August Ludwig Schloͤzers Prof. in Goͤttingen Vorstellung seiner Universal-Historie . Zweeter Teil. Goͤttingen und Gotha bey Johann Christian Dieterich 1773 . Vorbericht. W er sich einmal in den Kopf gesetzt hat, daß die Vorstellung meiner Uni- versalhistorie ein Lesebuch, oder ein Com- pendium im eigentlichen Verstande, sei: der wird nicht begreifen koͤnnen, wie kri- tische und zum Teil polemische Untersu- chungen der zweere Teil dieses Compen- dii heissen sollen. Wem hingegen gefaͤl- lig ist, jene Aufsaͤtze fuͤr das zu halten, wofuͤr ich sie in der Vorrede ausdruͤcklich ausgegeben hatte; naͤmlich fuͤr eine mit Beweisen (und einer Probe S. 113-222) belegte Vorstellung des Plans, dem ich in der Behandlung und im Vortrage die- ser Wissenschaft folge, und folgen zu muͤs- sen glaube, und dann fuͤr eine Anfrage an Kenner aus dem Publico, was sie von der Materie und Form, und der von beiden abhangenden Einrichtung der Weltgeschich- * te Vorbericht. te, halten: der wird den Titel eben nicht unschicklich finden. Mit dem Planmachen ist es freilich so eine Sache ‒ ‒ und Hr. Herder hat voͤllig recht, daß sich etwas leichter sagen als thun lasse. Aberhier, wo von Welt- geschichte die Rede ist, meine ich, muß es auch gesagt werden, ehe es gethan wird. Der Begriff von Weltgeschichte ist so leicht nicht, als mancher waͤhnet; ich weiß so gar nicht einmal, ob bereits eine vollstaͤn- dige und ganz untadelhafte Definition von ihr existire? Jst man aber in dem Begriffe nicht einmal eins: wie kan man in den praktischen Negeln der Einrichtung dieser Wissenschaft Uebereinstimmung hoffen? Der eine wird sie so behandeln, der andre anders; der eine wird vorsetzlich Dinge auslassen, die der andre durchaus mit hin- ein haben will; der eine wird Dinge hin- einsetzen, die der andre, als gar nicht zur Universalhistorie gehoͤrig, verspottet: jeder wird seinen Grundsaͤtzen getreu handeln; aber um die Streitenden auseinander zu bringen, muͤssen diese Grundsaͤtze entwik- kelt, muß ein Plan, eine Theorie, ein Jdeal dieser Wissenschaft, verfasset werden. Wenn Vorbericht. Wenn nun die Geschichtkunde, uͤ- berhaupt genommen, eine nicht nur jedem Gelehrten von Profeßion unentberliche, s n ndern auch fuͤr den ganzen cultivirteren Teil des großen Publici brauchbare und interessante Wissenschaft ist, und folglich jeder gelehrte Patriot wuͤnschen, jeder nach seinen Kraͤften das seinige dazu beitragen muß, daß diese Wissenschaft immer mer und mer in allgemeinen Umlauf komme; wenn sie, wegen ihrer unermeßlichen Weit- laͤuftigkeit, notwendig eine Art von Jnsti- tutionen, ein Fundamentale, eine allge- meine Grundlegung, erfodert; und wenn sich alle Menschen unter diesen historischen Jnstitutionen die Universalhistorie den- ken, so sehr sie auch uͤbrigens, in naͤherer Bestimmung dieses Wortes, von einan- der abweichen moͤgen: so kan ich nicht um- hin, mir die Universalhistorie, aus diesem Gesichtspuncte betrachtet, als eine sehr wuͤrdige und wichtige Wissenschaft vorzu- stellen; aller Gedanke, daß sie ein blosses Schulstudium fuͤr Kinder und Knaben sei, verschwindet mir; und ich halte es in ho- hem Grad fuͤr der Muͤhe werth, uͤber die moͤglichst beste Behandlung dieser Wissen- * 2 schaft Vorbericht. schaft nicht nur selbst nachzudenken, son- dern auch andre gescheute Leute zu befra- gen. Und wenn der Planmacher nicht blos Gemeinoͤrter predigt, ausgesuchte Phra- ses haͤuft, und fromme Wuͤnsche decla- mirt, sondern statt dessen ins Detail geht, und so bestimmte Vorschlaͤge thut, daß von ihnen zur Ausuͤbung nur ein kleiner und evident moͤglicher Uebergang ist; wenn er dabei den in litterarischen Vorschlaͤgen aͤusserst eckelhaften Gesetzgeber-Ton sorg- faͤltig vermeidet; wenn er endlich nicht blos vorschlaͤgt, sondern selbst Hand an- legt, und Proben seiner Theorien vorzeigt: so sehe ich nicht ab, wie ein Planmacher von der Art Verachtung und Gespoͤtte verdiene. Jn diesen Gesinnungen ließ ich in vori- gem Jahre die Vorstellung meiner Uni- versalhistorie drucken. Da sie absicht- lich eine Anfrage an das Publicum war: so gestehe ich es, ich war aufmerksam auf die Beurteilungen, die das Buch erhal- ten wuͤrde. Solcher Beurteilungen sind mir bis jetzo achte zu Gesicht gekommen. Sie Vorbericht. Sie scheinen mir alle von Historikern von Profeßion zu seyn: ich sage, sie scheinen mir es, denn alle diese Beurteiler sind mir, bis auf einen einzigen, noch bis itzo unbekannt. Alle ihre Erinnerungen waren lehrreich fuͤr mich; ich will sie alle, keine einzige ausgenommen, in dem naͤchstfol- genden dritten Stuͤcke dieser Vorstellung sammlen, und bei jeder insbesondre die Anmerkung machen, entweder: ich ha- be gefehlt, und kan den Feler kuͤnftig ver- bessern, oder: ich habe gefehlt, allein aus folgenden Ursachen ꝛc. kan ich den Feler nicht verbessern, oder: ich glaube, nicht gefehlt zu haben, und dies aus folgenden Gruͤnden ꝛc. Eben so werde ich es mit denjenigen freundschaftlichen Kritiken hal- ten, die mir blos schriftlich in Privatbrie- fen bisher zugekommen sind, oder kuͤnftig noch zukommen moͤchten. Aber alle die bisher genannten Beur- teilungen durfte ich nicht mit derjenigen zu- sammensetzen und verunehren, die der Hr. Consistorialrath Herder in die Frankfur- ter Zeitungen setzen lassen. Diese sticht, nicht nur in Grobheit und Ungerechtigkeit, * 3 son- Vorbericht. sondern auch in laͤcherlicher Unwissenheit, gegen die uͤbrigen allzu sehr ab: ihr allein also, da ich ihres gleichen anderswo nicht gefunden, bestimmte ich zur umstaͤndlichen Analyse dieses 2te Stuͤck. Darf ich ergebenst bitten, daß diese meine Analyse niemand lese, der nicht un- mittelbar vorher des Hrn. Consistorial- Raths ganze Recension im Zusammenhan- ge gelesen und erwogen hat? Darf ich bit- ten, auf allen Seiten dessen eingedenk zu seyn, daß ich blos der sich verteidigende Teil bin, daß ich Hrn. Herdern gar nicht kenne, und ihm nie Gelegenheit gegeben ha- ben kan, uͤber mich mißvergnuͤgt zu seyn, noch weniger Ursache, mir im Angesichte des Publici so beleidigend zu begegnen? Aber warum beantworte ich, so um- staͤndlich, eine Kritik, die augenscheinlich unter aller Kritik ist? aus der ich nichts lernte, und aus der sich auch, nicht einmal durch Brandische Kuͤnste, fuͤr den kundigen Leser ein Phosphor ziehen ließ? eine Kritik von der Art, die heute gemacht und gedruckt, morgen gelesen und belacht, und uͤber- morgen vergessen wird? Aus Vorbericht. Aus Furcht und Bangigkeit geschieht es augenscheinlich nicht. Die Recension ist schon seit mer als einem Jare gedruckt; so lange wartete ich mit Fleiß mit meiner Antwort. Sie hat gar keinen Ton im Publico, nicht einmal unter spaͤteren Recen- senten, angegeben. Sicher und ruhig haͤtte ich sie also in ihrer bereits eingetretenen Vergessenheit modern lassen koͤnnen. Waͤre sie immer anonymisch geblieben: so wuͤrde ich natuͤrlicher Weise noch weni- ger Notiz von ihr genommen haben. A- ber da es, ich weiß nicht durch einen Zu- fall, oder mit Hrn. Herders Vorsatze, all- gemein bekannt wurde, daß die Recension von ihm waͤre: so war ich seinem bekann- ten, und zwar nicht durch Historie, aber doch durch Belleslettres, beruͤhmten Namen mer Aufmerksamkeit schuldig, als einem namenlosen Unbekannten. Endlich sah ich diese Recension von einer gewissen Nebenseite an, von der sie mir wichtig schien: — als eine Urkunde des leidigen Recensenten-Unfugs, der seit etwa zehen Jaren unsre Deutsche Litteratur schaͤndet. * 4 Zwar Vorbericht. Zwar solche Urkunden werden hie und da alle Wochen gedruckt; und Schrift- steller, die ihrer Sache gewiß sind, und dem deutschen Publico Einsicht zutrauen, scheinen sichs durchgaͤngig zum Gesetze ge- macht zu haben, dergleichen Ungezogen- heiten zu ignoriren und zu verachten. Sie selbst verlieren augenscheinlich nichts dabei; und zur Ehre meiner Deutschen weiß ich wirklich noch kein einziges Beispiel, daß ein wirklich ehrwuͤrdiger Gelerter durch Re- censenten-Complot um seine Achtung ge- kommen waͤre. Allein daß es gut, heil- sam, und fuͤr die Aufrechthaltung der Wuͤrde unsrer vaterlaͤndischen Litteratur notwendig sei, aus etwa hundert solcher Recensionen jedesmal Eine heraus zu ne- men, wenn sie sich durch Unwissenheit in hohem und erweislichem Grade, durch vor- zuͤgliche Ungezogenheit, und durch die Per- son ihres Verfassers, besonders auszeich- net, und an derselben ein Exempel zu sta- tuiren, schließe ich aus folgenden Gruͤnden. I. Der Unfug nimmt kein Ende, und verewigt sich. Diejenige, die ihn treiben, sind meist Leute in den Jaren der Gaͤhrung, wo Stillschweigen und großmuͤthige Ver- achtung Vorbericht. achtung keine Wirkung thut, sondern eher fuͤr Furcht oder Feigheit ausgelegt wird. Kommen diese Leute endlich zu Jaren und zu sich, und bessern sich selbst: so tritt ih- nen eine durch jener ihr Beispiel bereits verdorbene und wieder gaͤhrende Genera- tion auf dem Fuße nach; und faͤngt gerade da wieder an, wo jene es mit Schaam und Reue lassen wollten; und stiftet in die Laͤnge wirklich mer Boͤses, als es beim ersten Ansehen scheint. II. Bei gelerten Lesern zwar macht ei- ne ungerechte und boshafte Recension um so weniger Eindruck, je mer sie ungerecht und boshaft ist. Aber der bei weitem groͤs- sere Teil der Leser sind junge Leser, die nicht urteilen koͤnnen; die zwar uͤberhaupt den Satz wissen, daß in unserm Zeitalter Recensionen nicht zu trauen sei, die sich a- ber doch an den Einfaͤllen und Ausdruͤcken des Recensenten, besonders wenn er den Styl in seiner Macht hat, ergoͤtzen, und den Mann doch fuͤr Etwas halten, von dem mißhandelten Verfasser aber unver- merkt laͤcherliche Jdeen bekommen. Wie ge- sund muß es diesen jungen Lesern seyn, wenn man Vorbericht. man ihnen manchmal, durch eine auch fuͤr sie faßliche Analyse, den armen Jgnoran- ten, der frech von Schriften urteilt, welche nur zu verstehen er noch einige Jare lernen muͤßte, von allen Schnoͤrkeleien des Styls entkleidet, in seiner Bloͤße zeigt! III. Noch hat dieser Recensenten-Un- fug eine zweite noch nachteiligere Wirkung auf diese junge Leser: er hilft ihren mora- lischen Character verderben. Sie ver- lieren dadurch das zarte Gefuͤhl gegen an- drer Ehre, dieses große Principe der Ruhe in der buͤrgerlichen Gesellschaft; und ge- woͤhnen sich, ohne Bedenken gegen ande- re die Ungezogenheiten im Privat-Leben zu begehen, welche sie den feigsten Men- schen, mit der groͤsten Publicitaͤt, so gar durch den Druck, anonymisch, ungestraft, und ungeruͤgt veruͤben sehen. Wie heil- sam wuͤrde es ihnen seyn, wenn man ihnen durch faßliche Analysen Eckel und Abscheu vor diesen Ungezogenheiten erregen koͤnnte! IV. Endlich, was wird der Auslaͤn- der bei diesem Unfuge denken? wird er nicht allmaͤlich Ungeschliffenheit jetzo, wie Vorbericht. wie Pedanterei ehedem, fuͤr den Na- tional-Character der deutschen Littera- tur halten? Zwar in Deutschland selbst wissen wir den Unterscheid zwischen deut- schem Publico und laͤsternden Zeitungs- schreibern: aber den weiß der Auslaͤnder nicht; der ließt vielleicht mer deutsche Re- censionen als deutsche Buͤcher; der faͤngt so gar an, jene zu uͤbersetzen (siehe die Maandelyksche Algemeene Bcoordeeling van Duitsche ‒ ‒ Boeken , Rotterdam 1773), und beurteilt das ganze heil. Roͤmische Reich nach seinen lautesten Journali- sten: so wie wir selbst gewohnt sind, die Weisheit oder Thorheit eines Volkes nach seinen Reichstags-Schluͤssen zu bestimmen, ohne zu untersuchen, ob diese Schluͤsse wirklich der freie Wille der Pluralitaͤt, oder nur das Privatwerk einiger frechen complotirenden Schreier, sind. Uebrigens fuͤrchte der Leser nicht, in denen nun folgenden Bogen lauter Pole- mik zu finden: es kommen auch univer- salhistorische Untersuchungen vor; wor- unter einige, z. E. uͤber das Periodenma- ch en, vielleicht die Pruͤfung der Kenner verdie- Vorbericht. verdienen. Wenn diesen Kennern die Weit- schweifigkeit lange Weile macht, durch die ich meinen Saͤtzen den hoͤchsten Grad der Deutlichkeit zu verschaffen getrachtet habe: so bitte ich, nicht zu vergessen, daß dieses zweite Stuͤck nur fuͤr Anfaͤnger bestimmt sei. Jm kuͤnftigen dritten werde ich mich ungleich kuͤrzer fassen. Goͤttingen den 17. Sept. 1773. Druckfehler. S. 289 Z. 7 fuͤr denn ließ den. ‒ ‒ 2 von unten, fuͤr 253 ließ 235. Hrn. Johann Gottfried Herders, Gräfl. Schaumburg-Lippischen Consistorial-Raths zu Bückeburg Beurteilung der Schloͤzerischen Universalhistorie in den Frankfurter Gel. Anzeig. St. 60, 1772. mit August Ludwig Schloͤzers Anmerkungen uͤber die Kunst, Universalhistorien zu beurteilen. §. 1. D er Hr. Consistorial-Rath Herder in Buͤckeburg hat im vorigen Jahre, eine Recension meiner Vorstellung der Uni- versalhistorie, in das 60ste Stuͤck der Frank- furter gelehrten Anzeigen S. 473–478, unter dem 28ten Jul. 1772, einruͤcken lassen. Der Jnhalt meines Buchs ist bekannt- lich historisch. Und Hr. Herder ist bekannt- lich so wenig ein Historiker, als ich ein Belletriste. Und ein purer puter Belletriste kann bekanntlich ein großer Jgnorant in der Historie seyn: dies haben, falls es eines Be- weises bedarf, ohnlaͤngst noch die Alten- burger Betrachtungen dem Verfasser der kritischen Waͤlder gewiesen. Jch begrei- fe also nicht, wie Hr. H. an die Beurtei- lung meines Buchs kommt? Hat Hr. H. ehemals Universalhistorie auf Schulen ge- trieben, oder den Bossuet gelesen; hat er sie P gar gar in Riga gelehrt: so wird er doch leicht erachten koͤnnen, daß dieses zur Beurteilung neuer historischer Schriften nicht hinlaͤng- lich sei. Jst etwa bei der Zeitungs-Expe- dition eine Jrrung vorgegangen, daß das zu recensirende Buch an den unrechten Mann gekommen? oder hat sich Hr. Herder ungefo- dert zugedrungen? Er selbst weiß es viel- leicht noch, ich weiß es auch. §. 2 Diese Erinnerung mache ich nicht mei- netwegen; denn der Schriftsteller gewinnet fast immer in den Augen des Publici, wenn ihn ein evident schlechter Recensent hudelt: sondern des Hrn. Consistorialraths wegen. Wirklich thut es mir leid, daß ein Gelerter von seinem Rufe und Stande, durch eine so unbedaͤchtige μεταβασιν ἐις ἀλλο γενος auch seinen anderweitigen mit Recht erwor- benen Ruhm in Gefar setzt; und mit Kennt- nissen paradiren will, die er sichtbar nicht hat, und deren Mangel ihm niemand uͤbel deuten wuͤrde, wenn er nur nicht damit pa- radiren wollte; aber dadurch, daß er seine Unkunde in diesem Fache zur Verunglimpfung andrer mißbraucht, das unparteiische Pu- blicum blicum zu Zweifeln — nicht nur gegen seine Einsichten uͤberhaupt, sondern auch — gegen sein Herz, berechtiget. Hatte er Auftrag oder Lust (doch war- um sollte er Lust gehabt haben? er kennet mich so wenig, als ich ihn; nie koͤnnen per- soͤnliche unmittelbare oder mittelbare Belei- digungen unter uns vorgefallen seyn: also, hatte er Auftrag —), Feler in meinem Buche aufzusuchen, und sie oͤffentlich, bit- ter, und grob, bekannt zu machen: warum suchte er nicht einen tuͤchtigen Subdelegirten auf, der im Stande war, die wirklichen Fe- ler aufzufinden, sie in ihrem ganzen Lichte vorzustellen, oder gar zu verbessern? Jch selbst haͤtte ihm, wenige Monate schon nach dem Abdrucke meiner Schrift, mit ein paar Duzend von mir selbst gefundenen Felern dienen koͤnnen: wie leichter muste die Arbeit fuͤr jeden andern Historiker seyn, den keine Vaterliebe gegen sein eignes Kind blendete? Nun da er diese Arbeit selbst uͤbernahm, mußte er notwendig tadeln, wo nichts zu ta- deln war, und statt buͤndiger Gruͤnde Ver- drehungen, Unwarheiten, Einfaͤlle, und Phra- ses, hinwerfen; mußte er notwendig statt ei- P 2 nes nes denkenden Beurteilers, auf dessen Spruch das Publicum horcht, ein unbedeu- tender boͤsartiger Witzling werden. Da wo ich in meinem Buche das Product von zehen Citationen in einzelne Zeilen, mit der Ab- sicht: ament meminisse periti , zusammen gepreßt hatte, konnte er keine Facta greifen, sondern fand pure Declamation. Jn dem weiten Abstande zwischen ihm und Historie, kamen ihm, bei seinem ungeuͤbten und un- bewaffneten Auge, Koͤrper von einiger Groͤs- se wie Linsenkoͤrner vor ( Hirsenkoͤrner wollte er sagen; denn dieses Wort steht in dem Geschichtgen in der Acerra philologica, auf welches er hier anspielt). Bei Stellen, wo andre Historiker waren stehen geblieben, wenn ich sie gleich nicht durch Englische Stri- che darum gebeten hatte, konnte der Hr. Consistorialrath nichts thun, als kleinmei- sterisch sich auf ein Bein stellen, und her- umdrehen, und dann weghuͤpfen. Ver- gleichungen alter Begebenheiten mit neuen, die, besonders bei jungen Lesern, vortrefliche Wirkung thun, kamen ihm bloß wie ge- suchte Antithesen vor. Und an einem Gewebe, das seiner Natur nach zart und schwach ist, und folglich eine leichte Hand erfodert, erfodert, nahm er mir uͤbel, daß die Faͤden nicht armsdick wie Anker-Taue waͤren, u. s. w. § 3 Das alles ist schon schlimm fuͤr Hrn. Herder; aber noch schlimmer ist, was nun kommt. Der Mann, der, bei allem Vor- satze und guten Willen, durch ein 5½ Seiten langes Geschwaͤtz, keinen einzigen wirk- lichen Feler auf mein Buch erweislich brin- gen kan: dieser Mann thut noch dazu hoͤh- nisch, spoͤttisch, und bitter! Zwar laͤcherliche Feler duͤrfen hoͤhnisch und beissend geheilet werden: in dieser Re- gel der Kritik sind wir eins. Aber sind denn unter den Felern meines Buchs gerade auch laͤcherliche Feler? Sind so viele laͤcherliche Feler darinne, daß ein Recensent daruͤber Recht haͤtte, das ganze Buch nur auszu- hoͤhnen, anstatt es zu recensiren? Und war Hr. H. der Mann, der diese Laͤcherlichkeiten auffinden konnte? Und schickte es sich fuͤr ihn und seinen Consistorial-Character, in einer oͤffentlichen Zeitung, bei dieser Gele- genheit, mer auf seine als meine Kosten, ei- nen Lustigmacher zu agiren? P 3 Ehe Ehe man wußte, daß der Hr. C. R. Verfasser dieser Recension waͤre, sahen me- rere Leute den ganzen Aufsatz fuͤr weiter nichts als einen literarischen Pagenstreich an. Ein mir unbekannter Hr. R. begieng so gar die Unvorsichtigkeit, dieses Urteil ohnlaͤngst (in dem Schirachischen Magazin B. II. S. 30 folg.) drucken zu lassen: Uebertrieben getadelt worden ist die Schloͤ- zerische Universalhistorie, besonders von dem Verfasser der Frankfurter Gelehrten Anzeigen, einem jungen Manne, wie es scheint, bei dem es Schade ist, daß er glaubt, das Publicum haͤtte ihn gedungen, daß er hinter die Gelehrten herlaufen, und ihnen schiefe Gesichter machen soll- te, damit es lachen koͤnnte. Die Rolle eines gelehrten Lustigmachers ist dop- pelt veraͤchtlich ........ Dieses Bild ist etwas derbe: ein Consisto- rial-Rath, in Gesellschaft der beschriebenen Hinterherlaufenden —. Haͤtte Hr. N. den Verfasser der Recension gewußt; er wuͤrde vermuthlich, aus Achtung fuͤr dessen Stand und Wuͤrde, sein Bild verfeinert haben. Aber er urteilte, wie es scheint, blos ex me- rito caussœ , und war der Person wegen gaͤnzlich unbesorgt. §. 4. §. 4. Die ganze Herdersche Recension betrift 1. den Titel, 2. die Schreibart, 2. das Eigentum, 4. die Materie, und 5. die Form, meiner Universalhistorie. Die An- merkungen stehen nicht in der Ordnung da, wie ich sie hier klassificire: ich wage sie auch nicht aus einander zu reisen, weil ein Ge- danke oft Licht oder Schwaͤrze, Nachdruck oder Mattigkeit, von seinem naͤchsten Ge- faͤhrten oder seiner Stellung erhaͤlt. Hr. H. selbst hat beliebt, seine Recen- sion nach den 3 Woͤrtgen des Titels meines Buchs: Vorstellung – seiner – Universalhi- storie —, in 3 Teile zu teilen. Was Hr. H. in den beiden ersten Teilen S. 473-477 sagt, ist blos gewitzelt und gelaͤstert. Er tadelt, und beweist seinen Tadel nicht, und nennt die Stellen nicht einmal, auf die sein Tadel geht; sondern schwaͤtzt Gemeinoͤrter her, und setzt sein Fetwa hin wie ein Mufti, und huͤpft dann weg wie ein Kleinmeister: wie laͤßt sich da antworten! Nur im drit- ten Teile steht er manchmal, fuͤhrt Bei- spiele an, und wagt sich ins Detail. Hier laͤßt sich also mit ihm vor dem Publico ein Wort der Untersuchung sprechen. Und P 4 huͤpft huͤpft er mir abermals weg, weil ich einige Bogen lang zu sprechen habe: so bleiben mir doch wol einige andre stehen, die im vori- gen Jahre seine Recension gelesen haben. §. 5. Den Text meines Hrn. Verfassers las- se ich, zum Unterscheid, mit lateinischen Lettern drucken. Den dritten Teil dieses Textes liefere ich vollstaͤndig, ohne ein Woͤrtgen auszulas- sen: aus den beiden ersten Teilen aber schich- te ich nur einige der Kritik faͤhige Stellen ge- legentlich ein, und analysire sie. Die Sprache, in der ich mit ihm spre- chen werde, soll nicht witzig, nicht unwitzig, sondern ernsthaft und deutlich, seyn; nicht grob, aber offenherzig, kraͤftig, und der Sa- che angemessen; nicht leidenschaftlich, aber mit dem Stempel des Gefuͤhls empfangener grober Beleidigungen gezeichnet: so etwa, wie die Sprache, in der vermutlich meine Vorfaren am Rhein gegen Roms beredte Zungendrescher redeten. Alles dieß wird einen sonderbaren Con- trast zwischen Text und Analyse geben. Hr. H. hat Witz, sagt man: ich wuͤnsche ihm Gluͤck Gluͤck dazu, und erinnere nur, daß ein Witz ohne Bedaͤchtigkeit und Ueberlegung etwas mitleidenswuͤrdiges, und ein Witz, der zu andrer unverdienten Verunglimpfung gemiß- braucht wird, etwas abscheuliches sei. Auch seine Recension soll witzig seyn, wie mir zwei bis drei Leute sagten: das finde ich nun eben nicht; wenigstens deucht mich, mit solchem Herderschen Recensions-Witze liesse es sich immer noch aushalten. Doch hievon kann ich nicht fest urteilen: ich weiß gar nicht, was witziger Styl ist; mit Untersuchungen uͤ- ber Theorien des Styls habe ich mich niemals abgegeben. Aber koͤnnt ich witzig schreiben, oder haͤtte wenigstens das Ungluͤck, zu glau- ben, daß ich es koͤnnte: so thaͤt ich es hier nicht. Compendien-Styl soll hier Hr. H. fin- den, den er in meinem Jdeal vermißte; Satz fuͤr Satz, Beweis von jedem Satze, und wei- ter nichts. Laß sehen, was beim jetzigen deut- schen Publico die mereste Wirkung thun wird: Herders Witz und drolligte Phrases, oder meine nackte Gruͤnde! Einer meiner Freunde hat den Auftrag, alle Stellen auszumerzen, die in den Verdacht des Witzes kommen koͤnn- ten: jedoch die Stellen ausgenommen, wel- che Hrn. Herdern selbst gehoͤren, wo ich P 5 seine seine Allegorien nur fortsetze, wo ich ihn mit seinem eigenen Fett betraͤufe. So gern ich ihm seinen Witz lasse, so gleichgiltig schenk ich ihm auch seine Grobheiten. Gegen mich war Hr. H. grob, beleidigend, ungeschliffen; der Leser sehe unten, und urteile: gegen ihn will ich es nicht seyn, und ihm hoͤchstens, wie ich bei seinem Witze thue, auch seine Grobhei- ten, jedoch ohne landuͤbliche Jnteressen, zu- ruͤcke geben. Auf diese Art handeln wir zwar sehr verschieden gegen einander: aber doch vermutlich jeder nach seinen Grundsaͤtzen. Jn seinen Augen bin ich ein deutscher Uni- versitaͤts-Lehrer; das ist, ein nach seinem wie des seel. Abbts Begriffe veraͤchtliches We- sen, dessen literarische und moralische Ehre mit Zaͤrtlichkeit zu behandeln, Hr. H. eben fuͤr keine Pflicht haͤlt. Jn meinen Augen ist er ein Geistlicher, ein Consistorial-Rath; folglich ein Mann von einem mir ehrwuͤrdi- gen Stande, welcher Stand aus politischen Gruͤnden geschonet werden muß, selbst wo sich das Jndividunm aller Barmherzigkeit unwuͤrdig macht. Anzeigen also darf ich bloß die Suͤnden des Recensenten! und vergeben vergeben muß ich sie dem Consistorial- Rathe! §. 6 Ein Kenner, der meinem Buͤchlein die Ehre der Pruͤfung goͤnnt, pruͤfet die Materie, und die Form, so wol meines Plans, als der versuchten Ausfuͤhrung desselben. Die Universalhistorie, als System im Gegensatze des Aggregats betrachtet, soll aus der ungeheuren Menge der im Aggregat vorhandnen Thatsaͤtze Darf ich Thatsatz statt des fremden un- biegsamen factum historicum brauchen? Begebenheit paßt nicht allemal. Ueber- haupt muß man der Weltgeschichte, wenn sie scientifisch vorgetragen werden soll, ein wenig Neologie nicht uͤbel nemen: sie hat noch lange nicht so viel Kunstwoͤrter, als sie zum runden Ausdrucke braucht. Jar- hundert, Jartausend, wagte noch nicht Buno einmal; noch weniger Jarzehend –. Hr. Herder nennt meine Worte synchro- nistisch, ethnographisch, und andre, harte Worte, für die er hie und da kei- nen Schleifstein wisse. Allein 1. synchro- nistisch ist gewiß nicht nen; ob ethnogra- phisch eine gewisse Anzal heraus- herausheben. Nun welche Anzal denn? Habe ich richtig bestimmt, von welcher Art diese Saͤtze seyn sollen? ist meine Foderung an sich in der Ausuͤbung etwa nicht unmoͤg- lich? oder bin ich wenigstens, in den weni- gen Proben der unternommenen Ausuͤbung, meiner eigenen Theorie nicht untreu worden? — Materie der Universalhistorie. Die herausgehobenen Saͤtze muͤssen, da ihrer, auch nach der geizigsten Auswahl, noch immer eine sehr grosse Menge bleibt, und ihre Stellung, wie in der Mosaik-Ma- lerei, das ganze Wesen der Wissenschaft ausmacht, geordnet werden: so wie die Bo- tanik zum leichtern Erlernen ein System, so phisch neu sei, weiß ich nicht. 2. Waͤre es neu; so ist es nicht hart, sondern ganz ana- logisch, wie zum Ex. geo ‒ kosmo ‒ hydro ‒ graphisch. 3. Waͤre es neu und hart; so bleibt die Frage: ist es aber nicht notwen- dig? nicht notwendiger als Besonnen- heit? 4. Jst es neu und hart, aber not- wendig; nun so schaffe mir Hr. H. ein wei- cheres. 5. Hat er keines, und doch auch kei- nen Schleifstein fuͤr meines; nun so laß er mirs. Jch weiß keinen Schleifstein fuͤr seine Recensenten-Sitten: nun – so behalt er sie. so wie ein dickes Buch zum bequemern Nach- schlagen ein Register, braucht. Habe ich uͤberhaupt richtig bestimmt, daß diese An- ordnung gedoppelt seyn muͤsse, synchroni- stisch und ethnographisch? Habe ich die spe- cielle Art dieser gedoppelten Anordnung richtig bestimmt? Taugen die Tabellen, die ich von beiden Anordnungen S. 88–94 und 109—112 entworfen habe ? Taugen die Summarien, die ich bloß von der lez- tern ethnographischen Tabelle S. 113–222 zur Probe, unter der Aufschrift eines An- hangs, habe abdrucken lassen? Das heist nicht: sind diese Tabellen, Summarien ꝛc. vollkommen ohne Feler? wer wird sich die- ses von einem ersten Versuche, einer blos- sen Probe, traͤumen lassen; sondern, ist die Haupt-Jdee richtig, die in ihnen herrscht? ließe sich etwa kuͤnftighin, ohne gaͤnzliche Umschaffung, durch Nachhelfen und Aus- bilden, etwas brauchbareres und vollkom- meneres daraus machen? — Form der Universalhistorie. So wuͤrde der Kenner pruͤfen; so ha- ben mich Kenner gepruͤft. Aber nun, was laͤst Hr. Herder drucken? §. 7. §. 7. Universalhistorie endlich!) und die ist eine Tabelle, teils synchro- nistisch, teils nach Völkern. Ich habe nur den Titel zu erklœren , sagte Hr. H. am Anfange der Recension. Eine aͤrmliche Art zu recensiren! Sonst warf man einigen Recensenten als eine Laͤ- cherlichkeit vor, daß sie bloß Vorrede und Register ansaͤhen. Hr. H. ist noch beque- mer, und bleibt bloß beim Titel stehen, und gesteht es gar. Und dieser Titel heist: Vorstellung sei- ner Universal-Historie. Kan ein Titel pla- ner, deutlicher, weniger erklaͤrungsbeduͤrf- tig, seyn? Da ist kein Torso, kein kriri- scher Wald, sondern: Vorstellung meiner Universalhistorie. Doch Hil- debrand machte Suͤnden, um etwas zu stra- sen oder vergeben zu haben: und Hr. H. traͤgt Dunkel und Torheit in den Titel mei- nes Buchs hinein, um etwas erklaͤren und schimpfen zu koͤnnen. §. 8. §. 8. Vorstellung sei ein Theater-Wort, meint Hr. Herder, und denkt sich also beim ganzen Titel und Buche lauter theatrali- sches und mimisches. Aber Vorstellung ist ein ganz allgemeines Wort, so gar ein Kanzelwort (“wir wollen eurer Liebe vor- stellen —„), und nichts weniger als dem Schauplatze eigen. Freilich hat Hr. Base- dow eine Vorstellung an Menschenfreunde geschrieben. Freilich sagt man: heute wird vorgestellet — —; aber ist deswe- gen auch heute ein Theaterwort? Hat der Hr. Consistorial-Rath den Kopf so voll von Theater, Komoͤdien, Komoͤdianten ꝛc., daß ihm die Woͤrter heute, vorstellen, nie vors Trommelfell fallen, ohne ihn im Gei- ste aufs Theater zu versetzen: so mag ers. Nur muß er nicht verlangen, daß seine so zufaͤllig und individuell determinirte Ein- bildungskraft den Sprachgebrauch des deut- schen Publici bestimme. Bei dem Roͤmi- schen Matrosen war conscendo ein Schiffs- wort, und bedeutete an Bord gehen: aber wer conscendere equum sagt, redet deswegen nicht navigatorisch, will deswegen nicht, mit Mohaͤmmed, das Pferd oder das Kameel ver- verbluͤmt ein Landschiff nennen. Jn der Geschichte der Wiedergebornen klagt ein so genannter Wiedergeborner seinem Beichtva- ter, er koͤnne nie das Vaterunser mit An- dacht beten, weil ihm jedesmal, bei dem Worte Vater, allerhand garstige Bilder vor seiner wuͤsten Jmagination herumfladder- ten. Daran war doch warlich das Vaterunser nicht schuld! — Diese ganze Bemerkung ist aus der Sprachphilosophie. Der Verfas- ser der Abhandlung uͤber den Ursprung der Sprache haͤtte sie selbst machen, und sich vor Schaden huͤten koͤnnen. §. 9. Bei der Erklaͤrung, die Hr. H. von dem Worte seiner macht, ist kein Versehen von der Art, aber statt dessen vorsetzliche Verfaͤlschung. Hundert mal ist schon von Universitaͤtslehrern auf ihre Programmen ge- setzt worden: N. N. Anzeige seiner Vorlesungen; und nie habe ich so eine Glosse uͤber dieses seiner gelesen, als mir Hr. H. mit folgenden Ausdruͤcken macht: Seine Weltgeschichte) nennts S., und zeigt uns in der Vorrede noch eigent- licher auf das Besitztum , auf diese Zu- neigung neigung des Seinigen — wir zweifeln, ob mer als Landesherr ? oder als Tri- umphator, d. i. als glücklicher Räuber . I. Unten spricht Hr. H. von seinem Ge- daͤchtniße. Man wende jene seine eigene Glos- se auf diesen seinen eigenen Ausdruck an, um alles Schaale des Herderschen Witzes zu fuͤh- len. II. Wie habe ich in meiner Vorrede noch eigentlicher auf das Besitztum, auf diese Zu- neigung des Meinigen, gezeigt? Hier sind meine Worte: „Diese Bogen sind bloß eine Vorstellung meiner Universalhistorie, das ist, eine mit Beweisen belegte Vorstellung des Plans, der Ordnung, und des zwar etwas erwei- terten, mir aber immer noch zu eugen Um- fangs, wornach ich diese Wissenschaft in halbjaͤrigen Vorlesungen noch zur Zeit vorzutragen im Stande bin”. Warum hüpft mir Hr. H. uͤber alle diese mit Schwabacher gedruckte Worte weg, und setzt eine erweislich falsche und boshafte Ausle- gung davon in seine Recension, in der Hoff- nung, daß sein Leser nicht auf der Stelle mei- ne Vorrede nachschlagen werde? Schreibe, docire, jeder eine Weltgeschichte, wie er will; Q ich ich glaube aufrichtig, es giebt 10 Methoden von Weltgeschichte, und alle 10 sind gut: aber anzeigen mußte ich, nicht der Welt, sondern meinem Goͤttingischen Publico, wel- cher unter diesen 10 moͤglichen Methoden ich in meinen Vorlesungen wirklich folgte, und warum ich ihr folgte? Das thut jeder Professor, der entweder ein neues Collegium unter einem alten Namen, oder ein altes un- ter einem neuen Namen, liest; das darf jeder thun: mich aber noͤtigten noch ausserdem Lo- cal-Umstaͤnde dazu, die ich damals unter- druͤckte, nun aber, da ich seitdem gedruckte Texte zu einem Commentar erhalten, an ei- nem andern Orte umstaͤndlich erzaͤlen darf und muß. III. Seit der Erscheinung der Allgem. Histor. Bibliothek hoͤrte ich so viel von historischer Gesetzgebung sprechen. Haͤt- te ich Titel und Ausfuͤhrung meines Plans so eingerichtet, daß ich diesen Plan fuͤr den einzigen richtigen hielte: ganz gewiß haͤtte ein Recensent, von Hrn. Herders Art, auch mich historischer Gesetzgebung beschuldiget. Thut es doch Hr. H., bei aller meiner deut- lichen und feierlichen Erklaͤrung, gleichwol, und spricht irgendwo in seiner Recension von Rath Rath, Befehl , und Vorschlag. War es nun nicht bescheidener, zu sagen: “diesen Plan halte ich fuͤr nuͤtzlich, nach diesem lere ich diese Wissenschaft”, als: “so muß der Plan seyn, nach diesem muͤssen alle und jede die Weltgeschichte dociren”? IV. Hr. H. hat Recht: die ganze Ge- schichte ist, nach seinem starken Ausdrucke, Rœuberei; und der beste Geschichtschreiber ist der glücklichste Räuber. Jch kan ihm Stel- len in meinem Buche (z. Ex. S. 9‒12 ꝛc.) zeigen, wo ich bei mancher einzelnen Zeile sechs Schriftsteller, alte und neue, beraubt habe: darunter sind so gar kahle Moͤnche, denen Hr. H. gar nicht zutrauen sollte, daß etwas von ihnen zu holen waͤre. Solche Raͤuber waren auch Maskou und Schoͤpflin in ihrer Deutschen und Badenschen Geschich- te: ganze Blaͤtter liest man weg, wo kaum Eine Zeile dieser Leute Eigentum, sondern alles aus Urkunden und Annalen geraubt, ist. Und dabei sind sie noch so unverschaͤmt, und weisen einem gar die Orte und Winkel nach, wo sie geraubt haben. Und gleichwol star- ben beide im Frieden, von Justiz und Poli- zei unangetastet! — Diese Jdee, daß der Geschichtschreiber kein Eigentum habe, son- Q 2 dern dern bloß von fremdem Gute lebe, schwebt Hrn. H. so lebhaft vor, daß er sie auch an- derswo in seiner Recension, unter einem an- dern aus der Weberkunst entliehenen Bilde, anbringt. Er wirft mir vor, mein Buch sei ein aus mancherlei Schrifften aufgewun- denes schönes Krausgewinde; es sei aus ei- ner andern fremden Textur, wo es eigent- lich seinen Sitz hätte. Er hat wieder Recht. Wir Historiker nemen Zettel und Eintrag von andern, und verweben es nur: wie der Hollaͤnder Linnengarn vom Westfaͤlinger kauft, und Battist daraus webt. Jn wel- chem Verstande aber man sagen koͤnne, daß z. Ex. der Satz: Lukull brachte Kirschen nach Jtalien, im Plinius oder im Ander- son eigentlich seinen Sitz habe, verstehe ich eben so wenig, als wenn man oben, dem Hollaͤnder zum Schimpfe, sagen wollte: das Linnengarn habe eigentlich in Westfa- len seinen Sitz. V. Solche Begriffe vom Wesen der Ge- schichte hat der Richter historischer Buͤcher, Hr. Herder. Nun erst begreife ich — denn sonst wuste ich nicht, daß jemand dergleichen Begriffe haben koͤnne —, warum einige junge Leute, die sich die Mine von Schoͤnen Gei- Geistern geben, und nichts lernen moͤgen, so veraͤchtlich von aller Historie denken, und be- reit sind, einen Roman jeder Geschichte, und waͤre diese auch eben so niedlich, wie ein Ro- man, geschrieben und gedruckt, vorzuziehen. Der Romanschreiber naͤmlich, denken sie, ist ein schoͤpferisches Genie, das erschafft seinen Stoff aus nichts: der Historiker hin- gegen erschaffet nichts, man nimmt es ihm so gar uͤbel, wenn er erschafft; er ist nur ein compilirendes Wesen, und traͤgt alles, was er sagt, gibeonitisch aus andern Buͤ- chern zusammen. — Nun begreife ich auch, warum wir mer schoͤne Romane als schoͤne Geschichtsbuͤcher zu lesen kriegen. Ehe der Historiker Eine Seite durch Aufschlagung von 10 Folianten berichtiget, macht der Ro- manschreiber, ohne sich vom Lehnstule zu er- heben, einen ganzen Bogen von der Faust weg, fertig. Jst jener einmal im Fluge, so wird er alle Augenblicke durch das immer noͤtige Nachschlagen unterbrochen. Sein Ge- nie ermattet unter den Fesseln der Kritik oder historischen Warheit; sein Styl wird holpe- richt, und dem ganzen Vortrage geht Ein- heit und Leichtigkeit verloren: denn die ewi- ge bange Ruͤcksicht auf die Warheit jedes Q 3 Bei- Beiwortes und jeder Verbindungs-Partikel macht Furchen und Absaͤtze darinnen. Haͤt- te er auch Ueberwindung genug, sein aus der Kritik herausgearbeitetes Werk Jahre lang liegen zu lassen, um indessen alle Fur- chen auszuglaͤtten, und alle Tropfen des kri- tischen-Schweises abzuwischen: was hat er fuͤr seine Muͤhe? Compilator, Raͤuber, Weber, ist er doch nur, sagt Hr. Herder: und der Romanschreiber ist fuͤr seine wolluͤ- stige Arbeit Schoͤpfer! VI. Wem uͤbrigens Hrn. Herders Aus- druck Rauberei , in obberegtem Falle, nicht bloß stark, sondern fuͤr einen Schoͤnen Geist zu plump und ungeschliffen vorkommen moͤch- te; dem dienet zur Nachricht, daß schon Pli- nius sich eben dieses starken Ausdrucks in Form eines Compliments von seinen eigenen Roͤmern bedient habe: er nennet sie omnium utilitatum et virtutum rapacissimos , hist. natur. XXV, 2, 1. VII. Jch habe mich uͤber die historische Rauberei erklaͤrt, deren Hr. H. mich beschul- diget. Nun hat sich der Hr. Consistorial- Rath uͤber eine andere Art von Rauberei zu erklaͤren, deren ihn ohnlaͤngst ein Recensent in der Lemgoer Bibliothek, in puncto seiner Ab- Abhandlung uͤber den Ursprung der Spra- che, mit bedenklichen Umstaͤnden angeklagt hat. Kan er sich eben so gut heraus helfen, so solls mir lieb seyn. §. 10. Das dritte Wort im Titel meines Buchs, das Hr. H. seinem Plane nach erklaͤren soll, ist Universalhistorie. An diesem Worte war nun ohnmoͤglich etwas zu erklaͤ- ren: es ist allzu klar, deutlich, und unschul- dig. Wol mir, daß ich den gewoͤnlichen alt- fraͤnkischen Titel beibehalten, und nicht da- fuͤr Weltgeschichte, oder gar Geschichte der Menschheit, Geschichte des mensch- lichen Verstandes ꝛc., gesetzt. Hr. H. muß also seine anfaͤnglich gethane Versiche- rung aufrufen: seine Kritik geht vom Titel auf den Jnhalt, von Worten auf Saͤtze, uͤber, und verspricht dadurch etwas erheblicheres. Da ist sie: §. 11. Und die ist eine teils synchronisti- sche teils ethnographische Tabelle. Nicht doch. Der Jnhalt meines Buches ist: Q 4 1. An- 1. Anzeige, Programm, oder zu reden mit Hrn. H., fliegender Anschlagzettel , nach welchem Plane ich meine pflicht- maͤssige Vorlesungen einrichte: oder hoͤchstens Plan, Vorschlag, unvor- greiflicher Entwurf, wie meinem Be- duͤnken nach die Materie und Form ei- ner Weltgeschichte, nach den Beduͤrf- nissen unsrer zeitigen Litteratur, am nuͤtzlichsten eingerichtet werden koͤnne, S. 1-112. 2. Tabellen, einmal uͤber die synchro- nistische S. 89-93, und dann uͤber die ethnographische Form derselben S. 109, 110. 3. Summarien, bloß uͤber die letztere, die ethnographische Tabelle S. 113- 222. Also mer als Tabelle, aber lange noch nicht Universalhistorie. Wer wird Plan, Ta- bellen, und bloße Summarien uͤber bloß Ei- ne Tabelle, Universalhistorie selbst nen- nen? Wer wird Register und Buch mit einander vermengen? Der Augenschein leret, was ich sage; und zum Ueberfluße sagte ich noch in der Vorrede ausdruͤcklich: „Die „Die Bestimmung dieser Bogen wird, „hoffe ich, niemand verkennen wollen: „sie sind so wenig eine Universalhisto- „rie, als eine historische Gesetzgebung”. Also dem ganzen Buche, selbst die Sum- marien mit eingerechnet, spreche ich selbst den Namen einer Universalhistorie ab: wie kommen die bloßen Tabellen dazu, von Hrn. H. mit diesem Titel, gegen meine klare Er- klaͤrung, beehret zu werden? Wie wird mein Torso ein Herkules? Was mir nicht Hr. H. alle, wider mei- nen Dank und Willen, aus meinem Buͤch- lein macht! Eine Universalhistorie, — ein Compendium, dann gar ein Elemen- tarbuch fuͤr Kinder und Schuͤler (siehe un- ten)! §. 12. Sie hat wirklich viel schönes, erleichterndes, und gedachtes, daß niemanden die Mühe ge- reuen wird, sie angesehen zu ha- ben. — Jch danke. Nur wofuͤr muß ich mich eigentlich be- danken: das ist, von welcher Tabelle ist die Q 5 Re- Rede; von der ethnographischen? oder der synchronistischen? oder von beiden? oder gar auch von den Summarien uͤber die erstere Tabelle? Praͤcision fodere ich von einem wuͤrdigen Recensenten, nicht blos wo er ta- delt, sondern auch wo er lobt. Und dann, ist in meiner Tabelle wirk- lich etwas schönes, erleichterndes, und gedach- tes , ist in meiner Schrift wirklich etwas ge- dachtes und nützliches , haͤlt der Hr. Consisto- rial-Rath mein Buͤchlein wirklich fuͤr be- trœchtlich , wie er sich an zwei andern Orten zu aͤussern die Guͤtigkeit gehabt; gehen ihm diese Zeugnisse wirklich von theologischem Herzen, und muͤssen sie nicht aus dem Spru- che: Pessimum genus inimicorum laudan- tes (diesen Spruch hat Tacitus, der doch auch kein Barbar war ), ihre Auslegung er- halten: warum laͤst er mir dieses eingestan- dene Credit nicht bei meinem Debet zu gu- te kommen, gesetzt auch, daß das ein wa- res Debet waͤre, was er dafuͤr haͤlt? An- zeigen, bekanntmachen, soll er immer, nach Herzenslust, alle Feler in einem auch sonst nuͤtzlichen Buche, wo er welche aufjagen kann: von Schonung und Barmherzigkeit ist gar die Rede nicht. Aber toͤnen, lermen, possen- possenreissen, soll nur der Hr. Consistorial- Rath nicht, und wegen einiger Feler nicht ein ganzes Buch in die Pfanne hauen. Mich deucht, sehr viele Recensenten suͤn- digen gegen diese Abrechnungs-Regel der Billigkeit. So eben lese ich ein neues Bei- spiel davon: Chalotais wird von jemanden ausgescholten, weil er “sehr schwache Stel- len habe, und hin und wieder fuͤr Deutsch- land unanwendbar sei„. Eingestanden, Cha- lotais hat schwache Stellen, so schwache, daß ich nicht einmal fuͤr noͤtig hielt, sie in den Anmerkungen zu ruͤgen: aber hat er nicht sehr gute, ganz neue, sehr viele gute und neue Stellen? Und welcher Leser ist so eckel oder so unoͤkonomisch, der lieber 90 gute Stellen entraten wollte, nur um nicht 10 schlechte mit lesen zu muͤssen? Eine andre Regel von Recensentenbil- ligkeit liegt in der Verschiedenheit der Ma- terie, die die Schriftsteller in gleichem Rau- me von Bogen bearbeiten. Zwanzig Feler in Einem Alphabete alter Nordischer Ge- schichte machen dem Jrrenden weniger Schan- de, als 10 Feler von der Art in zwei Al- phabeten deutscher Geschichte: wie ungleich gut ist in dieser, wie schlecht in jener, vorge- arbeitet; arbeitet; wie viel Anspruch auf Verzeihung hat der Historiker dort, wie wenig hier! — Nun Universalhistorie, “unter allen Arten der Geschichte allemal die schwerste„; das dachte ich laͤngst, aber nun erst hat mich der Greifswalder Recensent dreist gemacht, es laut zu sagen. Hebe sich doch der Hr. Consistorial-Rath einmal von den winzigen Teilgen der Geschichte, mit denen er manch- mal in verlornen Stunden spielt, zum Gan- zen der Weltgeschichte hinauf, und – fuͤhle. Manger wenet ein meister sin Binnen sine krenge Der kume blibe eyn meystirlin Life her die lenge. §. 13. Aber hier sind wieder Zweifel. — Und ich moͤchte die Universalhistorie se- hen, bei der keine Zweifel waͤren! Was giebt es fuͤr Dispuͤten uͤber die Methoden in der Botanik, Zoologie, und Mineralogie: und doch ist hier bei weitem so viel Schwie- rigkeit nicht, wie bei der Weltgeschichte. Einmal, uͤber die Materie der Welt- geschichte ist man noch nicht eins: was fuͤr Facta gehoͤren in die Weltgeschichte? Der ei- ne ne wird Esaus Linsengericht und die Koͤnige von Mycenaͤ nicht heraus, und der andre wird die Ankunft des Pfeffers und der Kar- toffeln in Europa nicht hinein, lassen wol- len. Dem einen wird die Schlacht bei Kar- chemisch ein Hirsenkorn, dem andern eine Kalabasse, seyn. Da ist der Botaniker bes- ser an, als der Universalhistoriker. Jener hat eine ausgemachte Materie seiner Wissen- schaft, — alle Kraͤuter: und wo sich die Herren noch etwas zanken, da betrift es nur Varietaͤten, die einige fuͤr Species halten. Aber alle vorhandene Facta verlangt nie- mand in der Weltgeschichte, sondern nur — Hauptfacta, nur Weltbegebenheiten, nur große, wichtige, ausserordentli- che Begebenheiten. Nun aber was sind Hauptfacta, was sind große wichtige Bege- benheiten? “Unser Geist, sagt Hr. Hau- sen, muß das allein entscheiden„. Richtig: aber jeder Mensch, und folglich jeder Uni- versalhistoriker, hat seinen eignen Geist. Folglich ist der menschliche Geist fuͤr die Be- stimmung der Materie der Weltgeschichte ein eben so allgemeines und daher unbrauch- bares Richtmaß, als die Bibel fuͤr die vie- len christlichen Religions-Parteien, als die Sonne Sonne fuͤr die Zeitrechner und Kalenderma- cher. So weit sind wir noch in unserer Theorie von Universalhistorie zuruͤck: noch keine specielle Regel ist einmal bestimmt, was fuͤr Saͤtze das System ausmachen sol- len; wie wird es erst bei der Anwendung der Regel gehen? Zweitens, und waͤren auch zwei Leute uͤber die Materie der Weltgeschichte so eins, wie zwei correspondirende Uhren, und bei- de haͤtten Thatsaͤtze von Einer Art, und bei- nahe einer so viel wie der andre, gesamm- let: so koͤnnen sie solche gleichwol auf sehr verschiedene Art anordnen; so wie vielleicht ein Mosaikmaler, aus einer beinahe gleichen Art und Summe farbigter Steinchen, ei- nen Nepomuck, und einen Paulus, bildet. Das ist, sie koͤnnen ihnen eine verschiedene Form geben: und eines jeden Form oder Methode kan Vollkommenheiten haben, die des andern seine nicht hat; aber eben des- wegen kan sie auch Maͤngel haben, von de- nen des andern seine frei ist. Dies nennet man Collision der Regeln der Ordnung. Man denke hier abermals an die verschied- nen Systeme in der Zoologie und Bota- nik ꝛc. Auf Auf eine natuͤrliche Methode hofft die Botanik, — auf den Fall, wenn dereinst alle Pflanzen des Erdbodens entdeckt und registrirt werden sollten: bis dahin muß sie sich mit kuͤnstlichen d. i. unvollkommnen Methoden behelfen. Auf eine Wiederentdek- kung aller universalhistorischen Thatsaͤtze kan die Weltgeschichte niemals hoffen: folg- lich wird die Anordnung der noch geretteten immer nur kuͤnstlich, willkuͤrlich, unvollkom- men, folglich immer Zweifeln ausgesetzt, seyn. Die Naturkunde hat Species zum Ge- genstande, die Geschichte Indiuidua : jene ver- lieren sich nie aus der Welt, diese werden und sterben. Gienge eine Sammlung neuer Pflanzen aus Otaheiti verloren; der Verlust waͤre ersetzlich, ein andrer Europaͤer wuͤrde sie wieder in Otaheiti wachsend finden. Aber vergessene Facta, wie eingeschmolzene Muͤn- zen, sind auf immer verloren; und leider solcher hauptwichtigen universalhistorischen Thatsaͤtze haben wir sehr viele vergessen. Al- so mit den bloß uͤbergebliebenen operirt der systematische Universalhistoriker, und ordnet sie, so gut sichs thun laͤßt. Solon gab den Athenern, nicht die besten Gesetze, son- dern nur diejenige beste, welche Athener ver- tragen tragen konnten. Was hier ein verdorbenes Volk war, sind dort Bruchstuͤcke einer zer- truͤmmerten Weltgeschichte: — nichts als ein leidiger Torso. Folglich lauft bei jeder Methode der Weltgeschichte, wenn, nicht Hr. Herder, sondern ein Mann sie untersucht, der die not- duͤrftigen Kenntnisse hat, und Warheit sucht, nicht aber bloß tadeln will, alles auf folgen- de Fragen hinaus: 1. Bei welcher Methode sind die we- nigsten Zweifel: bei der Tournefort- schen, Linneischen, oder Hallerschen? 2. Sind die Zweifel Wirklich in der Me- thode, oder etwa nur in der Vorstel- lungskraft des Zweifelnden, oder gar in seinem Willen? 3. Sind diese Zweifel, falls sie wirklich da sind, schlechterdings, ohne Zerstoͤ- rung der ganzen Methode, nicht zu heben ? 4. Sind sie so wichtig, daß, falls sie wirklich nicht zu heben sind, lieber die ganze Methode daruͤber aufgegeben werden muß? Und waͤre das, 5. Welche andre Methode soll nun der verworfenen surrogirt werden? denn eine eine Methode muß doch seyn. Sol- len die Facta, uͤber die man einmal einig geworden, nach dem Alphabethe, oder nach ihrer innern Aehnlichkeit, oder nach den Jaren ihrer Ereigniß, geordnet werden? §. 14. Man siehet, ich neme hier als ausge- macht an, I. daß wir bei unserm heutigen Studiren eine Universalhistorie brauchen, und II. daß solche nach einem gewissen Plane verfaßt seyn muͤsse. Beide Saͤtze scheinen mir Axiomen zu seyn. Allein Hr. H. macht, in dem 2ten Ab- schnitte seiner Recension, einen Galimathias dagegen, aus dem niemand recht rathen kan, was er eigentlich wolle. Soll gar keine Uni- versalhistorie seyn? Soll wenigstens noch zur Zeit, da wir den Zopf, Eßich, und Bossuet haben, keine andre geschrieben werden? Soll keine gewisse Methode darinnen fest gesetzt seyn? Jst der Plan, den ich dazu vorschla- ge, an sich unmoͤglich? Oder bin ich wenig- stens, noch nicht, gar nie, im Stande, ihn auszufuͤhren? — Etwas von diesen Saͤtzen, oder alle zusammen, liegen darinn, oder R scheinen scheinen darinn zu liegen. Damit ich Hrn. H. nicht unrecht thue, will ich, ehe ich weiter gehe, den ganzen Galimathias woͤrtlich aber Saͤtzeweis hersetzen, und analysiren. Mit Hrn. Herders Worten: ich will ihm seine Luftblasen — ganz leicht, ohne Lanzette, es sind nur Schaumblasen — aufstechen . §. 15. 1. Es sollte leicht seyn, eben aus den verunglückten Versuchen (vieler andren, von denen vorhin geredet wurde) zu zeigen, daß sich das alles weit leich- ter sagen als thun lasse (was ich in den 2 ersten Kapiteln meines Jdeals gesagt). I. Daß sich das leichter sagen als thun lasse, da hat Hr. H. voͤllig Recht: kein Mensch laͤugnet ihm das. Aber gesagt muß es auch werden, ehe es gethan wird: und sagen kann es nicht eimal einer, beur- teilen das gesagte kan nicht einmal einer, als wer einige Praͤsumtion vor sich hat, daß er es auch thun koͤnne. Ein Haus bauen, ist schwerer, als den Riß und Bauanschlag dazu machen. Aber kein Vernuͤnftiger baut ein betraͤchtliches Haus ohne beides. II. Aber, sagte Hr. H. vorhin, so ei- nen Plan und Bauriß haben wir schon laͤngst. Das Das Ideal seiner Weltgeschichte als Ideal als Geprænge hat schon lange, zu lange, existirt: und selbst die so gelehrt scheinende griechische Seite aus Polyb, ist ja, wie das der Verf. warscheinlich aus der hi- storischen Bibliothek weiß, schon vom Schottlænder Moor, und zwar zu eben dem Zwecke, benutzt worden. Die meisten Feler der gemeinen Weltgeschichte haben schon so viel an- dre, und wer mer als Voltaire? und kræftiger als er? gerüget ‒ ‒ ‒ Und hinter alle dem, was S. hier an Geist der Geschichte, an Plan , an Ide- al das seine nennt, ist doch das gewis- sermaßen schon alles (Behandlung der Geschichte als ein Großes Ganzes, syn- chronistisch, ethnographisch — —) auch so gar schon geschehen . Jch antworte: 1. Feler der gemeinen Welt- geschichte ruͤgen, und den Plan zu einer bes- sern machen, sind doch wol verschiedene Din- ge! Auf der Kanzel uͤber Teurung klagen, heist nicht, der Regierung Plane vorgeben, wie das Brod wolfeiler werden koͤnne. 2. Jdeal und Gepraͤnge sind nicht Synonyma: aber daß es Hr. H. so gebraucht, ist Grob- heit. 3. Wo existirt dann schon mein Jdeal? wo hat es schon lange , wo zu lange , existirt? R 2 Jch Jch weiß es nicht: und sechs Recensenten meines Buchs, die meist Historiker von Pro- feßion zu seyn scheinen, wissen es gleichfalls nicht; sie wuͤrden es sonst vermutlich ange- zeigt haben. Unerwartet waͤre es immer, wenn ein Unhistoriker, der nicht sucht, durch Zufall auf Buͤcher geraten waͤre, die dem suchenden Historiker entgangen sind: eben so unerwartet, als daß Hr. H., bei aller sei- ner bekannten Unbekanntheit mit der Natur- kunde, ein Problem (die thierischen Kunst- triebe) aufgeloͤßt zu haben sich einbildete, das noch kein Reimarus loͤsen koͤnnen. A- ber in diesem Falle muß der Finder fein an- zeigen, wenigstens charakterisiren: so hat es der Lemgoer mit dem Memoire uͤber die Sprache gemacht. Hr. H. habe also die Guͤte, und weise uns gelegentlich die erwaͤhn- ten alten Buͤcher nach, die wir nicht kennen. 4. Nur versteht es sich, Gemeinoͤrter, flie- gende Gedanken, Seufzer und Klagen, muß er mir nicht nachweisen: ich fodere einen Plan. Wer ein Gartenhaus anlegen will, dem sage man nicht: “euer Gartenhaus muß recht schoͤn, recht bequem, allerliebst, Tus kulanisch ‒ reizend seyn, nicht wie das Gartenhaus dieses und jenes Nachbars„. Dreißig Dreißig Stellen aus griechischen und latei- nischen Dichtern, uͤber schoͤne oder schlechte Gartenhaͤuser, und ganze Oden daruͤber, sind, in diesem Falle, nicht Einen Riß des Architects werth. 5. Die Grund-Jdee mei- nes Plans habe ich aus der bekannten Stel- le des Polybs, und eben deswegen lies ich die ganze Stelle woͤrtlich abdrucken. Hr. H. nennt sie gelehrt scheinend . “C’est du Grec„, hiesse das in der Abbe’-Sprache; ein reisender Schwede sollte vor 3 Jaren in Avignon durchaus ein Proselyt seyn, weil er Hebraͤisch verstund: aber in Deutschland erlaubt man noch einem Professor, grie- chisch und hebraͤisch zu koͤnnen; er darf sich solches am schicklichen Orte auch merken lassen, ohne zu fuͤrchten, daß man ihn fuͤr einen Pedanten oder Praler halte. 6. Polybs Stelle hat schon Simson, hat schon der alte Buno, hat am besten ein Ungenann- ter in den Hannoͤver. Beitraͤgen 1762 S. 109, zu eben dem Zwecke benutzt . Jch fuͤhrte sie an, nicht als neu und unbekannt, sondern als auf meine Materie passend. Ob sie auch in der histor. Bibl. stehe, weiß ich, aufrichtig zu gestehen, bis diese Stun- de nicht. Liest Hr. H. mein Buch einmal R 3 zeilweise zeilweise durch, so wird er wahrscheinlich auf Zeilen stoßen, die auch im Bossuet und Huͤbner stehen, und sich freuen, wie sein Forschgeist meiner Compilation so gluͤcklich auf die letzten Spuren kommt. 7. Wo im ganzen Buche habe ich dann etwas das mei- ne an Geist der Geschichte, an Plan , an Ideal genannt? Wo habe ich mir eine un- bescheidene Sylbe entwischen lassen, um Er- findungs. Recht, Besitztum, und Eigentum von dem mir beschriebenen Plane zu behaup- ten (vergl. mit §. 9 oben)? Der Hr. Con- sistorial-Rath ist bei seinem Laͤstern allzu unvorsichtig : mein Buch besteht ja nur aus wenigen Bogen, die liest vielleicht ein unparteiischer Leser bei der Gelegenheit von Anfang bis zu Ende durch, und sucht die Stellen, worauf sich dessen harte Vorwuͤrfe gruͤnden sollen; und findet er keine, was muß er alsdenn von des Hrn. Consistorial- Raths — ich will nicht sagen geistlichem, sondern nur — moralischem Character den- ken? 8. Endlich, weiß Hr. H. eine alte oder neue Universalhistorie, worinn gewis- sermaßen schon alles , was ich in meinem So oft ich hier und kuͤnftig das pronomen possessi- Plan Plan fodere, so gar schon geschehen wœre , und waͤre es auch nur durch verunglückte Ver- suche geschehen: so nenne er mir sie ja. Jch mache mir schon lange ein eigenes Studium aus der Litteraͤrgeschichte der Universalhisto- rie; ich stoͤbere alle moͤgliche Compendien aus allen Winkeln zusammen: aber so eins, wie Hr. H. meldet, ist mir, ich gestehe es, noch nicht vorgekommen. Dankbar neme ich seinen Beitrag an. III. Doch dem allem sei, wie ihm wolle, so hat Hr. H. der verunglückten Versuche gar nicht noͤtig, um seinen Gemeinort dar- aus zu beweisen, daß sich das alles weit leich- ter sagen als thun lasse . Das weiß man, auch ehe noch je ein Versuch angestellt wor- den und verungluͤckt ist. Aber ein verun- gluͤckter Versuch beweißt auch nicht, daß keiner je gelingen koͤnne. Hrn. Herdern ist der Versuch verungluͤckt, Feler in meinem Buche zu finden: ist es deswegen Felerfrei? 2. Zu possessiuum brauche, will ich einmal fuͤr allemal auf den obigen §. 9 verwiesen ha- ben. Mein Plan, meine Universalhisto- rie, sage ich, wie Hr. Herder sagt: mein Gedaͤchtniß, meine Recension. R 4 2. Zu den meisten Fodernissen sind noch lange nicht Vorarbeiten genug. Wenn die jetzigen Unhistoriker von Grundsaͤtzen der Historiographie lallen: so haben sie solche sicher aus der Allgem. hist. Bibl. Das ist ihr Promus-Condus, aus- ser dem wissen sie nichts. Ein Beispiel von Polybs Stelle ist so eben da gewesen. Und wenn sie von Vorarbeiten sprechen: so muß man sich immer darunter, ausser den gaͤng und geben Compendien, die große Englische Welthistorie denken; außer der wissen die Herren nichts. Dies ist ihr Maasstock, wornach sie alle Historiker, und mit unter die Historie selbst, messen. Aller- dings ist die Englische Welthistorie eine herr- liche Vorarbeit: wo wuͤrden alle Compen- dia seit 20 Jaren, mein eignes Buch mit ein- geschlossen, ohne diese Vorarbeit geblieben seyn! Aber außer ihr weiß jeder Historiker eine Menge andrer Vorarbeiten, von denen kein Psalmanazar je gehoͤrt hat ( Vorstell. S. 44). Und waͤren diese Vorarbeiten auch noch lange nicht genug: nun so nuͤtze und ordne der Universalhistoriker wenigstens die bereits vorhandenen. Ein Kaufmann hat 20000 Thlr., Thlr., er hofft mit der Zeit fuͤnfmal so viel zu gewinnen: soll er aber nicht einstweilen das bloße Fuͤnftel zu Buche bringen? Ein Bibliothekar hat 20000 Buͤcher unter Haͤn- den; er hofft mit der Zeit den Vorrath suͤnf- mal groͤßer werden zu sehen: soll er aber nicht fuͤrs erste uͤber den gegenwaͤrtigen Vor- rath einen Catalogum machen? — Zuver- laͤßig giebt es jetzo doch mer Vorarbeiten als zu Bossuets und Huͤbners Zeiten: also ist doch, wenigstens vergleichungsweise, itzo schon eine ungleich bessere Universalhistorie, als Bossuets fades Kanzelgeschwaͤtze, moͤglich. Warum sollen wir warten, bis alle Vorar- beiten gethan sind? Und wenn werden sie alle gethan seyn? Noch wissen wir nicht einmal, was fuͤr welche noch felen. Das geschickte Summiren und Anordnen des jetzigen Kapi- tals wird seine Circulation vermeren; und durch die Circulation wird selbst das Kapi- tal wachsen. Jch wende des Hrn. Geh. Ju- stiz-Rath Puͤtters Ausdruͤcke von der deut- schen auf die Weltgeschichte an: “es waͤre nunmero Zeit, einen Blick auf das Ganze zu werfen, um wenigstens zu uͤbersehen, ob und wo irgend noch ein Stuͤck Feld unbe- baut seyn moͤchte, und um allmaͤlig den Weg R 5 dazu dazu zu bahnen, daß einmal ein vollstaͤndi- ges Lehrgebaͤude der Revolutionen des Erd- bodens und Menschengeschlechts darauf ge- bauet werden koͤnnte”. Noch bitte ich, die laͤcherliche Eitelkeit zu bemerken, die in Hen. Herders obigem Tadel liegt. Der gute Leser soll glauben, Hr. Herder wisse alles, teils was bisher schon in der Weltgeschichte geschehen, teils was kuͤnftig noch darinn geschehen muͤsse! Wie weiß er das eine, wie kan er das zwei- te messen? Das sind Kenntnisse, die der Him- mel, seinen Freunden nicht einmal, im Schla- fe giebt: Studium, langes Studium, ge- hoͤrt dazu. Historicus non nascitur, sed fit. 3. Bei der ganzen alten Geschichte feh- let noch die ware Reinigung des Grun- des . Reinigung des Grundes , ein pompeuser Ausdruck! Platter und verstaͤndlicher wuͤrde der Einwurf so lauten: “Viele alte Schrift- steller, aus denen wir Facta fuͤr die alte Welt- geschichte holen, sind noch zur Zeit schlecht edirt (Strabo z. E. und Mela!). Die Her- ausgeber waren meist bloße Philologen, und unfaͤhig, dem Historiker in die Haͤnde zu ar- beiten. Selbst in der kleinen Kritik ist den Leuten Leuten wenig zu trauen: sie haben ihre Tex- te nicht aus Handschriften, nicht aus vielen, nicht aus guten Handschriften, abdrucken las- sen; sie haben nicht verglichen, falsch gele- sen, unrecht uͤbersetzt. Es felen uns noch viele Varianten, und auf diese kommt manch- mal in der Geschichte vieles an: an Einer Variante haͤngt die ganze Ehre der Koͤnigin Blanca .....„. Meint Hr. H. das, so gebe ich ihm alles zu. Nur folgt nicht daraus, daß deswe- gen keine Weltgeschichte, wenigstens nach meinem Plane nicht, moͤglich sei. Jmmer- hin baue der Historiker auf diesen obgleich noch nicht ganz reinen Grund fort: die Mauer wird nicht weichen. So ein Mose, Herodot, und Plinius, wie ihn Michae- lis Wesseling und Harduin edirt oder erklaͤ- ret haben, befriedigen auch den vorsichtigsten Historiker. Kommen kuͤnftig noch bessere Ausgaben und Auslegungen zum Vorschein, dann schreibt man neue Weltgeschichten. Re- volutionen aber erwarte ich von solchen neuen Ausgaben nicht: 50000 Kennicottsche Va- rianten werden uns so wenig eine neue vor- suͤndflutige oder hebraͤische Geschichte, als eine neue Dogmatik, schaffen. Mancher Mancher Leser dachte wol Wunder, was fuͤr Weisheit hinter Hrn. Herders warer Reinigung des Grundes liege! Und nun liegt nichts, weniger als nichts, gar eine falsche Folge aus einer waren obgleich ganz alltaͤg- lichen Praͤmisse gezogen, dahinter. 4. Die Puncte der Zusammenleitung werden schwerer, wenn man Hand an- legt, als es bei einer Tabelle scheint. Ja wol schwerer! Und gar unmoͤglich fuͤr Hrn. Herder. Also lege er nie Hand an: das ist des Historikers Werk. Aber den gedultigen Historiker ver- scheucht das Schwere nicht. Nur der taͤn- delnde Kleinmeister hüpft weg , so bald man ihm mit Arbeit droht. Sollte auch wol jemand des Einfalls faͤ- hig seyn, daß man von einer bloßen Tabel- le sogleich zur Handanlegung ausgehen koͤn- ne? Jch neme Sprengels Handwerks-Ta- bellen vor mich vom Schusterwesen; mir kommt nicht bei, zu schließen: der Mann, der diese Tabelle gemacht hat, macht eben so leicht einen Schuh. Noch weni- ger wuͤrde ich dem Verf. in einer Recension den Tadel hingeworfen haben: die Puncte der Zusammenfügung des Leders werden schwe- schwerer, wenn man die Ahle in die Hand nimmt, als es bei dieser Tabelle scheint . Und am allerwenigsten wuͤrde ich geschlossen ha- ben: weil ich aus der Tabelle keinen Schuh fabriciren kan, also kan gar niemand Schu- he machen. Du bist ja kein Schuster, wuͤrde ich denken. 5. In Absicht der Aggregation vieler einzelnen Geschichten wird nur zu offt ein Gemische, wo die Teile nicht hal- ten wollen, — auseinander fließen, o- der auseinander fallen. Richtig. Es ist schon schwer, einzelne Teile zusammenhaͤngend abzuhandeln (N. 4); aber noch schwerer, alle diese einzelne Teile in Ein Ganzes zu flechten, in Einen großen Knauel aufzuwinden, das ist, aus dem Aggregat ein System, das ist eine wa- re Universalhistorie, zu machen. Aber was schwer ist, ist nicht unmoͤglich. Was Hrn. Herdern unmoͤglich ist, ist des- wegen dem Historiker nicht unmoͤglich. Und eben deswegen, weil die Sache schwer ist, sammle ich Stimmen aus dem Publico, ver- stehts sich, Stimmen der Kenner, wie die- sen Schwierigkeiten am bequemsten abgehol- fen werden koͤnne. Oder Oder ist Hrn. Herders Meinung diese: “weil in der Aggregation einzelner Geschich- ten sehr oft ein Gemische wird; so aggregi- re man lieber gar nicht, man setze die Voͤl- ker nur so insularisch nach dem Alphabete hin, man schreibe die Weltgeschichte in Form eines Dictionnaire ”? — Will Hr. H. das? Jst das seine Meinung? Der Einfall waͤre eines franzoͤsischen Abbe’s werth. Die Teile wollen nicht halten , – sie flies- sen auseinander, sie fallen aus einander: aͤchter Postillantenstyl in einer Recension! Wozu 3 Phrases und 1 Englischer Strich zu Einem — ganz alltaͤglichen — und hier zu einer fal- schen Schlußfolge mißbrauchten — Ge- danken? 6. Insonderheit aber ist es mit dem Einen in der Geschichte “ fürs mensch- liche Geschlecht ” betrachtet, immer für uns Menschen eine so problematische Sache . Nicht für uns Menschen , sondern für mich Consistorial-Rath Herder. Welche Ei- telkeit, sich und seine Wenigkeit mit dem Menschengeschlechte zu vermengen! Kan denn nicht fuͤr ihn unendlich vieles problematisch seyn, was es fuͤr andre nicht ist? Bossuets Schuͤler Schuͤler spricht wie ein Historiker, spricht gar wie der Depositaͤr der gesammten Ge- schichtswissenschaft. Vermutlich versteht Hr. H. seinen eige- nen hier geaͤusserten Zweifel nicht. Jch will ihn ihm erklaͤren; und ihm faßlich machen, daß dieses Eine in der Weltgeschichte zwar eine schwere, aber doch nicht unmoͤgliche Sa- che, sei. I. Das Menschengeschlecht ist ei- ne Einheit: es stammt von Einem Anherrn, wohnt auf Einem Planeten, behaͤlt bei aller seiner Zerstreuung einerlei Natur, und sei- ne zerstreuete Teile wirken durch weite Distan- zen von Raum und Zeit, durch Eroberun- gen, Reisen, und Handel, kenntlich und un- sichtbar, in einander. II. Diese gegenseiti- ge Wirkungen des einen Teils (oder Volks) in den andern, des andern in den dritten, des dritten in den vierten, u. s. w. nach allen Directionen von Osten nach Westen, von Suͤ- den nach Norden hin, in den Annalen zu be- merken, zu erklaͤren, zu sammlen, und in Harmonie zu bringen: das ist das große Ge- schaͤfte der Universalhistorie. Mohaͤm- med schwaͤrmt, und niemand faͤngt ihn ein: in Mecka geht daruͤber eine Bewegung vor, deren Undulationen sich bis nach Sina, Tur- kestan, kestan, Portugall, und die Kanarien, erstre- cken. Raleigh bringt A. 1623 eine neue Wurzel aus Virginien nach Jreland; und meine naͤchste Mitbuͤrger ersparen dadurch im J. 1772, viele tausend Thaler, und wer weiß wie viele hundert Leben. III. Spuͤrt man solchen Vorfaͤllen in ihren Verkettun- gen und Wirkungen durch Laͤnder und Jahr- hunderte, durch Weltteile und Jahrtausen- de, ununterbrochen nach: so zeigt sich de- ren eine so unerwartete Menge, daß der Uni- versalhistoriker endlich Muth genug zu fol- genden dreisten Saͤtzen bekoͤmmt. Alle Voͤl- ker des Erdbodens sind immer mit einander in Verbindung gewesen, obgleich die meisten sehr mittelbar; alle haben durch 10, 100, oder 1000 Mittelg lieder in einander gewirkt. So wie die Eifersucht der Haͤuser Habsburg und Bourbon aus unserm kleinen Europa Eine Republik erschuf: so hat die Vorsehung von je her, durch obige Mittel, die Men- schenkinder auch nach dem Thurnbau in einer steten obgleich schwer zu bemerkenden Ver- bindung erhalten. Die Gaͤnge dieser Ver- bindung aber suche der Weltgeschichtforscher ja nicht bloß, wie bisher geschehen, auf Heer- straßen, wo Conqueranten und Armeen un- ter ter Paukenschall marschiren; sondern auch auf Nebenwegen, wo unbemerkt Kaufleute, Apostel, und Reisende, schleichen. Rauschend trug Alexander die Kenntnisse Griechenlan- des an den Oxus hin; stiller stal sich der Koch Kadmus aus Sidon nach Boͤotien, und brachte die Schreibkunst mit. Jn lautem Triumph verpflanzte Lukull Kirschen aus dem Pontus nach Jtalien: unbemerkt saͤete, ver- mutlich ein Moͤnch, den ersten Weizen in Schweden aus, und niemand schrieb seinen Namen auf. IV. Aber, wird man sagen, diese allgemeine Verbindung aller Voͤlker und Zeiten wird doch keine Welthistorie je- mals vollstaͤndig zeigen koͤnnen: jeder Welt- teil, in jedem Zeitraume, wenigstens vor Christoph Colom, wird seine große Distric- te haben, die, abgeschieden von allen andern, keine andre als ihre eigne Wirkungs-Sphaͤ- re zu haben scheinen. Jch antworte: man- che Nationen koͤnnen in sehr naher, ob gleich mittelbarer, Verbindung gestanden seyn, oh- ne daß wirs jetzo wissen; aber Spuren fin- den sich doch in den noch vorhandnen Jahr- buͤchern der Welt, in denen manches steht, was noch kein Historiker darinnen gelesen hat. Und waͤren durch die Zeit auch bei vie- S len len Voͤlkern alle Spuren verblichen; so schlies- se ich analogisch, etwa wie jener Weltweise von den ihm unbemerkbaren Schoͤnheiten der Welt: “uͤberall, wo ich Licht und Helle der Geschichte uͤber den entferntsten Laͤndern fin- de, sehe ich Verbindung, gegenseitige Wir- kungen, und Einheit, unter ihnen; ich glau- be also, auch da sind Verbindungen, wo ich keine sehe”. So glaube ich, daß Otaheiti schon lange vorher Einfluͤsse von unserm Eu- ropa bekommen, ehe neulich das erste Euro- paͤische Schiff an seiner Kuͤste landete. Sei- ne Verbindung mit den Suͤdlaͤndern glaube ich nicht bloß, sondern weiß sie aus Annalen, deren Stelle hier die Otaheitische Sprache vertritt. Doch ich muß hier abbrechen: und bit- te nur Hrn. Herdern, das gesagte nicht aber- mals fuͤr bloße Declamation zu halten, weil ers etwa nicht versteht. Weghüpfen mag er immer: aber allenfalls kan er einen Histori- ker um weitern Bescheid ansprechen, den ich ihm hier in der Kuͤrze ohnmoͤglich geben kan. 7. Wo steht der Eine, grosse Endpfahl? Antw. Auf dem Ararat bei Noahs Ka- sten; oder — will Hr. Herder, da er schwim- men men und tauchen kan N. 12, durch die Suͤnd- fluth waten — in Eden am Eufrat, bei A- dam und Eva. 8. Wo geht der gerade Weg zu ihm? Antw. Von Bückeburg und Göttingen durch Ungern übers schwarze Meer. Wie mag aber der Hr. Consistorial-Rath so wunderliches Zeug fragen? Und diese wun- derliche Fragen gar in die Frankfurter Ge- lerte Anzeigen drucken lassen? Endpfahl, gros- ser Endpfahl, der Eine große Endpfahl des menschlichen Geschlechts; wo steht er? heist in ordentlichem Deutsch: wie heißen die Stamm-Eltern aller Menschen? Hof- fentlich wird in Hrn. Herders ganzer Ge- meine kein Erwachsner seyn, der diese Fra- ge nicht zu beantworten wisse, wenn man sie ihm in ordentlichem Deutsch vorlegt. Wo- zu das Herdersche ὑψος am unrechten Orte? Der große Endpfahl macht nur den Ge- fragten stutzig, daß ihm, im Schrecken uͤber das fremde Bild humano non dictum ore prius, eine Katechismus-Frage wie die Preis- Aufgabe einer Akademie der Wissenschaften vorkoͤmmt. S 2 9. 9. Was heists, “Fortgang des mensch- lichen Geschlechts? ists Aufklärung? Verbesserung? Vervollkommnung? me- rere Glückseeligkeit„. Jn meinem Buche S. 1 brauche ich den Ausdruck, Veredlung und Verschlim- merung des menschlichen Geschlechts auf allen seinen Wegen, zur Erklaͤrung des vorhergegangenen unbestimmteren Aus- drucks Revolutionen des menschlichen Geschlechts. S. 97 habe ich wieder eben diesen Ausdruck: stufenmaͤßige Vered- lung oder Verschlimmerung. Noch umstaͤndlicher sind diese Ausdruͤcke S. 6 und 7 entwickelt. Veredlung und Verschlimmerung ist deutlich und praͤcis geredet. Warum setzt mir Hr. H. abermals einen Endpfal vor, “ Fortgang des menschlichen Geschlechtes ”, und verrammelt dadurch, oder erschweret we- nigstens, den sonst leichten Zugang zum Ver- staͤndnisse meines Satzes! Etwa weil er sonst nichts wuͤrde zu fragen gehabt haben? Daß Veredlung so viel als Verbesse- rung und Vervollkommnung in allen Kraͤften, woraus der Mensch besteht, sei; wissen alle Menschen. Daß von einer Universal-Ver- edlung edlung in Kraͤften des Geistes, Herzens, und Koͤrpers, merere Gluͤckseligkeit erfolge, ist auch bekannt. Aber warum sagt Hr. H. von Ver- schlimmerung gar nichts? Merkte er et- wa nicht S. 6, daß ich zum Character der Menschheit mit Reimarus die Unbestimmt- heit, das ist, nicht bloße Perfectibilitaͤt, sondern auch Deterioribilitaͤt (harte Worte, die ihr Schoͤpfer schleifen mag), wolbedaͤchtig angenommen habe? Selbst Veredlung, wann sie nur partial oder einseitig ist, kan verschlim- mern. Kein Karaibe hat sich je durch eine haͤmische Recension versuͤndigt: nicht weil er ein tugendhafterer Mensch ist, sondern weil er nicht schreiben kan. 10. Wo ist Maas? 11. Wo sind Data zum Maaße in so ver- schiedenen Zeiten und Völkern, wo wir die besten Nachrichten der Aussenseite haben? Entweder ich verstehe diese Fragen nicht; oder ich habe sie schon in meinem Buche S. 44 beantwortet: “diese Data finden sich in Winkeln, wo sie nicht die Psalmanazars und Herders suchen”. S 3 Das Das muͤste schlecht seyn, wenn von der Aussenseite eines Volks die besten Nachrich- ten vorhanden sind, daß nicht der Historiker auch hin und wieder richtige Schluͤsse daraus auf die Jnnenseite machen koͤnnte. Jener Neisende fand auf einer Kuͤste einen Zirkel im Sande: hier wonen Menschen, sagte er. Jn welchem Maaße Menschen? wird Hr. H. wissen wollen. Jch moͤchte es auch wissen: aber in Vorfallenheiten unsrer Zeiten fodern wir selten Maaß- und Grad- bestimmungen; und von alten Zeiten wollen wir so strenge seyn? Die Leser sehen durch- gaͤngig aus der Analyse dieser Recension, daß Hr. H. in Absicht auf die Geschichts- wissenschaft sehr unwissend sei: aber keinem faͤllt wol bei, von mir zu verlangen, daß ich auch das Maaß und den Grad seiner histori- schen Jgnoranz barometrisch bestimmen solle. Doch Hr. H. sehe sich auf obiger Kuͤste weiter um: vielleicht findet er merere Figu- ren im Sande, aus denen er, wann er Ma- thematik versteht, sicher rathen kan, ob das Volk, oder der Mann, der sie gemacht, Heka- tomben geopfert haben wuͤrde oder nicht, wenn ihn jemand das Pythagorische Theo- rem geleret haͤtte; das ist, ob seine Geome- trie trie einige Grade hoͤher oder tiefer, als die Griechische im 6ten Saͤc. vor Christo, stehe? — Er gebe einem Kenner ein par hundert aͤgyptischer, etruskischer, und mexikanischer Scherben vor: der Kenner wird in diesen Scherben Data finden, nicht blos von der Cultur dieser Voͤlker in der Toͤpferkunst, sondern auch von dem Grade der Cultur, auf dem jedes dieser Voͤlker, verglichen mit dem andern, stand. Von der historischen Hevristik hat wol Hr. H. nie was gehoͤrt? Sie ist das in der Historie, was bei Romanen das Schoͤpferische ist. Wer diese Kunst kan, oder richtiger zu reden, wer dieses Talent besitzt; der fragt dem einfaͤltigsten Annalisten, wie einem Kinde, Dinge ab, an die er selbst nie gedacht hat: der graͤbt aus den Wundern des heil. Januars eine physische Geschichte der Auswuͤrfe des Vesuvs und der Verwuͤ- stungen von Neapel heraus: der liest auf einer zerbrochnen Scherbe die Saͤtze einer schon seit Jartausenden verlornen Dogma- tik. Es verlohnte sich der Muͤhe, — nicht mit historischer Kunst eine Theorie dieser He- vristik zu verfertigen, sondern — eine Menge treffender Beispiele zu sammlen, wie viele S 4 wichtige wichtige Thatsaͤtze unabsichtlich auf die Nach- welt gekommen, und ihre Erhaltung blos dieser Hevristik zu danken haben. 12. Der Schwimmer schwimmet mit seinem Ideal über das alles weg, aber der Taucher? — Der taucht unter, sammelt auf, und schwimmt dann weiter. Aber auch der Taucher kan ohne Jde- al nicht tauchen. Er muß wissen, ob er Per- len, oder Krabben, oder Gries, fischen soll. Die Taucherkunst soll, wie ich mir habe sa- gen lassen, eine eigene Kunst seyn, die ihre viele eigene Kenntnisse erfodert. Der Jn- begriff von Kenntnissen und Regeln aber, heist Jdeal. Und denn will doch der Hr. Consistorial- Rath den Leser nicht glauben machen, als wenn er ein historischer Taucher sei? Zuverlaͤßig ist er nie bis an die Knoͤchel in den historischen Ocean gegangen: er sieht ja als historischer Recensent so trocken aus! Zwar Grimassen wird er naͤchstens machen, als wann er tauchen wollte: aber — “ komm naͤher ans Ufer, Zuschauer! er legt zwar den Mantel ab, wirft die Arme um sich, und rudert — aber nur in die Zephyrs, nicht in in die Wellen; er schwimmt nicht, er taucht nicht, er gesticuliret nur”. §. 16. Bisher schien Hr. H. uͤberhaupt zu be- streiten, ob eine Universalhistorie nach mei- nem Plane an sich moͤglich sei. Seine Gruͤnde habe ich nach allen 12 Numern be- leuchtet. Nun dreht er sich, und kommt auf ei- nen andren Zweifel, ob ich die Universal- historie nach diesem Plane vorzutragen im Stande sei? Diesen Zweifel soll ich heben: und vorausgesetzt, daß ich hiezu verpflichtet sei, fodert er mich zur Publicirung einer gan- zen Weltgeschichte ungestuͤmmer und unge- zogener auf, als Lavater Mendelssohnen zur Taufe auffoderte. Bald neckt er bloß, bald wird er arg, bald ganz beleidigend und un- geschliffen. Es sei gewagt, ich setze die gan- ze grobe Stelle her. Des Hrn. Consistorial- Raths ganzes Herz ergießt sich darinnen, und petillirt; sein vorzuͤgliches Talent, den unschuldigsten oder gar pflichtmaͤßigen Hand- lungen Schwaͤrze und seinen eigenen An- strich zu geben, glaͤnzt hier in vollem Lichte. S 5 Wenn Wenn S. wirklich seine Universalhi- storie nach diesem Deklamationsplan ausgearbeitet hat, wie er seine Zuhörer durch diesen “Leitfaden„ beredet: so mache er sich das Verdienst auch um die Welt, sie ganz bekannt zu machen — Welch ein Originalwerk! welch ein großes Verdienst! Das wære alsdenn gewiß seine Uni- versalhistorie, wie das nur die Reprœ- sentation derselben ist: und jeder gute Apotheker repræsentiret doch nichts an- ders auf Schild und Fensterlade, als seine Apothek wirklich besitzt. Vielleicht also haben wir næchstens das Vergnügen, ein grösseres Buch an- gezeigt zu sehen, zu dem dies nur der fliegende Anschlagzettel, der aufmun- ternde “ hier ist zu haben oder hier lœst sich sehen „ seyn sollte. Jch will nicht fragen, was ein Leser von Welt und Sitten von einem Menschen hal- ten wuͤrde, der in einer guten Privat-Gesell- schaft (nicht vor dem Publico), mit einem Unbekannten, in solchem Tone, muͤndlich (nicht gedruckt) spraͤche. Das will ich nicht fragen, sondern — antworten. I. Weil ich einen Plan, einen Riß, ei- nen Bauanschlag, bekannt mache; bin ich deswegen, zum Beweise, daß mein Plan et- was was tauge, schuldig, selbst zu bauen, so- gleich selbst zu bauen? Weil Hr. H. Klop- stocks Oden kritisirt; ist er schuldig, zum Beweise, daß er Faͤhigkeit und Beruf zu einer solchen Kritik habe, selbst Klopstock- sche Oden zu machen? II. Wenn auch ich meinen Plan nie aus- fuͤhren koͤnnte: folgte daraus, daß der Plan an sich nichts tauge? Nein, es folgte nur, daß ich der Ausfuͤhrung nicht gewachsen waͤre. Damit verloͤre ich etwas, aber nicht alles. Ein guter moͤglicher Bauriß auf dem Papier ist immer etwas: der ihn aus- fuͤhrt, thut mer; aber der ihn gemacht hat, hat doch etwas gethan. Bekaͤme ich auf der naͤchsten Messe schon eine ganze Weltgeschich- te nach meinem Jdeal zu lesen; ich wuͤrde mich freuen, und dem Verfasser, ohnge- fehr wie der Saͤnger der Alceste seinem Com- ponisten, sagen: “wie machten Sie es, daß Sie sich des Jdeals so geschwinde bemaͤchtig- ten, welches meinem Geiste vorschwebte, und welches in der Ausfuͤhrung voͤllig zu er- reichen, ich noch itzo unvermoͤgend bin, und vielleicht nie vermoͤgend werden werde„? III. Daß ich mich bestrebe, nach diesem Jdeal meine Vorlesungen uͤber die Weltge- schichte schichte einzurichten, habe ich in der Vor- rede meiner Vorstellung gesagt. Jn wie ferne aber mir mein Bestreben gelingt: bin ich daruͤber Hrn. Herdern oder gar dem gan- zen Publico Rechenschaft schuldig? Weil ich uͤber die Weltgeschichte Vorlesungen hal- te: bin ich schuldig, diese Vorlesungen je- mals, oder so gleich, oder einen vollstaͤn- digen Extract daraus, das ist ein Compen- dium, drucken zu lassen? Laͤßt jeder Pro- fessor alle seine Collegia, laͤßt der Hr. Con- sistorial-Rath alle seine Predigten, drucken? Hr. H. bekleidet ein geistliches Amt, und heist Consistorial-Rath; meines Wissens hat er sich nie zu diesem Amte und Titel oͤf- fentlich legitimiret, nie hat er durch Eine Zeile seine theologische oder Consistorial-Faͤ- higkeit erwiesen. Das fodert auch niemand von ihm; aber warum fodert er von mir in meinem Falle eine Legitimation, die ich ihm in seinem Falle willigst schenke? IV. Daß ich willens sei, ein größeres Buch uͤber die Weltgeschichte zu schreiben, habe ich bereits in der Vorrede meiner Vor- stellung zu verstehen gegeben: und Hrn. Her- ders ungezogene Auffoderung hat mich in meinem Vorsatze nicht irre gemacht. Nur kostet kostet so ein Buch nach so einem Plan, von etwa 50 Bogen, mer Zeit, als eine unwitzi- ge Recension von 5½ Seiten. Wenn ich mir nun die benoͤtigte Zeit dazu neme, und noch etliche Jare, in taͤglicher Nuͤtzung der hiesigen Bibliothek, darauf verwende; wenn ich vorlaͤufig Stimmen aus dem Publico, uͤber die moͤglichst beste Einrichtung eines solchen Buchs, durch fliegende Anschlag- zettel sammle, und keine einzige Erinnerung, sie mag mir in gedruckten Aufsaͤtzen oder in Privatbriefen zukommen, ungepruͤft und un- genuͤtzt lasse; wenn ich durch solches Zau- dern, das kein Vernuͤnftiger mir uͤbel deu- ten wird, (da ich mich zu keiner bestimm- ten Lieferungszeit verpflichtet habe, und dem Publico weder durch angenommene Praͤnu- meration noch Subscription verhafftet bin), der Ehrerbietung, die ich diesem Publico schuldig bin, und dem Zutrauen, mit dem mich einige Glieder des Publici beehren, ge- maͤß handle: habe ich die Grobheiten und Laͤsterungen verdient, die der Hr. Consisto- rial-Rath bei dieser Gelegenheit gegen mich drucken lassen? Habe ich es verdient, daß er meiner nicht einmal zweideutigen, son- dern erweislich unschuldigen, und zum Teil pflicht- pflichtmaͤßigen Handlung, durch eine bos- hafte Auslegung, die unter der Wuͤrde des ehrlichen Manns, und noch tiefer unter dem Decoro des Geistlichen ist, einen laͤcherli- chen und gehaͤßigen Anstrich giebt? V. Jch thue, was hundert Professo- res vor mir gethan haben, und hundert nach mir thun werden: ich publicire eine Anzei- ge meiner Vorlesungen, eine umstaͤnd- liche Erklaͤrung des Plans, dem ich in mei- nen Vorlesungen folge; das nennt Hr. H. einen fliegenden Anschlagzettel, einen auf- munternden Hier ist zu haben oder Hier lœst sich sehen . — Da sich der Hr. Consisto- rial-Rath wol bescheiden wird, daß allen und jeden das gegen ihn frei steht, was er sich gegen andre erlaubt; da er vermuten konnte, daß unter 8000 Men- schen, die etwa in Goͤttingen sind, auch wol Ein Genie von seinem Witz und Herzen seyn moͤchte: warum versah er sichs nicht, daß an dem Tage seiner zweiten Ankunft in Goͤt- tingen ein solches Genie in ein hiesiges oͤf- fentliches Blatt drucken ließ: Hier in Göttingen ist zu haben, Heute lœßt sich sehen , für einen Skrupel Skrupel Weihrauch, der weitbe- rühmte Belletriste, Hr. Consisto- rial-Rath Herder! Daß Hr. H. durch Goͤttingen reist, halte ich fuͤr eine voͤllig gleichgiltige Handlung. Daß ich einen Plan meiner Vorlesungen uͤber die Weltgeschichte drucken lasse, sollte Hr. H. auch fuͤr eine wenigstens gleichgil- tige Sache halten. Aber kan ein Gott, ein Sokrates, eine noch so gleichgiltige oder gar lobwuͤrdige Handlung verrichten, die ein Skurre nicht laͤcherlich oder gar schwarz machen koͤnnte? VI. Wenn ich jetzo blos den Plan, und nicht meine Universalhistorie selbst, drucken lasse: entsteht daraus ein gegruͤndeter Ver- dacht, daß ich sie nicht nach meinem Plane in meinen Vorlesungen vortrage? Jeder gu- te Apotheker repræsentirt zwar nichts anders auf Schild und Fensterlade, als seine Apo- thek wirklich besitzt. Aber 1. Repraͤsen- tiren darf er doch, ohne seine Materialien selbst vor den Fensterladen hinzusetzen: und das Repraͤsentiren selbst erregt keinen Ver- dacht, daß es bloße Repraͤsentation, daß nichts in der Apotheke sei. 2. Repraͤsenti- ren ren muß er gar, manche Materialien darf er gar nicht vor den Fensterladen setzen: die Schmeißfliegen wuͤrden sie ihm in den Hunds- tagen verderben. 3. Ob er aber nicht falsch repraͤsentire, das ist, ob die angezeigten Ma- terialien wirklich in seiner Apotheke, und zwar in erfoderlicher Menge und Guͤte, vor- handen seyn: das muß der bevollmaͤchtigte Visitator wissen. Aber 4. hat denn Hr. H., um bei seiner beliebten Allegorie zu bleiben, je meine Apotheke visitirt? hat er je in mei- ne Buͤchsen geguckt? Und 5. wollte er visi- tiren: was hat der Buͤckeburger Consistorial- Rath fuͤr Recht, dem Goͤttingischen Pro- fessor seine Collegia zu visitiren? — Und 6. wollt ich ihm die Erlaubniß zur Visitation meiner Collegien freiwillig erteilen, die ich ihm und einem jeden andern hiedurch feier- lich gebe: was hat er fuͤr Geschicke dazu? Apotheken kan nur ein Arzt, das Kammer- gericht nur ein Rechtsgelehrter, und Univer- salhistorien kein Herder, visitiren. Und end- lich 7. der Apotheker, der das allervollstaͤndig- ste Dispensatorium auf seinem Tische liegen haͤtte, und solches den Leuten etwa auf die Art vorwiese: “alles das muß eine vollstaͤndi- ge Apothek besitzen, die meinige suche ich all- maͤlich maͤlich darnach zu completiren, aber es geht langsam, ich muß mich nach meinem Ver- moͤgen und nach dem Absatze richten„; der Apotheker, der so ein Dispensatorium gar drucken liesse, aber bemeldte Erklaͤrung mit Schwabacher in die Vorrede setzte: repraͤsen- tirte der falsch? muͤßte denn Hr. H. laͤstern? VII. Aber ich berede bloß meine Zu- hoͤrer, daß ich meine Universalhistorie nach meinem gedruckten Plane ausgearbeitet ha- be, — sagt Hr. Herder wild und duͤrre weg. Hat der Mann jenes großgedruckte Wort uͤberdacht, ehe er es nieder schrieb; oder will er es fuͤr einen Druckfeler erklaͤren? Will er dieses nicht: so beweise er. Es ist schon schaͤndlich genug, einen so harten Vorwurf, ohne Beweis, und nahmenlos, in eine oͤf- fentliche Zeitung hinzuwerfen: aber was hat er fuͤr Data zu diesem harten Vor- wurfe? er nenne sie naͤchstens. Was kan er fuͤr welche haben? Kennt er meine Vorlesungen anders, als vom Hoͤrensagen zweier oder dreier Leute? Wer sind diese 2 oder 3 Leute? er nenne sie oͤffentlich, wenn er Herz und Gewissen hat. – – Kein Wort weiter: die erste Zeile oben S. 253 ist schon abgedruckt, und ich kehre zu §. 13 zuruͤck. T §. 17. §. 17. I. Erstlich , ist die Erleichterung nach solchen “ runden Zeiten und verminderten Perioden dann fürs Gedæchtnis die einzige und be- ste Hülfe? Hier und in den naͤchstfolgenden Erin- nerungen sind eine Menge ganz verschiede- ner Dinge voͤllig durch einander geworfen: der Leser urteile, ob aus Unkunde der Sache, oder aus Vorsatz, um tadeln zu koͤnnen, oder aus beiden Ursachen zugleich? Jch will sie aus einander setzen. Hr. H. faͤngt von runden Zalen an, und schiebt sodann ein- foͤrmige unter, uͤbersieht kleine, wenige, leichte, gar keine Zalen, will viele Pe- rioden, und schließt mit Zalenneuerung. Sind folgende Grundregeln der histori- schen Periodirung nicht Axiomen im ei- gentlichsten Verstande, die mir jeder Kenner der Mnemonik und Menschenseele zugeben wird? Schullerer hauptsaͤchlich, welche die Historie lange Zeit mit jungen Leuten getrie- ben haben, sollen hierinn Richter zwischen Hrn. H. und mir seyn. Die meisten dieser Saͤtze sind so evident, zum Teil so identisch, daß daß ich mich fast schaͤme, sie einzeln herzu- rechnen. Aber wozu noͤtigt einen ein duͤrf- tiger und doch dreister Recensent nicht! §. 18. 1. Wenige Zalen sind leichter zu be- halten, als viele. Mir faͤllt auf der Bibliothek ein Buch vor, in welchem ich 3 mir sonst unbekannte Facta, S. 3, 114, 570, finde: ohne sie aufzuschreiben, behalt ich diese 3 Zalen zu- verlaͤßig, bis ich nach Hause komme, und die Citata in meine Heffte eintrage. Aber wollt ich weiter blaͤttern, und faͤnde noch 7 Facta, und wollte von allen die Zalen be- halten: so liefe ich Gefar, selbst die 3 ersten mit den 7 letzten zu vergessen. Das heißt: 3 Zalen behalte ich leichter und sichrer, als 7. 2. Kleine Zalen sind leichter zu be- halten, als große. Daher rechne ich nicht nach Anno Mun- di. Abraham ward geboren 300 J. nach der Suͤndfluth ( A. M. 1947). Sulla ward Dictator 40 J. vor Caͤsarn, 80 J. vor Christo, 60 J. nach Karthago’s Untergang ( A. M. 3902): man mache den Versuch mit achtjaͤhrigen Kindern, ob sie nicht leichter die drei kleinen Zalen 40, 80, 60, als die einzige T 2 große große 3902, behalten; besonders wenn mit dem Realzusammenhange etwas nachgehol- fen wird. 3. Runde Zalen sind leichter zu behal- ten, als nicht runde. Ursache: dort sind wenigere Zalen zu behalten wie hier, nur Hunderte und Zehe- ner, keine Einheiten; oder auch, durch die Ruͤndung werden sie unter sich erinnernd (siehe unten). Z. Ex. Karthago war klein und unbekannt 375 J. — 364 groß und uͤbermuͤthig 250 J. — 245 ungluͤcklich und nichts 125 J. — 115 Die ersten runden Zalen behaͤlt mir der Er- wachsene, der die Progreßion darinnen merkt, beim ersten Hoͤren; schwerlich aber die an- dren wahren. — Ob es aber erlaubt sei, run- de Zalen statt der wahren zu setzen; ob das nicht heisse, die Geschichte verfaͤlschen, oder einen Hochverrath an der historischen War- heit begehen: beantworte ich hier nicht, weil ich hier nicht gefragt werde; mein Satz ist nur, daß sie leichter zu behalten sind. An einem andern Orte bespreche ich mich umstaͤndlich mit ein par historischgeler- ten Recensenten, denen meine Zalenruͤn- dung anstoͤßig gewesen ist. 4. Ein- 4. Einfoͤrmige Zalen sind leichter zu behalten, als nicht einfoͤrmige. Die Hebraͤer waren ein Haufe Nomaden 450 J. eine Demokratie 450 J. eine Monarchie 450 J. Wenn doch alle Perioden 450 Jahre haͤtten; oder wenigstens alle Perioden Eines Zeitrau- mes oder nur Eines Volks einfoͤrmig in ihrer Laͤnge waͤren: es thut dem menschlichen Ge- daͤchtnisse unendlich sanfte! Eben so Rom entsteht und wehret sich 250 J. erobert Jtalien 250 J. erobert die Welt 250 J. Ob eine solche Einfoͤrmigkeit Anlaß zur Ver- wirrung geben koͤnne, soll nachher untersucht werden. 5. Leichte Zalen sind leichter zu be- halten, als nicht leichte (Vorstell. S. 53 folg.) Jst es moͤglich, daß einer, der vor und nach Christi Geburt rechnen kan, und im J. 1773 in der Welt lebt, es wieder verges- se, daß Jakob und Josef um das J. 1773 vor Christo in der Welt gewesen? — Man sehe die uͤbrigen im Buche gegebenen Pro- ben von leichten Zalen nach. Nur schaͤme T 3 man man sich nicht, das Gedaͤchtniß mit unter selbst durch kleine Spielwerke zu beschleichen: auch ein altes Gedaͤchtniß nimmt es nicht uͤ- bel, wenn man es manchmal kindisch trac- tirt, um ihm wesentliche Erleichterungen zu verschaffen. Nur huͤte man sich, nicht bloß, nicht zu offt, zu spielen: der gesundeste An- schlag, wenn er uͤbertrieben wird, kan laͤ- cherlich und schaͤdlich werden. Nur verstehe man es nicht so, daß man dergleichen Za- len Schockweise auf einmal der jungen oder alten Seele bieten duͤrfe: sonst vernichtet freilich die Verwirrung, die Tochter der Menge, alles Gute wieder, was sonst die Leichtigkeit und Einfoͤrmigkeit unausbleib- lich stiftet. 6. Gar keine Zalen behalten zu duͤr- fen, ist leichter, als Zalen merken zu muͤssen. Mit andren Worten (Vorstell. S. 52): “man lasse Zalen gaͤnzlich weg, wenn man seine Absicht (die Einsicht in den Synchro- nismus) ohne sie erreichen kan„, naͤmlich durch den Realzusammenhang S. 54 — 57. Wer die Reihe der Persischen Kai- ser in Ordnung weiß, und nun hoͤrt, daß Pythagoras, bei Gelegenheit der Eroberung Aegyptens Aegyptens durch Kambysen, nach Persien und Jndien gekommen: der braucht nicht erst durch Zalen heraus zu finden, ob Py- thagoras aͤlter als Cyrus oder juͤnger als Kodomann sei; der findet ohne Recherchen, wer Vater zu den Kindern Zebedaͤi sei. 7. Wenige Perioden sind leichter zu behalten, als viele. Aus eben der Ursache N. 1, warum wenige Zalen leichter sind, als viele. — Haner im Koͤnigl. Siebenbuͤrgen teilt die Ungrische Geschichte, blos vom J. 997 — 1540, in 17 Perioden; nach Propor- tion also muͤßte die ganze Ungrische Geschich- te gegen 30 Perioden haben. Jst damit etwas fuͤrs Gedaͤchtniß gewonnen? 30 Pe- rioden, oder gar keine in Einem Continuo weg, ist beinahe einerlei. 8. Perioden, die wieder unter sich erinnern, sind leichter zu behalten, als die es nicht sind. Diese Eigenschaft, woran sonst die hi- storischen Periodenmacher eben nicht zu den- ken pflegen, haben meine Perioden von Rom S. 153, von Karthago S. 121, vom Papste S. 181: sie fehlt bei Syra- kus S. 137, bei Byzant S. 173, und T 4 vielen vielen andern. Vielleicht fragt mich Hr. H., warum ich nicht, meiner eigenen Theo- rie gemaͤß, alle Voͤlker in solche wieder un- ter sich erinnernde Perioden, denen er selbst (§. 22, II ) geneigt ist, verteilet habe? Jch antworte: solche Perioden lassen sich nicht im Fluge aus unsern gewoͤhnlichen an Factis armen und an Raisonnemens reichen histo- rischen Compendien machen; sondern nur alsdenn erst, nachdem man eine Voͤlkerge- schichte in ihrem ganzen Umfange und De- tail, folglich aus Quartanten, studiret hat. Nun umfasset doch die Weltgeschichte merere Duzende von Specialgeschichten; und jede einzelne Specialgeschichte, um sie, noch nicht aus Quellen, sondern nur aus vollstaͤndigen Hauptauctoren im Detail zu studiren, und sie sodann in Perioden auf ein paar Seiten zu pressen, kostet Gibeoniten-Fleiß mererer Monate. Jch lasse mir die Arbeit gefallen, und hüpfe nicht weg: aber der Tag ist in Goͤt- tingen wie anderswo nur 24 Stunden lang; man sei also so billig, und lasse mir Zeit. So oft ich bisher uͤber die Weltgeschichte ge- lesen habe, habe ich jedesmal ein oder zwei Voͤlker auf die Art ausgearbeitet. Eben jetzo bin ich mit den Longobarden (Vor- stell. stell. S. 170) fertig: ich habe mer Tage auf sie verwandt, als ihre Geschichte in mei- nem kuͤnftigen Compendio Zeilen machen wird; das werde ich in keiner Note dabei sagen, aber der Kenner wird es merken, und Hr. H. wird diese gepreßten Zeilen wie- der Declamation nennen, und wieder kei- ne Facta finden, wieder vor den vielen Baͤu- men den Wald nicht sehen koͤnnen. §. 19. Nach diesen simpeln und — ich wider- hole es — ausgemachten Regeln, habe ich meine sowol chronologische als ethnographi- sche Perioden einzurichten gesucht. Nun kehre ich zu Hrn. Herders obigen Fragen zu- ruͤck. Ist die Erleichterung nach runden Zah- len und verminderten Perioden eine Hülfe fürs Gedæchtniß? Zuverlaͤßig ist sie es. Doch das scheint Hr. H. auch nicht zu laͤugnen oder nur zu fragen. Sind runde Zalen und verminderte Perio- den die einzige Hülfe fürs Gedæchtniß? Nichts weniger. Aber wer sagt denn das, und wen fragt der Hr. Consistorial-Rath? T 5 Man Man kan sich nicht deutlicher daruͤber aus- drucken, als ich S. 51 folg. gethan. Sind runde Zalen und verminderte Perio- den die beste Hülfe fürs Gedæchtniß? Nichts weniger. Aber wer sagt denn das, und wen fragt der Hr. Consistorial-Rath? Hil- debrandisire er doch nicht immer! Meine beste Huͤlfe ist der Realzusammenhang S. 54: Zalen uͤberhaupt sind mir nur eine Not- huͤlfe. Auch Perioden mache ich nur, wenn mich die Menge der Begebenheiten dazu zwingt. Aber mache ich auch wieder eine Menge von Perioden: so hoͤrt die Huͤlfe auf, eine Huͤlfe zu seyn. §. 20. Oder wære es nicht weit mne- monischer, aus der Geschichte mer Bild, ganzes Continuum, ma- chen zu können? Entweder dieser Vorschlag ist warer Nonsense; oder er verraͤth einen Projetteur, der ganz frisch von Freyern und Bossuet her- kommt. Bild, ganzes Continuum, aus der Ge- schichte machen, ist Absicht: Perioden sind das das Mittel dazu. Vom allgemeinen Blick, vom Ueberschauen, vom ὑπο μιαν συνοψιν ἀγειν und σωματοποιειν ( c’est du Grec, S. 261) des Polybs, habe ich doch im gan- zen Buche genug, und mer als Hr. H. lieb war, gesprochen. Nun ist die Frage: wie und durch welche Mittel erreicht man diese Absicht? Ein Endzweck ist gegeben: nun rath- schlagt man uͤber die schicklichsten Mittel, zum Endzwecke zu kommen. Ein weiser Herr hustet, und votiret mit bedeutender Mine: aber wære es nicht weit besser, den Endzwek ohne Mittel zu erreichen? Viele nutzbare zusammenhaͤngende Zimmer in Einem Hause neben und uͤber einander zu haben, ist Absicht: Geruͤste sind das Mit- tel, sie uͤbereinander zu kriegen; Treppen sind das Mittel, sie Etagenweise zusam- menhaͤngend zu machen. Aber wære es nicht weit architectonischer, die Gerüste wegzu- lassen, und ohne Treppen in alle Zimmer zu kommen? Ja wenn wir ein Haus wie das Congreßhaus zu Fokezani bauten. Aber ge- meiniglich muß man nun einmal mit Eta- gen bauen, und dann muß man nun ein- mal Treppen und Geruͤste haben. — Dies ist ist der Fall in der Weltgeschichte. Mose, Herodes, Timur, und Doctor Luther, koͤn- nen nicht in einem Stocke wonen. Mose, Thutmosis, und Cekrops, wol allenfalls: a- ber auch diese muͤssen doch durch Waͤnde oder Vertaͤfelungen abgeteilte Zimmer haben. Soll Hrn. Herders Frage so viel sagen, daß Abteilungen oder Perioden nicht nur kein notwendiges, nicht nur kein schickliches Mittel, sondern so gar ein Hinterniß, der Absicht sind? Dann mag er leider in Ei- nem Falle Recht haben: dann hat er naͤm- lich eine elende Trivial-Schule im Kopf, wo man Perioden, alberne schwere viele Pe- rioden, und weiter nichts als Perioden, auswendig lernen laͤßt, und dieses Ge- schichte nennt; wo man ewig Treppen und Geruͤste baut, und nie ans Haus selbst kommt. Aber so braucht man sie in Han- nover, Weilburg, Darmstadt ꝛc. nicht. Und wenn von vernuͤnftigen Perioden die Rede ist; wenn diese ausdruͤcklichnicht fuͤr Geschichte selbst, sondern nur fuͤr Mittel der bequemern Erlernung der Geschichte, erklaͤret werden; wenn Hr. H. weiß, daß es in der Weltgeschichte, besonders in der alten, sehr viele insularische Begebenhei- ten ten giebt, die ihrer Natur nach keiner Continuitaͤt, weder in die Laͤnge noch in die Breite (Vorstell. S. 50, 57, 58), faͤ- hig sind; wenn er endlich begreift, daß selbst bei in einander geflochtenen Begebenheiten, wenn deren zu viele werden, die Menschen- seele Ruhepuncte und Absaͤtze fodert: wird er noch fragen wollen, ob es nicht mnemo- nischer, weit mnemonischer, sei, aus der Geschichte Ein Bild, Ein Continuum, ohne alle Absaͤtze, Ruhepunkte, und Perioden, zu machen? Wer einmal der allgemeinen Ueberschau- ung der Weltgeschichte faͤhig ist, braucht keine Perioden mer. Jst das Haus fertig, so schafft man das Geruͤste bei Seite. Aber ich zweifle doch, ob je ein Sterblicher dieser Ueberschauung so maͤchtig werde, ohne sich mit unter immer noch an Perioden halten zu muͤssen: ich sehe daher diese Perioden nicht blos wie Geruͤste, sondern auch wie Treppen, an. Nun ohne Geruͤste laͤßt sich ein hohes Haus nicht fertig machen, und ohne Treppen laͤßt sich auch ein fertiges Haus nicht nutzen. Abteilungen muͤssen uͤberall seyn, wo viele Einheiten sind, deren Vermischung schaͤdlich schaͤdlich waͤre. Da nimmt der Apotheker Buͤchsen, da nimmt der Naturkuͤndige Sy- stemen, da nimmt der Recensent (wie Hr. H. selbst) sein Erstlich und Zweitens zu Huͤlfe. Abbt nannte es eine deutsche Pro- fessor-Pedanterei, wenn man in §phen schrieb: Hr. Herder will gar eine Universalhistorie ohne Abteilungen haben. Wer jemals Kinder oder Erwachsene in der Geschichte unterrichtet hat: ist vollends dieses Herderschen Einfalls nicht faͤhig, daß sich alles durch Continuitæt zwingen lasse. Man sage auch dem aufmerksamsten Zuhoͤ- rer, und waͤre er auch von Hrn. Herders Alter, und minder fluͤchtig und weghüpfend wie er, drei Monate lang in der schoͤnsten ununterbrochnen Ordnung, die Begeben- heiten der Araber vor: noch hat er in der 6ten Lection den Faden nicht verloren, aber gewiß in der 16ten, und noch mer in der 60sten Lection, falls man ihm nicht durch Abteilungen die Wiederfindung des Fadens leicht und moͤglich macht. Wer kann einen dicken, ganz ordentlich geschriebenen, aber ohne alle Absaͤtze in Einem fortlaufenden Quartanten, in Einem Zuge lesen, und den Jnhalt am Ende voͤllig uͤberschauen? §. 21. §. 21. Der Recensent urteilt blos nach seinem Gedæchtniß, das aller- dings eigensinnig seyn kan, aber hier ehe in den einförmigen Zalen Anlaß zur Verwirrung als zu me- rerer Unterscheidung findet: und an dieser war doch gelegen! Ein neuer von dem vorhergehenden ganz verschiedener Tadel. Vorhin sprach Hr. H. von runden Zalen und verminderten Perio- den, und moͤchte lieber gar keine Perioden, sondern ganzes Continuum. Nun kommt er auf einförmige Zalen, und die Frage ist: taugen einfoͤrmige Zalen in den Zeitbe- stimmungen der Perioden? Z. Ex. die Ge- schichte eines Volks sei 1000 Jahre lang. Wenn ich sie bequem in 4 Teile zerschneiden kan, und jedesmal nach 250 Jaren ein schickliches Erinnerungsmal finde, derge- stalt, daß alle Perioden von gleicher Laͤnge, oder ihre Zalen einfoͤrmig, werden: soll ich diese Erinnerungsmale begierig ergreifen; oder gerade deswegen andre suchen, damit die Distanzen sich ungleich werden, etwa 200, 300, 175, 325? Die Die Mnemonik und Didaktik hat einen Satz, den Hr. Hofrath Michaelis schoͤn erlaͤutert hat: eine gewisse Art der Un- ordnung ist oft eine große Huͤlfe, und eine gewisse Art von Ordnung, die groͤsseste Hinterniß, des Gedaͤchtnis- ses. So koͤnnte ein Lerer der Geschichte glauben, recht ordentlich zu verfahren, wenn er in dem einen Monate lauter Schlachten, im andern lauter Gesetzgeber, im dritten lauter Gelahrte u. s. w., beschriebe: allein ich moͤchte nicht sein Zuhoͤrer seyn. Diesen sehr richtigen und sehr wichtigen Satz wendet hier Hr. H. sehr ungluͤcklich auf einfoͤr mige Zalen an. Wenn ich sage, Roms Geschichte vor Christo hat 3 Perio- den, wovon jede 250 J. lang ist: gebe ich dadurch zur Verwirrung Anlaß? Kan ich nicht vielmer dadurch die Laͤngen der Pe- rioden auf das allersicherste behalten? Haͤtte die erste Periode 200, die andre 300, und die dritte 250 Jare: dann liefe ich ehe Ge- fahr, die Zal 300 der dritten, und 250 der ersten ꝛc. Periode, aufzuheften, und mich folglich zu verwirren. Ein Ein Gedaͤchtniß, das bei solcher Ein- foͤrmigkeit Anlaß zur Verwirrung faͤnde, wuͤr- de ich nicht eigensinnig, sondern widersinnig, unnatuͤrlich, oder krank nennen; denn es han- delte ja allen Gedaͤchtniß-Gesetzen entgegen. Allerdings ist an der Unterscheidung gelegen, recht viel gelegen! Und gerade ei- nes der allerwirksamsten Mittel, der Ver- wirrung vorzubeugen, (Schade nur, daß es nicht in der Macht des Periodenmachers steht, es uͤberall zu gebrauchen), tadelt und widerraͤth Hr. Herder? §. 22. Je mehr Erinnerungsmale aus- gerichtet, und diese nur in ein großes Ganze des Bildes gebracht werden können, daß sie wieder unter sich erinnern; desto sich- rer. Das war eine Lufftblase, die so gar mit Farben spielt! Sie soll mit Vorbereitung aufgestochen werden. Zwar sie verdient es nicht: aber vielleicht habe ich einen Leser, der sie voriges Jar zum ersten male sah, und U anstaun- anstaunte, wie Kinder farbigte Blasen anstaunen. Erinnerungsmale pflegen wir Historiker, mit einem alten griechischen Worte, Epo- chen, zu nennen. Diese Epochen sind al- lerdings Erinnerungsmale fuͤr den be- trachtenden Reisenden; sie sind zugleich Sta- tionen fuͤr den ermuͤdenden Reisenden. Die Distanz zwischen zwei solchen Epochen heist Periode. Begreift der Hr. Consistorial- Rath diese Definitionen, und giebt er sie zu; so fare ich nun weiter fort. I. Erinnerungsmale sollen also doch auf- gerichtet, d. i. Epochen bestimmt, Perio- den und Abteilungen gemacht, werden? Jch dachte, es waͤre (§. 20) weit mnemoni- scher, aus der Geschichte nur Bild und Con- tinuum zu machen. II. Die Erinnerungsmale muͤssen wieder unter sich erinnern. Eine herrliche Regel! Jch moͤchte wissen, wo sie Hr. H. her hat; denn in den gewoͤhnlichen Buͤchern steht sie nicht. Und wenn ich noch 30 Jare lebe: so hoffe ich uͤber alle Voͤlkergeschichten, die in der Universalhistorie seyn muͤssen, solche wieder unter sich erinnernde Perioden zu ma- chen. Wollte mir jeder jetztlebender Histo- riker riker nur 2 dazu spendiren, so wuͤrde ich eher fertig. Jch fodere sie nicht als Colle- cten: ich erbitte sie mir als Muster, wor- nach ich die meinigen formen koͤnnte. III. Die ganze Universalhistorie muß nur Ein großes Ganze seyn. Dieses giebt mir also Hr. H. zu. Nun um dieses große Ganze als ganz auf die Seele des Kindes, Schuͤlers, Zuhoͤrers, oder Lesers, aufzutra- gen, muß man stuͤckweise verfaren, das große Bild in Teile zerschneiden, aus je- dem Teil ein eignes Bild, ein kleineres Ganze, machen, aber schon beim Auftragen da- hin sehen, daß kuͤnftig so viel moͤglich kein Teil insularisch da stehe, sondern sich sogleich in seiner Verbindung mit andern auf allen Sei- ten zeige, und folglich am Ende der Arbeit Ein Bild, aus vielen kleinen zusammenge- setzt, dem Auge entgegen komme. Dies ist der Gang der Natur bei der Menschenseele, die so wenig, als das koͤrperliche Auge, ein allzugroßes Bild auf einmal fassen kan: Trennung des großen in kleinere Bilder, Verweilen bei diesen einzelnen Bildern, end- lich Ruͤckkehr zum großen Bilde, und Zu- sammensetzung aller in Eins, — dies ist der Gang der Menschenseele. So lernen unsre U 2 Kinder Kinder Kosmographie: sie sollen sich die Welt als eine Einheit, als ein Continuum, denken lernen; aber sie fangen von einem Risse ihrer Stadt und der umliegenden Doͤr- fer an, gehen sodann z. Ex. zur Wetterau, dann zu Westfalen ꝛc., dann zu Deutsch- land, dann zu Europa, dann zu der Welt fort: jede Karte studiren sie besonders, und doch wird zuletzt aus allen Eine Ge- neral-Karte in ihrer Vorstellung. Aber “waͤre es nicht weit mnemonischer, aus der ganzen Kosmographie anfangs gleich Ein Bild und ganzes Continuum zu machen„, das ist, nicht viele einzelne Karten vorzulegen, sondern durch Continuitaͤt und Zusammen- kleben eine einzige Karte zu verfertigen, die so hoch wie ein Thurm, und so breit wie eine Straße, waͤre? Da waͤre wirklich gleich ein großes Ganze, aber nur fuͤr Augen der Bewoner des Saturns brauchbar, und fuͤr unsre nicht. Doch vielleicht weiß Hr. H. neue Kuͤnste, durch die der Docent oder Schrift- steller seinen Zuhoͤrer oder Leser faͤhig machen kan, sich dieses Ganze sogleich als ganz, als Continuum, vorzustellen. Wir wollen sie sorgfaͤltig abhoͤren. IV. Je VI. Je mer Erinnerungsmale aufgerich- tet werden, desto sicherer. Wider alle Mne- monik, wider alle Erfarung! Waͤre das, so brauchten wir ja gar keine Epochen, Perioden, und Abteilungen: jedes Factum waͤre Er- innerungsmal fuͤr sich. Also glaubt Hr. H., es sei besser, sichrer, leichter, uͤber die deutsche Geschichte von Ariovist bis Joseph II, 600 Perioden zu machen, oder 600 Erin- nerungsmale aufzurichten, als 6? Jch wuͤn- sche ihm zu seinem Gedaͤchtniße Gluͤck, das so viele Lasten traͤgt. Meines thut das nicht: wenn ich von einer mir ganz neuen Geschich- te viel mer als 6 Perioden auf einmal fassen soll; so werde ich gerade wieder so verwirrt, als wenn ich gar keine Perioden haͤtte. Ver- suche es doch ein Docent der Weltgeschichte, in der doch wenigstens 30 Specialgeschich- ten concentrirt (aus dreißig kleinen Bildern Ein großes gemacht) werden soll, und bie- te dem Zuhoͤrer uͤber jede Specialgeschichte wieder 30 Perioden an, nach Hrn. Herders Grundsatze: je mer Erinnerungsmale aufge- richtet werden, desto sichrer! — — Aber wie, 1) wenn nun der Begebenheiten in Ei- nem Ganzen so viele sind, daß wenn ich sie auch in 6 Faͤcher lege (und mer als 6 Faͤ- U 3 cher cher will ich nicht, darf ich nicht, machen), gleichwol noch in jedem Fache zu viele Facta liegen? Antw. Dann macht man Unterab- teilungen. Aber 2) wird dadurch die Ge- schichte nicht eine Tabelle? Antw. Je nach- dem mans anfaͤngt. Und 3) sind 6 Perio- den, jede wieder in 4 Unterabteilungen zer- schnitten, fuͤrs Gedaͤchtniß nicht eben eine solche Last, als 24 Perioden? Antw. Nichts weniger. Doch ich schreibe ja hier keine Anfangsgruͤnde der Mnemonik, keine vollstaͤndige Theorie des historischen Perio- denmachens. V. Die Erinnerungsmale müßen in das große Ganze gebracht werden können. Hat Hr. H. bei diesem Ausdrucke etwas gedacht, so sage ers: ich kans unmoͤglich erraten. Jn der Syrakusischen Geschichte z. Ex., einem kleinen Ganzen, sind Erinnerungsmale Ar- chias, Gelon, Diokles, Dionys, Timo- leon, und Agathokles: diese liegen schon drinn, sie sind nur herausgehoben (zu Epochen gemacht), nicht hineingebracht worden. Wird nun das kleine Bild auf das Große aufgetragen, wird die Syraku- siche Geschichte in die Universalhistorie ein- geschichtet: so folgen jene Erinnerungsmale von von selbsten mit; und wenn das Ganze hin- ein paßt, so passen natuͤrlicher Weise auch die Teile ein. Was wollte nun Hr. H. mit aller seiner dunkeln Weisheit sagen? Die Materie von historischen Perioden ist feiner Speculationen faͤhig. Aber weil auch in den verworfensten Handbuͤchern Pe- rioden stehen, so schwatzen alle Menschen von ihnen. Auch Feur und Wasser kennt jeder Mensch: aber wenn der Physiker von diesen Gegenstaͤnden handelt; so hoͤrt der Be- griff des Unphysikers auf, und folglich auch sein Recht zu urteilen. §. 23. Vielleicht fehlt das hier? Fehlte es aber auch nicht: war diese Zalenneuerung des Tons, des Aufhebens werth? Was fehlt hier? 1) Daß der Erinne- rungsmale zu wenig sind? Das ist recht vor- setzlich geschehen, S. 295,7. 2) Daß sie nicht in Ein großes Ganze gebracht werden koͤn- nen ? Das brauchen sie nicht, sie liegen ihrem Wesen nach schon drinne. 3) Daß sie nicht unter sich erinnern ? Verschiede- U 4 ne ne thun es ja, und warum es nicht alle thun, leret §. 18, 8. 4) Daß ich die Di- stanzen zwischen den Erinnerungsmalen durch runde, einfoͤrmige Zalen angege- ben? Auch dies ist vorsetzlich geschehen. Und uͤberhaupt gestehe ich, daß mir die Begehung der meisten dieser Feler manchmal sauer ge- nug geworden. Fehlte es aber auch nicht. Warum so zwei- felhaft? Vierzehn Bogen, sollt ich denken, lassen sich doch noch durchlesen, wenn man kunstrichterlich entscheiden will, ob etwas darinnen fele oder nicht. Und welche Art zu recensiren: wer A sagt, der fehlt; ob der Auctor A sage, weis ich nicht, mag ich nicht nachsehen: genug wer A sagt, der fehlt. War diese Zalenneuerung. Jst denn nichts als Zalenneuerung im Buche? Der Perioden, der Abteilungen, und vieler an- dern Dinge, hatte doch vorhin Hr. H. selbst zu erwaͤhnen die Guͤte gehabt. War sie des Tons, des Aufhebens werth? Und wer toͤnt denn druͤber, wer macht denn Aufhebens von? Erklaͤrt habe ich meine Neuerung, falls es eine ist, und meine Gruͤn- de angegeben, und weiter nichts. War ich etwa etwa zu weitlaͤuftig in meinem Erklaͤren? Aber zu weitlaͤuftig seyn, heist noch nicht Auf hebens machen. Und dann, ich war wirklich zu kurz: Hr. H. hat mich ja nicht einmal verstanden. Doch schriebe ich statt 4 Blaͤtter 4 Bogen uͤber diese Materie: bei ihm gewoͤnne ich doch nichts. Er liest sie nicht, er durchdenkt sie nicht, er hüpft weg. Daß indessen diese Zalenneuerung nicht ganz unerheblich sei, schliesse ich aus dem Satze eines alten Paͤdagogen: nichts ist klein, ohne welches große Dinge nicht erhalten werden. Warum sehen Schul- knaben die amusante Universalhistorie als ei- ne Folter an? Warum hat sich diese unent- behrliche Wissenschaft von so vielen deut- schen Universitaͤten verloren? Das mag wol merere Ursachen haben; aber zuverlaͤßig ist Eine davon, man frage Junge und Alte: ich kan nicht, ich mag nicht, Zalen behalten. Noch erheblicher kommt mir das geschick- te Abteilen in historischen Schriften vor. Seit einigen Jaren seufzen deutsche Patrio- ten laut uͤber den einreisenden Geschmack an Romanen lesen; und fuͤrchten, unser vaterlaͤndisches Publicum werde daruͤber bald so fade, wie unsre Nachbarn jenseit U 5 des des Rheins, und bald so barbarisch, wie die Roͤmer zu Ammians Zeiten (siehe den Denina), werden. Sie wuͤnschen daher schoͤne Historien: und warscheinlich wuͤr- den Ernst und Gruͤndlichkeit, — doch noch immer, falls mich kein Nationalstolz triegt, der Grundstoff meiner Nation —, solche bald zum Surrogato der Romane machen. A- ber bloß schoͤn geschriebene Historien machen es nicht aus: sie muͤssen auch ordentlich geschrieben seyn. Mit zaͤrtlicher Sorgfalt muß, durch allerhand Kuͤnste, fuͤr das unge- uͤbte Gedaͤchtniß des unstudirten Lesers (von dem bei solchen Schriften eigentlich die Re- de ist), gesorget werden, damit er nicht bloß lese, sondern auch behalte, und im ganzen Zusammenhange behalte. Sonst amu- sirt er sich nur durch die Lectur, nud nuͤtzt sie nicht; sonst faͤngt er nur einzelne Histo- rietten auf: eine auch noch so systematisch geschriebene Geschichte wird fuͤr ihn eine blos- se Acerra Philologica; und ist er am Ende des Buchs, so geht es ihm, wie mancher Liseuse, die einen dicken Roman nach dem andern von vorne bis hinten woͤrtlich durch- liest, und in Empfindungen dahin schmilzt, und vor lauter Gefuͤhl am Ende von alle dem, dem, was sie gelesen hat, — kein Woͤrtgen weiß. Wenn indessen so wenige, auch schoͤne Geschichtschreiber, fuͤr diese Eigenschafft (Abteilung, Ordnung, Leichtigkeit im Be- halten und Ueberschauen des Ganzen) Sor- ge tragen: so glaube man nur nicht, daß es par Theorie geschehe, oder weil sie die Wichtigkeit des Abteilens nicht wuͤßten; nein, es geschieht aus Bequemlichkeit. Eine saurere Arbeit kenne ich gar nicht in der ganzen Historiographie. Hat der Geschicht- schreiber einen ganzen Quartanten excerpiret, und in Ein halbes schoͤnes Alphabet gepreßt; so darf er damit noch nicht in die Druckerei. Nun muß er erst alles von Anfang bis zu Ende wieder durchgehen, alles wieder durch- denken, und die schicklichsten Ober- und Un- terabteilungen suchen. Das ist muͤhsam: also — laͤßt ers bleiben. §. 24. II. dünken uns bei der syn- chronistischen Tabelle die zusam- mengefügten Namen offt wieder zu sehr einem Spielwerk, hie und da einem Gepränge des Unbe- Unbekannten und Possierlichen, als der starken Kette des natür- lichen Wahren nahe zu kommen, die allein dem Gedächtnisse hilft. Wenn man hier Semiramis und Dodona, Sicyon und die Kabiren, Abraham und Ninus, Jacob und Inachus, Karthago und Athalia, Bo- nifacius Suintila und Moawija, Gut- tenberg Babur Iwan Diaz Ismael und Luther, zusammen liest; und denn zugleich die vielen Abschnitte dieser Zusammenord- nung liest: so denktman, der Autor habe mer spielen, und Bunonische Namen-Epigram- men machen, als dem Gedächtnisse helfen wollen. Also meine synchronistische Tabelle, oder die in solcher synchronistisch zusammen gefuͤg- te Namen, werden von Hrn. H. hier geta- delt, und mit Buno’s Malereien verglichen. Zu meinem Gluͤcke hat Hr. H. Beispiele ei- niger niger Zusammenfuͤgungen, die ihm anstoͤßig sind, angefuͤhrt: sonst haͤtte ich ihn, ich ge- stehe es, wieder nicht verstehen koͤnnen. Was sind I. meine zusammengefuͤgte Na- men? Was sind II. Bunoische Namen-Epi- grammen? Beides muß der Leser wissen; damit er, auch ohne mein Buch und den sel- tenen Buno bei der Hand zu haben, von Hrn. Herders Vorwurf, und meiner Ant- wort, urteilen koͤnne. §. 25. I. Niemand versteht Weltgeschichte, wer nicht zugleich den Synchronismus weiß. Dies ist ein Axiom; selbst Hr. H. giebt es zu, denn auch ihm behagt das große Gan- ze. Muß nun zum Aggregat noch System kommen: so muß ich z. E. nicht bloß Timurn und Margareta kennen; sondern ich muß auch wissen, daß beide zugleich mit einander gelebt haben. Jch muß mir das ganze Zeit- alter in Einem Blicke vorstellen koͤnnen, in dem diese beide Personen sich und andern be- gegneten, wenn sie gleich nicht unmittelbar mit einander agirten. II. Nun ist es an sich unmoͤglich, die Weltbegebenheiten zu gleicher Zeit in die Laͤnge Laͤnge und in die Breite zu lesen, oder zu gleicher Zeit sie ethnographisch und synchro- nistisch vorzutragen. Beides aber muß ge- schehen. Folglich entsteht die Frage: welche Methode soll man zuerst, welche nachher, brauchen? Die Natur spricht: gehe von den Teilen zum Ganzen fort, nicht umgekehrt. Also mache ich es, wie fast alle meine Vor- gaͤnger, und schicke die ethnographische Ab- handlung in jedem großen Zeitraume voraus. III. Also fange ich, z. E. im dritten Zeit- raume, von Cyrus an, und fare wenigstens bis auf Kodomannen mit lauter Persischen in einander gegruͤndeten Begebenheiten fort; so bin ich ein andermal, von Karan oder Per- dickas an, bis zum falschen Perseus, lauter Macedonien, und werfe hoͤchstens Seiten- blicke auf andre Voͤlker hin, die in Mace- doniens Schicksale eingeflochten waren: und spreche diesmal weder von Tarquin in Rom, noch von Ljeupan in Sina. IV. Die ethnographische Arbeit ist gethan. Jch habe zum Beispiel, in einem Zeitraume von 500 Jaren, 6 ethnographi- sche Parallel-Linien gezogen: das heist, ich habe 6 verschiedene Voͤlker, jedes fuͤr sich, in seinem Realzusammenhange beschrieben. Nun Nun geht die zweite, meiner Meinung nach eben so wesentliche, aber gemeiniglich ver- nachlaͤßigte, die synchronistische Arbeit, an. Neue Begebenheiten lere ich nun nicht mer; neue Personen fuͤhre ich nun nicht mer auf: alle sind schon da gewesen, nur im Zeit- zusammenhange hat der Leser den Xerxes, Perdickas, Servius, und Ljeupan, noch nicht zusammengedacht; und das soll er doch. Deme zufolge 1. mache ich Zeitabschnitte. Diese muͤs- sen einfoͤrmig, nicht zu groß, nicht zu klein, seyn: also nicht Jartausende, nicht Jarzehende, sondern, wie fast al- le meine Vorgaͤnger thun, — Jar- hunderte. 2. suche ich Namen zusammen, die ein- ander gleichzeitig, dem Zuhoͤrer oder Le- ser bereits bekannt, aber von ihm nur noch nicht als gleichzeitig gedacht, sind, und setze sie fuͤr jedes Jarhundert in Eine Zeile. Und zwar A. Bloße Namen, und weiter nichts, ohne alles Praͤdicat, setze ich hin. Denn erklaͤrt und beschrie- ben waren sie schon in dem ethnogra- phischen Cursu. Nun braucht das Ge- daͤchtniß nur einen sanften Anstoß: beim bloßen bloßen Namen kehren ihm alle daran geheftete Begebenheiten zuruͤck. B. Nur wenige Namen. Erstlich, aus dem schon oͤffters angezogenen Gesetze der Sparsamkeit, dem zufolge das Ge- daͤchtniß nicht uͤberladen seyn will. Zweitens, weil ich meine Absicht auch durch wenige Namen erhalte, und sehr viele der uͤbrigen durch Soriten (Vor- stell. S. 55) hinzugeschlossen werden koͤnnen. Bei Salmanassar z. E. faͤllt mir auch die Zerstoͤrung von Samaria, und bei Nebukadnezar das Ende des Juͤdischen Reichs, ein. Aber eben des- wegen muͤssen C. alle diese aussortir- te Namen auch hauptwichtig seyn. Haͤlt nun jemand die synchronistische Ueber- schauung fuͤr eben so wichtig bei Erlernung der Weltgeschichte, wie ich; und weiß mir gleichwol eine leichtere oder nuͤtzlichere Me- thode, sie zu leren, anzugeben: der soll mir, und vermutlich auch vielen andern Docen- ten der Universalhistorie, unendlich will- kommen seyn. V. Nach dieser Theorie ist meine Tabel- le S. 89-93 gemacht. Wer sie pruͤfen will, der untersucht: 1. ob 1. ob die Namen, die ich in jedes Saͤ- culum gebracht, historisch wahr sind? ob die Leute wirklich existirt haben? Bei der Semiramis z. E. koͤnnte diese Frage wol entstehen. 2. ob sie chronologisch wahr sind? ob die Leute just in dem Saͤculo existirt haben, wo ich sie hingebracht? Beim Pythagoras waͤre diese Frage moͤglich. 3. ob nicht unwichtige, unfruchtbare, darinnen stehen? z. Ex. Odoacher. 4. ob nicht hauptwichtige darinnen felen, die sich durch keine mnemonische So- riten hinein denken lassen? Z. Ex. Sal- vino d’ Armato. So wird sie der Kenner kritisiren, und bei meinem ersten Versuche Anlaͤße genug zu Verbesserungen, Zusaͤtzen, und Ausstreichun- gen finden. Aber nun Hr. Herder, wie kritisiret der? Doch vorher noch von Buno’s Na- men-Epigrammen. Denn schwerlich kennen sie viele Leser; und sie verdienen gleich- wol, gekannt zu seyn: nicht bloß, um den Hrn. Consistorial-Rath uͤber einer recht vor- setzlichen Unwarheit in flagrante zu ertappen; X son- sondern auch als eine wichtige Urkunde der unseeligen deutschen Paͤdagogik im vorigen Jarhunderte. §. 26. Nun gerade vor hundert Jaren gab Jo- hann Buno, Professor der Geschichte in Luͤneburg, ein Handbuch der Weltgeschich- te, mit Kupfern, die der Maler Schor- mann nach Buno’s Jdeal inventiret hat- te, in eigenem Verlage, und unter folgen- dem vollstaͤndigen Titel, heraus: Historische Bilder, darinnen Idea histo- riae universalis, eine kurtze Summarische Abbildung der fuͤrnehmsten geist- und welt- lichen Geschichte durch die vier Monarchien; wie auch der beruͤhmtesten und gelaͤhrtesten Maͤnner, sampt den merkwuͤrdigsten En- derungen, so in der Kirchen, in Koͤnigrei- chen und Regierungen, von den ersten Zei- ten der Welt an biß auf das jetzige 1672te Jahr nach Christi unsres Heilandes Geburt vorgangen, kuͤrtzlich verfasset, in Mille- narios, Secula und Decennia; in Tau- send, Hundert und Zehen Jahre abgethei- let, und in annehmlichen Bildern also deut- lich fuͤrgestellet, daß sowol Alte als Jun- ge Leute, auch diejenige, so eben keine Pro- fession vom studiren machen, eine richtige Ordnung der geist- und weltlichen Histo- rien rien leichtlich fassen und im Gedaͤchtniß be- halten, auch andere Geschichte hiedurch in ihre Zeiten bringen und setzen koͤnnen, verfertigte und gab heraus iohannes bv- no Histor. Prof. und R. Luͤneburg in Verlegung des Autoris, druckts Bertold Elers 1672, 4, 192 Seiten, ohne 4 Bogen Zuschrift, Vorrede, und Gluͤckwuͤnsche. I. Der Professor Buno war ein wol- meinender Mann. Er wollte die Welt- geschichte leicht und amusant, und auch un- ter Unstudirten gaͤng und gebe, machen. Nur, wie fieng ers an? II. Er teilt erstlich die ganze Weltge- schichte in gleiche Zeitabschnitte: vor Christo in groͤßere, naͤmlich in Jartausende und Jarhunderte; und nach Christo in kleinere, naͤmlich jedes Jarhundert wieder in Jarze- hende. Diesen Einfall hatte, laut der Vor- rede, zu allererst, der große Giessensche Paͤ- dagog, D. Helwich, gehabt; außer daß Helwich, statt der Jarzehenden, jedes Saͤ- culum nur in Drittel teilte. — Nun zwei- tens, fuͤr jeden solchen Zeitabschnitt macht Buno, ethnographisch, und technographisch, 2, 3, oder 4 Reihen von Begebenheiten, die er neben oder untereinander setzt. Z. Ex. in Cyri Saͤculo: Koͤnige in der Persischen X 2 Monar- Monarchie, zu Athen, Roͤmische Geschich- te, Gelaͤhrte Leute. Oder im Jarzehend von 1241-1250: geistliche Geschichte, deutsche Kaiser, franzoͤsische Geschichte, Englische Geschichte, Ungrische und Ta- tarische Geschichte. [Hier schon bemer- ke man den Unterscheid zwischen Helwich’s und Buno’s historischem Genie. Was muste es mit den Abschnitten in 10 Jare fuͤr ein Ge- hacke geben! Helwich nahm doch immer 33 Jare zusammen. Jndessen Gehacke blieb es doch, bis auf Freyern und Zopfen herab: und wird es immer bleiben, wenn man nicht zwei eigene Cursus der Weltgeschichte, erst- lich einen ethnographischen, und nachmals erst einen synchronistischen, macht]. III. Vor allen Dingen muß man wissen, worein Buno, und vielleicht alle Menschen damals, das Wesen der Geschichtkunde setz- ten. “Wir haben (sagt er, hier in Luͤne- „burg) einen Knaben von 10 Jahren, „welcher darin so fertig, daß er die Impe- „ratores Romanos samt den Jahren, in „welchen sie zum Regiment kommen, und „wie viel Jahre sie regiert, ruͤckwerts, vor- „werts, nach und ausser der Ordnung, ohne „Feler zu erzaͤlen weiß; welches denn in Hi- „storien „storien kein geringes, und bei denen, so „der Vorteil unbekannt, fuͤr ein Wunder „geachtet wird”. [Der Leser erschrecke nicht uͤber diese Begriffe, die ein Professor der Geschichte im J. 1672 von der Geschichte hatte. Wer weiß, giebt es noch A. 1773 hin und wieder in Deutschland Schulen, wo man so denkt, wenigstens so docirt: denn es ist die bequemste Art, Historie zu do- ciren. Auch ich, muste noch A. 1748 in ei- ner Schule, die keine der schlechtesten war, alle Namen von Kaisern, von August bis Franz I , auswendig hersagen]. IV. Darauf also gieng Buno aus: Na- men der Kaiser, und Jarzalen, ruͤckwaͤrts und vorwaͤrts, sollten seine Schuͤler wissen. A- ber hier fand er eine Schwierigkeit bei den gewoͤhnlichen Helwichischen chronologischen Tabellen. “Weil solche Tabellen (sagt er) „einerlei Form, und auf einerlei Weise ein- „gerichtet; und dann nur Ziffern und Woͤr- „ter in denselben enthalten; so moͤgen die Zei- „ten und Jahre auf solche Art dem Gedaͤcht- „niß nicht feste eingedruckt werden„. Diese Schwierigkeit zu heben, diesen festeren Ein- druck der Zalen oder Zeitrechnung ins Ge- daͤchtniß zu bewirken, hat Buno den Einfall, X 3 – ihn ihn mit zwei Worten zu sagen —, statt der Buchstaben schrift Bilder schrift zu gebrau- chen, oder chronologische Tabellen nicht mit Worten, wie Helwich, sondern mit Bil- dern und Hieroglyphen, mexikanisch zu schreiben. Anstatt daß Helwich z. E. in Ein Saͤculum hin drucken ließ, die Worte, Kar- thago condita, Lycurgus Spartae Legislator, Athalia imperio deiecta, Sardanapalus As- syriorum regum vltimus, oder doch so et- was: so mahlt Buno die Erbanung von Karthago, die Gesetzgebung des Sparta- ners, die Entthronung der usurpirenden He- braͤerin, oder den Brand von Ninive, in ein Viereck hin. — Den Einfall selbst hatte Buno, wie er ehrlich in der Vorrede gesteht, nicht aus sich selbst, sondern von dem possirlichen Theologen D. Schupp in Mar- purg, Helwichs Schwiegersohne: ausser die- sem nennt er noch viele andre mit Namen, die dergleichen gemahlte chronologische Ta- bellen von allerhand Art inventiret hatten. Aber die neue Wendung, die Buno dem Einfalle gab, scheint Buno’s Eigentum zu seyn. Der Luͤneburgische Kanzler Langer- beck fand so viel Geschmack daran, daß er dem Prof. Buno befahl, “besonders den jungen jungen Edelleuten im Lande auf diese Art Universalhistorie in den Kopf zu bringen”. V. Ueber den Einfall selbst (gemahlte chronologische Tabellen) lache niemand schlechtweg: er waͤre immer einer Pruͤfung werth, wenigstens wenn vom Kinderunter- richte die Rede ist. Schon manches vier- jaͤhrige Kind ist faͤhig, sich von Salomo’s Tempel, von aͤgyptischen Piramyden, und vom Homer, etwas vorerzaͤlen zu lassen. Nun mahle man diese drei Gegenstaͤnde auf Ein Blatt hin, sage dem Kinde gelegent- lich, daß um eben die Zeit, da Salomo seinen Tempel, und die Pharaonen Piramy- miden gebaut, Homer gesungen habe, und lasse das Kind Wochen lang mit dem gemal- ten Blatte spielen: so werden sich, nicht nur diese drei Gegenstaͤnde selbst, der jungen Seele lebhafter durch Gemaͤlde als durch bloßen Discurs einpraͤgen; sondern auch der Satz von der Gleichzeitigkeit dieser Gegen- staͤnde, oder der Synchronismus, wird vermoͤge des Gesetzes von der Association der Jdeen unausloͤschlich in seiner Seele bleiben. — Allein ich habe doch zwei Bedenklichkei- ten bei dem ganzen Einfalle. 1. Wo krie- gen wir einen der Historie kundigen Maler, X 4 oder oder einen der Malerei kundigen Historiker, zum Jnventiren her? 2. So gesund und unschuldig der Einfall an sich ist: so ist er doch, in den Haͤnden eines taͤndelnden oder unwissenden Lerers, allzuleicht dem Mißbrau- che ausgesetzt, und wuͤrde schon in der drit- ten Generation in bloßes Spielwerk aus- arten. Unter dem 2ten Maͤrz 1772 erzaͤlte uns die Frankfurter Zeitung, Hr. Le Mai- tre, Professor der Historie und Geographie zu Paris, habe ein neues Wuͤrfelspiel fuͤr Kinder erfunden, durch welches sie die Uni- versalhistorie lernen koͤnnten. VI. Aber nun hoͤre man Wundershal- ber die neue Wendung an, die Buno dem Schuppischen Einfalle von gemalten chronologischen Tabellen giebt. Dem Man- ne ist einmal in der Historie an Namen und Zalen alles, oder doch mer als an Sa- chen, gelegen. Nun Namen, sollte man denken, lassen sich doch nicht malen! Aber das ist eben Buno’s neue Erfindung: er verbindet Bilderschrift wieder mit Buchsta- benschrift, und inventirt solche Vorstellungen von den Begebenheiten, daß der Schuͤler aus dem Bilde nicht bloß die Person und Sache, sondern auch den deutschen Namen der der Sache, mit einigem Nachhelfen erraten kan. Statt alles weiteren will ich einige Exempel hersetzen. Jm 8ten Jarhunderte des 2ten Jartau- sends finden sich: Heber, Peleg, der Thurnbau, und Ninus. Der Leser wird neugierig, wie man diese 4 Dinge malen, und zwar so ma- len koͤnne, daß der Anschauer zugleich die Namen dieser 4 Dinge errate? — Auf Bu- no’s Bilde steht ein alter Mann, der uͤber dem Kopf einen Heber, und auf dem Arme ein Kind hat, das er kuͤßt: weiter hin kommt ein Thurm, oben drauf ein Bild mit einem Beil; und weiter hin eine Stadt. Noch immer nicht deutlich genug; nun so hoͤre man die Erklaͤrung, die Buno S. 3 woͤrt- lich von seiner Zeichnung macht. Sec. 8. Jm 8ten hundert Jahr ist geboren Heber ( bedeut der Heber, damit man Wein oder Bier aus den Faͤssern hebet ) von deme die Hebreer: Peleg ( ihn hatt seinen Vater so lieb, daß er ihn im Kuͤssen beleckt ). Der Babylonische Thurn ist zu dieser Zeit ge- bauet; auff welchem des Beli Bild hernach gesetzet worden ( das Bild hat ein Beil, bedeut Belus, in der Hand ). Jnglei- X 5 chen chen sind die Sprachen verwirret worden; also daß die Bauleute anstatt vernehmlicher Worte Babbelten, das ist, unverstaͤnd- lich redeten: welche darumb das Bau- en unterlassen, und ein jeder seinen Sack nimmet und seinen Weg wan- dert, (denn obwol die Sprachen verwir- ret: so ist doch das Wort Sack in vielen Sprachen blieben). Die Bauleute gehen nach der Stadt Ninive, so hernach der Assyrer Koͤnig Ninus (welcher in der Stadt mit Scepter und Krone stehet) gebauet. Dann folgt im 9ten Saͤc. ein Weib auf ei- ner Mauer liegend, welcher ein Kerl einen Degen in den Leib stoͤßt. Das ist, laut beigedruckter Erklaͤrung, “Semiramis, Se oder Sie auf der Mür oder Mauer liegend muß am ersten sterben, indem sie von ihrem Sohn erwuͤrget wird, welchem sie Blutschande an- gemuthet hatte. Ninias (er sagte zu ihr: du bist des Nini Aaß meines Vaters, wel- chen du hast umbringen lassen, und willst mich auch zu Lastern verleiten)„. — Jacob hat ja einen dicken Kopf. Ogyges schwimmt in seiner Fluth, und da er seiner Geigen ge- wahr wurde, sprach er: O Gyge, an dich muß ich mich halten; aber vergebens, denn sie war zu schwach, ihn zu halten. Mo- ses ses liegt auf Mooß. Prometheus brommet auf der eysern Trompete, und lockt die Leute zum Feur. Ehud, he hat einen schoͤnen Hutt auf. Ganymed mußte gahn medde, gehen mit des Tros Sohne, und wird geraubt. Phryxus sitzt frisch auf dem Widder. Justi- nus kan just in das Schwarze stoßen. Eu- tropius hat ein Ey, so troppet. Priscillianus der Ketzer, er pritschet seinen anum, und tritt auf die Bibel. Bonaventura S. 120, Boh- nen wendet bei der Uhr der Moͤnch … VII. Den Menschen von gesundem Men- schenverstande im 18ten Saͤc. kommt hiebei Eckel und Grauen an. Allein damals fand Buno Nachahmer: Just Winkelmann in seiner Cæsareologia siue quartæ Monar- chiæ descriptio (Leipzig 1698, 12°) rast eben so. Z. Ex. um den Namen Julius Cæ- sar und Valerianus einzupraͤgen, mahlt er beim erstern eine Ule (Eule), die mit den Klauen im Kæse scharrt; und beim leztern schreibt er: er sagt zu seinem Sohne vale, und ritt auf einer anus hinweg .... Nun von Johann Buno und Just Winkelmann kehre ich zu Hrn. Herdern zuruͤck. §. 27. §. 27. I. Die zusammengefügten Namen bei der synchronistischen Tabelle dünken mir offt wieder zu sehr einem Spielwerk nahe zu kommen. Jn aller Welt, wie kan Hr. H. hier Spielwerk finden? wie kan uͤberhaupt bei einer Helwichischen Art von chronologi- scher Tabelle Spielwerk seyn? Trockne oͤ- de Namen, nichts als Namen, stehen in meiner Tabelle in jedem Saͤculo wie in einem Register da: wie kan man in einem trocknen Register Spielen! Was findet Hr. H. dann gespielt? Daß Ceres und Bacchus neben ein- ander stehen, das ist, daß Getreide- und Weinbau in Einem Saͤculo nach Griechen- land gekommen? dafuͤr kan ich nichts, sie ka- men nun einmal zu gleicher Zeit dahin. Haͤtten zwei große Eroberer, Namens Kunz und Dunz, in Einem Saͤculo gelebt: ich haͤtte nicht umhin gekonnt, sie neben einander zu setzen; und außer Hrn. H. wuͤrde kein Sterb- licher auf den Einfall geraten seyn, “ich haͤtte spielen wollen, ich haͤtte diese zwei Na- men zusammen gesetzt, etwa weil sie sich auf einander reimten”. II. II. Sie dünken mir hie und da einem Gepränge des Unbekannten nahe zu kom- men. Antw. 1) Gerne glaube ich, daß Hr. H. einige Namen in meiner Tabelle vorgefunden, die er all sein Tage nie gehoͤrt hat. Von Suintila z. Ex., Babur, Ismael Sofi \&c. \&c. steht wol im ganzen Bossuet nichts. Aber 2) die Regel, wornach ich meine Ta- belle machte, war nicht: in der Tabelle muͤssen keine Namen stehen, die dem Hrn. CR. Herder unbekannt sind; son- dern ganz andre Regeln, siehe oben §. 319 Soll das kurze Maaß seiner historischen Kennt- niß das Maaß der Universalhistorie werden? Oder haͤtte ich insbesondere bei meiner Weltgeschichte auf seine Unwissenheit Ruͤck- sicht nemen sollen? im Ernst, verlangt er das von mir? Als er einst Torso auf den Ti- tel eines seiner Buͤcher setzte, wuste ich noch nicht, was der Torso waͤre: aber daran kehr- te sich Hr. H. nicht, und that wol daran; wir schreiben ja unsre Buͤcher nicht fuͤr ein- ander. Also 3) durft ich, mußt ich, auch Namen hineinbringen, die Bossuets Schuͤ- ler nicht wissen, aber wissen sollten: voraus- gesetzt naͤmlich, daß diese Namen univer- salhistorisch-wichtig waren. Und 4) wenn wenn ich es that, that ich es nicht, um zu prangen, wie Hr. H. laͤstert, sondern weil es der Grundbegriff einer chronologischen Tabelle so mit sich brachte. Hr. H. aber haͤtte 5) bei dem ersten ihm unbekannten Na- men, der ihm hier aufsties, falls er noch einiger Selbsterkenntniß faͤhig war, die na- tuͤrliche Folge ziehen sollen: ” nicht einmal alle Namen der Tabelle, folglich nicht einmal die Elemente der Wissenschaft, verstehest du; also unterstehe dich nicht, ein Urteil uͤber das Buch auszu- sprechen, sondern entweder laß es lie- gen, oder lerne draus „. War diese Fol- ge nicht weit schicklicher, als die: ” da sind Namen in der Tabelle, die ich Unhisto- riker nicht verstehe; also braucht sie auch niemand zu verstehen, also hat sie der Verfasser nur aus Pralerei hin- gesetzt: denn wer sich merken laͤßt, daß er in quocunque scibili etwas wisse, was ich nicht weiß, der prangt und pralet nur „. 6) Eine der noͤtigsten Refor- men, deren die Weltgeschichte bedarf, ist diese: man muß ihre allzuenge Sphaͤre er- weitern, und die unendlich vielen wichtigen Personen und Begebenheiten einruͤcken, die noch noch immer darinn fehlen. Zacharias Jans- sen und Babur stehen noch in vielen Compen- dien nicht, wo gleichwol Kedarlaomor und A- jax stehen. Den Maͤcen kennt Hr. H. gewiß, den Jlidschuzaj kennt er gewiß nicht: jener hatte kein anderes Verdienst, als daß er sich von hungrigen Poeten beschmaußen ließ; aber dieser — —? Wenn ich nun zu dieser durchaus noͤtigen Erweiterung der universal- historischen Sphaͤre mein Scherflein beitra- ge: habe ich, zum Danke dafuͤr, die Laͤste- rung von Hrn. H. verdient, daß ich bloß mit dem Unbekannten Gepränge mache? III. Diese zusammengesezte Namen dünken Hrn. H. einem Gepränge des Possir- lichen nahe zu kommen. Antw. 1) Wie man mit dem Possirlichen prangen koͤn- ne, sehe ich nicht ein: eher schaͤmen muß man sich dessen. Hr. H. ist in seiner Re- cension hie und da augenscheinlich possirlich: ich denke, nicht mit Vorsatz, nicht aus Ei- telkeit, nicht in Hoffnung, daß ihm vernuͤnf- tige Leser Beifall dafuͤr zujauchzen werden; sondern bloß aus Unbedacht, und Vergessen- heit seines Standes, entfuhren ihm die Schnurren. 2) Aber welches sind dann die possirlichen Stellen in meiner Tabelle? Nenne Nenne mir doch Hr. H. eine einzige! 3) Und waͤren auch welche possirlich, das ist, waͤren einmal zwei Personen in Ein Saͤcu- lum zusammen gekommen, die mit einander possirlich contrastirten: was kan ich dafuͤr, wenn sie nun beide universalhistorisch wich- tig sind, und beide in Einem Saͤculo gelebt haben? Der Maler, der einen Aesop malen soll, und ihn dem Aussehen nach so possirlich malt, als er wirklich ist, ist doch ein guter Maler. Ein Recensent, der uͤber diesen 2ten Teil meiner Vorstellung koͤmmt, und wie Hr. H. bloß dessen Titel recensirt, wird den einen Titel vielleicht possirlich finden: “ Her- ders … Beurtheilung einer Univer- salhistorie „. — Da ist Subject und Praͤdi- cat beisammen, wo l’ un s’ étonne de l’ autre: hier ein historisches Buch, dort ein Unhi- storiker; hier ein literarischer mutwilliger Pagenstreich, dort ein Consistorial-Rath. Aber diese possirliche Combination habe ich nicht gemacht, sondern Hr. Herder: der prange damit, oder schaͤme sich ihrer. IV. Sie kommen nicht der starken Ket- te des natürlichen Wahren nahe. Wieder ei- ne Lufftblase, die operirt werden muß: wieder ein Endpfahl, den wir abkippen wollen. wollen. Zu deutsch hiesse wol die Herder- sche Phrasis: die zusammengefügten Na- men sind nicht wahr, und das muͤssen sie doch, nach meiner eignen Theorie S. 321; sie muͤssen historisch und chronologisch wahr seyn. Nun so nenne mir doch Hr. H. nur ein einziges Beispiel von unwahren Na- men in meiner Tabelle! V. Die starke Kette des natürlichen Wah- ren ist es allein, die dem Gedæchtniße hilft. Nichts weniger als das. Falsche Namen, und erdichtete Erzaͤlungen, behaͤlt das Ge- daͤchniß eben so leicht, als wahre. Roma- nen sind so gar noch leichter zu behalten, als Historien; dort haͤngt alles zusammen, der Romanschreiber spricht: es werde eine Kette, und es wird eine. Das muß der Historiker bleiben lassen. VI. Auch uͤber die vielen Abschnitte mei- ner Zusammenordnung klagt Hr. H. Antw. 1) Jch mache so viel Abschnitte, als Jar- hunderte: dawider hat doch Hr. H. nichts? denn das thun ja seit Helwichs Zeiten alle Verfasser chronologischer Tabellen. 2) Wenn nun von Mose zu Christo 15 Saͤcula sind, und von Christo zu Luthern eben so viel: so muß ich notwendig 2 mal 15 Abschnitte ma- Y chen. chen. Kan Hr. H. das aͤndern? Jch woll- te, er koͤnnte es. Eine Kunst, durch die man die ganze Weltgeschichte so sanft als eine anakreontische Ode faßte, waͤre mir mer werth, als Le Maitre’s universalhistori- sches Wuͤrfelspiel. 3) Andre machen noch weit kleinere Abschnitte, wie ich, und krie- gen folglich deren noch weit merere. Hel- wich teilt jedes Saͤculum wieder in Drittel, und Buno gar in Zehntel. Auch Offer- haus macht kleinere Abschnitte. Sind aber 4) meine Abschnitte bloß in Saͤcula, Hrn. H. doch noch zu viel: nun so halte er sich bloß an die Perioden oder groͤßere Abschnitte S. 86. Nur 5) glaube er nicht, daß er fuͤr so gar wenig Aufwand von Muͤhe auch nur eine Elementar-Weltgeschichte in den Kopf kriegen werde. Universalhistorie ist nicht die strengste Wissenschaft, wie sie Hr. H. sehr ungelehrt nennt: aber gelernt will sie doch seyn. Und wer so ausserordentlich be- quem ist, und nicht einmal Saͤcula behalten mag: der ist zu dieser Wissenschaft verdor- ben. VII. Als Beispiele von Namen, die ich zum Spielwerk, zum Gepraͤnge des Un- bekannten und Possirlichen, in meiner Tabelle Tabelle zusammengefuͤgt haͤtte, oder die gar unwahr waͤren, fuͤhrt Hr. H. an: Semi- ramis und Dodona, Sicyon und die Kabi- ren, Abraham und Ninus, Jacob und Ina- chus, Karthago und Athalia, Bonifacius Suintila und Moawija, Guttenberg Babur Iwan Diaz Ismael uud Luther. Wenn man kier, sagt er, 1. diese Namen zusammen liest, und denn 2. zugleich die vielen Ab- schnitte dieser Zusammenordnung liest: so denkt man, der Auctor habe a) mer spielen, und b) Bunonische Namen-Epigrammen machen, als c) dem Gedæchtnisse helfen wol- len. 1) Zusammengelesen sollen diese Na- men werden, dazu stehen sie da. 2) Dem Gedaͤchtnisse sollen sie zur Ueberschau- ung des Ganzen helfen, dazu stehen sie da. 3) Wie sie aber sollen zusammen gelesen werden, um diese Absicht zu erreichen, weiß jeder, der von chronologischen Tabellen nur Begriffe hat, und habe ich noch zum Ueber- flusse oben S. 319 naͤher beschrieben. Man ließt sie in die Laͤnge und Breite, ruͤckwaͤrts und vorwaͤrts, zusammen, und denkt sich weiter nichts als Gleichzeitigkeit, oder Ver- schiedenheit der Zeit, und einiges Maaß die- ser Verschiedenheit, dabei. Z. Er. Y 2 ABRA- ABRAHAM \& NINUS, heist 1. in die Breite gelesen: abraham vixit eodem Sæc. IV post diluuium, quo Ninus Assyrium imperium condidisse fertur. 2. in die Laͤnge, und zwar a. ruͤckwaͤrts: Ninus duobus fere Sæ- culis Mene \& Belo junior esse perhi- betur, \&c. b. vorwaͤrts: Ninus duobus fere Sæ- culis ante Inachum, quatuor ante Mosen, regnasse dicitur, \&c. Verzeihe mir doch der kuͤndige Leser, daß ich halbe Seiten mit so bekannten Sachen verderben muß. Hr. H. ist schuld daran. §. 28. Aber nun halte eben dieser Leser meine Tabellir-Art mit der Bunoischen §. 26 zu- sammen, und richte, ob sich zwischen beiden nur die mindeste Aehnlichkeit finde. Mei- ne Tabellir-Art ist in der Hauptsache ge- rade die Helwichsche, Schradersche, Koͤh- lersche ꝛc.: ausser daß ich 1) weit mer con- centrire (statt einer Folio-Seite nur Eine oder zwei Zeilen), folglich 2) weniger Facta in jedem Saͤculo bemerke (mit Zuversicht auf auf die vorhergegangene ethnographische Ab- handlung und auf mnemonische Soriten), und 3) nur Subject ohne Praͤdicat hinsetze ( Ninus, nicht Ninus condit imperium Assy- rium ). Mit D. Schuppii neuem Einfalle zur Verbesserung des Helwichschen, habe ich nichts zu thun; und noch weniger mit Bu- no’s neuer Wendung, die er dem Schuppi- schen Einfalle giebt. Gerade was bei Bu- no charakteristisch ist, ist bei meinen Tabellen nicht: ich schreibe meine Namen, und male sie nicht; noch minder male ich sie so, daß man aus dem Gemaͤlde einen deutschen Laut erraͤth, der einen auf den hebraͤischen, aͤgyp- tischen, oder griechischen Namen fuͤhrt. Und doch dieses nur, nicht Helwichische Simplicitaͤt, kan man Bunoische Na- men-Epigrammen nennen. Was dachte nun der Hr. Consistorial- Rath Herder, da er mir auf eine so augen- scheinlich ungerechte Art Bunoischen Un- sinn schuld giebt? Warum that er das? War es Vorsatz? Allein wie unbe- dachtsam! Buno ist zwar ein seltnes Buch, aber vorhanden ist es doch noch: mußte ers sich also nicht versehen, daß unter hundert Lesern seiner Recension Einer das Buch ken- Y 3 nen, nen, und uͤber einen Vorsatz von der Art Glossen, nicht zur Ehre des Hrn. Con- sistorial Raths, entweder in der Stille, oder laute, machen moͤchte? War es Uebereilung und weghüpfende Fluͤchtigkeit? Aber 1) ein vernuͤnftiger und fuͤr seine eigne Ehre zaͤrtlicher Mann uͤber- eilt sich nicht, wo er im Begriff ist, einem andren Unsinn aufzubuͤrden. Er bedenkt die Folgen, die das Ding haben koͤnnte, wenn er selbst unrecht haͤtte. Zudem 2) ist hier eine Uebereilung kaum moͤglich. Man le- ge auf die eine Seite meiner Tabellen den Buno, und auf die andre den Helwich, Schrader, oder welche chronologische Tabel- len man will: der allererste Blick muß ihren totalen Abstand von dem erstern, und ihre nahe Verwandtschaft mit den letztern, zeigen. Jst etwas neues in der meinigen: so bringt diese Neuerung sie den Bunoischen nicht nur um keinen Schritt naͤher, sondern entfernt sie nur noch mer von ihnen. Doch mir faͤllt eine psychologische Be- merkung ein, aus der ich mir diese sonst un- begreifliche Uebereilung zu erklaͤren getraue. — Hr. H. hat eine sehr speciell determinirte Einbildungskraft (S. 239 oben), und nicht nicht Besonnenheit genug, sich und das Menschengeschlecht fuͤr Massen von verschie- dener Art und Groͤße zu halten (S. 270). Oben las er den Titel meines Buchs Vor- stellung: flugs fiel ihm ein, heute wird vorgestellt: flugs glaubte er, das fiele al- len Menschen bei dem Worte Vorstellung ein, und schrieb hin, der Titel meines Buchs sei theatralisch, und nannte mein Programm ein Hier læßt sich sehen. Nun liest er mei- ne chronologische Tabellen, vielleicht die er- sten, die er all sein Tage gelesen; er findet Abraham und Ninus, Jacob und Inachus, beisammen; nun dachte er: “Was mag der Auctor fuͤr Ursachen gehabt haben, diese Namen in Eine Zeile zu setzen„? Die wah- re Ursache wußte er nicht: also ersann er sich einige. „ Jacob und Inachus stehen bei- sammen, vermuthlich weil beide mit einem I anfangen. Abraham und Ninus, was mag da der Auctor gedacht haben? Gleich- wie Abraham …: also Ninus …„ Nun schossen ihm stromweise alberne Bu- noische Gleichnisse und Tertia comparatio- nis zu: und je alberner und Bunoischer sie waren, desto willkommner waren sie ihm; denn nun setzte er voraus, auch ich haͤtte Y 4 diese biese ungluͤckliche Vergleichungsgruͤnde im Kopf gehabt, und dieser wegen haͤtte ich Abraham und Ninus, nicht Abraham und Nebukadnezarn, in Eine Zeile gebracht. Aber meine Jmagination und meine Ta- bellen sind so rein von diesen Herderschen Tertiis comparationis, als oben S. 240 das Vaterunser von den schmutzigen Bildern war, die vor dem kranken oder geilen Wie- dergebornen herumflad derten. Ein Original-Exempel, wie eine wirk- same Einbildungskraft, wenn sie nicht un- ter der Vormundschaft einer hoͤheren Seelen- kraft wirkt, uͤberschnappen, den vernuͤnftig- sten Einfall verderben, und die unschuldigste Handlung laͤcherlich machen koͤnne! Hr. H. hat Ursache, in diesem Puncte sehr auf sei- ner Hut zu seyn. Kaͤme er einst ganz warm von alten Nordischen Bardenliedern her, und fiele von ohngefer auf das Register in der Buͤschingischen Geographie: er liefe Ge- far, den Verfertiger dieses nuͤtzlichen Regi- sters fuͤr einen Skald zu halten, und in der alphabetischen Anordnung der Namen, æhn- liche Anfangsbuchstaben zum Anstoß, zum Schallen des Bardengesangs in die Schilde, zu erblicken. Ein Ein Vorgaͤnger von Cellarius schrieb zu Anfang des vorigen Saͤculi einen lateini- schen Liber memorialis, wo natuͤrlicher Wei- se die Woͤrter in alphabetischer Ordnung standen. Nun kam Vogel, Conrector in Goͤttingen um das J. 1631, und schrieb Ephemerides linguæ latinœ, worinn er, um dem Gedaͤchtnisse zu helfen, die Woͤrter abacus, abdomen \&c., in ganze Saͤtze und Phrases knetete. Ein Sprachlerer sammlete alle Woͤrter auf Einen Haufen, welche Ausnamen von ei- ner gewissen Regel waren: als panis, cri- nis \&c. Ein andrer, um dem Gedaͤcht- nisse durch das Sylbenmaaß nachzuhelfen, brachte sie ganz schicklich in Hexameter, doch ohne andre Real-Verbindung: als, Mascu- la sunt panis \&c. Ein dritter wollte es noch besser machen, und suchte zwischen diesen Woͤrtern, so wie sie der Hexametrist der Scansion wegen geordnet hatte, Tertia comparationis und Realverbindungen: als, “ panis Brod, penis Rehrwisch; denn wenn man Brod backt, muß man einen Rehrwisch haben„ ( Evenii Methodus p. 63). Y 5 Der Der vernuͤnftige Abclerer, um sein Kind in der feinen Unterscheidung zweier oder me- rerer sonst verwandten Toͤne zu uͤben, sucht Woͤrter zusammen, in denen diese Toͤne vor- kommen, und stellt sie bloß einander gegen uͤber. Allein Hr. Basedow, um dem Ge- daͤchtniße zu helfen, bindet diese Woͤrter durch Partikeln, wie durch Kuͤtt, in Saͤtze zusammen, daß sie wie Gedanken aussehen, als: der Schwaan liebt Brei, aber nicht einen Steinwurf oder Quaal. Es sollte mir leid thun, wenn jemand meinen Abraham und Ninus so zusammen- kuͤtten wollte, wie in den angefuͤhrten Bei- spielen mit abacus und abdomen, mit panis und penis, mit Schwaan und Quaal, gesche- hen. Aber noch mer thaͤt es mir leid, wenn, ausser Hrn. Herdern, jemand in der Welt mich in Verdacht haͤtte, als haͤtte ich selbst in Gedanken so zusammen gekuͤttet; als haͤt- te ich meine ganze synchronistische Tabelle absichtlich deswegen drucken lassen, damit andre so zusammen kuͤtten sollen. §. 29. III. Und denn, ist selbst bei die- ser Tabelle alles bewiesen? nichts nichts zu gewagt? nichts des lieben Einfalls wegen da? Tabelle nimmt hier Hr. H. in einer sehr weitlaͤuftigen Bedeutung. Er versteht auch meine Summarien S. 113-222 mit dar- unter: dies beweisen die sogleich folgenden Beispiele. De verbibus non curat Recen- sens. Albern waͤre der Schriftsteller, der bloß des lieben Einfalls wegen etwas in die Weltgeschichte braͤchte. Der Raum ist oh- nehin so enge, daß man sich vor der Menge unentberlicher Thatsaͤtze kaum zu lassen weiß. Noch alberner waͤre er, wenn er so was gar in die Tabelle braͤchte: diese muß die Quintessenz der ganzen Weltgeschichte enthal- ten, da muß jedes Woͤrtgen abgewogen seyn. Unvorsichtig waͤre der, der gewagte, unbewiesene, fliegende Gedanken, und bloße Hypothesen, in die Tabelle ruͤcken wollte: da gehoͤren nur ausgemachte, oder doch allge- mein anerkannte Saͤtze hin. So bloͤde war ich, daß ich den Ninus und die Semiramis noch, aus Achtung fuͤr das Herkommen, in ihrer alten Stelle ließ, ungeachtet sie mir aus aus Gruͤnden, welche in der Tabelle auszu- kramen unschicklich war, erst in das Jar- hundert des Sesostris zu gehoͤren scheinen. Aber Allwissend muͤßte derjenige seyn, der nichts als im strengsten Verstande bewiesene Saͤtze liefern wollte. Und nur ein Unwissender kann solche, in den ersten Zei- ten der Welt bis auf den Cyrus, fodern. Doch Hr. H. schwaͤtzt hier nur wieder ins Allgemeine: wir wollen seine Beispiele, das ist, seine Beweise, hoͤren. §. 30. Die Umschaffung der Erde! Steht der Satz des lieben Einfalls wegen S. 88 in meinem Buche? Meint Hr. H. das? das sollt er nicht meinen. Er weiß vielleicht, daß ich nicht bloß Revolutionen des Menschengeschlechts, sondern auch Revolutionen des Erdbodens, in die Weltgeschichte nehme. Folglich ist ihr eine Nachricht vom Anfange und der Entstehung der Wonung der Adamiten eben so wesent- lich, als die Nachrichten vom Anfange der Menschen selbst. Faͤngt doch jeder Moͤnch die Geschichte seines Klosters mit der Erbau- ung desselben an, falls er sie weiß. Doch Doch das UM schaffen geht vielleicht Hrn. H. im Kopfe herum: warum nicht ER schaffen? Jst der Satz von Umschaffung der Erde bewiesen, ist er nicht zu gewagt? — — — Jch will nicht hoffen, daß Hr. H. im Ernste glaubt, daß unsre Erde, oder gar das Große All, netto 6 mal 24 Stun- den vor Adam, erst erschaffen, erst aus dem Nichts hervorgerufen, worden? Glaubt ers wirklich: so ist hier der Ort nicht, wo man ihm in Kuͤrze den noͤtigen Unterricht geben kan. Von der Erschaffung der Erde weiß die Historie nichts: nur die Metaphysik lallt von ihr, wie Hr. H. von Grundesreinigung und Erinnerungsmalen, und wie ich vom Torso lalle. Aber die letzte Umschaffung derselben, oder diejenige große Revolution, da sie, nachdem sie vielleicht Myriaden von Jaren ein Ocean gewesen, trocknes, und fuͤr Geschoͤpfe unsrer Art, (die wir nicht alle schwimmen und tauchen koͤnnen), bewonba- res Land geworden, kennt die Tradition im Mose, Sanchuniathon, Berosus, und der Orphischen Philosophie, und beweisen die Urkunden von Muscheln und Versteinerun- gen im Jnnersten der hoͤchsten Berge. Und noch noch andre vorhergegangene Umschaffungen oder Revolutionen des Erdbodens durch Brand und Wasser, die vielleicht noch laͤn- ger wie die letzte gedauert haben, weist uns der Physiker augenscheinlich nach. Auch damals, wie Elefanten in ganzen Horden am Eis-Meer herumzogen, und Amerika- nische Kraͤuter bei Lyon wuchsen, muß eine andre Erde gewesen seyn, als wie sie neuer- lich seit des jungen Adams Zeiten ist … Doch vielleicht glaubt Hr. H. lieber noch mit Abraham Calovius, (mit dem er doch sonst, so wenig wie ich, in allen Stuͤcken har- moniren soll), daß diese Muscheln und Elefanten, durch Noah’s Suͤndfluth, in ihre heutige Abgruͤnde geschwemmet worden. O- der er glaubt mit seinem lieben Voltaire, daß die Muscheln erst von den Pilgrimen aus den Kreuzzuͤgen nach Hause gebracht, und in die Europaͤischen Alpen verzettelt worden. Das kan er glauben. Wenigstens ist fuͤr ihn die ganze schwere Materie von Um- schaffung der Erde entberlich: ja er wuͤr- de sogar unbedaͤchtig und gegen die Pastoral- klugheit handeln, wenn er beim Predigen oder Katechisiren davon Gebrauch machen wollte. wollte. Der gemeine Mann glaubt allzu- gern, daß die Sterngen, die bei heller Nacht da oben am Firmamente flinkern, blos fuͤr ihn da waͤren, wie die Pracht des Dianen- tempels fuͤr Gellerts Fliege. Auch zittert er zuruͤck, so bald er von Myriaden Jahren hoͤrt; und meint, beim ersten Schritte jen- seits der 6000 Jahre trete man in die Ewig- keit ein ...... Aber mit der Universalhistorie hat es eine andre Bewandtniß: da finden sich nicht selten Zuhoͤrer ein, die Mineralogie verste- hen, und bereits Gruben befaren haben, oder solches naͤchstens thun werden. Wenn ich nun denen die sogenannte Schoͤpfungs- geschichte auf Calovischen Fuß erklaͤre: so verachten sie mich wegen meiner Unwissen- heit. Und wenn ich ihnen gar sage, so sagt Mose: was fuͤr schlimme Folgen kan mein unphysischer Vortrag alsdenn nicht bei gruͤbelnden Koͤpfen haben? §. 31. Die Obelisken und Pyramidenperio- de in Egypten! Den Ausdruck versteht Hr. H. wol nicht. Aber was thut man in dem Falle? — Man fragt, fragt, studirt, schlaͤgt nach, und faͤhrt nicht zu: das muß nicht wahr seyn, daß es in Aegypten eine Obelisken und Piramyden- Perioden giebt, oder, das muß bloß des lieben Einfalls wegen da stehen. Aegyptens alte Geschichte lauft 1652 Jahre fort: ihr einer Endpfahl steht nicht weit von der Suͤndfluth, ihr andrer steht beim Kambyses. Nun mit Hrn. Herders Erlaubniß schlage ich unterwegens, da der Raum so gar lang ist, merere Pfœhle ein. Moͤris und Psammirich sind natuͤrliche, und daher auch von vielen andren gebrauch- te, Epochen. Nur weil zwischen beiden 700 Jare sind; so suche ich zwischen ihnen noch einen Pfahl schicklich anzubringen. Mir faͤllt kein andrer Teilungsgrund ein, als daß in den letzten 300 Jaren, warscheinlich nicht fruͤher und nicht spaͤter, die beruͤhmten Piramyden, vorher aber schon die gleich- falls wichtigen Obelisken, errichtet wor- den. Da ich nun kurze praͤcise Trivial-Na- men zu meinen Perioden brauche: so nehme ich diese Namen von ermeldten beiden Din- gen her. Nun lernt mir noch gelegentlich der Anfaͤnger gleich anfangs zwei Haupt- gegenstaͤnde der Aegyptischen Geschichte ken- nen: nen: er lernt zugleich mechanisch, die bei- den Dinge unterscheiden, die viele verwech- seln: er lernt den Satz, daß Obelisken aͤl- ter als Piramyden sind ꝛc. Hat jemand et- was an dieser Periodirung auszusetzen, der — gebe mir eine bessere; ich nehme sie dank- bar an. Nun wird aber Hr. H. doch noch nicht wissen, warum ich Obelis ken und Piramy- den fuͤr Hauptgegenstaͤnde der Aegyptischen Geschichte ausgebe: und fragen will er doch nicht! Hilfft ihm nun sein guter Bossuet nicht aus, so habe ich zuverlaͤßig in seinen Augen abermals Unrecht. Auch daß ich Aegypten und Piramy- den schreibe, hat er entweder gar nicht be- merkt, sondern ist daruͤber weggehüpft; oder er haͤlt es fuͤr einen Druckfeler, wie ich sei- nen Polyp und sein Bereden. §. 32. Hebræer nebst den Gauren das einzige Volk, dessen Gesetzgebung und Sitten seinen Staat überlebt (und keine Bramanen? keine Scha- manen?) Z Schama- Schamanen kennt Hr. H.? er, der sei- nem eigenen Gestaͤndnisse nach, manche Na- men in meiner Tabelle, die doch alle elemen- tarisch sind, nicht kennt? Eine unerwarte- te Erscheinung! — wenn er nur nicht wieder eine Schaumblase siedet. Schamanen sind, Hr. H. nehme mirs nicht uͤbel, eine Art von Bettelmoͤnchen und Waldbruͤdern jenseits dem Ganges. Sie haben nie einen Stat, nie eine Gesetzgebung, so wenig als alle Bettelmoͤnche, gehabt. Sehr ungluͤcklich setzt sie Hr. H. mit den Hebraͤern zusammen: sehr uͤbel bekommt ihm das Geprænge des Unbekannten; so uͤ- bel, wie der Torso dem Verf. der Conside- rations surl’ Etat present de la litterature en Europe Bloc informe, sorti des ruines de Torse, Klo- tzn Acta litteraria III. 1. p. 76. . — Noch mer, alt sind die Scha- manen zwar, denn schon Strabo, Klemens, und Porphyr, nennen sie bei Namen; aber ob sie so alt wie Hebraͤer sind; ob ihre heu- tige Sitten und Moͤnchs- und Religionsge- setze noch so viel Uebereinstimmung mit ih- ren aͤltesten haben, als die heutigen hebraͤi- schen mit den Mosaischen: weiß ich aus Mangel Mangel an Nachrichten nicht, und Hr. H. vermutlich noch weniger. Auch Braminen sind kein Volk, kein Stat, sondern eine Secte und Religions- partei. Die Stellen alter Griechen, wo von einer Braminen-Nation geredet wird, und die auch die Rußischen Annalisten kopi- ret haben, kenne ich, und weiß sie zu erklaͤ- ren. — Auch ob die heutigen Braminen zu den uralten ein naͤheres Verhaͤltniß haben, als die heutigen Karmeliter zu denen zu des Propheten Elias Zeiten: weiß ich bis diese Stunde nicht. Bei den Gauren dacht ich mir sonst eine eben solche Verflechtung der Religion mit der Gesetzgebung, wie bei den Hebraͤern: aber seit einiger Zeit bin ich zweifelhaft. Wer Zeit hat, den Hyde und D’Anquetil einige Monate lang durchzustudiren, wird die Sache entscheiden koͤnnen. §. 33. Die Ionier so gewiß von Iavan? Ja, Jonier sind so gewiß Javaner (dies ist mein Ausdruck S. 129: von Javan seyn, spricht kein Historiker in einem Com- pendio; das ließe sonst, als glaubte er ei- Z 2 nen nen gewissen Mann, Namens Javan ), als sich ein Thatsatz aus dem ersten Jahrtau- sende nach der Suͤndflut nur immer bewei- sen laͤßt. Jch koͤnnte Hrn. Herdern zwei Hauptschriftsteller davon citiren: allein es sind schwerfaͤllige Kritiker, keine gute Gesell- schaft fuͤr Weghüpfer. Aber warum zweifelt denn Hr. H. daran? Jch denke, ich errate es. Gleich nachher spricht er von Ableitungen. Nun hat er vielleicht einmal gehoͤrt, daß, mit unter den Beweisen fuͤr die Abstammung der Jonier von den Javanern, auch der etymologische stehe, “Ιων und ןוי waͤren aͤhnliche Namen”. Nun meint er wol, daß der ganze Satz auf dieser Ableitung beruhe. Meint er das? §. 34. (Und viel andre Ableitungen mehr). Wie? Ableitungen haͤtte ich, so gar vie- le Ableitungen, in meinem Buche gemacht? das nenne ich in den Tag hinein sprechen! Entweder Hr. H. gebe mir ein Register von meinen vielen Ableitungen: oder er reibe seine Stirne, damit sie weicher werde. We- Weder etymologische, noch geogra- phisch- historische Ableitungen, stehen in meinem Buche. Recht vorsetzlich nahm ich mich, selbst vor den allerwarscheinlichsten, in Acht. Denn einmal hatte ich den Grund- saͤtz, daß in ein solches Buch nur ausgemach- te Warheiten kommen muͤßten. Und zwei- tens erwartete ich, daß, weil ich sonst ety- mologisire, man mir hier auf den Dienst lauern wuͤrde. Diese Freude wollte ich kei- nem Laurer machen: aber Hr. H. tappt in die Falle, die ich ihm nicht gelegt hatte. Es geht mir doch sonderbar mit meinen Ableitungen. Jn meiner Nordischen Ge- schichte machte ich einige; ich glaube, am rechten Orte, und so vorsichtig, als man immer thun kan. Auch die beste Ableitung ist mir nur ein halber Beweis; sie steht und faͤllt mit den Hauptbeweisen. Nun greift mir Hr. Thunmann meine Ableitun- gen an, haut sie in die Pfanne, und trium- phirt, und laͤßt mir meine Hauptbeweise, oder meine Grundirrtuͤmer, unangeruͤhrt. Mich dauert seine verlorne Muͤhe! Greife er doch meine Hauptbeweise an: und fal- len diese, so muͤssen sich ihm die halben oh- nehin auf Gnade und Ungnade ergeben. — Z 3 Hr. Hr. H. aber schilt mich uͤber mein Etymolo- gisiren aus, wo ich nicht einmal etymologi- sire. Er sieht Komoͤdie auf meinem Ti- telblatte, er sieht Vergleichungen zwischen Jacob und Inachus, er sieht viele Ablei- tungen im ganzen Buche: — der Seher! §. 35. Der Papst als Pfarrherr, Bischof, Patriarch, Oberpatriarch, Dalai-La- ma und wie an andern Orten die Lin- neische Nachäffung sich mehr zeige, für die Historie nicht zu gespielt? Die besten Abteilungen in den Staten- geschichten sind unstreitig die genetischen, die den stuffenmaͤßigen Anwachs und Ver- fall der Staten bestimmen. Das Paͤpstliche Reich betrachte ich in der Weltgeschichte als einen Stat: dieser faͤngt zwar erst nach den Franken an, universalhistorisch zu werden; allein ich laufe bis an seine Wiege zuruͤck, und finde den Monarchen durch vier obbe- meldte Metamorphosen, wie durch Verhaͤu- tungen, gehen. Historisch wahr sind al- so diese Gradationen, ich habe sie aus der Wal- Walchischen Geschichte der Paͤpste abstrahirt. Duͤnken sie dem Hrn. CR. gespielt zu seyn, so kan ich nichts dafuͤr: die Natur spielt, und ich zeichne sie, siehe oben S. 336. Oder ist ihm hier der Ausdruck nicht recht? Fuͤr Pfarrherr lieber Pastor, fuͤr Patriarch lieber Consistorial praͤsident? Kan er den Dalai-Lama nicht verdauen? Jch vermute, er kennt den Mann, der Nachbar- schaft mit den Schamanen wegen; und be- greift also, daß sich weit und breit kein schick- licherer Name auftreiben lasse, um einen Geistlichen zu bezeichnen, der sich durch den dummsten Aberglauben das Ansehen eines Vice-Gottes, mit allen damit verbundenen Rechten, zu verschaffen gewußt hat. Jm Vorbeigehen, oben stotterte Hr. H. etwas von Perioden-Theorie; hier tadelt er namentlich eine meiner gemachten Perio- den: warum gab er doch nicht eine einzige Probe von untadelicher Periodirung aus sei- ner eigenen Fabrike zum Besten? §. 36. Und wie an andern Orten die Lin- neische Nachäffung sich mer zeige, Z 4 Die Die andern Orte giebt Hr. H. nicht an; ich muß mich also bloß an den gegenwaͤrti- gen, die Periodirung des Paͤpstlichen Rei- ches, halten. Also wem eine genetische, aus der Natur der auf einander folgenden Begebenheiten herausgenommene Abteilung gelingt, der æfft Linné nach : oder welches wol einerlei ist, der ist Linnés Affe? Noch Linneischer, wie ich, teilt Florus die Roͤmische Geschichte ab: also ist Florus Linnés Affe? Haͤtte Hr. H. den Batteux uͤbersetzt, er haͤt- te also Dichter Maler und Taͤnzer Affen der Natur genannt. Notorisch ahmt er Hrn. Hamann im Style nach: wie hieße er da in seiner eigenen Sprache? .... Jn gegenwaͤrtiger Recension sind einige charak- teristische Zuͤge, wo er den Abbé macht: wie hieße er da in seiner eigenen Sprache? .. Der Hr. Consistorial Rath noͤtigt mich, ihm hier unter vier Augen eine Erinnerung zu geben, die sonst nur fuͤr die niedrigste Klasse von Recensenten noͤtig war. Er suͤn- digt allzugrob und allzuoft gegen das, was man Lebensart und gute Sitten nennt, ist plump in seinen Ausdruͤcken, hat gemei- ne Schimpfwoͤrter an sich, und scheint gar kein Gefuͤhl vom Decoro zu haben, das ihm gleich- gleichwol sein Stand eines renommirten Ge- lerten, eines Belletristen, und eines Geist- lichen, dreifach zur Pflicht macht. Kan man nicht einen andern, dem man ein un- angenemes Stuͤndlein machen will, haͤmisch und boshaft recensiren; und gleichwol aus Achtung gegen das Publicum, oder gegen sich selbst, um nicht selbst eckelhaft zu wer- den, eine gewisse Zaͤrtlichkeit gegen den aͤus- seren Wolstand beobachten? Haͤtte er mir die Vorwuͤrfe von Rauberei, Bereden, Nach- æffen, nicht eben so stark in weit geschliffenern Ausdruͤcken machen koͤnnen? Vielleicht haͤt- ten sie um so viel eher beim Leser gehaftet, und das war doch Hrn. Herders Absicht. — Doch seine Ungezogenheit besteht nicht bloß in schlechten Woͤrtern, die ihm so von ungefer entfaren: hier sind einige Proben von andrer Art. Einmal, er sagt dem Gattererschen hi- storischen Institut eine beleidigende Grobheit vor. Vermutlich glaubte er, daß auch ich Mitglied dieses Jnstituts waͤre: allein dar- inn irrt er sich. Waͤre es aber so: so weiß Hr. H. doch, daß sein eigener gnaͤdigster Landesherr diesem Jnstitut die Ehre erwie- sen, von demselben ein Diplom als Mitglied Z 5 anzu- anzunemen. Und dieser einzige Umstand schon haͤtte einen Mann von Welt und Sitten, entweder zu einer ehrerbietigeren Sprache, oder doch zum Stillschweigen, ge- bracht. Zweitens, er bittet meine Zuhoͤrer, (die ihm uͤberhaupt sehr am Herzen zu liegen scheinen), meine Vorstellung, die ich, was die Summarien betrift, einen Leitfaden fuͤr sie genannt habe, als Leitfaden nirgends zu stark anzufassen Gleich nachher nennt er diesen meinen Leitfaden ein Kraus gewinde, und klagt sehr daruͤber. Jn einer niedlichen altdeutschen Fabel, die Hr. H. ganz kuͤrzlich publiciret hat, klagt gleichfalls S. 55 ein Kunstrichter: — Du machst mirs kraus, Ich kans in Kopf nicht bringen. . Diese Erinnerung findet wol die Brabanter Nonne gegen den Matrosen noͤtig, der ihre Spitzen wie Tau- werk anpackt: aber einem goͤttingischen Pro- fessor koͤmmt kein Valentinianus Funarius ins Collegium. Drittens, er nennet meine Zuhoͤrer Schüler und Kinder. Kaͤme Hr. Herder, wie Baretti, von Cervera her, wo Schul- knaben Strassenjungen und Studenten Sy- nonyma sind: so wuͤrde er hier keine Ungezo- genheit genheit, sondern nur eine Unwissenheit, be- gangen haben. Aber wie er die Recension meines Buches machte, kam er so eben von Goͤttingen her, und mußte also notwendig wissen, daß das Wort Zuhoͤrer in Goͤttingen, so wie auf allen deutschen Universitaͤten, eine ganz andere Bedeutung als in Spanien und Frankreich habe. Denn nicht zu gedenken, daß es hier in Goͤttingen gar nicht nugewoͤnlich ist, daß ein Profes- sor bei dem andern ein Collegium hoͤrt, oder dessen Zuhoͤrer wird: so sind die Fremden, die sich der Vorlesungen wegen hier einfin- den, keine Kinder, sondern erwachsne Leu- te, oft aͤlter wie ihr Docent; und unter die- sen Fremden, die freilich in der Universitaͤts- Sprache alle Studenten heissen, sind wirk- liche Kammerherren, auswaͤrtige Professo- ren, Hofraͤthe, Raͤthe, Oberofficiers, und dergl. Nun begreift doch wol Hr. H., daß Zuhoͤrer von der Art von niemand anders als von ihm Schüler und Kinder betitelt wer- den koͤnnen; daß Leute von der Art so wenig Objecte der Paͤdagogik, als Consistori- al-Raͤthe, sind; und daß folglich gegen diese keine pœdagogische Treue, die er an meinem Buche vermißt, Statt finde. Ver- Vermutlich ist der geneigte Leser neugie- rig, die Ursache zu wissen, warum sich der Hr. CR. so ungebuͤhrlich gegen meine Hrn. Zuhoͤrer auffuͤhre, die ihn doch wol so wenig, wie ich, jemals beleidiget haben? — — Ein gemeiner Recensentenkniff steckt dahinter. Mein Buch ist, meinem eigenen Gestaͤndnisse nach, fuͤr meine Zuhoͤrer ge- schrieben; sind nun meine Zuhoͤrer Schüler und Kinder, so ist folglich mein Buch ein Elementarbuch; und da es fast alle Eigen- schaften nicht hat, die ein Elementarbuch haben muß, so kan nun Hr. H. mit Recht seufzen, klagen, und fragen: So viel wir gerne zugeben, daß in die- ser Schrift Gedachtes und Nützliches sei —: wo aber pœdagogische Treue? Zweck und Würde eines akademischen Lerers? Soll der für seine Zuhörer! — Schüler! — Kinder! — so glänzen wollen? Aber wenn ich nun Hrn. Herdern sagte: ein guter Katechismus muß in Frag und Ant- wort seyn; es muß kein Endpfahl, kein perlendes Krausgewinde, kein Luftschwär- mer, noch weniger eine grobe Unwarheit, oder ein pöbelhaftes Schimpfwort, darinnen stehen. Alle diese Eigenschaften felen dem gedruck- gedruckteu Auffatze, den ich bisher analy- siret habe: wo ist katechetische Treue? Zweck und Würde des Katecheten! soll der. … Doch ehe ich ausgefragt haͤtte, wuͤrde mir Hr. H. zurufen: ich recensire hier, und katechisire nicht. Wie wird es meiner Probe Rußischer Annalen ergehen, wenn Hr. H. sie einst nach den Regeln eines Elementarbuchs pruͤft! — Wie seinen versprochnen christlichen Dithyramben, wenn einer seiner Collegen sie wie eine Dogmatik recensirt? — §. 37. Bei allem aber zeigt schon die Länge unsrer Recension, daß wir das Buch beträchtlich halten. Jch danke. Siehe oben S. 250. §. 38. Und eben deswegen haben wir die Feler eines Autors, der mer als eitel werden sollte, freier gerügt. Hr. Hr. H. ist ein wolmeinender Mann: auch dafuͤr danke ich. I. Dunkel giebt er mir zu verstehen, daß ich entweder bereits eitel sei, oder doch in Gefar stehe, es naͤch- stens zu werden. II. Bescheiden haͤlt er ei- ne Recension, wie die seinige, fuͤr ein Praͤser- vatif gegen dieses Uebel. III. Wolmeinend applicirte er mir dieses Praͤservatif. §. 39. Erstlich, Jch waͤre eitel, meint Hr. H. Nun so zeige er mir Eine Stelle in meinem gan- zen Buche, wo auch nur ein Haͤkchen waͤre, an die er seine Laͤsterung aufhaͤngen koͤnnte! Nur verbitte ich, daß er mir, in unschuldige Stellen, nicht erst durch seinen Commentar Ei- telkeit hineintrage, wie er bei dem Woͤrtgen seiner S. 240 gethan: mit dieser Logik koͤnn- te man ihm sonst jeden Faden, den er am Leibe traͤgt, zur Urkunde seiner Eitelkeit de- monstriren. Auch muß er es nicht Eitel- keit und Geprænge nennen, daß ich in mei- ne Tabellen ihm unbekannte Namen ge- bracht: denn da bin ich nicht eitel, sondern er ist unwissend — und eitel zugleich S. 333. Widersinnig ist es immer, daß mir Hr. H. hier Eitelkeit vorruͤckt, da er mich anders- wo, wo, wegen meiner nach seinem Begriffe zu großen Bescheidenheit, derbe aushoͤhnt. Jch soll den Plan meiner Universalhistorie nicht erst dem Kenner vorweisen, ich soll uͤber dessen moͤgliche Verbesserung nicht erst Stimmen aus dem Publico sammlen, ich soll die Ausfuͤhrung desselben nicht nonum in annum premere; sondern — nun gleich, frisch von der Faust weg, eine Universalhi- storie schreiben. §. 40. Jch lese mein Buch nochmals von An- fang bis Ende durch, um Stellen zu finden, auf die Hr. H. seinen mir gemachten Vor- wurf von Eitelkeit mit einigem Schein des Rechtens bauen koͤnnte: und finde — keine. Jch lese nochmals seine ganze Recensi- on im Zusammenhange durch, um wenig- stens eine Spur zu finden, worauf er die- sen Vorwurf gebauet haben moͤchte: und finde endlich eine, wo ich nicht irre. Mein Jdeal, oder die 7 ersten Bogen meines Buͤch- leins, sind ein “Universitaͤts- Compendi- um; sie sind fuͤr Kinder und Schuͤler geschrieben; sie sind eine Rede, die ich von dem Lehrstul gehalten”: das setzt nun ein- mal mal Hr. H. trotz alles Augenscheins, trotz aller meiner Protestation in der Vorrede, voraus. Nun aber ist der Styl darinnen nicht compendienmaͤßig: logische Saͤtze ha- be ich manchmal hinten mit einem Fragzei- chen gesetzt; 3 oder 4 Saͤtze habe ich manch- mal in Einen zusammengezogen; und uͤber- haupt habe ich gesucht, die Magerheit und Dürre zu vermeiden, die Hr. Herder an den deutschen Compendien — lobt oder tadelt? Daruͤber hat Hr. H. seinen Gram; er nennt meinen Styl bloße declamation, gar fran- zösische Declamation: und nun ist freilich der Vorwurf, daß man glänzen wolle, oder der Verdacht der Eitelkeit, nicht mer weit. Hier sind Hrn. Herders grobe Worte: Die ersten Capitel, “Begriff der all- gemeinen Weltgeschichte! Zusammen- hang der Begebenheiten! synchronisti- sche Anordnung, und im ganzen Ver- folg alle Stellen, die es nur einiger mas- sen werden konnten, sind bloße Decla- mation geworden, und in so lautem ge- stikulirenden Ton, daß man sich wun- dern sollte, wie das der Grundriß zu ei- nem academischen Collegio, und Grund- riß zur strengsten Wissenschaft, der Hi- storie„, seyn solle ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ Wo Wo pœdagogische Treue? “Zweck und Würde eines academischen Lehrers? Soll derfür seine Zuhörer! — Schüler! — Kin- der! — so glœnzen wollen? Antithesen suchen, und Schaumblasen sieden, und Linsenkörner spiesen — soll ers? lohnts der Mühe? ists nützlich und würdig? Wir Deutsche haben bisher den Vor- zug gehabt, daß unsre Lehrbücher bei aller Magerkeit und Dürre, wenigstens Richtigkeit, Bestimmtheit gehabt haben, an der dem Lehrlinge auch gewiß am meisten gelegen ist. — Die Academie, auf der der Verfasser lehrt, hat diesen Vorzug vorzüglich, und hat “als Lehrbücher betrachtet, in den meisten Wissenschaften die besten ih- rer Art. Ist die französische Declamation nach diesem Schnitte eine nützliche Neuigkeit? gewinnen oder verlieren unsre Lehrstüh- le, wenn sie statt Vorlesungen Reden, und statt Lehrbücher zierliche Feuerwer- ke von Lustschwærmern bekommen? Und nun wie anders, wenn aus diesen Capiteln Declamation, Capitel voll Facta und Geschichte (etwa im Ton Tacitus, der doch auch kein Barbar war) gewor- den wæren — wie anders! aber auch wie schwerer! wir nemen den Verfasser selbst zum Zeugen, wie schwerer —. Nun ists ja aber ein zu alter Kunstgriff, daß wenn der Kleinmeister dem Gespræch A a nicht nicht zu stehen weiß, er weghüpfet, die Bulerin ihr Schminkpflæsterchen eben nicht auf den Ort eines Reizes, sondern einer Blase einer Narbe legt, und der Professor gewiß am liebsten declamirt, wenn er — nicht lehren will, oder kan, oder mag — was weis ich? Und hier sind meine kalte Antworten. — Doch vorher frage ich noch: was ist De- clamation? ist mein Buch ein Compendi- um? muß der Professor gerade uͤber ein Compendium lesen? declamire ich in mei- nem Buche? I. Aus Roth teile ich allen prosaischen Styl der Welt in zwei Klassen ein: Com- pendien -Styl, und Nichtcompendien - Styl. — Mein Buͤchlein besteht aus zwei Teilen: 1) den Summarien; die sind nichts als Msct fuͤr meine Zuhoͤrer, 2) dem Jdeal; das war hauptsaͤchlich fuͤr Ken- ner der Wissenschaft uͤberhaupt, dann be- sonders fuͤr einige meiner Hrn. Collegen, denen ich zufaͤlliger Ursachen wegen eine Art von Rechenschaft uͤber die Einrichtung mei- ner universalhistorischen Vorlesungen schul- dig war, und nebenher zugleich mit fuͤr meine Zuhoͤrer. — Jn den Summarien ist Compendien -Styl, das behaupte ich: im Jdeal Jdeal ist Nichtcompendien -Styl, das gestehe ich. II. Bei Universitaͤts-Collegien muß nicht allemal ein Compendium in eigentlichem Compendienstyl zum Grunde gelegt werden. Man liest auch uͤber ein Programm, uͤber den Esprit des Loix, uͤber die Jliade, uͤber den Tacitus de Moribus Germanorum \&c. (Hier sei nur Hr. H. wegen seiner falschen Jmagination auf der Hut, damit er nicht wieder etwa ein falsches Tertium comparatio- nis ertappe, oben S. 343). Haͤtte Hrn. Herders Abhandlung uͤber den Ursprung der Sprache die uͤbrigen wesentlichen Eigenschaf- ten einer guten Abhandlung (Wahrheit, Be- stimmtheit, und Neuheit der Jdeen): so wuͤrde kein Universitaͤtsdocent Anstand ne- men, sie bei Vorlesungen uͤber diese wichti- ge Materie zum Grunde zu legen; wenn sie gleich nichts weniger als im Compendien- styl geschrieben, und folglich nach Hrn. Her- ders Begriffe kein Lehrbuch, ist. III. Bei meinem Jdeal hatte ich folgen- de Absicht auf meine Zuhoͤrer. Weitlaͤufti- ge Prolegomenen scheue ich bei meinen Vor- lesungen; aber ganz ohne Prolegomenen durf- te ich die Weltgeschichte nicht lesen. Jch A a 2 mußte mußte meinen Zuhoͤrern wenigstens sagen, was ich zu dieser Wissenschaft rechnete, und warum ich es dazu rechnete: warum ich umstaͤndlicher bei der Geschichte des Feu- ers und Geldes, als bei den Namen der Patriarchen und Roͤmischen Kaiser, waͤre: sie haͤtten sonst glauben koͤnnen, sie lernten bei mir das gar nicht, was man sonst Uni- versalhistorie nennt. Nun uͤber diese Pro- legomenen, die mir sonst 3 Wochen Zeit verdarben, arbeitete ich den unter dem Namen Jdeal gedruckten Aufsatz aus: 10 Stun- den handle ich jetzo noch im Collegio davon, dann verweise ich auf die gedruckten 7 Bo- gen. Kinder und Schüler habe ich nicht zu Zuhoͤrern: viele verstehen die gedruckten Prolegomenen schon ohne alle Vorbereitung; die uͤbrigen verstehen sie gewiß, nachdem sie den 10stuͤndigen Discurs angehoͤret ha- ben. Und nun, da mir Hr. H. den 2ten Teil meiner Vorstellung abgenoͤtiget, das ist, da er mich gezwungen hat, einiges aus dem Commentar uͤber mein Jdeal, den ich sonst fuͤr den Druck zu geringe hielt, drucken zu lassen, komme ich kuͤnftig statt 10 mit 6 Stunden ab. (Hr. H. laͤchelt doch nicht uͤber mein karges Stundenzaͤhlen? IV. Mein IV. Mein Jdeal ist nicht in Compen- dien- Styl: was thut das? Schreibe mir doch ein Schoͤner Geist eine Universalhisto- rie so schoͤn wie Usong und den goldnen Spie- gel: ich daͤchte, es liesse sich mit großem Nu- tzen daruͤber lesen. Der Anfaͤnger schluͤge z. Ex. darinn das Buch von alter Aegypti- scher Geschichte auf, und — verstuͤnde nichts: nun hoͤrte er aber 14 Tage lang den Docen- ten, mit steter Ruͤcksicht auf jenes gedruckte Buch, von Aegypten plan und methodisch sprechen; nun kehrte er zu dem Buche zuruͤck, und — verstuͤnde alles, klaubte Saͤtze aus einzelnen Beiwoͤrtern heraus, merkte die versteckten Anspielungen, begriffe die einge- webten Raisonnemens, und genoͤße dabei das Vergnuͤgen eines Erfinders. So eine Universalhistorie waͤre kein Lehrbuch, wenn Compendienstyl einem Lehrbuche notwendig ist: aber wuͤrde es deswegen Hr. H. ein zier- liches Feuerwerk von Luftschwœrmern nen- nen? V. Nichtcompendien -Styl und De- clamation sind nicht Synonyma. Raͤu- me ich also gleich Hrn. Herdern ein, daß die Haͤlfte meines Buchs nicht in Compen- dien-Styl geschrieben sey: so fodere ich ihm A a 3 doch doch noch den Beweis ab, daß ich darinnen declamire. Meiner Meinung nach liegt das Wesen des Declamirens nicht im Ge- brauche der Figuren, nicht in ungewoͤhnli- chen kraͤftigen koͤrnichten Woͤrtern, nicht im Schmucke des Ausdrucks, nicht im Gedren- ge einzelner Jdeen: sondern darinnen, wenn unter den helltoͤnenden Woͤrtern entweder gar keine, oder falsche, oder wahre aber nur all- taͤgliche Gedanken stecken, oder zwar einzel- ne wichtige und neue Jdeen, die aber am un- rechten Orte stehen, und zusammen gescho- ben einen Nonsense machen. Das faßlichste Beispiel hievon giebt Hrn. Herders Endpfahl oben S. 237. Auch paßt diese Definition treff- lich auf dessen Abh. vom Ursprung der Spra- che. Drei Kenner haben bisher unter der Huͤlle seiner Bombaste Jdeen, neue Jdeen, wahre Jdeen gesucht, und ihm bereits drei oͤffentliche Non-Recepisse daruͤber ausgestellt. Andre aber liessen sich vors erste von dem Geraͤusche der schallenden Worte betaͤuben, und suchten gar nicht, oder konnten nicht su- chen, oder wollten nicht — was weiß ich? VI. Suche nun Hr. H. in allen meinen Stellen, die nicht compendienmaͤßig sind, un- ter der Huͤlle solcher Worte, die ihm schwer- faͤllig faͤllig scheinen, nach, ob Jdeen darunter lie- gen, und was fuͤr welche? Doch er hat schon gesucht, und — nichts gefunden, folglich “declamire ich auch„? Um Vergebung, es giebt eine Kunst zu suchen, die Hr. H. erst lernen muß. Wenn ich in der besten chy- mischen Abhandlung, sogar mit Sorgfalt, Jdeen suche: so finde ich keine. Nun doch Geschichtkunde fuͤr ihn, was fuͤr mich Chy- mie! VII. Das war Ein Paralogismus: “wer in Nichtcompendienstyl schreibt, und in ei- ner Hrn. H. voͤllig fremden Sache so schreibt, daß Hr. H. nichts bei seinen Worten denken kan, der declamirt„. Nun kommt ein zwei- ter: “wer in solchem Nichtcompendienstyl, das Sujet mag seyn, wie es will, nicht Facta und Geschichte anbringt, der decla- mirt„. 1) Jch will hoffen, Hr. H. redet blos von meinem Jdeal: denn daß es in den Summarien an Factis und Geschichte fele, das wird er doch nicht meinen? Das hieße doch wirklich, vor den vielen Baͤumen den Wald nicht sehen koͤnnen. 2) Ein Jdeal von Welthistorie ist eine theoretische Abhand- lung, wie eine Welthistorie geschrieben wer- den soll; nicht die Welthistorie selbst. Aus A a 4 die- diesem Jdeal moͤchte Hr. H. lieber Capitel voll Facta und Geschichte etwa im Tone Ta- citus haben. Moͤchte er nicht auch einen Katechismus etwa im Tone Tacitus; oder eine Dithyrambe, die aus lauter Ka- piteln voll Facta bestuͤnde? — K. Johann V von Portugall ließ sich in Rom einen Riß zu seinem Matra machen. Ein Bote brach- te den Riß in der Tasche: wie anders, sagte ein Portugiesischer Herder, wenn der Mann Steine und Kalk, oder das ganze Gebæude fertig, mitgebracht hætte (etwa wie die En- gel das Haus von Nazareth); wie anders! aber auch wie schwerer! wir nemen den (tragenden) Boten selbst zum Zeugen, wie (physisch) schwerer! — Daß mir doch Hr. H. nicht verzeihen kan, daß ich bloß ein Jdeal, einen Plan, ei- nen Riß gemacht habe, und nicht lieber das ganze Gebaͤude (s. oben S. 283)! Ma- chen dann nicht andre Leute auch Jdeale, und niemand schmaͤhlt auf sie, wie Hr. H. auf mich. Eben lese ich einen beruͤhmten Schriftsteller, der schon vor 6 Jaren den Plan zu einer pragmatischen Geschichte der Litteratur entworfen, aber ihn noch nicht ansgefuͤhrt hat, auch nicht einmal verspro- chen, daß er ihn ausfuͤhren wolle, und da sein 3) Da wo in mei- meinem Jdeal Facta als Beispiele anzubrin- gen waren, oder angebracht werden mußten, da sein Plan nur 4 Blaͤtter (eigentlich nur 1 Seite, die schoͤnen Phrases und Similia abgerechnet) fuͤllt, auch gar keinen Ver- dacht von sich erreget, daß er ihn ausfuͤh- ren koͤnne. Dieser Schriftsteller braucht so gar die Ausdruͤcke: jetzt mache ich den Riß zu dem Gebæude ‒ ‒ Dies alles zeige ein Kunstrichter im Plan, der Ge- lerte übe es aus ‒ ‒ ‒ Ich sehe selbst die Schwierigkeiten ein, die diesen schönen Plan, im Lehnstul ausgeheckt, schwer genug machen; allein unmöglich ist er nicht ‒ ‒ Sind das nicht Zeugniße, daß man mit allen Ehren Plane machen koͤnne, und mit dem Ideale wegschwimmen, und gar gestehen duͤrfe, daß man dessen Ausfuͤhrung nicht gewachsen sei? Nun rathe, lieber Le- ser, wer ist der Schriftsteller, der mit mir in Sachen, das Planmachen betreffend, so ein- foͤrmig, und von dem Verf. der hier ana- lysirten Recension so verschieden, denkt? — Es ist Hr. Herder selbst, in den Frag- menten S. 7 und 13. Es verlohnte sich der Muͤhe, diese Frag- mente von Anfang bis zu Ende mit dieser Recension zu confrontiren, und die gesun- den Lehren dort, mit den ungesunden Handlungen hier, auf zwo Kolumnen neben einander, zu vergleichen. Doch ich will es A a 5 nicht da liegen sie dichte auf einander. Aber was kan ich dafuͤr, daß sie Hr. H. wieder nicht finden konnte? Er liest mir z. Ex. in mei- ner Vorstellung S. 36: Rom — faͤllt, wie Bagdad — und Kai- ro —, durch fremde Mietsoldaten. Hlo- dowichs — Reich ermattet, wie die Staten Mohaͤmmeds — und Dschinkis Chans —, durch Major Domus —, Weßire —, und Novianen —. Der Papst —, der Chali- fe —, der Dairo —, und der Dalai – La- wa —, sind bloß verschiedene Arten ein und eben derselben Gattung. Hier sind doch Facta, und zwar viele in engen Raum gepreßt: folglich nicht Declamation. Warum griff sie Hr. H. nicht? entweder weil in meiner Vorstell. die langen Striche fe- len, die manchmal fuͤr die Weghüpfer Fuß- angeln sind, um sie zum Stehen zu brin- gen; oder weil er die ganze Materie nicht versteht. Jch lese in einer sehr guten Dis- putation die Stelle: Zinci crystallorum cum aceto præpa- ratarum drachmae tres destillationi in re- torta nicht thun: ein Commentar von der Art uͤber das Dicunt \& non faciunt muͤßte ei- nem Prediger zu empfindlich seyn, oder seiner Gemeine wenigstens ein zu großes Aergerniß geben. torta vitrea commissae, ab initio quas- dam aceti puri guttulas dimittebant; li- quor postea transcendit pondere drachmae semis circiter, magis magisque dulces- cens, atque empyreuma parum olens; eodem tempore sublimati quidquam sub sorma florum in collo retortae conspicie- batur. Mir gehts mit dieser Stelle gerade so, wie es Hrn. Herdern mit den meinigen geht: ich — verstehe nichts von, denn ich bin kein Chy- miker. Aber ich bin Gottlob! des Schlusses nicht faͤhig, daß der mir unverstandne Auctor nur declamire, Schaumblasen siede, Linsen- körner spiese. VIII. Jm Tone Tacitus kan ich nicht schreiben: wer kann das? Auch lassen sich dogmatische Abhandlungen, wie Jdeale, ih- rer Natur nach nicht in dessen Tone schreiben, sondern nur Historien: Lebenslaͤufe wol, aber nicht Leichenpredigten. Nur eine Eigenschaft des Schriftstellers Tacitus laͤßt sich bei allen Gattungen von Aufsaͤtzen anbringen, die Gedrungenheit. Mein Styl kan alle moͤg- liche Fehler haben, die Hr. H. nur ersinnen kan: aber sollte unter diesen Felern auch Weit- schweifigkeit und Jdeen- Leere seyn? — Uebrigens ist Tacitus wirklich kein Barbar. ich ich danke Hrn. H. fuͤr die Belerung: etwas aͤhnliches hatte ich selbst schon in meiner Nordischen Geschichte S. 147 gesagt. Zur schuldigen Gegenbelerung habe ich die Ehre, Hrn. H. zu melden, daß Homer kein Dummkopf, und Anakreon kein Barden- saͤnger, sei. IX. Hr. H. ruͤhmt an unsern deutschen Compendien, daß sie bei aller Magerkeit und Dürre wenigstens Richtigkeit und Bestimmt- heit gehabt, an der dem Lehrlinge auch ge- wiß am meisten gelegen wäre. Aber 1) kan dann nicht auch in fetten Compendien Richtigkeit und Bestimmtheit seyn? Kan nicht in einem fetten Koͤrper eine richtig denkende Seele wonen? Umgekehrt giebt es doch auch magre und duͤrre Compendia, mit sehr viel Unrichtigkeit und Unbestimmtheit. Mich deucht, ich hoͤre hier einen alten Wolfianer sprechen, der der Philosophie und dem Men- schenverstande nahen Untergang weissagte, wie man anfieng, Moral und Metaphysik in andrem als Wolfianischem Styl vorzu- tragen. 2) Jch habe bei meinem Aufsatze Magerkeit und Dürre zu vermeiden gesucht: es ist moͤglich, daß ich daruͤber in entgegen gesetzte noch unausstehlichere Feler gefallen bin; bin; diese Feler koͤnnen da seyn, und doch der Richtigkeit und Bestimmtheit der Sachen unbeschadet. Den Mangel der leztern haͤt- te also Hr. H. noch besonders durch Beispie- le erweisen muͤssen. Endlich 3), was ich schon so oft erinnert habe, ein Compendium, ein Grundriß, ist mein Jdeal nicht, und soll es nicht seyn, so wenig als ein Elemen- tarbuch. X. Hr. H. glaubt, unsre Lehrstühle würden verlieren, wenn sie statt Vorlesun- gen Reden bekämen. Das glaub ich auch. Aber meint dann Hr. H., ich haͤtte mein Jdeal vom Lehrstuhle abgelesen? Unsre Ka- techisir-Altaͤre wuͤrden verlieren, wenn man sie mit Endpfählen (S. 237) verpallisadirte, und der Pastor in Herderschem Recensenten- Phoͤbus herausdocirte: aber ich denke nicht, daß Hr. H. so katechisirt, wie er recensirt. XI. Wenn der Kleinmeister dem Gesprä- che nicht zu stehen weiß; so hüpft er weg. Das ist der Kleinmeister in der Person des Docenten. Aber es giebt auch einen Klein- meister in der Person des Zuhoͤrers, Lesers, und Recensenten: wenn der seinen Lerer oder Auctor nicht fassen kan, so hüpft er gleich- falls weg. Der Auctor will mit Richtigkeit und und Bestimmtheit den Despotism beschrei- ben, und sagt: Quand les Sauvages de la Louisiane veu- lent avoir du fruit, ils coupent l’arbre au pié et cueillent le fruit, und nichts weiter. Nun hüpft er weg? — Nicht doch, der Auctor bleibt stehen, und denkt weiter, und verlangt, daß auch sein Le- ser weiter denken soll: aber der Kleinmeister unter seinen Lesern, dessen Sache das Wei- terdenken nicht ist, versteht ihn nicht, zieht aus, und trillert im Weghuͤpfen, und sagt den Leuten wol gar, nicht Er sondern sein Auctor sei weggehüpft. XII. Ob unter dem Schminkpfläster- chen einer Bulerin immer eine Blase oder Narbe liege, ob es nicht manchmal auch auf einem Orte des Reizes angebracht sei, daran zweifle ich: doch wage ich es nicht, dem Hrn. Consistorial-Rathe hierinne zu wider- sprechen. Das moͤgen Leute entscheiden, die in dieser Art von Grundesreinigung Einsich- ten und Erfarung haben. Aber Bestimmt- heit fehlt seinem Bilde gewiß: ich will sie in wenig Worten ergaͤnzen. Eine Geschich- te in Compendien styl ist die ehrbare Ma- trone. Eine Geschichte in Moͤnchsstyl ist der der Aschenbuͤdel; ein ganz nuͤtzliches zuͤch- tiges Ding, aber nur ein Aschenbuͤdel. Eine Geschichte voll Declamation, Bom- bast, und Flitterwerk, ist die Bulerin mit den Schminkpflaͤsterchen. Eine Geschichte in wirklich schoͤnem Styl, Voltairisch-schoͤn und Mascouisch-richtig, ist das Schnitter- mädchen des Himmels. So ein niedliches histo- risches Schnittermaͤdchen kenne ich nun frei- lich noch in keiner Sprache: aber moͤglich ist es doch. Und meine ganze Bitte ist, daß Hr. H. dem Linne nach ahme, und im Klas- sificiren keine Spruͤnge thue, keine Glieder auslasse: so wie er gleich darauf sich beim Professor nur lehren (im Compendienstyl schreiben) und declami ren denkt; zwischen welchen beiden Dingen doch wenigstens Ein Drittes in der Mitte liegt. XIII. Es ist nicht moͤglich, daß Hr. H. dieses Dritte nicht kennen soll. Wenn ich nun alles zusammen neme, was er hier in einem Odem weg declamirt, im eigentlichsten Verstande declamirt; wenn ich aus seinen Nonsensen wenigstens seine Absicht, und was er auf dem Herzen hat, ergruͤnden will: so duͤnkt mir seine Meinung diese zu seyn, die mir zugleich auf einmal die Ursache alles auf auf mich geworfenen Verdachtes der Eitel- keit aufschließt. Er will einmal nicht, daß ein Historiker anders als im Annalen- und Compendienstyl schreibe: Facta soll er gibeo- nitisch zusammenschleppen, und die Anord- nung, den Schmuck, die gefaͤllige Einklei- dung derselben, den Schoͤnen Geistern und Herders uͤberlassen. Das sind allein die Leu- te von Geschmack und Genie; die muͤssen ein ausschliessendes Privilegium haben, je- ner ihre geistlose Compilationen zu verarbei- ten, und im weichen Lehnstule Betrachtun- gen daruͤber anzustellen, wie Abbt mit der Compilation der Englischen Weltgeschichte vorhatte. Jeder bleibe also bei seinem Fa- che: der Westfaͤlinger spinne Garn, und der Niederlaͤnder verwebe es; der Spanier ziehe Wolle, und der Britte mache Laken draus; der Historiker schleppe Facta zusam- men, ganze Capitel voll Facta, und Hr. Herder verarbeite sie zu schoͤnen Geschichten. Es ist wider alle gute Polizei, die Staͤnde und Narungsarten unter sich, den Dorfhan- del mit dem Stadthandel, zu vermengen. Der Flachsbauer, der Schaͤfer, der Historiker, vielleicht der Professor uͤberhaupt, bleibe bei seinem Productenhandel: zum Manufactu- riren riren sind andre Leute da. — Jst das Hrn. Herders Meinung, will ers, soll ers, ists nützlich und würdig? §. 41. Das war also meine Eitelkeit! Weil ich mein Jdeal nicht in Compendienstyl geschrie- ben habe: so hab ich nur glänzen wollen, nur declamirt, und statt eines Lehrbuchs ein zierliches Feuerwerk von Lufftschwärmern gemacht. Andre Beweise von meiner Eitel- keit hat Hr. H. nicht angefuͤhrt: er muß auch keine andre haben, sonst haͤtt er sie wol an- gefuͤhrt. Und nun Hrn. Herders Eitelkeit? — Von der, deucht mich, habe ich buͤndigere Beweise. Vielleicht irre ich mich bei ihm so gut, wie er bei mir: allein ich meine es doch nicht, daß ich mich irre. Mit histori- scher Heuristik (S. 279) grabe ich diese Beweise aus seiner eigenen Recension her- aus; und mit eben der musterhaften Frei- muͤtigkeit, die er sich gegen mich erlaubt, lege ich sie der Beurteilung eines ehrsamen Publici vor. Als Hr. H. im J. 1767 zuerst sich in dem Publico sehen ließ, da war er ein be- B b scheidener scheidner Mann. Da sagte er: ich werfe mich nicht zu einem Richter im Namen des Publicum auf, ein Amt, wozu ich mir nicht Beruf genug zutraue ( Fragm. Vorr. S. 2). Und da war doch von Belleslettres die Rede, nicht von Geschichtkunde! Aber da die Supplik fruchtete, die er S. 380 bei fuͤnf Marschaͤllen des Publici eingab: kam er nach einigen Jaren aus dem Felde des Autor-Ruhms siech zurück, und brach- te Belletristenstolz und Autor stolz mit. Die erste Art von Stolz muß ich, um eini- ger Leser willen, erklaͤren. I. Deutschland hat in unsern Tagen vie- le wahre Belletristen, aͤchte Kenner des Schoͤ- nen, die der Stolz unsrer Nation, und die Zierde unsrer Litteratur sind. Aber so wie die woltaͤtigen Ueberschwemmungen des Nils zugleich Pest und Gewuͤrme erzeugen: so kommt seit einiger Zeit hie und da eine Art junger unausstehlicher Leute zum Vorschein, die sich Belletristen nennen, und sich durch Traͤgheit, Fluͤchtigkeit, Unwissenheit, und andre uͤble Eigenschafren, am meisten aber durch einen Stolz von niegesehener Art, auszeichnen. Diese Leutgen haben 1) er- staunlich hohe Begriffe von alle dem, was zu zu ihrem Gebiete gehoͤret. Theater ist ih- nen, bei weitem, die allerwichtigste Staats- Einrichtung: gegen einen naiven Gassen- hauer ist ihnen Metaphysik, Dogmatik, und Acten nichts: und fuͤr Virgils Culex wuͤr- den sie das ganze buͤrgerliche peinliche und Stats-Recht hingeben Schauspiele z. Ex. verachtet niemand; aber eben finde ich in den Leipz. Zeitung. folgende Ausdruͤcke eines Belletristen vom Theaterwesen ausgezeichnet: wer erkennet nicht die Schaubühne für die edelste Schu- le der Tugend und Sitten, für die Zier- de eines Volks, auf dessen erlangte mora- lische Größe sich von der Vollkommenheit seines Theaters nicht unsicher schließen lœßt. Bei dieser moralischen Größe faͤllt einem Historiker notwendig der Janhagel von Athen zu Demosthenis Zeiten, und das panem \& Circenses der spaͤteren Roͤmer ein. — So wuͤnscht Hr. Herder ( von deutscher Art und Kunst S. 52) mit Recht, daß man unsre deutsche Volkslie- der, und waͤre es auch auf Strassen und Gassen und Fischmaͤrkten, sammlen solle; aber seine Klage, daß sich niemand darum bekuͤmmert, sollte er nicht mit dem hoͤhni- schen Zusatze schliessen: wir haben ja Me- taphysik und Dogmatik und Acten. Moͤch- B b 2 te . 2) Sie vergessen, daß daß Belleslettres zwar ein sehr schaͤtzbarer, aber doch nur ein Teil, von der unermeßli- chen ganzen Gelersamleit sei; und waͤhnen, wer Belleslettres verstuͤnde, der verstuͤnde alles. Daher lernen sie nichts. 3) Da zu diesem Teilgen der Gelehrsamkeit, vorzuͤg- licher als zu andern Wissenschaften, Genie gehoͤrt, aber nur aus dem Grunde, weil ein Belletriste ohne Genie ein voͤllig un- brauchbares und erbaͤrmliches Wesen ist, hingegen z. E. ein Historiker, ein Jurist etc. auch bei wenigem Genie durch bloßen Fleiß ein sehr nuͤtzlicher Mann seyn kan: so sehen sich diese Herren fuͤr Genies κατ᾽ ἐζοχην an; verachten alle andre Wissenschaften, in denen Fleiß und Studium oft mer als Ge- nie thut; und glauben, sich alles dessen, was noch in andren Wissenschaften wuͤrdi- ges ist, durch ihr Genie bemaͤchtigen zu koͤnnen. Daher 4) fallen sie, bei aller ih- rer te er denn in einem Lande leben, wo alle Justizbediente aus ihren Stuben liefen, und, anstatt Acten zu lesen, Volkslieder sammleten? Eins kan geschehen, und das andre auch: sollte aber eins von beiden fe- len; so wollt ich doch lieber den Samm- ler von Volksliedern, als den Actenmann, missen. rer Traͤgheit, gleichwol uͤber alles her, fou- ragiren weit und breit Doch scheinen sie, nach den Zeitaltern, gewisse Striche, wie Zugvoͤgel und Heu- schrecken, zu halten. Vor 10 Jaren fie- len sie auf das Gebiete der Malerei und Bildhauerei, und kamen mit Skizzen Grup- pen und Torsen beladen zuruͤck: mit denen sie sich eben so ungeschickt ausstaffirten, wie die Mogolen des Kajuk mit den im Westen erbeuteten Kostbarkeiten ( Deguignes III, S. 124). Seit einigen Messen drohen sie der Historie und Naturkunde mit aͤhnlichen Einfaͤllen, recensiren schon historische Buͤ- cher, wollen schon die Kunsttriebe der Thie- re erklaͤren u. s. w. , machen hin und wieder Beute, und schleppen es nach Hau- se, und meinen bei der Ruͤckkunft, die Laͤn- der, in die sie Streifereien gethan, waͤren nun ihr Grund und Boden, uͤber den sie Herr und Meister waͤren. — — Ungerne muß ich hier einige Anwendung auf meinen Hrn. Recensenten machen. Hr. H. fuͤhlet seine Kraͤfte in den sogenannten schoͤnen Wis- senschaften: auch ich erkenne diese seine Kraͤf- te, und respectire sie. Aber denkt Hr. H. von seinem Fache nicht gar zu hoch? Siehe das Excerpt von Volksliedern S. 387. Und sind Belles- B b 3 Belleslettres und Historie nicht ganz verschie- dene Dinge? So groß er in jenen seyn mag, so nichts ist er in dieser: das muß ihm sein Herz sagen, das verraten alle seine Schriften, das beweiset gegenwaͤrtige Recen- sion urkundlich. Zwar fouragiret hat er weit und breit in historischen Schriften; das sehe ich aus seinen Fragmenten, und aus seiner Abhandl. uͤber den Ursprung der Spra- che. Aber glaubt er nicht, daß es auch Hi- storiker gebe, die Jar aus Jar ein eben so viel Gedichte und andre Werke des Witzes, wie er Historien, zum Vergnuͤgen lesen, und die er doch nimmermer fuͤr Zunftgenossen er- kennen wird? Wie kam er nun auf den un- gluͤcklichen Einfall, in einem historischen Buche, das offenbar nur von Zunftgenos- sen verstanden werden kan und beurteilt wer- den soll, — nicht zu fouragiren, sondern — sich daruͤber zum Richter aufzuwerfen, und was noch mer ist, sein ihn entehrendes Urteil so patzig, so spoͤttisch, mit so vieler Zuversicht, mit so suͤsser Selbstgenugsam- keit, abzufassen, und es drucken zu lassen, in eine gelerte Zeitung drucken zu lassen! Er- klaͤre er mir doch diesen Einfall anders, als aus der eiteln Jdee, daß ein Belletriste ein ein Universalmann, ein General-Richter aller Wissenschaften, sei! Fuͤhle er doch leb- haft den laͤcherlichen Stolz, der in dem Schlusse seiner Recension liegt: ich Herder habe die Feler des Verfassers eines historischen Buchs freier gerügt! Und fuͤhlt er ihn noch nicht: so denke er sich einen guten Homileti- ker, der seinem Nachbar, einem Publicisten, wer weiß warum? zu Leibe will, oder zu Leibe soll, und in dessen Deduction Feler sucht, und aus leidiger Unwissenheit wirk- lich glaubt, Feler darinn gefunden zu haben, und nun sich auf die Zinne einer Zeitung stellt, und herabkraͤhet: ich Homiletiker ha- be die Feler dieses Publicisten freier gerügt! Das sprech ich nach meinem hohen Verstand, Und ob es gölt ein ganzes Land, So laß ichs ihn verlieren —. II. Vom Belletristen-Stoltze unterschei- de ich seinen Auctor -Stolz. Jch fuͤrchte, ich fuͤrchte, Hr. H. haͤlt sich fuͤr einen furcht- baren Mann! hier sind meine Beweise. Ein- mal, Hrn. Herders Betragen gegen mich bei dieser Recension ist unlaͤugbar sehr belei- digend: haͤtte er auch in den meisten Stuͤ- cken Recht, wie er doch in keinem einzi- gen hat; so haͤtte er doch nicht so grob und B b 4 hoͤnisch hoͤnisch thun sollen. Zweitens, da ich kei- ne Pflichten gegen ihn habe, die er nicht ge- gen mich haͤtte: so mußte er erwarten, daß ich mein Recht der Selbstverteidigung nuͤtzen, und ihm begegnen wuͤrde, wie er mir. Ent- weder er erwartete dieses, und ließ sich gleichwol in seinem Vorsatze nicht irre ma- chen: — das will ich nicht hoffen. Von der Klasse von Leuten, die fertig sind, an andren alles zu veruͤben, und bereit, auch dagegen alles von andren zu leiden; die kei- ne Zaͤrtlichkeit gegen andrer Ehre haben, weil ihnen ihre eigene voͤllig gleichgiltig ist: kan ich mir keinen renommirten Gelerten, noch weniger einen Consistorial-Rath, den- ken. Also — er erwartete es nicht. Nun warum denn nicht? 1) Jch bin ja kein Colle- ge von ihm, daß er haͤtte hoffen koͤnnen, ich wuͤrde aus Esprit du Corps, oder aus Anerinnerung beschworner Statuten, mei- nem Rechte Einmal entsagen! 2) Dachte er et- wa, unbekannt zu bleiben? Das wollte er nicht einmal: bald nach dem Abdrucke seiner Re- cension wußte es jedermann hier und anders- wo, daß er der Verfasser waͤre. Also bleibt kein andrer als der 3)te Fall uͤbrig: er hielt sich fuͤr einen furchtbaren Mann, an den sich sich nach Klotzens Tode niemand mer, nicht einmal defensive, wagen wuͤrde. Wo die- se Furchtbarkeit herkommen solle, weiß ich eben nicht. Commandirt er etwa ein hal- bes Duzend Zeitungen und Journale? Mag ers doch; aber wer seiner guten Sache gewiß ist, wird dadurch im Jar 1773 nicht mer bloͤde. Er laͤstere, und lasse laͤstern, so viel er will, und noch mer, als er bereits in der Frankfurter Zeitung auf mich und andre ge- laͤstert hat. Das deutsche Publicum hoͤret Gruͤnde, und laͤßt sich nicht durch Recen- sionen und Laͤsterungen betaͤuben. Hr. Her- der, als ein Nichtdeutscher, scheint dieses Publicum noch nicht genau genug zu ken- nen; oder er sieht es immer nur von Einer, und zwar der geringfuͤgigen, der belletristi- schen, Seite an. §. 42. Zweitens Doch vorausgesetzt, daß ich eitel sei, oder in Gefahr stuͤnde, es zu werden: wie konnte Hr. H. glauben, daß mir eine Recen- sion de sa façon ein schickliches Heilungs- oder Verwarungsmittel dagegen seyn wuͤrde? Ungluͤcklicher ist wol niemand in der Wahl seiner Mittel zur Erreichung eines End- B b 5 zwecks zwecks gewesen, als Hr. H. hier: sein Mit- tel, fuͤr sich genommen, bringt notwendig die entgegen gesetzte Wirkung hervor. Kein groͤßrer Triumph ist fuͤr einen Auctor, als wenn ein schwacher Recensent ihn demuͤtigen will, der ihm aber nichts als guten Wil- len bieten kan; keine staͤrkendere Narung ist fuͤr jenes Eitelkeit, als wenn ihm dieser mit Toben Schreiben und Hoͤhnen Feler vorruͤckt, die erweislich keine Feler sind. Dann schließt der Auctor: “kan ein Recensent, der aus- druͤcklich darauf ausgeht, dir Feler zu zeigen, keinen einzigen wahren an dir finden; was must du nicht fuͤr ein gewaltiger Mann seyn„! Und so denkt nicht bloß der Auctor, sondern selbst ein großer Teil des zuschauenden Pub- lici. — Wem anders, ich nehme Hrn. Her- dern selbst zum Zeugen, hat Hr. H. selbst seinen ganzen Belletristischen Ruhm in Deutschland, folglich seine ganze Eitelkeit, zu danken, als der zu schwachen Partei, mit der er sich merere Jare herumbalgte, und der er, eben wegen ihrer sichtbaren Schwaͤ- che, sichtbar uͤberlegen war? Er arbeitet hier also seiner eignen Absicht schnurstracks ent- gegen: er will mich demuͤtigen, und braucht gerade das Mittel dazu, das ihn selbst eitel gemacht hat. Doch Doch sei er nicht bange, daß dieses Mit- tel auch bei mir so anschlagen werde, wie bei ihm: meine ganze Constitution ist nicht darnach. Jch bin von seiner Unfaͤhigkeit, gutes oder boͤses von meinem Buche richter- lich zu sagen, zu lebendig uͤberzeugt; und also schliesse ich nimmermer: weil mir Hr. H. keinen einzigen Feler darinnen hat weisen koͤnnen, also ist auch keiner drinnen. Ver- schiedene andere Recensenten haben mich be- reits, obgleich minder absichtlich, von dem Gegenteile uͤberfuͤhrt. Und ich selbst habe hie- von taͤglich neue Beweise gefunden, da, seit dem Abdrucke meines Buchs, die Universal- historie noch immer mein taͤgliches Geschaͤfte gewesen. Diese Beweise will ich selbst, ohne mich zu schaͤmen, in dem kuͤnftigen dritten Teile dieser Vorstellung, oder in der neuen Auflage des ersten Teils, registriren: Hr. H. soll seine Freude daran haben, und nur be- dauren, daß Er diese Beweise nicht gefun- den hat. §. 43. Drittens, aber Hr. H. meinte es gleichwol gut: er hielt einmal das fuͤr wirkliche Feler an mir und meinem Buche, was er dafuͤr ausgiebt; was was kan er dafuͤr, daß ers nicht besser ver- stand? Gut, es sei ihm verziehen, daß er sich geirret hat. Jch will nicht einmal untersu- chen, ob das heisse verzeihlich irren, wenn man auf die Art, und unter den Umstaͤn- den irrt, wie Hr. H. hier geirret hat. Aber der Ton, in dem er seine Jrrtuͤ- mer von sich giebt, die Mine, die er dabei annimmt: warum so spoͤttisch, so hoͤhnisch, so beleidigend? Wer ist denn Herr Herder, oder wer glaubt er, daß er waͤre, um mit mir in diesem Tone vor dem Publico sprechen zu duͤrfen? Schaut der Mann nicht tief auf mich herab! Spricht er nicht mit mir, wie Doct. Stauzius mit Sebaldus Nothankern, ehe der Major ihn Mores lehrte: so vertraut, so offenherzig, so familiaͤr; und wir kennen doch einander nicht! Non putaram, me ti- bi esse tam familiarem, sagte ein ohnlaͤngst ver- storbner Superintendent einem Kaufmann, der ihn — nicht haͤmisch recensirt, sondern — nur auf ein zu kurzes Abendessen zu Gaste gebeten hatte. Eine Ehre ist der andern werth. Unge- rufen von mir, arbeitete Hr. H. an meiner Erleuchtung und Besserung; gerufen von ihm ihm selbst, will ich an der seinigen arbeiten. Empfange er also hier von mir, zum Schlus- se dieser Analyse, folgende treugemeinte Vor- stellungen, Ermanungen, und Warnungen, die, wenn er sie gehoͤrig beherziget, ihm als Gelerten, als Schriftsteller, als Recensen- ten, und als Geistlichen, heilsam seyn koͤnnen. I. Der Recensions-Unfug, der seit zehen Jaren in Deutschland, zur tiefen Herabsetzung unsrer ganzen vaterlaͤndischen Litteratur, getrieben wird, ist leider bekannt. Nur zum Gluͤcke war es auch bekannt, oder man glaubte es wenigstens durch- gaͤngig, daß diejenige, die diesen Unfug trieben, nicht Maͤnner von Wuͤrde, nicht Gelerte von An- sehen, sondern junge, unwissende, mutwillige, und groͤstenteils hungrige Leute, waͤren. So ant- wortete sonst ein patriotischer Deutscher, wenn ihn Auslaͤnder uͤber diesen Unfug befragten: und damit war die Ehre seiner Nation wenigstens halb gerettet. Nun aber, die Recension, von der hier die Rede ist, ein Muster von Recensions-Unfuge, voll in die Augen fallender Unwissenheit, Unge- rechtigkeit, und Mutwillen, — hat zum Ver- fasser — Hrn. Herdern, einen durch Belleslet- tres beruͤhmten Gelerten, einen Geistlichen, ei- nen Consistorial-Rath ..... Saul unter den Propheten konnte fuͤr die Hebraͤer kein frappante- rer Anblick seyn, als ein Consistorial-Rath mit- ten ten in Deutschland unter dieser verworfenen Re- censentenbande fuͤr jeden patriotischen Deutschen seyn muß! Haͤtte er doch wenigstens, wie bei seinen uͤbri- gen Recensionen geschehen seyn soll, verhuͤtet, daß es nicht so allgemein bekaunt worden waͤre, daß er der Verfasser dieser sanbern Recension sei: so waͤre das Aergerniß minder groß gewesen. Nun aber, was wird seine Gemeine denken! — Denn dieser ihr Heil liegt mir eben so am Herzen, wie ihm das Heil meiner Hrn. Zuhoͤrer. II. Hr. Herder ist ein Geistlicher, und heißt Con- sistorial-Rath. Hat er gar kein Gefuͤhl fuͤr an- drer Ehre, auch solcher nicht einmal, die ihn im geringsten nie beleidiget haben; hat er kein Ge- fuͤhl fuͤr seine eigne Ehre: so habe ers doch fuͤr die Ehre seines Standes. Dieser Stand muß in Achtung bleiben; jeder Vernuͤnftige, und haͤtte er auch das Ungluͤck, die Religion bloß fuͤr eine Stats-Einrichtung zu halten, behauptet das: er kan es aber unmoͤglich bleiben, wenn die Glieder dieses Standes sich durch tadelhafte Auffuͤhrung um alle persoͤnliche Achtung bringen. Nun dieser Eigenduͤnkel, uͤber Dinge zu ur- teilen, die man nicht versteht; dieses blinde boͤse Herz, das Feler an seinem Naͤchsten sieht, wo keine sind; diese Sorglosigkeit gegen anderer lit- terarische und moralische Ehre; dieses Brum- migt-witzelnde im Tadel; dieses Ungeschliffene im Bessern: — was ist das fuͤr eine Auffuͤhrung fuͤr fuͤr einen protestantischen Geistlichen! was wird Hrn. Herders Gemeine denken! Unsre Kirche hat so viel gelitten durch die Heshusier, die Osiandre, und viele andre mo- ralische Schandflecken der evangelischen Chri- stenheit Vorzuͤglich viele, und vorzuͤglich garstige Leu- te von der Art, finden sich in der Preußischen Re- formations- und Kirchengeschichte. . Wir schaͤmen uns dieser Leute nun in solchem Grade, daß so gar der Name Ortho- dox, der den meisten unter ihnen sonst, bei allen ihren moralischen Felern, als ein Lobspruch ge- buͤhrte, daruͤber allmaͤlich fast seine Wuͤrde ver- liert. Aber die jetzigen Skoliodoxen Heterodox darf ich nicht zum Gegensatze des Orthodoxen machen, denn es riecht nach dem Scheiterhaufen. Auch stehet dem ὀρϑος nicht ἑτερος, sondern σκολιος, entgegen: dem Geradedenker der Krummdenker. , die- se neue Race von Theologen, die seit wenigen Naͤchten hervor waͤchst, diese galante witzige Her- ren, die uͤber Kanon Apokalypse und symbolische Buͤcher kurzweilen, und denen Volkslieder, die auf Straßen und Fischmaͤrkten ertoͤnen, so in- teressant wie Dogmatiken sind; erbauen die durch ihren Lebenswandel das Corpus Evangelicum mer, als jene alte Orthodoxen? III. Faͤhrt Hr. H. fort zu recensiren: so recensire er keine andre Buͤcher, als belletristische. Jn dem dem Buche, aus dem er das Histoͤrchen vom Hir- senkorn gelernt hat, steht auch ein anders: Ne sutor ultra crepidam. Hoͤrt er etwas Boͤses von seinem Nebenmen- schen: so glaube ers nicht gleich, noch weniger lasse ers drucken. Audiatur et altera pars, ist nicht bloß eine Regel der Justiz, sondern auch des Menschenverstandes. Jmmer denke er in sol- chem Falle: “ich bin doch nicht besser wie andre; wie wuͤrde es mir gefallen, wenn andre das ge- gen mich veruͤbten, was ich ihnen zu thun im Begriffe bin„? Er leihe seine Recensenten-Finger nie her, um fuͤr andre Kastanien aus gluͤhender Asche zu holen. Warum soll ER sich just verbrennen? Endlich lasse er sich nie zum Ausleerungsge- faͤsse fremder Galle verunehren. Haͤlt Hr. H. sich nicht selbst fuͤr zu gut zu dieser Vernuehrung: so dauret mich doch der Consistorial-Rath. Species Facti Num. I. Diese Species Facti hat mit der vorhergehenden Analyse keinen andern Zusammenhang, als daß sie gleichfalls, teils meine Universalhistorie, teils mei- ne Goͤttingische Vorlesungen uͤber dieselbe, betrifft. Nur aus diesem Grunde also fuͤge ich sie einigen Ab- druͤcken der Analyse, die nicht auf die Messe kom- men, als einen Anhang bei. Ungeachtet aller Vorsicht und Maͤßigung, die ich sichtbar bei diesem Aufsatze gebraucht habe, werden gleich- wol patrioti sche Leser wuͤnschen, daß solcher, zur Eh- re des Gelehrtenstandes, ungedruckt geblieben waͤre. Daß auch ich dieses ernstlich gewuͤnscht, erweiset klar mein langes gedultiges Stillschweigen. Allein nach Erwaͤgung der Folgen, die dieses Stillschweigen be- reits fuͤr mich gehabt, und kuͤnftig noch haben wuͤr- de, uͤberlasse ich unparteiischen Lesern das Urteil, ob ich ihrem und meinem eigenen Wunsche laͤnger ha- he gemaͤß handeln koͤnnen? C c Vor - Vorerinnerungen. §. 1. W ir haben hier in Göttingen, Gott Lob! Denk- und Druck-Freiheit. Ohne alle Censur darf jeder Profes- sor alles drucken lassen, was er sich vor seiner Obrigkeit und der ehrliebenden Welt zu verantworten getrauet. Diese glückliche Denk- und Druck-Freiheit gilt natürlicher Weise auch unter den Professoren selbst gegen einander, in An- sehung ihrer Lehrsätze. Jeder darf nicht nur andrer Meinung seyn, als sein College: er darf es auch sagen und drucken las- sen, er kan öffentlich den Collegen eines Jrrtums zeihen; das indicare dissensum, si opus esse videatur, ist ihm ausdriicklich erlaubt. Nur die Art und Weise, wie ein College dieses Recht ge- gen den andern ausüben soll, ist durch unsre Statuten be- schränkt, welche jeder Professor bei seiner Aufname, meines Wissens, beschwört. Es soll modeste, und tacito collegae no- mine, und ohne Nachteil der Ehre des Jrrenden, geschehen: nemo de altero vel publice vel priuatim detrahat; nemo al- terius sententias in risum contemtum ue adducere studeat. Nuhe der bürgerlichen Gesellschaft, Würde des Gelehrten- standes, und Wolstand und gute Sitten, müssen diese Ein- schränkung schon jedem heilig machen, wenn ihr auch die aus- drückliche Sanction des Gesetzgebers fehlte. §. 2. Wenn nun aber 1. ein College dem andern als Jrrtum aufmutzt, was erweislich kein Jrrtum ist; wenn er 2. dieses gar nicht modeste, sondern mit offenbarer Absicht thut, den ver- meintlich Jrrenden zugleich verächtlich oder lächerlich zu ma- chen; wenn er 3. ihn nicht bloß Jrrtums zeihet, sondern ihm weit empfindlichere Vorwürfe macht, und dieses 4. nicht priua- tim, sondern mit dem höchsten Grad der Publicität, in gedruck- ten ten Schriften, und dieses 5. nicht einmal oder zweimal, sondern unaufhörlich, zu oft wiederholten malen; wenn 6. diese Vor- würfe in Facto erweislich falsch sind; wenn 7. der vor dem Publico unaufhörlich Angeklagte dem Kläger durchaus keine Ursache zu seinem widerrechtlichen Betragen gegeben, auch gegen ihn niemals Repressalien gebraucht, sondern sich bei allen An- griffen blos leidentlich und stillschweigend verhalten hat; wenn endlich 8. der Veleidiger, nachdem man ihm priuatim Vorstel- lungen über sein statutenwidriges Betragen gemacht, anstatt sich zu erklären, oder zu beweisen, daß er recht gehandelt, ent- weder mit der Justiz drohet, oder den ihm gemachten Vorwurf von statutenwidriger Aufführung als Christ zu verzeihen ver- spricht: was darf, was muß, in solchem Falle der Beleidigte thun? §. 3. Seit dem J. 1770 habe ich die Ehre, ein wirkliches Mit- glied hiesiger Universität zu seyn. Collegia lesen mußte ich; dafür war ich ein deutscher Uni- versitäts-Professor. Was ich für Wissenschaften zu meinen Collegien wählen wollte, stund bei mir; und nach der Freiheit unsrer Verfassung, die jedem auch Privat-Docenten zu Gute kommt, hatte ich von meiner Wahl niemanden Red und Ant- wort zu geben. Aber schicklich ist es immer, wenn, besonders auf einer blühenden und stark besuchten Universität, der neuankommende Docent bei dieser Wahl Nücksicht auf seine vorgefundene Colle- gen nimmt. Der Applausus ist in den Augen mancher ein Götze, den man ohne Stöhrung der gesellschaftlichen Nuhe nicht antasten darf: oft ist er mer wie Götze, und wegen der Hono- rarien, falls sie bezalt werden, zugleich einträglich, folglich nicht ganz gleichgiltig, auch für solche nicht einmal, die auch ohne Honorarien leben können. C c 2 Zwei Zwei Lerer waren damals hier, mit denen ich in meinen Vorlesungen unvermeidlich collidiren mußte. — Der eine, selbst mein ehemaliger Lerer, las Politik und Statistik: mit dem teil- te ich die Politik, doch mit der Vorsicht, daß ich sie nur in dem- jenigen halben Jahre las, wo er sie nicht las. Die ungleich stärker besuchte Statistik überließ ich ihm gänzlich, so lang er lebte. Jch habe Zeugen, daß mich einige dringend auch um dieses Col- legium angiengen, denen ich aber mer als einmal versicherte, ich würde es nie lesen, so lang der seel. A. es läse. — Der andre las historische Collegia: mit dem wollte ich die Universalhistorie teilen. Diese Wissenschaft, unstreitig ein Studium für alle Studirende aus allen Facultäten, war bisher nur von Einem gelesen worden: auf sie paßte vorzüglich, was Hr. HR. Gatte- rer noch im Dec. 1770 (in seiner Vorlesung auf Münchhausen S. 16) von dem Nutzen bemerkte, den Wissenschaften und Studirende hätten, wenn merere zugleich Eine Wissenschaft ler- ten. Einträglichkeit konnte hier unmöglich mein Bestim- mungsgrund seyn, weder dieses Collegium für mich zu wählen, noch es, wie ich bei der Statistik gethan, seinem alten Besitzer zu überlassen. Die Zal der Zuhörer bei diesem war seit mereren Jahren, wo ich nicht irre, nur zwischen 20 und 30: der Ertrag war also nicht Nennens werth; und nun vollends, da sich zwei Docenten in diesen Verdienst teilen sollten, fiel aller Ge- danke von Einträglichkeit weg. Da Hr. G. bisher die Universalhistorie alle halbe Jahre ge- lesen hatte: so ließ ich ihm, aus erstbemeldter Ursache der We- nigkeit der Zuhörer, durch einen unsrer Collegen und gemein- schaftlichen Freunde, das auch unter andern hiesigen Docenten übliche Abwechseln antragen, dergestalt, daß der eine das Col- legium im Sommer, und der andre im Winter, läse. Allein Hr. G. verwarf diesen Antrag. Jch las also mit ihm zugleich im Sommer 1770: in den ersten Tagen für 8, und das ganze halbe Jahr für 12 Zuhörer; jedoch jedoch, ohne Rücksicht auf die kleine Zahl, mit demjenigen Fleisse, den mir das Bewußtseyn, daß Collegienlesen für einen deutschen Universitätsdocenten eine pflichtmäßigere Arbeit als Bücher- schreiben wäre, abnötigte. Jn den beiden folgenden halben Jaren mehrte sich all- mälich die Anzal meiner Zuhörer: teils weil fünfe meiner Hrn. Collegen, denen mein Plan aus dem Gerüchte bekannt worden war, mir ihre Söhne zuschickten; teils weil des verstorbenen Hrn. Generals von Zastrow Exc. das Studium der Weltge schichte Jhren Hrn. Officiers empfalen. Weiß jemand, daß ich irgend eine malam artem plausus quaerendi, wie sich die Sta- tuten ausdrucken, gebraucht: der melde und beweise es, wenn wie und wo er will! Dennoch hörte ich bereits von allerhand Vorwürfen sprechen, die man diesem meinem Collegio machte. Allein da dieses nur noch priuatim geschah, so nahm ich keine andre Notiz davon, als daß ich meinen Plan drucken ließ; zwar eigentlich und absichtlich als eine Apologie meines ver- läumdeten Collegii, aber eine so behutsame Apologie, daß kein einziger auswärtiger Recensent dieses Absichtliche darinnen ge- merket hat. Seit dem Herbste 1771 war die Anzal meiner Zuhörer in der Weltgeschichte über 70, und nachher gegen 100, und in meinen übrigen Vorlesungen nach Proportion, gestiegen. Und gerade seit der Zeit wagten es einige, ihre Unzufriedenheit über mich mit mererer Publicität zu erkennen zu geben. Der Zeitpunct war übel gewählt. Warum liessen sie mich vorher in Ruhe, und fiengen nun just ihren Unfug an? So gewöhnlich von Leuten, die etwas leicht Geld zu verdienen schei- nen, der Verdacht ist, daß es nicht mit rechten Dingen zugehe: eben so gewöhnlich ist von andern, die jene darüber anfeinden, die Vermutung, daß sie jene nur aus Neid anfeinden, und daß sie selbst zu der zalreichen Klasse von Menschen gehören, die Hun- ger zu fühlen meinen, so oft sie einen andern essen sehen. C c 3 Hr. Hr. G. besonders machte sich seit der Zeit ein Geschäfte daraus, fast in allen seinen Schriften und Aufsätzen auf mich zu hacken. Jch erführ die ersten Angriffe, und schwieg: mein Schweigen aber, das mir bei meinem hiesigen Publico augen- scheinlich nicht schädlich, sondern vorteilhaft, war, machte ihn nur zu neuen und mereren Angriffen dreiste. Diese neuen Verunglimpfungen wußte ich nicht: ich erfuhr sie, teils durch meine auswärtige Correspondenten teils durch ein auswärtiges ohnlängst gedrucktes Zeitungsblatt. Nun suchte ich; und oh- ne langes Suchen fand ich wenigstens 6 Stellen, (sie sollen künftig specificiret werden), wo Hr. G., wenn er auf Ehre und Gewissen sprechen will, selbst nicht läugnen wird, daß er auf mich gestichelt habe; und dies auf eine Art, die kein Unpartei- ischer den besondern Pflichten, die wir als Collegen einander gegenseitig schuldig sind, gemäß finden wird. §. 4. Verantworten darf ich mich. Oeffentlichen Angriff ver- wehren unsre Statuta, aber öffentliche Verteidigung nicht. Verantworten muß ich mich. Wären auch die Din- ge selbst, die man mir fälschlich aufbürdet, an sich so uner- heblich, daß ich sie ohne Schaden auf mir sitzen lassen könnte: so werden sie mir doch durch den Ton, in dem man mir sie schuld giebt, und die Absicht, in der man sie publicirt, erheblicher. — Und dann ist nicht blos von Jrrtümern, sondern von weit em- pfindlicheren Beschuldigungen, die Rede. — Noch mer, Ein und eben derselbe Mann setzt seine Angriffe oh- ne Aufhören fort. Diese Beschuldigungen kommen an Orte, wo ich mich nicht verantworten kann, weil ich nicht gefragt werde. Auswärtige können mir mein beständiges Stillschwei- gen, als Feigheit, und meinem Ankläger seine beständige unge- rügte Verunglimpfungen, als Furchtbarkeit, auslegen; sie kön- nen argwohnen, daß wenigstens etwas wahres daran sei; sie haben haben wirklich aus der Menge der Angriffe den mir äusserst empfindlichen Schluß gezogen, daß sehr viele meiner Hrn. Col- legen mit mir unzufrieden wären, weil sie nicht wußten, daß alle diese unaufhörliche Ausfälle nur von zwei oder drei Leuten kämen. — Und endlich sind diese meine Ankläger, von denen ich hier spreche, nicht namenlose junge Leute, gegen deren Mut- willen Verachtung ein hinlängliches Mittel ist: es sind Leute von Jahren, und die in eben dem öffentlichen Amte stehen, wie ich. Verantworten muß ich mich also: und zwar öffentlich, vor eben dem Richter, vor dem man mich so oft so laut ver- klagt, d. i. vor dem Publico; und zwar mer vor dem auswär- tigen Publico, dem die Data meiner Verteidigung unbekannt sind, als vor dem hiesigen, welches zwar mir als Bürgern das wichtigste ist, das aber aus dem Zusammenhange der Dinge, den es vor Augen hat, meine Rechtfertigung, auch wenn ich schwiege, lesen kann, und bereits bisher gelesen hat. §. 5. Wenn ich nun meine Verautwortungen künftig nach de- nen jetzo folgenden Grundsätzen und Regeln einrichte, und kei- ne dieser Regeln bei der mir abgedrungenen Selbstverteidigung jemals überschreite: erfülle ich alsdenn nicht eine Pflicht, die ich mir selbst schuldig bin, ohne diejenige zu verletzen, an die mich unsre Statuten binden? brauche ich alsdenn nicht ein mir zuständiges Recht, ohne anderer ihre Rechte zu kränken? I. Freundschaft und Wolwollen erbitte ich mir als eine Gefälligkeit: aber Ruhe und Sicherheit fodere ich als ein Recht. Das ist doch das allergeringste, was ein selbst ruhi- ger Bürger, er sei in den Wäldern von Kanada, oder am Fuße des Heimbergs, fodern kan! II. Dieses Rechtes werde ich auch dadurch nicht verlustig, wenn ich in Einem Jahre statt 100, 1000 Zuhörer hätte; wenn ich in Einem Jahre statt 100, 1000 Thaler einnähme; C c 4 wenn wenn ich gar das grosse Loos in der größten Lotterie gewönne: so lange man mir nicht beweisen kann, daß ich dieses wirkliche oder vermeintliche Glück durch unerlaubte oder doch niedrige Mittel erhalten. III. Von Verläumdungen, so lange sie sich in den Schran- ken der Privat-Gesellschaft halten, nehme ich keine Notiz: aber wenn sie zur Publicität gedeihen, dann verantworte ich mich. IV. Giebt man mir öffentlich Schuld, daß ich irre, wo ich nicht irre: so beweise ich öffentlich, daß ich nicht irre. Thut man dieses in einem hämischen ungezogenen Tone: so ant- worte ich nicht in diesem Tone. Ein Teil des Publici wird freilich alsdenn glauben, daß ich nicht so viel Witz wie mein Gegner habe; ein andrer hingegen mir wichtigerer Teil wird, so wie ich, an unsre Statuten denken. V. Macht man mir öffentlich noch härtere Beschuldigun- gen, die gleichwol in facto erweislich falsch sind: so melde ich dieses mit gehörigem Anstande öffentlich. Rache will ich da- durch nicht ausüben. Genugtuung verlange ich nicht. Nur dem falsch berichteten Publico will ich Data melden, die es nicht weiß, und zur Veurteilung der Beschuldigung wissen muß. Nur die Eindrücke will ich tilgen, die wiederholte Verläumdun- gen in die Länge machen müssen. Nur vor Schaden will ich mich selbst bewaren, nicht andern Schaden thun: und die mir gebührende Genugtuung in dem Richterspruche der ehrliebenden Welt suchen. Num. I. Num. I. Ueber eine Stelle in dem hiesigen Wochenblatte. I. Hr. G. klagt, er verdiene jezt wenig Geld mit seinen Collegien; und dieses Geld naͤhme ich fuͤr ihn ein. Antwort. 1. Nur ein einziges Collegium, die Universalhistorie, lese ich gemeinschaftlich mit ihm: von allen uͤbrigen, die er je teils gelesen teils lesen wollen, habe ich mir kein einziges zugeeignet. Kan der Verlust eines einzigen Collegii den Professor einer der ausgebrei- tetsten Wissenschaften verlegen machen, oder gar in Schaden bringen? 2. Noch dazu konnte ihm dieses Collegium, wegen der Wenigkeit der Zuhoͤrer, die er schon seit merern Jaren hatte, ohnmoͤglich eintraͤglich seyn. Und 3. Bei eben diesem Collegio hatte ich ihm (S. 404) das Abwechseln angeboten, das er aber von der Hand wies. 4. Ob ich Geld fuͤr dieses Collegium einnehme, und wie viel oder wie wenig: ist keine Frage, die ich ihm hier oͤffentlich beantworten muß. Vermutet er nach der Menge der Zuhoͤrer viel: so kaͤme dieses Viele großenteils von der Erhoͤhung des Honorarii von 3 C c 5 rthlr. rthlr. auf 1 Louisdor her; diese billige Erhoͤhung fand ich, von ihm selbst schon vor merern Jaren ge- macht, vor, und durfte sie also nicht aͤndern. Was wuͤrde er vollends sagen, wenn ich niedrigere Preise einfuͤhrte? 5. Nehme ich Geld dafuͤr ein; so nehme ich es gewiß nicht fuͤr ihn ein. Das ist, laͤse ich von heute an nicht mer: so wuͤrden die Louisdors, die dadurch nicht mer an mich kaͤmen, doch nicht an ihn, son- dern wer weis wohin? kommen. Die meisten Stu- direnden wuͤrden vermutlich wieder, wie vor dem J. 1770, die Universalhistorie ungehoͤrt lassen. 6. Und naͤhme ich sie wirklich fuͤr ihn ein: so handel- te ich nicht widerrechtlich; ich thaͤte bloß, was so gar jeder Privat-Docent thun darf. Collegien-Gel- der sind Universitaͤts-Lerern nicht wie Gnaden-Pen- sionen angewiesen. Hr. G. selbst las in den ersten Jaren seines Hierseyns Reichshistorie: er gab sie nachher wieder auf; wol nicht aus der Ursache, weil er fuͤr seinen Collegen kein Geld einnemen wollte! 7. Die ganze Klage, vor den Ohren des Studenten- Publici von einem Professor ausgeschuͤttet, hat etwas, das ich fuͤhle, und jeder Professor fuͤhlen wird, da- her ich es nicht sagen will. II. Hr. G. nennet mich bei dieser Gelegen- heit den Professor Quasimodoge- nitus. 1. Der 1. Der Name ist gemeiner und nunmer abgenutzter Studentenwitz. Seit der Abschaffung des Penna- lismus hoͤrt man ihn selten mer. 2. Auch wurde er sonst nur von Studenten unter sich, nie von Professoren unter sich, gebraucht. 3. Dadurch, daß mir Hr. G. diesen Namen aufheftete, zog er sich selbst, wie leicht vorher zu sehen war, beim skurrilischen Publico den Correlat-Namen Prof. Quasimodomortuus zu. Jch weiß nicht, wel- cher von uns beiden seinen Namen am laͤngsten be- halten wird. 4. Auf mich, in Vergleich gegen ihn, paßt der mir von ihm gegebene Name sehr schlecht. Jm Alter sind wir 8 Jahre verschieden. Professor von Goͤt- tingen heist er seit 1759, und ich seit 1764. Meine erste oͤffentliche universalhistorische Arbeit war die phoͤnicische Geschichte im J. 1758; seine erste war sein Handbuch vom J. 1761: folglich bin ich in die- sem Studio, wovon hier die Rede ist, gar 3 Jare aͤlter wie er. III. Einen naͤchstfolgenden Vorwurf uͤbergehe ich ganz. Er ist so hart und grob, daß er verdiente, gerichtlich geahndet zu werden; und zugleich so unbestimmt, daß er nicht juristisch erwiesen werden kan. Jst es nur begreiflich, daß ein Mann, der mit einer nie erhoͤrten Publicitaͤt eine Louisdors-Klage ge- gen gen seinen Collegen anstellt, daß eben der den Colle- gen einer uͤbertriebenen Louisdors-Liebe beschuldige? — Doch ich will den Vorwurf selbst dem oͤffentlichen Beweise oder der geheimen Reue des Hrn. G — s, und meine Rechtfertigung dem hiesigen Publico, uͤber- lassen, das uns beide aus unsern Handlungen in der Naͤhe kennt. IV. Hr. G. sagt zulezt: er hingegen koͤnne sich allenfalls durch das Vergnuͤgen bezahlt halten, daß ich doch seine Erfindun- gen zu etwas zu gebrauchen wisse. Antw. 1. Bekanntlich hat Hr. G. bis auf den heutigen Tag nur ein einziges historisches Hauptwerk geliefert, die Holzschuhersche Geschichte. Jch vermute, daß er darinn Entdeckungen gemacht; aber gelesen habe ich dieses Buch nie: auch wird kein Mensch, so wenig wie ich, vermuten, daß in einer Holzschuherschen Geschichte Beute fuͤr die Weltgeschichte zu machen waͤre. 2. Von andern universalhistorischen Erfindungen des Hrn. G. weiß ich nichts; und hat er welche gemacht, so kan ich ehronologisch beweisen, daß ich solche nicht gebraucht habe. Hier ist mein Beweis. 3. Von 1761 bis 1773 hat Hr. G. 6 Arten von Com- pendien uͤber die Universalhistorie drucken lassen: 4 vor vor dem J. 1770, da ich meine Universalhistorie zu- erst durch Vorlesungen publicirte; und 2 nach die- sem J. 1770. — Die vier ersten sind 1. das Hand- buch 1761, II. der Abriß 1765, III. des Handbuchs zweite Auflage 1765, IV. die Synopsis oder chro- nologische Tabellen 1766. Die zwei lezten sind V. die Einleitung 1772, und VI. des Abrisses zweite. Auflage 1773. 4. Wegen der vier ersten werde ich ausser allem Ver- dacht seyn, Hrn. G. Erfindungen daraus genommen zu haben. Denn G — sche Erfindungen finden sich zuverlaͤßig nicht darinne. Das Handbuch ist, wie der Augenschein lehrt, nach der Englischen Welt- historie, im inneren und aͤusseren, geformt. Zwar wurde damals dieses Handbuch in den hiesigen Gel. Anz. mit vielen Lobspruͤchen als etwas neues ange- priesen: allein diese vorteilhafte Recension hatte Hr. G. selbst gemacht; in seiner eigenen Sache aber kan niemand zeugen. — Die neue Auflage die- ses Handbuchs ist im Grunde voͤllig wie die er- ste Ausgabe; ich berufe mich abermals auf den Augenschein. — Der Abriß, nach der ersten Aus- gabe, ist ein bloßer Auszug aus dem Handbuche , folglich ein Auszug aus einem Auszuge. — Und was in den chronologischen Tabellen der Engl. Welthist. nicht abgeborgt ist, gehoͤrt erweislich teils dem etwas unbekannt gewordenen seel. Prof. Hase, welcher haͤtte genannt werden sollen, teils dem be- kannten Deguignes. 5. 5. Wegen der beiden leztern aber muß ich mich etwas naͤher erklaͤren. Beide sind von den 4 ersten wesent- lich verschieden: die 2te Auflage des Abrisses hat mit der ersten nichts als den Namen gemein. Beide sind nicht mer nach der Englischen Welthistorie geformt; beide haben mit meiner Vorstellung eine sichtbare Uebereinstimmung. Vorausgesetzt also die unlaͤugbare und von mir selbst eingestandene Aehnlichkeit meiner Vorstellung mit der Einleitung und dem neuen Abrisse, sind drei moͤgliche Faͤlle. Entweder ich habe Hrn. G. s Er- findungen gebraucht. Oder Hr. G. hat sich einige meiner Aenderungen belieben lassen. Oder zufaͤlliger Weise fielen wir beide zugleich auf einerlei Neue- rungen, ohne daß einer den andern nutzte; und ge- rade in dem J. 1770, da ich meine Universalhistorie durch Vorlesungen publicirte, fieng zufaͤlliger Weise Hr. G. gleichfalls an, seinen in 4 vorhergegangenen Compendien beliebten Plan gaͤnzlich umzuschmelzen. Daß ich Hrn. G — s neuen Abriß genutzt, ist nicht moͤglich: denn dieser ist jetzo erst (etwa im Sept. 1773) ausgegeben worden, ungeachtet unter der Vorrede bereits das Datum vom 13 Apr. 1773 steht. Meine Universalhistorie lese ich seit Ostern 1770. Die Vorstellung von dem Plan, wie ich sie damals las, und was das Wesentliche betrifft noch jetzo lese, fieng ich an um Ostern 1771 drucken zu lassen; im Jun. 1771 waren die 6 ersten Bogen (wie ich in der Vorrede bemerkte) schon in den Haͤnden aller mei- ner Hrn. Zuhoͤrer: die uͤbrigen 8 Bogen aber kamen erst allmaͤlig bis zum 4 Jan. 1772 hinzu. Hrn. G — s Einleitung ward um eben die Zeit, etwa im Jan. 1772, wo nicht spaͤter, fertig; sie ward so gleich in den hiesigen Zeitungen, vermutlich abermals vom Hrn. Verf. selbst (die Parenthesen aus- genommen), recensirt. Aber die Vorrede hat derselbe abermals um 9 Monate zu autedatiren, und auf den 15 Apr. 1771 zu setzen, beliebt. Dieses Antedatiren und Verwirren der Zeitrechnung hat einen Recen- senten senten in den Altenburger Betrachtungen verleitet, zu sagen: ich haͤtte in meiner Vorstell. S. 89 die in Hrn. G. s Einleitung S. 1091 befindliche Tabelle zur Uebersicht des Ganzen, verbessert. Dies ist nicht moͤglich: denn meine Tabelle war schon im Jun. 1771 gedruckt; aber Hrn. G. s seine wurde wol nicht vor dem Decemb. gedruckt. Nicht zu gedenken, daß ich eben diese Tabelle, bereits im ersten halben Jahre 1770 meiner Vorlesungen, meinen Hrn. Zuhoͤrern zum Abschreiben preis gegeben hatte. 6. Nichts kommt mir aͤrmlicher vor, als Prozesse uͤber das gelehrte Mein und Dein. Pluͤndere mich, wer da will, so bald ich etwas habe drucken lassen: nie werde ich Klage fuͤhren, daß ein andrer meine Er- findungen zu brauchen wisse. Nur zum Danke da- fuͤr, wenn ich mich phlegmatisch von andern pluͤndern lasse, moͤchte ich nicht den Vorwurf leiden, daß ich selbst der Pluͤndernde, nicht der Gepluͤnderte, waͤre. V. Nun wird Hr. G. vielleicht spassen, und sagen: er haͤtte mich bei dem bisher beantworteten Aufsat- ze nicht gemeint. Jch koͤnnte wieder spassen, und sa- gen: nun so haͤtte ich ihn unter dem Hrn. G. auch nicht gemeint. Aber, ist es anstaͤndig fuͤr ernsthafte Maͤnner, in einer Sache zu spassen, die das Betra- gen zweier durch Statuten gebundenen Collegen ge- gen einander betrifft? Hr. G. nennt den ganzen Aufsatz eine Geschich- te aus seinen Studenten-Jahren. Daran zweifle ich schon deswegen, weil er darinn von Louisdors spricht; auf derjenigen Universitaͤt aber, wo Hr. G. Student gewesen, werden bekanntlich nicht Louis- dors, sondern Gulden und Kopfstuͤcke, genannt, wenn von Honorarien die Rede ist. Aber waͤre es auch: glaubt dann nicht Hr. G., daß ich zehen Historien fuͤr Eine von der Art, noch weit aͤrgere aber wirklich geschehene Historien, so gar im Dionys von Halikarnaß oder Livius befindliche Ht- storien storien, erzaͤlen koͤnnte, von denen gleichwol unser ganzes Publicum glauben soll, daß ich sie auf ihn gezogen haben wolle? Dazu gehoͤrt so wenig Witz, als damit dem tacito Collegae nomine der Statuten ein Genuͤge geschieht. Noch mer, diese Art, Col- legen zu beleidigen, gehoͤret unter die niedrigsten und heimtuͤckischen Arten: sie zeigt Feigheit des Be- leidigenden, der, seiner Sache nicht gewiß, sich zum voraus eine Ausflucht macht, um durch Laͤugnen der etwa vermuteten Strafe der Verlaͤumdung entwei- chen zu koͤnnen; sie ist zweifache Ungerechtigkeit ge- gen den Beleidigten, den man dadurch so gar um die Woltat oder das Recht der Verteidigung zu bringen sucht. Freilich wenn man Hrn. G. fragt, ob er mich gemeint habe: so wird er sagen, Nein. Aber die Frage ist, I. Hat nicht unser ganzes Publi- cum von dem Aufsatze, so bald er im Drucke erschien, die bisher beschriebene Deutung gemacht? II. Hat Hr. G. nicht vorausgesehen, daß es diese Deutung machen wuͤrde? III. Hat er dieses Geschichtgen nicht absichtlich, damit das Publicum diese Deutung ma- chen moͤchte, anfangs in der deutschen Gesellschaft hergelesen, und nachher in unser Wochenblatt dru- cken lassen? eben so absichtlich, als er einem andern unsrer Collegen durch einen andern gleichfalls ge- druckten Einfall Num. 17 einen Hieb versetzte? IV. Was verlaugt denn nun der Hr. Collega von mir, wenn ich vor ihm Ruhe haben soll: soll ich in Goͤt- tingen gar keine Collegia mer lesen? oder soll ich diejenige Zuhoͤrer, die ungerufen zu mir kommen, wegweisen? oder soll ich keine Honoraria mer von ihnen nemen? ( Die Fortsetzung kuͤnftig).