchtbaren Eilande zu, — und die Jung- frauen von Delos sangen einen Lobgesang, worin alle Voͤlker ihre eigenen Worte und ihre eige- nen Toͤne wieder zu hoͤren glaubten; so har- monisch war des Liedes Klang . Auch fuͤgte das gluͤckliche Delos seinen Nahmen dem Nahmen des Gottes bei. — Von dem felsigten Berge Cynthus auf Delos, den der Gott mit dem silbernen Bogen oft bestieg, hieß er der Cynthi- sche, von Delos selber, der Delische Apoll . Delphi . Am Abhange des Parnasses war schon in den aͤltesten Zeiten eine Hoͤhlung in der Erde, woraus ein betaͤubender Dampf aufstieg, der diejenigen, welche sich der Oefnung naͤherten, in eine Art von Wahnwitz versetzte, worin sie zuweilen wie im begeisternden Taumel, sich selber unbewußt, von hohen Dingen sprachen, entfernte Begriffe anein- ander knuͤpften, und eine Art von dunkler Dich- tersprache redeten, die eben so wie das Murmeln des Baches, oder wie der Klang des Dodonischen Erztes, auf mannichfaltige Weise gedeutet werden konnte. In den aͤltesten Zeiten war es die Erde sel- ber, welche hier unmittelbar ihre Orakelspruͤche ertheilte. — Zu den Zeiten des Deukalion war es Themis, eine Tochter des Himmels und der Erde, welche hier die dunkle Zukunft und den Schluß des Schicksals den Sterblichen offen- barte. — Apollo toͤdtete den Drachen Python, der dieß Heiligthum bewachte, und bemaͤchtigte sich selber des Platzes, wo er von nun an durch die begei- sterte Priesterin, die von dem getoͤdteten Drachen Pythia hieß, in Orakelspruͤchen seine Gottheit offenbarte. Als Apollo nun hier sein Heiligthum gruͤnden wollte, erblickte er von fern ein segelndes Han- delsschiff aus Kreta, — ploͤtzlich sprang er ins Meer und warf sich in der Gestalt eines ungeheu- ren Delphins in das Schiff der Kretensischen Maͤnner, — und zwang es, vor allen Kuͤsten und vor Pylos, wohin es segeln sollte, vorbei, in den Hafen von Krissa einzulaufen, wo er den Maͤnnern ploͤtzlich in seiner majestaͤtischen Juͤng- lingsgestalt erschien, und ihnen verkuͤndigte, daß sie nie in ihr Vaterland wiederkehren, sondern in seinem Tempel als Priester ihm dienen wuͤrden. Und die Kretenser folgten mit Lobgesaͤngen dem anfuͤhrenden Gotte zu seinem Heiligthum, an dem felsigten Abhange des Parnasses. — Als sie aber die unfruchtbare Gegend erblickten, fleh- ten sie zum Apoll um Huͤlfe gegen Armuth und Mangel; — dieser blickte sie laͤchelnd an, und sagte: o ihr thoͤrichten Menschen, die ihr euch sel- ber Sorgen macht, und muͤhsame Arbeit aus- sinnt, vernehmt ein leichtes Wort: hier halte ein jeder das Opfermesser in seiner rechten Hand, und schlachte unaufhoͤrlich Opfer, die hier von allen Sei- ten aus allen Laͤndern zustroͤmen werden. — Nun wurde Delphi nahe am Tempel des Apollo erbauet, und seine Einwohner wurden reich und gluͤcklich, wie der untruͤgliche Gott ge- weißagt hatte. — Ueber der dampfenden Hoͤhle stand der gol- dene Dreyfuß, auf welchen sich die Pythia setzte, wenn sie drei Tage gefastet, den Saft aus den Blaͤttern des Lorbeerbaums gesogen, und im Ka- stalischen Quell sich gebadet hatte. Dann wurde sie von den Priestern mit Ge- walt ins Heiligthum gefuͤhrt. — Sobald sie auf dem Dreifuße saß, und der aufsteigende begeistern- de Dampf auf sie zu wirken anhub, straͤubte sich ihr Haar empor; ihr Blick wurde wild; der Mund fing an zu schaͤumen; Zittern ergriff ihren ganzen Koͤrper. — Sie arbeitete mit Gewalt sich loszureißen, und ihr Geheul erscholl im ganzen Tempel. — Bis nach und nach einzelne abgebrochene Laute der Sprache uͤber ihre Lippen kamen, — die jeder Deutung faͤhig, von den Priestern aufgezeich- net, und zu Orakelspruͤchen im abgemessenen Sil- benfall gebildet wurden. — Indeß man die ohn- maͤchtige Pythia in ihre Zelle fuͤhrte, wo sie nur langsam von der Ermattung sich erhohlte. Es war gleichsam die Gegenwart des Gottes, welcher die Pythia selbst erfuͤllte, dessen Joch sie kaͤmpfend und sich straͤubend von sich abzuschuͤtteln, und seiner uͤberwaͤltigenden Macht, so lange sie konnte, zu widerstehen suchte, bis sie endlich be- siegt die eingehauchten Goͤtterworte aussprach — und kraftloß niedersank. — Wenn die Pythia auf dem Dreifuße saß, so war sie von den Priestern des Heiligthums ganz umgeben. — Zwei Priesterinnen hielten die Un- geweihten ab, sich ihr zu naͤhern. — Das Hei- ligthum selber war mit Lorberzweigen ganz ver- deckt; und selbst der angezuͤndete Weihrauch huͤllte alles in eine Wolke, wie in geheimnißvolles Dun- kel ein, das keine frevelnde Neugier zu erforschen wagte. — Auch wuͤrde sich die Sehnsucht der Sterbli- chen, daß es wirklich einen Blick fuͤr sie in die Zukunft geben moͤchte, diese Taͤuschung ungern haben nehmen lassen, wenn einer auch den Vor- hang haͤtte hinwegziehen wollen; — denn das, woruͤber man das Orakel fragte, waren groͤßten- theils sehnsuchtsvolle Wuͤnsche fuͤr die Zukunft, wozu man die Uebereinstimmung der Gottheit erflehte. — Und die Taͤuschung der ganzen Scene selber, worin sich der zweideutige Ausspruch huͤllte, war doch dichterisch schoͤn. — Argos . Juno nennt unter ihren geliebten Staͤdten Argos selbst zuerst. — Da sie den Jupiter an- liegt, die Zerstoͤrung des ihr verhaßten Troja ihr endlich zu gewaͤhren, so sucht sie gleichsam mit ihm einen Tausch zu treffen. Drei Staͤdte, sagt sie, sind mir unter allen die liebsten: Argos, Sparta, und Mycen; dennoch geb’ ich sie gern, so bald du willst, dir Preis, wenn nur die Mauern von Troja endlich stuͤrzen! Das Fatum, das uͤber alles waltet, laͤßt die Zerstoͤrung ihren ungehemmten Schritt gehen. — Der hohe Goͤtterwille selber fuͤgt sich seinen Pla- nen, und den Goͤttern selber ist nichts so theuer und kostbar, das nicht ein Opfer wird, sobald sein Ziel herannaht. — In Argos wurden der Juno die Heraͤen ge- feiert, die von ihrer griechischen Benennung Hera den Nahmen fuͤhrten, wobei die Priesterin der Juno, wie im Triumph, auf einem Wagen zum Tempel der Goͤtter fuhr, und eine Heka- tombe von weißen Rindern ihr zum Opfer brachte. Die Goͤttin wurde hier vorzuͤglich in ihrer obersten Priesterin verehrt, — an welche Ver- ehrung sich die schoͤne Erzaͤhlung vom Kleobis und Biton knuͤpft, deren kindliche Ehrfurcht gegen ihre Mutter, eine Priesterin zu Argos, sich so weit erstreckte, daß sie den Wagen ihrer Mutter, dessen Gespann von weißen Rindern nicht schnell genug herbeizuschaffen war, selber fuͤnf und vierzig Sta- dien weit, bis zum Tempel der Juno zogen; wo sie auf das Gebet ihrer Mutter, daß die Goͤttin ihnen das wuͤnschenswertheste Gluͤck ertheilen moͤchte, nach einer frohen Mahlzeit sanft ent- schlummerten, und aus dem Schlummer nicht erwachten . Olympia . Hier senkte sich die erhabene Idee von dem Olympischen Jupiter durch die bildende Kunst des Phidias vom Himmel zur Erde nieder. — Jeder Ausdruck von Majestaͤt und Wuͤrde vereinigte sich in diesem Meisterwerck der Kunst, — man sahe den Gott, mit dessen Laͤcheln sich der Himmel aufheitert — und der mit dem Wink sei- ner Augenbraunen, und mit dem Nicken seines Hauptes den großen Olymp erschuͤttert. Die Bildsaͤule war in kolossalischer Groͤße aus Gold und Elfenbein verfertigt; — in der Rech- ten hielt der Gott eine Viktoria, in der Linken den kuͤnstlich gearbeiteten Zepter, auf dessen Spitze ein Adler saß. — Auf dem goldenen Mantel waren die mannichfaltigen Gattungen der Thiere und Blumen in schimmernder Pracht gebildet. Der Thron des Gottes glaͤnzte von Gold und Edelsteinen — zu Jupiters Haupt und Fuͤßen, und an den Waͤnden des Tempels waren fast alle my- thologischen Dichtungen der Alten in erhabener Ar- beit dargestellt. — Die Majestaͤt der ganzen Goͤt- terwelt umgab den Thron und die Bildsaͤule des Jupiter, die von dem Fußboden bis zum Gewoͤlbe des Tempels reichte. Bei Olympia wurden auch dem Jupiter zu Ehren alle vier Jahre die Olympischen Spiele gefeiert. Der Zwischenraum von einer Feier die- ser Spiele bis zur andern hieß eine Olympiade, und in ganz Griechenland bediente man sich dieser Zeitrechnung nach Olympiaden, weil die Olympi- schen Spiele die allgemeinste Aufmerksamkeit auf sich zogen, und unter allem, woran sich die Ein- bildungskraft bei der Ruͤckerinnerung festhalten konnte, das Glaͤnzendste waren. Den Tempel des Olympischen Jupiters umgab ein heiliger Hain, worin die Bildsaͤulen der Ueber- winder in den Olympischen Spielen, von den beruͤhmtesten Meistern verfertigt, errichtet wa- ren. — Die Menschheit schloß sich in der Vereh- rung ihrer eigenen Wuͤrde vertraulich an die Gott- heit an. Athen . In dieser Lieblingsstadt der Goͤttin der bilden- den Kuͤnste erhob sich der Geist bis zu dem hoͤch- sten Schwunge der Gedanken, wo die Mensch- heit, in den darstellenden Werken der Kunst sich spiegelnd, gleichsam erst sich selbst bewußt wurde, da sonst ein Geschlecht nach dem andern in einer Art von dumpfer Betaͤubung die kurze Spanne des Lebens durchtraͤumte, und keine Spur von sich zuruͤckließ. Die Panathenaͤen, welche hier der Minerva zu Ehren gefeiert wurden, waren ein schoͤnes Fest, worin die ganze Stadt, durch Wetteifern in den Kuͤnsten, sich gleichsam von neuem der Goͤttin hei- ligte. Auch war die Bildsaͤule der Goͤttin in ihrem Tempel zu Athen, gleich der des Olympischen Ju- piters, aus Gold und Elfenbein verfertigt, ein Werk des Phidias, in welches sich auch hier die Majestaͤt der Gottheit vom Himmel zur Erde nie- dersenkte. Cypern . Hier trugen die Wellen die Goͤttin der Liebe, als sie aus dem Schaume des Meers emporstieg, sanft aus Ufer. — Auf dieser anmuthigen Insel waren ihr ganze Staͤdte, Haine, Tempel, und Altaͤre geweiht. Ihr Lieblingssitz war Paphos, wo man in ihrem Tempel von allen Seiten Geschenke dar- brachte, und Geluͤbde that. — Von der Vereh- rung, womit hier alle Voͤlker der Goͤttin der Schoͤnheit huldigten, hieß sie die Koͤnigin von Paphos. — Von Amathunt und Idalium in Cypern fuͤhrte sie die dichterischen Nahmen Idalia und Amathusia . Gnidus . Nach Gnidus wallfahrtete man aus den ent- ferntesten Laͤndern, um in der Venus des Praxi- teles die in alle Wesen Liebe einhauchende Gott- heit zu verehren, welche durch die bildende Kunst, in menschlicher Gestalt dem Auge sichtbar gemacht, in einem offenen Tempel, dem Blick der Sterbli- chen enthuͤllet, da stand, und die Bewunderung aller Voͤlker auf sich zog. Cythere . Auf diesem Eilande war der aͤlteste Tempel der Venus in Griechenland. — Der Begriff von der Goͤttin selber war mit ihrem Aufenthalt auf Cythere so oft zusammengedacht, daß beide Nah- men zu einem wurden, und in der Dichtersprache die Goͤttin der Liebe Cythere heißt. Lemnos . Auf der Insel Lemnos, wo es haͤufige Erd- beben und feuerspeiende Berge gab, und in dem dampfenden Aetna in Sicilien, wo von dem Feuer, das sich vergebens einen Ausweg suchte, zum oͤftern ein unterirdischer Donner erscholl, ließ die Dichtung in den Hoͤhlen der Erde die maͤchtigen Hammerschlaͤge der Cyklopen in der Werkstaͤtte des Vulkan ertoͤnen. Auch nahm die Insel Lemnos den Gott der Flammen in ihrem Schooße auf, da Jupiter, wie einen Blitzstrahl ihn vom Himmel schleuderte. — Lemnos blieb dem Vulkan geweiht, indem der Begriff von seiner Goͤtterbildung vorzuͤglich auf diesem Fleck sich an die Erde knuͤpfte. Ephesus . Ganz Asien wetteiferte, um den Tempel der Diana von Ephesus zu schmuͤcken, in welchem die Bildsaͤule der Goͤttin mit vielen Bruͤsten stand, um die alles ernaͤhrende Natur anzudeuten, die man sich hier unter dem Bilde der Diana dachte; so wie man zum oͤftern in einer Goͤttergestalt, deren Nahme einmal herrschend geworden war, die Verehrung der uͤbrigen aufnahm, und sie sich zu einer Art von Pantheon schuf. N Aus den entferntesten Laͤndern wurden Wall- fahrten zu dem Tempel der Diana von Ephesus angestellt, welcher als einer der erhabensten Goͤt- tersitze zugleich durch seine aͤußere Pracht, die das Werk vieler Koͤnige war, die Sterblichen zur Verehrung der inwohnenden Gottheit einlud. Thracien . Der Hauptsitz der Verehrung des Kriegesgot- tes ist Thracien, wohin die Dichtkunst uͤberhaupt das Wilde, Grausame und Ungestuͤme versetzt. So warf Diomedes, ein Thracier und ein Sohn des Mars die Fremden, deren er sich bemaͤchtigen konnte, seinen Pferden vor, von denen sie zer- fleischt und verzehrt wurden. Er uͤbte diese Grau- samkeit so lange, bis Herkules ihn erschlug. Ein Sohn des Mars und ein Thracier war auch Tereus, welcher die Philomele ihrer Zunge beraubte, damit sie die Frevelthat, die er an ihr veruͤbte, nicht entdecken moͤchte. — Der stuͤrmende Boreas hatte nach den Dich- tungen der Alten seine Wohnung in Thracien, weswegen die Menschen, die jenseit wohnten, die Hyperboreer hießen; die Bachantinnen, unter dem Nahmen der Bistoniden, mit Schlangenkno- ten in ihr Haar geschlungen, schweiften auf dem Thracischen Gebirge umher. Demohngeachtet war Thracien auch das Va- terland des Orpheus, der durch seinen Gesang und durch die Toͤne seiner Leyer die Wildheit der Thiere des Waldes zaͤhmte, und Baͤume und Felsen sich bewegen ließ. Durch sein maͤchtiges Saitenspiel ließ selbst der Orkus sich bewegen, ihm seine Gattin Eury- dice zuruͤckzugeben, nur sollte er nicht eher nach ihr sich umsehen, als bis er sie wieder auf die Oberwelt zum Anblick des Tages und des himmli- schen Lichts gebracht. — Da sie nun bald der oͤden Schattenwelt ent- stiegen waren; so zog die zaͤrtliche Besorgniß, und der zweifelnde Gedanke, ob sein geliebtes Weib ihm wirklich folge, den Blick des Gatten, ihm selbst fast unbewußt, ein einzigesmal zuruͤck, und nun war Eurydice auf immer fuͤr ihn verlohren, — ihr Bild verschwand in Nacht und Dunkel, — und seine ganze suͤße Hofnung war ein Traum. Die Freude seines Lebens war nun entflo- hen; — die Leyer schwieg; — das wuͤtende Ge- schrei der Bachantinnen erscholl auf dem thraci- schen Gebirge; — sie zuͤrnten auf den Dichter, dem nach Eurydicens Verlust das ganze weibliche Geschlecht verhaßt war; — von den schrecklichbe- geisterten Maͤnaden zerfleischt und in Stuͤcken ge- rissen ward der Goͤttersohn ein Opfer ihrer rasen- den Wuth. — N 2 Arkadien . In den mythologischen Dichtungen der Alten erscheint Arkadien nicht ganz in dem reitzenden Lichte des suͤßen Schaͤferlebens, dessen Scenen die neuere Dichtkunst fast immer in dies Land ver- setzt, und mit dessen Nahmen sich schon etwas Sanftes und Einladendes in dieser dichterischen Vorstellungsart verknuͤpft. Bei den Alten hingegen war mit der Idee von der Einfachheit der Sitten bei den Arkadiern zugleich der Begriff von einer gewissen Rohheit und Traͤgheit verbunden, die man den Bewoh- nern dieses Hirtenlandes zuschrieb. — Auch war es nicht das sanfteste Klima, was in Arkadien herrschte, vielmehr war es wegen seiner gebirgig- ten Lage rauher, als die umliegenden Gegenden. Daß aber die Hirtengoͤtter, nach der Sage der Vorzeit, hier vorzuͤglich ihre Gegenwart offenbarten, und hier sogar ihren Ursprung hatten; daß die alten Dichtungen auf dem Berge Cyllene in Arkadien selbst die neugebohrne Goͤt- tergestalt des Merkur zuerst hervortreten ließen. — Dieß gab der gebirgigten Gegend, wo die Nacht des Waldes uͤberdem die Goͤttergestalten, welche die Einbildungskraft sich schuf, gleichsam in Dun- kel huͤllte, eine vorzuͤgliche Heiligkeit. — Der Nahme des Landes und die Nahmen der einzelnen Berge, die es in sich faßt, wurden in der Dichter- sprache der Alten bedeutungsvoll, indem sie den Aufenthalt hoͤherer Wesen unter den sterblichen Menschen bezeichneten. Phrygien . In einer Gegend von Phrygien war es, wo nach der schoͤnen alten Dichtung Jupiter und Merkur unerkannt unter den Menschen umher- wandelten und ihre Thaten pruͤften. Als sie eines Abends, wie ermuͤdete Reisende, eine Herberge suchten, blieben die Thuͤren der Reichen und Beguͤterten ihnen verschlossen. — Philemon und Baucis, ein paar bejahrte Ehe- leute, nahmen die Wandrer gastfreundlich in ihre arme Huͤtte auf. Die alte Baucis war beschaͤftigt, ihre ein- zige Gans zu greifen und zu schlachten, um die willkommenen Gaͤste, so gut es in ihrem Vermoͤ- gen stand, zu bewirthen. — Die Gans aber ent- floh, und suchte Schutz unter Jupiters Fuͤßen, der ihr das Leben rettete; worauf die Goͤtter sich zu erkennen gaben, und das fromme Ehepaar auf einen benachbarten Huͤgel fuͤhrten, von welchem sie die Verwuͤstung uͤbersehen konnten, womit die Goͤtter die Hartherzigkeit der Bewohner dieser Gegend straften. Die Haͤuser und Pallaͤste der Reichen wur- den ein Raub der Ueberschwemmung, indeß die arme gastfreundliche Huͤtte noch immer aus den Fluthen hervorragte, und zum Erstaunen ihrer alten Bewohner sich in einen praͤchtigen Tempel verwandelte. Als nun Jupiter den gastfreundlichen Alten befahl, sich eine Gabe von ihm zu erbitten, so war Philemons und Baucis hoͤchster Wunsch: in jenem neuentstandenen Tempel, dem Jupiter, dem Beschuͤtzer des Gastrechts, und dem Belohner der Gastfreundschaftlichkeit, zu opfern, und sein Priesterthum zu verwalten. Diese Bitte ward ihnen gewaͤhrt, und noch ein Wunsch verstattet; — allein dem gluͤcklichen Paar blieb nichts mehr zu wuͤnschen uͤbrig, als: beide zu gleicher Zeit zu sterben. — Auch dieß geschah. Zwei Baͤume, eine Eiche und eine Linde, die den Tempel beschatteten, wurden noch lange nachher zum Andenken des frommen Paars Philemon und Baucis genannt. In diesen und aͤhnlichen Sagen der Vorwelt erkannte und verehrte man die furchtbare und wohlthaͤtige Macht der Gottheit. — Dem gast- freundschaftlichen Jupiter wurden allenthalben Altaͤre errichtet. — Die ankommenden Fremden standen unter seinem Schutze; — einen Gast- freund betrachtete man als heilig und unverletz- lich; — man verehrte unter den Gaͤsten und Fremdlingen die Goͤtter, welche selber zum oͤftern vom Himmel herabgestiegen waren, und unter dieser Gestalt den Menschen sich offenbart hatten. Das Goͤtteraͤhnliche Menschen- geschlecht. A ls Nestor, welcher zwei Menschenalter durch- lebt hatte, und nun schon im dritten uͤber Pylos herrschte, in der Belagerung von Troja den Streit des Achilles und Agamemnon zu schlichten suchte; so leitete er seine Rede mit der Erinne- rung ein, daß er mit staͤrkern Maͤnnern gelebt habe, als das jetzige Zeitalter sie hervorbringe; mit einem Caͤneus, Dryas, Pirithous und Theseus, mit denen niemand von den jetzigen Menschen es wagen wuͤrde, sich in einen Wett- kampf einzulassen, — und daß diese dennoch ihn gehoͤrt, und seinen Rath befolgt haͤtten. — Achilles und Agamemnon moͤchten dieserwegen ein Gleiches thun. So schildert Nestor die Helden vor dem Tro- janischen Kriege; und der Dichter der Iliade sel- ber schildert wiederum die Helden im Trojanischen Kriege, wie sie die Menschen seiner Zeit an Staͤrke uͤbertrafen. — Hektor, sagt er, ergriff einen Stein, den zwei der staͤrksten Maͤnner zu unsern Zeiten nur mit Muͤhe vom Boden auf den Wagen zu heben vermoͤchten, — den schleuderte Hektor mit leichter Muͤhe gegen das Thor der griechischen Mauer, daß mit einemmale die Thuͤren aus ihren Angeln sprangen. Die Menschen, welche zuerst vom Prome- theus aus Thon gebildet, den herrschenden Goͤt- tern verhaßt, des Feuers beraubt, durch mehrere Ueberschwemmungen bis auf wenige vertilgt wur- den, und da sich dennoch ihr Geschlecht fort- pflanzte, Jahrhunderte hindurch in dumpfer Be- taͤubung gleich den Thieren des Feldes lebten, arbeiteten sich allmaͤlig aus diesem dumpfen Zu- stande durch eigne Anstrengung heraus, und wurden durch edles Selbstbewußtseyn und durch die Anwendung ihrer inwohnenden Kraͤfte den unsterblichen Goͤttern aͤhnlich. — Die Menschheit lernte in den Goͤtteraͤhnlichen Helden, die aus ihr entstammten, sich selber schaͤtzen, und ihren eigenen Werth verehren. — Auch wurde nun die Gottheit gleichsam den Men- schen wieder versoͤhnt. — Die Goͤtter nahmen an den Begebenheiten und Schicksalen der Menschen immer naͤhern Antheil. — Das Goͤttliche und Menschliche ruͤckte in der Einbildungskraft immer naͤher zusammen, bis endlich in dem Kriege vor Troja sich die Goͤtter sogar in das Treffen der Menschen mit einließen, und von Sterblichen verwundet wurden. — Keine Benennung koͤmmt daher auch haͤufiger in der Dichtersprache der Alten vor, als die des Goͤtteraͤhnlichen oder des Goͤttergleichen, wo- mit die Helden der Vorzeit geruͤhmt und der Adel der Menschheit gepriesen wird. Perseus, Kadmus, Herkules, Theseus, Jason sind die beruͤhmtesten Heldennahmen. — Die Geschichte des Perseus huͤllt sich am meisten in dunkle Fabeln ein, und tritt am weitesten in das entfernte Alterthum der Heldenzeit zuruͤck. Um des Perseus irdische Abstammung zu ver- folgen, steigen wir wieder bis zum alten Ina- chus hinauf, mit dessen Tochter Jo Jupiter in Aegypten den Epaphus erzeugte. — Die koͤnig- liche Tochter des Epaphus, Lybia, gebahr von Neptuns Umarmung den Belus und Agenor. — Belus erzeugte den Danaus und Aegyptus. Danaus schifte nach Griechenland, um seine Anspruͤche auf das von seinem Ahnherrn Inachus ihm angestammte Koͤnigreich Argos gegen den Gelanor, der damals diese Gegend beherrschte, zu behaupten. Das Volk sollte den Ausspruch thun, und waͤhrend es noch unschluͤssig war, fiel ein Wolf in eine Heerde von Kuͤhen und besiegte den Stier, der sie vertheidigte. Diese unvermuthete Erscheinung nahm man von den Goͤttern als ein Zeichen an, daß der Fremde und nicht der Einheimische herrschen solle; — man schrieb dieß Zeichen dem wahrsagen- den Apollo zu, welchem Danaus wegen der Sen- dung des Wolfes, unter dem Nahmen des Lyci- schen Apollo, einen Tempel erbaute. Danaus lehrte die Argiver Brunnen graben, und groͤßere und bequemere Schiffe bauen. — Nach der alten Sage hatte er funfzig Toͤchter, so wie sein Bruder Aegyptus funfzig Soͤhne. — Die funfzig Soͤhne des Aegyptus kamen nach Griechenland, um mit den Toͤchtern des Danaus sich zu vermaͤhlen. — Dem Danaus aber war geweißagt worden, daß einer seiner Tochtermaͤn- ner ihn der Herrschaft entsetzen wuͤrde. Die alten Koͤnige fuͤrchteten, wie die alten Goͤtter, ihre eigenen Kinder und Nachkommen. — Danaus befahl seinen Toͤchtern, die sich mit den Soͤhnen des Aegyptus vermaͤhlten, ihre Maͤnner in der ersten Nacht zu ermorden, welches sie tha- ten, bis auf die Hypermnestra, die, mit ihrer eigenen Gefahr, den Lynceus, ihren geliebten Gatten, entfliehen ließ. Eine, sagt ein Dichter aus dem Alterthum, eine unter vielen, ihres geliebten Juͤnglings werth, hinterging mit glorreicher List des Vaters Grau- samkeit, und ewig glaͤnzt ihr Ruhm. Steh auf, rief sie dem schlummernden Gat- ten zu, damit nicht, ehe du es vermuthest, ewi- ger Schlaf dich druͤcke! fliehe meinen Vater, und meine blutduͤrstigen Schwestern, die ihre Maͤn- ner, wie junge Loͤwenbrut, zerreißen. — Mein Herz ist aus weichern Stoff. — Dich toͤdten kann ich nicht, und werde dich nicht in die- sen Mauern gefangen halten. Mag mein Vater mich mit schweren Ketten belasten, weil ich mit- leidsvoll des Gatten schonte, oder mag er mich in die oͤdeste Wuͤste verjagen! Geh, wohin dich Fuͤße und Winde tragen, so lange Venus und die Nacht dich schuͤtzt; geh unter gluͤcklichen Zeichen! und aͤtze, meiner einge- denk, dereinst auf meinen Grabstein deine Klag ' um mich! Lynceus entfloh, aber er kehrte wieder; denn Danaus wurde mit seiner Tochter ausgesoͤhnt, und von dem treuen Paare Lynceus und Hyper- mnestra stammten Perseus und Herkules, die goͤttergleichen Helden ab. Die grausame That der uͤbrigen Toͤchter des Danaus blieb nicht unbe- straft; — sie mußten noch in der Unterwelt fuͤr ihren Frevel buͤßen. Abas, ein Sohn des Lynceus, herrschte nach seines Vaters Tode uͤber Argos, und hinter- ließ zwei Soͤhne, den Proͤtus und Akrisius, die sich zu verschiedenen Zeiten einander die Ober- herrschaft streitig machten. — Perseus war des Akrisius Enkel. Perseus . Akrisius befuͤrchtete wieder Verderben von seinen Nachkommen. — Ihm war geweißagt worden, daß einer seiner Enkel ihn toͤdten wuͤr- de; — er verschloß daher seine einzige Tochter, die Danae, in einen ehernen Thurm, um die Weißagung zu vereiteln. Allein durch eine Oefnung in dem Dache senkte sich Jupiter in einem goldenen Regen in Danaens Schooß hernieder, und erzeugte mit ihr den Perseus, welchen Akrisius, sobald er geboh- ren war, nebst der Mutter, in einem zerbrechlichen Nachen, den Wellen uͤbergab. Die wohlthaͤtigen Meergoͤttinnen nahmen den Goͤttersohn mit seiner Mutter sanft in den Schooß der Wasserwogen auf, und ließen den Nachen an dem Strande der kleinen Insel Seriphus auf dem griechischen Meere landen, wo Polydektes, der Beherrscher der Insel, Mutter und Kind auf- nahm, und fuͤr die Erziehung des jungen Perseus sorgte. Und nun nahete die Zeit heran, wo die Un- geheuer, welche die Nacht oder das ungestuͤme Element aus seinem Schooße gebohren hatte, von den aufkeimenden Helden besiegt, und der Erd- kreis von seinen Plagen befreiet werden sollte. Die erste und kuͤhnste That, welche Perseus, sobald er die angestammte Goͤtterkraft in sich fuͤhl- te, unternahm, war, das Verderben bringende, versteinernde Haupt der Medusa von ihrem Koͤr- per zu trennen, und dieser Schreckengestalt sich selber zu bemaͤchtigen. Mit dem unsichtbarmachenden Helm des Orkus; den Fluͤgeln des Merkur; und dem Schil- de der Minerva, von den Goͤttern selber ausgeruͤ- stet, unternahm er die kuͤhne That mit wegge- wandtem Blick, indem er das Bild der schlum- mernden Medusa erst in dem Spiegel seines Schildes sahe, und Minerva unsichtbar den Arm ihm lenkte, damit er nicht seines Ziels verfehlte. Als nun Perseus den toͤdlichen Hieb vollfuͤhrt hatte, so seufzten und aͤchzten Stheno und Eury- ane, die beiden unsterblichen Schwestern der Medusa, so laut uͤber diesen Anblick, und das Zischen der Schlangen auf ihren Haͤuptern toͤnte so klaͤglich in ihr Aechzen, daß Minerva, dadurch geruͤhrt, eine Floͤte erfand, wodurch sie die Vor- stellung dieser traurigen Toͤne, durch verschiedene Arten des Schalls sie nachahmend, wieder zu erwecken suchte. — Mitten im furchtbaren blutigen Werke schimmert die Goͤttin der Kuͤnste hervor. — Mit dem Neptun hatte Medusa das Heilig- thum der Minerva entweiht; darum hatte diese ihren Tod beschlossen. — Demohngeachtet sprang, vom Neptun erzeugt, der gefluͤgelte Pegasus aus ihrem Blute hervor, der, auf den Befehl der Goͤt- ter, die Ueberwinder der Ungeheuer, den Perseus, und nach ihm den Bellerophon trug. Mit dem versteinernden Haupte, in der Hand, schwebte nun Perseus uͤber Meer und Laͤndern. — Den Atlas, der ihm den Zugang zu den Gaͤrten der Hesperiden versagte, verwandelte er durch den Anblick des Medusenhauptes in ein Gebirge, das nachher stets den Nahmen dieses Sohnes des Japet fuͤhrte. Nach dieser ersten Ausuͤbung seiner Macht, die ihm der Besitz des Hauptes der Medusa ver- lieh, sahe Perseus auf die Phoͤnizische Kuͤste hin- unterblickend ein Maͤdchen, an einen Felsen ge- schmiedet, und ein Ungeheuer, sie zu verschlingen, aus dem Meer aufsteigend, indeß ihre Eltern ver- zweiflungsvoll die Haͤnde ringend am Ufer stan- den. — Perseus stuͤrzte sich auf das Ungeheuer nieder, das gerade seinen Raub zu verschlingen im Be- griff war, und befreiete die schoͤne Andromeda, welche den Zorn der beleidigten Gottheit, uͤber die Vermessenheit ihrer Mutter zu versoͤhnen, als ein schuldloses Opfer, da stand. — Denn Kassiopeja, die Mutter der Andromeda und Gemahlin des Cepheus, hatte es gewagt, den maͤchtigen Nereiden an Schoͤnheit sich gleich zu schaͤtzen, — und nun verheerten Plagen das Land, die nach dem Orakelspruch des Jupiter Ammon nicht eher aufhoͤren sollten, bis Andro- meda, von einem Seeungeheuer verschlungen, den Frevel der Mutter gebuͤßt haͤtte. Die Eltern der Andromeda, welche selber Zeugen ihrer Rettung waren, vermaͤhlten mit Freuden dem edlen Perseus ihre Tochter. — Phi- neus aber, des Cepheus Bruder, dem Andromeda vorher versprochen war, trat bei dem Vermaͤh- lungsfeste mit bewafneten Maͤnnern in den Hoch- zeitsaal, und drang wuͤthend auf den Perseus ein, den nur das Haupt der Medusa retten konnte, indem er seinen Freunden zurief, ihr Antlitz hin- wegzuwenden, und den Phineus mit seinem Ge- folge versteinerte. Nach diesen Thaten fuͤhrte Perseus seine Vermaͤhlte nach Seriphus, wo er den Poly- dektes und seine Mutter wieder sahe. — Ge- gen den Polydektes selber, der ihm aus Furcht nach dem Leben stand, mußte er das ver- steinernde Haupt der Medusa kehren, und dieser mußte in Fels verwandelt fuͤr seinen feigen Argwohn buͤßen. Da nun Perseus erfuhr, daß sein Ahnherr Akrisius vom Proͤtus seines Koͤnigreichs beraubt sey, so eilte er großmuͤthig, statt sich zu raͤchen, mit seiner Mutter und seiner Vermaͤhlten nach Griechenland, um den Akrisius in sein Reich wie- der einzusetzen. Er uͤberwand und toͤdtete den Proͤtus, und uͤbergab dem Akrisius wieder die koͤnigliche Wuͤrde, der nun in seinem gefuͤrchteten Enkel, seinen Freund und Wohlthaͤter, voll Dank und Freude umarmte. Allein der tragische Ausgang lauerte dennoch im Hinterhalte; das Schicksal, welches mit den Hofnungen der Menschen spielt, hatte bei diesem verfuͤhrerischen Anschein, die alte Drohung noch nicht zuruͤckgenommen. Perseus, welcher wußte, wie sehr Akrisius an der Geschicklichkeit seines Enkels in jeder Leibes- uͤbung sich ergoͤtzte, wollte ihm eines Tages von seiner Fertigkeit eine Probe ablegen. — Die un- gluͤckseelige Wurfscheibe fuhr aus der starken Hand, und flog, wie vom boͤsen Daͤmon gelenkt, dem Akrisius an das Haupt, der todt darnieder sank. Hieruͤber brachte Perseus seine uͤbrigen Tage in Schwermuth zu, indem er unverschuldet sich O dennoch einen Vatermoͤrder schalt. — Der Aufent- halt in Argos ward ihm unertraͤglich. — Er bewog den Sohn des Proͤtus zu einem Tausche seiner Laͤnder, und als er Argos verlassen hatte, so fand er auch in Tyrinth, der Haupt- stadt des andern Reiches, noch keine Ruhe, son- dern baute, um des Vergangnen so wenig wie moͤglich sich zu erinnern, die neue Stadt My- cene. — Das Haupt der Medusa wurde vom Perseus der Minerva geweiht, die es in die maͤchtige Aegide, ihren leuchtenden Schild, versetzte, wo es ein bedeutendes Symbol ihrer furchtbaren Macht, und der zuruͤckschreckenden Kaͤlte, als des Hauptzugs in ihrem Wesen, wurde. Perseus selber und die Hauptpersonen aus seiner Geschichte, Andromeda, Kassiopeja, u. s. w., sind in den Dichtungen der Alten unter die Gestirne versetzt, welche noch itzt diesen Nahmen fuͤhren. Auf die Weise wurden im eigentlichen Sinne die Helden des Alterthums bis an den Himmel erhoben, und ihren Nahmen das daurendste und glaͤnzendste Denkmal gestiftet. — Unter den Kindern, welche Perseus mit der Andromeda erzeugte, war Alcaͤus, der Vater des Amphitryo, der mit der Mutter des Her- kules vermaͤhlt war; — Elektryo war der Va- ter der Alkmene, die mit dem Amphitryo ver- maͤhlt war, und vom Jupiter den Herkules ge- bahr. — Ein dritter Sohn, Nahmens Sthe- nelus, war der Vater des Eurystheus, der Mycene beherrschte, und welchem Herkules die- nen mußte. Obgleich dem Perseus auch an einigen Orten Tempel und Altaͤre errichtet waren, und er der aͤlteste unter den beruͤhmten Helden der Vorzeit ist, so war dennoch der glaͤnzendste Ruhm dem Herku- les aufgespart, der die groͤßten Muͤhseeligkeiten des Lebens trug, und vom Haß der Juno von Kind- heit an verfolgt„ sich endlich durch ausharrende Geduld den Weg zur Unsterblichkeit und zum Sitz der Goͤtter bahnte. — Des Perseus Ruhm und Thaten wurden durch Alkmenens Sohn verdunkelt, dem man allenthal- ben Tempel und Altaͤre erbaute, und ihn, nachdem er seine Laufbahn auf Erden, mit Ruhm gekroͤnt, vollendet hatte, den Goͤttern des Himmels zugesellte. Die Heldenrolle des Perseus aber ist liebens- wuͤrdiger, und hat bei threm grauen Alterthume viel Aehnliches mit dem Rittermaͤßigen der neuern Zeiten. — Eine schoͤne und bedeutende Abbildung des Perseus, nach einem antiken geschnittenen Steine, befindet sich auf der hier beigefuͤgten Kupfertafel, O 2 wo er stehend dargestellt ist, das Schwerdt in der rechten Hand, das Haupt der Medusa mit der Linken auf den Ruͤcken haltend. — Diese Dar- stellung faßt gleichsam die ganze Dichtung von dem Haupte der Medusa in sich, weil sie am deutlich- sten die furchtbare Kraft desselben bezeichnet, wo- durch der Held, der dessen Anblick selbst vermied, und es nur gegen seine Feinde kehrte, unuͤberwind- lich war. Auf eben dieser Tafel ist Bellerophon ab- gebildet, mit Helm und Spieß bewafnet, auf dem gefluͤgelten Pegasus in den Luͤften reitend, mit der Chimaͤra den Kampf beginnend, welche die bildende Kunst nicht ganz in der ungeheu- ren Gestalt, womit sie die Dichtung schildert, darstellt. — Bellerophon . Eben der Proͤtus, der seinen Bruder Akri- sius des Reichs entsetzt hatte, und der zuletzt vom Proͤtus, dem Enkel des Akrisins, uͤberwunden und getoͤdtet ward, gab auch dem Bellerophon, durch einen falschen Verdacht gereitzt, den ersten Anlaß zu seinen Heldenthaten. Bellerophon war nemlich ein Enkel des Sisy- phus, welcher Korinth erbaute, und selbst ein Urenkel des Deukalion und ein Sohn des Aeo- lus war, von dem der Aeolische Heldenstamm in manchen Zweigen der fuͤrstlichen Geschlechter Grie- chenlands sich ausbreitete. Wegen einer Mordthat mußte Bellerophon aus Korinth entfliehen, und nahm zum Proͤtus seine Zuflucht, der damals uͤber Argos herrschte, und sein Verbrechen aussoͤhnte. Des Proͤtus Vermaͤhlte war Antea, eine Tochter des Koͤnigs Jobates in Lycien. Eine zaͤrt- liche Leidenschaft, die sie gegen den Juͤngling faßte, und welche dieser standhaft von sich wieß, ver- wandelte sich in Haß. — Sie forderte selbst den Proͤtus zur Rache gegen den Bellerophon auf, den sie mit schwarzem Trug beschuldigte, daß er sie zur Untreue habe verleiten wollen. Dem Proͤtus waren die Rechte der Gast- freundschaft zu heilig, als daß er selbst den Bellero- phon haͤtte toͤdten sollen; er schickte ihn nach Lycien zum Jobates, dem Vater der Antea, mit ei- nem Briefe, welcher den Auftrag enthielt, an dem Uebringer das ihm angeschuldigte Vergehen durch dessen Tod zu raͤchen. Allein Jobates las erst diesen Brief, nachdem er den Bellerophon schon gastfreundlich bewirthet hatte, und scheute sich ebenfalls in ihm das hei- lige Gastrecht zu verletzen; — er stellte daher den Tod des Fremden dem Zufall heim, indem er ihn zu den gefahrvollsten Unternehmungen sandte, wobei sein Untergang unvermeidlich schien. Unter den Ungeheuern, die von dem Phor- kys und der schoͤnen Ceto abstammen, und wovon die schrekliche Gorgo schon vom Perseus uͤberwun- den ist, tritt nun die feuerspeiende Chimaͤra, mit dem Kopfe des Loͤwen, dem Leib der Ziege, und Schweif des Drachen in dieser Dichtung auf, um Bellerophons Heldenmuth zu pruͤfen, und von des Sisyphus tapfern Enkel besiegt zu werden, zu welcher That die Goͤtter den Pegasus, der den Perseus trug, auch ihm gewaͤhrten. Aus den Luͤften kaͤmpfte er nun mit dem Un- geheuer, daß er, nach einem fuͤrchterlichen Streite, endlich uͤberwand. — Es sind lauter unnatuͤrliche Erzeugungen, wel- che von den Goͤttern und Helden nach und nach aus der Reihe der Dinge hinweggetilgt werden; — es scheint fast als sollten diese Dichtungen anspie- len, daß Traum und Wahrheit, Wirklichkeit und Blendwerk gleichsam lange vorher miteinander im Kampfe lagen, ehe die Dinge sich in der Vorstel- lung ordnen konnten, und ihre feste und bleibende Gestalt erhielten. — Das Werk der Helden war es, die unnatuͤrlichen Erscheinungen und Blend- werke zu verscheuchen, und Ordnung, Licht und Wahrheit um sich her zu schaffen. — Die Sphynx stuͤrzte einen jeden von dem Felsen, der ihr Raͤth- sel nicht loͤsen konnte; kaum hatte Oedipus es auf- geloͤßt, so stuͤrzte sie sich selbst herab. — Nicht genug, daß Bellerophon die Chimaͤra; die Pest des Landes, uͤberwunden hatte, mußte er auch noch die Feinde des Jobates, die tapfern Solymer und die Amazonen bekriegen; und als er auch von dieser Unternehmung siegreich zuruͤck- kehrte, lauerte noch im Hinterhalt ein Trupp von Lyciern auf ihn, die ihn ermorden sollten. Als er auch diese schlug und der drohenden Ge- fahr aufs neue entging; so erkannte Jobates end- lich, daß der Held aus goͤttlichem Geschlechte sey, vermaͤhlte ihm seine Tochter, und theilte sein Koͤnigreich mit ihm. — Allein auch dieses Heldengluͤck war nicht von Dauer. — Als Bellerophon, seiner Siege froh, sich einst mit dem gefluͤgelten Pegasus in die Luͤfte schwang, und sich dem Sitz der Goͤtter naͤhern wollte, so stuͤrzten ihn diese so tief herab, als hoch er gestiegen war; — sie schickten eine Bremse, deren Stich den Pegasus rasend machte, der hoch in der Luft sich baͤumend seinen Reiter abwarf. Der, welcher vorher ein Liebling der Goͤtter war, schien ihnen von nun an verhaßt zu seyn. — Sein niederbeugender Fall und Kummer uͤber haͤusliches Ungluͤck kuͤrzte seine Tage, — einsam, vor den Menschen verborgen, uͤberließ er sich ganz der finstern Schwermuth, bis ihn sein Gram verzehrte. Herkules . Der erste tragische Dichter der Griechen laͤßt den Prometheus, der an den Felsen geschmiedet der ungluͤcklichen Jo seine Leiden klagt, die Ge- burt seines Befreiers, des Herkules, vorher ver- kuͤndigen. Jo, welche in eine Kuh verwandelt, durch Junos Eifersucht auf dem ganzen Erdkreise in rasender Wuth umhergetrieben wurde, kam nehm- lich auch in die einsame Gegend, wo Prometheus duldete, der alle ihre Schicksale ihr enthuͤllte, und ihr kund that, einer ihrer Nachkommen, der dreizehnte von ihr, werde sein Erretter seyn. Die dreizehn in ununterbrochener Geschlechts- folge aber sind Jo, Epaphus, Lybia, Be- lus, Danaus, Lynceus, Abas, Akrisius, Danae, Perseus, Alcaͤus, Alkmene, Her- kules. Zwei der furchtbarsten Erzeugungen des Phor- kys und der schoͤnen Ceto sind schon vom Perseus und Bellerophon uͤberwunden; — allein die groͤß- ten Thaten sind dem Herkules aufgespart, der Un- geheuer besiegen, Tyrannen beugen, und selbst der Ungerechtigkeit des Donnergottes ein Ziel setzen muß, indem er den Prometheus, der fuͤr seine den Menschen erwiesenen Wohlthaten noch immer buͤßen mußte, endlich von seiner Qual befreit. In die irdische Abstammung des Herkules hatten die Parzen sein kuͤnftiges Schicksal schon verwebt, — zum Herrschen gebohren, wurd’ er durch die Macht der Fuͤgung gezwungen, zu ge- horchen, und seine glorreichsten Thaten auf den Befehl eines Schwaͤcheren, der ihn fuͤrchtete, zu vollfuͤhren. Elyktrio, Sthenelus, Alcaͤus, Mestor, wa- ren die Soͤhne des Perseus. Elyktrio folgte dem Perseus in der Regierung zu Mycene. Die Kin- der des Alcaͤus waren Anaxo und Amphitryo. — Mit der Anaxo vermaͤhlte sich Elyktrio, der zu Mycene herrschte, und erzeugte mit ihr Alkme- nen, die Mutter des Herkules. — Amphitryo, der Sohn des Alcaͤus, welcher wegen seiner Schwester Anaxo dem Elyktrio nun doppelt verwandt war, lebte an dessen Hofe, und hatte die sicherste Hofnung, in der Regierung ihm zu folgen; weil Elyktrio seine Tochter Alkmene, die naͤchste Erbin seines Reiches, mit dem Am- phitryo zu vermaͤhlen schon fest beschlossen hatte. Allein schon schwebte der ungluͤckliche Zufall naͤher, der dem Amphitryo seine Aussichten ver- eitelte, und in der Folge auf das Schicksal des Herkules einen daurenden Einfluß hatte. — Ta- phius nemlich, ein Enkel des Mestor, eines Sohns des Perseus, errichtete auf der Insel Taphos eine Pflanzstadt, deren Bewohner sich wegen der weiten Entfernung von ihrem Vater- lande auch Teleboer nannten. Nach dem Tode des Taphius machte dessen Sohn und Nachfolger Pterelaus, wegen seiner Abstammung vom Mestor, einem Sohne des Per- seus, Anspruͤche auf seinen Antheil an der Erb- schaft von Mycene, und schickte seine Kinder da- hin, um seine Forderung geltend zu machen. Als Elyktrio sich weigerte etwas herauszuge- ben, so verwuͤsteten die Soͤhne des Pterelaus mit ihrem Volke das Land, und fuͤhrten des Koͤnigs Heerden hinweg. — Die Soͤhne des Elyktrio ver- sammelten nun auch ein Heer, und ließen sich mit den Soͤhnen des Pterelaus in ein Treffen ein, worin die Anfuͤhrer von beiden Theilen umkamen, so daß von den Soͤhnen des Elyktrio nur der ein- zige Lycimnus, und von den Soͤhnen des Ptere- laus nur der einzige Everes uͤbrig blieb. Elyktrio, um den Tod seiner Kinder zu raͤ- chen, uͤberließ seiner Tochter Alkmene und dem Amphitryo die Regierung, mit dem Versprechen, dem Amphitryo seine Tochter zu vermaͤhlen, so- bald er von den Teleboern siegreich zuruͤckkehren wuͤrde. — Er kehrte siegreich zuruͤck, und brachte auch die Heerden wieder, welche die Feinde ihm geraubt hatten. Amphitryo, nun seines Gluͤcks gewiß, eilte ihm freudenvoll entgegen, und als von der wiedereroberten Heerde eine Kuh entspringen woll- te, warf Amphitryo mit einer Keule nach ihr — und traf den Elyktrio, welcher todt darnieder fiel. Dieser ungluͤckliche Zufall war es, der den Amphitryo des Koͤnigreichs Mycene beraubte, und zugleich zu dem kuͤnftigen Schicksal des Her- kules den ersten Grund enthielt. — Denn obgleich die That des Amphitryo unvorsetzlich war, so lud sie doch den Haß des Volks auf ihn. — Sthenelus, der Bruder des erschlagenen Elyk- trio, bemaͤchtigte sich daher mit leichter Muͤhe der Oberherrschaft uͤber Mycene; und Amphitryo fluͤch- tete nach Theben, wohtn ihm Alkmene folgte. Kreon, der zu Theben herrschte, nahm beide in Schutz. Alkmene aber wollte sich mit dem Am- phitryo nicht eher vermaͤhlen, bis er, um den Tod ihrer Bruͤder zu raͤchen, die Teleboer aufs neue bekriegt und den Pterelaus uͤberwunden haͤtte. Amphitryo trat mit dem Cephalus, Eleus, und einigen andern benachbarten Fuͤrsten in ein Buͤndniß, um die Inseln der Taphier oder Tele- boer zu bekriegen. — Pterelaus wurde besiegt, und Amphitryo schenkte die eroberten Inseln sei- nen Bundesgenossen, wovon die eine, welche noch itzt Cefalonia heißt, von dem Cephalus ihren Nah- men Cephalene erhielt. Alkmenens Neitze hatten indeß den Donner- gott von seinem hohen Sitze herabgezogen. — In der Gestalt des Amphitryo, der nun siegreich zu- ruͤckkehrte, genoß er ihrer Umarmung, und ver- laͤngerte zu einer dreifachen Dauer die Nacht, worin er den Herkules mit ihr erzeugte. — Unbeschadet der Ehrfurcht gegen das Goͤttliche und Erhabene, benutzten die komischen Dichter der Alten diesen Stoff, indem sie das laͤcherliche Verhaͤltniß des wahren Amphitryo gegen den Ju- piter in der Gestalt desselben auf der Schaubuͤhne darstellten, und beide darauf erscheinen ließen. — Die komische Muse der Alten durfte es sich erlau- ben, in dergleichen kuͤhnen Darstellungen selbst mit dem Donnergott zu scherzen, der zu den Toͤch- tern der Sterblichen sich herabließ. Dem Amphitryo, der auf Alkmenen zuͤrnte, gab Jupiter endlich selber, um ihn zu besaͤnftigen, seine Gottheit zu erkennen; und indeß Alkmene nun zugleich mit dem Herkules und mit einem Sohne des wirklichen Amphitryo schwanger war; und dem Sthenelus, der zu Mycene herrschte, ebenfalls ein Sohn gebohren werden sollte, gieng Folgendes im Rathe der Goͤtter vor: An dem Tage nehmlich, an welchem Herkules gebohren werden sollte, sprach Jupiter ruͤhmend in der Versammlung der Goͤtter: Heute, alle ihr Goͤtter und Goͤttinnen, verkuͤndige ich euch, wird aus dem Geschlechte der Menschen, das von mir abstammt, ein Held gebohren werden, der uͤber alle seine Nachbaren herrschen wird! Listen ersinnend sprach die hohe Juno: ich zweifele dennoch an der Erfuͤllung deiner Worte, wenn du nicht mit dem unverletzlichen Schwur der Goͤtter schwoͤrst, daß derjenige, welcher heute aus dem Geschlechte der Menschen, das von dir abstammt, gebohren wird, uͤber alle seine Nach- baren herrschen soll. Kaum hatte Jupiter den unverletzlichen Schwur gethan, als Juno den Olymp verließ, und schon in Argos war, wo die Vermaͤhlte des Sthenelus erst im siebenten Monathe mit dem Eurystheus schwanger gieng, dessen Geburt die maͤchtige Juno schnell befoͤrderte, obgleich die Zahl der Monden noch nicht voll war. — Alkmenens Niederkunft aber hielt sie auf, und kehrte nun triumphirend zum Olymp zuruͤck. Nun ist schon der Held gebohren, sprach sie zum Jupiter, der die Argiver beherrschen wird. — Er ist aus dem Geschlechte der Menschen, das von dir abstammt; denn es ist Eurystheus, ein Sohn des Sthenelus, dessen Vater Perseus dein Erzeugter war. Keinem Unwuͤrdigen ist also das verheißne Koͤnigreich beschieden. Da nun Jupiter seinen Schwur nicht zuruͤck- nehmen, und sich an der Juno nicht raͤchen konnte, so ergriff er die Ate, oder die Schaden stiftende Macht, welche eine Tochter Jupiters, und sel- ber mit in der Reihe der Goͤtter war, bei ihrem glaͤnzenden Haar, und schleuderte sie vom Himmel zur Erde herunter, mit dem unverbruͤch- lichen Schwur, daß sie nie zum Olymp zuruͤck- kehren solle, — seitdem wandelt sie uͤber den Haͤup- tern der Menschen einher, und saͤet, wo sie kann, Verderben und Zwietracht aus; — wenn daher Streitende sich versoͤhnten, so schoben sie auf die Ate den Anfang ihres Zwistes. Das Schicksal selber hatte dem Herkules die haͤrtesten Pruͤfungen zugedacht, welche Goͤtter und Menschen nicht hintertreiben konnten. Eurystheus war nun durch den Schwur des Jupiter zum Herrscher gebohren; und durch eben diesen Schwur gebunden, konnte Jupiter seinen geliebten Sohn von der harten Dienstbarkeit nicht befreien. — Alkmene gebahr zwei Soͤhne, den Herkules vom Jupiter, und den Iphikles von ihrem Gemahl Amphitryo. Wer von beiden der Sohn des Donnergottes sey, offenbarte sich schon, da noch ein hohler Schild, den Am- phitryo vom Pterelaus erbeutet hatte, die Wiege der Kinder war, und Juno zwei Schlangen schick- te, die den Herkules toͤdten sollten, der sie mit seiner zarten Hand in der Wiege erdruͤckte. Nun legte Jupiter, da er einst die Juno schlum- mernd fand, den Herkules ihr an die Brust, und die- ser sog ihr unbewußt die Goͤttermilch. — Als aber Juno erwachte, so schleuderte sie den kuͤhnen Saͤug- ling weit von sich hinweg, und verschuͤttete auf des Himmels Woͤlbung die Tropfen Milch, die ihrer Brust entfielen, und deren Spur die Milchstraße bildete, auf welcher die Goͤtter wandeln. Die Dichtung wird hier kolossal; der Luft- kreis selber, durch welchen die Sterne schimmern, tritt als der Juno erstes Urbild auf, und faͤrbt sich von der Milch, welche den Bruͤsten der hohen Himmelskoͤnigin entstroͤmte; — jenes Urbild wur- de vorausgesetzt, wenn die Dichtung den weißlich- ten Streif am Himmel die Milch der Juno nennt. Auf Jupites Befehl mußte Merkur nun den Herkules seinen Erziehern uͤbergeben, die ihn in den kriegerischen sowohl als in den sanften Kuͤnsten unterwiesen. Unter den Lehrern und Erziehern des Herkules waren selbst Goͤttersoͤhne; in der Musik unterwieß ihn Linus, ein Sohn des Apollo; Chiron, der weise Centaur, in der Arznei- und Kraͤuterkunde. — In den kriegerischen Kuͤnsten waren die beruͤhmtesten Helden der damaligen Zeit, in jedem besondern Fache, seine Lehrer. Da nun Herkules unter diesen Beschaͤftigun- gen zu den Juͤnglingsjahren gekommen war, be- gab er sich einst, uͤber sein kuͤnftiges Schicksal nach- denkend in die Einsamkeit, und setzte sich in Be- trachtungen vertieft auf einem Scheidewege nie- der. — Hier war es, wo die Wollust und die Tugend ihm erschienen, wovon die erstre ihm jeg- lichen Genuß einer frohen sorgenfreien Jugend an- bot, wenn er ihr folgen wollte, — die letztre ihm zwar muͤhevolle Tage verkuͤndigte, aber in der Zukunft Ruhm und Unsterblichkeit verhieß, wenn er sie zur Fuͤhrerin waͤhlte. Die Tugend siegte in diesem Wettstreit; der Juͤngling folgte ihr mit sicherm Schritte, fest entschlossen, jedes Schicksal, das ihm bevorstehe, mit Muth und Standhaftigkeit zu tragen, sich keiner Last zu weigern, und keine Arbeit, sey sie noch so schwer, zu scheuen. — Die Eifersucht der Juno, die nicht ruhte, hatte schon dem Amphitryo selber Furcht und Arg- wohn eingehaucht, der den jungen Herkules an den Hof des Eurystheus nach Mycene schickte, wo ihm von Zeit zu Zeit die gefaͤhrlichsten Unter- nehmungen und die ungeheuersten Arbeiten aufge- tragen wurden, die seinen Muth und seine Stand- haftigkeit auf die hoͤchste Probe setzten. Als nun Herkules auf seiner Reise das Orakel zu Delphi wegen seines kuͤnftigen Schicksals frag- te; so gab die Pythia ihm zur Antwort: zwoͤlf Arbeiten muͤsse er auf des Eurystheus Befehl voll- enden, und wenn er diese vollendet habe, sey ihm die Unsterblichkeit bestimmt. — Die zwoͤlf Arbeiten des Herkules. Der Nemaͤische Loͤwe . Als Herkules, noch im Juͤnglingsalter, bei dem Walde von Nemea die Heerden des Eurystheus huͤtete, verwuͤstete ein Loͤwe, dessen Haut kein Pfeil durchdringen konnte, die Gegend rund umher, und drohte den Heerden Ungluͤck. Die erste der zwoͤlf Arbeiten, welche Eurys- theus dem Herkules anbefahl, war, dieses Raub- thier zu erlegen. — Der junge Herkules saͤumte nicht, die Spur des Loͤwen zu verfolgen, mit dem er sich, als er ihn traf, in Kampf einließ, und ihn mit eigner Hand erwuͤrgte, weil kein Eisen ihn verwunden konnte. Zum Andenken dieser ersten That, die allein schon fuͤr die Vollfuͤhrung der uͤbrigen buͤrgte, trug Herkules nachher bestaͤndig die Haut des Loͤwen um seine Schultern; und diese wurde nun nebst der Keule, die er von dem Aste eines wilden Oehlbaums sich selber schnitt, das aͤußere Merkmal seiner unuͤberwindlichen Staͤrke, und seines unbe- siegbaren Heldenmuths. Herkules brachte den Loͤwen nach Mycene; der verzagte Eurystheus aber befahl ihm, von P nun an nicht mehr in die Stadt zu kommen, son- dern vor den Thoren von seinen vollfuͤhrten Tha- ten Rechenschaft abzulegen. Die Lernaͤische Schlange . In dem Sumpfe von Lerna bei Argos, hielt sich die vielkoͤpfigte Hydra auf, deren in der Stammtafel der Ungeheuer, die vom Phorkys und der schoͤnen Ceto sproßten, schon gedacht ist. Die Zeit der Helden war der Tod der Unge- heuer, die der Arm der Goͤttersoͤhne, eins nach dem andern von der Erde tilgte; und Herkules ließ nun, so wie Perseus mit der Gorgo, und Bellerophon mit der feuerspeienden Chimaͤra, auf den Befehl des Eurystheus, mit der vielkoͤpfigten Hydra in den furchtbaren Kampf sich ein. So wie er einen Kopf des Ungeheuers mit seinem sichelfoͤrmigen Schwerdt vom Rumpfe trennte, wuchs aus dem Blut ein neuer wieder, bis in der aͤußersten Gefahr, welche dem Helden drohte, sein Gefaͤhrte Jolaus, des Iphikles Sohn, mit Feuerbraͤnden, die er aus dem nahgelegenen Walde hohlte, nach jedem Hieb des Herkules, sogleich die Wunde zubrannte, ehe noch aus dem Blute ein neuer Kopf emporschoß. Nun aber erschwerte Juno dem Herkules sei- nen Sieg, indem sie einen Seekrebs schickte, der dem Held, so wie er kaͤmpste, an den Fersen nagte, und ihn sich umzuwenden zwang. — Auch diesen Angriff bestand der Sohn des Donnergot- tes; und grub nach langem Kampf das letzte Haupt der Hydra, das unverletzlich war, tief in die Erde, und waͤlzte einen ungeheuren Stein daruͤber. Zum Lohn fuͤr seine Arbeit tauchte er in das vergoßne Blut der Hydra seine Pfeile, die durch das toͤdtliche Gift nun doppelt furchtbar waren, und uͤber ihren Besitzer, selbst durch seines Fein- des Tod, dereinst noch Qual und Verderben brin- gen sollten. Wenn unuͤberwindlicher Muth und Stand- haftigkeit, bei der Ueberwindung unzaͤhliger Hinder- nisse und immer erneuerter Gefahren, irgend durch ein treffendes Sinnbild bezeichnet wird, so ist es in dieser Dichtung von dem Siege des Herkules uͤber das vielkoͤpfigte Ungeheuer. — Alte und neuere Dichter haben daher dieß Bild auch stets genuͤtzt, weil es sich durch kein bedeutenderes ersetzen laͤßt. Der Erymanthische Eber . Ein ungeheurer Eber aus dem Erymanthi- schen Gebuͤrge verwuͤstete die Fluren von Arka- dien. — Dem Eurystheus war dieß erwuͤnscht, um den Herkules zu einer neuen gefaͤhrlichen Un- ternehmung auszuschicken. Dem Ueberwinder P 2 des Nemaͤischen Loͤwen, und der vielkoͤpfigten Hydra, war es ein Leichtes, den Eber zu fangen, welchen er gebunden dem Eurystheus brachte, der vor Schrecken uͤber den Anblick des Ungeheu- ers sich in ein ehernes Faß verkroch. In dieser laͤcherlichen Stellung ist Eurystheus auf einem antiken geschnittenen Steine abgebil- det. — Der auffallende Kontrast zwischen der Staͤrke und dem Heldenmuth des Gehorchen- den, und der Schwaͤche und Verzagtheit des Be- fehlenden, welcher durch diese ganze Dichtung herrscht, giebt ihr ein desto lebhafteres Interesse. — Dadurch, daß der Held sich uͤberwindet, nach dem Schluß des Schicksals dem Schwaͤchern zu gehorchen, erhalten seine kuͤhnsten Thaten einen doppelten Werth, weil er erst sich selber zum Ge- horsam, und dann die Ungeheuer zum Weichen zwingt. Der Hirsch der Diana . Um nicht nur die Staͤrke, sondern auch die Geschwindigkeit und Behendigkeit des Herkules zu pruͤfen, mußte eine neue wunderbare Erscheinung sich ereignen. Auf dem Berge Maͤnelus ließ nem- lich ein Hirsch mit goldenem Geweih sich sehen, welcher, obgleich der Diana geheiligt, den Wunsch eines jeden, ihn zu besitzen, auf sich zog. Eurystheus, der nur befehlen durfte, befahl dem Herkules diesen kostbaren Hirsch lebendig zu fangen, und ihn nach Mycene zu bringen. — Herkules, ohne sich zu weigern, verfolgte ein Jahrlang unermuͤdet die Spur des schnellen Hir- sches, bis er ihn endlich in einem Dickicht fing, und ihn auf seinen Schultern dem Eurystheus lebendig brachte. Die Stymphaliden . Eine Art graͤßlicher Voͤgel hielt sich an dem Stymphalischen See in Arkadien auf. Die Ein- bildungskraft der Dichter mahlt ihr Bild auf das fuͤrchterlichste aus; sie hatten eherne Klauen und Schnaͤbel, mit denen sie verwunden und toͤdten, und jede Waffenruͤstung durchbohren konnten; auch waren sie nach einigen Dichtungen mit Spießen bewafnet, die sie auf die Angreifenden warfen. Der Ort, wo diese Voͤgel im Sumpf und Gebuͤsch ihre Wohnung hatten, war unzugaͤng- lich. — Eurystheus befahl dem Herkules diese Ungeheuer zu bekaͤmpfen, und Minerva, die dem Helden wohl wollte, schenkte ihm eine eherne Pauke, durch deren Geraͤusch er die Voͤgel aus ih- rem Sumpfe schreckte, und so bald er sie in der Luft erblickte, seinen Bogen spannte, und mit sei- nen Pfeilen sie erschoß. Es schien als ob der Held an jeder Gattung von Ungeheuern sich versuchen sollte; daher ließ ihn die Dichtung, nachdem er den Loͤwen besiegt, die Hydra getoͤdtet, und den Eber gebaͤndigt hat- te, auch mit den Voͤgeln unter dem Himmel kaͤmpfen. Das Wehrgehenk der Koͤnigin der Amazonen . Schon Bellerophon mußte gegen die Amazo- nen fechten, — und auch Eurystheus versaͤumte nicht, dem Herkules diese gefahrvolle Unterneh- mung aufzutragen. — Die Idee von den Ama- zonen, die ihre neugebohrnen Soͤhne von sich schickten, und ihre Toͤchter zu Waffenuͤbungen und zum Kriege erzogen, ist an sich schon dichterisch schoͤn, und wir finden sie haͤufig in die Dichtungen der Alten eingewebt. — Auch die bildende Kunst der Alten verweilte gern auf diesem Gegenstande, und man findet auf Marmorsaͤrgen zum oͤftern Amazonenschlachten dargestellt, wo die maͤnnliche Tapferkeit mit der weiblichen Bildung verknuͤpft, im Angriff und im Sinken, den reitzendsten Kontrast darbietet. Vom Kriegsgott selber besaß die Koͤnigin der Amazonen das kostbare Wehrgehenk, das Herkules erbeuten sollte, und das von der Tapferkeit selbst vertheidigt ohne unuͤberwindlichen Heldenmuth nicht zu erstreiten war. Theseus begleitete den Herkules auf diesem Zuge, und am Flusse Thermodon begann die Schlacht, wo Herkules uͤber die Bundesgenossen der Amazonen siegte, die Koͤnigin selbst gefangen nahm, und, nachdem er auf diesem Wege noch manche andre große That vollfuͤhrt, das kostbare Wehrgehenk dem Eurystheus brachte. Der Stall des Augias . Augias, der in Elis herrschte, und ein Sohn der Sonne hieß, war wegen der vielen Heerden, die er besaß, einer der reichsten Fuͤrsten seiner Zeit. Und weil man damals den Reichthum nach dem Besitz von vielen Heerden schaͤtzte, so waren auch die Beschaͤftigungen, welche hierauf Be- zug hatten, noch nicht erniedrigend; und einen Stall zu reinigen, war damals noch keine so un- wuͤrdige Beschaͤftigung, wie wir sie uns jetzt nach unsern Begriffen denken. Augias hatte nemlich nach der Dichtung, die den Helden die Arbeiten gern so schwer wie moͤg- lich macht, dreitausend Rinder in seinen Staͤllen stehen, und diese Staͤlle waren seit dreißig Jahren nicht gereinigt. — Herkules uͤbernahm auf den Befehl des Eu- rystheus die Reinigung der Staͤlle, mit dem Be- ding in wenigen Tagen die ungeheure Arbeit zu vollenden, wofuͤr ihm Augtas, der an der Moͤg- lichkeit der Ausfuͤhrung zweifelte, den zehnten Theil seiner Heerden zum Lohn versprach. Herkules aber leitete den Alpheus durch die Staͤlle, und verrichtete nun die Arbeit, die jeder- mann fuͤr unmoͤglich hielt, an einem Tage mit leichter Muͤhe. — Augias aber verweigerte ihm den Lohn, worauf ihn Herkules bekriegte und toͤdtete, und den Phyleus des Augias Sohn, der edler wie sein Vater dachte, zum Nachfolger im Reiche ernannte. Von den erbeuteten Schaͤ- tzen aber bauete Herkules dem Olympischen Jupi- ter einen Tempel, und erneuerte die Olympischen Spiele. — So kroͤnte er seine Arbeit in den Staͤl- len des Augias. Der Kretensische Stier . Neptun, der auf die Einwohner von Kreta zuͤrnte, weil sie seine Gottheit nicht genug verehr- ten, schickte einen wuͤthenden Stier auf ihre In- sel, welcher Feuer aus der Nase blies, und weil ihn niemand anzugreifen wagte, das Land umher verwuͤstete. Kaum hatte Eurystheus dies vernommen, so befahl er dem Herkules, diesen Stier lebendig zu fahen. — Es ist die Koͤrperkraft des Helden, welche sich gleichsam gegen die ganze Thier- welt mißt, indem sich Herkules auch dieses vom Neptun gesandten Stiers bemaͤchtigt, und ihn auf seiner Schulter nach Mycene bringt. Die mannichfaltigen Abbildungen des Herku- les, worunter sich auch diese befindet, wie er den Stier auf der Schulter traͤgt, machen daher ein schoͤnes Ganzes aus, weil der Ausdruck von koͤr- perlicher Staͤrke in jeder Darstellung herrschend ist, und die bildende Kunst keinen reichern Stoff als diesen finden konnte, um das, was den Loͤ- wen besiegt, und die ganze Thierwelt sich unter- jocht, in jeder Muskel zu bezeichnen. Die Rosse des Diomedes . Diomedes, ein Koͤnig in Thracien, und ein Sohn des Mars, besaß vier feuerspeiende Rosse, die er mit Menschenfleisch saͤttigte, und denen er die Fremdlinge, die er auffing, selbst zur Speise vorwarf. Da das Geruͤcht von dieser Grausamkeit allenthalben erscholl, so befahl Eurystheus dem Herkules, ihm die feuerspeienden Rosse zu brin- gen, — und Herkules, der diese That vollfuͤhrte, ließ auch den Diomedes fuͤr seine Tyrannei die gerechte Strafe erdulden, indem er ihn seinen eigenen Rossen vorwarf, und auf die Weise den an den Fremdlingen veruͤbten Frevel raͤchte. Die Grausamkeit gegen die Fremden ist in den Dichtungen der Alten, welche das Gastrecht uͤber alles heilig hielten, das hoͤchste Merkmal von boshafter Tyrannei und Ungerechtigkeit; — man betrachtete diese Tyrannen, welche die Fremden quaͤlten und toͤdteten, wie Ungeheuer; und es war das Geschaͤft der Helden, sie von der Erde zu vertilgen. Man findet auf alten Denkmalen die Rosse des Diomedes abgebildet, wie sie vor einer Krippe stehen, in welcher ein Mensch ausgestreckt liegt, und Diomedes aufrecht darneben steht. — Auch findet man den Herkules im Kampf mit den flam- menathmenden Rossen dargestellt. Der dreikoͤpfigte Geryon . In der Stammtafel der Ungeheuer ist des dreikoͤpfigten Geryon schon gedacht. Chrysaor, der aus dem Blute der Medusa entsprang, ver- maͤhlte sich mit der Kallirohe, einer Tochter des Oceans, und erzeugte mit ihr den dreikoͤpfigten Riesen Geryon, und die Echidna, die halb Nymphe halb Drache, den dreikoͤpfigten Hund Cerberus, den zweikoͤpfigten Hund Orthrus, die Lernaͤische Schlange, die feuerspeiende Chimaͤra, und die Sphinx, gebahr. Der zweikoͤpfigte Hund Orthrus nebst dem Hirten Eurytion bewachten die Heerden des Ge- ryon, dessen Wohnsitz die Dichtungen an die ent- ferntesten Ufer des Oceans hin versetzen. Das Kostbarste, worin man damals den groͤßten Reichthum setzte, hatte ein Ungeheuer im Besitz, — und der Ruf von den schoͤnen Heerden des Geryon erscholl so weit, daß Eurystheus dem Herkules befahl, diese Heerden hinwegzufuͤhren, und sie als einen kostbaren Schatz, von jenen aͤußersten Enden der Erde, nach Mycene zu bringen. Herkules bahnte sich seinen Weg uͤber Berge und Felsen, und fuͤhrte auf diesem weiten Zuge noch viele andre große Thaten aus. — Den zwei- koͤpfigten Hund Orthrus und den Eurytion erschlug er, und bemaͤchtigte sich der Ochsen des Geryon, die er vor sich hertrieb. — Als nun der dreikoͤp- figte Geryon selber auf ihn zustuͤrzend sich ihm widersetzen wollte, erschlug er auch diesen mit sei- ner Keule, und befreiete die Erde aufs neue von einem ihrer furchtbarsten Ungeheuer. Die goldenen Aepfel der Hesperiden . Das Allerkostbarste, was man sich in der weitesten Entfernung, und am unmoͤglichsten zu erreichen dachte, waren die goldenen Aepfel in den Gaͤrten der Hesperiden, an den Gestaden des Atlantischen Meers. Der Drache, welcher diese Aepfel bewachte, war eine Erzeugung des Phor- kys und der schoͤnen Ceto, und in der Reihe der Ungeheuer ist seiner schon gedacht. Die Hesperiden selber waren Toͤchter der Nacht. — Ihr Daseyn und ihr Ursprung waren in Dunkel gehuͤllt. — Ihre Nahmen waren Aegle, Erythia und Arethusa. — Dem Eurys- theus die goldene Frucht nach Griechenland zu bringen, war nun die eilfte von den Arbeiten, welche Herkules, gehorchend dem fremden Befehl, vollbringen mußte. Er toͤdtete den Drachen, nachdem er vorher durch einen Trank ihn eingeschlaͤfert hatte, und pfluͤckte, nah am Ziele seiner Laufbahn, die goldene Frucht. — In den Abbildungen vom Herkules sieht man auch den Baum mit der gol- denen Frucht, um den sich ein Drache windet, vor welchem Herkules mit der Schaale steht, die den einschlaͤfernden Trank enthielt. — Die Hes- periden stehen traurend uͤber den Verlust des Scha- tzes, den sie bewahrten. Der Hoͤllenhund Cerberus . Nun mußte Herkules noch die letzte Probe seines Heldenmuths bestehen. — Nicht genug, daß er auf der Oberwelt die Ungeheuer besiegt hatte, hieß Eurystheus ihn hinab zu den Schatten steigen, und den dreikoͤpfigten Hund Cerberus, den Waͤchter an Plutos Thor, hinauf ans Licht zu ziehen. Die Dichtung von den zwoͤlf Arbeiten des Herkules schließt sich mit der gefahrvollsten Unter- nehmung unter allen. — Dem Tode selbst in sei- nem Gebiete zu trotzen; — in seinen offenen Schlund freiwillig hinabzusteigen, — und mit dem Koͤnig der Schrecken im Kampf es aufzu- nehmen. Ehe Herkules seine ihm aufgegebene Reise in die Unterwelt begann, ließ er vorher in die Eleusinischen Mysterien sich einweihen, gleich- sam um auf Tod und Leben bei dieser Unterneh- mung gefaßt zu seyn; — dann stieg er bei dem Vorgebirge Taͤnarum in die weite Hoͤhle hinab, die zu der Behausung der Schatten fuͤhrt. Er zwang den Charon, ihn uͤber den Styx zu fahren. — Da erblickte er den Cerberus, und die ihm wohlbekannten Helden, den Theseus und Pirithous an Felsen geschmiedet, — sie hatten die vermessene That begonnen, zu den Schatten hinabzusteigen, um Proserpinen, die Koͤnigin der Todten selber, dem Pluto zu entfuͤhren, — und nun war ihnen die Ruͤckkehr auf ewig untersagt. Demohngeachtet gelang es dem Herkules, den Theseus zu befreien, nachdem er den Cerberus ge- baͤndigt hatte, der bis zum Pallast des Pluto vor ihm floh. — Und so wie Herkules ihn verfolgend sich dem duͤstern Pallast naͤherte, faͤrbte sich der Kranz von Pappeln auf seinem Haupte schwarz. Hier kaͤmpfte er mit dem Pluto selber und loͤßte Theseus Bande; vergebens aber versuchte er es, den Pirithous zu befrein, den Plutos ganze Macht zuruͤckhielt. — Siegreich brachte nun Her- kules den Cerberus auf die Oberwelt, wo von sei- nem Geifer eine giftige Wurzel sich erzeugte. Der erschrockne Eurystheus ertrug den furcht- baren Anblick nicht, — und Herkules entließ den schwarzen Huͤter des Hoͤllenthors, den er zwischen seinen Knien gebaͤndigt hielt, nun auch der Quaal, das Licht zu schauen. — Die Schreckengestalt sank wieder zur Unterwelt herab. — Des Her- kules Arbeiten waren nun vollbracht. — Die Thaten des Herkules, welche er nicht auf fremden Befehl voll- fuͤhrt hat. Von den Arbeiten des Herkules kann man seine Thaten unterscheiden, welche er aus eige- nem Antriebe, gleichsam in der Zwischenzeit voll- fuͤhrte, die ihm von den aufgegebenen Arbeiten uͤbrig blieb, und worin seine unerschoͤpfliche Kraft und Heldenstaͤrke sich doppelt offenbarte. Die Befreiung der Hesione . Herkules begleitete die Argonauten auf ihrem Zuge nach Kolchis; entfernte sich aber von den uͤbrigen, indem er in der Gegend von Troja ans Land stieg, um den Hylas, seinen Liebling zu suchen, der Wasser zu schoͤpfen ausgieng und nicht wieder kam. — Die Najaden hatten den schoͤnen Knaben geraubt, und in den Brunnen herabgezo- gen; Herkules ließ vergeblich von dem Nahmen Hylas das ganze Ufer wiedertoͤnen. Er setzte nun seine Reise mit den Argonauten nicht weiter fort, sondern gieng nach Troja, wo Laomedon herrschte, der die Goͤtter Neptun und Apollo selber, welche, in menschenaͤhnlicher Ge- stalt, die Mauern um seine Stadt zu bauen sich hernieder ließen, um ihren Lohn betrog. — Der Frevel des Laomedon blieb nicht lange unbestraft. — Der Koͤnig der Wasserfluthen drohte mit einer Ueberschwemmung Troja den Unter- gang, und war, nach dem Ausspruch des Ora- kels, nur durch die Aufopferung der Hesione, des Laomedons Tochter zu versoͤhnen; die nun, gleich der Andromeda, an einen Felsen geschmiedet, von einem Meerungeheuer verschlungen werden sollte, gerade als Herkules ankam, und dies Schauspiel sich seinen Augen darbot. Nicht so zaͤrtlich wie Perseus, uͤbernahm Herkules erst gegen einen Zug von koͤstlichen Pfer- den, die ihm Laomedon zum Lohn versprach, die Hesione zu befreien. — Laomedon aber, der schon die Goͤtter betrogen hatte, betrog auch den Herku- les, und wagte es, ihm die Rosse zu verweigern, sobald er seine Tochter wieder in Freiheit sahe. Da griff Herkules Troja an, eroberte sie mit stuͤrmender Hand, und erschlug den falschen wort- bruͤchigen Koͤnig Laomedon. — Seinem Begleiter den Telamon, der zuerst die Mauer erstieg, ver- maͤhlte er die gerettete Hesione, und verstattete ihr, fuͤr einen der Gefangenen von Laomedons Hause das Leben zu erbitten. Hesione waͤhlte ihren Bruder Podarcis, welcher nachher sich Priamus nannte, und zu kuͤnftigem Jammer aufgespart, uͤber Troja herrschte, dessen zweite Eroberung und schreck- liche Zerstoͤrung vom Schicksal schon beschlossen war. Die Ueberwindung des Antaͤus, Busiris und Kakus . Als Herkules auf seinem westlichen Zuge nach Lybien kam, so stieß er auf den Riesen Antaͤus, dessen Grausamkeit gegen die Fremden, ihn zum Ungeheuer machte, das ein maͤchtiger Arm vertil- gen mußte. Antaͤus zwang nehmlich die ankommenden Fremden mit ihm zu ringen, und wenn er sie uͤberwunden hatte, erwuͤrgte er sie, und pflanzte die Schaͤdel um seine Wohnung auf. — Was ihn im Kampf unuͤberwindlich machte, war die Be- ruͤhrung seiner Mutter Erde , wodurch sich, wenn er niedergeworfen wurde, seine Kraft nur verdoppelte. Herkules Arme aber faßten ihn um den Leib, und hielten ihn in den Luͤften schwebend , bis er von des Helden Kraft erdruͤckt, seinen Geist aushauchte. — In dieser Stellung, wie er den Riesen Antaͤus erdruͤckt, findet man auf den Denkmaͤlern der Alten den Herkules zum oͤftern dargestellt. Busiris war ein grausamer Koͤnig in Aegyp- ten, der nebst seinen beiden Soͤhnen alle Gewalt- thaͤtigkeit an Fremden veruͤbte, denen er auf- lauern ließ, und wenn er sie fing, ermordete. — Dem Herkules, der dieses Weges zog, war ein aͤhnliches Schicksal zugedacht, allein er erschlug den Busiris mit seinen Soͤhnen, und machte auch diese Straße fuͤr den Wanderer sicher. Als Herkules mit den Rindern des Geryon, die er von den entfernten Ufern des Oceans nach Griechenland brachte, bis in die Gegend des nach- maligen Roms, beim Tiberfluß am Aventinischen Berge gekommen war, schlummerte er bei seinen Q Heerden ein; und aus seiner Hoͤhle am Aventi- nischen Berge kam der ungeheure flammenspeiende Kakus, dessen bestaͤndiges Geschaͤft es war, die Fremden zu berauben. Dieser zog von den Ochsen einen nach dem andern bei den Schwaͤnzen in seine Hoͤhle, um durch die entgegengesetzte Spur den Suchenden zu taͤuschen. Als Herkules nun erwachte, und die geraubten Ochsen vermißte, verleitete ihn, da er sie suchen wollte, die falsche Spur, und schon wollte er weiter ziehen, als er das Gebruͤll seiner Ochsen, aus des Kakus Hoͤhle vernahm, mit dem er sich nun in Kampf einließ, ihm bald seinen Raub abjagte, und mit seiner Keule ihn zu Bo- den schlug. Hier war es, wo Karmenta, die Mutter des Evander, der damals diese Gegend beherrsch- te, dem Herkules seine Gottheit prophezeihte, und wo noch bei seinem Leben der erste Altar ihm errichtet ward. — Auf antiken geschnittenen Stei- nen findet man mehrmals den Herkules abgebil- det, wie er bei seinen Heerden schlummert, indeß Kakus die Ochsen ruͤckwaͤrts in seine Hoͤhle zieht. Die Befreiung der Alceste aus der Unterwelt . Herkules, welcher die Tyrannen vertilgte, die gegen die Fremden grausam waren, belohnte auch auf eine edle Weise die gastfreundliche Auf- nahme, die er beim Koͤnig Admetus fand. Dieser Admet war mit der Alceste , einer Tochter des Pelias vermaͤhlt. — Er wurde krank, und konnte, nach dem Ausspruch des Orakels, nicht anders sein Leben fristen, als wenn jemand freiwillig fuͤr ihn sich dem Tode weihte. — Alceste weihte sich heimlich den Goͤttern zum Todesopfer fuͤr ihren Gemahl; — sie wurde krank, und die Genesung des Admet hielt nun mit ihrer zunehmenden Krankheit gleichen Schritt. — Sie war verschieden, da Herkules beim Admet als Gast einkehrte. Das Gastrecht war dem Admet so heilig, daß er dem Herkules anfaͤnglich seine Trauer ver- schwieg. — Als dieser aber den Tod der Alceste vernahm, versprach er seinem Gastfreunde, das ge- liebte Weib, es koste auch was es wolle, ihm aus dem Orkus zuruͤckzufuͤhren. Und nun umfaßte Herkules den Tod mit starken Armen , und hielt ihn fest, bis er die Gattin seines Freundes ihm wiedergab, und sich die Trauer nun in neue hochzeitliche Freude und suͤße Gespraͤche verwandelte. Q 2 Die Befreiung des Prometheus von seinen Qualen . In dem Herkules war die Menschheit gleich- sam bis zu dem Gipfel ihrer Groͤße emporgestiegen. Und auch der Duldung des Prometheus, an des- sen Leber noch immer der Geier nagte, war nun ihr Ziel gesetzt. Jupiter willigte selber in die Befreiung des Prometheus ein, nachdem ihm dieser zum Loͤse- gelde die lange verborgene Weißagung offenbart hatte: Thetis wuͤrde einen Sohn gebaͤhren, der wuͤrde maͤchtiger, als sein Vater seyn. Da nun Jupiter schon entschlossen war, die Thetis zu umarmen, so drohte ihm, ohne die War- nung des Prometheus, das Ende seiner Macht, deren Besitz er nun aufs neue, dem von ihm so hart gequaͤlten Bilder der Menschen dankte. — Nun spannte der Sohn des Donnergottes den Bogen, und erschoß den Geier, der dem Pro- metheus die Leber nagte. Die Bande des an den Felsen Geschmiedeten fielen ab. Die Aufrichtung der Saͤulen an der Meerenge zwischen Europa und Afrika . Die Dichtungen von den Thaten des Herku- les werden am Ende ganz kolossal , und verlieren sich in dem Begriff einer Kraft, der Goͤtter und Menschen nicht widerstehen koͤnnen, und die das Unmoͤgliche moͤglich macht. — Als Apollo einst sich weigerte, dem Herkules wahr zu sagen, so nahm er den goldnen Dreifuß weg, bis jener sein Verlangen erfuͤllte. — Die Goͤtter im Olymp beklagen sich uͤber ihn, daß er einst selbst die Juno verwundet, und den Pluto mit seinen Pfeilen nicht verschont habe. Als auf seiner Fahrt nach Westen die Sonne ihm zu heiß schien, so spannte er seinen Bogen, und schoß nach dem Lenker des Sonnenwagens, der durch ein großes goldnes Trinkgefaͤß ihn zu versoͤhnen suchte. — Auch mit dem Neptun, da dieser einen Sturm schickte, nahm es Herkules auf, und schoß seine Pfeile auf ihn ab. Dieser, um ihn zu besaͤnftigen, ließ schnell die Sturmwinde schweigen, und ließ die Wellen das goldne Trink- gefaͤß emportragen, dessen sich Herkules wegen sei- ner Groͤße zugleich statt eines Fahrzeuges auf dem Meere bediente, ohne zu fuͤrchten, daß es unter- saͤnke, da selbst der Koͤnig der Gewaͤsser und die Wasserwogen ihm unterthaͤnig waren. Da er nun auf seinem Zuge nach Westen an das aͤußerste Ende der Erde kam, durchbrach er die Erdenge zwischen Europa und Afrika, und ver- einte das Weltmeer mit dem mittellaͤndischen Meere. Da richtete er an der Meerenge, zum Anden- ken seiner vollbrachten Thaten, und um das Ziel sei- ner Reisen zu bezeichnen, auf den gegen einander uͤber liegenden Bergen Kalpe und Abyla zwei Saͤulen auf; zu deren Andenken die Nachwelt jene beiden Berge selber die Saͤulen des Her- kules nannte. Die Einbildungskraft konnte in dieser Dich- tung sich nicht hoͤher schwingen; denn erst da, wo nach der Vorstellungsart der Alten, der Erdkreis selbst sich endigt, und die Sonne ins Meer sinkt, war das Ziel der maͤchtigen Heldenlaufbahn. — Nur noch ein Zug wurde hinzugesetzt: Der, wel- cher den Prometheus befreiete, half auch auf eine Weile, dem Atlas den Himmel tragen , und nahm die ewig druͤckende Last von Japets Sohn auf seine Schultern, um jenem eine kleine Zeit Er- leichterung zu verschaffen. — So findet man auch auf alten Denkmaͤlern den Herkules abgebildet, den Himmelsglobus auf den Schultern tragend. Die Vermaͤhlungen des Herkules und seine Vergehungen und Schwaͤchen . Dieß sind nun außer den zwoͤlf Arbeiten des Herkules seine vorzuͤglichsten Thaten. Die Dich- tungen schreiben ihm noch viel mehrere zu, weil alles, wozu Standhaftigkeit, Heldenmuth und Staͤrke gehoͤrte, sich gerne an diesen Nahmen knuͤpfte, der einmal alles Goͤttliche in sich faßte, was durch die Koͤrperkraft sich offenbart. Wenn aber bei irgend einer Goͤtter- oder Heldengestalt der Begriff der Macht und Staͤrke uͤber alles andre uͤberwiegend ist, so ist dies beim Herkules der Fall, der gleichsam die aus ihrem er- sten Schlummer erwachte Menschheit, im Gefuͤhl ihrer ganzen Kraft, ohne muͤßiges Denken , in sich abbildet; immer rastloß irgend ein Ziel verfol- gend, unbekuͤmmert, was um ihn her steht oder faͤllt. — Der Begriff von einem Helden, war in der Vorstellungsart der Alten, mit dem Begriff von einem Weisen, gemeiniglich nicht verknuͤpft. — Selbst beim Ulysses geht die Weisheit in Verschla- genheit uͤber, und bei dem weisen Nestor ist durch das Alter die Heldenkraft schon gelaͤhmt. — Bei den Helden findet sich immer viel Licht und Schat- ten, und Herkules selbst muß noch mit manchen Schwaͤchen fuͤr seine Heldenstaͤrke buͤßen. — In seinen Vermaͤhlungen, und in seinen Aus- schweifungen in der Liebe fand Herkules sein Un- gluͤck, und zuletzt einen qualenvollen Tod, welcher demohngeachtet der Uebergang zur Unsterblichkeit fuͤr ihn war. Zuerst vermaͤhlte Kreon, Thebens Fuͤrst, ihm seine Tochter Megara, zur Dankbarkeit fuͤr einen wichtigen Dienst, den Herkules ihm geleistet, wel- cher durch seine Tapferkeit die Stadt von einem laͤstigen Tribut befreite, den sie den Orchomeni- ern zahlen mußten. Nachdem er nun acht Kinder mit der Megara erzeugt hatte, versetzte Juno ihn in eine rasende Wuth, worin er Mutter und Kinder erschlug, deren abgeschiedenen Seelen man nachher in The- ben jaͤhrlich Todtenopfer brachte. Um diese schreckliche, obgleich unverschuldete That, zu buͤßen, unterzog sich Herkules desto frei- williger den Arbeiten, die ihm Eurystheus anbe- fahl, bis, nahe an der Vollendung seiner Tha- ten, eine neue Liebe ihn fesselte, und er sich, ohn- geachtet des tragischen Ausganges seiner ersten Ehe, zum zweitenmal vermaͤhlte. Er kam nehmlich auf einem seiner Zuͤge nach Kalydon zum Koͤnig Oeneus , und sahe dessen schoͤne Tochter Dejanira , welche dem Flußgott Achelous schon verlobt war. Mit diesem ließ sich Herkules in einen Zweikampf ein, und da er ihn uͤberwunden hatte, war Dejanira der Preis des Sieges. Als nun Herkules auf seiner Reise mit der Dejanira an den Fluß Evenus kam, an dessen Gestade der Centaur Nessus seine Wohnung hat- te, so trug er diesem auf, die Dejantra auf seinem Ruͤcken durch den Strom zu tragen. — Nessus wollte diese Gelegenheit nutzen, um die Vermaͤhlte des Herkules zu entfuͤhren; als diese aber um Huͤlfe schrie, spannte Herkules schnell den Bogen, und durchschoß den Centaur mit einem in das Blut der Lernaͤischen Schlange ge- tauchten Pfeil. Nessus gab sterbend der Dejanira eine Hand voll von seinem Blute, als ein kostba- res Geschenk, in eine Flasche, und verhieß ihr, daß sie durch dies Mittel auf immer des Herkules Zuneigung sich versichern, und jede fremde Liebe aus seiner Brust verscheuchen koͤnne, wenn sie der- einst ein dicht am Leibe anliegendes Gewand mit diesem Blute bestriche, und es dem Herkules, um es anzulegen, schickte. Herkules, der nun wieder auf Thaten aus- gieng, entfernte sich von Zeit zu Zeit von der Dejanira. Einst blieb er lange, ohne daß Deja- nira etwas von ihm vernahm. Ihn fesselte eine neue Liebe, die ihn mehr als alle seine uͤberstan- denen Gefahren darniederbeugte, weil sie ihn zu einer ungerechten That verleitete. Als Herkules nehmlich auf einem seiner letz- ten Zuͤge nach Euboaͤ kam, erblickte er Jolen , die Tochter des Eurytus , der uͤber Oechalien herrschte. Er ward von Jolens Reitzen schnell besiegt, und ward um sie bei ihrem Vater. — Als dieser sein Verlangen abschlug, verließ er zuͤrnend und auf Rache denkend die Wohnung sei- nes Gastfreundes. Und als bald darauf Iphitus , des Eury- tus Sohn, beim Herkules seine entlaufenen Stut- ten suchte, fuͤhrte ihn dieser, der selber die Stut- ten bei sich verbarg, auf einen Huͤgel, und stuͤrzte den Sohn seines Gastfreundes, ehe dieser sichs versahe, vom jaͤhen Felsen herab. Durch diese That befleckte Herkules seinen Ruhm, und mußte auch auf den Befehl der Goͤt- ter auf eine schaͤndliche Weise dafuͤr buͤßen. — Er mußte sich der wolluͤstigen Koͤnigin Omphale in Lydien zum Sklaven verkaufen lassen, und weib- liche Geschaͤfte auf ihren Befehl verrichten. Hier stellt die bildende Kunst Omphalen mit der Loͤwenhaut umgeben, und mit der Keule in der Hand, den Herkules aber in Weiberkleidern am Rocken spinnend dar. — Der Held, der seine Laufbahn nun vollendet hatte, mußte vor seiner Vergoͤtterung noch das Loos der Sterblichkeit em- pfinden, und so tief von seiner Groͤße sinken, als hoch er gestiegen war. Allein die bestimmte Zeit dieser Dienstbarkeit verfloß; und nun ruͤstete Herkules sich gegen den Eurytus , der seine Tochter Jole ihm versagt hatte. Mit stuͤrmender Hand eroberte er die Stadt Oechelia und zerstoͤrte sie; erschlug den Eu- rytus selber; nahm Jolen gefangen, und schickte sie als eine Sklavin seiner eigenen Gemahlin De- janira zu. Dejanira nahm die Jole guͤtig auf. — Als sie aber durch das Geruͤcht vernahm, daß eben diese Gefangene ihre Nebenbuhlerin sey; da glaub- te sie, daß es Zeit waͤre, von dem Geschenk des Nessus Gebrauch zu machen, wodurch die Liebe des Herkules ihr versichert, und jede fremde Zu- neigung aus seiner Brust verscheucht wuͤrde. Sie nahm des todten Nessus langverwahrtes Blut, und faͤrbte damit ein koͤstliches Unterkleid, das sie dem Herkules durch den Lichas versiegelt entgegenschickte, mit der Bitte, es nicht eher zu tragen, als bis er sich an einem Opfer- tage schoͤn geschmuͤckt, den Goͤttern damit gezeigt habe. Des Herkules letzte Duldung und seine Vergoͤtterung . Schon lange hatte ein Orakelspruch dem Her- kules geweißagt, daß er den Tod von keinem Lebenden, sondern nur von einem Todten befuͤrch- ten duͤrfe. — Diese Prophezeihung war nun ihrer Erfuͤllung nahe. — Auf dem Vorgebirge Cenaͤum von Euboaͤ, errichtete Herkules, nach dem Siege uͤber den Eurytus, dem Jupiter Altaͤre, und war die Opferthiere zu schlachten im Begriff, als Lichas ihm das Geschenk der Dejanira uͤberbrachte. Herkules freute sich des Geschenks, und zog sogleich das Kleid als einen festlichen Schmuck zum Opfer an; brachte nun eine Hekatombe den Goͤttern dar, und ließ die Flamme von den Altaͤ- ren gen Himmel lodern; als ploͤtzlich das Gewand wie angeleimt an seinem Koͤrper klebte, und Zu- ckungen durch alle seine Glieder fuhren. — Es war das Gift der Hydra, die er selbst erlegt hatte, das nun sein Innerstes verzehrte. Er rief dem ungluͤcklichen Lichas , der ihm das Kleid gebracht, und schleuderte ihn, da der Schmerz in seinem Eingeweide wuͤthete an einen Felsen, an welchem sein Schaͤdel zerschmettert ward. — Mitten in seinen Qualen ließ Herkules sich nach Trachina bringen. — Kaum aber hatte Dejanira die Wuͤrkung ihres Geschenks vernom- men, so gab sie verzweiflungsvoll sich selbst den Tod. Hyllus, ein Sohn des Herkules, den er mit der Dejanira erzeugte, stand ihm in seinen Qualen bei, und brachte auf seinen Befehl ihn auf den Berg Oeta , wo Herkules auf dem lodern- den Scheiterhaufen seine Leiden durch einen frei- willigen Tod zu enden beschlossen hatte, indem er zugleich dem Hyllus seine geliebte Jole empfahl, und Pfeile und Bogen seinem treuen Gefaͤhrten, dem Philoktet , des Paͤas Sohn, zum Erbtheil hinterließ. Als Herkules nun den Scheiterhaufen bestie- gen hatte, und die lodernde Flamme ihn umgab, da heiterte sich sein Antlitz auf; — Er hatte die Leiden der Menschheit ausgeduldet, und ihre Schwaͤchen abgebuͤßt; — die sterbliche, den Schmerzen unterworfene Huͤlle fiel von ihm ab; — sein Schattenbild sank nur zum Orkus nieder; — sein eigenes Selbst stieg in die Ver- sammlung der Goͤtter zum Olymp empor. — Juno war versoͤhnt, — und Hebe, die Goͤttin der ewigen Jugend , ward nach des Schicksals Schluß, dem neuen Gott vermaͤhlt. Auf der hier beigefuͤgten Kupfertafel befinden sich nur zwei Abbildungen vom Herkules. Die erste, nach einem antiken geschnittenen Steine, stellt ihn als Juͤngling dar, wie er den Nemaͤi- schen Loͤwen erdruͤckt; die andre, ebenfalls nach einer antiken Gemme, wie er nach vollendeter Laufbahn, von seiner vollbrachten Arbeit ausruht. Kastor und Pollux . Oebalus , ein Koͤnig in Lacedemon, aus einem Zweige vom alten Stamme des Inachus entsprossen, erzeugte den Tyndareus , der ihm in der Regierung folgte, und mit der Leda , einer Tochter des Thestius sich vermaͤhlte. Die Schoͤnheit der Leda zog den Jupiter von seinem Sitz herab; er senkte sich an den Ufern des Eurotas in der Gestalt eines Schwans zu ihr hernieder, oder nahm vielmehr seine Zuflucht in ihrem Schooße, indem die Venus in der Gestalt eines Adlers ihn verfolgte. Leda , die zugleich vom Jupiter und vom Tyndareus schwanger war, gebahr zwei Eier, wo- von das eine den Kastor und Pollux , das andre die Klytemnestra und Helena in sich einschloß. Von den Kindern der Leda, die aus den Eiern hervorgingen, waren Pollux und Helena aus Jupiters Umarmung, Kastor und Klytem- nestra aber vom Tyndareus erzeugt. — Unsterblich waren Pollux und Helena, Kastor und Klytem- nestra aber sterblich. Ohngeachtet der Verschiedenheit ihrer Abstam- mung waren Kastor und Pollux unzertrennlich. — Beide waren tapfer und heldenmuͤthig; und beide waren in edler Leibesuͤbung geschickt; Kastor vor- zuͤglich in der Kunst zu reiten und Pferde zu baͤn- digen; Pollux in der Kunst zu ringen. Kastor und Pollux waren auch die Zeitgenos- sen der beruͤhmtesten Helden, und begleiteten die Argonauten auf ihrer Fahrt nach Colchis, wo Pollux unterwegens den Amykus , einen Sohn Neptuns, der jeden Fremden zum Gefecht mit Streitkolben hohnsprechend aufzufordern pflegte, im Zweikampf schlug. Auch sahe man einst auf dieser Fahrt, bei ei- nem schrecklichen Sturme, zwei Flammen uͤber den Haͤuptern des Kastor und Pollux lodern, als der Sturm sich legte; — worauf man diese beiden Feuer, so oft sie nachher den Schiffern auf dem Meere im Sturm erschienen, Kastor und Pollux nannte, und von ihnen Rettung und Huͤlfe sich versprach. Ueberhaupt richtete man in den groͤßten Ge- fahren, sowohl zu Wasser als zu Lande, an den Kastor und Pollux sein Gebet, welche man beide unter dem Nahmen der Dioskuren oder der Soͤhne des Jupiters, als den Nothleidenden zu jeder Zeit gewaͤrtige, huͤlfleistende Wesen, vor allen andern ehrte. Da sie von dem Argonautenzuge wiederkehr- ten, hatte Theseus ihre Schwester die Helena, welche nachher dem Paris folgte, entfuͤhrt, und sie seiner Mutter Aethra in Aphidnaͤ zur Aufsicht uͤbergeben. — Kastor und Pollux eroberten die Stadt, befreieten ihre Schwester, und nahmen die Mutter des Theseus als Gefangene mit; ver- uͤbten aber nicht die mindeste Gewaltthaͤtigkeit in der Stadt noch in dem Attischen Gebiete. — Diese schonende Großmuth war es, weswegen die Athenienser sie vorzuͤglich ehrten. — Die scho- nende Guͤte, welche die Heldenthaten des Kastor und Pollux begleitete, floͤßte den Sterblichen das vorzuͤgliche Zutrauen ein, womit man sie nachher als Rettung und Huͤlfe gewaͤhrende Goͤtter ehrte. Aber auch die Treue, womit dieß unzertrenn- liche Paar sich selber einander in Gefahren bei- stand, machte die goͤttergleichen Helden den Menschen zum Gegenstande der Lieb’ und des Ver- trauens, und ist zugleich einer der schoͤnsten Zuͤge, welche die Dichtung in das glaͤnzende Zeitalter der Helden eingewebt hat. Als nehmlich Kastor und Pollux um die Toͤch- ter des Leucippus, Phoͤbe und Ilaira , sich be- warben, und erst mit ihren Nebenbuhlern, den Soͤhnen des Aphareus, Idas und Lynceus , jeder um seine Geliebte kaͤmpfen mußten, wurde Lynceus zwar vom Kastor getoͤdtet, Kastor selber aber, der nicht unsterblich war , vom Idas uͤberwunden und erschlagen. Ob nun Pollux gleich den Tod seines Bruders an dem Idas raͤchte, so konnte er dennoch den Todten nicht wieder aufwecken; und flehte dem Jupiter, ihm selber das Leben zu nehmen, oder zu vergoͤnnen, daß er mit seinem Bruder seine Unsterblichkeit theilen duͤrfe. Jupiter gewaͤhrte die Bitte, und Pollux stieg nun wechselnd den einen Tag mit seinem Bru- der ins Schattenreich hinab, um sich des andern Tages unter dem Antlitz des Himmels wieder mit ihm des Lebens zu erfreuen. Dem Kastor und Pollux waren haͤufig Tem- pel und Altaͤre geweiht. — Die Einbildungskraft ließ sie zuweilen in großen Gefahren den Sterbli- chen erscheinen. — Dann waren es zwei Juͤng- linge auf weißen Pferden, in glaͤnzender Waffen- ruͤstung, mit Flaͤmmchen oder Sternchen uͤber ihren Haͤuptern. So wurden sie gemeiniglich abgebildet, ent- weder nebeneinander reitend, oder nebeneinander stehend, und jeder ein Pferd am Zuͤgel haltend, mit gesenkten Lanzen, und Sternchen auf den Haͤuptern. Auf diese letztre Art sind sie auch auf der hier beigefuͤgten Kupfertafel nach einem antiken ge- schnittenen Steine abgebildet. Auf dieser Kup- fertafel befinden sich, ebenfalls im Umriß, nach einer antiken Gemme, die bloßen Koͤpfe des Ka- stor und Pollux mit den Sternchen daruͤber. Jason . Jason war aus dem Aeolischen Heldenstamme entsprossen, aber kein Goͤttersohn; und Juno sel- ber, welche die Soͤhne des Jupiter mit ihrem Haß verfolgte, nahm ihn in ihren Schutz. — R Aeolus, Deukalions Enkel, der in Thes- salien herrschte, erzeugte den Salmoneus, Si- syphus, Athamas, und Kretheus. — Sal- monens wurde von Jupiters Blitz erschlagen; Sisyphus mußte in der Unterwelt fuͤr seine Macht auf Erden buͤßen, und Athamas starb in Raserei. Tyro, eine Tochter des Salmoneus, gebahr, ehe sie vermaͤhlt wurde, von Neptuns Umar- mung den Pelias, und Neleus. — Und da sie mit ihres Vaters Bruder, dem Kretheus sich ver- maͤhlte, gebahr sie ihm den Aeson, der seinem Vater in der Regierung folgte, und welcher Jason, den goͤttergleichen Helden, mit der Alcimede erzeugte. Pelias aber, des Aesons Bruder von muͤtter- licher Seite, beraubte diesen seines Throns, ohne ihn demohngeachtet aus Jolkos zu verjagen, welches der Sitz der Koͤnige von Thessalien war. — Den Jason aber, da er kaum gebohren war, suchte Pelias als einen ihm gefaͤhrlichen Sproͤßling von Aesons Hause, aus dem Wege zu raͤumen. Aeson und Alcimede, welche die Absicht des Tyrannen merkten, streuten aus, daß Jason krank, und bald darauf, daß er gestorben sey, indeß daß seine Mutter ihn auf den Berg Pelion zu dem weisen Chiron brachte, welcher, obgleich in ungeheurer Gestalt, halb Mensch halb Pferd, in jeder Wissenschaft erfahren, sich in seiner ein- samen Grotte der Erziehung der jungen Helden annahm; und unter dessen Leitung auch Herkules seine edle Laufbahn antrat. Als Jason zu den Juͤnglingsjahren gekommen war, und schon der maͤnnliche Muth in seiner Brust erwachte, gieng er, nach dem Ausspruch des Orakels, mit der Haut des Leoparden uͤber seinen Schultern, und mit zwei Lanzen bewafnet, nach Jolkos an des Pelias Hof. Dem Pelias aber war geweißagt, er solle vor dem sich huͤten, der einst mit einem Schuh, und mit dem andern Fuß entbloͤßt vor ihm erscheinen wuͤrde. — Als nun Jason auf dem Wege nach Jolkos uͤber den Fluß Anaurus zu gehen im Be- griff war, erschien ihm Juno in der Gestalt einer alten Frau, und bat, sie uͤber den Fluß zu tra- gen. — Als Jason sie hinuͤbertrug, blieb ihm der eine Schuh im Schlamme stecken, und nun erschien er also mit dem einen Fuße entbloͤßt in Jolkos vor dem Pallaste des Pelias, der bei seinem An- blick mit Schrecken und Bestuͤrzung an den Aus- spruch des Orakels dachte. Auf die Frage, wer er sey, forderte Jason nun vor allem Volke vom Peltas die Krone wie- der, die dieser dem Aeson, Jasons Vater, un- rechtmaͤßiger Weise entrissen hatte. — Die Ein- kuͤnfte des Reichs sollten dem Pelias dennoch blei- ben, nur der Oberherrschaft solle er sich begeben! R 2 Pelias, welcher bei diesem Antrage in die Seele des jungen Helden blickte, zweifelte nicht, ihn durch den anspornenden Reitz zu irgend einer ruhmvollen That fuͤr jetzt noch zu entfernen. — Er stellte sich, als sey er bereit, die Krone nieder- zulegen, wenn nur die Manen des Phryxus, der auch vom Aeolus stammte, und in dem ent- fernten Kolchis seinen Tod fand, erst versoͤhnt, und das goldne Fließ, was jener dorthin ge- bracht, erst wieder erbeutet waͤre. Dieser Phryxus, welcher in Kolchis starb, war nehmlich ein Sohn des Athamas, und des Aeolus Enkel. — Athamas, der in Boͤotien herrschte, hatte mit der Nephele den Phryxus und die Helle erzeugt, nachher aber mit der Ino, des Kadmus Tochter, sich vermaͤhlt, die jene bei- den Kinder des Athamas mit stiefmuͤtterlichem Haß verfolgte, und ihren Tod beschloß. Nephele erschien ihren Kindern, und ent- deckte ihnen die Gefahr, worin sie schwebten, Schlachtopfer von Inos Haß zu werden, wenn sie nicht schnell die Flucht ergriffen, zu deren Be- foͤrderung schon ein Widder mit goldnem Fell bereit stand, der auf den Wink der Goͤtter den Phryxus und die Helle uͤber Laͤnder und Meere auf seinem Ruͤcken trug. Die Fahrt ging gegen Morgen nach dem ent- fernten Kolchis, wo Aeetes, ein Sohn der Sonne herrschte. — Helle, die Schwester des Phryxus aber sank unterwegens in die Fluthen, und das Meer, wo sie untersank, wurde nach ihrem Nah- men der Hellespont genannt. Phryxus langte in Kolchis beim Aeetes an, wo er den Widder, der ihn trug, den Goͤttern zum Opfer brachte, und das goldne Fell des Wid- ders, oder goldne Fließ, als ein kostbares Hei- ligthum, in einem geweihten Haine aufhing; er selber vermaͤhlte sich mit der Tochter des Koͤnigs und starb im fremden Lande. Das goldne Fließ in Kolchis, wovon das Geruͤcht erscholl, erweckte schon lange die Sehn- sucht aller, die etwas Koͤstliches zu erstreben wuͤnschten. Es war im fernen Osten das, was in Westen die goldnen Aepfel der Hesperiden wa- ren; man dachte sich darunter etwas, das der groͤßten Muͤhe, Anstrengung und Gefahren werth sey. — So wie denn uͤberhaupt bei den Alten das Bild vom Widder und vom hochwolligten Wid- derfell vorzuͤglich den Begriff des Reichthums in sich faßte, wodurch denn auch die Dichtung von dem goldnen Fließ, in so fern man sich darunter Reichthum und Schaͤtze dachte, natuͤrlich veran- laßt wurde. Das Wunderbare aber, und die weite Ent- fernung lockte am meisten den Muth der Helden an; und Jason hatte kaum des Pelias Wort ver- nommen, so war auch schon sein Muth zur ruͤhm- lichen That entflammt, er verpflichtete sich das goldne Fließ zu hohlen, und zu Gefaͤhrten der kuͤhnen Unternehmung lud er Griechenlands be- ruͤhmteste Helden ein. Die Fahrt der Argonauten. Zu der Fahrt nach Kolchis wurde aus Fichten vom Berge Pelion ein Schiff erbaut, das groͤßer als alle bisherigen, und dennoch leicht zum Segeln war; weswegen man es Argo, die Schnellsegelnde, nannte, und diejenigen, welche darauf nach Kol- chis schifften, die Argonauten hießen. Aus dem Walde zu Dodona, wo die Eichen wahrsagten, war der Mast genommen; und man betrachtete nun die Argo gleichsam als ein beseel- tes, mit dem Schicksal einverstandenes Wesen, dem man sich desto sicherer anvertrauete. Die folgenden Nahmen glaͤnzten vorzuͤglich unter der Zahl der Helden, die den Jason begleiteten: Herkules; Kastor und Pollux; Kalais und Zetes, die Soͤhne des Boreas; Peleus, der Vater des Achilles; Admet, der Gemahl der Alceste; Neleus, der Vater des Nestor; Meleager; Oroheus; Telamon, der Vater des Ajax; Menoͤtius, der Vater des Patroklus; Lynceus, der Sohn des Aphareus; Theseus; Pirithous. Die Vaͤter der beruͤhmtesten Helden, die im Trojanischen Kriege glaͤnzten, sind auf der Fahrt nach Kolchis zum Theil noch selbst in bluͤhender Jugend. — Ein Heldengeschlecht geht hier voran, um mit vereinten Kraͤften einen kostbaren Schatz den Haͤnden der Barbaren zu entreißen; so wie nachher das zweite Heldengeschlecht vereint durch Trojas Zerstoͤrung den Raub der Schoͤnheit raͤchte. Bei guͤnstigem Winde segelt nun die Argo aus dem Hafen von Jolkos in Thessalien ab. — Orpheus schlug die Harfe, und sein Gesang be- lebte den Muth bei drohenden Gefahren; — des Lynceus scharfer Blick durchdrang die fernste Ge- gend, — und der schiffahrtskundige Tiphys lenkte mit weiser Hand das Steuerruder. Die Fahrt der Argonauten war eine zeitlang gluͤcklich von statten gegangen, als sich ploͤtzlich ein Sturm erhub, der sie noͤthigte, in den Hafen von Lemnos einzulaufen. Merkwuͤrdig ist es, daß einige der Helden bei diesem Sturm gelobten, sich in die Samothracischen Geheimnisse einwei- hen zu lassen; eben so wie Herkules, da er zu der gefahrvollsten Unternehmung in die Unterwelt hinabstieg, sich erst in die Eleusinischen Geheimnisse einweihen ließ. In Lemnos drohte den Argonauten eine groͤßre Gefahr, als selbst der Sturm war, der sie dort- hin verschlug. Die Schoͤnheit und die Liebkosun- gen der Lemnierinnen fesselten die Helden, und verweilten ihre Fahrt nach Kolchis auf eine gerau- me Zeit. Kurz vor der Ankunft der Argonauten hatten nehmlich die Einwohnerinnen von Lemnos alle Maͤnner auf ihrer Insel ermordet; nur Hypsi- pyle hatte ihrem Vater, dem Koͤnige Thoas, das Leben erhalten. Der Zorn der Venus gegen die Lemnierinnen, welche die maͤchtige Goͤttin nicht gnug verehrten, veranlaßte diese schreckliche That. Die zuͤrnende Goͤttin floͤßte den Maͤnnern von Lemnos, welche mit den Thraciern Krieg fuͤhrten, eine unuͤberwindliche Abneigung gegen ihre Weiber ein, statt deren sie sich Thracische Sklavinnen zu Beischlaͤferinnen waͤhlten; welche Schmach die Weiber von Lemnos nicht ertrugen, sondern alle ihre Maͤnner, die nicht in Thracien zuruͤckgeblie- ben waren, in einer Nacht im Schlafe ermor- deten. Als nun die Argonauten in Lemnos landen wollten, so widersetzten sich ihnen zuerst die Wei- ber, weil sie glaubten, es waͤren ihre aus Thra- cien ruͤckkehrende Maͤnner, welche den Tod der Ermordeten raͤchen wollten. Sobald sie aber ihren Irrthum einsahen, nahmen sie die Fremden mit offnen Armen auf, welche nun zwei Jahr auf dieser Insel blieben, wo Jason mit der Hypsipyle zwei Soͤhne, den Thoas und den Euneus er- zeugte. Von Lemnos segelten die Argonauten nach Samothracien, wo die Einweihung in die Ge- heimnisse den Helden zu ihrer gefahrvollen Unter- nehmung neuen Muth gab. Als sie bei Troas landeten, wurden sie von dem Herkules, der den Hylas suchte, und von dem Telamon, dem Ge- faͤhrten des Herkules, verlassen. Am Fuße des Dindymus lag die Stadt Zyzikus, in welcher ein Koͤnig gleiches Nahmens herrschte, der die Argonauten, als sie hier lande- ten, guͤtig aufnahm, und mit Geschenken sie ent- ließ. Da nun in der Nacht ein Sturm das Schiff wieder in den Hafen trieb, hielt Cycikus aus Irr- thum die Landenden fuͤr Feinde, und wurde, da er sie angriff, von Jason im Gefecht erschlagen, der zur Aussoͤhnung dieser, obgleich unvorsetzlichen That, der Mutter der Goͤtter auf dem Berge Dindy- mus Opfer brachte, und ihr einen Tempel baute. Die Argonauten, welche immer nach Osten zu ihren Lauf richteten, landeten nun in Bebry- cien an, wo Amykus herrschte, der zum Gefecht mit Streitkolben jeden Fremden aufforderte, und welchen Pollux im Zweikampf uͤberwand. — Auf ihrer weitern Fahrt von hier wurden die kuͤhnen Schiffer durch einen Sturm an die Kuͤste von Thracien verschlagen, und landeten zu Sal- mydessa, wo der von den Goͤttern bestrafte wahr- sagende und blinde Phineus herrschte, den un- aufhoͤrlich die Harpyen, die Toͤchter des Thau- mas quaͤlten, deren unter den Erzeugungen der alten Goͤtter schon gedacht ist. Phineus war mit einer Tochter des Boreas vermaͤhlt, mit welcher er zwei Soͤhne erzeugte, die er dem stiefmuͤtterlichen Haß seiner zweiten Gemahlin Idea Preis gab, auf deren Anstiften und Verlaͤumdung er sie des Augenlichts beraubte, und nun durch seine eigene Blindheit fuͤr dieß Ver- brechen buͤßte, indeß die wahrsagenden Harpyen, Celaͤno, Aello, und Ocypete, welche ein jung- fraͤuliches Autlitz hatten, und uͤbrigens graͤßlichen Raubvoͤgeln gleich gestaltet waren, dem Phineus alle Speise, die er genießen wollte, entrissen oder besudelten. Phineus, der in die Zukunft blickte, gab den Argonauten weise Rathschlaͤge zur Fortsetzung ihrer Reise, und einen Wegweiser durch die Cyanei- schen Felsen, oder Symplegaden, deren Durch- fahrt den Argonauten nun bevorstand. Kalais und Zetes, die Soͤhne des Boreas, welche befluͤgelt waren, verjagten zur Dankbar- keit die Harpyen von des Phineus Tische, und verfolgten sie bis an die Strophadischen Inseln, wo sie auf den Befehl der Goͤtter von ihrer Ver- folgung abließen, und zu den Argonauten wieder zuruͤckkehrten; von welcher Ruͤckkehr auch jene Inseln bei den Alten ihren Nahmen fuͤhrten. Die Cyaneen oder Symplegaden, durch welche die Argonauten nun schiffen mußten, wa- ren zwei Felsen, die am Eingange des schwarzen Meeres einander gegenuͤber lagen, und nach den verschiedenen Richtungen, worin man sich ihnen naͤherte, durch einen optischen Betrug, sich bald zu oͤfnen, und bald zu schließen schienen, wo- her die alte Dichtung entstand, daß diese Felsen beweglich waͤren, und sich wirklich so wie Schee- ren auf und zuthaͤten, welches den Durchgang der Schiffe durch dieselben aͤußerst gefahrvoll machte. — Sehr natuͤrlich ist daher auch die Dichtung, daß, seitdem die Argonauten die Durchfahrt einmal ge- wagt hatten, und also der optische Betrug ent- deckt war, Neptun diese Felsen befestigt habe. — Nach gluͤcklich vollendeter Durchfahrt durch die Symplegaden, ward nun in dem Gebiet des Lykus angelandet, welcher, von Geburt ein Grieche, die Fremdlinge aus seinem Vaterlande mit offnem Arm aufnahm. Hier starb Tiphys, der Steuermann der Argo, an dessen Stelle An- caͤus trat; worauf die weitere Fahrt nach Kolchis vor sich gieng, wo endlich die geweihte Argo, nachdem sie lange das Meer durchschnitten, und manchen Sturm erlitten hatte, an das gewuͤnschte Ufer stieß. Allein hier war es, wo die groͤßte Gefahr dem Jason drohte, wogegen ihn aber auch schon im Voraus die Gunst der Goͤtter schuͤtzte. — Aeetes nahm die Argonauten nicht unfreund- lich auf; schrieb aber dem Jason, der das goldne Fließ begehrte, solche Bedingungen vor, deren Erfuͤllung er selbst fuͤr unmoͤglich hielt; weil unter den Gefahren, die er ausgedacht, der kuͤhnste Held nothwendig erliegen mußte! Zuerst sollte Jason, um den Besitz des gold- nen Fließes sich zu erwerben, zwei flammenath- mende, dem Vulkan geweihte Stiere an einen diamantnen Pflugschaar spannen, und reißen da- mit vier Morgen eines noch nie gepfluͤgten, dem Mars geweihten Feldes auf. — Dann sollte er den Rest der Drachenzaͤhne des Kadmus, welche Aeetes besaß, in die ge- pfluͤgten Furchen saͤen, und die geharnischten Maͤn- ner, die aus der furchtbaren Saat erwachsen wuͤr- den, alle bis auf einen toͤdten; und wenn er das gethan, den Drachen, der das goldne Fließ be- wachte, bekaͤmpfen und erlegen. Medea, eine Tochter des Aeetes, maͤchtig in Zauberkuͤnsten, hatte kaum den Jason erblickt, als durch den Einfluß und die Veranstaltung der Goͤtter, die den Helden schuͤtzten, eine zaͤrtliche Neigung gegen ihn, sich in ihrem Busen regte, die bald bis zur heftigsten Flamme der Leidenschaft emporschoß. Beim Tempel der Hekate, die maͤchtige Goͤt- tin anzuflehen, begegneten sich Jason und Medea. Medea entdeckte dem Jason ihre Liebe, und wenn er ihr Treue schwuͤre, versprach sie, in den Gefah- ren, die ihm drohten, ihm maͤchtig beizustehen, und ihm zu helfen, sein glorreiches Unternehmen sicher zu vollfuͤhren. Jason schwur ihr Treue; Medea erwiederte den Schwur, und machte durch ihre Zauberkraft den Helden unuͤberwindlich, sie gab ihm einen Stein, um ihn unter die aufkeimende Saat der geharnischten Maͤnner hinzuschleudern, und gab ihm Kraͤuter und einen Trank, den Drachen ein- zuschlaͤfern. Als Jason mit seinen Gefaͤhrten nun am an- dern Tage, in Gegenwart des Koͤnigs und des Volks auf dem Felde des Mars erschien, und man nun im Begriff war, zuerst die flammenathmen- den Stiere loßzulassen, stand alles stumm und schweigend auf den Ausgang harrend. — Wild und schnaubend stuͤrzten die Stiere auf den Helden loß, allein die Zauberkraft, womit Medea ihn begabt hatte, machte sie ploͤtzlich zahm; sie beugten willig ihren Nacken unter das Joch, indem sie Jason an den Pflug spannte, und auf dem Felde des Mars die Furchen zog, worin er die Zaͤhne des Drachen saͤte. Als nun ploͤtzlich die Saat der geharnischten Maͤnner aus dem Boden keimte, die alle ihre Schwerdter gegen den Jason kehrten, so warf dieser in ihre Mitte den bezaubernden Kieselstein, der ihre Herzen verhaͤrtete, daß sie mit wechselsei- tiger Wuth sich selbst aufrieben, und mit ihren todten Koͤrpern den Boden deckten, woraus sie kaum erst entsprossen waren. Ehe noch der Koͤnig und das Volk von seinem Erstaunen sich erhohlte, eilte Jason schon, den Drachen einzuschlaͤfern; er toͤdtete das Ungeheuer, und triumphirend hielt seine Rechte das goldne Fließ empor. — Siegreich kehrte er nun mit seinen Gefaͤhrten in sein Schiff zuruͤck. Heimlich in naͤchtlicher Stille ihres Vaters Haus verlassend, um ihrem Geliebten nachzufolgen, begab sich Medea auf das Schiff, das in der Nacht noch unter Segel ging. Aeetes, welcher bald die Flucht seiner Tochter inne ward, verfolgte die schnellsegelnde Argo mit seinen Schiffen; als nun beim Ausfluß der Do- nau, Medea die nahen Segel ihres Vaters er- blickte, griff sie zu einem verzweifelten und grau- samen Mittel, um sich und ihren Geliebten aus der Gefahr zu retten. Sie hatte ihren kleinen Bruder Absyrtus, gleichsam als Geißel mitgenommen, und da sie kein andres Rettungsmittel sahe, toͤdtete und zerstuͤckte sie ihn; stellte Haupt und Haͤnde auf einem hohen Felsen aus, und streuete die uͤbri- gen Glieder an dem Ufer hier und da umher, da- mit durch diesen jammervollen Anblick, und bei dem Sammlen der Glieder seines Sohnes, der Vater sich verweilte, und die Fliehenden zu ver- folgen abließe. — Um diese Frevelthat zu bezeich- nen, wurden einige kleine Inseln in dieser Gegend nachher die Absyrtischen genannt. Die Argonauten, denen Phineus gerathen hatte, sie sollten durch einen andern Weg, als den, welchen sie gekommen waͤren, in ihr Vater- land zuruͤckkehren, schifften nun die Donau hin- auf, und da sie auf diesem Flusse nicht weiter kommen konnten, laͤßt die Dichtung sie das leicht- gebaute Schiff eine Strecke von vielen Meilen uͤber Berg und Thal, bis an den adriatischen Meerbusen auf ihren Schultern tragen. Als sie sich hier nun wieder einschiften, ließ die Argo aus der Eiche des Dodonischen Waldes fol- genden Orakelspruch ertoͤnen: daß ihnen die Ruͤck- kehr in ihr Vaterland nicht eher bestimmt sey, bis Jason und Medea erst von dem Mord des Absyr- tus loßgesprochen, und durch die auferlegte Buͤßung ihr Verbrechen ausgesoͤhnt sey. Um dieser Aussoͤhnung willen liefen sie in den Hafen von Aeea, dem Aufenthalt der Circe, einer Tochter der Sonne, und Schwester des Aeetes ein, die sich aber weigerte, auf die Bitte des Jason und der Medea, den Mord des Absyr- tus durch die gebraͤuchlichen Opfer auszusoͤhnen, und ihnen verkuͤndigte, daß sie nicht eher als auf dem Vorgebuͤrge Malea ihre Schuld wuͤrden til- n koͤnnen. Von hier schiften nun die Argonauten, un- ter dem Schutz der Juno, gluͤcklich durch die Scylla und Charybdis. — Durch des Orpheus Ueberredung vermieden sie die Gefahr, die ihnen von den Sirenen drohte, und kamen nun auf der Insel der Phaͤacier an, wo sie auf die Flotte der Kolchier trafen, die hier auf einem andern Wege den Fiehenden gerade entgegen kam, und die Medea, wenn sie dem Jason noch nicht ver- maͤhlt waͤre, wieder zuruͤckverlangten. Alcinous, der Koͤnig der Phaͤacier, ließ noch in derselben Nacht den Jason und die Medea die Gebraͤuche der Vermaͤhlung feiern, und verkuͤn- digte diese Verbindung am andern Morgen den Abgeordneten von Kolchis, die nun mit ihrer Flotte wieder den Ruͤckweg nahmen. Die Argonauten gingen nun wieder unter Segel, und suchten dem Vorgebuͤrge Malea sich zu naͤhern, als ploͤtzlich ein Sturm sie an die Lybi- schen Sandbaͤnke warf, wo sie in einem der Seen sich verwickelt sahen, als ihnen ein Triton erschien, der gegen das Geschenk eines koͤstlichen Dreifußes, den Jason im Schiffe mit sich fuͤhrte, ihnen einen Weg zu zeigen versprach, wo sie der Gefahr entrinnen koͤnnten. Jason schenkte den Dreifuß dem Triton, der sich daran ergoͤtzte, und dem Euphemus, eine r von den Argonauten, dessen Nachkommen uͤb Lybien herrschten, als ein bedeutendes Gesche eine Erdscholle gab; als diese Erdscholle in der Folge ins Meer fiel, weißagte Medea dem Eu- phemus, daß seine Nachkommen nun noch nicht sobald in Lybien herrschen wuͤrden. Endlich langte nun die Argo bei dem Vorge- buͤrge Malea an, wo nach der Circe Verheißung, Jason und Medea von dem Mord des Absyrtus ausgesoͤhnt, sich nun das nahe Ende der langen Reise versprechen durften. — Ohne irgend einen neuen Unfall liefen die Argonauten gluͤcklich in den Hafen von Jolkos ein. — Die Argo weihte S Jason auf dem Corinthischen Isthmus dem Neptun, und die folgenden Dichtungen lassen sie als ein leuchtendes Gestirn am Himmel glaͤnzen. Das goldne Fließ war nun erbeutet, allein die Absicht, weswegen Jason sich allen diesen Ge- fahren unterzogen hatte, war vereitelt, weil sein Vater Aeson, eben so wie Pelias, nun schon ein abgelebter kindischer Greiß, der glorreichen Thaten seines Sohnes sich nicht mehr freuen konnte. — Und nun war Jasons erste Bitte an Medeen, durch die Gewalt der magischen Kraͤfte, wo moͤg- lich seinen Vater zu verjuͤngen. — Medea ließ dem Aeson aus verborgenen Kraͤutern den neuen Lebenssaft durch alle Adern stroͤmen, und dieser fuͤhlte ploͤtzlich die Ruͤckkehr seiner muntern Jugend und neue Lebenskraft; indeß die Toͤchter des Pelias, den Versuch der Medea thoͤricht nachahmend, ihren Vater, den sie auch verjuͤngen wollten, das Leben raubten, so daß dem Aeson nun allein die Herrschaft blieb. Jason begab sich mit der Medea nach Korinth, das vormals Ephyra hieß, und vom Aeetes, dem Vater der Medea, ehe er nach dem fruchtbarern Kolchis gieng, beherrscht ward. Medea bemaͤch- tigte sich der Regierung fuͤr den Jason, welchem, nachdem er hier zehn Jahr mit ihr verlebt, so wie dem Herkules, Perseus, und Bellerophon, ein tragisches Schicksal noch zuletzt bevorstand. Medeens uͤberdruͤssig, war Jason im Begriff sich mit der fuͤrstlichen Tochter Kreons zu ver- maͤhlen, uneingedenk der Rache, verachteter Ei- fersucht und verschmaͤhter Treue. Medea stellte sich sanft und duldend; sie schickte selber der Braut ein Hochzeitkleid. Kaum hatte diese es angelegt, so fuͤhlte sie schon die Flamme ihr Innerstes ver- zehren und starb einen qualenvollen Tod. — Nun ließ Medea ihrer Rache freien Lauf; auf Kreons Pallast ließ sie Feuer regnen; den Kreon selbst einen Raub der Flammen werden; — ermordete ihre beiden Kinder, die Jason mit ihr erzeugt hatte, und eilte darauf in ihren mit Dra- chen bespannten Wagen durch die Luͤfte, indem sie den Jason seinem Gram und der Verzweiflung uͤberließ, die seine Tage kuͤrzte, und ihm den Rest seines Lebens verbitterte. Auf der hier beigefuͤgten Kupfertafel sind Jason und Medea, sich einander die Haͤnde gebend, nebst Jasons Waffentraͤger, nach einem antiken Basrelief aus Winkelmanns Monumenten, abgebildet, indeß der mit dem Drachen umwundne Lorbeerbaum den Sieg des Jason schon im Voraus andeutet, der mit Medeens Zauberkraͤften ausgeruͤstet, seiner Waf- fen, die an der Wand haͤngen, nicht mehr bedarf, und leichtbekleidet ohne Harnisch dasteht. Auf eben dieser Tafel ist, nach einer antiken Gemme, auch Meleager und der Kopf des Kalydonischen Ebers vor ihm, dargestellt. S 2 Meleager . Oeneus, der in Kalydon herrschte, war ein Vater beruͤhmter Kinder; der Dejanira, die dem Herkules vermaͤhlt war; des Meleager, und des Tydeus, dessen tapferer Sohn Diomedes im Trojantschen Kriege es mit den Goͤttern selbst im Streit aufnahm. — Dieser Oeneus hatte das Ungluͤck, den Zorn der Diana auf sich und sein Land zu laden, weil er beim Opfer sie vergaß, da er den uͤbrigen Goͤttern fuͤr den Wachsthum der Fruͤchte des Feldes dankte. Diana schickte einen ungeheuren Eber in das Kalydonische Gebiet, der die aufkeimende Saat zernichtete, die Aecker verwuͤstete, und den Ein- wohnern des Landes rund umher Tod und Ver- derben drohte. — Oeneus erbat sich den Beistand der Helden, dies Ungeheuer zu erlegen; und dies war wiederum eine Unternehmung, welche, so wie die Fahrt der Argonauten, die gleichzeitigen beruͤhmtesten Helden Griechenlands vereinte. Die Kalydonische Jagd. Bei der Jagd des Kalydonischen Ebers ver- sammleten sich zum Theil die Helden wieder, die auf der Fahrt nach Kolchis manche Gefahr zusam- men uͤberstanden hatten. Die beruͤhmtesten von den Argonauten, welche mit dem Meleager, dem Sohn des Oeneus, gegen das Ungeheuer kaͤmpf- ten, waren Jason; Kastor und Pollux; Idas und Lynceus; Peleus; Telamon; Admetus; Pirithous und Theseus. Zu diesem glaͤnzenden Haufen gesellten sich die Bruͤder der Althea, der Vermaͤhlten des Oeneus, einer Tochter des Thestius, der in Pleuron herrschte; und Atalante, die Tochter des Schoͤ- neus, eines arkadischen Fuͤrsten, die gleich der Diana selber die Jagd liebte, und sich dem jung- fraͤulichen Stande gewidmet hatte. Atalante verwundete zuerst mit ihrem Pfeil den Eber; und nun erlegte Meleager das Unge- heuer, hieb ihm den Kopf ab, und uͤberreichte ihn der Atalante, als der Siegerin, die den Preis in diesem Kampfe davon getragen hatte. — Die Soͤhne des Thestius, Bruͤder der Althaͤa, der Mutter des Meleager, machten den Preis der Atalante streitig; und nun erregte Diana, die ihrem Zorn noch keine Grenzen setzte, zwischen dem Meleager und den Soͤhnen des Thestius ei- nen Streit, der zu einem blutigen Kriege wurde, und dieser Begebenheit einen tragischen Aus- gang gab. Meleager toͤdtete im Gefecht seiner Mutter Bruͤder. Als diese nun die Leichname der Er- schlagenen erblickte, schwur sie, den Tod der Bruͤ- der an ihrem eigenen Sohne zu raͤchen. Die Parzen hatten nehmlich bei der Geburt des Melea- ger ein Scheit Holz nah an die Flamme auf den Heerd gelegt, mit dem Bedeuten, daß der Al- thaͤa Sohn so lange leben wuͤrde, als die Flamme nicht dies Holz verzehrte. Althaͤa hatte, wie ein koͤstliches Kleinod, bis jetzt dies Scheit Holz aufbewahrt; nun warf sie es in die lichte Flamme, mit lauten Verwuͤnschun- gen gegen ihren Sohn, der ploͤtzlich von verzeh- render Gluth sein Inneres ausgetrocknet, seine Gebeine zermalmet fuͤhlte, und unter zuckender Qual verschied. — Kaum aber vernahm Althaͤa die schreckliche Wirkung, von dem, was sie ge- than, so gab sie aus Reue und Verzweiflung sich selbst den Tod. Atalante . Auch Atalante freute sich ihres Sieges nicht lange; sie vermied so lange sie konnte, sich zu ver- maͤhlen, weil unvermeidliches Ungluͤck in der Ehe, nach einer Weißagung, ihr bevorstand. Um nun die Freier abzuschrecken, trug sie jedem, der um sie warb, einen Wettlauf an. Dem, welcher sie besiegen wuͤrde, versprach sie sich zu ergeben; dem Besiegten aber war der Tod bestimmt. Hippomenes, der diesem gefaͤhrlichen Wett- lauf sich unterzog, flehte die Venus um Beistand an, die ihm drei goldne Aepfel schenkte, welche er einen nach dem andern im Laufen fallen ließ, und als Atalante diese Aepfel, sie bewundernd, auf- hub, vor ihr das Ziel erreichte. — Allein Hippomenes vergaß des Dankes, den er der Venus schuldig war, und Atalante mußte, da sie mit ihm vermaͤhlt war, zugleich auch sein Vergehen gegen die Goͤttin buͤßen, auf deren An- stiften beide ein Heiltgthum der Cybele entweih- ten, welche mit furchtbarer Gewalt das frevelnde, durch das Band der Ehe verknuͤpfte Paar, in Loͤwen verwandelte, die unter einem Joch ihren Wagen zogen. Minos . In der Gestalt des muthigen Stiers, worin die Alten gern, als ein Sinnbild der Staͤrke, die Gottheit huͤllten, entfuͤhrte Jupiter die Europa, des Agenors Tochter, nach Kreta, wo er den Mi- nos mit ihr erzeugte, der, seines erhabenen Ur- sprungs wuͤrdig, den Voͤlkern Gesetze gab, und sie zuerst zu einem Staate durch weise Einrichtung bildete. Die Dichtung laͤßt den Minos in einer Grotte auf dem Ida von Zeit zu Zeit mit dem Jupiter geheime Unterredungen pflegen, deren Inhalt er, als die Grundlage seiner Gesetzgebung, dem hor- chenden Volke bekannt macht. Wegen seiner wei- sen Regierung eignete die Dichtung dem Minos, nebst seinem Bruder und Rathgeber Radaman- thus, als den gerechtesten Menschen, das Rich- teramt uͤber die Todten zu; zu diesen beiden ge- sellte sie den Aeakus, des Peleus Vater, und, nach einer andern Sage, auch den Triptolemus, der ein Wohlthaͤter der Menschen war. Minos, des Gesetzgebers Enkel, war ein tapfrer und kriegrischer Fuͤrst, der das mittellaͤn- dische Meer von Seeraͤubern befreite, und die Fahrt auf demselben wieder sicher machte. — Al- lein ihn betrafen Ungluͤcksfaͤlle, wodurch seine glor- reichsten Siege ihm vergaͤllt, sein Leben verbittert wurde. Die Vermaͤhlte des Minos war Pasiphae, eine Tochter der Sonne und Schwester des Aee- tes. — Venus warf auf dieß Geschlecht einen alten Haß, weil Helios oder die Sonne einst ihr Liebesverstaͤndniß mit dem Mars entdeckt und ver- rathen hatte. Sie floͤßte der Pasiphae zu einem Stier, den Neptun aus dem Meere steigen ließ, eine schaͤnd- liche Liebe ein. — Waͤhrend der Abwesenheit des Minos beging Pasiphae das unnatuͤrliche Verbre- chen, und gebahr ein Ungeheuer, halb Mensch halb Stier, das unter dem Nahmen des Mino- taurus zum oͤftern in diesen Dichtungen auftritt. Daͤdalus, der kunstverstaͤndigste Bildner und Baumeister, welcher damals lebte, hatte sich wegen eines Verbrechens aus Athen nach Kreta gefluͤchtet; und Minos, um die Schande seines Hauses den Blicken der Menschen und dem Antlitz des Tages zu verbergen, trug dem Daͤdalus auf, ein unterirdisches Gewoͤlbe, mit unzaͤhligen irre- fuͤhrenden Gaͤngen, ihm zu erbauen. Dieß war das beruͤhmte Labyrinth in dessen Mitte der Minotaurus eingeschlossen, nur von de- nen erblickt wurde, die ihm zur Strafe als Opfer vorgeworfen wurden, und um ihren Tod zu fin- den, das Labyrinth betraten. Androgeus, ein Sohn des Minos, war waͤhrend der Zeit nach Athen gereist, um dort, mit vielen andern Fremden, den Atheniensischen Spielen beizuwohnen, wo er bei allen Kaͤmpfen den Preis davon trug, und durch den Beifall des ganzen Volks, den er sich erwarb, die Eifersucht und den Verdacht des kinderlosen Aegeus rege machte, der damals Athen beherrschte, und den hofnungsvollen Sohn des Minos meuchelmoͤrderi- scher Weise ermorden ließ. Kaum hatte Minos dieß neue Ungluͤck seines Hauses vernommen, so kam er mit seiner ganzen Macht, den grausamen und schaͤndlichen Mord zu raͤchen. — Zuerst belagerte er Nisa, wo Ni- sus, ein Bruder des Aegeus herrschte. — Den Nisus verrieht seine eigne Tochter Scylla, indem sie eine gelbe Haarlocke, wodurch er unuͤberwind- lich war, von seinem Haupte schnitt, und sie dem Minos brachte, gegen den sie von Liebe entbrannt, der Pflicht und kindlichen Zaͤrtlichkeit vergaß, und nach Verdienst bestraft wurde, indem sich Minos zwar ihres Geschenks bediente, die Verraͤtherin aber mit Zorn und Verachtung von sich stieß. Als Minos die Stadt Nisa, welche nachher Megara hieß, erobert hatte, ruͤckte er gerade auf Athen, das schon vorher von Duͤrre und Hun- gersnoth gedruͤckt, der Goͤtter Zorn empfand, und unter seinem traurigen Schicksal seufzte. Als zu dem allen noch das Orakel den Aus- spruch that: die Goͤtter wuͤrden nicht aufhoͤren, Ungluͤck uͤber die Stadt zu schicken, bis dieselbe dem Minos fuͤr den Mord seines Sohnes, erst voͤllige Genugthuung geleistet; so schickten sie Abgeordnete an den Koͤnig von Kreta, die ihn in flehender Ge- stalt um Frieden baten. Die harte Bedingung des Friedens war, daß die Athenienser dem Minos jaͤhrlich sieben der schoͤnsten Knaben, und sieben der schoͤnsten Maͤd- chen nach Kreta schicken mußten, wo sie um den Mord des Androgeus abzubuͤßen, als Schlacht- opfer fuͤr ihr Vaterland, dem Minotaurus zur Beute wurden. Als Theseus endlich den Minotaurus erlegte, und mit der Ariadne, des Minos Tochter ent- flohe, schloß Minos, da er sich weiter nicht raͤchen konnte, den Athenienser Daͤdalus, nebst seinem Sohn Ikarus, in das von dem Kuͤnstler selbst erbaute Labyrinth. — Dem Daͤdalus aber bot die Kunst ein Mittel dar, mit seinem Sohn dem Kerker zu entfliehn. Kokalus, ein Fuͤrst in Sicilien, nahm den Daͤdalus auf; und lud den Minos, welcher kam, und die Ausliefrung des Daͤdalus verlangte, selbst zu einer Unterredung ein, stellte sich freundlich gegen ihn, und bewirthete ihn in seinem Hause, wo er hinterlistiger Weise ihn zuletzt im Bade er- stickte. — So fand Minos, der tapfre Krieger, da er den Kuͤnstler verfolgte, den die Goͤtter schuͤtzten, in einem fremden Lande seinen Tod. Daͤdalus . In dem der Minerva geweihten Athen ent- wickelten sich zuerst die bildenden Kuͤnste, und hatten unter den Beschaͤftigungen der Menschen einen ho- hen Rang. — Daͤdalus, der aus dem koͤniglichen Geschlecht der Erechthiden stammte, gab, nach der Dichtung, den Bildsaͤulen, die er verfertigte, Leben und Bewegung. Er war es, der zuerst die dicht aneinander geschloßnen Fuͤße, so wie man sie noch an den aͤgyptischen Bildsaͤulen sieht, voneinander trennte, die dicht anliegenden Aerme vom Rumpfe loͤßte, und seinen Bildsaͤulen eine fortschreitende Stel- lung gab. — Was Wunder, daß dieser ganz neue Anblick jeden in Erstaunen setzte, und die Sage veranlaßte, daß die Bildsaͤulen des Daͤda- lus sich bewegten. In diesem ersten Schritt des Daͤdalus in der Kunst, lag etwas Hohes und Goͤttliches, das die Verehrung und Bewundrung der Nachwelt auf sich zog, und den Nahmen des Kuͤnstlers unsterb- lich machte, der dennoch seinen Ruhm durch eine grausame und schwarze That befleckte. Unter seiner Anfuͤhrung bildete sich ein Juͤng- ling, Nahmens Talus, ein Sohn der Schwester des Daͤdalus. — Als dieser einst mit dem Kinn- backen einer Schlange ein Stuͤck Holz voneinan- derschnitt, kam er auf den Gedanken, die Schaͤrfe der Zaͤhne im Eisen nachzuahmen, und so erfand er die Saͤge, eines der nuͤtzlichsten Werkzeuge, dessen die Menschen sich bedienen. Auch die Er- findung der Toͤpferscheibe war das Werk des Talus. Daͤdalus, uͤber die Fortschritte seines Lehr- lings eifersuͤchtig, warf einen toͤdtlichen Haß auf ihn. — Der grausamste Kuͤnstlerneid war schon mit der ersten Entstehung der Kunst verwebt. — Daͤdalus fuͤhrte den Juͤngling auf eine steile An- hoͤhe, wovon er, ehe jener es sich versahe, ihn hinunterstuͤrzte, und so den Talus durch seinen Fall fuͤr die Erfindungen buͤßen ließ, womit er sei- nen Meister uͤberfliegen wollte. Als die grausame That des Daͤdalus kund wurde, ward er zum Tode verdammt, und mußte aus Athen entfliehen, worauf er erst eine Zeitlang fluͤchtig umher irrte, bis er in Kreta bei dem Koͤ- nige Minos, dem er das Labyrinth erbaute, eine Zuflucht fand. Als Minos aber nachher den Daͤdalus mit seinem Sohn Ikarus in dem von dem Kuͤnstler selbst erbauten Labyrinthe gefangen hielt; so strebte die eingehemmte Kunst, selbst das Unmoͤg- liche zu versuchen, und weil nur ein Ausgang nach oben war, mit angesetzten kuͤnstlichen Fluͤ- geln sich in die Luͤfte emporzuheben. Daͤdalus suchte mit klebenden Wachs die Fugen der Fluͤgel zu verbinden, und legte sie sich und seinem Sohn an, den er vorher sich uͤben ließ, allmaͤlig sich emporzuschwingen. Als sie nun die Reise durch die Luft antraten, warnte Daͤdalus seinen Sohn, ja nicht zu hoch im Fluge sich zu erheben! — Dieser aber vergaß der Warnung, — da schmolzen ihm die Fluͤgel im Sonnenstrahl, und er fand in dem Meere seinen Tod, das man nach seinen Nahmen das Ikari- sche nannte. — Daͤdalus, der den Talus stuͤrzte, sah nun zu seiner Qual den Fall seines eignen Sohnes, den er nicht retten konnte. Er selber ließ sich in Sicilien nieder, wo Kokalus ihn gastfreundlich aufnahm, und ihn vor der Verfolgung des Minos schuͤtzte, dem er bei einem Besuch sogar das Leben raubte, und auf die Weise den Daͤdalus sicher stellte, welcher zur Dankbarkeit verschiedne große Werke in dem Gebiete des Kokalus unternahm; Kanaͤle und Teiche grub; ein Schloß auf einem Felsen erbaute; den Gipfel des Berges Eryx ebnete; und zuletzt eine goldne Kuh, von ihm selbst verfertigt, der Erycinischen Venus weihte. Geraume Zeit nachher fand man noch Spu- ren von seinen Werken; — sein Nahme ward zum Sprichwort, worunter man alles sinnreich Erfundne und Kuͤnstliche mit einemmal begriff. — Auf einer antiken Gemme, deren Umriß auf der hier beigefuͤgten Kupfertafel sich befindet, ist Daͤdalus dargestellt, wie er sitzend und sinnend an dem vor ihm stehenden kuͤnstlichen Fluͤgel noch mit bildender Hand arbeitet. — Auf eben dieser Tafel befindet sich auch, nach einem antiken geschnittnen Steine, eine Abbildung des Theseus, der einen großen Stein aufhebt, worunter Schuh und Schwerdt seines Vaters verborgen lagen. Theseus . Aegeus, ein Sohn des Atheniensischen Koͤ- nigs Pandion, welchem er in der Regierung folgte, that, weil er ohne Kinder blieb, eine Reise nach Delphi, um das Orakel des Apollo um Rath zu fragen. Die Pythia befahl ihm, er solle, bis nach seiner Zuruͤckkunft in Athen, alles Umgangs mit Weibern sich enthalten; und gerade dieß Ver- bot bewirkte, daß er zum Gegentheil sich verlei- ten ließ. Er kehrte auf seinem Ruͤckwege in Troͤzene, beim Pittheus, einem Sohn des Pelops ein, und vermaͤhlte sich heimlich mit dessen Tochter Aethra. — Als Aegeus von Troͤzene abreiste, verbarg er unter einem großen Steine sein Schwerdt und seine Schuhe, und befahl der Aethra, wenn sie einen Sohn gebaͤhren sollte, denselben nicht eher zu ihm nach Athen zu schicken, als bis er stark genug waͤre, den Stein hinweg- zuwaͤlzen, worunter seines Vaters Schwerdt und Schuhe verborgen lagen. Aethra gebahr den Theseus, der unter des weisen Pittheus Aufsicht vom Chonidas erzogen ward; die Athenienser verehrten in der Folge, so oft sie das Fest des Theseus feierten, auch das Andenken von diesem Chonidas dem Erzieher des Helden. Als Theseus erwachsen war, fuͤhrte ihn seine Mutter zu dem Steine, woran seine Staͤrke sich pruͤfen sollte, und welchen er aufhob und darunter das Schwerdt und die Schuh seines Vaters fand, so wie die obige Abbildung ihn darstellt. — Das Steinaufheben ist bedeutend in den Dichtungen von der Heldenzeit, und wird bestaͤndig als ein Merkmahl von der Staͤrke angefuͤhrt, wodurch das damalige Geschlecht der Menschen sich von den folgenden schwaͤchern Erzeugungen unterschied. Als Theseus nun seine Reise nach Athen an- trat, so waͤhlte er, durch das Beispiel des Her- kules angefeuert, den gefaͤhrlichsten Weg zu Lan- de, wo er mit Raͤubern kaͤmpfen mußte, die die Straßen unsicher machten, und auf eine grausame Weise die Fremden behandelten, die sie in ihre Gewalt bekamen. Ob nun Theseus gleich den Herkules sich zum Muster nahm, so unterscheidet er sich dennoch durch eine gewisse Feinheit der Zuͤge in seinem We- sen, von jenem rohen Thebanischen Helden, der als ein kolossalisches Sinnbild von Koͤrperkraft und unuͤberwindlicher Staͤrke, uͤberall in den Dichtungen auftritt, und in dem Ausdruck dieser Kraft auch durch die bildende Kunst sich darstellt, welche dem Theseus einen schlankern Wuchs und feinere Zuͤge giebt. Als Theseus, mit seines Vaters Schwerdt bewafnet, von Troͤzen auf den Isthmus zuwan- dernd, durch die Laͤnder von Epidaurus kam, stieß er zuerst auf den wegen seiner Grausamkeit beruͤchtigten Periphetes, der bei selner Riesen- staͤrke bloß mit einer Keule bewafnet, den Reisen- den furchtbar war; als er es wagte, den Theseus anzugreifen, schlug dieser ihn zu Boden und toͤd- tete ihn, und trug nachher bestaͤndig, zum An- denken seines ersten Sieges, die Keule des Peri- phetes. Da er nun auf dem Isthmus von Korinth anlangte, mußte er mit einem noch grausamern Moͤrder, dem Sinnis kaͤmpfen, den man den Fichtenbeuger nannte, weil er die Fremden zwi- schen zwei zur Erde gebeugten und schnell wieder in die Hoͤhe fahrenden Fichten festgebunden, zu seiner Lust zu zerreißen pflegte. Als Theseus ihn uͤberwunden hatte, ließ er mit der von dem Moͤr- der selbst erfundnen Todesart, ihn fuͤr seine Grau- samkeit und seinen Frevel buͤßen. Auch befreite Theseus die Laͤnder, durch wel- che er reiste, von Ungeheuern, und toͤdtete unter andern die Krommyonische Sau, welche dem ganzen Lande furchtbar, uͤberall Schaden stiftete und die Aecker verwuͤstete. — Als er hierauf an T die Graͤnzen von Megara kam, uͤberwand er den Skiron, und stuͤrzte ihn von demselbigen steilen Fels ins Meer, von welchem dieser Tyrann die Reisenden, die vorbeikamen, hinunter zu stuͤr- zen pflegte. In Eleusis mußte Theseus mit dem Kerkyon kaͤmpfen, den er uͤberwand und toͤdtete; und als er nicht weit davon in Hermione anlangte, be- siegte er den Damastes, den man wegen der besondern Art von Grausamkeit, womit er die Fremden mißhandelte, den Ausdehner oder Prokrustes nannte. Dieser Prokrustes hatte nehmlich zwei eiserne Betten von verschiedner Laͤnge, worinn er die Fremden legte. Die kurzen Personen legte er in das lange, und dehnte ihre Koͤrper mit Gewalt bis zu der Laͤnge des Bettes aus; die langen Per- sonen legte er in das kurze, und was uͤber die Laͤnge des Bettes reichte, hieb er von ihren Fuͤßen ab. Es scheint, als wolle diese Dichtung die Ver- letzung des Gastrechtes in ihrem hassenswuͤrdigsten Lichte darstellen; denn man kann sich nichts Grau- samers denken, als daß selbst die Lagerstaͤtte, die den muͤden Wandrer erquicken sollte, von dem Ty- rannen zur Folterbank gemacht wurde. Die Heiligkeit des Gastrechts war es, unter dessen Schutz die Menschen zuerst einander sich mit- theilen, und wechselseitig sich bilden konnten. Die Stoͤrer dieses heiligen Gastrechts zu vertilgen, ist das Werk der Helden, welche Wohlthaͤter der Menschen sind, wie Theseus war, der den Pro- krustes erst die von ihm selbst erfundne Marter dulden ließ, und dann von diesem Ungeheuer die Erde befreite. Als Theseus nun in Athen anlangte, erkannte ihn Aegeus an dem Schwerdt und Schuhen fuͤr seinen Sohn, woruͤber die Soͤhne des Pallas eines Bruders des Aegeus, die schon mit der Hoffnung dem kinderlosen Aegeus in der Regie- rung zu folgen sich geschmeichelt hatten, einen Auf- ruhr erregten, den aber Theseus in seiner Entste- hung daͤmpfte. Nun war es gerade das dritte Jahr, in wel- chem die Athenienser dem Minos, wegen der Er- mordung seines Sohns Androgeus, den traurigen Tribut bezahlen mußten, der darin bestand, sie- ben der schoͤnsten Juͤnglinge oder Knaben, und sieben der schoͤnsten Maͤdchen, aus edlem Blut entsprossen, nach Kreta uͤberzuschiffen, wo sie im Labyrinth dem Minotaurus zur Beute wurden. So lange dieß Ungeheuer nicht erlegt war, hatten die Athenienser keine Befreiung von dem traurigen Tribut zu hoffen. Als nun die Juͤnglinge und Maͤdchen schon das Todes-Looß gezogen hatten, und zu Schlacht- opfern fuͤr dieß Jahr bestimmt, eingeschifft wer- T 2 den sollten, bot sich Theseus freiwillig zum Opfer fuͤr sein Vaterland in die Zahl der uͤbrigen Juͤng- ilnge dar, weil er, in Ahndung seiner Helden- kraft, den Minotaurus zu erlegen hoffte. Vor der Abreise that Theseus dem Apollo ein Geluͤbde, jaͤhrlich zu seinem Tempel ein Schiff mit Opfern und Geschenken nach der Insel Delos zu schicken, wenn ihm sein Unternehmen gluͤckte. Als er nun auch noch das Orakel befragte, gab dieses ihm zur Antwort, er werde dann gluͤcklich seyn, wenn er die Liebe zur Fuͤhrerin waͤhlte. — Mit seinem Vater traf Theseus noch vorher die Abrede, daß, bei der Ruͤckkehr des Schiffes, statt des schwarzen ein weißes Seegel den gluͤckli- chen Ausgang des Unternehmens ihm verkuͤndigen sollte. Bald langte nun das Schiff mit guͤnstigem Winde in Kreta an, und kaum waren die uͤber- sandten Opfer dem Minos vorgestellt, als Ariad- ne, des Minos Tochter, ihre Blicke auf den Theseus warf, dessen Heldenwuchs und Schoͤn- heit auf die Koͤnigstochter einen unausloͤschlichen Eindruck machte. Nun waͤhlte auch Theseus, nach dem Aus- spruch des Orakels, die Liebe zur Fuͤhrerin, in- dem er aus den Haͤnden der Ariadne den Knaͤul empfing, der ihm einen sichern Ausgang aus dem Labyrinth verschafte. Mit dem Faden der Ariadne in der Hand, stieg er nun muthig mit seinen Ge- faͤhrten in die unterirrdische Woͤlbung nieder, bis er selbst an den Aufenthalt des Minotaurus kam, mit dem er sich in Kampf einließ, und ihn mit Huͤlfe der Rathschlaͤge Ariadnens uͤberwand. Da nun dieß Ungeheuer erlegt war, so wa- ren die Athenienser auch von dem Tribut befreit, und ihre zum Tode bestimmten Soͤhne und Toͤch- ter dankten dem Theseus nun ihr Leben. So stellt ein Gemaͤhlde im Herkulanum den Helden dar, wie zarte Knaben, die dem Tode geweiht waren, die Haͤnd’ ihm kuͤssen, und zaͤrtlich seine Knie umschlingen. Ariadne entfloh mit ihrem geliebten The- seus; — sie landeten auf Naxos, wo Theseus auf den Befehl der Goͤtter sie verließ, weil Ariad- nens Reitze den Bachus selber gefesselt hatten, der hier die einsame verlaßne Schoͤne unter naͤchtli- chem Himmel schlummernd fand, und da sie er- wachte, zum Zeichen seiner Gottheit die Krone von ihrem Haupte gen Himmel warf, wo sie als ein leuchtendes Sternbild glaͤnzte, und Zeuge der Vermaͤhlung der Ariadne und des Bachus war. Ehe nun Theseus nach Athen zuruͤckkehrte, seegelte er, um dem Apollo sein Geluͤbde zu bezah- len, naͤch der Insel Delos, wo er zugleich der Venus, wegen des Beistandes, den sie ihm ge- leistet, eine vom Daͤdalus verfertigte Bildsaͤule weihte. Und um das Andenken seines Sieges uͤber den Minotaurus zu erhalten, stiftete Theseus auf dieser Insel einen Tanz, worinn man die Kruͤmmungen des Labyrinths nachahmte. Mit der groͤßten Sorgfalt beobachteten die Athenienser stets nachher dieß heilige Geluͤbde. Mit demselbigen Schiffe, auf welchem Theseus aus Kreta wiederkehrte, schickten sie jaͤhrlich Abgeordnete, mit Oehlzweigen bekraͤnzt, nach der Insel Delos. Auch suchten sie das hei- lige Schiff gleichsam unvergaͤnglich zu erhalten, indem sie es nie mit einem neuen vertauschten, sondern durch immer neuen Zusatz, was die Zeit davon zerstoͤrte, zu ergaͤnzen suchten, um sich die Vorstellung zu erhalten, daß dieses dasselbe Schiff sey, welches den Theseus trug. Auch war es nicht erlaubt, so lange dieß Schiff auf seiner Fahrt nach der Insel Delos un- terwegens blieb, in Athen die Verurtheilten hin- zurichten. Denn da durch dieß Geluͤbde die Ret- tung der Atheniensischen Jugend gefeiert wurde, so durfte man waͤhrend der Zeit dem Tode kein Opfer bringen. Von Delos segelte Theseus nun gerade auf Athen, die Bothschaft der frohen Begebenheit zu bringen, welche dennoch nicht ohne einen tragi- schen Ausgang blieb. Da nehmlich Aegeus von einem Felsen mit aͤngstlicher Besorgniß dem kommenden Schiffe entgegen sahe, und das schwarze Segel erblickte, welches der Steuer- mann mit dem weißen zu vertauschen aus der Acht gelassen, stuͤrzte er sich voll Verzweiflung, weil er nun alles fuͤr verlohren hielt, vom Felsen in das Meer herab, welches nachher nach seinem Nah- men das Aegeische hieß. Den Theseus empfingen die Athenienser mit lautem Jubel, als ihren Schutzgott, dem sie allein ihre Rettung dankten. — Als Theseus nun in der Regierung dem Aegeus folgte, nutzte er die Liebe des Volks dazu, um einer weisen Ge- setzgebung Eingang zu verschaffen. Er schuf zuerst den Staat, indem er das zer- streute Volk, so viel wie moͤglich, in eine einzige Stadt zu versammlen suchte, und es in Klassen theilte. Auch setzte er, im Einverstaͤndniß mit den benachbarten Voͤlkern, dem Attischen Gebiete seine festen Grenzen. — Und weil es ihm gelungen war, nach seiner Einsicht das Volk zu lenken, so fuͤhrte er zuerst den Dienst der Pitho, der Goͤt- tin der Ueberredung, ein. Großmuͤthig begab er darauf sich selbst des groͤßten Theils seiner Gewalt, weil er schon da- mals, nach einem Orakelspruch, Athen zu einem Freistaat zu bilden suchte. — Zu Ehren des Neptun, den das Geruͤcht fuͤr seinen Vater aus- gab, erneuerte er auch die Isthmischen Spiele, zu welchen man aus ganz Griechenland sich ver- sammlete, und wodurch die Mittheilung und wechselseitige Bildung der Voͤlker vorzuͤglich mit befoͤrdert ward. Demohngeachtet ruhte Theseus auch von den kriegrischen Geschaͤften nicht. Als er den Herkules begleitete, und ihm beim Flusse Thermodon die Amazonen besiegen half, vermaͤhlte dieser ihm zur Dankbarkeit die gefangne Koͤnigin Antiope, mit welcher Theseus den Hippolyt erzeugte. — Die Amazonen fielen hierauf ins Attische Gebiet, wo Theseus sie zum zweitenmal besiegte. Einen liebenswuͤrdigen Zug in der Geschichte des Theseus, macht noch die unzertrennliche Freundschaft aus, die zwischen ihm, und dem Pirithous herrschte. Dieser Pirithous war ein Thessalischer Fuͤrst, und herrschte uͤber die Lapi- then. Seine Freundschaft mit dem Theseus war entstanden, da sie einstmals, ein jeder eifersuͤchtig auf des andern Ruhm, im Zweikampf ihre Staͤrke und Tapferkeit versuchten, und auf einmal von wechselseitiger Achtung und Zuneigung angezogen, dem Streit ein Ende machten, und Hand in Hand ein unzertrennliches Buͤndniß knuͤpften. Keine Gefahr war nun so groß, worin die Helden sich nicht einander zur Seite standen. — Pirithous war in einen Krieg mit den Centau- ren, einem Thessalischen Volke, verwickelt, welche die Dichtung, weil sie zuerst bestaͤndig zu Pferde stritten, gleichsam wie an das Roß gewachsen, halb als Menschen, halb als Pferde, darstellt. Als Pirithous nun mit der Hippodamia sich vermaͤhlte, lud er außer dem Herkules, Theseus, und mehrern beruͤhmten Helden, bei einem Waf- fenstillstande, auch die Centauren zu seinem Hoch- zeitmahle, welche zuletzt vom Wein erhitzt, noch waͤhrend dem Gastmahl einen Streit anhuben, und die Hippodamia selber zu entfuͤhren drohten, wenn Herkules und Theseus nicht dem Pirithous tapfer beigestanden, und der Centauren Ueber- muth bestraft haͤtten, die von dieser Zeit an in jedem Treffen die Flucht ergriffen, bis sie zuletzt vom Herkules, Pirithous und Theseus gaͤnzlich besiegt und geschlagen wurden. — Dieß ist der beruͤhmte Streit der Centauren und Lapithen, worauf die Dichtkunst und die bildende Kunst der Alten oft verweilt. Auch die Gegenstaͤnde ihrer zaͤrtlichen Wuͤnsche, halfen sie sich einer fuͤr den andern mit erstreiten. Pirithous half dem Theseus die Helena entfuͤhren, welche dieser seiner Mutter Aethra in Aphidnaͤ zur Aufsicht uͤbergab, um wieder dem Pirithous beizustehen, der nach dem Tode der Hippodamia, um gleichsam an dem Pluto sich zu raͤchen, ent- schlossen war, die Proserpina selber aus der Un- terwelt zu entfuͤhren. — Eine Dichtung, die sehr bedeutend ein Unternehmen bezeichnet, mit welchem unvermeidliche Todesgefahr verknuͤpft ist. — Theseus, seinem Freunde bis in den Tod ge- treu, stieg mit ihm in das Reich der Schatten; wo Pluto, als die vermeßne That mißlang, die beiden an Ketten gefangen hielt; bis Herkules in der Folge den Cerberus baͤndigte, und zugleich die Bande des Theseus loͤßte; den Pirithous aber zu befreien, vergebens seine Macht anwandte, so daß nun doch der Tod das treuste Freundschafts- buͤndniß trennte. Von nun an huben auch die Ungluͤcksfaͤlle des Theseus an, die den Rest seiner Tage ihm verbit- terten. Ihn traf das Schicksal der groͤßten Hel- den, deren ruhmvolles Leben ein tragischer Aus- gang schloß. Als er nach Athen zuruͤckkam, fand er das undankbare und unbestaͤndige Volk durch seine Feinde gegen sich aufgewiegelt. Hierzu kam noch haͤusliches Ungluͤck. — Nach dem Tode der Antiope hatte Theseus mit der Phaͤdra, einer Tochter des Minos, und Schwe- ster der Ariadne sich vermaͤhlt. — Der Haß der Venus gegen die Pasiphae verfolgte auch ihre Toch- ter, der sie eine strafbare Liebe zum Hippolytus, dem mit der Antiope erzeugten Sohn des Theseus einfloͤßte. Als aber der Juͤngling ihrem Antrage kein Gehoͤr gab, verwandelte sich ihre verschmaͤhte Liebe in Haß; und sie verlaͤumdete den Hippolyt beim Theseus, als habe er selber sie zur Untreue ver- leiten wollen. Theseus, von schnellem Zorn entbrannt, er- innerte sich, daß ihm Neptun verheißen, den naͤchsten Wunsch, den er thun wuͤrde, zu gewaͤh- ren; und nun verwuͤnschte Theseus seinen Sohn, der grade um diese Zeit am Ufer des Meers mit seinen Rossen den Wagen lenkte. Kaum war der Fluch uͤber Theseus Lippen ge- kommen, so stieg ein Meerungeheuer aus der Tiefe empor, vor dessen Anblick des Hippolytus Pferde scheuten, und den Ungluͤcklichen schleiften und zerris- sen. Als Phaͤdra dieß vernahm, gab sie sich selbst den Tod, und Theseus, der zu spaͤt die Unschuld seines Sohns erfuhr, war der Verzweiflung nahe. Die Unzufriedenheit des Volks war waͤhrend der Zeit noch hoͤher gestiegen, und Theseus end- lich des Undanks muͤde, verbannte sich selber aus Athen, und sprach, ehe er sich zur Abreise ein- schifte, an einem Orte, der nachher der Ort der Verwuͤnschungen hieß, gegen die Athenienser die bittersten Fluͤche aus. Er glaubte nun auf der Insel Scyrus seine uͤbrigen Tage in Ruhe zu verleben; allein der verraͤthrische Lykomedes, welcher in Scyrus herrschte, verletzte aus Furcht vor des Theseus Feinden, das heilige Gastrecht. — Unter dem falschen Vorwande, ihm die Insel zu zeigen, fuͤhrte Lykomedes den Theseus auf eine steile An- hoͤhe, und stuͤrzte, ehe dieser es sich versahe, ihn von dem steilen Felsen herab. — So fiel der Held, dem Griechenland Ruhe und Sicherheit, sein Va- terland seine Rettung dankte. Nach seinem Tode bauten die Athenienser dem Theseus Tempel und Altaͤre, verehrten ihn wie einen Halbgott, brachten ihm Opfer dar, und stifteten Feste ihm zu Ehren. — Man fand in der Folge in Scyrus des Theseus Sarg, der durch seine Groͤße die damals Lebenden in Erstaunen setzte. — Ein Tempel des vergoͤtterten Theseus in Athen, hieß das Theseum, worin die Thaten des Helden geschildert waren. — So ehrte die spaͤtere Nachwelt das Andenken jenes goͤtteraͤhnli- chen Geschlechts der Menschen, bei denen der Prometheische Funken, der in ihrem Busen gluͤhte, zur hellen Flamme emporschlug. Die Wesen, welche das Band zwischen Goͤttern und Men- schen knuͤpfen. S o wie die Dichtung vom Himmel zur Erde nieder steigt, vervielfaͤltigen sich die Goͤttergestalten. — Die Einbildungskraft belebt die Quellen, Haine, und Berge. — Unter dem Bilde der Gottheit wird zuletzt die ganze leblose Natur geweiht, in welche der Mensch so innig sich verwebt fuͤhlt, und sich so nahe an sie schließt, daß durch dieß Band die Goͤtter- und Menschenwelt, ein schoͤnes Ganze wird. Genien . Die Genien, oder Schutzgoͤtter der Menschen waren es vorzuͤglich, wodurch, in der Vorstellung der Alten, die Menschheit sich am naͤchsten an die Gottheit anschloß. Die hoͤchste Gottheit selber vervielfaͤltigte sich gleichsam durch diese Wesen, in so fern sie uͤber jeden einzelnen Sterblichen wach- te, und ihn, von seiner Geburt an bis zum Tode, an ihrer Hand durchs Leben fuͤhrte. — In diesem schoͤnen Sinne war es, daß die Maͤnner bei ihrem Jupiter, und die Frauen bei ihrer Juno schwu- ren, indem sie unter dieser Benennung sich ihren eigenen Genius, oder ihre besondre schuͤtzende Gottheit dachten. An ihren Geburtstagen brachten die Alten ih- rem Genius Opfer, der unter der Gestalt eines schoͤnen Juͤnglings abgebildet war, dessen Haupt sie mit Blumen umkraͤnzten. — Ein jeder verehrte auf die Weise, durch ein zartes Gefuͤhl gedrungen, in sich etwas Goͤttli- ches und Hoͤheres, als er, in seiner Beschraͤnkt- heit und Einzelnheit, selber war; und dem er nun, wie einer Gottheit, Opfer brachte, und gleichsam durch Verehrung das zu ersetzen suchte, was ihm an deutlicher Erkenntniß seines eigenen Wesens und seines goͤttlichen Ursprungs abging. Nach einer andern Dichtung, sind die See- len der Verstorbnen, aus dem goldnen Zeitalter der Menschen, als untadliche in die Gottheit uͤber- gegangne Wesen, die Schutzgoͤtter der Lebenden. Musen . Die Dichtung laͤßt diese himmlischen Wesen vom Jupiter und der Mnemosyne abstammen. — Mnemosyne, deren in der Reihe der alten Gott- heiten schon gedacht ist, war eine Tochter des Himmels und der Erde, und eine Schwester des Saturnus. — Durch die himmlischen Ein- fluͤsse, welche bei ihrer Bildung mit den irdischen sich vermaͤhlten, ward zuerst die Erinnrungs- kraft, die Mutter alles Wissens und Denkens, in ihr gebohren. — Neun Naͤchte lang umarmte Jupiter die Mnemosyne, als er die Musen mit ihr erzeugte. Einer der aͤltesten Dichter singt das Lob der Musen: sie gießen auf die Lippen des Menschen, welchem sie guͤnstig sind, den Thau der sanften Ueberredung aus; sie geben ihm Weisheit, Recht zu sprechen, Zwiste zu schlichten, und machen ihn unter seinem Volke beruͤhmt. — Den Dichter aber lehren sie selbst auf Bergeshoͤhen, und im einsamen Thale, die goͤttlichen Gesaͤnge, welche jedem, der sie vernimmt, die Sorgen und den Kummer aus der Brust verscheuchen. Die Nahmen der neun Schwestern bezeichnen Tonkunst, Freude, Tanz, Gesang, und Liebe; sie heißen: Klio; Melpomene; Thalia; Kalliope; Terpsichore; Euterpe; Erato; Urania; Polyhymnia. Musik, Gesang und Tanz sind eigentlich das Geschaͤft der Musen; in der Folge hat die spie- lende Dichtung einer jeden irgend eine besondre Beschaͤftigung zugetheilt: so ist nun Klio die Muse der Geschichte; Kalliope des Heldenge- dichts; Melpomene die tragische, Thalia die komische Muse; auf Polyhymniens Lippen wohnt die Beredtsamkeit; Uraniens Blick gen Himmel mißt und umfaßt den Lauf der Sterne. Die uͤbrigen drei, Euterpe, Terpsichore und Erato, theilen sich in Musik, Gesang und Tanz. — Euterpe spielt die Floͤte; Terp- sichore tanzt; Erato singt der Liebe suͤße Lie- der. — Doch werden die besondern Beschaͤftigun- gen der Musen in den Dichtungen oft verwechselt. So wie die Alten uͤberhaupt die Goͤtter des Himmels gern nach ihren Wohnplaͤtzen unter den Menschen zu benennen pflegten, so erhielten auch die Musen von den Bergen, die sie bewohnten, und von den Quellen, die diesen Bergen entstroͤm- ten, wohltoͤnende Nahmen, womit die Dichter ihren Beistand sich erflehten. Der vorzuͤglichste Aufenthalt der Musen wa- ren die beruͤhmten Berge: Parnassus, Pindus, Helikon. Auf dem Gipfel des Helikon entsprang vom Fußtritt des Pegasus die begeisternde Hip- pokrene und Aganippe. — Am Fuße des Par- nassus stroͤmte der Kastalische Quell; auch die mit immerwaͤhrender Fuͤlle sich ergießende Pimplea, auf einem Berge, gleiches Nahmens, war den Musen heilig, auf deren Lippen nie der Strom des ruͤhmenden Gesanges und der suͤßen Rede versiegte. Pierinnen hießen die Musen von Pierien, wo die Dichtung ihren Geburtsort hin versetzte. — Apollo schließt sich unter den himmlischen Goͤttern dem Chor der Musen am naͤchsten an. — Unter seinem Vorsitz auf dem Gipfel des Parnaß ertoͤnt ihr Saitenspiel. — Die bildende Kunst der Alten stellt sogar zuweilen den Apollo unter den Musen in reitzender Schoͤnheit weiblich gekleidet dar. — Apollo, der unter dem Nahmen Musagetes, den Chor der Musen anfuͤhrt, ist eine der schoͤn- sten Dichtungen des Alterthums, woran auch die bildende Kunst der neuern sich versucht hat. — Merkwuͤrdig ist es, daß auch Herkules un- ter dem Nahmen Musagetes, als der Anfuͤhrer der Musen, bei den Alten verehrt wurde, und man auf die Weise der Koͤrperkraft, und den Leibesuͤbun- gen die geistigen Vorzuͤge zugesellte, und beide sich unter einem Sinnbilde dachte. U Einst wurden die Musen von den Sirenen zum Wettstreit im Singen aufgefordert, und als sie jene mit leichter Muͤhe besiegten, so war die Strafe der Vermeßnen, daß die Musen ihnen die Federn aus den Fluͤgeln rupften, und solche nach- her zum Zeichen ihres Sieges auf den Koͤpfen tru- gen. Man findet daher die Musen zum oͤftern mit diesem Hauptschmuck gebildet. Auf einem alten Denkmale ist eine Sirene dargestellt, bis auf die Mitte des Leibes wie eine Jungfrau, nach unten zu wie ein Vogel gestaltet, mit großen Fluͤgeln auf dem Ruͤcken, zwei Floͤten in den Haͤnden, und sich betruͤbt nach der Muse umsehend, welche stolz auf ihren Sieg, mit der einen Hand den Fluͤgel der Sirene haͤlt, indeß sie mit der andern ihr die Federn ausrupft. Der Gesang der Musen war treu und wahr; falsch und verfuͤhrerisch aber die schmeichelnden Lie- der der Sirenen, womit sie die Vorbeischiffenden an ihr Ufer in Tod und Verderben lockten; — so wie auch ihre jungfraͤuliche Gestalt in das Unge- heure sich verlohr. — Die Dichtung von dem Siege der Musen uͤber die Sirenen ist daher schoͤn und bedeutend! Ueberhaupt lassen die alten Dichtungen gegen angemaßte Kunsttalente immer ein sehr strenges Urtheil ergehen. Der Satyr Marsyas wurde vom Apollo geschunden, weil er auf ein zu hohes Kunsttalent Anspruch machte, und es wagte, mit dem Gott der Tonkunst selber in einem Wettstreit auf der Floͤte es aufzunehmen. — Diese Dichtun- gen selber scheinen bei den Alten eine Art von Er- bitterung gegen alles Mittelmaͤßige und Schlechte in der Kunst vorauszusetzen. — Auch Thamyris, ein Koͤnig in Thracien mußte fuͤr seine Eitelkeit buͤßen, da er sich ruͤhmend und seiner Talente in der Musik und Dichtkunst sich uͤberhebend, die Mu- sen selber zum Wettstreit aufzufordern wagte, die ihn mit Blindheit straften, und der Gabe zu dich- ten ihn ganz beraubten. Was nun die Abbildungen der Musen anbe- trift, so findet man sie am oͤftersten dargestellt mit einem Volumen, mit zwei Floͤten, oder mit einer Leyer in der Hand. — Das Volumen oder die Pergamentrolle bezeichnet entweder die Klio als die Muse der Geschichte, oder die Polyhymnia als die Muse der Beredtsamkeit. — Bei den Floͤ- ten denkt man sich die Euterpe als die Muse der Tonkunst; und bei der Leyer die Erato, als die Muse der Liebe einfloͤßenden Gesaͤnge. — Melpo- mene, die tragische Muse, wird an der tragischen, Thalia die komische Muse, an der komischen Larve erkannt. — Kalliope, als die Muse des Helden- gedichts, soll sich durch die Tuba, Terpsichore, die Muse der Tanzkunst, durch eine tanzende Stel- U 2 lung unterscheiden. — Urania zeichnet durch ihren gen Himmel erhobnen Blick sich aus. Indeß sind alle diese Darstellungen bei den Alten mehr willkuͤrlich gewesen. — Die vielfache Zahl der Musen bezeichnete die Harmonie der schoͤ- nen Kuͤnste, welche verschwistert Hand in Hand gehen, und nie zu scharf eine von der andern ab- gesondert werden muͤssen. So stellt auch in den Abbildungen der Alten eine jede einzelne Muse gleichsam die uͤbrigen in sich dar; und erst in neu- ern Zeiten hat man mit pedantischer Genauigkeit einer jeden Muse ihr eignes bestimmtes Geschaͤft anzuweisen gesucht. Die Einbildungskraft der Alten ließ sich hier- bei freien Spielraum. — Man sieht auf alten Marmorsaͤrgen die versammleten Musen auf mehr als einerlei Art, und in abwechselnden Stellungen abgebildet. — Ein Gemaͤhlde in den Herkulani- schen Alterthuͤmern, ist das einzige, welches die neun Musen ganz genau voneinander unterschieden dar- stellt, weil unter der Abbildung einer jeden auch ihr Nahme befindlich ist. — Es scheint aber, als habe dieser Kuͤnstler eben deswegen zu der Unter- schrift der Nahmen seine Zuflucht nehmen muͤssen, weil er selbst die aͤußern Merkmale seiner Musen, auch nach den damaligen Begriffen, nicht genug unterscheidend und bezeichnend fand. Auf der hier beigefuͤgten Kupfertafel ist nach einer schoͤnen antiken Gemme, die Muse stehend abgebildet, wie sie die Leyer stimmt. — Eine Darstellung, wodurch nicht eine einzelne Muse ausschließend, sondern die Muse uͤberhaupt be- zeichnet wird, in so fern die Tonkunst, nach den aͤltesten Begriffen, ihr Hauptgeschaͤft ist. — Denn mit der Tonkunst entwickelten sich zuerst die schlum- mernden Kraͤfte fuͤr die uͤbrigen Kuͤnste. — Musik, Gesang und Tanz war, wie wir schon bemerkt ha- ben, das Hauptgeschaͤft der Musen, und es giebt keine eigne Muse fuͤr die bildenden Kuͤnste. Auf eben dieser Kupfertafel ist auch nach einer antiken Gemme, ein Liebesgott abgebildet, wel- cher den Loͤwen, auf dem er reitet, mit den har- monischen Toͤnen seiner Leyer zaͤhmt, wodurch der Kuͤnstler in einem schoͤnen Sinnbilde die ver- einte Macht der Liebe und Tonkunst ausdruͤckt. Liebesgoͤtter . Auch die Goͤttergestalt des Amor vervielfaͤltigte sich in der Einbildungskraft der Alten; die Liebes- goͤtter, welche allenthalben in den Dichtungen unter reitzenden Gestalten erscheinen, sind gleich- sam Funken seines Wesens; und die Dichtkunst ist unerschoͤpflich in schoͤnen sinnbildlichen Darstellun- gen dieser alles besiegenden Gottheit. So findet man den Liebesgott dargestellt, wie er Jupiters Donnerkeil zerbricht; wie er mit des Herkules Loͤwenhaut umgeben, und mit seiner Keule bewafnet ist; oder wie er auf den Helm des Mars tritt, dessen Schild und Wurfspieß vor ihm liegen. Unter dem griechischen Nahmen Eros und Anteros, Liebe und Gegenliebe, stellt die bil- dende Kunst der Alten zwei Liebesgoͤtter dar, die um einen Palmzweig streiten, gleichsam um den Wetteifer in der wechselseitigen Liebe zu bezeichnen. In allerlei Arten von Beschaͤftigungen stellte man die Liebesgoͤtter dar. So sieht man auf einem alten Denkmale, wo ein Weinstock sich um einen Ulmbaum schlingt, oben auf dem Baume sitzend einen Liebesgott, der Trauben pfluͤckt, in- deß zwei andre Liebesgoͤtter unter dem Baume stehend warten. — Jagend, fischend, zu Wasser das Ruder, zu Lande den Wagen lenkend, und sogar die me- chanischen Arbeiten der Handwerker emsig betrei- bend findet man die Liebesgoͤtter auf alten Gem- men und Gemaͤhlden. Weil aber in der Vorstel- lungsart der Alten auch jedes Geschaͤft seinen Genius hatte, so geht hier die Dichtung von den Liebesgoͤttern wieder in den Begriff von den Ge- nien uͤber, und diese zarten Wesen der Einbil- dungskraft verlieren sich ineinander. — Grazien . Die hohen blendenden Reitze der maͤchtigen Liebesgoͤttin, vervielfaͤltigen sich in den Grazien oder Charitinnen, und wurden wohlthaͤtig, sanft und milde. Vom Himmel senkten die drei Huld- goͤttinnen zu den Sterblichen sich hernieder, um die schoͤnen Empfindungen der Dankbarkeit und des wechselseitigen Wohlwollens in jeden Bu- sen einzufloͤßen. Auch waren sie es, welche vor allen andern Goͤttern, den Menschen die suͤße Gabe zu gefallen ertheilten. Sie hießen mit ihren besondern Nahmen Aglaia, Thalia, und Euphrosyne, und waren vom Jupiter mit der Eurynome, der schoͤnen Tochter des Oceans, erzeugt, die unter den alten Gottheiten in den Dichtungen schon mit aufge- treten ist. Den Grazien waren allenthalben Tempel und Altaͤre errichtet; — um ihre Gunst flehte jedes Alter und jeder Stand; — ihnen huldigten Kuͤn- ste und Wissenschaften; — auf ihren Altaͤren zuͤn- dete man taͤglich Weihrauch an; — bei jedem fro- hen Gastmahl waren sie die Losung, und man nannte mit Ehrfurcht ihre Nahmen. Dem Amor und den Musen wurden die Gra- zien zugesellt; oft hatten sie mit dem Amor, oͤfter noch mit den Musen, gemeinschaftlich einen Tem- pel; sie umgaben selbst Jupiters Thron; — im Himmel und auf Erden erkannte man ihre Herr- schaft, und huldigte ihrem Einfluß, ohne welchen die Schoͤnheit selber zum todten Gemaͤhlde wird. Denn durch die Grazien, in tanzender Stel- lung abgebildet, wird vorzuͤglich der Reitz der Bewegung im Gang, Gebehrden und Mienen ausgedruͤckt, wodurch die Schoͤnheit am meisten die Seele fesselt. — Hand in Hand geschlungen wandelnd bezeichneten sie wieder jede sanfte Em- pfindung des Herzens, die in Zuneigung, Freund- schaft, und Wohlthun sich ergießt. — Gewiß mußte die religioͤse Verehrung dieser schoͤnen We- sen auf das Leben und die Denkart der Alten einen unverkennbaren Einfluß haben. Um gleichsam zu bezeichnen, daß bei den aus- schweifendsten Bildungen der Phantasie, die Grazie dennoch versteckt seyn, und die Grenze bezeichnen muͤsse, machte man hohle Bildsaͤulen von Satyrn, worin man, wenn sie eroͤfnet wurden, kleine Bilder der Grazien fand. Auf der hier beigefuͤgten Kupfertafel befindet sich außer den Grazien, nach einer antiken Gem- me, noch eine der Horen oder Jahrszeiten, vor einer Art von Altar stehend, mit Palmblaͤttern auf dem Haupte, und tanzend Fruͤchte in den Haͤnden tragend, nach einem antiken Marmor- werk aus Winkelmanns Monumenten. Die andern beiden Figuren auf eben diesem Denkmale sind auf aͤhnliche Weise sich zum Tanz bewegend dargestellt, nur mit dem Unterschiede, daß zu den Fuͤßen der einen, welche den Fruͤhling bezeichnet, eine Blume aufsprosset; und zu den Fuͤßen der andern, die den Winter andeutet, auf der Altar aͤhnlichen Erhoͤhung von aufeinan- der gelegten Steinen, ein kleines Feuer lodert. Da nun die erste Figur, mit den Fruͤchten, den Herbst abbildet, so finden in dieser sinnbild- lichen Darstellung nur drei Jahrszeiten statt, weil man unter dem Merkmale der reifen Fruͤchte, in jenem waͤrmern Himmelsstrich, sowohl den Som- mer als Herbst begriff. — In einigen aͤltern Dich- tungen ist die Zahl der Horen nur zwei, weil man das ganze Jahr in Sommer und Winter theilte. Horen . Unter dem Nahmen der Horen wurden in den Dichtungen der Alten sowohl die Goͤttinnen der Gerechtigkeit, welche Jupiter mit der The- mis erzeugte, als auch die Jahrszeiten begrif- fen, welche gleichsam mit gerechter Theilung ihrer Wohlthaten, durch ihren immerwaͤhrenden Wechsel, das schoͤne Gleichgewicht in der Natur erhalten, und mit abgemeßnen Schritten tanzend und einander folgend, ihren bestimmten Lauf voll- enden. Es giebt kein schoͤnres Bild, um sich darunter die Flucht der Zeit zu denken, als die tanzenden Horen, welche daher auch in den Dichtungen zu den Grazien sich gesellen, und gemeinschaftlich mit ihnen Taͤnze auffuͤhren. — Auch die Horen stehen um Jupiters Thron, und ihr Geschaͤft ist die Thuͤren des Himmels zu oͤfnen und zu schließen, indem sie ihn bald in finstre Wolken huͤllen, und bald mit neuem Glanz ihn wieder aufheitern. — Auch spannten die Ho- ren jeden Morgen die Rosse an den Sonnenwa- gen, und waren zugleich Dienerinnen der Juno, die uͤber den Luftkreis herrscht. Nymphen . Die unerschoͤpfliche Dichtungskraft der Alten schuf sich Wesen, wodurch die Phantasie die leb- lose Natur beseelte. Die Quellen, die Berge, die Waͤlder, die einzelnen Baͤume, hatten ihre Nymphen. — Man knuͤpfte gern die Idee von etwas Goͤttlichem an das Feste und Bleibende, was die einzelnen Menschengeschlechter uͤberlebt; an den festgegruͤndeten Berg, den immerstroͤmenden Quell, und die tausendjaͤhrige Eiche. — Alle diese Dichtungen aber waren gleichsam nur der Wiederschein vom Gefuͤhl erhoͤhter Mensch- heit, der sich aus dem Spiegel der ganzen Natur zuruͤckwarf, und wie ein reitzendes Blendwerk uͤber der Wirklichkeit gaukelnd schwebte. So schweifte die Oreade auf den Bergen umher, um mit ihren Schwestern, im Gefolge der Diana, die Spur des Wildes zu verfolgen; jeder zaͤrtlichen Neigung ihr Herz verschließend, so wie die strenge Goͤttin, die sie begleitete. Mit ihrem Wasserkruge saß, in der einsamen Mittagsstunde, die Najade am Quell, und ließ mit sanften Murmeln, des Baches klare Fluth hinstroͤmen. — Gefaͤhrlich aber waren die Liebko- sungen der Najaden; sie umarmten den schoͤnen Hylas, des Herkules Liebling, als er Wasser schoͤpfte, und zogen ihn zu sich in den Brunnen herab. — Vergebens rief Herkules seinen Nah- men, nie ward sein Liebling mehr gesehen. Im heiligen Dunkel des Waldes wohnten die Dryaden; und die Hamadryade bewohnte ihren einzigen Baum, mit dem sie gebohren ward und starb. — Wer einen solchen Baum erhielt, dem dankte die Nymphe ihr Leben. — so ward selbst die leblose Natur ein Gegenstand des theil- nehmenden Wohlwollens der Sterblichen. Satyrn . In das Dunkel des Waldes versetzt die Dich- tung auch die Satyrn mit Hoͤrnern und Ziegen- fuͤßen. — Diese Wesen machen gleichsam einen Schlußpunkt fuͤr die Thierwelt und die Menschen- welt, worin sich das Getrennte in einer neuen Erscheinung spielend wieder zusammen findet. Es ist der leichte Ziegenfuß, welcher sich in dieser Dichtung scherzend der Menschenbildung anschmiegt. — Jugendliche Schalkhaftigkeit, und unbesorgter Leichtsinn zeichnen die Bildung dieser Wesen aus, welche, obgleich sterblich, dennoch durch eine hoͤhere Natur, uͤber die Sorgen und den Kummer der Menschen erhaben sind. Die bildende Kunst stellte erst diese Wesen der Phantasie dem Auge dar; und der Glaube an ihre Wuͤrklichkeit mußte sich desto laͤnger erhalten, weil, nach den Volksbegriffen, keiner ungestraft eine Nymphe oder einen Waldgott sehen durfte. Statt also dem wirklichen Daseyn dieser We- sen nachzuforschen, suchte vielmehr ein jeder vor ih- rer unvermutheten Erscheinung in einsamen Gegen- den sich zu huͤten; und nur der begeisterte Dichter sahe im Gefolge des Bachus, auf dem einsamen Felsen, Nymphen, die auf des Gottes Lehren horchten, und Bockfuͤßige Satyrn, die mit spitzen Ohren lauschten. In den Satyrn hat die bildende Kunst die menschliche Gestalt so nahe wie moͤglich an die thierische grenzend, darzustellen gesucht. — Ein Satyr, auf einer antiken Gemme, der mit einem Bock sich stoͤßt, ist von diesem kaum durch etwas mehr, als den Leib und die Arme unterschieden, weil die Bocksgestalt sogar bis auf die Gesichts- zuͤge sich erstreckt, die obgleich menschenaͤhnlich, dennoch eine thierische Natur ausdruͤcken. Sehr komisch ist die Stellung des Satyrs, der beim Anlauf mit den Hoͤrnern die Haͤnde auf den Ruͤ- cken haͤlt, um gleichsam jedes Vortheils uͤber den Bock sich zu begeben. Diese komischen Gestalten machen in dem Gefolge des Bachus unter den Nymphen, Ge- nien, und Liebesgoͤttern den reitzendsten Kon- trast, — so daß es scheinet, als wenn sie in die- sen Gruppen, und uͤberhaupt unter den Goͤtter- gestalten nicht fehlen duͤrften, weil in diesen halb goͤttlichen und halb thierischen Wesen, in deren Miene sich Lachen und Spott vereint, die Dich- tung gleichsam erst ihre Vollstaͤndigkeit erhaͤlt, und mit ihnen den Zug beschließt. Faunen . Die Faunen sind von den Satyrn, wenig- stens in den Werken der bildenden Kunst verschie- den. — Sie werden voͤllig in menschlicher Gestalt nur mit Ziegenohren und einem Ziegenschwanze ab- gebildet. — Aber auch ohne diese Merkmale ist die Bildung eines Faunen leicht zu kennen, weil ihre Gesichtszuͤge, weder zart noch edel, nur thierische oder sinnliche Begierden und sinnlichen Genuß ausdruͤcken. — Demohngeachtet findet man unter den alten Denkmaͤlern Faunen von bewunderns- wuͤrdiger Schoͤnheit, wo dennoch die Gesichts- zuͤge immer noch jene halbthierische, sinnliche Natur bezeichnen. Man siehet die Faunen auf den alten Denk- maͤlern tanzend, sitzend, Kraͤnze flechtend, mit Ziegen spielend, junge Faunen auf dem Knie wie- gend, und in viel mehrern reitzenden Stellungen abgebildet, wo die Phantasie mit dieser Idee auf die mannigfaltigste Weise spielt. So laͤßt ein alter Faun ein junges Maͤdchen auf seinem Fuße tanzen; — ein andrer Faun dreht das Rad an einem Brunnen, um einer Nymphe Wasser zu schoͤpfen, die waͤhrend der Zeit seinen Thyrsus haͤlt. — Zwei Faunen sitzen einander gegenuͤber, und der eine ist im Begriff dem andern einen Dorn aus dem Fuße zu zie- hen. — Ein andrer traͤnkt einen jungen Faun aus einem großen Weingefaͤß. — So wechseln die reitzenden Darstellungen ab. Man sieht, daß Die Sorglosigkeit bei die- sen Wesen ein Hauptzug ist, wodurch sie den Goͤt- tern aͤhnlich sind, und von den Menschen sich unterscheiden, nach den Worten des alten Dich- ters: Den Menschen gaben die Goͤtter vielen Kum- mer zu tragen; Sie selber aber sind sorglos. Pan . Das ganze Geschlecht der Satyrn und Fau- nen wurde gleichsam auf einmal unter der Goͤtter- gestalt des Pan begriffen, in welcher sich diese Dichtung wieder vereinzelte; denn die Bildung des Pan ist uͤbrigens von der Bildung der Sa- tyrn nicht verschieden, ausgenommen, daß Pan einen Mantel oder eine Bockshaut um die Schul- tern, und einen gekruͤmmten Schaͤferstab oder eine siebenroͤhrige Floͤte in den Haͤnden traͤgt. — Die uͤbrigen Waldgoͤtter mit den Ziegenfuͤßen hießen von ihm auch Aegipanen. Der siebenroͤhrigen Floͤte schreibt die Dichtung folgenden Ursprung zu: als Pan die Nymphe Syrinx, von Lieb’ entbrannt, verfolgte, und diese bis an den Fluß Ladon vor ihm flohe, wo ihr Lauf gehemmt war, ward sie ploͤtzlich in ein Schilfrohr verwandelt, welches Pan umarmte. — Der Wind, der in das Rohr blies, brachte klagende Toͤne hervor; und Pan suchte diese Toͤne wieder zu erwecken, indem er sieben Rohre, das folgende immer um ein bestimmtes Maaß kuͤrzer als das vorhergehende, zusammenfuͤgte, und so die Hirtenfloͤte erfand, welche nach dem Nahmen der verwandelten Nymphe Syrinx hieß. Nach einigen Dichtungen ist Pan ein Sohn Merkurs, und so wie dieser, auch in Arkadien gebohren, wo sein vorzuͤglichster Aufenthalt auf dem Berge Lycaͤus war. — Andre Sagen lassen ihn unter den aͤltesten Gottheiten schon mit auf- treten, wo er auf eine geheimnißvolle Weise, das Ganze, und die Natur der Dinge bezeich- net. — Auch den gekruͤmmten Hirtenstab ließ man nicht ohne Bedeutung seyn, sondern auf die Wie- derkehr der Jahreszeiten, und den Kreislauf der Dinge durch seine Gestalt hinweisen. — Man dachte sich unter dem Pan ein Wesen, halb wohlthaͤtig und halb furchtbar; — und eben well dieser Begriff so schwankend war, schuf sich die Einbildungskraft unter demselben allerlei Schreckbilder. — Irgend ein Getoͤse oder furcht- bare Stimmen, die man in naͤchtlicher Stille, oder vom einsamen Ufer her zu vernehmen glaubte, schrieb man dem Pan zu; — weswegen man nachher auch ein jedes Entsetzen, wovon man selbst die Ursache nicht wußte, oder wovon der Grund bloß in der Einbildung lag, ein panisches Schre- cken nannte. Die Hirten, welche vorzuͤglich den Pan ver- ehrten, fuͤrchteten dennoch seinen Anblick; sie flehten ihn aber um den Schutz ihrer Heerden an, und brachten ihm haͤufig Opfer dar. — Denn an diese Gottheit, welche selber wie sie die Hirtenfloͤte blies, und den krummen Schaͤferstab in der Hand trug, durften die Hirten und die Bewohner der Fluren sich am naͤchsten anschließen, und theilneh- mende Vorsorge und Beistand von ihr erwarten. Sylvan . Der eigentliche Gott der Waͤlder, den einige Dichtungen den uͤbrigen noch hinzufuͤgen, wird vom Pan nur wenig verschieden abgebildet, außer daß er, um gleichsam die Nacht des Waldes zu bezeichnen, einen Cypressenzweig in der Hand traͤgt, der zugleich das Freudenlose und Melan- cholische seines einsamen Aufenthalts mit bedeuten sollte, weswegen er auch den Landleuten furcht- bar war. Auf der hier beigefuͤgten Kupfertafel befindet sich unten, nach einem antiken geschnittenen Stei- ne, ein tanzender Faun; und oben eine sehr getreue Darstellung im Umriß von einem der schoͤn- sten Werke des Alterthums, das unter dem Nah- men, der Siegelring des Michel Angelo, all- gemein beruͤhmt ist. Man sieht hier Nymphen, Satyrn, Faunen, Liebesgoͤtter, in eine einzige schoͤne Gruppe verei- nigt, in deren Mitte eine edle Mannsgestalt, mit einem Roß an der Hand, emporragt. X Die Weinranken, welche an zwei Ulmbaͤumen sich hinaufwinden, bilden eine Laube, woruͤber zwei kleine Liebesgoͤtter eine Decke ausbreiten. — Einige von den weiblichen Figuren tragen Koͤrbe mit Weintrauben angefuͤllt auf den Koͤpfen; andre am Boden sitzend, sind vorzuͤglich mit einem Kinde beschaͤftigt, das sich der einen an den Busen schmiegt, und auf die Erziehung des jungen Ba- chus von den Nymphen, dieß Kunstwerk deu- ten laͤßt. Zu der Gruppe der sitzenden Figuren gesellt sich ein Faun, der knieend neuen Wein in eine Schale gießt. — Hinter ihm steht ein Satyr und blaͤst auf einem Horn. — Am Ende traͤgt ein Knabe noch ein Gefaͤß mit Wein herzu. — Vor- zuͤglich schoͤn ist die Stellung der beiden weiblichen Figuren auf der andern Seite, wovon sich die eine mit dem Korbe auf dem Haupte, zu ihrer Gefaͤhr- tin niederbuͤckt. — Neben diesen beiden Figuren haͤlt eine dritte ihren Arm in die Hoͤhe, um dem einen Liebesgott eine Schale zu reichen. — Und nichts kann reitzender seyn, als, wie die beiden Lie- besgoͤtter, um auch am Genuß mit Theil zu nehmen, von oben ihre Haͤnde ausstrecken, der eine nach der emporgehaltnen Schale, der andre nach dem Korbe voll Trauben, den eine von den Nymphen auf dem Haupte traͤgt. Penaten . Eine Art von Genien oder Schutzgoͤttern bei den Alten, waren die Penaten, welche auch La- ren hießen. Jede Stadt hatte ihre besondre Schutzgoͤtter, und jede Familie, und jedes Haus die seinigen. In diesen Wesen, die den Men- schen so nahe waren, vervielfaͤltigten die hohen Gottheiten, aus denen man sich seine Schutzgoͤt- ter waͤhlte, gleichsam ihre Gegenwart. Der Hausgoͤtter oder Laren waren gemeinig- lich zwei, die auf dem heiligen Heerde ihren Wohnplatz hatten, und wie Juͤnglinge mit einem Hut und Reisestabe, und einem Hunde neben sich abgebildet waren. Man bekraͤnzte sie mit Blu- men, und von den Speisen, die auf dem Heerde zubereitet wurden, brachte man ihnen Opfer dar. — Sie waren Zeugen vom Genuß des haͤuslichen Gluͤcks. — Das Alltaͤgliche und Gewoͤhnliche wurde durch ihre Gegenwart geheiligt, und jedes Haus gewissermaßen zu einem Tempel geweiht. — Priapus . Da bei den Alten noch nichts nnheilig war, was die Natur gebeut, und das Geheimniß der Erzeugung und Fortpflanzung von ihnen als etwas Goͤttliches betrachtet wurde, wodurch die Gat- tung bei dem immerwaͤhrenden Abfall durch Alter X 2 und Krankheit, sich in ewiger Jugend erhaͤlt; so hatte auch die sonderbare Goͤtterbildung des Pria- pus, mit einem ausgestreckten großen maͤnnlichen Zeugungsgliede, fuͤr sie nichts Anstoͤßiges. Zuweilen aus Stein, zuweilen nur aus Holz gearbeitet, und von den Huͤften bis zum Fuß wie ein spitzzulaufender Pfeiler gestaltet, mit einem krummen Gartenmesser in der Hand, war Pria- pus der Huͤter der Gaͤrten und Weinberge. — Man brachte ihm Milch, Honig und Wein zum Opfer dar, damit er den Fruͤchten Gedeihen gebe, und die Diebe verjage. — Unbeschadet seiner Ver- ehrung aber verknuͤpfte man dennoch den Begriff von Haͤßlichkeit mit seiner Gestalt, welche zugleich dazu dienen mußte, — die Voͤgel zu ver- scheuchen. Komus . Mit einer gesenkten Fackel in der Hand, und mit herabgesunknem Haupte, schlaftrunken an eine Thuͤr sich lehnend, wurde Komus, der Vor- steher naͤchtlicher Schmaͤuse, frohen Lebensgenus- ses, muntrer Laune, heitrer Scherze, und gesel- liger Freuden, von den Alten gebildet, und sie hielten den Genius des frohen Lebensgenusses nicht fuͤr unwuͤrdig in der Reihe der Goͤttergestalten mit aufzutreten. Hymen . Ein schoͤner Juͤngling mit der hochzeitlichen Fackel in der Hand, war der Genius oder der Gott der Ehen. — Ihm zu Ehren wurden Lob- lieder bei jeder Vermaͤhlungsfeier gesungen; die Gegenwart dieser Gottheit kroͤnte den heiligen Bund, und weihte die Freuden des Hochzeit- mals. Orpheus . Wie ein vom Himmel gesandtes Wesen lehrte Orpheus zuerst die Sterblichen auf die harmoni- schen Toͤne lauschen, indem er das Lob der Gott- heit sang. — Er ist auf der hier beigefuͤgten Kup- fertafel nach einer antiken Gemme abgebildet, mit der Leyer in der Hand, die Thiere des Wal- des um ihn her versammlet; ein bedeutendes Sinnbild, wie er durch die Macht der Tonkunst die wilden Naturen zaͤhmte, und aus dem dum- pfen thierischen Schlummer das Geschlecht der Menschen weckte. — Auf eben dieser Tafel ist, nach einem antiken geschnittnen Steine, der weise Chiron, den jungen Achilles in der Tonkunst un- terrichtend, dargestellt. Chiron . Obgleich des Chiron, wegen seiner unmittel- baren Abstammung vom Saturnus, in der Reihe der alten Goͤttergestalten schon gedacht ist; so tritt er doch auch vorzuͤglich unter den Wesen mit auf, welche das Band zwischen Goͤttern und Menschen knuͤpfen. — Denn seiner Fuͤhrung und seinem goͤttlichen Unterricht dankten die Helden, welche selbst nachher die Zahl der Goͤtter vermehrten, in ihrer fruͤhesten Jugend ihre Bildung. Nichts ist ruͤhrender, als die Worte, womit er, nach einem Dichter des Alterthums, den jun- gen Achill entließ: O Sohn der Thetis, dich erwartet das Land des Assarakus, das der kalte Skamander, und der schlammigte Simois durchschneidet. — Von da haben dir die Parzen die Ruͤckkehr abgeschnit- ten, und auf dem blauen Ruͤcken des Meeres fuͤhrt deine Mutter dich nicht zuruͤck! — darum vergiß der Sorgen beim Wein und Saitenspiel, und ver- scheuche den Kummer durch suͤße Gespraͤche! Aeskulap . Auch der erste Anfang der Heilkunde wurde von den Alten als etwas Goͤttliches betrachtet. — Man dachte sich denjenigen, welcher zuerst diese Kunst im Leben uͤbte, und selbst ihr Opfer wurde, auch noch nach seinem Tode als ein wohlthaͤtiges, menschenfreundliches Wesen, zu dem die Kranken nicht unerhoͤrt um Huͤlfe flehen durften. Apollo erzeugte nehmlich den Aeskulap mit der Koronis, der Tochter eines Thessalischen Koͤnigs. Als Koronis mit dem Ischys einer heimlichen Liebe pflog, bestrafte Apollo ihre Untreue mit dem Tode; den Aeskulap aber, mit dem sie schwanger war, rettete er noch, da sie schon auf dem Schei- terhaufen lag. Nun wurde der Goͤttersohn in der Hoͤhle des weisen Chiron erzogen, der ihn in jeglicher Wis- senschaft, und vorzuͤglich in der Kraͤuterkunde unterwieß, welche Wissenschaft Aeskulap zu einer Wohlthaͤterin der Menschheit machte, indem er die Kraͤfte der Pflanzen erforschend, die mannich- faltigsten Heilmittel fuͤr die mannichfaltigen Krank- heiten des Koͤrpers daraus erfand. Er trieb diese Kunst so weit, daß die Dich- tung von ihm sagt, es sey ihm mehrere Male ge- lungen, den Todten selbst wieder Leben einzuhau- chen. — Daruͤber zuͤrnte die immerzerstoͤrende Macht, das immerverschlingende Grab, und die Gewalt des schrecklichen Pluto, die den Erwecker der Todten, als einen kuͤhnen und vermeßnen Frevler beim Donnerer verklagte. Dieser ließ den Aeskulap, so wie den Prometheus, fuͤr seine Wohlthat an den Menschen buͤßen — und schleu- derte seine Blitze auf das schuldlose Haupt. — Der die Schmerzen der Menschen linderte und ihre Krankheiten heilte, ward auf die Weise selbst ein Opfer seiner wohlthaͤtigen Kunst. — Nach seinem Tode wurden ihm Haine, Tem- pel und Altaͤre geweiht; — vorzuͤglich wurde er zu Epidaurus in Griechenland verehrt. — Sei- ne Soͤhne Machaon und Podalirius, waren im Trojanischen Kriege als Anfuͤhrer und Helden, und zugleich wegen ihrer großen Wissenschaft in der Heilkunde, beruͤhmt. Dem Aeskulap war die Schlange, als ein Bild der Genesung und Gesundheit, heilig; ver- muthlich in so fern man sich unter ihr ein sich selbst verjuͤngendes, und durch die Abstreifung der Haut sich gleichsam wieder erneuerndes Wesen dachte. Neben dem Aeskulap findet man zuweilen ei- nen kleinen Knaben abgebildet, mit einer Muͤtze auf dem Kopfe, und in einen Mantel ganz ein- gehuͤllt. Sein Nahme ist Telesphorus, und seine Kindergestalt, und sonderbare Umhuͤllung, scheinet auf irgend eine Weise auf den Zustand der Wiedergenesenden anzuspielen. — Auf der hier beigefuͤgten Kupfertafel sind Aeskulap und Hy- gea, beide nach antiken geschnittnen Steinen, im Umriß abgebildet. Hygea . Hygea, eine Tochter des Aeskulap, wurde sogar als die Goͤttin der Gesundheit selbst ver- ehrt. — Auch zu ihr gesellt sich die wohlthaͤtige heilbringende Schlange, und wird aus einer fla- chen Schale von ihr gespeist. — Die Erhaltung der Gesundheit ist ihr Geschaͤft; und sie bringt als eine milde Gabe diese Wohlthat von den Goͤttern zu den Sterblichen hernieder. — Die Lieblinge der Goͤtter. D ie Dichtungen von den Lieblingen der Goͤtter erhalten einen vorzuͤglichen Reitz durch eine Art von schwermuͤthigen truͤben Daͤmmerschein, der sie umhuͤllt. — Wenn Jugend und Schoͤnheit ein Raub des Todes wurden, so hieß es, irgend eine Gottheit habe ihren Liebling von der Erd’ ent- fuͤhrt. — Auf die Weise ward die Trauer mit Freude vermischt; und die Klage um den Todten gemildert. — Man findet daher auch diese Dich- tungen auf den Marmorsaͤrgen der Alten am haͤu- figsten dargestellt. Ganymed . Vom Ganymedes, einem Sohn des Tros und Urenkel des Dardanus, des ersten Stifters von Troja, sagt der Dichter: Er war der schoͤnste unter den sterblichen Menschen. — Die Goͤtter selbst entfuͤhrten ihn, seiner Schoͤnheit we- gen — damit er dem Jupiter den Becher reichte, und in der Gesellschaft der Unsterblichen waͤre. In der Gestalt des Adlers, welcher den Don- ner trug, entfuͤhrte Jupiter seinen Liebling, von dem Gipfel des Ida, und trug ihn sanft in den gekruͤmmten Klauen, schwebend, von der Erd’ empor. In diese schoͤne Dichtung huͤllte die troͤstende Phantasie den fruͤhen Verlust des Juͤnglings ein, dessen Jugend und Schoͤnheit man sich unmoͤglich als sterblich denken konnte, und daher sein Ver- schwinden, als eine Hinwegruͤckung von der Erde zum Sitz der unsterblichen Goͤtter sich erklaͤrte. In diese Sehnsucht nach dem Genuß eines hoͤhern Daseyns, loͤßt, nach der erhabnen Dar- stellung eines neuern Dichters, die schoͤne Fabel vom Ganymed sich auf: Ganymed . W ie im Morgenglanze Du rings mich angluͤhst, Fruͤhling, Geliebter! Mit tausendfacher Liebeswonne Sich an mein Herz draͤngt Deiner ewigen Waͤrme Heilig Gefuͤhl, Unendliche Schoͤne! Daß ich dich fassen moͤcht’ In diesen Arm! Ach, an deinem Busen Lieg’ ich, schmachte, Und deine Blumen, dein Gras Draͤngen sich an mein Herz. Du kuͤhlst den brennenden Durst meines Busens, Lieblicher Morgenwind, Ruft drein die Nachtigal Liebend nach mir aus dem Nebelthal. Ich komm’! Ich komm! Wohin? Ach, wohin? Hinauf! Hinauf strebt’s! Es schweben die Wolken Abwaͤrts, die Wolken Neigen sich der sehnenden Liebe. Mir! Mir! In euerm Schooße Aufwaͤrts! Umfangend umfangen! Aufwaͤrts an deinem Busen, Allliebender Vater! Goͤthe. An der Goͤttertafel den Nektar einzuschenken, war nun das Geschaͤft des Ganymedes. — Vor ihm verwaltete Hebe, die Tochter der Juno, die- ses Amt, bis sie durch einen Fehltritt desselben verlustig wurde, indem sie einst im Fallen, durch eine unanstaͤndige Stellung, die Grazie entweihte, welche bei diesem hohen Goͤtteramte jede Bewe- gung begleiten mußte. Atys . Auch Cybele, die ernsthafte Mutter der Goͤtter, waͤhlte sich den schoͤnen Knaben Atys zu ihrem Lieblinge. — Er verließ seine vaͤterlichen Fluren, und eilte in die phrygischen Waͤlder, um dem Dinste der strengen und keuschen Goͤttin sich ganz zu widmen. Als er aber einst ihres Verbots vergaß, der Liebe nie zu pflegen, und von den Reitzen der schoͤ- nen Nymphe Sangaris hingerissen, mit dieser der Liebe pflog; brach uͤber ihn und den Gegen- stand seiner Liebe der Zorn der Goͤttin aus. — Er selber bestrafte sich durch Entmannung fuͤr sein Vergehen, und mußte durch immerwiederkehrende Anfaͤlle von Raserei fuͤr seinen zu nahen Umgang mit der zu hoch erhabnen, geheimnißvollen Gott- heit buͤßen. Eine schoͤne Dichtung aus dem Alterthum stellt ihn dar, am Ufer des Meeres stehend, und eine kleine Weile seines Bewußtseyns maͤchtig, sehnsuchtsvoll nach dem entfernten Ufer hinuͤber- blickend, wo er im Schooße seiner Eltern, und mit seinen Gespielen, der Kindheit suͤßen Traum verlebte. Aber ihm naͤhett sich die Goͤttin auf ihrem mit Loͤwen bespannten Wagen, — und ploͤtzlich er- greift den Atys wieder rasende Wuth; er eilt des Berges waldigten Gipfel hinauf, um alle Tage seines Lebens in weibischer Wetchlichkeit der maͤchti- gen Goͤttin zu dienen. Tithonus . Dieser schoͤne Juͤngling war ein Sohn des trojanischen Koͤnigs Laomedon und Bruder des Priamus. — Die Dichtung huͤllte seinen Verlust in die Fabel ein, daß Aurora ihn einst bei seinen Heerden erblickt, und wegen seiner Schoͤnheit ihn entfuͤhrt habe. Sie erbat vom Jupiter fuͤr ihn die Unsterb- lichkeit, und ihre Bitte ward ihr gewaͤhrt. — Nun hieß es in der Dichtersprache, daß Aurora jeden Morgen aus dem Bette des Tithonus em- porstiege, um am Himmel zu glaͤnzen. Aurora erzeugte mit ihm den Mnemon, dessen schon ge- dacht ist, wie die metallne Seule, die nach sei- nem Tode ihm errichtet wurde, einen hellen Klang von sich gab, so oft die ersten Strahlen der auf- gehenden Sonne sie beschienen. Das Gluͤck des Tithonus aber, in Aurorens Arm zu ruhen, blieb dennoch unvollkommen. Aurora hatte aus der Acht gelassen, mit der Un- sterblichkeit zugleich die Befreiung vom Alter fuͤr ihn vom Jupiter zu erbitten. Und nun welkte ihr Liebling von Alter und Schwachheit aufgezehrt dahin, daß kaum noch die Stimme von ihm uͤbrig blieb, und er zuletzt selber die Goͤttin bat, sein Wesen aufzuloͤsen. — Kein Gluͤck, sagt daher ein Dichter des Alter- thums, kein Gluͤck ist durchaus vollkommen! — Den jungen Achilles rafte ein schneller Tod da- hin; — den Tithonus zehrte ein langsames Alter auf; — seine Unsterblichkeit selbst ward ihm zur Buͤrde. Anchises . Merkwuͤrdig ist die Anrede der Venus an ihren Liebling Anchises, dessen schon gedacht ist, daß er den Held Aeneas mit ihr erzeugte. — Sie spricht zu ihm, da sie als Goͤttin sich ihm zu er- kennen giebt: sey ohne Furcht! du wirst nichts Schlimmes wegen meiner Liebe erdulden. — Ich werde nicht, wie Aurora fuͤr ihren Tithonus, die Unsterblichkeit fuͤr dich erbitten; sondern dich wird das schnelle Alter, so wie die andern Sterb- lichen uͤberschleichen. — Die Nymphen des Wal- des aber sollen den Sohn, den ich gebaͤhre, erzie- hen. — Wenn er mannbar ist, sollst du an sei- ner goͤttergleichen Gestalt dich weiden. Und wenn dich jemand fraͤgt, wer diesen Sohn geboh- ren, so sollst du sagen: eine der Nymphen, die diese Berge bewohnen; — ruͤhmst du dich aber thoͤricht, daß du in Cytherens Arm geruht, so wird dich Jupiters Blitz zerschmettern! Dieß praͤge tief dir ein, und fuͤrchte den Zorn der Goͤtter! Adonis . Die Liebe der Venus zu dem schoͤnen Juͤng- ling Adonis ging bald in die Klage um seinen Tod hinuͤber. — Adonis war ein Sohn der Myrrha, der Tochter des Cinyras, mit dem sie im naͤchtlichen Dunkel, ihm selber unbewußt, eine Zeitlang blutschaͤndrischer Liebe pflog, bis einst zu- faͤllig die graͤßliche Scene erleuchtet wurde, und der Vater unter tausend Verwuͤnschungen und Fluͤchen, mit dem toͤdtenden Eisen seine Tochter verfolgte, die bis nach Arabien flohe, wo sie ihr Vergehen bereuend, so lange Thraͤnen weinte, bis sie zuletzt in eine Myrrhe verwandelt, das Bewußtseyn von ihrer That verlohr. Noch waͤhrend ihrer Verwandlung ward Ado- nis von ihr gebohren, den die Nymphen des Wal- des erzogen, und welchen Venus, da er ein Juͤng- ling war, vor allen zu ihrem Lieblinge waͤhlte, und weil sie keinen Augenblick ihn verlassen wollte, sogar einen Theil ihrer Sanftheit ablegte, und auf der Jagd der Hirsche und Rehe ihn begleitete. So oft er aber allein die Spur der reißenden und gefaͤhrlichen Thiere verfolgte, warnete sie ihn jedesmal, wenn er von ihr ging, sein ihr so theu- res Leben nicht in Gefahr zu setzen. — Allein bei dem jungen Adonis uͤberwand sein kuͤhner Muth die Zaͤrtlichkeit, — er folgte der Warnung der Goͤttin nicht. Schon schwebte sein schwarzes Verhaͤngniß uͤber ihm; — er stieß auf einen ergrimmten Eber; — schoß vergebens seinen Jagdspieß ab; — schon senkte des Ebers weißer Zahn sich in des Juͤnglings Huͤfte. — Haͤufiges Blut ent- stroͤmte der Wunde, und Venus, welche schon mit Angst und Zagen ahndungsvoll ihren Liebling suchte, fand ihn erblaßt in seinem Blute liegend. Vergebens suchte sie ihn ins Leben zuruͤckzu- rufen, und klagte zuͤrnend das Schicksal an. — Allmaͤlig verwandelte ihre Verzweiflung sich in sanftre Traurigkeit; — sie ließ aus ihres Lieblings Asche die Anemone entsprießen, und gab ihm dadurch eine Art von Unsterblichkeit. — Dem Adonis wurde ein Fest gefeiert, wo die Weiber seinen Tod beklagten, und indem sie Koͤrbe mit Blumen ins Wasser stuͤrzten, des Le- bens kurze Bluͤthe beweinten. — Es scheint, als ob die Klage um den Adonis, welche im Orient allgemein war, sich auf noch eine weit aͤltere Dich- tung gruͤnde, die in diese Einkleidung der neuern griechischen Fabel sich gehuͤllt hat. Y Hyacinthus . Ein Liebling des Apollo war der schoͤne Hya- cinthus, ein Sohn des Oebalus, eines Lacede- monischen Fuͤrsten. — Apollo und sein Liebling wetteiferten einst im Scheibenwerfen; — aus der Hand des Gottes flog die Wurfscheibe, — und Boreas auf den Apollo eifersuͤchtig, lenkte sie in der Luft, und trieb sie an des Juͤnglings Haupt, welcher todt darniedersank. — Apollo ließ aus seines Lieblings Asche die Hyacinthe her- vorgehen; und die Lacedaͤmonier feierten jaͤhrlich ein Fest bei dem Grabe des schoͤnen Juͤnglings, der in des Lebens Bluͤthe ein Raub des Todes ward. Cyparissus . Auch diesem Liebling des Apollo war nur ein kurzes Alter bestimmt. — Der schoͤne Knabe besaß einen zahmen Hirsch, der ihm vorzuͤglich lieb war, und von seiner Kindheit an ihm Freude machte. — Diesen erschoß er unversehens im Dunkel des Waldes; und sein zu weiches Herz ließ ihn diese That so sehr bereuen, daß er unauf- hoͤrlich traurend die einsamsten Schatten suchte, und sich in Kurzem zu Tode haͤrmte. — Als er gestorben war, so ließ Apollo aus seinem Grabe die dunkle Cypresse emporsteigen, die den Nahmen des Entschlummerten verewigte, und immer ein Sinnbild der Trauer blieb. — Man siehet aus die- ser, so wie aus den vorhergehenden Dichtungen, was Jugend und Schoͤnheit, vom Tode dahinge- rast, auf jene sanften Gemuͤther fuͤr einen unaus- loͤschlichen Eindruck machten. Leukothoe . Ohngeachtet Apollo selber der Gott der Ju- gend und Schoͤnheit war, so war er doch selten in der Liebe gluͤcklich. — Leukothoe, des Orcha- mus Tochter, pflog mit dem Apollo einer ver- stohlnen Liebe. — Klytie, eine andre Geliebte des Apollo hieruͤber eifersuͤchtig, verrieth dem strengen Orchamus das Liebesverstaͤndniß seiner Tochter. Dieser vergrub sie lebendig in die Erde, und Apollo, der sie nicht retten konnte, ließ zum bleibenden Andenken ihrer Zaͤrtlichkeit und ihres Schicksals, die Weihrauchstaude aus ihrem Grabe emporwachsen. Klytie hatte nun durch ihren Verrath des Gottes Liebe auf immer verscherzt; — untroͤstlich daruͤber kehrte sie neun Tage lang, ohne Speise und Trank zu nehmen, ihr Antlitz nach der Sonne, dem glaͤnzenden Urbilde des Gottes mit dem silbernen Bogen. — Zuletzt ward sie, von Gram und Kummer aufgezehrt, in eine Blume Y 2 verwandelt, in welcher Gestalt sie immer noch wie ehmals, sich nach der Sonne wendet. Auch Daphne entschluͤpfte der Umarmung des Apollo. — Als sie von ihm verfolgt nicht weiter fliehen konnte, flehte sie ihren Vater, den Flußgott Peneus um Rettung an, und dieser verwandelte sie in einen Lorbeerbaum, der nach- her dem Apollo bestaͤndig heilig war, und mit dessen Zweigen er seine Schlaͤfe umkraͤnzte. — So taͤuschen den Gott der Dichter in diesen Fa- beln seine Wuͤnsche. — Lorbeer, der sein Haar umkraͤnzt, Weihrauch, der ihm duftet, sind sein Ersatz fuͤr den Genuß versagter Liebe. Endymion . Unter allen Lieblingen der Goͤtter hat die Dichtung den schoͤnen Jaͤger Endymion des groͤß- ten Vorzugs gewuͤrdigt, weil Diana, die strenge Goͤttin der Keuschheit selber, von seinen Reitzen gefesselt, die Macht der Liebe empfindet. — Auf dem einsamen Gebirge Latmus in Ka- rien war Endymions Aufenthalt. — Er jagte beim naͤchtlichen Schein des Mondes in den Waͤl- dern, bis er ermuͤdet entschlummerte. — Schlum- mernd erblickte ihn einst Diana, als sie mit ihrer Fackel die Nacht erleuchtend am Himmel auf- stieg, — alles war einsam und still; — sie hielt die Rosse vor ihrem Wagen an, und senkte sich langsam aus der Hoͤhe bis zu der Lippe des Schlummrers nieder, die sie zum erstenmal mit heißer Liebe kuͤßte. Oft senkte sie nun nachher den Schlummer auf Endymions Augenlieder, der schlafend des Gluͤcks genoß, das Goͤttern und Menschen noch nie zu Theil ward. — Unter dem schoͤnen Sinnbilde vom schlum- mernden Endymion ließ ein zartes Gefuͤhl die Al- ten den Tod darstellen; und man sieht auf ihren Marmorsaͤrgen, welche die Asche fruͤh verbluͤhter Juͤnglinge umschlossen, den gluͤcklichen Schlaͤfer abgebildet, wie Diana auf ihrem Wagen zu sei- nen Kuß sich herniedersenkt. Acis . Den schoͤnen Schaͤfer Acis in Sicilien liebte Galatea, eine der Nereiden. — Vergebens warb der ungeheure Polyphem um ihre Gunst. — Als er aber einst am Fuß des Aetna die Nymphe den schoͤnen Acis umarmend erblickte, riß er voll wuͤthender Eifersucht einen Felsen los, und schleu- derte ihn, die Liebenden zu zerschmettern. — Die Nymphe entfloh ins Meer, den Acis traf der Stein, und ploͤtzlich loͤßte sein Wesen in einen Bach sich auf, der nachher seinen Nahmen fuͤhrte. Peleus . Einer der gluͤcklichsten Sterblichen war Pe- leus, der Sohn des gerechtesten Fuͤrsten, der Vater des tapfersten Helden, und der Gemahl einer Goͤttin, die vom Jupiter selbst geliebt war. — Eben die Thetis, des Nereus Tochter, vor deren Umarmung Prometheus den Jupiter warn- te, war es, welche mit dem Peleus, des Aeakus Sohn, obgleich sich eine Zeitlang straͤubend, auf aller Goͤtter Zureden sich vermaͤhlte, und von dem Peleus den Achill gebahr, der maͤchtiger als sein Vater, den glaͤnzendsten Heldenruhm er- warb. Bei der Hochzeit des Peleus waren alle Goͤt- ter versammlet, nur war Eris, die Goͤttin der Zwietracht ausgeschlossen. — Und diese warf in das glaͤnzende Gemach den goldnen Apfel mit der ungluͤckbringenden Inschrift, die ihn der Schoͤn- sten unter den Goͤttinnen weihte. — Diese glaͤnzende Hochzeitfeier enthielt den er- sten Keim zu dem verderblichen Kriege, der Troja verwuͤstete, und Griechenland seiner tapfern Soͤhne beraubte. — Auch des Peleus Gluͤck war nicht von Dauer; — ihn uͤberschlich das druͤckende Al- ter; — er uͤberlebte seinen tapfern Sohn. — Vom Gram gebeugt, und kummervoll beschloß er seine Tage. Von den Lieblingen der Goͤtter ist auf der hier beigefuͤgten Kupfertafel, nach einem antiken ge- schnittnen Steine Ganymedes dargestellt, wie Jupiter in der Gestalt des Adlers ihn entfuͤhrt. — Auch ist auf eben dieser Tafel, nach einer andern antiken Gemme, der Sturz des Phaeton abge- bildet. Die tragischen Dichtungen. D aß die Alten uͤberhaupt in ihren Dichtungen das Tragische liebten, siehet man aus der ganzen Folge ihrer Goͤtter, und Heldengeschichte. — Das ungleiche Verhaͤltniß der Menschen zu den Goͤttern, welches schon von ihrer Entste- hung an sich offenbarte, ist fast in jeder Dichtung auf irgend eine Weise in ein auffallendes Licht ge- stellt. — Die Goͤtter erhoͤhen und stuͤrzen nach Gefal- len. — Jeder Versuch eines Sterblichen mit ihrer Macht und Hoheit sich zu messen, wird auf das schrecklichste geahndet. — Ihr zu naher Umgang bringt oft ihren Lieblingen selbst den Tod. — Ihre wohlthaͤtige Macht wird von der furchtbaren uͤber- wogen. — Allein es gab ein Fatum, das uͤber Goͤtter und Menschen herrschte. — Durch dieß Fatum fuͤhlten die Sterblichen sich den Goͤttern gleich ge- setzt, wenn in den hohen tragischen Dichtungen gegen den Druck der Obermacht die langverhaltne Erbittrung endlich ausbrach. Folgender Gesang eines neuern Dichters hallt jene furchtbaren Toͤne wieder, und reißt den Horcher an die tragische Schaubuͤhne der Alten hin: Es fuͤrchte die Goͤtter Das Menschengeschlecht! Sie halten die Herrschaft In ewigen Haͤnden, Und koͤnnen sie brauchen, Wie’s ihnen gefaͤllt. Der fuͤrchte sie doppelt, Den je sie erheben! Auf Klippen und Wolken Sind Stuͤhle bereitet Um goldene Tische. Erhebet ein Zwist sich: So stuͤrzen die Gaͤste, Geschmaͤht und geschaͤndet, In naͤchtliche Tiefen, Und harren vergebens, Im Finstern gebunden, Gerechten Gerichtes. Sie aber, sie bleiben In ewigen Festen An goldenen Tischen. Sie schreiten von Bergen Zu Bergen hinuͤber; Aus Schluͤnden der Tiefe Dampft ihnen der Athem Erstickter Titanen, Gleich Opfergeruͤchen, Ein leichtes Gewoͤlke. Es wenden die Herrscher Ihr segnendes Auge Von ganzen Geschlechtern, Und meiden, im Enkel Die eh’mals geliebten, Still redenden Zuͤge Des Ahnherrn zu sehn. Goͤthens Iphigenie Theben . Vorzuͤglich war Theben in Griechenland des Schauplatz der tragischen Begebenheiten, welche auf der Buͤhne dargestellt, die schmerzlichsuͤße Theilnehmung an dem Jammer der Vorwelt in jedem Busen weckten, und ein ganzes mitempfin- dendes Volk zur hoͤhern Bildung veredelten. Kadmus . Agenor, dessen Tochter Europa vom Ju- piter entfuͤhrt ward, war auch der Vater des Kadmus, dem er befahl, die entfuͤhrte Tochter in allen Laͤndern aufzusuchen, und ohne sie vor ihm nicht wieder zu erscheinen. — So raͤchte die zuͤrnen de Eifersucht der Juno sich an Agenors Hause. Wie ein Fluͤcht- ling mußte Kadmus umherirren, und durfte, da er seine Schwester nirgends fand, in seine vaͤter- liche Heimath nicht wiederkehren, sondern mußte im fremden Lande sich einen Wohnsitz suchen. Er kam nach Boͤotien in Griechenland, und waͤhlte es, einem Orakelspruch zu Folge, zu sei- nem Aufenthalt. Als er nun seine Gefaͤhrten, um Wasser zu einem Opfer zu schoͤpfen, in ein dem Mars geweihtes Gehoͤlze schickte, wurden sie von einem ungeheuren Drachen, dem Huͤter dieses heiligen Hains, getoͤdtet. Kadmus erlegte dieß Ungeheuer, und mußte, auf den Befehl der Minerva, die Zaͤhne des Dra- chen in die Erde saͤen. — Aus dieser Saat keim- ten geharnischte Maͤnner auf, die sogleich ihre Schwerdter gegeneinander zuͤckten, und sich ein- ander erschlugen, bis auf fuͤnf, die dem Kadmus Theben erbauen halfen. Diese Dichtung von den Kriegern, die aus der Saat der Drachenzaͤhne entsprossen, sich selbst einander aufreiben, ist schon ein dunkles Vorbild von alle dem Jammer und der Zwietracht, welche die Nachkommen des Kadmus einst ihre Schwerd- ter gegen sich selber kehren, und sie in ihr Einge- weide wuͤthen laͤßt. Kadmus, der Stifter von Theben, vermaͤhlte sich nun mit der Harmonia, einer Tochter des Mars und der Venus, und bildete das Volk, das er um sich her versammelte, und dem er zuerst die Schriftzeichen mittheilte, die er aus Phoͤni- zien mit sich hieher gebracht. Er lebte mit der Harmonia bis in sein spaͤtestes Alter. — Um diesem Paar eine Art von Unsterblichkeit zu geben, sagt die Dichtung, daß beide zuletzt in Schlangen verwandelt wurden. Die Kinder des Kadmus, welche er mit der Harmonia oder Hermione erzeugte, waren Ino, Agave, Autonoe, Semele, und ein Sohn Nahmens Polydorus. — Semele, die Mutter des Bachus, deren schon oͤfter gedacht ist, kam in Flammen um, weil sie auf Anstiften der Juno, den thoͤrichten unwiderruflichen Wunsch gethan hatte, ihren Liebhaber, den Donnergott, in seiner ganzen Majestaͤt zu sehen. Agave vermaͤhlte sich mit dem Echion, ei- nem der uͤbriggebliebnen von denen, die aus der Saat der Drachenzaͤhne entsprossen waren, wel- cher den Pentheus mit ihr erzeugte. — Dieser Pentheus, welcher sich spottend der Verehrung des Bachus widersetzte, und dessen Priesterinnen verfolgte, wurde, wie schon gedacht ist, von seiner eignen Mutter und den uͤbrigen Bachantinnen, die ihn fuͤr ein reißendes Thier ansahen, zerfleischt. Die Ino verfolgte der Zorn der Juno, weil sie den jungen Bachus saͤugte. — Sie war mit dem Athamas vermaͤhlt. — Diesen ergriff eine rasende Wuth, in welcher er ihren ersten Sohn Learchus an einem Felsen zerschmetterte; und da sie mit ihrem juͤngsten Sohn Melicertes vor ihm flohe, bis an eine Felsenspitze am Meere sie verfolgte. Hier stuͤrzte Ino sich mit ihrem Sohn herab, und ward sammt ihm von den Wellen emporgetra- gen. — Beide wurden unter die Meergoͤtter auf- genommen, — und Ino ward unter dem Nah- men Leukothea verehrt. Autonoe, die vierte Tochter des Kadmus, vermaͤhlte sich mit dem Aristaͤus, der den Aktaͤon mit ihr erzeugte, dessen schon gedacht ist, wie ihn seine eignen Hunde zerrissen, als Diana, die er im Bade erblickte, um seinen Frevel zu strafen, ihn in einen Hirsch verwandelt hatte. Dieß sind die Schicksale der Toͤchter des Kad- mus, welche ein feindseliges Verhaͤngniß und den Haß der Juno, der auf ihres Vaters Hause ruhte, mehr oder weniger tragen mußten. Kadmus selber begab sich in seinem Alter nach Illyrien, wo, nach der Fabel, seine Verwand- lung vorging. — Die Herrschaft uͤber Theben uͤberließ er seinem Sohn, dem Polydor, welcher den Labdakus erzeugte, der ihm wieder in der Regierung folgte. Labdakus vermaͤhlte sich mit der Nykteis, einer Tochter des Nykteus, und erzeugte mit ihr den Lajus, der noch minderjaͤhrig war, als sein Vater starb, und an dessen Stelle Lykus, ein Bruder des Nykteus, uͤber Theben herrschte. Antiope, eine Tochter des Nykteus, ward vom Jupiter geliebt, von ihrem Vater aber ver- stoßen; sie rettete sich zum Epopeus, dem Koͤnige von Sicyon, der sich mit ihr vermaͤhlte. Lykus aber, der dem sterbenden Nykteus versprochen hatte, ihn an seiner Tochter zu raͤchen, erschlug den Epopeus, und fuͤhrte die Antiope gefangen nach Theben, wo er sie seiner Gemahlin Dirce uͤbergab, von der sie auf das grausamste mißhan- delt wurde. Antiope hatte vom Jupiter den Amphion und Zethus gebohren, die heimlich erzogen wurden. — Sobald sie ein Mittel fand, zu entrinnen, eilte sie zu ihren Soͤhnen, und for- derte sie auf, die Schmach ihrer Mutter zu raͤ- chen. — Amphion und Zethus drangen in The- ben ein, erschlugen den Lykus, verjagten den La- jus, und banden die Dirce, welche ihre Mutter so grausam mißhandelt hatte, an die Hoͤrner eines wilden Stiers, von dem sie zerrissen ward. Amphion erbaute nun die Mauern von The- ben, und schloß die Stadt mit sieben Thoren ein. — Die Ueberredungskunst, womit Amphion zu diesem Werke die rohen Einwohner zu ermun- tern wußte, huͤllt die Dichtung in die schoͤne Fabel ein, daß er durch die Toͤne seiner Leyer die Stei- ne selbst bewegt habe, sich zusammenzufuͤgen, und zu Mauern und Thuͤrmen sich zu bilden. Nach dem Tode des Amphion und Zethus riefen die Thebaner den verjagten Lajus, des Lab- dakus Sohn zuruͤck, und gaben ihm die Herrschaft wieder, worauf er mit der Jokaste, der Schwester des Kreon, eines Thebanischen Fuͤrsten, sich ver- maͤhlte. Oedipus . Dem Lajus war geweißagt worden, daß sein Sohn ihn erschlagen wuͤrde. — Als ihm daher Jokaste den Oedipus gebahr, so ließ er ihn in einer wuͤsten Gegend aussetzen. Der vertraute Bediente, der dieß Geschaͤft verrichtete, band das Kind mit den Fuͤßen an einen Baum. In diesem Zustande fand es Phorbas, der Aufseher der Heerden des Koͤnigs Polybius, der Korinth beherrschte. Dieser nahm das Kind, als es ihm Phorbas brachte, selbst an Kindes statt an, und man gab ihm von seinen geschwollnen Fuͤßen, den Nahmen Oedipus. Die Pflegeaͤltern des Oedipus verhehlten sorg- faͤltig vor ihm die Ungewißheit seiner Abkunft, so daß er von Kindheit an, sie fuͤr seine wahren El- tern hielt, bis in seinen Juͤnglingsjahren einige beunruhigende Zweifel ihn bewogen, das Orakel des Apollo um Rath zu fragen. Das Orakel beruͤhrte den eigentlichen Punkt seiner Abkunft nicht, sondern warnte ihn nur, vor der Ruͤckkehr in sein Vaterland, weil er daselbst seinen Vater toͤdten, und seine eigne Mutter zum Weibe nehmen wuͤrde. — Oedipus suchte seinem Schicksal zu entgehen, indem er sich freiwillig von Korinth verbannte, das er noch immer fuͤr sein Vaterland hielt. — In dieser Ruͤcksicht begab er sich auf den Weg nach Theben, und ging unwissend seinem Schicksal ent- gegen. Denn schon auf der Reise stieß er in einem engen Wege auf den Lajus, dem er nicht auswei- chen wollte, und daruͤber mit ihm und seinem Ge- folge in einen Streit gerieth, wovon das Ende war, daß Oedipus unwissend seinen eignen Vater erschlug, und auf die Weise ein Theil des Orakels in Erfuͤllung ging. Als Oedipus nach Theben kam, fand er die Sphinx, ein von der Echidna gebohrnes, und von der Juno gesandtes gefluͤgeltes Ungeheuer in Loͤwengestalt und mit jungfraͤulichem Antlitz, die Einwohner aͤngstigend. Auf einem Felsen nicht weit von Theben saß die Sphinx, und gab den Vorbeigehenden ein Raͤthsel auf: was fuͤr ein Thier am Morgen auf vier, am Tage auf zwei, am Abend auf drei Fuͤßen gehe? Wer dieß Raͤthsel nicht errieth, den stuͤrzte sie von dem Felsen herab. Oedipus kam und deutete das Raͤthsel: der Mensch als Kind am fruͤhesten Morgen seines Le- bens, waͤlze sich auf Haͤnden und Fuͤßen fort; am langen Tage des Lebens, wo noch die Kraft in seinen Gliedern wohnt, wandle er aufrecht auf zwei Fuͤßen; am Abend, wenn das Alter ihn uͤberschleicht, gehe er gebuͤckt am Stabe, und setze auf die Weise den dritten Fuß sich an. Nun toͤdtete Oedipus die Sphinx, oder, nach einer andern bedeutendern Sage, stuͤrzte sie sich vom Felsen herab, sobald er das Raͤthsel errathen hatte. — Da nun Lajus todt war, ohne daß man sei- nen Moͤrder wußte; so hatte man demjenigen, der das Raͤthsel der Sphinx aufloͤsen, und von diesem Ungeheuer das Land befreien wuͤrde, ver- heißen, daß die Koͤnigin sich mit ihm vermaͤhlen, und ihm die Herrschaft uͤber Theben zum Braut- schatz bringen solle. Dem Oedipus ward nun dieß von vielen Tau- senden beneidete anscheinende Gluͤck zu Theil, wo- mit der schreckliche Orakelspruch ganz und ohne Schonung in Erfuͤllung ging; indem er sich mit Jokasten, der Koͤnigin, vermaͤhlte, nahm er Z unwissend seine eigne Mutter zum Weibe, nachdem er seinen Vater erschlagen hatte. Eine Weile Lebensgenuß verstattete ihm noch sein feindseliges Geschick, indem es vor alle diese Graͤuel einen Vorhang zog. Oedipus erzeugte mit der Jokaste zwei Soͤhne, Eteokles und Polynices; und zwei Toͤchter Antigone und Ismene — eben so unwissend uͤber sein eignes Schicksal, als uͤber das kuͤnftige Schicksal seiner Kinder. Die Tage dieser gluͤcklichen Unwissenheit soll- ten nicht lange mehr dauern. Ueber Theben kam eine verwuͤstende Pest. Oedipus selber that den Vorschlag, das Orakel zu befragen, ob etwa irgend ein einzelner Mann den Zorn der Goͤtter auf sich geladen? und ob das ganze Land vielleicht die Schuld eines Einzelnen buͤßen muͤsse? — Man folgte seinem Rath, und der furchtbare Ausspruch traf ihn selber. — Er ruhte nicht nachzuforschen, bis er die Wahrheit ans Licht bringen, oder die Verlaͤumdung zu Schanden ma- chen wuͤrde; und mit jeder Nachforschung entwi- ckelte sich immer klaͤrer die graͤßliche Geschichte. Als endlich nun kein Zweifel mehr uͤbrig war, und Oedipus mit schrecklicher Gewißheit, der Blutschande und des Vatermords sich schuldig fand, so vermochte er nicht laͤnger des Tages Glanz zu tragen, und blendete sich selber. — Die un- gluͤckliche Jokaste gab sich mit dem Strange den Tod. — Und Oedipus irrte, des Augenlichts be- raubt, von seiner Tochter Antigone gefuͤhrt, beladen mit dem Haß der Goͤtter, bis an seinen Tod im fremden Land’ umher. Dem Oedipus folgten in der Regierung seine beiden Soͤhne, Eteokles und Polynices, der- gestalt, daß beide abwechselnd, ein Jahr um das andre, die Herrschaft fuͤhren sollten. — Aber auch diese traf das feindselige Verhaͤngniß, das auf Theben und den Nachkommen des Kadmus ruhte. Eteokles und Polynices . Diese beiden wurden ein Opfer ihres Zwistes, der aus Neid und Herrschsucht sich entspann. — Eteokles trat die Regierung an. — Das erste Jahr verfloß, — und Eteokles, der einmal im Besitz war, weigerte sich, dem Polynices auf das andre Jahr die Herrschaft abzutreten. — Polynices ging aus Theben und begab sich zum Adrastus, der uͤber Argos herrschte. Die- ser nahm ihn guͤtig auf, versprach ihm seinen Bei- stand, und vermaͤhlte ihm seine Tochter. — Auch Tydeus, des Oeneus Sohn, und Bruder des Meleager, begab sich um eben diese Zeit zum Koͤnige Adrastus, weil er aus Kalydon fluͤchten mußte, und diesem vermaͤhlte Adrastus seine andre Tochter. Z 2 Um nun dem Polynices seinen Antheil an der Herrschaft uͤber Theben wieder zu verschaffen, schickte Adrastus erst den Tydeus zum Eteokles, um Unterhandlung mit ihm zu pflegen. Da aber die- ser, noch ehe er nach Theben kam, von einem Hin- terhalt, den Eteokles ihm gelegt, verraͤthrisch uͤber- fallen wurde, und nachdem er mit Muͤhe sich geret- tet hatte, mit der Nachricht von dieser Verraͤtherei nach Argos zuruͤckkehrte; so ruͤstete Adrastus sich schleunig zum Kriege gegen den Eteokles. Der Thebanische Krieg . Zu der Unternehmung gegen Theben vereinigte sich Adrastus mit seinen beiden Tochtermaͤnnern, dem Tydeus, und dem Polynices, um dessent- willen er den Krieg anhub. — Zu ihnen gesellte sich der tapfre Kapaneus aus Messene; Hippo- medon, ein Sohn der Schwester des Adrastus; und Parthenopaͤus, ein schoͤner und tapfrer Juͤngling aus Arkadien, dessen Mutter Atalanta war. Mit der Eriphyle, einer Schwester des Adrastus, war Amphiaraus vermaͤhlt, den man an diesem Zuge Theil zu nehmen lange vergebens zu uͤberreden sich bemuͤhte, weil sein Geist in die Zu- kunft blickte, und nicht nur das Ungluͤck, das die Belagrer von Theben treffen wuͤrde, voraussahe, sondern auch sicher wußte, daß in diesem Kriege ihm sein Tod bevorstand. Er verbarg daher den Ort seines Aufenthalts vor dem Adrast und Polynices, bis seine eigne Gemahlin Eriphyle, durch ein kostbares Halsge- schmeide, das ihr Polynices schenkte, gewonnen, den Ort seines Aufenthalts entdeckte, und Am- phiaraus nun wider Willen an diesem Kriege Theil zu nehmen, genoͤthigt wurde. Nun waren also der Anfuͤhrer sieben: Adrastus; Polynices; Tydeus; Amphiaraus; Kapaneus; Parthenopaͤus; Hippomedon. Allein schon unterwegens auf ihrem Zuge, ereignete sich ein tragischer Zufall. — Hypsipyle, deren in der Geschichte der Argonauten schon ge- dacht ist, hatte nach der Abreise des Jason, von dem sie einen Sohn gebahr, vor den uͤbrigen Wei- bern aus Lemnos fluͤchten muͤssen, weil sie ihrem Vater Thoas das Leben gerettet. — Sie ward am Ufer des Meers, wohin sie sich zu retten suchte, von Seeraͤubern gefangen, die sie dem Lykurgus verkauften, welcher sie zur Saͤugamme seines Soh- nes Archemorus machte. Da nun das vereinte Heer durch das Gebiet des Lykurgus zog; so fanden sie des Thoas koͤnig- liche Tochter allein in einem Gehoͤlze, dem Kna- ben Archemorus die Brust darreichend. — Sie eilte, den vor Durst verschmachtenden Griechen, die sie um Beistand flehten, eine Quelle zu zeigen, und ließ den Knaben Archemorus allein im Grase liegen. Als nun Hypsipyle an den Ort, wo sie ihren Saͤugling ließ, zuruͤckkehrte, hatte diesen waͤhrend der Zeit eine Schlange getoͤdtet. Die Griechen, uͤber diese Begebenheit bestuͤrzt und niedergeschla- gen, hielten dem Kinde ein praͤchtiges Leichenbe- gaͤngniß, und stifteten ihm zu Ehren Spiele, wel- che nachher zu bestimmten Zeiten wiederhohle wurden. Nach dieser vollbrachten Todtenfeier, setzte das Kriegsheer seinen Zug fort, und kam vor Theben an. Die sieben Heerfuͤhrer theilten sich, um die sieben Thore von Theben mit ihren Haufen zu besetzen, und durch eine Belagrung die Stadt zu zwingen. Eteokles stellte einem jeden der Anfuͤhrer in dem Heere des Adrastus seinen Mann entgegen. Dem Tydeus den Menalippus; dem Kapaneus den Polyphontes; dem Hippomedon den Hy- perbius; dem Parthenopaͤus den Aktor; dem Amphiaraus den Lasthenes; er selber stellte sich gegen den Polynices, seinen Bruder. Und nun begann, indem die Belagerten einen Ausfall thaten, das fuͤr Sieger und Besiegte gleich ungluͤckseelige Treffen. Hippomedon und Parthenopaͤus fielen; Kapaneus, der die Mauer erstieg, wurde vom Blitz getoͤdtet; Tydeus vom Menalippus erschla- gen; und Eteokles und Polynices kamen beide im Zweikampf um; den Amphiaraus verschlang die Erde; nur Adrastus entfloh auf seinem schnel- len Roß Arion, dessen schon bei den Erzeugungen des Neptun gedacht ist. Die Regentschaft in Theben fiel dem Kreon, dem Bruder der Jokaste zu. — Dieser befahl, den Leichnam des Eteokles mit allen Ehrenbezeu- gungen zu begraben. — Den Koͤrper des Poly- nices aber verbot er, bei Todesstrafe, mit Erde zu bedecken, und ließ ihn, so wie die uͤbrigen Leichname der Gebliebnen von Adrastus Heer, unter freiem Himmel, den Voͤgeln zum Raube liegen. Antigone, des Oedipus Tochter, und Schwe- ster des Polynices achtete Kreons Verbot, und die Gefahr des Todes nicht, sondern stahl sich bei ei- ner mondhellen Nacht vor die Stadt hinaus, wo ihre Haͤnde ihres Bruders Leichnam mit Sand bedeckten. — Als sie fuͤr diese That lebendig ein Raub des Grabes werden sollte, kam sie dem Ur- theil schnell zuvor, und gab mit dem Strange sich selbst den Tod. Haͤmon, Kreons Sohn, welcher sie zaͤrtlich liebte, stieß verzweiflungsvoll sein Schwerdt sich in die Brust, da er Antigonen, als ein Opfer von seines Vaters Grausamkeit, in ihrem Kerker todt fand. Haͤmons Mutter uͤberlebte den Verlust ihres Sohnes nicht; und verwaißt stand nun Kreon da, und klagte verzweiflungsvoll sich selber und sein Verhaͤngniß an. Adrastus hatte indeß den Theseus um Bei- stand angefleht, und dieser kam vor Theben, schlug die Thebaner, und zwang sie, die Leichname der Ge- bliebnen von des Adrastus Heere zum Begraͤbniß auszuliefern. Alle die Ungluͤcksfaͤlle, womit dieser Krieg begleitet war, hatten dennoch nicht die Erbittrung ausgeloͤscht, welche zehn Jahre nachher bei den Soͤhnen der Erschlagnen zu einem zweiten Kriege ausbrach, der, weil ihn die Nachkommen der vorigen Feldherren fuͤhrten, der Krieg der Epi- gonen hieß. Ein Sohn des Eteokles war Laodamas, der nach dem Kreon uͤber Theben herrschte. — Ther- sander, des Polynices Sohn, unterstuͤtzt von den Soͤhnen der erschlagnen Feldherren, und dem Aegialeus, des Adrastus Sohn, ruͤckte aufs neue vor Theben, besiegte den Laodamas und bemaͤchtigte sich nun der Herrschaft wieder, die seinem Vater Polynices unrechtmaͤßig entrissen war. — Laoda- mas aber entflohe nach Illyrien, dem alten Zu- fluchtsorte des Kadmus, als er Theben verließ. In diesem Kriege blieb von den Anfuͤhrern nur Aegialeus, dessen Vater Adrastus in dem ersten Thebanischen Kriege nur allein sich rettete, da alle uͤbrigen Feldherren fielen. Nach einem antiken geschnittnen Stein aus der Stoschischen Sammlung, einem der seltensten und schaͤtzbarsten Denkmaͤler aus dem ganzen Alter- thum, befindet sich auf der hier beigefuͤgten Kup- fertafel eine Abbildung der Helden, welche in dem ersten Thebanischen Kriege, vom Adrastus ange- fuͤhrt, Theben belagerten. Von den sieben Helden sind nur fuͤnfe darge- stellt, deren Namen auf dem alten Denkmale selbst mit eingegraben sind, wo sowohl die Schrift als die Zeichnung der Figuren das hohe Alterthum des Werks beweißt. — Die Helden sind: Adrastus; Tydeus; Polynices; Amphiaraus; Parthenopaͤus. Sie scheinen nach einem erlittnen Verlust aufs neue sich zu berathschlagen. In der Mitte sitzt Amphiaraus, seinen Tod, und den Tod der uͤbrigen voraussehend, mit niedergeschlagnem Blick. — Ihm gegenuͤber Polynices in Nach- denken und Traurigkeit versenkt, den Kopf auf die Hand gestuͤtzt. — Neben dem Amphiaraus sitzt Parthenopaͤus, und schlaͤgt in ruhiger uͤber- legender Stellung die Haͤnde um das Knie zusam- men. — Adrastus ist aufgestanden und scheint, mit Schild und Lanze bewafnet, entschlossen wieder ins Treffen zu eilen. — Tydeus folgt ihm, ebenfalls bewafnet, allein mit weniger Muth und niedergeschlagnem Blick. Vom Polynices mit dem Kopf auf die Hand gestuͤtzt, bis zum Adra- stus, der entschlossen ins Treffen eilt, ist gleich- sam eine Stuffenfolge der innern Gemuͤthsbewe- gungen auf diesem alten Kunstwerke ausgedruͤckt. — Auf eben dieser Tafel ist nach einer antiken Gem- me Oedipus dargestellt, wie er im Begriff ist, die Sphinx zu toͤdten. Die Pelopiden . Pelops, ein Sohn des Tantalus, der von den Goͤttern erhoͤhet und gestuͤrzt ward, kam nach Griechenland zum Koͤnige von Pisa, Oeno- maus, der ihn gastfreundlich aufnahm. — Pe- lops warb um die schoͤne Hippodamia, des Koͤ- nigs Tochter. Allein dem Oenomaus war ge- weißagt worden, daß sein Eidam ihn toͤdten wuͤr- de. — Ein jeder, der um Hippodamien warb, mußte daher mit ihm zu Wagen einen Wettlauf halten, und wen er, ehe sie ans Ziel kamen er- reichen konnte, der ward von ihm mit dem Schwerdt getoͤdtet. Pelops wußte den Myrtilus, des Oeno- maus edlen Wagenlenker durch lockende Verspre- chungen zu bewegen, den Wagen des Oenomaus dergestalt einzurichten, daß er mitten im Lauf nothwendig zertruͤmmern mußte. Der Koͤnig stuͤrzte, und verlohr sein Leben. — Pelops ver- maͤhlte sich mit Hippodamien, und weil er dem Myrtilus sein Versprechen nicht halten wollte, so stuͤrzte er auch diesen, ehe er es sich versahe, von einem Fels ins Meer, welches nachher von ihm das Myrtoische hieß. Allein nach dieser That, traf schnell ein Un- gluͤck nach dem andern des Pelops Haus; obgleich seine Macht sich stets vergroͤßerte, und man die ganze Halbinsel von Griechenland, worin er so viel beherrschte, nach seinem Nahmen Pelopo- nesus nannte. Mit der Hippodamia erzeugte Pelops den Atreus und Thyest. Diese brachten ihren Bru- der Chrysippus, welchen Pelops mit der Astyo- che erzeugte, ums Leben, weil sie des Vaters Liebe zu ihm nicht dulden konnten. Hippodamia, welche Pelops fuͤr die Stifterin dieses Mordes hielt, gab sich selber den Tod. Thyest und Atreus fluͤchteten. Atreus begab sich nach Mycene zum Eurys- theus, der seine Tochter Aerope mit ihm ver- maͤhlte, und nach dessen Tode er uͤber Mycene herrschte. — Thyest war ihm dahin gefolgt, und nahm am Gluͤck des Atreus Theil; — allein er ent- ehrte bald seines Bruders Bette, indem er mit der Aerope, des Atreus Gattin, zwei Soͤhne erzeugte. Als Atreus die Frevelthat erfuhr, verjagte er den Thyest mit den von ihm erzeugten Soͤhnen aus dem Reiche. Thyest auf Rache sinnend, hatte seinem Bruder einen Sohn entwandt, welchen er als den seinigen auferzog, und nachdem er mit Haß und Wuth gegen den Atreus seine Seele er- fuͤllt hatte, ihn abschickte, um den schrecklichsten Mord unwissend zu begehen. Unter den grausamsten Martern ließ Atreus den Juͤngling hinrichten, dessen Versuch man ent- deckt hatte, und erfuhr zu spaͤt, daß er statt seines Bruders Sohn den eignen getoͤdtet habe. Ver- stellt, und auf noch hoͤhere Rache sinnend, versoͤhnte sich Atreus zum Schein mit seinem Bruder; schlach- tete dessen beide Soͤhne, und tischte das Fleisch dem Thyestes auf, welchem er nach genoßnem Mahle Haupt und Haͤnde entgegen warf. Die Sonne, sagt die Dichtung, wandte schnell ihren Lauf zuruͤck, um diese Scene nicht zu beleuchten. Ein neuer Dichter laͤßt Iphigenien, die auch aus des Pelops Hause und Dianens Priesterin war, dem Koͤnige Thoas in Tauris, diese Graͤuel erzaͤhlen: Schon Pelops, der gewaltig wollende, Des Tantalus geliebter Sohn, erwarb Sich durch Verrath und Mord das schoͤnste Weib, Des Oenomaus Tochter, Hippodamien. Sie bringt den Wuͤnschen des Gemahls zwei Soͤhne, Thyest und Atreus. — Neidisch sehen sie Des Vaters Liebe zu dem ersten Sohn Aus einem andern Bette, wachsend an. Der Haß verbindet sie, und heimlich wagt Das Paar im Brudermord die erste That. Der Vater waͤhnet Hippodamien, Die Moͤrderin, und grimmig fordert er Von ihr den Sohn zuruͤck, und sie entleibt Sich selbst — — — — — — — — — — — Nach ihres Vaters Tode, Gebieten Atreus und Thyest der Stadt Gemeinsam herrschend. Lange konnte nicht Die Eintracht dauern. Bald entehrt Thyest Des Bruders Bette. Raͤchend treibet Atreus Ihn aus dem Reiche. Moͤrdrisch hatte schon Thyest auf schwere Thaten sinnend, lange Dem Bruder einen Sohn entwandt, und heimlich Ihn als den seinen schmeichelnd auferzogen. Dem fuͤllet er die Brust mit Wuth und Rache, Und sendet ihn zur Koͤnigsstadt, daß er Im Oheim seinen eignen Vater morde. Des Juͤnglings Vorsatz wird entdeckt; der Koͤnig Straft grausam den gesandten Moͤrder, waͤhnend, Er toͤdte seines Bruders Sohn. Zu spaͤt Erfaͤhrt er, wer vor seinen trnnknen Augen Gemartert stirbt; und die Begier der Rache Aus seiner Brust zu tilgen, sinnt er still Auf unerhoͤrte That. Er scheint gelassen, Gleichguͤltig und versoͤhnt, und lockt den Bruder Mit seinen beiden Soͤhnen in das Reich Zuruͤck, ergreift die Knaben, schlachtet sie, Und setzt die eckle schaudervolle Speise Dem Vater bei dem ersten Mahle vor. Und da Thyest von seinem Fleische sich Gesaͤttigt, eine Wehmuth ihn ergreift, Er nach den Kindern fragt, den Tritt, die Stimme Der Knaben an des Saales Thuͤre schon Zu hoͤren glaubt, wirft Atreus grinsend, Ihm Haupt und Fuͤße der Erschlagnen hin. — — — — — — — — Es wendete die Sonn’ ihr Antlitz weg, Und ihren Wagen aus dem ewgen Gleise — — Goͤthens Iphigenie Thyestes erzeugte in Blutschande mit seiner eignen Tochter Pelopia den Aegisthus, der, als er erwachsen war, den Atreus toͤdtete, und dessen Soͤhne Agamemnon und Menelaus verjagte, worauf Thyestes den Thron bestieg. Die vertriebnen Soͤhne des Atreus vermaͤhlten sich mit den Toͤchtern des Tyndarus; Agamem- non mit der Klytemnestra, und mit der Helena Menelaus. Sie raͤchten des Atreus Tod; ver- jagten den Thyestes; und Agamemnon erhielt sei- nes Vaters Reich, und herrschte zu Mycene, wo er mit der Klytemnestra die Iphigenie, Elektra, und den Orest erzeugte; Menelaus folgte dem Tyndarus in der Herrschaft uͤber Sparta. Als Agamemnon nun das Heer der Griechen gegen die Trojaner anfuͤhrte, versoͤhnte er sich mit dem Aegisthus; verzieh ihm seines Vaters Tod, und vertraute sogar die Sorge fuͤr Klytem- nestra, und fuͤr sein Haus ihm an. — Aegisthus aber mißbrauchte dieß Vertrauen; verleitete die Klytemnestra zur Untreue gegen den Agamemnon; und als dieser nach der Eroberung von Troja wie- der in seine Heimath kehrte, ward er vom Aegis- thus und seinem eignen Weibe mitten unter dem Gastmahl ermordet, das man bei seiner Ankunft, dem Scheine nach, ihm zu Ehren mit erdichteter Freude anstellte. Von den Kindern des Agamemnon war Iphi- genie schon bei der Fahrt nach Troja, wo sie fuͤr Griechenlands Wohl geopfert werden sollte, von Dianen nach Tauris entruͤckt. — Orestes wurde von seiner Schwester Elektra erhalten, die ihn heimlich zu dem mit der Schwester des Agamem- non vermaͤhlten Koͤnige Strophius schickte, wel- cher zu Phocis herrschte, und mit dessen Sohn Pylades Orestes ein unzertrennliches Freund- schaftsbuͤndniß knuͤpfte. — Nur Elektra blieb zu Hause den Mißhandlungen ihrer entarteten Mutter ausgesetzt. Klytemnestra vermaͤhlte sich nun ohne Scheu mit dem Aegisthus, und setzte ihm selber die Krone auf, die er behauptete, bis Orestes in Be- gleitung des Pylades kam, um seines Vaters Tod zu raͤchen. Sie streuten ein falsches Geruͤcht vom Tode des Orestes aus, woruͤber Aegisthus und Klytemnestra vor Freude außer sich, ihr schwarzes Verhaͤngniß nicht ahndeten. Orest erschlug mit eigner Hand seine Mut- ter und den Aegisth, die Moͤrder seines Vaters. Weil er aber seine Mutter getoͤdtet hatte, ward er von den Furien verfolgt umhergetrieben, und keine Aussoͤhnung vermochte, das Andenken dieser That bei ihm auszuloͤschen, bis ein Orakelspruch des Apollo ihm Befreiung von seiner Qual ver- hieß, wenn er nach Tauris gehen, und die Bild- faͤule der Diana von dort nach Griechenland ent- fuͤhren wuͤrde. Orest begab sich mit seinem getreuen Pylades auf die Reise, und als sie in Tauris anlangten, sollten sie beide oder einer von ihnen nach dem al- ten barbarischen Gebrauch, der alle Fremden traf, der Goͤttin geopfert werden. Hier war es, wo jeder der beiden Freunde großmuͤthig sein Leben fuͤr den andern darbot. Orestes aber gab sich seiner Schwester Iphi- genie, der Priesterin Dianens zu erkennen, und diese fand ein Mittel, die Bildsaͤule der Diana auf ihres Bruders Schiff zu bringen, und mit ihm und seinem treuen Freunde nach Griechenland zu entfliehen. Der Orakelspruch des Apollo wurde erfuͤllt; Orestes ward von den quaͤlenden Furien befreit, und herrschte ruhig zu Mycene; der Zorn der Goͤtter uͤber Pelops Haus schien endlich zu er- muͤden. Der neue Dichter der Iphigenie auf Tauris gibt der alten Dichtung eine feine Wendung. Er laͤßt den Orakelspruch des Apollo, dem Orestes Ruhe verheißen, wenn er die Schwester, die wider Willen im Heiligthum zu Tauris bliebe, nach Griechenland bringen wuͤrde. Dieß mußte Orest nothwendig auf Dianen, die Schwe- ster des Apollo deuten, weil er von dem Aufent- halt seiner eignen Schwester in Tauris noch nichts A a wußte. Nach diesem Ausspruch durfte Iphigenie die Bildsaͤule der Diana nicht entwenden, und keinen Verrath an ihrem Wohlthaͤter dem Koͤnige Thoas begehen, von dem sie großmuͤthig entlas- sen wird. Troja . Außerhalb Griechenland war Troja der vorzuͤg- lichste Schauplatz der tragischen Begebenheiten, welche in Gesaͤngen der Nachwelt uͤberliefert, und auf der Schaubuͤhne dargestellt, in immerwaͤhren- dem Andenken sich erhielten. — Vom unerbittli- chen Fatum selber war die Zerstoͤrung von Troja einmal beschlossen; zu ihrem Untergang mußte sich alles fuͤgen; und Goͤtter und Menschen vermoch- ten nichts gegen den Schluß des Schicksals. Als Eris, bei der Vermaͤhlung des Peleus mit der Thetis, in das hochzeitliche Gemach, wo alle Goͤtter und Goͤttinnen versamlet waren, den goldnen Apfel mit der Inschrift warf, die ihn der Schoͤnsten zutheilte, so wurden Juno, Venus, und Minerva, unter allen Goͤttinnen, um den Preis der Schoͤnheit zu wetteifern, einstimmig am wuͤrdigsten erkannt. Ein unbefangner Hirt, der auf dem Ida weidete, sollte den Ausspruch thun. Dieser Hirt war Paris, ein Sohn des Priamus, der uͤber Troja herrschte. Als die Goͤttinnen vor ihm er- schienen, und den entscheidenden Ausspruch von ihm verlangten, mußten sie sich entkleiden; — eine jede von ihnen versprach ihm heimlich eine Belohnung, wenn er den Apfel ihr zutheilte; Juno versprach ihm Macht und Reichthuͤmer, Minerva Weisheit, Venus das schoͤnste Weib auf Er- den, — und Paris theilte den goldnen Apfel der Venus zu. Von dieser Zeit an hegten Juno und Minerva nicht nur gegen den Paris, sondern gegen das ganze Haus des Priamus einen tiefen Groll im Busen; waͤhrend daß Venus darauf dachte, ihr Versprechen dem Paris zu erfuͤllen. Das schoͤnste Weib auf Erden war Helena, welche Jupiter in der Gestalt des Schwans mit der Leda erzeugte; die vom Theseus in ihrer Kind- heit schon einmal entfuͤhrt, von ihren Bruͤdern Kastor und Pollux aber wieder nach Sparta zu- ruͤckgebracht ward, wo sie mit dem Menelaus des Agamemnons Bruder sich vermaͤhlte. Paris schifte nach Griechenland, und ward vom Menelaus gastfreundlich aufgenommen; waͤh- rend dessen Abwesenheit es durch die Veranstal- tung der Venus ihm gelang, die Helena zu entfuͤh- ren. Als er nach Troja zuruͤcksegelte, und die Win- de schwiegen, prophezeihte der wahrsagende Meer- gott Nereus ihm alles Ungluͤck, was fuͤr Troja A a 2 aus dieser Entfuͤhrung erwachsen wuͤrde; und nicht lange blieb die Erfuͤllung aus. Ganz Griechenland nahm an dem Schicksal des Menelaus Theil. Gegen den Paris waren alle Gemuͤther wegen der Verletzung des heiligen Gastrechts aufgebracht; auch hielt man die Schoͤn- heit selber fuͤr wichtig genug, um ihren Raub als den Raub von etwas Kostbarem zu betrachten, das man der Muͤhe wohl werth achtete, um es den Haͤnden der Barbaren mit Kriegesmacht wieder zu entreißen. Als eine Gesandschaft an den Priamus, die Helena vergeblich zuruͤckgefordert hatte, verbanden sich die Fuͤrsten Griechenlands mit einem Schwur zum Kriege gegen Troja, und theilten dem Aga- memnon, welcher der maͤchtigste unter ihnen war, den Oberbefehl im Heere zu. Ein jeder ruͤstete Schiffe aus, und in dem Hafen von Aulis ver- sammlete sich die griechische Flotte. Die vornehm- sten Anfuͤhrer in diesem Kriege, deren fast aller schon gedacht ist, waren: Agamemnon; Menelaus; Nestor; Diomedes, des Tydeus Sohn: Ajax, der Sohn des Telamon; Ulysses; Achilles, Peleus Sohn; Patroklus, des Menoͤtius Sohn; Podalirius, Machaon, Soͤhne des Aeskulap; Philoktet, der letzte Gefaͤhrte des Herkules. Sthenelus, des Kapaneus Sohn; Thersander, des Polynices Sohn; Idomeneus, des Minos Enkel. Als nun das ganze Heer in Aulis versammlet war, zuͤrnte Diana auf den Agamemnon, weil er einen ihr geweihten Hirsch getoͤdtet hatte. — Man harrte lange vergebens, und es erhub sich kein guͤnstiger Wind, mit dem die Flotte auslau- fen konnte. Diana forderte durch den Mund des Priesters die Tochter des Agamemnon selbst zum Versoͤhnungsopfer. Iphigenie wurde, beglei- tet von ihrer Mutter, zum Altar gefuͤhrt; und schon war der Opferstahl gezuͤckt, als Diana in einer Wolke Iphigenien nach Tauris in ihr Heiligthum entruͤckte; statt der verschwundnen Iphigenie aber stand ein Reh zum Opfer am Altar. Diana war nun versoͤhnt; die Flotte segelte nach Troja ab; und Ilium die eigentliche Stadt oder Burg des Koͤnigreichs Troja ward belagert. — Neun Jahr lang hatte, nach der Voraussagung des wahrsagenden Priesters Kalchas, die Belag- rung schon gewaͤhrt, als erst im zehnten das Ver- haͤngniß von Troja naͤher ruͤckte. Die hohen himmlischen Goͤtter alle nahmen an diesem Kriege Theil: Jupiter hielt des Schick- sals Wage. Auf der Seite der Griechen standen Juno, Minerva, Neptun, Vulkan, Merkur; auf der Trojaner Seite, Venus, Apoll, Diana, und Latona. Mars, als der Gott des Krieges selber, ging von einem Heere zum andern, von den Griechen zu den Trojanern uͤber. Wie nun die Goͤtter an diesem Kriege Theil nehmen; von Sterblichen verwundet werden; sich selber in dem Treffen der Griechen und Trojaner einander zum Streit auffordern; und wie die Goͤt- tergestalten in ihren Zuͤgen sich unterscheiden; dieß alles ist in dem Abschnitt: die menschenaͤhnli- che Bildung der Goͤtter, schon erwaͤhnt, und auf die Weise ein großer Theil der Geschichte des Trojanischen Krieges in jene Schilderung schon vorlaͤufig eingewebt. Was nun im zehnten Jahr der Belagrung die Erobrung von Troja verzoͤgerte, war der Zorn des Achilles, der mit dem Agamemnon sich ent- zweite, und eine Zeitlang am Kriege keinen Theil nahm. — Als nehmlich Agamemnon sich weigerte, die gefangne zur Beute ihm zugefallne Chryseis, ihrem Vater, einem Priester des Apollo, gegen ein Loͤsegeld, auf sein Bitten, zuruͤckzugeben; so hoͤrte Apollo das Flehen des verwaißten Vaters, und sandte zuͤrnend seine Pfeile in das Lager der Grie- chen, daß eine Pest entstand, welche verheerend um sich greifend, zahlloses Volk hinrafte. Durch den Mund des Priesters Kalchas ward es offenbar, durch wessen Schuld die Grie- chen leiden mußten. Als Agamemnon nun die Chryseis zuruͤckzusenden sich laͤnger nicht weigern konnte, verlangte er, daß die Griechen ihn fuͤr den Verlust seiner Beute schadlos hielten. Da schalt Achill ihn seines Solzes, und seines Eigen- nutzes wegen; und als ihm Agamemnon drohte, war er schon im Begriff gegen ihn das Schwerdt zu zuͤcken, haͤtte nicht an den gelben Locken Mi- nerva selbst ihn zuruͤckgehalten. Agamemnon aber, der auf die Schadloßhal- tung um desto mehr bestand, ließ, um sich zu raͤchen, die schoͤne Briseis aus dem Zelte des Achilles in das seinige hohlen. — Da flehte Achill am einsamen Ufer des Meeres seine Mutter Thetis an, sie moͤchte den Jupiter bewegen, von nun an den Trojanern beizustehn, damit die Griechen ihn vermissen, und seinen Zorn empfinden woͤchten. Jupiter gewaͤhrte der Thetis Bitte, und gab den Trojanern Sieg, an deren Spitze Hektor, der Sohn des Priamus fochte, und sich unsterbli- chen Ruhm erwarb. Vergebens suchten nun die Griechen den Achill wieder zu versoͤhnen. Sein Sinn blieb unbeweglich. Bis endlich die Troja- ner soweit vordrangen, daß sie Feuer in die grie- chischen Schiffe warfen; da gab Achilles seinem Busenfreunde, dem Patroklus, seine Ruͤstung, und schickte ihn statt seiner mit einem Haufen, den Griechen beizustehn. Des Patroklus Fall war schon beschlossen; al- lein vorher erwarb er sich noch glaͤnzenden Ruhm; Sarpedon, Jupiters Erzeugter, und viel andre tapfre Helden fielen vor seinem Schwerdte. — Als aber sein Verhaͤngniß nahte, so stand in Nacht gehuͤllt, Apollo dicht hinter ihm. — Auf Nacken und Schultern schlug er ihn mit der flachen Hand, daß sich sein Auge verdunkelte; er warf seinen Helm ihm vom Haupte, daß er unter den Fuͤßen der Pferde rollte; in seiner Hand zerbrach er den schweren ehernen Spieß, und loͤßte ihm selber den Panzer auf. — Patroklus stand betaͤubt mit wan- kendem Knie; Hektor gab ihm den toͤdtlichen Stoß. Die Seele des Patroklus stieg zum Orkus, und trauerte uͤber ihr Schicksal, weil sie die jugendliche Kraft zuruͤckließ. Als nun Achilles des Patroklus Tod vernahm, so schwand auf einmal sein Zorn dahin. — Jam- mernd und wehklagend um den Todten, fand ihn seine Mutter, die aus der Tiefe des Meeres em- porstieg. Ob diese ihm gleich verkuͤndigte, daß nach des Hektors Tode sein Fall beschlossen sey, so schwur er dennoch des Freundes Tod zu raͤchen, gleichviel, was ihn fuͤr ein Schicksal treffen moͤge! Als Thetis ihn fest entschlossen sahe, suchte sie ihn die uͤbrigen kurzen Tage zu troͤsten und aufzuhei- tern; versprach und brachte ihm eine kostbare Waffenruͤstung vom Vulkan geschmiedet, womit Achill ins Treffen ging, nachdem sich Agamemnon wieder mit ihm versoͤhnt, und ihm die Briseis unberuͤhrt zuruͤckgegeben hatte. Nun eilte auch der Zeitpunkt heran, wo Hektor fallen, sein alter Vater Priamus und seine Mut- ter Hekuba um ihn jammern, und seine Gattin Andromache mit lauter Wehklage ihn betrauren sollte. — Das Heer der Trojaner fluͤchtete in die Stadt; Hektor blieb allein zuruͤck, um mit dem Achill den Kampf im Felde zu bestehen; als dieser ihm aber nahe kam, und die goͤttliche Waffenruͤ- stung dem Hektor in die Augen blitzte, ergriff ihn ploͤtzliches Schrecken; — er nahm die Flucht, und dreimal jagte Achill ihn um die Mauern von Troja; so lange hatte Apoll dem Hektor sein Knie gestaͤrkt; als zum viertenmale der Lauf begann, nahm Ju- piter die Wagschale in die Hand, und legte zwei todbringende Loose darauf, das eine des Hektors, das andre des Achilles, und Hektors Schale sank bis zum Orkus nieder. — Da verließ ihn Apollo. Die beiden Helden fochten; Hektor fiel; und Achilles band ihn mit den Fuͤßen an seinen Wagen, und schleifte ihn im Staube um die Mauern von Troja, daß Hekuba heulend ihr Haar zerraufte, und der alte Priamus flehend seine Haͤnde aus- streckte. Das Leichenbegaͤngniß des Patroklus wurde nun mit oͤffentlichen Kampfspielen im Lager der Griechen gefeiert, waͤhrend daß Hektors Leichnam unbegraben lag. Allein in naͤchtlicher Stille vom Merkur geleitet, kam der Greis Priamus selber in des Achilles Zelt, umfaßte dessen Knie, und flehte ihn um den Leichnam seines Sohnes. Die Goͤtter hatten schon des Achilles Herz er- weicht; er dachte an seinen alten Vater Peleus, der auch nun bald den Tod seines Sohnes betrau- ern wuͤrde, und gewaͤhrte dem Priamus seiner Bitte, der mit dem Leichnam Hektors schnell nach Troja eilte, und ihm mit allem Volke die Todten- feier hielt. Auch war das Verhaͤngniß des Achilles nun nicht mehr weit entfernt; nachdem er noch einige ruhmvolle Thaten vollbracht, traf vom Apollo gelenkt, des Paris toͤdtlicher Pfeil ihm in die Ferse, wo er allein verwundbar war. Um seine Waffen entstand ein trauriger Streit; die Grie- chen sprachen sie dem Ulysses zu; woruͤber Ajax, welcher nach dem Achill der tapferste unter den Griechen war, aus Mißmuth sich selbst ent- leibte. Paris ward bald nachher vom Philoktet mit einem der Pfeile getoͤdtet, die in das Blut der Lernaͤischen Schlange getaucht, vom Herkules ihm hinterlassen waren. Auch war der Fall von Troja nun beschlossen, das nach so viel Blutver- gießen, dennoch am Ende nicht mit Macht, son- dern mit List erobert werden mußte. Auf den Rath des Ulysses wurde nehmlich ein ungeheuer großes hoͤlzernes Pferd gebaut, in dessen Bauch die Helden sich versteckten, waͤh- rend daß das Heer der Griechen sich auf die Schiffe begab, und die Kuͤste von Troja zum Schein verließ. — Nur Sinon blieb zuruͤck, und stellte sich als ein Fluͤchtling, der von den Grie- chen verfolgt, bei den Trojanern um Schutz und Huͤlfe flehte, und gleichsam wie ein Geheimniß ihnen entdeckte, daß das hoͤlzerne Pferd erbaut sey, um die Minerva zu versoͤhnen, weil die Griechen das Palladium, eine Bildsaͤule dieser Goͤttin, welche das Unterpfand des Reichs war, aus Troja entwendet hatten. — Hierzu kam noch, daß der Priester Laokoon, der vor dem Pferde warnte, und mit dem Spieß in dessen Seite fuhr, von zwei großen Schlangen, die uͤbers Meer ka- men, mit seinen Soͤhnen umwunden, und ge- toͤdtet ward. Nach dieser schrecklichen Begebenheit blieb an Sinons Aussage kein Zweifel uͤbrig; man eilte in vollem Jubel dieß neue Unterpfand der Wohl- fahrt des Reichs in die Stadt zu bringen; Kna- ben und junge Maͤdchen freuten sich, mit an das Seil zu fassen; man riß einen Theil der Mauern nieder; das Pferd stand mitten in Ilium. — Man frohlockte bis tief in die Nacht, und alles war zuletzt vom Taumel der Freude berauscht, entschlummert; als Sinon an des hoͤlzernen Pfer- des Bauch die Leiter setzte, die Thuͤr sich oͤfnete, und die Helden leise hinunterstiegen. In der Naͤhe stand schon das griechische Heer; das Zeichen mit der angezuͤndeten Fackel ward ge- geben; durch die niedergerißne Mauer drang man in die Stadt; und waͤhrend noch der Schlummer die Augenlieder seiner Einwohner deckte, war Troja schon ein Raub der Flammen. An seinem Haus- altare ward der Greis Priamus vom Pyrrhus getoͤdtet; Hekuba und Andromache, und die Toͤch- ter des Priamus wurden gefangen hinwegge- fuͤhrt. — Die Herrlichkeit von Troja war in Schutt und Asche versunken. Doch mußten die Griechen auch bei ihrer Ruͤckkehr noch fuͤr ihren theuer erkauften Sieg mit mancherlei Ungluͤcksfaͤllen buͤßen. Am mei- sten unter allen Ulysses, der zehn Jahre umher- irrte, ehe er seine geliebte Heimath wieder erblickte. Mit Gefahr und List entkam er dem Cyklopen Polyphem, der, nach seinen Gefaͤhrten, auch ihn zu verschlingen drohte. Aus dem stillen truͤ- gerischen Hafen der menschenfressenden Laͤstrygo- nen, eines Riesenvolkes, entrann er nur mit einem einzigen Schiffe, womit er auf der Insel der maͤchtigen Circe landete, und ohne von ihrem Zaubertranke besiegt zu werden, ein Jahr bei ihr verweilte. Dann stieg er ins Reich der Schatten; schiffte, an den Mastbaum gebunden, nachdem er die Ohren seiner Gefaͤhrten mit Wachs verklebt, vor den Sirenen voruͤber, und hoͤrte ohne Gefahr ih- ren verfuͤhrerischen Gesang; zwischen dem Strudel Charybdis, und der felsigten Scylla, schifte er die schmale gefaͤhrliche Straße hindurch, und landete an einer Insel, wo seine Gefaͤhrten, wider sein Verbot, der Sonne geweihte Rinder schlachteten und verzehrten. Sobald das Schiff aufs Meer kam, ward es von Jupiters Blitz zerschmettert; des Ulysses Gefaͤhrten kamen um; er rettete sich allein, und schwamm an die Insel der Kalypso, die ihm Unsterblichkeit versprach, wenn er mit ihr sich vermaͤhlen wolle, und ihn, so sehr er sich auch nach seiner Heimath sehnte, geraume Zeit zuruͤckhielt, bis sie, auf den Befehl der Goͤtter, auf einem von ihm selbst gebauten Floß mit guͤn- stigem Winde, ihn entließ. Als er nah an Ithaka war, erblickte ihn Neptun, der wegen seines Sohns, des Polyphem noch auf ihn zuͤrnte, dem Ulysses, um ihm zu entfliehen, sein einziges Auge ausbrannte. — Ploͤtzlich wurde das Meer vom Sturmwind aufgeregt. Von seinem Floß herabgeworfen, ein Raub der ungestuͤmen Wellen, verzagte Ulyß, am Felsen angeklammert, im wil- den Sturme nicht; schwimmend rettete er sich mit Gefahr und Noth auf die Insel der Phaͤacier, die ihn gastfreundlich aufnahmen, und mit Ge- schenken uͤberhaͤuft in seine Heimath sandten, wo er seine treue Gattinn Penelope, seinen Vater Laertes, und seinen Sohn Telemach wieder fand. Er toͤdtete zuerst die ungerechten und uͤbermuͤthigen Freier Penelopens, die schon seit Langem seine Habe aufzehrten, und des jungen Telemachs Tod einmuͤthig beschlossen hatten. Nun herrschte er wieder in seinem Reiche; die Seelen der getoͤdte- ten Freier fuͤhrte Merkur in die Unterwelt. Auf der hier beigefuͤgten Kupfertafel ist, nach antiken geschnittnen Steinen, Paris, wie er den goldnen Apfel Aphroditen zutheilt, und Achill am Grabe des Patroklus opfernd, abgebildet. Niobe . Mit dem Koͤnige Amphion, der uͤber The- ben herrschte, war Niobe, die Tochter des Tan- talus vermaͤhlt; — sie gebahr dem Amphion sie- ben Soͤhne und sieben Toͤchter, und spottete einst uͤbermuͤthig der Verehrung der Latona, welche nur einen Sohn, und eine Tochter gebohren. Kaum waren die frevelnden Worte uͤber ihre Lippen, so flogen schon die unsichtbaren Pfeile des Apollo und der Diana in der Luft. — Mit dem nie verfehlenden Bogen toͤdtete Apollo ihre sieben Soͤh- ne; und Diana mit furchtbarem Geschoß toͤdtete ihre sieben Toͤchter. — Auf einmal aller ihrer Kin- der beraubt, ward Niobe in Thraͤnen aufgeloͤßt, in einen Stein verwandelt, der auf dem Berge Stpylon noch immer von Thraͤnen traͤufelnd, ein Zeuge ihres ewigen Kummers ward. Cephalus und Prokris . Cephalus, ein Sohn des Dejoneus, war mit der Prokris des Erechtheus Tochter erst kurze Zeit vermaͤhlt, als er einst am fruͤhen Morgen auf dem Hymettischen Gebuͤrge jagte, wo Au- rora ihn entfuͤhrte. — Da er zu seiner inniggelieb- ten Prokris wiederzukehren wuͤnschte, entließ ihn Aurora mit dem Bedeuten, es werde mit seiner Vermaͤhlten ihm nicht nach Wunsch ergehen. Diese Worte fachten die Eifersucht in seinem Busen an; unter einer Verkleidung suchte er die Liebe der Prokris zu gewinnen; und als sie ihm kaum einen Schein der Hoffnung blicken ließ, so gab er sich zu erkennen, und klagte sie der Untreue an, wor- auf sie unwillig ihn verließ. Als Cephalus nun nach einiger Zeit sich wieder mit ihr versoͤhnte, ward Prokris von Eifersucht gequaͤlt, weil sie vernahm, daß ihr Gemahl die Nymphe Aura liebte, mit der er auf der Jagd verstohlnen Umgangs pflege. Einst versteckte Pro- kris sich im Gebuͤsch, um ihren Gatten zu belau- schen. Dieser seufzte, erhitzt vom Jagen, unter dem Nahmen Aura, nach nichts als nach der kuͤhlen Luft. Prokris aber, welche den Nah- men ihrer Nebenbuhlerin von seinen Lippen zu hoͤ- ren glaubte, regte sich im Gebuͤsch. Cephalus meinte das Rauschen von einem versteckten Wild zu hoͤren, wornach er seinen Jagdspieß warf, der seine ungluͤckliche Gattin traf, welche sterbend ihren Irrthum erst erkannte. — Phaeton . In Aegypten, wo Jupiter mit der Jo den Epaphus erzeugte, hatte auch Klymene dem He- lios oder dem Sonnengotte den Phaeton geboh- ren. Diesem warf einst Epaphus vor, daß er kein Sohn der Sonne sey, sondern daß seine Mutter sich dessen nur faͤlschlich ruͤhme. — Um auf die glaͤn- zendste Weise diesen bittern Vorwurf zu widerlegen, begab sich Phaeton, auf Anstiften seiner Mutter, selber zum Pallast des Sonnengottes, und ließ sich erst von ihm beim Styx zuschwoͤren, daß er seine Bitte gewaͤhren wolle; dann bat er ihn, daß er nur einen Tag den Sonnenwagen lenken duͤrfe. Helios, der den Schwur nicht widerrufen konnte, mußte die ungluͤckliche Bitte seinem Sohn gewaͤhren, der voller Muth den Wagen besteigend, die Sonnenpferde antrieb, welche bald ihren Fuͤh- rer vermissend, aus dem Gleise wichen, zuerst dem Himmel und dann der Erde zu nahe kamen, daß Berg und Wald sich entzuͤndete, und Quellen und Fluͤsse versiegten; da flehte die Erde den Ju- piter um Huͤlfe an, welcher seine Blitze auf den Phaeton schleuderte, der in den Fluß Eridanus stuͤrzte, wo seine drei Schwestern, die Sonnen- toͤchter oder Heliaden, Lampetia, Phaetusa, und Aegle ihn so lange beweinten, bis sie in Pappelbaͤume verwandelt wurden, und auch als solche noch Zaͤhren vergossen, die sich zu dem durchsichtigen Bernstein in der Fluth verhaͤr- teten. — Cygnus, des Juͤnglings Freund, be- trauerte seinen Tod so lange, bis durch den Schmerz sein Wesen aufgeloͤßt, in die Gestalt des Schwans hinuͤberging, der immer auf der Fluth verweilte, welche den Phaeton verschlang. Mit Freund und Schwestern, die um ihn klagen, findet man auch auf den antiken Marmorsaͤrgen, den Sturz des Phaeton abgebildet. B b Die Schattenwelt . D er Tartarus oder Erebus war eigentlich die Wohnung der Nacht, da wo man sich die Sonne untersinkend dachte, am aͤußersten Ende der Erde, wo auch die Behausung des Pluto war, unter welcher die gestuͤrzten Titanen, die Soͤhne des Himmels, im dunkeln Gefaͤngniß trauern muß- ten. — Da waren aber auch in dem atlantischen Ocean, nahe an den Grenzen der Nacht, die Inseln der Seeligen, auf denen ein ewiger Fruͤh- ling herrschte. — An eben diesem daͤmmernden Horizonte ruhte der Himmel auf des Atlas Schul- tern. — Auch hatte die Einbildungskraft die fabelhaften Gaͤrten der Hesperiden hieher versetzt, und die Hesperiden selber waren Kinder der Nacht. — So wie aber irgend ein Land von Griechenland westwaͤrts lag, es mochte nun naͤ- her oder entfernter seyn, trug die Phantasie jene schwankenden Begriffe darauf uͤber. In Grie- chenland selber dachte man sich bei dem Vorgebirge Taͤnarum einen Eingang in das Reich des Pluto; und in Thesprotien, dem westlichsten Theile von Griechenland stroͤmten die Fluͤsse Acheron und Kocytus, welche diese Nahmen wuͤrklich fuͤhrten; auch war es in dieser Gegend, wo Theseus und Pirithous zu den Schatten stiegen. — Weiter westwaͤrts uͤbers Meer an den Kuͤsten Italiens dachte man sich bei dem Gift aushauchenden See Avernus, uͤber den kein Vogel fliegen konnte, einen Eingang in die Unterwelt; zuletzt ließ man bis an die Wohnung der Nacht, am west- lichsten Ufer des Oceans, das weite Reich des Pluto grenzen; — gleichsam, als ob man gern an die Vorstellung vom Sonnenuntergang, auch die Ideen des Aufhoͤrens und Verschwindens knuͤpfte. Pluto . Der Koͤnig der Unterwelt hieß bei den Grie- chen Ades oder Aides, der Unsichtbare, Unbe- kannte; — selbst sein Nahme bezeichnete das Dunkel, in welches noch kein sterbliches Auge blickte. — Er hieß auch der unterirdische oder stygische Jupiter; weil ihn die bildende Kunst dem Jupiter aͤhnlich, nur mit finstrerm Blick darstellte. Er hielt einen zweizackigten Zepter von Ebenholz in der Hand, und trug auf dem Haupte eine eiserne Krone; sein Helm machte unsichtbar, wen er bedeckte. Zum oͤftern ward er auch mit einem Getreidemaaß auf dem Haupte, als B b 2 Sinnbilde der Fruchtbarkeit der auf ihm ruhenden Erdenflaͤche, abgebildet; dann hieß er Jupiter Se- rapis, oder der Aegyptische Jupiter. — Wie Ju- gend und Schoͤnheit unmittelbar oder durch Alter und Verwelken, der zerstoͤrenden Macht, dem Gra- be und der Verwesung zum Raube werden, ist in die schoͤne Dichtung, von der Entfuͤhrung Proser- pinens durch den Pluto, eingehuͤllt. Diese Dichtung ist ausfuͤhrlich in die den Er- zaͤhlungen von der Unterwelt so nah verwandte Goͤttergeschichte der Ceres eingewebt. — Proser- pina, die Tochter der Ceres ward, nachdem sie lange vergebens sich gestraͤubt, vom Pluto zur Koͤnigin der Schatten auf seinen Thron erho- ben. — Diese Koͤnigin der Unterwelt hieß bei den Griechen Persephone, welcher Nahme selbst schon auf Zerstoͤrung und Verwesung deutet. — In dem unterirdischen Pallaste sitzen nun, in me- lancholischer Eintracht, Pluto und Proserpina ne- beneinander auf ihrem duͤstern Throne, und herr- schen uͤber das oͤde Reich der Todten. — Der dreikoͤpfigte Cerberus wacht am Hoͤllenthore, und auf seinem morschen Kahne faͤhrt Charon die Todten uͤber den Fluß, den keiner je zuruͤckschifft. — Die unterirdischen Gewaͤsser, welche den Erebus umgeben, sind schon durch ihre Nahmen furcht- bar: mit den Seufzern der Sterbenden fließt der Acheron; der schwarze Kocytus mit dem Ge- heul der Klage um die Todten; Pyriphlegeton waͤlzt sich mit Flammen fort; des uͤber alles furcht- baren Styx ist in dem Abschnitt von den alten Goͤttern schon gedacht; nur aus dem wohlthaͤti- gen Lethe trinken die Seelen der Abgeschiednen Vergessenheit der Sorgen und alles Kummers, der sie im Leben druͤckte. — Auch deutete im Grunde die ganze Dichtung vom Ades oder Pluto auf das Grab, dessen enge Grenzen die Phantasie zu einer Schattenwelt sich erweiterte. Man nannte daher auch in den Dich- tungen das Reich des Pluto ein oͤdes, leeres Reich, und seine Behausung ein enges Haus. — Auf Grab und Verwesung zielt der morsche Kahn des Charon, der auf dem schwarzen sumpfigten Flusse, welcher kaum nur fortkriecht, des Schlam- mes viel durch seine Ritzen schoͤpft, sobald ihn eine ungewohnte Last beschwert. Auch werden die Todten immer wie in einer Art von Traumwelt dargestellt; sie selbst sind leere Schattenbilder, die erscheinen und verschwin- den, und denen doch die Entbehrung von demje- nigen fuͤhlbar ist, was sie besaßen; die immer noch wie im Leben thaͤtig zu seyn sich fruchtlos an- strengen, wie einer, der im aͤngstlichen Traume vergebens sich abarbeitet, indem er zu schreien sich bemuͤht, und kaum einen schwachen Laut her- vorbringt. Als Ulysses auf den Befehl der Circe zu den Schatten stieg, versammleten sich um die Grube, in welche er das schwarze Blut der Opferthiere fließen ließ, die Seelen der abgeschiednen Juͤng- linge, Jungfrauen, Maͤnner im Kriege getoͤdtet, und Greise, die vieles erlitten hatten. — Seine Mutter erschien ihm, und als er sie umarmen wollte, wich ihr Schatten zuruͤck; sie lehrte ihn, daß die Seele, sobald der Koͤrper zerstoͤrt ist, wie ein Traum, davon flieht. Der Schatten des Agamemnon streckte nach dem Ulyß seiue Arme aus, aber in den Gliedern war keine Kraft mehr. — Ulysses redete den Schatten des Achilles an, und prieß ihn gluͤcklich, weil er im Leben be- ruͤhmt gewesen, und nun auch geehrt unter den Todten sey; da antwortete Achill, er wolle, wenn es ihm moͤglich waͤre, ins Leben zuruͤckzu- kehren, lieber kuͤmmerlich einem armen Ta- geloͤhner selbst um Tagelohn dienen, als hier in der Unterwelt uͤber alle Todten herr- schen. Auch des Herkules Schattenbild sah Ulysses hier, obgleich er selber unter den unsterb- lichen Goͤttern seinen Sitz hat. Aeneas, welcher, um seinen Vater Anchi- ses zu sehen, zu den Schatten stieg, hoͤrte, sobald er vom Charon uͤber den Fluß gesetzt, am jenseiti- gen Ufer ausstieg, das Geschrei und Weinen der Kinder, die gleich nach ihrer Geburt gestorben waren, ohne des suͤßen Lebens genossen zu ha- ben; — naͤchst diesem war der Aufenthalt der unschuldig zum Tode Verurtheilten und derjeni- gen, welche selbst Hand an sich gelegt, weil ihnen der Tag und das Licht verhaßt war, und die nun gern die druͤckendste Armuth und die schwerste Ar- beit erdulden wuͤrden, um zur Oberwelt wieder zuruͤckzukehren, wenn es das unerbittliche Fatum verstattete. Dann kamen die Trauergefilde, worin diejenigen wandelten, denen ungluͤckliche Liebe das Leben kuͤrzte. — Zur Linken war der Tartarus, in wel- chem die Veraͤchter der Goͤtter ihren Frevel buͤßten; zur Rechten war Elysium, der Aufenthalt der Seeligen, und vorzuͤglich der Seelen der Menschen aus den bessern goldnen Zeiten, die noch mit kei- nen Verbrechen sich befleckt hatten. Hier war es auch, wo Aeneas seinen Vater Anchises fand, welcher ihn uͤber Geburt und Tod, uͤber Werden und Vergehen geheimnißvolle Dinge lehrte, und die dunkle Zukunft vor seinem Blick enthuͤllte. Auf der hier beigefuͤgten Kupfertafel ist, nach antiken geschnittnen Steinen, Pluto, als Jupi- ter Serapis mit dem Cerberus ihm zur Seite, und Charon abgebildet, in dessen Kahn ein Ab- geschiedner steigt, dem, vom Merkur herbeigefuͤhrt, der muͤrrische Charon selbst mit Freundlichkeit die Hand reicht. Furien . Tisiphone, die Raͤcherin des Mordes; Me- gaͤra, die drohende; Alekto, die nimmer ruhen- de; — strenge und unerbittliche Goͤttinnen, das Unrecht und den Frevel zu strafen, mit Schlan- genhaaren auf dem Haupte, und Dolchen und Fa- ckeln in den Haͤnden. — Sie quaͤlten den Ver- brecher mit schrecklichen Erscheinungen; — sie ver- folgten Orest, den Muttermoͤrder, und ließen ihm keine Rast. — Die Ehrfurcht gegen sie ging so weit, daß man sich kaum getraute, ihre Nah- men zu nennen; — doch suchte man durch Gebet und Opfer sie zu versoͤhnen. Die Strafen der Verurtheilten im Tartarus. Die Verdammten im Tartarus sind nicht so- wohl zum eigentlichen Leiden, als vielmehr zu einer zwecklosen Thaͤtigkeit, in so fern dieselbe ein Bild des muͤhevollen Lebens ist, verurtheilt. — Ihre Strafe scheint zu seyn, daß selbst noch in die Behausung der Todten ihr rastloses Leben sie verfolgt, und ihre grenzenlosen Bestrebungen nach einem zu hohen Ziele, wodurch sie den Goͤttern sich verhaßt machten, die es nicht dulden koͤnnen, wenn Sterbliche, auf irgend eine Weise, ihnen zu sehr sich naͤhern wollen. Tantalus . Diesen weisen Koͤnig, der in Lydien herrschte, stellt die Dichtung als einen Liebling der Goͤtter dar. Er saß mit Jupiter selbst zu Tische, der an seinen Gespraͤchen, und an dem hohen Sinn sei- ner Rede sich ergoͤtzte; allein — zum Knecht zu groß, und zum Gesellen des großen Donnrers nur ein Mensch, Goͤthens Iphigenie. verging er sich einstens mit zu dreisten Worten ge- gen den Jupiter, der ihn so tief hinunterstuͤrzte, als hoch er ihn erhoben hatte. — Des Tantalus Strafe war, vor Durst verschmachtend stets die klare Fluth zu sehen, die bis ans Kinn vor ihm emporstieg, und schnell zuruͤckwich, sobald er die Lippe benetzen wollte; — und uͤber sich stets mit Sehnsucht den niedergesenkten fruͤchtebeladnen Zweig zu sehen, der schnell in die Hoͤhe wich, so- bald er darnach seine Hand ausstreckte. Diese Strafe selber war gleichsam nur eine Fortsetzung seines Lebens; ein Bild jener nie gestillten Begier, in das Wesen der Dinge, und in die Geheimnisse der Goͤtter einzudringen, wel- che Begier ihn verleitete, selbst seinen Sohn zu schlachten, und ihn mit andern Speisen den Goͤt- tern vorzusetzen, um ihre Unterscheidungskraft zu pruͤfen. Wenn irgend etwas die furchtbare Neu- gier der Sterblichen, das Geheimnißvolle zu er- gruͤnden, bezeichnet, so ist es diese schreckliche Dichtung. — Es ist der Raub, den die Mensch- heit an sich selbst begeht, um die Grundursache ihres Daseyns zu erforschen. — Die Goͤtter belebten des Tantalus Sohn, den Pelops, wieder; und die Dichtung rechtfertigt durch diese That des Tanta- lus seine Strafe. Alle seine uͤbrigen Vergehun- gen waren Eingriffe in die Vorzuͤge der Goͤtter. — Er entwandte ihnen die Goͤtterspeise, damit sie von sterblichen Lippen sollte gekostet werden. — Auch stahl er den Hund des Jupiter, der dessen Heiligthum in Kreta bewachte, an welchem Raube auch Pandarus Theil nahm, den die Goͤtter mit dem Tode straften, und dessen Toͤchter noch seinen Frevel buͤßten. — Es war das kuͤhne Ge- schlecht des Japet, das sich empoͤrend, und seine Grenzen uͤberschreitend, den unversoͤhnlichen Haß der Goͤtter auf sich lud. Ixion . Fast ein gleiches Schicksal mit dem Tantalus hatte Ixion, der in Thessalien herrschte; er wurde auch an die Tafel der Goͤtter aufgenom- men, wo die Reitze der Juno ihn seiner Sterblich- keit vergessen ließen. — Er ruhte nicht eher, als bis er glaubte, das Ziel seiner Wuͤnsche erreicht zu haben; allein ihn taͤuschte auf dem Gipfel seines eingebildeten Gluͤcks ein Blendwerk: statt der Juno umarmte er eine Wolke; aus dieser Um- armung entstand wiederum ein taͤuschendes Bild, ein bloßes Geschoͤpf der Phantasie, die fabelhaften Centauren, wo Mann und Roß ein Koͤrper sind. Die vermeßnen Anspruͤche dieses Sterblichen auf die Umfassung des Hohen und Himmlischen wur- den nicht nur getaͤuscht, sondern auch bestraft. — Ixion ward ploͤtzlich von dieser Hoͤhe in den Tar- tarus hinabgeschleudert, wo er an ein Rad gefes- selt, sich ewig im Kreise drehet, und so fuͤr seine frevelnden Wuͤnsche buͤßet, die ihn die Grenzen der Menschheit uͤbersteigen ließen. Die immer- waͤhrende Unruhe bleibt, aber sie ist zweckloß, gleich dem muͤhevollen Rade menschlicher Bestre- bungen, die sich nur um sich selber drehen. Phlegyas . Einer der tapfersten und kriegrischsten Fuͤrsten Griechenlands war Phlegyas, der eine Stadt er- baute, die er nach seinem Nahmen nannte, und sie mit den ausgesuchtesten, tapfersten Kriegern bevoͤlkerte. Man nannte sie die Soͤhne des Mars, und Schrecken ging vor ihnen her, wohin sie ka- men. — Als nun Apollo dem Phlegyas seine Toch- ter Koronis entfuͤhrte, so setzte dieser seinem Zorn und seiner Rache keine Grenzen, sondern brach auf, eroberte Delphi, und verbrannte den Tem- pel des Apollo. Dafuͤr schwebt nun in der Unter- welt ein drohender Felsen ewig uͤber seinem Haupte. Die immerwaͤhrende Gefahr, die er im Treffen aufsuchte, begleitete den wilden Krieger auch in den Tartarus hinab, und ist ein furchtbares Bild von dem Loose der Sterblichen, uͤber deren Haupte be- staͤndig das in Dunkel gehuͤllte Schicksal schwebt, welches Verderben und Zerstoͤrung drohet, indeß das beklemmte Gemuͤth von Furcht und Zweifel geaͤngstigt wird. Die Danaiden . Der funfzig Toͤchter des Danaus, Koͤnigs in Argos, ist schon gedacht, wie sie auf den Be- fehl ihres Vaters, die Hypermnestra ausge- nommen, alle in einer Nacht ihre Maͤnner er- mordeten. Auch diese mußten in der Unterwelt durch zwecklose Muͤhe fuͤr ihr Verbrechen buͤßen. Sie mußten in loͤchrichte Gefaͤße unaufhoͤrlich Was- ser schoͤpfen, und so in jedem Augenblick die Frucht ihrer Arbeit zerrinnen sehn. Sisyphus . Sisyphus, welcher Korinth beherrschte, war einer der thaͤtigsten und weisesten Regenten seiner Zeit, und dennoch ist seine Strafe in der Unter- welt, auf die Spitze eines Berges einen großen Stein zu waͤlzen, der immer durch seine Schwere wieder hinunter rollt, so daß dem Ungluͤcklichen, der umaufhoͤrlich sich abarbeitet, kein Augenblick der Ruhe und Erholung gestattet ist. — Sisyphus erreichte ein hohes Alter, weswegen die Dich- tung von ihm sagt, er habe die unterirdischen Goͤt- ter bettrogen, die ihn auf sein Versprechen, gleich wieder zuruͤckzukehren, einst aus dem Orkus ent- lassen haͤtten, und denen er frevelnd sein Wort gebrochen. — Indem er, nach dieser Dichtung, seine Tage uͤber das bestimmte Ziel zu verlaͤngern suchte, so war es gleichsam der immer wieder herabrol- lende Stein, die muͤhselige Arbeit des Lebens, die er sich selbst aufs neue waͤhlte, und welche nun, als Schattenbild, im Tode ihn noch verfolgte. Auf der hier beigefuͤgten Kupfertafel ist, nach einer antiken Gemme, Sisyphus den Stein in die Hoͤhe waͤlzend, abgebildet; und nach einem antikeen Basrelief sind Amor und Psyche sich um- armemd dargestellt. Amor und Psyche . Eine der reitzendsten Dichtungen ist die vom Amor und der Psyche. — Unter der Psyche mit Schmetterlingsfluͤgeln abgebildet, dachte man sich gleichsam ein zartes geistiges Wesen, das aus einer groͤbern Huͤlle sich emporschwingend, und verfeinert zu einem hoͤhern Daseyn, zu schoͤn fuͤr diese Erde, durch Amors Liebe selbst begluͤckt, zu- letzt mit ihm vermaͤhlt ward, und an der Seelig- keit der himmlischen Goͤtter Theil nahm. — Der Nahme Psyche selbst bedeutet sowohl einen Schmet- terling als die Seele. — Die zartesten Begriffe von Tod und Leben sind dieser Dichtung eingewebt, welche gleichsam uͤber die Schauer der Schatten- welt einen sanften Schleier deckt. Auf Erden war Psyche die juͤngste von drei Koͤnigstoͤchtern; und sie blieb unvermaͤhlt, weil wegen ihrer himmlischen Schoͤnheit kein Sterbli- cher es wagte, sich um sie zu bewerben. Auf den Befehl eines Orakelspruchs mußten ihre Eltern und Freunde sie wie zum Tode, im Leichenschmuck, auf einen hohen Berg begleiten, und an dem Rande eines jaͤhen Abgrundes sie verlassen. — Sobald sich Psyche allein sahe, ward sie von einem Zephir sanft emporgetragen, und in ein an- muthiges Gefilde, wo ein glaͤnzender Pallast stand, zu Amors unsichtbaren Umarmungen hinwegge- ruͤckt. — Oft warnte Amors Stimme sie, bei dem Verlust seiner Liebe, niemals, wer ihr Lieb- haber sey? neugierig nachzuforschen. Mitten aber im Genuß eines himmlischen Gluͤcks, sehnte Psyche, zu ihrem Schaden, den- noch zu ihren Schwestern sich zuruͤck, welche, auf ihren Wunsch vom Zephir hergetragen, in ihrem Aufemthalt sie besuchten, und ihr Gluͤck beneidend, sie auf den Argwohn brachten, ihr unsichtbarer Liebhaber sey ein furchtbares Ungeheuer, von dem sie sich befreien, und es mit scharfem Eisen im Schlafe toͤdten muͤsse. — Die Schwestern wurden vom Zephir wieder hinweggetragen, und Psyche befolgte thoͤricht ihren Rath. — Kaum war es Nacht und Amor eingeschlummert, so trat sie mit einer Lampe und mit dem gezuͤckten Dolche vor ihm hin, als sie statt eines Ungeheuers, den schoͤnsten unter den unsterblichen Goͤttern, den himmlischen Amor selbst erblickte. Zit- ternd hielt sie die Lampe in der Hand, aus der ein Tropfen heißes Oehl auf Amors Schul- ter fiel, woruͤber er erwachte, und da er Psy- chen und das toͤdtliche Werkzeug sahe, zuͤrnend sie verließ. Voll Verzweiflung, Amors Liebe verscherzt zu haben, suchte Psyche ihr Daseyn zu vernich- ten, und stuͤrzte sich in den naͤchsten Fluß; alleim die Wellen trugen sie an das jenseitige Ufer sanft hinuͤber, wo Pan, der Gott der Heeriden, ihr den Trost gab, daß sie hoffen duͤrfe, fuͤr ihr Vergehen noch einst Verzeihung zu erhalten. — Die Schwestern der Psyche aber, welche die Folgen ihres Raths wohl vermutheten, wuͤnschten nun selbst die Stelle der Verstoßnen ein- zunehmen, und stellten sich eine nach der andern auf die Felsenspitze, wo sie glaubten, daß der Zephir sie nach dem gewuͤnschten Aufenthalt brin- gen wuͤrde; allein sie stuͤrzten in die Tiefe hinab, und buͤßten ihren Neid, und den Verrath an ihrer Schwester, mit dem Tode. Um den Amor aufzusuchen, schweifte Psyche vergebens auf der ganzen Erd’ umher; sie flehte zuletzt die Venus selber um Erbarmung an, welche heftig auf sie zuͤrnend, und auf ihre Schoͤnheit eifersuͤchtig, ihr die haͤrtesten Pruͤ- fungen, und die schwersten Arbeiten auferlegte, deren Ausfuͤhrung oft unmoͤglich schien, — und die sie dennoch mit Huͤlfe wohlthaͤtiger We- sen vollbrachte, welche Amor, der sie stets noch liebte, ihr zum Beistande schickte. Psyche aber mußte lange fuͤr ihre Thorheit buͤßen, und des verscherzten Gluͤcks erst wieder wuͤrdig werden. — Zuletzt befahl ihr Venus, selbst in die Unterwelt hinabzusteigen, und von der Pro- serpina eine Buͤchse zu fordern, welche hohe Schoͤnheitsreitze in sich enthielte. Nun glaubte Psyche, sie muͤsse sterben, um in die Unter- welt zu kommen. Allein eine Stimme belehrte sie, von jeder Vorsicht, die sie nehmen, und warnte sie vor jeder Gefahr, die sie vermei- den muͤsse. Sie durfte Kuchen und Faͤhrgeld nicht ver- gessen, jenen um den Cerberus zu besaͤnftigen, dieses um den Charon zu befriedigen, der ihr, so wie den Todten, das Geld aus dem Munde nehmen mußte. Es waren nur die Gebraͤuche des Sterbens, welche von der Psyche beob- achtet wurden, sie selber kehrte ans Licht empor; auch durfte sie sich dem Orkus durch nichts ver- bindlich machen, und an dem Gastmahl Pro- serpinens keinen Antheil nehmen, sondern auf der Erde sitzend nur schwarzes Brod verzehren. Vor allem aber mußte sie die Buͤchse mit den Schoͤnheitsreitzen uneroͤfnet der Venus uͤberbrin- gen; und Psyche, welche nun in so vielen Pro- ben bestanden war, erlag in dieser letztern. Kaum war sie der Unterwelt entstiegen, so nahm sie den Deckel von der Buͤchse, aus wel- cher ein hoͤllischer Dampf ihr entgegenstieg, der sie in einen tiefen Todesschlummer senkte, von welchem Amor, der schon lange unsichtbar uͤber ihr schwebte, sie wieder weckte, und uͤber diesen zweiten Ruͤckfall in Eitelkeit und Neugier ihr nur sanfte Vorwuͤrfe machte; denn schon war sein Entschluß gefaßt, sich mit der Psyche zu vermaͤhlen; sie ward auf seine Bitte beim Ju- piter unter die Zahl der Goͤtter aufgenommen; auch Venus ward versoͤhnt; Gesang und Sai- C c tenspiel ertoͤnte, und das ganze Chor der Goͤt- ter nahm an der Hochzeitfeier des himmlischen Amors Theil, mit welchem Psyche, wie der Goͤrterfunken mit seinem Ursprunge, sich ver- maͤhlte. Register . A bas 204. Absyrtus 271. Abyla 246. Achelous 76. 248. Acheron 387. 388. Achilles 72. 325. 326. 342. 373 bis 378. 390. Aeis 341. Ades 387. Admetus 113. 243. 262. Adonis 336. 337. Adrastus 355 bis 361. Aeakus 280. Aeea 272. Aeetes 260. 261. 268 bis 271. Aege 120. Aegeus 281. 282. 287. 291. 292. 294. 295. Aegialeus 361. Aegide 210. Aegipanen 319. Aegisthus 367. 368. Aegle, Hesperide 236. He- liade 385. Aegyptischer Bachus 177. Aegyptischer Jupiter 388. Aegyptus 202. 203. Aello 73. 266. Aeneas 131. 335. 390. 391. Aeolus 96. 212. 257. 258. Aerope 364. Aeskulap 326 bis 328. Aeson 258. 274. Aetna 193. Aethra 255. 287. 288. Agamemnon 367. 368. 372 bis 375. 377. 390. Aganippe 305. Agave 348. Agenor 94. 346. 347. 349. Aglaja 64 Ajax 372 378. Aides 387. Akrisius 205. 209. Aktaͤon 137. 349. Aktor 359. Alcaͤus 210. 217. Alceste 242. 243. Aleimede 258. Alcinous 272. 273. Alcyoneus 22. Alekto 392. Alkmene 217 bis 222. C c 2 Aloeus 29. Aloiden 29. Alphaͤus 76. Alpheus 159. 160. 232. Althea 277. 278. Amalthea 18. Amathunt 192. Amathusia 192. Amazonen 215. 230. 231. Ambrosia 180. 394. Ammon (Jupiter) 101. 208. Amphiaraus 356. 357. 359. Amphion 350. 351. 382. Amphitrite 72. 113. Amphitryo 217 bis 220. 222. 224. Amphyktion 96. Amphyktionen 96. Amor 54 bis 56. 309. 311. 397 bis 402. Amykus 254. 266. Anaurus 259. Anaxo 217. Ancaͤus 268. Anchises 131. 335. 336. 390. 391. Androgens 281. Andromache 377. 380. Andromeda 207. 208. 210. Antaͤus 240. 241. Antea 213. Anteros 310. Antigone 354. 355. 359. 360. Antiope, Amazonenkoͤnigin 296. Antiope 350. Aphareus 256. Aphidnaͤ 255. Aphrodite 56. 79. 191. Apollo 29. 83. 109 bis 115. 139. 159 bis 162. 183 bis 187. 203. 223. 239. 245. 287. 292. 305. 307. 327. 338 bis 340. 352. 368. 369. 374 bis 378. 383. 395. 396. Archemorus 358. Arethusa 236. Arges 14. Argo 262. 272 bis 274. Argolis 93. Argonauten 262 bis 275. Argos 188. 189. 203. Ariadne 292. 293. Arion 116. 359. Aristaͤus 349. Arkadien 97. 196. 197. Askalaphus 129. Asopus 77. Assarakus 326. Asteria 60. 61. Astraͤa 68. Astraͤus 16. 57. 64. Astyoche 364 Atalante 356 Atalante 277 bis 279. Ate 222. Athamas 258. 260. 349. Athen 42. 43. 95. 96. 150. 191. 255. 281 bis 283. 287. 288. 291 bis 295. 298 bis 300. Athene (Pallas) 95. Atlas 16. 31. 65. 77. 207. 246. 386. Atreus 363 bis 367. Atropos 44. 48. 68. Attika 93. 95. 295. 296. Atys 333. 334. Augias 231. 232. Aulis 372. Aura 384. Aurora 16. 57. 113. 334. 335. 383. Autonoe 348. 349. Avernus 387. Bachanal 176. 177. Bachantinnen 172. 173. 195. Bachus 167 bis 178. 293. 316. 317. 349. Baucis 197. 198. Bebrycien 266. Bellerophon 212 bis 215. Bellona 123. Belus 202. Bistoniden 194. Biton 188. 189. Boͤotien 40. 93. 260. 347. Boreas 194. 262. 266. 338. Briareus 14. 20. 21. 66. 72. Briseis 375. 377. Brontes 14. Busiris 241. Caͤneus 200. Cesalonia 219. Cekrops 92. 95. Celaͤno 266. Celeus 141. 142. Cenaͤum 251. Centauren 223. 296. 297. 395. Cephalene 219. Cephatus 219. 383. 384. Cepheus 208. Cerberus 75. 236 bis 238. 388. 391. 401. Ceres 19. 85. 116. 139 bis 145. 168. Ceto 70. 74 bis 76. 214. 226. Chaonien 97. 181. Charirinnen 311. Charon 237. 388. 389. 391. 401. Charybdis 272. 381. Chimaͤra 75. 96. 212. 214. Chiron 77. 173. 223. 258. 325 bis 327. Chonidas 287. 288. Chrysaor 74. 75. Chryseis 374. 375. Chrysippus 363. 364. Cinyras 336. Circe 272. 381. 390. Coͤns 14. 15. Corinthischer Isthmus 274. Cyane 140. Cyaneen 266. 267. Cybele 164 bis 167. 279. 333. 334. Cycikus 265. Cygnus 385. Cyklopen 14. 17. 19. 149. 193. Cyllene 196. Cynthus 184. Cyparissus 338. 339. Cypern 191. 192. Cypselus 46. Cythaͤron 171. Cythere 192. 336. Daͤdalus 283 bis 286. 293. Damastes 290. Danae 205. Danaiden 396. Danaus 202 bis 204. Daphne 340. Dardanus 330. Dejanira 248 bis 252. Dejoneus 383. Delos 83. 183. 184. 292 bis 294. Delphi 136. 184 bis 187. 224. 287. 396. Delphinen 170. 185. Deukalion 39. 40. 96. Diana 60. 61. 83. 110. 135 bis 139. 193. 194. 228. 276. 277. 340. 341. 373. 374. 383. Dice 67. Diktaͤische Grotte 180. Dindymus 265. Dino 74. Diomedes, Sohn des Mars 233. 234. Diomedes, Tydeus S ohn 127. 128 133. 276. 372. Dione 56. 113. 134. Dioskuren 255. Dirce 350. Dodona 97. 181. 182. 262. Donau 271. Doris 70. 71. 72. Dryaden 315. Dryas 200. Echidna 74. 75. Echion 348. Eimarmene 48. Elektra, Tochter des Ocean 73. Elektra, Agamemnons Tochter 367. 368. Elektryo 210. Eleus 219. Elensinus 93. Eleusis 93. 141. 237. 290. Elis 174. 231. Elyktrio 217 bis 219. Elysium 391. Euceladus 22. Endymion 340. 341. Enyo 74. Epaphus 94. 384. Ephesus 193. 194. Ephialtes 29. Ephyra 274. Epidaurus 289. 328. Epigonen 360. Epimetheus 16. 38. 39. Epirus 97. 181. Epopeus 350. Erato 304. 307. Erebus 13. 386 bis 388. Erechthiden 95. 284. Erechtheus 95. 383. Erichthonius 150. Evieinische Venus 286. Eridanus 385. Eriphyle 356. 357. Eris 342. Eros 310. Erymanthischer Eber 227. 228. Erynnen 117. Erysichthon 144. Erythia 236. Eryx 286. Eteokles 354 bis 360. Euboaͤ 249. 251. Eumaͤus 111. Euneus 265. Eunomia 67. Euphemus 273. Euphrosine 64. Europa 279. Eurotas 254. Euryale 74. 206. Eurybia 70. 73. Eurydice 195. Eurynome 63. 64. Eurystheus 221 bis 238. 364. Eurytion 235. Eurytus 249. 250. Euterpe 304. 307. Evander 242. Evenus 248. Everes 218. Fatum 44 bis 52. Faunen 174. 317 bis 319. Fließ 260 bis 262. 268 bis 270. Furien 15. 50. 392. Galatea 71. 341. Ganymedes 330 bis 333. 343. Gargarus 180. Gelanor 202. Genien 301. 302. 310. Geryon 234. 235. Giganten 22. 23. 27. Gnidus 192. Goͤthe 9 bis 12 35 bis 37. 103. 104. 331. 332. 345. 346. 365. 366. 369. 370. 393. Gorgo 126. Gorgonen 74. Graͤen 74. Grazien 311 bis 313. Gyges 14. 20. 21. 66. Haͤmon 360. Hamadryade 315. Harmonia 348. Harpokrates 153. 154. Harpyen 73. 266. 267. Hebe 81. 253. 332. Hebrus 173. Hekate 60. 61. Hektor 201. 375 bis 378. Hekuba 377. 378. 380. Helena 131. 132. 254. 255. 367 371 372. Heliaden 385. Helikon 119. 305. Helios 57 bis 59. 113. 280. 384. 385. Helle 260. 261. Hellen 96. Hellespont 261. Hera 188. Heraͤen 188. Herkules 216 bis 253. 288. 296. 297. 305. 315. 390. Hermione 290. Hermione, Tochter des Mars 348. Hesione 239. 240. Hesperiden 45. 235. 236. 386. Hippodamia 297. Hippodamia, Oenomaus Tochter 363. 364. Hippokrene 119. 305. Hippolytus 296. 298. 299. Hippomedon 356 bis 359. Hippomenes 279. Homer 200. 201. Horen 67. 134. 312 bis 314. Hyacinthus 338. Hydra 226. 227. Hygea 328. 329. Hylas 239. Hyllus 252. Hymen 325. Hymettisches Gebuͤrge 383. Hyperbius 358. 359. Hyperhoreer 194. Hyperion 14. 16. 58. Hypermnestra 203. 204. Hypsipyle 264. 265. 357. 358. Janus 25. Japet 14. 16. Jason 257 bis 275. 277. 357. Ida 180. 280. 331. 370. Idaͤischer Jupiter 180. Idalia 192. Idalium 192. Idas 256. 277. Idea 266. Idomeneus 373. Ikarus 283. 285. 286. Ilaira 256. Ilithya 81. Ilium 373. 380. Illyrien 349. 361. Inachus 92 bis 95. 233. Indischer Bachus 177. Ino 260. 348. 349. Jo 93. 94. 216. Jobates 213. 215. Jokaste 351. 353 bis 355. Jolaus 226. Jole 249 bis 252. Jolkos 258. 259. 263. 273. Iphigenie 365. 367 bis 370. 373. Iphikles 222. 226. Iphimedia 29. Iphitus 250. Irene 67. Irie 73. 105. 117. Ischys 327. Isis 166. Ismene 354. Isthmische Spiele 295. Isthmus 274. 289. Ithaka 119. 381. Juno 49. 79 bis 84. 93. 105 bis 109. 121. 138. 151. 158. 188. 189. 221 bis 224. 226. 245. 248. 253. 257. 259. 272. 314. 347. 349. 352. 370. 371. 374. 394. 395. Jupiter 17 bis 30. 31. 34. 37 bis 39. 44. 49. 56. 58. 61. 63. 64. 67. 68. 72. 79 bis 88. 93. 94. 97. 99 bis 105. 107. 111. 117. 120. 128. 129. 134. 135. 142. 145. 149. 161. 162. 168. 180 bis 182. 189. 190. 197. 198. 205. 220 bis 223. 244. 251. 254 bis 256. 279. 280. 302. 303. 327. 331. 343. 350. 374 bis 377. 385. 393. 394. 401. Ixion 394. 395. Kabiren 149. Kadmus 346 bis 351. Kakus 242. Kalais 262. 267. Kalchas 373. 375. Kalliope 303. 304. 307. Kalliryoe 74. Kallisto 84. Kalpe 246. Kalydon 276. Kalydonischer Eber 275 bis 277. Kalydonische Jagd 276 bis 278. Kalypso 381. Kapaneus 356 bis 359. 373. Karien 340. Karmenta 242. Kassiopeja 208. 210. Kastalischer Quell 186. 305. Kastor 253 bis 257. 262. 277. Kerkyon 290. Kleobis 188. Klio 303. 304. 307. Klotho 44. 48. 68. Klymene 16. 384. Klytemnestra 254. 367. 368. Klytie 339. 340. Kocytus 387. 388. Kokalus 283. 286. Kolchis 260. 261. 268. Komus 324. Korinth 212. 274. 289. 351. 396. Koronis 327. 395. Korybanten 18. 148. 149. Kottus 14. 20. 21. 66. Kreon 219. 247. 248. 275. 351. 359. 360. Kreta 180. 232. 279. 281 bis 283. 292. 394. Kretensische Maͤnner 185. Kretensischer Stier 232. 233. Kretheus 258. Krissa 185. Krius 14. 16. 64. Krommyonische Sau 289. Kronos 14. Kupido 151. Kureten 18. 148. 149. Labdakus 349. 350. Labyrinth 281. Lacedaͤmonier 338. Lacedemon 253. Lachesis 44. 48. 51. 52. 68. Ladon 319. Laertes 382. Laͤsttygonen 381. Lajus 350 bis 354. Lamedon 118. Lampetia 385. Laodamas 360. 361. Laokoon 379. Laomedon 239. 240. 334. Lapithen 296. 297. Laren 323. Lasthenes 359. Latium 25. Latmus 340. Latona 15. 80. 82. 83. 136. 138. 183. 374. 382. Learchus 349. Leda 253. 254. Lemnierinnen 264. Lemnos 193. 263 bis 265. Lerna 226. Lernaͤische Schlange 75. 226. 227. Lethe 389. Leucippus 256. Leukothea 349. Leukothoe 339. 340. Lichas 251. 252. Liebesgoͤtter 309. 310. Linus 223. Lucina 81. Luna 16. 59. 60. Lybia 202. Lybien 101. 181. 240. 273. Lybische Sandbaͤnke 273. Lycaͤus 320. Lycien 213. Lycier 215. Lycimnus 218. Lyeischer Apollo 203. Lydien 250. 393. Lykomedes 299. 300. Lykurgus 169. 357. 358. Lykus 267. 350. Lynceus, Sohn des Aegyp- tus 203. 204. Lynceus, Sohn des Apha- reus 256. 263. 277. Machaon 328. Maͤnaden 195. Maͤnalus 228. Maja 77. Malea 272. 273. Mars 55. 81. 82. 125. 127 bis 130. 133. 147. 194. 268. 280. 347. 348. 374. 395. Marsyas 126. 306. 307. Medea 269 bis 275. Medusa 74. 126. 206 bis 208. 210. 212. Megaͤra 392. Megara, Kreons Tochter 247. 248. Megara, die Stadt 282. 290. Meleager 263. 275 bis 278. Meliaͤ 15. Melicertes 349. Melpomene 303. 304. 307. Memmon 113. 334. Menalippus 358. 359. Menelaus 367. 371. 372. Menoͤtius, Sohn des Ja- pet 16. 31. Menoͤtius, Vater des Pa- troklus 263. Merkur 154 bis 163. 168. 196. 197. 206. 223. 320. 374. 378. 382. 391. Messene 356. Mestor 217. 218. Metis 63. Mimas 22. Minerva 63. 95. 96. 121 bis 130. 133. 134. 149. 150. 191. 206. 207. 210. 229. 347. 370. 371. 374. Minos, der Gesetzgeber 279. 280. Minos, dessen Enkel 280 bis 283. 291. 292. 298. 373. Minotaurus 281 bis 283. 293. Mnemosyne 66. 302. 303. Morpheus 46. Musagetes 305. Musen 66. 302 bis 309. 311. Mycene 188. 210. Myrrha 336. Myrtilus 363. Myrtoisches Meer 363. Najaden 315. Naxos 293. Nemaͤischer Loͤwe 75. 225. 253. Neleus 258. 262. Nemea 225. Nemesis 78. Nephele 260. Neptun 19. 29. 62. 72. 94. 115 bis 121. 124. 139. 202. 232. 239. 274 280. 299. 374. 381. 382. Nereiden 71. 72. 208. Nereus 70 bis 72. 115. 371. Nessus 248. 249. Nestor 200. 247. 262. 372. Niobe 382. 383. Nisa 282. Nisus 282. Nykteis 350. Nykteus 350. Nymphen 314. 315. Nysa 169. Oceaniden 63 bis 66. Oceanus 16. 61 bis 66. 70. 73. 74. 76. 84. Ocypete 73. 266. Oebalus 253. 338. Oechalia 250. Oechalien 249. Oedipus 351 bis 355. Oeneus 276. 277. Oenomaus 362. 363. Oeta 252. Ogyges 92. 93. Olymp 20. 21. 29. 85. 163. Olympia 189. 190. Olympiade 190. Olympische Spiele 190. 232. Omphale 250. Orakel 186. 187. 208. 243. 259. 282. 287. 292. 295. 347. 352. 354. 368. 369. Orchamue 339. Orchomenier 248. Oreade 315. Orest 367 bis 369. Orkus 58. 85. Oromedon 22. Orpheus 195. 263. 272. 325. Orthrus 75. 335. Ossa 29. Othrys 20. Otus 29. Paͤas 252. Palladium 379. Pallas, der Titane 16. 64. Pallas, Bruder des Aegeus 291. Pallas Athene 95. Pan 319 bis 321. 399. Panathenaͤen 191. Pandarus 394. Pandion 287. Pandora 38. 39. Paphos 192. Paris 131. 132. 370 bis 372. 378. 379. 382. Parnassus 40. 184. 185. 305. Parthenopaͤus 356 bis 359. Parzen 44. 47 bis 51. 68. 278. Pasiphae 280. 281. 298. Patroklus 373. 376. 378. Pegasus 119. 207. 212. 214. 215. 305. Peleus 262. 277. 342. Pelias 243. 258 bis 262. 274. Pelion 29. 258. 262. Pelopia 367. Pelopiden 362 bis 370. Peloponesus 363. Pelop 287. 362 bis 364. 369. 394. Penaten 323. Penelope 382. Peneus 76. 340. Pentheus 170. 171. 348. Pephredo 74. Periphetes 289. Persephone 388. Perses 16. 60. 61. 64. Perseus 202. 205 bis 212. Pessinunt 166. Phaͤacier 119. 272. 382. Phaͤdra 298. 299. Phaeton 343. 384. 385. Phaetusa 385. Phidias 189. 191. Philemon 197. 198. Philoktetes 252. 373. 379. Philomele 194. Philyra 77. Phineus 208. 266. 267. 271. Phlegraͤische Gefilde 22. Phlegyas 395. 396. Phocis 368. Phoͤbe, Titanide 14. 15. Phoͤbe, Tochter des Leu- cippus 256. Phoͤnizien 348. Phoͤnizische Kuͤste 207. Phorbas 351. Phorkys 70. 74 bis 76. Phoroneus 93. Phrygien 164. 197 bis 199. Phryxus 260. 261. Phyleus 232. Pierien 305. Pierinnen 305. Pimplea 305. Pindus 305. Piraͤische Gebirge 159. Pirithous 200. 263. 277. 296 bis 298. 387. Pisa 362. Pitho 295. Pittheus 287. Pleuron 277. Pluto 19. 21. 140. 142. 143. 237. 238. 327. 386 bis 391. Podalirius 328. 373. Podarcis 240. Pollux 253 bis 257. 277. Polybius 351. Polydektes 205. 208. 209. Polydorus 348. 349. Polyhymnia 304. 307. Polynices 354 bis 361. Polyphem 71. 341. 380 bis 382. Polyphontes 358. Pontus 69. 70. Porphyrion 22. Praxiteles 192. Priamus 240. 370 bis 372. 375. 378. 380. Priapus 323. 324. Proͤtus 205. 209. 210. 212. 213. Prokris 383. 384. Prokrustes 290. 291. Prometheus 16. 30 bis 43. 63. 64. 66. 67. 78. 149. 216. 244. Proserpina 85. 140. 142. 143. 297. 388. 400. 401. Proteus 76. 77. Psyche 397 bis 402. Pterelaus 218. 219. 222. Pylades 368. 369. Pylos 185. 200. Pyriphlegeton 389. Pyrrha 39. Pyrrhus 380. Pythia 115. 185 bis 187. Pythischer Apollo 114. Pytho 114. Python 114. Radamanthus 280. Rhen 14. 16. 17. 77. 113. 164. Rhoͤtus 22. Salmoneus 258. Samos 119. Salmydessa 266. Samothracien 149. 265. Samothracische Geheim- nisse 264. Sangaris 333. Sarpedon 49. Saturnia 26. Saturnus 14 bis 21. 24 bis 26. 62. 63. 77. 101. Satyrn 173. 174. 315 bis 317. 319. Schoͤneus 277. Scylla 111. 272. 381. Scylla, Tochter des Nisus 282. Scyrus 299. 300. Selene 57. 59. 60. Semele 168. 348. Serapis (Jupiter) 153. 388. 391. Seriphus 205. 208. Sicilien 58. 193. 286. 341. Sicyon 350. Silen 173. 174. 178. Simois 326. Sinnis 289. Sinon 379. 380. Sipylon 383. Sirenen 306. 381. Sisyphus 212. 258. 396. 397. Skamander 76. 150. 151. 326. Skiron 290. Solymer 215. Sparta 188. 367. 371. Sphinx 75. 352. 353. Steropes 14. Sthenelus, Perseus Sohn 217. 219 bis 221. Sthenelus, Kapaneus Sohn 373. Stheno 74. 206. Strophadische Inseln 267. Strophius 368. Stygischer Jupiter 387. Stymphaltden 229. 230. Stymphalischer See 387. Styx 64 bis 66. Sylvan 321. 322. Symplegaden 267. Syrinx, die Nymphe 319. Taͤnarum 237. 386. Talus 284. 285. Tantalus 382. 393. 394. Taphier 219. Taphius 217. 218. Taphos 217. Tartarus 65. 85. 386 bis 396. Tauris 365. 368. 369. 373. Telamon 240. 263. 265. 277. Teleboer 218. 219. Telemach 382. Telesphorus 328. Tereus 194. Terpsichore 304. 307. Tethys 14. 61. 62. Thalia, die Grazie 64. Die Muse 303. 304. 307. Thamyris 307. Thaumas 70. 73. Thebanischer Krieg 356 bis 362. Thebe 93. Theben 248. 346 bis 362. Themis 14. 40. 66 bis 69. 113. 184. Thermodon 231. Thersander 360. 361. 373. Theseum 300. Theseus 200. 263 277. 287 bis 300. 360. 387. Thesprotien 386. Thessalien 96. 258. 263. 296. 327. 394. Thestius 253. 277. Thetis (die Tochter des Nereus) 71. 72. 76. 150. 169. 342. 375 bis 377. Thia 14. 16. Thoas, Vater der Hypsi- pyle 264. Sohn der Hyp- sipyle 265. Koͤnig in Tauris 365. Thracien 169 194. 195. Thracisches Gebirge 195. Thyest 363 bis 365. 367. Thyphaon 75. Thyrsusstab 172. 176. Tiphoͤus 27. 28. Tiphys 263. 268. Tisiphone 392. Titan 58. Titanen 14 bis 16. 19 bis 22. 24. 30. 31. 64. 65. 67. 386. Titaniden 14. Tithonus 334. 335. Trachina 252. Triptolemus 142. 280. Troa e 265. Troͤzene 287. 289. Troja 117 bis 120. 125. 127 bis 129. 132 bis 134. 138. 139. 150. 151. 180. 188. 200. 239. 240. 330. 370 bis 382. Tros 330. Tydeus 276. 355 bis 359. Tyndareus 253. 254. 367. Tyrinth 210. Tyro 258. Tyrus 94. Ulysses 50. 58. 111. 119. 125. 126. 372. 378 bis 382. 390. Urania 304. 308. Uranos 14. 15. 17. 23. 24. Venus 55. 56. 129 bis 135. 137. 147. 151. 192. 254. 264. 279. 280. 286. 293. 298. 311. 335 bis 337. 370. 371. 374. 399. 401. Vesta 84. 135. 140. 151 bis 155. Vulkan 145 bis 151. 169. 193. 374. 377. Zetes 262. 267. Zethus 350. Zyzikus 265.